— — 8 ⁸ △ — ‿ N 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edujard Oktmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 1 4. Abonnement. Daſſelbe imuß voraus zbezahlt werden und eträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: blcher iehere auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. „. 5— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 pM 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Jugend⸗Bibſiolhef. Herausgegeben von Guſtav Nieritz. Ueunzehnter Jahrgang. Drittes Bändchen. Der Schiffscapitain. Leipzig. Voigt& Günther. Vorwort an Eltern und Erzieher. Im Jahre 1847 ſchrieb ich meine„Glückliche Inſel“,“) deren Tendenz es iſt, den Verfall einer auf dem falſchen Grunde einer äußern Gleichheit erbauten Geſellſchaft nachzuweiſen. In nachſtehender Erzählung gebe ich das Gegenſtück zu genannter Schrift. Ich nehme zunächſt die oben bezeichnete Idee noch einmal auf, begnüge mich aber nicht damit, Negatives dar⸗ zuſtellen, ſondern baue poſitiv auf, indem ich eine Geſellſchaft aus dem Zuſtande der Anar⸗ chie heraus bis zu einer gewiſſen Vollendung ſich entwickeln und geſtalten laſſe. Dort zeige ich den Verfall, hier den Aufbau der Geſell⸗ ſchaft. In einem Gemeindeleben, welches das Fami⸗ lienleben im Großen und das Staatsleben im Kleinen darſtellt, laſſe ich die Elemente hervortreten, die zur Erhaltung und Vollendung des Einen und des Andern nothwendig ſind. Keinem der oben bezeichneten ge⸗ *) Erſchienen in der Jugendbibliothek von G. Nieritz, 8. Jahr⸗ gang, 1847. ehrten Leſer wird es zweifelhaft ſein, welche krankhaften geſellſchaftlichen Erſcheinungen ich durch beide Schrif⸗ ten zu bekämpfen ſuche. Es iſt mit gewiſſen commu⸗ niſtiſchen und ſocialiſtiſchen Elementen, wie mit der Cholera: ſie begleiten die moderne Geſellſchaft. Möge man ſich doch in ruhigen Zeiten nicht einer falſchen Sicherheit hingeben, vielmehr fortgeſetzt die nöthigen Mittel anwenden, welche geeignet ſind, bei den von Zeit zu Zeit ausbrechenden geſellſchaftlichen Krankhei⸗ ten die Möglichkeit der Anſteckung zu ver⸗ ringern! Ich meinerſeits möchte gern mein Scherf⸗ lein dazu beitragen, jene gefährlichen Uebel beſeitigen zu helfen. Von meiner„Glücklichen Inſel“ wird ſoeben eine zweite Auflage vorbereitet. Möchte auch die vorlie⸗ gende Schrift ihre Freunde und Förderer finden! Berlin. 8— Der Verfuͤſſer. r Der Schiffscapitain. Eine Erzählung kür Zung und Alt von Ferdinand Schmidt. *. e 5.— „ Die Auswanderer. In dem vorliegenden Buche werde ich meinen Leſern einen jungen Mann vorführen, ohne ihnen jedoch ſeinen Vatersnamen zu nennen. Sein Vorname heißt Reinhold, und dieſer Name mag zu ſeiner Bezeichnung genügen. Ich bin mit ihm verwandt, und wir nennen uns Vettern. Wohl Jahr und Tag hatte ich ihn nicht geſehen. Da machte er mir eines Tages ſeinen Beſuch. Augenſcheinlich befand er ſich in einer freudigen Aufregung. Er theilte mir mit, daß er gekommen ſei, um von mir Abſchied zu nehmen. Willſt Du reiſen? fragte ich. Wohin denn? Zunächſt nach H., erwiderte er. Von dort begebe ich mich mit noch einer großen Zahl Gleichgeſinnter nach Neu⸗ holland. Ah, das Auswanderungsfieber hat Dich ergriffen, ſagte ich. Ihr wollt Euch dort niederlaſſen und eine Gemeinde bilden?— G Ja wohl, erwiderte er, eine Gemeinde, wie ſie die Welt noch nie geſehen hat. Niemand ſoll Herr, Niemand Knecht, Alle ſollen Brüder ſein!— Ja, fuhr er fort, magſt dDu immerhin die Achſeln zucken, lieber Vetter, der Erfolg wird es lehren, ob ich recht geredet habe. 1* .„ 4 Darnach begann er in begeiſterter Weiſe von den Herr⸗ lichkeiten der neuen Heimath zu reden. Es iſt mir Manches von dem, was er mir ſagte, noch ſo gegenwärtig, als hätte ich es erſt geſtern vernommen. Ich werde Einiges davon anführen, bemerke aber ausdrücklich, daß ich nicht ſcherze, ſondern die volle Wahrheit rede. Die Waſſermelone und die Pfirſiche, behauptete er, ſeien in dem von ihm bezeichneten Theile Auſtraliens ſo häufig, daß man die Schweine damit füttere; aus den erſteren laſſe ſich eine Suppe bereiten, die, gieße man nur ein wenig Eſſig hinzu, wie Weinſuppe ſchmecke. Weintrauben gäbe es dort, wie ſie einſt von den Botſchaftern Joſua's in Canaan gefunden worden ſeien; ein Einzelner vermöge kaum eine Traube zu tragen. Der Metallreichthum des Landes ſei ungeheuer, die Aktien der Burramine ſeien vpon 5 Pfd. Sterling bis zu 200 Pfd. Sterling geſtiegen. Die Luft ſei buchſtäblich von Nahrungsſtoffen angefüllt, ſo daß man längere Zeit ohne Speiſen zu ſich zu nehmen, leben könne. Der Menſch erreiche dort ein hohes Alter und ſchlafe dann ſanft ein. Und wie es nun mit der kör⸗ perlichen Geſundheit ſtehe, ſo ſtehe es auch mit der geiſtigen. Pathetiſch hatte der junge Mann geſprochen. Ich un⸗ terbrach ihn hier mit der proſaiſchen Frage: Werdet ihr auch Nachtwächter dort gebrauchen? Nachtwächter? entgegnete er voll Staunen. Was ſol⸗ len dieſe denn bewachen? Bei uns wird der Grundſatz herrſchen: Alles gehört Allen! Lieber Reinhold, ſagte ich, laß uns einmal annehmen, die Schaar der Auswanderer beſtehe durchweg aus edel⸗ denkenden Leuten. Hat nicht dennoch— dies wirſt du mir 5 zugeſtehen— Dieſer und Jener unlautere Neigungen, die ſich bisher gelegentlich in entſprechenden Thaten äußerten? Wer⸗ den dieſe böſen Neigungen im Vaterlande zurückgelaſſen, oder werden ſie von denen, die ſie haben, mitgenommen? Oder endlich: werden ſie vielleicht unterweges über Bord in's Meer geworfen?— Reinhold ward durch dieſe Frage keinesweges in Ver⸗ legenheit geſetzt. Mit erhobenem Haupte und mit dem Ausdrucke freudiger Zuverſicht ſprach er: Dieſe böſen Niönngen ſchwinden, je mehr wir uns jenem Lande nähern. O, lächle immerhin,— ich weiß, was ich weiß!— Ich habe Nachrichten aus dem Munde freier Männer, die dem Dunſt der heimathlichen Atmoſphäre entflohen und dort geneſen ſind an Leib und Seele! Er erhob ſich, um zu gehen. Was ſollte ich ihm auf ſeine letzten Aeußerungen ſagen? Armer, dachte ich, wie bald wirſt Du aus Deinem Himmel fallen!— Sollte ich gegen ſeine thörichte Illuſionen kämpfen? Vielleicht wäre es recht geweſen, es zu thun. Ich unterließ es. Er machte auf mich den Eindruck, als ſei er für den Augenblick unbe⸗ lehrbar. In den Wind mochte ich nicht reden. Ich ſagte nur: So wie Du jetzt hinausgehſt in die Ferne, ging ſchon Mancher, und wie kam er wieder! Ja, entgegnete er, mit mir iſt das eine ganz andere Sache. Ich bin ja, wie ich Dir ſchon ſagte, Mitglied einer Geſellſchaft von freien, gleichgeſinnten Seelen. Wir ſind ganz klar über die Grundſätze, nach denen wir leben wollen. Wir werden die erſte, wahrhaft menſchliche Gemeinde bilden; 6 ja wir werden es der Welt zeigen, wie man ohne geiſtliche und weltliche Obrigkeit fertig werden kann! Wir ſehen uns wieder, mein lieber Reinhold! ſagte ich. Nimmermehr! entgegnete er. Müßte es denn ſein, daß ich käme, um den Leuten hier von unſerm Wohlergehen Kunde zu bringen und ſie zu mahnen, ſich aus ihrer Knecht⸗ ſchaft zu erheben! Nein, ſagte ich, Du wirſt kommen als ein von ſeinem Irrthum Geheilter, als ein Geläuterter! Ich ergriff ſeine Hand. Lieber Vetter, ſagte ich, höre noch einen Rath von mir! Du reiſeſt mit Gleichgeſinnten— nimm noch einen vertrauten Freund mit Dir— die Feder.— Ich meine: führe ein Tagebuch. Beichte dieſem Buche Alles, was Du auf dem Herzen haſt. Trage die Erlebniſſe der Reiſe ein. Glaube mir: die Feder iſt ein Zauberſtab. Was man niederſchreibt, wird Einem klarer, als es vor⸗ her war. Er entgegnete: Ich verſpreche Dir mit Hand und Mund, dieſem Wunſche nachzukommen. Frellich, ſetzte er lächelnd hinzu, den Zweck wird das Tagebuch nicht erfüllen, den Du im Sinne haſt.— Wer kann in die Zukunft ſchauen! ſagte ihe Thue einmal, als ſchriebeſt Du dies Tagebuch für mich, als woll⸗ teſt Du mir's ſenden oder— bringen. Er nahm herzlich Abſchied von mir, ich wünſchte ihm Gottes Segen, und er ging. Etwa ein und ein halbes Jahr war ſeit jenem Vorfalle vergangen. Oft dachte ich an Reinhold und an ſeine gleich⸗ geſinnten Freunde. Ich erkundigte mich bei ſeinen näheren 7 Verwandten nach ihm, doch war Keinem Kunde über ihn geworden. Da erhielt ich eines Tages ein kleines Packetchen durch die Poſt. Ich öffnete es, und vor mir lag— Rein⸗ hold's Tagebuch.— Dieſes Tagebuch gebe ich nun den Leſern in den folgen⸗ den Blättern. Daß die Veröffentlichung mit Reinhold's Wiſſen und Willen geſchieht, füge ich hier ſchon bei. Nä⸗ heres darüber werd en die Leſer weiterhin erfahren. 1. Das Schiff. Das war eine Fahrt von B.... nach H.....! In ſieben Stunden machten wir einen Weg von 35 Meilen: Ich ſah mir die deutſche Erde noch einmal genau an. In Blitzes⸗ ſchnelle ſchienen die nahen Bäume und Sträucher vorüber zu huſchen, langſamer ſchwan den die entfernteren dahin, die Aecker, die Wieſen mit den bunten Heerden, die umgrünten Dörfer, am längſten erhielten ſich die den Horizont einſchlie⸗ ßenden, in Nebel eingehüllten dunkelbewaldeten Bergreihen. Endlich war H. erreicht, die ſchöne Stadt mit dem Hafen, in dem ſtets 5— 600 Seeſchiffe ankern. Welche Luſt, Arm in Arm mit Freunden in den Straßen der Stadt umher zu wandern, vom Stintfang aus auf das bunte Gewühl im Hafen zu ſchauen, durch den prächtigen Bazar zu gehen, oder am Alſter⸗Baſſin zu ſitzen, von wo aus man rechts und links 8 die großartigſten Gebäude der Stadt überſchauen kann. Auf dem letzteren Orte tranken wir einige Flaſchen Wein, ſangen, lärmten und ſtießen oftmals auf eine glückliche Fahrt an. Nicht weit von uns ſaß ein ältlicher Herr. Mehrmals ſchauete er aufmerkſam nach uns hin. Endlich erhob er ſich, trat uns einen Schritt näher und ſprach: Sie wollen auswan⸗ dern, meine Herren? Wir bejaheten ſeine Frage. Darf Ihnen, fuhr er fort, ein alter Mann eine Lehre geben? Warum nicht, ſagte Stein. Wir werden ſie aber nur annehmen, wenn ſie uns behagt. Dieſen Worten folgte eine allgemeine Heiterkeit. Ich ſehe, ſprach der Mann, daß Sie nicht in der Stimmung ſind, eine gute Lehre anzuhören. So will ich mich darauf beſchränken, ſie an Worte zu erinnern, die Sie kennen, aber nicht beherzigt haben. Mit erhobener Hand und Stimme ſprach er hiernach: Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!— Gieße nicht trübes Waſſer aus, bevor Du beſ⸗ ſeres haſt!— Der Pfennig gilt da, wo er ge⸗ ſchlagen wird, am meiſten!— Nach dieſen Worten wandte er ſich um und verließ uns. Wir lärmten ihm nach, einige lachten laut, andre murrten, Stein rief ihm nach: er ſolle ſeine Weisheit auf Actien an⸗ legen ꝛc., bald indeß war die Sache vergeſſen. Heut erwarten wir unſer Schiff. Es heißt Mercur. Stein machte uns eine angenehme Schilderung von dem⸗ ſelben. Von dem Reiſegelde hat er nichts abhandeln können. Es bleibt dabei: 76 Thlr. Pr. C. koſtet das Zwiſchendeck — 9 und 150 Thlr. die Cajüte. Immerhin! Würde ich doch den letzten Thaler hingeben, um aus dieſem verpeſteten. deutſchen Lande zu kommen! Hurrah, das Schiff iſt da! Ich war heut zum erſten Male an Bord deſſelben. Wie bebte mir das Herz vor Wonne! Ich habe mir das Schiff genau beſchaut und will gleich einige Notizen über daſſelbe in mein Tagebuch eintra⸗ gen. Die zur Aufnahme der Paſſagiere beſtimmten Räume ſind die Cajüte und das Zwiſchendeck. Erſtere, am Hin⸗ tertheile des Schiffes gelegen, hat mit dem Zwiſchendeck, von dem ſie nur durch eine Bretterwand getrennt iſt, eine gleiche Höhe. Das Zwiſchendeck nimmt den größeſten mitt⸗ leren Raum des Schiffes ein, am Vordertheil befindet ſich das Logis der Matroſen. Das Zwiſchendeck unſeres Schiffes hat eine Länge von etwa 80 Fuß. Zu ihm führen, außer der Hauptluke in der Mitte, durch welche die Ladung in die untern Räume eingenommen und welche ſpäter ganz ver⸗ ſchloſſen wird, zwei kleine Luken, am Vorder⸗ und Hinter⸗ theil gelegen, ſo daß man auf einer Stiege ungefähr zehn Fuß hinabſteigt. Auf den Seitenwänden ſind rechts und links die Cojen befeſtigt, d. h. feſtſtehende, 6 Fuß lange und 6— 7 Fuß breite Bettſtellen, zu zweien über einander, von den nebenanliegenden durch Bretterwände getrennt, nach der innern Seite des Schiffes offen und nur mit einem leichten Vorhange verſehen. Dieſelben ſind für 4—5 Perſonen eingerichtet. Der zwiſchen beiden Cojenreihen befindliche Raum dient zur Aufnahme des Reiſgepäcks und war auf 10 unſerm Schiffe ſo reich mit Kiſten, Koffern, Mantelſäcken, Reiſetaſchen, Körben ꝛc. beſetzt, daß nur ein ſehr ſchmaler Gang zu beiden Seiten übrig blieb, in dem zwei ſich be⸗ begnende Perſonen kaum einander ausweichen konnten. Nur ſparſam wird dieſer Raum erhellt, theils durch die offen ſtehenden Luken, theils durch längliche dreikantige Gläſer, welche in dem Deck befeſtigt ſind. Ich muß mir ſelbſt das Lob geben, daß ich gewiſſenhaft mein Wort zu löſen ſuche, das ich dem um mein Wohl und Wehe beſorgten S. in B. in Betreff der Führung des Tage⸗ buches gegeben habe. Wird er es denn jemals ſehen? Schwerlich. Er müßte denn zu beſſerer Einſicht kommen und auch nach Auſtralien auswandern. Dann wäre es möglich, daß wir einmal zuſammenträfen. Doch ich gab ihm mein Wort, das Tagebuch ſorgſam zu führen, und es ſoll auch fernerhin geſchehen. Vielleicht iſt es mir ſpäter⸗ hin ſelbſt lieb, dieſe Notizen gemacht zu haben. Außerdem iſt ja auch das Schreiben eine angenehme, nicht zu verach⸗ tende Uebung. Schon acht Tage liegen wir in Hamburg. So ſchön es nun auch hier iſt— ich ſehne mich doch unendlich nach der Abfahrt. In dieſen Tagen gab es viel Arbeit im Schiffe. Die meiſten für das Zwiſchendeck beſtimmten Kiſten mußten umgepackt werden, da ſie ſich für den beſchränkten Raum als viel zu groß erwieſen, andre, für den untern Raum beſtimmt, konnten gar nicht untergebracht werden. Es herrſchte auf dem Schiffe eine babylon iſche Verwirrung. Tiſchler waren 11 beſchäftigt, die nöthigen Räumlichkeiten abzuſchlagen; überall lagen Kiſten, größere und kleinere Packete bunt durcheinan⸗ der; ſuchend und fragend, auch wohl polternd und ſchimpfend liefen die Paſſagiere herum, um ihre Habſeligkeiten in Sicher⸗ heit zu bringen, oder ſich einigermaßen einzurichten. Du lieber Himmel, wenn das nur kein böſes Vorzeichen iſt! Doch nein. Sind wir nur erſt auf dem Meere, dann wird die Harmonie gewiß wieder hergeſtellt werden. 2. Abfahrt. Das Schiff hat den Hafen verlaſſen. Jubel ertönte vom Verdeck. Auch ich ſchwenkte meinen Hut, doch— mitzuju⸗ beln vermochte ich beim beſten Willen nicht. Es iſt doch ein gar eigenes Ding: das Vaterland verlaſſen!— Ich lehnte mich über Bord. Mein Herz war mir ſchwer, heiß ward es mir in den Augen. Wenn mir die Cameraden die Bewegung angeſehen hätten, ſo wäre ich verſpottet und ver⸗ höhnt worden. Sie tobten und lärmten indeß, was mir heut nicht gefiel. Seit vierzehn Tagen ſchwimmen wir nun auf dem Waſſer. Die Seekrankheit hat uns viel zu ſchaffen gemacht. Kaum hatten wir die Nordſee erreicht, ſo ging die Noth an. * 12 Da gab es Klagen und Geſtöhn auf allen Ecken und Enden. Keines der Mittel, die dagegen angewendet wurden, bewährte ſich, höchſtens verzögerte das Eine oder das Andere den Ausbruch des Uebels. Einige genoſſen nichts, Andere füll⸗ ten den Magen; Dieſe beſchloſſen, das Unvermeidliche liegend in der Coje zu erwarten; Jene tranken, ſangen und ſprangen und verſuchten dem Uebel die Stirn zu bieten. Vergebens! Sie wurden wie die Andern von der Seekrankheit ergriffen. Ich lag wohl 30 Stunden in dumpfer Bewußtloſigkeit in meiner Coje. In dieſem Zuſtande wäre mir der Untergang der Welt gleichgültig geweſen. Als ich wieder zu mir kam, war rings umher Alles krank. Hier ächzten Kinder, dort gab es bittre Vorwürfe, welche die ſchwer leidende Frau über ihren Gatten ausſchüttete, der ſie veranlaßt habe, auf das Schiff zu gehen, wo ſie nun den Geiſt aufgeben müſſe ꝛc. Jetzt ſind alle Paſſagiere vollkommen von der Seekrank⸗ heit geheilt, bis auf einige Frauen, die bei jeder einiger⸗ maßen lebhaften Bewegung des Schiffes von Uebelkeiten befallen werden. Wir haben— etwas über drei Wochen ſind wir unter⸗ weges— die Nordſee und den Kanal glücklich paſſirt. All⸗ mählig gewöhnt man ſich an das Seeleben. Das wärmere Klima macht es ſelbſt den Schwachen und Kranken möglich, einige Stunden des Tages ſich des heitern Sonnenſcheins und der milden, reinen Luft zu erfreuen. Der Anblick des Meeres und der mannigfach wechſelnden Erſcheinungen auf G demſelben, die prachtvolle Färbung des Himmels, beſonders bei Sonnen⸗Aufgang und Untergang erhebt die Seele und gewährt Zerſtreuung; hierzu kommen noch Lektüre und man⸗ cherlei Spiele. 3. Das weite Grab. Wir haben einen Todesfall am Bord gehabt. Ein klei⸗ ner Knabe ward plötzlich krank und ſtarb ſchon in der fol⸗ genden Nacht. Es war ein herziger Junge, den die meiſten Paſſagiere lieb gewonnen hatten. Zu mir kam er täglich, ſobald er gefrühſtückt hatte, bot mir ſeinen guten Morgen und ſagte dann: Onkel Reinhold, erzähle mir etwas, oder male mir etwas, oder geh' mit mir auf's Verdeck. Wenn ich dann ſagte: Otto, erſt mußt Du mir ſagen, wie lieb Du mich haſt! dann umſchlang er mit ſeinen Armen meinen Hals und herzte und drückte mich. Wie reich war das Knäblein an ſchalkhaften Einfällen! Nun iſt der rothe Mund erblaßt, das helle Augenlicht erloſchen! Einer der Paſſagiere, Alexis, ein, wie es ſcheint, ſehr wohlwollender Mann, hat ſich ſehr dienſtwillig bei dieſem traurigen Vorfall bewieſen. Er iſt nicht von der Seite des Kindes gewichen, das gegen 2 Uhr Nachts ſeinen Geiſt auf⸗ gab. Ich habe ihn geſtern zum erſten Male genauer be⸗ trachtet. Er ſcheint faſt dreißig Jahr alt zu ſein, iſt ziem⸗ lich groß, hat ein edles Geſicht, und in ſeinem Weſen etwas 14 Ernſtes, ich möchte ſagen, Feierliches. Morgen ſoll die kleine blaſſe Kinderleiche begraben— was ſage ich!— ins tiefe Meer geſenkt werden.— Es iſt heut geſchehen— Otto's Hülle wurde hinabge⸗ ſenkt in die Meerfluth. Welch ein großartiges und ergrei⸗ fendes Schauſpiel! Die Zeit des Sonnenunterganges war für die traurige Ceremonie erwählt worden. Wie ich ver⸗ nommen habe, pflegt die Einſenkung gewöhnlich um dieſe Zeit zu geſchehen. Auf dem Verdecke hatten ſich die Vor⸗ ſtandsmitglieder ſchon eine Stunde vorher zu einer Whiſt⸗ partie zuſammen gethan— freilich ein greller Gegenſatz zu jenem Acte. Ihrem Beiſpiel war noch eine Zahl von Paſſa⸗ gieren nachgekommen, ſo daß auf drei Orten geſpielt wurde. Andre ſtanden oder ſaßen umher und ſchaueten einem oder dem andern Spiele zu. Jetzt kam der Vater die Stiege herauf mit der Leiche ſeines Kindes. Sein Sarg war ein Stück Segeltuch. An dem Fußende der Leiche war ein kleiner Sack mit Steinkohlen befeſtigt, der ſie in die Tiefe ziehen ſollte. Nun gab der Capitain das Zeichen, das Schiff beizudrehen, d. h. daſſelbe durch andre Stellung der Segel in ſeinem Laufe zu hemmen; eine Trauerfahne war ſchon vorher aufgezogen worden. Die Leiche des Kindes lag auf einem Teppich. Dem Vater ran⸗ nen Thränen über die Wangen, die Frau, in ſchwarzen Kleidern, brach faſt zuſammen. Alexis ſtand den trauernden Eltern zur Seite. Eben ſenkte ſich die Sonne in's Meer. Wer vermag ein ſolches Schauſpiel zu ſchildern! In Gold und Purpur blitzten und leuchteten Himmel und Meer. Ein dünner Wol⸗ kenſchleier ſänftigte die Strahlen der Sonne, ſo daß man hinein ſchauen konnte in die Pracht. Welch ein Farbenſpiel ſchimmerte dem ſtaunenden Beobachter entgegen! Wie leuch⸗ teten und funkelten die von einem mäßigen Winde erhobenen Wellen! Sogar unſer Schiff war umleuchtet von einem goldenen Schimmer. Der Capitain entblößte ſein Haupt. Ein Gleiches ge⸗ ſchahe von den die Leiche im Kreiſe umſtehenden Matroſen, worauf der älteſte derſelben das Lied:„Jeſus meine Zuver⸗ ſicht“ anſtimmte. Sämmtliche Matroſen fielen ein, wie auch einige in der Nähe ſtehende Paſſagiere. Die Kartenſpieler ließen ſich indeß nicht ſtören, ſondern ſpielten weiter. Nach⸗ dem zwei Verſe geſungen worden waren, ward die Leiche in das tiefe, wogende, funkelnde Grab geſenkt. Das Waſſer ſchloß ſich über der Leiche— ſie war auf immer den Augen der Eltern entrückt. Die Matroſen beteten ein ſtilles Vater⸗ Unſer. Dazwiſchen ertönte Aufſchlagen der Karten, auch vernahm man Bemerkungen, wie ſie beim Kartenſpiele vor⸗ zukommen pflegen. Will ich ehrlich gegen mich ſein, ſo muß ich mir eingeſtehen, dies hat mich tief verletzt. Doch das Aergſte kam noch. Kaum waren die trauernden Eltern in das Zwiſchendeck hinabgeſtiegen, ſo begannen die Spieler über die ſtattgehabte Ceremonie laut zu witzeln und zu lachen. Der heimathliche Blödſinn ſcheine immer noch in den Köpfen Einzelner zu ſpuken, ſagte Einer. Stein entgegnete, der⸗ gleichen Schwindeleien dürften in der neuen Heimath nicht geduldet werden. Es würde dies auch andre böſe Gewohn⸗ heiten hervorrufen und dadurch der Freiheit leicht Abbruch geſchehen. Ein Andrer bemerkte, man müſſe ſolche Gebräuche lächerlich machen. Damit begann er, auf die Melodie des eben geſungenen Kirchenliedes einen trivialen Text zu ſingen. Er ſang mit zitternder Stimme, wie ich Frauen habe in Dorfkirchen ſingen hören. Gelächter begleitete ſeinen Vor⸗ trag. Man hatte indeß die Karten weggelegt, da es zum Spielen nicht mehr hell genug war, und begann nun aller⸗ hand tolle Lieder zu ſingen. Ich habe wohl ſonſt dergleichen Lieder auch gern mitgeſungen, heut aber waren mir dieſelben zuwider. Ich war traurig geſtimmt, nicht allein wegen des Todesfalles, ſondern auch in dem dadurch wach gerufenen Andenken an meine mir ſo früh durch den Tod entriſſenen Eltern. Als ich die Stiege hinab ging, hörte ich, wie ein Matroſe zum andern ſagte: Ich glaube es nimmermehr, daß wir das Ziel unſrer Reiſe glücklich erreichen, denn die Mehrzahl der Paſſagiere ſind gottvergeſſene Menſchen, wie es kaum böſere geben kann.— Ich ging zu den Leidtra⸗ genden und fand ſie ſehr niedergeſchlagen. Das tolle Trei⸗ ben auf dem Verdeck machte ihren Schmerz nur noch bren⸗ nender. Alexis fand ſich auch ein und begann Mancherlei zu erzählen. Er kam wie von ungefähr auf Dies und Jenes, und doch wollte es mir ſcheinen, als habe er überall den ge⸗ heimen Zweck, zu tröſten und aufzurichten. Ich ſchreibe dies in der Cajüte, indeß mir gegenüber eine Bowle getrunken wird. Wüßte man, was ich geſchrie⸗ ben habe— ich glaube, man würde dies Buch nehmen und es mit ungeheurem Hallo ins Meer werfen. Ich muß auf⸗ paſſen, daß mein Buch Niemand in die Hände bekommt. 17 Es war mir geſtern Abend nicht möglich, mich um die gewöhnliche Zeit niederzulegen. Das Geſchehene hatte mir die Seele zu ſehr aufgeregt. Ich pegab mich auf das Ver⸗ deck und ſetzte mich dort am Maſt nleser. Niemand ſtörte mich hier in meinen Betrachtungen. Lebhaft ſtand die Trauerſcene vor meinen Augen; die verhüllte Leiche, die trauernden Eltern, im Kreiſe die ernſten Matroſen und andre Theilnehmende. Und ſolche Scene konnte geſtört werden von Mitgliedern unſrer Geſellſchaft!— Ich ge⸗ dachte ihres Hohnlachens, ihrer frivolen Bemerkungen, ihrer tollen Geſänge. Alles dies gab mir viel zu denken. Es iſt wahr, wir haben unſer Vatexland verlaſſen, um frei zu wer⸗ den von mancherlei Voruipheilen und Mißbräuchen. Doch wo hat dieſe Freiheit ihre Grenz en? Verwirft ſie jeden heiligen Gebrauch?— 8es Kindes gedachte ich mit Lebhaftigkeit, des Kindds nir ſo lieb geweſen war. Silbern funkelte das ℳ des Mondes und der Sterne in den Wogen. Welch' eine grauſfge Tiefe aber— ſagte ich mir— verbirgt der glänzende Meeresſpiegel? Ich gedachte der Schillerſchen Ballade„Der Taucher“, die ich in der Schule gelernt hatte: „Es freue ſich, Was da lebet im roſigen Licht; Da unten aber iſt's fürchterlich, Und der Menſch verſuche die Götter nicht Und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Was ſie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“ Das traurige Schauſpiel wiederholte ſich in meiner Phantaſie. Ich ſah die Leiche ſinken, tiefer und inmer tiefer Der Schiffacaͤitain. 