Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für nnchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Mk.— Ff. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Leſchanitgke„ver⸗ der Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. — — b — 1 Roman von Herman Schmid. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. Erſtes Kapitel. Ein Bürgerhaus. Es iſt doch etwas Schönes um luſtige Faſtnachts⸗ zeit, zumal wenn man jung iſt! 3 Das Leben iſt gar ernſthaft— es hat ſo viele Dämpfer, die es auf die Taſten ſetzt, wenn einmal ein Gedanke zu voll oder ein Gefühl zu ſtark in die Saiten greifen will; es hat in ſeiner Rüſtkammer ſo manchen Schraubſtock, den es uns bald unmerklich, bald tüchtig fühlbar an Herz und Kopf anlegt, daß es ein wohliges Empfinden iſt, einmal all ſeinen vorwärts und zurückſchauenden Sorgen zu entwiſchen, den ge⸗ wohnten Werktagsmenſchen, wie ein ausbrechender Schmetterling ſeine vertragene Puppe, abzulegen und in das Feierkleid einer glänzenden Mummerei wie in eine neue Haut hineinzuſchlüpfen, ſich für ein paar fröh⸗ Schmid, Die Türken in München. 1 2 liche Augenblicke einzubilden, man ſei wirklich der elegante Seigneur, der derbe Landsknecht oder der raſſelnde Rittersmann, den man vorſtellt! Zumal wenn man jung iſt, geht das leicht und geſchwind von ſtatten! Da ſieht man noch raſch und greift hurtig zu; die Augen haben noch keine Kummerfältchen und Trauer⸗ ränder vom trübſeligen Nachſchauen nach Dingen, die man erſt vergöttert und hinterher enttäuſcht als Götzen in den Staub geworfen— man hat noch wenig Ver⸗ gangenheit, darum vertraut man noch auf die Zukunft und wagt es, jauchzend in der Gegenwart unterzu⸗ tauchen, wie in den Wellen eines friſchen, nervenſtär⸗ kenden Bades! Aber auch wer bereits dem Rufe des Pſalmiſten gefolgt iſt und ſich beſtrebt,„weiſe zu werden, ehe ein Haar in ſeinen Augenbrauen länger geworden“, hat⸗ nicht Urſache, unter den verlängerten Brauen hervor ſauer und grämlich auf das muntere Treiben zu. 3 blicken; wehrt ihm doch Niemand, dabei der eigenen Jugend oder mancher näher liegenden Stunde zu geden⸗ ken, in der— um mit Meiſter Horatius zu reden— auch das Alter noch„warrm geworden vom Weine“, 7 oder in anderer Weiſe„ſüß“ gefunden,„am rechten Orte ein Thor zu ſein“! — —— — 3 Mir für meinen Theil macht es Vergnügen, manchmal einen Bekannten zu beſuchen, dem ein Zufall eine verſchleuderte Theatergarderobe zugeworfen und der das befremdliche Beſitzthum dadurch zu verwerthen ſucht, daß er zur Faſtnachtszeit ein paar Stuben mie⸗ thet und die Gewänder zu Mummerei, Schanzlaufen und anderer Luſtbarkeit ausleiht. Da hängen dann auf Stricken gereiht die bunten Gewänder lockend und wartend nebenein ander: der Kaftan des Türken nebſt Turban und hölzernem Krummſäbel und der verſchoſſene Rittermantel mit falſchen Silberborten, die Kochlerjoppe ſammt Spitzhut und Gemsbart des Bergjägers und daneben der rothe Rock, das ſchwarze Mieder und die bebänderte Goldhaube der Bäuerin aus dem Schwaben⸗ land. Manchmal ſaß ich abends ein halbes Stünd⸗ chen in dem anſtoßenden Kabinet und ergötzte mich daran, ungeſehen die Leute zu beobachten, welche da kamen, um eine Maskenwahl zu treffen, ſowie die Art und die Gründe dieſer Wahl zu erforſchen. Gab es doch mancherlei Anlaß, der bis in die Tiefen des Gemüths oder der Denkweiſe blicken ließ, denn hier, wo er im Sinne hatte, eine künſtliche Larve vorzu⸗ binden, gab ſich Niemand die Mühe, die ſonſt tagüber getragene Gewohnheitsmaske zu wahren. Da opferte die Eitelkeit eines ſtämmigen Geſellen mehr als den 5 1 5 Lohn einer Woche für einen glänzenden Rococo⸗Anzug, um einmal für etwas Vornehmes gehalten zu werden; luſtige Studenten mit dem Reſte des Quartalgeldes ſuchten ſich den Pierrot und die Columbine aus zu einem tollen Kneipenſchwank; ein junges Pärchen empfing mit Entzücken die bunten Lappen des Bauern⸗ anzugs, der ihnen die erſte Stunde ungeſtörten Bei⸗ ſammenſeins verſprach; hinter ihnen ſchlüpfte die Eiferſucht einer gekränkten Frau in die nächtlichen Falten eines Venetianermantels, um über Gedanken des Haſſes und Plänen der Rache zu brüten. Unlängſt hatte ich wieder auf meinem Lauerpoſten geſeſſen und hörte einigen jungen Malern zu, welche ein kleines Ballfeſt im Stil und Geſchmack des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts zu veranſtalten gedachten, das eine Art Auszug des ganzen Zeitalters bieten und alle Stände in künſtleriſch geſchmackvoller Anordnung vor⸗ ühren ſollte.„Für Sie“, ſagte der Verleiher zu einem der Künſtler, der die Veranſtaltung der bürgerlichen Gruppe übernommen hatte,„habe ich etwas ganz Be⸗ ſonderes— keine Maske, ſondern einen echten wirk⸗ lichen Bürgeranzug aus jener Zeit; es ſcheint, daß er als ein Erbſtück von Geſchlecht zu Geſchlecht bewahrt ⸗ wurde, bis er für Niemand mehr von Bedeutung war und in den Trödel wanderte.“ Neugierig gemacht, 5 trat ich hinzu, mir den Anzug ebenfalls zu beſehen. Es war ein einfacher Rock von kräftigem und doch feinem braunem Tuche, mit breiten ehrbaren Aermelaufſchlägen und ſtattlichen durchbrochenen Knöpfen aus einem weißen, ſilberähnlichen Metall; dazu eine grüne lang⸗ ſchößige Weſte mit feinen Blumengewinden in bunter Seide zierlich geſtickt. In Gedanken verſunken, betrachtete ich den alten Rock, der mir faſt ehrwürdig vorkommen wollte, und gewahrte darüber nicht, daß die Maler ſich entfernt hatten, bis der Verleiher, mit dem ich allein geblieben, mich aus meinem Sinnen riß.„Der alte Rock ſcheint Ihnen auch zu gefallen“, ſagte er.„Es geht mir eben ſo; ich habe ihn oft ſchon darum angeſehen und mir gedacht, wenn der braune Kamerad ſprechen könnte, was er vielleicht Alles zu erzählen wüßte! Was der geſehen und erlebt haben mag in der guten alten Zeit!“ „Jawohl“, erwiderte ich,„und wie unter dem ſchlichten Tuch, das ſich ſo ſicher und ruhig anfühlt, das Herz ſeines Trägers vielleicht gerade ſo unruhig und unſicher geſchlagen haben mag, als nur eins ſchla⸗ gen kann in der argen neuen Zeit.“ Dabei legte ich die Hand auf die Bruſtſeite des Rocks, und als ob meiner Frage ein entgegenkommender Herzſchlag antwor⸗ 6 ten wollte, regte ſich's unter meinen taſtenden Fingern. Es ſchien etwas in der breiten Seitentaſche zu ſtecken; ich forſchte nach und gewahrte, daß das Unterfutter an einer Stelle ein wenig losgegangen und ein Gegen⸗ ſtand unbeachtet durchgeſchlüpft war. Verwundert zog ich ihn hervor; es war ein kleines zuſammengelegtes Blatt alten, ziemlich groben Hand⸗ papiers mit ungleichen Rändern, wie ein von einem größern Bogen abgeriſſenes Stück. Mein Staunen wuchs, als ich es entfaltete und mit völlig fremdar⸗ tigen Schriftzeichen bedeckt fand. Es kam mir nun zu gute, daß ich in der Schule gezwungen worden war, mit dem Hebräiſchen und Arabiſchen in eine wenn auch ſehr vorübergehende Berührung zu kommen; was in meiner Erinnerung hängen geblieben war, reichte hin, um mich in den Schriftzeichen türkiſche Buchſtaben erkennen und den Inhalt nothdürftig enträthſeln zu laſſen. Die Schrift lautete: Gül karefildan daha güzel Dir. Kaldir Sefe Geldiniz— oder in die deutſche Zunge übertragen: Die Roſe iſt ſchöner als die Nelke. Bewahre ſie. —— —— —— — Sei mir gegrüßt. Sonderbarer Fund! Es war klar, der Zettel ſtammte aus derſelben Zeit, welcher der Rock angehörte, jener ſtark bewegten, an abenteuerlichen Ereigniſſen ſo reichen Zeit, in der durch Max Emanuel, den galanten Kriegshelden, das ſchlichte bürgerliche Mün⸗ chen mit dem glänzenden Orient in unmittelbare Ver⸗ bindung gebracht war und die Giebelhäuſer des Schrannenplatzes iu ſtummer Verwunderung die kriegs⸗ gefangenen Türken mit langen Schnurrbärten und glatt geſchorenen Köpfen betrachteten, die zwiſchen den Ober⸗ länder Bauern und ihren Kornſäcken einherwandelten. Aber wie war der Zettel in den Rock eines Bürgers gekommen? Was hatte ihn bewogen, ſich mit dem Türkiſchen zu befaſſen? Wer mochte der Mann geweſen ſein und vor allem, was ſollten dieſe unzuſammenhän⸗ genden, ſonderbaren und geheimnißvollen Sätze bedeuten? Dieſe Fragen wollten mir nicht mehr aus dem Sinn; es drängte mich nachzufragen und nachzuleſen, und ein glückliches Ungefähr führte mich wirklich auf die Spur, in weſſen Beſitz der braune Rock zuletzt geweſen, um von dort unter die Mummereien zu wandern. Es war ein ſteinaltes Mütterchen, eine ehe⸗ malige Dienſtmagd, die hinfällig und halb erblindet ihre letzten Tage im Spitale verdämmerte und verbetete 8 und deren geſprächiges Vertrauen bald gewonnen war, als ich ſie unter dem Vorwande beſuchte, ich ſei ein entfernter Verwandter ihrer ehemaligen Dienſtherrſchaft, bei der und mit der ſie alt geworden war und der noch jetzt der ganze Reichthum ihres treuen Gemüthes gehörte. Das wackere Bürgerhaus, in dem ſie zwei bis drei Geſchlechter hindurch gedient, war ausgeſtorben und hatte ihr außer der Stelle im Spitale nichts zurückgelaſſen als die alten Kleider, die ſie bewahrt hatte bis zum erſten Schritt aus der Welt ins Spital, nichts als ihre Erinnerungen, die ſie bei ſich be⸗ halten konnte bis zum zweiten Schritt aus der Welt und aus dem Spital. Und an dieſe eigenen Erinnerun⸗ gen ſchlangen ſich wie verſchwiſterte Ranken die Mittheilungen der Ahnfrau ein, die ſchon eine Greiſin geweſen, wie die Magd als blutjunges Mädchen ins Haus gekommen und die ſelbſt wieder erzählt hatte, was in den Tagen eigener Jugend ihr Merkwürdiges berichtet worden war aus den Geſchichten längſt ver⸗ gangener Zeit. Im Spöital haben ſolch arme Leute kein eigenes Gemach. Die große Stube iſt der Länge nach durch Vorhänge in zwei Hälften getheilt, ſodaß in der Mitte zwiſchen denſelben ein Gang frei bleibt; die Hälften ſelber ſind wieder durch Zwiſchenvorhänge in kleine ———— = 9 Kämmerchen geſchieden, worin eben Raum iſt für das Bett der Spitalerin, für einen kleinen Tiſch und allen⸗ falls ein Käſtchen, während die Rückwand ein ſchmales Plätzchen bildet, daran die Heiligenbilder und welt⸗ lichen Andenken aufzuhängen, die auf der weiten Wanderung durchs Leben bis in dieſen vorletzten Winkel deſſelben nicht verloren gegangen ſind. Die Bewohnerinnen dieſer Vorhangszellen ſollen keine Be⸗ ſuche annehmen— man ſieht es nicht gern, wenn der Fäden, die mit dem Draußen zuſammenhängen, noch zu viele ſind; auch geht es nicht wohl an, ein ver⸗ trautes Geſpräch zu führen, wo die Nachbarin links und die Nachbarin rechts jedes Wort belauſchen kann. Darum vertraute mir die Alte„ wie ſie jeden dritten Tag nach der Vesper ihren„Ausgang“ habe, um noch ein bischen friſche Luft zu ſchöpfen oder eine mild⸗ thätige Bekannte zu beſuchen, die nicht ſchon bei Leb⸗ zeiten ſie unter die Begrabenen zählte.„Wiſſen Sie was“, ſagte ſie mit wichtigthuender Vertraulichkeit, „weil ich doch ſehe, daß Sie ſo großen Antheil nehmen an meiner guten Herrſchaft, ſo will ich mich in der Vesperzeit zu Ihnen hintappen und will Ihnen erzählen, was ich weiß. Es ſind ja lauter brave Leute ge⸗ weſen— vielleicht iſt es für etwas gut, wenn's auf⸗ bewahrt bleibt, wie es ihnen gegangen.“ 10 Die Alte kam wirklich. Aus ihren Vespererzählun⸗ gen, aus dem noch erhaltenen Berichte des Mannes, dem die Türkenaufſicht übertragen war, ſowie aus manch anderem Zuge, den mir zu ſammeln geglückt, hat ſich mir ein ſo bewegtes und heiteres Bild geſtaltet von alter Zeit und ihrer Sitte, daß ich meine, es nicht verborgen halten zu ſollen. Und ſo ſei die Ge⸗ ſchichte erzählt von Freud und Leid damaliger Menſchen, von den Erlebniſſen deſſen, der den braunen Bürger⸗ rock getragen, und von dem Türkenzettel in ſeiner Taſche. 1. Die Uhr an den Doppelthürmen des Theatiner⸗ kloſters zu St.⸗Cajetan hob mit hellem Tone dreimal aus und ſchlug dann in dumpfen langſamern Klängen die vergangene elfte Stunde nach. In einem ſtatt⸗ lichen Hauſe der damals ſo geheißenen hintern Schwabingergaſſe hielt eine ältliche, aber wohl erhaltene Frau, die auf dem Fenſtertiſch einen Stoß ſchöner Leibwäſche muſterte, in dieſer Beſchäftigung plötzlich aufhorchend inne, als zweifelte ſie, ob ſie auch recht vernommen.„Schon dreiviertel auf zwölf Uhr?“ ſagte ſie vor ſich hin.„Das kann doch nicht ſein— da muß ich mich verhört haben! Der Bub', der Benno iſt ja noch nicht daheim! Und doch— da geht auch ſchon das helle eilfertige Glockengebimmel los von den Franzis⸗ e — * 11 kanern drüben“, fuhr ſie fort und trat vollends in den Fenſtererker, von welchem ſie auf den Platz mit dem Klöſterlein von Maria⸗Stiegen und ſchräg über die Gaſſe nach dem Hauptthore der kurfürſtlichen, Reſidenz hinüber ſehen konnte.„Die Wache vom Leibregiment tritt unters Gewehr, der Hauptmann nimmt ſchon ſeinen Sponton von der Wand herunter— da muß die Ablöſung vor der Thür ſein! Wo er wieder ſtecken mag, der Unglücksbub! Ich muß nur die Köchin nach ihm ſchicken!“ Sie wandte ſich gegen den Hinter⸗ grund der Stube, indem ſie einigemal mit heller angeſtrengter Stimme den Namen Staſi rief; dort, an der Hauptwand vor dem hölzernen, mit ſchwarzen Lederpolſtern belegten Kanapee ſtand der mächtige Cichentiſch, an welchem die Angehörigen des Hauſes ſich zum Frühſtück, Mittagseſſen und Abendmahl verſam⸗ melten; eine hart daneben in die Wand gebrochene Oeffnung mündete in die Küche, ſodaß die Speiſen uumittelbar und ohne Aufſchub im vollſten Saft und Duft aus der Küche ins Zimmer, vom Herde auf den Tiſch gelangen konnten. Che ſie aber das davor angebrachte bewegliche Fenſterchen in die Höhe zu ſchieben vermocht hatte, ging die Stubenthür auf und die mehrmals Gerufene ſtand auf der Schwelle— eine kleine, nicht mehr ganz 12 ‿ jugendliche, aber volle und nicht unangenehme Geſtalt mit derbrothen Wangen und Lippen, pechſchwarzem 4 Haar, das ſich ſtörriſch unter dem farbigen Kopftuch hervordrängte, und dunklen Augen, aus welchem leb⸗ hafte Entſchiedenheit leuchtete, wenn ſie auch eben halb von Thränen verhüllt, halb von der Schürze verdeckt waren, deren Zipfel die Eingetretene heraufgezogen hatte, um die Spuren ihrer Betrübniß aufzutrocknen. „Da bin ich“, ſagte ſie weinerlich.„Was ſchafft die Frau?“ „Was werd' ich ſchaffen!“ eiferte dieſe.„Wie Du nur ſo dumm fragen kannſt, Staſi! Bei Dir muß ſich im Kopf etwas verſchoben haben, und alle Tag wirſt Du ungeſchickter! Kannſt Dir wohl ſelber einbilden, was ich will! Siehſt, daß der Bub, der Benno noch nicht daheim iſt, daß es jeden Augenblick zwölfe ſchla⸗ gen und der Herr anläuten kann, und daß es dann ein Donnerwetter gibt, vor dem wir uns alle zwei ins Ofenloch verkriechen dürfen. Aber was iſt Dir denn?“ fuhr ſie in etwas verändertem Tone fort, als ſie näher kam und das Mädchen genauer betrachtete. „Du haſt ja einen brennrothen Kopf und ganz ver⸗ weinte Augen? Was hal'ſt denn den Schurz ſo vor? Es wird doch kein Unglück geſchehen ſein? Auf die Letzt iſt dem Benno was paſſirt, weil er nicht heim⸗ — 13 kommt, und Du trauſt Dir's nicht zu ſagen. Heraus mit der Sprach' oder ich löſ' Dir die Zung'!“ „Es iſt nichts paſſirt“, erwiderte Staſi, ſich all⸗ mälig ermannend,„und dem jungen Herrn auch nit, wenn Gottes Willen iſt.“ „So haſt die Knödel verdalkt oder das Nieren⸗ bratl anbrennen laſſen.“ „Auch net“, jammerte die Magd.„Ach Gott, zank die Frau nur net, ich kann ja nichts dafür, daß ich ein ſo windelweich's Herz hab'! Vorhin da hab' ich durch das Schubfenſter hereingeguckt und hab' geſehn, wie die Frau in der Wäſch' herumge⸗ muſtert hat; das iſt mir ſo ſchwer aufs Herz ge⸗ fallen, ich hab' weinen müſſen, daß mich der Bock geſtoßen hat—“ „Es iſt ſchon, wie ich ſag“!“ rief die Frau und ſchlug die Hände zuſammen.„Wenn's bei Dir noch nicht übergeſchnappt hat, biſt auf dem geradeſten Weg dazu! An der Wäſch' dort iſt doch nichts, daß man weinen muß! Das Herz im Leib lacht einem ja, wenn man ſie nur anſchaut, die prächtigen Hemden von der allerfeinſten Leinwand, wie's im ganzen römiſchen Reich keine ſchönere gibt— vom allerbeſten Flachs, Alles von mir ſelber geſponnen, ein Faden wie der andere, ſo gleich und ſo feſt, und doch wieder einer ſchöner wie 14 der andere! Dafür gehört's auch für meinen einzigen Buben, für den Benno, und iſt ſeine Ausfertigung, weil er doch bald heirathen wird!“ „Das iſt es ja eben!“ ſagte die Köchin und ſchien nicht übel Luſt zu haben, noch einmal loszu⸗ platzen.„Für die Frau iſt freilich nichts Trauriges dabei, aber für unſereins deſto mehr! Ich kann halt vom Heirathen nichts hören. Es fallt mir allemal gleich brühheiß ein, daß ich auch ſchon einmal ſo weit geweſen bin, daß auch Alles ſchon hergerichtet und fertig geweſen iſt bis zu der Verkündung—“ „Na, na“, unterbrach ſie die Frau,„ich weiß ja, daß Du einmal ſchon ganz nahe am Heirathen geweſen biſt, daß Du eine Schuſterin geworden wärſt, und daß der Bräutigam acht Tag⸗ vor der Hochzeit Reißaus genommen hat; aber deswegen ſollſt Du Dich doch jetzt nicht mehr kränken, die Geſchichte iſt ja ſchon bald nichtz mehr wahr, iſt ja ſchon länger her als zehn Jahre.“. 1„O“, rief die Verlaſſene ſchmerzlich,„für mich iſt es gerade, als ob's erſt geſtern geſchehen wär'! Ich kann's nit verwinden, daß er mich ſo ſchändlich hat ſitzen laſſen und daßzich mir das ſo ruhig muß gefallen laſſen! Wenn ich ihn nur noch einmal ausfinden könnt'! Wenn er mir noch einmal unter die Hand ge⸗ 15 kommen wär', damit ich wenigſtens meinen Zorn an ihm auslaſſen könnt'! Wenn er nur—“ „Jetzt laß mich in Ruh' mit dem altgebackenen Liebesverdruß“, rief die Frau dazwiſchen.„Mach' lieber, daß wir heut nicht einen neuen Verdruß be⸗ kommen; lauf' hinüber in die Reſidenz und ſchau' nach, ob er nicht drüben ſitzt und etwa vor lauter Arbeit die Mittagszeit vergeſſen hat.“ „Das nutzt nichts, Frau“, erwiderte Staſi.„Es iſt ja noch kaum eine Stund', daß mich die Frau hin⸗ übergeſchickt hat, ich ſoll dem jungen Herrn ein mür⸗ bes Laibel und einen Schnitz Geſelchtes bringen, damit er es leichter aushalten kann bis zum Mittagseſſen; aber er iſt gar nit da geweſen—“ „Was? Gar nicht da geweſen?“ rief die Frau, und der Zinnteller, den ſie eben vom gedeckten Tiſch genommen, um ein Stäubchen davon wegzublaſen, fiel ihr aus der Hand, daß es klapperte.„Wie wär' das? Ich hab' Dich ja mit dem leeren Teller zurückkommen ſehn? Wo iſt nachher das Geſelchte geblieben und das mürbe Laibel?“ „Wo das geblieben iſt?“ ſagte Staſi verlegen und ſtockend.„Das Geſelchte iſt halt da, wo geſtern das kalte Entenviertel und vorgeſtern das Bratwürſtel und ſeit acht Tagen das zweite Frühſtück hinkommen iſt, 46 das die Frau dem jungen Herrn ſchickt— das hat Alles der Herr Stelzenhuber gegeſſen, der Amtsbot' drüben in der kurfürſtlichen Kammerkanzlei—“ „Heilige Mutter Anna!“ kreiſchte die Frau auf. „Nädel, hat Dich denn der böſe Feind ſchon ganz in den Krallen? Iſt das Deine Traurigkeit um den durch⸗ gebrannten Schuſter, daß Du mit dem Amtsboten ſpen⸗ zelſt und ihn mit den beſten Biſſeln regalirſt, die ich mir vom Mund abgeſpart hab' für meinen Buben?“ „So was wird die Frau doch von mir nit denken?“ unterbrach ſie die nunmehr auch entrüſtete Köchin. „Ich ſpenzel nit mit dem Amtsboten, mit dem roth⸗ naſigen, und wenn ich mich einmal tröſten wollt' über mein Unglück, müßt' der Tröſter ſchon ein biſſel anders und ſauberer ausſehen! Ich hab' ihm die guten Biſſeln nit meinetwegen gegeben, ſondern wegen der Frau, wegen dem jungen Herrn gegeben, damit er vertuſchen hilft—“ Die Frau war dem Umſinken nahe.„Vertuſchen?“ ſtammelte ſie.„Alſo iſt was geſchehen, das vertuſcht werden ſoll! Staſi, wenn Du's nicht auf dem Gewiſſen haben willſt, daß mich der Schlag trifft, ſo red'!⸗ „Der Amtsbot'“, fuhr Staſi leiſer fort, indem ſie ſich zu der Erſchrockenen geheimnißvoll niederbeugte, 17 „der Herr Stelzenhuber hat geſagt, der junge Herr kommt nur in der Früh' in die Schreibſtuben, bleibt nur ein Stündel, bis der Herr Kammerer da geweſen iſt, dann ſetzt er ſeinen Hut auf, geht auch fort und kommt den ganzen Vormittag nicht wieder.“ „Der Schlingel! Der Thunichtgut! Der Ausbund von einem Tagdieb!“ ſeufzte die Mutter, bei welcher die Erſchöpfung des Schreckens raſch mit der Aufregung wieder anſchwellenden Zornes wechſelte.„Von der Kanzlei davongehn und den ganzen geſchlagenen Vor⸗ mittag nicht wiederkommen— das iſt himmelſchreiend! Das kann ihm ja ſeinen Platz koſten! Der Unglücks⸗ bub denkt nicht daran, wie hart es gehalten hat, bis man ihn hineingebracht hat in die kurfürſtliche Kammerkanzlei!“ „Das ſagt der Herr Stelzenhuber auch“, erwiderte die Magd.„Zum Glück macht's der Kammerer auch nicht anders; er iſt bei der Commiſſion, ſagt der Herr Stelzenhuber, die das ganze Reſidenzgeſchloß von oben bis unten beſchreiben muß— ſeit acht Tagen thunſ' gerade den Weinkeller revidiren und da geht es ihm zwiefach nothwendig ein. Das iſt aber ein Glück für den jungen Herrn, denn wenn der Kammerer was erfahren thät', da wär's aus, ſagt der Herr Stelzenhuber, und damit er zu uns halt'n und ihm Schmid, Die Türken in München. I. 2 nichts verrath'n ſoll, drum hab' ich ihm all die guten Biſſeln gelaſſen und hab' ihm noch die beſten Wort' gegeben obendrein—“ „Recht haſt Du gethan!“ rief die Frau.„Ich ſag' es ja immer, Du biſt ein grundgeſcheides Leut, auf das man ſich verlaſſen kann, beſſer als auf ſich ſelber! Ich will dem Herrn Stelzenhuber auch noch eine beſondere Verehrung machen. Aber weiß er denn nicht, wo der Bub iſt, wenn er hinter der Kanzlei herumgeht? Wie lang iſt es denn, daß er das Unweſen ſchon ſo treibt?“ „Wo er iſt, das weiß der Herr Stelzenhuber nit — er kann ſich's gar nit einbilden, ſagt er, denn ſonſt ſei der junge Herr Millauer nirgends lieber geweſen als in der Kanzlei, der erſte drin und der Letzte naus; aber ſeit neun Tagen iſt er wie ausge⸗ wechſelt und völlig nit mehr zu kennen—“ „Seit neun Tagen? Weiß er denn das ſo genau?“ „Ja— gerade vor neun Tagen war's“, ſagte der Herr Stelzenhuber;„er erinnert ſich's ganz genau, es war an einem Erdtag und hat ſo ſtark geregnet unter der Mittagszeit, und gerad' an dem nämlichen Tag iſt der Transport kommen von den gefangenen Türken—“ Der gellende Ton der ſtark angezogenen Haus⸗ glocke unterbrach den Bericht; Frau und Magd fuhren —— 19 beide zuſammen und ſtießen Laute der Ueberraſchung und des Schreckens aus.„Der Herr!“ ſtammelte Staſi,„mein Mann!“ ſeufzte die Frau.„So reißt kein anderer Chriſtenmenſch an der Glocken an. Geh hinaus und mach' ihm auf, damit er nicht auch noch warten muß, ſonſt kommt er gleich ganz aus dem Häuſel. „Ich trau' mich nit“, ſagte die Magd,„ich muß auch nach dem Eſſen ſchauen— es wird beſſer ſein, die Frau geht ſelber und macht auf.“ „In Gottes Namen“, rief dieſe;„ohne Sturm geht's. heut doch nicht ab, alſo muß man's halt aushalten!“ Sie ging langſam über den breiten Hausflur, deſſen Ziegelpflaſter nur von dem in der Höhe angebrachten Lichteinfall halbdämmerig beleuchtet war, während die Köchin in die Küche ſchlüpfte, von draußen aber die Stimme des Wartenden ungeduldig hörbar wurde. „Holla!“ rief er und trommelte mit der Fauſt an die Thür.„Was gibt'’s denn Wichtiges auf dem Ratſch⸗ markt darinnen, daß man mich warten laßt wie einen Bettelſtudenten mit ſeinem Koſthafen?“ Im nächſten Angenblick war der Riemen mit dem Thürriegel zurückgezogen und der Angekommene ſchritt brummend über den breiten Vorplatz dem Wohnzimmer zu. Die Frau folgte raſch, nahm ihm Hut und Stock, 2* ſowie den ſtattlichen braunen Rock mit den weißen Knöpfen ab, den er, beinahe noch auf der Schwelle ſtehend, abſtreifte und dann mit beiden Armen in die weite graue geſtrickte Wollenjacke fuhr, die ſie ihm aus⸗ gebreitet hinhielt. Der Stadtrath Millauer war ein hochgewachſener Mann, deſſen ſtramme Haltung und friſche Geſichtsfarbe nicht ſo leicht erkennen ließen, daß er ſchon die Mitte zwiſchen dem fünften und ſechsten Jahrzehnt ſeines Lebens überſchritten hatte; nur die grau gewordenen Augenbrauen plauderten das Geheim⸗ niß aus und unter der Rundlocke der dunklen Stutz⸗ perrücke ſtahlen ſich an den Schläfen ebenfalls einige vorlaute Haare von der gleichen verrätheriſchen Farbe hervor. Der Ausdruck in den wohlgeformten Zügen des Geſichts wie in den treuherzig blauen Augen war gutmüthig und freundlich; um die etwas aufgewor⸗ fenen Lippen ſpielte ſogar etwas, als wären ſie gern bereit, ſich zu Scherz und derbem Lachen zu öffnen. Diesmal aber ſchien er nicht dazu gelaunt und auf der Stirn lag es wie das Gewölk eines Ungewitters, das noch unentſchloſſen iſt, ob es losbrechen oder ſich ver⸗ ziehen ſoll. „Grüß' Gott, Alte“, brummte er, die Jacke zu⸗ knöpfend.„Warſt ja ordentlich laut, wie ich gekommen bin? Hat's wieder einen Küchendisputat gegeben? 21 Aber wie iſt mir denn?“ fuhr er abbrechend und umherſehend in unverändertem Tone fort.„Es iſt doch ſchon zwölfe vorbei und die Suppenſchüſſel ſteht noch nicht auf dem Tiſch? Iſt denn heut' nicht Knödel⸗ tag und es iſt noch gar nicht angerichtet? Da iſt's kein Wunder, wenn die Knödel ſo feſt werden, daß man ſie übers Hausdach werfen könnte! Und der Bub — das ſeh' ich jetzt erſt, der Benni iſt auch nicht da. Das iſt mir eine ſaubere Ordnung in dem Haus! Wo ſteckt er denn, der heilloſe Bub? Am End' gibt's ganz was ertra zu ſchreiben und er ſitzt noch drüben in ſei⸗ ner Kanzlei!“ „Nein“, entgegnete raſch einfallend die Frau,„da iſt er nicht. Ich hab' ſchon hinübergeſchickt; da hat's geheißen— da haben ſie geſagt—“ „Na, was haben ſie denn geſagt? Iſt es ſo was Beſonderes, daß es Dir auf der Zunge hängen bleibt?“ „Wüßte nicht warum“, fuhr die Mutter raſcher, doch mit unverkennbarer Ueberwindung fort.„Er war immer drüben in der Kanzlei, und da haben ſie geſagt, er wär' juſtament fortgegangen und hätt' einen Gang zu machen fürs Kammeramt, haben ſie geſagt—“ „Einen Gang fürs Kammeramt!“ rief der Stadt⸗ rath ärgerlich.„Ei, da ſoll ja das himmelblaue Donner⸗ wetter— Faule Fiſche, ſag' ich Dir, nichtsnutzige Ausreden, die man mit Händen greifen kann! Um dieſe Zeit macht man keine Amtsgänge! Ein richtiger Dikaſteriant taucht Punkt acht und drei Uhr ſeine Feder ein und ſpritzt ſie aus, wie's zwölfe und ſechſe ſchlägt, und darüber hinaus rührt er weder Hand noch Fuß! Die übrige Zeit iſt ſein und um zwölfe gehört ein ordentlicher Menſch zum Eſſen!“ „Sei nur nicht gleich wieder der Obenaus und Nirgendsan!“ entgegnete die Frau.„Wenn er heim⸗ kommt, werden wir's wohl erfahren! Es kann ja leicht eine Abhaltung geben— biſt ja auch ſchier um eine Viertelſtund' ſpäter dran!“ „Ja, ich werd's erfahren und will's erfahren, was das für Abhaltungen ſind, ſo gewiß, als ich weiß, warum ich ſelber ſpäter dran bin! Wegen keines andern Men⸗ ſchen als wegen des Buben! Es iſt nicht mehr richtig mit ihm, ſag' ich Dir! Was ich heut gehört habe, iſt mir ſchon ein biſſel zu rund vorgekommen, und weil er jetzt nicht da iſt, weiß ich's gewiß, denn wenn ein junger Burſch von vierundzwanzig Jahren das Eſſen vergißt, dann kann man's an den Fingern abzählen, wie viel's bei ihm geſchlagen hat!“ „Du haſt was gehört?“ fragte die Mutter unſicher und ſah ihn von der Seite an, ob er etwa ihr Ge⸗ heimniß erkundet und ſie nur auszuforſchen gedenke. 23 „Da könnt' ich mir ja doch nicht auf ſieben Meilen Weg einbilden, was das ſein ſollt'!“ „So will ich Dir's ſagen, Alte. Die Raths⸗ ſitzung iſt heut' ein wenig früher aus geworden. Gut! hab' ich mir gedacht, da kann ich geſchwind dem Vetter Planſch beim Prügelbräu einen Beſuch machen; bin ſchon ein paar Wochen nicht mehr hinaufgekommen in die Neuhauſergaſſen, und es iſt doch eine Schand', wenn ſich gar Niemand von uns ſehen läßt, wo wir doch ſo nah' in die Freundſchaft hineinkommen, wenn unſer Benno die Wabi heirathet! Reſolvir' mich alſo kurz und marſchir' hinauf. Ich treff' auch die Jungfer Hochzeiterin und den alten Prügel— die eine hat verweinte Augen und reißt mir aus, wie ichſie anreden will; der andere macht mir ein Geſicht wie das himmelblaue Donnerwetter, und wie ich anfange, zu fragen und mich zu erkundigen was muß ich da hören!“ Die Frau horchte mit offenem Munde zu.„Nun, was denn?“ drängte ſie. „Du weißt', ich hab' es dem Buben auf die Seel' gebunden, er ſoll mir alle Tag hinaufgehn zum Prügelbräu, ſoll ſeine Aufwartung machen und ſeinem künftigen Schwiegervater um den Bart gehn, wie es einem Bräutigam anſteht. Der Schliffel hat es 24 auch keinen Tag recht erwarten können, bis abgegeſſen war; er hat kaum den Löffel gewiſcht und ſich zur Thür hinausgedreht. Bin alſo ganz in meinem Gott vergnügt, daß er ſo brenneifrig zu ſeiner Braut geht. Jawohl, ein himmelblaues Donnerwetter hätt' ich vergnügt ſein ſollen! Jetzt iſt es heraus— ſeit neun Tagen iſt er mit keinem Fuß mehr über die Schwelle gekommen!“ „Seit neun Tagen?“ rief die Frau ganz verdutzt. „Ja, ſeit neun Tagen!“ wiederholte Millauer ſpottend.„Als wenn's die Zeit ausmachen thät'! Als wenn's darauf ankäme, ob er acht oder neun oder nur ein paar Tage weggeblieben iſt! Daß er's überhaupt gethan hat, da liegt der Hund begraben! Wo er ſich während der Zeit hernmgetrieben hat und mit wem, das muß ich heransbringen oder das himmelblaue Donnerwetter—“ „Herumtreiben! Was das für Reden ſind!“ ent⸗ gegnete die Frau.„Er wird eben ſpazieren gehn. Das thut ihm auch noth, ich habe oft ſchon gefürchtet, das viele Sitzen könnte ihm ſchaden— er iſt gar zu engbrüſtig!“ „Engbrüſtig?“ lachte der Alte.„Daß Dich das himmelblaue Donnerwetter verſchlägt! Ich glaube, um ihm hinaus zu helfen, wärſt Du nicht verlegen, — 1 4 25 ihm einen Buckel anzudichten! Ich habe Gott Lob! noch nichts geſpürt von der Engbrüſtigkeit, aber wie er heim kommt, will ihn gleich unterſuchen und in die Kur nehmen!“ „Nichts, gar nichts wirſt Du ihm thun!“ fuhr jetzt die Mutter auf und ſtellte ſich, die Arme auf die Hüften geſtemmt, vor den Eifernden.„Der Benno iſt ſo gut mein Kind wie das Deinige und ich leid' es einmal nicht, daß ihm etwas zu Leid geſchieht, damit Du's nur weißt, Du alter Griesgram! Du ſollſt mir ihn mit keinem ſchlimmen Blick anſehn! Er ſoll mir nur ſpazieren gehn, ich will es haben! Soll ſich nicht krumm ſitzen und lahm ſchreiben! Und daß er in keine ſchlechte Geſellſchaft geht, daß weißt Du ſo gut, als ich. Er geht mit Niemand um als mit den feinſten Herren von Hof, mit lauter Cavalieren und Grafen—“ „Ja, da haben wir's!“ unterbrach ſie Millauer. „Das iſt mir erſt der wahre Weinſtock! Glaubſt Du, daß mir das recht iſt oder daß ich wohl gar ſo eitel bin wie gewiſſe Leute und mir was einbilde auf die hochadlige Geſellſchaft? Fällt mir nicht im Traum ein! Ich bin ein ehrſamer Bürger und mein Sohn iſt ein Bürgerskind. Die vornehmen Herren ſind kein Umgang für ihn; er ſoll ſich zu ſeinesgleichen halten!“ „Du biſt der ewige Widerſpruch“, ſagte achſel⸗ zuckend die Frau.„Wenn Du aus unſerm einzigen Kind einen Bürgersmann machen willſt, warum haſt Du dann nicht das Gewerb' behalten und ihm Deine Bäckerei übergeben? Warum haſt Du ſelber die Mehl⸗ lieferungen übernommen für den Krieg, haſt nicht ge⸗ ruht, bis Du in den Stadtrath gewählt worden biſt, und haſt den Benno in die kurfürſtliche geheime Kanz⸗ lei gebracht? Warum ſonſt, als weil Du recht gut weißt, daß er ein feiner junger Menſch iſt, der mit den vornehmen Herren in ihren Sprachen reden kann, franzöſiſch oder wälliſch, als wenn er dort aufgewachſen wär'! Der junge Herr von Maurice iſt ein guter Freund von ihm, und der Herr Baron Trentini und dann der polniſche Herr mit dem ſonderbaren Namen, der ſich anhört, als wenn man nieſen thät'. Was haſt da einzuwenden dagegen?“ „Und wenn ich ſonſt gar nichts einzuwenden hätte“, rief der Mann,„ſo wär's genug, daß es lauter Fremde ſind! Ich kann einmal die Fremden nicht leiden, das weißt Du lang, weil ſie nur zu uns hereinkommen, um über uns zu ſpötteln und ſich's doch wohl ſein zu laſſen bei uns. Ich hab' es oft ſchon geſagt und ich bleib' dabei, die Fremden ſind das Unglück vom Land und vor allem von unſrer guten Münchnerſtadt; aber es iſt gerad', als wenn's aus allen Ländern den Zug zu uns her hätte! Unterm Kurfürſt Ferdinand Maria— Gott hab' ihn ſelig, den guten Herrn!— da ſind mit der Frau Kurfürſtin aus Savoyen die Italiener eingefallen, wie die Staare im Frühjahre; bei unſerm jetzigen gnädigſten Herrn ſchwimmen die Franzoſen obenauf wie die Wurſt auf dem Sauerkraut, und jetzt haben wir auch noch Türken in der Stadt! Ich bin nur begierig, wie lang es anſteht, bis ſich Dein Herzkäfer, Dein Buberl, zu ſeiner ausländiſchen Geſell⸗ ſchaft auch noch einen Türken ausgeſucht hat!“ Die Frau hatte ſich überzeugt, daß dies nicht der Weg war, den Unmuth des Hausherrn zu beſänftigen. Sie änderte daher ihren Plan, und vor das mächtige Holzgehäuſe der Standuhr tretend, welche ſchnurrend eben zum Schlagen aushob, ſagte ſie unbefangen:„Es iſt ein Viertel über zwölfe, jetzt werd' ich doch die Knödel einſchlagen laſſen— in den dreißig Jahren, ſeit wir hauſen, iſt noch nie ſo ſpät angerichtet worden!“ „Nichts da!“ brauſte der Rathsherr auf.„Dann geſchieht's eben heute zum erſten Mal! Ich will einmal ſehen, wie lang das ſaubere Früchtl ausbleibt, und eher kommt mir das Eſſen nicht auf den Tiſch! Wenn die Knödel darüber feſt werden, will ich ihm ſchon eine andere Suppe einbrocken! Du meinſt wohl, ich merk' 28 es nicht, daß Du mich blos auf einen andern Diskurs bringen willſt?“ „Es iſt mir nicht deswegen“, ſagte die Frau,„es iſt nur, weil Du mir noch ganz vom Fleiſch fällſt vor Verdruß, der ohnedem kein Ende hat, ſeit Du Stadt⸗ rath biſt! Ich wollte, Du hätteſt was Anderes gethan! Du biſt der halbe Mann nicht mehr, der Du als Bäcker geweſen biſt. Willſt Du es wieder ein paar Tage nicht aus den Gliedern bringen, wie vor drei Wochen, wo Du Dich ſo geärgert haſt im Rath— ich weiß nicht mehr, wegen was es war, aber Du biſt ſchon einmal ſo und kannſt Dich ärgern über jede Kleinigkeit!“ „O, ich weiß noch ganz gut, was das war“, rief der Stadtrath, der arglos nach dem vorgehaltenen Köder ſchnappte.„Es war von wegen dem Mitter⸗ wallner, dem Eiſenkrämer an der Hochbrücken, und ſo was nennt dies Weib eine Kleinigkeit! Der hochmüthige Menſch meint, weil er ein paar Jährlein auf Reiſen geweſen iſt, hätt' er alle Geſcheidheit mit Löffeln gegeſſen, und bringt alle Fingerlang etwas Neues! Fallt ihm nicht neulich ein, daß in München das Vieh nicht mehr ſollt' ausgetrieben werden! Das ſchickte ſich nur für ein Bauerndorf und nicht für eine kurfürſtliche Haupt⸗ und Reſidenzſtadt! So lang München ſteht, 29 weiß es kein Menſch anders, als daß alle Tag in der Früh das Vieh ausgetrieben wird; da weiß man doch, wie man an der Zeit iſt, und mich freut's alle⸗ mal, wenn ich ſo warm im Bett lieg' und der Hüter ſo ſchön blaſt auf ſeinem Horn! Und jetzt auf ein⸗ mal ſoll ſich das nimmer ſchicken! Na, zum Glück ſind wir vom äußern Rath dazu da, daß wir die Dummheiten wieder gut machen, die der innere Rath angerichtet hat— wir haben der Sach' einen Riegel vorgeſchoben und ihnen ein himmelblaues Donner⸗ wetter aufgeſpielt, den neumodiſchen Herren, daß es ihnen gewiß noch nachbrummt im Kopf!“ „Recht habt Ihr gethan“, ſagte die Frau mit eifrig beiſtimmendem Kopfnicken.