55 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſehedingungen. 1. Ofriensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfang nahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 Ee dis Abends 8 Uhr offen. 2) Lescbreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenonmen⸗ 3. Cautiou. Unbekannte Perſomen müſſen, bei Entgegennahme eines Buche, weine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Jurückgabe von mir zurückerſtattet wia Abonnenent. Daſſelbe lmuß voraus zbezahlt werden und 8 betragte ne h 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ————— auf 1 Mona 1.= Pf. 1 M. 80 If 2 M.— Ff. 5, Auswättige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruückſendung der Bücher uf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schaænersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2 pefecte Bicher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Laedeny=ls erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Lefer zum Erſatz des Ganzen, verpflichtet. 1 4 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ——— —— Corallo oder die 4 ſchrecklichen Geheimniſſe 1 im Moliſer Thale. 3 Ein Seitenſtuͤck 3z um Rinaldo Ninaldini. h. Sehmint⸗ Tisber, Berfaſſer des Eduard von Wangenburg, Major zc. Viertes Buch. O navis referent in mare te novi Fluctus? O quid agis? fortiter occupa Portum! Nonne vites, ut Nudum remigo latus, Et malus, ceteri faucurs Africo, Antennaeque gemant? ac sine funibus Vix durare carinae Possint imperiosius Aequor?—— Hor. ge 2* Torallo. 77. 1 „Wer von Euch hat Luſt,“ hob Co⸗ rallo, nachdem er ſeinen Leuten die Schand⸗ thaten des Abtes Gon St. Urbino erzaͤhlt hatte, fragend an,—„wer hat Luſt mit nach Urbino zu ziehen, um den zu zuͤchtigen, der an Zuͤchtigung nicht glaubt? /“, Ein ſchmetterndes Vivat und lautes Ju⸗ beln, war die Antwort;— ein Zeichen, daß aͤckzubleiben wuͤnſchte. 2 rallo ſuchte ſich ſo Viele aus, al er der bevorſtehenden Expedition noͤthig zu haben glaubte. Dieſe beorderte er, in kleinen Abtheilungen ſich in der Naͤhe des Kloſters zu verbergen und um eine gewiße Stunde, ſi ich bei der kleinen Pforte, anaufaden Doih bei — — nicht gezogen wurden.— Nachdem er der Verhaltungsbefehle noch mehrere ertheilt hatte, mußte ſich Alles zum ſchnellen Abzuge fertig machen. Es war Mitternacht, als an der Pforte des Kloſters heftig geklopft ward. Die Straͤnge der Glocke waren ſchon geriſſen. Eine muͤr⸗ riſche und verdrießliche Stimme ließ ſich in⸗ nerhalb des Kloſters hoͤren, fragend:„wer ſo 3 ungeſtuͤm die Knechte des Herrn aus dem Schlafe ſtoͤre?/ „O, oͤffnet ſchnell die Pforte“ bat Bar⸗ Irdie ⸗ gnaͤdiger Herr, Signor ibel⸗ lino, Neffe des Cardinals Pa i, warket Eurer Huͤlfe.“ 8 3 Ein gedehntes ſo, war die Antwort.. „Macht nur,“ eilte Bernardeiſonſt ſchlagen wir die Thuͤr ein, denn der Marcheſe hat ſich beim zerbrechen des Wagens den Fuß verrenkt, und liegt whumichtig in unſern Armen.“ „Habt nur ein wenig Geduld, bat, durch den Namen Palmari betroffen⸗ der Bruder 5 PFförtner,„ich werde es ſogleich dem hoch⸗ wuͤrdigen Herrn Abt melden.“ Schneller als man draußen erwartete oͤffne⸗ te ſich die große Thuͤr,— und in einer de⸗ 1 muͤthigen Stellung ſtanden an der Pforte ei⸗ nige Pfaffen, von Knechten, mit brennenden Lichtern, umgeben, um den Neffen des wichti⸗ tigen Cardinals ſogleich zu dem Abte zu fuͤhren. Auf Barnelli und Bernard geſtuͤtzt hinkte Corallo, der erſt aus einer Ohnmacht erwgcht zu ſeyn ſchien, ins Kloſter. 2„Bleibt hier an der Pforte,“ befahl er zweien ſeiner ihm nachfolgenden Bedienten lei⸗ ſe und in gebrochenen Worten,„um wenn eure Cameraden mit den Waͤgen kommnene 3 ſie nicht zu warten noͤthig haben.““ „Sie erlauben,“ entſchuldigte ſich der Bru⸗ 8 der Pförtner,„das Thor muß ſogleich wieder 4 geſchloſſen werden.“ Fragend ſah Corallöo de dbrigen Moͤnche an. „ Ei⸗ Bruder in Chriſtd⸗ 4 vans ner,—„bleib nur e hier, ich will es ſcon verantworten./ „Wenn ihr das meint, Pater Guſebius, ſo will ich hier noch ein Viertelſtuͤndchen bei dem offnen Thore harren,“ damit lehnte er die Thuͤr nur loſe an. Nehrere Schritte kam der Abt ſeinem Gaſte der ſich immer mehr zu erholen ſchien, kriechend entgegen;„eine Ehre, die ſo leicht Keinem wiederfuhr.“ „Welchem Zufall hat unnſer armes Kloſter eure angenehme Gegenwart zu danken,“ hob der noch halbſchlaftrunkene Abt, mit einem Schaafsgeſichte, an. Corallo blieb die Antwort ſchuldig, denn eben traten ſie in ein glaͤnzendes Gemach. Je⸗ ner befahl den Euſebius, doch ſogleich fuͤr die Erquickung des hohen geehrten Gaſtes und ſeiner Begleitung zu ſorgen. Doch Corallo bat, ſeinetwegen ja keinem Diener des Herrn zu beunruhigen, er bitte nur von dem Herrn Abt eine minutenlange geheime Audienz, und alsdann wuͤnſchte er Ruhe. Dahei gab er ſeinen beiden Treuen — E—— einen Wink, die ſich ſogleich entfernten; a 1 uch die im Zimmer ſich befindlichen Munche gin⸗ 4 gen fort. 1 „Mein Sohn,“ fing der Abt, nachdem ſie allein waren ihn feſtanſehend an,„jemehr ich Euch betrachte, deſto mehr bewundere ich die Veraͤnderung, die mit Euch vorgegangen iſt.“ „Wie ſo?“ frug der erſtaunte Corallo. „Hm, ſeitdem wir uns nicht geſehen ha⸗ ben, ſeht ihr Euch gar nicht mehr aͤhnlich.“ Laͤchelnd, meinte der Angeredete,„daß dieſes wohl der Fall ſeyn koͤnnte. Auch er, als der Abt haͤtte ſich ſehr veraͤndert.“ 4 Bald leitete Corallo das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand, indem er erzaͤhlte, daß er in einer Schenke, nicht fern von hier, haͤtte einkehren wollen, doch waͤre er mit demn Bedeuten zuruͤckgewieſen worden, daß der Helt Abt von St.Urbind ihnen Alles geraubt haͤtte n,. Auffahrend drohete dieſer, nden ketzeriſchen Betruͤger ſogleich eſtnchinen und einmauern zu laſſen.“ „Das thut nicht! guter Batet,” d Corallo mit einer eiskalten Miene, und 8 trotz ſeines vorgegebenen kranken Fußes, dem vor Zorn gluͤhenden Moͤnch etwas naͤher.„Ich habe ihn in meinen Schutz genommen.“ „Das werdet Ihr nicht gethan haben! watſchelte der lebendige Fleiſchkoloß ihm ent⸗ gegen. Der rechtglaͤubige Gibellino wird es mit keinem Beleidiger der Kirche halten.“ „Ich wuͤßte aber doch nicht, wie der die Kirche beleidigt haben koͤnnte.“ „Davon brauche ich Euch keine Wahen ſchaft abzulegen.“ „Aber ich will es wiſſen!“ brauſte Co⸗ rallo auf.“ „Welche Sprache!“ eiferte der erſtaunte Abt.„Glaubt nicht, daß Ihr, und wenn Ihr guch der Neffe eines Cardinals waͤret, gegen mich eine ſolche Sprache ungeſtraft fuͤhren duͤrft. Entfernt Euch! Ich ſehe, Ihr ſeyd ausgeartet l⸗ „ Ha, das iſt zu arg!“ brauſte Corallo ſeine Maske ablegend auf.„Wiſſe, Du Wolf im Schaafskleide, ich bin gekommen um Dich Deiner Schandthaten wegen zu beſtrafen — ———— — 7 —— denn ein Räuber geworden.“ mmeine Zeit iſt gemeſſen!“ bat, der in ſeiner — 9 „Um des Heilands Willen, was wollt Ihr von mir,“ rief der Geaͤngſtigte.„hemf Huͤlfe! 1u „Der Huͤlferuf, wuͤrde Euch wenig from⸗ men. Gebt den Beraubten das Ihrige zu- 8 ruͤck und zahlt mir und meinen Leuten fuͤr die Muͤhe, ſo ſind wir quitt. n„Um Gottes Willen, Signor, ſeyd Ihr „Ich bin noch nie etwas anders geweſen/“ lachte Corallo, und warf den Man⸗ del von ſich.“ „O, heiliger Urbino ſtehe mir bei!“ ſtoͤhnte der Ueberraſchte.. „Nun, macht nur keine Umſtaͤnde, denn furchtbaren Raͤubertracht daſtehende Corallo. „Heiliger Urbino, komme Deinem Knech⸗ te zu Huͤlfe!“—„Huͤlfe! Huͤlfe! Rauber! Moͤrder!“ hoͤrte man nun auch innerhalb des 8 Kloſters mehrere Stimmen rufen.“ Corallo riß die Thuͤr auf, und mehrers ſeiner Leute kamen ihm ſchon entgegen. „Ihr ſeht,“ redete er den geifernden, die graͤßlichſten Flüche ausſioßenden Äbt,„ an, „ daß hier kein Weigern hilft. Das Kloſter iſt von meinen Leuten beſetzt, und andere Huͤlfe iſt nicht zu erwarten; deshalb zeigt uns nur gutwillig Eure Schaͤtze, damit wir des langen Suchens uͤberhoben bleiben; es moͤchte Euch hernach nicht gut gefallen“ Trotz den Beſchwoͤrungen des Abt's, daß man ſich an Guͤtern des Herrn nicht vergreifen duͤrfe und daß ſein Kloſter uͤberhaupt zu arm ſey, um Schaͤtze aufweiſen zu koͤnnen, beſtand Corallo doch ſo lange auf ſeinen Unglauben, bis jener einen kleinen Beutel Gold hervor⸗ holte, wobei er bei allen Heiligen verſicherte, daß dieſes alles ſey was das Kloſter aufzu⸗ bringen vermoͤchte. „ Doch eine ihm aufgezaͤhlte Disharmo⸗ nirte Ruͤckenmuſik und die Drohung, ihn auf⸗ zuhaͤngen, wenn er nicht ſogleich die Koſt⸗ harkeiten des Kloſters braͤchte, bewog ihn end⸗ lich, den Raͤubern ſleine Schatzkammer an⸗ zuweiſen. Dieſe waren aber, ſo beträchtlich die Gold⸗ Haufen die ſie dort fanden auch waren, da⸗ mit noch nicht zufrieden; teinige Moͤnche mußten ihnen die Koſtbarkeiten des Kloſters ge, ſo war das Zimmer des Abtes mit Gold und Raͤuber ſtaunten. wie er mit Familien verfährt, die eine ſchönd 11 G X herbeitragen.— Es dauerte auch nicht lan⸗ Silberhaufen ſo ſehr angefuͤllt, daß ſelbſt die Wimmernd fiel der Abt mit den herbeige⸗ ſchleyppten Moͤnchen vor den Raͤubern nieder, bittend, dem Kloſter doch nicht all' ſeiner gott⸗ geweihten Schaͤtze zu berauben. „Ihr kennt kein Erbarmen, wenn der er⸗ mattete Pilger bei Euch um eine erquickende Zehrung anhaͤlt,“ warf ihnen Corallo vor, „hartherzig jagt ihr ihn weiter, Hart wie Stein, kalt wie Eis, iſt Euer Herz, wenn Ihr zur Froͤhnung Eurer Luſt, Familien ins Ungluͤk ſtuͤrzen koͤnnt. Das thut Ihr, die Ihr Euch Diener des Herrn nennt, und Ihr verlangt von einem Raͤuber Barmherzigkeit? „Ihr beſchuldigt uns Dinge, deren wir nicht faͤhig ſind,“ wimmerten einige Möncht aus dem Haufen. „So fragt Euren Bruder Pförtnet, in Hinſicht des erſteren, und Euren Ab elbſt, 12 Tochter haben, die ſich ſeinen Luſten nicht frei⸗ willig ergeben will.“ „Hauptmann,“ ſtuͤrmte ein Raͤuber her⸗ werden, die hielten wir beſetzt, doch eben be⸗ merkt Bernard an der Weſſtſite eine bren⸗ nende Fackel, er vermuthet daß dieſe Huͤlfe herbeilocken ſoll.“ „Hauptmann,“ kam ein anderer herein, „won der Weſtſeite kommt eben der ausgeſtellte entferntes Geraͤuſch hoͤre; doch ließe ſich noch nicht unterſcheiden, was es ſey. Angustiae cordis mei dilatatae sunt: ab angustis meis educ me! O, Herr, laſſe deine Huͤlfe nahe ſeyn! rief der Abt, lein Freude ſchlecht verbergend. „Du irrſt, wenn Du glaubſt gerettet wer⸗ den zu koͤnnen,“ rief Corallo wuͤthend, und ließ die Schaͤtze des Kloſters eilig einpacken. Einen Theil des Goldes nahm er zu ſich, die Mitte zu nehmen, und mitzufuͤhren. ein,„die Laͤrmglocken konnten nicht gezogen Poſten zuruͤck, und meldet, daß er von daher 6 und befahl einigen ſeiner Leute den Abt in 8* Haar 13 Trotz deſſen Mordio'sgeſchrei und Angſt⸗ ſchweißtropfen die den Beaͤngſtigten von der Stirne troffen, wurde der ſich Straͤubende et⸗ was unſanft angegriffen, und mit fortgezogen. Umſonſt rief er ſeine Bruͤder zu Huͤlfe, ver⸗ gebens rief er die Knechte herbei zu holen; doch bleich hatten dieſe ſich in die Winkel ver⸗ krochen, fuͤrchtend, daß ſie ſelbſt noch mitge⸗ nommen wuͤrden. Zu den Moͤnchen wandte ſich nun Coral⸗ 4 lo ud verſicherte,„daß ihrem Abte kein gekruͤmmt werden ſollte, wenn er ſei⸗ nen Aufenthalt gluͤcklich wieder erreiche, ſo⸗ bald ſie ihm aber verfolgen ließen, ſo waͤre ihr Abt der erſte der den Todesſtreich empfinge, und ihr Kloſter wuͤrde bei ihrer Ruͤckkehr ain Raub der Flammen.“ Sich kreuzigend flehten die Moͤnche, doch gnaͤdig mit ihm zu verfahren.“ Corallo ordnete den Ruͤckzug an, n denn auch ſogleich mit dem hinderingenden Abt angetreten wurde. . 14 8 8* Sehr. ſpaͤt in der Nacht war es ſchon, da ſaß der Wirth, des, von dem Abte zu St. Urbino ausgepluͤnderten, Hauſes, mit ſeiner Gattin und der zuͤchtigen Giovanna, und unterhielten ſich von ihrem Retter, der wie ein Engel in der dunkeln Nacht erſchien, um ſie aus der groͤßten Noth, aus der ſchwaͤrzeſten Verzweiflung zu retten.„O, noch einmal moͤcht ich ihn ſehen, um ihn kecht danken zu koͤnnen,“ aͤußerte die Hausfrau ſich die Haͤnde faltend,„Er wollte wieder kommen,“ be⸗ merkte der Wirth. „Was der verſpricht, hal er gewis ver⸗ ſicherte Giovanna.„O, wie will ich fuͤr ihn beten!“ dachte ſie. Indem ſie noch daruͤber ſprachen, wurde heftig an die Thur geklopft. „Wer da!“ ſprang der Wirth erſchrocken von ſei⸗ nem Sitze auf, und dachte an die Kloſterknech⸗ te.„Gut Freund lü hallte es von draußen wieder. „Unſer Huͤlfsengel! riefen die Frauenbleu⸗ te zugleich, und ſprangen hinaus, um die Thuͤr zu öffnen. Doch erſtaunt ſtarrten ſie zuruͤck, als ſie in das hellerleuchtete Zimmer den An⸗ koͤmmling, in ſeinem zuruͤckgeſchlagenen Man⸗ 4 ff 3 15» 4 3 tel, mit den blitzenden Dolchen, und finſter drohenden Piſtolen und Terzerole im funkeln⸗ den Guͤrtel, genauer betrachteten. „Ihr ſeyd?“ frug der Wirth di Antwott angſtlich erwartend. „Ein Mann, deſſen ernſter Wille es Cuch zu helfen!“ antwortete Corallo fin⸗ ſter.„Hier nehmt, es iſt Euer rechtmaͤßi ges Eigenthum!“ damit warf er einen Haufen, Gold, auf den von den Wuͤrmern zernagten Tiſch, der den Kloſterknechten zu ſchlecht war, um ihn mitzunehmen und es doch wohl ge⸗ than haͤtten, wenn ſie nicht befuͤrchteten, daß er bei der Transportirung in Stüͤcken zerfal⸗ len waͤre.„Nehmt!“ wiederholte er, als der Wirth ſi ch noch immer zu weigern ſchien. „Denn ſoviel betraͤgt es, was der Abt Euch geraubt hat, und was ihr ihm jetzt noch uͤber⸗ laſſen muͤßt./„Ihm noch uberlaſſen? 2 fru⸗ gen die Eheleute wie aus einem Munde. „Schon Eurer Tochter wegen iſt es Pflicht, den rachgierigen Abt aus dem Wege zu gehen. Zieht nach Neapel, und im Gewuͤhle der 16 Stadt ſeyd Ihr vor der Rache des Pfaffen geſichert. Lebt wohl! „O, Gott, wer ſeyd ihr?“ rief weinend die Frau und umklammerte ſeine Knie.„Duͤrfen wir es mit guten Gewiſſen annehmen?“ „Ihr duͤrft es, die Verantwortung faͤllt auf mich zuruͤck,“ antwortete Corallo lächelnd.„Doch, wenn ich Euch rathen ſoll, veraͤndert Euren Namen und verlaſſet in die⸗ ſer Stunde noch, eine Gegend wo Ihr nur ungluͤcklich werden koͤnnt. Damit enteilte er ſchnell, dem Danke der erſtaunten Leute. Anfangs Willens auf Umwegen ſich nach der Hoͤhle zu begeben, trieb ihn doch die Neu⸗ gierde erſt nach dem Kloſter. Hier begegnete er einen Trupp bunt bewaffneter Bauern die laͤrmend von den Kloſter herzukommen ſchienen. „Wo wollt Ihr denn noch hin?“ frug Corallo ſo gleichguͤltig als moͤglich, einen der vordern, mit einer langen Pike bewaffne⸗ ten Bauer⸗ „Hm,“ antwortete dieſer aͤrgerlich,„glau⸗ ben da im Kloſter Urbino brenne die Noth⸗ fackel, und wie wir hinkommen, iſt es was 17 Neues. Eine Fackel der Batmherzigkeit, die dem verirrten Pilger, auf den rechten Pfad wieder leiten ſolle“ dlnd „Haͤtten dafuͤr auch rühig ſchlafen ft fnnen ließ ein Anderer ſi ich hoͤren. „Gewiß!“ meinte ein dritter.„s bit laſſen uns von einer brennenden Fackel nicht wieder verfuͤhren.“ Le „Nach dem Kloſter Utbinot, ergänzte ein Vierter Ihnen einen eue Morgen wuͤnſchend, entfernte ſich C orallo„ und bcaat ſip ngch der Hoͤhle. Schon roͤthete f ch der tRliche Harſzont, als Corallo in die Naͤhe des Bergruͤckens kam. Er ſah einen Moͤnch eiligen Schrittes vor ſich hergehen. Waͤhnend, es ſey einer aus Urbino, den Abt nachzufolgen, hohlte er ihn bald ein. Aber wie erſtaunte Corallo, ſeinen Barnelli in dem Dfaffenmauge zu finden. „Was, Teufel! wie treffe Diht m zu die Kleidung? Coralklo. II. 18 a Lachend erklaͤrte ihn nun jener, daß er der Ehrlichkeit der Pfaffen nicht ganz getraut, deshalb haͤtte er ſich den Spaß gemacht, auf einige Stunden ſelbſt Pfaffe zu werden. In dieſer Kleidung haͤtte, er ſich nun vor das Kloſter⸗ deſtellt⸗ und die Bauern, welche in grußen Trupps. zux Huͤlfe des Kloſters kamnen, mit langen Naſen wieder fortgeſchickt.”. „Bald befanden ſie ſich in der Mitte der Kaͤmeraden, von denen ſie jubelnd empfangen wurden.„Ja, ja, meinten ſie, jetzt ſähe man, daß Srenhes ad ſelöſt Lieder da a wäte, denn ſeiner Tapferkeit nicht zu thun eewag 47. 136 neCorall obefahl die naͤchtliche Beute auf einen Haufen zuſammen zu bringen; es ge⸗ ſchah„und ſelbſt die Raͤuber erſtaunten jest uͤber den ungeheuren Fang. I „Bei der Theilung,“ meinte Barnelri, „waͤre es doch wohl biltig„ daß der Herr Abt gegenwaͤrtig waͤre, damit er ſehe, enß keinem Unrecht geſchaͤhe.“ 116 Der ſcherzhafte Einfall ward belacht, und da Corallo ihm beiſtimmte, ſo wurde der 1 19 bleiche Gefangene, der nichts weniger glaubte, als ſein letztes Stuͤndlein haͤtte geſchlagen, zitternd und bebend herbeigefuͤhrt. In der baͤngſten Furcht, und in Angſt⸗ ſchweiß gebadet, warf er ſich vor Corallo nieder, und flehete um Gnade. „Steh auf! Pfaffe, Dir ſoll nichts ge⸗ ſchehen,“ verſicherte ihm dieſer,„obwohl mit Deinem Tode, ein Ungeheuer weniger auf Er⸗ den waͤre; Du ſollſt nur blos die Schaͤtze da theilen helfen, weil Du ihren Werth beſ⸗ fer kennſt.“ Durch die Verſicherung Corallo's muthi⸗ ger gemacht, verſuchte er die Raͤuber zu er⸗ mahnen, von den Guͤtern Gottes ja nichts anzuruͤhren, weil auf jedem der kleinſten Theile, Bann und Fluch ruhe; ſie ſollten da⸗ gegen, wollten ſie Verzeihung ihrer vielen Suͤnden ſich erwerben, und eine Stufe im Himmel ſich erbauen, ihren Hauptmann ver⸗ mogen, ihn mit den Schätzen nach fänem 8 Kloſter zuruͤck zu ſchicken. Lachend riethen ihm einige Raͤuber, ja das 1 Maul zu halten, wenn er nicht befuͤrchten 2* 20 wolle, daß ihm recht tuͤchtig darauf geklopft wuͤrde, wobei ſie ihren Anfuͤhrer baten, die beabſichtigte Theilung doch nun vorzunehmen. Mehrere Tage nachher, da Corallo den Abt ſchon nach ſeinem Kloſter zuruͤckgeſchickt, und zu einer Reiſe ſich vorbereitet hatte, und in dieſer Abſicht die Verhaltungsbefehle waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ausgegeben, kam Ber⸗ nard von ſeiner Recognoscirung der Umge⸗ gend zuruͤck, und ließ ſich eilends beim Haupt⸗ mann melden. „In der ganzen Umgegend,“ meldete dieſer „iſt nichts, gar nichts. Man findet nichts als eine arme ausgehungerte Gegend, doch fuͤhrt der Zufall uns heute eine kleine Beute entgegen, und ich hoffe, Du wirſt erlauben daß wir ſie nicht voruͤbergehen laſſen. Eine reiche Equipage,“ rapportirte er weiter,„kommt nicht fern von hier, die Straße nach Foggia, und ſo weit wie ich habe erfahren koͤnnen, ha⸗ ben wir nur ohne alle Begleitung mit einer Dame zu thun; die aber auch von wunderba⸗ 21 rer Schönheit ſeyn ſoll. Aber, Hauptmann, was das wunderbarſte von allem in,— das errathe—— 3 „Nun?“ frug Corallo geſpannt.— „Daß, wie ich glaube, die Dame in Dei⸗ ner Cquipage faͤhrt, die Barnelli dem Eng⸗ laͤnder verkauft hat.“. „Da bin ich neugierig, wer das ſeyn kann. Nimm Dir die Leute, die Du zu der Expedi⸗ tion noͤthig zu haben glaubſt, und biinge 1 ie her,“ befahl Corallo. Mit drey kuͤhnen Burſchen hatte B ern ard bald eine kleine Bergkette erreicht,. zwiſchen de⸗ nen die Heerſtraße lief, und die der erwartete 1 Wagen nothwendig paſſi jeren mußte. Sie ſtanden aber auch noch keine Viertelſtunde auf dem Anſtande, als ſie ihn auf ſich zukommen ſahen. „Halt!“ donnerte Bernard dem Kut⸗ ſcher entgegen, und legte auf ihn die Buͤchſe an; in eben den Augenblick ſprangen auch die uͤbrigen Raͤuber hervor und ſiehen 3 den Pferdem 3 in die Zügel. din Si5 „ Was wollt ihr?“ frug jetzt eine Dann, ihren ſhbnen Lockenkopf zum Anniceſchngt 22 herauswendend, den entgegentretenden Ber⸗ nard. „Wunderliche Frage!“ lachte dieſer.„We⸗ nig, ſehr wenig! nur das was ihr bei Euch fuͤhrt; doch warne ich Euch, uns von Eurer Baarſchaft und Schmuck, den Ihr auf Rei⸗ ſen doch nicht gebraucht, nichts zu verheimlichen.“ „O, Gott! wer ſeyd ihr?“ „Leute, die mit den Sachen anderer ſich gern behelfen,“ antwortete der Raͤuber, und reichte der Dame die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. „Naͤuber? frug die Dame, ohne daruͤber u erſchrecken, wie heißt Euer Hauptmann?“ „Corallo!“ antwortete Bernard, ſtaunte aber nicht wenig, als er beim Hinein⸗ blicken in den Wagen, den Mantel ſeines Hauptmanns liegen ſah. „„Teufel, Signora, wie eTorunnt ihr zu die⸗ ſem Mantel?“ frug er neugierig. Indem machten die uͤbrigen Raͤuber ihn auf Reiter, die nicht gar fern um eine Ecke bogen, auf⸗ merkſam; kaum aber ſah die, bereits aus dem Wagen geſtiegene Dame die Reiter auf ſich Zukommen, als ſie ſchnell in den Wagen zue zu ſcheeren, weil ſie keinen lluftrag haͤtten, ſie, 46 einzufangen; doch die Damen mütde erhuhes mit umzukehren. ie 1 Ghe oniet 9ℳ. nes Raͤubers gut getroffen, an der Erde; mit 23 ruͤckſprang, und die Raͤuber himmelhoch hat, ſie um Gotteswillen nach ihrem Hauptmann zu bringen, um ſie Ungluͤckliche nur den Rei⸗ tern, ihren Verfolgern, zu entziehen. Sie ſelbſt ertheilte ihrem Kutſcher den Befehl, den Raͤu⸗ bern die Leitung der Pferde zu uͤberlaſſen. „Aber trotz des ſchnellſten Laufes der Pfer⸗ de, wurden ſie von den Reitern hald einge⸗ hohlt, welchen ſich uͤber die Friedfertigkeit der Raͤuber nicht wenig wunderten, und dieſen nun hoͤflichſt baten, ſich doch gefälligſt ihrer Wege a„Die Dame gehoͤrt unſeht aittwortete der im Wagen ſitzende Bernard und zog den Hahn der Buͤchſe auf. „Der Teufel gehoͤrt Euer!“ witßete der Neiteranführos, und druͤckte zugleich ſeinen Catabiner auf ihn ab. Die Kugel ſtrich dicht an ſeinen Kopfe weg; in denſelben Augenblick lag der Reiter auch ſchon, von der Kugel eie 24 ihm ſtuͤrzte aber auch der Raͤuber mit geſpal⸗ tenem Kopfe vom Wagen. Racheſchnaubend verließ jetzt Bernard mit den Raͤuber den Wagen, und drei ihrer ſichern Schuͤſſe, ſtreckten auch drey Reiter nieder. Bernard befahl einen ſeiner Kameraden, mit dem Wagen ffortzufahren, waͤhrend er mit dem andern ins Gebuͤſch ſich zuruͤckzog. Wuͤthend uͤber den Widerſtand der paar Raͤuber, und ihrem Verluſt, hieben die Reiter den Pferden die Zuͤgel ab, die nun wild mit den Wagen davon liefen. Wilder wurden aber auch die Naͤuber, wie ſie ihre ſicher geglaubte Beute davon jagen ſahen. Jeder Schuß er⸗ legte einen Feind, doch zogen die Raͤuber den Kuͤrzern, weil ſie von den Reitern, die von den Pferden geſtiegen waren, heftig verfolgt und angegriffen wurden; und ſie des Gedrän⸗ ges wegen ihre Buͤchſen zum ſchießen nicht gebrauchen konnten, deſto heftiger ſchlu⸗ gen ſie aber damit um ſich her. Bald⸗ ſtuͤrzte noch der andere Raͤuber, und mit den Zaͤhnen knirſchend ſah Bernard ſich ſchon nach der Flucht um, als er plotzlich, es lebe Corallo; 2⁵ unſer Hauptmann! rufen hoͤrte. Dieſes ent⸗ flammte aufs neue ſeinen Muth. Es lebe Corallol rief auch er, und im Nu hatte er ſich durch den ihm umzingelnten Kreis durchgeſchlagen. Das Blatt hatte ſich gewen⸗ det, der Succurs der Raͤuber war ſo groß, daß die Reiter ſich nun aͤngſtlich nach der Flucht umſahen, die Unmöglichkeit davon aber einſehend, warfen ſie die Waffen von ſich und baten um Gnade. Gern haͤtte Bernard ſie ſeiner Rache ge⸗ opfert, doch Corallo's Grundgeſetz war: Blut zu ſchonen, wo es geſchont werden konn⸗ te! und ſtreng mußten die Raͤuber ſich daran halten. 1 4 Die um Gnade Flehenden erhielten Pardon, doch mußten ſie, ehe ſie fortzogen, ihre Roͤcke ausziehen, und ſo wurden ſie ohne Pferde und Waffen fortgeſchickt. Als Corallo hoͤrte, daß Bernard nur drei Mann mitgenommen hatte, ſchickte er ihm koch zehn Naͤuber nach, weil ihm, nach der 26 Beſchreibung Bernard's an den Wagen und deſſen lebenden Inhalte viel gelegen zu ſeyn ſchien. Er ſelbſt hing die Buͤchſe um, um ſich bis zu der Zuruͤckkunft ſeiner ausge⸗ ſandten Leute zu zerſtreuen. Unvermerkt leite⸗ ten ihm ſeine Schritte nach einem kleinen Huͤ⸗ gel, von welchem aus er die ſich ſchlaͤngelnde Heerſtraße nach Fogg ia weit uͤberſehen konnte. Schon ſtand er nach einer ziemlichen Weile, ſich in ſeiner finſtern Gedankenreihe ſelbſt un⸗ terbrechend, verdrießlich auf, um in die dunkeln Gebirge ſich zuruͤck zu begeben, als er, ſeine Augen von ungefehr nach der Straße werfend, hier einen Wagen in vollen Gallopp ankom⸗ men ſah. Der Wagen kam immer naͤher; er ſah ſchaͤrfer hin, und nun bemerkte er daß die Pferde leitlos, ohne Führer waren. ſit has Da iſt deine Hüͤlfe nöthig! und mit ſden Gedanken, ſprang er dem Wagen auch ſchon entgegen. Er ſah ein, daß die Pferde ſo nicht anzuhalten waren; kurz entſchloßen ſchoß er ein Pferd nieder, und wie eingewurzelt ſtand nun das andere, mit Schaum und Schweiß 27 uͤberdeckt, am ganzen Söde aütisuad und 2. bebend. Corallo naͤherte ſich den Wagmn, und ſtaunte nicht penig, als er ſeinen fruͤhern Reiſewagen erkannte. Eilig naͤherte er ſich dem Schlage, und wunderte ſich noch, mehr, ihn leer zu finden. Jetzt erinnerte er ſich, daß es derſelbe ſey, weßhalb Bern ard ausgezogen war. Nur blieb es ihm unerklaͤrlich, wo die hochgeruͤhmte Beſitzerin geblieben nund wie der Wagen ihnen entwiſcht, und hierher gekommen ſey. Sollten ſie ihn vielleicht ausgepluͤndert, und den Raub mit der Beſitzerin, nach der Hoͤhle gebracht haben? Doch das erſtere ſchien nicht der Fall zu ſeyn, denn im Wagen lag und ſtand alles in der ſchoͤnſten Ordnung. Hier fand er nun auch ſeinen in Arpino zuruͤckgelaſſenen Mantel. 3 356 Dieſes war ihm ein neues Räthſel. Sich hieruͤber vergebens den Kopf zerbre⸗ chend, ſchierte er endlich das erſchoſſene Pferd aus, ſetzte ſich, nachdem er das Geſchirr des ei⸗ nen Pferdes wieder in Ordnung gebracht hat: te, auf den Kutſchbock, wandte den Wagen⸗ und fuhr auf der Heerſtraße zuruͤck, um in eine ihm bekannte Buht deſto leichter ein⸗ zufahren. Doch noch nicht weit war er gerornnnen als er etwas weiß Schimmerndes vor ſich liegen ſah. Er kam naͤher, und erblickte ein vor⸗ nehm gekleidetes Frauenzimmer vor ſich auf dem Geſichte liegen.* hde2.; Raſch war er vom Wagen; baſptenge ſie mit einigen vorgefundenen Waſſer, und jetzt, da ſie zu⸗ ſi ch kommend ihn hocherroͤthend, verwirrt anfah, erkannte er Laura, die Muüiidtnii aus Arpino. 11 0— Kaum erſcholl das Gerücht von des ver⸗ eintlichen Gibellinors That, kaum erfuhr die Praͤſidentin von ihrer Umgebung, daß der fuhtahe Corallo ſelbſt es war, der als Neffe des Cardinals Palmari bei ihrem Gemahle in ſo hoher Achtung ſtand und ihre brennend heiße Liebe errungen hatte, als ſie, ſi ich ſelbſt verabſcheuend, ohnmaͤchtig niederſtuͤrz⸗ te. Treulich ſtand ihr, die, in ihrem Geheim⸗ niſſen eingeweihete, Zofe bei. Man nahm es aufangs als Theilnahme an ihres Mannes 29 Ungluͤck, der uͤber den ihn geſpielten Betrug ganz in Verzweiflung und bei der hoͤhern Be⸗ hoͤrde in hoͤchſten Miseredit gerieth. Doch da ſich ihr Gemuͤthszuſtand gar nicht aͤnderte, im Gegentheil ſtets finſterer und launiger wurde; in ihrer Gegenwart auch der Name Covallo nicht genannt werden durfte, wollte man ſie, durch die ihr uͤberfallende Schauer und Zuckun⸗ gen nicht in die groͤßte Verlegenheit ſetzen, er⸗ regte bei den Praͤſidenten doch endlich einen uͤbeln Verdacht. Er forſchte, und man denke ſich fein Erſtaunen, ſein Entſetzen, ſeine Wuth, als er einſt, waͤhrend ihrer Abweſenheit die er zu veranſtalten wußte, ihre Zimmer und Sachen durchſuchte, und den Mantel fand, den er freilich als den Mantel Corallos nicht er⸗ kannte, aber ſim ich doch keicht erklaͤren konnte, wie er in die Zimmer ſeiner Gemihün geome men ſey. N Daß der Empfang, den die Prüſſdentin n erwarten hatte nicht freundlich war laͤßt ſich erwarten; daß aber jeder neue Tag, mit neuer Qual und ſteten Vorwuͤrfen von ſeiner Seite, fuͤr ſie anbrach und ſich endete, war nicht klug von ihm gehandelt, denn war er ihr an⸗ fangs gleichguͤltig, ſo wurde er ihr jetzt verhaßt. Sie ſah in ihm dem Utheber, den Stiſfter ih⸗ rer Leiden, und die Tage die ſie in ſeiner Naͤhe verleben mußte, wurden kipr zu martervollen Fahren⸗ 2a E n Kein Wunder alſd, wenn ſie ſich von in zu befreien ſuchte; gleichviel, wie und auf welche Art. Selbſtmord oder Flucht, eines dieſer Mittel mußte ſie erloͤſen. Doch zum erſten fuͤhlte ſie ſich nicht ſtark genug, und zuin letztern fand ſich keine Gelegenheit, denn ſe wurde mit Argusaugen bewacht. Endlich ſchien es doch, als wenn ihre Winſhe mit der Erfülung getrut werden. ſollten. Lolln Ihre treue Zofe hatte ſie benrftrigt fi für einen treuen entſchloſſenen Menſchen zu ſorgen, der mit den Mitteln dazu von ihr verſehen, Wagen und Pferde einkaufen ſollte, um ſo⸗ bald die Gelegenheit ſich dazu faͤnde, mit ihe d da⸗ von fahren zu koͤnnen. Zufäͤllig wurde die fruͤhere Sauipage Go⸗ ra llo's, von dem Englaͤnder— deſſen Unſchuld man ſchon laͤngſt erkannt und ihn auch quod satisfactionem publichm, mit einer offent⸗ lichen Chrenerklaͤrung und mit vielen Ehrenbe⸗ zeugungen ſeiner Haft entlaſſen hatte,— ſei⸗ nen mit ihn gelittenen Bedienten geſchenkt, zum Kauf ausgeboten. Heimlich wurde dieſe nun fuͤr die Präͤſidentin angekauft, und einſt da de Dival von dem Beſuche, den er einem ſeiner auswaͤrtigen Freunde abgeſtattet hatte, zuruͤckkehrte, war ſeine Gattin dem Neſt entflohen. Die zuruͤckgebliebene Zofe, die ſich ungern von ihrer Herrin trennte; es aber doch, um die von den Präſidenten zum Beobachten ſei⸗ ner Frau beauftragte uͤbrige Dienerſchaft zu hintergehen, ſich trennen mußte, wurde von ihm ins Verhoͤr genommen. Aber von der Unſchuld dieſer Dirne an die Flucht ſeiner 9 bald uͤberzeugt, auch wieder entlaſſen. a Ahnend, daß ſie nur nach Foggia, wo eine nahe Verwandtin von ihr, Aebtiſſin eines Kloſters war, oder nach Neapel zu ihrer Buſenfreundinn geflohen ſeyn konnte, ſchickte er auf beiden Wegen, Reiter nach, um ſie ein⸗ 32 zuholen und alsdann, in Guͤte oder mit Ge⸗ walt wieder zuruͤck zu bringen. Eben wollte Corallo mit dem Wagen, worin die aus dem Wagen geſprungene, und jetzt wieder zu ſich ſelbſt gekommene Praͤſiden⸗ tin ſaß, in die Gebirge einbiegen, als er ſechs Reiter in geſtreckten Galopp auf ſich zukom⸗ men ſah. Heftig ſchlug er auf das keuchende Pferd; doch vergebens war ſeine Muͤhe ihnen zu entkommen; bald war er im Gebirge von ihnen umgeben. „Halt! Halt!“ riefen rhxrre Stuggan nun denke man ſich aber das gegenſeitige Er⸗ ſtaunen, als Corallo in den Rufenden ſei⸗ nen Bernard mit den Leuten, dieſe dagegen in den Kutſcher ihren Hauptmann erkannte. In gedraͤngter Kuͤrze erzaͤhlten ſie ſich ihre, Abentheuer, und nun ging es weiter fort in die tiefen Schluchten. nis In einer der groͤßeren Höhlen, die ſch naͤchſt der großen Hoͤhle hier befand, wurden Wagen und Pferde geſtellt, und nun ging es 7 33— mit der ſtaunenden Praͤſidentin dem Aufent⸗ halte der Raͤnber zu. Aengſtlich verbarg ſie 4 ihr Geſicht, als ſie oben angekommen, die furchtbaren Geſtalten ſah. Freundlich ſprach Corallo ihr zu, ſich nicht zu fülchten, da ſie doch bei ihm ſey; ließ ihr auch ſogleich ein glänzendes Gemach, deren ſich mehrere in der Hoͤhle befanden, anweiſen, und gab ihr einige huͤbſche Mäͤdchen, die von der Feilheit noch nicht geſtempelt zu ſeyn ſchienen, zur Bedie⸗ nung. Doch wollte ſie ſich nicht beruhigen laſſen, zu furchtbar war der Aufenthalt. Drin⸗ gend erſuchte ſie den ber ihr inr; Zitumet wei⸗ lenden Corallo, ſie ſogleich an Oit und Stelle bringen zu laſſen, weil ſie hier nicht laͤnger leben koͤnnte. Endlich erboth er ſich, ſie den andern Morgen ſelbſt nach Foggia zu bringen. Sie beruhigte ſich. Der noch uͤbrige Tag verſtrich nun unter koſenden Geſpraͤche und Liebeskände⸗ leien. Die Nacht Fitchfete iſt allein zu ſeyn.