18 in die feuchte, ſchwarze Nacht hinein. Schneller wird ihre Bewegung, bedeutender die Entfernung von der Oberfläche, aber unermeßlich noch gähnt die Tiefe empor. An der Leiche vorüber ſchießen die Ungeheuer des Meeres „— der gefräßige Hai, des Meeres Hyäne, Der ſtachliche Roche, der Klippenfiſch, Des Hammers gräuliche Ungeſtalt.“ Endlich hat ſie den Grund erreicht und ruht nun auf demſelben zwiſchen Muſcheln und wunderbar geſtalteten Thieren, die ſich nie zum Lichte herauf wagen. Ihr armen Eltern, wie müſſen Eure Herzen beben, wenn ähnliche Gedanken Euch beſtürmen!— 4. Anter der Linie. Wir haben glücklich die Linie paſſirt. Daß die Matroſen es ſich nicht würden entgehen laſſen, das Neptunfeſt zu feiern, hatte ich mir längſt gedacht. Wer die Linie paſſirt, muß nun einmal dem Meeresgotte ſeinen Tribut bringen. Mittags 12 Uhr öffnete ſich die Luke des Vordertheils unſers Schiffes und Seine Neptuniſche Majeſtät erſchien. Ein kräftiger, bausbackiger Matroſe hatte die Götterrolle übernommen. Er trug eine Mütze von ſchwarzem Segeltuch, ein rothes Hemd, eine Schärpe von geflochtenem Tauwerk und einen hölzernen Säbel an der Seite. In der Hand hielt er den 19 ſeine Macht verkündenden Dreizack. Bart und Perücke waren aus Hanf verfertigt. Sein Gefolge beſtand aus Nymphen und gräßlichen Seeungeheuern, die bei ihrem Er⸗ ſcheinen entſetzlich grunzten und blökten. Alsbald erſchien Amphitrite, die Gemahlin Neptun's, ebenfalls von Nymphen und Ungeheuern umgeben. Beide Majeſtäten begaben ſich nun zum Capitain des Schiffes und baten denſelben um Erlaubniß, unter den Paſſagieren nachſehen zu dürfen, ob einige derſelben zum erſten Male die Linie paſſirten. Als ihnen in freundlicher Weiſe die Erlaubniß dazu ertheilt wor⸗ den war, hielten ſie ihren feierlichen Umzug auf dem Ver⸗ deck und nahmen darnach ihren Platz auf einem für ſie be⸗ reiteten zweiſitzigen Throne ein. Vor demſelben ſtand ein großer Waſchzuber, der zur Hälfte mit Seewaſſer angefüllt war. Zunächſt trat jetzt der Secretair der Meeres⸗Maje⸗ ſtät hervor, der in der einen Hand ein großes Buch und in der andern eine Feder hielt und uns ankündigte, daß er ge⸗ kommen ſei, einzutragen, wie viel Tribut wir dem Neptun zu zahlen gedächten. Ein Triton ſammelte nun in einer Muſchel den Tribut ein, der ziemlich reichlich ausſiel, was dem Meeres⸗Beherrſcher ſehr zu behagen ſchien. Daher mochte es wohl auch kommen, daß mit uns ſehr gnädig ver⸗ fahren ward. Wie man mir mittheilte, pflegt man auf den meiſten Schiffen in folgender Art zu verfahren. Nachdem man dem Betheiligten den Kopf geſchoren hat, werden ihm die Augen verbunden. Dann führt man ihn gegen ein ausgeſpanntes Tau, das die Linie vorſtellt. Dies muß er überſchreiten, wobei ihm drei Eimer Waſſer über den Kopf gegoſſen werden. Hiernach kommt der Barbier, der ihm 2* das Geſicht mit Theer einſchmiert und ihn darauf mit einem verroſteten Stück Eiſen, das er auf der Ankerkette ſtreicht, barbiert. Endlich wird er rücklings in den Zuber geworfen und abgeſpült. Mit uns ward, wie ſchon bemerkt, gnädiger verfahren. Statt des Theeres wandte man Ruß an, ſeatt des verroſteten Eiſens ein hölzernes Barbiermeſſer. Auch wurde Niemand von uns in den Zuber geworfen, ſondern die Diener Neptun's begnügten ſich, uns ein wenig mit Seewaſſer zu begießen. Deſſen ungeachtet widerſetzten ſich mehrere von uns dem harmloſen Scherz und droheten, ſich allenfalls mit Meſſern zur Wehr zu ſetzen, wenn man es wagen wollte, ſie anzus rühren. Glücklicher Weiſe waren die Meeres⸗Majeſtäten harmloſer Natur, und ſo endete das Feſt in Frieden. Ich hatte gefürchtet, von der Hitze unter der Linie mehr leiden zu müſſen, als es der Fall war. Die Nacht im Schiffsraum zuzubringen, war mir freilich nicht möglich. Ich ſuchte mir auf dem Verdeck ein Plätzchen und behauptete daſſelbe ſelbſt im Regen. Ein Hai! ein Hai! ertönte es heut plötzlich auf dem Verdeck. Alles ſtrömte herbei, um das See⸗Ungethüm z3u ſehen. Ich ſchaute hin und her, bemerkte aber nichts. Dort, dort! ſagte ein Matroſe, indem er uns auf die über dem Waſſer ſtehende Rückenfloſſe des Haifiſches aufmerkſam machte. Der Koch hatte ſich indeß mit einem Stück Speck und einem Angelhaken, an dem er erſteres vor unſern Augen befeſtigte, eingefunden. Der Angelhaken zeichnete ſich durch 21 ſeine Größe und eine beſondere Vorrichtung aus. Letztere beſtand darin, daß an der Seite, an welcher man ihn befeſtigt hatte, ein ſogenannter Warl angebracht war, ein andres Stück Eiſen, das mit dem Haken vermittelſt eines eiſernen Wirbels verbunden iſt. Dann folgte zunächſt eine kurze Kette und darnach erſt das Tau. Häufig geſchieht es, daß der Haifiſch, ſobald er an dem Haken hängt, ſich in raſender Schnelligkeit um ſich ſelbſt herum wirbelt. Das Tau würde er abdrehen, die Vorrichtung des Warls mit dem Wirbel aber bewirkt, daß er ſeine Bewegungen nach Belieben machen kann, ohne ſich loslöſen zu können. Das Ende des Taues wurde auf dem Verdeck befeſtigt. Es ſoll ſchon vorgekom⸗ men ſein, daß ein Hai die Matroſen, die das Tau hielten, an dem ſich der mörderiſche Haken befand, über Bord geriſſen hat. Die Kraft eines ſolchen Meer⸗Tyrannen iſt ja gewaltig. Jetzt warf der Koch den Haken mit dem Fleiſche in das Waſſer. Alles war in größter Spannung. Dicht gedrängt ſtanden wir auf dem Hinterdeck, Einige waren an den Strick⸗ leitern in die Höhe geklettert. Der Hai näherte ſich dem ausgeworfenen Köder, plötzlich aber ſchoß er vorüber, als ob er die Argliſt gemerkt hätte, die ihm den Tod bereiten wollte. Er verſchwand. Schon gaben Einige das Spiel für verlo⸗ ren, da tauchte er wieder auf und zwar nicht weit von dem Köder. Nun warf er ſich auf den Rücken, daß der hellblaue Leib deutlich zu erkennen war, und ſchoß wenige Augenblicke darauf wie ein Pfeil nach dem Fleiſche. Er verſchlang es und ſank darauf in die Tiefe. Ob er das allgemeine Jubel⸗ geſchrei mag gehört haben, das jetzt auf dem Schiffe erſcholl? An den Bewegungen des Taues konnten wir ſehen, welche 22 Manöver er vornahm, um ſich zu befreien. Als die Hef⸗ tigkeit der Bewegungen etwas nachließ, ward das Tau von vielen Händen ergriffen und man zog den Hai ſo hoch, daß man den Kopf ſehen konnte. Aufs Neue begann er zu wir⸗ beln und hin und her zu ſchießen. Vergebens! Die An⸗ ſtrengungen, die er machte, um ſich zu befreien, trieben ihm den Haken nur um ſo tiefer in den Schlund hinein. Von ſeinem Blute röthete ſich das Meer. Endlich ſagte der Koch: Er hat ſich jetzt genug ausgetobt, nun vorwärts, angezogen! Mehr als zwanzig Hände ergriffen das Tau. Unter dem frohen Zurufe der Matroſen: Oho— ohio— ho! ward des„Meeres Hyäne“ emporgewunden. Jetzt ſchwebte er frei über dem Waſſer und peitſchte die Luft in grimmiger Wuth mit ſeinem Schwanze. Um denſelben ward ihm eine Schlinge gelegt. Der Koch gab ein neues Zeichen, und im Schwunge ward der ungeheure, dreizehn Fuß lange Fiſch auf das Verdeck gebracht. Den Paſſagieren war die nöthige Vorſicht empfohlen worden. Doch würde ſich auch ohnedies Niemand dem Ungethüm nahe gewagt haben. Welch entſetzliches Auge! War es mir doch, als leuchteten Bos⸗ heit und Mordgier aus demſelben unverkennbar hervor. Die Matroſen hieben dem Hai den Schwanz ab. Aber auch jetzt noch ſchien es Manchem gefährlich, ihm näher zu treten. Eine Anzahl gewaltiger Schläge auf den Kopf tödtete ihn endlich. Das Fleiſch wurde am nächſten Tage zubereitet, doch wollte es nicht Allen behagen. 5. Ein Blick nach den Sternen. Mehrere Wochen ſind vergangen und Manches für mich äußerſt Wichtige iſt geſchehen, ſeit ich meinem Tagebuche nichts mehr mittheilte. Am 26. Mai erblickten wir das Cap Frio und legten uns in der Hoffnung nieder, am folgenden Tage in den Ha⸗ fen von Rio vor Anker gehen zu können. Unſre Hoffnung erfüllte ſich. Wir fuhren am nächſten Nachmittage durch eine von hohen Felſenufern begrenzte See⸗Enge. Dies iſt der Eingang des Hafens. Längs deſſelben erheben ſich kleine Feſtungswerke und Batterien. Nun kamen wir in ein Waſſerbecken, aus dem unzählige Maſten in die Höhe ſtarrten. In einem weiten Bogen ſieht das Auge maleriſche Berge; terraſſenförmig erheben ſie ſich, bedeckt von Kirchen und Klöſtern, Feſtungswerken und ländlichen Wohnungen. Lieb⸗ liche Thäler voll Pomeranzenhaine ſchaut man dazwiſchen. Unſer Schiff durchſchnitt dieſe reizende Bay und wir er⸗ blickten endlich Braſiliens Hauptſtadt San Sebaſtian de Rio Janeiro. Am nächſten Tage hoffte ich ans Land gehen zu können und ſchlief in dieſem frohen Gedanken ein. Doch in der Nacht erkrankte ich ſchwer, und am Morgen lag ich im Fieber. Als ich wieder zu mir kam, erfuhr ich, daß wir ſechs Tage im Hafen geblieben waren und uns bereits ſeit drei Tagen wieder auf dem Meere befanden. Dem wackeren Alexis habe ich nächſt Gott die Erhaltung des Lebens zu danken. Da ſich kein Arzt am Bord des Schiffes befand, 24 hatte er es am Morgen nach meiner Erkrankung ſein erſtes Geſchäft ſein laſſen, einen Arzt aus Rio auf das Schiff zu holen. Der Arzt fand meinen Zuſtand gefährlich und kam an manchen Tagen zweimal. Alexis ward mein Krankenwärter. Welche Freude ſchimmerte auf ſeinem Angeſichte, als er mir von meiner Krankheit erzählte und die Verſicherung hinzufügte: es ſei nun alle Gefahr vorüber! Der Arzt habe ihm die nöthige Anweiſung gegeben, und es komme nun allein noch darauf an, daß ich mich in Bezug auf Däät ſeinen Anord⸗ nungen füge. Welch ein edler Menſch iſt dieſer Alexis! Heut hat er mich zum erſten Male auf das Deck geführt. Wie wohl that mir die friſche Luft! Wie labte ich mich an dem Anblick des Himmels und des Meeres! Thränen des Dankes und der Freude traten mir ins Auge. Nun ſprach Alexis ſo Man⸗ cherlei, das mich erfreute und erhob. Wie er doch in Bezug auf Wiſſen überall zu Hauſe iſt! Was ihn wohl aus der Heimath mag hinweg getrieben haben? Ich habe ſchon einige Male von den Hoffnungen, die mich im Hinblick auf unſere neue Heimath erfüllen, geſprochen, ohne daß er irgend etwas darauf erwidert hätte. Es drängen ſich mir mancherlei Fragen auf. Gefällt ihm unſre Geſellſchaft nicht? Haben ſich ſeine Anſichten geändert? Nun, ich werde ja wohl da⸗ hinter kommen. Ich fühle mich von Tag zu Tag kräftiger. Kurz vor meiner Krankheit war meine Stimmung eine ſehr gedrückte 9 geweſen, jetzt athme ich wieder auf. Ich denke mir, der Grund liegt zum großen Theile in der Bekanntſchaft mit Alexis. Mit Verehrung an einer edlen Menſchenſeele hängen, das iſt— ich fühle das jetzt recht lebhaft— etwas Herr⸗ liches. In der vergangenen Nacht befanden wir uns lange auf dem Verdeck. Die Luft war labend, des Himmels Sterne funkelten klarer hinab, als ich ſie jemals in der Heimath geſchaut hatte. Ein ſanfter Wind blähete die Segel; Stille herrſchte um uns. Wir ſprachen Dies und Das und kamen endlich auf die Unſterblichkeit zu ſprechen. Da drängte es mich, dem Alexis Folgendes zu ſagen: Mit ſchwerem Her⸗ zen geſtehe ich es Ihnen, daß mein Glaube an die Unſterb⸗ lichkeit der Seele oftmals ſchon gewankt hat. Tauſende von Jahren beſteht ſchon das Menſchengeſchlecht auf der Erde, und an jedem Tage ſterben Hunderttauſende. Welche uner⸗ meßliche Zahl von Menſchen hat ſchon auf der Welt gelebt, welche unermeßliche Zahl wird noch entſtehen, leben und ſterben! Wo iſt, habe ich mich ſchon oft gefragt, der Raum, der alle dieſe Menſchenſeelen bergen ſoll?— Du lieber Gott, ſprach Alexis, wie viel Sorgen und Mühen machen ſich Deine armen Menſchenkinder, ſobald ſie es unterlaſſen, mit kindlichem Sinn auf Dein Wort zu hören!— Dann fuhr er fort:„Ich könnte Sie auf das neue Teſtament verweiſen, doch Sie würden mir vielleicht entgegnen: Mir kommt es mehr darauf an, zu erkennen und überzeugt zu werden, als zu glauben. So laſſen Sie uns einmal das genau anſchauen, was in Ihnen den Zweifel anregte. Sie meinen einfach, es ſei für die unermeßlich große Zahl der Menſchenſeelen nicht Raum im Weltall. Laſſen Sie uns nun einen Blick hinauf thun in die Sternenwelt, in„den Ocean der Welten,“ wie ein großer Dichter ſagt. Denken ſie zunächſt an unſere Sonne. Wäre es möglich, daß Jemand zur Sonne reiſen könnte, ſo würde er, wenn er ſelbſt täglich einen Weg von. tauſend Meilen machte, doch einige fünfzig Jahre ge⸗ brauchen. Denſelben Weg— gegen 21 Millionen Meilen — legt der Sonnenſtrahl in— 8 Minuten zurück. Was ſagen Sie nun zu der Entfernung der nächſten Sonne, von der das Licht 9 ½ Jahre gebraucht, um zur Erde zu kom⸗ men?— Von der darauf folgenden Sonne braucht es 21 Jahre, vom Polarſtern 43 Jahre. Die Entfernung, die der Lichtſtrahl in einem Jahre zu⸗ rücklegt, nennen die Aſtronomen ein Lichtjahr. Die fernſten Lichtnebel beſtehen aus Sternen. Sie ſollen nach ungefährer Berechnung 80 Millionen Lichtjahre von uns entfernt ſein. Verſchwänden dieſe— für unſere Beobachtung— fernſten Sterne heut, ſo würde dies auf Erden erſt nach 80 Millionen Jahren bemerkt werden können. Laſſen Sie uns weiter gehen, um in uns von der Uner⸗ meßlichkeit des Raumes eine— Ahnung zu erwecken. Wenden wir unſern Blick nach der Milchſtraße. Es iſt von Aſtronomen unzweifelhaft feſtgeſtellt worden, daß ſie aus mehreren Ringen von Millionen von Sonnen beſteht. Mit Hülfe der beſten Fernröhre hat man etwa 18 Millionen Sonnen herausgebracht. Da es nun außerdem noch 2 Mil⸗ lionen vereinzelt ſtehende Sonnen giebt, ſo würde ſich die Zahl der durch unſre Inſtrumente erkennbaren Sonnen auf 20 Millionen feſtſtellen. Ermeſſen Sie nun das Heer von Sternen, da jede Sonne von einer großen Zahl von Sternen 27 umkreiſt wird!— Doch wir haben nicht nur eine Milchſtraße, es ſind deren bis jetzt ſchon 4023 bekannt. Iſt es Ihnen nun noch möglich, im Hinblick auf den unermeßlichen Welt⸗ raum und auf das unzählbare Heer der Sterne zu fragen: Wo iſt Raum für die Seelen der Menſchen? Ich muß es geſtehen, dieſe Darlegung hat mich in Er⸗ ſtaunen geſetzt. Die Erde erſchien mir plötzlich wie ein Tropfen in dem unendlichen Weltmeere.(Ich ließ mir die Zahlen, auf die ſich Alexis ſtützte, heut früh noch einmal ſagen, um ſie richtig eintragen zu können.) Mit dieſer Darlegung gab ſich aber Alexis nicht zufrieden. Er führte mir lebhaft das Daſein Gottes vor; er ſprach Worte, die in meine Seele drangen, wie der Mairegen in ein dürſtend Erdreich. 6. Wunder des Meeres. * Zwei Monate iſt's her, daß wir Rio Janeiro verlaſſen haben, bald wird die neue Heimath erreicht ſein. Das Cap der guten Hoffnung ſahen wir nur von fern, ebenſo den ſüdlichſten Theil von Madagaskar. Von allen Meeren iſt der Indiſche Ocean wohl das wunderbarſte. Faſt immer iſt der durch das Vordertheil eines Schiffes aufgeregte Schaum mit kleinen filberfarbigen Sternen beſäet. Dieſe glänzenden Pünktchen ſind ſo klein, daß man ſie kaum von der Flüſſigkeit trennen kann. Wir haben es hier mit Thier⸗ chen zu thun, die, ſobald ſie an die Luft kommen, ihre Leucht⸗ kraft verlieren. Unterſuchungen, die wir mit Mikroſkopen anſtellten, ergaben, daß es gallertartige Molusken und Krabben waren. Thierchen dieſer Art ſind es, die einen flammenden Glanz um unſer Schiff verbreiten. Unter dem Kiele ſieht man bis⸗ weilen in einer Tiefe von 6 bis 10 Fuß feurige Kugeln von der Dicke eines Stückfaſſes. Einen wunderbaren Anblick gewährt es, wenn ein Schwimmvogel ſich auf das Meer niederläßt. Da leuchtet und funkelt das Meer rund um ihn her, und wie beim Schiffe, bezeichnet ein leuchtender Streifen ſeine Bahn. Größere Fiſche haben einen Kometenſchweif hinter ſich, der oft aus einer Tiefe von 20 bis 30 Fuß empor⸗ ſchimmert. In der Nacht war unſer Schiff häufig von einer ſolchen Helle umgeben, daß man auf dem Verdeck leſen konnte; einen Augenblick darauf waren wir von tiefſter Dunkelheit eingehüllt. Meergras und andere Gegenſtände, die wir des Nachts in der Dunkelheit aus dem Meere emporhoben, gaben einen hellen Schein von ſich, der nach und nach ver⸗ ſchwand. Eitkes der wunderbarſten Thiere, die ich bemerkte, iſt das Papierbrod oder der Argonaute. Dieſes Thier lebt in einer dünngerippten, bisweilen gegen acht Zoll langen Schale, in der es, wie im Schiffe, auf dem Meere zu ſegeln vermag. Zwei von den acht Armen, die floſſenartig er⸗ weitert ſind, erhebt es dann, um ſie gleich Segeln auszu⸗ ſpannen, während es die ſechs andern zum Rudern braucht. Wird es ſtürmiſch, oder droht ſonſt Gefahr, ſo zieht es die Segel ein und ſenkt ſich in den Grund. Ich ſaß bei Nacht oft ſtundenlang am Bord und konnte mich nicht ſatt ſehen an den wunderbaren Gebilden des 29 Meeres. Hin und her wandeln die zarten milchweißen oder bläulichen Glocken der Meduſen, dort jagen ſich violett und goldgrün ſchillernde Fiſchchen, die ich die Kolibris des Meeres nennen möchte, mitten hindurch ſchießt, einem Silber⸗ bande gleichend, der fünf Fuß lange Bandfiſch. Plötzlich wird die bewegte Welt auseinander getrieben durch die An⸗ näherung eines großen Fiſches. Welch einen Reichthum von Formen und Farben mag die unergründliche Tiefe bergen! Es ſind wiederum vier Wochen ohne beſondere Unfälle vergangen. Wir haben den ſüdlichen Theil Neuhollands umſchifft und wollen morgen vor Sidney, das eben vom Maſtkorbe herab ſignaliſirt wurde, vor Anker gehen. Vor Sidney lagen wir acht Tage. Es wurde Proviant und Waſſer an Bord genommen. Einige Paſſagiere kauften eine Anzahl Hausthiere: Hornvieh, Ziegen, Schafe, Hühner. Jetzt geht die Fahrt nördlich. Iſt der Wind günſtig, ſo hoffen wir in zwei bis drei Wochen das Ziel unſerer Reiſe erreicht zu haben. Schon hatten wir das Cap Sandy ſeit drei Tagen hinter uns, als ein gewaltiger Weſtwind zu wehen begann. Er ſteigerte ſich in wenigen Stunden zu einem furchtbaren Orkan. Sechs Tage hat derſelbe ununterbrochen gewüthet und uns in unbekannte Gegenden verſchlagen. Jetzt iſt 30 der Himmel wieder klar, wir athmen auf von den Schrecken des Wetters. Der Capitain, der fortwährend Beobachtungen anſtellt, iſt ernſter, als je. Einige Paſſagiere haben ihn ge⸗ fragt, wo wir uns befinden; er hat ihnen keine Antwort gegeben. Man hat mir geſagt, es ſei allgemein ſo, daß Schiffscapitains Paſſagieren auf Fragen dieſer Art nicht Antwort ſtehen. Ich habe eine Karte bei mir, die ich oft vornehme, ohne mich indeß orientiren zu können. Nach meiner Berechnung befinden wir uns nordweſtlich von Neu⸗ holland. Da liegen die Fidſchi⸗, dort die Freundſchafts⸗, dort die Geſellſchafts⸗Inſeln. Dazwiſchen bemerke ich auf der Karte eine große Zahl von größeren und kleineren Inſeln. Hoffentlich wird es ſich bald entſcheiden, wo wir ſind. Es iſt unzweifelhaft; wir befinden uns in der Gegend, die ich bezeichnete. Ich erkenne dies an der wunderbaren Bildung der kleinen Inſeln, die wir in dieſen Tagen geſehen haben. Sie ſind niedrig und von Korallenriffen umgeben. Aus der Ferne gewähren ſie einen außerordentlich ſchönen Anblick. Von den dunklen Waſſern des Oceans durch einen Streifen weißer Brandung geſchieden, gleicht eine ſolche Inſel mit ihrem emporragenden Grün einem Smaragd in ſilberner Einfaſſung. Je näher man kommt, je ſchärfer hebt ſich das Grün empor. Ueber demſelben lagert ſich gleichförmig das tiefe Azurblau des Himmels. Das Ganze macht den Ein⸗ druck majeſtätiſcher Größe und Erhabenheit. Wir hätten gerne einmal eine oder die andere der uns zu Geſicht gekommenen Inſeln betreten. Einige von uns 31 drückten dem Capitain dieſen Wunſch aus. Doch er er⸗ widerte: Wir müſſen dieſe Inſelgruppen ſo bald als mög⸗ lich hinter uns zu bekommen ſuchen, es iſt die Fahrt hier, der vielen Korallenriffe wegen, gefährlich. 7. Schiffbruch. Noch waren nicht zwei Tage vorüber, als des Capitains Wort eine traurige Wahrheit geworden war. Unſer Schiff iſt geſcheitert. Jetzt befinden wir uns' auf einer uns unbe⸗ kannten Inſel. Doch ich will Alles der Ordnung gemäß niederſchreiben: Als der Capitain jene Worte ſprach, blickte er aufmerk⸗ ſam nach Nordweſt. Ich ſah auch hin und bemerkte am Rande des Horizonts einen ſchmalen Streifen ſilberſchim⸗ mernden Gewölkes. Am Abende wurde die See unruhig. Ich ging in meine Coje und ſchlief bald ein. Gegen Morgen weckte mich ein heftiges Schwanken des Schiffes. Die Hängelampe, die ſtets im Schiffsraum brannte, war von dem Schwanken erloſchen. Vom Verdeck her vernahm ich ein gewaltiges Laufen und Rufen. Mit Mühe tappte ich mich bis zur Stiege hin. Viele der Paſſagiere waren auch ſchon auf den Beinen An der Stiege traf ich mit Alexis zuſam⸗ men. Wir begaben uns auf das Verdeck, wo wir ſogleich nach feſten Gegenſtänden griffen, um uns zu halten und bei den mächtigen Schwankungen des Schiffes nicht nieder zu 32 ſtürzen. Der Morgenhimmel war mit ſchwarzem Gewölk bedeckt, und es ſchien nicht, als ob die Sonne daſſelbe durch⸗ brechen würde. Der Schaum der ſich an dem Schiffe brechenden Wellen ſpritzte über das Verdeck und durchnäßte uns in kurzer Zeit bis auf die Haut. Da aber Luft und Waſſer nicht kalt waren, achteten wir nicht darauf. Es war ein prächtiges Schauſpiel, das wir vor Augen hatten, freilich eines, dem wenigſtens ich mich nicht ohne große Beſorgniß hingeben konnte. Nach und nach wich das Morgengrauen, und es ward Land entdeckt, von dem wir kaum mehr als zwei engliſche Seemeilen entfernt waren. Das Uebelſte war, daß der Wind auf das Land ſtand und unſer Schiff alſo dem⸗ ſelben gewaltſam zugetrieben ward. Der Capitain hatte bereits Vorſichtsmaßregeln aller Art getroffen. Die meiſten Segel waren ſchon eingezogen worden, und jetzt gab er Befehl, die wenigen kleineren, ſchon ſtark gerefften Segel, die ſich noch am Hauptmaſt befanden, ebenfalls einzuziehen. Es war dies bei dieſem Unwetter wahrlich kein leichtes Geſchäft, und mir ſchlug das Herz, als ich zwei Matroſen an den Schiffsleitern in die Höhe ſteigen ſah. Als ſie den Hauptraa erreicht hatten, legten ſie ſich auf demſelben aus und begannen ihre gefahrvolle Arbeit. Während deſſen brach ſich eine ungeheure Welle an dem Steuerruder und renkte daſſelbe aus den Angeln. Nun lief das Schiff, das nicht mehr gelenkt werden konnte, auf den Wind, und mit fürchterlichem Gekrach brach der Hauptmaſt. Er ſtürzte ins Meer und mit ihm verſchwanden die beiden Matroſen. Rettungslos ſchien jetzt das Schiff dem Spiel der Elemente preisgegeben. Entſetzen ergriff die meiſten der —,— 33 Paſſagiere; mir war zu Muthe, als ſtarrten meine Haare zu Berge. Alexis ſtand mir immer noch zur Seite; auf ſeinem blaſſen Angeſichte lag eine wunderbare Ergebung. Das Schiff drehte ſich indeß, ähnlich einem Kreiſel, umher und kam dem drohenden Strande, an dem ſich die Wellen donnernd brachen, mit jeder Minute näher. Jetzt noch, in⸗ dem ich dies niederſchreibe, erſtaune ich über die Ruhe und Sicherheit, die aus dem Benehmen des Capitains hervor⸗ leuchtete. Wie die meiſten Paſſagiere, gaben auch die Matroſen ihr Leben für verloren; doch es ſchien bald, als ob ſein Wort wieder einige Sicherheit in ihnen anregte. Er gab ſeine Befehle. Da mußten Gegenſtände, die ſich gelöſt hatten, und nun umherrollten, befeſtigt, Taue und Strick⸗ leitern, die mit dem Maſt über Bord geriſſen waren, gekappt werden ꝛc. Das wichtigſte Augenmerk aber richtete er, wie⸗ wohl ohne Erfolg, auf die Wiederbefeſtigung des Steuer⸗ ruders. Jetzt waren wir der Küſte etwa auf dreihundert Schritte nahe gekommen. Hoch aufgerichtet ſtand der Capi⸗ tain und ſchauete bald auf das hin und herſchaukelnde und ſich drehende Schiff, bald auf den hellbraunen Felsſtrand, den die Meerfluth unaufhörlich peitſchte. Unmöglich war es, auf ſeinem Geſichte zu leſen, ob er das Schiff für ver⸗ loren gab, oder ob er eine Rettung noch für möglich hielt. Die Luft war ruhiger geworden, das Meer aber tobte in gleicher Heftigkeit fort. Plötzlich bäumte ſich das Vorder⸗ theil des Schiffes empor, ein furchtbarer Stoß warf Alles über den Haufen. Nach dem dumpfen Krachen ſchien es, als ob der Kiel des Schiffes gebrochen ſei. Dieſes Ereigniß erhöhete natürlich die Verzweiflung namentlich der Paſſagiere. Der Schiffscapitain. 