„Ich ſorg' nur, es fallt ihnen gar bald wieder was Anderes ein!“ „Darauf brauchen wir nicht erſt lang zu warten“, rief der Stadtrath und rannte auf ſeinen braunen Rock los, der an der Stubenthür am Haken hing. „Du erinnerſt mich gerade recht, das hab' ich über dem Buben ganz vergeſſen— da haben wir die Neuig⸗ keit ſchon!“ Damit hatte er einige gerollte Blätter aus der Taſche gezogen und breitete ſie auf den Hoch⸗ zeitshemden ſeines Sohnes auseinander. „Was bedeutet denn das?“ fragte die Frau.„Das ſind ja lauter ſchwarze Linien und Buchſtaben darauf, 5 11 8 1 A 1 1 30 wie ſie die Kinder in der Schul' haben als Vor⸗ ſchrift!“ „Das iſt es auch— eine Vorſchrift iſt's, aber für große Kinder! Kurfürſtliche Durchlaucht iſt ein gar junger Herr, dem leicht was Anderes lieber iſt, als wenn er im Staatsrath ſitzen und. zuhören oder alle die Schreibereien leſen muß, die ihm zukommen. Da hat er geſagt, das Leſen ſei ihm zuwider, weil die Be⸗ richte alle ſo ſchlecht geſchrieben wären. Das hat der Vicekanzler, der Prielmayr, gleich aufgeſchnappt und jetzt iſt ein Befehl ausgegangen, bei Amtsentſetzung ſollt' ein Jeder ſo ſchön ſchreiben als möglich, und wer's nicht könnt', der ſollt's lernen, und derentwegen ſind die Vorſchriften ausgetheilt worden!“ „Iſt ja doch nicht möglich!“ rief ſtaunend die Frau und muſterte die Blätter, wie zuvor ihre Hemden. „Wegen Deiner Verwunderung wird's nicht an⸗ ders!“ begann der Rathsherr wieder.„Alle Dika⸗ ſterianten müſſen neu ſchreiben lernen und die Buch⸗ ſtaben nachmalen wie die Schulbuben! Und ich wollt’ nichts ſagen, wenn's noch ordentliche Buchſtaben wären, aber ſo ſind's auch wieder ſo neumodiſche Haken und Schnörkel, die Niemand kennt! Da ſchau' her“, fuhr er fort und deutete auf einen Buchſtaben,„das ſoll ein K ſein! So lang man weiß und denkt, hat das K 31 immer oben einen Schnabel gehabt! Der wird ihnen auch im Weg umgegangen ſein, der Schnabel hat auch fort müſſen!— Aber wie, Frau“, unterbrach er ſich ſelbſt, indem er ſie etwas derb vom Tiſche weg⸗ ſchob und in den Erker ans Fenſter trat.„Da kommt ja gar der Herr Gevatter über den Franziskanerplatz daher—“ „Was für ein Herr Gevatter?“ „Na, wer ſonſt als der Taufpath von unſerm Benno, der Herr Oberbrunnenamts⸗Gegenſchreiber Del⸗ linger! Wie kommt denn der um die Zeit noch auf die Gaſſenſe Der ſollt' doch auch ſchon lang beim Eſſen ſein!“ „Vielleicht geht es ihm wie uns, daß er mit dem beſten Willen nicht dazu kommt“, erwiderte die Frau und drängte den Mann beiſeite, um beſſer hinunter zu ſehen.„Er iſt ganz wild, als wenn ihm was geſchehen wär'— ſiehſt Du, er fährt mit der Hand in der Luft herum jetzt grüßt er und winkt, daß er her⸗ aufkommen will.“ „Wahrhaftig!“ rief der Stadtrath.„Was wird's da wieder geben? Ich will nur gleich hinaus und ihm ſelber aufmachen!“ Er ſputete ſich, zur Thür zu kommen, aber wie er dieſelbe geöffnet hatte und auf den Vorplatz trat, kam ihm Herr Dellinger ſchon halb⸗ 32 wegs entgegen. Beim erſten Laut, der auf der Stiege hörbar geworden, war die Köchin zur Thür geeilt, um dem vermutheten und erwarteten jungen Herrn gleich beim Eintritt zuzuflüſtern, welch ſtürmiſcher Em⸗ pfang ihn erwarte. Zu anderer Zeit hätte Millauer das kaum ungeahndet hingehen laſſen, diesmal aber war er auf nichts als den Ankommenden bedacht, einen kleinen, unterſetzten Mann mit rothem, glänzendem Voll⸗ mondsgeſicht und ſehr dickem Bauche, den er beinahe mühſam zwiſchen den hohen Käſten dahinſchob, in welchen zu beiden Seiten des Flurs der Reichthum des Hauſes an Kleidern, Wäſche und unverarbeiteter Lein⸗ wand aufgeſpeichert war. Der Dicke puſtete und blies von der Anſtrengung des Treppenſteigens, er wedelte ſich mit einem blauen Leinentuch Luft zu und trocknete dann, die Perrücke über den Meſſingknopf ſeines mächtigen Rohrſtocks ſtülpend, die Schweißtropfen von dem kahlen, glänzen⸗ den Haupt.„Unbändige Hitze das!“ keuchte er.„Ende Mai und ſchon eine Temperatur wie in den Hunds⸗ tagen! Keine rechte Ordnung mehr im Himmel! Kein Wunder, wenn es unten auch iſt wie Rüben und Kraut, wie man zu ſagen pflegt!“ „Aber ſo rebet doch, Gevatter“, rief Millauer, in⸗ dem er dem Erſchöpften einen Stuhl in die Kniee ——— ————————— 33 ſchob.„Schnaubt Euch aus, aber zuvor ſagt, was es denn gibt!“ „Was wird's geben! Saubere erbauliche Neuig⸗ keiten gibt's!“ ſtieß der Brunnenſchreiber hervor „Iſt mir aber gleich in der Früh im Geiſt vorgegangen! Hab' mich juſt das erſte Mal umgekehrt, iſt juſt ein wenig grau geworden über den Gaſteig hin, ſo läutet's an meiner Hausthür, daß ich glaub', die Glock müßte herunterfallen. Na, der Tag fängt ſich gut an, hab'. ich mir gedacht, und richtig, was war's! Der Michel war's, der Deichenaufſeher vom Brunnhaus auf der Kohleninſel; der bringt mir die Nachricht, daß im Fiſchbrunnen auf dem Schrannenplatz, beim Löffelwirth und beim Spiegelbrunnen das Waſſer ausgeblieben iſt. Ein paar von den gefangenen Türken, ſo von einem löblichen Stadtbauamt beim Deichenbohren zur Aushülfe verwendet worden, ſind in der Nacht ausge⸗ brochen und haben die Röhren auseinander geriſſen!“ „Da haben wir's wieder!“ rief der Stadtrath. „Es gibt nichts als Verdruß und Schaden mit dem fremden Volk! Ich will Gott danken, wenn einmal die Türken wieder zum Thor hinaus ſind!“ „Wozu übrigens dermalen wenig Ausſicht vor⸗ handen ſein dürfte“, entgegnete Dellinger,„ſintemalen der beſagten Türken anſtatt weniger immer mehr werden. Schmid, Die Türken in München. I. 3 — 34 Iſt doch erſt vor wenigen Tagen ein neuer Transport ſolcher unchriſtlichen Heiden eingebracht worden und befindet ſich darunter, ſo noch gar niemalen erhöret worden, ſogar eine Perſon andern Geſchlechts, eine Türkin, ein Weiblein, wie man zu ſagen pflegt!“ „Alſo ein Mädel?“ rief Millauer.„Eine Türkin, was man ſo richtig eine Türkin heißt? Hat die denn auch einen glattgeſchorenen Kopf und etwan gar auch einen Schnauzbart, wie die Mannsbilder?“ „Was denkt Ihr, Herr Gevatter! Soviel aus den Berichten und Vermelden verlauten will, iſt dieſelbe über die Maßen wohlgeſtaltet und gar holdſelig von Antlitz und hat Augen wie ein Stieglitz, wie man zu ſagen pflegt! Hat auch das Heidendirnlein bereits Vielen in die Augen geſtochen und kommt alle Tage zahlreiches Volk gelaufen, ſie und ihre Gefährten zu beſchauen.“ „Zahlreiches Volk!“ rief Millauer mit ſpöttiſchem Lachen.„Wenn man nicht wüßte, wie gern der Herr Gevatter aufſchneidet, könnte man wirklich glauben, den Münchnern ſei das himmelblaue Donnerwetter in den Kopf gefahren! Zahlreiches Volk! Vielleicht ein paar vornehme Windbeutel, ein paar Offiziere, die bei jedem ſaubern Geſicht den Sponſirer machen!“ „Fehlgeſchoſſen, Herr Gevatter“, entgegnete Del⸗ — — 35 linger.„So Ihr eines Nachmittags nach dem Roſen⸗ kranz einen Gang unternehmen wollt zum Unſern⸗Herrn⸗ Thor hinaus, möget Ihr gewahren, wie Alt und Jung und Vohrnehm und Gering durch die Aenger gegen Milbertshof hin wandelt, gleich einer Proceſſion oder Wallfahrt, wie man zu ſagen pflegt! Alldort ſind die meiſten Türken von kurfürſtlichem Hofbauamt aufge⸗ ſtellt und müſſen einen Kanal graben, ſo in den Keſ⸗ ſel am Ende der Nymphenburger Allee einmünden und das Würmflüßlein hereinleiten ſoll in die Stadt.“ „Habe wohl davon gehört!“ eiferte der Stadt⸗ rath.„Wäre nicht zu verachten, wenn ein ſolch mildes Waſſer zu uns hereinkäm' ſtatt der eiskalten Iſar; aber gibt's etwa in der Stadt München keine Leute mehr, denen ein ſolcher Verdienſt wohl thäte? Muß man das Geld den Stadtkindern entziehn und den Fremden nachwerfen?“ „Der Herr Gevatter wolle bedenken, daß man die Gefangenen, ſo ſie nun einmal da ſind, doch füttern und ihnen etwas zu thun geben muß; ſteht auch zu ver⸗ hoffen, daß hierauf erwachſende Unkoſten bei Auslieferung und Ranzionirung der Türken reichlich wieder herein⸗ kommen, wasmaßen darunter ſich mancher befinden ſoll, ſo wohlhabend und ordentlicher Leute Kind iſt. Auch arbeiten die Türken wie der böſe Feind, und ver⸗ 3*½ 36 meinet kurfürſtliches Hofbauamt, ſo man die Stadt⸗ arbeiter dazu verwenden wollte, würde der Türkengraben in hundert Jahren noch nicht fertig ſein!“ „Man könnt' ſich gleich in den Tod legen vor Aerger!“ rief Millauer.„Ich verſtehe die ganze heu⸗ tige Welt nicht mehr! Sagt mir nur ums himmelblaue Donnerwetter, was wollen denn die Leut' auf dem Milbertshofner Weg? Was thun ſie denn dort?“ „Was werden ſie thun!“ antwortetete Dellinger. „Sie ſchauen dem Graben zu, ſie betrachten ſich die Türken und laſſen ſich von der ſchönen Türkin einen Kaffee einſchenken!“ Millauer, der hin und wieder gerannt, blieb wie verſteinert mitten in der Stube ſtehen. Was? Einen Kaffee?“ rief er dann.„Ja, wie iſt mir denn— ich habe ja gehört, in der Türkei trinken ſie den Kaffee, wie er iſt, ſchwarz und ohne Zucker und mit ſammt dem Satz? Und einen ſolchen Kaffee trinken die Münchner!“ „Als wenn ſie ſich davon nähren müßten“, ſagte der Gevatter lächelnd.„Die ſchöne Türkin kann ſchier nicht genug machen, und ein andrer Türk' der ein Bruder oder ein Befreundter von ihr iſt, der hilft ihr dabei, und ſintemalen das Geſchäft ſo gut geht, hat er vor, ganz dazubleiben, und will ein Kaffeehaus einrichten!“ — 37 „Ein Kaffeehaus in der Stadt München?“ ſchrie Millauer und warf ſeine Hauskappe, die er ſchon lange zwiſchen den Händen gequetſcht hatte, unter den Tiſch. „Da ſteht die Welt nimmer lang! Hat man nicht ohnehin ſchon Kreuz genug mit den Weibern, die das dumme Gebrau überall in die Häuſer einſchleppen wollen! Hat nicht ſogar meine Alte probirt, die Brenn⸗ ſuppe und das warme Bier abzuſchaffen und dafür den Kaffee einzuführen? Aber ſo lang der alte Millauer ſich rühren kann, kommt ihm kein Tropfen von der leidigen Brühe ins Haus oder gar übern Mund! Und nun ein Kaffeehaus auch noch! Warum gibt man denn dem Herrn Türken nicht gleich die Trinkſtuben, damit er uns ſtatt einer Maß Braunen mit einem Hafen Kaffee aufwarten kann? Das müßt' ſich ja gar wunderſchön ausnehmen, wenn wir mit unſern Köpfen ſo herumſitzen und dazu triſchaken oder lampeln thäten!“ „Ereifert Euch nicht, Gevatter“, entgegnete der Brunnenſchreiber;„ſo Ihr mir nicht glaubt, mögt Ihr ſelber einmal mit der Frau Gevatterin hinaus⸗ ſpazieren und Euch überzeugen—* „Ja, das ginge mir noch ab! Wenn ich all die Dummheiten mit anſehen müßk, ich glaube, ich thät' in der Mitt' abſpringen, wie eine Blindſchleiche!“ „Du ſchütteſt halt immer das Kind mit dem Bad aus“, ſprach jetzt die Frau, welche inzwiſchen hin und wieder gegangen war, ohne aber das Geſpräch außer Acht zu laſſen.„Immer gleich oben aus und nirgends an! Anſchauen könnte man ſich die Komödie immer⸗ hin— man muß ja darüber nicht auch gleich zum Narren werden. Ich hab' auch ſchon davon erzählen hören; die Frau Nachbarin, die Küchelbacherin, iſt ſchon draußen geweſen am Türkengraben und die Frau Baſe, die Schlafhaubenkramerin am Wurm⸗Eck auch. Es wär' nur, daß man nicht ſo ganz wildfremd in der Stadt iſt und daß man doch auch ein Wörtel mitreden könnt' von der Sach'!“ „Hört nur, Gevatter!“ ſagte der Stadtrath.„Hört nur das Weib! Es iſt eine wie die andere; wie etwas Neues den Kopf in die Höhe reckt, gleich müſſen ſie eine Abſchrift davon haben! Das liegt ihnen allen im Blut, glaub' ich, ſchon von der Mutter Eva her!“ „Nein, nein“, erwiderte der Brunnenſchreiber, „diesmal muß ich ſchon der Frau Gevatterin die Stange halten! Probiren geht übers Studiren! Näch⸗ ſtens ſoll ja große Solennität und Feſtlichkeit in Schloß⸗ heim ſein, wasmaßen der Kurfürſt ſeiner durchlauch⸗ tigſten Geſponſia zu beſonderer Erluſtirung eine Bauern⸗ hochzeit veranſtalten will. Wie wär's, wenn wir —, 39 das Spectaculum mit anſehn und unterwegs auch den Türkengraben und das Zelt mit dem türkiſchen Kaffee beaugapfeln würden, wie man zu ſagen pflegt? Da könnte man mit einem Schlag zwei Fliegen fangen!“ „Oder gar drei!“ rief eifrig die Frau.„Wie ich mir um Lichtmeß den Fuß vertreten hab', da hab' ich eine Verlobniß gemacht zum Kalvaribergl bei Schleiß⸗ heim, wo der Einſiedel, der fromme Bruder Onuphrius ſeine Klauſen hat! Da könnt' ich dann auch gleich meine Andacht abmachen mit ſchönſter Gelegenheit.“ „Laßt mich aus, alle zwei“, ſagte Millauer ab⸗ wehrend,„ich will von dem Zeug nichts wiſſen! Man könnte ſo völlig dumm werden vom bloßen Zuhören! Und der Herr Gevatter vergißt darüber ganz und gar die Neuigkeiten, wegen deren er heut das Eſſen verſäumt hat und noch eigens zu uns heraufgekom⸗ men iſt!“ „Ihr habt ganz Recht, mich zu mahnen“, ent⸗ gegnete Dellinger,„aber es iſt nicht anders, daß man mit ſolchem Gerede vom Hundertſten aufs Tauſendſte kommt. Ich bin alſo in aller Eile hinaus auf die Kohleninſel. Zum Glück war der Schaden nicht ſo groß, als es erſt geſchienen, die Röhren waren bald wieder an einander gefügt, und wie die Weiber und Mägde morgens an die Brunnen gekommen ſind, wird es ihnen ———aaaa““—— ———————.— — 40 an Stoff zum Waſchen nicht gefehlt haben. Drüber war es Frühſtückszeit geworden; ich machte mich alſo wohlgetroſt wieder auf den Heimweg; wie ich aber ans Iſarthor komme, da war der zweite Unſtern los und ich mußte wohl eine halbe Stunde warten, ehe ich hereingekonnt hab'.“ „Na, da muß der Thorwart ſich geſtern Abend wieder ſchön zugedeckt haben!“ rief Millauer.„Ift nicht das erſte Mal, daß er das Aufſperren verſchlafen hat!“ „Nichts da! Möchte den Mann nicht in Verruf und üble Nachrede bringen! Das Thor war offen, aber der Thorwart hatte alle Hände voll zu thun mit Bauern, die mit Salzſcheiben hereinwollten, und der ganze Thorhof war überdies voll von Pferden und Reitern. Dieweilen ich nun doch einmal zu warten vermüßigt, habe ich mir die Cavalcade betrachtet und den Thorwart gefragt, was der Zug zu bedeuten habe. Das ſeien Franzoſen, ſagte er mir; Ludovicus der Vierzehnte, der König von Frankreich, habe einen Bot⸗ ſchafter an unſern Kurfürſten geſchickt; das ſei das Geleite, ſo er vorausgeſchickt; der Ambaſſadeur ſelber, wie man zu ſagen pflegt, der komme erſt in ein paar Tagen nach. Und denkt Euch, wer der Ambaſſadeur iſt! Kein Anderer als der Marſchall Villars!“ 2 41 „Marſchall Villars?“ rief der Stadrath und ſtand wie verſteinert. Iſt der nicht ſchon einmal da geweſen?“ „Allerdings, gleich im erſten Monat, dazu⸗ malen, als der Kurfürſt mündig geworden war und das Regiment übernommen.“ „Freilich, jetzt fällt's mir ein! Der ihn von Kaiſer und Reich weg auf die franzöſiſche Seite hinüber par⸗ liren und uns ein franzöſiſches Fräulein als Kurfürſtin aufſchwatzen wollte! Beim himmelblauen Donnerwetter, Gevatter, was hat der in München zu thun?“ „Wer das wüßte! Aber das iſt nicht Alles, Ge⸗ vatter— das iſt eigentlich gar nichts! Wie ich ſo daſtehe und mir die Leute betrachte und mir meine Gedanken mache, welcher Teufel da wieder ſein Weſen treiben mag, wie man zu ſagen pflegt, da ſteht er leibhaftig vor mir!“ „Wer? Der Teufel?“ ſchrie Millauer, während die Frau ſich eilfertig bekreuzte. „Nein, der Marſchall! Im Gewand von einem gewöhnlichen Stallmeiſter ſtand er in Lebensgröße vor mir. Es iſt alſo nicht wahr, daß er erſt in ein paar Tagen nachkommt, er hat ſich heimlich in die Stadt geſchlichen, und daß hinter ſolchen Heimlichkeiten nichts Gutes ſteckt, das kann man mit Händen greifen.“ „Alſo der Marſchall ſelber? Als Stallmeiſter? Der Herr Gevatter wird ſich verſchaut haben!“ „Keineswegs! Wer das übermüthige ſpöttiſche Geſicht nur einmal geſehen hat, vergißt es gewiß nicht wieder. Ich bin ihm in den Weg gekommen, wie er das erſte Mal hier war. Draußen vor dem Send⸗ lingerthor war's, ich mußte bei der berittenen Geleit⸗ ſchaft ſein, die der Stadtrath dem Biſchof von Salz⸗ burg entgegengeſchickt hat; da hat mein Gaul, das dumme Thier, angefangen zu bocken, wie man zu ſagen pflegt, juſtament in dem Augenblick, als der Marſchall an uns vorbeiritt; da deutete er mit dem Finger auf mich und rief ſeiner Begleitung lachend etwas zu. Was es war, konnte ich nicht verſtehen, aber an ſeinem giftigen Lachen war's wohl zu merken, daß es keine Flattuſen geweſen ſind! Ich ſeh' ihn noch vor mir, als wär's geſtern geweſen, und wenn einmal die große Verſammlung im Thal Joſaphat zuſammenkommt, beim jüngſten Gericht, wie man zu ſagen pflegt, ich würde das malitiöſe Geſicht auf den erſten Blick unter allen heraus erkennen!“ „Das iſt freilich eine ſaubere Neuigkeit!“ rief Millauer, ſich allmälig von ſeinem Staunen erholend. „Was kann der Parleh⸗Wu bei uns und beim Kur⸗ fürſten wollen? Meint er vielleicht, daß er ihn jetzt 43 herumkriegen und welſch machen kann? Da wird ihm der Schnabel ſauber bleiben, mein' ich, denn der Kur⸗ fürſt hat die Tochter vom Kaiſer Leopold zur Frau und wird ſich nicht abſpenſtig machen laſſen von ſeinem Schwiegervater.“ „Ganz gut, Herr Gevatter“, unterbrach ihn Del⸗ linger mit wichtiger Miene,„vergeßt aber nicht, daß des Kurfürſten Schweſter Maria Anna mit dem Sohne des Königs von Frankreich verheirathet iſt, mit dem Delphi⸗ nus, wie man zu ſagen pflegt, daß daher der Schwager wohl dem Schwiegerſohn das Gleichgewicht halten kann, alſo die Gefahr noch keineswegs beſeitigt erſcheint!“ „Ei, dann ſoll doch gleich das himmelblaue—“ rief Millauer ihn unterbrechend, und die Mütze war abermals in Gefahr, unter den Tiſch zu fliegen. Der ſchallende Ton der Hausglocke machte ihn innehalten. „Gott ſei Dank“, rief Frau Millauer,„das iſt endlich der Benni! Jetzt bin ich doch neugierig— Auch ſie vollendete nicht, denn draußen vom Flur her gellte der laute Schreckensſchrei einer Weiberſtimme und der Schlag der mit Gewalt wieder zugeworfenen Hausthür dröhnte darein; in der nächſten Sekunde ſtand die Köchin auf der Schwelle, kreidebleich, zir ternd, ein Bild des Entſetzens. — 44 „Na, was gibt's denn, Staſi?“ rief die Frau.„Du ſiehſt ja aus, als wenn Du einen Geiſt geſehen hätteſt? Iſt's nicht der Benni?“ „Draußen“, ſtammelte die Magd,„vor der Thür — ein Türk—⸗ „Was? Ein Türk“?“ rief Millauer.„Ein wirk⸗ licher lebendiger Türk, der zu uns will? Der muß irr' gegangen ſein! Aber warum ſchreit Sie denn ſo? Mitten in der Stadt und am hellen Tag wird er Sie doch nicht umbringen! Alſo laß Sie den Türken herein, daß wir hören, was er will!“ „Ich kann nit“, ſagte Staſi, die nicht von der Stelle konnte,„ich trau' mich nit!“ „Na, das muß ein ſchönes Mannsbild ſein“, lachte der Rath,„wenn man ſo an ihm erſchrecken kann! Der kann ſich als Klaubauf ein ſchönes Geld verdienen! Sieht er denn gar ſo wild aus?“ „Das nit“, erwiderte Staſi,„aber ich bin ſo an ihm erſchrocken, weil er ihm ſo gar viel gleich ſieht—“ „Ihm? Was für einem Ihm?“ „Nun, halt ihm— meinem Blaſi!“ „Ihrem durchgegangenen Schuſter?“ rief Millauer und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen.„Na, Sie darf auch jede Stunde, wann Sie will, hingehen und ſich ins Narrenhaus aufnehmen laſſen! Sie iſt bald 1 d — a * 45 ſo weit, daß Sie jedes Mannsbild für Ihren Schatz anſchaut. Geh Du, Frau, und laß den Menſchen herein, damit wir doch inne werden, was er will! Jetzt bin ich aber neugierig“, fuhr er gegen Dellinger gewendet fort, während die Frau nicht ohne einiges Zögern hinausging,„wie wir zwei miteinander reden werden! Ich kann nichts Türkiſch, er wird accurat ſo viel Bayeriſch können— das kann eine hübſche Unter⸗ haltung werden!“ Die Thür ging auf, ein Mann in türkiſcher Kleidung trat ein, hinter ihm in vorſichtiger Ent⸗ fernung Frau Millauerin. Der Türke war eine nicht große Geſtalt mit breiter Bruſt und unterſetztem Bau; das wohl gefärbte Geſicht war mehr als halb von einem ſtarken kohlſchwarzen Barte bedeckt, der bis auf den Kaftan und das Unterwams herabreichte. Der weiße Turban ſaß über ſtarken Augenbrauen von gleicher Schwärze und unter dieſen funkelten ein paar liſtige Augen umher. „Sabahiniz, Sultaüm chair ola!“ ſagte der Türke, indem er, die Arme über der Bruſt kreuzend, ſich dreimal verneigte und Millauer ein flüchtig gefal⸗ tetes Briefchen entgegenhielt. „Aha, das wird wohl das türkiſche Grüß Gott ſein“, ſagte der Stadtrath nicht ohne Verlegenheit. 46 „Wünſche auch ſo viel, wenn es was Gutes iſt! Iſt das da an mich?“ fuhr er dann fort, indem er zur⸗ Verdeutlichung mit der einen Hand auf den Brief, mit der andern auf ſich deutete. „An Herrn Stadtrath Millauer“, ſagte der Türke mit etwas fremd klingender Betonung, aber ganz wohl verſtändlich. „Ah närriſch!“ rief Müller verwundert.„Der Türk' redt ja gar deutſch! Warum hat denn der Herr das nicht gleich geſagt? Da hätten wir uns ja viel leichter gethan! Wie kommt denn der Herr zum Deutſchreden?“ „Acht Tage hier“, radebrechte der Türke,„ſchon gelernt—“ „In acht Tagen! Iſt das die Möglichkeit?“ ſagte Millauer, indem er das Blatt erbrach und entfaltete. „Ich hätt' in Ewigkeit nicht geglaubt, daß das Baye⸗ riſche ſo leicht zu lernen wär'!“ „Von wem iſt denn das Briefel?“ fragte die Frau. „So lies doch einmal!“ „Das iſt leicht geſagt“, antwortete er, das Papier betrachtend,„aber es geht nicht ſo leicht! Der die Hühnerkrallen da geſchrieben hat, muß das kurfürſt⸗ liche Mandat von wegen dem Schönſchreiben auch noch nicht geleſen haben. Die Unterſchrift bring⸗ ich ſchon gar nicht heraus!“ 5 —— 47 „Laßt mich ſehen, Gevatter“, ſagte der Brunnen⸗ ſchreiber, indem er ein mächtiges Lederfutteral aus der Taſche zog und eine Zwickbrille mit großen runden Gläſern auf die Naſe pflanzte.„Puy— Puy—“ buchſtabirte er dann mühſam,„Puyſegur— Hector von Puyſegur.“ „Den kenn' ich nicht“, ſagte die Frau,„aber was ſchreibt er denn?“ „Monſieur“, las mühſam der Bebrillte,„Ihr Herr Sohn diniren mit mir und meine Bekanntheiten, und weil er glauben, Sie könnten zu ſein in Beſorgung für ihn, hat er und der Chevalier de Saint Maurice verwünſcht, ihn zu exrkuſen—“ „Richtig, richtig“, rief Frau Millauer wieder, „Moritz— das iſt der junge franzöſiſche Herr, mit dem Benno in die Schul' gegangen iſt!“ „Ein ſchöner Stiefel, den der Herr zuſammen⸗ ſchreibt!“ rief Millauer lachend.„Iſt vielleicht ſchon Jahr und Tag in München und hat noch nicht ſo viel Deutſch gelernt, wie der Türk' in acht Tagen!“ „Nun wer hat wieder einmal Recht behalten?“ ſagte die Frau.„Da ſiehſt Du, daß der Benno ſich nicht weiß Gott wo herumtreibt, ſondern in der beſten Geſellſchaft iſt! Die Herren haben ihn ſo gern, daß ſie ihn ſogar beim Eſſen behalten!“ 48 „Das thut der Teufel manchmal auch“, brummte Millauer raſch, doch beträchtlich milder, denn das vor⸗ nehme Briefchen ſchmeichelte ihm, wenn er es auch nicht merken laſſen wollte.„Aber wo ſteckt er denn mit ſeinen vornehmen Bekannheiten? Davon ſteht doch in dem ganzen Geſchreib' kein Wort!“ „Wahrſcheinlich ſind ſie draußen im Türkenzelt, bemerkte Dellinger;„der Beſchreibung nach könnte das wohl der Türke ſein, der den Kaffee ausſchenkt.“ „So?“ ſagte Millauer höflich.„Der Herr iſt der Kaffeewirth— freut mich, die Ehr' zu haben. Wie iſt Ihnen Ihr werther Namen, wenn man fragen darf?“ „Bir⸗Baſchi“, antwortete der Türke. „Bierpaſcha?“ Ein ſchöner Namen— das beſte Münchener Stadtkind könnte keinen ſchönern haben! Und wie gefallt's Ihm nachher bei uns? Es iſt halt viel kälter, nicht wahr, und bei Ihm daheim in Türkenland wird's auch viel ſchöner ſein— das kann man ſich eh' ſchon einbilden! Um Vergebung, was iſt der Herr denn eigentlich noch neben Seiner Türken⸗ ſchaft?“ Um den Mund des Türken zuckte es wie mühſam verhaltenes Lachen.„Paputſchtſchi,“ ſagte er dann, indem er auf ſeine Schuhe deutete. —. 49 „Was? Ein Schuſter?“ rief Millauer in ſteigender Verwunderung.„Da hat die Staſi doch etwas errathen — die muß das Leder gerochen haben! Alſo gibt's das ſchöne Geſchäft bei Ihm daheim auch? Wo iſt denn der Herr daheim?“ „Theſſalien“, ſagte der Türke,„Stadt klein, heißt Birfilli—“ „Birfilli! Ah, muß ein ſchöner Ort ſein, das merkt man ſchon am Namen! Jetzt geht mir auch ein Licht auf, warum der Türk' unſre Sprach' ſo leicht begreift— da iſt ja von nichts die Rede als von lauter Bier!“ „Schuphaſiz!“ rief der Birbaſchi und zeigte lachend eine blendende Reihe der ſchönſten Zähne.„Bir wich⸗ tiges Wort iu Turkſchi— Bir heißen eins— Bir das Erſte!“ „Da haben wir's ja! Da wird ſich der Herr freilich leicht thun— das iſt, wie bei uns: da iſt das Bier halt auch das Erſte! Aber jetzt will ich den Herrn Bierpaſcha nicht länger aufhalten. Ich bedank mich recht ſchön für das Briefel und meinen gehorſamſten Befehl an den Herrn Chevalier und er ſoll ſich's recht gut ſchmecken laſſen und es wär' mir eine beſondere Ehr', daß mein Herr Sohn bei ihm diniren thät'. Was meinſt“, flüſterte er der Frau zu und ſtieß ſie mit Schmid, Die Türken in München. I. 4 50 dem Ellenbogen in die Seite.„Meinſt, er nimmt's übel, wenn ich ihm ein Trinkgeld geb'?“ „Der ſchaut mir nicht darnach aus“, ſagte die Frau mit einem Seitenblick; der Birbaſchi aber lachte wieder. „Er verſteht Deutſch und lacht, weil er von Trink⸗ geld hört“, ſagte Millauer,„ich probir's!— Ich hab' mir ſagen laſſen, die Türken ſeien beſondere Freund' von ſchönen Münzen— vielleicht hat der Herr Bierpaſcha auch eine ſolche Sammlung? Möcht' Er nicht ſo gut ſein und nachſchauen, ob er ſchon einen ſolchen Frauen⸗ bildel⸗Zwanziger drunter hat, wo die Mutter Gottes das Kindel auf dem linken Arm hält?“ Damit drückte er ihm das blanke Geldſtück in die Hand; dieſer verbeugte ſich wieder dreimal, rief:„Sulta⸗ nüm⸗Ziad ola“ und verſchwand im Hausflur, begleitet vom Gevatter Dellinger, dem es ebenfalls hohe Zeit ſchien, nach Hauſe zu gehen; die Köchin ward nicht ſichtbar, aber die ganze Zeit hatte ſie am Guckloch geſtanden und kein Auge von dem Türken ver⸗ wandt. Endlich war das Ehepaar allein; es ſchlug eins, als die Suppenſchüſſel aus der Fenſterniſche auf den Tiſch wanderte. Nach einem kurzen ſtillen Tiſchgebet begann die Mahlzeit und ward vergnügt beendet; die A‿☛— 51 Staſi hatte ihr Meiſterſtück gemacht, die Knödel waren kernig und doch ſo locker, daß ſie auf der Zunge ver⸗ gingen, und den Braten, ſaftig und goldbraun, hätte kein Maler ſchöner zu malen vermocht. „Das muß man ihr laſſen“, ſagte Millauer, eifrig kauend,„eine gute Köchin iſt die Staſi, und mir iſt jetzt ſchon leid, wenn wir ſie verlieren müſſen!“ „Damit hat's gute Wege“, erwiderte die Frau, ohne ſich in der gleichen Beſchäftigung zu unterbrechen, „die Staſi denkt nicht ans Heirathen!“ „Das mein’ ich auch nicht; die wartet auf ihren durchgebrannten Schuſter, und bis der wieder kommt, kann ſie ſo alt werden wie Methuſalem; ich meine, weil doch der Benni bald heirathet und wir ver⸗ ſprochen haben, daß wir den jungen Leuten die Staſi überlaſſen wollen, damit ſie ſich anfangs leichter hauſen!“ „O bis dahin kann auch noch viel Waſſer in der Iſar hinunterrinnen!“ ſagte Frau Millauerin und legte dem Manne ein Stück Nierenfett auf den Teller, als ob ſie ihn damit beſtechen wollte.„Mit dem Benni und ſeiner Heirath hat's ohnedem keine Eil'— es iſt ja noch gar nichts unterſchrieben—“ „Was, nichts unterſchrieben?“ fuhr Millauer auf. „Aber ausgemacht iſt es und die Hand haben wir uns 4* ——————ÿ 52 darauf gegeben, und das iſt mehr, als wenn's zehnmal unterſchrieben wär'! Der Bub heirathet die Prügel⸗ Wabi, oder das himmelblaue Donnerwetter ſoll über ihn kommen und über Dich dazu! Dabei bleibt's— Punktum!“ Dabei ſchlug er mit der flachen Hand anf den Tiſch, daß die Teller hüpften und das Werk in der Standuhr nachdröhnte. Zugleich rückte er den Tiſch vorwärts und lehnte ſich eins von den ſchwarzen Lederpolſtern in den Rücken, wie er gewohnt war, es ſich zum Mittagsſchläfchen ein⸗ zurichten; ſtatt der großen Hausbibel, mit der er ſonſt ſich einzuſchläfern pflegte, mußte diesmal das kurfürſt⸗ liche Schönſchreibmandat mit ſeinen Vorſchriften dienen⸗ Die gewohnte Wirkung ließ ſich auch nicht lange er⸗ warten. Die Frau erwiderte nichts; ſie ſetzte ſich mit dem Strickſtrumpf ins Fenſter und fing dann ihre Rede von neuem an— ſie hatte es oft erprobt, daß die Zeit des Einſchlafens die geeignetſte war, ihrem widerſpen⸗ ſtigen Geſpons irgend etwas eindringlich zu machen, und in dieſem Zuſtande mußte er ſie anhören, er konnte nichts erwidern, und doch wirkte das Reden durch den Schlummer hindurch ſo viel auf ihn, daß er beim Erwachen immer um Vieles mürber und nachgiebiger war. — —-— —j 53 „Und Du magſt ſagen, was Du willſt“, begann ſie, emſig mit ihren Nadeln fechtend„mit der Heirath kann's doch ſo geſchwind nicht gehn! So etwas muß man ſich zweimal überlegen. Du haſt es heut wieder geſehen, wie die vornehmen Herren ſich um den Benni reißen! Wer weiß, wozu er's noch bringen kann und wo dann die Wabi kein richtiger Heirathsgegenſtand für ihn iſt. Er kann vielleicht ein Fräulein zur Frau kriegen, oder gar eine Cavalieriſche!“ „Dummes Zeug!“ brummte der Stadtrath; man wußte nicht, galt es den Worten der Frau oder dem Schreibheft in ſeiner herabſinkenden Hand. „Die Wabi“, fuhr die Frau unbekümmert fort,„iſt auch gar nicht für einen ſo feinen jungen Menſchen— die iſt viel zu grob! Und daß ich Dir's nur ſage, mit dem Häuslichen iſt es auch nicht weit her bei ihr Ich habe ſie neulich geſehen, da hat ſie Dir am hellen lichten Tag in ihrem blauen Strumpf, gerade über der Ferſe, ein Loch gehabt, das war ſo groß wie ein Halb⸗ guldenſtück—“ „Dummes Zeug!“ lallte Millauer wieder.„Das ſoll ein K. ſein und hat nicht einmal einen Schnabel.“ Er entſchlief vollſtändig und begann zu ſchnarchen; die Frau wußte, daß jetzt der günſtige Augenblick 54 vorüber war, ſie ſchwieg und fing bald ebenfalls zu nicken an. Die Nachmittagsſonne legte ſich breit auf den Fuß⸗ boden; in dem Zimmer regte ſich nichts als der Pen⸗ del der alten Standuhr und eine große Schmeißfliege, die abwechſelnd den Schläfern um die Naſe ſummte. Zweites Kapitel. Bei Hof. Die Strahlen der Morgenſonne ſpielten hell durch die hohen Fenſter eines fürſtlichen Vorſaals und über⸗ goſſen, von mächtigen Vorhängen aus karmoiſinrother Seide zu angenehmer Hellung gebrochen, die weißge⸗ täfelten Wände ſammt ihren vielfach vertieften, in Gold gefaßten Fächern und Füllungen mit einem warmen Tone röthlicher Dämmerung. Mächtige weitgeöffnete Flügelthüren mündeten auf eine breite Terraſſe, die, von durchbrochenem Steingeländer umfangen, zu beiden Seiten über mächtige Freitreppen hinab in den kur⸗ fürſtlichen Hofgarten führte. Ueber die Baumwipfel ſtiegen blitzend die Waſſerſtrahlen rieſiger Springbrunnen empor; in geringer Entfernung ſpiegelte unter mächtigen Linden ein anſehnlicher Teich, und zwiſchen den grünen geſchorenen Taxuswänden und B uchenhecken ſchimmer⸗ ten marmorne Standbilder wie Geſtalten in weiten weißen Gewändern hervor.. Der Garten wuchs gleichſam über die Stufen hinan bis an das Innere des Vorſaals, denn die Treppen waren zu beiden Seiten mit Orangen⸗, Oleander⸗ und Granatbäumen ſowie mit andern Zöglingen aus dem blütenreichen Süden beſetzt, daß das Grün ſich wie ein Laubgang an dem Geländer der Terraſſe herumzog und bis an die Saalthür reichte, innerhalb deren neue Reihen von Blumenſtöcken und Pflanzenkäſten ſich an⸗ ſchloſſen und gegen die Fenſterniſchen hin zu angenehm verjüngten Gruppen aufbauten. Unter den Blumen und Bäumen der Terraſſe ſtan⸗ den zwei Damen, an Jugend und Schönheit des herr⸗ lichen Platzes wie der anmuthigen Umgebung in gleichem Grade würdig und dennoch vielfach von einander ver⸗ ſchieden. Die eine war von majeſtätiſcher, füllreicher Geſtalt; auf den dunkel überhauchten Nacken fiel ſchwar⸗ zes Haar in reichen Lockenringen herab; denn es war noch zu der Zeit, als die kleidſame ſpaniſche Tracht erſt allmälig ſich zu verlieren und der ſteifen Perrücke, dem Puder und Reifrock zu weichen begann. Die andere war von zartem, ſchlankerem Wuchſe; reiches blondes Haar, nur leicht mit Puder beſtreut, der die Zartheit — der Haut und der Farbe noch durchſcheinender machte, wallte um einen Hals von tadelloſer Weiße hernieder. Jene war in ſchweren, braunrothen Sammt gekleidet, während dieſe ein Seidengewand von der Farbe der Kornblume in langen Falten nach ſich zog. Jede ſtand an einer andern Seite des Geländers; jede trug einen der damals gebräuchlichen flachen Sonnenſchirme mit breiten überhängenden runden Zacken; aber ſie benutzten ſelbe offenbar weniger, um ſich gegen die Sonne zu ſchützen, als ſich gegenſeitig vor einander zu verbergen. Die Italienerin ſchritt haſtig hin und wieder, indem ſie eine dunkelrothe Granatblüte zerzupfte und die Blätter auf den Boden verſtreute; die blonde Deutſche hatte die Unterlippe in die Zähne geklemmt und zer⸗ drückte ein Thränlein in den blauen Augen. Zwiſchen den Zürnenden, auf dem Steinpflaſter der Terraſſe, lag ein anſehnliches Heft, deſſen koſtbarer Einband nebſt der Pracht der daraus hervorblickenden Zeichnungen nicht darauf berechnet ſchien, eine ſo achtloſe Behandlung zu erfahren. Jetzt fiel das Auge der ſchwarz⸗ lockigen Dame auf das Buch; ſie hielt in ihrem Wandel inne und machte einen Schritt gegen daſſelbe. Gleich⸗ zeitig mochte dies auch der Blonden in den Sinn gekommen ſein, denn ſie hatte ſich ebenfalls umgewendet, und die Erzürnten ſtanden ſich ziemlich nahe gegenüber. 58 „O nehmen Sie das Buch immerhin!“ ſagte die erſtere in einem Deutſch, deſſen fremde Betonung die Italienerin erkennen ließ.„Ich werde die Gräfin Eiſenreich nicht hindern, wenn ſie das Buch genauer anſehen will, um zur Einſicht zu kommen.“ Die andere, die ſich bereits etwas gebückt hatte, um das Heft vom Boden aufzuheben, kehrte ſich jetzt mit ſtolzer Nackenwendung ab.„Deſſen bedarf ich nicht“, ſagte ſie.„Aber für die Marcheſa Simeoni dürfte es deſto heilſamer ſein, das Libretto etwas ge⸗ nauer zu ſtudiren, ſie wird ſich dann von der Grund⸗ loſigkeit gewiſſer Anſprüche überzeugen.“ „Grundloſigkeit?“ eiferte die erſtere wieder.„Ich habe Gründe, Gräfin, gute, unwiderlegliche Gründe. Diana iſt die Göttin des Mondes, alſo der Nacht und des Dunkels— man muß von der ECitelkeit voll⸗ ſtändig verblendet ſein, um nicht einzuſehen, daß zur Darſtellung derſelben eine Blondine durchaus nicht paßt!“ „Ich gebe den Vorwurf zurück“, erwiderte die andere.„Eben weil Diana die Göttin des Mondes iſt, welcher die Nacht erhellt und deren Dunkel ver⸗ ſcheucht, iſt es lächerlich, ſie von einer Brünette dar⸗ ſtellen zu laſſen!“ „Genug der Worte und der Scheingründe, Gräfin!“ rief die Italienerin wieder.„Ich will nun einmal die —õõ —— — Diana ſpielen! Ich ſehe nicht ein, warum ich ſtets einer Andern die Schleppe tragen ſoll.“ „Auch ich bin deſſen müde und beſtehe darauf!“ ſagte die Deutſche trotzig.„Und wenn ich auch ganz und gar nicht zur Diana paßte, ich will ſie einmal ſpielen, oder ich ſetze keinen Fuß mehr auf die Scene.“ „Das große Unglück!“ ſpottete die Welſche mit leichtem Achſelzucken.„Ich denke, man würde ſich da⸗ rein zu finden wiſſen.“ „Marcheſa!“ rief die Blonde vorwurfsvoll, indem ſie einen Schritt näher trat und die Augen, in welchen wieder eine Thräne ſchimmerte,zwie erſchrocken zu ihr aufſchlug.„Iſt es möglich, daß Sie in ſolchem Tone zu mir ſprechen, zu mir, der Sie noch geſtern Ihre Freundſchaft betheuerten? Ich bitte Sie, Angela“, fuhr ſie fort und trat noch einen Schritt näher,„um unſerer Freundſchaft willen— geben Sie nach; ich habe Ihnen auch ſchon Manches zu Liebe gethan!