Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— Aeih- und Teſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S 5 den angenommen. t eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 7 für wöchentlich 22Bicher: 4 Bücher: 6 Bücher: Licher: 4 Püecher⸗ auf t Monat: 1 M.= Pf. 1 Mr 50 Ff. 2 Nt. Pf 1 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. 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Fünftes Kapitel: Meiſter Collier... Sechſtes Kapitel: André Chénier.. Siebentes Kapitel: Baſile..... Achtes Kapitel: Dok ktor Maury Neuntes Kapitel: Die Septembermorde Behntes Kapitel: Geknickte Hoffnungen 9 eils. iſammenkunft. — S —— ◻☛ ==— SR RS Apoll von Bupzanz. Irſtes Kapitel. Eine ernſte Zuſammenkunft. Die franzöſiſche Revolution ſchritt im März des Jahres 1792 bereits mit Rieſenſchritten ihrem Höhe⸗ punkte zu. Heftig brauſten ihre getrübten Fluten gegen die letzten Bollwerke der alten Ordnung; die morſchen Pfeiler des Throns konnten über Nacht zertrümmert ſein. Schon war das verhängnißvolle Wort: Republik im Jaco⸗ binerelubb gefallen; ſchon lag alle Macht in der geſetzge⸗ benden Verſammlung, welche vor einigen Monaten die bedeutſame Nationalverſammlung in ihrer gigantiſchen Arbeit abgelöſt hatte. Es iſt in dieſe Zeit und in Paris, der Bühne der Re⸗ volution, wohin wir den Leſer verſetzen. Hinter einem jener zahlreichen altadeligen Hotels, deſſen Beſitzer längſt Paris verlaſſen hatte, vielleicht um auf ſein Schloß in der Provinz oder in der Emigranten⸗ Armee Condé's die Ereigniſſe abzuwarten, dehnt ſich ein großer Gartenpark aus, halbverwildert, nachdem ſich in den letzten Jahren Niemand mehr um ihn gekümmert. In 1861. 14. Apoll von Bhzanz. I. 1 ihn hinein ſehen die hohen mächtigen Fenſter eines Salons, der ſich im erſten Geſchoß eines Hauſes befindet, welches, vereinzelt, einer noch wenig bebauten Straße der Vor⸗ ſtadt Montmartre angehört. Der Salon ſelbſt, eirund, iſt ziemlich elegant, wenn auch nicht reich meublirt. Auf einem Fauteuil ſitzt ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, den Arm auf den vor ihm ſtehenden, mit Büchern und Schreibſachen bedeckten Tiſch geſtützt, ſeinen Kopf in die Hand. Es iſt ein kräftiger und ſchön zu nen⸗ nender Mann in einem grauen Rock, den Hals leicht von einem ſchwarzen Seidentuch umſchlungen, faſt in Nichts nach der Mode des Salons, vielmehr nach der durch die Revolution aufgekommenen einfachen, mehr militäriſchen gekleidet. Schwarzes, kurzes Haar und tiefe, dunkle, jetzt doppelt feurige Augen, eine feingebogene Naſe, gaben ihm ein hervorſtechend ſüdliches, faſt orientaliſches Aus⸗ ſehen. Der junge Mann war ſichtlich in heftiger Aufregung. Bald wühlten die feinen Finger ſeiner Hand, die ſein Haupt ſtützte, iu den Haaren, bald knickte die andere heftig eine Feder auf der Armlehne des Fauteuils entzwei. Hin und wieder ſchweifte ſein zorniger Blick nach dem letzten Fenſter, an dem ein anderer junger Mann ſtand und in den noch kahlen Park hinausſchaute. Er war größer, ſchlanker, auch jünger wie jener, anſcheinend Offtzier, mindeſtens trug er ſich ſo, hatte Stulpſtiefeln mit Spo⸗ 3 ren an den Füßen, eine Reitgerte in der Hand, eine Art Uniform, welche aufgeknöpft ein feines weißes Gilet zeigte. Auch ſonſt war ſein Weſen ſtraff und militäriſch, und daß er leichten Sinnes dabei war, ſchien die Art und Weiſe zu bezeugen, mit welcher er ſich nach einem augenſcheinlich heftigen Zwiegeſpräch während der eingetretenen Pauſe zu unterhalten ſuchte. Er pfiff nämlich ziemlich luſtige Revolutionslieder vor ſich hin, trommelte auch bisweilen mit den Fingern an den Fenſterſcheiben, wobei dann die Reitgerte im Takt gegen die ledernen Stulpen geſchlagen wurde. Auf den erſten Blick konnte man demnach ſehen, daß dieſe beiden Perſonen ſehr verſchiedenen Charakters waren. Lange Zeit fiel kein Wort von Beiden, ein Jeder füllte in ſeiner Weiſe das Stillſchweigen aus. Endlich ſtand der Eine, wie überdrüſſig der Nonchalance des An⸗ dern, auf, ſteckte die Hände in die Taſchen und ſchritt mit großen Schritten durch das längliche Gemach. Nachdem er es fünf⸗, ſechsmal gemeſſen, hielt er plötzlich an und ſagte nach dem Fenſter gewandt:. „Du wirſt die Wahrheit einſehen, wenn es zu ſpät iſt, Joſeph.“ Der Angeredete drehte ſich ſchnell auf dem Abſatz ſeines Stiefels herum. „Was werde ich einſehen? Ich fürchte, Du wirſt mir darin zuvorkommen. Oder glaubſt Du wirklich, 1* André, daß ſich ein rollendes Rad, wenn es die Weltge⸗ ſchichte dreht, aufhalten läßt? Glaubſt Du denn wirklich, daß das rächende Verhängniß nicht auch diejenigen ereilt, welche hoch auf den Thronen ſind? Es gibt ein Verhäng⸗ niß,“ fuhr er noch ernſter und in ſcharfem Widerſpruch ſeines frühern Weſens fort,„es gibt ein Verhängniß, André, täuſche Dich darüber nicht! Das Königthum hat Frankreich verdorben, es hat ſein Urtheil ſelbſt geſprochen!“ Andrè zuckte mit den Achſeln. „Du biſt ganz und gar Jacobiner, das iſt wahr!“ meinte er dann verächtlich. „Und Du ganz und gar Royaliſt, lieber Bruder; ich weiß nicht, wer von uns Beiden beſſer daran iſt.“ „Nun Du, nun Du, glücklicher Republikaner!“ ent⸗ gegnete André in höhniſchem Zorn.„Du biſt der Freund Briſſot's und Robespierres, Dich lobte Marat in ſeinem Schmutzblatt, Dich preiſt die ganze Clique der Girondi⸗ ſten und Jacobiner, das Volk in den Theatern; wer denn anders als Dich, Du gebenedeiter Dichter?“ „Und es ſind lauter Schurken oder Dummköpfe, wie Du ſagteſt.“ „Ich hab's geſagt, Joſeph, und es iſt im Journal de Paris gedruckt worden, und ſo iſt's. Davon gehe ich nicht ab. Freiheit wollt Ihr! O wie verſchieden iſt doch der Begriff dieſes göttlichen Wortes! Auch ich will ſie, auch ich ſchwärme für ſie und ringe danach, die keuſche Göttin 5 in ihren Tempel zu führen. Ja, Joſeph, Du weißt es, daß ich ſie beſungen und für ſie geſprochen habe. Auch mir ſind die Despoten verhaßt, ſeien es Könige, ſeien es Prie⸗ ſter, ſeien es Ariſtokraten. Geſetz und Freiheit, das muß ſein. Nur will ich anſtatt legitimer Despoten keine ple⸗ bejiſchen, anſtatt der Freiheit keine Anarchie. Ihr Jaco⸗ biner erſtickt die Geſetze und die Freiheit mit Eurem Wahn⸗ ſinn, Ihr werdet zuletzt das Blut auf den Thron ſetzen, um nur den König los zu ſein.“ „ Deine Ueberſpannung, Deine Phantaſie macht Dich krankhaft, André.“ „Wohlfeile Abwehr!“ „Es iſt wahr,“ nahm Joſeph haſtig wieder das Wort,„es gibt eine Partei, welche mir zuwider iſt, eine freche Rotte, welche ſich über die Geſetze zu ſtellen ſucht und unſer großes Werk zu beſchmutzen hofft. Doch ſage nicht, daß ſie und die wahren Freunde der Freiheit die⸗ ſelben ſind. Droht Gefahr, ſo wird die Stimme der Beſſeren ſich geltend machen und leicht den Wahnſinn der Anarchie entwaffnen.“ „O Du Thor!“ entgegnete André.„Haſt Du's noch nicht geſehen, wie Ihr längſt überwältigt ſeid und nur noch im Schlepptau dieſer frechen Rotte geht?“ „Ah bah! Weil Du wohl ſo klug warſt, Dich aus dem Lager zurückzuziehen.“ „Ich zog mich zurück, Joſeph, weil ich nicht weiter mit Euch gehen wollte, als guter Patriot nicht weiter konnte. Ich habe der Sache der Freiheit gedient, aber wo⸗ hin Ihr wollt— niemals! Ihr arbeitet auf die Republik!“ „Und wenn? Biſt Du doch ſonſt ſo ganz griechiſch, griechiſch im Dichten, in der Liebe und im Leben, Du, den man in den Salons noch immer als den„Apoll von By⸗ zanz“ feiert— und Du fürchteſt Dich vor einer Republik, vor dem Untergange eines Königthums, welches Schmach eer ulrkic gehäuft, vom Mark des Volkes gepraßt at?. André ſchwieg und ging wieder erregt im Salon auf und nieder. 8 „Dich hat Dein Glück verblendet,“ ſagte er endlich, indem er ſich dicht vor ſeinen Bruder hinſtellte. Du biſt Dichter, wie ich, Du warſt Soldat, wie ich; Du haſt eine Mutter mit mir und ſie war Griechin, Du haſt einen Va⸗ ter mit mir und er hat ſein Leben als Conſul im Dienſte Frankreichs zugebracht; Du biſt endlich wie ich und unſere beiden anderen Brüder, am Golf des Bosporus, in der Hauptſtadt des alten Byzanz geboren und doch Franzoſe wie ich durch Geburt und durch Liebe zum Vaterland. Aber welche Kluft zwiſchen uns! Welche Scheidewand zwiſchen uns allen und Dir!“ Das Antlitz Joſephs flammte bei dieſen Worten hochroth vor Zorn. Aber ſein Bruder fuhr fort, ohne ſich davon einſchüchtern zu laſſen. 7 „Du haſt Trauerſpiele gemacht, Tyrannen geſchil⸗ dert, ihr Verderben gefeiert. Dein„Karl IX.“ hatte ra⸗ ſenden Erfolg, er machte Dich berühmt, zum Dichter der Revolution und zum Bundesgenoſſen Deiner jetzigen Freunde, der Briſſot, Marat, Legendre, Robespierre und wie ſie noch heißen. Nun, mein Gott, Du biſt dankbar dafür, Du machſt ihre Gelage und Verſchwörungen mit und ſie feiern Dich dafür wieder bei der Aufführung eines Deiner neuen Stücke, wie ſie Dich wegen„Karl IX.“, wegen„Heinrich VIII.“, wegen„Jean Culas“ und erſt vor ein paar Wochen wegen„Cajus Gracchus“ gefeiert haben, obwohl gerade hierbei— „Genug, genug der Schändlichkeit!“ unterbrach ihn hier Joſeph mit zornglühendem Blick. „Noch einen Moment,“ fiel André haſtig ein und er⸗ griff ſeinen Arm.“„Ich bin bei der Pointe. Hör' einmal zu! Obwohl, ſage ich, gerade bei der Aufführung von „Cajus Graechus“ Dir klar geworden ſein müßte, daß Deine Popularität im Sinken iſt, daß die Ereigniſſe Dich längſt uͤberholt, Dein alter Standpunkt längſt überwun⸗ den und Du nicht mehr wie ſonſt, die öffentliche Meinung mit Deinen Tragödien leiteſt, ſondern ihr ſchon entgegen⸗ trittſt. Solche Leute, wenn ſie nicht immer die Fahne dem Pöbel vorantragen, kann man in Revolutionen nicht ge⸗ brauchen; man dankt ſie ab, wenn nicht mehr. Man wird Dich auch abdanken, Joſeph Chenier!“ Der ſo warnend Angerufene hatte ſeine Aufregung ſchon wieder beherrſcht, ohne daß ſie jedoch in ihm erſtor⸗ ben war. Das Zucken um ſeine Lippen bewies, wie ſchwer ſeine Dichtereitelkeit verletzt worden, wie heftig es in ſeiner Bruſt tobte. Anſcheinend ruhig, aber mit einem lauern⸗ den Blick auf ſeinen Bruder, warf er die Frage auf: „Ah, Du ſpielſt auf meinen Vers im„Gracchus“ an: des lois et non du sang!“ „So iſt's und auf die Entgegnung, welche er aus dem Parterre erhielt. Du wirſt recht gut behalten haben, daß nach dieſem Vers ſich zornig ein Volksrepräſentant erhob und drohend ins Publikum ſchrie: Nein, Blut und nicht Geſetze! Und daß ſich in Folge deſſen die Meiſten voller Schrecken aus dem Theater entfernten. Da haſt Du's, Du dichteſt, und das macht Dir Ehre, für Geſetze gegen Blut, und einer von den jacobiniſchen Deputirten dekretirt Blut anſtatt der Geſetze. Wie lang wird's dauern, daß dies Wahrheit iſt— und Du glaubſt nicht daran?“ Joſeph Chenier ſchwieg einen Augenblick. Dann nahm er mit einer dumpfen Ruhe das Wort, während ſein Bruder wieder ſeinen Marſch im Zimmer fortſetzte. „Wir ſind Brüder, André, und bei Gott! einen treueren wie ich haſt Du nicht. Ich liebte Dich ſeit Kind⸗ heit auf am meiſten, mehr wie Conſtant, mehr wie Sau⸗ veur. Wir ſpielten zuſammen in Careaſſonne, als wir dort unſere Erziehung erhielten, wir ließen miteinander uns 9 Märchen vorſagen und griechiſche Lieder vorſingen von unſerer Mutter, deren Liebe zu ihrem Vaterland wir er⸗ erbten. Wir ſtudirten zuſammen auf dem College von Navarra, wurden Soldaten faſt gleichzeitig, Du in Straß⸗ burg, ich in Niort. Wieder faſt zu einer Zeit quittirten wir den Dienſt, um nach Paris zu gehen und ganz der Poeſie zu leben. Du machteſt Idyllen und überſetzteſt griechiſche Gedichte, ich ſchrieb Tragödien. Meine Werke machten mich berühmt, Deine leben nur in den Herzen Deiner Geliebten, in etlichen ariſtokratiſchen Salons, wo der„Apoll von Byzanz“ Liebling iſt.“ André ſtand bei dieſen Worten ſtill, kreuzte die Arme über die Bruſt und indem er ſein brennendes Auge ſtarr auf ſeinen Bruder richtete, ſagte er: „Wo willſt Du hinaus?“ „Parbleu!“ rief Joſeph und ſchlug mit ſeiner Gerte an den Stiefel,„Du beleidigſt mich als Poet, weil Deine Eitelkeit verletzt iſt. Es iſt das erſtemal, daß ich Dich neidiſch ſehe.“ André zuckte mit den Achſeln und nahm ſeine Pro⸗ menade wieder auf, ohne etwas zu erwidern. „Noch eins,“ fuhr der Dichter„Karls IX.“ fort, „Du haſt mich auch als politiſchen Charakter gekränkt. Weshalb? Weil ich zum Jacobinerelubb gehöre? Weil ich Republikaner bin? Schwerlich, André. Ich glaube den Grund davon beſſer zu kennen.“ 4 10 „Nun? „Der Partei, welcher Du angehörteſt, iſt der Garaus gemacht; Du warſt Mitglied der Feuillans, heut gibt's keine mehr, Deine politiſchen Freunde ſind ohne Macht, die Pange und Trudaine, unſere Schulkameraden; Bra⸗ zais, St. Jean d'Angely, der Marquis Paſtoret— was gelten ſie heut? Du haſt mit ihnen gelebt, für ſie Lanzen gebrochen, Artikel geſchrieben, Gedichte gemacht, und Du haſt nichts damit erreicht. Du haſt endlich Dich zum De⸗ putirten wählen laſſen wollen und es iſt Dir nicht ge⸗ lungen.“ „Und Du biſt glücklicher geweſen, glorreicher Dichter der Revolution!“ fiel Andre gereizt ein; Du biſt Volks⸗ vertreter, répresentant du peuple!“ „Das ſcheint mir Alles zu erklären,“ warf Marie⸗ Joſeph Chénier ſpöttiſch ein. „Bravo, bravo!“ rief André mit höhniſcher Erbitte⸗ rung aus;„Du biſt ein kluger Mann, ich kannte Dich noch nicht!“ „Ich Dich, eben ſo wenig; gut, daß man frühzeitig ernt. „Alſo gut!“ fuhr André auf, nachdem er eine Weile heftig auf und ab geſchritten war;„alſo gut! Zwiſchen uns iſt Alles klar, wir wiſſen, was wir zu thun haben.“ „Ich glaub's. Jeder gehe ſeinen eigenen Weg.“ „Du, Joſeph, mit den Jacobinern, den Schuften, 11 den Mördern; mit Wahnſinnigen wie Coffinhal und Mer⸗ lin, mit dem neuen Procurator von Paris, Manuel; mit Danton und Desmoulins, Marat und Hubert— eine ſchöne Geſellſchaft.“. „Und Du, ariſtokratiſcher Andre, geh' mit den Fein⸗ den des Vaterlands, mit den Verſchwoͤrern; geh' in die Salons der Ariſtokratie.“ „Ja, bei Gott!“ rief André heftig,„man ſoll nicht mehr von den Gebrüdern Chenier als wie von einer Per⸗ ſon reden.“ „O nein, man ſoll von jetzt an ſagen: Marie⸗Jo⸗ ſeph Chenier und André von Chenier.“ „Man ſoll es ſagen.“ „Ich werd' es drucken laſſen, ich werde öffentlich er⸗ klären, daß Deine Geſinnungen nicht die meinigen ſind. Ich bleibe ein Kämpfer für die Freiheit.“ „Mit der rothen Mütze und an der Spitze der neuen Pikenträger; ein herrlicher Platz für Dich,“ hohnte André. „Es iſt auch ſchwer, ſich der Freundſchaft ſolcher Leute wie Marat zu entziehen, dazu gehört Muth!“ Marie⸗Joſeph griff nach ſeinem Hut, warf den lan⸗ gen Mantel um die Schultern und ſchritt haſtig, ohne ein Wort zu erwidern, der Thür zu. Dort wandte er ſich noch einmal um und ſagte mit unterdrücktem Zorn: „Beſſer, ich nehme die neue Beleidigung mit mir, als daß ich einen Bruder darüber zur Rechenſchaft ziehe. Leb' wohl!“ Andre drehte ſich gegen die Thür, ſichtlich voller Reue über ſeine Heftigkeit. Ehe er noch ein Wort erwidern konnte, ſchlug ſchon die Thür ins Schloß und man hörte Joſeph polternd die Treppe hinabſteigen. „Er thut mir leid!“ ſagte André vor ſich hin;„ich hab' ihm weh gethan und er iſt doch ein braver Menſch!“ Nachdenklich ging er wieder auf und ab, die Beute einer inneren Erregung. Er trat ans Fenſter und ſchaute hinaus in den vor ihm liegenden kahlen Park, auf das am Ende desſelben liegende Hotel. Der Regen ſchlug gegen die Scheiben und ſchon neigte ſich der Tag. André ſtand lange dort; dann ging er wieder mehrere Male durchs Zimmer— es war augenſcheinlich, daß er mit ſich ſelbſt uneins war. „Bah!“ rief er endlich aus;„ein Jeder ſucht den Kampf mit dem Leben nach ſeiner Weiſe durchzuführen; nur der Todte hat ſchließlich Recht. Der Todte! Ja, warum lebt man?“ fuhr er nach einer Pauſe in ſeinem Selbſtgeſpräch fort;„um zu verlieren.“ Poeſie und Liebe — alles Andere iſt Rauſch, und ich bin Dichter und ich liebe! Ha, Valerie! Komm, Du Göttin meines Herzens, Ideal meines Lebens, daß ich in Deinem Zauberbann ver⸗ geſſe, wie grundjämmerlich dies Daſein iſt.” Er ging an ſeinen Tiſch, ſuchte haſtig unter der 13 Menge dort umherliegender kleiner Papierſtücke, beſchrie⸗ benen und unbeſchriebenen, umher, bis er endlich das Er⸗ wünſchte fand. Es ſtanden Verſe darauf, vielfach corrigir und durchſtrichen; André las ſie.— „Sie und immer ſie!“ murmelte er endlich.„Ihret⸗ willen habe ich der keuſchen Braut der griechiſchen Poeſie entſagt— Alles, was ich fühle, was ich dichte, was die⸗ ſer Feuerkopf ausbrodelt, Alles nur für ſie, Valerie! Und ſich dann mit der Hand über die Stirn ſtreifend, als wolle er heranſchwebende düſtere Gedanken abwehren, ſagte er laut und haſtig:„Drei Tage habe ich ſie nicht geſehen— heut muß ich zu Valerie!“ Zweites Kapitel. Valerie. Kommen wir André von Chenier zuvor. Die Marquiſe Valerie Dupleſſis iſt eine junge, kaum zwanzigjährige Witwe von überraſchender Schön⸗ heit, weniger durch die Reinheit und Pracht ihrer Formen, als durch die Eigenthümlichkeit ihres Typus. Es iſt eine jener zarten, ſchlanken Frauengeſtalten, deren ganzes Weſen wie von ätheriſchem Hauch durchduftet iſt, an de⸗ nen alles graciös, alles wie durchgeiſtigt erſcheint. Sie ſitzt jetzt in der Ecke eines Sophas, beleuchtet von dem Glanz dreier Kerzen, die ein ſchwerer ſilberner Armleuchter auf einem ſeitwärts ſtehenden Tiſch empor⸗ hält. Sie ſcheint zu träumen; dieſer Geiſt, den man ſich nur rege und leidenſchaftlich, feurig bis zur Exeentrieität denken kann, ſcheint von einem großen Gedanken plötzlich überwältigt zu ſein. Stören wir Sie nicht, dieſe ſanft hingeſchmiegte Geſtalt, von ſo zarten und doch ſo ſchwellen⸗ den Formen, mit dieſem antiken, von brennenden, jetzt wie Diamanten leuchtenden Augen belebten Geſicht, um⸗ flattert von einem dunklen Haar, das in loſen Ringeln auf einen herrlichen Hals und eine zarte Büſte fällt. Die ganze Umgebung begünſtigt dieſes Verſunken⸗ ſein Valeriens. Die flackernde Glut im Marmorkamine durchwärmt behaglich das große, hohe Zimmer, deſſen Ausſtattung ganz im reichen Stile der Renaiſancezeit ge⸗ halten iſt. Die dunklen geſchnitzten Möbel ſind mit ſil⸗ bergrauem Damaſt bezogen; ein türkiſcher Teppich be⸗ deckt den Boden; die der jungen Frau gegenüber befind⸗ liche Thür iſt, ebenſo wie jedes der hohen Fenſter, mit ſchweren, faltenreichen Seidenvorhängen verhüllt. Ueber⸗ all begegnet dem ſpähenden Auge ein durchgebildeter, edler und ariſtokratiſcher Geſchmack, nirgends Ueberladung, wenn auch bis in's Kleinſte hinein ein luxuriöſer Comfort. Valerie war die Tochter der Gräfin von Laplatiére, ihr einziges Kind und in leidenſchaftlichem, ſtürmiſchem Weſen ihr gänzlich ähnlich. Von ihrem Vater hatte ſie nur die dunklen Erinnerungen früheſter Kindheit und er war, wie ihr die Mutter erzählt hatte, geſtorben, als ſie vier Jahre zählte. Darauf hatte die Gräfin von Lapla⸗ tioͤre ihr Schloß in der Gascogne bezogen und einſam auf demſelben mit ihrem Kinde gelebt. Mit fünfzehn Jahren ſchon kam Valerie in ein Kloſter, um dort ihre Erziehung zu vollenden, wie es bei den ariſtokratiſchen Familien Frankreichs zu jener Zeit Sitte war; als ſie es mit ſieb⸗ zehn Jahren verließ, hatte die Mutter für ſie einen Ge⸗ mahl erwählt; Valerie mußte, ohne daß man ihr Herz be⸗ fragte, den ſchon ziemlich bejahrten Marquis Dupleſſis heirathen und ging mit ihm nach Paris. Gleich in den erſten Monaten ihrer Ehe erhielt Va⸗ lerie die Nachricht von dem plötzlichen Tode ihrer Mutter. Ihr war die gegen ſie nicht beſonders zärtlich geſinnte Frau in den letzten Jahren noch fremder wie ſonſt gewor⸗ den, und wiewohl es ſie heftig ergriff, ſich von nun eine Waiſe zu wiſſen, linderte ſich der Schmerz um dieſen Ver⸗ luſt doch ſehr bald. Ihre Ehe ſelbſt war nicht glücklich. Sie war reich, unbeſchränkt in ihren Ausgaben; alles, was den Stolz einer jungen ſchönen Frau bildet, Putz, Schmuck, Luxus, glänzende Geſellſchaften, ja ſogar An⸗ beter beſaß ſie, und doch reichte dies alles nicht hin, die Marquiſe glücklich zu machen. Wie ſchnell wird man auch den Genüſſen des Reichthums ſatt, wenn man kein Herzensleben hat! Wie gern entbehrt ein Weib, wenn es ſich nur reich an Liebe weiß! Wie heiß mußte Valerie nach Liebe verlangen, ſie, die noch nie dieſe Wonne des Herzens gekannt und deren Jugend und Natur ge⸗ waltſam danach verlangte! Der Marquis Dupleſſis, bejahrt, ernſt, gleich nach der Verheirathung überdies gänzlich von den politiſchen Ereigniſſen erfüllt, war unmöglich ein Mann, der dem Ideal entſprechen konnte, welches ſich eine junge phanta⸗ ſiereiche Frau für den Cultus ihres Herzens ſchafft. Er ſtarb zum Glück ein Jahr nach ſeiner Verheirathung, ehe noch ſeine Gattin ganz begriffen, wie wenig er ihr genügt und ehe ſie einer jener Verführungen verfiel, welche ſie zahlreich umlagerten. So war Valerie mit neunzehn Jahren ſchon Witwe, ohne daß ſie bisher Geliebte und Frau geweſen. Treu hielt ſie ihr Trauerjahr ein, dann erſt beſuchte ſie wieder Geſellſchaften. Die beiden Todesfälle, beſonders der letztere, hatte zu wenig ihr Herzensleben berührt, als daß ſie weſentlich auf ihr Temperament hätten einwirken kön⸗ nen. Sie war noch immer das jugendlich⸗leidenſchaft⸗ liche Weib mit einem Herzen voll Sehnſucht und einem göttlichen Blick voll Feuer.. Im Salon des Marquis von Paſtoret hatte ſie zum erſtenmale André von Chenier kennen gelernt. Als der Blick Beider ſich traf, flammte im Nu die Liebe in den Herzen empor. Auch André war eine Natur, wie die 17 Valeriens; auch er trug ein übervolles Herz in der Bruſt, das danach brannte, mit einem ihm verwandten blind in die Himmel der Liebe zu ſtürmen. Er war Dichter und einer, deſſen Feuer und wundervolle Sprache an die Poe⸗ ſien der Alten mahnte, deren Gebilde er in der That auch mit urſprünglicher Genialität nachzuahmen wußte. Er war in Allem, in Weſen, Geſinnung, Sein und Denken, ſo ganz dem Ideal Valeriens entſprechend, daß die Annä⸗ herung Beider überraſchend ſchnell ſtattfand, beſonders da die durch die Revolution und deren tagtägliche Ereigniſſe zerbrochenen geſellſchaftlichen Formen und Schranken, und der leidenſchaftliche, über alle Hinderniſſe ſich hinweg⸗ ſetzende Charakter Beider, bald finden ließ, was ſie ſuch⸗ ten. Seit ein paar Monaten war denn in den wenigen noch geöffneten ariſtokratiſchen Salons von Paris André Chénier bereits als der Geliebte der Marquiſe Valerie angeſehen und der„Apoll von Byzanz,“ wie man ihn wohl wegen ſeiner zu Conſtantinopel erfolgten Geburt, ſeiner griechiſchen Poeſten und Schwärmerei nannte, war viel in ſehr beliebt, als daß man ihm ſein Glück mißgönnt ätte. Drei Tage hatte die junge Witwe den Geliebten nicht geſehen, und gerade während dieſer drei Tage wa⸗ ren ihr Gedanken gekommen, die gegen Chenier auszu⸗ ſprechen ihr dringendes Bedürfniß war. Noch dieſen Abend wollte ſie warten; käme er dann nicht, ſo müßte 1861. 14. Apoll von Bhzanz. I. 2 18 ſie ihn rufen laſſen. Aber dieſe Liebe, welche in ganz ei⸗ gener Weiſe erſt beim Daſein ihres Gegenſtandes elektri⸗ ſirt, Funken ſprühet, dieſe wahrhafte Feuerliebe, in welche ſich zwei ſchwärmeriſche Seelen mit Entzücken ſtürzen, tränken und berauſchen, hat auch einen feinen unglaubli⸗ chen Inſtinkt. Valerie hatte vorgeſtern und geſtern An⸗ dre nicht erwartet, heute erwartete ſie ihn beſtimmt, ohne dafür mehr Anhalt zu haben, denn Tags zuvor. Und davon träumte ſie. In das ſchwellende Sopha gedrückt, ſpielten ihre Gedanken mit ihm, und ſie ſprach mit ihm ſchon jetzt, wie ſie es bald in Wirklichkeit zu thun hoffte, beantwortete ſich in ſeinem Geiſte ihre Frage, ganz ſo wie ſie wähnte, dieſe kindlich⸗reine Natur, daß André antworten würde. Die Portisren rauſchten jetzt auf und eine eintretende ältliche Dienerin meldete die Ankunft des Herrn von Chenier., Der Name riß Valerie aus ihrer Träumerei. Mit glänzenden Blicken, freudeſtrahlend und voll befriedigter Sehnſucht ſprang ſie auf und ließ um den Eintritt des Geliebten bitten. In leidenſchaftlicher Erregung ging ſie der Thür zu, im nächſten Augenblick umſchlangen ihre weißen ſchlanken Arme den Nacken des eingetretenen André. „O mein Theurer!“ rief ſie aus und ihre ſeligen Blicke hingen an dem maͤnnlichen, mit Zufriedenheit über⸗ 19 goſſenen Antlitz Chéniers,„v mein Freund, wie hab' ich nach Dir begehrt!“ André zog die liebliche, von roſa Seide umhüllte Geſtalt ſtürmiſch an ſeine Bruſt; ein glühender Kuß brannte auf ihrer hohen weißen Stirn. „Du Gute, Liebe, Theure!“ ſprach er dann und tief aus der Bruſt Athem holend, ſetzte er hinzu:„Ach, jetzt iſt mir wieder wohl, jetzt lebt mein Herz in dem Feuer, das ihm Noth thut!“ Valerie entwortete ihm mit einem Glutblick der Dank⸗ barkeit. Sie zog ihn auf ein Fauteuil, während ſie ſich in das Sopha zurückſetzte und ſagte dann, indem ſie ihre Hand in der ſeinigen ließ:* „Ich wußte, daß Du kommen würdeſt; Du mußteſt heute kommen! Ich habe Dir viel zu ſagen und Wichtiges.“ Chenier, als befürchte er, trotz dieſer Worte nichts beſonders Wichtiges von dieſer faſt noch kindlichen Frau zu hören, ſah lächelnd und erwartungsvoll auf ſie. Die Marquiſe ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn und das ſchwarze Gelock zurück; dann ward ſie ſichtlich ernſt; der Hauch verklärender Liebe ſchwand ſchnell, wie er auf einem Stahlſpiegel zuſammenläuft, um dem leichten dunkelnderen Anflug der Sorge Platz zu machen. Noch immer glaubte André nicht an das, was Valerie mit ihrem Worte vorbereitet hatte; noch immer 8 2*⅔ 20 ſpielte das glückliche Lächeln um ſeine Lippen und ſeine großen dunkeln Augen verfolgten fragend die Wandelung in dem Ausdruck von Valeriens Antlitz. Was ſollte auch dieſes zufriedene Weib, glücklich durch ſeine Liebe, plötz⸗ lich Ernſtes und Wichtiges ſagen können? Die Marquiſe ſchien ihren Geliebten zu verſtehen und ſie begann deshalb in zuverſichtlichem Tone:„Du, wunderſt Dich, Andre, über meine Worte! Ich glaub's, denn was ſollte mir ſeit den drei Tagen, wo ich Dich nicht geſehen, durch den Kopf gegangen ſein, mir, die nichts weiter will, als Dich ſehen, Dich lieben, Dein ſein, auf ewig Dein, wenn die Umſtände es erlauben. Und doch, mein Freund— ich weiß ſelbſt nicht, aber Angſt, unerklärliche Furcht hat mich ſeit zwei Tagen gefoltert. Ich haſſe Paris, ich ſehne mich fort von hier, fort aus Frankreich, wo Le⸗ ben und Sicherheit täglich mehr bedroht ſind. O mir ahnt Schlimmes, André!“ Dieſe in der That ſehr ernſte, faſt düſtere Einleitung machten den Dichter betroffen. Eine Ahnung deſſen, was er vernehmen würde, erfüllte ihn plötzlich; aber er ſchwieg als getraute er ſich nicht, ihr Ausdruck zu leihen. Als in⸗ deſſen auch Valerie ſchwieg, wie um durch eine Frage André's Gelegenheit zu finden, ihr Herz auszuſchütten, ſagte er anſcheinend leicht:„Du haſt Frucht, armes Kind? Ich kann es begreifen, ſchutzlos wie Du biſt, ſchutzlos wie heute in Paris eine Ariſtokratie iſt.“ 21 „Nicht wahr, André?“ entgegnete die Marquiſe leb⸗ haft.„Wie viel bedarf es, um heut verdächtig zu ſein — eines adeligen Namens, eines Vermögens, eines ari⸗ ſtokratiſchen Umgangs. Ich verſtehe wenig von dem, was ſich vorbereitet, wohin dieſe entſetzliche Revolution ſich noch wälzen wird; ich liebe den König und zittere vor dieſem Pöbel, deſſen Waffen jetzt ganz Paris anvertraut iſt. André, ich will fort vor hier, ſo ſchnell wie möglich fort aus dieſem unglücklichen Lande, bis dieſes Drama zu Ende iſt.