3 34 Die meiſten derſelben befanden ſich auf dem Verdeck, denen, die unten im Schiffsraum geblieben waren, hatte es eben an Kraft gefehlt, hinauf zu gehen, halb ohnmächtig lagen ſie am Boden umher. Daß die Paſeagiere beſtändig nach dem Capitain ſahen und auf ſeinem Angeſichte ihr Schickſal zu leſen ſuchten, iſt wohl natürlich. Aber auch jetzt war uns des Mannes Angeſicht ein Buch mit ſieben Siegeln. Auf ſein Commando ward das kleine Boot ins Meer hinabge⸗ laſſen. Kaum aber hatte es ein Matroſe betreten, als es mit demſelben vor unſern Augen verſchwand. Das war einer der entſetzlichſten Augenblicke meines Lebens. Ich gab mich für verloren, fiel auf meine Knie nieder und rang die Hände. Worte des Gebets hatte ich nicht, ſondern nur Seufzer, die aufſtiegen zu Gott. Wunderbar, mir war es, als gehe mit blitzähnlicher Schnelle mein ganzes Leben vor meinem Seelenauge vorüber. Wie viel Dunkel ſah ich! Mein Gott, mein Gott, laß mich noch leben! So ſeufzte meine Seele, als ich die gerungenen Hände emporhob. Indeß war das größere Boot ausgeſetzt worden, das ſich auf dem Waſſer erhielt. Nach Anordnung des Capitains ſtiegen außer den das Boot führenden vier Matroſen etwa 20 Paſſagiere, Männer, Frauen und Kinder, ein. Mit welchen Blicken wir dem Boote folgten, das bald hinter den Wellen verſchwand, bald wieder auftauchte, iſt leicht zu er⸗ meſſen! Es mußte den Matroſen darauf ankommen, die nächſte Klippe zu umſchiffen, die ſtarr in das Meer hinein ragte. Aber gerade dieſer Klippe zu ward das Boot ge⸗ trieben. Jetzt iſt es ihr nahe, jezt—— ich hatte hinweggeblickt, um den Untergang des Bootes nicht zu 35 ſehen. Nun ſah ich wieder hin und bemerkte zu meiner größten Freude, daß das Boot glücklich die Klippe umſchiffte. Wenige Augenblicke noch, und es war unſern Blicken ent⸗ ſchwunden. Gott ſei gelobt! ſagte der Steuermann, in deſſen Nähe ich mich befand. Iſt jetzt Hoffnung vorhanden? fragte ich, indem ich aufſtand. Ich denke wohl, entgegnete er. Nach der Richtung des Windes iſt es dort hinter der Klippe ruhiger. Es wird hoffentlich eine Bucht und Gelegenheit zum Landen dort ſein. Gott mög es geben! entgegnete ich, indem ich die Hand des Steuermannes mit beiden Händen ergriff. Ein Matroſe kam die Stiege herauf und ſagte uns, das Schiff habe einen bedeutenden Leck erhalten, und die unterſten Räume deſſelben ſeien bereits ſtark mit Waſſer angefüllt. Mit Bangen ſchauten wir indeß nach der Gegend, in der das Boot hinter dem Fels verſchwunden war. Hat es die Unſern ſicher an das rettende Ufer getragen? Wird es zurückkehren, daß auch wir auf ihm gerettet werden können? Das waren wichtige Fragen, die mit jedem Augenblicke ſchwerer auf uns laſteten. Plötzlich ſahen wir das Boot wieder. Ein Freu⸗ dengeſchrei erhob ſich auf dem Schiffe; die Hoffnung, gerettet zu werden, erfüllte die eben noch ſo ſehr bedrängten Herzen. Im Boote hatten die Matroſen ein kleines Segel aufgezogen und müheten ſich nun, kreuzend unſer Schiff zu erreichen. Es gelang. Nun drängte ſich Alles herbei, um ins Boot zu ſteigen. Doch fügte man ſich willig den Anordnungen des Capitains, und es wurde nun zum zweiten Male eine 3 3 36 Zahl von Paſſagieren hinweggeführt. Jetzt ließ der Capitain Behälter mit Nahrungsmitteln aus dem Schiffsraum herauf⸗ holen. Dieſe ſollten ebenfalls mit zu Lande geführt werden. Einige der Paſſagiere waren in einem bemitleidungs⸗ werthen Zuſtande, die Angſt hatte ihnen alle Beſinnung ge⸗ raubt. Zu ihnen rief mich Alexis hinab und verlangte von mir, ich ſolle ihm dieſelben auf das Verdeck tragen helfen. Ich war gern dazu bereit. Als es geſchehen war, kam das Boot wieder. Nun bat Alexis den Schiffscapitain, die Kranken diesmal mit hinwegführen zu laſſen. Der Capitain willigte ein, und Alexis trug die Kranken einzeln die Schiffs⸗ treppe hinab— ein ſchweres, ja gefährliches Geſchäft. Als er den letzten der Kranken dem im Boote befindlichen Matroſen in die Arme gelegt hatte, gab ihm der Capitain einen Wink, ebenfalls ins Boot zu ſteigen, um mitzufahren. Er aber kam wieder auf das Verdeck und ſagte, er habe noch etwas aus dem Schiffe mitzunehmen. Damit begab er ſich in den unterſten Schiffsraum, in dem ſich ein Theil unſerer Kiſten befand. Das Boot machte die dritte Fahrt und kam zum vierten Male, und immer noch war Alexis nicht auf das Ver⸗ deck zurückgekehrt. Mir ward bange um ihn, und ich ſtieg hinab. Da fand ich ihn denn vor einer geöffneten Kiſte und ſahe, wie er eben ein Buch— dem Anſcheine nach eine ſchwarz gebundene und mit einem goldenen Kreuz verſehene Bibel— in ein Tuch wickelte. Der Schweiß lief ihm von Stirn und Wangen, und ich konnte mir denken, wie viel An⸗ ſtrengung es ihm gekoſtet haben mußte, ſeine Kiſte unter einer Menge anderer Kiſten und Kaſten vorzuarbeiten. Da er nichts wegen der Bibel ſagte, ſchwieg auch ich davon. Dies⸗ 37 mal ſtieg ich auf Anordnung des Capitains mit ins Boot, Alexis blieb zurück, wie ich ſpäter vernahm, auf ſeinen Wunſch; er wollte bei der letzten Fahrt ſein. Ich erreichte ebenfalls glücklich das Land, auf dem ſich nun ſchon über die Hälfte der Paſſagiere befand. Hier ſah es bunt aus. Zwiſchen Kiſten und Fäſſern hatten ſich die verſchiedenartigſten Gruppen gebildet. Einzelne lagen auf den Knien und beteten, Andre ſprangen vor Freude wie toll umher, noch Andre weinten und verwünſchten den Tag, an dem ſie die Heimath verlaſſen hatten. Einen kläglichen Anblick gewährte eine Frau, die im Fieber lag. Das Geſchehene hatte ihr alle Beſinnung geraubt, und ſie meinte immer noch auf dem Meere zu ſein. Man hatte ihr von einigen Kleidungsſtücken ein Lager am Boden bereitet, der Mann und eine größere Tochter knieten ihr zur Seite. Das Meer ward nach und nach ruhiger, ſo daß wir immer ſicherer auf die Rettung der übrigen Paſſagiere rechnen konnten. Mehrmals fuhr das Boot noch hin und her, endlich kam der Capitain mit dem Reſt der Auswanderer, unter denen ſich Aleris befand.„Als Beide ans Ufer traten, vermochte ich erſt, mich der Rettung wahrhaftig zu erfreuen. 8. Einrichtung. Kaum befand ſich der Capitain auf dem Lande, ſo ward er umdrängt und mit Fragen mancherlei Art beſtürmt. Dieſer wollte wiſſen, wo wir uns befänden, Jener, wie es uns ergehen werde ꝛc. Geduld! rief der Capitain. Es fehlt mir jetzt an Zeit, auf ſolche Erörterungen einzugehen, auch meine ich, es habe ein Jeder damit zu thun, dem himmliſchen Vater für ſeine Rettung zu danken. Gott wird weiter helfen!— Darauf rief er den Steuermann und den Schiffskoch herbei. Nachdem er eine Austheilung von Schiffszwiebacken angeordnet hatte, ſagte er zum Erſteren: Wir müſſen nun aus dem Schiffe noch retten, was irgend zu retten iſt. Da der Wind ſich legt, wird es heut wohl kaum untergehen. Dem Schiffskoch gab er darauf die nöthigen Anordnungen wegen Bereitung einer Mittagsmahlzeit. Hierauf begab er ſich mit einigen Matroſen in das Boot und fuhr ab. Alexis beſchäftigte ſich mit den Kranken. Ihm kam es zunächſt darauf an, einen ruhigen Ort für ſie zu finden. Er erſpähete einen ſolchen bald. Der Platz, auf dem wir uns befanden, war eine begrünte, ſich ſanft erhebende Fläche, die der Länge und Breite nach etwa 300 Schritt im Durch⸗ meſſer hatte; auf der einen Seite war ſie von Wald, auf der andern von begrünten Felsſchichten eingeſchloſſen. Das 39 Felsgeſtein hatte mancherlei Höhlungen und Einſchnitte, und Alexis fand zwei der kleinen Höhlungen geeignet, Kranken⸗ zimmer abzugeben. Es war dort angenehm kühl, während draußen die Sonne brannte. Wie ſchon häufig in den letzten Wochen auf dem Schiffe, ſtand ich dem fürſorglichen Alexis auch hier unaufgefordert zur Seite. Wir verkürzten die mit prächtigen Blüthen geſchmückten Schlinggewächſe, die den Eingang in die Höhle erſchwerte, häuften von trockenem Mooſe in jeder Höhle ein breites Lager auf und trugen mit Hülfe einiger Männer und Frauen die Kranken hinein. Männer und Fraͤuen wurden von einander abgeſondert. Der Abend kam heran, und immer noch ragte das Schiff, wie wir von höher gelegenen Punkten ſehen konnten, zum größten Theil aus dem Waſſer hervor. Der Energie des Capitains hatten wir es zu verdanken, daß außerordentlich viele Sachen ans Land gebracht worden waren. Freillich konnte er nicht die Wünſche Aller befriedigen; Der verlangte Dies, Jener Das. Der Capitain antwortete entweder kurz oder gar nicht, that aber, was ſich thun ließ. Da er auch die Möglichkeit ins Auge gefaßt hatte, daß das Wrack ſich noch länger als einen Tag über dem Waſſerſpiegel halten könne, war er auf den Gedanken gekommen, ein Floß her⸗ ſtellen zu laſſen. Er brachte die auf dem Schiffe befindlichen Aerte, Beile, Sägen und ähnliche Inſtrumente ans Land und beauftragte den Schiffszimmermann, Bäume fällen zu laſſen und ſogleich an die Herſtellung eines Floſſes zu gehen. Als ſich gegen Abend an dem klaren Himmel der Mond 40 erhob, befahl er, die Nacht hindurch zu arbeiten. Zugleich ordnete er an, daß wir Auswanderer uns gleichfalls ihm zur Verfügung ſtellen ſollten. Keinem von uns fiel es ein, ſich dem zu widerſetzen, und ſo ward die Beſtimmung getroffen, daß in der Nacht ſich alle zwei Stunden zwanzig Mann bei der Arbeit ablöſen ſollten. Am nächſten Tage um die Mittagszeit war das Floß fertig. Gegen Morgen ſchon hatten ſich die Wellen faſt ganz gelegt, was den Arbeiten ſehr zu Statten gekommen war. Nun galt es, mit vereinten Kräften die Herbeiführung der Gegenſtände aus dem Schiffe zu betreiben. Der Capitain ſpornte die Matroſen und auch die Paſſagiere zu verdop⸗ peltem Eifer an. Es wurde mit der Zeit förmlich gegeizt. Alle, außer den Kranken, den Pflegern derſelben und Denen, die mit der Bereitung der Koſt beſchäftigt waren, mußten ſich an der bezeichneten Arbeit betheiligen. Mit den Mann⸗ ſchaften wurde alle 24 Stunden drei Mal gewechſelt, ſo daß alſo für jede Abtheilung nach achtſtündiger ſchwerer Arbeit eine Ruhe von 16 Stunden eintrat. Der Mondſchein und die ruhige See erlaubten es, daß auch in der Nacht die Ar⸗ beit fortgeſetzt werden konnte. Die Hausthiere, die von Einigen in Sidney gekauft worden waren, befanden ſich großentheils auf dem Lande, nur ein Stier und drei Kühe hatten noch nicht aus dem Schiffe geſchafft werden können. Auch dies geſchah jetzt, freilich mit außerordentlicher Anſtrengung. Sie ſtanden im unterſten Schiffsraum und zwar glücklicher Weiſe auf der Seite des Schiffes, die auf die Klippe gelaufen war. Man band jedem Thiere die Füße zuſammen, ſchlang einen ſtarken 41 Strick um die Hörner, und nun wurde es mittelſt einer Winde durch die Mittelluke auf das Verdeck und von da an ſchräg angelegten Brettern auf das Floß befördert. Zehn Tage lang ſind wir ſchon in der geſchilderten Weiſe ununterbrochen thätig. Sämmtliches Gepäck iſt am Lande, außerdem vieles Eigenthum des Schiffsherrn, das der Capitain in Sidney eingekauft hat. Wie verändert ſieht der Platz aus, den wir vor 10 Tagen betraten! In der Mitte deſſelben iſt ein langes, zeltartiges Gebäude gebaut worden, das zum Theil mit Segeltuch, zum Theil mit Zweigen bedeckt worden iſt, um Schutz vor der Sonne zu gewähren. Unter demſelben übernachten wir. In einer Decke eingeſchlagen, ruht ſichs vortrefflich auf der Erde. Mancherlei Gegenſtände, die vor Regen gewahrt werden müſſen, als Gewehre, Pulver⸗ fäſſer 2c., ſind in einer großen Höhle untergebracht worden. Das Schiff hängt immer noch an dem Riff, der nächſte Sturm aber wird es ſicherlich unſern Augen für immer entziehen. 9. Die Gefangenen. 8 Ich kann jetzt auch ſagen,„die Ereigniſſe drängen ſich.“ In der That, ich habe viel nachzutragen, und mein Tagebuch wird bunter, als ich es für möglich gehalten habe. 8 42 Wie lange werde ich es noch führen? Bin ich jetzt nicht in einer Lage, in der in jedem Augenblicke mein Leben in Gefahr ſchwebt? Doch ich will, wie ich es meinem Vetter verſprach, die Ereigniſſe der Reihe nach niederſchreiben, ſo lange ich es eben vermag. Im Schiffe war tüchtig aufgeräumt worden, und der Capitain faßte jetzt einige andre ihm nothwendig erſcheinende Arbeiten ins Auge. Ehe er indeß daranging, ließ er einen Ruhetag eintreten. Der wackre Mann war ganz derſelbe geblieben, der er auf dem Schiffe geweſen war, nur daß er mehr noch, als auf dem Schiffe, ſtricte Ausführung ſeiner Anordnungen ver⸗ langte. Es war dies nöthig, daß ſah ich wohl ein, doch daß ſich Stein und die große Zahl der Angehörigen deſſelben ſo willig fügte, wunderte mich. Wie oft hatte Stein unterweges den Capitain einen Tyrannen genannt, dem man ſich freilich auf dem Meere fügen müſſe! Wir hatten nun Land unter unſeren Füßen, und immer noch hielt ſich Stein ruhig. Jetzt erkenne ich den Grund davon. Die Ereigniſſe hatten ihn erſchüttert. Dazu mochte kommen, daß es noch unbe⸗ ſtimmt war, ob wir uns auf einer bewohnten oder einer un⸗ bewohnten Inſel befanden. Endlich war aber Manches zu thun geweſen, von dem der Capitain, nicht aber Stein etwas verſtand. An dem Ruhetage wurden Anordnungen getroffen, die geeignet waren, darüber Gewißheit zu erlangen, ob die Inſel bewohnt ſei. Am nächſten Morgen ſandte der Capitain vier Detachements, je zu acht Bewaffneten, nach verſchiedenen Richtungen aus. Eine Abtheilung kehrte ſchon an dem Abende 43 deſſelben Tages zurück, eine in der Nacht, und die beiden andern faſt gleichzeitig an dem folgenden Vormittage. Alle hatten ſich davon überzeugt, daß wir uns auf einer, mehrere Quadratmeilen großen, fruchtbaren, aber unbewohnten Inſel befanden. Gleich nach der Mittagsmahlzeit deſſelben Tages bemerkte ich, daß Stein ſich mit Denen, die ihm beſonders anhingen, eifrig zu ſchaffen machte. Es bildete ſich ein Kreis um ihn, und es ließ die Haltung der Umſtehenden erkennen, daß man mit dem, was er vortrug, einverſtanden war. Der blaſſe, ſchwarzäugige Schurke zettelt etwas an! ſagte der Capitain und rief ſeine Matroſen zuſammen. Nun begab ſich Stein ein wenig vorwärts auf eine Erhöhung und ſchoß ein Piſtol in die Luft. Alle kamen herbei, um zu hören, was es gäbe. Der Capitain ſtellte ſich mit ſeinen Matroſen vor der Höhle auf, in die er hatte die Waffen bringen laſſen. Stein winkte mit der Hand, und als Ruhe eingetreten war, begann er zu reden. Er erinnerte an die Tyrannei der Heimath und an die Gefahren der Reiſe. Weshalb, fragte er, vertraueten wir uns dem unſicheren Meere an? Wir ha⸗ ben den Ort nicht erreicht, auf dem wir uns niederlaſſen wollten, und es bleibt uns nichts übrig, als uns auf dieſer Inſel einzurichten. Es iſt nur die Frage, wie wir das thun wollen? Sollen Einrichtungen getroffen werden, wie ſie in der Heimath beſtehen? Mit einem Worte: ſoll auch hier die Tyrannei ihren Thron aufſchlagen? War es nicht unſer glühendſter Wunſch, frei zu leben von jedem Zwange? Und nun überlegt, wie uns dieſer Wunſch bisher erfüllt ward! 44 Wir ſind aus dem Regen in die Traufe gekommen. Dieſer Mann dort in der Uniform— dieſem äußeren Zeichen der Tyrannei!— war nicht nur auf dem Meere unſer Tyrann, nein, er iſt es auch geblieben, ſeitdem wir uns auf dieſer Inſel befinden, ja, ſeine Tyrannei iſt noch weit unerträg⸗ licher, als die iſt, die uns das Leben in der Heimath zur Hölle machte. Ich will in aller Kürze an Euch eine Frage richten. Antwortet mir: wollen wir hier einen Tyrannen über uns dulden? Nein! nein! nimmermehr! ward von allen Seiten ge⸗ brüllt; Knüttel, Meſſer, Gewehre, Steine wurden drohend erhoben. So erkläre ich Ihnen denn, Herr Capitain, fuhr Stein höhnend fort, daß auf dieſer Inſel ihr Amt und Titel hier⸗ mit erloſchen iſt!* Der Capitain würdigte ihn keines Blickes. Sich an die 3 Geſellſchaft wendend, ſagte er mit ernſter Stimme: Da Euchh das, was ich that, mißfällt, ſo handelt nach Eurem Belieben. Ich trete zurück, aber ich ſage Euch: Eure eigene Ruchloſigkeit wird als Tyrann unter Euch auftreten! Genug davon! Wir find jetzt geſchieden! Ihr Auswanderer bildet eine Geſell⸗ ſchaft für Euch, und meine Matroſen und ich bilden ebenfalls eine Geſellſchaft. Lebt Ihr nach Euren Grundſätzen, wir werden nach den unſern leben! Herr Capitain, fuhr Stein fort, ich habe Ihnen noch etwas mitzutheilen. Nach welchen Grundſätzen wir leben wollen, wiſſen Sie bereits: wir wollen frei ſein von allem Zwange, von allen Vorurtheilen. Merken Sie wohl: wir er⸗ klären, daß auf dieſer Inſel ein Jeder das Recht haben ſoll, 45 frei zu ſein. Jetzt haben Sie noch einundzwanzig Matroſen, die Sie als Selaven behandelt haben. Ich erkläre dieſe Män⸗ ner im Namen der Geſellſchaft für frei! Das Abhängig⸗ keitsverhältniß zu Ihnen iſt demnach gelöſt. Hört Ihr es, Ihr Männer? Wer mit uns leben will, der ſoll uns will⸗ kommen ſein!— Wahnſinniger, rief der Capitain, glauben Sie denn die Macht zu haben, Pflicht und Eid löſen zu können, wie Zwirnsfäden? Auf die Matroſen zeigend, fuhr er fort: Hier ſtehen ſie, fragt ſie, ob Einer von ihnen ein ſolcher Schuft werden will, als man ein Gelüſt hat aus ihnen zu machen? Aber ich merke: gegen Euch muß man eine andre Sprache führen! Vorwärts, ihr Jungen, nehmt Eure Waffen zur Hand! Mir klopfte das Herz; ich fürchtete das Schlimmſte. Die Matroſen eilten in die Höhle. Ich war geſpannt, wel⸗ chen Eindruck Dies auf den Stein machen würde, und war nicht wenig verwundert, als er höhniſch lächelnd dem Treiben der Matroſen zuſchauete. Indeß kam der Steuermann in großer Aufregung aus der Höhle zurück und ſprach etwas zum Capitain, das ich aber nicht zu verſtehen vermochte. Wie, rief der Capitain, die Waffen ſind weg? So will ich doch den Räuberhauptmann fragen, wo er ſie gelaſſen hat. Er vermochte ſich nicht zu mäßigen, riß ſeinen Degen aus der Scheide und trat auf Stein zu. Da ſtarrten ihm die Gewehre entgegen, die er hatte ſuchen laſſen. Zurück, rief Stein, ſonſt kommandire ich Feuer, und es giebt einen Tyrannen weniger auf der Welt! Der Capitain blieb ſtehen. Bin ich von Sinnen! rief er, oder iſt es wahr, daß man mir mein Eigenthum oder viel⸗ mehr das Eigenthum meines Rheders rauben will? Stein antwortete: Eigenthum?— Mein Herr Er⸗Ca⸗ pitain, hier hat das Eigenthum aufgehört. Alles, was hier auf der Inſel vorhanden iſt, gehört Allen! Das iſt der erſte Grundſatz unſerer Gemeinde. Brüder, habe ich recht? 2 Ja! ja! ward gebrüllt! Alles gehört Allen! So können nicht Alle denken! rief der Capitain. Ja, ſo denken ſie, entgegnete Stein. Und auch unter Denen, die bisher Ihre Sclaven waren, giebt es ſolche, die unſere Anſichten theilen. Nur die Furcht vor blutigen Geſetzen der Tyrannei hat ſie bisher auf ihrer Seite erhalten. Hierauf redete Stein die Matroſen an. Die Entſchei⸗ dungsſtunde habe jetzt geſchlagen, ſagte er, noch wenige Augenblicke ſeien ihnen vergönnt, einen freien Entſchluß zu faſſen. Wer nicht an der Freiheit Theil nehmen wolle, werde unſchädlich gemacht werden. Zum Schluß for⸗ derte er die Matroſen auf, auf ſeine Seite zu treten. Hier ſollte ihre Armuth und ihre Niedrigkeit aufhören, die geſell⸗ ſchaftlichen Krankheiten des altersſchwachen Europa reichten nicht bis hierher. Wirklich traten zwölf Matroſen über. Man empfing ſie mit Bravorufen. Da haben Sie alſo noch eins, zwei, drei— neun Knechts⸗ ſeelen auf Ihrer Seite ſtehen, ſprach Stein. Dieſe hat die Tyrannei ſo niedergebeugt, daß ſie nicht mehr fähig ſind, den errettenden Hauch der Freiheit zu empfinden! Fragen 47 Sie doch auch einmal Dieſe hier, ob Jemand Luſt hat, auf Ihre Seite zu treten! Der Capitain ſtand da, ohne eines Wortes mächtig zu ſein. Stein fuhr ſiegestrunken fort: So will ich für den Herrn Ex⸗Capitain reden. Iſt eine Knechtsſeele unter uns, die gehe hinüber zu ihm; wir können und mögen ſie nicht unter uns dulden!. Da erhob Alexis ſeine Stimme. Jetzt, ſprach er laut, jetzt gilt es zu zeugen für das Recht, wenn auch keine Aus⸗ ſicht auf die Anerkennung deſſelben da iſt. Wahrlich, niemals wohl iſt das heilige Wort Freiheit ſchnöder gemißbraucht worden, als hier durch den Mund des Mannes, der für Euch redet. Der freie Mann ehrt Geſetz und Ordnung. Ich Mehr vermochte er nicht zu ſagen, ein allgemeiner Sturm des Unwillens brach gegen ihn los. Ruhigen Schrittes ging er zum Capitain und ſtellte ſich ihm zur Seite. Einer der Unſern folgte ihm. Mir pochte das Herz, als ſollte es ſpringen. Zwei Stimmen wurden laut in meiner Bruſt, die des Rechts und die der Furcht. Kurz war indeß der Kampf— ich ging auch hinüber. Wir waren 13 Mann, unſre Gegner zählten mit den verrätheriſchen Matroſen, die ihren Herrn verlaſſen hatten, 115 Mann. Konnten wir an Widerſtand denken, da wir nicht einmal Waffen hatten? Stein rief uns zu, wir ſollten uns gefangen geben. Der Capitain bedrohete Jeden, der ſich ihm nahen würde, mit 48 dem Tode. Die treu gebliebenen Matroſen, der Schiffszim⸗ mermeiſter und der Steuermann zogen ihre Meſſer. Wir übrigen Drei— Alexis, ich und noch einer der Auswan⸗ derer— waren waffenlos. Stein fragte die mit Gewehren Bewaffneten: Machen wir dem Dinge ſchnell ein Ende? Sie bejaheten es, und riefen, er ſolle commandiren. Da trat Alexis vor und ſagte: Laſſet uns noch fünf Minuten Zeit! Sie iſt Euch gewährt, entgegnete Stein und zog ſeine Uhr. Fünf Minuten und keine Secunde länger! Alexis wandte ſich nun um und bat den Capitain, ſich zu ergeben, weil ſonſt er und auch wir dem Tode rettungs⸗ los verfallen ſeien. Darauf wollte der Capitain nicht eingehen, er verlangte, wir ſollten uns von ihm entfernen. Darauf entgegnete Alexis: Das ſei ferne von uns! Wir bleiben unter allen Umſtänden bei Ihnen. Ihr Leben iſt unſer Leben, Ihr Tod unſer Tod! Der Capitain warf den Degen weg. Redet Ihr mit den Räubern, ſagte er, ich vermag es night! Da ſagte Alexis zu Stein: Wir geben uns gefangen. Sogleich wurden wir von unſern Gegnern umringt, man legte uns Feſſeln an und führte uns in eine Höhle; vor derſelben blieben einige Mann mit geſpanntem Gewehr ſtehen. Alsbald hielt man Rath über uns. Wie ich ſpäterhin erfuhr, war Stein dafür, uns gebunden, wie wir waren, ins Meer werfen zu laſſen. Wir ſeien, meinte er, für die Geſellſchaft ein Uebel, deſſen ſie ſich ſchleunig entledigen müſſe. Es ging indeß faſt mit uns, wie mit Joſeph, den die 49 Brüder tödten wollten. Wie Jedermann weiß, war Ruben dagegen. Doch durfte er dies nicht gerade zu ſagen. Er griff zur Liſt, und es gelang ihm, zu bewirken, daß man Joſeph in die Grube warf. Ihm war es um Aufſchub zu thun und er hoffte, den Bruder zu retten. Aehnlich wie Ruben, ver⸗ fuhren auch einige der Auswanderer gegen uns. Sie ſchlu⸗ gen vor, uns auf das Wrack zu bringen. Dies ſolle unſer Gefängniß ſein. Ein zweifacher Vortheil ergebe ſich daraus. Erſtens ſeien wir dort der Geſellſchaft unſchädlich, für's Zweite könne doch nicht gerade zu geſagt werden, man habe die Gefangenen gemordet, wenn etwa das Wrack untergehe. Dieſer Vorſchlag fand Anklang. Wir wurden in das Boot und nach dem Wrack geführt. Darnach brachte man uns Schiffszwieback und Waſſer für einen Tag. 10. Die Racht. Die erſte Nacht auf dem Wrack war ſchreckensvoll für mich. Man ſtelle ſich vor, daß das Schiff in ſchräger Rich⸗ tung zu einem Viertel etwa auf dem Riff hing. In dem übrigen Theile des Schiffes war das Waſſer im beſtändigen Steigen geblieben. Wir mußten über kurz oder lang ein Herabrutſchen des Schiffes befürchten. Nach einer Meſſung, die an dem dritten Tage nach unſerer Landung ſtattgefunden hatte, betrug die Tiefe des Meeres an dem Riff über fünfhun⸗ dert Fuß. Der bloße Anblick des Schiffes in ſeiner gefährlichen Lage erweckte ſchon Schauder. Die untere Seite hatte kaum Der Schiffscapitain. 4 50 zwei Fuß Bord, ein mäßiger Wind mußte das Waſſer auch von oben hineintreiben und dann konnte nichts mehr die gräß⸗ liche Rutſchpartie verhindern. Solche Gedanken erfüllten mich, indem ich mir einen Platz zur Nacht auf dem harten Boden der Cajüte erwählte. Als der Capitain ſich nieder⸗ legte, citirte er das Wort aus dem Tell: „Doch beſſer iſt's, ihr fallt in Gottes Hand, Als in der Menſchen!