Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zn Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Linterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für narchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. „ 7—„. 9— 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dieiengen⸗ welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————y—— 2 ee 4— 1 —— Roman von Herman Schmid. Fünfter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. ½ Fünfter Band. Motto: Hier entſag' ich Allem, Was mich auf dieſer Welt erwartet; ſuchen Sie unter Fremdlingen ſich einen Sohn. Don Carlos V. 4. höhöö,„— Erſtes Kapitel. Ein Sterbebett. 8 „Noch ein bischen höher, mehr nach der Mitte zu So iſt's gut, ſo wird es recht hübſch ſein, und jetzt tummle Dich, guter Freund, daß Du die Guirlande noch hübſch um das Schild herum fertig bringſt und der Stiefel recht ſchön in die Mitte zu ſtehen kommt! Denn der Stiefel iſt die Hauptſache, das iſt das Zeichen des ehrlichen Handwerks, und das Handwerk iſt es, das heute ſeinen Triumph feiern ſoll.“ So rief der Dreher Gerbel einem Geſellen zu, der an der Thurmwohnung Meiſter Rempelmann's vor dem Jakobsthore auf einer angelehnten Leiter ſtand und mit einigen Andern beſchäftigt war, das Gemäuer zu ſchmücken, Thüren und Fenſter mit Gewinden und Schmid, Mütze und Krone. V. 1 2 Kränzen zu verzieren. Auf dem breiten Platze davor ſtanden viele Leute, bunt, wie der Zufall ſie zuſammen⸗ geführt, durcheinander, ſahen den Feſtvorbereitungen zu und harrten des Schauſpiels, das noch kommen ſollte. Rempelmann's Bube in ſeinem beſten Anzug ſaß auf der freien Thurmſtiege und hütete das kleine Schweſterchen, das neben ihm auf dem Platze vor der Stubenthür herumrutſchte und in dem Vorrath von Blumen und Zlättern herumtaſtete, welcher dort zur Verzierung aufgehäuft war. Die Meiſterin ſelbſt hatte keine Ruhe und lief immer hin und wieder, Treppe auf und Treppe ab. Schon ſeit dem früheſten Morgen⸗ grauen hatte ſie zwar Alles in Haus und Wohnung aufs Tüpfelchen bereitet und hergerichtet; dennoch war es ihr immer, als hätte ſie noch etwas vergeſſen, als ſei noch etwas übrig zu thun. Dann lief ſie eilig hinauf, um, wenn ſie oben ſtand, ſich vergeblich zu be⸗ ſinnen, was ſie gewollt; ſie fand nichts zu thun, als allenfalls einen Stuhl von einem Platze auf den an⸗ dern zu rücken oder zum zehnten Male einen Lappen zu ergreifen und von Kommode und Standuhr das allerletzte Stäubchen abzuwiſchen. Eben war ſie wieder in die Stube gekommen und ſtrich das Tiſchtuch glatt, welches zur Mahlzeit für den heimkehrenden Vater und Meiſter ſchon aufgebreitet war. Vergnügt ſtreiften ihre —— 3 Blicke darüber weg und in der Stube umher. Die Wangen der hübſchen Meiſterin brannten; es war, als ob ſie zehn Jährchen jünger und ſchöner geworden ſei.„Ich weiß gar nicht, wie mir iſt“, ſagte ſie lachend zu ſich ſelbſt, indem ſie vor dem kleinen Spiegel, der in der Ecke hing, ſich das Scheitelhaar zurechtſtrich. „Ich kenne mich ſelbſt nicht mehr, wenn ich denke, was für eine Jammergeſtalt geſtern noch aus dem Spiegel herausgeſehen hat, und jetzt zeigt er mir einen rothen Kopf, als wenn ich zu tief in den Krug geguckt hätte.“ Gerbel's Eintritt unterbrach ſie in ihrem Selbſtge⸗ ſpräch.„Nun, Frau Rempelmann“, rief er, indem er vergnügt die Hände rieb, wie Jemand, der von ſeinem Werke vollkommen befriedigt iſt,„denken Sie jetzt noch daran, an den Tag der großen Illumination? Ich bin damals auch an Ihrem Thurm vorbeigekommen und habe geſehen, wie Ihr Mann ſeinen Stiefel be⸗ leuchtet hat. Damals hab' ich auch nicht gedacht, daß wir einmal ſo zuſammenkommen und miteinander be⸗ ſchäftigt ſein ſollten, das Schuſterſchild wieder heraus⸗ zuputzen.“ „Freilich wohl“, ſeufzte die Frau;„wem hätte es einfallen können, daß es ſo gehen würde? Wer mir damals geſagt hätte, daß ſo großes Elend, ſolche Schande über mich kommen würde—“ 1* 3 „Nun, nun, tröſte ſich die Frau! Damit hat's ein Ende“, ſagte Gerbl.„Es iſt wie bei einem Wetter. 1 Das Gewölk iſt vorbeigezogen, und der kalte Schlag, den es gethan hat, hat nur erſchreckt und nicht gezündet. Da ſcheint die Sonne hintennach deſto ſchöner.“ „Weiß Gott“, rief die Meiſterin wieder,„ich meine, der Himmel iſt nie ſo ſchön blau geweſen wie heute.. Wenn ich denke, daß wirklich alle Noth ein Ende hat, daß der Vater wieder heimkommt, mein guter Mann,— mein lieber, braver Meiſter, ſo iſt es mir, als wenn ich in einem Traume wäre, und alle Augenblicke fürchte ich, daß ich wach werde, und daß die ganze Herrlichkeit verfliegt.“ „Das kann ich mir denken“, ſagte Gerbel lachend. „Aber es iſt doch Wahrheit, und es freut mich faſt ſo ſehr, als es Sie ſelber freuen kann. Ich habe den Rempelmann immer für brav und rechtlich gehalten, hab' es gleich im erſten Augenblick geſagt: Ich glaub⸗ es nicht, daß ein ſolcher Mann über Nacht ein Dieb und ein ſchlechter Kerl werden ſoll; und nun freut's 1 mich in die Seele hinein, daß ich ſo Recht behalten habe. Ich hab' es immer geſagt, es iſt nichts als ein Streich von dem Sparberger, der heuchleriſchen Wucher⸗ ſeele, und wenn ich's auch nicht beweiſen kann, ich bleibe doch dabei, daß es wahr iſt, und nun erſt gerade recht.“ ————— 35 „Warum das?“ fragte die Meiſterin. „Weil er nicht einmal heute zu Ihnen kommt“, antwortete der Dreher.„Wenn er ein gutes Gewiſſen hätte, ſo hätte er gleich, wie das erſte Wort davon laut geworden iſt, daß er dem Rempelmann mit ſeinem Verdachte Unrecht gethan hat, zu Ihnen kommen müſſen, und wenn er Sie nicht um Verzeihung bitten wollte, hätte er wenigſtens ein Wörtchen ſagen müſſen, wie leid es ihm thue, daß Sie ſeinetwegen in ſolchen Ver⸗ dacht gekommen, und wie froh er ſei, daß ſein Nachbar nun gerechtfertigt daſtehe. Das hätte ich gethan, wenn ich an ſeiner Stelle geweſen wäre, und er hätte es auch thun müſſen, wenn er ein halbwegs gutes Gewiſſen hätte. Statt deſſen iſt Knall und Fall bei ihm eine wichtige Geſchäftsreiſe vorgekommen. Er hat es gar nicht einmal abwarten können, bis der Rempelmann frei iſt, und hat ſich die Freude entgehen laſſen, zu ſehen, wie der unſchuldig Verurtheilte von den Zünften und Innungen feierlich, unter Sang und Klang in ſein Haus und ſein Geſchäft, zu Weib und Kind zurückge⸗ führt wird.“ Die Meiſterin fuhr mit der Hand über die Augen, in die ihr das Waſſer aufgeſtiegen war.„Iſt es denn wahr“, rief ſie dann,„daß man uns eine ſolche Ehre anthun will? Wollen die Zünfte wirklich zu uns kom⸗ men? Das hab' ich gar nicht für möglich gehalten. Ich hab' immer gefürchtet—“ „Weiß ſchon, Frau, was Sie ſagen wollen“, ent⸗ gegnete Gerbel.„Aber das gehört ſich einmal nicht anders. In Ihrem Manne iſt Alles beleidigt, was Handwerk heißt, und weil ſeine Unſchuld ſo ans Licht gekommen iſt, iſt es eine Freude und eine Ehre für Alles, was zum Handwerk gehört. Das haben ich und meine Freunde in der Verſammlung geſagt, und wir haben es durchgeſetzt, wenn auch Einige nicht daran gewollt haben.“ „Alſo hat's doch Widerſpruch gegeben!“ ſagte die Schuſterin ängſtlich.„Warum doch?“ „Ach was!“ rief Gerbel.„Man muß die Leute reden laſſen. Allen kann man's nicht recht machen. Beſſer wär' es freilich, wenn das auch noch aufgeklärt würde, daß— na, ich ſehe ſchon, es iſt das Beſte, wenn ich Ihnen Alles ſage. Es gibt Leute, welche meinen, wenn auch die Wahrheit mit dem fremden Manne aufgekom⸗ men ſei, der Ihnen das Geld gegeben hat, ſo bleibe doch noch immer ein Umſtand, die Geſchichte mit den Stiefelſpuren im Garten; die will den Leuten nicht aus dem Kopfe. Wenn man nur herausbringen könnte, wie es damit zugegangen iſt! Wiſſen Sie denn gar kein Mittel und Weg dazu?“ 8 7 Die Schuſterin ſah den Fragenden ernſt und traurig an.„Alſo glauben uns die Leute noch immer nicht! Obwohl ſie ſich überzeugt haben, daß wir mit dem Gelde die Wahrheit geſagt haben, halten ſie uns doch noch für ſo ſchlecht!“ 8 Wie nachſinnend fiel ihr Blick durch das Fenſter auf den Platz und ſtreifte über die vor dem Thore ver⸗ ſammelte Menſchenmenge, als mit einem Male ein dunkles Roth ihr Angeſicht überflog.„Der!“ murmelte ſie vor ſich hin.„Was will der? Er wird doch nicht zu uns kommen?“ Dann von einem raſchen Gedanken durchzuckt, wandte ſie ſich zu Gerbel, faßte ihn am Arme und drängte ihn gegen die Kammerthür.„Gehen Sie dahinein!“ ſagte ſie mit fliegendem Athem.„Halten Sie ſich ſtill, und horchen Sie genau auf Alles, was geſprochen wird! Vielleicht weiß ich Mittel und Weg.“ Der Meiſter war kaum in der Kammer verſchwun⸗ den, als ein etwas unſicherer Schritt die freie Thurm⸗ treppe heraufkam und die Stimme des ſchwäbiſchen Gärtners ſich vernehmen ließ, der draußen mit dem Knaben ein Geſpräch anknüpfte.„Warum kommſt denn gar nimmer zu mir, Michele?“ hörte die Frau ihn ſagen.„Du weißt ja, wie gern ich Dich hab'. Komm' nur zu mir, Büeble! Ich hab' gar ſchöne Weichſel und Frühbirn!“ ₰ ——————— Der Knabe erwiderte nichts. Eingedenk des ſtrengen Verbotes, jeden Umgang mit dem verdächtigen und ver⸗ haßten Gärtner zu unterlaſſen, ſchwieg er hartnäckig, und damit er nicht in Verſuchung käme, zu antworten, beugte er den Kopf zu Boden und beſchäftigte ſich mit dem Kinde, als ob er die Frage gar nicht vernommen hätte. Die Schuſterin hatte haſtig die Thür aufgeriſſen, um das C Geſpräch zu unterbrechen. Sie hatte ſich vor⸗ genommen, den Burſchen freundlich zu empfangen; aber als er wirklich vor ihr ſtand, vermochte ſie im erſten Augenblick nicht, ſich ſo ſehr zu bemeiſtern. Es war daher kein Wunder, wenn Schiebele ein paar Schritte überraſcht zurücktrat, ſo vollſtändig war in ihrem An⸗ geſicht die wahre Empfindung ihres Abſcheus gegen ihn ausgedrückt. Sein Ausſehen war auch nicht geeignet, dieſe Empfindung abzuſchwächen. Geſicht und Geſtalt des Burſchen waren nicht eben unangenehm, aber der ganze Eindruck wurde durch die Augen zerſtört, deren mattgraue Farbe und unſichere Bewegung zuſammen das bildeten, was man im gewöhnlichen Leben einen falſchen Blick nennt. Dazu kam, daß der Burſche in der letzten Zeit begonnen hatte, ſich dem Trunke hin⸗ zugeben. Eben ſchien er wieder von einem ſolchen Vergnügen zu kommen, denn ſeine Augen ſchwammen ——— 9 in Feuchtigkeit, daß ſie ein ſtarres, gläſernes Anſehen hatten; das Geſicht war geröthet und eine leichte Un⸗ ſicherheit in Gang und Bewegung verrieth, daß er über dem Beſtreben, die Gedanken, die ihn quälen mochten zu vergeſſen, die volle Herrſchaft über ſeine Glieder und Sinne verloren habe. Der Gärtner hielt einen mächtigen Kranz in der Hand, geflochten aus den koſtbarſten Blumen der ſchönen Jahreszeit, in welcher der Flor des Sommers noch nicht verblichen iſt und der Herbſt bereits in Aſtern und Dahlien ſeine Erſtlingsgrüße zu ſchicken beginnt. Als die Thür unerwartet aufging, vermochte er nur zu ſtottern und hielt ſtatt einer Anrede der Schuſterin den Blumenkranz entgegen. Bald gefaßt kämpfte dieſe den aufwallenden Unwillen in ſich nieder und vermochte nun, mit lächelnder Miene und freundlichem Tone ihn willkommen zu heißen.„Wie“, ſagte ſie„der Herr Nachbar Schiebele geben uns auch die Ehre?“ Der von ſeiner Leidenſchaftlichkeit verblendete und jetzt vom Trunke noch mehr erhitzte Burſche verlor bei dem Anblick der hübſchen Frau und bei der Freund⸗ lichkeit, womit ſie ihn zum erſten Male begrüßte, vol⸗ lends den Reſt der ſchwachen Beſinnung, den er noch beſeſſen hatte.„Freilich bin ichs, Frau Nachbarin“, rief er unſicher.„An einem Tag, wie der heutig', kann ich 10 als nächſter Nachbar doch nit zurückbleibe. Ich hab' Ihne auch ein ſchön's Kränzle bunde; den müſſe Sie annehme.“ „Warum ſollt' ich nicht?“ ſagte die Schuſterin mit verſtellter Artigkeit, die man ihrem ſonſtigen ſchlichten Weſen kaum zugetraut hätte.„An einem Tage, wie der heutige, da muß man eben Manches vergeſſen und ein Auge zudrücken. Kommen Sie nur herein ins Zimmer, Herr Nachbar! Ich kann doch den ſchönen Kranz nicht ſo zwiſchen Thür und Angel in Empfang nehmen!“ Der Gärtner wußte nicht, wie ihm geſchah. Wie eine vom Lichte geblendete Mücke ſchwirrte er dem Scheine nach und befand ſich in der nächſten Sekunde allein in der Stube mit der hübſchen Frau, welche, gar nicht unfreundlich oder vollends grob, wie ſonſt, ihm ſogar einen Stuhl zurecht ſetzte und ihn wie den an⸗ genehmſten Beſuch zum Niederſitzen einlud. „Nein“, rief ſie immer wieder,„ſo was Schönes wie dieſen Kranz hab' ich noch gar nie geſehen! Der iſt zu ſchön, als daß man ihn draußen aufhängen ſollte. Den behalt' ich in der Stube. Da über dem Spiegel ſoll er hängen bleiben zum ewigen An⸗ gedenken!“ „Wie freu'ich mich, ſchön’s Weible“, ſagte der Gärtner, 4 8 11 „daß Sie einmal, wie's ſcheint, den unchriſtlichen Haß gege' mich aufgebe wolle! Den hab' ich wahrhaftig nit verdient. Ich hab's alleweil guet mit Ihne grmeint, und ſelbigsmal— Sie wiſſe ja, was ich mein'— da habe Sie mich nur falſch verſtande. Da hat mich nur mein guets Herz verführt und ich hab' dacht, ich thät' Sie am beſte tröſte, wenn ich Ihne ſage thät, Sie ſolle ſich an Ihre Mann nit kehre, und ſolle lieber denke, er ſei Ihne ganz verlore. Das hab' ich ja nit wiſſe könne, daß der falſche Schein gar ſo ſtark gegen ihn ſein könnt'“ „Ja, das iſt wahr“, ſagte die Schuſterin mit einem eigenthümlichen Blicke auf den Gärtner,„der Schein trügt. Aber reden wir nicht mehr davon! Wenn ich nur wüßte, wie ich mich für den ſchönen Kranz be⸗ danken ſollte!“ „Ach du lieb's Herrgottle!“ rief der Gärtner immer verwirrter.„Rede Sie doch nit vom Danken! Ein ſo ſchön's Weible könnt' ſich leicht bedanke, wenn ſie wollt'. Wenn Sie nur nit alleweil ſein wollte, wie ein fahrender Drach'! Wenn Sie mich nur ein einzig's Mal mit einem halb ſo freundlichen Blick anguckt hätte, wie jetzt, da wär' wohl Manches anders, da wär' Manches nit g'ſchehe.“ Die Schuſterin bebte zuſammen, denn der⸗ Burſche 12 war kühner geworden; er näherte ſich ihr und legte den Arm um ihre Hüfte. Sie zuckte und mußte ſich Gewalt anthun, ihn nicht von ſich zu ſtoßen.„So?“ brachte ſie mühſam hervor.„Wie iſt denn das zu ver⸗ ſtehen? Was wäre denn nicht geſchehen? Und was nicht geweſen iſt, könnte denn das nicht noch werden?“ „Freilich, freilich könnt's“ kicherte der Schwabe.„Aber es wird halt jetzt doch viel härter halte, jetzt, wo der Mann wieder daheim iſt.“ „O deswegen!“ rief die Schuſterin in ſteigender Bewegung.„Nach meinem Mann thät ich juſt nicht ſo viel fragen. Bei dem, was ich im Sinn hab,, redet er mir gewiß nichts ein.“ „Ja, wenn das wär'!“ fuhr der Burſche fort, indem er ſie lüſtern an ſich drückte.„Was iſt denn für ein gueter Geiſt über die Frau komme, daß ſie auf einmal ſo zuetraulich iſt? Warum war ſie denn früher gar ſo ſpröd und wild?“ „Warum?“ fragte die Schuſterin und ballte unge⸗ ſehen die Hände.„Vermuthlich wohl, weil ich jetzt erſt ſehe, wie der Herr Gärtner von mir denkt und daß er gar ein ſo guter Freund iſt von uns. Ich hätt' mich wohl bedanken ſollen, wie Sie die Zeugſchaft gegen uns abgelegt haben? Denn das“, fügte ſie leichthin und vollkommen unverfänglich hinzu,„das werden Sie mir ——————— 13 doch nicht widerſprechen wollen, daß es mit der Ein⸗ bruchsgeſchichte ein kleines Häkchen hat.“ „Freilich, freilich“, lachte Schiebele mit dummer Pfif⸗ figkeit.„Es hat damit ſchon einen großen Haken. Sie iſt eben eine g'ſcheidte Frau und hat gar ein fein’s Näsle. Es iſt mir leid g'nug g'weſe ſelbigsmal und ich hab's nit gern gethan; aber ich hab' halt müeſſe.“ „Sie haben gemußt?“ fragte die Schuſterin möglichſt gleichgültig, indem ſie vom Tiſche weg ein paar Schritte näher gegen die Kammerthür machte.„Ja, wie wäre denn das?“ „Wie das wär'?“ fragte der Gärtner, der ihr folgte, weil er ihr Zurückziehen in die Tiefe der Stube für ſeine Wünſche günſtig auslegte.„Ich hab' müeſſe, weil ich ſonſt meinen gueten Dienſt verlore hätt’. Es iſt nit ſo leicht, heutzutag' einen ſolchen gueten Platz wieder zekriege, bei dem ſo allerhand abfallt, weil's ſo vielerlei Heimlichkeite gibt. Der Alt' hat's abſolut ſo habe wolle.“ „Der Alte? Wer iſt denn das?“ „Wer ſonſt als mein Herr, der Herr Agent Spar⸗ berger?“ ſagte Schiebele, indem er die Hände der er⸗ glühenden Frau mit Küſſen bedeckte.„Er kann den Meiſter einmal nit ausſtehe und hat'n mit G'walt aus'm Thurm fort habe wolle. Da hab' ich mich von ihm verblende laſſe. Ich hab' auch nit g'meint, daß's ſo 14 übel ausfalle thät, und wenn das nit gweſe wär, ſo wär's auch wirklich zum Lache gweſe, vor allem gar die G'ſchicht' mit dene Stiefel.“ „Mit den Stiefeln?“ fragte die Schuſterin, welche kaum mehr Athem genug fand.„Ah ſo! Mit den Stiefeln, die uns geſtohlen worden ſind, meinen Sie?“ „Ach was“, ſagte der Gärtner lachend,„g'ſtohlen hab' ich ſie nit. Sie ſind in'n Garte enunterg'falle und da hab' ich ſie gefunde und zu mir gmomme. Ich hab' dacht, die könnt man mal brauche, wenn's gilt, a Späßle Fmache. Wie dann der Alt' nit ausg'laſſe hat und alleweil in mich drunge iſt, ich ſollt' was ausſtudire, um den Schuſter fortz'ſchaffe, hab' ich ſie am ſelbige Abend an'zoge und bin damit durch'n Garte gange, eh⸗ ich ſie wieder an ihren Ort gſſtellt habe. Drum“, fuhr er mit lautem Lachen fort,„drum habe die Stiefel auch ſo accurat in die Spure»paßt.“ „Iſt das wahr?“ ſagte die Schuſterin ſo erregt, daß ſie kaum mehr an ſich halten konnte.„Das wäre frei⸗ lich zum Lachen, wenn's nicht ſo traurig geweſen wär'. Aber wie iſt es dann mit dem Einbruch ſelbſt geweſen?“ „Nix iſt’'s damit g'weſe“, entgegnete Schiebele,„gar nix als lauter Spiegelfechterei. Der Alt' ſelber hat mit der Kreuzhaue ˙8 Schloß verruinire helfe. Es iſt ihm kein Kreuzer g'ſtohle worden. Er hat's ſo habe wolle, 15 und ich hab' ihm halt ſein Wille thue müſſe. Aber ich will's ſchon wieder guet mache, ſchön's Weible, denn Sie iſt ja jetzt vernünftig worden und weiß, was Sie p'thue hat.“ „Ja, das weiß ich!“ rief losbrechend Frau Rempel⸗ mann, indem ſie die Thür zur Kammer aufriß.„Kom⸗ men Sie heraus, Herr Gerbel! Jetzt iſt das ganze Schandſtück am Tage.“ „Das iſt es“, rief der Meiſter, der raſchen Schrittes und mit leuchtendem Blicke aus der Thür trat,„und alle Welt ſoll erfahren, daß es ſo iſt! Die ganze ab⸗ ſcheuliche Bosheit ſoll ans Licht, daß Niemand mehr an der Ehrlichkeit eines braven Mannes zweifeln kann.“ Der Gärtner ſtand bei der unerwarteten Wendung der Sache und bei dem Anblick des Meiſters ſo ver⸗ blüfft, als habe er einen betäubenden Schlag vor die Stirn bekommen und müſſe ſich auf das, was vorge⸗ gangen, erſt beſinnen. Einen Augenblick ſtarrte er die Frau und den Meiſter wie geiſtesabweſend an, dann loderte ein lichter Funken in ihm auf. Raſch und ge⸗ duckt wie ein Thier, das die Gelegenheit wahrnimmt, einer Falle zu entſpringen, eilte er der Thür zu. Gerbel aber, der das ſchon erwartet haben mochte, ſtand bereits an derſelben und ſchleuderte ihn zurück, daß er taumelnd vor Schrecken am Tiſche zu Boden fiel. „Da lieg“, rief er,„und warte, bis ſie Dich und Deinen Genoſſen holen, den meineidigen Verleumder, und Euch thun, was Euch gehört!“ Der letzte Reſt der fliehenden Trunkenheit kämpfte in dem Burſchen mit dem Entſetzen und der Wuth, ſich überliſtet zu ſehen. Grimm glühte in ſeinen tückiſchen grauen Augen; in ohnmächtiger Bosheit ballte er die Fäuſte und preßte die eigenen Zähne tief in dieſelben, daß ſie zu bluten anfingen; aber die Kehle war ihm wie zugeſchnürt, er vermochte nur ein dumpfes Knurren hervorzubringen. In dieſem Augenblicke ſchmetterten von draußen die lauten Töne fröhlicher Muſik, und das Rufen des Volkes verkündete die Annäherung des Feſtzugs.„Sie kom⸗ men“, rief Gerbel. Die Schuſterin aber vermochte es nicht, in den Ruf einzuſtimmen. Obwohl ſie denſelben erwartet hatte und darauf vorbereitet war, wurde ſie von der Wucht des Augenblicks doch ſo ſehr überwäl⸗ tigt, daß ſie ſich an dem Tiſche anhalten mußte und die paar Schritte zur Thür nicht zurücklegen konnte. Draußen ſprang auch Michel empor und ſchrie:„Der Vater kommt! Mutter, der Vater kommt!“ „Er kommt, er kommt wirklich!“ ſtammelte ſie, in⸗ dem der Bube die Thür aufriß und ihr das Schweſter⸗ chen auf den Arm gab; weiter aber als vor die Thür 17 vermochte ſie nicht zu kommen, die Füße verſagten ihr den Dienſt. Es war aber auch unnöthig, daß ſie ſich weiter entfernte. Im Augenblick war die Muſikbande, welche dem Zuge voranſchritt, aus dem breiten, dunklen Bogen des Jakobsthors getreten, hatte mit einer Schwen⸗ kung den Platz vor dem Thurm betreten und ſich dort aufgeſtellt, während vor und neben demſelben ſich die Träger der Fahnen, Standarten und andern Zunft⸗ zeichen in weitem Halbkreiſe aufſtellten. Im Thor ſelbſt kamen die älteſten Meiſter der verſchiedenen Gewerbe angeſchritten, in ihrer Mitte Meiſter Rempelmann. Bis dahin war er im Stande geweſen, den langſam feier⸗ lichen Schritt des Zuges einzuhalten; jetzt, als er ſein Wohnhaus vor ſich liegen, als er auf der Treppe Weib und Kinder ſah, wie ſie zitternd ihm entgegenſtrebten und ihm nicht entgegenzueilen vermochten, da hielt auch er nicht länger an ſich. Unbekümmert um die ganze Feierlichkeit, durchbrach er die Reihen und war nach wenigen Schritten an der Treppe.„Grete!“ rief er, „Kinder!“ und lag im nächſten Augenblick wortlos in den Armen der Seinigen. Hinter der glücklichen Gruppe aber ſtand Meiſter Gerbel, ſchwang den Hut über dem Kopfe und rief mit ſchallender Stimme:„Heil dem wackern Manne, der aus einer ſo ſchweren Prüfung gereinigt zurückgekehrt! Heil unſerm braven, redlichen Schmid, Mütze und Krone. V. 2 18 Mitbürger! Er lebe hoch!“ Die Muſik fiel mit einem ſchmetternden Tuſche ein, die zahlloſe Verſammlung ſchwenkte die Hüte und Mützen und brach in ein tau⸗ ſendſtimmiges Jubelgeſchrei aus. Die Glücklichen hörten es nicht. Feſt und lange hielten ſie einander umſchlun⸗ gen; als das erſte Getümmel porüber war, ſtimmten die Sänger des Zuges die einfache, ergreifende Weiſe „Nun danket alle Gott!“ an und alle Anweſenden ſtimmten ein in den erſchütternden Choral. „Mitbürger! Freunde!“ rief Gerbel wieder, als ein Augenblick der Ruhe eingetreten war.„Ich habe die Freude, Euch noch eine Mittheilung zu machen, welche auch den letzten Schleier von der räthſelhaften Ange⸗ legenheit unſeres der Welt wiedergegebenen Freundes und Mitmeiſters gehoben hat. Der Einbruch, deſſen er beſchuldigt werden wollte, hat gar nicht ſtattgefun⸗ den; er iſt nur zum Schein angegeben worden, um den Meiſter Rempelmann, deſſen Redlichkeit ihn zu einem unangenehmen Nachbar machte, aus der Umgebung fortzubringen. Der Agent Sparberger war der An⸗ ſtifter, ſein Gärtner der Thäter und Helfershelfer. Vor wenigen Augenblicken habe ich ſelbſt ſein unumwun⸗ denes Geſtändniß mit eigenen Ohren gehört. Hier habe ich den Elenden eingeſchloſſen, um ihn den Armen der Gerechtigkeit zu überliefern.“ 19 Er trat in die offene Thür, ſah ſich aber vergeblich nach Schiebele um, von dem nirgends eine Spur zu erblicken war. Die Ankunft des Zuges und die Angſt vor dem ihm bevorſtehenden Schickſal hatten den Burſchen vollkommen nüchtern gemacht; er hatte nach einem Aus⸗ weg der Rettung geſpäht und einen ſolchen gefunden, wie das offenſtehende Stubenfenſter zeigte. Raſch ent⸗ ſchloſſen hatte er es geöffnet, war hinausgeſtiegen und hatte ſich den Anſchein gegeben, als ſei er beſchäftigt, noch etwas an den dort angebrachten Guirlanden und Kränzen zu ordnen. Er ſtieg auf eine in der Nähe lehnende vergeſſene Leiter und gelangte ſo un⸗ beachtet und unangehalten durch die Menge, welche ihn allgemein für einen Gärtner hielt, der ſich bei der Ver⸗ zierung des Hauſes verſpätet. „Verdammt!“ rief der Dreher ärgerlich.„Jetzt iſt uns der Galgenvogel doch entwiſcht!