der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 28Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf 1 Nk. 50 Ff. 2 Nk. Pf. 3 u 2 p 7 3.„—„ 5„— 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. 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Zweites Kapitel: Ein ariſtokratiſcher Salon. Drittes Kapitel: Malesherbes....... 1 Viertes Kapitel: Der Tod des Königs... † Fünftes Kapitel: Im Theater..... Sechſtes Kapitel: Die Girondiſten. Siebentes Kapitel: Die Judith von Caen. Achtes Kapitel: Die Rache für Marat. Neuntes Kapitel: Die Gefahr... Zehntes Kapitel: Die letzten Tage der Gironde 3 *“ — . — Pnzanz. ll von Bpz Apo Irſtes Kapitel. Die Herzogin von St. Aignan Ein nebeliger Dezembertag ging mit ſeinem kurzen Leben zu Ende; das einſt ſo lebhafte Verſailles war todt und verödet, wie das Königsſchloß, das mit ſeinen weiten Flügeln dieſe Stadt der alten Herrſcher Frankreichs be⸗ ſchützt hatte. Der König war gefangen, das Schloß war leer, Verſailles ohne Hof und Karoſſen und Geſandten— wie konnte es leben? Die Hofluft paßt nicht für Handel und Wandel, Bürgerthum, Arbeit und Induſtrie; wo ſie weht, iſt Alles ſteif und kalt und ſtill. Die duftigen Gärten um den berühmten Königsſitz, in deſſen Bosquets einſt die Liebe geflüſtert, brennende Augen ihre Blitze getauſcht— einſam waren ſie jetzt und verlaſſen; die ſonſt ſo ſorgfältig und kunſtvoll beſchnitte⸗ nen Baumalleen waren verwildert, die Roſen, die ſonſt nie aufhörten zu blühen, waren vernichtet, erfroren, geſtorben wie all das königliche Leben, welches hier im Garten voll majeſtätiſch⸗ſteifer Zugeſtutztheit gerauſcht hatte. Die Fon⸗ 1861, 15. Apoll von Byzanz. II. 1 tainen ſprangen nicht mehr; die einſt ſo ſauberen Kies⸗ gänge, mit weichem Sand gefüttert, trugen zum Theil Gras und Unkraut. Einzelne Tritte waren noch im Sande abgedrückt— man erkannte den hohen ſcharfen Hacken eines Hofmannes, den ſchlanken, kleinen Fuß einer Frau, die hier gewandelt— vielleicht Marie Antoinette, wenn ſie ſinnend und ernſt ſich nach dem alten reizenden Liebes⸗ ſitz von Trianon begab, nach dem Lieblingsaufenthalte ihrer übermüthigen Jugend⸗Launen, der Meierei, der Lie⸗ besgrotte, dem engliſchen Garten.... Sie ſaß, wie Ludwig XVI., der Enkel des Schlächters Capet, nun hin⸗ ter den Eiſengittern des Temple! Dort, jene Fußſpur— vielleicht hat ſie die elaſtiſche Geſtalt der Frau von Poli⸗ gnae gedrückt; vielleicht die Gräfin d'⸗Oſſun, deren Salon die Königin zu beſuchen pflegte; vielleicht die Prinzeſſin Lamballe mit ihrem herrlichen Fuß? Sie war in der Septembernacht ermordet worden, die Unglückliche! Ihr wunderlieblicher Kopf hatte auf einer Pike vor dem Kerker⸗ fenſter Marie Antoinettens getanzt; mit ihrem Bein, aus dem königlichen Leibe geriſſen, hatte der Paroxismus der Roheit eine Kanone geladen! Traurig klapperten die kahlen naſſen Zweige der prachtvollen Bäume zuſammen, welche jene köſtlichen Parks bilden, die ſich von Verſailles bis nach St. Cloud, Batignalles, Neuilly und Paris ziehen. Weiße, zierliche Villen heben ſich hinter dem braunen Geäſt hervor, mit 3 Gärten umgeben, die nun auch todt und öde unter dem unheimlichen Nebel liegen. Hier leben noch die Rudera des königlichen Frankreichs, der Adel und die Royaliſten, welche nicht ausgewandert ſind, in der alten Luft von Verſailles und ſeiner Wälder, jeden Abend ſich zur Ruhe begeben, nicht wiſſend, ob ſie den Morgen nicht in einem Gefängniſſe von Paris erwachen. Die ewige Gefahr, die ſie bedroht, die Unmöglichkeit zu fliehen, ohne faſt ſicher das Leben auf's Spiel zu ſetzen, hat ſie abgeſtumpft; ſie fürchten ſich nicht mehr, da ſie ſich hundertmal ſchon auf das Loos gefaßt gemacht haben, welches Viele von ihnen ſchon ereilt hat; ſie führen hier im Parke von Verſailles ihr eigenes Daſein, faſt ſo wie ehedem, als noch der König im Schloſſe reſidirte, faſt ſo etikettevoll, ſo leichtfertig, ſo liebesluſtig wie ſonſt. Sie bilden eine Colonie des Roya⸗ lismus aller Schattirungen, vom exaltirteſten und ewig überlebteſten an, bis zu dem freiſinnigen der alten Stamm⸗ gironde, die einen König wollte, der repräſentirt und ein Volk neben ihm, welches regiert. Und ſie vertragen ſich, weil eine Gefahr ſie Alle bedroht, ein Verdacht in den Augen des Pariſer Gemeinderaths auf Allen lagert, Jeder von ihnen nicht ſicher iſt, ob er am nächſten Tag noch lebe, in der nächſten Woche nicht auch ſchon mit ſei⸗ nem Blute das Schaffot geröthet habe. Sie kommen zu⸗ ſammen, bald bei Dem, bald bei Jenem, und leben als franzöſiſche Edelleute mit Bonmots, Witz und Frivolität 1* 4 dahin unter dem blutigen republikaniſchen Himmel. Soll eine ariſtokratiſche Razzia geſchehen, ſo weiß der Gemeinde⸗ rath, wo er ſie zu machen hat. Eine von jenen im Wald von Verſailles an den Pro⸗ menaden zerſtreuten Villen zeichnet ſich durch die Roman⸗ tik ihrer Lage beſonders aus. Von dem breiten Fahrweg zieht ſich ein großer, von Bäumen dicht bepflanzter Gar⸗ ten einen ſanft aufſteigenden Hügel hinauf. Jetzt, wo das Laub dürr und gelb am Boden liegt, die Blumenbeete mit Stroh belegt, alle Sträucher und Zweige kahl ſind, ſieht man bequem das zierliche Haus, welches den Hügel krönt; im Sommer kann unmöglich ein Blick durch das Grün bis dorthin dringen. An einer Seite des Gartens hinauf führt der Fahrweg bis vor die kleine Säulenhalle, welche den Eingang bildet; auf der andern ſchlängelt ſich der Promenadenweg bis zu demſelben Punkt. Das Haus ſelbſt mahnt an griechiſchen Styl; es beſteht nur aus einem Geſchoß von ziemlicher Länge, in der Mitte durch einen Säulenvorſprung verziert. Auf der hinteren Seite ſtrek⸗ ken ſich noch zwei Flügel hinauf, bis zu dem Rand des Hügels, der dann ſteil herab nach dem ſchlammigen Ge⸗ wäſſer eines ſich vielfach durch den Park windenden Ne⸗ benflüßchens der Seine fällt. Jenſeits dieſes ziemlich breiten Gewäſſers dehnt ſich der Wald in natürlicher Wild⸗ heit aus. Dies war das Beſitzthum des Herzogs von St. 5 Aignan, ſeitdem er ſich vermählt hatte, was beinahe zwei Jahre her war. Die Herzogin ſaß auf einem Fautteuil in ihrem Bou⸗ doir, welches ein Eckzimmer des Hauptgebäudes bildete und von wo aus man ſowohl in die nach vorn liegenden Salons, als in die Wohnpiecen des rechten Flügels gelan⸗ gen konnte. Der ariſtokratiſchen Sitte gemäß bewohnte der Herzog den linken Flügel allein. Das Boudoir war im überladenen Geſchmack der vorrevolutionären Zeit. Meergrün in der Malerei ge⸗ halten, waren die Wände mit Getäfel bekleidet, auf dem ſich Reliefs mit den Spielen Amors und gemeißelte Fel⸗ der mit Blumen und Guirlanden erhoben. Schwere und geſchnörkelte Arabesken liefen rings an der fein gemalten Decke des Zimmers hin; ſchwere türkiſche Teppiche be⸗ deckten den parkettirten Fußboden; das ganze Mobiliar war im Rococogeſchmack. Aus dem ungeheuren Marmor⸗ kamin, deſſen Geſims mit Statuetten und Nippſachen über⸗ laden war, ſtrömte eine behagliche Wärme heraus; der trübe Tag ſandte durch die vier, in Niſchen befindlichen und mit ſeidenen Vorhängen bekleideten, Fenſter ein fahles, dämmeriges Licht in das Gemach. Die Herzogin war allein; auf einem vor ihr ſtehen⸗ den Tiſch lagen eine Menge kleiner beſchriebener Papier⸗ ſtreifen, die ſie durchblätterte und in deren Schrift ſie ſich zuweilen mit leidenſchaftlicher Haſt verſenkte, das ſchöne 6 Haupt in die weiße, ſchmale Hand geſtützt, die ſanften Augen mehr und mehr wie von einem mächtigen Ge⸗ fühl belebend. Von dieſer hohen Alabaſterſtirn, überragt von einem prachtvollen Haar in ſorgfältigſter Friſur, ſtrahlte ein Adel, eine Majeſtät, die durch die innige Sanftmuth ihrer Augen und die Grazie, in welche ihre ganze Er⸗ ſcheinung ſich wiegte, einen zauberiſchen Eindruck machte. Die Toilette der jungen Frau, die kaum vierundzwanzig Jahre zählen konnte, erhöhte ungemein dieſen Eindruck. Aus dem weißſeidenen, mit Silberſtoff überzogenen Mie⸗ der hob ſich eine herrliche Büſte; unter dem, von Silber⸗ ſchnüͤren gehaltenen duftigen Bruſttuch ſah man die Pracht eines Buſens auf⸗ und niederwogen und der runde Arm ragte halb entblößt aus der reichen Spitzengarnitur ihres Aermels in blendender Weiße hervor. Ein weißes Atlas⸗ kleid, vorn mit roſaſeidenen Schleifen geziert, wogte von den ſtolzen Hüften herab auf den Teppich, und Dank der Unachtſamkeit, welche ihr Alleinſein und ihr Verlorenſt ein in die Schriften bewirkt, hat ſich die ſchwere Robe durch die geſtickte Fußbank verſchoben, auf dem nun frei ein Dianafuß in weißem Atlasſchuh ſich zeigt, umhüllt vom durchbrochenen Seidenſtrumpf, durchſchimmernd mit dem zarten Roſa ſeiner Haut. Es waren Gedichte, die ſie ſo eifrig las, Gedichte André Chéniers, des byzantiniſchen Apoll, Fragmente, Bruchſtucke, gefeilte Verſe, wie er ſie niedergeſchrieben in 7 der Aufregung, in der Sehnſucht und dem Gram ſeines Herzens. Ein Dichter von Gottes Gnaden, ſingend wie's im Saitenſpiel der Bruſt erklang, heut ſich verſenkend in die untergegangene Welt der Griechen und ihrer Mythen, morgen klagend wie Philomele in wunderſamen Elegien, aufgebaut im glänzenden, abgeſtumpften, unfertigen Vers⸗ maß, wie eine Gruft mit Säulen von Palmyra. So tönte er ſein Seelenleben aus, frei wie ein echter Sänger, aus eigener Luſt und für eigenen Troſt, kaum denkend an die Ruhmeskränze der Nachwelt, die Verſe, die er ſchrieb, verſchleudernd, verſchenkend, zerſtreuend unter ſeine Freunde, als ſollten ſie leben nur für einen Tag und dann vergehen. Der junge Herzog von St. Aignan war ſein Freund; er entführte jedesmal Andre's Gedichte für ſeine Gemahlin und die junge Frau von lebhafteſtem Intereſſe für den Dichter erfüllt, perſönlich ſeit Monaten mit ihm bekannt, betrachtete dieſee Sammlung von Mannſkripten wie einen Schatz, in den Stunden der Sonntagsſeier ihres Herzens. Unmerklich war die Theilnahme für André und die Schwärmerei für die rauſchende Muſik ſeiner Poeſien in ein Gefühl aufgegipfelt, von dem ſich die Herzogin Rechen⸗ ſchaft zu geben in letzter Zeit mehr und mehr ſcheute. Sie bezeichnete es laut als Freundſchaft und in ihrem Innern klang das Wort doch nicht wieder; ſie fühlte eigenthüm⸗ lich, wenn ſie des Herrn von Chenier gedachte, ſo eigen⸗ thümlich, wie noch niemals in ihrem Leben und doch ließ 8 ſie das Räthſel ungelöſt, aus Furcht, die Löſung könnte ihr den duftigen Traum ihrer Seele zerſtören, ſie in die Proſa des Lebens troſtloſer zurückwerfen. Aber wenn ſie allein war, ganz allein, dann zog ſie aus der Schatulle die be⸗ ſchriebenen Blätter hervor und berauſchte ſich an dem Geiſt, an dem helleniſchen Hauch, der ihr daraus entgegenwehte. Es war dann die Stunde, in der ſie Zwiegeſpräch hielt mit ihrem Geheimniß.. Ja, Allen unbewußt, vielleicht ſich ſelbſt noch, barg dieſer herrliche Buſen ein Geheimniß erſter Liebe, ſehnſüch⸗ tiger, berauſchender Frauenliebe. Sie war eine Dame der Hofwelt geweſen und mit Lächeln, mit Witz und Geiſt hatte ſie darin ihre glänzende Rolle geſpielt, ohne daß das Herz dieſer innerlich züchtigen, ſanftſchwärmeriſchen, edlen Na⸗ tur bei den Liebeserklärungen der Cavaliere je heftiger als gewöhnlich geſchlagen. Der Herzog von St. Aignan hatte ſie geheirathet und ſie war glücklich mit ihm, eine Leidenſchaft hatte ſie nie gekannt, jetzt, wo ſie eine ſolche für André empfand, verwirrte ſie ihr Gemüth wie etwas Unerklärliches; ſie ſuchte gern, begierig, die Stunden auf, um mit dem nie gekannten Gefühl zu kämpfen, ſtill, ge⸗ heimnißvoll, bis die Sonne des wirklichen Lebens wieder durchbrach und der Sturm ſich in das Bett ihres Herzens zurücklegte, um von ihr, wie mit Neugier, in guͤnſtiger Zeit wieder heraufbeſchworen zu werden. „Glückliche Valerie!“ fluͤſterte ſie vor ſich hin und 9 mit einem wehmüthigen Zug hafteten ihre Augen auf dem Gedicht, das ſie eben geleſen und in welchem André ſei⸗ nen Schmerz um den Tod der Geliebten ausgetönt hatte. Glücklich, ja glücklich, dachte ſie, weil ſie von ihm ge⸗ liebt, von ihm noch übers Grab hinaus vergöttert wurde. Könnte denn dies Herz, vergiftet und gebrochen durch die Enttäuſchungen all' der hochgehenden Gefühle, die es einſt für das Vaterland und die Liebe empfunden, nicht wieder zu tröſten ſein? Iſt denn Alles verloren, wenn auch die Hoffnungen zuſammengebrochen ſind— heilen die Wunden in der Bruſt nicht auch, wie die am Körper, wenn eine zarte Hand ſie pflegt? Die Herzogin fragte ſich nur; die Antwort lag ſchon in ihrer Frage. Seit vier Monaten hatte ſie Herrn von Chenier nicht geſehen; ſeit drei Monaten, wo die Mar⸗ quiſe Dupleſſis, ſehr gut von ihr gekannt und als Freun⸗ din geſchätzt, geſtorben war, hatte Andre keine Geſellſchaft beſucht, ſo viel ſeine Freunde ſich auch abgemüht, ſo ſehr ſie ſich auch angeſtrengt hatten, ihn zu zerſtreuen. Sein Bruder Marie⸗Joſeph, immer voll edlen Antheils für ihn, hatte ihm nach jenem niederſchmetternden Ereigniß eine kleine Villa bei Verſailles gemiethet und dort lebte Andre, grollend mit der Welt, erbittert, düſterer wie je; verließ er ſeine Wohnung, ſo geſchah es, um einſame Waldpartieen zu durchſtreifen, oder zum Doktor Maury zu gehen, oder auch, wie man bemerkte, zu einem Gärtner bei Paris, viel⸗ leicht um Blumen für das Grab Valeriens zu kaufen. Denn von dem kühnen Zug André's und Jean's nach der Salpétriére war nichts bekannt geworden; kaum Einige, die wußten, daß Chenier die Geliebte während der Sep⸗ tembergräuel aus dem Kerker überhaupt befreit. Sie legte die Blätter wieder zuſammen, ſtand auf und ſchloß ſie in eine Schatulle. Dann rückte ſie ein Taͤbouret an den Kamin und ſchaute träumeriſch in die Flamme. Es dunkelte, eine trauliche Dämmerung ſtieg hernieder. „Ob er wohl kommen wird?“ ſprach ſie wieder vor ſich hin. Sie hatte ihn perſönlich bitten laſſen, ihre heu⸗ tige Soirée zu beſuchen. Der Herzog ſelbſt war deshalb zu Chenier gegangen. André wußte nicht, daß Leontine von St. Aignans Herz mehr als in Freundſchaft für ihn ſchlug, keine Ahnung war darüber je in ihm aufgerufen worden. Und Leontine erröthete hier beim Schein der Kaminflamme, als ſie ſich dabei ertappte, zu prüfen, ob es wohl mehr als Freundſchaft ſei, was ſie für den Herrn von Chénier empfinde? Der Antheil an dem jungen, ſtolzen, und doch ſo unglücklichen Dichter— ja, das war's, was ſie endlich als das Motiv ihrer Gedanken an ihn aufſtellte, als wenn der Blick nicht ſagte, daß ſie ſelber nicht an dieſe Motivirung glaube! In ihrem Innern klangen noch die Saiten, welche die Poeſie André's dort angeſchlagen und ſtill, andächtig lauſchte ſie auf dieſes Auszittern wie auf 11 die Harmonie der Klage einer Aeolsharfe. Die Kraft⸗ bilder, die er aus herrlichen Worten geformt, mit dem Athem Alt⸗Griechenlands belebte und dann als Torſo, wie eine Ruine helleniſcher Tempel, launiſch verlaſſen, lebten noch in ihrem Gemüth; oft kehrte ihre Phantaſie zu dem neuen Fragmente André's über Herkules zurück und ſie ruhte, mit heiligem Grauen erfüllt, auf dem Holzſtoß, der den Helden verſchlang. Er ſteigt hinauf, zu ſeinen Füßen liegt Des Helden Ehrenkleid, das zottige Löwenvließ; Gen Himmel ſchaut das Aug', die Hand ruht auf der Keule; So wartet er des Lohns, im Götterrath zu ſitzen. Es bläſt der Wind und heult, der Holzſtoß leuchtet Rings um den Helden, und die raſche Flamme Trägt zum Olymp empor die Seele des Aleiden. Dann wieder hüllt ſich ihre Phantaſie in die tiefe Wehmüthigkeit von Cheniers Elegien, die ſie heut als neue Gaben des Dichters ſo oft und mit ſo viel Erregung geleſen. 1 „O,“ murmelte ſie und ein Seußzer hauchte über ihre Lippen,„o, welch' ein göttliches Geſchenk, die Klage und den Schmerz ſo wundervoll zu feſſeln! Er iſt doch glück⸗ lich, doch glücklich, die Bruſt erleichtern zu können, für Al⸗ les, was er fühlt, ein Wort, ein Bild zu finden. Wie Viele, die empfinden, und ſie wiſſen nicht was, und es quält ſie, anſtatt zu tröſten!“ * 12 Das war wohl ihr innerſter Gedanke. Empfand ſie doch und wußte, wollte nicht wiſſen, was; quälte ſie doch ein Gefühl, anſtatt ſie zu tröſten! Und wie um ihren Ge⸗ danken eine andere Richtung zu geben, fuhr ſie fort:„Es liegt ein ſtolzes Bewußtſein darin, ſo tief in die Seele eines edlen Gemüths blicken zu können. Ich weiß es, nachdem die Marquiſe Dupleſſis todt iſt, bin ich die ein⸗ zize, die die Geheimniſſe ſeines Herzens kennt. Die beſten, tieſgefühlteſten ſeiner Gedichte habe ich und ich hüte ſie wie einen Schatz. Warum?“ fuhr ſie dann nach einer Pauſe in Gedanken fort.„Warum weiß ich dieſe Geheim⸗ niſſe? Warum öffnete er mir die Welt ſeiner Gefühle, ohne mich zu ſehen? Er kennt mich nicht mehr, wie viele andere Frauen— warum alſo wohl?“ Sie ſann ernſtlich einen Augenblick darüber nach.„Ah,“ meinte ſie endlich wie erleichtert,„er iſt der Freund meines Gemahls und er hat mir ſelbſt ja geſagt, ich verſtände ſeine Poeſieen am beſten und ſollte ſie für die Nachwelt bewahren. Und doch kommt er nicht zu uns, wie oft der Herzog ihn auch ſchon gequält, und er weiß, wie ſehr wir ihn achten! Er reibt ſich auf in Schmerz um die todte Geliebte und in Grimm über die Entwürdigung Frankreichs— als wenn wir ihn nicht mit verſtänden und im Austanſch der Gedanken ihm nicht hier Troſt und Erleichterung würde!“. In dieſem Augenblick rauſchten die Portieren aus einander und der Eintritt ihres Gemahls unterbrach ihre 13 Betrachtungen. Der Herzog von St. Aignan war ein Mann von dreißig Jahren; auf den erſten Blick erkannte man in ihm den liebenswürdigen, geiſtreichen Cavalier. „Pardon, Madame, daß ich Sie in ihrer reizenden Attitüde überraſche,“ rief er heiter, während ſich die Her⸗ zogin etwas verwirrt durch den Beſuch vom Kamin erhob. „Wahrlich, ich bedaure meinen Freund Pieini nicht mit⸗ gebracht zu haben; er hätte Sie im Nu mit ſeinem Mei⸗ ſterpinſel für die Ewigkeit in einer der graziöſeſten Poſi⸗ tionen gemalt. Die Freude, die Sie mir damit bereitet, hätte Sie williger zum Model gemacht, als den unwirſchen Apoll von Byzanz, deſſen Bild ich Ihnen hiermit über⸗ reiche.“ Der Herzog gab bei dieſen Worten ſeiner Gemahlin ein kleines Etui. Leontine ſah ihn überraſcht und verwun⸗ dert an. „Das hätten Sie ſehen ſollen, Madame!“ fuhr Herr von St. Aignan lachend fort.„Herr von Chenier hat ſich für mich malen laſſen müſſen, trotz ſeiner Widerſpenſtig⸗ keit. Belieben Sie nur das Etui zu öffnen.“ Die Herzogin hatte es bereits gethan; ſie langte aus dem Etui ein kleines, mit Bleiſtift ziemlich ausgeführtes Portrait André Cheniers heraus und betrachtete es mit unverkennbarer Freude am Fenſter. „Wie iſt das möglich?“ rief ſie und fah auf ihren Gemahl.„Wie kommen Sie dazu?“ „Auf die intereſſanteſte Weiſe, Madame. Ich ging zu André, den armen Jungen abermals zu beſtürmen, wieder in Geſellſchaft zu gehen und wie billig, Ihnen die Ehre zuerſt zu ſchenken.“ „Und er kommt?“ fragte Leontine haſtig, indem ſie leicht erröthete. „FErhates mir bei allen Göͤttern des Olymps ſchwören müſſen und Apoll wird kommen.“ Die Herzogin glänzte vor Freude.„Es wird Herrn von Chenier wohl thun,“ ſagte ſie,„und ich danke Ihnen auf's lebhafteſte, Herr von St. Aignan. Die Liebens⸗ würdigkeit Ihrer Laune ließ mich faſt das Unverhoffte errathen.“ Der Herzog ſetzte ſich in ein Fauteuil und erwiderte ſcherzhaft:„Es wäre wundervoll, Leontine, wenn Sie ihn liebten, ſchon um meine Grundſätze auf die Probe zu ſtellen. O, auch ich bin Philoſoph, obgleich Royaliſt und ich wäre ſelbſt neugierig, ob ich je könnte aus Eiferſucht meine Freundſchaften verlieren.“ Da er ſah, daß Leontine über dieſe Worte verwirrt wurde, fuhr er ernſthafter fort:„Die Freiheit iſt ein er⸗ ſchreckliches Ding, Madame, Sie haben die Beweiſe auf der Straße; aber in der Liebe bin ich ausgemachter Republikaner, was viel ſagen will, da ich eine der liebens⸗ würdigſten und edelſten Frauen Frankreichs habe.“ 15 Er hatte ſich erhoben und bei dieſen Worten die Hand ſeiner Gemahlin an ſeine Lippen gezogen. Leontine ließ ſie ihm, indem ſie lächelnd ſagte:„Ihr Republicanismus iſt heroiſch, faſt verletzend. Dank Ihrer ewigen Anmuth, er wird wohl nicht in Verſuchung geführt werden.“ „Das wäre ſchade, Madame,“ entgegneteder Herzog in ſeiner leichten liebenswürdigen Weiſe.„Wiſſen Sie, daß die Liebe meinen Freund Chenier heilen muß? Ja, in allem Ernſt, der Fall iſt wichtig, und ich liebe Apoll ſo ſehr, daß ich mir in den Kopf geſetzt habe, ihn aus ſeiner düſteren Lethargie zu reißen. Er muß etwas thun, was ihn anderen Gedanken zuführt.“ „Und was, Horace?“ fragte Leontine. „Wenn er in die Armee träte; wir ſind jetzt im Kriege, im Siege und auf der Bahn des Ruhmesz freilich die republikaniſche Trikolore ernüchtert einen braven Fran⸗ zoſen. Ah, wenn die weiße Fahne der Bourbonen wehen könnte, aber es ſcheint, als wenn der Himmel ihr den Un⸗ tergang geſchworen! Ja, Madame, eine heroiſche That und eine Geliebte, und Apoll Chenier iſt gerettet.“ Die Herzogin zog es vor, dem Geſpräch eine an⸗ dere Wendung zu geben. Sie nahm das Bild wieder vor und ſprach: „Sie haben vergeſſen, mir die Anfertigung dieſes Portraits zu erzählen.“ „Ah ja, o das iſt koöſtlich, Madame!“ rief Herr von St. Aignan aus.„Ich kam zu Mittag zu Herrn von Che⸗ nier, der aber mit ſeinem Bruder zuſammen war. Sie ſprachen über das neue Stück, welches der jacobiniſche Marie⸗Joſeph gemacht, Fénslon. So viel ich hörte, ſoll es zur Mäßigung mahnen, wie denn der Dramatiker der Revolution in der That viel weniger ſchrecklich iſt, als er erſcheint. Aber er iſt Republikaner und da hört alle Ein⸗ tracht mit uns auf. Als er fort war, bombardirte ich Andre wegen heut Abend, faßte ihn bei ſeinem Ehrgeiz als Poet und ſprach von der Nachwelt. Wie immer ergoß er ſich in Spott darüber, war auch ſonſt der alte düſtere, verſchloſſene und widerhaarige Charakter. Zum Glück kam Pieini dazu und nun drang ich darauf, daß ſich André für mich malen laſſe. Pieini nahm Papier und Bleifeder und trotz alles Polterns und Scheltens begann er das Portrait. Aber Chénier wollte ihm durchaus ſeine Arbeit verderben; er marſchirte im Zimmer auf und ab, drehte uns den Rücken, bückte ſich— kurz und gut, ſetzte Alles daran, dem Maler das Zeichnen unmöglich zu machen. Nun muß man jedoch Picini's Meiſterſchaft kennen; es genirte ihn durchaus nicht und nach einer halben Stunde war dies Portrait fertig. Selbſt André wunderte ſich darüber und ich ſah es ihm an, wie es ihm ſchmeichelte, als ich ſagte, ich wolle es für meine Gemahlin haben. Er legte ein paar Blätter Gedichte dazu, verſprach mir, heut Abend zu kommen, und 17 ſo verließ ich ihn, um ein Etui zu kaufen, welches die kleine Zeichnung beſchütze.“ Der Herzog hatte einige Blätter Papier aus ſeiner Bruſttaſche gezogen und ſie ſeiner Gemahlin übergeben. Sie warf einen Blick darauf und legte ſie dann ſchweigend in die Schatulle zu den übrigen Gedichten. „Sie wollen ſie jetzt nicht leſen, Madame?“ fragte Herr von St. Aignan. „Sie ſehen, Horace, daß es dunkel iſt.“ „Ach, parbleu, muß man nicht glauben, wir hielten ein Schäferſtündchen?“ Er wollte ſchellen, als der Diener bereits eintrat, zwei ſilberne Armleuchter mit brennenden Kerzen auf den Tiſch ſtellte und Herrn Jean Antoine Roucher meldete. Ein Zeichen der Herzogin beſagte, daß ſie um ſeinen Ein⸗ tritt bitte. Unmittelbar darauf begrüßte Herr Roucher die Her⸗ zogin und den Herzog von St. Aignan. Er war ein Mann von nahe an fünfzig Jahren, in ſeiner ganzen Erſcheinung eine Achtung gebietende Perſön⸗ lichkeit, mit einem Zug von Milde und einer Stirn von Strenge und Sorge gefurcht. Roucher war einer der glück⸗ lichſten Dichter im Genre der philoſophiſchen Moral ge⸗ weſen, ein vortrefflicher Naturmaler, ein ſinniger Beob⸗ achter. Seit der Revolution hatte er ſich ausſchließlich mit der Journaliſtik befaßt, anfangs im Sinne der Fort⸗ 1864. 15. Apoll von Byzanz. II. 2 18 ſchrittspartei; ſpäter, als die Anarchie hervortrat und das Königthum in Gefahr kam, im Sinne der conſtitutionellen Royaliſten. Er war Redakteur des„Journals von Paris,“ eins der beſten jener Zeit und ein unerſchrockener Streiter für Ordnung und Geſetz, ein erbitterter, kühner Angreifer der Jacobiner. André Chenier hatte in dieſem Journal ſeine fulminanten, ſatyriſchen Artikel veröffentlicht; er war ein Freund Roucher's, der trotz eines glücklichen Familien⸗ lebens, das ihn zur Vorſicht hätte mahnen können, ſeine Ueberzeugung rückſichtslos auch jetzt noch äußerte, wo die jacobiniſche Willkür bereits den Tod auf jede andere, als die von ihr vertretene Meinung ſetzte. Roucher wie André waren Royaliſten, aber zugleich Anhänger einergeſicherten verfaſſungsmäßigen Freiheit, ſo daß ſie mit ihrer Anſicht am nächſten der Partei der Gironde ſtanden, nur minder ſchwach wie dieſe, minder ehrgeizig, Frankreich zu beherr⸗ ſchen, minder beredt, aber ſtärker im Charakter. Die in⸗ nigen Beziehungen Beider kennzeichnen zugleich die poli⸗ tiſchen Anſichten des Herzogs von St. Aignan, der zu jenen zahlreichen Royaliſten gehörte, welche um keinen Preis das alte despotiſche Königthum wiederhergeſtellt wünſchten. Der Herzog bemächtigte ſich, nachdem Roucher einige Worte mit ſeiner Gemahlin gewechſelt, ſofort desſelben. „Was meinen Sie, Herr Roucher,“ ſagte er,„daß Sie heut Abend unſeren Freund Chenier ſehen werden?“ „Iſt's möglich?“ erwiderte der Journaliſt erſtaunt. 19 „Ich habe ſchon verzweifelt, ihn je wieder für das Leben zu gewinnen.“ „Ah, nicht wahr? Sehen Sie, Madame, Herr Rou⸗ cher hat dieſelbe Anſicht. Nicht wahr, eine Geliebte für Andrs, eins Arbeit, die ihn begeiſtert, des braucht der arme Apoll?“ 1„In der That, Madame,“ wendete ſich der Dichter zur Herzogin,„bei der Verehrung, die Herr von Chenier Ihnen zollt, koͤnnen Sie Ihre Macht dazu anwenden, ihn ſeinem verderblichen Zuſtand zu entreißen?“ „Und wie, mein Herr?“ fragte Leontine, indem ſie wieder leicht erröthete.„Kann ich ihm, wie Herr von St. Aignan zu wünſchen ſcheint, befehlen, zu lieben, um ſeinen Schmerz um die Liebe zu vergeſſen? Kann ich, die gar kein Recht über ihn hat, ihn in die Bahn eines politiſchen Lebens zurückſtoßen, die heut faſt ſicher in den Abgrund führt?“ „Noch iſt nicht Alles verloren, Madame; entweder ſiegt die Vernunft binnen wenigen Tagen und dazu muß jeder Patriot beitragen, oder..“ „Oder?“ fragte Leontine. „Oder die Gutllotine regiert.“ „Ja, mein Lieber,“ antwortete der Herzog,„die Al⸗ ternative iſt nicht neu. Schlimm, daß ſie ſich um das Leben oder den Tod des Königs dreht.“ „Der arme König!“ ſeußzte die Herzogin.„Die arme Königin— o welche engliſche Geduld gehört dazu, die 2*½ 20 Qual und die Erniedrigung zu ertragen! Und Niemand kann retten, Niemand von uns kann ſie aus ihrem Kerker be⸗ freien; ſo mancher edele Waghals hat deshalb ſein Leben verwirkt!“ „Es gibt nur eine Hoffnung,“ ſagte Roucher.„Der Prozeß des Königs muß das Mitgefühl des Volks, ſeinen Grimm über die Erniedrigung Frankreichs, ſeinen Zorn ge⸗ gen die Blutgier und Herrſchſucht der Jacobiner aufregen. Alles liegt in den Händen Vergniauds und der Gironde, zu ihr müſſen wir halten. Ich hoffe auch viel von Males⸗ herbes, der neben Tronchet und Deſeze den König verthei⸗ digen wird; der edle Greis ſteht überall in hoher Achtung — kann es möglich ſein, daß man einen König zum Tod verurtheilt, wenn er geſprochen haben wird? Unmöglich, unmöglich, daß es ſo bleiben kann, wie jetzt— nicht denk⸗ bar, daß es noch ſchlimmer wird.“ „Mein Freund,“ verſetzte der Herzog,„Robespierre gebärdet ſich als König; ſeine Adjutanten Marat und St. Juſt haben bereits die Gemüther darauf vorbereitet. Glauben Sie nicht, daß die Jacobiner im Sinne haben, für Robespierre oder Danton die Diktatur zu erſtreben?“ „Der Wahnſinn, der dies ausbrütete, wird uns die⸗ nen. Majeſtät Robespierre, Juſtizminiſter Marat oder St. Juſt, der Blutmenſch mit dem Angeſicht eines Engels —— o, wär's denn möglich, Herr von St. Aignan, und ein König von Frankreich könnte aufs Schaffot treten?“ 21 Der Herzog ging ernſt auf Roucher und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter. „Es iſt unmöglich, es kann nicht ſein!“ „Vielleicht,“ ſagte Roucher nach einer Pauſe,„ge⸗ winnen Madame Herrn von Chenier, ſich mit Vergniaud in Einvernehmen zu ſetzen, um ihn ſtark zu machen. Ver⸗ gniaud iſt der edelſte Menſch, zu edel, aber ſchwach, ſchwan⸗ kend gegen die Wuthangriffe der Jacobiner. Er bedarf einer Stütze im Kampf, der jetzt im Convent täglich wüthet; er muß es durchſetzen, daß der König nicht gerichtet werde, ſchlimmſten Falls durch eine Berufung ans Volk, denn das rettet ihn. Herr von Chénier iſt beredt, hochgeachtet, ein perſönlicher Freund Vergniand's von früher her; er könnte viel nützen, viel wirken, und die Miſſion würde ihn aus dem unglücklichen Verſunkenſein retten.“ Die Portieren öffneten ſich wieder. Der Diener mel⸗ dete hinter einander an:„Frau Marquiſe von Paſtoret, Madame von Perigard, Herr Obriſt von Roquelaure, Herr von Pange.“ „Ah, Madame,“ meinte der Herzog zu ſeiner Ge⸗ mahlin, indem er ihr die Hand reichte,„wir überſiedeln nach den Salons.“ Zweites Kapitel. Ein ariſtokratiſcher Salon. Herr von St. Aignan entwickelte in einer Gruppe jüngerer und heiterer Perſonen ſeine Liebenswürdigkeit, die mit ihrer echt franzöſiſchen Leichtfertigkeit, mit dem Glanz und der Koketterie der Geſellſchaft der vorrevolutio⸗ nairen Zeit die Biederkeit und Edelſinnigkeit ſeines Cha⸗ rakters verhüllte. Er übte ſeinen Witz mit Fräulein Marie von St. Chamans, einem allerliebſten, fünfzehnjährigen Lockenkopf, eine der geiſtreichſten und dabei liebeluſtigſten Perſonen der noch vorhandenen Ariſtokratie. Herr von Pange, der Marquis d'nſſſon, der junge Graf Breteuil, der ehemalige Gardeoffizier, Herr de Lagarde, waren in dieſem Kampf zu erfahren und für denſelben viel zu auf⸗ gelegt, als daß ſie ihn nicht mit lächelnden Mienen bis auf einen Punkt geſtoßen hätten, wo die Frivolität ſich kaum noch mit dem Decorum der Raillerie und des Esprit um⸗ gab. Aber Fräulein von Chamans mochte dergleichen Tur⸗ niere, trotz ihrer äußerſten Jugend, gewohnt ſein; die voll⸗ kommene Sicherheit, mit welcher ſie die Attaque dieſer ſtürmiſchen Männer aushielt, bewies es hinlänglich. Sie hatte ein Lächeln für Jeden, einen koketten Blick, wenn ſie eine Wunde geſchlagen, eine Grazie ohne Gleichen, 23 wenn es ſchien, daß ſie erröthen mußte. Und doch war es ein keuſches Herz, welches mit ſo leichtfertigen Worten ein glänzendes Spiel trieb; ſie gab einen Typus jener Ariſto kratie ab, welche mit einem Wort ſich Alles erlaubte, und Ohren wie Lippen in gar keiner Verbindung mit dem Ge⸗ müth weiß. Ihre Seele war ein Spiegel; ein jeder Hauch rollte ſchnell und ſchadlos über die Fläche. „Das iſt das Empfindlichſte, Mademoiſelle von Cha⸗ mans,“ meinte der Herzog,„daß die Republik die Tugend ſo preiſt— „Und wie ſchön, daß dieſe Tugendhelden den ariſto⸗ kratiſchen Geſchmack haben, ſich Geliebte zu halten,“ un⸗ terbrach ihn das übermüthige Mädchen lachend.„Nicht wahr, Herr von Breteuil, Sie kennen ja einige pikante Geſchichten von Tallien und Danton?“ „Sie ſind zu plebejiſch, um Ihnen gefallen zu kön⸗ nen,“ antwortete der Graf,„dagegen ſpielte ſich neulich mit dem jungen Fräulein du Coſſe eine wahrhaft prächtige Geſchichte ab. Unter Ludwig XV. hätte ſie Furore ge⸗ macht.“ „Ah, die Entführung aus Montmoreney,“ fiel Fräu⸗ lein von Chamans ein, welche die Geſchichte kennen mußte. „Ich bitte Sie, Breteuil, auch das iſt ſchon ordinair; ich fde n unter viel intereſſanteren Umſtänden verführen aſſen. „Und wie, reizende Marie?“ meinte Herr von Pange. 24 „Ja, wie?“ fragte der ganze Chor der jungen Männer. „Auf der Guillotine, meine Herren,“ entgegnete die Dame lachend.„Sagen Sie doch, Herr Marquis d'Uſſon, wenn Sie mich liebten— „Ah, wie oft habe ich Ihnen es geſchworen?“ „Gut, wenn man meinen Kopf abſchneiden wird auf dem Altar des Doktor Guillotin, dann, theurer d'Ulſſon, graben Sie meinen Leichnam aus den entſetzlichen Kalk⸗ gruben, um ihn in Ihrem Park von Tromeau zu be⸗ graben.