——— Es ſchien aber doch, als wenn ſi al n Gah⸗ rend ihres kurzen Aufenthaltes, ſchon mehr an das Furchtbare der Umgebung gewöhnt balte Corallo. II. 3 4 34 denn der Morgen war ſchon laͤngſt angebro⸗ chen, ſogar ruͤckte der Mittag ſchon naͤher, ohne daß ſie ihrer Fortreiſe dachte, und als Corallo im Laufe des Geſpraͤchs der Reiſe dachte und recht ſehr bedauerte, ſie noch nicht fortlaſſen zu koͤnnen, weil erſt noch ein Wa⸗ genpferd fuͤr das erſchoſſene gekauft werden muͤßte, ſo ſchien ſie ſich gar nicht zu graͤmen, im Gegentheil recht vergnuͤgt daruͤber zu ſeyn. Nach einigen Tagen kam Bernard mit dem verlangten Wagenpferde und brachte zu⸗ gleich die Nachricht mit, daß die ganze Um⸗ gegend von den ausgezognen und mit Schimpf zuruͤckgeſchickten Reitern in Allarm geſetzt ſey. Sie haͤtten auf ihren Bergruͤcken nun wohl nichts zu fuͤrchten, doch hielt es jetzt auh ſchwer, Beute zu machen Wweil alles aufmerk⸗ ſam auf ſie gemacht waͤre. „Meines Bleibens war hier doch nicht lan⸗ ger“ bemerkte Corallo, und ließ noch den nämlichen Tag ſaͤmmtliche Anweſende auf den Sammelplatz zuſammen kommen. ANachdem er ihnen erklaͤrt hatte, daß es nun Zeit ſey von hier aufzubrechen, ſo ſtellte — 5 35 er ihnen Bernard und Molli, als Fuͤhrer nach dem angenehmen Molliſer Thale vor; mit dem Bedeuten in kleinen Trupps dahin zu ziehen, und ſich unterwegs aller Gewalt⸗ thaten und Raͤubereien zu enthalten. Murano wurde wieder zum Oberſten, waͤhrend ſeiner Abweſenheit ernannt, und bei ſeinem hoͤchſten Zorn den Leuten anbefohlen, ihm in allen Dingen treue Folge zu leiſten. Dagegen machte er den Murano mit den Geheimniſſen des Thales bekannt und befahl ihm, mit den Leuten ſo zuruͤckgezogen wie moͤglich zu leben, damit die kommenden Waͤr⸗ ter des Alten nicht verſcheucht wuͤrden, ſondern bei ihrem Erſcheinen eingefangen werden koͤnn⸗ ten. Doch ſollte er dafuͤr ſorgen, daß der Alte in ſeinem Thale von den Leuten nicht beunru⸗ higt wuͤrde. Wenn uͤbrigens etwas vorfiele, wovon er benachrichtigt werden muͤßte, ſo waͤre er in Neapel oder Florenz, wohin er zu reiſen gedaͤchte, zu finden. gleiten. 3* Borgello und Barnelli ſollten ihn be⸗ 2. 36 Nach einigen Tagen war Alles zum Auf⸗ bruch fertig; der Wagen fuͤr die Praͤſidentin und Corallo, der ſie nach Foggia anfaͤng⸗ lich begleiten wollte, ſchon unterhalb des Ber⸗ ges angeſpannt, als ein Raͤuber meldete: daß die ganze Gegend von Miliz und Soldaten wimmle, die es auf Sie abgeſehen zu haben ſchienen, und den Anſchein nach, gegen ihren Aufenthalt heranruͤckten. Das thut mir deshalb ſehr leid, wandte Corallo ſich gegen die Praͤſidentin, weil ich Euch nach Befinden der jetzigen Umſtaͤnde nicht begleiten kann; denn unmoͤglich darf ich meine Leute jetzt, wo ſie meiner ſehr benoͤthigt ſind, verlaßen. Vergebens machte die Präͤſi⸗ dentin allerlei Einwendungen. Corallo ver⸗ ſprach ihr, ſie ſicher an Ort und Stelle brin⸗ gen zu laſfen, doch weiter koͤnnte er fuͤr jetzt nichts thun; er verſicherte ihr aber, ſobald die Umſtaͤnde es erlaubten, ſie im Kloſter zu be⸗ ſuchen. Dem Kutſcher der Praͤſidentin, der damals, als die Pferde mit dem Wagen durchgegangen waren, vom Bocke gefallen und ſich hernach mit dem Raͤuber, der ihm von 37 Bernard zugegeben war, in der Hoͤhle ein⸗ gefunden hatte, wurde ein tiefes Schweigen mit der Drohung aufgelegt, daß: ſobald man er⸗ fuͤhre, daß er geſchwatzt haͤtte, der qualvollſte Tod ſein Lohn ſey; dieſer ſchwur bei allen Heiligen daß uͤber feine Lippen nie ein Wort davon kommen ſolle. Er gab ihr nun einige Raͤuber zur Begleitung mit, dieſe ſollten Sie den Weg durch die Gebirge fuͤhren, damit ſie ſo wenig als möglich die Heiaſtraße zu 1 Deniipen noͤthig haͤtte. B 212„ite ilgemun 0a Die Praͤſidentin war noch zur rechten Zeit weggefahren, denn gleich darauf war der Berg worauf die Hoͤhle ſich befande o von Iibsoheaden Feinden umgeben. 5 „Hier iſt Verrath im Spiele," Wuͤthete Corallo, ſonſt war es den Hunden nicht moͤglich, uns zu finden."/ e ie. Eilig ließ er die Raͤuber zuſammen kommen um die Fehlenden auszumitteln. Aber zauch nach der genaueſten Unterſuchung wurde kei⸗ ner vermißt. Nun ſo iſt der Teufel mit ihnen im Bun⸗ e an 111 deñ aber wartet, es ſoll Euch da unten theur men. ie waren, nach einer nochmaligen Nuſte ung, in beinahe zweihun⸗ dert Koͤpfe ſtart. „Zwar ſind wir,“ hob E orallo gegen die verſammelten Raͤuber an,„hier oben in un⸗ ſerer Hoͤhle vor den Angriffen der hundiſchen Militz geſichert, doch wuͤrde zuletzt die leere Speiſekammer uns, verzweifelnd, zu dem trei⸗ ben, was wir durch beſonnenen Muth uns jetzt erringen koͤnnen. Sollte es uns jetzt aber unmoͤglich ſeyn, die Feinde von unſerm Felſen zu entfernen, um gefahrlos abziehen zu können, ſo ziehen wir uns in unſere Hoͤhle wieder zuruͤck, und verſuchen es ſo oft, bis es uns gluͤcken wird.“ „Bernard, ſuche Du die Stärke der Feinde zu erforſchen, und wie ſie geordnet ſte⸗ hen, damit wir unſern Angriff darnach machen koͤnnen. Kehre aber ſabold als moͤglich wie⸗ der zurucke 4 39 Aus einem tiefen Schlafe erwachend, ſah Corallo erſtaunt um ſich her. Alles war ihm fremd. 112 Er ſah ſich in einem kleinen Zimmer auf einem aͤrmlichen Lager liegen, die ganze Umge⸗ bung verrieth die groͤßte Armuth. Einige Men⸗ ſchen beiderlei Geſchlechts die um ihn ſtanden, verriethen bei ſeinem Erwachen die groͤßte Freude. Laut jubelnd riefen ſie„er lebt! er lebt!"“ Doch auf's neue ſchloſſen ſich ſeine Augen als er jetzt einen Landmiliz in's Zimmer ſtuͤr⸗ zen ſah; krampfhaft ballten ſich ſeine Haͤnde; wuͤthend, ſich in der Gewalt der Feinde zu wiſſen, bebte er zuſammen, aber erſtaunt ſah er wieder auf, als er eine bekannte Stimme, —„Capitano, wir ſind Sieger geblieben; die Raͤuber ſind geſchlagen und zerſtreut, und der furchtbare Corallo ſelbſt gefangen nach Neapel gebracht,“ ihm laut zurufen hoͤrte. Er ſah genauer nach dem Sprechenden, und erkannte Borgello, ſeinen Treuen. „Wie kommen wir hierher! Wo ſind wir?7 wollte er ſchon fragend anheben, als Bor⸗ 40 gello, der es wirklich war, die Anweſenden bat, ihn mit dem Kranken allein zu laſſen, weil der Kranke über die vielen Menſchen be⸗ aͤngſtigt ſchiene. Gern entfernten ſich dieſe. , Was ſoll die Maskerade mit Dir? Wie ſteht es mit unſern Leuten? Wie kommen wir hierher und wo ſind wir?“ feug Soralls seetviert durcheinander. i„In der Beantwortung deiner erſtern Fra. ge, findeſt du auch die Uebrigen erkläͤrt. „Du weißt, 7 bob er nun an, wie wir z Ber den erſten Ausfall wieder zuruͤckgeprellt wur⸗ den, dagegen ſchien uns der zweyte guͤnſtiger zu ſeyn. Du erinnerſt Dich des Augenblickes wohl noch, wo wir ſchon als Sieger Victoria rufen wollten, und wo nun die bis dahin ſich verbor⸗ gen gehaltene Cavallerie pl laͤtzlich zwiſchen uns ſtuͤrzte, und uns den Sieg ſtreitig machte; wie wir uns nun auf Deinen Befehl nach der Hoͤhle zuruͤckziehen wollten, und uns abge⸗ ſchnitten fanden. Noch ſehe ich die Wuth, die ſich auf Deinem Geſichte zeigte, als wir uns endlich doch durchſchlugen, und die Hoͤhle — —— 44. waͤhrend des Kampfes eingenommen und von den Feinden beſetzt fanden.“ „Ha! Verrath!„Verrathte uſge Corallo. „Ja, wir waren verrathen,“ fßt Bor⸗ gello fort.„Von einem ſterbenden feindli⸗ chen Offizier, deſſen Uniform ich Dir hernach anzog habe ich es erfahren. ſ „Wie?“frug Corallo ſtutzig. „Erlaube nur, daß ich auserzaͤhle. Dieſer Offizier, dem ich auf die Spanne Zeit die er noch zu leben hatte, das Leben ſchenkte, er⸗ zaͤhlte mir, waͤhrend Du ohne Lebenszeichen neben mir lagſt, daß ein gewiſſer Pedrillo, der dieſe Gegend, und unſern Aufenthalt ge⸗ nau kannte, ihr Fuͤhrer geweſen waͤre.“ „Ha, Pedrillo, verdammter Verraͤther!“ „Beruhige Dich und hoͤre weiter. Nun haͤt⸗ ten ſie durch eine verſtellte Flucht uns von den Felſen, worauf unſere Hoͤhle ſich befand, weg⸗ gelockt; leicht haͤtten ſie, nachdem ihnen dieſes gelungen, die Beſatzung, die zur Vertheidi⸗ gung der Hoͤhle zuruͤckgeblieben waͤre, gewor. fen und niedergehauen; wie wir nun zuruck 4 42 gekommen um in unſerm feſten Schlupfwinkel uns zuruͤckzuziehen, waͤren ſie ſchon laͤngſt Herr des Platzes geweſen.— Hier erneuerte ſich der Kampf mit erhoͤheter Wuth; hier war es, wo du von einer feindlichen Kugel getrof⸗ fen, ſtuͤrzteſt. Barnelli und ich ſahen Dich fallen; trugen Dich auch ſogleich aus dem Gefechte; legten Dich ſeitwaͤrts ins Gebuͤſch und begaben uns wieder zuruͤck in den Kampf. Barnelli fiel an meiner Seite— mit ihm viele der Kameraden; keiner nahm Par⸗ kon. Viele zogen den Tod, der Gefangenſchaft vor und erſtachen ſich ſelbſt.“ „Das iſt zu ſchrsraih⸗ Sihweigla bat Corallo. „Die Sorge fuͤr Dich, trieb mich v von dem Kampfplatze; ich eilte dem Orte zu wo wir Dich niedergelegt hatten, und fand Dich auch ſo wieder, wie ich Dich verlaſſen hatte— ohne Lebenszeichen.— Neben Dir lag ein feind⸗ licher Offizier, der wie ich hinzutrat, aus ei⸗ ner Ohnmacht ſich zu erhohlen ſchien; er bat da er mich als Feind erkannte, umn ſein bis⸗ chen Leben. Da es mir unmoͤglich war den ſchon halb Todten zu morden, ſo erzaͤhlte er mir denn, was Du ſchon gehoͤrt, daß, Pe⸗ drillo ſie mit dem geheimen Uebergang der Hoͤhle bekannt gemacht haͤtte, und als ſie nun Herr davon geweſen waͤren, ſo haͤtten ſie ihre Kampfbegierde nicht unterdruͤcken koͤnnen, und ſich mit uns, da wir zuruͤck kamen um uns zuruͤckzuziehen, aufs neue in Kampf ein⸗ gelaſſen; da waͤre er denn ſchwer verwundet, von den ſeinigen abgeſchnitten, hirrhergekrochen, um ruhig zu ſterben. Nach genauer Pruͤfung ſpuͤrte ich bei Dir noch einige Lebensfunken, gerieth aber in Ver⸗ legenheit, wie ich Dich unter huͤlfreichende Menſchen bringen ſollte. Da half mir ein eigener Einfall. Wie es anfing dunkel zu werden, ſchlich ich mich nach dem Kampf⸗ platze, zog einer Miliz die Uniform aus und bekleidete mich damit, doch konnte ich für Dich keine finden, weil es noch zu hell war, um mich frei heraus zu wagen. Wie ich zu Dir Zuruͤckkehrte, um die voͤllige Nacht abzuwarten, war der Offizier verſchieden. Schnell mußteſt Du die Kleidung mit ihm wechſeln, und ſ 44 umgewandelt, nahm ich Dich auf die Schul⸗ tern und trug Dich einer Waipoäten Gegend entgegen.“ „Bald ſah ich durchei die Dunkelheit der Nacht ein Licht ſchimmern, ich eilte mit Dir darauf zu, und ward von den Leuten, welche Du bei Deinem Erwachen ſaheſt, freudig auf⸗ genommen. Da ſie Dich fuͤr einen Capitano der Miliz halten, ſo koͤnnen wir ſicher Deiner Geneſung entgegen harren. Zum Gluͤck ver⸗ ſteht die Hausfrau hier etwas von der Kraͤu⸗ tetkunde, und will fuͤr Deine Harſtelung buͤrgen.“ Indem trat die Frau mit einem gekochtmm Kraͤutertrank herein, und erkundigte ſich nach dem Befinden des Capitano. Machte Bor⸗ gello'n aber uͤber ſein vieles Schwatzen bittere Vorwuͤrfe, weil der Kranke dadunh. ſchlimmer geworden waͤre. Borgello verſprach, es nicht w wieder zu thun, doch bat er die Wirthin: niemand, und 4 jauf keine Weiſe ihr Hieceyn zu vertathen. weil es der herumſchwaͤrmenden Raͤuber we⸗ gen ſehr gefaͤhrlich ſeyn koͤnnte, und ſich zur — Sicherheit, von dem naͤchſten Orke Leute zur Bewachung kommen zu laſſen, waͤre ſei nem Capitano zu umſtaͤndlich. Hier halte ich es nicht laͤnger aus, klagte Corallo eines Tages dem Borgello. „Schaffe Rath, daß wir nach Neapel kommen.“ „Du biſt aber ſo weit noch nicht wieder hergeſtellt, um eine ſolche Reiſe unternehmen zu koͤnnen,“ wandte Borgello ein. „Ich fuͤhle mich zur Reiſe ſtark genug. Aber wie ſieht es mit den Mitteln dazu aus. 47 „Schlecht, ſehr ſchlecht ℳ klagte jener. Die. kleine Baarſchaft die ich noi hatte, habe ch hier ausgeben muͤſſen— „Und die paar Zechinen, die ich noch bei mir fuͤhre, muͤſſen wir den Wirthsleuten zum Danke fuͤr ihre Aufmerkſamkeit zuruͤcklaſſen.“ „Denn ſieht es freilich ſchlimm aus. Was meinſt Du, Hauptmann„wenn ich mich ein 4 mal nach der Hoͤhle zuruͤckſchliche, um etwas von den verborgenen Schaͤtzen—“ 8 46 „Das geht nicht,“ bedeutete der ſinnende Corallo.„Denn wahrſcheinlich wird die dortige Gegend, hat man die Schätze nicht gefunden, noch bewacht, und ſind ſie gefunden, — welches, da der Verraͤther Pedrillo⸗ der jeden Winkel kennt, ihr Fuͤhrer war, ein leicht moͤglicher Fall iſt,— ſo iſt es ein uͤberfluͤſſiges Wageſtuͤck.“ „Ei nun, wenn es nicht anders iſt, ſo haben wir noch Kleinodien.“ „Die wir allenthalben zu Gelde machen konnen. Sorge,“ befahl Corallo,„fuͤr Jägerkleidung; Wir wollen fort.“ „Die Kleidung, die Du im letzten Ge⸗ fechte trugeſt habe ich zur Vorſicht dem Offi⸗ zier wieder auögezogen und mitgenommen, und waͤhrend Deiner Krankheit gereinigt.“ mHa, das iſt die, die ich damals trug als ich Rom verließ. Gut, morgen reiſen wir.“ „Meine Unniform laͤßt ſich leicht in eine gewoͤhnliche buͤrgerliche Kleidung umwandeln, verſicherte Borgello, und ging zu den gaſt⸗ freundlichen Wirthöleuten, um dieſe von ihrer Aberife zu unterrichten. 47 Nur mit der groͤßten Gewalt drangen ſie den guten Leuten bei ihrer Fortreiſe einige Zechinen auf, aber gewiß haͤtten es dieſe auf keinen Fall angenommen, wenn ſie gewußt . haͤtten, daß es der Geber Letztes war. Es war ein heller ſchoͤner Morgen als Corallo mit ſeinem Begleiter den duͤſtern Bergen zuwanderte, um die fruͤher bewohnte Felshoͤhle noch einmal zu unterſuchen; der Entſcheidung entgegen ſehend, ob er als Bett⸗ ler die Welt zu durchwandern hatte, oder, ob er noch ſo viel von ſeinen zuruͤckgelaſſenen Schaͤtzen vorfaͤnde, um ruhig in einen unbe⸗ kannten Winkel der Erde leben zu kongen. Seinen Vorſatz, nach Neapel zu reiſen, hatte er aufgegeben.„Denn,“ wandte er ſich zu Borgello,„meines Eides den ich der Geſellſchaft ſchwur, bin ich entbunden; denen die dem letzten Kampfe entronnen und nun zerſtreut umher wandern, bin ich todt, und mir ſelbſt bin ich es ſchuldig, von einer Lauf⸗ bahn abzulaſſen, die am Ende nur— zum. Rabenſtaie führt. 4. 5 48 „O, Hauptmann Du ſprichſt aus meiner Seele; laß uns nach Deutſchland liehen. dort ſind wir ſicher.“ Ja, dahin wollen wir. Doch dem Alten im Thale erſt beſuchen.“ Gegen Abend erreichten die Reiſenden den Berg, worauf die Hoͤhle ſich befand. Auch nach der genauſten Unterſuchung fanden ſie die Gegend oͤde und menſchenleer. Ein ſchma⸗ ler Steg vertrat die Stelle der vorigen kuͤnſt⸗ lichen Bruͤcke. Sie gingen hinuͤber, den Berg hinan— alles war ſtill und ode. Doch wie fanden ſie alles verändert! die große Hoͤhle war zuſammengeſtuͤrzt; die ver⸗ bergenden Felsgrotten geſprengt,— kurz, im Ganzen ſahe man, das des Pulvers hier nicht geſchont war. Vergebens waren die Nachſuchungen Corallo's; von den vor⸗ handen geweſenen Schaͤtzen— dar Kichts mehr zu finden. „Mir thut es des Alten im Thale wegen leid, den ich gern befreit, und mit den Schä⸗: tzen ein ſorgenloſes Alter bereitet haͤtte."* a 49 „Siehe, Hauptmann, beinahe haͤtte ich et⸗ was vergeſſen. Nicht gar fern von hier muß die Staͤtte ſeyn, wo Du verwundet lagſt und wo der Offizier verſchieden iſt,— daſelbſt ha⸗ be ich das Portefeuille des Offiziers vergraben, weil ich es bei mir nicht ſicher genug glaubte.“ „Hm, ich glaube bei Dir in der Taſche⸗ waͤre es am allerſicherſten aufgehoben geweſen.“ „Vielleicht iſt fuͤr uns Huͤlfe darin.“ Lang, ſehr lang dauerte den Beiden die kurze Nacht;— der eine, ungeduldig uͤber das Wiederfinden des Portofeuille; und der andere, konnte die Zeit nicht erwarten, aus der Ge⸗ gend, und ſeinen fruͤhern Berbindungen zu kommen und zu treten.“ Kaum roͤthete ſich der oͤſtlice Himmel; kaum erhellten die Strahlen, die Vorlaͤufer der majeſtaͤtiſch aufgehenden Sonne, die fernen Berggipfel, als Co rallo mit ſeinem Beglei⸗ ter, von dem Sitze der fruͤhern Luſtigkeſt auf ewig Abſchied nahm. 8 Scchwer wurde es dem Borgello den verſteckten Ort wieder zu finden, obwohl er ſich die Gegend genau bezeichnet hatte, und Corallo. II. 50 wer weiß ob er ihn wieder gefunden häͤtte, waͤre er nicht von einem peſtartigen Geruch, der ihm entgegen duftete, endlich geleitet worden. „Hier iſt es!“ rief Borgelko⸗ und wandte ſich ab. Schaudernd ſah Corallo hier einen in Verweſung uͤbergegangenen Leichnam, der die peſtartigſten Geruͤche weit umher verbreitete. „O, des ſchrecklichen Todes! weit von den ſeinigen entfernt, ſo ſterben zu muͤſſen, das iſt fuͤrchterlich. Und wer iſt Schuld, das vielleicht troſtloſe Eltern, oder eine verzweifelnde Braut, ſeiner vergebens entgegen harrt? Ich, nur al⸗ lein, ich bin ſein Moͤrder!“ rief Corallo außer ſich. „Hauptmann,“— bat Borgello, der Pbr der Zeit das Verſteckte wieder gefun den und zu ſich genommen hatte,—„Haupt⸗ mann, wir wollen uns entfernen.“ „Ja, komm weg von dem Ort der grau⸗ ſenden Verweſung! Doch, Borgello,“ fuhr er ploͤtzlich auf, ſollen wir den Leichnam nicht der Erde geben, der er gehoͤrt.“ 8 „Wenn unſere Haͤnde Schaufeln waͤren, ſo waͤre ich ganz Deiner Meinung, doch ſo—“ „Geht es nicht.— Haſt recht, komm.“ In tiefen Gedanken verſenkt gingen die Beiden eine Weile ſtillſchweigend neben einan: der her; bis Borgello endlich den Vorſchlag that, die Hinterlaſſenſchaft des Offiziers zu unterſuchen. Schon, um ſich zu zerſtreuen gab Corallo dieſes gerne z. Bei der Eroffnung der Papiere lachten ih⸗ nen ſogleich einige nicht ganz unbedeutende Wechſel, auf ein bedeutendes Handlungshaus in Neapel weiſend, freundlich entgegen, und bei genauerer Unterſuchung und Erklarung eini⸗ ger Briefe, fand es ſich: daß der Todte ein Graf Trauſtein ſeh; der wahrſcheinlich aus Kampfbegierde mit gegen die Raͤuber ausge⸗ zogen war, obwohl die dunkle Stelle eines Briefes dem Offizier einen andern Zweck unter⸗ ſchob; darin hieß es nehmlich:„Dein ganzes Beſtreben, wirken und weben muß darauf hin⸗ ausgehen, den furchtbaren Corallo„der nicht iſt, was er ſcheint, aus der Zahl der Lebendi⸗ gen zu verwiſchen. So lange der lebt, biſt 4* Du nicht der ſichere Beſitzer T Deiner Güter.“ Der Name des Schreibers war, wie in den andern Briefen von der nemlichen Hand, verloſcht. „Was ſind das wieder fuͤr neue Räthſete fuhr Corallo auf.„Was hat Graf Trau⸗ ſtein mit mir zu ſchaffen, daß er nah meinem Leben trachten ſoll?“ Erinnerſt Du Dich, Hauptmann, des Jee meus Trauſtein noch, aus meiner Erzählung? — So nannte ſich der von mir ermordete Marcheſe Mareo del Peceo als er meine Mutter verfuͤhrte. Und ich moͤchte wohl Zehn gegen eins verwetten, er iſt auch Schreiber dieſer Briefe! Denn ſiehe,— dabei hohlte er die Briefe die er von ſeiner Mutter ererbt hatte, und ſtets bei ſich fuͤhrte, hervor, und hielt ſie gegen die vorliegenden Schreiben,— die Aehnlichkeit iſt ſo groß, daß man es wohl fuͤr Gewißheit nehmen koͤnnte, wenn ich ihn nicht, ehe dieſer letzte Brief geſchrieben iſt, mehrere Stockwerke herunter aus einem Fen⸗ ſter geſtuͤrzt haͤtte, wonach ihm das Chhchßen wohl vergehen mußte—“ 128 — — 1853 „Borgello,“ unterbrach ihn C drallo, „Du wirſt mir jetzt auch zum Raͤthſel. Erſt willſt Du wetten, daß Marco del Pecco der Schreiber waͤre, alsdenn wieder behaupten: daß Iu ihn aus dem Fenſter geſtuͤrzt haſt—“ „ Ss ganze iſt mir ſelbſt unerklaͤrlich. Wahrſcheinlich taͤuſcht uns auch nur die Aehn⸗ lichkeit der Haͤnde. Denn Marco del Pecco iſt nicht mehr. 2 „Was haben die aber alle mit mir zu ſchaffen, daß ſie nach meinem Leben trachten? Wie komme ich mit den Beſitzungen elnes Grafen Trauſtein zuſammen, die durch meinem Tod der Familie nur geſichert bleiben? — O, Borgelld, denke ich nur noch mei⸗ nes Jugendtraums, meiner Jugendjahre und allen meinen nachherigen Zufaͤllen— ſo ver⸗ liere ich mich in den Chaos wilder unschin⸗ digter Ideen.“ „Sich vergebens den Kopf dereetchns wa⸗ te Thorheit, deshalb mag es die Zeit entraͤth⸗ ſeln. Aber, Hauptmann, da wir die natuͤr⸗ Aenn lichen Erben des Verſtorbenen ſind, ſo glaube ich, wir thun am beſten, daß wir in Neapel 54 die Wechſel heben und uns alsdann von dem Schauplatz des ftlihen Thuns zuruͤck tiehen. 55 „Sieh mal,“— hoͤrte man eines Tages auf einem der oͤffentlichen Plaͤtze Neapels einen Lazaroni dem andern leiſe zurufen, der zu⸗ gleich auf zwei junge Maͤnner zeigte die ſinnend um ſich herſahen,— das ſind Fremde! Sollen wir uns ihnen als Fuͤhrer anbieten; aber zu rupfen ſcheint wenig bei ihnen zu ſeyn. Daß meine ich auch,“ aͤußerte der andere. „Siehe nur den armſeligen Anzug, des einen; der ſcheint aus einer Win à nniſonm it gechach zu ſchn.⸗ 7„Haſt recht,“ erwisderte d der landre. Des andern Kleidung ſcheint beſſer zu ſeyn, aber nobel iſt ſie auch nicht; eine igssescenes Jaͤ⸗ fesdade„weiter nichts.”“ „ Aber ein paar wackere Burſchen. Wie des einen Flammenblicke umher ſpruͤhen. Er winkt uns! Komm, wir wollen es ſoß villg wie moͤglich machen.“ 35 „Guter Freund,“ redete der eine, es war Borgello, den Lazaroni an,„hier in der Gegend ſoll das Comptoir des Joiſepho. ſeyn,— koͤnnt ihr uns nicht dahin zeigen.“ 8 3„Joſepho?“ frug verwundert der An⸗ f geredete.„Das iſt jg das reichſte Haus in Neapel; was habt ihr damit zu ſchaffen?“ „Schlingel, was kuͤmmert Dir das?“ brach Corallo, uͤber die verwegene Frage des Lazaroni erbittert, los, und wollte fort⸗ fahren in dieſen Ton, als Borgello durch 1 bedeutende Winke ihn bat, zu ſchweigen, um durch dieſe Art Menſchen, kein Aufſehn zu erregen. 1 1 85 Doch der nicht zartfuͤhlende Lazatoni ſchien uͤber den erhaltenen Ehrentitel gar nicht boͤſe zu ſeyn, im Gegentheil, freundlicher als zuvor, erbat er ſich von ihm einen Scudi, alsdann wollte er ihn gern zu Joſepho hinfuͤhren. Gern hätte Corallo ihm dieſes, mehr noch gegeben, aber—— fragend ſah er ſei⸗ nen Borgello an, ob er es nicht haͤtte; un⸗ merklich ſchuttelte er mit dem Kopfe, wandte ‿ 56 ſich aber ſogleich zu den, mit Blicken fragen⸗ den, Lazaroni's, mit dem Bedeuten:„daß er erſt von Joſepho Geld holen wolle. 17 Lachend meinten aber die Lazaroni 6,„wenn ſie erſt Geld haͤtten, dann ſollten ſie wieder kommen; aber bis dahin auch huͤbſch das auf⸗ fahrende Weſen ablegen. 8 Ihr Gluͤck war, daß ſie nicht zuregingen, ſondern— fortliefen, ſonſt haͤtte Corallo ſich doch wohl nicht enthalten konnen, ihnen ein merkliches Zeichen mitzugeben. Doch die waren auf einmal wie weggeflogen, und da ſtanden ſie nun, die Beiden, ohne Zuflucht und ohne Geld, mit Maͤgen, die Befriedigung lbe⸗ gehrten, und— ſahen ſich verlegen an. Kaum blieb ihnen die Hoffnung, Mittel zur Erhaltung, zu bekommen. Denn jemehr Corallo es bedachte, deſto gefaͤhrlicher ſchien es ihm, die Anweiſungen des Offiziers bei Joſepho zu produciren. Das einzige Mittel was ihnen noch blieb, war noch die Kleinodien zu ver⸗ aͤußern, wofuͤr ſie denn auch gewiß wenig genug erhalten wuͤrden. —— Noch ſtanden ſie beide und ſannen, bis denn endlich Bor gello ſeinen Begleiter da⸗ rauf aufmerkſam machte, daß ſie wohl weiter gehen muͤßten, weil ſie die Aufmerkſamkeit der Umherwandelnden erregt, und nun, trotz ihrer verwandelten Geſichter, leicht jerkannt werden koͤnnten. Ehen im Begriff, den Tor⸗ ſo entlang zu gehen, draͤngte ſich durch meh⸗ rere Menſchen ein Mann, eilte auf Corallo zu, ergriff deſſen Hand, und bedeckte ſie bald mit Kuͤſſen. Erſtaunt ſah Corallo auf, und erkanute ſogleich den aus den Klauen des Abtes von St. Arbino geretteten Wirth. Nicht Wil⸗ lens, ſich erkennen zu geben, ſah er den vom Danke gluͤhenden fremdartig an, wobei er frug:„Was er von ihm wolle? Er kenne ihn nicht; gewiß irre er in der Perſon.”“ „Nein, ich irre nicht. Ihr ſeyd es, der uns gerettet; ihr ſeyd es, dem ich Ehre und Leben zu danken habe. O, kommt, wie wird ſich meine Familie freuen.“ 1 4 Corallo, fuͤrchtend, daß der Unvorſichtige in ſeiner Freude waͤhrend die Menſchen ſich . * 58 ſammelten, zu viel plaudern wuͤrde, verſprach, ihm zu ſeiner Familie zu folgen, um, wie er ſagte, ihm zu beweiſen, daß er ſich geirrt habe. „Ic, kommt nur, kommt nur!“ und freudig wie ein Hochbegluͤckter, ſprang er vor ihnen her. Gern waͤre Corallo jaetzt davon geſchli⸗ chen, doch ein Sbirre konnte ſeinen Gefang⸗ nen, den er Jahre lang nachgeſpuͤrt und end⸗ lich erwiſcht hat, nicht mehr huͤten, als der Dankbare ſeinen Wohlthaͤter. Noch einmal verſuchte Corallo ihm zu erklaͤren:„daß er ſich in der Perſon irre;“ nun wurde aber der Mann oͤſe. 6 „Glaubt ihr denn, daß ich meine fuͤnf ge⸗ raden Sinne verloren haͤtte? Euer Geſicht iſt wohl etwas veraͤndert, doch erkennen will ich Euch unter Tauſenden. Nein, die Freude, mich dankbar zu beweiſen, duͤrft ihr mir nicht verſagen. Nein, meine Frau wuͤrde ſich ja zu Tode graͤmen, wenn ſie hoͤrte, daß ich unſern Engel in der Noth, geſehen und geſprochen haͤtte, und ihn nicht mitgebracht; meine Gio⸗ — — —— * — nicht weniger zeigte ſich ſeine Freude in ſeinen Blicken. w 59 vanna wuͤrde ſich die Augen aus dem Kopfe weinen.—% 1 5 „Mein lieber Mann,“ unterbrach Coral⸗ lo den laut Redenden,„angenommen: ich waͤre der Mann, dem ihr Cuer Gluͤck zu ver⸗ danken habt, ſo wuͤrde es mir doch ſehr unan⸗ genehm ſeyn, von Eurer laut aͤußernden Freu⸗ de und Dankbezeugungen ſo uͤberhaͤuft zu wer⸗ den, daß dadurch die Aufmerkſamkeit und die Blicke ganz Neapels auf mich gezogen wer⸗ den koͤnnte;— und vielleicht moͤchte ich ganz unbemerkt bleiben/ Jetzt mochte er ſich plötzlich der fruͤhern Ahnung von ſeines Retters eigentlichem Le⸗ ben beſinnen; eine Ahnung, nein, eine Gewiß⸗ heit, an der er in ſeiner Freude nicht dachte. Sein Retter war ein Raͤuber.— Davon war er uͤberzeugt, obwohl er ſeiner Frau, und Tochter bewieſen hatte:„daß ihr Ret⸗ ter ein wohlthaͤtiger reicher Marcheſe ſey.“ Lautlos ging er nun neben ihnen her. Doch Bald erreichten ſie eine der lebhafteſten Vorſtaͤdte Neapels; hier blieb der Fuͤhrer vor einem kleinen, aber ſchoͤn gebaueten, Hauſe ſtehen, und klopfte drey Mal an der verſchloſ⸗ ſenen Thuͤr.„Die Vorſicht,“ wandte der 3 Mann ſich an Corallo, halte ich deshalb fuͤr ſehr noͤthig, weil ich mich vor den Ver⸗ folgungen des rachgierigen Abtes von St. Ur⸗ bino noch nicht ganz ſicher glaube.“ 3 Die Thuͤr wurde geoͤffnet; der Mann trat mit den Fremdlingen in die Stube, und— Corallo glaubte durch ſeine kunſtfertige Geſchicklichkeit ſi ſich unkenntlich gemacht zu ha⸗ ben,— aber kaum wurde er von den uͤber⸗ raſchten Frauensleuten geſehen, als ſie ihm auch ſchon mit dem Zuruf: hunſer Nettete zu den Fuͤßen lagen. i nh 2478 Sich hier läͤnger verlaͤugnen zu wollen, waͤre Thorheit geweſen, deshalb gab er ſich als denjenigen zu erkennen, der ihnen damals in der Noth erſchienen ſey und geholfen habe. Nun drangen ſie in ihm, mit ſeinem Freunde bei ihnen zu bleiben, was er ihnen auch bewilligte; doch mußten ſie ihm das 6¹1 ſichere Verſprechen geben von ihter Ankunft und Daſeyn nichts zu aͤußern, weil er Gruͤnde haͤtte, unbemerkt zu bleiben. Was Kuͤche und Keller nur aufzubringen vermochte wurde freudig aufgetiſcht, und ſo froh hatte Corallo ſich noch nie gefuͤhlt, als in dieſen gluͤcklichen Familienzirkel. Auf ſein Befragen erzaͤhlte. der Hauswirth:„daß er dieſelbe Nacht noch mit ſeiner Familie das Haus, worin er ſeine Jugend und ſo manchen frohen Tag verlebt, verlaßen haͤtte. In Nea⸗ pel ſelbſt zu bleiben, haͤtte ihm zu gefaͤhrlich geſchienen, deshalb waͤre ihm dieſes Haus mit einem großen ſchoͤnen Garten, der ihnen ihre Fruͤchte und Bedurfniße liefere welches ihm zu der Zeit kaͤuflich angebothen wurde, ge⸗ rade paſſend geweſen, und da er mit den Mitteln dazu von ihm verſehen geweſen waͤre ſo haͤtte er es auch ſogleich gekauft, und be⸗ wohne es jetzt in aller Stille und in der groͤßten Ruhe.“ Aber auch Corallo verlebte mit ſei emt Borgello hier einige Tage in allern 62 und Ruhe, und erholten ſich dadurch zuſehends von den Strapazen der letzten Zeit. Aus doppelten Gruͤnden wurde es erſteren bald unangenehm, hier noch laͤnger verweilen zu muͤſſen; denn nicht allein, daß ihm die zweckloſe Unthaͤtigkeit in Mißlaune verſetzte, ſo war es ihm auch hoͤchſt unangenehm, be⸗ merken zu muͤſſen, daß Giovanna, die huͤbſche Tochter ſeines Wirthes, der eigentliche Zankapfel des feiſten Abt's— ihn mit nicht gleichguͤltigen Blicken zu betrachten ſchien. Selbſt den Eltern war es auffallend, wie die ſonſt immer froͤhliche Tochter, jetzt auf einmal ihnen umgewandelt vorkam. Sonſt war ihr Gang einem leichten Tanze gleich, jetzt ſchlich ſie leiſe und truͤbe einher. Ihr haͤusliches Thun und Treiben, ſonſt ſo ge⸗ ſchaͤftig,— hatte ſich in traͤumeriſches Nichts⸗ thun aufgeloſt— Die Eltern bemerkten es, ohne die Urſache zu ahnen; Corallo ſah ein: daß er ſich trennen muͤßte. Denn die Urſache lag in den truͤben, feuchten Blicken, mit de⸗ nen ſie ihn verfolgte; in dem ploͤtzlichen Erroͤ⸗ then im Heben der keuſchen Bruſt, wenn ſein A — 63 Blick, dem ihrigen von ungefehr begegnete; er mußte fort, das fuͤhlte er,— es war das ein⸗ zige Mittel um dem Maͤdchen ihre verlorne Ruhe wieder zu geben. Jetzt fuͤhlte er den Mangel des Geldes; denn ohne dem wußte er nirgends hin, nichts anzufangen; dabei drohete ihm auch von ei⸗ ner andern Seite noch Gefahr. Borgello hatte ſich mit den Anweiſungen des Offiziers an Joſepho gewandt; dieſer, die Papiere genau durchgeſehen und zu erforſchen geſucht, wo der eigentliche Eigenthuͤmer der Papiere ſich befände. Borgello, auf dieſen Einwand gefaßt, gab vor, daß Graf Trauſtein in Neapel ſich befaͤnde, ihn aber, ſeinen Freund — er war ſehr anſtaͤndig gekleidet— mit der Erhebung des Geldes beauftragt haͤtte.„Hm,“ meinte der Kaufmann,„vor einigen Tagen er⸗ hielt ich von einem Freunde die Nachricht: daß, Graf Trauſtein in einem Scharmuͤtzel gegen die Raͤuber geblieben ſey; folglich kann er ſich doch nicht gut hier befinden,— oder— w dabei ſah er Borgello'n ſcharf und bedeu⸗ 8 64 tend an,—„meines Freundes Nachricht muͤßte falſch ſeyn.”“ 2 „Ganz falſch war ſie nicht,“ antwortete Borgello ohne außer Faſſung gebracht zu werden.„Er war ſchwer verwundet, iſt aber in einer Bauerhuͤtte, nicht fern vom Kampf⸗ platze, gluͤcklich wieder hergeſtellt worden, und befindet ſich gegenwaͤrtig geſund in Neapel.“ Der Kaufmann, mit der Verſicherung Borgello's noch nicht zufrieden, wuͤnſchte das Logis des Grafen zu wiſſen, um ihn das Geld zuzuſchicken, weil, wie er ſich ausdruͤckte: „Vorſicht nie ſchaden koͤnne.““ Borgello, uͤber das Mißtrauen des Kaufmanns ſehr aufgebracht, und die Guͤltig⸗ keit der produeirenden Papiere beweiſend, drohete ihn zu verklagen. Doch dieſer drehete ſich kurz um, und— ging fort. Auch Borgello ging fort, und bemerkte zu ſpaͤt, daß er verfolgt wurde; denn eben trt er ins Haus der Gaſtfreundſchaft, als er zu⸗ ruͤckſehend, bemerkte, daß, ein Menſch, den er in Comptoir des Joſepho fruͤher bemerkt, ihn bis hierher, gefolgt war. Schnell ging⸗ 65 Borgello zuruͤck, um den Verfolger zur Rede zu ſtellen, doch da war er durch ein Nebengaͤßchen verſchwunden. Corallo ſah ein, wie Borgello ihm dieſes erzaͤhlte, daß es zu gewagt ſey, ihre Anſpruͤche auf die Papiere zu erneuern. [—— O— „Es kann nichts helfen,“ brach Corall 0 auf einem Spaziergange in ein lautes Selbſt⸗ geſpraͤch aus,„ich muß fort; hier laͤnger zu weilen, iſt nicht moͤglich. Aber, aber, Geld——“ „Signor,“ unterbrach ihn ein Mann in einem grauen Rocke, von etwas aͤlilchem Ausſehen und kummervollen Zuͤgen,—, — ich habe Auftrag von einer Dame Euch die⸗ ſen Beutel, und dieſes Billetchen einzuhaͤn⸗ digen.“ Erſtaunt ſah Corallo ihn an, und trat zuruͤck. Jener ließ ſich aber nicht irre machen, ehe der Erſtaunte nach den naͤhern Umſtaͤnden fragen konnte, hatte jener den 1 Beutel niedergeſetzt, Corallo'n das Billet in die Hand gedruͤckt und war in einem an⸗ drängenden Gewuͤhle von Menſchen die einen Corallo. II, 5 66 eben aufgefiſchten menſchlichen Cadaver in der Mitte hatten, ſeinen Blicken entſchwunden. Neue Raͤthſel fuͤr ihn. Doch der Inhalt des Beutels kam zu einer gelegenen Zeit, um uͤber die Geberin lange zu gruͤbeln. Seine Verwunderung erreichte aber den hoͤchſten Gipfel, als er nach ſeinem Quartier zuruͤckkommend die reiche Gabe uͤberſehend, das erhaltene Billet durchlas, worin ihm das gegebe⸗ . als Darlehn gereicht wurde. Es hieß nemlich: „Signor! da ich Deine augenblickliche Geldverlegenheit kenne, ſo nimm dieſes mir mit Intreſſen wieder zuruͤck zu er⸗ b ſtatten. Obwohl man Dich fuͤr todt haͤlt, 4 ſo krete doch nicht zu kuͤhn auf.”“ „Deine Freundin.“ fet⸗ Hand, von der er in Rom ſchon mehrere Warnungsſchreiben erhalten hatte. Verdrieß⸗ lich warf er den Beutel zur Seite. Jragend ſah ihn Borgello an. „Das Geld freuet mich nicht, es kommt von einem unheimlichen Weſen.