——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo⸗ 3 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für aes hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3„„„„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die ganze Neuhauſergaſſe war wie ausgeſtor⸗ ben; wer nicht hinaus mußte, hatte ſich in die Häuſer geflüchtet, von wo ſchon die Teller der Mahlzeit klap⸗ perten; nur hier und da huſchte eine Magd, den mäch⸗ tigen leeren Henkelkrug am Arme, im ſchmalen Häuſer⸗ ſchatten hin, um in die Vorhalle eines Brauhauſes hineinzuſchlüpfen und dann beträchtlich langſamer und mit voller Ladung belaſtet zurückzuwandeln— eine Frie⸗ denstaube, deren Erſcheinen nicht das Verſchwinden einer Flut ankündigte, ſondern deren erfriſchende An⸗ kunft. In dieſen kühlen Vorhallen hatte ſich Alles Schmid, Die Türken in München. II. 1 Kirche, hinzog. 2 zuſammengefunden, was nicht einer eigenen Familie angehörte oder das weit entlegene Heim nicht erreichen konnte, und auch in dem ſtattlichen Hauſe zum Prügel⸗ bräu war eine ziemliche Anzahl ſolcher Gäſte verſam⸗ melt. Zwar war der Boden nur mit groben Bretern gedielt, die längſt nicht mehr übertünchten Wände waren unrein und verkritzelt, aber es war kühl und erfriſchend in dem gewölbten Thorweg, und wenn ſich die Keller⸗ thür aufthat, wehte ein feuchter Duft daraus hervor und ſpielte lieblich mit den Blättern der beiden Birken⸗ ſtämme, die zu den Seiten der Hausthür in Waſſer⸗ kübeln aufgeſtellt waren. Ihre lichten, unruhigen Blät⸗ terſchatten ſpielten auf den nächſten Tiſchen und Bänken und auf den Körben eines alten Weibes, das hart am Eingang ſitzend Nüſſe und Rettige feilbot, theils einzeln und groß, ſchon durch Umfang und Farbe die inne⸗ wohnende ſcharfe Würze verrathend, theils niedlich und klein, in zierliche Büſchel gebunden, in deren grünen Blättern ſie mit ihrem lebhaften Roth ſich ſo verlockend ausnahmen wie Roſen im Buſch. Durch den offenen Hinterthorbogen ſah man ins Freie oder gewahrte doch ein Stückchen blauen Himmels über dem abgeſchloſſenen Hofraum, an deſſen einer Seite ſich eine lange luftige Halle mit hohen, ſchmalen Fenſtern, gleich denen einer —— 3 Hinter den Drahtgittern derſelben hervor ertönte ein eigenthümliches leiſes Rauſchen, manchmal von dem hallenden, unverſtandenen Rufe einer kräftigen Männerſtimme unterbrochen: es war das Brauhaus, wo die Brauknechte die braune Flut mit mächtigen Stangen rührten, damit ſie eher verkühle, während andere die Zahl der Eimer angaben, welche in die große, bereits zu einem neuen Sud vorbereitete Pfanne gegoſſen wurden. In nächſter Nähe geſehen mochte die Täuſchung wohl verſchwinden; aber von fern hörte ſich's an, als ob Nixen oder Nymphen im heimlichen Walde in einer verſteckten Quelle plätſcherten und vom Gebirge herab der Ruf eines lauſchenden Satyrs er⸗ tönte, der einen Schrei der Freude und des Wohlge⸗ fühls ausſtieß. Die Thür zur Zechſtube ſtand weit offen und ließ die einfachen, aber mit Sorgfalt blank geſcheuerten Eichentiſche erkennen, welche ſich mit ihren gewundenen vier Beinen ſo mächtig ſpreizten, als ſei das gläſerne maſſive Salzfaß, das auf jedem ſtand, eine Laſt, die ſie kaum zu tragen vermöchten. An den Wänden hin und zwiſchen den Tiſchen ſtanden Bänke von gleicher Art, durch keine Lehnen geſchieden, ſodaß die Rücken der darauf Sitzenden an einander eine willkommene gegenſeitige Stütze und einen bequemen Ruhepunkt finden 4 konnten. Ueber den Tiſchen hingen in gläſernen Käſtchen allerlei ſonderbare Zeichen herab: hier ein in Holz ge⸗ ſchnitzter, hochbeladener Frachtwagen mit Fuhrmann und Sechsgeſpann, dort ein Ochſe, der von dem vor ihm ſtehenden Burſchen in weißer Schürze und rother Weſte eben den fatalen Beilſchlag erhalten ſollte, oder endlich ein zierlich bebänderter Hobel mit Bohrer, Stemmeiſen und Säge. Es waren die Zeichen, daß hier die Fuhrleute, Metzger und Tiſchler ihre ehrſame Zunftherberge aufgeſchlagen hatten, in der jeder zuge⸗ reiſte Geſelle Bewirthung und ein Gaſtgeſchenk empfing oder, wenn er ſein Felleiſen nicht mehr weiter ſchlep⸗ pen mochte, bei einem Meiſter Arbeit zugewieſen er⸗ hielt. Die Tiſche unter den Zunftzeichen waren aus⸗ ſchließend für die Genoſſen des Gewerks beſtimmt, und es wäre Niemand zu rathen geweſen, ſich dahin zu ſetzen, wer ſich nicht durch offene Kundſchaft auszuweiſen ver⸗ mochte; er hätte zu gewärtigen gehabt, als Pfuſcher von den Gegenüberſitzenden an den Haaren gepackt und zur großen Ergötzlichkeit der ganzen Zechſtube dreimal über den Tiſch gezogen zu werden. An Einrichtung befand ſich nicht viel in der Stube; in der Ecke ſtand ein rieſiger Kachelofen, auf deſſen grün und weiß ge⸗ brannten Lehmplatten die ganze weltliche und bibliſche Geſchichte von Erſchaffung der Welt bis hinunter auf 1—b Kaiſer Carolus in halb erhabenen, mitunter ſehr be⸗ fremdlichen Geſtalten angebracht war; ein zweites Ge⸗ räth war der nicht minder umfangreiche Schenktiſch, mit ſteinernen Maßkrügen bis an die Decke beſetzt, während ſeitwärts in einem etwas dunklern Winkel eine ſchwarze Holztafel mit geheimnißvollen Kreideſtrichen hing, die Zahl der halben und ganzen Maße verkün⸗ dend, deren Umtauſch gegen baare Münze noch nicht vollſtändig gelungen war. Das Bier mußte gut, der Durſt wie die Hitze groß ſein; denn wie der Thorweg waren auch in der Zechſtube faſt alle Tiſche beſetzt. Unter dem Fracht⸗ wagen ſaßen ein paar ſchwäbiſche Fuhrleute im blauen Staubkittel; der Tiſch der Metzger war leer; aber an jenem der Schreiner hatte ſich ein alter Handwerks⸗ burſche niedergelaſſen, dem an dem abgetragenen, geflickten Rocke, den ſtark abgelaufenen Schuhen ſowie an dem verwitterten Geſicht abzuleſen war, daß er ſeit Jahren unterwegs und wohl immer mehr auf der Wander⸗ ſchaft als in Arbeit gewieſen. Ein grobes Felleiſen lag halb leer unter dem Tiſche; ſein Herr aber ließ ſich das Bier weidlich munden und rief manchmal, da ihm die Einſamkeit nicht zu gefallen ſchien, ein paar Worte zu den Schwaben hinüber, auf welche dieſe dann freundlich erwiderten, obwohl ſie die Rede des ☛———— 6 Geſellen nicht verſtanden, weil er die ſächſiſche Mund⸗ art ſprach. Das ſtörte ſie aber nicht; denn dem Sachſen ging es ebenſo; er verſtand hinwieder nicht, was die Schwaben geſagt hatten. Deſſenungeachtet ging die Unter⸗ haltung ihren erquicklichen Gang und über jede Stockung half das Zutrinken hinweg. Die übrigen Plätze waren von Handlangern und Maurergeſellen eingenommen, welche während der Mittagsraſt Wurſt und Brod zum Mittagsmahl verzehrten; es waren damals gute Tage für ſie in München, denn an der kurfürſtlichen Reſi⸗ denz und am Jeſuitenkloſter wurde gebaut; ſie hatten vollauf zu thun und konnten wohl leben zu einer Zeit, in welcher die Maß Bier drei Kreuzer galt und, wer ſich ein Gericht Fleiſch vergönnen konnte, für den nämlichen Betrag ein Stück erhielt, das recht wohl für zwei Tage auszureichen vermochte. Sie waren fröhlich und guter Dinge, wie nicht minder einige Bauern aus der Dachauer Gegend, die zur Schranne gekommen und nun aus Freude über den guten Ver⸗ kauf ihren Weibern und Töchtern weidlich einſchenkten, welche in ihren ſonderbaren, enganliegenden Hauben aus Drahtſpitzen, den hoch hinaufgeſchobenen Miedern und den kurzen, dicken und buntgeſäumten Röcken zwar ſehr wunderlich, aber doch ſeelenvergnügt neben ihnen Kaßen. Im Thorweg hatten auch einige türkiſche Ge⸗ — ( fangene Platz gefunden; denn der Stadtrath von Mün⸗ chen ließ damals gerade die Neuhauſergaſſe mit jenem hügelartigen Gemenge von Feldſteinen belegen, das man Pflaſter nannte, und da die Arbeit dringend war, hatte man einige Türken herbeigeholt, die gegen ge⸗ ringe Vergütung überall und gern zu jeder Aushülfe bereit waren. In der Stube ſelbſt, hin und her, von und zu der Kellermündung wanderte rüſtig und unperdroſſen ein Mädchen, dem zur Schönheit nichts fehlte, als minder groß zu ſein. Die Züge des Geſichts waren regelmäßig und anmuthig, die braunen Augen lebhaft und voll Ausdruck; das dunkle Haar flocht ſich in vollen und reichen Zöpfen um die damals noch übliche breite Silberhaube, welche ſpäter zum Riegelhäubchen zuſammenſchrumpfte, und der durch das ſchwarze Mie⸗ der mit reichem Kettengeſchnür und Münzbehäng noch hervorgehobene Wuchs war tannenſchlank und ließ keine Ausſtellung zu. Alles an ihr war im Einzelnen hübſch, aber das Ganze war etwas zu groß ausgefallen; es war eine Geſtalt wie die Hünenfrau der nordiſchen Sage, ganz geeignet, die Stammmutter eines Ge⸗ ſchlechts von Enaksſöhnen zu werden. Es war keine Kleinigkeit, von Augenblick zu Augen⸗ blick mit dem Arm voll Krüge die Fallthür des Kellers den gefüllten wieder heraufzueilen; aber es⸗ ſchien dem Mädchen nicht die mindeſte Anſtrengung zu koſten, und wenn ſie auch ſo eben von der Wanderung zurück⸗ kam, war ſie doch, ſobald ein Krugdeckel zuklappte, bereit, ſie im nächſten Augenblick aufs neue anzutreten. Sie vergaß niemals bei jedem Kruge, den ſie brachte, das fromme„Geſegne's Gott!“ hinzuzuſetzen, weigerte ſich auch nicht, wenn es ihr„gebracht“ wurde, den Krug an den Mund zu ſetzen und Beſcheid thuend anzutrinken; ſonſt aber war ſie kurz angebunden und in Worten karg. Die Gäſte ſchienen das auch wohl zu wiſſen und ſich nicht daran zu kehren, denn ſie machten keine Ver⸗ ſuche, mit ihr ins Geſpräch zu kommen. Nur der Tiſchler aus Sachſenland, dem die volle, ſtarke Dirne in die Augen ſtach, verſuchte einigemal, ſeine heimiſche Artigkeit leuchten zu laſſen und ſie in eine Unterhal⸗ tung zu verwickeln. Sie aber wies ihn kurz und derb damit ab, daß ſie zum Reden keine Zeit habe, und als er den Verſuch wiederholte und zugleich ſo weit aus⸗ dehnte, daß er anfing, ſie auf den vollen, bloßen Arm zu tätſcheln, ſchlug ſie ihn auf die Hand, daß er es nach einer Viertelſtunde noch ſpürte, und ſagte ihm rund⸗ weg, er ſolle ſie in Ruhe laſſen, ſein Geſchwätz ſei ihr zu dumm. zu öffnen, zwanzig Stufen hinunterzulaufen und mit er er 9 Mit einem Male jedoch ſchien es, als ob in der bisherigen Regſamkeit ein völliger Stillſtand einge⸗ treten; es war, als wäre ein Uhrwerk, das bisher gleichmäßig fortgelaufen, mit einem Ruck ins Stocken gerathen. Die Kellnerin hatte jetzt Anderes zu thun. Ein Brauknecht war gekommen und hatte aus dem Hauptkeller ein großes Faß herbeigerollt, das nun in den Schenkkeller hinunterkommen und an einem Seile über die Stufen hinuntergelaſſen werden mußte. Der Brauknecht war ein ſchöner Burſche mit einem Geſicht wie Milch und Blut, blauen Augen und blonden Haa⸗ ren, aber womöglich von noch rieſigern Verhältniſſen als das Mädchen. Nacken und Rücken waren breit und doch geſchmeidig; die gewölbte Bruſt verrieth, welche Kraft in dieſem Körper wohnte, und wer die Hände betrachtete, welche nach dem Sprichworte ſtatt der Finger lauter Daumen hatten, konnte ſich nicht ver⸗ wundern, als der Burſche einen Finger in das Spund⸗ loch des leeren Faſſes ſteckte, daſſelbe dann in die Höhe lüpfte und die Stiege herauftrug wie eine hohle Nuß. Er ſah dabei ungemein ſtattlich aus; der bis auf die Bruſt heraufreichende Lederſchurz kleidete ihn nicht minder gut als die niedere, aufgeſchlagene grüne Mütze, die auf ſeine krauſen Locken geſtülpt war. Wer ihn anſah, mußte Gefallen an ihm finden, aber es klang wunderlich, den Rieſen mit dem Schmeichel⸗ namen„Peterl“ gerufen zu hören. Jetzt war das Faß im Keller; man hörte dort Rollen, Poltern und Klopfen, wie es bei den Arbeiten und Vorbereitungen zu ſolchem Geſchäft zum Aufſpun⸗ den und Anzapfen nöthig iſt. Dennoch wollte es die Zechgäſte bedünken, als daure es damit ungewöhnlich lange. Bald wurden der Ungeduldigen immer mehr, immer mehr Krüge harrten der Füllung, und immer mehr Deckel begannen ein wachſendes, höchſt unhar⸗ moniſches Klapperconcert. Endlich entſtieg das Mäd⸗ chen wieder dem dunklen Kellerraume, und wer genau beobachtet und verglichen hätte, möchte wohl entdeckt haben, daß ihre Wangen lebhafter geröthet waren als zuvor; die Friſche des Kellers ſchien auf ſie eine ab⸗ kühlende Wirkung nicht hervorgebracht zu haben; ſie entgegnete auf den Zuruf, der ihr von allen Seiten entgegenſcholl, kein Wort, ſondern ſetzte gelaſſen, wie zu⸗ vor, die einzelnen Krüge vor die Trinker nieder; aus dem Keller, bis zur halben Leibeshälfte ſichtbar, ragte Peterl hervor; es war, als hätte er noch etwas abzuwarten. „Na, hären Se, ſchönes Jungferchen“, begann der ſächſiſche Schreiner,„des muß ich Sie ſchon ſage, des is keene Art niche, daß mer die Leit' ſo lang, warte laßt auf ä Töppche Bier.“ „ 8 11 Das Mädchen ſchien die unmuthigen Worte gar nicht zu vernehmen; der eine ſchwäbiſche Fuhrmann hielt es daher für nöthig, etwas nachzuhelfen.„J Du lieb's Herrgottle von Biberach“, ſagte er,„des mueß ſi' des Herrle ſcho g'falle lau! J' hab's ſcho verzähle heare: die Jungfer will eaba gar hoch'naus; ſie hat' an' gar vornehme Hochzeiter; da gibt ſie ſi' gar nim⸗ mer ab mit ſo g'moine Leut'!“ „Halt's Maul, ſchwäbiſcher Heiland!“ entgegnete die Kellnerin, deren Geduld endlich zu reißen begann. „Wenn Du über mich ſpötteln willſt, ſchenk' ich Dir gleich gar nimmer ein.“ Das war Oel ins Feuer gegoſſen.„Was? Nim⸗ mer einſchenke?“ rief der Fuhrmann.„An' ehrliche G'ſelle auf der Herberg nimmer einſchenke wolle? Gucket, des möcht' ich amal verleabe!“ „Ja, da möcht' ich ſchon auch eine Abſchrift da⸗ von hab'n!“ ſagte ein derber Maurer.„Wir ſan des⸗ weg'n da, daß wir trinken, und dö Jungfer is' da, daß ſ' uns einſchenkt; und wenn ſie zehnmal die Tochter vom Haus is' und zehnmal mehr Frauenthaler an ihrem G'ſchnür hänga hat, als i' Kreuzer im Sack hab', ſo is' ſie doch die Kellnerin für uns und mueß einſchenka, wie ma's will. Verſtanden? Alſo g'ſchwind her no a Maßl! Prügelwab'n, ſchenk' ein!“ 12 „So?“ entgegnete das Mädchen, indem ſie die Hände in die Geldtaſche am Gürtel ſteckte.„Jetzt will ich Euch zeigen, ob ich muß. Wer von der Prügel⸗ wab'n eing'ſchenkt hab'n will, der kann warten bis am jüngſten Tag.“ Damit ging ſie aus der Stube, am Keller und am Peterl vorüber, nicht ohne ihm einen bedeutſamen Seitenblick zugeworfen zu haben. Nun war dem Faſſe vollends der Boden ausge⸗ ſchlagen; alle ſchrieen durcheinander, klapperten mit den Krugdeckeln, ſtampften mit den Beinen und ſchlu⸗ gen mit den Fäuſten auf den Tiſch, daß es einen Höllenlärm abgab. Peterl war vollends über die Stiege 2 heraufgekommen und ſtand auf der Thürſchwelle. Zu gleicher Zeit, durch den Lärm herbeigelockt, trat der Prügelbräu von der andern Seite aus der Nebenſtube, wo er eben ein bischen eingenickt war; ein ſtattlicher Mann in weißer Bruſtſchürze und grüner Schlegelhaube, der ganz wohl zu der großgewachſenen Tochter paßte.„He, was gibt's denn da?“ rief er, ſteckte dann die Finger in den Mund und ließ, um den Lärm zu übertäuben, einen gellenden Pfiff ertönen, der dem Hörer Mark und Bein durchſchnitt.„Was“, fuhr er fort, als Peterl ihn verſtändigt hatte,„meiner Tochter wollt Ihr einen Spitznamen aufbringen? Zum Einſchenkenlaſſen wollt Ihr mich zwingen? Jetzt bleibt's 13 dabei, jetzt kriegt mir Keiner mehr einen Tropfen, und wenn ich mein Bier auf die Gaſſe laufen laſſen müßt'. Verſtanden?“ Dann ſteckte er die beiden Daumen an den Schultern unter den Hoſenträger, trommelte ruhig mit den Fingern auf der Schürze und ließ wieder ſeinen gellenden Pfiff ertönen.„Peterl“, ſagte er dann ganz gelaſſen,„wirf mir's'naus!“ „Alle?“ fragte dieſer. „Ja, alle!“ Peterl mochte den Auftrag ſchon erwartet haben, denn er hatte bereits die Hemdärmel aufgeſchürzt. Die meiſten Zecher aber warteten nicht ab, bis er zur That kam, ſondern ergriffen die Flucht vor den gleich Eiſen⸗ zangen ſich ihnen entgegenſtreckenden Armen und Hän⸗ den Peter!'s. Plärrend und ſchreiend drängten ſie zur Thür, purzelten und fielen übereinander; die wenigen, die Widerſtand leiſten wollten, hatte Peterl im Nu hinten an den Hoſen gepackt, hob ſie wie kleine Buben in die Höhe, und ehe ein Vaterunſer zu Ende gebetet werden konnte, lagen ſie alle draußen auf dem ſoge⸗ nannten Pflaſter, und Zechſtube und Thorweg waren bis auf einige Jacken und Mützen, die auf der Flucht verloren gegangen waren, ſo rein gefegt, als ob ſie noch nie einen Gaſt geſehen hätten. Währenddeſſen kam der Stadtrath Millauer wür⸗ 44 digen und bedächtigen Schrittes durch die Kaufinger⸗ gaſſe herangewandelt. Wichtige Gedanken ſchienen ihn 4 zu beſchäftigen; doch mußten ſie nicht erfreulich ſein,* denn er vergaß mitunter ganz, daß er ſich auf der Straße befand, redete beinahe laut vor ſich hin und fing manchmal ſogar mit dem hohen Rohrſtocke zu han⸗ tieren an, als habe er es mit einem hartnäckigen Gegner zu thun, welchem gegenüber ſolche Ueberredungsmittel geboten ſeien. Eben ſchritt er durch den ſchönen Thurm, von deſſen Feldern die angemalten Reiter mit ihren Trompeten und Heerpauken lauter hernieder zu ſchmet⸗ tern ſchienen, als hätten ſie ſich eigens da oben auf⸗ 1 geſtellt, um ihn zu begrüßen und aus ſeinem Tiefſinn aufzuwecken, da dröhnten von der Frauenkirche die wuchtigen Schläge der Bennoglocke, die zwölfte Stunde zu verkünden. Zugleich ward auf allen Kirchthürmen harmoniſches Geläute hörbar, die verſchiedenen kleinen Glöcklein der Klöſter und Hauskapellen ließen ſich hören und erklangen wie fröhliche Kinderſtimmen in dem ernſten, männlichen Chor der großen Glocke des Doms und der andern Hauptkirchen. Trotz der Hitze und brennenden Sonnenglut verſäumte der Stadtrath nicht, den breitrandigen, hohen Hut vom Haupt zu nehmen und den engliſchen Gruß vor ſich hin zu murmeln, aber trotz der Frömmigkeit wäre er bald zu Falle 15 gekommen und über den Fußweg hinab in die Fahr⸗ ſtraße gepurzelt. Um die Ecke des Färbergrabens kam nämlich wie ein losgeſchoſſener Pfeil ein Türke hervor⸗ geſtürmt, der einen mächtigen Brodkorb auf der Schulter trug und in der Haſt ſo derb mit dem Stadtrath zu⸗ ſammenſtieß, daß er ihn beinahe umwarf; er mochte in irgend einem Bäckerhauſe den Auftrag erhalten haben, den Korb geſchwind noch zur Mittagszeit in eine Schenke zu bringen, und ließ ſich im Eifer, ſeinen Auftrag zu vollziehen, auch durch den Zuſammenſtoß mit dem Rathsherrn nicht aufhalten. Luſtig lachend nickte er dem wackelnden Stadtrath wie einem alten Bekannten zu, ergötzte ſich ſichtbar an deſſen Bemühungen, mit Armen und Beinen das Gleichgewicht wiederzufinden, und war gegenüber im Gäßchen bei den Auguſtinern verſchwunden. Der Stadtrath brauchte geraume Zeit, bis er die alte Feſtigkeit und Gravität wiedergefunden und in noch üblerer Laune als zuvor ſeinen Weg fort⸗ zuſetzen vermochte. Che er das that, ſtieß er ſeinen Stock zornig und heftig, aber auch ſo unachtſam auf den Boden, daß er ſich ſelbſt mit aller Gewalt auf die Füße traf. „Das himmelblaue Donnerwetter ſoll mich in Grund und Boden hineinſchlagen“, rief er dann,„wenn es auf der weiten Gotteswelt etwas gibt, was mir ſo 16 zuwider iſt als dieſes Türkengeſchmeiß! Das Volk muß aus der Stadt, ſonſt treibt es uns noch alle 1 hinaus! Ich werde mir gleich einen Knopf ins Sacktuch machen!“ fuhr er fort, indem er weiter ſchritt und dies Vorhaben ſogleich ausführte.„Gleich in der nächſten Seſſion werd' ich den Antrag ſtellen, daß man einmal Ruhe bekommt vor dieſem wilden, übermüthigen Volk, vor dem man bald ſeines Lebens nicht mehr ſicher iſt.“ Die üble Laune des Herrn Millauer war übrigens nicht ohne Grund. Seit jenem Tage, als Benno's Heimkehr zum Mittagsmahle ſo vergeblich erwartet worden, hatte es in dem ſonſt ſo ruhigen Bürgerhauſe nicht an mancherlei Zwiſt und Verdruß gefehlt. Als er den Sohn wegen des Ausbleibens von der Kanzlei zur Rede geſtellt, war es dieſem zwar nicht ſchwer ge⸗ worden, ſich mit den Einladungen der Cavaliere und beſonders des jungen Herrn von Saint⸗Maurice zu entſchuldigen; er hatte dem Vater einleuchtend vorge⸗ ſtellt, daß das nur augenblickliche und vorübergehende Abhaltungen ſeien und das Verſäumte leicht eingeholt werden könne, daß er aber den Herrn Chevalier durch Ablehnung zu verletzen fürchte und doch glaube, daß ihm bei ſeinem Vorwärtskommen die Gunſt des einen oder andern erſprießlich und förderlich ſein könnte. Deſto eigenſinniger blieb der alte Herr auf ſeiner An⸗ — 4 ¹ 14 ſicht wegen der Verheirathung mit der Tochter des reichen Prügelbrauers am Neuhauſerthore beharren und Benno hatte einen ſchweren Stand, irgend etwas vorzubringen, was nur halbwegs als Entſchuldigung gelten konnte. Zwar hatte er an der Mutter eine tüchtige Bundesgenoſſin, die ſich keine Gelegenheit ent⸗ gehen ließ, über die künftige Schwiegertochter loszu⸗ ziehen und der ganzen Heirathsgeſchichte einen Stein in den Weg zu werfen; aber es war ganz vergebens, wenn er auch ſeine verſäumten Beſuche mit Einladungen oder zufälligen Hinderniſſen und Abhaltungen entſchul⸗ digen wollte, der Vater blieb dabei, es könne gar kein Hinderniß geben, das einen Bräutigam auf dem Wege zur Braut aufhalten dürfe. Es fruchtete nichts, wenn Benno erörterte, wie es ihm ſchon öfter geſchehen, daß die Tochter des Brauers bei ſeiner Ankunft ſich gar nicht blicken ließ oder ſich gegen ihn ſo mürriſch und ungut betrug, daß er faſt glauben müſſe, die beabſich⸗ tigte Heirath ſei ihr zuwider; der alte Millauer gerieth darüber allental förmlich in Harniſch und zog bitterböſe über die heutige Jugend los, die es nicht mehr ver⸗ ſtehe, ein Mädel zu gewinnen, und es nicht zu machen wiſſe, daß ihr unter dem Mieder ſo heiß werde, daß ſie von ſelber komme und bitte, um Gotteswillen den Kranzeltag ja nicht mehr zu verſchieben. Das müßte Schmid, Die Türken in München. II. 2 8 18 ein lahmherziger Burſche ſein, hatte er dann geſagt, der ſich an ein mürriſches Geſicht kehre oder gar davon abſchrecken laſſe; das ſei eben ſeine Aufgabe, zu machen, daß das mürriſche Geſicht ſich aufheitere wie ein Regen⸗ gewölk im April, durch das die Sonne ſcheine. Er werde doch nicht fordern, daß das Mädel ihn gleich mit dem ganzen Geſicht anlache und ihm ihr Herz auf dem Präſentirteller entgegentragen ſolle wie die Feſt⸗ torte bei einem Kindtaufſchmauſe? Auch die leiſen Andeutungen Benno's, daß er beſorge, in der Brauers⸗ tochter doch nicht die Lebensgefährtin zu finden, die ſo recht eigentlich zu ihm tauge, waren um ſo weniger von günſtigem Erfolge, als dieſer Punkt nur ſehr ſchüchtern und entfernt berührt werden durfte; denn hier verſtand der Stadtrath, wie es im Sprichwort heißt, durchaus keinen Spaß; er wollte um jeden Preis ſein gegebenes Wort halten und erklärte alles Andere für Larifari. Die Prügelwab'n, ſchrie er dann mit Aufgebot aller ſeiner Kräfte, ſei eine geſunde Perſon; ſie habe keinen Buckel, hinke nicht und ſchiele nicht; ſie habe ein gutes Gemüth und ihr Heirathsgut ſei nicht zu verachten; alſo ſei nichts an ihr auszuſetzen, alſo müſſe ſie auch die rechte Frau ſein und er als Vater müſſe das beſſer verſtehen als ein junger Menſch, der kaum in die Welt geguckt.„Ehen werden im Himmel — -—ꝛ:ö————————u’ 19 geſchloſſen“, rief er dann,„und unten hat man gar 1 nichts zu thun, als auszuhalten! Das Paar, das ein⸗ 45 mal zuſammengeſpannt iſt, das muß mit einander 4 ziehen, und thut es auch, wenn ein richtiger Kutſcher dahinter her iſt, der mit Zügel und Peitſche nachhilft, wenn eins ausſpringen oder nicht mehr recht ziehen will. Einen ſolchen Kutſcher ſchickt der liebe Herrgott ſchon zur rechten Zeit, und einſtweilen werde ich ſeinen Platz und ſein Geſchäft übernehmen.“ Benno mußte hierin auch deshalb behutſam ſein, um die Hülfe ſeiner Mutter nicht zu verlieren, welche . ihm gewiß nur ſo lange beiſtand, als es galt, die bierbräueriſche Schwiegertochter zu beſeitigen. Die Un⸗ terſtützung aber würde ſich wohl ſofort in das Gegen⸗ theil verkehrt haben, wenn ſie nur eine leiſe Ahnung des wahren Grundes gehabt hätte, aus welchem Benno's Abneigung gegen die Heirath entſprang. Sie wollte das Bürgerkind nicht, weil ſie ſich auf ein Fräulein als Schwiegertochter Hoffnung machte; gegen ein armes, 1 aus der Fremde hergeſchneites Mädchen ohne Aeltern und Freunde, ohne Geld und Namen wäre ſie gewiß ebenſo entſchieden und vielleicht noch erbitterter aufge⸗ treten als der auf die Wahrung ſeines Wortes und bürgerlichen Hausſtandes eigenſinnig verſeſſene Vater. So hatten alle Erörterungen über dieſe Angelegen⸗ 2*½ “ 20 heit immer die Folge, daß ſie ſich im Kreiſe drehten und ſchließlich auf denſelben Punkt zurückkamen, von dem ſie ausgegangen waren; Benno blieb nichts An⸗ deres übrig, als anſcheinend und vorläufig dem Willen des Vaters nachzugeben. Er mußte verſprechen, ſeine Beſuche bei der Hochzeiterin wieder aufzunehmen und eifrig fortzuſetzen; dagegen übernahm es der Vater, ihn beim erſten Beſuche in das ſchwiegerväterliche Brauhaus zu begleiten, ihm für die bisherige Vernach⸗ läſſigung Nachſicht und Verzeihung zu erwirken und überhaupt die Sache wieder ins Gleis zu bringen. Dabei ſollte dann ein⸗ für allemal ein Ende gemacht und in möglichſt kurzer Zeit Stuhlfeſt und Hochzeit angeſetzt werden. Auf dieſen Tag war der verhängnißvolle Beſuch angeſetzt. Der Rath hatte mit Benno verabredet, er wolle ihn in ſeiner Kanzlei abholen, als er aber da⸗ hin gekommen, hatte er den Vogel ſchon wieder aus⸗ geflogen gefunden, und nur der rothnaſige Stelzenhu⸗ ber hatte ihm als ein im leeren Neſte zurückgelaſſenes Kukuksei die Nachricht mitgetheilt, der junge Herr Millauer habe einen dringenden Gang zu machen ge⸗ habt; der Herr Vater ſolle nur vorangehen; er werde ihn auf dem Wege einholen oder längſtens bis zwölf Uhr zum Prügelbräu nachkommen. — ——xx— 21 . Es war begreiflich, daß das dem Stadtrath nicht * gefiel. Er machte ſich zwar allein auf den Weg, aber aus dem Neuigkeitsei ſchlüpfte allmälig eine Mücke nach der andern und jede ſummte ihm bedenklich vor; der dringende Gang ſei wieder nichts als Fabel und Ausrede, Benno ſuche nur ſich von dem Beſuche los⸗ zuſchrauben, und es ſtecke etwas ganz Anderes dahinter. Vergebens war er langſam gegangen und hatte hier und da in einen Kramladen hinuntergeſehen, die da⸗ mals noch unter der Erde in Kellerräumen angebracht waren; umſonſt hatte er ſich die Zunderbündel, Käs⸗ 3 laibe und die rieſigen Büſchel von Schwefelhölzern be⸗ trachtet, welche den Salzſtößler verkündeten; vergebens hatte er ſogar ganz gegen ſeine Gewohnheit bei einem Bäcker ein Kümmellaibchen gekauft, das ihm durch ſeine ſcharf gebackene Rinde beſonders verlockend erſchien; vergebens endlich hatte er ſich nach allen Seiten ge⸗ dreht und faſt die Augen aus dem Kopfe geguckt, von Benno war nirgends eine Spur zu bemerken, und als es zwölf Uhr ſchlug, blieb ihm nur die einzige Hoff⸗ nung übrig, mit dem Buben doch noch im Hauſe ſelbſt zuſammenzutreffen. Höchſt unwirſch wandelte der alte Herr an der Kirche der Auguſtiner, dann an jener der Jeſuiten und an ihrem Collegium hin; denn er wählte abſicht⸗ —r—— 22 lich den weniger begangenen Weg auf dieſer Seite, um nicht nochmals einem ähnlichen Zuſammenſtoße ausge⸗ ſetzt zu ſein; aber als er an der Ecke des Collegiums angelangt war, wartete ſchon wieder neues Aergerniß auf ihn. Dort war des Pflaſterns wegen die Straße in ihrer ganzen Breite umgewühlt; die Pflaſterer hiel⸗ ten eben ihre Ruhezeit und hatten Alles liegen und ſtehen gelaſſen, wie es ſtand und lag; ſo blieb ihm nichts übrig, als mit hochgehobenen Beinen zwiſchen umgefallenen Pflaſtererſtühlen, Steinhaufen und Werk⸗ zeugen im tiefen Sande fortzuwaten, einem Storche ähnlich, der durch eine penßfige Niederung einem Froſche nachſteigt. Nur wenige Schritte hatte er po zurückgelegt, als er plötzlich ſtehen blieb, als wäre er an einem Abgrund angekommen, oder hätte ein Ungeheuer erblickt, das ihm den Weg verſperrte. Wenige Schritte vor ihm, genau in der Richtung, die er einſchlagen mußte, ſtand wieder ein Türke in eifrigem Geſpräche mit einem an⸗ dern zwar nach Landesſitte gekleideten Manne, der aber ſorgſam ſein Geſicht abwandte und trotz der Hitze den Kragen ſeines Mantels bis an den Hals hinauf⸗ gezogen hatte, als ob ihm ganz beſonders daran liege, nicht gekannt zu werden. Noch war Millauer zu weit entfernt, um den Inhalt des Geſprächs verſtehen zu — 23 können, daß es aber Wichtiges ſein mußte, war aus den Geberden des Türken zu erkennen. Es war ein ungemein großer, hagerer Mann mit einem ſchwarzgelben Aſiatengeſicht, dunklem Barte, ſtark gebogener Naſe und großen, runden Augen, ſodaß ſein Geſicht ſich anſah wie das einer unheimlich glotzenden Eule. Der Stadt⸗ rath mußte dabei unwillkürlich an das Bild vom En⸗ gelſturz in der Angerkirche denken, denn der Türke ſah dem unter den Füßen Michael's ſich krümmenden Sa⸗ tan ſo ähnlich wie ein Tropfen Waſſer dem andern Dazu fletſchte er mit grinſendem Lachen die Zähne, legte die eine Hand wie betheuernd auf die Bruſt, während er mit der andern an der Schärpe herum⸗ taſtete, wo ſonſt der Dolch zu ſtecken pflegte, den man ihm glückt icherwei iſe abgenommen. Das Grinſen wurde noch häßlicher, als der Mann im Mantel einen an⸗ ſcheinend wohlgefüllten Beutel hervorzog und dem Türken in die Hand drückte; denn wenn es auch Freude ſein ſollte, was aus den Zügen des Türken ſprach, war der Ausdruck doch ſo häßl ich, daß wohl nicht zu verkennen war, daß auch dieſe Freude die Bosheit zum Hintergrunde hatte. „Was gibt's denn da ſchon wieder?“ ſagte Mil⸗ lauer, indem er wie an genagelt ſtehen blieb.„Das iſt doch noch der abſcheulichſte von allen Türken, die mir 24 in den Weg gekommen ſind! Wenn mir der abends nach dem Gebetläuten allein begegnen thäte, da weiß ich nicht, ob ich das Kreuz ſchlagen oder Reu' und Leid machen ſollt'. Und wer muß denn der Andere ſein, der ſo heimlich mit ihm red't? Warum gibt er einem ſo verdächtigen Kerl ſo viel Geld? Da ſteckt was dahinter, und das muß ich wiſſen!“ Er machte einige Schritte vorwärts; aber die beiden hatten ihn bemerkt, denn ſie gingen ebenfalls und eilten haſtig vor ihm her. Millauer beſchleunigte ſeine Schritte; er wollte durchaus dem Manne im Mantel ins Geſicht ſehen, wollte erkunden, wohin beide gingen oder, wenn möglich, doch etwas von ihrem offenbar gefährlichen Geſpräche erlauſchen. „Der Mann hinter uns ſcheint uns zu beobach⸗ ten“, ſagte der im Mantel.„Es wird das Beſte ſein, wenn wir uns trennen. Es bleibt alſo bei der Ver⸗ abredung? Ich kann mich auf Dich verlaſſen?“ „Wie auf Euch ſelbſt“, erwiderte der Türke.„Bei den Schluchten von Khoraſſan, Odun⸗Kanipi vergißt niemals den, der ihm Gutes gethan. Der Vater der Gläubigen, Khiaja⸗Paſcha, hat mir ſeinen Befehl ge⸗ meldet durch Deinen Mund, Du haſt mich überzeugt, daß Du von ihm kommſt“, fuhr er grinſend fort, in⸗ dem er den Beutel in ſeinem Gürtel erklingen machte. —— „Ihr ſeid beide großmüthig wie die Ströme vom Aufgang, deren Flut nicht verſiegt. Befiehl über Deinen Sklaven!“ „Du wirſt darauf bedacht ſein, Genoſſen zu wer⸗ ben“, entgegnete der Andere,„Leute, welche thun, was man verlangt, ohne lange zu fragen, warum, die nicht wiſſen wollen, weſſen Hand ſie leitet. Der Preis iſt die Freiheit!“ „Sie ſollen ſein ſtumm und willenlos, der Dolch in Deiner Fauſt, Herr! Die Söhne von Khoraſſan hungern nach dem Tage der Rache, wie der Schakal, der um Beute heult.“ „Gut“, ſagte der Mann im Mantel,„wirb denn Deine Leute und halte Dich zu jeder Stunde bereit. Wenn mein Ruf zu Dir kommt, thue pünktlich, was ich Dir ſagen werde— aber Vorſicht thut noth, wir dürfen uns nicht mehr ſehen oder ſſprechen; was ich Dir mitzutheilen habe, werde ich ſchreiben. Aber wie ſtelle ich es Dir zu?“ „O, die Söhne der Hündin ſollen uns nicht über⸗ liſten!“ rief Odun Kanipi.„In dem Thore der Hütte, wo die verfluchten Giaurs uns bewahren, iſt ein Stein locker. Niemand weiß darum. Dort könnt Ihr jeden Tag verbergen, was ich wiſſen ſoll. Wird es noch lange dauern?“ 26 „Nicht mehr lange“, war die Autwort.„Die Spinne hat ihre Fäden ſchon an allen Enden feſtge⸗ macht und ſie lauert in der Ecke, und der Augenblick iſt nahe, wo ſie hervorbricht, ſich auf ihre Beute zu ſtürzen.“. „Sie ſoll ſich darauf ſtürzen“, ſagte der Türke mit grimmigem Geſichte.„Der Engel des Verderbens ſoll dann das Dach des Giaurs ſchlagen, daß es in Flammen auflodert und die Ungläubigen in ſich be⸗ gräbt, den Söhnen von Khoraſſan aber leuchtet auf dem Wege zu den Bergen der Freiheil!“ Jetzt waren beide eben über den Thorweg des Prügelbrauhauſes hinausgekommen, Millauer befand ſich gerade am Anfang deſſelben; nur noch wenige Schritte, ſo hatte er das verdächtige Paar erreicht. In der Haſt ſeiner Verfolgung beachtete er den Lärm nicht, der aus dem Hauſe ertönte, machte noch ein paar Schritte vorwärts und befand ſich mitten unter dem ſchreienden und drängenden Haufen, der von Peterb's Fäuſten auf die Straße befördert wurde. Als er ſich mühſam aus dem Knäuel gerettet, waren der Türke und ſein Begleiter unſichtbar, und der Stadt⸗ rath ſtand unter dem Thorbogen des Hauſes dem alten Prügelbräu gegenüber, der noch immer die Daumen in den Hoſenträgern hielt, mit den Fingern auf dem 24 Bruſtlatz trommelte und dazu ſo luſtig pfiff, als wäre ihm das größte Heil widerfahren. „Bei Euch geht's einmal luſtig zu, Herr Vetter“, ſagte der Stadtrath, indem er die Beine wechſelnd hob und ſetzte, um zu erproben, ob ſie im Gedränge nicht Schaden gelitten.„Geht's bei Euch alleweil ſo aus und ein, oder iſt heut' ein beſonderer Tag, wo den Gäſten extra eine Ehr' angethan wird?“ „Nur herein, Herr Vetter!“ ſagte der Brauer, in⸗ dem er den Arm gegen den Kopf erhob, als ob er die Mütze rücken wollte, dies aber bleiben ließ.„Das iſt bei mir ſchon ſo der Brauch! Für was wär' ich denn der Hausherr, wenn ich, ſobald mir was net taugt, net g'ſchwind die Tenne ſauber machen dürft'? Nur herein, der Herr Vetter kommt mir juſt recht, wir haben ſchon lang' was auszumachen miteinander.“ „Soll mir ſehr lieb ſein, wenn ich dem Herrn Vetter gelegen komme!“ entgegnete Millauer, indem er, verdutzt über die mehr als kühle Begrüßung, es eben⸗ falls unterließ, den Hut abzuziehen, wie er ſchon im Sinne gehabt; ſtatt deſſen führte er mit der Hand ei⸗ nen leichten Schlag auf denſelben, um ihn feſter ſitzen zu machen.„Bin auch deswegen da“, fuhr er dann fort,„glaube aber doch, es thät' ſich beſſer ſchicken, daß wir in die Stube hineingehn; ſo zwiſchen Thür 28 und Angel werden wir unſere Kinder doch nicht ver⸗ heirathen wollen!“ Der Brauer that, wie begehrt, und ging voran. Der Stadtrath folgte ihm, in ſich hinein murmelnd: „Grobian! Wegen der Höflichkeit wird er nicht geſtraft und ſeinen Namen hat er auch nicht umſonſt.“ Drinnen in der Nebenſtube angelangt, ſetzten ſich die Männer an den Enden eines langen Tiſches ein⸗ ander gegenüber und zwar der Gaſt zuerſt, ohne die Einladung des Wirthes abgewartet zu haben. Da⸗ rüber rückte der alte Plantſch ärgerlich an ſeiner Mütze und dachte bei ſich:„Hätt' auch warten können, bis ich ihm einen Sitz angetragen hätt'. Iſt doch ein rech⸗ ter Flegel, der Bäcker⸗Stadtrath!“ „Ich hab' mir ſchon lang' vorgenommen“, begann der Stadtrath,„den Herrn Vetter heimzuſuchen, bin aber immer nicht dazu gekommen— der Herr Vetter weiß ja ſelber, wieviel man zu thun hat, wie einem oft was dazwiſchen kommt, wenn man ſchon den Hut aufſetzen will. Jetzt aber bin ich da, habe auch mei⸗ nen Bub'n, den Benno, herbeſtellt, weil es doch ein⸗ mal ſchon ſo Brauch iſt auf der Welt, daß die Aeltern das dumme Zeug wieder gut machen müſſen, das die Kinder angeſtellt haben.“ „Thut ſchon noth“, ſagte der Bierbrauer hoch⸗ müthig.„Der Herr Bub treibt's ſchon ein biſſel ſtark; es ſind bald drei Wochen, daß ich ihn mit keinem Aug' mehr zu ſehen bekommen hab'! Hab' mir ſchon gedacht, der Herr Vetter hätt' ſich vielleicht anders beſonnen, und wenn's etwa ſo wär', ſo braucht der Herr Vetter damit nicht hinterm Berg zu halten. Ich ſtel' auf den Benno nicht an, und meine Tochter, die Wab'n, die braucht nur die Hand auszuſtrecken, ſo hat ſie an jedem Finger einen Hochzeiter hängen.“ „Das iſt's eben“, ſagte Millauer,„was der Herr Vetter dem Buben verzeihen muß; ich kann nichts da⸗ für. Bin ſelber erſt vor ein paar Tagen dahinter ge⸗ kommen, daß er immer wo andershin gegangen iſt, wenn ich geglaubt hab', er könnt' gar nirgends anders ſein als bei Euch und ſeiner werthgeſchätzten Jungfer Braut. Der Teufelsbub iſt mir in allerlei vornehme Geſellſchaft hineingekommen, die hat mir ihn ſauber verführt; aber jetzt hab' ich ihm den Kopf wieder zu⸗ recht gerückt; jetzt wird er kommen, wird den Herrn Schwiegervater und die Jungfer Hochzeiterin um Ver⸗ zeihung bitten, und wenn der Herr Vetter einverſtan⸗ den iſt, wird's, denk ich, das Beſte ſein, man macht die Sache gleich niet⸗ und nagelfeſt und bandelt die jungen Leut' gleich ordentlich zuſammen.“ Der Brauer antwortete nicht gleich, ſondern ſchob 30 die grüne Mütze hin und her, als müſſe er ſich erſt beſinnen.„Wenn der Herr Vetter meint, hab' ich nichts dawider“, ſagte er dann;„aber ich hab's ſchon geſagt und bleib' dabei, wenn der Herr Sohn nicht mit alle zwei Händ' zugreift, nachher ſoll er's nur ſagen. Ich mein', er muß froh ſein, wenn er eine Frau kriegt wie meine Wab'n.“. Das verletzte den Stadtrath; wieder ging ihm etwas vom Grobian durch den Sinn; er hielt aber an ſich, weil er die Verbindung für ſehr vortheilhaft hielt und weil er ein gegebenes Wort ſich nicht auf ſolche Art zurückwerfen laſſen wollte.„Alles wahr, Herr Vetter“, ſagte er dann.„Aber das muß der Herr Vetter doch eingeſtehen, daß der Benno auch ein Hoch⸗ zeiter iſt, wie ſie nicht alle Tag' anklopfen, und daß die Jungfer Tochter ihrerſeits gerade ſo gut zugreifen darf wie er.“ Das wollte nun dem Brauer wieder nicht behagen; die Schlegelkappe kam in unruhigere Bewegung und die Finger trommelten immer eifriger.„Wir werden ja ſehen!“ ſagte ver.„Wenn der koſtbare Hochzeiter doch jetzt kommen ſoll, dann wird ſich's der alte Prü⸗ gel herausnehmen und ihm ein biſſel auf den Zahn fühlen. Aber wo bleibt er denn? Er wird ſich doch nicht wieder haben verführen laſſen?“ ———. —— ——, 31 „Er muß jeden Augenblick kommen“, erwiderte Millauer, welcher unbehaglich durch das Fenſter auf die Straße ſah.„Ich meine ſelber, ich müßte den Unglücksbuben bei den Haaren herziehen, aber bis er kommt, wollen wir doch die Zeit benutzen, Herr Vetter, und wollen ſchauen, daß wir mit der Jungfer Hoch⸗ zeiterin ins Reine kommen. Wo iſt ſie denn? Warum kriegt man ſie gar nicht zu ſehen? Ich möcht' ihr doch auch Grüßgott ſagen, meiner künftigen Schwieger⸗ tochter.“ „Die wollen wir gleich haben“, ſagte der Brauer aufſtehend.„Begreife ſelber nicht, wo das Madel ſteckt! Läuft davon und laßt mir das Haus und die ganze Zechſtube voller Leut' allein. Ja ſo“, ſagte er dann, indem er in der leeren Stube herumſah,„die Gäſt' hab ich ja'nauswerfen laſſen. Und auch der Peterl, der Tagdieb, laßt ſich net blicken.