“ André blieb ruhig; dieſer Entſchluß ſchien ihn wenig zu überraſchen. „Wohin willſt Du, Valerie?“ fragte er und hing dabei ſeinen eigenen Gedanken nach. „Nach Brüſſel, nach Holland, nach Deutſchland, mir gleich,“ verſetzte die junge Frau haſtig;„ich habe Alles dazu vorbereitet, ſogar der Paß iſt in meinen Händen.“ Der junge Mann hob erſtaunt ſein Antlitz zu ihr empor und verſetzte: „In der That, Du biſt ſehr entſchloſſen, Valerie; Du ſcheinſt Dich für Alles vorbereitet zu haben.“ „Ich kann ſogleich abreiſen, wenn ich will; mein Wagen braucht nur angeſpannt zu werden, die Pferde wechsle ich auf den Poſtſtationen.“ „Nun?“ fragte André und es kam gepreßt aus ſei⸗ 22 ner Bruſt,„und wann willſt Du reiſen? Noch heute, morgen, wann?“ Die Marquiſe beugte ſich liebevoll zu dem jungen Mann und flüſterte: „Nicht eher, mein Freund, als bis Du mit mir gehſt.“ André, als habe er dies erwartet, bemeiſterte die Freude, die Genugthuung nicht, die bei dieſen Worten aus ſeinen Blicken ſprach. Das Bewußtſein, Valerie bedürfe ſeiner, ſie könne ſich von ihm nicht trennen, machte ihn ſtolz. Aber bei alledem kam ihm der Vorſchlag und der Entſchluß der Marquiſe ſo überraſchend, daß er um eine beſtimmte Antwort ſichtlich verlegen war. War irgend etwas ſeinen Gedanken bisher fern geweſen, ſo die Ab⸗ ſicht, Paris und Frankreich zu verlaſſen. Freilich, es hielt ihn auch nichts, nicht einmal die politiſche Leidenſchaft; er hatte längſt Ueberdruß an dem Treiben in Paris, an dem anfänglichen Ehrgeiz, eine Rolle in der Revo⸗ lution zu ſpielen. Nachdem er erfahren, daß ſeine Anſichten, die über ein feſtes conſtitutionelles Syſtem nicht hinausgingen, von den Ereigniſſen überholt waren, die meiſten ſeiner Freunde weiter gingen als er, war es vornehmlich Gereiztheit und Erbitterung gegen die ganze Bewegung, die ihn erfüllte und der er in Satyren, Ge⸗ dichten, in Artikeln, die ſein Freund Roucher im„Journal de Paris“ veröffentlichte, Ausdruck zu geben wußte. Dies begeiſterte ihn nicht ſo ſehr um nicht darauf verzich⸗ 23 ten zu können— und mehr als Alles, Valerien entbeh⸗ ren zu ſollen, deſſen war er nicht fähig. Die junge Frau verfolgte nicht ohne Angſt das Schweigen André's. „Ich dachte,“ meinte ſie dann wie zur Ergänzung, „Du träteſt in die Emigrantenarmee. Du wareſt Offi⸗ zier, Du willſt den König ſchützen— „Nie, nie!“ unterbrach ſie hnier heftig.„Valerie, ich haſſe dieſe Art von Ariſtokraten, wie die Demagogen, ihre Unvernunft iſt ſchlimmer noch als dieſe, ihre Tyrannei verletzender als die des Pöbels, deſſen Macht doch einmal überwältigt wird. Nein, nein— und dann, gegen mein Vaterland fechten? Niemals!“ „Aber Du fechteſt doch für 2n König!“ wandte Va⸗ lerie ſanft ein. „Ich will es nicht. um dieſe Preis. Es wird nicht lange dauern, daß Frankreich im Kriege mit Oeſterreich und Deutſchland iſt, daß es ſeine Sohne braucht, um es vor der Schmach zu ſchützen. Mithelfen zu dieſer Schmach, mithelfen, fremde Truppen ins Vaterland zu führen— Valerie, nein, das geht gegen meine Ehre.“ Die Marquiſe ſchwieg, und ſchien dem Geliebten zu⸗ zuſtimmen. Nach einer Weile, als halte ſie nun dieſe Frage für erledigt, ſagte ſie zögernd: „Und Du willſt hierbleiben, André?“ Der junge Mann eho ſich und zog Valerie leiden⸗ 24 ſchaftlich an ſeine Bruſt.„Hier bleiben,“ rief er aus, „hier bleiben, wenn Du gehſt? Valerie!— Und Du mußt gehen,“ fuhr er dann fort,„Du mußt fort von hier. Die Gefahr des länger Verweilens ſteigt von Tag zu Tag, vielleicht daß man in ein paar Wochen in der Unmöglich⸗ keit iſt, dieſe Stätte der Anarchie zu verlaſſen. Nein, nein! Ich dringe darauf, daß Du reiſeſt und ſo ſchnell als möglich. Ich werde morgen trachten, mir einen Paß zu verſchaffen. Ja, ja,“ und er ſchien mit ſich ſelbſt zu reden, „es wird gehen; ich werde ihn mit Hilfe meines Vaters wohl erhalten.— Und dann reiſe ich mit Dir, Geliebte, mit Dir, wohin Du willſt; denn Dein, ach Dein bin ich mit Herz und Geiſt und Seele, Dein, theures Weſen, das mich begeiſtert und in deſſen Anblick zu ſchwelgen das göttliche Entzücken meines Dichterlebens iſt.“ André hatte die letzten Worte mit ſtürmiſcher Leiden⸗ ſchaft geſprochen. Valerie, wie berauſcht davon, konnte ihre ſeligen Blicke nicht abwenden von ſeinen Augen. Endlich, endlich ſank ihr Kopf auf ſeine Schulter und ſie flüſterte: d „O, mein Freund, was iſt mir Alles ohne Dich! Welch' ein Himmel iſt mir eröffnet, ſeitdem ich Dich liebe! André, André, was würde aus mir, wenn Du mir fehlteſt!“ Drittes Kapitel. Eine Soirée bei Mauunel. An demſelben Abend, wo André Chénier zur Mar⸗ quiſe Dupleſſis kam, beſuchte ſein Bruder Marie⸗Joſeph die Soirée Manuels, des ſeit einigen Monaten fungi⸗ renden jacobiniſchen Procurator⸗Syndikus von Paris. Damals, im März 1792, waren die Jacobiner und ihr Clubb ſchon von bedeutendem Einfluß, aber noch lange nicht von jenem ausgeprägten anarchiſchen Charakter ſpäterer Zeit, der ihren Namen berüchtigt und zum Be⸗ griff wildeſter Pöbelherrſchaft gemacht hat. Die politi⸗ ſche Macht beſaßen zu jener Zeit die Girondiſten, meiſt edle Freiheitsſchwärmer, groß und ſtolz in Worten, weni⸗ ger in Thaten; ſie bildeten die entſchiedene Mehrheit im Jacobinerelubb; ihr Einfluß in der Nationalverſammlung, im Miniſterium und in den übrigen Verwaltungen des Staats war überwiegend. Indeſſen arbeitete bereits eine gewaltthätigere, republikaniſche und mehr von rohen Elementen getragene Partei darauf hin, ſich an die Spitze der Bewegung zu bringen, den girondiſtiſchen Halbroya⸗ lismus abzuſchaffen, die ganze Revolution in die Bahn der abſoluten Anarchie und Volksherrſchaft zu ſtoßen. 26 Noch zwar bildeten ſie einen Theil der Gironde, minde⸗ ſtens in der äußerlichen Vereinigung mit dieſer Macht; aber ſie ſuchten dieſe doch ſchon zu ſchwächen, zu zerſplit⸗ tern, für ihre Zwecke dienſtbar zu machen und es gehörte kein beſonderer Scharfſinn dazu, um die Ueberzeugung zu erlangen, daß ſie, wilde, fanatiſche, rückſichtsloſe Geiſter, über kurz oder lang das gemäßigtere Element der Gi⸗ ronde überwältigen würden. Sie hatten ſich bereits, wie⸗ wohl ſie dem Jacobinerelubb angehörten, eine eigene Or⸗ ganiſation gegeben, diseiplinirten ihre Politik im Clubb der Cordeliers, brüſteten ſich ſtolz mit dem Spottnamen der Sansculotten, Ohnehoſen. Manche der beſten Redner und die eigentlichen Agitatoren gehörten dieſen Cordeliers an, ſo Robespierre, Danton, Marat, Camille Desmou⸗ lins, und ihr aufregender Einfluß machte ſich bereits in den Sitzungen des Jacobinerclubbs, bei der großen Maſſe und vornehmlich in den Gemeindeangelegenheiten von Paris geltend. Schon konnten ſie offen als Gegner der Gironde auftreten und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Die neuerrichteten Sektionen von Paris, eine Art von mit großer Macht bekleideten Mairien, waren ihr Werk und unterſtanden meiſt ihrem Einfluß. Sie hatten die Pikencohorten geſchaffen und damit eine bewaffnete, leicht aufzureizende Macht zu ihren Dienſten. Manche bedeu⸗ tende Poſten in der Gemeindeverwaltung waren von ih⸗ ren Chefs bekleidet; Manuel war Procurator⸗Syndikus 27 geworden, Danton ſein einflußreicher Sekretair, Robes⸗ pierre Mitglied des Pariſer Gerichtshofes; letzterer frei⸗ lich, mit anderen Plänen beſchäftigt, hatte dieſe Stelle wieder niedergelegt.. Die Soirée bei Manuel, zu der auch Joſeph Che⸗ nier geladen war, wiewohl er im Grunde nicht zu der Partei der Cordeliers gehörte oder gehören wollte, war kein ungewöhnliches Ereigniß. Dieſe Häupter der Sans⸗ eulotten liebten es, ſich bei frohem Mahl, auch nächtli⸗ chen Orgien zu vergnügen und fanden darin ein Mittel zu geheimen Berathungen, zu politiſchen, vertraulichen Debatten und Verabredungen über die von ihnen öffentlich zu beobachtende Haltung der oder jener Frage gegenüber. Hier, bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, ward die eigentliche Organiſation der Partei bewerkſtelligt, die Taktik des Angriffs feſtgeſtellt, die Parole für die Maſſen ausgetheilt. Mancher Anſchlag perſönlicher Geſinnung kam hier zur Geltung, hier, unter Schmauſen und Ze⸗ chen, unter ſinnlichen Aufregungen, rohen, echt ſansculot⸗ tiſchen Witzen. Liebe und Luſt in ungebundener Weiſe und republikaniſcher Freiheit verwebte dabei ihr Spiel mit Voͤllerei; ein Jeder trieb's nach ſeiner Weiſe und Nie⸗ mand ſtörte ihn. Wir finden bei Manuel eine ſolche Soirée. Die meiſten der hervorragenden Cordeliers⸗Jacobiner ſind dort und haben ſich in den beiden großen, von Kerzen er⸗ hellten Zimmern in verſchiedene Gruppen getheilt. Die Mehrzahl ſitzt um einen langen Tiſch und ſpeiſt und trinkt und plaudert; auch Frauen ſind dabei, die Geliebte des und Jenen, einige Tänzerinen und Schauſpielerinen, welche ſich bereits an den hier herrſchenden ungenirten, oft rohen Ton gewöhnt haben und ſo leicht nicht mehr errö⸗ then. An einem anderen Tiſch in einer dunklen Niſche und auf einem ſchwellenden Sopha ſitzt ein Anderer mit einem hübſchen Mädchen, deſſen Dianenfuß keck unter dem aufgerauſchten Kleide hervorblickt und deſſen blendender, nach damaliger Mode kaum verhüllter Buſen in ſchnellem, erregtem Tempo ſich hebt und ſenkt. Es iſt ein Liebes⸗ paar— es kümmerte ſich Niemand um deſſen Daſein, es wird von Niemandem geſtört. Im anderen Zimmer, deſ⸗ ſen Thüren geöffnet ſind, wird hier geſpielt; dort haben ſich Drei, Vier zuſammen geſetzt und debattiren leiſe, aber in ſichtlicher Leidenſchaftlichkeit mit einander; im Fenſter dort ſtehen ihrer Zwei und halten ein vertrautes Geſpräch; ein paar Andere gehen langſam auf und ab, werfen bald ein Wort nach der Tafel hinüber, bald verfolgen ſie ein intereſſantes Spiel an jenem Tiſch, bald beugt ſich Der oder Jener zu einer der verſtreut an den Tiſchen ſitzenden Damen, flüſtert ihr etwas in's Ohr, kneift ihr die Wange, oder er trinkt einnal vom Weine. Einige Bürger, Sanseulotten— man ſagte in dieſen Kreiſen ſchon nicht mehr Diener zu Einem aus dem freien Volk— verſahen 2 29 den Dienſt, laufen hin und her und bringen Speiſen oder trugen Geſchirr und Ueberreſte hinaus. An der langen Tafel war man in ein ſehr lebhaftes politiſches Geſpräch gerathen, Manuel hatte den Vor⸗ ſchlag gemacht, den Soldaten des Schweizer⸗Regiments Chateauvieux, welche ſich gegen ihre Offiziere empört hat⸗ ten, unter dem Druck der Nationalverſammlung vom Ge⸗ richte aber freigeſprochen waren, weil ſie„conſtitutionell“ gehandelt, einen feierlichen Einzug in Paris zu bereiten; denn, hatte er gemeint, man müſſe die guten Bürger in der Armee auch unterſtützen und ihnen beweiſen, daß das Volk es anerkenne, wenn ſie ihren ariſtokratiſchen Generä⸗ len den Gehorſam kündigten. „Du haſt Recht, Manuel,“ rief Marat aus, indem er das eben geleerte Glas niederſetzte;„die Kerle ſollen ſehen, daß die Jacobiner zu belohnen wiſſen. Foutre! Hätten Sie die Canaille von Generälen ſammt und ſon⸗ ders über die Klinge ſpringen laſſen, es wäre noch geſcheid⸗ ter geweſen.“ „Ah bah,“ meinte Couthon, der Advokat mit den engelſanften Zügen, mit der lieblichen, glockenreinen Stimme,„nur Geduld! Ich ſage Dir, Marat, es wird ſchon noch Arbeit geben; wir werden noch mehr als dieſe Ver⸗ ſchwörer vom Erdboden vertilgen. Es muß ein Exempel ſtatuirt werden, Bürger! Alle Despoten ſollen in die Hölle fahren mit ſammt ihrer Brut.“ „Sieh, ſieh,“ rief vom andern Ende der Tafel eine feiſte Geſtalt mit gedunſenem, gemeinem Geſicht,„Ihr werdet ſie doch erſt beichten laſſen? Der Teuſel, man muß den Anſtand wahren und auf's Beichten halt' ich noch immer. Eine ſchoͤne Erfindung das, nicht wahr Pal⸗ myra?“— Es war Chabot, der Excapueiner, der eyni⸗ ſche Wüſtling und Sanseulotte, welcher dieſe letzten Worte mit einem frechen Lächeln zu einer neben ihm ſitzenden, dicken und abgelebt ausſehenden Frau richtete. Sie ver⸗ ſtand unſtreitig den Sinn der Worte Chabots und erwi⸗ derte pikirt:„Ach Du Läſtermaul, willſt Du etwa aus der Schule plaudern? Alter Kloſterbruder, ſei froh, daß Du das Beichten aufgeben und lohnendere létes-à-tétes mit den Frauen haben konnteſt.“ Ein ſchallendes Gelächter der Umſitzenden folgte die⸗ ſen Worten Palmyra's, auch Chabot lachte mit und griff dabei nach dem Flügel eines Kapauns. In dieſem Augenblick war's, wo Joſeph Chenier eintrat. „Ah, da iſt er!“ rief Manuel aus.„Gut, daß Du kommſt, Marie⸗Joſeph, wir brauchen Deine Poeſie.“ Der Angerufene warf einen flüchtigen Blick auf die Verſammlung, dann ſetzte er ſich neben Manuel auf einen leer ſtehenden Seſſel und fragte:„Was gibt's?— Was willſt Du? „Verſe, glorreicher Poet!“ verſetzte Manuel,„Verſe! 31 Du allein biſt würdig, die Soldaten von Chateauvieux zu bewillkommen.“ Chenier bemeiſterte einen düſteren Zug im Anfluge und erwiderte ſchnell:„Was ſoll das heißen? Meinſt Du, ich wär' Gelegenheitsdichter?“ „Chenier!“ rief hier Couthon und es lag etwas Dro⸗ hendes in ſeinem Tone verhüllt.„Cheénier, Du haſt viel gut zu machen, Dein„Cajus Gracchus roch verteufelt nach der Poli itik der Feuillans.“ „Ja, ja,“ ſchrie Marat mit ſeiner heiſeren Stimme, „der Vers war albern: Geſetze und kein Blut!— Denkſt Du, daß dieſe ariſtokratiſche Race ohne Blut un⸗ tergeht? Die Freihen braucht ihr Blut, ſag' ich Dir, und Capet mit ſeiner Meſſaline müßte zuerſt unters Meſſer.“ „Bürger,“ verſetzte Chénier gefaßt;—„Ihr ſeid ſchlechte Freunde. Tanzt man nicht gerade nach Eurer Pfeife, ſchmäht Ihr Einen gleich als Verräther und Ari⸗ ſtokraten. Wer kann von mir ſagen, daß ich der Freiheit nicht genützt? Geht nun zu andern Dichtern und laßt Euch Verſe machen; hier“— und er wies auf einen hübſchen blondlockigen jungen Mann, der ſich bisher ausſchließlich mit einer Tänzerin unterhalten hatte—„hier habt Ihr den„Procurator der Laterne,“ dort, am Spieltiſch, ſeh' ich auch Collot d'Herbvyis. Sind ſie nicht ebenſo gut, wie ich?“ Jener junge Mann, es war Camille Desmoulins, ——yy ———— genannt der„Procurator der Laterne“ nach ſeinem erſten Journal, hatte in Folge der Chänier'ſchen Worte ſchnell das verliebte Geſpräch mit ſeiner Nachbarin aufgegeben, und entgegnete nun lebhaft: „Göttlicher Joſeph, Du wirſt ſichtlich liebenswürdi⸗ ger; aber erwäge, daß ich Journaliſt bin und mein ganzes poetiſches Talent zum Teufel iſt. Nicht einmal die Liebe bringt mir ein paar Verſe zu Stande. Celeſte hat mich ſchon in den ſchwächſten meiner Augenblicke und im rei⸗ zendſten Daphnekoſtüm angefleht, ihre graziöſen Tänze zu beſingen, um der Creolin nicht nachzuſtehen— ich kann nicht! Ach, arme Celeſte,“ rief er mit Pathos lächelnd der Tänzerin zu,„die Creolin hat meine beſten Kräfte mir entführt, mein ganzes poetiſches Blut ausgeſaugt.“ Chabot ließ einen grunzenden Seufzer vernehmen, Cecile züchtigte den heiteren Camille, indem ſie ſein blon⸗ des Gelock verwüſtete. Manuel meinte, daß er nicht von ſeiner Idee abgehen werde und Marat verſicherte, daß Collot d'Herbois das Feſtgedicht zum Empfang der ſchwei⸗ zer Soldaten liefern würde. Sie wären in der Provinz triumphirend empfangen worden, Paris dürfe dagegen nicht zurückſtehen. Die Ariſtokraten ſollten ſehen, daß die Ja⸗ cobiner ſtark wären. „Du mußt trachten, Marat,“ ſagte darauf Couthon mit ſeiner feinen Tenorſtimme,„daß Dein Journal bis dahin wieder erſcheint. Es darf nicht gehen, daß die Ari⸗ 33 ſtokraten glauben, ſie könnten ein ſo patriotiſches Blatt, wie„den Volksfreund“ vernichten.“ „Die Schufte!“ rief Marat darauf zornig aus.„Die Preſſe haben ſie mir genommen, meinen Verdienſt haben. ſie mir entzogen— wart, Brut! Du ſollſt ſehen, daß die guten Patrioten nicht länger hungern, wenn Du es ſo ha⸗ ben willſt. Mein Blatt iſt wieder da, ehe noch zwei Wo⸗ chen vorbei ſind.“ „Das werd' ich dem Capet ſagen, wenn ich wieder hinaufgehe auf ſein Schloß,“ warf Chabot lachend ein. „Hahaha! der wird gerade ſolch' Geſicht machen, wie da⸗ mals, als ich vor ihm nicht den Hut abziehen wollte und in ſeinem Zimmer bedeckt blieb, wie's ein echter Patriot thun muß. Denn das Volk iſt Alles, ein König gar nichts — das hat aufgehört.“ „Wir haben alle Energie aufzubieten, um die Gi⸗ ronde aus dem Sattel zu heben,“ ſagte Manuel, ohne Cha⸗ bot’s Worte zu beachten.„Die Politik, wie ſie jetzt iſt, führt uns zum Verderben.“ „Wahr, wahr,“ verſetzte Desmoulins, welcher der Debatte mehr Theilnahme zugewandt, ſeitdem Ceeile ſich zu einem der im andern Zimmer befindlichen Jacobiner begeben;„die feinen Herren möchten den Krater mit Blu⸗ men ſchließen.“ „Die Hölle verſchlucke ſie,“ ſchrie Marat wüthend. „Robespierre hat Recht, ſie verrathen uns, dieſe Girondi⸗ 1861. 14. Apoll von Bhzanz. I. 3 34 ſten, ſie buhlen mit dem Tyrannen und ſeiner Frau, der Oeſterreicherin; ſie bringen uns den Krieg ins Land, um die Revolution zu tödten. Ah, eh' das geſchieht, ſoll Louis Capet noch Wunder erleben.“ „Sie halten mit dem öſterreichiſchen Comité,“ rief ein Anderer, der eben an den Tiſch getreten war, um ſich an der Debatte zu betheiligen;„ſie wiſſen von der Ver⸗ ſchwörung in den Tuillerien, welche Marie Antoinette leitet, um die Oeſterreicher und Preußen in's Land zu bringen.“ „Ha, Bürger Bazire,“ entgegnete ihm Couthon, „noch ſind wir da. Es darf keinen Krieg geben!“ „Was ſchwatzeſt Du, Couthon?“ meinte Joſeph Ché⸗ nier.„Die Ehre fordert den Krieg. Parbleu! wir ſind Franzoſen, ſoll man uns drohen können?“ „Schlimm genug,“ ſagte Manuel.„Aber ich glaube nicht, daß es den Tyrannen Ernſt iſt. Man droht uns, um uns einzuſchüchtern, die Nationalverſammlung kirre zu ma⸗ chen, damit ſie dem König wieder mehr Macht einräumt. Paßt auf, das iſt Alles ſchlau von Madame Veto berech⸗ net; Alles iſt Verſchwörung. Gehen wir in die Falle, ſchlimm genug, wie geſagt. Aber wir dürfen nicht, wir müſſen trachten, dieſen Krieg zu verhüten, bis man uns angreift.“ „Aber man wird uns angreifen,“ verſetzte Chenier; „ſchon ſtehen die Oeſterreicher und Preußen an unſern 35 Grenzen. Wo iſt unſere Armee, wir haben keine und die wir haben, iſt ſchlecht.“— „Und wenn wir die beſte hätten, Joſeph,“ ſagte Ma⸗ rat,„die Generäle ſind Verräther und im Solde des Ho⸗ fes; ſie werden ſich ſchlagen laſſen, nur damit der Feind vor Paris kommt, um hier den Tyrannen wieder feſt zu fetzen.“ „Schweſel und Pech ſollte regnen, dieſe Armee der Könige zu vernichten!“ warf der Excapuziner dazwiſchen. „Ich ſollte nur eine Stunde Commandant des Himmels ſein und Ihr ſolltet ſehen, was Chabot kann.“ „Du würdeſt gewiß ſo viel Engel mit herunter brin⸗ gen,“ gloſſirte Palmyra,„daß Du Dein ganzes Leben lang genug daran hätteſt.“ „Kurz und gut,“ rief Couthon,„wir ſtimmen ſo lange gegen den Krieg, als es angeht. Dein Journal, Marat, muß das Volk dafür bearbeiten.“ Mehrere aus dem Nebenzimmer traten jetzt herein und betheiligten ſich am Geſpräch. Danton war unter ihnen. Kaum hatte er erfahren, um was es ſich handelte, als er ſo feſt mit ſeinem Widerſpruch auftrat und den Ge⸗ danken, als könne man den Krieg vermeiden, bekämpfte. „Soll man ſagen, Bürger,“ rief er aus, daß Frank⸗ reich unter der Freiheit feiger iſt als unter den Despoten? Man droht uns, antworten wir, wie es ſich ziemt. Sorgt nur dafür, daß kein Verräther an der Spitze der Armee 3* 36 bleibe; wir müſſen Volksvertreter mit ins Feld ſenden, um die Thätigkeit der Generäle zu überwachen; wir müſſen Offiziere unſerer Farbe ans Commando bringen. Das iſt genug, wenn wir dafür ſorgen.“ 4. Wohl ſprachen Couthon und Manuel noch dagegen, zuletzt jedoch wurden ſie durch Danton überzeugt und da⸗ mit fiel die Debatte. Man löſte ſich darauf in einzelne Gruppen auf, ſprach von anderen Dingen, auch wohl noch von Politik; Einzelne entfernten ſich ſogar, denn es war gegen Mitternacht. 3 Manuel, Marat, Couthon und Chenier blieben an der Tafel ſitzen. Nach gleichgültigen Geſprächen fragte plötzlich Couthon und ſein großes Auge blickte dabei mit einem verſteckten Argwohn: 4* „Wie iſt's denn, Chénier, zwiſchen Dir und Deinemn Bruder? Willſt Du die Schmähungen einſtecken, die er uns und Dir angethan?“ 3 „Wir ſind heut Morgen deshalb heftig zuſammen⸗ gerathen,“ entgegnete Chenier. 8 „Ah, dieſer byzantiniſche Apoll!“ meinte Marat. „Ich werd' ihm ſchon antworten, wenn ich mein Blatt wieder herausgebe. .„ Er iſt jetzt Royaliſt,“ ſagte Chénier weiter,„und die ariſtokratiſche Liebe zur Marquiſe Dupleſſis mag auch ihr Theil beitragen, daß er die Jacobiner als Schufte oder Dummköpfe anſieht. Aber er hat dies im„Journal de Pa⸗ 37 ris,“ wahrſcheinlich auf ſeines Freundes Roucher Drängen hin, drucken laſſen, und das darf nicht ſitzen bleiben. Ich habe heut Abend ſelber meine Erklärung zu Fréron getra⸗ gen. Sie weiſt die beleidigenden Anſichten meines Bru⸗ ders über die Jacobiner zurück, und ſagt ausdrücklich, daß ich mich in Folge derſelben gezwungen ſehe, mich öffentlich als ſeinen politiſchen Gegner zu bezeichnen. Das war ich mir ſchuldig, um nicht in den Verdacht zu gerathen, ich ſei eines Sinnes mit meinem Bruder oder ignorire ſeinen lei⸗ denſchaftlichen Ausfall. Morgen früh werdet Ihr dieſe Erklärung im„Volksredner“ leſen. „Nun, ſo haſt Du Deine Schuldigkeit gethan, be⸗ merkte Manuel. Joſeph Chenier, der nur ungern von dieſem Zwiſt zu reden ſchien und mit ſchwerem Herzen daran gegangen war, ihn zu einer öffentlichen Sache zu machen, ſtand nach einer Weile auf und ſetzte ſich an den Spieltiſch im an⸗ dern Zimmer. Die Meiſten waren bereits fortgegangen. Im Speiſezimmer ſaßen nur noch Manuel, Couthon und Marat. „Manuel,“ ſagte Couthon, nachdem er ſich verſichert, daß Cheénier nicht wiederkomme,„ich verlange morgen einen Verhaftsbefehl von Dir.“ „Für wen, Bürger?“ entgegnete der Procurator⸗ Syndikus. Couthon hatte ſich erhoben und humpelte, denn er 38 war lahm, näher zu Manuel heran.„Für die Marquiſe Dupleſſ is,“ antwortete er dann mit gedämpfter Stimme. „Sie iſt mir verdächtig, Manuel, und ich glaube, ſie ge⸗ hört mit zu den Verſchwörern, welche von der Oeſterreiche⸗ rin ihre Inſtruktionen erhalten. Gut, daß Chenier mich an ſie erinnerte; ihre Verhaftung iſt wahrſcheinlich dem Vaterlande von Nutzen.“ „Wie das?“ fragte Marat anſcheinend gleichgültig, aber mit geheimer Spannung. Was fällt Dir bei dieſem Kinde auf, als daß es eine Ariſtokratin iſt? Willſt Du Gefahr für das Vaterland darin ſehen, daß ſie André Cheniers Geliebte iſt?“ „Pſt!“ verſetzte Couthon nnd wollte damit bezeich⸗ nen, daß Marat wegen Joſeph Ehenier leiſer ſprechen möge.„Er könnte uns hören und ich traue ihm nicht recht. Er iſt ein guter Patriot, aber wohl noch ein beſſe⸗ rer Bruder und koͤnnte André warnen.“ rei„Nun, was iſt's mit der Dupleſſis?“ fragte Marat eiſe.— „Ich weiß zufällig, daß ſie auswandern will, viel⸗ leicht morgen ſchon, das iſt an und für ſich ſchon ein Ver⸗ brechen und das Geſetz gebietet, es zu verhindern. Aber warum will ſie auswandern, warum? frage ich, da ſie Niemand beläſtigt hat und da ſie überdieß die Geliebte Apoll's von Byzanz iſt? Warum? Das muß einen Ha⸗ 39 ken haben, ein ſo junges Weib kommt nicht allein auf dieſen Gedanken. Ich will Euch ſagen, was ich darüber denke und weshalb ihre Verhaftung ſo ſchnell als möglich erfolgen muß. Das„öſterreichiſche Comité“ mit der An⸗ toinette an der Spitze ſteht mit dem Auslande in geheimer Verbindung, das wiſſen wir Alle, und es iſt Zeit, daß dieſe Verſchwörung gegen die Nation endlich entdeckt werde. Da dieſe Brut, Dank unſerer Aufmerkſamkeit, nicht mehr offen mit den Emigranten und Tyrannen des Auslandes conſpiriren kann, ſo benutzt ſie unerfahrene, unverdächtige Perſonen zu Boten ihrer Briefe, und zur mündlichen Be⸗ nachrichtigung ihrer Mitverſchworenen. Die Marquiſe Dupleſſis iſt eine jener Ariſtokratinen, die der Himmel vertilgen möge, weil ſie lieblich von Angeſicht und beſte⸗ chend für die Tugend ſind. Du kennſt ſie ja, Marat, da Du ihr gegenüber wohnſt.“ Marat that, als wenn er dieſe Worte überhört hätte. Manuel, der mehr und mehr aufmerkſam geworden war, nahm überdieß ſtatt ſeiner das Wort.„Ah, Couthon, wenn das wäre, ſo gäb's einen guten Fang.“ „Wenn das wäre? Es muß ſo ſein,“ verſetzte Cou⸗ thon.„Sie reiſt ab, weil die Oeſterreicherin oder deren Mitſchuldige ihr Aufträge an die Feinde des Vaterlandes gegeben haben. Anders kann's nicht ſein, und darum iſt es Deine Pflicht, Manuel, ihre Abreiſe durch die Verhaf⸗ tung zu hindern.. 40 „Du haſt Recht,“ entgegnete Manuel;„ich werde morgen früh dafür ſorgen.“ „Auch rächen wir uns damit zugleich an André Che⸗ nier; er hat Dich und mich und Marat perſöͤnlich belei⸗ digt, er verdient keine Schonung. Wenn's ginge, möͤcht ich ihn auch einſperren laſſen, aber wir dürfen es Joſeph zu Liebe nicht und überdieß iſt André zu ſehr Feind der Verſchwörer, um ſich mit ihnen einzulaſſen. Das glanbe ich ſelbſt nicht. Er iſt verliebt in die Dupleſſis; arretiren wir ſie, ſo hat er Strafe genug.“ Dabei ſtand Couthon auf, um zu gehen.„Nun,“ ſagte er noch, indem er ſich verabſihiedete⸗„Du wirſt alſo nicht vergeſſen, Manuel, den Befehl rechtzeitig zu geben?“ „Sei unbeſorgt, morgen um neun Uhr iſt ſie in La Force; ſo viel Zeit laſſe ich ihr noch zur Toilette. Gute Nacht,„Bürger Couthon.“ Dann ſich zu Marat wendend, der eben mit grinſender Miene Couthon die Hand reichte, ſagte der Procurator⸗ Syndikus:„'s iſt immer ein Hoch⸗ genuß, ſo Einen von dieſer Ariſtokratenrace unter unſere Hände zu kriegen; denn mille tonnerres! im Gefängniß werden ſie gut ſansculottiſch traktirt!“ „Du haſt Recht, Mantel,“antwortete Marat, ſtand auf und rüſtete ſich gleichfalls zum Fortgehen. Es war überhaupt zu Ende; die Lichter waren her⸗ abgebrannt; der Spieltiſch und die Niſche leer; Manuel ſagte gute Nacht und zog ſich in ſein Schlafgemach zurück, 41 die aufwartenden Sansculotten brachten die Mäntel der wenigen Gäſte, welche faſt gleichzeitig die Zimmer verlie⸗ ßen und unten vor dem Hauſe ſich trennten. Joſeph Chenier, der in einem entlegenen Quartier wohnte, ging allein. Dicht in ſeinen Mantel gehüllt und ſeinen Gedanken nachhängend bog er in eine Seitenſtraße ein. Plötzlich trat ihm in der tiefen Dunkelheit eine Ge⸗ ſtalt in den Weg. „Chenier,“ ſagte ſie leiſe,„ich habe auf Dich gewar⸗ tet, ich habe mit Dir im Vertrauen zu reden.“ Der Angeredete, im erſten Augenblick durch dieſen Anfall nicht wenig erſchrocken, konnte ſich einer gewiſſen Unheimlichkeit nicht erwehren, als er Marat's Stimme erkannte. Mit geheuchelter Ruhe und Zuvorkommenheit drückte er ſein Vergnügen über dieſe unerwartete Beglei⸗ tung aus, indem er zugleich fragte, was ihm in ſo geheim⸗ nißvoller Weiſe vertraut werden ſolle? „Du kennſt die Geliebte Deines Bruders?“ verſetzte Marat. „Die Marquiſe Dupleſſis? Ich habe ſie flüchtig geſehen.“ „Sie wird morgen verhaftet werden,“ ſuhr Marat mit ſeiner ſchnarrenden Stimme, aber gedämpft fort. Chénier hielt unwillkürlich ſeine Schritte an; er fürchtete noch Schlimmeres zu hören. Als aber ſein Be⸗ gleiter ſchwieg und ſeinen Weg fortſetzte, trat er wieder an ſeine Seite und ſagte:„Du biſt ſonderbar, Marat; weißt Du noch mehr, willſt Du nur warnen oder was ſonſt?“ „Ei, warum würde ich Dir denn ſagen, was ich weiß, wenn ich nicht wollte, daß Du Dich danach richten ſollſt?“ „So droht meinem Bruder Gefahr? O, ſeid nicht närriſch!“ „Nichts droht, nichts droht!