— Hoͤre Bor⸗ als Darlehn, um es zu einer beſſern Zeit uOhness viele Muͤhe erkannte Corallo die — —— gello,“ fuhr er mißlaunig fort,„ obwohl wir unſer Quartier heute noch verlaſſen muͤſſen ſo kann ich doch von Neapel mich noch⸗ nicht trennen; ich muß dem geheimnißvollen Weſen, daß ſich mir hier aufs Neue wieder zeigt, auf die Spur zu kommen ſuchen; es ſoll, es muß ſich mir enthuͤllen.“ Dringend bat der Wirth und ſeine Frau, thraͤnend Giovanna, ſie doch noch nicht zu verlaſſen.. Behatrend, blieb Co rallo aber bei ſeinen Vorſatze mit dem Vorgeben, daß eine noth⸗ wendige Reiſe ihn dazu bewege. 2) eelar „So reiſet denn mit Gott,“ ſchuͤttelte der Mann ihm treuherzig die Hand.„Sobald Eure Reiſe nothwendig iſt, ſo will ich nicht mit Bitten, um Euer laͤngeres Bleiben in Euch dringen. Aber das Verſprechen gebt mir, ſolltet ihr einmal wieder hierher kommen, ſo gehet meinem Hauſe nicht vorbei./.. 8 „Das thut ja nicht!“ bat die Frau.. Giovanna war weinend fortgegan ſie konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, 5* 8 — 68 2 von ihm Abſchied zu nehmen; ſtatt deſſen erhielt er ein Schreiben von ihr, worin es hieß: „ vergeßet meiner nicht, ſo wie ich Eu⸗ z rer nie vergeßen werde. Leht wohl, und eiſet gluͤcklich! Muͤndlich von Euch Ab⸗ ſchied zu nehmen iſt mir nicht moͤglich.“ „Giovanna.“ 5— Gegen Abend befanden ſich Corallo und Bo rgel loin einem der lebhafteſten Gaſthaͤu⸗ ſer Neapels. Erſterer konnte nicht unter⸗ ſehr die kalte Bernunft auch da⸗ wider ſtritt, wieder wie in Rom, an table 3 hote zu ſpeiſen. Er fand eine ſehr ge⸗ miiſchte Geſellſchaft, und bald war er wieder die Axe des Geſpraͤches. Einige behaupteten fuͤr beſtimmt zu wiſſen, daß Corallo im letzten Gefechte geblieben ſey, andere mein⸗ ten dagegen:„da ſein Leichnam noch nicht ge⸗ funden waͤre, ſo koͤnnte er kuch damals le⸗ 3 bend davon gekommen ſeyn.“ℳ „O,“ rief aber der eiſtete,„daß er noch nicht gefunden iſt, iſt kein Beweis ſeines Le⸗ bens; wer weiß in welcher Felſenſchlucht er mräsder, in Beiſdil hat man ja an den — Trauſtein gegen das. Geſtedet⸗ geblieben feh. ien de er in Hinſcht des Genfen mich: 3 dehen von einem meiner Leute Serſelgene 69 liebenswuͤrdigen Grafen Trauſtein, der iſt 4— auch noch nicht gefunden, und doch iſt es wahr genug daß er ſein ſchoͤnes Leben im Kampfe gegen das Raubgeſindel hat geben muͤſſen." „Stellen ſie ſich vor, meine Herrn,“ ließ ſich eine andere Stimme wiederhoͤren,„vor eini⸗ gen Wochen erzeigt Graf Trauſtein mir die Chre, ein Mittagsmahl bei mir einzunehmen. Im Laufe des Geſprͤches erzͤhlte er, daß er. neue Anweiſungen auf mein Haus erhalten haͤtte, die er jetzt aber noch nicht heben wollte, weil er erſt einen Zug in die Gebirge gegn die Raͤuber zu unternehmen gedaͤchte. Bald 1 darauf verbteitete ſi ch das Geeücht, daß Graf Deiben fi ie ſich aber mein äſtaunen, als als ein Freund des Gaftn, die 4 n die Jich ſchon kannte, von nie 3 nich befriedigte, verdaͤchtig; ich nahm die Anwei ſungen nicht an, und ließ ihn bei ſeinemn Fort⸗ 709 „Ei, ei, Signor Joſepho, das habt ihr nicht recht gemacht; den Menſchen haͤttet ihr feſthalten muͤſſen; wer weiß, ob das nicht gar ein Raͤuber war. Es könnte ja ſogar der Fall ſeyn, daß er wo gefangen gehalten wird, bei denen er ſich hiermit loszukaufen dachte.— Nein, nein, den haͤttet ihr feſthalten muͤſſen.”“ , Dazu hatte ich kein Recht,“ entſchuldigte ſch Joſepho.„Aber ich habe heute ſchon An⸗ eige davon gemacht, und ich hoffe, daß wir voon unſerm„Grafen ulzbein etwas Näͤheres 88 etfahren wollen. 4 Jeut freuete ſich G prallo ſeine Wohnung noch rechten Zeit veräͤndert zu haben; und s war ihm: nun auf einmal entraͤthſelt, wes⸗ Halb der Kaufmann bei dem Produeiren der Anweiſungen, ſo viel Umſtaͤnde gemacht hatte, da es bei ſolchen Papieren doch nie auf die Perſon ankoömmt.— Swar von den neueren Begegnißen zuruͤck⸗ gedringt, aber durchaus nicht aus dem Ge⸗ 8 daͤchtniße verwiſcht, war die in Rom geſehene ihn in volle Flammen geſetzte, La ura, diẽ * 9 — 71 von ihm nachmals aus den Haͤnden der uͤber⸗ muͤthigen Raͤuber, Gerettete.. „Dieſe, und dann in den einſamſten Win⸗ kel der Welt mit ihr geflohen, wo von der Natterbrut, den Menſchen, keine Ahnung waͤre; — o, dann koͤnnte ich gluͤcklich ſeyn.— Ich Thor!“ unterbrach er ſich in ſeinem Selbſtge⸗ ſpraͤch welches er im Garten,— von der Tiſch⸗ 4 geſellſchaft, von denen er ſich, ein Naſenbluten vorgebend, entfernt hatte,— laut mit ſich 8 fuͤhrte.„Ich Thor, wie kann ich in der Ei: oͤde mich gluͤcklich fuͤhlen, bringe ih mich nicht mit dahin?— 8 ete d Seinem Unmuthe zu entzehen, eilte er r foet um im Theater in eine andere Stimmung geſetzt zu werden; Borgello ging mit ihm. 1 8 Eben Willens ins Haus zu treten, warf ſich ihm eine dunkle Geſtalt in die Arme, die athemlos einige Minuten ſiſthwehad liegen bli Socata: der Geharen eubetzcem. 1 2 .„O, meine Ahnung!— ſchluchzte ſie, und ſah furchtſam in die Nacht, als wenn ſie Lauſcher fuͤrchtete.„O, meine fuͤrchterliche Ahnung trog mich nicht! Ihr ſeyd Corallol“ „Giovannal unvorſichtiges Maͤdchen. Du irrſt Dich!— rief Corallo, und trat einen Schritt zuruͤck. „O, Gott, es mag ſeyn wie es wolle, ſo rettet Euch!— trat ſie ihm heimlich fluͤſternd naͤher.„Kaum hattet ihr unſer Haus ver⸗ laſſen, ſo wurdet ihr auch ſchon geſucht. Ein furchtbarer Mann, den die Sbirren, die bei ihm waren, Pedrillv nannten, behauptete: ihr 31 waͤret Cor allo, und er haͤtte Euch, bei uns 3 ins Haus gehen ſehen. Ich eilte fort um Cuch zu warnen; verfolgte eure Spur; verlor ſie, fand e nicht wieder,, und ſchon freuete ich mich, weit von Neapel entfernt zu wiſſen, als ein Zufall mich Euch entgegen fuͤhrte. O, 4 Gott, daß Ihr noch hier ſeyd“ „Beruhige Dich, gutes Maͤdchen, ich bin ber nicht, fuͤr den ſie mich halten, und habe alſo nichts zu fuͤrchten. Doch nur mit der groͤßten Muͤhe gelang es ihm, die um ihn — — ————— 8 Beſorgte zu beruhigen. Schwer ſchien ihr die Trennung von ihm zu werden. Borgello warnte umzukehren, und nicht ins Haus zu treten. Doch kuͤhn verachtete Corallo alle Gefahr und ſpottete der Furcht ſeines Treuen. Er trat ins Schauſpielhaus; loͤſete Billet's, aber noch befand er ſich keine zwei Minuten in dem hellerleuchteten Parterre, als eine obere Löge ſeine Blicke auf ſich zog. Eine Dame, in dem Umriſſe, ſeiner Laura gleich, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit; er haͤtte was darum gegeben, wenn ſie nur ein Mal herunter ge⸗ blickt haͤtte, ſo aber ſchien ſie, der Aufloͤſung des Stuͤckes harrend, fuͤr alles andere den Sinn verloren zu haben; ſie war in ſich ſelbſt tief verſunken. Aber auch Corallo war im An⸗ ſchauen der holden Geſtalt tief verſunken; er bemerkte nichts von dem ſich erhebenden Tu⸗ multe um ſich; nicht hoͤrte er, wie Borgel⸗ lo ihn bat:„mit ihm ſich zu entfernen, weil es ihm nicht richtig ſchiene; ſelbſt da war er noch ganz außer ſich, als eine zarte blaſſe Ge⸗ ſtalt ihm ins Ohr raunte, ſich ſchnell zu ent⸗ fernen, weil er ſonſt verloren ſey, arhtlzſtagt 74 er das von ihr erhaltene Billet in die Taſche, nahm, wie er glaubte, daſſelbe wieder heraus, las:„Rette Dich, am Thore del Popolo findeſt Du Treue, mit einem Wagen,“ aber gedankenlos ſteckte er es wieder bei, denn eben ſah die ſo aufmerkſam Betrachtete nach den unteren Raume, nach der Urſache forſchend, weshalb von da aus das Spiel ſo plötzlich un⸗ terbrochen wurde. Der Sinnloſe bemerkte es nicht, daß das Spiel ploͤtzlich verſtummte und Aller Blicke herunterflogen; er ſah nur die wiedergefundene Laura. Aufjauchzend woll⸗ te er davoneilen, um die bemerkte Loge auf⸗ zuſuchen, als ihm ploͤtzlich ein furchtbares„Halt“ aufſchreckte, und er nun den kalt ſchreckenden Blicken des Alten, mit der ſubtil gebogenen Ha⸗ bichtönaſe aus Rom, begegnete; uͤber deſſen Schultern weg, grinzte ihn Pedrillo an.„Feſ⸗ ſelt ihn, rief der Alte, den ihn umgebenden Gbir⸗ ren zu,„es iſt Corallo, der Raͤuber!"”) „O Gott! rief der ſchnell ergriffene und mit Seilen umſchlungene Corallo außer ſich, denn eben ſah er Laupa, ohnmaͤchtig, in die Ar⸗ mne einer neben ihr ſtehenden Dame ſinken. Borgello war verſchwunden. V — Fuͤnftes Buch. Tyrrhenum! Sapias, 7.. Vina liques, Et spalio brevi 1 Spem longam rese ces; Dum loquimur, — Fugerit invida Aetasz carpe diem, Quam minimum Credula postero. Hor. 8 S her machte man auf beiden Seiten Platz, um die Sbirren mit dem Gefangenen durchzulaſſen, als ploͤtzlich der furchterliche Ruf⸗ „Feuer! Feuer! Im Hauſe iſt Feuer!“ ent⸗ ſtand. In dem Augenblick war auch Co⸗ rallp, die Sbirren, die Ordnung und Alles vergeſſen; voll toller. Verwirrung draͤngte ſich Alles nach der Thuͤr, Jeder woll⸗ te zuerſt hinaus, keiner wollte zuruͤck bleibenz jeder fuͤrchtete die Gefahr des Verbrennens, des Zuſammenſtuͤrzens des Hauſes! der eine fiel uͤber den Andern; doch mehr noch verſtaͤrkte ſich der Tumult, als man auch hin und wie⸗ der,„Mord!. Mord!“ rufen hoͤrte.„Ich bin verwundet!“ rief man an der einen,„Moͤr⸗ der! an der andern Seite.— Auch Corallo ſuchte den Tumult zu be⸗ 3 nutzen; doch feſter wurden die Seile, in de⸗ nen er ſich befand, angezogen. 78 „Du entkommſt uns nicht!“ grinzte ihn Pedrillo an, und faßte ihn in den Kra⸗ gen,„entweder ſtirbſt Du am Hochgericht, oder hier.“ Noch war aber das letzte Wort nicht heraus, als er auch ſchon fluchend, von ei⸗ nem Dolchſtoß gettoffen, niederſtuͤrzte.„Ha, gut getroffen! Das thaten Cameraden.“ Schau⸗ dernd ſah Corallo ihn ſtuͤrzen, und vont den, uͤber ihn her Fallenden, zerdruͤcken. Jetzt naͤherten ſie ſich dem Ausgange.„Platz das Platz da!“ rief der, in ſeinen Mantel tief verhuͤllte, Sbirrenhauptmann.„Gebraucht die Waffen, um Euch den Durchgang zu ver⸗ ſchaffen!“ rief er ſeinen Leuten zu. Dieſe ſaͤumten auch gar nicht, Gebrauch von dem Befehl zu machen, vbwohl ſie es nur aͤrger damit machten; denn nun kam es waͤhrend des Gedraͤnges zwiſchen Buͤrger und Sbirren zum Kampf; erſtere gebrauchten ihre Stockde⸗ gen und Dolche, letztere ihre Waffen. Ohne zu wiſſen, woher? fühlte Corallo auf einmat einen Dolch in der Hand; im Nu waren die ihm feſſelnden Seile durchſchnitten, in demſel⸗ ben Augenblick hing der Sbirrenhauptmann 79 ihm ſeinen Mantel um, und riß ihn eilig mit ſich fort. Corallo ſahe ſich nach dem Alten um, der war verſchwunden;— ſie erreichten den Ausgang, die Straße; aber hier war das Gewuͤhl der Gehenden und Fahrenden eben ſo ſtark, wie im Hauſe. 4 Der Sbirrenhauptmann ſteigt im Wagen, und ruft dem Kutſcher etwas zu; willenlos folgte ihm Corallo. Sie fahren fort. Schon fuhren ſie eine Weile ohne ein Wort mit ein⸗ ander gewechſelt zu haben, als Corallo eben mit Fragen hervorruͤcken wollte; da rief aber der Kutſcher ſein Buͤrr, der Wagen ſtand; der Begleiter noͤthigte Corallo auszuſteigen; er that es.„Lebt wohl! bald ſehen wir uns wieder,“ neigte der Retter ſich aus dem Wa⸗ gen mit enthuͤlltem Haupte, und der eben aufſteigende Mond beſchien ein ſanft bleiches, leidendes Geſicht. „Zum zweiten Mal mein Retter!“ rief Corallo, und wollte zuruͤckſpringen in den Wagen, doch eilig rollte dieſer davon. Cs war der Offizier der in Rom ſich fuͤr ihn ge⸗ opfert; Corallo erkannte ihn auf den erſten 80 Blick. Starrend ſah er den Wagen nach, und noch unſchluͤſſig, was zu thun ſey, woll⸗ te er ihm nach, als eine kraͤftige Stimme ihn mahnte, zu eilen, weil er noch nicht gerettet ſey. Er ſah auf, und„Caſſano, Du hier?“ ſank er in des Mahners Arme. „Entraͤthſele mir,“ bat Corallo⸗ „Hernach davon, noch ſind wir nicht ge⸗ rettet. Cameraden, harren unſerer mit raſchen Pferden,“ eilte Caſſano, und riß den Er⸗ ſtaunten mit ſich fort.. in BZald fand er Ulſache zum neuen Grſtau⸗ nen, denn nicht weit entfernt, fand er Bar⸗ nelli und Bernardo zu Pferde, und jeder hielt noch ein geſatteltes Handpferd uun Auf⸗ ſitzen bereit. Corallo ward gendthigt, 7 ſonel aufzu⸗ ſteigen; Caſſano beſtieg das Andere, und im raſchen Trott ging es durch das geoͤffnete Thor in die Mondhelle Nacht hinein. Auf einer freien Ebene wurde Halt gemacht, um die mit Schaum bedeckten Pferde, ſich zur weitern Reiſe erhohlen zu laſſen. Hier ver⸗ langte Corallo das Naͤhere zu wiſſen, doch 4 81 Caſſano verwies ihn bis zur naͤchſten Ra⸗ ſtung; weil, wie er verſicherte, ſie noch nicht vollkommen ſicher waͤren. Gegen Morgen erreichten ſie ein anſehn⸗ liches Dorf, deſſen von auſſen wenig verſprechen⸗ des Wirthöhaus, ihren Wuͤnſchen gar nicht entſprach. Es war in den Augenblick aber nicht beſſer zu haben, und ihre ermuͤdeten Gaule ſowohl, wie auch ſie ſelbſt, bedurften der Ruhe, ſie ſtiegen ab. Wenig konnten ſie unterweges mit einan⸗ der ſprechen, nur Barnelli hatte in der Kuͤrze erzaͤhlt: „Wie er an einer andern Seite kaͤmpfend, von einer uͤberlegenen Anzahl zuruͤckgedraͤngt mit Corallo zugleich bei dem Eingange zu dem Bergruͤcken angekommen waͤre, doch hier ſo unvermuthet von den Feinden empfangen und zuruͤckgeprellt wurde. Seine Wuth waͤre aber aufs hoͤchſte geſtiegen, als er ihn, ſeinen BHauptmann fallen ſah. Mit Huͤlfe Bor⸗ gello's haͤtte er ihn aus getragen, und ſich nun auf's neue zwiſchen 3 ddie Feinde geſtuͤrzt, mit dem feſten Vorſatze, 3 4. corallo, II. 6—— dem Kampfgewuͤhl 8“ 82 ſein Leben theuer zu verkaufen; doch ein Schuß ſtuͤrzte ihn beſinnungslos nieder, als er wieder zu ſich ſelbſt kam, war es Nacht, doch bemerkte er an den ſanften Hin und Herwie⸗ gen, daß er auf einer Tragbahre ſich befaͤnde. Er rief, und Bernardo naͤherte ſich ſeinem Lager, der ihn bat, ruhig zu ſeyn, weil die umherſchwaͤrmende Miliz ſie noch leicht füar den koͤnnte. In einer, ihnen bekannten gellrbööle, wurde Halt gemacht, und es fand ſich daß außer Bernardo und Murano der nur eine leichte Wunde davongetragen hatte, auch Molli, mit noch zehn Cameraden ſich bei ihm befanden. In dieſer Hoͤhle genaß ich meiner Wunde, und wir blieben da, bis die Gegend ruhiger wur⸗ de. Waͤhrend der Zeit beſorgte Bernardo uns die Lebensmittel, und war auch dreiſt ge⸗ nug, in die Gegend wo unſere Hoͤhle lag, umher zu ſpaͤhen. Denkt Euch unſere Freude, als er eines Abends zu uns zuruͤck kam und meldete:„daß die Feinde, die Gegend verlaſ⸗ ſen, und unſere dort vergrabenen Schaͤtze nicht „ — 83 gefunden haͤtten, weil ſie noch dbeedhit an der alten Stelle laͤgen.“ Natuͤrlich war es in der kuͤnftigen Racht unſer erſtes Werk, die Schaͤtze herbei zu hohlen, doch Du Hauptmann, warſt trotz unſern em⸗ ſigen Suchens nicht aufzufinden, und obwohl ich dem Bernard die Gegend, wo ich dich niedergelegt hatte, genau beſchrieben, ſo konnte er dieſe, doch nicht finden. Bis ich denn von meinen Wunden voͤllig wieder hergeſtellt war und den Ort ſelbſt aufſuchte, wo ich denn zwar einen todten menſchlichen Koͤrper, aber Dich nicht fand. Nun hielten wir unter einander Rath, was zu thun ſey, und beſchloßen endlich, daß ich mit Bernard, da wir Dich noch an Leben vermutheten, aufſuchen wollten; dagegen ſollte Molli die uͤbrigen mit den Schaͤtzen nach dem Thale, wohin Du ſie ſchon fruͤher ſchicken wollteſt, fuͤhren, um linſetet dort zu harren. Nach einigen Tagen kamen wir nach Nea⸗ pel, und der erſte dem wir begegneten, war — Caſlans. Dieſer erzͤhlte uns: daß Du 88 6* in Neapel waͤrſt, doch haͤtte er ſo wenig als Rolfo der bei ihm ſey Deinen Aufenthalt, trotz aller angewandten Muͤhe nicht auffinden koͤnnen. Er haͤtte Dich geſehen, doch im Augenblick waͤreſt Du ſeinen Blicken wieder entſchwunden. Jetzt ſuchten wir vereint, und fanden Ter⸗ nelli mit noch einigen Cameraden, die hier⸗ her verſchlagen waren, aber Dich nicht. Einſt wunderten wir uns nicht wenig, als ein ſchon etwas bejahrter Mann, in einem grauen Rocke, dem Caſſano ein Schreiben zuſtellte, aber ſogleich auch wieder forteilte. Neugierig, was der von ihm wollte, oͤffnete er es, und gab es uns hernach zu leſen. Der Inhalt ſetzte uns in Verwirrung; unſchluͤſſig ſahen wir uns einander an, bis Caſſano endlich rieth, dem Inhalte zu folgen. Lies aber ſelbſt, und Du wirſt unſere Unſchluͤſſig⸗ keit bald erklaͤrt finden, damit gab der erzaͤh⸗ lende Caſſano ihm ein zuſammengelegtes Schreiben mit der Bemerkung: daß der Mond helt genug ſchiene, um es leſen zu koͤnnen. Corallo las: 4 85 „Caſſano! Indem ich weiß, das Ihr⸗ es mit Eurem Hauptmann treu meint, und auch mehrere der Treuen in Nea⸗ pel vereint ſind, ſo bitte ich Eurem Hauptmann aus einer großen Gefahr damit zu retten: daß zwei von Euch mit raſchen Pferden am Thore Fiacen⸗ cia ſeiner harren; doch iſt ſein Kommen unbeſtimmt; die Pferde ſind bei Signor Bengamo ſchon gekauft und auf ein⸗ liegende Addreſſe ſogleich abzuhohlen,— und daß von den ubrigen Treuen, ſich ſo viele als moͤglich am oberen Ende des Torſo bereit halten, um thaͤtlich an der Befreiung Ihres Hauptmanns mitzu⸗ wirken, moͤgen einige von ihnen, als Gbirren gekleidet die lur mir kennt⸗ lich machen. Eures Hauptmanns treue Freundin. Stillſchweigend gab Corallo das Schrei⸗ ben dem erzaͤhlenden Barnelli zurück, des Ausgangs begierig hartend. Das geleſene Schreiben war von der bekannten Warnekiſi 86 Hand. Doch Barnelli wußte ihm nicht viel mehr zu erzaͤhlen. 3 Auf Anrathen Caſſano's, erzaͤhlte er weiter, waͤren ſie dem Schreiben treu gefolgt. Er haͤtte mit Bernard die ſchon bedungenen und bezahlten Pferde ſich geholt, und trotz des noch hellen Tages, ſogleich den angezeigten Poſten bezogen, und bis zu ſeiner Ankunft, die er ſchon bezweifelt, geharrt. Im Wirthshauſe angelangt, konnte Eo⸗ rallo zes kaum erwarten, bis ſie, in eine Kammer⸗ daß einzige leere Gemach des Hau⸗ ſes. vereint, Keſſand ſeine Erzaͤhlung an⸗ hob: nue D erinnerſt Dich noch, wie ich nach meiner Befreiung, mit Rolfo, mich von Dir trennte, um Deinen edelmuͤthigen Retter in Rom, ſollte fuͤr ihn noch Gefahr vorhanden ſeyn, mit Leib und Leben beizuſtehen.“ „Ohne Gefaͤhrte kamen wir in Rom, den Ort unſerer Beſtimmung, an. Doch verge⸗* bens waren unſere Erkundigungen und Nach⸗ . 4 unzertrennlicher Genoſſe feyn muͤſſe.) Denn 87 forſchungen, nach den neuern Vorfaͤllen. An 4 dem Orte des ſteten Neuigkeits Wechſels dach⸗ te man des Vorfalls mit Dir ſchon nicht mehr. Endlich fuͤhrte uns der Zufall in das Caffehaus, wo Du und der ungluͤckliche Zu⸗ fall, wie es der Wirth des Hauſes nannte, noch im friſchen Andenken lebteſt. Dieſer er⸗ zuͤhlte mir denn auf das Genauſte, wie ich es von Dir ſchon wußte; unter andern auch: daß der von dem Offizier Verwundete zwar nicht todt, aber lebensgefaͤhrlich getroffen ſey; uͤbri⸗ gens ſey es, der unter den Ramen Marco allbekannte Abentheurer, von deſſen Herkunft ſowohl, wie auch Vermoͤgensumſtaͤnden man nichts Genaues anzugeben wiſſe. Doch mache er in Rom zuweilen ein großes Haus, und dann, wäͤre er auch wohl auf einmal ver⸗ ſchwunden, und ehe man ſich es verſaͤhe, wie⸗ der da. So waͤre man bis jetzt aus dem alten Marco noch nicht klug geworden. Von dem Offizier, Deinem Retter, wußte er mir weiter nichts zu ſagen: als daß der mit dem Boͤſen im Bunde oder gar er ſelbſt und Dein 88 mit rechten Dingen waͤre es unmoͤglich zuge⸗ gangen, daß er die Sbirren ſo verwirren konn⸗ te, daß ſie ihn, ſtatt Deiner fortfuͤhrten; wie Marco hernach ausſagte: daß der Offizier mit dem er Schach geſpielt, Corallo gar nicht geweſen ſey. Dann haͤtte er auch das ganze Haus ausraͤuchern muͤſſen, einen ſolchen Schwefelgeruch haͤtte der Hoͤllen⸗Offizier hin⸗ terlaſſen. Aber alles dieſes ſagt noch nichts, fuhr der ereiferte Caffewirth fort, gegen das was ihr nun hoͤren werdet. Dicht hielten die Sbirren den vermeintlichen Corallo um⸗ ſchloßen und fuͤhrten ihn fort; aber kaum wa⸗ ren ſie mit ihm auf der Straße, wo nun eine Menge Menſchen ſich verſammelten und dem Zuge folgten, als der Gefangene über etwas zu ſtolpern ſchien und niederfiel; aber denkt Euch den Schrecken der Sbirren, als ſie den Geſtolperten wieder in die Hoͤhe zu bringen ſuchten, und es nun nicht mehr der fruͤhere Gefangene, ſondern ein altes Weib war, die klaͤglich zu weinen und zu ſchreien anfing,„was ſie von ihr wollten? ſie haͤtte ja keinen Men⸗ ſchen etwas zu Leide gethan! ſie ſollten ſie A „ 89 doch loslaſſen,— ſie waͤre ja ein unſchuldiges Weib!“ Erſtarrt ſahen die Sbirren ſich einan⸗ der an. Und nun ſprang ein alter Mann aus der Mitte, der mit den Unſchuldigen beſtuͤrzten Sbirren tobte und ſchalt, daß ſie ſeine gute Frau ſo ſchaͤndlich behandelten, und ehe man ſich da verſeh, war— Mann, Frau, kurz al⸗ les verſchwunden, und auch bis jetzt hat man von dem Hoͤllen⸗Offizier noch nichts wieder gehoͤrt. Obwohl ich dem Ganzen nichts Ueberna⸗ türliches zuſchrieb, ſo blieb es mir doch ein Raͤthſel. Aber nichts weniger ließ ich das Folſchen nach dem Grunde der Sache, konnte aber nicht mehr erfahren, als wie ich von dem Wirth ſchon gehoͤrt hatte; alle kamen darin uͤberein: daß der Offizier mit Corallo eine Perſon und im Bund mit der Hoͤlle waͤre. Wir hielten uns noch einige Tage in Rom auf, hoffend, die Sache ſollte ſich aufklaͤren, aber wir hofften vergebens. Das uͤbrigens der Offizier, Dein Retter frei ſey, davon erhilten wir ſichere Beweiſe. 4 90 Langer in Rom zu verweilen hielt ich fuͤr zwecklos; wir machten uns auf den Weg nach Neapel, vorausſetzend, der Verabredung gemaͤß, Dich dort zu finden. Denke Dir aber unſern Schrecken, als wir hier angekommen, vernahmen: daß die Räuber im Gebirge auf⸗ gerieben waͤren und Corallo ſelbſt erſchlagen ſey. Im erſten Schrecken wußten wir nichts zu beginnen, hernach aber beſchloßen wir, an Ort und Stelle uns von Deinem Untergange zu uͤberzeugen.* Da ich die Gegend, von Alters der genau noch kannte, kamen wit in dem Gewande der Bettelmoͤnche, ſehr bald dort an, und fan⸗ den— daß das Geruͤcht von Dir, nicht er⸗ logen war. Wir trafen der Soldaten und Sbirren, der Lazaroni''s und des Geſindels noch genug, welche die Gegend frei und unge⸗ hindert nach Schaͤtzen durchſuchten, woraus man ſehr leicht ſchließen konnte, daß ſie von Eurer Seite keine Gefahr mehr fuͤrchteten. Wir kletterten ſogar den Berg hinan zu der Hoͤhle, und fanden ſie von Soldaten beſetzt; denen wir die Ahſolution aller ihrer Suͤnden 2 — —-— ſprang ich auf, um ein Naͤheres zu erfragen, 91 ertheilen mußten, weil ſie zu der Vertilgung der Raͤuber ſo tapfer mitgekaͤmpft haͤtten. Dafuͤr erzaͤhlten ſie uns ihre Heldenthaten und wie ſie ihre Feinde ſaͤmmtlich erſchlagen haͤtten. Mit einer laͤchelnd frommen Miene und innerlich kochender Wuth verließen wir die Hoͤhle und den Berg, und zogen uns etwas ſeitswaͤrts ins Gebirge, um hier zu beſchließen, was fuͤr uns nun zu thun fey. Vor Lauſchern ſicher, hielten wir unſer Ge⸗ ſpraͤche, uͤber unſere neuen Verhaͤltniße, etwas lauter wie gewoͤhnlich. „Caſſanol“— ſie mußte meinen Na⸗ men erhorcht haben, ſtand auf einmal das Weib deren Zuͤge ſich damals, als ich mit Murano, Barnelli und Pedrillo in der Irre um⸗ herzog um einen Ausweg zu erſpaͤhen, bei mir feſt eingepraͤgt hatte:„Caſſano,“ ſagte ſie noch einmal,„gehe mit ſo vielen Cameraden, als Du aufzutreiben vermagſt, nach Neapel; da wirſt Du Deinen Haupt⸗ mann finden.“ Wie aus einem Traume 92 doch im Aufſpringen war ſie meinen Blicken auch ſchon entſchwunden. Rolfo will behaupten, er haͤtte ſie dunch die Luͤfte fliegen ſehen; das habe ich nun freilich nicht bemerkt, aber wie ſie meinen Au⸗ gen entſchwand, das weiß ich bis jetzt noch nicht. Meine Sache war es uͤbrigens nicht hieruͤber lange zu gruͤbeln; wir freueten uns nur, zu wiſſen, daß Du noch am Leben ſeyſt. Wir kamen ohne Schwierigkeiten wieder nach Neapel, aber ohne Cameraden gefun⸗ den zu haben. Mehrere Tage ſchwaͤrmten wir dort ſchon umher, ohne von Dir auch nur Spur zu bekommen; als ich Dich eines Ta⸗ ges auf einem oͤffentlichen Spaziergange ge⸗ hen ſah, aber in den Augenblick, da ich zu Dir eilen wollte, warſt Du mir aus den Au⸗ gen verſchwunden und auch nicht wieder zu finden.. Bald darauf fanden wir mit Barnelli und Freunden uns zuſammen— und der Verfolg iſt Dir ſo weit bekannt, daß Bar⸗ nelli und Bernard mit den Pferden ſich ans Thor Fiacenzia, Ternelli mit den andern Cameraden, und ich, uns nach dem 3 obern Theile des Torſo begaben. Zwei un⸗ ſerer Cameraden, befanden als Sbirren ver⸗ kleidet, ſich zwiſchen uns. Die Zeit fing aber an uns zu langweilen, als es Nacht ward und wir noch weiter nichts bemerkten. Ich glaubte ſelbſt ſchon von der Schreiberin, die ſich Deine Freundin nannte, geaͤfft zu ſeyn, als wir den Graurock, der mir das Schreiben uͤberbracht hatte, ploͤtzlich zwiſchen uns bemerk⸗ ten. Es war hell genug um mich zu erken⸗ nen, Caſſano, wandte er ſich zu mir, nur die größte Eile, Beharrlichkeit und Muth koͤnnen den Hauptmann retten. Seine Un⸗ beſonnenheit,— verzeihe, Hauptmann, daß ich ſeinen eigenen Ausdruck wieder gebrauche, bat der Erzaͤhler,— fuͤhrte ihn an einen Ort wo⸗ hin er am wenigſten gehen ſollte. Nachdem wir ihn mit unſerm Willen, Dich mit Auf⸗ opferung unſeres Lebens zu befreien, bekannt gemacht hatten, fuͤhrte er uns an den Ort un⸗ ſerer Beſtimmung, nach dem Theater. Mich bat er, vor der Hauptthuͤr ſtehen zu bleiben, und einen Wagen bereit zu halten, um wenn 94 der Sbirrenhauptmann, welcher ein Freund von Dir ſey, mit Dir erſchiene, ſogleich ein⸗ ſteigen zu koͤnnen. Doch ſollte ich auch vor⸗ her auf die Herausgehenden genau achten. Denn moͤglich, ſogar gewiß waͤre es, das Du auf die Warnungen Deiner Freunde hoͤrteſt, und mit einem gewißen Borgello allein kommen wuͤrdeſt, alsdenn ſollte ich dafuͤr ſor⸗ gen, daß Du ſogleich fort fuͤhrſt. Die Andern, hoͤrte ich wohl, daß er ſie frug, ob ſie mit Dolchen gut bewaffnet waͤ⸗ ren, und wie er ſie auf deren Bejahung, bat, 2 ſtets in ſeiner Naͤhe zu bleiben. Noch ſtand ich nicht lange, mit dem lau⸗ renden Wagen in der Naͤhe auf meinen Po⸗ ſten als ein Tumult im Hauſe mir nichts⸗ Gutes ahnen ließ. Gleich darauf hoͤrte ich den Feuer Ruf, und gleich einem Wolkenbruche draͤngte ſich Alles zur Thuͤr hinaus; doch trotz der wogenden Menge, ſtand ich unbeweglich feſt. Bald erkannte ich an den, mir vorher bemerkbar gemachten, hohen rothen Federbuſch, den Sbirrenhauptmann, Dich an der Hand fuͤhrend; er ſchien mich zu ſuchen. Ich gab 5 durch einen Haͤndedruck mich Ihn zu erkennen und fuͤhrte ihn zu dem Wagen; doch ſuchte ich mich vor Dir zu verbergen, weil ich zwiſchen den Menſchen den lauten Ausbruch Deiner Freude fuͤrchtete. Er ſtieg. mit Dir in den angewieſenen Wagen, und ich ſprang hinten cein Wir rollten ſort; es wurde Halt ge⸗ macht; Du ſtiegſt aus; ich ſprang hinten ab; der Wagen fuhr wieder fort— und ich fuͤhr⸗ te Dich zu den Uebrigen.— „Haſt Du den Sbirrenhauptmann genau betrachtet?“ frug Corallo in tiefen Gedan⸗ ken verſunken. „Gewiß hab ich das,“ antwortete der Befragte. „Kommen Dir ſeine Zuͤge nicht be⸗ kannt vor?“ „Ja, Hauptmann,“ meinte Caſſano, ner ſieht der geiſterbleichen Dame, die mir nun ſchon zweimal erſchienen iſt, ſehr aͤhnlich.“ „Ich glaube es ſelbſt!“ aͤußerte Corallo und verſank aufs neue, in tiefes Nachſinnen. 96 Ein durch Zufall lahm gewordenes Pferd, zwang ſie in dem zwar nicht glaͤnzenden, aber doch ganz bequemen Gaſthauſe zu einem laͤngerem Aufenthalte als ſie anfangs wuͤnſch⸗ ten. Schon lagen ſie hier zwei Tage, als Corallo ein anderes Pferd zu kaufen befahl, und auf den andern Morgen die Abreiſe feſtſetzte.— Waͤhrend der Zeit unterhielten ſie ſich oft von den vergangenen Tagen, und Caſſano frug ſeinen Hauptmann unter andern, wes⸗ halb er der Warnung im Theater nicht ge⸗ folgt ſey, ſo waͤre ſeine Rettung doch mit we⸗ nigern Umſtaͤnden verbunden geweſen. Weil ein ferner Gegenſtand mich zu ſehr feſſelte, um auf die Umgebung genauer zu achten; doch waͤre es denen, die auf meine Sicherheit bedacht waren, gewiß gelungen mich davon abzuziehen, haͤtte ein ungluͤcklicher Zu⸗ fall mich nicht noch wirrer gemacht. Ich erhielt nemlich ein Billet, ſtecke es in die Taſche, ziehe es aber auf dringliches Zu⸗ rathen Borgellos wieder heraus, um es zu leſen, bekomme aber ungluͤcklicherweiſe ein 92 Schreiben dafuͤr heraus, was ich damals in Rom, kurz vor meiner Flucht erhalten hatte, und noch unerbrochen in meinen Taſchen ſich befand. In dieſem Schreiben wurde eines Thores del Popolo genannt, wo ich mich einfinden ſollte. Da ich nun beſtimmt wußte, daß in Neapel kein Thor ſolches Namens, ſich befand, ſo hielt ich das Ganze fuͤr eine nichts ſagende Sache.“ „Nachher ſahe ich meinen Irrthum ein 3 denn da fand ich das neuere Schreiben, wo⸗ rin ich, auf die Gefahr, die mich umgab, aufmerkſam gemacht wurde. Der Name Pe⸗ drillo, der darinn genannt wurde, haͤtte mich allein ſchon, zu mir ſelbſt zuruͤck gebracht, haͤtte ich es damals zur rechten Zet gefunden.„ „Ha, der Pedrillo ſoll unſerer Nach 8 nicht entgehen,“ verſicherte Caſſano. „Der, wird er wohl ſchon entgangen ſeyn,“ meinte Corallo.„Denn ich ſah ihn, wie er von einem meiner Freunde getroffen, blu⸗ tend unter der Menge zuſammenſtuͤrzte, und wahrſcheinlich, wenn der Stoß auch nicht Lorallo. II. 7 3 . 98 toͤdtend war, von der Menſchen Maſſe erdruͤckt und zermalmt wurde.“ „So bedaure ich, daß er nicht mehr am Le⸗ ben iſt, damit auch ich ihn meine Wuth noch einmal koͤnnte fuͤhlen laſlenſ Rünſhie C df. ſano. Eben befand Barnelli mit Bernard ſich im Gaſtzimmer und waren im Geſpraͤch begriffen, als ein, dem Anſcheine nach, um⸗ herziehender Bettler, herein trat; barſch ſeinen Brodtbeutel auf einen diih warf und Wein forderte. „ Li, ei,“ ſagte der aufgebrachte Wirth, „Euch kömmt es doch wohl am wenigſten zu, die Gaͤſte unbeachtend in meinen Zimmer ſo aufzutreten; ihr ſolltet Euer Benehmen nur etwas herabſtimmen; uͤbrigens habe ich kür Euch keinen Wein.“ „Da ſoll Euch doch der Teufel poglente hob der halbtrunkene Gaſt ſeinen Stock gegen ihn auf.“ Das war dem Barnelli doch ein we⸗ nig zu arg.„Schlingel,“ ſprang er auf, und —— P.. faßte ihn ſogleich bei der Kehle,„Dich ſoll ja“—— Doch wie vom Blitze getroffen ließ er ihn wieder los, als, der Bettler ihn von der Seite anblickend, er— Ternelli erkannte. Barſcher als der vermeintliche Bettler von vorhin, forderte er den Wirth jetzt auf, Wein, herbei zu ſchaffen, weil das ein Camerad ſey, der fruͤher mit ihm bei einem Herrn in Rom gedient. 4 „Ja nun,“ ſagte der Wirth, das iſt eine andere Sache,—„das haͤtte er nur ſagen ſollen, damit eilte er fort das Verlangte her⸗ bei zu ſchaffen. . Auch Corallo freuete ſich, als er hoͤrte, daß Ternelli angekommen ſey— und ließ ihn ſogleich zu ſich aufs Zimmer kommen, um das Mangelhafte in der Erzäͤhlung Caſſa⸗ no's zu ergaͤnzen.“ Ternelli aͤußerte ſeine Freude den Haupt⸗ mann befreit zu wiſſen.„Ja, wir haben un⸗ ſer Scherflein auch dazu beigetragen.“ Nun erzaͤhlte er: 100 In dem Kampfe mit der Milzz bin ich da⸗ durch entkommen, daß ich aus einem Todten⸗ ſchlafe erwachend, mich bei der Nacht zwiſchen den Todten weg, nach einem Dorfe ſchlich, wo ich gaſtfreundlich aufgenommen und ge⸗ pflegt wurde. Von meinen Wunden hergeſtellt, beeilte ich mich, nach Neapel zu kommen, hoffend, dort Cameraden zu ſinden. Nachdem ich den Caſſano, Bernardo und meh⸗ rere auch gefunden, fiel der Spas mit dir vor. Der Graurock, unſer Fuͤhrer, ließ den Caſſano vor der Thuͤr des Hauſes ſtehen, uns Uebrigen befahl er, ihm zu folgen. Ins Parterre tretend, warſt Du der erſte, den wir bemerkten, von Sbirren umringt. Nun glaubten wir, auch verrathen und ver⸗ kauft zu ſeyn und wollten den Graurock eben unſere Rache fuͤhlen laſſen, als dieſer uns ſagte: daß der Sbirrenanfuͤhrer Dein Freund ſey. Die als Sbirren verkleideten Cameraden mußten ſich nun ſo ſchnell als moͤglich in Deine Umgebung miſchen, und Dich in die Haͤnde zu bekommen ſuchen, welches jhnen —— — 1 auch recht gut gelang, nur wunderte uns daß Du ſie nicht erkannteſt. Corallo gab es ſeiner augenblicklichen Verwirrung Schuld. „Wir uͤbrigen,“ erzaͤhlte Ternelli weiter, „blieben in Deiner Naͤhe.