“ . Alexis ſprach troſtreiche Worte, aber ſie drangen leider nicht tief genug in meine Seele; die Angſt behielt in mir die Oberhand. Die Vorſtellungen, die ſich mir aufgedrängt hatten, als das todte Knäbchen von uns in's Meer geſenkt worden war, tauchten wieder auf. Endlich ward es ſtill in der Cajüte, doch glaube ich, daß außer mir noch mehrere wach waren. Nach langer Zeit fielen mir die Augen zu. Im Traum wurden meine trüben Vorſtellungen noch unge⸗ berdiger und grauenhafter. Sturm und Wellen umbrauſten das Schiff und erſchütterten es, tiefer und tiefer ſank die eine Seite, nur noch mit der äußerſten Spitze hing es an dem Riff. Jetzt glitt es jählings ab und ſchoß in die uner⸗ meßliche Tiefe Mit einem Angſtſchrei fuhr ich auf, und es vergingen einige Augenblicke, ehe ich mich davon zu überzeugen vermochte, daß ich geträumt hatte. Fieberiſch pulſirte mein Blut, auf meiner Stirn ſtand kalter Schweiß, die Mundhöhle war mir trocken geworden. Ich vermochte nicht, in der Cajüte zu bleiben. Auf dem Verdeck war bei einem Untergange des Schiffes eine Rettung noch möglich — in der Cajüte nicht. Wer dort war, wurde mit hinabge⸗ 51 riſſen in die Tiefe. Leiſe tappte ich mich hinauf. Als ich auf dem Verdeck war, ſank ich auf meine Kniee und erhob meine Hände zu Gott. In ſolchen Lagen lernt man kennen, was es heißt: beten! Da lernt man aber auch kennen, daß ein wahrhaftiges Gebet wahrhaftigen Troſt bringt. Wahrlich, der Tod iſt nicht der Uebel größtes. In dieſer Nacht lernte ich ihm in's Angeſicht ſchauen. Als der Uebel größtes er⸗ ſchien es mir, losgelöſt von dem Herzen des himmliſchen Vaters zu ſein. Meine Seufzer ſtiegen auf zu ihm, um Verzeihung aller meiner Schuld flehend. Endlich zog Friede und Ergebung in mein Herz und die Gewißheit, daß auch hier ohne Gottes Willen kein Haar von meinem Haupte fallen könne. Als ob ich einen Geſang von Engeln vernähme, klang es mir in die Seele hinein: „Jetzt ſpürſt du ſtill und körperlos Ein ſegnend Walten um dich her, Du fühlſt, du ruhſt in Gottes Schooß, Und wo du wandelſt, wallt auch Er; Die Thränen all' ſind abgethan, Die Dornen tragen Roſenglut, Es taucht die Liebe wie ein Schwan Aus deines Lebens dunkler Flut. Und was am meiſten dich bedroht, Dir zeigt's ein liebes Angeſicht, Zum Freiheitsherold wird der Tod, Der deines Weſens Siegel bricht.“ Als die Sterne vor der Morgenröthe erblichen, ſchlief ich noch einmal ein und erwachte erſt, wie ich nach dem Standpunkte der Sonne ſehen konnte, nach einigen Stunden. 4* 11. In der Cajüte. Meine Gefährten waren auch ſchon wach und wir nah⸗ men nun unſer Frühſtück, ein Stück Schiffszwieback und einen halben Becher Waſſer, zu uns. Dies geſchah, da die Sonne heiß ſchien und kein erfriſchender Seewind wehete, in der Cajüte. Wir blieben dort ſitzen und ſprachen Mancherlei. Mich hatte bei dem geſtrigen Vorfall namentlich eine Sache in Verwunderung geſetzt. Wie ich ſchon bemerkt habe, trat in den entſcheidenden Augenblicken Alexis auf die Seite des Schiffscapitains. Ihm folgte noch vor mir ein Paſſagier. Dieſer, ſeines Standes ein Gürtlermeiſter, hatte auf der ganzen Fahrt als Steins nächſter Vertrauter gegolten. Ich ſtand nicht an, ihm dies zu ſagen. Er nahm daraus Veran⸗ laſſung, ſein Verhalten zu erklären. Soll ich ihnen ein auf⸗ richtiges Bekenntniß in dieſer Sache ablegen, ſagte er zu uns, ſo muß ich zunächſt von Stein ſprechen. Es gab eine Zeit, in der dieſer Mann ſeiner Wohlhabenheit wegen von Manchem beneidet wurde. Er lebte als Rentier, hielt ſich eine Equipage und machte in jeder Weiſe ein großes Haus. Seine Eitelkeit verleitete ihn, Verbindungen mit Männern einzugehen, die in Bezug auf Reichthum und Bildung weit über ihm ſtanden. Was ihm an Bildung fehlte, ſuchte er durch den Schein des Reichthums zu erſetzen. Er richtete ſich immer glänzender ein, und da endlich ſeine Mittel ſchmaler wurden, verfiel er auf das unglückſelige Börſenſpiel, von dem er nicht einmal etwas verſtand. Dies ruinirte ihn. Schon wandten ſich die Gläubiger an die Gerichte. Da verkaufte er ſein Hab und Gut und traf Anſtalt, ſich mit dem Gelde aus dem Staube zu machen. Dies gelang ihm indeß nicht. Die Gläubiger kamen dahinter, wußten ſich ihr Geld zu verſchaffen und es blieb ihm nur eine verhältnißmäßig geringe Summe übrig. Un die Zeit, als ihm dies geſchah, lernte ich ihn kennen. Ich hatte die Einziehung einer Schuld von ihm für einen Andern betreiben müſſen. Wie es kam, weiß ich nicht mehr, genug, wir ſprachen mehrmals von Auswanderung. Nach und nach wurden wir vertraut. Mit meinen Verhältniſſen ſtand es auch übel. Die Reiſe⸗ koſten konnten wir wohl noch decken, aber was dann im frem⸗ den Lande anfangen?— Das war die Frage! Da ſagte mir Stein eines Tages: Ich bin jetzt auf einen Plan gekom⸗ men, der uns aus aller Verlegenheit helfen ſoll. Was gilt's, ich trommle eine Geſellſchaft zuſammen, mit der wir nach Auſtralien gehen. Die Hauptſache aber iſt die: es müſſen bei der Geſellſchaft die radicalſten Grundſätze vor⸗ herrſchend ſein— wenigſtens bis wir es wieder zu Eigen⸗ thum gebracht haben. Natürlich muß darauf geſehen wer⸗ den, daß eine gehörige Anzahl von Tölpeln mitgeht, die gut mit Gelde beſchlagen ſind. Wir predigen ihnen dann eine Menge Zeug vor von der Glückſeligkeit der Gleichheit, neh⸗ men, ſobald wir nach Auſtralien kommen, alles vorhandene Geld in eine Kaufſumme und erſtehen dafür eine gemein⸗ ſchaftliche Fläche Landes ꝛc. Geht es dann mit einem Leben nach communiſtiſchen Grundſätzen, gut, wo nicht, nun, ſo theilen wir das gemeinſchaftliche Eigenthum. Auf dieſe Art kommen wir ſicher zu etwas. 54 Habe ich doch dem Schuft ſeine Gemeinheit auf den erſten Blick angeſehen! unterbrach der Capitain. Von dieſer Aeußerung ſchien ſich auch der Gürtlermeiſter betroffen zu fühlen. Gott wolle es mir vergeben, ſprach er, und Sie mögen es mir auch vergeben, daß ich mich mit einem ſolchen Menſchen einließ! Aber ich kam zu beſſerer Einſicht, je weiter wir uns von der Heimath entfernten, namentlich machten die Ereigniſſe, die unſerer Landung auf dieſer Inſel vorangingen, einen erſchütternden Eindruck auf mich. In der entſetzlichen Nacht nahm ich mir vor, mich von Stein zu trennen und mich beſſeren Leuten anzuſchließen. Daß mein Entſchluß echter Art war, habe ich Ihnen gezeigt. Nehmen Sie mich darum in Ihren Bund auf, Sie ſollen ein treues und ſtandhaftes Mitglied an mir haben! Wir ſchüttelten ihm alle die Hand. Unſer Bund wird Ihnen nun freilich nicht mehr viel helfen, ſagte der Capitain. Bei uns wird es ſich wohl zuletzt um weiter nichts handeln, als um ein gemeinſchaftliches Untergehen. Mag ſein, entgegnete der Gürtlermeiſter in tiefer Er⸗ ſchütterung. Lieber doch ehrenhaft untergehen, als mit Schande leben! Nun, Gott ſei gelobt, daß ich ſolche Worte höre! ſagte der Capitain. Sie erquicken mein altes Herz! Nach einer Pauſe fuhr er fort, indem er den Kopf ſchüttelte: So alt man auch wird, man erlebt immer noch Neues, Wunder⸗ bares!— Er ſah mich an. Daß Sie mitgegangen ſind, ſagte er, könnte man allenfalls ihrer Jugend verzeihen; daß aber— dabei zeigte er auf Alexis— Sie ſich einer ſolchen —⸗ —⸗ 5⁵ Geſellſchaft anſchließen konnten, das vermag ich nicht zu verſtehen!— Da bleibt mir denn freilich nichts übrig, als Ihnen mit⸗ zutheilen, weshalb ich's that, entgegnete Alexis. Hören Sie denn! Ich bin Candidat der Theologie. Wenige Wochen vor unſerer Abreiſe hielt ich meine Probepredigt. Es war mir zum Text gegeben worden: Luc. 15, V. 4— 7. Die Stelle handelt von dem Hirten, der dem verlorenen Schafe nachgehet. Ich ſuchte den heiligen Sinn des Textes zu ergründen, ging mit allem Fleiße und aller Innigkeit an's Werk und hielt meine Predigt. Fünf Candidaten hatten ſich zu der Stelle ge⸗ meldet, meine Predigt war die letzte geweſen. Am Donnerſtage darauf war Wahl. Der zweite der Bewerber hatte den Vätern der Stadt am beſten gefallen; er erhielt die Stelle. Im erſten Augenblicke war ich niedergeſchlagen, dann ergab ich mich in Gottes Willen. Am Nachmittage des nächſten Sonntags machte ich einen weiten Spaziergang bis in das Birkenwäldchen bei Weißenſee. Aus der Mitte deſſelben vernahm ich Lärm, eine Menge Spaziergänger gingen dem Schalle nach. Ich folgte ihnen. Wir fanden eine große Zahl von Männern und Frauen, die ſich auf einem freien Platze gelagert hatten. Zur Seite ſtanden mehrere Tonnen Bier, denen man tüchtig zuſprach. Es wurde geſungen, bald im Chor, bald einzeln, auch traten einzelne Redner auf. Weit im Kreiſe umher ſtanden Zuſchauer. Da ſagte ein; ann zu mir: Das ſcheint hier ein öffentliches Werbe⸗ bureau für Auswanderer zu ſein. Hören Sie nur dieſe De⸗ klamationen! Einzelne traten auf und hielten ſinnloſe, wüthende Reden, in denen wirkliche oder erdachte Uebel der 56 Heimath in grellſter Weiſe hervorgehoben wurden. Andere prieſen in verlockenden Worten eine Gegend Auſtraliens— ich habe den Namen vergeſſen—, die ſie ſich als neue Hei⸗ math gewählt hätten. Ich blieb lange genug da, um zu er⸗ kennen, von welch einem Geiſte die meiſten Glieder dieſer Geſellſchaft erfüllt waren. Für ſie gab es auf Erden kein Vaterland, im Himmel keinen Gott. Wie Meteorſteine ſich außerhalb der Verbindung der Himmelskörper befinden, ſo ſchienen ſie mir außerhalb aller menſchlichen Verbindung zu ſtehen und nur noch befähigt zu ſein, zerſtörend zu wirken. In ihrem unglückſeligen Wahne ſchien ihnen die Lehre Jeſu eine Thorheit zu ſein. Ich ſah dort zum erſten Male Stein. Sich an mich wendend, ſetzte er hinzu: Auch Sie ſah ich dort.— Ich konnte nichts darauf erwiedern, fühlte aber, daß ich roth wurde. Alexis fuhr fort: Das Geſchehene beſchäftigte mich leb⸗ haft auf meinem einſamen Heimgange. Oftmals ertönte der Spruch aus meinem Innern:„Welcher Menſch iſt unter euch, der hundert Schafe hat, und ſo er davon Eins verlieret, der nicht laſſe die neunundneunzig in der Wüſte, und hin⸗ gehe nach dem verlorenen, bis daß er es findet?“— Welche Hoheit der Liebe: nicht eine Menſchenſeele ſoll aufgegeben werden! elch ein Grundſatz! Gewichtiger, neie, en htitinee aller übrigen Religionen zuſammen! Nun kam mir plötzlich der Gedanke: Haſt du nicht eben viele verirrte Schafe geſehen, und iſt es nicht Zaine Pflicht, ſie von ihrem Irrwege zurück zu führen? 8 viel nach über das, was mir Pflicht ſchien. Ich ſah Jene im Geiſte hinwegziehen, ſah, wie ſie ohne Gottes Wort 57 mit der Zeit im Wüſtenbrande des Lebens verſchmachten würden. Es wird die Zeit kommen, ſagte ich mir, in der ſie oder viele von ihnen, wie die Knospen nach Regen, nach dem Worte Gottes lechzen werden. Ich will hier nicht alle Gedanken darlegen, die mich bewegten, genug, ich be⸗ ſchloß, der Geſellſchaft mich als Mitglied anzuſchließen. Sie wiſſen, das ein göttlich Wort heißt: Ihr ſollt nicht die Perlen vor die Säue werfen. Ich kam dieſem Worte nach, auch das iſt Ihnen bekannt. Ihnen, Herr Capitain, hätte ich mich gern offenbart, jedoch halte ich einmal viel auf den Grundſatz, daß man ein Geheimniß, wenn man es nicht ver⸗ rathen haben will, am beſten Keinem ſagt, da ja bisweilen die Wände Ohren haben. Nun, Herr Capitain, wiſſen Sie, weshalb ich mitging, und Sie werden, denke ich, meine Beweggründe billigen. Der Capitain, dem die Thränen über die Wangen lie⸗ fen, ſchloß den edlen Alexis an ſeine Bruſt, indem er ſagte: Sie ſind ein echter Prieſter Gottes! Möge Ihnen der All⸗ mächtige noch vielfache Gelegenheit geben, für die Verbrei⸗ tung ſeines Wortes thätig zu ſein! Gottes heiliger Wille geſchehe! entgegnete Alexis. — 8 4 44 12. Der nächtliche Beſuch. In der nächſten Nacht ſchliefen auch meine Schickſals⸗ genoſſen auf dem Verdeck. Es mochte Mitternacht ſein, als mich mein Nachbar, der Schiffszimmermann, weckte. Dort, dort an der Felſenecke! ſagte er leiſe. Beim Schein des Mondes konnte ich deutlich etwas Schwarzes erkennen, das ſich uns langſam näherte. Wir ſtanden auf und traten dicht an Bord. Da vernahmen wir aus dem Waſſer die Worte: Ich bin's, der Schiffskoch!— In der That, es war ſo. Nicht lange darauf ſtieg er an Bord und reichte uns mit dem Ausruf: Gott ſei gelobt, daß es gelang! die naſſen Hände. Auf dem Verdecke waren alle aufgewacht, und der Capitain ſagte, ſobald er den Koch erkannte: Ah, Nicode⸗ mus, der es nur in der Nacht wagt, ſeine Pflicht zu erfüllen! Der Koch bat den Capitain, ihm zu verzeihen. Er ſei kein Anhänger Stein's und nur aus Furcht auf deſſen Seite getreten. Jetzt wolle er aber Alles doppelt gut machen. Der Capitain ſagte: Wir wollen ſehen. Doch nun er⸗ zählen Sie einmal, wie es in der ſauberen Geſellſchaft zugeht! Es iſt ein gräuliches Dabeiſein, entgegnete der Koch. Niemand kann einer Sache froh werden, denn da Allen Alles gehört, ſo iſt ein Jeder fortwährend bedroht, das zu verlieren, was er ſich angeeignet hat. 1 Alles gehörtAllen! unterbrach der Capitain. Wenn der Grundſatz nicht aus der Hölle ſtammt, dann giebt es 59 keine Hölle. Das iſt ein Satz, ſo recht erfunden für ein modernes Banditenweſen! Ja, teufliſch nenne ich dieſen Satz auch, entgegnete Alexis, denn er entwickelt in jedem Herzen die Gier, Alles zu haben und damit zugleich Neid und Haß gegen Diejenigen, in deren Händen ſich Theile des Ganzen befinden. Neid und Haß iſt genug da,— Gott ſei es geklagt!— ſagte der Koch, und Gier auch, das läßt ſich nicht leugnen. Sie werden es nicht glauben, wie es über die Nahrungs⸗ mittel hergeht, die der Herr Capitain von dem Schiffe ge⸗ rettet hat. In den letzten drei Tagen ward dreimal ſo viel verzehrt, als ſonſt in der gleichen Zeit, außerdem aber iſt noch das Doppelte vergeudet worden. Es iſt eine Schande vor Gott und Menſchen, wie mit den Nahrungsmitteln um⸗ gegangen wird! Ich ſagte: Wie lange wird der Proviant dauern? Iſt denn Niemand da, der die Leute eindringlich darauf auf⸗ merkſam macht, daß nach dem Ueberfluß der Mangel ein⸗ treten wird? O ja, entgegnete der Koch, das wird wohl geſagt von Dem und Jenem ich ſelbſt habe es ſchon geſagt), indeß es findet keine Beachtung. Hier auf der Inſel, heißt es dann, herrſche ſo große Fruchtbarkeit und gebe es ſo vieler⸗ lei Nahrungsmittel, daß es uns niemals an dem Nöthigen fehlen werde. Mit ſolchen und ähnlichen Worten werden Die abgefertigt, die eine vernünftige Meinung äußern. Ein rechtes Unglück iſt es, daß ein ſo großer Vorrath von hitzigen Getränken vorhanden iſt. Der Capitain ſagte: Die wahnwitzigen Grundſätze dieſer 60 Leute wirken gefährlicher, als hitzige Getränke. Freilich, kommt Beides zuſammen, dann iſt der Teufel gar los. Aber, es iſt keine Frage: Das ganze Ungezieferneſt wird an dem eigenen Gifte zu Grunde gehen, wenn die Beſſeren ſich nicht bald zu⸗ ſammenthun und ernſtlich dem Unweſen ſteuern. Das iſt eben die Sache, um derentwillen ich gekommen bin, entgegnete der Koch. Herr Capitain, Sie haben Ihre Anhänger dort, glauben Sie es mir. Freilich, die Furcht iſt groß, das furchtbare Gefängniß, auf dem ſie ſich befinden, erregt Entſetzen. Dennoch aber hat ſchon eine Verſtändigung von zehn Männern ſtattgefunden. Außer mir gehören dazu zwei Matroſen und ſieben Paſſagiere. Unſere erſte Sorge ſoll ſein, Sie von dem Schiffe hinweg zu bringen. In der nächſten Nacht werden wir mit dem Boote kommen. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, damit Sie ſich ruhig verhalten, wenn Sie uns kommen ſehen. Die höchſte Vorſicht iſt ja nöthig! Wohin denket Ihr uns denn zu führen! Etwa eine Seemeile weit auf dieſer Seite der Inſel befin⸗ det ſich ein von Felſen eingeſchloſſener Platz, der von der Land⸗ ſeite aus ſchwer zugänglich iſt. Ein Matroſe hat dieſen Ort ausfindig gemacht. Dort ſind Sie am ſicherſten geborgen vor ihren Feinden. Wie aber wird es mit unſerer Verproviantirung werden? Hier ſind wir doch wenigſtens vor dem Hungertode geſchützt. Alles Dies haben wir überlegt, entgegnete der Koch. Zunächſt nehmen wir einen guten Theil Proviant mit auf das Boot. Da Sie ſich dann dicht am Meeresſtrande befinden, wird es Ihnen leicht werden, Auſtern, Fiſche und Seekrebſe zu fangen. Feuerzeug geben wir Ihnen, dürres Holz iſt dort 61 vorhanden, und ſo können Sie ſich dann zur Abwechſelung manches angenehme Gericht bereiten. Man wird bald dahinter kommen, ſagte der Capitain. Diejenigen, die täglich Brot und Waſſer nach dem Schiffe zu bringen haben, werden morgen ſchon Lärm ſchlagen, wenn ſie uns hier nicht antreffen. Kann es dann ausbleiben, daß man die Inſel aller Orten durchſucht? Wie dann, wenn man uns findet? Was hätten dann wir, was hätten Jene zu erwarten, auf die der Verdacht fallen würde, uns befreit zu haben? 3 Der Koch beruhigte uns vollſtändig, indem er darauf hinwies, daß gerade Diejenigen, denen es übertragen ſei, vom nächſten Morgen an Brot und Waſſer nach dem Schiffe zu führen, Gegner von Stein ſeien, die man bereits in das Geheimniß gezogen habe.. Nun, Freunde, ſagte der Capitain zu uns, Gott ſendet uns einen Hoffnungsſtrahl! Das Nähere wegen der Unternehmung wurde noch be⸗ ſprochen. Als der Koch die Leiter hinabſtieg, ſagte der Capitain: Bringen Sie mir meinen Degen mit und auch, wenn es möglich iſt, einige Gewehre nebſt Munition! Und nun gebe Gott, daß Sie glücklich das Land erreichen! Das wünſchten wir ihm Alle von Herzen. Ich hatte außerdem noch den lebhaften Wunſch, daß doch erſt die nächſte Nacht herangekommen ſein möchte. 62 13. Stein. Wir haben das neue Aſyl erreicht und ſind auf dieſem Orte wenigſtens einer uns in jedem Augenblicke ſchwer be⸗ drohenden Gefahr entrückt worden. Dank den Wackeren, die uns das Leben gerettet haben! Nach den Mittheilungen der⸗ ſelben wird die Lage der Geſellſchaft mit jedem Tage übler. Vielleicht dringt eine beſſere Anſicht durch und es endet Alles in Liebe und Frieden. Alexis und ich wünſchen das von Herzen, der Capitain hält nicht dafür, daß die Sache ſo leicht vor ſich gehe, wie wir es für möglich halten. Er ſagte: Werden menſchliche und göttliche Geſetze in einer Geſellſchaft nicht mehr geachtet, ſo ſagt man, ſie ſei der Anarchie verfallen. Dieſer Zuſtand iſt ein krankhafter. Bleibt er beſtehen, ſo iſt der Untergang der Geſellſchaft unausbleiblich; tritt der Heilungsprozeß ein, ſo geht es nicht ohne gewaltige Kämpfe im Innern der Geſellſchaft ab. Alſo geht es zu im Großen wie im Kleinen, und ſo müſſen auch wir— im Fall eine Neigung zum Beſſern eintritt— auf ernſte Ereigniſſe gefaßt ſein. In der vergangenen Nacht war der Koch hier und hat uns höchſt wichtige Nachrichten gebracht. Ich werde mich ühen, ſeiner Darſtellung möglichſt genau zu folgen. Nicht ſſondern ärger, berichtete er, war es in den letzten Tagen Porden. Viele wandten ſich an Stein. Es 63 werde, hieß es, offenbar in manchen Dingen zu weit gegan⸗ gen. Das ſei denn doch in der That nicht die Freiheit, die man ſich geträumt habe ꝛc. Er habe den Uebermuth Jener hervorgerufen und ſei daher gewiſſermaßen verantwortlich für die Zuchtloſigkeit. Ihm allein werde man folgen ec. Solche Aeußerungen ſchienen dem eitlen Mann wohl zu gefallen. Er begab ſich ſogleich auf den Platz, wo er gegen den Capitain geſprochen hatte, und ließ durch ſeine Freunde die Geſellſchaft zuſammenrufen. Eine Zahl von Männern war betrunken. Dieſe ſtellten ſich ihm ziemlich nahe und machten ein gräuliches Getobe, ſo daß er längere Zeit nicht zu Worte kommen konnte. Dadurch aufgeregt, ſprach er ſich in kräftigen Worten über die Vergeudung der Lebensmittel aus. Das müſſe aufhören, ſagte er, die Verſammlung müſſe ſich einen Vorſtand erwählen, der über die Speiſen wache und ſie vertheile. Da erhob ſich ein gräßlicher Tumult. Ein Theil der Geſellſchaft ſtimmte ihm bei, doch vermochten die Zuſtimmenden nicht, die aufgeregte Mehrzahl zu beruhigen. Im Gegentheil wurde durch die Zuſtimmung Jener nur Oel in's Feuer gegoſſen. Die wüthenden Deklamationen gegen Stein mehrten ſich. Man ſtieß ihn von der Erhöhung, und ein Trunkener ſtellte ſich an ſeine Stelle. In Stein, ſagte dieſer, rege ſich jetzt das Gelüſt, zu regieren, nun komme es heraus, welch ein verrätheriſcher, tyranniſcher Schuft er ſei. Er habe Luſt, des Capitains Stelle einzunehmen. Nun, dann möchte man ihn auch dort nach dem Schiffe zum Ex⸗ Capitain bringen. Das und Aehnliches ſprach er. S wollte ſich rechtfertigen, aber man ließ ihmni 5 Worte kommen. Man umdrängte ihn, ieß ihn. Er 64 erhob die Hand gegen Einen zur Wehr, da erhielt er einen Schlag mit einem Stock. Er floh; mit wildem Geſchrei ſtürzte ihm der Schwarm nach. Unter den Schlägen der Verfolger fiel er nieder. Nun ward ein Strick geholt, den man um den Hals des Halbtodten ſchlang. Er ward zurück und über den Platz geſchleift, indem Einzelne riefen: So ſoll es jedem Schuft ergehen, der unter uns den Herrn ſpielen will! Endlich hielt man unter einem Baume, warf das Ende des Strickes über einen Aſt und zog den Unglücklichen empor. Nach wenigen Minuten hatte er ſein Leben ausgehaucht. Wir waren erſchüttert durch dieſe Nachricht. Der Capi⸗ tain ſagte: Wer ſich dem Teufel verſchreibt, den holt er auch zu ſeiner Zeit. Aus Allem, was ich über Stein hörte, fuhr der Koch fort, muß ich entnehmen, daß er ſein Unglück ſelbſt verſchul⸗ det hat. So hätte er alſo eigentlich nur gerechten Lohn em⸗ pfangen. Aber es iſt noch Schlimmeres im Anzuge. Sie wiſſen, eine Zahl der Auswanderer hat Frauen und erwachſene Töchter. Nun flüſtert man ſich böſe Dinge zu. Alles gehört Allen! Dieſen Grundſatz will man auch— denken Sie nur!— auf die Frauen anwenden. Da nun ein Jeder ein Recht auf dieſelben zu haben vermeint, die Zahl der Männer aber grö⸗ ßer iſt, als die der Frauen, ſo will man eine Verlooſung der⸗ ſelben eintreten laſſen. Von Zeit zu Zeit ſoll dieſe Verlooſung erneut werden. So gedenkt man mit den Frauen und Töch⸗ umzugehen! Ich ha f meinen Seereiſen Wilde aller Art kennen gelernt, ſag Capitain, ſolch einen Barbarismus habe 65 ich aber nirgends gefunden. Freilich, da thut ſchnelle Hülfe doppelt noth!— Ja, entgegnete der Koch, das iſt's, was die Beſſeren wünſchen. Kommen Sie, Herr Capitain, mit den Ihrigen und erretten Sie die Geſellſchaft von der Tyrannei der Männer, die ich Ihnen geſchildert habe! Auf die Frage des Capitains nach dem Verhältniß der beiden Parteien in Bezug auf die Zahl, ſagte der Koch: Unſere Gegner mögen allerdings faſt doppelt ſo ſtark ſein, als wir. Doch unſere gute Sache und Sie als Führer würden uns zum Siege helfen. Nun ſprach der Capitain: So übel die Sache ſteht— ich kann nicht ſogleich in's Blaue hinein Euch meine Hülfe zuſagen, noch weniger auf Ihre Aeußerungen hin kommen. Ihr, die Ihr meiner Hülfe begehrt, müſſet erſt wiſſen, was Ihr an mir haben würdet. Der ganze Geſellſchaftskörper iſt ſchwer krank. Komme ich, dann— das ſei Euch ange⸗ kündigt— greife ich mit eiſerner Hand zu und renke die ſchlotternden Glieder wieder ein, oder haue ab, was unheil⸗ bar iſt! Das wird weh' thun, ich ſag's vorher! Ich mache kein Federleſens! Seid Ihr bereit zu ſolcher Operation? Oder meint Ihr, ich werde mein und dieſer Männer Leben auf's Spiel ſetzen, Euch von dem böſeſten Geſellen zu be⸗ freien, um hinterher die alte Unordnung fortwuchern zu laſſen? Wie die Verhältniſſe einmal liegen, muß Derjenige, der an Eure Spitze tritt, mit aller Vollmacht bekleidet, Herr über Leben und Tod ſein. Wollt Ihr mich unter ſolchen Umſtänden als Euren Führer wählen und ſeid Ihr außer⸗ dem bereit, den Kampf zu beſtehen, gut, ſo will ich kommen. Der Schiffscapitain. 5 66 Dies mögen Sie Denen ſagen, in deren Namen Sie mir den Antrag gemacht haben. Damit entließ er den Koch. Jetzt— am Vormittage darauf— ſchreibe ich Dies im Schatten einer begrünten Felswand in mein Tagebuch, das ich glücklicher Weiſe in meiner Bruſttaſche trug, als ich gefangen genommen ward. Es iſt mein Freund, dem ich Alles getreu anvertraue und der jedenfalls ein untrügliches Gedächtniß hat. Jetzt ſteht uns alſo wahrſcheinlich ein harter Kampf bevor. Unſere Gegner ſind die verwegenſten Glieder der Geſellſchaft, die uns ſicherlich etwas zu ſchaffen machen werden. Indeß ſo lange unſer Capitain lebt, verzage ich nicht, ſelbſt im Hin⸗ blick darauf, daß wir an Zahl Jenen weit zurückſtehen. 