“ meinte Marat faſt höhniſch. Nur die Dupleſſis ſoll morgen nach La Force. Willſt Du ſie warnen laſſen durch Deinen Bruder, ſo eile Dich, Marie⸗Joſeph.“ Der Dichter wußte vor Erſtaunen nicht zu antworten. Wollte man ihm eine Falle ſtellen, oder ſeinem Bruder? Weshalb überhaupt ein Kind von Weib, das ſich um die Politik nicht kümmerte, verhaften? Auf weſſen Anklage hin und auf welche Gründe hin? Und wie war's dann zu ver⸗ ſtehen, daß Marat, der davon wußte, es zu verhindern ſuchte, er, Marat, deſſen Haß gegen die Ariſtokraten einer Idioſynkraſie gleich kam, deſſen Fanatismus nie genug Opfer hatte, der nie ein Wort für Schonung fallen gelaſ⸗ ſen, der Mitleid und Edelmuth immer frech verlacht? Alle dieſe Fragen gingen durch Cheniers Hirn und er konnte ſie nicht beantworten. So waren Beide ſtumm an einer Querſtraße angekommen und Marat wollte ſich trennen, um ſeinen Weg nach Hauſe einzuſchlagen. 43 Chenier hielt ihn zurück.„Sage mir, Marat, was das bedeutet? Iſt's Dein Ernſt, die Marquiſe zu retten?“ „Nun?“ entgegnete er hüſtelnd,„das wundert Dich wohl?“ „Allerdings! Du biſt ſonſt ſo leidenſchaftlicher Pa⸗ triot, ſo unverſöhnlicher Feind der Ariſtokraten, ſo ſehr gegen jede Schonung eines Verdächtigen—— ℳ „Wahr, wahr!“ unterbrach ihn Marat heſtig;„aber diesmal iſt's, wie ich ſage und Du wirſt reinen Mund halten. Ich thu's, weil ich Dich liebe und ein Unglück Deines Bruders Dich nicht gegen uns erbittern ſoll.“ Chenier ſchüttelte den Kopf, als bezweifle er, daß dieß der wahre Grund ſei. Auch Marat ſchien noch mehr ſagen zu wollen und endlich ſprach er kurz und auch jetzt noch mit dem Hohn, ohne den ſich kein Wort von ihm den⸗ ken ließ:„Kurz und gut, ich thu's der Marquiſe zu Liebe. Ich kenne ſie nur zu gut, ich wohne ihr gegenüber und ver⸗ tiefe mich alltäglich in ihrem Anblick, wenn ſie am Fenſter erſcheint. Sie iſt von unſagbarer Aehnlichkeit mit einer — nun mit einer alten Liebe von mir, mit dem Ideal früherer Tage, das noch immer in mir lebt und mich zu⸗ weilen ſchwach macht. Hahaha, Joſeph, nicht wahr, das wußteſt Du noch nicht von Marat? Verliebt, poetiſch, das macht ſich hüͤbſch für ſo ein Ungeheuer, wie man mich nennt! Nun,'s iſt eine Schwäche, morgen iſt ſie vielleicht nicht mehr da, dann bin ich wieder ganz Ungeheuer!— Geh 44 alſo Marie⸗Joſeph, und rette die Marquiſe, an deren Schuld ich ſo nicht glaube. Nur laß' mich aus dem Spiel, das rathe ich Dir, und ſprich nie mehr, hörſt Du? nie mehr von dieſer Unterredung, oder ſcherze oder höhne dar⸗ über— sacrebleu! Du würdeſt mich kennen lernen! Geh, eile Dich, damit das Neſt leer iſt, wenn Mannel ſchickt. Leb' wohl!“ Und Marat ſchritt darauf haſtig in die Dunkelheit hinein, ſeiner Wohnung zu. Chenier aber blieb einen Au⸗ genblick wie betäubt ſtehen und wußte ſich noch immer dieſen ſeltſamen Zug Marats nicht zu erklären. Dann aber kehrte er haſtig wieder zurück, um zu ſeinem Bruder zu gehen und durch dieſen die Marquiſe Dupleſſis vor der drohenden Gefahr zu retten. Viertes Kapitel. Ein Nachtſtuück. Marie⸗Joſeph hatte den Weg zur Wohnung ſeines Bruders eingeſchlagen, ohne eigentlich zu wiſſen, wie er dieſem Nachricht geben wollte. Erſt nach mehreren Mi⸗ nuten athemloſen Laufens dachte er an dieſen Umſtand und unwillkürlich mäßigte er nun ſeinen Schritt. Ihn von der Gefahr, welche Valerie bedrohte, zu benachrichti⸗ 45 gen, blieb unter allen Umſtänden ſein Entſchluß; er hätte dasſelbe gethan, wenn es auch nicht ſein Bruder geweſen wäre, dem er damit einen herben Schmerz erſparen konnte. Er würde es um Valeriens willen gethan haben, wiewohl er ſie kaum kannte. Einen Augenblick lang beſchäftigte ihn auch wirklich der Gedanke, nach dem Hotel der Mar⸗ quiſe Dupleſſis zu eilen, ſie wecken zu laſſen und ſelber von der Gefahr zu benachrichtigen, um nur nicht mit André darüber zu reden. Aber der Gedanke verließ ihn ebenſo ſchnell, als er gekommen. Um ſolche Stunde— es war etwa ein Uhr Morgens— zur Marquiſe zu gehen, konnte möglicher Weiſe bemerkt werden und Aufſehen erregen; die Gefahr ſür ſie konnte dadurch ſteigen, anſtatt ihr vor⸗ gebeugt zu werden, ganz abgeſehen davon, ob man ihm im Hotel Dupleſſis glauben würde. Mit Sicherheit war überdies anzunehmen, daß zur Verhaftung Valeriens höch⸗ ſtens erſt am Morgen geſchritten werden würde; eine un⸗ nöthige nächtliche Flucht daher ſchlimmere Folgen für ſie haben konnte, als wenn ſie in aller Frühe des Tages ſtattfand. Anrddereſſeits ſtellen ſich gleiche Bedenken einem nächt⸗ lichen Beſuche André's entgegen; mindeſtens war die Be⸗ ſorgniß nicht ungerechtfertigt, daß ein Späherauge zufäl⸗ lig den Eintritt Joſephs in ſeines Bruders Wohnung be⸗ merken könnte— nach dem allbekannten Zwiſt der Brüder und ihrer politiſchen Meinungsverſchiedenheit ein um ſo 46 auffälligerer Umſtand, der nur zu leicht Joſeph verdächti⸗ gen, Andre ernſtlich bedrohen konnte. In jener Zeit, wo man überall Verrath und Verſchwörung gegen die Revo⸗ lution witterte, wäre dies eine entſchiedene Unklugheit ge⸗ weſen. Und nun ferner der Umſtand, daß gerade am näch⸗ ſten Morgen Frerons Journal die Erklärung Joſephs brachte, durch welche er ſich öffentlich als politiſcher Geg⸗ ner Andrés bekannte. Das war ſicherlich ein mißlicher Fall mehr und Marie⸗Joſeph gab ſich darüber beſonders quä⸗ lenden Gedanken hin. Der Artikel war nicht mehr zurück⸗ zunehmen; er war bereits, Joſeph wußte es, gedruckt; er hatte ihn ſogar, ehe er zu Manuel ging, noch corrigirt. Wie nun, wenn man ihn beobachtete, und dieſen nächtli⸗ chen Beſuch dann mit dem Artikel verglich? Er hatte ſeine Feinde und war Mitglied der Nationalverſammlung— welcher Verdacht konnte ſich nicht gegen ihn erheben, und was war damals nicht ein Verdacht? Auch überwog in dem jungen Volksvertreter die Scheu vor einer neuen per⸗ ſönlichen Zuſammenkunft mit André, wohl auch noch die Angſt um deſſen Geliebte; er konnte ſie retten, auch ohne perſönlich mit ſeinem Bruder zu reden. Nach alledem faßte Joſeph den Entſchluß, ſeinen Die⸗ ner zu André mit einem Billet zu ſchicken, welches ihn von der drohenden Gefahr Valeriens unterrichtete. Abermals wendete er ſeine Schritte und betrat in kurzer Zeit ſeine Wohnung. Er weckte ſeinen Diener und befahl ihm, ſich 47 anzukleiden, um fortzugehen, und inzwiſchen der Burſch dies willig that, ſchrieb ſein Herr in Stiefel und Hut ein paar flüchtige Zeilen, welche André über das, was ſeiner Geliebten bevorſtehe, außer Zweifel laſſen mußten. „Hier, Tacitus,“ ſagte er, indem er das verſiegelte Billet dem Diener gab,„geh' ſchnell zu meinem Bruder, aber ſei geſcheidt. Es darf Niemand wiſſen, daß ich Dich mit einem Brief ſchicke. Dem Concierge ſagſt Du, wenn er Dich frägt, ich ſei plötzlich ſchwer erkrankt, und Du ſollſt meinen Bruder zu mir bitten. Hörſt Du, Bürger? frägt er Dich nicht, um ſo beſſer, ſo kann ich morgen ge⸗ ſund bleiben— aber Du ſagſt mir's, verſtanden? Hier, fünf Franken für die geſtörte Nachtruhe, und nun fort, allons!“ 4 Tacitus war ein guter Junge von ſechzehn Jahren, Auvergnat, und bon patriot. Er trabte durch die Nacht nach dem Hauſe, in dem André wohnte, ſchellte mehrere Male und trat ein, als man ihm endlich geöffnet. „Ich will zum Chitoin Chenier!“ rief er in ſeinem Dialekt dem Concierge entgegen, der in Unterhoſen und Nachtmütze, mit einer Leuchte in der Hand, verſchlafen ihm nachſah;„'s iſcht eiliſch!“— Und dabei ſprang Tacitus ſchnell die Stufen hinauf, während der Concierge froſtig und ohne beſondere Neugierde in ſein Zimmer lief, um dort die Rückkunft des Burſchen abzuwarten. Andre hatte keinen Diener. Er erhob ſich verwundert ſelbſt von ſeinem Lager, um dem Schellenden zu öffnen. Als er Tacitus erblickte, wuchs ſeine Verwunderung ſicht⸗ lich noch mehr. „Was willſt Du?“ herrſchte er ihn faſt zornig an. „Was willſt Du um dieſe Stunde?“ Taeitus huſchte durch die Thür und zog den Brief ſeines Herrn heraus. Während Andreé erſtaunt ihn entge⸗ gen nahm, die Thür ſchloß, das Licht auf ein Tiſchchen ſtellte und dann haſtig das Schreiben entfaltete, meinte der Auvergnat und kratzte ſich dabei in den Haaren: „'s iſch eiliſch, Chitoin“— womit er Citoyen ſagen wollte—„Dein Bruder iſch komme, hat mich geweckt, geſchrieben und hollah, hat er ſagt, fix zu Chitoin Andre. 's muſch alſo wohl eiliſch ſein, Chitoin, und iſch—— „Halt's Maul!“ unterbrach ihn André, deſſen ſich beim Leſen des Briefes eine große Aufregung bemächtigt hatte;„geh' nach Haus und ſag' Deinem Herrn, es waͤr gut.— Der Burſch ſchaute André fragend an.„'s wär gut, Chitoin? Mehrniſcht?“ „Nichts weiter, pack' Dich, Burſch, und mach' keinen Lärm im Hauſe, hörſt Du?“ Er hatte dabei aus ſeiner Börſe einen Dreifrankenthaler gelangt und gab ihm Ta⸗ eitus, der dann auch vergnügt ſeines Weges ging. Kaum ſah ſich André allein, als er noch einmal das Billet überflog.„Es iſt ganz deutlich, ganz beſtimmt ge⸗ 49 ſchrieben!“ murmelte er.—„Man will Valerie verhaf⸗ ten!“ In großen Schritten maß er das Zimmer, unfähig ſeine erregten Gedanken zu ordnen. Unwillkührlich klei⸗ dete er ſich an; nach jedem Stück, das er anlegte, ſchritt er wieder auf und ab, oder er nahm auch wohl das Billet von Neuem und überflog es.„Joſeph kann es wiſſen,“ ſprach er dann vor ſich hin,„es muß ihm ein verborgener Freund von mir geſteckt haben, aber wer?— Doch ganz gleich, nur ſchnell, ſchnell zu Valerie!“— Und doch war Chenier noch immer in Unruhe, wie man es nicht iſt, wenn man auf dem feſten Boden eines Entſchluſſes ſteht; es quälte ihn unbeſchreibliche Angſt, denn wohin mit der Geliebten? Wie ſie den Häſchern entziehen? An Flucht war nicht zu denken, da alle Barrisren geſchloſſen wa⸗ ren und in der Nacht für keinen Reiſenden geöffnet wur⸗ den; bei ihm ſelbſt konnte die Verfolgte, ſelbſt wenn ſie ſich dazu entſchließen würde, ebenſo wenig eine ſichere Zuflucht finden; und doch mußte ſie fort, irgendwo ver⸗ borgen werden. Chenier ſtampfte wild mit dem Fuße auf.—„Wohin? Wohin?“ knirſchte er,„und es geht ſchon auf drei Uhr, keine Minute iſt mehr zu verlieren! Wäre nur der Ausgang aus Paris möglich, ich brächte ſie nach St. Germain zu Trudaine, oder nach Verſailles zu St. Aignan, oder zur Marquiſe von Paſtoret!— Mein Gott, mein Gott! Soll denn ein ſolcher Engel in die Krallen dieſer Höllenhunde fallen, dieſe ätheriſche Frau 1864, 14. Apoll von Bhzanz. I. 4 50 in dem Verließ dieſer entſetzlichen Gefängniſſe ſchmachten! Nimmermehr, nimmermehr!“ rief er exaltirt,„ſo lang ich lebe, nicht!“ Plötzlich leuchtete ſein Geſicht auf, ein rettender Ge⸗ danke flog durch ſein fieberndes Gehirn. Er warf ſchnell ſeinen Mantel um, löſchte das Licht aus und verließ die Wohnung, bald darauf auch das Haus. Wenige Minuten ſpäter hatte ihn ſein ſchneller Gang vor das Hotel Dupleſſis gebracht. Nicht ohne Zeit⸗ verluſt und Bitten gelang es ihm, zu dieſer ungewohnten Stunde eingelaſſen zu werden. „WLaſſen ſie ſofort die Marquiſe wecken,“ ſagte er, als er ſich in der Hausflur befand, zu dem verdutzten Diener. „Es darf keine Minute verſäumt werden, wollen Sie nicht, daß Ihre Herrin ins Unglück kömmt. Rufen Sie das Kammermaädchen und laſſen Sie der Marquiſe ſagen, daß ich hier bin, daß ihr Gefahr droht, daß ich ſie beſchwöre, mich zu empfangen.“ Der Diener eilte erſchrocken ins Hausz; nach Verlauf einer kurzen, für den harrenden, von Angſt gefolterten André nur zu langen Zeit, kam er wieder zurück und mel⸗ dete, daß das ganze Haus bereits auf den Beinen ſei, die Marguiſe ihn erwarte. Chenier flog die Treppe hinauf ins Vorzimmer; die alte Dienerin beſtürmte ihn dort mit Fragen, mehrere Andere vom Hauſe gingen verſtört und noch in Nachtkleidern durch die nebenliegenden Zimmer. 51 Endlich wurde die Thür von Valeriens Zimmer aufgeriſ⸗ ſen und die junge Frau, nur leicht bekleidet und mit Schrecken auf dem Antlitz, ſtürzte heraus, auf Chenier zu. „Was iſt? Um Gotteswillen, was gibt's.“ „Nur ſchnell Valerie,“ entgegnete haſtig André: „Du mußt fort von hier, denn man will Dich verhaften. han lies den Brief meines Bruders, den ich eben er⸗ ielt.“ „O mein Gott!“ rief die Marquiſe entſetzt aus und nahm unwillkürlich das Billet. Sie brauchte keine Mi⸗ nute, um deſſen Inhalt kennen zu lernen. Von Angſt er⸗ füllt, zitternd und mit thränenden Augen fragte ſie dann: „Aber wohin, André, wohin ſoll ich? O ſage mir, Ge⸗ liebter, wohin ſoll ich?“ „Ich habe alles bedacht, mein Kind; Du wirſt in Sicherheit kommen. Nur keine Zeit verloren!“ Angſtvoll ſtürzte Valerie in ihr Zimmer zurück, um ſich in Eile vollſtändig anzukleiden. André inſtruirte in⸗ zwiſchen die rathloſe Dienerſchaft, befahl ihr, gegen Nie⸗ manden außer dem Hauſe ein Wort von dem, was vorge⸗ fallen war, verlauten zu laſſen, mindeſtens nicht eher, als bis die Polizeiagenten gekommen wären, um die Mar⸗ quiſe zu verhaften. Sie ſollten dann ſagen, daß ihre Herrin die längſt beſchloſſene Reiſe am frühen Morgen angetreten, ganz gleich, ob man ihnen glaube oder nicht, von ſeinem Herkommen ſollten ſie durchaus ſchweigen. . 4* 52 Die alte Dienerin Urſula weinte bei dieſen Worten, beſonders als Chenier erklärte, daß Niemand die Mar⸗ quiſe begleiten könne, und nothgebrungen Alle ſich als entlaſſen zu betrachten hätten. Urſula war ſeit langen Jahren bei Frau von Laplatiére, der Mutter Valeriens, geweſen; ſie hatte Valeriens Geburt mit angeſehen, ſie kannte alle Verhältniſſe der Familie und war ſeit der Ver⸗ mählung der Tochter ihrer Herrin in deren Dienſte getre⸗ ten. Sie konnte den Gedanken nicht faſſen, von der Marquiſe getrennt zu werden. André tröſtete ſie.„Ich weiß ein Auskunftsmittel,“ ſagte er und nahm ſie bei Seite.„Sie ſollen bei der Marquiſe bleiben, die Ihrer ja ſo bedürfen wird. Hören Sie an, was ich Ihnen ſage und handeln ſie dann vorſichtig. Sie packen ſogleich die Garderobe und ſonſtige Koſtbarkeiten in einen Korb und tragen denſelben wohlverſchloſſen in meine Wohnung. Hier haben ſie den Schlüſſel dazu. Die Agenten werden be⸗ ſtimmt nicht vor ſieben Uhr kommen, bis dahin müſſen Sie die Sachen entfernt haben, ohne daß Jemand von der Dienerſchaft erfährt, wohin Sie ſie bringen. Kom⸗ men Sie dann um Mittag zum Concierge in meinem Hauſe, wo Sie den Schlüſſel zu meiner Wohnung abge⸗ ben können. Ich werde bis zu der Zeit dort ein Billet für Sie niederlegen, in dem die Adreſſe der Wohnung ſte⸗ hen wird, wo die Marquiſe Zuflucht gefunden. In dieſem Augenblick trat Valerie reiſefertig und 53 mit einer Chatulle im Arm in den Salon. Sie war vor Aufregung glühend und weinte dabei. Chenier theilte ihr mit, welche Vorſchriften er der Dienerſchaft zurückge⸗ laſſen und Valerie erklärte ſich damit einverſtanden. Sie nahm in wenigen, wirr durch einander geſprochenen Wor⸗ ten Abſchied von den braven, ihr anhänglichen Leuten, die ſie alle in ihren Nachtkleidern umſtanden und ließ ihnen ein reiches Geſchenk zurück. Sie reichte Urſula noch mit vielſagendem Blick die Hand und verließ dann am Arme Chéniers ihr Haus. Es war keine allzurauhe Nacht, aber dunkel und ſchwerbewölkt. Vier Uhr war längſt vorüber, die Straßen wie todt. Eilig und ſtumm ſchritten Beide hinab, Vale⸗ rie feſt am Arme Andre's hängend, unfähig zu reden vor Angſt und doch gefoltert von Ungewißheit deſſen, was mit ihr geſchehen würde. Als ſie um die Ecke der Straße bo⸗ gen, und nun ihren Schritt mäßigten, ſchloß ſich gegenüber dem Hötel Valeriens ein Fenſter im zweiten Stock eines düſtern Hauſes. Es war Marat, der die Wirkung ſeiner Warnung ſelbſt betrachten wollte und nun zufrieden ſeinen Späherpoſten aufgab.„Dank es ihr,“ murmelte er, daß Du für jetzt Deinem Geſchick entgehen kannſt. Dank es Deiner verhexten Larve, welche mir ſo oft eine ſchöne Zeit meiner Jugend nur zu lebendig ins Gedächtniß rief. Du haſt mir viel Genuß verſchafft— wir ſind nun quitt!“ Bah!“ meinte er dann, indem er ſeinen zerriſſenen, ſchmutzi⸗ gen Pelz auszog und ſich anſchickte, in das Schlafgemach zu ſeiner Maitreſſe zu gehen,„der Menſch muß auch ein⸗ mal Dummheiten machen, nur dürfen's die andern Leute nicht erfahren. Es iſt'ne ſchlechte Race, der Menſch, und die Hälfte davon wär' am Galgen nützlicher, als auf der Welt. Nur ein paar Hundert Galgen und daran ein paar Tauſend Köpfe— hahaha!'s würde ſchon beſſer werden!“ Mit dieſem guten Glauben ſchloß er die Thür. Indeſſen hatte André mit der Geliebten ſeinen Weg fortgeſetzt, ohne daß zwiſchen Beiden ein Wort gewechſelt worden. Valerie war noch immer in der quälendſten Angſt, ihr Puls ſchlug ſchnell und heftig, ihre Gedanken waren vom Schrecken wie gelähmt. Chenier ſeinerſeits mochte die Bedauernswerthe durch Fragen nicht noch mehr erre⸗ gen; er war überdies viel zu vorſichtig, um durch unaus⸗ bleibliche, auf die Situation bezuͤgliche Worte einem un⸗ bemerkten Zuhörer möglicher Weiſe Verdacht einzuflößen. Es konnte irgend Jemand aus dem Fenſter ſehen und der Affekt der Rede ihn auf die überhaupt auffallende nächt⸗ liche Promenade Beider noch mehr aufmerkſam machen. Auch kam man jetzt an den Quai, wo hin und wieder einzelne Menſchen gingen; mehrere Partrouillen begegneten ihnen, ohne ſie jedoch zu beobachten; man hielt ſie für Verliebte, die ſich in irgend einer Geſellſchaft bis zum Morgen vergnügt und die nun ihre Wohnung auſſuchten. Sie paſſirten den Ponmt neuf. Ein kalter, naſſer 5⁵ Wind wehte vom Waſſer herauf und machte Valerie, die bisher geglüht, plötzlich fröſteln. André legte ihr einen Flügel ſeines Mantels um und zog ſie feſter an ſich: er fühlte, wie laut ihr Herz gegen ihre Bruſt ſchlug. Ihr Kopf ſank an ſeine Schulter.„O mein Theurer,“ flüſterte ſie, wohin gehen wir?“ „Geduld, mein Herz,“ mahnte André leiſe,„Du biſt bald in Sicherheit; habe Vertrauen zu mir!“ Sie drückte mit ihrer Hand die André's, welche an ihrem Herzen ruhte; ſie drückte ſie lang und warm, als wolle ſie damit ſagen, daß ſie nicht mehr fragen werde, daß ſie ſich ganz ihm überlaſſe. Die Brücke war endlich überſchritten, die hohen Häuſer der Straße du Bac ſchützten ſie vor dem Winde. Stumm, und wieder Arm in Arm, gingen ſie ihren Weg. Vor der Kuppel der Kirche St. Sulpice ſchlug es fünf Uhr.„Noch eine Weile,“ beruhigte Chenier,„und wir ſind am Ziele.“ Noch eine Viertelſtunde dauerte der Weg; die Häu⸗ ſer waren ſelten geworden, lange Zäune und Mauern bil⸗ deten zum Theil die ungepflaſterte, vom Regen aufge⸗ weichte Straße. Man war noch innerhalb der Barriéren, aber in jenem todten wenig bevölkerten Stadttheil, wel⸗ cher ſich hinter dem Luxenburg⸗Palaſt mit ſeinen, damals noch viel mehr wie jetzt vorhandenen Gärten und Feldern bis zu den Barrisren hinſtreckte. 56 Chénier und die Marquiſe ſchritten längs eines nicht ſehr hohen Gartenzaunes auf einem Feldwege dahin. Plötzlich ſtand André ſtill. „Hier iſt's mein Herz, wo Du bleiben ſollſt,“ flüſterte er, indem er ſich ſpähend umſah, ob Niemand ihnen ge⸗ folgt oder auf dem Felde ſei.„Der Beſitzer dieſes Gar⸗ tens iſt mein früherer Burſche in Straßburg, Jean Collier, ein braver und mir noch heut anhänglicher Mann. Bei ihm und ſeiner Frau wirſt Du wohl aufgehoben ſein, beſ⸗ ſer als irgendwo anders in und um Paris, denn hierher kommt Niemand, der nicht gerad' Blumen beſtellt oder ſonſt mit Meiſter Collier, der Gärtner iſt, zu thun hat. Hoffentlich iſt ſchon Jemand munter— nur ein wenig Geduld noch, mein Herz!“ Chenier ſchwang ſich darauf auf den Rand des Zau⸗ nes und ſprang auf der anderen Seite in den Garten hinab, um das an dieſer Stelle befindliche große Fahrthor zu öffnen. Er wußte, da er oftmals dieſen Garten und Mei⸗ ſter Collier beſucht, daß es innen nur durch einen quer vor beide Flügel gelegten Balken geſchloſſen war. In der That war dem auch ſo, und ohne Mühe konnte er da⸗ her das Thor öffnen. Zitternd, und wie von Centner⸗ laſt befreit, hoch aufſeufzend, trat Valerie, von André ge⸗ führt, in den Garten. Er ſchloß das Thor ſorgfältig wieder und führte ſie dann einen breiten langen Weg hinab. Ein Hofhund ſchlug an— die Dämmerung 57 zog eben im Oſten auf und warf ein graues Licht auf die Erde. Das Gebell des Hundes war immer anhaltender ge⸗ worden, je mehr ſich Chenier mit ſeiner Geliebten dem freien Platze am Ende des Gartens näherte, auf dem ſich das weiße, niedrige, aber lang geſtreckte, von Glashäu⸗ ſern und anderen Gebäuden umgebene Wohnhaus hefand. Einer der Gärtnergehilfen war bereits aus einem dieſer Gebäude herausgetreten und rief nun, als er die Fremden dem Haupthauſe zuſchreiten ſah, mit drohender Stimme: „Heh! Wer ſeid Ihr? Wie kommt Ihr in den arten?“ „Beruhige Dich, mein Freund,“ entgegnete Andreé, „und rufe Deinen Herrn; wecke ihn wenn er noch nicht auf iſt und führe uns vor Allem in ein Zimmer.“ Der Burſch, der mißtrauriſch war, verſetzte:„Der Herr wird ſchon kommen; aber wie kommt Ihr denn in den Garten und weshalb um dieſe Stunde am Ende von Paris? Wollt Ihr etwa Blumen holen zu Euer Hochzeit?“ André murmelte einen alten Soldatenfluch zwiſchen den Zähnen, denn die Frage des Burſchen ſetzte ihn in Verlegenheit und überdies waren auch noch mehr Leute des Gärtners aus dem Hauſe gekommen, die jetzt über den Witz ihres Kameraden ein ſehr wenig angenehmes Geläch⸗ ter ausſtießen. André vernahm zum Gluck auch Geräuſch im Wohnhauſe; es war zu vermuthen, daß ihn das Er⸗ 58 ſcheinen Jean Colliers dieſer peinlichen Lage entreißen werde. „Nun, mein Freund,“ meinte er daher und ſchien auf den Scherz des Burſchen einzugehen;„Ihr ſeid nicht übel berathen; beinahe ſo iſt's, wie Ihr denkt. Aber Ihr hättet die Ueberraſchung, die ich Eurem Herrn zugedachte, nicht ſtören ſollen— wer, zum Teufel! denkt auch, daß wir ſo früh nach Paris kommen und hier Alles noch verſchloſſen finden werden! Eine angenehme Nacht iſt's ſo nicht und dieſe Dame— In dieſem Augenblick öffnete Jean Collier die Thür und André, froh der weiteren Erklärung dadurch überhoben zu ſein, trat ſchnell mit der erſchöpften Marquiſe an ſeine Seite, erfaßte, ehe der Gärtner noch ein Wort ausſtoßen konnte, ſeine Hand und rief:„Sapriſtil das Ueberraſchen iſt zuweilen doch ein fatales Ding; nur gut, Meiſter, daß Ihr ſelbſt gekommen, um endlich Eure Verwandte in's Zimmer führen zu können; man iſt ja erſchöpft von der Reiſe und das arme Kind ſchon halbtodt.“ Und dann raunte er haſtig dem erſtaunten Gärtner in die Ohren: „Geht auf meine Rede ein, um Gott! Ihr müßt ſie retten!“. Meiſter Collier, der auf den erſten Blick ſeinen ehe⸗ maligen Chef erkannt hatte, errieth in Folge der letzten Worte etwas von der Situation ſeiner Beſucher. Freilich war eine Antwort mißlich und ſo promenirte denn der 59 Gärtner mit Geiſtesgegenwart nur auf dem Allgemeinen herum:„Aha,“ ſagte er lachend an Chéniers Worte an⸗ knüpfend und wie Jemand, der ſchnell den Streich verſteht, den man ihm zu ſpielen verſucht,„aha, überraſchen woll⸗ tet Ihr mich? Ei, ſeht doch! So bei Nacht und Nebel, wo man Niemanden erkennt! Nun, das geht nicht ſo leicht, ja, ja; ich merkte ſchon etwas davon. Na, kommt nur erſt ins Zimmer, Ihr werdet's nöthig haben— und Ihr,“ wandte er ſich zu den Leuten,„geht an die Arbeit, öffnet die Glasfenſter, denn es wird ſchon milder. Der Baſile, der Schlingel, ſoll mir heute die Bäume ver⸗ ſchneiden.“ Jean Collier ging ſeinen Beſuchern, die inzwiſchen ins Haus getreten waren, nach und führte ſie in ſein Zimmer. „Verzeiht,“ ſagte Valerie, als ſie dort angekommen, und wandte ſich an den Gärtner;„verzeiht, mein Herr, ich bin der Ohnmacht nahe— laßt mich etwas ruhen.“ Mit Theilnahme geleitete er und André die Mar⸗ quiſe an das Sopha, auf welches ſie ſich ermattet nieder⸗ ließ. Er legte Betten über ſie und Valerie entſchlum⸗ merte im Augenblick. Dann ſagte er zu Chénier:„Kom⸗ men Sie, Herr von Chénier, laſſen wir die Arme ruhen und erzählen Sie mir beim Frühſtück den Zuſammanhang der Sache. Daß Sie ſich auf mich verlaſſen können, das wiſſen Sie; ich bin ja noch immer der alte Collier, der 60 alte Jean, dem Sie ſo manchmal Gutes erwieſen. Kom⸗ men Sie hinüber zu meiner Margot.“ Andre ſtellte die Chatulle Valeriens auf den Tiſch, warf noch einen langen mitleidigen Blick auf die Schla⸗ fende und verließ dann mit dem Gärtner das Zimmer. welches dieſer hinter ſich abſchloß. Beim Frühſtück, allein mit dem Gärtner und ſeiner Frau, erzählte Chénier den Hergang der Sache und die braven Leute gingen mit Freuden auf den Vorſchlag ein, die Marquiſe bei ſich zu behalten, ſie für Margot's Couſine auszugeben, welche mit ihrem Bräutigam aus dem Gascogne nach Paris ge⸗ kommen ſei. Es war heller Morgen, als Andre, beruhigt über die Unterkunft der Geliebten, nach Paris zurückging, um ihr Urſula mit den Garderobeeffekten zuzuſchicken; er ver⸗ ſprach gegen Abend wieder zu kommen. Fünftes Kapitel. Meiſter Collier. Es war ein glücklicher Gedanke von André Chenier geweſen, die Marquiſe in den Garten Meiſter Colliers zu bringen. Das war ein braver, zuverläßiger Mann, dem 61 man das Theuerſte ohne Anſtand vertrauen konnte, eine jener biederen, einfachen Naturen, wie ſie das ſüdliche Languedoe ſo vielfach aufuweiſen hat. Er mochte ein mittlerer Dreißiger ſein, Meiſter Jean, und gleich, wenn man ihm ins gebräunte Geſicht, in die ſchwarzen, offenen Augen blickte, hatte man ihn lieb. Gerad nicht groß, aber auch nicht klein von Figur, vollſäftig, im Ganzen eine derbe, kräftige Natur mit dunklem gekräuſelten Haar und Bart, war er einſt ein ſehr glücklicher Mousquetier im Regimente d'Angoumois geweſen, inſofern, als es ihm an Liebſchaften nie gefehlt hatte. Er hatte dabei treu ſei⸗ nen Dienſt verrichtet und nicht einmal über ſeinen Her⸗ zensgeſchichten, die nebenbei geſagt, ſo tief nicht gingen, ſeine Pflicht als Soldat vergeſſen. In Straßburg, wo er zuletzt in Garniſon geſtanden, war's ihm am beſten er⸗ gangen; nicht allein, daß die„wunderſchöne Stadt“ die hübſcheſten Mädchen und Zofen hatte, welche Jean Col⸗ lier irgendwo in einer Garniſon getroffen; hier fand ſich für ihn auch reichlicher Nebenverdienſt, ſo daß er ſich ein hübſches Sümmchen franzöſiſcher Silberthaler ſparen konnte. Als André von Chenier— es war anno 1782 — als Offizier ins Regiment trat, nahm er ſich Jean zum Burſchen an, und er hatte es gut bei dem jungen Lieute⸗ nant, manch reiches Trinkgeld fiel für ihn ab, und ſo leut⸗ ſelig wie dieſer hatte ihn auch noch keiner von ſeinen Her⸗ ren behandelt. Das machte denn Jean außerordentlich 62 anhänglich an André und er wär' am liebſten Zeitlebens bei ihm geblieben. Leider nahm Herr von Chenier bald wieder ſeinen Abſchied, quittirte und ging nach Paris. Ein Jahr darauf war auch die Dienſtzeit Jeans zu Ende und er wanderte nun ebenfalls nach Paris, um dort als Gärtner, der er von Haus aus war, ſein Brod zu verdienen. Eines ſchönen Tages— er hatte noch keine Stelle gefunden— begeg⸗ nete er Herrn von Chenier und man kann ſich die Freude des guten Kerls darüber denken. Er klagte ihm all' ſein Leid und bat André, ihn zu einem Dienſt oder zu einer Stelle zu verhelfen. Andreé hätt's gern gethan, aber er war nicht in der Lage; das Einzige, was er thun konnte, war, ſich bei ſeinen Freunden zu erkundigen, ob Niemand eine Stelle für den braven Jean wiſſe. Er ſollte ſich nach ein paar Tagen darnach erkundigen. Und nach ein paar Tagen war denn auch Jean Collier gekommen und ſprang deckenhoch, als ihm Chenier mittheilte, daß er ihm eine Stelle bei einem Gärtner in St. Germain verſchafft habe. Ein Zufall hatte dies ſo gefügt, daß André von dieſer Vacanz erfahren und er war ſelber nach St. Germain ge⸗ fahren, um ſeinen ehemaligen Burſchen zu empfehlen. Schon am anderen Tage trat Jean dort ſeinen Dienſt an und er fand es ſehr glücklich. Lemereier, der alte Gärt⸗ ner, hatte den treuen, fleißigen, geſchickten Burſchen gern, und als ſich dieſer ſchließlich in ſeine Tochter verliebte und 63 die Margot auch vom Jean nicht laſſen wollte, da machte er ein Paar aus ihnen und gab ſeiner Tochter eine hübſche Mitgift, ſo daß ſich beide den Garten bei Paris kaufen konnten, den Collier jetzt noch beſaß und zu einem der einträglichſten und beſten der Gegend gemacht hatte. Das war vor vier Jahren geſchehen und Meiſter Collier be⸗ reits einer der wohlhabendſten Gärtner geworden. André Chénier wurde von ihm als der Stifter ſeines Glücks an⸗ geſehen und er gedachte ſeiner ſtets mit einer rührenden Dankbarkeit. Kam André zuweilen, wie früher mehr denn letzter Zeit geſchah, zu ihm, ſo war's ein Feſt, und es half nichts, Chenier mußte ſich's gefallen laſſen und bei jedem Familienereigniß zugegen ſein. Er hatte auch der Hochzeit beigewohnt und dabei die Geliebte ſeines ehemaligen Burſchen kennen gelernt. Es war ein hübſches, gutes und herziges Mädchen, das ihren Jean aufrichtig liebte. Keine beſſere Frau hätte er finden können; ſie verſtand Hausweſen und Gärtnerei, griff an⸗ fangs ſelber tüchtig mit an und wußte dabei ihrem Mann das glücklichſte Leben zu ſchaffen. Denn ſie war im⸗ mer froher Dinge und zufrieden; ſie that was er gern hatte und er that wieder, wie ſie es wünſchte. Als nun gar noch ein friſches, munteres Büblein kam und dann noch eine Tochter, da wußten Beide nicht mehr, was ſie ſich noch wünſchen ſollten und weit und breit gab's nicht ſo einen glücklichen Hausſtand wie dieſen. 