“ „Kaum daß Du fortgefuͤhrt wurdeſt, und das Gedraͤnge am ſtaͤrkſten ward, rief der Graurock, Feuer! Wir ſchrieen mit; um die Verwirrung noch groͤßer zu machen, befahl er uns, in dem Gedraͤnge unſere Dolche zu ge⸗ brauchen, doch ſo, daß keiner toͤdtlich verwun⸗ det wuͤrde. Ich befand mich in dem Augen⸗ blick in Deiner Naͤhe, als Pedrillo Dir et⸗ was zuraunend, Dich beim Kragen faßte. Wuͤ⸗ thend uͤber den Verraͤther draͤngte ich mich bis zu ihm durch, und das iſt der einzige, den ich mit wahrer Wolluſt mordete.“ „Ploͤtzlich erhob ſich das Geſchrei⸗ daß kein Feuer ſey; es waͤre nur ein falſches ausgeſpreng⸗ tes Geruͤcht. Da man von Feuer auch nicht die geringſte Spur bemerkte, ſo ſchien es ru⸗ higer zu werden; beſorgt ſah ich mich nach Dir um, aber Du warſt fort. Ich ſuchte den 10⁰2 Graurock; doch auch der war verſchwunden; nur die Cameraden fand ich wieder, die mir denn erzaͤhlten, daß Du dlückh entkom⸗ men ſeyſt. Umſonſt war waͤhrend der Nacht und den andern Morgen das Forſchen nach Deinen ei⸗ gentlichen Retter; auch ſie ſchienen nicht mehr in der Welt zu ſeyn. Nun beſchloßen wir unter einander, nach dem beſchriebenen und genau bezeichneten Thale uns zu begeben, vermuthend: daß Du dahin gezogen ſeyſt. Auf verſchiedenen Wegen fuͤhrten wir unſern Vorſatz aus. Mein Weg fuͤhrte mich nun gluͤcklicher Weiſe hierher zu Dir. Aufs neue war Corallo von Leuten, zwiſchen denen er nicht ſeyn wollte, umgeben. Der Zufall fuͤhrte ihn wieder in Verbindun⸗ gen, von denen er ſich losgerißen zu haben glaubte. Doch gab er ſeinen Vonſaß wa nicht auf. Den andern Morgen brachen ſie an. Corallo trennte ſich mit Barnelli von den Uebrigen, die nach dem Thale beci. dert wurden. — kehrte. 103 Aber wie erſchrack Barnelli, als Co⸗ 8 rallo aͤußerte, nach Neapel zuruͤckzukehren. Umſonſt waren ſeine Einwendungen, und die Vorſtellungen: daß die Einwohner Neapels uͤber ſeine Flucht noch ganz außer ſich waͤren, und nun deſto aufmerkſamer auf die Fremden achten wuͤrden, um einen ſolchen Fang nicht wieder entwiſchen zu laſſen; und wie leicht koͤnnte er erkannt werden, da Hunderte von Menſchen ihn geſehen und beobachtet haͤtten; er ſtellte ihm die ganze Gefahr, die ihn in Neapel drohete, mit den lebhafteſten Farben ausge⸗ mahlt, vor die Augen; doch vergeblich. Selbſt die Bitten die Barnelli an ihm verſchwen⸗ dete, halfen nichts; feſt blieb er bei ſeinem Vorſatze, ſeine geſehene und erkannte Laura aus Rom, in Neapel aufzuſuchen. Es war ein heller freundlicher Abend als Corallo mit ſeinem Begleiter Barnelli, der in einer ſchoͤnen glaͤnzenden Livre ihm folgte, in die erſt verlaſſene Stadt wieder ein⸗ 104 Mit einem tuͤchtigen Schnauzbarte, den er fruͤher nicht trug, geziert, und ein falſches Haar aufgeſetzt, glaubte er ſich unkenntlich ge⸗ nug gemacht zu haben, um gefahrlos in einem der glaͤnzendſten Gaſthaͤuſer Neapels als Baron Ilſau einkehren zu duͤrfen. Mit dem Vorſatze, außer dem Theater keine Geſellſchaften oder Zuſammenkuͤnfte zu beſuchen, lehnte er bei den Wirthe die Einla⸗ dung, in der Mitte einer glaͤnzenden Geſell⸗ ſchaft zu ſpeiſen, kurz ab; obwohl jener ver⸗ ſicherte, daß er da die beſte Gelegenheit faͤnde, angenehme Bekanntſchaften anzuknuͤpfen. Fruͤh ging er aber ſchon, den andern Mor⸗ gen, auf Entdeckungen aus; keine Kirche ließ er unbeſucht; hoffend ſie zu finden; Spazier⸗ gaͤnge, oͤffentliche Plaͤtze durchlief er mehrere⸗ mal, doch vergebens; er fand auch nicht die geringſte Spur von dem was er ſuchte. Spaͤt kam er von ſeinen Streifereien zuruͤck und be⸗ ſuchte nun, in ſeinen Mantel tief verhuͤllt, daß, fuͤr ihn kuͤrzlich noch, ſo gefaͤhrlich ge⸗ wordene Schauſpielhaus, in der Erwartung ſie dort wie das vorigemal zu treffen. 105 —— Das Stuͤck hatte zu ſpielen ſchon angefan⸗ gen, als er eintrat und ſeine forſchenden Blicke umherwarf; doch die Loge, die das vorigemal ſeine Laura umfaßte, war dieſes Mal von unbekannten Damen beſetzt. Verdrießlich, daß die meiſten Madonnen⸗ koͤpfchen nach der Buͤhne und nicht nach der Thuͤr, von der er nicht weit entfernt ſtand, ſich gewandt hatten, und ihm dadurch der meiſten niedlichen Geſichtgen unter denen auch das, ſeiner Laura ſeyn konnte, entzogen blie⸗ ben, mußte er bis zu Ende des Actes harren; kaum war aber dieſer beendet, ſo begann das neue Spiel in den Logen. Denn ihren Geſichtspunkt veraͤndernd, ſah man hier ein ſanftes Erroͤthen, in der Naͤhe ſtand der Ge⸗ liebte; da ein kaum bemerkbares Nicken mit dem Koͤpfchen, denn eben ward eine bedeu⸗ tungsvolle Verbeugung hinauf geſchickt; hier ſah man die fuͤr die Liebenden ſo bequem und angenehme Augenſprache, dort wieder wurde eine Mimik bemerkt, die nur dem verſtaͤndlich ſeyn konnte, dem ſie galt. Das leiſe, doch eemſige Gefluͤſter der alten Jungfrauen, die 106 uͤber ihre Nachbarinnen ſich luſtig machten und ſelbſt zu der Zielſcheibe des Spottes dienten; das Kichern der juͤngern, die uͤber das Gluͤck ihrer Geſpielinnen ſich aͤrgernd, durch ihren Spott ſich zu raͤchen ſuchten,— alles dieſes bemerkte der aufmerkſame forſchende C orallo wohl, aber nicht ſeine Laura. Einige Mal hatte er ſeinen Standpunkt ſchon veraͤndert, oͤfterer mit ſeinen Blicken das . Haus, welches gar nicht uͤbermaͤßig beſetzt war durchlaufen, bis er denn endlich, uͤber ſein veergebliches Suchen verdrießlich, beſchloß, ſich in die Oper zu begeben. Kaum befand er ſich aber vor dem Hauſe, um ſeinen Vorſatz aus⸗ zufuͤhren, als ein Maͤdchen ſich an ihm her⸗ an ſchlich, ihm ein Papier in die Hand druͤck⸗ te und ſchnell in die Nacht wieder verſchwand. Wunderbar erregt, eilte er nach einer, von einer Laterne erhellten Stelle; oͤffnete das, von der Unbekannten, erhaltene Schreiben und fand von einer Frauenshand zierlich geſchrieben: „Suchender Juͤngling, finde Dich um W 1 Mittternacht bei der Saͤule des Mercurs ein— und Du wirſt das Geſuchte finden. ——————P—y— —— — Obwohl es nicht unterſchrieben war, ſo jauchzte er doch vor Freuden hoch auf, als er es geleſen hatte und in der Schreiberin ſeine geſuchte Laura ahnte, die von ihm unbernerkt, ihn wahrſcheinlich geſehen hatte und mit ihm Mitleid fuͤhlend ihn gewiß hatte aufſuchen laſ⸗ ſen um ihn ſein Gluͤck, daß er geliebt ſey, ſelbſt zu verkuͤnden. Frreilich wollte es ihm auch zuweilen duͤn⸗ ken, als wenn es ſo, wie er es daͤchte, nicht wäre; daß vielleicht eine Dame auf der Pro⸗ menade oder im Theater oder wo es war, be⸗ merkt, der, ſein Benehmen, aufgefallen war und ſich nun luſtig uͤber ihn machen wollte; freilich wollte es ihm einigemal vorkommen, als wenn es ſo ſeyn koͤnnte; aber es ſollte ſo nicht ſeyn— und ſo trat er um Mitter⸗ nacht, ſeinen abentheuerlichen Weg, nachdem er vorher den Ort, wohin er beſtellt war, ſich hatte zeigen laſſen, wohlgemuth und in hoff⸗ nungsvoller Freude an. Dem Scheine nach kam die Ungeduld der Dame der ſeinigen ſehr nahe, denn nicht lan⸗ ge ſtand er auf den beſtimmten Platz, als ein Sammethaͤndchen ſeine etwas ſtaͤrkere er⸗ griff und ihn eilend mit ſich fortfuͤhrte. Unbe⸗ antwortet blieben ſeine, an die Fuͤhrerin ge⸗ richteten Fragen. Stumm fuͤhrte ſie ihn uͤber die dunkel erleuchtete Hausflur; er haͤtte etwas darum gegeben wenn die dunkelflackernden Leuchten der Hausflur, die dem Verloͤſchen ſehr nahe waren, etwas heller gebrannt haͤtten, um von ſeiner Fuͤhrerin ſowohl, wie auch von der nahen Umgebung mehr ſehen und unter⸗ ſcheiden zu koͤnnen; doch ſein Wunſch war vergebens. Er konnte nichts weiter bemerken, als die breite Treppe, die er hinaufgefuͤhrt wurde. Die Gallerie die er jetzt betrat, war ſchon etwas heler, doch ploͤtzlich wurde er durch zwei dunkle, in ein, von einem Wandleuchter ſchwach erhellten, Zimmer, gefuͤhrt. Die Fuͤhrerin zeigte nach einer halb geoͤff⸗ neten Thuͤr— und verſchwand. Noch voller Hoffnung ſeine Laura, die Geſuchte, hier zu finden, trat er mit laut pochenden Herzen der verhaͤngnißvollen Thuͤr naͤher; er oͤffnete ſie mehr und mehr und trat nun— in ein, von ambroſiſchen Geruͤchen 109 duftendem, und von einer in der Mitte haͤn⸗ genden Ampel in eine angenehme Daͤmme⸗ rung verſetztes Zimmer. Mehr erſchrocken als erfreut blieb er in der Mitte ſtehen, alles um her athmete ſchwel⸗ gende Wolluſt und das konnte bei ſeiner Laura unmoͤglich ſeyn; unmoͤglich bei der Laura, die ſeit ſo langer Zeit ſein Ideal war; die die Unſchuld und Keuſchheit ſelbſt, die aus reiner aetheriſcher Luft, aus den rein⸗ ſten Urquell geſchaffen zu ſeyn ſchien; die konn⸗ te ihn unmoͤglich ſo empfangen. Doch nur wie Blitze durchflogen ihm dieſe Gedanken und eben ſo ſchnell verſchwanden ſie, wie er auf einer ſchwellenden Ottomane, ſeine Laurg, das niedliche Koͤpfſchen mit den wallenden Locken auf der einen Hand, die wie leuchten⸗ der Schnee durch die angenehme Daͤmmerung blinkte, geſtuͤzt, ſanft ſchlafend, liegen ſah; die andere lag auf den ſich leiſe hebenden Buſen und ſchien in Weiße mit ihm zu wetteifern, das Ganze war ſo einladend, das Intiere Corallo's aber ſo verwirrt daß er im erſten 8 Augenblick nicht wußte, ob er auf ſie iurlln— 110 und ſein Gluͤck in vollen Zuͤgen genießen, oder ob er, ſie verachtend verlaſſen ſollte;— aber dieſes Letzte war auch nur ein ſchwinden⸗ der Gedanke von ſeinen uͤbergroßen Empfin⸗ dungen erzeugt, denn im andern Augenblick lag er ſchon vor ſeiner Laura, der Schlafen⸗ den, auf den Knien, und bedeckte ihre Hand mit Kuͤſſen. Sie erwachte, und ſah ihn nun mit halb⸗ erhobenen Kopfe laͤchelnd an. Aber wie, als haͤtte ihm ein electriſcher Schlag getroffen, ſprang er auf, als er nun trotz der dunkelnden Daͤmmerung eine, ſeiner Laura, ſehr aͤhnliche, Dame aber doch nicht ſeine geſuchte Laura ſelbſt erkannte. „Ha, ich bin betrogen!“ rief er ganz außer ſich nach ſeinem Mantel greifend, um ſich zu entfernen.„Signora!“ wandte er ſich nun zu dieſer,„Ihr habt nicht klug gehandelt, mich zu hintergehen.“ „WVerzeiht, Signor,“ bat die Holde und er⸗ griff die eine ſeiner Haͤnde,„wenn die Unbe⸗ duſßimta einen Schritt wagte den die Ver⸗ — ⏑—ᷣ—ꝛ—ꝛ—ꝛ— 111 nunft wohl nicht billigt, die Liebe aber ent⸗ ſchuldigen mag.“. Erſtaunt ſah Corallo die Bittende an. „Ich ſah Euch dieſen Morgen,“ hob ſie aufs Neue an,„in einen der oͤffentlichen Gaͤr⸗ ten und— warum ſollt ich es nicht geſtehen, ihr zogt mich an. Im Theater ſah ich Euch wieder, und an Euren ſteten umherſchweifenden Blicken, bemerkte ich daß ihr jemand ſuchtet. Meine Eitelkeit ließ mich hoffen und meine Zofe fand Euch.—“ „Signora, ſo war es Spott von Euch, da ihr verſpracht, daß ich das Geſuchte hier finden wuͤrde!“ „Ihr verachtet mich! ſonſt wuͤrdet ihr mich nicht ſo martern, hartherziger Fremdling!“ „Nicht verachten; ich bedaure Euch, ſich in mir geirrt zu haben,“ verſicherte er. „Bedauern“ rief ſie in auffahrender Wuth, „bedauern! Ha, kuͤhner Fremdling, bedaure Dich ſelbſt, daß Du kleinlicher Deutſcher mei⸗ ner Rache ſo gar zu niedrig biſt. Geh!“ Ganz außer ſich, warf ſie ſich auf die Ottomane zuruͤck, doch kaum war Corallo 112 im Begriff der Weiſung zu folgen, als ſie wie⸗ der aufſprang und ihn zuruͤckzuhalten ſuchte. „Ihr koͤnnt mich wirklich ſo kalt verlaſſen wollen?“ „Signora! beruhigt Euch und laßt mich fort. Ich habe Einem Maͤdchen in meinem Herzen Liebe geſchworen, und dieſer Einen bleibe ich auch treu.“ „O, Du gefuͤhlloſer kalter Felſen. Auf jeden Tritt will ich Dir nachſpuͤren laſſen; kein Hauch von Dir ſoll meinen Lauſchern un⸗ bemerkt bleiben, und ſo werde ich Deine treue Liebe zu finden wiſſen. Dann wehe Dir und Ihr. „Rufe ſelbſt uͤber Dich Wehe, Ohnmaͤchti⸗ ge! uͤber Deine Leidenſchaften die Du zu be⸗ herrſchen zu ſchwach biſt.“ „Kleinlicher Menſch, Du ſollſt meine Ohnmacht fuͤhlen, Dich zu verderben bin ich ſtark genug,“ rief ſie bitter. Gehe, gefuͤhl⸗ loſer Barbar.“ Obwohl von Mitleiden fuͤr die eUngläck⸗ liche, die er in den Augenblick für wahnſin⸗ nig hielt, durchdrungen, ſo aͤrgerte er ſich zu 1 113 ſehr, wieder aufs Neue, in der Hoffnung ſeine Laura zu finden, ſich betrogen zu ſehen, um laͤnger noch zu weilen. Aber entſetzt ſprang er von der Thr eini⸗ ge Schritte wieder zuruͤck, als eben zum Fort⸗ gehen im Begriff, ihm der Aelte aus Rom entgegen trat. Mit einem eoecruu la die Ber ſucherin nieder. m Mit durchdringenden Bücken ſah ihn der ſatyriſch laͤchelnd an. Co rallo, außer ſich und kurz entſthloßen, faßte den ſatyriſch Laͤ⸗ chelnden an der Bruſt und ſuchte ihn nieder⸗ zudruͤcken, auch zugleich ein Geſtaͤndniß, wer er ſey, abzuzwingen; mit Anſtrengung ſuchte jener ſich loszureißen; vergebens war ſeine Muͤhe, Corallo hielt! ihn feſt. u, Ha, graubaͤrtiger Suͤndet, geſteh wer Du biſt?m In den Augenblick bemerkte Coralko wie der Niedergedruͤckte einen verborgen gehal⸗ tenen Dolch hervorzog und eine ihm gefaͤhr⸗ liche Wendung zu machen ſuchte. Wuͤthend uͤber den Meuchelmoͤrder, riß er ihm den Dolch aus den Händen; aber indem Corallo als terrtre II. 4114 Vergeltungsrecht ihn mit ſeiner eigenen Waffe zu erdolchen drohete, hatte jener ſich losgeriſſen und ſchneller als er ihn verfolgen konnte, war der Alte durch eine Nebenthuͤr verſchwunden. Gern wuͤrde Corallo ihn verfolgt haben, doch fuͤrchtete er, ohne Erfolg Aufſehen zu er⸗ regen, und ging deshalb, auf die Zuruͤckgelaſſene die jetzt erſt wieder zu⸗ ſich ſelbſt zu kommen ſchien, einen Blick der Verachtung werfend, durch dier Thuͤr, durch welche er Athuun war, iilend fort. IInn Im Vorzimmer ny an er hen Wachöſtoc der auf dem Wandleuchter noch immer brann⸗ te zu Huͤlfe und ſuchte den Weg, den er ge⸗ kommen war, wieder zu finden. Doch befand er ſich kaum an der Treppe, ſo hoͤrte er ei⸗ nem Tumult im Hauſe, der ſich ihm zu naͤ⸗ hern ſchien. Schnell blies er das Licht aus, und draͤngte ſi ſich nach einem Winkel der Gal⸗ lexie/ um zu erwarten was da kommen wuͤrde. Noch ſtand er da keine zwei Minuten, als er den Alten mit einem ganzen Troß Bedienten, mit Lichtern nach der Gegend, wo⸗ her er gekommen war, ſtuͤrmen ſah In den⸗ „19 9 115 —— ſelben Augenblick aber, da jene ihm aus den lugen waren, eilte er die Treppe hinunter; noch flackerten die Leuchten und ließen ihm leicht die Hausthuͤr finden; doch dieſe fand er verſchloßen; jetzt hoͤrte er den Tumult zuruͤck⸗ kommen, und auch mehrere Stimmen, die be⸗ haupteten: daß er unmzglich ſchon entflohen ſeyn koͤnnte. In der groͤßten Verlegenheit ſuchte er die Thuͤr zu erbrechen, doch verge⸗ bens; jetzt, in der groͤßten Verwirrung, weil die Gefahr immer naͤher ruͤckte, fand er an einer andern Seite eine offne Thuͤr; durch ſie entſchluͤpfte er, und beramd ſich auf einmal in Freien. aein e Umſonſt war ſeine Frude ſich gerettet z zu ſehen, im Gegentheil ſah er ſich jetzt auf ei⸗ nen großen weitlaͤuftigen Hof eingeſchloſſen. Hell flimmerten die Sterne und ließen ihm nicht gar fern eine Mauer erkennen; in der Hoffnung, daß nur die ihm von der Straße trenne, eilte er dahin, denn eben traten meh⸗ rere ſeiner Verfolger mit helllodernten Fackeln 1 in den Hof; er fand ſie niedrig genug, und im Nu, war er daruͤber— befand ſich aben 8“ 116 jetzt nicht auf der Straße, ſondern, in einen, wie es ſchien, ſehr großen Garten. Groͤßer wurde aber nun ſeine Verlegenheit, als er ploͤtzlich mehrere Fackeln im Garten ſich be⸗ wegen ſah, und er vergebens einen Ausweg ſuchte. —— Beſorgt um den Hauptmann ging Bar⸗ nelli im Zimmer unruhig auf und ab. Ver⸗ gebens hatte er die eine Haͤlfte der Nacht in den Straßen Neapels zugebracht, hoffend ihn, der ſeit geſtern Nachmittag verſchwunden zu ſein ſchien, aufzufinden; vergebens ging er waͤhrend der andern Haͤlfte der Nacht ſchlaf⸗ los umher, ihn jeden Augenblick erwartend, noch weit hoͤher ſtiegen ſeine Beſorgniße, als die geſchaͤftige Regſamkeit im Hauſe den jun⸗ gen Tag verkuͤndigte, und ſein Freund ſein Hauptmann, ſich noch nicht ſehen ließ. Un⸗ gluͤck ahnend, war er eben im Begriff, wieder auszugehen um Nachforſchungen anzuſtellen, als er ſelbſt, Corallo, in der groͤßten tin⸗ ruhe und bleich ins Zimmer trat. 1 1 4 —,— 117 Barnelli machte ihm freundſchaftliche Borwuͤrfe, uͤber die unruhige Nacht die er ihm verurſacht haͤtte, und bat ihn, es nicht wieder zu thun, oder ihn doch wenigſtens mitzuneh⸗ men, damit die Gefahr, die Ihm dann drohen koͤnnte, getheilt ſey. Freundlich druͤckte Corallo ihm die Hand und gab ſein Wort, daß es nicht wieder ge⸗ ſchehen ſollte. Uebrigens waͤre er einer großen Gefahr entgangen. Und nun erzaͤhlte er ſei⸗ nem Freunde, wie er von dem Alten aus Rom mit Gefolge, verfolgt, in einem Garten geflohen, und ſich hier in aller Schnelligkeit auf einen Baum gerettet haͤtte, und nun erſt den Tag haͤtte abwarten muͤſſen; um einen Ausgang zu finden, welches ihm denn auch gluͤcklich gelungen ſey. „Barnelli,“ bat er,„laß uns ach einen andern Zweck verfolgen. Siehe, Dir iſt nicht unbekannt, daß gerade der Alte, Gott weiß, weshalb? mein aͤrgſter Feind iſt; ſo lange der Räthſelhafte lebt, iſt mein Leben zehnfach mehr bedroht. Da ein jeder nun auf Selbſterhaltung bedacht iſt, ſo muß, ſo iſt es Pflicht, an ihm 118 ein Vergeltungsrecht zu uͤben, ſo laß uns ihn verfolgen, und ſollte es uns nicht moͤglich ſeyn, ihn mir zu ſchaden unthaͤtig zu machen, ſo—“ „Moͤge die Schuld auf ihn ſelbſt kommen, fiel Barnelli ein,„wenn er gewaltſam ge⸗ zwungen eine andere Welt begruͤßen muß. Zeige mir nur, wo er wohnt.“ „Wahrſcheinlich in dem Hauſe, wo ich dieſe Nacht ihn traf. Ich hoffe es Dir ge⸗ nau bezeichnen zu koͤnnen.“ Corallo's ganzes Beſtreben ging nun dahin, das Haus, worin er das naͤchtliche Abentheuer verlebt hatte, wieder zu finden. Dieſes konnte ihm, da er zwar nicht den vor⸗ dern Eingang, aber doch den Garten genau wieder zu finden wußte, gar nicht ſchwer werden. Gegen Abend fuͤhrte er Barnelli dahin. Doch trotz deſſen genauſten Erkundi⸗ gungen, war weder eine junge ſchoͤne Donna noch ein Alter zu ermitteln, bis er zuletzt er⸗ fuhr, daß ein Alter, der eine kurze Zeit mit einer Donna hier gewohnt, dieſen Morgen in aller Fruͤhe ſchon abgereiſt ſey. 119 „Wenn er fort iſt, ſo kann er mir nicht mehr ſchaden,“ aͤußerte Corallo als er es er⸗ fuhr, und fing nun die Nachforſchungen dh ſeiner Laura auf's neue an. 1 Vergebens blieb aber kein oͤffentlicher Spa⸗ ziergang, keine Kirche, wenn Gottesdienſt da⸗ rin gehalten wurde, kein Opern, kein Schau⸗ ſpielhaus, von ihm unbeſucht— die er ſuchte⸗ war nicht zu finden. Verdrießlich uͤber ſein vergeblichess Suchen, kam er eines Tages von einem oͤffentlichen Spaziergange zuruͤck, und war eben im Be⸗ griff nach ſeinem Quartier zu gehen, als er bemerkte, daß er von jemand hart verfolgt wurde. Neugierig, zu wiſſen was der von ihm wolle, blieb er ſtehen um jenen zu er⸗ warten, doch jener ſchien nicht Luſt zu haben ihm Rede ſtehen zu wollen, und blieb daher ebenfalls ſteif auf dem Flecke ſtehen. Eoral⸗ lo ging ihm entgegen, doch nun wich jener zu⸗ tuͤck. Der ſoll mich auch nicht zum Narren haben! Mag er ſeyn wer er wolle! dachte Corallo und ging fort. 120 Kaum aber im Quartier angelangt und daß er eben mit Barnelli uͤber den Verfolger ſprach, ſo trat er auh ſchon Glälſt ins Zimmer. „Wer ſind Se2 trat Go rallo har auf ihn zu. 8„Gottlob, ich habe mich nicht geirrt, Du biſt Corallo mein Hauptmann,“ und damit riß er ſich eine falſche Naſe und Stirne ab. „Borgello Du biſt es!“ ſchuͤttelte Co⸗ rallo ihm freudig die Hand.„Teufel biſt noch in Neapel?“ 0, ich habe ſeitdem wir uns nicht geſe⸗ hen, viel, ſehr viel gelitten!“ klagte Borgel⸗ lo.„Seit drei Tagen laufe ich umher, und ſuche einen Menſchen den ich zwei Mal hier geſehen, denn meine Augen konnten mich nicht truͤgen, und den ich jetzt zum dritten Mal, da ich ihn ſuche— durchaus nicht finden kann.“ „Iſt Dir denn ſo viel an ihm gelegen? frug Barnelli laͤchelnd. Ich daͤchte, Leute unſeres Schlages waͤren froh wenn ſie ſelbſt V 1 121 nicht aufgeſucht werden, vielweniger das ſie aufſuchen ſollten.“ Lachend, meinte Corallo,„daß es Aus⸗ nahmen geben koͤnnte, das ſehe man offenbar an ihn ſelbſt. Doch, Borgello wer iſt's, den Du ſo eifrig ſuchſt.“ „Hauptmann erinnerſt Du Dich aus mei⸗ ner Erzaͤhlung noch eines gewiſſen Palmi, den Vater meiner ſchaͤndlich gemordeten Ceci⸗ lie? Der gaſtfreundlich mich in ſein Haus aufnahm und dem ich Sohn werden ſollte!“ „Palmi, Palmi,— Du haſt ihn hier geſehen. Hoͤr, Borgello, wenn Du den findeſt, mußt Du ihn zu mir fuͤhren. Der Name iſt mir ſo auffallend bekannt. Ich hat⸗ te einen Jugendlehrer, der ſich Palm nannte; aber das war ein Deutſcher von Geburt.“ „Auch Palmi iſt kein Italiener.“ „Bei welcher Gelegenheit haſt Du ihn g⸗ ſehen?“ frug Corallo,— ſich beſinnend. daß er ihn ſelbſt ſchon muͤſſe geſehen haben. 4 Zum erſtenmal ſahe ich ihn an den un⸗ gluͤcklichen Abend im Theater, in einen grauen Rocke, in Deiner Naͤhe. Ich beobachtete ihn 1²2 genauer, weil er mir fuͤr Dich gefaͤhrlich ſchien. Doch wie erſtaunte ich in ihm Palmi, den Vater meiner gemordeten Cecilie zu erken⸗ nen. Sogleich wollte ich mich ihm zu erken⸗ nen geben; doch in den Augenblick ging der Laͤrm mit Dir los. Ich ſah dahin,— nein, es ging nicht mit rechten Dingen zu, es war ein Blendwerk der Hoͤlle, als ich in den einen der mit drohender Miene vor Dir ſtand, den Marcheſe Marco del Pecco erkannte, auf deſſen Todt ich heute noch das heilige Abend⸗ mahl nehme. Ich wollte mich meines Irr⸗ thums uͤberzeugen und mich den Phantaſiege⸗ ſpinnſte naͤhern, doch in den Augenblicke wur⸗ de die laͤrmende Verwirrung ſo groß, das Ge⸗ dränge um Dich ſelbſt, ſo dicht, daß ich von Dir ſo wenig, als von den Geſpenſte, oder was es war, wieder etwas ſah. Ohne meinen Willen, ohne zu wiſſen durch welche Kraft, wurde ich zum Hauſe herausgedraͤngt. Ich 8 ſuchte wieder hinein zu kommen, doch vergebens; die herausſtroͤmende Maſſe ließ mich nicht durch. Die Nacht lief ich wie toll umher; er⸗ fuhr zwar, daß der Feuerruf im Theater nur —— 123 ein blinder Laͤrm war und Corallo auf eine unbegreifliche Art entkommen ſey, die Spur von Dir zu finden, war mir nicht moͤglich.“ „Obwohl ich es nicht wagte nach dem Gaſthauſe zuruͤckzukehren, ſo hielt mich doch ein innerer Zug in Neapel gefeſſelt. Mit dem Kreislaufe der Sonne, begann auch mein Lauf in der Stadt; Von ungefaͤhr ſehe ich Palmi in den grauen Rock, ſeine Lieblingstracht, von Ferne gehen; ich eile hin, doch wie ein Geiſt war er verſchwunden, und ſeitdem habe ich ihn, trotz alles ſuchens nicht wieder fin⸗ den koͤnnen. O, Hauptmann es iſt aber gut daß ich Dich wieder habe. Rathlos eilte ich umher. Dabei getrieben von Neugierde, Erwartungen,. Geiſtererſcheinungen, Hunger und Kummer.—“ „Hunger und Kummer?“ lachte Bar⸗ nelli.„Ei nun, das ließe ſich wohl aͤndern,“ und damit ſetzte er ihm eine Flaſche Wein mit einem guten Inbiß vor.“. Der Heißhunger, mit dem Bo rgello da⸗ ruͤber herfiel, bewieß, daß es ihm lange ſo nicht geboten war, denn mehreremal mußte 124 Corallo ihm erinnern, nicht ſo haſtig zu eſſen, weil es ihm ſchaͤdlich ſeyn koͤnnte. Jener geſtand,„daß dieſes ſeit vier und zwanzig Stunden das erſte ſey, was er ge⸗ noͤße, weil ihm die Mittel, ſie zu erkaufen, ſchon ſeit laͤngerer Zeit fehle.“ Corallo erkundigte ſich, ob er von der Dame, ſeine Laura, die er damals in Thea⸗ ter geſehen, nichts wieder bemerkt haͤtte. „O, deren Geſicht,“ verſicherte Borgel⸗ lo,„hat ſich meinen Gedaͤchtniß ſo feſt einge⸗ praͤgt, daß ich, als ich ſie vorgeſtern mit ei⸗ ner aͤltlichen Frau nach der Villa Borgoſa fahren ſah, ſie auch ſogleich wieder erkannte.“ „Nach der Villa Borgoſa?“ ſprang Corallo auf.„Ha, da mag ſie vielleicht noch ſeyn. Barnelli, ſorge fuͤr Borgel⸗ lo er ſoll ferner bei mir bleiben.— Ich will nach Borgoſa, ihr koͤnnt zuruͤckbleiben.“ Ein ſchoͤner heiterer Abend war dem ſchwuͤlen Tage gefolgt; eine angenehme Kuͤhle, erfriſchte den von Hitze erſchlafften Koͤrper; ——— 125 ſelbſt die Natur ſchien ſich der eigenen Annehm⸗ lichkeiten zu freuen; hell und freundlich blick⸗ ten die Sterne auf ſie herab; die von der Schwuͤle niedergebeugten Halme, hoben neu erfriſcht ihr Haupt empor und ſchienen, zwar leblos doch ihr erfreuendes Daſeyn zu fuͤhlen; jetzt oͤffneten ſich die Kelche der Blumen, die bei Tage mit gebeugten Haupte verſchloßen blieben; jetzt gaben ſie gerne die Annehmlich⸗ keiten von ſich, die ſie bei Tage nicht ahnen ließen; froh und heiter blickte Alles um ſich her; froh und heiter war die Natur, und mußte auch der ſeyn, der fuͤhlend, in ihr wandelte. Ddiieſes ſchien aber der einzelne Gaͤnger, der ſtundenlang ſchon in den Park der Villa Borgoſa laurend umherging, nicht zu fuͤh⸗ len. Im Gegentheil ſchien er mit ſich, wie auch mit der ganzen Natur in Streit zu leben. Denn hier ging er, um in einen an⸗ dern Weg zu kommen, uͤber hoch graſige Ra⸗ ſenebenen, dort wohl gar, uͤber ſchoͤn geordnete Blumenbeete, dann knickte er hier eine Blume dort einen jungen Strauch. Nicht um zu verderben, ſondern in einer Gedankenloſigkeit, die alles andere vergeſſend, ihm nur an einen Gegenſtand denken ließ. Es war Corallo, der ſeit einigen Stun⸗ den hier ſchon angekommen, nichts weiter er⸗ fahren konnte, als daß ſeit einigen Tagen viele Fremde hier angelangt waͤren, um den geſtri⸗ gen Feſte mit beizuwohnen. Viele waͤren aber ſchon wieder fort, die Uebrigen reiſeten dieſen Abend noch ab. Wuͤthend uͤber ſich ſelbſt— daß er, obwohl er von dem Feſte unterrichtet, ſogar dazu eingeladen war, dieſes verſaͤumt hatte; weil er nicht ahnen konnte, daß ſeine Laura da ſeyn wuͤrde— lief er in den Park umher, um einen Entſchluß zu faſſen ob er hinein gehen und ſich melden laſſen, oder ob er die Fremden vor der Thuͤr abwarten ſollte; denn zu dem erſten war er im geringſten nicht eingerichtet. So war er noch ganz unſchluͤſſig mit ſich ſelbſt, als er ploͤtzlich Wagengeraſſel hoͤrte, dieſes ſcheuchte ihn nach dem Portale; hier fand er denn auch ſchon die glaͤnzendſten Equi⸗ pagen neben einander gereihet, deren muthige Roſſe durch ihr Stampfen zu erkennen gaben, ———˖᷑OQOQO˖—ñOLBX˖nn— ———; davon. Der late Wagen fuhr vor, die Da⸗ 127 daß ſie ungeduldig ihrer Ladung harrten, um das traͤge Stehen mit einen luſtigen Lauf zu vertauſchen. Corallo ſchlich ſich nach einen dunkeln Winkel, um, ſelbſt unbemerkt, die Einſteigen⸗ den genau ſehen zu koͤnnen. Mehrere bebaͤnderte und unbebänderte, be⸗ ſternte und unbeſternte Herrn, mit jungen und alten, ſchoͤnen und haͤßlichen Damen hat⸗ ten einige Wagen ſchon gefuͤllt und waren fortgefahren, ſeine Laura war aber ach nicht zu ſehen. udsnt zg Nur noch zwey Wagen waren uͤbrig, die ihrer Herrſchaft lauerten; und ſchon glaubte der Verſteckte aufs Neue in ſeiner Hoffnung ſich betrogen, als eine feiſte Moͤnchsgeſtalt aus dem Portal des Hauſes trat; gern haͤtte Co⸗ rallo ihm ins Geſicht geſehen, doch ſtand er ſo, daß das Licht zu ſehr blendete, und ihm ſo weiter nichts als den Umriß ſehen ließ; er wurde von den Hausherrn bis an den Wagen geleitet, zwei tief verſchleierte Damen kuͤßten ihm hier die Hand; er ſetzte ſich ein und fuhr 128 men ſchienen noch jemand zu erwarten— aber zehn Jahre ſeines Lebens haͤtte Coral⸗ lo darum gegeben, wenn die eine Dame ſich entſchleiert haͤtte; es war ganz die Hebegeſtalt ſeiner Laura; ſchon wollte er ſich ihr mehr naͤhern, als er von neuen Kommenden zu⸗ ruͤckgeſchreckt wurde; genauer ſah er hin, und man denke ſich ſein Erſtaunen, als er den Alten aus Rom, mit der Donna, bei der er kuͤrzlich des Nachts das Abentheuer erlebt hatte, aus der Thuͤr treten und auf den Wa⸗ gen zugehen ſah. Unwillkuͤhrlich zuckte er den Dolch, den er bei ſich zu tragen pflegte. Jener ſetzte ſi ch mit der Dame, in den Wagen; die eine von den verſchleierten Damen folgte, die andere ſchien noch unſchluͤſſig zu ſeyn, doch da reichte der Alte die Hand heraus,— einer Bildſäͤule gleich, den Othem angezogen, ſtierte Corallo dahin— jetzt ſtand ſie auf den Wagentritt, der Schleier ſchob ſich zur Seite— „Laura, meine Laura!“ rief, aus dem Winkel hervorſpringend, Corallo. 129 Vergebens rief er in die Nacht hinein. Dahin flog der Wagen; er lief zu der Stelle wo der Wagen geſtanden hatte und wo Be⸗ dienten und Kammerdiener noch wild durchei⸗ nander liefen; mißtrauiſch ſahen dieſe den un⸗ geſtuͤmen Gaſt ſeitswaͤrts an, und kurz fertig⸗ ten ſie ihn ab, als er nach den Namen und Verhaͤltnißen der Fortgefahrenen ſich erkundigte; nur mit der groͤßten Muͤhe gelang es ihm, zu erfahren, das Moliſe das erſte Ziel ihrer Reiſe ſey; die weitere Marſchruthe wußte ihm Niemand anzugeben. Gern waͤre er dem Wagen ſogleich nach⸗ geeilt; doch ſo viel ſah er noch ein, daß die⸗ ſes eine Tollheit ohne Gleichen waͤre. Eilig ging er nach Neapel zuruͤck; ließ ſchnell die Pferde ſatteln und jagte mit ſeinen beiden Freunden des Weges nach Moliſe. Doch bald reuete es ihm, den Morgen nicht abge⸗ wartet zu haben, denn wie es zu tagen an⸗ fing, ſo kam es der Geſellſchaft vor, als waͤ⸗ ren ſie von dem rechten Wege abgewichen. Nur mit vieler Muͤhe und nach vielen hin⸗ und herreiten gelang es ihnen endlich⸗ den Corallo II. 9 130 rechten Weg wieder zu finden, und nun ging es in ſcharfen Trott vorwaͤrts. Bald kamen ſie auf die rechte Spur zuruͤck, denn hin und wider hoͤrten ſie nach eingezogenen Er⸗ kundigungen von einem Wagen reden, der mit vier Perſonen, die man aber nicht ge⸗ ſehen hatte, dieſen Morgen fruͤh vorbei ge⸗ kommen ſey. Jetzt war es freilich bald Abend; jene hatten alſo einen bedeutenden Vorſprung; doch Eorallo verlor den Muth nicht. Wenn icht fruͤher ſo hoffte er ſie doch wenigſtens ohne ſich ſowohl, als auch den Leuten, noch den Pferden gehoͤrige Ruhe noch Raſt zu goͤnnen, ging es immer ſcharf vorwaͤrts, bis ſie aber denn doch endlich burh den Sbns eines Pferde machen. hatten die Pferde vo r Krippe ſich etwas erhohlt, ſo erhielt Borgello Geld, um ſich beritten machen um ſobald als moͤglich nach — 131 Moliſe nachkommen zu koͤnnen; zur Vor⸗ ſicht wurde die Lage des Thales, wo die uͤbri⸗ gen Cameraden ſich verſammelt hielten, ihm ſo genau beſchrieben, daß er ſich leicht dahin finden konnte, wenn er ihn in Moliſe viel⸗ leicht nicht mehr treffen ſollte— und Corallo ritt mit Barnelli weiter. Es ſchien aber, als wenn gerade die Eile mit welcher der Ungeduldige die Reiſe betrieb, ihm hinderlich wuͤrde. Denn noch uͤber eine Tagereiſe waren ſie von dem Orte ihrer Be⸗ ſtimmung entfernt, als auch dem Corallo das Pferd todt niederſtuͤrzte. Seine Verlegen⸗ heit war um ſo viel groͤßer, da das naͤchſte Dorf etwas weit entfernt lag, und es daher wieder mehrere Stunden koſtete, ehe er an den Ort gelangte, wo er ſich ein anderes Pferd kaufen konnte. Höoͤher ſtieg aber ſeine Unge⸗ duld, als er, nachdem er das Pferd einige Stunden geritten, nun bemerkte, daß er ſtatt ſeines fruͤhern muthigen Pferdes, einen faulen unbequemen Gaul eingekauft hatte. Obwohl er mit Barnelli tauſchte, ſo konn⸗ te dieſer doch jetzt nicht mit, und ſo raſch 65 ₰ 9* 132 auch anfangs ging, ſo langſam ging es nach⸗ her weiter. Er war daher froh, als er das letzte Gaſt⸗ haus vor Moliſe endlich erreicht hatte. Gern häͤtte er hier der Labung ſich verſagt, und waͤre das Stuͤndchen bis zum Staͤdtchen fortgeritten, doch die Pferde wollten nicht mehr, und Barnelli meinte: daß auch ſie e Ruhe beduͤrften, und ſo machten ſie Halt. 4 Geſchäftig nahm ihnen der Hausknecht die Pferde ab, und mit der Kappe in beiden Haͤn⸗ den fuͤhrte der Wirth des Hauſes ſelbſt, un⸗ ter vielen Buͤcklingen, und mit der Entſchuldi⸗ gung daß fuͤr die hohe Herrſchaft ſogleich ein Zimmer in Bereitſchaft geſetzt werden ſollte, ſie in die ſchon gut beſetzte Gaſtſtube. Mehrere Tiſche waren mit frohen Zechern beſetzt, die in bunten Kreiſen abwechſelnd⸗ ſangen und ſcherzten, ſich dann wieder etwas erzaͤhlten und dabei launige drollige Dinge an den Tag brachten. Nur Corallo, durch deſſen Kommen ſie ſich gar nicht ſtoͤren ließen, mit ſeinem finſtern Unmuthe, konnte es ſeyn, dem das bunte Treiben und die frohe Laune ihn zu leeren, ſtellten ihn unberuͤhrt wieder jed Sechzi ger ſey n mochte, ſofah man ach noch 413³3 welche allenthalben herrſchte, nict erheitern konnte. Barnelli miſchte ſich ſehr bald un⸗ ter die Frohen. Auf einmal wurde es maͤnschenſtill; ſelbſt die, welche eben in Begriff waren, etwas zu n; die den mit Wein gefuͤll⸗ an den Mund ſetzten, um erzaͤhlen, ſchwiege ten Becher ehen hin, dabei ſahen ſie ſich einander finſter an. Erſtaunt ſuchte Corallo die Urſache der ploͤtzlichen Stoͤrung, und gab es endlich einen Menſchen Schuld, der eben, den Anweſenden einen guten Abend wuͤnſchend, ins Zimmer trat. Freilich hatte er gar nichts Einladen⸗ des in ſeiner Phyſionomie; im Gegentheil⸗ ſchreckten die tiefen Furchen, die nicht allein das Alter, ſondern auch der boͤſe Character, der aus den tiefliegenden blinzelnden Augen — die unſtaͤt von einem Gegenſtande zu de andern uͤbergingen, weil ſie nicht vermöge waren, auf einen Gegenſtand feſt zu haften in den ha nen Geſichte gezogen hatten, ki⸗ en von ihm zuruͤck. Obwohl er⸗ ſthen ein 8 nen —134 eine, zwar etwas gekruͤmmte, aber, ſtarke kraͤftige Geſtalt. Ihm ſchien es gar nicht zu kuͤmmern, daß jemand auf ſeinen„guten Abend“ dankte, oder daß mit ſeinem Kommen die fruͤher ſo frohe Laune auf einmal ver⸗ ſcheucht und die Geſellſchaft verſtimmt wurde. Es ſchien ihm ſogar zu freuen; denn gerade wo die Meiſten ſaßen, ſetzte auch er ſich hin und forderte ſich einen Schoppen Wein, den er mit Gemaͤchlichkeit leerte. Zu ſpottender Ironie verzog ſich ſein Mund, als er Mehrere, des Spaßes wegen wie es ſchien, anzureden ſuchte, und dieſe mit Ver⸗ achtung in den Blicken, ſich alsdann von ihm zuruͤckzogen. Nach und nach wurde der Tiſch, an den er ſaß, von Zechern leer. Sie zogen ſich nach andern Tiſchen zuruͤck. Dieſes ſchien den Stoͤrenfried recht zu freuen, denn ſogleich ließ er ſich mehrere Schoppen Wein kommen, die er auf den leeren Tiſch umherſtellte. Jetzt erſchien der Wirth, der ihm anzeigte, daß ein Zimmer in Bereitſchaft geſetzt ſei; wenn er befoͤhle: ſo wollte er ihn hineinfuͤh⸗ ren. Doch fing die Geſellſchaft jest an, un — —.,— bereitete Zimmer fuͤhren. dieſer Menſch, der nun bereits ſeit einigen dern geſehen wird. Ja ſeht, das kömmt da⸗ 135 zu intereſſteren. Denn, was daß mit dem Manne fuͤr eine Bewandniß hatte, mußte er jetzt erſt wiſſen. Es dauerte ihm aber zu lange, um es ab⸗ zuwarten; denn je ſatyriſcher und ſtachlicher die Leute in den Reden wurden, deſto freund⸗ licher und freudiger wurde er; man ſah es, daß der Aerger der Leute ihm wohl that. Selbſt Corallo fing an uͤber den Schaden⸗ frohen ſich zu aͤrgern, der die Freude einer ganzen Geſellſchaft ſchaͤndlich verdarb. Fuͤrchtend, daß er ſich noch in einen Streit mengen wuͤrde, der ihn nicht fruchtete, ließ er ſich mit Barnelli auf das fuͤr ihn „Ihr wundert Euch wohl,“ fing der Wirth auf die Frage Corallo's, was jener Stoͤren⸗ fried fuͤr ein Mann ſey, zu erzaͤhlen an,„daß zwanzig Jahren ſchon ein Bewohner unſets kleinen Dörfchens iſt, ſo ungern von den an⸗ 4 136 — her, weil man fuͤr ſicher weiß, daß er ſich mit dem„Gott ſey bei uns!