“ Etwas gezwungen verſetzte der Marquis:„Welche Grauſamſeit, Fräulein von Chamans, wo ich vielleicht früher als Sie in dieſe Kalkgrube geworfen werde!“ Sie ahnten Beide nicht, daß ihr Scherz ein paar Monate ſpäter bitterer Ernſt werden ſollte. Nur war der Marquis d'Uſſon noch im Kerker, als Marie von Chamans ihr jugendliches Haupt bereits unter die Guillotine gelegt, lachend in den Tod hinein, wie jetzt in die Geſichter der ſie umgebenden Herren. In dieſem Augenblick trat Andre Chenier in den Salon. „Verzeihung, theure Marie,“ rief Herr von St. Aignan, indem er dem jungen Mädchen einen Kußfinger zuwarf,„mich ruft Apoll von Byzanz.“ Er ſtürmte auf den Dichter los, nahm den düſteren, 25 bleichen jungen Mann unter den Arm, überſchüttete ihn mit Ausdrücken der Freude über ſein Erſcheinen und führte ihn ſo zu der größeren Gruppe, welche ſich um Frau von St. Aignan gebildet. „Apoll! Apoll! Meine Damen! Triumph!“ rief der Herzog faſt übermüthig, indem er Herrn von Chenier ſeiner Gemahlin vorführte. 3 Leontine war bereits ein paar Schritte entgegen ge⸗ kommen. Schnell wie das Abendroth die Dämmerwolke färbt, war eine zarte Gluth über ihre Wangen gerauſcht. Mit einem Blick unendlicher Freude, gezügelt durch die Würde ihres Charakters, reichte ſie dem jungen Mann die Hand. „Hoch willkommen, Herr von Chenier,“ ſagte ſie, ges iſt eine lange Zeit, daß wir Sie entbehren mußten.“ Ein wehmüthiges Lächeln umſpielte die Lippen André's, als er erwiderte: „Konnt' ich glauben, Frau Herzogin, daß Sie mich vermiſſen?“ Sie waren inmitten des Kreiſes angekommen, den die Geſellſchaft mit ihren Tabourets gebildet hatte. Die Marquiſe von Paſtoret trat André lächelnd entgegen. „Nicht jetzt, mein guter Freund,“ ſagte ſie gütig zu ihm,„nicht jetzt uns verlaſſen, wo wir die ſchwerſte Probe unſeres Muthes beſtehen müſſen.“ Andre küßte die Hand der langjährigen Freundin, 26 mit deren Gemahl er durch die Intereſſen der Politik ver⸗ knüpft war. Aber er antwortete nichts. Man ſtellte ihn der Frau von Perigord, einer liebenswürdigen Dame von etwa dreißig Jahren vor, ferner Herrn von Micault, ehe⸗ maligen Parlamentsrath. Beide hatte André noch nicht gekannt. „Und Fräulein von Coigny?“ meinte die Herzogin wie fragend zu Herrn von Chenier, indem ſie ihn vor eine reizende junge Dame führte, die im Weſen viel Aehnlich⸗ keit mit Mademoiſelle von Chamans hatte. André ſchüttelte ſein Haupt, als wolle er ſagen, daß er die Dame noch nicht kenne. „Doch ich kannte ſie bereits, Herr von Chenier,“ meinte Fräulein von Coigny nach der Begrüßung des jun⸗ gen Mannes.„Ich habe in Ihnen den Muth des Fran⸗ zoſen und die Poeſie Griechenlands bewundert.“ Andrée's Auge traf in den Gluthblick der reizenden, offenherzigen Dame. Auch Frau von St. Aignan be⸗ merkte ihn. Sie erbleichte ein wenig und wandte ſich dann zur Margquiſe von Paſtoret; Herrn von Chenier's Düſter⸗ heit verſchwand plötzlich aus ſeinen Zügen. „Mein Fräulein,“ ſagte er,„ich fürchte, dieſe ſchmei⸗ chelhafte Bewunderung wird entfliehen; ich ſchäme mich heut, ein Franzoſe zu ſein; ich habe die Poeſie Griechen⸗ lands verloren.“ „Das glaube ich nicht, das glaube ich nie,“ verſetzte 27 Fräulein von Coigny.„Frau von St. Aignan iſt auch meiner Meinung; ſie ſprach erſt vorhin die Hoffnung aus, ſie wieder der Poeſte und dem Leben zurückgegeben zu ſehen.“ Frau von St. Aignan wußte nicht, ob dieſe Worte ſie verletzen ſollten oder nicht. Sie blickte Fräulein von Coigny an und ſagte leicht gereizt: „Was ich hoffe, mein Fräulein, ſchöpfte ich aus einer längeren Bekanntſchaft mit Herrn von Chenier. Ich ver⸗ muthe, daß er ſeine Freunde nicht betrüben wird, indem er ſich und ſein Talent ihnen und ihrer Sache entzieht.“ Fräulein von Coigny trieb ein Inſtinkt an, der Her⸗ zogin eine beißende Antwort zu geben. Sie und dieſe Frau trafen, das ahnten Beide, auf einem Gebiet zuſam⸗ men, wo ein leidenſchaftlicher Kampf unausbleiblich iſt. Denn ehe ſie daran dachten, und es ahnten, daß ſie Andre liebten, empfanden ſie bereits die Eiferſucht ihrer Liebe. Zum Glück bemerkte Andre, ebenſowenig wie ein Anderer, dieſe beiden ſich kreuzenden Blicke zweier Da⸗ men, welche mit Erſtaunen erkannten, daß ſie mit einem geheimnißvollen Gefühl Nebenbuhlerinnen ſeien. Chenier begrüßte den Herrn von Roquelaure, den Oberſten des⸗ jenigen Regiments, in dem er zehn Jahre früher gedient; den Herrn von Loiſſerolles; Fräulein von Chamans, die herzugekommen war mit ihrem Anhang junger Män⸗ ner, von denen die meiſten befreundet und bekannt mit dem 28 einſt ſo lebensfrohen Apoll von Byzanz waren. Sein Freund Roucher zog ihn alsdann auf ein Tabouret ne⸗ ben ſich. „Es iſt gut, doppelt gut, daß Du hier biſt,“ ſagte er leiſe zu André.„Ich habe gehört, daß der König in zwei oder drei Tagen abermals vor dem Convent erſchei⸗ nen wird.“ 8„Nun?“ entgegnete André bitter.„Meinſt Du, daß ihm der Convent das Weihnachtsgeſchenk der Freiheit machen wird?“ „Vielleicht— es hängt mit von uns ab, von Dir?“ „Von mir?“ 3 „Vergniaud mit der Gironde muß und kann ihn ret⸗ ten; wo nicht, ſo iſt der Tod gewiß. Die Jacobiner ſind entſchloſſen, den König aufs Schaffot zu ſchicken. Du kennſt Vergniaud...“ „Ich kenne ihn,“ entgegnete André düſter;„aber rechne nicht auf mich.“ „Und doch, André, und doch! Du mußt zu Ver⸗ gniaud und ihn anfeuern; Du mußt zu Malesherbes und ihn unterſtützen.“ André machte eine abwehrende Bewegung und ant⸗ wortete nicht. Die Herzogin, welche mehrmals ihren Blick auf ihn gerichtet hatte, ahnte, welches kurze Geſpräch die beiden Dichter geſührt und wollte Roucher zu Hilfe kommen. 29 „Herr von Chonier,“ ſagte ſie,„haben Sie denn in der Einſamkeit, in welcher Sie bis heute gelebt, die Schick⸗ ſale des Mannes verfolgt, der uns vor Allem theuer iſt?“ „Sie meinen den König, Madame?“ entgegnete André.„O ich weiß es, wie man ihn gedemüthigt hat, als er vor den Convent geſchleppt wurde, um ſich zu ver⸗ antworten, daß ihn das Geſchick zum König gemacht, und und daß er der Nachfolger Luwigs XV. wurde. Santere, Chaumette— o, es iſt das Schrecklichſte, was ich mir denken kann, von dieſen Elenden als König von Frank⸗ reich eskortirt zu ſein.“ „Und ihn ſo roh zu behandeln!“ fiel Frau von Périgard dazwiſchen.„Als er um einen Imbiß bat, gab ihm Chau⸗ mette eine Rinde Brod.“ „Mehr noch! mehr noch!“ rief die Marquiſe von Paſtoret.„Ihn anzuklagen, als wenn er bereits dem Tode geweiht ſein müſſe!“ „Thuriot ſchrie ja, als der König kaum den Con⸗ vent verlaſſen: der Tyrann müſſe ſeinen Kopf auf das Schaffot tragen,“ ergänzte Herr von St. Aignan.„Ach, dieſe Herrn entwickeln eine Henkerungeduld, welche mehr als römiſch iſt.“ Das aufgerufene Bild der Conventsſitzung vom 11. Dezember, in der Ludwig XVI. ſeine Anklage vernehmen mußte, regte einen Jeden an, irgend etwas davon in ähn⸗ lichen Auslaſſungen hervorzuheben. Die herbeſten Ur⸗ 30 theile, die zornigſten Ausdrücke miſchten ſich dabei mit einfachen Berichten der Thatſ ächligkeit und ſchmerzvollem Gedeuken des unglücklichen Monarchen und ſeiner ſeit einigen Wochen von ihm getrennten Familie. Der Ge⸗ genſtand der Unterhaltung drückte die Verſchiedenheit in dieſen rohaliſtiſchen Anſchauungen weniger ab; eine ei⸗ gentliche Debatte, wie ſie ſonſt wohl, z. B. zwiſchen dem Stockroyalismus des Herrn von Roquelaure und des Herrn von Lagarde und dem Conſtitutionalismus Rou⸗ chers, des Herrn von Pange, des Herzogs von St. Aig⸗ nan, geführt wurde, trat nicht aus dieſen alle gleich tief berührenden Berichten von des Königs Leiden, Hoffnun⸗ gen und Zukunft heraus. „Alles hängt von Herrn von Malesherbes ab,“ meinte Frau von Paſtoret, als man auf die Wahrſcheinlichkeit des Urtheils zu ſprechen kam.„Er iſt meine Hoffnung, und wenn einer, ſo kann er den König retten. Der Ruhm ſeines Namens, ſeine Rechtſchaffenheit, die Edelſinnigkeit, mit welcher er ſich freiwillig zum Vertheidiger des Königs anbot, hat ſeine Einwirkung auf die Blutmenſchen des Convents nicht verfehlt.“ ¹ „Eigenthümlich doch,“ warf Frau von Perigard ein, „daß dieſer Greis, der ſonſt ſo ſehr gegen das Königthum geſprochen, jetzt als deſſen Vertheidiger hintritt!“ ch, Madame,“ antwortete Chenier, zum erſten⸗ 7 4 male etwas erregt.„In ihm lebt der echte Edelmanns⸗ 31 ſinn. Nicht demüthig vor der Macht, aber ein Ritter des Unglücks.“ „Geweint habe ich,“ nahm nun auch der greiſe Herr von Micault das Wort,„als ich von Malesherbes ver⸗ nahm, wie ihn der König im Temple empfangen, wie en⸗ gelgleich der unglückliche Fürſt ſich in ſein Schickſal er⸗ eben.“ 4 3„Wie?“ fragte die Herzogin erſtaunt.„Sie waren bei Malesherbes und ſagten uns noch nichts davon?“ „Hat er Ihnen nicht von der Königin erzählt? Herr von Micault,“ fragte Fräulein von Coigny lebhaft. „O warum erzählten Sie nicht davon?“ „Ich hätte die Kraft kaum dazu gehabt,“ entgegnete der Parlamentsrath weich. Ss iſt eine Prüfung, auch davon zu ſprechen,“ meinte die Marquiſe Paſtoret ernſt.„Sie müſſen Sie beſtehen, Herr von Micault.“ „O erzählen Sie, erzählen Sie!“ riefen Fräulein von Coigny und von Chamans zuſammen. Die Herren, welche am anderen Ende des Salons ſich befanden, traten jetzt auch näher und ſetzten ſich auf die daſtehenden Ta⸗ bourets. Die Diener trugen Erfriſchungen herum und Herr von Micault begann ſeine Erzählung. „Ich hatte mich ſchon mehrere Male, ſeitdem ich er⸗ fahren, daß Herr von Malesherbes den König vertheidi⸗ gen werde, in ſeine Wohnung begeben, ohne ihn jedoch 32 zu treffen. Der Greis war faſt den ganzen Tag über im Temple beim König, oder bei den beiden Advokaten Tron⸗ chet und Deſeze, die ſich bekanntlich der König zu Ver⸗ theidigern erwählte, ehe Malesherbes um dieſen Freund⸗ ſchaftsdienſt bat. Erſt heute früh gelang es mir, den Greis anzutreffen. Ich bin ſein Freund ſeit langen Jah⸗ ren; mein Bischen Hilfe wollte ich ihm zutragen, um den König retten zu können.“ Herr von Micault ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr er ſichtlich gerührt fort:„Nie habe ich größere Ach⸗ tung vor Malesherbes gehegt, als jetzt, wo er ſein Leben hinſtellt, um der Blutgier der Jacobiner das königliche Opfer zu entziehen. O, wie viel muß er leiden durch die Miſſion, die er ſich erwählt hat, wie viel für ſeine Per⸗ ſon, wie viel, indem er die Leiden des Königs ſieht und hört, die uns Allen nicht bekannt ſind! Als er zum Erſten⸗ mal in das Gefängniß ſeines früheren Fürſten trat, wollte man ihn durchſuchen; ja, ein Gemeindemitglied vermuthete ſogar, er möchte dem König Gift bringen, um ihn ſeinen Mördern zu entziehen....“ „Entſetzlich!“ rief die Marquiſe von Paſtoret. „Herr von Malesherbes,“ fuhr Micault fort,„ant⸗ wortete darauf:„Wenn der König die Religion der Phi⸗ loſophen hätte, wenn er ein Cato oder ein Brutus wäre, ſo könnte er ſich tödten. Aber der König ſei fromm, er ſei ein Chriſt; er wiſſe, daß die Religion ihm verbiete, ſich — 33 an ſeinem Leben zu vergreiſen.“ Als der Greis darauf in's Gefängniß gelaſſen wurde, fand er den König bei der Lek⸗ türe des Tacitus. Nicht genug konnte er mir beſchreiben, wie gerührt ihn Ludwig empfangen. Er umarmte ihn und meinte mit Thränen in den Augen:„Ach, wie finden Sie mich wieder! Wohin hat mich meine Leidenſchaft für Ver⸗ beſſerung des Schickſals dieſes Volks geführt, das wir Beide ſo innig geliebt haben!“ „Ja, das iſt's,“ unterbrach ihn Herr von Roque⸗ laure;„der König war zu gut. Wäre die Königin ein Mann geweſen, dieſe Schmach der Henkerwirthſchaft wäre Frankreich erſpart geblieben; es gäbe heut' keine Marat, keine Danton, Robespierre und ſonſtige Unge⸗ heuer, die es wagen könnten, ſich in der Toga von Rich⸗ tern zu Mördern eines wehrloſen Königs zu machen.“ „Herr von Roquelaure,“ warf Roucher ein,„Sie haben Recht und dennoch Unrecht. Wer möchte läugnen, daß die Revolution eine Nothwendigkeit war?“ „Sie war's ja,“ ſprach Chenier darauf, ehe Roque⸗ laure's Heftigkeit losbrechen konnte;„wer hält nachher das rollende Rad auf? Wer kann dem entfeſſelten Strom gebieten, mit ſeinen gifthaltenden Wogen nicht die Saa⸗ ten zu überſchwemmen? Wir ſtehen nicht auf dieſem Standpunkte, Herr von Roquelaure; wer heut' ein Feind der Anarchie iſt, der ſteht auf Seite des Königs, und wer da ſteht, der fechtet nur um die Ehre.“ 1861. 15. Apoll von Byzanz. II. 3 34 Dieſe Worte mit ihrem niederdrückenden Sinn be⸗ wirkten ein peinliches Stillſchweigen der Verſammlung. Fräulein von Coigny warf von Neuem einen Blick der Leidenſchaft auf den Dichter. Frau von St. Aignan ſtrahlte auf vor Freude; dieſe Worte belehrten ſie, daß Ehenier's Gedanken ſich bereits von dem düſteren, lethar⸗ giſchen Brüten abgewendet hatten, das ſie ſeit Valeriens Tod wie einen Cultus geübt. 1 „„Herr von Micault, Sie haben noch nicht geendet,“ ſagte endlich Frau von Paſtoret, um dem Schweigen ein Fühe zu machen. Der Parlamentsrath nahm wieder das ort: „Malesherbes ſcheint mehr Hoffnung zu haben, wie der König, der vollſtändig auf den Tod gefaßt iſt und bereits ſein Teſtament geſchrieben hat. Er hält tagtäglich mit ſeinen Vertheidigern lange Conferenzen, und faſt den ganzen Tag unterhält er ſich mit Malesherbes, der ihm zugleich die Journale bringt.“ „Wie?“ fragte der Herzog erſtaunt.„Der König hat den Muth, die Sitzungsberichte des Convents zu le⸗ ſen, die von Schmähungen gegen ihn wimmeln?“ „Das wunderte auch Herrn von Malesherbes,“ ent⸗ gegnete der Parlamentsrath.„Aber der König meinte lä⸗ chelnd: er erſehe daraus, wie weit die Bosheit der Men⸗ ſchen gehe. Er hatte nicht geglaubt, daß es auch ſolche Franzoſen geben könne.“ 35 Fräulein von Coigny ergriff die Hand der neben ihr ſitzenden Freundin Marie von Chamans und meinte ſicht⸗ lich gerührt: „Und die arme Königin! Ach, wieviel muß die lei⸗ den! Iſt es nicht grauſam, den König in ſolcher Zeit der Schmach und der Sorge von ihr und ſeiner Familie zu trennen?“ „Mademoiſelle haben recht,“ ſprach Herr von Mi⸗ cault hinüber;„indeſſen hat die Noth erfinderiſch ge⸗ macht. Ein Fadenknäuel mit einem Papier, in dem Na⸗ delſtiche die Buchſtaben vorſtellen, vermittelt eine geheime Correſpondenz der fürſtlichen Gefangenen. Die Königin hat nämlich ein Zimmer gerade unter demjenigen Ludwigs inne.“ „Nun, Herr von Micault,“ fragte Roucher,„was meint Herr von Malesherbes? Hofft er, bangt er?“ Der Parlamentsrath zuckte mit den Achſeln. „Er hoffte mehr, wenn er die Gironde muthiger und überhaupt in den Journalen ihrer Partei mehr Muth be⸗ gegnen würde. Er beklagt es, daß Niemand die Fähig⸗ keit oder die Leidenſchaft hat, das Voll mitleidig für den König zu ſtimmen—“ „Mitleidig, Herr von Micault?“ fragte Herr von Roquelaure.„Mitleidig? Wolle Gott, der Köonig ziehe den Tod auf dem Schaffot durch die Wuth ſeiner Feinde 5* 36 dem beſchimpfenden Mitleiden des Pöbels vor. Ein Kö⸗ nig darf kein Mitleid haben.“ „Aber Herr Oberſt,“ verſetzte Micault ſanft,„das Mitleid des Volks iſt die Gerechtigkeit. Um den König zu retten, wäre nur Eins möglich, und das empfindet auch die Gironde: die Appellation ans Volk. Sie würde ge⸗ rechter ſein, als der Spruch des Convents.“ „Nun, iſt es nicht möglich, daß die Gironde, welche in der Regierung und in der Preſſe die Obermacht hat, dies erreichen kann?“ fragte der Herzog. „Sie könnte es, wenn ſie einig und entſchloſſen wäre,“ ſagte der Parlamentsrath.„Sie will es, ſie kämpft ja tagtäglich deßhalb mit den Jacobinern im Convent, die fürchten, daß ihnen durch dieſen Apell ans Volk ihr Opfer entrinnen könnte.“ Eine Pauſe trat ein. Ein Jeder ſchien nachzudenken, ob er nicht vermöge, für das Loos des Königs etwas Ent⸗ ſcheidendes zu thun. Die Herzogin ſah fragend auf André, der in ernſten Gedanken verloren daſaß. Roucher beobach⸗ tete aufmerkſam ſeinen Freund. „Nun, André!“ rief er endlich.„Erwache, Freund, und nehme Deine Schwingen. Dein Wort kann Wunder thun, denn es gilt noch und man fürchtet es. Du biſt der Einzige, der zwiſchen dem König und der Gironde die Kluft ausfüllen kann. Du haſt Dich von den Girondiſten getrennt, als ſie die Feinde des Königs wurden, Du kannſt 37 wieder zu ihnen gehen, wo ſie den Konig retten wollen, um ſich und Frankreich zu retten. Ja, es iſt hohe Zeit!“ fuhr der Dichter der„Monate“ erregter fort.„Die Gi⸗ ronde und die Jacobiner ſchlagen ihre furchtbare Schlacht. Wehe Frankreich, wenn ſie unterliegt.“ Andre erhob ſich; ſein Auge flammte, ſeine Wan⸗ gen ſtrahlten wieder von der Röthe des wallenden Bluts. „Es gilt die Ehre zu retten, wohlan, da ruft man mich nicht vergebens! Warum auch in der Breſche ſtehen und ſich nicht wehren? Ein Schwert, damit der Feind erkenne, daß wir zu kämpſen wiſſen— ein Schwert, um unſer Blut und unſere Ehre um den höchſten Preis dahin zu geben.“ Er ſtand wie begeiſtert da. Roucher ergriff ſeine Hand und ſah ihn gerührt an; Fräulein von Coigny's Augen ſtrahlten vor Entzücken. Alle blickten wie dankbar und erhoben auf den Dichter. Frau von St. Aignan trat zu ihm heran: „Herr von Chenier,“ flüſterte ſie erröthend,„ich habe heut' Ihr Bild erhalten: ich werde es der Nachwelt überliefern.“ Er blickte in dies ſeeliſche Auge und das Feuer, wel⸗ ches er dort fand, verwirrte ihn. 3 „Madame....“ murmelte er und dann ſchwieg er. Es zuckte in ſeinem Geſicht, als wenn der Schatten Va⸗ leriens ihn berührt hätte. Drittes Kapitel. Malesherbes. Am andern Morgen war André Chenier auf dem Wege zu Malesherbes. Der edle Greis, damals vierundſiebzig Jahre, lebte auf einem einſamen Landſitz in der Nähe von Paris. Er gehörte zur Familie Lamoignon, ein in der Verwaltung der alten Monarchie erlauchter Name. Die Lamoignon gehörten zu jenen parlamentariſchen Familien, die ſich von Jahrhundert zu Jahrhundert durch lange Dienſte, welche ſie dem Staate geleiſtet, nicht aber durch die Gunſtbezeugungen der Höfe oder die Launen der Könige zu den erſten Aem⸗ tern des Reichs erhoben hatten. Dadurch hatten dieſe Fa⸗ milien in ihren Anſichten und in ihrem Benehmen etwas Volksthümliches bewahrt, welches ſie der Nation lieb und werth gemacht, und ihnen mehr Aehnlichkeit mit den gro⸗ ßen patriziſchen Familien von Republiken gegeben hatte, als mit den vielen emporgekommenen Familien einer Mon⸗ archie. Es waren Adelige geblieben, Ritter, die zu ſtolz waren, ſich der Laune eines Königs dienſtbar zu erweiſen, zu ehrenvoll, um nicht ſtets für Recht und für die Unter⸗ drückten zu kämpfen. Malesherbes war einer der glänzendſten Söhne die⸗ 39 ſer Familie. Er war ein Lamoignon und wurde ein Ma⸗ lesherbes. Zweimal war er Miniſter Ludwigs XVI. ge⸗ weſen; er ward es mit Ehren und trat mit Ehren wieder ab. Nur kurze Zeit diente er in ſolcher Stellung ſeinem Vaterland; Undank und Verbannung war der Lohn ge⸗ weſen, daß er als Ehrenmann gehandelt. Nicht daß ihn der König ſo gelohnt hätte, nein, der Haß der Geiſtlich⸗ keit, der Ariſtokratie und der Höfe verſolgte ihn. Frei⸗ ſinnig und Philoſoph, war Malesherbes einer jener Vor⸗ gänger, welche bei einem Regierungsſyſtem der Willkür und der Mißbräuche für die Achtung der Gerechtigkeit und der Vernunft arbeiten. Seine Regierung war eine Arbeit der Aufklärung, der Gerechtigkeit und der Tugend geweſen. Ein Schüler Jean Jacques Rouſſeau's, ein Freund Türgats, welcher zuerſt die Philoſophie in die Verwaltung eingeführt, war Malesherbes dadurch populär geworden, daß er als Generaldirektor des Buch⸗ handels die Verbreitung der neuen philoſophiſchen Ideen, wie ſie in der Eneyklopädie niedergelegt wurden, begün⸗ ſtigte. Unter einer Geſetzgebung von geſetzlicher Will⸗ kühr und Tyrannei hatte er die Cenſur mit Milde geübt und ſich zum Mitſchuldigen der Aufklärung bekannt. Das hatten ihm die Kirche und die Ariſtokratie nie verziehen; ſie hatten ihn zu einem jener Namen gemacht, die man am meiſten beſchuldigte, die Religion und die Gewalt unter⸗ graben zu haben. 40 Malesherbes war im Grunde ſeines Herzens echter Republikaner, aber ſeine Gefühle und ſeine Sitten waren noch monarchiſch. Er bildete ein lebendiges Beiſpiel jenes inneren Zwieſpalts, welcher, möchte man ſagen, in denje⸗ nigen Menſchen arbeitet, die in den Nächten geboren werden, wo ein Zeitalter verendet und ein neues ins Leben tritt. Sie haben etwas von Beiden, nur haften ihre geiſtigen Gewohnheiten in der Mutter, die ſie noch gebar. Der Republikanismus von Malesherben verhielt ſich zu dem des Jahres 1792, wie ſich die philoſophiſche Idee des Weiſen zu den tumultuariſchen Bewegungen eines Volks verhält. Seine Theorie zitterte und empörte ſich bei dem Gedanken an die Verwirklichung; er war ein Republika⸗ ner, der einen König liebte; der für ihn ſein Leben hinzu⸗ geben bereit war, als der König machtlos, hilflos und bedroht war. Sodann fühlte André Chenier, ſo Roucher, ſo ein Theil des Adels, ſo auch ein Theil derſelben Gi⸗ ronde, welche jubelnd und mit der Janitſcharenmuſik rau⸗ ſchender Reden am 10. Auguſt 1792 den Thron von Frankreich zerſchmettert hatte. Herr von Melesherbes veränderte ſich nicht durch die Ereigniſſe, deren Zuſchauer er abgeben mußte; aber er verſchleierte ſein Geſticht, um nicht die Ausſchwei⸗ fungen einer Idee zu ſehen, welche in ſeinem Herzen lebte. Er weinte über das Unglück des Königs. Ludwig XVI. war ja ſo oft ſeine Hoffnung, freilich auch oft ſeine Selbſt⸗ 41 täuſchung geweſen. Als Zeuge und Vertrauter von des Königs Wunſchen für das Wohlergehen ſeines Volks und die Verbeſſerung der Regierung, hatte Melesherbes in dem jungen Ludwig einen jener fürſtlichen Reformatoren zu erkennen geglaubt, welche ſich aus freiem Antrieb des Despotismus begeben und den Revolutionen ihre Macht leien, um ſie zu vollenden und ihre verheerende Wirkung zu mäͤßigen. Selbſt als der Undank Herrn von Males⸗ herbes von ſeiner Miniſterſtelle verjagte, bewahrte er ſeine Anhänglichkeit an den König. Er fühlte, daß der Einfluß einer verderbten, verblendeten Hoſpartei ihm ſeinen Zögling entriſſen, ihm aber doch einen geheimen Freund in ſeinem Fürſten gelaſſen hatte. Aus dem Dunkel ſeiner Verbannung war er ihm mit ſeinen Augen gefolgt, von den Reichsſtänden an bis in den Kerker des Temple. Eine geheime Correſpondenz hatte, wenn auch nur ſelten, Ludwig XVI. die Erinnerungen, die Wünſche und die Mit⸗ gefühle ſeines alten Freundes kennen gelehrt. Auf die Nachricht von dem Prozeß des Königs war Malesherbes aus ſeiner ländlichen Zurückgezogenheit herausgetreten und hatte an den Convent geſchrieben, ihm die Vertheidigung des Königs zu geſtatten, denn er ſchulde ihm dieſen Dienſt, „jetzt, da es ein Amt„ das viele Leute gefährlich finden.“ Der Convent mit Achtung vor dieſem Namen und dieſem Wunſche erfüllt hatte ſeine Bewilli⸗ gung gegeben; Malersherbes war von dem Tage an 42 unermüdlich thätig, bald daß er beim Könige im Ge⸗ fängniß war, bald daß er zu Hauſe an der Vertheidigungs⸗ ſchrift arbeitete. Der Greis lebte mit ſeinen Enkelinen. Er ſaß, ſeinen wunderſchönen ehrwürdigen Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, über eine Menge von Papieren, Aktenſtücken und Briefen, bald darin blätternd, bald ſchnell ſchreibend. Seine Enkelin, ein liebliches Mädchen von ſechszehn Jahren, das mit ihrem Vater des Schaffot beſteigen ſollte, meldete André von Chenier. Malesherbes empfing den Dichter, den er kaum dem Namen nach kannte, mit der Liebenswürdigkeit, die ihm eigen war André, noch immer in einer Aufregung, welche er am Abend zuvor aus dem Salon der Frau von St. Aignan mitgenommen, trug in lebhafteſter Weiſe ſeinen Wunſch vor, an der Rettung des Königs, minde⸗ ſtens an der Vertheidigung desſelben mit Theil zu nehmen. „Glauben Sie mir, edler Greis,“ ſagte er,„des Wort gerechten Zornes wird die Lippen dieſer Jacobiner im Convent verſtummen machen; das Volk auf den Tri⸗ bünen, wenn es den König ſehen wird und eine flammende Rede für ſeine Unſchuld tönte, wird überwältigt von Mit⸗ leid und Scham über ſeine Ernidrigung durch eine Rotte von Mördern die Freiheit des Königs erlangen und unter dieſem Ruf beugt ſich der Trotz eines Marat, eines Robespierre und ſeines Anhangs. Ha, dieſer Berg, was 3 . 1 43 iſt er denn, als der Sklave des Pöbels, den er zu meiſtern meint: Was ſind ſie denn, dieſe Brutus, welche auf den Mord ausgehen, als feige Tyrannen, denen der Muth ſinkt, ſobald der käufliche Beifall des Pöbels ihren Tira⸗ den fehlt? O, mein Herr, glauben Sie mir, ich verzweifle nicht und wenn ich mich Ihnen als Unterſtützung anbiete, ſo fühle ich, daß ich meinen Platz ausfüllen werde.“ Malesherbes ſah den jungen Mann freundlich und ruhig an. Als er geredet, ſchüttelte er ſein weißes Haupt und erwiderte: —„Mein Freund, Sie werden mir zürnen, daß ich ihre Hoffnungen nicht theilen kann. Auch ich hatte ſie; je mehr der Tag der Entſcheidung naht, um ſo mehr ſinken ſie herab. Der Convent hat den Tod des Königs beſchloſſen; es wird wenig Muthige geben, die unter der Tyrannei der Dolche des Pöbels und der Jacobiner nach ihrem Gewiſſen urtheilen werden. Ich fürchte es. Und dann mein Freund, iſt der König einer Rede, wie Sie ſie meinen, entſchieden entgegen. Deſeze hat ihm geſtern ſeine Vertheidigungsrede vorgeleſen; der Schluß derſelben rich⸗ tete ſich an das Gemüth des Volks, er konnte Mitleid er⸗ regen, er hatte es faſt ſicher gethan. Ich und Tronchet mußten weinen, als wir dieſen Aufruf an die Nation ver⸗ nahmem. Aber der König, ſo erſchüttert er war, erröthete vor Stolz, eine andere Gerechtigkeit anzuflehen, als die des Gewiſſens. Er ſagte, daß er ſeine Ankläger nicht rühren 44 wolle und die Schlußrede mußte geſtrichen werden. Ich hatte noch die Hoffnung, daß der Convent den Prozeß an das Gericht übergeben werde; da er aber ſelbſt Gericht halten will, ſo hoffe ich kaum noch.“ Andre ſchien betroffen von der Niedergedrücktheit Ma⸗ lesherbes zu ſein. „So glauben auch Sie nicht mehr, daß Rettung möglich iſt.. Der Greis zuckte mit den Achſeln. „Und der König?“ „Iſt auf ſeinen Tod gefaßt.“ „Und Tronchet und Deſeze?“ „Sie thun, wie ich, ihre Pflicht aus Ehre.“ „O mein Herr,“ rief André lebhaft,„laſſen Sie mich Ihnen mehr Vertrauen zu Ihrer heiligen Sache ein⸗ flößen! Ich werde zu Vergniaud gehen, er muß mit ſeiner Partei für den König ſtimmen.“ „Er muß, ſagen Sie?“ meinte Herr von Males⸗ herbes wehmuthsvoll lächelnd.„Ah, wenn das wäre, wenn das ſein könnte—— „Es wird ſein, edler Greis, es wird ſein. Die Ret⸗ tung Ludwigs hängt davon ab— Vergniaud iſt kein Mörder.“ „Sie ſind im Irrthum, Freund,“ entgegnete der Greis.„Vergniaud braucht kein Mörder zu ſein und kann doch für den Tod des Königs ſtimmen müſſen. Die Fragen, 45 welche der Convent aufgeſtellt hat, ſind ſo, daß die Beja⸗ hung einer einzigen den König aufs Schaffot bringt. Das iſt des Entſetzliche. Nur das iſt noch eine Hoffnung, daß die Frage: ob über das Schuldig an das Volk appellirt werden ſoll, von der Majorität bejaht wird.“ Chénier war in ein düſteres Sinnen geſunken. Er eha ſich jetzt und reichte dem Greiſe ſeine Hand, indem er ſagte: „Ich bin ein Thor, Herr von Malesherbes. Ich kam nicht zu Ihnen, um zu behaupten, die Rettung des Königs ſei möglich— wer kann es heut wiſſen? Ich kam, um wie Sie, zu fechten als ein Mann von Ehre für das letzte Bollwerk der Freiheit und der Ordnung. Es war mir zu thun, zu wiſſen, was Sie denken und Sie zu unterſtützen; ich werde es thun, Herr von Malesherbes, und vielleicht geht im Kampfe erſt die Hoffnung hervor.“ „Was wollen Sie thun, Herr von Chénier?“ fragte Malesherbes etwas befremdet.„Sie denken doch nicht an einen Befreiungsverſuch— o, opfern Sie ſich nicht umſonſt!“ „Daran denke ich nicht,“ erwiderte Chenier,„es wäre Wahnſinn und das Mittel, des Königs Tod unwider⸗ ruflich zu machen. Nein, mein Herr, ich werde die Appel⸗ lation an das Volk verlangen und vielleicht kommt mein Wort noch zur rechten Zeit.“ „Malesherbes ſah wehmüthig auf Chenier und ſagte: „Junger Mann, Sie ſpielen um Ihren Kopf.“ 46 „Und Sie?“ „O ich— ein alter Mann, der nichts mehr nützen kann. Glücklich bin ich, mit dieſem Ruhm mein Leben zu beſchließen.“ Er geleitete Chénier bis zur Thür, drückte ihm noch einmal wie dankbar die Hand und ſetzte ſich dann wieder an ſeinen Tiſch. André aber fuhr in Nachſinnen verloren nach Ver⸗ ſailles zurück. Er ſchrieb zu Hauſe einen flammenden Ar⸗ tikel, in dem er vom Convent verlangte, das Urtheil über den König der Nation zur Beſtätigung vorzulegen. Es war das Schönſte und Ueberwältigendſte, was André Chenier je in dieſer Weiſe geſchrieben, und der Umſtand, daß der Artikel an demſelben Morgen in Rouchers Jour⸗ nal erſchien, wo der König zum zweiten Male nach dem Convent geführt wurde, um ſich auf die Anklagen zu ver⸗ theidigen, ließ hoffen, daß er bedeutend in ſeiner Wirkung ſein werde. Er täuſchte ſich. Am 26. Dezember 1792 vertheidigte ſich Ludwig XVI., unterſtützt von ſeinen Vertheidigern, vor dem Con⸗ vent mit jener Kaltblütigkeit und Reſignation, die ihn wäh⸗ rend ſeiner ganzen Leidensgeſchichte nicht verließ. Als er kaum den Saal verlaſſen hatte, brach der erbitterte Kampf zwiſchen beiden Parteien los: zwiſchen den Girondiſten, welche dem Convent des Recht beſtritten, über den König 47 zu urtheilen, und dem Berg, welcher ſofort ſeinen Tod dekretiren wollte. Am andern Tag endlich wurden folgende drei Fragen vom Convent aufgeſtellt: Iſt Ludwig ſchuldig? Soll die Entſcheidung der Convents der Beſtätigung des Volkes unterſtellt werden? Was ſoll die Strafe ſein?— Die erſte Frage ward faſt von Allen bejaht; die zweite mit 423 gegen 281 Stimmen verneint: die Appellation an das Volk war verworfen; die Hoffnung aller Gemä⸗ ßigten vernichtet; die Gironde im Convent, André Chénier in Rouchers Journal hatte umſonſt geſtritten. Die dritte Frage barg das Loos des Königs— ob Tod, ob Leben. Ehe ſie nicht beantwortet war, durſte man noch nicht verzweifeln. Viertes Kapitel. Der Tod des Königs. André Chenier, ſeit Monaten mit Widerwillen gegen alles politiſche Treiben erfüllt, unzugänglich, apathiſch, thatenlos hinlebend, ohne Troſt für ſeine Seelenſchmerzen und ohne das aufrichtende Bewußtſein, ein Ziel ſeines Lebens vor ſich zu haben, war ſeit jenem Abend bei der Herzogin von St. Aignan ein umgewandelter Menſch ge⸗ worden. Seine Erregtheit war jetzt faſt ſo krankhaft, wie 48 vorher ſeine Apathie; ſein Drang nach Thaten, ſeine Be⸗ geiſterung um des Königs Leben, nein, um ſeinen Tod zu kämpfen, hatte etwas Düſteres, Verzweifeltes, und dem fei⸗ nen Frauenauge der Herzogin Leontine war es nicht ent⸗ gangen. Sie hätte jetzt Alles aufgeboten, den Dichter wieder in den Kreis ſeiner düſteren und aufreibenden Träu⸗ mereien zu bannen— wie leicht hätte ihn die ſanfte Ge⸗ walt der Liebe und Freundſchaft wieder geſunden laſſen! Es zitterte, als ſie dies dachte, ein nie gekanntes Gefühl in ihrem Herzen— ſollte es die Eiferſucht auf das Kind, auf Fräulein von Coigny ſein? Die Herzogin vermied es, darüber nachzudenken; ihr Antheil an Andrèé war bei wei⸗ tem größer, ihre Furcht, er möchte ſich muthwillig und des Le⸗ bens ſatt in die Gefahren ſtürzen, um mit einer krankhaften Begeiſterung auf den Lippen das Martyrerhaupt unter die Guillotine zu tragen, erfüllte ſie ſeit dem Tage, wo der Aufruf an das Volk veröffentlicht worden, unaufhör⸗ lich; ihr Gewiſſen quälte ſie, denn ſie ſagte ſich, daß ſie ihn mit in dieſe Bahn geſtoßen, die ihn an den Abgrund führen konnte. Vergebens hatte ſie, wenn ſie Chenier bei ſich ſah, ſeinen waghalſigen Unternehmungsgeiſt zu zügeln geſucht; vergebens durch ihren Gemahl und durch Roucher den Freund warnen laſſen, nicht unnöthig eine Sache zu vertheidigen, die trotz ihm ſo gut wie verloren ſchien. Die Kugel war einmal in Bewegung und lief fort; André Chenier, einmal von wilder Leidenſchaft erfaßt, wieder in 49 die politiſchen Ereigniſſe mit einzugreifen, that keinen Schritt mehr zurück. Er ſtand da, die Bruſt offen dem Feinde entgegenhaltend, mit leuchtenden Augen— ein Feuer im Herzen, welches ſchnell den Tempel ſeines Schmer⸗ zes um Valerie, den Groll gegen ſein Geſchick, die Ver⸗ ſuchung ſeiner Sinne verzehren ſollte. Er hatte ſeit jenem Abend, wo er zum erſten Mal in das Glutauge des Fräu⸗ lein von Coigny geblickt, noch einmal in dieſes Auge ge⸗ ſchaut, und er war in ſüßen Schauern darüber zuſammen⸗ gebebt. Er hatte manchmal ſeitdem den geheimnißvollen Ton in Frau von St. Aignans Stimme vernommen und er war auch dabei wieder verwirrt geworden. Zwieſpalt und ein Chaos wildeſter Gefühle wogten zuſammen in dieſer Dichterbruſt: er bändigte ſie alle, indem er ſich in den Strudel der Politik ſtürzte. Die Debatten im Convent, der ſeit dem Anfang des Jahres darüber berieth, welche Strafe der ſchuldig ge⸗ ſprochene König erhalten ſolle, waren mehr und mehr zu furchtbaren Schlachten zwiſchen Girondiſten und Jacobiner, Ebene und Berg ausgeartet. Die Einen, welche fühlten, daß die Verurtheilung des Königs auch ihren Sturz mit ſich führe, erſchöpften ſich in Anſtrengungen, den König vor dem Tod zu retten; die Anderen, blutlechzend und be⸗ gierig, ihr Regiment einzuführen, drangen um ſo wüthen⸗ der auf den Tod des Königs, je mehr ſie fühlten, daß damit die Macht der Gironde vernichtet werde. Es war 1861. 