64 Das hatte zu jener Zeit, als die Revolution ſchon die Familienkreiſe mit Leidenſchaften erfüllte und faſt Alle ſich der politiſchen Sorge hingaben, noch um ſo höheren Werth. Aber Meiſter Collier hielt ſich auch allen poli⸗ ſchen Debatten und Handlungen fern und gar in letzter Zeit wollte er von der ganzen Revolution nichts hören. Ein paar ſeiner Leute hatte er deshalb fortgeſchickt, weil ſie ſich an den verſchiedenen Clubbs betheiligt hatten, und er duldete nicht, daß ſie bei ihm von Politik ſprachen, oder Abends nach Paris gingen, um„Tollheiten zu treiben,“ wie er ſich ausdrückte. Schwärmte er juſt auch nicht für die alte Zeit, ſo geſiel ihm doch die neue mit ihrem Spek⸗ takel und ihrer Unordnung noch viel weniger und beſon⸗ ders war er, vielleicht in Folge der Auslaſſungen des Herrn von Chenier, auf die Jacobiner übel zu ſprechen. Mit wahrhafter Theilnahme hatten Beide Cheniers Erzählung mit angehört. Margot traten dabei die Thrä⸗ nen in die Augen; Jean fluchte erbittert auf die Jacobi⸗ ner,„die,“ wie er ſagte,„eine ſo ſchöne Frau ſo nichts⸗ würdig ohne Urſache verfolgen können.“ Hoch und theuer verſchwor er ſich gegen André, daß er Valerie wie ſeine Schweſter beſchützen wolle, und Margot verſicherte hun⸗ dertmal, daß der Unglücklichen nichts an Aufmerkſamkeit und Begeumlichkeit fehlen ſolle. Oft, beſonders als es hoher Tag wurde, war Margot ins Zimmer hinüberge⸗ gangen, wo Valerie ſchlief. Sie blieb dann immer län⸗ 65 gere Zeit daſelbſt, in der Hoffnung, daß ſie erwachen wüͤr⸗ de; aber die Marquiſe lag in den Banden einer vollſtän⸗ digen Erſchöpfung; zuweilen fieberte ſie und ſprach dann abgeriſſene Worte; ſie ſeufzte dabei und wie unterdrückte Klagelaute rang es ſich manchmal aus ihrer Bruſt. Mar⸗ got beobachtete ſie voller Rührung; ſie befreite ihren Bu⸗ ſen von dem beengenden Gewand und netzte hin undwieder ihre Schläfe mit kaltem Waſſer. Das ſchien der Mar⸗ quiſe wohl zu thun, ſie athmete leichter und ihre phanta⸗ ſtiſchen Reden ſchwanden. Die junge Gärtnersfrau blickte nun in dies feine, bleiche, jetzt vom Schlaf ruhig gehal⸗ tene Antlitz Valeriens; ſie ſchien errathen zu wollen, wel⸗ cher Geiſt in dieſer Hülle lebe. Und je mehr ſie ſich in dieſe Züge verſenkte, deſto wärmer ward ihr Blick, deſto inniger ruhte ihr Auge auf ſie. Ohne Zweifel ſtieg in ihr die Ueberzeugung auf, die Schlafende ſei ein all' ihrer Theilnahme würdiges Weſen. Jean war in den Garten gegangen; bei der Arbeit, wie zufällig, erzählte er dann Dem und Jenem ſeiner Leute, die Couſine ſeiner Frau ſei aus dem Gascogne her⸗ gekommen, um bei ihm bis zu ihrer Verheirathung mit Herrn von Chenier zu wohnen. Sie ſei die verwaiſte Tochter eines dortigen Beamten und von ſehr guter Erziehung. Es wäre nur ſchade, daß ſie zu ihrer Ankunft in Paris die Nacht hätte wählen müſſen, da man ſie erſt zu Mittag erwartet hätte; aber wie Herr von Chenier 1861, 14. Apoll von Bpyzanz. I. 5 66 ihm geſagt, hätte dies an dem Umſtand gelegen, daß für ſpäter auf den letzten Poſtſtationen alle Pferde beſtellt ge⸗ weſen wären. Jean erzählte dies, um die auffällige An⸗ kunft und Anweſenheit Valeriens ſeinen Leuten zu erklä⸗ ren; eine Vorſicht, die nur allzu ſehr geboten war. uUm Mittag endlich hatte ſich Valerie den Armen des Schlafes entwunden. Sie ſchaute, noch liegend, ſich im Zimmer um und ſchien erſt alle Ereigniſſe der Nacht und alle Umſtände, die ſie hierhergeführt, ſich ins Gedächtniß zurückzurufen. Dann erhob ſie ſich, ſtützte den Arm auf die Lehne des Sophas, den Kopf in die Hand und flü⸗ ſterte:„O mein Gott, was hab' ich denn gethan, daß Du mich ſtrafen willſt?“ Aber als mißfalle ihr dieſer Ge⸗ danke, ſetzte ſie hinzu:„Was thut's am Ende, wo ich glücklich bin, und kann ich unglücklich ſein, ſo lang ich An⸗ dré habe?— Ah, es war eine grauenvolle Nacht und mir iſt unwohl, vielleicht Erkältung oder Schreck.“ Sie ſtrich mit ihrer weißen ſchmalen Hand über die feuchten Locken und verlor ſich in wache Träumerei. Da trat Margot leiſe wieder herein. Valerie erbebte, dann blickte ſie auf die junge Frau, im nächſten Augenblick fühlte ſie ſich von dieſer umarmt.„Gott ſei Dank,“ rief Margot freudig,„daß Sie wieder munter ſind; wir be⸗ unruhigten uns ſchon wegen Ihres langen Schlafes, denn es iſt zwei Uhr. Aber wie füͤhlen Sie ſich? Sind Sie 67 wohl? Kommen Sie nur vor allen Dingen, einen war⸗ men Imbiß zu nehmen.“ Valerie, von dieſer Herzlichkeit Margots gerührt, drückte ihr die Hand und ſagte lächelnd:„Mir wird beſſer werden, wenn ich etwas genoſſen habe und ich nehme Ihr Anerbieten gern an. Ich werde wohl noch mehr in Ihre Schuld kommen und kaum es je wieder vergelten können.“ „In unſere Schuld?“ antwortete Margot lebhaft und mit all' dem ſympathiſchen Gefühle, welches ſie zu Valerie hinzog:„Oreden Sie niemehr davon! Mein Mann hat noch Vieles an Herrn von Chenier gut zu machen und drum iſt's ihm gerad' recht, daß es ſo gekommen; freilich, Ihr Unglück geht uns ſehr, ach, ſehr zu Herzen. Aber es wird ja wohl noch Alles wieder gut und bis ſo lange ſind Sie unſer.“ „Madame,“ entgegnete die Marquiſe und Thränen ſtanden ihr in den Augen,„Ihr ganzes Weſen iſt ſo zu Herzen ſprechend, daß ich all' mein Ungemach ſchon ver⸗ geſſen habe.“ „Ich gab' mich, wie ich bin,“ verſetzte die Gärtners⸗ frau lachend,„und da wir jetzt Couſinen ſind, ſo müſſen wir doch herzlich mit einander verkehren und reden?“ Valerie ſah Margot fragend an. „Ja, Sie wiſſen wohl noch gar nicht,“ fuhr dieſe ſort,„daß wir Couſinen ſind? Ach Gott, Sie müſſen ſchon und dürfen keine Marquiſe mehr bleiben!“— Sie neigte . 5*⅝ 68 ihren ſchelmiſch geſpitzten Mund an Valeriens Ohr dicht heran und flüſterte dann:„Herr Andre hat's uns ſchwer auf die Seele gebunden, Sie zu dregradiren. Wir können nicht anders.“ Valerie nahm Margots beide Hände und ihr feſt und freudig ins Auge blickend, rief ſie aus:„Ihre Cou⸗ ſine, Ihre Schweſter und von Herzen will ich ſein— den⸗ ken Sie nur nicht, daß ich die Marquiſe vermiſſe! Sagen Sie mir, wie Sie heißen, was Herr von Chenier über mich beſtimmt hat, was ich zu thun und zu laſſen habe— o, ich bin ja willig und ich muß es ja auch ſein, wenn ich es ſelbſt nicht wollte. Aber fürchten Sie nichts, und neh⸗ men Sie mich als Ihre wahre Freundin auf!“ „Es gilt!“ entgegnete Margot faſt übermüthig und ſie ſchlug ein in die dargebotene Hand Valeriens.„Ich heiße Margot, und Sie Couſine?“ „Valerie.“ „Valerie,“ wiederholte die Gärtnerin ſchelmiſch,„ja, nichts, gar nichts als Valerie, eine Couſine aus dem Gas⸗ cogne, eine Waiſe, Tochter eines Beamten— ach Gott! Merken Sie ſich das nur Alles recht genau, damit Sie nicht einmal aus Ihrer Rolle fallen. Hören Sie wohl, Couſine Valerie? Es iſt Alles ſo verabredet und von Herrn von Chenier ſelbſt. Sie ſind nach Paris gekommen, um bei uns bis zu Ihrer Hochzeit mit Herrn Andre—“ „Gut, gut,“ unterbrach haſtig und unter Erröthen 69 lächelnd die Marquiſe.„Ich werde mich nicht verrathen, Couſine Margot— aber kommen Sie, ich bitte, und ge⸗ ben Sie mir zu eſſen.“ Margot ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn, wie Jemand, der ſich über ſeine Vergeßlichkeit ärgert. Unter den drolligſten Entſchuldigungen zog ſie dann die neuge⸗ wonnene Freundin in das Wohnzimmer, wo Meiſter Col⸗ lier ſie ſchon erwartete. Während Margot nun auftrug, was ſie zubereitet, klärte Jean die Marquiſe vollſtändig über ihre Situation auf. Es fiel manch' Wort dabei, was ihr einen Einblick in den braven Charakter Meiſter Col⸗ liers thun ließ, und dieſer Umſtand, die warme Theilnahme dieſer Leute an ihrem Geſchick, ſöhnte Valerie damit noch ſchneller aus, als es ihr lebhafter, Alles gern phantaſtiſch bekleidender Geiſt auch unter andern Umſtänden ermög⸗ licht hätte. Sie fand ihre Lage romantiſch, und wenig ver⸗ eingenommen, wie ſie gegen andere Stande war, ohne Ein⸗ bildung auf das Recht der Geburt und des Reichthums, entſprang ihr geiſtiges Wohlſein nicht der Laune eines Weibes allein, ſondern wahrem Herzensgefühl. Und dann liebte ſie auch mit Leidenſchaftlichkeit, ihr ganzes Sein und Denken ging in dieſer Liebe auf, welche Leitern an die Berge und Brücken über die Flüſſe zu legen vermag. Nach dem Mittagsmahl, das die Marqiſe ſichtlich geſtärkt und wieder in den Beſitz der vollen Elaſtieität ge⸗ ſetzt hatte, kam Urſula mit den Effekten. Sie erzählte, 70 was ſich inzwiſchen im Hotel Dupleſſis zugetragen. Gleich nach der Flucht Valeriens hatte ſie den größten Theil der Garderobe und Koſtbarkeiten in Körben nach der Woh⸗ nung André Cheniers bringen laſſen. In der größten Angſt erwartete man die Ankunft der Polizei. Erſt nach acht Uhr war ein Agent vorgefahren gekommen und hatte nach der Marquiſe gefragt und ſie zu ſprechen verlangt. Als der Portier und Urſula ihm verſichert, daß ihre Herrin be⸗ reits um fünf Uhr früh nach einer ihrer Beſitzungen in Languedoe abgereiſt ſei, ließ ſich der Agent durch alle Räumlichkeiten des Hotels führen, ohne irgendwie etwas zu ſagen. Erſt als er Alles durchgeſucht und, meinte Ur⸗ ſula, faſt zufrieden ſchien, die Verfolgte nicht gefunden zu haben, erklärte er, daß ſämmtliche Dienerſchaft ſofort das Haus zu räumen habe und dasſelbe von ihm verſchloſſen und verſiegelt werden würde. So geſchah es denn auch. Darauf war Urſula, wie verabredet, zum Concierge im Hauſe Cheniers gegangen, erhielt dort jedoch anſtatt des Billets den Beſcheid, daß ſie André in ſeiner Wohnung erwarte. Sie begab ſich demnach zu ihm und erfuhr nun den Aufenthalt ſowie das angenommene Verhältniß Va⸗ leriens zu Meiſter Collier und deſſen Frau. „Ach,“ ſchloß ſie und Thränen liefen über ihre alten Wangen,„hätt' ich doch mein Lebtag nicht geglaubt, daß ſich ſolche Dinge zutragen könnten! Sie armes Kind, Ihr Leben iſt an Glüͤck nicht reich; ich weiß, ich weiß, daß es ſchon 771 traurig anfing.“ Und als wenn die Alte über ihre letzten Worte ſelber erſchrocken wäre, fuhr ſie fort:„Starb doch gleich der Herr Vater— ach Gott, was muß ich noch erle⸗ ben! Na, nur gut, daß Sie noch einen ſo guten, braven Herrn zum Freunde haben— ja, Herr André! Na, ich will nicht jammern, der wird's ſchon noch gut machen, meine arme Frau Marquiſe!“ „Pſt!“ entgegnete Valerie, lächelnd den Finger auf die Lippen führend,„Du weißt, Urſula, daß ich nur Ma⸗ demoiſelle Valerie bin, nicht ein bischen mehr! Nimm Dich ja in Acht, und vor Allem gräm' Dich nicht. Ich bin weniger unglücklich, als Du Dir vorſtellſt.“— Natürlich blieb Urſula zur Bedienung Valeriens im Gärtnerhauſe, welches Räumlichkeit genug beſaß, um für die neue Couſine zwei freundliche Zimmer herzugeben. Hechſtes Kapitel. André Chenier. Ein großer Theil des Lebens und des Charakters André von Cheniers, oder, wie er gemeinhin genannt wurde, André Cheniers, iſt allerdings ſchon durch die vorangegangene Erzählung unſern Leſern bekannt gewor⸗ den; indeſſen iſt es doch nothig, unſeren Helden eine ſpe⸗ 72 zielle Beachtung zu theil werden zu laſſen, ein beſtimmtes Bild von ihm zu entwerfen. Er war der dritte Sohn des Herrn Louis von Ché⸗ nier, der längere Zeit franzöſiſcher Conſul im Orient, zu⸗ letzt in Marokko geweſen war und der ſeit etwa ſechs Jah⸗ ren zurückgezogen von allen Geſchäften in Paris lebte, beſchäftigt, ſeine reichen Erfahrungen niederzuſchreiben. Seine Betheiligung an der Revolution war nur äußerſt paſſiv; ſein politiſcher Standpunkt etwa der der Feuillans. Zwar hatte man ihn in das Comité für die Unterwachung von Paris gewählt, indeſſen war Herr von Chénier froh, dieſen Poſten bald niederlegen zu können. Sein optimi⸗ ſtiſcher Geiſt, ſeine Ueberzeugung, daß mit Frankreich und dem König alles noch gut enden würde, war viel zu ſehr durch die Ereigniſſe bedroht worden, als daß er es nicht für beſſer gehalten hätte, mit ſeinem guten Glauben ſich auf ſich ſelbſt zu beſchränken. André's jüngſter Bruder, Marie⸗Joſeph, den geſeier⸗ ten Tragödiendichter der Revolution, haben wir bereits kennen gelernt; die beiden älteren, Conſtantin und Sau⸗ veur, hatten ſich der diplomatiſchen Carriere gewidmet und waren nicht in Paris. Von allen war nur Marie⸗Joſeph ein begeiſterter Anhänger der vorgeſchrittenen Revolution, zum Gram des Vaters, der ein guter Royaliſt geblieben. André hatte, wie wir geſehen, Kehrt gemacht, als die Fluthen der Bewegung den Thron zu bedrohen begannen. 73 Wie alle ſeine Brüder, war auch er während der Zeit geboren worden, wo ſein Vater als Conſul in Con⸗ ſtantinopel lebte. Seine Mutter war eine Griechin, eine geborne Santi l' Homaka, eine feingebildete, geiſt⸗ reiche, poetiſche, für ihr Vaterland und deſſen herrliche Vorzeit ſchwärmende Frau, welche ſelbſt manch ſchönes Gedicht im Styl der Alten geſchrieben. André vorzüglich gab ſich den Einflüſſen dieſer Mutter hin, beſonders als er in Carcaſſonne mit ihr ſtill und beſchaulich lebte. Während der leidenſchaftliche Joſeph ſchnell Alles in ſich aufnahm und wenig davon in ſich zur Abklärung gelangte, betrieb André ſeine Studien ſehr ernſt und erwarb ſich unter der Anleitung ſeiner Mutter eine ſo feine und tiefe Kenntniß der Sprache Homers, daß ſie ſogar die ſeines Vaterlandes übertraf. Als er zwanzig Jahre alt war, trat er, zugleich mit ſeinem jüngeren Bruder, in's Militair; Beide verließen dieſe Carriere ſchon ein Jahr ſpäter, Beide erfüllte die Begierde, ſich gänzlich ihrer Neigung für die Poeſie zu widmen. Vergeblich drängte der Vater— die Mutter war inzwiſchen geſtorben— daß André die diplomatiſche Carriere einſchlage. Er brachte ihn als Attaché zur Ge⸗ ſandtſchaft in London, doch geſiel ſich der junge Mann in dieſer Stellung nicht, ſondern lebte nach einigen Rei⸗ ſen, wie Joſeph, ausſchließlich ſeiner Poeſie. Während Joſeph glücklich die Bahn der dramatiſchen 74 Dichtung betrat und ſich willenlos vom Wirbel der Zeit⸗ ideen erfaſſen ließ, arbeitete André mühſam daran, ſeinem Styl jene Zartheit und jenen poetiſchen Duft zu verleihen, die ihm zunächſt in dem Andenken an ſeine Mutter entge⸗ gentraten und deren Ideale er dann in der Weiſe der Grie⸗ chen, in der Würde des Weibes, in der atiken Liebe, möchte man ſagen, fand. Denn Liebe über Alles war ſeinem Le⸗ ben noth; ſeine brauſende Leidenſchaft mußte Etwas ha⸗ ben, um damit die Himmel zu ſtürmen, in der Erſchöpfung vom kühnen Flug ſeiner Phantaſie in den Armen eines glühenden Weibes auszuruhen. Er liebte wie Properz, wie Tibult, um alle Luſt und Klage ſeiner Empfindungen in ſapphoniſche Geſänge auszutönen— er dichtete für ſich dieſe glühenden, üppigen, dem Herzensfeuer entſtrömten Lieder, dieſe wundervollen Hymnen, dieſe zarten träume⸗ riſchen Elegien, nur für ſich— und ſo blieb die Form, wie ſie war, Fragment, ähnlich jenen helleniſchen Ruinen, aus denen gleichwohl der Geiſt wahrer Größe ſpricht. Es war eine neue, unerhörte Sprache, ein neues Denken und Dichten in dieſen koſtbaren poetiſchen Bruchſtücken, welche dreißig Jahre ſpäter den Boden der neufranzöſiſchen Dicht⸗ kunſt, der romantiſchen Schule Vietor Hugo's und La⸗ martine's abgaben. Von Hauſe war Andre der Revolution nicht feindlich entgegen getreten, wie er ſie denn überhaupt in ihren Prineipien noch heut nicht verdammte. Jung, edelſinnig 75 und leidenſchaftlich, begrüßte er die Sache der Freiheit wie ein Aufjauchzen der Menſchheit; aber mehr Poet denn Politiker, Ariſtokrat dabei im Weſen ſeiner Gedanken, inſofern, als er die gemeine Form unüberwindlich haßte, empörte er ſich über den Gang der Ereigniſſe, als es ſchien, daß dieſer lediglich von den plebejiſchen Elementen des Volks, von den Fanatikern der Gironde und Jacobiner vorgezeichnet wurde. Verblendung eines Dichters, der nicht weiß, daß die Geſchichte nicht frägt, welche Form die In⸗ ſtrumente haben, deren ſie ſich bedient. André begann ſeit der Zeit, wo die Revolution die Glacéhandſchuhe auszog, ſich zum Journaliſten ſeiner Par⸗ tei zu machen. Er war Mitglied des Clubbs von 89 ge⸗ weſen, ſeine Freunde waren die conſtitutionellen Monar⸗ chiſten, die Pange, Trudaine, Brazais, die Sieges und Paſtoret; leidenſchaftlich und muthig, haßte er mit ganzem Herzen und ſcheute ſich nicht, dieſen Haß auszuſprechen. Ihm war es gleich, ob es ihm ſchaden könne, ſein Stolz war ſo groß, daß er ſelbſt gegründete Bedenken hintan⸗ ſetzte, Artikel mit ſeinem Namen unterzeichnete, die ſeine Geſinnungsgenoſſen geſchrieben hatten. Im„Journal von Paris,“ welches ſeinem Freund, dem Dichter Roucher, ge⸗ hörte, veröffentlichte er ſeine Artikel, Meiſterſtücke der Form und durchglüht von dem Edelmuth einer loyalen Geſin⸗ nung, die ſich eben ſo heftig gegen die Anmaßungen der Hofpartei, als mit Leidenſchaft und Witz gegen die De⸗ 76 mokraten richtete. André wollte, wie er ſelbſt ſagte, we⸗ der die demokratiſche Tollheit, noch die ariſtokratiſche Un⸗ gerechtigkeit, weder die Tyrannei des Patrioten, noch die der Baſtille. Sein Gedicht„sur le j'eu de Paume“ hatte in dieſer Weiſe entſchieden geſprochen. Jemehr ſich die Jacobinerpartei der Gironde der Be⸗ wegung bemächtigte, je leidenſchaftlicher und erbitterter wurde André. Schon ward er in ſeiner Polemik unge⸗ recht und es genügte der Name Jacobiner, um ihn gegen die Perſon mit Idioſynkraſie zu erfüllen. Seit Beginn des Jahres 1792 galt ſeine Thätigkeit ausſchließlich dem Angriff auf die Jacobiner, auf Manuel und Danton; zuletzt hatte er einen fulminanten Artikel gegen dieſe ganze Partei losgelaſſen, der außerordentliche Erbitterung her⸗ vorrief und jenes Geſpräch zwiſchen André und Marie Joſeph hervorrief, welches wir im erſten Kapitel wieder⸗ gaben und deſſen unmittelbare Folgen bisher einen Theil unſerer Erzählung gebildet. Voller Verachtung gegen die Wuth der Jacobiner erfüllt, ſpottete er deren nach wie vor und war weit ent⸗ fernt, etwas von ſeinen Ausdrücken zurück zu nehmen. Die Polemik über jenen Artikel goz ſich ein paar Monate lang hin und wurde von beiden Seiten mit Erbitterung geführt. Der Zwiſt beider Brüder, den wir entſtehen ſahen, dehnte ſich zum Glück nicht auf die Herzen aus; Beide liebten ſich zu ſehr, um ſich gegenſeitig entfremden, gar ernſtlich 77 verfolgen zu können. Der Umſtand, daß Marie⸗Joſeph die Rettung Valeriens durch ſeine Benachrichtung von der ihr drohenden Gefahr bewirkt, bildete für André einen er⸗ wünſchten Anknüpfungspunkt zur Ausſöhnung mit ſeinem Bruder, die denn auch bald nachher erfolgte, freilich mit Vermeidung jeden Eclats, da Marie⸗Joſeph, wie er ſagte, durch ein offenes äußerliches Zuſammengehen mit André als Deputirter wie als Mitglied des Jacobinerclubbs Rückſicht darauf nehmen müſſe, ſich nicht zu compromitti⸗ ren. Denn Andre richtete fortgeſetzt im„Journal von Paris“ ſeine Polemiken gegen die Jacobiner, und das am 15. April 1792 ſtattgefundene Feſt zu Ehren der rebelli⸗ ſchen Soldaten von Chateau⸗Vieux, welches in der Soirée bei Manuel einen Gegenſtand der Debatte gebildet, hatte ſeinen Zorn auf's äußerſte gebracht und ihn zu einer Wuth gegen die Jacobiner aufgereizt, welche in Artikeln wie in ſatyriſchen Dichtungen ſich Luft machte. Es war danach unmöglich für Joſeph, der vergeblich ſeinen Bru⸗ der vor ſolcher exceſſiven Leidenſchaftlichkeit gewarnt, vor aller Welt wieder mit ihm zu verkehren; er mußte ſich be⸗ gnügen, ihn zuweilen an dritten Orten zu ſprechen. Eine wirkliche Verſtändigung war übrigens zwiſchen Beiden unmöglich und jeder Verſuch dazu war von ihnen als ganz unfruchtbar längſt aufgegeben worden. Mehrere Monate waren ſeitdem vergangen; die Revolution hatte ihren Weg fortgeſetzt und dem König⸗ thum ſowie der gemäßigteren Partei die letzte Macht ent⸗ wunden. Der 20. Juni mit ſeinen Schrecken hatte das Königthum der letzten Majeſtät entkleidet. Sie Sans⸗ culotten waren wild und mordgierig in die Tuilerien ge⸗ drungen, hatten die Thüren zu den Gemächern Ludwigs XVI. eingeſchlagen, dem Könige eine rothe Mütze auf's Haupt geſtülpt und ihn gezwungen, aus einer Brannt⸗ weinflaſche auf das Wohl des Volks zu trinken. Nach dieſer Schmach war der Sturz nicht tief. Am 10. Auguſt war er erfolgt. Begünſtigt von Manuel, welcher die Kanonen zum Schutz des Königs fortbringen ließ, war das Volk ſchreiend und tobend, mit Piken und Aexten, früh Morgens nach den Tuilerien gezogen, um den König ab⸗ zuſetzen. Vergeblich hoffte der König auf Rettung— die meiſten der Truppen weigerten ſich, das Volk aufzuhalten; die Schweizer und ein paar Edelleute, welche im Schloſſe den Zugang zu ihm vertheidigten, wurden erſchlagen; die Piſtole, welche ihm Marie Äntoinette reichte, wies Lud⸗ wig XVI. zurück. Gefangen führte man ihn und ſeine Familie unter dem Geſchrei:„Tod! Tod! Wir wollen keine Tyrannen mehr!“ nach der Nationalverſammlung; in eine kleine Loge gezwängt, mußten dieſe Unglücklichen, hungrig und durſtig und erſchöpft, bis zum andern Tage den Debatten der Verſammlung mit beiwohnen, welche die Abſetzung des Königs und deſſen Gefangennahme zum Reſultate hatten. Die königliche Familie ward in den 79 Temple gebracht, ihre Kerkerleidensgeſchichte und die re⸗ publikaniſche Aera Frankreichs begann. Es war dies auch eine Niederlage André Cheniers. Dieſe furchtbaren Ereigniſſe beraubten auch ihn des Glau⸗ bens und der Zuverſicht. Widerwillen gegen alles poli⸗ tiſche Getriebe erfüllte ihn, und er ſchrieb damals an Wieland, mit dem er ein paar Briefe gewechſelt, daß er ſich fortan nur ſeinen Studien ſtill und zurückgezogen widmen wolle. Noch immer konnte er den Gedanken nicht faſſen,„daß auch der Pöbel Weltgeſchichte machen dürfe;“ er fühlte ſich im Innerſten verletzt, mit ſeiner guten Sache beſiegt zu ſein, das Streben eines Manuel und Robes⸗ pierre, Marat und Danton belohnt zu ſehen. Sie waren jetzt an der Spitze der Macht, ihre Genoſſenregierten über⸗ all— wohin mußte Frankreich kommen? Ihn ſchanderte, und er ward in ſich gekehrter, ſein Geiſt ſuchte den Schatten düſterer Gedanken, des Lebens Luſt erkaltete in ihm. Un⸗ gehemmt ſtürmten die ſchmutzigen Fluthen der Anarchie uͤbers Land; die letzten Barren der Ordnung fielen nieder; der Schrecken ſtieg bereits an Stelle des zur Verurtheilung beſtimmten Königs auf den Thron. Er hätte fliehen mö⸗ gen, weit fort, um nicht dieſe Herrſchaft der Rohheit und des Pöbels ſehen, ſich unwillkuͤrlich ihr beugen zu müſſen — er hätte es gewollt, um dem Aufruhr ſeines Gefühls für Edles und Schönes ein Ende zu machen. Aber es war 80 unmöglich— ohne Gefahr des Lebens war keine Flucht mehr denkbar, und dann Valerie! Sie war die Kette, die ihn an des Leben, an das Edle und Begeiſternde hielt. Faſt täglich ruhte er in ihren Armen, an ihrem Buſen, ſpielte mit ihrem Gelock, entzündete ſeine Phantaſie an dem Feuerblick ihrer Augen, küßte auf ihre Lippen den Strom le denſchaſtlicher, Liebe hin. Was war denn Alles, wenn er bei ihr war? Ja, Valerie! In ihrer Liebe, da lag Seligkeit und füßes Ver⸗ geſſen— ncklen die Blitze auch rings umher, grollten die Donner auch über dem Haupte, hier war's ewig heiterer Himmel und Frühling, und die Blumen ſtrömten ihre nar⸗ kotiſchen Düfte aus und berauſcht, von Wonne durch⸗ ſchauert, ſank Einer an des Anderen Bruſt, ſtumm, matt, beſiegt von ſeinem Blut, in ſelige Träumerei verſinkend. Und jedesmal ging André finſter, erbittert durch die lär⸗ menden, vom losgelaſſenen Vol 3 durchzogenen Straßen, hinaus nach dem Garten Meiſter Colliers, das Herz voll⸗ geſaugt von göttlicher Narkoſe der Liebe, ſinnend, grü⸗ belnd, träumend, dichtend, zimmernd an der Prachtform, in welche all' die Gluth ſeiner Gefühle hineinſtrömen und wundervoll erſtarren ſollte. Hiebentes Kapitel. Baſile. Valerie von Dupleſſis hatte inzwiſchen glücklich und ſtill bei Meiſter Jean Collier und ſeiner munteren Frau gelebt. Glücklich, denn ſie liebte André glühender als zuvor, ſeitdem er ihr Schutz, mehr denn je ihr einziger Halt im Leben war, und ſtill lebte ſie, denn auf der Be⸗ ſitzung des Gärtners war's wie weit weg von Paris, dort⸗ hin drang nicht das Gelärm der Stadt, das Geſchrei der arbeitloſen, durch Exceſſe ſich aufregenden Menge, der betäubende Wirrwar der Revolution. Kaum daß hin und wieder Jemand auf die anſtoßenden Felder kam, ſelten, daß auf der ſeitwärts ſich hinziehenden Straße ein Trupp Nationalgarden oder Volkshaufen nach der Barriére zo⸗ gen; noch ſeltener, daß jetzt Jemand aus dem anſtoßenden Stadtviertel kam, um Blumen zu kaufen— die Zeit war nicht für Blumen angethan. Meiſter Collier fuhr ſeit Monden auch nur noch mit Gemüſen und Obſt nach den Märkten und ließ unberührt die Flora in ſeinem Garten, der weitaus ſich hinſtreckte längs der Aecker und an einer todten, von wenigen Häuſern bebauten Straße, zum Theil buſchig, mit geſchmackvollen Anlagen und ſchattigen Gän⸗ 1861. 