“ Der Ton klang ſo ſchmeichelnd, die blauen Augen blickten ſo offen und liebevoll, daß Angela dem Eindruck kaum zu widerſtehen vermochte; dennoch bezwang ſie ſich und machte eine verneinende Geberde; eine herbe Erwide⸗ rung ſchien ihr auf der Lippe zu beben, und der Streit wäre in die frühere Heftigkeit verfallen, wäre nicht auf der Saalſchwelle ein Männchen erſchienen, deſſen Kleinheit — — 60 und Magerkeit, noch erhöht durch den engen geſtickten Rock, die knapp anliegende ſchneeweiße Perrücke, ſowie durch die ſcharfe Abgemeſſenheit ſeiner Bewegungen, an eine große Kinderpuppe erinnerte. Mit zierlichen Tanz⸗ ſchritten trat das Männchen vor, indem er ſich wechſelnd vor den beiden Damen ſo tief verbeugte, daß auf der einen Seite ſeines Rückens die Scheide des Degens, den er unter dem Kleide trug, auf der andern der Bogen einer Violine kerzengerade in die Höhe ſtand. Mit einem gewandten Seiten⸗Pas hob er dann das Buch vom Steinpflaſter empor, blies und klopfte den Staub davon und rief:„Wie, Mesdames, dieſe koſtbaren Buchen laſſen Sie liegen auf der Erde, ſo en mégarde! Le réêve de Diane— der Traum von Diane. Das ſein ein oeuvre magnifique, nix zu vergleichen mit die railleries von andere ballets.“ „Was ſollen wir damit?“ ſagte Marcheſa Simeoni, die ſchöne Römerin. „O wie kann fragen Mesdames?“ rief der Andere wieder, indem er aus der Taſche einen langen Zettel hervorzog und entfaltete.„Hier ſein der Liſten von alle personnages, die haben zu agir in mein ballet. Die Nacht. Die Nacht ſein eine dunkle Schönheit, ſein tout propre für die Marcheſa Simeoni. Der Morgen, — die Comteſſe von Eiſenreich.„Der Morgen ſein ein 61 röle wie gemakt für die belle comtesse und ich ſein gekommen als Balletmeiſter, zu fragen, wann ſein den Damen gefällig, zu halten der erſten Prob'?“ „Ich bedauere, Monſieur“, rief die Simeoni.„Was mich betrifft, ſo haben Sie ſich vergeblich bemüht. Treffen Sie Ihre Anordnungen darnach, ich werde die Rolle der Nacht nicht ſpielen.“ Sie trat wiedeßs ſeit⸗ wärts an das Geländer.„ „Comment?“ ſtammelte der Tanzmeiſter mit offe⸗ nem Munde.— „Ich bin in gleichem Falle“, rief die Gräfin Eiſen⸗ reich, indem ſie an die andere Seite des Geländers trat.„Geben Sie den Morgen nur einer andern Dame! Ich werde den Part nicht tanzen.“ „Ick fallen vom Himmel“, rief der Balletmeiſter, in der Mitte zwiſchen beiden ſtehend, indem er ſie ab⸗ wechſelnd anſtarrte und vor Schrecken beinahe die kleine Taſchengeige aus den Händen gleiten ließ.„Woher dieſe changement? Vorgeſtern ſein geweſen beide Da- mes très-contant, haben gehabt nix Widerſpruchen und jetzten—“ „Vorgeſtern“, ſagte Angela.„Seitdem— da⸗ mals— damals kannte ich das Libretto noch nicht ſo genau wie jetzt.“ „Mais“, rief der unglückliche Künſtler wirder⸗„der 62 Libretto ſein ganz unſchuldig, voll von pompe und Pracht, voll von situations magnifiques. Sehen Sie hier: Diane ſchlafen auf einer Mooſenbank; die déesse von die Nacht kommen ſanft herbeigeſchweben und gießen ihr den— den— oh mon dieu, je ne sais pas comment dire den Saft von— von— le jus de— ah, jetzt weiß ich— der Mond— die Nacht kommen geſchweben und gießen ihr den Mondſaft auf— dann kommen der Morgen, la déesse du matin, und wecken ihr, und dann beginnen alle une danse de fête— ein Tanz von Huldigung—“ „Laſſen Sie Dianen huldigen, von wem Sie wollen, nur nicht von mir!“ riefen die Italienerin und die Deutſche wie aus einem Munde. Das Männchen ſtand in vollſter Rathloſigkeit, als drinnen im Vorſaal eine Seitenthür ſich öffnete und ein junger Mann in eleganteſter franzöſiſcher Hoftra erſchien. „Ah, Sie hier, Monseigneur!“ rief der Tanzmeiſter dem Cavalier entgegen, während dieſer und die Damen ſich mit förmlichen Reverenzen begrüßten.„Der Himmel ſchicken mir secours in Sie: Vous me voyez livré au désespoir! Monseigneur, Ihr Herr Vater werden zürnen, Seine Durchlaucht werden ſein ungnädig, der ganze Hof werden lachen und ick werden ſein der unglücklichſte ——— 63 Menſch von ganzer Welt! Am nächſten Montag ſoll werden getanzt mein neues ballet: Le réve de Diane — un oeuvre magnifique, je vous dis— ein Meiſter⸗ ſtucken. Alles ſein vorbereitet, Alles ſein ſchon in der größten attention. Nun iſt es nix; die Damen wollen nix agir ihre parts.“ „Hör' ich recht?“ ſagte der junge Mann, indem er mit ſchalkhaftem Lächeln wechſelnd die Damen anblickte, welche ſich anſchickten, zu verſchiedenen Seiten den Saal zu verlaſſen.„Iſt es möglich“, rief er dann leiſern Tones der Gräfin Eiſenreich zu, als ſie zürnend an ihm vorüberrauſchte,„Sie, ſonſt die Güte, die Sanftmuth ſelbſt, und jetzt finſtere Wolken auf der ſchönen Stirn!“ „Ein Wort, Chevalier“, erwiderte die Gräfin ſtehen bleibend und mit gedämpfter Stimme.„Sie haben mir ſchon oft betheuert, wie ſehr Ihnen an meiner Gunſt gelegen iſt. Zeigen Sie, daß Sie die Wahr⸗ heit geſprochen“, fuhr ſie fort, während er zu feuriger Betheurung die Hand auf die Bruſt legte.„Ihr Vater iſt Intendant der kurfürſtlichen Schauſpiele— bringen Sie es dahin, daß ich in dem neuen Ballet die Rolle der Diana erhalte—“ „Gewiß, gewiß!“ rief er eifrig.„Sie machen mich glücklich! Ich verſpreche Ihnen, Sie ſollen die Diana haben!“ „ 34 „Gut, ich werde ſehen, ob Ihre Worte Glauben verdienen! Nächſtens mehr davon!“ entgegnete ſie und verſchwand in den fürſtlichen Gemächern. Verwundert ſah ihr der Chevalier nach; als er ſich umwandte, ſtand Angela neben ihm. „Sie haben mich glauben machen wollen, daß Sie mir ergeben ſind, Chevalier“, rief ſie,„jetzt können Sie beweiſen, daß Sie nicht leere Worte geſprochen. Ihr Vater iſt Intendant der kurfürſtlichen Schauſpiele — bringen Sie es dahin, daß ich in dem neuen Ballet die Rolle der Diana erhalte.“ „Wie?“ rief der Chevalier verdutzt. „Sie zaudern? Sie beſinnen ſich?“ fragte ſie ſtür⸗ miſch und machte Miene, ſich zu entfernen. „Nein, nein“, rief er haſtig wieder;„ich beſinne mich nicht. Wie könnten Sie das von mir glauben? Beruhigen Sie ſich, Marcheſina, Sie ſollen die Diana haben!“ „Gut— und Sie ſollen erfahren, welchen Dienſt Sie mir damit erweiſen!“ flüſterte ſie weichen Tones und war ebenfalls in den Seitengemächern ver⸗ ſchwunden. Der Chevalier ſah ihr nach; er mußte an ſich halten, um nicht in helles Lachen auszubrechen.„Reizende Lage, in die ich da gerathen bin!“ ſagte er vor ſich 4 4 65 hin.„Jede von den beiden Damen will Diana ſein, jeder habe ich verſprochen, ihr zu der Rolle zu verhelfen, jede wird mir zürnen und unverſöhnlich ſein, wenn ich es nicht thue— ich kann mein Verſpre⸗ chen doch nur einer halten und möchte es doch mit keiner verderben. Ich bin noch unentſchieden, welche die ſchönſte iſt von beiden! Wie helfe ich mir aus dieſer Doppelklemme heraus? Sagen Sie doch, No⸗ dier“, rief er dem Tanzmeiſter zu, der im Winkel in ſtummer Verzweiflung über ſeinem Libretto brütete, „was iſt es denn mit dieſer verwünſchten Diana? Wem iſt die Rolle denn eigentlich zugedacht?“ „Der Comteſſe Sinzendorf“, erwiderte Nodier mit geheimnißvollem Augenwinken.„Durchlaucht ſelbſt haben ſo beſtimmt.“ „Der Sinzendorf?“ rief der Chevalier mit kurzem ſpöttiſchem Lachen.„Nun, die dürfte zwar zu Allem beſſer taugen, als die keuſche Göttin der Jagd darzu⸗ ſtellen, indeſſeen wenn Seine Durchlaucht ſo befohlen haben, weiß man warum und wird ſich hüten, ſich in die Sache zu mengen. Jedenfalls aber iſt mir daniit gedient— das muß mir aus der Klemme helfen.“ Die Thür zu den Gemächern der Kurfürſtin öffnete ſich wieder und das Fräulein von Eiſenreich erſchien auf der Schwelle.„Iſt Seiner Durchlaucht Ge⸗ Schmid, Die Türken in München. I. 5 66 ſandter am kaiſerlichen Hofe zu Wien, Freiherr von Mörmann, nicht anweſend?“ fragte ſie, nachdem ſie die— Klingel gezogen. „Noch nicht“, erwiderte der auf das Zeichen ein⸗ getretene Diener. „So ſorge Er, daß nach ihm geſendet werde“, ſagte ſie und wendete ſich gegen die Thür zurück.„Sobald der Freiherr kommt, ſoll er Kaiſerlicher Hoheit ſogleich gemeldet werden.“ Der Chevalier trat hinzu.„Gräfin“, rief er,„Sie ſehen in mir den Unglücklichſten unter allen Sterblichen! Legen Sie mir jeden Beweis von Ergebenheit auf, 2* fordern Sie den gefährlichſten Ritterdienſt von mir, aber was ich vorhin verſprach, iſt eine Unmöglichkeit! Die Rolle der Diana iſt von Seiner Durchlaucht ſelbſt dem Fräulein von Sinzendorf zugetheilt, da begreifen Sie wohl—“ „Allerdings“, entgegnete die Gräfin in aufwallen⸗ dem Unmuth,„aber ich weiß auch, was ich fortan von Ihren Betheuerungen zu halten habe. Gehen Sie, Chevalier, und erfahren Sie denn von mir, daß das eine ſchale Ausflucht iſt. Die Sinzendorf ſollte die„ Diana ſpielen, aber ſie iſt krank; deshalb bin ich jetzt ſchon hier, den Dienſt für ſie zu machen, deshalb wollte ich die Rolle haben; deshalb erlaſſe ich Ihnen* 67 auch den verſprochenen Ritterdienſt— für jetzt und für immer!“ Zürnend verließ ſie ihn und zog ihres ſanften Aus⸗ ſehens ungeachtet die Thür etwas unſanft hinter ſich zu, während der verunglückte Vermittler einen Augen⸗ blick nachſinnend und betreten ſtehen blieb.„Mit dem Norden alſo wäre ich vorläufig verunglückt!“ ſagte er. „Laß ſehen, ob es mit dem Süden nicht beſſer ge⸗ lingt! Diesmal aber wollen wir es klüger anfangen. Siehe da, mein Stern geht auf!“ ſetzte er laut und feurig dazu, daß Angela es hören mußte, welche, offen⸗ bar einen Vorwand für ihre Rückkehr ſuchend, in der Seitenthür erſchien. „Die Sternkunde ſcheint Ihre Stärke nicht zu ſein, Chevalier“, ſagte ſie,„Sie wüßten ſonſt, daß die Sterne bei Tage nicht ſichtbar ſind!“ „Sie haben Recht“, entgegnete er artig,„aber ver⸗ zeihen Sie mir den Irrthum— ich bin geblendet— wer wäre es nicht, wenn er in die Sonne ſieht? Ich hätte ſagen ſollen, mein Tag geht auf und, wie ich hoffe, ein Tag des Glücks, denn ich komme mit einer Bitte zu Ihnen, die Sie mir nicht verſagen dürfen—“ „Ich? Welche Bitte?“ fragte Angela zweifelnd. „Ich habe Ihnen verſprochen, Ihnen die Rolle der Diana zu verſchaffen— ich bin außer Stande, dieſe 5* —— 68 Zuſage zu erfüllen. Bitte, geben Sie mir mein Wort zurück!“ „Ah, iſt es das!“ rief die Römerin mit lodernden Augen.„Haben Sie darum ſo eifrig, ſo vertraut mit der Gräfin geſprochen? Freilich, die blauen Irrlichter ihrer Augen mußten Sie verlocken! Aber nein, Chevalier, ich erlaſſe Ihnen Ihr Verſprechen nicht, ich beſtehe darauf, daß Sie es erfüllen— ich will dieſer eitlen, bleichſüchtigen Gräfin nicht weichen!“ „Und können Sie mir zutrauen, daß ich, Ihr glühendſter Verehrer, das von Ihnen verlange? Nein, zum vollſten Triumphe will ich Ihnen verhelfen. In dieſem Sinne habe ich mit der Gräfin geſprochen, aber ſie iſt eine echte, ſtarrköpfige Deutſche— alle meine Bemühungen waren vergebens; darum rechne ich auf Sie, himmliſche Angela—“ „Nehmen Sie ſich in Acht— Sie verrechnen ſich!“ „Unmöglich! Sie ſind Römerin, ich Franzoſe; gehören wir auch verſchiedenen Völkern an, fließt doch verwandtes Blut in unſern Adern, wir verſtehen einander, und wenn wir, wenn unſere Völker ſich erſt ganz verſtehen lernten, wäre es uns ein Spiel, dieſe ſtumpfen Deutſchen vollends in den Sack zu ſtecken. Ich zähle auf Ihre Klugheit, Marcheſina, und weiß, 69 daß ich mich dabei nicht verrechnen kann. Sie werden mir mein Wort zurückgeben—“ „Nein!“ „Sie werden auf die Rolle der Diana verzichten—“ „Nein und zehnmal nein!“ wiederholte ſie heftig. „Angela— Sie ſind die Schönſte Ihres Geſ chlechts; beweiſen Sie, daß Sie auch die Klügſte ſind und Sie haben nicht Ihresgleichen von der Tiber bis zur Seine!“ Sie erwiderte nichts, aber um ihren Mund ſpielte ein Lächeln, das ihn etwas ermuthigte. „Ich weiß, daß ich ein Opfer von Ihnen ver⸗ lange“, fuhr er fort,„aber ich thue es nicht, ohne mit der andern Hand zugleich eine Vergeltung zu bieten, welche die Schalen der Wage nicht blos im Gleich⸗ gewichte halten, ſondern die Ihrer Gunſt heben ſoll, wie— wie ein Sack voll Dublonen eine Flaum⸗ feder.“ „ Und dieſe Vergeltung wäre?“ fragte Angela ge⸗ ſpannt. „Im Vertrauen“, fuhr er flüſternd fort,„noch iſt es tiefes Geheimniß— Niemand weiß darum als Seine Durchlaucht und mein Vater, als neu ernannter Intendant der kurfürſtlichen Schauſpiele es ſoll demnächſt eine große Schlachtenkomödie gegeben werden, die Thaten und Siege Max Emanuel's in den Türken⸗ 70 kriegen zu verherrlichen. Von meinem Papa habe ich den Inhalt, die Handlung erfahren— es gilt die Rettung einer jungen türkiſchen Fürſtin aus einer Menge von Abenteuern und Gefahren; ihre überirdiſche Schön⸗ heit hilft ihr ſie alle überwinden und führt zuletzt auch den Sieger als Ueberwundenen zu ihren Füßen. Wohlan, Angela, opfern Sie mir die Diana— ich biete Ihnen die Türkenprinzeſſin dafür als Vergel⸗ tung! Entſchließen Sie ſich ſchnell! Sagen Sie ja“, ſetzte er dringend hinzu,„man kommt!“ „Nun denn— ja“, ſagte ſie nach kurzem Beſinnen lächelnd und wehrte ihm nicht, daß er ihre Hand er⸗ griff und an den Mund drückte.„Ich will gegen die Türkin auf die Diana verzichten, aber ich rathe Ihnen, Chevalier, halten Sie Wort! Thun Sie es nicht, ſo ſollen Sie erfahren, ob Angela Simnoni ſich für eine Beleidigung zu rächen weiß!“ Das Vorzimmer wurde geöffnet, und ein langer, hagerer Mann mit wichtigem Geſichte, das ſich unter der ungeheuren Lockenperrücke faſt verlor, trat unter ſteten tiefen Verbeugungen ein, welche erkennen ließen, welche Uebung er auf dieſe Bewegungen verwendet haben mußte.„Hannibal Freiherr von Mörmann“, ſagte er, ſich ſelbſt anmeldend,„Bevollmächtigter und Reſident Kurfürſtlicher Durchlaucht am kaiſerlichen Hofe.“ V N N= —e F — 1 „Ich bin ſo glücklich, Excellenz bereits zu kennen“, entgegnete Angela.„Kaiſerliche Hoheit haben ſchon mehrmals nach Ihnen gefragt— ich eile, Sie zu melden.“ Wieder folgten von beiden Seiten feierlich gemeſſene Reverenzen, dann verſchwand das Fräulein in den Ge⸗ mächern der Fürſtin; nach wenigen Augenblicken jedoch öffnete die Thür ſich wieder und auf der Schwelle er⸗ ſchien eine ältliche Dame mit wehmüthig ernſtem Aus⸗ druck in den edel geformten Zügen des blaſſen Angeſichts, in ein weites ſchwarzes Gewand vom Nacken bis zur Sohle gehüllt, während eine dunkle Schleierhaube non⸗ nenartig den leicht ergrauten Scheitel bedeckte. „Kaiſerliche Hoheit bedauern lebhaft“, ſagte die ſchwarzgekleidete Hofdame,„daß der Brief an ihren kaiſerlichen Herrn Vater, den Excellenz mitnehmen ſollen, noch nicht beendet iſt.“ „Noch nicht?“ ſagte der Geſandte beſtürzt.„Ich erlaube mir zu bemerken, daß alle Anſtalten zu meiner Abreiſe bereits längſt getroffen ſind, daß dringendſte Urſachen mir die größte Beſchleunigung auferlegen.“ „Excellenz ſoll nicht aufgehalten ſein“, erwiderte die Dame.„Kaiſerliche Hoheit werden ihr Schreiben in wenig Augenblicken ſchließen und laſſen Sie be⸗ deuten, wenn Sie vielleicht bei Seiner Durchlaucht noch 72 nicht Urlaub genommen, dies vorher zu thun und ſich dann wieder hierher zu bemühen.“ „Nach Kaiſerlicher Hoheit Befehl“, ſagte der Ge⸗ ſandte, indem er unter Bücklingen rückwärts gleitend kunſtvoll die vom Diener geöffnete Thür erreichte, um in ihr zu verſchwinden. Auch die Gräfin hatte ſich ge⸗ wendet und ſchritt der Hauptthür zu, als ihr St.⸗Mau⸗ rice mit jener kecken, leichtfertigen Artigkeit den Weg vertrat, die es nicht für möglich hält, daß ſie irgendwo nicht angenehm ſein oder ihren Zweck verfehlen könnte. „Zürnen Sie nicht, Gräfin, wenn ich Sie aufhalte!“ ſagte er.„Aber Sie müßten meine Lebensart in Zweifel ziehen, wenn ich es unterließe, Ihnen mein Morgen⸗ compliment darzubringen.“ „Ich gebe Ihnen das Compliment zurück“, ſagte die Gräfin ernſt,„und wenn es zu Ihrer Beruhigung dienen kann, ſo nehmen Sie die Verſicherung dazu, daß Lebensart die einzige gute Eigenſchaft iſt, an der ich bei Ihnen nie gezweifelt habe.“ „Das iſt eine Meinung“, entgegnete der Chevalier, ſeine Betroffenheit verbergend,„die zwar ſehr viel Schmeichelhaftes, aber auch nicht minder Kränkendes für mich enthält. Geſtatten Sie mir, das letztere zu beſeitigen, ich möchte von einer ſo würdigen Dame nicht in falſchem Lichte—“ 73 „Bemühen Sie ſich nicht, mein Herr!“ war die ernſte, ihn unterbrechende Antwort.„Was falſch iſt, bleibt falſch, und das Licht, in welchem es betrachtet wird, vermag nichts daran zu ändern, es dient nur, um zu täuſchen, und das wird Ihnen bei mir nicht ge⸗ lingen, Herr Chevalier. Laſſen Sie uns alſo die Unterhaltung abbrechen, da ich doch noch nicht annehmen kann, daß Sie mir Weiteres zu ſagen haben.“ „Und wenn es dennoch ſo wäre?“ rief der Che⸗ valier, der ſeine Keckheit wiederfand.„Wenn es eine Frage wäre, die ich mir an Sie erlauben möchte?“ 4„Fragen Sie!“ 3 „Ich kam hierher, dem Hoffräulein Gräfin Sinzen⸗ dorf meine Ehrfurcht zu bezeigen, und erfahre zu meinem größten Erſtaunen, daß die Dame nicht anweſend iſt; man ſagt, ſie ſei krank, beurlaubt. Stellen Sie ſich die Unruhe vor, in die mich bei der allgemeiuen Verehrung für die genannte Dame das verſetzen muß! Befreien Sie mich davon und theilen Sie mir mit, was Wahres an der Sache iſt!“ Die Gräfin ſah ihn mit durchdringenden Blicken an.„Sei Ihre Frage Ernſt oder Spott, ich will Ihnen die Antwort darauf nicht verweigern“, ſagte ſie dann. „Fräulein von Sinzendorf hat Urlaub; ſie iſt krank.“ „Unbegreiflich!“ rief St.⸗Maurice.„Noch geſtern ——— 74 Abend habe ich ſie geſehen und bewundert— eine Roſe vermag nicht ſchöner zu blühen!“ „Und dennoch iſt ſie krank. Sollten Sie noch nie von einer Roſe gehört haben, welche den Wurm im Herzen trägt? Kaiſerliche Hoheit und die Wachſamkeit ihrer Umgebung haben dieſen Wurm entdeckt; ſie durch⸗ ſchauten das Uebel und gaben dem Fräulein Urlaub und damit die Gelegenheit, fern von den Verlockungen des Hofes in der Einſamkeit Heilung zu ſuchen, wenn ſie noch möglich iſt. Nehmen Sie ein Beiſpiel daran, junger, der Wolluſt verfallener Mann! Denken Sie, das Unheil kommt über Nacht, und die gefährlichſten Kranken ſind jene, die ſich ſelbſt für geſund halten.“ e Sie verſchwand in dem Gemache. So leichten Sinnes der junge Mann war, hatte der Ernſt der Dame doch ſeinen Eindruck auf ihn nicht verfehlt; der Ton war nicht ſo hell, die Geberde nicht ſo unbefangen wie ſonſt, als er lachend ſich auf dem Abſatz drehte und mit leichter Schwenkung die Federn ſeines Hutes flattern ließ. „Alberne, langweilige Predigerin!“ murrte er, hielt aber mitten in der Rede inne; denn hinter den Orangen und Granaten kam der Balletmeiſter hervorgehuſcht.„Wie, Sie noch hier, Nodier?“ rief der Chevalier.„Was. wollen Sie? Wo haben Sie die Zeit über geſteckt?“ „Dort auf der Terraſſe“, ſagte der geſchmeidige —I 79 Tanzmeiſter,„überall, wo Sie wollen— ich war nur getreten beiſeite, um nicht zu incommodiren. Mon⸗ ſeigneur begreifen, ich kann nicht fort, ich muß haben beſtimmte decision von den Dames, von wegen meines Ballets Le rève de Diane.“ „Kommen Sie nur mit mir“, ſagte der Chevalier, „und ſeien Sie ohne Sorgen!“ „Mais“, ſagte Nodier,„ich muß zuvor ſprechen die Damen.“ „Unnöthig, ſage ich Ihnen“, rief der Chevalier, ihn mit ſich fortziehend.„Setzen Sie immerhin Ihre Probe an! Sie werden Ihre Diana haben und Ihre Göttin der Nacht. Verlaſſen Sie ſich auf mich!“ „Mais—“ wiederholte der noch immer zweifelnde Balletmeiſter. „So kommen Sie doch!“ drängte jener wieder. „Hier iſt nicht der Platz zu ſolchen Erörterungen. Wenn die ſchwarze Gräfin wiederkäme— das Ballet iſt ein Greuel in ihren Augen— wenn ſie merkte, was Sie hierher geführt, könnte ſie uns das Spiel neuerdings verwirren.“ „Vraiment!“ ſagte Nodier, dem Chevalier folgend. „Die Dame ſcheinen allerdings ſehr ernſthaft für eine Dame de la cour— une nonnaine— eine Kloſterfrau? Sein der Damen immer von ſo de mauvais humeur?“ 76 „Immer“, erwiderte der Chevalier im Fortſchreiten. „Es iſt eine von den Frommen. Sie ſind zwar noch nicht lange hier, aber Sie haben gewiß davon gehört, daß vor ſechzehn oder ſiebzehn Jahren ein Theil der Reſidenz abgebrannt iſt?“ „Oui, oui, das haben ich gehört und auch geſehen; es werden noch immer gearbeitet an der Decoration der Säle. Ein Fräulein der ſeligen Kurfürſtin ſoll geweſen ſein Urſache an dem Brennen.“ „So iſt's; das fromme Fräulein von La Peruſa war über dem Gebetbuch eingeſchlafen, der Wachsſtock neben ihr brannte nieder und ergriff den Vorhang, der loderte in die Höhe und das Unglück war fertig. Die Reſidenz iſt aus den Trümmern noch glänzender wieder auferſtanden, aber aus dem Fräulein von da⸗ mals iſt die jetzige ſchwarze Hofmeiſterin geworden. Sie hat ſich den Unfall zu Gemüthe gezogen und ſich als freiwillige Buße auferlegt, keine andere Farbe mehr zu tragen als Schwarz.“ Sie verſchwanden im weitern Geſpräch in den Gängen des Hofgartens. Inzwiſchen war es in dem Flügel gegenüber, in den Vorgemächern des jungen Kurfürſten noch ziemlich ſtill hergegangen. Max Emanuel, gewohnt, bis tief in die Nacht den Freuden der Tafel und der Geſellſchaft zu huldigen, verließ das Lager morgens oft ſehr ſpät 3 — V 8 ——, 3 6„„— 46 und der Kammerdiener Arnold, ſein Pfleger aus den erſten Tagen der Knabenzeit, hatte oft genug Gelegen⸗ heit, ſich in der Geduld zu üben, bis aus dem innerſten Gemache das ſilberne Glöckchen ertönte zum Zeichen, daß der Kurfürſt erwacht ſei und ſeiner bedürfe. Der alte Mann war eine eigenthümliche Erſcheinung. Die reiche blaue ſilbergeſtickte Hofdienertracht ſaß ihm in tadelloſer Zierlichkeit am Leibe, da wäre kein Fältchen zu glätten, kein Stäubchen zu beſeitigen geweſen, und über der tadellos weißen Halsbinde, deren breite, mit Spitzen beſetzte Enden auf die Borten der Weſte herab⸗ hingen, zeigte ſich ein Geſicht von derſelben vollkommenen Glätte und Sauberkeit. Es war unmöglich, auf dem⸗ ſelben ein Fältchen entſtehen oder verſchwinden zu ſehen, welches errathen oder vermuthen ließ, was hinter dem⸗ ſelben im Innern des Mannes vorgehen mochte. Das Gemach, worin er wartend hin und her ſchritt, war nicht groß, aber deſto koſtbarer; es war, als habe es gegolten, in einem kleinen Raume möglichſt viel des Schönen, Prächtigen und Werthvollen zuſam⸗ menzudrängen. Die Einrichtung beſtand aus einer koſt⸗ baren, dunklen Holzart mit geſchmackvollen, ſchwerver⸗ goldeten Schnitzereien; die Wände, in gleiche Rahmen gefaßt, waren mit ſchwerem meergrünem Damaſt be⸗ ſpannt. Die Decke, von welcher ein vielarmiger Kron⸗ 78 leuchter aus venetianiſchem Glaſe herunterhing, war durch reiche Stuckverzierungen in mehrere Felder ge⸗ theilt, in deren mittelſtem ein mythologiſches Gemälde, in reicher Farbenpracht ausgeführt, hervortrat, die Göttin Pallas darſtellend, wie ſie, mit Helm, Schild und Harniſch bewaffnet, Kranz und Palme einem Helden entgegen⸗ hält, der in römiſchem Panzerkleide, von roſenfarbenem Gewölke tragen, zu ihr emporſchſchwebt. In der Fenſter⸗ ecke ſtand ein großer Schreibkaſten, reich mit gewunde⸗ nen Säulen, gedrehten Knöpfen und zierlichen Trag⸗ figuren geſchmückt und in eingelegter Arbeit aus den ſeltenſten Hölzern, Perlmutterblättchen, Goldfaſern und edlem Geſtein kunſtvoll zuſammengeſetzt. Oben auf dem⸗ ſelben prangte eine große ſilberne Standuhr, auf welcher Sonne, Mond und Sterne ſammt den ſie umgebenden Himmelskörpern als größere und kleinere Kugeln an einer Menge von ſich kreuzenden Silberreifen ſich wie in einem durchſichtigen Gehäuſe bewegten und ein an⸗ ſchauliches Bild von dem Laufe der Geſtirne darboten, wie die Wiſſenſchaft jener Zeit ihn ſich darſtellte. Auf dem Tiſche ſelbſt lagen die verſchiedenſten Dinge regel⸗ los durcheinander; über Schriftenbündeln hingen Ur⸗ kunden mit mächtigen Siegelkapſeln herab; auf einem aufgeſchlagenen Kupferwerke mit Abbildungen merkwür⸗ diger Gebäude lag eine lange Piſtole mit reich verziertem 4 . 9——— 79 Elfenbeinſchafte und kreuzte ſich mit einem krummen Da⸗ mascenerſäbel, in deſſen matte Klinge arabiſche Schrift⸗ zeichen in Gold eingeätzt waren; reichbefiederte Stulpen lagen neben Bandſchleifen und Handſchuhen, deren Klein⸗ heit ſchon auf den erſten Blick verrieth, daß ſie nicht Männerhänden angehört hatten. Die runde Tafel in der Mitte des Gemaches war mit einer reichen blauen Sammtdecke behangen, und ein nicht minder prächtiger Lehnſtuhl mit ſchweren Silberfranſen bezeichnete die Stelle, wo der Kurfürſt zu ſitzen pflegte, wenn er mit ſeinen Räthen arbeitete. Eine reich verzierte Thür führte in die Vorſäle, eine andere gegenüber durch mehrere kleinere Gemächer in das eigentliche Schlafzimmer des Fürſten. Der Kammerdiener hatte die letztere vorſichtig halb geöffnet und horchte hinein.„Es regt ſich noch immer nichts“, ſagte er vor ſich hin, indem er behutſam wieder ſchloß.„Es kann auch wohl nicht anders ſein! Geſtern war wieder Spiel, Appartement und Gondelfahrt in Nymphenburg; da wird's immer beinahe Morgen, bis ein Ende herankommt. Deſto beſſer“, fuhr er dann fort und zog ein kleines Einſchreibbüchlein aus der Taſche; „ſo hat man doch Zeit, ungeſtört zu beſorgen, was zu beſorgen iſt.“ Er blätterte und las:„Die Schlacht von Mohacs.— Gut, gut“, ſagte er dann mit zufriedenem 80 Nicken,„das hätten wir, das wäre ſo gut wie beſorzt! Zweitens: Der Sängerin Mazzari für die im letzten Hofconcerte geſungene Arie hundert Dukaten zu ſchicken. Hm, hm“, brummte er, indem er eine Lade des Schreib⸗ tiſches herauszog und Goldſtücke hervornahm, um ſie in ein Röllchen zu verpacken.„Hundert Dukaten! Das i*ſt viel Geld, ein wenig zu viel für ein paar armſelige Noten und Triller. Ob fünfzig nicht auch genug wären? Oder doch ſiebzig? Ich denke, die fremde Primadonna wird auch damit zufrieden ſein und nie erfahren, was ihr beſtimmt war, ſie reiſt ja noch heute Abend. Sie ſoll ſiebzig haben; die andern dreißig darf ich mir wohl für meine Mühe zu gute kommen laſſen.“ Er theilte die Goldſtücke, fuhr aber erſchrocken zuſammen, denn an die Thür des Vorzimmers war vernehmlich gepocht worden.„Keinen Augenblick Ruhe!“ murrte er, brachte raſch die beiden Päckchen in ſeinen Taſchen unter und öffnete die Thür. Vor derſelben ſtand ein Mann in dunklem Hofkleide, welches ſo auffallend alles Putzes und Aufwands ent⸗ behrte, daß gerade in dieſer Einfachheit eine prunkende Abſicht ſich ausſprach. „Noch immer nichts?“ fragte der Mann mit ver⸗ traulichem Augenwinken. „Noch nichts, Herr Geheimſecretär“, erwiderte der v—y— — —— 81 Kammerdiener.„Aber komme der Herr nur herein! Es wird doch nicht mehr lange währen.“ „Wäre mein höchſtes Deſiderium“, erwiderte der Geheimſecretär, indem er in das Zimmer ſchlüpfte und die Papiere, die er unter dem Arme trug, auf dem Schreibtiſch zurecht machte;„habe in ſehr dringenden Angelegenheiten zu referiren; die Leute von kurfürſt⸗ licher Hofkammer laufen mir faſt die Thür nieder!“ „Das iſt dort ſchon ſo im Brauch“, erwiderte der Kammerdiener in einem Tone, der ſcherzend ſein ſollte, bei dem er aber keine Miene verzog.„Die Hof⸗ kammer iſt wie ein Sieb; ſoviel man auch hinein⸗ gießt, es will nichts halten; wir hätten den Goldregen der Danaé nöthig.“ „Bene, bene“, rief kichernd der Secretär, indem er den Kammerdiener vertraulich auf den Arm klopfte.„Ein ſehr gutes Exemplum das mit der Danaél Der Gold⸗ regen wäre wirklich ſehr indicirt, ſintemalen wir ſo glücklich ſind, mehr als eine Danas zu beſitzen—o ich ſchweige ſchon“, unterbrach er ſich flüſternd, als der Kammerdiener abmahnend den Zeigefinger an den Mund legte.„Ich habe nichts geſagt, will auch gar nichts geſagt haben, ich wollte nur den Herrn Kammerdiener aufmerkſam machen, daß hier vielleicht eine Occaſion gegeben wäre, ſich weſentliche Meriten um Seine Durch⸗ Schmid. Die Türken in München. I. 6 82 laucht zu erwerben. Da man weiß, wohin er verläuft, ließe ſich wohl auch combiniren, von woher ſothaner Goldregen herbeigeleitet werden könnte.“ „Wie meint der Herr das?“ fragte der Kammer⸗ diener und ſah den Secretär ſo unbefangen an, wie ein Schulknabe den Lehrer, der ihm zum erſten Mal von den wunderbaren Creaturen unbekannter Länder erzählt. „Nun, ich meine, wie es Leute gibt, welche den kurfürſtlichen Seckel zu leeren bemüht ſind“, entgegnete näher rückend der Secretär,„könnten vielleicht auch ſolche zu finden ſein, denen es zu großer Satisfaction dienen würde, ihn wieder zu füllen. Wenn man ſich über gewiſſe, nicht mehr zeitgemäße Präjudicia hinaus⸗ zuſetzen und es klug anzufangen wüßte, wäre dabei ſicher auf eine enorme Recompenſe zu rechnen.“ Die Silberklingel ertönte und machte dem Ge⸗ ſpräch ein Ende.„Ein anderes Mal mehr, mein für⸗ trefflichſter Herr Kammerdiener!“ ſagte der Secretär und trat an den Schreibtiſch, wo er, wie ſich vorbe⸗ reitend, ſich mit ſeinen Papieren zu ſchaffen machte, währen der Andere in der Thür verſchwand. Es währte nicht lange, ſo trat Max Emanuel in das Gemach, in ein leichtes Morgengewand gehüllt, das lange, kaſtanienbraune Haar in reichen, offenen Locken auf die Schultern herabfallend. Beides trug 83 bei, die edlen Formen ſeiner anſehnlichen Geſtalt und die Anmuth des jugendlichen Kopfes zu zeigen, in deſſen faſt weichen Zügen Niemand den Muth geſucht hätte, den er ſchon in ſo vielen blutigen Schlachten bewieſen; nur wenn er bei einer raſchen Wendung das Auge voll aufſchlug, blitzte darin etwas von dem Feuer, welches den Heldenjüngling erkennen ließ, der geholfen, Wien von den Türken zu befreien, und als ſtürmender Sieger zuerſt auf den Zinnen von Belgrad geſtanden. Ein weicher Zug um den etwas ſchlaff geformten Mund ließ eine ſanfte Gemüthsart errathen, leicht geneigt, ſich Eindrücken des Augenblicks hinzugeben; um Stirn und Augen aber war die an Trotz grenzende Feſtigkeit ausgedrückt, welche nach dem Ausſpruch ſeiner Zeitge⸗ noſſen ihn kennzeichnete,„daß er ſchwach und unent⸗ ſchloſſen geweſen im Rath, aber feſt und entſchieden in der That“. Der junge Fürſt ſchien unter angenehmen Bildern und Gedanken erwacht zu ſein; denn während ſonſt ſein Weſen und Benehmen als ernſt und geſetzt be⸗ zeichnet werden konnte, blitzten ſeine Augen heute von ungewohnter Fröhlichkeit. „Ah ſieh da, Secretär Schmidt! Iſt Er ſchon hier?“ rief er lachend.„Wie ich geſtern nach Nymphenburg fuhr, war Er auch da, und mein letztes Wort hat Ihm 6* 84 gegolten. Er hat wohl gleich im Vorſaal bivouakirt, um mich mit der Tagreveille wieder occupiren zu können?“ „Ich bin ſehr glücklich“, erwiderte Secretär Schmidt, indem er ſich aufs tiefſte verbeugte,„Durchlaucht ſo heiter und aufgeräumt zu ſehen. Glücklicher Tag für das Bayernland, an welchem ſeine Sonne ſo heiter und ſchön über ihm aufgegangen iſt.“ Der Kurfürſt hatte am Schreibtiſch einige Papiere mit flüchtig prüfendem Blicke durcheinander geſchoben; jetzt wandte er ſich raſch, muſterte den Sprechenden von oben bis unten, und auf ſeiner Stirn ſtieg eine Wolke des Unwillens auf.„Ja“, ſagte er dann,„ich bin gut aufgelegt, bin heiter— ich bin das immer, ſolange ich von Euren Geſchäften nichts weiß und mir ſelber angehören darf— aber Ihr Herren ſorgt ſchon dafür, daß man immer ſchnell genug auf andere Ge⸗ danken kommen muß! Er aber, Schmidt, Er laſſe ſich eins für alle Zeit geſagt ſein! Er iſt ein Schmeichler; laß Er das bleiben. Er verſteht ſich nicht darauf! Wer dieſe Kunſt treiben will, wirft hier und da ein feines Körnchen Weihrauch in die Schale, das duftet dann ganz erträglich und angenehm. Er aber ſchwingt mir die ganze Räucher⸗ pfanne unter das Geſicht; das qualmt und riecht übel.“ „Durchlaucht“, rief der Secretär,„ſollte ich ſo unglücklich geweſen ſein, Dero allerhöchſte Ungnade—“ ——— 85 „Laß' Er's gut ſein!“ unterbrach ihn der Fürſt mit ungeduldiger Geberde.„Ich will ja glauben, daß Er's gut mit mir meint. Mein ſeliger Vater hat mir Ihn dringend empfohlen, darum vertraue ich Ihm, wenn ich auch Allerlei über Ihn gehört habe, was ganz anders lautet. Noch traue ich Ihm; merk' Er ſich's! Und nun nichts mehr davon! Zu den Geſchäften! Was hat Er neuerdings vorzutragen? Geh, Arnold, bring' mir meine Chocolade und ſetze ſie dort auf den Kamin!“ Während der Kammerdiener verſchwand, um bald mit der ſilbernen Frühſtücksplatte wiederzuerſcheinen und ſie uf den Marmorſims zu ſtellen, und der ver⸗ ſtörte Secretär in ſeinen Papieren kramte, ſchritt der Kurfürſt, den ſilbernen Becher in der Hand, wartend im Zimmer auf und nieder.. „Es iſt leider weder Neues noch Angenehmes, was ich Durchlaucht vorzutragen habe“, begann Schmidt endlich.„Es ſind die alten Dinge, aber important und dringend genug. Geſtern Abend ſchon habe ich mir erlaubt, Durchlaucht zu erinnern, wie Höchſt⸗ dero Hofkaſſe in wenig Tagen vollſtändig erſchöpft ſein wird. Es iſt daher unauſſſchieblich nothwendig, daß Durchlaucht zu befehlen geruhen, auf welche Weiſe—“ „Iſt das meine Sache?“ rief Max Emanuel un⸗ willig, indem er die Taſſe etwas unſanft auf den Tiſch 86 ſtellte.„Wofür bezahle ich Ihn denn? Wozu habe ich meine Hofkammer, wenn ich mich ſelbſt mit ſolchen Dingen befaſſen muß? Aber wie kann es ſein, daß ſchon wieder kein Geld in der Kaſſe iſt? Noch ſind es nicht vierzehn Tage, daß Er mir das gleiche Lamento vorge⸗ tragen hat und daß das Geld auf die Salzämter aufge⸗ nommen wurde. Es war doch eine ſchöne Summe, die un⸗ möglich in ein paar Tagen ausgegeben worden ſein kann!“ „Und doch iſt's ſo“, ſagte der Geheimſecretär ſchüchtern.„Die fünfmalhunderttauſend Gulden ſind bis auf einen kleinen Reſt verſchwunden; es waren der Expenſen zu viele, die ſchon lange auf die Zahlung warteten. Geruhen Durchlaucht ſelbſt zu vernehmen, hier iſt der Nachweis.“ Er begann zu leſen: „Verrechnung der von dem Juden Oppenheimer auf die Salzämter vorgeſchoſſenen Summe: erſtlichen: von dem Juden vorweg abgezogene Proviſion zwölf und drei Procent. Item dem welſchen Baumeiſter Zuccali weiter für Erbauung des kurfürſtlichen Schloſſes zu Schleißheim ſiebenundfünfzigtauſend Gulden. Dem Handelsmann Ambroſi für fournirte Leinwandkammer dreißigtauſend Gulden. Dem Grafen d'Albret, kur⸗ fürſtlichem Stallmeiſter, für Stallnothwendigkeiten acht⸗ tauſend Gulden. Auf die letzt geweſte große Opera—“ „Gut, gut, hör' Er mir auf“, rief der Kurfürſt, welcher während des Leſens ſeine gute Laune wieder⸗ gefunden hatte, lachend aus.„Ich weiß ſchon, daß Ihr es verſteht, mir die Rechnung zu machen. Ich muß wohl auch glauben, daß ſchon wieder Ebbe in der Kaſſe iſt, aber darum erwarte ich Seine Vorſchläge, wie ein Bächlein hineinzuleiten wäre.“ „Nichts leichter als das“, ſagte der Geheimſecre⸗ tär mit ſanfter Stimme und der unbefangenſten Miene, deren er fähig war.„Nicht ein Bächlein, ein ganzer Strom ſteht zu Dienſten, ſobald Durchlaucht befehlen, die Gelder einzukaſſiren, welche Sie ausſtehen haben.“ „Ich habe Gelder ausſtehen?“ ſagte der Kurfürſt und blieb verwundert ſtehen.„Das iſt eine Neuigkeit, von der ich durch Ihn das erſte Wort höre. Was für Gelder ſollen das ſein?