“ Schimpfend und lachend drängte das Volk durcheinander und erzählte ſich, wie es den Burſchen wohl geſehen und nicht ent⸗ fernt geahnt, welche Bewandtniß es mit ihm habe. Das Gelächter und die allgemeine Luſtigkeit gingen aber bald in Entrüſtung und Unwillen über gegen die ſchändliche That. Durch Ausrufungen und Schimpf⸗ reden aller Art machten die bewegten Gemüther ſich anfangs Luft, bald aber regte ſich die Luſt, von Worten 2*½ zu Thätlichkeiten überzugehen. Erſt vereinzelt und ſchwach, dann immer öfter und lauter ließen ſich Rufe hören, daß man das nicht ſo ungeſtraft hingehen laſſen dürfe; man müſſe dem falſchen Ankläger, der ſeine Lüge noch durch einen Eid vor Gericht beſtätigt habe, ſogleich einen Denkzettel geben. Dieſe Aufforderungen fanden um ſo williger Gehör, als der Agent wegen ſeiner Geſchäfte und ſeines Handels mit Lebensmitteln ohne⸗ hin eine anrüchige Perſönlichkeit und von der öffent⸗ lichen Meinung beſchuldigt war, daß er Wucher treibe und nicht wähleriſch ſei in den Mitteln, wenn es gelte, einen Gewinn zu machen. Schon wandte ſich die Strö⸗ mung der Menge gegen das Landhaus und den Garten, ſchon hatten einzelne der Hitzigſten und Kühnſten ſich auf die Mauerbrüſtung geſchwungen, begannen über das Eiſengitter zu klettern und die Stangen deſſelben los⸗ zuwiegen, als Rempelmann dies gewahr ward und mit Winken und Rufen nach einigen Augenblicken es dahin brachte, daß man von dem Unternehmen abließ. „Stille!“ rief einer aus der Menge.„Ruhe! Meiſter Rempelmann will uns was ſagen.“ „Ich verſtehe nicht zu reden“, ſagte Rempelmann, als es ſtill geworden war,„und ich habe auch nichts zu ſagen als eine Bitte. Der heutige Tag iſt ein großer Freudentag für mich und die Meinigen. Da 21 werdet Ihr mir eine Bitte nicht abſchlagen; das iſt die, daß wegen des Unrechts, das mir geſchehen iſt, nicht ein anderes Unrecht ausgeübt werde. Ich bin froh, daß der ſchlechte Menſch, der an mir zum lügneriſchen Ankläger geworden iſt, entwiſcht iſt. Darum bitte ich, liebe Landsleute, laßt auch das Haus und den unſchuldigen Garten in Ruhe und verderbt mir meinen Freudentag nicht!“ „Ja, ja!“ rief es tauſendſtimmig entgegen.„Der heutige Tag gehört dem Rempelmann; heute muß ge⸗ ſchehen, was er haben will. Er ſoll leben— hoch und abermals hoch und zum dritten Mal hoch!“ In das lärmende Rufen fiel rauſchend die Muſik ein und ging ſogleich in die Melodie des Marſches über, mit welcher der Zug herangekommen war. Da⸗ durch kam Ordnung in die Menge; unter ſtetem Zu⸗ rufen wogte dieſelbe an dem Thurm vorüber in den Thorbogen hineinz Ferner und ferner verklangen das Rufen und die feſtlichen Töne der Muſik, und bald war es einſam auf dem weiten Platze; nur Rempelmann, den Arm um ſein Weib und ſeine Kinder geſchlungen, ſtand noch auf der Thurmtreppe ſeines Hauſes. „Jetzt ſind wir allein“, ſagte er dann.„Jetzt kön⸗ nen wir uns erſt recht freuen, daß wir einander wieder haben. Komm' herein, Grete! Kommt herein, Kinder! 22 Die Thür, aus der ich ſo elend herausgegangen bin, geht für uns wieder auf in alter Freude und Glück⸗ ſeligkeit. Meine liebe, meine einfache Stube, da biſt du wieder! Da bin ich wieder in dir!“ fuhr er ein⸗ tretend fort, und ſein Blick blieb auf dem Handwerkszeug haften, das ſauber und ungebraucht an Nägeln und Stiften an der Wand aufgehangen war.„Mein Hand⸗ werkszeug!“ rief er, indem er Leiſten und Pfriemen wie ſetwas der Empfindung und eines Gegengefühls Fähiges an die Bruſt drückte, während Thränen aus den Augen des ſonſt ſtarken und nicht leicht zur Rüh⸗ rung geneigten Mannes rieſelten.„Mein Handwerks⸗ zeug, da biſt/ du auch wieder, haſt lange feiern müſſen! Das wird dir wohl zu Herzen gegangen ſein. Ich glaub's, ich glaub's; du biſt ans Müßiggehen nicht ge⸗ wöhnt worden bei mir. Wir zwei haben redlich ge⸗ ſchafft mit einander, und wir wollen's wieder. Nicht wahr? Wir wollen wieder feſt zuſammenhalten, und wir auch, meine Lieben“, fuhr er fort, die Seinigen wieder an ſich ziehend,„wir auch. Unſer Herrgott iſt mit uns geweſen; wir wollen ihm danken und auf ihn vertrauen, wo es auch ſein mag.“ „Wo es auch ſein mag?“ ſagte die Frau und blickte von ſeiner Bruſt zu ihm empor.„Wie meinſt Du denn das? Wo ſollten wir ſein als hier?“ 23 „Frage nicht! Rede jetzt nicht, Grete!“ ſagte der Schuſter.„Mir geht allerhand im Kopfe herum. Jetzt wollen wir uns freuen, daß wir einander wieder haben, daß wir nach ſo langer, bitterer Zeit wieder an einem Tiſche beiſammen ſitzen, daß wir wieder frei vor Gott und der Welt die Augen aufſchlagen dürfen, und daß mein Schild, mein ehrlicher Stiefel da draußen, wieder zu Ehren gekommen iſt!“ Der Feſtzug der Gewerke, der Meiſter und Geſellen, war inzwiſchen im Innern der Stadt angelangt und eben im Begriff, auf einen der größern Plätze einzu⸗ biegen, in welchen mehrere anſehnliche Straßen aus⸗ mündeten, während an der Seite ein gekrümmtes Gäßchen in weitem Bogen nach den frühern Wällen und Stadtmauern hinführte. Meiſter Gerbel ſchritt ruhig mit ſeinen Genoſſen dahin, in lebhaftem Geſpräch über das eben Erlebte, den Vorfall mit dem Gärtner und das kluge Benehmen der hübſchen Schuſterin aus⸗ führlich und wiederholt erzählend. Plötzlich brachen die voranziehenden Muſikanten mitten in der Melodie grell ab, die Vorderſten des Zuges mit den Fahnen geriethen in Unordnung, daß derſelbe nicht weiter kom⸗ men konnte und ein vollkommener Stillſtand eintrat. „Was gibt's denn? Warum hält der Zug?“ fragte Gerbel einen Commis, der eifrig daran war, Thüren 24 und Fenſter des an der Ecke befindlichen Kramladens zu ſchließen.„Es kommt mir vor, als wollten Sie gar den Laden ſchließen. Was gibt es denn?“ „Was wird es geben“, ſagte der Kaufmann, welcher unter die Thür herbeieilte, mit einem Arm in ſeinem Straßenrock, mit dem andern noch in der Jacke ſteckend, die er gewöhnlich im Geſchäfte zu tragen pflegte.„Der Zug kann eben nicht weiter. Der ganze Platz iſt voll Menſchen; da kommt Niemand durch.“ Die Fahnenträger und Muſikanten, die ſich inzwi⸗ ſchen bereits hiervon überzeugt hatten, kamen zurück und eilten in die Nebengaſſe, um Fahnen und Inſtru⸗ mente ſo ſchnell als möglich in Sicherheit zu bringen. „Wir gehen gleich mit einander, Herr Gerbel“, ſagte der Kaufmann.„Was es eigentlich gibt, weiß ich ſelbſt nicht recht. Aber ich höre, daß an allen Straßenecken Proclamationen angeſchlagen ſind, bogengroße Placate, worin alle Geſetze, die ſeit Jahr und Tag gegeben worden ſind, auf unbeſtimmte Zeit außer Wirkſamkeit geſetzt werden.“ „Nicht möglich“, erwiderte Gerbel.„Das wäre ja das offenbare Signal zum Aufruhr.“ „Es iſt doch nicht anders“, entgegnete Rund.„Darum will ich fort und will's leſen, weil ich es ſelbſt kaum glauben kann.“ 25 „Ja, es iſt ſchon ſo“, rief ein vorübereilender Bür⸗ ger, deſſen Anzug verrieth, daß er eben aus der Werk⸗ ſtatt weggelaufen war.„Ich hab's mit eigenen Augen geleſen. Es iſt eine Proclamation von der Herzogin⸗ Mutter. Der Herzog, heißt es darin, ſei wegen drin⸗ gender Geſchäfte verreiſt und habe ihr die Vollmacht und die Regentſchaft übertragen. Zur Herſtellung der Ruhe und Ordnung finde ſie es für nothwendig, alle ſeit dem Tode des alten Herzogs erlaſſenen Geſetze auf eine Weile aufzuheben und die alten wieder in Kraft treten zu laſſen.“ „Die alten Geſetze?“ ſagte Gerbel.„Was kann damit gemeint ſein? Sollten ſie uns die freie Preſſe wieder nehmen wollen und das Verſammlungsrecht, das neue Gerichtsverfahren und die Religionsfreiheit?“ „Freilich“, erwiderte der Bürger,„es iſt Alles auf⸗ gehoben. Das Placat ermahnt Jeden bei ſchwerer Strafe zur Ruhe und zum Gehorſam † Gegen die Un⸗ gehorſamen, heißt es, ſeien alle Vorkehrungen getroffen, und wer es wage, die Ruhe zu ſtören, der ſolle ſtand⸗ rechtlich und nach Kriegsgebrauch ſogleich behandelt und verurtheilt werden.“ Um den Erzählenden hatte ſich im Augenblick ein immer anwachſender Kreis von Zuhörern aller Art gebildet, welche in den verſchiedenſten Ausrufungen ihre 26 Theilnahme kundgaben.„Das darf der Herzog nicht!“ rief es durcheinander.„Wir wollen nichts wiſſen von Krieg und Standrecht; wir wollen uns die Freiheiten, die man uns endlich gegeben hat, nicht wieder ſo neh⸗ men laſſen. Kommt, wir wollen aufs Rathhaus, wol⸗ 1 len eine Verſammlung halten und berathen, was zu thun iſt!“ „Ach was Rathhaus“, rief ein Anderer.„Da gibt's keine Verſammlung als mit dem Gewehr und keinen andern Verſammlungsort als auf der Straße. Ruft die Bürger heraus, daß ſich Alles bewaffnet! Man muß Barri⸗ kaden bauen. Bürger heraus! Waffen heraus! Schlagt die Thurmſtuben ein und läutet Sturm! Hurrah!“ Unter wildem Geſchrei wälzte ſich die Menge hin⸗ weg, durch neu zuſtrömende Schaaren immer wieder erſetzt und vermehrt. „Hallo, es geht los“, rief ein Maurergeſelle, der mit mehreren Andern von einem Bau heruntergelaufen kam.„Tummelt Euch, Kameraden, daß wir nicht zu ſpät kommen! Es iſt nichts zu fürchten dabei. Die Soldaten thun uns nichts; ich weiß, ſie machen Gewehr bei Fuß, und wenn ſie doch ſchießen müſſen, ſo beißen ſie die Kugeln ab von den Patronen.“ „Schlimm genug“, ſagte ein Bürger, indem er den Wegeilenden nachſah,„wenn das Euer ganzer Troſt iſt!“ —————— ——————— 27 „Das meine ich auch“, erwiderte einer der Umſte⸗ henden in abgeriſſener Soldatentracht.„Es hat geſtern ſchon geheißen, daß unſere Soldaten in den Kaſernen bleiben und daß fremde Truppen aus dem Nachbar⸗ lande kommen ſollen. Sie ſollen ſchon unterwegs ſein.“ „Wer ſagt das?“ rief Kaufmann Rund, indem er den Redenden an der Bruſt faßte und tüchtig ſchüttelte. „Bedenkſt Du auch, Menſch, was Du daherredeſt? Daß das Leben von vielen Tauſenden vielleicht auf dem Spiele ſteht, wenn Du lügſt?“ „Ich lüge nicht“, ſagte der ausgediente Soldat. „Ich habe Bekannte genug in der Kaſerne, und ich bin geſtern drinnen geweſen; da war' ſchon längſt kein Geheimniß mehr, daß die Fremden beſtellt ſind.“ „Geſtern ſchon!“ rief Rund.„Und heute erläßt man die Proclamation! Alſo offenbar ein vorgefaßter und wohlbedachter Plan! Wir ſind verrathen und ver⸗ kauft, noch dazu von unſerm eigenen Landesherrn, dem wir nichts zu Leide gethan haben, der uns die Frem⸗ den auf den Leib gehetzt, blos weil ihn das Gute reut, was er uns gethan hat! Das leiden wir nicht. Nicht wahr, Landsleute und Bürger, wir wehren uns da⸗ gegen?“ „Ja, ja“, ſchrie Alles durcheinander,„wir leiden es 28 nicht. Hin zu der Reſidenz! Wir wollen es der Her⸗ zogin ſagen!“ Wieder ſetzte ſich eine Schaar in Bewegung, von dem Kaufmann geführt, an deſſen Arm der Drechsler⸗ meiſter eifrig dahinſchritt.„Ich fürchte nur“, ſagte letzterer,„daß es zu ſpät iſt. Gleich am erſten Tage, wie es hieß, der Miniſter ſei abgeſetzt, da wäre es an der Zeit geweſen, loszuſchlagen; da wäre das Eiſen noch warm geweſen und hätte ſich ſchmieden laſſen. Damals waren ſie droben noch nicht vorbereitet, und Alles wäre leicht zu erreichen geweſen. Jetzt ſind ſie bis an die Zähne gerüſtet; unten iſt das Feuer ver⸗ flogen, und es ſoll mich ſehr wundern, ob das Volk, wenn es Ernſt wird, Stand hält, wie das erſte Mal.“ „Sorgen Sie nicht!“ ſagte Rund.„Ich bin gewiß, das Volk wird in Maſſe aufſtehen, wie in den erſten Tagen, und wird diesmal die Waffen nicht eher aus der Hand legen, als bis die Errungenſchaften alle un⸗ zerſtörbar befeſtigt ſind.“ „Ich wünſche es“, ſagte Gerbel;„aber ich bleibe da⸗ bei, daß vor drei Tagen der richtige Zeitpunkt geweſen wäre, wie das Gerede ging, Miniſter Führer ſei abge⸗ dankt. Da war es Zeit, daß der Mann aus dem Volke, 29 der für das Volk gewirkt hat, auch vom Volke gehalten worden wäre.“ „Sie mögen zum Theil Recht haben“, ſagte Rund, naber es iſt immer gut, daß wir keinen Anlaß zur Einſchreitung gegeben haben. Nun haben ſie keine Ausrede, mit der Reaction hervorzurücken; jetzt müſſen ſie Alles aus freien Stücken thun und zeigen, daß es eine längſt abgekartete Geſchichte iſt! Jetzt iſt es klar, was ſie wollen, und das Recht iſt auf unſerer Seite.“ „Das Recht!“ rief Gerbel.„Wenn es einmal ſo weit gekommen iſt, da reicht man mit der Goldwage nicht mehr aus. Ich will lieber im Anfang ein bischen Unrecht haben und am Ende Recht behalten, als aus lauter Rechtsgefühl ſtillhalten, wie ein Schaf, das der Metzger abſticht und das zu ihm ſagt: Stich nur zu, du böſer Metzger, wag' es nur— ich halte ſtill, aber wenn du wirklich ſtichſt, dann werde ich dich beim lieben Gott verklagen. Es geſchieht dem dummen Schafe recht, daß es abgeſtochen wird. Wenn ihm einmal das Meſſer an der Kehle ſitzt, iſt es zu ſpät, und wenn es ſich auch noch aufrafft, ſo muß es ſich doch an der Wunde verbluten. Ich fürchte, ich fürchte, das Volk beſinnt ſich, nachdem es den Mann hat fallen laſſen, für eine Sache einzuſtehen, die ihm nicht gleich an Magen und Beutel geht wie damals die Verbrauchs⸗ 30 ſteuer, die der alte Herzog eingeführt hatte. Aber wenn es ſo fortgeht, kann es ſchon geſchehen, daß die Ver⸗ brauchsſteuer auch wieder kommt. Hieß es nicht, daß alle Geſetze wieder gelten ſollen, die der alte Herzog gegeben hat? Nun, da habt Ihr's! Da iſt die Verbrauchs⸗ ſteuer auch darunter.“ Wüthendes Geſchrei aus den Straßen, denen ſie entgegengeſchritten, unterbrach das Geſpräch, Zugleich ertönten einzelne Glockenſchläge von den Thürmen, wie ſie den Ausbruch eines Brandes in den Häuſern wie in den Gemüthern zu verkünden pflegen. „Hört Ihr ſtürmen?“ tobte es.„Der Reſidenz zul Die alte Herzogin muß heraus.“ „Zum Brückenthor!“ ſchrieen Andere.„Auf den Domplatz! Dort helft bauen! Die fremden Soldaten ſind ſchon im Anmarſch!“ Ein Gebrüll der Wuth antwortete der Aufforderung. Noch wenige Sekunden, und die Bewegung hatte Alles in ſich hineingeriſſen, wie eine überſchwemmende Flut, welche, höher und höher ſteigend, in gewaltigem Wirbel Alles mit ſich hinwegſpült und ſiegreich mit ihren un⸗ heilvollen Spuren bedeckt. Bald brauſte der Strom der Empörung feſſellos durch alle Straßen der Stadt. Die Menge der Rufenden und Bewaffneten wuchs jeden Augenblick. Da kamen die Müßigen, denen jeder Lärm 4 willkommen war, der ſie von der Arbeit befreite und ihnen einige ungebundene Tage verſprach; die Schlechten freuten ſich einer Bewegung, von der ſie ſich Nutzen und Beute verſprachen; die Seelen der Redlichen erglühten über die ſchmähliche Art, wie die kurz vorher verliehenen Rechte und Freiheiten, ein unveräußerliches Eigenthum des Menſchen, ihnen wieder entzogen werden ſollten; die Heuchler hießen den Losbruch willkommen, weil ſie deſſen Ueberwältigung vorausſahen und mit der Uebermacht die Gelegenheit erhofften, an manchem Verhaßten unbeachtet und ungeſtraft Rache nehmen zu können. Dazu kamen noch Schaaren der Aengſtlichen und Neugierigen, welche hin und wieder rennend den Lärm und die Aufregung durch die geſchäftige Be⸗ ſorgniß erhöhten, mit welcher ſie Gerücht um Gerücht hin und wieder trugen oder in Häuſern und Wohnungen ſich verkriechend dieſe hinter ſich abſperrten. Ein Hauptarm des Tumultes wälzte ſich nach einem der größten Plätze der Stadt, wo die Hauptkirche, nach allen Seiten freiſtehend, auf dem erhabenen Unterbau mächtiger Stufen ſich wie auf einem Hügel erhob; ein ſtolzes Bauwerk, von gewaltigen runden Kuppeln überragt, zwar etwas überladen mit Säulen und Architraven, auch mit Figuren und Blumenarabesken etwas zu freigebig geſchickt, im Ganzen aber doch ein 32 Gebäude von mächtigem Eindruck, das die Gedanken und Anſchauungen des Jahrhunderts, in welchem der Geiſt alter Kunſt aus dem Schutt wieder aufzuſteigen begann, als Denkmal verkörperte und wie in überlegenem Bewußt⸗ ſein der Dauer den Platz, ſowie die Stadt und die wimmeln⸗ den Straßen weithin beherrſchend überblickte. So groß der Platz war, führten doch nur einige kleinere Gäßchen auf denſelben; nur dem Dome gegenüber ſtreckte ſich in gerader Linie eine anſehnliche und lange Straße, wie eine breite herrliche Anfahrt, einem ſchön gebauten Thore entge⸗ gen, das ſichtbar nicht zur Vertheidigung, ſondern nur zur Zierde errichtet war und als wohlthuender Augen⸗ punkt das Ganze angenehm abſchloß. Zwiſchen den Flankenthürmen deſſelben, in geringer Entfernung, ward eine mächtige ſteinerne Brücke ſichtbar, die den in einem tiefen Bette dahinſtrömenden Fluß mit mehreren gewaltigen Bogen überſpannte. Die Häuſer der Vornehmen und die Paläſte der Adligen, welche den Platz in weitem Viereck umgaben, waren feſt verſchloſſen, als wären ſie unbewohnt; auch der ganze Platz war beinahe leer; denn bei ſeiner Größe ſchwanden die Menſchenmaſſen, die über denſelben hin⸗ wegſtürmten, zu unbedeutenden zerſtreuten Haufen herab. Nur gegen Thor und Brücke hin war das Ge⸗ dränge ſtärker; dort war eine anſehnliche Schaar eifrig 33 bemüht, aus Häuſern, Hofräumen und Gewölben Bal⸗ ken, Fäſſer, Ballen und anderes Geräthe herbeizuſchaffen, das tauglich ſchien, daraus ein ſtarkes Bollwerk zu bil⸗ den; von dieſer Seite mußte der gefürchtete Einzug uud Angriff der fremden Truppen kommen. Gegenüber, hinter dem Dome, war eine kleinere Schaar beſchäftigt, eine andere Straße von geringerer Breite in gleicher Weiſe abzuſperren und das Pflaſter aufzureißen, damit das Brückenthor nicht umgangen und die Beſatzung nicht im Rücken gefaßt werden konnte. Vor dem Dome, an der Langſeite deſſelben, wo eine ſchön geſchnitzte Eichenthür zur Sakriſtei führte, hielten einige glänzende Carroſſen mit prachtvollen, reich in Silber geſchirrten Pferden, umgeben und bedient von einer Anzahl Lakaien in treſſenſchimmernden Livreen. Nur einige Kinder und Frauen ſtanden in der Nähe und fanden trotz der allgemeinen Unruhe Muße, die Pracht und den Reichthum zu bewundern und die Be⸗ ſitzer dieſer Herrlichkeiten zu erwarten, welche jeden Augenblick aus der Kirche kommen mußten. Ein Jäger trat jetzt aus der Thür und gab, mit dem grünbefiederten Hute winkend, das Zeichen, daß die Einſegnung des Brautpaars, welches im Dome ſo eben für immer ver⸗ bunden worden war, vorüber ſei; augenblicklich kam Be⸗ wegung in die ganze Verſammlung. Die Pferde be⸗ Schmid, Mütze und Krone. V. 3 — 34 nagten und beſchäumten die prächtigen Gebiſſe und trampelten durcheinander; die Räder begannen zu rollen, die Bedienten riefen, die Wagenſchläge klappten, als Graf Schroffenſtein der Vater in großer Uniform, die Bruſt auf beiden Seiten mit Orden überdeckt, auf den Stufen erſchien. Neben ihm ſtand eine andere, ſchlanke Geſtalt in tadellos feinem ſchwarzen Anzug, von welchem das unſcheinbare ſchmale rothe Bändchen im Knopfloch eben durch ſeine Kleinheit und grelle Farbe deſto lebhafter hervorſtach. Der Anzug ſaß dem Manne ſo bequem, er bewegte ſich ſo leicht in demſelben, als hätte er nie einen andern getragen, und nur ein ver⸗ trautes Auge vermochte die ſcharf geprägten Züge van Overbergen's wiederzuerkennen. „Nun“, flüſterte er Schroffenſtein mit triumphiren⸗ dem Lächeln zu,„ſind Sie jetzt mit mir zufrieden? Hab' ich mein Wort gehalten?“ Der Graf konttte nicht antworten, denn im näm⸗ lichen Augenblicke erſchien das Brautpaar auf der Schwelle; Clemens von Schroffenſtein in voller Gala⸗ uniform, ſtrahlend von Genugthuung und Freude, Pri⸗ mitiva in einem Kleide von weißem Atlas, über wel⸗ ches wie über die dem Haare eingeflochtenen mattgrünen Myrtenzweige ein weiter weicher Schleier herabfiel, einem Gewölke gleich, das ſich niederſenkt, um der Erde 35 einen Engel zu entführen. Aus den Wangen der Braut ſchien jeder Tropfen Blut gewichen, ſie war weißer als Gewand und Schleier; ſonſt aber war ihre Haltung feſt, ihr Auge trocken und kalt und ihr Antlitz von jener eiſigen Ruhe beherrſcht, die das Herz um den Preis eines langen, ſtürmiſchen Kampfes ſich ſelbſt abringt, einer Feuerſtelle vergleichbar, auf welcher es die Flamme zu löſchen gelang, auf welcher aber mit derſelben auch der letzte Funke in der Aſche getödtet ſcheint. Sie beachtete nicht die artigen, zärtlichen Worte, welche Clemens ihr zuflüſterte. Kalt nahm ſie ſeinen Arm an und ließ ſich an den Wagen geleiten, wo er als ihr angetrauter Gatte neben ihr Platz nahm. Der Wagen rollte dahin, dem Straßeneingang zu, an welchem ein Haufe von Arbeitern und Tagelöhnern das Pflaſter aufgeriſſen und aus übereinander gewor⸗ fenen Steinen, Laternenpfählen und Bretern eine Bruſt⸗ wehr gebildet hatte.„Halt“, ſchrie es dem heranrollen⸗ den Wagen entgegen.„Zurück! Da paſſirt nichts.“ „Was gibt es hier?“ rief Schroffenſtein aus dem Schlage, während der Bediente augenblicklich vom Tritte geſprungen war und das Vorgefallene meldete.„Sie ſollen die Straße frei machen auf der Stelle! Ich habe nicht Zeit und Luſt zu warten.“ „Oho!“ rief einer der Geſellen, ein rieſiger Stein⸗ 3*⅔ 36 hauer.„Wer redet denn da mit uns im Commando⸗ ton? Den muß ich mir doch genauer anſehen. Ah, ſieh da, ein Offizier und noch dazu ein Bräutigam! Thut mir leid, Herr, aber ich kann Ihnen nicht helfen— hier darf Niemand durch.“ „Aber ich muß“, rief Schroffenſtein.„In jener Straße iſt meine Wohnung.“ „Hilft nichts“, erwiderte der Geſelle.„Dann ſteigen Sie aus und gehen Sie zu Fuß! Sie werden wohl nicht zu vornehm ſein, auf den gemeinen Erdboden zu treten, wie wir.“ „Unverſchämter!“ rief Schroffenſtein. Primitiva aber faßte ſeinen Arm und unterbrach ihn. Mein Gott“, ſagte ſie,„reizen Sie doch die erbitterten Menſchen nicht noch mehr! Laſſen Sie den Wagen wenden; wir wollen lieber einen Umweg machen!“ „Den Wagen wenden? Einen Umweg machen? Niemals! Ich will doch ſehen, ob ihre Frechheit auch Stand hält, wenn ſie einem Manne gegenüber ſtehenz!⸗ Ehe Primitiva ihn zurückhalten konnte, war er aus dem Wagen geſprungen und ſchritt gegen das Bollwerk hin, indem er ſeine Bedienten, ſowie die von den übrigen Wagen herbeirief und ihnen befahl, Hand anzulegen und die Straße frei zu machen. Den Dienern mochte der Auftrag nicht geheuer ſcheinen, ſie hielten ſich zö⸗ 37 gernd in der Entfernung, Schroffenſtein aber, in blin⸗ dem Zorne auflodernd, rief ihnen zu:„Habt Ihr den Muth nicht, Ihr feigen Burſchen, ſo will ich ſelbſt Hand anlegen und das Geſindel lehren, Platz zu machen!“ „Was? Geſindel?“ brüllte der Steinmetz und mit ihm fünfzig andere Burſchen. Schroffenſtein ſtand be⸗ reits an den Balken und hatte einen derſelben erfaßt; im ſelben Augenblicke jedoch taumelte er zurück; denn aus der brüllenden Menge waren Steine nach ihm ge⸗ flogen und einer der größten hatte ihn am Kopfe getroffen, daß er lautlos und blutüberſtrömt zuſammen⸗ ſank.) Primitiva, die ihm nachgeeilt war, kam eben recht, den andringenden Haufen von ihm abzuwehren.„Zurück, Ihr Leute!“ rief ſie.„Bedenkt, was Ihr thut! Er iſt verwundet. Laßt ihn ruhig hinwegbringen! Wollt Ihr Euch an einem wehrloſen Verwundeten vergreifen?“ Der Steinhauer ſah ihr mit feſtem Blicke in das blaſſe Angeſicht.„Ja, gnädiges Fräulein“, ſagte er, „wenn man ſo mit uns redet, dann iſt's was Anderes. Es thut mir leid, daß wir Ihnen den Hochzeitstag ſo verdorben haben, aber unſere Schuld iſt's nicht. Neh⸗ men Sie den Herrn mit und gehen Sie Ihrer Wege! Hier durch können Sie aber nicht.— Laßt ihn gehen, 38 Kameraden! Er hat ſeinen Denkzettel, das Fräulein aber ſoll ſehen, daß ſie es nicht mit Geſindel zu thun gehabt hat.“ Röchelnd, gleich einem Sterbenden, wurde Schroffen⸗ ſtein in den Wagen gebracht, der ſich dann langſam wendete und der andern Straße zufuhr, während die Bedienten und einige Andere von der Hochzeitsgeſell⸗ ſchaft den Vater Schroffenſtein zurückhielten, welcher, bleich wie der Tod, den Fall des einzigen Sohnes ge⸗ ſehen und nun, von blinder Wuth hingeriſſen, auf die Aufrührer losſtürzen wollte.„Gehen Sie!“ rief Over⸗ bergen, ihn in den Wagen drängend.