“ Er war, von Millauer gefolgt, an die Thür ge⸗ treten und ließ ſeinen gewohnten Fingerpfiff durch das Haus ertönen; dann horchte und wartete er ein paar Augenblicke; als aber keine Antwort kam und auch die Geſuchte nirgends zu erblicken war, pfiff er wieder und wieder und immer greller, aber immer ohne Erfolg; nur aus der Küche ſtreckte ſich ein Weiberkopf hervor, und eine kreiſchende Stimme rief, was es denn gebe; 32 ſie könne nicht vom Herde weg; ſie habe eben die Schmalzpfanne zu den Krapfen aufs Feuer geſetzt und könne wegen dem Gepfeife nicht riskiren, daß das ganze Haus in Rauch aufgehe. Der Wirth fragte nach ſeiner Tochter; die Köchin aber war ſchon wieder in der Küche verſchwunden, und nur von drinnen dumpf wie aus weiter Ferne ſcholl es heraus, ſie habe vor einer Viertelſtunde das Mädchen in den Hof gegen das Brauhaus hin gehen ſehen. Jetzt war die Reihe, in Verlegenheit zu gerathen, an den Brauer gekommen.„Dann muß man halt ſuchen“, ſagte er, indem er immer raſcher auf ſeinem Bruſtlatze fingerte.„Ich bin doch ſelber neugierig, wo ſich das Madel beim helllichten Tag verkrochen haben kann!“ Die Wab'n war indeß an einem Orte, wo ſie nicht wohl hören konnte, und unterhielt ſich ſo gut, daß ſie, auch wenn ſie gehört, kaum ſich loszureißen vermocht hätte. Im Hofraum, hinter dem Brauhauſe, befand ſich noch eine kleine Thür, welche über eine ſchmale, ſteile Stiège hinauf zu dem Orte führte, wo die zum Bierſieden nöthige Gerſte, nachdem ſie geſchwellt und gelüftet worden, gedörrt wurde, um dann in den Keſſel zu wandern. Der Raum wurde nur ſelten be⸗ ſucht, denn die Malzdarre war eine enge und niedere ——— —-—— 33 Kammer mit Metallbeſchlag an den Wänden und mit ſiebartig durchlöchertem Kupferboden, auf dem das Malz aufgeſchüttet war und durch die darunter befind⸗ liche Heizung getrocknet wurde. Nur in beſtimmten Zeiträumen kam einer der Knechte, um das Malz zu wenden und umzuſchaufeln, und auch dieſer eilte immer ſo ſchnell als möglich davon; denn es war ein ungaſtlicher Ort, der einen gereiſten Mann vollkommen an die Blei⸗ kammern der Lagunenſtadt erinnert hätte, ſowohl wegen der Enge als wegen der darin herrſchenden Hitze, die nach wenigen Augenblicken den Schweiß in Strömen aus allen Poren hervorbrechen machte. Das war der einzige Zufluchtsort, der einer tief verborgenen, von keiner Seele geahnten Liebe geblieben war, welcher ſchon deswegen die Benennung einer heißen Liebe nicht abgeſtritten werden konnte. Da ſtand das Gigantenpaar, die Brauerstochter und Peterl, der Pfan⸗ nenknecht, in Holzſchuhen, um auf dem ſengend heißen Boden es aushalten zu können, glühend von innen und außen und ſich ewige, treue Liebe ſchwörend im Schweiße ihres Angeſichts. Hier ſuchte man ſie nicht, hier vermuthete Niemand ein zärtliches Stelldichein; wenn daher die Seligkeit eines Augenblicks auch durch ein Schwitzbad erkauft werden mußte, waren ſie doch getroſt und guter Dinge und hofften, durch ſolches Schmid, Die Turken in München. II. 3 34 Fegfeuer ſich loszukaufen von der Hölle der Trennung, auf daß ſie würdig wären, ſofort einzugehen in das Paradies der Vereinigung. „O mein Peterl“, ſeufzte Wab'n, indem ihr die Tropfen von der Stirn niederperlten und ſich mit den Zähren miſchten, welche die Rührung ihr auspreßte, „wie wird's wohl mit uns zweien noch werden? Ich fürcht', ich fürcht', der Vater kommt einmal dahinter; er hat mich neulich ſchon einmal ſo kurios gefragt und angeſchaut, und wenn auch das net geſchieht, Du wirſt es ſehen, ich kann net aus, ich muß den Vetter Benno nehmen, den zuſammengepappten Stutzer, den ich für den Tod net ausſtehn kann.“ „Aber meinſt denn gar net“, antwortete Peterl und wiſchte ſich mit dem Hemdärmel das ſchweißüber⸗ ronnene Angeſicht ab,„meinſt denn, daß der Vater gar net zu bewegen wär', wenn wir ihm ſagen thäten, daß wir uns halt ſo unſinnig gern haben, daß wir net leben können ohne einander? Er wird doch ſein einzig's Kind net wollen unglücklich machen, und was kann er denn einzuwenden haben gegen mich? Ich bin doch ein Pfannenknecht, der's mit jedem aufnimmt; ich könnt' jede Stund' einen Bräumeiſter abgeben, und ich ſteh' dafür, daß's dann in der ganzen Stadt München keinen ſolchen Tropfen geben ſollt als wie beim Prügelbräu.“ 2 — 35 „O mein lieber Bub'“, erwiderte Wab'n trau⸗ rig,„da iſt Alles verſpielt, da iſt die Welt mit Bretern vernagelt bis nach Wien hinunter. Er halt wohl viel auf Dich; aber Du biſt arm und biſt noch obendrein ein Findelkind, das Niemand angehört, da ſagt der Vater in Ewigkeit net ja, und wenn ich den Benno haben muß, ſo häng' ich mich auf oder ich ſpring' in den Kaiblbach.“ „Nein, das ſollſt Du net, Wab'n“, erwiderte Pe⸗ ter entſchloſſen.„Ich laß net von Dir, und eh' ich Dich dem Schreiber laſſ', eher brech' ich ihm alle Rip⸗ pen im Leib zuſamm'!“ „O Du mein Peterl“, rief das Mädchen, von der Gewalt dieſer Betheuerung bezwungen,„ich wollt' Dir's ja gern verſprechen, daß ich keinen Andern nimm', wenn ich's nur auch halten kann!“ Trotz der Hitze hielt das Paar ſich eng umſchlun⸗ gen; es vergaß alle Sorgen der Gegenwart und fühlte ſich wie von einem angenehmen, linden Hauche umweht, als wandelten ſie durch einen frühlingsgrünen Garten und ſpürten bereits den Athem der erſten aufbrechenden Blüten ihres Glückes. Es war aber nicht Frühlingswind, was ſie um⸗ wehte, ſondern ein ganz natürlicher Luftzug; denn die Thür der Malzdarre war plötzlich leiſe geöffnet worden 3* 36 und auf der Schwelle ſtand der alte Prügelbräu mit einem Geſicht, ſo purpurroth, als ob auch er ſchon ein. Stündchen in der Malzdarre gedampft hätte; über ſeine Schultern ſchaute das verwunderte Antlitz des Stadt⸗ raths. Die Liebenden wurden die Störer nicht eher gewahr, bis der Brauer einen Beſen ergriffen und den Stiel ausgezogen hatte und nun in ihr Paradies hin⸗ einfuhr wie ein anderer Engel mit dem feurigen Schwerte. Die Wab'n kreiſchte laut auf vor Schrecken; aber ſie war raſch gefaßt: mit einem mächtigen Satze war ſie aus der Thür und polterte die Stiege hinab, indem ſie die Holzſchuhe von ſich ſchleuderte, von denen einer dem Rathsherrn an das Schienbein fuhr, daß er laut aufſchrie und das Bein in die Höhe zog wie ein reiſe⸗ müder Kranich. Der Brauer ſchien ſich um ſein Töch⸗ terlein gar nicht zu kümmern; er war vollauf beſchäf⸗ 1 tigt, den Rücken Peterl's zu behandeln, der in der Ue⸗ berraſchung den Puffhagel auch gelaſſen über ſich er⸗ gehen ließ und unter dem Klatſchen der Hiebe unab⸗ läſſig verſuchte, den Zürnenden durch Zuruf und durch Betheuerung zu beſänftigen, wie ſehr er die Wab'n liebe, was für ein tüchtiger Pfannenknecht er ſei, und daß er die Wab'n heirathen wolle, wie ſie gehe und ſtehe, vom Fleck weg. Als er aber gar kein Gehör damit fand, fing ihn die Geſchichte allgemach zu ver⸗ 37 drießen an. Mit der Kraft eines wild gewordenen Bä⸗ ren wandte er ſich gegen den unfreiwilligen Schwieger⸗ vater, riß ihm den Beſenſtiel aus der Hand und packte den Brauer an beiden Armen wie mit Eiſenklammern; dann gab er ihm einen Stoß, daß derſelbe ſich rück⸗ lings ins heiße Malz niederſetzte, ſprang hinaus und ſchlug die Thür zu. Das war hinreichend, um einigen Vorſprung zu gewinnen und aus dem Hauſe zu entkommen. Als der Brauer ſich aus dem warmen Sitzbade aufgerafft hatte und mit halbverbrannten Fußſohlen aus der Darre herauskam, war vom Peterl weit und breit nichts mehr zu ſehen, nur der Stadtrath ſtand vor ihm und rieb ſich noch immer trübſelig das mißhandelte Schien⸗ bein. „Ja, was wär' mir denn das?“ fuhr ihn der Brauer an.„Was ſeid Ihr denn für ein Vetter, wenn Ihr mir nicht helft? Für was ſteht Ihr denn da, wenn Ihr den Tagedieb nicht aufhaltet?“ „Na, hör' der Herr“, entgegnete Millauer ärger⸗ lich,„wenn ich ein' ſolchen Elephanten aufhalten ſollt', da dank' ich für die Vetterſchaft! Ich bin ohnehin ſchon ſchlecht genug weggekommen und will froh ſein, wenn ich in drei Wochen wieder gehn kann ohne Hinken.“ „Warum net gar!“ antwortete der Brauer grob. 38 „Wer wird denn wegen einer ſolchen Kleinigkeit ſoviel Aufhebens machen? Mir liegt aber auch nichts dran; der Galgenſtrick, der Peterl, lauft mir net aus der Welt, aber mit der Wab'n will ich gleich Ordnung machen! Komm' der Vetter mit hinunter; wir bringen die Sach' in Ordnung von wegen dem Stuhlfeſt!“ Damit eilte er voran, die Stiege hinunter und durch den Hof; verblüfft ſchritt der Stadtrath hinter⸗ drein.„Ich weiß denn doch nicht“, rief er ihm etwas ſchüchern nach,„ob der Herr Vetter jetzt gerade in der rechten Verfaſſung iſt zu einem ſolchen Geſchäft— wir können's ja bis morgen anſtehn laſſen!“ „Warum net gar anſtehn laſſen! Wegen was denn?“ entgegnete der Brauer.„Ich bin jetzt grad' recht im Zug und will net hoffen, daß der Herr Vetter auf einmal Ausflüchte macht?“ Dabei packte er den Stadtrath am Arm, daß dieſer zuſammenzuckte. „O nein, ganz und gar net“, antwortete dieſer, immer mehr erſchreckt.„Aber es iſt doch auch ſchon ſpät. Daheim warten ſie mit dem Eſſen auf mich; mein Sohn iſt nicht da, die Jungfer läßt ſich auch nicht blicken und wenn der Herr Vetter nichts dawider haben thät', mein' ich halt doch, die G'ſchicht'n auf der Malzdarre und mit dem Peterl—“ „Was?“ ſchrie der Wirth.„Iſt dem Herrn Vetter 39 dabei etwas net recht? Das muß er doch einſehn, wenn er net einen Leibſchaden unterm Hut hat ſo groß wie ein Hüterhaus, daß mein' Tochter in die Dörr' blos hinauf iſt, um den Peterl zum Eſſen zu holen! Dabei iſt nichts Unrechtes, und wenn ſie ihm dann ein biſſel bei der Arbeit geholfen hat, ſo iſt das nur geweſen, damit ſie eher fertig geworden ſind und die Suppe nicht kalt geworden iſt! Ich hoff', desweg'n wird der Herr Vetter meiner Wab'n nichts Schlechtes nachſagen woll'n!“ Dabei drückte er den Arm des Stadt⸗ raths immer ſtärker, daß dieſer nachgebend ſich krümmte und bog. „Laſſ' der Vetter nur meinen Arm aus“, rief er ächzend,„es iſt mir ja gar nicht eingefallen, was Un⸗ recht's zu denken! Ich will's ſchon glaub'n, daß die Jungfer den Pfannenknecht nur zum Eſſen geholt hat, ſonſt hätte ihn der Vetter wohl nicht ſo getrieben, daß er weiter kommt, aber“, ſetzte er kühner hinzu, denn es war ihm gelungen, den Arm frei zu bekommen und ein paar Schritte ſeitwärts zu ſpringen,„aber mir iſt drüber der Appetit doch ein biſſel vergangen.“ „Und ſo was erlaubt ſich der Herr Vetter, mir in meinem eignen Haus zu ſag'n?“ ſchrie der alte Prügel.„Der Herr meint vielleicht, weil der Peterl immer da iſt zum Hinauswerfen, ich könnt' net ſelber 6 mit ihm fertig werden? Von dem Irrthum kann ich ihn gleich kuriren.“ Der Rath fand nicht Zeit, nur eine Silbe zu er⸗ widern, die Worte blieben ihm im Halſe ſtecken; denn im Moment fühlte er ſich gefaßt, wie ein Kreiſel ge⸗ dreht; dann kam es ihm vor, als wenn er durch die Luft fliege, er taumelte aus dem Thor und wäre ſicher zu Boden geſtürzt, hätten ihn nicht ein paar Arme mit⸗ ten im Sturze aufgehalten— die Arme Benno's, ſeines Sohnes. „Na, das iſt mal eine ſchöne Gegend!“ rief der Stadtrath, indem er ſich gegen das Haus umwandte. „Das muß ich ſag'n, ſo was iſt mir meiner Lebtag noch nicht paſſirt. Das himmelblaue Donnerwetter ſoll Dich erſchlagen, Bub', wenn Du mir noch einen Fuß in das Haus ſetzeſt!“- „O wie gern will ich das, Herr Vater!“ rief Benno.„Das wird mir nicht ſchwer ankommen. Aber was hat's denn ſo plötzlich gegeben? Was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Das wirſt Du noch früh genug erfahren“, ſagte Mil⸗ lauer,„aber jetzt gib mir Deinen Arm und laß mich einhängen! Au!“ rief er dann, als ihn der Sohn kräf⸗ tig anfaßte.„Der muß morgen ein einziger blauer Fleck ſein, und mein Schienbein brennt auch wie das ee ee 41 hölliſche Feuer. An die Brautwerbung will ich denken. Aber jetz' komm! Wir gehn heim!“ „Ja, Herr Vater“, rief Benno freudig.„Es gibt daheim auch eine große Neuigkeit, die Frau Mutter wartet ſchon mit Schmerzen auf den Herrn Vater. Wir haben einen Gaſt bekommen.“ „Einen Gaſt?“ fragte der Rath, indem er am Arme Benno's weiter hinkte.„Ja, wer könnte denn das ſein?“ „Ein Gaſt, den die Frau Kurfürſtin geſchickt hat; ſie nimmt ſich ganz des Mädchens an.“ „Was? Ein Mädel iſt's?“ rief Millauer und blieb verwundert ſtehen. „Ja, die Frau Kurfürſtin will ganz für ſie ſor⸗ gen; ſie hat ſie der Frau Mutter übergeben, damit ſie ſie in die Schul' ſchicken, in der Haushaltung abrichten und taufen laſſen ſoll.“ „Taufen?“ ſagte immer mehr erſtaunend der Stadtrath.„Es wird doch kein Wickelkind ſein? Was iſt denn das für ein Geſchöpf?“ „Eine von den Gefangenen iſt es“, rief Benno ſeurig,„die ſchöne Türkin, Herr Vater, die draußen war im Türkenzelte.“ „Was? Die Türkin in meinem Haus?“ ſchrie Millauer, indem er ſich von ſeinem Sohne losmachte 42 und ihn beinahe zu Boden rannte.„Ei, da ſoll ja gleich das himmelblaue—“ „Sieht der Herr Vater“, unterbrach ihn Benno, „wie's die Frau Mutter eilig hat? Da hat ſie uns auch noch die Staſi nachgeſchickt; da kommt ſie gelaufen, was ſie nur kann, mit einem Brief in der Hand.“ Keuchend kam die Köchin heran; ſie vermochte ihre Neuigkeiten nur ſtoßweiſe hervorzubringen.„Ein Brief“, rief ſie,„ein Schreiben von Seiner Durchlaucht, vom Kurfürſten!“ „Von der Kurfürſtin, willſt Du ſagen, Staſi“, verbeſſerte Benno. „Nein“, ſagte Millauer, welcher das Schreiben genommen hatte und in der Hand umdrehte,„das iſt ſchon das Siegel von Seiner Durchlaucht ſelbſt. Ja, wie komm' ich denn auf einmal zu der Ehr'?“ Er er⸗ brach und las:„Mein lieber Stadtrath Millauer! Sintemalen Uns berichtet worden, wie daß die Ver⸗ pflegung und Behandlung von denen kriegsgefangenen Türken in München in alleweg nicht völlig ſo beſchaffen, als es für Unſern kurfürſtlichen Namen gebührlich erſcheint, als haben wir beſchloſſen, hierfür einen wohl⸗ bewährten und verläſſigen Mann zu beſtellen, und ha⸗ ben von heut' an dieſe Aufſicht Ihm übertragen, ver⸗ hoffen demnach von Ihm, daß Er ſich deſſen zu Unſerer 43 allerhöchſten Zufriedenheit unterwinden wird, und ver⸗ bleiben Ihm in Gnaden gewogen. Max Emanuel, Kurfürſt.“ „Aufſeher! Ich Aufſeher über die ganze Türken⸗ bagage!“ ſtammelte Millauer, und das Blatt fiel ihm aus der Hand, daß Benno es auffangen mußte.„Und b die Türkin noch obendrein in meinem eignen Haus! Jetz' weiß ich nimmer, was ich ſagen ſoll; da langt das himmelblaue Donnerwetter nicht mehr aus!“ Zweites Kapitel. Fallen und Schlingen. Am Fenſtertiſche in der großen Millauer'ſchen Wohn⸗ ſtube ſaß Benno, vor ſich ein ſchmales, anſehnliches Buch, in welchem er emſig ſchrieb; es war das von der Mutter mit pünktlichſter Genauigkeit über jeden Pfennig, von der Klafter Holz bis zum Büſchelchen Suppengrün, geführte Haushaltungsbuch, das aber, weil ihre eigenen Haus⸗ buchſtaben buchſtäblich nur für das Haus paßten und höchſtens von ihr ſelber zu enträthſeln waren, von Benno jeden Morgen vor Frühſtück und Kanzlei eingetragen werden mußte. Noch war es früh am Tage; die Uhr hatte kaum ſieben geſchlagen, und der erſte kurze Son⸗ nengruß, welcher über das Kloſterdach in die Fenſter fiel, ſpielte auf dem Tiſche mit den Blättern des Buches, 45 als wäre er neugierig, zu erfahren, was das für wichtige Dinge ſeien, die man werth fand, ſie ſo zierlich und bündig der Vergeſſenheit zu entreißen. So ſehr aber Benno in die Arbeit vertieft war, ließ er doch manchmal die Feder ſinken und horchte nach der verſchloſſenen Seitenthür hin, welche in die ſogenannte gute Stube des Hauſes führte, wo die Prunk⸗ käſten mit den blank beſchlagenen Krügen und Gläſern glänzten, der Schrank mit der feinen Wäſche prangte und die hochgethürmten feiernden Betten ſich blähten, in deren einem die neue Hausgenoſſin einquartiert war. Einmal war er ſogar kühn genug, nachdem er erſt vor⸗ ſichtig in der Stube umhergeſehen und ſich vergewiſſert hatte, von Niemand beobachtet zu ſein, ſich auf den Zehen an die geheimnißvolle Thür zu ſchleichen und das Ohr zum Schlüſſelloche niederzubeugen, ob ſich noch nichts rege im Zimmer; allein die Türkin mußte unge⸗ wöhnlich feſt ſchlafen; nicht die geringſte Bewegung, nicht der leiſeſte Laut war zu hören. Plötzlich jedoch fuhr der Lauſcher erſchrocken auf und ſprang an ſeinen Platz zurück; aber das Geräuſch, das ihn verſcheucht hatte, war nicht von der ſorgſam gehüteten Stube her gekom⸗ men, ſondern vom Küchenfenſter, das Staſi halb geöffnet hatte. „Pſt!“ rief ſie herein.„Brauchen net zu erſchrecken, 46 Herr Benno! Bin's nur ich; der Herr Rath iſt auch noch hinten im Schlafzimmer. Die Türkenjungfer aber, die is' ſchon lang auf und ausg'flogen.“ „Ausgeflogen?“ rief Benno überraſcht. „Jawohl“, erwiderte die Magd.„Die iſt in aller Früh' aufgeſtanden und mit der Frau aus'gangen hin⸗ über zu den Theatinern in die Sechs⸗Uhr⸗Meſſ'. Sie müſſen aber bald ruck ſein, und ich glaub', ich hör' ſie ſchon auf der Stieg'n.— Das warme Bier wird auch im Augenblick fertig ſein.“ Raſch kehrte Benno an ſein Buch zurück und hatte ſich kaum zurecht geſetzt, als die Mutter mit Zuleima ins Zimmer trat.„Guten Morgen, Frau Mutter!“ rief er, indem er noch raſcher wieder aufſprang und ihr entgegeneilend die Hand bot, aber ſein Auge war nicht bei der Hand, ſondern wurzelte in Zuleima's Angeſicht, das er nun ſo ganz ohne Schleier ſich gegenüber ſah. „Guten Morgen, Jungfer Zuleima!“ ſetzte er dann zögernd hinzu und ſtand dem Mädchen ſo blöde und be⸗ fangen gegenüber, als ob er ſie noch niemals geſehen. Auch ſie hatte die Augenlider geſenkt und ſchien gar nicht mehr dieſelbe zu ſein, welche ihm wenige Tage zuvor im Türkenzelte ſo herzhaft geantwortet; hier in der veränderten Umgebung, einander plötzlich ſo nahe gerückt, hatten beide die frühere Unbefangenheit und 47 den alten Muth völlig verloren. Zuleima, noch türkiſch gekleidet, ſchritt mit der ihr eigenthümlichen Leichtigkeit in das ihr angewieſene Zimmer, während Benno zum dritten Male an die unterbrochene Arbeit zurückkehrte, Frau Millauer aber behutſam das ſchöne Umſchlagetuch ablegte, das ſie in der Kirche getragen, um es mit dem gewohnten leichten Hauskamiſol zu vertauſchen. „Was iſt's denn mit Dir?“ ſagte ſie dann.„Biſt Du mit Deiner Schreiberei noch nicht fertig? Ich meine, Du brauchſt heut' beſonders lang' damit— hab' ich doch geſtern nichts ausgegeben als die wenigen Kreuzer für einige Krautköpfe und ein paar Pfund Fleiſch.“ Benno erwiderte nichts, denn auch die Mutter ſchien keine Antwort zu erwarten; ſie ſah Zuleima nach, welche aus ihrer Stube wieder hervorkam, quer durch das Zimmer ging und in der Hauptthür verſchwand. „Muß ſchon ſagen“, begann ſie dann,„das Mädel hat einen Gang, ich glaub', ſie thät keinen Grashalm niedertreten, wenn ſie mitten durch die Wieſe ginge! Sie geht wie ein vornehmes Fräulein, nicht anders, als wenn ſie ihr Lebtag nur auf Sammt und Seiden ge⸗ treten wär'. Im Anfang bin ich nicht wenig erſchrocken geweſen, wie ſich die Frau Kurfürſtin an mich erinnert hat, weil ich unter den Bürgersfrauen geweſen bin, die ihr das Brautgeſchenk übergeben haben vor zwei Jah⸗ 48 ren; denn wenn's auch eine große Ehr' für mich iſt, daß ſie das Mädel gerade mir übergeben hat, iſt's auch keine geringe Plage und Schererei; aber was wahr iſt, muß man ſagen— man kann dem Mädel nicht feind ſein.“. „Nicht wahr, Frau Mutter“, rief Benno eifrig, in⸗ dem er die Feder wegwarf,„Zuleima iſt ein liebes Mäd⸗ chen, herzig, ſittſam, gut, ſchön—“ „Na, na, ein biſſel langſam! Soviel ich bis jetzt hab' ſehen können“, erwiderte die Frau und ſah ihn etwas verwundert an,„iſt ſie das Alles, aber des⸗ wegen brauchſt Du Dich im Schreiben nicht irre machen zu laſſen. Sie ſtellt ſich auch zu der Handarbeit und in der Haushaltung recht geſchickt an, aber wie geht's denn mit dem Lernen von der deutſchen Sprach'?“ „O nicht minder gut, Frau Mutter“, rief Benno, diesmal, ohne ſeine Schreiberei zu unterbrechen.„Sie iſt fleißig und hört mir ſo aufmerkſam zu, als wenn ſie in der Kirche wäre— wir können ſchon ganz gut mit einander reden und in ein paar Wochen, denk’ich, ſoll ſie mich ſo gut verſtehen wie ich ſie. Nur mit dem Schreiben“, ſetzte er hinzu,„will's gar nicht gehen; die türkiſchen Buchſtaben ſind eben von den unſrigen gar zu verſchieden. Die Frau Mutter kann's hier ſehen; da ſind einige Zeilen, welche Zuleima geſchrieben hat.“ 1 49 „Das iſt alſo türkiſche Schrift?“ ſagte die Mutter, das Blatt betrachtend.„Das hätt' ich gar nicht für geſchrieben gehalten; das iſt ja ein Gefuſel, daß ſich kein Menſch darin auskennt!“ Zuleima trat ein; ſie hatte die Platte in den Händen, auf welcher die Frühſtückskanne mit dem Warmbier dampfte, umgeben von den weiten irdenen Schüſſelchen für jedes Mitglied des Hauſes; daneben waren die Löffel und die verſchiedenen Brodlaibchen zierlich geordnet und die verſchiedenen Zwiſchenräume gar mit friſchen Blumen beſteckt. „Ei, ei“, rief die Räthin, indem ſie ihr mit ver⸗ gnügtem Schmunzeln entgegenging und ihr das Geſchirr aus den Händen nehmen wollte,„was macht die Jungfer denn da? Das iſt ja mein Geſchäft!“ Zuleima wehrte ab und zwar mit ſo ſanftem Tone und ſo freundlichem Blicke, daß die Frau nicht zu wider⸗ ſtehen vermochte.„Bitte, bitte“, ſagte ſie,„laßt mich helfen! Zuleima will helfen, wo ſie kann.“ Der Rath, welcher inzwiſchen eingetreten war und die letzten Worte gehört hatte, wollte eben brummend eine Bemerkung machen, aber er behielt ſie für ſich; denn ſo einfach das auf den Tiſch geſtellte Gericht war, hatte Zuleima doch verſtanden, es ſo anmuthig zu ord⸗ nen und zu ſchmücken, daß das Auge mit Vergnügen Schmid, Die Türken in München. II. 4 50 darauf ruhte, und als ſie vollends grüßend, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen ſich gegen ihn demüthig und wie bittend verneigte, da war der Ton, der aus ihm her⸗ vorkam, ſchon um die Hälfte milder, als er anfangs im Sinne gehabt.„Laſſ' die Jungfer das bleiben!“ ſagte er.„Bei uns iſt das nicht der Brauch; bei uns grüßt man nicht ſo— das muß ſie ſich abgewöhnen.“ „Ich werde, ich werde“, entgegnete ſie lachend. „Zuleima nicht zürnen, Jatatli Babamtſchik!“ „Was ſoll das heißen?“ rief der Rath.„Iſt das eine dumme Sprach' Verſtehſt Du's?“ ſagte er zu Benno, der inzwiſchen herbeigekommen war und ſich mit an den Tiſch geſetzt hatte.„Ich glaub' gar, ſie hat was von einem Tatel geſagt. Soll das etwa gar geſtichelt ſein?“ „Was denkt der Herr Vater!“ entgegnete Benno haſtig.„Das ſind die herzlichſten Schmeichelworte; das heißt ſo viel als: Mein liebes, gutes Väterchen!“ „So, ſo, das heißt's!“ ſagte der Rath, indem er ſich thmunzeind ein ſchenkte und über die Kanne hinweg einen kurzen Blick auf Zuleima warf, der aber ſchon wieder um Vieles freundlicher war.„Schenk' ſich die Jungfer nur auch ein!“ fuhr er fort.„Sie muß ſich keinen Zwang anthun, ſondern muß denken, ſie iſt jetzt bei uns daheim!“ p 51 „O wie gern!“ rief Zuleima, und ehe der über⸗ raſchte Rath es verhindern konnte, lag ſie vor ihm auf den Knieen, hatte ſeine Hand erfaßt und geküßt und ſah nun mit naſſen Augen zu ihm empor. „Na, na, mach' Sie keine Faxen!“ entgegnete er. „Sie iſt eine närriſche Dingin, ſoviel ich merk' aber Sie läßt ſich ganz gut an, und ſo, denk' ich, werden wir ſchon auskommen mit einander. Jetzt aber laſſ' ſie ſich's ſchmecken! Das warme Bier wird Ihr freilich nicht recht behagen, aber mit dem Kaffee iſt's nichts bei mir, den muß S Sie ſich ſchon abgewöhnen, Jungfer; der kommt nicht in mein Haus.“ „Und warum nicht?“ fragte Zuleima mit ſchalk⸗ haftem Lächeln.„Kaffee iſt gut, Kaffee geſund, Kaffee würde Babamtſchik gut thun. Wenn Zuleima ihn be⸗ reitet und recht bittet, ein Schälchen zu trinken, wird Väterchen nicht nein ſagen.“ „O ja, Väterchen wird ſchon nein ſagen“, lachte Millauer.„Da kennt mich die Jungfer ſchlecht, wenn ſie das von mir glaubt; wenn ich mir einmal etwas in den Kopf geſetzt habe, dann hält es ſo feſt wie Stahl und Eiſen.“ Das Frühmahl war bald beendet; die Frauen ver⸗ ließen das Zimmer, nach der Küche zu ſehen. Der Rath ging, ſich zum Ausgehen bereit zu machen; denn da er 4* 52 Türkenaufſeher geworden, mußte er des Morgens nach den Orten wandern, wo ſie verwahrt wurden, und ſich nach Allem erkundigen, was inzwiſchen und die Nacht über etwa vorgefallen. Benno kehrte nochmals an ſein Schreib⸗ buch zurück, aber als es ſo völlig ſtill um ihn her ge⸗ worden, vergaß er bald wieder das Einſchreiben der Ziffern; das Bild, wie Zuleima vor ſeinem Vater ge⸗ kniet, wollte nicht von ſeinem Auge weichen und immer klang ihm im Ohre der Ton der Rührung nach, von der ſie ergriffen war, als ſie gehört, daß ſie ſich hier wie daheim fühlen ſollte. Er verſank immer mehr in Träumerei; ohne zu wiſſen, was er that, begann er auf das weiße Fehlblatt des Haushaltungsbuches allerlei Striche und Zeichen zu kritzeln. Allmälig wurden tür⸗ kiſche Buchſtaben daraus. Zuletzt fing er an, das, was Zuleima aufgeſchrieben, mechaniſch nachzumalen, er hatte aber nur wenige Zeichen geſchrieben, als deren Inhalt ihn vollſtändig feſſelte. Der Abend, an welchem er Zu⸗ leima zuerſt geſprochen, ſtieg darüber wie ein magiſch beleuchtetes Zauberbild vor ſeiner Seele herauf. Das von Zuleima Geſchriebene enthielt die erſten Worte, die damals zwiſchen ihm und ihr gewechſelt worden, und ein Wonneſtrom flutete bei dem Gedanken durch ſein Herz! Sie hatte dieſe Worte behalten, ſie waren ihr alſo eine holde Erinnerung wie ihm! Er ſah ſie verſchämt 53 und ſcheu wie ein gehetztes Reh am Zelteingang ſtehen, auf dem weißen Leibchen, gerade auf der Stelle des Herzens eine blutrothe Nelke. Da war er hinzugetreten, hatte ſich ein Herz gefaßt und ihr dafür die Roſe ge⸗ boten, die er eben im Knopfloch trug.„Nehmt“, hatte er geſagt,„denn Euch gebührt das Schönſte und— die Roſe iſt ſchöner als die Nelke!“ Sie hatte die Blume gegeben und genommen und leiſe„Kaldir“ geflüſtert, was, wie er bald erkundet, ſo viel ſagen wollte, als: „Bewahre ſie“, dann war er gegangen und hatte ihr das ſchnell erfaßte„Sefa Geldiniz“ oder„Sei gegrüßt“ zugerufen, und dieſe drei Sätze oder Worte ſtanden, von Zuleima geſchrieben, vor ihm, und das anfängliche Spiel, ſie nachzuſchreiben, erfüllte ſein Gemüth mit un⸗ beſchreiblichem Vergnügen. Er war ſo ſehr darein ver⸗ tieft, daß er erſchrak, als er plötzlich auf dem Gange den kräftigen Tritt ſeines Vaters näher kommen hörte. Haſtig, verwirrt, ohne ſelbſt recht zu wiſſen, warum, riß er das beſchriebene Stück des Blattes ab, ballte es zuſammen und warf es in die Fenſterecke. Doch ſchon war es zu ſpät geweſen. Der Vater hatte beim Ein⸗ treten Alles geſehen und hörte nun verwundert zu, wie Benno, der haſtig ſeinen Hut ergriff und der Thür zu⸗ eilte, ihm nur noch einen flüchtigen Gruß und die Nachricht zurief, es gebe heute dringende Arbeit in 54 der Kanzlei; er müſſe drüben ſein, noch ehe es acht Uhr geſchlagen. „Was iſt denn ſchon wieder los mit dem Buben?“ ſagte Millauer, indem er ihm verwundert nachſah. „reſſirt's jetzt auf einmal wieder ſo ſtark mit dem Kanzleigehen? Und was hat er denn da weggeworfen? Gewiß, damit ich's nicht ſehen ſoll? Ah“, fuhr er fort, indem er den Zettel aufhob und entfaltete,„das wird wohl Türkiſch ſein; warum wirft er denn das weg? Da muß was Beſonderes darauf ſtehn; ich denk', ich ſteck es einmal ein, und will ſchon dahinter kommen! Je⸗ denfalls heißt's aufpaſſen, daß mir der Bub' nicht wie⸗ der Schliffeleien macht.“ Er ſteckte den Zettel in die Rocktaſche und wan⸗ derte aus dem Hauſe dem Sendlingerthor zu; dort, ziemlich weit außerhalb der Mauern, ſtand das Brech⸗ oder Siechenhaus, ein anſehnliches Gebäude, das beim Vorkommen anſteckender Krankheiten dazu beſtimmt war, die davon Befallenen, die ſogenannten Sonder⸗ ſiechen, von der übrigen Bevölkerung zu trennen. Es lag angenehm mitten in einem grünen Wieſenfleck und unter Bäumen da, ein lockendes und gern beſuchtes Plätzchen für die luſtwandelnden Münchner, zumal ſie dabei auch die Andacht bequem befriedigen konnten, denn unter den Büſchen ſtand ein kleines Kapellchen ——————— ———OO— 55 mit einem Marienbild, das die ſieben Schwerter im Buſen trug; ſpäter wuchs das Kapellchen immer mehr und mehr, bis es zuletzt die Gartenumgebung völlig verdrängte und nur das Kirchlein übrig blieb, noch heutzutage zur ſchmerzhaften Kapelle geheißen. Der Rath war dem Eingange ſchon ziemlich nahe, als er vor demſelben einen Mann gewahrte, der einigemal behutſam um ſich ſah, dann am Thorbogen einen Stein, der locker zu liegen ſchien, in die Höhe hob, raſch et⸗ was unter denſelben hineinſteckte, dann aber ſich um⸗ ſchauend wie ein verſcheuchter Fuchs im Gebüſch verſchwand. „Hollah, was gibt's da wieder?“ rief der Stadt⸗ rath vor ſich hin.„Da iſt gewiß wieder eine Spitz⸗ büberei im Werke. Das war aufs Haar der nämliche Kerl, den ich vorgeſtern in der Neuhauſergaſſe geſehen habe, mit dem abſcheulichen Türken, dem Lucifer von der Angerkirche!“ Haſtigen Schrittes eilte er näher, ſah ebenfalls vorſichtig umher, lüftete dann den Stein und ſpähte in die Lücke hinein.„Hab ich's nicht ge⸗ ſagt, daß es eine Spitzbüberei iſt?“ murmelte er und zog einen Streifen Papier hervor, den er nach allen Seiten umkehrte und betrachtete.„Schon wieder Tür⸗ kiſch! Und was das für Haken ſind! Der Türkenkaiſer darf jeden Tag auch ein Reſcriptum ausgehen laſſen von wegen der Schönſchrift! Aber wenn ich jetzt nur wüßte, was die Schrift zu bedeuten hat? Ein Schelm⸗ ſtück ſteckt dahinter, aber was für eins, das muß ich vor allem herausbringen, eh' ich einem Menſchen von meiner Entdeckung etwas ſagen darf. Soll ich meinen Benno fragen?“ fuhr er fort und ließ nachdenklich ſeinen Stockknopf mit der Naſe ſpielen.„Mir ſcheint, der Bub' kennt ſich im Türkiſchen ſchon ganz gut aus. Nein, das geht nicht“, rief er ſich ſelber abmahnend zu;„zuerſt muß ich wiſſen, was ſein eigner Zettel zu bedeuten hat; ich muß ſchon was Anderes ausſtudiren, wie ich dahinterkomme!“ Er wollte gehen, hielt aber ſogleich wieder inne, denn neue Bedenken ſtiegen in ihm auf.„Wenn aber der Schelm kommt, für den der Zettel gehört, und ſucht unter dem Stein und fin⸗ det nichts, dann merkt er, daß er verrathen iſt und die ganze Geſchichte wär' vielleicht verdalkt. Halt, ich hab's, ich hab's!“ brach er auf einmal triumphirend los.„Ich lege den Zettel vom Benno dafür hinein. Ich weiß zwar nicht, was darauf geſchrieben ſteht, aber für jeden Fall kennt ſich der Sitzbub dann auch nicht aus und beiß nicht, wie er daran iſt; währenddeſſen finde ich ſchon Zeit und Gelegenheit, zu erfahren, was auf dem richtigen Zettel ſteht und dann will ich hinter die ganze Sippſchaft fahren wie das himmelblaue Donnerwetter!“ ———— 57 Geſagt, gethan. Schnell war der Stein wieder ge⸗ hoben, Benno's Zettel daruntergelegt, und ſeelenver⸗ gnügt über den glücklichen Einfall betrat nun der Raths⸗ herr das Herrſchergebiet ſeiner neuen Wirkſamkeit, höchſt angenehm berührt, daß der Birbaſchi der erſte war, der ihm daſelbſt entgegentrat; war ihm derſelbe doch nicht mehr völlig unbekannt und flößte ihm überdies Zutrauen ein durch die auffallende Schnelle und Leich⸗ tigkeit, mit der er ſich die deutſche Sprache aneignete. Gleich beim Antritt ſeines Geſchäfts hatte er daher an⸗ geordnet, daß der Birbaſchi vom Türkengraben weg und in das Brechhaus kommen ſolle, um für ihn eine Art Unteraufſicht zu führen. Dieſer hatte dagegen nichts eingewendet, denn er fürchtete, daß der Reiz der Neuheit bei dem Türkenzelte, zumal ſeit Zuleima's Entfernung, doch nicht mehr lange anhalten möchte. Millauer grüßte daher den Schwarzbart mit beſonderer Freundlichkeit, und bereits ſtieg im fernen Hintergrunde ſeiner Gedanken ein weiteres Plänchen auf, wie er viel⸗ leicht durch ihn dazu kommen könne, auf die kürzeſte, verdachtloſeſte und ungefährlichſte Weiſe den Inhalt des geheimen Zettels zu erfahren. „So, da wär' ich“, ſagte er dann.„Jetzt laſſe mir der Herr Birbaſchi einmal die ſämmtlichen Türken aufmarſchiren! Ich muß doch meine Mannſchaft einmal 58 kennen lernen und ſie mich auch, dann hab' ich wenig⸗ ſtens den Profit, daß mich nicht ſo bald wieder einer üder den Haufen rennt!“ Der Birbaſchi ging, und bald kamen die eben nicht auswärts beſchäftigten Gefangenen aus dem Hauſe her⸗ vor, etwa fünfzig meiſt übel ausſehende Geſtalten von verſchiedener Größe, halb mit türkiſchen Fetzen, halb mit abendländiſchen Kleidern bedeckt, welche ſie irgend⸗ wo geſchenkt erhalten hatten und die nun ſonderbar zu den orientaliſchen Ueberreſten ſtimmten. Nur die Ge⸗ ſichter waren bei allen ziemlich ähnlich wegen der ge⸗ ſchorenen Köpfe, der ganz gleich gezogenen, lang her⸗ rabhängenden Schnurrbärte und der unſaubern gelben Geſichtsfarbe. Es koſtete den Rath Mühe, ſeine ein⸗ mal gefaßte Abneigung und ſelbſt eine Anwandlung von Furcht zu überwinden und dem Anblick Stand zu halten, als die Türken, die bereits erfahren hatten, welche wichtige Perſon vor ihnen ſtehe, ihn mit lär⸗ menden„Allah, il Allah“ und„Salem Aleikum“ begrüß⸗ ten und ſich ſo nahe als nur möglich an ihn drängten, um ſeinen Rock zu berühren oder ſeine Stiefel zu küſſen. „Himmelblaues Donnerwetter!“ rief Millauer, in dem er ſich flüchtend auf eine Steinbank am Hauſe ſprang, wodurch er ſich wenigſtens den Rücken deckte — —— 59 und eine Ueberſicht über den wilden Schwarm gewann. „Ich muß es im Mutterleib verſchuldet haben, daß man mir ein ſolches Geſchäft übertragen hat! Mach' mir der Herr Birbaſchi Luft“, ſchrie er dieſem zu,„geb⸗ Er den Leuten zu verſtehen, daß einer nach dem andern vortreten und reden ſoll, ſonſt geh' ich auf und davon und hör' ſie gar nicht an und laſſ' ſie alle miteinander einſperren bei Waſſer und Brod!“ Die Aſiaten, als ſie die Aufforderung vernommen, fügten ſich derſelben ruhi⸗ ger, als er erwartet haben mochte.„Nun, ſie haben doch ein bischen Menſchenverſtand, wie's ſcheint“, ſagte der Rath beruhigt, während ein großer wohlbeleibter Türke vortrat, unter tiefen türkiſchen Verbeugungen ſich in einen unverſtändlichen Schwall von Worten ergoß und dabei eine irdene verdeckte Schüſſel in der Hand emporhielt.„Wie heißt denn der Menſch?“ ſagte Millauer.. „Rokka⸗Wecki“, erwiderte der Birbaſchi, und der Rath ſchlug vor Verwunderung die Hände zuſammen. „Iſt das eine merkwürdige Sprach', die türkiſche!“ ſagte er.„Das klingt ja faſt Alles wie deutſch! Jetzt möcht' ich ſchon bald wiſſen, haben ſie das Reden von uns gelernt, oder wir von ihnen! Wecki! Rokka⸗ Wecki— da muß man doch gleich an unſere Roggen⸗ wecken denken! Rockenwecki und Bierpaſchi, das könnte —— ———ÿ — * nicht ſchöner zuſammenpaſſen! Aber was will denn das Mannsbild eigentlich? Warum hält er die Schüſſel in der Hand wie ein Bub', der ein Vogelneſt geſtohlen hat?“ „Er will ſich über die Koſt beklagen, die den Ge⸗ fangenen geſtern gereicht worden“, erwiderte der Bir⸗ baſchi.„Sie meinen, ſie ſeien keine Rinder und Schafe, und daß man ſie nicht zwingen ſollte, Gras zu freſſen.“ „Was? Gras haben ſie ihnen zu eſſen gegeben?“ rief Millauer.„Das will ich nicht hoffen, das iſt ja doch nicht möglich. Laßt mich einmal das Gras an⸗ ſchauen. Ah“, fuhr er fort, als er den Deckel aufge⸗ hoben,„das iſt ja Spinat, wunderſchöner Spinat, und noch dazu ſo appetitlich, als wenn ihn meine Staſi ge⸗ kocht hätte! Und das halten die dummen Teufel für Gras? Spinat iſt ein vortreffliches Eſſen und geſund obendrein, das ſollen ſie nur eſſen lernen! Sag' Er das dem Roggenwecken, Herr Bierpaſcha! Sag' Er ihm, mit ſolchen Dummheiten ſollen ſie mir nicht wiederkommen! Was wollen denn die Leute, daß man ihnen zu eſſen geben ſoll? Was ſind ſie denn von zu Haus her ge⸗ wohnt? Was eſſen denn die Türken, wenn ſie daheim ſind?“— „Pillau“, entgegnete der Birbaſchi;„das iſt ge⸗ kochter Reis.“ 61 „So, ſonſt haben ſie keine Schmerzen?“ rief Mil⸗ lauer.„Bei uns iſt der Reis ſo rar, daß man ſich ſelber kaum zu den heiligen Zeiten einen zu eſſen ge⸗ traut. Von ſolchen Sachen will ich nichts mehr hören; das kann der Herr Bierpaſcha ſeinen Landsleuten ein⸗ für allemal ſagen, und damit iſt's gut. Weil ich aber heute gut aufgelegt bin, will ich in meinen Sack grei⸗ fen und will am Feierabend, wenn's bis dahin keine Spectakel gegeben hat, ein Fäßlein Bier ſpendiren.“ Die Nachricht brachte unter den Türken, als der Birbaſchi ſie verdolmetſchte, freudige Aufregung hervor; ſie riefen dem guten Effendi Heil, daß dieſer vor dem Gebrüll die Ohren zuhielt und ſich über und über be⸗ eilte, die noch übrigen Geſchäfte abzumachen; ſie liefen meiſt darauf hinaus, Briefe in die Heimat zu bringen, um von ihren Angehörigen Löſegeld zu erhalten und den Betrag des letztern auf eine möglichſt geringe Summe herunterzubringen. Der Stadtrath beſchwich⸗ tigte die Drängenden, ſo gut es anging, mit der Ver⸗ ſicherung, daß ſie die Briefe nur ſchreiben und ihm bringen ſollten; er werde bei der Hofkammer ſchon ſorgen, daß ſie an den rechten Ort geſchickt würden. Er wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und ſchöpfte tief Athem, als er ihnen entronnen war und aus dem Thorbogen tretend die Thür hinter ſich zufallen hörte. 62 „Ein ſchönes Geſchäft“, ſeufzte er dann,„das mir die Durchlaucht da aufgehängt hat! Wer mich ihm da⸗ zu recommandirt haben muß! Und ich darf nicht ein⸗ mal muckſen und muß mir noch was darauf einbilden, daß er mir die Ehr' angethan hat. Gleich nächſtens darf ich meinen Sonntagsrock anziehen, meine Aufwar⸗ tung machen und mich noch recht ſchön bedanken für alle die Schererei. Aber da fällt mir noch etwas ein“, ſagte er dann zum Birbaſchi, der ihn begleitet hatte, und ſchielte pfiffig nach dem beweglichen Stein im Thorbogen.„Auf den Abend lad' ich den Herrn zu mir ein; ich habe was zu reden mit ihm.