“ „Geruhen Durchlaucht nur zu hören! Ich habe hier eine kleine Zuſammenſtellung gemacht“, ſagte Schmidt geſchmeidig und begann abermals zu leſen: „neberſchlag der von Seiner Kurfürſtlichen Durchlaucht von Bayern in den Kriegsjahren wider den Türken von Anno 1683 bis 1688 dem kaiſerlichen Hoſe zu Wien vorgeſchoſſenen Kriegskoſten: zweiunddreißig Mil⸗ lionen dreimalhunderttauſend ſechs—“ „Dacht' ich's doch“, rief der Kurfürſt unwillig. Der Secretär fuhr, ohne ſich irre machen zu laſſen, im Leſen fort:„Item Ihro Kaiſerlichen Hoheit der Kurfürſtin Maria Antonia als von Ihrem kaiſerlichen Herrn Vater Majeſtät zugeſicherte Mitgift: drei Mil⸗ lionen.“ „Still, ich will davon nichts weiter hören!“ un⸗ terbrach ihn zürnend Max Emanuel.„Es iſt eine Frechheit von Ihm, daß Er mir das wieder zu Gehör bringt; Er weiß lange, daß ich davon nichts wiſſen will. Ich bin Kaiſerlicher Majeſtät, meinem Schwieger⸗ vater, dem römiſchen Reiche und der ganzen gläubigen Chriſtenheit in der großen Türkennoth redlich beige⸗ ſtanden. Ich bin ſtolz darauf, daß ich das gethan, und jetzt, nachdem die Noth kaum zu Ende iſt, ſoll ich kommen und meine Rechnung präſentiren wie ein Krämer? Soll mit dem Kaiſer wegen der Kriegskoſten, mit meinem Schwiegervater wegen der Mitgift handeln? Das iſt Alles in guten Händen; ich will ihm Zeit laſſen, es zu ordnen.“ „Alles ganz gut“, entgegnete achſelzuckend der Secretär.„Wenn nur auch uns Zeit gelaſſen würde; aber auf uns dringt Alles ein. Die Handwerksleute mit ihren Rechnungen treten faſt die Stiege zur Hof⸗ kammer zu Schanden.“ „So ſchaffe Er die Mittel, ſie zu bezahlen!“ rief der Kurfürſt in ſteigendem Unwillen.„Meine Landes⸗ 89 kinder ſollen durch mich nicht Schaden leiden. Mach' Er mir Vorſchläge!“ „Ich weiß keine mehr“, entgegnete Schmidt ver⸗ biſſen.„Was will es ſagen, wenn Durchlaucht allen⸗ falls auf Kleinigkeiten eingehen? Das iſt wie ein Tropfen ins Feuer! Der kriegsgefangene Khiaja⸗Paſcha will ſich ranzioniren und hat fünfmalhunderttauſend Piaſter angeboten.“ „Der Khiaja⸗Paſcha?“ rief Max Emanuel lachend. „O nein, ich habe noch keine Luſt, ihn loszulaſſen. Er hat mir bei Neuhäuſel zu viel Verdruß gemacht; ſo will ich ihn auch noch ein wenig ärgern. Auch will ich nächſtens ein türkiſches Schauſpiel geben; da ſoll er mir mitſpielen.“ „Dann bleibt nur eins übrig, Durchlaucht“, ſagte der Geheimſecretär.„Den Juden gegenüber haben wir nichts mehr zu verpfänden, die Jeſuiten und die Klöſter ſind wie ausgehobene Bienenſtöcke. Auflagen ſind nicht mehr erſchwinglich, der Krieg hat die Unterthanen ſchon ſchwer belaſtet, die Herdſteuer iſt ohnehin ſchon zwei⸗ mal erhöht worden. Aus dem Lande alſo weiß ich kein Geld mehr zu ſchaffen, vielleicht aber wäre es von außen her möglich; vielleicht ließen ſich Subſidientrac⸗ tate ſchließen, mächtige Bundesgenoſſen, hohe Alliirte gewinnen—“ „Schweig' Er mir!“ unterbrach ihn Max Emanuel abermals.„Ich will davon ebenſo wenig hören wie von dem, was Er zuvor geſagt! Ich habe Kaiſer und Reich Treue und Anhänglichkeit gelobt als rechter deut⸗ ſcher Reichsfürſt und will ſie halten. Was man auch einmal von mir ſagen mag, das wenigſtens ſoll man mir zugeſtehen müſſen: Max Emanuel hat Treue ge⸗ halten, ſolange ſie ihm ſelber gehalten worden iſt.“ Raſch und kräftig ſchritt der Kurfürſt durch das Gemach und ſchleuderte die Damascenerklinge, die er wie ſpielend ergriffen hatte, auf den Arbeitstiſch zurück. Darüber gerieth ihm ein anderer, unſcheinbarer Gegen⸗ ſtand in die Hand, den er wie in Gedanken ergriff und in die Taſche ſteckte. Er hatte darüber nicht be⸗ achtet, daß Arnold das Frühſtücksgeſchirr beiſeite ze⸗ räumt, und daß ein Mann, eine große, ſtark gebaute Geſtalt von auffallend dunkler Geſichtsfarbe mit ſehr ſtark gebogener Naſe und ernſthaften, gelehrt blickenden Augen, eingetreten war. Es war der Vicekanzler Kor⸗ binian Prielmaier von Priel, früher einer von den Erziehern des Kurfürſten und von ihm in ſo hohen Ehren gehalten, daß er befugt war, vor allen überall und zu allen Zeiten unangemeldet bei ihm einzutreten. Er war zuerſt an der Thür ſtehen geblieben; jetzt trat er vor und rief mit lauter Stimme:„Recht ſo, Durch⸗ 91 laucht, das war ein echtes Fürſtenwort! Sie haben auch nicht nöthig, ſich auf ſolche Schlangen⸗ und Schleich⸗ wege einzulaſſen, es koſtet Durchlaucht nur ein Wort, ſo haben Sie Geld, ſoviel Sie nur wollen.“ „Guten Morgen, Prielmaier“, ſagte Max Ema⸗ nuel, indem er ihm freundlich zunickte.„Das iſt wirk⸗ lich das erſte Mal, daß ich ſo etwas von Ihm höre. Hat Er einen Schatz gefunden, oder hat Er ſich etwa gar mit dem Goldmacher eingelaſſen, der, wie ich höre, draußen in der Au ſeine Künſte treibt und den Stein der Weiſen und die Goldtinctur ſucht?“ „Was ich ſage, iſt Ernſt, Durchlaucht“, erwiderte der Vicekanzler,„und hat mit der ſchwarzen und weißen Magie und aller alchymiſtiſchen Alfanzerei nichts zu ſchaffen. Geben mir Durchlaucht den Auftrag, die Landſtände, die man ſeit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gefragt hat, einzuberufen, und ich ſtehe mit mei⸗ nem Kopfe dafür, daß die Landſchaft nicht nur die ganze Schuldenlaſt übernimmt und Durchlaucht auch noch—“ „Ihr ſeid beide nicht glücklich mit Euren Rath⸗ ſchlägen“, ſagte der Kurfürſt mit eigenthümlichen Lächeln, indem er ſich ſtolz zu der ganzen Höhe ſeiner gebie⸗ teriſchen Geſtalt emporrichtete.„Ich will mich nicht um Subſidien an einen Alliirten verkaufen; ich habe aber auch keine Luſt, mit meinen Unterthanen zu markten 92 und mir ihre Zuſchüſſe durch Beſtätigung von Privi⸗ legien abdingen zu laſſen; ich bin Herr im Lande, ich will es ſein und will zeigen, daß ich's bin.“ Secretär Schmidt, wetterkundig genug, um den Sturm im Anzug zu bemerken, hatte ſeine Schriften zuſammengerafft und zog ſich mit der halblaut gemur⸗ melten Bemerkung, daß es nun Sache der Hofkammer ſei, auf Abhülfe zu denken, der Thür zu. Der Vice— kanzler ſtand mit geröthetem Angeſicht, er ſchien mit ſich über Maß und Ausdruck der Erwiderung zu Rathe zu gehen, die in ihm gährte. Der Eintritt des Kam⸗ merdieners machte der Spannung ein Ende. Er mel⸗ dete, daß Ihre kaiſerliche Hoheit die Frau Kurfürſtin den durchlauchtigſten Herrn Gemahl bitten laſſe, ſie mit einem Beſuch zu beehren. „Warum?“ fragte Max Emanuel raſch mit allen Zeichen der lebhafteſten Theilnahme und Beſorgniß. „Iſt etwas vorgefallen? Iſt die Kurfürſtin krank?“ „Ich habe nichts Derartiges gehört“, erwiderte Arnold.„Ich weiß nur, Kaiſerliche Hoheit haben den ganzen Morgen geſchrieben und befinden ſich dem An⸗ ſcheine nach vollkommen wohl. Geruhen Durchlaucht viel⸗ leicht, ſich ankleiden zu laſſen?“ ſetzte er mit raſchem, verſtohlenem Augenwinke hinzu, welchen nur der Kur⸗ fürſt gewahr werden konnte. 4 1 2⸗ 93 „So komm herein!“ ſagte Max Emanuel.„Ihr Herren aber geht, bedenkt, was ich geſagt, und laßt mich morgen beſſere Vorſchläge hören!“ Beide entfernten ſich ſtumm, der Secretär unter ſteten unterwürfigen Reverenzen, der Vicekanzler mit der ehrerbietigen Verbeugung eines Mannes, der ſeiner ſelbſt und ſeiner Würde bewußt iſt. „Noch eins!“ rief der Kurfürſt, an der Thür ſtehen bleibend, zurück.„Geheimſecretär Schmidt! Ich bedarf fünfhundert Dukaten— die Hofkaſſe ſoll ſie mir ſchicken; Schlag elf Uhr will ich ſie haben. Verſtan⸗ den? Bei meiner Ungnade, nicht eine Minute ſpäter.— Du haſt mir ein Zeichen gegeben; was ſoll es bedeu⸗ ten?“ fragte er den Kammerdiener, während er in das nächſte Gemach trat und dieſer das Ankleiden begann. „Iſt etwas Beſonderes vorgefallen?“ „Wie man's eben nehmen will“, erwiderte dieſer, indem er die Haare des Fürſten ordnete.„Das Hof⸗ fräulein von Sinzendorf hat wegen Krankheit plötzlich Urlaub bekommen.“ „Die Sinzendorf?“ ſagte der Kurfürſt und wandte ſich überraſcht um.„Ich glaube, Du faſelſt. Ich weiß, daß ſie geſtern noch vollkommen wohl bei meinem Oheim, dem Herzog von Leuchtenberg, zum Spiele war.“ „Und doch iſt es, wie ich ſage“, erwiderte der 94 Kammerdiener.„Sie iſt eben über Nacht erkrankt und ſoll Hof und Stadt bereits verlaſſen haben. Ihre Kaiſerliche Hoheit die Frau Kurfürſtin haben für gut befunden, ihr auf einige Zeit Landluft zu verordnen.“ „Ah, ich verſtehe“, ſagte Max Emanuel.„Wieder eine kleine Intrigue jener unerträglichen ewigen Eifer⸗ ſüchtelei! Sonſt aber haſt Du mir nichts Neues zu ſagen?“ „Ich weiß, was Durchlaucht meinen“, ſagte der Kammerdiener, der eben ſeine Arbeit beendet hatte, „bitte aber, mich noch nicht darüber zu befragen. Ich habe ein Plänchen erſonnen, das mir ſicher und vor⸗ trefflich dünkt, noch iſt es aber nicht ganz reif. Ver⸗ trauen Sie mir, Durchlaucht, Sie können ſich auf Ihren alten Arnold verlaſſen.“ Währenddeſſen ſtand der hagere Freiherr Hanni⸗ bal von Mörmann vor der Kurfürſtin Maria Antonia, der Tochter des römiſchen Kaiſers Leopold I.; er berichtete, wie er noch nicht ſo glücklich geweſen, beim Kurfürſten vorgelaſſen zu werden, und hatte ſo eben mit ehrerbietiger Kniebeugung aus den Händen der Fürſtin das für ihren kaiſerlichen Vater beſtimmte Schreiben in Empfang genommen. In einiger Ent⸗ fernung ſtand die Gräfin Peruſa ſeitwärts in einem Fenſter; noch weiter zurück, allenfallſigen Befehls ge⸗ 5 wärtig, war die Gräfin Eiſenreich mit den Blumen⸗ ſtöcken beſchäftigt. Die Kurfürſtin, welche noch nicht das zwanzigſte Jahr erreicht hatte, war nicht gerade ſchön, aber von feiner und angenehmer Geſtalt; ein blaſſer Roſenſchim⸗ mer überflog das wohlgeformte Geſicht, das durch den innigen Blick ſanfter Augen und einen ſchön geformten Mund— den ſie nicht von ihrem Vater geerbt— von eigenthümlicher, leiſe gewinnender Anmuth war. Ihre Augen, an welchen einem genauen Beobachter die Spuren friſch vergoſſener Thränen nicht entgehen konn⸗ ten, ruhten wie trauernd auf dem Briefe in der Hand des Reſidenten.„Glückliches Blatt“, ſagte ſie,„ich bin verſucht, dieſes fühlloſe Papier zu beneiden, das mit Ihnen nach der Heimat ziehen darf. Sagen Sie Seiner Majeſtät meinem Vater auch mündlich, ſagen Sie auch meinen Brüdern Joſeph und Leopold und allen, daß ich ſie vielmals herzlich grüße! Beſonders auch die gute Gräfin Porcia, dann meine liebe Fürſtin Lobkowitz, und— ſagen Sie ihnen, daß es ſehr ſchön ſei in München, daß es mir ſehr wohl ergeht, und daß ich ſehr— glücklich bin!“ Der faſt brechende Ton ihrer Stimme widerſprach dem Inhalt der Rede; ſie faßte ſich aber, winkte gnädig zur Entlaſſung und bot dem Miniſter die Hand zum Kuſſe.„Noch einmal“, ſagte 96 ſie,„grüßen Sie mir Oeſterreich, grüßen Sie mein liebes Wien!“ Der Freiherr ging, von der Hofmeiſterin begleitet, welche ſich zugleich auf kurze Zeit Urlaub erbat.„Ge⸗ ſtatten Kaiſerliche Hoheit“, ſagte ſie,„daß ich in der Kapelle meine Andacht verrichte. Es iſt die Stunde meines Gelöbniſſes.“ Die Kurfürſtin winkte gewährend mit der Hand, drückte das reich mit Brüſſeler Spitzen beſetzte Tuch vor die Augen und machte einige Schritte durch das Gemach; dann blieb ſie vor Thereſe ſtehen, deren heiterer Blick auf dem ſonnigen Garten ruhte, nach welchem das Fenſter gerichtet war. Der Zorn war aus den Mienen des Fräuleins längſt verſchwunden und hatte einem faſt muthwilligen Lächeln Platz ge⸗ macht. „Glückliches Mädchen!“ ſagte Maria Antonia, ſie betrachtend.„Wer es auch vermöchte, immer ſo fröh⸗ lich zu ſein wie Dul“ „Dieſe Kunſt iſt nicht ſchwer“, erwiderte das Fräu⸗ lein.„Es bedarf dazu nichts weiter, als daß man ſich einen Vogel zum Muſter nimmt, welcher luſtig zwitſchernd in die Höhe flattert und ſich von keiner Sorge unter ihm etwas anhaben läßt.“ „Ja, wenn das Herz auch Flügel hättel“ ſagte 97 die Kurfürſtin mit tiefem Seufzer.„Und doch, wenn es ſie auch beſäße, was würde es frommen? Wer kann dem Sturm wehren, der auch dem Vogel die Schwingen netzt und ihn herunterdrückt in den Staub?“ „Immerhin“, entgegnete Thereſe;„wenn das dem Vogel geſchieht, duckt er in einem grünen Winkel unter, dann aber ſchüttelt er die Tropfen vom Gefieder und ſteigt noch höher in den wieder blau gewordenen Himmel empor. Kaiſerliche Hoheit ſollten es auch ſo machen; Sie ſollten ſich zur Heiterkeit zwingen, und haben Sie das erſt ein Weilchen gethan, dann ſind Sie es auch in Wirklichkeit!“ „Laß das!“ ſagte die Kurfürſtin abwinkend, in⸗ dem ſie ſich an ein Taburet am Fenſter lehnte.„Un⸗ ſere Geſinnungen ſind zu verſchieden, wie unſere Ge⸗ müther.“ „So will ich Kaiſerlicher Hoheit etwas vorſingen, um Sie zu zerſtreuen“, entgegnete das Fräulein.„Ich beſitze eine neue welſche Canzonette von Agoſtino Ste⸗ fani, ein reizendes Lied von glücklicher Liebe mit gar lieblicher Weiſe. Darf ich meine Mandoline holen?“ „Laß!“ ſagte die Fürſtin.„Ich bin nicht gelaunt, Muſik zu hören. Erzähle mir lieber etwas, etwas Munteres, was mich zerſtreuen kann, vielleicht eine Neuigkeit aus unſerm München!“ Schmid, Die Türken in München. I. 98 „Wie ſehr wünſchte ich, daß ich Kaiſerliche Hoheit zu erheitern vermöchte— Sie ſind ſo gütig— aber eine Stadtneuigkeit weiß ich allerdings. Kaiſerliche Hoheit haben gewiß von dem türkiſchen Mädchen ge⸗ hört, das mit den Gefangenen in die Stadt gekom⸗ men iſt?“ „Allerdings; man rühmt ihre ganz außerordent⸗ liche Schönheit.“ 3 „In der ganzen Stadt iſt nur eine Stimme dar⸗ über, Frauen und Mädchen ſind in der größten Unruhe wegen einer ſo gefährlichen Rivalin; aber die Türkin ſoll ebenſo ſittſam ſein als ſchön, und keinem von den vielen Bewerbern, die ſie umſchwärmen, iſt es bis jetzt gelungen, ſich eines Vorzugs rühmen zu dürfen!“ „Wirklich?“ ſagte die Kurfürſtin geſpannt.„Du machſt mir beinahe Luſt, das Mädchen ke n zu lernen.“* „Die Neuigkeit, die ich erzählen wollte, betrifft ſie. Vor einigen Tagen, noch ſpät gegen Abend, als die ſonſtigen Gäſte ſich ſchon entfernt hatten, kam ein Cavalier in das Kaffeegezelt am Türkengraben, der dem ſchönen Mädchen aufs galanteſte den Hof machte und einen Augenblick des Alleinſeins mit ihr benutzen wollte, einen Kuß zu erbeuten. Aber das Mädchen riß ſich tapfer los, rief um Hülfe—“ „ 7 99 „Immer beſſer! Wer war der Cavalier?“ „Das weiß man nicht, Kaiſerliche Hoheit! Bis jetzt iſt er unbekannt; aber hoffentlich nicht lange, denn er trägt den Verräther bei ſich. Bei dem Ringen mit dem Mädchen iſt ihm ein Kleinod in der Hand geblie⸗ ben, das die Türkin als Talisman oder Amulet am Halſe zu tragen pflegte— eine kleine goldene Kapſel mit türkiſcher Inſchrift.“ Die Flügelthüren öffneten ſich, von den Dienern weit aufgeriſſen; Max Emanuel trat ein und eilte mit reitterlicher Artigkeit ſeiner Gemahlin entgegen, indem e ſie auf die Stirn küßte und zum Sopha geleitete, während die Damen ſich entfernten.„Ich komme, Eurer Liebden guten Morgen zu wünſchen“, ſagte er, „und zugleich meinen Dank auszuſprechen, daß Sie mir ſe früh Gelegenheit gegeben, dies zu thun.“ „ e ſind ſehr gütig, mir das zu ſagen“, erwiderte Maria Antonia mit einem ſchwachen Lächeln, in wel⸗ chem Schmerz und Freude um den Vorrang ſtritten. „Immerhin iſt es angenehm, dergleichen zu hören—“ „Sie halten inne“, rief der Kurfürſt,„Sie voll⸗ enden nicht. Sie halten alſo einen Nachſatz zurück, 3 der einen Zweifel an meinen Worten zu enthalten ſcheint. Wie ſehr kränken Sie meine aufrichtige Liebe, wenn es ſo ſein ſollte! Ich bin wirklich gern bei Ihnen, 7* „ 100 ich bin nirgends lieber als bei Ihnen und es zieht mich beſtändig in Ihre Nähe.“ „Dann kann ich mich nur wundern“, erwiderte die Fürſtin fein,„daß Sie dieſem Zuge ſo tapfer Widerſtand zu leiſten wiſſen.“ „Thu' ich das?“ rief Max Emanuel erregt.„Und wenn es wäre— wer leidet mehr darunter als ich, wenn Verhältniſſe, leidige Regierungsgeſchäfte mich ab⸗ halten, immerwährend bei Ihnen zu ſein? Doch wel⸗ chem günſtigen Ungefähr verdanke ich das Glück, mich bei Ihnen zu ſehen?“ „Ich muß um Entſchuldigung bitten“, erwiderte Maria Antonia mit kühler Zurückhaltung,„daß ich es gewagt, einen ſolchen Wunſch auszuſprechen, aber ich bin Eurer Liebden noch Antwort auf eine Bitte ſchuldig und halte es für paſſend, Ihnen dieſelbe un⸗ mittelbar und perſönlich zu geben.“ „Antwort auf eine Bitte?“ fragte Max Ema⸗ nuel verwundert.„Ich weiß nicht, wovon Sie ſprechen.“ „Sie ſagten unlängſt, Sie wollten das neuerbaute, demnächſt vollendete Luſtſchloß zu Schleißheim mit einem jener Feſte einweihen, welche am hieſigen Hofe ſo beliebt ſind.“ „Ach ja, jetzt erinnere ich mich; mit einer Bauern⸗ —.—— ——— 101 hochzeit, meinen Sie. Allerdings, ich wünſche, daß Schleißheim, welches ich dazu beſtimmt habe, ein Auf⸗ enthalt der Freude zu ſein, mit ſolch einem heitern Scherze eröffnet wird. Ich ſelbſt werde die Gäſte als Wirth empfangen, und die ſchönſte Frau des Landes ſoll die ſchöne Wirthin zum bayeriſchen Löwen ſein!“ „Das iſt es eben, was ich ſagen wollte— ich be⸗ daure, Durchlaucht das Vergnügen nicht gewähren zu können.“ „Wie, Sie wollten mir dieſe Bitte abſchlagen?“ ſagte Max Emanuel befremdet.„Und warum, wenn es mir erlaubt iſt, die Gründe zu erfahren?“ „Ich muß fürchten, Eure Liebden durch meine Weigerung zu beleidigen“, ſagte die Kurfürſtin befangen, „aber ich glaube, es könnte Seiner Majeſtät meinem Vater nicht wohlgefallen, ſeine Tochter in einer ſolchen Rolle zu ſehen. Sie kennen ſeine ſtrengen Anſchauungen über Etikette und Hofſitte, und er hat es mir auf die Seele gebunden „Das kann nicht Ihr Ernſt ſein“, unterbrach ſie Max Emanuel raſch.„Kaiſer Leopold weiß zu gut, daß dieſe uralte Sitte am bayeriſchen Hofe einheimiſch iſt. Ein ſo ernſter Mann wie der Kurfürſt Ferdinand Maria, mein ſeliger Vater, hat ſich nicht geſcheut, den 102 Wirth zu machen, und meine vortreffliche Mutter, die Tochter Victor's von Savoyen, die königliche Enkelin Heinrich's IV. von Frankreich, verſchmähte es nicht, da⸗ bei an ſeiner Seite zu erſcheinen. Das kann nicht der wahre Grund Ihrer Weigerung ſein“, fuhr er fort, da ſie nicht gleich antwortete und ſtumm vor ſich nie⸗ der blickend die Spitzen an ihrem Tuche mit den zarten Fingern glättete.„Reden Sie offen! Sind Sie unge⸗ halten über mich?“ Sie ſchwieg noch immer. Der Kurfürſt faßte ihre Hand und drückte ſeine Lippen darauf.„Mein Gott!“ rief er dann.„Ich ſehe jetzt erſt, Sie ſind blaß; Sie leiden wohl gar und wollen es mir in Ihrer Güte vielleicht verbergen? Befehlen Sie, ſoll ich Ihre Damen rufen? Wo ſind ſie?“ ſagte er, im Gemach umherblickend.„Ich finde, daß die Fräuleins ſaumſelig in ihrem Dienſt werden. Ich glaubte nur eine von den Damen zu bemerken. Wo ſind die andern? Wo iſt die Sinzendorf, daß ich ſie nicht ge⸗ wahre?“ „Ich bedarf meiner Damen nicht“, ſagte die Kur⸗ fürſtin, indem ſie ſich unmuthig erhob,„und hätte wohl auch von Eurer Liebden erwarten dürfen, daß Sie wenigſtens mir nicht zeigen, wenn Sie dieſelben ver⸗ miſſen.“. „Ah— iſt es das?“ entgegnete Max Emanuel, —y —,— ——y——— 103³ indem er mit leichtem, gewinnendem Lächeln näher trat und die widerſtrebende Hand ſeiner Gemahlin neuer⸗ dings faßte.„Das alſo war das Geheimniß, das Sie beunruhigte? Können Eure Liebden nur im Ernſte glau⸗ ben, daß ich an einer von jenen ein Intereſſe nehme, welches ſich vor Eurer Liebden verbergen müßte? Ich weiß, Sie haben die Sinzendorf entfernt. Ich könnte Ihnen deshalb zürnen, denn Sie haben ein unnützes Aufſehen gemacht, aber ich thue es nicht; ich danke Ihnen vielmehr, weil Sie mir Gelegenheit geben zu zeigen, wie wenig mir an der Dame liegt. Auf dem Angeſicht der Kurfürſtin entglomm eine Morgenröthe von Liebe und Glück.„Iſt es denn wahr?“ rief ſie bewegt.„O, wenn ich Ihnen glauben dürfte, mein Gemahl, wer wäre glücklicher als ich?“ „Wenn Sie das glücklich macht, Antonie“, erwi⸗ derte Mar, indem er ſie zärtlich an ſich zog,„ſo ſeien Sie glücklich! Sie dürfen es ſein. Ich liebe Sie; ich begehre kein anderes Glück als das in Ihren Augen und in Ihren Armen.“ 8 Die Kurfürſtin verbarg überwältigt ihr freude⸗ thränendes Auge an der Schulter des geliebten Mannes, der ſie innig an ſich ſchloß. Es war ihm Ernſt mit dem, was er ſagte; im Augenblick empfand er wirk⸗ lich, was er ſprach; was ihn manchmal von der Fürſtin 104 abzog, war in jenen erſten Zeiten ſeiner Herrſchaft und ſeiner Ehe nichts als eine leichtſinnige, oberfläch⸗ liche Galanterie, die erſt ſpäter zur flatterhaften Sinn⸗ lichkeit entarten ſollte. Hätte der Tod ſie ihm nicht ſo bald entriſſen, wohl wäre ſeine Entwicklung in Vielem eine andere geworden. „O Max, wenn Sie ahnten, welche Seligkeit Sie mir bereiten!“ ſeufzte Antonie, indem ſie ſanft das Auge zu ihm emporhob.„So ſoll wirklich mein ſchönſter Traum wahr, meine kühnſte Hoffnung ſollte erfüllt werden? Jetzt iſt es ganz wieder wie in den erſten Tagen unſerer Liebe, ganz, wie ich es damals ahnte, als wir uns in Altötting zum erſten Male begegneten. Ach, Sie haben wohl nicht mehr Muße gefunden, daran zu denken?“ „Wie ſollte ich nicht?“ erwiderte Max Emanuel. „Es war die Stunde, die auch für mein ganzes Leben entſchied; mit jenem Degen, den Ihr Vater mir damals überreichte, hat er meine Hand, mit dem erſten Worte, das Sie ſprachen, haben Sie mein Herz für immer an ſich gefeſſelt!“ „Wie oft hatte ich gebangt“, fuhr die Kurfürſtin leiſe fort,„hatte im Stillen mein Geſchick als Tochter eines Kaiſers beklagt und vor dem Tage gezittert, der mich vielleicht irgend einem Fürſten verbinden würde, 105 der meinem Herzen ewig fremd bleiben mußte. Da ſah ich Sie, Max, den edlen fürſtlichen Jüngling, der mir beſtimmt ſein konnte, dem ich angehören durfte und dem mein Herz mit aller Liebe entgegenflog. O, glau⸗ ben Sie mir, am Altare Mariens in der alten ſchwarzen Kapelle von Altötting iſt gewiß noch nie ein froheres und wärmeres Dankgebet geſprochen worden als das meine von damals. Ach, daß es immer ſo bleiben könnte!“ „Es wird ſo bleiben“, ſagte Max Emanuel zärt⸗ lich.„Wenn Sie wollen, wird es immer ſo bleiben, und— darf ich jetzt hoffen, daß Sie mir nicht mehr zürnen?“ „Wie könnte ich?“ ſagte ſie leiſe und wehrte den Küſſen nicht, in denen ſeine Lippen mit den ihrigen ſich vermählten. „Und wenn ich nun meiner vorigen Bitte gedenke, werde ich den alten Beſcheid erhalten?“ „Nein“, erwiderte ſie mit glückſeligem Lächeln. „Beſtellen Sie Ihr Feſt, die Wirthin zum bayeriſchen Löwen ſoll nicht auf ſich warten laſſen.“ Nach kurzem Geſpräch trennte ſich das verſöhnte Paar. Maria Antonia durchſchritt das Gemach in völlig veränderter Stimmung. Sie war aufgeheitert, ihre Stirn leuchtete wie wolkenreiner Himmel nach hef⸗ 106 tigem Sturm, ihr Auge war erfriſcht wie ein von langer Sonnenglut verſchmachteter und nun durch einen Thautropfen erquickter Blumenſtern. Ans Fenſter ge⸗ lehnt, ſchaute ſie in den Garten hinaus; es ging durch ihr Herz wie der Duft der in ihm aufbrechenden Blu⸗ menknospen. Als Thereſe eintrat, gewahrte ſie ſogleich die glückliche Veränderung, die mit der Fürſtin vor⸗ gegangen war.„O, endlich ſehe ich Kaiſerliche Hoheit wieder lächeln“, rief ſie freudig und beugte ſich nieder, ihre Hand zu küſſen.„Wie freue ich mich darüber! Wenn Kaiſerliche Hoheit wüßten, wie ſehr die Fröhlich⸗ keit Sie verſchönt, Sie würden dieſes Lächeln nie wie⸗ der verſchwinden laſſen.“ „Du biſt eine Thörin“, ſagte die Fürſtin mit gütigem Lächeln. „Immerhin“, erwiderte das Fräulein.„Aber Kai⸗ ſerliche Hoheit ſind vergnügt; da muß ich es auch ſein, und jetzt, jetzt darf ich auch meine Mandoline holen, nicht wahr, und darf die neue Canzonette ſingen von dem Lehrmeiſter der glücklichen Liebe?“ „Meinetwegen, wenn es Dir Vergnügen macht.“ Das Fräulein verließ das Zimmer; lächelnd ſah ihm die Fürſtin nach. Ihr Zlick ſtreifte von der Thür über das Sopha, auf dem ſie an der Seite ihres Gat⸗ ten geſeſſen— von den dunklen Teppichen am Boden 107 blickte ihr etwas hell entgegen; haſtig eilte ſie hinzu, hob es auf und ſank in Thränen ausbrechend und mit einem leiſen Ach auf das Sopha zurück. Was ſie gefunden, war ein hübſch gearbeitetes Kleinod, eine goldene Kapſel mit türkiſcher Inſchrift. Drittes Kapitel. Im türkiſchen Gezelt. Einer der erſten Junitage, obwohl ſchon dem Abend zugeneigt, lag ermattend und ſchwül auf den ſchwach begraſten Wieſen, die nach allen Seiten zur faſt un⸗ überſehbaren Ebene ſich dehnten. Ein hell getretener Pfad, entſtanden durch den Gebrauch der Landleute und ihrem Bedürfniſſe genügend, ſchlängelte ſich durch den Raſen ſo ſchmal dahin, daß die Wanderer auf ihm genöthigt waren, einzeln hinter einander zu gehen wie ziehende Kraniche. Ziemlich entfernt, im Rücken der Wandelnden, lag die Stadt, aus welcher die ſtumpfen Thürme der Frauenkirche mit ihren runden Blechkuppeln, ein vielhundertjähriges Wahrzeichen, ſich hoch über die Mauern und Thürme, Gräben und Wälle erhoben, von denen die damals noch als eine ſtarke Veſte geltende — 4 109 Hauptſtadt des Bayernlands ſchirmend in den Armen gehalten war. Seitwärts davon ſtreifte das Auge, nur hier und da durch einen einzelnen Feldbaum oder die vorgeſtreckte Spitze eines Tannenforſtes aufgehalten, über die braun und roth und wieder ſaatengelb oder raſen⸗ grün in einander wogenden Wellenlinien der Ebene un⸗ ermeßlich dahin, bis an den Fuß der bayeriſchen Berge, die in duftblauer Ferne emporſtiegen, ein weit gerundeter Kranz und Rahmen um das Land. Die Luſtwandelnden, ſämmtlich Münchener Bürger, hatten kein Auge für die langgewohnte Umgebung; ihre ganze Aufmerkſamkeit war auf das laute Treiben ge⸗ richtet, das in der Ebene vor ihnen ameiſenhaft durch⸗ einanderdrängte. Dort, mitten durch den Forſt, war eine breite Lichtung ausgehauen und ſtrebte etwas ſeit⸗ wärts gewendet dahin, wo die Giebel des Nymphen⸗ burger Schloſſes über eine ſtattlich heranwachſende vier⸗ fache Anfahrt von Lindenbäumen neugierig herüberſahen, als könnten ſie es nicht erwarten, bis das Werk, das ſie von fern ſich bereiten ſahen, an ſie herankommen würde. In der Lichtung drängte ſich in langer Linie ein wüſtes Gewirr von abenteuerlich ausſehenden und befremdlichen Geſtalten durcheinander, wohl ein halbes Tauſend an der Zahl, Männer mit ſonnenbraunen kecken Geſichtern, die durch den ſchwarzen, lang herab⸗ 110 hängenden Schnurrbart ein noch wilderes Ausſehen be⸗ kamen, in zerriſſenen und verblichenen Gewändern, vom Feß und Fuſtanell des Albaneſen bis zum Turban und den weiten weißen Hoſen des Janitſcharen oder der ſpitzen Pelzmütze und verbrämten Jacke der Spahis. Sie trieben mancherlei Arbeit. Die einen waren mit Pickel und Schaufel beſchäftigt, den Kiesgrund abzu⸗ graben, der wie ein verlaſſenes und jetzt zu Tage ge⸗ legtes Flußbett überall hervortrat, während andere das Geröll auf Karren weiter führten oder Dämme und Böſchungen zu beiden Seiten aufſchütteten und ſo einen Graben von ziemlicher Breite und Vertiefung herzuſtellen bemüht waren. Wieder andern war es aufgegeben, weithin die Linie abzuſtecken, welche der Graben ferner einnehmen ſollte, und von dem Boden die Schicht Raſenerde abzuheben, welche ihn überall unter Haidekraut und Ginſter dünn und mager bedeckte. Etwas abſeits waren einige alte ſchöne Buchen als Reſt einer Waldſpitze ſtehen geblieben, die ſich beinahe bis an den Arbeitsplan erſtreckte und in deren Schatten auf grünem Moosboden aus Bretern und Stangen leichte Tiſche und Bänke auf⸗ gezimmert ſtanden. Unweit davon, von feſten Seilen ge⸗ halten, ſchwankte ein großes, weiß und roth geſtreiftes Zelt, in welchem einige beſſere Tiſche mit Stühlen für vorneh⸗ mern Beſuch bereit geſtellt waren. Das Zelt, ein ſtatt⸗ ——— —“ 2 „—— ——— 411 liches Stück der Türkenbeute und dem Khiaja⸗Paſcha bei Neuhäuſel abgenommen, ſah in der waldesgrünen Umgebung ungemein freundlich aus und verkündete Reichthum und Prachtliebe ſeines frühern Herrn durch die ſchweren Troddeln und Quaſten, mit welchen es von allen Seiten umhangen war, und durch die ver⸗ goldeten Halbmonde, die an jedem Ende auf hohen Pflöcken durch die Bäume funkelten. Die Bürger hatten das noch nicht ſehr weit ge⸗ diehene Werk bald beſichtigt und ſich raſch ſatt gehört an dem Klappern der Steine, dem Knirſchen der Schau⸗ feln und dem Knarren der Fuhrwerke ſowie an dem unverſtändlichen Geſchrei und ſingenden Gekreiſch, wo⸗ mit die Türken ſich die Zeit verkürzten und die müh⸗ ſelige Arbeit erleichterten. Ein angenehm gelegener Tiſch bot ausreichenden Raum, die Ankömmlinge alle auf einmal aufzunehmen; aus dem Zelte, deſſen Rück⸗ wand nahe an dem Diſch ſich hinzog, ertönten lachende Stimmen und ließen erkennen, daß auch dort eine fröhliche Geſellſchaft bereits Platz gefunden hatte. Mit ſchweigender Verwunderung nahmen die Bürger die kleinen, niedern Schalen in Empfang, in welchen der geſchäftige Birbaſchi das ſchwarze Getränk, den tür⸗ kiſchen Kaffee, kredenzte; ſie koſteten ihn wohl auch mit wunderlich verzogenen Geſichtern, und es ſchien, als ob 112 41. 1 ſie daran nicht beſonderes Gefallen fänden. Mehr als einer ſchüttete das bittere Gebräu hinter ſich mit Ab⸗ ſcheu in das Moos, während andere es mit Ergebung in ſich hineingoſſen. Wenn aber der Bericht des Brunnenſchreibers über die außerordentliche Menge von Beſuchern etwas übertrieben geweſen, ſo bewährte er ſich auch bezüglich deſſen, was er über die Bewirthung geſagt hatte, als nicht ganz genau; mindeſtens hatte der Birbaſchi ſeither ſeinen Vortheil beſſer verſtehen ggeelernt und hatte eingeſehen, daß es unmöglich ſei, die Beſucher für die Dauer anzuziehen und zu feſſeln, wenn er nicht einen Arm der ſo beliebten heimatlichen Bier⸗ quelle in ſein Gezelt zu leiten vermöchte. Das hatte er denn auch gethan. Dem Prügelbräuer am Neuhauſer⸗ thor hatte es eingeleuchtet, daß da wohl ein hübſcher Schnitt zu machen ſei; er hatte ſich daher nicht ge⸗ weigert, dem unternehmenden Birbaſchi manch Fäßlein ſeines Getränkes anzuvertrauen, und beide hatten ſich in ihren Erwartungen nicht getäuſcht. Nicht nur gefiel es den Münchenern immer beſſer, nach dem türkiſchen Zelte zu luſtwandeln, ſondern auch die Aſiaten ſelbſt begannen dem ſchäumenden Gerſtenſaft ſteigendes Wohl⸗ gefallen zuzuwenden. Auch jetzt war die braune Flut den durſtigen Wandergäſten höchlich willkommen, wie einer Wüſtenkaravane der erfriſchende Quellſprudel 143 der Oaſe; raſch waren die ausgetrockneten Kehlen er⸗ giebig befeuchtet, die Redeluſt regte ſich und bald ging ein munteres Geſpräch in die Runde, die engen Be⸗ gebenheiten des bürgerlichen Lebens und die kleinen Ereigniſſe des Gewerbes in leichter Berührung ver⸗ handelnd. Der Anblick der Männer machte einen ehr⸗ baren, behäbigen Eindruck; es waren kernhafte, ge⸗ drungene Geſtalten mit ſchlichten Köpfen und verſtän⸗ digen Geſichtern, in der einfachen Tracht ihres Stan⸗ des mit einander übereinſtimmend und doch mit jenen kleinen Unterſchieden in Farbe, Stoff und Schnitt, welche die Abſtufung der Gewerbe auch hier mit ſich brachte. 1 Geraume Zeit waren die Bürger ſo beiſammen geſeſſen; der Stoff vom Faſſe her floß bereits ſpär⸗ licher und auch der des Geſprächs begann zu ſtocken, als ein paar neue Wandergäſte, die ſich dem Sitz un⸗ ter den Buchen näherten, demſelben neuen Stoff und Anſtoß gaben. Der eine kam von der Stadt her, in geſticktem Kleide, mit Treſſenhut und Degen, langſamen Schritts, auch öfter ſtehen bleibend und bedachtſam umherſchauend, der andere vom Walde her, ſchnellen, aber plumpen Schrittes, mit weit ausgeſpreizten Bei⸗ nen, in ledernem Soldatenkoller, hohen, übers Knie heraufgezogenen Stiefeln und mächtigem Sturmhut mit Schmid, Die Türken in München. I. 8 114 fliegender Feder daran. Das Geſicht des einen, von klugem und bedenklichem Ausdruck, ragte aus der weißen Halsbinde ſauber und völlig bartlos hervor; der andere ſah trutzig darein und Mund und Kinn waren von verwildertem rothem Barte umwachſen, den er zeitweiſe in zwei Spitzen aufdrehte, worauf er die Hände wieder bequem in den Taſchen der weiten Pluderhoſen verſchwinden ließ. „Da kommen noch Leute“, ſagte der Tuchmanin⸗ ger Wolfauer vom Rindermarkt, ein feiner, faſt ein wenig ſchmächtig ausſehender Mann.„Den Herrn, der von der Stadt herkommt, kenn' ich wohl, es iſt der Hofgerichtsadvocat Doctor Lindner, gar ein geſcheidter, wohlmeinender und reicher Herr, der vordem manchem Weibſen in die Augen geſtochen! Iſt aber Hageſtolz geblieben und ſitzt mit all ſeinem Gelde und einem al⸗ ten Bedienten mutterſeelenallein in der großen Be⸗ hauſung neben der Poetenſchule auf Unſerer Frauen Freithof. Aber wer mag das andere Menſchenkind ſein, der vom Wald gegen uns herkommt? Sieht ſchier aus wie ein Gartknecht und Landſtürzer.“ „Ihr habt nicht ganz unrecht gerathen, Meiſter“, erwiderte Meiſter Kleeberger, der Harniſchmacher vom Stiftsgäſſl.„Das iſt ein wunderlicher Geſelle, heißt Pundion und iſt allerdings ein Stück von einem Sol⸗ 115 daten, aber ein ausgedienter. Hab' ihm ſchon manch⸗ mal den Krebs und die Schienen ausgeklopft, denn er iſt mit den Panzerreitern überall dabei geweſen im Ungarkriege und in den Türkenſchlachten. Neben dem Einhauen verſteht er aber auch ganz wunderbarlich die Trompete zu blaſen und hat oft des Abends den Kameraden und ſelber dem Kurfürſten was vorblaſen müſſen, wenn ſie in der Raſt um das Beiwachtfeuer herum gelegen ſind. Weil ihm nun eine Falkonetkugel den rechten Arm zerſchlagen hat und es alſo mit dem Fechten nicht mehr geht, hat ſich der Kurfürſt an ihn erinnert und hat ihn unter ſeine Hoftrompeter geſtellt; denn die Trompete kann er auch noch mit der linken Hand halten. Da hat er nun eine ehrbare Wittib ge⸗ heirathet, die Rechthalerin, die dicke Käskäuflerin— Ihr kennt ſie ja alle— und ſitzt mit ihr ganz bequem in ihrer ſchönen Herberge beim großen Zollhaus am Neu⸗ hauſerthor.“ Die Beſprochenen waren indeſſen näher gekommen. Die Bürger grüßten den Doctor ehrerbietig, indem ſie die Hüte abnahmen und ſich etwas von ihren Sitzen erhoben; ſie wollten zuſammenrücken, ſagten ſie, wenn der geſtrenge Herr ihnen die Ehre geben wollte, ſich zu ihnen zu ſetzen. Der Doctor lehnte das ab.„Ich will nicht“, ſagte er,„daß die Meiſter ſich meinetwegen 8* 116 Ungelegenheiten machen; bequem zu ſitzen iſt eine Haupt⸗ ſache und hier nebenan iſt ja noch Tiſch und Sitz frei, auch im Schatten und unmittelbar neben Euch, daß wir einander ſehen und wohl ein freundlich Wort wechſeln können.“ Er ließ ſich währenddeſſen an dem Seitenplatze nieder, der Hoftrompeter aber machte nicht ſo viele Umſtände. Mit einem kurzen, ſoldatiſchen „Mit Verlaub“ ließ er ſich auf dem durch das Zu⸗ ſammenrücken der Bürger für den Doctor entſtandenen Platze ſo derb nieder, daß die Bank knackte. „Nur immer zu!“ entgegnete der Kornkäufler Spitz⸗ huet, neben den er zu ſitzen kam, ein großer, vier⸗ ſchrötiger Mann, in einem Rock aus grobem, unge⸗ bleichtem Linnen und einem Rücken darin, deſſen Breite erkennen ließ, daß die Kornſäcke, die er an Schrannentagen zu tragen gewohnt war, für ihn nur Kinderſpiel ſein mochten. Der Mann beſah ſich den an Körperumfang ihm ähnlichen Soldaten mit gefälli⸗ gem Lachen und rief wieder:„Er macht wenig Um⸗ ſtände, Landsmann!“ „Iſt auch nicht nothwendig“, ſagte Pundion, in⸗ dem er den Krug, den ihm der Birbaſchi hingeſtellt hatte, wohlgefällig in die Höhe hob und den Schaum vom Rande blies.„Unter guten Freunden braucht man keine Umſtände zu machen, und ich will hoffen, 117 daß da lauter gute Freunde ſitzen! Oder wenn einer da iſt, der nicht gut Freund ſein will mit mir, der ſoll mir's nur ſagen!