„Setzen Sie ſich nicht auch nutzloſerweiſe aus! Sparen Sie Alles für die Stunde der Rache! Sie iſt nicht mehr fern, und mich dünkt, der Hammer hat ſchon ausgehoben, um ſie zu ſchlagen.“ Die Barrikade am Brückenthore war inzwiſchen vollſtändig ausgebaut und furchtbar befeſtigt, ſodaß deren Vertheidigung ein Kinderſpiel, der Angriff aber faſt ein Ding der Unmöglichkeit zu ſein ſchien. Beſetzt war ſie von einer tollkühnen und faſt beſinnungsloſen Schaar, die keinen andern Gedanken mehr hatte als Kampf und Tod. Viele davon hatten ſchon den erſten Aufruhr mitgemacht; auch der alte Windreuter war unter ihnen und, wie damals, einer der Anführer, † 39 wenn auch nicht mit demſelben Feuer und der alten Lebhaftigkeit. Der Metzger Hahn in der blauen Blouſe war der Nächſte an ihm; in einiger Entfernung, das Gewehr zwiſchen den Füßen und mit dem Schafte deſſelben Zeichen in den Staub ſchreibend, ſaß der ſchwarze Huber. „Wie meinſt Du, alte Kriegsgurgel“, rief Hahn, „daß es heute gehen wird? Ich denke, an dem Bau da ſollen ſich Einige die Zähne ausbeißen.“ „Das denk' ich auch“, ſagte Windreuter.„Aber ich wüßte nicht, was ich gäbe, wenn der Herr Riedl da wäre.“ Er hielt die Hand über die Augen und ſah durch das Thor auf die Brücke hinaus.„Es zeigt ſich noch immer nichts; nur dort, ganz in der Entfernung, iſt es, als wenn ſich eine Staubwolke erhöbe. Eigent⸗ lich iſt mir's lieb, wenn wir nicht mit unſern Lands⸗ leuten, ſondern mit den Fremden zu thun bekommen. Wenn ſie auch Soldaten und Menſchenkinder ſind, ſie verdienen es nicht beſſer, weil ſie ſich zu Schergen brauchen laſſen gegen die Freiheit eines andern Volkes.“ „Nun alſo, wenn Du glaubſt, daß wir durchdrin⸗ gen“, ſagte Hahn,„warum machſt Du dann ſo ein ſaures Geſicht? Du biſt gar nicht mehr ſo reſolut wie das erſte Mal und läßt den Kopf hängen wie 40 der ſchwarze Huber da. Aber bei dem weiß man doch wenigſtens, warum er ſo tieffinnig iſt; ſeit ihm die Marie geſtorben, iſt er nicht der halbe Menſch mehr.“ „Was redeſt Du in den Tag hinein?“ ſagte Wind⸗ reuter aufſtehend.„Weißt Du, was inzwiſchen Alles geſchehen und an einem vorübergegangen ſein kann?“ Und wieder um ſich her blickend, fügte er wie beun⸗ ruhigt hinzu:„Wenn nur der Herr Riedl da wäre!“ „Na, ich denke, es ſoll auch ohne den ſtudirten Herrn gehen; der thät' uns doch nur geniren“, rief Hahn. „Wenn's mir nachgeht, ſo ſoll heut' gehörig aufgeräumt werden— ich will nicht umſonſt wieder in die Blouſe gekrochen ſein!“ „Treffen wir uns da wieder, Alter?“ ſagte Huber, indem er mit ſchwermüthigem Lachen Windreuter die Hand entgegenſtreckte.„Siehſt Du, ſo geht's, wenn man halbe Arbeit thut. Wie wir das erſte Mal auf der Barrikade zuſammenkamen, haben wir die Republik leben laſſen, aber Ihr wolltet nichts davon viſſen. Da hieß es: Der Herzog iſt gut; gegen ihn haben wir nichts. Nur die Miniſter ſollen weg, nur die Steuer ſoll weg! Ihr habt mich faſt zerriſſen, weil ich anders geredet habe. Da habt Ihr's nun, was herauskommt mit der Güte bei ſolchen Herren. Biſt Du jetzt noch Deiner Meinung?“ 41 „Ach, ich habe gar keine Meinung mehr“, entgegnete Windreuter.„Aber das iſt mir verdächtig, daß ſich ſo lange nichts zeigt, und daß der Staub, den ich vorhin bemerkt habe, auf einmal verſchwunden iſt. Ich fürchte, ſie ziehen am Fluſſe unten in der Tiefe hin und kommen uns unverſehens über den Hals. Es wäre gut, wenn einer hinausginge auf die Brücke, um Kund⸗ ſchaft zu bringen.“ „Das will ich thun“, ſagte Huber, ſprang mit einem Satze über das Bollwerk hinunter und eilte der Brücke zu. Hinter das Geländer geduckt, ſpähte er in das Flußbett hinab. Dann richtete er ſich empor und rief gegen das Thor zurück:„Seht Euch vor! Sie kommen!“ Im ſelben Augenblicke krachte der erſte Schuß vom Fluſſe herauf und eine wohlgezielte Kugel legte den Späher in den Staub, in dem er nach wenigen Zuckun⸗ gen ſterbend ſich ſtreckte. Gleichzeitig tauchten zu beiden Seiten der Brücke aus dem tiefen Geſtade Maſſen von Soldaten auf, die, um den Gegnern keinen Zielpunkt abzugeben, möglichſt raſch nach beiden Seiten abſchwenkten; über die Brücke kam eine Colonne im Sturmſchritt heran und ſandte, als ſie am Ausgang derſelben angekommen war, einen Trompeter vor, welcher zur Uebergabe auffordern ſollte. Er kam nicht dazu, denn ein über ſeinen Kopf abge⸗ 42 feuerter Schuß überzeugte die anrückenden Feinde, daß man bereit ſei, es mit ihnen aufzunehmen. „Habt Acht!“ ſcholl jetzt das Commandowort auf der Barrikade.„Nehmt Euren Mann aufs Korn! Schießt gleichzeitig! Keine Kugel darf umſonſt aus dem Lauf. Feuer!“ Und eine ſtarke Gewehrſalve krachte den An⸗ greifern entgegen. Dieſe aber hatten im Momente des Schuſſes mit ſoldatiſcher Gewandtheit ſich theils zur Erde geworfen, theils die Glieder nach beiden Seiten geöffnet; ein paar durch ihre Reihen verdeckt geweſene Geſchütze öffneten ihre Mündungen gegen das Thor und ſeine Vertheidiger, unter welche in der nächſten Sekunde ein praſſelnder Kartätſchenhagel krachend und ſchmetternd einſchlug. Ein großer Theil der Kämpfen⸗ den wurde niedergeworfen und verwundet; dennoch hielten ſie Stand, ſo ſehr auch ihre Reihen gelichtet waren. „Die Kanoniere aufs Korn genommen!“ rief es wieder; aber ſei es, daß bereits Verwirrung über die Gewalt des Angriffs unter ſie gekommen, ſei es, daß das Feuer der Begeiſterung in ihnen ſchon zu erlöſchen begann, die Schüſſe trafen nicht mehr mit derſelben Sicherheit wie ſonſt, ſie thaten dem Feinde faſt keinen Schaden, und als die zweite Kartätſchenladung ſich unter ſie entlud, die Balken zertrümmerte und die Betten 43 und Matratzen anzündete, welche zum Schutze über dieſe herabgelaſſen waren, da war der Kampf von ſeiten der Vertheidiger des Bollwerks bald nur noch ein mehr oder weniger verſteckter Rückzug. Der Dampf der bren⸗ nenden Betten trieb ſie zurück, weil er ihnen den Athem benahm und die Schützen durch denſelben nicht mehr zu zielen vermochten. Gleichzeitig drangen dumpfe, ge⸗ waltige Schläge durch den Kampfeslärm. Schreiend kam im Rücken der Barrikade ein Mann dahergelaufen. „Flieht!“ ſchrie er.„Rette ſich, was noch laufen kann! Sie brechen die Häuſer durch; ſie ſchlagen die Wände ein! Geſchwind, ehe ſie Euch in den Rücken kommen!“ Damit war das Zeichen zur Auflöſung der Schaar gegeben. Die Meiſten warfen die Gewehre weg und rannten in wilder Flucht die Straße hinauf, um nicht in derſelben betreten zu werden, und zwar um ſo eili⸗ ger, als auch von einer andern Seite her der eigen⸗ thümlich kurze Trommelſchlag ſich hören ließ, welcher die feindlichen Nachbartruppen kennzeichnete.„Sie kommen auch von der andern Seite“, heulte es ihnen entgegen.„Eine Abtheilung war in dem herzoglichen Schloſſe verſteckt.„Sie ſind ſchon bei Nacht und in den Uniformen unſerer eigenen Truppen gekommen. Flieht! Alles iſt verloren!“ 44 In kurzer Zeit waren die Straßen wie ausgekehrt. Das Wildwaſſer war abgelaufen und hatte, wie die zurück⸗ tretende Flut die Trümmer auf dem Strande, nichts zurückgelaſſen als Todte und Verwundete, welche, unfähig ſich zu retten, oder mit dem Tode ringend, von den auf allen Seiten andringenden Feinden zu Gefangenen gemacht und in die Spitäler gebracht wurden, um aus dieſen vielleicht einem furchtbarern Looſe, als es ein ſchneller Kampfestod geweſen wäre, entgegenzugehen. Noch war der Abend nicht vollends hereingebrochen und ſchon lag die tiefſte Ruhe über der unglücklichen Stadt und ihren noch unglücklichern Bewohnern. Mit der Schnelligkeit eines Zaubers waren beinahe alle Spuren des Kampfes von den Straßen verſchwunden, und ohne die Patrouillen und Streifen, deren ſchwerer, gemeſſener Schritt die Straßen erdröhnen machte, wäre es nicht zu glauben geweſen, daß noch vor wenigen Stunden ein ſo erbitterter Kampf durch dieſelben getobt. In dem einſamen Hauſe hinter der Stadtmauer war es nicht minder ſchweigſam. Auch dort hatte der Tod angepocht und forderte, wenn auch minder unge⸗ ſtüm, doch mit gleicher Unerbittlichkeit Einlaß. Wäh⸗ rend er draußen als ſchreckhafter Dämon mit dem Me⸗ duſenantlitz ſeine Opfer zu plötzlicher, furchtbarer Um⸗ armung an ſich riß, hatte er ſich hier wie ein Friedens⸗ 6 6 4 4* 4 45 genius auf ſanftem Fittig und mit lächelndem Antlitz niedergelaſſen. Der Schlag, welcher den geliebten Sohn ſo unvermuthet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, geſtürzt, ihn von ihrem Herzen geriſſen und in eine ungewiſſe Zukunft hinausgeſchleudert, hatte der Mutter Herz mit getroffen, ſo ſchwer, daß es ſich nicht mehr davon zu erholen vermochte. Wohl hatte das Unwohl⸗ ſein, das ſie bei der erſten Nachricht befallen, tags darauf ſich vollſtändig verloren, nach wenigen Stunden aber war es wiedergekehrt, heftiger, zerſtörender als zuvor. Die zerrütteten Nerven drohten ihren Dienſt einzuſtellen und wären wohl in ſchnellem Tode erſtarrt, hätte nicht die Willensſtärke der Leidenden ihre letzten Kräfte zuſammengehalten; ſie erkannte die Nähe ihres Endes und war bereit, ihm entgegenzugehen, aber das treue Herz ſträubte ſich, eher ſtill zu ſtehen, als bis es noch einmal an dem geliebten andern Herzen geruht, für das es allein geſchlagen im Leben. Das kleine Zimmer war nur durch eine Lampe er⸗ hellt, welche, von einem Schirm verdeckt, nur ein ſchwa⸗ ches und dämmerndes Licht auf Wände und Gegen⸗ ſtände zu werfen vermochte, während bei ihrem Flackern eigenthümliche Schatten an der Decke hin und wieder huſchten. Auf dem Bette lag die Räthin gleich einer Schlafenden. Ihr Athem ging ſo ſchwach, daß er höch⸗ 46 ſtens durch ein an den Mund gehaltenes Federchen zu erkennen war. Manchmal ſpielte ein ſchwaches Zucken um den Mund, daß die Lippen bebten, als wollten ſie ſich zu einer Frage öffnen; dann lag ſie wieder ſtarr in Schlummer, Ohnmacht oder beginnendem Tode. In dem Wohnzimmer nebenan ſaß die Magd einem Manne gegenüber, der die Arme auf den Tiſch geſtemmt hatte und das Geſicht in die Hände verbarg. Es war Beppo, der alte Diener. Wenn er auch ſein Geſicht nicht zeigte, war er doch nicht zu verkennen; wenn auch das weiße Haar ſeines Scheitels beträchtlich dünner und der Rock, den er trug, viel fadenſcheiniger geworden wie damals, als er noch in dieſem Hauſe geweilt, es war noch der der alte getreue Burſche. Regungslos und ohne Erwi⸗ derung hörte er den leiſe geflüſterten Worten der Magd zu, welche mit redſeliger Breite alles ſeit ſeiner Ent⸗ fernung Vorgefallene erzählte, höchlich darüber erfreut, daß ſie Jemand gefunden, dem ſie Alles vertrauen durfte; denn vor dem alten Beppo, der vor ſeiner Entfer⸗ nung wie ein Stück mit der Familie alt gewordenen Hausraths geweſen war, mit dem ſie ſelbſt ſchon jah⸗ relang zuſammen gedient hatte, brauchte ſie kein Ge⸗ heimniß zu haben und keine Rückhaltung zu beoabachten. „So ſteht es“, ſchloß ſie endlich ihren Bericht.„Das 47 ganze Haus iſt nicht mehr zu kennen. Alles hat ſich verändert, Alles iſt fort und iſt zerſprengt, und da iſt auch kein Kitt zu finden, der es wieder zuſammenhält. Wenn die Frau Räthin, die ſchon jetzt mehr todt als lebendig iſt, auch noch die Augen zumacht, ſo dürfen wir unſer Bündel ſchnüren und wieder ſchauen, wo wir ein Unterkommen finden. Das hätte man ſich auch nicht träumen laſſen vor einem Jahre!“ Sie hielt inne, als ob ſie eine Antwort erwartete. Als keine erfolgte, fuhr ſie fort:„Sie freilich, Herr Beppo, wird das nicht wunder nehmen. Sie haben auch erfahren, wie es im Leben geht; wenn man irgendwohin kommt und iſt nur ein paar Tage weggeweſen, findet man oft Alles ganz anders wieder, als man es verlaſſen hat. Sie müſſen's auch nicht gefunden haben, wie Sie ge⸗ glaubt haben, ſonſt wären Sie nicht zurück aus Italien, aus Ihrem Vaterlande. Ich weiß es wohl, wie die Frau Räthin Sie ausgezankt und Ihnen abgeredet hat; aber Sie ſind nicht zu halten geweſen, Sie wollten durchaus fort und ſagten, Sie würden niemals wiederkommen. Ich höre es noch. Es war draußen auf dem Gange, neben meiner Küchenſtube.„Ich komme nicht wieder“ ſagten Sie;„ich will in Rom mein Grab finden“, und jetzt ſind Sie doch lebendig wieder da und haben das Grab nicht gefunden.“ 48 „Doch, doch“, erwiderte der Alte aufblickend mit ſchwerem Seufzer;„wenn auch nicht das Grab für mich ſelbſt, aber doch ein Grab. Jo ho trovato Roma— é un sepolcro tutta la citta.“ Halbe, unverſtändliche Laute vom Bette der Kranken her unterbrachen das Geſpräch. Beide gingen näher und trafen zu ihrer Verwunderung die Räthin nicht liegend, ſondern hoch im Bette aufgerichtet und im Begriffe, daſſelbe zu verlaſſen.„Haltet mich nicht auf!“ murmelte ſie mit dem unſtäten Blicke des Irrſinns, als die Magd ſie zurückhielt und nach ihrem Vorhaben befragte.„Mein Mann hat mir gerufen; er iſt unten im Garten. Ich darf ihn nicht länger warten laſſen; es iſt ſchon ſo lange her, daß er von mir fort iſt.“ „Beruhigen Sie ſich, Frau Räthin!“ ſagte Beppo. „Es iſt ſchon ſpät und finſtere Nacht. Der Herr Rath kommt heute nicht mehr. Warten Sie bis morgen!“ „Bis morgen?“ ſagte die Räthin, indem ſie ihn ſcheu anſah, als müſſe ſie ſich beſinnen, um ihn wieder⸗ zuerkennen.„Nein, er hat es verſprochen, wie er vorhin bei mir war. Ihr müßt ihn ja auch geſehen haben; da hat er mir verſprochen, mich abzuholen noch dieſe Nacht. Aber ich will doch warten. Er wird gewiß wieder rufen. Ihr werdet ſehen, daß er kommt; — 49 er hat es verſprochen, und mein Mann hat immer Wort gehalten.“ „Das glaub' ich auch“, flüſterte die Magd halblaut vor ſich hin.„Sie überſteht die Nacht nicht, und wenn der Herr Profeſſor— verzeih' mir's Gott, daß ich ihn immer ſo nenne— wenn ihr Herr Sohn nicht bald kommt, trifft er ſie nicht mehr am Leben. Ich will hinuntergehen und ſchauen, ob noch nichts von ihm zu erblicken iſt. Sie bleiben wohl indeſſen da, Beppo? Die Frau Räthin iſt ja wieder ruhig und wieder auf ihre Kiſſen zurückgeſunken, als ob ſie ſchon hinüber⸗ gegangen wäre.“ „Ich bleibe“, ſagte Beppo leiſe, indem er an dem Lager Platz nahm, während die Magd die Stube ver⸗ ließ. Es war nichts in dieſer zu hören als der leiſe Schlag der großen Uhr im Wohnzimmer, die wie eine ſummende Stimme die Sekunden zu zählen ſchien, welche dem Leben noch gegönnt waren, das ſie durch ſo viele Jahre getreulich mit wandelloſem Gange begleitet hatte. Mit einem Male erhob ſich die Räthin wieder, ſetzte ſich auf, blickte mit vollſtändig klaren Augen wie zu den Zeiten, da ſie noch in aller Kraft das Hausregi⸗ ment geführt, um ſich und ſagte mit feſter, ruhiger Stimme:„Geh hinunter, Beppo, und öffne das Thor! Mein Sohn iſt unten.“ Schmid, Mütze und Krone. V. 4 —’’ö —õ—— „Sie phantaſirt noch immer“, ſagte Beppo vor ſich hin und wandte ſich dann zu ihr:„Der Herr Profeſſor iſt nicht da, Frau Räthin! Es kommt Ihnen nur ſo vor. Sie ſollten ſich nicht aufregen; das könnte Ihnen ſchaden. Er wird ſchon kommen, er wird gewiß kom⸗ men, aber noch iſt er nicht da.“ „Er iſt da“, erwiderte die Frau gelaſſen, aber noch beſtimmter.„Geh, ſag' ich. Ich ſehe ihn vor dem Thore ſtehen. Er und ich haben keine Zeit zu verlieren.“ „Ich muß mich nur anſtellen, als ob ich ihr den Willen thäte“, brummte Beppo und ging ins Wohn⸗ zimmer gegen die Thür, als er zu ſeinem Staunen Tritte vernahm, welche auf dem Gange eilig näher kamen. Bald ging die Thür auf, und Friedrich, von Riedl begleitet, trat ein.„Wie geht es meiner Mutter?“ rief er mit fliegendem Athem.„Iſt ſie noch am Leben? Kann ich ſie ſehen?“ Beppo vermochte nicht zu ant⸗ worten. Er deutete nach dem Zimmer; gugleich aber hatte er die Hand ſeines einſtigen Herrn ergriffen und drückte ſie zu heißem Kuſſe an den Mund. Dieſer achtete nicht darauf, denn aus dem Zimmer erklang die Stimme der Räthin ſo voll und deutlich wie im Leben und bei voller Geſundheit. „Komm, mein Friedrich!“ ſagte ſie.„Ich lebe noch und bin ſtark genug, Dich zu ſehen. Gott hat mir 51 eine große Gnade erwieſen, daß er mich dieſen Augen⸗ blick noch erleben ließ.“ Friedrich eilte auf das Lager zu, ſchloß die Frau unter ſtürzenden Thränen in die Arme und überdeckte das bleiche, eingefallene Antlitz mit heißen Küſſen. Dann glitt er am Bette nieder in die Kniee, während ſie beide Hände auf ſein Haupt legte und lange ſchwei⸗ gend zum Himmel emporſah. Ihr Auge zeigte, daß ſie innerlich betete mit der ganzen Inbrunſt einer liebenden Mutter. Dann flog es auf einmal wie ein grauer Schatten über ihre Züge.„Ich danke Dir, mein Sohn“, ſagte ſie zurückſinkend und mit Anſtrengung,„ich danke Dir, daß Du zu mir gekommen biſt. Du haſt mir Dein Leben lang nur Freude bereitet. Daß ich Dich noch geſhene habe, war mir die größte Freude. Dafür geht mein Segen mit Dir und wird Dich nie verlaſſen. Bleibe brav, mein Sohn, wie Du biſt, gedenke Deiner Mutter und lebe wohl!“ Das letzte Wort verlor ſich in einem ſchwachen Seufzer; die langgeſpannte Lebenskraft entfloh mit ihm. Mit laut ausbrechendem Schluchzen warf ſich Führer über die Entſchlafene und drückte dann mit bebender Hand die frommen Augen zu, die mit ſo treuer Mut⸗ terliebe über ihn gewacht hatten. Nach einer Weile trat Riedl ein und führte den tief Erſchütterten aus dem Zimmer.„Sei ſtark, Freund!“ 4* —— 3 5² ſagte er.„Weihe der Dahingegangenen den gerechten Zoll Deiner Liebe und Dankbarkeit, aber vergiß nicht, wie ſehr Deine Zeit gemeſſen iſt! Ich habe Dich glück⸗ lich hierher gebracht; ich möchte Dich auch glücklich wie⸗ der hinausbringen.“ „Ich werde folgen“, entgegnete Führer.„Nur noch einen Augenblick gönne mir, mich zu faſſen! Niemand denkt in dem Tumult dieſes Abends an mich; ich werde wohl ungeſtört bleiben.“ „Ich wünſche es“, ſagte Riedl,„aber gar zu feſt möchte ich mich nicht darauf verlaſſen. Wir haben es mit einem Gegner zu thun, deſſen Hauptkunſt im Spio⸗ niren beſteht, und darum beeile Dich, triff Deine Anord⸗ nungen, nimm aus Deinem Zimmer, was Du vielleicht noch mitzunehmen wünſcheſt, ſage der Todten noch ein Lebewohl und dann laß uns ſchnell von hinnen!“ Führer folgte. Er ging in ſein Zimmer und ſteckte nach kurzem Beſinnen einige Schriften und Werthpapiere zu ſich; dann trat er wieder heraus und wollte ſich noch einmal zu der Leiche begeben, als mit ſtark dröh⸗ nendem Klange die Hausglocke gezogen wurde; gleich⸗ zeitig ſtürzte die Magd angſtvoll ins Zimmer.„Um Gotteswillen, gnädiger Herr!“ rief ſie.„Unten ſind Perſonen vom Gericht, die Sie ſuchen. Das ganze Gäßchen iſt voll Soldaten.“ 3 4 4 53 „Da ſiehſt Du, wie ſehr ich Recht hatte!“ rief Riedl.„Was iſt nun zu thun?“ „Wer weiß, ob es mir gilt“, ſagte Führer.„Es kann eine Patrouille ſein, die durch die Straße geht.“ „Nein, gnädiger Herr“, rief die Magd.„Ich habe durch die Spalte hinausgeſehen; es ſind Soldaten und ein Herr vom Gericht, und ſie haben nach Ihnen ge⸗ fragt. Beppo hält ſie auf, ſo gut er kann; er thut, als wenn er den Schlüſſel verlegt hätte und nicht aufmachen könnte.“ „Das kann nicht lange währen“, rief Riedl.„Du darfſt nicht in ihre Hände fallen, mein Freund! Was iſt aber zu thun? Hat das Haus keinen andern Aus⸗ weg als das Thor?“ „Nein“, ſagte Führer ruhig.„Wozu auch? Wir haben eines ſolchen nie bedurft.“ „Da höre ich wieder den Idealiſten“, rief Riedl, „den Schwärmer! Da wohnt er in dem Hauſe wie in einer Mauſefalle, die nur einen Eingang, aber keinen Ausgang hat! Kann man denn nicht über die Mauer?“ „Das würde vielleicht angehen“, entgegnete Führer; „aber wenn es auch anginge, ich werde dieſen Weg nicht benutzen. Ich will hören, ob man wirklich nach mir verlangt, und wenn es ſo iſt, ſo werde ich nicht 54 fliehen; ich will mich, wenn man eine Verantwortung von mir fordert, ihr nicht entziehen.“ „Unverbeſſerlicher Thor!“ rief Riedl ärgerlich.„Das ſetzt Deiner Schwärmerei vollends die Krone auf. Willſt Du Dich gefangen nehmen, verhören, verurtheilen laſſen?“ „Verurtheilen? Mich? Weshalb?“ „Das wird man Dir ſchon ſagen. Aber es iſt jetzt nicht mehr zu ändern. Ich höre ſie ſchon auf der Stiege. Gut denn! Wenigſtens will ich fort; ich will durch die Bibliothek in das Thurmzimmer. Dort will ich mich verbergen, bis die Luft wieder rein iſt, und wenn es ſein muß, verſchmähe ich den Weg über die Mauer nicht, wie Du. Lebe wohl!“ fuhr er fort, in⸗ dem er ihm ſtürmiſch und faſt gerührt um den Hals fiel und ihn küßte.„Lebe wohl, Du thörichter, Du unverbeſſerlicher— Du lieber Menſch! Ich will mich für Dich erhalten. Wenn ſie mich hier fänden, würden ſie mich auch unſchädlich machen. Lebe wohl! Du wirſt zur rechten Zeit von mir hören.“ Er verſchwand eben recht im Seitenzimmer, als die Thür aufgeriſſen ward und der Gerichtsrath Weber auf der Schwelle erſchien, von Dienern und Soldaten umgeben.„Alſo doch?“ rief der Rath, als er Führer erblickte, im Tone des Triumphes.„Haben wir die Schlange wirklich in ihrem Neſte ertappt? Im Namen 55 der Herzogin⸗Regentin, mein Herr, verhafte ich Sie wegen Hochverraths. Folgen Sie mir willig! Sie ſehen, daß an ein Entkommen nicht zu denken iſt.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich entkommen will?“ ent⸗ gegnete Führer ruhig.„Ich bin bereit, Ihnen zu fol⸗ gen. Erlauben Sie nur, daß ich noch von jener Todten Abſchied nehme, welche glücklicherweiſe Ihren Eintritt nicht mehr vernommen hat!“ Feſt und gelaſſen trat er an das Bett, faßte die kalte, ſchon erſtarrende Mutterhand und drückte noch einen Kuß auf die fühlloſen Lippen. Dann trat er in voller Manneswürde vor den Commiſſar.„Führen Sie mich, wohin Ihnen befohlen iſt, mein Herr! Ich bin Ihr Gefangener!