15. Apoll von Byzanz. II. 4 50 der furchtbarſte, leidenſchaftlichſte aller Kämpfe, welche je im Convent ſtattgefunden hatten, denn in Allen lebte der Inſtinkt der Selbſterhaltung, die Ueberzeugung, das Ur⸗ theil über den König richte zugleich über die Zukunft der Republik. Die Leidenſchaften ſchlugen rückſichtslos auf einander; jede Rede ward zur Anklage; die roheſten Schmähungen, die furchtbarſten Drohungen, ja ſelbſt Thätlichkeiten beſchimpften dieſen höchſten Gerichtshof Frankreichs. Das Volk auf den Tribünen kannte keine Mäßigung und Achtung vor dem Convent; es brüllte in thieriſcher Wuth mit den Jacobinern, und man wehrte ihm nicht, weil es half, die Girondiſten mit einzuſchüchtern. Das Wort, welches die Redner der für den König ſich verwendenden Gironde tagtäglich wie eine Anklage ihren Gegnern entgegenſchleuderten, war nur zu wahr: der Con⸗ vent berieth unter Kanonen nnd Dolchen von Mördern. Vergniaud, der glänzendſte Redner der Gironde und ihr anerkanntes Haupt, einer der edelſten, aber ſchwan⸗ kendſten Charakter, Republikaner wie Cato, aber von kei⸗ nem ſtaatsmänniſchen Blick, war jetzt die Perſon gewor⸗ den, auf welche alle Gemäßigten, Royaliſten wie Repu⸗ blikaner, wie auf ihre letzte Hoffnung blickten. Man ver⸗ zieh es ihm und ſeiner Partei, daß ſie Ludwig für ſchuldig erklärt hatten; es war nicht zu läugnen, daß der König eine Schuld trug und daß ihm Republikaner dieſelbe feierlich votiren konnten. Aber damit war noch nichts 51 verloren; wenn die Gironde feſt blieb und vor der Wuth Marats und der Verdächtigung Robespierre muthig Stand hielt, konnte der König noch immer gerettet werden. Das war auch die Ueberzeugung Vergniauds und ſeiner Anhänger; aber ſie verloren von Tag zu Tag ihre Feſtig⸗ keit gegenuͤber den mörderiſchen Drohungen des Berges. Sie kämpften gegen die Todesſtrafe für den König, ſie wollten ſie gar nicht einmal in Betracht gezogen wiſſen — und Tag um Tag donnerte ihnen die Wuth der Ja⸗ eobiner entgegen; der Kopf des Tyrannen gehört dem Volk und Ihr ſeid Verräther. Man fetirte Vergniaud; man überlief ihn, um ihm Muth einzuſprechen; man zog ihn in die Salons der Roya⸗ liſten, um an ſeinen Edelmuth zu appelliren, ihm hun⸗ dert und abermals zu ſagen, ſein Wort, ſein Urtheil könne in der entſcheidenden Stunde den König vor der Guillo⸗ tine, Frankreich vor dem Blutregiment Marats retten. Vergniaud war wie betäubt; er ſchwankte jeden Tag in den Convent und fand kein Wort— ob er ſich fürchtete, zu ſprechen, oder ob er alle ſeine Kraft erſt bis zum letz⸗ ten Augenblick aufſparte,— wer konnte es wiſſen? André Chenier war mehrmals zu ihm gegangen. „Vergniaud,“ hatte er zu ihm geſagt,„Du kannſt Dich unſterblich machen, rette den König!“ „O, Chenier, hatte der Girondiſt erwidert,„dieſer 4*⅔ 52 Ruhm tödtet mich; denn Ihr wißt nicht, welche Ueber⸗ macht uns den Untergang mit dem König geſchworen hat!“ „Du biſt die Macht, nur halte feſt und ſtehe muthig!“ „Mit dem Votum, welches ich für den König ein⸗ lege, bricht die Wuth des Volks über uns herein und wir ſind verloren. Ein ſchroffer Widerſtand iſt vergeblich, mein Freund, und er reißt uns in den Tod. Stimmen wir für den Tod, ſo ſind wir obenauf; die Jacobiner verlieren ihre Gewalt über das Volk und wir können alsdann den König retten, indem wir die Exekution des Urtheils un⸗ möglich machen.“ „Unglücklicher, das iſt ein Spiel um den Kopf des Königs und Du wirſt Dich täuſchen; der Strom, in den Du Dich begeben, wird Dich unaufhaltſam mit fortrei⸗ ßen. Bedenke, Vergniaud, daß es wieder zu ſpät werden kann, wie am 10. Auguſt.“ „Wir ſind Republikaner, Chénier; ſobald man daran zweifelt, ſind wir todt.“ An demſelben Tage ſtellte Lanjuinais, Vergniauds Freund, den Antrag, daß die Todesſtrafe nur mit zwei Drittheilen der Stimmen und nicht, wie die Jacobiner verlangt, mit der abſoluten Mehrheit beſchloſſen werden könnte. Der Antrag wurde mit Wuth zurückgewieſen; eine Hoffnung mehr der Gironde war vernichtet. Am Abend war Vergniaud bei der Marquiſe von 53 Paſtoret, wo ſich auch die Herzogin von St. Aignan, der Herzog und André Chenier befand. Man ſtürmte in den ſieberhaft erregten Mann; die Damen baten ihn wie denjenigen, welcher das Schickſal des Königs in Händen habe, mit Thränen in den Augen, um ſein Ürtheil gegen den Tod Ludwigs. „Wir Alle,“ rief Frau von St. Aignan aus,„ſind der Gulllotine verfallen, wenn Sie uns nicht retten.“ „Meine Damen, die Gefahr des Vaterlandes iſt furchtbar!“ antwortete Vergniaud wie faſſungslos.„Un⸗ ſere Armeen weichen zurück, unſere Feinde mehren ſich, der Köͤnig von Spanien droht uns auch mit Krieg— es ſteht die Republik auf dem Spiel!“ „O die Republik!“ ſagte die Marquiſe von Paſtoret achſelzuckend.„Herr Vergniaud, ſoll dieſe Republik denn einen Marat zum Herrn haben? Oder einen Robes⸗ pierre?“ „Retten Sie den König, und Frankreich wird geret⸗ tet!“ bat Leontine und warf einen Blick auf Chenier, als wundere ſie ſich, daß er nicht ſpreche. „Vergniaud,“ ſagte André darauf düſter;„Du haſt Deine Faſſung verloren, Du biſt verblendet! Du willſt den König retten, indem Du ihn zum Tode verurtheilſt; u wirſt aus Deiner Täuſchung erwachen, wenn es zu ſpät iſt. Denke an mich!“ Vergniaud litt unſäglich; es war augenſcheinlich, daß 54 er, im Bewußſein, der andere Tag entſcheide des Königs, ſein und Frankreichs Geſchick, einen furchtbaren Kampf beſtand. Sollte er den Konig retten und die Republik ver⸗ nichten? Sollte er für ſeinen Tod ſtimmen und damit der Republik andere Gefahren bereiten? Sollte er die Macht einbüßen und der Roheit der Jacobiner die Gewalt über das aufgeregte Volk laſſen, indem er gegen den Tod Lu⸗ wigs XVI. ſtimmte? Alle dieſe Fragen liefen wieder durch ſeinen Kopf; endlich ſchien er Meiſter ſeines inneren Sturmes geworden zu ſein. „Laßt mich, laßt mich, meine Freunde,“ rief er aus; „ich rette den König, ich ſchwöre es bei meinem Wort und meinem Leben!“ Er ging fort und ließ die Geſellſchaft glücklich und hoffend zurück. Er murmelte, als ſein Wagen ihn durch des Gehölz nach Paris zurückführte, vor ſich hin:„Ich rette ihn, aber nicht um den Preis, Frankreich in Marats Hände zu liefern.“ Er dachte an Frankreich und an die Republik, und nicht an den König. Am andern Tage war Paris in ſeiner drohendſten Phyſiognomie. Die Gemeine und ihre Macht, die Jaco⸗ biner, hatten alle Streitkräfte und ihren Pöbel aufgeboten, um bei der in der Nacht erfolgenden Abſtimmung über den König einen kräftigen Druck auszuüben. Zerlumpte Wei⸗ ber und Kinder mußten in den Straßen um den Convent⸗ ſaal den Tod des Tyrannen heulen. Wilde Pöbelrotten 5⁵ durchzogen die Straßen mit Piken und Säbeln, ſchreiend und wilde patriotiſche Lieder ſingend. Der Tod des Kö⸗ nigs war die Loſung, und Mehrere, welche nicht mit einſtimmten in dieſen Ruf, wurden von der Wuth des Volks ermordert. Eine Rotte drang in die Kirche Val⸗du⸗ Grace, wo in Urnen von vergoldetem Silber die Herzen einiger Könige und Königinen von Frankreich aufbewahrt wurden Sie ließ die Urnen ſtehen, aber ſie trat die Her⸗ zen der Könige mit Füßen und warf ſie in die Kloaken. Die Zugänge und das Innere des Conventſaales boten am Abend einen noch unheimlicheren Anblick dar. Die Stunde, der Ort, die ſchmalen Gänge, die gekrümm⸗ ten Höfe, die düſteren Gewölbe des ehemaligen Kloſters, die wenigen Laternen, deren Licht mit der Finſterniß der kalten Januarnacht kämpfte und die Geſichter geiſterhaft bleichte, die Waffen vor allen Thüren, die Kanonen vor den Haupteingängen, bewacht von Kanonieren mit bren⸗ nenden Lunten, das Alles machte einen fruchtbaren Ein⸗ druck. Eine ungeheure Menſchenmenge mit zahlloſen rothen Mützen ließ dazu ihr dumpfes Gebrüll vernehmen und wogte wild gegen die Mauern des Sitzungsſaales, um ein⸗ zudringen und als wolle ſie das Urtheil hineinſchreien. Die Deputirten ſchritten durch die entſetzlichen Spaliere, welche die Nationalgarden mühſam gebildet. Man raunte ihnen leiſe, aber mit drohendem Ton ins Ohr:„Entweder ſein Tod oderder Deine!“ Ein Jeder von ihnen, der hier durch⸗ 56 paſſirte, vernahm ſeinen Namen von einigen aufgeſtellten Spionen laut ausgerufen, entweder mit ein er Drohung, einem Spott, oder einem Jubelgeſchrei, wenn er einem bonjacobin gehörte, der für den Tod des Königs zu ſtim⸗ men geſchworen hatte. Bei den Namen Marat, Danton, Robespierre öffneten ſich die Reihen ehrerbietig; bei den Namen der Girondiſten und Vergniauds beſonders verkün⸗ deten die erbitterten Geſichter, die geball en Fäuſte, die über ihren Köpfen geſchwungenen Piken und Säbel, daß dieſes Volk von ihnen Gehorſam ſeines blutdurſtigen Willens verlangte, wenn ſie ſeiner Rache nicht verfallen wollten. Sie gingen bleich, aber ſtolz durch dies Spalier, die Männer der Gironde. Vergniaud blickte auf die Drohen⸗ den hin, als verſtehe er ſie nicht. In den Gängen des Convents ſtanden ebenfalls be⸗ waffnete Volksrotten; ſie waren ſtill und düſter blickten ihre Augen; es ſchien, als habe der Berg ſie hier aufge⸗ ſtellt als lebendige Monumente des Schreckens, welchen ihre Waffen und ihr Charakter den Richtern des Königs einflößen ſollte..... Es waren die Septembermörder, Maillard und ſeine Blutbande. Man mußte unter ihren Augen defiliren, um in den Saal zu gelangen; jeder De⸗ putirte mußte an einen Mörder anſtreifen... Der Sitzungsſaal ſelbſt war ungleich beleuchtet. Die Lampen des Bureaus und der Kronleuchter, welche 57 von oben herab das weite Gewölbe erleuchteten, ſetzten einen Theil des Saales in helles Licht, einen andern ließen ſie dunkel. Die öffentlichen Gallerien, welche in amphi⸗ theatraliſchen Abſtu ungen bis zu den hochangebrachten Bänken des Berges hinabliefen und ſich mit ihnen, wie in dem römiſchen Cirkus, vereinigten, wimmelten von Zu⸗ ſchauern. Wie bei den antiken Schauſpielen ſah man in der erſten Reihe dieſer Gallerien viele Frauen ſitzen, jung, mit den Farben der Republik geſchmückt, kokett mit ein⸗ ander plaudernd, Worte, Grüße und Lächeln austauſchend wie in der Oper. Saaldiener präſentirten ihnen Sorbet und Orangen, während man über den König abſtimmte. Auf den hinteren, erhöhten Stufen ſtand das Volk in ſei⸗ nen Blouſen; zwiſchen ihm und inmitten ſeiner Aufregung, ſeiner Henkerfreude, ſah man vereinzelte Geſtalten, die ernſt und geſpannt in den Saal herabſtarrten. Auch André Choniers Geſicht und neben ihm das Rouchers zeigte ſich hier; an einer Seite konnte man Meiſter Collier unter der Menge erkennen. Während der Abſtimmung tönte hier oben ewiger Lärm: Beifall, wenn das Wort Tod her⸗ aufgeſchallt; Murren, wenn ein Deputirter dagegen ſtimmte. Der leere Raum am Fuße des Bureaus, die Zugänge der Thüren, die Gänge, welche zur Tribüne und den Bän⸗ ken der Deputirten führten, wimmelten von Deputirten, welche auf⸗ und niedergingen, zur Tribüne, um zu votiren, 58 zum Sitz, um ſich auszuruhen, zu einem Genoſſen, um mit ihm zu reden. Langſam und laut tönte der Name des Deputirten durch den weiten Saal des alten Kloſters, welchen der Huiſſier zum Votiren auf die Tribüne rief. Rief er einen Namen von Bedeutung, ſo trat athemloſe Stille ein; Aller Blicke folgten dem Gerufenen, um ſchon aus ſeiner Haltung zu erſehen, ob er Tod oder Leben ſprechen werde. Die Bänke der Deputirten wurden immer leerer; denn müde von einer fünfzehnſtuͤndigen Sitzung, deren Ende erſt mit der Fällung des Urtheils ſtattfinden ſollte, zerſtreuten ſich die Volksrepräſentanten, um zu plaudern, ſich zu er⸗ friſchen, oder in einer dunkeln Ecke unter dem Gewicht ihrer Gedanken in einen halben Schlummer zu ſinken. Die Mehrzahl zeigte ihre innere Aufregung durch ewiges Hin⸗und Herlaufen; ſie ſchrieben auf ihren Knieen, ſtrichen wieder aus, was ſie geſchrieben, notirten ihr Votum aber⸗ mals, um es wieder auszuſtreichen, bis der Huiſſier ſie rief und ihnen in ihrer Unſchlüſſigkeit das verhängnißvolle Wort entriß, welches ſie vielleicht ſchon bereuten, ehe ſie es noch ganz ausgeſprochen. Die erſten Abſtimmungen ließen noch Alle ungewiß; denn faſt ebenſo oft als für den Tod, wurde auch für die Verbannung geſtimmt. Immer deutlicher zeigte es ſich, daß das Schickſal des Königs von der Gironde abhing, daß ihr Votum auf dieſe oder jene Seite die Entſcheidung 59 bringen müſſe. Deshalb wartete man auch mit Aengſt⸗ lichkeit auf den Augenblick, wo das Departement der Gi⸗ ronde an die Reihe kommen würde. Endlich kam der Buchſtabe G. Der Name Ver⸗ gniaud ertönt zuerſt von den Lippen des Huiſſiers— eine Todtenſtille lagert ſich über den Saal; Jeder bleibt wie gebannt und ängſtlich ſtehen, wo er gerade ſteht; ein paar tauſend Augen verfolgen mit glühendem Blick den Mann, deſſen Wort hundert ebenſolche Worte nach ſich ziehen muß. Die Gallerien und der Berg ſehen ihm mit unausſprechlichem Haß nach, denn ſie glauben feſt, Ver⸗ gniaud entreiße ihnen das Haupt des Königs; die Roya⸗ liſten, die hie und da zerſtreut ſtehen, die Gemäßigten, die Freunde Vergniauds halten einen Blick der Angſt auf ihn gerichtet; denn ſie am wenigſten wiſſen, welches Ur⸗ theil er fällen wird: ſie haben ihn bis jetzt nur düſter, ſchweigſam, bleich und im Kampfe mit ſich ſelbſt geſehen. Langſam ſteigt Vergniaud auf die Tribüne; er ſam⸗ melt ſich einen Augenblick mit geſenkten Augen wie ein Mann, der noch einmal hundertfach Durchdachtes ſchnell überlegt; dann ſpricht er mit dumpfer Stimme, und gleich als widerſetze er ſich dem Gefühl, das in ihm aufſchrie, das Wort Tod. Eine namenloſe Aufregung fliegt durch den Saal bis hinauf zum Amphitheater der Gallerien. Durch das 60 Gemurmel und das Geräuſch ploͤtzlich losgelaſſenen Athems von tauſend Menſchen tönt der wilde Ruf: „Ha! Er mordet mit!“ Ein Wuthgeſchrei erhebt ſich um André Chenier, der dieſe Worte ausgeſtoßen. Einzelne Meſſer zucken durch die Luft;„Verräther“ ruſen hundert Stimmen. Eine Hand packte André's Gurgel; aber ſie läßt ihn im Nu wieder los. Jean, der Gaͤrtner, reißt Baſile, der durch den Schlag in der Salpetriére nur betäubt worden war, zurück in die tobende Menge; Roucher ſtößt den unvor⸗ ſichtigen Freund in einen dunklen Corridor und rettet ihn dadurch. Denn ſchon blickte Alles wieder ge pannt auf die Tribüne und vergißt unter der neuen Aufregung die Wunh, welche André's Worte hervorgeru en. Baſile ſieht ſich unfähig, an Chenier oder Jean ſeine Rache zu kühlen. Vergniaud hatte noch Aufſchub der Hinrichtung ver⸗ langt; davon hoffte er Rettung. Er ſtieg nun mit ge⸗ ſenkter Stirn wieder herab; er fürchtete ſich vor den Triumph ſtrahlenden Blicken der Jacobiner, die ihres Sieges nun gewiß waren; er ſcheute ſich in das Auge ſeiner Freunde und Genoſſen zu blicken, die, verwirrt durch ſein Votum, erſchreckt durch den Ruf ihres Namens, auf die Tribune eilten und faſt ohne Gedanken das Wort: Tod] aus⸗ riefen. Die Abſtimmung dauerte lang und war voll von 61 Zweifeln. Wie bei einem Kampfe ſiegte bald der Tod, bald das Leben, je nachdem die Stimmen gruppirt waren. Es ſchien, als komme es dem Schick al ſelbſt hart an, das verhängnißvolle Wort auszuſprechen. Alle Herzen pochten, die Einen in der Hoffnung, der Revolution eine Trauer zu erſparen, die Andern aus Furcht, dies Opfer zu verlie⸗ ren. Endlich erhob ſich der Präſident, das Urtheil zu ver⸗ kunden: die Stimmen waren lange und unter athemloſen Schweigen gezählt. Der Präſident war Vergniaud. Ein grauſamer Zu⸗ fall hatte ihn zum Präſidenten genannt, als die Abſetzung des Königs votirt wurde und jetzt, wo er deſſen Todesur⸗ theil verkünden mußte. Er, der die gemäßigte Monarchie und das Leben Ludwigs XVI. mit ſeinem Blute hätte retten mögen, mußte im Drang der Umſtände ſein Herz verleug⸗ nen und den Plänen ſeiner Todfe nde zum Organ dienen. In ſchmerzlichem Tone ſprach er nun: „Bürger, Ihr ſteht im Begriff einen großen Akt der Gerechtigkeit zu vollziehen. Ich hoffe, daß die Menſch⸗ lichkeit Euch beſtimmen wird, das heiligſte Stillſchweigen zu beobachten. Wenn die Gerechtigkeit geſprochen hat, muß die Menſchlichkeit ihre Stimme vernehmen laſſen.“ Er verlas das Ergebniß der Abſtimmung. Der Convent zählte 721 Stimmen; 334 davon hatten für Ver⸗ bannung oder Geſängniß geſtimmt, 387 für den Tod; von dieſen letzteren hatten 46 für den Tod mit Aufſchiebung 62 der Hinrichtung votirt, ſo daß nur eine Mehrheit von ſie⸗ ben Stimmen den Ausſchlag gegeben hatte. Wie wäre es geworden, wenn Vergniaud ſeine Stimme gegen den Tod gegeben hätte! Sein Wort war mehr werth, als ſieben Voten. Auch Vergniauds Hoffnung, die Hinrichtung unmög⸗ lich zu machen, durch die Verurtheilung zum Tode des Königs Blut zu retten, erwies ſich als eitel. Die Gewalt der Umſtände, die ihn bisher gedrängt hatte, wirkte noch weiter: die Jacobiner waren bereits in der Uebermacht, die Girondiſten mußten wohl oder übel ihnen folgen, um nicht zu zeigen, daß ſie nicht mehr die Herren der Situa⸗ tion ſeien. Die Hinrichtung des Königs wurde ſogleich dekretirt. Malesherbes brachte dem unglücklichen Ludwig dieſe Nachricht ins Gefängniß. Er, der ſilberlockige Greis, ſank vor dem König auf die Knie, Thränen rollten über ſeine Wangen; ſeine Lippen ſprachen kein Wort— aber ſein Schweigen ſprach. Der König begriff ihn; er zog den greiſen Freund an ſeine Bruſt und tröſtete ihn. Der Convent geſtattete ihm, ſich einen Seelſorger zu wählen und von ſeiner Familie Abſchied zu nehmen. Ma⸗ lesherbes ſuchte den verlangten Prieſter auf; der König kam am Abend vor ſeinem Tode noch einmal mit der Kö⸗ nigin und ſeinen Kindern zuſammen. Am frühen Morgen des 21. Januar 1793 wirbelten 63 die Trommeln in allen Stadtvierteln; die Nationalgarden marſchirten auf; zahlreiche Gendarmerie und Kanonen, eine Unzahl Cavallerie und Infanterie ſtellten ſich auf dem Hofe des Temple auf. Ein paar Stunden ſpäter verließ der König, gefolgt von Gensdarmen und Municipalbeamten, ſein Gefängniß, beſtieg den offenen Wagen mit ſeinem Beichtvater und be⸗ reitete ſich zum Tode vor. Sechzig Tambours ſchlugen einen betäubenden Marſch vor ihm her. Eine Armee von Infanterie, Cavallerie und Artillerie umgab den Wagen. Sonſt waren die Straßen menſchenleer; denn ein Befehl der Gemeinde hatte Jedem, der nicht zur bewaffneten Macht gehörte, verboten, ſich auf den Straßen zu zeigen, durch welche der Zug ging. Der Himmel war neblig und dick; ein kalter Wind wehte durch die düſteren Straßen, an deren Mün⸗ dungen überall Kanonen ſtanden, Kanoniere mit brennen⸗ den Lunten dabei. Die Stille war tief wie der Schreck der Meiſten. Niemand ſprach ein Wort, Niemand verrieth mit einem Blick, was er dachte, denn man wußte nicht, ob der Nachbar ein Spion ſei. Der König, im Hintergrund ſeines Wagens kaum ſichtbar, trug einen braunen Rock, ſchwarzſeidene Hoſen, eine Weſte und weiße Strümpfe. Sein Haar war auf⸗ gewickelt unter ſeinem Hute. Das Getöſe der Trommeln, der fahrenden Kanonen und Munitionswagen, der Pferde und Waffen hinderte ihn, ſich mit ſeinem Beichtvater zu unterhalten. Er las ſtill im Gebetbuch. Plotzlich hemmte eine anſtauende Bewegung den Marſch des Hinrichtungszuges. Mehrere junge Leute brachen hervor und ſtürzten auf den Wagen des Königs mit Säbeln in der Hand.„Zu uns!“ riefen ſie.„Zu uns, wer den König retten will!“ Niemand folgte ihnen und die Verwegenen benutzten die allgemeine Verwir⸗ rung, um zurück zu fliehen, verfolgt von Gendarmen, die Einige davon auch mit ihren Säbeln niederhieben. Der Zug ging weiter über den Revolutionsplatz. Ein Sonnenſtrahl brach durch die Nebel und beleuchtete die ungeheure Menge, welche hier rings um die Gulllo⸗ tine ſtand. Dieſe Guillotine ragte mit ihren blutbeſtriche⸗ nen Pfoſten empor über das Volk und der Henker lauerte. Der König war zwei Stunden gefahren. Jetzt er⸗ hob er ſich mit großer Seelenruhe und ſtieg vom Wagen. Drei Henkersknechte umgaben ihn und wollten ihn am Fuße des Schaffots der Kleider, wie üblich, entledigen. Der König ſtieß ſie mit einer ſonſt nicht eigenthümlichen Majeſtät zurück, zog ſelber ſeinen Rock aus, nahm ſeine Halsbinde ab und ſtreifte ſein Hemd herab. Die Scharfrichter wollten ihn jetzt binden.„Nicht binden!“ verſetzte Ludwig, innerlich empört über dieſe Zumuthung.„Nein, nein! Ich werde das nie zugeben! Thut Eure Pflicht, aber binden ſollt Ihr mich nicht!“ 65 Die Henker beſtanden indeſſen darauf und ſchickten ſich an, dem Könige gewaltſam die Stricke umzulegen. Da ſeufzte der unglückliche Mann, warf einen Blick des Vor⸗ wurfs und der Ergebung zugleich gen Himmel und bot den Knechten ſeine Hände.„Macht was Ihr wollt,“ ſagte er dabei,„ich werde den Kelch bis auf die Hefe leeren.“ Er ſtieg, geſtützt auf den Arm des Prieſters, die ho⸗ hen, ſchlüpfrigen Stufen des Schaffots hinan. Oben an⸗ gelangt, ging er feſten, faſt ſtolzen Schrittes an der Guil⸗ lotine vorüber, dem Rande zu, von wo aus er in die Burg ſeiner Ahnen, in die Tuilerien ſehen konnte, in de⸗ nen auch er als König gewohnt. Er winkte, und unwill⸗ kürlich hielten die Tambours mit Trommeln ein. „Volk!“ rief der König im Opferkoſtüm hinunter in die ſtill daſtehende Menge;„Volk! Ich ſterbe un chuldig an allen Verbrechen, deren man mich bezüchtigt. Ich ver⸗ zeihe den Urhebern meines Todes, und ich bete zu Gott, daß das Blut, welches Ihr vergießt, nie über Frankreich komme..... Furchtbarer Trommelwirbel erſtickte ſeine Worte. Der König ſollte nicht weiter reden... Er kehrte lang⸗ ſam zurück und überlieferte ſich den Scharfrichtern, die ihn ans Brett banden. Einen Augenblick ſpater ward es vor⸗ vorgeſchoben, das Fallbeil ſchnitt durch den königlichen Hals, der Henker zeigte den Kopf des einſtigen Königs von Frankreich dem ſtummen, regungsloſen Volk und be⸗ 1861. 15. Apoll von Byzanz. II. 5 66 ſpritzte mit dem quellenden Blut des Halſes die Pfoſten der Gulllotine. Eine Menge Menſchen ſtürzten nun aufs Schaffot, tauchten die Spitzen ihrer Säbel und Piken in das bour⸗ boniſche Blut und ſchwangen ſie fanatiſch mit dem Ge⸗ ſchrei: Es lebe die Republik. Es ſchlichen unten Frauen und Männer ans Schaſ⸗ fot und tauchten ihr weißes Sacktuch in das herabtrö⸗ pfelnde Blut des Königs, ein Zeichen der Pietät und Trauer, wie die Handvoll Erde iſt, welche man auf den Sargdeckel eines theuren Todten wirft. Auch Jean Collier, der Gärt⸗ ner, tauchte ſein Tuch in dies Blut und ging dann fort. Die Salven der Artillerie verkündeten weithin, daß der König enthauptet ſei. Die Maſſen verliefen ſich ſchwei⸗ gend, die Straßen leerten ſich; einzelne Banden jauchzten und ſangen, aber die Stadt blieb ſtumm und das Volk antwortete nicht auf ihren Jubel: es ſchämte ſich. Die Leiche des Königs aber ward in einem Karren nach dem Magdalenenkirchhof geführt und dort neben an⸗ deren Leichen in eine Kalkgrube geworfen, um ſie ſchnell verweſen zu machen. Als die letzte Compagnie vom Revolutionsplatz ab⸗ marſchirte, ſah man an der Brücke nach den Tuilerien Vergniaud düſter und in Sinnen verſunken ſtehen. Ein junger Mann trat aus dem Garten hervor an ihn heran. 67 „Nun, Vergniaud,“ ſagte er ernſt,„haſt Du geſehen, was geſchah?“ Der Girondiſt blickte auf, ſeufzte und ergriff Andre Cheniers Hand. „Mein Freund,“ entgegnete er wehmüthig,„ich habe meinen eigenen Tod mit angeſehen! Ich habe mein Spiel verloren und für dieſen Kopf, der zur Schande der Re⸗ publik fiel, werden auch die unſrigen, aber ihr zur Ehre fallen.“ Sie gingen Beide ernſt und ſchweigend über den Pont neuf. Auf der Brücke begegnete ihnen die häßliche, ſchmutzige Geſtalt Marat's und er lachte höhniſch nach ihnen hinüber. Fünftes Kapitel. Im Theater. Vierzehn Tage ſpäter wurde„Fenelon“, das neue Trauerſpiel Marie⸗Joſeph Cheniers, aufgeführt. Gerade ein Jahr zuvor war in denſelben Näumen„Cajus Grac⸗ chus“ von ihm gegeben worden, jene Tragödie, welche ſo ſehr den Unmuth der Jacobiner erregt hatte. Die Geſetz⸗ lichkeit, welche der gefeierte Dichter„Karls IX.“ darin verherrlicht, der Abſchen vor der Anarchie und dem Blut⸗ 5*⅔ vergießen, dem er damals Worte geliehen, hatte ſeinen Credit bei der fanatiſchen Jacobinermaſſe ziemlich erſchüt⸗ tert.„Fenelon“ ſollte es noch mehr thun. Marie⸗Joſeph Chenier war ein Republikaner im Sinne Vergniauds, aber von eben ſo ſchwachem Charakter wie dieſer. Er verabſcheute die Roheit, die Anarchie und das Blut; aber er entſchuldigte, was geſchehen, und glaubte noch immer, mit den Blumen ſeiner Poeſie den Krater der Revolution ſchließen zu können. Mehr Dich⸗ ter als Politiker, ſaß er im Convent, ohne zu glänzen, oder einer der Parteien eine beſonders eifrige Unterſtützung zu widmen. Er diente der Revolution durch ſeine Oden und Hymnen und Tragödien und ſuchte in die en, nachdem ihn die Revolution erſchreckt hatte, zur Mäßigkeit und zum Edelſinn, zu den hohen Bürger⸗ und Menſchentugenden zu ſprechen. So ſtand er, obgleich noch immer im Um⸗ gang mit den Jacobinern, Freund Robespierres und Dan⸗ tons, mit ſeinem Bruder in viel größerer Harmonie, als öffentlich zu merken war; denn was André rückſichtslos und muthig den Jacobinern entgegenſchleuderte, das ſagte ſich Marie⸗Joſeph nur im Geheimen, während er laut eine revolutionäre Leidenſchaftlichkeit an den Tag legte, die nur erkünſtelt war. Er beſaß unſtreitig weniger Muth als André und bei mehr Eitelkeit auch Furcht vor ſeinen Freun⸗ den, die der Republik zu Liebe nicht anſtanden, ihre per⸗ ſönlichen Gefühle zu opfern und einen Verdächtigen und 69 Gemäßigten aufs Schaffot zu ſchicken. Er hatte nur den Muth, an ihre Großmuth und ihren Edelſinn durch Bei⸗ ſpiele zu appelliren; wenn's nicht gelang, tröſtete ſich der Dichter damit, zu gelegenerer Zeit glütklicher zu ſein. Er ſaß in einer kleinen Loge, nahe an der Bühne, mit einigen vertrauten Freunden und Freundinen. Der zweite Akt war bereits zu Ende, und trotzdem Monvels Spiel vorzüglich war, zeigte ſich im Publikum eine Kälte, die den Dichter verdrießlich und ängſtlich machte. Er neigte ſich zu einer Dame von überraſchender Schönheit und flüſterte ihr zu: „Ich habe kein Glück mehr, Camilla; das Stück wird mehr Feinde machen als Freunde.“ „Das iſt möglich, mein Freund,“ antwortete die Dame ernſt;„Du bringſt würdige Prälaten auf die Bühne, Dein„Fléchier“ ſpricht für Religion, Dein„Fenelon“ für die Tugend und Milde— kannſt Du Dich wundern, daß Du kein Glück damit machſt?“ „O, Camilla, ich wollte in dieſen finſtern und ſtür⸗ miſchen Tagen, wo ſchlechte Bürger ungeſtraft Mord und Raub predigen, die Stimme der Menſchlichkeit ertönen laſſen.“ „Schwärmer! Und Du ſiehſt Marat unten im Par⸗ terre und Robespierre dort drüben in der Loge! der halbe Jacobinerklubb iſt hier und Du wunderſt Dich, daß das Publikum nicht klatſcht und Beifall ruft. Es würde es 70 thun, mein Freund; aber die Anweſenheit dieſer Männer ſchüchtert es ein. Wer heute klatſcht, kann ja morgen auf die Guillotine gehen.“ Marie⸗Joſeph ſchwieg. In dieſem Augenblick trat von der Bühne her durch eine kleine Treppe Monvel in ſeinem Coſtüm in die Loge. Er zuckte die Achſeln, als wolle er ſagen, daß er keine Hoff⸗ nung auf den Erfolg des Stückes habe. „Weißt Du, Marie⸗Joſeph, daß dies die undank⸗ barſte Rolle iſt, die ich je geſpielt?“ meinte er, indem er ſich neben ihn ſetzte.„Das Stück iſt ſchwach, Beſter, und nicht zeitgemäß. Du predigſt Moral— welche Thorheit, wo man Wuth predigen muß. Ah, Du verſtehſt nicht mehr Schritt zu halten.“ „Nicht wahr, Monvel?“ ſagte ein ältlicher Herr, dem man den langjährigen Militair anſah.„Hab's ihm auch ſchon geſagt— kein Schwung, kein Feuer! Sacre- bleu! Was war der Karl IX. für ein Werk dagegen! ˙s ging Einem eiskalt über’n Leib, als dieſer Tyrann den Mord befahl!“ „Schonung, Schonung!“ rief Camilla lächelnd. „Eure Kritik macht unſern Freund ganz unglücklich.“ „Bah!“ verſetzte Monvel.„Unſer Freund ſetzt ſich leichtſinnig in den Geruch eines Reaktionärs und mich mit.“ „Ah, Monvel,“ warf Chenier ein,„Du ſchreibſt ein 71 paar Deiner furchtbaren Stücke und Dein Ruf iſt wieder rein. „Das werde ich auch, das werde ich auch— im näch⸗ ſten Stück laſſe ich Alles mit Schwert und Pech umkom⸗ men, was reaktionären Anſchein hat. Das kann Dir zum Beiſpiel dienen, Joſeph. Indeſſen,“ fuhr der Schau⸗ ſpieler freundlich fort,„an mir ſoll's nicht liegen; am Ende iſt der dritte Akt glücklicher— auf Wiederſehen!“ Er ging; einige Minuten darauf rollte der Vorhang in die Höhe. Darauf ſchien in einer anderen Loge ein Herr nur gewartet zu haben, um ſich in den dunkeln Hintergrund zurückzuziehen. Er nahm dort auf einem Fauteuil neben einem anderen ſehr ſauber gekleideten Herrn Platz. „Laß uns weiter reden,“ ſagte er dann;„die Auf⸗ führung dieſes albernen Stückes läßt uns unbelauſcht.“ „Meinſt Du, daß man Verräthereien hören würde, wenn man uns belauſchte?“ Robespierre warf dabei einen unheimlichen, ſtechen⸗ den Blick auf Danton, der ihn unbeachtet ließ. Nach einer Weile fuhr Robespierre fort: „Ich traue Keinem. Die Tugend iſt ſelten und der Verrath umlauert uns. Man demoraliſirt unſere Armeen, man wiegelt das Volk auf zur Läſſigkeit und zur Feig⸗ heit!— auch Marie⸗Joſeph Chenier thut's mit dieſem Stück wieder. Die Republik war nie in größerer Gefahr, 72 als jetzt, wo Dumouriez auf die Diktatur losgeht. Das wäre das Ende der Freiheit, wenn der Säbel zur Herr⸗ ſchaft kommen ſollte.“ „Ich reiſe morgen noch nach Belgien— ich werde wachen, verlaß Dich darauf und die Armee muß mit den Söldnern der Tyrannen fertig werden: der Krieg gegen Deutſchland, England, Rußland, Spanien— ha! Robes⸗ pierre, war Frankreich je in größerer Geſahr und mehr dem Ruhme nahe, als jetzt, wo es das Joch der Könige abgeworfen hat? Ich ſage Dir, das Volk iſt eine furcht⸗ bare Kraft; man reiße es aus ſeinem Schlendrian, jage es in die Kanonen und Du wirſt ſehen, es ſchlägt alle Feinde.“ Robespierre lächelte hämiſch. „Du biſt ſehr ruhmgierig,“ meinte er. Er mochte daran denken, daß Danton mit dem Plane umging, ſich zum Diktator zu machen. Seine Verbindungen mit der Armee galten in Robespierre's Augen längſt als Mittel Danton's, ſich die Herrſchaft über Frankreich zu verſchaffen. Danton zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Der Ruhm oder die Niederlage unſerer Armee iſt die Rettung für uns. Aus den Kämpfen, welche im Con⸗ vent geſchlagen werden, wird kein Glück hervorgehen. Die Freiheit muß endlich befeſtigt werden und ſie wird tag⸗ täglich erſchüttert.“ „So lange die Freiheit noch Feinde hat und Ver⸗ 73 räther darauf arbeiten, ſie zu vernichten, ſo lange muß ge⸗ kämpft werden,“ antwortete Robespierre ingrimmig.„Die Girondiſten glauben, daß ſie uns ſicher gemacht, weil ſie den König geopfert— ich kenne ſie, dieſe Verräther, welche danach trachten, uns in Niederlagen zu ſtürzen, die frem⸗ den Truppen ins Land zu bringen, um die Republik zu morden. Ich kenne ſie, Danton, und ſie müſſen unter⸗ gehen, ſoll die Freiheit beſtehen.