“ Die Bürger lachten unter ſich; der Trompeter aber wendete ſich gegen den Birbaſchi, der noch immer ehrerbietig und mit gekreuzten Armen hinter ihm ſtand. „Geh mir aus den Augen, Türkenhund!“ ſchrie er ihn mit grober Stimme an.„Schlimm genug, daß man das Bier von Dir annehmen muß, aber den Trunk wenigſtens ſollſt Du mir nicht verleiden!“ „Er kann die Türken auch nicht leiden, ſcheint's“, ſagte Spitzhuet, als der Birbaſchi verſchwunden war. „Mögen Euch wohl genug zu ſchaffen gemacht haben mit ihren krummen Säbeln.“ „Dem Deufel mögen ſie zu ſchaffen gemacht haben, nicht mir!“ ſchrie Pundion.„Wär's nicht ſo ſchmuzig ſchlechtes Pack, das nirgends Stand hält, ſo hätten wir ſie mit unſern Pallaſchen kurz und klein gehauen; aber das Geſindel hat keine Herzhaftigkeit! Nur wo es in großen Haufen einfallen kann wie die Heuſchrecken, daß man ſich des Schwarms nicht erwehren kann, da ſind ſie dabei; einzeln aber ſteht keiner ſeinen Mann. Hätte der Kurfürſt meinen Sinn, ſo hätte er jedem der Gefangenen, ſtatt ſie nach München zu ſchleppen, einen Tritt gegeben und ihn über die Grenze gejagt.“ 118 „Er hat alſo die Kriege alle mitgemacht, Lands⸗ mann?“ ſagte Meiſter Radl, der Lederer am Steg, welchen nicht blos der lohbraune Rock, ſondern auch die dunkel gefärbten Hände als Gerber kennzeichneten. „Da iſt er weit herumgekommen! Hat er denn auch die Schlachten alle mitgemacht?“ „Das will ich meinen“, ſagte Pundion, indem er ſtolz ſeinen Bart noch ſpitzer zudrehte.„Bin ſchon da⸗ bei geweſen, wie wir vor vier Jahren ausmarſchirt ſind! Das Fußvolk, das wurde auf die Iſar gepackt und hinuntergeflößt bis in die Donau, wir Reiter aber und das ſchwere Geſchütz zogen auf dem Landweg und kamen gerade recht, wie der Großvezier Muſtapha ſeine zweimalhunderttauſend Türken um Wien herum gelagert hatte, wie ein lebendiges Halsband, das man nur zu⸗ ſchnüren darf, damit einem der Athem ausgeht! Da haben wir Luft gemacht! Mit den Polen und Sachſen haben wir dreingehauen, daß den Türken die Stücke nur ſo vom Leibe geflogen ſind, und meine Schuld iſt's nicht, wenn ein einziger lebendig weggekommen iſt! Ich hab' mitgethan bei Ofen, bei Sziklos und Mo⸗ hacs und hab' geholfen Belgrad ſtürmen!“ „So was muß ſchrecklich ſein“, ſagte der Tuch⸗ maninger, den ein leiſes Fröſteln überlief.„Gott ſei Lob und Dank, davon hat unſereins keine Vorſtellung. 119 Daß es hier und da einen von den jungen Leuten, einen Bekannten trifft, der mitgehen muß, und daß man's im Geldbeutel zu ſpüren bekommt, das iſt Alles, was wir davon wiſſen; aber ſelber mitmachen, ich glaub', ich wär' beim erſten Krachen todt.“ „Ha“, rief der Trompeter,„es treffen nicht alle Kugeln, und im Getümmel denkt man gar nicht daran, daß ſie treffen können! Dafür gibt's, wenn's vorbei iſt, kein luſtiger Andenken, und man iſt ſo friſch und mun⸗ ter, als wenn man aus einem Bade käme. Ich glaub's wohl, daß Euch ſchwindlig geworden wäre, wie's auf Belgrad losging, Ihr Mauernhocker. Solch einen Tanz kriegt man auch nicht alle Tage zu ſehen! Waren ſchier acht Wochen darüber vergangen, bis wir die Brücke über die Sau geſchlagen hatten und in die Vorſtadt vorrücken konnten; wie wir aber hineinkamen, da fanden wir nur das leere Neſt, die Türkenhunde waren davon und hatten die Häuſer angezündet, als wenn ſie uns ausbrennen wollten wie das Ungeziefer im Gemäuer. Wir Panzerreiter und die Huſaren ſoll⸗ ten mit dem General Dünnwald nach Semendria, denn dahin hatte ſich der Paſcha Abdurrahman aus der Waſſerſtadt geflüchtet, während ein anderer Paſcha in der Bergfeſtung lag, da hieß es auf einmal, tags darauf ſollte der Sturm losgehen! Der Kurfürſt hatte 120 eine Wette gemacht mit dem Herzog von Mantua um zehntauſend blanke Kremnitzer Dukaten: am Tage Sanct⸗ Mang— das war der ſechste September— müßt' er Belgrad haben, und wenn er's allein und im Hemd ſtürmen müßte! Da ließen wir Reiter es uns nicht nehmen, wir wollten auch dabei ſein, und wie es hieß, die Freiwilligen ſollten vortreten, da ſaßen unſer gar viele ab und gingen mit dem Leibregiment und ande⸗ rem Fußvolk— es mochten unſer ſo in die fünftauſend Mann ſein— mitten hinein in das Feuer, immer gerad⸗ aus, und Kurfürſt Max Emanuel immer voran.“ „Merkwürdig, ein ſo junger Mann!“ ſagte der Harniſchmacher.„Man ſollte es nicht glauben, wenn man ihn ſieht. Er ſchaut ſo gut und freundlich darein, daß man glaubt, er könnte kein böſes Wort ſagen, geſchweige denn ſo tüchtig dreinhauen!“ „Na, ob er das Dreinhauen verſteht!“ rief Pun⸗ dion wieder.„Gebt Acht, was aus dem noch wird! In dem ſteckt ein Kriegsheld, wie weiland Cäſar oder Alexander! Thut mir nur leid, daß ich nicht mehr mitthun kann; aber wenigſtens will ich mich daran freuen und will für ihn zutrompeten, ſolang es geht. War kein Kinderſpiel, ſag' ich Euch, wie wir ſo vor⸗ rückten, in die Breſche hinein, die ſie mit dem ſchweren Geſchütz gemacht hatten. Die Türken ſchickten uns ihre „v — 121 Kugeln und Pfeile wie Schloßen entgegen. Brennen⸗ des Pech und Pulverſäcke warfen ſie auf uns herun⸗ ter und ſchütteten uns ſiedendes Waſſer und kochendes Oel auf die Köpfe. Wir aber kehrten uns nicht daran; mit dem Kriegsgeſchrei„Gott mit uns und Emanuel!“ ging's voran! Wie wir drüben waren— heißt das, die⸗ jenigen, die nicht inzwiſchen liegen geblieben und das Aufſtehen vergeſſen hatten— da ging der Tanz noch är⸗ ger an! Da ſtanden wir hart vor einem breiten, tie⸗ fen Graben voll Paliſſaden, ſo ſpitzig, daß man ſich aufs allerlieblichſte hätte ſpießen können, und mancher wollte ſchon anfangen, kleinmüthig zu werden, aber da ſprang der Kurfürſt in ſeinem blauen Rocke vor bis an den Rand! Ein Pfeil traf ihn unters Aug; er fragte nichts darnach! Eine Lanze fuhr ihm in die rechte Schulter; er merkte es nicht. Den Degen hoch in der Hand, ſchrie er uns zu:„Schaut auf mich, Brü⸗ der, und folgt mir nach!“ und ſprang zuerſt hinunter in den Graben. Wie die Türken das ſahen, da fingen ſie zu heulen an:„Allah, Allah! Der blaue König! Wir ſind verloren!“ Wir aber alle wie die leibhaften Teufel dem Kurfürſten nach, die Paliſſaden umgeriſſen, als wären es nur Zaunpflöcke! Die Mauern ausein⸗ ander gebrochen wie mürbe Brodwecken, und ehe zwei Stunden vorüber waren, da war's gethan, da wehte die weiß und blaue Fahne auf dem Caſtell! Sieben⸗ tauſend Türken waren todt, von den Unſerigen aber nur ſiebenhundert; hätte alſo jeder ſeine zehn Mann mitgenommen in die Ewigkeit. Der Kurfürſt hatte die Wette gewonnen; der Herzog von Mantua mußte die zehntauſend Kremnitzer blechen. Die aber hat der Kur⸗ fürſt unter uns Soldaten ausgetheilt; wir ſollten uns wieder zuſammenrichten und uns einen guten Tag machen! Ihr könnt' denken, ob wir uns das zweimal ſagen und ob wir ihn leben ließen. Und er ſoll leben, hoch und abermals hoch! Und es thut mir nur leid, daß ich meine Trompete nicht da habe, um einen Tuſch dazu zu blaſen.“ „Das kann man auch ſo machen“, rief lachend Spitzhuet, und die Bürger ſtießen unter lautem Zuruf die Krüge an einander, daß ſie raſſelten wie ein Feld⸗ keſſel und die im Zelte befindlichen Gäſte auf den Lärm aufmerkſam wurden. „Ja, ja“, ſagte nach einer Pauſe der Tuchma⸗ ninger mit bedenklichem Kopfſchütteln,„wunderbar ge⸗ nug hört ſich's an, wenn ſo was erzählt wird, wär' aber doch beſſer, es könnte immerwährend Frieden und Einigkeit ſein in der Welt. Was war das für ein Leben unter dem friedfertigen Kurfürſten Ferdinand Maria, dem Vater unſeres jungen Herrn, als wie im 8 „ —. 8 „ 123 Paradies! Zwanzig Jahre lang kein Krieg! Jetzt iſt man ja keinen Tag ſicher, ob die Kriegsfurie nicht wieder losbricht.“ „Das iſt nicht unmöglich“, ſagte der Harniſch⸗ macher;„man bekommt allerhand zu hören, und mir für meinen Theil wär's auch nicht zuwider, wenn's wieder losginge, denn mein Weizen blüht, wenn das Blech tüchtig geklopft wird und es wieder auszubeſ⸗ ſern gibt! Wohin ſollt' es wohl kommen, wenn's kei⸗ nen Krieg mehr gäbe und kein Menſch mehr einen Harniſch brauchte? Ich denke mir, der Krieg muß auch ſein; unſer Herrgott wird ſchon wiſſen, warum er ihn ſchickt. Es iſt damit wie mit Waſſersnoth oder Feuers⸗ brunſt, oder wenn die Peſtilenz ins Land kommt und der ſchwarze Tod!’“! „Was ſagen der Herr Doctor dazu?“ wendete ſich der Tuchmaninger gegen den Advocaten, der indeſſen ruhig zuhörend vor ſeinem Kruge geſeſſen.„Sollt' es wirklich an dem ſein, daß es wieder Krieg gibt? Und ſoll auch unſer Bayernland wieder hineingezogen werden?“ Der Doctor ſah einen Augenblick vor ſich hin; er ſchien ſich zu bedenken, ob es gerathen ſei, die fried⸗ lichen Gemüther der Bürger vor der Zeit und vielleicht doch vergeblich zu beunruhigen.„Je nun“, ſagte er nach einer Weile,„darauf ein Reſponſum zu geben, 124 iſt ſo ſchwer, als zwiſchen der Scylla und Charybdis mit heiler Haut durchzukommen! Ihr wißt und ge⸗ denket wohl, werthe Meiſter und Landsleute, daß in Frankreich Ludovicus der Vierzehnte regiert, ein eigen⸗ williger und gar gewaltiger Monarch, der nicht wie ein gottſeliger Landesherr und Landesvater bekennt, daß er um des Landes und Volkes willen von Gott geſetzt ſei, nein, der in ſeiner Verblendung wie ein anderer Nero nur ſich ſelbſt gelten läßt und das gott⸗ loſe Wort geſprochen haben ſoll: Das Land bin ich. Iſt auch ſein Regiment darnach qualificirt; denn er reſpectiret kein Pactum und kein gegebenes Wort und denkt nur auf ſeinen Vortheil. Zwei Dinge aber haben ihm zu Zeiten beſonders in die Augen geſtochen: das Dominium in den ſpaniſchen Niederlanden und das Deſiderium, ſich zu der franzöſiſchen Krone auch noch die des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation aufs Haupt zu ſetzen.“ „Iſt ihm aber nicht gelungen“, rief Pundion da⸗ zwiſchen,„und iſt ihm die Kaiſerkrone durch die Lap⸗ pen geſchlüpft! Ich war zwar damals nur ein halb⸗ gewachſener Bube, aber ich weiß es doch noch, wie ſie vor etwa dreißig Jahren, als Kaiſer Ferdinandus Todes verblichen geweſen, ſeinen Sohn, den jetzt re⸗ gierenden Leopold, zum Kaiſer gewählt haben und nicht 125 den Franzoſen, ſo viel ſchönes Gold und noch ſchönere Reden er auch dran gewendet!“ „Ihr habt ganz Recht“, ſagte mit beiſtimmendem Nicken der Hofgerichtsadvocat.„Dachte alſo König Ludovicus, was einmal fehlgeſchlagen, könne wohl ein anderes Mal glücken, und ging auf die Niederlande los. Hatte auch bald ein gut Stück davon in ſeiner Gewalt, dieweil Niemand war, der ihm zu wehren vermocht; wer es aber verſucht, über den fiel er her und ließ es ihn blutig fühlen, wie das arme Holland, welches ein Bündniß mit ihm ſimuliret, und der Her⸗ zog von Lothringen, der auch dabei im Bunde ge⸗ weſen. Und ſo kam es, daß zuletzt Alles, Holland und England, Schweden und Brandenburg, der Kaiſer und die Fürſten alle in einander verwirrt und gezettelt waren und in gar trauriger Confuſion. Damit es aber dem Kaiſer nicht etwa doch noch gelingen könne, die Fürſten und den Reichstag zu bewegen, daß ein⸗ mal alle zu einander ſtehen ſollten wie ein Mann, hat er die Ungarn incitiret, die mit des Kaiſers Regiment unzufrieden waren, das ihre alten Jura und Conſtitu⸗ tiones ſchädigen wollte, und hat zum Ueberfluß uns allen auch den Türkenfeind auf den Hals gehetzt.“ „All deſſen gedenk' auch ich noch ganz wohl“, ſagte der Tuchmaninger.„Man hat leider nur zu 126 viel gehört, wie die Franzoſen am Rhein ſo grimmig gehauſt, und wie ſie dann Straßburg und den Elſaß weggenommen haben, und in meinem einfältigen Ver⸗ ſtande hab' ich ich mich genug darüber verwundert, daß das Alles alſo ruhig hat geſchehen können und das Reich hat zugeſehen und die Hände in den Schooß gelegt.“ 1 „Das wird auch eine große Calamität ſein für alle Säcula!“ begann Doctor Lindner wieder.„Kam aber davon, weil der Türke mit einer Armee, ſo nicht zu zählen war, wie der Sand am Meer, ſchon gegen Wien angerückt kam und die ganze Chriſtenheit vor ihrem Erbfeind erzitterte. Wohl hat einmalein großer Imperator, Carolus der Fünfte, geſagt, wenn die Franzoſen vor Straßburg und die Türken vor Wien ſtänden, würde er Wien fahren laſſen und Straßburg retten. Kaiſer und Fürſten aber haben damals doch anders gedacht, und wie Er eben erzählt, Herr Trompeter, ſo iſt Wien zwar glorreich ſalvirt worden, Straßburg dagegen iſt bitterlich verloren gegangen. Der König aber, der durchaus ſeine Hand in den Affairen des deutſchen Reichs haben will, hat’s nun anders inten⸗ diret und hat ſich, weil er nicht durch das große Thor einreiten gekonnt, liſtigerweiſe nach einem Seiten⸗ pförtlein, einer Hinterthür umgeſehen. Iſt alſo dar⸗ 1 1 ——— — —— e“ ——— 127 auf bedacht geweſen, die Kurfürſten zu gewinnen oder wohl gar ſolche Männer zu Kurfürſten zu machen, die ihm und Frankreich mehr anhingen als dem Kaiſer und Reich. Da nun arriviret, daß vor wenig Monden der Kurfürſt und Erzbiſchof von Köln, unſeres gnä⸗ digſten Herrn Oheim, Todes verblichen iſt, wußte der König die Domherren, ſo die Election vorzunehmen haben, für ſich zu gewinnen, daß ihrer dreizehn keinen Andern wählten, als der ihm genehm war, und nur die übrigen neun haben für den Prinzen Clemens, unſeres gnädigſten Herrn jüngſten Bruder, geſtimmt!“ „Aber ſagt, wie wäre das möglich, Herr?“ rief Meiſter Spitzhuet, der die Zeit über ſchweigend zuge⸗ hört.„Ich habe den Prinzen geſehen, als er nach Rom in die Studia zog. Iſt noch ein gar jung Herr⸗ lein. Wie kann er ſchon Biſchof und gar Kurfürſt werden und iſt noch kaum ſiebenzehn Jahre alt?“ „Er ſoll trotz ſeiner Jugend ſchon ein frommer und gar gelahrter Herr ſein“, erwiderte der Tuch⸗ macher,„ſodaß ihm der Papſt darum von wegen des Alters die Dispens gegeben hat. Iſt er doch auch ſchon Biſchof von Regensburg! Da wird es wohl nicht ſo ſchwer halten, daß er noch eine zweite Biſchofsmütze aufzuſetzen bekommt.“ „Ja, bei großen Herren geht Alles leicht“, lachte 128 der Hoftrompeter.„Aber der geſtrenge Herr vergißt darüber ganz, wer denn von den mehreren Domherren gewählt worden iſt.“ „Der Erzprieſter oder Cardinal Fürſt Egon von Fürſtenberg“, antwortete Lindner. „Was“, rief Pundion entgegen,„einen von den drei Brüdern, den Egoniſten, von denen es heißt, daß ſie ſich an Frankreich verkauft haben mit Seel' und Leib und Haut und Haar, wie man ſich ſonſt dem böſen Feind verſchreibt? Doch nicht etwa gar derſelbe Fürſtenberg, der mitgeholfen hat, den Franzoſen die edle deutſche Stadt Straßburg in die Hände zu ſpielen? Der ſie bei Nacht und Nebel hereinließ, wie den Mar⸗ der in den Hühnerſtall?“ „Derſelbe— leider derſelbe!“ rtgeantts der Doc⸗ ter mit bedenklichem Ernſt. „Und der ſoll deutſcher Kurfürſt ſein?“ fuhr der Trompeter fort.„Nun, da müßte wohl einem Blinden ein Licht aufgehn. Das wär' freilich das Wahre, wenn's dem Franzoſenkönig gelänge, unter die ſieben Wähler ſo einen von ſeinen beſten Landsknechten und Champions hineinzubringen!“—— „Das war allerdings des Königs liſtige Inten⸗ tion“, ſagte der Doctor,„aber der Papſt zu Rom, dem es zuſteht, die Wahl zu confirmiren, hat ſie auf des 129 Kaiſers Geſuch, wie auch anderer Reichsfürſten drin⸗ gendes Anliegen verworfen und den bayeriſchen Prin⸗ zen als Biſchof beſtätigt, der alſo auch den Kurhut aufzuſetzen bekommt! Darüber ſoll König Ludovicus außer ſich ſein vor Grimm und ſoll Bayern anſinnen, daß es freiwillig auf die Wahl verzichte, und wenn das nicht geſchehe—“ „Nun, und wenn's nicht geſchehe?“ fragte Pundion. „Man kann errathen, was Ihr ſagen wollt. Wenn wir nicht gutwillig thun wollen, was er verlangt, dann will er's mit Gewalt durchſetzen.“ „Und deswegen ſind wohl auch die Franzoſen da“, rief der Loderer,„die ich vor ein paar Tagen zum Thalbruckerthor hab' hereinreiten ſehen; da iſt gar kein Zweifel mehr und wir können uns nur gefaßt machen, daß über Nacht die Campagne wieder losgeht!“ „Ach was Elend und Herzeleid!“ ſeufzte der fried⸗ liche Tuchmacher.„Aber wenn der König von Frankreich an all dem Unheil ſchuld iſt, gibt es denn gar kein Mittel, daß man dem allgemeinen Stö⸗ renfried das Handwerk legt und ihn zur Ruhe zwingt?“ „Wohl gibt es ein ſolches Mittel“, ſagte der Trompeter,„aber auch nur ein einziges und es iſt ein ſchwierig Ding! Dort in Frankreich iſt ein Mann it Schwid, Die Türken in München. I. 9 1 — — 130 einem einzigen Willen; bei uns ſind der Köpfe gar viele und— viele Köpf', viele Sinn'! Ich fürchte, wir werden noch viel Herzeleid ausſtehen und vielen Jammer ausbaden müſſen, bis uns die Noth einmal unter einen Hut getrieben hat!“ „Gott gebe das Eine und verhüte das Andere“, ſagte Wolfauer, die Bürger aber ſtimmten bei und brachten einander den Trunk zu, um ſich gegenſeitig Beſcheid zu thun. Auf dem Wege von der Stadt her kam indeſſen noch ein Gaſt heran und zwar ſo haſtigen Schritts, daß ihn offenbar nicht das Vergnügen des Luſtwan⸗ delns hierher führte, ſondern das dringende Verlangen, ein ſehnſüchtig erſtrebtes Ziel ſo bald als möglich zu erreichen. Es war ein ſchlanker junger Mann, in einer Tracht, die nach Schnitt und Art bürgerlich, doch durch beſondere Feinheit der Stoffe wie durch allerlei Schmuck und zierliche Arbeit ſich unterſchied. Den hübſchen, ausdrucksvollen Kopf umgab die reiche Lockenfülle eigenen braunen Haars, das ſich ungezwungen um Hals und Schultern legte. Die lebhaften dunklen Augen eilten, den Füßen weit voraus, ſchnurgerade dem Türkenzelte zu. „Ich weiß nicht, irre ich mich“, ſagte Meiſter Radl,„oder der da ſo daher gelaufen kommt, iſt der 131 Sohn von dem alten Millauer. Der thut ja, als wenn er uns gar nicht kennte?“ „Ich meine ſchier auch, er iſt es“, ſagte der Spitz⸗ huet, nachdem er, um die Lichtblendung abzuwehren, die Hand über die Augen gehalten.„Er iſt eben jün⸗ ger, aber er ſieht ſeiner Mutter gleich wie aus den Augen geſchnitten; wird halt hochmüthig geworden ſein, ſeitdem ſein Vater den Bäckerſchurz abgelegt hat und Stadtrath geworden iſt.“ „Dazu hätt' er eben nit Urſach'“, ſagte der er⸗ ſtere wieder.„Wie der Alte noch Bäcker war und ſeinen Laden neben mir auf der Hochbruck g'habt hat, da iſt der Bub' alleweil zu mir in meine Backſtube gekommen und hat mir Schererei genug gemacht. Es thät' ihm keine Perl' aus der Krone fallen, wenn er mich grüßen thät', wo er mir begegnet.“ „Vielleicht hat er uns noch nicht bemerkt“, ſagte Wolfauer.„Ich kenn' ihn auch von früher her; er iſt immer ein geſetzt und fleißig Bürſchlein geweſen, an dem von Hochmuth nichts zu verſpüren war.“ „Kann ihm auch jetzt erſt in den Kopf geſtiegen ſein“, ſagte Meiſter Kleeberger.„Es heißt ja, der Alte wolle gar hoch hinaus mit dem Buben; er iſt bei den Jeſuiten in der Schule geweſen und hat ſtu⸗ dirt, wenigſtens bis an den Hals, hat auch ſchon einen 132 Platz in der kurfürſtlichen Kammerkanzlei. Aber wir wollen gleich ſehen, ob er uns wirklich nicht bemerkt hat, oder ob er uns nicht ſehen will.“ Indeſſen war Benno vollſtändig herangekommen; mit Fuß und Blick unverwandt dem Zelte zugekehrt, vernahm oder beachtete er es nicht, als der Harniſch⸗ macher mit einer Stimme, welche gewohnt war, den Hammerſchlag auf dem Ambos zu übertönen, ihm einen glückſeligen guten Abend zurief, und verfolgte unaufhaltſam ſeinen Weg. Jetzt trat er in das Zelt; durch Zufall rollte das Tuch nicht vollſtändig wieder zuſammen, ſodaß es möglich war, von, außen einen Theil des Innern zu überblicken und wohl auch etwas beſſer zu verſtehen, was dort geſprochen wurde. Betroffen und faſt beſchämt ſah ihm der wackere Meiſter nach und hielt eine Weile den Krug in der Hand, unſchlüſſig, ob er denſelben an den Mund füh⸗ ren oder wieder niederſetzen ſolle.„Eingebildeter Narr!“ brummte er dann vor ſich hin, indem er ſich für das Erſtere entſchied und mit einem tüchtigen Zuge ſeinen Aerger hinunterſchwemmte. Auch die andern Bürger waren verſtummt und verſtimmt und es kam vollkommen zur rechten Zeit, daß aus dem Zelte wiederholtes Lachen und „ ——. 133 Gläſerklingen ertönte und die Aufmerkſamkeit ab⸗ lenkte. Während nämlich Alles dies vor dem Zelte vor⸗ gegangen war, hatte innerhalb deſſelben ſchon geraume Zeit ein fröhlich Kränzlein junger Leute beiſammenge⸗ ſeſſen, deren zierliche, mit Treſſen und Stickkreien koſt⸗ bar geſchmückte Anzüge ebenſo auf Reichthum und Vor⸗ nehmheit ſchließen ließen als die zuverſichtliche und beinahe übermüthige Art ihres Benehmens und Weſens. Zur Beſtätigung dieſer Vermuthung hatten in geringer Entfernung auf einer zwiſchen den Bäumen hervor⸗ leuchtenden Waldblöße ſich die Reitknechte ins Moos gelagert, die edlen Roſſe hütend, welche die jungen Cavaliere in das Türkenzelt getragen und ſich nun an dem ſaftigen Waldgras weidend erlabten. Die jungen verwöhnten Herren hatten es nicht darauf ankommen laſſen, womit der arme Türkenge⸗ fangene in der Waldſchenke ſie vielleicht zu bewirthen vermöchte; die auf dem Tiſch blinkenden Gläſer und Becher, die vielen Flaſchen und die Reſte von feinen kalten Speiſen in blanken Korbſchüſſeln zeigten, daß ſie ſich mit einem Imbiß vorgeſehen, wie er zur Jagd oder bei einem andern Ausflug gewöhnlich war. Schon war eine ziemliche Anzahl von Flaſchen leer beiſeite geſtellt, Augen und Wangen der fröhlichen Geſellen 134 leuchteten und brannten, und das Geſpräch rollte leb⸗ haft dahin, denn das fünfblätterige Kränzlein war gar verſchiedentlich und bunt zuſammengeſetzt. Neben dem eleganten Saint⸗Maurice lehnte ſich der Marcheſe Ri⸗ vierg, der feurige Sprößling aus einem der edelſten Geſchlechter Venedigs, bequem in den Stuhl zurück. Der etwas ungeſchlachte Staroſtenſohn Wladimir Wer⸗ ſowetz, der mit Sobiesky vor Wien gekommen und jetzt unter Max Emanuel's Gefolge aufgenommen werden wollte, lag breit mit den Armen auf dem Tiſche; dar⸗ an reihte ſich der gewandte Herr von Puyſegur, ein Landsmann des Chevaliers, der ein gefürchteter Rauf⸗ degen und zugleich' ein Stutzer war; ihm zur Seite ſchloß den Reigen der deutſche Freiherr Otto von Hauns⸗ berg, ein hübſcher Junge mit gutmüthigen Mienen, aber etwas phlegmatiſch und beleibt. Auch ſeine Zunge war minder geübt, zumal in der damals über⸗ all gebräuchlichen Sprache Frankreichs; die Unterhal⸗ tung mußte daher deutſch geführt werden, trotz des vielen Fremdartigen und Sonderbaren, das ſich darein miſchte. Außer den jungen Herren wurde nur der ſchwarz⸗ bärtige türkiſche Schenke von Zeit zu Zeit ſichtbar, der aber wie taub um die Anweſenden ſich nicht kümmerte und mit ſeinen Krügen und Schalen vollauf beſchäftigt Lnn —,— —,j ſchien. In der andern Ecke ſaß der vielumworbene Gegenſtand all dieſer Beſuche, die ſchöne Türkin Zu⸗ leima, in die reizvolle Tracht ihrer Heimat gekleidet, die, wenn auch durch Zeit und Abnutzung beſchädigt, dennoch die einſtige Pracht und Schönheit noch voll⸗ kommen erkennen ließ. Ein reich mit Silber geſtickter Leibrock von hochrother Seide, an der Bruſt zu einem Kragen umgeſchlagen und weit bis unter die Kniee reichend, ward um die Mitte von einem blanken Me⸗ tallgürtel umfaßt, deſſen enger Anſchluß die ungewöhn⸗ lich zarte und ſchlanke Geſtalt des Mädchens trotz des darüber geworfenen weiten Oberkleides aus braunem, von Schwanenpelz umſäumtem Sammt zierlich her⸗ vortreten ließ; aus den weiten, mit Haften aufgezogenen Aermeln ſahen, nur von leichter Florhülle bedeckt, ſchön gerundete, roſig überhauchte Arme hervor; reichfaltige weiße Beinkleider, welche die Knöchel anmuthig um⸗ ſchloſſen, ließen Schuhe von feinem gelbem Leder und einen Fuß erblicken, der weder geboren noch gewohnt ſchien, den rauhen Pfad der Gefangenſchaft und der Dienſtbarkeit zu wandeln. Das Haar der Türkin, von tief glänzender reifer Bräune, quoll unter dem rothen Feß üppig auf Schultern und Nacken herab und war ſammt dieſen von einem feinen, bauſchigen Schleier eingehüllt, wie von einem leichten Duftgewölke, das 136 am aufgehenden Monde vorüberzieht. Die Türkin ſaß auf einem niedrigen, mit einem bunten Tuche verdeckten Gerüſte, welches die Stelle des gewohnten Divans vertrat; das Geſicht gegen die Zeltwand abgewendet, war ſie emſig beſchäftigt, aus allerlei buntfarbigen Fäden und angereihten Perlſchnüren ein künſtliches Netzgeflecht zu ſtricken. Hinter ihr auf einem Tiſchchen lag eine türkiſche Laute, klein und rund, mit langge⸗ ſtrecktem, ſchmalem Halſe und zerriſſenen Saiten, die wirr über den Steg herunterhingen. Ganz in Gedanken verſunken, beachtete die Schöne nicht, was um ſie her vorging, oder gab ſich doch den Anſchein; nur manch⸗ mal flog ein unbemerkter Blick zu den Gäſten hinüber und verrieth, daß die j ſchweigſame Türkin wohl mehr von ihrem Geſpräche verſtand, als ſie errathen zu laſ⸗ ſen für gut fand. „San⸗Marco!“ rief Riviera,„das fängt an lang⸗ weilig zu werden. Habt Ihr mich deshalb in das Waldneſt geführt, blos um Flaſchen den Hals zu bre⸗ chen und uns die Heidin wie ein Heiligenbild von fern zu betrachten? Mich will bedünken, die Türkendirne hat uns alle zum Beſten mit ihrer verſtellten Sprö⸗ digkeit.“ „Das ſoll ſie nicht!“ rief der Pole, dem der ge⸗ noſſene Wein ſchon am ſtärkſten in den Schläfen pulſte. —— — —— 137. „Wenn ſie nicht mit uns koſen will, ſoll ſie uns doch unterhalten! Vilhal(hierher), Zuleima!“ fuhr er fort, indem er die wenigen türkiſchen Worte, die er aufge⸗ fangen, benutzte.„Buraja! Schnell, ſchöne Heidin! Komm hierher! Nimm' Deine Laute und ſing' uns ein Lied und tanze dazu! Ihr ſollt ja Beides ſo gut ver⸗ ſtehen; habe viel Rühmens gehört von den Odalisken und Houris, oder wie die Dirnen heißen. Bilde Dir einmal ein, Du ſeieſt in Deinem Harem, ich aber ſei der Großherr und Dein Gebieter!“ Bei Nennung ihres Namens hatte die Türkin ſich leicht umgewendet; aus Werſowetz' Geberden entnahm ſie, was er wollte, und deutete mit kurzer Handbewe⸗ gung auf das Inſtrument und ſeine zerriſſenen Saiten. „Sie will ſagen“, rief Saint⸗Maurice,„daß ſie nicht ſpielen kann. Du biſt ſelbſt ſchuld daran, Wer⸗ ſowetz; warum haſt Du neulich die Laute ſo unſanft zu Boden geworfen, daß der Plunder in Stücke ging!“ „So ſoll ſie ſingen!“ rief dieſer und ſprang von ſeinem Sitze auf, um ſich Zuleima zu nähern. Das Mädchen winkte ihm mit haſtiger Geberde, auf ſeinem Platze zu bleiben, und ſtützte dann den Kopf in die Hand, um anzudeuten, daß ſie zu traurig ſei, um zu ſingen. „Du kannſt nicht ſingen, weil Du traurig biſt?“ 138 lachte Werſowetz.„Da läßt ſich helfen; Du ſollſt ſchon luſtig werden, Schatz, luſtig, wie Du nie gewe⸗ ſen! Hier iſt ein Mittel, das alle Grillen und alle Traurigkeit vertreibt, Wein, auf den Höhen von Eper⸗ nay gewachſen. Stürze dieſes Glas aus, und die Traurigkeit wird verſchwunden ſein!“ Er ging ſchwan⸗ kend auf Zuleima zu, ein volles Kelchglas in der Hand, das er ihr ſchon von weitem entgegenſteckte; die Tür⸗ kin war, als ſie ſeine Abſicht gewahrte, haſtig aufge⸗ ſprungen und wies ihn abgewandten Geſichts mit einer Geberde von ſich, in der ſich nicht mehr blos die unmuthige Trauer, ſondern offenbarer Abſcheu kundgab. 3 „Hahaha!“ rief Werſowetz mit wüſtem Lachen. „Ich verſtehe Dich. Du fürchteſt den Wein, weil Dein Prophet ihn Dir verboten hat. Fürchte ihn nicht! Trink' ſag' ich Dir, und überzeuge Dich, daß Dein großer Prophet eine Lüge geſagt hat!“ Er wollte ihr näher kommen; aber das Mädchen war mit raſcher Wendung beiſeite getreten und führte einen gewandten Stoß nach ſeiner Hand, daß das Kelchglas in Trümmer auf dem Boden zerſplitterte und der duftige Inhalt die rauhe Erde benetzte. „Schlägſt Du nach mir, Heidenhexe?“ rief Wer⸗ ſowetz wild.„Du unterſtehſt Dich, ſo koſtbaren Wein ——— 139 zu verſchütten? Dafür ſollſt Du büßen und erfahren, was es heißt, auch nur ein Tröpflein ſolch edlen Tranks zu vergießen! Her zu mir und fort mit dem thörichten Schleier von Deinem Geſicht! Was fällt Dir ein, das Tuch da vorzuhängen, nachdem Du es doch zu Anfang nicht getragen? Willſt uns wohl noch be⸗ gieriger machen nach Deinen dunklen Schmachtaugen? Herunter mit dem Schleier!“. Schon ſtreckte er die Hand nach dem Gewebe und war im Begriff, daſſelbe zu faſſen, als Zuleima plötz⸗ lich hart vor ihn trat, raſch den Schleier zurückſchlug und ihr ganzes Angeſicht zeigte. Die zarten Wangen loderten vor Unmuth, die Stirn flammte in der Glut der Scham, Funken des edelſten Unwillens blitzten aus den Augen, von den Lippen aber floſſen raſche Worte, die ſich weich anhörten wie ſchöner, einſchmei⸗ chelnder Geſang und doch aus jedem Laut den Zorn hertönen ließen. Obwohl völlig unverſtändlich, mach⸗ ten ſie doch verbunden mit Geberde und Blick ſelbſt auf den ungeſtümen Polen einen ſo mächtigen Eindruck, daß er beſtürzt ein paar Schritte zurückwich und bei⸗ nahe ernüchtert ſeinem Stuhle zuwankte. Lachend em⸗ pfingen ihn die Gefährten; Haunsberg hob ihm ein neues gefülltes Glas entgegen.„Da trink“, ſagte er, „und erprobe Deinen Rath an Dir ſelber! Trink und FA 140 laß die Dirne! Was kann für Freude ſein an ge⸗ zwungenem Geſang!“ „Ich begreife überhaupt nicht, was Ihr an der Türkin ſo Beſonderes findet!“ rief Riviera.„Das ſoll ein ſchönes Weib ſein? Dann kommt einmal nach Venedig mit mir zu Gaſte, ich will Euch meine Lands⸗ männinnen zeigen, von denen die geringſte eine Venus iſt gegen dieſe ſpröde Dirne; und Ihr ſollt mir ge⸗ ſtehen, daß Ihr bis dahin noch gar nicht gewußt habt, was Schönheit iſt! Laßt uns lieber andere Kurzweil ſuchen! Wir wollen zur Stadt zurückkehren und einen Wettritt machen! Laßt unſere Roſſe vorführen!“ „Meinetwegen“, ſagte Haunsberg,„nur müßt Ihr mich beim Wettreiten freigeben, denn mein linkes Bein iſt vom letzten Sturz her noch nicht ail⸗ ich kann faſt nur im Schritt reiten.“ „ Nichts da!“ lachte Saint⸗Maurice, indem er dem Dicken auf die Schulter klopfte.„Wir kennen Dich, Duckmäuſer; Du möchteſt wohl, daß wir vorausritten, damit Du allein zurückbleiben und Hahn im Korbe ſein könnteſt? Aber wollt Ihr andere Kurzweil, ſo laßt Becher und Würfel bringen und uns ein Spiel machen!“ „Damit bin ich auch einverſtanden. Her mit dem Lederbecher!“ rief Puyſegur.„Wir wollen um die ——— 141 Dirne würfeln: wer die meiſten Augen wirft, dem ſoll ſie gehören, und die Andern geloben mit ihrem Ehren⸗ wort, ihm nicht mehr ins Gehege zu gehen.“ „Nichts da!“ rief Werſowetz, der die erlittene Nie⸗ derlage nicht vergeſſen zu können ſchien.„Du verläßt Dich wohl auf Dein altes Glück im Würfeln? Glaubt Ihr, daß ich, um eine Dirne zu gewinnen, anderer Au⸗ gen bedarf als meiner eigenen? Glaubt Ihr, daß ich einen von Euch als Nebenbuhler ürchte? Pfui! Auf der Stelle will ich Euch das Gegentheil beweiſen!“ Er wollte ſich erheben, aber Haunsberg hielt ihn zurück, indem er gegen den Zelteingang deutete.„Ruhig!“ ſagte er.„Wir ſind nicht mehr allein; dort kommt neue Geſellſchaft.“ Es war eben in dem Augenblick, als Benno ſich dem Zelte näherte. „Wer kommt denn?“ fragte Werſowetz, den Vor⸗ hang zurückſchlagend.„Iſt das nicht der Bürgerburſche, an dem Saint⸗Maurice ſeit einiger Zeit ſo großes Gefallen fand? Er iſt es wirklich! Wagt ſich der Bäcker⸗ junge ſchon wieder in unſere Geſellſchaft?“ „Reſpekt vor dem Bäckerjungen!“ lachte Saint⸗ Maurice.„Er iſt bereits in der geheimen Hofkanzlei, alſo ſchon ein wichtiger Mann, und kann als Kanzler oder gar als Rathspräſident noch viel wichtiger wer⸗ 142 den. Da thut's noth, ſich in Zeiten bei ihm einzu⸗ ſchmeicheln!“ „Biſt Du von Sinnen“, ſagte Puyſegur, indem er ihn verwundert anſah,„oder treibſt Du Deinen Spott mit uns?“ „Keins von beiden; aber was verſchlägt's Euch, wenn mir der junge Geſelle gefällt? Er ſieht gut aus, hat etwas gelernt und weiß ſich zu benehmen wie unſereiner.“ „Das iſt es eben, was ich ihm nicht vergeben kann“, rief Werſowetz wüſt.„Er drängt ſich an uns und äfft uns nach— für dieſe Keckheit gebührt ihm eine tüchtige Lection.“ „Und woher weißt Du“, fragte Saint⸗Maurice, den Polen fixirend,„daß ihm dieſe Lection für den rechten Augenblick nicht ſchon bereitet iſt? Aber genug, Ihr wißt es jetzt, er iſt mein Protegé, alſo vertragt ihn um meinetwillen! Neckt ihn meinetwegen, ſoviel Ihr wollt, oder nicht, Ihr werdet ſehen, wieviel er ertragen will!“ „Das wollen wir auch!“ riefen die Cavaliere. „Daran ſoll's nicht fehlen!“ „Aber noch einmal, treibt es nicht zu weit!“ ſchloß Maurice.„Ich wiederhole es, er iſt in meinem Schutz, und wenn ich das ſage, könnt Ihr 143 wohl denken, daß ich dafür meine guten Gründe habe!“ Inzwiſchen hatte Benno den Zelteingang erreicht. Aller Augen waren auf ihn gerichtet; Niemand ge⸗ wahrte daher, daß Zuleima ſchon bei der erſten Nen⸗ nung ſeines Namens mit raſcher Bewegung ſich halb von ihrem Sitze erhoben und dem Kommenden ent⸗ gegengeblickt hatte; als er eintrat, ſaß ſie bereits wie— der an ihrem frühern Platze, ruhig und emſig ar⸗ beitend, wie zuvor. Das Urtheil des Chevaliers über Benno's Er⸗ ſcheinung war nicht unbegründet; er war wirklich ein wohlgeſtalteter Jüngling, auf deſſen Wangen das volle Feuer der Geſundheit brannte, aus deſſen Augen die ungebrochene Kraft der Jugend leuchtete, ſehr im vor⸗ theilhaften Gegenſatze zu der mehr oder minder ver⸗ lebten Farbe und welken Abſpannung, die ſich in den Zügen der lebensluſtigen Edelleute ausprägte. Die jungen Herren begrüßten ihn wie den Bekannten eines werthen Freundes, als hätten ſie auf ſein Erſcheinen ſchon lange und mit Sehnſucht gewartet; ſie brachten ihm ein volles Kelchglas entgegen, fröhlich klangen die Gläſer in die Worte der Begrüßung und in die Scherz⸗ reden, welche bald den Tiſch umflatterten, wie neckende Kobolde, die aus den Schaumperlen des Getränks 144 auftauchend Sinn und Sinne der Trinker zu erheitern und dann zu verwirren begannen. Benno hatte beim Eintritt flüchtig in die Zeltecke gegrüßt, in welcher Zuleima ſaß; ſie dankte nur mit einer leichten Neigung des Kopfes und erhob ſich nach einiger Zeit, um das Zelt zu verlaſſen. Bei dieſer Bewegung trat die Anmuth ihres Weſens und ihrer Geſtalt erſt vollends gewinnend hervor; ihr Gang war ungewöhnlich leicht, daß er ſich faſt wie Schweben anſah; auch der Zeltvorhang rauſchte kaum bei ihrer Berührung, es war, als ob er ſich von ſelbſt theilte. und eine nicht körperhafte Geſtalt ſich in ſeinen Falten verliere. Die Cavaliere beachteten die Entfernung des Mädchens nicht; ſie waren zu eifrig daran, Benno mit Witzworten zu necken und zu ſchrauben. Deſto beſſer hatte Benno Zuleima's Fortgehen bemerkt; er fühlte ſich befangen und verwirrt und beachtete darüber die erſte Ladung von Geſchoſſen und Pfeilen nicht, zu deren Ziel der Uebermuth ihn erkoren hatte. „San⸗Marco!“ rief jetzt Riviera,„Ihr übertrefft uns alle an Geſchmack, und es wird noch dahin kommen, daß wir Euch alle zum Muſter nehmen müſſen! Dieſer dunkelblaue Rock mit der rothen Seidenſtickerei, dazu die rehfarbene Schooßweſte mit dem gleichen Deſſin— ſagt einmal, Junker—“ 145 „Verzeiht, Signor“, erwiderte Benno,„daß ich Euch gleich zu Anfang in die Rede falle, und erlaubt mir, eine Bitte auszuſprechen!“ „Redet nur!“ ſagte Riviera mit übertriebener Bereitwilligkeit.„Redet keck, ich ſage Euch im voraus die Gewährung zu.“ „Ihr ſeid ſehr gütig“, entgegnete Benno,„aber was ich verlange, wird Euch nicht ſchwer fallen, zu gewähren; es iſt nichts weiter als: wenn Ihr mir die Ehre anthut, mit mir zu ſprechen, dann laßt mir den Junker beiſeite!