“ Mit Freuden ſagte der Birbaſchi zu und verſicherte, es käme ihm ſehr gelegen; einige von ſeinen Lands⸗ leuten ſeien erkrankt, der Doctor, den man ihnen ge⸗ ſchickt, habe ihn abends in die Stadt beſchieden, die für ſie bereiteten reinigenden Mixturen und auflöſen⸗ den Pulver in Empfang zu nehmen.. Im Hauſe des Rathes und in dem ruhigen Gange des Lebens und der Wirthſchaft hatte indeſſen die neue Hausgenoſſin manche Veränderung hervorgebracht. Die Frau, ſonſt gewohnt, den ganzen Vormittag am Näh⸗ tiſch mit weiblicher Arbeit zu verbringen und dazwiſchen einmal einen Gang in die Küche zu machen, war nun genöthigt, ſich mit ihrem Gaſte und Zögling zu be⸗ ——— 63 ſchäftigen. Hatte ſie doch, ſtolz auf das ihr geſchenkte Vertrauen, ſogleich im erſten Augenblick ſich vorgenom⸗ men, aus dem fremden Mädchen eine Perſon zu ma⸗ chen, wie im ganzen Bayernlande keine zweite zu finden ſein ſolle. Die Türkin ihrerſeits war in ſo hohem Grade willfährig und anſtellig, daß der Räthin darüber das ganze wirthſchaftliche Herz aufging und daß ſie die Türkin, die ihr gleich auf den erſten Blick wegen ihres beſcheidenen Weſens gefallen, von Stunde zu Stunde lieber gewann. Es hatte nur kurzer Zeit be⸗ durft, um Zuleima in den Handgriffen der täglichen weiblichen Beſchäftigung zu unterrichten. Unglaublich bald und geſchickt wußte ſie, wenn auch etwas ſchwer⸗ fällig, das Strickzeug zu handhaben oder die Nähnadel zu regieren oder eine jener kleinen Hülfsarbeiten zu verrichten, die für die Küche ebenſo wichtig ſind, als ſie unbedeutend erſcheinen. Natürlich blieben dabei auch die Zungen nicht müßig, und die Frauen fanden ſich bald ſo weit miteinander zurecht, daß ſie mit Wort und Zeichen ſich vollkommen zu verſtändigen vermochten. Zuleima lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, wenn die Räthin Leben und Sitte deutſcher Frauen und Mädchen ſchilderte, wenn ſie erzählte, wie da Mann und Frau einig zuſammenſtehen, um ein Haus zu gründen und als treues Paar in redlicher Liebe mit 64 einander auszuhalten durch Frieden und Trübſal bis in den Tod; wie das Weib nicht Sklavin des Mannes ſei, ſondern ſeine liebe Geſponſin und Hausfrau ihm zwar unterthan als dem Herrn der Familie, aber in Allem ſonſt von gleichen Rechten wie er; wie die deutſche Frau als Mutter ihre Kinder aufziehe zur Arbeit und Gottesfurcht und gleich dem Manne in ſeinem Amt oder Geſchäft kräftig das Haus regiere und in ihm frei mitten in der Welt lebe, und weder Schloß noch Riegel noch einen andern Schleier be⸗ dürfe als ihre eigene Würde und weibliche Sittſamkeit. Hinwieder wußte Frau Millauer ſich vor Verwun⸗ derung nicht zu faſſen, wenn Zuleima erzählte, wie daheim im Türkenlande das Loos der Frauen und Mädchen ſo ganz ein anderes ſei; daß ſie nicht ſelten willenlos als Sklaven verkauft werden und, auch wenn ſie einen liebenden Mann gefunden, ihr ganzes Leben lang in deſſen Harem als Gefangene bleiben, von Skla⸗ ven bewacht, hinter Gittern und Mauern verſteckt und ausgeſchloſſen von der Welt, der ſie nie anders ſich zeigen dürfen als mit verhülltem Angeſicht; daß das Weib dort nicht die Herrin des Hauſes ſei und nicht die Frau des Mannes, ſondern Liebe und Herrſchaft mit ſo vielen Andern theile, als dem Manne beliebe, daß jede Arbeit und Sorge in Haus und Küche das 65 Geſchäft von Sklaven ſei und ihr in der Abgeſchloſſen⸗ heit ſo gar keine Beſchäftigung erlaubt, keine Thätigkeit geſtattet ſei und ihr nichts übrig bleibe als leeres Ge⸗ plauder, ſchales Lautenſpiel oder Geſang oder die Ver⸗ fertigung von kleinlichem Schmuck und Putz, die eher ein Spiel und Tand zu nennen ſei als eine wirkliche Beſchäftigung. Da geſchah es denn wohl, daß die biedere Frau Millauer in Eifer gerieth und auf das gottloſe Tür⸗ kenvolk und den Propheten loszog, der ſolches Unheil geduldet und ſolche Greuel gelehrt; deſto mehr freute ſie ſich dann wieder, daß ſie mitwirken könne, ihm und ſeinem Irrglauben wieder eine Seele zu entreißen, und daß Zuleima als Chriſtin bald erkennen ſolle, was es heiße, eine gütige Vorſicht, einen allwaltenden Gott der Liebe über ſich zu wiſſen, ſtatt eines unentrinnbaren finſtern Schickſals. Wenn ſie das in ihrer ſchlichten, treuherzigen Weiſe ausſprach, dann faßte das weiche Türkenmädchen wohl die Hand der mütterlichen Freun⸗ din, kniete, wie es ihre Gewohnheit war, vor ihr nie⸗ der, ſtreichelte die welke, gütige Hand, gab ihr zärtliche Namen, deren Bedeutung die Frau wohl fühlte, auch wenn ſie dieſelben nicht verſtand, und gelobte ihr, im⸗ mer eine fügſame Tochter zu ſein und eine gelehrige ie Frau auch wohl nach 5 Schülerin. Dann fragte d Schmid, Die Türken in München II. 66 ihren frühern Geſchicken und Zuleima erzählte, ſo gut es mit ihrer mangelhaften Sprachkenntniß anging, wie ihr von Jugend und Aeltern nur wenig im Gedächtniß geblieben; ſie erinnerte ſich nur, daß ſie ein glückliches Kind geweſen, daß viele Frauen und Mädchen um ſie her auf ſchönen Teppichen mit ihr ſpielten, ihr Zucker⸗ werk gaben, dazu tanzten und ſangen und die Laute ſpielten. Vor allem aber ſei ihr das Bild einer ſchönen, blaſſen Frau im Andenken, die ſie immer mit beſon⸗ derer Liebe angeſehen, an ſich gedrückt und von der ihr das Herz ſage, daß das wohl ihre Mutter war. Einmal aber, da ſeien fremde, wild ausſehende Männer ins Haus eingedrungen, ſie habe nur noch das Klirren der Waffen, das Krachen von Schüſſen, das Wehklagen und Jammern der Frauen gehört, habe einen ſchönen Mann, der ſie vertheidigt, in ſeinem Blute zu Boden ſtürzen und die ſchöne, blaſſe Frau von den wilden Männern fortſchleppen ſehen, dann ſei Feuer und Rauch betäubend um ſie emporgeſchlagen, und wie ſie ſich wieder gefunden, ſei ſie in einer ſchmuzigen Hütte als Dienerin bei armen Leuten geweſen, die ihr nur ſchlechte und kärgliche Nahrung reichten, ſie ſchalten und durch bittere Schläge zwangen, die Laute ſpielen zu lernen und dazu zu tanzen, bis ein alter Mann gekommen; der habe den Leuten Gold für ſie gegeben —,.— —.,——— —y— — 1 8 67 und ſie mit ſich fortgeführt weit, weit über Berge und Flüſſe in ein Land, wo ſie die Sprache der Bewohner nicht verſtanden. Nun ſei ſie nicht mehr geſchlagen worden, denn der Greis habe Freude gehabt an ihrem Geſang, habe ſie wie eine Tochter gehalten und nicht mehr von ſich gelaſſen und darum auch mitgeführt in den Krieg. Wie dann die Chriſten das Lager über⸗ fallen, ſei der edle Paſcha im Kampfe gefallen, ſie ſelbſt aber und die übrigen Diener ſeien gefangen fortge⸗ ſchleppt worden, darunter auch der Birbaſchi, der ſich von Stund' an ihrer annahm, ſich, um ſie zu ſchützen, für ihren Bruder ausgab und ihr treulich nicht mehr von der Seite wich bis in die Stadt des blauen Königs. Es war natürlich, daß bei ſolchen Erzählungen mitunter auch Staſi ſich als Zuhörerin einfand oder, wenn ſie durchaus nicht abkommen konnte, durch das Küchenfenſter lauſchte, um mindeſtens etwas von den wunderbaren Nachrichten und Geſchichten zu hören. Auch Benno kam ſo pünktlich wie noch nie aus ſeiner Kanzlei in der Reſidenz herüber, und es beſtand keine Beſorgniß mehr, daß ſeinetwegen irgend eine Speiſe verdorben werden könnte. Manchmal kam er ſogar früher; hatte er doch die triftige Ausrede, auch das Seinige zur Ausbildung Zuleima's beizutragen und ſie 5* Deutſch zu lehren, was ſie natürlich damit vergalt, ihn hinwieder in der Sprache ihrer Heimat zu unterrichten, ein Geſchäft, für welches ein Stündchen vor Tiſche am meiſten geeignet ſchien. Auch heute war er wieder gekommen und ſaß aufmerkſam zuhörend am Fenſter, obwohl die Mutter ihn eingeladen hatte, neben ihr Platz zu nehmen; es war ihm ſo bequemer, weil er der Mutter im Rücken ſaß, alſo durch nichts gehindert war, ſeinen Bick nach Gefallen auf Zuleima's Antlitz ruhen zu laſſen, ſo ſehr dieſe auch, wenn ihre Blicke ſich begegneten, darüber in Verwirrung gerieth und mit lieblichem Erröthen Mühe hatte, den Faden ihrer Näherei oder ihrer Erzählung nicht zu verlieren. Es war noch eine gute Weile vor Mittag, als unerwartet auch der Hausherr eintrat und in der raſch geöffneten Thür ſtehen bleibend die ſich darbietende Gruppe mit verwunderten Blicken betrachtete. Ver⸗ muthlich hatte Staſi, als ſie mit den Waſſereimern die Stiege heraufgekommen, in der Haſt, gleich wieder bei der Geſellſchaft zu ſein, die Thür gehörig zu ſchließen vergeſſen, ſodaß ſie dem Drucke des kräftigen Mannes raſch nachgebend ſich öffnete.„Das muß ich ſagen“, rief er,„das iſt eine luſtige Wirthſchaft bei mir! Draußen iſt Thür und Thor offen, daß man das ganze Haus —— 69 fortragen könnte, und da ſitzen ſie alle bei einander und thun ſich Geſchichten erzählen.“ Er hätte vielleicht noch länger gebrummt; zum Theil aber beſänftigte ihn die Beobachtung, mit welcher Haſt und welchem Reſpekt Alles auseinanderfuhr, um an ſein Geſchäft und ſeinen Platz zu kommen; dann überraſchte es ihn nicht wenig, daß er, als er wie gewöhnlich ſeinen Rock ausgezogen, über der Wollenjacke, die ihm ausgebreitet entgegengehalten wurde, nicht das gutmüthige Runzelgeſicht ſeiner Frau, ſondern die leuch⸗ tenden Augen der ſchönen Türkin erkannte. Zuleima hatte nur einmal wahrgenommen, wie er bei ſeiner Heimkehr bedient ſein wollte, und ließ es ſich nicht mehr nehmen, die Hausfrau dieſes Dienſtes zu überheben. „Das fangt gut an“, ſagte dieſe mit gutmüthigem Fingerdrohen.„Nimm Dich in Acht, Alter! Die Tür⸗ kin hat's auf Dich abgeſehen.“ „Alter, Alter!“ murrte Millauer entgegen. „Wenn man Dich hört, möchte man glauben, ich wär' ein zweiter Methuſalem! Aber ſchau“, fuhr er, zu Benno gewendet, fort,„der Herr Sohn iſt auch ſchon daheim? Gibt's jetz' nichts mehr zu thun in der Kanzlei? Sind die wichtigen Geſchäfte ſchon abgemacht, daß man heute ſchon ſo früh die Ehre hat? Hat er he ut' gar keine andere ausländiſche Ge ſellſchaft gefunden, gar kein—⸗ 70 Er redete nicht aus; denn im Ausſprechen des Wortes zuckte der überraſchende Gedanke in ihm auf, daß er ja die geſuchte ausländiſche Geſellſchaft im Hauſe und vor Augen habe; mit einem eigenthümlichen Blick auf Benno brach er ab, und ein ferner Verdacht ſtieg in ihm auf wie der erſte graue Lichtſtreifen der Dämme⸗ rung. Vielleicht hätte er noch mehr darüber geſagt, aber ſchon dampfte die Suppe auf dem Tiſche und Zu⸗ leima hatte ihn am Arm gefaßt und bat ſchmeichelnd: „Nicht zanken, Väterchen! Der Zorn ſchadet; das Eſſen ſchmeckt nicht mehr nach dem Zorn.“ Die Mahlzeit und Alles, was nach ihr kam, ging den gewohnten Gang; als aber die letzte Schüſſel ab⸗ getragen war, kam Benno mit einem Tuche, in welchem etwas verborgen und eingewickelt war, und übergab es Zuleima.„Nehmt, Jungfer“, ſagte er.„Ich habe Euch da etwas geholt, was Ihr im Zelte zurückgelaſſen habt, der Cantor von Sanct⸗Peter hat es wieder her⸗ gerichtet, ſo gut es anging. Ich weiß, daß es Euch lieb und werth iſt, und meinen Aeltern wird es auch Freude machen, wenn ſie Eure Kunſt zu hören bekom⸗ men.“ Er ſchlug das Tuch zurück— es war Zuleima's Laute, von dieſer mit Entzücken ergriffen und an die Bruft gedrückt, wie eine lang entbehrte, unvermuthet wiedergefundene Freundin. Dann that ſie einen Schritt —— 71 gegen Benno, ſtreckte ihm die Hand entgegen und rief laute, freudige Worte, ebenſo ſchnell aber beſann ſier ſich; mit Glut übergoſſen ſetzte ſie ſich wieder und ſenkte das Antlitz tief zu der Laute nieder, als wollte ſie ihr allein vertrauen, was in ihr vorging. Lächelnd wandte ſie ſich dann gegen den Rath, eben als derſelbe das ſchwarze Lederpolſter heranzog und nach der Haus⸗ bibel griff, nahm ihm dieſelbe aus der Hand und ſagte: „Nicht leſen! Zuleima will ſpielen. Ein Schlummer⸗ geſang wird Euch beſſer einſchläfern.“ Verwundert ließ der Rath ſie gewähren; verwun⸗ dert ſchaute die Frau von ihrem Fenſterſitze zu, ver⸗ wundert guckte Staſi aus der Küche herein. Die Saiten erklangen und ſchwirrten, bald klagend, wie das Ge⸗ zwitſcher eines verirrten Vogels, bald wie das Säuſeln eines leichten Morgenlüftchens, das ſich in blühenden Baumwipfeln ſchaukelt. Das Millauer'ſche Paar lauſchte mit ſteigendem Wohlgefallen den lieblichen Tönen; früher und weit angenehmer als ſonſt ſchwebte der nachmittägige Schlummergott herbei, aus ſeinem Füll⸗ horn ein ambroſiſches Körnlein auf ihre Lider zu ſtreuen. Leiſe, um die Schlummernden nicht zu wecken, trat Benno zu Zuleima, welche allmälig die Laute verklin⸗ gen und ſinken ließ; behutſam faßte und drückte er ihre Hand und verſchwand. 72 Als nach einem halben Stündchen der Rath er⸗ wachte, rieb er ſich die Augen und ſah verwundert umher; er mußte ſich erſt beſinnen, ob es ihm nur ge⸗ träumt, oder ob er wirklich zum erſten Mal im Leben unter Muſik eingeſchlafen war. Es war ihm geweſen, als befinde er ſich in einem fremden Lande unter un⸗ bekannten, wunderlich geſtalteten Bäumen, auf denen ſich große, ſonderbar duftende Blumen wiegten und bunte Vögel hin und her huſchten; Blumen und Vögel aber waren wie lachende Mädchengeſichter, die auf ihn herunterſahen, als ob ſie ihn necken wollten und ihm allerlei fremdartige Worte zuriefen. Aber nicht blos ſeine Augen, welche Zuleima vermißten, fan⸗ den ſich beim Erwachen nicht gleich zurecht, auch der Naſe erging es ſo; denn durch das Zimmer wehte ein ſo eigenthümlicher, feiner Duft, als ſchlummere er noch fort oder als habe er eine von den Blüten mit her⸗ übergenommen aus dem wunderlichen Traume.„Frau“, ſagte er nach einer Weile,„biſt Du ſchon wach? Was riecht denn ſo angenehm?“ fuhr er fort, als ſie ſich regte und von ihrem Fenſtertritt herunterſtieg. „Ich weiß auch nicht, was das iſt“, ſagte ſie,„aber es kommt mir vor, als wenn ich den Geruch kennen ſollte, und doch weiß ich nicht, wo ich damit hin ſoll.“ Da öffnete ſich die Thür und Zuleima trat ein; 2 73 was ſie in ihren Händen trug, löſte das Räthſel. „Väterchen muß Zuleima nicht zürnen“, ſagte ſie, in⸗ dem ſie eine Geſchirrplatte auf den Tiſch ſtellte,„und Mütterchen auch nicht! Zuleima hat es gewagt, ein Gericht ihrer Heimat zu bringen. Ihr müßt es nicht verſchmähen!“ „Ein Gericht aus der Türkei?“ rief Millauer und wollte aufſtehen, um den Tiſch von ſich zu ſchieben. „Was könnte denn das ſein? Ich will doch nicht etwa gar hoffen—“ Zuleima hielt ihn mit freundlicher Miene zurück. „Väterchen, Zuleima keinen Korb geben!“ ſagte ſie. „Zuleima bitten; ſie hat den Kaffee ſelbſt bereitet.“ „Alſo wirklich ein Kaffee bei mir!“ rief Millauer aus.„Ich bin alſo nicht einmal in meinem eignen Hauſe mehr Herr!“. Die Frau aber trat neugierig näher und rief, die Kanne betrachtend:„Ei der tauſend, alſo ein wirkli⸗ cher Kaffee?“ „Eine Gabe meiner Heimat“, ſagte Zuleima de⸗ müthig.„Zuleima hat nichts, womit ſie zeigen kann, wie gern ſie danken möchte. Ich habe ihn nicht be⸗ reitet, wie ihn die Osmanli, ſondern wie ihn die Fran⸗ ken trinken in Turkiſtan, mit Zucker gewürzt und mit Milch gefärbt. Nicht wahr“, ſetzte ſie ſchmeichelnd hinzu, 2 74 „wer eine arme Waiſe ſo freundlich aufgenommen, ver⸗ ſchmäht ihren Dank nicht?“ „Na“, ſagte die Frau,„um die Jungfer nicht zu beleidigen, wird man das Ding doch wohl verkoſten müſſen.“ Der Rath aber blieb ſtandhaft und unerſchütter⸗ lich; er wandte das Antlitz von der ihm hingeſchobenen Schale und wies ſie mit der Geberde eines Helden zu⸗ rück, dem nur die Wahl gelaſſen iſt zwiſchen entehren⸗ der Ergebung oder ruhmvollem Untergang. Die Tür⸗ kin aber war nicht ſo leicht abzufertigen; ſie faßte mit einer Hand die Schale, die andere legte ſie leiſe tät⸗ ſchelnd an die Wange des alten Herrn, ſah ihm mit unwiderſtehlichem Blick in die Augen und ſagte bittend: „Trinken, Väterchen! Idſchmek, ja tatli Babamtſchik!“ Dabei brachte ſie die Schale immer näher an ſeinen Mund. Der Rath vermochte nicht länger, ſie zurückzuhal⸗ ten, noch ein Moment des Widerſtrebens, und er hatte wirklich von dem verpönten Tranke geſchlürft.„Hm“, ſagte er dann,„das Ding ſchmeckt doch beſſer, als ich mir eingebildet habe. Na, man muß Alles probiren; nicht wahr, Frau?“ fuhr er fort, wie um ſich vor ihr und vor ſich ſelber zu entſchuldigen.„Man thut es ja nur, daß man auch davon zu reden weiß, da kann — —, -— 75 man wohl einmal eine Ausnahme machen. Aber ſonſt, da wird mich die Jungfer Türkin ſchon noch dafür kennen lernen, ſonſt, wenn ich mir einmal etwas vor⸗ genommen habe, dann bleib' ich dabei, ſo feſt wie Stahl und Eiſen.“ Bald verließ er das Haus, ſeinen gewohnten Spa⸗ ziergang zu machen, zum Koſtthor hinaus, um die Wälle und Gräben herum und zum Sendlingerthor wieder herein und dann die Sendlingergaſſe hinab, um im Vorübergehen beim Haſcherbräu eine Stehhalbe mit⸗ zunehmen. Auch die Frau ging aus; ſie war mit Zu⸗ leima zu einer Gevatterin gebeten; denn ſeit es bekannt geworden, wie die Frau Kurfürſtin ſich dieſer an⸗ nahm und ſie der Frau Millauerin übergeben hatte, wollte unter den zahlreichen Verwandten und Bekann⸗ ten des Hauſes Jedes die merkwürdige Fremde einmal bei ſich ſehen, ſie bewundern und ſich von ihr erzählen laſſen. Das Haus war ganz verlaſſen; nur Staſi brachte noch ihre Küche vollends in Ordnung und ſetzte ſich dann mit dem Strickzeug unter die Hausthür, um wenig⸗ ſtens an den Vorübergehenden ſich zu ergötzen und dann und wann ein Wort mit einer Nachbarin zu plaudern. Es ging ſchon ſtark gegen Abend, und Staſi war eben im Begriffe, wieder in die Wohnung hinaufzugehen, 76 als auf einmal der ſchwarzbärtige Birbaſchi, über den ſie ſchon einmal ſo ſehr erſchrocken, wie aus der Erde hervorgewachſen vor ihr ſtand. Obwohl er aufs freund⸗ lichſte grüßte und die weißen Zähne mit ſeinem ange⸗ nehmſten Lächeln zeigte, war der Eindruck ſeines Anblicks auf ſie doch wieder kein anderer als der des Erſchreckens — ſie fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Mieder, denn es war ihr, als hätten ſeine Augen ihr durch daſ⸗ ſelbe einen Stich gegeben, ſo recht mitten ins Herz. „Was will der Herr?“ ſagte ſie ſtockenden Athems.„Es iſt Niemand zu Haus von der Herrſchaft.“ „Dann erlaubt mir die Jungfer wohl, zu warten“, entgegnete der Birbaſchi in ziemlich geläufiger, aber ſon⸗ derbar entſtellter Rede.„Der Herr Rath hat mich zu ſich beſellt— ich ſoll kommen bis ſechs Uhr.“ Staſi erwiderte nichts, aber ſie ſah den Türken von unten bis oben an, und dieſelben wunderlichen Ge⸗ danken, die gleich beim erſten Begegnen in ihr aufge⸗ taucht, zogen ihr wieder durch den Sinn. Sie winkte ihm ſtumm, ihr zu folgen, und wies ihm in der Küche einen Platz auf der Herdbank an; da ſollte er warten, bis der Herr nach Hauſe käme. Sie that dann, als ob ſie ihn gar nicht beachtete, indem ſie ſich am Herde zu ſchaffen machte, ein echt bayeriſches Abendeſſen zu be⸗ reiten, nämlich dünngeſchnittene Semmelſcheiben, welche 76 künſtlich über einander geſchichtet, mit Milch und Eiern übergoſſen und dann langſam gebacken werden; dennoch konnte ſie es ihren Gedanken nicht wehren, daß ſie immer wieder zwiſchen dem Birbaſchi und dem treuloſen Schuſter hin und her flogen. War doch dieſer in der ſchönen Zeit ihrer Liebe und Hoffnung und noch kurz vor der ſo ſchmählich geſtörten Hochzeit gar manchen Abend in die Küche gekommen, in der ſie damals gedient, hatte ge⸗ rade ſo dageſeſſen, hatte mit ihr geplaudert und dabei gewartet, bis irgend ein guter Biſſen für ihn abgefallen war. Zuletzt kam es ihr vor, als ſei zwiſchen beiden gar kein Unterſchied, der Türke müſſe wirklich ihr Blaſi ſein, der nur jetzt ſtatt ſeines glatten Geſichts einen mächtigen Bart habe und Turban und Kaftan am Leibe trage ſtatt des Schuſterfells. Auch die Augen des Birbaſchi wollten nicht von der hübſchen, drallen Köchin weg; er machte im Stillen allerlei Pläne, wie er ein vertrautes Geſpräch einleiten und vielleicht näher bekannt werden könnte. Als ſie ihm eben den Rücken zuwendete, ſtand er leiſe auf, trat hinter ſie und legte ihr den Arm um die Hüfte.„Was kocht denn die Jungfer Köchin Gutes?“ ſagte er.„Das wird ja gar ein Scheiterhaufen, wie ich ſehe.“ Staſi ſtand wie vom Blitze getroffen und konnte nicht gleich antworten— mit dieſem einzigen Worte 78 waren plötzlich alle Zweifel wie Nebel vor einem Wind⸗ ſtoß gewichen, und die Zeit ihrer Liebe lag mit einem Mal vor ihr da wie eine erſt umwölkte, plötzlich ſonnenhell gewordene Landſchaft. Die Speiſe, die ſie bereitete, war faſt nur in München üblich, die Benennung aber, welche der Türke gebraucht, war ausſchließlich hier zu Hauſe und ſonſt nirgends; wie konnte der Türke, der erſt kurze Zeit im Land und in der Stadt war, der aus ſeinem Zelte faſt nicht fortgekommen, die Speiſe kennen? Wie konnte er vor allem ihren Namen wiſſen? Es war klar, das konnte kein rechter Türke ſein! Der Mann verſtellte ſich und war verkleidet— es mußte der ent⸗ flohene treuloſe Schuſter ſein! Krampfhaft faßte die Hand der Köchin nach dem Schürhaken, um ihm die Güte und Treue ihres Gedächtniſſes ſogleich thatſächlich zu zeigen; aber ſie bezwang ſich noch im rechten Augen⸗ blicke— dieſe Genugthuung reichte nicht aus, ſie mußte vollſtändige Rache an ihm nehmen. Sie faßte ſich und vermochte es ſogar, ganz gleichgültig und munter zu ſcheinen; wohl zuckte ſie zuſammen unter dem ſie um⸗ faſſenden Arme, aber ſie that, als wäre es ihr nicht völlig unangenehm, önd rief lachend:„Was will denn der Herr? Der Scheiterhaufen und die Köchin ſind net für ihn g'wachſen.“ „Was liegt mir an allen Scheiterhaufen in der 6 ——— — 79 ganzen Welt!“ erwiderte der Birbaſchi zärtlich.„Aber wenn es mir gelänge, die ſchöne Köchin zu erobern, dann wollt' ich gern von der ganzen Türkei nichts mehr wiſſen.“ „Laſſ' Er mich gehn!“ ſagte Staſi, indem ſie ſich losmachte.„Ich glaub' keinem Mannsbild was und am allerwenigſten einem Türken. Die Mannsleute taugen ſchon bei uns net viel, ſie ſind alle treulos und falſch und bei dene Türken ſoll ja gar die Vielweiberei im Brauch ſein.“ 3 „Allerdings“, ſagte der Birbaſchi,„der Prophet Mohammed hat es ſo eingerichtet.“ „So?“ ſagte ſie.„Das muß mir auch ein ſauberer Prophet g'weſen ſein. Es iſt alſo wahr, daß in der Türkei Jeder mehrere Weiber hat und daß er ſie ein⸗ ſperrt, wie die Hühner in die Steig'n?“ „Jeder hat ſo viele Frauen, als er will“, ſagte der Birbaſchi, indem er ſich in die Bruſt warf,„und die Weiber ſind miteinander in einem Hauſe eingeſperrt— Harem heißt man das! Da darf keine auch nur zum Fenſter hinausſchauen; denn der Türke iſt eiferſüchtig als wie— ja, wie halt noch einmal ein Türk““ „Das iſt dumm genug von den Leuten“, ſagte Staſi geringſchätzig.„Was haben's denn davon, wenn ſie eiferſüchtig ſind? Es wird im Türkenland mit den 80 Mädeln auch net anders ſein als bei uns, und wenn ich einmal einen net mehr mag und thät' mir einen Andern 3 einbilden, ſo wollt' ich ſehn, wer mir's verwehren wollt'!“ „O die Jungfer kennt die Türken nicht“, ſagte der Birbaſchi pathetiſch.„Die verſtehn keinen Spaß! Wie einer dahinter kommt, daß eins von ſeinen Weibern einen andern Mann nur angeſchaut hat, gleich packt er ſie, ſchleppt ſie auf den Divan und bringt ſie um.“ „Was? Ja, wenn ſie's aber bereut—“ „Macht nichts; er bringt ſie um.“ „Und wenn ſie um Ver ſie will's nimmer thun?“ „Nutzt Alles nichts, er bringt ſie doch um. Ent⸗ weder ſteckt er ſie in einen Sack und wirft ſie ins ſchwarze Meer, wo es am tiefſten iſt und am ſchwärzeſten, oder er verehrt ihr eine ſeidene Schnur, mit der ſie ſich ſelbſt den Hals zubinden muß, oder er ſticht ihr den Dolch in den Leib oder gießt ihr gar Gift in den Kaffee!“ „Und das darf ſein in dem dummen Land?“ ſagte Staſi.„Das leidet die Obrigkeit? Iſt denn gar Nie⸗ 3 zeihung bitt' und verſpricht, mand da, der den armen Weibern hilft?“ „Warum nicht gar!“ ſagte der Birbaſchi.„Frei⸗ lich, den Sack kann einer nicht immer bei ſich tragen;— aber die ſeidene Schnur, den Dolch und das Gift, das hat jeder richtige Türk' immer in der Taſche.“ 81 „Was der Herr ſagt!“ erwiderte Staſi mit lauern⸗ dem Blicke.„Aber Er wird doch auch ein richtiger Türk⸗ ſein? Hat Er denn dieſe Sachen auch in der Taſche?“ „O ich bin ein Gefangener“, entgegnete er traurig. „Dolch und Schnur haben ſie mir abgenommen, damit ich mir nicht ſelber ein Leid anthun kann. Aber“, fuhr er geheimnißvoll fort,„das Gift, das haben ſie nicht gefunden, wie ſie mich durchſucht haben, das hab' ich noch im Sack.“ „Ein wirkliches Gift?“ fragte Staſi lockend.„Das möcht' ich ſchon ſehn! Wie ſchaut denn das Gift aus?“ „Ja, ſehn kann es die Jungfer wohl“, entgegnete er, indem er einige klein zuſammengelegte weiße Papier⸗ chen hervorzog und eins derſelben öffnete.„So ſieht das Türkengift aus; es iſt nichts als ein weißes Pulver, aber eine Meſſerſpitze voll iſt ſchon genug. Wer die um dreiviertel auf zwölf verſchluckt, braucht ſich um das Mittagseſſen nicht mehr zu kümmern.“ „Und ſo was tragt Er bei uns mit ſich herum?“ erwiderte Staſi, indem ſie raſch darnach griff, ihm die Papierchen entriß und, in die Taſche ſteckte.„Das muß man Ihm ſchon aus dem Weg räumen.“ „Kreuzteufel—“ wollte der Türke fluchen, brach jedoch mitten im Worte ab und rief:„Kreuz und Halb⸗ Schmid, Die Türken in München. II. 5 82 mond! Jungfer, was fällt Ihr ein? Sie wird doch nicht Jemand vergiften wollen?“ „Wer weiß, was geſchieht“, ſagte ſie und ſchlug ihn enteilend derb auf die Schulter, denn die Hausglocke hatte geläutet.„Es iſt immer gut, wenn man ſo was im Vorrath hat. Wenn mir mal einer untreu wird, dann will ich den Stiel umkehren und will es machen wie die Türken.“ „Das iſt eine rabiate Perſon“, ſagte der Birbaſchi, ihr nachſehend.„Ich weiß nicht, manchmal kommt es mir vor, als hätt' ich ſie ſchon irgendwo geſehen; aber das kann ja doch nicht ſein! Nun“, ſetzte er lachend hinzu,„die Pulver kann ich ihr ja wohl laſſen, die werden nicht viel Unheil anrichten, aber der kann ſich immerhin gratuliren, der ſie in den Leib kriegt!“ Der Rath war nach Hauſe gekommen und begrüßte den Türken aufs freundlichſte, aber mit dem liſtigen Blicke des Vogelſtellers, welcher ſeine Beute an der Lock⸗ ſpeiſe picken und ſchon im voraus das Netz über ihr zuklappen ſieht. Er trug der Köchin auf, Niemand in das Zimmer zu laſſen und Frau und Sohn zu ſagen, daß kein Menſch ihn ſtören dürfe; er habe ein höchſt wichtiges Geſchäft abzumachen mit dem Birbaſchi. Das Gemach, in welches er den Gaſt führte, war nicht groß, aber ungemein heimlich, ſo recht ein Plätzchen ———— — 83 ſſttlller Zurückgezogenheit. Die Fenſter gingen nach einem 1 kleinen, von Häuſern eingeſchloſſenen Gärtchen hinaus, welchem, wenn auch Blumen darin nicht zu gedeihen vermochten, doch einige Baumkronen, erfriſchend für Auge und Gemüth, entſtiegen. Ein feſter runder Tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers, zu beiden Seiten waren ein . paar tüchtige Lehnſtühle hingeſtellt, wohl darauf berechnet, ihren Mann behaglich und weich zu betten, wenn er allenfalls eine Anwandlung haben ſollte, für ſein müdes Haupt einer Stütze zu bedürfen. Nebenan auf einem kleinen Schenktiſch waren Flaſchen, Gläſer und Teller ſo reichlich und einladend geſchichtet und aufgeſtellt, daß dem Birbaſchi ſchon jetzt der Mund nach ihrer nähern Bekanntſchaft wäſſerte. „So, jetz' ſetze ſich der Herr Bierpaſcha daher“, ſagte Millauer,„und laſſ' Er ſich's ſchmecken— wir wollen thun, als wenn wir alte Bekannte wären! Ich hab' Ihn mit Fleiß in das Zimmer geführt, damit uns Niemand ſtört; denn ich hab' Ihm etwas ſehr Wichtig's anzuver⸗ trauen, und dann iſt es auch wegen Seiner. Er iſt nun doch einmal ein Türk— wir wollen aber ein paar Flaſchen Wein miteinander ausſtechen, und das braucht Niemand zu ſehn. Verſtanden? Wenn's auch eine Narrheit iſt von ſeinem Propheten, ſo weiß ich doch, daß er ihm den Wein verboten hat. Oder hat Er vielleicht 4 6⁸ 4 —————— 84 keine Courage?“ fuhr er fort.„Fürcht' Er ſich vor dem Wein?“ Er entkorkte dabei die erſte Flaſche und ließ die goldene Flut in die grünen Römer rinnen, daß es wie der Duft von einem eben aufbrechenden Blumenbeete durch das Zimmer wehte. „O nein, ich fürchte mich gar nicht“, ſagte der Türke lüſtern;„der Prophet hat das Weintrinken verboten, aber das gilt nur in der Türkei; in einem fremden Lande muß man nehmen, was man bekommt, und unſerm Herrgott— will ich ſagen Allah, für Alles danken.“ „Recht ſo“, antwortete Millauer,„und damit's uns beſſer ſchmeckt, hab' ich auch ein biſſel zum Kauen herg'richtet.“ „Ah, Kaz, Kaz!“ rief der Birbaſchi, als Millauer eine volle Schüſſel auf den Tiſch ſtellte. „Warum nicht gar!“ erwiderte dieſer.„Das iſt ja eine Gans und ein Prachtſtück obendrein! Er wird doch nicht jetzt ſchon eine Katz' und eine Gans nicht mehr unter⸗ ſcheiden können?“ „O nein, ich kenne den Vogel recht gut“, erwiderte dieſer.„Aber im Türkiſchen heißt die Gans Kaz.“ „Was Er mir ſagt!“ lachte der Rath.„Das iſt eine wunderbare Sprache, die muß man wohl gut lernen, damit man nicht irr' wird; da könnte man ſchön in Verlegenheit kommen, wenn man einmal ein Wort ver⸗ ———— 85 wechſelte! Ich habe große Luſt, ſie auch zu lernen. Was meint Er, wollen wir gleich den Anfang damit machen? Was heißt das auf Türkiſch?“ ſagte er, indem er das volle Glas erhob und an dem ſeines Gaſtes an⸗ klingen ließ.„Was heißt: Sollſt leben, Bruder!?“ „Muammer Olun!“ ſagte der Birbaſchi. „Alſo: Muammer Olun!“ rief Millauer lachend, in⸗ dem er ſein Glas auf einen Zug ausſtürzte, während der Türke den edlen Rebenſaft mit dem Bedacht eines Wohlſchmeckers ſchlürfte und dann ſich behaglich den Bart ſtrich. „Allah iſt groß, und Mohammed iſt ſein Prophet“, ſagte er,„aber warum er den Wein verboten hat, das iſt mir zu rund.“ „Das kann ich Ihm ſchon ſagen“, entgegnete Mil⸗ lauer.„Der Mohammed oder wie er heißt, wird eben nur den ſauren Landshuter gekannt haben; wenn er ſolch ein Tröpflein gehabt, hätte er ihn gewiß nicht verboten. Alſo friſch getrunken, Bierpaſcha, und zeig' Er, daß er ſich nicht fürcht'— ich thu' es auch nicht— ſieht Er?“ Damit hatte er ſich das Glas wieder gefüllt und gleich⸗ falls ausgeſtürzt. „O ich ſpüre gar keine Bangigkeit in mir“, ſagte der Birbaſchi, indem er Beſcheid that, nicht ohne Ver⸗ wunderung über die Geläufigkeit, mit welcher ſein Ge⸗ noſſe die Gläſer zu füllen und zu leeren wußte. Raſch waren ſo die erſten drei Flaſchen geleert. „Jetzt kommt die vierts“, ſagte Millauer.„Das iſt eine noch beſſere Sorte, ein Extrawein, den der Kur⸗ fürſt nur alle heiligen Zeiten auf den Tiſch bekommt. Alſo eing'ſchenkt! Wir wollen auch einmal fürſtlich leben und vierſpännig fahren. Was heißt das auf Türkiſch: Fahr' zu, Kutſcher!?“ „Sürün Arrabadſchi!“ ſagte der Birbaſchi; Millauer ſprach lachend und kauderwelſch die Worte nach. Er ſchenkte immer wieder ein und aus, denn er wollte dadurch den Gefährten aneifern und ihm einen kleinen Haar⸗ beutel anzechen; in dieſem Zuſtande dachte er den Bir⸗ baſchi am bereitwilligſten zu finden. So zechten ſie geraume Zeit und gewahrten kaum, daß es draußen f ſchon dämmerte und endlich die Nacht vollends hereinbrach; denn Millauer hatte vorſorglich ſchon bald die Läden geſchloſſen und Licht angezündet, die künſtliche Dunkelheit zu erhellen. Beide bewährten ſich als tüchtige Kämpen; aber der Türke war dem Deut⸗ ſchen überlegen, deſſen Geſicht zu glühen begann wie eine Pfingſtroſe— der Pfeil, den er dem Andern zugedacht, war auf den Schützen zurückgeprallt. „Komm her, Türk'!“ ſagte er lallend.„Ich hab' Dich gern, Bruder!— muß Dir einen Schmatz geben. 87 Aber Du mußt mir dafür auch einen Gefallen thun. Zuvor aber wollen wir noch mal anſtoßen! Alſo Mu— Mu— ich weiß nicht mehr, wie das dumme Zeug heißt. Aber nicht wahr, Bruder, Du biſt nicht falſch mit mir, Du meinſt es aufrichtig und verräthſt mich nicht; es iſt ein großes Geheimniß, mußt Du wiſſen! Du darfſt keinem Menſchen etwas davon ſagen!“ „O ich werde nicht“, betheuerte der Andere,„ich ſchwöre beim Propheten und bei meinem Bart—“ „Willſt mir alſo wirklich den Gefallen thun?“ ſagte Millauer, der im luſtigen Rauſche ſich vor Lachen faſt nicht mehr zu halten wußte.„Sag' mir mal: Was heißt denn rauſchig?“ „Sarchoſch.“ „Dann biſt Du ſarchoſch“, rief er und lachte, daß es ihn rüttelte und ihm die Thränen über die Backen kugelten.„Bruder, Du kommſt mir ganz verdächtig vor! Du kannſt ſchon nicht mehr gerade ſitzen, haſt eine ſchwere Zunge. Macht aber nichts; da iſt noxh eine volle Flaſche! die ſechste, Bruder; jetz' ſoll es gar ſechsſpännig gehn, Hollah karbatſchi!“ Er machte mit den Armen die Ge⸗ berden eines Fuhrmanns nach, der mit der Peitſche knallt, und lachte, daß ihm der Athem ausgehen wollte. „Aber ſo ſagt mir doch einmal“, rief der Birbaſchi, „was ich Euch für einen Gefallen thun ſoll“ 88 „Ich will es Dir ſagen“, begann Millauer wichtig, indem er ſich anhing.„Du biſt ja ein Türk'— nicht wahr, Du kannſt Alles ausdeutſchen, was Türkiſch iſt? Schau' einmal den Zettel da a rauf geſchrieben ſteht!“ „Gern, Bruder“, erwiderte Birbaſchi, indem er das Papier verwundert in der Hand drehte kann nicht leſen!“ n und ſag' mir, was da⸗ „„aber— ich „Was?“ lallte Millauer und wollte ſich erheben, aber der Wein war mächtiger und riß ihn in den Stuhl zurück.„O verdammt! Jetzt geht das Fuhrwerk ſchief. O Bruder, warum kannſt Du nicht leſen?— Was heißt denn„Gute Nacht“ auf Türkiſch?“ ſetzte er ſchwach hinzu. „Gedſcheniz Ola!“ „Dann heißt's bei mir jetzt Gedſcheniz und Hollahl!“ rief der Stadtrath, fiel in den Lehnſtuhl zurück und be⸗ gann zu ſchnarchen. —— Drittes Kapitel. Seni ben ſeverim. „He da, Herr Gevatter! Was gibt's denn? Wo hinaus ſo geſchwind?“ rief der Lederer Radl, auf dem hölzernen Stege über dem Stadtbach knieend und eifrig beſchäftigt, einige halbgare Häute in dem brauſenden Waſſer zu ſchwemmen.„Ihr lauft ja, als wenn Euch der Kopf brennte.“ Der Angeredete, Kornkäufler Spitzhuet, war in ſtarkem Trabe das Thal Mariä herabgekommen und war dann bei der Mühle gegen den Steg eingebogen. „So ſchlimm iſt's juſt nicht, Gevatter“, ſagte er, in⸗ dem er ſtehen blieb und ausathmete.„Aber ich möcht' halt die Auffahrt nicht verſäumen.“ „Auffahrt? Was für eine Auffahrt?“ fragte der Lederer verwundert. „Ja, wißt Ihr denn gar noch nichts?“ rief Spitz⸗ huet entgegen.„Der franzöſiſche Geſandte, von dem wir neulich geredet haben draußen im Türkenzelt, der iſt jetzt wirklich angekommen und macht heute um zehn Uhr ſeine feierliche Aufwartung.“ „Heute?“ rief der Lederer aufſpringend.„Das muß ich auch ſehn! Wartet ein wenig, Gevatter, ich will nur meine Häute anhängen und den Schurz aus⸗ ziehen; dann geh' ich mit. So was kommt nicht alle Tage, das darf man nicht verſäumen! Hollah“, rief er gegen das Haus hin, indem er den Schurz abwarf, „bringt mir Rock und Hut heraus und ſchaut auf die Schwemm', daß der Bach nichts mitnimmt! Ich bin gleich wieder da.“ Ein Lehrjunge kam eilfertig mit dem Verlangten heraus, hob auf, was der Meiſter weggeworfen, und ſah dann den Forteilenden mit ſehnſüchtiger Neugier nach; es war etwas Ungewöhnliches, daß der Meiſter ſo mitten von der Arbeit wegging, alſo mußte es auch etwas ganz Beſonderes zu ſehen geben, und da hätte der Junge wohl am liebſten dem Lehrherrn Geſellſchaft geleiſtet. „Aber wie iſt denn das?“ fragte der Lederer, während ſie durch die Lederergaſſe und über die Grag⸗ genau liefen, um eher zur Burg zu kommen.„Es iſt 91 doch ſchon mancher Geſandter nach München gekom⸗ men; aber da iſt es in aller Stille hergegangen; da hat man nie von Auffahrt was gehört.“ „Ja, das iſt eben das Merkwürdige“, erwiderte Spitzhuet,„es iſt aber doch gewiß! Ich hab' eben im Rathhaus Gerſte abgeladen; da hab' ich gehört, wie der Stadtrichter es ein paar Rathsherren erzählt hat. Der franzöſiſche Geſandte hat es eigens verlangt, daß er mit aller Feierlichkeit und Ceremonie empfangen werden ſoll, und das iſt wohl der Beweis, daß hinter der Geſandtſchaft ganz was Beſonderes ſtecken muß.“ „Ah, wollt Ihr auch die Komödie ſehen?“ rief Meiſter Kleeberger, der Harniſchmacher, dazwiſchen, welcher eben aus dem Stiftsgäſſl herbeigeeilt kam. „Wißt Ihr's denn ſchon? Der Franzos ſoll ſechs⸗ ſpännig ankommen mit einer Menge Dienerſchaft zu Roß und zu Fuß. Der Kurfürſt empfängt ihn im Herculesſaal mit dem ganzen Hofſtaat und geht ihm entgegen bis unter das Thor von der Reſidenz.“ „Warum nicht gar auch noch über die Straße und bis ans nächſte Eck?“ erwiderte Radl.„Es iſt ſchon genug, mein“ ich, wenn er ihm überhaupt ent⸗ gegengeht— iſt doch ſchon das was ganz Beſonderes!“ „Es geht andern Leuten wie uns“, rief Spitz⸗ huet, indem ſie beim Püttrich Repelhaus hervorkamen. 92 „Die ganze untere Schwabingergaſſ iſt ſchon voll Menſchen, daß man auf den Köpfen gehen könnt, und dort durch den Muckenthaler Thurm ſeh ich ſchon et⸗ was herankommen, was wie Federbüſch' ausſieht; das werden die Franzoſen ſein. Da ſind wir grad' zur rechten Zeit gekommen.“ Die kräftigen Männer hatten ſich bald durch das Gedränge bis gegen die Reſidenz hin Bahn gebrochen und im Brauhauſe zum Sternberger willkommenen Unterſtand und bequeme Gelegenheit gefunden; von dort konnten ſie Alles beobachten, was auf der Straße vorging, und zugleich auch mit die neugierigen Köpfe muſtern, mit denen die Fenſter der Bürgerhäuſer und der kurfürſtlichen Wohngebäude vollgepfropft waren. „Da ſchaut einmal hinauf!“ ſagte Spitzhuet.„In des Herrn Millauer Behauſung ſchaut richtig die Tür⸗ kin zum Fenſter heraus; es muß alſo doch wahr ſein, was man in der Stadt erzählt.“ „Freilich iſt's wahr“, erwiderte Radl.„Die Mei⸗ nige hat's gleich am andern Tag vom Markt mit heim⸗ gebracht. Die Türkin hat bei Hof in der Komödie mitgeſpielt, und da iſt's aufgekommen, daß ſie ganz was Vornehm's iſt, eine Prinzeſſin oder ſonſt weiß Gott was.“ „Ja, es ſoll ganz merkwürdige Geſchichten abge⸗ — 8 — 93 ben mit den Türken!“ ſagte Spitzhuet.„Auch ein ge⸗ heimer Prinz iſt darunter; aber Niemand weiß, wel⸗ cher davon es iſt. Damit ihm nun nicht zu weh ge— ſchieht, iſt der alte Millauer aufgeſtellt worden; der ſoll ihn herausfinden.“ Trompetenſtöße unterbrachen das Geſpräch. Be⸗ rittene Zinkeniſten in den Stadtfarben, ſchwarzgelben Wämſern und goldgeſtickten Sammtmänteln bahnten eine breite Gaſſe durch das Gedränge und blieſen in feierlichen, langgezogenen Tönen zu Ankunft und Gruß; eine Rotte Panzerreiter vom Regiment Roſtani, welche den Geſandten von ſeiner Behauſung abgeholt, folgte als Ehrengeleit; hinter ihnen in blauen Röcken mit weißen goldgeſtickten Feldbbinden kam eine Schaar berittener Dienerſchaft und umgab den koſtbaren Staatswagen, der, von ſchwarzen Roſſen gezogen, lang⸗ ſam daherrollte; in rothem, goldſtarrendem Geſchirr mit nickenden weißen Federbüſchen auf den Köpfen, zu beiden Seiten von Stalldienern gehalten, ſchritt das Sechsgeſpann ſo feurig und ſtattlich einher, daß ein Gemurmel des Wohlgefallens durch die Menge lief. Der Wagen ſelbſt, nach drei Seiten durchſichtig, war aus Kryſtallſcheiben und Goldſtäben gebaut und mit goldenen Lilien auf weißem Grunde wie überſäet; auch auf der Wagendecke aus den rings angebrachten Büſchen 94 ſtieg die Wappenblume von Frankreich zierlich empor. Der Marſchall Villars ſaß im Wagen und grüßte mit ſo heiterer Miene nach allen Seiten, als gewahrte er nicht, daß das Volk, nur bedacht, ſeine Neugier und Schauluſt zu befriedigen, den fremden, vielfach bearg⸗ wohnten Gaſt mit mehr als gleichgültigem Schweigen empfing; eine auserleſene Schaar berittener Edelleute in den reichſten Uniformen und Anzügen vom Hof und Heere Frankreichs begleitete den Wagen; hinter ihnen blitzten wieder die blanken Panzer einer Rotte von Roſtani⸗Küraſſieren, welche den Zug ſchloß. „Was der Franzos ſich für Müh' gibt, ſich ein⸗ zuſchmeicheln!“ ſagte Kleeberger halblaut.„Aber es nutzt ihm doch nixr! Wenn er ſo mit dem Kopf nach allen Seiten nickt, kommt's mir grad' vor, als wenn er heimlich dabei denken thät': Wenn ich mich auch noch ſo freundlich anſtell“, ich lach euch doch alle aus und dich auch und dich auch.