“ Danton zuckte abermals mit den Achſeln. „Verrath! Verrath!“ rief er verächtlich.„Ewig Ver⸗ rath— wer wird ſich davor fürchten? Marat ſorgt ſchon dafür, daß Verräther gemacht werden.“ Er iſt ein Patriot und tugendhaft; man beſticht ihn nicht. Er ſpricht, wie das arme, gedrückte Volk ſpricht, und ſtreitet ſür dasſelbe!“ „Er iſt ein elender Schurke! fiel Danton heftig ein, „und Du weißt es, daß er es iſt.“ „Ja““, verſetzte Robespierre;„ich weiß es und ver⸗ achte ihn. Aber er iſt eines jener Werkzeuge der Vorſehung, welche in Revolutionen dafür ſorgen, daß ihre Freinde ver⸗ nichtet werden.“ Weil er Dumauriez anzuklagen wagt?“ „a.“ „Weil er die Girondiſten zu Verräthern macht?“ „Ja.“ 74 „Weil er mich und Dich einmal auch wohl als ſolche denunciren wird?“ Robespiere warf abermals einen ſtechenden Blick auf Danton; dann ſagte er gelaſſen:„Ja.“ „Dann haſt Du Recht, Robespierre; er iſt ein großer Patriot!“ antwortete Danton höhniſch. Robespierre ſchien nicht darauf zu hören, ſondern fuhr in ſeiner gelaſſenen Weiſe fort: „Er dient wie wir der großen Sache und Freiheit und Jeder muß vernichtet und der Rache des Volks, das immer gerecht iſt, Preis gegeben werden, der nicht der Sache mehr, ſondern auch ſich dient. Darum wird nicht eher Gefahr und Verrath verſchwinden, als bis ein Wall von Köpfen zwiſchen der Nation und ihren Feinden liegt: die Köpfe der Girondiſten zuerſt. Das Vaterland gehört nicht Einem oder einer Partei; es kommt vor, daß der Menſch glaubt, er habe das Recht, ſich über die andern zu erheben und zu herrſchen: dann iſt er ein Verräther und das Wohl des Staats verlangt ſeinen Tod. Der echte Patriot muß ſeinen Kopf zu jeder Stunde für das Wohl des Vaterlandes opfern, meinſt Du nicht auch ſo, Danton?“ „Du biſt ein tugendhafter Republikaner und Du haſt Recht“, entgegnete Danton ſchnell und überzeugt. In dieſem Augenblick klatſchte ein Theil des Publi⸗ kums einer Seene zu. „Das Stück ſcheint ſich zu beſſern, warf Danton hin 75 und trat an die Brüſtung der Loge.„Bah,“ fuhr er dann fort und wandte ſich wieder zurück,„Marie⸗Joſeph geſällt mir nicht mehr. Mit ſeinem Mangel an Patriotismus iſt ſeine Poeſie zum Teufel gegangen.“ Robespierre entgegnete Nichts; aber nickte wie bei⸗ ſtimmend leicht mit ſeinem Haupt. Der Akt war zu Ende. Ein ſtürmiſcher Applaus erhob ſich, über den hinfort ſich jedoch plötzlich eine Stentor⸗ ſtimme aus dem Partere vernehmbar machte, die rief: „Ruhe! Man ermuntert ſolchen Patriotismus nicht, Das Stück iſt unpatriotiſch! Es gibt keine Schonung! ſo lange Verräther leben!“ „Bravo, bravo!“ tönte die heiſere Stimme Marat's hinterher.„Chenier entnerot uns durch ſeine Verſe. Wir brauchen keine Menſchlichkeit, ſondern Blut!“ Eine tiefe Stille lagerte ſich über das erſchrockene Publikum, welches applaudirt hatte. Es ſchien wie erſtarrt zu ſein. Polternd fiel der Vorhang herunter. An den Seiten ſah man Mehrere bleich und angſtvoll den Saal verlaſſen, um nicht von den Jacobinern im Parterre bemerkt zu werden. Sie ſtanden in der That hier im Hintergrunde des Theaters wie die Herren des Publikums und die Richter des Stückes. Das ganze Parterre war erſichtlich voller Jacobiner, welche ſich mit einem fanatiſchen Stolz als die Freunde, Genoſſen oder Schüler Marat's betrachteten. 76 Marat war hier König, umgeben von ſeinen Adjutanten und einem rückſichtsloſen Volk, das ihm auf den erſten Wink folgte. Wenn ſich irgendwo zeigte, welche Macht dieſer häßliche Mann mit dem gelben, geſchwollenen Ge⸗ ſicht hatte, ſo hier. Er war unſtreitig ein bedeutender Machthaber und Danton wie Robespierre hatten Grund, es nicht mit ihm zu verderben. Denn wie ungeheuren An⸗ hang ſie auch im Volke beſaßen und wie ſtark auch eines Jeden beſondere Partei war, der Chef der eigentlichen Gewaltpartei, des gefährlichſten, leidenſchaftlichſten Volks, war doch Marat, der alle Welt ſchmähte und denuncirte. Er ſtach ſchon unter der Maſſe der ihn umgebenden Jacobiner durch ſein zerlumptes Aeußere ab, wie viel we⸗ niger gegen das impoſante Dantons und das zierliche, faſt kokette Robespierres. Marat trug ſich nicht beſſer und ſchlechter wie im Conventſaal, auf der Triküne wie alle Tage. Seine Kleidung war ein vielfach geflicktes, dunkel⸗ farbiges Camiſol, deſſen Aermel wie bei einem Handwer⸗ ker zurückgeſtreift waren; ferner eine mit Dinte befleckte Sammthoſe, baumwollene blaue Strümpfe, grobe Schuhe, die mit Bindfaden zuſammen geſchnürt waren, ein ſchmutzi⸗ ges und auf der Bruſt offenes Hemd, ein breitrandiger runder Hut, deſſen Krämpe bis auf die Schultern reichte. Die Perſonifikation der roheſten Wildheit konnte nicht anders ſein und das Geſicht paßte vollkommen dazu. Sein Kopf war ſo dick, daß er zu der äußerſten Schmächtigkeit 77 ſeines Körpers im Mißverhältniß ſtand; ſeine Haare kleb⸗ ten an den Schläfen, vielleicht ſeit ein paar Tagen nicht gekämmt, und hinten waren ſie mit einem ledernen Rie⸗ men zuſammengebunden. Der über die linke Schulter ge⸗ bogene Hals, die fortwährende Aufregung ſeiner Muskeln, das ſardoniſche Lächeln ſeiner Lippen, die herausſordernde Frechheit ſeines Blickes gehörten zu dieſem eigenthümlichen Typus eines Volksherrſchers, der in der Niedrigkeit ſei⸗ nes Aeußern das Gefühl ſeiner Macht erkennen ließ. Das Geſpräch, welches Marat mit ſeiner Umgebung führte, behandelte faſt dasſelbe Thema, wie das, welches wir zwiſchen Danton und Robespierre in der Loge be⸗ lauſcht haben. Dieſelbe Tendenz waltete in dieſen drei mächtigſten Häuptern der Revoluton, aber in jedem ver⸗ ſcheden, in Danton edler und gemäzigt, in Robespierre lauernd, in Marat roh. Sie wanen eiferſüchtig Einer auf den Andern, und be,onders Danton und Robespierte miß⸗ trauten ſich wie ein paar Nebenbuhler; aber bei alledem folgten ſie einem und dem elben Inſtinkt. Während in der kleinen Loge die beiden Schreckensmänner ihr Geſpräch faſt geheimnißvoll hielten, ſetzte Marat deeſe Rückſi hten gänzlich aus den Augen. Er kannte keine Heimlichkeit, wo es über die Feinde herging; er wußte ſich inmitten ſei⸗ ner Getreuen, im Beſitz der Macht, und mehr und mehr war es bei ihm auch Manie geworden, mit den blut⸗ luſtigſten Drohungen offen hervorzutreten.“ 78 „Haſt Du Danton dort in der Loge geſehen?“ fragte ihn Legendre, einer ſeiner Vertrauten. „Ich wette,“ ſetzte ein Anderer hinzu,„er ſitzt mit Robespierre da drinnen; ich habe die zierliche Friſur des⸗ ſelben vorhin geſehen.“ „Ah,“ krächzte Marat und lachte höhniſch;„das ſind Ariſtokraten, beſonders Danton. Ich habe früher die Dik⸗ tatur für ihn verlangt, ich glaubte ihn dazu fähig. Aber er hat ſich verweichlicht in der Ueppigkeit. Die Beute von Belgien und der Stolz ſeiner Geſandtſchaft zur Armee haben ihn trunken gemacht. Er iſt jetzt ein zu vornehmer Herr, um ſich bis zu mir zu erniedrigen. Camille Des⸗ moulins und Chabot und alle ſeine Schmeichler verachten mich. Aber,“ ſchloß er mit einem Wuthblick nach der Loge, „das Vo k und ich überwachen ſie.“ „Was wird er mit Robespierre reden?“ fragte Le⸗ gendre leiſer. „Ha, mit dem feigen Heuchler,“ murmelte Marat. „Du biſt nicht klug, ihn ſo zu nennen“— raunte ihm Legendre ins Ohr.„Wir brauchen ihn.“ „Ja, wir brauchen ihn,“ antwortete Marat und ſeine tiefliegenden, krankhaft gerötheten Augen blitzten.„Es iſt endlich Zeit, daß wir dieſen„Staatsmännern“ der Gi⸗ rondiſten den Hals umdrehen.“ „Pſt!“ warnte Dubois⸗Crancèé.„Warum ſo laut?“ „Sie ſollen es hören!“ 79 „So werden ſie Dir zuvorkommen.“ „Schreibe ich nicht alle Tage in meinem„Volks⸗ freund,“ daß ſie Verräther ſind, Verſchwörer, Schurken? Und thut man etwas? Schlägt man ihnen den Kopf ab?“ „Nur Geduld, Marat; es entgeht uns kein Feind; doch komm zurück, wo uns von dieſem verblüfften Publi⸗ kum, welches ſich über den„Fenelon“ freuen wollte, nie⸗ mand hört.“ Marat ließ ſich in eine Ecke ziehen. Unterwegs ſchmähte er: „Seht Ihr? der„Fenelon“ iſt auch ſo ein reaktio⸗ näres Stuck. Die Girondiſten verderben die gute Stim⸗ mung des Volks und die Patrioten. Marie⸗Jo eph mag ſich vorſehen! Ich habe ihn lieb, aber er wird verdorben; ſeine Poeſie iſt matt und flach geworden und klingt wie eine Rede des verfluchten Vergniaud! Dieſe Race von Poeten darf nicht ermuntert werden. Auch dieſer Roya⸗ liſt André Chénier iſt gefährlich, denn er fängt an, eine politiſche Rolle zu ſpielen. Wißt Ihr nicht, daß er jetzt mit Vergniaud verkehrt? Da habt Ihr den Verrath. Der„Apoll von Byzanz,“ das verzogene Kind der ariſto⸗ kratiſchen Weiber, hat den Capet vertheidigt— ich habe ihm einmal etwas Gutes erwieſen,“ brummte er für ſich hinein,„das zweite Mal kommt's nicht wieder.“ Und dann dachte er: auch iſt ſte todt, die ſchöne Marquiſe. Der vierte Akt hatte begonnen. Die Aufmerkſam⸗ 80 keit des Publikums und der Mehrzahl des jacobiniſchen Parterre war der Bühne zugewandt. In einer dunklen Niſche ſtand Marat mit einigen ſeiner Freunde und ihr Geſpräch hatte nichts mit dem Stück gemein. „Unſere Organiſation iſt ſchlechter, wie je,“ meinte Dubois⸗Crancé zu den Umſtehenden.„Bleiben wir noch länger unthätig, iſt Alles verloren; Dumouriez ſteht mit den Girondiſten in Verbindung und trachtet nach der Diktatur: er hat die Armee ſchon gewonnen. Es iſt Zeit, daß wir aufräumen.“ „Nicht wahr?“ ſiel Marat ein.„Der Convent taugt nichts mehr, wir muſſen ihn reinigen, Bürger! Unſere Freunde müſſen ihn zwingen, muthiger zu ſein, dafür laſ⸗ ſen wir ſie die Reichen ausplündern, denn das Vock hun⸗ gert und hat Noch. Iſt es nicht eine Schande, daß dieſe Briſſotins, Föderaliſten, Staatsmänner und anderes giron⸗ diſtiſches Gelichter, uns zu dupiren glauben? Sollen wir zuſehen, wie ſie die Rexublik verrathen? Nein, Bürger! Wir müſſen ſie abich achten.“ „Aber wie?“ fragte Mamin, derjenige, welcher am Septembertage den Kopf der Prinzeſſin Lamballe auf einer Pike umhergetragen.„Sie haben noch viel Anhang, dieſe Heuchler des Patriotismus und der Tugend; wir dürſen nicht anders als ſicher gehen.“ „Sicher, ganz ſicher!“ rief Marat lebhaft.„Man nennt uns Biutfäufer, Mörder, Banditen— nun wohl, 81 verdienen wir dieſen Namen, indem wir das Blut unſerer Feinde trinken! Der Tod der Tyrannen iſt das letzte Ver⸗ nunftmittel der Selaven. Cäſar ward in vollem Senat ermordet; behandeln wir dieſe verrätheriſchen Girondiſten auf gleiche Weiſe und ſchlachten wir ſie auf ihren Bänken, dem Schlauplatz ihrer Verbrechen.“ Mamin machte ſich dagegen anheiſchig, mit einigen ſeiner Anhänger die Girondiſten in ihrer eigenen Wohnung zu ermorden. „Ich ſtimme dem zu,“ ſagte Hubert darauf.„Die geräuſchloſe Ermordung im Finſtern wird das Vaterland eben ſo gut an den Verräthern rächen, und zeigen, daß die Hand des Volkes zu jeder Stunde über den Köpfen ſeiner Feinde ſchwebt.“ „Die Hauptſache iſt, daß das Volk aufſteht und uns hilft,“ verſetzte Marat;„dafr müßt Ihr ſorgen.“ Einer von ihnen fuhr jetzt plötzlich dazwiſchen, als wolle er etwas ſagen, was er vergeſſen hatte. „Und Danton?“ fragte er. Marat zuckte mit den Achſeln. „Was iſt mit Danton?“ „Er iſt uns nöthig zur Hilfe; ohne ihn iſt Alles halb, denn der ganze Jacobinerclubb hängt ihm an. Reizen wir dieſen Löwen nicht, indem wir ihn uͤberſehen, es wäre un⸗ klug. Er muß unſer ſein und mag die Diktatur erreichen.“ 1864, 45. Apoll von Byzanz. II. 6 82 Die Mehrzahl ſtimmte dieſen Worten bei; ſelbſſt Marat nickte. „Wir können Robespierre entbehren,“ ſagte er,„denn er ſchadet uns nicht. Dieſer ehrgeizige Heuchler vermeint, ich durchſchaue ſein Spiel nicht. Er hofft uns Alle zu verderben oder verderben zu laſſen, um allein übrig zu bleiben. Er ſoll ſich verrechnen. Gehen wir mit Danton, ſo ſind wir allmächtig, und wenn er läſſig wird— da wer⸗ den wir ihn anzutreiben oder zu beſeitigen wiſſen.“ Der vierte Akt war jetzt zu Ende. Monvel hatte ſo ergreifend geſpielt, daß ſich im Publikum ein neues Gelüſte regte, zu applaudiren. Aber nur einige Wenige trotzten der allgemeinen Furcht. Von einer der Gallerien rief jetzt Jemand: „Nun? Hat Euch Marat Furcht gemacht? Das Stück iſt gut, Bürger; applaudiret!“ Und als hätte die⸗ ſes muthige Wort den Bann verſcheucht, der über dem Publikum lag, brach es jetzt in ſtürmiſchem Zuruf aus, der von den Gallerien herab bis ins Parkett brauſte. Marat war wie beſeſſen vorgeſprungen. „Ha, das iſt die Gironde, die heut den Berg ſpielt!“ rief er wuͤthend nach oben hinauf.„Hinaus, wer klatſcht!“ „Hinaus! hinaus!“ brüllte das Parterre und eine Menge von Stoͤcken hoben ſich drohend in die Luft. Einen Augenblick ließ ſich das Publikum wieder ein⸗ ſchüchtern. Aber bei dem erſten Signal, welches von oben 83 herab ertönte, ſtimmte es in den Applaus wieder mit ein. Ein ungeheurer Lärmen ertönte; das ganze Publikum ſtand aufrecht, rief für oder gegen, klatſchte oder ziſchte. Marie⸗ Joſeph blickte wie neugierig über die Brüſtung der Loge; Danton ſah ebenfalls eine Weile in dies Getöſe; dann ſtreckte er ſeinen Arm nach dem Orcheſter und rief mit ſei⸗ ner gewaltigen Stimme befehlend hinüber: „Die Marſellaiſe!“ Hundertfaches Echo erſcholl. Marat und die Jaco⸗ biner beſonders ſtimmten in den Ruf nach dieſem Liede ein, und bald war unter dem allgemeinen Verlangen da⸗ nach jedes Geſchrei erſtickt. Das Orcheſter ſtimmte die rauſchende Melodie an; in brauſendem Chor fiel das Par⸗ terre, dann das ganze Publikum ein. Der Vorhang hob ſich; die auf der Bühne ſtehenden Schauſpieler und Schau⸗ ſpielerinnen ſangen begeiſtert die revolutionäre Hymne mit; in wundervoller Leidenſchaft tönte es durch das be⸗ bende Haus: Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! Marchons, marchons! qu'un sang impur Abreuve nos sillons! Als die Marſeillaiſe zu Ende war, begann der letzte Akt des„Fenelon“ unter gehobener Stimmung. Er ern⸗ tete Beifall, ohne daß man diesmal dagegen Oppoſition machte. 6*¾ 84 Zufrieden ging Marie⸗Joſeph Chénier mit Camilla aus dem Theater, gefolgt von ſeinem treuen Tacitus. Hechſtes Kapitel. Die Girondiſten. Was von Marat und ſeinen Genoſſen an jenem Abend in einem Winkel des Theaters verabredet worden, ward gleich darauf ins Werk geſetzt. Marats Journal „Der Volksfreund“ rief das Volk in wahnſinniger Leiden⸗ ſchaftlichkeit zu Mord und Plünderung auf; die Corde⸗ liers bearbeiteten einzelne Sektionen: einige Tage darauf verbreiteten ſich ausgehungerte Mordbanden in den wohl⸗ habenden Vierteln von Paris und begannen zu plündern, Die Girondiſten, ahnend, daß man gegen ſie ſich verſchwore. gingen mit Entſchloſſenheit gegen ihren Todfeind vor; ſie verlangten im Convent das Anklagedekret gegen Marat „das Ungeheuer,“ welches„ſeine Verbrechen mit der Maske des Patriotismus bedecke.“ Marat trotzte frech dem furcht⸗ baren Sturme, der ſich gegen ihn erhob; das Volk auf dem Tribünen beſchützte ihn und der Berg, wenn er ſich auch ſelber empört zeigte über Marats Mordrufe, rettete ihn, weil er der Feind der verhaßten Girondiſten war. Der Kampf zwiſchen Girondiſten und Jaeobinern im 8⁵ Convent war von nun an die Tagesordnung, und Marat war zufrieden, daß er ihn aufgerufen hatte. Seine Lei⸗ denſchaftlichkeit wuchs, je mehr dieſer Kampf ſich erbitterte; die Volksmaſſen, die in ihm ihren Abgott ſahen, fanatiſirten ſich an ſeinem gluͤhenden Haß gegen die Girondiſten, welche mehr und mehr als Verräther an der Republik, als Ver⸗ ſchwörer gegendie Freiheit bezeichnet wurden. Die Umſtände halfen getreulich mit, dieſen Haß des Pöbels gegen die Vertreter der Mäßigung zu fördern. In einzelnen Depar⸗ tements kam es zu offenem Aufſtand gegen den jaeobini⸗ ſchen Convent; halb Frankreich war in Waffen gegen die terroriſtiſchen Machthaber in Paris. Um die allgemeine Erbitterung der Jacobiner zu erhöhen, brachte jeder Tag neue Schreckensnachrichten. Die franzöſiſche Armee erlitt eine Reihe von Niederlagen und Paris ſelbſt war von den deutſchen Truppen mehr denn je bedroht. Dumauriez, der girondiſtiſche Obergeneral der Armee, war, um dem anar⸗ chiſchen Zuſtande Frankreichs ein Ende zu machen, zu den Oeſterreichern übergegangen, um mit ihnen nach Paris zu rücken und der Herrſchaft des Gemeinderaths ein Ende zu machen. Die Donnerſtimme Dantons rief alles Volk zu den Waffen und in den Krieg; eine furchtbare Erhebung in Maſſe fand ſtatt; die Appelltrommel wirbelte tagelang durch die Straßen von Paris; Schrecken, Wuth und Rache⸗ durſt tobten ſich in lärmender Weiſe aus. Die Gironde wurde als die Ürſache aller dieſer Niederlagen, Verräthe⸗ 86 reien und Gefahren bezeichnet; Marat denurzirte ſie tag⸗ täglich und ſchon forderte das Volk in Deputationen die Verhaftung, ja den Tod der Häupter der Girondiſten. Marat betriob die Verſchwörung gegen ſie mit einer thieriſchen Wuth. Die Umſtände hatten verhindert, daß er bisher ſeinen Mordanſchlag gegen ſie zur Ausführung hatte bringen können. Jetzt bezeichnete er ſeinen Genoſſen zwei⸗ undzwanzig Girondiſten, voran Vergniaud, um ſie zu morden.— Es geſchah ſo offen, ſo unvorſichtig, daß die Giron⸗ diſten Nachricht davon erhielten. Einer warnte den An⸗ dern; die meiſten hielten ſich des Nachts von ihren Woh⸗ nungen fern; ſie ließen im Convent Maßregeln zu ihrer Sicherheit ergeifen und viele von ihnen gingen ohne Waffen in der Taſche nicht mehr aus. Die Gefahr, in welcher ſie ſchwebten, und die allge⸗ mein bekannt war, ließ alle edleren und gemäßigteren Geiſter bangen. Inſtinktartig oder mit Bewußtſein fühlte Jeder, daß die Vernichtung dieſer Partei durch die Blut⸗ gier Marats auch Frankreich in entſetzensvolle Zuſtände ſtürzen müſſe. Die Girondiſten wurden mit einem Male mehr als eine Partei; die Männer des Patriotismus, der Ordnung, der Hoffnung, hielten im Geheimen zu ihnen und ſuchten ſie zu retten. In verblendetem Edelmuth und in der ſorgloſen, noblen Nachläſſigkeit und der Ünſchlüſſigkeit, welche die 87 Girondiſtenpartei auszeichnete, verachteten ſie die Warnun⸗ gen und thaten ſie nichts, der Gefahr zu entfliehen. Sie wollten gegen Mörder keinen Krieg führen und ſie glaubten feige zu ſcheinen, wenn ſie ſich vor den Dolchen ihrer Feinde ſchützten. In einem kleinen Landhauſe bei Paris verſammelten ſich die Häupter dieſer Partei und einige vertraute Freunde des Abends, um zu berathen, was zu thun, ſich wieder zu entfernen, ohne etwas beſchloſſen zu haben, wartend auf den nächſten Tag, ob der ihnen neue Gefahren bringe. Man drang in Vergniaud, etwas zu thun, die immer noch mächtige Partei zu organiſiren und einen Staatsſtreich zu unternehmen; der edle Mann, von Unſchlüſſigkeit er⸗ füllt, ging an einem Abende im April ſinnend und aufge⸗ regt in ſeinem Zimmer auf und ab. Er war zu ſtolz ge⸗ weſen, ſeine Wohnung zu verlaſſen, um den Mördern zu entwiſchen. Ein Militair ſaß düſter in der Ecke eines Canapee und beobachtete Vergniaud, der lange, lange Minuten ſchweigend das Zimmer durchmaß. „Ich kann nicht,“ ſagte er endlich, indem er vor dem General ſtehen blieb.„Ich will lieber ermordet werden, als Mörder ſein.“ Der General ſtand heftig auf; ſein Säbel klirrte wild auf dem Boden des Zimmers. „So ſeid Ihr denn verblendet und geht in neue Ver⸗ 88 derben, ohne Euch retten zu wollen? Pahl ſtieß der Gene⸗ ral heftig hervor,„Ihr ſeht nur immer Euch und nie Frank⸗ reich. Ihr ſeid ſo eitel, daß ihr noch im Sterben die Ele⸗ ganz bewahren wollt und darüber vergeßt, daß Euer Un⸗ tergang auch Frankreichs Verderben iſt. Nach euch herrſcht das Blut, ein Marat, ein Robespierre, und, morbleu, Ihr könnt ſie vernichten. Ich habe es ſatt, die Gräuel der Ja⸗ kobiner auszuführen— ein Wort, Vergniaud, und ich rücke mit meinen getreuen Regimentern vor den Convent und laſſe die Jacobiner von den Sitzen weg arretiren.“. Vergniaud ſchüttelte den Kopf. „Man ſoll nicht ſagen, Weſtermann,“ entgegnete er,„wir hätten unſere Gewalt mißbraucht. Sie ſollen nur kommen, wir werden ſie im ehrlichen Kampfe beſiegen.“ „Es iſt nicht wahr!“ rief Weſtermann heftig.„Man bekämpft Euch nicht mehr ehrlich, ſondern man hat ſich verſchworen zu Eurem Untergang. Jeder Tag kann Euch umbringen.“.. „So breche er an der Tag!“ ſagte Vergniaud verächt⸗ lich.„Ich weiß wohl, daß Marat Mörder gedungen hat; aber Marat handelt nicht aus ſich ſelbſt und ich kann mir nicht denken, daß Robespierre und Danton, ſeine Herren, zu Dolchen greifen.“ „Verblendeter!“ ſchrie Weſtermann.„Siehſt Du denn nicht, daß Danton Dich und Euch retten will? Aber Ihr ſtoßt ihn zurück, und ein Wort, ſo iſt er Euer.“ 89 „Wer? Danton?“ „Ja, Danton: er war's, der Euch warnen ließ; er iſt's, der im Convent Euren Angriffen mit Großmuth entgegentritt, um das Verderben von Euch abzuhalten, Euch zu zeigen, daß er mit Euch gehen will.“ „Unmöglich!“ rief Vergniaud.„Und wenn es wäre, ſo geſchähe es, um ſich auf unſere Schultern zu ſchwingen und Diktator zu werden.“ „Wär' das ein Unglück?“ fragte General Weſter⸗ mann. „Ja,“ verſetzte Vergniaud ruhig.„Danton bezeich⸗ net das Blut der Septembertage.“ Weſtermann ergriff ſeinen Hut und ſagte barſch: „Ihr kennt Danton nicht— ſeht Euch vor, daß Ihr den Löwen nicht reizt; dann ſeid Ihr verloren.“ „Sei es. Die Revolution wird gleich Saturn alle ihre Kinder verſchlingen.“ Weſtermann brummte einen Fluch zwiſchen den Lip⸗ pen und entfernte ſich mit kurzem Gruß. Vergniaud blieb zufriedener, als vorher zurück. Einige Stunden ſpäter war Vergniaud beim Herzog von St. Aignan in Verſailles, wo ſich auch Andrè Che⸗ nier, Roucher, der Marquis Paſtoret und der alte Parla⸗ mentsrath Michauld befanden. Hier war gewiſſermaßen der Ort, wo die Royaliſten ihre Verbindung mit den Gi⸗ rondiſten bewerkſtelligten; denn bei der gemeinſamen Ge⸗ 90 fahr, die Allen drohte, war die Frage nach dem ſpeziellen politiſchen Glaubensbekenntniß längſt unterdrückt worden. Man ging für Mäßigung, Ordnung und Geſetzlichkeit vorläufig zuſammen; was ſpäter erfolgen werde, darum kümmerte man ſich jetzt nicht. Wie die Royaliſten da⸗ mals von der Gironde die Rettung des Königs erwartet hatten, ſo hofften ſie jetzt, trotz aller Enttäuſchung, von ihr die Rettung vor dem blutgierigen Regiment Marats und ſeiner Genoſſen. André Chenier war der eigentliche Träger dieſer Vermittlung geworden. Er ſetzte alle Hoffnung auf Ver⸗ gniaud, mit dem er in das innigſte Freundſchaftsverhältniß getreten, und hörte nicht auf, ihn zu größerer Energie an⸗ zuſpornen. Das war denn auch hier im Salon des Her⸗ gogs von St. Aignan die Triebfeder des Geſprächs. Ver⸗ gniaud wurde beſtürmt, endlich im Convent offen hervor⸗ zutreten und die Anſchläge ſeiner Feinde zu enthüllen, Ma⸗ rat dadurch in Anklagezuſtand zu verſetzen. Man zweifelte nicht, das der Convent darauf eingehen würde. Vergniaud verſprach es; aber er verſprach es mit der Miene eines Menſchen, der ſein perfönliches Gefühl des Stolzes nicht durch das Gebot der Klugheit verletzt ſehen will. Als Vergniaud beim Nachhauſegehen Andre den In⸗ halt des Geſprächs mit Weſtermann mittheilte, machte ihm dieſer die heftigſten Vorwürſe, deſſen Anträge abge⸗ lehnt zu haben. 91 Vergniaud ſchüttelte wieder ſein Haupt und ſagte: Weſtermann meinte es gut; wir meinen es noch beſſer, indem wir ihn eines Verbrechens überheben.“ „Und Danton?“ „Dantonbeleidigtuns, Chenier. Er ſchüchtert uns heut ein, und beſchützt uns morgen. Er will uns dankbar machen und uns furchtbar ſein. Wir wollen dieſe Ueberlegenheit nicht anerkennen; wir ſind mächtig genug, auch ohne ihn zu ſiegen. Und dann iſt er der Urheber der September⸗ morde— mit ihm iſt eine Gemeinſchaft für uns nicht möglich.“ Chenier gedachte der Scene in der Salpetrière, wo Danton dem Morden Einhalt gethan und ihn mit Vale⸗ rien entfliehen ließ. „Danton,“ entgegnete er,„iſt eine edle Natur, die ſich verirrt, aber jeden Irrthum wie jedes Blut, das er fließen läßt, bereut. Verkenne ihn nicht, Vergniaud, und vor Allem benutze ihn jetzt, wenn er ſich mit Dir verbin⸗ den will.“ Vergniaud lehnte es ab und ſo ſchieden Beide von einander. Aber André trug einen Gedanken mit in ſeine Wohnung, der ihm den Schlaf raubte. Am anderen Morgen war er früh bei Danton. Es war das erſte Mal, daß er mit dieſem Manne ſeit einem Jahre wieder ein Wort wechſelte; es war auch das erſte Mal, daß er anders mit ihm ſprach, als in Vorwürfen 92 und Angriffen. Er wollte ihn und Vergniaud vereinigen; er ſagte es unumwunden dem mächtigen Chef des Jaco⸗ binerelubbs. Danton runzelte die Stirn. „Warum zögern ſie, wo ihnen das Meſſer an der Kehle ſitzt?“ rief er.„Ihr Stolz iſt Wahnſinn, denn wenn ich aufſtehe und rede, ſo kann ich ſie vernichten. Wo ich ſtehe, da iſt der Sieg. Ja, ich will nicht des Verderben dieſer Männer; ich will ſie nicht dem Schuft von Marat überliefert ſehen und durch ihren Untergang Robespierre ſich zum Diktator machen laſſen. Ihr Untergang iſt auch der meinige vielleicht. Und dieſe Thoren: tagtäglich grei⸗ fen ihre jungen Feuerkoͤpfe auf Ordre der Frau Roland, der Führerin dieſer Partei, mich im Convente an, und ich bin gelaſſen genug, ihnen nicht zu anworten. Sie ſollen die Hand nehmen, die ich biete, und wir zerſchmettern dieſe gemeine Rotte, welche die Janitſcharen der Guillotine zu Herren von Frankreich machen will. Nehmen ſich mich, ſo haben ſie einen Mann anſtatt der koketten Frau Roland; ſie habe durch mich eine Macht des Willens und der Ei⸗ nigkeit, die ihnen Vergniaud und die anderen Führer der Girondiſten nicht geben werden. Auch ich bin Patriot und darum will ich mit ihnen gehen. Mit ihnen zuſammen er⸗ drücken wir die Anarchie im Herzen Frankreichs, wir werfen das Volk über die Grenzen und ſchlagen die Feinde. Wir ſchlagen ſie, ſage ich, weil wir müſſen und der Franzoſe 93 ſtegen muß, wenn ihn die Leidenſchaft des Ruhmes er⸗ 7 André blickte erſtaunt auf dieſen Mann, den man zu einem Schrecken der Nation ſymboliſirt hatte. Er fühlte, daß Danton wahr geſprochen und ein Herz in ihm ſchlage, welches auch eine herrliche Fülle der edelſten Gefühle barg. Er entgegnete: „Ich werde Dich mit Vergniaud zuſammenbringen, wenn Du willſt.“ „Du? Nun,“ fuhr Danton plötzlich auf,„wer biſt denn Du mit einem Male, Du„Apoll von Byzanz,“ den man ſonſt nur auf den Ruinen Griechenlands träu⸗ mend gefunden, höchſtens ſchwärmend für ein ſchwarzlocki⸗ ges Weib der Ariſtokratie?“ Chenier erröthete und ſchwieg, als wolle er mit ſeiner Antwort den Mann nicht kränken. Danton ſchien dies zu merken, und meinte nun in anderem Tone: „Ja, Chenier, mich wundert's, daß Du Dich plötzlich zum Diplomaten machſt. Ich glaubte, Du habeſt aller Politik entſagt und lebteſt mit jener Dame Deines Her⸗ zens, welche Du aus der Salpetrière befreiteſt, in ſüßer Verborgenheit.“ „Schweig davon, Danton,“ erwiderte Chenier ernſt; „ihr Tod gab mich dem Vaterlande wieder— genug, ich ka mpſe wie ich kann gegen die Mordgier und den Jaco⸗ 94 binismus. Ich kämpfe auch gegen Dich. Aber Du willſt mein Feind nicht mehr ſein, Du willſt mit Vergniaud ge⸗ hen— gut, ſo ſeien wir Freunde, und ich werde Dich mit Vergniand vereinigen.“ „Bahl! rief Danton barſch.„Weſtermann ſprach geſtern ſchont mit Vergniaud— er mag mich nicht.“ Und dann fuhr er ernſt und bitter fort: Ihr Haß gegen mich richtet ſie zu Grunde und wird mich vielleicht nach ihnen zu Grunde richten. Sie wiſſen nicht, was ſie zurück⸗ ſtoßen.“ „So komm heut Abend zu Guadet und verhandle Aug in Auge mit den Girondiſten. Ich werde es ihnen mittheilen.“ „Auch das noch,“ antwortete Danton entſchloſſen. „Auch das noch! Ich will ihnen zeigen, daß ich's ehrlich meine, denn ich bin Danton. Heut Abend werde ich bei Guadet ſein.“ Chénier verließ Danton zufrieden; er hoffte, die per⸗ ſönliche Begegnung und Beſprechung desſelben mit den Gi⸗ rondiſten würde die Verſöhnung zwiſchen ihnen leichter er⸗ möglichen. Er täuſchte ſich. Zwar kam Danton zu Guadet und die Beſprechung mit Vergniaud und einigen anderen Häuptern der Girondiſtenpartei fand ſtatt; aber ohne Erfolg. Sie erwiderten Dantons Zuvorkommenheit mit Verachtung und der beleidigte Mann nahm ſich vor, ihnen zu zeigen, wie furchtbar er ihnen ſein könne. Es ſollte das — 6 95 letzte Mittel ſein; denn er war zu ſehr Staatsmann, um an ihrem Sturze gefliſſentlich mitzuarbeiten. Als einer der Girondiſten in der nächſten Sitzung des Convents ihn, um die eigene Partei zu vertheidigen, unkluger Weiſe der Mitſchuld an Dumouriez Vorrath be⸗ ſchuldigte, erhob ſich Danton zornig und murmelte ingri⸗ mig den Freunden Robespierres zu, indem er die Fauſt drohend nach den Girondiſten zu ſchüttelte:„Die Schur⸗ ken, ſie möchten gern ihre Verbrechen auf uns ſchieben.“ In donnernder Rede tönte er dann von der Tribüne ſeinen Zorn aus; furchtbares Jubelgeſchrei Marats und des Ber⸗ ges begleitete ſeine Streiche auf die Girondiſten; Wuth⸗ und Zornansbrüche der Girondiſten ſuchte die nieder⸗ ſchmetternde Rede des Gereizten zu unterbrechen. Aber vergeblich— dieſe einzige Stimme in ihrer gigantiſchen Kraft tönte über allen Lärm hinfort.„Ich glaube,“ ſchloß Danton,„daß kein Waffenſtillſtand mehr möglich iſt zwi⸗ ſchen den Berg und Patrioten, welche den Tod des Tyran⸗ nen wollten, und den Feiglingen, welche in der Abſicht, ihn zu retten, uns in ganz Frankreich verleumdet haben.“ Das war das entſcheidende Wort, welches Danton bereute, als er es geſprochen. Aber es war zu ſpät, der Bruch gethan: jetzt erkannte auch Vergniaud, welche Un⸗ klugheit es geweſen, Danton zurückzuſtoßen. Am Abend dieſes heißen Tages war er wieder bei Herrn von St. Aignan.„Unglücklicher!“ rief ihm André 96 zu.„Die Brücke iſt abgebrochen und Danton ſteht drü⸗ ben bei den Feinden durch Deine Schuld.“ „So laß ihn,“ entgegnete der Girondiſt düſter;„wir rüſten uns nun zur Schlacht. Fallen wir— was thut's? Die Ehre haben wir gerettet.“ Von dieſem Tage an ſank die Macht der Gironde ſichtlich; Robespierre, der nie angriff, wenn er des Sieges nicht gewiß war und der bisher ſtets geſchwiegen, ver⸗ dammte die Gironde von den Tribünen. Stürmiſche Sitzungen folgten, in denen die Schimpfreden das letzte Mittel bildeten; das Volk drang in den Saal und ver⸗ langte bereits die Anklage gegen Vergniaud und ſeine Genoſſen; die Geſetze, welche verlaſſen wurden, trugen bereits den Stempel der Blutherrſchaft. Man errichtete eine Guillotine für immer; Verhaftungen in Maſſe er⸗ folgten; der Wohlfahrteausſchuß, den man einſetzte, er⸗ hielt eine furchtbare Macht und ſtand ganz unter dem Ein⸗ fluß der enragirteſten Jacobiner. Marat ſeinerſeits, die Triebfeder dieſes ganzen Kampfes, der Hetzer und der Werber für die Mörder der Girondiſten, deren Köpfe noch immer, zu ſeiner Wuth, nicht gefallen ſind, wurde jetzt noch frecher denn zuvor. Er rief das Volk in einer flammen⸗ den Proklamation zu den Waffen, um die„verbrecheriſchen Repräſentanten“ zu ermorden. Die Girondiſten griffen nun zum Aeßerſten. Sie laſen dieſe Proklamation im Convent vor und verlangten 97 das Anklagedekret gegen Marat. Unter furchtbarem Lärm, aber mit großer Mehrheit der Stimmen ward die Anklage Marats beſchloſſen; doch wagte Niemand, ihn zu verhaften; denn das Volk entführte ſeinen Abgott auf den Schultern und wie im Triumphe. Aber das Ereigniß, die Anklage Marats, verſetzte die geſammte Gironde und alle ihre Goͤnner und Freunde in freudige Aufregung. Sie glaubten, der Anklage werde eine Verurtheilung folgen und mit der Niederlage des rückſichtsloſeſten und gemeinſten Feindes auch eine Schwä⸗ chung der Jacobinerpartei herbeigeführt werden. Im Sa⸗ lon der Herzogin von St. Aignan war beſonders großer Jubel über dieſen Sieg der Girondiſten; denn hier wurde er, in Folge der Verbindung, in welcher dieſer Theil der Royaliſten mit den Girondiſten ſtanden, als ein ihnen mitgehörender betrachtet. „Es wird endlich wieder Ruhe werden,“ meinte Frau von St. Aignan zu André, der neben ihr ſaß;„wenn Marat verurtheilt iſt.“ „Ha, dies Ungeheuer wird ſeinen Lohn finden!“ ant⸗ wortete Chenier.„Es handelt ſich nur um Muth.“ „Muth? nahm Roucher das Wort.