14. Apoll von Bhzanz. I. 6 82 gen zum Theil ein großes Gemüſefeld, umſäumt von ſtatt lichen und zahlreichen Obſtbäumen. Die Arbeit, die hier nach wie vor vom Gärtner und ſeinen Leuten verrichtet wurde, war friedlich und lärmte nicht. Dort pflanzte man, hier pflegte und begoß man; man mähte das hochgeſchoſſene Gras und den Klee und pflückte das reifgewordene Obſt von den Bäumen und Sträuchern. Und auch im Hauſe war ſtill umfriedetes Leben; da waltete Margot als Hausfrau in Stube und Küche, wartete ihre kleinen, fröhlichen Kinder, von denen das jüngſte noch die Mutterbruſt nahm. Nachmittags ging ſie dann hinunter nach dem Kuhſtall, um zu melken, und dann war's gewöhnlich Feierabend, die Burſchen räumten die Arbeit und die Werkzeuge fort, fegten die Gänge, be⸗ goßen die Blumen; die Gehilfen zogen ſich um und ſetzten ſich auf die Bank vor ihrem Häuschen, um zu plaudern, oder der und jener von ihnen ging auch wohl aus, in die Stadt zum Schatz, oder an die Barrioͤre zu Weine. Mei⸗ ſter Jean ſpielte dann mit ſeinen Kindern, mit dem jüng⸗ ſten wohl gern im Graſe; Margot trug das Nachtmahl in die Laube ſeitwärts vom Hauſe, wo Valerie ſaß und André. Und gemeinhin, wenn's ſchön war und der Mond und die Sterne ihr Silberlicht mit dem ſcheidenden Gold⸗ hauch der Abendröthe miſchten, gingen Alle noch ein Stünd⸗ chen im Garten umher, das Ehepaar voraus, das Liebes⸗ paar hinterher, vertieft in ihre Herzenswelt, Arm in Arm 83 und zuweilen mit Jean und Margot ein lebhafteres Ge⸗ ſpräch führend. Wenn's dann dunkel war, gingen ſie hin⸗ ein ins Haus, Valerie ſchied von André und betrat ihr. Zimmer, um mit der alten, treuen Urſula zu plaudern, zu träumen, bis ſie im weichem Bett dem Schlummer in die Arme ſank. Da war's dann ganz ſtill draußen und im Haus, Läden und Thüren waren geſchloſſen, der Hund becan ſeine Wanderung durch den Garten— Alles chlief. Nur Einer pflegte wach zu ſein: es war Baſile, der Gärtnerburſch. Er lag noch lange im dichten Gebüſch auf der Erde, ſeine großen, glühenden Augen ruhten unver⸗ wandt auf die Laden, mit denen das Fenſter von Valeriens Zimmer geſchloſſen war. Das lag, wie alle übrigen Wohn⸗ zimmer, zu ebener Erde; das hohe, nach dem Garten hin⸗ ausgehende Fenſter war an ſeinem unteren Theil mit einem ſtarken gußeiſernen Gitterwerk verſehen, durch deſſen Geflecht man, da der Laden nicht ganz bis her⸗ unter reichte, einen ſchmalen Einblick in das Gemach thun konnte, ohne daß Valerie, oder Urſula, oder jemand Anders darauf Acht gegeben, oder bei der Lage des Zim⸗ mers eine beſonders vorſichtige Verbarrikadirung für nö⸗ thig erachtet hätte. Baſile lag im Gebüſch und lugte, bis er durch den ſchmalen Streifen unter dem Laden den Lichtſchimmer be⸗ merkte. Dann ſchlich er ſich zum Fenſter heran, preßte ſein 6* 84 heißes Geſicht gegen das Gitter in einer der kleinen Oeff⸗ nungen und ſtarrte nun unverwandt, von ſinnlicher Luſt durchſchauert, unter den Laden in das erleuchtete Zimmer, in dem Valerie ſorglos ſich entkleidete, den wundervollen Körper in die Nachtgewänder hüllte und dann ins Bett ſtieg. Die Nachtlampe brannte fort: Baſile ſtarrte immer hinein, verſchlang das Bett und bohrte ſein Auge dar⸗ auf, um die Umriſſe des darunter ruhenden Körpers zu er⸗ kennen. Bewegte ſich Valerie, ſo zitterte der Burſch zu⸗ ſammen und oft graute der Tag ſchon, wenn er müd' und ermattet von ſeiner Aufregung ſich in ſeine Kammer ſchlich, um ein paar Stunden Schlaf mit tollen Träu⸗ men zu ſuchen. Es war ein Burſch von etwa achtzehn Jahren und von ſchmuckem Aeußern. Nur ſein Blick hatte etwas Lau⸗ erndes, Freches und verrieth ſeinen Charakter. Von jeher hatte er ſich ſtörriſch und jähzornig gezeigt, aber da er tüchtig als Arbeiter und ſehr geſchickt war, hatte ihm Mei⸗ ſter Jean Vieles nachgeſehen. Er hatte bei ihm die Gärt⸗ nerei erlernt und kam daher auch mehr als jemand von den Uebrigen in die Familie, bald, daß er mit zu häusli⸗ chen Verrichtungen herangezogen war, bald daß er ſonſt dort etwas zu thun hatte. Man betrachtete ihn wie den⸗ jenigen, der die Stelle eines Hausinſpektors verſah und dem die mannigfachen, für die weiblichen Dienſtleute be⸗ ſchwerlichen Verrichtungen zugewieſen wurden. Er pflegte 8⁵ im Winter die Kamine zu heizen, bei der Reinigung des Hauſes die Moͤbel wieder zurecht zu rücken, die Vorhänge von den Fenſtern zu nehmen, wenn ſie in die Wäſche ſoll⸗ ten, ſie wieder aufzuhängen, wenn ſie gereinigt und ge⸗ glättet waren. Seit einiger Zeit freilich hatte er viel von der Gunſt, die er im Hauſe genoſſen, eingebüßt, denn er war ein ganz anderer Menſch geworden, als er geweſen. Früher von Reſpekt gegen ſeinen Herrn und ſeine Herrin erfüllt, wil⸗ lig und heiter, war er ſeit mehreren Monatentrotzig, hoch⸗ fahrend, frech und von höhniſcher Bosheit geworden. Er arbeitete zwar noch immer gut und fleißig, aber wenn man ihn, wie bisher geſchah, mit als Diener des Hauſes behandelte, fuhr er wild auf und er hatte oftmals Mei⸗ ſter Jean erklärt,„dieſe Zeiten ſeien vorüber und er möge ihn nicht mehr wie früher behandeln.“ Jean freilich ließ ſich nicht davon imponiren; er hatte dem Burſchen wegen ſeiner revolutionären Grundſätze mehrmals tüchtig den Kopf gewaſchen und ſich um ſeine Wuth und ſeinen trotzi⸗ gen Blick wenig gekümmert. So war denn auch im Grunde noch dasſelbe Verhältniß wie zuvor geblieben; nur daß Baſile von Tag zu Tag ſtörriſcher und unheim⸗ licher geworden. Der Burſch war nämlich von der Aufregung der Zeit mit ergriffen und durch Seinesgleichen veranlaßt worden, die Sitzungen des Clubbs der Cordeliers und der Jacobi⸗ 86 ner zu beſuchen. Bei dem ſtrengen Verbot des Meiſters war es natürlich immer heimlich geſchehen, und oftmals, daß er gewartet, bis Alle im Hauſe ſchliefen, um dann über den Zaun zu ſpringen und in die Nachtſitzungen des Clubbs zu gehen. Da er allein auf dem Corridor des Häuschens ſchlief, in deſſen Zimmern die Gehilfen wohn⸗ ten, und überdies das Schließen und Oeffnen ſämmtlicher Thüren des Gartens und der Gebäude ſein Amt war, hatte er ſeine heimlichen Entfernungen leicht und unge⸗ ſtört ins Werk ſetzen können. Mit der geſpannteſten Neu⸗ gier anfangs, dann mit Leidenſchaft und der angenomme⸗ nen Haltung eines überzeugungsvollen Enrags, hatte er ſo den politiſchen Debatten im Jacobinerelubb beigewohnt und die gehabten Anregungen waren zu unreifen Ideen mit den Namen der damaligen gang und gäben Schlag⸗ wörter geworden. Trotz und Frechheit waren die Folgen davon, und gerade das Bewußtſein der Ohnmacht und Abhängigkeit von ſeinem Lehrherrn hatte dieſen Charakter⸗ eigenſchaften eine unheilvolle Ausbildung verſchafft. Er war mit ſeinen Ideen von Freiheit und Gleichheit nicht mehr gewillt, ſeinen Herrn als über ſich ſtehend anzuer⸗ kennen und überhaupt mit einer vollkommenen Verachtung und einem rohen Haß gegen Vornehmere und Höherge⸗ ſtellte erfüllt. Voll von den Tendenzen, die er ſich im Clubb und im Umgang mit wüſten Geſellen erworben, verdroß es ihn nun, dieſelben nur denken und nicht reali⸗ ſiren zu können, wegen des Arbeitslohnes und auch eines, ihm trotz alledem noch innewohnenden Gefühls von Reſpekt vor Jean, als guter Sansculotte nach wie vor noch der Gärtnerburſch zu bleiben. Er gehörte eben zu jener Maſſe von Verführten und leichtſinnigen Charakteren, die eine Sucht haben, ſich als vollſtändig reif für das Empfangene zu gebärden und deren innerſtes Weſen und beſſeres Selbſt doch noch ihren Schwerpunkt bildet und ſie unfähig macht, mehr als vage Ideen zu haben. Das Gift ſaß in ihm; wenn es genährt wurde, mußte es zuletzt wohl das Ge⸗ müth erfaſſen und zu verhängnißvollen Thaten drängen. Baſile hatte ſich durch die Worte Jeans, gleich nach der Ankunft Valeriens und André Cheniers im Hauſe, nicht irre machen laſſen; ſein Mißtrauen, welches von Haus aus natürlich geweſen, war vielmehr geſtiegen und hatte eine bedenkliche Spur eingeſchlagen. Die unklare Anrede Cheniers an Jean, deſſen nicht zu verhehlende Ver⸗ legenheit anfangs, die Art und Weiſe der Ankunft und dann das Verbleiben Valeriens im Hauſe, bildeten Um⸗ ſtände genug, dieſem argwöhniſchen, von den jacobiniſchen Tendenzen erfüllten Burſchen als auffällig zu erſcheinen. Zudem hatte er, ſo lange er nun ſchon im Hauſe war, noch niemals von irgend wem eine Andeutung fallen hören, daß ſeine Herrin eine Couſine im Gascogne habe und dieſe mit Herrn von Chenier verlobt ſei. So dachte denn Ba⸗ ſile gleich anfangs, daß die ganze Angelegenheit ein Ge⸗ 88 heimniß verberge und die angebliche Couſine eine von den flüchtigen und verfolgten Ariſtokratinen ſei. Dieſe Ahnung fand nur zu viel Gelegenheit, zur Ueberzeugung zu werden. Nicht allein, daß die ganze Er⸗ ſcheinung Valeriens und auch das Benehmen Urſula's, auf welches die alte Frau nicht genug Acht gab, dem beob⸗ Nachtenden Argwohn Baſile's als äußerliches Zeichen des ariſtokratiſchen Charakters Valeriens erſchienen, auch die reſpektvolle Behandlung derſelben von Seiten Jeans und ſelbſt Margots waren ihm Beweiſe dafür. Er hatte überdies öfter Gelegenheit gehabt, im Zimmer der Frem⸗ den einige Augenblicke zu verweilen, um dies oder jenes Verlangte dort zu beſorgen; einmal hatte er in einem dort liegenden Taſchentuch ein Wappen eingeſtickt geſehen; ein ander Mal die unachtſame Urſula ihre Herrin mit einem ſchnell verſchluckten„Frau Marquiſe“ anreden hören. Das war genug für ihn, und von der Zeit an zeigte er, ſobald von der„Conſine“ die Rede kam, jenes höhniſche Lächeln, welches verrieth, daß er wiſſe, was es mit ihr für eine Bewandtniß habe. Darauf hatte jedoch weder Jean noch Margot Acht gegeben, noch war es Urſula oder Jemand an⸗ ders aufgefallen, am allerwenigſten Valerie, die überhaupt in der vollſtändigſten Ignorirung der„Leute“ Jeans den Charakterzug einer echten Ariſtokratin bethätigte. Auch gab Baſile keine Veranlaſſung, bei irgend Ei⸗ nem im Hauſe den Verdacht zu erwecken, er glaube nicht 89 an die Couſine und die Umſtände, welche ſie in Jean's Haus gebracht. In dem Burſchen war ſchnell eine wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft aufgeſchoſſen, die er kaum noch zu be⸗ meiſtern wußte, und welche ihn ſo vollſtändig erfüllte, daß ſie alle politiſchen Träume und jacobiniſchen Ideen verdrängte. Valerie hatte unbewußt dem jungen Mann die Sinne erregt und ein brennendes Verlangen in ihm aufgerufen. Schon vom erſten Tage an war er von der reizenden Erſcheinung der Marquiſe erregt worden und erſt nach vieler Mühe war es ihm gelungen, den folternden Gedanken los zu werden. Eines Nachts jedoch, als er eben wieder ſeinen heimlichen Weg nach dem Jacobinerelubb machen wollte, hatte er aus dem Fenſtergitter unten das Licht aus der Fremden Zimmer fallen ſehen und ſich nicht enthalten können, durch die Spalte zu blicken. Er ſah, wie Valerie ſich eben von Urſula entkleiden ließ, und eine wilde Glut ſchoß in ſein Blut, ſchwellte die Adern und nahm ihm faſt den Athem. Er blieb, er blieb und ſtarrte die ganze Nacht hindurch in das Heiligthum und vergaß den Jacobinerelubb und die Geſellen, die ſeiner dort war⸗ teten. Von dieſer Nacht an ging wieder eine Veränderung mit Baſile vor. Er ward zerſtreut, verſank oft in brüten⸗ des Nachdenken, ſein Geſicht ward bleich von Nachtwa⸗ chen und durch den inneren Kampf ſeines Bluts, ſeine Augen ſtachen unheimlich hervor aus dem entzündeten, roth umränderten Weiß. Denn er litt furchtbar, der 90 Burſch; in ſeiner Bruſt tobten Haß und Liebe, Verlan⸗ gen und Furcht; er weidete ſich an dieſer Selbſtqual und ſuchte ſie auf wie einen beglückenden Genuß und nährte ſie und pflegte ſie, die Marter. Oft trat er wie zufällig Valerie in den Weg, wenn ſie aus dem Hauſe trat und ſich im Garten erging; unwillkürlich zog er dann ſeine Mütze und bebte zuſammen und die Gluth ſchoß ihm ins Geſicht, bis Valerie vorüber war, kalt, und kaum ihn be⸗ achtend: dann folgte ſein Blick lange der herrlichen Ge⸗ ſtalt, das Feuer des Haſſes und der verzehrenden Leiden⸗ ſchaft ſandte er ihr nach, die nichts davon empfand und ahnte; er ſah ihr nach, lange, lange, und ſchwelgte in dem Anblick ihrer Formen. In der Dämmerung, wenn ſie mit André Arm in Arm ſpazieren ging, trat er oft in die Ge⸗ büſche am Wege, um das Geſpräch Beider zu erlauſchen, nur ein Wort der Liebe zu erhaſchen, welches ſie tauſchten. Er hätte André in ſolchen Augenblicken erdroſſeln können und Valerie an ſich reißen, mit brennenden Küſſen bedecken mögen; dieſe Armey die ſeit ihrer Flucht im nervöſeſten Zuſtande war und von Zeit zu Zeit ihrer Leiden kaum Herrin werden konnte— er hätte ſie vernichten mögen, wenn ſie nur ſeiner Umarmung erläge. Nachts aber, wenn der Garten leer und Alle im Hauſe waren, dann ſchlich er ſich ans Fenſter der jungen Witwe und ſah, wie ſie ſich der Kleider entledigte. Die wundervollen zarten Formen ihres Körpers boten ſich unbedeckt dem Blick Baſiles dar, 91 der ſie verſchlang, bis das Bett ſie weich und leicht über⸗ deckte. Dann ſank er oft nieder, erſchöpft und weinend vor OQual; aber es litt ihn nicht lange, das heiße Blut trieb ihn wieder empor und er lugte von Neuem durch die Spalte, und ſah er auch nichts weiter, als das Bett Va⸗ leriens, ihren lieblichen Kopf auf dem Kiſſen, zuweilen umſchlungen von ihrem ſchlanken, blendend weißen Arm. Es blitzte wohl manchmal der Gedanke durch ſein fiebern⸗ des Hirn, das Fenſter einzudrücken und den Laden zu ſprengen, um die ſchlafende Valerie zu überfallen— die Unmöͤglichkeit, es ohne großen Lärm zu thun, die Ueber⸗ zeugung, daß ſeine Begierde auf ſolchem Wege nicht be⸗ friedigt werden könne, ernüchterte ihn aber bald, und ſo ging er hinüber nach ſeiner Schlafſtätte mit der Bruſt voller entfeſſelten Leidenſchaften, aber mit dem Triumph entſchlummernd, die heiligſten Geheimniſſe der„Ariſto⸗ kratin“ belauſcht zu haben. Es war in den letzten Tagen des Auguſt. Die Sonne brannte hernieder, ſo daß den Tag über die Fenſter⸗ läden des Wohnhauſes geſchloſſen blieben, um die Kühle in den Zimmern zu erhalten. Jean war, wie gewöhnlich an dem Markttag, mit Obſt nach der Stadt gefahren, und auch Urſula hatte ausnahmsweiſe ſich fortgewagt, um für ihre Gebieterin einen Toilettengegenſtand zu holen. Baſile hatte einen teufliſchen Entſchluß gefaßt; die Leidenſchaft des Burſchen hatte ſeine Ueberlegung zur 92² Selavin gemacht; er lebte in einer Aufregung, welche die Sinne allein, nicht mehr den Verſtand zum Lenker ſeiner Handlungen machte. „Warum ſoll ich mich fürchten?“ hatte er gemurmelt. „Warum? Bin ich weniger als Sie? Hat ſie ein Recht, mich zu verachten, weil ſie Ariſtokratin iſt, Marquiſe?“ Er hatte dabei wie irrſinnig gelacht und einen ſtarken Trunk aus einer Litreflaſche gethan, die er aus ſeinem Bett hervorgelangt; denn er war heut zuſtanas. oft im Häuschen, wo er ſchlief.„'s zehrt mich auf, das Feuer,“ war er fortgefahren,„und ich will es erſticken, ich will, ich will!“ Dabei hatte er heftig mit der Fauſt gegen ſeinen Kopf geſchlagen; ſeine Augen ſtierten aus einer von Wein hervorgebrachten Röthe; ſeine Wangen waren da⸗ bei bleich, ſein Haar hing wild um die heißen Schläfen und die Bruſt hob ſich mächtig und in ſchnellen Wieder⸗ holungen gegen die Blouſe. Er ſetzte ſich auf ſein Bett und trank von Neuem, denn der Burſch war feig geworden, ſeitdem er ſeinen Entſchluß gefaßt und holte ſich die nöthige Courage aus der Flaſche. „Als wenn ein freier Sanseulotte nicht auch ſeinen Geſchmack haben kann,“ murmelte er weiter.„Hm, ich will's ihr zeigen, der vornehmen Dame, und es muß end⸗ lich ein Ende nehmen. Heut iſt ein guter Tag und Alles ausgeflogen; nur die Frau muß noch hinüber in die Küche, 93 dann iſt ſie ganz allein, ganz allein.“ Und er lachte wie⸗ der wild und verſtört dabei. Eine Weile ſtarrte er mit dieſem wilden Zug des Lächelns um ſeine Lippen vor ſich hin; dann zitterte er plötzlich zuſammen, und fuhr auf:„Tauſend Donner] Sie wird ſich doch nicht wehren?“ Er war aufgeſtanden und ſein Blick leuchtete. Aber ſchnell ſank die Glut in die bisherige gläſerne Starrheit zurück und er murmelte:„Die Taube wird ſich kirren laſſen; ob ich oder dieſer ſtolze Ariſtokrat von Chenier, den der Teufel holen moge, ſie fängt, bleibt ſich's nicht gleich? Auch iſt's nicht mehr wie ſonſt; die Ariſtokraten müſſen ſich vor'm Volk beugen und auch einmal mit uns eine Tour machen. Wenn ich ihr drohe, ſie zu verrathen“ — er lachte abermals—„da wird ſie zittern, dieſe zarte Dame, an deren Anblick ich mich nun genug gelabt, und fügen wird ſie ſich und ſtill ſein und nichts ſagen. Ja, das wird ſie, und d'rum keine Schonung!“ Baſile trank den Reſt der Flaſche haſtig aus, dann trat er aus dem Hauſe, ſah ſich auf dem freien Garten⸗ platze um und ſagte:„Sie arbeiten alle oben im Garten bis Mittag und der Herr kommt vor zwei Uhr nicht zurück. Die alte Hexe konnte nichts Geſcheidteres thun, als gerade heut die Ariſtokratin allein zu laſſen.“ Er ging am Wohnhauſe entlang und verſicherte ſich, daß die Laden vor Valeriens Fenſter geſchloſſen waren. Er bog um die Ecke und konnte dort in die Fenſter der Küche 94 ſehen— Margot war dort und er wußte, daß ſie gewöhn⸗ lich lange Zeit dablieb, jedenfals nicht den Flügel des Hau⸗ ſes betrat, in dem Valerie ſich befand. Haſtig und getrie⸗ ben von einer alle ſeine Sinne umfangenden Erregung trat er nun in die Hausflur. Er horchte. Nichts ließ ſich hören. Dann öffnete er eine Stubenthür, die in eine Art Salon, die Putzſtube Margot's, führte und hinter der un⸗ mittelbar die beiden Gemächer waren, welche Valerie mit ihrer Dienerin bewohnte. Baſile zögerte unwillkürlich, weiter zu gehen; es war ſeine beſſere Natur und Furcht, die noch einmal mit ſeinem ſinnlichen Paroxismus rangen. Der Kampf war kurz; Ba⸗ ſile ſchritt leiſe zur Thür, öffnete ſie, verſchloß ſie ſchnell von innen und ſtand nun bleich vor Aufregung, mit wie von Blut unterlaufenen Augen, den heißen Athem haſtig aus der Bruſt ſtoßend, der Marquiſe gegenüber. Bei dem plötzlichen und ungewohnten Oeffnen ihrer Thür war Valerie von ihrem Schreibtiſch aufgeſprungen; der Anblick Baſile's, das Abſchließen des Zimmers, ſeine ganze Erſcheinung hatte ſie mit Schreck erfüllt, und wie inſtinktartig hatte ſie ſich hinter den Tiſch geflüchtet. „Was wollt Ihr hier, Menſch?“ rief ſie aus und der Zorn blitzte aus ihren Augen.„Was hat das zu be⸗ deuten?“ Baſile lachte und ſchwankte auf den Tiſch zu.„Zu bedeuten?“ wiederholte er höhniſch.„Ich hab' Dich ſchon ſo oft des Nachts geſehen, Liebſte, und muß Dich dafuͤr doch bei Tag einmal küſſen.“ Er griff über den Tiſch feſt nach Valeriens Arm. Mit der Kraft der Entrüſtung, die ein beleidigtes Weib beſitzt, ſtieß ſie Baſile zurück.„Unverſchämter! Ihr ſeid betrunken!“ ſchrie ſie und ſtand noch immer da, zur Ge⸗ genwehr bereit. Baſile, ſchwer vom Weine, war in Folge des Stoßes, den Valerie gegen ſeine Bruſt geführt, zurückgetaumelt. Einen Augenblick lang ſtand er wie betäubt; dann aber drang er wüthend und ſeiner nicht mehr mächtig auf die Unglückliche ein. Wehren willſt Du Dich, Du Ariſto⸗ kratin?“ gurgelte er hervor.„Ich ſage Dir, ſei ganz ſtill— es kann Dich Niemand hören und ich denuncire Dich, wenn Du nicht ſchweigſt.“ Valerie, unfähig dem rohen Burſchen länger Wider⸗ ſtand zu leiſten, ſtürzte ſich auf das Fenſter, riß die La⸗ den auf, ſchlug mit der Hand die Scheibe ein und ſchrie laut und furchtbar hinaus:„Zu Hilfe! Hilfe!“ Mehr konnte ſie nicht hervorbringen. Baſile hatte ſie erreicht und zurückgeriſſen, mit einer Hand die Laden wieder zugeſtoßen, mit der andern ſein Opfer feſt um den Leib geklammert.„Hilfe!“ kreiſchte er.„Es hört Dich Keiner, ſag' ich Dir, und nun hab' ich Dich.“ Er ſchleifte ſie auf der Erde nach dem Sopha. Aber Valerie packte jetzt in der Verzweiflung mit der Hand, 96 welche in Folge des Zertrümmerns der Scheibe blutete, das Bein Baſile's und der Burſch verlor das Gleichge⸗ wicht. Ein wilder Fluch entfuhr ſeinen Lippen, denn er vermochte ſich aus der krampfhaften Umklammerung Va⸗ leriens trotz aller Anſtrengungen nicht loszumachen: ſie hielt ihn mit übermenſchlicher Kraft und ſchrie dabei un⸗ aufhörlich nach Hilfe. Baſtle ernüchterte ſich in dieſem Ringen, ſeine Begierde entfloh vor Angſt und Schreck; er ward plötzlich wie von Schwindel ergriffen; ſeine Hände, welche die Unglückliche niedergedrückt gehalten, fielen ſchlaff an ſeinen Körper zurück. „Ich thue Ihnen nichts,“ flüſterte er ängſtlich,„laſ⸗ ſen Sie mich gehen!“ Valerie achtete nicht darauf; ſie umſpannte jetzt mit beiden Händen den Fuß Baſile's und wie im Schraubſtock ward er darin feſtgehal ten. Baſile wurde immer ängſtlicher; die Reue bemäch⸗ tigte ſich des Burſchen und faſt bittend ſagte er: „Ich ſchwöre Ihnen, Mademoiſelle, daß ich gehe— laſſen Sie mich los, laſſen Sie mich fortl Valerie antwortete ihm nicht. „Um Gott, Mademoiſelle,“ beſchwor ſie Baſile von Neuem,„vergeben Sie mir, verzeihen Sie! Ich war ver⸗ blendet, wahnſinnig, betrunken— o, ich bereue, was ich gethan! O verzeihen Sie mir und laſſen Sie mich gehen, 97 ich flehe ſie an darum; nie ſoll ein Wort über meine Lippen kommen!“ Baſile quälte Todesangſt, denn Valerie ließ ihn nicht los. Sie lag noch immer auf dem Boden, die Hände verzweifelt um des Burſchen Bein geklammert, die Augen ſtarr und grauenerregend darauf gerichtet. Sie war bleich wie Marmor, ihre Lippen waren zuſammengepreßt, die Nüſtern ihrer Naſe waren weit geöffnet. Der Blick, den Baſile auf dieſes Antlitz warf, machte ihn erbeben, Thränen entſtürzten ſeinen Augen und er verſuchte ſanft das unglückliche Weib von ſich zurückzudrängen. „Erbarmen!“ ſagte er flehend,„Erbarmen! Fürchten Sie doch nichts mehr; erhören Sie mich! Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nie davon ſprechen werde und auch Sie werden ſtillſchweigen, nicht wahr? O ich bin ja jung und ich war meiner nicht mehr Herr! Ich liebte Sie, Made⸗ moiſelle— ich liebte Sie— ach Verzeihung, ich weiß ja, daß ich ſchlecht gehandelt habe“— In dieſem Angenblick wurden im Salon ſchnelle, ſchwere Schritte hörbar; Jemand verſuchte haſtig die Thür aufzuſtoßen. Valerie zitterte zuſammen.„Hilſe, Hilfe!“ ſchrie ſie aus voller Bruſt und jammervoll, und ihre Finger ſpann⸗ ten ſich noch krampfhafter um Baſile's Fuß. Der Burſch war halbtodt; kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn; ſeine Thränen verſiegten. So wollen Sie 1861. 44. Apoll von Byzanz. I. 7 98 mein Unglück?“ ſtieß er mühſam hervor, und Angſt und Wuth, Reue und Grimm ſprachen aus dieſen Worten. Ein Schlag krachte jetzt gegen die Thür, ein zweiter — das Schloß ſprang auf und Jean, noch die Mütze auf dem Kopf, ſtürzte mit Margot ins Zimmer. Sie ſtanden ſprachlos vor Erſtaunen bei dem Anblick, der ſich ihnen darbot. Endlich fragte Jean und trat mit zornfunkelnden Au⸗ gen zu Baſile, und packte ihn am Arm.„Was thuſt Du hier, Burſch? Was haſt Du gethan.“ Baſile ſchwieg, aber er blickte trotzig und grimmig auf ſeinen Herrn. Valerie regte ſich endlich. Als Margot, vom Schrecken bleich, ſie aufzurichten ſuchte, ließ ſie den Fuß Baſile's los und alle ihre Glieder ſchüttelten ſich plötzlich ſchlaff zuſammen. Lautlos, willig, wie gebrochen, ließ ſie ſich erheben und auf das Sopha geleiten. Hier ſtrömten dann mit einem Male Thränenfluten aus ihren Augen und ſie ſchluchzte furchtbar. Jean ahnte den Zuſammenhang der Dinge. Er war in Folge eines Straßentumults mit ſeinem Wagen nach Hauſe gekehrt, ohne den Markt erreicht zu haben, und ſo unerwartet nach Hauſe gekommen. Er fuhr gerade den breiten Fahrweg hinauf, als er den gellenden Hilferuf und das Klirren der Fenſterſcheibe vernahm. Verwundert und — — — — 99 erſchreckt war er darauf zu Margot und mit ihr in den Salon geeilt. Er hielt noch immer Baſile feſt am Arm und bohrte ſeinen Zornblick auf ihn. „Was haſt Du hier gethan?“ wiederholte er mit mühſ am bezähmter Wuth. Der Burſch ſchwieg noch immer. Valerie aber rich⸗ teete ſich auf, ihr Auge funkelte vor Entrüſtung und ſie rief: „Der Elende, er hat mich überfallen!“ Dann ſank ſie wieder kraftlos zurück und Margot bettete ihr Haupt in ihren Schooß und wickelte ihr Ta⸗ ſchentuch um die heſtig blutende, zerſchnittene Hand. Mit einem furchtbaren Stoß ſchleuderte Jean nach den Worten Valeriens den Burſchen gegen die Thür: „Fort mit Dir, Schurke,“ ſchrie er,„fort auf der Stelle, von Haus und Hof! Sei froh, daß ich Dir nicht noch die Knochen zerſchlage!“ Baſile warf einen wüthenden Blick auf ſeinen Herrn, einen zweiten, teufliſchen auf Valerie. Er hob ſeine Fauſt hoch auf und ſchüttelte ſie und röchelte die Worte hervor: „Das Stück hat noch nicht ausgeſpielt, Meiſter Und ſchnell war er hinaus; ein paar Minuten ſpäter mit einem Bündel auf dem Wege nach Paris. Jean war zur Marquiſe hingeſprungen, die unfähig nℳ 7 Jean 100 war, ein Wort hervorzubringen. Man fragte ſie auch nicht, ſondern legte ſie nieder und verband ihre Wunden, wuſch ihr Geſicht und ließ ſie dann ſchlummern. „O mein Gott,“ flüſterte Margot zu ihrem Manne, „was wird Herr von Chenier ſagen?“ „Es muß ſogleich eins hingehen,“ entggneie Jean und dann ſich in die Haare fahrend und die Mütze abſto⸗ ßend, uhr er fort:„Welch ein Wahnſinn dieſen Schurken erfaßt haben mag! Das Stück hat noch nicht ausgeſpielt — der Lump, ich will ihn traktiren! Aber die Dame muß fort von hier, ſo bald als möͤglich.“ „Sie iſt wie todt, Jean.“ „Glaub' s wohl, das arme Fräulein! Sie muß ſchreck⸗ lich mit ihm gerungen haben.“ Valerie ſeufzte und wachte auf. Lange blickte ſie ſich im Zimmer um und dann ſchauerte ſie zuſammen.„Meine Freunde,“ hauchte ſte—„Meiſter Jean, Sie retteten mich vor Schande, ach!“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit bei⸗ den Händen und weinte von Neuem. Einige Fragen Margot's ſetzten ſie und ihren Mann von Allem, was vorgefallen war, in Kenntniß.„Ich fürchte dieſen Menſchen,“ meinte dann Valerie,„ich ahne, er bringt mir noch mehr Unglück.“ „Daf ür laſſen Sie mich ſorgen, Madame,“ antwor⸗ tete Jean,„den Burſchen laß ich heut' noch auffangen— dumm genug, daß ich ihn fortgehen ließ. So weit iſt's 101 noch nicht, daß ſolche Schufte nicht unſchädlich gemacht werden können.“ Kaum mehr als eine Stunde war vergangen, ſeitdem Baſile das Haus verlaſſen. Margot und Jean wollten eben das Zimmer Valeriens verlaſſen, um die Leidende ein wenig ſich ſelbſt zu überlaſſen, als laute Männerſtim⸗ men vor dem Hauſe erſchallten. Jean riß den Laden auf und taumelte dann bleich zurück: „Polizeiagenten!“ murmelte er. „O mein Gott!“ ſchrie Margot und warf ſich an Valeriens Bruſt. Die Marquiſe allein behielt Faſſung. Die Agenten waren in den Salon gedrungen und traten jetzt in die offene Thür.„Das iſt ſie, die Ariſto⸗ kratin!“ ſchrie Jemand mitten unter ihnen und zeigte auf Valerie. Es war Baſile, der mit wildem Triumphblick ſein verzerrtes Geſicht auf Valerie und Jean richtete. Einer der Agenten ſchritt nun auf Valerie zu.„Iſt's ſo, wie der Bürger ſagt? Seid Ihr Ariſtokratin und lebt Ihr hier verſteckt?“ „Und wenn's wäre?“ rief jetzt Jean und trat zwi⸗ ſchen den Agenten und die Angeredete.„Was iſt da für Grund, mit Polizei zu kommen? Hat dieſe Dame etwas gegen den Staat verbrochen? Euch hat dieſer Elende da hergeführt, um ſich zu rächen. Ich hab' ihn vorhin fort⸗ 10²2 gejagt, den Hund, weil er dieſe Dame überfallen hat, um ſie zu ſchänden. Und Ihr wollt auf dieſen da hören?“ „Ich ſag' Euch, Bürger,“ ſchrie Beſile herüber,„es iſt ein guter Fang, den Ihr macht. 8' muß was d'ran ſein mit ihr!“. Der Agent wandte ſich von Neuem an Valerie: „Redet, Bürgerin, Ihr ſeid als Ariſtokratin denuncirt und verdächtig. Wie heißt Ihr?“ „Ich bin die Marquiſe Valerie Dupleſſis“ antwor⸗ tete ſie und warf ihren ſchönen Kopf ſtolz zurück. „Seht einmal!“ rief der Agent mit triumphirender Miene und wandte ſich an ſeine Begleiter.