14. Der Kampf. Der Koch iſt im Laufe des Tages hier geweſen und hat folgende Nachrichten gebracht: 30 Mann ſind ſicher auf un⸗ ſerer Seite, auch haben ſie ſich mit Freuden bereit erklärt, die Machtvollkommenheit des Capitains anzuerkennen. Der Koch ſprach weiterhin die Verſicherung aus, daß wir auf eine größere Zahl von Anhängern rechnen könnten. Es ſind ihrer noch mehrere da, die den jetzigen Zuſtand der Dinge ſatt haben, die es aber nicht wagen, ſich mit Wort oder Geberde dagegen zu äußern. Er und ſeine nächſten Freunde haben ſich bis jetzt nur an die gewandt, auf deren Zuſtimmung 67 ſie ſicher glaubten rechnen zu dürfen. Wir wären demnach jetzt ſchon 43 Mann ſtark. In der Nacht wird uns der Koch auf ſicherem Wege dem Platze nahe führen. Ob dieſe Hand wohl morgen um dieſe Zeit noch wird den Bleiſtift halten können? Wie Gott will! Einen eigenen Eindruck machte es, als wir dem Capitain in die Hand hinein das Gelöbniß des Gehorſams ausſprachen. Als es Alexis that, ſagte der Capitain: In irdiſchen Dingen ſollen Sie mir gehorſam ſein, in himmliſchen werde ich Ihr Wort ſtets in Ehren halten. Was nun den nahen Kampf betrifft, ſo geſtatte ich Ihnen, davon zurück zu ſtehen, wenn es Ihrem Herzen widerſtrebt, zum Schwerte zu greifen. Was thue ich in dieſem Falle?— Dieſe Frage ſchien dem Alexis vor die Seele zu treten, einem Briefe gleich, der mit ſieben Siegeln verſchloſſen iſt. Seine Augen flammten, indem er, auf⸗ und abgehend, vor ſich hinſtarrte. Es ſchien, als wollte er dieſe Frage bis in ihren tiefſten Grund durch⸗ ſchauen. Endlich ſagte er: Da der Kampf mit dem Schwerte jetzt das alleinige Mittel iſt, einen Geſellſchaftskörper, der dem Untergange nahe iſt, auf die Bahn der Geneſung zu führen, ſo nehme ich Theil daran. Iſt uns darnach mit Got⸗ tes Hülfe der Sieg geworden, dann will ich mein Werk des Friedens beginnen. Der Kampf hat ſtattgefunden, der Sieg iſt unſer. Es iſt viel Blut gefloſſen. Gott ſei es geklagt, daß dies geſchehen mußte! Ich bin heut von den Ereigniſſen ſo aufgeregt, daß 5* 68 es mir nicht möglich iſt, den Verlauf der Sache genau einzu⸗ tragen. Ich will mir das bis morgen verſparen. Ich werde nun in Folgendem verſuchen, meinen geſtern gefaßten Vorſatz zu erfüllen. Beim Scheine des Mondes paſſirten wir zunächſt den ſchon mehrmals bezeichneten, ge⸗ fahrvollen Weg. Der Koch führte uns. Bald war die gefähr⸗ liche Partie zurück gelegt und nun ging es ohne Hinderniß vorwärts. Unterweges erzählte uns der Koch, daß unſer Schiff in die Tiefe geſuͤnken ſei. Ich muß hier nachholen, daß wir dreißig Lanzen bei uns trugen, die am Tage vorher von uns angefertigt worden waren. Wir hatten dünne Baum⸗ ſtämmchen dazu verwandt, und zwar von einer Baumart, deren ſich die Wilden, wie uns der Capitain ſagte, auch bis⸗ weilen zu ſolchen Waffen bedienen. Das ſchon von Natur feſte Holz nimmt, wenn es ein wenig über Feuer gehalten wird, eine außerordentliche Härte an. Wir ſpitzten die Lan⸗ zen und hielten die Spitzen eine kurze Zeit über glühende Kohlen. Erſtaunt über die Härte, die das Holz davon an⸗ nahm, machten wir mit den Lanzen verſchiedene Verſuche, die alle über unſere Erwartung ausfielen. So ſchleuderte der Schiffszimmermann eine Lanze nach einem Baume. Sie drang etwa einen Zoll tief in den Stamm hinein. Als ſie herausgezogen ward, fanden wir die Spitze faſt ganz unver⸗ ſehrt. Eben graute der Morgen, da waren wir dem Platze nahe, auf dem ſich die Geſellſchaft befand. Eine Anzahl uns zugethaner Männer erwartete uns ſchon. Die größere Zahl der Anhänger des Capitains war auf ihrem Platze geblieben, nämlich vor den beiden Höhlen, die Anfangs zum Aufent⸗ halte für Kranke gedient hatten, in denen ſich jetzt aber die Frauen und Töchter der Geſellſchaft befanden. Wir rückten leiſe vor, leiſe traten Alle zuſammen. Die Lanzen wurden vertheilt. Wir waren im Beſitz von 8 Flinten, 6 Säbeln und 6 Piſtolen. Unſere Gegner hatten über 12 Flinten und eine gleiche Zahl von Säbeln und Piſtolen zu verfügen. Dagegen fehlte es ihnen an Lanzen. In Reihen, deren Stellung ſchon am Tage vorher verabredet worden war, rückten wir vor und blieben etwa dreißig Schritte vor dem laubenartigen Gebäude ſtehen, unter welchem, auf Heu oder in Decken ein⸗ geſchlagen, unſere Gegner ſchliefen. Im Oſten ſchmückte der Himmel ſich mit Purpur und Gold, das Heer der Vögel begann ſein Morgenconcert. Was ich ſah und hörte, mahnte die Gemühter eher, zu beten, als die Waffe gegen Mit⸗ brüder zu erheben. Ich gedachte des Liedes:„Morgenroth, Morgenroth, leuchteſt mir zum frühen Tod!“ Ein Schuß ſchreckte mich zuſammen. Dicht vor mir ſtieg der bläuliche Rauch auf; der Capitain hatte ein Piſtol abgeſchoſſen. Ein furchtbares Gekreiſch kleiner und großer Papageyen, die ſich in unzählbarer Menge auf der Inſel befanden, folgte dem Knall, zugleich aber ſprangen aller Orten unſere Gegner ſchlaftrunken empor. Die ganze Ange⸗ legenheit war zu ernſt, ſonſt hätte man lachen müſſen über einzelne Geſichter. Man hatte nicht geglaubt, daß wir noch lebten, ſondern war der feſten Meinung geweſen, wir ſeien mit dem Schiffe zu Grunde gegangen. Daher das Staunen Einzelner, als ſie uns plötzlich erblickten, beſonders den Capitain in ſeiner Uniform und mit dem Degen in der 70 Hand. Mancher rieb ſich die Augen; er mochte zu träumen meinen. Nun ſandte der Capitain den Steuermann vor, der un⸗ ſere Gegner einladen ſollte, näher zu treten, da ihnen eine Mittheilung gemacht werden ſolle. Er ſprach zugleich die Verſicherung aus, daß Niemand gegen ſie das geringſte Böſe im Schilde führe. Nach und nach kamen die Gegner näher; Verwunderung, Mißtrauen, Groll lagen auf ihren Geſichtern. Jetzt trat Alexis vor, indeß wir Alle in Reihe und Glied ſtanden, ohne einen Laut von uns zu geben. Er erhob ſeine klangreiche Stimme und ſprach in eindringlicher Weiſe etwa wie folgt: Brüder, gedenket der Schreckensnacht, in der un⸗ ſer Schiff dieſer Inſel zugetrieben ward, an der es endlich ſcheiterte. Der Tod bedrohete uns und nur dem Muthe, der Ruhe und der Umſicht des Capitains verdanken wir es, daß wir noch leben. Brüder, wie vor kurzer Zeit unſer Leben, ſo ſteht jetzt unſer Lebensglück in Gefahr, und wie damals der Capitain unſer Retter ward, ſo wird er es auch jetzt wieder werden, wenn wir ihm aufrichtig vertrauen. Wir, die Ihr hier ſtehen ſehet, haben ihm Treue und Gehorſam gelobt in allen Stücken. Auch Euch laden wir dazu ein, ihn als Haupt unſerer Geſell⸗ ſchaft anzuerkennen. Möchte mein Wort Anklang in Euch finden, möchten wir uns in dieſer gottgeſegneten Morgen⸗ ſtunde die Hände zum Frieden und zum Bruderbunde reichen! Nachdem hierauf Alexis in ſeine Reihe zurückgetreten war, begann der Capitain: Ihr ſehet uns in Waffen, ob wir gleich nichts Arges gegen Euch im Sinne haben. Wäre dies der Fall, ſo hätten wir Euch im Schlafe überfallen. 71 Das geſchah aber nicht, ſondern wir riefen Euch herbei, um Worte des Friedens zu Euch zu reden. Die Geſellſchaft, die göttliche und menſchliche Gebote mißachtete, fiel in Zuchtlo⸗ ſigkeit. Dieſe ſoll jetzt aufhören, dafür will ich ſtehen! Wol— let Ihr Frieden, gut, ſo ſoll Alles vergeben und vergeſſen ſein, was bis jetzt geſchehen iſt; wollet Ihr Krieg, nun, ſo tragt die Folgen! Als ich hier, kurze Zeit nach unſerer Landung, ſtand, ſagte ich Euch: Gefällt es Euch nicht, mit uns nach unſern Grundſätzen zu leben, nun, ſo bildet eine Geſellſchaft für Euch ſelbſt. Damals geſchah mir Gewalt, heut ſeht Ihr alle dieſe Männer verſammelt, nöthigen Falls Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Gebe Gott, daß das nicht nöthig ſei! Unſere Gegner konnten immer noch nicht recht zu ſich kommen. Endlich ſagte Einer, ſeines Gewerbes ein Schloſſer, ein rieſiger, unheimlich ausſehender Mann: Das kommt uns zu ſchnell auf den Hals, wir müſſen die Sache überlegen. Das möget Ihr thun, entgegnete der Capitain. Jedoch haltet uns nicht zu lange dabei auf; die Zeit iſt koſtbar, und es iſt noch viel zu thun. Nun forderte Jener ſeine Geſinnungsgenoſſen auf, mit ihm ſeitwärts zu gehen, um die Sache zu berathen. Nicht Alle folgten ihm, acht Mann blieben zurück und ſchloſſen ſich uns an. Zwei derſelben hatten Feuerwaffen. Nun waren wir an Zahl 51 Mann, wogegen unſere Gegner noch 75 Mann zählten. Von Vortheil war es für uns, daß wir durch unſere Stellung Jenen den Zugang zu der großen Höhle abgeſchnitten hatten, in der ſich die Pulverfäſſer be⸗ fanden. Ich will es mir und meinem Vetter, der,— jetzt 4 72 ſage ich: hoffentlich!— das Tagebuch leſen wird, nicht ver⸗ hehlen, daß mich Angſt erfüllte. Unſere Gegner waren im dich⸗ ten Walde verſchwunden. Es verging eine Viertelſtunde, eine halbe, endlich eine ganze Stunde, ohne daß wir etwas von ihnen zu hören bekamen. Plötzlich fielen in der Nähe eine Anzahl Schüſſe zu gleicher Zeit, drei Mann von uns ſtürzten nieder und unter furchtbarem Geſchrei ſtürmten unſere Feinde, von denen ſich, in Ermangelung anderer Waffen, ein Theil mit Knütteln und Stöcken bewehrt hatte, auf uns ein. Sie wurden von unſerer Seite mit Schüſſen empfangen, fünf von ihnen rollten die Anhöhe, von der der Angriff ge⸗ ſchah, mehr oder weniger ſchwer verwundet, hinab. Einer Mauer gleich hielten unſere Lanzenträger den erſten Anprall der Gegner aus, indeß die Inhaber von Feuerwaffen Zeit gewannen, ihre Gewehre wieder zu laden. Der ganze Kampf war— gewaltſam und kurz. Auf unſerer Seite fielen noch 3, auf der gegneriſchen noch 16 Mann, unter ihnen der Goliath der Geſellſchaft, von dem ich. ſchon obe rach. Sein Fall erregte eine allgemeine Beſtürzungen 8 ſern Feinden und beſtimmte ſie, die Flucht zu ergreifen. Wir riefen ihnen nach: Ergebt Euch, es ſoll damit Alles* 3 n gut ſein! Dies hatte den Erfolg, daß noch 13 Mann zu uns kehrten. Die Uebrigen verſchwanden in dem Walde. — In der Nacht wurden Wachen ausgeſtellt, weil wir einen Ueberfall der Feinde fürchteten. Auch ich ſtand etwa zwei Stunden allein auf einer Stelle des Waldes. Wie wohl war mir, als die Ablöſung kam! 73 Gegen Morgen geſchah der befürchtete Ueberfall. Nun, un⸗ ſere Feinde fanden uns vorbereitet! Hatten wir auch den Ver⸗ luſt von ſieben Mann zu beklagen, ſo endete doch der Kampf mit unſerem vollſtändigen Siege. 26 Mann gingen zu uns über, 8 Mann fielen, 10 wurden gefangen genommen, und nur drei vermochten es, ſich durch die Flucht zu retten. Eine kurze Zeit darauf kamen ſie und gaben ſchon von ferne durch Zeichen ihre Unterwerfung zu erkennen. So hatten wir jetzt im Ganzen 13 Gefangene. Sie werden in einer Höhle ſtreng bewacht. Nicht weit von dem Orte, an dem wir uns niedergelaſ⸗ ſen haben, iſt von dem Capitain ein freier Platz gewählt worden, der uns als Gottesacker dienen ſoll. Geſtern hatten wir nun das traurige Geſchäft vor, die Todten, Freunde und Feinde, zu beerdigen. Ein Vorfall regte mich zu eigen⸗ 2 thümlichen Beobachtungen auf. Es wollte nämlich eine Frau den Leichnam ihres Mannes nicht zur Gruft tragen laſſen. Unter den kläglichſten Geberden rief ſie: Wie ein Thier ſoll er eingeſcharrt werden, der mein guter Mann war! O wäre ich doch nur auch todt, daß ich nichts ſähe und hörte! Der Capitain ſuchte die Frau zu beruhigen. Ach, ent⸗ gegnete ſie, ich wollte mich ja in Gottes Willen ergeben, wenn er nur hier nicht vergraben würde! Auf die Bemerkung des Capitains, daß ja doch auch dieſes Stück Erde Gottes Erde ſei, entgegnete ſie: Ja, Herr Capitain, das iſt wohl richtig, aber in meiner Heimath wäre ein Prediger mit zu Grabe gegangen, der hätte der Leiche die letzte Ehre angethan und hätte mich dann getröſtet mit Gottes Wort. Hier aber ſoll es zugehen, als ob wir Thiere wären! Nein, entgegnete der Capitain, indem er der Frau die Hand reichte, ſo ſoll es nicht unter uns gehen! Gottes Wort ſoll auch hier der Quell des Segens ſein für Jung und Alt, im Leben und im Tode! Dieſe Worte bewirkten, daß die Frau den Leichnam hin⸗ weg tragen ließ. Bald darauf erſchien Alexis unter uns in ſeinem geiſtlichen Ornate. Groß war das Staunen aller Derer, die es noch nicht gewußt hatten, daß er Prieſter ſei. Da es uns an Särgen gebrach und dieſelben für alle Todten nicht ſo ſchnell, als es nothwendig geweſen wäre, herzuſtel⸗ len waren, hatten Einige der Unſern das Einſenken der Todten ſchon vor der Feierlichkeit vornehmen müſſen. Als die Hügel aufgehäuft waren, begab ſich die ganze Geſellſchaft nach dem Platze. Man hatte Freund und Feind in eine Gruft gebracht. Es wurde das Lied geſungen: Jeſus, meine Zuver⸗ ſicht. Darnach hielt Alexis eine Rede. Glücklicher Weiſe habe ich ein gutes Gedächtniß, ſo daß es mir möglich ſein wird, wenigſtens Einiges aus der Rede zu notiren. Unter Anderm ſprach er ungefähr: Saget, ihr Männer, warum verließet Ihr den heimiſchen Heerd und zoget in die Ferne? Eines Wortes Zauber be⸗ ſtimmte Euch, geheiligte Bande zu zerreißen, die Euch ſeit Eurer Jugend umſchlangen. Doch der Menſchheit höchſte Güter keimen im Herzen und werden im Herzen groß gezogen. So iſt's auch mit der Freiheit. Wer nicht in ſeinem Innern V frei iſt, wird ſie vergebens ſuchen auf allen Erdtheilen, unter 75 allen Regierungsformen. Willſt Du ein freier Mann wer⸗ . den, nun, ſo höre zunächſt auf, ein Knecht Deiner Laſter 1.oder Deiner böſen Triebe zu ſein. Vermagſt Du das nicht, ſo bilde Dir nicht ein, daß äußere freiere Zuſtände Dich be⸗ glücken würden. Im Gegentheil, ſie würden dem in Dir ruhenden Böſen neue Gelegenheit geben, üppig empor zu wuchern. Meine Brüder, Ihr habt Beiſpiele dieſer Art vor Augen gehabt! Ihr wiſſet, daß die ganze Geſellſchaft am Rande des Verderbens ſtand. Der beſſere Geiſt in Euch erwachte, Ihr ſchloſſet Euch mit Muth dem Manne an, der uns kurz vorher unter Gottes Beiſtande das Leben gerettet hatte, darnach aber ſchmachvoll verſtoßen worden war. Nach ſchwerem Kampfe, in dem— Gott ſei es geklagt!— Men⸗ ſchenblut gefloſſen iſt, ward uns der Friede. Er iſt theuer erkauft! So laſſet uns ihn werth halten, damit uns ſeine vollen Segnungen zu Theil werden mögen! Der Eindruck, den die Rede des edlen Alexis machte, iſt nicht zu ſchildern. Wie ſchauete Mancher mit heiliger Scheu auf das Buch, das er noch vor kurzer Zeit in ſeiner Thorheit ſo gering geachtet hatte! Als die Feier vorüber war, ward Alexis umdrängt und mit Dankſagungen über⸗ häuft. Des Lebens Noth hatte uns Gottes Wort werth M gemacht, und wir fühlten uns nun gedrängt, einem Manne Achtung und Ehre zu erweiſen, der freiwillig alle Gefahren mit uns getheilt hatte, um uns den köſtlichſten Schatz für unſer Seeleben zur rechten Zeit darbringen zu können. 15. Reue Einrichtungen. 4 Am Nachmittage deſſelben Tages ließ der Capitain die Gefangenen herbeiführen, denen er in ernſten Worten ihr Unrecht vorſtellte. Zehn derſelben baten eindringlich um Verzeihung, drei zeigten ſich verſtockt. Jene wurden in die Geſellſchaft aufgenommen, nachdem ſie dem Capitain feierlich gelobt hatten, treu und gehorſam zu ſein, Dieſe kamen zurück in das Gefängniß. 3 Als das vorüber war, ſagte der Capitain: Ihr habt Euer Wohl und Wehe in meine Hände gegeben, und ich hoffe, mit Gottes Hülfe zu unſer Aller Heile mein Amt zu 4 verwalten. Ich bin Seecapitain und kann auch meine Natur hier zu Lande nicht verleugnen. Wie auf dem Meere, wenn der Sturm daher brauſt, nur die ſtrengſte Pflichterfüllung der Matroſen das Schiff vor dem Untergange retten kann, ſo wird auch nur die Rettung dieſer Geſellſchaft vollendet werden können, wenn Ihr ſtreng an Eurem Gelöbniß haltet. Nicht Ehrgeiz, das glaubet mir, trieb mich an Eure Spitze. Wenn ſolche Einrichtungen getroffen ſein werden, die das Wohl der Geſellſchaft ſichern, dann werde ich— dies iſt mein Gelöbniß!— freiwillig meine Rechte in Eure Hände niederlegen. Aus Leib und Seele beſteht der Menſch; der Leib bedarf des Brodes, die Seele auch. Die Sorge für unſere Seelen übertrage ich hiermit öffentlich unſerm wür⸗ digen Prediger Alexis. Es iſt ja klar für jeden denkenden Menſchen, daß wir ohne Religion nicht den Thieren gleich 4 7 ſtehen, nein, daß wir ohne dieſelbe tief unter ihnen ſtehen würden. Wie die Knospe nicht aufbrechen, die Blüthe nicht ihren Duft entſtrömen, die Traube nicht reifen könnte ohne die Einwirkung des allbelebenden Lichtes, ſo könnten auch unſere beſten Seelenanlagen ſich nicht entwickeln ohne Re⸗ ligion. Doch das Alles wird Euch unſer Prediger beſſer ſagen, als ich es vermag. Er iſt ein Mann echter Art, dem die Lehre des Heilandes nicht bloß in's Gedächtniß, ſondern tief hinein in Herz und Seele gedrungen iſt, ſo daß er durch Lehre und Beiſpiel uns das Chriſtenthum erläutern wird. Ihm ſei es zugleich empfohlen, für die unter uns weilenden Kinder eine Schule zu ſtiften. Ich wende mich nun vorzüglich der Sorge für Euer leibliches Wohl zu. Da ich, wie ich Euch ſchon einmal geſagt habe, vor längerer Zeit ein Jahr auf Java lebte und die Natur dieſer Inſel jener Java's verwandt iſt, ſo weiß ich, was zu unſerer Erhaltung zu thun nothwendig iſt. Die Producte dieſer Inſel ſind einige Arten von Früchten und Fleiſch. Wer aber glaubt, daß ein Europäer auf die Länge der Zeit dabei beſtehen könne, irrt ſich. Glücklicher Weiſe ſind noch Vorräthe von Kartoffeln, Hülſenfrüchten und Ge⸗ treide vorhanden. Jetzt gilt es, mit vereinten Kräften ſo⸗ gleich an die Urbarmachung eines uns nahe gelegenen Stückes Land zu gehen und den Samen in die Erde zu bringen. Dieſen Arbeiten ſind bis zu ihrer Vollendung ſämmtliche Vormittage geweiht, und es ſollen ſich Alle nach ihren Kräf⸗ ten daran betheiligen, nur der Prediger nicht. Wie in der Heimath, wollen auch wir Denjenigen, der unſerer Seelen Wohl pflegen ſoll, frei laſſen von-irdiſchen Beſchäftigungen. 78 Wegen dieſer Arbeiten ward nun das Nähere beſprochen, und es wurden die Nachmittage zu anderen Beſchäftigungen beſtimmt. 16. Der Lehrer. Ich bin Lehrer geworden! Ich vermag nicht zu ſchildern, mit welchen Empfindungen ich dieſe Worte nieder⸗ ſchreibe. Der Prediger wählte mich zu dieſem Amte, und der Capitain beſtätigte mich ohne Weiteres. Unſere kleine Gemeinde— ſo wird die Geſellſchaft jetzt vom Capitain genannt— hat 44 Kinder, von denen ſich 35 in einem Alter von 7—14 Jahren befinden. Dieſe ſollen vom Pre⸗ diger und von mir unterrichtet werden. Anfangs zögerte ich, das Amt zu übernehmen, da ich mich nicht für befähigt genug dazu hielt. Der Prediger aber machte mir Muth und verſprach, mir da beizuſtehen, wo es mir fehlen würde. Was er über die Wichtigkeit des Jugendunterrichtes ſagte, wird mir unvergeßlich ſein. Er ſagte u. A.: Es wird immer noch zu wenig anerkannt, daß die Einwirkungen der Jugend⸗ Erziehung einen unvertilgbaren Einfluß auf das ganze Leben ausüben. Laſſen Sie uns über dieſen Punkt kiimäl. die große Lehrerin„Geſchichte“ fragen. Antipater verlangte von den Spartanern fünfzig Kinder als Geißeln. Man bot ihm dafür hundert vor⸗ nehme Männer. Die Spartaner wollten die verlangten Kinder nicht einer Erziehung ausſetzen, die ſie für verderb⸗ lich hielten. Das war groß und edel von ihnen gedacht Lykurg betrachtete die Kinder als Eigenthum des Staates. Daher traf er die Einrichtung, daß ihre Bildung gleichför⸗ mig und unter den Augen des Volkes vorgenommen wurde. Muthige, abgehärtete Krieger ſollten die jungen Spartaner einſt werden. Es wurden vom achten Jahre an Uebungen vorgenommen, die ſie befähigten, körperliche Anſtrengungen und Beſchwerden zu ertragen. Aber auch die Seele ſuchte man zu ſtärken. Der Zweck des darauf bezüglichen Unter⸗ richts war die Entwickelung des geſunden Menſchenverſtan⸗ des, einer tüchtigen Urtheilskraft, Kürze und Scharfſinn der Rede. Nach Solon's Verordnung bekamen die jungen Athener mit dem ſiebenten Jahre zwei Lehrer, von welchen einer den Körper, der andere die Seele bildete. Die Schüler, die leſen und ſchreiben konnten, mußten ſich üben, die ſchönſten poetiſchen Werke ihrer Nation laut und richtig herzuſagen. Herz und Geiſt ſollten gebildet, Vaterlandsliebe und Helden⸗ geſinnungen geweckt werden.. Ich könnte Ihnen, fuhr der Prediger fort, Aehnliches auch bei den Römern darlegen. Dies Eine ſteht unzweifel⸗ haft feſt: In dem Grade jene Völker für eine tüch⸗ tige Jugend⸗Erziehung ſorgten, in dem Grade nahm die Wohlfahrt des Staates zu. Wie traurig, daß die Völker, denen die Segnungen des Chriſtenthums zu Theil wurden, dies bisweilen aus dem Auge ließen! Nun, mein theurer Freund, wir wollen uns in unſerm kleinen Staate dieſe Unterlaſſungsſünde nicht 80 zu Schulden kommen laſſen; wir wollen der lieben Jugend die beſten Schätze, deren wir uns erfreuen, darreichen, vor⸗ züglich die Schätze unſerer heiligen Religion. Der Prediger hat mir den Rechen⸗ und Schreibunter⸗ richt übertragen. Den Religionsunterricht wird er ertheilen. Im Schreiben können die Kinder vorläufig noch nicht unter⸗ richtet werden, da es uns an Schiefertafeln und auch an Papier fehlt. Ein großes und ein kleines Alphabet der Druckbuchſtaben habe ich auf einen großen Bogen gezeichnet. Am Montage— übermorgen— ſoll ich mein Amt antreten. Da wir kein Schulgebäude haben, ſoll der Unterricht in einem grünen Zimmer des Waldes ſtattfinden. Hoffentlich wird dies den Kindern nicht unlieb ſein. Ich habe ein hübſches Plätzchen gefunden, das auf einer Seite bogenförmige Er⸗ höhungen hat, die ſich allenfalls zu Sitzplätzen für die Kin⸗ der eignen. Morgen, als am Sonntage, wird Gottesdienſt abgehal⸗ ten werden. Am Nachmittage gedenke ich mich mit meinen künftigen Schülern ein wenig bekannt zu machen. Am beſten wird dies wohl auf einem Spaziergange geſchehen. ——— 81 17. Eine Wanderung. Der Capitain entfaltet eine außerordentliche Thätigkeit. Doch werde ich darüber weiterhin noch ausführlich zu ſprechen kommen. Heut gedenke ich meiner Schüler, mit denen ich ſoeben von einem Spaziergange zurückgekehrt bin. Bald nach dem Eſſen verſammelte ich ſie und führte ſie nach un⸗ ſerm grünen, luftigen Schulzimmer. Hoch erfreut waren ſie, als ſie vernahmen, daß ſie auf dieſem Orte von morgen ab Unterricht empfangen ſollten. Wir ſangen einige Lieder, dann wurden mancherlei Spiele geſpielt. Nachdem dies eine Weile gedauert hatte, ſagte ich: Kommt nun, ich werde Euch ein Märchen erzählen. Hei, wie hüpften ſie jubelnd herbei! Ich ſetzte mich auf einen Stein, und ſie lagerten ſich im Kreiſe um mich her. Nun erzählte ich ein Märchen von Knecht Ruprecht und Muhme Rehlen, das mit großer Theil⸗ nahme aufgenommen ward. Als das Märchen aus war, führte ich die kleineren Kinder zu den Eltern zurück, um mit den älteſten Kindern einen weiteren Spaziergang zu unter⸗ nehmen. Hatte ich doch unter den ſich drängenden und zum großen Theile ſo traurigen Ereigniſſen keinen Sinn dafür gehabt, die Natur der Inſel genauer kennen zu lernen! Dies ſollte jetzt nachgeholt werden. Eben als wir aufbrachen, kamen der Capitain und der Prediger daher. Als ſie meine Abſicht vernahmen, beſchloſſen ſie mitzugehen. Das war mir ſehr willkommen, da Beide tüchtige Naturhiſtoriker ſind. Wir durchſtrichen einige Thäler und trafen auf einen klaren Fluß, dem wir wohl eine Stunde weit folgten. Die ver⸗ Der Schiffscapitain. 