„Ja, daran fehlt es nicht; aber Einigkeit, Feſtigkeit, Entſchloſſenheit.“ 8*„Zweifle daran nicht mehr,“ meinte André.„Ich ſprach Vergniaud vorhin; er war wie neu belebt und iſt voller Hoffnung. Marat, ſagte er, war mehr als Danton. . 7 1861. 15. Apoll von Byzanz. II. 98 Deſſen Kampf iſt furchtbar, aber ehrlich; Marat indeſſen war ein mordſchmiedendes Scheuſal, deſſen Anklage bedeu⸗ tet, daß das Volk undſelbſt der Berg ihn nicht mehr ſchützen wollen.“ Es war eine eitle Hoffnung, ein Triumph, dem eine um ſo entſcheidendere Niederlage folgen ſollte. Marat's Anklage wurde ſein Triumph. Das Volk führte ihn am nächſten Tage nach dem Convent, Schultern, Arme, Leib und Beine mit Laubgewinden umſchlungen. Der Zug er⸗ ſtürmte die Thüren des Saales und Marat wurde auf den Armen des Volks, die Stirne bekränzt mit Lorbeeren, auf den Berg getragen, empfangen von dem Jubelgeſchrei der Gallerien und der jacobiniſchen Deputirten. „Jetzt,“ rief er ſeinen Freunden zu,„jetzt habe ich die Girondiſten. Sie werden auch im Triumph außziehen, aber nur auf die Guillotine.“ Und dann ſich zu Ver⸗ gniauds Freunden, die ihn in Anglagezuſtand verſetzt hat⸗ ten, wendend, ſchrie er:„Diejenigen, die Ihr verurtheilt, werden vom Volke freigeſprochen; der Tag iſt nicht mehr fern, wo es Gerechtigkeit üben wird an denen, die Ihr als Staatsmänner verehrt.“ Die Girondiſten lächelten verächtlich; ſelbſt Robes⸗ pierre zuckte mit den Achſeln zum Zeichen des Ekels. Aber von einer Verurtheiluug Marats war nicht mehr die Rede. Dagegen ſteigerten ſich die Angriffe gegen die Gi⸗ 99 rondiſten von Tag zu Tag. Anklage auf Anklage ward gegen ſie laut; das Volk beſchimpfte ſie öffentlich und be⸗ zeichnete ſie als Opfer ſeiner Wuth. Wenn die flam⸗ mende Beredſamkeit, welchen ſo Vielen dieſer Partei ei⸗ gen war, hin und wieder auch den Convent begeiſterte und die Größe des girondiſtiſchen Patriotismus und Edel⸗ muthes ihn zur Achtung zwang— Marat brachte am nächſten Morgen neue Anklagen gegen ſie vor und wälzte dadurch die Wuth der Jacobiner von Neuem auf ſie. Es war kein Zweifel mehr, daß man ſie aus dem Convent zu ſtoßen trachtete, um das terroriſtiſche Regiment zu errich⸗ ten. Robespierre hatte ein Intereſſe daran, weil er herrſchen wollte; Danton ließ es geſchehen, ohne Freude daran zu haben; Marat, der Blut wollte, hoffte noch ihre Köpfe unter's Meſſer zu liefern. Seine Verſchwörung gegen das Leben der Girondiſten beſtand noch immer; die meiſten der Bedrohten wußten ſich indeſſen den heimtückiſchen Dol⸗ chen zu entziehen. Vergebens beſtürmten ſie die Freunde, mit Entſchloſ⸗ ſenheit vorzugehen, nicht im Einzelnkampf ihre Macht tagtäglich zu zerſplittern, ſondern durch eine gemeinſame That einen entſcheidenden Kampf herbeizuführen. André Chenier drang unaufhörlich in Vergniaud— der Dichter wiegte ſich noch immer in der Hoffnung, daß die Giron⸗ diſten und mit ihnen die Mäßigung ſiegreich aus ſolchem Kampfe hervorgehen werden. Aber Vergniaud war nach 8 100 wie vor der unentſchloſſene Führer ſeiner Partei. Er er⸗ kannte die Gefahr, in der er ſchwebte, muthvoll blickte er in den Tod— aber er fürchtete eine entſcheidende That, um die Verantwortung für den Untergang ſeiner Partei, den er für ſicher hielt, nicht auf ſich zu laden. Er hatte ſich Danton genähert; aber Danton war nicht mehr Herr der Situation, ſondern Robespierre, welcher Marat be⸗ nützte, um die Gironde zu vernichten. Marat handelte auch. Der Tag des 31. Mai 1793 war von ihm beſtimmt worden, die Girondiſten zu ver⸗ nichten. Niemand hinderte ihn daran; die Gemeinde, welche alle exekutive Macht hatte, ſtand in ſeinen Dienſten. Am 31. Mai früh Morgens ließ man die Barrisren ſchlie⸗ ßen, die Sturmglocken läuten, die Nationalgarden auf⸗ rücken. Kanonen wurden auf den Conventſaal gerichtet. Die bedrohten girondiſtiſchen Deputirten hatten die Nacht nicht in ihren Wohnungen zugebracht. Nur Ver⸗ gniaud war hartnäckig in der ſeinigen geblieben und André Chenier hatte bei ihm gewacht. „Was liegt mir am Leben?“ ſagte er zu ihm. Mein Blut würde vielleicht beredter als meine Worte zur Er⸗ weckung und Rettung meines Vaterlandes wirken. Sie mogen es vergießen, wenn es auf ſie ſelbſt zurückfallen muß. Um ſechs Uhr holten die Freunde, mit Piſtolen und Dolchen bewaffnet, Vergniaud aus deſſen Wohnung ab und 101 gingen nach dem Convent, einen verächtlichen Blick auf die Truppen werfend, durch welche ſie paſſiren mußten. Der vom frühen Tageslicht matt erhellte Saal war noch leer. Danton allein war dort, aufgeregt und angſt⸗ voll, denn er wußte, was erſolgen würde. Er warf auf die eintretenden Girondiſten ein en Blick des Mitleids. „Siehſt Du,“ meinte Louvet zu Quadet,„welch' eine ſchreckliche Hoffnung auf dieſem ſcheußlichen Geſichte leuchtet?“ „Ja,“ rief Quadet, ſo daß es Danton hören mußte; „heute jagt Clodius den Cicero in die Verbannung.“ Drei Tage währte die furchtbare Schlacht der lei⸗ denſchaftlichſten Reden. Die Anklagen häuften ſich, die Vertheidigung der Gironde ſtieg bis zum Angriff. Die beiden eigentlichen Feldherrn, Vergniaud und Robespierre, rangen verzweifelt mit einander— Robespierre ſiegte. Er verlangte das Anklagedekret gegen die Girondiſten, der Convent beſchloß es. Eiinnem großen Theil von ihnen gelang es, in ihre Departements zu entfliehen, um dort gegen die ihnen an⸗ gethane Gewaltthat zu proteſtiren, das aufgeſtandene Volk gegen den nun vollſtändig jacobiniſchen Convent zu führen. Der Convent ließ ſie fliehen; er begnügte ſich noch, ſie von den Bänken des Saales getrieben zu haben. Ein anderer Theil, worunter die Führer der Partei und Vergniaud, wurden in ihren Wohnungen gefangen gehal⸗ 10²2 ten und abſichtlich nachläſſig bewacht. Außer Marat wollte Niemand ihr Blut; man hoffte, ſie würden ihrer beinahe zuverläſſigen Todesverurtheilung ſich durch die Flucht ent⸗ ziehen. Der Convent täuſchte ſich: die Helden blieben und flohen nicht. André Chenier ſcheute ſich nicht, den Bedrohten zu beſuchen. Er hatte eine Hoffnung mit Vergniand getra⸗ gen; er wollte nur mit ihm ihr entſagen. „O mein Freund,“ ſagte er wehmüthig zu ihm, „warum haſt Du die Zeit verſäumt, Deine Macht zu ge⸗ brauchen! Nun iſt Alles verloren und Frankreich iſt der Spielball von Marats ſcheußlichen Blutträumen. Ha, könnte ich erleben, daß ihn die Rache erreicht— Ver⸗ gniaud, dann will ich ſterben ſo ſtolz wie Du.“ Vergniaud lächelte bitter. „Sie werden ſehen, wohin ſie Frankreich bringen, mein Freund. Der Tod von der Hand dieſer Elenden iſt ſchöner, als vor ihnen zu fliehen. Meine Genoſſen haben nicht alle den Muth gehabt, durch ihren Tod noch dieſe Race zu beleidigen. Sie ſind in die Provinzen geflohen und ſchüren den Bürgerkrieg. Aus ihm wird ein Rächer erſtehen, Chénier; aus dieſem Bürgerkrieg wird namen⸗ loſes Weh über Frankreich erſteigen und mit der Freiheit iſt es bald zu Ende.“ Am andern Tage, als Chenier wieder in Vergniauds 103 Wohnung trat, fand er keinen Gendarmen mehr dort, die Wohnung leer. „Wie?“ ſagte er ſich,„ſollte Vergniaud geflohen ſein?“ Er fragte den Concierge des Hauſes und erfuhr, daß Vergniaud in der Nacht ins Gefängniß geführt worden ſei. Seine Familie hatte ſich zu Verwandten geflüchtet. Einige Minuten ſpäter erfuhr er, daß auch die übri⸗ gen Girondiſten, welche in Anklagezuſtand verſetzt und noch in Paris geweſen waren, das Geſchick Vergniauds getheilt hatten. Niedergedrückt und erbittert kehrte er nach Verſailles zurück. „Nun lebe wohl, Hoffnung!“ murmelte er.„Jetzt iſt nichts mehr zu thun. O, daß ich nicht Muth genug habe, den Ekel zu bezwingen, einen Dolch in die Bruſt Marats zu ſtoßen! Der Mord würde Frankreich retten!“ Hiebentes Kapitel. Die Judith von Caen. Ein Theil der berühmteſten Girondiſten war nach Caen und organiſirte von dort aus den Aufſtand der nörd⸗ lichen Departements bis nach der Bretagne hin, wo die 104 Chouans die Truppen des Convents in zahlreichen Kämpfen zurückſchlugen. Dieſe von Marat ſo oft beſchimpften Deputirten verbreiteten hier, wo man ſie ehrte und ſchützte, in ihnen die unglücklichen Helden des edlen Patriotismus erblickte, den Abſcheu gegen Marat im Volke der Art, daß die Jugend, welche ſich rüſtete, die Diktatur des Con⸗ vents zu bekämpfen, einzig und allein nur Marat in ihr vernichten wollte. Danton und Robespierre haßte man nicht, aber Marat war ſo verabſcheut, daß er eine Rache⸗ ſchaar erweckte, welche ſeinen Tod als die Heldenthat be⸗ trachtete, welche ſie zur Ehre Frankreichs zu begehen habe. In einem ärmlichen Zimmer eines alten, dunklen Hauſes von Caen ſaß ein eigenthümliches ſchönes Mäd⸗ chen von etwa vierundzwanzig Jahren in düſtere Schwär⸗ merei geſunken auf ihrem Bett. Es lag etwas Ueberir⸗ diſches in dieſer Erſcheinung, eine unerklärlich beängſtigende Gluth in dieſen ſtolzen, großen Augen. Anmuth und Würde und Niedergedrücktheit bildeten eine ſeltſame, im⸗ poſante Harmonie dieſes hochgewachſenen, ſchlanken Mäd⸗ chens, in deſſen Teint ſich die Gluth des Südens mit dem ſanften Colorit der nordiſchen Frauen miſchte. Die Fülle ihrer Haare, die von beiden Seiten der Stirn herabwall⸗ ten, glänzte in dunkler Pracht udd doch ſchien es, als ſeien die letzten loſen Ringeln ihrer Locken vom Gold der deut⸗ ſchen Frauen durchflammt. Und ſo wechſelte auch die Farbe ihrer Augenz; ſie waren blau, wenn ſie ſann, faſt 105 ſchwarz, wenn aus dem Sinnen der Blitz eines Gedankens emporfuhr. Ueber den griechiſch geſchwungenen Lippen wölbte ſich ihre in der Mitte ſtarke Naſe; Weichheit und Strenge zogen abwechſelnd ihr Bild in dieſen Zügen und aus der ſchwachen Form ihrer keuſch verhüllten Büſte wiegte ſich bald ſanft der Gedanke der Trauer, bald ſtüͤr⸗ miſcher die Idee einer leidenſchaftlichen That. Alles an ihr war ſchmucklos, ſelbſt die Kleidung hatte nichts mit weiblicher Koketterie und mit der Mode gemein. Ein Kleid von dunklem Tuch, nach Amazonenweiſe geſchnitten, umhüllte ſtrenge ihre Formen; ein grauer Filzhut mit auf⸗ geſchlagenen Rändern und ſchwarzen Bändern umwunden, lag neben ihr auf dem Bett. Dies Mädchen war Charlotte Corday, die Tochter eines armen Landesedelmanns, der mit ſeinen übrigen Töchtern unweit von Caen auf ſeinem verkommenen Land⸗ gute lebte. Charlotte wohnte ſeit Jahren ſchon, um des Vaters Armuth zu lindern, in dieſem Hauſe von Caen bei ihrer Verwandten, der armen, betagten, kinderloſen Witwe von Bretteville. Es war noch Anfang Juli. Durch das kleine, geöff⸗ nete Fenſter von Charlottens Schlafgemach wehte die küh⸗ lende Nachtluft hinein und ließ das elende Licht ihrer Lampe flackern. Der Himmel glänzte in wundervoller Sternenpracht herab, und oft, ach, oft richtete ſich das Auge dieſes Mädchens hinauf zu dieſem herrlichen Firma⸗ 106 ment, mit Sehnſucht, Flehen, Demuth und Schwärmerei in einem einzigen wunderbaren Blick. Eine alte Bibel lag neben ihr aufgeſchlagen; ſie nahm ſie von Zeit zu Zeit und ihr Auge brannte dann auf einer Stelle, welche ſie mit Bleiſtift unterſtrichen hatte. Sie richtete jetzt wieder ihren Blick darauf und las dann leiſe, aber pathetiſch mit einer herrlich ſonoren Stimme: „Judith verließ die Stadt, geſchmückt mit wunderbarer Schönheit, die der Herr ihr zum Geſchenk gemacht, um Israel zu befreien.“ Dann ſtand ſie, wie von einem endlichen Entſchluß beſeligt, auf, trat ans Fenſter und lispelte in leidenſchaft⸗ licher Erregung zum Himmel hinauf: „Ja, Du großer Gott, es iſt beſchloſſen! Mein armes Vaterland ſoll durch die That eines Weibes befreit wer⸗ den! Ich will ſein wie die Jungfrau von Orleans und mein Leben, werthlos wie es iſt, hingeben, um dies herr⸗ liche Frankreich aus der Schmach zu befreien, Selaven eines Marat zu ſein. O dieſes Ungeheuer, welches ſein Leben erhält, indem es das Herzblut Frankreichs trinkt— ich tödte es und dann wird die Freiheit wieder hehr und groß und rein die Republik beſchirmen!“ Das ſchwärmeriſche Mädchen griff mit der Hand un⸗ ter das Tuch ſeines Mieders und zog einen Brief hervor. „Der wird mir Einlaß zu der Höhle dieſes Blut⸗ menſchen verſchaffen!“ flüſterte ſie und ſah mit einem weh⸗ 107 müthigen Lächeln auf die Züge der Auſſchrift. Es war der Brief, den ihr Barbaraur, einer der in Caen lebenden ent⸗ flohenen Girondiſten, an einen noch im Convent ſitzenden Deputirten ſeiner Partei auf ihr Bitten gegeben hatte, und in dem er ſie ſeiner Fürſorge in Paris empfahl. Dachte dies Mädchen, welches ſeit Wochen ſtill und allein ſich zu einem Mord begeiſtert hatte, vielleicht an den ſchönen, jungen, feurigen Barbaraux? Als hätte ſie ſich wirklich auf dieſem Abweg ihrer Gedanken ertappt, fuhr ſie plötzlich auf und rief: „Nichts! Nichts! In meinem Herzen ſoll fortan nur ein Gedanke leben. Liebe und Seligkeit ſind nicht für mich— ich muß an den Tod denken, den ich geben will und den ich dann zu erwarten habe. O mein Gott 1“ fuhr ſie dann fort und ſank auf ihre Knie, das bleiche Antlitz zum Himmel gerichtet,„erhöre mein Flehen und gib mir Kraft. Ich weiß, Du willſt nicht, daß ein Menſch durch eines Anderen Hand umkomme; aber Du wirſt mir ver⸗ geben, da ich einen Unmenſchen tödten will, der Tauſende mordet. Ja, ich fühl's, ich bin das Werkzeug Deiner Rache— gib mir Muth, mein Gott, ſtärke mich, heilige Jungfrau, daß ich erbarmungslos und ſicher den Stoß auf dieſe Bruſt richte!“ Sie neigte ihr Haupt und betete ſtill weiter. Von der Kathedrale dröhnte es zwei Uhr. Charlotte Corday erhob ſich, als mahnen ſie dieſe 108 Glockenſchläge zur Beendigung ihrer Zwieſprache mit Gott. Sie legte den Hut auf eine Kommode, eine Zeichnenmappe, einen Band des Plutarch und ein kleines Bündel Wäſche daneben. Dann deckte ſie ihr Bett auf und begann ſich zu entkleiden. „Einige Stunden Schlaf,“ murmelte ſie dabei,„das wird mich ſtärken. Es iſt Zeit, wenn ich um ſechs Uhr gehe, denn ich muß noch von der Tante Abſchied nehmen. Die arme Frau! Sie wird nun keine Stütze mehr an mir haben! Und der Vater? Und die Schweſtern? Nun, ſie werden alle ſtolz ſein, wenn ſie erfahren, was Charlotte gethan: mein Verbrechen wird mein Ruhm ſein, den ich ihnen vermachen kann.“ Sie warf ſich noch halb bekleidet auf ihr Bett und lag einige Minuten im Nachdenken verſunken. Dann ſprach ſie wieder vor ſich hin, als wolle ſie ſich ſelbſt vernehmen laſſen, daß ſie Alles wohl beſorgt habe: „Kein Menſch, kein einziger ahnt, was ich beginnen will und keiner wird es ahnen, als bis die That geſchehen. Es ſoll Niemand durch mich ſterben, als er, um den ich mein Leben hingebe als Sühne. Ich hab' dem Vater und der Schweſter geſtern, als ich in Argentan war, Lebewohl ge⸗ ſagt. Sie glauben mir, was ich ihnen geſagt, daß ich nach England gehe; der gute Vater hat mir dazu ſeinen Segen gegeben. Auch die Tante glaubt's. Mein Gott, die Lüge wirſt Du mir verzeihen— ich konnte ja nicht anders! Sie 109 werden,“ fuhr ſie dann leiſer fort,„alle von mir ein Zei⸗ chen der Dankbarkeit erhalten, wenn ich fort bin, fort zur Rettung Frankreichs. Der alten Magd, die mich als Kind gepflegt, habe ich mein weniges Geld vermacht; meine Freundinen werden die Geſchenke erhalten, die ich gekauft, und die man ihnen übermorgen oder noch ſpäter zuſtellen wird als Andenken an Charlotte Corday, von der ſie erſt wieder hören werden, wenn ſie vielleicht ſchon auf dem Schaffot den Mord an Marat ſühnt. Ja, es iſt Alles gut und für Alle habe ich geſorgt, auf daß ſie wiſſen, wie lieb ich ſie gehabt.“ Ein ſanfter Schlummer kam über ſie, doch ihr Geiſt arbeitete noch eine Zeitlang ſo ſtark fort, daß er ſie zum Sprechen im Schlafe veranlaßte. „Judith,“ lispelten noch verſtändlich die Lippen der Schlummernden,„verließ die Stadt, geſchmückt mit wun⸗ derbarer Schönheit, die der Herr ihr zum Geſchenk gemacht, um Israel zu befreien.“ Die Sonne ſchien ſchon in ihr Zimmer, als ſie er⸗ wachte. Haſtig erhob ſie ſich, kleidete ſich an, ſetzte den Hut auf und nahm Zeichnenmappe, den Plutarch und das Bündel mit Wäſche in die Hände. Dann warf ſie noch einen langen, wehmüthigen Blick auf alle Gegenſtände ihres Zimmers, auf das noch warme Bett, in dem ſie ſo oft geträumt, die Stätte, wo ſie in letzter Zeit den furcht⸗ baren Entſchluß langſam gebildet; auf die Kommode, die 110 Stühle, den Tiſch, die paar Kleider am Riegel... es war der Blick des Abſchieds auf die traute Heimath ihrer Mädchenjahre. Sie legte das Bündel unter die Schwelle der Haus⸗ thür und trat darauf in das Zimmer ihrer Tante, um ſie zum letzten Mal zu umarmen. Frau von Bretteville, ohne Ahnung, daß ihre Nichte fortzureiſen gedenke, fragte ſie, wohin ſie zu ſo früher Stunde gehe?„Zu den Heumähe⸗ rinen aufs Feld, um zu zeichnen,“ war die Antwort Char⸗ lottens. Die alte Frau hatte kein Arg und nahm des Mäd⸗ chens langen Kuß entgegen. Dann verließ ſie Charlotte Corday; ſie nahm ihr Bündel, trat aus dem Hauſe und auf die Straße und gab dem Kinde eines armen Arbeiters, das ihr begegnete und das ſie kannte, ihre Zeichnenmappe. „Hier, Robert,“ ſagte ſie zu ihm dabei,„das iſt für Dich; ſei artig und küſſe mich; Du wirſt mich niemals wiederſehen.“ Und ſie küßte das Kind und es fiel eine Thräne dabei auf deſſen roſige Wange. In der gewöhnlichen Diligence fuhr ſie nach Paris, in Geſellſchaft mehrerer Jacobiner, welche das unbeſchützte Mädchen mit ihren Anträgen verſolgten, ohne ſie jedoch, imponirt durch ihre ſanfte Hoheit, zu beleidigen. Einer von ihnen verliebte ſich ſo heftig in ſie, daß er ſie um ihre Hand bat. Charlotte Corday ſcherzte darüber. 111 Zwei Tage nachher, am 11. Juli, war ſie in Paris und ſtieg in einem kleinen Gaſthof in der alten Auguſtiner⸗ ſtraße ab. Sie that nichts weiter, als daß ſie ſich ſchlafen legte. 4 Am andern Morgen kleidete ſie ſich ſorgfältig an und begab ſich nach der Wohnung des Girondiſten, für welchen ihr Barbaraux den Brief gegeben. Sie traf ihn nicht zu Haus und kehrte darauf in ihre Wohnung zurück, betend, daß Gott ſie ſtärke, ſinnend über Alles, was ſie thun wollte, leſend im Plutarch, um ſich Muth zu holen. Gegen Abend ging ſie nochmals zu dem Deputirten, um den Brief abzugeben. Er empfing ſie und nachdem er ihre Bitte, zum Miniſter geführt zu werden, gehört, verſprach er ihr, ſie am nächſten Morgen zu demſelben zu geleiten. Charlotte Corday hatte keinen Zweck beim Miniſter; es war dieſer Wunſch nur ein Vorwand bei ihr, um mit den Girondiſten in Berührung zu kommen und von ihnen noch mehr Zorn und Leidenſchaft für ihre geheim beſchloſ⸗ ſene That zu empfangen. Sie dankte dem Girondiſten für ſein Anerbieten und ſagte dann in eigenthümlich drin⸗ gendem Ton zu ihm: „Fliehen Sie, fliehen Sie vor morgen Abend.“ Er verſtand ſie nicht. Noch an demſelben Abend wurde er verhaftet. Es geſchah rein zufällig, denn Niemand in Paris hatte eine Ahnung von Charlottens Plan. Am andern Morgen ging ſie aus ihrem Gaſthofe, 112 erfragte den Weg nach dem Palais⸗Royal und betrat dann den Garten desſelben, nicht wie eine Fremde, welche hier durch die Betrachtung der Blumen und Denkmäler ihre Neugierde befriedigen will, ſondern wie eine Reiſende, die hier ein Geſchäft zu machen hat. Sie ſuchte in den Gän⸗ gen und an den Schaufenſtern der dortigen Läden nach et⸗ was. Vor einem Laden hielt ſie endlich ſtill, trat hinein und kaufte das, was ſie ſichtlich geſucht. Es war ein Dolch⸗ meſſer mit einem Griff von Ebenholz. Das Mädchen ver⸗ ſteckte es unter ihrem Bruſttuch und kehrte dann langſa⸗ men Schrittes in den Garten zurück, ſetzte ſich auf eine der ſteinernen Bänke und verſank in tiefes Sinnen, mit ihren Augen wie mechaniſch dem muthwilligen Spiel der Kin⸗ der vor ihr auf dem Kiesboden verſolgend. Sie lächelte zuweilen über das Kinderſpiel, während doch in ihrem Herzen der furchtbare Plan zur Reife ge⸗ langte. Alle ihre Gedanken verſetzten ſie in die Scene, welche ſie ſpielen wollte— Marat vor ihr, im Blute ſchwimmend, von ihrer Hand erdolcht; der wüthende Pö⸗ bel um ſie, ihr Leben bedroht, ihr Urtheil geſprochen, ihr Haupt unter dem Fallbeil. Sie hatte den Verhaßten öf⸗ fentlich, im Augenblick eines Feſtes, eines Triumphes, oder auf ſeinem hohen Sitz im Conventſaal ermorden wollen, wie um ihrer That eine grauenhafte Feierlichkeit zu geben. Aber es gab kein Feſt und Marat, das hatte ſie erfahren, war krank und erſchien ſeit mehreren Tagen ſchon nicht 113 mehr im Convent. So wollte ſie ihn denn in ſeiner Woh⸗ nung erdolchen. Aber auch das hatte ſie gehört, daß Maret nur ver⸗ trauteſte Freunde empfing. Er, der den Mord ats eine Tugend predigte, fürchtete ſich, es könne dieſe Tugend an ihm ſelbſt geübt werden. Charlotte Corday mußte eine Liſt erſinnen, um zu ihrem Op er zu kommen, und die Schwärmerei dieſes Mädchens ſiegte ü er die Redlichkeit ihrer Seele: ſie fand die Liſt und die Kraft der Vorſtellung, um ſie durchzuſühren. Sie ſchrieb ein Billet an Marat. „Ich komme von Caen,“ ſchrieb ſie;„Ihre Liebe zum Vaterlande läßt mich annehmen, daß Sie gerne die unglücklichen Ereigniſſe dieſes Theits der Repubſik erfah⸗ ren werden. Ich werde gegen ein Uhr in Ihrer Wohnung erſcheinen. Haben Sie die Güte mich zu empfangen und, mir einen Augenblick Gehör zu ſchenken. Ich werde Sie in den Stand ſetzen, Frankreich einen großen Dienſt zu erweiſen.“ Sie gab dies Billet an der Thür von Marat's Woh⸗ nung ab. Als ſie jedoch um ein Uhr kam, um zu ihm ein⸗ gelaſſen zu werden, wies man ſie ab. Darauf ließ ſie ein zweites Billet zurück, in dem ſie dringlicher auf den an⸗ deren Morgen eine Zuſammenkunft erbat. Am andern Tage rüſtete ſich Charlotte Corday zu dem Rächergange. Sie kleidete ſich ſorgfättiger an, als 1861. 15. Apoll von Byzanz. II. 8 114 gewöhnlich; die Koketterie des Weibes ging auch hier bis zum Tode. Ueber ihrem weißen Kleide, um die Schultern, lag ein ſeidenes Tuch, das ihre Bruſt verhüllte und deſſen Enden in einem Gürtel befeſtigt waren. Auf ihrem Haar trug ſie eine normänniſche Haube, deren wogende Spitzen ihre Wangen berührten. Ein breites, grünſeidenes Band hielt die Haube feſt. Ihre Haare quollen darunter hervor auf den üppigen Nacken; ihr Geſicht war nicht bleich; ihr Blick nicht erregt, ihre Stimme nicht zitternd— ruhig war ſie, als wenn ſie in eine Kirche gehen wollte, und den⸗ noch ging ſie, um einen Mord zu begehen. So klopfte ſie an Marats Thür. Marat bewohnte jetzt nicht mehr das Haus gegen⸗ über dem Hotel der Marquiſe Valerie Dupleſſis; ſeine Wohnung war jetzt auf der anderen Seite der Seine, in der Straße der Cordeliers, jetzt Straße der Medizinſchule Nummer 20, im erſten Stock eines damals elenden, wink⸗ ligen, düſteren Hauſes. Sie beſtand aus einem Vorzimmer und einem Arbeitszimmer, das auf einen engen Hof hin⸗ ausging, ferner aus einem Cabinet, in welchem ſeine Ba⸗ dewanne ſtand, dann aus einem Schlafgemach und einem Salon, nach der Straße hinaus. Die Einrichtung im Innern war außerordentlich dürftig. Die Bücher Marats lagen auf dem Fußboden in wüſten Haufen, die zerbro⸗ chenen Stühle waren mit Journalen bedeckt; Manuſkripte, die der Druckerlehrling abholen ſollte und ſtückweiſe, noch 115 mit naſſer Tinte erhielt, lagen auf einem rohen, langen Tiſch, an dem Frauen die Broſchüren Marats und die Exemplare ſeines Journals„der Volksfreund“ falzten und mit Adreſſen verſahen. Die Dürftigkeit der Wohnung hatte in ihrer Art etwas Hochmüthiges. Es ſchien, als ob ihr Inſaſſe, damals einer der mächtigſten Männer Frank⸗ reichs, den Beſuchern durch den Anblick ſeines Elends und ſeiner Arbeit hätte ſagen wollen:„Seht hier ein Muſter des Volks! Seht hier einen echten, tugendhaften Prole⸗ tarier.“ Marats Hausweſen führte ſeine Frau, was man da⸗ mals und noch heut in Paris ſo nennt. Es war ein Mäd⸗ chen, ſchon ziemlich bei Jahren, und langjährige Freundin Marats, Namens Katharina Evrard, die der Volkstribun nach dem Beiſpiele Jean Jacques Rouſſeaus eines ſchönen Tages im Angeſicht der Sonne zur Frau genommen hatte und die ſich nun Albertine Marat nannte. Sie hatte eine Magd; Marat noch eine Art Diener, der zugleich Jour⸗ nalausträger und Expedient des Blattes in der Woh⸗ nung war. Marat war krank; ſeine anſtrengende Arbeit, ſeine Leidenſchaften hatten das Blut dieſes häßlichen Körpers entzündet. Er ſchrieb im Bett oder im Bade ſeine Pro⸗ klamationen und wüthenden Journalartikel, die mehr und mehr von Mordluſt flammten und Alle, die ihm nicht zu⸗ ſtimmten, verdächtigten. Es ſchien, als ahne er ſeinen 8* 116 baldigen Tod und wolle vor ſeinem Ende noch eine hin⸗ reichende Anzahl Köpfe fallen ſehen. Es war ſchon gegen Abend, als Charlotte Corday Einlaß in Marats Woh⸗ nung begehrte. Marats Frau hatte halb die Thür geöff⸗ net und verwehrte ihr den Eintritt. Der dumpfe Wort⸗ wechſel beider Frauen, von denen die eine bat, mit Marat zu ſprechen, die andere es für unmöglich ausgab, drang bis zu den Ohren des kranken Volksfreundes. Er entnahm aus den abgeriſſenen Worten, daß es die Briefſchreiberin ſei, welche um Einlaß begehrte und er befahl von innen heraus mit ſeiner heiſern Stimme, ſie eintreten zu laſſen. Marats Frau gehorchte, aber mürriſch. Es war, als ob Mißtrauen oder Eiferſucht gegen die Fremde ſie bewegte. Sie führte Charlotte zu dem Zimmer, in dem ſich Marat befand und ließ, als ſie zurückſchritt, die Thür des Ganges halb offen, um jedes Wort zu vernehmen. Als Charlotte Corday das Zimmer betrat, blieb ſie einen Augenblick betroffen und von Scham erſtarrt ſtehen. Marat war im Bade. Ein ſchlecht gehobeltes Brett lag quer über der Badewanne und war mit Papieren, Briefen und Broſchüren bedeckt. Marat ſelbſt hielt in der rechten Hand die Feder, mit der er bisher im Bade geſchrieben hatte. Neben der Wanne ſtand ein grober Klotz und dar⸗ auf ein elendes bleiernes Schreibzeug, die unreine Quelle, aus welcher ſeit drei Jahren ſo viel Frechheit, Verleum⸗ dung, Wuth und Blut gefloſſen waren. Ein ſchmutziges, 117 tintenbeflecktes Tuch bedeckte Marats Körper mit Aus⸗ nahme der gelben Haut ſeiner Schultern, Bruſt, Arme und ſeines Geſichts. Die fettigen Haare, mit einem ſchmutzi⸗ Sacktuch umwunden und nach hinten geſtrichen, die tiefen Augen, die hervorſpringenden Backenknochen, die haarige Bruſt, die hagern Glieder— es war eine Geſtalt, die Widerwillen erregen mußte. Charlotte bemeiſterte ihn; ſie ſenkte ihre Angen und trat ſo, die Hände herabhängen laſſend, an die Wanne, ſtumm, als erwarte ſie die Fragen Marats. Und er fragte ſie zuerſt nach den Namen der nach Caen geflüchteten De⸗ putirten. Charlotte ſpielte ihre Rolle weiter; ſie antwor⸗ tete, wie Marat es wünſchen mochte. Und der Mann des Bluts zeichnete auf, was ihm die Judith von Caen mit⸗ theilte.„Es iſt gut,“ meinte dann Marat wie Jemand, der ſeiner Rache ſicher iſt;„ehe acht Tage verfloſſen ſind, werden ſie ſämmtlich auf die Guillotine gehen.“ Bei dieſen Worten zog Charlotte Corday, als hätte ſie die letzte nöthige Energie erhalten, das Meſſer aus ihrem Buſen und ſtieß es ſchnell, mit ungeheurer Kraft bis an das Heft in Marats Herz. Dann zog ſie es wieder heraus und ließ es blutig zu ihren Füßen niederſallen. Marat aber ſtieß einen gellenden Schrei aus. „Zu Hilfe!“ rief er.„Zu Hilfe, meine theure Freudin!“ Dann ſank er todt ins blutige Waſſer der Wanne. 118 Auf ſeinen Hilferuf aber waren ſeine Geliebte, die Magd und der Diener hereingeſtürzt. Sie ſahen die Leiche Marats, des Blut, das Meſſer, die Mörderin unbeweglich hinter dem Vorhang des Fenſters. Der Diener nahm in der erſten Wuth einen Stuhl, ſchlug damit nach dem Mäd⸗ chen und warf ſie zu Boden. Marats Frau trat ſie außer ſich mit Füßen. Ein wildes Geſchrei erfüllte das Zimmer; die Hausbewohner ſtürzten herbei, Vorübergehende blie⸗ ben auf der Straße ſtehen, ſtiegen dann hinauf und dräng⸗ ten ſich in die Wohnung. Einige Minuten nach der That war die Kunde von Marats Ermordung bereits im gan⸗ zen Stadtviertel verbreitet; Nationalgarden eilten herbei, Arzte kamen, eine immer wachſende Menge erfüllte Zim⸗ mer, Haus und Straße und forderte mit raſendem Ge⸗ ſchrei den Mörder des„göttlichen Marat,“ deſſen noch warmen Leichnam man in ein Bett getragen. Charlotte Corday hatte ſich nach ihrer erſten Miß⸗ handlung erhoben. Zwei Soldaten banden ihr darauf die Hände zuſammen; ein Dutzend Bajonnete mußten dazu dienen, ſie vor der Wuth der andrängenden Menge zu ſchützen. Fortwährend tönten ihr die ſchrecklichſten Dro⸗ hungen entgegen; Stöcke und Säbel wurden gegen ſie ge⸗ ſchwungen; Marats Geliebte verſuchte noch mehrere Male, heulend und wüthend über die Mörderin herzufallen. Dieſe aber betrachtete mit ſtarrem, lebloſen Blick Alles, was um ſie herum vorging. Nur beim Schmerze der Ge⸗ — 119 liebten Marats zeigte ſie einmal einen Blick des Mitleids; Verachtung aber ruhte auf ihrem Antlitz, als ſie die lei⸗ denſchaftlichen Lobreden des Volks auf Marat vernahm. „Arme Menſchen,“ ſagte ſie einmal,„Ihr wollt meinen Tod und Ihr ſolltet mir einen Altar errichten, weil ich Euch von einem Ungeheuer befreit habe!“—„Werft mich dieſen Raſenden vor,“ rief ſie ein ander Mal zu den Soldaten, die ſie umgaben;„da ſie ihn bedauern, ſo ſind ſie würdig meine Henker zu werden.“ Ein Commiſſär nahm darauf ein erſtes Protokoll auf. Charlotte diktirte ihre Geſtändniſſe mit feſter Stim⸗ me und wie mit Stolz. Dann führte man ſie in einem Miethwagen in das nächſte Gefängniß ab, begleitet von einer ſchreienden, wüthenden Volksmenge, welche am lieb⸗ ſten gleich Rache an der Unglücklichen genommen hätte. Das Gedränge war ſo ſtark, daß der Wagen kaum im Stande war, vorwärts zu kommen. Charlotte Corday war durch den Lärm ohnmächtig geworden. Als ſie in einem Kerker der Abtei wieder zu ſich kam, betrübte ſie ſich, daß ſie noch lebte. Sie bedauerte, vom Volk, wie ſie geglaubt, nicht in Stücke geriſſen worden zu ſein und nicht den Tod erlitten zu haben, als der Schleier der Ohnmacht jede Marter verhüllte. Kchtes Kapitel. Die Rache für Marat. Das Gerücht von der That Charlotte Corday's hatte ſich mit Blitzesſchnelligkeit von Stadtviertel zu Stadt⸗ viertel verbreitet. Ganz Paris war bei der Nachricht von dieſem Tode Marats wie mit-Betäubung geſchlagen. Es ſchiene, als zitterte die Republik oder als müßte die Er⸗ mordung dieſes Volkstribunen außerordentliche Erreigniſſe für Frankreich hervorrufen. Bleiche und zitternde Depu⸗ tirten, die in den Convent traten und die Sitzung unter⸗ brachen, brachten die erſte Nachricht von dem Ereigniß den einſtigen Collegen Marats. Man wollte nicht daran glauben, wie man nicht an eine Heiligthumsſchändung glauben will. Bald jedoch beſtätigte Henrich, der Freund Marats und Kommandant der Pariſer Nationalgarde, die Nachricht. „Ja,“ rief er dabei den Deputirten zu,„zittert Alle; Marat iſt todt, gemordet von einem Mädchen, das ſich des Stoßes rühmt, den ſie geführt. Verdoppelt die Wach⸗ ſamkeit auf Euer eigenes Leben; die nämlichen Gefahren umringen uns Alle. Schwören wir den Tod dieſes großen Mannes zu rächen.“ Der Conpent war im Grunde froh, Marat los zu — 121 ſein; er, der ſich ſo oft ſeiner im Leben geſchämt, ließ es gern geſchehen, daß man ihn vergötterte, nun er todt war. Danton wie Robespierre waren glücklich, einen Rivalen los zu ſein, deſſen Herrſchaft über die Menge ſie fürchten mußten und den ſie Beide gleichwohl verachteten. Da Ma⸗ rats Blut das Volk trunken gemacht, ſo warfen ſie ihm den Leichnam vor und hatten nichts dagegen, daß es aus ihm einen Götzen machte. Gleich in der Nacht, die auf Marats Tod folgte, hing das Volk Kränze an den Thüren ſeines Hauſes auf. Die Gemeine ſtellte ſeine Büſte in ihrem Sitzungsſaale auf; die Sektionen zogen in Prozeſſion in den Convent, um ihre Trauer zu verkünden und das Pantheon für Ma⸗ rats Aſche zu verlangen. Andere forderten, ſein einbalſa⸗ mirter Leichnam ſolle in den Departements und bis an die Grenzen der Welt herumgeführt werden, Andere end⸗ lich, man ſolle ihm unter allen Freiheitsbäumen, die in allen Gemeinen der Republik aufgepflanzt ſeien, ein leeres Grabmal errichten. Robespierre, als reize ihn der Neid um dieſe Vergötterung Marats, ſuchte durch die Mahnung an ſeinen Tod dieſem„Maratismus“ Zügel anzulegen. „Auch mir,“ ſagte er im Jacobinerelubb,„iſt die Ehre des Dolches ohne Zweifel vorbehalten. Die riorität wurde nur durch den Zufall entſchieden und mein Fall wird bald erfolgen.