„So find' ich einen Vogel, den ich ſchon vor Monaten fangen wollte. Es iſt eine Verſchwörerin, die mit der Oeſterreicherin, die nun bald einen Kopf kürzer ſein wird, in Verbindung ge⸗ ſtanden hat, um Frankreich zu verrathen. Ah!“ höhnte er, „das macht ſich gut und wir haben nun bald eine Armee von Ariſtokraten zuſammen. Bürgerin,“ wandte er ſich dann zur Marguiſe„ich verhafte Euch im Namen des Geſetzes.“ Valerie blickte ruhig undmit tiefer Verachtung auf den Mann und ſeine Helfershelfer. Margot hielt ſie umſchlun⸗ gen, als wolle ſie die Freundin ſich nicht entreißen laſſen. Jean endlich bebte von Zorn und Grimm und ſtand noch immer zwiſchen dem Agenten und Valerie, bereit, Jeden, der Hand an ſie lege, niederzuſchlagen. 103 „Mein Gott, ſehen Sie denn nicht, daß dieſe Dame krank iſt?“ rief Margot endlich. „Wir ſind galant,“ entgegnete der Agent höhniſch, „ein Wagen erwartet uns und im Gefängniß bei regel⸗ mäßiger Koſt wird man bald geſund.“ Er wollte nach dem Arm der Marquiſe greifen; aber Jean ſtieß ihn heftig zurück.„Berühre Sie Niemand!“ drohte er und ſein Ausdruck war ſo grimmig, daß keiner von den Agenten vorzudringen wagte. „Bürger!“ ſagte endlich der Anführer der Polizei⸗ ſchaar.„Widerſetzt Euch nicht der Obrigkeit, ſonſt müßt auch Ihr uns folgen. Seid froh, wenn Euch nichts ge⸗ ſchieht, daß Ihr eine Ariſtokratin verborgen habt.“ „Der Mann hat nichts davon gewußt,“ fiel Valerie haſtig ein;„Ihr habt von ihm keine Rechenſchaft deshalb zu fordern. Ich folge Euch ohne Widerſtand; führt mich, wohin Ihr müßt.“ Jean wollte etwas entgegnen— „Laſſen Sie mich,“ rief Valerie, ehe er zu Worte ge⸗ kommen. Und ihm und Margot ihre Hände reichend, fuhr ſie fort:„Grüßen Sie Andreé! Er ſoll Muth haben und nichts Thörichtes beginnen. Das Gericht wird ja bald erkennen, daß ich ein Opfer der Bosheit bin. Lebt wohl, Freunde, und bleibt zurück! Denken Sie, Meiſter Collier, an Weib und Kind!!. 104 Sie ließ ſich ſchnell fortführen und warf keinen Blick zurück. Ein paar Minuten ſah ihr Jean mit einer Thräne im Auge und ergrimt intem Geſicht nach; dann ſagte er: „Da geht dieſer Hund mitten drinnen und ich kann ihn nicht zu B Boden ſchlagen! Stumm wie eine Memme muß ich es geſchehen laſſen, daß man dieſe Unglückli iche fortführt! O welch' eine Zeit, was iſt aus Frankreich worden!— Ich gehe jetzt zu Herrn von Chenier, Web; er muß ſeine Braut zu retten ſuchen.“ Schnell verließ er das Haus und den Garten. Vor ihm auf der Straße rollte der Wagen, in dem Valerie zwiſchen den Polizeiagenten ſaß. Achtes Kapitel. Doktor Maury. André Chenier war außer ſich über das, was er von Jean erfahren. In den bit terfe Worten klagte er ſein Geſchick an; in wilden Verwünſchungen erging ſich ſein Zorn und ſein Grimm über die Zuſtände Frankreichs, wel⸗ ches mehr und mehr ſeit der Gefantnahue des Königs die leidenſchaftliche Jacobinerpartei beherrſchte. Sein ſtolzer, harter Mannesſinn empörte ſich über die Schmach, das 105 Ideal ſeines Herzens, in Allem ein Muſter des Ariſtokra⸗ tiſchen, von gemeinen Frevlerhänden entweiht zu wiſſen, und der Schmach entriſſen, dann der Roheit zum Opfer gefallen zu ſehen. Und dabei der brennende Schmerz, das leidenſchaftliche Mitgefühl mit der Geliebten, die hinter dumpfen Mauern Tage der Qual und der Leiden verleben mußte, und daneben das Bewußtſein der Ohnmacht eines wilden Verlangens, das Kleinod ſeines Herzens der Ge⸗ walt und dem Kerker zu entreißen. Denn wohin er ſich auch gewandt, was er auch er⸗ ſonnen und gebrütet, die Marquiſe zu befreien, überall und immer hatte es ſich als eitel erwieſen. Sein Vater war Mitglied des früheren Ueberwachungsausſchußes ge⸗ weſen; André hatte gehofft, durch deſſen Vermittlung ſei⸗ nen Zweck zu erreichen. Aber der alte Herr von Chenier war froh geweſen, daß er Gelegenheit gefunden, auf die Ehre ſeines Amtes zu verzichten, und hatte ſich in die Ein⸗ ſamkeit der Umgegend von Paris zurückgezogen, in der ge⸗ heimen Abſicht, ſich gänzlich vergeſſen zu laſſen. Bei den Machthabern, bei Danton, dem Juſtizminiſter, bei Ma⸗ nuel und Robespierre, dem einflußreichſten Mitglied des diktatoriſch herrſchenden Gemeinderaths, war der alte Herr verdächtig und Andre geſtand ſich nach alledem ſelbſt, daß die Verwendung ſeines Vaters eher ſchaden als nützen konnte. Nicht viel mehr Erfolg war von den Anſtrengun⸗ gen ſeiner Freunde zu hoffen, nun auch ſein Bruder Marie⸗ 106 Jeſeph getraute ſich nur zu verſprechen, den Aufenthalt der Marquiſe zu erkunden, Nachricht von ihrem Befinden zu verſchaffen und einige Bequemlichkeiten und Erleichterun⸗ gen ihrer Lage zu erwirken. Mehr war auch ihm beim be⸗ ſten Willen nicht möglich. Denn es ſaßen hunderte von den vornehmſten und einflußreichſten Perſonen in den Gefängniſſen, ohne daß eine davon die Auszeichung genie⸗ ßen konnte, durch Protektion befreit zu werden. Der Ge⸗ meinderath war in dieſer Beziehung unbeſtechlich und auch des Volk wachte mit Leidenſchaft darüber, daß kein Ari⸗ ſtokrat ſeinem Gefängniß entzogen werde. Man hätte ſicherlich um ſein Leben geſpielt, wenn man die inneha⸗ bende Macht benutzt hätte, einen einzigen Kerker im Ge⸗ heim zu öffnen. 3 Die Nachrichten, welche denn André durch die Ver⸗ mittlung ſeines Bruders über Valerie erhielt, waren nicht geeignet, ſeine aufgeregten Gefühle nur in etwas zu beru⸗ higen. Die Geliebte war in der Salpetrière und außer⸗ ordentlich leidend, dhne jeden ärztlichen Beiſtand. Es war eine große Gunſt und nur dem Einfluß Marie⸗Joſeph Cheniers zu danken, daß man der Marquiſe eine beſondere und freundlichere Zelle gegeben und geſtattet hatte, ihr einen beſonderen Arzt ins Gefängniß zu ſenden. André warf ſich im Augenblick auf den Gedanken, durch dieſen Arzt einen Verkehr mit der Geliebten anzu⸗ knüpfen, durch ihn auf irgend eine Weiſe die Rettung Va⸗ 107 leriens zu ermöglichen. Es handelte ſich nur darum, einen Arzt zu finden, der einestheils den Gefängnißbeamten nicht verdächtig erſchien, anderentheils aber auch geſonnen war, ſich für die Gefangene mehr als oberflächlich zu intereſſi⸗ ren. André glaubte den richtigen Mann zu kennen: es war der Doktor Maury, zu dem er ſich begab. Doktor Maury war einer der berühmteſten Aerzte von Paris, ein Mann von etwa fünfzig Jahren und ſprich⸗ wörtlich gewordener Menſchenfreundlichkeit. So viel man wußte war er aus Bordeaux und erſt ſeit etwa fünfzehn Jahren in Paris. Unverheirathet, lebte er nur ſeiner Wiſ⸗ ſenſchaft; ſie war die Geliebte, die er mit Leidenſchaft pflegte und außer welcher nur noch die Wohlthätigkeit und Humanität von ihm gekannt zu ſein ſchien. Mindeſtens betraf Alles, was man von ihm erzählte, das Eine oder Andere davon. Tag ein Tag aus ſah man ihn zu ſeinen Kranken gehen, und der ſtattliche Herr in ſtets ſauberer Kleidung und mit einem gleichmäßig milden und ſinnenden Antlitz, war gewiſſermaßen eine typiſche Figur geworden. Bereitwilliger war dabei nie ein Arzt geweſen, wer immer und wann immer man ihn um ſeine Hilfe angeſprochen, er gab ſie und gern, mit dem Herzen. Kein Wunder, daß er überall der populärſte Arzt war und eine von den weni⸗ gen Perſonen dazumal, die nicht ins politiſche Parteige⸗ triebe gezogen wurde, deren Ruf genügte, ſie über den Lei⸗ denſchaften der Zeit zu halten. 108 André Chenier hat dem Arzte ſein Anliegen mitge⸗ theilt. Er hatte ihn gebeten, Tialech in die Salpetrière zu Valerie zu gehen und aus Mitleid mit ſeinem Schmerz und ihren Leiden, ihr die Brieſe heimlich zukommen zu laſſen, die er ihm mitgeben wolle.„Denn, Herr Doktor,“ fuhr er fort,„ich bin nicht geſonden, Ihnen ein Geheim⸗ niß daraus zu machen, daß ich dieſe Dame retten will. Sie iſt mir ziles und ich nichts ohne ſie. Wer mag es ſich nicht ern ären, daß der Schmerz i in ſolchen Lagen über den Mitteln brütet, das Theuerſte des Herzens zu retten? Werden Sie mich verſtehen, Herr Doktor? Kann ich auf Sie zählen?“ Maury ſah den aufgeregten Mann mit Theilnahme an und ſagte dann ſanft und lächelnd: „Der Wille ſoöut mir nicht. Aber, mein lieber Herr von Chenier, es iſt nicht ſo einfach, wie Sie denken, einem Gefangenen Briefe zuzuſtecken. Man wird mich beob⸗ achten— 4 „Sie? Man wird nicht daran denken?“ „Meinen Sie? Ach, in dieſer Zeit denken ſie an Alles, die Herren oben?“ „So werden Sie den Verſuch doch unternehmen kön⸗ nen! Setzen wir, im Fall es ſo ſein ſollte, wie Sie an⸗ nehmen, das Wort an die Stelle der Briefe.“ Der Arzt lächelte. „Und die Worte der Liebe in meinem Munde— ich 109 verſtehe Sie, ich verſtehe Sie,“ ſetzte Maury ernſter hinzu, als er bei Herrn von Chénier eine Bewegung der Unge⸗ duld erblickte.„Sie wollen mir Ihren Plan mittheilen. Welchen Plan haben Sie?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ entgegnete Andreé nieder⸗ geſchlagen. Der Arzt ging wie ſinnend, mit auf den Rücken ge⸗ legten Händen mehrere Male im Zimmer auf und ab. Endlich fragte er: „Sie haben mir noch nicht den Namen der Gefan⸗ genen genannt. Iſt das ein Geheimniß?“ „Keinesweges, Herr Doktor,“ entgegnete Andre, in⸗ dem er von ſeinem Sitz emporſchaute.„Die Dame iſt die Marquiſe Dupleſſis.“ „Dupleſſis?“ wiederholte Maury.„Ich habe nicht die Ehre, dieſe Familie näher zu kennen, das iſt Schade.“ Und der Arzt ſchüttelte mit dem Kopf, als ſchien er in der Verfolgung einer Idee geſtört zu ſein. „Und keine nächſten Verwandten?“ fuhr er nach einer Pauſe fort. „Ich glaube nicht,“ antwortete Chénier.„Sie iſ die Witwe des Herrn Dupleſſis, der nur noch Seiten verwandte gehabt hat, die ihm faſt fremd waren, ſo viel ich weiß. Auch die Gräfin Laplatisre ſcheint ohne Geſchwi⸗ ſter geweſen zu ſein, mindeſtens—“ „Die Gräfin Laplatiére?“ unterbrach ihn Maury, 3 8 110 der ſchon bei Nennung dieſes Namens geſtutzt hatte und nun in höchſtem Ernſt ſein leuchtendes Auge auf André geheftet hielt.„Die Gräfin Laplatiére. Verzeihen Sie, mein Herr, in welcher Verbindung ſteht die Gräfin La⸗ platisre zu der Marquiſe Dupleſſis?“ „In einer ſehr natürlichen,“ entgegnete André unbe⸗ fangen.„Die Marquiſe iſt die Tochter jener Gräfin.“ Dieſe Worte machten einen außerordentlichen Ein⸗ druck auf den Arzt. Ueberraſchung, Schreck, Furcht und Trauer drückten ſich in ſeinen Mienen aus und veränder⸗ ten wie durch Zauberſchlag das ſonſt ruhige, freundliche Antlitz. Eine heftige Erregung zeigte ſich in dem ganzen Weſen des ſonſt in ſo vollkommener Harmonie ſich bewe⸗ genden Mannes; er fuhr mit der Hand über ſeine Stirn und mit der anderen hielt er unwillkürlich das vom ſchwe⸗ ren, ſchnellen Schlag des Blutes geängſtigte Herz. André war aufgeſprungen, als er dieſe plötzliche und mächtige Verwandlung im Geſichte des Arztes be⸗ merkte. „Was iſt Ihnen, mein Gott?“ rief er beſtürzt aus. „Was fehlt Ihnen, Doktor Maury?“. „Die Marguiſe iſt die Tochter der Gräfin Lapla⸗ tiére?“ fragte Maury in höchſter Aufregung und als könne er noch immer dieſen Gedanken nicht faſſen.„Und ihr Name, mein Herr, der Taufname der Marquiſe?“ 111 „Valerie,“ entgegnete André mit geſteigerter Ver⸗ wunderung.. „Valerie!“ ſchrie der Arzt wie außer ſich.„Und die Gräfin Laplatière iſt aus dem Gascogne?“ „So iſt es; ich kannte ſie perſönlich, als ich Kind war; ſeit etwa zwei Jahren—“ Andre zögerte weiter zu ſprechen, denn Maury's Augen hingen mit einem ab⸗ ſchreckenden Ausdruck an ſeinen Lippen. „Seit etwa zwei Jahren?“ ſtieß der Arzt gepreßt hervor.„Reden Sie, um Gott, reden Sie!“ „Iſt die Gräfin todt,“ endigte André und beobachtete geſpannt den Doktor. Kaum war dies Wort gefallen, als Maury's Ant⸗ litz den großen Schmerz widerſpiegelte, der ſeine Seele zerreißen mußte.„Todt!“ murmelte er wie mechaniſch; dann ſtieg eine Thräne in ſein Auge und zerfloß darin, ohne herabzurieſeln. Er ſchwankte nach einem Fauteuil und ſetzte ſich dort nieder.„Und Valerie im Kerker!“ murmelte er. Dann deckte er ſein Geſicht mit beiden Hän⸗ den und eine lange Zeit ſaß er ſo da, ohne ſich zu regen. André empfand eine mächtige Theilnahme für den Mann, deſſen Gebrochenſein eine um ſo ſchmerzlichere Ver⸗ anlaſſung haben mußte, als er nie anders, denn in heite⸗ rer Ruhe, als ein Bild männlichen, ruhigen, zufriedenen Seelenlebens erſchienen war. Die beiden Namen und das Geſchick ihrer Träger mußten langvernarbte Errinerun⸗ 112 gen in dieſem Herzen wieder aufgeriſſen haben; ein Ge⸗ heimniß war hier vorhanden, zu dem Chenier mit all' ſeiner Phantaſie und Combinationsgabe keine Spur auf⸗ fand. Eine gewiſſe Unheimlichkeit und Aengſtlichkeit ver⸗ mochte er nicht zu unterdrücken. Werde ich den Zuſam⸗ menhang erfahren, dachte er, um mir dieſe merkwürdige Aufregung dieſes Mannes zu erklären? Wird die Ret⸗ tung Valeriens dadurch befördert oder erſchwert werden? Noch immer ſaß der Arzt in ſeinem ſtarren Schmerz verſunken. Endlich trat Chenier zu ihm hin und ſagte: „Ich bin in der peinlichſten Verlegenheit, Herr Dok⸗ tor. Es ſcheint, als wenn ich unbewußt eine traurige Er⸗ innerung in Ihnen aufgerufen habe. Ohne zu wagen, in dieſen heiligen Kreis Ihrer Empfindungen einzutreten— ſagen Sie mir ein Wort: Kann ich noch auf Sie zählen? Hat die Marquiſe Valerie in Ihnen einen Freund oder nicht?“ Der Arzt hatte ſich gefaßt.„Ob Sie auf mich zaͤh⸗ len können? Ob ich ein Freund der Marquiſe Valerie ſein will? O mein Herr, jetzt ſchwöre ich Ihnen, daß ich mein Herzblut opfern werde, um ſie zu retten!“ André ſah ihn fragend an. Der Doktor ergriff ſeine Hand, blickte mit ſeinen ſchönen, vom Schmerz umflor⸗ ten Augen zu ihm auf und fagte dann ruhig:„Rücken Sie einen Seſſel heran, Herr von Chenier, und ſetzen Sie ſich zu mir. Ich werde Ihnen ein groß' Stück meines Le⸗ 113 bens erzählen, und ich weiß, daß Sie ein Mann ſind, der es würdigen wird, daß ich zum erſten Mal vor Jeman⸗ dem meine Herzenswelt öffnen muß. Denn ich muß es, wie die Umſtände ſind, und die Nothwendigkeit zwingt mich zur vollſtändigen Offenherzigkeit. Eine neue Pauſe trat ein. Andre hatte ſich dicht ne⸗ ben den Arzt geſetzt und wartete geſpannt auf die Erzäh⸗ lung. Endlich begann Doktor Maury: „Im Jahre 1770 war ich ein junger Mann von ſechsundzwanzig Jahren und ſeit zwei Jahren ſchon Arzt in Bordeaux. Vom Hauſe aus hatte ich etwas Vermögen, und da das Glück mir wohl wollte, führte ich bald eine angenehme Exiſtenz. Es kam vielleicht hinzu, daß meine perſönlichen Eigenſchaften mich beliebt machten; genug, ich wurde ſchnell einer der geſuchteſten Aerzte und in vie⸗ len der beſten Familien heimiſch. Ich machte eine Reiſe durch das ſüdliche Frankreich und nahm meinen Rückweg durch Languedoc. Ein trüber Himmel war's, als ich Careaſſone mit meinem leichten Wagen verließ, um durch die herrliche Landſchaft zu fah⸗ ren, welche ſich von dieſer Stadt bis nach den Haide⸗ und Moorſtrecken, welche an der weſtlichen Grenze der Pro⸗ vinz in romantiſcher Abwechslung hinzieht. Ich pflegte immer allein zu reiſen, ſelbſt ohne Diener, um durch Nichts in der vollſtändigſten Freiheit meiner Bewegung gehindert zu ſein, denn ich liebe es nicht, ein Vergnügen, wie ein 1861. 44. Apoll von Byzanz, I. 8 114 Penſum abzuthun, ſondern dehne es gern aus, oder kürze es ab, oder verändere es, je nachdem es mir behagt. So fuhr ich langſam auf der Straße fort, ganz ver⸗ ſunken in dem Genuß der Landſchaft, welche durch den trüben Himmel und eine dicke, gedrückte Atmoſphäre den ſte erhöhenden Reiz einer ſanften Melancholie aufwies. Plötzlich ſah ich einen Diener in Livrée mir entgegen⸗ ſprengen; ſein Pferd trieft von Schweiß, und als er es kurz vor meinem Wagen mit einem Ruck anhält, bricht es plötzlich zuſammen. Ein wilder Fluch entfährt dem Die⸗ ner, der mühſam ſein Bein unter dem Leibe des Pferdes hervorzieht und ſich befühlte, ob er ein paar Knochen ge⸗ brochen habe. Ich war ſofort herausgeſprungen und hatte ihm hilfreiche Hand geleiſtet. „Reite ich das Pferd zu Tode,“ ſagte er zu mir, in⸗ dem er etwas beſtürzt auf das keuchende Roß blickte,„und erreiche nicht einmal den Arzt mehr!“ „Den Arzt?“ fragte ich. Und da ich ſeit Carcaſſonne außer Fußgängern und etlichen Bauernwagen Niemandem begegnet war, meinte ich, daß der Geſuchte jedenfalls dieſen Weg nicht eingeſchlagen haben könne. Ich erklärte ihm zugleich, daß ich ebenfalls Arzt ſei und gern im Noth⸗ fall, den ich annehmen mußte, die Stelle des nicht auf⸗ zufindenden Doktors verſehen wolle. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief der Diener.„Unſer Herr liegt im Sterben!“ Kaum vernahm ich dieſes Wort, als ich ſchnell in meinen Wagen ſprang und dem Diener neben mir Platz zu nehmen befahl. In ſcharfem Trab verfolgte ich nun den Weg, nachdem der Diener mir geſagt, daß es immer gerade aus, nach dem Schloſſe von Audrun, ginge. Un⸗ terwegs erfuhr ich die näheren Umſtände. Der Beſitzer des Schloſſes von Audrun, der Graf Horace von St. Montreuil, ein alter ehrwürdiger Herr, war ſeit mehreren Tagen ſchwer krank geweſen und man hatte den Arzt aus Carcaſſonne geholt, der zwei Nächte lang im Schloſſe gewohnt und den Kranken behandelt. Der Graf beſſerte ſich, und mit Widerwillen gegen alle Aerzte erfüllt, hatte er nach der anſcheinenden Rückkehr ſeiner Geſundheit nichts Eiligeres zu thun, als den Doktor wieder zu entlaſſen. Kaum war derſelbe aber eine Stunde fort, als ihn der Schlag rührte und der Diener von der beſtürzten Nichte den Befehl erhielt, dem Arzte nachzueilen, und ihn zurück zu bringen. Jedenfalls mußte dieſer einen anderen Weg eingeſchlagen haben, daß ihn der Abgeſandte nicht mehr erreichte. Nach anderthalb Stunden ſehr ſchneller Fahrt wa⸗ ren wir am Schloſſe. Eine allgemeine Verwirrung herrſchte daſelbſt und als man hörte, ich ſei Arzt, ſchob man mich ohne weitere Frage in das Zimmer, in dem der Graf auf dem Boden lag, über ihn gebeugt eine herrliche Mädchen⸗ geſtalt. Ich unterſuchte ſofort den Puls des Greiſes und 8*½ 116 ſchlug ihm die Ader; es war die höchſte Zeit geweſen, das Leben kehrte noch einmal langſam in ihm zurück. Mehrere Tage mußte ich im Schloß verweilen; man wollte mich nicht fortlaſſen und den früheren Arzt nicht wieder haben. Außer dem Grafen war nur noch ſeine Nichte im Schloſſe, und dieſes ſchöne, glutvolle Mädchen hatte noch am erſten Tagemein Herz gefangen. Ich fürch⸗ tete um ihretwillen den Tag der Abreiſe und war deßhalb, ich kann ſagen, froh, daß der Zuſtand des Graſen meine Anweſenheit noch immer dringend erheiſchte. Auch Lueile liebte mich und zwar mit Leidenſchaft, daß ſie bald zur Verrätherin ihrer Gefühle wurde und einen Bund zwi⸗ ſchen uns herbeiführte, den ſie und ich im übervollen Ju⸗ gendfeuer für die Ewigkeit zu halten gelobten. Es war etwas ſeltſam Contraſtirendes, in dieſem alten, düſteren Schloß eines ſchwer kranken, mit dem Tode ringenden Greiſes, dieſe leidenſchaftliche Liebe zwiſchen uns ſich im⸗ mer mehr entflammen und in Sehnſucht verzehren zu ſehen. Ein Monat war ſo vergangen, als der Graf von St. Montreuil an einem wiederholten Schlaganfall ſtarb. Nun kehrte auch in mir der ruhigere Verſtand zurück und ich fragte mich was aus mir werden ſolle, was aus der Liebe zu Lucile. Sie war die Tochter des Grafen Lapla⸗ tière, ihre Mutter war die Schweſter des Grafen gewe⸗ ſen und bereits todt. Konnte es möglich ſein, zu halten, was wir uns geſchworen hatten und konnte ich Lueile ver⸗ laſſen, nachdem ſie mir ihre Ehre, das Theuerſte was ſie beſaß, im ſtürmiſchen Feuer anvertraut hatte? Lueile entſchied. Sie wollte ſich nicht mehr von mir trennen und erklärte, ohne mich nicht leben zu können. Und auch ich war ſo übermannt von meiner Leidenſchaft, daß frei⸗ willig auf ſie zu verzichten ich nicht um den Preis des Le⸗ bens gethan hätte. Wir verließen daher nach der feierlichen Beiſetzung der Leiche des Grafen in der Gruft von Audrun das Schloß, um mitſammen nach Bordeaux zu fliehen. Lucile war ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren und ſelbſt⸗ ſtändig; dies und ihre Verſicherung, daß ihr Vater nie⸗ mals ſeine Einwilligung zu unſerer Ehe geben würde, be⸗ ſtimmte uns, dieſelbe ohne Vorwiſſen des Grafen zu ſchlie⸗ ßen und ihm dann mit der Bitte um Verzeihung dieſes Ereigniß mitzutheilen. Die Antwort war niederſchmet⸗ ternd. Der alte Graf, ein rauher Seemann und verdü⸗ ſtert durch ſeine Leiden, die ihn ans Bett feſſelten, ſtolz bis zum Uebertriebenen und unfähig, durch Bitten oder Gefühle von ſeinen ſtarren Grundſätzen etwas auf⸗ zugeben, enterbte ſeine Tochter und verbot ihr, ſeinen Na⸗ men zu tragen, ſich je zu erinnern, daß ſie ſein Kind ſei. Lucile hatte Alles vorausgeſehen und mir hundert⸗ mal dabei unter ſtürmiſchen Liebesbezeigungen erklärt, ſie gebe dies Alles hin um das Glück, mein Weib zu ſein. Und dennoch ſchien es mir, als ſei ſie nach dem Briefe X 118 ihres Vaters zerſtreuter und niedergedrückter geworden. Ich achtete dieſe Empfindung und ſchrieb ſie dem natürlichen Kampf der Pflicht mit der Liebe zu. Auch ward nach ein paar Wochen der Himmel unſeres Glücks wieder ſo rein, als zuvor, und als nun gar noch Lucile Mutter einer Toch⸗ ter wurde, ein Pfand unſerer Liebe da war, da ſchien an dem Beſtand unſeres Glückes nicht mehr zu zweifeln zu ſein. Wir lebten ſtill und traulich in meinem Hauſe an dem Ufer der Gironde; ich verſah meine ärztliche Praxis nach wie vor, und das Geheimniß meiner Ehe wurde ſo ſorgfältig bewahrt, daß die mir befreundetſten Familien nicht ahnten, Lucile ſei die Tochter des Grafen von Lapla⸗ tière und meine Frau wider den Willen ihres Vaters. Ich hatte alle Fragen nach ihrer Herkunft klug zu befriedigen gewußt.“ Doktor Maury ſchwieg einen Augenblick. André war auf's Höchſte geſpannt. „Sie werden es ſchon errathen, Herr von Chenier,“ fuhr der Doktor foxt,„daß dies Kind die jetzige Marquiſe Dupleſſis iſt. Hören Sie nun weiter das Ende dieſer Geſchichte. Drei Jahre waren ſo vergangen und friedlich und innig war unſer Leben geweſen. Lucile war das beſte Weib und liebte mich noch immer leidenſchaftlich; Valerie, je älter und klüger das Kind wurde, bildete die Krone un⸗ ſeres Glücks. Der Graf Laplatisre hatte nichts mehr von ſich hören laſſen und lebte, das wußten wir „noch im⸗ mer krank und unzugänglicher denn je auf ſeinem Schloſſe in der Gascogne. Eines Tages brachte ein Bote meiner Frau einen Brief. Ich pflegte ſie nie um etwas zu fragen, wenn es dergleichen anging, und ſie theilte mir Alles, was ſie em⸗ pfand und dachte, ſelber mit. Diesmal nicht. Sie er⸗ wähnte gegen mich nichts von dem Inhalt des Briefes, der gleichwohl, meiner Ahnung nach, wichtig geweſen ſein mußte. Ich ſchwieg und fragte nicht, aber ein erwachte ſeit dem Augenblick in meiner Bruſt, Mißtrauen das bei der Nahrung, die es fand, nicht wieder einſchlummerte. Denn Lucile wurde von jenem Tag an unruhig und nachſinnend, zuweilen bemerkte ich in ihrem Auge einen Ausdruck von Scheu, daß ich unwillkürlich mich verletzt fühlte. Mehr und mehr veränderte ſich die Frau; ſie ward einſilbig und gereizt, oft fuhr ſie herriſch auf, dann ließ ſie ſich wieder einen ganzen Tag nicht ſehen und wies mich kalt zurück, wenn ich ihr Zimmer betrat und mit einer mir faſt uner⸗ träglich werdenden Selbſtbeherrſchung ruhig und im alten Ton der Innigkeit ſie zu tröſten ſuchte, nach ihrem Kum⸗ mer fragte. Ein Jahr verging ſo, als abermals ein Brief von demſelben Boten meiner Frau übergeben wurde. Auch von dem Inhalt dieſes Schreibens ſetzte mich Lueile nicht in Kenntniß; dagegen ward ſie jetzt von Tag zu Tag käl⸗ —— 120 ter gegen mich. Nur gegen ihre Tochter war ſie gleich zärtlich; aber ich bemerkte, daß ſie das damals vierjährige Kind mir zu entfremden begann, daß ſie es immer in ihrem Zimmer hielt und faſt nur mit Widerſtreben es mir auf Augenblicke zu einem Kuß oder einer Liebkoſung überließ. Als ich einmal Valerie allein fand und ſie auf meinen Arm nahm, ſträubte ſich das Kind. Das Blut ſchoß mir vor Zorn ins Geſicht. „Warum machſt Du ſo, Valerie?“ fragte ich ſie, mühſam mich faſſend. „Mama hat geſagt,“ antwortete das Kind,„Sie paßten nicht für mich zum Vater.“ Als hätte mich ein Donnerſchlag getro ffen, ſo ſtand ich da. Ich ließ das Kind von meinen Armen gleiten und als es darauf mitleidig mich anblickte, mit Furcht untermiſcht, brach ich in Thränen aus. Ich ahnte, welch ein Wurm im Herzen meiner Frau nagte— was ich mir ſeit lange ſchon nicht zu geſtehen gewagt, es war wirklich ſo, daß Lueile bereute und ſich als die Gattin eines bürgerlichen Mannes unglücklich fühlte. Der Traum war aus, die Leidenſchaft verrauſcht. Ich ging Abends hinüber in das Zimmer meiner Frau. Meine Mienen mochten ihr ſagen, welch' ein Kampf in mir tobte. Sie ſah mich ſtolz und kalt an— nie, daß ich ſie ſo geſehen. „Lucile,“ ſagte ich zu ihr,„es iſt endlich Zeit, —— 121 uns zu erklären. Unſer Verhältniß kann ſo nicht ſort dauern.“ „Sie finden? entgegnete ſie ſchneidend. Ich zuckte zuſammen; noch hatte Lucile nie mich mit„Sie“ an⸗ geredet. „Sage mir offen,“ nahm ich wieder und ruhig das Wort;„ſage mir offen, was Dir fehlt. Ich bin kein Mann, der darauf ausging, Dich unglücklich zu machen, entſinne Dich deſſen.“ „Mein Herr,“ antwortete ſie und ſtand auf.„Ich weiß zu würdigen, was Sie ſagen. Es war eine Leiden⸗ ſchaft, die mich Ihnen in die Arme warf, die jetzt erkaltet iſt; ich bin unſchuldig daran. Was ich im Leichtſinn über⸗ ſah, das iſt die Schranke der Geburt, die uns trennt— ich dachte nicht daran, daß die Liebe nur zu bald der Ver⸗ nunft wieder unterthänig wird und das bittere Erwachen dem phantaſtiſchen Traume folgt. Ich habe einen langen ſchweren Kampf durchgemacht; er iſt zu Ende. Ich bin es meinem Stande ſchuldig, mein Herr, mich von Ihnen zu trennen, beſonders da mein Herz nicht mehr für Sie ſpricht.“ Es war eine ſchreckliche Verwirrung, die nach dieſen Worten in meiner Bruſt ausbrach, Zorn, Verachtung, em⸗ pörter Stolz und Mitleid rangen mit einander. „Sie ſcheinen,“ entgegnete ich endlich,„einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben. Sie haben nicht allein die Erkenntniß erhalten, daß Sie mich betrogen, daß Sie ei⸗ 122 nen grenzenloſen Leichtſinn trieben; Sie wiſſen auch, daß Ihre Motive arbärmlich ſind und das Heiligſte entweihen. „Was ſind das für Briefe, die Sie erhalten haben?“ fuhr ich ſtreng auf. „Sie enthalten den Schlüſſel zum Räthſel,“ ſagte ſie und langte die zwei Briefe aus ihrem Schreibtiſch her⸗ vor und gab ſie mir. Ich las ſie haſtig durch. Im erſten befahl ihr der Graf von Laplatisre, mich zu verlaſſen und zu ihm zurück zu kommen; dann wolle er ihr Alles verge⸗ ben. Im zweiten theilte er ihr mit, daß er das Ende ſei⸗ nes Lebens fühle und hoffe, daß ſie dem Befehle ihres Va⸗ ters Folge leiſten werde. Der Stolz des Ariſtokraten drückte ſich in beiden Schreiben aus und Lucile war ja doch die Tochter dieſes Mannes! Am Schluß des letzten Briefes ſagte der Graf noch, daß, in dem Fall ich mich der Abreiſe und ewigen Trennung widerſetzen würde, er für mich eine lettre de cachet habe, die mich ſofort und für immer in einen Kerker ſetzen könne. Ich wußte genug und konnte mich nicht enthalten, einen verächtlichen Blick auf die Frau zu werfen, die mit einer ſo grenzenloſen Rückſichtsloſigkeit erſt Alles für eine leichtſinnige Liebe, dann Alles für ein Vorurtheil opfern konnte. Ich gab ihr die Briefe zurück und ſagte: „Sie ſind frei, Madame, gehen Sie, wohin und wann Sie wollen. Mit meinem Wiſſen werde ich Ihnen nie wieder im Leben begegnen und Sie ſollen todt ſein für mich, fürchten Sie Nichts. Die lettre de cachet bleibt Ihnen auch noch,“ ſetzte ich ſchneidend hinzu. Ich ſah ſie erzittern und erröthen.