6 82² ſchiedenartigſten Pflanzen und Thiere nahmen unſere Theil⸗ nahme in Anſpruch, daher auch unſere Unterhaltung höchſt lebhaft war. Wie außerordentlich verſchieden iſt hier die Pflanzen⸗ und die Thierwelt von der Europa's! Die Blätter der Bäume haben hier eine ſenkrechte Richtung, d. h. es iſt ihre Schneide dem Boden zugekehrt. Daher kommt es, daß den Kronen das dachförmige Anſehen fehlt. Schattige Orte, wie ſie in den heimiſchen Wäldern vorkommen, finden ſich hier gar nicht. Weithin blickt das Auge durch die Gewölbe von Zweigen und wird weniger durch Unebenheit des Bodens, als durch den ſtets wechſelnden Glanz eines ungewiſſen Lich⸗ tes aufgehalten. Die meiſten Bäume werfen ihr Laub nicht ab, wohl aber ihre Rinde. Daher kommt es, daß faſt be⸗ ſtändig Lappen und Faſern von den Bäumen herunterhängen. Viele von uns hielten anfangs die meiſten der Bäume für abgeſtorben oder doch für krank, die lebendigen Kronen aber belehrten uns bald eines Andern. Wir fanden viele Gummi⸗ bäume mit Ausſchwitzungen des reinſten Gummi. Eine Art derſelben liefert äußerſt wohlſchmeckendes Manna. In großer Zahl fanden wir auch den Baum, der auf Java Eiche ge⸗ nannt wird. Dünne Stämme dieſer Art verwendeten wir zu unſeren Lanzen. Der Baum ſteigt ſchlank empor und hat mit ſeinen blätterloſen, dünnen Zweigen das Anſehen baumartiger Schachtelhalme. Die Blätter aller Bäume und Pflanzen entbehren des Glanzes und der Friſche, die ſie auf der nördlichen Halbkugel der Erde auszeichnen, ſie ſind ſtets hart und zum Theil lederartig, ſogar holzig. Herrliche Blüthen fanden wir an Geſträuchen und Pflanzen, vorzüg⸗ 83 lich an dem Flügelfruchtbaume, der hier häufig vorkommt und zu einer rieſigen Höhe emporwächſt. Einen äußerſt rei⸗ zenden Anblick gewährt ein Baum mit langen, ſonnenſchirm⸗ artig am Ende der Zweige geſtellten Blättern und mit weißen Büſcheln gruppirter Blumen. Der Capitain nennt ihn den Katappenbaum. Auch heimathlichen Formen von Ge⸗ wächſen begegneten wir: hier einem bunten Augentroſt, dort einer Klatſchroſe, einem Nachtſchatten, Ehrenpreis ꝛc. Frei⸗ lich bei genauer Beſichtigung ergab es ſich, daß die hieſigen Formen von den heimiſchen doch um Vieles verſchieden ſind. Schöne Grasbüſchel mit langen, ſchlanken Halmen wachſen überall im Walde, darin niſten die Ringeltaube und andere Vögel. Auf dem kleinen Fluſſe ſahen wir mehrere ſchwarze Schwäne. Die Schwungfedern derſelben ſind gelblich, der Schnabel iſt ſchön hochroth und der Hals noch ſchlanker, als bei den Schwänen Europa's. Einen noch ſchönern Anblick gewährte der Leierſchwanz, ein Vogel von der Größe eines Goldfaſans. Seine Hauptfarbe iſt Schwarz, geht aber auf den Flügeln in Rothbraun über. Auf dem Kopfe trägt er einen kleinen Federbuſch. Das Wunderbarſte an dem Vogel aber iſt ſein Schwanz, der genau die Form einer griechiſchen Leier hat. Wir ſahen zwei Exemplare dieſer Art, doch konn⸗ ten wir keine genaue Beobachtungen anſtellen, da dieſer Vo⸗ gel ſich auch dadurch von andern Vögeln dieſer Inſel un⸗ terſcheidet, daß er ſehr ſcheu iſt. Der Beugung des Fluſſes folgend, erblickten wir plötz⸗ lich einen kleinen See, der einen eigenthümlichen Eindruck gewährte. Die Ufer und der Grund ſind mit zahlreichen Salzkruſten bedeckt, welche ſich an Steine, Pflanzen und alle 6* 84 auf dem Grunde und der Oberfläche befindliche Körper an⸗ hängen. Die Entdeckung dieſes Salzſee's erfreute den Ca⸗ pitain außerordentlich. Wir traten nun, den Stand der Sonne im Auge behal⸗ tend, unſern Rückweg an. Nicht zehn Schritte konnten wir gehen, ohne etwas zu ſehen, was uns intereſſirte. Hier huſchte eine Eidechſe an uns vorüber, dort gaukelte ein Schmetter⸗ ling von Blume zu Blume. Am Abhange eines Berges fanden wir mehrere Brodbäume. Sie waren faſt alle von der Größe einer ausgewachſenen Eiche und hatten ſchön ab⸗ gerundete Kronen. Die Früchte waren noch klein und un⸗ reif, ſie erreichen aber, wie uns der Capitain erzählte, bis⸗ weilen ein Gewicht von 15 bis 20 Pfunden. Der Capitain vermuthete auch in dieſer Gegend die Cocospalmen, von denen einige Paſſagiere ihm geſagt hatten. Wirklich fanden wir dieſelben auch bald. Auf einem felſigen, von unſerm Standpunkte durch eine tiefe Schlucht getrennten Berge ragte eine Menge dieſer herrlichen Bäume majeſtätiſch em⸗ por; in ihren Wipfeln ſahen wir kleine Papageyen von blauer Farbe und Loris von einem hübſchen Roth. Die Zahl dieſer Bäume, deren mehrere gegen 150 Fuß hoch waren, belief ſich auf 23. Von Vögeln ſahen wir, außer den obengenannten: Finken, Droſſeln, Schnepfen, Enten, Gänſe, Waſſerhühner und Honigſauger. Letztere, die wie Schmet⸗ terlinge von Blume zu Blume fliegen, wetteifern mit den ſchönſten Kolibri's Indien's an Schönheit und Farbenpracht. Etwa eine halbe Stunde vor Untergang der Sonne er⸗ reichten wir unſern Platz. —õ——y q———— 8⁵ 18. Der erſte Schultag. Heut in aller Frühe verſammelten ſich, wie verabredet worden war, die älteſten Knaben um mich, und wir begaben uns an den Strand, um bei eintretender Ebbe Auſtern zu ſuchen und uns auf dieſe Art für die Geſellſchaft nützlich zu machen. Was wir fanden, ward dem Koch abgeliefert. Ein ſolcher Gang ſoll an jedem Morgen gemacht werden. Als wir zurückkamen, hatten ſich die kleineren Kinder ſchon auf dem Platze verſammelt. Ich ſtellte ſämmtliche Kinder in Reih' und Glied und wir zogen nun nach unſerm grünen Waldzimmer, in welchem ich jedem Kinde ſeinen Platz anwies. Bald kam der Prediger. Jetzt ward das Lied: Nun danket Alle Gott! angeſtimmt. Darnach hielt der Prediger ein Gebet, in welchem er die Kinder aufforderte, dem himmliſchen Vater von ganzem Herzen Dank dafür dar⸗ zubringen, daß ihnen hier Gelegenheit gegeben werde, ſein Wort kennen zu lernen. Er wies darauf hin, wie hochbe⸗ gnadigt ſie ſeien vor vielen andern Kindern, vor den meiſten Derer, die die unzählbaren Inſeln dieſes Meeres bewohnen. Dieſe erwüchſen noch in der Geiſtesnacht, ihnen aber ſei Ge⸗ legenheit gegeben, Den kennen zu lernen, der die Wahrheit und das Leben iſt. Hierauf begann der Prediger den Unterricht in der Re⸗ ligion. Geliebte Kinder, ſprach er, höret jetzt aufmerkſam auf mein Wort! Gott ſchmückte einſt die Erde zu einem 86 herrlichen Wohnplatze für uns Menſchen; glücklich ſollten wir auf derſelben leben. Eines nur verlangte der himm⸗ liſche Vater: Gehorſam. Im Gehorſam fanden die beiden erſten Menſchen paradieſiſches Glück. Doch dieſer glückliche Zuſtand währte nicht lange. Des Böſen Macht mißgönnte dem erſten Menſchenpaare ſein Glück und mühete ſich, ihm daſſelbe zu rauben. Die ſchleichende Verführerin wandte die Lüge an zu der Menſchen Verderben. Hiätte ſie die Wahrheit verkündet, hätte ſie geſagt: Ungehorſam gegen Gott bringt Euch um das Paradies! dann hätten die erſten Menſchen ſich mit Abſcheu abgewandt von ihr. Doch ſie ſprach: Ihr werdet höher, herrlicher, klüger, Ihr werdet ſein wie Gott!— Als nun die Sünde vollbracht war, trat nicht das Verheißene, ſondern das Gegentheil ein: nicht Erhöhung, ſondern Erniedrigung. Meine geliebten Kinder, ſo blieb es auf der Erde; ſtets war die ſchleichende Schlange bereit, der Menſchen Glück zu verderben. Gottbegeiſterte Männer, Propheten, traten lehrend und warnend auf; ſie wieſen auf die Macht und Tücke der Schlange hin und lehr⸗ ten ſie meiden. Endlich ſandte der himmliſche Vater den Heiland Jeſus Chriſtus. Er lehrte uns nicht nur in Worten, ſondern er zeigte uns auch durch ſein Leben, was geſchehen müſſe, daß die Welt gleichſam wieder ein Pa⸗ radies werde. In ihm iſt uns in jeder Lage des Lebens ein Beiſpiel gegeben, dem wir nachfolgen ſollen. Euch, meinen lieben Kindern, möge beſonders der zwölfjährige Jeſus im Tempel ein Vorbild ſein. Wie er, möget Ihr vor allen Dingen nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Bereceg, keit trachten 87 Nach dieſen einleitenden Worten ſchlug nun der Prediger ſeine Bibel auf, las die Schöpfungsgeſchichte vor, erklärte ſie, knüpfte Betrachtungen daran und überzeugte ſich endlich durch Fragen, in wie weit die Kinder ſeinem Vortrage ge⸗ folgt waren. Nun ging ich an mein Werk und hielt zunächſt eine Leſeſtunde ab. Für die größeren Kinder hatte ich einige Bücher aus der Schiffsbibliothek des Capitains, für die klei⸗ neren Kinder war die Buchſtabentafel beſtimmt. Einer der größeren Knaben und ein älteres Mädchen mußten abwech⸗ ſelnd mit den jüngſten Kindern die Buchſtaben einüben, die ich beſtimmt hatte, während ich mit meiner erſten Abtheilung las und das Geleſene beſprach. Uebel war es freilich, daß nicht ein und daſſelbe Buch in mehreren Exemplaren vor⸗ handen war. Doch wir mußten zufrieden ſein, daß wir überhaupt Bücher hatten. Beim Rechnen nahm ich für die Kleinen ebenfalls als⸗ bald die Hülfe älterer Kinder in Anſpruch, denen dieſe Ar⸗ beit auch großes Vergnügen gewährte. Es handelte ſich in der letzten Abtheilung natürlich zunächſt um das Zählen. Die übrigen Kinder prüfte ich im Rechnen und ſchied ſie in zwei Abtheilungen. Für die letzte Abtheilung wollte ich heut noch eine Zehnertabelle anfertigen, wie ſie in der Schule ge⸗ braucht wurde, die ich beſucht habe. Da es uns an Schie⸗ fertafeln gebricht, handelt es ſich hier nur um Kopfrechnen. Die Unterrichtsſtunden vergingen außerordentlich ſchnell; ich will nur wünſchen, daß meine Schüler und Schülerinnen ſich auch fernerhin ſo munter und theilnehmend zeigen möchten. 88 19. Rach fünf Monaten. Mein theurer Vetter in B., was würdeſt Du von mir denken, wenn Du es wüßteſt, daß ich ſeit fünf Monaten kei⸗ nen Strich in mein Tagebuch geſchrieben habe! Doch ich fände ſicherlich Verzeihung bei Dir, wenn ich Dir ſagte: ich war ſo thätig in meinem Amte und für meine Gemeinde, daß es mir im buchſtäblichen Sinne an Zeit fehlte, das Tagebuch fortzuführen. Früher habe ich auch gearbeitet und gemeint, fleißig zu ſein, hier jedoch bin ich in Bezug auf den letztern Punkt meines Irrthums inne geworden. Unſer Ca⸗ pitain hat es mir und Anderen gelehrt, was es heißt: ar⸗ beiten. Seit ich ihn kenne, fange ich an, Fürſten zu ver⸗ ſtehen, die ihr Volk mit Weisheit und Kraft zu nützlicher Thätigkeit erzogen. Peter der Große!— Vor allen aber gedenke ich der drei großen preußiſchen Regenten: des großen Kurfürſten, Friedrich Wilhelms I., Friedrichs des Großen. In der That, unſer Capitain erläutert mir dieſe Charactere. Wie jene Fürſten mit eiſerner Hand die Zügel großer Staa⸗ ten ergriffen, ſo ergriff unſer Capitain die Zügel unſers kleinen Staates. Wer da glaubt, es ſei Alles bei uns ſo ſüß und glatt abgegangen, als wenn ein ſanfter Jüngling im Mondſchein eine Melodie auf der Flöte bläſt, der irrt ſich gewaltig. Im Gegentheil, unſer Capitain hat oftmals ein Unwetter aufziehen laſſen, ſo voll Blitz, Donner und Hagel, daß Einem die Haare zu Berge ſtiegen. Aber er konnte das 89 auch, er donnerte nur in rechtſchaffener Art und opferte ſich mehr als jeder Andere für das Gemeinwohl. Da die Thä⸗ tigkeit der Geſellſchaft ſich nach verſchiedenen Richtungen hin erſtreckte, erwählte er ſich mehrere Vertrauensmänner, die ſich an jedem Abende zu einer kurzen Berathung bei ihm zu⸗ ſammen fanden. Dieſe Vertrauensmänner bilden gewiſſer⸗ maßen den Miniſterrath in unſerem kleinen Staate. Ich will mir einmal das Vergnügen bereiten, mir vor⸗ zuſtellen, Du, mein theurer Vetter, ſeieſt auf einem Schiffe an den Strand unſerer Inſel gekommen. Ich eile Dir ent⸗ gegen, begrüße Dich mit tauſend Freuden und ſage Dir dar⸗ auf: Jetzt nimm unſere kleine Stadt oder unſer Dörflein — wie Du villſt!— in Augenſchein! Du ſchaueſt mich groß an, und ich leſe es auf Deinem Angeſichte, daß Du meinſt: Ihr Schiffbrüchigen lebt doch höchſtens wie Füchſe und Dachſe in Gruben und Höhlen! Nun ſo begleite mich, lieber Vetter, dieſen geebneten Weg hinauf, und gleich ſollſt Du urtheilen, in wie weit Deine Annahme begründet iſt. Ah, jetzt machſt Du ein anderes Geſicht! Von dieſem Punkte aus überſchaut man die meiſten Häuſer unſerer Colonie. Gewähren dieſe Häuſergruppen mit den ſie umgebenden Gär⸗ ten nicht einen ſchönen Anblick? Alles dies iſt das Werk der kurzen Zeit, in der wir hier ſind. Freilich, die Häuſer ſind in ihrer Conſtruction höchſt einfach, aber ſie genügen uns vollkommen für dieſes Klima. Jenes größere Gebäude iſt die Schule, in der der Prediger und ich täglich Unterricht ertheilen. Dort findet auch der Gottesdienſt ſtatt, ferner werden bei ungünſtigem Wetter die Gemeindeberathungen dort abgehalten. Nun laß uns durch die geebnete Straße 90 gehen. Ueberall ſiehſt Du Reinlichkeit und Ordnung. Die Scheuern zur Rechten bergen den Segen der Ernte, an jenen Staffeln hängen unſere großen Netze. Dort am Ende un⸗ ſerer Colonie ſiehſt Du ein kleines Gebäude mit ſtark be⸗ räuchertem Schornſtein. Du erräthſt es, daß es die Schmiede iſt. Glücklicherweiſe hatten wir eine große Zahl von Eiſen⸗ ſtangen mitgebracht. Der Vorrath an Eiſen iſt aber ſchon ſehr geſchmolzen, ſo daß höchſt ſparſam damit umgegangen werden muß. Wir verfolgen nun dieſen Weg und gelangen in zehn Minuten zu einem thonreichen Abhange. Schon ſind wir da. Du ſiehſt auf jeder Seite einen Schuppen und einen Brennofen, hier werden Mauerſteine, dort wird Geſchirr ge⸗ brannt. Nun verfolgen wir dieſen geſchlängelten Pfad tiefer in den Wald hinein. In jenem niederen Thale ſiehſt Du ſchon von fern eine Umzäunung. Horch, eine Flöte tönt Dir entgegen— Du meinſt in der Heimath zu ſein. Da ſitzt ein Hirtenknabe unter einem Baum und ihm zur Seite der wachſame Hund. Dort weiden Kühe, Ziegen, Schafe, auf jener Seite ſiehſt Du ein Heer von Hühnern. Auch dies iſt von der Geſellſchaft gebaut worden. Nun gehen wir zu den Aeckern. Dieſelben ſind nicht groß, denn es ſtehen uns nur Spaten und Harken zu ihrer Umarbeitung zu Gebote. Beſäßen wir Pferde, ſo könnte vermittelſt des Pfluges eine größere Fläche bearbeitet werden. Der Ertrag dieſer Felder verſorgt uns indeß hinreichend. Horch, welch ein Ton ſchallt auf dieſer Seite in Dein Ohr! Klip! klap! Ja, Vetter, es iſt, wie Du vermutheſt, eine Windmühle da. Jene Stein⸗ brüche haben uns die Mühlſteine geben müſſen. Die Mühle iſt viel kleiner, als Du ſie in der Heimath zu ſehen gewohnt 91 biſt, doch genügt ſie für uns. Jetzt führe ich Dich zu unſerm kleinen Salzſee. Ehe wir ihn erreichen, wird Dir ein trau⸗ riger Anblick zu Theil werden. Siehe, dies dunkle Haus. Es iſt ein Gefängniß. Den Unverbeſſerlichen, die ſchon zwei Mal Mordanſchläge auf den Capitain und den Prediger ausgeführt haben, dient es als Wohnort. Siehe, zur Rech⸗ ten des Sees iſt ein großes Baſſin gegraben worden. In dieſes Baſſin wird vermittelſt zweier Pumpen Salzwaſſer gepumpt. Es verdunſtet bald und läßt die Salztheile am Boden zurück. Nun wird das Baſſin auf's Neue gefüllt. Iſt das im Verlaufe von zwei, drei Tagen etwa ein Dutzend Mal geſchehen, ſo hat ſich auf dem Boden des Baſſins eine ſtarke Salzkruſte geſetzt. Vermittelſt ſcharfer Inſtrumente werden nun die oberen Lagen des Salzes vorſichtig abge⸗ hoben. Die unmittelbar aus dem See genommene Salz⸗ kruſte iſt unrein und daher nicht zu gebrauchen. Alle 12 bis 15 Tage müſſen 5 Mitglieder unſrer Gemeinde auf 2 bis 3 Tage die bezeichnete Arbeit verrichten. Du willſt ſchon hinweg? Nein, lieber Vetter, noch halte ich Dich feſt. Es iſt Sonntag Nachmittag, und da dürfen wir noch ein wenig umher gehen. Siehe, dort unter den Bäumen verſammelt ſich die liebe Jugend zum Spiel. Komm, laß uns Theil daran nehmen! Wie gern ſingen ſie heimiſche Lieder! Wie geht ihre Sehnſucht weit, weit über's Meer bis nach dem Ort, wo ihre Wiege ſtand. Vetter, es iſt doch ein eignes Ding um die Heimath. Wüßte ich, daß ich ſie unter keinen Umſtänden wiederſehen ſollte, ich glaube, ich könnte ſterben vor Weh. Was mag es ſein, das unſre Sehnſucht ſo an das Stückchen Erde feſſelt, auf dem 92 wir geboren wurden? Wirken die Eindrücke derjenigen Dinge, die wir zuerſt ſahen, ſo zauberiſch? Ach, Vetter, wäre ich jetzt plötzlich in meinem Vaterlande, glaube es mir, ich ſänke andächtig nieder und küßte den heiligen Boden. Heiliger Boden! Ja, er iſt mir heilig. Birgt er nicht die Aſche der unendlichen Reihe meiner Voreltern? Genug heut davon! Wir gehen mit den Kindern zurück in unſre Colo⸗ nie. Sieh, dort ſitzen Gruppen vor den Thüren und leſen aus Büchern, die ihnen der Capitain geliehen hat. Jetzt befinden wir uns vor ſeiner Wohnung. Die Kinder ſtehen ſtill und ſtimmen ſein liebſtes Lied an: Ich hab mich ergeben Mit Herz und mit Hand, Dir Land voll Lieb' und Leben, Mein deutſches Vaterland! Er tritt hervor und ſagt den Kindern einige Dankes⸗ worte, worauf ſich jene grüßend entfernen. Sieh, wie ſein Auge glänzt! Laß uns eintreten in ſeinen Garten. Er reicht Dir ſeine biedre Rechte, und Du nimmſt Platz unter den wackern Männern, die hier verſammelt ſind. Ver⸗ ſtändige Geſpräche vernimmſt Du, während Dein Auge auf dem unendlichen Meere ruht, in das ſich der purpurne Sonnenball ſenkt. Jetzt zieht der ſilberne Mond herauf an dem Himmel, deſſen Sternenpracht unbeſchreiblich iſt. Im⸗ mer noch lauſcheſt Du den Geſprächen, beſonders noch den Erzählungen des Capitains. Endlich erhebt ſich die Ge⸗ ſellſchaft, Einer ſagt dem Andern gute Nacht, und auch wir gehen. So habe ich Dich denn, mein theurer Vetter, im Geiſte *—. 93 auf unſerer Colonie umher geführt. Wäreſt Du wirklich hier und hätten wir den geſchilderten Spaziergang gemacht, Du würdeſt, das hoffe ich ſicherlich, unſerm Fleiße Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, vor allen Dingen aber würdeſt Du den Mann ehren und bewundern, der an unſrer Spitze ſteht. V 20. Die Wilden. Sonntags Nachmittag mache ich häufig Spaziergänge, kleinere mit ſämmtlichen Schulkindern, größere mit der erſten Abtheilung. Letzteres geſchah geſtern, 6 Knaben und 8 Mäd⸗ chen begleiteten mich. Ich habe bereits eine kleine Karte aufgenommen, die ich bei jedem Spaziergange erweitere. Es gewährt meinen Schülern außerordentliches Vergnügen, an dieſer Arbeit Theil zu nehmen. Heut gingen wir wohl eine deutſche Meile weit nach Süden zu und trafen plötzlich, wider Vermuthen, auf den Meeresſtrand. Doch handelte es ſich nur um eine tiefe Bucht, die auf beiden Seiten von kleinen bewaldeten Bergen eingeſchloſſen iſt. Wir lagerten uns an dem Abhange des diesſeitigen Berges. Meine Waffen legte ich ab, ein Gewehr und ein langes Meſſer. Es war zwar noch Keinem von uns, außer bei den erſten Kämpfen, etwas auf der Inſel begegnet, das eine kriegeriſche Vertheidigung erheiſcht hätte; dennoch war es der Wille des Capitains, daß diejenigen, die weite Wege machten, ſich mit Waffen ver⸗ 94 ſahen. Jedoch ſollte nur im äußerſten Nothfalle von dem Gewehre Gebrauch gemacht werden. 1 Nach dem zweiſtündigen Marſche, bei dem es meiſt berg⸗ auf und bergab gegangen war, bekam den meiſten von uns die Ruhe gar wohl. Einer der Knaben allein, Adolph mit Namen, ſchien nicht ermüdet zu ſein. Er rannte hinab zum Strande, ſuchte ſich glatte Kieſel und verſuchte ſie bis nach dem andern Ufer der Bucht zu werfen, was ihm aber nicht ge⸗ lang. Indeß lenkte ein Mädchen, Adolph's Schweſter, unſre Aufmerkſamkeit auf die Blüthe eines Schlinggewächſes. Die⸗ ſelbe glich einem ſtrahlenden Stern, hatte 1 ½ bis 2 Zoll im Durchmeſſer und war in der Mitte glänzend goldgelb und außerhalb mit feinen blaßrothen Blättern beſetzt. In⸗ dem wir die Blüthe betrachteten, machte ich den Kindern einige Mittheilungen. Darüber verging eine Zeit. Plötz⸗ lich vernahmen wir Adolph's Ruf von dem jenſeitigen Ufer der Bucht. Mir war es unlieb, daß er ſich ſo weit von mir entfernt hatte, um ſo mehr, als ich es ihm ſchon mehrmals eingeſchärft hatte, auf den Spaziergängen in meiner Nähe zu bleiben. Adolph war ſonſt ein fleißiger, liebenswürdiger Knabe, nur ſein Ungehorſam erregte mir und den Eltern oftmals Beſorgniß. Eben wollte ich ihm zurufen, da er⸗ ſtarrte mir das Wort auf der Zunge. Ich ſahe nahe bei Adolph zwei Wilde aus dem Gebüſch hervorſpringen, ihn ergreifen und mit ihm verſchwinden. Das geſchah im Nu. Ein durchdringendes Geſchrei erfolgte. Todtenbleich waren meine armen Kinder, die mir zur Rechten und Linken ſaßen. Ich mag auch nicht anders ausgeſehen haben. Das Ent⸗ ſetzen, das uns erfaßt hatte, war ſo groß, daß wir alle mehrere 95⁵ Augenblicke wie verſteint ſaßen. Der erſte Laut, der ertönte, kam von den Lippen der Schweſter Adolph's. Mein Bru⸗ der, mein Bruder! rief ſie in herzzerſchneidenden Tönen. Dieſer Ausruf löſte auch das ſtarre Entſetzen in den Andern. Wie ich, ſprangen ſie auf, bebend am ganzen Leibe. Bald blickten ſie ſcheu umher, als ob hinter jedem Baume ein Wil⸗ der hervorſpringen werde, bald ſchaueten ſie auf mich, Hülfe, Rettung heiſchend. Dies brachte mich zur Beſinnung, ſo daß ich wenigſtens im Stande war, zu überlegen, was zu thun ſei. Ich griff zu den Waffen und führte die Kinder ſchnell den Berg hinauf. Hier bezeichnete ich ihnen genau die Richtung nach der Heimath, gab dem älteſten Knaben die Karte und ſagte: Begebt Euch nun in Gottes Namen auf den Heimweg; ich aber will und muß ſehen, was aus Adolph geworden iſt. Die Kinder klammerten ſich an mich, namentlich die Mädchen; zähneklappernd baten ſie mich, ſie nicht zu verlaſſen. Ich ſagte ihnen: Um des armen Adolph willen, geliebte Kinder, bitte ich Euch, gehet allein nach Hauſe! Iſt Gefahr vorhanden, ſo iſt ſie nicht auf dieſer Seite, ſondern jenſeits der Bucht. Flehet zum himmliſchen Vater, und er wird Euer Beiſtand ſein! Mich an den älte⸗ ſten Knaben wendend, dem ich die Karte übergeben hatte, ſagte ich: Otto, ſei tapfern Herzens und führe Dieſe glück⸗ lich zurück, damit ich meine Pflicht gegen den armen Adolph erfüllen kann! Nun in Gottes Namen vorwärts, geliebte Kinder! Dies Alles war, wie man ſich denken kann, ſchnell ge⸗ ſprochen worden. Otto eilte voran, und die bleiche, zit⸗ ternde Schaar folgte ihm. 96 Ich rannte nun den Hügel hinab. Jetzt brach mir der Schweiß aus allen Gliedern, weniger vom Laufen, als von der inneren Aufregung. War ich doch feſt überzeugt, daß ich dem Tode— und vielleicht einem ſchrecklichen— entgegen⸗ gehe. Aber es gab ja für mich keine Wahl. Adolph war in die Gewalt jener Männer gefallen, und ich mußte Alles daran ſetzen, ihn zu befreien. Wie hätte ich ſonſt vor dem Richterſtuhle meines Gewiſſens, vor den Eltern Adolph's, vor dem Capitain und der Gemeinde beſtehen können? Groß war indeß meine Angſt, und ich ſeufzte zu Gott empor. Da hörte ich plötzlich hinter mir rufen, und als ich mich um⸗ wandte, erblickte ich Adolph's Schweſter, die mir in athem⸗ loſer Haſt nachgelaufen kam. Ich blieb erſtaunt ſtehen und fragte ſie, als ſie mir nahe war, weshalb ſie nicht mit den Uebrigen zurückgekehrt ſei. Sie hatte aber keine andre Ant⸗ wort als Thränen und Ausruf des Schmerzes um ihren Bruder. Ich muß geſtehen, dieſer Vorfall übte einen mäch⸗ tigen Einfluß auf mich aus. Die Liebe der Schweſter rührte und kräftigte mich. Es blieb nun nichts übrig, als das Mädchen bei mir zu behalten. Wir umgingen, ſo ſchnell wir es vermochten, die Bucht und beſtiegen die nächſte Berg⸗ ſpitze. Dort angekommen, erblickte ich an dem Meeres⸗ ſtrande einen kleinen Nachen. Schnell ſchlüpfte ich hinter einen Baum und hieß auch das Mädchen(Gertrud iſt ihr Name) hinter einen Baum treten. Wir ſpäheten umſonſt umher, nirgends war eine Spur von den Wilden zu ſehen. Plötzlich ſagte Gertrud: Sehen Sie, dort im Kahn, dort liegt Adolph! Ach, mein Bruder, mein Bruder!