“ Die Bürger lachten; am Eingangsthore der Re⸗ ſidenz aber tönten jetzt ebenfalls Trompetenrufe den Ankommenden entgegen. Der Wagen hielt; Villars ſtieg aus und näherte ſich, von ſeinem glänzenden Ge⸗ folge wie ein Fürſt umgeben, der Treppe, auf deren Stufen die von Ferdinand Maria aus den frühern Bogenſchützen oder Arcieèren gebildeten Leibgardiſten — zum Empfang entgegengetreten, während oben an der 95 oder Hartſchiere in ihren Federbaretts und ſpaniſchen Mänteln aufgeſtellt waren und die vorgeſetzten Hel⸗ lebarten grüßend auf den Boden ſtießen. „So, jetzt wär' das auch vorbei“, ſagte Kleeberger. „Jetzt werden ſie gleich bei einander ſein, der Kurfürſt und der Geſandte, und was ſie ausmachen, dabei darf unſereins doch net zuhören, und ſo wird's wohl das Geſcheidt'ſte ſein, wir gehn wieder heim, Ihr zu Eurem Leder und ich zu meinem Blech!“ „Freilich“, ſagte Spitzhuet.„Aber ich möchte doch für mein Leben gern wiſſen, was da drinnen jetzt aus⸗ gekocht wird. Wer da ein Mäusll ſein und zuhören könnte!“ „Ein Mäus'’l!“ lachte Radl, indem ſie. ſich mit dem fortſtrömenden Volke entfernten.„Nun, ich denke, das müßte ſchon ein ordentlicher Ratz ſein, wenn der Gevatter Spitzhuet drinnen Platz haben ſollt'. Aber es iſt einmal ſo und wir ändern's auch nicht, alſo müſſen wir's halt in Gottes Namen abwarten. Wir werden's ſchon erfahren, was ſie auskochen; am Ende kriegt's doch Niemand anders auszueſſen als wir.“ Indeſſen war dem Geſandten ſchon auf den un⸗ tern Stufen, von einem Theile des Hofſtaats umgeben, der Oberhofmeiſter Max Johann Graf von Preyſing 96 Treppe Herzog Philipp von Leuchtenberg als des Re⸗ genten nächſter Verwandter ſtand und den Marſchall mit ſeiner auch hier ſich nicht verleugnenden waidmän⸗ niſchen Kürze gegen die Thür des Saales geleitete, auf deſſen Schwelle der Kurfürſt erſchien und eine Be⸗ wegung machte, dem Ambaſſadeur entgegenzugehen. Mit tiefer Verbeugung nahte ihm der Marſchall, trat in den Saal, und die Flügelthüren ſchloſſen ſich hinter beiden. Im Vorſaal blieben die Beamten und Wür⸗ denträger des Staates, die Herren des Hofes und die Spitzen des Adels zurück, alle zahlreich verſammelt, nicht nur, weil der Befehl des Kurfürſten die Ver⸗ ſammlung zu einer möglichſt glänzenden machen wollte, ſondern weil in jedem die Ahnung lebte, daß der vor ſich gehende Empfang und die daran ſich knüpfende Unterredung von den bedeutſamſten Folgen für Land, Volk und Thron ſein würde, weil jeder fühlte, es ſei einer jener Augenblicke, in welchen der Hammer in der großen Weltenuhr aushebt, um eine für die Ge⸗ ſchicke der Völker entſcheidende Stunde zu verkünden. In kleiner Entfernung von der Saalthür ſtan⸗ den die Herren vom Gefolge des Marſchalls im Halbkreiſe den Staatsräthen gegenüber, während die jüngern Offiziere mit den bayeriſchen Cavalieren ſich nach kurzer Begrüßung vermiſchten und eifrig daran 97 waren, neue Bekanntſchaften zu knüpfen und alte zu erneuern. Bei den Franzoſen war auch Benoit zu er⸗ blicken in reichgeſticktem Hofkleide; unter den Hofbe⸗ dienſteten ſtand Schmidt, wie immer in ſeinem un⸗ ſcheinbaren dunklen Kleide. Es erſchien zufällig und war doch die Abſicht beider, daß ſie in der Vertiefung des Saales ſich einem Fenſter näherten und endlich mit allen Zeichen ſcheinbarer Ueberraſchung einander gegenüberſtanden. „Sie halten Wort, mein Allerwertheſter“, ſagte Schmidt.„Wohl iſt es kaum möglich, in dieſem welt⸗ lichen Gewande den frommen Abbé wiederzuerkennen, doch bin ich ſehr erfreut, daß der Himmel Ihr gläu⸗ biges Vertrauen erfüllt hat und den Marſchall glück⸗ lich ankommen ließ, und wie beſtimmt worden, be⸗ gegnen wir uns bei ſeiner Ankunft.“ „Sie ſind ſehr gütig, mich an dieſen Scherz zu erinnern“, entgegnete Benoit.„Aber ich bedaure leb⸗ haft, daß ich Sie ſeither nicht geſehen. Sie hätten das Wort nicht ſo buchſtäblich nehmen ſollen! Ich hätte ſehr gewünſcht, Sie zu ſprechen, und wäre es auch nur geweſen, um Ihnen freundſchaftliche Vorwürfe zu machen wegen der Neckerei, die Sie uns damals geſpielt.“ „Ich weiß nicht, wovon Sie ſprechen“, ſagte Schmidt mit der Miene eines ſchuldloſen Kindes. Schmid, Die Türken in München. II. 4 98 „Nicht dieſen Ton, Monſieur!“ entgegnete Benoit. „Ich habe es neulich für nothwendig gehalten, zu ſon⸗ diren und etwas zurückzuhalten. Sie haben ſich dafür gerächt; wir haben uns beide an einander gemeſſen und kennen uns jetzt. Jetzt beſitze ich auch die Voll⸗ macht, die mir damals gemangelt, und habe von Monſieur Legrand dem Stallmeiſter den Auftrag—“ „Mein Herr!“ erwiderte Schmidt entrüſtet.„Sie reden zu mir in einer Weiſe—“ „In der Weiſe, die ſich unter ſo guten Bekannten geziemt“, entgegnete Benoit, indem er wie unabſichtlich ſeine Hand auf Schmidt's Arm legte und einen pracht⸗ vollen Ring ſpielen ließ, in welchem ein Diamant von ſeltenem Feuer funkelte. Er gewahrte wohl, wie der Blitz augenblicklich in Schmidt's Auge wiederleuchtete; aber er that, als ob er nichts geſehen, und fuhr gleich⸗ gültig fort:„Stallmeiſter Legrand alſo, den Sie Ihrem gnädigen Herrn ſo dringend empfohlen haben—“ „Ich?“ rief Schmidt.„Ich begreife noch immer nicht—“ „O nicht dieſe unzeitige verſchämte Beſcheidenheit!“ unterbrach ihn Benoit.„Der Coup war gut und raſch ausgeführt und ſoll uns alſo nicht entzweien! Alſo, Stallmeiſter Legrand iſt Ihnen ſehr dankbar für den guten Platz, den Sie ihm in Ausſicht geſtellt haben; ———. „— P— 99 er weiß nun, wie ſehr Sie das Beſte Ihres Herrn und Ihres Landes wollen, und wäre daher ſehr ge⸗ neigt, von Ihnen eine Andeutung darüber zu erhalten, wie in dieſem Sinne am beſten gewirkt werden könnte. Gefällt Ihnen dieſer Stein?“ unterbrach er ſich, vom Geſpräch abſpringend.„Ich glaube vorausſetzen zu dürfen, daß Sie Kenner ſind.“ „Das nicht. Wie ſollte ich dazu kommen!“ ſagte Schmidt.„Ein Mann in meinen Verhältniſſen! Aber ich geſtehe, daß ich Liebhaber bin und dergleichen Dinge ſehr gern ſehe. Der Stein iſt von ſeltener Schönheit“, ſetzte er mit leuchtenden Augen hinzu,„und ſein Waſ⸗ ſer von höchſter Reinheit.“ „Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt“, ent⸗ gegnete Benoit.„Doch erlauben Sie mir eine Frage! Wie ſtehen augenblicklich die Bichungen Ihres Hofes zu Wien?“ „Das iſt mir ſo vollſtändig unbekannt wie Ih⸗ nen“, entgegnete Schmidt.„Der bisherige Geſandte Fürſt Lobkowitz wurde von Seiner kaiſerlichen Majeſtät abberufen und ſein Nachfolger iſt noch nicht beſtimmt.“ „Das wiſſen wir. Wir wiſſen ſogar noch mehr; wir wiſſen, daß auch der Nachfolger bereits ernannt iſt, wenn Sie es auch nicht zugeſtehen wollen; es iſt der Graf Kaunitz.“ 100 „Das ſcheint mir nicht wohl möglich“, entgegnete Schmidt mit eigenthümlichem Lächeln.„Der Graf iſt noch nie in diplomatiſchen Geſchäften verwendet ge⸗ weſen, ich glaube kaum, daß man ihn gleich anfangs an einen ſo wichtigen Poſten ſtellen wird.“ „O doch, doch“, entgegnete Benoit lachend, indem er ſich umſah.„Die Qualitäten für die verſchiedenen Geſandtſchaftspoſten ſind eben verſchieden. Für hier aber läßt ſich kein beſſerer Mann finden als Graf Kaunitz.“ „Warum das?“ „Weil er eine ſehr ſchöne Frau hat“, entgegnete Benoit und fuhr, ohne ſich um das abwehrende Stau⸗ nen des Geheimſecretärs zu kümmern, in der frühern Rede fort:„Sie ſehen, wir ſind nicht uneingeweiht in das, was geſchieht; wir erfahren, was wir wiſſen wollen, aber Umwege ſind zeitraubend, und wenn man daher etwas auf kürzerem Wege erreichen könnte, ſo—“ Er ließ wiederholt den Stein funkeln, indem er ihn halb vom Finger zog.„Darf ich um Antwort auf meine Frage bitten?“ „Ich habe keine andere als die ſchon gegebene“, ſagte Schmidt.„Dieſe Angelegenheiten werden in der geheimen Kanzlei Seiner Durchlaucht beſorgt, die Politik gehört nicht eigentlich in mein Reſſort; aber 1— —“ 3 6 101 was ich wiſſen will, erfahre ich wohl deſſenungeachtet, und ſo weiß ich, daß dort im Augenblick wichtige De⸗ peſchen vorbereitet werden, mit welchen in den nächſten Tagen ein Kurier nach Wien gehen ſoll.“ „Schaffen Sie uns die Depeſchen, beſter Freund!“ ſagte Benoit, indem er ihm den Ring raſch an den Finger ſchob.„Suchen Sie jedenfalls aufs genaueſte zu erfahren, wann die Depeſchen abgehen ſollen und vurch wen. Wir müſſen ſie haben, müſſen ſie um je⸗ den Preis kennen. Nehmen Sie, brauchen Sie gefüt⸗ terte Handſchuhe, ſoviel Sie wollen, damit die Dornen Sie ja nicht verletzen! Aber vergeſſen Sie nicht, dieſes Röslein müſſen wir pflücken.“ Die Annäherung des Kanzlers Prielmaier, welcher mit Graf Preyſing den Saal durchſchritt, ſcheuchte die beiden auseinander.. „Was erwarten Sie, Prielmaier?“ ſagte Prey⸗ ſing.„Welche Entſcheidung wird Seine Durchlaucht treffen? Ich muß Ihnen geſtehen, daß mir das Herz ſchlägt, wenn ich mir alle die Möglichkeiten denke, welche—“ „Ich bin nicht ſo beſorgt“, entgegnete Prielmaier. „Der jetzige Empfang iſt mehr ceremonieller Natur. Der Kurfürſt wird keinen beſtimmten Beſcheid geben, keine bindende Zuſage machen, ſondern zu trainiren 102 ſuchen. Das iſt auch das Beſte, das einzig Richtige, ſolange wir nicht wiſſen, wie man in Wien geſonnen iſt.“ „Darüber kann doch kein Zweifel beſtehen, mein' ich“, entgegnete Preyſing.„Dem Kaiſer iſt der Weg, den er gehen muß, ſo beſtimmt vorgeſchrieben, daß er nicht darüber hinaus kann, ohne auf der einen Seite das Reich, auf der andern das Haus Habsburg oder gar beide zugleich aufzugeben. Folglich müßte auch die Entſchließung Seiner Durchlaucht bereits klar ſein und könnte nicht erſt von Wiener Nachrichten abhängen. Laſſen Sie uns offen reden, Präſident!“ fuhr er mit etwas gedämpfter Stimme fort.„Ich fürchte den fran⸗ zöſiſchen Einfluß.“ „Auch ich“, ſagte Prielmaier ernſt.„Der Kur⸗ fürſt iſt zwar im Grunde ſeines Weſens edel, ſein Herz iſt vortrefflich, ſeine Geſinnungen ſind eines deutſchen Reichsfürſten würdig; aber Sie wiſſen ſo gut wie ich, Graf, er iſt auch für glatte Worte ſehr empfänglich und ein lebhafter Verehrer franzöſiſcher Sitte. Manche denken vielleicht, das ſei nur ein äußerlich Ding; ich aber glaube, daß mit dem Aeußern immer auch das Innere, wenn auch langſam und unmerklich, ſich ver⸗ ändert. Noch aber iſt keine Gefahr, noch hat Max Emanuel ſeinen guten Geiſt, ſeinen Schutzgeiſt an der Seite.“ —j— —— 103 „Und der iſt?“ „Seine edle Gemahlin Maria Antonia, die Kai⸗ ſertochter. Gott erhalte ſie!“ Im Saale war indeſſen das Geſpräch des Kur⸗ fürſten mit dem Abgeſandten aus dem anfänglich ceremoniöſen Gleis ſehr bald in eine natürlich be⸗ wegte Strömung übergetreten. „Ich freue mich ſehr, Sie wiederzuſehen, Herr Marſchall von Villars“, ſagte Max Emanuel,„ich freue mich doppelt, daß Ihr Monarch eben Sie ge⸗ wählt hat, mir ſeine Antwort zu bringen; Sie bringen mir doch ſeine Antwort?“ „Hier iſt ſie, Durchlaucht“, entgegnete der Mar⸗ ſchall mit kalter Feierlichkeit.„Geſtatten Sie mir, hinwieder auch meiner Freude Ausdruck zu geben, daß ich mich wieder am Hofe Eurer Durchlaucht erblicke. In der That, was ich hier geſehen, übertrifft noch den Ruf, welcher die Kunſtliebe und Pracht des Hofhalts Eurer Durchlaucht bereits zu einer Art Weltwunder gemacht hat.“ „Laſſen Sie das, Marſchall!“ entgegnete Max Emanuel lächelnd, indem er das überreichte Schreiben öffnete.„Es iſt mir lieb, wenn Sie uns an der Iſar doch auch einigen Geſchmack zugeſtehen; übrigens kann ich Ihr Urtheil unmöglich als gültig anerkennen— Sie 104 ſind ja erſt geſtern eingetroffen, nicht wahr? können alſo unmöglich Zeit gehabt haben, ſich von dem, was Sie ſagen, ſelbſt zu überzeugen.“ Dem Marſchall zuckte es um die Lippen; er ſchwieg jedoch, um den Kurfürſten nicht im Leſen zu unter⸗ brechen, deſſen Antlitz über dieſer Beſchäftigung ſich zu⸗ ſehends erheiterte. „Die Nachrichten, die Sie mir von meinem kö⸗ niglichen Vetter von Frankreich bringen“, ſagte er dann,„ſind mir in hohem Grade angenehm, ſie be⸗ ſtätigen mir, wie ſehr ich Recht hatte, wenn ich die Geſinnungen deſſelben zu kennen behauptete und ver⸗ theidigte.“ „Wie, ſollten von irgend Jemand Zweifel in die Geſinnungen Seiner Majeſtät—“ „Nichts davon“, unterbrach ihn Max Emanuel. „Laſſen Sie uns gleich zur Sache übergehen! Sie wiſſen, was Seine Majeſtät mir hier ſchreibt, ohne Zweifel, denn ich ſoll ja das Weitere mündlich mit Ihnen verhandeln. Mein königlicher Vetter erklärt ſich zu meiner größten Satisfaction bereit, die wegen der Kölner Wahl erhobene Reclamation fallen zu laſſen und von dem Bayern und meinem Bruder angeſon⸗ nenen Verzicht abzuſtehen.“ „ Und Seine Majeſtät thun Beides mit beſonderem —„— — Vergnügen“, entgegnete Villars,„ſeitdem ſie aus Ihrem Schreiben entnommen, daß Durchlaucht auf die Sache beſonderes Gewicht zu legen ſcheinen. Sie waren um ſo lieber bereit, Durchlaucht in einer Sache zu will⸗ fahren, welche für Frankreich keineswegs die Im⸗ portance hat, welche man von gewiſſer Seite vor⸗ auszuſetzen beliebte.“ „Wohlan denn“, rief Max Emanuel,„berichten Sie Ihrem König meinen lebhaften Dank! Ich werde mich beeilen, ihm denſelben auch ſelbſt auszudrücken. Aber nach dieſem Schreiben ſind Sie beauftragt, mir dagegen einen Wunſch Seiner Majeſtät bekannt zu geben, deſſen Erfüllung in meiner Macht ſtehen ſoll. Sie werden mich durch die Mittheilung verbinden, Herr Marſchall.“ „Allerdings“, entgegnete Villars,„haben Seine Majeſtät mich mit ſolchem Auftrag beehrt, und ich bin nie auf ein mir bewieſenes Vertrauen ſtolzer geweſen als in dieſem Augenblick. Seine Majeſtät, mein aller⸗ gnädigſter Herr“, fuhr er mit etwas zurückgehaltener Stimme fort,„können ſich, ſo ſehr auch ihr allerhöchſt fürſtliches Herz dabei blutet, der Beſorgniß nicht ver⸗ ſchließen, daß ſie vielleicht wider Willen durch unver⸗ meidliche Verwicklung in die Nothwendigkeit verſetzt werden könnten, zum Schutz Frankreichs, ſeiner Ehre 106 und ſeines Ruhms ihren ſiegreichen Schlachtendegen wieder aus der Scheide zu ziehen. Seine Majeſtät glauben nun ſich überzeugt halten zu dürfen, daß es Eurer Durchlaucht vielleicht erwünſcht ſein möchte, in dieſe möglichen blutigen Verwicklungen nicht mit hin⸗ eingezogen zu werden und Ihrem Lande den koſtbaren Frieden zu erhalten.“ „Danken Sie Seiner Majeſtät in meinem Namen für dieſe gütige Geſinnung!“ antwortete Max Emanuel raſch.„Aber man weiß, ich bin Soldat mit Seele und Leib, und einem ſolchen gegenüber iſt es immerhin eine eigenthümliche Zumuthung, daß er beim Waffenſpiel einen müßigen Zuſchauer abgeben ſoll.“ „O, Seine Majeſtät ſind weit entfernt, den Kriegs⸗ ruhm zu verkennen, welcher Ihnen den Lorbeer ſchon ſo reich um Ihr jugendliches Fürſtenhaupt geſchlungen hat, allein deſſenungeachtet, meinen Seine Majeſtät, wären vielleicht Umſtände, Beziehungen denkbar, welche es Durchlaucht unangenehm machen könnten, am Kampfe ſelbſtthätig Theil zu nehmen.“ „Ich weiß, worauf Sie zielen“, rief Max Ema⸗ nuel,„und ich berge meine Verwunderung nicht, daß Seine Majeſtät von mir eine ſolche Meinung hegen! Nehmen Sie das, was ich Ihnen jetzt ſagen werde, nicht als Antwort, Herr Miniſter. Es iſt nur eine im 107 Privatgeſpräche gemachte vertrauliche Mittheilung; die Antwort des Kurfürſten werden Sie ſpäter erhalten. Wenn es Krieg gibt, Herr Marſchall, dann werden Seine Majeſtät von Frankreich gewiß keinen Augen⸗ blick zweifeln, den Kurfürſten von Bayern an der Stelle zu finden, an welche ihn die Pflichten der Ehre und die heiligſten Bande feſſeln.“ „O wie ſehr beklagen Seine Majeſtät, daß ſolche Bande beſtehen!“ rief Villars.„Wären ſie doch nie⸗ mals geſchloſſen worden! Wäre es doch damals ge⸗ lungen, Durchlaucht ſtatt an das falſche Oeſterreich in gleicher Weiſe mit Frankreich zu verbinden! Das Fräu⸗ lein von Blois, ein Ideal von Schönheit, Liebenswür⸗ digkeit und Tugend, die Tochter des Königs—“ „Sie vergeſſen, mein Herr“„unterbrach ihn Max Emanuel mit Nachdruck,„der Stamm meines Geſchlechts iſt zu rein, ihn mit einem unechten Zweige zu ver⸗ binden.“ „Sire“, entgegnete der Marſchall ſtolz,„auch die⸗ ſes unechte Blut iſt Blut der Könige von Frankreich.“ „Und Sie glauben wohl, daß ein deutſcher Fürſt ſich noch dadurch geehrt finden müßte?“ rief Max Emanuel.„Nun denn, Herr Marſchall, ohne Rückhalt: wir denken nicht ſo. Das Fräulein von Blois wäre nie eine ebenbürtige Gemahlin für den Kurfürſten von 108 Bayern geweſen, aber deſſenungeachtet weiß er Frank⸗ reichs Freundſchaft zu ſchätzen und denkt Ihnen das bald beweiſen zu können.“ „Der Beweis, der Seine Majeſtät am meiſten zu überzeugen vermöchte, wäre eine zuſtimmende Antwort auf ſeinen Wunſch wegen der Neutralität Bayerns in einem möglicherweiſe bevorſtehenden Kriege. Welchen Be⸗ ſcheid geruhen Durchlaucht mir zu ertheilen?“ „Gedulden Sie ſich, Herr Marſchall!“ erwiderte Max Emanuel mit Hoheit und gab das Zeichen zur Beendigung des Geſprächs.„Wir ſind nicht gewohnt, uns in unſern Entſchlüſſen zu übereilen. Laſſen Sie ſich München und ſeinen ſehr gerühmten Hof für einige Tage gefallen!“ Dem Marſchall ſchien die Zögerung nicht will⸗ kommen; aber dem beſtimmten Weſen des Fürſten gegen⸗ über blieb nichts übrig, als ſich zu fügen. „Apropos“, rief ihm Max Emanuel nach, als er im Begriffe war, ſich zu entfernen,„Sie erinnern mich eben recht. Sie haben Ihren Stallmeiſter Legrand nach Paris zurückgeſchickt, wie ich höre? Der Mann ſcheint wie Ihr Schatten vor Ihnen herzuziehen, aber ich be⸗ neide Sie um einen ſolchen Bereiter. Er hat das wil⸗ deſte Pferd meines Marſtalls, meine Leda, gebändigt; es wird mir daher zum Vergnügen gereichen, wenn —,— —— Weiſe und Begleitung zurückzukehren, wie er gekommen 109 Sie ſich dieſes Thieres, an welchem franzöſiſche Kunſt ſich ſo glänzend erprobte, fortan bedienen wollten.“ „Es wäre unartig, zurückzuweiſen, was ſo artig gegeben wird“, erwiderte der Marſchall,„ich nehme das Geſchenk denn an. Geſtatten mir Durchlaucht, hinwieder meinem Danke die Verſicherung beizufügen, wenn an Ihrem Hofe oder in Ihren Landen außer der Leda noch Anderes ſein ſollte, was ſich Ihrem Wil⸗ len widerſetzt, ſo ſteht der Stallmeiſter Legrand zu Ihren Dienſten; was es auch ſei, ich ſetze meine Ehre zum Pfande, er verſteht's zu bändigen.“ In geſpannter Erwartung ſtand die ganze Ver⸗ ſammlung des Vorſaals, als die Thür von dem an derſelben wartenden Diener geöffnet wurde und der Marſchall wieder heraustrat. Aller Augen ruhten auf ſeinem Antlitz und ſuchten aus ihm zu errathen, von welcher Art der Beſcheid geweſen ſein mochte, der ihm geworden; aber alle dieſe Bemühungen glitten an dem Geſichte des Marſchalls ab, deſſen Züge im Getümmel der Schlachtfelder wie in den unblutigen Kämpfen am Hofe zu einer ſteſtſtehenden Maske gehärtet waren. Mit dem Ausdruck lächelnder Herablaſſung verbeugte er ſich gegen die Verſammlung und wandte ſich dann mit ſeinem Gefolge dem Ausgang zu, um in derſelben — e 110 war. Unfern der Thür jedoch blieb er einen Moment ſtehen und rief den Chevalier Saint⸗Maurice, auf den ſein Auge gefallen war, flüchtig zu ſich.„Ah, Sie hier, mein junger Freund? Es freut mich, Sie wiederzu⸗ ſehen! Sie haben die ſchönen Stunden von Verſailles doch noch nicht vergeſſen?“ „Wie wäre das möglich?“ erwiderte der Chevalier, über die ihm widerfahrene Auszeichnung erfreut und verwirrt.„Wie könnt' ich jemals dieſe Stunden ver⸗ geſſen? Die Erinnerung an ſie bildet den Reichthum meines ganzen Lebens.“ „Das iſt ſehr hübſch geſagt“, erwiderte der Mar⸗ ſchall lächelnd.„Beſuchen Sie mich bald! Mein Secre⸗ tär Benoit wird ſorgen, daß es jederzeit ungeſtört ge⸗ ſchehen kann. Wenn Sie noch derſelbe ſind wie in Paris“, ſetzte er etwas leiſer hinzu,„ſo ſchließen Sie ſich an Benoit und folgen Sie ſeinen Rathſchlägen. Es ſind die meinigen.“ Schon hatte das Geſpräch des Marſchalls mit ei⸗ nem der Jüngſten vom Hofe angefangen, Neid und Verwunderung der Uebrigen zu wecken, als Villars die Treppe hinabeilte, um nach wenigen Augenblicken unter Trompetenfanfaren ſeinen Wagen zu beſteigen. Es war Alles genau ſo wie bei der Auffahrt, nur dem Volke gegenüber ſchien es der Franzoſe jetzt nicht mehr der 141 Mühe werth zu finden, ſeine wahre Stimmung zu ver⸗ bergen: ſein Angeſicht war ernſter, als wie er gekom⸗ men; er vergaß das Grüßen und Nicken nach allen Seiten, um es dann, wenn er ſich erinnerte, deſto eif⸗ riger nachzuholen.. Ueber dem Durcheinanderrufen der Diener, welche die Wagen ihrer Herren herbeiholten, dem Rädergeraſſel der davonrollenden Wagen und dem allgemeinen Ge⸗ dränge fand Benoit Gelegenheit, Saint⸗Maurice ein Zeichen zu geben und ihm einige Worte zuzuflüſtern. Der Chevalier ſchien anfangs überraſcht; dann aber nickte er zuſtimmend und wollte ſich eben entfernen, als er ſich am Arme gehalten fühlte; es war ſein Vater, der Intendant der kurfürſtlichen Spectakel, der Einzige, welcher ihn beobachtet und während des Geſprächs mit dem Marſchall das Auge nicht von ihm verwendet hatte. „Du biſt ausnehmend vertraut mit dem Marſchall, mein Sohn“, ſagte er.„Solche Auszeichnung vor ſo Vielen fällt auf, ſie wird zu reden geben, man wird auch mich bald darüber befragen; ich erwarte daher, zu erfahren, was ich darauf zu antworten habe.“ „Ich begreife nicht, Papa“, entgegnete der Cheva⸗ lier,„was dabei ſo beſonders Auffallendes ſein ſoll. Der Marſchall hat mich in Paris ſehr liebenswürdig aufgenommen: ich war täglich in ſeinem Hauſe, be⸗ 112 ſuchte ſeine Cirkel, er hat mich ſeiner Protection ver⸗ ſichert— „Protection?“ rief der Intendant, indem er mit ſeinem unvermeidlichen Döschen ſpielte.„Ganz recht; ich bin gewiß der Letzte, welcher die Bedeutung dieſes Wortes unterſchätzt. Aber hier in Kurbayern und München kann dieſe Protection Dich wenig fördern; Du biſt wohl kein ſolcher Neuling in politiſchen Din⸗ gen, daß Du nicht fühlen ſollteſt, daß die Strömung hier keineswegs eine franzöſiſche iſt.“ „Offen geſtanden, Papa“, antwortete der Chevalier leichthin,„ich frage nicht darnach. Was liegt mir an dieſem kleinen Hofe, der doch nur ein Abklatſch und ein ſchwaches Miniaturbild des unerreichbaren Originals an der Seine iſt! Wären Sie nicht geweſen, Papa, ich wäre gar nicht mehr hierher zurückgekehrt.“ Der Intendant klopfte bedenklich auf ſeine Doſe. „Hm“, ſagte er dann,„es ging mir im Geiſte vor, Du würdeſt Dir in Paris ausnehmend gefallen und mir tolle Streiche machen. Nimm mir das nicht übel, mein Sohn, aber es iſt ein toller Streich, deshalb, 4 weil der Hof von Frankreich größer, mächtiger und. glänzender iſt als der von München, dieſen darüber 4 aufzugeben! Lieber das Vögelchen in der Hand als den Vogel über Land! An jenem Hofe von Paris, der 1 113 Dich ſo bezauberte, habe ich Jahre lang mich gequält, habe antichambrirt, ſupplicirt, intriguirt und dennoch nicht reüſſirt, ich hätte zu Grunde gehen müſſen in all dem Glanze, weil ich das Unglück hatte, daß einer viel geltenden Dame die Farbe meiner Haare mißfiel, und ich hatte damals nußbraune Haare, wie Du, mein Sohn. Mein guter Genius gab mir damals ein, mich einer Ambaſſade, die nach Deutſchland ging, anzuſchlie⸗ ßen; ſo kam ich hierher und wurde freundlich aufge⸗ nommen, hier wurden meine verachteten Qualitäten anerkannt, meine Verdienſte gewürdigt; mit einem Worte, ich fand hier eine ſehr ſchöne ruhige Situation und hoffe nicht, daß mein Sohn ſie aufgeben wird, um ſich von gewiſſen Plänen deponiren zu laſſen.“ „Sorgen Sie nicht, Papa! Ich bin meiner Sache gewiß“, rief der Chevalier raſch.„Ich gebe nichts auf, ohne daß ich vorher genau wüßte, wofür ich es thue.“ „Das iſt ſehr klug von Dir“, ſagte der Inten⸗ dant,„und ich freue mich, zu ſehen, daß Du in Deinen Angelegenheiten ſo ſicher zu Werke gehſt. Aber eins muß ich Dir doch noch ſagen: Nimm Dich dennoch in Acht! Man hat Exempel, daß auch die feinſten Intri⸗ guen mißlingen, daß man nicht nur für ſich ſelbſt nicht reüfſirt, ſondern auch noch Andere compromittirt. Wenn ſo etwas vorkommen follte, mein Sohn, ſo habe ich Schmid, Die Türken in München II 8 114 Dich gewarnt; Du weißt es jetzt, ich werde Dich voll⸗ ſtändig desavouiren.“ „Mein Gott, Papa“, rief der Chevalier,„Sie ſehen die Sache ſo ernſthaft, als ob ich mich Gott weiß mit welchen Plänen trüge; aber auch wenn es ſo wäre, und wenn Alles dabei auf dem Spiele ſtünde, ich könnte nicht zurück, ich habe mein Wort gegeben.“ „Dein Wort? Ah, das iſt etwas Anderes! Die Saint⸗Maurice haben immer Wort gehalten; auch ich, mein Sohn, auch ich hab' es gethan, überall, wo es möglich war. Mit Gott denn, mein Sohn! Dein Wort mußt Du allerdings halten; aber ſieh zu, daß Du da⸗ bei nicht in Schaden kommſt!“ Indeſſen ſaß Benno in der Schreibſtube der kur⸗ fürſtlichen geheimen Kanzlei, einem freundlichen Zimmer, das, von hohen Schränken nach allen Seiten eingeengt, in ſeiner ſtillen Abgelegenheit und mit den nach den Gärten gerichteten Fenſtern einen ſo traulichen Aufent⸗ halt gewährte, daß es dem am Pulte Sitzenden wohl zu verzeihen war, wenn ihm die Feder aus der Hand und der Kopf in die Hand ſank und durch dieſen allerlei Träume zu ziehen begannen. Der Pendelſchlag der in einem ſolchen Gemache nicht fehlenden mächtigen Standuhr hörte ſich an wie leiſer, die Begleitung ſum⸗ mender Geſang, während durch das offene Fenſter kühle —x 115 Lüftchen hereinſäuſelten, als wären ſie die Schwingen von Sylphen oder Elfengeiſtern, die leiſe flüſternd um das Haupt des Sinnenden ihren ätheriſchen Reigen ausführten. Benno, deſſen Weſen ohnehin einen ſtark träumeriſchen Zug in ſich trug, hatte dem Drang deſ⸗ ſelben nicht zu widerſtehen vermocht; er ſtarrte vor ſich an die Decke empor, als ſtünde dort die Löſung des Geheimniſſes geſchrieben, das ihn umfing. Nichts ſtörte ihn in ſeinen Gedanken, denn das anſtoßende innere Gemach, in welchem ſonſt der Kanzleidirector arbeitete, war leer, in dem gegenüberliegenden Vorzimmer aber wandelte der Amtsdiener Stelzenhuber hin und her, unbekümmert um das Thun oder Treiben des jungen Mannes und einzig darauf bedacht, mit der Hand Fliegen von den Wänden zu haſchen und dem Gimpel zu verabreichen, der in dem Käfig am Fenſter verlangend hin und her hüpfte. Das Blatt, welches vor Benno lag und an dem er eben geſchrieben, ſah un⸗ gewöhnlich aus und trug ſonderbare Zeichen, faſt noch krauſer als die türkiſchen und mit Ziffern untermiſcht. Er war ſo vertieft, daß er es nicht einmal gewahrte, als der Luftzug immer kecker mit den Papieren auf dem Tiſche ſpielte und eins davon wie eine fallende Blütenflocke von der Platte hob, zu Boden warf uud auf dieſem gegen die Thür hinflattern machte. Er 8* 116 hatte ziemlich lange ſo geſeſſen, als an der Thür des Vorzimmers geklopft wurde und der Amtsdiener in ſehr unwilligem Tone„Herein!“ rief; er war eben da⸗ ran geweſen, eine wohlgenährte Brummfliege zu er⸗ wiſchen, die ihm über dem Anklopfen entkam. Der Chevalier Saint⸗Maurice mit Benoit trat ein und eilte Benno mit gewinnender Freundlichkeit entgegen.„Willkommen, mein Freund!“ rief er.„Du wirſt Dich wundern, daß ich Dich hier aufſuche, aber ich hatte es mir ſchon längſt vorgenommen, und hier“, fuhr er fort, während Benno den Gruß kühl erwiderte, „hier ſtelle ich Dir Monſieur Benoit vor, den Geheim⸗ ſecretär des Herrn Marſchalls von Villars, welcher den Herrn Kanzleidirector zu ſprechen wünſcht.“ „Seine Gnaden ſind eben nicht anweſend“, ent⸗ gegnete Benno,„und werden, ſoviel mir bekannt, die⸗ ſen Morgen nicht wiederkommen, ich werde mich aber ſogleich beim Diener erkundigen.“ Er trat in die Thür, rief Stelzenhuber und er⸗ hielt von ihm die Beſtätigung des Geſagten. Es waren nur ein paar Augenblicke, in welchen er dem Zimmer den Rücken wandte; aber ſie genügten den Falkenaugen des franzöſiſchen Agenten, das Blatt am Boden zu ge⸗ wahren. Unmerklich und ohne ſich zu bücken, ließ er ſich niedergleiten und hatte daſſelbe ergriffen, ohne daß „ „— 117 ſelbſt ſein Begleiter etwas davon gewahr geworden. „Ich bitte dann“, ſagte er,„Seiner Gnaden meinen Beſuch vermelden zu wollen, und werde ein anderes Mal anfragen. Jetzt aber will ich nicht weiter ſtören. Die beiden jungen Herren werden mit einander zu ſprechen haben.“ Er verließ das Zimmer, während Saint⸗Maurice mit vollſter Unbefangenheit einen Stuhl ergriff und ſich neben Benno niederſetzte.„Du empfängſt mich un⸗ muthig“, ſagte er.„Ich hoffe doch nicht, daß Du mir den Auftritt von neulich noch nachträgſt und mir da⸗ bei eine Schuld beimiſſeſt?“ „O nein“, entgegnete Benno, indem er die Pa⸗ piere auf ſeinem Tiſche zuſammenſchob, um die darge⸗ botene Hand des Chevaliers nicht ergreifen zu müſſen. „Ich bin nicht ſo thöricht, Andern die Schuld zu geben, wo ſie mich allein trifft!“ „Nun, das iſt auch wieder zu viel geſagt“, rief der Chevalier entgegen.„Du mußt entſchuldigen. Du ſahſt doch, die Herren waren vom Weine erhitzt; ich hab' ihnen auch tüchtig meine Meinung darüber geſagt.“ „Das freut mich“, antwortete Benno mit fort⸗ währender Zurückhaltung,„obwohl es mir lieber ge⸗ weſen wäre, Du hätteſt das gleich an Ort und Stelle und in meiner Gegenwart gethan.“ 118 „Das war doch nicht wohl thunlich“, ſagte der Chevalier;„es hätte vielleicht nur zu neuem Zwiſt ge⸗ führt, denn Du mußt doch zugeſtehen, daß Du eben⸗ falls ſehr heftig geworden wärſt.“ „Heftig? Ich?“ entgegnete Benno, indem er ſich raſch umwandte und dem Chevalier ein erröthendes Antlitz zeigte.„Heftigkeit iſt es nicht, weſſen ich mich damals anzuklagen hatte, ich habe mir nicht das vor⸗ zuwerfen, was ich in jener Geſellſchaft ſprach, wohl aber, daß ich in jener Geſellſchaft war.“ „Freund, wie kannſt Du ſo zu mir ſprechen!“ rief der Chevalier gekränkt.„Haben wir Dich nicht immer gern bei uns geſehen? Habe ich Dich nicht wie einen der Unſrigen behandelt? Bin ich nicht ſtets Dein Freund geweſen? Darum zürne nicht mehr, vergiß und vergib, was in der Weinlaune geſprochen wurde, und zum Beweiſe komm dieſen Abend zu mir! Die Freunde alle erwarten Dich; wir wollen gut machen, was da⸗ mals geſündigt wurde. Nicht wahr, Du kommſt?“ ſetzte er ſchmeichelnd hinzu.„Und Du ſprichſt auch mit mir wieder wie ſonſt? Ich höre Deinen Worten an, wie Du ſie künſtlich ſtellſt, um das vertrauliche Du, das ſonſt unter uns gebraucht wurde, zu vermeiden. Gib es mir wieder und Deine Hand dazu!“ „Wenn Du es denn durchaus willſt“, entgegnete Euch vor allen, auch vor ihm!“ 119 Benno, indem er ihn bewegt anblickte,„ſo will ich ein ſolches Anrufen aus der fröhlichen Knabenzeit nicht überhören.„Hier iſt meine Hand; aber alles Andere bitte ich zu laſſen, wie es iſt. Ich bin Dein Freund, Karl, und werde es bleiben, ſolange Du mir's ge⸗ ſtatten wirſt; die äußern Zeichen der Vertraulichkeit aber müſſen wegbleiben. Wir ſind keine Knaben mehr, und ich habe bitteres Lehrgeld dafür gezahlt, daß ich mich einen Augenblick verleiten ließ, mich über meinen Stand zu erheben. Ich habe eingeſehen, wohin ich ge⸗ höre; jetzt will ich auch dort ſtehen und nach nichts Anderem trachten, als dieſem Platze Ehre zu machen.“ „Vortreffliche Grundſätze“, rief der Chevalier.„Mag es denn ſein, wie Du verlangſt! Vielleicht haſt Du auch Recht, unter vier Augen aber bleiben wir die Alten.“ Es war Benno's innerſte Ueberzeugung geweſen, was er ausgeſprochen, dennoch verletzte ihn die Raſch⸗ heit, mit welcher der Jugendfreund darauf einging, die frühere Vertraulichkeit aufzuheben und nur für die Verborgenheit vorzubehalten. Die wärmere Regung, welche bei den Betheuerungen des Chevaliers ihn an⸗ gewandelt hatte, erkaltete darüber; er wußte nicht, wie es geſchah, aber mit einem Mal war es, als ſähe er Zu⸗ leima vor ſich, als hörte er, wie ſie rief:„Ich warne 120 „Ich muß geſtehen“, ſagte der Chevalier, indem er im Zimmer umherblickte,„eine ſolche Thätigkeit in der engen Schreibſtube, an den Tiſch gefeſſelt, wäre nicht nach meinem Geſchmack. Ich muß freie Bewegung haben, erquickende Abwechslung. Du haſt wohl viel zu thun, nicht immer Angenehmes? Das läßt ſich den⸗ ken. Was haſt Du hier?“ ſetzte er anſcheinend gleich⸗ gültig hinzu, indem er auf ein Blatt auf dem Tiſche deutete.„Was für ſonderbare Zeichen!“ „Es iſt eine Depeſche, die ich in Chiffern abzufaſſen habe“, erwiderte Benno. „Wirklich?“ rief der Chevalier neugierig.„Der⸗ lei hab' ich noch nie geſehen. Das ſind alſo Chiffern, die Du zu leſen weißt? O bitte, das intereſſirt mich; wie heißen die erſten Zeilen dieſer wunderbaren Züge?“ Benno ſah ihm überraſcht ins Auge; der Chevalier hielt ſeinen Blick völlig unbefangen aus.„Eine eigen⸗ thümliche Zumuthung, mein Freund“, ſagte Benno; „dieſe Zeichen ſind ein Geheimniß des Staates und für mich das Geheimniß meines Dienſtes.“ „Wie“, ſagte Saint⸗Maurice,„Du denkſt doch nicht, daß ich mit dem, was ich von Dir erfahre, ir⸗ gend einen Mißbrauch treibe?“ „Ich denke gar nichts“, erwiderte Benno,„aber dem Chevalier, dem Manne von Adel wird es bekannt —— —. „ 121 ſein, was er auf eine ſolche Zumuthung zu antworten 8 hätte. Ob daraus ein Mißbrauch folgte oder nicht, das iſt gleich, für mich iſt es Pflicht, Niemand da⸗ von eine Mittheilung zu machen.“ „In der That“, rief Saint⸗Maurice aufſpringend, „das iſt eine offenbare Beleidigung. Jetzt muß ich darauf beſtehen und muß es als einen Beweis Deines Vertrauens fordern, daß Du mich für den Mann von Ehre hältſt, der ein anvertrautes Geheimniß zu be⸗ wahren weiß. Jetzt verlange ich, daß Du mir die Sache mittheilſt oder eine genügende Erklärung gibſt!“ „Wohlan denn“, ſagte Benno, indem er ſich eben⸗ falls erhob,„dieſe verlangte Erklärung will ich Dir geben und will dabei noch einmal von dem Vorrecht Gebrauch machen, das Du mir eingeraͤumt haſt. Das iſt 8 eine ſchlechte Finte, Karl!“ fuhr er fort.„Ich durch⸗ ſchaue ſie und Dich. Du biſt von Paris nicht zurück⸗ gekommen, wie Du dahin gegangen; Du biſt dem Lande, das Dich erzogen, untreu geworden und willſt ſeine Gaſtfreundſchaft mit Verrath belohnen, und ich, der Freund Deiner Jugend, ſoll Dir dabei zum Werk⸗ zeug dienen, die Freundſchaft unſerer Kinderjahre willſt Du als Köder benutzen, um mich zu täuſchen, mich ſicher zu machen. Schäme Dich, Karl!“ ſetzte er wei⸗ cher hinzu.„Das iſt nicht der Weg zu Ehre und Ho⸗ „= 422 heit, nach denen Du ſtrebſt! Erſpare mir, Dir künftig zu begegnen, und nimm es als letzten Beweis, wie lieb ich Dich gehabt, daß ich das zwiſchen uns Vorgefallene verſchweige! Wir beide haben nichts mehr mit einander gemein; ich werfe Dir Dein Du zurück, ich der Bürger dem Edelmann.“ Glühenden Antlitzes, ohne Erwiderung ſtürmte der Chevalier aus dem Gemache und hätte beinahe Benoit nicht gewahrt, der, an einer Wendung des Treppenhau⸗ ſes ſtehend, offenbar auf ihn geharrt hatte.„Nun, wie iſt's?“ flüſterte er.„Haben wir die Depeſche?“ „Nein“, erwiderte Saint⸗Maurice, indem er ſich unwillig losriß.„Es würde auch unnütz ſein, da ſie in Chiffern geſchrieben iſt; aber laſſen Sie mich jetzt!“ Er eilte hinweg.. „Nun denn“, ſagte Benoit leiſe,„dann bleibt es bei dem, was ich zuerſt gedacht; dann müſſen dennoch meine Türken daran. Die Depeſche müſſen wir haben. Wenn ſie auch in Chiffern geſchrieben iſt, was ſchadet das? Hab' ich doch den Schlüſſel dazu in der Taſche.“ Benno war inzwiſchen in hoher Erregung in ſei⸗ nem Gemache hin und her geſchritten.„Ich will fort. Ich habe jetzt doch keine Ruhe mehr“, ſagte er für ſich hin.„Die Feder würde mir in der Hand zit⸗ tern! Ich muß hinaus, um einen Gang durch den Hof⸗ 123 garten zu machen, mir kaltes Blut zu holen und die Schmach zu vergeſſen, die man mir angethan. O Zu⸗ leima, wie ſehr hatteſt Du Recht! Wie dank' ich Dir für Deine Warnung, und o wie ſehr möcht' ich Dir dafür danken!— Ich habe einen nothwendigen Gang“, ſagte er im Vorbeiſchreiten zu dem Diener.„Wenn nach mir gefragt wird, ich komme gleich wieder.“ „Jawohl“, brummte dieſer, ihm nachſehend, indem er in ſeinem Fliegenfang fortfuhr,„komme gleich wie⸗ der! Das kennt man ſchon, den jungen Herrn kriegt man heut' nicht mehr zu Geſicht. Aber ſo iſt das junge Volk von heutzutage; es hat keine Ordnung mehr, nichts mehr von der alten Ehrbarkeit und Geſetztheit, lauter flattriges Schaumweſen, auf das man ſich ſo wenig verlaſſen kann wie auf Spinnengewebe. Aber was krabbelt denn ſchon wieder an der Thür? Hat man denn keinen Augenblick Ruh'?“ rief er, der Thür zuge⸗ wendet und ſie dann aufreißend, wandelte jedoch augen⸗ blicklich den rauhen Ton ſeiner Stimme in den weich⸗ ſten Laut um, den er ſeiner Kehle abzuſchmeicheln ver⸗ mochte— vor der Thür ſtand Staſi, in der einen Hand einen verdeckten Teller, in der andern ein Fläſchchen Wein.„Ah, die liebwertheſte Jungfer Staſi!“ rief er⸗ „Trete Sie doch ein, Jungfer, und geb' Sie mir die Ehr'!“ „Ich ſoll nur unſerm jungen Herrn Benno ein 124 kleines Frühſtück bringen“, entgegnete die Köchin.„Wo iſt er denn?“ 3 „Wer weiß das? Ausgeflogen!“ ſagte der Bote. „Aber komm Sie doch herein, Jungfer, ſonſt tragt Sie mir den Schlaf fort, obwohl—“ „Obwohl?“ ſagte die Köchin eintretend.„Was meint der Herr Stelzenhuber damit?“ Ohne jedoch ſeine Antwort abzuwarten, ſetzte ſie Teller und Fläſchchen nieder und fuhr fort:„Schade, daß der junge Herr gar nie zu treffen iſt. Da bring' ich ein Schnitzel Kälbernes; das iſt ſo zart, daß einem das Waſſer im Mund zuſammenläuft.“ Sie lüftete den Deckel; dem Boten wäſſerte wirklich der Mund bei dent Anblick. „Darf ich's vielleicht dem Herrn Stelzenhuber antragen?“ ſagte Staſi.„Nach Haus darf ich's doch net wieder mitbringen.“ „In Gottes Namen“, erwiderte er lüſtern.„Ich darf der Jungfer keinen Korb geben, und ſo will ich Ihr zu Lieb' das Kälberne eſſen, obwohl—“ Der Nach⸗ ſatz blieb wieder aus, denn Stelzenhuber hatte ſich ſo⸗ gleich niedergeſetzt und war augenblicklich in Vernich⸗ tung des Frühſtücks vertieft. Die Köchin kümmerte ſich nicht um ihn, ſondern trat vor den Gimpel am Fenſter, ſchwatzte mit ihm und forderte ihn auf, ihr etwas vorzupfeifen. Der Herr 125 Stelzenhuber war auch eine Perſönlichkeit, welche es begreiflich machte, daß das Mädchen den Anblick des Gimpels dem ſeinigen vorzog. Eine zahlloſe Reihe von Jahren, welche über ſeinen Scheitel dahingezogen, hatte denſelben ganz kahl gefegt bis auf ein paar lange Strähne am Hinterhaupte, die er nun kunſtreich emporkämmte und über die verödete Platte zog; ſein Geſicht war gedunſen und von vielem Bier geröthet, die dicke Naſe wie vom Widerſchein innerer Durſtes⸗ glut geröthet. Raſch war das Kälberne vertilgt und der Spitz Wein nachgegoſſen, Stelzenhuber wiſchte ſich den Mund und fand endlich Zeit, ſich nach der Ueberbringerin umzu⸗ ſehen.„Ah, die Jungfer Staſi hat ſich einſtweilen mit meinem Gimpel unterhalten“, ſagte er.„Er ſoll ihr was vorpfeifen? Leider iſt's ein ſo verſtockter, bockbei⸗ niger Gimpel, wie's nur einer ſein kann; wenn er nicht will, ſo pfeift er nicht, und wenn man ſich auf den Kopf ſtellen thät'. Ach, wenn die Jungfer ſo freund⸗ lich ſein und mit mir reden wollt', ich wollt' ihr ja gern vorpfeifen, obwohl—“ „Ja, Herr Stelzenhuber“, ſagte die Köchin lachend, indem ſie das Geſchirr zu ſich nahm,„was hat er denn immer mit ſeinem obwohl? Was ſoll denn das heißen: obwohl?“ 126 „Das will ich Ihr ſagen“, rief Stelzenhuber, in⸗ dem er näher trat.„Ich hab' Sie gebeten, zu bleiben, obwohl Sie mir den Schlaf ſchon fortgetragen hat; ich hab' Ihr Kälbernes gegeſſen, obwohl Sie mir allen Appetit genommen hat; ich möcht' Ihr was vorpfeifen, obwohl ich nicht weiß, ob Ihr mein Liedl gefallen wird. Ach, wenn die Jungfer ſich über einen verlaſſe⸗ nen, armen Chriſtenmenſchen erbarmen, wenn ſie mich zu ihrem Gimpel machen wollt'!