“ Riviera ſchien das nicht erwartet zu haben und ſah ihn einen Augenblick verdutzt an.„Wie ſoll ich Euch denn ſonſt nennen?“ rief er.„Ich kann doch nicht ſagen: Meiſter oder—“ „Mein Name, Signor, wie Cuch wohl bekannt, iſt Millauer, Benno Millauer ſchlechtweg, Kanzliſt in Dienſten Seiner Durchlaucht! Ich bin ein Bürger und der Sohn eines Bürgers; ich will keine Bezeichnung, die nur dem Adel gehört.“ „Ihr ſeid ja außerordentlich beſcheiden, Herr Benno Millauer!“ fiel Werſowetz ein.„Und doch will mich's⸗ bedünken, als ſtecke hinter der Beſcheidenheit nichts als Stolz und Hochmuth! Es iſt, als thätet Ihr Euch etwas darauf zu gute, nicht Junker genannt zu werden!“ Schmid, Die Türken in München. I. 10 146 „Und wenn es ſo wäre?“ entgegnete Benno, in⸗ dem er den Polen feſt anblickte.„Würdet Ihr darin ein Unrecht finden? In Ihrem Vaterlande, Herr Sta⸗ roſt, mag das vielleicht anders ſein; bei uns zu Lande iſt ein tüchtiger Bürger ſehr viel werth und hat alle Urſache, ſtolz zu ſein.“ „Stolz?“ lachte der Pole höhniſch.„Worauf wohl?“.. Ueber Benno's Geſicht ſchlug eine leichte Röthe und belebte den Ausdruck ſeiner Züge.„Worauf?“ ſagte er dann.„Eine eigenthümliche Frage und nach dem, was ich ſo eben geſagt, beinahe eine ſonderbare Frage. Sagt mir erſt, worauf Ihr als ein Herr vom Adel ſtolz ſeid? Ihr ſeid es auf Eure Ahnen, auf die Reihe der Männer aus Eurem Geſchlechte, die vor Euch in Krieg oder Frieden Gutes geſchaffen und Tüchtiges geleiſtet haben. Nun denn, auch der Bürger müht ſich ſein ganzes Leben lang, Gutes zu wirken und Tüchtiges zu ſchaffen, und der Unterſchied zwiſchen beiden iſt nur der, daß Eure Genoſſen ſich auf das Verdienſt Anderer ſtützen, der Bürger aber auf ſich ſelber ſtehen muß, auf ſeiner eigenen Kraft, ſeinem Können und ſeiner Arbeit! Die Arbeit, Herr Staroſt, iſt unſer Stolz!“ „Oho“, rief Puyſegur lachend,„das klingt ja 147 beinahe, als wolltet Ihr uns Edelleute alle zu Müßig⸗ gängern machen! Aber ich will mich nicht daran kehren und will Euch nur ſagen, daß Ihr eins bei Eurer Vergleichung doch vergeſſen habt. Eure Arbeit, Ihr Bürger, iſt nur für den Frieden, ſie iſt ein täg⸗ liches gemeines Handwerk; unſer Geſchäft iſt edel und heißt der Krieg.“ „Ich trete Niemand zu nahg“, ſagte Benno feſt „aber ſo Ihr nachfragen wollt, mögt Ihr wohl er⸗ fahren, daß auch wir Bürger mit Flamberg, Armbruſt und Büchſe ganz handlich umzugehen wiſſen, doch für uns iſt der Krieg nur zur Vertheidigung, verſteht Ihr mich? Nur zur Abwehr gegen übermüthige An⸗ griffe; ein Handwerk iſt er uns nicht; das überlaſſen wir den Landsknechten, die heute dem, morgen je⸗ nem dienen!“ „Das wird ja immer beſſer“, ſchrie Werſowetz, indem er die Fäuſte auf den Tiſch ſtemmte.„Ihr ſcheint es ordentlich darauf anzulegen, mit uns anzu⸗ binden.“ „Das kommt mir nicht in den Sinn“, erwiderte Benno;„wollt Euch erinnern, Herr Staroſt, daß Ihr mich zuerſt angegriffen; wie man in den Wald ruft, ſo hallt es zurück.“ Saint⸗Maurice hatte die Gläſer vollgeſchenkt und 148 ſchob ſie den Streitenden hin.„Friede!“ rief er be⸗ gütigend.„Laßt uns von andern Dingen reden! Er⸗ hitzt Euch nicht!“ „Wer denkt daran?“ ſagte Puyſegur, nachdem er bedächtig aus ſeinem Kelche geſchlürft.„Aber was dieſer junge Mann ſagt, iſt jedenfalls neu für mich. In Frankreich würde der Bürger mit ſolcher Lehre kein Glück machen und gehörig zurecht gewieſen werden, doch ländlich, ſittlich! Nur kann ich meine Verwunde⸗ rung nicht verbergen, weshalb der Kanzliſt, Herr Benno Millauer— ſo iſt doch der rechte Titel, nicht wahr?— warum er, der doch innerlich ſo ſtolz iſt auf ſein Bür⸗ gerthum, das nicht auch äußerlich zeigt? Hier, drau⸗ ßen vor dem Zelte, ſitzen verſchiedene Männer, die ſcheinen mir Eure Genoſſen zu ſein, Herr, Eure Tracht aber iſt die eines Hofherrn oder eines Edelmanns; Ihr wollt eben doch mehr ſcheinen, als Ihr ſeid.“ „Nein, nein, damit thut Ihr ihm Unrecht“, rief lachend Riviera dazwiſchen.„Es hat einen ganz an⸗ dern Grund, daß er ſich ſo beſonders ausſtaffiret: er will eben gefallen, und wem er gefallen will, das iſt anch kein unlösbares Räthſel, denk ich.“ Die Cavaliere nickten ſich lachend zu und ſtießen mit den Gläſern an; Benno zuckte die Achſel, aber er fühlte, wie es ihm heiß in die Wangen ſtieg. 149 „Nun denn, wenn es ſo iſt, Herr Benno Millauer“, fuhr. Puyſegur fort,„dann habt Ihr auch nicht den rechten Weg gewählt, um zu gefallen, und wenn es Euch beliebt, will ich Euch Unterweiſung in der Kunſt geben, wie man bei Weibern ſein Glück macht! Ich will Euch franzöſiſchen Schliff und Sitte lehren.“ „Nehmt meinen Dank“, entgegnete Benno lächelnd. „Ich will mir Euren Antrag überlegen und davon Gebrauch machen, wenn ich einmal eine Krücke nöthig haben ſollte, bis dahin, Seigneur, will ich mein Glück auf meine eigene Art verſuchen.“ „Ihr ſcheint überhaupt gern den eigenen Weg zu gehen, Herr!“ rief Puyſegur etwas gereizt entgegen. „Doch wenn Ihr ein ſolcher Feind franzöſiſcher Sitte ſeid, warum ſucht Ihr dann unſere Geſellſchaft?“ Benno war aufgeſtanden, obwohl Saint⸗Maurice ihn zu halten verſuchte.„Auch darüber will ich Euch Rechenſchaft geben, mein Herr! Ich kann mich nicht entſinnen, jemals Eure Geſellſchaft geſucht zu haben. Der Chevalier Saint⸗Maurice, der von Jugend auf in München geweſen, hat oft als Knabe mit mir geſpielt; in dieſem Alter nimmt man's mit dem Unterſchied des Standes nicht ſo genau. Er iſt mir freundlich ge⸗ blieben, auch als wir heranwuchſen, und wie er jetzt von Paris zurückkehrte, hat er ſich der alten Freund⸗ 150 ſchaft erinnert und iſt ſo die Veranlaſſung geworden, daß ich öfters in Geſellſchaft ſeiner Standesgenoſſen kam. Geſucht habe ich dieſe nicht, aber auch nicht vermieden, wär' es auch nur, weil ich Gelegenheit habe, Manches kennen zu lernen, wovor man ſich in Leben und Geſchäft zu hüten hat.“ Er verbeugte ſich leicht gegen die Geſellſchaft und verließ das Zelt. „Unverſchämter Burſche!“ rief ihm Werſowetz nach.„Ich glaube, er will uns hofmeiſtern! Wenn ich ihn recht verſtanden habe, hat er die Keckheit, uns geradezu ins Geſicht zu ſagen, daß wir ihm nur ge⸗ rade gut genug ſind, um ihm zu einer Art Popanz zu dienen? Laß mich los, Saint⸗Maurice! Ich will ihm nach und renne ihm den Degen in den Leib!“ „Laß ihn doch!“ ſagte Saint⸗Maurice.„Ich hab' es Euch vorausgeſagt, daß der junge Mann nichts einſtecken wird. Ihr habt meine Bitte nicht beachtet, nun ſchreibt es Euch ſelber zu, wenn er Euch unan⸗ genehme Dinge geſagt hat!“ „Wahrhaftig, Saint⸗Maurice hat Recht“, rief Puyſegur;„es iſt nicht der Mühe werth, daß wir uns wegen des Bäckerjungen ereifern! Mag er bei ſeiner Einbildung und bei ſeinem Schein bleiben; wir haben doch die Sache. Er iſt genau ſo wie alle Deutſchen, die ich kennen gelernt habe; ſie ſtecken voll der ſchön⸗ ——,— —,—— ———,. 154 ſten Worte, aber wenn es zu handeln gilt, beſinnen ſie ſich ſo lange, daß ſie immer zu ſpät kommen und wir Andern ſchon lange vorher zugegriffen haben. Es iſt nichts mit den Deutſchen, ſag' ich. Kommt, ſtoßt an! Laſſen wir Frankreich leben, das Land der Liebe und des Ruhms, das Land der Zukunft und des Siegs! Ein Hoch Frankreich und ſeinem großen König Ludwig!“ Er hatte das Glas hoch erhoben; die der Cava⸗ liere klangen dagegen, und ihre Stimmen miſchten ſich laut in ſeinen Ruf. „Ihr habt keine gute Meinung von uns Deut⸗ ſchen“, ſagte der Freiherr von Haunsberg,„und ſcheint vergeſſen zu haben, daß hier noch einer am Tiſche ſitzt.“ „Wie, dicker Freund“, rief Riviera lachend,„Du wirſt doch nicht deswegen Händel mit uns anfangen wollen?“ „Das nicht“, entgegnete dieſer ernſthaft,„aber Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, daß die Art, wie Ihr mit dem jungen Mann geredet, nach meinem Sinne war; indeſſen als Edelleute werdet Ihr wiſſen, was Ihr mir entgegen ſchuldig ſeid. Ihr habt Curem König und Volke ein Hoch gebracht, ſo thut auch mir Be⸗ ſcheid! Vivat Leopoldus! Ein Hoch Max Emanuel, dem Türkenbeſieger!“ Die Kelchgläſer von Saint⸗Maurice, Puyſegur und Riviera neigten ſich gefällig dem des Freiherrn entgegen; ſie ſtimmten ein in ſeinen Ruf, wenn auch nicht mit demſelben Eifer wie zuvor; Werſowetz aber, deſſen Sinne von Trunk und Groll völlig umnachtet waren, ſprang entrüſtet auf.„In die Hölle damit!“ rief er und ſchmetterte das gefüllte Glas zu Boden. „Ich trinke nicht auf dieſen Kaiſer, dem wir Polen vor Wien die wankende Krone wieder feſtmachen muß⸗ ten und der dafür meinen edlen König Sobiesky kaum eines Grußes werth gehalten! Sie ſind von jeher un⸗ ſere Feinde geweſen, dieſe Deutſchen, und werden es ſein, und nur in Frankreich iſt für uns Heil! Ich will nicht aus einem Glaſe auf Deutſchland trinken, mit dem ich auf Frankreich angeſtoßen habe!“ Die Cavaliere waren aufgeſprungen und bemüh⸗ ten ſich, den Lärmenden zur Ruhe zu bringen; er hatte ſo laut geſprochen, daß jedes Wort durch die offene Zeltwand zu den draußen Sitzenden gedrungen war, deren Aufmerkſamkeit ſchon vorher rege geworden durch das Lachen und Gläſerklingen. „Wie war das?“ rief der Harniſchmacher.„Haben die da drinnen vorhin nicht erſt den franzöſiſchen Kö⸗ nig leben laſſen?“. „Ja“, ſagte Pundion, der ebenfalls aufgeſprungen 153 war,„und jetzt, da einer die Geſundheit des Kaiſers und des Kurfürſten ausgebracht, jetzt zerſchlagen ſie die Gläſer? Da ſoll doch—“ Der Doctor, der einen böſen Auftritt vorherſah, ſuchte die Männer zurückzuhalten, aber der Harniſch⸗ macher und der ehemalige Panzerreiter, dem Manne der Feder an Kraft weit überlegen, hatten ihn im Au⸗ genblick beiſeite geſchoben und ſtanden ſchon im näch⸗ ſten mitten im Zelte, hart vor den überraſchten Adligen. Der Kornkäufler war mit ein paar Sätzen hinter ih⸗ nen her und ſtreifte die Aermel ſeines Kittels empor, als wolle er ſich bereit machen, eine tüchtige Laſt auf⸗ zuheben. „Wer iſt es“, rief Meiſter Kleeberger,„der ſich erfrecht, das Glas zu zerſchlagen, wenn es die Geſund⸗ heit des Kaiſers und des Kurfürſten gilt?“ „Nennt den Namen!“ ſchrie der Hoftrompeter. „Wenn die Herren den Muth haben, hinter dem Zelte ſo was zu thun, ſo werden ſie ſich wohl auch nicht ſcheuen, es draußen zu ſagen. Wer iſt's geweſen? Ich möchte ihn fragen, ob er nicht vielleicht mit mir an⸗ ſtoßen will?“ „Da haben wir den Skandal“, rief Saint⸗Mau⸗ rice den Genoſſen auf Franzöſiſch zu.„Ich hab' es geahnt, der wüſte Geſelle werde uns Verdruß bereiten. 154 Aber jetzt iſt es einmal geſchehen; jetzt heißt es zuſam⸗ menſtehen und dem Volke die Stirn bieten.“ „Was?“ rief der Harniſchmacher und ſtellte ſich unmittelbar vor Saint⸗Maurice.„Habt Ihr nicht einmal eine deutſche Antwort für uns?“ „Hier iſt die Antwort“, rief Puyſegur, indem er den Degen herausriß und auf den Meiſter eindringen wollte. Im Augenblick jedoch war er zurückgeſchleu⸗ dert, und zwiſchen den Streitenden ſtand Benno. „Zurück, Ihr Herren Cavaliere!“ rief er.„Iſt das die gerühmte Sitte von Frankreich, wehrloſe, fried⸗ liebende Bürger in Waffen zu überfallen?“ „Ueberfallen?“ brüllte Werſowetz.„Wir ſind es, die überfallen werden.“ „Weil Ihr die Männer zuerſt durch grobe Unge⸗ bühr gereizt habt. Was würdet Ihr ſagen, wenn einer dieſer Männer bei Eurem Toaſt auf Ludwig den Vierzehnten daſſelbe gethan hätte wie Ihr?“ „Nichts würd' ich ihm ſagen“, rief Puyſegur ent⸗ gegen,„aber ich würde ihm geben, was ihm gebührt, und ihn züchtigen.“ „So müßt Ihr dieſen Männern das gleiche Recht zugeſtehen!“ ſagte Benno ruhig.„Alſo ſteckt den Degen ein, Herr von Puyſegur, und betrachtet Euch als ge⸗ züchtigt!“ 455 „Ventre Saint⸗Gris!“ tobte dieſer und wollte ſich von Saint⸗Maurice und Haunsberg, die ihn zu⸗ rückhielten, losmachen.„Das wagt der Bäckerjunge uns zu bieten?“ „Hier iſt die Antwort des Bäckerjungen!“ rief Benno entgegen, bis in die Lippen erblaſſend; er hatte ebenfalls den Degen aus der Scheide gezogen und führte einen wilden, kräftigen Stoß, der dem Angrei⸗ fer die Bruſt durchbohrt haben würde, hätte nicht im nämlichen Augenblick eine Hand ſeinen Arm gefaßt und den Degen in die Höhe gedrückt. Es war Zu⸗ leima. Sie hatte den Schleier zurückgeſchlagen und ſah Benno ernſt und innig bittend ins Auge; ſie ſprach nur einige Worte, allein, wenn auch nicht verſtanden, ſie genügten, Benno's Zorn zu entwaffnen und ihm ſein kaltes Blut wiederzugeben. Er ließ den Arm mit dem Degen ſinken und trat einen Schritt zurück; die ſchöne Türkin aber, die Arme über die Bruſt ge⸗ kreuzt, verneigte ſich ehrerbietig vor den Edelleuten, als wollte ſie ſich aufs Knie niederlaſſen; ſie ſprach Worte des Friedens und der Verſöhnung, verſtändlicher und wirkſamer durch Ton und Geberde, als ſie viel⸗ leicht durch ihren Inhalt geweſen wären. Die jungen Männer, von der augenblicklichen Aufwallung raſch 156 abgekühlt, ſahen es nicht ungern, als ſich ein Aus⸗ weg darbot, ſich mit Anſtand zurückzuziehen. Saint⸗ Maurice hatte daher keine große Mühe, ſie vollends zu beſchwichtigen und zurückzudrängen. „Ah, das iſt etwas Anderes“, ſagte Puyſegur, indem er galant mit dem Degen ſalutirte.„Eine Dame bittet! Man ſoll nicht ſagen, daß ein franzö⸗ ſiſcher Degen vor einer ſolchen Vermittlerin ſich nicht geſenkt hätte! Ich gratulire, mein Herr, zu der Für⸗ ſprache ſowohl als zu der ſchönen Fürſprecherin.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief Benno in wiederholt aufloderndem Grimme, indem er die Hand abermals an den Degen legte, aber ſchon hatte Zu⸗ leima wieder ſeine Hand gefaßt und ſah ihm wie zu⸗ vor feſt und innig ins Auge, daß er den Degen in die Scheide zurückſtieß und ſich abwandte. Die Reitknechte der Cavaliere, durch den lauten Wortwechſel herbeigerufen, kamen eben mit den Pfer⸗ den heran; augenblicklich ſaßen die jungen Herren in den Sätteln und ſprengten der Stadt zu, um nach wenigen Augenblicken im aufwirbelnden Staube zu ver⸗ ſchwinden; hinter ihnen, langſam zurückbleibend, trabte der deutſche Freiherr nach. Die Bürger kehrten lang⸗ ſam zu ihren Krügen zurück. „Na, der Strauß wär' überſtanden“, ſagte Pun⸗ 157 dion,„und ich denke, die Herren merken ſich's für ein anderes Mal. Aber jetzt wollen wir unſere Neigen leeren, Ihr Herren, und auch an den Heimweg denken! Reut mich nur, daß keiner von dem jungen Volk ei⸗ nen Denkzettel mitbekommen hat!“ „Ach was, laßt ſie reiten!“ rief der Harniſchma⸗ cher.„Sie haben geſehen, daß wir uns nicht auf den Köpfen tanzen laſſen. Aber ehe wir gehen, Nachbarn, müſſen wir's doch abwarten, bis die Türken Feierabend machen und von der Arbeit zurückkommen. Das ſoll ein gar ſonderbar Schauſpiel und Spectakel ſein.“ „Und eins dürfen wir vor allem nicht vergeſſen!“ ſagte der Kornkäufler Spitzhuet.„Wir haben dem jungen Herrn da Unrecht gethan und müſſen's gut machen. Gebt mir Eure Hand, Herr Millauer! Wir haben über Euch geläſtert, weil Ihr uns nicht gegrüßt und nicht gedankt habt; wir haben geglaubt, Ihr wä⸗ ret auch ſtolz und ſo ein halber Ausländer geworden, jetzt haben wir's aber wohl geſehen, daß Ihr Kopf und Herz bei einander und auf dem rechten Fleck habt, und wenn Ihr einmal auf was anſteht, wo ein Korn⸗ käufler helfen kann, ſo kommt vor meine Thür!“ „Und zu mir auch!“ rief der Harniſchmacher, in⸗ dem er ihm derb die Hand ſchüttelte und dann die andern der Reihe nach folgten. 158 Benno konnte nichts erwidern, denn plötzlich brach die ganze Linie der arbeitenden Türken entlang ein furchtbares Geſchrei und Geheul los, die ſechste Abend⸗ ſtunde zu begrüßen, die von den Thürmen der Stadt den Feierabend verkündete. Alle wandten ſich dem neuen, ungewohnten Schauſpiel zu. Benno trat zu Zuleima, welche am Zelteingang ſtand und in die untergehende Sonne hinausblickte. „Ich danke Euch“, ſagte er, indem er ihre Hand er⸗ griff.„Ihr habt mich von einer böſen, unbeſonnenen That zurückgehalten.“ Ein leichtes Roth hatte bei der Anrede des Jüng⸗ lings das ſchöne Antlitz der Türkin überflogen; ſie machte eine leichte Bewegung, ihm ihre Hand zu ent⸗ ziehen. „Laßt mir die Hand!“ ſagte er herzlich.„Es iſt ſo Brauch unter guten Freunden in Deutſchland, daß man ſich die Hand reicht, und Ihr habt mir ja ſo 5 eben gezeigt, daß Ihr mir Freund ſeid.“ Das Mädchen, das die kurze Zeit ſeines Aufent⸗ halts raſch und gelehrig benutzt hatte, ſchien ihn wohl zu verſtehen und kam auch damit zurecht, das auszu⸗ drücken, was ſie ſagen wollte, wenn auch mühſam und gebrochen und manchmal nur dem Scharfſinn der Nei⸗ gung verſtändlich.„Warum ſoll ich Euch nicht Freund 159 ſein?“ ſagte ſie.„Ihr ſeid nicht wie die Andern, die eine arme Gefangene wie eine Sklavin behandeln, Ihr ſeid gut gegen Zuleima. Ach, fern von der Heimat klingt ein gütig Wort doppelt ſchön, ein freundlicher Blick iſt doppelt ſüß in der Fremde. An mir iſt es drum, Euch zu danken, und wenn ich ſo glücklich war, Euch einen Dienſt zu leiſten, war es nur, ein Körn⸗ lein meines Dankes abzutragen. Darum erlaubt mir auch, daß ich Euch warne!“ „Warnen? Wovor?“ „Vor der Geſellſchaft, in der Ihr ſo eben wart, mit der Ihr zuerſt hierher gekommen. Hütet Euch, Herr, ſie meinen es nicht gut mit Euch.“ „Ihr mögt Recht haben“, entgegnete Benno „Von den meiſten glaub' ich es ſelbſt; aber der eine davon, mein Iugendneſpiele⸗ meint es gewiß nicht ſchlimm mit mir.“ „Wer kann in dem Becher voll Unheil den Tropfen der Geneſung ausfinden?“ entgegnete Zuleima.„Ich warne Euch, Herr, warne Euch vor allen. Ich ver⸗ ſtehe nicht Alles, was ſie geſagt, aber glaubt mir, ſie meinen es nicht redlich mit Euch; ſie haben etwas vor!“ „Ich will mir die Warnung merken“, erwiderte Benno,„und habe Euch alſo einen zweiten, noch grö⸗ ßern Freundſchaftsdienſt zu danken. Wie kann ich 160 Euch hinwieder vergelten? Vermöchte ich nur, etwas für Euch zu thun und Euch zu beweiſen, wie ſehr auch ich Euer Freund bin!“ Die Türkin ſchlug die Augen gegen ihn auf und ſah ihn mit einem Blicke an, als ob ſie ſagen wollte, ſie bedürfe dieſes Beweiſes nicht mehr.„Wenn Ihr mir gnädig ſein wollt“, ſagte ſie dann demüthig,„ich habe wohl einen Wunſch. Helft mir, daß ich zur Hei⸗ mat zurückkehren kann!“ „So wollt Ihr fort“, rief Benno bewegt,„wollt uns verlaſſen? Ihr gedenkt nicht bei uns zu bleiben?: Es gefällt Euch alſo nicht in unſerm Lande? Es mag wohl viel ſchöner ſein in Eurem Süden und ich kann mir's denken, daß Euch die Sehnſucht zurückzieht zu Euren Aeltern, zu Euren Bekannten und ſonſtigen lieben Freunden.“ „Es iſt Niemand an den Ufern des Dſchihon, der ſich betrübte, wenn Zuleima nicht mehr wiederkehrt“, erwiderte ſie traurig,„aber auch im fremden Franken⸗ lande iſt keine Stelle für ihr Haupt!“ „Und wenn es dennoch eine ſolche Stelle gäbe?“ rief Benno zärtlich„Wenn ich es vermöchte, Euch eine ſolche zu zeigen? Sagt, würde nichts im Stande ſein, Euch bei uns zu feſſeln? Iſt es bei uns auch nicht ſo ſchön wie am Ufer des Dſchihon, wo man 161 gern iſt, wo man Freunde findet, da findet man die Heimat wieder. Würde es Euch nie möglich ſein, Zu⸗ leima, über der neuen Heimat die alte zu vergeſſen?“ Benno hielt die Hand der Türkin noch immer in der ſeinigen; es kam ihm vor, als ob er ſie unter ſei⸗ nem Drucke leiſe erzittern fühlte; er wollte ihr in die Augen ſehen, wollte noch einmal, noch dringender ſie fragen, aber das Mädchen wartete das entſcheidende Wort nicht ab. Mit einem kurzen Blicke, welcher über ſein Antlitz ſtreifte, leuchtend wie der letzte Strahl der ſinkenden Sonne über ein ſchönes glückliches Thal, hatte ſie unmerklich ihre Hand aus der ſeinigen befreit; „Belki“, flüſterte ſie ihm noch leiſe zu und war ver⸗ ſchwunden. Lange ſtand er in Gedanken verloren an derſelben Stelle und ſtarrte mit verſchwimmenden Au⸗ gen in das flutende Goldmeer der Abendröthe. Er vernahm nicht die wilde Muſik, welche immer näher, immer betäubender erſcholl; die Türken, in Schaaren und Reihen geordnet, Karſten und Schaufel wie Ge⸗ wehre oder Waffen auf der Schulter tragend, zogen ſingend heran und eilten den in einiger Entfernung aufgeſchlagenen Hütten zu, wo ein karges Mahl und ein hartes Nachtlager ihrer harrten. Der Geſang klang wild und rauh; es mochte wohl ein Kriegsgeſang ſein, ein trauriger Nachhall aus den Tagen des Sieges und Schmid, Die Türken in München. I. 11 162 der Freiheit. Eine kleine Abtheilung ſeltſamer Inſtru⸗ mente, die aus dem Felde gerettet worden, ertönte mit betäubendem Lärm darein, Tzinellen klirrten, der meſ⸗ ſingene Halbmond mit dem herabwallenden ſchwarzen Roßſchweif und den vielen Glöckchen und Schellen klingelte, Becken und Trommeln, mit Ruthen geſchla⸗ gen, grollten dumpf dazu, und wilder ſchrillender Pfeifenton übergellte das Ganze. Als der phantaſtiſche Zug vorüber war, kamen die Bürger heran.„Wie iſt's, Herr Millauer?“ rief ihm der Loderer Radl zu.„Vergeßt Ihr das Heim⸗ gehen ganz und gar? Kommt mit uns, ſonſt erreicht Ihr die Stadt vor der Thorſperre nicht mehr!“ Un⸗ willkürlich folgte Benno der Einladung und ſchritt langſam hinter den Bürgern her der Stadt entgegen. Er vernahm nicht, wie ſie laut und eifrig die unge⸗ wohnten Ereigniſſe des Tages beſprachen, in ſeinem Ohre hallte nach, durch ſeine Seele klang das letzte leiſe Wort von den Lippen des Mädchens, dem vom erſten Augenblicke, da er es geſehen, ſein ganzes jun⸗ ges Herz gehörte.„Belki“, hatte ſie geſagt; er wußte nicht, was das Wort bedeutete, aber in ſeinem Innern regte es ſich, als wär' es ein erſter Gruß aus dem ſchönen, ſeligen Lande der Hoffnung und der Liebe. Viertes Kapitel. Die Schlacht von Mohaces. Es war Mittag. Die Sonne ſchien ſenkrecht auf die Wege des damals nur für das kurfürſtliche Hars, ſeine Angehörigen und Diener geöffneten Hofgartens und hatte alle Luſtwandelnden, welche in ſeinem Grün die erfriſchende Kühlung eines Morgenſpaziergangs geſucht, längſt in die Gemächer des Schloſſes zurück⸗ geſcheucht, die Damen, um die Anzüge zu bedenken, durch welche bei der Tafel und dem Feſte des Abends ihre Schönheit noch ſtrahlender werden ſollte, die Ca⸗ valiere, um über ihre Eroberungen nachzudenken und auf neue zu ſinnen oder in dem hohen, kirchenartig gewölbten Offizierzimmer der Schloßwache bei einem Becher Wein ſich die Zeit zu verkürzen. Selbſt die dichteſten Schattengänge und Lauben, durch welche nicht 7 7 9 11* 164 ein Strahl zu dringen vermochte, waren verlaſſen; in den kühlen Muſchelgrotten ſprangen die Brunnen ein⸗ ſam aus den Mäulern der Faune oder aus dem Ge⸗ hörn irgend eines fabelhaften Thieres, um dann aus weiten Marmorbecken überſtrömend niederzuplätſchern; kein menſchlicher Laut, kein Fußtritt war hörbar; auch die in den Bäumen und Büſchen zahlreich gehegten Singvögel waren müde geworden, und ſelbſt die Spring⸗ brunnen, die hier und da zwiſchen den Felsblöcken em⸗ porſtiegen, ſchienen matter zu ſteigen und ſchläfriger zu rauſchen. Nur ganz fern in einer Ecke, wo der mit Oleandern und Orangenbäumen geſchmückte Bogen⸗ gang, welcher den Garten umrahmte, an den Ruder⸗ teich anſtieß, ſaßen ein paar Männer auf der Ruhe⸗ bank vor einem kleinen Baſſin, in deſſen Mitte ein bronzener Schwan, auf einem Steinblocke ſitzend, zwei ſtarke bogenförmige Waſſerſtrahlen gegen den Rand und die beiden kunſtvoll in Erz getriebenen Hunde ſpritzte, welche zu beiden Seiten auf der marmornen Einfaſſung ſtanden, als ob ſie den Schwan verfolgt hätten und ſich nun vor dem Waſſer ſcheuten, ihrer Beute weiter nachzujagen, die ſich auf den Felſen geflüchtet hatte und nun durch das ſpritzende Waſſer vertheidigte. Die Beiden waren in eifriges Geſpräch vertieft und es war leicht zu erkennen, daß ſie dieſen Ort mit 165 Vorbedacht gewählt, denn wenn je der Zufall ein lau⸗ ſchendes Ohr in die Nähe geführt hätte, machte das Geplätſcher des Waſſers es unmöglich, auch nur ein Wort der leiſe geführten Unterredung zu verſtehen. Der eine davon war der Geheimſecretär Schmidt in ſeiner gewohnten ſchmucklos ärmlichen Tracht; der andere trug ſchwarze Kleidung und eine fein gepuderte Perrücke, deren Schleife zierlich auf das ſchwarze Sei⸗ denmäntelchen herunterhing, das ſeine Schultern deckte. „Somit wären wir denn zu Ende“, ſagte der letztere,„und ich bin Ihnen für die gemachten Mit⸗ theilungen ſehr verpflichtet, zweifle auch nicht, daß der Herr Marſchall nicht minder damit zufrieden ſein wird.“ „Ich ſchmeichle mir allerdings“, entgegnete der Secretär,„das mir übertragene Officium mit beſonderem Eifer erfüllt zu haben. Bin auch ſehr froh, daß ich auf den Gedanken kam, Sie als einen Fremden in die wegen Ihrer Schönheit weltberühmten kurfürſtlichen Hofgärten zu führen, als wodurch jedem Argwohn vorgebeugt worden, wie es denn auch von Ihnen eine . ſublime Idee geweſen, ſo zu erſcheinen; denn unter 1 dem Abbé⸗Mäntelchen wird Niemand Herrn Benoit, den Vertrauten Seiner Excellenz—“ „Still!“ unterbrach ihn dieſer.„Für derlei Ver⸗ — 166 traulichkeiten iſt ſelbſt dieſer Ort nicht einſam genug. Auch denke ich, daß es immerhin Zeit ſein dürfte, aufzubrechen.“ „Es hat keine Gefahr“, entgegnete Schmidt, der keine Miene machte, ſich zu erheben, und dadurch auch Benoit zu längerem Verweilen nöthigte.„Noch iſt nicht Alles beſprochen“, fuhr er fort.„Bei der beſon⸗ dern Behutſamkeit, mit der ich operiren muß, weiß ich nicht, ob wir uns ſobald wieder begegnen können. Muß daher bitten, daß noch zwei Dinge ins Reine gebracht werden, zwei Dinge, welche auch für Seine Excellenz von äußerſter Ponderanz ſein dürften.“ „Dieſe wären?“ „Erſtlich, daß ich bitten muß, mich deshalb, weil ich auf die mir gemachten Propoſitionen eingegangen, nicht im unrechten Lichte anſchauen und von mir keine ſchlimmen Opiniones und Vermuthungen faſſen zu wollen. Was ich gethan, habe ich lediglich als guter Bayer, als Patriot gethan, blos deshalb, weil es nach meiner Ueberzeugung für meinen allergnädigſten Herrn wie für das liebe Bayernland das Erſprießlichſte iſt, ſich der Freundſchaft Seiner Majeſtät von Frankreich zu verſichern. Ich handle dabei ohne alle perſönliche Rückſicht, mein Gewiſſen ſpricht mich frei von jeder eigennützigen Abſicht, ich habe nie auf meinen Vortheil —— 167 geſehen und bin deshalb ein armer Mann geblieben und hoffe alſo, daß man mir das glauben und beſtä⸗ tigen wird.“ „O gewiß“, erwiderte Benoit mit feierlichem Ernſte.„Seine Erlaucht ſind ſo vollſtändig davon überzeugt als ich ſelbſt! Sie können ganz ruhig ſein, wir ſehen Sie nicht im falſchen Lichte und wiſſen ganz genau, was wir von Ihnen zu halten haben.“ „Solches zu vernehmen, gaudirt mich ſehr“, ſagte der Secretär,„und ſo käme ich denn zu dem Zweiten, was ich noch zu ſagen habe, zu der Mittheilung, daß es mir gelungen iſt, neue wichtige Verbindungen an⸗ zuknüpfen und vielleicht einen Mann zu gewinnen, der nach Stellung und Einfluß von unberechenbarem Nutzen ſein würde, einen Mann aus der allernächſten Um⸗ gebung Seiner kurfürſtlichen Durchlaucht, den ich aber eben deswegen mit aller Discretion behandeln muß. Iſt ſonach eine ſehr dornenreiche Sache, ſolch Wunder⸗ röslein zu pflücken!“ Der Abbé ſah ihn mit wartenden Blicken an. „Wenn ich Sie recht verſtehe“, ſagte er dann,„io meinen Sie, daß vorerſt dieſe Dornen beſeitigt werden müßten.“ „Allerdings, oder man müßte ſie doch mit einem Handſchuh anfaſſen, welcher ſo ſtark gefüttert wäre, 168 daß die Spitzen nicht durchdringen können. Solches Handſchuhfutter iſt aber ſehr koſtſpielig; ehe man daher weiter auf die Sache eingehen könnte, wäre es unerlaßlich— „Das iſt ganz ſelbſtverſtändlich“, unterbrach ihn Benoit kühl, indem er ſich ohne weitere Rückſicht von der Ruhebank erhob. Ich zweifle auch keinen Augen⸗ blick, daß Seine Erlaucht einem ſo billigen Verlangen ſofort entſprechen werden, und bedaure nur, daß ich ſelbſt ohne Vollmacht bin. Uebrigens wird die Ver⸗ mittlung auch bald unnöthig ſein, da Seine Erlaucht ohnehin in den allernächſten Tagen in München ein⸗ treffen werden.“ „So?“ erwiderte Schmidt gedehnt, während er ſich ebenfalls erhob und den Abbé mit lauernden Blicken betrachtete.„Monſieur Benoit ſind alſo ohne Vollmacht? Dann wird man entſchuldigen, wenn ich es mindeſtens ſonderbar finde, daß man das nicht gleich zu Anfang unſeres Geſprächs mitgetheilt und gleichſam argliſtigerweiſe mich inducirt hat, Confidencen zu machen. Werde alſo abwarten, bis der Herr Mar⸗ ſchall eintrifft, und gebe mir inzwiſchen die Ehre, den Herrn Abbé aus dem kurfürſtlichen Hofgarten hinaus⸗ zubegleiten. Hierher, wenn ich bitten darf“, fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, als ein Gärtner⸗ —— 1 ————— 169 burſche, die Schaufel auf dem Rücken, in einiger Ent⸗ fernung ſichtbar ward.„Ich will Sie auf dieſem Wege an dem neuen Brunnen mit der großen Nymphen⸗ gruppe vorüberführen. Zwar verſtehe ich mich ganz und gar nicht auf dergleichen eitle Dinge, aber der Brunnen wird vielfach wegen ſeiner Schönheit geprie⸗ ſen, und der Herr Abbé ſind gewiß ein Kenner. Seine Erlaucht“, fuhr er nach einiger Zeit, als der Gärtner wieder verſchwunden war, neben dem Abbé herſchrei⸗ tend, in voriger Weiſe und mit ſchlecht verhehltem Spotte fort,„werden doch glückliche Reiſe gehabt haben? Hoffentlich wird die Verzögerung ſeiner Ankunft nicht durch irgend einen Unfall veranlaßt ſein?“ „Gott wird ihn und unſere gute Sache beſchützen“, entgegnete Benoit in ähnlichem Tone.„Ich vertraue darauf und fühle in meinem Innern ſolche Beruhigung und Zuverſicht, als wenn Seine Erlaucht ſchon wohl⸗ behalten in den Mauern von München eingetroffen wären.“ „In der That“, erwiderte Schmidt,„ſolch ein ſchönes, gläubiges Vertrauen hat wirklich etwas Rüh⸗ rendes, und ich flehe zum Himmel, daß er es nicht zu Schanden werden läßt! Aber ich bitte“, unterbrach er ſich ſelbſt,„hier den Weg nach der Gallerie ein⸗ ſchlagen zu wollen. Dort zur linken Seite würden 2 ——ꝛꝛꝛ———⸗—ꝛ—x—x—ꝛ—— 170 wir an dem alten Thurm vorbeikommen, welchem zu nahe zu kommen verboten iſt.“ „Verboten? Weshalb?“ fragte der Abbé.„Darf man wiſſen, was der Thurm ſo Beſonderes enthält? Birgt er einem Schatz? Die böſe Welt will von aller⸗ lei galanten Abenteuern wiſſen. Sollte vielleicht eine geheimnißvolle Schöne—“ „Pfui, was denken Sie!“ entgegnete Schmidt mit gut geheucheltem Abſcheu.„Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß Sie ſich in München und am bayeriſchen Hofe befinden! Jener Thurm dort enthält allerdings einen Schatz und einen lebenden noch dazu; aber es iſt nicht, wie Sie in Ihrer Frivolität vermuthen, eine ſchöne Dame, ſondern ein Türkenpaſcha, welchen der Kurfürſt bei Neuhäuſel zum Gefangenen gemacht und mit nach München geführt hat. Er iſt über den Gefangenen ſehr ungehalten und will nicht, daß ihn irgend Jemand in ſeiner Einſamkeit ſtört.“ „Ungehalten? Und weshalb?“ fragte Benoit.„Ich bin gewiß, daß Seine Durchlaucht einem Kriegsgefan⸗ genen es an nichts werde mangeln laſſen.“ „An nichts als an dem, was er vor allem ver⸗ langt, an der Freiheit nämlich. Der Türke möchte für ſein Leben gern ausgelöſt ſein und hat ſchon große Summen für ſeine Freiheit offerirt.“ 174 „Nun, und ſollte ein ſolches Anerbieten Seiner Durchlaucht nicht willkommen geweſen ſein?“ mMiKeineswegs“, ſagte Schmidt.„Man iſt im Irr⸗ thum, wenn man glaubt, Kurbayern ſei in der Lage, auf derlei Kleinigkeiten reflectiren zu müſſen! Der Paſcha hat uns im Kriege großen Schaden gethan und hat gegen unſere gefangenen und verwundeten Landsleute viel übermüthige Grauſamkeit verübt, dafür will ihn der Kurfürſt ſtrafen und demüthigen; er hat ihm prachtvolle Kleider machen und ſilberne Ketten ſchmieden laſſen, und wenn bei Hof große Feſtlichkeiten ſind, muß der gefangene Khiaja⸗Paſcha in dieſem An⸗ zug mit den ſilbernen Ketten vor ihm einherſchreiten.“ „Wie? Khiaja⸗Paſcha?“ fragte Benoit ſo raſch, daß Schmidt einen überraſchten Seitenblick auf ihn warf. „Iſt er Ihnen bekannt?“ „Wie ſollte er mir bekannt ſein!“ entgegnete Benoit einlenkend.„Ich bin nie in der Türkei oder in Ungarn geweſen; aber man hat vom Ungarkriege und von den Türkenſchlachten ſo viel gehört und geleſen, daß es kein Wunder iſt, wenn ein ſolcher Namen im Gedächtniß haften bleibt. Doch nun kann ich unmöglich zugeben“, unterbrach er ſich ſelbſt,„daß Sie ſich um meinetwillen länger bemühen; dort, durch jenes Thor erblicke ich 8 172 bereits die Straße und Theatinerkirche, von da aus werde ich leicht den Weg in meine Herberge finden. Auf baldiges Wiederſehen denn, mein Herr Geheim⸗ ſecretär, bei der Ankunft des Marſchalls, nicht wahr?“ „Gewiß, bei der Ankunft des Marſchalls“, erwi⸗ derte Schmidt, welcher ſeinen Hohn nur ſchlecht zurück⸗ hielt und dem eilfertig durch das Thor fortſchreiten⸗ den Abbé mit grimmigen Zlicken nachſah.„Steht's ſo?“ murmelte er dann vor ſich hin.„Will man an⸗ fangen zu ſparen und zu geizen, oder ſollte ich ſchon überflüſſig geworden ſein? Glaubt man mich entbehren zu können, oder will das Zutrauen anfangen zu wan⸗ ken? Gut, daß der dicke Brunnenſchreiber mir auf die Fährte geholfen, jetzt heißt es klug zu Werke gehen und nach beiden Seiten vorbauen!“ Er ſchritt nachdenklich über den Hof und verſchwand in der Richtung, wo die Haupttreppe zu den vom Kur⸗ fürſten bewohnten Gemächern emporführte; kaum jedoch hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als der Abbé in dem gewölbten, von Säulen getragenen Thor⸗ bogen wieder ſichtbar wurde, ſchnell einen forſchenden Blick nach allen Seiten warf und dann raſch die Mauer entlang auf demſelben Weg zurückeilte, welchen er ge⸗ kommen war. Bald ſtand er an der Ecke, wo ein 173 runder maſſiger Thurm das Schloß gegen den Graben abſchloß und wie eine ragende Warte eine weite Rund⸗ ſchau über die das Schloß umgebenden Gärten und fern hinaus ins Flachland eröffnete. Aus den Epheu⸗ ranken, die das Gemäuer wie ein dichter grüner Man⸗ tel umgaben, ſchauten im obern Stockwerk ein paar kleine Fenſter mit ſchweren Eiſengittern hervor— es war das Gemach, worin weiland Herzog Chriſtoph der Starke von ſeinem Bruder, dem weiſen Albrecht, gefan⸗ gen gehalten worden, weil er Antheil am Regimente des Landes gefordert. Im Erdgeſchoß des Thurms befanden ſich ähnliche Fenſter, wohl etwas geräumiger, aber mit nicht minder ſchweren Eiſenkreuzen ver⸗ wahrt. Vorſichtig ſchlich der Franzoſe durch das nur an⸗ gelehnte Mauerpförtchen in den engen Zwinger, wel⸗ cher zwiſchen den beiden Feſtungsmauern ſich öffnete und, lange von kriegeriſchem Gebrauche entwöhnt, zu einem kleinen Gärtchen umgeſtaltet war. An den Wän⸗ den klommen zierlich angeheftete Obſtbäume mit reichem Laubſchmuck und reichſchwellenden Fruchtknospen empor; davor prangten in langen Beeten Blumen der verſchie⸗ denſten Art, zu reichlichem Vorrath gezogen, um damit die Beete der andern weitläufigen Gartenanlagen bepflanzen zu können. Während der Mann ſich den ——ꝭ—ꝭ—ꝭ—ꝭ—ꝭ——— 174 Anſchein gab, als ſei er nur mit Betrachtung des Gar⸗ tens und der Bäume beſchäftigt, ließ er den Thurm keinen Augenblick aus dem Auge, und ſo entging ihm nicht, daß ein finſteres, graubärtiges Geſicht ſich an die Eiſenſtäbe drückte und ein paar glühende Augen den Schwalben nachſpähten, die unter dem Thurmdache geniſtet hatten und nun in hohen, wiederholten Strich⸗ flügen bald davon hinwegflatterten, bald mit Futter wiederkehrten. Dem Falkenauge des Spähers hatte die flüchtige Beobachtung genügt, noch einen Blick warf er in die Runde; dann trat er in die Nähe des Thurms und rief in jenem aus der italieniſchen und rumäniſchen Sprache entſtandenen Gemiſch, welches an den Inſel⸗ küſten von Griechenland heimiſch iſt, mit unterdrückter Stimme dem Gefangenen zu:„Wie geht es Dir?