„Und meine Toch⸗ ter,“ ergängte ſie endlich und ſichtlich mit mühſam be⸗ wahrter Faſſung. „Ihre Tochter?“ entgegnete ich ſchmerzlich. Auch die wollen Sie nehmen? O, Sie haben ja ſchon Ihr Herz dem Vater entfremdet— nehmen Sie auch Valerie mit ſich. Ich will aus dieſem Traum nichts behalten, als eine qualvolle Erinnerung. Auch ſoll Niemand in Bor⸗ deaux erfahren, was ſich zwiſchen uns zugetragen, verlaſ⸗ ſen Sie ſich darauf. Leben Sie denn wohl, Madame, und ſeien Sie glücklicher als bei mir— Sie haben mir Alles genommen und Alles vergiftet. Es ſchien mir, als wolle ſie mir die Hand geben. Unwillkürlich drehte ich mich noch kurz vor der Thür um: Lueile ſah mich tiefernſt an, wie Jemand, der ſeine Ge⸗ fühle mit Gewalt unterdrückt und der lang vorher berech⸗ neten Kataſtrophe eine ſtarre, eigenvolle Entſchloſſenheit entgegenſetzt; aber ihr Auge blieb kalt und feſt, ihre Lip⸗ pen bewegten ſich nicht, und ich ging ſtill und gebrochen hinaus, unfähig dieſe Umwandlung dieſes Charakters zu begreifen. Das iſt der Schluß dieſer Geſchichte, denn ich ſah Lucile nicht wieder und ebenſowenig meine Tochter Vale⸗ rie. Schon am andern Morgen reiſten Beide ab nach der 124 Gascogne auf das Schloß des Grafen von Laplatisre, Lucile ward wieder die Gräfin und ich wüßte nicht, daß ſie ſich je als die getrennte Gattin des Doktor Maury ir⸗ gendwo bezeichnet hätte. Ein Zufall ließ mich ein Jahr ſpäter erfahren, daß der Graf von Laplatièére geſtorben und Lueile Erbin ſeines Vermögens geworden ſei. Wmas mich betrifft, ſo verließ auch ich ein paar Tage ſpäter Bordeaux. Meinen Freunden ſagte ich, daß meine Frau in ein deutſches Bad gereiſt ſei und ich nach einer längeren Reiſe mich mit ihr wahrſcheinlich anderswo nie⸗ derlaſſen werde. Ich beſuchte England, Schweden und Deutſchland und kam dann nach Paris, wo ich ſeitdem blieb. Oft kam mir die Verſuchung nahe, mich nach mei⸗ nem Kinde zu erkundigen; doch ich hatte mir feſt vorge⸗ nommen gehabt, niemals dergleichen zu thun und ich be⸗ zwang mein Gefühl. Lange Jahre dauerte es, ehe die Wunde zu verharſchen begann; oft genug, daß ein frühe⸗ rer Bekannter mich nach Lucile fragte und mich zwang, ihn zu belügen und zu verſtehen zu geben, es walte ein Geheim⸗ niß darüber. Erſt ſeit zehn Jahren etwa bin ich ruhiger geworden und mein Gemüth hat eine gewiſſe Harmonie zurückerhalten. Auch kam in dieſer Zeit nichts vor, mich an das Unglück meines Lebens zu eſenean Ich gewöhnte mich daran, die Vergangenheit wie einen Traum zu betrachten, und wenn ich das Bild meines Kindes betrachtete, fühlte ich kaum noch Schmerz.“ 125 Maury zog bei dieſen Worten ein Medaillon unter ſeinem Gilet hervor, öffnete es und zeigte es André: „Das war Valerie, als ſie eben vier Jahre alt ge⸗ worden,“ ſagte er.„Erkennen Sie einen Zug davon in der Marquiſe Dupleſſis wieder. Andrè betrachtete das Bild, welches einen reizenden blondlockigen Kinderkopf vorſtellte. Die ſchönen dunklen Augen des Mädchens, ein feiner Zug um den Mund und beſonders ein kleiner brauner Fleck am Kinn waren unver⸗ kennbare Merkmale Valeriens geblieben. „Sie iſt es, ſie iſt es,“ rief Andrè aus und erhob ſich vor Erregung.„O mein theurer Herr Doktor, wie ſeltſam ſpielt oft der Himmel mit den Menſchen! Sieffin⸗ den Ihre Tochter wieder, um ſie vor der Grauſamkeit der Freiheitstyrannen zu retten!“ „Ich werde es, ich werde es,“ antwortete der Arzt, ſtand ebenfalls auf und verbarg das Medaillon wieder unter dem Gilet.„Das natürliche Recht, welches ich auf dieſes Weib beſitze, will ich mir noch einmal erwerben. Lucile iſt todt, jetzt bin ich wieder Vater meines Kindes!“ „Und was werden Sie thun, Herr Doktor?“ fragte André, deſſen Ungeduld nun in ſtärkerer Weiſe wieder hervorbrach.„Es iſt keine Zeit zu verlieren; ſchon drängt der abgehetzte Pöbel ſeine Machthaber, mit den Gefange⸗ nen kurzen Prozeß zu machen und die überfüllten Kerker für die immer neu herbeigeſchleppten Opfer zu leeren. 126 Ich fürchte dieſe Juſtiz mehr, als den Kerker, Doktor Maury.“ Der Arzt ging ſinnend auf und ab. „Sie iſt in der Salpetrière?“ fragte er endlich. „In einer Zelle zu ebener Erde,“ antwortete Chénier. „Wiſſen Sie nicht, wer der Gefängnißarzt iſt?“ „Es gibt keinen, ſeitdem man den Doktor Rollé ſel⸗ ber verhaftet hat. Man läßt, ſo viel ich gehört habe, in dringenden Fällen einen beliebigen Arzt holen.“ „Gut, Herr von Chonier, laſſen Sie mich zuerſt meine unglückliche Tochter ſehen— verſteht ſich, daß ich mich noch nicht ihr entdecke, denn ich bin ja ſeit lange ſchon todt für ſie!“ Er zeigte dabei ein wehmuthvolles Lächeln. „Kommen Sie morgen, Herr von Chenier,“ fuhr er dann fort,„morgen um dieſelbe Stunde, dann werde ich mei⸗ nen Plan gefaßt haben.“ Neuntes Kapitel. Die Septembermorde. Die Revolution hatte einen furchtbaren Schritt vor⸗ wärts gemacht. Oeſterreicher und Preußen drängten faſt überall die ſchnell zuſammengerafften, undisciplinirten und vielfach demoraliſirten Heere des republikaniſchen Frankreichs zu⸗ rück; ſchon rückten die Preußen über die Grenzen; die Fe⸗ ſtung Longory hatte in ſchmachvoller Weiſe capitulirt, Verdun war bereits bedroht. Schrecken und Zorn bemächtigte ſich angeſichts dieſer Gefahren der Machthaber in Paris. Ein wilder Patrio⸗ tismus flammte in faſt allen Kreiſen auf; die letzten Rück⸗ ſichten wurden durch die Angſt vor der entehrenden Be⸗ ſiegung und deren Folgen aufgegeben. Nur Ein Gedanke lebte in den Gemüthern der momentanen Chefs: um jeden Preis den Feind im weiteren Vorrücken aufzuhalten, ihm die geheime Hilfe der Ariſtrokraten, welche die Eroberung Frankreichs durch die Preußen als ein trauriges Mittelzu ihrem Zweck anſahen, abzuſchneiden. Vergniaud, ein Haupt der Girondiſten, beſtimmte die National⸗Verſammlnung, Jedem, der in einer belager⸗ ten Stadt von Uebergabe ſprechen würde, den Tod zur Strafe zu ſetzen. Danton, der allmächtige leidenſchaftliche Juſtizminiſter, bewirkte die Aufbietung des ganzen Volks in Waffen, die Verhaftung aller Verdächtigen, die Errich⸗ tung von ſtarken Lagern vor Paris. Er war es, der das Wort für die kommende Zeit erfand. Man müſſe den Feinden des Vaterlands Schrecken einjagen, ſagte er damals— weiter, als er gewollt und geglaubt, wurde ſein Wozt zur That. Der Gemeinderath von Paris war in permanenter 128 Sitzung: er beherrſchte Frankreich. In ihm ſaßen die Chefs der Jacobiner und eine Menge der exaltirteſten, roheſten Naturen. Neben ihm übte der Wachaueſchuß eine diktato⸗ riſche Macht aus. Angeſichts der Gefahr und der dagegen ergriffenen Maßregeln hatte man die Zahl ſeiner Mitglie⸗ der vermehrt; auch Marat ward gewählt. Dem Wachausſchuß wurde vornehmlich die Angele⸗ genheit der Hausſuchungen nach Waffen und Verdäch⸗ tigen übergeben, und man kann denken, mit welcher Ener⸗ gie derſelbe ſeiner Miſſion nachkam. Er ließ auf 48 Stun⸗ den ſämmtliche Barrieren ſchließen und mit Erbitterung alle Verdächtigen verhaften. Die Gefängniſſe waren über⸗ füllt, der Art, daß man ſelbſt die Macht der Verhaſteten zu fürchten begann und an eine Verſchwörung derſelben zum Umſturz der Republik glaubte. Dieſer Argwohn, mochte er nun gegründet ſein oder nicht, gab einigen der erbittertſten Revolutionaire in den Sektionen von Paris die entſetzliche Idee ein, alle in den Gefängniſſen befindlichen Verdächtigen, beſonders die Ari⸗ ſtokraten und widerſpänſtigen Prieſter umzubringen. Der Plan fand bei den Exaltirteſten ſeine Anhänger; die Be⸗ hoͤrden vernahmen davon, ohne daß ſie Schritte zu thun wagten, ihn zu vereiteln. Theilweiſe billigten ihre Mit⸗ glieder geheim oder auch laut den Mordplan; theils hoff⸗ ten ſie, er werde nicht verwirklicht werden; zum größten Theil aber ſtanden ſie dermaßen unter der Volksſouverai⸗ netät, daß ſie ſich gegen Exceſſe derſelben nicht zu wider⸗ ſetzen wagten. Ungehindert wurden daher von den Verſchworenen die Vorbereitungen getroffen. Man ließ alle in Schuld⸗ haft befindlichen, ſowie mehrere unſchuldige Gefangenen frei; man ſonderte die Gefangenen, die Verdächtigen wur⸗ den von correktionell Verhafteten getrennt; Maſſen von Stroh in die Gefängnißhöfe gebracht. So ward der Mord⸗ plan eine Art öffentliches Geheimniß, nicht anders als am Tage vor der Bartholomäusnacht. Die Motive, die damals dem Fanatismus zum Abſchlachten der Hugenotten dienten, wurden jetzt von den exaltirten Jacobinern für ihr blutiges Vorhaben adoptirt.. Am 1. September hörte man bereits den Pöbel jauchzen üͤber die Gräuel, die er auszuführen im Begriff war. Betrunkene Weiber ſchrieen es laut aus, daß man am andern Tage die Gefangenen morden werde. Es war an dieſem Tage geweſen, wo André Chenier zum Doktor Maury gekommen. Er, ebenſowenig wie der Arzt ahnten, daß das Verderben über die Gefangenen, alſo auch über Valerie, ſo ſchnell und ſo gewiß hereinbrechen ſollte. In jener Zeit ſich jagender Gerüchte, Pöbeldro⸗ hungen und aufgeregteſter, für Schreckbilder empfänglicher Phantaſie, waren beſonnenere Charakter dagegen ſchon ziemlich abgeſtumpft und gingen gleichgiltig an Vorfällen vorüber, die ſonſt ſehr ſtarke Gemüther in Spannung und 1861. 14. Apoll von Byzanz. I. 9 130 höchſte Erregung geſetzt haben würden. Wo die Möglich⸗ keit vorhanden iſt, daß Alles geſchehen kann, was ein er⸗ hitztes Gehirn ausbrütet, pflegt man der Logik ebenſowenig Fragen vorzulegen, wie man den Glauben an die Verwirk⸗ lichung der Gerüchte ſich zu bewahren vermag. Was Ché⸗ nier oder Maury wirklich von dem Anſchlag auf die Ge⸗ fangenen vernommen haben mochten, ging doch nicht über den Charakter jener zahlloſen Gerüchte und Drohungen hinaus, mit denen die Atmoſphäre von Paris erfüllt war. Am 2. September gewann Paris indeſſen ein be⸗ denkliches Anſehen. Die Revolution, die tagtäglich auf den Straßen ihre Stücke zab, trat diesmal in einer ern⸗ ſteren und unheilſchwangeren Weiſe hervor. Die Nach⸗ richt, daß Verdun belagert war, hatte die Beſonnenſten in heftigſte Erregung verſetzt. Manuel ließ die Bürger durch Lärmkanonen, Sturmglocke und Generalmarſch zu den Waffen rufen; eine Proklamation forderte Jeden auf, ſich zur Ergreifung der Waffen bereit zu halten. Kriege⸗ riſches Getümmel erfüllte die Straßen; die Nationalgarden zogen auf ihre Sammelplätze; der Pöbel durchſtrich mit Piken, betrunken, fanatiſirt, ſchreiend und ſingend die Straßen. Die Sektionen hilten Sitzung; die Behörden warteten erſchreckt und ſtumm der Dinge, die ſie ahnten. In der National⸗Verſammlung entſprach die Stimmung dem wilden Gewühl von Paris. Der leidenſchaftlichſte Patriotismus donnerte ſeine Reden von der Tribune; 131 Vergniaud ſchlug vor, Longwy die Stadt der Feigen zu nennen; zwölf Deputirte ſollten täglich zur Schanzarbeit vor Paris abgeordnet werden. Danton ſchrie mit ſeiner Machtſtimme:„Die Sturmglocke iſt nicht des Zeichen des Alarms, es iſt der Angriff auf die Feinde das Vater⸗ landes!“ Er wußte es wohl, welch' ein entſetzliches Ge⸗ richt ſich vorbereitete; Viele ahnten es und der Schrecken lähmte ſie—— oben ſaßen finſter und ſtumm die Mit⸗ glieder des Berges und regten ſich nicht. In demſelben Augenblick begann draußen das Mor⸗ den. Eine Rotte bewaffneten Pöbels, umringt von Wei⸗ bern und zahlloſem Volk, zog nach dem Gefängniß der Abtei. Maillard, der Blutmenſch, führte ſie und rief es laut und wild hinaus, daß nun die Stunde der Vaterlandsſeinde geſchlagen habe. Sechs Wagen mit Geiſtlichen, die man eben in die Kerker transportirte, begegneten den Mördern; man ſchmähte die Unglücklichen, und als Einer von ihnen darauf mit ſeinem Stock nach ſeinem Beſchimpfer ſchlug, fiel man wüthend über alle her und achtzehn erlagen unter den Streichen der Rotte. Nun drang man ins Thor der Abtei. Zwölf von der Rotte poſtirten ſich an der Pforte zu einem Gerichtshof: ſie ſaßen auf erhöhten Bänken hinter einem Tiſch, ließen ſich die Liſte der Gefangenen geben und dieſe nach einander vorführen. Die Unglücklichen wur⸗ den ihren Kerkern entriſſen, meiſt, um einen ſcheußlichen Tod zu erleiden. Fand ſich hin und wider Einer, der kei⸗ 9* 132 nen Anlaß zu Verdacht gab, ſo ließ man ihn unter dem Rufe:„Es lebe die Nation“ frei. Aber die Meiſten, Männer und Frauen, Prieſter nnd Greiſe, Alle vom Adel und vom einſtigen Hofe, vernahmen von Maillard, dem Richter, jenes ſchreckliche Wort:„Nach La Force!“ oder: „Man laſſe ihn laufen!“— Gräßliche Ironie, die das Opfer nicht verſtand; denn es war der Befehl zu ſeinem Mord. Man ließ dieſe Unglücklichen, die oft dem ſüßen Rauſch der Freiheit ſich hingaben, in den Hoftreten, über das Stroh gehen— dann fielen die Mörder mit Aexten und Piken, Keulen und Säbeln über ſie her, erſchlugen ſie mit der Wuth des rohen Fanatismns, mit thieriſcher Luſt noch ihre warmen Leichen zerfetzend, in gräßlicher Wolluſt die Schlächterei verlängernd, wenn in dieſen Scheuſalen die Sinnlichkeit ſich noch an ariſtokratiſchen Leibern zu ſättigen begehrte. Und blutig ward das Stroh und immer neue Opfer zog man in die Lachen; heroiſch gab ſich Man⸗ cher ſelbſt den Tod, ehe ihn die Bluthand des Mörders erfaßte— und das Volk ſah dieſem Henkerwerke zu, labte ſich daran und wehrte nicht dem entſetzlichen Würgen. Und die Glocken dröhnten und läuteten noch immer zum Sturm. Verlaſſen wir dieſe Stätte eines mordluſtigen Fana⸗ tismus, um uns nach dem Vater und dem Geliebten der Marquiſe Valerie Dupleſſis umzuſehen. Die Rettung Valeriens war heut ſchwerer denn jemals und nie, daß ſie 133 in größerer Gefahr geſchwebt. Nur zu ſehr hatte dieſe Ge⸗ wißheit die beiden Männer in Verzweiflung gebracht. Doktor Maury war am Morgen ins Gefängniß zu Valerie gekommen. Er hatte ſich am Eingange legitimirt und mit einer Zuvorkommenheit, die er nicht erwartet, war er vom Gefängnißwärter in die Zelle der Marquiſe geführt und mit ihr allein gelaſſen worden. Geſchah es aus Hoch⸗ achtung und Vertrauen für den berühmten Arzt, oder war man des Schickſals ſeiner Patientin ſo ſicher, daß man ſie nicht mehr zu beargwöhnen hatte? Maury fand die Marquiſe ſehr ſchwach und vom Fieber ergriffen. Ihr Antlitz hatte ſich ſeit den wenigen Tagen, die ſie im Kerker zugebracht, außerordentlich ver⸗ ändert. Es war bleich und abgehärmt; ein unendlicher Schmerz blickte aus ihren krankhaft glänzenden Augen— ſie war unſtreitig in ihrer Geſundheit auf's äußerſte zer⸗ rüttet.. Die Gefühle in Maury's Bruſt drohten ihn zu über⸗ wältigen; er ſah zum erſten Mal die wiedergefundene Toch⸗ ter vor ſich, gefangen, elend und in der Blüthe der Jugend vom Untergang bedroht. Er fand ſein Kind wieder und durfte ihm noch nicht ſagen, daß er ſein Vater ſei. Valerie hatte, nachdem ſich der Arzt zu erkennen ge⸗ geben, und ihr Grüße von Chénier gebracht, mit rückhalts⸗ loſem Vertrauen ihr Herz geöffnet. Der ſtattliche, ernſte Mann, in deſſen Zügen eine leiſe Wehmuth lag und deſſen 134 Augen unendlich liebevoll auf ſie blickten, erregte in ihr eine unerklärliche Sympathie. Sie erzählte ihm ihre Leiden, ſie fragte nach Andre, ſie weinte endlich, denn ſie fühlte den Drang in ſich, all' den lang in der eiſamen Haft ver⸗ haltenen Schmerz und Gram und Schrecken— als lin⸗ dernde Thränen zu entfeſſeln. Ihr ſtark nervöſer Zuſtand erregte die Beſorgniß Maury's; ſein Blick, noch geſchärft durch die Vaterliebe, erkannte ſogleich, daß er hier eine bis ins Innerſte erregte, zarte Natur vor ſich habe, deren Geſundheit nur in der Umgebung der Liebe, in ungeſtörter Ruhe und vor der geringſten Gemüthsaufwallung geſchützt, wiederherzuſtellen war. Ein ärztlicher Beiſtand konnte deshalb augenblicklich nicht aufgeboten werden; er mußte ſich begnügen, die Schnittwunden an der Hand Valeriens zu reinigen und zu verbinden und gegen das Fieber eine Arznei zu verſchreiben. Er empfahl der Unglücklichen Ge⸗ duld und Hoffnung und ſprach lange über Chenier mit ihr, ſie immer wieder verſichernd, daß es bald gelingen werde, ſte zu befreien. Er bereitete ſie dabei vor, daß es ſich er⸗ eignen könne, ihre Rettung unverhofft und durch Liſt oder Gewalt zu bewerkſtelligen, und daß ſie daher jedem ſol⸗ chen, vielleicht unvermuthet ausgeführten Beginnen vor⸗ ſichtig, aber auch muthvoll die Hand bieten müſſe; ihren Gemüthszuſtand in der Erwartung kräftigen ſolle, um im entſcheidenden Augenblick nicht durch Schreck oder Schwäche übermannt zu werden. Valerie richtete ſich ſichtlich durch 135 dieſe Empfehlungen des Arztes auf, und als er endlich von ihr ſcheed, reichte ſie ihm dankbar und mit Hoffnung in den Blicken ihre Hand. Maury hielt ſie lang in der ſei⸗ nigen und der Druck, den er empfand, trieb ſein Blut in das Herz. Er war nahe daran, dies junge leidende Weib an ſeine Bruſt zu ziehen und ihm zu ſagen, welches An⸗ recht er beſitze; aber er faßte ſich, küßte reſpektvoll die Hand Valeriens und verließ dann ihre Zelle. Als er in ſeine Wohnung zurückkam, erfüllt mit dem Gedanken, Valerie ſo ſchnell als möglich dem Kerker zu entziehen und unwillkürlich beunruhigt durch den Lärm auf den Straßen, die bewaffneten Pobelrotten, das Läuten der Sturmglocke und den unaufhörlichen Generalmarſch, fand er bereits André Chénier mit Jemandem ſeiner, und zwar in höchſter Ungeduld erwartend. 1 „Doktor,“ rief ihm André aufgeregt entgegen,„heut gilt's— wir retten ſie entweder, oder ſie wird gemordet!“ Beſtürzt blickte Maury auf Herrn von Chenier. „Wiſſen Sie denn nicht,“ fuhr dieſer fort,„daß die Jacobiner heut ihr Blutfeſt feiern wollen?“ „Ihr Blutfeſt?“ Was meinen Sie?“ „Sie haben doch die Banden auf den Straßen ge⸗ „Sie haben gehört, daß die Nationalgarden zuſam⸗ mengetrommelt werden— 136 „So reden Sie— was gibt's?“ fragte der Arzt in höchſter Unruhe. „Man will die Gefängniſſe leeren, Doktor; die Ge⸗ fangenen ſollen heut gemordet werden.“ 3 den„Unmöglich 1“ ſchrie Maury entſetzt.„Die Behör⸗ „Sind mit im Complott. Alles iſt vorbereitet, Dok⸗ tor, ich weiß es, und auch dieſer brave Mann hat es mit Beſtimmtheit gehört. Nun iſt keine Zeit zu verlieren, und Gott ſei Dankl daß der Plan zur Rettung fertig iſt.“ Maury ſah ſcharf auf den Begleiter André Cheniers. Es war Jean Collier, der ſeit dem Tage, wo Valerie ver⸗ haftet worden, unaufhörlich ſich mit Gedanken getragen, wie die Marquiſe zu befreien ſei. Er, der ſonſt nie in Pa⸗ ris war und am allerwenigſten die Clubbs beſuchte, hatte ſich in den letzten Tagen fortwährend in die Verſammlun⸗ gen der Jacobiner gedrängt und ſchon am Tage vorher die detaillirteſten Kenntniſſe über den Mordanſchlag erhalten. Der brave Mann faßte einen verzweifelten Entſchluß. Noch in der Nacht hatte er ſeine Leute zuſammengerufen und ſie durch eine leidenſchaftliche Rede für ſeine tollkühne Idee gewonnen. Dieſe wackeren Arbeiter im Garten Meiſter Colliers, mit den Taglöhnern wohl an zwanzig Mann, lauter ruhige und wenig mit der Politik ſich be⸗ ſchäftigende Leute, hatten ihrem Meiſter verſprochen, ſich als eine ſcheinbare Mörderbande unter ſeine Führung zu 137 ſtellen, um ſo ins Gefängniß der Salpetridre zu dringen, die Kerker zu öffnen und während des vorauszuſehenden Tumults die Marquiſe in Sicherheit zu bringen. Am Morgen war Jean alsdann zu Chénier gekommen, um ihn in ſeinen Plan einzuweihen, und Andre, zuerſt erſchrocken über das waghalſige Unternehmen, hatte dem Gärtner dankbar zugeſtimmt, als ſich ihm die Ueberzeugung auf⸗ drängte, daß unter den Umſtänden kaum etwas Anderes zur Rettung Valeriens unternommen werden könnte. „Der Doktor hörte der Auseinanderſetzung dieſes Planes mit einer ſchnell zurückgekehrten Ruhe zu. Auch er wußte nichts Anderes dagegen zu ſagen, als daß man die Gefährlichkeit des Unternehmens, wobei man das Le⸗ ben aufs Spiel ſetze, nicht überſehen und Alles nochmals reiflich überlegen möge. Sowie dies bei der Aufregung der Perſonen möglich war, kam man auch der Mahnung des Arztes nach. Noch einmal wurden alle Umſtände ge⸗ nau erwogen, Jean mit den Ortsverhältniſſen bekannter gemacht, die Schritte nach dem geglückten Unternehmen erwogen. André Chenier hatte ſchon gegen Jean ſeinen Entſchluß kund gegeben, ſich verkleidet mit an die Spitze der Schaar zu ſtellen, und er ließ ſich auch jetzt trotz eini⸗ ger Vorſtellungen Jeans nicht davon abbringen. Maury ſeinerſeits wollte den Transport Valeriens vom Gefäng⸗ niß nach ſeiner Wohnung beſorgen. Er hatte in Kürze ſeine Zuſammenkunft mit der Marquiſe, ihre Krankheit 138 und Stimmung geſchildert, und hoffte, daß ſie in Folge ſeiner Worte wohl jetzt ſchon genug vorbereitet ſein werde, um bei dem vorausſichtlichen Wirrwar ihren Muth auf⸗ recht zu erhalten. Er verſprach in der Nähe des Gefäng⸗ niſſes einen Wagen mit guten Pferden aufzuſtellen. Sein Diener, ein langer, hagerer Burſche, Namens Gilbert, eine ein ache, aber außerordentlich willige Natur, ſollte die Führung des Wagens übernehmen. Als André und der Gärtner den Doktor darauf ver⸗ ließen, gingen ſie ſchnell durch das tobende Gewühl auf den Straßen nach dem Garten Jeans. Die Leute hatten ſich dort bereits für die Unternehmung ausgerüſtet; faſt alle hatten ihr Geſicht geſchwärzt, waren mit Beilen und Piken bewaffnet und ſahen in ihren Bloufen wild genug aus, um für eine jener Banden zu gelten, die in Paris bereits mit blutdürſtigem Geheul vach ihren Opfern aus⸗ zogen. Jean war im Nu mit ſeinem Umzug fertig; Mar⸗ got ſelbſt, mit Angſt in den Zügen und dennoch mit Wor⸗ ten ihn lobend und ermunternd, half ihm dabei. Auch Chenier warf ſich in Arbeiterkleidung, ſchwärzte ſein Ge⸗ ſicht und bewaffnete ſich wie Jean mit einem Säbel. So zog dieſe Schaar kräftiger Männer endlich aus, um ihr tollkühnes Unternehmen zu vollführen. Jemehr ſie ſich dem Innern der Stadt nahten, um ſo wilder bot ſich ihnen die Phyſiognomie der Straßen dar. Nationalgarden ſtanden hier und da verſammelt, ohne einen Befehl zum Einſchreiten gegen die Exeeſſe, die vor ihren Augen geſchehen, zu erhalten. Lärmend zogen die Volkshaufen auf und nieder; auf einzelnen Peken ſah man die Köpfe Gemordeter, andere zerrten wieder noch lebende Opfer mit ſich, die dann unter Schlägen und Sti⸗ chen ihren Tod fanden, geviertheilt von der Wuth des Pö⸗ bels, nackt und geſchandet, in Stücken zerriſſen, auf der Straße liegen blieben, bis andere Pöbelhaufen kamen, um noch an dieſen blutigen Gliedern ihre entſetzliche Rohheit unter wildem Gelächter auszulaſſen. „Fort, fort!“ rief André den Leuten zu;„das Mor⸗ den hat ſchon um ſich gegriffen. Vielleicht iſt's ſchon zu ſpät!“ Die Bande ſchritt im düſteren Schweigen haſtig durch die Volkshaufen. Unerkannt und wähnend, mit einer der gedungenen Rotte zu thun zu haben, die ihrem beſtimmten Ziele nachgehe, jubelte man ihnen zu und ſchrie ſie trium⸗ phirend als die Befreier des Vaterlandes aus. „Platz da vor den Rächern!“ hieß es, und die Volks⸗ haufen theilten ſich, um der Schaar Durchzug zu gewäh⸗ ren. Aber man klammerte ſich auch an ihnen feſt. Immer dichtere Maſſen umringten ſie und zogen mit ihnen unter Vivatgeſchrei und wildem Gejauchze. Ein Trupp ent⸗ menſchter Weiber rangirte ſich vor ihnen, und mit ihren heiſeren Kehlen freche Lieder brüllend, ſchwangen ſie die Kleidungsſtücke in der Luft, die ſie von den Leichnamen gemordeter Frauen abgeriſſen. 140 „He! Hohe! Seht hier ein Stück von der Ariſtokra⸗ tin Lamballe!“ ſchrieen ſie.„Sie hat keine feinen Unter⸗ röcke mehr— Hohe! Nackt iſt ſie wie das Volk!“ Auch Pikenträger drängten ſich heran, um an dem bevorſtehenden Morden Antheil zu nehmen. Mit Angſt und verhaltener Wuth ſahen André und Jean ihr Häuflein zu einer immer ſtärker werdenden wirklichen Mörderrotte anſchwellen. „Wie werden wir mit dieſen Banditen fertig wer⸗ den?“ flüſterte André dem Gärtner zu. „Nur ruhig, Herr,“ antwortete dieſer,„wir heulen mit den Wölfen— erſt laſſen Sie uns nur an der Sal⸗ petriére ſein— ſchon wird es dunkel, und dies verfluchte Geſindel hält uns auf, bis es zu ſpät iſt.“ Ein Trupp Nationalgarden kam ihnen jetzt entgegen. Vorauf ritten Billaud⸗Varennes und Manuel. Vivatge⸗ ſchrei ertönte ihnen entgegen. „Nieder mit den Feinden des Volks! Es lebe die Nationalgarde!“ „Bravo, Bürger!“ ſchrie Manuel.„Wir werden die Ordnung aufrecht erhalten, fürchtet Nichts.“ Auf dieſe wahrhaft ſataniſchen Worte folgte ein wieherndes Geheul der Menge. „Es geht vortrefflich, Bürger,“ rief nun auch Bil⸗ laud⸗Varennes mit rohem Gelächter herunter.„In der Abtei hat man bald reinen Tiſch gemacht, und ſchon ſind die Patrioten bei den Carmelitern, im Chatelet und in La Force! Viel Arbeit gibt's noch; aber das Vaterland wird ſeinen Dank votiren.“ „Vefluchter Schurke,“ murmelte Jean zwiſchen den Zähnen;„ich möcht' Dich herunter hauen können von Deinem Gaul!“ Dann aber mit wilder Gebärde vortre⸗ tend, ſagte er zu Billaud⸗Varennes: „Wie iſt's in der Salpetriére, Bürger?“ „In dieſem Frauenneſt?“ entgegnete der Jaeobiner⸗ chef.„O, da hat's noch Zeit— die entgehen uns nicht. Das iſt nach der Arbeit ein Genuß für die braven Pa⸗ trioten!“ 3 „Wir gehen hin, Bürger,“ meinte Jean weiter, die Bruſt erleichtert habend, als er gehört, daß in der Sal⸗ petrière die Schlächterei noch nicht begonnen. „So macht's nur ordentlich, und habt mit den hübſchen Geſichtern kein Mitleid!“ Damit ritt Billaud weiter, ge⸗ folgt von Manuel und den Nationalgarden, begleitet von dem Jubelgebrüll des Volks. „Es leben die Patrioten! Nieder mit den Ariſto⸗ kraten!“ 4 „Nun ſchnell vorwärts,“ flüſterte André zu Jean; „dieſe hölliſche Comödie wird mir unerträglich.“ „Es hilft nichts, Herr,“ verſetzte Jean,„verrathen Sie nur Nichts, ſonſt ſind wir Alle verloren.“ Der Zug ging weiter. Die Menge drängte ſich um 142 ihn; die Arbeiter Jeans mußten wohl oder übel mit den zahlreichen Pikenträgern fraterniſiren, die ohne weitere Einladung an der„Arbeit“ Theil nehmen wollten. Es war eine ſchreckliche Situation und jeden Augenblick konnte man erwarten, daß ein Zwiſchenfall den Plan durchkreuze oder ein Zufall André Chenier verrathe. Zum Glück gab die hereingebrochene Dunkelheit gegen das letztere einige Sicherheit. Man kam der Salpetrisre nahe, als vom entgegen⸗ geſetzten Ende ein anderer Trupp Pikenträger und Bewaff⸗ neter, gleichfalls umringt von lärmendem Volk, das Thor des Gefängniſſes bereits erreichte. „Mein Gott!“ rief André Chenier außer ſich.„Das iſt die wahre Mordbande!“ „Kinder,“ flüſterte Jean ſeinen Leuten zu,„haltet Euch feſt zuſammen und an uns und kehrt Euch an nichts Anderes. Vorwärts jetzt!“ „Sie hatten im Nu das Gefängniß erreicht; das Thor öffnete ſich eben, um die Mörder einzulaſſen; das Volk drängte wild lärmend hinter her. „Hier iſt noch friſches Wild,“ ſchrie Einer aus der eindringenden Rotte:„In La Force gibt's für uns nichts mehr zu thun, da ſind ſchon Patrioten genug. Paßt auf, Bürger, Ihr könnt gleich Kegelſchieben mit den hübſchen Weiberköpfen der Ariſtokratenbrut!“ Jean zuckte beim Ton dieſer Stimme jäh zuſammen. 14³3 Er hielt André Chénier am Arme zurück und murmelte ihm entſetzt zu: „Das iſt Baſile— laſſen Sie uns den Mördern um jeden Preis zuvorkommen!