“ „Ich glaub', der Herr iſt ſchon ein Gimpel, ohne daß er's ſelber weiß“, rief Staſi lachend.„Er wird doch net gar noch ſchön thun wollen mit einem ſolchen Geſicht?“ „Warum nicht?“ entgegnete der Alte, der über ſei⸗ ner Lüſternheit den Kopf zu verlieren begann.„Ich habe einmal geleſen, daß die Lieb' Alles verſchönert; wenn ſich alſo die Jungfer nur erſt entſchließen wollt', mich lieb zu haben, dann würd' ich Ihr gewiß auch noch gefallen.“ Er wollte ſeinen Worten thätlichen Nachdruck geben und von der günſtigen Gelegenheit wenigſtens etwas erreichen; aber Staſi hatte die vollen, runden Arme nicht umſonſt; ſie ſtieß ihn derb von ſich, daß er rück⸗ wärts in einen weidengeflochtenen Papierkorb taumelte und denſelben vollkommen zuſammenſaß. Ehe er ſich 4 — 127 wieder erheben konnte, war ſie auf dem Gang, und durch die offen gebliebene Thür ſah mit grinſendem Lachen das ſchwarzbärtige Geſicht des Birbaſchi herein, der ſich über den ſonderbaren Sitz des Amtsboten nicht wenig verwunderte. Der verdutzte Herr Stelzenhuber ſah, daß die Kö⸗ chin ebenfalls lachend dem Türken entgegentrat, er ſah, daß ſie mit ihm fortging, und ſaß eine gute Weile, bis er ſich zu erheben und die Thür zu ſchließen ver⸗ mochte— ein Anblick kläglicher Erniedrigung für Jeden, der etwa zufällig des Weges gekommen wäre.„So?“ ſagte er endlich aufſtehend und rieb ſich die Stelle, mit welcher er etwas unſanft zum Sitzen gekommen war. „Steht's ſo? Na wart', die Jungfer ſoll mir an den Gimpel denken!“ Benno hatte indeſſen ſeinen Gang durch den Hof⸗ garten längſt beendet und war, wenn nicht zur Ruhe, doch zu einem Schluſſe gekommen, der auch am eheſten geeignet war, ihn ſeinen Aerger vergeſſen zu laſſen. Er hatte einigemal den prachtvollen Nymphenbrunnen um⸗ kreiſt, ohne die ſchönen Ceſtalten nur eines Blickes zu würdigen; deſto mehr drang das raſtloſe Plätſchern des Waſſers in ſein gereiztes Ohr, und bald dünkte es ihm, als ob das Rauſchen in förmliche Töne überginge, als ob es zu einer Art Sprache würde, welche immerfort 128 einen Namen wiederholte, den Namen Zuleima, und das verheißungsvolle„Belki“, das noch immer der Er⸗ füllung harrte. Glücklicherweiſe fiel ihm ein, daß die Stunde nahe ſei, in welcher er Zuleima Unterricht in der deutſchen Sprache zu geben pflegte. In die Kanzlei konnte er in ſeiner jetzigen Stimmung doch nicht mehr zurückkehren, es lag alſo nichts daran, wenn er die Lection einmal etwas früher begann. War es doch offenbar nur der Eifer, ſeine Schülerin zu fördern, was ihn dazu triee!l Als er nach Hauſe kam, traf es ſich, daß Staſi von ihrem Frühſtücksgange noch nicht zurückgekehrt war; Vater und Mutter, die den Sohn ſo früh nicht erwar⸗ teten, waren ebenfalls ausgegangen, und als er läutete, erſtaunte er nicht wenig, als ihm die Thür von einem völlig unbekannten Mädchen geöffnet wurde. Es war Zuleima, die zum erſten Male die türkiſchen Kleider ab⸗ gelegt hatte und nun in der Tracht ſeiner Heimat vor ihm ſtand. Er hatte wohl Grund zu ſtaunen, denn ſo reizend der orientaliſche Anzug das Mädchen gekleidet hatte, wer es jetzt im bürgerlichen Gewande ſah, in Mieder und Rock und das anmuthige Silberhäubchen auf dem ſchönen Kopfe und dem reichen Haar, der konnte keinen Augenblick zweifeln, welcher Tracht der Vorzug gebührte. 129 Zuleima, die Benno's Heimkehr noch nicht ver⸗ muthet hatte, ſtand wie verſteinert. Benno glich eben⸗ falls einer Statue, und es war gut; hatte doch nun keins Recht oder Anlaß, darüber zu lächeln, wie ſehr das andere den Kopf verloren hatte und offenbar das Herz dazu. Sie wußten kaum, wie ſie in die Stube kamen; dort angelangt, war es Benno zu Muthe, als müſſe er ſie gleich an der Hand faſſen und endlich aus⸗ ſprechen, was er ſo lange in ſich herumgetragen und was er, wenn auch oft angedeutet, doch nie ausdrück⸗ lich zu ſagen gewagt hatte. So unwiderſtehlich es ihn jederzeit zu Zuleima hingezogen, war doch immer etwas Unerklärliches und Fremdes zwiſchen ihr und ihm ge⸗ ſtanden, jetzt aber, mit der fremden Tracht, war die Schranke gefallen und die letzte Kluft ausgefüllt, die ihn noch von ihr getrennt. Jetzt war ſie ja nicht mehr die Ausländerin, die Gefangene, die Fremde; jetzt ſtand ſie vor ihm da, wie eine von den Töchtern der Hei⸗ mat, als wäre ſie mit und neben ihm aufgewachſen, als hätte er ſie gekannt und geliebt, ſolange er ſich überhaupt an irgend etwas zu erinnern wiſſe. Auch Zuleima drängte das übervolle Herz, als ſei der Au⸗ genblick gekommen, wo die ſtillgekeimte Knospe ſich ent⸗ falten müſſe. Dennoch war die ſchüchterne Unverdorben⸗ :. 8 4 heit beider Gemüther ſo groß, daß ſie Gedanken und Schmid, Die Türken in München. II. 9 —— —— ——— Gefühl in ihnen nicht zum Worte werden ließ. Schwei⸗ gend waren ſie eine Weile neben einander geſtanden, da griff Benno, um den auf ihnen laſtenden Bann zu brechen, nach Heften und Büchern und fragte, ob ſie wohl aufgelegt wäre, im Unterricht fortzufahren. So wohlgemeint aber der Ausweg war, erwies er ſich doch nicht als derjenige, der Benno zur Ruhe zu verhelfen vermochte; denn als er nun neben Zuleima ſaß, fühlte er das Blut noch heißer in die Wangen ſteigen als zuvor; er hörte nicht, als Zuleima in der Fibel zu buchſtabiren anfing, und ſie hatte doch noch nie fehler⸗ hafter buchſtabirt als diesmal. Gleichwohl nahm die Lection ihren Verlauf, bis Zuleima anfangen mußte, deutſche Buchſtaben auf der Schiefertafel nachzumalen, und der Lehrer nun nicht umhin konnte, ſie anzufaſſen und der Schülerin die Hand zu führen— da war es ge⸗ than! Die Flamme ſchlug ihm aus dem Herzen über das Antlitz empor, er ließ die Hand des Mädchens nicht mehr los, er hielt ſie feſter, als ſie widerſtrebend ſelbe zu befreien ſuchte, mit beiden Händen feſt an ſeine Bruſt gedrückt, und überdeckte ſie mit Küſſen. „Zuleima“, rief er,„theures, herrliches Mädchen, o zürne mir nicht, ich vermag nicht länger dieſes Schweigen, dieſe Ungewißheit zu ertragen! Ich muß es Dir endlich ſagen, daß ich Dich liebe, daß Du, ſeit 131 ich Dich geſehen, mein ſteter Gedanke, mein liebſter Wunſch, meine einzige Hoffnung biſt! Ich laſſe Dich jetzt nicht mehr. Du mußt die Meine werden! O ſage, daß Du es auch willſt, ſage ja!“ „Allah, Allah!“ murmelte Zuleima, welche kaum ihrer Beſinnung Meiſter war.„Was beginnt Ihr? Laßt mich! Was könnte ich für Euch ſein?“ „Was?“ rief Benno entzückt.„Mein Weib, mein theures, geliebtes, mein einziges Weib, die Krone, der Stern, die Sonne meines Hauſes! O rede, Zuleima! Gedenkſt Du, wie ich Dich ſchon einmal gefragt, ob es Dir nie möglich werden könnte, die alte Heimat über der neuen zu vergeſſen? Belki war das eine Wort, das Du mir darauf erwiderteſt— ach, es muß ein Zau⸗ berwort ſein, denn das einzige kleine Wörtchen war es allein, was mich in dieſer Zeit der Verwirrung, der Sorge und Angſt aufrecht hielt. Du ſchweigſt? Ant⸗ worte mir in Deiner Sprache!“ fuhr er fort, als ſie mit roth glühendem Antlitz noch immer wortlos zu Bo⸗ den ſah.„Vielleicht löſt ſich Dir das ſchwere Wort in den Klängen Deiner Heimat leichter von der Zunge. Sage nur, daß Du mir wenigſtens nicht alle Hoffnung rauben, daß Du einſt meine Bitte erhören willſt! Sage, was heißt: Ich werde Dich lieben?“ „Seni ben ſeverim“, hauchte es von Zuleima's Lippen. 9* 132 Wohlklang in dieſen wenigen Silben! Es gibt nur ei⸗ nen Laut, welcher noch ſüßer klingen würde, wenn Du einſt nicht mehr ſagen wirſt: Ich werde Dich lieben, wenn ich von Dir hören darf: Ich liebe Dich. Sage, Zuleima, was heißt: Ich liebe Dich, in der Sprache Deiner Heimat?“ Zuleima's Züge überdeckte die dunkle Glut der Päonie.„Seni ben ſeverim“, ſtammelte ſie wieder. „Wie?“ rief Benno.„Das ſind ja dieſelben Worte!“ „Es iſt ſo“, entgegnete Zuleima in ſteigender Ver⸗ wirrung.„Türkiſch iſt eine arme Sprache. Ich werde Dich lieben und: Ich liebe Dich— Beides heißt: Seni ben ſeverim.“ „O geſegnete Armuth“, jubelte Benno,„welches Uebermaß von Reichthum birgſt Du in Dir! Geprieſen ſei die Sprache Deiner Heimat! Laß ihren Ausſpruch von glücklicher Deutung ſein für unſere Zukunft, laß wie ſie Zukunft und Gegenwart in einander fließen! Gehöre mir, Zuleima! Laß mich es von Deinen Lippen hören, daß Du mir gehören willſt!“ Er zog ſie zärtlich an ſich; ſie widerſtrebte nicht; ihre Lippen wehrten den ſeinigen nicht, die zum erſten Kuſſe auf ſie niederſanken; im Kuſſe verklang ihr zärt⸗ liches Lispeln:„Seni ben ſeverim.“ „O ſeliger Laut!“ rief Benno entzückt.„Welcher 133 Wie die Zeit über ihnen dahinflog, wie die Stand⸗ uhr im Zimmer, als wollte ſie mahnen, Viertelſtunde um Viertelſtunde immer lauter erſchallen ließ, die glück⸗ lichen Liebenden im erſten Entzücken des ſich Angehö⸗ rens gewahrten es nicht. Sie hatten ſich ſo unendlich viel zu ſagen; Benno fand kein Ende, zu erzählen, wie er ſie in dem Zuge der Gefangenen durch das Thor hereinkommen ſah, und wie ihm bei dem erſten Blick geweſen, als wolle das Herz in ſeiner Bruſt ſich los⸗ machen, ihr entgegen zu fliegen; wie er ein anderer Menſch geworden ſeit dieſem Augenblick, wie nichts von allen ſeinen bisherigen Arbeiten ihn weiter angezogen und keine ſeiner ſonſtigen Vergnügungen ihn zu erhei⸗ tern vermochte; Sehnſucht und Hoffnung habe ihn ein⸗ zig zu ihr gezogen! Dann lauſchte er wieder in Ent⸗ zücken verloren, wenn Zuleima in dem Sprachgemenge, das aus ihrem Munde ſo reizend ertönte, geſtand, daß auch ſie ihn bald gewahrt und ihm von Herzensgrunde gedankt, daß er ſo gütig und herzlich geweſen gegen ſie, und daß ſie bald, auch ohne ſeine Sprache zu ver⸗ ſtehen, aus dem Tone ſeiner Stimme gehört, aus ſei⸗ nen Blicken errathen, daß er ihr gut ſei, daß auch ſie bald angefangen, die Stunden zu zählen, bis er wieder⸗ kam, daß ſein Ausbleiben ſie mit Beſorgniß, ſein Kom⸗ meu mit ſtiller Glückſeligkeit erfüllt habe, und daß ſein 134 Bild bald nicht mehr aus ihrer dennoch von tiefer Trauer und Troſtloſigkeit erfüllten Seele gewichen, weil ſie ge⸗ dachte, die arme, verachtete Türkenſklavin dürfe nie das Auge zu ihm erheben. Sie ſchilderte, wie es ihr gleich einer Stimme aus dem Paradieſe geklungen, als ſie in das Haus gerufen worden, das er ſein Vaterhaus nenne, und wie ſie kein anderes Glück begehre, als bei ihm zu ſein und zu bleiben ſein und ihr Leben lang. Das „Belki“, ſagte ſie, ſei längſt in Erfüllung gegangen; es bedünke ſie wie ein Märchen aus ihrer Kinderzeit, daß ſie einmal eine andere Heimat gehabt als die an ſeinem Herzen und in ſeinen Armen. Lange ſaßen die Glücklichen in traulicher Umarmung. Benno war zu Zuleima's Füßen auf einen Schemel nieder⸗ geglitten und ſah halb knieend zu ihr empor; ſie neigte ſich hold lächelnd über ihn, die Hände auf ſeine Stirn gelegt, als wollte ſie ihm tief in die Augen ſchauen und ſich überzeugen, daß wirklich ihr Glück in denſelben ge⸗ ſchrieben ſtehe. „Himmelblaues Donnerwetter!“ rief es plötzlich in ihr Entzücken hinein, und die Stimme des Raths Mil⸗ lauer tönte den Glücklichen wie Donner des Gerichts; ſie waren erſtarrt und im erſten Augenblicke unfähig, ſich zu regen. Der Rath befand ſich im gleichen Falle, als wäre er gleich Loth's Frau von dem Feuer, das er 135 vor ſich auflodern ſah, in eine Salzſäule verwandelt— der Hut fiel ihm aus der Hand, der Rohrſtock kollerte zu Boden. Als wieder Leben und Bewegung in die Gruppe kam, beſtand es darin, daß das Paar Hand in Hand aufſprang und zu den Füßen des Alten nieder⸗ kniete.„Himmelblau—“ wollte Millauer wieder be⸗ ginnen. Aber es ging nicht; denn die Zunge lag noch im Banne der Ueberraſchung befangen; auch ließ ihn Benno nicht zum Worte kommen. „Zürnet nicht, Herr Vater“, rief er,„und wundert Euch nicht über das, was Ihr geſehen! Heute noch hätt' ich Euch Alles entdeckt. Ich liebe Zuleima, ſie liebt mich wieder— wir vermögen nicht mehr von einander zu laſſen, wir wollen uns heirathen. Alſo gebt uns Euren Segen!“ „Das himmelblaue Donnerwetter ſoll Euch auf die Köpfe fahren!“ platzte Millauer endlich los.„Das iſt Euer Segen, den ich Euch gebe! Glaubt Ihr ſo mit mir umgehen zu können? Möchte ſich die hergelaufene Perſon, die nichts hat hinten und vorne, hereinſchmeicheln in das Haus? Ich glaube ſchon, daß ihr das gefiele; aber nichts da! Die Frau Kurfürſtin ſoll die Jungfer hinthun, wo ſie will, aber in meinem Hauſe hat ſie kein Bleibens mehr. Und Dir, unnützer Bub', wenn Du mir noch ein Wort ſagſt, Dir werd' ich zeigen, daß Du mir noch lange nicht über den Kopf gewachſen biſt.“ 136 „Herr Vater“, rief Benno aufſpringend, während Zuleima in Thränen gebadet auf den Knieen blieb, „vergeßt nicht, daß ich kein Knabe mehr bin! Was ich gethan, iſt nichts Unrechtes, und ich wiederhole es, ich will die Jungfer, wenn ſie auch arm und heimat⸗ los iſt, zu meiner echten und rechten Frau machen und mein Leben lang in Ehren halten, wie ich Euch in Ehren halte. Ich bin mein eigener Herr und laſſe mich nicht zwingen.“ „Dein eigener Herr biſt Du, heilloſer Schlingel? Na wart, ich will Dir einmal die Herrſchaft zeigen“, rief der Alte und hatte Benno, ehe er ſich's verſah, am Rocke gefaßt, zur Thür hinausgedrängt und in die Speiſe⸗ kammer geſchoben, dann ſchlug er die Thür zu und zog den Schlüſſel ab.„So“, rief er,„in der Kammer kannſt Du Dein eigener Herr ſein, aus der Kammer aber ſollſt Du mir nicht eher wieder heraus, als bis Du vernünftig geworden biſt! Die Jungfer aber“, fuhr er fort und wollte Zuleima ergreifen, die aber erſchreckt zurückſprang. „Na, ich thu' Ihr nichts zu Leide“, ſagte er,„obwohl ſie's verdient hätte; denn Sie hat mich für das Gute, das ich Ihr erwieſen, mit Undank belohnt; Sie hat mir den Buben verführt und Unfrieden ins Haus ge⸗ bracht. Alſo marſch in Ihre Stube hinein! Da bleibt Sie, bis ich mit der Frau Durchlaucht geſprochen habe.“ 137 Zuleima wankte ohne Widerrede in die Nebenſtube, die Millauer ebenfalls verſchloß und den Schlüſſel einſteckte. „Aber, Mann!“ rief die Räthin, welche inzwiſchen gleichfalls herbeigekommen war,„was treibſt Du denn? Willſt Du uns durchaus das Unglück über den Hals bringen? Wenn die Frau Kurfürſtin das hört, ſind wir für immer aus der Gnad'! Warum biſt Du denn gleich gar ſo aus dem Häuſel?“ „Warum? Das fragſt Du auch noch?“ ſchrie Mil⸗ lauer zornig.„Weil mir in meinem Haus kein Kurfürſt und keine Kurfürſtin was einzureden hat, weil ich keine Schwiegertochter haben will, die mir ſo hereingy'ſchneit kommt wie der Pontius ins Credo.“ „Wie ich halt ſag’“, entgegnete die Frau,„Du biſt immer gleich oben aus und nirgends an! Erſt haſt Du gemeint, es müßt' abſolut was werden mit der Prügel⸗ wab'n; Du haſt mir und keinem Menſchen geglaubt, bis Du die Beſcherung mit eignen Augen geſehen haſt. Jetzt hat ſich der Benno ſollſt eine Braut herausgeſucht — jetzt iſt Dir wieder die Schwiegertochter nicht recht. Ich mein', es wär' mit der Türkin nicht ſo weit gefehlt. Iſt ſie denn nicht bildſauber?“ „Ja, dagegen iſt nichts einz'wenden“, ſagte der Rath mit Widerſtreben. „Iſt ſie nicht brav, ordentlich, lieb?“ 138 „Alles wahr“, erwiderte er,„aber daraus folgt noch lange nicht, daß ich die hergelaufene Perſon, von der kein Menſch weiß, wer ſie eigentlich iſt, zu meiner Tochter nehmen muß!“ „O deswegen brauchſt Du Dir keinen Kummer zu machen“, erwiderte die Frau mit geheimnißvoller Miene. „Ich hab's erſt heut' wieder gehört, von der Gevatterin, von der Frau Küchelbacherin, und hab' es mir gleich ſelber eingebildet, es müßt' einen beſondern Haken mit dem Mädel haben, weil ſich die Kurfürſtin ſo um ſie ange⸗ nommen hat. Sie iſt was recht Vornehmes, ich glaub' gar, eine Prinzeſſin vom Pers oder ſonſt was— „Himmelblaues Donnerwetter!“ rief Millauer, in⸗ dem er vor Zorn mit gleichen Füßen in die Höhe ſprang. „Laß mich in Ruh' mit Deinen Narrheiten und mit Deiner perſenen Prinzeſſin, Das wär' was für Deinen Hochmuth, nicht wahr? Es iſt ohnehin Niemand ſchuld an der ganzen Geſchichte als Du. Du haſt es gewußt, daß der Bub' hinter die Kanzlei geht; aber Du haſt es vertuſcht nnd haſt ihm lügen geholfen. Jetzt wiſſen wir ja, was das für wichtige Geſchäftsgänge waren, die er zu machen gehabt hat! Jetzt iſt es richtig gekommen, wie es mir im Geiſt vorging— zu all ſeinen fremden Bekanntſchaften hat er ſich auch noch einen Türken aus⸗ geſucht, nur daß der Türke ſich gar noch in eine Türkin — — EEm 139 verwandelt hat! Halt's Maul!“ ſchrie er, als die Frau noch Einwendungen zu machen verſuchte.„Wenn Du noch ein Wort ſagſt, ſperr' ich Dich auch ein; für Dich werd' ich wohl noch eine dritte Kammer finden. Him⸗ melblau's Donnerwetter!“ rief er nochmals, ſtülpte den Hut auf den Kopf, ſtieß grimmig den Stock auf den Boden und rannte davon. Vor der Hausthür blieb er unſchlüſſig ſtehn, er wußte nicht, was zunächſt beginnen. War er doch ſchon vormittags planlos herumgelaufen in ſchweren Sorgen, was er mit ſeinem Türkenzettel beginnen ſolle, und fühlte noch ſeinen Kopf glühen von dem verunglückten Ent⸗ zifferungsverſuche des geſtrigen Abends. Die unerwartete neue Entdeckung, die er ſo eben gemacht, verwirrte ihn vollends, und noch nie in ſeinem Leben war es ihm ſo ſchwer geworden, ſeine Gedanken zuſammenzuhalten und wie ein widerſpenſtiges Geſpann einem beſtimmten Ziele zuzutreiben. Da ſchlug es zwölf Uhr, und trotz ſeines Kummers war die Macht der Gewohnheit ſo ſtark, daß er eilends die Stiege wieder hinanſtieg, damit die Ordnung nicht auch noch durch ihn geſtört werde. Aber die drohende Gewitterſchwüle, die über dem ganzen Hauſe lagerte, wollte auch der ſonſtigen vereinigenden und darum ver⸗ ſöhnenden Wirkung des Mittagseſſens nicht weichen. Mil⸗ — — — —— — —— — 140 lauer brachte jedem ſeiner Verhafteten eigenhändig etwas Speiſe in den Arreſt, aber er hatte kein Wort für Zu⸗ leima, als er ſie in Thränen antraf, keine Erwiderung für die Betheuerungen und Vorwürfe, mit denen ihn Benno beſtürmte. Er ſteckte ruhig die Schlüſſel wieder zu ſich und ſetzte ſich darauf, damit ſie ihm auch während ſeines Schläfchens nicht genommen werden könnten. Dann eilte er wieder fort, und der betrübten Mutter blieb nichts übrig, als von der einen zur andern Thür zu wandern, den Gefangenen Troſt zuzurufen und ſie zur Geduld zu ermuntern. Es war daher ſehr ſtill und einſam im Hauſe, als der Abend herankam. Auch Staſi ging fort; ſie hatte ſchon mehrmals gemahnt, wie dringend es ſei, daß in dem Gemüſegarten des Rathes vor dem Unſern⸗Herrn⸗ Thor wieder einmal nachgeſehen, gegoſſen und das Un⸗ kraut ausgejätet werde, denn über den Ereigniſſen der letzten Tage war das Alles beinahe in Vergeſſenheit ge⸗ rathen. Die Räthin hatte es vollkommen gebilligt; ſie war daher froh, als auch die Magd das Haus verließ; um ſo ungeſtörter konnte ſie daran denken, den gefangenen Kindern zu helfen. Dennoch war das Gerede von Garten und Garten⸗ arbeit nur der Vorwand geweſen, hinter welchem die zürnende Köchin die finſtern Pläne ihrer Rache verbarg. 1441 Der Birbaſchi hatte ſeit dem letzten Geſpräch keine Ge⸗ legenheit verſäumt, die begonnene Bekanntſchaft weiter zu ſpinnen und immer vertraulicher zu machen; brauchte er doch nicht lange auf einen Vorwand für ſeine Beſuche zu ſinnen, da Zuleima, ſeine einſtige Pflegebefohlene, welche überdies mit dankbarer Erinnerung an ihm hing, ſich in Millauer's Hauſe befand. Staſi hatte ihn nach Art eines klugen Fiſchers behandelt, der den zur Beute erkorenen Flutbewohner, dem er den Köder mit der verborgenen Angel zugeworfen, in dem klaren Waſſer näher und näher heranſchwimmen ſieht und, um ihn noch gieriger zu machen, ihm den gefährlichen lockenden Biſſen durch leichtes Zucken der Angel vor dem ſchnappenden Maule hin und her bewegt. In dem Türken, der keine Ahnung von den geheimen Gedanken des Mädchens hatte, war das anfangs blos flüchtige Gefallen allmälig ſtärker und ſtärker geworden, und wenn er ſie zuvor aus eigen⸗ nützigen Abſichten aufgeſucht, folgte er bald genug da⸗ bei nur noch dem Zuge ſeiner Neigung. Dieſe hatte ihn ſchon am Morgen Staſi in die Reſidenz nachgelockt, in welcher er ſie hatte eintreten ſehen; ſie führte ihn auch abends vor das Thor, wo zwiſchen einer Reihe von Zäunen und Planken auch der Millauer'ſche Garten lag, ein anſehnliches Gemüſeland, beſteckt mit einigen Roſenſtauden, ein paar Nelkenſtöcken und einigen Büſchen — — —— —— — 142 duftender Nachtviolen und hochrother brennender Liebe. Inmitten eines Grasflecks ſtand eine kleine Hütte, eben groß genug, die ganze Familie mit ein paar Freunden aufzunehmen, wenn der Herbſt gefeiert wurde und es galt, die Zwetſchenbäume zu ſchütteln, daß die ſchönen reifen Früchte wie ein blauer Regen ins Gras tropften. Staſi hatte merken laſſen, daß ſie abends im Garten zu thun habe und dort allein ſein werde: ſie rechnete mit Beſtimmtheit darauf, daß er nicht ausbleiben werde, und hatte ſich auch nicht verrechnet; denn kaum hatte ſie gegen das Blenden der Abendſonne einen breitran⸗ digen Strohhut aufgeſetzt und die Gießkanne zurecht ge⸗ macht, als ſchon die Gartenthür knarrte und der Bir⸗ baſchi vorſichtig ſeinen Kopf hereinſtreckte. Im nächſten Augenblick war er hereinhuſchend ſchon an ihrer Seite, nahm ihr die Gießkanne aus der Hand und fragte ſchmei⸗ chelnd, ob es nicht erlaubt ſei, daß er ihr helfen und Waſſer zutragen dürfe. Staſi that zwar anfangs ſehr verwundert, wie der Birbaſchi hierher gekommen, wie er unter den vielen Gärten den rechten herausgefunden, was er überhaupt von ihr wolle; ſie ließ ſich aber doch gefallen, daß er ihr an die Hand ging, mit ihr Schnecken und Raupen von den Wirſing⸗ und Blaukrautköpfen ablas oder Bohnen an den Stangen aufbinden half. „Schau, ſchau, hätt' ich doch nit geglaubt, daß —— —— 4 4 5 ———— 143 ſich ein Türk' ſo gut anſtellen thät' bei ſo was“, ſagte ſie dann.„Aber für die Hülf' muß ich mich doch auch bedanken; wenn alſo der Herr Birbaſchi einen kleinen Imbiß nicht verſchmäht, den ich mitgebracht hab', ſo thät' ich ihn dazu einladen. Man wird müd' bei der Arbeit, und es iſt noch lang', bis wir heimkommen.“ Der Schwarzbart lachte mit dem ganzen Geſichte, als er von der Einladung in das kleine trauliche Sommer⸗ haus hörte; er folgte der Köchin auf dem Fuße und ſprang wie ein Rehböcklein hinweg, als ſie ihn zurück⸗ ſchickte, ihren Hut zu holen, den ſie an einem Garten⸗ beete liegen gelaſſen. Als er wiederkam, war auf dem Tiſchchen im Sommerhauſe bereits ein Teller mit kaltem Braten in appetittlichen Schnittchen aufgeſtellt; auch Brod fehlte nicht, und daneben lockte eine Flaſche Wein mit zwei Gläſern, von denen das eine auffallend groß, wie ein ſtattlicher Humpen, das andere deſto kleiner war, wie ein zierliches Kinderbecherlein. Beide waren bereits bis zum Rande mit dem gol⸗ denen Rebenſafte gefüllt. Der Birbaſchi ſetzte ſich neben die Köchin, die, ihr Glas ergreifend, ihn einlud, das Gleiche zu thun. „Ich hab' für mich ein kleines Glas ausg'ſucht“, ſagte ſie dann,„damit Er mich nicht auch unter den Tiſch trinkt, wie neulich den Herrn.“ 144 Der Türke ſtieß lachend an und trank, indem er verſicherte, daß er gegen ſie keine ſolchen Abſichten habe, vielmehr nichts ſehnlicher wünſche, als von ihr über⸗ wunden zu werden und ganz zu ihren Füßen zu liegen „Sieht Er“, ſagte Staſi, indem ſie ihn von der Seite anſah,„das glaub' ich Ihm Alles nicht. Wenn es Ihm Ernſt iſt, ſo trink' Er einmal ſein Glas auf meine Geſundheit aus!“ „Ganz?“ fragte der Birbaſchi. „Ganz. Kein Tropfen darf darin bleiben.“ „O wenn es nur das iſt“, rief er und hob den Humpen;„für die Jungfer wollt' ich einen Eimer leeren.“ Er hielt Wort; als er das Glas auf den Nagel um⸗ ſtürzte, floß kaum ein ſchwaches Tröpflein heraus; dabei verzog er aber ein wenig den Mund und meinte, das Glas müſſe nicht ganz rein ſein, er habe im Munde etwas geſpürt wie einen Bodenſatz. „Warum net garl“ lachte Staſi, indem ſie ihm neuerdings einſchenkte und ihn mit ihren ſchönſten Augen anſah.„Das ſind nur Ausreden! Deswegen glaub' ich Ihm doch nicht, was er ſagt; Er iſt falſch.“ „Falſch? Bei Allah und ſeinem Propheten ſchwör' ich Ihr—“ „Laß Er das Schwören bleiben und gar bei Seinem ſaubern Propheten!“ ſagte Staſi.„Ich bleib' dabei: 3 8 145 Er iſt falſch— Alles an Ihm iſt falſch— kein Fleck⸗ chen und kein Härlein an Ihm, das aufrichtig wärel Das ſag' ich Ihm ins G'ſicht. Ich glaub' gar net ein⸗ mal, daß Er ein Türk iſt.“ „Was“ fragte der Birbaſchi verblüfft, indem er, das Glas in der Hand, wie verſteinert daſaß,„ich wär' kein Türk'?“ „So wenig ich eine Türkin bin“, ſagte Staſi.„Ge⸗ ſteh' Er's nur ein— ich verrath' Ihn nicht. Ich hab's neulich ſchon gemerkt, wie Er in meiner Küch' den Scheiter⸗ haufen ſogleich gekannt und zu nennen gewußt hat; das kann kein Türk'. Aber nun muß Er doch ſagen, daß man einem ſolchen verlogenen Menſchen nix glauben kann!“ „Nun“, rief der Birbaſchi,„ſo will ich's halt ein⸗ geſtehen. Ihr will ich's ſagen, Jungfer, daraus kann Sie ſehen, was ich auf Sie halte. Ja, ich bin kein Türk', ich bin ein ſo guter Chriſt wie Sie. Auf der Wanderſchaft als Schuſtergeſell bin ich nach Ungarn hinuntergekommen und bei einem von den immerwäh⸗ renden Kriegen und Scharmützeln ganz unſchuldigerweiſ' von den Türken gefangen genommen worden. Da war'’s das Geſcheidteſte, was ich hab' thun können, auch einen Turban aufzuſetzen; ich bin dadurch wenigſtens dem Spießen ausgekommen.“ Schmid, Die Türken in München. II. 8 10 — —y— — — — — 146 „Aber warum iſt Er denn von Hauſe fort?“ fragte Staſi mit lauernden Blicken.„Warum iſt Er denn ſo weit auf die Wanderſchaft gegangen? Um das Schuh⸗ verſohlen zu lernen, hätt' Er doch nicht bis nach Ungarn zu gehen gebraucht.“ „Freilich nicht“, entgegnete der Birbaſchi.„Aber ich bin vertrieben worden, und damit die Jungfer ſieht, wie aufrichtig ich es mit Ihr meine, will ich Ihr das auch erzählen. Ich hatte heirathen ſollen, und des⸗ wegen bin ich noch vor der Hochzeit fort und bin ſo weit gelaufen, als ich konnte; ich hab' einen Ort geſucht, wo man mich gewiß nicht mehr findet.“ „So?“ ſagte Staſi, welche mit Mühe an ſich hielt. „Iſt denn die, die Er hätt' heirathen ſollen, gar ſo ſchiech g'weſen?“ „Wie die Nacht“, ſagte der Birbaſchi.„Sie kann ſich's gar nicht vorſtellen, Jungfer, was das für ein zaundürrer, ſchwarzbrauner Käfer war— keinen Tropfen Farbe im ganzen Geſicht und hitzig wie alle Teufel; bei jedem dritten Worte hab' ich fürchten müſſen, ſie kratzt mir die Augen aus.“ „Wer weiß, ob ſie nicht gute Urſach' dazu g'habt hätt’“, ſagte Staſi, indem ſie ihre Finger eigenthümlich bewegte, als verſpürte ſie Luſt, das damals Verſäumte nachzuholen. —— 3 4 -—— 147 O gewiß nicht“, ſagte der Schuſter.„Ich bin ein ſeelenguter Kerl geweſen; ich hab' nur noch nicht heirathen wollen; ich war noch viel zu unvernünftig zu einer ſo ernſthaften Sach'! Der Vetter aber, bei dem ich aufgezogen worden bin, der wollt' es abſolut haben, und da hab' ich mir nicht nein zu ſagen getraut und bin zuletzt in meiner Deſperation auf und davon. Damals hab' ich noch gar nicht ge⸗ wußt, was es eigentlich mit der Lieb' und mit dem Heirathen für eine Bewandtniß hat! Freilich, jetzt bin ich geſcheidter geworden, jetzt, wenn die Jungfer ſich meiner annehmen wollte—“ „So?“ ſagte Staſi mit fliegendem Athem.„In der Türkei hat Er alſo gelernt, was es um die Lieb' iſt? Und wo iſt Er denn eigentlich zu Saui Wie heißt Er denn?“ „Meinetwegen“, rief der Schuſter,„ich will Ihr Alles anvertrauen. Ich bin aus Haidhauſen, heiße Bla⸗ ſius Bundſchuh und möchte jetzt nicht mehr fort! Ich könnt' es jetzt vielleicht durchſetzen, daß ich mein Mei⸗ ſterſtück machen dürfte— wie wär's, wenn die Jungfer die Frau Meiſterin werden wollt'?“ „Erſt muß ich ſelber mein Meiſterſtück machen“, erwiderte Staſi bebend vor Zorn,„und muß Ihm doch auch ſagen, wer ich bin und wie ich heiße. Ich heiße 10* 148 Anaſtaſia Plittenſperger, ich bin diejenige, die Er hat heirathen ſollen, die Er hat ſitzen laſſen! Ich bin die⸗ ſelbe, die ſchiech iſt wie die Nacht, der zaundürre, ſchwarz⸗ braune Käfer!“ Der Schuſter ſaß da wie ein Jammerbild. Er wollte reden, aber obwohl er den Mund öffnete, kam kein Laut hervor; er wollte ſich bewegen, aber es war, als ob alle Kraft aus ſeinen Gliedern gewichen wäre. Er wurde blaß und roth, und auf der Stirn ſtanden ihm ſchwere Tropfen, und ohne eigentlich recht zu wiſ⸗ ſen, warum, fühlte er ſich nach dem Leibe. „Sie?“ ſtammelte er dazwiſchen.„Staſi? Du? Das iſt ja nicht möglich! Du biſt ja nicht mehr zum Kennen, ſo ſchön und kugelrund biſt Du geworden! O Staſi, wenn Du mir verzeihen könnteſt, ich wollte ja gern Alles gut machen, ich wollte—“ Er redete nicht aus und mußte wieder mit beiden Händen nach dem Leibe greifen.„Ich weiß nicht, wie mir geſchieht“, ſagte er;„aber mir wird's auf einmal übel und völlig ſchwarz vor den Augen.“ „Wie Dir geſchieht, Blaſi?“ rief das Mädchen und trat hart vor ihn hin.„Du haſt in der Türkei die Lieb' kennen g'lernt— ich bin net ſo weit gangen, aber ich hab' doch erfahren, wie man's in der Lieb’ in der Türkei macht. Das iſt Dein Letztes, Blaſi. 149 Mach' Reu' und Leid! In dem Wein iſt Gift g'⸗ weſen.“ „Staſi!“ rief der Schuſter im Tone des höchſten Entſetzens und rutſchte kreidebleich vom Stuhl herab zu ihren Füßen.„Staſi, das iſt nicht Dein Ernſt, das kann Dein Ernſt nicht ſein; Du biſt ja eine gute Chriſtin!“ „Ja; aber Du biſt ein Türk', und darum hab' ich auf Türkiſch meinen Zorn an Dir ausg'laſſen.“ „Staſi! rief der Schuſter, indem er zu ihren Füßen jämmerliche Geſichter ſchnitt und ſich wand. „Verzeih' mir und nur diesmal hilf! Gib mir ein Mittel, ein Gegengift! O, es fängt immer ſtärker zu reißen an! O ich ſpür's, ich bin des blaſſen Todes! In meinen ſchönſten Jahren muß ich dahin!“ „Ja“, ſagte das Mädchen, indem ſie ihn mit blitzenden Augen anſah.„Willſt mir jetzt eing'ſtehen, daß Du mir Unrecht gethan haſt, wie Du davon biſt? Bin ich wirklich ſo ſchiech g'weſen, wie Du ſagſt?“ „O nein, nein, ſchön wie ein Engel“, jammerte er. „Ich begreif gar nicht, wo ich meine Augen g'habt hab'. O, o, ich weiß nimmer, was ich rede“, rief er, ſich vor Leibweh krünmmend.„Es reißt mich in der Mitten auseinander! Hilf mir, Staſi! Ich kann's nicht glauben, daß Du mich ſo elend zu Grund' gehen laſſeſt.“ 150 „Wie ſoll ich Dir helfen?“ ſagte das Mädchen. „Du thuſt mir jetzt wohl recht leid und es reut mich, was ich gethan hab'; aber ich kann's nimmer ung'ſchehn machen. Für Dich gibt's keine Hülf' mehr, Blaſi. Du wirſt es ſelber am beſten wiſſen; Du haſt mir ja das Gift gegeben.“ „Was?“ rief der Schuſter und ſtand mit einem Satze auf den Beinen, als hätte ihn eine Feder in die Höbe geſchnellt.„Das weiße Pulver in dem Papier, das haſt Du mir eingegeben? Das haſt Du wirklich für Gift gehalten?“ Er wollte in lautes Gelächter aus⸗ brechen, allein es verlor ſich in Jammerlauten; er mußte ſich bücken und zuſammenbeugen wie ein Taſchen⸗ meſſer. „Nein“, ſagte Staſi währenddeſſen.„So dumm bin ich net g'weſen. Ich hab' das Pulver für kein Gift g'halten, es iſt auch das Zeichen darauf geweſen vom Apotheker, aber dazu iſt mir's gerad' recht geweſen, um Dir einen Schrecken einzujagen und Dich die Angſt ausſtehen zu laſſen, die Dir gehört für all das Herz⸗ leid, das Du mir zehn Jahr lang angethan haſt. Jetzt red', Blaſi, was willſt Du thun? Willſt Du wieder nach Ungarn nunter und wieder ein Türk werden oder willſt Du lieber dableiben und halten, was Du da⸗ mals verſprochen haſt?“ 151 „Ich will dableiben“, rief Blaſi.„O Staſi, wenn ich hätt' wiſſen können, daß Du Dich ſo hübſch auswachſen thätſt, mich hätten ja keine zehn Gäule von Dir weggebracht. Ich darf alſo bei Dir bleiben? Iſt's wahr, daß Du Alles vergeſſen und vergeben willſt?“ „Blaſi!“ rief die Köchin und breitete ihm die Arme entgegen. „Staſi!“ rief er und wollte ſich ihr an die Bruſt ſtürzen, da faßten ihn wieder die grimmenden Schmer⸗ zen wie zuvor.„Himmelkreuzdonnerwetter!“ begann er zu fluchen, und als ob der Boden ihm unter den Füßen brenne, rannte er aus dem Garten. Indeſſen war es im Millauer'ſchen Hauſe nicht minder ſtürmiſch zugegangen. Wohl hatte die Frau, welche ihrem Herzen nicht zu widerſtehen ver⸗ mochte, Alles aufgeboten, die Gefangenen zu beruhigen; aber das einfachſte Mittel, ſie durch einen Schloſſer befreien zu laſſen, wagte ſie nicht anzuwenden, ſie ſcheute den Zorn ihres Mannes und wollte das Vorgefallene nicht dadurch, daß ſie einen fremden Menſchen zum Mitwiſſer machte, in der Leute Mund bringen. Der Abend dämmerte ſchon ſtark, als der Rath wieder nach Hauſe kam, der, nachdem er lange mit ſich gehadert, was er beginnen ſollte, endlich einen Entſchluß 152 gefaßt hatte und den Gevatter Brunnenſchreiber mit nach Hauſe brachte, gewiſſermaſſen um einen Zeugen und Gehülfen zu haben bei den wichtigen Dingen, die ſich begeben ſollten. Ein erwünſchter Zufall hatte ihm den dicken Gevatter und Vertrauten in die Hand geführt, deſſen naheliegender Rath ihm vollkommen einleuchtete und ihn beruhigte. Es ward beſchloſſen, gleich am nächſten Morgen geradezu zum Kurfürſten zu gehen und ihm Alles zu entdecken, der werde die Geſchichte ſchon ausfechten und auch bei der Kurfürſtin für den Riß ſtehen. Zuvor aber müſſe noch eine genaue Un⸗ terſuchung und Zwieſprache mit den Inhaftirten ſtatt⸗ finden. Demgemäß wurde mit feierlichem Ernſt zuerſt Benno's Gefängniß geöffnet. Düſtern Angeſichts, ohne Wort und Gruß trat der Jüngling heraus; entſchloſſe⸗ nen Ernſt in ſeinen Mienen, wandte er ſich ab und ſchien gelaſſen zu erwarten, wieweit der Zorn des Vaters zu gehen ſich erlauben werde. Auch dieſer blieb ſchweigſam; mit der Miene des unbeſtechlichen Richters, der nach dem bayeriſchen Geſetzbuch daſitzen ſoll wie ein griesgrämiger Löwe, in der einen Hand Leuchter und Kerze, in der andern den Schlüſſel, trat er zu der Nebenſtube, öffnete und ſtieß die Thür weit auf, damit die Türkin durch dieſes Zeichen und den ein⸗ —— 453 dringenden Lichtſchimmer veranlaßt werden ſolle, her⸗ auszukommen, aber Augenblick um Augenblick verging und die Erwartete wurde nicht ſichtbar, kein Laut, kein Weinen oder Aechzen, wie er erwartet haben mochte, wurde hörbar. „Na, komm' die Jungfer heraus!“ rief Millauer. „Wie lange ſoll man noch auf Sie warten?“ „Um Gottes willen!“ rief Benno, welcher den Vater ungeſtüm beiſeite zu drängen verſuchte.„Sie antwortet nicht. Gewiß kann ſie nicht kommen; ſie iſt ohnmächtig, krank!“ „Bleib' Du nur, wo Du biſt!“ ſagte der Vater, indem er ſtandhaft ſeinen Poſten behauptete.„Auf ſolche Krankheiten verſteh' ich mich jedenfalls beſſer als Du. Na, was iſt's?“ fuhr er fort.„Warum gibt die Jungfer keine Antwort? Warum—“ Er verſtummte, denn er war in das Zimmer getreten und ſah ver⸗ wundert in demſelben umher. So hoch er auch das Licht in die Höhe hielt, damit der Schein in alle Win⸗ kel dringen konnte, nirgends war eine Spur von Zu⸗ leima zu entdecken.„Das iſt ſpaßig“, ſagte er.„Wo iſt denn die Jungfer? In ein Mausloch kann ſie doch nicht gekrochen ſein!“ „Mein Gott! Laßt mich hinein, laßt mich ſehen und ſuchen!“ rief Benno, der nicht mehr zurückzuhalten 154 war.„Was iſt das?“ rief er außer ſich, indem er in jeden Winkel leuchtete, während die Mutter das Bett zurückſchlug, der Rath aber mit dem Stocke unter dem⸗ ſelben ſondirte.„Zuleima!“ rief er im Tone zärtlicher Liebesverzweiflung.„Gib Antwort! Rede, ſprich, wo Du biſt! Gib mir ein Zeichen! Erkennſt Du mich nicht? Ich bin es, der Dich ruft, Dein Freund, Dein Ge⸗ liebter—“ Auch dieſe Aufforderung hatte keinen Erfolg, die Geſuchte war und blieb verſchwunden.„Nun irgendwo muß die Jungfer doch ſtecken!“ ſchrie Millauer, der ſich wieder etwas gefaßt hatte.„Das Fenſter iſt zu, eine andere Thür iſt nicht da. Zum Schlüſſelloch kann ſie doch nicht hinaus, wie eine Hexe oder Trude.“ „Halt!“ rief jetzt Frau Millauer, in welcher plötz⸗ lich bei der Erwähnung einer andern Thür ein Ge⸗ danke aufſtieg. Sie eilte auf einen hoch bis an die Decke reichenden Holzſchrank zu, der die ganze Tiefe des Zimmers einnahm, ſodaß es nicht ausſah wie ein Schrank, ſondern wie in die Wand eingelaſſenes Getäfelwerk. Raſch öffnete ſie die Flügel, und:„Da ha⸗ ben wir's!“ rief ſi'.„Daran hat kein Menſch gedacht. Der Kaſten hat in der Rückſeite eine Oeffnung, die in die Rumpelkammer und in die Holzlege hinausführt. In ihrer Deſperation wird die Türkin Alles ausgeſucht 155 haben, hat die Thür gefunden und iſt richtig auf und davon.“ „Fort! Entflohen!“ rief Benno außer ſich und ſtürzte der Thür zu, indem er unterwegs die Mutter haſtig umarmte.„Lebt wohl, Frau Mutter!“ rief er. „Ich gehe, Zuleima zu ſuchen, und wenn ich bis an das Ende der Welt laufen müßte! Ich komme mit Zu⸗ leima zurück oder gar nicht mehr!“ „Bub'! Benno!“ ſchrie die Mutter und knickte, unfähig, ihn zu halten, auf einem Stuhl zuſammen. „So bleibe doch! Höre mich doch nur an!“ Er vernahm ſie nicht mehr. In einem Stuhle gegenüber aber hatte ſich der Rath, ebenfalls etwas unfreiwillig, niedergelaſſen und lamentirte:„Jetzt iſt Alles aus! Der Bub' iſt fort, die Türkin, die uns die Durchlaucht übergeben und anvertraut hat, iſt fort! Herr Gevatter, hat Er nichts Niederſchlagendes bei ſich? Mir wird recht übel.“ Zuleima war indeſſen feſter verwahrt und ſicherer aufgehoben, als ſie ſelbſt wünſchen konnte. Es war ſchon ſtark gegen Abend gegangen, als ſie den Ausgang durch Schrank und Kammer entdeckt und von allen unbe⸗ merkt die Wohnung verlaſſen hatte. Der bitterſte Schmerz über ein abermals verlorenes Leben, über alle die ſchö⸗ nen, mit einem Schlag geknickten Blüten der Hoffnung 156 und des Glückes durchſtrömte ihr Herz und brach ſich in lichten Tropfen Bahn durch die verſchwimmenden Augen. Sie wußte ſelbſt nicht recht, was ſie vorhatte, nur der eine Gedanke ſtand in ihr feſt, daß in dieſem Hauſe ihres Bleibens nicht mehr war. Auf der Straße angekommen, ſtand ſie einen Augenblick rathlos, da erblickte ſie gegenüber das Thor der kurfürſtlichen Re⸗ ſidenz, weit geöffnet, als wollte es ſie gaſtlich zu ſich winken, und plötzlich zuckte es freudig durch ihr Ge⸗ müth; die edle Fürſtin, die ſich ihrer ſo gütig ange⸗ nommen, ſtieß ſie gewiß auch jetzt nicht hülflos von ſich. Schon der nächſte Augenblick traf ſie im Hof und auf der Treppe des Schloſſes, bis ſie in den weit⸗ läufigen Gängen anhielt, abermals unwiſſend, wo⸗ hin ſie ſich wenden ſolle. Furchtſam ſchritt ſie dann den langen Forridor dahin, an deſſen fernem Ende ſo eben angezündete Lampen verriethen, daß ſich dort be⸗ wohnte Gemächer befinden mußten, während zugleich die koſtbaren, über das Pflaſter gelegten Teppichſtreifen zeigten, daß deren Bewohner zu den vornehmſten der Reſidenz gehören mußten. Sie war noch nicht weit gekommen, als ſich ſeitwärts eine Thür öffnete; der Kammerdiener Arnold trat heraus und blieb überraſcht vor dem Mädchen ſtehen, das er trotz der veränderten Tracht auf den erſten Blick erkannte. 