— In der That, es war ſo; ich bemerkte es jetzt auch, daß Adolph 97 gebunden im Kahne lag. Daß er nicht ſchrie, kam mir ver⸗ dächtig vor. Sollte er getödtet worden ſein? Warum aber würde man ihn dann gefeſſelt haben? Offenbar, ſagte ich mir, iſt ihm der Mund verſtopft worden. Indem ich noch einmal aufmerkſam umher ſah, fielen meine Blicke von ungefähr auf einen einſam ſtehenden Cocos-Palmbaum, der den Scheitel eines nahen Berges ſchmückte. Da bemerkte ich in ſchwindelnder Höhe des Stammes eine dunkle Figur, und auch am Fuße deſſelben eine gleiche Figur. Nun war mein Entſchluß gefaßt. Jetzt komm, Gertrud, jetzt erlöſen wir Deinen Bruder! rief ich, ergriff das Mädchen bei der Hand und riß ſie mit hinweg. Hatten wir es mit den beiden, eben geſehenen Wilden allein zu thun, ſo war mir nicht bange, in den Beſitz des Kahnes zu gelangen. Sollten zu dem Kahne noch andere Wilde gehören, ſo konnten es eben nur wenige ſein, und ich hoffte bei einem etwaigen Angriff der Letzteren den Kampf ſiegreich beſtanden zu haben, ehe es Jenen möglich gewefen ſein würde, herbei zu kommen. Wir hatten jetzt den bewaldeten Theil des Berges hinter uns, ohne einen neuen Feind erblickt zu haben. Jetzt befanden wir uns am Nachen, der zum größern Theile auf den Strand gezogen worden war. Ich verſuchte ihn in's Waſſer zu ſchieben. Vergebens! Nun ſprang ich hinein, zerſchnitt die Baſt⸗ ſtricke, mit denen Adolph gefeſſelt worden war, befreite ſei⸗ nen Mund von der Wulſt lederartiger Blätter, die man hin⸗ ein geſteckt hatte, und riß ihn weinenden Auges an meine Bruſt, indem ich ihm zurief: Gott hilft uns, mein Sohn! Nun aber laß uns unſere Schuldigkeit thun! Er war wie betäubt, trat aus dem Kahn, und ſogleich unſchlang ihn Der Schiffscapitain. weinend die Schweſter. Um Gottes willen, Kinder, rief ich, wir dürfen keine Zeit verſäumen, wenn wir uns retten wollen! Faßt den Kahn an, hier, und nun ſtoßt aus allen Euren Kräften! Wir ſtrengten uns mit aller Macht an, und es gelang uns, den Kahn flott zu machen. Die Kinder ſtie⸗ gen ein, zuletzt ſtieg ich ein und ergriff ein Ruder. Adolph und Gertrud ſaßen an der Spitze des Kahns und hielten ſich umſchlungen. Adolph hielt die Hände gefaltet, ſah aber manchmal ſtarr umher, als fürchtete er immer noch, in der Gewalt der Wilden zu ſein; Gertrud's Augen, die nur auf den Bruder geheftet waren, ſchwammen in Freudenthänen. Anfangs deckten die tiefer ſtehenden Bäume jene Bergſpitze, auf der wir die Wilden geſehen hatten. Jetzt trat der Co⸗ cos⸗Palmbaum hervor, jetzt auch die Bergſpitze, aber weder auf dem Baume, noch auf dem Berge bemerkte ich die Wil⸗ den. Ich vermuthete demnach, ſie hätten ihren Zweck, ſich in den Beſitz einiger Cocosnüſſe zu ſetzen, erreicht und ſeien nun auf dem Wege nach dem Strande. Meine Frage an Adolph, ob wir es nur mit zwei Wilden zu thun hätten, bejahete er. Nun war meine Sorge wegen eines Kampfes ſchon um Vieles geringer. Dennoch geboten mir Klugheit und Pflicht, ihn wo möglich zu meiden. Ich hatte mir an⸗ fangs vorgenommen, auf dem Kahne bis zu unſerer Colonie zu fahren. Die Wegführung des Kahnes ſchien mir das ſicherſte Mittel zu ſein, mir die Feinde vom Leibe zu halten. Aber ich mußte mir bald ſagen, ſie würden die verzweifelt⸗ ſten Anſtrengungen machen, wieder in den Beſitz des Kah⸗ nes zu gelangen. Jedenfalls, ſagte ich mir, ſind ſie geſchickte Schwimmer und vermögen, den Kahn, wenn ſie deſſen Weg⸗ 99 führung bald bemerken, einzuholen. Was bliebe mir dann Anderes übrig, als den Einen zu erſchießen und den Andern mit dem Ruder zu erſchlagen? Dieſe Erwägungen brach⸗ ten mich auf einen anderen Plan. Ich durchfuhr die Mün⸗ dung der Bucht und landete am jenſeitigen Ufer. Schnell ſtiegen wir aus und ſtießen den Kahn mit vereinten Kräften in’s Meer. Eine leichte Landbrieſe trieb ihn langſam hin⸗ weg. Nun rannten wir am Strande entlang und warfen etwa hundert Schritte weiter ein Ruder und in gleicher Ent⸗ fernung das zweite Ruder in's Meer. Kommen die Wilden jetzt herbei, ſagte ich mir, ſo raubt ihnen die Herbeiſchaffung des Kahnes und der Ruder eine ziemliche Zeit und wir erreichen einen guten Vorſprung. Nun eilten wir der Heimath zu. Nahe derſelben kam uns eine Schaar bewaffneter Männer unſerer Gemeinde unter der Anführung des Capitains entgegen. Auch die Eltern Adolph's waren dabei. Rührend anzuſehen waren die Aeußerungen der Freude zwiſchen Eltern und Kindern. Gott ſei gelobt, daß Alles ſo glücklich abgelau⸗ fen iſt! Heute hat eine Schaar der Unſeren, die ich führte, die Gegend durchſtrichen, in der das Erzählte vorgefallen iſt. Wir haben nichts gefunden. Der Capitain vermuthete, daß die Wilden von dem heftigen Winde, der vorgeſtern wehete, an die Küſte unſerer Inſel verſchlagen worden ſeien. Jetzt müſſen wir uns auf Beſuche gefaßt machen, ſagte er. Er 7* 100 hat nun beſtimmt, auf einem nahen Berge eine Hütte zu bauen, in der ein Matroſe Wachtdienſte verrichten ſoll. Mit dieſem Wächter hat dann unſer kleiner Staat wieder einen Beamten mehr, den zu ernähren er verpflichtet iſt. 21. Der erwartete Beſuch. Es waren wegen eines etwaigen Beſuches der Wilden große Beſorgniſſe, beſonders unter den Frauen und Kindern, laut geworden. Das Benehmen des Capitains war indeß geeignet, die Leute zu beruhigen. Jetzt erzählen ſie ſich: Er hat, als er früher auf Java war, die Völkerſchaften die⸗ ſer Inſel kennen gelernt und weiß mit ihnen umzugehen. Doch warum läßt er in Eile den Eingang zur großen Höhle mit einer ſtarken Mauer einfaſſen?„Er weiß mit ihnen umzugehen!“ Nun, der Beſitz einer Art Feſtung mag bei dem Umgange mit den Wilden unter Umſtänden erſprießlich ſein!— Alle kräftigen Männer müſſen jetzt täglich eine Stunde exerciren. Wir thun das ohne Murren, ob wir gleich in der Heimath den Soldatendienſt oft vermaledeieten. Der ſechzehnte Tag war ſeit jenem Vorfalle herange⸗ kommen. Wie täglich, hatte der Wächter auch am heutigen Morgen ſeinen Berg beſtiegen. Unſere Sonnenuhr zeigte ¾ auf 8, und ich begab mich nach dem Schulhauſe. Da bog der Wächter in die Straße und kam in fliegender Eile daher. Ich befand mich vor dem Hauſe des Capitains, der vor ſeine Thür heraustrat. Dem Wächter hing das Haar um den Kopf, ſein Geſicht zeigte Angſt und Entſetzen. Herr Capitain! Herr Capitain! rief er athemlos, es ſind.... Hier unterbrach ihn der Capitain. Ehe Sie weiter reden, ſagte er, möchte ich wiſſen, ob die Welt, oder ob Ihnen Ihr Verſtand untergegangen iſt. Der Wächter riß Mund und Augen auf. Wenn weder das Eine noch das Andere geſchehen iſt, fuhr der Capitain fort, ſo ſagen Sie mir in aller Ruhe, was Sie mir zu ſagen haben. Dort kommen Kinder herbei. Was ſollen dieſe denken, wenn ſie einen erwachſenen Mann ſehen, dem vor Furcht die Zähne zuſammen klappen! Ich weiß nicht, was Sie mir mittheilen wollen, doch das ſage ich Ihnen vorher: die Sache iſt nicht den zehnten Theil ſo arg, als Sie meinen! In einem ruhigeren Tone ſprach jetzt der Wächter: Herr Capitain, es nähern ſich viele Kähne der Inſel. Wir blickten nach dem Meere. Von hier aus, fuhr der Wächter fort, können Sie die Kähne nicht ſehen; Sie müſſen dieſen Berg mindeſtens zur Hälfte beſteigen. Sind die Kähne noch weit? fragte der Capitain in dem gleichgültigſten Tone. Eine Seemeile etwa mögen ſie noch entfernt ſein, ver⸗ ſetzte der Wächter. 102 Am Ende iſt nichts da, als ein Schwarm Seeraben! ſagte der Capitain mit Lachen. Die Hand auf die Bruſt haltend, betheuerte der Wäch⸗ ter, daß er Wahrheit berichte, worauf der Capitain entgeg⸗ nete: Wir wollen ſehen! Indem er ging, wandte er ſich noch einmal um und rief mir zu: Halten Sie die Kinder im Zaum, damit nicht etwa eine unnütze Aufregung ent⸗ ſteht. 4 Ich nahm mich zuſammen, ſprach ruhig, fühlte aber dabei, wie mir das Herz gegen die Rippen pochte. Es dauerte nicht lange, ſo kam der Capitain zurück. Weder an ſeinem Geſichte, noch an ſeinem Gange merkte ich eine Veränderung. Er holte aus dem Hauſe ein Piſtol und ſchoß es in die Luft. Sogleich kamen von allen Seiten Männer, Weiber und Kin⸗ der herbei. Als der größte Theil der Mitglieder unſerer Geſellſchaft verſammelt war, ſagte der Capitain, und zwar in einem Tone, als ob es ſich um die gleichgültigſte Sache der Welt handelte: In einer halben Stunde etwa wird uns wahrſcheinlich eine Schaar von Wilden einen Beſuch ab⸗ ſtatten. Hätte Jemand dieſe Worte mit ernſter Miene und in einem ängſtlichen Tone geſprochen, ſo wären ſie ſicher ge⸗ eignet geweſen, die ganze Geſellſchaft mit Furcht und Ent⸗ ſetzen zu erfüllen. So aber hatte es den Anſchein, als wiſſe man nicht recht, was man von der Sache denken ſolle, ja Einige ſchienen ſogar geneigt zu ſein, die Aeußerungen des Capitains für einen Scherz hinzunehmen. Sie mochten es nicht für möglich halten, daß man von einer Angelegenheit der Art in ſolcher Ruhe ſprechen könne. Der Capitain fuhr fort: Es freut mich zu ſehen, wie ruhig und verſtändig dieſe Nachricht von Allen aufgenom⸗ men wird. Es iſt auch in der That kein Grund zur Be⸗ fürchtung vorhanden; im Gegentheil hoffe ich, daß uns eine Zuſammenkunft mit den Wilden von Nutzen ſein wird. Dennoch wollen wir mit Vorſicht verfahren und alles Das⸗ jenige thun, was geeignet iſt, uns bei den Beſuchenden in den nöthigen Reſpect zu ſetzen. Auf ſeine Anordnung begaben ſich nun zunächſt alle Frauen und Kinder in die befeſtigte Höhle. Wir Männer griffen zu den Waffen und ſtellten uns in Reih und Glied. Mehrere Knaben von vierzehn und fünfzehn Jahren baten den Capitain, ſich den Bewaffneten anſchließen zu dürfen. Brave Jungen, ſagte er, indem er ihnen die Hände entgegenſtreckte, es ſei Euch die Ehre gewährt! Doch hütet Euch vor Vor⸗ witzigkeit und thut nur, was befohlen wird!— Sie wurden dem letzten Gliede einrangirt. Der bewaldete Hügel zur Rechten hatte uns bisher die kleine Flotte der Wilden verdeckt. Jetzt trat ſie hervor. Ich zählte die Kähne, war ſchon bis zu fünfzig gekommen, und immer war der Zug noch nicht zu Ende. Man konnte bereits die Mannſchaften deutlich erkennen. In den kleine⸗ ren Kähnen ſaßen vier, in den größeren bis ſechzehn Wilde. Endlich war die Reihe zu Ende, nach dem ich ſiebenzig und einige Kähne gezählt hatte. Der Capitain redete uns an: Wir werden Jenen bald Aug' in Auge entgegen ſtehen. Vergeſſet es nicht: Feſter Muth iſt faſt immer der Begründer des Sieges! Dies gilt beſonders Naturvölkern gegenüber. In dem Grade 104 ſie Furcht bei ihrem Gegner ſehen, in dem Grade wächſt ihnen der Muth, und umgekehrt. Jetzt konnte ich die ſchmalen, dunkelfarbigen, mit kleinen dreieckigen Segeln verſehenen Kähne genauer betrachten. An dem Vordertheil jedes derſelben befand ſich als Zierath ein ſcheußlicher Kopf mit weit herausgeſtreckter Zunge. Die kleine Flotte der Wilden bildete einen Bogen, der ſich, näher kommend, verengte. Bald war das Ufer erreicht, und man machte Anſtalt zur Landung. Die Wilden waren, wie jene Beiden, denen ich meinen Adolph abgejagt hatte, von dunkelgelber Farbe, ſchwarzen, ſtraffen Haares und hohen Wuchſes. Ihre ganze Bekleidung beſtand in einer Art von Röcken, die vom Gürtel bis auf das Knie reichten. Aus den mittelſten größeren Kähnen ſtiegen hundert mit Lan⸗ zen bewaffnete Wilde aus. Die auf den Kähnen bleibenden Mannſchaften legten die Ruder nieder, erhoben ſich und nah⸗ men Bogen und Pfeile zur Hand. Unter Denen, die das Land betreten hatten, bemerkte ich jetzt plötzlich einen Mann, der nach europäiſcher Art gekleidet war, obgleich ſein zum Theil unvollſtändiger Anzug durchaus nicht von einem Mode⸗Schneider herzurühren ſchien. Ein genauer Hinblick belehrte mich gar bald, daß er nicht nur ſeiner Kleidung, ſondern auch ſeiner Farbe nach ein Europäer war. Er ſprach lebhaft mit Einem, der eine Art von Federhelm auf ſeinem Haupte trug. Endlich ward ihm eine kleine weiße Fahne gereicht. Er trat nun etwa zehn Schritte vor, dann legte er ſeine Waffen, Lanze, Schwert und Bogen nebſt Köcher, zur Erde. Sogleich trat auch unſer Capitain vor und legte ebenfalls ſeine Waffen von ſich. Nun kam uns 4 105 Jener näher, und der Capitain ging ihm entgegen. Etwa zehn Schritte blieben Beide von einander ſtehen und began⸗ nen ein Geſpräch. Da ſie gegen hundert Schritte von uns entfernt waren, konnten wir ihre Worte nicht verſtehen. Ich ſchreibe daher Dasjenige nieder, was uns der Capitain am Tage darauf mittheilte. Der Mann, der ihm mit der Friedensfahne gegenüber ſtand, war ein Engländer, der zwei Jahre früher bei einem Schiffbruch allein das Land erreicht und das Vertrauen des Häuptlings, der ihn jetzt ſandte, gewonnen hatte. Durch jene beiden Wilden, die, vom Sturm verſchlagen, unſere Inſel betreten hatten, war dem Stamme, der eine etwa fünf⸗ zehn Seemeilen entfernte Inſel bewohnte, die erſte Mitthei⸗ lung von uns geworden. Man war in feindſeliger Abſicht gekommen, obgleich der Engländer nicht unterlaſſen hatte, den Häuptling vor einem Angriffskriege auf Europäer zu warnen. Bei der Landung aber erkannte man alsbald die Schwierigkeit eines Kampfes gegen uns. Der Engländer wies auf unſere Bewaffnung, wie auch auf unſere kleine Feſtung hin und verſicherte dem Häuptling, wir ſeien auch ſelbſt mit zehnfach größerer Macht nicht zu überwinden. Unſere feſte Haltung that auch das Ihrige, kurz, es kam ſo weit, daß unſere Gegner anfingen, ſtatt des Muthes, Beſorgniß zu em⸗ pfinden, und der Häuptling den Engländer bat, uns zu einem Freundſchaftsbündniß aufzufordern. Der Engländer konnte dem Capitain nicht genug verſichern, wie glücklich er ſich fühle, wieder in der Nähe geſitteter Menſchen zu ſein, auch bat er ihn um die Erlaubniß, Mitglied unſeres kleinen Staates werden zu dürfen. Der Capitain vermochte es nicht, . 106 den Worten des Mannes ſogleich unbedingten Glauben zu ſchenken; Vorſicht ſchien ihm nöthig. Konnte nicht eine Kriegsliſt im Spiele ſein? Er verhehlte dies dem Englän⸗ der nicht, indem er ihn zugleich um Verzeihung bat, wenn er ihm etwa Unrecht thue. Sollte Untreue im Spiele ſein, ſagte er, ſo würden Sie— ich werde meine Einrichtungen darnach treffen— das erſte Opfer derſelben ſein! Der Capitain ließ nun dem Häuptlinge ſeine friedlichen und freundſchaftlichen Geſinnungen kund thun und ihn zu einem Beſuche einladen, verlangte aber, daß der Engländer zur Begleitung des Häuptlings gehören ſolle. Der Eng⸗ länder ging zurück, ſprach einige Minuten mit dem Häupt⸗ ling und führte ihn uns dann zu. Der Capitain ging dem Häuptlinge entgegen, und man begrüßte ſich nach europäiſcher Art durch Neigung des Oberkörpers und Darreichung der Hand. Mit dieſer Begrüßungsform war der Häuptling ohne Zweifel durch den Engländer bekannt geworden. Nach⸗ dem nun der Capitain Einem von uns das Commando über⸗ geben hatte, führte er den Häuptling und den Engländer nach ſeiner Wohnung. Alexis folgte ihm auf ſeinen Wunſch. Beide Parteien behielten ihre Stellung bei. Der Capitain bewirthete ſeine Gäſte und führte ſie dar⸗ auf in unſerer Niederlaſſung umher. Die Fabrikation der Mauerſteine und der Töpferwaare, die Art der Gewinnung des Salzes u. ſ. w. erregten das größte Intereſſe des Häupt⸗ lings. Daſſelbe wurde aber wo möglich noch mehr geſtei⸗ gert, als ihm der Capitain in der Windmühle die Art der Bereitung des Mehles zeigte. Auch der Engländer war freudig erregt. Das Meiſte von dem, was er dem Häupt⸗ H 107 linge bisher von den Wundern der Civiliſation erzählt hatte, war von demſelben bezweifelt worden. Jetzt konnte ſich der Häuptling durch den Augenſchein von der Wahrheit jener Mittheilungen überzeugen. Durch den Engländer, der den Dolmetſcher machte, wurde die Frage angeregt, ob es nicht förderlich für beide Theile ſei, einen Tauſchhandel einzurich⸗ ten. Dieſe Erinnerung benutzte der Capitain ſogleich, einige Erzeugniſſe zu nennen, die uns willkommen ſein würden, namentlich nannte er das eigenthümliche Gewebe, aus dem die Wilden ihre Segeltücher anfertigen. Der Häuptling dagegen wünſchte vorzüglich Töpferwaaren, auch fragte er an, ob ihm nicht die Verfertiger des großen Wundervogels mit den vier Flügeln geſandt werden könnten, um auch für ihn einige Mühlen zu erbauen. Als es an's Abſchiedneh⸗ men ging, ließ der Capitain für den Häuptling einige Ge⸗ ſchenke herbeiholen: geſchliffene Gläſer, rothe und weiße, einige vergoldete und bemalte Taſſen und einen Handſpiegel. Die Freude des Häuptlings war außerordentlich groß. Er ſchlug die Hände zuſammen, ſprang bald vor⸗, bald rück⸗ wärts, und umarmte den Capitain ein um das andere Mal. Faſt mit Thränen nahm der Engländer Abſchied von uns. Ginge ich jetzt nicht mit, ſagte er, ſo würden die Wilden miß⸗ trauiſch werden. Aber nach wenigen Tagen ſchon komme ich wie⸗ der, nicht allein um den verabredeten Tauſchhandel einzuleiten, ſondern um dann meinen Wohnſitz hier zu nehmen. Der Capitain drückte ihm die Hand und bat, ihm zu verzeihen, daß er anfangs ſo wenig Vertrauen gegen ihn gehegt habe. Der Engländer entgegnete: Laſſen Sie das gut ſein, Vorſicht war Ihre Pflicht; ich hätte an Ihrer Stelle ebenſo gehandelt. Als die Wilden vom Ufer ſtießen, kamen unſere Frauen und Kinder aus der befeſtigten Höhle hervor und ſchaueten frohen Herzens den Abgehenden nach. Ich füge hier noch Einiges über die Bekleidung und den Schmuck der Wilden bei. Der kurze Rock der Wilden ward von einem 3 bis 4 Zoll breiten Gürtel gehalten. Der Gürtel des Häuptlings war recht ſchön gearbeitet und hatte Zierathen von kleinen farbigen Muſchelſchaalen. Sowohl der Häuptling wie die übrigen Wilden waren tättowirt. Der Capitain, der Be⸗ wohner anderer Inſeln des Südmeeres kennen gelernt hat, theilte uns über das Tättowiren Einiges mit, wobei er ſich zugleich auf das berühmte Reiſewerk von Domeny de Rienzi berief. Dieſe Kunſt, wenn man ſo ſagen darf, wird von den Wilden geübt, die daraus ein beſonderes Geſchäft machen. Sie verrichten es ſehr geſchickt, indem ſie ſich dabei eines kleinen Stücks Schildkrötenſchaale bedienen, das fünf gerade und ſcharfe Spitzen hat. Nachdem der Tättowirer die Spitzen mit einer ſchwarzen Farbe, die nichts anderes als mit Waſſer angerührter Kohlenſtaub iſt, überzogen hat, ſetzt er das Werkzeug auf die Haut und ſchlägt mit einem Stabe einige Male ſchwach darauf, bis die Spitzen in das Fleiſch eingedrungen ſind. Die Operation verurſacht ein leichtes Brennen und eine Geſchwulſt mit wenig Schmerzen. Auf dieſe Art bemalen ſich die Wilden des Südmeeres mit un⸗ verwüſtlichen Figuren, wovon die einen vollkommene Zirkel, andere Theile eines Zirkels, andere Spirallinien, viereckige oder ovale, ſchachbrettartige Figuren, andre endlich Linien ſind, welche ſich auf verſchiedene Weiſe ſchlingen und kreuzen. 4 Alle dieſe Zeichnungen ſind mit großer Regelmäßigkeit ver⸗ theilt. Die auf dem einen Backen, Arm, Bein entſprechen genau denen des andern, und dieſes wunderliche Gemenge, ſo ſeltſam es iſt, bildet doch ein gefälliges Ganze. Auf eini⸗ gen Inſeln übernehmen die Mütter das Geſchäft, ihre Kin⸗ der zu tättowiren. Die Tättowirung im zarten Alter ſoll dazu dienen, die Herkunft des Individuums zu bezeichnen. An dieſen Zeichen, die uns ſo ſeltſam erſcheinen, erkennt man, zu welchem Stamme, zu welcher Familie es gehört; ſpäter dienen andere Zeichnungen dazu, eine glorreiche That⸗ ſache oder jedes andere Ereigniß anzudeuten. Die gewöhn⸗ lichſten Zeichen ſind Zickzackſtreifen auf Armen und Beinen. Die Weiber haben alle ein Damenbrett um das rechte Bein, und ſehr oft iſt das Innere einer Hand mit Sternen, Ringen, Halbmonden und anderen Figuren beſetzt, mehrere haben ſogar eine tättowirte Zunge. Einer von uns äußerte gegen den Capitain ſeine Ver⸗ wunderung über dieſen eigenthümlichen Gebrauch. Es iſt viel darüber geſtritten worden, entgegnete der Capitain, wo⸗ her es komme, daß dieſer Gebrauch faſt allen wilden Völkern gemein iſt. Die Antwort ſcheint mir ſehr leicht zu ſein. Alle Menſchen haben den Trieb, ſich zu ſchmücken. Diejenigen nun, denen es um der Beſchaffenheit des Klima's willen und aus Mangel an Stoffen unmöglich iſt, ſich wie wir, in eine Menge von mehr oder minder beengenden, oder würde⸗ und geſchmackvollen Kleidern einzuhüllen, bedecken ihre Haut mit ſolchen Bildern und Gemälden, die ihnen ſtatt der Kleider dienen. 22. Eine Fahrt zu den Wilden. Der Engländer, Brown mit Namen, iſt angekommen. Er brachte auf fünf großen Kähnen, deren jeder mit 8 Wil⸗ den beſetzt war, eine bedeutende Menge des wollartigen Stof⸗ fes, der aus der Rinde des Papiermaulbeerbaumes geflochten iſt. Wir haben die Kähne reichlich mit Töpferwaaren bela⸗ den, und die Wilden fuhren froh von dannen. Brown iſt bei uns geblieben. Der Capitain hielt es für nothwendig, das Vertrauen, das ihm der Häuptling erwieſen hatte, zu erwiedern. Brown ſtimmte ihm bei, und es ward einer der nächſten Tage zur Ueberfahrt feſtgeſetzt. Es war Manchem nicht wohl zu Muthe bei dem Gedanken, daß der Capitain ſich unter die Wilden wagen wollte, ich aber— dies muß ich mir ſelbſt zum Ruhme nachſagen— hegte auch nicht die geringſte Beſorgniß, und bat deshalb den Capitain, mich an der Fahrt theilnehmen zu laſſen. Er war damit einverſtanden. Mit gutem Winde ſegelten wir nun eines Morgens ab und ſahen ſchon nach zwei Stunden die Inſel auftauchen, die uns Brown als das Ziel unſerer kleinen Seereiſe bezeichnete. Sowohl der Capi⸗ tain, als auch ein jeder von uns Zwölfen, die wir ihn be⸗ gleiteten, war wohl bewaffnet; wir wollten eben für alle Fälle gerüſtet ſein. Als wir uns der Inſel auf etwa eine Seemeile genähert hatten, kamen uns die Eingeborenen in großer Zahl auf ihren Piroguen, wie nach der Mittheilung des Engländers die Kähne von ihnen genannt werden, ent⸗ gegen. Anfangs ſchaueten ſie ernſt darein, kaum aber er⸗ kannten ſie den Engländer, als ſie guter Dinge wurden. Sie begleiteten uns nun, und ich hatte dabei vollkommen Muße, ihre Schiffe zu betrachten. Die einfachſten derſelben waren nichts als ausgehöhlte Baumſtämme. Doch gab es auch ziemlich künſtlich gebaute Schiffe, ſogar doppelte und dreifache, letztere trugen kleine hölzerne Hütten. Die ein⸗ fachen Piroguen ſind ſo ſchmal gebaut, daß wir Europäer uns gewiß nicht auf ihnen hundert Fuß weit dem Meere anvertrauen möchten. Man ſollte meinen, es hätten auf ihnen kaum 4 bis 6 Perſonen Platz. Dennoch ſitzen auf einigen ſolcher Schiffe 12 bis 16 Perſonen dicht an einander gedrängt. Eine Pirogue ſchlug um. Doch fiel es keinem der auf den übrigen Kähnen befindlichen Eingeborenen ein, ſich dadurch im geringſten ſtören zu laſſen. Wußte man doch, daß ſich die Wilden, die in's Waſſer gefallen waren, durchaus nicht in Gefahr befanden. In der That war es ſo. Sie ſaßen in wenigen Minuten wieder neben einander im Schiffe, wie ſie geſeſſen hatten. Wir waren indeß bis zum Eingange des Hafens gekom⸗ men. Zur Rechten dehnt ſich ein jetzt faſt trocken liegendes Corallenriff weithin am Strande aus, der mit Cocospalmen bewachſen iſt. Wir ſahen Berge, die offenbar größer ſind, als die auf unſerer Inſel, auch bemerkten wir in der Nähe des Strandes eine hohe, kugelförmige Klippe von rothbrauner Farbe, die grell gegen das ſie umgebende dunkle Grün abſtach. Als wir dem Strande nahe waren, ſtiegen die Wilden 8 88 112 aus ihren Piroguen und zogen dieſelben watend an das Land. Wir mochten ihnen das nicht nachmachen, da man ſehr leicht über kleine, aufrecht ſtehende Corallenſtücke fallen kann, deren ſcharfe, ſtachelartige Spitzen und Zacken auch noch außerdem die Kleider und Beine der daran Stoßenden übel zurichten. Endlich fanden wir eine Stelle, an der das Boot ganz an das Land heran kommen konnte. Eine große Zahl von Inſulanern, Männer, Frauen und Kinder, hatten ſich am Ufer verſammelt. Brown führte uns nach dem von Palmen umgebenen Hauſe des Häuptlings, der uns entgegen kam und jedem von uns die Hand reichte. Das Haus des Capitains iſt lang und ſchmal, aus Bambus und aus Stämmen des Faulbaums erbaut, die mit Cocos⸗ blättern und Farrenkraut künſtlich durchflochten ſind. Die hintere Wand iſt höher als die vordere, ſo daß das Dach nur auf einer Seite herabgeht; letzteres iſt einen halben Fuß dick und wird aus trocknen Brodbaumblättern gemacht. Vor der Thür wurden mehrere Baſtdecken ausgebreitet und der Häuptling lud uns ein, uns darauf niederzulaſſen. Auch er ſetzte ſich zu uns. Nach einem etwa eine halbe Stunde währenden Geſpräche zwiſchen dem Häuptling, wobei der Engländer natürlich wieder den Dolmetſcher gemacht hatte, rief der Häuptling einen jungen Eingeborenen herbei und be⸗ fahl ihm, auf einen der größten der in der Nähe ſtehenden Palmbäume zu ſteigen und friſche Nüſſe zu brechen. Wir bewunderten die Gewandtheit und die Kraft, mit welcher der Eingeborene ſein Geſchäft verrichtete. Der Häuptling wählte nun eine Nuß, löſ'te die Schale ab, koſtete die Milch und gab ſie dem Engländer mit dem Bemerken, ſie dem Capitain 113 zu reichen. Darnach öffnete er auch die übrigen Nüſſe und reichte ſie umher. Nachdem die Milch getrunken worden war, wurden die wohlſchmeckenden Kerne verzehrt. Der Abend war indeß heran gekommen und wir wur⸗ den in ein Haus geführt, in welchem man uns Plätze zur Nachtruhe anwies. Ein Jeder empfing zwei Decken, eine, um darauf zu ruhen, die andere, um ſich einzuhüllen. Am nächſten Tage hielt der Häuptling, uns zu Ehren, über ſeine Krieger eine Art von Parade ab. Einen beſon⸗ dern Kriegerſtand giebt es auf der Inſel nicht, es iſt vielmehr ein jeder Eingeborene männlichen Geſchlechts Krieger. Die Uebungen mit der Waffe werden ſchon von früher Jugend an vorgenommen, daher eine bedeutende Geſchicklichkeit er⸗ zielt wird. Es giebt Derer nicht wenige, die es zu ſolcher Fertigkeit im Schleudern gebracht haben, daß ſie ein Ziel von der Größe eines Apfels auf 150 Schritte ſelten verfeh⸗ len. Kommt es zum Kriege, ſo durchlaufen Boten, Nere genannt, die Inſel und rufen die Mannſchaſten zuſammen. Die Eingebornen zeichnen ſich durch kriegeriſche Geſinnung aus, und ſo kommt es ſelten vor, daß ein Einzelner dem Rufe des Häuptlings nicht Folge leiſtet. Geſchieht es den⸗ noch, ſo wird dem Feiglinge das rechte Ohr geſchlitzt und ihm damit ein unvertilgbarer Schandfleck angehängt. Die in der Nähe wohnenden Krieger waren am Abende vorher ſchon aufgefordert worden, vor dem Häuptlinge zu er⸗ ſcheinen. Wir ſahen ſie jetzt. Doch war es nicht die Ab⸗ ſicht des Häuptlings, die Männer in ſteifer Haltung an uns vorüber marſchiren zu laſſen, ſie ſollten vielmehr ihre Ge⸗ wandtheit vor uns zeigen. 