“ André warf einen flammenden Blick der Wuth nach der Rotte hinüber, die jetzt ſchon in den Hof der Salpe⸗ trière drang und von dem ihr entgegenkommenden Geſäng⸗ nißinſpektor die Schlüſſel zu den Kerkern verlangte. Im erſten Augenblicke faßte André krampfhaft den Griff ſei⸗ nes Säbels und wollte auf Baſile, den Urheber ſeines Un⸗ glücks, losſtürzen; aber der Ort, wo er ſich befand und der Zweck, zu dem er das Wagniß unternommen, riefen ſchnell ſeine Beſonnenheit zurück. Nur das Kleinod ſeines Lebens retten, nur Valerie befreien, alles Andere mußte an Intereſſe in dieſem Moment weit dahinter zurückſtehen. Der Kaſtellan brachte eben zitternd die Schlüſſel zu den verſchiedenen Sälen, in denen ſich die Mehrzahl der Verhafteten befand. Lärmend und unter wildem Triumph⸗ geſchrei ſtürzte die Mörderbande, der auch Baſile zuge⸗ hörte, in das geöffnete Hauptthor. Das fahle Licht der Laternen erhellte nur ſchwach das Innere des Gebäudes und den von hohen Mauern umgebenen Hof, auf dem in rohem Geheul der Pöbel durcheinander wogte, fieberhaft den Augenblick erwartend, wo der Anblick der erſten Opfer ſeine diaboliſche Neugier befriedigen würde. Dicht hinter der Mörderbande waren auch Chenier und Meiſter Collier mit ſeinen braven Leuten in das Thor gedrungen; der Umſtand, daß Valerie eine beſondere Zelle in demjenigen Flügel der Salpetrisre inne hatte, der dem die Säle enthaltenden entgegengeſetzt lag, ließ vermuthen, daß die Rettung Valeriens ohne Störung bewerkſtelligt werden würde. Ein Verdacht gegen ſie hatte ſich noch nir⸗ gends ſpüren laſſen; das unſichere Laternenlicht, die thie⸗ riſche Wuth der Mörder, welche die ſchwarze Schaar wahr⸗ ſcheinlich für die beorderten Exekutoren hielt, während ſie ſelber ohne Auftrag hier ihre Mordluſt zu befriedigen ſuchten; der Reſpekt, mit dem der Pöbel dieſer ſtummen, unheimlich vorwärts ſchreitenden Bande auswich, zeigte genugſam, daß Alles über Erwarten günſtig ſtand. Kommt,“ flüſterte André auf dem breiten Corridor 1 1/ 4 3 21 4 ſeinem Trupp zu;„folgt mir und kümmert Euch um nichts weiter!“ Vertraut mit der Lokalität, ſchritt er ſchnell einen Seitengang hinauf, einer Zelle faſt am Ende desſelben zu. Kein Gefängnißwärter befand ſich hier: ſie waren auf der andern Seite, um die Säle zu offnen, theils hatten ſie ſich gänzlich der Mitwirkung bei den bevorſtehenden Gräuel⸗ ſcenen entzogen. Der Gang war ganz finſter; nur vom Hauptcorridor fiel das fahle Licht der Laterne und bald darauf das flackernde von Fackeln herein, welche die Mord⸗ bande angebrannt hatte. Wirr und dumpf drang wildes Geſchrei herüber— das planloſe, viehiſche Morden mußte begonnen haben. Mit wenigen, aber gewichtigen Streichen war die Thür der Zelle erbrochen. In dem Dunkel des kleinen Gemaches bemerkte man nicht eine Frauengeſtalt, die am Ende ihres Bettes kniete und Gebete murmelte. „Valerie!“ rief André und ſtürmte hinein.„Valerie! Geliebte! Ich rette Dich!“ Er bemerkte die Geſtalt; er ſtürzte auf ſie los, zog ſie empor— ſie war es, die Geliebte, die bei dem Ton ſeiner Stimme ihr Leben zurückſtrömen gefühlt. Mit dem Ausdruck übermenſchlichen Glückes, einem furchtbaren Schrecken plötzlich entſtiegen, warf ſie ſich an ſeine Bruſt. „O André! André!“ rief ſie, ihre Arme feſt und wild um ſeinen Nacken ſchlingend, als wollte ſie den Retter ihres Lebens nie wieder von ſich laſſen. „Nur fort, fort!“ mahnte André in fliegender Haſt und zog Valerie aus der Zelle.„Hier iſt Jean mit ſeinen Leuten— nur Muth, Theure, und Du biſt gerettet.“ „O ich habe Muth, André!“ antwortete ſie und trat hinaus auf den Corridor unter die ſehwarzen Geſellen. Jean warf ihr mit einigen erklärenden Worten eine Blouſe über und ſtülpte eine Mütze, die tief ihr Geſicht beſchattete, auf ihr Haupt. Inmitten der Männer und auf einen oberflächlichen Blick war es unmöglich, ihr Ge⸗ ſchlecht zu erkennen. 1861. 14. Apoll von Byzanz. I. 10 Eben wollte man ſich wieder nach dem Ausgange in Bewegung ſetzen, als einige der Mordgeſellen mit Fackel⸗ trägern in den Seitencorridor ſtürmten, um ihren beſonde⸗ ren Genuß bei den Gefangenen in den Zellen zu ſuchen. Mit nackten, blutigen Armen ſchwangen ſie die Aexte und Beile in der Luft; die erſten Thüren krachten unter ihren Schlägen. Aus dem Hauptgange herüber tönten Hilfe⸗ geſchrei und Klagerufe; man ſah verzweifelnde Weiber ſchreiend vorüberfliehen, andere an ihren Kleidern ergrif⸗ fen fortgeſchleift und unter den mitleidsloſen Schlägen der Mörder ihr Leben verenden. Dazwiſchen die entſetz⸗ liche Lache der Mörder, ihr wildes Fluchen und rohes Ge⸗ ſpött, wenn ſie eins der unglücklichen Opfer mit ihren Hän⸗ den ſchändeten, ihr Wuthgebrüll, wenn ein heroiſches Weib, ein entſchloſſener Mann vor dem Martertode ſein Daſein durch einen glücklichen Dolchſtoß abkürzte. Zuweilen er⸗ hob ſich dieſer verzweifelte Heroismus bis zur Gegenwehr; einzelne der Mörder waren ſchwer verwundet, ein paar la⸗ gen todt auf gemordeten Frauen, deren Hände feſt um den Hals der Wüthriche geklemmt und dort im Todeskrampf erſtarrt waren. Es war ein grauenvoller Anblick und Entſetzen und Schreck bannten mehrere Minuten lang die verkappten Gärtner vor der Zelle Valeriens. Vor ihren Augen würgte man bereits einzelne Opfer, die aus den erbrochenen Zel⸗ len geſchleift waren, ab; das Blut floß über die Steine 147 des Fußbodens bis zu den Füßen André Cheniers, der Va⸗ lerie feſt unter den Arm genommen hatte, um ſie zu ſtützen und zu ſchützen. Wenige Schritte vor ihnen ſah André das verzerrte Geſicht Baſile's, der mit der lodernden Fak⸗ kel in der Hand bald in die Zellen, bald zu der Schlächte⸗ rei leuchtete. „Nur Muth!“ rief endlich André leiſe.„Wir müſ⸗ ſen durch dieſe Gräuel, es hilft nichts. Nicht Einen kön⸗ nen wir mehr retten, ohne uns ſelbſt zu verderben.“ Die Gärtner, in ihrer Mitte André mit Valerie, worauf Meiſter Collier, rückten entſchloſſen dem Haupt⸗ eorridor zu, von wo eine donnernde Stimme herübertönte: „Patrioten!“ rief ſie,„man wird ein Gericht ein⸗ ſetzen— haltet ein! Räumt das Haus, im Namen der Freiheit!”* „Es lebe Danton! Nieder mit den Volksfeinden!“ ſchallte dazwiſchen vom Hof wie vom Corridor. „Ah, Bürger!“ rief die gewaltige Stimme wieder. „Willſt Du Kinder morden? Laß' ſie los und gehe hin⸗ aus— ich ſage Dir, auch über dieſe junge Brut ſoll das Geſetz richten!“ 8 Und wieder tönte dazwiſchen das Vivatgeſchrei aus hunderten von Kehlen; man ſah ganz deutlich den Haupt⸗ gang ſich leeren, das Hilfegeſchrei und gellende Wuth⸗ geheul verſtummte; das Morden mußte plötzlich aufgehört haben. 108 148 „Da iſt Danton?“ flüſterte Chénier.„Was will er hier? Will er als Juſtizminiſter zuſehen, wie man Unſchuldige abwürgt? Oder iſt er da, um Ordnung zu ſchaffen? Er hatte die letzten Worte vor ſich hingemurmelt und ſtrengte ſich an, nach dem Haupteorridor hinüber zu ſehen. Die einzelnen Mörder, welche in den Zellen gewüthet hat⸗ ten, ſchickten ſich an, Danton Folge zu leiſten. Sie hörten auf mit ihrem entſetzlichen Würgen; der Einfluß Dantons auf dieſe Naturen, welche kaum zu bändigen ſchienen, zeigte ſich hier in erſtaunlicher Weiſe. Sie kamen, blutig wie ſie waren, mit dem Gärtnertrupp zuſammen, und da ſie noch immer keinen Verdacht geſchöpft, behandelten ſie ſte wie ihresgleichen. Sie fluchten und lachten wild, und Jean ſpielte die gräßliche Rolle mit einer heroiſchen Kalt⸗ blütigkeit. „Schad',“ ſagte er zu einem der Mörder, der ſich eben gerühmt, mit einem einzigen Beilhieb eine alte Frau in der Zelle erſchlagen zu haben;„ſchad', daß Danton gerade zukommen mußte und das Geſchäft ſtört. Wir wollten eben mit Euch reden, ob wir nicht lieber anders⸗ wo den Boden von dieſer Brut reinigen ſollten, als hier, wo nur kreiſchende Weibsbilder ſind, die uns am Ende das Vaterland nicht verderben köoͤnnen, wenn wir ſie gut einſperren.“ „So?“ grinſte der Unmenſch.„Meinſt Du? Nun ——O—Q—Q—Q·OSOO—— ——— 149 wenn auch— ich ſag' Dir, das iſt ein Genuß, ſo über die Weiber zu fallen und ihnen den Garaus zu machen. Da ſieht man ſo recht, daß die Ariſtokraten nicht beſſeres Fleiſch haben, wie unſereins— da habt ihr das Bein ſo einer Canaille, das ich ihr aus dem Bauch geriſſen— ſeht's Euch einmal an!“ Dabei hob der wilde Geſell ein blutiges Frauenbein mit einem langen ſeidenen Strumpf bekleidet, empor und warf es mitten in den Knäuel. Es fiel auf Valeriens Kopf und riß ihr die Mütze herab. Ein gellender Schrei tönte aus der Bruſt des erſchreckten Weibes, während der Mörder mit ſeinen Genoſſen laut und roh lachend nach dem Hof ſich hindrängte. 3 Aber dieſer Schrei hatte Baſile, der noch im Seiten⸗ gange war, ſtutzig gemacht. Er drehte ſich plötzlich um und trat mit ſeiner Fackel dicht an die Gruppe, in deſſen Mitte Valerie ohnmächtig in Andre's Armen lag. „Wenn das kein Weibston war—“ ſchrie er, und in demſelben Augenblicke mit ſeiner Fackel das bleiche Ant⸗ litz Valeriens beleuchtend, fuhr er mit funkelndem Haß in ſeinen Augen fort:„Hal da iſt ſie ja— wart'! Dich ſuchte ich lange!“ Er wollte auf ſie losſtürzen, aber ein ſchwerer Schlag Jean's ließ ihn betäubt zu Boden fallen und die Fackel qualmend erlöſchen. „Verrath— Bürger! Verr— Dieſe Worte gurgelten ſich noch aus ſeiner Kehle, 150 ohne daß ſie gehört wurden. In dem allgemeinen Wirr⸗ war war überhaupt der ganze Vorfall zum Glück unbeach⸗ tet geblieben. „Der Schuft kam mir gerad' recht in den Weg!“ ſagte Jean.„Wenn's Todſchlagen nicht ſo ſchrecklich wäre, dem Hund gäb' ich den Reſt.“ „Laß ihn, und nur fort!“ antwortete André, froh, der drohenden Gefahr für jetzt entgangen zu ſein. Er ſetzte Valerie wieder die Mütze auf, und da ſie ſich in ſo weit erholt hatte, um ſich aufrecht zu erhalten, zog er ſie in⸗ mitten der Schaar mit fort in den Hauptgang. Die Gefängnißwärter ſchloſſen die Thüren der Säle, um die ſo zufällig Geretteten vor einem neuen Angriff der Mörder, wenn er nicht mit Gewalt verbunden ſein ſollte, zu ſchützen. Im Thor ſelbſt ſtand Dantons athletiſche, vierſchrö⸗ tige Geſtalt. Er war umgeben von mehreren Munucipal⸗ beamten mit rothen Schärpen und einigen Volksvertretern. Die Mörder und ein Theil des Volkes ſtanden um ihn und er ſprach faſt unaufhörlich. „Wir ſind Franzoſen,“ rief er wieder mit ſeiner furchtbaren, Alles übertönenden Donnerſtimme.„Frauen dürfen nicht von uns wie von Barbaren geſchlachtet wer⸗ den— auch ohne dies bleibt Ihr Patrioten, deren das Va⸗ terland ſich erinnern wird. Es entrinnt Keiner dem Schwert der Gerechtigkeit, glaubt mir, und die Feinde des Volks und der Freiheit ſollen ein ſchreckliches Ende nehmen. Aber planlos zu werden iſt keine Gerechtigkeit und Ihr werdet nie vergeſſen, daß Ihr Franzoſen ſeid. Alſo hinaus, zerſtreut Euch, laßt die Weiber hier in ihren Kerkern— ſeht her, der Hof und dieſer Corridor iſt voller verſtüm⸗ melter und blutiger Leichen. Und wenn das Mitleid auch ſchweigen ſoll um des höhern Gefühls der Rache an Eure Feinde, an die Verräther und Ariſtokraten und Prieſter, ſo vergeßt doch nicht, daß ein freies Volk ſich am wehr⸗ loſen Geſchlecht vergreift! Geht, Patrioten, und laßt das Gefängniß ſchließen!“ Und in der That ging das Volk und die aufgelöſte Mörderrotte unter Vivatgeſchrei und wie zufrieden über das Ende der Scene hinaus. Cheniers Bruſt hob ſich hoch empor, die Rettung Valeriens wurde über Erwarten durch alle dieſe Umſtände befördert. Er hatte keine Zeit, nachzudenken, daß Danton es war, den man als den Ur⸗ heber der Morde bezeichnete, der hier verſöhnend und ret⸗ tend zwiſchen die Wuth des Pöbels und deſſen Opfer trat — er ahnte es nicht, daß dieſer leidenſchaftliche Jaeobiner, deſſen Allmacht den Schrecken auf den Thron geſetzt, bei den entſetzlichen Wirkungen ſeiner Worte ſein edleres Selbſt allein hatte ſprechen laſſen. Er war durch die Ge⸗ fängniſſe gegangen, und wo er dem Morden hatte Ein⸗ halt thun können, hatte er es gethan, und wo er Einzelne hatte retten können, hatte er ſie gerettet. 152 Er ſtand noch immer im Thor und im dichten Ge⸗ dränge. Jetzt ſuchten auch Chénier und die Gärtner mit Ihrer Beute an ihm vorbei in den Hof zu gelangen. Seine großen Feueraugen bohrten ſich auf dieſe ſtummen, ſchwar⸗ zen Geſichter; er ſah in der Mitte der Gruppe trotz der ſchwachen Beleuchtung die ſchwankende und geknickte Ge⸗ ſtalt Valeriens und wie unwillkürlich hielt er Chénier am Arme und ſagte: „Ha? Was iſt das? Zeig' einmal—“ „Willſt Du, daß ſie ſtirbt?“ raunte Chénier ihm haſtig in die Ohren. Danton ließ ihn los.„Chenier!“ flüſterte er er⸗ ſtaunt.„Geh, ich ſehe nichts.“ Und er trat wieder zurück und rief laut der Schaar zu, die noch immer von Allen als zu den Mördern gehörig betrachtet wurde: „Nicht wahr, Bürger, Ihr verſteht mich und wißt, daß ich über das Vaterland wache? Es ſoll Keiner, der ſchuldig iſt, entrinnen! Geht und vertraut uns. Ich achte Euch, daß Ihr mir folgt.“ Haſtig ſchritt Chénier, noch einen ſtummen Blick des Dankes auf Danton werfend, mit der Geretteten über den Hof. Ungefährdet verließen ſie die Salpetrière, die bald darauf wieder in ihre alte Ruhe zurückſank, und eilten dem Orte zu, wo der Wagen mit Gilbert halten ſollte. Mühe⸗ los fanden ſie ihn; Gilbert, der eingeſchlafen war, wurde —— — 4 1 geweckt, Valerie in die Kiſſen des Wagens gelegt. Dann drückte André warm die Hand Jeans und ſagte: „Ich danke Dir, braver Freund— ich werde nie vergeſſen, was Du an mir gethan, nun geh', und tröſte Deine Frau! Auf Wiederſehen! Auf Wiederſehen, Ihr braven Leute!“ Er ſtieg in den Wagen zu Valerie, und pfeilſchnell jagten die Pferde durch die Straßen nach der Wohnung Doktor Maury's. Es war zehn Uhr— und noch immer wogte es wild auf den Straßen von Paris; die Gräuelſcenen begegne⸗ ten auch jetzt noch Jean und ſeinen Leuten, als ſie nach dem geglückten waghalſigen Abenteuer ihre entfernte Woh⸗ nung wieder aufſuchten. Zehntes Kapitel. Geknickte Hoffnungen. Noch ein paar Tage lang dauerten die September⸗ morde, wenn auch nicht in der furchtbaren Weiſe, wie am erſten Tag. Die Nationalverſammlung, der Gemeinderath, die Nationalgarde ließen das Entſetzliche geſchehen, kaum hie und da verſuchend, der Schlächterei ein Ende zu ma⸗ chen. Mehr als 1100 Gemordete ſind namentlich auf⸗ 154 geführt worden; in der Abtei verendeten 122, in der Sal⸗ petriére 47. Von Paris aus war dann dieſe Metzelei nach den Provinzen gegangen— hier wie in Paris zeigte es ſich, daß der rohe Pobel mit ſeinen wildeſten Leidenſchaften die eigentliche Herrſchaft führte und mit ſeiner Souverai⸗ netät bereits die Behörden tyranniſirte. Der Schrecken regierte: von jetzt an hielt ſich Niemand mehr ſeines Le⸗ bens ſicher und in dem muthigſten Charakter lebte die Furcht. Schrecken und Furcht herrſchten auch im Hauſe Dok⸗ tor Maury's. Nicht daß dieſer ruhige, klar denkende Mann in Hinblick auf die Ereigniſſe in Paris in dieſem Gemüths⸗ zuſtande lebte: er dachte ſeit Tagen ſchon nicht mehr an ſie und lebte in einer eigenen Welt, die in keiner Berüh⸗ rung mit der äußeren ſtand. Der Schrecken, der ihn bleich gemacht, die Furcht, die ihn unaufhörlich quälte, hat⸗ ten in dem jammervollen Zuſtande Valeriens ihren Grund. Denn von jenem ſchrecklichen Abend, wo ſie durch den Muth André Cheniers und Jeans einem faſt ſicheren Tode entzogen worden war, lag ſie beſinnungslos und vom wahnſinnigſten Fieber erfaßt im Bett. Ihre zarte nervöſe Natur, durch all' die plötzlichen und ſchweren Schläge ſeit Monaten ſchon tief erſchüttert, war in Folge der Umſtände, unter denen ſie dem Kerker entzogen wor⸗ den, bis in die feinſten Gewebe zerſtört. Schreck und . —— — 155 Angſt, Hoffen und Entſetzen hatten ihre Sinne verwirrt — in tollen Phantaſien mattete ſich ihr Geiſt ab und dem brennenden Hirn entſtiegen die qualvollſten Bilder, zuſam⸗ mengeſetzt aus den Erfahrungen, die ſie erlitten. Bald rief ſie angſtvoll nach Hilfe, nach Andre; bald ſtieß ſie jene gellenden Töne aus, wie damals, als Baſile ſie über⸗ fallen; der Schmerz ihres Kerkerlebens wechſelte mit den entſetzlichen Gedanken an die Blutſcenen auf dem Corridor der Salpetrière, wo ihr der Mörder das blutige Frauen⸗ bein ins Geſicht geworfen. Nur ſelten war dieſer raſende Kreislauf ihres Blutes ermattet und hatte ſie in Lethargie verſenkt; immer heftiger und grauenvoller war dann das Fieber zurückgekehrt und ſo raſte ſich ihr Leben ſichtlich ab. Bleich, die Augen gläſern und geröthet, ein ewiger Schweiß auf der marmornen Stirn, das ſchwarze Gelock wild und naß um die Schläfen, ſo lag ſie, die Unglückliche, ein Bild des gebrochenen Lebens, deſſen flammender Reſt einen furchtbaren Kampf mit dem Tode beſtand. Und Tag und Nacht ſaßen an ihrem Lager die, welche ihr Leben zu erhalten ſtrebten; der Arzt, André und Urſula, zuweilen auch Jean mit ſeiner Frau. Sie ſaßen da und ſtarrten mit Thränen in den Augen hoffnungslos auf die Kranke, hörten dieſe ewig ſich wiederholenden, in tollſten Verſchlingungen abwechſelnden Fieberphantaſien mit an, unfähig zu helfen und zu retten und doch immer bereit, das Unmögliche zu verſuchen. 156 Doktor Maury war furchtbar verändert. Der ſonſt ſo ſtolz emporgerichtete Mann ging gedrückt; ein ſchwerer⸗ Kummer blickte aus ſeinen Augen; der ſanfte Ernſt ſeiner Züge war dem Ausdruck unendlicher Wehmuth gewichen. Was ihm, dem geſchickteſten Arzt, der tief in die Wiſſen⸗ ſchaft gedrungen, möglich geweſen, zur Erhaltung dieſes theuren Lebens aufzubieten, das war längſt geſchehen; er ſtand nun rathlos da mit ſeinem Wiſſen und ſeiner Kunſt, ſich verzehrend in dem Grübeln nach einem neuen Mittel, um dies raſende Fieber zu hemmen, ehe es den letzten Reſt dieſes Herzens verzehrt habe. Umſonſt, um⸗ ſonſt! der unglückliche Mann wußte keine Hilfe mehr; verzweiflungsvoll wandte er ſich von dem Anblick Vale⸗ riens ab, um die ſchrecklichen Kämpfe dieſes theuren We⸗ ſens nicht mehr zu ſehen. Das war wohl ein herbes Ge⸗ ſchick, die Tochter, das einzige Kind nach ſo langer Tren⸗ nung wieder zu finden, um dann ſeine Todesqual zu ver⸗ folgen, wiſſend, daß nur ein Wunder ohne Gleichen noch zu helfen vermochte! Das war wohl ein ſchwerer, ver⸗ nichtender Schmerz, nach der aufgerufenen Hoffnung ſie jäh und für immer gebrochen zu ſehen. Er ſaß da in dem Fauteuil, der unglückliche Vater, die Hände auf ſeinem Geſicht, im eigenen Schmerz ſich erbarmungslos ver⸗ zehrend. Am Bett ſtand André Chenier. Auch dieſe gedrun⸗ gene kräftige Geſtalt hatte ihre Spannkraft verloren; der 157 Schmerz, der aus Doktor Maury's Antlitz entgegenblickte, zeichnete ſich auch auf dem des jungen Mannes ab. Nur war er umheimlicher als jener, gebannt in jene regungs⸗ loſe Düſterheit, an der Alles abzugleiten ſcheint, ohne einen Eindruck hervorzubringen. Es lag ein gewaltiger Grimm in dieſen Zügen, ein zorniges Hadern mit dem Geſchick, welches ihm die Geliebte zurückgegeben, um ſie in entſetzensvoller Weiſe hinſterben zu ſehen. Seine ſtar⸗ ren düſteren Augen hingen an dem Antlitz Valeriens, auf dem die Phantaſie des Fiebers ihre hölliſchen Kreiſe ſchrieb; wie leblos blickte er auf dieſe einſt von ſeinen Küſſen erglühte Stirn, welche die weinende Urſula un⸗ aufhörlich mit Eisumſchlägen bedeckte. Es war Nacht und das Licht der Nachtlampe warf ſeinen matten Schein durch's Zimmer. Ein angſtvolles gedrücktes Schweigen herrſchte, ein Jeder brütete den Ge⸗ danken an den Tod Valeriens im Feuer ſeines Schmer⸗ zes aus. Scharf tickte die Uhr auf dem Kamin, in ewi⸗ ger verzweiflungsvoller Monotonie; ihr Zeiger durchlief ruhig ihre vorgeſchriebene Bahn und ihr Werk arbeitete regelmäßig fort— ein greller Contraſt gegen die Kranke, deren Leben ſich im raſenden Blutumlauf ſo ſchnell abzu⸗ haspeln ſchien, wie die Arbeit eines Uhrwerks, deſſen Fe⸗ der plötzlich zerreißt. Valerie ſchwieg auch ſeit langer Zeit, nur an ihrem Erglühen und ihrem eiſigen Erkalten, an der ewigen krampfhaften Bewegung ihrer Lippen, zu 158 ſchwach das Wort hervorzuſtoßen, erkannte man, daß ſie wachte, daß ſie fieberte und noch lebte. Endlich ermannte ſich der Arzt und trat an das Bett der Kranken. Er beobachtete ſie eine lange Zeit und ſcharf, dann erfaßte er eine ihrer weißen, durchſichtigen, feuchten Hände und hielt ſie in der ſeinigen. Die Uhr tickte fort; jetzt ſchlug ſie aus: es war zwei Uhr Morgens. Wie elektriſirt von dem feinen Timbreſchlag zuckte Maury zuſammen; dann ließ er die Hand Valeriens wie⸗ der aufs Bett fallen. Er legte die ſeinige dann auf die Schulter des regungslos daſtehenden André und mit einem tiefen, tiefen Seufzer hauchte er zitternd die Worte aus: „Es iſt vorbei, mein Freund— ſie ſtirbt!“ André rührte ſich nicht. Aber Urſula, welche die Worte vernommen, ſank auf einen Stuhl und ſchluchzte. Valerie's Leben machte den letzten Kampf. Ihr Körper begann dann heftig zu zittern; ſie öffnete weit und groß ihre Augen und es ſchien, als wenn der Feuerſtrom in ihnen aus der plötzlich wiedergefundenen Fähigkeit des Erkennens hervorgeſtiegen ſei. Denn ſie richtete ihren Blick von überirdiſcher Helle auf den Arzt, auf André und auf Urſula, ihre Lippen bewegten ſich, als wolle ſie reden, ſie verſuchte ihr Haupt auf dem Kiſſen emporzuheben— dann aber ſank ſie wie erſchopft zuſammen, die Muskeln ſpann⸗ ten ſich ſchnell ab, ihr Blick brach und halb ſanken die Lieder über ihre Augen. Nur ihre Hände bewegten ſich 159 noch und in ihrer Bewegung ſchien die letzte Lebenskraft auszuzittern. Sie ſtreckte ſie beide über das Bett hinaus, in fliegender Haſt ſie ſchüttelnd, als wolle ſie ſegnen oder Abſchied nehmen. Und André ergriff jetzt die eine dieſer Hände; er kniete nieder und bedeckte ſie mit ſeinen Lippen. Zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen auf die Hand. Plötzlich riß Valerie ihre Hände an ſich, dann ſtreckte ſie ſie lang auf's Bett— ein kurzer jämmerlicher Ton entrang ſich ihrer Bruſt: es war das letzte Leben— ſtill, ſtarr und ſchon kalt lag ſie da. Ein Schimmer der Ver⸗ klärung breitete ſich über ihr Antlitz. „O meine Tochter! O Valerie!“ rief Maury jetzt aus und bedeckte in übergroßem Schmerz ſein Geſicht mit beiden Händen. Dann, nach einer langen Pauſe, ergriff er Urſula's Hand und ſagte:„Urſula— o Du, die Alles weiß, beklage noch einmal das Geſchick, das ich ertragen muß! Du haſt geſehen, wie ich dieſes Kind erhielt, Du warſt die Zeugin meines Glücks und wie es zerſtört war, Du trägſt das Geheimniß meines Lebens in Deiner Bruſt, Du treue Dienerin— trage auch dies noch mit! Sag' nie, daß ich meine Tochter wiedergefunden und daß ſie ſtarb, ohne zu wiſſen, daß ihr Vater noch lebt; ſag' nie, Urſula, ſag' nie, daß der Tod dieſer Frau mich ſo namen⸗ los unglücklich macht!“ 3 „Ach, Herr Doktor,“ antwortete die Alte weinend. 160 „'s war nur Jammer ſeitdem! O die liebe Herrin, daß ſie ſterben mußte, vor mir altem Weib ihr junges Leben verliert! Ach Herr, ach Herr— welch' ein ſchreckliches Wiederſehen!“ „Ja, welch' ein ſchreckliches Wiederſehen!“ wieder⸗ holte Maury dumpf. Er beugte ſich über die theuere Leiche und drückte einen langen, langen Kuß auf die kalte Stirn. Dann ſchwankte er aus dem Zimmer, als reiche ſeine Kraft nicht mehr aus, in dem Zimmer zu verweilen, wo ſeiner Tochter letzter Hauch noch ſchwebte. Urſula folgte ihm und Andro blieb allein. Er kniete noch immer an dem Bett, ſeine Augen auf das ſchöne Antlitz der Todten gerichtet— ſein Schmerz fand keine Erleichterung in Thraͤnen. Er war ſchon lange Zeit allein und noch kein Laut, keine Klage hatte ſich die⸗ ſem Herzen entrungen. Betäubt vom Schmerz, lag Ge⸗ fühl und Denken in ſtarrem Bann— nur das Bewußt⸗ ſein ſtieg immer auf in ſein Hirn und ſank zurück in ſein Herz, das Vewußtſein: Valerie iſt todt! Mehr und mehr belebte ſich dann ſein Blick, die Sinne begannen ihre ge⸗ heimen Funktionen, das ſtillgeſtandene Räderwerk ſeines geiſtigen Lebens ſetzte ſich wieder in Bewegung. Es ſchien ihm, als bewege ſich Valerie noch; er ergriff ihre Hand, weil er wähnte, ſie habe ſich gerührt— ſie war eiskalt; er beugte ſich über ſie, weil ſeine Phantaſie ihm vorge⸗ ſpiegelt, der Buſen Valeriens habe ſich noch einmal ge⸗ 161 hoben, ihr Auge einen Blitzſtrahl ſchnell geſchleudert— das Herz ſtand ſtill, ganz ſtill, das holde Auge lag in ewiger Jodesnacht. Immer lockender ward das Spiel ſeiner erregten Sinne; er ſtarrte auf die geliebte Leiche und verfolgte dabei unwiſfentlich die Gaukelbilder ſeiner Phan⸗ taſie, für Wahrheit nehmend, was Einbildung war. Er ſah Valerie ſich erheben, weiß wie Schnee, in wallenden Ge⸗ wändern ſich emporrichten und mit ihren ſchlanken Lilien⸗ armen ſeinen Nacken umſchlingen. Er barg das Haupt an ihrem Buſen, auf deſſen Wogen er einſchlief und in ſelige Träumerei verſank. Träumte ihm, daß ſie geſtorben wäre, die Braut, die unendlich Geliebte; einer der Mörder der Septembertage hatte ihr ſein blutiges Meſſer in das Herz geſtoßen und das Blut war über ihre weißen Gewänder gefloſſen— er ſah den breiten rothen Streifen vom Her⸗ zen bis zu Füßen. Da hinten im Düſtern leuchtete der flammende Blick Baſile's und triumphirte, als ſein Opfer zuſammengebrochen; Margot hielt ſie in den Armen und Doktor Maury klagte um ſeine Tochter— ja, es war ſeine Tochter, die er hier wiederfand; ſie hatte ihn ſter⸗ bend noch erkannt, den Vater, und um die Mutter gebe⸗ ten, die unglücklich ihr Leben in Stolz und Reue einſam auf ihrem Schloſſe vertrauert, nur die alte Urſula um ſich. Es war Nacht, Alles finſter, er ſah die Ermordete verſinken und ſtreckte die Arme nach ihr aus, mit ihr in's Grab zu ſteigen. Da webte ſich ein roſiger Sohleier 19 1861. 44. Apoll von Byzanz. I. 162 ſchen ihm und ihr— immer mehr entſchwand ſie ſeinen Blicken; ſie winkte noch ihm zu, als winke ſie zum Ab⸗ ſchied; dann zerriß das duftige Gewebe und Alles war finſter wie zuvor. Eine ſchwere Hand druckte ſich auf ſeine Schulter, ſie drückte ihn wie Blei zu Boden, ſie will ihn erwürgen, er fühlt's, ſie preßt ſein Herz zuſammen— ein gurgelnder Ton quillt aus ſeiner Bruſt.... Er ſchrie wirklich auf und erwachte. Doktor Maury hielt ſeine Hand auf ſeiner Schulter und blickte in ſanftem Ernſt auf ihn, wie ſonſt. Er ſprang auf und faßte ſich an ſeine Stirn; er ſah um ſich und es war heller Mor⸗ gen, Valerie lag todt und kalt im Bett. „Ich hab' geträumt?“ fragte er wirr, irre und ſuchte ſich zu faſſen.„Geträumt, ja geträumt!“ murmelte er dann dumpf und hohl vor ſich hin.„Ach, und es war ja wirklich ein Traum und nun iſt er aus; er hat mein Herz vergiftet und zwecklos irre ich nun in der Welt!“ Jetzt ſtürzten Thränen aus ſeinen Augen. Doktor Maury ergriff ſeine Hände und ihn feſt an⸗ blickend, ſagte er: „Faſſen Sie ſich, mein Freund, und tragen wir Beide den Schmerz! Seien Sie Mann und reißen Sie dem Le⸗ ben in Verzweiflung nicht alle Stützen fort!“ „O nein! O nein!“ antwortete Chénier im Paro⸗ rismus ſeines Schmerzes.„O nein, Sie edler Mann— nur keinen Troſt! Dies Herz darf nicht geſunden! Aus 7 — 163 dem ewigen Born der Trauer erſteige mir der Geſang, in den ich Alles, was ich bin und war, einhüllen kann! Ich fühl's, ein Bruchſtück iſt mein Leben; wild und leiden⸗ ſchaftlich floß ſein Strom—— wohin? wohin? Ich weiß es nicht, doch ahnt mir, als ſei's ein Abgrund, in dem er enden wird.“ Und er drückte des Arztes Hände und ging gebeugt hinaus, einen langen umflorten Blick noch auf die ge⸗ knickte Hoffnung ſeines Herzens ſendend. Ende des erſten Theiles. ſſ fſfſſſſſſnſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16