“— dabei kreu⸗ zigte ſich der arme Schelm von Wirth ſo eif⸗ rig, als wenn er fuͤrchtete, daß der Boͤſe ſchon hinter ihm ſtaͤnde,—„daß er es mit dem Boͤſen„Gott ſei bei uns“ haͤlt, und von ihm unterhalten wird.“ Corallo konnte ein Laͤcheln nicht gut unter⸗ druͤcken; der Wirth, welches dieſes bemerkte, ſchien daruͤber aber recht boͤſe werden zu wol⸗ len, und fuhr in ſeiner Behauptung nur deſto eifriger fort. Wie Barnelli aber gar — zu widerſprechen wagte; hu, da gerieth er erſt in Wuth.„Nein,“ fuhr er in ſeiner Ex⸗ ſtaſe fort:„was ich mit eigenen Augen ſehe, davon laſſe ich mich nicht abbringen; o, ge⸗ wiß zehnmal ſah ich den Leibhaftigen ſelbſt, durch den Schornſtein bei ihm ins Haus flie⸗ gen, oft kommt er auch als ein gewoͤhnlicher Menſch am hellen Tage zu ihm; und dann geht er wie ein anderes Menſchenkind bei ihm durch die Thuͤr.“ „Aber das kann ja vielleicht auch nur ein zemshnliher Menſch ſeyn!“ warf K rc 4 if 3 ze Gemeinde hat den Fremden, der zu An⸗ er ſich ernaͤhren wuͤrde. Man glaubte, er 137 ——— „Ja, Proſit die Mahlzeit, da muͤßte man keine geſunden Augen haben. Nein, die gan⸗ ton geht, ſchon geſehen,— aber noch keiner hat je ſein Geſicht zu ſehen bekommen; gewiß weil es ganz ſchwarz oder feuerroth iſt, ſeine Pferdefuͤße haben ſie dagegen alle ſchon be⸗ merkt. Wie ſollte es auch anders zugehen,“ fuhr er fort.„Als Anton vor einigen zwan⸗ zig Jahren zu uns kam, da kaufte er ſich ein kleines Haͤuschen, ganz ohne Land; nur mit einem ganz kleinen Gaͤrtchen. Neugierig war⸗ teten wir alle, was er beginnen und wovon wird ſich nun noch Land oder ein Citronen⸗ wäldchen dazu kaufen oder pachten, um da⸗ raus ſeinen Erwerb zu ſuchen; aber es geſchah nicht. Man lauerte und erwartete, daß er bald mit einem kunſtfertigen Handwerk her⸗ vortrete— aber nein, man hatte ſich in Allem betrogen, er that nichts, und— bezahlte doch alles baar. Auf einmal war es mit dein Gelde aus. Er nahm alles auf theure Rech⸗ nung; jetzt wird es kommen, dachte man, 138 nun wird er wohl arbeiten muͤſſen; aber— man hatte ſich wieder geirrt.“— „Eines Tages fuhr ein ſchoͤner Wagen vor ſein Haus, ein Mann, derſelbe der nachher oͤfterer zu ihm kam, und in welchen wir den Boͤſen,— er kreuzigte ſich,— bald erkannten, ſtieg aus; nach einem Viertel⸗ ſtuͤndchen Verweilen ſetzte ſich Anton mit dem Fremden, den wir damals noch nicht kannten, in den Wagen und fuhren davon. Den andern Tag kam Anton wieder, und — bezahlte alle ſeine Schulden, und wie er uns merken ließ, hatte er noch viel Geld uͤbrig. Doch dieſesmal war es noch nicht ſo auffallend, als wie es uns nachher wurde. Denn jetzt ſahen wir mit ſichtbaren Augen, wie der Boͤſe, wenn ſein Geld alle fort war, ihm wieder, entweder durch den Schorn⸗ 7 ſtein, oder als ein gewoͤhnlicher Menſch durch die Thuͤr, neuen Zuſchuß brachte. So wieder vor einigen Tagen, da war er vom Gelde ſo entbloͤßt, daß er nicht einmal einen Schoppen Wein bezahlen konnte;— jetzt ſchwimmt er wieder im Gelde. Doch der uͤberzeugendſte 13³9 4 Beweis daß er mit den unterirrdiſchen Gei⸗ ſtern in Gemeinſchaft lebt, iſt wohl der, daß er ihnen oͤfterer Beſuche abſtattet. Des Abends ſehen wir ihn noch in ſeinem Hauſe ſich einſchließen, und dann iſt er binnen gan⸗ zen Tagen verſchwunden.“ „Aber,“ frug Corallo,„warum dul⸗ det ihr ihn in eurer Mitte? Weshalb habt ihr bei der Geiſtlichkeit ihn nicht ſchon laͤngſt der Teufeleien angeklagt, wenn iyr davon ſo feſt uͤberzeugt ſeyd?“ „Das ſind wir wohl. Aber wer wird es wagen, den zu verrathen oder etwas in den Weg zu legen, dem die ganze Hoͤlle zu Gebo⸗ te ſteht? Wer wird ſich ſelbſt ins Ungluͤͤkk ſtuͤrzen. Denn unausbleiblich wird es der, welcher es wagte, mit Anton, den Hoͤllen⸗ Buͤndner anzubinden. Trotz dem, waͤre es doch ſchon geſchehen, aber wir hoffen taͤglich, daß es mit ihm bald wird ein Ende nehmen, denn ewig wird es der Gott ſei bei uns mit ſeinem Eigenthume ſo nicht laſſen.—“ „Aber das ſeht ihr,“ fuhr der Wirth nach einer kleinen Pauſe in welcher Cora llo 140 wunderlich erregt vor ſich nieder ſah, geſpraͤchig wieder fort, daß Keiner mit ihm Gemeinſchaft hat. Wo er ſich ſehen laͤßt, da gehen die an⸗ dern fort, und ich ſelbſt ſehe ihn ungern in meinem Hauſe. Ihr koͤnnt mir glauben, Sig⸗ nor, das ich ſelbſt das Geld, was ich hin und wieder fuͤr Wein oder andere Waaren von ihm erhalte, nicht zwiſchen mein anderes Geld kommen laſſe. Das lege ich immer alleine und laſſe es mir denn von andern Leuten umſetzen, denn ich ſage immer das Geld bringt keinen Seegen.—„Aber,“ unter⸗ brach er ſich ſelbſt,„ich muß einmal nach meinen Gaͤſten, und nach dem Unholde ſehen, ob er zur Freude der andern ſchon fort iſt,“ damit eilte er aus dem Zimmer. Kopfſchuͤttelnd hatte Corallo die Erzäh⸗ lung des Wirthes mit angehoͤrt, konnte ſich aber, trotz des tiefen Sinnens, die Dunkelhei⸗ ten darin nicht erklaͤren.„Eine eigene Be⸗ wWandniß muß es mit ihm haben,“ ſage er „aber das der Leibhaftige hier nicht im Spiale iſt davon bin ich uͤberzeugt.“ —— — 4.1 1441 „—;— „Die ghze Sache,“ aͤußerte Barnelli, 8 mir ſo gleichguͤltig, daß ich es nicht der uͤhe werth halte, d daruͤber lange Nachzuden⸗ den Ich ärgere mich nur daß er mit ſeinem Kommen auch mir den angenehmen Abend in der luſtigen Geſellſchaft verdarb⸗“ Corallo waͤre gern den Abend noch fortgeritten, doch Barnelli ſowohl, wie auch die Muͤdigkeit der Pferde gaben dieſes nicht zu; aber dafuͤr, war er mit der Morgenſonne auch zugleich vor dem Thore von Moliſe. In dem vorletzten Dorfe wo er die Nacht eingekehrt war, hatte er die Spur von dem Wagen mit den Reiſenden ſchon wieder verloh⸗ ren, und war nun um das Wiederfinden der⸗ 3 ſelben ſehr verlegen. Dahin ging im Thore ſeine erſte Erkundigung. Allein da wußten ſie ihm weiter nichts zu ſagen, als daß ſeit eini⸗ gen Tagen viele fremde Wagen angekommen waͤren, doch eine genauere Bezeichnung waͤ⸗ ren ſie nicht im Stande zu gedenä. Sie kehrten in dem erſten Gaſthauſe n5 ſie fanden ein.— Auch hier erkundigke Eo⸗ rallo ſich nach einem Wagen, den er, e 142 weit es ihm moͤglich war bezeichnete; da der Wirth ſich keines ſolchen Wagens zu erinnern wußte, ſo fing er, ohne ſich einige Ruhe zu goͤnnen, ſeine Unterſuchung ſogleich in der Stadt an. Er lief von einem Gaſthauſe zu dem andern, und ſchon wußte er deren nicht mehr zu finden, als ihm noch ein Hotel ge⸗ zeigt wurde, welches er fruͤher übergangen war. Er ging hinein und ließ ſich ein Mittags⸗ mahl ſerviren. Waͤhrend des Eſſens erkun⸗ digte er ſich bei den aufwartenden Marqueurs, ob ſeit einigen Tagen nicht ein etwas aͤltlicher Mann mit drei Damen hier eingekehrt ſey? Man denke ſich die Freude Corallos, als einer der Marqueure es bejahete, und den Wagen ſo genau beſchrieb, daß er voͤllig uͤber⸗ zeugt wurde, es ſey der rechte. „Seit wenn ſind ſie ſchon hier, und wie lange bleiben ſie noch,“ frug er Meſſer und Gabel zur Seite legend, haſtig. „Vorgeſtern kamen ſi je hier an, und ge⸗ ſtern fruͤh reiſeten ſie weiter aber,— Signor, 143 —— was iſt Euch?“ frug der beſorgte Marqueur den ploͤtzlich leichenbrlaß gewordenen Corallo. „Das haſtige Eſſen ſcheint ein Uebelbefin⸗ den bei mir zu erregen. Eine boͤſe Gewohn⸗ heit!— Wie war es, Marqueur, hab ich recht verſtanden,— Die Fremden nach de⸗ nen ich frug, waͤren ſchon wieder abgereiſt.“ „Geſtern fruͤh; aber——“ „Schon gut, ſchon gut!— Ich bin gar nicht wohl! Hier Marqueur, iſt fuͤr die Zeche.“ „Sie entſchuldigen, daß ich mich einen Augenblick entferne, um das Goldſtuͤck zu wechſeln,“ bat der Marqueur. „Nicht doch, es iſt ſo richtig!— Wie war es, Marqueur. Der alte Herr iſt mit den Damen zugleich wieder abgereiſt? Wohin weiß man wohl nicht?“ „Nein! Aber weit kann es nicht ſeyn, denn wie der alte Herr, ſich in den Wagen ſetzte, ſo hoͤrte ich wie er dem Herrn befahl, fuͤr ih nur ſtets ein Zimmer bereit zu halten, weil er ſehr bald wieder zuruͤckkommen wuͤrde/ „Iſt das beſtimmt wahr?“ frug Co⸗ . rallo freudig. „Ei gewiß iſt es wahr, ich ſehe daß es dem Signor intereſſirt, und wollte es ſogleich ſagen;— doch Signor ließen mich nicht ausreden.“ Dem erſtaunten Marqueur, der ſich die Großmuth des Fremden gar nicht zu erklaren wußte, ein zweites Goldſtuͤck in die Hand dückend eilte er davon. „Bruder! hier werde ich ſie finden, und vielleicht noch einen guten Fang dazu,“ kam Corallo ganz außer ſich vor Freuden zu Barnelli, der eben ein eitagsſhldithan hielt, ins Zimmer. „Wie? was?1 frug dieſer, ſi ſich die Au⸗ gen reibend.„Was haſt Du gefunden? Und was fuͤr einen Fang kannſt Du thun? weil er noch nicht voͤllig aus dem Schlafe gekommen, einen Fang ſeiner Art glaubte. „Binnen einigen Tagen, fuhr der eete nun fort,„kommt der Alte mit den Damen hierherzwieder zuruͤck. Eile Du nun nach dem — 145 Thale welches kaum eine Tagereiſe von hier entfernt ſeyn kann, und fuͤhre noch einige Cameraden hierher, um den Alten lebendig einfangen zu koͤnnen.“ „Und die Frausnsleute u frug Barnel⸗ li den Schlaftaumel ganz Aelchüntelnde Mnas fänsſ Du mit ihnen an 271 „Bringt der Nlte ſie wieder mtt, ſo wer⸗ de ich hier ihre Bekanntſchaft ſchon zu machen ſuchen; braͤchte er ſie aber nicht zuruͤck; ſo ſoll der Alte uns ſchon geſte ehen, wo er ſie gelaſſen 5 hat. Kurz, ich hoffe, dieſe Fährke ſoll unß 88 zum Ziele leiten. „Ich wönſſche Dir Glüͤck denn; denn ich merke wohl, daß bei Dir nicht eher die Ruhe welche Du ſo noͤthig haſt, zu finden iſt. Lebe wohl, Hauptmann, bald ſehen wir uns wieder.“— Zerſtreuung ſuchend, ging gCorallo nach mehreren Caffehaͤuſern; doch allenthalben pei⸗ nigte ihm die Langeweile. Obwohl ex da Unterhaltung fand, ſo war ſie ihm doch nir⸗ gends wuͤrzig genug, um ihn laͤnger als ein Corallo. II. 410 446 halbes Stuͤndchen feſſeln und ſeine truͤbe Laune zerſtreuen zu koͤnnen. So kam er inzufetcden mit ſch fab nach ſeinem Gaſthauſe zuruͤck; vermißte hier nun erſt ſeinen jovigliſch luſtigen Barnelli, der ſeine Mißlaune weg zu ſchwatzen, ſo gut verſtand. unſchluſfg was er auf den Aibend ab. Hier reiheten 1ch n nun die Gerantn an einander. Wie gewoͤhnlich kam er auf ſeine * Jugendjahre zuruͤck, und ſchaudernd dachte er an den doppelten Mord, den er als Juͤng⸗ ling ſchon beging. 5 n Laurette! warum hatteſt Du mir das gethan? Siehe, nur Du haſt Schuld, daß ich Räͤub— o, ich mag es nicht ausdenken den fuͤrchterlichen Gedanken, was ich bin. Durch Dich Laurette, bin ich ein Auswurf der Menſchheit geworden; Du haſt mich gereitzt, und ich ward Moͤrder!— — Deine Untreue fuͤhrte mich zu dem, was ich bin.— Und dennoch kann ich eine die⸗ ſes falſchen Geſchlechtes lieben; dennoch, da ich ſchon ſo furchtbar betrogen bin? Ha, da⸗ mals war es keine Liebe, es war nur kind: .— auf den erſten Blick mich an Laura zog? als eingeaͤtzt; ſo mußte es kommen, und liche Vertraulichkeit; Gewohnheit des Zuſam⸗ menſeyns; wir liebten uns nicht!— Ha, deſto ſchaͤndlicher von mir, daß ich Liebe begehrte, da ich ſie nicht verlangen konnte.— Wir liebten uns nicht?—— Was iſt es, was Was mich ſo feſt an ihr feſſelt? Doch nur die Aehnlichkeit mit Lauretten. O, wie ich mit Blendwerk mich betruͤge.— Geſteh es nur ein, Carlo, in der Einen liebſt Du die Andere.— Lieben—— Ha, wie darf Suͤnder es wagen, dieſes Wort noch, auszu ſprechen. Ich Schuldbelaſteter will lieben Lieben ein ſo reines theures Geſchöpf, als Laura iſt. Ich, ein Auswurf der Menſch⸗ heit; ſie, ſchuldlos wie ein Engel; die, wenn ſie von Mord nur ſprechen hoͤrt, viel⸗ leicht ſchon vergeht; und ich, der Böſewicht, hege Abſichten auf die Reine.—— Ha, iſt es meine Schuld daß ich ward, was ich ge⸗ worden bin?— Nein! tauſendmal, nein! Was ich ward, daß mußte ich werden. Mit eiſernen Griffeln war es im Buche des Schick⸗ 10* 148 ſo iſt es gekommen. So iſt es auch nicht meine Schuld, daß ich Laura ſo innig liebe, unnd was man liebt, ſucht man habhaft zu werden.— O, Geſchlecht, man ſollte dich verwuͤn ſchen, denn Du verkuͤmmerſt uns noch das bischen frohe, was der bittre Kelch des Lebens uns ſpaͤrlich bietet.— Carlo, Du biſt ungerecht! O, Laura, vergieb, denn auch Du gehoͤrſt mit zu dem Geſchlechte— „Auch ich!“ ließ ploͤtzlich ein verſchleiertes Frauenzimmer hinter ihm ſich hoͤren,„was e ich Cuch gethan, daß Ihr mich nicht 3 mit zu den guten rechnen wollt?"4. „Giovannal“ rief er der Entſchleierten entgegen.„Wie kommſt Bu hierher, und was willſt Du?, dch⸗ Signor, ihr ſeht mich nicht gern! 4 4 floͤtete die ſanft weinende in leiſen Toͤnen 4 hervor. „Thoͤrichtes Maͤdchen! wecher uͤbereilte Schluß! „Ach, ihr ſeht ſo boͤſe! Dann hoͤrte ich es ja ſelbſt, wie ihr unſerm Geſchlechte ſo boͤſe * 149 ſehd; nur Laura machte eine Ausnahme; o, wenn ich doch die Laura waͤre.+ „Du biſt ein eben ſo gutes Maͤdchen alb Laura!“ verſicherte Corallo, die noch im⸗ mer Schuͤchterne, umarmend, und neben ſich auf das Sopha ziehend.— Aber ſo ſage mir doch um Gotteswillen, wie kommſt Du hier⸗ her; und wie konnteſt Du mich finden, da ich doch ſo eingezogen lebe?“ 8 „Der Zufall fuͤhrte mich Euch entgegen; ich ſah und folgte Euch,“ ünttbortete dis ſih 5 ſanft Sträubende. „Du treues Maͤdchen!““ umarmte 8e rallo ſie aufs neue.„Waͤre ich damals in Neapel deiner Weiſung gefolgt, einer großen Gefahr waͤre ich fruͤher entgangen! noch bin ich den Dank dafuͤr Dir ſchuldig.“ Und er zeig⸗ te ſich dankbar.— In langen Zuͤgen genoß er den Honigſeim ihres Mundes. Ihr Straͤu⸗ ben, war Dahingebung.—— Hier erlaube man den Autor ein Gefußt zu erklaͤren, welches, beſonders den Nichtken⸗ 150 ner des menſchlichen Herzens und daraus entſpringenden Gefuͤhlen, unerklaͤrlich ſeyn muß. Corallo kam in Mißlaune, ſo wie man zu ſagen pflegt, unzufrieden mit ſich ſelbſt, nach Hauſe. Hier fehlte ihm nun jemand, der, wie Barnelli ihn kennend, mit leichten Denn, von ſeiner fruͤheſten Kindheit an, ſtets wie ein Spielball umhergeworfen, hatte ſich auch das Schwankende ganz in ſeinen Cha⸗ racter feſtgeſetzt. Von Mißmuth zur ausge⸗ laſſenen Freude, von Hoffnungsloſigkeit zu der groͤßten Hoffnung, kurz von einem Extrem zu dem ganz entgegengeſetzten ſchnell uͤberzu⸗ gehen, war ihm zur andern Natur geworden. So auch hier. Den Morgen hatte er Hoffnung, ſeine Laura,— die ihn uneinig mit ſich ſelbſt machte, weil er immer noch nicht wußte, was er, wenn er ſie wirklich faͤnde, von ihr eigent⸗ lich wollte,— hier zu finden. Plötzlich ver⸗ nimmt er, daß ſie ſchon wieder fort waͤre; dadurch geraͤth er in Verzweiflung, auf ein⸗ Geſpraͤchen wieder hätte erheitern koͤnnen. mal ſagt ihm derſelbe Marqueur, der, als 434 ein gewandter Menſch es ihrn ja leicht an⸗ ſehen mochte, daß nicht das haſtige Eſſen, ſondern ſeine Nachricht ihn unwohl machte, derſelbe Marqueur ſagt ihm nun: daß ſie wieder komme. Konnte dieſer das nehe grſagt Hahen,„um ihn ein Trinkgeld abzulocken? Daran dachte Corallo aber nicht; weil er es nur gar zu gern glaubte. Trotz der unbeſtimmten Nach⸗ richt zur höchſten Freude geſtimmt, kam er. nach Hauſe. Wie gewiß er die Ausſage des Marqueurs thielt, erhellt ſchon daraus: daß er den Baxrnelli ſogleich fortſchickte, um Eameraden herzuſchaffen, welche, wie er ſich ſelbſt, weiß zu machen ſuchte, ihn behuͤlflich ſeyn ſollten, an den Alten aus Rom ſich zu raͤchen. Doch ein dunkles Bild lag in ihm, welches ihm die Wonne, mit Laura im Thale oder in einem verborgenen Erdwinkel vereint zu wohnen, verfuͤhreriſch ausmahlte; wie er dazu aber kommen wollte, war er mit ſich noch nicht einig. Ein Entfuͤhrungsplan lag, als er Barnelli fortſchickte, ihm vor Au⸗ gen; aber nicht ſeine Laura, ſondern den Alten wollte er in ſeine Gewalt zu bekom⸗ men ſuchen, konnte dieſes nun mit Laura vereint geſchehen, ei nun, 16 war es uuchi ſeine Schuld. So war es ihm nicht möglich, zu einem feſten Entſchluße zu kommen, er blieb ſchwan⸗ kend, und dieſes Schwankende machte ihm; als er vergebens Zerſtteuung ſuchend und ohne dieſe gefunden zu haben gegen Abend nach Hnuſe⸗ kam, recht mißlaunig. Hier fehlte ihn Unterhaltung. Dieſes fuh⸗ lend, kam ihm Giovanna alſo gerade zur gelegenen Zeit. Die Treue des Maͤdchens ruͤhrte ihn. Seine Gedanken, Gefuͤhle, Lei⸗ denſchaften waren durch die Gedanken von den fruͤheren Ereignißen, an Lauretten, Lau⸗ va'n, der Praͤſidentin:t. erregt; im Chaos der Gefuͤhle, vermengte er das Unreine mit dem Reinen;— da trat Giovanna, das treue ſchoͤne Maͤdchen, mit einer Bruſt voll Liebe und verderblichen Begierden zu ihm, den leidenſchaftlichen Menſchen. Die Daͤmmerung der Nacht, die uͤberſtroͤmenden Herzen, die wild erregten Gefuͤhle—— der ewig —õ—— —————— 1⁵3 ſchwankende Gorallo that, wie er thun mußte; er konte wider ſich nicht handeln. Ganz natlich war es, daß er nach der That, Reue fuͤhlte, und Giovanna'n um Verzeihung bat. Doch befriedigt bedeckte ſie ihn mit Kuͤſſen, mit der Werſthrungs daß ſie jetzt gluͤcklich ſey. Bald ſaß er ruhig wieder neben ihr/ und erkundigte ſich, wie ſie nach Moliſe und zu ihm gekommen ſey. 1e. Wie Ihr an den verhaͤngnißvollen Abend in Neapel mich verlaſſen hattet, glaubte ich nicht, daß ihr dennoch der Gefahr entgegen gehen wuͤrdet, und begab mich nach Hauſe um die zuruͤckgelaſſenen Eltern zu beruhigen. Doch denkt Euch meinen Schrecken, als ich die Mutter in Verzweiflung fand. So eben haben ſie den Vater ins Gefaͤngniß gefüͤhrt, ſchluchzte ſie mir entgegen.“ „Ha, ich ahne!“ rief Corallo auf⸗ ſpringend.. Sanft zog Giovanna ihn wieder ne⸗ ben ſich nieder, und fuhr fort.„Er ſollte geſtehen, wo Ihr geblieben waͤret. Vergebens 15 waren ſeine Betheurungen, daß er Euch nicht gekannt haͤtte, und auch nicht wuͤßte, wo Ihr geblieben. Man hielt ihn feſt. Denſel⸗ ben Abend lief ich noch von einem zu dem An⸗ dern, um meinen unſchuldigen Vater zu be⸗ freien, doch vergebens. Den andern Morgen begann ich von neuem meine Wanderung; doch noch weit aufgebrachter waren die Herrn uͤber Euer abermaliges unerklaͤrliches Ver⸗ ſchwinden. Man drohete, wenn man Eurer nicht bald wieder habhaft wuͤrde und der Va⸗ ter nichts geſtände, ſo waͤre die Mutter ſo⸗ wenig wie auch ich von der Unterſuchung be⸗ freit. Da ich einſah, daß auf dieſem Wege fuͤr die Freiheit des Vaters nichts zu erlangen war, ging ich zu dem Gefangenwaͤrter; an⸗ fangs muͤrriſch von ihm empfangen, wurde er doch bald freundlicher, da ich ihm von der Unſchuld des Gefangenen zu uͤberzeugen wuß⸗ te; nach einigen Geſchenken erhielt ich ſogar die Erlaubniß, den Vater beſuchen zu duͤrfen. O meine Gefuͤhle, wie ich den armen alten Mann der mir ſtets ein ſo guter Vater war in einem dumpfen Kerker, der durch eine klei⸗ 1 * f —— 4⁵⁵ ne Oeffnung in der Mauer ſein karges Licht erhielt, matt und kraͤnklich wieder fand. Thraͤ⸗ nen warer unſere Unterhaltung. Bald muß⸗ ten wir uns trennen, doch erhielt ich die Er⸗ laubniß mit der Mutter noch einmal wieder kommen zu duͤrfen. 1 1444. 1. Hierauf baueten wir nun einen Befreiungs⸗ plan fuͤr den Vater. Da wo wir waren, wohnen zu bleiben, das ging, es mochte mit dem Vater kommen wie es wollte, nicht an. Deshalb ſchloſſen wir Frauensleute mit dem Manne, der uns ſchon ſeit laͤngerer Zeit unſer Haus hatte abkaufen wollen, einen Contrack, — und nahmen dafuͤr das Geld von dihm in Empfang. Mit dieſer, nicht unbedeutenden Summe, eilten wir nach dem Kerket. Vereint dran⸗ gen wir nun in den Kerkermeiſter, dieſes als Loͤſegeld fuͤr den Vater anzunehmen. Der ſich anfangs freilich, der Gefahr fuͤrchtend, weigerte, zuletzt aber doch einwilligte, wenn wir ihm verſprechen wollten: Neapel ſo⸗ gleich zu meiden. O, wie gern wurde ihm dieſes von uns beſchworen. u 156 Sogleich wurden nun Werkzeuge herbeige⸗ ſchaft, um die Mauer zu durchbrechen. Die⸗ ſes ſollte dem Gefangenwaͤrter zur Entſchuldi⸗ gung dienen. Nach einigen Stunden waren wir damit fertig. Wir krochen alle durch. Der Kerkermeiſter fuͤhrte uns uͤber einen Hof, er ſetzte eine Leiter an die zweite Mauer wir ſprangen hinuͤber, gelangten in einen Garten und von da ſehr bald ins Freie. Nun brachten wir den Schoͤpfer in der dunkeln Nacht vereint ein Dankgebet, und als die Morgenſtrahlen unſern Weg erhellten, hatten wir Neapel laͤngſt im Ruͤcken. Unſere Abſicht ging auf Florenz, weil wir von den Verwandten der Mutter, die wir dort wohnen haben, Unterſtuͤtzung erwarteten. Doch nur ſehr langſam konnte die Fußreiſe von Statten gehen, eines Theils, weil der Vater ſowohl wie die Mutter von den letzten boͤſen Tagen noch zu ſehr angegriffen waren, und andern Theils, weil wir die gerade Straße, der Nachſtellungen wegen, nicht verfolgen durften, und deßhalb manchen lumndes mathen mußten. 157 Das Ungluͤck ſchien uns aber zu vetfolgen. — Nach einigen Tagen ward die Mutter bride, doch brachten wir ſie noch nahe bei Moliſe; o, waͤren wir doch weit davon ent⸗ fernt geblieben. Der Bater ging hierher zur Stadt, um einen Arzt zu befragen; weil es mit der Mutter immer gefaͤhrlicher zu wer⸗ den ſchien,—— den Vater ſuhen wit uht wieder. „Das waͤre ſchrecklich!“ Wo n er ge⸗ blieben?“ frug Corallo.„. Hat nian keine Spur von ihm gefunden??“ Eine ſchreckliche Spur! fuhr Gispanna weinend fort. Ich erfuhr, als ich hierher zur Erkundigung kam, als die erſte Neuigkeit: daß man den Verbrecher, der die Flucht Co⸗ rallo's in Neapel beguͤnſtigt habe, und den man deshalb zur Unterſuchung gezogen, derſelbe aber durch die Flucht entgangen waͤre, hier wieder gefaͤnglich eingezogen haͤtte. Zu meinem Schrecken erfuhr ich, daß er binnen einigen Tagen nach Neapel ausgeliefert. werden ſollte. Ich ging zu dem Kerkermei⸗ ſter. Doch dieſer Barbar drohete, daß wenn 158 ich lihm je wieder kommen wuͤrde, er mich ebenfalls arrettiren wolle. 1 Nun eilte ich wieder hinaus nach der Mut⸗ ter, um dieſe auf die ſchreckliche Nachricht nach und nach vorzubereiten. Dieſe war aber durch einen ploͤtzlichen Schlag, den Erdenleiden entnommen. Meine Lage war ſchrecklich! Allein ſtand ich nun in der Welt, und ſchreck⸗ lich war fuͤr mich der Gedanke, daß ich auch den Vater nicht wieder zu ſehen bekomme, und ich nun ewig allein und verlaſſen blei⸗ ben wuͤrde. „Nein,“ rief Corallo,„Du biſt nicht verlaſſen! Ich ſchaffe Dir Deinen Vater wieder.“ CEin Blick und Haͤndedruck Giovanna's, ſprach ihren Dank deutlich genug aus. Dieſen Nachmittag, erzaͤhlte ſie nun wei⸗ ter ſah ich Euch aus einem Caffehauſe kom⸗ men. Ich erkundigte mich nach Euch und erfuhr nun Euer Quartier und daß ihr Herr von Il⸗ ſau waͤret. Verzeiht, bat ſie, ſanft ſeine Haͤnde druͤckend, daß ich bei Cuch meine Zuflucht ſuche; ihr ſeyd der einzige den ich zu meinen Schutz aufrufen koͤnnte. 2 Bis ſpaͤt in die Nacht verplauderten ſie die Zeit, und nachdem Corallo mit Mund und Hand noch einmal die Verſicherung gegeben, daß er ſich ihrer mit allen Kraͤften annehmen wolle, brachte er ſie nach ihren Logis, welches ſich in einen fernen Winkel der Stadt befand zuruͤck. —— —yyy— Sechstes Buch. Otium Divos rogat in patenti Prenfus Aegaeo, simul atra nubes Condidit Lunam, neque certa falgent Sidera nautis. Otium bello furiosa Thrace. Otium Medi pharetra decori, Grosphe, non gemmis, neque purpura ve- nale, neque auro. Hor. * Den andern Morgen ließ Corallo es ſich angelegen ſeyn, den Kerker, worinn Gio⸗ vanna s Vater gefangen gehalten wurde, genauer zu beſichtigen. Bald ſah er die Un⸗ moͤglichkeit, ihn ohne andere Mitwirkung zu befreien. Jetzt erkundigte er ſich auf eine verdachtloſe Weiſe nach dem Character und den Leidenſchaften des Kerkermeiſters und Ge⸗ fangenwaͤrters; konnte aber nichts weiter er⸗ fahren, als daß ſie beide ein Paar unbeſchol⸗ dene, und in ihrem Amte ſtrenge Maͤnner waͤren. Dieſe Nachricht war fuͤr ihn freilich ein ſchlechter Troſt zur Befreiung ſeines Freun⸗ des; doch erhielt die Sache fuͤr ihn jetzt auch einen um ſo groͤßern Reitz, ſeinen Freund, trotz allen Hinderniſſen, ſeiner Haft zu entle⸗ digen. 3 Nachdem er alles genau uͤberlegt und er⸗ wogen hatte, ging er geradezu zum Kerker⸗ Corallo II. 11 1— 162 meiſter, den er aber mit den Gefangenen be⸗ ſchaͤftigt fand. Die Frau bat den vorneh⸗ men Herrn, der ihren Mann ſprechen wollte, mmit ihrer ſchlechten Unterhaltung ein halbes Stuͤndchen vorlieb zu nehmen. Alsdann wuͤrde ihr Mann, der ſich in ſeinem Geſchaͤfte nicht gern ſtoͤren ließe, zuruͤck kommen und des Herrn Wuͤnſche, wenn es in ſeiner Macht ſtaͤn⸗ de gewiß gern willfahren. 8 Fein, wie ein verſchmitztes Weib, ſuchte ſie ſich mit ſeinen Wuͤnſchen bekannt zu machen; „denn,“ ſagte ſie ihn mit ihren kleinen freund⸗ lich funkelnden Augen begehrend anblickend: „man kann nicht wiſſen, vielleicht kann ich Euch nuͤtzen. Mein grober unausſtehlicher Mann, an den ich mich noch gar nicht ge⸗ woͤhnen kann, iſt in manchen Dingen ſo ſtren⸗ ge, daß er auch die billigſten Wuͤnſche oft geradezit abſchläͤgt.—„Stellen ſich Eure Gnaden vor,“ fuhr ſie fort,— kuͤrzlich woll te er ein huͤbſches Maͤdchen, ein junges Blut, gefaͤnglich einziehen, weil ſie einen alten Mann der hier verwahrt wird bis er nach Neapel ausgeliefert werden kann, und wahrſcheinlich 163 ihr Bater iſt, gern einmal zu ſehen und z ſprechen wuͤnſchte./.. „Iſt es moͤglich!“ rief Corallo, der ſich der Frau als ein Herr von Ilſau vorgeſtellt hatte, die hoͤchſte Verwunderung affectirend; „Einem huͤbſchen Maͤdchen, den ſo billigen Wunſch, zu verargen, daß muß, nehmt es mir nicht uͤbel, liebe kleine Frau, daß muß ein rechter Grobian ſeyn, Euer Mann.“ „Ach, das ſage ich auch!“ klagte die Frau. „Wie ſchon geſagt, ich gehoͤre gar nicht zu dem Manne.“ „Einer Dame einen Wunſch verſagen, das iſt ſchaͤndlich! Nein, wenn die das Leben von mir verlangte, ſo ſtaͤnde es zu Befehl.“ „Ja,“ laͤchelte die kleine runde Frau mit ihren hochrothen Backen, das glaube ich, wenn ein junges huͤbſches Maͤdchen von Ew. Gna⸗ den etwas wollte, ſo——“ 4„Sie niedliche ſchelmiſche Frau!“ dabei faßte Corallo ſie mit gewiſſen bedeutenden Blicken unters Kinn.„Glaubt mir, daß ich ein ſo huͤbſches Weibchen, wie Ihr ſeyd, ei nem ſeden Maͤdchen weit vorziehe—— und 11* 14 wenn eine ſolche von mir etwas verlangen wuͤrde, ſo waͤre mir auch das Leben nicht zu theuer.— Nein, der Grobian von Mann iſt Eurer nicht werth.“ Die Ergebenheit der Frau wußte Coral⸗ lo ſich bald eigen zu machen, und ſie aͤrgerte ſich nicht wenig, als in den Augenblick, da ſie gewiſſe Erklaͤrungen von ihm erwartete, ihr Mann, der finſtere Kerkermeiſter ins Zim⸗ mer trat. Ohne ſich nach Namen oder Stand des Fremden zu erkundigen, frug er muͤrriſch: womit er den Signor dienen koͤnne. „Ich bin ein Fremder,“ hob Corall der auf der Durchreiſe gern alle Merkw keiten beſichtigen moͤchte, und da ich ge* ein gutes Trinkgeld auf Euren guten Willen rechne, ſo wuͤnſchte ich wohl dieſes feſte Ge⸗ fängniß mit ſeinen mannigfaltigen inneren Einrichtungen einmal zu ſehen.“ „Kann nicht dienen!“ antwortete jener kurz.„Kann nicht dienen!“ rief er lauter, als Corallo Einwendungen zu machen ſuchte. Aber als Corallo einen ſeidenen Beutel, deſſen Durchſichtigkeit das darin beſindliche , ⏑———— ſender koͤnnen Euch unſere Kerker zu gleich⸗ 165 Gold nicht verbarg, zwiſchen den Fingern, mit bedeutenden Blicken, ſpielen ließ, da ſchien jener mit ſeinen kleinen tiefliegenden Augen ihn durh bohren zu wollen. „Hoͤrt, Signor, fing er nach einer kleinen Pauſe an, Ihr ſeyd mir verdaͤchtig. Als Rei⸗ guͤltig ſeyn, um an ihrer Beſichtigung Gold zu opfern. Dahinter ſteckt mehr.) em „Ich bin ſelbſt eine Gerichtsperſon in un⸗ ſerm Lande, entſchuldigte ſich Corallo etwas verlegen.„Deshalb ſind die Gefaͤngniße im Auslande zu beſichtigen, ihre inneren Einrich⸗ tungen mir zu merken, der Hauptzweck mei⸗ ner Reiſe. Dann macht es mir Vergnuͤgen die geſehenen mit den unſern zu vergleichen. Doch, wenn ihr glaubt,“ fuhr er fort,„wi⸗ der eure Pflicht zu handeln, wenn ihr mir meinen billigen Wunſch gewährt, ſo wilt ich 4 gern davon abſtehen.“ „Corallo war froh, das verdammte Haus im Ruͤcken und das frapante Geſicht des Kerkermeiſters, mit den ſtechenden Augen, erſt von ſich wieder weg zu haben. Guͤter 166 Rath ward aber theuer. So viel ſah er ein, daß mit den inquiſitoriſchen Gefangen⸗Auf⸗ ſeher nichts zu machen ſey. Die Hande ſich zerreibend, ging er uͤber die Sache gruͤbelnd, auf einen freien Platz, wo Allerlei feil gebo⸗ ten wurde, auf und ab.„Ew. Gnaden!“ redete eine Frauenſtimme im feinſten Diskant ihn an,„nehmt es ja mir nicht uͤbel, daß mein Grobian von Mann Ew. Gnaden ſo anfuhr. Seht, ſo iſt er immer, klagte ſie; ge⸗ gen mich eben ſo wie auch gegen andere. Konnte er Ew. Gnaden die kleine Bitte nicht gewaͤhrt haben? Was that es ihm, oder gar dem Staate Schaden, ob ihr die Gefaͤngniſſe ſeht oder nicht. Ein purer Eigenſinn von ihm, weiter nichts, gar nichts. Ich ſollte es nur ſo koͤnnen, ſo———“ „Na liebe Frau,“ unterbrach Corallo A den Redefluß der Kerkermeiſterin,„ihr Mann hat mich ſchaͤndlich behandelt, und ich ſinne darauf ihn zu verklagen, damit er uͤber ſe ein 3f 6 Betragen beſtraft und vom Dienſte kommte. 