“ Zweites Kapitel. Rache für Recht. In einem weit vorſpringenden Thurmerker der Feſtung Wildenſtein ſaß die Frau des Thorwarts und lugte ins Freie durch das ſchmale, tiefgewölbte Fenſter, von wel⸗ chem aus ſich die ganze Gegend wie eine ausgebreitete Karte überſehen ließ, im weiten Ringe und hart bis an den Thorweg heran, der unmittelbar an die Mauern und Zugbrücken ſtieß, ſodaß kein lebendes Weſen un⸗ bemerkt heranzukommen vermochte. Der Felſen, auf welchem die Feſtung lag, war ein eigenthümliches Ge⸗ bilde, ein einziger ungeheurer Block von rieſigem Umfang, der fern von allen andern Erhöhungen und Gebirgen mitten aus der Ebene emporſtieg, als hätte bei den Umwälzungen in der Urzeit der Erde ein Feueraus⸗ 57 bruch ihn dahingeſchleudert oder eine plötzlich zum Eis⸗ meer erſtarrte Flut ſo weit vorgeſchoben. Nach drei Seiten ſtürzte der Felſen völlig ſteil in thurmhohen Wänden ab, welche nachhelfend von der Kunſt ſo voll⸗ ſtändig geglättet waren, daß kein anderes Geſchöpf daran emporzuklimmen vermochte als ein von Flügeln getragenes. Unmittelbar über den Felsrändern und daran anſchließend ſtiegen die Mauern empor, als wären ſie eine Fortſetzung des Geſteins und mit demſelben verwachſen. Gegen die vierte Seite hin verlor ſich die Höhe in einem ſchmalen, langſam abgedachten Hügel⸗ grat, über welchen der einzige Zugang in die Feſtung führte; aber auch dieſen hatte die Natur in ihrer ſpie⸗ lenden Laune zu einem unnahbaren Bollwerk geſchaf⸗ fen, indem ſie zu beiden Seiten der ebenfalls ſteil ab⸗ fallenden Felſenhänge einen Sumpf und weites Moor⸗ land ausbreitete, das, von nie verſiegenden geheimen Quellen genährt, keinen Fuß breit feſten Bodens ge⸗ währte und Jeden, der es zu betreten gewagt, uner⸗ bittlich in unergründliche Tiefen verſinken ließ. Den⸗ noch war dieſe natürliche Vertheidigung noch durch ein großes Vorwerk unterſtützt, welches den Abſchluß des Hügels krönte und ſeine Mauern und Navelins bis an die Hauptfeſtung erſtreckte, ſodaß die beiden Be⸗ feſtigungen ſich verbanden, als wären es zwei furchtbare 58 rieſige Kämpfer, die ſich zu Schutz und Trutz Rücken an Rücken gegen einander geſtellt und geſtemmt: jeder für ſich kaum überwindlich, beide in ſolcher Vereini⸗ gung vollkommen unbezwingbar. Mitten aus dem äußern Gemäuer des Vorwerks ſtieg der Thurm empor, mit mächtigen Zinnen gekrönt und von tiefen Geſchütz⸗ luken durchbrochen, während darunter das Erdgeſchoß zur Wohnung für den Thorwart eingerichtet war. Der Erker hatte das Anſehen einer großen, aus gemauerten Rippen gebildeten Laterne, welche, wenn ſie beleuchtet war, über den Sumpf und das ebene Land ihren Schein bis an den äußerſten Horizont trug, bis zu welchem ſie die Ausſicht eröffnete. Die Frau ſchien ganz in das Anſchauen der Gegend verſunken, denn ſie ſaß regungslos und hatte den Näh⸗ korb mit der Arbeit müßig auf dem Schooße liegen. Der Anblick, welcher ſich dem ſtaunenden Auge öffnete, war auch wohl geeignet, daſſelbe zu feſſeln und in ver⸗ tieftes Staunen zu verſenken. Kühle Wochen waren über das Land hinweggezo⸗ gen, das ſich bereits in das farbige Prachtgewand zu kleiden begann, mit welchem es den Herbſt zu em⸗ pfangen gewohnt iſt, die ſchöne Abendzeit des Jahres, wo die Saat zur Ernte und die Blüte zur Frucht geworden. Die Felder waren leer und von den darauf ————— wehende Gewänder das Beginnen ihrer nächtlichen Tänze 59 ſtehenden Stoppeln der längſt in Sicherheit gebrachten Aehrenhalme in einen traurigen graugelben Ton ge⸗ kleidet. Die Wieſen daneben hatten nicht minder be⸗ gonnen, ſich mit welkenden Gräſern zu bräunen. Da⸗ zwiſchen, wo das Land ſchon für die neue Saat um⸗ gebrochen war, zogen mächtige dunkle Streifen dahin, daß neben den Farben des Welkens und den Zeichen des Todes der kräftige Ton neuen Lebens und der Trieb wiederholten Keimens nicht fehle. Am Rande des Horizonts ging die Sonne hinter dem Tannen⸗ walde hinab, welcher die Moorebene wie ein gewal⸗ tiges Geländer umſchloß. Noch flammte aber der Him⸗ mel in rothem Scheine, der höher hinanſteigend ſich in roſigen Duft auflöſte, um zuletzt in den blauen, dun⸗ kelnden Nachthimmel zu verſchmelzen, in welchen die tiefſtehende Mondſichel wie eine verwehte Silberflocke hineinhing. Das Geröhricht auf dem Moor röthete ſich, während die Waſſertümpel, welche hier und da aus dem braunen, unſichern Sumpfboden hervorſahen, vom letzten Scheine aufblitzten. Dazwiſchen wallten einzelne breite Nebelſtreifen über den feuchten Gründen und Hängen dahin, gleich als wäre es wahr, was die Sage von den Elfen und Nixen erzählt, welche ihr Unweſen im Moor treiben ſollen, und deren flatternde Schleier und 60 verkündeten. Wolkenloſe Klarheit war überall und völ⸗ lige Ruhe. Nur hier und da ſchrie eine verſpätete Möpve und am Monde vorüber huſchte ein Dreieck von Kra⸗ nichen, als ob ſie vor der drohenden Kälte ihren Flug beſchleunigten und die ſcharfen Windſtöße verſpürten, welche manchmal von Norden her über die Fläche ſtrichen. Die Frau ſaß in dem Erker, angeglüht vom Abend⸗ roth. In der Stube nebenan aber, zu welcher einige Stufen hinabführten und die mit einer feſten Eichen⸗ thür gegen den Erker abgeſchloſſen werden konnte, war es ſchon vollſtändig dunkel; ſie war nicht ſehr hoch und ſchußfeſt gewölbt, ſodaß ſie ſchon bei Tag einen düſtern und faſt unwohnlichen Eindruck machte wie eine Kloſterhalle oder ein Gefängniß. Die Frau hatte jetzt die Arbeit, welche ſie ohnedies nicht mehr fortſetzen konnte, ganz beiſeite gelegt; die Hände, welche zuvor blos geruht, waren in einander geſchloſſen, und das Nach⸗ ſinnen ſchien in ſtilles Beten übergegangen. Erſchreckt fuhr ſie auf, als die Stubenthür raſch aufgeſtoßen wurde und, auf der dunklen Treppe kaum erkennbar, ihr Mann mit lauter Stimme hereinrief:„Was ſeh' ich, Alte? Du haſt noch nicht einmal Licht? Ich glaube, Du hältſt Zwieſprache mit den Fledermäuſen, oder biſt mit der Dämmerung ins Dämmern hineingekommen, 61 wie weiland vor vierzig Jahren. Die Gänge ſind alle finſter und noch keine einzige Laterne angezündet.“ „Ich habe gar nicht gemerkt, daß es ſchon ſo ſpät iſt“, antwortete die Frau.„Aber ich will gleich gehen und ſie anzünden.“ „Laß nur!“ erwiderte der Mann.„Ich hab' es be⸗ reits gethan. Es iſt ſchon eine Viertelſtunde über die Zeit, und ich möchte mich keinem Verweiſe von dem General ausſetzen. Was haſt Du nur?“ fuhr er fort, indeſſen die Frau aus dem Erker hereintrat, die in der Mitte des Gewölbes an einer Kette hängende Ampel herunterließ und anzündete.„Was haſt Du denn ſo Merkwürdiges zu denken, daß Du darüber alles An⸗ dere vergißt?“ „Was werde ich haben!“ erwiderte ſie mit einem tiefen Seufzer.„Du weißt es ja. Ich werde meine alten Gedanken nicht los, und Du vwirrſt ſehen, ich werde noch ganz tiefſinnig, wenn ich noch länger in der unglückſeligen Feſtung bleiben muß.“ „Du biſt eine Närrin“, ſagte der Thorwart, indem er am Tiſche ſtehend ſich eine Pfeife ſtopfte und dann an der Lampe anbrannte. „Das iſt leicht geſagt“, erwiderte ſie.„Aber ich gäbe einen Finger der Hand darum, wenn wir wieder auf unſerm alten Jagdſchloſſe ſäßen.“ ——; 1 — 62 „Ich begreife Dich nicht. Dort war es ja noch einſamer und öder als hier; dort war es wirklich dazu angethan, daß man melancholiſch hätte werden können. Im Schloſſe waren die Fledermäuſe und Nachteulen Herr, und vor dem Thore konnten ungeſtört die Füchſe und Haſen einander gute Nacht ſagen.“ „Und iſt es hier etwa anders?“ ſagte die Frau. „Auf dieſem Felſen, der mitten im Sumpfe ſteht, als wenn er hineinverwunſchen wäre, oder als wenn ihn der Gottſeibeiuns hineingetragen hätte? So einſam und öde wie auf dem Jagdſchloß iſt es allerdings hier nicht, Geſellſchaft gibt's genug, leider Gottes; aber das iſt eine Geſellſchaft, daß einem das Herz bricht, wenn man nur daran denkt.“ „Warum nicht gar!“ entgegnete der Mann, indem er einen Schlüſſelbund von der Wand herunternahm. „Es ſind lauter Staatsverbrecher, die da ſitzen. Wer wird ſich das zu Herzen gehen laſſen!“ „Sage das nicht!“ rief die Frau in faſt auffahrendem Tone.„Ich müßte mich ſonſt auf unſere alten Tage mit Dir verfeinden. Staatsverbrecher! Unglückliche Men⸗ ſchen ſind es. Mag ſein, daß Mancher darunter iſt, der an keinen beſſern Ort gehört, aber die meiſten ſind Ehren⸗ männer, die, wenn es nach Rechten ginge, ihren Platz mit denen vertauſchen müßten, die ſie hereingeſchickt haben.“ 63 „Meinetwegen“, ſagte ausweichend der Mann.„Ich hab' es ja nicht zu verantworten. Ich kümmere mich nicht darum, ſchlage mir's aus dem Sinn und thue meine Schuldigkeit.“ „Das iſt ja eben das Unglück“, eiferte die Frau, „daß ein ſolches Geſchäft Deine Schuldigkeit iſt. Der Herr Baron Adelhoven hat uns einen ſchlechten Dienſt gethan, daß er Dich zu dieſem Poſten empfohlen hat. Ich wollte— ich ſag' es nochmals— Du hätteſt noch das Pöſtchen anf dem Jagdſchloß, ſo klein und mager es war; aber Du haſt immer höher hinaus gewollt, warſt nicht zufrieden! Nun hat uns unſer Herrgott geſtraft. Nun ſitzen wir hier bei den Gefangenen und ſind ſelbſt nichts Beſſeres. Wären wir nur wieder, wo wir ge⸗ weſen ſind!“ „Das redet der pure Unverſtand aus Dir! Dann wäre ich immer noch, was ich geweſen bin, der Knecht, der Bediente eines adligen Herrn, und hinge von deſſen Wink und guten Willen ab und müßte es leiden, wenn er mich einmal Knall und Fall davonjagen wollte. Hier eſſen wir doch herzogliches Brod; ich bin angeſtellt! Wir haben unſer gutes Auskommen. Wenn ich einmal nicht mehr dienen kann, krieg' ich Penſion, und wenn ich meine Augen zumache, weiß ich, daß für Dich auch geſorgt iſt.“ 9 ——— 1 „Die Sorge iſt nicht nothwendig. Unſer Herrgott wird mich nicht verlaſſen und wird nicht zugeben, daß ich Dir ins Grab ſehen muß; Du biſt in guten Jahren, und ich ſterbe lange vor Dir. Wenn's aber anders beſchloſſen ſein ſollte im Himmel, dann weiß ich auch, was ich thue. Dann werde ich auch nicht zu Grunde gehen; dann gehe ich zu meinem lieben Fräulein. Die wird ihre alte Gertrud, die ſie als Kind auf den Armen getragen und großgezogen hat, nicht verſtoßen. Sie hat mir's tauſendmal verſprochen, und die hält ihr Wort. Ich kenne ſie dafür, denn das Fräulein hat ein Herz wie ein leibhaftiger Engel. Ja ſo“, unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt,„ſie iſt ja kein Fräulein mehr, ſondern eine Frau. Aber nein, eine Frau iſt ſie auch nicht; ſie iſt Wittib, ehe ſie eine Frau geworden iſt. Ach das arme Kind, meine gute Primitiva! War's nicht Elends genug, daß ſie am Hochzeitstage ihren Bräutigam verlieren mußte, den ihr das wüthige Volk angeſichts ihrer weinenden Augen todtgeſchlagen hat? Ich hab' es dieſer Tage gehört, daß auch ihr Vater auf den Tod darniederliegt. Sie ſoll aus der Reſidenz fort und zu ihm gereiſt ſein. Das hätte ich auch nicht gedacht, daß es dem guten Kinde einmal ſo übel gehen müßte.“ „Was jammerſt Du dann über Dich ſelbſt und über 65 uns“, ſagte der Mann,„weil Dir nicht Alles nach Wunſch geht? Du ſiehſt, es iſt bei den reichen und vornehmen Leuten auch nicht anders. Sie müſſen eben auch vorlieb nehmen, grob und fein, wie's der Tag abwickelt. Ich für meinen Theil, ich wollte nur, daß ich ſo viel zuſammenbrächte, daß ich den Dienſt ganz an den Nagel hängen und für mich ſelbſt ſein könnte. Ich wollte gern mit einer Waſſerſuppe und Kartoffeln vorlieb nehmen, wenn ich mein eigener Herr ſein könnte. Drum, Alte, mach' Du mir nicht auch noch den Kopf warm! Ich habe ohnehin genug zu denken.“ Er hatte einen Blick durch die Erkerfenſter geworfen und fuhr fort:„Die Scheiben laufen an, es wird empfindlich kalt heut Nacht. Wenn der Nordwind ſo fortweht, iſt bis morgen Alles zu Stein und Bein gefroren. Ich will hinuntergehen und in den Oefen nachſehen. Es iſt gar zu kalt in den unterirdiſchen Kellern und Ge⸗ fängniſſen. Man wird morgen einheizen müſſen; ich will ſehen, daß Holz zugetragen wird.“ „Recht, Alter!“ ſagte die Frau hinzutretend und reichte ihm die Hand.„Es iſt ſchön von Dir, daß Du an Deine armen Gefangenen ſo denkſt. Du biſt doch mein guter Mann! Ich will mit Dir gehen und Dir helfen.“ „Laß das nur!“ entgegnete er.„Das kann der Schmid, Mütze und Krone. V. 5 ——— — Bub' thun. Wo ſteckt er denn? Ich ſuche ihn überall. Da ſiehſt Du wieder, was man von der Güte hat, die Du ſo herausſtreichſt. Das hab' ich auch Dir und meiner Güte zu verdanken, daß wir den faulen Schlingel auf dem Halſe haben. Du haſt ja nicht geruht, bis wir ihn aufgenommen haben, wie er vor vierzehn Tagen zerlumpt und ausgehungert an das Thor ge⸗ kommen iſt.“ „Brumm’ nur wieder“, ſagte die Frau lachend,„und mach' Dich ſelber ärger, als Du biſt! Du hätteſt ihn auch nicht liegen laſſen, wenn ich Dich auch nicht ge⸗ beten hätte. Es war ja eine Nacht, in der man keinen Hund vor die Thür gejagt hätte; der Bub' war ein wahres Leidensbild, und ſtumm iſt er zu allem Unglück noch obendrein! Uebrigens iſt nicht wahr, was Du ihm vorwirfſt. Faul iſt er nicht; er hat nur ſo ein eigenes Weſen, aus dem man nicht klug werden kann. Es iſt was Verſtecktes und Verſtocktes in ihm.“ „Das haben alle Leute, die ihre fünf Sinne nicht beiſammen haben. Ich bin nur begierig, ob man nicht herausbringt, wo er davongelaufen iſt, der Bub'. Der General hat in die Stadt ſchreiben laſſen; da wird man ja wohl dahinterkommen. Aber was iſt denn das?“ unterbrach er ſich, als er, im Begriffe, die Erkerthür zu ſchließen, noch einen flüchtigen Blick in —— 67 die dunkelnde Gegend hinausgeworfen hatte.„Da kommt ja noch ein Wagen gegen die Feſtung heran! Was hat denn das zu bedeuten? Und vier Pferde ſind vor⸗ geſpannt! Das muß etwas ganz Beſonderes ſein, oder es muß recht große Eile haben.“ „Ach, etwas Gutes wird's in keinem Falle ſein; ſie bringen wohl wieder neue Gefangene.“ „Nein“, ſagte der Mann, ſchärfer hinausſehend,„ſonſt wäre der Wagen von einer Escorte umgeben. Ich will nur hinunter und ſehen, daß das Thor richtig auf⸗ gemacht wird.“ „Und ich will hinaus“, ſagte die Frau,„und will nach dem Buben ſehen. Vielleicht hat er ſich ſchon in ſeine Kammer verkrochen.“ Der Thorwart hatte eine große Laterne von der Wand herabgenommen und den Docht behutſam ange⸗ zündet; dann trat er auf die Schwelle und that einen grellen Pfiff, auf welchen ein paar große ſchwarze Zottelhunde herbeiſprangen und ihm auf dem Fuße durch den ſchwach beleuchteten, hallenden Gang nach⸗ folgten. Frau Gertrud hatte ſich unterdeß an einer Lade zu ſchaffen gemacht und eine kleine Handleuchte heraus⸗ genommen, als ein ſtark vernehmliches Klirren hinter ihr ſie veranlaßte, ſich raſch umzudrehen. Das Geräuſch 3 68 kam hinter dem Ofen hervor, wo auf einem Wand⸗ bret eine Menge Schlüſſel an einer Reihe von Haken aufgehängt waren. Der mächtige Kachelofen ſprang ſo weit in die Stube vor, daß hinter ihm ein dunkler Winkel entſtand, den das Licht der Lampe nicht zu er⸗ hellen vermochte. Dort war das Schlüſſelbret am ſicher⸗ ſten angebracht, Entwendung oder Mißbrauch war gleich unmöglich; denn Jedermann mußte zuvor den Umweg um den Ofen machen, was nicht geſchehen konnte, ohne bemerkt zu werden. „Was gibt's denn da?“ fragte die Frau verwun⸗ dert, indem ſie ſich dem Ofen näherte und die Laterne emporhob.„Da rappelt's ja an den Schlüſſeln herum!“ Verwundert trat ſie einen Schritt zurück: in der Ecke, zuſammengekauert und feſt ſchlafend, ſaß ein Knabe, in einen ärmlichen, groben Zwillichkittel gehüllt, deſſen bunt und dicht aufgeſetzte Flecke von großer Abnutzung und noch größerer Armuth zeugten. Es war Richard, der Sohn der unglücklichen Eilly, Meiſter Will's unbändiger Pflegeſohn. „Da liegt er“, ſagte die Frau vor ſich hin.„Wir ſuchen ihn überall, und er liegt da und ſchläft auf dem Stubenboden ſo feſt wie im beſten Flaumenbett! Oder“, fuhr ſie fort, indem ſie ihn feſter anſah und den Schein ihrer Leuchte auf ſein Geſicht fallen ließ,„ſollte es am —— 69 Ende Verſtellung ſein? Ich hab's doch deutlich an den Schlüſſeln rappeln hören. He Du! Wach' auf!“ rief ſie, indem ſie ihn an der Schulter rüttelte.„Wach' auf! Der Herr iſt in die Keller hinunter; Du ſollſt Holz in die Gänge tragen. Tummle Dich! Er iſt ſchon voran.“ Der Knabe erhob ſich langſam, indem er wie Je⸗ mand, der aus tiefem Schlafe erwacht, ſich mit beiden Händen die Augen rieb und dann die vor ihm ſtehende Frau mit dem gut geſpielten Ausdruck ängſtlicher Ueber⸗ raſchung anſah, welche ſich eines Fehlers bewußt iſt und Strafe für denſelben fürchtet. Er verzog das Geſicht, als ob er im Begriffe wäre, in Thränen auszubrechen. „Na, weine nicht!“ ſagte die Frau begütigend.„Ich thue Dir nichts zu Leide für dieſes Mal; doch eile, ſonſt könnte es beim Herrn noch etwas abſetzen! Aber ſage mir nur, wie Du hereingekommen biſt und wann? Ich habe ja nichts gehört und geſehen von Dir. Rede! Ja ſo, der arme Narr kann ja nicht reden. Na, wenn Du auch nicht reden kannſt, ſo kannſt Du wenigſtens hören, und dann merke Dir, was ich ſage! Du mußt Dich hereingeſchlichen haben in die Stube, ſonſt hätte ich Dich ſehen müſſen. Das kann ich nicht leiden. Mir iſt nichts ſo zuwider als die Schleicherei, wie ſie die Katzen im Brauch haben, und wenn wir gute Freunde 70 bleiben ſollen, ſo gib das auf und das hinterliſtige, heimliche Weſen dazu!“ Der Knabe ſtarrte ſie an, als ob er ſie nicht recht verſtehe, dann blickte er ſcheu nach der Thür, nickte ein paar Mal mit dem Kopfe und war mit einem raſchen Seitenſprung auf der Schwelle und aus der Thür. „Gott verzeih' mir die Sünde, wenn ich ihm Unrecht thue!“ ſagte die Frau, indem ſie ihm nachſchritt.„Aber Alles, was er thut, thut er ſo geſchwind und ſo ver⸗ ſtohlen, als wenn er fürchtete, erwiſcht zu werden. Wie er jetzt hinausgeſprungen iſt! Gerade wie eine Katze!“ Gellender Glockenton vom äußern Thore her ver⸗ kündete, daß Jemand Einlaß verlangte. Die Wache rief an, die Soldaten traten unter dem finſtern, langen und niedrig gewölbten Thorbogen unters Gewehr, wäh⸗ rend der Thorwart eine in der Mauer befindliche kleine Luke öffnete, von welcher aus zwei ſtarke Drähte nebenein⸗ ander über den Graben gezogen waren, ſodaß ſie eine Art von hängendem Gleis bildeten, auf welchem eine eingehängte Blechkapſel wie ein Weberſchiff hin und her geſchnellt werden konnte; denn die Zugbrücke wurde nicht eher niedergelaſſen, als bis der Einlaß For⸗ dernde ſeinen Namen und die Urſache, welche ihn her⸗ geführt, angegeben und ſeine Beglaubigung in die Kapſel gelegt und zurückgeſchnellt hatte. 71 Eben ſchwirrte die Blechbüchſe von draußen wieder herein, als General Bauer, welcher den Dienſt als Feſtungscommandant zu verſehen hatte, eilends heran⸗ kam, um ſich ebenfalls nach der Urſache der zu ſo un⸗ gewohnter Zeit eingetretenen Störung zu erkundigen. Er war ſehr unwillig und ſein ohnehin ſtark gefärbtes Geſicht noch mehr geröthet, theils vom Weine, theils auch vielleicht, weil er bei der Abendtafel geſtört worden war.„Oeffnet unbedenklich!“ ſagte er, nachdem er das Schreiben aus der Kapſel genommen und er⸗ brochen hatte.„Es ſind die Commiſſare Seiner her⸗ zoglichen Durchlaucht. Sorge Er dafür, Thorwart, daß für die Herren ſogleich der Gaſtſtock in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt wird!“ „Für wie viele Perſonen, Excellenz Herr General?“ fragte knixend die Frau des Thorwarts, welche in⸗ zwiſchen ebenfalls herbeigekommen war. „Glaubt Sie“, fuhr ſie der Commandant unvillig und derb an,„daß ich durch die eiſenbeſchlagenen Thor⸗ balken hindurchſehen und zählen kann, wie viele Leute im Wagen ſitzen? Kann Sie nicht warten, bis das Thor herunter iſt?“ Die Frau trat zurück, das Geſicht wie mit Blut begoſſen vor Unmuth über das barſche Benehmen, das ſie ohne Erwiderung hinnehmen mußte, und vor 72 Beſchämung; denn die unter dem Gewehr ſtehenden Soldaten ziſchelten einander zu und lachten darüber, daß der General die vorwitzige Alte ſo abgetrumpft. Indeſſen hatte das ungeheure Thor in ſeinen knar⸗ renden Angelrollen ſich langſam niedergelaſſen und lag auf den drüben befindlichen mächtigen Steinwiderla⸗ gern als ſichere Brücke feſt. Der Thorwart ſchritt hinaus, um die Riegel der äußern Pforte zurückzu⸗ ziehen und die Schlöſſer zu öffnen, dann polterte das vom langen Warten unruhig gewordene Viergeſpann über die ſchwankenden Holzbohlen und raſſelte durch den donnernden Thorbogen in den innern Hof. Ein Knecht trat hinzu, um die Zügel in Empfang zu neh⸗ men. Er trug eine Pelzmütze, welche ſo tief in das Geſicht hereingezogen war, daß man von der Stirn gar nichts und von den Augen nicht viel bemerkte. Ueberdies war er durch einen ſtarken Höcker ver⸗ unſtaltet und mit einem krummen Bein behaftet, das es ihm ziemlich ſchwer machte, die unruhigen und mu⸗ thigen Pferde zu halten und dem Stalle zuzuführen. Deſto gelenkiger war der Kutſcher des eben angekom⸗ menen Wagens; trotz des ſchweren Pelzes, in den er gekleidet war, ſprang er mit einer Behendigkeit zu Bo⸗ den, daß der Stallknecht ihn mit zwinkernden Augen von der Seite anſah.„Wie iſt's, Schwager?“ ſagte —— 73 er.„Du ſpringſt ja wie ein Achtzehnjähriger! Das ließeſt Du wohl bleiben, wenn Du meinen Klumpfuß hätteſt.“ Der Kutſcher wechſelte ſchnell einen Blick mit dem Knechte; dann rief er:„'s wird auch eine Zeit geweſen ſein, wo Du Deine Sprünge gemacht haſt. Jetzt aber ſieh nach meinen Pferden! Der vordere Handgaul geht ein bischen krumm. Weißt Du kein Mittel?“ „Ei jawohl“, ſagte der Knecht mit einem eigenthüm⸗ lichen Lächeln, indem er die Pferde dem Stalle zu⸗ führte.„Wir wollen einmal den Huf unterſuchen und das Eiſen herunterreißen.“ Der Kutſcher folgte ihm raſchen Schrittes und beide verſchwanden in dem Stalle, deſſen Thür ſich ſorg⸗ fältig hinter ihnen ſchloß. Inzwiſchen hatte der Thorwart mit ehrerbietiger Verbeugung den Wagenſchlag geöffnet, und der Gerichts⸗ rath Weber ließ vorſichtig ſeine wohlbeleibte Geſtalt aus dem Wagen zu Boden gleiten, indem er mit den Beinen ſorgfältig nach den verſchiedenen Stufen des Wagentritts und dann nach dem Boden ſuchte. Hinter ihm wurde van Overbergen's hochgeſcheiteltes Haupt ſichtbar und daneben auf dem Rückſitz ſaß eine ſchmale und bleiche Geſtalt, welche einem Gehülfen oder Schrei⸗ ber des Gerichts anzugehören ſchien; denn unter den 74 Tüchern und Mänteln neben ihm ſahen mächtige Acten⸗ bündel heraus, die er aufs ſorgfältigſte hütete und ängſtlich feſthielt, als fürchte er, es könne ihm etwas davon abhanden kommen. „Da ſind wir endlich wieder, wertheſter Herr Ge⸗ neral!“ rief der Gerichtsrath.„Sie haben uns wohl längſt ſchon erwartet?“ „Das weiß Gott“, erwiderte dieſer.„Als Fähnrich habe ich auf mein erſtes Avancement nicht ſo ſehnſüchtig gewartet als auf Ihre Ankunft. Hoffentlich iſt die Stunde derſelben auch diejenige, welche mich von dieſem Orte erlöſt, wo ich als Commandant nur der erſte Feſtungs⸗ gefangene bin. Sie bringen doch Alles mit, was nö⸗ thig iſt, um in dem Felſenneſt aufzuräumen?“ „Das thu' ich“, ſagte der Gerichtsrath, indem er ſich anſchickte, dem General zu folgen, der mit einer einladenden Handbewegung nach dem Mittelgebäude im Hofraum zeigte, welches zwar etwas weniger hoch als die übrigen Baulichkeiten, dafür aber durch beque⸗ mere Formen und größere Fenſter als Wohngebäude gekennzeichnet war. Unter der geöffneten Flügelthür zu beiden Seiten einer ſtattlichen Treppe ſtanden Diener mit brennenden Doppelleuchtern und warteten der An⸗ kunft des Gebieters. Overbergen machte ſich noch im Wagen zu ſchaffen und warf einen flüchtigen Rundblick —— auf den ganzen Hofraum, als bewundere er den Um⸗ fang und die Feſtigkeit der Gebäude. Im Grunde aber geſchah es wohl nur, um ſich ſchnell in der Oertlichkeit zurecht zu finden. „Die Arbeit war im höchſten Grade ſchwierig, mein Verehrteſter“, ſagte der Gerichtsrath im Geſpräch fort⸗ fahrend zum General,„und das Material von ſo un⸗ geheurem Umfang, daß es unmöglich war, daſſelbe früher zu bewältigen; aber jetzt werden wir wohl zum Ende gelangen.“ „Nun“, ſagte Bauer,„wenn jetzt wirklich das Ende kommt, ſoll Alles vergeſſen ſein! Sie wiſſen, daß ich dieſen Poſten nur übernahm, weil es zu wichtig war, in weſſen Hände die Gefangenen kommen würden. Wir konnten ſie nur einem von den Unſern anvertrauen. Hoffentlich bin ich jetzt erlöſt und deshalb will ich auch glauben, daß ſich die Sache ſo lange hinziehen mußte, obwohl ich nicht leugne, daß das nach meiner Anſicht nicht nothwendig geweſen wäre. Ich hätte jedenfalls kürzern Proceß gemacht.“ „Das ging nicht an. Man mußte gewiſſe Formen beobachten, um den Schreiern und der Verleumdung in etwas den Mund zu ſtopfen. Dazu war die Ein⸗ ſetzung eines eigenen Gerichtshofs ganz das geeignete Mittel. Die Aufrührer können nicht ſagen, daß man 76 ihnen ihr Recht vorenthalten habe, und unſer Zweck iſt doch erreicht; denn die Zuſammenſetzung des Gerichts iſt es ja doch, worauf es ankommt, und dieſe war und blieb in unſern Händen.“ „Meinetwegen denn“ ſagte der General, als ſie an der Thür angekommen waren.„Nun aber und für heute kein Wort mehr von Geſchäften! Hören Sie, kein Wort mehr! Die Herren ſind meine Gäſte. Ich hatte mich eben, als Sie ankamen, zu Tiſche geſetzt und bin beim erſten Gang unterbrochen worden. Haben Sie noch Befehle zu ertheilen und Anordnungen zu treffen, ſo thun Sie es jetzt, damit wir ſpäter nicht noch einmal geſtört werden. Ich liebe es nicht, unter⸗ brochen zu werden, wenn die Flaſchen einmal entkorkt ſind.“ „Es bedarf keiner weitern Anordnungen“, entgegnete Weber,„als daß die Verhörzimmer geheizt und gehörig vorbereitet werden, da ich morgen mit dem Früheſten die Verhandlungen zu beginnen gedenke.“ „Hat Er das gehört?“ rief der General dem Thor⸗ wart zu, der trotz des kalten Windes, der immer ſchärfer über den Hofraum blies, noch immer mit entblößtem Kopfe daſtand, weil der General ihm nicht geheißen 4 hatte, ſich zu bedecken.„Daß Alles pünktlich gelüftet und geordnet iſt! Laß Er auch heizen! Ich kann es nicht leiden, wenn die Stuben kalt ſind.