“. Der Convent beſchloß, daß er in Maſſe an dem Lei⸗ 122 chenbegängniß Antheil nehmen werde. Der Maler David, ein jacobiniſcher Fanatiker und Freund Marats, ordnete eine Leichenfeier an, welche der Cäſars nachgeahmt war. Er ließ Marats Körper in der Kirche der Cordeliers auf einen Katafalk ſetzen, bedeckt mit ſeinem Hemd voll Blut. Der Dolch, die Badewanne, der Klotz mit dem Dintenfaß, die Federn und Papiere waren neben dem Leichnam. Die Deputationen der Sektionen löſten ſich bei der Wache am Sarge ab mit Anreden, Weihrauch und Blumen. Ein Jeder von ihnen ſchwur hier furchtbare Rache für Marat. Am Abend wurde die Leiche in feierlicher Weiſe mit Fackeln aus der Kirche auf den Begräbnißplatz gebracht. Man hatte zur Ruheſtätte für Marats Reſte den Ort gewählt, wo er ſo oft zum Volke geſprochen und es ſo oft fanatiſirt hatte: den Hof des Gebäudes, in dem der Clubb der Cordeliers tagte: Es war das Schlachtfeld, wo man einen Häuptling begrub. ter kam Marats Le che ins Pantheon, von dort in die Kloaken, wo jede Spur im Koth verſchwand.. Der Hof des Clubbhauſes wimmelte von Menſchen, Deputirten, Gemeinebeamten, Nationalgarden, Deputa⸗ tionen aus den Provinzen und den Janitſcharen des Er⸗ mordeten. Tau vom Lampen ſtrahlten aus dem Laub⸗ werk der dort befindlichen Bäume herab, unter denen ſich das Grab Marats befand. Es ſchlug Mitternacht, als man die Leiche dort einſenkte. Der damalige Präſident des 123 Convents, Thuriot, richtete das letzte Lebewohl der Na⸗ tion an dieſe Manen. Er verkündigte, der Convent werde die Statue Marats neben der des Brutus aufſtellen. Der Clubb der Cordeliers verlangte ſein Herz. In einer Urne verſchloſſen, wurde es wirklich am Gewölbe des Sitzungs⸗ ſaales aufgehängt. Endlich votirte ihm die Geſellſchaft einen Altar.„Koſtbare Reſte eines Gottes!“ rief ein Redner am Fuß dieſes Altars,„werden wir Deinen Ma⸗ nen eidbrüchig ſein? Du forderſt Rache von uns und Deine Mörder athmen noch!“ Die Wallfahrten des Volks nach Marats Grabe organiſirten ſich jeden Sonntag. Die Theater ſtellten ſeine Büſten auf; die öffentlichen Plätze und Straßen nah⸗ men ſeinen Namen an. Frauen errichteten ihm eine Denk⸗ ſäule; Journaliſten betitelten ihre Blätter: Marats Schatten. Die Departements überboten zuweilen noch dieſe Thaten des Wahnſinns, daß Marats Name gleich⸗ bedeutend mit der Bezeichnung höchſten Patriotismus wurde. Der Maire von Nimes ließ ſich den Marat des Südens nennen; der von Straßburg den Marat des Rheins. Die Witwe des Volkstribunen verlangte im Convent Rache für den Ermordeten uaagflr ſich ein Grab. Leichenfeſte, Prozeſſionen, Gedächtnißtaße wurden in vie⸗ len Gemeinden der Republik veranſtaltet. Weißgeklei⸗ dete Mädchen mit Cypreſſen und Eichenkränzen in den Händen, ſangen Hymnen um den Altar Marats und alle 124 dieſe Hymnen athmeten Blut. Anſtatt die Quelle des Bluts zu verſtopfen, ſchien der Dolch Charlotte Cor⸗ day's Frankreichs Adern erſt geöffnet zu haben. Die„Judith von Caen“ wurde inmitten dieſes Eh⸗ renkultus für Marat gerichtet. Man hatte ſie nach der Conciergerie gebracht, nach dem Vorzimmer der Guillo⸗ tine. Ihr Prozeß ging ſchnell von ſtatten und endete na⸗ türlich mit der Verurtheilung zum Tode. Ihren letzten Tag benutzte ſie dazu, an Barbaraux einen Briefzu ſchrei⸗ ben, der alle ihre Reiſeerlebniſſe mittheilte, an ihren al⸗ ten Vater einen anderen, in dem ſie ihn tröſtete.„Leben Sie wohl, mein theuerer Papa,“ ſchloß dieſer Brief; „ich bitte Sie, mich zu vergeſſen, oder vielmehr ſich über 1 mein Schickſal zu freuen. Meine Sache iſt eine ſchöne. Ich umarme meine Schweſter, die ich vom ganzen Her⸗ zen liebe. Vergeſſen Sie nicht den Vers Corneilles: „Nicht das Schaffot, die ſchlechte That nur ſchändet.“ Eine zahlloſe Menge war auf den Straßen, als ſie zur Richtſtätte gefahren wurde, obgleich ein heftiges Ge⸗ witter ausgebrochen. Nengierde, Abſcheu, Wuth, In⸗ tereſſe und Mitleid malten ſich in den Geſichtern, als das ſchöne, ſtolze Mädchen auf dem Karren, gefolgt von Hor⸗ den wüthender und fluchender Weiber, vorüberkam. Der Regen hatte ihre Kleider genäßt, ſo daß ſie faſt an ihrem Oberkörper klebten und die lieblichen Umriſſe desſelben zeigten. Ihre auf den Rücken gebundenen Hände zwan⸗ 125 gen ſie, den Kopf zu halten, und dieſe gewaltſame An⸗ ſpannung der Muskeln gab ihrer Haltung mehr Feſtig⸗ keit als gewöhnlich. Der Regen hatte aufgehört, und die untergehende Sonne bildete um ehre Stirn einen Strah⸗ lenkranz gleich einem Märtyrer chein. Die Farben ihrer Wangen, erhöht durch den Widerſchein des rothen Hem⸗ des, das über alle Hinzurichtenden gewor en wurde, ver⸗ liehen ihrem Antlitz einen Glanz, der blendete und wie der Ausdruck befriedigter und verklärter Rache des Him⸗ mels erſchien. Robespierre, Danton und viele der Häup⸗ ter der Jacobinerpartei hatten ſich auf den Weg geſtellt, um Charlotte Corday zu ſehen. Alle diejenigen, welche das Vorgefühl des Meuchelmords hegten, waren neugie⸗ rig, in ihren Zügen den Ausdruck des Fanatismus zu ſtudiren, der morgen vielleicht ſie bedrohte. Endlich war man zur Stelle. Der Karren hielt an. Beim Anblick der Hinrichtungsinſtrumente erbleichte Char⸗ lotte Corday; aber ſchnell kehrten wieder die natürlichen Farben in ihr Antlitz zurück und ſie ſtieg die ſchlüpferigen Stufen des Schaffots mit ſo feſtem und leichtem Schritt hinan, als ihr nachſchleppendes Hemde und ihre gebunde⸗ nen Hände geſatteten. Als der Scharfrichter, um ihr den Kopf zu entblößen, das Tuch abriß, das ſie um ihre Bruſt trug, ſetzte die beleidigte Schamhaftigkeit ſie in ſichtliche Aufregung. Doch auch dieſe bemeiſterte ſie und bald ge⸗ wann ſie ihre Heiterkeit und ihre beinah' fröhliche Sehn⸗ 126 ſucht nach dem Tode wieder. So legte ſie allein ihren Hals unter das Beil—— ihr Kopf rollte und ſprang zurück. Einer der Henkersknechte nahm den Kopf mit der einen Hand, und indem er ihn der jauchzenden Menge zeigte, ohrfeigte er ihn mit der anderen. Es geſchah, um den Haß des Volkes gegen das Opfer zu ſchmeicheln, aber das Volk proteſtirte gegen ſolche Huldigung; es wandte ſich empört ab und ſprach mit Abſcheu von dem Henker. Die Dämmerung war inzwiſchen eingebrochen; das Volk hatte die blutgeröthete, leere Richtſtätte verlaſſen, der Revolutionsplatz war leer. Matt brannten die Oel⸗ lampen in den Laternen; die Sichel des Mondes zeigte ihren falben Schein und ſpiegelte ſich wie kokett in dem ſchwachen, roſigen Hauch des ſchnell entfliehenden letzten Abendrothes. Unter den Arkaden eines jener Häuſer, welche die Verlängerung der Straße von St Honoré und zugleich eine Seite des Revolutionsplatzes bildeten, ſtand allein noch André Chenier und blickte ſinnend und ernſt in die Baumkronen der elyſäiſchen Felder. Es hatte ihn ge⸗ drängt, Charlotte Corday ſterben zu ſehen— er hatte es geſehen und war über den Eindruck lange in tiefes Nach⸗ denken verfallen. Er war beim Tode Ludwigs XVI. zu⸗ gegen geweſen, um ſich zu überzeugen, daß eine letzte Hoff⸗ nung wirklich untergehe; er wollte Charlotte Corday's Kopf fallen ſehen, um aus dieſem Ereigniß, aus dem Muth, mit dem ſie ſterbe, eine neue Hoffnung zu ſchöpfen. 1 127 Endlich wandte er ſich nach dem Tuileriengarten zurück und winkte einem der dort haltenden Miethwagen, um nach ſeiner Wohnung in Verſailles zurückzufahren. Im Wagen ſpann er das Sinnen weiter. Man kann ſich denken, daß André Chenier, ebenſo wie die Royaliſten, welche in Verſailles wohnten, die Nachricht von der Ermordung Marats mit einem ganz an⸗ deren Gefühle aufgenommen hatten, als das Volk, deſſen Abgott der Erdolchte geweſen war. Ein Gefühl des Triumphes, vermiſcht mit einem Bedauern, daß ein Ver⸗ brechen das Leben eines Mannes kürzte, deſſen er nur mit Abſcheu gedacht, war die erſte Empfindung André Ché⸗ niers und ſeiner Freunde. Die Thatſache, daß Marat nicht mehr lebte, daß dieſer furchtbare, unerſättlich blut⸗ dürſtige Menſch ſeine Seele ausgehaucht hatte, erſchien ihm als ein großes und glückliches Ereigniß. Von nun, wo der eigentliche Geiſt der Anarchie, der Hauptführer der wilden Demagogie, nicht mehr war, konnte man auf beſſere Zeiten rechnen, und die Freude darüber in allen ge⸗ mäßigten Kreiſen hatte etwas Hochpatriotiſches. Marat war zu ſehr verabſcheut, als daß ſein Geſchick Mitleid, ſein Mord Gewiſſensbiſſe erregt hätte. Man ſah in ihm ein Scheuſal, von dem endlich eine muthige Hand die Welt befreit hatte. Eine ſolche Hand konnte nicht die eines gewöhnlichen Möͤrders ſein, und wenn irgend noch das rechtliche Ge⸗ wiſſen gegen die Bewunderung ankämpfte, die dem, der den Doilch in Marats Bruſt geſtoßen, augenblicklich von Allen entgegengetragen wurde, weſche die Jacobiner und ihre Herrſchaft, das Regiment des Schreckens und der Anarchte haßten, ſo wurde es zum Schweigen gebracht, als man erfuhr: ein ſchönes, tugendhaftes, adeliges Mäd⸗ chen ſei beſonders von Caen nach Paris gekommen, um Marat zu ermorden und das Vaterland damit zu befreien. Charlotte Corday wurde die Heldin aller Deren, welche Marat und ſeinen Jacobinismus haßten. Ihre ſchuldhafte Hingebung erweckte die Bewunderung der Roya⸗ liſten, welche den Tod dieſer Judith von Caen wie ein Martyrium ihrer Sache feierten. André Chenier, zugleich Dichter, ſah in ihr eine Geſtait des helleniſchen Alterthums, in dem er mit ſeinem Sinn und Denken ſo oft und lei⸗ denſchaftlich verweilte; Charlotte Corday war ſür ihn eine jener heroiſchen Geſtalten, welche durch die Beweggründe zu ihrer That das Unmoraliſche derſelben verwiſchen. Er pries ſie im Verein mit der Herzogin von St. Aignan und Roucher im Salon des Herzogs; er verfolgte ihren Pro⸗ zeß mit jener Angſt, die uns bemächtigt, wenn wir fürch⸗ ten, ein von uns geliebter oder bewunderter Menſch könne durch das Geſtändniß einer That oder eines Gedankens unſere Empfindungen für ihn verändern. Triumphirend erkannte Andre, daß er ſich nicht getäuſcht; ja, Charlotte Corday war kein willenloſes Werkzeug einer Partei oder 129 eines Einzelnen geweſen; ſie hatte aus eigenem Selbſt, geheimnißvoll und in edler, patriotiſcher Schwärmerei, in reiner Tugend und Schönheit zum Morde ſich geweiht. Aus ihrer That ſprach die Verzweiflung des edelſinnigen, ſchwärmeriſchen Patriotismus, der ſich zum Verbrechen aufrafft, um durch ein Opfer ſeiner ſelbſt das Ganze zu retten, Schrecken in die Reihen der Blutmänner zu tragen, Muth und Vertrauen in die unterdrückten Kreiſe der hoch⸗ herzigeren Patrioten zu bringen. André wollte ſie ſterben ſehen— und er ſah ſie auf dem Schaffot verenden, muthig, ergeben, ſtolz auf ihre That, wie es ſein mußte, um das Bild der Rächerin vollſtändig zu machen. Es war Nacht, als er in ſeine Wohnung trat. Erregt ging er lange Zeit im Zimmer auf und ab. Das blutige Haupt der Corday ſpielte in ſeiner Phantaſie die Hauptrolle; er ſah es rollen, vom Henker erfaſſen, ohr⸗ feigen und endlich in den eiſernen Korb werfen, um mit dem Körper des edlen Mädchens, den rohe Wütheriche noch als Leiche entkleidet und gemißhandelt hatten, in die ungeheure Kalkgrube von Madelaine geworfen zu werden. Immer und immer wieder begeiſterte ihn die That und der Tod Charlotte Corday's. „Dieſe unwandelbare Sanftmuth!“ rief er aus. „Dieſe heroiſche Milde inmitten des Geheuls dieſer ver⸗ rückten Menge, welche für ein Scheuſal wie Marat ſich begeiſtern kann! Ach, welch' eine Erinnerung! Welch' ein 1861. 45. Apoll von Byzanz. II. 9 130 antikes Bild, das erſte ſeit langer Zeit, welches ſich aus dem eklen Dunſt der Gegenwart erhebt! O man wird dieſe Stätte, auf der ſie ſtarb, einſt heiligen— ihr eine Statue, ihr, die uns lehrte, was Heroismus iſt, die uns befreite von dem, der Frankreichs Blut getrunken, um le⸗ ben zu können! Hinunter mit Dir, elender Marat, in dem kein Herz eines Menſchen geſchlagen, hinunter mit Dir in die Grube— trotz des Geheuls und des Götzendienſtes eines entarteten Poͤbels wirſt Du ein Mörder für die Nach⸗ welt bleiben, obgleich Du gemordet wurdeſt. Aber ſie— ja, ſie wird ſtrahlen wie ein Bild herrlichſter Selbſtauf⸗ opferung und alle Edlen werden in wehmüthiger Ver⸗ ehrung auf ſie blicken. O,“ fuhr er lebhaft fort,„was iſt doch der Tod durch dieſe Henker für eine Ehre— und man kann ſich davor fürchten?“— Er ſchwieg eine Zeitlang; dann ſtieß er in heftiger Aufwallung die Worte hervor: „Jetzt gilt's zu handeln, wer die Brut der Jacobiner haßt! Hier iſt Gelegenheit, die Robespierre und die Chau⸗ mette, die Fouquier Thinville und Hubert und ihren blut⸗ lechzenden Anhang zu vernichten! Wer Muth und Vater⸗ landsliebe im Herzen hat, der mache aus dieſer heiligen Mörderin ſeine Parole und trete offen auf zu ihrer Apo⸗ theoſe. Die Horde Marats, noch von Schrecken bleich, muß ſehen und hören, daß die Edlen jauchzen über den Tod ihres Häuptlings und die That Charlotte Corday's. An⸗ 131 dré! André! Du haſt lange kein Wort der Poeſie gefunden, dem düſteren Sinn keine Strophe entrungen! Wohlan, thue es jetzt!“ Begeiſtert ſetzte ſich der junge Mann an ſeinen Schreibtiſch und ließ die Feder ſchnell über das Papier gleiten. Die Worte ſtrömten ihm zu, die Verſe bildeten ſich von ſelbſt; jene herrliche Ode auf Charlotte Corday, die begeiſterte Feier ihres Todes, das Lied des tiefſten Haſſes auf den, den ſie erdolchte, entſtand. Als die Juli⸗ ſonne am Horizonte erſchien und die Spitze der Bäume im Park von Verſailles mit rothgoldenem Schimmer um⸗ hüllte, da war das Dichterwerk vollbracht und André Chénier bereits auf dem Wege nach Paris, zu Roucher. Es war voller Morgen, als er dort ankam und Rou⸗ cher bereits an der Arbeit. Erſtaunt begrüßte er den Freund, der ihm ſein Gedicht übergab und den Abdruck desſelben in Rouchers„Journal von Paris“ verlangte. Roucher las die Verſe. „ Ach, mein Freund,“ meinte er dann;„ſehr ſchön, ſehr glücklich— ein helleniſches Meiſterwerk von dem „Apoll von Byzanz“, aber——— ℳ Der Journaliſt machte eine bedenkliche Miene; der Dichter ſah ihn fragend an. „Nun? Aber?“ Roucher legte einen Finger an ſeinen Hals und machte die Pantomime des Guillotinirens. 132 „Verſtehſt Du? fuhr er dann fort. Das ſteckt uns ins rothe Hemde.“ „Bah!“ erwiderte Chenier leicht.„Und wenn es wäre?“ „Ja, wenn es wäre?“ „Nun, ſo machen wir ihnen das Vergnügen.“ „Ach, parbleu, mein Freund, Du biſt ein Todes⸗ enthuſiaſt.“ „Von dieſen Schuften getödtet zu werden— ſieh, Roucher, das iſt noch beſſer, als ihr Unterthan zu ſein. Doch ich glaube auch nicht an eine Verfolgung wegen die⸗ ſer Ode; man hat Dir und mir ſeit lange ſchon gedroht und Keiner hat uns geholt. Sie ſchonen uns, die Ban⸗ diten;— zeigen wir ihnen, daß wir ihre Schonung ver⸗ achten. Heut oder morgen, was thut's, mein Freund?“ „Am Ende haſt Du Recht“, entgegnete Roucher,„und mein Haus iſt längſt beſtellt. Auch ſoll ein guter Patriot eine gute That aus Furcht nicht unterlaſſen. Alſo, ich laſſe die Ode abdrucken.“ „Sie wird unſeren Freunden gefallen.“ „Und den Wohlfahrtsausſchuß entſetzen.“ „Zwei Siege auf einmal!“ „Zwei Gefahren für eine.“ „Um ſo beſſer. Aber glaube mir, es wird gar nichts geſchehen. Die Freunde Marats ſind in nicht geringer Angſt, ſie träumen alle von neuen Cordays. Chabot hat 133 ſogar ſeine Geliebte abgeſchafft, weil ſie zuweilen davon ſprach, ſich einen Dolch zu kaufen. Gib' Acht, es kommen beſſere Zeiten und man wird einlenken; der Krieg macht Allen überdies zu viel zu ſchaffen, um noch ferner an die Schlächtereien der Franzoſen im Lande zu denken. Die waren einzig Marats Werk. Da er nicht mehr nach Blut ſchreit, wird man das Blut auch ſchonen. Die zwei und zwanzig Girondiſten, der arme Vergniaud, der jetzt in der Conciergerie ſitzt, werden dem Tode Marats ihr Leben verdanken— o man wird ſie nun nicht mehr richten, Ro⸗ bespierre iſt zu feig dazu. Sieh, Freund, dafür dieſe Ode auf Charlotte Corday, welche uns all' dieſe Hoffnungen erſchloß!“ 1 Roucher ſchien nicht recht daran glauben zu wollen, aber er ſchwieg und drückte dem ſcheidenden Freunde die Hand. Er gab die Ode in die Druckerei und ſie erſchien in der nächſten Nummer ſeines Journals. Das Aufſehen, welches ſie erregte, war in der That außerordentlich groß. Die Anhänger Marxats knirſchten vor Wuth über die Apotheoſe Charlotte Corday's und ant⸗ worteten darauf durch Apotheoſen Marats in den Theatern. Stücke zu ſeiner Ehre wurden auf allen Bühnen geſpielt und deren Aufführung förmlich beſohlen. Bald trat Ma⸗ rat hierin als Sokrates, bald als ein römiſcher Patriot, bald gar als ein Gott auf; ſeine Büſten wurden mit Ge⸗ 134 pränge umhergetragen; Hymnen erſchallten zu ſeiner Ver⸗ ehrung, und Charlotte Corday wurde als Gegenſatz dazu in allen dieſen Stücken verflucht, verbrannt oder guillo⸗ tinirt. Dagegen feierte man den Dichter der begeiſterten Ode auf die„Judith von Caen“ in den ariſtokratiſchen und girondiſtiſchen Salons. Wenn es irgend noch mög⸗ lich geweſen wäre, André Chénier zu einem größeren Lieb⸗ ling dieſer Kreiſe zu machen, ſo geſchah es hierdurch. Man ſprach nur von dem neuen Gedicht des„Apoll von By⸗ zanz, von ſeinem Muth, ſeinem herrlichen Talent; man lernte die Verſe auf Charlotte Corday auswendig und re⸗ eitirte ſie; man rühmte Roucher, der ſich nicht geſcheut, durch den Abdruck dieſer Ode Chéniers in ſeinem Journal den Ingrimm der Jacobiner zu erregen. Frau von St. Aignan beſonders war über das Ge⸗ dicht Cheniers entzückt. Sie hatte mit Freuden geſehen, wie ſeit jenem Abendeirkel, bei dem auch wir verweilten, André die frühere Lethargie und das Hinbrüten über den Schmerz um den Tod Valeriens Dupleſſis aufgegeben und ſich mit Leidenſchaftlichkeit wieder den Außendingen und der Politik zugewandt hatte. Sie wußte ſelbſt nicht, wel⸗ ches Interreſſe ſie daran hatte, daß André dieſe Umwand⸗ lung erfahren; ja, ſie fürchtete zuweilen um ihn und hätte ihn beſtimmen mögen, ſich wieder in die gefahrloſe Ein⸗ ſamkeit zurückzuziehen. Aber der Reiz, den es ihr gewährte, 13⁵ André in lebhaften Wallungen zu wiſſen, ihn in ihrem Salon, als einem Centralpunkte der royaliſtiſchen und kon⸗ ſtitutionellen Elemente, debattiren, ſich erwärmen und zu Thaten aufraffen zu ſehen, überwog bei weitem die Be⸗ ſorgniß um ſeine Sicherheit. Man lebte in der That auch ſeit Monaten ſchon zu ſehr in Beſorgniſſen und Gefahren um die perſönliche Sicherheit, als daß man nicht dagegen abgeſtumpft und gleichgiltig geworden wäre. Man hielt ſich gewiſſermaßen ſchon für Kerker oder Guillotine be⸗ ſtimmt und Beides hatte ſeinen Schrecken verloren. Des⸗ halb beunruhigte Leontine von St. Aignan dieſer Umſtand auch wenig— ſchwebte Andre nicht in derſelben Sease wie ſie? Wenn ihn die Schergen ſuchten, mußten ſie ni wohl auch auf ſie fahnden? Sie war nun einmal, ſie wußte ſelbſt nicht warum, glücklich, wenn André bei ihr war und ſie ſich überzeugen konnte, daß er ihrem Einfluß gehorchte, daß ſie es geweſen, die ihn aus der verderb⸗ lichen Dumpfheit ſeines Schmerzes geriſſen. Hatte ſie ſich inzwiſchen geſtanden, daß ſie ihn liebte? Nein, ſie war dieſelbe geblieben, ihr Blick nicht brennender für ihn ge⸗ worden, ihr Händedruck nicht wärmer— waren beide doch vielſagend genug! Aber Fräulein Coigny war ſeit jener Soirée nicht wieder von der Herzogin eingeladen worden. André Chenier war wirklich wie ein Mitglied des St. Aignan'ſchen Hauſes geworden. Cr pflegte dort zu ſpeiſen und den Abend über zuzubringen. Wäre es nicht 136 Ariſtokratie geweſen und franzöſiſche Geſellſchaft, welche mit dem Hauſe von St. Aignan verkehrte, ſo würde man ein Verhältniß zwiſchen dem Dichter und der Herzogin an⸗ genommen und darüber geſpöttelt haben. Aber man ſprach darüber kaum in vertrauteren Kreiſen; die Sache, wenn ſie exiſtirte, war nicht ungewöhnlich und gegen die Begriffe von Nobleſſe oder bon ton; der Herzog anerkannte das am erſee n8,es gab auch keinerlei Zeichen oder Umſtände, welche ſeine Eiferſucht, wenn er deren hatte, hätte erregen oder ſein Ehrgefühl verletzen können. André Chonier war ſein Freund und es fehlte ihm etwas, wenn er einen Tag nicht mit ihm zuſammen geweſen, der Dichter ihn in Paris bei ſeinem Vater oder wo anders zugebracht, oder vielleicht ihm von Frau von Paſtoret entführt worden war. Chénier einerſeits fühlte ſich zu wohl in dem Kreiſe und in dem Hauſe, die ſich ihm geöffnet und in denen man ihn wirk⸗ lich liebte, als daß er freiwillig, ohne Grund ſich in dem Genuß eine Entbehrung auferlegt hätte. Ein wenig Eitel⸗ keit kam dabei natürlich mit ins Spiel. Was ſpeziell ſeine Empfindungen für Frau von St. Aignan betrifft, ſo waren auch ſie dieſelben geblieben. Nur hatte ſich ihm mehr und mehr die Ueberzeugung aufgedrängt, daß Leon⸗ tine ihn liebe. Dieſe Ueberzeugung that ihm wohl, ohne ihn jedoch zu veranlaſſen, ſie durch ein Geſtändniß von den Lippen der ſchönen Frau unumſtößlich zu machen. Nicht allein Diskretion und Redlichkeit ſeiner Freundſchaft zum 137 Herzog verboten ihm dies; er ſelbſt empfand auch zu wenig Verlangen, ſich in eine neue Leidenſchaft zu ſtürzen: das Andenken an Valerie lebte noch immer mächtig in ihm und es war ſeine Liebe; was er für Frau von St. Aignan im Ge⸗ heimen empfinden mochte, war nicht ſtark genug, durch die ſanfte Gluth dieſer Erinnerung als Flamme durchzubrechen. Es beſtand zwiſchen Beiden ein ſympathiſches Band; es wußten es Beide, doch ſprach Keiner davon. Fräulein von Coigny war wohl manchmal vor André's Seele getreten; indeſſen da er ſie nicht wieder geſehen, war er nicht in die Lage gekommen, ſich jene Erregung klar zu machen, die ihn damals, an jenem Abend, wo ſie bei der Herzogin ge⸗ 9 weſen, plötzlich durchzuckt hatte. ₰ André empfand eine ſtolze Selbſtbefriedigung über die Wirkung ſeiner Ode, ſowohl in den Kreiſen ſeiner Freunde, als bei den Jacobinern. Die Bewunderung dort und der Haß hier thaten ihm wohl; denn er liebte Jene und gab Dieſen ihren Haß zurück. Nur zu bald ſollte dieſe Zufriedenheit geſtört werden. Einige Tage, nachdem die Ode in Rouchers Journal geſtanden, kam Marie⸗Joſeph Chénier zu ſeinem Bruder nach Verſailles. Es war ein ſeltſamer Beſuch, obgleich beide Bruder ſich längſt wieder verſöhnt hatten. „Du mußt mir Wichtiges mitzutheilen haben, daß Du zu mir, dem Verdächtigen, kommſt,“ ſagte André zu ſeinem Bruder. — ——--—— 138 „In der That, André,“ antwortete Marie⸗Joſeph; es ſind Nachrichten von unſerem Bruder Conſtantin aus Spanien gekommen; er befindet ſich wohl. Auch Sauveur hat an den Vater geſchrieben und läßt Dich grüßen. Er iſt natürlich ſo guter Royaliſt wie Du, leichtſinniger Weiſe aber in ein Departement gegangen, wo ihn der Wohl⸗ fahrtsausſchuß jede Stunde arretiren kann. Ach, es iſt ein Unglück, durch die Politik ſo zwieſpaltig zu werden, wie unſere Familie es iſt!“ „Nur Du biſt Jacobiner; wir Alle ſind ſonſt eines tnehe ſelbſt der Vater, obgleich er von gar keiner Po⸗ itik mehr hoͤren will.“ „Ja, es iſt wahr, ich bin anderer Anſicht, als ihr Alle; indeſſen, es iſt meine Pflicht, treu zu bleiben.“ „Natürlich biſt Du auch ſehr empört über die That der edlen Corday— es kann nicht anders ſein.“ „Parbleu, André, darum komme ich mit zu Dir, we⸗ gen Deiner Ode. Ich ſtimme ihr im Geheimen ganz bei. Charlotte Corday wäre ein köſtlicher Stoff für eine Tra⸗ gödie, wenn man ſie aufführen laſſen könnte; aber man mißtraut mir ſchon ſeit einiger Zeit und ich muß mich vorſehen. Unter uns, es konnte nichts Geſcheidteres paſ⸗ ſiren, als daß Marat aus dem Wege geräumt wurde. Ich war wohl entſetzt über die That, aber ich bedaure Marats Tod nicht, weil er Frankreichs Glück ſein wird. Perſönlich that ſein Geſchick mir leid, denn er trat mir zu nahe.“ 139 „Freilich, er war Dein Freund.“ „Zuweilen, ja. Auch einmal der Deinige.“ Andre ſah ſeinen Bruder an, als verbiete er ſich der⸗ gleichen Scherz. „Im Ernſt,“ bekräftigte Marie⸗Joſeph darauf;„er erwies Dir einen Freundſchaftsdienſt.“ „Ah, was Du ſagſt? das war mir neu.“ „Dein ironiſcher Zug wird verſchwinden, wenn ich Dir den Beweis liefere.“ „Ich bin in der That geſpannt.“ „Du entſinnſt Dich, daß ich Dir im vorigen Jahr die Gefahr mittheilte, in der damals die Marquiſe Du⸗ pleſſis ſchwebte?“ 8 „Nun?“ fragte Andre in plötzlicher Erregung. „Die Warnung war Marats Werk; er wohnte da⸗ mals der Marquiſe gegenüber.“ „Unmöglich, Joſeph— er, der Feind aller Ariſto⸗ kraten, der Blutmenſch, der ſich rühmte, nie Mitleid zu haben, er hätte damals Valerie vor der Verhaftung be⸗ vahr Unmöglich, ſage ich Dir, Joſeph, Du treibſt ott!“ 1„So ſcheint's, und doch iſt's nicht ſo.“ Und nun er⸗ zählte Joſeph von der Soirée bei Manuel, von der nächt⸗ lichen Promenade mit Marat und deſſen ſonderbarem Geſtändniß. Andre hörte mit der höchſten Spannung zu. Als * 140 ſein Bruder geendet, ſchwieg er eine Weile und ſagte dann: „Was dieſes Scheuſal hat alſo doch die Spur ei⸗ nes Herzens gehabt? Nie hätte ich das geglaubt!“ „Ich ſelbſt traute meinen Ohren kaum.“ „Und nie hat dieſer Menſch ſich etwas davon merken laſſen,“ fuhr André erregt fort;„ich fühle mich empört, ihm etwas ſchuldig geblieben zu ſein. O, warum ſagteſt Du mir das nicht früher! Denn wenn es auch nichts an dem geändert hat, was geſchehen iſt, ſo hätte dieſer Mann doch nicht ſterben ſollen, ohne daß ich mit ihm quitt war.“ „ Das wird ihn nicht unglücklich machen. Als ich Deine Ode las, fiel mir dieſe Geſchichte erſt wieder ein.“ „Es ändert dies auch nichts in dem Abſcheu vor Marat, dem eine ſeltſame Laune einmal den Gedanken eingab, ein gutes Werk zu thun. Mir that er es nicht zu Liebe, wenn ich auch den Vortheil davon hatte. O nein, meine Ode bleibt wahr und ich könnte ſie heut noch eben⸗ ſo dichten,— o noch grimmiger an Haß und an Freude über den Tod dieſes Menſchen! Aber der Triumph iſt vergällt, der Triumph iſt mir geſtört, Marat rein und ganz haſſen zu können.“ „Nun, darüber gräme Dich nicht lang,“ ſagte Jo⸗ ſeph;„aber ſieh' Dich vor, André, daß dieſes Gedicht Dich nicht in's Verderben bringt. Es hat Deinen Na⸗ men wieder jenen Menſchen ins Gedächtniß gerufen, de⸗ 141 ren Tagwerk es iſt, die Verhaftsbefehle zu erlaſſen und die Todesurtheile anzuordnen.“ „Ich verachte ſie; im Grunde liegt mir ſchon lange nichts mehr am Leben. Nur das möchte ich noch ſehen, daß endlich das Recht und die Ordnung anſtatt dieſer Rotte von Wahnſinnigen herrſcht.“ „Das kann noch lange dauern. Leider hat Marats Tod die Wuth dieſer Tyrannen erhöht. Tyrannen ſind immer feig, und da ſie den Mord fürchten, befahlen ſie den Mord. Es wird noch ſchlechter, Andreé, und ich bin ſo nahe der Guillotine wie Du. Leb' wohl.“ Marie⸗Joſeph verließ die Wohnung ſeines Bruders. André ging eine Zeitlang, noch innerlich erregt von der Mittheilung Joſephs, auf und ab. „Er hätte mir dieſe Wuth erſparen können,“ mur⸗ melte er endlich.„Dieſe That Marats demüthigt und verhindert mich, dieſes Scheuſal ferner zu verfluchen. Und doch,“ fuhr er heftig auf,„und doch! Ich will ihm dop⸗ pelt fluchen!“ Marat war hier in einer Weiſe gerächt, wie nirgends: durch eine gute That, die Niemand gekannt und die ihm Niemand zutrauen konnte. André Chenier fühlte dies in⸗ ſtinktartig; doch ſträubte ſich ſein ganzes Weſen dagegen, es anzuerkennen. Nur vermied er es fortan, über Marat beſonders zu ſprechen. 142 Neuntes Kapitel. Die Gefahr. Gilbert, der lange Diener Doktor Maury's, ſaß auf einem Holzſchemel des Vorzimmers und unterhielt ſich beim Schein der erſten Oktoberſonne damit, ſeinen linken Arm zu tättowiren. Er hielt eine Nadel in der rechten Hand, mit der er ſich den Arm bis aufs Blut ſtach und dann Schießpulver auf die Wunden rieb. Es iſt dies ein alter Gebrauch der Soldaten und der Männer der unteren Klaſſen. Gilbert betrachtete wohlgefällig mit ſeinem gutmü⸗ thigen Geſicht die Wirkung ſeiner That. Die Stelle, wo er auf ſeinem Arme geſtochen hatte, war entzündet und in erhabener Schrift ſtanden die nun ewig unvertilgbaren Worte: Untheilbarkeit oder der Tod. Der brave Kerl blickte lächelnd auf dieſen Wahlſpruch der Schreckensmänner. „Die Bürgerin Roſa,“ murmelte er dabei,„hat's ſo gewollt.“ Er drehte den halb entblößten Arm etwas um, und beſchaute ſich die hier eingeſtochene Roſe. „Dame!“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, „das iſt für ſie, die kleine Hexe aus St. Lazare, deren 143 Vater dort Gefängnißwächter iſt. Eine gute Partie, das! Hm! Sie hat ſich was geſpart, Roſa, und wenn wir uns heirathen, können wir eine Garküche anlegen oder ich mache Commiſſionen und die Roſa ſtrickt. Der gute Dok⸗ tor, mein Herr, hat mir eine Aſſignate von hundert Franks verſprochen, wenn ich Hochzeit mache.“ Und über das Geſicht Gilbert flog dabei ein Lächeln des größten Glücks. Er ſtreifte wie unabſichtlich den Aermel ſeines Hemdes weiter nach der Schulter zurück und ließ ſeine Augen ohne beſonderen Ausdruck auf den Tät⸗ towirungen ruhen, welche ſich hier in blauer und ſchwar⸗ zer Schrift befanden. Unter einem eingeſtochenen Herzen ſtand: Treue Liebe für Magdalena. Ueber dem Herzen, jedenfalls von langer Zeit her: Es leben die. Bourbons! Ehre dem König! Gilbert verzog ſeinen Mund zu einem Lächeln, als wolle er ſagen, die Zeiten hätten ſich geändert, man tätto⸗ wire heut micht mehr ſolche Worte und ſei guter Repu⸗ blikaner geworden. Die Zeiten Magdalenens ſeien ebenfalls vorüber, wie die der Bourbons. Plötzlich tönte die Klingel der Vorderthür. Erſchrocken ſtreifte Gilbert ſchnell den Hemdärmel zurück, um die gefährliche Inſchrift wieder zu bedecken. Dann, nachdem er ſich nochmals überzeugt, daß ſein Arm wohl bekleidet ſei, ging er zur Thür und öffnete. 144 Ein Mann in der Uniform der Nationalgarde⸗Ar⸗ tillerie trat herein. Gilbert prallte zurück. „Nun, was iſt Dir, Bürger?“ rief ihm der Einge⸗ tretene lächelnd entgegen und nahm ſein Mütze ab.„Kennſt mich nicht mehr?“ Gilbert ſah ihn eine Weile an und lächelte, jemehr er den Nationalgardiſten erkannte. „Ah,“ meinte er endlich;„Bürger Collier! Dame! Wie iſt das möglich?“ „Sehr einfach, mein Freund. Auch ich habe müſſen in die Nationalgarde treten und bin zur Artillerie gegan⸗ gen, wo ich Geſchützmeiſter bin. Iſt Dein Herr zu Hauſe? Was macht die alte Urſula.“ „Die nimmt mir alle Arbeit ab, Bürger, ſeitdem ſie beim Doktor iſt.'s iſt recht traurig hier, ſeitdem das ſchöne Fräulein geſtorben iſt, das wir aus der Salpetrière geholt. Iſt nun auch ſchon über ein Jahr her! Na, Ihr wißt's ja, Bürger! Aber ſeitdem Ihr nicht hier waret, und das iſt ſchon eine Zeitlang her, iſt's noch ſchlimmer geworden. Der Bürger Doktor ſpricht faſt kein Wort und die Urſula heult in ihrem Zimmer faſt alle Tage um ihr Fräulein.“ Jean, als fiele ihm plötzlich ein, daß er Eile habe, unterbrach Gilbert hier. „Geh, melde mich, ich muß wieder auf Wache.“ 145 Gilbert ging ins Zimmer ſeines Herren. Bald darauf kehrte er zurück, gefolgt von der hohen Geſtalt Doktor Maury's, der in der Thür ſtehen blieb. Der edle Mann hatte ſich ſeit dem Tode Valeriens außerordentlich ver⸗ ändert. Sein Geſicht, bleich und ſanft, lag in ewiger Unveränderlichkeit, in einer wehmüthigen Reſignation, welche gleichwohl ein tiefer Mannesernſt beherrſchte. Der ſchwarze Anzug erhöhte die Feierlichkeit dieſes Ausdrucks bedeutend. 1b Er reichte, nachdem er Jean in der Uniform erkannt, dem ihm Entgegentretenden die weiße, ſchmale Hand und ging, ohne ein Wort zu ſprechen, mit ihm in ſein Studier⸗ zimmer. Hier fragte er nach der Urſuche des Beſuchs. „Seit wann,“ fragte Jean zurück,„haben Sie Herrn von Chenier nicht geſehen?“ „Vor einigen Wochen,“ erwiderte der Arzt; es war gleich nach der Veröffentlichung ſeiner Ode auf Charlotte Corday.“ „Sie werden nicht wollen, Herr Doktor, daß er um⸗ kommt?“ „Wie ſo?