4„ „O, thut das, Signor! Damit uͤber ſein maſſives Benehmen einmal wird. 3 4 167 „Gewiß ſo er das! Und ihr ſollt ſehen, gute Frau, ich werde nicht eher ruhen, bis er ſeſne Stelle entſetzt iſt.“ Die RNache war der Frau doch ein wenig zu hart. Die Haͤnde uͤber den Kopf zuſam⸗ menſchlagend, bat ſie ihn jetzt himme lhoch, die Rache ja ſo weit nicht zu treiben; weil ſie, wenn ihr Mann die Stelle verloͤre, mit ihm ungluͤcklich waͤre. Nein, er ſollte ſich auf ei⸗ ne andere Art raͤchen; gern wollte ſie ihm willfaͤhrig ſeyn, nur ja iſte nicht ungluͤcklich machen. nd e Corallo verſprach der, um die Stelle ihres Mannes ſo ſehr beſorgten, Frau, u, die Sache nicht weiter unterſuchen zu laſſen, wenn ſie ihm die kleine Gefaͤlligkeit, natuͤrlich gegen ein gu⸗ tes Geſchenk, erzeigen wollte, ihm bei Abwe⸗ ſenheit ihres Mannes das Innere des Kerkers einmal ſehen zu laſſen.— Dabei ſah er ſie mit Blicken an, woraus ſi ie die Vermuthung ſchloß, daß er nicht ſo ſehr darauf dringe die Kerker zu ſehen, als— mit ihr allein zu ſeyn. Nach einigen leichten Einwuͤrfen verſprach ſie ihm endlich, wenn ihr Mann dieſen lebend 168 wie gewoͤhnlich nach dem Weinhauſe ginge, dann ſollte er zu ihr kommen; den Gefangen⸗ waͤrter wollte ſie ſchon zu beſeitigen ſuchen. 4 Dann wollte ſie ſehen, da ſie die Schluͤſſel leicht bekommen koͤnnte, was zu machen wäre. Man kann denken, daß Corallo die Aeußerung ihres Willens ſchon ſehr gut ho⸗ norirte, wodurch ſie ſich in ihrer Meinung, daß der huͤbſche feurige Mann es ihretwillen thaͤte, nur deſto mehr beſtaͤrkte. Sie verabredeten noch mit einander, daß ſo bald ihr Mann fortgegangen waͤre, ſo 1 wollte ſie ſeiner vor der Thuͤr warten. 6 Jemehr es ſich zum Abend neigte, deſto hoͤher ſtieg die Ungeduld Corallo's. Nach reiflicher Ueberlegung wollte ihm der Plan, den er ſich zu der Befreiung des Mannes, der ſei⸗ netwegen litt,— erdacht hatte, doch noch nicht 3 ſo recht einleuchten, obwohl er ihn, im Feuer des Erſchaffens, fuͤr ein Meiſterwerk ſeines Genies hielt. Giovanna war von allem unterrichtet, und lauerte in banger Haſt ſcen 6 2 1 ſie bei kaͤlteren Blute leicht haͤtte einſehen koͤn⸗ nen, daß ihre Ungeduld ſie viel zu fruͤh da⸗ hin getrieben hatte. Aber die Frau Gefangeninſpectorin, oder Kerkermeiſterin gerad weg, hatte heute einen ganz andern Character angenommen, der ſelbſt ihren Mann, welcher doch der feinſte Men⸗ ſchenkenner nicht war, ſogleich auffiel; aber ſeit Stunden an den beſtimmten Ort; obwohl dieſes mußte ihn wohl befremdet vorkommen; heute Morgen ehe ſie ausging um etwas ein⸗ zukaufen war ſie noch die perſonificirte Ber⸗ drießlichkeit und das muͤrriſche Weſen, beſon⸗ ders gegen ihn, ſie kommt mit ihrem Einkauf zuruͤck, und hatte ſich total umgewandelt. Die Freundlichkeit ſelbſt; dabei wußte ſie gar nicht, ganz außer ihrer Art, womit ſie ihren lieben Mann erfreuen wollte. Denn daß er, ausge⸗ nommen was ſein Amt anbelangte, worin er ſehr ſtrenge war, ganz unter ihrem Pantof⸗ fel ſtand, wußte er recht gut. Deshalb wußte er ſich auch gar nicht zu erklaͤren, weshalb heute Mittag doppelte Gerichte auf dem Tiſch kamen, und er nippte, nippte— wahrhaftig 170 doppelten Kuͤmmel, ſein Lieblingsgetraͤnke, ſtatt daß er wie ſonſt mit ſchlechtem Wein abge⸗ ſpeiſt wurde. Nein, er konnte es unmöͤglich unterlaſſen bei ſeinen Liebfrauchen, wie er ſie heute nach genoſſenen Kuͤmmel ſeit langer Zeit zum erſtenmal wieder nannte, ſo von un⸗ gefaͤhr, wie man zu ſagen pflegt, auf den Buſch zu klopfen, woher ſich heute wohl die ſplendite Freigebigkeit und außergewöhn⸗ liche Guͤte ſchriebe. Der muͤrriſche ſtrenge Mann glaubte vor Freude aus der Haut fah⸗ reen zu muͤſſen, als ſein Liebfrauchen ihm jetzt geſtand, daß ſie ihm ſtets verkannt und ſein finſteres muͤrriſches Weſen fuͤr uͤble Laune ge⸗ gen ſie gehalten und deshalb zuruͤckgeſtoßen haͤtte, daß ſie jetzt aber erfahren, daß dieſes nichts als Dienſteifer ſey; weshalb er bei ſei⸗ nen Obern in ſo ſehr großer Achtung ſtaͤnde, und ſie ſich, wie ihr von mehreren vornehmen Leuten geſagt waͤre, ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen muͤſſe, einen ſolchen Mann zu haben. Das ſehe ſie etzt auch ſelbſt ein, und wollte das Verſaͤumte mit doppelter Aufmerkſamkeit wieder gut zu Alachen ſuchen. * 1 9 171 Nein, ſo etwas hatte der mit dem boͤſen Kreuze geplagte Mann, ſich nie vorgeſtellt; 8 nie geglaubt daß bei ihr noch eine ſolche Ver⸗ aͤnderung entſtehen koͤnnte;— und wem hatte er es zu danken?— Sich ſelbſt, und den gu⸗ ten Leuten welche die Frau auf ſeine Vorzuͤge aufmerkſam machten. Innerlich nahm er ſich nun vor, in ſeinen Berufsgeſchaͤften aufmerk⸗ ſamer, ja wenn es moͤglich ſey⸗ noch ſtrenger zu werden, denn er ſah ein daß er ſeiner Frau damit nur deſto mehr gefallen wuͤrde; gegen ſie aber in dem Maaße auch freundlicher und gefaͤlliger zu werden;— denn, ſo viel merkte der kluge Kerkermeiſter, daß es der weiblichen Eitelkeit ſehr ſchmeichelhaft ſeyn muß, ihn, den gefuͤrchteten ſtrengen Mann, vor dem ſo Mancher zitterte, und der in Ketten und Ban⸗ den legen konnte,— daß er dieſes nur auf Befehle ſeiner Vorgeſetzten thun durfte, ver⸗ gaß er,— alſo einen ſolchen Mann der in Ketten und Banden legen konnte zu haben, mußte der weiblichen Eitelkeit ſehr ſchmeichel⸗ haft ſeyn. 1 2 So gluͤcklich als dieſen Tag bat der gute Mann noch keinen verlebt, und ſie,— ja ſie hatte die beſte Hoffnung ihn mit einem klei⸗ nen Raͤuſchchen, etwas fruͤher wie gewoͤhnlich fortzuſchicken. Aber man denke ſi ich ihren in⸗ neren Verdruß und Aerger als er gegen Abend äußerte: heute bei ſeiner lieben Frau zu blei⸗ ben, weil er wußte, daß ſie ſich fruͤher uͤber ſeinen halbſtuͤndigen Abendſpaziergang nach einer Taberne, wo er eine Kleinigkeit verzehrte, ſtets aͤrgerte.„Nein,“ ſagte er,„heute gehe ich nicht dahin,“ und da ſie ſich uͤber das weshalb auf nicht ganz geraden Wegen erkundigte, verſicherte er:„daß er fruͤher nur deshalb fort⸗ gegangen ſey um von ihrem taͤglichen Schmaͤ⸗ len und Toben bei einem Glaſe Wein ſich wieder zu erhohlen und neue Geduld zu ſam⸗ meln; da das jetzt aber wegfiele, ſo waͤre die Taberne fuͤr ihn ein ſehr auͤberfluͤſſiges Haus.“ Ein Gluͤck fuͤr ſie daß es ſchon etwas dunkel war, ſonſt haͤtte er gewiß den vor Schreck entſtandenen Kinnbackenkrampf bemerkt, und Verdacht geſchoͤpft; ſo aber ſah er nichts, und ſie hatte Zeit genug ſich von ihrem erſten 173 Schreck zu erholen und mit ihm freundſchaft⸗ lich zu ſchmaͤlen, daß er ſich ihretwegen Ge⸗ walt anthun wolle, was ſie aber durchaus nicht zugaͤbe. Umſonſt war ſeine Verſicherung: „daß es fuͤr ihn gar keine Aufopferung ſey.“ Sie drang mit ihren Bitten ſo ſehr auf ihn ein, und wußte mit ihren Vorſtellungen: daß die Leute glauben koͤnnten ſie waͤre Schuld daran daß er nicht ausginge; ihr Geiz waͤre es der das nicht litte; ja, die Leute koͤnnten glauben: er ſtuͤnde ſo ſehr unter ihren Pan⸗ toffel, daß er ſich nicht getraue, auszugehen — dieſes war ſeine ſchwache Seite, denn gern haͤtte er ſeinen Bekannten weiß gemacht, er hatte ſeine Frau ſo ſehr wie ſeine Gefangenen in Zwang,— kurz ſie wußte ihn ſo zu faſſen — daß er ging. Doch konnte er es uͤber ſein 8 gutes Herz nicht bringen ohne ihr erſt mit einem Kuſſe— ſeit der Brautnacht der erſte wieder— zu verſprechen, bald wieder da zu 5 ſeyn, um mit ihr die Zeit zu verplaudern.. Mit welchem Herzpochen reichte ſie ihm 3 Stock und Hut, die nochmalige Bitte beifuͤ⸗ gend, ihretwegen nur ja nicht fruͤher wie ge 174 woͤhnlich nach Hauſe zu kommen, weil ſie es ihm ſonſt ſehr uͤbel nehmen wuͤrde, denn ſie waͤre alsdann uͤberzeugt, er glaube: ſie goͤnne ihm das Vergnuͤgen des Ausgehens nicht. Mit welcher Freude ſah ſie ihn gehen, ihr erwartete jetzt ja die ſchoͤnſte Schaͤferſtunde. Von dem unverheiratheten Gefangenwaͤrter, der in ſeines Herrn Abweſenheit die Oberauf⸗ ſicht fuͤhrte, war ſie ſicher, denn der wußte die Ehre, von der Frau Kerkermeiſterin,— die ihm ſonſt kaum eines Blickes wuͤrdigte, — mit einer Flaſche des beſten Weines be⸗ ſchenkt zu ſeyn, gehoͤrig zu ſchaͤtzen. Gegen Abend, da er wußte von ſeinem geſtrengen Herrn nicht uͤberraſcht zu werden, wurde die liebliche, ihm ſo werthe Flaſche auf das Wohl⸗ ſein der huldreichen Geberin richtig geleert; es wurde ihm freilich nach dem Göttertranke ganz wunderlich zu Sinne, doch daß gab er nicht dem Weine den er getrunken, denn er hatte oͤfterer als Soldat ſchon mehr genoſſen, Schuld, daß die Augenlieder ihm ſo ſchwer, 8 er 81n muͤde und ſchläfrig wurde— da e et⸗ —— 175 was dem Schlaftrunke aͤhnliches im Wein ſeyn konnte, daß fiel ihm nicht ein, er ſchob es auf die Schwuͤle des Tages daß er zum Schla⸗ fe ſich nothwendig gedrungen ſah; ei nun, ehe der Herr zuruͤckkoͤmmt, wollte er ſchan wieder wach ſeyn, ſo dachte er. Kaum ſah die Kluge, ihren iichtig wegge⸗ ſchwazten Mann um die nahe Ecke biegen, ſo eil⸗ te ſie auch hinaus, um den, gewiß ungeduldig Harrenden, liebevoll zu empfangen, ſich in ihrer Erwartung aber getäuſcht zu ſehen, hät⸗ te ſie nicht erwartet, und doch war dies der Fall. Vergebens lief ſie auf und ab und ſah ſich beinah die Augen blind; der Fremdling, der Baron, oder was er war; der doch ſo dringend um die Zuſammenkunft gebeten, er⸗ ſchien nicht. Corallo, der ungeduldig den Abend er⸗ wartete, konnte nirgends Ruhe finden. Unſtaͤt lief er von einem Orte zu dem andern; ging zu dem Hotel, erkundigte ſich ob die erwarte⸗ ten noch nicht angekommen, lief auf die Ver⸗ neinung des Marqueurs zu dem erſten beſten Kaffehauſe; dann wieder nach Hauſe, und da 176 die Fittige der Nacht ſich uͤber Moliſe aus⸗ breiteten, ſteckte er das Noͤthigſte bei, um bei der Kerkermeiſterin ſeinen Beſuch abzuſtatten. Verwundert maaß er mit Forſcher⸗Blicken die dunkle Geſtalt, die ſich erkuͤhnte ſeinen Schritt zu hemmen und ihn befahl, nach ſei⸗ nem Quartier wieder umzukehren. „Wer biſt Du, der Du ſo kuͤhn mir in den Weg trittſt.“ „Ei Teufel, Hauptmann, kennſt Du mich, Deinen Torquano nicht mehr? J, ſo ſchlag doch—„ Schnell riß Corallo ihm die Huͤlle ab, zog ihn nach einer nahen ſchon angeſteckten Laterne, und richtig, er war es. „Du kommſt wie gerufen!“ rief dieſer freudig.„Ich will dieſen Abend noch einen Freund aus der Haft befreien, und dabei iſt Deine Huͤlfe hoch von Noͤthen/ „Aber, Hauptmann, ich habe Auftrag und die ſehr dringende Bitte von dem guten Alten aus dem Thale, zu deſſen Obhut Du mich zuruͤckgelaſſen haſt, daß Du ſogleich nach dem Thale ruͤckkehrteſt, um ein paar Butterpoͤgel⸗ 1 1 1 4 V 177 die wir gluͤcklich eingefangen haben, zu ver⸗ nehmen. Der gute Alte glaubt, es ſind ſeine bisherigen Quaͤlgeiſter. Bis jetzt konnten wir ſie noch nicht bewegen, einen hoͤrbaren Laut von ſich zu geben.“ „Haſt Du den Barnelli nicht getwf⸗ fen?“ frug Corallo, geplagt von dem Gedanken, daß, ehe der hier nicht eintraͤfe, er ſich wegen der Einfangung des Alten aus Rom, natuͤrlich mit ſeiner Begleitung, von Mol˖iſe gar nicht entfernen duͤrfe⸗ „Carlo!“ rief ploͤtzlich eine ſaufte melo⸗ diſche Stimme,„eile nach dem Thale, die Aufloͤſung Deines dunkeln Geſchickes harret Dein! Doch erſt vollbringe die ergenommeh That der Barmherzigkeit!“ Corallo ſah auf, und ſah das weiße Gewand auf dem die ſchwarzen Locken ſich in langen Flechten einzelten; er ſah das bleiche Geſicht von der Sternenhelle noch weit bleicher wie gewoͤhnlich— kurz, er ſah ſeine War⸗ nerin vor ſich ſtehen, doch ſtatt den⸗ fruͤhetn tiefen Ernſt, lag Freude in dem Geſichte; er ſah feſter hin, er glaubte, ern traͤume, doch Corallo II. 12 178 nein— er will ſie anreden— und ſie war verſchwunden. „Wenn das kein Geiſt iſt,“ rief Toraue⸗ no entſetzt in ſeinen tiefen erſchuͤtternden Baß, „ſo giebt es keine Geiſter.“ „Haſt Du Barnelli nicht getroffen,“ frug Corallo, um ein anderes Geſpraͤch in Gang zu bringen, aufs neue. Denn tief fuͤhlte er von der Erſcheinung ſich erſchuͤttert. „Auf Deinen Befehl ſtehen wir mit dem großen Thale in gar keiner Verbindung; und obwohl wir wiſſen daß es von Cameraden ſeit laͤngerer Zeit ſchon bewohnt iſt, ſo wiſſen ſie von uns doch noch nichts. Deshalb kann ich Dir auch von Barnelli keine naͤhere Nachricht geben.“ Waͤhrend des Geſpraͤches kamten ſie in die Gegend der Kerker. Corallo hatte unterdeß ſeinen Begleiter von ſeinem Vorhaben naͤher unterrichtet, und befahl ihn jetzt, ſo viel wie moͤglich dem Gefaͤngniße ſich zu naͤhern, um wenn es vielleicht noͤthig waͤre, ihn ſchnell zu Huͤlfe kommen zu koͤnnen. Er ging indeß raſch vorwaͤrts und kam eben noch, da die „ 2 179 —— Frau Kerkermeiſterin uͤber die Wortbruͤchigkeit des Barons aufgebracht, ins Haus zuruͤck⸗ ſchluͤpfen wollte. Ihre Freude war daher um deſto groͤßer, als der Erwartete ploͤtzlich vor ſie trat. Ganz außer ſich vor Freude zog ſie ihn hinein, und in den raͤuchrigen, von einer Oellampe verdunkelten, mit unangenehmen er⸗ ſtickenden Qualm angefuͤllten Zimmer, ange⸗ kommen, zog ſie ihn neben ſich auf ein Ruhe⸗ bette nieder. Jetzt merkte er erſt, daß er mit ihr in ein Schlafzimmer gerathen ſey; ihre Abſicht errathend, bat er ſie ihm erſt verſproche⸗ ner Maaßen die inneren Einrichtungen zu zei⸗ gen, alsdann wuͤnſche er mit ihr hier ein gluͤckliches Schaͤferſtuͤndchen zuzubringen. Das gute verlangende Weibchen meinte aber, daß dazu wenig Zeit uͤbrig bliebe, weil ihr gramlicher boͤſer Mann gewiß ſehr hald nach Hauſe kommen wuͤrde, und alsdann waͤre es ihre eigene Schuld, daß ſie die un⸗ nuͤtz verwandte Zeit, nicht weit angenehme verbraucht haͤtten. „Gut,“ ſagte Corallo und nnachte ihr dazu einige handgreifliche Schmeicheleien. 412* 6. 180 denen er ſich zwang,„ſo will ich meine Neu⸗ gierde in ſo ferne zuͤgeln, daß ihr mir nur ein Local mit einen Gefangenen zeiget, da⸗ raus werde ich mir die uͤbrige Einrichtung leicht denken koͤnnen. Aber laßt uns eilen, ſchoͤne Frau, dabei kniff er ſie in die vollen feiſten Backen, damit auch fuͤr uns noch eini⸗ ge Zeit uͤbrig bleibt. O, den Blick, den er ihr jetzt zuwarf verſtand ſie recht gut. Sie ſuchte noch allerlei Einwaͤnde, als, daß er ſeine Neugierde bis morgen Abend noch zuügeln moͤchte, dann ſollte er etwas fruüher kommen, dann wollte ſie ihm alles, ſelbſt die geringfuͤgigſten Sachen, im Hauſe, zeigen. Aber er wußte ſo ſchon zu bitten, daß ſie endlich einwilligte ihm in eines der vordern Locale zu fuͤhren. Jetzt erinnerte er ſie an ihre geſtrige Erzaͤhlung: wie ein Maͤdchen, welches ſie huͤbſch genannt, gern einen Ge⸗ fangenen haͤtte ſehen wollen, der nach Nea⸗ pel geliefert werden ſollte, und die von ihrem Manne deshalb ſo angefahren worden waͤre. Dieſen moͤchte er doch gar gern einmal ſehen, blos deshalb, weil das Maͤdchen ihn haͤtte * 8 181 ſehen wollen, nun waͤre er ſo ſehr neugierig einen Menſchen zu ſehen, wonach ein. ſchones Maͤdchen ein ſolches Verlangen truͤge. „Alles, nur den nicht“ tief die Frau er⸗ hndeten 2 5 Böſe ſcheinend, machte er ſihr Vorwuͤrfe, daß ſß ſie ihm nicht einmal die kleine unbedeu⸗ tende Gefaͤlligkeit erzeigen wollte, das waͤre— Wahrhaftig, unterbrach er ſich, beinah haͤtte ich vergeſſen Euch dieſes zu geben, was ich doch fuͤr Euch allein nur kaufte; dabei uͤber⸗ reichté er ihr einen Halsſchmuck. Von dem Glanze des Schmuckes geblendet, fiel ſie ihm in die Arme mit den hoͤchſten Schwuͤren be⸗ theuernd: daß ſie mit aib und Seele ſein . äßöre 117 Läͤchelnd, ſchalt C vra llo ſie eine eDgne⸗ rin. Denn wenn das wahr waͤre, was ſie ihm eben geſchworen, ſo wuͤrde ſie ihm doch wohl die kleine Gefälligkeit erzeigen, den Ge⸗ fangenen und ſeinen Kerker ihm ſehen zu laſſen... Nachdem er ihr das Verſprechen gegeben; nur einen Blick hinein zu werfen und dann ohne mehr zu begehren ſogleich mit ihr hier⸗ her zuruͤckzukehren, entfernte ſie ſich einen Au⸗ genblick, und kam gleich darauf mit einer La⸗ terne und einem dicken Bund Schluͤſſel zu⸗ ruͤck. Sie traten ihre Wandrung an. 60 Ueber einen langen Corridor, rechts und links mit Thuͤren verſehen, vor dem die kreuz⸗ weis gelegten dicken eiſernen Staͤbe und unge⸗ heuren Schlöͤſſer, welche daran umherbingen, leicht errathen ließen, zu welchem Zwecke die Ge⸗ maͤcher dienten, hier und da hoͤrten die Wan⸗ delnden, das Winſeln, abwechſelnde Fluchen und tobende Singen der Eingeſperrten. ARaſch ging jetzt die Fuͤhrerin vor und oͤff⸗ nete eine mit Eiſen ſtark heſchlagene Thuͤr; eine ihnen entgegenſtroͤmende verdickte Luft drohete den hieran nicht gewoͤhnten Corallo zu erſticken, und er erſuchte die beſorgte Fuͤhrerin⸗ — welche ihn noch einmal bat von ſeinem Vorſatze abzuſtehen und mit ihr wieder umzu⸗ kehren,— nur vorzuſchreiten. Mehrere Thuͤ⸗ ren mußten noch geoͤffnet werden, bis ſie denn endlich zu einer Thuͤr abwaͤrts gelangten. Ehe die Verfuͤhrte dieſe oͤffnete, errinnerte ſie — — 183 ihren neugierigen Begleiter an ſein Ver: ſprechen, ja nur einen Blick hineinzuwerfen und dann ſchnell umzukehren. Denn von dem Verdruß den ſie haben wuͤrde, wenn ihr Mann etwas davon erfuͤhre, mache er ſich keinem Begriff, und nur ihm ihre Liebe und Erge⸗ benheit zu beweiſen, haͤtte ſie zu dem Unge⸗ horſam gegen ihren Mann bewegen koͤnnen, Durch ein kleines Räͤuſchchen und den Ge⸗ danken, daß er heute nicht mit Schmaͤhreden uͤber Verſchwendung ꝛc., ſondern gewiß recht freundlich von ſeiner lieben Frau empfangen wuͤrde, in die froheſte Laune verſetzt, ſchritt der geſtrenge Herr Kerkermeiſter die Straße entlang, bog um die Ecke, und verwunderte ſich nicht wenig drei dunkle Geſtalten ſich ent⸗ gegen kommen zu ſehen, die, wie es ſchien aus der kleinen Pforte, die zu ſeiner Wohnung, aber auch zu den Kerkern fuͤhrte, kamen. Er wollte ſie anreden, aber im Nu waren ſſe an ihm vorbei und verſchwunden. 184 Freilich ward ſeine gute Laune dadurch er⸗ ſchuͤttert, denn wahſcheinlich ſollte ihm der Beſuch gelten; oder wer weiß, was ſie im Schilde fuͤhrten; er hatte mehrere wichtige Gefangene in Aufbewahrung; ſeine Frau und der Gefangenwaͤrter, auf den er ſich freilich verlaſſen konnte, aber doch immer nur ein einzelner Menſch war, waren allein nur zu Hauſe, und ehe die, zwar nicht weit entfernte Wache zu Huͤlfe gehohlt werden konnte, konn⸗ te Vieles geſchehen ſeyn. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß er den Bitten ſeiner Frau heu⸗ te Abend nachgegeben, trat er in die dunkle Pfor⸗ te, und verwunderte ſich nicht wenig, in ſei⸗ ner Stube kein Licht brennen zu ſehen. In der Kammer war Licht; welche Unvorſichtig⸗ keit von dem tollen Weibe, dachte er bei ſich, ſie haͤlt ſich oben auf; ſchlaͤft vielleicht ſchon — und unten ſteht alles offen. O, gewiß iſt— muxmelte er leiſe, und legte im Dun⸗ kel ſeiner Wohnſtube, Stock und Hut auf den bekannten Stuhl murmelnd ab— gewiß iſt ſie in ihren alten Eigenſinn und Mißmuth zuruͤckgefallen. Wenn das aber der Fall iſt, 8 —— —— 185 nahm er ſich in ſeinen eigenen Aerger vor, dann ſoll ſie auch an mich denken. Damit begab er ſich nach der Kammer um der Un⸗ vorſichtigen ein derbes Kapitel zu leſen. Er wunderte ſich aber nicht wenig in die angekom⸗ mene Kammer wohl die von dem lang vorge⸗ brannten Dochte ganz dunkel brennende Oel⸗ lampe zu finden, aber nicht ſeine Frau. Da⸗ bei kam ihm die Spur von Menſchen, auf dem, dieſen Morgen friſch gemachten Bette ganz wunderlich vor⸗ Raſend glaubte er aber werden zu müͤffen, als er ſeine Frau, trotz des Suchens, mit den Augen eines Executors, nicht finden konnte. „Ha, das heilloſe Weib, waͤhrend meiner Ab⸗ weſenheit fortzugehen! wart, Du ſollſt es buͤßen!“ rief er im hoͤchſten Grimme, und eilte zu dem Gefangenwärter, damit dieſer ihm ſuchen helfe. Mit fuͤrchterlichen Lamento ſchlug der verrathene Kerkermeiſter die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammen, als er in die Stube des Waͤrters tretend, dieſen ſchnarchend im harten Seſſel liegend fand. Wuͤthend ſuchte er ihn. mit einigen Fauſtſchlaͤgen zu erwecken; wer 186 aber nichts davon fuͤhlte, war der ſchnarchen⸗ de Waͤrter. Als der Inſpector des Hauſes nnun gar noch die leere Weinflaſche und hie⸗ rin die Urſache des todtenaͤhnlichen feſten Schla⸗ fes ſeines Gehuͤlfen fand, da gerieth er ganz außer ſich.„Tollhaͤusler! Tollhaͤusler! in Nr. Eins, unter der Erde mit Dir!“ rief er in dieſer ſeiner groͤßten Wuth, und ſchlug mit einem vorgefundenen Stocke ſo heftig auf ihn ein, daß dieſer, immer noch Schlaftrunken, auf⸗ ſprang, den Herrn Inſpector kraͤftig umfaßte und ihn mit dem kreiſchenden Zuruf: er ſolle ſich nur nicht länger ſtraͤuben, er muͤßte nach Nr. Eins unter die Erde, der Herr Inſpertor haͤtte es befohlen, fortzuſchleppen ſuchte. Nur mit Muͤhe gelang es dem, um den Verſtand ſeines ſtets ſo devoten Waͤrters be⸗ ſorgten Kerkermeiſters, ſich von ſeinen um⸗ ſchlingenden Armen loszuwinden. Man denke ſich aber auch den Schrecken des Menſchen, als er nach und nach zu ſich ſelbſt kommend ſeinen Vorgeſetzten erkannte den er nach Nr. Eins bringen wollte. In der großen Angſt ſeines Herzens fiel er vor ihm nieder, ſeine Unbeſon⸗ * 187 nenheit damit entſchuldigend; daß er es be⸗ wußtlos gethan haͤtte; uͤbrigens waͤre er den Augenblick erſt eingenickt, und was er alles vorbrachte. Der. Aufgebrachte der ſich von ſeinem Aerger immer noch nicht wieder er⸗ hohlen konnte, pruͤgelte ihn recht tuͤchtig ab, und befahl ihn mit der Laterne voran zu gehen. at Das war ihm aber doch ein wenig zu bunt,— ſeine Frau war noch nicht zu finden. —„Wo die ſtecken mag?“ frug er ſich nach einigen Minuten, ſchon beſorgter.„Das pflegt ſie ja ſonſt nicht zu thun, und warum gerade heute? heute, wo ſie ſo uͤbergluͤcklich ſchien.“ Die Sache war ihm unbegreiflich, aber nichts weniger milderte ſich dadurch ſeine Wuth, im Gegentheil, brannte in ihm alles lichterloh. Der Gefangenwaͤrter hatte unt rdes im Zimmer Licht angezuͤndet; aber wie feſt ge⸗ nagelt, blieb ſein Blick an eine Stelle des Zimmers haͤngen. Wie von ungefaͤhr wandte auch der Kerkermeiſter ſeinen Kopf dahin— und geiſterbleich ſtuͤrzte er nieder.„Ich bin L 488 ungluͤcklich!“ ſtoͤhnte er aus der Tiefe der Bruſt hervor. Die Schluͤſſel ſind fort, und auch die Gefangenen werden fort ſeyn. Muͤhſam erhob er ſich und geſtuͤtzt auf einen tuͤchtigen Knittel wollte er eben eine Unterſuchung in den Kerkern beginnen, als ihm noch fruͤh genug einfiel, erſt die Wache zu Huͤlfe herbei zurufen, wenn vielleicht wäh⸗ rend der Ateſenzeit hiaee echrſttzden Frau, konnte, ich Jemand hereingeſchlichen hätte und noch darinne waͤre. Hereingeſchlichen muß ſich Jemand haben, denn wo ſind die Schluͤſſel?“ frug er in dem Grimm, waͤhrend der Waͤchter einige Mann Wache hohlts ſich ſelbſt. id. Mit geſchultertem Gewehre, kamen die verlangten vier Mann Wache an, die nichts weniger glaubten, als es ginge hier auf Leben und Tod, wie ſie aus dem aͤngſtlichen Be⸗ nehmen des ſonſt ſo muthigen Waͤdters ſchloſſen. Der aͤngſtliche Waͤrter nahm vorangehend die Laterne, mit wankenden Knien, ſich der Dinge fuͤrchtend, die da kkommen wuͤrden, ——V—ÿ—ÿ—ꝛ—x—x——ꝛ—ꝛ—ꝛ-—— —ᷣ—ÿ—ꝛ—ꝛ———-—— ßes ihn naͤher nach der Thuͤr fuͤhrte;— er 189 folgte der Kerkermeiſter, ihnen nach der mu⸗ thige ſchnurbaͤrtige Succurs. Sie gingen nach dem langen Gange, und an jedem Kerker das lauſchende Ohr legend, ward er ſchon etwas ruhiger, als er alles in der groͤßten Ordnung fand. Sie wandten ſich rechts, wo die Haupt⸗ gefangenen ſaßen; auch hier fand er alles richtig, denn lauſchend hoͤrte er die Stimmen der Eingekerkerten. Jetzt bogen ſie links wie⸗ der um, und von ſtarrem Entſetzen ergriffen,. ſah hier der Kerkermeiſter ſeinen Bund Schluͤſſel mitten im Wege liegen, zitternd hob er ſie auf und eine bange Ahnung trieb ihn zu den letzten, erſt kuͤrzlich eingebrachten groben Verbrecher, der Morgen nach Nea⸗ pel ausgeliefert werden ſollte. Er oͤffnete die vordern Thuͤren und ward ſchon ruhiger, da er auch dieſe in Ordnung fand. Schon wollte er beruhigt umkehren, als etwas wei⸗ will es aufheben, doch feſtgeklemmt war das Tuch zwiſchen die Thuͤr; denn ein weißes Tuch war es, ſo viel konnte er erkennen; aber unerklaͤrlich war es ihm, wie dieſes 84 190 zwiſchen die Thuͤr kam. Unwillkuͤhrlich ſchloß er auf, aber— nein es waͤre gar kein Wun⸗ der geweſen, wenn ihm gerade zu, der Schlag geruͤhrt haͤtte. In der ſichern Vermuthung, daß auch hier nichts vorgefallen ſeyn konnte, oͤffnete er die Thuͤr, und mit einem ſchreckenvollen Jam⸗ merlaut, ſtuͤrzt— ſeine eigene Frau— er ſieht ſie ſchaͤrfer an— ja, ja, es war ſeine Frau, nur leichenblaß und mit klappernden Zaͤhnen, in krampfhafter Bewegung ihm entgegen. Der Waͤrter glaubte, es wäre ein Geiſt und ſtuͤrzte nieder. Die Wache lachte, daß der Herr Inſpec⸗ . tor ohne es zu wiſſen ſeine eigene Frau ein⸗ geſperrt hatte. 9. „Giovanna, biſt Du es?“ rief eine von den drei dunklen Geſtalten, die eben aus dem Thore Moliſens kamen, einer andern zu, die auf den weichen Raſen liegend, zu weinen ſchien. —— 191 „Giovanna, meine liebe Giovanna! Du biſt es! ich erkenne Dich, trotz der dunkeln Nacht.“ Und die weinende ſprang auf, und eilte in die Arme ihres Vaters. „Ach, ich hatte ſchon alle Hoffnung an Deine Rettung aufgegeben,“ rief ſie ihn feſter an ſich druͤckend. Plötzlich ließ ſie aber von ihm ab, und bedeckte den Andern,— der mit untergeſchlagenen Armen, die Scene mit Ver⸗ gnuͤgen zu betrachten ſchien— mit unzuglichen Kuͤſſen. „Ci, ei,“ wandte dieſer ſich endlich von ihr los.„Habe ich doch in meinem Leben,“ rief er in einen Baßton der das Trommelfell der uͤbrigen zu zerſchmettern drohete—„habe ich doch in meinen Leben nicht ſo viele Kuͤſſe bekommen.“ Es war Torquano. Gut, daß es Nacht war, ſonſt haͤtte die eigene Schaamroͤthe, von der ſie ſich ploͤtzlich uͤber⸗ goſſen fuͤhlte, ſie nur noch mehr beſchaͤmt! Sie erkannte ihren Irrthum. Corallo der dritte von den Geſtalten, der die Verlegenheit des lieblichen Maͤdchens wohl nicht ſehen, — aber doch recht gut fͤhlen konnte, umarnite 5 e und kuͤßte die Schaamroͤthe weg. „Aber, Leute,“ erinnerte endlich Tor⸗ quano der beſonnenſte von den wieren„gläubt nicht, vor dem Thore ſchon in Sicherheit zu ſeyn. So lange wir hier ſind, iſt die Ret⸗ tung auch noch nicht halb vollbracht, vielwe⸗ niger ganz.“ „Das ſehe ich wohl ein, ich darf hier auch nicht laͤnger bleiben, weil die betrogene Frau mich bald genug verrathen wird.— Torquand erhielt nun Befehl in Mo⸗ liſe zu bleiben um Barnelli zu erwarten, der gewiß bald eintreffen wuͤrde. Waͤhrend der Zeit ſollte er nur genau auf die Ankunft des Alten aus Rom, den er ihm beſchrieben⸗ achten, und. 105 er Geſellſchaft mitbringe. Uebrigens haͤtte Barnelli, wenn er ihm auch nicht begegnen ſollte, von ihm die Ver⸗ haltungsbefehle ſchon erhalten. Torquano kehrte um, und Corallo eilte mit den Beiden der Gedend nach dem Thale zu. BJsil S 193 Aber noch waren ſie keine zwei Stunden vorgeſchritten; noch befanden ſie ſich in dem Bezirke Moliſ es, als der Alte klagte, nicht weiter zu koͤnnen, es uͤberſtiege ſeine Kraͤfte. „Bis zum naͤchſten Dorfe muͤſſen wir, dann ſind wir geborgen;“ ſprach ihn Coral⸗ lo zu. Doch es half nichts, die Aniee brachen unter den Alten zuſammen. „Euch droht meinetwegen Gefahr und habt gelitten, ſo ſollt Ihr auch von mir ge⸗ rettet werden.“ Damit nahm er ihn auf die Schultern, und mit thraͤnenden Augen ſah das weinende Maͤdchen, wie der Starke, den ſo ſchwach gewordenen Vater davon trug. Nach den nahen Dorfe kommend hielt es ſehr ſchwer einen Wagen aufzutreiben der ſie weiter bringen konnte. Endlich ließ ein alter Bauer der die Gegend genau kannte, ſich be⸗ wegen, die Fremden welche ſehr eilig zu ha⸗ ben ſchienen, fortzufahren. Giovanna's Vater, der ſich nach dem tragen recht gut befand, ſtattete jetzt ſeinen Dank fuͤr die Ret⸗ tung ab. Dankbar ſchmiegte die holde Toch⸗ ter ſich an den Retter ihres Vaters und bat Corallo II. 13 * mit ihren Floͤtentoͤnen von ihres Vakers Er⸗ ſung zu erzaͤhlen; wie das zugegangen, daß er die ſchweren Feſſeln des Vaters loͤſen konnte? „Gegen Abend,“ erzaͤhlte Corallo, „pflegte, wie ich erfahren hatte, der ſtrenge Kerkermeiſter zu Wein zu gehen; dieſes nahm ich wahr, und ſtattete in dieſer Zeit der Frau einen Beſuch ab, die verabredetermaaßen mich auch erwartete. Leicht wurde es mir, ihr glaubend zu machen, daß ich eine unbezwing⸗ liche Neugierde fuͤhle die inneren Einrichtun⸗ gen der Kerker einmal zu ſehen und wußte es einzurichten daß es gerade der, Deines Va⸗ ters war, von dem ſie mir in ihrer Geſchwaͤ⸗ tzigkeit erzaͤhlt hatte. Anfangs weigerte ſie ſich es zu thun, weil ſie die Strenge ihres im Dienſte ſo puͤnktlichen Mannes fuͤrchtete. Mit dem Glanze eines ordinaͤren Halsſchmuckes wußte ich ſie zu blenden. Sie hohlte die Schluͤſſel, zuͤndete die Laterne an und fuͤhrte ſich ſelbſt in den Kerker. Wir kamen nem⸗ lich da an, wo Dein Vater ſich befand; in ein dumpfes elendes Loch. Meine Fuͤhrerin bat, nachdem ſie aufgeſchloßen und ich einen Blick — 195 hineingeworfen und den Gefangenen erkannt— hatte, daß ich nun genug geſehen und mit ihr umkehren moͤchte. Ja, ich will umkehren, aber der Gefangene da, geht mit, rief ich ihr lachend zu, anfangs nahm ſie es fuͤr Scherz, doch da ſie meinen Ernſt ſah, verſuchte das tolle Weib das Licht zu verloͤſchen, waͤre ihr ſeſes gelungen, ſo haͤtte ich mich freilich ſchwer⸗ lich zuruͤck finden koͤnnen, ſo hinderte ich die⸗ ſes noch fruͤh genug; ſie ſuchte zu entſpringen; aber die Gefahr berechnend, wenn die Frau fruͤher, als ich mit dem Gefangenen, ins Freie kam, ergriff ich ſie, feſſelte ſie mit meinen und ihren eigenen Tuͤchern und zwang ſie die Stelle Deines Vaters einzunehmen. Wie dieſer erſtaunte, als er mich erkannte; wie groß ſeine Freude war, als ich, ſeine Freiheit ihm verſprechend, ihn bei der Hand nahm und fortfuͤhrte, und die Frau Kerkermeiſterin, die leicht unſere Verraͤtherin werden konnte, dagegen eingeſchloßen hatte,— die Kerkerſchluͤſ⸗ ſel nun wegwarf in einen Nebengang, damit ſie nicht ſogleich zu finden waren, denn mitnehmen 3 mocht⸗ ich ſie nicht, weil ſonſt die andern Ge⸗ 13 38 9 196 fangenen haͤtten leiden muͤſſen; wie groß ſein Entzuͤcken war, als ich ihn nun ins Freie fuͤhrte, davon mag er Dir ſelbſt erzaͤhlen; auch Torquano, den Du Dankhare ſo kuͤß⸗ teſt— verſchaͤmt barg ſie ihr erroͤthendes Ge⸗ ſicht an ſeiner Bruſt und fluͤſterte leiſe, kaum hörbar:„ich glaubte, Du warſt es geweſenz“ — auch Torquano, der vor der Pforte un ſerer harren ſollte, war bis auf den offenen Hof geſchlichen; hier kam er uns entgegen; bis dahin hatte ich die Laterne brennen laſſen, doch jetzt war ſie uns uͤberfluͤſſig; ich blies ſie aus, ſtellte ſie weg, und nun eilten wir fort. Kaum auf die Straße getreten, kam uns ein Mann entgegen, wir erkannten ihn, es war der Kerkermeiſter, aber ohne uns an ihn zu kehren, ſchritten wir vorwaͤrts und kamen nun dahin, wo Du unſerer harrteſt.“ „Ihr habt mir meinen Vater wieder ge⸗ geben, wie ſoll ich Euch danken!“ ſchmiegte ſcch das Maͤdchen feſter an ihm. „ „Ich habe nur das gethan, was ich thun mußte. Dein Vater hatte um mich ſo leiden — —— muͤſſen, und meine Schuldigkeit war 65, dies wieder gut zu machen.“ Jetzt machte er die Liebevolle mit dem bekannt, was dieſe doch nun wiſſen mußte; daß er ſie fuͤr das erſte mit nach dem Thale nehmen wollte, und von da aus ſollte ſie nach Florenz, um dort die verlorne häͤusliche Ruhe wieder zu finden. Die flehenden Blicke Giovannas frugen deutlich, ob es denn nicht moͤglich ſey, bei ihm zu bleiben? Doch jetzt machte er ſie mit ſeiner heißen Liebe ge⸗ gen die unbekannte Laura, mit der er noch kein Wort geſprochen, bekannt; oͤffnete ihr voller Vertrauen ſein Herz, und geſtand ihr offenherzig, daß er einem andern Maͤdchen wohl gut ſeyn, aber nie ſie innig lieben koͤnne; Laura waͤre die einzige die ſein Herz fuͤlle. Doch fuͤhle er gegen ſie, dabei umſchlang er das ſanft weinende Maͤdchen, eine Freund⸗ ſchaft, die nie verloͤſchen wuͤrde, und die glüͤck⸗ lichſte Stunde ſeines Lebens waͤre die, in wel⸗ cher er erfuͤhre, daß auch ſie gluͤcklich ſey. Tief bewegt, ſchuͤttelte ſie den Kopf und ſchlug die großen Augen nieder, leiſe fluͤſternd 2 198 ihr Gluͤck waͤre auf Erden nicht mehr zu finden. Geruͤhrt druͤckte Corallo ſie an die klo⸗ pfende Bruſt; da erhob ſich das Maͤdchen mit der ganzen Kraft ihrer Seele, ſanft ſtieß ſie ihn zuruͤck. „Nein,“ rief ſie,„von nun an wollen wir nicht mehr ſuͤndigen! Deine Liebe gehoͤre der Unbekannten, doch Deine Freundſchaft ſoll mir Keiner rauben.