“ —-— 77 „Zu Befehl, Excellenz“, erwiderte der Thorwart kurz und wollte ſich entfernen, als der General ſich um⸗ wendend ihn nochmals zurückrief.„Noch etwas! Wie ich vorhin herunterkam, bin ich Seinem Burſchen be⸗ gegnet, der Holz in die Kaſemattengänge trug. Was ſoll das bedeuten?“ „Wir bekommen ſtarken Froſt heute Nacht, Excellenz“, entgegnete der Thorwart.„Das Waſſer überdeckt ſich jetzt ſchon mit einer Eiskruſte; es iſt ſehr kalt in den Kaſematten, und da hab' ich gedacht—“ „Ich will doch nicht hoffen, daß er den Gefangenen einheizen will?“ ſchrie der General.„Damit hat es Zeit, bis ich es befehle. Er geht mir hühſch mit dem herzoglichen Holz um! Das Rebellengeſindel ſoll ſich nur ein bischen ans Heulen und Zähnklappern gewöh⸗ nen! Dafür, daß ihnen zur rechten Zeit eingeheizt wird, werden ſchon Andere ſorgen.“ Er brach in ein rohes Lachen aus, welches wie die Röthe ſeines Ge⸗ ſichts zeigte, daß das Entkorken der Flaſchen ſchon vor ziemlich geraumer Zeit begonnen haben mochte, und bald waren die Herren ſammt dem die Acten ſchlep⸗ penden Schreiber über die Treppe verſchwunden. Die Diener ſchloſſen die Thür und auf dem Hof⸗ raum war es wieder vollkommen öde und ſtill. Im Thorbogen flackerte die Laterne in dem eiſigen Winde; 78 neben demſelben, im Halbſchatten des Gewölbes und durch daſſelbe in etwas vor dem Winde geſchützt, ſchritt die Schildwache hin und wieder, um ſich durch ſtetige Bewegung des Froſtes zu erwehren. Unter der Thür des Feſtungsgebäudes ſelbſt kauerte Richard und ſah dem Thorwart entgegen, der mit hochgehobener Laterne an ihn hinantrat; zugleich deutete er wie fragend in den Gang nebenan, wo neben der Mündung einer dunklen, engen Treppe, die zu den Gefängnißräumen hinunterführte, eine Bürde Holz lag. „Biſt Du endlich da, Taugenichts?“ rief der Thor⸗ wart.„Wo haſt Du denn geſteckt? Jetzt brauch' ich Dich nicht mehr. Der Herr Commandant Excellenz will nicht, daß die Gefangenen warm bekommen. In Gottes Namen, ich hab's nicht zu verantworten. Aber bald geht's mir wie meinem Weibe: ich wollte, der Teufel holte den General; ein naher Verwandter von ihm muß er ohnehin ſein. Wie dumm!“ fuhr er fort, nachdem er einen Augenblick inne gehalten und ſich umgeſehen hatte.„Wie kann man ſich ſo vom Zorn übergehen laſſen! Da könnt ich mir eine ſchöne Suppe einbrocken, wenn er erführe— na, er erfährt’s nicht. Es iſt Niemand weit und breit da und der Bub' kann ja nicht reden. Mach' daß Du in Dein Bett kriechſt!“ rief er, indem er die ſchweren Eiſenriegel an der Thür 79 in den Ring ſtieß und bald um die Ecke des Ganges verſchwand, der nach ſeiner Wohnung führte. Der Knabe folgte ihm bis dahin, wo eine kleine Thür in eine lichtloſe Kammer führte, in der neben dem Holzvorrath ein Strohſack mit einer Decke ihm als Lager bereitet war. Er öffnete die Thür mit ab⸗ ſichtlichem Geräuſch, damit der Thorwart ſein Eintreten gewiß hören ſollte; augenblicklich aber ſteckte er den Kopf wieder zur Thür hinaus, um zu horchen, ob der Thorwart wirklich in ſeine Stube trete. Zufrieden nickte er, als er auch hier den Schlüſſel im Schloſſe drehen hörte, verweilte horchend noch einige Sekunden und huſchte dann wieder heraus, niedergeduckt im Schatten des Ganges und beinahe am Boden hinſchleichend, bis er zu der abwärts führenden Treppe kam. Vorſichtig griff er jetzt in die Taſche, wie Jemand, der ſich über⸗ zeugen will, daß er das zu ſeinem Vorhaben unerlaß⸗ liche Geräthe wirklich bei ſich habe; dann bog er um die Ecke und glitt die Stufen hinab, die ſich um einen ſtarken Mittelpfeiler abwärts wanden und kein Ende zu nehmen ſchienen. Ein breiter, niedrig gewölbter Gang empfing ihn dann, in welchem ihn moderige Kellerluft und das Schweigen einer Gruft umgab. Es war vollſtändig dunkel; an einer einzigen Stelle fiel durch einen hohen, in dem dicken Gemäuer angebrachten 80 Lichtfang ein ſchwacher Schein auf das dunkelbraune Pflaſter und ließ ahnen, daß droben auf der Oberwelt der Mond ſeine ſtille Fahrt begonnen haben mußte. Behutſam, mit angehaltenem Athem und bei jedem Schritte horchend, taſtete ſich Richard an dem Gemäuer fort, an welchem frierende Waſſertropfen niederſickerten und ſeine Hände befeuchteten. Lange Zeit hatte kein Laut ſich geregt. Plötzlich ſtand er wie vor Schrecken erſtarrt, denn ein ſtark klirrendes Geräuſch ſchlug deutlich an ſein Ohr. Er horchte gegen die Stiege hin.„Es iſt nichts“, ſagte er dann aufathmend.„Ich hab' geglaubt, es iſt der Thorriegel, was ſo klirrt. Es muß aber einer von den Gefangenen geweſen ſein, der ſich im Schlafe bewegt und mit ſeinen Ketten raſſelt.“ An mehreren Eiſenthüren kam er noch vorüber, hinter denen lautloſe Stille waltete; aus einer Zelle jedoch drangen halblaute Worte, der Eingekerkerte ſchien zu beten. Aus der nächſten ließen ſich Töne vernehmen, die faſt wie Geſang klangen, bis zum Unhörbaren gedämpft durch die dicken Mauern und die Eiſenthore mit dem doppelten Eiſenbeſchlag.„Dort“, murmelte Richard, auf einen in der Tiefe auftauchenden hellern Fleck hinſtarrend,„dort müſſen die Stufen ſein, die zu der Krankenkeuche hinauf⸗ führen! Dort—“ Er ſprach den Gedanken nicht aus, der in ſeiner Seele lag, aber mit fliegendem Athem ——— † 81 vollendete er haſtig ſeinen Weg. Mit wenigen Sätzen war er die Treppe hinan und in einen etwas freund⸗ licher ausſehenden Raum gelangt, wo ein hart an der Decke angebrachtes ſchmales Fenſter den Mondſtrahlen ungehinderten Eingang gewährte und eine minder min⸗ der ſchwer verwahrte Thür beleuchtete. Zitternd vor Haſt griff er in die Taſche ſeines Kittels, zog einen Schlüſſel hervor und hatte im Augenblicke das Vor⸗ hängeſchloß geöffnet, indem er zugleich durch die Ritzen flüſterte:„Sei ſtill, Mutter, und erſchrick nicht! Halte Dich ruhig! Ich bin's, der Richard.“ Er ſchlich ſich hinein, die Thür geräuſchlos hinter ſich anziehend, und ſtand in einer engen Kammer mit einem hohen, von ſtarken Eiſenſtangen vergitterten Fenſter und ohne andere Einrichtung als ein ſchlichtes Bettgeſtell nebſt einem ärmlichen Lager, von welchem Cilly ſich wie un⸗ ſicher und ſchlaftrunken erhob und mit verglaſten Augen dem Kommenden entgegenſah. Sie war ſo ergriffen, daß die Mahnung des Knaben, ruhig zu ſein, über⸗ flüſſig geweſen wäre; ſie vermochte keinen Ton aus der Kehle zu bringen. Erſt als Richard, ohne Worte in lautes Schluchzen ausbrechend, ſich ihr an den Hals warf, kam Leben und Bewegung in ſie; ihre Arme ſchlugen um ſeinen Nacken zuſammen und ihre ſtürzen⸗ den Thränen miſchten ſich mit den ſeinigen. Schmid, Mütze und Krone. V. 6 82 „Du kommſt zu mir?“ rief ſie dann, indem ſie ihn von ſich wegdrängte, ihm das Haar von der Stirn ſtrich, um ihn näher zu betrachten, und ihn dann mit Küſſen überdeckte.„Mein Richard, mein lieber Bub', mein Eins und mein Alles! Dich ſeh' ich wirklich noch einmal? Wie iſt es nur möglich, daß Du zu mir kommſt?“ „Ich bin ſchon über acht Tage in der Feſtung“, erwiderte er, ſich eng an ſie anſchmiegend.„Wie ſie gekommen ſind und Dich fortgeholt haben, hab' ich mich eine Weile ſtillgehalten, weil ich gedacht hab', der Vetter Will würde mich ſonſt einſperren, daß ich nicht zu Dir könnte. Dann hab' ich's aus ihm herausgefragt, wo ſie Dich hingebracht und was ſie im Sinn haben mit Dir. Da hab' ich—“" er zauderte, und es koſtete ihn ſichtbar einige Ueberwindung, fortzufahren—„da hab' ich den Kaſten des Vetters aufgebrochen, hab' ihm ſein Geld genommen und bin fort damit. Ich hab's nicht geſtohlen, Mutter“, rief er feurig,„hab's nicht ſtehlen wollen! Ich geb's ihm wieder, gewiß und wahrhaftig, aber ich hab' wohl eingeſehen, daß ich Geld haben muß. Einem Beſenbinderbuben, der mir unterwegs begegnet iſt, hab' ich ſein Gewand und ſeine Waar' abgekauft und bin hierher und hab' mich ein paar Tage um das Schloß herumgeſchlichen, bis ich Alles ausgekundſchaftet 8 1 ———— ———— ˙˙˙— 83 hatte. Dann hab' ich mich recht elend geſtellt und ans Thor gelegt und hab' gethan, als wenn ich ſtumm wär', damit ich mich ſelber ja nicht verrathen könnt. Die Thorwartin iſt eine gute Frau; die hat mich aufge⸗ nommen und hat mir zu eſſen gegeben. Dafür hab' ich ihr geholfen Holz zutragen und Waſſer bringen, und ſo bin ich in die Gefängniſſe'runtergekommen und auch zu dem Deinigen, Mutter.“ „O Du gutes Kind“, ſchluchzte Cilly.„Wie lieb haſt Du mich! Hab' ich denn ſo viel Liebe um Dich verdient?“ Sie wollte ihn wieder an ſich drücken, aber erſchreckt wandte ſie ſich ab, denn der Mond ſchien ihm eben voll ins Geſicht und beleuchtete ſeine Züge.„Wie er ihm ähnlich iſt!“ ſeufzte ſie ſchaudernd in ſich hinein. „Ich Elende! Alles hab' ich mir ſelbſt vergiftet und vernichtet. Nicht einmal meines eigenen Kindes darf ich mich freuen.“ „Was iſt Dir, Mutter?“ fragte der Knabe, indem er ſie an ſich drückte.„Mußt nicht mehr traurig ſein! Ich hab' den Schlüſſel und weiß den Weg aus dem Schloß und durch den Sumpf. Aber heut Nacht muß es geſchehen. Es hat gefroren und der Weg iſt nur zu gehen, wenn es gefroren hat. Die Herren vom Gericht ſind aus der Stadt angekommen. Wer weiß, was ſie morgen mit Dir im Sinn hätten. Du mußt 6* 84 fort mit mir und das gleich! Komm', Mutter, komm'!“ „Ja, ja“, erwiderte ſie wie geiſtesabweſend und als verſtände ſie nicht völlig, was er ſagte.„Ich komme ſchon, ich hör' Dich ſchon; ich will mich beeilen.“ Sie begann auch an ihren Kleidern herumzuneſteln, aber anſtatt ſich beſſer zu verwahren, machte ſie es umge⸗ kehrt und war im Begriff, ihr Umſchlagetuch abzulegen. „Ich komme ſchon“, ſagte ſie wieder.„Wohin willſt Du mich denn führen?“ „Das weiß ich ſelber noch nicht“, antwortete der Knabe.„Das wird ſich ſchon finden. Du wirſt es mir wohl ſagen, wohin wir gehen. Wir bleiben jetzt bei einander, wir werden ſchon ein Plätzchen finden, wo wir beiſammen ſein können. O, es ſoll Dir gut gehen! Ich will arbeiten. Jetzt hab' ich erſt geſehen, wozu das Arbeiten gut iſt und daß ich auch ſchon ar⸗ beiten kann. Und für Dich, Mutter, kann ich und thu“ ich Alles. Komm' nur! So, nimm Dein Tuch über Kopf und Hals! Es iſt arg kalt draußen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Alle Stunden geht die Runde an den Mauern vorüber; jetzt iſt ſie gerade vorbei. Ehe ſie wiederkommt, müſſen wir ſchon weit im Freien ſein.“ „Gleich, gleich“, murmelte Cilly, indem ſie ſich mit der ———y 85 Hand, als ob ſie ſich nicht zu beſinnen vermöge, über die Stirn fuhr.„Ich weiß ſchon, daß er auf mich wartet draußen. Er hat es mir geſtern durchs Fenſter zugerufen.“ „Wer denn?“ fragte Richard verwundert.„Ermun⸗ tere Dich doch, Mutter! Du biſt noch ganz verſchlafen und weißt nicht, was Du redeſt. So, komm'! Gib Acht, daß Du nicht auf die Stufen herunterfällſt— es ſind drei— und gib keinen Laut von Dir! Wir müſſen unter der Feſtung im Kanal durch. Still! Gerade über uns ſteht die Schildwache.“ Der Knabe hatte vorſichtig Cilly's Hand ergriffen und führte ſie behutſam durch den Gang nach einem unverwahrten Gewölbe, deſſen Thür in ſehr locker ge⸗ wordenen Angeln hing, während der Raum ſelbſt theil⸗ weiſe verſchüttet war. Der Knabe hatte ganz richtig beobachtet. Das Waſſer ſtand in der Mitte des hier beginnenden Kanals nur einige Schuh breit; zur einen Seite war Rand genug, um in gebückter Stellung da⸗ rauf fortkriechen zu können; zuletzt aber ſenkte ſich das Gewölbe tiefer herab, daß es faſt den Waſſerſpiegel erreichte.„Es geht nicht anders“, flüſterte der Knabe der Mutter zu,„wir müſſen ein wenig tauchen, aber es iſt nicht tief und keine Gefahr dabei. Wir werden nur naß und kalt und wollen dann tüchtig laufen, daß ————— 1 86 wir wieder warm und trocken werden und daß es Dir nicht ſchadet, Mutter!“ Eilly gehorchte dem Wort und Wink ihres Führers; es war, als ob ſie die Rollen getauſcht hätten, als wäre er der Kundige, Weltkluge, Erwachſene und ſie das unerfahrene Kind. Bald war der Kanal durch⸗ watet und die Flüchtlinge ſtanden im Freien, hart am Fuße und im weithin reichenden Schatten des unge⸗ heuren Burgfelſens; vor ihnen im hellen Mondesglanze dehnte ſich bleich und duftig das überfrorene Moor. Die Eiskruſten der kleinen Waſſerlachen ſpiegelten; da⸗ zwiſchen ſahen ſchwarz die dunklen Moosſtellen hervor, nur leicht von den Schneeflocken bedeckt, welche eben zu fallen begannen. „Gott ſei Dank!“ flüſterte Richard.„Es iſt Alles ſtill. Ich höre den Schritt der Schildwache; ſie geht eben an der andern Seite hinab. Den Augenblick wollen wir benutzen. Wenn dort der einzelne Weiden⸗ baum erreicht iſt, haben wir das Aergſte hinter uns. Von dort führt ein Streifen Felſengrund durch das Gewäſſer, faſt bis an den Hügelrand. Komm, Mutter! Schnell! Wir müſſen hinüber ſein, ehe der Schnee un⸗ ſere Fußtapfen verrathen kann.“ Eilly an der Hand nach ſich ziehend, flog der Knabe über das Moor dahin, ſo ſicher, daß das Eis nur leiſe 87 knirſchte unter ſeinem Tritte, ſo ſchnell, daß der Fuß nicht Zeit hatte, auf dem weichen Grunde tiefer einzu⸗ ſinken. Lautlos, wie ohne Willen, folgte Cilly. Der Wind hatte ſich ſtärker erhoben, er hatte ihr Tuch ge⸗ faßt und ihr Haar gelöſt, daß beide im Wind und in dem immer dichter fallenden Schneegeſtöber flatterten. Geraume Zeit eilten beide dahin, ohne daß ein Wort gewechſelt wurde. Schon war die niedrige Hügel⸗ reihe erkennbar, welche den Sumpf umrahmte; ganz nahe rückte der Weidenbaum heran, den das ſcharfe Auge des Knaben ſchon von fern gewahrt und zum Ziel⸗ punkte genommen hatte. Immer ſchärfer und beſtimm⸗ ter traten jetzt die Umriſſe des knorrigen Baums her⸗ vor, welcher ſich ſchwarz von der beſchneiten Fläche abhob und die kahlen ſtumpfen Zweige ſtarr in die Höhe ſtreckte; eben ging der Weg über ein Stück Ge⸗ ſtein, das einzeln aus dem weichen Grunde hervorragte, ein kleines Gegenſtück zu dem großen Felſen, auf wel⸗ chem die Feſtung ſtand. „Sei vorſichtig, Mutter!“ mahnte der Knabe.„Der Stein iſt glatt vom Schnee. Wir haben bald feſten Boden hinter uns, es ſind keine hundert Schritte mehr.“ Eilly, die bis dahin in einer Art Betäubung dem Knaben gefolgt war, hob ihren Blick zum erſten Male; ſie riß ihre Hand aus der ſeinigen und ſtreckte dieſelbe ſtarr gegen den Weidenbaum aus, indem ſie einen Augenblick wie verſteinert ſtehen blieb.„Dort!“ ſchrie 8 ſie auf im Tone des wildeſten Entſetzens.„Siehſt Du dort die ſchwarze Geſtalt, wie ſie ſich hoch aufrichtet, wie ſie mit den erhobenen Armen mir droht? So ſtand er da, ſo hatte er die Arme gehoben, ſo hat er mir noch im Zuſammenſtürzen gedroht.“ „Mutter“, rief Richard ängſtlich,„was fällt Dir ein? Sieh genauer hin! Es iſt nichts als ein Baum.“ „Nein“, rief ſie wieder, indem ſie den Arm, mit dem er ſie umfaſſen wollte, zurückſchleuderte,„er iſt's, er deutet mir zurück, er will nicht haben, daß ich entfliehen 8 ſoll. Ich gehe auch nicht mehr. Laß mich los“ kreiſchte ſie, als Richard ſie erfaßte.„Siehſt Du denn nicht, wie er die Arme ausſtreckt nach mir? Er greift nach mir, er will mich an ſich reißen!“ Die Kräfte des Knaben reichten nicht aus, das Widerſtreben der Halbwahnſinnigen zu beſiegen; ſie riß ſich mit einem gellenden Schrei los und wollte ſich um⸗ wenden, aber ihr Fuß glitt auf dem eiſigen Geſtein aus, und mit voller Gewalt ſtürzte ſie auf die ſcharfen Zacken und Kanten gegen den Sumpf hinunter. Beinahe ebenſo 2 3 ſchnell, als ſie fiel, war der Knabe zu ihr hinabge⸗ ſprungen, zerrte ſie auf das Geſtein und mühte ſich vergeblich, die Ohnmächtige, welche nur noch leiſe wim⸗ ——— 89 mernde Töne ausſtieß, aufzurichten. Durch den Sturz hatte ſie ſich am Fuße verletzt und das ringsum den Schnee färbende Blut zeigte bald nur zu deutlich, wie ſchwer die Verwundung ſein mußte.„Mutter“, rief er ihr verzweifelnd ins Ohr, indem er bald ihre Hände faßte, bald wieder ſeinen Mund an ihre erſtarrenden Lippen brachte,„‚nimm Dich zuſammen! Es iſt ja nicht mehr weit. Mutter, ſo höre mich doch!“ Es war umſonſt; wohl verſuchte Cilly, nachdem ſie ſich etwas erholt, ſich zu erheben, aber mit einem Schmerzens⸗ rufe brach ſie zuſammen und neigte ſich geſchloſſenen Auges gleich einer Sterbenden auf das rauhe kalte Kiſſen zurück, das Schnee und Geſtein ihr unterbreiteten. Aufſchreiend warf ſich der Knabe über ſie. Er konnte ſich nicht mehr täuſchen, es war unmöglich die Mutter zu retten; er hatte ſie nur dem Kerker entriſſen, um ſie in den Tod zu führen; ehe der Tag kam, mußten Schmerz, Schrecken und Kälte die ohnehin ſchwer Er⸗ krankte tödten, und wenn das nicht geſchah, war mit dem Erſcheinen des Lichts doch die Entdeckung gewiß. Was ſollte er beginnen? Sollte er allein fliehen und in einem der Dörfer am Hügelrande Hülfe ſuchen? Aber welche Hülfe konnte das ſein? Konnte er An⸗ deres erwarten, als von den Bewohnern wieder einge⸗ liefert und in das Gefängniß zurüg zracht zu werden? 90 Und konnte er denn die Unglückliche allein laſſen? Es war immerhin doch möglich, daß ſie in ſeiner Abweſen⸗ heit zu ſich kam, daß ſie es verſuchte, weiter zu gehen, und dann in dem wegloſen Moor ſich verirrte und rettungs⸗ los verſank! Im Uebermaße ſeines Schmerzes rang er die Hände, hob ſie in wilder Verzweiflung gen Himmel und ballte ſie in ohnmächtiger Wuth nach der Feſtung hin, die ſich erhob wie ein rieſiger Wächter, der ſich ſpähend aufgerichtet, ſein Opfer nicht entrinnen zu laſſen. Endlich erlahmte auch die Kraft ſeiner Ju⸗ gend und die Spannung der Leidenſchaft ermattete in der eiſigen Umarmung der Nacht; vom Weinen er⸗ müdet, vom Froſt eingeſchläfert, ſank der Knabe hin; als ruhten ſie daheim im friedlichen, warmen Bette, lagen ſie bald neben einander, das erſtarrende Kind an die Bruſt der ſterbenden Mutter geſchmiegt. Die Sonne des andern Tags kam lange nicht her⸗ vor hinter dem grauen, undurchdringlichen Gewölk, welches nach der klaren Froſtnacht in ſchneller Wand⸗ lung vom Firmament Beſitz ergriffen hatte. In der Feſtung herrſchte ungewöhnliche Thätigkeit. Die Be⸗ ſatzung war zahlreicher als ſonſt unter das Gewehr ge⸗ treten; in den Gängen, wo ſonſt tagelang nichts hörbar war als der einſame Fußtritt des Schließers, ſchritten viele Menſchen laut und eilig hin und wieder. In einer 91 großen Stube ſtanden Soldaten, Eiſenknechte und Ge⸗ richtsdiener plaudernd beiſammen und warteten auf die Ankunft des Gerichtshofs. „Es iſt ſchon bald neun Uhr“, ſagte ein Korporal zum Thorwart, der eben aus dem Nebenzimmer trat, „und noch läßt ſich keiner von den Herren ſehen. Ge⸗ ſtern hieß es doch, daß die Verhandlungen in aller Frühe beginnen ſolltent“ „Meinetwegen“, brummte der Thorwart ärgerlich. „Mich geht's nichts an. Ich hab' Alles in Bereitſchaft geſetzt. Mich kann kein Vorwurf treffen.“ „Freilich“, rief der Korporal mit pfiffigem Augen⸗ blinzeln.„Aber wir hätten's vorauswiſſen können, daß es nicht gar ſo früh werden wird. Wir haben's von der Wachſtube aus geſehen, die Fenſter bei der Excel⸗ lenz waren bis Mitternacht erleuchtet; wir haben das Lachen und das Anſtoßen mit den Gläſern bis herunter gehört! Wenn man ſo ſpät in die Federn kommt, kann man ſo bald nicht wieder heraus, Aber jetzt rührt ſich doch was, ich höre Säbelklirren auf der ſteiner⸗ nen Stiege.“ Der Korporal hatte recht gehört; bald kamen die Schritte näher. Er ſprang hinzu, öffnete die Thür und ſtand dann mit den Soldaten ſtramm aufgerichtet, die rechte Hand zur Begrüßung an den Helm gelegt. 92 Der General trat ein. In voller Uniform, die Bruſt mit Orden bedeckt, die Feldbinde um den Leib, den. Hut mit dem herabhängenden Federbuſche auf dem Haupte, den Säbel im Arm, trat er mit militäriſchen Schritten vor dem Gerichtsrath ein, welcher mit bleichem Ange⸗ ſicht folgte, während das des Generals noch ſtärker glühte als am Abend zuvor. Er puſtete, ohne die Be⸗ grüßung der Mannſchaft zu erwidern, wie Jemand, der ſich ſehr erhitzt fühlt und in einen noch wärmern Raum tritt.„Höllenelement!“ rief er dem Thorwart zu.„Iſt Er verrückt, ſo einzuſchüren? Er hat ſich Hohl ſchon vor Tagesanbruch an den Ofen gemacht und hat ge⸗ dacht, wir werden beim Nachtlicht an unſer Geſchäft gehen, wie die Tagelöhner?“ Dem Thorwart flog die Röthe des Unwillens über das Geſicht.„Excellenz haben geſtern ſelbſt befohlen“, ſagte er,„daß ſchon in aller Frühe—“ „Den Teufel hab' ich befohlen“, rief dieſer entgegen. „Schweig' Er und raiſonnir' Er nicht! Ich kann's nicht leiden. Noch ein einziges Wort, und ich laſſ' Ihn auf einen halben Tag krummſchließen.“ Er verſchwand mit Weber im Nebenzimmer. In. dieſem ſtand ein kleiner, grün behangener Tiſch, an deſſen unterer Ecke der Schreiber, die Feder in der Hand, hinter Papier und Tintenfaß ſaß und ſich .— 93 zum demüthigen Gruße faſt bis an den Tiſch nieder⸗ beugte. „Gehen Sie und laſſen Sie die Gefangenen nach der angegebenen Reihe vorführen!“ rief ihm der Ge⸗ richtsrath zu, indem er einen Pack Schriften auf den Tiſch warf. „Ah, das ſind wahrſcheinlich die Urtheile?“ ſagte der General.„Nun, das wird hoffentlich nicht lange währen. Mir iſt ſchrecklich heiß, da kann ich's nicht lange in der Stube aushalten.“ „Es 11 die Urtheile“, erwiderte Weber,„und die Verkündung derſelben wird allerdings nicht viel Zeit in Anſpruch nehmen. Aber die Hitze, Herr General, die kommt, wie ich glaube, nicht vom Zimmer, die ſtammt noch von geſtern her. Der Burgunder iſt ein ſchwerer Wein, der ſich auf die Nerven legt, und Sie haben ihm tüchtig zugeſprochen.“ „Ho, ho“, lachte der General,„Sie haben's auch nicht fehlen laſſen und mir jedesmal Beſcheid gethan.“ „Ja, das ſpür' ich“, ſagte der Gerichtsrath ſeufzend, indem er ſich über die dünnen, blonden Haare fuhr. „Ich bin ſolche Gelage nicht gewohnt, die Wirkung iſt bei mir eine ganz andere als bei Ihnen; während Sie glühen, fröſtelt's mich, als ob ich das kalte Fieber hätte.“ „Das macht“, rief der General mit lautem Lachen, „weil Sie keine Soldatennatur haben, weil Sie ſich in der Stube und hinter dem Actentiſche ganz zuſammenge⸗ ſeſſen haben. Aufrichtig geſagt, lieber Gerichtsrath, ich kann Ihre Collegen nicht leiden, aber bei Ihnen, das wiſſen Sie, mach' ich eine Ausnahme. Am meiſten zuwider ſind mir ſolche verſchloſſene, ſchweigſame und lauernde Geſichter wie dieſer Mucker, dieſer van Overbergen, den Sie mitgebracht haben. Es iſt nur gut, daß er bald zu Bette gegangen iſt. Mir hätte ſonſt kein Glas geſchmeckt. Was hat doch der Leiſetreter hier zu ſchaffen 24 Der Gerichtsrath ſah ſich um, ob Niemand zugegen ſei; dann zuckte er die Achſeln und flüſterte dem Ge⸗ neral zu:„Allerhöchſter Befehl. Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin⸗Mutter und Regentin hat ihn mit ge⸗ heimen Aufträgen an den Exminiſter geſchickt, von denen deſſen Schickſal abhängt.“ „Sein Schickſal?“ fragte der General verwundert. „Was ſoll das heißen? Iſt denn das noch nicht ent⸗ ſchieden?“ „Sein Urtheil iſt das einzige, welches noch nicht die allerhöchſte Beſtätigung erhalten hat. Herr van Overbergen ſoll ſein Glück bei ihm verſuchen, indeſſen auch ich noch ein Verhör mit ihm abzuhalten gedenke.“ „Aber wozu alle die Umſtände?“ rief der General. —— 95 „Man hat einmal durchgegriffen und ſollte ja nicht davon ablaſſen und ſich wieder ſchwach zeigen. Hat ſich unſere Maxime nicht glänzend bewährt? Iſt es nicht ſo ruhig in der Stadt, als wenn nichts vorgefallen wäre? Regt ſich nur ein Menſch im ganzen Lande?“ „Keine Seele“, beſtätigte der Gerichtsrath.„Ein heilſamer Schrecken iſt in alle gefahren; Jeder hat mit der Sorge für ſich zu thun. Die vielen Verhaftungen haben gezeigt, daß es der Regierung Ernſt iſt; faſt keine Familie gibt es, der nicht um das Schickſal eines An⸗ gehörigen bange wäre und die deshalb fürchten muß, etwas Anderes laut werden zu laſſen als Verſicherungen der Unterwerfung und Bitten um Gnade.