“ „Wie dem Kranich, der den Pfeil im Flügel trägt“, entgegnete der graubärtige Türke.„Wer aber biſt Du? Ich kenne Dich nicht.“ „Du kennſt mich wohl, Khiaja⸗Paſcha“, war die Antwort.„Es ſind drei Jahre, daß Du mich in Stambul im Divan des Großherrn geſehen; es war damals, als der Zug nach Wien verabredet wurde: ich war mit wichtiger Botſchaft von meinem Gebieter geſandt und Du biſt es geweſen, der mich nächtlich 1½ hinausbegleitet hat über den Almeidan und bis an den Bosporus.“ „Allah il Allah!“ rief der Paſcha entgegen.„Nun erkenn' ich Dich, Franke. Was aber führt Dich her in die Heimat der ungläubigen Hunde?“ „Was mich nach Stambul geführt— ich bringe Botſchaft meines Herrn und Gebieters. Wie beklag' ich, den Freund in Ketten zu finden. Was kann ich für Dich thun? Du möchteſt wohl frei ſein, Khiaja⸗ Paſcha?“ „Ob ich es möchte!“ rief der Gefangene mit grim⸗ migem Knirſchen, indem er in die Eiſenſtäbe ſeines Gitters faßte, wie ein wildes Thier, das an den Stan⸗ gen ſeines Käfigs rüttelt, um ſich die Rückkehr in die freie Wildheit zu erzwingen.„Du fragſt wie ein Knabe, deſſen Klugheit noch jünger iſt als der Flaum in ſei⸗ nem Barte. Ja, ich will frei ſein und muß es ſein, und bald muß ich es ſein, oder ſie werden mich ein⸗ ſcharren im Lande der ungläubigen Hunde! Was habe ich nicht ſchon Alles gethan, um meine Loslaſſung zu bewirken! Ich habe den blauen König ſelbſt darum ge⸗ beten; ich habe ſeinen Jazmaklik(Schreiber), den Hund von einem Giaur gewonnen, daß er für mich bitten oll, habe ihm das letzte Kleinod gegeben, das ich beſaß und das ich unter der Zunge verborgen getragen— einen 176 8 koſtbaren Ring. Jeder Dſchewaherdſchi(Juwelier) hätte mir dafür tauſend Piaſter gegeben.“ „Ha, ich glaube, den Mann zu kennen“, ſagte Benoit.„Er verſprach Dir—“ „Er verſprach, aber der Heuchler, den Allah ver⸗ nichte, hat den Ring genommen und ich habe nicht wieder von ihm gehört. Ich ſehe wohl, der blaue König will ſeine Rache an mir kühlen, und ich kann ihn nicht ſchelten darum. Bei meinem Bart, an ſeiner Stelle würde ich das Gleiche thun! Ich bin ihm zum Spott und das Spielzeug ſeines Triumphs.“ „Die Augenblicke ſind koſtbar“, unterbrach ihn Benoit.„Wenn ich Dir zur Freiheit verhelfe, Khiaja⸗ Paſcha, willſt Du thun, was ich begehre?“ „Ich will den Mond vom Himmel holen, wenn Du es begehrſt.“ „So werde ich auf Mittel ſinnen, Dir zur Flucht zu verhelfen, vielleicht in den nächſten Tagen ſchon. Willſt Du mir auf den Koran und beim Propheten geloben, daß Du ſofort nach Stambul eilſt, dem Sul⸗ tan und Muſtapha, dem Großvezier, die Botſchaft zu bringen, die ich Dir übergebe?“ „Ich will“, flüſterte der Türke.„Meine alten Gebeine ſollen jung werden und geſchmeidig wie die eines Berberfüllens!“ 177 „Ich brauche aber vertraute Leute“, rief Benoit wieder.„Iſt unter den C Gefangenen Niemand, auf den ich mich verlaſſen kann?“ „Wohl, mein treuer Aga iſt in der Schlacht neben mir verwundet worden und mit mir gefangen— ſuch' ihn auf, edler Franke! Odun Kanipi iſt ſein Name. Sag' lhur Khiaja⸗Paſcha ſende ihm ſeinen Gruß. Beim Grabe ſeines Vaters, den ich begnadigt, als er in meine Hände gefallen war, befehle ich ihm, zu voll⸗ bringen, was Du gebieten wirſt!“ „So halte Dich bereit!“ rief Benoit.„Noch iſt mein Plan nicht völlig gefaßt. Ich höre Geräuſch; Du ſollſt bald von mir erfahren!“ Das Thürchen in der Mauer klirrte; Benoit drückte ſich ſeitwärts hart an die Wand und in das Gebüſch. Ein Gärtner trat ein und ſchaute rund um ſich; aber mit dem Rücken gegen das Verſteck des Abbé gewendet, konnte er nicht bemerken, wie dieſer geräuſch⸗ los aus dem Pförtchen ſchlüpfte.„Es iſt alſo doch nichts geweſen“, ſagte der Gärtner vor ſich hin.„Wie man ſich irren kann! Ich hätte darauf geſchworen, daß ich reden gehört habe. Es müſſen doch wohl die Schwalben oder Tauben geweſen ſein; die gurren und zwitſchern manchmal ſo wunderbar.“ Inzwiſchen war unfern davon ein Trupp Re 5 Schmid, Die Türken in Munchen. I. 12 — EEEEEEEE 178 in den Reſidenzhof geſprengt. Es war Kurfürſt Max Emanuel, der mit einigen Cavalieren und Offizieren als Begleitern von einem Spazierritt zurückkam und eilfertig die Treppe hinanſtieg, die Kleider zu wechſeln und ſich zur Tafel bereit zu machen. Oben auf dem breiten Corridor vor ſeinen Zimmern trat ihm ein ältlicher, ſchöner Mann von lebhaftem Weſen entgegen, das vollkommen zu dem Jagdanzug aus fein gegerbtem Leder paßte, welcher, wie das ſtattliche Wehrgehäng, Taſche und Büchſe, den zum Aufbruch wohl gerüſteten Waidmann erkennen ließ. 5 Es war Herr Max Philipp, der Herzog von Leuchtenberg, der Bruder des vorigen Kurfürſten Fer⸗ dinand Maria und Max Emanuel's Oheim, der wäh⸗ rend der Jahre ſeiner Minderjährigkeit nach dem Tode ſeines Vaters die Vormundſchaft über ihn und die Regierung für ihn geführt hatte. „Das nenn' ich Glück haben“, rief der Herzog dem Kurfürſten mit laut ſchallender, waidgerechter Stimme entgegen;„das ſoll mir Waidmannsheil für heute bedeuten, daß ich Dich ſo glücklich getroffen, Neffe! Ich habe mit Dir zu reden.“ „Folgen Sie mir in meine Gemächer, Herr Oheim!“ entgegnete der Kurfürſt verwundert.„Ich hätte Eure Liebden nicht in München geſucht; hieß 179 es doch, Sie wären zu einem großen Jagen ge⸗ zogen.“ „Das wollt' ich auch“, rief der Jägersmann, nachdem er in das Zimmer des Fürſten getreten, und ließ ſich in einen Lehnſtuhl nieder.„Der Parkmeiſter von Forſtenried that mir geſtern zu wiſſen, er habe ein paar ſtarke Sauen eingekreiſt; die wollen wir an⸗ laufen laſſen. Kannſt Dir alſo denken, Neffe, daß es Wichtiges ſein muß, was mich noch vorher ſo geſtie⸗ felt und geſpornt zu Dir treibt!“ „Allerdings“, ſagte Max Emanuel lächelnd, indem er einen leichten Seitenblick auf den waidmänniſchen Anzug ſeines Gaſtes ſtreifen ließ;„indeſſen, was es auch ſein mag, ich bin dem Anlaß, der Sie zu mir führt, ſehr verbunden. Kann ich nicht auch das Glück haben, meine gnädige Tante, Ihre Gemahlin, zu be⸗ grüßen? Die Frau Herzogin von Bouillon iſt bekannt⸗ lich die Theilnehmerin Ihrer Jagdvergnügungen und alſo vermuthlich in der Nähe. Wird mir nicht ge⸗ ſtattet ſein, ihr die ſchöne Hand zu küſſen?“ „Kümmere Dich nicht ſo viel um die Weiber, Neffe!“ antwortete der Herzog.„Die Weiber ſind die Plage und das Kreuz im Leben; Du haſt das Deine bereits auf dem Halſe; ich auch, und ich denke, es kann ſich Jeder daran genügen laſſen. Ihro Liebden aber, meine 12* — ꝗ———— 180 Frau, iſt mit dem Jagdzuge ſchon voraus, und mein Ajax wird tüchtig ausgreifen müſſen, wenn ich Sie noch rechtzeitig einholen will.“ „Ich bedaure, daß Sie nicht bleiben, Oheim“, ſagte der Kurfürſt.„Wir werden heute Abend große Ko⸗ mödie, ein herrliches Schlachtenſpiel haben, und es hätte mich ſehr gefreut, Sie unter meinen Gäſten zu ſehen.“ „Laß mich mit Deinen Komödien in Ruhe“, rief der Herzog faſt unwillig,„und nimm mir nicht übel, was ich Dir ſage! Du biſt zwar jetzt Kurfürſt und regierender Herr, aber verdenk' es mir nicht, wenn ich offen mit Dir rede, ich kann den Vormund und Re⸗ genten noch nicht ganz aus dem Sinne bringen. Glaube mir, die Weiber ſind das eine Uebel im Leben; die Komödie aber iſt das andere! Ich will nichts davon wiſſen, es iſt leeres Spiel, eitel Schein, Lug und Trug. Da bin ich lieber in meinem grünen, freien Wald, wo mir der Wind ſo recht ehrlich um die Naſe ſtreicht! Sollteſt auch nicht ſoviel darauf halten, Neffe. Was Schlachtenſpiel! Ein Kriegsmann wie Du, der in ſo mancher Schlacht den furchtbaren Ernſt vor Augen geſehen und mitgemacht hat, wie kann der Gefallen finden an ſolch leerer Kurzweil, an ſolch armſeliger Nachäfferei?“ 181 „Sie ſind ſtreng wie immer, Herr Oheim“, ſagte der Kurfürſt lächelnd.„Aber ich danke für Ihren Rath und will mir ihn überlegen; indeſſen wäre ich doch begierig, zu erfahren, was wohl im Stande war, meinen Oheim Nimrod von ſeinem lieben Walde und vom Waidwerk znrückzuhalten?“ „Das ſollſt Du erfahren, Neffe! Ich bin gekom⸗ men, Dir unter vier Augen ein gewichtig Wort zu ſagen und Dich zu waren. Der alte Fuchs drüben über dem Rheine oder, beſſer, der alte Wolf im Fuchs⸗ pelz liegt wieder auf der Lauer und wetzt ſeinen Zahn, um ſich wieder ein Stück aus der deutſchen Schafheerde zu holen.“ „Ihr alter Argwohn, Oheim!“ ſagte der Kurfürſt leichthin.„Marquis de la Haye, Ludwig's Geſandter an meinem Hofe, verſichert mich ſtündlich der freund⸗ lichſten Geſinnungen ſeines Monarchen.“ „Um ſo mehr iſt es nöthig, vor ihm auf der Hut zu ſein. Wenn er die Krallen einzieht, dann thut er's nur, um ſie im nächſten Augenblicke deſto ſchärfer zu brauchen! Ich kenne jenes Volk; das ſagt ja, wo es nein denkt, und das auch gar nicht anders reden kann. Seine ganze Sprache iſt auf die Lüge eingerichtet!“ „Sie haben nun einmal dieſe Abneigung“, ſagte Max Emanuel.„Doch können Sie wohl nicht wider⸗ 182 ſprechen, daß Sitte und Bildung nirgends mehr zu Hauſe ſind als bei dem von Ihnen ſo übel behandel⸗ ten Volke, und daß ein guter Gedanke ſich nicht beſſer ausdrücken läßt als in der verachteten franzöſiſchen Sprache.“ „Sitte? Bildung?“ entgegnete der Herzog, über deſſen Augen ſich finſtere Falten lagerten,„ſchöne Sprache? Was Du ſo nennſt, das iſt frevelhafte Un⸗ ſitte, wüſte Verwilderung, und ein gerades deutſches Wort, auch wenn es nicht ſo fein iſt, klingt mir beſſer als das heimtückiſche Genäſel. Glaube mir, dieſe Fran⸗ zoſen ſind ein leichtſinniges und dabei doch hochmüthiges Volk, das ſich klüger und edler dünkt als wir und doch nicht im Stande iſt, uns den Schuhriemen auf⸗ zulöſen; aber der Herrgott hat uns dies Volk auf den Nacken geſetzt, wie den Teufel in die Welt, damit wir durch ſeine Verſuchungen unſere Selbſtſtändigkeit prü⸗ fen! Es iſt wie ein giftiger Baum, der über der Grenze ſteht, und leider iſt ſchon zu viel von dem ſchlechten Samen vom Winde herübergeweht und von Leuten hereingeſchleppt worden, denen die fremde Zie⸗ rerei beſſer gefällt als die einfache Vaterlandsart. Darüber fällt in Haus und Hof, in Stadt und Land die alte, ehrenhafte deutſche Sittſamkeit in Trümmer, und auf dieſen wuchert das franzöſiſche Unkraut. Ich 1 habe ſchon mit meinem Bruder ſelig viel darüber ge⸗ ſtritten und gehadert; auch er hat zu viel Gefallen gehabt an dem bunten nichtsnutzigen Treiben; aber im Grunde ſeines Weſens war er doch ein deutſcher Mann und iſt's geblieben. Dir aber, Neffe, und das iſt das dritte und das größte Uebel an Dir, Dir ge⸗ fällt ſchier nur noch, was franzöſiſch iſt! Am bayeriſchen Hofe hört man faſt kein anderes Wort mehr als das fremde Geplauſch; Du haſt welſche Muſikanten und franzöſiſche Komödianten und wirſt darüber noch ganz verlernen, ein Herz zu haben für Deine deutſchen Landeskinder. Merke Dir's wohl, Neffe Max Emanuel, und denk' an mich, wenn ich einmal ausgepürſcht habe! Mit der feinen Sitte und der fremden Sprache kommt das Verderben, das Elend und der Untergang über Dich, über unſer gutes Bayern und über das ganze deutſche Reich.“ Der jugendliche Kurfürſt hatte ſich während der feurigen Rede des ulten Herrn ebenfalls in einen Stuhl gelehnt; er war ernſthafter geworden und ſah nun mit nachdenklichem Blicke auf die koſtbare Stickerei ſeines Rockes herab, von welchem er eine leichte Flaum⸗ faſer hinwegſchnellte.„Sie wollen auf die Jagd, Oheim“, ſagte er dann.„Darum will ich Sie nicht aufhalten, um Sie zu widerlegen; das würde mehr Zeit erfordern und Sie doch nicht bekehren. Sie ſind nun einmal ein Gegner der Franzoſen! Ich will nicht von Politik reden; ich will mich nur gegen den Vor⸗ wurf vertheidigen, den Sie mir perſönlich machen. Bin ich denn der Einzige, dem die franzöſiſche Lebens⸗ weiſe gefällt? Wo iſt noch ein Fürſt im ganzen deut⸗ ſchen Reiche, an deſſen Hofe ſie nicht eingeführt iſt, der nicht ſeine ganze Haushaltung und Regierung nach dem großen Muſter an der Seine eingerichtet hat? Unter uns, Oheim Ludwig XIV. mag Manches ver⸗ ſchuldet haben; aber die Kunſt, ein Fürſt zu ſein und als Fürſt zu leben, die hat er erfunden, die haben wir alle erſt von ihm gelernt.“ „Und das Lehrgeld wird ſein, daß das Reich zu Grunde geht und Ihr alle mit! In der angenehmen Verblendung des Augenblicks ſeht Ihr nicht, wie jener vor dem Bündel Pfeile ſteht und nichts damit anzu⸗ fangen weiß, aber ich fürchte, die Zeit kommt bald, wo er einen jeden einzelnen herausnimmt und zer⸗ bricht! Auch ich bin ein deutſcher Fürſt und will nicht, daß Recht und Ehre deutſcher Fürſten zu Schaden ge⸗ langt; aber hätte ich die Macht, wie ich den Sinn dazu habe, ich führte gegen Frankreich eine Mauer auf, die ſie mir nicht überſteigen ſollten, und hätte Kaiſer Leopoldus nur acht Tage meinen Kopf gehabt, 7 185 wir hätten Lothringen und Elſaß nicht verloren, das ſag' ich oder ich will nie mehr eine Büchſe losbrennen! Nun, ich hoffe zu Gott, einmal wird es doch dazu kommen, daß alle zuſammenſtehen und ſich aufraffen, dem Wolfe die Klauen zu beſchneiden und die alten Blutzähne auszubrechen, bis er nicht mehr beißen kann.“ „Und welche Veranlaſſung“, unterbrach ihn Max Emanuel ungezwungen,„hat dieſe Beſorgniß neuer⸗ dings ſo lebhaf angeregt, Herr Oheim?“ „Dieſe Frage kann nicht Dein Ernſt ſein, Neffe“, antwortete der Herzog, indem er ihn ſcharf beobachtete; „ich müßte ſonſt an das vierte Uebel bei Dir glauben, daß Du zwar auf dem Throne ſitzeſt, aber Andere mit Krone und Scepter ſpielen läßt und nicht weißt, was in Deinem eigenen Lande und um daſſelbe herum vorgeht! Es gilt einen Schlag auf die Pfalz, ſag' ich Dir! Du kennſt die Anſprüche, welche Frankreich nach dem Tode des Kurfürſten Karl auf die Pfalz erhoben hat; es hat ſie jetzt wieder hervorgeſucht und will Vetter Philipp, dem Neuburger Pfalzgrafen, die Fürſtenthümer Lautern und Simmern und die halbe Grafſchaft Sponheim abfordern.“ „Gerüchte, Oheim, von Frankreichs Feinden aus⸗ geſprengt! Damals, nach Karl Ludwig's Tode, iſt der ſpreng König offen mit den Anſprüchen hervorgetreten, welche ſeiner Schwägerin, der Herzogin Eliſabeth Charlotte von Orleans, weil ſie eine Tochter des Verſtorbenen war, auf das Erbe ihres Vaters zuſtehen ſollten; er hat ſie am Regensburger Reichstag angemeldet und Proteſt erhoben gegen die Succeſſion von Neuburg; dieſer aber hat vor Kaiſer und Reich ſein gutes Erb⸗ recht bewieſen, der Reichstag hat die Anſprüche Frank⸗ reichs als unbegründet erklärt, und der König hat ſich dabei beruhigt. Seitdem ſind mehr als drei Jahre ver⸗ floſſen, und die Sache iſt längſt abgethan. Ein Vor⸗ gehen, wie Sie es befürchten, wäre zu gewaltſam, der König aber iſt klug genug, einen ſolchen offenbaren Rechtsbruch zu vermeiden.“ „Und das ſagſt Du mir?“ rief der Herzog Phi⸗ lipp auffahrend.„Als ob Ludwig ſchon irgend einmal vor einem Rechtsbruch zurückgeſchreckt wäre! Was war es Anderes als offenbarer, himmelſchreiender Rechts⸗ bruch, da er jene Reunionskammern einſetzte, um alles Gebiet anzuſprechen, das jemals mit den eroberten oder abgetretenen Ländern zuſammenhing?“ 1 „Das ſpricht gegen Sie, Oheim“, entgegnete der Kurfürſt.„Denn es beweiſt, daß Ludwig wenigſtens den Anſchein des Rechts für ſich behalten wollte, daß er alſo nichts unternehmen wird ohne dieſen Schein.“ „Und glaubſt Du, daß es ihm an dieſem Scheine fehlen werde? Glaubſt Du, er würde nicht einen Vor⸗ wand finden? Ich denke, er braucht leider nicht lange darnach zu ſuchen. Iſt es denn etwas ſo ganz Wider⸗ rechtliches, wenn die Tochter den Vater beerben will?“ „Allerdings nicht; aber eine Tochter, welche ver⸗ zichtet hat—“ „Verzichtet?“ rief der Herzog und ſprang auf. „Beim heiligen Hubertus, Neffe, ich fange an zu glau⸗ ben, daß Du Dich vor mir verbergen und verſtellen willſt. Der alte Prielmaier hat Dich wohl in der Staatskunſt unterrichtet; auch ich habe Dir meine Er⸗ fahrungen treulich mitgetheilt; Du willſt mir wohl zeigen, was Du gelernt haſt und willſt, was ich Dich gelehrt, gegen mich gebrauchen? Wollteſt Du mich im Ernſte glauben machen, daß König Ludwig ſich durch den Verzicht gebunden hält? Willſt Du Beiſpiele hören, wie man ſolche Verzichte auszulegen und zu deuten gewohnt iſt? Soll ich Dir von einer Kaiſertochter erzählen, welche auch Verzicht geleiſtet hat auf alle Kronen ihres Hauſes, und ſoll ich Dir den Fürſten nennen, der ſie gefreit und der trotz des Verzichtes im geheimen an eine neue Krone denkt und nicht ver⸗ geſſen hat, daß der König von Spanien kinderlos iſt?“ Die Rede des Herzogs, geradeaus dringend wie ein richtig gezielter Pfeil, hatte eine empfindliche Stelle 188 getroffen; denn über Max Emanuels Antlitz flog eine leichte Röthe.„Enden wir den Streit, Oheim!“ ſagte er und erhob ſich ebenfalls.„Damit Sie aber ſehen, daß ich nicht hinter dem Berge halte, ſo erfahren Sie, daß mir nicht entgangen iſt, wovon Sie ſprachen; doch glaube ich nicht, daß Ludwig ernſtlich auf eine neue Unternehmung ſinnt; ich glaube es nicht, denn ich bin unterrichtet, daß trotz alles glänzenden Schei⸗ nes in Frankreich weder Heer, noch Flotte, noch viel weniger die Kaſſe ſich in einem Zuſtande befindet, der den Krieg möglich machte. Doch bin ich nicht ſo⸗ ſorglos geweſen, als Sie denken: ich habe getrachtet, mir Gewißheit zu verſchaffen. Ludwig hat mir und meinem Bruder angeſonnen, zu Gunſten des Fürſten⸗ bergers auf die Kölner Kur zu verzichten. Ich habe ausweichend geantwortet, habe dem König ſelbſt aus⸗ führlich geſchrieben und auch meinem Schwager, dem Dauphin, die Gründe auseinandergeſetzt, warum Bayern auf das Verlangen nicht eingehen kann. Die Antwort wird zeigen, ob wirklich etwas zu fürchten iſt.“ „Ich danke Dir für dieſe Mittheilung“, entgegnete der Herzog, indem er Jagdhut und Büchſe ergriff und ſich die ſtarken Lederſtulpen über die Finger ſtreifte. „So kann ich doch in etwas beruhigt von Dir gehen; aber meine Warnung wiederhole ich doch! Wenn es 189 wäre, wie Du ſagſt, wenn der König noch nicht ge⸗ rüſtet wäre, dann war es der ſchlimmſte Gedanke, mit ihm zu unterhandeln, weil er dadurch Zeit erhält, es nachzuholen; wir aber verlieren, und was wir ver⸗ lieren, iſt ſein Gewinn.“ „Auch dieſe Beſorgniß kann ich zerſtreuen“, ſagte Max Emanuel mit der Uacerlesenben dur Zuverſicht. „Marſchall Villars iſt bereits unterwegs nach München; ſein Gefolge iſt ſogar ſchon vor ihm eingetroffen; ohne Zweifel bringt er die Antwort des Königs, und daß er den Marſchall, einen ſeiner Vertrauteſten ſendet, iſt mir ein Beweis, daß es ihm Ernſt iſt, die Sache in Güte und Frieden zu ſchlichten.“ „Nun denn“, rief Herzog Philipp,„ſo wird doch die Ungewißheit jedenfalls nur noch wenige Tage wäh⸗ ren; das iſt auch etwas und der gute Engel des La des und des Reichs wird vielleicht ſo lange den Suin aufhalten, der, wie ich fürchte, ſchon ins Rollen gekom⸗ men iſt! Offen geſtanden, Neffe, bin ich auch hierin nicht Deiner Meinung, und eben daß dieſer Villars geſendet wurde, gefällt mir nicht! Hätte der König nichts im Hinterhalt, er hätte nicht dieſen ſchlaueſten unter allen Ränkeſpinnern geſchickt; er hätte eine ein⸗ fache unmittelbare Antwort gegeben, das hätte genügt, eine ehrliche deutſche Antwort, Neffe, aber dies Kräut⸗ ———— 190 lein wächſt dort nicht. Und ſomit Gott befohlen— ich reite in meinen Wald!“ Damit hatte er dem Kurfürſten die Hand gereicht und mit der andern die Thür geöffnet, blieb aber ſtehen; denn vor derſelben im Vorgemache ſtand Ge⸗ heimſecretär Schmidt, um wie gewöhnlich vor Tafel anzufragen, ob der Kurfürſt noch irgend Befehle zu ertheilen habe.„Noch eins!“ ſagte der Herzog zurück⸗ kehrend, nachdem er den Secretär mit durchbohrendem Blicke gemeſſen.„Schlimmer noch als die Fremden, die offenen Feinde, ſind die einheimiſchen— die falſchen Freunde. Sei auf der Hut vor ſolchen Buben, die aus Geiz oder Ehrſucht zu Verräthern am eigenen Vaterlande werden! Da draußen ſteht ein ſolcher, dem mein Bruder Ferdinand Maria ſchon zu viel getraut, ich laure ihm ſchon lange auf die Fährte; aber er iſt gewandt und liſtig, und doch will ich meine beſte Arm⸗ bruſt darauf verwetten: er iſt ein Judas.“ Der Herzog in ſeiner achtlos derben Weiſe hatte ſo laut und ungeſcheut geſprochen, daß der Secretär jedes Wort vernehmen mußte; über ſeine Züge lierf eine Bläſſe des Grimms, die trotz der Aſchenfarbe ſeines Geſichts ſichtbar wurde. Dennoch gerieth er nicht außer Faſſung; die Hand wie betheuernd aufs Herz gelegt, that er erſt einige Schritte vorwärts, als 191 wollte er den Herzog am Fortgehen hindern; dann aber zog er ſich mit tiefer Verbeugung wieder zurück, wie wenn er ſich beſſer beſonnen. Mit verächtlichem Blick ſchritt der Herzog an ihm vorüber und aus dem Gemach. „Ich bedarf Seiner nicht mehr, Schmidt“, rief der Kurfürſt, in ſein Gemach zurücktretend.„Komm' Er nur morgen zur gewöhnlichen Zeit; für heute hab' ich Ihm nichts mehr zu ſagen.“ „Aber ich Durchlaucht deſto mehr“, entgegnete Schmidt,„und ich danke der gütigen Vorſehung, daß ſie eben jetzt mich hierher geführt.“ „Was will Er? Mach' Er's kurz! Meine Zeit iſt knapp gemeſſen.“ „Der Zufall machte mich zum Ohrenzeugen der letzten Worte Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs von Pfalz⸗Leuchtenberg, ſeine Blicke haben ergänzt, was an denſelben etwa noch unverſtändlich.“ „Laſſ' Er das!“ unterbrach ihn Max Emanuel mit finſterem Stirnrunzeln.„Ich hab' Ihm erſt neu⸗ lich geſagt, wie auch ich von Ihm denke. Schlimm für Ihn, daß dieſe Meinung ſo vielfach verbreitet iſt! Er wird gut thun, wenn Er ſie bald widerlegt.“ „Das will ich!“ erwiderte Schmidt mit ſchein⸗ heilig biederer Geberde.„Ich beklage nur, daß 192 der Herzog nicht hört, was ich bringe, verhoffe aber, daß Durchlaucht mir dazu verhelfen werden, meine Ankläger zu beſchämen, wenn ich auch nicht weiß, weſſen man mich beſchuldigt, und noch weniger, wes⸗ halb! Ich hätte gedacht, meine Armuth müßte der beſte Beweis ſein, daß ich weder nach Geld noch nach Ehre trachte! Was ich bringe, wird mich wohl am beſten vertheidigen! Durchlaucht iſt bekannt“, fuhr er näher tretend fort und dämpfte die Stimme in der Gewiß⸗ heit, daß das Wort, das er auszuſprechen hatte, trotz des Flüſterns dennoch wie ein Donnerſchlag wirken. müſſe,„daß vor einigen Tagen ein Trupp franzöſiſche Reiter und Dienerſchaft in München ankam, welchen Marſchall Villars nachfolgen ſoll?“ „So ward mir gemeldet.“ „Nun denn, Durchlaucht ſind ſchändlich hinter⸗ gangen“, rief Schmidt mit Nachdruck.„Der Marſchall braucht nicht erſt zu kommen; er befindet ſich bereits in der Stadt.“ „Hier?“ rief Max Emanuel auffahrend.„Schmidt, bedenk' Er, was Er ſagt! Er redet ſich um den Kopf, wenn es nicht wahr iſt.“ „Er ſoll verloren ſein, Durchlaucht, wenn es ſich nicht ſo verhält, wie ich ſage“, entgegnete Schmidt. „Der Marſchall iſt mit ſeinem Gefolge zu gleicher Zeit ——·QenQ·q 193 angekommen, um mit dem Reſidenten und andern Ver⸗ trauten geheime Zwieſprache zu pflegen, ehe er vor Durchlaucht erſcheint. Der Stallmeiſter, welcher zum Scheine mit den Pferden eintraf, iſt Niemand anders als der Marſchall ſelbſt.“ Der Kurfürſt erwiderte nichts; er war ſo voll⸗ ſtändig überraſcht, daß er kein Wort dafür fand; raſch ging er einigemal durch das Gemach, dann zog er die Glockenſchnur und befahl dem eintretenden Kammer⸗ diener, den Hauptmann von der Schloßwache zu rufen. Dann blieb er prüfenden Blicks vor Schmidt ſtehen. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte er. „Halb vier Uhr“, war die Antwort. „Alſo bald Tafelzeit. Ruf' Er mir den Kanzler Prielmaier und den Oberſtkämmerer Grafen Törring! Er wird wohl ſchon in der Reſidenz ſein!“ „Seine Excellenz ſind mir vorhin mit dem Ober⸗ hofmeiſter Freiherrn von Rechberg im Corridor be⸗ gegnet.“’ „Gut“, fuhr der Kurfürſt fort.„Ruf' Er mir den Rechberg auch und den Preyſing dazu! Beſorg' Er das in aller Stille und ohne Aufſehen! Kein Menſch darf errathen, was Er weiß. Dann wartet Er draußen im Vorzimmer!“ Der Eintritt Arnold's, der den Schloßhauptmann meldete, unterbrach ihn.„Ah, Schmid, Die Türken in München. I. 13 194 Er iſt's, Baron Donnersberg“, rief der Kurfürſt.„Das iſt mir lieb, auf Ihn kann ich mich verlaſſen.“ Er führte den Hauptmann beiſeite in das Fenſter und er⸗ theilte ihm leiſe Befehle.„Hat Er mich verſtanden?“ ſagte er dann.„So gehe Er! In einer Viertelſtunde muß Alles bereit ſein. Mach' Er ſeine Sache klug und laß Er keine Ausflucht gelten!“ Schmidt und der Hauptmann entfernten ſich. Der Kurfürſt ſchritt noch immer ſchweigend hin und her. Der Kammerdiener betrachtete ihn eine Weile; dann von dem Vorrechte ſeiner vertraulichen Stellung Gebrauch machend, trat er leiſe näher.„Durch⸗ laucht ſcheinen ungehalten“, ſagte er.„Dürfte ein treuer Diener vielleicht wiſſen—“ „Ungehalten?“ erwiderte Max Emanuel.„Nein, Arnold; aber ich bin verletzt, gereizt; ich habe Uner⸗ hörtes erfahren.“ „Wie ſehr bedaure ich“, rief der Kammerdiener mit allen Zeichen der Betrübniß,„daß ein ſo unan⸗ genehmes, mir völlig unbekanntes Ereigniß Eure Durchlaucht in üble Stimmung verſetzen mußte! Ich hätte ſo ſehr gewünſcht, Durchlaucht gerade heute in recht guter Laune zu wiſſen; das neue Ballet—“ „Sorge nicht, was geſchehen iſt, wird mir die Laune dafür nicht verderben, ſondern vielleicht 195 den Genuß noch erhöhen. Iſt Alles gehörig vorbe⸗ reitet?“ „Kurfürſtliche Durchlaucht dürfen das Vortreff⸗ lichſte erwarten; Balletmeiſter, Maler und Masſtro haben ſich ſelbſt übertroffen.“ „Und unſer Schauſpiel, die Schlacht von Mohacs?“ „Verſpricht nicht minder glänzend zu werden“, entgegnete Arnold.„Wie könnte es wohl anders ſein, da Alles aufs genaueſte nach Eurer Durchlaucht eigenen Anordnungen eingerichtet worden! Durchlaucht dürfen ſich einen ſehr ſchönen und vergnügten Abend ver⸗ ſprechen, und ich, als Ihr treueſter Diener, ſchmeichle mir, noch eine beſondere Ueberraſchung hinzugefügt zu haben.“ „Eine Ueberraſchung?“ ſagte Max Emanuel zwei⸗ felhaft.„Die laſſe lieber bleiben! Man hat Beiſpiele, daß derlei Dinge mißlingen und unangenehm werden. Sage mir lieber, was Du im Sinne haſt!“ „Gewähren mir Durchlaucht als beſondere Gnade“, ſagte der Kammerdiener ſchmeichelnd,„jetzt noch ſchwei⸗ gen zu dürfen! Ich bin gewiß, mir die allerhöchſte Zufriedenheit zu erwerben.“ „Nun denn, ſo magſt Du Deinen Willen haben, aber auf Deine Gefahr!“ „Ich habe auch andere Nachrichten“, fuhr Arnold 13* 196 fort, indem er liſtig lächelnd näher trat,„Nachrichten, die Durchlaucht vielleicht auch nicht unangenehm ſind. Ich habe erfahren, das Fräulein von Sinzendorf iſt insgeheim in die Stadt zurückgekehrt; ſie hält ſich ver⸗ borgen und fleht Durchlaucht um die Gnade an, ihr nur einen Augenblick zu gewähren, um ihre Beſchwer⸗ den—“ „Die Sinzendorf?“ ſagte der Kurfürſt gleichgültig. „Laß das! Sie mag immerhin bleiben, wo ſie iſt, und es ſich ſelbſt zuſchreiben, daß ſie die Ungnade der Kurfürſtin auf ſich gezogen; ich kann dabei nichts für ſie thun. Auch weißt Du ja, daß meine Gedanken ganz anderswohin gerichtet ſind. Haſt Du keine Nach⸗ richten von dort?“ „Wie nun, Durchlaucht“, ſagte der Kammerdiener mit triumphirendem Blicke,„wenn dieſe Nachrichten mit meiner beabſichtigten Ueberraſchung zuſammen⸗ hingen?“ „Was ſagſt Du?“ rief der Kurfürſt begierig; er konnte jedoch nicht vollenden, denn im Vorgemache wurden Stimmen laut.„Später mehr davon!“ rief er.„Ich höre die Herren vom Staatsrath; laſſe ſie eintreten!— Willkommen, Ihr Herren!“ rief er den Gerufenen entgegen.„Ihr werdet verwundert ſein, daß ich Euch zu ſo ungewohnter Zeit zu mir beſcheide.“ —— 197 „Das iſt nicht zu leugnen, Durchlaucht“, entgeg⸗ nete Prielmaier.„Ohne Zweifel irgend ein höchſt wichtiges Staatsereigniß?“ „Das eben nicht“, ſagte Max Emanuel lachend. „Seine Verwunderung, Prielmaier, wird noch größer werden, wenn Er erſt hört, weshalb ich die Herren zu mir rufen ließ. Ihr ſollt mir helfen, einen neuen Be⸗ reiter, einen tüchtigen Stallmeiſter zu gewinnen 35 In den Mienen der Räthe ſpiegelte ſich Staunen und Betroffenheit; ſie vermochten nicht, den Sinn des allergnädigſten Scherzes zu errathen, welchen der Fürſt mit ihnen vorzuhaben ſchien.„Durchlaucht ſind guter Laune“, ſagte Prielmaier ernſthaft.„Jedenfalls iſt meine Wenigkeit durchaus nicht geeignet, in Angelegen⸗ heiten des Marſtalls nützen zu können.“ „Ja, das glaub' ich Ihm aufs Wort“, rief der Kurfürſt, indem er ihn auf die Achſel klopfte;„ich weiß, daß es mit Seiner Reitkunſt nicht weit her iſt. Aber geduldet Euch nur eine kleine Weile, Ihr Herren! Das Räthſel wird ſich löſen. Folgt mir nur in die Reitbahn. Wir wählen den kürzeſten Weg über die kleine Treppe, damit wir keinen Augenblick verſäumen!“ In kurzer Zeit war die Gallerie, welche über den Bogengängen des Hofgartens zur Reitſchule führte, durchſchritten. Die Reitbahn ſelbſt war leer; nur ein 198 paar Stallknechte waren beſchäftigt, ein ſchönes wildes Pferd von arabiſcher Zucht herumzuführen, das in aller Kraft ungebändigter Jugend in die Zügel knirſchte, daß die drei ſtarken Burſchen Mühe hatten, es zu bändigen. In der Thür ſtand einer der kurfürſtlichen Bereiter in verwundertem Geſpräche mit einem großen, kriegeriſch ausſehenden Manne, deſſen ſchlichtes Wamms und Reiterſtiefel nicht wohl zu dem feinen, vollen Geſicht, den feurigen Augen und der hohen, gedankenreichen Stirn ſtimmten, welche ſich zeigte, als er den Hut zum artigen Gruße vor dem Bereiter lüftete. „Es iſt nicht anders, mein Name iſt Legrand, Stallmeiſter Legrand“, ſagte der Mann zu dem Bereiter. „So eben wurde von der Schloßwache in das Palais des Reſidenten Seiner königlichen Majeſtät von Frank⸗ reich nach mir geſendet, ich möge in den kurfürſt⸗ lichen Marſtall kommen, weil man meines Rathes bedürfe.“ „Ich weiß zwar nichts davon“, ſagte der wohl⸗ genährte Bereiter in gleichmüthigem Tone,„aber wenn's der Herr ſagt, wird's wohl ſo ſein müſſen! Will gleich nachfragen, über was uns denn der Herr ſeinen Rath geben ſoll; bis jetzt haben wir Niemand Fremdes gebraucht und ſind mit unſern Gäulen immer noch ſelber fertig geworden.“ 199 „Was ſoll das bedeuten, Herr Marſchall?“ rief, als der Bereiter ſich entfernt hatte, ein ihm ähnlich gekleideter Mann dem Stallmeiſter haſtig und leiſe zu. „Begreifen Euer Erlaucht, was das ſoll?“ „Nein“, entgegnete dieſer lachend;„aber die Bot⸗ ſchaft war dringend; mir liegt im höchſten Grade daran, mein Incognito noch einige Tage zu bewahren; ich warte noch das Eintreffen gewiſſer Nachrichten ab. Um alſo keinen Verdacht zu erregen, blieb mir nichts übrig, als wirklich den Stallmeiſter zu ſpielen und Folge zu leiſten.“ In dieſem Augenblicke war Max Emanuel mit ſeinen Räthen über die Treppe herabgekommen und ſtand am Eingang der Reitbahn, im Rücken der Redenden. „Ah, ſieh' da, Er iſt wohl der Monſieur Legrand, der franzöſiſche Stallmeiſter, von dem ich ſo viel ge⸗ hört?“ ſagte der Kurfürſt vortretend.„Ich bin Ihm obligirt, daß Er gekommen iſt. Er ſoll mir einmal zeigen, was Er kann!“ Der Stallmeiſter ſtand einen Augenblick wie ver⸗ ſteinert, dann machte er eine Verbeugung, welche mehr in das Parquet eines Hofſaals als auf die Reitbahn gepaßt hätte.„Durchlaucht!“ ſagte er betroffen. „Da iſt meine Leda“, fuhr Max Emanuel fort, 200 3 ohne ſeine Worte und ſein Benehmen zu beachten,„ein herrliches Thier und mein Liebling! Es ſoll mir für die nächſte Campagne zugeritten werden; aber meine Bereiter klagen, daß ſie kaum zu bändigen iſt— es iſt eben echt arabiſches Vollblut.“ „Wollen Durchlaucht mir geſtatten—“ ſagte der Stallmeiſter. 4 „Daß Er einen Verſuch macht?“ unterbrach ihn der Kurfürſt.„Das will ich Ihm gern geſtatten; des⸗ wegen bin ich ſelbſt gekommen, um eine Probe Seiner Kunſt zu ſehen.“ Dem gewandten Franzoſen hatten die wenigen Augenblicke genügt, ſich zu faſſen und ſeine Lage zu überblicken. Mit eigenthümlichem Ausdruck ließ er ſeine Augen an den Reihen der kurfürſtlichen Räthe hingleiten, in deren Mienen nicht geringe, mit Heiter⸗ keit gemiſchte Verwunderung zu leſen war.„Ich muß zwar geſtehen“, ſagte er lächelnd mit ehrerbietiger Ver⸗ beugung,„daß ich augenblicklich nicht erwartete, eine Probe ablegen zu ſollen, ob ich es verſtehe, die Zügel zu führen; aber ich bin Franzoſe und will meiner Nation die Schmach nicht anthun, eine ſolche Auffor⸗ derung ausgeſchlagen zu haben. Vorwärts alſo!“ rief er, hatte im Nu die Knechte beiſeite geſchoben und das bäumende und ins Gebiß knirſchende Pferd mit —— ö 1 —— 201 einem ſo kräftigen Ruck an den Zügeln gefaßt, daß es einen Augenblick ruhig ſtand; im nächſten hatte er ſich ſchon auf das Thier geſchwungen und flog mit demſelben wie der Sturmwind durch die ſtäubende Bahn. Hatte der Reiter auch die Reitkunſt nicht zu ſeinem Berufsgeſchäfte gemacht, ſo bewährte er doch bald, daß er deſſenungeachtet ein Meiſter in derſelben war; es währte nicht lange, ſo lernte das ſtolze Thier ſeinen Bändiger erkennen; wohl flog es ſchnaubend und ſtürmend dahin, aber es gehorchte der Leitung und ſtand zitternd und vollkommen ruhig, als der Stallmeiſter zuletzt vor dem Kurfürſten anhielt und grüßend den Hut zog. „Bravo, bravo, Monſieur Legrand! Braviſſimo!“ rief der Kurfürſt lachend und in die Hände klatſchend. „Applaudiren Sie doch auch, meine Herren! Hör' Er, mein guter Freund, Er iſt ein Stallmeiſter, wie er ſein muß. Grüß’ Er mir Seinen Herrn, den Marſchall Villars, und wenn Ihm einmal der Platz bei demſelben nicht mehr behagen ſollte, ſo kann Er in meine Dienſte treten.“ „Durchlaucht ſind ſehr gnädig“, ſagte der Stall⸗ meiſter, der abgeſtiegen war, mit Nachdruck.„Es wird nur von Ihnen abhängen, ob Sie mir geſtatten wer⸗ den, Ihnen zu dienen.“ 202 „Soll mich freuen, Monſieur Legrand!“ ſagte Max Emanuel, indem er den Hut zu kurzem Gruße lüftete und ſich entfernte.„Kommen Sie, meine Herren— es iſt Zeit zur Tafel— und geſtehen Sie, daß Sie mir Dank ſchuldig ſind, weil ich Ihnen einen ſolchen Künſt⸗ ler zu ſehen verſchaffte! Auf Wiederſehen in der Ko⸗ mödie! Wenn ſie ſo gut gelingt wie dieſes Vorſpiel, wird es an Unterhaltung nicht fehlen.“ Er ging und ließ den Stallmeiſter zurück, welcher raſch mit ſeinem Begleiter durch das Thor enteilte. „Saint⸗Denis de France!“ rief dieſer.„Wenn ich ahnen könnte, wer mir dieſe Intrigue geſpielt! Doch immerhin! Wenn ich denn doch einmal mitſpielen ſoll in der Komödie, will ich mir wenigſtens die Rolle ſel⸗ ber wählen.