“ Jetzt bat ſie ihn, ddaß er ja dafuͤr ſorgen moͤchte daß ſie ſobald wie moͤglich mit dem Vater nach Florenz, dem Orte ihrer Beſtimmung, reiſe. Neugeſtaͤrkt war der Vater Giovanna's von ſeinem Schlafe, der beinah waͤhrend der ganzen Fahrt dauerte, erwacht, und er fuͤhlte mit den Uebrigen, daß er einer Erquickung ſehr benoͤthigt ſey. Deshalb wurde in dem vor ihnen liegendem Hauſe, einen kleinen Halt zu machen, beſchloſſen. Corallo wuͤnſchte, — — nachdem er abgeſtiegen war, fuͤr ſich und ſei⸗ ne Geſellſchaft ein Zimmer allein; doch be⸗ — — 199 dauernd zuckte der Wirth die Achſeln, ſich ent⸗ ſchuldigend, daß die Zimmer bereits ſchon be⸗ ſetzt waͤren, und er ſich alſo waͤhrend ſeines, wahrſcheinlich kurzen Aufenthalts, mit der oͤffentlichen Gaſtſtube begnuͤgen muͤſſe. Ihm war es der Bequemlichkeit wegen wohl gleich⸗ viel, aber er fuͤrchtete, daß ſeinen Schuͤtzlin⸗ gen,— da das Gaſthaus an einer lebhaften Straße lag und deshalb mehr Verkehr darin war, noch Gefahr drohen koͤnnte; aber dieſe Befuͤrchtung wurde ihm bald benommen, da er nach eingezogener Erkundigung erfuhr: wie weit ſie von Moliſe ſchon entfernt waren. 8 Von hieraus, beſchloß Corallo, natuͤr⸗ lich wenn es ſeine Reiſegefaͤhrten zufrieden wa⸗ ren, die Reiſe auf Mauleſeln fortzuſetzen, weil ſie bald die Gebirge erreichten worin das Thal lag, und wohin er den Fuhrmann doch nicht mitnehmen konnte, und ſie alſo den Weg zu Fuße haͤtten unternehmen muͤſſen, was weit beſchwerlicher geweſen waͤre. Da jene ſich zufrieden zeigten, zahlte er dem Fuhrmann den bedungenen Lohn doppelt, weil er ſo gut ge⸗ fahren hatte, und kaufte dem Gaſtwirth den 200 einzigen Mauleſel den er hatte ziſd ſeines Al⸗ ters und Steifheit wegen kaum mehr zu ge⸗ brauchen war, und noch zwei eben ſo ſchlechte Pferde, fuͤr ziemlich hohe Preiſe ab. Da nach der Berechnung Corallo“s das Thal kaum mehr als einige Stunden weit, entfernt ſein konnte, ſo glaubte er es doch, trotz der Schlechtigkeit der vierbeinigen Traͤger bei Tage noch erreichen zu koͤnnen, wenn ſie ſich fruͤhzeitig genug auf den Weg machten. Gerne haͤtte er die Bekanntſchaft der Frauensleute, welche der Wirth ſelbſt noch nicht einmal geſehen hatte, und ſeit laͤngerer Zeit ſeine Zimmer ſchon inne hatten, geſucht. Doch das ging nicht, weil ſie ſeit geſtern ſchon auf einer Spazierfahrt in die Gebirge begriffen waren. Haͤtte der Wirth nicht zufaͤlligerweiſe geſagt, daß ſie ſeit einigen Wochen ſchon da waͤren, ſo haͤtte er gar geglaubt es waͤren die in Moliſe Erwarteten 1 Bis jetzt hatte Corallo mit Huͤlfe Gio⸗ vanna's den Befreieten, mit dem Wahne, daß die Mutter, weil ſie das ſchnelle Reiſen haͤtte nicht vertragen koͤnnen, voraus gereiſt* 4 — —, 201 ſeh, zu taͤuf hen geſucht. Doch die unwill⸗ kuͤhrlichen Thraͤnen die den Augen Giovan⸗ na's entfielen, wenn die Mutter erwaͤhnt wurde, leiteten ihn auf den Verdacht, daß er getaͤuſcht ſey. Corallo, der einſah, daß er es ja doch uͤber kurz oder lang erfahren muͤßte, woran er ſey, nahm ſich vor, auf dem Wege nach dem Thale ihn mit dem Tode ſeiner Gattin bekannt zu machen. Es geſchah. Man kann ſich den Schrecken des armen Mannes denken, als er die Wirklichkeit von dem erfuhr, was er bis jetzt doch nur geahnet hatte. „O, Gott! hab' ich denn eine ſo ſchwere Zuͤchtigung verdient, daß Du mich ſo ſtrafſt? rief er die Häͤnde ringend, verzweiflungsvoll ſeinen ſtarren Blick gegen den Himmel wen⸗ dend. Habe ich nicht genug gebuͤßt, fuͤr die kleine Schud die auf mir ruht, daß Du mir auch das Letzte noch, mein Weib, nimmſt! Nein, ich fuͤhle es,“ rief er ploͤtzlich in ſtarrer Gefuͤhlloſigkeit,„ich kann nicht abbüßen die Schuld die auf mir ruht! Ich reichte zu ei⸗ nem Bubenſtreiche die Hand! Ich half rauben den Eltern ihr Kind.—— Fragend ſah Sorallo die neben ihm rei⸗ tende Giovanna an, doch dieſe ſchuͤttelte den kleinen Lockenkopf, damit andeutend: daß ſie ſich ſelbſt dies nicht zu erklaͤren wiſſe.„Ich erinnere mich,“ erzaͤhlte ſie leiſe, ſo leiſe, daß es der tief vor ſich nieder ſtarrende Vater nicht hoͤren konnte,„ich eriunere mich als Kind wohl 3 noch, eine Schweſter gehabt zu haben, die aber, wie die Eltern mir nachher verſicherten, in ihrem zarten Alter geſtorben iſt. Darauf kann es unmoͤglich hinzielen. Eine Albernheit daß — das gerade jetzt mir auffaͤllt, daß die Schwe⸗ ſter geſtorben iſt; da das doch unmoͤglich die Schuld der Eltern ſeyn kann, und Naub, nein Raub war damit gewiß nicht verb—— Sie wollte weiter reden, konnte aber rich die Pracht und die abwechſelnden Schoͤnheiten des Thales, die ſich ploͤtzlich ihren Blicken, darboten,— denn eben ritten ſie durch einen en: gen Felſenweg hinein, uͤberraſchte ſie, und feſſelte ihre Zunge. — rief ſie nach einer genußreichen Pauſe, im uͤberwallenden Gefuͤhle.„O, es iſt ja auch bewohnt!“ rief ſie freudig.„Seht, da treibt ein Schaͤfer ſeine Heerde, nahe bei dem rie⸗ ſelnden Bache, und dort,— ſeht nur uͤber die bunte blumenreiche Aue, nahe am Waͤld⸗ chen, ſind noch mehrere Menſchen.“ Corallo hatte ſie aber auch ſchon be⸗ merkt, und den Schaͤfer,— der auf ſie jetzt aufmerkſam zu werden ſchien und ſeine Schal⸗ mei die man weithin hoͤrte, luſtig blies— Corallo erkannte es als Signal fuͤr die Uebrigen— auch ſogleich erkannte. Es war Bernard. Er ritt auf ihn zu, auch dieſer naͤherte ſich wie von ungefaͤhr den Ankoͤmmlin⸗ gen, erkannte aber kaum ſeinen Hauptmann, als er ſeinen Schaͤferhut und Haken, die ihm am Laufe, hinderten, von ſich warf, und ftele dig auf ihn zuſtuͤrzte. „Wahrhaftig, Hauptmann, jetzt ſollt 15 beinah an Wunder glauben. Seit mehreben „O, hier iſt wunderſchoͤn zu wohnen!“ Tagen wartet hier ſchon ein Freund von Dir . der uns fuͤr beſtimmt erklaͤrt, daß Du heute kommen wuͤrdeſt.“ „Und wer iſt der Freund?“ frug Coral⸗ lo mit gefaltener Stirne, glaubend, daß Bar⸗ nelli ſeinen Befehlen ungehorſam, nicht wieder zuruͤckzukehren Willens ſey „Wenn Du den Fremden,“ antwortete Bernard,— ddie finſtere Stirne ſeines Hauptmanns nicht bemerkend,„nicht beſſer kennſt, als wir, dann wird er uns wohl un⸗ bekannt bleiben. Oder er muͤßte ſich ſonſt noch zu erkennen geben. Borgello, der kurz vor ihm kam, ſcheint ſein Vertrauen zu haben. 4 Waͤhrend er mit Bernard ſprach, war er von dem Pferde geſtiegen und nöͤthigte auch zugleich ſeine Begleiter dazu. Mit dieſen ging er nun, den ankommenden Troß ſeiner Leute, entgegen. „Nun wollt ihr es doch nicht mehr laͤug⸗ nen, der furchtbare Corallo zu ſeyn,“ laͤ chelte Giovanna ihm zu.„Seht, ich ſpreche dieſen Namen a85, ohne unch zu fuärchten.. 8 —————— ——— 265 „Du haſt Dich auch nicht zu fuͤrchten noͤthig!“ lachte Corallo ſie freundlich an, denn Du biſt meine Freundin.“ Ploͤtzlich erſcholl ein lautes:„ es lebe Co⸗ rallo, unſer Hauptmann!“ und er war von den Seinigen umgeben. Bange vor den furchtbaren Maͤnnern, ſchmiegte das furchtſame Maͤdchen ſich feſter an ihren Beſchuͤtzer. „Du haſt nichts zu fuͤrchten!“ troͤſtete er. „Du biſt unter Freunden.“ Theilnahmlos ging der Vater Giovan⸗ na's unter der jubelnden Menge; den Blick zu Boden geſenkt, ſchien er uͤber ſein Ungluͤck nachzudenken. Zuweilen blickte er auf, aber nur blos um einen verzweifelten hoffnungslo⸗ ſen Blick gegen den Himmel zu werfen, ſo kamen ſie auf den Sammelplatz, wo diejeni⸗ gen, die ihm nicht entgegen gegangen, ihn aufs neue bewillkommeten. Auch Borgello kam ihn zu begruͤßen, meldete ihn auch zugleich ei⸗ nen Fremden, der gekommen ſey um die Ge⸗ heimniſſe ſeines Lebens ihm aufzuloͤſen. 5 206 „Die Geheimniße meines Lebens mir auf⸗ zuloͤſen,“ ſchuͤttelte Corallo unglaͤubig den Kopf.„Dann muͤßte es ein Gott ſeyn, ein ſchlichter Menſch vermag es nicht.— Ploͤtz⸗ lich ſchien er ſich zu beſinnen.„Ha, was ſagte das geheimnißvolle Weibe eile nach dem Thale, die Aufloͤſung Deines dunkeln Geſchicks harret Dein! Er wußte meine Ankunft, wie Bernard ſagt; ſollte er mit ihr in Verbindung ſtehen. Bor⸗ gello!“ fuhr er ſtuͤrmiſch auf,—„ſag ihm und wuͤßte er nur den zehnten Theil von dem, was mir dunkel iſt, ſo ſollt er mir ſchon tauſendmal willkommen ſeyn.“ Borgello eilte fort; Corallo, unge⸗ duldig den unbekannten Freund erſt zu erwar⸗ ten, ihm nach; ihm folgte wieder auf dem Fuße Giovanna's Bater, um ihn anzu⸗ deuten, daß er hier, zwiſchen Menſchen, kei⸗ ne Stunde mehr verweilen koͤnnte. So ka⸗ men ſie alle drei ziemlich gleich, bei einen her⸗ unterhaͤngenden Felſen an, unter den— ein alter Mann im grauen Rocke ſtand. 207 Corallo ſtutzte. Es war derſelbe, der in Neapel ihm den Beutel Gold gegeben, und der, wie ſeine eigenen Leute ihm erzaͤhlten, zu ſeiner Rettung ſo viel beigetragen. Deſſen bekannte Zuͤge und Geſtalt ihn beim erſten Anſchaun ſo ergriffen, und den er nicht wieder vergeſſen konnte. Der, er wollte ihn rufen, und konnte ſich doch auf ſeinen Namen nicht beſinnen, obwohl er ihn auf der Zunge ſchwe⸗ ben hatte. Aber wie wurde ihn, als er ploͤtz⸗ lich den, den er ſo gern Freund genannk, ge⸗ rufen haͤtte, von Giovanna's Vater vor der Bruſt gefaßt und wie wahnſinnig ihn nie⸗ derſtuͤrzen ſah, dabei, ihn Raͤuber! Moͤrder! nannte. Doch war der Graurock ſtaͤrker, denn bald hatte dieſer, jenen uͤbermannt. „Iſt der wahnſinnig!“ wandte der Sieger boͤſe, ſich jetzt zu Co rallo,„ſo laßt ihn ein⸗ ſperren, damit er andern nicht gefaͤhrdet.“ „Ich bin nicht wahnſinnig!“ raffte je⸗ ner ſich wieder auf.„Ich bin nicht wahn⸗ ſinnig! aber kein Wunder, wenn Du mich wahnſinnig machſt. Kennſt Du mich nicht mehr? das Alter, und Du Verfuͤhrer haſt mich ——— 208 grau gemacht! aber auch Du biſt ein grauer Suͤnder geworden.!— Kennſt Du den Wirth von St. Urbino nicht mehr?!—“ 5 Detzt verbreitete ſich uͤber das ehrwuͤrdige Geſicht des Graurocks hohe Freude. Milde und vergebend reichte er jenem die Hand. Gieb Dich zufrieden! Das Boͤſe was Du da⸗ mals gethan haſt, komme uͤber mich. Ich habe Dich verfuͤhrt! Wohl kenne ich Dich noch, obſchon Deine ſchwarzen Locken jetzt in graue verwandelt ſind. Aber wiſſe, Du warſt da⸗ mals das Werkzeug, einer guten That. Du ſollteſt damals guten Menſchen, das verlorne Gluͤck mit Deiner That wieder ſchaffen.“ Die Haͤnde auf den Ruͤcken zuſammenge⸗ krampft, hatte er den Redenden jedes Wort begierig vom Munde geſogen, ſchon ſchwieg jener eine Weile, als dieſer noch immer zu horchen ſchien. Ploͤtzlich erhob er ſich, ergriff des grauen Rechte, und mit Blicken, mit de⸗ nen er jenen zu durchbohren drohte hob er in feierlichen Tone an:„ich glaube Dir, weil ich Dir nur gar zu gern glaube, und Du ein viel zu ehrliches Geſicht zum Luͤgen haſt”.. ——— „Zu Deiner Ueberzeugung magſt Du blei⸗ ben, und mit anhoͤren, die Bubenſtreiche eines Boͤſewichts, die ihm da,“ auf Corallo zeigend,„Aufklaͤrung uͤber ſich und ſein ver⸗ wickeltes Leben geben.” Jetzt wandte der Graurock ſich zu Co⸗ rallo und trat ihn, kreum dlich laͤchelnd, un⸗ ter die Augen. „Carlo, Du kennſt mich nicht mehr⸗ Du, den ich——“ Noch hatte jener nicht aus⸗ geredet, als er auch ſchon in ſeinen Armen lag.—„Palm! O, Gott, Palm! Ihr ſeyd es! Wie Schuppen faͤllt es mir von den Augen. O, warum habt Ihr mich verlaſſen?! Warum?! Waͤret Ihr bei mir geblieben, ſo waͤre ich das nicht, wSssic jetzt bin!“ klagte Corallo. „Gieb Dich zufrieden! 1„ troͤſtete der Grau⸗ rock, den wir jetzt als den fruͤhern Jugend⸗ fuͤhrer des Corallo wieder erkennen.„Gieb Dich zufrieden, guter Carlo! Die Wege der Menſchen fuͤhren wunderbar zum Ziele; der Weg des einen iſt blutig; der, des andern ge⸗ raͤuſchlos und⸗ſtill; wieder einer iſt mit Lor⸗ Corallo II. 14 210 — beer beſtreut; der andere ſchlägt einen nie ge⸗ ahnten ein; und doch fuͤhren ſie am Ende alle zum Ziel.— Iſt es dann auch nicht das Ziel, was der kurzſichtige Menſch ſich ge⸗ ſteckt, ſo iſt es doch das,— oft beſſere,— was das unabaͤnderliche Fatum ihm beſtimmt hat. Nicht der Weg beſtimmt des Men⸗ ſchen Werth und Wohl; nicht das, wozu das Fatum ihn unabaͤnderlich zwingt— ſondern nur ſein eigenes Thun und Treiben, be⸗ ſtimmt ſeinen Werth, und hiernach richtet das. goͤttliche gerechte Weſen.— Carlo, ich ſchaͤme mich nicht, Dein Fuͤhrer und Lahrer geweſen zu ſeyn.“ Hochentflammt, druͤckte Corallo ihn an 5 die Bruſt; lindernder Balſam waren die Worte ſeines Lehrers fuͤr ſein wundes Herz.—„Ihr gebt mich, mir ſelbſt wieder! Dunkel war bis jetzt mein Pfad! duͤſter, duͤſter wie die Verzweiflung.— Ein ſchwankend Rohr war„ ich im brauſenden ſchaͤumenden Meere, vom Sturme getrieben hin und her; bedeckt oft von dem Schaum der Wellen;— verzweifelnd rang ich nach Rettung—— unſonſ, ein —* J — 3—— 211 puͤnner Stab,— willenlos ward ich auf und ſab getrieben, gab mich, gab Alles ſchon ver⸗ loren;— dann erſchien ein kuͤhner Schwim⸗ mer, ein Engel aus hoͤhern Regionen, der mich ergriff und kräͤftig ans Ufer warf.— Ge⸗ rettet, blieb um mich doch Alles dunkel, duͤſter! —— O, Palm, fluͤſterte er ihm ins Ohr, fuͤhre mich von dieſem Pfade, er iſt ſchrec licht——, „ Guter Cario,“ druͤckte jener ihm die Hand,„Du biſt fuͤr den Pfad, den Du wan⸗ delſt nicht geboren; doch wohl Dir, daß Du ihn betratſt, und wohl Dir⸗ daß er jest ge⸗ endet hat.“ Corallo bat, daß er jetzt mit der Ent⸗ huͤllung des Geheimniſſes, was auf ihn ruhe, beginnen moͤchte.“ Doch Palm bat den Corallo ſowohl, wie auch die Uebrigen, ſich mit der Abendmahlzeit erſt zu erquicken. Denn eigentlich ſey auch das dunkel der Nacht mehr zu der Erzaͤhlung der finſtern Bubenſtreiche des Boͤſewichts geeignet. Gern hätte Corallo es geſehen, daß Palm mit der Erzuhlung gleich begonnen; 14* 8 ————q, vielen Lichtern; der blendende Schimmer, der allenthalben herrſchte, erhoben das graue der Mauer zu einer roͤthlich lieblichen Farbe; aber gals ſie den Blick jetzt ſenkte, mußte ſie die Augen ſchließen, denn ſie befuͤrchtete zu erblin⸗ den. Nicht waren es die großen ſilbernen Armleuchter, die ſpiegelblank mit ihren Lich⸗ 212 doch ſah er ſelbſt ein, daß er erſt zu den Leu⸗ ten mußte um das Mahl, was ſie fuͤr ihn gerichtet, mit zu genießen. Er wuͤrde durch ſein Nichtkommen, ſie nur beleidigt haben. In einer Grotte, die Corallo noch nicht be⸗ merkt hatte, fand er glänzendes Gedeck. Er bat, daß die Bruͤder ſaͤmmtlich mit ihm ſpei⸗ ſen ſollten, und ein lebhaftes Lebehoch! war der Dank. Von dem Glanze der Grotte eblendet, ftaunte Giovanna die vielen Gold und Silbergeſchirre; die Spiegelleuchter die an der 9 Wand hingen, mit den ſilbernen Armen; die in der Mitte haͤngenden Kronleuchter, mit den —— tern von dem reichen ſilbernen Gedecke, den goldenen Pokalen, von dem, zur Augenweide aufgeſtellten Kriſtall, doppelt wiederglaͤnzten; 213 Nein, das Ganze zuſammengenommen war e5, was Giovanna“n erblinden machte. 8 Selbſt Corallo ſtaunte ſeines Reis thums, denn jetzt ſah er zum erſtenmal, die Schoͤnheiten des Kloſters St. Urbino, vor ſich ausgebreitet. Freilich war es geraubtes Gut; doch nur von denen geraubt; die es ent⸗ behren konnten.— Palm mußte trotz ſeines Weigerns den Ehrenplatz, vorne an, ihm zur rechten, einnehmen; zu ſeiner Linken ſaß Gio⸗ vianna, verſchaͤmt die Augen niederſchlagend; ihr zur Seite, wieder der Vater, und ſo ging es nun fort in bunter Reihe. Freilich war der fruͤher ſo große Haufen zu einen kleinen Haͤuflein herabgeſchmolzen; es that ihm weh, im Grund des Herzens weh; nicht, als ob er ſich graͤme, daß ſeine Macht ſo eingeſchmolzen — nein, da thaͤten wir ihn unrecht, wenn wir dem die Schuld der Falten ſeiner Stirne, das ploͤtzlich duͤſtere ſeines Blickes, das augen⸗ blickliche Unzufriedene mit ſich ſelbſt, beimeſ⸗ ſen wollten;— nichts war es, als das menſch⸗ liche Gefuͤhl— der Vergaͤnglichkeit zu denken. Wie lange war es her, da ſaßen um ihn in 214 der Runde noch einige Hunderte der Kamera⸗ den, und heute, jetzt fand er nach der genau⸗ ſten Ueberzuͤhlung kaum Zwanzig noch. Die⸗ ſes erregte bei ihm eine auffallend wehmuͤthige Erinnerung und ſetzte ihn in die vorbeſagte Stimmung. Sie war aber voruͤbergehend, wie das Wetterleuchten am ſchwuͤlen Abend, ſpurlos ohne Folgen, nur daß reiner ward die Luft; — er ſah ein, daß es ſo recht gut ſey; denn bei den fruͤher Vielen, haͤtte er ſeinen Willen gewiß nicht durchgeſetzt, ſo wie er bei den Wenigen hoffte daß ſie ihm gewiß ohne Schwie⸗ rigkeit ſeines Eides entbinden wuͤrden. Bald ſaß Corallo mit Palm und ſei⸗ nen vertrauten Freunden im Kreiſe, und die Ungeduld die ſich bei ihm zeigte, bewies die Anſtrengung die es ihm gekoſtet hatte, ſich bis jetzt geduldet zu haben. Er bat ſeinen Palm nur ſogleich bei dem Text anzufangen. e 3 „Gluͤcklich verlebte ich die erſten Jahre meiner Jugend auf dem Schloße des Barons von Roſenſtern. Da mein Vater, Hof⸗ 213 meiſter des jungen Barons zweiter Che war, ſo trat zwiſchen uns beiden, dem jungen Carl und mir ein Freundſchaftsverhäͤltniß ein, welches auch nur mit dem Tode geldſt werden konnte; und da mein Vater,— ſeit dem Tode ſeiner ſo ſehr geliebten Frau ſchon kraͤnkelnd,— ſtarb, ſo nahm ich das Anerbie⸗ ten des alten Barons gern an, ſo lange, bis eine Stelle, ich hatte nemlich Theologie ſtudiert, fuͤr mich vacant ſeyn werde, bei ſei⸗ nen Sohn Carl, meinen Freunde, der einige Jahre juͤnger als ich war, zu bleiben. Im Schloße lebte ich als Mitglied der Familie, und wurde von dem Baron bis zu dem nie⸗ drigſten Domeſtik auch ſo behandelt; nur Mark, der Sohn aus des Barons erſter Ehe, ließ, wenn er ſeinem Vater zu beſuchen kam, mir deutlich merken, daß ich ein Fremd⸗ ling unter der Familie ſey. Dieſer heim⸗ tuͤckiſche Menſch hatte ſich bei dem Vater ſei⸗ naer zweiten Mutter, ſo einzuſchmeigeln und ſein boͤſes Herz ſo zu bemaͤnteln gewußt, daß er deſſen Liebling und ſein Hausgenoſſe wurde.. 216 — „Dieſer verbitterte wenn er da war, Ca rln ſowohl wie mir, manche ſchoͤne Stunde. Ploͤtzlich traf uns allen aber ein harter Schlag, denn bei jedem Leidensfall, der Familie, litt auch ich.— Die Baronin erkrankte, und nach einem kurzen Schmerzenslager, ging ſie zu dem himmliſchen Regionen uͤber. Der Schlag war um ſo haͤrter, weil er uns unver⸗ muthet uͤberraſchte. Der Baron gerieth in Tiefſinn, aus dem er ſich zwar wieder erholte, aber doch eine ihm befallene Schwermuth nicht wieder abzuſchuͤtteln vermochte. Carl hielt bei ſeinem Vater um die Erlaubniß⸗ nach Italien zu reiſen, an; der ihm denn auch dies nicht allein geſtattete, ſondern ſeinen Wuͤnſchen dahin zuvor kam mir zu erlauben, ihn begleiten zu duͤrfen.“ Von dem Genuß bei den Reiſen in dem europaͤiſchen Paradies, macht nur derjenige ſich einen Begriff, der die Reitze dieſes ſchö⸗ nen Landes kennt. Oefterer hatten wir das Land ſchon durchkreuzt als wir uͤber Florenz nach der Heimath zu reiſen beſchloſſen. Im Himmel war es anders beſchloßen!—— IIn bin ſchon alt, kaͤlter ſchlaͤgt ſchon mein Herz 217 Florenz lernte mein Baron ein Maͤdchen kennen— Carlo! ein Maͤdchen— ſieh, ich — aber denke ich mir ihr Bild von damals zuruͤck, ſo vergeß ich Ungluͤck und Drangſal, das erlittne Ungemach und die ausgeſtandenen Leiden, und wuͤnſche das ganze Leben noch einmal zuruͤck zu leben, um dieſes verſchwun⸗ dene Bild noch einmal zu ſehen.“ G „Moͤge meine nun hingeſchiedene Clara es verzeihen, daß eine andere ihres Geſchlechts mich noch in Flammen zu ſetzen vermag; moͤge ſie es verzeihen! Gott weiß, daß ich ſie dennoch nur allein und mit ungetheilten Herzen liebe.— Fiacenza war ſchoͤn, ſehr ſchoͤn, und doch uͤbertraf ihr Geiſt, ihre Tu⸗ gend, ihr ganzes Innere noch weit die aͤußer⸗ liche Huͤlle. Mein Baron lernte ſie durch ei nen gluͤcklichen Zufall kennen, und es entſpann ſich zwiſchen den Beiden eine Liebe, wie man ſie nur im Himmel zu finden glaubt. Mein Freund hielt bei der Mutter um ſie an, und gern gab dieſe, da ſie ihn hatte kennen ler⸗ nen, ihr Jawort. Dieſer wollte ſie nun gleich 218 zu ſeinem Vater fuͤhren, doch wußte die Mut⸗ ter des Maͤdchens ihn zu bewegen, ihm des⸗ halb erſt zu ſchreiben. Er that es, und da er ſich von ſeiner Fiacenza nicht zu tren⸗ nen vermochte, ſo wurde ich der Briefbote. Das Gluͤck meines Freundes jagte meine Rei⸗ ſe. Nach einer kurzen Reiſe, kam ich auf dem Schloße des Barons Roſenſtern an. Ich traf ihn noch in den alten Zuſtand: ſchwer⸗ muͤthig und kraͤnklich; doch hielt dieſes mich nicht zuruͤck, ihn ſogleich mit der Bitte ſeines Sohnes bekannt zu machen, und zu der Ver⸗ bindung mit Fiacenza um ſeine Zuſtim⸗ mung anzuhalten, und da in Hinſicht des Adels wie auch Vermoͤgens nichts zu erinnern war, ſo wurde ich von dem Alten mit dem Wunſche, daß ſein Sohn die liebe Tochter ja bald heimfuͤhren moͤchte, abgefertigt. Auch Mark, der aͤlteſte Sohn kam von dem alten Baron ſelbſt, von der Abſicht ſeines Bru⸗ ders unterrichtet— um durch mich ſeinem Bruder,— ſeinen lieben Carlo, wie er ihn nannte,— den Gluͤckwunſch zu der nahen Verbindung abzuſtatten; dabei bedauerte er, ———— ſeinen kraͤnklichen Vater ſowohl, wie auch ſchwaͤchlichen Onkel nicht gut verlaſſen zu duͤrfen, ſonſt wuͤrde er ihn mit ſeiner lübnen. Braut, ſelbſt, heim holen..“ „ In der heiterſten Stimmung wache ich mich mit den Gluͤckwuͤnſchen der Verwandten und von dem Seegen des alten Barons be⸗ gleitet auf den Ruͤckweg. Im Voraus ſchuf ich mir ſchon das Gluͤck was uns allen er⸗ wartete, denn auch ich war in Florenz von einem Maͤdchen gefeſſelt worden. In dem Hauſe meiner Clara hatte ich Freundſchaft, und in ihrem Herzen, Liebe gefunden; feſt war daher mein Entſchluß, auch dieſe, ſollte ich die Erlauhniß der Eltern dazu erlangen kͤnnen, nach den deutſchen Gauen zu fuͤhren. Die ſchoͤnſten Luſtſchloͤßer bauend kam ich den italieniſchen Graͤnzen immer naͤher und ſchon traͤumte ich am Ziele zu ſeyn, als ich plotzlich weit davon zuruͤckgeſchleudert wurde. Die Ungeduld trieb mich, Tag und Nacht zu reiſen. Eines Abends aber, von den vorher⸗ gehenden Reiſen zu ſehr ermuͤdet, ſah ich mich genöthigt in einen Wirthshauſe Halt zu— . 220 machen; und eine von den vielen Naͤchten der Ruhe zu goͤnnen. Die ungewoͤhnliche Schlaf⸗ rigkeit die nach dem eingenommenen Abend⸗ mahle mich befiel ſchob ich auf die Anſtten⸗ gung der Reiſe und legte mich fruͤhzeitig auf die fuͤr mich ausgebreiketen weichen Matten; um deſto fruͤher meine Reife wieder fortſetzen zu koͤnnen. Ha ſchreckliches Erwachen, als ich die Augen oͤffnend, mich in Dunkeln ſah, und nach einer genauern Unterſuchung mich in einen verſchloßenen Wagen fuͤhlte, der taſch fortrollte; ich glaubte zu träumen, faßte mich an der Stirne, zupfte mir einzeln die Haare aus, biß mich in die Finger, und erhielt nun Beweiſe meines Wachens, aber damit keine Aufklaͤrung wie ich im Wagen gekommen und zu welchem Zwecke. Daß die ungewoͤhn⸗ liche Schlaͤfrigkeit, die im letzten Gaſthaufe mich ergriff, nun wohl nicht von den Anſtien⸗ gungen der beeilten Reiſe, ſondern von einem Schlaftrunke herruͤhre, das wurde mir klar genug, doch ſah ich nicht welche Abſichten man mit mir hatte. Ich laͤrmte, tobte, doch alles blieb verſchloſſen. Ich fiel in einen er⸗ 4 4 1 221 mattend betaͤubenden Schlaf zuruͤck, aus dem ich in einem Kerker ähnlichem Zimmer, erſt wieder erwachte. Ich will Euch mit der Aufzaͤhlung meiner damaligen Leiden nicht länger langweilen, und es ſey Euch genug zu wiſſen: daß ich von einem Menſchen, der von der Schadenfreude gebohren, von der Bosheit erzogen und mit Heimtuͤcke genaͤhrt worden, uͤber ſechs Jahre feſtgehalten und be⸗ dient wurde. Endlich trieb die Verzweiflung mich wieder zu der Freiheit. Eines Tages als der Bube meine Beduͤrfniße mir ins Zim⸗ mer brachte, wahrſcheinlich aus keiner guten Abſicht, weil er mir dieſe ſonſt ſtets durch ein Gitterfenſter reichte, ergriff ich ihn, ſtuͤrz⸗ te ihn nieder, und mit ſeinem eigenen Dolch, der ihm aus den Buſen hervorblinkte, ward er von mir ermordet. Eilig wechſelte ich mit dem Erdolchten nun die Kleider und rann 5 fort. Zu meinen Erſtaunen erfuhr ich, daß ich mich in einen großen unbewohnten Schloß befand. Bald befand ich mich im Freien, und wunderte mich nicht wenig, von einigen Leu⸗ ten, die ich deshalb frug, zu erfahren: daß —— ——C—OQ—OQOꝭOF—BOůęñO—YBUB—ññ— dieſes Schloß dem Grafen Trauſtein ge⸗ hoͤre. Das war mir ein Raͤthſel; denn den Grafen, den Oheim meines Freundes, wußte ich mich nicht zu entſinnen, je beleidigt zu haben, und doch hatte er offenbar die Haͤnde mit im Spiele gehabt.— Um der Sache nun auf den Grund zu kommen, auch um von meinem Freunde etwas näheres zu erfah⸗ ren, eilte ich nach dem Schloße des Barons von Roſenſtern; wie fand ich hier aber Alles veraͤndert. Der alte Baron war todt, und mein Freund der junge Baron waͤre in Ita lien geſtorben, ſagte man mir; dagegen waͤre der aͤltere Mark, jetzt Herr des Schloſſes.“ „Eine boͤſe Ahnung jagte mich nach Flo⸗ renz. Fiacenza waͤre uͤber die Untreue ihres Verlobten aufgebracht mit ihrer Mutter ploͤtzlich verſchwunden, hieß es hier. Dieſes waren mir wieder Räͤthſel. Ich eilte zu mei⸗ ner Clara, in banger Furcht, auch dieſe nicht mehr vorzufinden; doch dieſe fand ich noch treu. Sie hatte mich todt geglaubt und nun den Entſchluß gefaßt, auch den Todten treu zu bleiben. Die Freude war alſo deſto groͤßer, & 223 als ich ſie nun ploͤtzlich uͤberraſchte und un⸗ vermuthet in die Arme flog. Von ihr erfuhr ich: daß der Baron waͤhrend meiner Ahweſen⸗ heit oͤfterer bei ihr geweſen, und uͤber meine baldige Ruͤckkehr ſich mit ihr gefreut haͤtte; doch auf einmal ſey er ausgeblieben, und da ſie ſich naͤher nach ihm erkundigte: hieß es, ein Fremder haͤtte ihn eines Abends abgehohlt, und bis jetzt waͤre er noch nicht zuruͤckgekehrt. Nach einer kurzen Zeit, waͤre auch Fincenza mit ihrer Mutter verſchwunden. Daß hier ein Bubenſtuͤck zum Grunde lag, und daß Mark, der boshafte habſuͤchtige Bruder, darunter ſtecke, war mir klar, aber wie das Ganze zu entraͤthſeln ſey, das war mir noch dunkel. Gern mware ich ſogleich ausgezogen, um es genauer zu unterſuchen, doch die Liebe hielt mich gefeſſelt.“ „Wir wurden ehelich verbunden, und ſchon kroͤnte Cecilie, das kleine Ebenbild der Mut⸗ ter unſere Liebe, als mich ploͤtzlich eine Schwermuth uͤberfiel deren Grund ich blos in dem Ungluͤck meines Freundes, des jungen Baron Roſenſtern ſuchte. Die Doctor 1 riethen mir eine Reiſe, und mit Freuden un⸗ terſtuͤtzte ich ihren Rath, denn die Hoffnung meinen Freund wieder zu finden hatte ich noch nicht aufgegeben. So ſchwer mir auch die Trennung von Frau und Kind wurde, ſo zog es mich doch in die Welt.“ „Bald befand ich mich in Rom, und nicht lange, ſo hatte ich den Mark darinn erkundet. In allerlei Masken und Geſtalten hielt ich mich in ſeiner Naͤhe auf, und hatte bald erfahren, daß er ſchon verheirathet ſey und den Jungen, der ihm in der Ehe gegeben waͤre, ſtets bei ſich fuͤhre, dagegen lebe er mit ſeiner libenswuͤrdigen Gattin in ſteter Uneinig⸗ keit, und jetzt waͤre er, obwohl ſie ihm mit einer zweiten Frucht ihrer ungluͤcklichen Ehe bald wieder beſchenken wuͤrde, von ihr voͤllig getrennt. Ferner erfuhr ich, daß er oͤfterer nach einem Schloße in die Gebirge fahre; hoffent dort mehr Aufſchluß zu erhalten, machte ich mich dahin auf den Weg. Nicht gar fern mehr von dem Schloße entfernt, ſehe ich ei⸗ nen umgeworfenen Wagen; umſonſt bemuͤhe⸗ te ſich der Kutſcher ihn allein wieder aufzu⸗ — —— — y— 225 richten; ich eilte ihm zu Huͤlfe, und mit vie⸗ ler Muͤhe kommt nun eine, ſchon etwas aͤlt⸗ liche, Frau herausgekrochen; wir ſehen uns ge⸗ nauer an, und richtig, es war die Mutter der ſchoͤnen Fiacenza. Wir erkannten uns. Schluchzend fiel ſie mir in die Arme.— Hat es meine Tochter, oder hab ich es verdient, von Eurem Freunde, Carl von Roſenſtern, ſo behandelt zu werden, wie wir behandelt ſind? Pfui des Schaͤndlichen! Und nun er⸗ zaͤhlte ſie mir in gedraͤngter Kuͤrze unter Wei⸗ nen und Schluchzen: daß Carl und ihre Fiacenza durch die goͤttliche Weihe mit ei⸗ nander verbunden waͤren, daß aber einige Zeit nach der heimlichen Verbindung, der Schaͤnd⸗ liche davon gefahren ſey. Zwar waͤren ſie nun Willens geweſen, nach Deutſchland zu reiſen; da ſey ploͤtzlich ein Bote mit der Ein⸗ willigung des Vaters und einem Schteiben von Carl, erſchienen, der uns nach Deutſch⸗ land zu kommen, einlud. Er wußte ſeine, einer Flucht ſo aͤhnlichen, Fortreiſe, ſo zu be⸗ ſchoͤnigen, daß wir, erzaͤhlte ſie, ihn nicht nur entſchuldigten, ſondern ihn auch ſaslacg, ſ e Corallo II. 15 — —‧‧‧ 226 nem Wunſche gemäß, nachzureiſen beſchloſſen. O, der Schaͤndliche! noch waren wir von Florenz keine Tagereiſe entfernt, als wir zwiſchen einigen kleinen Gebirgen, die wir zu paſſiren hatten, uͤberfallen, geknebelt und 5 fortgefuͤhrt wurden. Anfangs glaubten wir, es ruͤhre von Raͤubern her; aber bald wurden wir eines Beſſern uͤberzeugt, als wir nach eis nem Schloße gefuͤhrt, und als die aͤrgſten Verbrecher, gefangen gehalten wurden. Meine Fiacen za ward eines Knaben entbunden und wir glaubten, daß ſich unſer Schickſal jetzt 5 wohl aͤndern wuͤrde, und hatten uns nicht betro⸗ gen; weit ſchaͤrfer als fruͤher, wurden wir bewacht, 4 und mehr noch wurden unſere Grenzen einge⸗ zogen. Alle unſere Schreiben an den Ungetreuen blieben unbeantwortet. Ha, jetzt wurden uns des Schaͤndlichen Abſichten klar. Wir ſollten hier vermodern, um ihn freien Spielraum zu laſſen. Doch er hatte ſich betrogen. Wir wußten durch Gottes und guter Menſchn Mithuͤlfe uns zu befreien. Wir eilten, um vor den Verfolgungen ſicher zu ſeyn, nach meinem feſten Schloße tief im Gebirge. Hier 4 —— 227 lebten wir ganz dem kleinem Carlo. Er ſollte einſt die Mutter an den Vater raͤchen. Nach dieſem Princip ſollte er erzogen werden. Bald trieb die Ungeduld mich wieder fort; ich eilte nach Deutſchland, um von ihm und von allem mich zu uͤberzeugen; doch hier hat. te der Boͤſewicht das Geruͤcht von ſeinem Tode ausgeſprengt; ich komme zuruͤck, und finde meine Tochter in Verzweiflung. Ihr Carlo, unſer Raͤcher, war geraubt. Verge⸗ bens war ſie ſelbſt ausgezogen und umherge⸗ irrt; vergebens ein ganzes Heer in Sold ge⸗ nommen— er war nicht wieder zu finden, er war verſchwunden.—— Ohne uns lan⸗ ge Ruhe zu goͤnnen erneuerten wir unſer Suchen—— o, Palm, guter Palm! Euch hat Gott mir in den Weg gefuͤhrt, um mei⸗ ner Tochter, die ſeit einiger Zeit ſchon krank zuruͤckgekehrt iſt, um mir uͤber das Betragen Eures Freundes Aufklärung zu geben. Oder ſeyd ihr vielleicht gekommen um fuͤr uns neue Qualen zu erſinnen?