“ „Sehen Sie alſo“, ſagte triumphirend der General, „wie ſehr ich Recht gehabt habe? Das Volk hat keinen Willen, es iſt wie ein Kind, das weint, wenn es ſich etwas in den Kopf geſetzt hat, und das man verzieht, wenn man ihm nachgeben wollte; ſchlägt man dem Balg gleich anfangs tüchtig auf die Hand, ſo läßt er ſich das Weinen und Bitten für alle Zukunft vergehen. Die Rädelsführer, die Unruheſtifter, die Hetzer ſind jetzt entfernt und unſchädlich gemacht, ich gehe jede Wette ein, ehe ein Jahr ins Land geht, iſt das ganze Volk ſo zahm und ergeben, daß man es um den Finger wickeln kann.“ 96 „Sie wiſſen, daß ich im Ganzen auch Ihrer Anſicht bin“, entgegnete Weber,„doch iſt nicht zu verkennen, daß hinter der Unterwerfung noch viel verſteckter Grimm und Groll vorhanden iſt. Ich möchte nicht gut dafür ſtehen, ob nicht noch einmal Feuer emporſchlüge, wenn man in die Aſche blaſen wollte, zumal wenn—“ „Laſſen Sie das Feuer aufſchlagen!“ lachte der General wild.„Wenn die Glut unter der Aſche noch nicht ganz gelöſcht iſt, dann wird ein zweiter, noch ſtär⸗ kerer Aderlaß ſie löſchen. Blut thut den Dienſt ſo gut und noch beſſer wie Waſſer. Glut und Blut, das reimt ſich nicht umſonſt ſo gut. Aber was war das für ein Wenn, das Sie noch Ihrer Beſorgniß an⸗ gehängt haben?“ „Wenn ſich verwirklichen ſollte, wovon man ſpricht“, ſagte Weber.„Seine Durchlaucht der Herzog Felix ſoll in den nächſten Tagen von ſeiner Reiſe zurückkeh⸗ ren, er hat in der Nachbarreſidenz jenen Baumeiſter wieder getroffen—“ „Baumeiſter?“ „Nun ja, den Franzoſen oder Niederländer, was weiß ich, der dem Herzog gleich nach ſeinem Regierungs⸗ antritt Pläne vorgelegt hat, welche ihn ſo ſehr ent⸗ zückten, Baupläne zu einem neuen Luſtſchloß.“ „Ach ja, ach ja, ich erinnere mich“, ſagte der Ge⸗ 97 neral,„ein Deutſch⸗Franzoſe aus dem Elſaß, nicht wahr? Rigollet, wenn ich nicht irre. Was iſt's mit dem?“ „Der Herzog hat ihn dort wiedergeſehen, iſt an die alten Pläne erinnert worden und jetzt noch mehr davon eingenommen als zuvor. Er ſoll feſt im Sinne haben, das Schloß jetzt bauen zu laſſen, und weil es an Geld dazu fehlen dürfte, ſoll die Verbrauchsſteuer wieder eingeführt werden, welche unter dem ſeligen Herrn den erſten Funken in das Pulverfaß geworfen hat.“ „Höllenelement!“ rief der General, indem er den losgeſchnallten Säbel auf den Tiſch warf.„Das iſt eine ſtarke Zumuthung! Da wird es allerdings böſe Ge⸗ ſichter ſetzen, bis ſie dieſe Pille ſchlucken! Aber ſie werden ſie ſchlucken, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Wenn der Herzog mich gewähren läßt, werden ſie ſie ſchlucken, und wenn ſie die Geſichter noch ſo arg dar⸗ über verziehen.“. „Sie trauen ſich ein wenig viel zu, Herr General“, ſagte Weber bedenklich. Solche Dinge laſſen ſich eben doch nicht blos militäriſch behandeln.“ „Ho ho, ich bin mit meinem Latein nicht ſo ſchnell zu Ende“, rief der General entgegen.„Wenn die Steuer wieder eingeführt werden ſoll, gibt es ein Mittel, aber auch nur ein einziges, um Unruhen vorzubeugen. Legt Schmid, Mütze und Krone. V. 7 98 man ſie den Leuten einfach ſo auf wie das erſte Mal, dann iſt es möglich, daß ſie deſperat werden und in der Deſperation noch einmal losſchlagen, wenn ſie auch voraus wiſſen, daß es vergeblich iſt! Darum muß man gleich den doppelten Betrag fordern. Das iſt eine pure Unmöglichkeit; da werden Sie ſich aufs Bitten legen, werden Vorſtellungen machen, Petitionen ein⸗ reichen, und wenn der Herzog aus Gnade die Hälfte erläßt, ſo zahlen ſie die Steuer, gegen die ſie ſich zu⸗ vor bis aufs Blut geſträubt haben, ohne Widerrede und ſind noch in ihrem Gott vergnügt, daß ſie ſo leichten Kaufs davongekommen ſind.“ Der General brach wieder in ſein rohes Gelächter aus. Auch der Gerichtsrath ſtimmte unwillkürlich bei. „Ich muß geſtehen“, ſagte er,„Sie haben Ihre Car⸗ rière verfehlt; ſtatt eines Generals hätten Sie ein Finanzminiſter werden ſollen.“ Der Schreiber pochte ſchüchtern an die Thür; dann ſteckte er den Kopf herein und meldete, der erſte Ge⸗ fangene ſei vorgeführt. Der General als Vorſitzender des Gerichts nahm hierauf ſeinen Platz an der Mitte des Tiſches ein; der Gerichtsrath als Unterſuchungs⸗ richter ſetzte ſich daneben, der Schreiber nahm unten am Ende des Tiſches Platz. Die Verhandlungen begannen und waren raſch beendet. 99 Sie beſtanden darin, einem der Gefangenen nach dem andern ſein Urtheil zu verkünden. Es war eine anſehnliche Reihe von Unglücklichen, die einander folgten, meiſt abgehärmte Geſtalten, mehr oder minder gebrochen von dem Erlebten und noch mehr gebeugt von dem, was ihnen bevorſtand; wechſelnd mit Faſſung, Schmerz oder Grimm, vernahmen ſie das Loos, das ſie erwar⸗ tete. Die meiſten waren von den eindringenden Trup⸗ pen mit den Waffen in der Hand ergriffen worden, viele davon durch Wunden ihrer Theilnahme am Kampfe überführt; faſt alle, das Vergebliche aller Vertheidi⸗ gung einſehend, hatten die Wahrheit geſagt, ſich ſelbſt wie die Sache, für die ſie gekämpft, verloren gebend. Es waren Leute aus allen Ständen, von jedem Alter, Bürger, deren Kinder und Frauen vergeblich auf die Rückkehr der Väter warten, Studenten, Geſellen, Ar⸗ beiter, deren Mütter und Verwandte für immer die Kinder entbehren ſollten, deren Leben endete, ſobald die Kerkerthür hinter ihnen ins Schloß fiel. Faſt alle Urtheile lauteten auf lebenslängliches oder doch ſo langwieriges Gefängniß, daß dem Verurtheilten nur die Gewißheit blieb, den Kerker einmal als Leiche oder als vergeſſener, altersſchwacher Greis zu verlaſſen. Mehrere waren zum Tode verurtheilt, aber die Gnade der Regentin hatte die Strafe in Gefängniß umgewan⸗ 7* 100 delt. Eine nicht kleine Anzahl von Urtheilsſprüchen war gegen Flüchtige ergangen, denen es im letzten Augen⸗ blicke noch gelungen war, die Grenze zu erreichen und ein nacktes, mühſeliges Leben in die Verbannung zu tragen. Unter ihnen war Kaufmann Rund. Hahn, der zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt ge⸗ weſen, ward durch den Tod infolge ſeiner Wunden von dieſem traurigen Schickſal erlöſt. Dreher Gerbel war zu gleichem Looſe beſtimmt, aber auch in dem ſchweren Augenblicke verließ ihn die derbe Kraft und die ſehlichte Biederkeit ſeines Gemüthes nicht. „Ich habe das vorausgeſehen“, ſagte er, indem er ſeinen Namen mit feſten Zügen unter das Eröffnungs⸗ protokoll ſchrieb,„und will Ihnen die Freude nicht machen, daß Sie mich verzagt ſehen ſollen. Wir ſind unterlegen; Sie haben die Oberhand erhalten— Sie brauchen Ihre Uebermacht, Sie üben Rache an uns und nennen das Recht. In Gottes Namen denn! Für mein Weib und meinen Buben iſt es keine Schande, daß ihren Mann und Vater eine ſolche Strafe trifft; weiß doch alle Welt, für was ſie mich trifft. Mir ſelbſt aber iſt es gleichgültig, wie ich die paar Jahre verbringe, die ich noch zu leben habe! Zur lebens⸗ länglichen Zwangsarbeit bin ich verurtheilt?“ fuhr er fort.„Das macht mich lachen. Dazu bin ich ja von ———‧⅓— 101 Jugend auf ſchon verurtheilt geweſen; man iſt wohl zur Arbeit gezwungen, wenn man leben will, und die Arbeit wird mir nicht ſchwer ankommen, wenn ich auch lieber an meiner lieben Drehbank ſtünde. Wiſſen Sie noch, Herr Gerichtsrath“, rief er, indem er einen Schritt näher an den grünen Tiſch trat,„wiſſen Sie noch, wie wir uns damals bei dem Leichenbegängniß des Lieutenants Bergdorf in dem Wirthshaus an der Straße getroffen haben? Ja freilich, Sie müſſen das wiſſen! Es war ja damals, wie man Sie gerade abgeſetzt hatte und wie Sie mit den blauen Brillen herumgeſchlichen ſind. Sie glauben mir gewiß aufs Wort, daß ich damals nicht mit Ihnen getauſcht hätte. Jetzt hat ſich das Alles verändert: Sie ſind wieder obenauf, ich bin ganz unten und werde durch den Koth gezogen, aber das ſage ich Ihnen gerade heraus ins Geſicht: ich tauſche doch noch nicht mit Ihnen.“ Der Gerichtsrath ſchien nach einer Ewiderung zu ſuchen, aber er fand das geeignete Wort nicht, dem kühnen Aufrührer treffend zu entgegnen.„Frechheit ohne gleichen!“ murmelte der General, aber auch nicht ſo laut, als er ſonſt ſeine Bemerkungen auszuſprechen gewohnt war. Es war etwas in dem Weſen des ſchlichten Bürgers, was den hochgeſtellten Richter wie den barſchen Soldaten einſchüchterte. Einen Augen⸗ 102 blick herrſchte peinliche Stille in dem Zimmer; nur der Schreiber kritzelte abſichtlich ſehr laut mit der Feder, damit doch etwas zu hören ſein ſollte; er hatte den Kopf ganz auf ſein Protokoll heruntergeſenkt, als wollte er zeigen, daß er durchaus nichts gehört und jedenfalls keine Silbe von den verwegenen Worten des Rebellen verſtanden habe. Der Schall von hin und wieder laufenden Schritten unterbrach die Pauſe. Zugleich ließen ſich rufende Stim⸗ men in den Gängen vernehmen. Im Vorzimmer wurde laut und immer lauter durcheinander geſprochen.„Sehen Sie, was es gibt!“ rief der Gerichtsrath, die Gelegen⸗ heit ſchnell ergreifend, dem Schreiber zu; aber ehe dieſer zur Thür gelangen konnte, flog ſelbe auf, und der Korporal ſtand mit der Meldung auf der Schwelle, daß die Gefangene, welche eben jetzt hätte vorgeführt wer⸗ den ſollen, nicht zu finden ſei. Bleich wie die Wand ſtand der Thorwart hinter ihm und ſah in das zornig aufflammende Geſicht des Generals. „Es iſt mir ganz unbegreiflich“, ſtammelte er.„Die Ge⸗ fangene war ziemlich ſchwer erkrankt und deshalb auf Anordnung des Doctors in die Krankenkeuche gebracht worden, welche ein großes Fenſter und Luft und Licht hat. Die Gitter am Fenſter ſind ganz unverletzt, aber die Thür war offen, und im Vorhängſchloſſe ſteckt der Schlüſſel. Es iſt mir ganz unbegreiflich, wer mir den — — 103 Schlüſſel geſtohlen haben kann, und noch weniger ver⸗ ſtehe ich, wie ſie aus dem Schloß gekommen iſt.“ „Wie könnte derlei vorkommen“, tobte der General, „wenn Er Seine Schuldigkeit thäte? Seine Schuldig⸗ keit wäre es geweſen, die Schlüſſel gehörig zu ver⸗ wahren.“ 8 „Ich thue mein Möglichſtes, Excellenz“, ſagte der Thorwart,„und habe die Schlüſſel in meiner Stube an einem Platze verwahrt, wo ſo leicht Niemand dazu kommen kann. Es ſcheint aber, als ob der ſtumme Bube, den ich mit Ihrer Erlaubniß in Dienſt ge⸗ nommen habe, die Hand im Spiel gehabt; der allein hätte ſich in das Zimmer ſchleichen können, und jetzt iſt er nirgends zu finden, iſt alſo wahrſcheinlich mit der Gefangenen entflohen.“ „Seh' Er ſich vor!“ rief der General„Ich werde aufs ſtrengſte unterſuchen, und wenn Ihm eine Ver⸗ ſäumniß zur Laſt fällt, ſoll Er Seiner Strafe nicht entgehen. Wenn Er keine Spur findet, wie die Ge⸗ fangene aus der Feſtung kommen konnte, ſo will ich einmal ſelbſt gehen und will Ihn ſuchen lehren. Sorge Er für Beleuchtung! Einige Mann von der Garniſon und von der Dienerſchaft ſollen mich begleiten! Laſſen Sie ſich nicht aufhalten!“ fuhr er dann zu dem Gerichts⸗ rath gewendet fort.„Ich werde bald wieder hier ſein 104 und will nur zeigen, daß die Feſtung unter meinem Commando kein Taubenſchlag iſt, ſondern eine Maus⸗ falle, zu der es wohl einen Eingang, aus der es aber keinen Ausgang gibt. Wer iſt die Entflohene?“ Der Gerichtsrath trat zu ihm hin.„Cäcilie Will“, ſagte er,„eines Webers Tochter aus der Reſidenz. Sie iſt angeſchuldigt, den Lieutenant Bergdorf beim erſten Aufſtand durch einen Schuß von der Barrikade verwundet und, da er an den Folgen dieſer Wunde geſtorben iſt, einen Mord begangen zu haben, auf welchen ſich begreiflich die ſpäter erlaſſene Amneſtie nicht erſtrecken konnte. Es hat Niemand von der That etwas gewußt, allein die Perſon, welche von äußerſt wilder und trotziger Gemüthsart iſt und ſelbſt mitunter an Geiſtesſtörung zu leiden ſcheint, hat ſich ſelbſt ver⸗ rathen. Es wird der Gerechtigkeit nicht viel daran liegen, wenn ihr dieſes Opfer entgeht. Gehen Sie indeſſen immer hin, General, ſie aufzuſuchen! Ich werde mich in der Zwiſchenzeit mit einer wichtigern Perſönlichkeit beſchäftigen und mir den Exminiſter und Exprofeſſor vorführen laſſen.“ „Thun Sie das!“ erwiderte der General ebenfalls vertraulich.„Ich komme bald wieder, um daran Theil zu nehmen. Es iſt ſchade, daß es keine Folter mehr gibt. Bei dieſem Menſchen käme es mir nicht — 105 darauf an, einmal eine Schraube etwas feſter anzu⸗ ziehen.“ Die Schritte der ſich Entfernenden verloren ſich allmälig, die Stimmen verhallten; nur einige von den Soldaten waren zur Bewachung im Vorzimmer ge⸗ blieben. Es währte nicht lange, ſo trat Führer, von zwei Gerichtsdienern bis an die Thür geleitet, ins Ver⸗ hörzimmer; er trug einen für die Jahreszeit etwas kühlen und ihm auch viel zu weiten gelben Oberrock aus ſommerlichem Stoffe. „Angeklagter Führer!“ begann der Gerichtsrath, in⸗ dem er den ſich ruhig und würdevoll Verbeugenden durch eine Handbewegung einlud, ſich auf den für die Gefangenen beſtimmten hölzernen Stuhl niederzulaſſen, nich habe Sie vorführen laſſen, um Ihnen nochmals zu eröffnen, daß die gegen Sie geführte Unterſuchung geſchloſſen iſt und die Acten zum Spruche reif ſind. Deſſenungeachtet iſt man allerhöchſten Orts nicht ab⸗ geneigt, Ihnen noch eine Gelegenheit zu geben, offen Ihre Verirrung zu bekennen, Ihre Mitſchuldigen nam⸗ haft zu machen, den Plan, den Ort und alle Neben⸗ umſtände der Verſchwörung zu entdecken und dadurch dem Gerichte die Möglichkeit zu geben, auch fürder gegen Sie die Gnade walten zu laſſen, die man ſo gern walten laſſen möchte.“ 106 „Wenn das die Urſache iſt“, entgegnete Führer, in⸗ dem ein heiteres, faſt ironiſches Lächeln über ſein von der Gefängnißluft etwas fahl gewordenes Antlitz flog, „dann bedaure ich, daß Sie ſich noch einmal bemüht haben, und beklage lebhaft, die Meinung, welche man, wie Sie ſich auszudrücken belieben, allerhöchſten Orts von mir hat, nicht rechtfertigen zu können. Soviel man mir geſagt hat, ſtehe ich hier vor Gericht; von einem Gerichte erwarte ich mein Recht und kann es um ſo getroſter, als ich mir eines Unrechts nicht be⸗ wußt bin. Ich bedarf alſo keiner Gnade und mache auch keinen Anſpruch auf dieſe.“— „Sophiſtereien, Spitzfindigkeiten“, entgegnete gering⸗ ſchätzig der Richter,„wie ſie vielleicht auf dem Katheder den Beifall der leicht geblendeten Jugend erwirken können; hier ſind ſie nicht am Platze, dem Richter gegenüber, deſſen traurige Aufgabe es geworden iſt, die That⸗ ſachen, welche jeder Verbrecher geheim halten will, ans Licht zu bringen und den Widerſtrebenden trotz ſeines Leugnens zu überführen.“ „So löſen Sie denn Ihre Aufgabe! Ueberführen Sie mich!“ ſagte Friedrich, und das Lächeln zuckte ſtärker um ſeine Lippen. „Das werde ich. Angeklagter bleibt demnach dabei, daß er dem Gerichte keinerlei Eröffnung zu machen habe?“ ————— 107 „Ich bleibe dabei; vielmehr bin ich es, der eine Eröffnung erwartet, nämlich darüber, wie man meine völlig grundloſe Verhaftung und Gefangenhaltung zu rechtfertigen gedenkt.“ „Laſſen Sie dieſe Winkelzüge!“ rief der Richter un⸗ muthig.„Sie wiſſen nur zu gut, daß Sie beſchuldigt ſind, die unlängſt in der Hauptſtadt wegen der Zurück⸗ nahme einiger allerhöchſten Maßnahmen ausgebrochenen Unruhen angeſtiftet, unterſtützt und ſogar geleitet zu haben. Sie widerſprechen nicht, am fraglichen Tage in der Stadt geweſen zu ſein, und ſind doch nicht im Stande, Ihre Anweſenheit daſelbſt in genügender Weiſe zu erklären.“ „Wie?“ fragte Führer verwundert.„Iſt der Ort, an welchem man mich gefunden, nicht eine vollſtändig genügende Erklärung? Sie ſelbſt haben mich am Sterbe⸗ bette meiner Mutter verhaftet, welche wenige Augenblicke vor Ihrer Ankunft den letzen Athemzug verhaucht hatte.“ Der Gerichtsrath blätterte in den Acten und beugte das Geſicht tief darauf nieder, als ob er emſig etwas ſuche.„Es will aber verlauten“, ſagte er,„daß Sie ſchon zuvor in der Stadt geweſen ſeien und zwar an einem andern Orte, und daß Sie erſt, als die Rebel⸗ lion niedergeworfen war, und lediglich zu Ihrer Ret⸗ tung ſich an den bezeichneten Ort geflüchtet haben.“ 108 „Beide Behauptungen ſind Lügen“, erwiderte Führer ruhig.„Ich habe Ihnen geſagt, daß ich auf die mir von Freundeshand zugekommene Nachricht von der ſchwe⸗ ren Erkrankung meiner Mutter meinen in der Schweiz gewählten vorläufigen Aufenthaltsort verließ. Ich habe Ihnen die Richtung bezeichnet, in der ich reiſte; ich habe Ihnen geſagt, daß ich gegen Abend auf dem Poſt⸗ hauſe zu Laufendorf von jener Richtung her ankam, daß ich auf Pferde warten mußte und deshalb erſt ſpät in der Stadt eintraf. Ohne Zweifel ſind ſeit meinen letzten Vernehmungen dieſe Umſtände erhoben worden und müſſen ſich als vollkommen wahr erwieſen haben.“ „Das Gericht“, ſagte Weber, indem er das Geſicht noch tiefer in den Acten vergrub,„kann ſich nicht damit befaſſen, ſich in das Gewebe von Ausflüchten einzu⸗ laſſen, wodurch der Angeklagte die Sache lediglich ver⸗ wirren möchte, um ſo weniger, als das gerade Gegen⸗ theil deſſen, was er vorbringt, durch Zeugen dar⸗ gethan iſt.“ „Durch Zeugen?“ rief Friedrich verwundert.„In der That, es gelingt Ihnen zum erſten Male, mich zu überraſchen; denn ich erinnere mich nicht, daß in dem ganzen bisherigen Gange der Verhandlungen jennals von Zeugen die Rede geweſen iſt.“ „Sehr einfach“, ſagte Weber barſch.„Das kommt 109 daher, daß die Zeugen erſt jetzt aufgefunden werden konnten.“ „In der That, das begreife ich“, entgegnete Führer mit Hohn;„es muß mit beträchtlichen Schwierigkeiten verbunden geweſen ſein, ſolche Zeugen zu finden! Ich kenne nun zwar die Formen nicht, nach welchen das Ausnahmegericht, vor welchem ich ſtehe, verfährt, allein vielleicht dürfte es gegen dieſelben nicht verſtoßen, wenn ich verlange, daß der Zeuge dem Angeklagten gegen⸗ übergeſtellt werde?“ „Das kann geſchehen“, erwiderte der Gerichtsrath, indem er ſich mit allem Anſchein kühler und beſon⸗ nener Unbefangenheit erhob.„Ziehen Sie die Klingel, Schreiber! Laſſen Sie den Zeugen eintreten!“ Nach einigen Augenblicken trat derſelbe ein; es war der Schreiber Billinger, viel feiner gekleidet und beſſer ausſehend als früher, aber mit demſelben verlebten Ausdruck in Geſicht und Haltung; ſeine Züge waren noch wüſter als ſonſt, ſein Blick noch matter und ſcheuer geworden. Die Hände faltend, die Augen zu Boden geſenkt, ſtand er und wartete des Kommenden. „Sie kennen dieſen Mann?“ fragte der Gerichts⸗ rath.„Iſt es derſelbe, den Sie bei Ihrer dem Ge⸗ richte gemachten Anzeige im Sinne hatten? Ich erinnere Sie daran, daß Sie Ihre Ausſage beſchworen haben, 110 ſeien Sie daher eingedenk, daß es Ihre Pflicht iſt, die ganze Wahrheit zu ſagen, ohne Gunſt und ohne Haß, ohne Anſehen der Perſon; und nun wiederholen Sie dem Angeklagten in das Angeſicht, wo Sie denſelben am Tage des letzten Aufſtandes in der Hauptſtadt ge⸗ ſehen haben!“ „Sprechen Sie ungeſcheut!“ ſagte Friedrich, da der Zeuge etwas zu zögern ſchien.„Ich bin ſelbſt begie⸗ rig, Ihre Wahrnehmungen zu erfahren.“ „Es war ungefähr um drei Uhr nachmittags“, be⸗ gann Billinger mit etwas unſicherem Tone. „Alſo um drei Uhr!“ unterbrach ihn der Unter⸗ ſuchungsrichter.„Hören Sie das, Angeklagter? Alſo lange vor der Zeit, zu welcher Sie auf der Poſt zu Laufendorf geweſen ſein wollen. Doch fahren Sie fort, Zeuge!“ „Ich hatte in meinem Stübchen geſeſſen“, begann dieſer wieder,„und eifrig geſchrieben, als ich durch den Lärm auf der Straße aufgeſchreckt wurde und aus Neugierde auch hinunter lief, um zu ſehen, was es denn gebe. Der Hauptlärm war über den Domplatz und gegen das Brückenthor hin. Dort, hieß es, wür⸗ den Barrikaden gegen die anrückenden Truppen gebaut, und da ich ſo etwas noch nie geſehen habe, lief ich auch hin und ſah einige Augenblicke zu, wie denn das ge⸗ 111 macht werde. Da ſah ich auch dieſen Herrn unter den Aufrührern ſtehen; ich ſah, wie er anordnete, wie die Balken gelegt werden ſollten, und hörte, wie er ſagte, wenn die Feinde kämen, ſollte man die Gewehre, die alle meiſtens den Hochſchuß hätten, nur immer ein paar Zoll unter der Bruſt halten, dann ginge jeder Schuß mitten durch das Herz.“ „Seltſam!“ ſagte Führer gelaſſen.„Das Alles haben Sie gehört und geſehen, und Sie glauben nicht, daß Sie ſich geirrt, daß Sie die Perſon verwechſelt haben?“ „Nein, nein“, rief Billinger, indem er ihm einen tückiſchen, haßvollen Seitenblick zuwarf.„Ich kenne Sie ſchon, Herr Profeſſor; ich habe Sie mir nur zu gut gemerkt.“ „Das ſcheint ſich allerdings zu bewähren“, begann Führer wieder.„Wenn ich nicht irre, bin ich Ihnen ſchon bei dem erſten Aufruhr begegnet und hatte da⸗ mals Gelegenheit, Sie aus den Händen eines wüthen⸗ den Volkshaufens zu befreien, der in Ihnen einen Spion entdeckt zu haben glaubte. Doch da Sie ſo genaue Wahrnehmungen machen konnten, müſſen Sie doch recht nahe an der Barrikade geſtanden haben.“ „Gewiß, gewiß“, rief der befangene Zeuge in großer Haſt,„ſo nahe, daß ich Sie faſt mit den Händen hätte greifen können. Wenn Sie ſich nur 112 umgeſehen hätten, hätten Sie mich auch bemerken müſſen.“ „In der That, ich wundere mich, daß das nicht geſchehen iſt“, ſagte Friedrich, indem er den Zeugen durchdringend anſah, welcher völlig verwirrt zu werden begann, als er gewahrte, daß der Angeſchuldigte ſelbſt auf ſeine Erzählung einging.„Doch denke ich noch immer, daß ein Irrthum möglich geweſen ſein könnte. Woran haben Sie mich denn erkannt?“ „Woran?“ lachte Billinger, indem er Trotz und Keckheit zuſammenraffte.„An Allem! Ich habe Sie ja oft genug geſehen! Vor Allem aber an Ihrem hellen Rocke; der hat ja über Alles herausgeleuchtet.“ „So?“ erwiderte Führer, indem er ſich ſtolz erhob und gegen den Gerichtstiſch vortrat.„Damit, mein Herr, dürfte der Zeuge und ſeine Ausſage wohl er⸗ ledigt ſein.“ „Wie ſo?“ fragte Weber, der nicht ſogleich begriff, mit weit aufgeriſſenen Augen. „Der Zeuge“, fuhr Führer mit triumphirender Ruhe fort,„will mich an dieſem meinem hellfarbigen Rock erkannt haben. Sie haben mich verhaftet, mein Herr; Sie wiſſen, daß ich vom Kopf bis zum Fuße ſchwarz gekleidet war, Sie ſelbſt haben mich in die⸗ ſem ſchwarzen Anzug hierher gebracht. Aller Verkehr 113 nach außen iſt mir, ſeit ich mich hier befinde, unmöglich gemacht; der helle Ueberwurf aber, den ich auf der Barrikade getragen haben ſoll, ſtammt aus der abge⸗ legten Garderobe des Herrn Commandanten und iſt mir nur geliehen, damit ich nicht in meinem Gefängniß⸗ kittel vor Ihnen erſcheinen mußte.“ Der Gerichtsrath war keiner Erwiderung fähig; er wechſelte die Farbe, der Zeuge aber begann zu zittern, daß er ſich am Tiſchrande halten mußte.„Kann ich vielleicht abtreten?“ ſtammelte er, während die Feder des Schreibers wieder hörbar kritzelte. Wortlos nickte der Richter. „Auch meiner bedürfen Sie wohl nicht mehr“, rief Führer, indem er ſich in ganzer Manneshöhe aufrich⸗ tete.„Nach dieſem Vorgange werden Sie mich wohl nichts mehr zu fragen haben; ich aber ſage Ihnen noch eins. Geben Sie es auf, die Gewaltthat, die man gegen mich im Sinne hat, mit dem Scheine des Rechts zu be⸗ mänteln! Sie üben Gewalt, himmelſchreiendes Unrecht. Nun denn, wenn Sie den Muth dazu haben, ſo ſeien Sie wenigſtens auch ehrlich genug, es einzugeſtehen!“ Der Gerichtsrath bewegte die Lippen, aber es kam kein Wort zum Vorſchein; es war ihm wie die Er⸗ ſcheinung eines Engels, als ohne Pochen und ſonſtiges Anzeichen die Thür aufging und van Overbergen's Schmid, Mütze und Krone. V. 8 114 ſchlanke Geſtalt in derſelben erſchien.„Ich höre“, ſäͤgte er, mit ausgeſuchter Artigkeit grüßend,„daß Sie eben in einer Unterhaltung mit dem Herrn Miniſter be⸗ griffen ſind. Sie wiſſen, daß auch ich ein Wort mit demſelben zu ſprechen habe. Vielleicht iſt es Ihnen genehm, mir jetzt eine Unterredung mit ihm unter vier Augen zu geſtatten?