“ „Er ſoll wegen dieſer Ode verhaftet werden. das es iſt nicht auffallend— doch woher wiſſen Sie „Ich bin Nationalgardiſt geworden, wie Sie ſehen. Nun, dem Vaterland zu Liebe thu ich's gern; aber um 1861. 45. Apoll von Byzanz. II. 10 146 dieſe Schurken im Wohlfahrtsausſchuß zu beſchützen— Herr, das hat mir ſchon manchmal das Herz abgedrückt. Aber was hilft's. Ich hab' Weib und Kind und wozu muthwillig unter die Guillotine gehen? Man kann vielleicht bei Gelegenheit noch einmal nützen. Nun, um zur Sache zu kommen— ich habe heut die Wache im Wohlfahrtsaus⸗ ſchuß. Als ich zufällig auf dem Hofe ſtehe, kommt ein Commiſſär, jedenfalls ein ſchwatzhafter Kerl und, nach ſeinem Geſicht zu ſchließen, auch eine gutmüthige Haut. Er hatte eine ganze Hand voll Papiere, lauter Verhaf⸗ tungsbefehle, die man jetzt noch willkürlicher ausſtellt, als je. Er zeigte ſie mir und meinte dabei, es ginge heut wieder ſo Mancher ins Gefängniß, der gewiß nicht daran denke. Ich nahm ihm die Papiere aus der Hand, und in⸗ zwiſchen der Commiſſär mir allerhand erzählte, fiel mein Auge auf den Namen Roucher; und das iſt, wie Sie wiſſen, Herrn von Cheniers beſter Freund. Sogleich dachte ich auch an dieſen, und richtig, als ich umblätterte, war auch ein Verhaftsbefehl mit dem Namen Chenier; jedenfalls André Chénier. Ich war froh, als der Com⸗ miſſär endlich mit ſeinen Papieren fortging, um mich eine kurze Zeit von der Wache entfernen und Ihnen dieſen Um⸗ ſtand mittheilen zu können. Sie werden, wenn Sie gleich nach Verſailles fahren, viel früher zu Herrn von Chénier kommen, als die Agenten, welche der Commiſſär wahr⸗ ſcheinlich erſt gegen Abend hinausſchicken wird.“ Doktor Maury ſtützte ſein Kinn in die Hand, und dachte über das eben Gehörte nach. Es handelte ſich bei dieſem Manne, der für jeden Fremden perſönlich Opfer zu bringen bereit war, nicht um die Frage, ob er für Ché⸗ niers Rettung etwas thun ſolle? Was ihn zum Nachſinnen zwang, war die Art und Weiſe, auf welche der ihm lieb⸗ gewordene junge Mann vor den Nachſtellungen geſchützt werden könnte. „Von wem mag der Verhaftsbefehl ausgegangen ſein?“ fragte er endlich. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Jean Collier;„aber die meiſten ſind, wie der Commiſſär mir erzählte, von Couthon veranlaßt worden. Ich glaube auch nicht, daß Robespierre und Danton darum wiſſen. Aber Couthon iſt ein alter Feind André Cheniers, ich entſinne mich die⸗ ſes Umſtandes aus vielen Worten desſelben. „Aber wie ihn retten?“ fragte der Arzt mehr ſich, als Jean.„Wie ihn ſchützen. Ich könnte ihn zu mir neh⸗ men, aber bei mir iſt er nicht ſicherer, als bei jedem An⸗ deren.“ „Auch bei mir nicht,“ ſagte Jean;„ich habe einige neue Arbeiter, denen ich nicht trauen darf. Es ſind einige dieſer Schufte wie Baſile darunter, und ich glaube beinah, dieſer Elende hält Spione in meinem Hauſe. Er iſt Po⸗ lizeiſpion oder gar Agent geworden, ſo viel ich weiß. Ich bin ſelbſt nicht zum Beſten angeſchrieben und wäre ich 10* 148 nicht in die Nationalgarde getreten, man hätte mich ſchon längſt ins Loch geſteckt.“ „Es bleibt nichts weiter übrig, mein Freund, als daß ich nach Verſailles fahre und ſelbſt mit Herrn von Chenier ſpreche. Ich werde in wenig Minuten auf dem Wege ſein.“ „Vergelt's Gott, Herr Doktor, und gut Glück! Es wäre doch traurig, dieſen braven Herrn in die Klauen die⸗ ſer Banditen fallen zu laſſen. Nur eine Weile noch, denn lange kann's ja nicht mehr ſo fortgehen, und die ſaubere Wirthſchaft iſt aus.“ Der Gärtner, jetzt Nationalgarde⸗Artilleriſt, verab⸗ ſchiedete ſich und beeilte ſich, wieder auf ſeinen Poſten zu kommen. Der Arzt rief aus einem Nebenzimmer Urſula, die er auch nach dem Tode ſeiner Tochter bei ſich behalten hatte. Die alte treue Dienerin erſchien. „Urſula,“ ſagte der Doktor zu ihr,„ich weiß nicht, ob ich vor dem Abend noch wiederkommen werde. Sollte Jemand kommen, ſo ſage, ich ſei zu einem Kranken über Land gerufen worden. Sollte zufällig Herr von Chenier mich heut beſuchen wollen, ſo laß ihn um keinen Preis wieder fort. Er ſoll verhaftet werden und ich fahre eben nach Verſailles, ihn zu retten.“ „O barmherziger Gott!“ rief die Alte erſchreckt. „Und Sie, und Sie, Herr Dokter?“ 149 „Beruhige Dich, Urſula, es wird mir nichts geſche⸗ hen. Thue nur, wie ich Dir geſagt und verrathe Nie⸗ mandem durch einen Blick, was Du weißt.“ Der Arzt nahm ſeinen Hut und verließ ſeine Woh⸗ nung. An der nächſten Ecke fand er einen öw der ihn nach Verſailles fuhr. Doktor Maury ſah eine Weile durch die Scheibe des Wagens auf die bereits erſterbende Natur des Boulogner Gehölzes, auf deſſen röthliches und gelbes Laub die wun⸗ dervoll klare Oktoberſonne ſpielte. Dann fiel er zurück in ſeinen Sitz und in Gedanken. Für dieſen Mann war der Schmerz um den Tod Valeriens ein ſteter Gedanke geblieben. Während der Ge⸗ liebte derſelben, ſeinem leidenſchaftlichen Charakter gemäß, durch den jähen Verluſt der zuvor noch mit ſo viel Gefahr zurückerworbenen Marquiſe in eine Apathie der Seele und der Sinne fiel, um ſich dann, durch Freundſchaft und ge⸗ heime Liebesmacht daraus auszuraffen und wild in den Strudel der Politik zu ſtürzen, war der echt philoſophiſche Vater Valeriens durch dasſelbe Ereigniß ruhiger, milder, aber auch wehmüthiger geſtimmt worden. Der harte Schlag, die Tochter erſt wiedergefunden zu haben und ſie dann verlieren zu müſſen, hatte auf die Seele Doktor Mau⸗ ry's eine natürlichere Wirkung erzielt. Bis dahin war er mit ſeinem Leben nicht fertig geweſen; er trug in ſich, wie ſehr er auch glaubte, das Andenken an ſeine unwürdige 150 Gattin und ſeine Tochter vergeſſen zu haben, die Bitter⸗ keit eines unheilbaren Schmerzes, welche eine herbe Erſah⸗ rung, ein Zerſtören unſeres erträumten Lebensglückes immer zurückläßt. Er hatte bis dahin ein Geheimniß in ſeinem Herzer dahrt und kraft der Energie ſeines Charakters es dort vergraben und ungeſtört ſchlummern laſſen. Aber dieß Geheimniß war doch immerhin ein Wurm geweſen, der an ſeinem Herzen nagte, ohne daß er es ſich merken ließ. Ein ſeltſamer Zufall hatte dieſe Wunde aufgeriſſen und mit Hoffnung zu heilen begonnen;— ein glücklicher Umſtand war gekommen, die Geſchichte ſeines Unglücks verſöhnend zu beſchließen, den Mißton ſeiner Seele zu zer⸗ ſtören: er erfuhr, daß ſeine Gattin geſtorben, daß Valerie Dupleſſis ſeine Tochter ſei; er konnte hoffen, ſein Kind wieder zu haben, es zu lehren, daß der Vater immer mit unendlicher Liebe an ſeinem Andenken gehangen. Er hatte all' das Glück dieſer Hoffnung empfunden, um in einen neuen jähen Schmerz geworfen zu werden, die Tochter durch den Tod zu verlieren, nachdem er ſie gefunden. Da war denn freilich auch die Geſchichte ſeines Lebens zu Ende — der verſöhnende Tod hatte ſie beſchloſſen. Aus dem neuen ſchweren Sturme hatte ſich der Geiſt des Arztes er⸗ hoben, freier denn je, zufriedener, ohne Hoffnung und ohne Liebe zu ſein. Seine Wiſſenſchaft war mehr denn vorher noch die Geliebte ſeines Lebens geworden und in dem Cul⸗ tus für ſie, in der Philoſophie ſeines Geiſtes, klärte ſich 151 das trübe Bild ſeiner Erfahrungen. Er blieb wie immer der einſame, ruhige, von Allem zurückgezogene Arzt, ein Menſchenfreund edelſter Art, ja mit einem erklärlichen Gleichmuth gegen alle Gefahren erfüllt, die in jener Zeit einem Menſchenfreunde drohten. Der Wagen kam in die große Allee von Hier ſtieg der Doktor aus, um zu Fuß nach der André Chéniers zu gehen. Das Haus, welches dieſer bewohnte, lag an der Chauſſee von St. Cloud in einem Garten. Es war eine Art Pavillon und Niemand wohnte dort, außer dem Dich⸗ ter, als die Beſitzerin des Häuschens, eine alte Matrone. Herr von Chenier war nicht zu Hauſe. „Hat noch Niemand nach ihm gefragt?“ richtete der Arzt ſeine Worte an die Frau des Hauſes. „Nein, mein Herr— Bürger,“ ergänzte die Alte, etwas mißtrauiſch das verdächtigende Wort„Herr“ ſchnell in den republikaniſchen Bürger corrigirend. „Sie wiſſen das ganz beſtimmt?“ „Ja, Bürger, ganz beſtimmt.“ „So ſagen Sie Jedem, der kommt und nach dem Bürger Chenier fragt, daß er nicht mehr hier wohne.“ „Wie beliebt? fragte die Alte verwundert. „Sie ſollen ſagen, daß der Bürger Chenier nicht mehr in dieſem Hauſe wohnt.“ „Und wo denn, wenn's beliebt?“ ailles, ohnung „Sagen Sie, er ſei in die Provinz gereiſt.“ Die Alte riß die Augen noch weiter auf. ein Herr— Bürger,“ meinte ſie pikirt,„er⸗ ir, warum Sie befehlen, daß ich ſagen ſoll, — Bürger Chenier macht, wo er iſt, wo er Doktor Maury ſann einen Augenblick nach; dann einen prüfenden Blick auf die Frau werfend, fragte er: „Wo meinen Sie, daß Herr von Chenier ſich jetzt befindet?“ So wie die Alte die Bezeichnung„Herr von Ché⸗ nier“ hörte, zeigte ſie ſich entſchieden beruhigter und freundlicher. „Ei, mein Herr, antwortete ſie nun;„Sie haben mir beinahe Furcht eingeflößt.“. „Wie ſo?“ „Ich fürchte die Leute, welche Bürger ſtatt Herr agen.“ „Aber beantworten Sie mir doch meine Frage. Ich will Ihnen die Erklärung meiner Worte geben: Herr von Chénier ſoll verhaftet werden und ich will ihn warnen.“ „Ach Du gnadenreicher Gott!“ ſchrie die Frau und ſchlug die Hände zuſammen.„Ach, wann wird dieſe fürch⸗ terliche Zeit vorübergehen! Verhaften? Dieſen guten Herrn von Chenier verhaften?...“ Ungeduldig unterbrach ſie der Arzt. 153 „Es iſt keine Zeit zu verlieren, Frau; die Polizei kann jede Minute hierher kommen. Wiſſen Sie nicht, wo Herr von Chenier ſich jetzt aufhalten mag?“ „Bei dem Herrn Herzog von St. Aignan, ganz ge⸗ wiß bei dem Herrn Herzog.“. „Gut— alſo merken Sie, was ich Ihneggeſagt.“ „O mein Herr, Alles, Alles!“ „Herr von Chenier wohnt nicht mehr hier.“ „Um keinen Preis, mein Herr!“ „Er iſt ſeit einigen Tagen abgereiſt.“ „Ja, ja, ganz fort aus Verſailles.“ „In die Provinz.“ „Ja, in die Provinz.“ „Sie müſſen ſeine Sachen ſchnell verbergen.“ „Auf der Stelle, auf der Stelle, mein Herr.“ „Und Sie ſchweigen gegen Jedermann von dem, was ich Ihnen geſagt.“ „Stumm wie ein Grab, lieber Herr.“ Der Doktor reichte der Frau mehrere Louisdors. „Das für den Verluſt der Miethe, Frauchen; es iſt gut royaliſtiſches Gold.“ „Segne es Gott, mein Herr!“ Doktor Maury grüßte und entfernte ſich. Er kannte das Haus von St. Aignan, in dem er Arzt war und in kurzer Zeit hatte er es erreicht. Wirklich befand ſich André Chénier, wie gewöhnlich, bei Herrn und Frau von St. Aignan. Als ſich der Doktor anmelden ließ, fand er die Geſellſchaft beim Diner. Man begrüßte ihn wie einen alten Freund des Hauſes. war der Schreck nicht gering, als man die Urſache eltenen Beſuches, aus der Doktor Maury hier kein Geheimniß zu machen brauchte, erfuhr. Die Her⸗ zogin erbleichte; man ſah es ihr an, wie lebhaft ihr Herz von dieſer Gefahr André's getroffen wurde. André Ché⸗ nier ſelbſt zeigte ſich ruhig. „Es überraſcht mich nicht,“ ſagte er;„wenn ſie mich ſuchen, ſo mögen ſie mich auch finden.“ „Herr von Chenier! rief die Herzogin nach dieſen Worten wie im Vorwurf der Liebe aus. „O mein Freund“, nahm der Herzog in gewohnter Lebhaftigkeit das Wort,„das geht ſie nicht mehr an, ſon⸗ dern uns.“ „Recht, Herr Herzog“, ſprach Doktor Maury da⸗ zwiſchen.„Das ſoll unſere Angelegenheit ſein, Herrn von Chénier vor der Verhaftung zu ſchützen. Ich bin nicht um⸗ ſonſt nach Verſailles gefahren. Bereits iſt ihre Wirthin, Herr von Chenier, von Allem unterrichtet und hat Ver⸗ haltungsbefehle bekommen. Es handelt ſich nur noch darum, wo Sie ſich zu verbergen haben?“ „Nichts einfacher als dieß,“ rief Herr von St. Aignan. „Bei mir, bei mir!“ Die Herzogin erzitterte unmerklich. — ——— 155 „Bei Ihnen? meinte André abwehrend.„Ah, was glauben Siel Soll ich Sie in die Gefahr mit hineinziehen, die mich bedroht?“ „Unnöthige Skrupel, cher Apoll!“ warj der Herzog ein;„wir ſind darum nicht mehr bedroht, das wiſſe ſelber. Und was thut's am Ende, wenn dem ſo Wir können das Hotel der Conciergerie ebenſoguk beziehen, als hundert andere unſerer Freunde und wenn wir heute noch leben, ſo vergeſſen wir nicht, daß wir morgen ſchon ſterben können. Ah, mein lieber Doktor,“ wandte er ſich lächelnd zu Maury,„iſt's nicht wahr? Unter der Re⸗ publik muß man ſich an die ſogenannten tugendhaften Tode gewöhnen und ſich nicht wundern, einen Kopf kürzer zu werden, der Geſinnung wegen. Das iſt Styl, wie un⸗ ter Ludwig XV. ein Jeder, der Edelmann war, hoffen konnte, einmal Sr. allerchriſtlichen Majeſtät das Hemde zu reichen.“ André hatte nachdenklich zugehört; die Gründe des Herzogs ſchienen ſeinen Entſchluß nicht erſchüttert zu haben.“ „Nein, nein!“ rief er:„Wenn Sie das Unglück tref⸗ fen ſollte, ſo werden Sie den Muth haben, es zu ertra⸗ gen. O das weiß ich! Aber ich moͤchte niemals mir vor⸗ werfen, einen einzigen meiner Freunde ins Unglück gebracht zu haben. Bedenken Sie St. Aignan, Sie haben eine Frau, die muthwillig bloßzuſtellen, unverantwortlich wäre! 156 „Seien ſie nicht allzu ängſtlich, Herr von Chenier,“ nahm hier die Herzogin das Wort und richtete einen ihrer innigſten Blicke auf den Dichter.„Laſſen Sie uns nicht von der Gefahr reden, die uns drohen könnte— wir ſind wirkli egen höchſt unempfindlich. Es handelt ſich jetzt einen Freund zu retten, und das iſt unſere Schul⸗ digkeit, ſo gut wie es die Ihre ſein würde, uns Gleiches zu erweiſen, wenn es in Ihrer Macht ſtehen ſollte. Alſo, keine Hartnäckigkeit! Fügen Sie ſich und laſſen Sie uns mitſammen erwarten, was geſchehen wird. Iſt das nicht ein Troſt, werth, die Gefahr ein wenig zu ſteigern?“ André ſchwieg. Er hatte mit ſeinem Auge den Blick Leontinens getroffen und unwillkürlich, wie immer, fühlte er ſich beſiegt, bereit, die Wünſche der ſchönen Frau zu er⸗ füllen. Sein Schweigen ſprach es beredt genug aus. „Sehen Sie, Doktor?“ rief der Herzog triumphirend. „Er iſt ganz Dichter. Spricht eine Frau, ſo fügt er ſich. In dieſer Beziehung habe ich auch eine Ader von ihm.“ Die Herzogin erröthete leicht. „Uebrigens“, fuhr Herr von St. Aignan ſort,„iſt die Gefahr bei uns wirklich nicht groß. Ich habe im Noth⸗ fall Anſtalten zur Sicherheit getroffen, denn, parbleu! man geht dem Hund aus dem Wege, wenn er Einen an⸗ fällt. Kommen Sie mit, mein Freund, jetzt Schützling des Hauſes St. Aignan, kommen Sie, Doktor Maury! 157 Ich werde Ihnen zeigen, wie leicht wir Alle einem ernſten Ueberfall entwiſchen können!“ Der Herzog verließ, gefolgt von den beiden Herren, den Salon und betrat ſein Cabinet. Von dort aus führte er ſeine Begleiter durch eine Reihe von Zimmern, welche in dem rechten Hinterflügel lagen, bis in das letzte derſel⸗ ben. Es war ein großes Balkongemach, das nach dem Waſſer und dem Walde gegenüber ging. Der Herzog öffnete die Balkonthür und trat hinaus. „Sehen Sie, meine Herren, von dieſer Seite iſt mein Haus unzugänglich. Hier unten fällt der Hügel ganz ſteil ſeine zwanzig Fuß herab, gerade an den Fluß hinunter. Da unſer Gitterthor immer verſchloſſen iſt und nur Be⸗ kannten geöffnet wird, ſo können wir mit Leichtigkeit die Zeit gewinnen, um hier hinaus zu fliehen, über den Fluß in den Wald zu ſetzen, oder auf dem Waſſer weiter zu fahren.“ „Aber haͤben Sie denn ein Boot ſo ſchnell zur Stelle?“ fragte der Arzt. „Erlauben Sie, Doktor! Einen Augenblick und Sie werden ſehen, daß ich wahrhaft romantiſch meine Vorbe⸗ reitungen getroffen. Ganz in der Stille dabei; nur ein einziger alter, treuer Diener weiß davon, außer meiner Gemahlin und etlichen Freunden.“ Der Herzog bückte ſich in einer Ecke des Zimmers, ſchob den Teppich zurück und drückte an einer verborgenen 158 Feder. Dann hob er leicht eine Platte auf, welche auf ihrer Oberfläche den Parkett des Fußbodens trug. Die näher getretenen Herren ſahen eine Leiter in den dunklen Raum hinab führen. „Eine bequeme Paſſage iſt's eben nicht,“ ſagte der Herzoglächelnd, aber wennſie eingeſchlagen wird, kommt's auf Unbequemlichkeiten überhaupt nicht an. Meine Ge⸗ mahlin habe ich einmal verſuchsweiſe hier hinabſteigen laſſen und ſie hat das Kunſtſtück meiſterhaft ausgeführt. Nicht ein einziger Fehltritt geſchah. Kommen Sie nur mir nach— mein ſkeptiſcher Apoll ſoll ſehen, daß ich al⸗ lenfalls als Fährmann über den Styx dienen kann.“ Herr von St. Aignan ſtieg die Leiter hinab, neu⸗ gierig folgten ihm André und Doktor Maury. Das Gewölbe, in welches die Leiter führte, war in dem ſteinigen Hügel gebaut, der hier den Untergrund des Wohngebaͤudes abgab und zu Kellern benutzt war. Auch dieſer, von Außen durch mit Gittern verſchloſſene Fenſter von mattem Glaſe ſchwach erleuchtete Raum war ein ſol⸗ cher Keller; jetzt befand ſich indeſſen nichts darin. Als die Herren den Boden erreicht hatten, führte Sie Herr von St. Aignan nach der Seite des Waſſers zu einer Thür, die er öffnete. Ein kleiner, ziemlich ſchmaler Gang ſenkte ſich in die Dunkelheit hinab. „Ich hätte ſollen ein Licht mitnehmen,“ ſagte der Herzog.„Indeſſen genügt, was Sie geſehen, ſchon, um 159 Ihnen zu beweiſen, daß für Alles geſorgt iſt. Dieſer Gang hier iſt keine zwanzig Fuß lang. Ein paar Schritte von hier liegt ein gutes Boot mit Rudern und Sitzen und Kä⸗ ſten verſehen, in denen ſich Pulver und Kugeln und andere Utenſilien befinden. Das Boot liegt auf runden Hölzern und dicht an einer Thür, welche hier vor uns ſich befindet und unmittelbar ins Waſſer führt. Von außen habe ich ſie mit Erde bekleiden laſſen, auf der Gras wächſt, ſo daß Niemand, ſelbſt wenn er davon wüßte, ſie von der Waſ⸗ ſeite entdecken könnte, weil ihre Decke mit der Wand des Hügels daſelbſt harmonirt. Mit einem kräftigen Stoß iſt ſie ohne Aufenthalt zu öffnen, ein anderer Stoß ſchleu⸗ dert das Boot ins Waſſer, und es ſteht uns dann frei, überzuſetzen oder weiter zu rudern. Oben im Zimmer haben Sie wohl meinen Waffenſchrank geſehen: im Noth⸗ fall kann man vom Boot aus ſich mit den mitgenommenen Gewehren und Piſtolen noch vertheidigen. „Nun, was ſagen Sie dazu?“ Doktor Maury nickte beifällig mit dem Haupte. An⸗ dré bezeigte unverholen ſeine Freude. Der Gedanke, viel⸗ leicht einmal mit der Herzogin von hier aus zu fliehen und dann ſie zu beſchützen, zu vertheidigen, hatte für ihn etwas Anziehendes. „Alſo, Freund Andreé,“ meinte der Herzog, nachdem er mit ſeinen Begleitern wieder die Leiter herauf geſtiegen war und die Platte niedergeſenkt,„Sie ſahen, daß wir 160 vor der erſten Gefahr geſichert ſind. Dieß iſt von nun an Ihr Zimmer— hüten Sie mir meinen Rettungsap⸗ arat.“ 1 Es war nichts mehr einzuwenden. Andre blieb von Stunde an in ſeinem neuen Aſyle im Hauſe des Herzogs von St. Aignan; Doktor Maury fuhr zufrieden nach Paris zurück. Der Polizeicommiſſär, mit welchem Jean Collier auf dem Hofe des Stadthauſes geſprochen und durch deſ⸗ ſen entſchuldbare Unachtſamkeit er André Chenier vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen vermocht, hatte inzwi⸗ ſchen die Exekution der Verhaftsbefehle durch ſeine Agen⸗ ten beſorgen laſſen. Am Abend desſelben Tages ſaß er wieder in ſeinem Bureau, um die Berichte der Agenten in Empfang zu nehmen, die von den Provinzialcommiſſarien eingelaufenen Mittheilungen zu prüfen und danach ſeinen Rapport an den Wohlfahrtsausſchuß abzuſtatten, um dem ihm im Dienſte nachſolgenden Commiſſär keine ruckſtändigen Ar⸗ beiten zu überlaſſen. Der Beamte ſaß an einem langen, mit Papieren und Akten überfüllten Tiſch. In dem von mehreren Lam⸗ pen erhellten Zimmer war außer ihm noch ein Schreiber, ein alter, ſchmutziger Menſch mit grünen Augengläſern, der eifrig an ſeinem Pulte ſchrieb, wenn der Commiſſär, der ebenſo redſelig als gutmüthig war, zu ihm ſprach, ſich —— 161 umdrehte, als hätte die Bewegung eine Federkraft bewirkt und dann gewöhnlich„ganz der Meinung des Bürger Com⸗ miſſars war,“ worauf er wieder weiter ſchrieb. Der Commiſſär ging die Verhaftsbefehle durch. Sie waren faſt alle mit Rothſtift durchſtrichen, was bedeutete, daß die Agenten die betreffende Perſon ins Gefängniß ab⸗ geführt hatten. Auf jenen wenigen Zetteln, welche nicht durchſtrichen waren, befanden ſich in kurzen Worten die Urſachen verzeichnet, welche die Agenten verhindert hat⸗ 5 ten, den Verhaftsbefehl zu exekutiren. „Na,“ meinte der Commiſſär vor ſich hin, indem er einen Verhaftsbefehl betrachtete,„der wuͤrde der Republik auch keine Gefahr gebracht haben, wenn man ihn unge⸗ ſchoren gelaſſen hätte. Cäſar Boulard, Bäcker,“ las der Beamte wie in Gedanken und ſich dann zu ſeinem Se⸗ kretär wendend, fragte er:„der hat ja wohl die ſchöne Schweſter, in die ſich, wie man ſagt, Robespierre verliebt hat?“ Der Sekretär war in ſeiner gewohnten Behendigkeit umgeſprungen und antwortete:„Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs.“ Dann, da der Commiſſär weiter las, drehte er ſich wieder um und arbeitete ruhig weiter.„Frau Rocheſou⸗ cault, früher Herzogin— gut,“ brummte der Beamte, in⸗ dem er den Schein zu den erledigten legte und den Namen auf demſelben in ein großes, vor ihm liegendes Buch ein⸗ 18614. 15. Apoll von Byzanz. II. 11 162 ſchrieb.„Doch kurios, früher Herzogin! Verteufelt de⸗ gradirt durch die Republik. Und Rochefoucault! Ein al⸗ ter Name. Ich kannte früher einen Herzog von Roche⸗ foucault, ob das ſeine Frau ſein mag? Was, Bürger?“ Der Sekretär, der damit gemeint war, ſchnellte abermals und„war ganz der Meinung des Bürger Com⸗ miſee, wiewohl er ſchwerlich deſſen Monolog gehört atte. Der Commiſſär fuhr in ſeiner Arbeit fort, „Roucher,“ las er nach einer Weile.„Aha, das iſt der Redakteur vom„Journal von Paris,“ mein Nachbar. Die arme Frau mit den Kindern!'s thut mir immer leid, wenn ſo Einer eingeſperrt wird; denn's geht gar zu leicht an den Kragen. Dem ganz gewiß, obgleich er ein guter Kerl war. Na, Witwen hat Frankreich genug.“ Der Commiſſär ſchlug weiter. „Helene Tiſſu— todtkrank im Bett,“ las er.„Bis zu ihrer Geſundheit aufgeſpart. Kann nicht helfen, liebes Kind, kann nicht helfen!“ ſagte er dabei mitleidig vor ſich hin.„Unſereins muß ſeine Schuldigkeit thun, ſonſt geht's ums Amt und ſogar an den Hals. Nicht wahr, Bürger?“ „Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs,“ ent⸗ gegnete der Sekretär in gewohnter Weiſe, und der Com⸗ miſſär, der nur mechaniſch ſeine Fragen an ihn richtete, fuhr in ſeiner Beſchäftigung fort. „Gabriele Micault, Ariſtokratin,“ las er—„ent⸗ 163 flohen. Gut für ſie, auch für uns; doch Arbeit genug!— Noquelaure, Ariſtokrat, früher Oberſt der Garde Capets. — Der hätte auch Zeit gehabt, zu entwiſchen. Nun muß er büßen, denn er iſt ſo gut wie guillotinirt. Nicht wahr, Bürger?“ „Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs.“ „Breteuil, Ariſtokrat,“ las der Commiſſär weiter.— „Erledigt, abgeführt!“ brummte er vor ſich, indem er dieſe Worte ins Buch ſchrieb.—„Chamans, Demoiſelle, Ariſtokratin— dito, dito.“ Er blätterte weiter; nach einigen Minuten ſtieß er wieder auf einen mit Rothſtift durchſtrichenen Verhafts⸗ befehl. „Wer iſt denn das, der da entwiſcht iſt?“ ſprach er vor ſich hin, indem er das Blatt ſich näher unter die Au⸗ gen legte.„Chenier,“ las er dann,„Ariſtokrat.“ Er entzifferte darauf die ſchlechtgeſchriebene Notiz des Agen⸗ ten.„Nach Ausſage der Wirthin ſeit mehreren Tagen ſchon in die Dapartements abgereiſt, Effekten mitgenom⸗ men.— Na,“ fuhr der Commiſſär in ſeinem Selbſtge⸗ ſpräch fort, indem er die Notiz des Agenten in ſein Buch kopirte,„wenn er nur davon kommt, dieſer Schelm Ché⸗ nier. In die Departements entflohen! Ah, Teufel, das kann ihm ſchlecht gehen, wo die Republikaner überall die Rebellen, Royaliſten, Girondiſten, Föderirte, Chouans und wie ſie Alle heißen, zurückzudrängen beginnen. Gleich 11* * 164 Tod, wen man packt. Am Ende, was thut's? dort oder hier— nicht wahr, Bürger?“ „Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs,“ antwortete der Sekretär, indem er umſprang und dann zurück an ſein Pult ſchnellte. „Zum Teufel mit Deiner Meinung!“ rief der Com⸗ miſſär mehr ſcherzhaft, als unwillig.„Zehn Jahre mit Dir zuſammen und Du redeſt immer noch nichts Anderes. Es iſt auch ſchlau von Dir; heutzutage thut man wohl, wenn man ſo wenig wie möglich ſpricht.“ „Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs.“ Der Commiſſär ſtand auf, um ein paar Mal durch's Zimmer zu marſchiren; dann, als habe er ſich genugſam auf die fernere Arbeit vorbereitet, fragte er ſeinen lang⸗ weiligen Sekretäp: „Haſt Du die Berichte aus den Departemens ge⸗ ordnet?“ „Ja, Bürger Commiſſär,“ antwortete der Sekretär, indem er mit der ihm eigenen Behendigkeit einen Stoß Papiere von ſeinem Pulte nahm nnd darauf mit einem Sprunge es ſeinem Chef überreichte. Der Beamte nahm es mit einem tiefen Seußzer ent⸗ gegen, warf es vor ſeinem Stuhl auf den Tiſch, ſetzte ſich dann und rückte die Lampe näher. „Allons!“ rief er, als wolle er ſich ſelbſt zum Arbei⸗ 165 ten ermuntern,„noch dieſer Stoß und mein Dienſt iſt für zwei Tage zu Ende.”“ Er begann nun in derſelben Weiſe, wie vorhin dieſe Rapporte der in den Departements thätigen Com⸗ miſſäre und Agenten der Pariſer Polizei zu revidiren und in das Buch einzutragen. Die Arbeit geſchah ohne bemerkenswerthe Gloſſen des Beamten. Plötzlich jedoch ſtutzte er, nahm einen Be⸗ richt nahe unter die Augen und ſchien eifrig damit be⸗ ſchäftigt zu ſein, einen Ramen darauf genau zu leſen. „Chenier;“ brummte er endlich.„Chenier! Ganz richtig, gar nicht anders zu leſen. Sapriſti! der war ſchnell abgefaßt! Hm! Hm! das muß ſofort corrigirt werden— die Bürger aber ſind verteufelt genau, und es würde mir einen tüchtigen Putzer verſchaffen, wenn Einer fände, daß im Rapport ſteht, der Chénier ſei entwiſcht und weiter unten, er ſei im Departement gefangen worden. Der Teufel! Sie brennen ſo auf jede Seele! Ich habe heut' ſchon eine Menge von Entwiſchten— das kriegt man zu hören. Einer weniger— gut für mich. Nicht wahr, Bürger?“ „Ganz der Meinung des Bürger Commiſſärs,“ er⸗ widerte gewohnter Weiſe der Sekretär. Der Beamte änderte, indem er die Worte, die er ſchrieb, vor ſich hinſprach, die Stelle in dem Rapport, die ſich auf Chénier bezog:. 166 „War vor einigen Tagen aus ſeiner Wohnung ent⸗ flohen, aber von unſeren Agenten im Departement erwiſcht worden; weßhalb zur Dispoſition.— So,“ fuhr dann der Commiſſär fort,„gut, daß mir das noch in die Hände kam. Ein Anderer hätt's nicht wiſſen können.“ Es war in der That ein merkwürdiger Zufall gewe⸗ ſen, daß André's Bruder, Sauveur Chenier, im Departe⸗ ment um dieſe Zeit arretirt worden war. Da weder auf dem Verhaftsbefehl, noch auf dem Rapport aus der Pro⸗ vinz ein Vorname beigefügt war, ſo konnte der Commiſſär ganz natürlich ſo combiniren, wie er eombinirte; daß der⸗ ſelbe„Ariſtokrat Chenier,“ der aus Verſailles entflohen, in dem Departement gefangen worden. Ohne deßhalb den Rapport weiter zu berückſichtigen, notirte er den Ver⸗ haftsbefehl für erledigt, nicht ahnend, daß die Perſon, auf die er lautete, der Gefahr damit entronnen war. Denn da nach dem Berichte des Commiſſärs, André Chenier, den man augenſcheinlich gemeint, verhaftet war, konnte ſo lange keine weitere Verfolgung desſelben ſtattfinden, ſo lange der Irrthum nicht zur Aufklärung kam— ein gün⸗ ſtiger Umſtand, der bei der Menge von Arreſtationen, der Ueberfüllung der Gefängniſſe, der unabänderlich damit eintretenden Irrungen in den Bureaux und bei vielleicht erſt nach Monaten ſtatthabenden Unterſuchung, nur durch einen ſeltſamen Zufall aufgehoben werden konnte. Wirklich war durch dieſes Ouiproquo André Chénier 167 der Gefahr entronnen denn diejenigen, welche den Ver⸗ haftsbefehl gegen ihn erlaſſen hatten, hielten ihn nun für arretirt und begnügten ſich vorläufig damit, ihn im Ge⸗ fängniß zu wiſſen. Der große Prozeß gegen die Giron⸗ diſten, der ebenfalls vorbereitete gegen die Königin, be⸗ ſchäftigte überdieß den Wohlfahrtsausſchuß und die Ge⸗ richte viel zu ſehr, als daß ſie für untergeordnetere Pro⸗ zeſſe Intereſſe gehabt hätten. Bei aller Schnelligkeit des Gerichtsverfahrens konnte man doch immer nur mit den Hauptperſonen ſich beſchäftigen. André Chenier hatte am Abend desſelben Tages, wo er ſein Aſyl bei dem Herzog von St. Aignan gefunden, ſeinen Bruder von Allem benachrichtigt, was ihm gedroht. Nicht gering war das Erſtaunen Marie⸗Joſephs, als er am nächſten Morgen von Couthon in hämiſchem Tone die Mittheilung erhielt, André Chenier ſei verhaftet. Zum Glück wußte er ſich zu beherrſchen, ſo daß Couthon keinen Argwohn ſchöpfte. Es gelang ihm auch, bald den eigent⸗ lichen Zuſammenhang der Sache in Erfahrung zu bringen; er erfuhr die Verhaftung ſeines Bruders Sauveur im De⸗ partement und die Verwechslung desſelben mit André von Seiten des Beamten, der den Rapport gemacht. Bei ſtrenger Bewahrung des Geheimniſſes war die Rettung beider Brüder leicht möglich, die André's ganz gewiß. Man kann ſich denken, daß ſowohl André, als Alle, die von der Gefahr, die ihm gedroht und der Weiſe, wie er ihr entgangen, wußten, ſchweigſam darüber blieben wie das Grab. André galt ſür Sg und er war frei; man vergaß ihn und er that nichts, was von ſeinem Daſein Kenntniß gab. Wie wir ſchon aus den Selbſtgeſprächen des Com⸗ miſfärs erfahren haben, waren mehrere von den Perſonen, welche zur Geſellſchaft des Hauſes von St. Aignan ge⸗ hörten, durch keinen ſo glücklichen Umſtand der Gefahr entronnen, ſondern in die Kerker geführt worden. Unter ihnen auch Roucher, der Freund André Cheniers, der bald genug dieſe ſchmerzliche Nachricht erfuhr. Zehntes Kapitel. Die letzten Tage der Gironde. Vier Monate waren ſeit der Gefangennahme der Girondiſtenführer verfloſſen. Der Sicherheitsausſchuß, von fanatiſchen Feinden der Girondiſten gebildet, betrieb endlich deren Prozeß, den Robespierre ſowohl, wie Dan⸗ ton und Beider Anhang im Geheimen nicht wünſchten. Der Eine wollte den Tod von Männern nicht, die ihm ein⸗ mal gegen die wachſende Uebermacht der Fanatiker, wie Hubert und Chaumette, dienen konnten; der Andere war 169 zu ſehr ihr Freund, yj ihr Loos nicht lieber verbeſſern zu wollen.. Am 3. Oktober 1793, an demſelben Tage, wo ge⸗ gen André Chenier der Verhaftsbefehl erlaſſen worden war, wurde der Convent von Neuem der Schauplatz eines hinterliſtigen Kampfes der Jacobiner mit dem Reſt der Girondepartei, der ſchüchtern, entmuthigt und auf beſſere Tage hoffend, gleich wohl auf den curuliſchen Stühlen ausharrte, tagtäglich die wüthendſten Anklagen gegen ſich mit anhörte, von Zeit zu Zeit Nachricht bekam, daß wie⸗ derum von den in die Departements geflohenen Freunden einige umgekommen, andere den Schergen des Sicher⸗ heitsausſchuſſes in die Hände gefallen waren. Der Bericht des Sicherheitsausſchuſſes gegen die zwei und zwanzig Girondiſten ſollte verleſen werden. Der lange verleumderiſche Bericht, eine Zuſammenfaſſung aller der widerſprechenden Beſchuldigungen, die gegen die Gi⸗ ronde von deren Feinden verbreitet worden waren, ſchloß mit dem Antrag, die gefangenen Deputirten der Ver⸗ ſchwörung gegen die Einheit und Untheilbarkeit der Re⸗ publik ſchuldig zu erklären. Unter ihnen war Vergniaud. Schon glaubte man, der Bericht ſei damit zu Ende, als deſſen zweiter Theil verleſen wurde, wonach die flüch⸗ tigen Girondiſten für Verräther am Vaterland erklärt wurden. Die noch im Convent ſitzenden Deputirten der Gi⸗ 170 rondiſtenpartei vernahmen dieſen Bericht und ergaben ſich mit Schmerz in die Aechtung oder Hinrichtung der Be⸗ deutendſten ihrer Partei, die ſie nicht mehr zu retten vermochten. Sie ſuchten ſich in den Reihen des Con⸗ vents zu verbergen, zu verſchwinden, lautlos, damit ihre Todfeinde nicht daran erinnert würden, daß ſie noch da waren. Sie hielten die Gefahr, auf die ſie angſtvoll ge⸗ rechnet, für vorüber nud athmeten hoch auf. Da verlangte der Berichterſtatter mit großer Kalt⸗ blütigkeit die Schließung der Saalthüren, und der Con⸗ vent votirte darüber. Die Girondiſten, um nicht furcht⸗ ſam zu ſcheinen, votirten mit dafür, aber bleich, von einer furchtbaren Ahnung ergriffen. Sie täuſchten ſich nicht— der letzte Theil des Berichtes verlangte die Anklage gegen die Freunde der Girondiſten im Convent, er nannte ſie namentlich, einen nach dem andern; es waren 73 De⸗ putirte. Schreck und Ueberraſchung lähmten die Sprache der Dreiundſiebzig. Schweigend, wie eine zur Schlachtbank beſtimmte Heerde, drängten ſie ſich in ihrer Bankreihe zu⸗ ſammen, auf den Beſchluß harrend, den der Convent faſ⸗ ſen würde. Der Convent adoptirte die Anträge ohne Debatte. Die drei und ſiebzig Deputirten wurden durch die bewaff⸗ nete Macht, welche den Convent umlagert hatte, in die Kerker von La Foree geführt. 