—“ 15 228 „Es war mir,“ erzaͤhlte Palm weiter, im Schloße angekommen„ein leichtes Mutter und Tochter von der Unſchuld des Geliebten zu uͤberzeugen, und meinen Verdacht, den ich auf Mark geworfen hatte in Ihnen zu erwecken. war den Frauensleuten unbekannt, und wir laubten nun, daß dieſes nur ein ausgeſpreng⸗ damit zu bemänteln. Jetzt ſchloßen wir einen Bund, nahmen uns vor, vereint auszuziehen und nicht eher zu raſten, bis wir von dem ei⸗ mals war es, wandte er ſich nun zu dem horchenden Alten, als wir in Euren Gaſthauſe bei St. Urbino anlangten, und erfuhren, einem krankhaften Zufall uͤberraſcht, bei Euch ihre Niederkunft erwartete. Hierauf baueten wieder hergeſtellt war, daß wir fuͤr ihr Leben Das Mark oͤfterer dieſes Schloß beſuche, tes Geruͤcht waͤre, um mehrere ſeiner Reiſen nen oder dem andern Spur gefunden. Dat daß Mark's Gemahlin, auf ihrer Reiſe von wir einen Plan, den wir mit Eurer Huͤlfe 4 auch gluͤcklich ausfuͤhrten. Wir raubten, nach⸗ dem die Mutter von ihrer Niederkunft ſo weit nichts zu fuͤrchten hatten, ihr das neugebohrne 8 4 8 A „ „e Schloße unſicher geworden waͤren, und da 229 Kind, fuͤgten aber zugleich eine Entſchuldi⸗ gung unſers Verfahrens bei, mit der Verſiche⸗ rung, daß das Kind bei uns gut aufgehoben waͤre; und wuͤrde ihr Gemahl, in unſere Be⸗ dingungen willigen, ſo ſollte es ihnen ſogleich— wieder zugeſtellt werden. Dem Mark mel⸗ 5 deten wir, daß ſeine Tochter fuͤr Carlo Buͤrge ſein ſollte, doch wuͤrden wir dahin ſtreben, auch ihn, wie ſeinen Sohn noch in unſere Gewalt zu bekommen. Doch das gelang uns trotz unſerer aller Muͤhe nicht, denn er wurde jetzt unſtaͤt und fluͤchtig, wie Cain der Bru⸗ dermoͤrder; ſeinen Sohn mußte er ausgethan haben, von dem fanden wir auch nicht die geringſte Spur. Ich eilte zur Erhohlung die Arme meiner Gattin, und als ich von ddu wieder auszog, nach dem Schloße meiner Freundinnen, ſo fand ich es veroͤdet; doch die Nutter der Fiacenza fand ich in Neapel wieder, und dieſe erzaͤhlte mir, daß ſie im haͤtten ſie das Kind, die kleine Laurette bei wohlhabenden Leuten, in der Naͤhe ihres Bruders, der Abt eines bsdenlenden Kloſtets, 25- 230 und von ihrer ganzen Leidensgeſchichte unter⸗ richtet war, einſtweilen hingethan. Da ſie mehrere Umſtaͤnde vergleichend, immer mehr uͤberzeugt wurde, daß Carlo durch einen Bubenſtreich entweder ſchon gemordet oder ge⸗ zwungen wurde von ihnen getrennt zu leben, ſo war ſie um Lauretten zu behalten im⸗ mer beſorgter, und ſie bat mich, ſo viel als moͤglich in des Kindes Naͤhe zu bleiben. Doch das Ungluͤck hatte uͤber den beiden noch nicht ausgetobt, noch mochten ſie den Leidenskelch nicht ganz geleert haben. Vergebens harrte die Mutter ihrer Tochter, die eine Spur von ihrem Carlo gefunden zu haben glaubte, und dieſe zu verfolgen, in maͤnnlichen Kleidern, die ſie fruͤher ſchon getragen hatte, ausgezo⸗ gen war. Gern haͤtte die Mutter ſie begleitet, von einer leichten Unpaͤßlichkeit aber zuruͤckge⸗ halten, erwartete ſie die Leidende in Nea⸗ pel. Doch mehrere Wochen, mehrere Mona⸗ te waren ſchon verſchwunden, und noch war ſie nicht zuruͤckgekehrt. Beſorgter als je um ihre Fiacenza, verließ ich ſie eines Abends, denkt Euch aber mein Erſtaunen, als ich die ſſſ — — Ungluͤckliche den andern Morgen nicht wieder fand. Ein Schreiben fand ich vor, worin ſie ie mir meldete, daß ſie Nachricht erhalten haͤtte: daß Fiacenza ſich krank in Rom befaͤnde, und ſie eilen muͤſſe, wenn ſie ihre geliebte Tochter noch lebend finden wolle. Meiner Obhut vertrauete ſie Lauretten an, weil ſie auf dieſe, ihre einzige Hoffnung gruͤnde. Ich eilte hin nach dem Orte, wo Laurette ſich befand und der Abt, dent ich ein Schrei⸗ ben von der Schweſter brachte, fuͤhrte mich als Hauslehrer bei den Leuten ein.“ „Da fand ich Dich, mein Carlo, und meine Ahnung ſagte mir, daß Du der Geraub⸗ te, der Geſuchte biſt. Du erzaͤhlteſt in kind⸗ licher Unbefangenheit mir Deinem Traum, und obwohl ich ihn Dir als Traum nur deutete, ſo war ich doch eines Andern uͤberzeugt; ich ſuchte bei Deinen Pflegeeltern nachzufor⸗ ſchen, aber vergebens, ſie blieben dabei daß Du, ihr Sohn waͤreſt; ſelbſt in der Beichte beharr⸗ ten ſie bei ihrem Sinn, und dadurch Warde 232 X8 koͤnnten, und nie pflichtete er meiner Meinung bei; im Gegentheil glaubte auch er feſt und ſteif: daß Du der leibliche Sohn des Landmanns waͤrſt. Selbſt da ich durch Zufall einen Ri⸗ ing mit dem Wappen der Roſenſterne bei den Leuten, wahrſcheinlich zur Erkennung aus Vorſicht mitgegeben, entdeckte, konnte ich ihn doch noch nicht eines andern uͤberzeugen. Ich lehrte Dir das Wappen zeichnen, um dadurch vielleicht noch einſt zu wirken, auch um Dich auf gewiſſe Dinge aufmerkſam zu machen. Aber, obwohl ſich zwiſchen Dir und meinen Freund taͤglich mehr Aehnlichkeit entſpann und dieſes mich in meiner Meinung immer mehr befeſtigte, ſo wagte ich doch noch nicht oͤffent⸗ lich damit aufzutreten, weil ich Fiacenza mit ihrer Mutter taͤglich erwartete, und dieſe ſollten ihren Sohn alsdann geradezu von den Leuten zuruͤckfordern. Ich bat den Abt, da⸗ fuͤr zu ſorgen, daß die Frauensleute von dem Gange der Sache unterrichtet wuͤrden, achſel⸗ zuckend bedeutete mir dieſer; daß er ſelbſt ſeit langer Zeit vergebens auf Nachricht warte. Die Zeit verſchwand, ich konnte es aber nicht — ——— — 233 uͤber mich gewinnen, von Euch Beiden mich zu trennen. Oefterer reiſete ich nach Frau und Kind, aber bald zog es mich nach Euch, meinen Zoͤglingen, zuruͤck. Du tratſt in die Juͤnglingsjahre; Laurette ging vom zarten Kinde zur Jungfrau uͤber, und nun beſchloß ich, Dich, Carlo, von meinen Muthmaßun⸗ gen zu unterrichten, und daß Du dann aus⸗ ziehen ſollteſt um mit Deinem boͤſen Oheim zu rechten; von ihm Deine naͤchſten Freunde, Dein eigenes Gluͤck, was er Dir ſo ſchaͤndlich geraubt zuruͤckfordern, ihn zwingen ſollteſt, Dir, ſeine Bubenſtreiche zu geſtehen; da rief der Tod meiner Schwiegereltern mich nach Florenzz ich hoffte bald zuruͤckzukehren, und dann ſollte mein Weer mit Dir beginnen. Doch ich betrog mich. In Florenz angekom⸗ men, wurde ich nein Erbſchaftsangelegen⸗ heiten wegen in ſolche Schwierigkeiten ver⸗ wickelt, die an eine ſchnelle Abreiſe gar nicht den⸗ ken ließen. Als ich mich endlich aber losriß, und hineilte nach dem Orte wo ich Gluͤck zu ver⸗ breiten dachte und daſelbſt angekommen, nun erfuhr: daß die Pflegeeltern meiner Zoͤglinge 234 im Gefaͤngniß ſich befaͤnden, der Abt ſchwer verwundet danieder laͤge, Laurette, deren eerhaltene Wunde nicht ſo gefaͤhrlich war, mit einer Dame verſchwunden, und mein Liebling, der die Beiden haͤtte ermorden wollen, geflo⸗ hen ſey.— Der Abt welcher ſo weit wieder hergeſtellt war, um ſprechen zu koͤnnen, er⸗ zaͤhlte mir, daß er gleich nach meiner Abreiſe vpon ſeiner Schweſter die Nachricht erhalten: ſaß ſie damals, als ſie ihre Tochter in Rom aaubte, wahrſcheinlich getäuſcht ſey; denn ſie waͤre noch nicht fern von Neapel ge⸗ woeſen, ſo waͤre ſie auch ſchon uͤberfallen und weit weg nach einem duͤſtern Schloße gefuͤhrt, wo man ſie bis jetzt in engem Gewahrſam gehalten haͤtte. Doch haͤtte ſie durch ihre Ge⸗ dult und feſten Glauben an Gott ſich das Heerz ihres Gefangenwaͤrters zu erringen ge⸗ wußt, und dieſer ſey nun mit ihr geflohen, und ihr treuer Begleiter zu ihm, wo ſie 4 von ihrer Tochter Nachricht erwarte, gewor⸗ den. Der Barbar, welcher ſie ſo lange in engern Gewahrſam haͤtte halten laſſen, waäͤre der Marcheſe Marco del Pecco. Und 4 4 235 nun, erzaͤhlte der Abt, wie er ſeit laͤngerer Zeit hier ſchon verdaͤchtige Geſtalten bemerkt, und wie dieſe wahrſcheinlich Lauretten zu entfuͤhren gedaͤchten; er nun den Entſchluß gefaßt haͤtte, Lauretten der kommenden Schweſter mitzugeben. Zu dieſem Zwecke, fuhr er fort, bereitete ich ſie darauf vor, ſich von ihrem Geſpielen trennen zu muͤſſen, und daß aus einer naͤhern Verbindung deshalb nichts werden konne, weil ſie von hohem Adel ſey. Den Tag, da ich meine Schweſter erwarte⸗ te, machte ich ſie denn aufmerkam darauf, daß ihre Großmama bald kommen wuͤrde um ſie abzuhohlen, und daß nicht der Pflegevater, wie ſie immer glaubte, ſondern ich ihr Oheim waͤre. Da fiel das Maͤdchen mir weymuͤthig in die Arme, und geſtand daß ſie mich wohl liebe, aber ihren rohen Pflegevater nie haͤtte lieben koͤnnen, der Schein waͤre ihr ſchwer ge⸗ nug geworden. In den nemlichen Augenblick hoͤrte ich einen Schuß, und Laurette ſtuͤrz⸗ te neben mir nieder, und ehe ich zur Beſin⸗ 8 nung kam, hatte der wahnſinnige Carlo mir dieſe gefaͤhrliche Wunde beigebracht. 236 Wie ich wieder zu mir ſelbſt kam, erzaͤhlte mir die angekommene Schweſter die weinend an meinem Bette ſaß; daß Laurette aus aller Lebensgefahr ſey, und die Pflegeeltern eingezogen waͤren. Dieſe haͤtten in einem der Verhoͤre eingeſtanden, daß Carlo nicht ihr Sohn ſondern nur ein angenommenes Pflege⸗ kind ſey. Ein Mann, den ſie nachher nie wiedergeſehen, haͤtte ihnen den Knaben unter der Bedingung uͤbergeben, daß ſie ihn als leib⸗ haftigen Sohn annehmen und behalten, ſogar ihn ſelbſt davon zu uͤberzeigen ſuchen, und ge⸗ gen jedermann ſelbſt in der Beichte ver⸗ 5 ſchwiegen ſeyn ſollten. Nie wuͤrde er wieder abgefordert werden, und zu den Unkoſten der Erziehung wurde ihnen ein bedeutender Schmuck und einige hundert Scudi eingehän⸗ digt. Ein Ring mit einem Wappen, der un⸗ ter dem Schmucke ſich befand, waͤre ihnen, ſie wuͤßten nicht durch welchen Zufall, ab⸗ handen gekommen, das Uebrige haͤtten ſie ſchon längſt verkauft.— Als ich den Abt nun ſagte daß der Ring ſich in meinen Haͤn⸗ den befaͤnde, ſo freuete er ſich nicht wenig da⸗ 237 ruͤber, denn jetzt waͤre er darin ganz meiner Meinung, daß Carlo, der ungluͤckliche Sohn ſeiner Nichte waͤre. Auch ſeine Schweſter glaube dieſes, und ſey nachdem Laurette außer aller Lebensgefahr geweſen waͤre mit ihr abgereiſt, um ihre ungluͤckliche Tochter ſowohl, von der ſie nun in ſo langer Zeit nichts er⸗ fahren hatte und den Fluͤchtling aufzuſuchen. Die Pflegeeltern, beſuchte ich im Gefängniße, um von ihnen noch mehr Aufklaͤrung uͤber Carlo zu erhalten. Sie wußten mir aber nichts weiter zu ſagen, als was ſie im Ver⸗ hoͤre ſchon eingeſtanden hatten; nur daß ſie mir eine Beſchreibung von dem Menſchen machen mußten, der ihnen Carlo uͤberliefer⸗ te. Sie wußten ſich ſeiner noch recht gut zu entſinnen, aber auch nicht der kleinſte Zug traf mit den Baron Mark, den ich in Verdacht hatte, uͤberein. Bald wurden dieſe Leute, da ſie an den beabſichtig gten Mord ihres Pfleglings fuͤr unſchuldig befunden wurden, ihrer Haft entlaſſen, und nie habe ich, da ſie die dortige Gegend verließen, ſie wieder geſehen.“ 4 238 „Da meine Angelegenheiten zu Hauſe,“ fuhr Palm nach einer kleinen Pauſe fort, noch nicht ganz beendigt waren, ich auch ein⸗ ſah, daß ich hier nichts mehr nuͤtzen konnte, ſo reiſete ich nach Florenz zuruͤck. Bald nachher war es, daß ich Dich, Ludolph oder Borgello wie Du hier genannt wirſt, ken⸗ nen lernte. Auf eine ſchaͤndliche Art verlor ich meine Cecilie durch den Marcheſe Mar⸗ co del Pecco der von Dir zwar aus einem Fenſter geſtuͤrzt, deſſen ruchloſes Leben aber dadurch erhalten wurde, daß er in ein, bei dem Hauſe fließenden Waſſer ſtuͤrzte, aus welchen er wieder herausgezogen wurde. Der Schmerz uͤber die verlorne Tochter raubte mir auch mein Weib, meine Clara. Verwaiſt ſtand ich wieder, verwaiſter noch als damals da ich das erſtemal nach Italien kam, denn damals, hatte ich noch einen Freund,—— jetzt fehlte mir alles, ich war aͤrmer als je!— Dieſes fühlend kam ich von dem Gkabe mei⸗ ner Clara zuruͤck, trete in Selbſtbetrachtun⸗ gen ganz vertieft ins oͤde Haus und wunder⸗ te mich nicht wenig, einen jungen bleichen 239 Juͤngling meiner wartend zu finden. Ich woollte ihn fragen, wer er ſey, und was er wolle? aber einen Blick und wir lagen uns in den Armen—— ceh war Fiacenza, Deine ungluͤckliche Mutter. Auch ſie war laͤngere Zeit eine Gefangene des boͤſen Mark ohne ihn geſehen zu haben, von dem ſie ſich aber durch Liſt zu befreien wußte, und nun ſchon ſeit einigen Jahren umherſchwaͤrme um ſich an Mark von Rofenſtern, der ſich von der Erbſchaft ſeines Oheims auch Graf Trauſtein und ſeit er unſtaͤt in Italien umherirre Marco del Pecco nenne, zu 3 räͤchen; doch das haͤtte ihr bis jetzt noch nicht gelingen wollen, obwohl ſie ihn kuͤrzlich in Rom erſtochen zu haben glaubte; aber der Rache ſey er noch nicht entgangen, ſie haͤtte ihren Sohn gefunden, dem ſie auf ſeiner Dornenreichen Laufbahn wie ſein Schatten folge, um ihn zu ſchuͤtzen und ſein Herz zu pruͤfen, ob er noch werth ſey, von ihr aner⸗ kannt zu werden. Waͤre dieſes der Fall, ſo ſollte er ſie raͤchen.— In Rom wollte ſie ſich ihm ſchon zu erkennen geben, allein ein 3— — boͤſer Zufall trennte ſie. Auch ihre Mutter haͤtte ſie mit Lauretten in Rom getroffen, und mit ihr verabredet, in Neapel wieder zuſammen zu kömnen. Hierher nach Flo⸗ renz waͤre ſie nur deshalh gekommen, um ihn zu bitten, bei ihr zu bleiben, um zur Aufloͤſung des Ganzen nach allen Kraͤften mitzuwirken. Mir war es ein Troſt jemand zu haben an den 4 mich anſchließen konnte; mit ihren Bilken kam ſie meinen Wuͤnſchen zuvor. Ich wunderte mich freilich nicht we⸗ nig als ich von ihr auf der Reiſe nach Nea⸗ pel nun erfuhr, daß der furchtbare Coral⸗ lo, mit Carlo, meinen Zoͤgling, den ſanf⸗ ten Juͤngling, eine Perſon ſey. Sie hatte Dich einſt geſehen und auch ſogleich erkannt. Denn Deinen Vater biſt Du ſprechend aͤhn⸗ lich. Mehreremal gerieth ſie Deinetwegen in Gefahr;— in die Gebirge verfolgte man ſie weil ſie die Soldaten irre gefuͤhrt hatte; in Rom rettete ſie ſich damit, weil ſie ihre dazu eingerichtete Uniform leicht in Frauenskleider verwandeln konnte, und der raſche Muth ih⸗ tes Pedro, ſie von der gaffenden Menge be⸗ freite.— Zwar kamen wir ohne weitere Abentheuer nach Neapel, doch erfuhren wir unterwegs ſchon, daß Du mit Deinen Leuten in der Gegend Drngonara's hauſteſt; wir kommen dahin, und kamen wie Alles ſich zum Kampf bereitete; wir ſahen, wie die Miliz ſiegte,— das Herz blutete uns; wir hatten Dich aus den Augen verloren; vergebens ſuchten wir Dich auf dem Kampfplatz, in der Umgegend. Du warſt 09 zu finden. End⸗ lich erhielten wir in einer Huͤtte wo Du ver⸗ wundet lagſt, Nachricht von Deinem Leben. Daß Du und kein anderer der Verwundete warſt, leuchtete aus der Vorſicht mit welche Du Dich verborgen hielteſt, auch aus der ge nauen Beſchreibung welche die Frau uns vo Dir machte, hervor. Du warſt ſeit einigen Tage ſchon wieder fort, wir folgten Deiner Spur, und fanden zwar nicht Dich, aber doch dis Gewißheit daß Du da geweſen, bei einem ſchon in Verweſung uͤbergehenden menſchlichen Koͤrper; wir fanden nemlich eine wohlbezeich⸗ nete Reiſeroute nach Neapel, zwar mit kei⸗ ner Namensunterſchrift aber doch von Deiner Corallo II. 16 242 Hand geſchrieben, die ich von Alters her ge⸗ nau noch kannte.“— Corallo erinnerte ſich, dieſe in der Huͤtte aufgezeichnete Reiſe⸗ route wirklich verlohren zu haben.— Nun machten auch wir uns dahin auf den Weg; hatten aber mit Caſſano, einen Treuen von Dir, noch ein kleines Abentheuer. In einer kleinen Grotte, deſſen Eingang von Buſch⸗ werk verdeckt war, ſuchten wir uns von des Tages Hitze zu dthohlen„aber wie horchten wir auf, als wir ploͤtzlich uͤber uns Deinen Namen nennen hoͤrten; Fiacenza ſchlich ſich ihnen naͤher, und hoͤrte nun: daß der eine, ten ſehr beſorgt, und unſchluͤſſig war, was tzt anzufangen ſey. Schnell warf Fiacen⸗ a ihren Reiſerock ab, loͤſete ihr zuſammenge⸗ Hickeltes Haar, und in der, Dir wohlbekann⸗ en Geſtalt, that ſie den Beſorgten kund: daß Du in Neapel Dich befaͤndeſt, wohin er mit mehreren Cameraden nur gehen moͤchte. Sie beſorgte nemlich, daß wenn Du wirklich in Neapel waͤrſt Dir dann die meiſte Gefahr drohe.— Die Ueberraſchten waͤhnten einen ner Caſſano genannt wurde, um Dein Le⸗ —— — „ Geiſt geſehen und ein Orakel gehoͤrt zu ha⸗ ben, folgten daher deſto glaͤubiger ihren Wor⸗ ten. Da dieſe nun direct nach Neapel gin⸗ gen ſo folgten wir ihnen in einer gemaͤßen Kleidung nach, um mit Ihnen in Neapel zu⸗ gleich einzutreffen, und zu ſehen wo ſie da blie⸗ ben und wenn es die Unſtaͤnde erforderten, ſie ſogleich zu finden wußten. Dort angekom⸗ men, befand ſich Fiacenza mit Ludolph Deinen Borgello, zugleich bei Joſepho, der ihr Bangieur war und eine Ahnung ſagte ihr, daß das einer Deiner Leute ſey. Sie wußte ſich fruͤh genug zu entfernen, um ihn zu folgen, und richtig ſie bekam Dich zu ſehen. Von Deiner Geldverlegenheit durch den vorhergehenden Vorfall unterrichtet, mußte ich Dir einen Beutel Gold in die Haͤnde zu ſpielen ſuchen, was mir denn auch gelang. Wir ſahen die Gefahr die uͤber Deinem Haupte ſich zuſammenzog, wir wurden aufmerkſa⸗ mer; wir lernten den verraͤtheriſchen Pedril⸗ lo und ſeine Abſichten, mit den Marco del Pecco verbunden, kennen. Wir folgten Dir nach Deinem veraͤnderten Quartiere, ſahen das 16* 244 drohende Ungewitter, immer naͤher kommen, und wendeten es im Theater, mit Gottes und Deiner Leute thätigen Huͤlfe, richtig von Dir ab. Aufs neue warſt Du in den Wirbel Deines Geſchicks hineingeſtoßen, von der, Dir zugedachten, Aufloͤſung, aufs neue weit ent⸗ fernt. Wir trafen die Mutter mit Lauret⸗ ten, die uns erzaͤhlt: daß Mark von Ro⸗ ſenſtern unter ſeinen gewoͤhnlichen Namen Marco del Pecco ſich nicht allein hier be⸗ faͤnde, ſondern auch ihre Laurette, ſeiner ei⸗ genen Tochter, die Cour mache. Ueber den Tod ſeines einzigen Sohnes, der in Neapel erzogen und im Kampfe mit den Raͤubern ge⸗ blieben iſt, gerieth er zwar anfangs in Ver⸗ zweiflung, hat aber in der Hoffnung, daß Laurette, der er die Hand zum chelichen Bunde angetragen, ihn den Verluſt bald wie⸗ der erſetzen wuͤrde, Troſt gefunden. Zwar waͤre ſeine, von ſeiner zweiten Frau, die er aber ehe er die erſte genommen, ſchon ver⸗ fuͤhrt hatte, erzeugte Tochter Elvira die er hier bei ſich haͤtte, dagegen,— doch dieſe wollte er in Rom, wo ſich eine gute Parthie — 18 2 — 245 fuͤr ſie gefunden haͤtte verehelichen; dann, alle Verbindungen in Italien abſchneiden und mit ihr, ſeiner geliebten Kaura, nach Deutſch⸗ land, wo er bedeutende Beſitzungen haͤtte, zie⸗ hen. Du kannſt denken, Carlo, was wir bei dieſer Nachricht empfanden, und daß es uns nicht gleichguͤltig war zu wiſſen: daß er die Mutter nicht kannte. Hierauf baueten wir einen Plan. Laurette mußte gegen den alten Schaͤndlichen eine Zuneigung heucheln, die der auch fuͤr baare Muͤnze nahm und ſich bereden ließ, uͤber Moliſe nach Rom zu reiſen, dort ſeine Tochter an Mann bringen, und mit ihnen dann nach Deutſchland zu rei⸗ ſen, wo Laurette ihn willig und gern die Hand reichen wuͤrde. Da dieſes Ganze in den Plan des Ruchloſen zu ſtimmen ſchien, ſo willigte er gern ein, doch wuͤnſchte er einer Feſtlichkeit in der Villa Borgoſa erſt noch beizuwohnen, und von da aus wollten ſie denn die verabredete Reiſe in einen Wagen zuſam⸗ men machen. Obwohl das Anerbieten wieder den Anſtand war, ſo wurde es doch angenom⸗ men, weil es ſich ganz ſo in unſern Plan 4 246 fuͤgte. Wir hofften nemlich, Dich, Carlo, noch fruͤh genug zu finden und nach Moliſe zu ſchicken, ſollte es der Fall aber nicht ſein, ſo hatten wir ſchon Maͤnner gedungen, die den Ruchloſen in Empfang nehmen und für uns in Sicherheit bringen ſollten. Vergebens war unſer Forſchen nach Dir; Du warſt ver⸗ ſchwunden. Wir, Fiacenza und ich, folg⸗ ten nun den Wagen und wunderten uns nicht wenig, mehrere Spuren zu finden, daß der Wagen ſchon verfolgt wuͤrde. Wir jagten ſtaͤrker, mehrere Pferde ſtuͤrzten unter uns, die durch andere ſogleich erſetzt wurden und trafen nun den Borgello, von dem wir, nachdem die erſte Freude des Wiederſehens voruͤber war, erfuhren, daß Du es waͤreſt, der der Spur des Wagens außer uns noch nachgejagt, um ſie in Moliſe noch einzuhohlen und nach einem Thale von dem er uns erzaͤhlte zu führen gedaͤchteſſt. Um nun recht ſicher zu gehen, um Dich zu treffen, ging ich mit Bor⸗ gello hierher nach dem Thale, Fiacenza, Deine Mutter, wollte Dich dagegen in Mo⸗ liſe aufſuchen, und hoffte, da ſie ein ſehr ——— 47 raſches Pferd hatte, und den Weg weit beſſer kennt, vor Dir dort einzutreffen. Obwohl Du dem Borgello die Lage und die Gegend des Thales genau bezeichnet hatteſt, ſo wußte er doch zu wenig Beſcheid, um es ſo leicht finden zu koͤnnen. Wir jagten daher mehrere Tage in der Irre umher, ohne zu unſerem Zwecke zu gelangen; ſo kamen wir eines Ta⸗ ges auf eine ungebahnte Straße die in die Gebirge fuͤhrte, und wunderten uns einen Reiſewagen vor uns herrollen zu ſehen. Wir ritten ihm nach und kamen zwar etwas ſpaͤ⸗ ter als der Wagen ins Wirthshaus, aber doch noch fruͤh genug ihn abpacken und eine tief verſchleierte Dame dabei beſchaͤftigt zu ſehen, deren Geſtalt mir auffiel; ich ſah ſchaͤrfer hin, der Schleier verſchob ſich, und richtig, es war Fiacenza's Mutter. Ich wußte mich ihr, von Andern ungeſehen, bemerklich zu machen; ſie gab Winke mich verborgen zu halten; die Nacht ſprach ich ſie. Von der erfuhr ich: daß Fiacenza ſie geſprochen, und darauf auf merkſam gemacht haͤtte, daß Du, Carko, 8 nach Moliſe kommen würdeſt. Da es ihr aber nicht moͤglich geweſen waͤre, ihren feind⸗ lichen Reiſegefaͤhrten dort zu halten, ſo ginge ihre Abſicht dahin, wenn es ihnen nicht ge⸗ laͤnge, ihn nach einen gewiſſen Thale, auf welches Fiacenza ſie aufmerkſam gemacht, zu locken, ihn nach Moliſe wieder zuruͤck zu bringen, wozu ſie ſein Verſprechen ſchon erlangt haͤtte. Doch haͤtte Fiacenza ver⸗ ſprochen, wenn es moͤglich ſey, einige von Corallo's Leuten aufzuſuchen, und nachzu⸗ ſchicken, um mit Gewalt ihn nach dem Tha⸗ le zu bringen.— Sie glaubte anfangs, ich waͤre mit Borgello, den ſie jetzt kennen lernte, nachgeſchickt, um ſie nach dem Thale zu fuͤhren. Wir erklaͤrten ihr uͤbrigens, daß wir es nicht allein, nicht waͤren, ſondern auch der Lebhaftigkeit des Gaſthauſes wegen es nicht ſeyn koͤnnten. Doch verſprachen wir, daß wir eilig das Thal aufſuchen und ihnen von da aus, Huͤlfe ſchicken wollten. In grauer Morgendaͤmmerung machten wir uns zu dem Zwecke auf den Weg und das Gluͤck ſchien uns beguͤnſtigen zu wollen, denn fruͤher noch, als wir vermutheten fanden wir das Thal 3 249 und Deine Leute. Obwohl dieſe mich anfangs mit mißtrauiſchen Blicken maaßen, ſo wußte Borgello ihnen doch bald zu erklaͤren, daß ich Dein Freund ſey; auch mehrere, die bei der letzten Affaire in Neapel waren, erkann⸗ ten mich, und boten ſich willig an, nach dem Gaſthauſe mir zu folgen. Ich war aber zu ermuͤdet um den Zug mit zu machen, ſchickte daher Borgello mit Leuten hin, der aber leer wieder zuruͤck kam. Marco del Pecco, benachrichtigte ihm die Signora, waͤre den Morgen ſehr fruͤh fortgegangen und noch nicht wieder gekehrt, auch haͤtte er den Wirth befoh⸗ len, den Damen zu ſagen: daß er auf einige Stunden eine Luſtparthie in die Gebirge machen wolle; ſie moͤchten ſich bis Mittag ohne ihn die Zeit angenehm vertreiben, bis dahin wuͤr⸗ de er aber beſtimmt wieder zuruͤckgekehrt ſeyn, er war aber den Abend, und den andern Morgen noch nicht wiedergekehrt; wird ſich daher wahrſcheinlich in die Gebirge verloren haben. Barnelli, der waͤhrend der Zeit hier ankam, ſucht mit einigen Deiner Leute ihn in den Gebirgen auf.“ —y— 250 Man kann denken daß die ſtundenlange Erzaͤhlung Palm's mit manchen O und Ach von allen Seiten, und Nebenbemerkungen von Corallo, wie auch Aeußerungen ſeiner ab⸗ wechſelnden Freude und Wuth unterbrochen wurde. Kaum hatte Palm daher geendet, als Corallo ihn geruͤhrt in die Arme ſtuͤrzte, und fuͤr die außerordentlichen Dienſte und Aufopferungen die er ihm und ſeinen ungluͤck⸗ lichen Eltern geleiſtet und gebracht, mit uͤber⸗ ſtroͤmenden Herzen dankte. „O, Palm,“ rief er in ſeiner Freude, ich habe auch den ungluͤcklichen, durch ſeinen eige⸗ nen Bruder ungluͤcklich gemachten, Vater, ge⸗ funden!“— und nun erzaͤhlte er von dem blinden Alten im Thale; und wie Torqua⸗ no in Moliſe ihn aufgeſucht und benach⸗ richtigt haͤtte, daß im Thale bei dem Alten ein paar Menſchen aufgefangen waͤren, die er fuͤr die bisherigen Quaͤlgeiſter des Ungluͤcklichen hielte.„ Jetzt wollen wir hin nach dem an⸗ dern Thale!“ rief er am Schluße ſeiner feu⸗ rigen Erzaͤhlung,—„hin, und den wiederge⸗ fundenen Vater an die Bruſt druͤcken, und 4 z 2* 4 unterſuchen—— und Wehe Oheim, wenn nard, mit einigen Leuten ſchnell nach dem Gaſthauſe zu eilen um die Damen zu hohlen, — und Zwei ſollten außerhalb des Thales harren, wenn die Mutter vielleicht kaͤme, ſein Schutzgeiſt, ſeine vielfache Retterin, und nicht ſogleich zu finden wiſſe, ſo ſollten ſie ſie leiten, auf den Haͤnden tragen, damit kein Stein ihren Fuß verletze! und was er in ſeiner tol⸗ len Freude Alles befahl. Die Uebrigen ſoll⸗ ten die vorraͤthigen Fackeln, deren nur einige waren, die Lampen und Leuchten anzuͤnden, um im Thale die Nacht in Tag zu verwan⸗ deln; er wolle hin und Gericht halten. Kaum waren aber die beorderten mit Leuchten fort, und daß Corallo ſich in Be⸗ wegung ſetzte, um das andere Thal zu beſuchen, ſo kam Bernard auch in vollen Spruͤngen wieder zuruͤck, und ſchrie von ferne ſchon, ehe man ihn ſehen konnte,„Vivat Hauptmann! Sie kommen!“ und der Hauptmann machte mit ſeiner Geſellſchaft eine Wendung, Links⸗ 1. umkehrt! und ſah in der Femne der Nache. ich Dich finde.“— Er befahl ſeinen Ber 252 — ne Schaar mit Laternen ſich ihm naͤhern. Doch konnte er noch nichts unterſcheiden. Aber jetzt kam Bern ard, der ihn bat, den Kommenden entgegen zu gehen, denn es waͤ⸗ ren die erwarteten Damen; auch Torqua⸗ no waͤre dabei und Barnelli— doch da⸗ von hoͤrte er nichts mehr; auch nicht, daß Torquano in aller Eile ihm erzaͤhlte: daß er einen jungen bleichen Menſchen mitbraͤchte, der ihn dazu verfuͤhrt, daß er ohne ſeines Hauptmanns Befehl Moli ſe verlaſſen haͤtte, weil er ihm vorgeſchwatzt er haͤtte den Haupt⸗ mann ſelbſt, etwas nothwendig Wichtiges zu ſagen; wie dieſer junge„Menſch nun in einem Gaſthauſe nicht fern von hier, Damen getroffen, die er gekannt haͤtte, und Barnel⸗ li mit mehreren Leuten jetzt gekommen, und wie der junge Menſch nun darauf gedrungen habe, ſogleich noch nach dem Thale aufzubrechen; die beiden jungen Damen wollten anfangs nicht, doch die eine ließ ſich leicht bereden, und die andere, mußte halb gezwungen mit,— alles dieſes erzaͤhlte Bernard in der groͤßten Haſt, doch wer nichts davon hoͤrte, war Corallo; 989 235 — der jetzt die Ankommenden erkannte— und nun ganz außer ſich in die ausgebreiteten Ar⸗ me ſeiner Mutter flog, die Großmutter hielt ihn umfaßt.— Man hoͤrte von der hellerleuch⸗ 4 teten Gruppe keinen Laut.— Vergebens ſuchte Torquano den jungen bleichen Men⸗ ſchen, der mit ihm gekommen war, bis er ihn denn in der bleichen Frau mit den weißen Kleide und den ſchwarzen Ringellocken, die Corallo, Mutter, nannte, verwundert wie⸗ der fand; die muß ſich, waͤhrend wir im 4 Thale angelangt ſind, umgekleidet haben, dach⸗ te er, und zog ſich zuruͤck Nach dem erſten Rauſch der Freude, hoͤrte man denn auch wie⸗ der den erſten Laut in der ſtummen Gruppe. „O, Mutter, wer haͤtte das je geglaubt! Mein Sohn, mein guter Carlol— Ach, Groß⸗ mama, es war eine boͤſe Zeit!— ſo ging es eine Weile fort, bis eine ſanft ſchluchzende Stimme die Freudigen in ihrem Jauchzen und Wiederklagen unterbrach; Corallo ſah auf, und in den nemlichen Augenblick kniete er ſchon vor der ſanft Weinenden.— Cs —— — 2⁵54 war Laurette. Die Großmama nannte ſie der Kuͤrze wegen, Laura.— „O, Laura! meine Laurettel kannſt Du mir verzeihen?!“ Sanft zog ſie ihn an die Bruſt,„Du biſt mein Bruder, wir koͤnnen nicht gluͤcklich werden!“ rief ſie und ſtieß ihn ſchluchzend zuruͤck. „Du biſt nicht meine Schweſter! Du biſt meine Geliebte, meine Treue! meine—— Palm unterbrach ihn mit der Bitte, ihn zu ſeinem Freunde, ſeinem unglucklichen todtgeglaubten Carl zu fuͤhren—— und wie die angekommenen nun hoͤrten, wer es ſey, zu dem Palm gefuͤhrt ſeyn wollte, da ſtuͤrm⸗ ten auch ſie auf ihn ein, keinen Augenblick mehr zu ſaͤumen. Zum zweitenmale ſetzte der Zug nach dem andern Thale hin, ſich in Be⸗ wegung. Der vorſichtige Palm ſchickte den Torquano voraus, um ſeinen blinden Freund auf die Ankommenden aufmerkſam zu machen, damit das ploͤtzliche Geraͤuſch ihn nicht ſchrecke. Aber wie ſie nun in das hellerleuchtete Thal traten, wo ihnen der ungluͤckliche Blin⸗ de von Torquano und Lucca gefuͤhrt, 0 — entgegen kam,— und Palm, obwohl er ihn auf den erſten Blick erkannte, mit unterdruͤck⸗ tem Weinen doch noch frug: ob er nicht Carl von Roſenſtern ſey? dieſer nun die gefaltenen Haͤnde gegen den ſternvollen Him⸗ mel erhob, den Schoͤpfer dankend, daß er er⸗ kannt ſey, ein vernemlich Ja hervorſtotterte, und Gattin, Freund, Sohn, Alles ihn in die Arme ſtuͤrzte; der Ueberraſchte in die ihn er⸗ druͤckende Freude, in der ihn uͤberfuͤllenden Wonne, zu ſterben glaubte—— dieſes ſchil⸗ dere ein Anderer;— ich geſtehe meine Schwaͤche daß ich es nicht vermag. Ein inneres Gefuͤhl ſagt mir daß ſolche Scenen mit Worten dar⸗ zuſtellen, ſey es auch von dem beſten Schrift⸗ ſteller, ſtets nur Pfuſcherei bleibt; denn erſt muͤſſen Worte erfunden werden, um ſolche. Gefuͤhle auszudruͤcken; Worte, um eine Gott⸗ heit zu enthuͤllen,— dann, wenn wir die erſt haben, iſt es uns moͤglich, mit den leiſen Toͤnen einer Aeols Haef ſie aufs Papier zu hauchen.—— Schon verdunkelte das große Erdenlicht die winzige Beleuchtung der Menſchen; der ferne Oſten verkuͤndigte den j immer hatten die Wi Erzaͤhlung etwas nach Mehreremal hatte L 3 die Naͤhe Corallos geſe bemerklich zu machen ge achtete es nicht eher, ucca ſich ſchon in chlichen und ſich ihm ſucht; doch dieſer be⸗ bis Lucca ins Ohr ihm raunte; er moͤchte doch — h mit ihm kommen; der der bei der Gefangenneh⸗ rhalten, wozu der kalte laͤge in den lesten Zuͤ⸗ dem Altem, vor ſeinem Ende, zu geſtehen. Cora llo mach eine der Gefangenen, mung eine Wunde e Brand ſich geſchlagen, gen und haͤtte Mehreres noch te der Geſellſch Corallo. Freie fuͤhren ſollte. Obwohl ſie nach der Beſchreibung Tor⸗ quano's alle darauf gefaßt waren, den ruch⸗ loſen Mark zu ſehen, ſo entſetzten ſie ſich doch, ſo ſchwollen doch die Adern Corallo's hoch auf vor Wuth, als man ihn wirklich her⸗ 257 beifuͤhrte. Er ſelbſt ſchien aber auch uͤber die bekannten Geſichter entſetzt zu ſeyn; frug aber doch, nachdem er von ſeinem erſten Schrecken ſich erholt, mit einer erheuchelten Gleichguͤl⸗ tigkeit, die allgemeines Erſtaunen erregte, ob ſie durch den Zufall der ihn hergefuͤhrt, auch bengekonndr waͤren? dabei wandte er ſich an Lauretten, ſich freuend ſie hier zu ſehen um mit ihr nun zugleich das Thal Pellaſſon zu koͤnnen. Betruͤger! Verdammter! griff Corallo ihn vor der Bruſt und ſtieß ihn weit von Lauretten weg, er konnte ſich jetzt in ſeinen Wuth nicht mehr maͤßigen. Wiſſe, buͤbiſcher Mark, den der Satan mir zum Obeim gab. deine Bosheiten ſind entdeckt. Jetzt brachte man den andern Gefangenen 4 uuf einer Tragbahre, und auf den erſten Blick erkannte Corallo wie auch Barnelli den verrufenen Anton aus dem Dorfe vor Mo⸗ liſe. Dieſer bat die Umſtehenden, ohne Stoͤ⸗ rung ſeine Geſtäͤndniſſe zu vernehmen, weil er fuͤhle, daß ſeine letzte Stunde geſchlagen haͤt⸗ te und ſogar befuͤrchte, daß der Tod ſie kaum beendigen ließe. Doch wuͤnſche er zuvor die Verzeihung des Alten vom Thale, des erkann⸗ ten Carl von Roſenſtern, weil er ſonſt verzweifeln muͤſſe. Geruͤhrt ließ dieſer ſich Corallo II. 258 zu ihm fuͤhren, und reichte den Sterbenden b die verſoͤhnende Hand. Innig kuͤßte der ſter⸗ Jende Anton dieſe und hob nun getroͤſtet an: SIo bin ein geborner Deutſcher und war da⸗ malz ſchon bei Mark von Roſenſtern, als Palm bei dem alten Baron fuͤr ſeinen Freund Carl um die vaͤterliche Erlaubniß zu einer Heirath anhielt. Kaum erhielt Mark Aachricht hiervon, als er auch ſchon Plaͤne dieſes zu hindern, ſchuf. Palm wurde auf der Ruͤckreiſe von uns uͤberfallen, ergriffen uund nach einem der öden Schlöſſer des Gra⸗ fen Trauſteins, woruͤber mein Herr, Ge⸗ bieter war, geführt und gefangen gehalten. on da reiſeten wir nach Florenz und wuß⸗ ten auch Cuch, Baron Carl, von da wegzu⸗ fuͤhren. O, die nachfolgende Greuelthat, koͤnn⸗ nes Lebens,—— nach mehreren Aeußerun⸗ geen ſeiner Reue fuhr er fort: Eures Bruders IDorſatz war, Euch zu morden, da der eine „(Gehuͤlfe von uns aber dieſes Thal kannte, ſo 4 ußten wir ihn zu uͤberreden, Euch geblendet eeher zu bringen. Ihr mußtet ſchwoͤren 8 von dem an Euch begangenen Bubenſtreich * nichts zu verrathen. Doch die Wuth Cures Bruders erreichte den hoͤchſten Gipfel, als er uhr, daß ihr ſchon wirklich verheirathet waͤ⸗ te ich ſie verwiſchen von dem Regiſter mei⸗