“ Wie von einem Marterſtuhle losgekettet, ſprang der Gerichtsrath auf und rief dem Schreiber zu:„Gehen Sie hinaus, Kleemann, und ſehen Sie, was es mit der entſprungenen Cäcilie Will für eine Bewandtniß hat. Auch ich will nachſehen, welche Entdeckungen der Herr Commandant vielleicht inzwiſchen gemacht hat. Der Angeklagte Führer“, ſagte er, ſich entfernend, zu Over⸗ bergen,„iſt ganz zu Ihrer Verfügung, mein Herr. Ich wünſche nur, daß Ihre Worte auf ſein verſtocktes Ge⸗ müth beſſern Eindruck machen als die meinigen.“ „Ich zweifle nicht daran“, ſagte Overbergen, indem er mit aller gewinnenden Offenheit, welche ihm zu Ge⸗ bote ſtand, zu Führer trat und ihm die Hand bot. „Ich denke allerdings den Ton zu treffen, welcher bei dieſem Manne anklingen ſoll, damit er erkennt, daß es ein Freund iſt, der zu ihm redet.“ „Ein Freund, mein Herr?“ entgegnete Führer, in⸗ dem er zurücktrat und die dargebotene Hand abwies. E 4 V 115 „Ich geſtehe, daß dieſe Eröffnung mich noch mehr über⸗ raſcht als die vom Herrn Gerichtsrath ſo eben gemachte. Sie müſſen ſehr gering von meinen Fähigkeiten und meiner Thätigkeit als Staatsmann denken, wenn Sie mich an die Freundſchaft des Mannes glauben machen wollen, den ich als meinen entſchiedenſten und gefähr⸗ lichſten Feind kenne.“ „Dennoch halte ich es für möglich, Sie davon zu überzeugen“, begann Overbergen wieder.„Ich bin ein Feind der Grundſätze, die Sie vertreten und üben— könnte ich deshalb nicht doch der Freund des Mannes ſein, der ſich dazu bekennt?“ „Nein“, ſagte Friedrich feſt.„Wenigſtens nach mei⸗ nen Begriffen iſt der Mann mit ſeinen Grundſätzen eins; ſie laſſen ſich nicht von einander ablöſen, wie etwa Schale und Kern.“ Overbergen ſah ihn kopfſchüttelnd und mit einem Lächeln an, in welchem ſich Mitleid mit Bewunderung zu miſchen ſchien.„Junger Mann“, rief er,„wem ſagen Sie das? Leben Sie wirklich noch in ſolchen Wahngebilden? Ich weiß wohl, daß diejenigen nicht unglücklich ſind, welche es vermögen, noch in ihnen zu leben, aber dadurch, daß ein Wahngebilde ſchön iſt, hört es nicht auf, ein Wahngebilde zu ſein, und was Sie ausſprechen, iſt nach der täglichen Erfahrung nichts 8* 116 als eine ſchöne Täuſchung! Der Menſch iſt vergäng⸗ lich und darum auch veränderlich. Die Wiſſenſchaft beweiſt Ihnen, daß Sie mit jedem Augenblicke körper⸗ lich ein Anderer ſind und werden, und nur das geiſtige Weſen wollen Sie für unwandelbar erklären? Ich für meinen Theil habe es längſt aufgegeben, an Ueber⸗ zeugungstreue zu glauben, weil ich nicht an eine Ueber⸗ zeugung glaube. Meinung iſt Alles. Ich habe es zu oft erlebt, daß dasjenige, was heilige Ueberzeugung genannt wurde, in kurzer Zeit ins Gegentheil umſchlug und daß dann die Aenderung zu einer neuen, noch hei⸗ ligern Ueberzeugung wurde. Ich habe Manchen kennen gelernt, der ſpäter weder begreifen konnte, noch erinnert ſein wollte, daß er jemals einer andern Ueberzeugung angehört habe.“ „Ich bin nicht geſonnen“, erwiderte Führer,„mit Ihnen zu rechten, mein Herr. Hier iſt nicht der Ort, um allgemeine Grundſätze aufzuſtellen. Ich bleihe bei den meinigen; wenn Sie alſo in dem angedeuteten Sinne mit mir zu ſprechen haben, ſo bitte ich, ſich jede Mühe zu erſparen; ſie wäre doch vergeblich.“ „Warum doch dieſe Schroffheit?“ rief Overbergen mit erkünſtelter Wärme.„Auch ich denke nicht daran, mit Ihnen über Grundſätze zu ſtreiten; die Zeit dazu dürfte einem von uns beiden auch wohl zu kurz wer⸗ 117 den. Aber mit dem Staatsmann möchte ich ein Wort ſprechen, mit dem vernünftigen Manne, der ſich gewiß 3 keine Aufgabe ſtellt, von der er ſich insgeheim ſelbſt geſtehen muß, daß ſie zu erfüllen ein Ding der Un⸗ möglichkeit iſt.“ „Zählen Sie“, fragte Führer,„die Erfüllung der Aufgabe, die ich mir geſtellt, zu den Unmöglichkeiten?“ „Jau, entgegnete Overbergen feſt.„Ich will, wie geſagt, mit Ihnen nicht ſtreiten, ich will Ihnen ſogar zugeben, daß Ihre Grundſätze in gewiſſem Sinne edel, Ihre Abſichten redlich ſind, daß Sie Gutes ſtiften wollen, — aber warum ſoll ich vor Ihnen nicht offen reden? Sie ſtehen einer Macht gegenüber, einer unſichtbaren Macht, welche nicht will, daß Ihre Grundſätze die herrſchenden werden, daß das Gute, welches Sie ſtiften wollen, auf Ihre Weiſe und durch Sie geſtiftet werde! Dieſe Macht will es ſelber ſchaffen, will es in ihrem Sinne, im großen, umfaſſenden Sinne der Weltherrſchaft ſchaffen, und dieſe Macht iſt jetzt ſchon nahezu unwiderſtehlich, ſie wird bald alle Gewalt offen und verborgen an ſich gebracht haben, und wenn ihr das auch nicht gelänge, 4 beſitzt ſie immerhin doch Kraft genug, Ihr und Ihrer Genoſſen Werk jederzeit wieder zu ſtören, zu vernichten oder auf Jahrzehnte hinaus zu untergraben. Sie kämpfen alſo vergeblich und müſſen das einſehen. Da⸗ 118 2 rum widerſprechen Sie nicht ſich ſelbſt und Ihrer ruhi⸗ gern Einſicht und geben Sie den vergeblichen Kampf auf!“ „Augenblicklich, ſobald Sie mir bewieſen haben, daß er wirklich vergeblich iſt, daß der Sieg unter allen Um⸗ ſtänden Ihnen werden muß.“ „Das will ich; eine einfache Beobachtung genügt zu dieſem Beweiſe. Sie und diejenigen, welche denken wie Sie, haben zu allen Zeiten Vorbilder gehabt; zu allen Zeiten gab es Männer, welche ihrer Zeit voraus waren, welche für die Befreiung ihrer Zeit, für die Erhebung ihrer Zeitgenoſſen kämpften, aber zu jeder Zeit ſind ſie auch unterlegen, und was ihnen zu ſchaffen gelang, iſt mit ihnen oder kurz nach ihnen wieder mehr oder minder in Trümmer gefallen. Das iſt geſchehen weil es Einzelne ſind, weil Jeder in jedem Zeitraum nur für ſich ſtreitet und leidet, und weil Jeder das alte Werk beinahe von vorn beginnen muß. Wir ſtehen dieſen Beſtrebungen ſeit Jahrhunderten in einer feſtgeſchloſſenen Genoſſenſchaft gegenüber, in einer Ge⸗ noſſenſchaft, die nicht ſtirbt, in welcher der Einzelne nichts gilt, ſondern nur die Sache, die jeden Fußbreit, den wir offen zu weichen gezwungen ſind, im Stillen dreifach wieder gewinnt. Die Berechnung iſt klar und der Sieg für uns nur eine Frage der Zeit, Zeit 119 aber haben wir, weil wir für die Ewigkeit bauen. Sie ſchweigen? Sie haben mir nichts zu erwidern?“ „Nichts“, entgegnete Führer ernſt,„als daß es trau⸗ rig wäre, wenn Sie Recht hätten, ſehr traurig; denn dann wäre das Leben nicht der Mühe werth, auch nur einen einzigen Athemzug zu thun.“ „Warum doch?“ rief Overbergen eifrig.„Gewinnen Sie es nur einen Augenblick über ſich, und wäre es auch nur der Prüfung wegen, ſich auf unſern Stand⸗ punkt zu ſtellen, und das Leben wird Ihnen ſofort in ganz anderem, im einzig richtigen Lichte erſcheinen! Sie werden ein unabſehbares Feld der uneingeſchränk⸗ teſten Thätigkeit vor ſich haben, Sie werden die Mög⸗ lichkeit erblicken, alle Ihre ſchönen Wahngebilde oder Ideale zu verwirklichen, freilich in etwas anderem Sinne und nach anderem Plane, aber doch im Grunde die⸗ ſelben Ideale! Denken Sie nicht, daß man von Ihnen einen plötzlichen Umſchwung verlangt, daß man Ihnen zumuthet, plötzlich von Ihrer Ueberzeugung abzugehen, Ihre Partei aufzugeben. Uns iſt es genug, wenn Sie nicht gegen uns ſind. Enthalten Sie ſich denn des Kampfes, wenn Sie nicht für uns ſein können! Es wird eine Zeit kommen, in welcher die ausgezeichneten Kräfte, womit der Himmel Sie ausgerüſtet hat, dennoch ihre Früchte tragen und auf dem rechten Felde.“ 120 „Sie verſchwenden Zeit und Worte“, ſagte Führer, ſich erhebend.„Ich habe mir mein Leben lang vor⸗ genommen, das zu ſein, als was ich mich zeigte. Nach Ihrer Auffaſſung müßte ich lernen, etwas zu ſcheinen, was ich nicht bin und nicht ſein will; das überhebt mich der Antwort. Ich diene der Lüge nicht, weder der offenen noch der geheimen. Wenn aber wahr wäre, was Sie behaupten“, fuhr er wärmer werdend fort, „wenn Ihrer Partei der endliche Sieg beſtimmt wäre, dann iſt es unſer Triumph, Ihnen dieſen Sieg wenig⸗ ſtens ſo lange als möglich zu erſchweren und jede Se⸗ kunde der Verzögerung iſt durch das Leben und die Kraft von tauſend Männern gleich mir nicht zu theuer bezahlt.“ 1 Overbergen ſah ihn einen Augenblick ruhig und durchdringend an.„Sie ſind halsſtarriger, als ich Sie zu finden gedachte“, ſagte er dann mit Achſelzucken. „Unter dieſen Umſtänden habe ich auch wenig Hoff⸗ nung, Sie einem andern Vorſchlag geneigter zu finden, welcher die eigentliche Urſache iſt, die mich zu Ihnen führt. Was ich Ihnen bis jetzt geſagt, mag auf Rech⸗ nung der perſönlichen Theilnahme kommen, die ich für Sie hege—“ „Laſſen Sie hören!“ „Sie werden mir zutrauen“, fuhr jener näher tretend 121 fort,„daß ich Ihnen gegenüber und unter vier Augen nicht daran denken kann, das Gaukelſpiel eines gerichtlichen Verfahrens aufrecht zu erhalten, das man gegen Sie ins Werk geſetzt— hier iſt nicht von Recht und ſolchen Erwägungen die Rede. Was geſchah und geſchehen mußte, iſt lediglich nach den Umſtänden als eine Maß⸗ regel der unabweislichen Nothwendigkeit zu beurtheilen. Ich bin deshalb an Sie geſendet, um Sie zur Abgabe einer Erklärung zu beſtimmen.“ „Einer Erklärung?“ „Oder eines Verſprechens, wenn Sie das lieber wollen. Man empfindet an gewiſſer Stelle ſehr un⸗ angenehm die Art und Weiſe, wie Ihre Verbin⸗ dung mit Seiner Durchlaucht dem Herzog ſich gelöſt hat. Man wünſcht an dieſem gewiſſen Orte über die fraglichen Vorgänge den Schleier des vollkommenſt⸗ en Geheimniſſes gebreitet zu ſehen.“ „Das wird kaum möglich ſein“, entgegnete Führer. „Soviel ich weiß, iſt das Geheimniß ſchon ziemlich durchlöchert und nicht von meiner Seite, der ich aus nahe liegenden Erwägungen die Verbreitung ſelbſt nicht wünſchen kann.“ „Alles, was bis jetzt über die Sache verlautet hat“, fuhr Overbergen fort,„iſt ein leeres Gerede, das ſofort verſtummt, wenn ihm der Halt genommen, wenn ihm 122 eine beſtimmte Erklärung entgegengeſetzt werden kann, die Erklärung, daß es nur politiſche Gründe geweſen ſeien, welche Ihr Zerwürfniß und Ihren Rücktritt her⸗ beigeführt. Geben Sie uns das Verſprechen, daß Sie dieſe Erklärung zu der Ihrigen machen und immer dabei bleiben wollen!“ Frieerich ſtand einen Augenblick ſinnend mit unter⸗ geſchlagenen Armen.„Nein“, ſagte er dann;„ich bin gern bereit, über die ganze Sache zu ſchweigen, aber ich kann nicht wiſſen, welche Fälle eintreten könnten, Fälle, in welchen meine Ehre es forderte, daß die Wahr⸗ heit nicht verſchwiegen bliebe. Ich kann mich daher weder durch eine ſolche Erklärung noch durch das ver⸗ langte Verſprechen binden; ich diene der Lüge nicht, weder der offenen, noch der geheimen.“ „Bedenken Sie wohl!“ ſagte Overbergen nach⸗ drücklich.„Ehe Sie ſich entſcheiden, ſollten Sie doch erſt fragen, um welchen Preis—“ „Um jeden Preis!“ rief Führer feurig. „Um jeden? Das iſt ein umfangreiches Wort, mein Herr! Man iſt weit gegen Sie vorgegangen, ſo weit, daß man vielleicht nicht mehr zurückkann, wenn Sie nicht ſelbſt die Hand zum Einlenken bieten. Wenn Sie nicht ſo ſprechen wollen, wie man von Ihnen verlangt, wenn Sie über das nicht ſchweigen wollen, was man ——— 123 verſchwiegen haben will, dann wäre man gezwungen, auf Mittel zu denken, die Ihnen das Sprechen über⸗ haupt unmöglich machen.“ „Ich verſtehe“, ſagte Führer ernſt.„Man will mich in ewigem Kerker begraben. Ich habe ſo etwas er⸗ wartet und habe es verſucht, mich mit dieſem Gedanken vertraut zu machen, die Wirklichkeit wird mich gefaßt finden.“ „Sie könnten ſich irren“, begann Overbergen mit ſteigendem Tone.„Riegel und Schlöſſer ſind mitunter unzuverläſſige Bundesgenoſſen. Es gibt ein anderes Mittel, das ſicherer und unfehlbar wirkt.“ „Wäre es möglich?“ rief Führer erſchüttert.„Man denkt an meinen Tod? Man wagte wirklich ſo weit zu gehen? Das habe ich allerdings nicht erwartet; ich habe nicht gedacht, daß mein Leben ſo bald, daß es auf ſolche Weiſe zu Ende gehen ſoll! Aber was habe ich vom Leben noch zu erwarten? Was ich geſollt hab' ich gethan, ich laſſe Niemand zurück, der mein Ver⸗ ſchwinden aus der Reihe der Lebenden als eine Lücke be⸗ trauern wird. Thun Sie denn Ihr Aeußerſtes! Ich bleibe bei meinem Entſchluſſe; vollziehen Sie den Ihrigen!“ „Das werden wir“, rief Overbergen mit feierlichem Ernſt.„Täuſchen Sie ſich nicht darüber! Das wer⸗ den wir.“ 124 Er verſchwand. Nach wenigen Augenblicken erſchien der Schließer, um Führer wieder in den Kerker zurück⸗ zugeleiten. Indeſſen hatte der Commandant mit ſeiner Beglei⸗ tung die untern Feſtungsräume und Kaſematten, wo Cä⸗ cilie Will gefangen gehalten worden, begangen und bald gefunden, daß die Flucht auf keinem andern Wege als durch das unbeachtete Gewölbe und von da durch den Kanal bewerkſtelligt ſein mußte. Er ergoß ſich in eine Flut von Zornesworten über die unbegreifliche Nach⸗ läſſigkeit, daß die Pforten des Gewölbes nicht abge⸗ ſchloſſen worden; er gab Befehl, dieſe Verſicherung ſo⸗ gleich anzubringen, und wich nicht von der Stelle, bis in ſeiner Gegenwart durch den Schloſſer des Hauſes die Thürbänder zurecht gemacht und ein ſchweres Schloß vorgehängt war. Den Schlüſſel übergab er dem Thor⸗ wart.„Seh' Er ſich den Schlüſſel wohl an!“ ſagte er. „Ihm iſt er anvertraut, Er hat dafür zu ſorgen und zu haften. Ich will es diesmal dahingeſtellt ſein laſſen, ob Er unſchuldig iſt und nicht für den Ausbruch kann, aber das ſag' ich Ihm, wenn wieder etwas Derartiges vorkommt, ſo iſt es Sein Letztes und wenn ich ſelbſt Ihm den Degen in den Leib rennen müßte.“ Der Unmuth des Generals wurde etwas durch die Neldung abgeleitet, daß die Entflohenen gefunden 125 worden ſeien. Die Wache hatte bei dem Ausblick über die Mauer ein paar menſchliche Geſtalten im überſchneiten Moor wahrgenommen und davon Anzeige gemacht; eine Abtheilung Soldaten war hinausgeeilt und hatte die Beiden, leblos und erſtarrt vor Kälte, auf einem Handſchlitten in die Feſtung geſchafft. Der General trat eben in den Hofraum, als der Zug ankam.„Alſo hat ihr richtig der Bub' fortgeholfen!“ rief er.„Dafür ſoll er einen Denkzettel erhalten, an dem er ſicher zu tragen hat. Wie ſteht's mit den Beiden?“ wandte er ſich gegen den herbeigerufenen Arzt der Beſatzung. „Wenden Sie alle Mittel an, ſie ins Leben zurückzu⸗ rufen und für die Strafe empfindlich zu machen, die ihrer wartet!“ Der Arzt, ein alter Mann mit ernſtem, würdigem Angeſicht und faſt ganz kahlem Haupt, faßte ruhig Cilly's Hand, beugte ſein Ohr zu ihrer Bruſt herab, um den Herzſchlag zu behorchen, und ließ dann die er⸗ ſtarrte Hand ruhig wieder zurückgleiten. Bei Richard war ſeine Unterſuchung noch viel kürzer. Er hatte ihm die Halsbinde gelüftet und Schläfe und Bruſt mit dem Flügel ſeines Rockes gerieben.„Bei dem Frauen⸗ zimmer“, ſagte er dann,„iſt mein Geſchäft zu Ende, die hat's überſtanden. Ich will zwar noch einen Ver⸗ ſuch machen, um meine Schuldigkeit zu thun, aber ich 126 weiß voraus, daß es vergeblich iſt; den Knaben aber hat ſeine Jugendkraft erhalten. Das Herz ſchlägt noch; er braucht nur etwas Ruhe und Wärme und wird ſich bald vollſtändig erholt haben.“ Das Reiben hatte wirklich auch ſchon genügt, um in Richard's jugendlichem Körper den Kreislauf des Blutes neu zu beleben; nach wenigen Augenblicken ſchlug er die Augen auf und blickte verwirrt und unſicher um ſich; als er aber die Umſtehenden gewahrte, ſprang er trotz der Erſtarrung in die Höhe, blickte um ſich und warf ſich dann mit lautem Jammerſchrei auf Cäcilie.„Mutter! Mutter!“ rief er in ergreifendem Tone.„Da ſind wir wieder in Deinem Gefängniß, und es iſt Alles umſonſt ge⸗ weſen!“ „Man ſehe den ausgeſuchten Böſewicht!“ rief der General.„Er ſpricht auch ganz geläufig; alſo hat er ſich nur ſtumm geſtellt und hat ſich hier eingeſchlichen blos um ſie zu befreien. Der Bube gehört an den Galgen; aber wenigſtens ſoll er ſpüren, was er gethan hat. Fort mit ihm, der Stock des Profoßen ſoll ihn lehren, wie ich auf ſolche Späße antworte!“ Die Soldaten ſtanden einen Augenblick zögernd; beim Anblick der Leiche und des kaum erſt ins Leben zurückgekehrten Knaben ſchienen ſie eine Wiederholung des Befehls abwarten zu wollen, ehe ſie gehorchten. —— „Nun“, rief der General mit funkelnden Augen, „wird man gehorchen, oder muß ich es noch einmal ſagen?“ Die Soldaten ſchickten ſich an, Richard zu ergreifen, der ſich an die todte Mutter ſchmiegte und mit blitzen⸗ den Augen es darauf ankommen zu laſſen ſchien, daß man ihn mit Gewalt von der Leiche trenne. Da trat die Frau des Thorwarts in den ſchweigenden Kreis und ſtellte ſich vor ihn.„Excellenz haben wohl nicht gehört, was er geſagt hat?“ rief ſie.„Es iſt ſeine Mutter, wegen der er das Alles gethan hat.“ Der General wandte ſich zornig nach ihr, aber als er dem feſt auf ihn gerichteten Blicke der Frau begeg⸗ nete, ſah er ſie einige Sekunden finſter und ſchweigend an.„Die Mutter“, ſagte er dann.„Nun ja, weil es die Mutter iſt, mag's ihm hingehen. Laſſen Sie die Leiche in die Kapelle bringen, Herr Doctor, oder in die Krankenſtube, wenn Sie noch Verſuche mit ihr machen wollen! Den Buben nimmt der Profoß in Verwahr. Er iſt verſchlagen und keck. Das gibt ein⸗ mal einen tüchtigen Soldaten; er ſoll Tambour werden. Und jetzt keine Widerrede mehr“, rief er den Um⸗ ſtehenden zu,„wenn man nicht will, daß ich mein Wort zurücknehme und ihn, ſtatt zum Trommler, zur Trommel machen laſſe!“ Schweigend und raſch wurden die Befehle vollzogen. Die Anweſenden verloren ſich, bald war der ganze Hof⸗ raum wieder leer. Nur unter der Stallthür ſtand der krummbeinige Pferdeknecht in der Pelzmütze mit dem Kutſcher zu⸗ ſammen, welcher den Gerichtsrath in die Feſtung gebracht hatte. Je abgeriſſener der Knecht ausſah, deſto ſtatt⸗ licher war die Erſcheinung des Kutſchers, der in ſeinem gleichfarbigen Anzug aus hellgrauem Tuche mit gelben Vorſtößen, der tadellos weißen und ſauber geknüpften Halsbinde und dem glatt raſirten Kinn das vollkom⸗ mene Bild eines herrſchaftlichen Dieners abgab, der im Bewußtſein ſeiner Wichtigkeit nicht verfehlt, auf ſein Aeußeres die gehörige Sorgfalt zu verwenden. Als die Diener ihrer Herren und als Angehörige des Hauſes hatten ſich beide unbeanſtandet der Schaar ange⸗ ſchloſſen, welche bei der Unterſuchung der Gänge thätig geweſen war, und waren eben davon zurückgekommen. „Merkwürdig“, ſagte der Knecht, indem er den Kut⸗ ſcher von der Seite anſah und eine aus dem Stalle geholte Pferdedecke auszuklopfen begann, damit der Laut der Schläge das Geſpräch für etwaige unbemerkte Lauſcher unverſtändlich mache.„Man ſollte es kaum glauben, Herr Doctor, wie Sie entſtellt ſind. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie es ſind, ich würde Sie für einen leibhaftigen Kutſcher halten.“ „Es iſt immer gut“, lachte der Angeredete,„wenn man im Leben Allerlei treibt; man weiß nie, wozu man etwas brauchen kann. Es kommt mir jetzt trefflich zu ſtatten, daß ich als Bauerjunge in meiner Kindheit tüchtig gelernt habe, mit Roß und Wagen umzugehen, und daß ich als Student es nicht verſäumte, mich in der edlen Kunſt des Komödienſpiels zu üben. Als ich vernahm, daß eine Commiſſion nach der Feſtung ab⸗ gehen ſolle, warf ich mich in dieſes Coſtüm und ging zu dem Lohnkutſcher, der nach ſeinem Vertrage ſolches Miethfuhrwerk zu beſorgen hat. Er brauchte eben Je⸗ mand; ſo nahm er mich ohne Verdacht auf und ich bin glücklich hereingekommen.“ „Gott ſei Dank, ich auch“, ſagte der Knecht.„Wäh⸗ rend ſie dem alten Windreuter die Steckbriefe in alle Him⸗ melsgegenden nachſchickten und ihn ſo genau beſchrieben, daß ihn ein kleines Kind erkennen könnte, logire ich ihnen da gerade unter der Naſe, ſodaß ſie über mich wegſehen, und habe Gelegenheit gehabt, Alles auszu⸗ ſtudiren. Ich weiß, wo die Zelle des Herrn Profeſſors iſt, wir ſind daran vorübergekommen. Es iſt im untern Gange auf der linken Seite die dritte, und den Weg, wo es hinausgeht, hat uns der Bube gezeigt; aber jetzt hängt eben das vertrackte Schloß an der Thür.“ „Wir müſſen den Schlüſſel dazu bekommen“, ſagte Schmid, Mütze und Krone. V. 9 130 Riedl.„Dafür laß mich ſorgen! Der Gerichtsrath will noch heute in die Reſidenz zurück; ich muß alſo mit. Aber in ein paar Tagen bin ich wieder da, oder Du erhältſt ſonſt Nachricht von mir. Bis dahin ſei auf der Hut und vergiß unſere Loſung nicht! Es iſt die alte, daß es Zeit ſei, dem Gaul die Eiſen herunterzureißen!“ „DOb ich werde“, rief der Alte, ſich abwendend, und fuhr dann leiſe fort:„Da kommt der Halunke von Schreiber, den ſie mit herausgeführt haben, daß er den falſchen Zeugen macht. Wenn ich doch an dem meine Wuth auslaſſen dürfte, wie an der Decke da!“ Der Kutſcher trat gelaſſen und unverdächtig in den Stall zurück. Der Knecht aber hieb auf ſeine Decke los, daß Billinger, welcher eben näher kam, erſchreckt beiſeite ſprang, um nicht getroffen zu werden.„Der Herr Gerichtsrath will ſogleich fort“, rief er aus der Entfernung von einigen Schritten.„Sag' es dem Kut⸗ ſcher, daß er Pferde und Wagen bereit hält!“ Der alte Windreuter erwiderte nichts, ſondern fuhr in ſeiner Beſchäftigung fort. Billinger, welcher glauben mochte, daß er ihn nicht gehört habe, trat lauter rufend näher und hatte im nächſten Augenblick ein paar tüch⸗ tige Hiebe weg.„Himmelelement! Kerl!“ rief er, wieder zurückſpringend,„gib doch Acht! Du ſchlägſt ja mich ſtatt Deiner Decke!“ 131 1„Ach was“, brummte der Alte.„Hab' ſchon gehört, was Sie geſagt haben, und werd's beſorgen. Wenn Sie nicht getroffen ſein wollen, ſo gehen Sie mir aus dem Wege! Es iſt kein Streich verloren als der, der „ daneben geht.“ Drittes Kapitel. Kugeln und Aepfel. Im Gemache der Herzogin⸗Mutter waltete das ſchweigende Dunkel einer Gruftkapelle. Die greiſe Fürſtin hatte die immer verdeckten Fenſter noch ſtärker verhüllen laſſen, denn ſeit einigen Tagen hatte ſich der Zuſtand ihrer Augen ſehr verſchlimmert Sie ſaß im Lehnſtuhl und hatte den glühenden Kopf ermüdet und ruhebedürftig in die Kiſſen zurückgelegt. Primitiva hatte einen feuchten, kühlenden Verband über Augen und Stirn der Leidenden befeſtigt. Der Leib⸗ arzt ſtand ehrerbietig neben der Kranken und hielt ihre Rechte in der Hand, vorſichtig und mit Bedacht die Pulsſchläge zählend und abwägend. „Ich kann nichts thun, als Durchlaucht die voll⸗ ſtändigſte Ruhe empfehlen“, ſagte er nach einer Weile. ———————— — 133 „Sie wird am erſten, ja ſie wird allein im Stande ſein, die Verſtimmung und Erregung zu beſeitigen, welche ſich der Kopfnerven bemächtigt hat.“ 1„Nein, Doctor“, ſagte die Fürſtin unwillig.„Wie oft ſoll ich Ihnen noch wiederholen: es iſt nicht der Kopf, die Augen ſind es, welche leiden! Dafür ſollen Sie mir helfen!“ „Geruhen Durchlaucht, mir zu glauben!“ ſagte der Arzt kaltblütig.„Wenn Sie aber in meine Diagnoſe Zweifel ſetzen, ſo geſtatten Sie gnädigſt, Ihre Augen zu unterſuchen und die Verhüllungen für einen Moment hinwegzunehmen! Es iſt unumgänglich, wenn ich—“ „Die Hüllen weg?“ rief ſie, indem ſie ſich halb erhob und ihre Hand aus der des Doctors befreite, gleichſam als ob ſie ihn von ſich abwehren wollte. „Damit die Helle noch ſchrecklicher in meine armen Augen hereindringe? O, ſie ſind viel leidender, viel empfindlicher, als ſie waren. Jeder Schimmer dringt mir wie eine Dolchſpitze in Augen und Gehirn! Manch⸗ mal kommt es mir ſogar vor, als ob ich beſſer ſähe. Das dunkle, dämmerige Schwarz, das mich ſeit Jahren 4 umgibt, iſt wie durchſichtig geworden, es iſt, als ſähe ich in ein Meer von Blut oder in rothen Feuerſchein—“ Sie vollendete nicht und ſank mit einem leichten Schau⸗ der in den Lehnſtuhl zurück. 134 „Dennoch bleibe ich bei meiner Anſicht“, begann der Arzt wieder.„Die örtliche Reizung der Augen, worüber Durchlaucht klagen, wird durch den angewen⸗ deten Verband ſehr bald gelindert ſein; aber völlig kann ich dieſelbe nur beſeitigen, wenn Durchlaucht ſich Ruhe gönnen. Die Anſtrengungen und Aufregungen der letzten Zeit haben Durchlaucht zu ſehr in Anſpruch genommen. Ihr Kopf iſt leidend und dadurch ſind die ohnehin ſchon kranken Augen ebenfalls ins Mitleiden gezogen.