157 „Was ſeh' ich, die Jungfer Türkin!“ ſagte er. „Wie kommt Sie in die Reſidenz? Zu wem will Sie?“ „Zu wem ſonſt, Herr“, erwiderte Zuleima ſchüch⸗ tern,„als zu der Fran Kurfürſtin! Seid gnädig, Herr, und führt mich zu ihr!“ „O wie gern, ſchönſte Jungfer, will ich Ihr ge⸗ fällig ſein!“ ſagte der Kammerdiener, welchem tückiſche Freude aus den Augen leuchtete.„Aber jetzt ſind Ihre Durchlaucht die Frau Kurfürſtin noch bei Tafel; in einer halben Stunde will ich Sie gleich zu ihr führen. Trete⸗ Sie nur herein und warte Sie die wenigen Augenblicke!“ Er öffnete ein niedliches, hell beleuchtetes Zimmer, lud ſie ein, es ſich bequem zu machen, und verſprach, in kürzeſter Zeit wiederzukommen. Während Zuleima, erſchöpft von den Erregungen und Leiden der Stunden, auf ein Ruhebett ſank und für ihre Rettung ein ſtilles Dankgebet zu dem Chriſtengott emporſandte, den ſie kaum kennen zu lernen begonnen und der dennoch ihrer ſchon ſo gnädig gedacht, drehte der Kammerdiener leiſe den Schlüſſel im Schloſſe und ſteckte ihn zu ſich. „Das nenn' ich Glück haben“, ſagte er für ſich hin. „Darüber kann mir doch Niemand einen Vorwurf ma⸗ chen; das wäre wohl ein rechter Dummkopf, der ein ſolches Vögelchen nicht feſthielt, wenn es ihm ſelbſt ins Garn flattert.“ Viertes Kapitel. Auf den Kreuzwege. „O du liebe, glückſelige Waldeinſamkeit, wie biſt du ſo ſchön!“ rief ein alter Mann in die friſche Morgenkühle hinein, welche durch die Tannen⸗ und Föhrenwipfel über ihm einherrauſchte und den Harzduft zu ihm niederwehend den greiſen Bart kräuſelte, der wie ein breiter Silberfall auf die braune Kutte des Klausners herabhing. Das dunkle Gewand, mit weißem Knotenſtricke gegürtet, umhüllte die ſtattliche“ noch ungebeugte Greiſengeſtalt bis zu den Holzſohlen herab, die mit ſtarken Lederriemen an die nackten Füße geſchnürt waren.„Wie hiſt du ſo ſchön“, rief er noch einmal, indem er die Hände im Schooße faltete,„ſo ſchön, daß ich ſchier nicht mehr begreifen kann, wie 159 ich einmal vermocht habe, anderswo zu leben, und wie nicht alle Menſchen Stadt und Land und die ganze Welt zurücklaſſen, ſich auch zu dir flüchten! Was iſt man doch in jungen Jahren ſo verblendet! Hätt' ich's doch ſo gut haben können all mein Lebtag, aber ich hab' es nicht verſtanden, hab' gemeint, ich müſſe hinaus in die weite Wekt und dort das Glück ſuchen! Lieber Herrgott, ich hab's wohl nicht verdient“, fuhr er nach kurzem Schweigen fort;„aber Du haſt es doch gut ge⸗ macht mit mir, lieber Gott! Du haſt mich's zu guter Letzt noch hier finden laſſen. Danke Dir dafür, ich danke Dir tauſendmal!“ Es war eine liebliche Waldblöße, wo der Einſied⸗ ler ſaß, rings von rieſigen Tannen und Föhren um⸗ ſchloſſen, ein breiter, ſaftig grüner Raſenfleck, von einem kleinen Forellenbächlein bewäſſert, das plätſchernd und luſtig mittenhindurch glitzerte, und mit Feldblumen aller Art überdeckt. Als wären ſie zur Zier darauf geſchüttet oder gleich bunten Tüchern ausgebreitet, ſo dichtgedrängt ſtanden die rothen Flocken der Feder⸗ nelke oder die weißen, blaßrothgeſäumten Sterne des Maßliebchens oder die goldglänzenden Rundkelche der Butterblume beiſammen, während näher am Rinnſal des Wäſſerleins Vergißmeinnichte zwiſchen den bartigen Halmen des Wollgraſes wie blaue Augen hervorlugten 4160 oder das Maiblümchen ſeine blanken, zierlichen Glöck⸗ lein emſig ſchaukelte. Am Waldrande ſtand eine kleine Hütte, ſchlicht aus rohen Fichtenſtämmen gezimmert, mit Rinden be⸗ kleidet, in den Ritzen und Fugen mit Waldmoos und grauem Baumbart verſtopft; über dem Dache ragten ein paar Stangen wie ein leichtes Thürmlein empor und trugen die kleine Glocke, deren Seil zur Thür der Klauſe herniederhing. Durch das offene Fenſter war eine etwas niedrige Herdſtelle zu erkennen und gegenüber das Bretergerüſt, das mit grober Decke belegt zur Lagerſtelle diente. Oberhalb an der Wand war ein Kreuzbild aufgehangen, hinter dem ein Zweiglein der Palmweide mit ihren ſammtenen Kätzchen mit den ſtarken Sproſſen der Stechpalme zuſammengebunden war, ein Schmuck, dem der Aberglaube zugleich die Kraft zuſchreibt, das wilde Feuer zu bannen. Vor der Einſiedelei war eine Bank angebracht, von welcher der ganze Raſenplatz, ſowie auch der zwiſchen den roth⸗ grauen Tannenſtämmen ſich heranwindende Weg weit⸗ hin überblickt werden konnte. Gegenüber aus den Tannen ſtieg ein kleiner Hügel empor, auf deſſen Gipfel drei mächtige Kreuze aufgerichtet waren mit den hölzernen Bildern des Heilands und der beiden Schächer, die, wenn auch nicht beſonders kunſtvoll geſchnitzt, doch 161 mit einem gewiſſen Scheine des Lebens und mahnen⸗ dem Ernſte herniederſchauten, das ſtille Plätzchen als Ort der Andacht und Erbauung zu bezeichnen. Es war die Einſiedelei zum„Bergel“, die letzte jener Kreuzwegſtationen, welche etwa hundert Jahre früher der Ahnherr des Kurfürſten, der frommgläubige Wilhelm, als er vor den Sorgen der Regierung und dem Treiben der Welt in die gottſelige Einſamkeit geflohen war, auf dem Wege von München nach Schleißheim im düſtern Walde erbauen ließ und die er mit ſeiner gleichgeſinnten Gemahlin Renata von Lothringen oft im Gewand des Pilgers oder eines gemeinen Betfahrers durchwanderte, um nach Landesſitte und Kirchenbrauch „den Kreuzweg anzubeten“. Es war noch früh am Tage. Der erſte Sonnen⸗ ſchein reichte eben an den oberſten Tannengipfel hinauf und weckte die ſchlummernden Vögel, die in dem dich⸗ ten Verſteck geniſtet oder geherbergt hatten; es begann, ſich in dem dunkelgrünen Tannengeäſte zu regen, und wo hier und da Ulme oder Buche die hellere Laubkrone zwiſchen die dunklen Nadelzweige drängten, da fing es unter den Blättern zu zwitſchern an, erſt leiſe, kurz und vereinzelt; dann wurden die Töne lauter, andauernder und vielfältiger, bis ſie ſich zuletzt zu einem hellen, vielſtimmigen Chore vereinigten, dem der alte Einſied⸗ Schmid. Die Türken in München. II.. 11 162 ler mit gefalteten Händen lauſchte, als würde ein Ge⸗ bet geſprochen, dem er andächtig zuhören müſſe. „Jetzt wird's Zeit ſein“, ſagte er dann,„daß ich auch den Tag anläute. Ich meine, drüben auf der Schwaig in Schleißheim fängt das Glöcklein auch ſchon an ſich zu rühren.“ Er trat an die Klauſe, machte das Seil los und ließ die kleine Glocke in drei Abſätzen erklingen, als wäre der Schall die helle Stimme eines Waldſängers, der es verſchlafen und der ſich nun ſpute, das Ver⸗ ſäumte nachzuholen und Morgen und Sonne und den⸗ jenigen zu begrüßen, der beide wieder heraufgeführt über dem finſtern Walde und der finſtern Nacht. Das Geläute war kaum verſtummt, als es in den Aeſten der nächſten Bäume gar wunderbar zu huſchen und zu flattern, zu piepen, zu zwitſchern und zu gurren an⸗ hob und ein beſonderes geſchäftiges Leben rings ſich regte. „Seid Ihr ſchon munter?“, ſagte der Klausner, indem er freundlich lächelnd emporſah.„Mahnt ihr mich an euer Frühſtück? Nun, ihr habt eure Matu⸗ tin gar ſchön geſungen und euch die paar Körner wohl verdient. Da habt ihr! Laßt euch's ſchmecken!“ fuhr er fort, indem er aus den Aermeln der Kutte Brod hervorholte und die Krumen auf dem Platze vor — 163 der Klauſe umherſtreute. Da ſchwirrte und ſchnurrte es von allen Seiten in raſchem Fluge zu ihm herab; da kam die braune Holztaube mit dem zierlich gewen⸗ deten Halſe und trippelte neben dem flatternden Hänfling; die Droſſel mit der Amſel fand ſich ein und der ſchmetternde Finke blieb ebenſo wenig aus als das hüpfende Rothkelchen oder die Grasmücke mit ihrem ſteten luſtigen Flügelſchlagen. Stillvergnügt ſah der Greis dem Vogelſchwarme zu, der munter und ver⸗ traulich durcheinander hüpfte und huſchte und ohne die mindeſte Scheu ihm bis hart vor die Füße herange⸗ trippelt kam. Sie kehrten ſich nicht daran, als hoch in der Luft ein krächzender Geier über der Blöße hin⸗ ſtrich und über derſelben einen Augenblick ſchwebend anhielt, als ſei er unſchlüſſig, ob er nicht herabſtoßen ſolle, ſich eine Beute zu holen. „„Fliege nur weiter, du grober Hacht!“ rief der Klausner emporblickend, indem er den Räuber mit dem Aermel der Kutte zu verſcheuchen ſuchte.„Hole dir ein Opfer draußen in der Welt! Es gibt dort genug der armen Thierlein, die leider Niemand beſchützt, von meinen Koſtgängern ſollſt du dir keinen holen!“ Als ob er die Mahnung verſtanden hätte, ſchwebte der Stößer ruhigen Fluges über die Waldblöße hinweg; der Klausner aber ging, nachdem die Vöglein allmälig 164 ſich wieder verflogen hatten, die Wieſe am Bachrande entlang und pflückte Blumen, mit denen er dann ſich auf die Bank ſetzte, ſie vor ſich in der Kutte hielt und daraus ein Kränzlein zu binden anfing, das zu den Füßen des gekreuzigten Heilands aufgehangen werden ſollte. Es war ein anmuthiges Bild, den Greis zu ſehen, der in der Nähe des Todes noch Sinn und Muth hatte, das Geſchäft der Jugend zu treiben und einen Kranz zu flechten aus den flüchtigen Blumen des Lebens. 3 Mit völlig verſchiedenen Gefühlen ſchritt indeſſen den Föhrenwald ein Wanderer heran, der ſich noch bei Nacht von der Stadt her auf den Weg gemacht haben mußte, um ſchon in ſolcher Morgenfrühe gegen die Einſiedelei zum Bergel heranzukommen. Er ſchritt trüb⸗ ſelig einher und hatte kein Auge für das thauſchim⸗ mernde Gras unter ihm, für das Blühen und Duften um und für den Lerchenjubel über ihm; wer den Burſchen geſehen, wie er mit hängendem Kopfe nnd geſenkten Augen einherſchritt, als läge ihm eine Laſt auf den Schultern, die er kaum zu ſchleppen vermöchte, der hätte Mühe gehabt, in ihm Peterl, den lebens⸗ friſchen, überkräftigen Pfannenknecht wiederzuerkennen, der ſonſt wohl auf ſolchem Wege mit jedem Hirſche um die Wette gelaufen wäre und, wenn auch nicht ſo fein, 3 1 —.—— 165 doch gewiß noch lauter geſungen hätte als die beſte Lerche. Als der Klausner den Herankommenden gewahrte, ſtand er auf und ging ihm entgegen, als müſſe er ſich überzeugen und traue den alten Augen nicht aus ſo weiter Entfernung.„Träumt mir denn“, ſagte er, als er den Wanderer ſchon ziemlich nahe vor ſich hatte, „oder biſt Du's wirklich, Peterl?“ „Ich bin's ſchon“, ſagte der Burſche traurig, in⸗ dem er das Bündel, das er am Stocke über der Achſel getragen hatte, in das Gras ſchleuderte und ſich ſelbſt daneben hinwarf.„Mit mir iſt's aus, Frater Onu⸗ phrius! Ich bin nur noch heraus, um Euch Böhüt' Gott zu ſagen; dann geh' ich in die weite Welt.“ „Was wäre mir denn das für ein verzagtes, klein⸗ müthiges Weſen?“ rief der Klausner.„Steh' doch auf! Das fehlte noch, daß ein großmächtiger Menſch wie Du ſich nach geſtreckter Läng' auf den Boden hinlegt und zu flennen anfangt wie ein kleiner Bub'. Schämſt Du Dich nicht? Ich glaub' gar, er hat die Augen voll Waſſer!“ „Ich glaub's faſt ſelber“, ſagte Peterl, indem er, der Aufforderung des Einſiedlers folgend, neben dieſem auf der Bank Platz nahm.„In jedem Fall hab' ich nimmer weit hin zu den naſſen Augen. O lieber Frater 166 Onuphrius, ich bin der unglücklichſte Menſch zwiſchen Sonne und Mond; ich geh in die weite Welt oder thut mir gar noch den Tod an!“ „Aber warum denn? So rede doch, Peterl!“ ſagte der Greis gutmüthig.„Erzähle, was geſchehen iſt; aber erzähle mir Alles und ſag' mir, wie's wahr iſt! Verſchweig' mir nichts— Du weißt ja, daß ich Dich alleweil gern gehabt hab'.“ „Wohl weiß ich das“, rief Peterl und wollte die Hand des Einſiedlers küſſen, was dieſer ziemlich derb abwehrte.„Wohl habt Ihr mich gern g'habt und noch dazu ganz allein; denn was wär' denn aus mir wor⸗ den ohne Euch? Hab⸗ ich doch mein Lebtag ſonſt keinen Menſchen gekannt und gehabt, der ſich meiner ang'nom⸗ men hätt'. Ihr ſeid's g'weſen, der mich untergebracht und der geſorgt hat, daß ich was lernen hab' können und ein richtiger Menſch worden bin.“ „Nun alſo“, entgegnete der Frater,„wenn Du das einſiehſt, ſo mach' mir jetzt das Gute nicht zu Schan⸗ den, mach' nicht, daß die ganze Müh' umſonſt aufge⸗ wendet iſt, und haſt Du bis heute Vertrauen zu mir gehabt, ſo hab' es jetzt auch und red' von der Leber weg!“ „Ich wollt' ja gern“, ſagte Peterl blöde,„ich fürcht' nur, Ihr verſteht mich net recht, Frater Onu⸗ phrius; Ihr ſeid ja ein Klausner.“ 167. „Warum ſoll ich Dich deshalb nicht verſtehen?“ ſagte der Greis mit eigenthümlichem Lächeln.„Bin ich doch auch nicht in der Kutte auf die Welt gekommen. Alſo ſchieß' einmal los ins Teufels— Gott verzeih' mir die Sünde!— in Gottes Namen!“ Zögernd begann nun Peterl ſeine Erzählung; ſtockend nur und in Unterbrechungen vermochte er ſie zu vollenden und zu berichten, wie er im Hauſe des Prügelbrauers, wohin der Frater ihn empfohlen, nicht nur eine Heimat und ein Vaterhaus, ſondern auch Alles gefunden, wegen deſſen es eigentlich der Mühe werth ſei, auf der Welt zu ſein; er ſchilderte, welch ſchöne Hoffnungen er gehegt, und wie nun der ganze junge Garten ſeiner Wünſche und Pläne in Grund und Boden verhagelt ſei, daß auch kein einziges grünes Hälmchen übrig geblieben, das wie Hoffnung ausſähe. „So bin ich halt auf und davon“, ſchloß er dann. „Ich hab's wohl auf alle Art probirt, die Wabi noch einmal zu ſehen; aber es iſt umſonſt g'weſen; der Alte muß ſie eing'ſperrt haben. Da war's mein einziger Gedanke, daß er vielleicht doch noch zum Nachgeben zu bringen wär', wenn lich ihm nur wenigſtens ſagen könnt', wer denn mein Vater und meine Mutter geweſen ſind, wenn ich wenigſtens kein Findelkind wär', und deswegen bin ich zu Euch heraus, Frater Onuphrius; 168 denn wenn mir Jemand was davon ſagen kann, ſo ſeid Ihr's. Ich hab' Euch nie viel drum geplagt; aber jetzt bitt' ich Euch herzlich, weil ich nimmer anders kann: ſagt mir, was Ihr von mir wißt; wenn Ihr mir aber auch nichts zu erzählen wißt, dann bleibt's bei dem, was ich geſagt hab'; dann geh' ich fort und werd' Soldat.“ „Nun, nun“, ſagte der Klausner, indem er ihn wohlgefälligen Blicks betrachtete,„es wär' vielleicht auch nicht ſo weit gefehlt, Du würdeſt einen ſtattlichen Panzerreiter abgeben, und man kann ein tüchtiger Soldat ſein und doch im Grunde des Herzens brav leiben. Thuſt mir leid, armer Burſch'; darfſt nicht glauben, daß ich nicht wüßte, wie Dir ums Herz iſt! Deswegen ſag' ich Dir aber doch: Du mußt Dir das Mädel aus dem Sinn ſchlagen. Schau', die Wabi iſt halt eine Honigwabe, die für Dich nicht gewachſen iſt. So geh halt in Gottes Namen in die Welt! Haſt Dein Handwerk richtig gelernt, biſt ein ordent⸗ licher Brauknecht, drum geh auf die Wanderſchaft; wenn's aber nicht durchaus ſein muß, ſo geh nicht unter die Soldaten! Wohl iſt's ein freies, aber auch ein wüſtes Leben, und wenn ich meine grauen Haare frage, ſo kann ich Dir nicht dazu rathen.“ „Alſo hab' ich keine Hoffnung?“ fragte Peterl 169 trübſelig.„Es ſcheint, Ihr könnt mir auch nicht ſagen, wer meine Aeltern ſind und ob ich denn wirk⸗ lich ein Findelkind bin?“ „Doch“, erwiderte der Einſiedler;„das kann Dir Niemand genauer ſagen als ich, aber helfen wird Dir's nicht viel. Ich will Dir gleich Alles erzählen, was ich weiß. Zuvor aber ſollſt Du einen friſchen Trunk haben; Du wirſt müd' und hungrig ſein, und auch für mich iſt's die Zeit zum Frühſtück.“ Er nahm ein Krüglein von der Wand der Klauſe, und nachdem er es ſorglich in dem Bache ausgeſpült, ging er auf den Hügel zu, in welchem ſich eine raſen⸗ bedeckte und darum nicht ſichtbare Thüre aufthat und in einen kühlen, dunklen Raum hineinſchauen ließ. Das Nützliche war hier mit dem Angenehmen, die Andacht mit dem Bedürfniß verbunden und das Cal⸗ varienberglein zugleich als Keller benutzt, in welchem der Klausner das Fäßlein Gerſtenſaft, das irgend ein Zug frommer Wallfahrer ihm geſpendet, wohl ver⸗ wahren und friſch erhalten konnte. Bald war er mit dem Krüglein zurück, reichte es Peterl, der nur gerin⸗ gen Beſcheid that, ſtärkte ſich ſelbſt mit behaglichem Zuge und begann zu erzählen: „Ich hab' Dir ſchon geſagt und Du kannſt es Dir auch ohnehin einbilden, daß ich nicht immer in 170 dem Wald da geſeſſen und daß ich einmal auch einen andern Rock getragen hab' als den braunen da; ich hab' ein paar andere verſucht, den Bauernrock und den Soldatenrock; aber keiner hat mir auf die Länge der Zeit ſo gut gefallen wie meine grobe Kutte da. Bin alſo ein Bauer geweſen, und wenn Du vor fünfzig Jahren nachgefragt hätteſt, ſo hätteſt Du im ganzen Lenggries und die Iſar auf und ab keinen friſchern Burſchen gefunden, keinen keckern Bergſteiger und keinen beſſern Wildſchützen als den Thalwieſer⸗Franz, und das war ich, wenn ich auch jetzt nicht mehr darnach ausſehen mag. Ich hab' auch alle Urſach gehabt, friſch zu ſein und luſtig; denn es iſt mir auf der Gotteswelt nichts abgegangen. Ich habe ein paar tüchtige Arme gehabt zu der Arbeit, die mir, wenn ich auch nur ein Knecht war, weit mehr verdienten, als ich brauchte; zu meiner Luſtbarkeit habe ich Büchſe und Armbruſt gehabt, mit denen ich den Gemſen und den Steinböcken nachſtieg, und wenn ich hinaufgeſtiegen bin auf den Kampen oder auf den Forkenſtein, hab' ich an einer Mühle vorbei gemußt, wo das Waſſer ſo hell und luſtig gerauſcht hat wie ſonſt nirgends, und wo allemal, ſo oft ich vorbeiging, ob früh oder ſpät, ob Tag oder Nacht, ein paar ſchwarze Augen heraus⸗ geſchaut haben, die mir bald nimmer aus dem Sinne 171 gekommen ſind, und ſo iſt es denn geſchehen nach und nach, daß ich im Vorübergehen auf ein paar Augenblicke in der Mühle eingeſprochen und neben der hübſchen Müllerstochter auf der Bank vor der Thür ein Weilchen verplaudert habe, daß das Plaudern nach und nach immer länger und die Jagd immer kürzer geworden iſt als der Beſuch auf der Mühle— mit einem Wort: es iſt mir eben gegangen wie Dir; ich hab' mich ſchon als Müller geſehen in der ſchönen Mühl' und neben der ſchönen Müllerin. Es iſt aber anders gekommen; denn außer mir haben auch noch Andere den Weg an der Mühle vorbei gefunden. Ich in meiner Herzensglückſeligkeit habe mich nicht darum gekümmert, und es iſt mir darum geweſen, als wenn ich einen unvorſichtigen Tritt gethan hätt' und wär' über ein Geſchröf hinuntergeſtürzt, wie mir die Müllerin eines Tages rundweg die Lieb' aufgeſagt hat, weil ich ein armer Teufel wär' und weil ihr der Forſtner von Hohenburg beſſer gefallen hat, der in ſeinem grünen Rock mit den Goldborten daran und in ſeinem Federhut dahergeritten kam, als wär' er der Gutsherr ſelber. Jetzt wirſt mir wohl glauben, daß ich ganz gut verſtehe, was Du mir erzählt haſt; darum glaube mir auch, wenn ich Dir ſage, daß ſolch Leidweſen, wenn man auch meint, das Herz müßte darüber in 172 Stücke gehen, wie Alles auf der Welt auch ſein End' hat und daß es nicht länger dauert als das größte Glück auf der Welt, das ja auch gar oft nicht länger währt als vom erſten Gebetläuten bis zum Ave Maria.“ Peterl hörte aufmerkſam zu, aber er erwiderte nichts. „Bin ich alſo hinaus in meiner erſten Wuth und Eiferſucht“, fuhr der Einſiedler fort,„und hab' mich mit meiner Armbruſt hinter dem Steinwehr bei der Mühle verſteckt und auf den Forſtner gelauert; denn ich habe mir vorgenommen gehabt, wenn er käme und ihm die falſche Müllerin, wie das ihre Gewohn⸗ heit war und wie ſie's oft genug bei mir gethan, ent⸗ gegenlaufen würde, ihm einen Bolzen mitten durchs Herz zu jagen und ihn vor den Augen der ehrver⸗ geſſenen Perſon auf die Schwelle niederzulegen. Wie er aber dann ſo dahergeritten kam, geſund und friſch und ohne Arg, da hat mir die Hand gezittert, da iſt mir eingefallen, daß er mir ja doch in ſeinem Leben nichts Leides gethan, und daß ich's ihm wohl nicht verdenken könne, wenn ihm das Mädel gefiele, in das ich mich ja auch vernarrt hatte. War ja doch die Hauptſchuld nicht an ihm, ſondern an ihr, und da iſt es mir vorgekommen, ſie wär' es gar nicht werth, daß eines ehrlichen Menſchen unſchuldig Blut wegen ihr ſollte vergoſſen werden und daß ein anderer ehr⸗ 173 licher Menſch wegen ihr ſollt' zum Mörder werden. Hab' mir alſo gedacht, ich wollt' es der Zeit überlaſſen und dem Förſter ſelber, mich an ihr zu rächen. So hab' ich mich umgewendet, hab' die Armbruſt an den Nagel gehängt und dafür das Beil auf die Schulter genommen, hab' mich als Flößer verdungen und bin die Iſar heruntergefahren bis München. Damals iſt überall Krieg geweſen im ganzen Lande, der hatte ſchon in die fünfzehn Jahre gedauert und war Mangel an Soldaten, und Herzog Maximilian ließ auf allen Straßen die Trommel rühren und Leute werben, die mit ihm und mit dem Tilly ausziehen wollten gegen die Luthriſchen und gegen den Schwedenkönig. Bin alſo mitgegangen und bin weit herumgekommen im deutſchen Reich, bis hinauf, wo man das Meer ſieht, hab' mich mit den Schweden und Franzoſen herumge⸗ hauen und auch unter dem Mercy gedient, der mir der liebſte geweſen iſt unter allen den Oberſten und Commandanten, die ich kennen gelent im bayeriſchen Heerlager und in des Kaiſers Armee. Bin dabei ge⸗ weſen bei Mergentheim und bei Allersheim, und da iſt's dann geweſen, wo mir das Kriegsleben iſt ver⸗ leidet worden bis an den Hals! Mein Arm, den eine Kugel getroffen hatte, iſt mir zerſchmettert und wund am Leibe heruntergehangen; meinen Oberſtwachtmeiſter, 174 den braven Mercy, für den ein jeder von uns ins Feuer gegangen wäre, hab' ich nackt und todt, voll Blut und Schmuz daliegen ſehen, wie ihn die Fran⸗ zoſen herumgezogen und geplündert hatten— da iſt mir auf einmal ganz anders geworden in meinem Sinn, und das Heimweh hat mich gefaßt, daß ich ihm nicht mehr hab' widerſtehen können. Habe mich alſo weiter ins nächſte Dorf geſchleppt; das hatte der Turenne, der franzöſiſche Mordbrenner, auf dem Rückzug anzün⸗ den laſſen, daß ringsum nichts zu ſehen geweſen iſt als rauchende Schutthaufen und darunter hier und da ein Arm oder Fuß von den armen Leuten, Bauern und Soldaten durcheinander, die von den Franzoſen niedergemacht und halbtodt oder auch noch lebendig ins Feuer geworfen worden waren. Da hat mich ein Grauſen angefaßt und ein Schauder iſt mir angekommen, daß ich auch mitgeholfen hab' zu ſolchem Elend, und ich hab' mir vorgenommen, das wieder gut zu machen, ſo viel's in meiner Macht ſtünde, und wie ich das ſo bei mir überlegt hab', da iſt's geweſen, als wenn mich der Himmel gleich hätte beim Wort nehmen wollen. Auf einmal hab' ich etwas gehört wie das Weinen von einem kleinen Kind, und wie ich dem nachgegangen bin, hab' ich in einem Winkel Dich lie⸗ gen gefunden auf einem naſſen Strohbündel, das nicht 175 recht angeglommen war, ſonſt wärſt Du wohl auch mit verbrannt. Da hab' ich Dich aufgehoben und mitgenommen und hab' Dich bis München getragen; da hab' ich Dich in die Koſt gegeben und für Dich geſorgt, ſo gut ich's gekonnt hab'. Ich ſelber bin noch einmal hinein in meine Heimat, hab' mir die Berge alle angeſchaut und die ſchöne Mühle— es haben wild⸗ fremde Leut' darauf gehauſt, die haben von der Müllerin nichts Anders gewußt, als daß ſie der Jäger in Schand' und Spott gebracht und dann ſich nimmer hat blicken laſſen. Da haben ſie einmal in der Früh' die arme Dirn aus dem ſchönen klaren Mühlſchuß herausgezogen und an der Kirchhofsmauer eingeſcharrt, wo die Selbſt⸗ mörder liegen. Ich hab' ſie noch einmal heimgeſucht dort und hab' mit ihr unter das lange Gras hinunter geplaudert, dann bin ich in die. Stadt zurück und bin bei den Franciscanern als dienender Bruder eingetreten und hab' ein ſtilles, gottſeliges Leben geführt, bis die Klauſe am Bergel frei geworden war. Da hab' ich mir die Einſiedelei ausgebeten und ſeitdem leb' ich hier in meinem Gott vergnügt, bis meine Neige Zeit völlig ausgeronnen iſt, und bin froh, daß es ſo lange gehalten hat, daß ich Dir noch den guten Rath hab' geben und Alles erzählen können. Alſo noch einmal, Peterl, ſchlag' Dir die Gedanken an das Mädel aus 76 dem Kopf, bete und arbeite, dann wird's ſchon gehen. Wer alſo Deine Aeltern geweſen ſind, ob es Bauern aus dem Dorfe waren oder Kaiſerliche, die mit darin zu Grunde gegangen, kann ich Dir nicht ſagen; das kann auch kein Menſch mehr erfahren und herausbringen, aber deswegen biſt Du ja doch nicht verlaſſen; Du haſt ja noch mich, und da droben im Himmel haſt Du einen rechten Vater, vor dem Du kein Findelkind biſt und der gewiß zu Dir hält, ſolang’' Du ihn nicht verläßt.“ 3 Der Burſche ſchien von den Gründen und Er⸗ mahnungen des Bruders ebenſo wenig erbaut als von der Geſchichte, die er ihm erzählt hatte. Er ließ un⸗ gern den letzten Halm fahren, an den er ſich vor dem Verſinken in die völlige Hoffnungsloſigkeit noch immer geklammert hatte; haſtig beurlaubte er ſich daher, als der Greis geendet, und erwiderte auf deſſen Einladung, doch den Tag und die Nacht bei ihm zuzubringen, daß er es eilig und durchaus keine Zeit zu verſäumen habe; er wolle noch einmal in die Stadt zurück.„Ein⸗ mal muß ich's noch verſuchen“, ſagte er,„die Wabi zu ſehen; ich muß wenigſtens wiſſen, wie's ihr geht, ſonſt kann ich auch net fort und hätt' keine Ruh', was ich auch unternehmen wollt'’. Dann kann ich mich auch entſchließen, was ich thun will“, ſetzte er hinzu, indem ———— ÿ 177 er die Hand des Einſiedlers faßte und küßte.„Aber was ich auch thu', das verſprech' ich Euch, Frater Onuphrius, daß ich brav bleiben will und rechtſchaffen, hab' ja ſonſt auch nix, womit ich Euch für Alles danken kann, was Ihr mir Gutes gethan habt.“ Gerührt legte der Einſiedler die Hand wie ſegnend auf den Kopf des Burſchen.„Bleib' bei dem Vorſatz, Peterl“, ſagte er,„Du wirſt gut damit fahren. Ver⸗ zage nicht! Wenn man's am wenigſten glaubt, iſt das Glück oft am nächſten. Laß es Dir gut gehen draußen in der Welt, und wenn's Dir nicht mehr gefallt und wenn Du Dein Herzleid gar nicht verwinden kannſt, ſo komm wieder und bleib' bei mir, und wenn's bei mir zu Ende geht, ſo löſe mich ab! Es iſt gar ſchön und lieb und ſo wunderbar friedlich in der Klauſe am Bergel.“ 3 1 Raſch war der Burſche hinter den Tannen ver⸗ ſchwunden; raſch hatte er die Waldſtrecke zurückgelegt und ſah das ſtattliche Schloß von Schleißheim vor ſich liegen, vor welchem es gar lebhaft zuging und vielerlei Stimmen durcheinander tönten. Es wimmelte von Dienern, Roſſen und Wagen; denn der Kurfürſt war unvermuthet abends zuvor eingezogen und heute ſchon ſollte das neuerbaute Schloß eröffnet und mit der längſt vorbereiteten großen Bauernhochzeit einge⸗ Schmid, Die Türken in München. II. 12 ——— 178 weiht werden. In weitem Bogen, um Niemand zu begegnen, umging er das fröhliche Treiben und hatte bald wieder jenſeits deſſelben den einſamen, ernſten, ſchweigenden Föhrenwald erreicht, durch welchen eine gerade ſchmale Lichtung als Weg gehauen war, auf welcher in ziemlich weiten Zwiſchenräumen die kleinen Kapellchen ſtanden mit den Stationen vom Kreuzwege des Heilandes. Auch hier wanderte Peterl nicht in der offenen Lichtung dahin, ſondern zog es vor, ſich 4 am Waldrande unter den Bäumen einen eigenen Pfad zu ſuchen; denn ſo einſam auch ſonſt der Weg war, auf welchem höchſtens ein neugieriges Eichhörnchen von den Tannen auf die betenden Wallfahrer niederſah, oder ein Heher aufrauſchte, der ſich in den Haſelſtau⸗ den oder an den jungen Eicheln erluſtirt hatte, ſo leb haft ging es doch heute dort zu. Bald kamen beladene Wagen mit allerlei Geräth und Eßwaaren heran, oder es polterte eine ſchwere Kaleſche mit geputzten Damen vorbei, oder es trabte eine Schaar munterer Herren und Damen vom Hofe durchs Gras; es gab noch Allerlei, was zu dem großen Feſte aus der Reſidenz nach dem Luſtſchloſſe gebracht werden mußte; die Ge⸗ ladenen eilten, ſich einzufinden, die zum Dienſte Be⸗— rufenen waren wohl darauf bedacht, zur rechten Stunde nicht zu fehlen. Hier und da zog auch wohl eine 149 Schaar Fußwanderer den langgeſtreckten Waldpfad dahin, Bürger oder ſonſtige Einwohner von München, welche die Neugierde und die Hoffnung herbeilockte, vielleicht durch eine Seitenthür oder ſonſt aus einem Winkel etwas von dem Feſte zu erkunden und erblicken zu können, von deſſen Herrlichkeit die Stadt ſchon ſeit Wochen überfüllt war. Nicht ſelten fanden ſich auch Kinder dabei; der ganze Haushalt war ausgewandert, um auch einmal eine ſommerliche Landfahrt zu machen, ſich im Walde zu ergötzen, dazwiſchen hinein aber an den Stationen anzuhalten und ſie pünktlich abzubeten bis zum Calvarienberge beim alten Einſiedel Frater Onuphrius. Schließlich aber wollte man ſich in der Schwaige des fürſtlichen Gutes erquicken, wo im Gras⸗ garten für die Müdigkeit ein angenehmer Lagerplatz, für den Durſt ein Krug Bier zu finden war, zu welchem dann der kalte Braten oder das Geſelchte trefflich mundete, welches die Hausfrau ſorglich in einen Korb gepackt hatte, der in Erwartung ſeines trefflichen In⸗ halts von der Magd oder dem Lehrjungen oder auch von den Genoſſen des Hauſes abwechſelnd geſchleppt worden war. Es war ein anmuthig wechſelndes Bild, wenn eben eine ſolche Schaar um ein Stationskapellchen herumlagerte und dann wieder in bunter Reihe laut und vielſtimmig durch den ſchweigenden Tannenforſt 12* 180 dahinzog, oder wenn an dem beſcheidenen bürgerlichen Zuge eine höfiſche Cavalcade vorüberſprengte, deren bunte Kleider, wehende Federn und ſchimmernde Klei⸗ nodien ſich mitten in dem melancholiſchen einförmigen Föhrengrün gar fremdartig anſahen. An der fünften Station hatten ſich ebenfalls drei ſolcher Wanderer gelagert; aber ſo fröhlich die Andern dahinzogen, ſo wohlgemuth Reiter und Reiterinnen vorüberſprengten, ſo trübſelig war das aus dem Rath Millauer, ſeiner Ehehälfte und dem Gevatter Brunnen⸗ ſchreiber beſtehende Kleeblatt. In der Wand des kleinen gemauerten Kapellchens war ein anſehnliches Steinbild eingefügt, in halberhabenen Geſtalten darſtellend, wie Simon von Cyrene dem unter der Kreuzeslaſt nieder ſinkenden Heiland die Bürde abnahm, ein Gebilde, das wohl erkennen ließ, wie die frommen Erbauer auch den Künſten hold geweſen und es wohl verſtanden, ihre Schöpfungen zu würdigen. Auf dem Betſchemel davor hatte ſich Frau Millauer niedergelaſſen; ſeitwärts war der Rath auf den Wurzeln einer Tanne gelagert, als ob er für immer hier zu bleiben gedächte; gegen⸗ über lag Gevatter Dellinger im Graſe und zwar auf dem Rücken, ſodaß zwiſchen den Halmen ſein Bäuchlein als ein anſehnlicher Hügel emporſtieg.„Ich bin eigent⸗ lich ein rechter Narr“, ſagte er, ohne ſich zu regen, 181 „daß ich bei ſolchem Wetter mich darauf einlaſſe, zu Fuß einen ſo weiten Weg zu machen. Es hätte ein gutes Wort an einen Hoſbedienſteten gekoſtet, ſo hätt; er uns alle heimlich in einen Kuchelwagen aufgepackt, dann wär' ich wenigſtens lebendig nach Schleißheim gekommen.“ „Ei, der Herr Gevatter ſollt' ſich ſchämen, ſo gar erlegt zu ſein!“ ſagte die Frau.„Da ſeh' Er einmal mich an! Ich hab' doch denſelben Weg gemacht und kann's kaum erwarten, bis wir wieder weiter gehen. Steht auf, Ihr Faulpelze! Wir müſſen fort; ſonſt kommen wir vor Nacht nicht nach Schleißheim.“ „Nur noch einen Augenblick!“ ſagte der Dicke. „Ich hab' noch nicht gehörig ausgeſchnauft. Meine Sohlen brennen wie Feuer, und wenn ich nicht ſchon Blaſen habe, muß ich ſie beim nächſten Tritt be⸗ kommen.“ „Mir wär's am liebſten, wenn ich gar nicht mehr aufſtehen dürft'“, ſeufzte Millauer.„Ich beſinne mich immer, ob es nicht das Geſcheidteſte wär', wenn ich wieder umkehrte.“ „Was fällt Dir ein?“ rief die Frau.„Du denkſt wohl nicht mehr daran, daß uns die Frau Kurfürſtin eine eigne Botſchaft geſchickt, wir ſollten ja gewiß herauskommen zu der Bauernhochzeit? Solch eine 7 182 durchlauchtige Einladung iſt ja eine Chr', wie ſie noch gar keinem Chriſtenmenſchen zu Theil geworden iſt. „Ich dank' für die Ehr““, ſagte Millauer noch immer unbeweglich.„Es wird eben heißen anfangs Hnui, und das Pfui wird ſchon nachkommen. Die Ein⸗ ladung wäre ſchon recht; aber ich wette meinen Kopf, die Frau Kurfürſtin denkt nicht anders, als daß wir 3 die Türkin mitbringen; wenn wir nun ohne ſie kom⸗ men, wird der Empfang ſchon darnach ausfallen.“ „Und wer iſt ſchuld daran als Du, weil Du in Deinem Zorn nie weißt, was Du thuſt?“ entgegnete Frau Millauer.„Ich für meinen Theil waſche meine Hände in Unſchuld! Durchlaucht, werd' ich ſagen, wenn zur Frau Kurfürſtin komme, ich kann nichts dafür; ich kann nicht gutſtehen für die Dummheiten von meinem Mann. Sie werden ſelber am beſten wiſſen, was man mit den Männern auszuſtehen hat.“ „Das wär' noch beſſer“, eiferte der Rath,„wenn ⅓⅓ — 1 Du mich in der Falle ſtecken ließeſt, anſtatt mich heraus⸗ zuziehen! Deine verfluchte Schuldigkeit wär's, daß Du mir auf meinem Kreuzweg entgegenkämeſt wie die weinenden Frauen von Jeruſalem, und daß Du mir das Kreu tragen hälfeſt, wie der Simon da auf der Station. 183 Drum mach' mir den Kopf nicht warm, Frau!“ fuhr er fort;„ſonſt lauf' ich wirklich in die Stadt zurück. Wenn nur wenigſtens der Bub', der Benno da wär', damit ich doch etwas hätt, woran ich meinen Zorn auslaſſen könnt'!“ „Den laß nur an Dir ſelber aus!“ entgegnete die unerbittliche Frau,„und ſtatt daß Du ſolche Ge⸗ danken haſt, wär's g'ſcheidter, Du würdeſt Dich ſorgen und kümmern, ob ihm nicht ein Unglück geſchieht. Mir möcht' das Herz im Leib vergehen vor Angſt, wenn ich daran denk' daß er die ganze Nacht nicht heimgekommen iſt, daß er vielleicht gar nicht geſchlafen hat und daß er nichts Richtig's zu eſſen bekommen hat ſeit geſtern Mittag!“ „Beruhige ſich die Frau Gevatterin!“ ſagte der Brunnenſchreiber.„Wie ich meinen Pathen kenne, kann er wohl eine Nacht und einen Tag ohne Schlafen und Eſſen aushalten; ich verhoffe auch, daß er ſich nur deshalb nicht mehr ſehen läßt, weil er eifrig dahinter her iſt, den Aufenthalt der Entflohenen aus⸗ findig zu machen, und ſo ihm das gelingt, wofür bei einem ſo wüthigen Verliebten gegründete Hoffnung beſteht, ſo dürfte Alles noch recht werden!“ „Meinetwegen“, ſagte Millauer, indem er den Hut aufſtülpte und, wie um ſich ſelbſt zu ermuntern 184 und Muth zu machen, durch einen Schlag auf den⸗ ſelben befeſtigte.„Der Bub' iſt groß genug, daß er nicht mehr verloren geht, wegen dem laſſ' ich mir kein graues Haar wachſen, und wegen der Türkin werd' ich der Hacke auch einen Stiel finden. Ich will auch meinen Mund aufmachen und werde mit dem Kur⸗ fürſten reden, wie ein Mann zu dem andern. Durch⸗ laucht, werd' ich ſagen, ich habe nur mein Hausrecht gebraucht und habe die Perſon eingeſperrt; da war ſie alſo gut aufgehoben, und wenn ſie nicht drinnen ge⸗ blieben iſt, ſo kann ich nichts dafür. Ich hab' auf andere und wichtigere Sachen zu denken, werd' ich ſagen! Ich muß Durchlaucht nur zeigen, daß Sie mich nicht umſonſt zum Türkeninſpector g'macht haben; dann werd' ich bei der Gelegenheit mit meinem Zettel herausrücken und Alles wird gut ſein.“ „Mit Deinem Zettel“, rief Frau Millauer.„Mann, laß Dich doch nicht auslachen obendrein! Iſt's noch nicht genug, daß Dir der Birbaſchi Deinen beſten Wein ausgetrunken und Dir einen Haarbeutel ange⸗ zecht hat, ſo lang, daß er von Nymphenburg bis nach Neuhauſen gereicht hätte? Ich bin kein Mannsbild und kein Rathsherr, aber das wär' mir doch einge⸗ fallen, daß ich ihn vor der Einladung gefragt hätt', ob er denn leſen kann.“ 185 „Frau!“ ſchrie Millauer,„erzürne mich nicht, oder ein himmelblaues Donnerwetter— Wäre ich nur heut' früh zu dem Kurfürſten gekommen, wie wir's ausgemacht haben, ich und der Herr Gevatter, dann wiäre jetzt Alles ſchon in der ſchönſten Ordnung, aber er iſt nicht mehr daheim geweſen; jetzt will ich ihm dafür gleich in Schleißheim meine Aufwartung machen, das kommt auf eins heraus. Alſo vorwärts! Jetzt bin ich wieder ganz der alte Millauer. Vorwärts, Gevatter! Steht auf!“ „Ja“, ſagte dieſer,„wenn das ſo leicht geſchehen wär', als es geſagt iſt. Ich bin kein ſolcher Gras⸗ hupfer, der von einem Bein aufs andere ſpringt; Ihr müßt mir ſchon ein bischen helfen, wenn ich in die Höh' kommen ſoll.“ Das Chepaar machte ſich bereit, ihm dieſen Liebes⸗ dienſt zu erweiſen; Jedes faßte ihn an einem Arm, und ſo zogen ſie ihn, feſt angeſtemmt, nicht ohne Mühe in die Höhe. Es mochte ein wunderlicher Anblick ſein, denn von dem Reiterzuge, welcher eben vorbeitrabte, ſcholl lautes Lachen von Männer⸗ und Frauenſtimmen ihnen zu. „Sollt' Ihnen ſchon vergehen, das dumme Ge⸗ lächter, wenn ſie in meinen Schuhen ſteckten“, ſagte Millauer ärgerlich. 186 „Oder gar in den meinigen“, ergänzte Dellinger, welcher auftrat, als ob er auf Eiern ginge. Der Reiterzug beſtand nur aus wenigen Perſonen: aus einigen Hoffräuleins, die ſich über den Vorbe⸗ reitungen zur Bauernhochzeit verſpätet hatten und nun von einigen Dienern und Casvalieren geleitet den Uebrigen nachtrotteten. Unter den Vorderſten ritt die ſchöne Gräfin Eiſenreich auf milchweißem Zelter; neben ihr zur linken Hand ließ der Freiherr von Haunsberg ſein Rößlein tanzen und Sprünge machen, wie er noch nie gethan. Es ſchien, als wiſſe er nichts mehr von den Folgen des üblen Sturzes, über welchen er noch jüngſt ſo bitter geklagt. Ein Wagen mit Geräthe folgte, und ein paar andere Damen, an ihrer Seite der Chevalier von Saint⸗Maurice, bildeten den Schluß. „Gönnen Sie doch Ihrem Thiere Ruhe!“ ſagte die Gräfin zu ihrem Begleiter.„Ich habe mich von Ihrer Reitkunſt ſchon zur Genüge überzeugt.“ „Gern“, erwiderte Haunsberg;„ich dachte nur, die Göttin der Jagd würde an den Bewegungen des edlen Thieres ein beſonderes Wohlgefallen finden.“ „Die Göttin der Jagd“, erwiderte Thereſe lächelnd,„iſt nur auf der Bühne zu Hauſe. Im Leben dünkt mir das Jagen ein grauſames Vergnügen.“ „Was?“ rief Haunsberg mit verdutztem, nahezu „„ —— 187 traurigem Geſichte.„Sie haben keine Freude an der Jagd? Sie würden nicht mit jagen gehen?“ „,d doch“, erwiderte ſie;„ich finde großes Ver⸗ gnügen daran, bei dem lauten fröhlichen Hörnerſchall und Rüdengebell an einem ſchönen Morgen auszuziehen und dahinzufliegen durch die herrlichen Berge und Wälder. Es iſt ein buntes lebendiges Treiben, das ich ſehr liebe, aber das Tödten gefällt mir nicht! Das ziemt keiner weiblichen Hand, und ich möcht' es nicht auf dem Gewiſſen haben, eine Kugel in das Herz eines Thieres geſendet zu haben, das ich aus ſeinem Wald⸗ frieden aufgeſtört, in dem es ſich eſ ſo kurz ſeines Lebens gefreut.“ „Das iſt ein Anderes“, ſagte Haunsberg beruhigt. „Das thut nichts, wenn Sie nur dabei ſind, Fräulein. Das eigentliche Waidwerk iſt doch Sache der Männer, und mich freut das, was Sie ſagen— Sie ſind ganz wie meine Mutter.“ „Wirklich?“ ſagte die Gräfin.„Das Compliment iſt eben nicht ſehr artig.“ „O ſo iſt's nicht gemeint! Sie wiſſen auch recht gut, wie ich's meine. Seit der Komödie von der Diana haben Sie mir erlaubt, Sie zu beſuchen; ich habe jeden Tag davon Gebrauch gemacht. Sie kennen mich alſo, wie ich bin— warum necken Sie mich?“ 188 „Ja“, ſagte die Gräfin, indem ſie ihn mit freund lichem Blicke anſah,„ich kenne Sie oder glaube wenig⸗ ſtens Sie zu kennen. Darum ſeien Sie nicht böſe und fahren Sie fort! Sie wollten etwas von Ihrer Mutter erzählen?“ „Und von meiner Heimat!“ rief Haunsberg freu⸗ dig.