“ Am Abend bot das unlängſt gebaute Opernhaus neben der Salvatorkirche einen wunderbaren Anblick. Daſſelbe war nicht groß, nur ein paar Logenreihen bauten ſich übereinander auf, aber es war von ſchönen Verhältniſſen und in ſo auserleſenem Geſchmack ver⸗ ziert, daß es im Widerſcheiue der zahlloſen Kerzen des Kronleuchters ein märchenhaftes Bild gewährte; ein Meer von Licht, Glanz und Farbe wogte blendend in einander. Die von Gold ſtrotzenden Logen dienten einer nicht minder prachtvollen Verſammlung zum eben⸗ ——— 203 bürtigen Rahmen. Die Kerzen funkelten hundertfach in dem zahlloſen Edelgeſtein wieder, das die ſchönen Stirnen als Diadem umſchlang oder von noch ſchö⸗ nern Nacken und Buſen an Ketten und Schnüren herniederhing. Die Cavaliere, hinter den Damen ſtehend, flüſterten dieſen muntere Bemerkungen zu, während dieſe ein beifälliges Lächeln hinter kunſtvollem Fächerſpiel zu verbergen wußten; in das Geſäuſel der Stimmen miſchten ſich ſchon die erſten, leiſe gehauchten Töne, welche die Stimmung des Orcheſters prüfen ſollten; noch ein Augenblick ſteigender Erwartung, dann trat Kurfürſt Max Emanuel mit Maria Antonia in den Saal, in deſſen Mitte ein anſehnlicher Raum frei⸗ gelaſſen und auf Stufen erhöht der Platz des kurfürſt⸗ lichen Paares angebracht war. Im weiten Halbkreiſe reihten ſich die Herren und Damen des Hofes, welche, zum Dienſte berufen oder ſonſt durch Gunſt und nähere Beziehung auserleſen, ſich dieſes Vorzugs erfreuten. In der einen Bühnenecke, am Fuße einer der Palmen, deren vergoldete Stämme als Säulen die erſte Logenbrüſtung trugen, ſtanden die jüngern Offi⸗ ziere und Cavaliere beiſammen; dieſe in den ausgeſucht zierlichen Moden des Hofes von Verſailles, jene in den glänzenden Uniformen ihrer Regimenter, den blanken ſchimmernden Panzern der Roſtani⸗Küraſſiere und den 204 ſchönen hellgrünen Röcken des Regiments Kurprinz, denen die dunklen Kleider der Artilleriebrigade zum wirkſamen Gegenſatze dienten. Von hier ließ ſich am bequemſten überſehen, was auf der Bühne und im Zuſchauerraume geſchah; hier hatte ſich daher Alles verſammet, was an kecker Laune und muthwilligen Scherzen Gefallen fand; von hier flog mit ſuchenden Blicken manch ſtachlige Bemerkung, manches treffliche Witzwort nach allen Richtungen, Wespen gleich, die nach allen Seiten ſchwärmend ihr Neſt in einer ſichern Mauerecke angeheftet. Unter den jungen Herren waren neben dem Freiherrn von Haunsberg auch Niibiera, Puyſegur und Werſpwetz zu gewahren. „Ich will in der That froh ſein“, ſagte Puyſegur zu den Umſtehenden,„wenn der Vorhang in die Höhe geht. Es ſoll vor einigen Tagen noch ſehr zweifelhaft geweſen ſein, ob das Ballet wirklich zu Stande kommt.“ „Warum?“ fragte Haunsberg. „Weil eine Verſchwörung unter den Damen aus⸗ gebrochen war, eine förmliche Conſpiration. Sie waren ſämmtlich mit den Rollen, die man ihnen zugetheilt, unzufrieden, und Freund Saint⸗Maurice mußte alle ſeine Künſte aufbieten, um den Frieden herzuſtellen und die Sache möglich zu machen.“ —— —— „Wo iſt er?“ fragte Haunsberg.„Warum ſieht man ihn nicht?“ „Welche Frage!“ lachte Riviera.„Du weißt doch, daß Niemand zierlicher tanzt als der Chevalier! Er wirkt im Ballet mit und iſt auf der Bühne.“ Die letzten Töne der Einleitungsmuſik verhallten, jene zum Ballet begann; unter muntern Hörnerklängen öffnete ſich die Bühne und ein weites grünendes Wald⸗ gebirge, mit überraſchender Wahrheit gemalt, ſtieg in ſchöner Abendbeleuchtung vor den Augen der Zuſchauer empor. „Bravo, bravo, wackerer Landsmann!“ ſagte Riviera halblaut.„Geſteht, Ihr Herren, Domenico Muro iſt ein Meiſter in der Kunſt, den Pinſel zu führen; das Gebirge könnte nicht natürlicher ſein! Man ſpürt ordentlich das Wehen des Waldes und glaubt ihn rauſchen zu hören.“ Eine Schaar reizender Dryaden und Oreaden, mit Jagdſpeer, Bogen und Pfeil bewehrt, ſtürmte unter einem rauſchenden Jagdchor von den Bergen herab und aus den Büſchen hervor, um zu verkünden, daß Diana, ihre Herrin, ihr Tagewerk beendet und dieſes Thal zu ihrem Ruhelager für die Nacht erkoren habe. Es waren Sängerinnen von Fach, meiſt bei der italieniſchen Oper angeſtellt, und wenn die Zahl nicht 206 reichte, durch Münchnerinnen verſtärkt, die auf den Kirchenchören ihre Kunſtverſtändigkeit bewährt hatten. Nach dem Chor erſchien Diana ſelbſt; auf einem ſtrah⸗ lenden Halbmond, der zu einem Wagen geformt war, kam die ſchöne Göttin vom Gebirge herab, halb wie auf einem Gewölke ſchwebend. Eine zweite, noch an⸗ muthigere Schaar Dryaden begleitete ſie, aus lauter Damen des Hofes und Adels beſtehend; denn wenn es auch für eine unauslöſchliche Schmach gegolten hätte, auf der Bühne zu ſingen oder gar zu ſpielen, ſo war es doch erlaubt, dieſelbe tanzend zu betreten, und der älteſte Adel fand darin nicht nur nichts Entwürdigen⸗ des, ſondern vielmehr Ehre und Auszeichnung. Sogar Perſonen vom höchſten Range, regierende Fürſten und Fürſtinnen achteten es nicht unter ihrer Würde, im Tänzercoſtüm vor ihrem Hofe und ihren Unterthanen zu erſcheinen und vor deren ehrfurchtsvoll ſtaunenden Augen Pirouetten, Entrechats und andere Pas auszu⸗ führen. Ein Gemurmel des Beifalls und der Bewun⸗ derung ging durch das Haus, als die ſchöne hochge⸗ ſchürzte Jägerin, von ihren Gefährtinnen im feierlichen Tanze geleitet, vom Wagen ſtieg und ihnen durch Ge⸗ berden andeutete, daß ſie ermüdet ſei und ſich nach Ruhe ſehne. „Ein herrliches Weib“, flüſterte Haunsberg zu 3 —— Puyſegur hinüber,„eine Diana in jeder Linie, eine Göttin in jedem Athemzuge! Wer iſt ſie?“ „Ein Hoffräulein der Kurfürſtin, Gräfin Thereſe von Eiſenreich“, flüſterte der Gefragte zurück und wollte mehr von ihr erzählen, aber der Freiherr hörte ihn nicht, er vermochte kein Auge von der ſchönen Jägerin abzuwenden und wagte kaum zu athmen. Während Diana ſich auf eine Moosbank niederließ, begann der Wald ſich erſt völlig zu verfinſtern, um dann in zau⸗ berhafter Weiſe vom aufgehenden Monde erhellt zu werden, welcher, ohne ſelbſt ſichtbar zu ſein, ſeine ſilber⸗ nen Lichter durch die Baumkronen auf den Raſen und die ſchöne Schläferin ſtreute. Unter feierlichem und doch ſüß einſchmeichelndem Flötengetön ſtieg jetzt die Göttin der Nacht aus der Erde empor, umgeben von einer dunkelgekleideten Schaar Genien, mit Sternen im Haar und zierlichen Urnen in der Hand, aus denen ſie, in zierlichen Tänzen umher⸗ ſchreitend, den Thau über Büſche und Auen ausgoſſen, indeß die Göttin ſelbſt den Saft einer Mohnblume auf Dianens Auge träufelte. Immer zärtlicher, immer verlockender tönte die Muſik, leichte Schleier ſenkten ſich duftig und nebel⸗ haft herab, und hinter ihnen, ſchattenhaft und dennoch klar erkenntlich, erſchien Dianens Traum: das Bild 208 Endymion's, des ſtolzen Jägers, ſchön, wie ſie ihm zuerſt im Gebirge begegnet, um ihn nie wieder zu ver⸗ geſſen und ruhelos über ſeine ſcheue Sprödigkeit zu ſeufzen. Der Traum wiederholn die verhängnißvolle Begegnung und ſpann ſie in ann tthiger Weiſe aus. Der Jüngling, in der Verfolgung eines Hirſches be⸗ griffen, wollte erſt achtlos vorbeiſtürmen, da gewahrte er die Schlafende, er zauderte und ſtand; der Speer entglitt allmälig ſeiner Hand; mit ſcheuen Schritten, ſie nicht zu wecken, näherte er ſich der Ruhenden— zärt⸗ licher noch webten ſich Flöten⸗ und Horntöne in einander. Jetzt, jetzt kniete er neben ihr; jetzt neigte ſich ſein Antlitz zu ihr herab; jetzt hauchte er einen Kuß auf ihre ſchöne Stirn. „Beneidenswerther Endymion!“ murmelte Werſo⸗ wetz.„Wer iſt er?“ „Wie, erkennſt Du unſern Freund Saint⸗Maurice nicht?“ erwiderte Puyſegur mit leiſem Lachen.„Er macht ſeine Sache gut; ſehr begreiflich, die böſe Welt will wiſſen, daß er die Rolle des Endymion auch außer der Scene fortſpielt. Immerhin! Es iſt ein Paar, das ſich wohl zu einander ſchickt.“ „Iſt denn dieſer Saint⸗Maurice überall Hahn im Korbe?“ murrte Haunsberg grollend in ſich hinein. „Hab' ihn noch nie um ſein Glück bei den Weibern 209 beneidet; aber jetzt zum erſten Male fühle ich ſo etwas in mir.“ Sanft klagende Muſik begleitete das Verſchwinden des Jünglings, der zoch oft zögernd zurückblickte, wäh⸗ rend Diana in un higem Schlummer die Arme nach dem Scheidenden ausbreitete; dann wurden die Töne bewegter und lebhafter; ſie verkündeten das Erwachen der Natur, die erſten rufenden Stimmen des Tages, und von röthlichen Wolken getragen, ſenkte ſich die Göttin des Morgens herab, umtanzt von einem Ge⸗ folge reizender Nymphen, welche die Morgenröthe dar⸗ ſtellten, die Dämmerung, die Stimme des Tages und den Morgenſtern. Gebieteriſch ſchwang die Cöttin ihren Zauberſtab über dem ſchlafenden Walde, da ſchwand das Dunkel und über dem Gebirge blitzte die Sonne herauf, erhaben und blendend, ein vollkommen der Natur abgelauſchtes Bild. Im nämlichen Augen⸗ blicke erwachte Diana; von allen Seiten ſtürmten die Dryaden und Oreaden in jubelndem Chore herein, und Diana an ihrer Spitze zog dem neuen Tage ent⸗ gegen in der ſeligen Hoffnung, daß er den ſchönen Traum der Nacht erfüllen werde zu noch ſchönerer Wirklichkeit. Rauſchend ſchloß die Muſik, rauſchender noch dröhnte der Beifall durch das überfüllte Haus Der Schmid, Die Türken in München. I. 14 210 Kurfürſt erhob ſich mit freudeſtrahlendem Geſichte und ſchickte einen Cavalier ab, den Balletmeiſter Nodier der allerhöchſten Zufriedenheit zu verſichern; mit jenem freundlichen Lächeln, das ihr eine ſo unwiderſtehliche Anmuth verlieh, fügte Maria Antonia hinzu, er ſolle der Gräfin Eiſenreich ihr beſonderes Wohlgefallen aus⸗ ſprechen, daß ſie die Partie der Diana ſo ſchön und doch ſo ſinnig und ſittig geſpielt. Die Hofgeſellſchaft im Parquet löſte ſich in Gruppen auf, indem der Kurfürſt, um die Pauſe bis zum Beginn des zweiten Spiels zu kürzen und auszufüllen, umherwandelnd bald hier, bald dort ein kurzes Geſpräch begann, die Kur⸗ fürſtin aber die eine oder andere Dame zu ſich beſchied und reichbetreßte Diener in ſilbernen, innen vergoldeten Schalen kandirte Früchte und Sorbet herumreichten, als Wahrzeichen, daß die Phantaſie der Verſammlung beginnen ſolle, ſich ſchon vorbereitend in den Orient zu verſetzen. Indeſſen ging es hinter dem Vorhange keineswegs ſo ruhig und heiter zu als vor demſelben, vielmehr herrſchte dort ſattſame Verwirrung und Verlegenheit. In den Gängen rannte der Hoftapezirer Bartlmä Lichten⸗ ſteiner wie verrückt hin und her, um die kaum zählba⸗ ren Schaaren von Statiſten, deren Aufſicht und Co⸗ ſtümirung ihm übertragen war, zu ordnen und nur —— 211 einigermaßen im Zaume zu halten. Sie beſtanden aus zwei großen Hälften, aus bayeriſchen Soldaten, die in ihrer Uniform und Bewaffnung das Kriegsſpiel, das ſie ſelbſt im blutigen Ernſte aufgeführt, jetzt zur Kurz⸗ weil und Augenweide wiederholen ſollten, und aus ver⸗ kleideten Türken, zu denen man die Studenten der Stadt, die Jeſuitenſchüler, genommen hatte, welche, wohlgeübt im Geſange, auch ſonſt in den Chören der welſchen Oper und zur ſtummen Mitwirkung bei an⸗ derem Komödienſpiel gegen ein kleines Taggeld ver⸗ wendet wurden. „Herr meines Lebens!“ rief der unglückliche Ta⸗ pezirer, indem er an den Reihen der Türken hin und wieder lief.„Da fehlt ja der Janitſcharenaga, von den Panduren iſt auch ein halbes Dutzend nicht da und das Spiel kann jeden Augenblick losgehen! Wo ſind denn die Schlingel— will ich ſagen, die Herren Stu⸗ denten— ſchon wieder? Was?“ rief er noch troſt⸗ loſer und unglücklicher, als ein Diener ihm ein Wort ins Ohr flüſterte.„Im Brauhaus ſind ſie? Wie ſind ſie denn nur aus dem Theater hinausgekommen? Hab' doch die Thür ſelbſt abgeſperrt!“. „O“, rief einer der Studenten lachend,„für Pan⸗ duren, wie wir ſind, gibt's auch einen Weg durchs Fenſter!“ 14* 4 6 212 „Durchs Fenſter!“ jammerte Lichtenſteiner.„Mit den koſtbaren Gewändern! Der Ueberwurf vom Jani⸗ tſcharenaga koſtet allein dreißig Gulden, blos an Flinſerln und Stickerei, und mit dem ſteigen die Her⸗ ren hinaus! Mit dem gehen ſie ins Bräuhaus und rutſchen zum Spectakel für alle Gäſte in der öffentlichen Zechſtuben und auf der Bierbank herum! Das iſt ge⸗ wiß wieder keinem Andern eingefallen als dem Jani⸗ tſcharenaga, dem Herrn Langöttl, dem Hoſſchleifers⸗ ſohn! Das iſt immer der Schlimmſte von allen und ich hätt' ihn ſchon lang' nicht mehr genommen zur Komödie, wenn ihn der Kapellmeiſter nicht ſo noth⸗ wendig hätt' wegen ſeinem Bierbaß. Xaveri, auf der Stell' lauf' mir hinüber“, fuhr er, gegen einen Diener gewendet, fort.„Die Studenten ſollen augenblicklich herüberkommen, oder ich laſſ' ſie durch die Schloß⸗ wacht abholen!“ Die Beſorgniß war übrigens unnöthig; denn noch während der letzten Worte rückten die deſertirten Pan⸗ duren ein, an ihrer Spitze der vermißte Janitſcharenaga, eine für einen jungen Mann faſt zu vollbeleibte Geſtalt mit breiter Bruſt, welche zu der Rolle des Aga voll⸗ kommen paßte und wohl begreifen ließ, daß in ihr eine mächtige Stimme hauſen mochte. „Gott ſei Lob und Dank, daß die Herren da ſind!“ ———— ——————ö— 213 rief ihnen der Tapezirer entgegen.„Ich bin juſt im Begriff geweſen, eine ſchwarze Henn' in die Kapellen auf'm Gaſteig zu verloben.“ „An dem guten Werke will ich Ihn nicht hindern“, erwiderte der Aga mit dröhnendem Baſſe;„aber ſtaut aufs Gaſteig iſt's beſſer, der Herr ſchickt die ſchwarze Henne mir; ich will. ſie morgen mit geſchnittenen Nu⸗ deln verſpeiſen und dabei an Ihn denken, Herr Ober⸗ tapezirer!“ „So?“ zürnte dieſer.„Zu all meinem Verdruß will man mich noch foppen auch?“ „Wer ſagt denn das?“ entgegnete der Student. „Es iſt ja mein völliger Ernſt. Wegen was bin ich denn ins Bräuhaus gegangen, als wegen der Komödie und wegen Ihm, damit wir Ihm Ehre machen? Glaubt denn der Herr, wenn ich Baß ſingen ſoll, daß ich nicht eine Anfeuchtung haben muß? In dem Chor vor der Belagerung muß ich das tiefe F zehn Takt' lang aus⸗ halten. Wo ſoll man denn das hernehmen, Herr Obertapezirer, wenn die Gurgel trocken iſt?“ „Ich will nichts hören und wiſſen, laſſ' mich der Herr aus!“ ſagte Lichtenſteiner und wollte ſich los⸗ machen, denn der Aga hielt ihn am Aermel feſt. Doch war er nicht mehr ſo mürriſch wie zuvor; es war ſeine ſchwache Seite, mit dem Titel Obertapezirer, den ——= 214 er ſehnlich zu erlangen wünſchte, angeredet zu werden. „Aber ſo hör' mich der Herr Obertapezirer nur an!“ fuhr der liſtige Student fort.„Ich will ja nur wiſſen, wann ich um die ſchwarze Henn' ſchicken darf zum Herrn Obertapezirer?“ „Der Herr iſt ein Vocativus“, ſagte Lichtenſteiner erweicht.„Schick Er halt morgen um acht Uhr zu mir! Ich will's meiner Frau ſagen.“ „Und, nicht wahr, Herr Obertapezirer“, fuhr der Student fort, ohne ihn loszulaſſen,„eine alte Henn' allein iſt ein trockenes Eſſen? Ich hab' g'hört, Er ſoll ſo guten alten Wein im Keller haben. Da legt Er wohl eine Flaſche bei, nur wegen der Verdauung? Nicht wahr, Herr Obertapezirer?“ „Meinetwegen ja“, rief der Mann lachend und eilte hinweg, denn von der Bühne ſchmetterten die erſten Töne des kriegeriſchen Marſches, der das Schau⸗ ſpiel von der Schlacht bei Mohacs einleiten ſollte. Auch in den innern Räumen, hinter der Bühne, wo die vornehmen Mitſpielenden in traulichen Ge⸗ mächern ſich aus Erdenkindern in Götter und Göttinnen verwandelten, war inzwiſchen große Unruhe entſtanden. Angela Simeoni, die ſchöne Marcheſina, hatte kaum die Breter verlaſſen, als ſie mit Haſt das dunkle Sternen⸗ 215 gewand der Nacht von ſich ſtreiffe, um es gegen den prachtvollen, von Gold und Juwelen ſtrotzenden Anzug, den ſie ſich für die Rolle der türkiſchen Prinzeſſin er⸗ ſonnen, zu vertauſchen. Ueber wiederholten Verſuchen, jede Kleinigkeit aufs glänzendſte und ſo vortheilhaft als möglich wirken zu machen, flog ein Viertel⸗ ſtündchen gleich ein paar kurzen Minuten dahin, und eben hatte ſie an Turban und Schleier die letzte Falte mit bildender Hand geordnet, als draußen ſchon die Schlachtmuſik zu erbrauſen begann. Außer ſich eilte Angela der Bühne zu; die erſte Scene ſtellte das Lager der Türken dar, die in ſorgloſem Uebermuth ein Feſt zu Ehren der Prinzeſſin feierten, welche ſie dar⸗ zuſtellen hatte; ſie mußte alſo die erſte auf der Bühne ſein. Bebend vor Aufregung und beinahe aufkreiſchend, drängte ſie ſich durch die hinter den Couliſſen dicht geſchaarten Türken und rief und flehte vergebens, ſie durchzulaſſen. Die Türken ſtanden wie die Mauern, und der Janitſcharenaga rief ihr, auf die Bühne deutend, in reinſter Münchener Mundart zu:„Was wollen's denn, Fräulein? Sei'n S' doch ſtill, der Vor⸗ hang is' ja ſchon in der Höh', und die Prinzeſſin ſitzt ja ſchon draußen.“ Angela vergingen beinahe die Sinne; ſie warf noch einen verſchwimmenden Blick auf das Theater: es war 216 wirklich ſo, eine Andere, ein ſchönes, ihr unbekanntes Weib thronte bereits an dem ihr gebührenden Platze. Mehr ſah ſie nicht mehr; halb in wirklicher, halb in verſtellter Ohnmacht brach ſie zuſammen und fiel dem Janitſcharenaga in die Arme, der ſie wie ein Kind in die Höhe hob und nach den Ankleidezimmern trug. Vor der Thür kam ihm der Chevalier Saint⸗ Maurice entgegengeſtürmt, in leichtem Obergewand, das er in größter Eile übergeworfen, ſodaß unten noch die Beine Endymion's in antiker Nacktheit ſichtbar wurden, während der Kopf ſchon wieder regelrecht mit dem Pariſer Lockengebäude bedeckt war. Ein Gerücht des Vorgefallenen war zu ihm gedrungen und hatte ihn gewaltſam im Umkleiden unterbrochen.„Was iſt's mit dem Fräulein? Was iſt geſchehen?“ rief er dem Aga zu.„Welch ein Unglück hat ſich ereignet?“ „O das Unglück iſt net ſo groß“, entgegnete phlegmatiſch der Student.„Das Fräulein hat nur durchaus aufs Theater eausg'wollt und hat die Prin⸗ zeſſin ſpielen wollen— es ſcheint, is' ein biſſel überſpannt.“ „Was fällt Ihm ein!“ entgegnete Saint⸗Maurice. „Das Fräulein hat wirklich die Rolle der Prinzeſſin zu ſpielen; das Stück kann gar nicht vor ſich gehen ohne ſie!“ ———yyaaa 217 „Aha, der hat auch um einen Umgang zu viel“, murmelte der Aga, indem er mit ſeiner Bürde gleich⸗ gültig weiter ging.„Meinetwegen! Wenn Sie mir net glaub'n wollen, ſo ſchauen S' naus aufs Theater! Da können S' ſehn, daß die rechte Prinzeſſin ſchon draußen ſitzt.— Aber ich muß fort; mein Chor mit dem tiefen F fangt ſchon an! Da haben S' das Fräu⸗ lein“, ſchloß er eilfertig, indem er ſie den herankom⸗ menden Dienerinnen übergab, den Säbel zog und im 4 Hinauslaufen mit dröhnender Stimme den bereits be⸗ gonnenen Kriegerchor einſetzte. „Unbegreiflich“, ſagte Saint⸗Maurice, indem er zuerſt in größter Unruhe zwiſchen den Couliſſen der Bühne hin und her lief, dann aber auf einen feinen, ältlichen Herrn zuſtürzte, der, im Proſcenium ſtehend, die Aufführung zu beobachten und zu überwachen ſchien. Es war der neuernannte Intendant der königlichen Schauſpiele, Herr von Saint⸗Maurice.„Aber um des Himmels willen, Papa“, rief ihm der Chevalier ent⸗ gegen,„was für eine entſetzliche Verwirrung! So eben hat man die Marcheſina Simeoni ohnmächtig von der Bühne getragen! Wer iſt die Dame, welche die Prin⸗ zeſſin ſpielt? Sie hatten mir doch verſprochen—“ „Allerdings, das hatte ich, mein Sohn“, entgegnete der Intendant, indem er aus einem kleinen bemalten 218 Porzellandöschen mit ſpitzigen Fingern eine Priſe nahm. „Ich hatte auf Deinen Wunſch der Marcheſina die Partie der Türkenprinzeſſin zugetheilt; ſie hat auch alle Proben mitgemacht, aber“, ſetzte er mit geheim⸗ nißvoll wichtiger Miene hinzu,„geſtern Abend iſt mir ein Wink zugekommen, eine verſteckte Ordre—“ „Wink? Verſteckte Ordre? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ein allerhöchſter, aber verſteckter Wink“, wieder⸗ holte der Intendant und blinzte ihm mit den Augen zu.„Im Vertrauen und zu Dir geſagt, mein Sohn, eine Perſon, welche ſich der allerhöchſten Intimität er⸗ freut, hat mir eröffnet, daß Seine Durchlaucht es beſon⸗ ders gnädig vermerken würden, wenn, wie der Vezier von dem echten Khiaja⸗Paſcha, auch die Prinzeſſin von einer wirklichen Türkin dargeſtellt werden könnte.“ „Ah, jetzt erkenne ich das Mädchen“, rief der Chevalier,„es iſt Zuleima! Bei Gott, ſie iſt ſchön und weiß ſich den Anſtand einer wirklichen Fürſtin zu geben!“ „Das iſt es eben, was mich enchantirt“, ſagte der Papa;„es iſt die gefangene Türkin, und ich ſchmeichle mir, durch dieſen feinen Coup das höchſte Wohlwollen Seiner Durchlaucht—“ „Aber Ihr Wort, Papa?“ unterbrach ihn der Chevalier. — 219 „Das verſtehſt Du nicht, mein Sohn“, entgegnete jener kaltblütig.„Ich habe immer Wort gehalten, wo ich konnte, mein Sohn; das iſt ſelbſtverſtändlich, wo es von mir abhing; aber der Befehl meines Souveräns— Ich bin ſeit zwanzig Jahreu an dieſem bayeriſchen HKofe; ich befinde micht ſehr gut, und wenn Du klug biſt, kannſt Du Dich nach mir ebenſo und noch beſſer ſituiren. Ich kann alſo die allerhöchſte Ungnade wegen Deiner Amourſchaften nicht riskiren, das wirſt Du zu⸗ geſtehen. Der Wink, der mir zukam, war ſo gut als ein Befehl, gegen den ich keinen Widerſtand leiſten konnte. Ich ließ daher dieſen Morgen in aller Stille die echte Türkin holen, ließ noch ein paar Proben mit ihr vornehmen—“ „Aber wenn Sie doch wenigſtens der Marcheſina dieſe entſetzliche Kränkung erſpart hätten!“ rief der Sohn.„Wenn Sie ihr nur geſagt hätten—“ 1 „Ah“, erwiderte der Vater,„eine ſolche Betiſe wirſt Du einem Intendanten nicht zutrauen, mein Sohn! Warum hütte ich das thun ſollen? Damit ſie mir die Göttin der Nacht nicht geſpielt und das ganze Ballet über den Haufen geworfen hätte? Nein, ich werde mich morgen gebührend excuſiren und ihr glänzende Revanche verſprechen, dabei wird ſie ſich wohl beruhigen. Du nimmſt nicht?“ ſagte er, indem 220 er wiederholt das Döschen aufklappte und ihm anbot. Der Chevalier hörte es nicht mehr; er war bereits fortgeſtürmt, den Ankleidegemächern zu. Sie waren leer; die Marcheſina hatte ſich, wie die Ankleiderin er⸗ zählte, augenblicklich wieder erholt, ſobald man die Ab⸗ ſicht kundgab, ſie mit kaltem Waſſer zu übergießen, hatte nach ihm gefragt und war, da er nicht ſogleich zu finden geweſen, im höchſten Zorne nach Hauſe ge⸗ fahren. Das Schauſpiel hatte inzwiſchen begonnen; es verdiente dieſen Namen im ſtrengſten Sinne des Wor⸗ tes, weil darin nur einige Chöre geſungen, aber nichts geſprochen, ſondern Alles durch Geberden und ſtumme Bewegungen dargeſtellt wurde. Es begann glänzend und rollte ſich ungeſtört und glänzend ab. Die ſieg⸗ reichen Angriffe der Bayern gelangen nicht minder als die anſcheinend in regelloſeſte Verwirrung aufgelöſte Flucht der überfallenen Türken; das Auffliegen der Pulverminen, der Einſturz der Mauern wurde in ſchauerlicher Natürlichkeit dargeſtellt, das ſiegreiche Ein⸗ dringen der Chriſten und die Gefangennehmung der türkiſchen Prinzeſſin und ihres Vaters hatten den Schein der vollendeten Wahrheit. Beide ſollten unter den Säbeln der ergrimmten Sieger verbluten, als der Anführer des chriſtlichen Heeres, eine junge, dem Kur⸗ fürſten höchſt ähnliche Heldengeſtalt, erſchien, und, den Degen über die Gefangenen ausſtreckend, ſie aus den Händen der Soldaten befreite; dabei loderte in der Tiefe des Theaters die Stadt in verheerendem Brande auf, im Vordergrunde ſanken die Geretteten, Khiaja⸗Paſcha und Zuleima, die ſchöne Türkin, zu den Füßen des großmüthigen Siegers auf die Kniee, und mit der ebenſo ſchönen als lebendigen Gruppe war die erſte Abtheilung des kriegeriſchen Schauſpiels zu Ende. War der Beifall ſchon nach dem Ballet außer⸗ ordentlich geweſen, ſo ſchien er jetzt vollends alle Gren⸗ zen überſteigen zu wollen; der Vorhang mußte einige⸗ mal in die Höhe, um das Schlußbild in wechſelnder bengaliſcher Beleuchtung den ſtaunenden Beſchauern wieder und wieder zu enthüllen. Mehrere Cavaliere, welche die Welt geſehen, verſicherten auf ihre Ehre, das Spectakel ſei magnifique, und ſelbſt am Hofe zu Verſailles hätten ſie nichts Süperberes geſehen. Max Emanuel war in der heiterſten Laune.„War das Deine Ueberraſchung?“ flüſterte er dem Kammer⸗ diener Arnold halblaut zu, als ihm derſelbe eine Silber⸗ platte mit Erfriſchungen anbot.„In der That, ein glücklicher Einfall!“ 222 „Ich bin entzückt, wenn Durchlaucht zufrieden ſind“, entgegnete Arnold ebenſo mit unterwürfiger Verbeugung.„Aber noch ein wenig Geduld; die Ueber⸗ raſchung iſt noch nicht zu Ende. Nach der Komödie werden Durchlaucht das Weitere hören.“ „Eine ſüperbe Idee!“ rief der Kurfürſt, indem er ſich zu Maria Antonia wandte, welcher das kurze Geſpräch mit dem Kammerdiener nicht ganz hatte ent⸗ gehen können.„Was ſagen Eure Liebden zu dem Ein⸗ fall meines Arnold, auch die Prinzeſſin durch eine wirkliche Türkin darſtellen zu laſſen und mich damit zu überraſchen?“ 4 „Ich finde die Idee für einen Kammerdiener ſehr hübſch“, entgegnete die Kurfürſtin mit feinem Lächeln, „und wundere mich nur, daß ein Mann in ſeinen Jahren noch Sinn und Geſchick für derlei Dinge hat. Das Mädchen aber verſteht in der That ſich ganz hübſch zu halten; ich habe ſie mit Intereſſe geſehen, um ſo mehr, als man mir ſchon viel von ihm zu er⸗ zählen wußte!“ „So? Wußte man das?“ ſagte Max Emanuel, indem er anſcheinend gleichgültig aus ſeiner Taſſe ſchlürfte. „Wundert Sie das, mein Herr Gemahl? Sollten Sie noch nichts von ihr gehört haben?“ entgegnete die ———ÿ—ÿ—ÿᷣL—ÿÿͦ 223 Kurfürſtin.„Von ihr ſowohl als von dem Türken⸗ zelt vor der Stadt, wo ſie hauſt, und von den vielen Verehrern, die ſich ihretwegen dahin bemüht haben ſol⸗ len? Ich meinestheils bin neugierig geworden. Mich dünkt, es verlohnt ſich der Mühe, das Mädchen in der Nähe kennen zu lernen.“ „O das glaube ich nicht“, rief Max Emanuel mit einem Lachen, welchem man die Befangenheit an⸗ hörte,„das dürfte doch wohl nicht der Fall ſein. Es iſt ein ganz gewöhnliches Mädchen, eine ungebildete Türkin,, die kaum einige Worte zu ſprechen ver⸗ ſteht.“ Die Kurfürſtin ſah ihn mit prüfendem Blicke an. „Wie können Eure Liebden das ſo genau wiſſen“, ſagte ſie dann,„da Sie doch von dem Mädchen noch ſo viel als nichts gehört zu haben ſcheinen? Jedenfalls lauten meine Nachrichten anders als Ihrigen. Alles, was ich von der Türkin gehört, ſcheint mir vielmehr dafür zu ſprechen, daß ſie kein gewöhnliches Mädchen iſt. Ich will ſie ſehen!“ „Sie ſind immer gütig und liebenswürdig“, 1 ſagte der Kurfürſt mit artiger Verbeugung,„und wo 4 Sie erſcheinen, müſſen Sie Güte und Liebe verbreiten, aber Sie haben auch vollkommen Recht! Wenn ich mir die Sache genauer überlege, finde ich ganz ange⸗ 224 meſſen, ſich des Mädchens anzunehmen— man muß für ſie ſorgen.“ „Dieſe Bemühung bitte ich jedenfalls mir zu über⸗ laſſen, mein Herr Gemahl!“ erwiderte die Fürſtin. „Vorerſt aber wollen wir uns überzeugen und das Mädchen ſehen!“ „Ganz recht“, rief Max Emanuel.„Arnold ſoll dafür ſorgen, daß die Türkin morgen zur beſtimmten Stunde ſich in den Appartements einfindet!“ „Morgen?“ entgegnete Maria Antonia.„Nicht doch, ein gutes Werk muß man nicht über Nacht verſchieben; alſo mag ſie gleich kommen!“ Der Kammerdiener ſpähte mit verſtohlenem Blicke und verlegen nach der Miene ſeines Gebieters, der ihm, als ob er deſſen nicht gewahr geworden, in herr⸗ ſchendem Tone zurief:„Wie lange wirſt Du noch zögern? Thu', wie Dir befohlen iſt! Indeſſen“, ſetzte er, wieder gegen ſeine Gemahlin gewendet, hinzu, „indeſſen weiß ich doch nicht, ob es gut iſt, die Türkin während des Schauſpiels zu ſprechen; Eure Liebden werden ſich alle Illuſion verderben.“ „Ich ſehe das nicht ein“, war die Antwort der Kurfürſtin.„Da ſie eine wirkliche Türkin iſt, wüßte ich nicht, welche Illuſion meinerſeits darunter leiden könnte, wenn ich das Mädchen außer der Bühne ſehe! 225 Oder züßten Eure Liebden vielleicht mir eine ſchöne Täuſqung zu bezeichnen, welcher dadurch Gefahr droht?“ Vrrwünſcht!“ murmelte Max Emanuel.„Das hat men von Ueberraſchungen. Wenn das Mädchen—“ Er verſtummte, denn bereits ſchritt Zuleima an des Kammerdieners Seite mit züchtig niedergeſchlagenen Blicken durch die glänzende Verſammlung dem Sitze des Fürſtenpaares zu. Vor demſelben angekommen, ließ ſie ſich auf ein Knie nieder, kreuzte die Arme über der Bruſt und flüſterte halblaut:„Salem aleikum, Sultanüm!“ Wie demüthig bittend ſchlug ſie dann die Augen auf, fuhr aber im nämlichen Augenblicke unwill⸗ kürlich und faſt wie erſchrocken zurück. „Sei ohne Furcht, mein Kind!“ ſagte Maria Antonia gütig und ſtreckte ihr die Hand entgegen, welche Zuleima ſogleich erfaßte und mit Inbrunſt an die Lippen drückte.„Ich habe Gutes von Dir gehört, Mädchen, und finde es durch Dein Ausſehen beſtätigt. Du gefällſt mir, und ich will für Dich ſorgen. Nenne mir einen Wunſch, und ich bin bereit, ihn Dir zu erfüllen.“ „O, Ihr ſeid gütig, hohe Herrin“, entgegnete Zuleima,„Euer Antlitz iſt wie ein Stern der Nacht und Eure Rede träufelt wie Thau der Wüſte! Hab' ich wirklich Gnade gefunden vor Euch, ſo ſendet mich Schmid, Die Türken in München. I. 15 226 in mein Vaterland zurück und der Segen Allc's ſoll bei Euch wohnen für alle Tage!“ 4: „Wenn Du es ſo begehrſt, ſollſt Du Deie Frei⸗ heit haben!“ ſagte die Kurfürſtin etwas verwandert. „Aber ich möchte Dich glücklich wiſſen, Mädchen, und ich meine, das kannſt Du doch nur bei uns werden. Oder haſt Du Pflichten, die Dich zurückrufen?“ Die Türkin ſchüttelte traurig das Haupt. „So bleib' bei uns!“ fuhr die Kurfürſtin fort. „Ich wiederhole es, ich werde für Dich ſorgen, werde Dich unterrichten und lehren laſſen, ſtatt zu Deinem Propheten, zum Gotte der Chriſten zu beten; ich werde Dich einer wackern Frau übergeben, die Dich in unſern Sitten unterweiſt, damit Du dann einen Mann wäh⸗ len, ebenfalls eine glückliche Frau nach unſerer Sitte werden mögeſt. Willſt Du das?“ Zuleima hatte das Antlitz tief herniedergebeugt; aber im Nacken war die Glut zu erkennen, welche ihr Wangen und Stirn überflogen hatte.„Befehlt über mich, Herrin!“ ſagte ſie dann demüthig.„Ich bin wie der Zweig der Weide biegſam in Eurer Hand. Ja, ich will lernen, zum Gotte der Chriſten zu beten, zu Eurem Gotte, hohe Herrin; denn Ihr ſeid gütig und ſie ſagen, er ſei ein Gott der Liebe.“ „Er iſt es, und auch Du wirſt ſeine Liebe erfahren“, 227 ſagte die Kurfürſtin bewegt.„Von dieſer Stunde an betrachte ich Dich denn als meine Tochter, und auch jetzt ſollſt Du nicht ohne Zeichen von hinnen gehen, wie gut ich es mit Dir meine. Nimm hier zurück, was Du verloren haſt!“. Zuleima vermochte nicht, einen leichten Aufſchrei der Freude zu unterdrücken, als ſie das goldene Me⸗ daillon mit der türkiſchen Inſchrift aus den Händen der Fürſtin empfing; ſie betrachtete es mit ſtrahlenden Augen und drückte es wiederholt an die Lippen.„Ihr ſeid die Erwählte Allah's!“ ſagte ſie dann und wollte ſich wieder auf die Kniee werfen.„Alles, was gut i*ſt, ſoll mir von Euch kommen! Es war das Einzige, was ich beſaß, ein Geſchenk meiner Mutter, der Talis⸗ man, an den mein guter Geiſt gebunden iſt, und Ihr, hohe Herrin, Ihr ſeid es, die ihn mir zurückgibt! Aber wie war das möglich? Ich begreife nicht, wie konntet Ihr—“ „Was iſt hierbei Unbegreifliches?“ ſagte die Kur⸗ fürſtin, indem ſie Max Emanuel lächelnd anſah. „Mein durchlauchtigſter Gemahl iſt Herzog und Regent des Landes; er hat davon gehört, daß Dir dieſes koſtbare Kleinod geraubt wurde; eine ſolche Handlung, in ſeinem Reiche begangen, kann er nicht ungeahndet laſſen, darum ruhte er nicht, bis es ihm gelang, die 228 Spur des Räubers aufzufinden. Nicht wahr, Eure Liebden?“ „Gewiß“, entgegnete Max Emanuel mühſam ge⸗ faßt,„aber es iſt ſchwer, ja geradezu unmöglich, ihn zu entdecken, zumal wenn das Mädchen nicht nähere Anhaltspunkte zu geben vermag. Kannſt Du den Mann vielleicht beſchreiben?“ fügte er mit beklommener Frage hinzu.„Würdeſt Du ihn wohl wiedererkennen?“ Die Türkin ſah ihn mit vollaufgeſchlagenen Augen bedeutſam an.„Es war dunkel, Herrin“, ſagte ſie dann;„ich vermag den Mann nicht zu beſchreiben; ich kenne ihn nicht.“ „Nicht?“ rief Max Emanuel erleichtert.„Dann ſteht es allerdings ſchlimm, dann wird ſich in der Sache weiter nichts thun laſſen, fürchte ich.“ „Das fürchte ich beinahe auch“, begann die Kur⸗ fürſtin wieder. Doch iſt Weiteres auch nicht nöthig. Was meinen Eure Liebden? Ueberlaſſen wir den Uebelthäter ſich ſelbſt! Sein böſes Gewiſſen und die Furcht vor der Entdeckung ſoll ſeine Strafe ſein! Genug, die That iſt geſühnt und das Kleinod wieder im Beſitze ſeiner Eigenthümerin!“ Der Intendant trat hinzu und meldete unterthänigſt, daß Alles zum Beginne der zweiten Abtheilung des Schauſpiels bereit ſei.„So gehe denn, mein Kind“, ſagte die Kur⸗ fürſtin,„Du ſollſt morgen Weſtenss von mir hören!“ Zuleima ging. † Unter den rauſchenden Tönen der wieder beginnen⸗ den Muſik geleitete Max Emanuel die Kurfürſtin an ihren Seſſel.„Sie ſind ein Engel, Antonie!“ flüſterte er ihr zu und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Hand.„Beſchämt ſteh' ich vor Ihnen und vermag Ihnen nicht anders zu danken, als indem ich Sie bitte, daß Sie mir vergeben, daß Sie mir geloben, immerdar mein Engel zu ſein, mein ſchirmender, guter Engel!“ „Verzeihen?“ eerwiderte die Kurfürſtin mit einem Lächeln voll Schalkheit und Güte.„Ich wüßte nicht, was ich Eurer Liebden zu vergeben hätte. Mir genügt, wenn Sie zugeſtehen, daß auch ich meine Waffen zu führen weiß. Ich habe wohl Urſache, zufrieden und ſtolz zu ſein, wenn Max Emanuel, der Türkenheld, der Sieger von Mohacs, ſich ſelbſt als überwunden bekennt.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius EGünther in Leipzig. Variſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. 8 Nomaden. Roman von Robert Zyr. 5 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— Michel. Geſchichte eines Jeutſchen unſerer Zeit. Von Zohannes Scherr. Zweite Auflage. 4 Bände. 8⁰. Geheftet. Preis 3 Thlr. Ueur Bomane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Ie. Mer Plephunt. Komiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Berena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Roman Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. = „— NUeue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen von Karl Frenzel. 2 Bände. 80⁰. Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr. Roman. von Julius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 22 ½ Ngr. Mütze und Arone. Roman von Herman Schmid. Zweite Auflage. 5 Bände. 80. Clegant geheftet. Preis 3 Thlr. Neue Romane aus dem Verlag von Eruſt Inlius Günther in Leipzig. El paso de las animas. Roman von E. von Bibra. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Alles um ein Nichts. Roman Georg Köberle. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Die Channings. Roman Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Auguſt Kretzſchmar. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bde. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. —ſ — Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Hirell, die Tochter des Calviniſten. Roman 1 John Sannders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 0 0 Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Fophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Drangſale einer Frau, oder: Die Halliburtons. Roman von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Auguſt Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 5 Bde. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. 10 Ngr. ——y— Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Die Ogilvies oder: Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. 8 8 —— —y ————— ffffffn Ffffiffſffſſfſſſiſſn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 6 17 18