171 Von nun an verlangten die Jacobiner den Prozeß der Girondiſten mit Ungeſtüm und Robespierre gab nach; aber mit Bedauern. Als ihn Garat, der Miniſter war, beſchwor, die Girondiſten zu retten, ſagte er:„Sprechen Sie mir nicht mehr davon; ich ſelbſt könnte ſie nicht ret⸗ ten. In Revolutionen gibt es Tage, wo das Leben ein Verbrechen iſt und man ſeinen Kopf muß hinzugeben wiſ⸗ ſen. Auch den meinigen verlangt man vielleicht von mir,“ fügte er hinzu, indem er mit ſeinen zwei Händen nach ſeinem Kopfe griff.„Sie werden ſehen, ob ich darum hadere.“ Von nun wurden die gefangenen Girondiſten, welche man bisher milde behandelt hatte, ſtrenger bewacht. Man hatte ſie in der Nacht nach der Conciergerie gebracht, der großen Vorhalle des Todes, umgewandelt dazu aus den Zellen, Refektorien und dem hohen gothiſchen Kirchenſchiff eines alten Kloſters. Sie ſaßen hier unter einem Dach mit der Königin von Frankreich, die in einer elenden Zelle den Tag ihrer Hinrichtung erwartete. Das Opfer des Königthums und die Opfer der Republik— wie wunderbar! Sie ſaßen jetzt in einem Kerker, warteten zuſammen auf den Tod durch die Hand des Henkers. Die Königin hatte den Vor⸗ rang; die franzöſiſche Galanterie gegen die Frau verläug⸗ nete ſich ſelbſt in der Grauſamkeit nicht. Der Prozeß Marie Antoinettens mußte beendigt ſein, um den Prozeß der Gironde verhandeln zu können. Am 16. Oktober fiel 172 das Haupt der Königin von Frankreich unter dem wilden Jubelruf des entarteten Volks. Die Girondiſten waren jetzt die Blüthe der Gefan⸗ genen in der Conciergerie: ihr Prozeß ward die Staats⸗ angelegenheit der Republik. Und ſie wußten es, dieſe ſtol⸗ zen, geiſtvollen, meiſt ſchwärmeriſchen Republikaner von platoniſchem Edelmuth; ſie traten in den großen, vier⸗ eckigen, mit hohen Mauern umgebenen Hof der Concier⸗ gerie, wo ſie den Tag über mit den übrigen Gefangenen zuſammentrafen, als die Herren und die Elite auf, die Elite des Todes, der ſie Alle gleich machen ſollte. Ihr ſtill anerkannter Chef war Vergniaud, um ihn ſchaarten ſie ſich, ihm wieſen ſie noch hier die Ehre zu, der Erſte un⸗ ter ihnen zu ſein. Und auch Vergniand wußte, was er be⸗ deutete. In ſeinen zerfetzten Kleidern trug er das Haupt ſtolz wie ein König und als ihn einſt ſein zehnjähriger Neffe beſuchte, ſprach er zu ihm: „Mein Kind, ſieh mich recht an. Wenn Du ein Mann geworden biſt, wirſt Du ſagen, Du habeſt Vergniaud, den Gründer der Republik, in der ſchönſten Zeit und in der glorreichſten Tracht ſeines Lebens geſehen, wie er die Ver⸗ folgung von Böſewichtern erduldete und ſich vorbereitete zum Tod ſür die freien Männer.“ Es waren die ſchönen Schwärmer von früher, die hier, im düſteren Hof der Conciergerie, die Träume der Politik fortſpannen. Sie debattirten unter der kleinen 173 Halle, die ſich an der einen Seite des Hofes hinzieht, wie im Convent; ſie ſprachen wie Männer, die nicht mehr no⸗ thig haben, Zeit und Umſtände rückſichtsvoll zu erwägen. Ihre Beredſamkeit, die noch immer die Gluth und den Patriotismus früherer Tage hatte, nahm hier einen Cha⸗ rakter des Erhabenen und Prophetiſchen an. Bald hielt der Eine eine begeiſterte Lobrede auf die Tugenden der Republikaner, bald ſpottete der Andere mit dem attiſchen Salz, das ihm eigen war, der Jacobiner, die ſie richten würden. Es ward die Anarchie vervehmt und der Tod für die Freiheit begeiſtert geſchildert. Es wurden Philoſophien gepredigt, neue Geſellſchaftslehren, ein neues Chriſten⸗ thum. Man erſann neue Ländereintheilungen und Staa⸗ tengruppirungen und zeichnete die neue Karte der Freiheit auf einen Globus; man hielt Gottesdienſt für die Frei⸗ heit ab und auch für den Glauben ſtiegen faſt vergeſſene fromme Gebete aus den Tagen der Kindheit, wie ſie die Mutter gelehrt, zum Himmel empor. Dort dichtete der Eine auf ſeinen Tod, auf ſeine Gattin, ſeine Kinder; der Andere beſang die Geliebte, welche in Verkleidung hinein in die Conciergerie gedrungen war, nur um einen Blick mit dem Geliebten zu wechſeln. Es ſchallten fröhliche Zechergeſänge dem Tode entgegen und heitere Lieder, mit denen der Freund den andern in ſeinem Gram tröſtete. In der Ecke, ſtill und bleich, weinte ein junger Mann um die Theuren, die er verlaſſen ſollte; es umarmte ihn ein 174 anderer und trocknete ſeine Thränen, damit ſie Niemand ſähe. Valazeé beſaß den ungeduldigen Todesmuth eines nach dem Martyrium Verlangenden. Man ſah es ihm an, daß er nur eine Sorge kannte, die, vielleicht nicht ver⸗ urtheilt zu werden. Vergniaud ſeinerſeits ſchien ebenſo unbekümmert um ſein Leben zu ſein, aber er hatte keinen Fanatismus der Auf⸗ opferung. Heiter bald, bald ernſt, ungezwungen, zuweilen lächelnd, öfters nachdenklich, redete er wenig und ſchien in vornehmer Nonchalance, ohne Haß wie ohne Schmerz die Tage zu verleben, deren gezwungener Müßiggang ſeinem Charakter nicht ſo ſehr widerſtritt. Seine ſtarke Seele, ſein prophetiſcher, aber träger Geiſt ließen ihm nur wenig Gefühl für ſich ſelbſt. Allein und trübſinnig auf ſeinem elenden Bett oder im Hof der Conciergerie, warf er zu⸗ weilen einen jener Blitze ſeiner Beredſamkeit in die Unter⸗ haltung, welche er ſo blendend und ſo oft von der Tribüne des Convents herabgeſchleudert. Dann ſchlummerte er ein oder ſchien doch zu ſchlummern. Sorglos in ſeiner äußern Haltung, wie ein Menſch, der ernſt ſeine eigne Lage beurtheilt, ſie beherrſcht und der ſeinem Leben Zer⸗ ſtreuungen gönnt bis zu der Stunde, wo die Pflicht ruft, erſchien er als der kälteſte der Girondiſten, weil er ihr be⸗ wußteſter war. Er hatte Gift bei ſich, um dem Schaffot entgehen zu koͤnnen; am Vorabend des Tages, an welchem der Prozeß eröffnet wurde, warf er das Gift in den Hof, 175 um desſelben Todes zu ſterben wie ſeine Freunde und ihnen Geſellſchaft zu leiſten bis zum Schaffot. Am 26. Oktober begann der Prozeß gegen die Gi⸗ rondiſten. Der Ruf der Angeklagten, ihre lang beſeſſene Macht, ihre jetzige Gefahr, die gierige Rache, welche die Menſchen zum Schauſpiel großer Kataſtrophen hintreibt und ihnen eine geheime Freude an der Betrachtung des Unglücks ein⸗ flößt, hatten im Saale und an den Zugängen des Revo⸗ lutionstribunals eine dicht gedrängte Menge verſammelt, die bis zum Schluße hier ausharrte. Die Richter und die Geſchworenen, meiſt Freunde der Angeklagten, waren um deſto entſchloſſener, ſie ſchuldig zu finden, um ſich von je⸗ dem Verdacht der Mitſchuld zu reinigen. Aber ſie wagten die Augen nicht aufzuſchlagen, um nicht durch einen Blick der Bitte oder des Vorwurfs von einem der Angeklagten verwirrt zu werden. Eine impoſante bewaffnete Macht hatte die Poſten der Conciergerie und des daneben liegenden, mit ihr ver⸗ bundenen Juſtizpalaſtes beſetzt. Die Kanonen, die pyra⸗ midenförmig aufgeſtellten Gewehre, die Wachen und Trup⸗ pen kündigten einen jener politiſchen Prozeſſe an, bei denen die Aburtheilung eine Schlacht und die Gerechtigkeit eine Hinrichtung iſt. Es war Mittag, als die zweiundzwanzig Angeklag⸗ ten in den Gerichtsſaal geführt wurden. 176 Einer nach dem Andern trat zwiſchen zwei Gendar⸗ menreihen ein und ſetzte ſich auf eine der Bänke, welche hinter der Schranke der Angeklagten ſich befanden. Die Menge wunderte ſich über die vielen heitern und jugend⸗ lichen Geſichter, denn die meiſten waren noch nicht dreißig Jahre alt. Die Hervorragendſten der Partei waren unter dieſen Zweiundzwanzig: Carra, eine häßliche Figur, ver⸗ worren, fanatiſch und ungeſtüm; Fonfrèͤde, ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren; Genſomm', der zweite Chef der Gironde im Convent, ein ſtolzer, edler Charak⸗ ter, ein glänzender Redner voller Witz und Spott, ein echter Ariſtokrat des Geiſtes. Er trug auch jetzt ſeinen Kopf mit einem Stolz, der dem Trotze glich. Hinter ihm kam Valazeé mit der Haltung eines Soldaten in der Schlacht; dann der Abbé Fauchat, ein wunderlicher Phi⸗ loſoph, der Gott und die Republik zuſammenfaßte und das Glück des Menſchengeſchlechts begründen wollte. Er trat ein wie ein Apoſtel, ſein Geſicht ſtrahlte von einem heiligen Enthuſtasmus. Briſſot war der Vorletzte; er war einer der geſcheidteſten Journaliſten der Gironde, wenn auch keiner der makelloſeſten Charaktere. Sein Ideal war der Quäker, den er in Nordamerika kennen gelernt und deſſen Aeußeres er auch jetzt noch wiedergab. Seine Klei⸗ dung war ſchwarz und übereinfach: ſeine Haare waren Pund friſirt, kurz, ungepudert und fielen über das Genick herab. Der Letzte der Zweiundzwanzig, der kam, war Vergniaud. Eine allgemeine Bewegung entſtand bei ſeinem An⸗ blick, denn in den Augen Aller beſaß dieſer Mann einen Nimbus, der ihn mehr und mehr aus den Reihen der Ge⸗ wöhnlichkeit in die des Außerordentlichen getragen hatte. Man kannte dieſen zürnenden Gott von der Tribüne des Convents her; man erwartete von dieſer Hauptperſon der Gironde auch hier in ihrem tragiſchen Höhepunkte etwas Außerordentliches. Die Menge im Zuſchauerraum, ſonſt ſo feil und gefühllos wie ein Theaterpublikum, hatte für dieſen Mann kein anderes Gefühl als das der Achtung, der Scheu; als ſie ihn ſah, beleidigte ſie ihn durch ihr Mitleid. Denn Vergniaud bot nicht den Anblick des ſtol⸗ zen, jupiteriſchen Weſens dar, das man in ihn hineingelegt hatte; ſeine Haltung war kraftlos, nicht aus Entmuthi⸗ gung, ſondern aus Müßiggang und Unachtſamkeit. Der Kerker hatte überdies Alles von dieſer Geſtalt genommen, was ihr Aeußeres impoſant machen konnte. Alle Bewe⸗ gungen waren ſchwerfällig; ſein Gang war ſchleppend, ſein Auge matt und ausdruckslos, ſein Antlitz welk und gedunſen, ſeine fahle Stirn von jenem Fettglanz bedeckt, welche von der Krankheit des Körpers zeugt. Und an die⸗ ſen ewig ſeuchten Schläfen klebten die Haarlocken, wodurch ſein Kopf einen vollends unſchönen Charakter erhielt. Er trug denſelben blauen Rock mit langen hängenden Schö⸗ 1861. 45. Apoll von Byzanz. II. 12 ßen und breitem umgeſchlagenen Kragen, in welchem man ihn ſtets im Convent geſehen und den er im Gefängniß getragen. Wie elend derſelbe war, haben wir bereits er⸗ zählt; aber er war auch in Folge der Gedunſenheit des Körpers, die das Gefängniß hervorgebracht, zu eng ge⸗ worden; die Nähte waren theilweis aufgeſprungen, über der Bruſt ſtand er offen, Arme und Schultern fuhlten ſich vom Kleid gepreßt und machten die Bewegungen linkiſch. Und dennoch— als Vergniaud eingetreten war, machten ſeine Leidensgefährten ihm von ſelbſt mitten auf der Bank Platz, wie einem Oberhaupte, um das ſich zu ſchaaren ihnen zur Ehre gereichte. Die Verhandlung begann. Fouquier Thinville las die Anklageakte, die Geſchichte der Verleumdung, von ei⸗ nem Verleumder geſchrieben. Es traten die Zeugen auf— Leute wie Chabot, wie Hubert und Chaumette, die Charakterloſeſten und Elen⸗ deſten der Jaeoliner. Ihre Zeugniſſe waren Schmä⸗ hungen. Die Angeklagten vertheidigten ſich nicht; ſie plaidirten ſür ihr Leben wie aus Ueberdruß und Schlaffheit, ſchwach und ohne Feuer. Es mochte ſein, daß ſie wähnten, eine energiſche Vertheidigung könnte die Hoffnung zerſtören, welche ſie noch ſür ihre Freiſprechung hegten. Sie nah⸗ men Rückſichten gegen ihre Feinde, um ihre Wuth zu ent⸗ — 4 4 179 waffnen— bis zum letzten Augenblick das alte, unheil⸗ volle, girondiſtiſche Weſen der Halbheit bewahrend. Sieben Tage währte bereits der Prozeß. Die Ge⸗ ſchworenen waren ermüdet und ohne Theilnahme, die Rich⸗ ter ſehnten ſich nach dem Ende der langen Verhandlungen; die öffentliche Meinung hatte ſich durch den Anblick der Angeklagten bereits zu ihren Gunſten geändert. Man fand kein rechtes Verbrechen an ihnen und fragte ſich laut, wel⸗ chen Lohn dann die Republik für ihre Feinde habe, wenn ſie deren erſte Gründer alſo behandeln? Man beklagte ſo viel Jugend, Schönheit und Geiſt, die einem Verbre⸗ chen der bloßen Meinung geopfert werden ſollten. Die erſten Symptome einer Rückkehr der Gunſt für die Girondiſten beunruhigten die Gemeine. Der Wohl⸗ fahrtsausſchuß befahl dem Präſidenten des Gerichts daher, die Debatten zu ſchließen. So ward am 30. Oktober Abens acht Uhr der Prozeß plötzlich für beendigt erklärt. Die Jury berieth ſich. Ihr Verdikt erklärte alle Angeklagten ſchuldig, ge⸗ gen die Einheit und Untheilbarkeit der Republick ſich ver⸗ ſchworen zu haben. Der Gerichtshof verurtheilte darauf alle Zweiundzwanzig der Gironde zum Tode. Ein Schrei des Staunens und des Schreckens tönte von den Bänken der Angeklagten. Manche von ihnen er⸗ warteten freigeſprochen zu werden und ihre beſtürzten Ge⸗ 12* 180 bärden, ihre gegen die Geſchworenen gehobenen Fäuſte, ihre Fluche bewieſen ihre Empfindungen. Ein allgemeiner Tumult entſtand. Plötzlich ſah man Valazé eine heftige Bewegung machen und zu Boden ſinken. „Wie, Valaze, rief Briſſot halb zornig, indem er ihn auffing,„Du zeigſt Dich ſchwach?“ „Nein,“ antwortete er,„ich ſterbe.“ Und er verſchied, die Hand an dem Griff des Dolches, den er ſich tief ins Herz geſtoßen hatte. Dieſer Vorfall brachte eine plötzliche, angſtvolle Ruhe hervor. Ein jeder der Verurtheilten blickte mit ihm ei⸗ genthümlichen Empfindungen auf die Leiche ſeines Genoſſen. Einige verhüllten ihn den Blicken der Neugierigen, als ſchämten ſie ſich um ſeinetwillen. Andere ließen ver⸗ ächtlich und höhniſch ihre Blicke durch den Saal ſchweifen, über die Menge, welche gewohnter Weiſe nach der Ver⸗ nehmung des Urtheils den Ruf: Es lebe die Republik! ausgeſtoßen hatte. Noch Andere wollten den Eindruck der That Valazé's, der für Schwäche zeugte, durch Todes⸗ freudigkeit verwiſchen und jubelten und prieſen dieſen Tag als den ſchönſten ihres Lebens. Die Gendarmen ſtellen ſich auf, um die Verurtheil⸗ ten in die Kerker zurückpaſſiren zu laſſeu. Die Girondi⸗ ſten ſchaaren ſich um die Leiche Valazé's und als hätte ſie 181 ein Gedanke bewegt, rufen ſie plötzlich wie aus einem Munde: „Wir ſterben unſchuldig! Es lebe die Republik!“ Dann ſchreiten ſie hinter einander hinaus, muthig, den Kopf hoch, die Blicke frei, die Leiche mitten zwiſchen ihnen, die Schwachmüthigeren geleitet von ihren ſie trö⸗ ſtenden Freunden. „Mein Freund,“ ſagte Ducos zum trauernden Fon⸗ froͤde und lachte,„ich ſehe nur noch ein Mittel, uns zu ret⸗ ten: Wir erklären die Einheit unſerer zwei Leben und die Untheilbarkeit unſerer zwei Köpfe!“ Und als ſie hinunter kommen in die Gewölbe, welche die Warteſäle der Angeklagten bildeten, und als ſie nun hinabſchritten den langen Corridor, der, erleuchtet von Lampen und beſetzt von Gendarmen, zu ihren Gefäng⸗ niſſen führte, da ſtimmen Sie die Marſeillaiſe an und aufbrauſt in dem ſteinernen Gang, vom Echo zehnfach verſtärkt, der wundervoll rauſchende Geſang: Alons enfanis de la patrie, Le jour de gloire est arrivé; Contre nous de la tyrannie L'étendard sauglant est levé! Sie ſchritten ſo in den großen Saal, der einſt die Kirche gebildet hatte. Das eine, ſehr breite und bis zur gewölbten Decke hoch hinauf reichende Bogenfenſter war bis zur Hälfte unten vermauert, doch warf der obere, ver⸗ 182 gitterte Theil bei Tage noch ein volles Licht in den ſchma⸗ len, aber langen Raum. Es war der damals gewoͤhnliche Aufenthalt für die Verurtheilten, welche auf den Henker warteten, der ihnen hier ihre Toilette für die Guillotine machte. Als die Zweiundzwanzig in dieſen Raum getreten waren, deſſen Steine die Schritte und die Stimmen im Echo zurückwarfen, folgten ihnen vier Gendarmen mit der blutenden Leiche Valazé's auf einer Bahre. Das Tribunal hatte verfügt, daß der Körper Valazé's in das Gefängniß zurückgebracht, auf dem nämlichen Karren, den die übrigen Girondiſten einnehmen würden, zur Richtſtätte geführt und mit deren Leichnamen verſcharrt werden ſolle. Die Gendarmen ſtellten die Bahre in eine Ecke des Saales. Aber als ſie wieder hinausgegangen waren, ho⸗ ben Valazés Freunde das Geſtell in die Mitte der einen ſchmalen Seitenwand und deckten den Leichnam mit ſeinem Mantel zu. „Freunde!“ rief Briſſot,„ſagen wir Valazé Lebe⸗ wohl!“ Und nun kamen ſie heran, umſtanden den Leichnam ſtumm und lange, dann trat Jeder heran und drückte einen Kuß auf die bereits erkaltete Hand. „Morgen!“ ſprachen ſie dabei.„Morgen!“ Es war bereits Mitternacht; doch dachte Keiner an Schlaf. 15 15 Plötzlich öffnete ſich die Thür und der Gefangen⸗ wärter ließ einen großen eichenen Tiſch, bedeckt mit Schüſ⸗ ſeln, Speiſen, Weinen, ſeltenen Blumen und zahlreichen Kerzen hereintragen. „Ah,“ rief Vergniaud,„das iſt das Todtenmahl, das uns Bailleul verſprochen. Kommt, Freunde! Laßt uns die Nacht bei Wein und Geſpräch verbringen. Es iſt das letzte Mahl, das letzte Glas, das wir zuſammen nehmen.“ Der Deputirte Bailleul, ein Girondiſt, geächtet, aber in Paris verborgen, hatte den Zweinndzwanzig ver⸗ ſprochen, ihnen am Tage des Urtheils von Außen her, je nach dem Spruche, ein Triumph⸗ oder ein Todtenmahl bereiten zu laſſen, zur Feier ihrer Freiheit oder ihres To⸗ des. Er hatte ſein Wort gehalten, das Todtenmahl her⸗ richten laſſen, den Luxus des Abſchieds den Freunden über⸗ ſandt. Man verweigerte den Verurtheilten den vollen Genuß dieſer reichen Tafel nicht. Noch gedrückt von den Empfindungen, welche die letzten Stunden in ihnen aufgerufen, ſetzten ſich die Gi⸗ rondiſten an die Tafel. Der Tod ſaß mit ihnen zu Gaſte und ließ eigentlichen Frohſinn nicht aufkommen. Vergniaud, der in der Mitte der Tafel ſaß, präſi⸗ dirte hier mit der nämlichen ruhigen Würde, die er wäh⸗ rend der bedeutungsvollſten Sitzungen im Convent, am 10. Auguſt, wo der König geſtürzt, am 31. Mai, wo ſeine eigene Partei vernichtet wurde, bewahrt hatte. Er 184 hatte ſein Scheiden aus dem Leben mit am wenigſten zu beklagen; denn er hinterließ einen glänzenden Namen und weder Weib, noch Kind, noch Eltern. Das Mahl blieb lange Zeit ohne Würze der Worte. Ein Jeder aß und trank ſtill für ſich, nur daß Einer zu⸗ weilen mit ſeinem Nachbarn einige Worte wechſelte, wie bei einer Tafel im Gaſthauſe geſchieht, wo die Reiſenden zufällig zuſammenkommen und über dem flüchtigen Genuß des Mahles jede andere Zerſtreuung vergeſſen. Die Ge⸗ fängnißwärter warteten auf; die Thür war geöffnet, aber die Wachen ſtanden im Corridor. Als man die Speiſen weggetragen und nur Früchte, Flaſchen und Blumen auf der Tafel zurückgelaſſen hatte, wurde die Unterhaltung abwechſelnd belebt, bald in lär⸗ mender, bald in ernſter Weiſe. Die Jüngeren, vom Wein erregt und leichteren Geiſtes, begannen in fröhlichen Einfällen zu wetteifern, Scherze und Witzſpiel zu treiben; aber es war ein Galgenhumor, der nicht wirkte und mit fortriß; die Nähe des Todes paßte nicht zu der Leichtfer⸗ tigkeit des Lebens— die Meiſten blieben ernſt, gedan⸗ kenſchwer und bald verſiegte die Quelle künſtlicher Fröh⸗ lichkeit, die Einzelne ſprudeln gelaſſen hatten. Es trat unmerklich ein allgemeiner Ernſt die Herrſchaft an und da er zu der Situation Aller paßte, machte er auch ſchnell die Unterhaltung allgemein. Briſſot ſprach, prophezeite das Unglück der Republik, 8 185 welche ihre tugendhafteſten Bürger guillotinire.„Wie viel Blut,“ rief er,„wird nöthig ſein, um das unſrige ab⸗ zuwaſchen!“ Die Girondiſten ſchwiegen. Sie ſchienen beſtürzt dem heraufgeſchworenen Geſpenſt der Zukunft gegenüber. „Meine Freunde,“ entgegnete endlich Vergniaud; „indem wir den Baum pfropften, haben wir ihn ertödtet, er war zu alt. Robespierre wird ihn umhauen. Ob er glücklicher ſein wird, als wir?— ich ſage Nein. Dieſer Boden iſt zu leicht, als daß die bürgerliche Freiheit Wur⸗ zel in ihm ſchlagen könnte; dieſes Volk iſt zu ſehr Kind, als daß es ſeine Geſetze handhaben könnte, ohne ſich zu verwundern. Es wird zu ſeinen Königen zurückkehren, wie ein Kind zu ſeinen Spielſachen zurückkehrt! Wir haben uns in der Zeit geirrt, als wir für die Freiheit der Welt geboren wurden und ſtarben. Wir glaubten uns in Rom und wir waren in Paris. Aber die Revolutionen ſind wie jene Kriſen, welche in einer Nacht das Haar eines Men⸗ ſchen bleichen: ſie altern die Völker ſchnell. Das Blut unſerer Adern iſt heiß genug, um den Boden der Republik zu befruchten. Nehmen wir die Zukunft nicht mit uns fort und laſſen wir dem Volke die Hoffnung zurück für den Tod, der es uns gibt!“ Eine lange Pauſe trat nach dieſen Worten Vergniauds ein. Alle ſpannen in ihrem Kopfe die Gedanken weiter, welche dieſe Rede angeregt hatte. 186 Plötzlich warf einer der jungen Leute die Frage auf: „Was werden wir wohl morgen um dieſe Zeit ma⸗ chen?“ Eine allgemeine Erregung trat ein; ein Jeder war begierig, ſich dieſe furchtbare Frage beantworten zu kön⸗ nen. Morgen um dieſelbe Zeit waren ſie ja todt! Wo aber waren ſie als Todte? Lebte die Seele morgen wo anders? „Wir werden ſchlafen und ſchlafen ohne Kopf,“ ent⸗ gegnete Einer. „O nein, Freunde, wir werden leben!“ rief ein Zweiter. „Bah! Todt iſt todt, meine Freunde— Eure Un⸗ ſterblichkeit iſt nur auf Erden!“ „Und unſere Seele, unſere Seele?“ fiel ein Anderer ein.„Glaubet, Freunde, glaubet! Todt iſt Euer Körper, aber Eure Seele lebt weiter!“ Es entſtand darüber eine Debatte, welche immer er⸗ regter wurde. Die Einen waren die Philoſophen, die An⸗ deren die Gläubigen. Endlich nahm Vergniaud, welcher bisher geſchwie⸗ gen hatte, auf Veranlaſſung ſeiner Freunde das Wort. Seine Stirn begann zu leuchten, ſeine Gebärde, ſeine Worte hatten etwas Ueberirdiſches, ſein ganzes Weſen hob ſich aus der früheren trägen Nachläſſigkeit wie ver⸗ klärt empor. Er brachte moraliſche Beweiſe für das Da⸗ 187 ſein eines Urweſens bei, das er, wie es damals Sitte war, das„höchſte Weſen“ nannte; er bewies die Nothwendig⸗ keit einer Vorſehung als Folge der Erhabenheit dieſes höchſten Weſens über den von ihm gebildeten Geſchöpfen. Nachdem er von Sokrates bis zu Cicero und von Cicero bis zu den Märtyrern den allgemeinen Glauben der Völ⸗ ker und der Weiſen angeführt und in prophetiſcher Begei⸗ ſern von der Gewißheit der Fortdauer des Weſens, fuhr er fort: „Aber der beſte Beweis für die Unſterblichkeit, ſind wir es nicht ſelbſt? Wir, ruhig, heiter, unbewegt neben dem Leichnam nnſeres Freundes, unſere eigenen Leichen vor uns, wir berathen wie eine friedliche Verſammlung von Phyloſophen über den Schein oder über die Nacht, die unmittelbar auf unſern letzten Seufzer folgen ſollen, und ſind ſterbend glücklicher als Danton, welcher leben, und als Robespierre, welcher triumphiren wird! „Warum nun dieſe Ruhe in unſern Reden und dieſe Heiterkeit in unſern Seelen? Fließt ſie bei uns nicht aus dem Bewußtſein, daß wir eine große Pflicht gegen die Menſchheit erfüllt haben? Wohlan, was iſt dann das Va⸗ terland? Was iſt dann die Menſchheit? Iſt es jener Haufe belebten Staubes, der heute ein Menſch iſt, morgen Schmutz und Staub ſein wird? Nein, nicht für dieſen le⸗ bendigen Schlamm, für die Seele des Vaterlandes und der Menſchheit ſterben wir. Aber was ſind wir ſelbſt dann, 188 als ein Theilchen jener Collektivſeele des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts? Auch jeder einzelne Menſch, der einen Theil un⸗ ſerer Gattung ausmacht, hat einen unſterblichen, unver⸗ gänglichen Geiſt, der verſchmolzen iſt mit jener Seele des Vaterlandes und des Menſchengeſchlechts, für die es ſo ſchön und ſo ſüß iſt, ſich aufzuopfern, zu leiden und zu ſterben. Deßhalb ſind wir nicht erhobene Thoren, ſondern Weſen, die ihrem ſittlichen Inſtinkte gemäß handeln und die nach Erfüllung dieſer Pflicht noch leben, in der Un⸗ ſterblichkeit noch in den Geſchicken der Menſchheit Leiden und Genuß finden werden.“ „Der Tod,“ fügte er dann mit mehr Feierlichkeit binzu,„iſt nur der gewaltigſte Akt des Lebens, denn er erzeugt ein höheres Leben. Wäre dem nicht ſo, ſo gäbe es ja etwas, was größer wäre als Gott. Das wäre der gerechte Mann, wie wir, der ſich ohne Lohn und ohne Zu⸗ kunft dem Vaterlande opfert! Dieſe Annahme, ich ver⸗ werfe ſie mit Verachtung. Nein, Vergniaud iſt nicht größer als Gott, aber Gott iſt gerechter als Vergniaud, und wird ihn nur deßhalb auf ein Schaffot führen, um ihn in der Zukunft zu rechtfertigen und zu rächen.“ „Wohlgeſprochen!“ rief ein Girondiſt, als Vergniaud geendet.„Aber ich beſitze in meinem Herzen einen Beweis, welcher zuverläſſiger iſt, als alle Beredtſamkeit eines ſterbenden Genies, das iſt das Wort eines für die Menſchen geſtorbenen Gottes.“ & 6 189 „Aha,“ rief ein junger Mann ironiſch.„Nur keine Ammenmärchen, Freund! nur nicht noch Nebel und Träume vor dem Schlaf! Behalten wir unſern Verſtand bis mor⸗ gen. Ich habe nichts dagegen, wenn man Religion hat, und wer glauben will, mag glauben, daß ein Menſch gött⸗ lich wurde. Ich glaube nur an die denkende Vernunft und auch dieſe gibt mir Troſt, ſicheren, beſſeren, als den aus Wundergeſchichten für die Menge ohne Verſtand gemacht.“ „Ich,“ ſprach ein Anderer,„ich halte Chriſtus für einen göttlichen Zeugen der menſchlichen Vernunft. Er war der Girondiſt für die Unſterblichkeit.“ „Genug, meine Freunde,“ rief Vergniand wieder. „Glauben wir, was wir wollen, aber ſterben wir unſeres Lebens und des Preiſes unſeres Todes gewiß! Geben wir ein Jeder als Opfer hin, was wir haben, der Eine ſeinen Zweifel, der Andere ſeinen Wunderglauben, Alle unſer Blut, Alles für die Freiheit!“ Die Meiſten ſtanden jetzt von der Tafel auf. Das graue Tageslicht kreuchte außen an der Mauer herab, bis ans Fenſter und ſchaute oben durch den hohen Bogen trüb herein. Die Kerzen brannten röthlicher und ihr Licht ward bleich. 9. Auß⸗ ſagte Einer der Zweiundzwanzig.„Auf, laßt uns ſchlafen!“ Das Leben iſt ſo wenig, daß keine Stunde Schlaf verloren gehen darf.“ „Laßt uns wachen!“ ſprach ein Anderer.„Die 190 Ewigkeit iſt ſo gewiß und furchtbar, daß tauſend Leben nicht hinreichen würden, um ſich darauf vorzubereiten.“ Die Meiſten warfen ſich wirklich auf die Matratzen, doch ſchlummerten nur wenige von ihnen ein. Der Prieſter trat ein, um den Beiſtand der Religion zu ertheilen. Etwa die Hälfte ließ ſich den Segen ertheilen und beichtete zum letzten Male. So war es zehn Uhr geworden. Da traten die Scharfrichter ein, um die Köpfe der Verurtheilten für das Fallbeil in Bereitſchaft zu ſetzen und ihre Hände zu binden. Alle kamen von ſelbſt und die Toilette begann. Das Haar fiel unter der Scheere der Henker von jedem Kopf der Zweiundzwanzig. Ehe die Stricke um ihre Hände gelegt wurden, ſand⸗ ten die Meiſten ihre letzten Grüße an die Theuren, die ſie zurücklaſſen ſollten. Faſt Alle hatten ja einen Namen, eine Freundſchaft, eine Liebe, ein Bedauern, das in dieſer letzten Stunde ihr Herz bewegte; faſt Alle hatten etwas bei ſich, was ſie als Reliquien von ſich denen ſenden könn⸗ ten, in deren Andenken ſie fortleben wollten. Der Eine gab dem Prieſter, der noch immer im Saale war, hier tröſtete, dort die Beichte abnahm, eine Locke ſeiner ab⸗ geſchnittenen Haare für die Frau, für die Kinder, die erſt in ſpäteren Jahren begreifen würden, weshalb ſie den Va⸗ ter ſo früh verloren. Der Andere ſandte ſeinen Ring der 191 Schweſter, ein von der Braut geſticktes Tragband der Braut zurück, ein Sacktuch der alten Mutter. Vergniaud zog ſeine Uhr heraus, ſchrieb mit der Spitze einer Stecknadel einige Buchſtaben und das Datum des 30. Oktober in das Innere des goldenen Gehäuſes und bat, ſie als Andenken einem Mädchen zuzuſtellen, welches er einſt gehofft hatte, zum Weibe zu nehmen. Es ſollte die Uhr bewahren, die ihm die letzte Stunde angezeigt. Nachdem nun alle Haare auf die Steinplatten des Kerkers gefallen und die Vermächtniſſe vertheilt waren, ließen die Scharfrichter und die Gendarmen die Verurtheil⸗ ten in einer Colonne auf den Hof gehen. Hier ſtanden fünf Karren, die Hochzeitswagen der Guillotine, und eine Menge Volks, welches ſich neugierig, mitleidig oder rache⸗ befriedigt an dem Anblick der Schlachtopfer laben wollte. Ernſt und gemeſſen ſchritt die Colonne der Girondi⸗ ſten über den Hof auf die Karren zu. Sie hatten wieder⸗ um das Lied der⸗Marſeiller angeſtimmt und ſchritten im Takt der energiſch, aber gemeſſen geſungenen Hymne. Die doppelſinnigen Verſe Contre nous de la iyrannie . L'éhendard sanglauf est levé, brauſten mit bedeutungsvoller Vehemenz an die grauen Mauern des Conciergeriehofes. Und wenn dann eine Strophe des begeiſternden Liedes zu Ende ging und der Refrain kam: 192 Aux armes, ciloyens! Formez vos bataillons! Marchons! Qu'un sang impure abreuve nos sillons! dann ſanken ihre Stimmen weich und wehmüthig bis zum Piano und ergreifend tönte der ſanfte Chor: Ou'un sang impur abreuve nos sillons! Aber um ſo kräftiger ſchwoll der Geſang und um ſo ge⸗ waltiger tönten die Worte beim Anfang der neuen Strophe, als häͤtten ihre Seelen ſich geſtärkt durch das Bewußtſein, daß ihr Blut rein ſei und ehrenvoll für das Vaterland dahinfließen werde. So blieb ihr Gang zum Tode und ihr Todeskampf ein Geſang. Es waren ihrer vier auf jedem Karren, auf einem nur fünf, auf einem zweiten Valazé's Leichnam, gebettet auf einer Bank. Sein enthüllter Kopf, der beim Fahren über das Steinpflaſter umhergeworfen wurde, ſchaukelte unter den Augen und auf den Knieen ſeiner Freunde, welche ihre Blicke ergriffen abwandten, um in dieſem bleichen Geſicht des Todes nicht die Erſchütterungen des Wagens mit anzuſehen. Ungeheure Menſchenmaſſen ſtanden an den Straßen, durch welche der Zug kam: Sie ſahen den Heroismus des Todes, denn noch immer brauſte von den Karren die Mar⸗ ſeillaiſe zum Himmel auf und unter die Menge hinab. Endlich war der Zug am Schaffot angekommen. Einige Minuten war Alles ſtill: die Girondiſten ſtiegen von ihren Karren herab und umarmten ſich zum 3 0 1 2 S— SFA==, See e, 8 28=—— 88 3 2S8 SS2S 2 8 82:;— FE8S 58= 8 — 2— 22 a e S —.=—==2= 2£☚ 3= 2ͤS SEg 8 2 8== M 8.= —,. 2— 2) —— 2 2— — S=E = 3 2 SS — 2 3= —= =S83 S — —9 2— 2— 8. 2 H 5 23— 5 2 2— — 23=2 S —— 5— — 22 Æ 828S= — 2 8 28 2 5 12 zuſinger milIzu 3 1: - 194 Röcheln entfuhr. Alle ſtarben ohne Schwäche, Manche mit Ironie. Sillery ging, als er die Plattſorm erſtiegen hatte, am Rand derſelben herum und grüßte elegant das Volk, wie zum Dank für den Ruhm und das Schaffot. Aber mit jedem Beilhieb wurde der Geſang um niee Stimme ſchwächer, die Reihen am Fuße der Guillotine wurden immer lichter. Jetzt ſang nur noch eine Stimme die Marſellaiſe, kräftig, energiſch bis zu der Refrainſtrophe: Qu'un sang impur abreuve nos sillons! da ward ſie weich, mild, zitternd. Der letzte Sänger beſtieg das Schaffot: es war Vergniaud. Er war der Chef der Partei geweſen, er hatte ſie Alle, die mit ihm im Kerker geweſen, ſterben ſehen— der Letzte auch hierbei auf dem Platze. Mit dem Geſang auf den Lippen trat er an die Guillotine. Ein Moment— und er war dahin, entſchla⸗ fen im Enthuſtasmus, der glänzendſte Redner der Gironde, im Tode noch die Hymne auf die Freiheit und die Revo⸗ lution auf den Lippen. Das Volk hatte ſein Schauſpiel gehabt. Düſter und gedrückt verlief es ſich von der Blutſtätte. Ein und derſelbe Todtenkarren führte die enthaup⸗ teten Körper weg, eine Kalkgrube des Madeleinenkirch⸗ hofs nahm ſie auf. Die großen Republikaner lagen neben Ludwig XVI., dem franzöſiſchen König, in der Erde. 195 Mit ihnen hatte das Vaterland ſeine Blüthe die, Freiheit ihren Zauber, die Revolntion ihren Frühling verloren. Jugend, Schönheit, Genie und Edelſinn ſchien mit ihnen verſchwunden zu ſein. Ein düſterer, blutdürſti⸗ ger Charakter verbreitete ſich über den Convent und über Frankreich— das Schreckenſyſtem begann ſein unerbitt⸗ liches Regiment. Ende des zweiten Theiles. .— 8 4———— 7 nſnffffſſff ſſſf 17 18 7 8 9 10 11 12 6