„O, Sie ſollten einmal zu uns kommen, zu mir und meiner Mutter! Es iſt ein herrliches Land, das Land an der Salzach, und Schloß Haunsberg liegt ſo ſchön! Sie dürfen weit reiſen und ſuchen, bis Sie ein ſchöneres Schloß und eine ſchönere Gegend finden. Es würde Ihnen gewiß bei uns gefallen; ach es iſt ſo ſchön, daß ich kaum erwarten kann, bis ich wieder nach Hauſe komme.“ „So? Das iſt wieder nicht ſehr ſchmeichelhaft.“ „Ah, das müſſen Sie auch nicht ſo nehmen!“ rief der Freiherr erröthend.„Früher allerdings— wollte ich ſagen— da konnt' ich es kaum erwarten. Ich bin nur ungern von Hauſe fort; aber ich mußte. Die Mutter wollte es durchaus haben; ſie ſagte, ich müſſe den Hof ſehen und müſſe lernen, wie man ſich benimmt. Dieſen Herbſt aber, gerade wenn die Jagden anfangen, geht meine Zeit zu Ende. Aber jetzt freu' ich mich gar nicht mehr ſo ſehr darauf; jetzt hab' ich ordentlich Angſt davor und erſchrecke, wenn ich ſchon irgendwo 189 ein Laub gelb werden oder gar vom Baume fallen ſehe.“ „Warum das?“ fragte die Gräfin ſchalkhaft.„Was hat ſolche Veränderung in Ihnen hervorgebracht? Haben Sie ſchon gelernt, wie man ſich benimmt?“ „Nein“, ſagte er kopfſchüttelnd.„Ich glaube auch, ich werd' es nie lernen; es kommt mir vor, als wenn ich kein rechtes Geſchick dazu hätte. Das iſt es auch nicht, weshalb mir das Fortgehen hart ankommt! Das iſt genau, ſeit— ſeit— ach wenn Sie doch mitgehen könnten, Gräfin!“ rief er abbrechend.„Meine Mutter würde ſich gar nicht zu faſſen wiſſen vor Freude.“ Eine leichte Röthe überflog Thereſens Angeſicht bei der offenen, treuherzigen Erklärung, die in dieſen Wor⸗ ten lag.„Sie lieben Ihre Mutter wohl recht ſehr?“ ſagte ſie. mit großen Augen anſah.„Sie iſt ja meine Mutter.“ „Sie haben Recht“, erwiderte die Gräfin, indem ſie ihm ihre feine Hand entgegenſtreckte.„Sie ſind ein guter Menſch.“ „Nun, Gräfin“, rief Saint⸗Maurice, welcher heran⸗ geſprengt kam,„geſtehen Sie mir, daß es keinen un⸗ eigennützigern Menſchen unter der Sonne gibt als mich! Einem Andern ſo das Feld zu überlaſſen, noch dazu „Gewiß“, antwortete er, indem er ſie treuherzig —. 190 einem Nebenbuhler— Haunsberg, das iſt ein Beweis von Freundſchaft, der mit nichts verglichen werden kann. Haſt Du die Zeit denn auch recht benutzt und Dich gehörig liebenswürdig gemacht?“ „Jeder thut, was er kann“, entgegnete Haunsberg trocken. Die Gräfin aber rief:„Wir haben nicht von derlei Dingen geſprochen, Chevalier! Der Freiherr von Haunsberg hat mir von ſeinem Schloſſe und ſeiner Heimat erzählt.“ „O weh! Da beklag' ich Sie“, lachte der Cheva⸗ lier.„Da wird es Ihnen übel ergangen ſein; denn wenn mein Freund auf dieſen Gegenſtand zu ſprechen kommt, iſt er unerſchöpflich. Ich erinnere mich mancher bei Becher und Würfelſpiel verjubelten Nacht, wobei er von nichts Anderem zu reden wußte.“ Die Gräfin warf einen eigenthümlich fragenden Blick nach dem Freiherrn. Er wurde blutroth wie ein über einem Unrecht ertappter Knabe und rief haſtig:„Glauben Sie ihm nicht, Gräfin! Wer ihn ſo hörte, könnte Wunder von mir denken. Ich habe eben auch mitgemacht; es iſt ja nur, weil ich das Benehmen lernen ſoll. Aber ich habe Ihnen ſchon geſagt, ich habe kein Geſchick dazu.“ 191 „Iſt auch gar nicht nöthig“, ſagte die Gräfin mit . eigenthümlichem Lächeln.„Auch ſtimme ich mit dem Herrn Chevalier gar nicht überein. Ich habe vielmehr Ihre Erzählung recht anziehend gefunden und denke mir das Leben auf einem ſolchen Gute nicht ohne Annehm⸗ lichkeiten.“ 3„Mag ſein für einen Jagdjunker wie Haunsberg“, rief Saint⸗Maurice achſelzuckend,„für Jemand, der keinen höhern CEhrgeiz kennt, als die beſte Koppel Hunde zu haben, und kein anderes Vergnügen, als die Geweihe aller von ihm und ſeinen Ahnen erlegten Hirſche und Böcke zu bewundern, die an den Wänden herumhängen. Leben, zumal für eine Dame.“ „Wohlan, meine Herren!“ ſagte die Gräfin, und das Lächeln in ihren ſchönen Zügen wurde noch an⸗ muthiger.„Wenn meine Citelkeit mich nicht allzu ſehr täuſcht und wenn ich Ihren Worten glauben darf, ſo bewerben Sie ſich beide um meine Hand. Nehmen wir einmal an, es ſei ſo, und ich wollte eine Wahl zwiſchen Ihnen treffen. Schildern Sie mir denn das Loos, welches der Dame wartet, die Sie einmal mit Ihrer Hand beglücken werden!“ „O weh, Haunsberg! Dein Sternlein geht unter“, rief Saint⸗Maurice.„Bei dieſem Wettſtreit mußt Du Für einen Andern aber iſt ein ſolches Leben kein 192 den Kürzern ziehen! Aber ich will gnädig ſein und meine Schilderung zuerſt geben; wenn ich es nach Dir thäte, würde ich Dich gar zu ſehr verdunkeln! Zwar wirſt Du auch nach mir einen ſchweren Stand haben—“ „Immerhin, fange nur an!“ ſagte Haunsberg gelaſſen. „Die Gebieterin meines Herzens“, begann der Chevalier,„wäre das Juwel meines Lebens, und ich halte es für thöricht, ein Juwel in einem Käſtchen zu verſtecken, um es höchſtens an einem hohen Feſttage hervorzuziehen oder ein paarmal im Jahre in ver⸗ ſchwiegener Einſamkeit zu bewundern. Ich würde mein Juwel vor aller Welt leuchten laſſen, würde die Dame an der Hand faſſen und ſagen: Folgen Sie mir, meine Freundin! Ich führe Sie an den Hof von Verſailles! Alles, was es an Koſtbarkeiten gibt, die eine Dame reizen können, Schmuck, Kleider, Kleinodien aller Art würd' ich zu ihren Füßen legen! Sie ſollte die ſchön⸗ ſten Pferde, die reichſte Livree, die feinſte Geſellſchaft im Hauſe haben; ich würde ſie dem König vorſtellen, würde ſie zu allen Hoffeſten führen und ganz Paris an ihren Triumphwagen ſpannen.. „Nun, Otto, und Sie?“ ſagte die Gräfin. Dem Freiherrn ſchlug eine Glut über das Ge⸗ ſicht, als er ſich bei ſeinem Taufnamen genannt hörte; 193 er hatte kaum geglaubt, daß das Fräulein denſelben kenne.„Ich?“ ſagte er zögernd.„Ich habe dagegen freilich nicht viel zu ſagen. Ich denke mir aber, es müßte ſein, wie es bei mir zu Hauſe zwiſchen Vater und Mutter geweſen iſt. Ich würde meine Frau vor allem auf die Schloßaltane führen und ihr die Gegend zeigen und ſagen: Siehſt Du, liebe Frau, ſoweit Dein Auge reicht, gehört Alles Dir; denn das iſt mein Eigenthum, und Du biſt meine Herrin. Am Morgen würden wir im Garten luſtwandeln und ſehen, wie Alles gedeiht, und ſie müßte anordnen, was ihr gefiele. Dann ginge ich an meine Geſchäfte, die Frau aber würde mit der Mutter im Hauſe zu ſchaf⸗ fen haben, bis uns der Mittag wieder zuſammen⸗ führte. Dann ritten wir aus oder führen zu Waſſer, machten einen Beſuch auf einem benachbarten Schloſſe oder zögen auf die Jagd, und am Abend, ach ja, am Abend, da ſäßen wir dann alle beiſammen im großen Eckzimmer, wo ſich's ſo traulich ſitzt, bei einem guten Glaſe Wein. Da würde geplaudert, wie es uns ums Herz wäre. Meine Frau ſäße neben mir und ſpänne—“ „Sie ſpänne?“ rief Saint⸗Maurice und machte eine Bewegung, daß ſein Pferd darüber zur Seite ſprang und ihn beinahe aus dem Sattel warf. „Nun, wenn Dir das nicht gefällt“, fuhr Hauns⸗ Schmid, Die Türken in München. II. 13 — 194 berg fort,„ſo nimmt ſie die Laute zur Hand und ſingt ein Lied. Meine Mutter ſäße daneben und ſähe uns beide an, wie wir uns ſo lieb hätten, und wir alle wären glücklich, und am andern Tage— „Um des Himmels Gnade willen“, rief Saint⸗ Maurice lachend,„hör' auf! Ich habe an dem einen Tage genug, am nächſten fängt die alte Leier von vorn an. Ich bedaure Dich, armer Freund, aber Du wirſt lange ſuchen müſſen, bis Du eine Frau findeſt, die ſich dazu hergibt, eine ſo gewöhnliche, bürgerliche Rolle zu ſpielen und wie eine gemeine Wieſenblume be⸗ handelt zu ſein, etwa eine Feldnelke, die auf jedem Rain wächſt. Bei mir iſt ſie die ſtrahlende, allbewun⸗ derte Roſe— da kann die Wahl wohl nicht zweifelhaft ſein!— Sie haben recht geſagt, ſchöne Gräfin!“ fuhr er, gegen Thereſe gewendet, in galantem Tone, fort. „Wir beide ſind Nebenbuhler, Sie müſſen wählen unter uns. Sie haben gehört, wie wir um Sie werben— treffen Sie denn ſogleich Ihre Wahl!“ „Nicht jetzt!“ entgegnete die Gräfin.„Abends, beim Feſte werde ich mich entſcheiden. Es bleibt dabei: Feldnelke und Roſe ſollen das Sinnbild ſein; deſſen Blume ich am Abend tragen werde, der ſoll mein Ritter ſein und meine Hand erhalten, wenn er ſie will.“ Damit gab ſie ihrem Schimmel die Gerte und flog 195 davon, den Cavalieren weit voran, als wollte ſie zei⸗ gen, daß auch ſie die Zügel zu führen verſtehe und ſie zu einem Wettritt auffordere. Bald war der Zug in der Ferne verſchwunden; über den Wald, der für einige Zeit von Menſchen ganz verlaſſen war, lagerte ſich die vorige Stille. Es war, als ob Königin Einſamkeit wieder Beſitz ergreifen wolle von ihrem Reiche und die Raben, welche eben krächzend über die Lichtung ſtrichen, wie Späher aus⸗ geſchickt habe, um zu verkünden, ob daſſelbe von allen Störern gereinigt und wieder bereit ſei, ſie zu em⸗ pfangen. Es war rings ſo ſtill, daß man aus dem Dickicht das ferne Hämmern eines Spechtes hörte, der in die Rinde hackte, und in dem Jungholz ward ein leichtes Rauſchen vernehmbar, als ob ein Reh durch das Geſtäng bräche, um am Waldrande der Aeſung nachzugehen. Es war jedoch kein Bewohner des Waldes, von dem das Geräuſch kam; dagegen tauchte an einer be⸗ ſonders dichten Stelle ein Männerkopf aus dem Ge⸗ büſche auf und blickte, während ein paar Hände die Zweige behutſam auseinanderbogen, ſpähend nach allen Seiten umher; bald wurde noch eine andere Geſtalt ſichtbar, deren helle bunte Kleider von fern her durch das Grün zu bemerken waren. Es war Benoit, der 13 ½ 196 geheime Agent des Marſchalls, und Odun Kanipi, der Türkengefangene. „Nun, biſt Du endlich hier, verdammter Hunde⸗ ſohn?“ rief Benoit unwillig.„Iſt das der Gehorſam und die Genauigkeit, die Du geſchworen haſt?“ „Was zürnſt Du Deinem Sklaven, Effendi?“ entgegnete Odun ehrerbietig.„Worin hat Dein Knecht gefehlt, mein ſtrenger Herr? Heute Morgen fand ich unterm Steine Deinen Ruf; er befahl mir, zu dieſer Stunde in dem Walde zu ſein, neben der großen Rinne, die wir mit unſerm Schweiß und Blut aus⸗ höhlen müſſen, wo der Weg durchgehauen iſt, bei der fünften kleinen Minaret; die Stunde iſt noch nicht völlig da, Effendi, und Odun Kanipi liegt zu Deinen Füßen!! „ͤ und warum biſt Du dieſe Nacht nicht gekommen?“ ſchalt Benoit wieder.„Habe ich Dir nicht ſchon vor⸗ geſtern Botſchaft unter den Stein gelegt?“ „Du willſt ſcherzen mit Deinem Sklaven, Effen⸗ di“, ſagte Odun,„oder Du ſinnſt, mich auf die Probe zu ſtellen. Wohl hatte ich ſchon am zweiten Morgen vor dieſem Dein Wort gefunden, aber ich verſtand nicht, was Du ſchriebſt!“ „Dummkopf, wie iſt das möglich!“ rief der Fran⸗ zoſe.„Habe ich nicht beſtimmt den Ort und die Zeit angegeben, wo ich Dich und Deine Helfer in derſelben Nacht erwartete? Zeige den Zettel!“ „Hier, hoher Herr“, ſagte der Türke und zog Benno's abgeriſſenen Papierſtreifen hervor.„Du haſt geſchrieben, Effendi, daß die Roſe ſchöner iſt als die Nelke und daß ich ſie bewahren ſoll, und haſt Deinen Sklaven eines Grußes gewürdigt.“ „Thorheit!“ rief Benoit, riß ihm das Blatt aus der Hand und fuhr, als er daſſelbe flüchtig betrachtet, in Beſtürzung auf:„Was iſt das? Dies Blatt iſt nicht von mir— hier iſt Verrath im Spiel! Haſt Du dieſen Zettel wirklich unter dem verabredeten Steine gefunden, ſo iſt kein Zweifel, wir ſind entdeckt; irgend Jemand hat meinen Zettel geſunden und, um Dich irre zu führen, dieſen falſchen dafür hingelegt. Aber wenn es ſo iſt, warum wurden keine Gegenanſtalten getroffen? Ich wartete in der vorgeſtrigen Nacht auf Dich und Deine Gefährten bis zum Morgengrauen, ohne daß irgend eine Spur, als wolle man unſer Werk hindern, bemerkbar geworden. Alles war und blieb lautlos und menſchenleer in dem Ufergebüſch am Fluſſe. Wie ſoll ich das erklären? Aber gleichviel, wie es auch ſei, dieſer Abend, dieſe Nacht gehören noch uns, ich will ſie benutzen, daß nichts zu thun übrig bleibt. Morgen mögen ſie dann kommen und ſuchen, wie ſie 198 wollen, ſie werden nichts mehr ungeſchehen machen können. Wo ſind Deine Leute?“ fuhr er fort, indem er den Zettel einſteckte und ſtatt deſſelben ein anderes Briefchen hervorzog, das er, wie um ſich des Inhalts zu vergewiſſern, flüchtig überlas.„Um fünf Uhr alſo“, murmelte er vor ſich hin. „Die Bergſöhne von Khoraſſan ſind bereit, Effen⸗ di“, antwortete Odun;„ſie ſtecken im Buſch, ich darf ihnen nur rufen, ſie kennen die Stimme des Schakals.“ „Schon hier alſo? Seid Ihr jetzt ſchon von der Arbeit entwichen? Man wird Euch vermiſſen und verfolgen!“. „Nicht eher, Herr, als bis der Abend kommt und die Giaurs die grabenden Wölfe in die Hürde jagen, als wenn es Schafe wären, dann werden die Köpfe gezählt, dann iſt es dunkel, Effendi.“ „Und ſie werden die Verfolgung ausſetzen bis morgen“, rief Benoit,„wir aber ſind dann ſchon außer ihrer Macht. Komm, führe mich in den Wald zu Deinen Leuten; ich will Euch ſagen, was Ihr zu thun habt jetzt und, wenn dies gelungen, heute Nacht. Komm in den Wald, dort ſind wir ſicher, nicht bemerkt zu werden.“ Im rechten Augenblicke verſchwanden beide; denn von den entgegengeſetzten Seiten wurden zwei Wan⸗ —,— — — 199 derer ſichtbar. Von Schleißheim ſchlich Peterl einher, noch immer niedergedrückt und traurig, ſodaß er ſich von Zeit zu Zeit niederſetzte, nicht aus Ermüdnng, ſondern weil er ſich am liebſten ganz niedergelegt hätte, um nie wieder aufzuſtehen. Von der Stadt her kam eiligen Schrittes Benno mit fliegendem Haar und glühenden Wangen. Beide erblickten und erkannten ſich ſchon von weitem. Im Herzen des Brauknechts ſtieg ingrimmiger Zorn auf, als der Mann, der ihm am meiſten zuwider war, ihm ſo allein im Walde begeg⸗ nete; er empfand große Luſt, das ſeinem Schatz ge⸗ gebene Verſprechen wahr zu machen. Benno dagegen ſchnitt es beim Anblick des Burſchen wehmüthig durch das Herz; denn wenn er auch durch ihn von der ver⸗ haßten Heirath befreit worden war, fiel ihm doch dabei ſein eigenes Geſchick doppelt ſchwer aufs Herz; ſie hatten ja beide das verloren, was ihnen das Theuerſte war. Er trat dem Burſchen entgegen und bot ihm grüßend die Hand, welche dieſer nur zögernd und mit bedenklichem Blicke ergriff. „Grüß' Gott, Peterl!“ ſagte Benno.„Wie kom⸗ men wir zwei ſo zuſammen mitten im Waldgehege?“ „Wird ſchon ſo ſein müſſen“, erwiderte der Brau⸗ knecht nicht ohne Tücke im Blick.„Sind wir uns doch in der Stadt auch ins Gehege gekommen!“ 200 „Nicht mit meinem Willen“, rief Benno.„Wenn Du's noch nicht gewußt haſt, ſo erfahre jetzt, daß mir die Heirath von jeher zuwider war!“ „Zuwider? So wär' die Wab'n dem Herrn etwa gar zu ſchlecht g'weſen?“ entgegnete Peterl, dem es wieder in den Fäuſten juckte. 5 „Nicht doch; die Wab' iſt ein braves, vortreffliches Mädchen—“ „Und bildſauber“, ſetzte Peterl hinzu. „Auch das, aber für mich nicht. Ich liebe eine Andere und danke Dir, daß Ihr Euch erwiſchen ließt. Ich bin dadurch losgekommen und durfte einen Augen⸗ blick hoffen, auch meine Geliebte zu erringen.“ „Wie iſt das?“ fragte Peterl verwundert.„Der Herr hat alſo einen andern Schatz, und es geht ihm wie mir, daß er ihn auch net haben ſoll?“ „Freilich“, rief Benno.„Ich liebe Zuleima, die ſchöne Türkin, von der Du wohl gehört haben wirſt, die in das Haus meines Vaters gebracht wurde. Nun iſt ſie entflohen, weil mein Vater unſere Liebe entdeckte, wie die Eurige entdeckt wurde.“ „Aha, und jetzt macht's der Herr wie ich und lauft in den Wald und will auch in die weite Welt? Meinetwegen; da können wir gleich mit einander gehen.“ 201 „Das nicht“, rief Benno.„Aber ich will Zuleima 2 ſuchen und nicht ablaſſen, bis ich ſie gefunden habe. In der Stadt vermochte ich trotz alles Forſchens keine Spur von ihr zu entdecken; ſie iſt, ſeit ſie das Haus verließ, vollſtändig verſchwunden, und ich bin in der größten Beſorgniß, daß ſie ſich ein Leid angethan oder daß ſie irgend einem Elenden, der ihr nachgeſtellt, in die Hände gerathen iſt. Meine einzige Hoffnung iſt noch, daß ſie ſich an die Kurfürſtin gewendet haben 6 könne und daß ich ſie bei dieſer finde. Deshalb bin ich auf dem Wege nach Schleißheim. Wenn ich ſie auch dort nicht treffe, will ich wenigſtens die Gnade der Kurfürſtin anflehen, daß ſie mir ſuchen hilft.“ „Das iſt freilich eine betrübte G'ſchicht’“, ſagte Peterl,„faſt ſo betrübt wie die meinige. Aber dabei fällt mir grad' was ein; das trifft ſich ganz wunder⸗ bar. Wie ich heut' Nacht von München weg bin und bin durch den Wald gegangen— es hat eben an⸗ g'fangen, ſo halb und halb grau zu werden— da iſt ein Wagen dahergefahren gekommen; ich hätt' vielleicht gar net drauf g'achtet, wenn's mir net g'weſen wär', als ob ich weinen g'hört.“ „Weinen?“ rief Benno außer ſich.„O Freund, Herzenspeterl! Wenn ſie es geweſen wäre! Wenn Du mir auf die Spur helfen könnteſt!“ 202 „Hört nur! Das Weinen hat mich aufmerkſam g'macht. Ich bin daher näher hin; wie aber der Kut⸗ ſcher das gemerkt hat, hat er auf die Pferde losgehauen mit aller G'alt, und ſo hab' ich nur noch ſehen können, daß ein Mädel in dem Wagen gſſeſſen iſt, das bitterlich geweint und die Händ' gerungen hat.“ „Mit gerungenen Händen! Weinend!“ rief Benno wieder.„Es iſt alſo, wie ich gefürchtet! Sie wurde alſo wider Willen, mit Gewalt fortgeſchleppt. O wenn ich den Elenden zu entdecken vermöchte! Rede, Peterl! Wie ſah ſie aus?“ „Eine Türkin iſt's net g weſen, Herr!“ ſagte dieſer. „Sie war bürgerlich angezogen und hat eeine Silber⸗ haub'n aufg'habt und, wenn ich recht g'ſehen hab' in der Eil', dunkle Haar' und dunkle Augen.“ „Sie iſt es, ſie iſt es“ rief Benno entzückt.„O Peterl, wie kann ich Dir danken? Freund! Bruder! Du retteſt mir das Leben. Dafür gelobe ich Dir, ſo wahr ich Zuleima liebe, wenn ich ſie finde und mir geholfen wird, dann ſoll auch Dir geholfen ſein; dann ſollſt Du Deine Wabi haben! Ich will ſelber mit dem Vater reden; er muß ſie Dir geben.“ Im Uebermaße des Entzückens war er Peterl um den Hals gefallen und küßte ihn; dieſer ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſondern drückte den Leidens⸗ gefährten gerührt an ſich, indem er ihn derb abſchmatzte. „Bruder, Kamerad! Schmerzensgeſell!“ rief er ſchluch⸗ zend.„Iſt's denn möglich, daß Du's ſo gut mit mir meinſt? Und ich hab' Dir die Rippen im Leib zu⸗ ſamm'drucken wollen!“ „Leb' wohl!“ rief Benno, ſich aus der Umarmung losreißend, in der es ihm auf einmal doch nicht ganz geheuer ſchien.„Ich habe keine Sekunde zu verſäumen. Wo finde ich Dich wieder?“ „In der Stadt, Herr! Ich will morgen noch da bleiben und beim Starnberger einkehren; heut' aber will ich erſt kurz vor der Thorſperr' hinein beim Neu⸗ hauſerthor, deswegen hab' ich den ganzen Tag im Wald zugebracht. Wie's dunkel wird, iſt der Segen drüben in der Herzogſpitalkirchen; da geht die Wab'n jeden Tag hin, da will ich ihr den Weg abpaſſen und noch einmal mit ihr reden und Ihr Alles erzählen!“ In hoffnungbeſchwingter Eile flog Benno dahin, Peterl aber verſchwand im Dickicht, lagerte ſich auf eine mooſige Stelle, und der Troſt, der ihm aus dem Munde des gehaßten und gefürchteten Nebenbuhlers ſo unerwartet gekommen, ſenkte ſich mit wunderbarer Beruhigung über ihn; er ſchlief ein und war bald in das Reich der Träume entrückt, in welchen natürlich die Erlebniſſe der letzten Tage und die Erzählung des Einſiedels, die er kurz zuvor vernommen, bunt und wirr durcheinandergingen. Es kam ihm vor, als ſtünde er mit der Wab'n wieder in der Malzdarre, und war eben wieder daran, ſich mit dem Alten herumzubalgen; dann aber war es wieder, als käme die Hitze, die ſie umgab, nicht vom Darrofen, ſondern als ſtände er mitten in dem brennenden Dorfe, aus dem ihn der Frater ge⸗ rettet; dieſer aber ſtand vor ihm, hielt die Wab'n an der Hand und ſetzte ſie auf das Roß, und dann ritten ſie alle drei, wie er die Haimonskinder in einem Bilde geſehen hatte, im Sturmwinde davon, daß der Huf⸗ ſchlag nur ſo donnerte. Da ſtahl ſich ein Sonnenſtrahl durch das Geäſt ihm auf Geſicht und Augen; er er⸗ wachte, und als wäre es die Fortſetzung ſeines Trau⸗ mes, vernahm er deutlich wirklichen Hufſchlag, der, was ihm befremdlich däuchte, immer ſchneller und ſchneller zu werden ſchien; er ſetzte ſich auf und ſah bald, daß er nicht geträumt. In der Waldlichtung ſprengte ein Reiter daher, der ſeinen Gaul mit Sporen und Peitſche zur äußerſten Anſtrengung antrieb, um einer Schaar verdächtig ausſehender Kerle zu entkom⸗ men, welche hinter ihm her rannten, offenbar in unheim⸗ licher, räuberiſcher Abſicht. Aber ſo ſchnell die Burſchen waren, hätten ſie doch das kräftig ausgreifende Roß nicht einzuholen vermocht, wäre nicht plötzlich vor dem⸗ — — — 205 ſelben ein Mann aus dem Walde hervorgeſprungen, daß das Thier darüber ſcheute und einen Seitenſprung machte, Aufenthalt genug für die Strauchdiebe, um den Reiter einzuholen. Schon war er umringt, der aus dem Walde gekommene Mann hatte das Pferd am Gebiſſe gefaßt, und die Uebrigen drangen mit Stöcken und Prügeln auf den wehrloſen Mann ein, der ſeinen Angreifern nicht entfernt gewachſen und bald vom Pferde geriſſen war. Schon wollten die Räuber ſich wieder aus dem Staube machen, wäh⸗ rend der Mann am Gebiſſe ihnen zurief, ja die Taſche nicht zu vergeſſen, als Peterl, der einen morſchen Tannenſtamm abgebrochen, hinter ihnen ſtand und ihn Schlag auf Schlag auf ihre Köpfe niederſauſen ließ. Ehe ſie zur Beſinnung kamen, kollerten mehrere in den Waldraſen nieder, während die übrigen unter lautem Geheul die Flucht ergriffen. Auch Benoit war unter den Getroffenen; er taumelte, hatte aber trotz des über die Stirn ſtrömenden Blutes doch noch Kraft und Geiſtesgegenwart genug, um nach der Taſche des Reiters zu greifen und mit derſelben hinwegzu⸗ wanken. „Iſt dem Herrn doch nix Grob's zu Leid' g'ſchehen?“ ſagte Peterl zu dem Reiter, der am Boden lag und ſich nicht zu erheben vermochte. 206 „Es wird nicht viel ſein, ſoviel ich ſpüre“, erwi⸗ derte der Mann,„aber das Reiten werd' ich wohl bleiben laſſen müſſen; ich fürchte, mein linker Fuß iſt verrenkt! Aber um Gotteswillen, guter Freund, ſorgt nicht um mich, ſondern um meine Taſche— es iſt eine wichtige Depeſche darin, die ich Seiner Durchlaucht zur Unterſchrift nach Schleißheim bringen ſollte. Der eine von den Strauchdieben iſt damit fort. Seht Ihr ihn? Dort geht er noch.“ „Weiter nichts?“ ſagte Peterl.„Den werden wir gleich haben. Hab' der Herr nur ein biſſel Ge⸗ duld! Ich will die Taſche holen, will ſie ſtatt Seiner zum Kurfürſten bringen und dann ſehen, daß man nach Ihm herausſchickt.“ Ehe der Kurier zu antworten vermochte, ſaß Peterl ſchon auf dem Gaul, hatte in einigen Sätzen Benoit erreicht, der von dem harten Schlage faſt betäubt nur unſicher und langſam vor⸗ wärts kam.„Halt, Kerl“, rief er ihm zu, indem er ihn am Kragen faßte,„die Taſche her, die Du ge⸗ ſtohlen haſt!“ Unfähig zu widerſtehen, reichte Benoit ſie hin, worauf Peterl ſich den Riemen über den Hals und Nacken warf.„Noch einmal Halt!“ rief er dann, als Benoit einen ſchwachen Verſuch machte, den nahen Waldrand zu erreichen.„So iſt's nicht gemeint, der Herr geht auch mit! Wenn Er aber lebendig davon⸗ kommen will, ſo rath' ich Ihm, daß er keinen Muckſer macht.“ Damit hob er ihn am Genick in die Höhe, warf ihn wie ein Felleiſen quer vor ſich über das Pferd und ſprengte davon. Fünftes Kapitel. Eine Bauernhochzeit. So ſtattlich und mächtig auch das neuerbaute Schloß zu Schleißheim über die vor ſeiner Höhe faſt verſchwindenden Blumenparterres, Springbrunnen und Standbilder zu ſeinen Füßen emporſtieg, bot es doch nicht eigentlich einen ſchönen und erheiternden, ſon⸗ dern mehr einen ernſten und faſt wehmüthigen Anblick, hervorgerufen durch die nächſte Umgebung, die aus nichts als unabſehbaren Nadelforſten und noch end⸗ loſern Moosſtrecken beſtand. Es war, als wären die Zinnen der beiden Eckpavillons und die Terraſſen zwiſchen beiden aus keinem andern Grund ſo hoch aufgethürmt, als um über die troſtloſe nähere Um⸗ gebung hinwegzuſchauen und ſich zu überzeugen, daß jenſeits derſelben noch eine andere Welt und Natur 209 beſtehe, und den Blick auf der fernen Umkreiſung der Berge auszuruhen zu laſſen, feſt und ruhig wie dieſe. Der Hang zu träumeriſch ſchwärmender Einſamkeit hatte in dem frommen Herzog Wilhelm zuerſt den Ge⸗ danken hervorgerufen, ſich in dieſer öden, ſumpfigen Waldebene anzubauen und für die Andacht und Ruhe nach fröhlichem Waidwerk ſich einen ſtillen, beſchaulichen Zufluchtsort zu ſchaffen. Die ſchöne ſavoyiſche Adelheid, die Gattin ſeines Enkels Ferdinand Maria, hatte in der ländlichen Zurückgezogenheit des kleinen Schlößchens einen geeigneten Raum gefunden für die Ausübung der ſchönen Künſte, welche ſie ſo ſehr liebte und pflegte; das Gebäude erweiterte ſich immer mehr, um Platz zu geben für die Hofconcerte, in welchen die erſten Virtu⸗ oſen Welſchlands ſich vor den Auserwählten des baye⸗ riſchen Hofes hören und bewundern ließen, und um jene Sammlungen von Gemälden aufzunehmen, welche immer reicher und koſtbarer die Wände und Gänge zu ſchmücken begannen. Als ihm mit Adelheid die Freude des Lebens genommen war, wie einer Pflanze, welcher der Herztrieb ausgebrochen iſt, blieb Ferdinand Maria in Schleißheim, das er liebte um der Erinnerung willen, und verſchloß ſich darin bis an ſein baldiges Ende, von melancholiſcher Trauer und Sehnſucht gefeſſelt. Erſt ſein Sohn, der Pracht und Glanz liebende Jüngling, Schmid, Die Türken in München. II 14 210 hatte das Schloß nach größern Maßen und in den ſchmuckreichen Verhältniſſen neuerſtandener franzöſiſcher Baukunſt herſtellen laſſen; aber auch in dieſer Ver⸗ größerung und Verſchönerung behielt das neue Schloß etwas Schweigſames und Klöſterliches, das von außen eine ernſte Miene zeigte, um ſich nach innen deſto heiterer zu entfalten. Blieb der Blick des Vor⸗ beiwandernden nur leichthin gefeſſelt, ſo harrte des Eintretenden eine deſto größere Ueberraſchung. In heiterer Pracht, hoch, hell und anmuthig, wie der Ein⸗ gang in ein wiedergefundenes Paradies, umfing ihn die herrliche Eingangshalle, getragen und umgeben von Säulen ans rothem Marmor und grünem Porphyr, und die breiten, herrlichen Marmortreppen winkten hinauf in die luftigen, goldſchimmernden Säle, an deren Wänden von Beich's kunſtvollem Pinſel in großen Oelbildern die Türkenſchlachten und Siege Max Ema⸗ nuel's verherrlicht waren, in die unabſehbaren Gallerien und die Reihe von Prunkgemächern, von denen das fol⸗ gende immer das vorausgegangene an Reichthum und ge⸗ ſchmackvoller Pracht übertraf. Am Ende der Halle, unter den Bogen und Säulen hindurch öffnete ſich der Ausblick in den Garten, wie in ein Zauberland, in ein zur Wirklichkeit gewordenes erträumtes Feen⸗ märchen. Breite ſchimmernde Wege führten von der 244 Terraſſe zwiſchen grünen Gehegen und leuchtenden Blumenbeeten an mächtigen, mit Marmorrändern ein⸗ gefaßten und mit Statuen geſchmückten Waſſerbecken hin, hinter welchen über einer gleichmäßig anſtei⸗ genden Anhöhe ein künſtlicher Wald der herrlichſten, älteſten Bäume ſeine Kronen erhob, durchſchnitten von einem breiten, ſtillfließenden Kanal, welcher ſich in ſeiner ganzen Breite wie ein rieſiger Spiegel zu den Baſſins niederſenkte, während an deſſen Ende und zwiſchen den Baumwipfeln hindurch das kleine Schlöß⸗ chen Luſtheim in weiter Ferne freundlich hervorſchim⸗ merte, um als wirkſames Gegenſtück Bild und Aus⸗ ſicht anmuthig abzurunden und zu ſchließen. Zu beiden Seiten ſtreckte ſich wie ein lebender Gürtel der Wald dahin, von anmuthigen Wegen durchſchlungen, ge⸗ ſchmückt mit Ruheſitzen und Brunnen, Standbildern und Ausſichtsplätzen und zu einem lieblichen Labyrinth umgeſchaffen, aus welchem die Rückkehr leichter zu finden war, als ſie wohl gefunden werden wollte. Für den feſtlichen Abend waren Schloß, Garten und Park ſo eingerichtet, daß die Gäſte ſich in die Nähe eines großen ſchönen Dorfes verſetzt glaubten. Ueber den Baumwipfeln ſtieg ein ſtattlicher Kirchthurm empor, ſo trefflich gemalt, daß er dem Auge nicht min⸗ der vollendete Täuſchung gewährte als die Dächer, 14* 212 Giebel und Laubengänge der Bauerhäuſer, welche hier und da in dem Gebüſch angebracht waren, das Bild zu vollenden. Die Bogengänge zu beiden Seiten des Mittelpavillons waren vollends in hölzerne Bauer⸗ häuſer umgewandelt, von der Art, wie ſie in den nahen bayeriſchen Bergen heimiſch und üblich ſind. Die Terraſſe in der Mitte aber, welche die beiden Flügel fortſetzte und verband, ſah ſich wie der offene Vorplatz eines ländlichen Wirthshauſes an; am Giebel ſchwankte, von einem grünen Kranz mit flatternden Bändern eingefaßt, das geheimnißvolle Fünfeck, das zur Einkehr ladet, und drunter prangte auf ſtattlichem Schilde der aufſteigende Löwe mit geringeltem Doppel⸗ ſchweife, gereckter Zunge und mit der Inſchrift: Zum bayeriſchen Löwen. Hier war die eigentliche Hochzeits⸗ tafel gedeckt, ein langer, ſehr ſchmaler Tiſch, mit grobem, rothbefranſtem Linnentuche bedeckt und zu beiden Seiten von derben dreibeinigen Holzſtühlen umgeben, vor deren jedem ein Gedeck ſtand: ein hölzerner Teller ſammt blechernem Löffel, Meſſer und Gabel mit ſchwarzem Horn oder Holzheft und davor zur einen Seite der behäbige Maßkrug aus grauem Steingut und mit ſilberblankem Zinnbeſchlag, zur andern Seite ein irde⸗ nes Henkelkrüglein, wie ſie in den Bettelklöſtern üblich waren für den Wein. Die von der Terraſſe in das 213 Schloß führenden Thüren waren verhangen und ver⸗ ſteckt, die mittlere aber zu einer Schenke umgeſtaltet, wo nach bäueriſchem Brauch das Hochzeitsbier in Fäſſern aufgeſtapelt war und nur der kundigen Hand und der Gäſte wartete. Eine Schranke ſchloß den Raum gegen die Gäſte ab, um Wirth und Wirthin vor dem An⸗ drang zu ſchützen. In der Schenke ſtand Kurfürſt Max Emanuel in der Tracht eines oberbayeriſchen Bauernwirthes, die grüne Schlegelkappe auf dem Locken⸗ kopfe, in kurzen Lederhoſen, rother Weſte, blauen Strümpfen und weißer Schürze— ein wunderlicher An⸗ blick; denn Geberde, Haltung und Miene des Fürſten widerſprachen dem Anzug, in dem er ſich übrigens ſehr zu gefallen ſchien und unter luſtigem Lachen am Hahn und Spunde die Handgriffe des Aufſpundens und Anzapfens vorbereitend einübte. Denn darin be⸗ ſtand ein Hauptſcherz des ganzen Feſtes, daß der Kur⸗ fürſt bei der Ankunft des Hochzeitszuges das Faß ſelbſt öffnete, das erſte Glas ſelbſt füllte und es dem Brautpaare kredenzte, worauf dann die als Kellner und Hausknechte verkleideten Hofherren daſſelbe Geſchäft bei den übrigen Gäſten übernahmen. Aehnlich war das Geſchäft der Wirthin, welche Fleiſch, Brod und Wurſt auf mächtigen Schüſſeln aufgethürmt vor ſich ſtehen hatte, um vor dem Brautpaare Laib und Braten 214 anzuſchneiden und ihm die erſten Biſſen zu überreichen. Die heitere Gabe war wohl noch niemals von einer anmuthigern Wirthin geſpendet worden, als von Maria Antonia der Kurfürſtin, welche in dem ländlichen An⸗ zuge— ſchwarzem Mieder, weißer Schürze und goldverbrämter Pelzhaube— um ſo bezaubernder aus⸗ ſah, als eine freudige Stimmung ihr ſonſt farbloſes Antlitz mit einem leichten Roſentone überhaucht hatte. Geiſtreiche Heiterkeit ſtrahlte aus ihrem Blick, ſodaß ſelbſt Kanzler Prielmaier ſie mit Wohlgefallen betrach⸗ tete, obwohl er, weil durchaus Niemand ohne Ver⸗ kleidung erſcheinen durfte, in dem Gewand eines Dorf⸗ ſchulmeiſters, das er gewählt hatte, noch ernſthafter und griesgrämiger ausſah als ſonſt. Ein einziges Mal flog ein kleines Wölkchen über die anmuthige Stirn, als der Kammerdiener Arnold in Jägertracht erſchien, um von Seiner Durchlaucht Befehl einzuholen, wann derſelbe nach dem Empfang den Wirthsanzug abzulegen und mit einer andern Ver⸗ kleidung zu vertauſchen geruhen wolle. Es wollte der Kurfürſtin bedünken, als ob der Kammerdiener beſon⸗ dern Nachdruck darauf lege, daß die Umkleidung in dem kleinen Schlößchen Luſtheim zurecht gemacht ſei; ſie fand das zu weit entlegen und zu unbequem.„Das iſt eine ungeſchickte Anordnung“, ſagte ſie.„Er fängt — ſ 4 8 * 215 an, ſehr alt zu werden. Laß Er die Kleider nur in einem der nächſten Gemächer bereit halten!“ Die Fürſtin hatte zum Glücke nicht Zeit, ſich dem widrigen Ein⸗ druck hinzugeben, denn aus der Ferne ſchmetterten bereits die Trompeten des Hochzeitsreigens, die dumpfen Töne der Baßgeigen miſchten ſich darein und die hellern von Pfeifen und Schalmeien verkündeten luſtig das Herannahen des Brautzugs. Voran marſchirten die Muſikanten im Bauerngewand, den Trompeter an der Spitze; es war Pundion, der in der beſten Laune ſeine Trompete ſo herzhaft blies, als ginge es nicht zum Hochzeitsſchmauſe, ſondern mitten hinein in die Türken⸗ ſchlacht. Dann kam der Hochzeitlader mit dem bebän⸗ derten Stocke, dem mächtigen Blumenſtrauß im Knopf⸗ loch und auf dem Hut, dann das Brautpaar, ein Ca⸗ valier und eine junge Dame, welche durch das Loos beſtimmt waren, für den Abend die Rolle von Hoch⸗ zeiter und Hochzeiterin zu ſpielen; nach alter Landes⸗ ſitte vom Brautvater und der Ehrenmutter, von den Kränzeljungfern und Mantelträgern umringt, welche, wie jene der Braut, dem Bräutigam das Ehrengeleite gaben. Dann ſchloſſen ſich paarweiſe alle Einwohner, alle Beſchäftigungen und Gewerbe an, die in einem Dorfe und unter Bauern vorzukommen pflegen; Schuſter und Weber, Schmied und Bader fehlten ſo wenig als 216 die luſtigen Schneider, alle ſelbſtverſtändlich in ſinniger, launiger Weiſe mit den Zeichen ihrer Gewerke ge⸗ ſchmückt. Den Schluß bildeten die eigentlichen Hoch⸗ zeitsgäſte, ſämmtlich dem Bauernſtande angehörend, aber aus den verſchiedenſten Ländern der Erde herbei⸗ gekommen, um dem jungen Paare und dem gaſtlichen Hauſe die Ehre zu erweiſen. Hier war vollauf Ge⸗ legenheit gegeben, ſowohl Phantaſie und Geſchmack zu entwickeln, als Pracht und Reichthum zu zeigen, und die edlen Geſchlechter des Landes, die Grafen Tatten⸗ bach, die Fugger, Leyden, Spaur und Salern, wie die Freiherren von Leublfing, die Muggenthal, Weichs, Fraunhofen und Perfall wetteiferten, in den ſchönſten, koſtbarſten und ſeltenſten Bauerntrachten zu erſcheinen, unter welchen der Spitzhut und die Jacke der einhei⸗ miſchen Bergbewohner am Schlierſee ebenſo wohl ver⸗ treten war als der grüne Rock der einſamen Jachenau oder der hochrothe aus der Kornkammer von Strau⸗ bing. Da kamen der normanniſche und provenzaliſche Bauer wie der aus der römiſchen Campagna, der Winzer vom Rhein und der Hirte aus den ſchottiſchen Bergen und vom iriſchen Haideland, der behäbige Schweizer, der mannhafte Tiroler und der zierliche Bergamaske; ſogar ein paar braune, halbnackte Aegypter, welche in dem Nilſchlamme ihre raſchen Saaten ſtreuten, — ——— —— —— 3 S — 217 hatten ſich eingefunden, um zu zeigen, wieweit Ruf und Ruhm des gaſtlichen Hauſes gedrungen. Farbenreich, ſchimmernd und blendend ſchritt der kaum endende Zug über die Terraſſe, Wirth und Wirthin begrüßend, an ihnen vorüber, um die beſtimm⸗ ten Plätze an den langen, gedeckten Tafeln einzuneh⸗ men, welche auch an den Längsſeiten des Pavillons aufgeſtellt waren, während an der Mitteltafel auf der Terraſſe ſelbſt die eigentliche engere Hochzeitsgeſellſchaft mit Wirth und Wirthin ihre Stelle fand. Ein lauter Ruf und ein Lachen der allgemeinſten Fröhlichkeit empfing das erſte Gericht, welches ſtreng nach länd⸗ licher Sitte aus einer Schüſſel Sauerkraut, dem ſoge⸗ nannten Ehrenkraut, beſtand und welchem dann das ganze übrige Eſſen nach dem bäueriſchen Speiſezettel ſich anſchloß von der Nudelſuppe und den Bratwürſten bis zu den Kücheln und dem unvermeidlichen Schweine⸗ braten. Dazu ſpendete der Hahn am Faſſe reichlich ſeine Gabe, und insgeheim füllten ſich die unſcheinbaren irdenen Krügelchen mit den edelſten Weinen, wenn auch, um den Eindruck nicht zu ſtören, nirgends Flaſchen und Gläſer den Tiſch entſtellen durften. Der Kurfürſt als Wirth brachte die Geſundheit der Braut aus und die Kurfürſtin erwies dem Bräutigam die gleiche Ehre⸗ das Brautpaar aber erwiderte mit einem dreimaligen 218 Lebehoch auf den edlen Wirth und die ſchöne Wirthin zum bayeriſchen Löwen, und jedesmal ſchmetterte und wetterte der Tuſch der Bauernmuſikanten und das Vivatrufen ſo luſtig hinein, daß es weit hinaus er⸗ ſcholl, über das Schloß hinweg und hinaus in den dunkelnden Wald und die ſchweigenden Moorſtrecken, in deren Gewäſſern ſich ſchon der in tiefer Goldglut verglimmende Abendhimmel zu ſpiegeln begann. Mitten im Mahle erſchien ein verwunderter Lakai und meldete, draußen ſtehe der Stadtrath Millauer von München mit ſeiner Ehehälfte und verlange ſogleich zur Frau Kurfürſtin gelaſſen zu werden. „Willkommen“, rief dieſe.„Führt die Leute ſo⸗ gleich herein! Es ſind die Gäſte“, fuhr ſie, zu ihrem Gemahl gewendet, fort,„die ich mir als Wirthin zur Bauernhochzeit geladen habe. Ich habe mir einen Scherz mit ihnen ausgedacht; mein türkiſches Pflegetöchterchen ſoll heute meine Dienerin ſein!“ Und ehe der etwas verwunderte Kurfürſt zu erwidern vermochte, ſtanden die Betroffenen bereits vor der glänzenden Ge⸗ ſellſchaft und vor der Fürſtin, welche ſie überraſcht mit der Frage nach dem vermißten Pflegling empfing und noch überraſchter aus den unzuſammenhängenden, ängſtlich hervorgeſtammelten Worten das Vorgefallene entnahm. So kühn Herr und Frau Millauer in Gedanken 219 geweſen und ſich's zurecht gelegt hatten, wie ſie von der Leber weg reden wollten, wenn ſie vor den fürſt⸗ lichen Perſonen ſtünden, ſo ſehr war dennoch beiden der Muth in den Brunnen gefallen, und ihre Angſt und Verworrenheit ſtieg deſto mehr, je ſichtbarer in den Mienen der Kurfürſtin zu leſen war, daß die Nach⸗ richt von Zuleima's Verſchwinden ſie nicht blos mit Verdruß, ſondern mit offenbarer Entrüſtung erfüllte. Umſonſt verſuchte Max Emanuel ſie damit zu be⸗ ruhigen, das Mädchen könne unmöglich weit gekommen ſein und werde wohl bald wieder aufgefunden ſein. ſie konnte und wollte ihren Zorn nicht verbergen; ſie erhob ſich von der Tafel und trat mit den Cheleuten und ihrem Gatten beiſeite.„Man hoffe nicht mich zu täuſchen“, unterbrach ſie dieſelben,„und mich durch falſche Vorſpiegelungen irre leiten zu wollen! Das Mädchen hat recht gethan, wenn es aus einem Hauſe entfloh, wo ihm Gewalt angethan werden wollte; wenn ich ſo glücklich bin, ſie wiederzuſehen, ſoll ſie mir erzählen, was man ihr zu Leide gethaun, und dann werde ich ein Wörtchen mit dem Hochmuth reden, dem mein Pflegekind zu gering geweſen zur Schwiegertochter. Nimmer aber werde ich glauben, daß ſie ſich ſelbſt ver⸗ borgen hält, nein, ſie wird irgendwo mit Gewalt zu⸗ rückgehalten! Sie iſt offenbar irgend einem Räuber in 220 die Hände gefallen, einem jener Wüſtlinge, die ihr ſchon früher nachgeſtellt! Ich erwarte von Ihnen, mein Herr und Gemahl“, rief ſie Max Emanuel zu, der im Be⸗ wußtſein ſeiner Unſchuld ſehr gelaſſen zuhörte,„daß ſogleich die ſtrengſte Nachforſchung nach dem Mädchen angeſtellt werde! Laſſen Sie Unterſuchung gegen die Schuldigen einleiten, und wehe ihnen, wenn ſie entdeckt ſind, ſie ſollen der verdienten, der ſtrengſten Strafe nicht entgehen! Senden Sie noch in dieſem Augenblick Eilboten in die Stadt! Man ſoll Alles durchſuchen und alle Straßen verfolgen, welche ſie gegangen ſein kann! Ich erwarte das von Eurer Liebden und fordere es als einen Beweis Ihrer Liebe und“— ſetzte ſie leiſe mit flammenden Augen hinzu—„Ihrer eigenen Un⸗ ſchuld.