3 Der Schiffscapitain. 8 114 Zwei Schaaren, eine jede etwa 150 Mann ſtark und mit ſtumpfen Lanzen bewaffnet, ſtellten ſich auf der vor uns lie⸗ genden Ebene einander gegenüber. Die eine Schaar ward von dem Häuptling, die andere von einem der tapferſten Krie⸗ ger angeführt. In einem wirklichen Kampfe hätten auf den Flügeln die Schleuderer geſtanden, die wir uns Pier alſo hinzu denken mußten. 8 Auf ein Zeichen des Häuptlings rückten die Schaaren bis etwa auf dreißig Schritte an— Jetzt traten die Heerführer vor und hielten feurige Anreden an ihre Krie⸗ ger. Die Anrede des Häuptlings lautete: dch der Ueber⸗ ſetzung des Engländers etwa: Unſere Reihen ſind wie die Felſen im Ocean, unbe⸗ weglich gegen den Andrang der Wellen; jeder Krieger iſt wie ein Igel, den Niemand zu berühren wagt. Wenn unſere Truppe vorrückt, wird ſie ſich vor der Schaar der Feinde erheben wie ein großer Brotbaum neben dem nie⸗ drigſten Kraute. In der Schlacht wird der Krieger feſt ſtehen, wie der Palmbaum mit tiefen Wurzeln und wird über den feindlichen Häuptern ſchweben, wie der Palm⸗ baum über den gekrümmten Roſenſträuchern. Das Feuer unſerer Augen wird die Feinde überraſchen, wie das Fun⸗ keln der Sterne, und unſer Geſchrei wird ſie niederwerfen, wie das Rollen des Donners! Hiernach folgten Aufforderungen und Drohungen von den Mannſchaften der Schaaren, endlich wurde von beiden Seiten auf ein Signal unter lautem Geſchrei ein Hagel von Wurfſpießen abgeſchickt, die faſt alle mit den Lanzenſchaften aufgefangen wurden. Dieſer Angriff, bei welchem die Ein⸗ * 115 geborenen außerordentliche Sicherheit im Werfen und Aus⸗ weichen ablegten, war nur das Vorſpiel des Gefechtes. Hier und dort geſchahen nun Aufforderungen, und die Krieger, die in Blitzesſchnelle hervortraten, wurden ſogleich Zielpunkte für die Wurfgeſchoſſe ihrer Gegner; aber ſie weichen denſelben mit ſolcher Gewandtheit aus, daß ſie oft mehrere auf ſie ge⸗ ſchleuderte Wurfſpieße in der Luft auffingen, ſie gegen die Feinde warfen und ſich dennoch gegen neue, die angeflogen kamen, ſchützten. Unſere größte Bewunderung erregte der Häuptling. Als der Kampf am lebhafteſten ward, ſprang er voran. So⸗ gleich richteten ſich alle Lanzen der Feinde gegen ihn. Sechs Wurfſpieße flogen mit einem Male gegen ſeinen Kopf und ſeine Bruſt. Mit einer Hand faßte er drei auf, die er ſo⸗ gleich wieder auf den Feind warf, wich einem vierten durch raſche Bewegung aus und ſchlug die beiden anderen mit dem Schaft ſeiner Lanze nieder. Die Feinde ließen indeß fort⸗ während einen Hagel von Wurfſpießen auf ihn regnen, und er würde endlich doch wohl getroffen worden ſein, wenn die Seinen nicht plötzlich einen Ring um ihn gebildet hätten. Nun rückte er mit den Seinen vor und es ward das Cen⸗ trum der feindlichen Schaar durchbrochen, wonach es zum Handgemenge kam, das lange dauerte. Brown machte uns auf eine Stelle des Schlachtfeldes aufmerkſam, auf der man ſich ſchlug, als gelte es in der That Leben oder Tod. Dort iſt, ſagte er, der erſte Krieger gefallen, der als Leiche gilt, um deren Beſitz man ſich ſtreitet. Fallen einem hierbei nicht die furchtbaren Kämpfe ein, die um die Leiche des Patroklos geführt wurden?— In wirk⸗ 8* 116 lichen Kämpfen, fuhr er fort, wird der erſte Gefangene ge⸗ opfert. Sie werden leicht erkennen, wie ſehr dieſer UUmſtand geeignet iſt, die Lebhaftigkeit des Kampfes zu ſteigern. Endlich war der Kampf entſchieden, die Partei des Häuptlings hatte den Sieg errungen. Nun wurden die Er⸗ ſchlagenen, oder vielmehr die Krieger, welche die Rolle der⸗ ſelben ſpielten und während des Gefechtes braun und blau geſchlagen, zu Boden geworfen worden waren, von den Sie⸗ gern ergriffen und an den Füßen eine ziemliche Strecke weit von dem Schlachtfelde hingeſchleppt. Schon mit Quetſchun⸗ gen bedeckt, ließen ſich dieſe Inſulaner, um nicht aus ihrer Rolle zu fallen, weit über Gras und Steinen hinſchleifen, ohne einen Laut von ſich zu geben oder durch die geringſte Bewegung Leben zu verrathen. Endlich war die Komödie vorüber, die Todten, zum Theil mit Schweiß und Blut be⸗ deckt, ſprangen auf und liefen mit den Uebrigen nach dem Meeresſtrande, um ſich durch ein Bad zu erquicken. Für den Nachmittag bereitete uns der Häuptling eine Unterhaltung anderer Art. Er führte uns vor ſein Haus, wo wir uns wiederum auf Matten niederlaſſen mußten. Weit im Kreiſe umher ſtanden die Eingeborenen. Jetzt er⸗ ſchien auf ein Zeichen des Häuptlings ein Inſulaner, der mit fünf ſteinernen Kugeln ein Spiel begann. In ihrer Bewegung bildeten ſie eine Art Garbe über ſeinem Haupte. Ein Anderer rollte eine große ſteinerne Kugel daher und ſtand auf derſelben auf einem Fuße eine lange Zeit. Endlich begann der Wettlauf. Zehn junge Eingeborene ſtellten ſich in eine Linie. Der Häuptling bezeichnete als nächſtes Ziel einen in einiger Entfernung einzeln ſtehenden Baum, bei 117 dem bereits ein Wächter ſtand. Von dem Baume aus ſoll⸗ ten ſie wieder zurücklaufen. Das Zeichen ward gegeben, . und daher flogen die Schnellfüßigen. Der Sieger erhielt eine⸗Lanze. 8 Am nächſten Morgen verließen wir die e Inſel. Unter⸗ weges ſprachen wir Mancherlei von den Inſulanern. Der Capttain eitirte folgende Stelle aus dem Homer: Laßt uns denn jetzt aufſtehen und alle Kämpfe beginnen: Daß der Fremdling davon bei ſeinen Freunden erzähle, Wenn er zu Hauſe kommt, wie wir vor allen geübt ſind In dem Kampf der Fauſt, im Ringen, im Sprung und im Wettlauf. Wahrlich, fuhr er fort, dieſer Worte gedachte ich mehr⸗ mals, als ich die Kämpfe und die Spiele der Inſelbewoh⸗ ner ſahe! Bald ſtieg unſere Inſel vor unſeren Blicken auf; nach einigen Stunden hatten wir ſie erreicht. Mit Freuden empfingen uns die Unſeren. 23. Das Gotteshaus. Ich habe auf der Inſel manche ſchöne Stunde, manchen ſchönen Tag verlebt; doch was ging über das geſtrige Feſt! Unſere auf dem nahe gelegenen Hügel ſich erhebende Kirche war erſt vor wenigen Tagen fertig geworden. Sie iſt im gothiſchen Stil gehalten und würde, obgleich ſie größtentheils aus Holz beſteht, gewiß auch Den erfreuen, der 118 ſchon manchen ſchönen Bau geſehen hat. Der Capitain hat der Kirche mit der ziemlich großen Schiffsglocke ein Geſchenk gemacht. Man ſieht dieſe in der Durchſicht des niedrigen Thurmes hängen. Alle Kräfte hatte man angeſtrengt, um den Bau zu dem Oſterfeſte zu vollenden. Es war gelungen. An dem erſten Oſtertage wachte ich ſehr früh auf. Ich kleidete mich an und begab mich hinaus. Frieden lag aus⸗ gebreitet über Meer und Land. Die friſche Luft ſchwellte mir die Bruſt, indeß mein Auge ſich labte an dem Farben⸗ ſpiele des Morgenhimmels. Ein goldner Schimmer fiel auf unſer Kirchlein. Ich gedachte eines Gedichtes einer from⸗ men deutſchen Sängerin.*) „Ein friſcher Morgen! Doch ein ſchöner Tag Wird's werden;— Alles iſt noch ſtill im Dorf, Die Thüren ſind noch alle zu, kein Wunder! 'S iſt Sonntag heut, da ruhen Alle aus; Und eine ſaure Woche war's, das Frühjahr Kommt zeitig, und es gilt die Felder und Die Gärten zu beſtellen und zu beſäen. Ruht nur getroſt! der Herr beſchützt die Saat! Heut iſt das Feſt des auferſtandnen Heilands, Das Oſterfeſt, das liebſte mir von allen, Ich freu' mich ſchon die Glocken heut zu ziehen, Zu rufen euch mit hellem Schall entgegen: Wacht auf! wacht auf! Der Herr iſt auferſtanden!“ Ich ſtieg den Hügel hinan, trat in unſere Kirche und hielt mein ſtilles Morgengebet. Darnach kam mir der Ge⸗ *) Katharine Diez. 119 danke, die Glocke zu ziehen. Welche wunderſamen Empfin⸗ dungen erfüllten mich in meiner Jugend, wenn die Glocken in der Frühe des Sonntags in meine Träume hinein klan⸗ gen! Indem ich läutete, ſang und klang es in meinem Innern: „S iſt Sonntag heut. Es tönt durch Berg und Thal Der Kirchenglocken lieblich Läuten; Da neigen ſich die Blümlein allzumal, Sie wiſſen wohl den Klang zu deuten. Des grünen Waldes Wipfel rauſchen's auch, Sie kennen auch des Läutens ſchönen Brauch.*) Ich trat hinaus in's Freie und ſchauete auf die Häuſer, die jetzt vom goldnen Licht der Sonne umfloſſen waren. Wie mag dieſem oder jenem meiner Mitgenoſſen der Glocken⸗ ton in's Herz gedrungen ſein! Welch ein Andrer war ich ſeit meiner Abreiſe aus der Heimath geworden! Eine gleiche Umwandlung war in den meiſten meiner Genoſſen vor ſich gegangen. Wir hatten uns in Lagen des Lebens befunden, in denen das Herz gelechzt hatte nach göttlicher Labung; jetzt gab es für uns nichts, das uns mehr hätte befriedigen können, als das Chriſtenthum. Es war uns die Sonne ge⸗ worden, deren Strahlen des beſſeren Lebens Keime hervor⸗ lockt, die Blüthen öffnet, die Früchte reift. Jetzt ward es lebendig vor den Häuſern, Erwachſene und Kinder ließen ſich ſehen. Ich ſagte einem Knaben: Gehe von Haus zu Haus und rufe Deine Mitſchüler herbei. In kurzer Zeit waren alle Kinder um mich verſammelt. Wir flochten Kränze, trugen ſie nach der Kirche und ſchmückten *) Dietrich v. Koenemann. 120 damit Altar, Kanzel und Thüren. Bald darauf rief der Glockenklang die Gemeinde in's Gotteshaus. Andächtig kamen Männer, Frauen und Kinder herbei und ſetzten ſich auf die einfachen Bänke nieder. Wie lieb war Allen dieſe Stätte! Hatte doch ein Jeder beim Bau oder bei der Aus⸗ ſchmückung derſelben mit Hand angelegt! Nachdem ein Lied geſungen worden war, trat unſer würdiger Prediger auf die Kanzel, las das Evangelium von der Auferſtehung, erklärte es und machte ſeine erbaulichen Anwendungen. Unter An⸗ derem kam er auf einen Punkt zu ſprechen, der gerade für uns von beſonderer Wichtigkeit war. Jahrtauſende hindurch, ſagte er, rangen die Menſchen nach Glück. Sie fanden es nicht. Da erſchien der Heiland der Welt, der durch Lehre und Leben zeigte, wie es einzig und allein zu erlangen ſei. Bedenke, o Menſch: die Selbſtſucht iſt Deines eigenen Glückes Feind, wie auch der Feind des Glückes Deiner Ne⸗ benmenſchen. Dieſer Schlange zertrat der Heiland das Haupt. Nun iſt in der Nachfolge Jeſu dem Einzelnen und der Menſchheit der Weg zur Glückſeligkeit eröffnet. In dem Grade du die Selbſtſucht beſiegſt, in dem Grade wirſt du glücklich werden; in dem Grade in der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft die Zahl Derer zunimmt, die, abgewendet von der Selbſtſucht, für das Wohl ihrer Mitbrüder leben, in dem Grade wird das Glück auf Erden zunehmen. Wer vermag es zu ſchildern, wie herrlich ſich einſt die Zuſtände auf Erden geſtalten werden! Die Zahl der Leiden, die die eigenen Sünden hervorbringen, wird abnehmen.„Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.“ Dies Wort wird für Alle Geltung haben, ja, wer nur eine Ahnung 8 121 von der göttlichen Macht des Chriſtenthums hat, der ſtimmt mir bei, wenn ich zuverſichtlich ſpreche: das Chriſtenthum wird einſt eine Blüthe glückſeliger Zuſtände hervorrufen, wie ſie die Menſchheit noch nie ſah! Nun giebt es Leute, fuhr er fort, die eine Ahnung von jenen herrlichen Zuſtänden haben, zugleich jedoch von dem ſchweren Irrthum befallen ſind, zu meinen, dieſe beſſeren Zu⸗ ſtände ließen ſich augenblicklich und gewaltſam herſtellen. Sie zeigen auf den Ueberfluß und auf den Mangel und ſagen: Sehet, wie viel Leiden der Ueberfluß und wie viel Leiden der Mangel hervorbringt! Auf, laſſet uns Beides abſchaffen und eine Theilung der Güter vornehmen! Dann iſt Allen geholfen.— Aber wie lange würde eine ſolche Gleich⸗ heit der Güter beſtehen? Nicht eine Stunde, und die Folge wäre, daß die Güter dieſer Welt ſich nach und nach in Hän⸗ den aufhäuften, die dieſelben noch übler verwalten würden, als es vorher geſchah. Gedenket des Palmbaumes, an dem aus der fallenden Blüthe jetzt die grünende Frucht hervor⸗ tritt! Würdet Ihr den nicht für wahnwitzig halten, der an dem Stamme trocknes Holz aufhäufte und es anzündete, um die jungen Früchte gewaltſam zur Reife zu bringen? Die milde Luft und das himmliſche Licht werden ſie in Wochen oder Monden zeitigen. Dies auf die menſchliche Geſellſchaft angewandt, ſage ich: Nicht rohe Gewaltthat, ſondern allein die Einwirkung der Religion, der Wahrheit und der Liebe, wird uns fortgeſetzt zu vollkommneren Zuſtänden füh⸗ ren.— Auch berührte er zum Schluß noch einen Punkt, auf den er ſchon einige Male gekommen war. Er ſprach: Frei⸗ heit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Dieſer Ruf ertönte 122 einſt aus einem Volke, das nach einem Leben voll Sünde und Schande die verzweifeltſten Anſtrengungen machte, durch blutige Gewaltthaten beſſere Zuſtände herbei zu führen. Die Worte waren gut gewählt, man wandte ſie jedoch nicht richtig an. Das iſt die rechte Freiheit, ſich den Banden der Sünde zu entwinden; das iſt die rechte Gleichheit, Keinem nachzuſtehen in dem Wirken für das Wohl Aller; das iſt die rechte Brüderlichkeit, nicht thätige Bruder⸗ liebe verlangen, ſondern ſie üben! Feierlich verging der ſchöne Tag. 24. Vorbereitung zur Reiſe. Während ſeines Aufenthaltes bei den Wilden hat der Engländer theils durch eigene ſorgfältige Beobachtungen, theils aus Mittheilungen die Bewegungen der Luft und die Strömungen des Meeres kennen gelernt. Er und der Capi⸗ tain ſitzen oft an einer Karte und mühen ſich, feſtzuſtellen, in welcher Gegend des ſtillen Oceans unſere Inſel liegt. Geſtern ward eine Gemeinde⸗Verſammlung gehalten, in der uns der Capitain eine Mittheilung machte, die uns traf wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel. Der ſonſt ſo ſtarke Mann war ſichtlich ergriffen, als er ſich erhob, um uns mitzutheilen, daß er Willens ſei, uns— zu verlaſſen.— 123 Er will ſich auf dem Boote hinauswagen in die unermeßliche See. Brown wird ſein Begleiter ſein. Unſeren Bitten und Vorſtellungen, bei uns zu bleiben, ſtellt er Gründe ent⸗ gegen, die wir freilich anerkennen müſſen. Er hat Weib und Kind in der Heimath. In acht Tagen iſt's ein Jahr, daß wir auf dieſer Inſel landeten. Den Jahrestag will der Ca⸗ pitain noch mit uns feiern. Der Capitain hat uns heut, drei Tage vor dem bezeich⸗ neten Jahrestage, den Rath ertheilt, uns einen Vorſtand zu erwählen. Es ward ſogleich darauf eingegangen. Man wählte fünf Perſonen und darunter unſern Prediger. Die⸗ ſer aber nahm die Wahl nicht an. Ich will, ſagte er, Dem nachzuſtreben ſuchen, der geſagt hat: Mein Reich iſt nicht von dieſer Welt. Es wird bisweilen um weltlicher Dinge willen im Vorſtande zu Zwiſtigkeiten und Partheiungen kommen. Von denen halte ich mich wohl lieber fern. Dann bleibt mein Verhältniß zu allen meinen Brüdern rein und lauter, und ich vermag einem Jeden aus der Fülle des gött⸗ lichen Wortes zu reichen, weſſen er bedarf. Man billigte die Gründe der Ablehnung und wählte anſtatt des Pre⸗ digers ein anderes älteres Mitglied der Gemeinde. Hier⸗ nach ſprach der Capitain: Meine Brüder, ich habe jetzt mein Wort gelöſt und die Macht, die mir in den Tagen der Gefahr übertragen ward, in Eure Hand zurückgelegt. Ehe ich nun aber von Euch ſcheide, müſſen noch einige Angelegen⸗ heiten geordnet werden. Wie Ihr wiſſet, habe ich ſo manche Dinge aus dem Schiffe gerettet, die wir in der Noth ver⸗ wenden mußten. Mir iſt, wie Ihr wohl glauben werdet, das Seerecht bekannt, und ich weiß es genau, wie weit in dieſer Beziehung meine Rechte gingen. Daß es nicht ver⸗ langt, dem Eigenthümer des Schiffes z. B. den Proviant auf Jahr und Tag hin aufzuheben, wird keinem zweifelhaft ſein. Anders aber verhält es ſich mit den Gegenſtänden, die ich auf dieſer Liſte verzeichnet habe. Einzelne derſelben, z. B. Eiſenſtangen, ein Theil des Pulvers ꝛc. ſind von uns verwandt worden, andere befinden ſich noch in Eurem Ge⸗ brauch. Ich denke, Ihr erkennt dieſelben als Eigenthum meines Rheders an und erklärt Euch bereit, ihm eine mäßige Abfindungsſumme dafür zu zahlen. Von allen Seiten ward dem Capitain beigeſtimmt. Derſelbe fuhr fort: So will ich Euch vorleſen, was Ihr unterzeichnen ſollt. Er las nun eine Erklärung, in welcher der Schiffbruch kurz geſchildert und darnach Alles aufgezählt worden war, was die Gemeinde von dem Capitain erhalten hatte. Schließlich war hinzugefügt, daß die Gemeinde be⸗ reit ſei, dem Rheder dafür aufzukommen. Dieſe Schrift wurde von dem Vorſtande unterzeichnet. Als dies geſchehen war, ſagte der Capitain: Meine Brüder, wenn in Euren Herzen wieder einige Anhänglichkeit gegen Euer Vaterland erwacht iſt, ſo möchte ich Euch den Rath geben, Euch demſelben anzuſchließen.— Ihr ſeht mich fragend an, fuhr er fort. So höret, wie ich es meine. Ihr erklärt dieſe Inſel feierlich als zu Eurem Vaterlande gehörig und bittet die heimiſche Regierung in einer Denkſchrift, Euch als Schutzbefohlene anzuerkennen. Ihr legt ferner der Re⸗ gierung Eures Vaterlandes den Plan vor, die Inſel als 125 Handelsſtation in dieſem Meere zu betrachten und auch Aus⸗ wanderer hierher zu befördern. Zehn Tauſend Menſchen können ſich hier noch recht gut anſiedeln. Gedenket nur ein⸗ mal ernſtlich des Vortheils, der Euch würde, wenn das Va⸗ terland Euch als ſeine Schutzbefohlenen anerkennete und Ihr mit demſelben durch Handelsbeziehungen fortgeſetzt in Ver⸗ bindung ſtändet! Allen leuchtete die Sache ein. Der Capitain ward ge⸗ beten, eine Denkſchrift, wie er ſie vorſchlug, aufzuſetzen. Es geſchah und der Vorſtand unterzeichnete ſie augenblicklich. Wie der herrliche Mann doch bis zur letzten Zeit ſeines Hier⸗ ſeins für uns thätig iſt! Die Feier des Jahresfeſtes hat ſtattgefunden. Alexis hielt eine ergreifende Rede. Vor einem Jahre, ſagte er u. A., erlöſte Gott unſere Leiber aus den Waſſerfluthen. Darnach that er noch Herrlicheres an uns: er errettete uns aus dem ſchäumenden Meere des Irrthums. Am Nachmittage begaben wir uns in feierlichem Zuge auf den nahe gelegenen Berg und pflanzten eine Fahne mit den vaterländiſchen Farben auf. Morgen will uns der Capitain verlaſſen. Der Abſchied wird ergreifend werden. Es ſind ihm von einzelnen Mit⸗ gliedern unſerer Gemeinde Belohnungen angeboten worden; er hat nichts angenommen. Möge Gott den herrlichen Mann unter ſeinen Schutz nehmen, daß er die Heimath glücklich erreicht! 126 Ich ſchließe hiermit mein Tagebuch, um es Dir, meinem lieben Vetter in B., durch den Capitain zu ſenden. Tauſend Grüße! Alles Andere wird Dir der Capitain ſagen. 25. Schluß. So weit reichte das Tagebuch, das ich ohne irgend eine Zuſchrift durch die Poſt erhielt. Es vergingen wohl drei Wochen, da klopfte es eines Tages an meine Thür, und her⸗ ein trat ein ſtattlicher Herr in der Uniform eines Seecapi⸗ tains. Er war ein Mann, ſtark und feſt gebaut, mit ge⸗ ¹ bräunten Wangen und hellen Augen. Daß ich es mit dem Seemanne zu thun hatte, der in dem Tagebuche meines Vet⸗ ters eine ſo bedeutende Rolle ſpielt, ahnte ich auf den erſten Anblick und täuſchte mich darin auch nicht. Manche Frage lag mir auf dem Herzen, doch ich gedachte der ſchönen Sitte der homeriſchen Zeiten, dem Gaſte zunächſt Erquickung durch Speiſe, Trank und Ruhe zu gönnen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen, und ließ ihm Erfriſchungen vorſetzen. Bald waren wir im ſchönſten Plaudern und ich erfuhr nun Dasjenige, was ich zu wiſſen wünſchte. Meine Sehnſucht nach der Heimath, nach Weib und Kind, ſagte der Capitain, war ſo groß, daß ich mich auf dem kleinen Boot in die weite See hinein wagte. Der Englän⸗ der Brown machte die Fahrt mit. Von dem Abſchied am Strande mag ich nicht ſprechen; ſo oft ich daran denke, wer⸗ den mir die Augen naß. Die Karte, die wir angefertigt hatten, zeigte ſich als ziemlich richtig. Nach zwanzig Tagen, in denen uns der Wind glücklicherweiſe ſtets günſtig geweſen war, erreichten wir Sidney. Es war auch die höchſte Zeit, daß wir Land fanden, denn ſeit fünf Tagen hatten wir uns ſchon mit halben Portionen begnügen müſſen, da der Vor⸗ rath an Proviant bereits ſehr gering geworden war. In Sidney hatte Brown einen Verwandten, bei dem wir zwei Wochen blieben. Nun begaben wir uns auf ein Schiff, das nach England ging. Wohlbehalten kam ich dort an. Ich reiſte ſogleich zu den Meinigen, die mich ſchon als todt beweint hatten. Welch ein Wiederſehen war das! Alsbald ſandte ich Ihnen nun das Tagebuch Ihres Vetters, der Landesregierung aber übereichte ich eine Denkſchrift, in der.... Ich unterbrach ihn und theilte ihm mit, daß ich das Nähere bereits in dem Tagebuche geleſen habe. Gut, fuhr er fort, ſo wiſſen Sie alſo das Nöthige. Nun, es wird Sie intereſſiren, zu vernehmen, daß geſtern im Geſammt⸗Mini⸗ ſterium beſchloſſen worden iſt, auf die Vorſtellung jener Ge⸗ meinde einzugehen. Der Miniſter des Aeußern theilte mir dies heut mündlich mit. Ich füge ſogleich noch Eins bei, was Sie erfreuen wird. Der Rheder hat großmüthig auf alle Entſchädigung für die Gegenſtände, die ich der Gemeinde überließ, verzichtet. Ich hielt den Capitain ſo lange als möglich feſt. Seit jenem Abende ſah ich ihn noch öfter. Jetzt hat er bereits wieder eine Seereiſe angetreten. Der Umgang mit dieſem ſtarkmüthigen, gottesfürchtigen Manne erhob und ſtärkte mich. 128 Auf Männer ſeiner Art, ſelbſt wenn ſie den Prieſterrock nicht tragen, bezieht ſich ſicherlich das hohe Wort: Ihr ſeid das Salz der Erde! Nur Weniges noch habe ich beizufügen. Die Verbindung mit jener Inſel, vom Mutterlande aus, iſt hergeſtellt worden. Ich habe bereits einen Brief von meinem Vetter in Händen, der ſich über die weitere gedeihliche Entwickelung der dortigen Verhältniſſe ausläßt. Auf meinen brieflich ausgeſprochenen Wunſch, ſein Tagebuch durch den Druck veröffentlichen zu dürfen, hat er geantwortet, daß er dies ganz in meine Hand lege. Halte ich dafür, daß die Veröffentlichung von Segen ſein könne, ſo ſolle ich es thun; nur bitte er, aus beſonderen Gründen, die er mir künftig mittheilen werde, die Orts⸗ und Perſonennamen zu verändern. Ich machte mich nun alsbald an die Arbeit, beſeitigte oder veränderte die Namen und ſtrich Partieen, die mit der Geſchichte der Auswanderer we⸗ nig oder gar nicht in Verbindung ſtanden. Außerdem nahm ich noch eine äußere Veränderung mit dem Text vor. Die einzelnen Abſchnitte hatten als Ueberſchriften nichts als das Datum. Das ſah mir doch gar zu kahl aus. Ich ver⸗ band je 2, 3, 4 ꝛc. Abſchnitte zu einem Kapitel, dem ich eine Ueberſchrift gab. So verändert, übergab ich nun das Tage⸗ buch dem Druck, und zwar mit dem herzlichen Wunſche, daß es in weiten Kreiſen Unterhaltung und Belehrung gewäh⸗ ren möge! Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. * 2 ſſcfſſiſſiinſinſſfiſſ ſffff nEEREEEEEEEE 8 1 9 J 8 9 11 12 13 14 15 16 17 1