“ Max Emanuel zögerte nicht, dem Wunſche zu ent⸗ ſprechen, theils um ſich ſelbſt zu rechtfertigen, theils auch um die Unterbrechung ſeines Feſtes ſo raſch als mög⸗ lich zu beſeitigen. Prielmaier wurde mit Millauer in die Schenke geſchickt, um die nähern Umſtände zu er⸗ heben und dann ſofort durch reitende Boten nach allen Himmelsgegenden die nöthigen Befehle tragen zu laſſen. Der Kurfürſt bat Maria Antonia, durch den bedauer⸗ lichen Vorfall, der ſich gewiß befriedigend löſen werde, das Feſt nicht trüben zu laſſen, allein es ſchien in den —— ſtehen vergeſſen haben, aber die Taſchen, Durchlaucht, 221 Geſtirnen des Abends geſchrieben zu ſein, daß die Hoch⸗ zeit auch darin ihrem Vorbild ähnlich ſein ſolle, daß die nur gar zu gern vorkommende Aeußerung feſſel⸗ loſen Kraftgefühls oder etwas wie eine Prügelei nicht fehle. Kaum hatte man daran gedacht, wieder Platz zu nehmen, als vor dem Schloſſe lautes Lärmen und Schreien hörbar wurde und, ehe Frage und Antwort gewechſelt werden konnte, am Fuße der Treppe Peterl erſchien, in der einen Hand die gerettete Kuriertaſche emporhaltend, mit der andern Benoit am Halſe nach ſich ſchleppend.„Geht mir aus dem Wege, Ihr Kal⸗ fakter, oder ich nehm' einen von Euch und ſchlag' die andern damit nieder!“ rief er den Bedienten zu, welche ihm den Zutritt wehren wollten.„Ich muß zum Kur⸗ fürſten und das auf der Stelle.“ Max Emanuel ver⸗ nahm den Lärm und befahl, den Burſchen vor ihn zu bringen; und Peterl, von allgemeinem Staunen empfangen, erzählte zu nicht geringer Ergötzung des Kurfürſten und der Geſellſchaft, was vorgefallen war. „Und jetzt, Durchlaucht“, ſchloß er treuherzig ſeinen Bericht,„jetzt ſei halt ſo gut, ſchick' hinaus in den Wald und laß den armen Teufel hereinholen, der draußen liegt und nimmer vom Fleck kann! Kann ſein, daß auch ein paar Türken dabei liegen, die das Auf⸗ 222 auf die ſie's abg'ſehn gehabt haben, die haben wir ihnen aus den Zähnen geräumt, und den Spitzbuben, der ſie hat ſtehlen wollen, den bring' ich Dir auch.“ „Das iſt ja eine Fülle merkwürdiger Abenteuer!“ rief Max Emanuel, indem er die Taſche öffnete, zu⸗ gleich aber den Gefangenen näher ins Auge faßte, der mit zerriſſenen Kleidern und blutender Stirn einen keineswegs feſtlichen Anblick gewährte.„Iſt das nicht Monſieur Benoit, der Secretär des Marſchalls von Villars? Wie kommt Er hierher in dieſen unſcheinbaren Kleidern und in ſolchem Zuſtande?“ „Durchlaucht“, erwiderte der Agent keck,„ich fordere Genugthuung! Ich berufe mich darauf, daß ich mit Seiner Erlaucht dem Herrn Marſchall von Villars in Ihr Land gekommen bin, ich gehöre zu ſeinem Perſonal und nehme das Recht der Geſandtſchaft für mich in Anſpruch. Es iſt nichts als ein unbegreifliches, plum⸗ pes Mißverſtändniß, was mich in dieſe Lage bringt. Um an dieſem Maskenfeſte Theil zu nehmen, habe ich dieſe unſcheinbare Kleidung gewählt; ich ging durch den Wald, ſah, wie der Kurier Eurer Durchlaucht von Raubgeſindel überfallen wurde, und ſprang hinzu, ihm zu helfen. Dieſer Tölpel allein iſt ſchuld an Allem; er war dumm genug, mich für einen von den Räubern zu halten.“ 223 „Wart', ich geb' Dir den Tölpel!“ rief Peterl und machte Miene, auf ihn loszufahren.„Wenn Du dem Reiter haſt helfen wollen, Du Feinſpinner, warum haſt Du dann ſeinen Gaul an Zügel und Gebiß feſt⸗ gehalten und biſt mit der Taſchen davon? Aber mei⸗ netwegen; wenn man mir net glauben will, ſoll man ihn nur durchſuchen. Ich hab' g'ſehen, daß er aller⸗ hand Schreiberei in der Taſchen hat; da wird's wohl drin ſtehn, was er für ein Kalfakter iſt!“ „Laßt ſehen!“ befahl der Kurfürſt, während Benoit erbleichend erkannte, daß es unmöglich ſei, ſich länger zu verſtellen, und den Dienern nicht wehrte, welche aus ſeiner Bruſttaſche mehrere Papiere hervorzogen und dem Fürſten übergaben.„Sieh da, der Schlüſſel zu Unſerer geheimen Chiffernſchrift! Wir werden uns Auskunft erbitten, wie der in Seine Hände kam! Und hier ein Brief, deſſen Handſchrift ich kennen ſollte! Sieh da, Herr Oheim von Leuchtenberg“, fuhr er fort, indem er dieſen herbeiwinkte und ihm das Blatt hinreichte.„Betrachten Sie einmal dieſe Züge und ſagen Sie, ob Sie die Schrift nicht erkennen!“ Der Herzog von Leuchtenberg, als ſtattlicher Land⸗ förſter gekleidet, warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt und murmelte halblaut leſend:„„Die Wiener Depeſchen, durch Zufall verſpätet, gehen dieſen Abend 224 zuverläſſig ab und werden nach Schleißheim zur Unter⸗ ſchrift nachgeſchickt. Der Kurier geht Schlag fünf Uhr ab.“— Das iſt ſchändliche Verrätherei!“ rief er dann, „und die Handſchrift kenne ich gar wohl! Es iſt die Deines Geheimſchreibers und Geheimſchleichers Schmidt. So iſt der alte Fuchs mit aller Schlauheit doch einmal ins Eiſen gegangen, und ich habe doch Recht gehabt, daß er ein Judas iſt. Du wirſt ſehen, Steffen, daß ich auch in dem Andern Recht habe, was ich Dir geſagt!“ „Hier iſt noch mehr!“ ſagte Max Emanuel.„Blätter aus einem Taſchenbuch und hier ein Schreiben aus Paris!“ Er warf nur einen Blick hinein, erblaßte und erröthete und blickte dann, eine vernichtende Flamme des Zornes im Auge, auf den zerſchmetterten Unter⸗ händler, der bereits angefangen, des ſchlimmſten Aus⸗ gangs gewärtig zu ſein.„Willkommener Fund“, ſagte er dann.„Das iſt ja ein unſchätzbares Blatt und kommt uns gerade zur rechten Zeit. Ihr habt Recht, Herr Oheim von Leuchtenberg, Ihr mit allen hier ſollt es ſogleich erfahren. Doch was iſt hier? Ein Zettel mit türkiſchen Worten beſchrieben! Iſt Jemand hier, der ihn zu enträthſeln vermag?“ Ein walachiſcher Bauer im Leinenkittel und weiten, befranſten Beinkleidern trat vor; es war ein Reiter⸗ oberſt, der im Ungarnkriege lange an der Türkengrenze 225 verwundet gelegen und dabei der Sprache wohl kundig geworden war.„Das iſt ein ſonderbarer Inhalt“, ſagte er.„Es heißt: Die Roſe iſt ſchöner als die Nelke, und dann wieder: Bewahre ſie, und: Sei mir gegrüßt!“ „Unſinn“, rief Max Emanuel.„Oder ſollte ſich ein anderer Sinn dahinter verbergen? Sollte es eine Art Geheimſprache ſein? Wohlan! Monſieur Benoit, will Er etwas thun, was mich vielleicht zur Erleich⸗ terung Seines Schickſals bewegen könnte, ſo geb' Er mir die geheime Deutung dieſer Worte!“ „Ich muß darauf verzichten“, entgegnete dieſer finſter.„Ich weiß nichts von dieſem Zettel und weiß nicht, wie er in meine Taſche kam.“ „Da kann ich Durchlaucht aus dem Traum helfen“, ſagte Millauer, der ſchon beim Beginn der Unter⸗ redung aufmerkſam geworden und näher getreten war. Er erzählte, wie es ſich mit den Zetteln und ihrer Verwechslung begeben, und überreichte den echten, den er in der Taſche ſeines braunen Rockes noch immer getreulich mit ſich trug. „Nun, das muß ich geſtehen“, ſagte Max Emanuel mit flüchtigem Lächeln,„mit der Türkenaufſicht ſcheine ich bei Ihm auch an den unrechten Mann gekommen zu ſein! Er hat ſolche Neuigkeiten in der Taſche, ſtatt ſie mir zu melden! Aber was iſt der Inhalt?“ Schmid, Die Türken in München II 15 226 „Es gilt“, las der Oberſt.„Halte Alles für heute Nacht in Bereitſchaft und erwarte mich mit Deinen Gefährten in den Büſchen der Iſar gegen Oſten; bringt Werkzeug und Seile mit, Ihr ſollt den Khiaja⸗Paſcha befreien und ſelber frei ſein!“ „Alſo ein Complot mit den Türken zur Be⸗ freiung meines Gefangenen!“ rief der Kurfürſt.„Und vorgeſtern Morgen ſchon hat Er den Zettel gefunden, Millauer? Er iſt mir ein feiner Aufſeher und Rath, aber diesmal kann Er ſich beim Zufall bedanken, daß er aus Seiner Ungeſchicklichkeit doch noch etwas Gutes entſtehen ließ. Das Vorhaben für jene Nacht iſt ver⸗ eitelt. Für heute aber wollen wir ſchon Fürſorge treffen! Habt die Güte, Herr Oheim von Leuchtenberg, und laßt einen Boten abgehen, um den Thurm des Paſcha bewachen zu laſſen! Morgen, wenn wir in die Stadt zurückkehren, wollen wir das Weitere unterſuchen und ſorgen, daß Jedem ſein Recht zu Theil werde! Für jetzt aber ſei das Vergnügen des Feſtes nicht länger geſtört, die Abenddämmerung iſt da, mit ihr der Augenblick zu Gartenbeleuchtung und Feuerwerk. Man laſſe den Zug ſich aufſtellen! Wir werden uns raſch umgekleidet haben, um dann wieder am Feſte Theil zu nehmen.“ Während all dies im Schloſſe vorging, hatte Benno 226 außerhalb deſſelben keinen Augenblick unbenutzt gelaſſen, um Zuleima's Spur zu entdecken. Er hatte zuerſt auf der Schwaige eingeſprochen, ſich jedoch bald überzeugt, daß die Geſuchte dort nicht zu finden war; je mehr er ſich den ganzen Vorfall überdachte, deſto gewiſſer er⸗ ſchien es ihm, daß die gewaltſam Weggebrachte wirk⸗ lich Zuleima ſein mußte, daß ſie irgendwo in der Nähe verborgen gehalten werde. Es galt daher vor allem zu erfahren, ob der Wagen, welcher noch vor Tages⸗ anbruch durch den Wald gefahren und von Peterl be⸗ merkt worden, nicht auch in der Umgebung geſehen worden war und welche Richtung er allenfalls genom⸗ men. Darüber nachſinnend ſchritt er zwiſchen den fürſtlichen Stallungen und Wagenſcheunen hin und gewahrte eine Kaleſche, an welcher ein Knecht unter lau⸗ tem Schelten und Fluchen eben die Pferde anſchirrte. „Weißt Du nicht, guter Freund“, redete ihn Benno an, um einen Vorwand zu einem Geſpräch zu haben, „wo das Pferd des jungen Chevaliers Saint⸗Maurice eingeſtellt iſt?“ „Nein“, ſagte der Kutſcher ärgerlich.„Wenn's der Herr wiſſen will, kann er ſelber ſuchen!“ „Nun, warum biſt Du ſo ungehalten?“ fragte Benno wieder.„Willſt Du jetzt noch in die Stadt zurückfahren? Weshalb?“ 15* 228 „Was weiß ich!“ entgegnete der Knecht.„Drinnen im Schloß ſoll der Teufel los ſein! Es iſt allerhand verdächtiges Zeug aufgekommen, ſagen ſie, von den Türken und Franzoſen— was weiß ich! Aber an unſer⸗ einem geht's wieder aus. Nun muß ich bei ſinkender Nacht noch einſpannen und einen Kurier in die Stadt fahren.“ „Ich begreife. Du haſt Dich wohl auch ſchon auf das Feſt gefreut und was davon abfällt?“ entgegnete Benno vorſichtig ausforſchend. „Freilich, Herr!“ antwortete der Knecht, indem er ſich anſchickte, den Kutſchbock zu beſteigen.„Aber noch mehr iſt mir um meinen Handgaul da! Dem hätt's wohlgethan, wenn er bis morgen hätt' raſten können— er geht krumm. Iſt auch kein Wunder, wenn man bei Nacht den ſchlechten Waldweg fahren muß.“ „Bei Nacht?“ entgegnete Benno, welchem vor Er⸗ regung der Athem ſtockte.„So warſt Du ſchon ſo früh unterwegs? Dann biſt Du wohl derjenige, den ich ſuche“, ſetzte er lauernd hinzu,„dem ich dieſen Beutel voll Zwanziger übergeben ſoll?“ „Einen Beutel voll Zwanziger? Mir?“ ſagte der Burſche, der auf einmal, ſo ſehr er zuvor geeilt hatte, die anziehenden Pferde eifrig zurückhielt.„Wegen was denn?“ 229 „Es iſt Alles glücklich von ſtatten gegangen“, ſagte Benno mit wichtiger Miene.„Hier iſt alſo Deine Be⸗ lohnung; Du wirſt wohl wiſſen, wen Du gefahren haſt!“ „Alſo iſt's deswegen?“ ſagte der Burſche.„Na, freut mich, wenn's gut gegangen iſt. Die Jungfer hat wohl ein biſſel wild gethan, aber ſie wird ſchon klein beigegeben haben, das kennt man ſchon! Ich hab' es aber auch ſchlau gemacht, kein Chriſtenmenſch hat uns geſehen!“ „Biſt Du deſſen aber auch ganz gewiß?“ fragte Benno. „Ich laſſ' mich aufhängen, wenn einer von der G'ſchicht' was g'merkt hat— es iſt mir ja auf die Seel' gebunden geweſen. Ich bin gleich außer dem Wald vom Wege ſeitab übers Moos hingefahren, bis wo die Gartenmauer ein End' hat und wo das an dere, kleine Schlößl liegt. Dort ſind ſie ausgeſtiegen und zum Thürlein hinein.“ „Wer?“ preßte Benno hervor. „Nun, das Mädel und der Herr Kammerdiener.“ „Was ſagſt Du? Der Kammerdiener? Welcher Kammerdiener?“ „Nun, das wird der Herr doch wiſſen, wenn er mir das Geld von ihm zu bringen hat!“ ſagte der Knecht verwundert. 230 „Freilich, freilich. Du haſt Deine Sache gut ge⸗ macht.„Ich wollte mich nur überzeugen, ob Du wirk⸗ lich der Rechte biſt!“ rief Benno, indem er, weitern Fragen zu entgehen, haſtig zwiſchen den Ställen ver⸗ ſchwand. Bedenklich ſah ihm der Kutſcher in das Dunkel nach und kratzte ſich hinter den Ohren.„ZJetzt weiß ich nicht, ob ich nicht doch eine Dummheit gemacht habe“, ſagte er.„Auf einmal kommt's mir vor, als wenn mich der nur ausgefragt hätt'. Es wär' am Ende geſcheidter, wenn ich nochmal herunterſteigen und. den Herr Kammerdiener aufſuchen thät', aber dann müßt' ich vielleicht mit dem Beutel voll Zwanziger wieder herausrücken.“ Seine Ueberlegung wurde durch den dringenden Mahnruf derer, welche er fahren ſollte, unterbrochen.„Meinetwegen“, ſagte er, indem er auf die Pferde loshieb.„Der Herr Kammerdiener wird ſich ſchon herauswickeln; das iſt ſeine Sach'. Was er mir gegeben hat, das kann er mir doch nicht mehr nehmen, und den Beutel mit Silberzwanzigern, den hab' ich auch.“ Ohne Aufenthalt, völlig, unbemerkt, hatte Benno indeſſen die Parkwand erreicht und war, von der Nacht verdeckt, längs derſelben fortgeſchlüpft. Es kam ihm vor, als wolle ſich der weißgraue Mauerſtreifen ins 231 Unendliche ausdehnen; eine Ewigkeit ſchien ihm zu ver⸗ gehen, bis das Thürchen in demſelben erreicht war. Unweit davon ging die Mauer zu Ende und bildete eine Ecke, indem ſie, den Kanal überbauend, den feſten Boden wie das Waſſer abſchloß und hier wie dort jedes Eindringen unmöglich machte. Vergebens rüttelte Benno an der Thür, die trotz alles Aufwands von Kraft nicht weichen wollte; obwohl vom Schloſſe her durch die lichtbeſchienenen Bäume die rauſchende Feſt⸗ muſik ertönte, wagte er doch nicht, Gewalt zu brauchen, um nicht Lärm zu verurſachen und allenfalls die Späher oder Wächter herbeizulocken. Dennoch brachte der Licht⸗ ſchein in den Bäumen ihn auf den richtigen Weg. Es gelang ihm, an der Wand angeſtemmt, einige Fuß emporzuklettern und dann im kühnen Schwung und Sprung den Aſt einer mächtigen Buche zu faſſen, wel⸗ cher die Parkmauer überragte. In wenigen Augen⸗ blicken ſtand er jetzt auf der Mauer und ſprang in den finſtern Garten hinunter, wo er ſich dann vorſichtig ſchlüpfend durch die Gebüſche taſtete. Es währte nicht lange, ſo ſchlug ihm plötzliche Helle entgegen; er ſtand am Kanal, dem Schlößlein Luſtheim gegenüber, welches zwiſchen den nächtlichen ſchwarzen Baumwipfeln bleich und geiſterhaft hervorſah. Durch die Ritzen in den Fenſterläden des Erdgeſchoſſes blinkte Lichtſchein matt 232 und röthlich wie aus einem verweinten Augenpaar. Behutſam ſchritt er näher und überzeugte ſich bald, daß der Aufſeher des Gebäudes nicht zugegen war; der Mann hatte dem Zuge der Neugier nicht zu wider⸗ ſtehen vermocht und ſtand etwa hundert Schritte davon am Geſtade des Waſſers gegen Schleißheim hinge⸗ wendet, ſodaß er nicht gewahren konnte, was hinter ſeinem Rücken vorging. Behutſam, lautlos am Boden dahingleitend, kam Benno unter dem Fenſter an, in welchem der Lichtſchein zu gewahren war. Hier mußte Zuleima ſich befinden. Er horchte mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit und erzitterte bis in den Grund ſeiner Seele— er täuſchte ſich nicht, aus dem Gemach klangen befremdliche Töne, er glaubte wirklich einen Laut wie leiſes Weinen und verhaltenes Schluchzen zu hören. Mit gehemmtem Athem pochte er leiſe an den Laden. Im Augenblick verſtummte drinnen das Geräuſch. Wie ſollte er ſich zu erkennen geben? Welches Zeichen ſollte er wählen, ſeine Gegenwart kund zu thun? Da klangen in ſeinem Herzen die drei Worte wieder, die ſeit der erſten Begegnung mit Zuleima ihm eine Art Wahr⸗ zeichen geworden waren. War es wirklich Zuleima, die ſich in dem Gemache befand, ſo mußte ſie dieſelben verſtehen und mußte wiſſen, daß nur er es ſein konnte, der ihr dieſelben zurief. Er pochte wieder und mit 233 gedrückter, aber wohlverſtändlicher Stimme flüſterte er in den Spalt:„Gül karefildan daha güzel Dir.“ Ein Aufſchrei des Entzückens antwortete aus dem Gemache, er hörte, wie eine Hand von innen haſtig an den Läden herumtaſtete und ſie zu öffnen ſuchte, und Zuleima's geliebte Stimme flüſterte ihm ein ängſtliches„Kaldir“ entgegen. Mehr bedurfte es nicht; mit der Glut und Kraft des Fiebers hatte Benno in wenigen Augenblicken die Läden gebrochen, die für ſolche Gewalt wohl nicht berechnet ſein mochten; ſie krachten unter ſeinen Armen zu Boden. Im nächſten Augenblick öffnete ſich das Fenſter. Zuleima ſchwang ſich hinaus und ruhte wort⸗ los in ſeinem Arme.„Sefe geldiniz“, hauchte ſie leiſe und ſank ihm an die Schulter, als ob eine Ohnmacht ihre Sinne umſchleierte. Bald hatte ſein Zuruf und die Mahnung ſie er⸗ muntert, wie ſehr die Gefahr, entdeckt zu werden, ſie von allen Seiten umgebe, wie es vor allem darauf ankomme, noch vor Tagesanbruch aus dem Garten zu kommen und ein Verſteck zu erreichen, in welchem kein Verfolger ſie zu entdecken vermöchte. Wenige Worte hatten für Zuleima genügt, Benno die Ge⸗ ſchichte ihrer Gefangenhaltung und Entführung zu er⸗ zählen; es war nicht ſchwer zu errathen, von wem ſie ausgegangen, zumal für Zuleima, welche wohl ihres 234 goldenen Kleinods und des Cavaliers gedachte, der es ihr geraubt. Hand in Hand, lautlos ſchlüpften ſie durch die Gebüſche, behutſam jedes Geräuſch vermeidend und jedem Wege ausweichend, der ſie auf eine Lichtung oder gegen die Geſellſchaft und das Schloß hin führen könnte. „Hier ſcheint der Garten zu Ende zu ſein“, flüſterte Benno nach einer Weile.„Hier glaube ich die Mauer zu gewahren; es wird und muß gelingen, ſie zu über⸗ ſteigen. Ich hebe Dich hinauf, Geliebte, und folge Dir nach; ſind wir erſt drüben, dann ſind wir gerettet, ſind frei, dann ſoll kein Hinderniß mehr ſich in unſern Weg ſtellen, keine Gewalt der Erde ſoll uns fürder trennen.“ Gebückt ſchlüpften ſie unter der mächtigen Taxus⸗ hecke hindurch und richteten ſich auf, aber was ſie im Dunkeln für eine Mauer gehalten, war das in der Nacht grau ſcheinende Waſſer des Kanals— ſie ſtanden auf freier Terraſſe, gerade über dem Garten, unmittel⸗ bar dem Schloſſe gegenüber. Im nämlichen Augen⸗ blick ſtiegen von allen Seiten blitzende Raketen in die blaue Sternennacht empor, bengaliſche Feuer loderten von allen Seiten auf und von ihrem rothen Scheine magiſch umfloſſen und wie verklärt ſtand das Paar, das ſich, unfähig, zu fliehen, und zum Tode erſchrocken, 235 feſt aneinander ſchmiegte, dem ganzen verſammelten Hofe gegenüber, welcher am Fuße des Hügels das Prachtſchauſpiel des Feuerwerks erwartete. Ein augenblickliches Schweigen lag auf der nicht minder überraſchten Verſammlung; dann brach von allen Seiten lautes Rufen, Lachen und Händeklatſchen los und begrüßte als köſtliche Zugabe das unerwartete Schauſpiel des ertappten Liebespärchens. Bald hinunter⸗ gerufen, ſanken beide vor dem Kurfürſten und der gütigen Herrin in die Kniee. „Sieh da, da iſt ja unſer Flüchtling recht unver⸗ muthet wiedergefunden“, ſagte Max Emanuel;„aber die ſchöne Türkin hat ſich, wie ich ſehe, in eine noch ſchönere Münchnerin verwandelt!“ „Sei mir willkommen!“ unterbrach ihn die Kur⸗ fürſtin, welche Zuleima mit hoher Freude begrüßte. „Sei mir willkommen, meine liebe, gerettete, nun dop⸗ pelt liebe Tochter. Ich will nicht fragen, wie Du hier⸗ her gekommen, ich will glauben, daß Du hierher geflohen biſt, um meinen Beiſtand zu ſuchen, und der ſoll Dir aauch werden! Er iſt wohl“, fuhr ſie gegen Benno ge⸗ wendet fort,„der junge Mann, der meine kleine Türkin liebt? Bekenne Er nur! Er iſt wohl auch der Entführer geweſen?“ In Benno's Gemüth dämmerte eine Ahnung des 236 wahren Sachverhalts; er ſah, mit welcher Spannung Maria Antonia's Augen auf ihm ruhten; er begriff, was von ſeiner Antwort abhing, und indem er ſich nochmals ehrerbietig auf ein Knie niederließ, rief er laut:„Ja, Durchlaucht, ich bekenne mich ſchuldig, es war meine Abſicht, Zuleima für mich in Sicherheit zu bringen. Strafen Sie mich dafür!“ „Nun denn“, ſagte die Kurfürſtin erheiterten An⸗ geſichts, indem ſie Zuleima an der Hand faßte und ihm entgegenführte,„ich will’'s gnädig mit Ihm machen, hier hat Er Seine Strafe. Ich will Pathin ſein bei ihrer Taufe, und wenn dann aus der türkiſchen Zu⸗ leima eine fromme, chriſtliche Maria geworden iſt, ſoll Er ſie zum Altar führen!“ „O wie überglücklich machen mich Durchlaucht!“ rief Benno, während Zuleima ihr erröthendes Antlitz auf die Hand der milden Herrin niederbeugte. „Das will ich hoffen“, erwiderte die Fürſtin.„Ich rathe Ihm, daß Er das Mädel lieb hat, ſie glücklich macht und ihr treu bleibt; ſonſt hat Er es mit mir zu thun.“ „Mein ganzes Leben ſoll nur ihr und ihrem Glücke gehören!“ erwiderte Benno, indem er in der Freude ſeines Herzens die andere Hand der Kurfürſtin ergriff und eifrig küßte. 237 „Schon gut, laß Er nur!“ ſagte die Kurfürſtin lächelnd.„Ich glaube ſchon, daß es Ihm Ernſt iſt. Was meinen Eure Liebden?“ fragte ſie halbleiſe ihren Gatten.„Wird er ſein Wort auch halten? Aber ſehen Sie doch!“ unterbrach ſie ſich, ehe Max Emanuel eine Antwort gefunden auf die inhaltſchwere, beziehungs⸗ reiche Frage. Sie deutete auf den Kammerdiener Arnold, der in der beſtimmten Ausſicht, ſeine Anſchläge jetzt völlig entdeckt zu ſehen, alle Faſſung verloren hatte und zitternd, todtenbleich in der Nähe ſtand.„Ihr Kammerdiener ſcheint krank zu ſein. Der Mann iſt wirklich zu alt für dieſen Dienſt; laſſen Sie es meine Sorge ſein, Eurer Liebden einen recht treuen Diener auszuſuchen, und, nicht wahr, Eure Liebden gönnen dem alten Mann die verdiente Ruhe?“ „O gewiß, er mag in Gnaden entlaſſen ſein!“ entgegnete Max Emannel, der den ganzen Auftritt verwundert und mit einiger Beklemmung beobachtet hatte, während eine Ahnung des Zuſammenhangs in ihm aufſtieg. „Wie ſoll es aber mit meinem Schützling werden?“ begann Maria Antonia wieder.„Soll ſie ganz leer ausgehen, da Eure Liebden doch einmal ſo geneigt ſind, Gnaden zu ertheilen?“ „Das ſoll ſie nicht!“ war Max Emanuel's verbind⸗ 238 liche Antwort.„Ich werde dem jungen Mann eine einträgliche Stelle an meinem Hofe geben.“ „Am Hofe?“ flüſterte ihm die Fürſtin zu, indem ſie ein eigenthümlich reizendes Lächeln, das ihren Mund umſpielte, halb hinter ihrem Fächer verbarg.„Das dächte ich doch nicht, mein Herr und Gemahl, am Hofe möchte die ſchöne Türkin zu vielen Gefahren ausgeſetzt ſein. Ich denke, eine ſchöne ländliche Zurückgezogenheit würde für ein junges liebendes Paar viel erſprießlicher und angenehmer ſein.“ „Eure Liebden haben immer Recht“, entgegnete Max Emanuel, indem er ihre Hand ergriff und mit ritterlicher Artigkeit an den Mund führte.„Ich be⸗ ſinne mich ſo eben, daß auf meinem Schloſſe zu Starn⸗ berg die Stelle des Kaſtners und Rentmeiſters erledigt iſt; die ſoll er haben! Dort iſt doch wohl hinreichend für die ländliche Zurückgezogenheit des Pärchens ge⸗ ſorgt?“ „Wir wollen ſehen“, erwiderte die Kurfürſtin freundlich. Benno aber trat in überſtrömender Freude vor und rief:„Wie ſoll ich Durchlaucht für ſo große GEnade danken! Ich will's zeigen, daß ich es erkenne, und will ein tüchtiger Kaſtner ſein, aber werden Durch⸗ laucht mich nicht für zudringlich halten, wenn ich noch eine Bitte hinzufügen muß?“— 239 „Noch eine Bitte? Der Poſten dünkt Ihm nicht einträglich genug?“ „O was denken Durchlaucht von mir!“ antwortete Benno.„Aber im Unglück habe ich meinem Leidens⸗ gefährten verſprochen, daß ich im Glücke an ihn denken und auch für ihn ſprechen will.“ „Ja, wenn Er das verſprochen hat“, ſagte Max „Emanuel,„dann muß Er es auch halten. Wer iſt denn Sein Leidensgefährte?“ „Hier dieſer junge Mann, mein Freund Peterl, der tapfere Brauknecht“, entgegnete Benno, indem er den Burſchen heranwinkte, der unter der Dienerſchaft beſcheiden im Hintergrund ſtand.„Er war es, der mich von der mir beſtimmten Braut befreite. Er liebt ſie und hat ſie ſich wohl verdient; aber ihr Vater, der reiche Prügelbrauer, will ſie ihm nicht geben, weil er arm und ein Findelkind iſt.“ „Nun“, ſagte der Kurfürſt,„für den jungen Recken, der meinen Kurier ſo wacker herausgehauen hat, muß ich ſchon etwas Beſonderes thun. Wenn meine Frau Gemahlin ſich ein Töchterchen erkoren hat, will ich mir dieſen zu meinem Söhnlein erkieſen, und wenn er ſeine Sache verſteht, ſoll er Braumeiſter werden in meinem Hofbrauhauſe.“ „Durchlaucht!“ rief Peterl, der vor freudiger 240 Beſtürzung auf beide Kniee niederplumpſte.„Das iſt ein geſcheidter Gedanke, das ſoll Dich nicht reuen; ich will Dir ein Bier brauen, daß man ſchon nach der erſten Maß Sonne und Mond und alle Stern' am Firmament ſoll tanzen ſehen!“ „Nun, nun“, lachte der Kurfürſt,„verſprech' Er nicht gar zu viel! Er weiß nicht, ſcheint es, was man in meinem lieben München vertragen kann! Aber was gibt es denn ſchon wieder?“ unterbrach er ſich ſelbſt. „Es ſcheint, das Feſt ſoll wirklich zu einer Kette von Ueberraſchungen werden.“ In der That wurden abermals von fern ſtrei⸗ tende Stimmen hörbar, und ein eilig herbeilaufender Diener meldete, ein Türke und ein Mädchen ſeien bei Nacht und Nebel von München bis Schleißheim ge⸗ laufen und beſtünden mit aller Gewalt darauf, ſogleich zu Seiner Durchlaucht gelaſſen zu werden. „Noch ein Türke?“ rief der Kurfürſt heiter.„Es ſcheint, dieſe Burſchen bringen ein bischen Leben in mein ſtilles München! Was iſt's denn? Was willſt Du, Türke?“ rief er dem Birbaſchi entgegen, welcher jetzt mit Staſi im Kreiſe der verwunderten Hofgeſell⸗ ſchaft erſchien und betroffen vor ihm ſtehen blieb.„Ah, Du kannſt wohl nicht deutſch ſprechen“, fuhr er fort. „Wir werden einen Dolmetſcher nöthig haben.“ —— 241 „Ach nein, Durchlaucht“, rief die Köchin,„er hat nur keine Courage; er kann recht gut deutſch, er iſt ja gar kein rechter Türk, ſondern der Schuſtergeſelle Bla⸗ ſius Bundſchuh von Haidhauſen, mein Hochzeiter, der mir vor zehn Jahren durchgebrannt iſt!“ „Und den hat Sie ſich glücklich wieder eingefan⸗ gen?“ lachte der Kurfürſt.„Das nenn' ich ein treues Gedächtniß und eine ausdauernde Liebe! Und nun will Sie ihn wohl für immer behalten, und ich ſoll Ihr da⸗ zu behülflich ſein, den Ungetreuen dazu zu zwingen?“ „Ach nein, Durchlaucht“, rief Staſi.„Das iſt es auch nicht! Der Blaſi möcht' ſchon bleiben und mich heirathen; aber der Kanzleibot' von Eurer Durchlaucht, der Stelzenhuber— Durchlaucht werden ihn ja kennen— es iſt der alte, garſtige Menſch mit der rothen Naſe—“ „Richtig“, ſagte Max Emanuel mit ſteigendem Vergnügen,„ich bin ſo glücklich, mich der rothen Naſe zu entſinnen. Was iſt's mit dem Manne?“ „Ja, ich kann gewiß und wahrhaftig nichts dafür“, fuhr Staſi verſchämt fort,„aber der ſchieche Ding, der Stelzenhuber hat ſich in mich verliebt und iſt mir nachgegangen, und weil ich ihn hab' abfahren laſſen, hat er im Zorn den Blaſi verklagt, und jetzt will ihn der Stadtrichter einſperren und will ihm den Proceß machen laſſen, weil er ein Türk worden iſt. Schmid, Die Türken in München. II. 16 Die Schergen haben ihn ſchon fangen wollen, drum ſind wir auf und davon und noch in Nacht und Nebel herausgelaufen, damit Durchlaucht ſich ins Mittel legen!“ „Daran hatte ich nicht gleich gedacht“, ſagte der Kurfürſt.„Das iſt allerdings ein ſchlimmer Handel, darauf ſteht ſchwere Strafe. Haſt Du wirklich Deinen Glauben abgeſchworen, Burſche?“ „Ach Gott, nein, es iſt mir nicht eingefallen“, rief Blaſi wehmüthig.„Ich hab' das Gewand nur angezogen und den Bund aufgeſetzt, damit mich die wüthigen Türken nicht geſpießt haben. Wie ich aber einmal in dem Gewand geſteckt bin, hat mich kein Menſch weiter drum gefragt. Ich bin ein ſo guter Chriſt als zuvor, und ich will ja Alles, was ich ge⸗ than hab', gern abbüßen und die Staſi heirathen. Wenn Durchlaucht nur befehlen wollten, daß mir der Stadtrichter nichts thun darf, und wenn ich, damit ich doch nicht umſonſt ein Türke geweſen bin, in der Stadt München ein Kaffeehaus aufrichten dürft”!“ WMeinetwegen“, entgegnete der Kurfürſt,„wenn Er Gäſte bekommt, die den Kaffee trinken, will ich Ihm nicht zuwider ſein. Nun, Eure Liebden“, fuhr er fort, indem er der Kurfürſtin den Arm reichte, „das Feſt Ihres Schützlings verſpricht ja immer ſtatt⸗ licher zu werden. Wir wollen es auch mit aller Feier⸗ lichkeit begehen, und nach der Taufe der Türkin ſollen die drei Paare zugleich an den Altar treten.“ „Drei?“ erwiderte die Kurfürſtin.„Nach dem, was meine liebe Gräfin Eiſenreich mir vertraut, wird wohl noch ein viertes Paar hinzukommen. Sie hat verſprochen, ſich heute Abend zwiſchen den beiden Ca⸗ valieren zu entſcheiden, die ſich um ihre Hand bewerben. Erhöhen Sie die Heiterkeit des Abends, Gräfin, indem ich Sie als Braut begrüßen darf, und verkünden Sie Ihre Wahl!“ „In der That“, rief Max Emanuel,„an Ab⸗ wechslung fehlt es uns heute nicht! Sie alſo ſind die glücklichen Bewerber, meine Herren?“ fragte er, als der Chevalier Saint⸗Maurice und der Freiherr von Haunsberg aus den Reihen der Hofherren hervortraten, während gegenüber das tieferröthende Fräulein an der Seite der Kurfürſtin ſtand.„Ich muß geſtehen“, fuhr er fort, ſie näher betrachtend,„die Herren habe gute Augen! Mir iſt dieſe ſchöne Blume in meiner nächſten Nähe noch gar nicht aufgefallen, eine Blume ſo ſchön, daß ich Ihren Geſchmack beneide— nicht doch— be⸗ neiden könnte“, ſetzte er verbeſſernd hinzu, weil die Kurfürſtin ihm leiſe den Arm drückte.„Ich könnte den Geſchmack beneiden, ſage ich, wenn ich nicht be⸗ 16* — ͦ——— 244 reits die edelſte und ſchönſte Blume mein eigen nennen dürfte. Und wer iſt der Glückliche, den die Gräfin wählte?“ Saint⸗Maurice trat mit der Zuverſicht des Sieges einen Schritt vor; Thereſe aber ſchlug die Falten des um ihren Nacken gewundenen Spitzentuchs zurück, daß an ihrer Bruſt ein Strauß von Feldnelken ſichtbar wurde; ſie zog ihn hervor und reichte ihn Haunsberg, welcher ihn, ſich auf ein Knie niederlaſſend, mit glühen⸗ den Wangen und einem Blick des Entzückens empfing. „Wie, Gräfin“, rief Saint⸗Maurice halblaut,„Sie haben alſo Ihr Spiel mit mir getrieben?“ „Wie Sie mit Angela“, flüſterte die Gräfin ent⸗ gegen.„Das iſt meine Rache!“ „Rache wegen deſſen, was ich Ihrer Feindin an⸗ gethan?“ „Angela war meine Feindin nicht; aber auch wenn ſie es geweſen wäre, was gilt das? Wo es dar⸗ auf ankommt, eine Beleidigung zu rächen, die einer von unſerm Geſchlechte angethan wurde, kennen wir Frauen keine Feindſchaft. Ich bedaure, Herr Cheva⸗ lier, Sie müſſen meinen ſchlechten Geſchmack entſchul⸗ digen, aber mir iſt die einfache Nelke doch lieber als die Roſe.“ „Nun, meine Herren und Damen, wollen wir das ,— 245 Feuerwerk wieder beginnen laſſen“, rief der Kurfürſt; „hoffentlich werden wir endlich dazu kommen, unſer Feſt zu vollenden, und werden keine neue Unterbrechung mehr erleben!“ „Leider muß ich Durchlaucht noch eine ſolche be⸗ reiten“, ſagte der Marſchall Villars, indem er vor⸗ tretend ſich ehrerbietig verneigte, während der Hof ſich verwundert in engerem Kreiſe heranzog.„Ich bitte um Vergebung, wenn ich dieſes heitere Feſt ſtöre und Durchlaucht hier förmlich überfalle; aber in der Stadt München haben ſich Gerüchte bedenklicher Art verbreitet. Die Leute Eurer Durchlaucht ſollen ſich an einem mei⸗ ner Untergebenen, an einem Angehörigen der Geſandt⸗ ſchaft Seiner Majeſtät von Frankreich vergriffen haben. Ich fliege trotz der Nacht hierher, um von Eurer Durch⸗ laucht die Wahrheit zu erfahren und für das verletzte An⸗ ſehen meines Monarchen die gebührende Satisfaction zu begehren!“ 3 „Das mögen Sie, mein Herr Marſchall!“ ſagte Max Emanuel, der funkelnden Blicks ſich heldenhaft aufrichtete, als ſtünde er auf den erſtürmten Zinnen von Belgrad.„Es iſt mir lieb, daß Sie hierher ge⸗ kommen ſind; Sie hätten mir keine beſſere Gelegenheit geben können, Ihnen mit der verlangten Genugthuung zugleich den Beſcheid, auf den Sie warten, zu ertheilen, 246 den Beſcheid auf das Anſinnen, das Ihr König durch Sie an mich gerichtet hat. Hören Sie denn, Herr Marſchall, welch befremdliche Dinge das Mitglied der Geſandtſchaft, das Sie reclamiren, bei ſich getragen hat! Das Mitglied der Geſandtſchaft, das auf der That ergriffen wurde, einen meiner Kuriere mit räu⸗ beriſcher Gewalt aufzuheben! In ſeinen Händen fand ſich dieſes Schreiben, ein Brief aus der Kanzlei des Miniſters Louvois. Hören Sie den Inhalt, Herr Marſchall! Hören Sie, meine Herren und Damen! „Suchen Sie“, heißt es hier,„die Unterhandlun⸗ gen ſo lange hinzuhalten, bis die Vorbereitungen Sei⸗ ner Majeſtät vollſtändig getroffen ſind! Sie werden von ſelbſt ein Ende nehmen, ſobald die Nachricht vom Einmarſch in die Pfalz zu Ihnen gelangt ſein wird. Seine Majeſtät ſind entſchloſſen, in dem widerſpenſti⸗ gen Deutſchland diesmal ein Exempel zu ſtatuiren; Sie wollen, daß das ganze Land am Rhein vernichtet und zum Schutz der franzöſiſchen Grenzen für alle Zeit in eine Wüſte verwandelt werden ſoll. Anliegend ſende ich Ihnen Abſchrift des dem Marſchall Turenne gegebenen Verzeichniſſes der deutſchen Städte und Ortſchaften, welche ſammt ihren Einwohnern ver⸗ nichtet und durch das Feuer zerſtört werden ſol⸗ len.“* — 247 Ein Gemurmel des Unwillens, ein Brauſen auf⸗ ſteigenden Zornes durchlief ungeſtüm die Verſammlung; es bedurfte des vollen Anſehens des Fürſten, um den Ausbruch zurückzuhalten. „Dies meine Antwort“, begann Max Emanuel wieder,„wegen Ihrer Beſchwerde über Verletzung des Geſandtſchaftsrechtes. Als Beſcheid aber auf den An⸗ trag Ihres Königs, daß Bayern in dem Kriege, den er ſo plötzlich und ſo ungerechter Weiſe heraufbeſchwört, neutral bleiben ſoll, mögen Sie meine Depeſche an den Kaiſerhof nach Wien kennen lernen, deren Inhalt zu erfahren Sie ſo begierig waren. Der Inhalt iſt, daß ich zum Kaiſer und zum Reiche ſtehe mit Allem, was ich habe und bin, und hinter mir ſteht mein ganzes Land und mein Volk! Reiſen Sie, Herr Mar⸗ ſchall, und reiſen Sie eilend! Meine Leda wird den trefflichen Reiter nicht im Stiche laſſen! Wenn Sie binnen vierundzwanzig Stunden noch in den Grenzen meiner Lande getroffen werden, achte ich das Recht der Geſandtſchaft an Ihnen nicht mehr, ſo wenig als an dem elenden Kundſchafter, den Sie mit ſich nehmen mögen. Melden Sie das Ihrem König! Melden Sie ihm zugleich, diesmal werden alle Fürſten des Reichs deutſcher Nation einträchtig dem Rufe des Kaiſers folgen; diesmal haben Sie uns zu ſchlimmer Stunde 248 den Handſchuh hingeworfen; diesmal werden Sie Deutſchland einig finden!“ „Das wird Deutſchland ſehr erſprießlich ſein“, entgegnete Villars mit kaltem, ſchroffem Hohne.„Ich kann nur wünſchen, daß ein ſo raſches Werk auch von Dauer ſein möge.“ „Das walte unſer aller Gott und ſtrafe unſrer Feinde Spott!“ rief Max Emanuel feierlich.„Die Fürſten des Reichs werden Treu' und Glauben halten und der Kaiſer wird zu ihnen ſſtehen als echter Reichs⸗ herr, und ſo mag es denn ankommen auf die blutige Entſcheidung der Waffen; mit der gerechten Sache ſei der Sieg!“ Der Marſchall hatte ſich bereits entfernt.„Nun, Chevalier“, rief er im Vorübergehen Saint⸗Maurice zu, der noch immer betroffen ſeitwärts ſtand,„leben Sie wohl, auf Wiederſehen!“ „Nicht doch“, erwiderte dieſer haſtig,„an dieſem Hof, in dieſem Lande iſt meines Bleibens nicht mehr. Ich begleite Sie, laſſen Sie mich mit Ihnen gehen!“ „Nein, mein Freund“, entgegnete der Marſchall, „bleiben Sie immerhin, aber denken Sie an den Mar⸗ ſchall Villars und wirken Sie für uns. Die gerühmte Eintracht wird nicht lange währen! Ich komme wieder, “ 249 Chevalier— auf Wiederſehen alſo, auf baldiges Wieder⸗ ſehen!“ Unbeachtet verließen beide das Schloß. Dem Kur⸗ fürſten aber ſtellte ſich noch einmal Rath Millauer in den Weg, der bisher vollauf beſchäftigt geweſen, ſich mit ſeinem Sohne und Zuleima zu verſöhnen, ſeine Einwilligung zu ihrer Verbindung zu geben, dem ta⸗ pfern Peterl Glück zu wünſchen und ſich über Staſi und Blaſi und über den Scharfſinn ſeiner Köchin zu verwundern, welche wirklich beim erſten Anblick den entflohenen Schatz im Türkengewande wiedererkannt hatte. „Durchlaucht“, ſagte Millauer,„Jedes hat ſeinen Theil bekommen, ich möchte mir auch eine Gnad' aus⸗ bitten.“ „Meinetwegen“, ſagte Max Emanuel, indem er mit der Kurfürſtin am Arme ſtehen blieb.„Was ver⸗ langt Er? Es ſoll Ihm bewilligt ſein!“ „Ich danke ganz gehorſamſt“, ſagte der Rath, „aber es wären halt drei Stücke, die ich mir ausbitten möchte. Das erſte iſt, daß ich den türkiſchen Zettel wiederbekomme; ich will den braunen Rock da, in dem ich heute und geſtern ſo viel Angſtſchweiß geſchwitzt hab', nicht mehr anziehen, ſondern zum Andenken für meine Kinder und Kindeskinder aufheben; den Zettel 250 aber will ich drin ſtecken laſſen. Das zweite Stück, das wäre, daß Kurfürſtliche Durchlaucht mir erlauben, daß ich in meinen alten Tagen nicht mehr das Schönſchrei⸗ ben lernen muß. Ich bring' es wahrhaftig nicht mehr zu Wege; ich bin die alten Buchſtaben und das K mit ſeinem Schnabel gar zu ſehr gewohnt.“ „Zugeſtanden“, lachte der Kurfürſt.„Und das Dritte?⸗, „Das Dritte“, ſagte Millauer bedenklich,„das betrifft die Türken. Mir kommt's auch vor wie Eurer Durchlaucht, ich mein' alleweil, ich wär' nicht der rechte Mann für ein ſolches Geſchäft, wie die türkiſche In⸗ ſpectorei, ich wollt', weiß Gott, lieber ein Sieb voll Flöh' hüten als das Geſindel, mit Reſpekt zu ſagen. Ich möcht' alſo g'horſamſt bitten, mich von ſothanet Inſpection wieder gnädigſt entheben zu wollen.“ „Auch das ſoll Ihm gewährt ſein“, ſagte Max Emanuel.„Es wird auch nicht mehr nöthig ſein, daß Wir weiter einen ſolchen Inſpector beſtellen. Wenn Wir in den Kampf ziehen für Deutſchlands Ehre und Einheit, wollen Wir uns mit den gefangenen Burſchen nicht länger ſchleppen und quälen, ſie mögen heimkeh⸗ ren, alle, ohne Löſegeld; das des Khiaja⸗Paſcha ſoll für ſie alle gelten. Das ſoll Sein letztes Geſchäft ſein als Türkeninſpector, daß Er den Leuten die Frei⸗ 251 5. heit ankündet! Ich denke“, fuhr er im Hinwegſchreiten zu Maria Antonia gewendet fort,„es wird gut ſein, wenn die Aſiaten wieder aus unſerm lieben München hinauskommen, ſie haben ſchon genug Unruhe in die Stadt gebracht, und man wird wohl noch in ſpäter Zeit zu erzählen wiſſen von den Vorfällen dieſer Tage und von den Türken in München.“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane g. d. Verlag v. Ernſt Julins Günther in Leipzig. Höfer, Edmund, Der große Baron. 2 Bde. Thlr. 1 10 do. do. Eine Geſchichte von da⸗ mals. 1 Bd. do. do. In Sünden. 2 Bde.„ Scherr, Johannes, Roſi Zurflüh. 1 Bd.„ do. do. Schiller. Culturhiſto⸗ riſcher Roman. 4 Bde.„ Schücking, Levin, Aus der Franzoſenzeit. 1 Band. do. do. Eines Kriegsknechts Abenteuer. 2 Bde. do. do. Die Rheider Burg. 2 Bde.,, do. do. Aus alter und neuer Zeit. 2 Bde.„ do. do. J. J. Rouſſeau. 1 Bd.„ do. do. Deutſche Kämpfe. 2 Bde.„ 77 77 — 20 1 15 — 20 2 20 — 20 1 10 1 10 1 10 — 20 1 15 ————— ſſſ1“ ö ſſſiſinnſnnfffcffſſſfſiinſiiſiſſffſſffſfſſſſßffſſſſinſſnſſünſſüiſt 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18