“ „Ruhe?“ ſeufzte die Fürſtin, nachdem ſie einen Augenblick ſchweigend geſeſſen, wie um mit ihren Er⸗ innerungen Rath zu halten.„Sie könnten doch wohl Recht haben, Doctor. Ich habe dieſe Zeit her viel ar⸗ beiten und denken müſſen. Es iſt doppelte Anſtrengung für mich, wenn man nichts auf die Außenwelt ableiten kann und Alles blos innerlich für ſich verarbeiten muß. Sie ſollen Ihren Willen haben; ich will mir Ruhe gönnen. Herzog Felix wird ja heute ſchon zurücker⸗ wartet, er iſt vielleicht in dieſem Augenblicke bereits eingetroffen! Ich werde Ihnen folgen, Doctor, und von heute an ausruhen. Geleiten Sie den Doctor, Fräulein von Falkenhoff— nicht doch, Frau von Schroffen⸗ ſtein!“ fuhr ſie, gegen Primitiva gewendet, fort. „Sehen Sie zugleich nach, wer im Vorzimmer iſt; ich 135 bin für Niemand zu ſprechen als für Seine Durch⸗ laucht den Herzog.“ Schweigend gehorchte Primitiva. Die Herzogin lehnte wie leblos in ihrem Stuhle, nur ihre Lippen bewegten ſich und ihre Hand faßte taſtend unter dem Ueberwurf nach einer Schnur auf der Bruſt, an der ein kleines Kreuzchen hing; ſie zog es hervor und drückte es raſch an die Lippen. „Graf Schroffenſtein iſt im Vorzimmer“, meldete Primitiva, wieder eintretend,„in Angelegenheiten, welche Durchlaucht bekannt ſind und durchaus keinen Aufſchub leiden. Er verlangt die Ausfertigungen, welche Durch⸗ laucht zur Unterſchrift vorgelegt ſind.“ „Der neue Miniſter iſt ſehr dienſteifrig“, ſagte die Fürſtin halb vor ſich hin,„aber er hat ganz Recht; er denkt wohl auch, daß nur an geſchehenen Dingen nicht mehr zu rütteln iſt. Er will die Urtheile über einige der gefangenen Rebellen“, fuhr ſie, ſich zu Pri⸗ mitiva wendend, fort,„die noch zu unterzeichnen ſind. Ich hatte es beinahe vergeſſen. Doch nein, ver⸗ geſſen habe ich ſie nicht; ich will Ihnen und mir meine Schwäche nur eingeſtehen, ich wollte es darauf ankommen laſſen, ob nicht die Ankunft meines Enkels mich der traurigen Mühe überheben würde. Es ſoll nicht ſein! Gut denn, ſo will ich unterzeichnen. Er — ſoll mir nicht nachſagen können, daß ich das übernom⸗ mene Werk nur halb gethan. Kommen Sie, liebe Schroffenſtein, und erweiſen Sie mir noch einmal den Secretärsdienſt! Legen Sie mir die Papiere vor und leiten Sie meine Hand nach der Stelle, wo mein Na⸗ menszug zu ſtehen hat!“ Primitiva trat an den Tiſch, wo ein Stoß von Papieren übereinander geſchlichtet lag. „Sie zittern“, ſagte die Herzogin, als Primitiva ihre Hand ergriff, um ſie auf das Blatt zu legen. „Warum? Wohl aus Theilnahme für die Verbrecher, deren Loos ich entſcheide? Beruhigen Sie ſich, meine Liebe, ich habe mir ausführlichen Vortrag erſtatten laſſen und Alles wohl erwogen. Es iſt Keiner darunter, der nicht verdiente, was ihn trifft, ja der nicht noch zehnmal Härteres verdiente. Auch gilt es hier keine Erwägung und Entſcheidung mehr; es gilt nur eine letzte Form, das längſt Entſchiedene und Erwogene zu vollziehen.“ „Dennoch haben Durchlaucht ſelbſt das Geſchäft ein trauriges genannt—“ „Das iſt es auch“, entgegnete die Fürſtin,„aber darum nicht minder nothwendig. Daß Sie davon ergriffen werden, glaube ich wohl“, fuhr ſie fort, indem ſie den Anfangsbuchſtaben ihres Namens mit feſtem 137 Zuge auf eins der Blätter nach dem andern ſchrieb, „Sie ſind noch zu jung für ſolche Eindrücke; Sie haben ein zu weiches Herz.“ „Es mag ſo ſein“, entgegnete Primitiva ernſt,„min⸗ deſtens danke ich dem Himmel, daß nicht meine Hand es iſt, die den entſcheidenden Zug auf dieſe Unglücks⸗ blätter zu ſetzen hat. Ich würde den Gedanken nicht ertragen, daß unter all den Schuldigen auch nur ein einziger Verirrter, ein Verleiteter ſein könne, und daß, wenn ſie auch ſchuldig ſind, die Strafe nicht ſie allein trifft, ſondern viele andere ſchuldloſe Herzen mit ihnen und vielleicht noch härter als ſie!“ „Sie mögen tragen, was ſie ſelbſt über ſich herauf⸗ beſchworen haben!“ rief die Herzogin in raſch auflodern⸗ dem Grimme, hinter welchem ſie ihr eigenes Schwanken zu verbergen trachtete.„Im Herzen ſind ſie alle ſchul⸗ dig, im Kopfe ſind ſie alle Verräther, alle angeſteckt von den gottloſen Neuerungen— aber Sie zittern ſchon wieder und noch ſtärker als zuvor. In der That, ich werde auch für Sie den Arzt rufen laſſen müſſen.“ Die Fürſtin hatte vollkommen richtig bemerkt. Primitiva hatte eben wieder eins von den Blättern ergriffen und einen Blick darauf geworfen, als ſie er⸗ blaßte und zu ſchwanken begann, daß ihre Erregung ſelbſt der Blinden unmöglich entgehen konnte.„Ent⸗ 138 ſchuldigen Sie, Durchlaucht!“ ſagte ſie mit gepreßter Stimme.„Das Blatt, welches jetzt folgt, enthält ein Todesurtheil.“ „Ich weiß“, ſagte die Herzogin;„es iſt das einzige, das noch fehlt, das einzige, das vollzogen werden ſoll. Geben Sie! Das Gericht hat über Viele den Tod verhängt— ich habe ihn bei allen umgewandelt. Aber der ſtolze Bürgersſohn, der es gewagt, bis in unſere Höhe zu dringen und einen Fürſten zum Spiel⸗ ball ſeiner Pläne zu machen, der ſich erkühnt, ſeine Hand gegen mich aufzuheben, der ſoll aus den Reihen der Lebenden verſchwinden, und meine Hand wird nicht zittern, ihn verſchwinden zu machen.“ Sie erhob die Hand, um raſch zu unterzeichnen, aber ebenſo ſchnell hielt ſie inne, den Kopf und die ſchmerzenden, verhüll⸗ ten Augen in die freie Hand ſtützend.„Ich glaube ſeine Stimme zu hören“, ſagte ſie.„Er iſt ein tüchtiger Menſch, und es hätte Bedeutendes aus ihm werden können, wenn er ſeine Gaben recht verwendet hätte. Wenn auch der Kopf verſchroben iſt, im Herzen hat er eine geſunde Stelle: er ehrt ſeine Mutter und liebt ſie.“ „Seine Mutter iſt nicht mehr unter den Lebenden“, ſagte Primitiva.„Der gütige Himmel hat es ihr er⸗ ſpart, den Fall ihres Lieblings zu erleben. Vielleicht erinnern ſich Durchlaucht, daß er an ihrem Sterbebette verhaftet wurde.“ „Ganz recht, ich erinnere mich“, rief die Fürſtin. „So weit hat er die Heuchelei getrieben; die Leiche der Mutter ſelber war ihm nicht zu heilig, ſie und ihre Krankheit zum Deckmantel verbrecheriſcher Pläne zu brauchen.“ „Durchlaucht“, rief Primitiva erregt,„das iſt nicht wahr; wer es auch ſei, der ihn deſſen beſchuldigte, er hat eine Lüge geſagt. Einer ſo unedlen Handlung iſt Führer nicht fähig.“ „Wie wiſſen Sie das?“ fragte die Fürſtin, indem ſie ſich nach Primitiva umwandte, als ob ſie in ihrem Geſichte zu leſen vermöchte.„Doch ja, ich erinnere mich, gehört zu haben, Sie ſollen ja den Profeſſor kennen; man will von Beziehungen wiſſen, die zwiſchen Ihnen ſtattgefunden haben.“ „In früherer Zeit, Durchlaucht“, entgegnete Pri⸗ mitiva.„Er war der Studienfreund und Spielgenoſſe meines verſtorbenen Bruders, zum Theil auch der mei⸗ nige, da ich mit meinem Bruder erzogen wurde.“ „Wirklich?“ begann die Herzogin wieder.„Dann be⸗ greife ich vollkommen, dann mag es Ihnen wohl ſchwer fallen, daß gerade Sie die Hand führen ſollen, die ſein Todesurtheil unterzeichnet. So erfahren denn auch ——————— 140 Sie trotz Ihrer Jugend ſchon, daß man auf Menſchen nicht bauen darf. Was ich Ihnen geſagt, iſt erwieſen, durch die unwiderleglichſten Beweiſe dargethan— es thut mir leid, daß ich den Glauben an den Jugendfreund zerſtören muß! Er hat auch Sie getäuſcht durch falſchen Schein— ich ſage Ihnen, die Menſchen ſind alle falſch. Die Sünde überwuchert die edelſten Keime und es gibt nur eins, was die Pflanze ſchützen kann, damit ſie werde, was ſie ſein ſoll; das iſt der Stab des Glaubens, an dem ſie ſich aufranken muß, das iſt die vertraute Hand des kirchlichen Gärtners, der Alles von ihr ent⸗ fernt, was ihr ſchaden könnte. Der Unglückliche, den ich mit Ihnen bedauere, iſt auch eins der Opfer der unſeligen neuen Philoſophie, jener gottloſen Profeſſoren⸗ weisheit, welche nicht davor zurückbebt, den Schöpfer ſelbſt und ſeinen Schöpfungsplan zu kritiſiren; darum iſt es beſſer, er ſterbe, als daß er durch ſeine Fähig⸗ keiten vielleicht noch größeres Unheil ſtiftet. Ich unter⸗ ſchreibe das Urtheil um Vieles leichter, weil ich weiß, daß ſeiner Mutter der Schmerz erſpart iſt, zu erfahren, wie weit es mit ihrem Sohne gekommen iſt. Wie mag ſie ſich gefreut haben, die Arme, als er ihr dereinſt geboren wurde, und wie würde ſie Gott angefleht haben, ihr lieber die Mutterfreude für immer zu verſagen, hätte ſie ahnen können, daß ihr geliebtes 141 Kind den Tod des Verbrechers ſterben würde! Geben Sie das Urtheil!“ „Durchlaucht“, ſagte Primitiva mit bebender Stimme, „alle andern Urtheile ſind widerruflich, ein Wort des Fürſten kann Kerker wieder öffnen, kann die verlorene Ehre wiedergeben— dieſes eine iſt unwiderruflich, dieſer eine Federzug nimmt, was keine Fürſtenmacht der Erde wiedergeben kann! Sie haben überall Gnade walten laſſen; gewähren Sie Gnade auch hier, gewäh⸗ ren Sie zum mindeſten Aufſchub!“ „Ich wollte Beides gewähren“, ſagte die Fürſtin ſtreng.„Ich hatte ſeine Zukunft in ſeine eigene Wahl gelegt, hatte ihn zum Meiſter ſeines Geſchicks gemacht; er hat Alles von ſich geſtoßen. Geben Sie das Urtheil! Sein Blut komme über ihn ſelbſt!“ Primitiva ſtand in ſchwerem Kampfe. Ihr Auge ruhte feſt auf dem Antlitz der Blinden, als ob ſie ſich überzeugen wolle, daß dieſelbe das nicht gewahre, was ihr plötzlich durch den Sinn ſchoß; dann erhob ſie die Hand, wie um das Blatt mit dem Todesurtheil ihrer Hand zu unterbreiten. Ohne im Augenblicke ſelbſt klar zu überlegen, warum ſie das thue und was ſie damit beabſichtige, ließ ſie daſſelbe aber beiſeite liegen und ſchob ein anderes leeres Blatt, das daneben lag, an deſſen Stelle. 142 Die Fürſtin ſchrieb mit feſtem Zuge ihren Namen darauf. „Sind wir zu Ende?“ ſagte ſie dann nach einer Pauſe.„Dann nehmen Sie die Papiere und über⸗ geben ſie Schroffenſtein! Seine Sache iſt es nun, für den ſchleunigſten Vollzug zu ſorgen. Ziehen Sie auch die Glocke, daß meine Sibylla kommt, und laſſen Sie mich allein!“ Primitiva faßte die Hand der Fürſtin und beugte ſich über dieſelbe.„Und meine Bitte, Durchlaucht?“ ſagte ſie. „Wie?“ fragte dieſe, ſich raſch umwendend.„Nach Allem, was ich Ihnen geſagt, dachte ich, Sie würden mich mit dieſer Bitte nicht wieder beläſtigen.“ „Ich muß, Durchlaucht“, entgegnete Primitiva ruhig; nich muß es jetzt noch mehr als zuvor. Durchlaucht wiſſen, daß mein Vater vor wenigen Wochen in die Ewigkeit abgerufen wurde. Meinen Gatten hat mir ebenfalls der Tod entriſſen. Meine Angelegenheiten erfordern meine Anweſenheit auf meinen Gütern.“ „Das Alles können Sie durch Ihren Verwalter, durch Ihre Leute beſorgen laſſen. Ich möchte Sie nicht von mir gehen laſſen, ich bin zu ſehr an Sie ge⸗ wöhnt.“ „Es iſt mir eine große Auszeichnung“, entgegnete 143 Primitiva,„aus Eurer Durchlaucht Munde zu er⸗ fahren, daß Sie mit meinen Dienſten nicht unzufrieden waren, aber ich bin außer Stände, mir dieſe Zufrieden⸗ heit länger zu erwerben. Was ich in den letzten Zeiten erlebt habe, hat mein Gemüth ſo ſehr ergriffen und erſchüttert, daß ich über meinen zukünftigen Lebens⸗ plan mit mir zu Rathe gegangen bin und mir einen ſolchen gewählt habe, welcher mich weitab vom Hofe und deſſen Verbindungen führt.“ „Sie ſagten, Sie wollten in das ſüdliche Frank⸗ reich, wo Sie Verwandte haben— war es nicht ſo? Sie wollten in ein Stift eintreten? Ich bin weit ent⸗ fernt, einen ſo gottſeligen Entſchluß zu tadeln, aber es eilt nicht bei Ihnen. Sie haben noch Leben genug vor ſich, in meinem Stundenglaſe ſind nur noch wenige Sandkörner; Sie können es wohl abwarten, bis ſie abgelaufen ſind.“ „Es iſt mir leider unmöglich“, ſagte Primitiva feſt. „Meine Anordnungen ſind bereits unwiderruflich ge⸗ troffen. Ich kann nicht hier bleiben, auch wenn ich wollte, und werde auch niemals wieder hierher zurück⸗ kehren. Geſtatten mir demnach Durchlaucht, daß ich für alle mir erwieſene Huld danke und mich zu beur⸗ lauben bitte.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ ſagte die Fürſtin nach 144 einigem Beſinnen.„Sie ſprechen in Räthſeln und hinter Ihren Worten birgt ſich ein Geheimniß. Sie wollen mich täuſchen! Nicht die Erſchütterungen des Erlebten ſind es, die Sie von mir fortführen, Sie haben einen näher liegenden, einen perſönlichen Grund, Sie haben etwas vor—“ „Ich bin immer wahrhaft geweſen“, ſagte Primi⸗ tiva,„ich will auch jetzt Durchlaucht nicht verſchweigen, daß ich mir eine große, gefahrvolle Aufgabe geſetzt habe. Dieſe gilt es noch zu erfüllen; es gilt, an dieſe Erfüllung Alles zu ſetzen, was ich bin und habe. Die freudige Erinnerung, wenn mein Vorhaben gelingt, ſoll mich in meine Einſamkeit begleiten; wenn ſie miß⸗ lingt, wird der Schmerz darüber die einzige Beſchäf⸗ tigung meines Lebens ſein.“ „Und ich darf nicht erfahren, was Sie vorhaben?“ ſagte die Fürſtin wieder.„Ich wüßte nicht, was Sie vor mir zu verbergen brauchten, wenn es nicht Unrecht oder Ungebühr enthält. Haben Sie Ihr Gewiſſen wohl geprüft? Iſt nichts in Ihnen, was Sie vor dem Wege, den Sie betreten wollen, warnt?“ „Nein, Durchlaucht, mein Gewiſſen befiehlt mir ſo zu handeln, wie ich entſchloſſen bin.“ „Nun denn“, ſagte die Fürſtin, nſo will ich Sie nicht halten und nicht länger in Sie dringen. Ich 145 habe Sie lieb gewonnen während der vielen Jahre, die Sie um mich waren; Sie waren mir die liebſte von allen meinen Damen, weil Sie ein weiches, war⸗ mes Herz haben; wenn ich auch oft darüber geſchol⸗ ten, es hat mir doch wohl gethan, aus Ihren Worten, aus Ihrer ſanften Stimme es herauszuhören. Gehen Sie denn mit Gott!“ fuhr ſie fort, zwiſchen Stolz und Rührung ſchwankend.„Ich werde Sie ſehr vermiſſen. Doch vielleicht beſinnen Sie ſich und kehren wieder zu uns zurück. Nehmen Sie meine Hand zum Kuſſe! Ich bin Ihre gnädige Fürſtin und wohlgeneigte Herrin.“ Primitiva faßte die Hand und beugte ſich darauf nieder.„Nun?“ rief die Fürſtin.„Sie haben mir doch ſonſt oft die Hand geküßt! Sie zögern zum Ab⸗ ſchied?“ Primitiva beugte ſich wieder und brachte ihre Lippen nahe an die Hand der Herrſcherin; ſie ſchien dieſelbe küſſen zu wollen; aber ſie unterließ es, wie von einer unangenehmen Bewegung ergriffen, und richtete ſich auf. „Nun?“ rief die Fürſtin ihr gegenüber in einem Tone, der alles das ausdrückte, was ſie durch ihre er⸗ loſchenen Augen nicht zu ſagen vermochte. „An Ihrer Hand iſt Blut, Durchlaucht“, ſagte Pri⸗ mitiva.„Ich vermag nicht, ſie zu küſſen.“ Mit tiefer Schmid, Mütze und Krone. V. 10 146 Verneigung ſchritt ſie aus dem Saale, während gleich⸗ zeitig durch eine Tapetenthür die Kammerfrau eintrat. „Iſt es das?“ murmelte die Herzogin, nach der Richtung gewendet, in welcher Primitiva verſchwunden war.„So fahre hin! Ich will auch Dich zu den Ver⸗ lorenen werfen und nicht murren! Hab' ich es doch vorher gewußt, daß auf Menſchen kein Verlaß iſt! Alle ſind ſie wandelbar, alle ſchwach.— Biſt Du da, Sibylla? Bringe mich auf mein Ruhebett!“ fuhr ſie dann fort.„Ich bin herzlich müde und will ausruhen; der Tagelöhner, der ſeine Arbeit gethan hat, darf es ja auch, nicht wahr? Ich will ſehen, ob ich ſchlafen kann; dann wird das Getobe in Herz und Gehirn raſten, dann werde ich wenigſtens eine Weile von ihrem Thun nichts wiſſen.— Ach, Sibylla“, ſeufzte ſie, indem ſie erſchöpft in den Divan ſank,„es iſt manchmal recht bitter, eine Fürſtin zu ſein.“ Sie lag bald regungslos und wie ſchlafend, wäh⸗ rend die Kammerfrau neben ihr Platz nahm; nur die Hände ſuchten leiſe das kleine Kreuzzeichen unter der Nantille und umſchloſſen es feſt. Der Miniſter ſchritt indeſſen unruhig im Vorzimmer hin und her. Der Gerichtsrath Weber hatte mehrere Male den Verſuch gemacht, ihn auf dieſem Spazier⸗ gang zu begleiten und ein Geſpräch zu unterhalten, 3 147 aber Schroffenſtein war zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, zu ſichtbar von ernſten Beſorgniſſen bewegt, als daß Weber im Stande geweſen wäre, ſein Vor⸗ haben auszuführen. Er beſchränkte ſich daher bald darauf, in kaum geringerer Befangenheit als ſein Ge⸗ bieter, das Benehmen deſſelben zu beobachten und zu verfolgen. „Wieder eine Viertelſtunde!“ rief Schroffenſtein, als die Uhr im Saale aushob und ſchlug.„Jeden Augen⸗ blick kann Seine Durchlaucht eintreffen und noch immer wird gezögert! Es kann Alles auf dem Spiele ſtehen, wenn der Herzog kommt, und nicht vor ſeinem Ein⸗ treffen Alles geſchehen und abgethan iſt, daß nichts mehr zurückgenommen werden kann! An Ihnen liegt ein großer Theil der Schuld“, rief er dem Gerichts⸗ rath im Vorbeiſchreiten zu.„Sie mußten ſchneller ſein, durften ſich nicht durch Nebenrückſichten aufhalten laſſen! Das Urtheil über den Exminiſter wäre das erſte ge⸗ weſen, das zu erledigen war; alle andern konnten warten.“ „Aber bitte, Excellenz“, ſagte der Gerichtsrath, „wollen Sie erwägen, daß ich erweislich mich aller nur möglichen Beſchleunigung befliſſen habe. Iſt es meine Schuld, wenn Ihre Durchlaucht durch Perſonen von allerhöchſtem Vertrauen mir Befehle zukommen ließ?“ 10* 148 „An meine Befehle hatten Sie ſich zu halten“, rief Schroffenſtein,„und ſonſt an keine! Sie mußten wiſſen—“ Er brach plötzlich ab; denn die Thür zu den Gemächern der Herzogin öffnete ſich und Primitiva trat heraus. „Endlich!“ rief ihr Schroffenſtein entgegen.„Sie kom⸗ men von Ihrer Durchlaucht, meine liebe Tochter; wie befindet ſich die Frau Herzogin?“ Ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er fort:„Ich erblicke in Ihren Hän⸗ den wichtige Papiere, die ohne Zweifel für mich be⸗ ſtimmt ſind.“ 8 „So iſt es“, erwiderte Primitiva zögernd. „O, dann geben Sie! Geben Sie ſchnell! Es iſt Gefahr im Verzug; es ſind die letzten Urtheile über die Gefangenen vom jüngſten Aufſtand; ſie ſind ohne Zweifel unterzeichnet. Dem Himmel ſei Dank, ſo wird dieſe verbrecheriſche Partei bald bis auf die letzte Spur ausgetilgt ſein!“ Unſchlüſſig, ob ſie erwidern und was ſie thun ſolle, ließ Primitiva geſchehen, daß er die Papiere aus ihrer Hand nahm und flüchtig überblickte.„Erlauben Sie“, rief er,„daß ich gleich meine weitern Befehle gebe und Sie bitte, inzwiſchen einen Augenblick zu verweilen! Ich habe dringend und unaufſchieblich mit Ihnen zu ſprechen. Hier, Herr Gerichtsrath“, fuhr er dann gegen dieſen gewendet fort,„der letzte Theil Ihres Com⸗ 149 miſſoriums! Machen Sie ſich ſofort auf die Reiſe! Hier haben Sie die unterzeichneten Urtheile. Ihre Aufgabe iſt, dafür zu ſorgen, daß die Verkündung ſo⸗ fort erfolgt und daß zwiſchen Verkündung und Vollzug nicht ein Haar breit Zwiſchenraum entſteht.“ „Ich werde eilen, Excellenz, als ob es mein eigenes Leben gälte“, erwiderte Weber.„Excellenz können un⸗ bedingt auf mich vertrauen. Ich werde mir gewiß damit die vollſte Zufriedenheit erwerben. Dann aber“, fuhr er näher tretend leiſe fort,„darf ich wohl hoffen, ſo harten und ungegründeten Tadel, wie Excellenz vorhin ausgeſprochen, nicht mehr zu vernehmen; dann darf ich mir wohl ſchmeicheln, Ihre und die allerhöchſte Anerkennung— „Gewiß, gewiß. Zählen Sie darauf!“ „Die Stelle eines Präſidenten am Obergericht in der Hauptſtadt iſt eben erledigt“, ſagte der Gerichts⸗ rath mit ſeinem ſüßeſten Tone.„Ich kann nicht leug⸗ nen, daß ſie der Inbegriff aller meiner Wünſche wäre. Vielleicht wäre mein kleines Verdienſt nicht zu gering, mir die Stufe zu dieſer Stelle zu werden—“ „Sie ſollen ſie haben“, rief Schroffenſtein, indem er ihn auf die Schulter klopfte.„Fliegen Sie, mein Beſter! Kommen Sie mit der Nachricht zurück, daß ge⸗ ſchehen iſt, was geſchehen muß, und Sie ſind Präſident!“ 150 2₰ Der Gerichtsrath eilte mit tiefſter Verbeugung und aufleuchtender Miene aus dem Saale; der Miniſter wandte ſich ab und murmelte mit geringſchätziger Hand⸗ bewegung in ſich hinein:„Geh nur! Du biſt eine tüch⸗ tige Zange, wo es gilt etwas feſtzuhalten oder in die glühenden Kohlen zu faſſen, aber zu mehr taugſt Du nicht, und wenn die Glut vorüber iſt, gehörſt Du in den Winkel.“ „Nun, Excellenz“, ſagte Primitiva, indem ſie mit zurückhaltendem Anſtand näher trat,„Sie hatten den Wunſch ausgedrückt—“ „Allerdings, meine theure Tochter“, rief der Mi⸗ niſter, ſchnell in den Ton biederer Zärtlichkeit über⸗ gehend.„Sie machen mich glücklich, daß Sie meinem Wunſche ſo bereitwillig willfahren, dennoch muß ich mich über Ihre Grauſamkeit beklagen, welche mir den Freudenkelch nicht vergönnt, ohne ihn mit einem Tropfen Bitterkeit zu vermiſchen.“ „Es ſoll ſehr zuträglich ſein“, entgegnete Primitiva, „mitunter etwas Bitterkeit zu genießen; zu viel Süßig⸗ keit verdirbt den Magen. Aber ich wüßte nicht, wo⸗ durch Ihr Vorwurf gegründet wäre, Excellenz.“ „Sie können fragen?“ rief Schroffenſtein.„Sie wiſſen, welche Bande uns vereinigen! Die innigſten, welche es in der Familie gibt! Sie ſind die Frau 151 meines geliebten, leider ſo früh mir entriſſenen Sohnes, ſind meine nicht minder geliebte Tochter, und Sie haben für Ihren Vater keine andere Begrüßung als den kalten Hoftitel, keinen andern Namen als die kalte Excellenz?“ „Ich finde“, ſagte Primitiva kalt,„daß die Benen⸗ nung vollkommen dem Verhältniß entſpricht, in welchem wir zu einander ſtehen. Doch zur Sache! Was ſoll ich von Ihnen hören, mein Herr?“ „Nun denn“, entgegnete Schroffenſtein ärgerlich, „wenn Sie durchaus in dieſem Tone mit mir ſprechen wollen, ſo kann auch ich im gleichen erwidern. Ich wünſche von Ihnen zu erfahren, ob Sie über die Vor⸗ ſchläge nachgedacht haben, welche ich Ihnen über Ihre Zukunft gemacht habe.“ 3 „Ueberflüſſige Mühe, mein Herr— Sie kennen meine Antwort.“ „Ich will dieſe Antwort noch nicht als gegeben * erachten, ich will annehmen, daß Sie die Verhältniſſe nicht genau gekannt, nicht vollſtändig erwogen haben. Deshalb wollte ich Ihnen noch einmal zur Aufklärung bemerken, daß ich Ihr Schwiegervater, daß ich das Haupt der Familie bin, welcher Sie jetzt anzugehören die Ehre haben, und daß mir als ſolchem das Recht zuſteht, über Ihre Zukunft und über Ihre Lebensweiſe ein Wort mitzuſprechen.“ 152 „Brechen Sie davon ab!“ rief Primitiva.„Ich hatte mich entſchloſſen, Ihrem Sohne anzugehören. Warum ich es that, iſt etwas, was ich nur mit mir ſelber abzumachen habe und mit Gott; er iſt mein Zeuge, daß es mein redlicher Wille, ihm anzugehören, wie ich es vermöchte, daß ich feſt entſchloſſen war, als Frau getreulich meine Pflicht zu erfüllen. Der Him⸗ mel hat mein Opfer nicht angenommen; er hat noch im letzten Augenblicke meine Kette geſprengt. Ich bin wieder frei und gehöre, da auch mein guter, treff⸗ licher Vater heimgegangen iſt, Niemand an als mir ſelber. Mein eigener Wille iſt es daher, der über mich und meine Zukunft zu entſcheiden hat, und wie dieſe Entſcheidung lautet, habe ich Ihnen bereits mitgetheilt!“ „Allerdings. Sie haben dabei nur eins ver⸗ geſſen, gnädige Frau“, ſagte Schroffenſtein mit bos⸗ haftem Lächeln.„Rechten Sie mit den Geſetzen des Landes, wenn es Ihnen unangenehm iſt und Ihre Pläne durchkreuzt, aber dieſe Geſetze machen nun ein⸗ mal die Verfügungen von Frauen aus den edlen Ge⸗ ſchlechtern im Intereſſe des Standes von der freund⸗ lichen Mitwirkung eines männlichen Beiſtandes abhängig. Ich bin Ihr nächſter Verwandter und Angehöriger, als ſolchem ſteht mir die Verwaltung Ihrer Güter und die Aufſicht über Ihre Perſon zu.“ — ,— 153 „Ich bedaure“, entgegnete Primitiva,„daß ich dieſes wohlthätige Geſetz nicht gekannt habe, mein Entſchluß iſt aber darum nicht minder unwiderruflich. Ich kann Sie auch mit der Mühe, meine Güter zu verwalten, nicht mehr behelligen. Ich habe eine günſtige Gelegen⸗ heit, den ganzen Nachlaß meines Vaters in erwünſchter Weiſe zu verwerthen, bereits benutzt, ich beſitze nichts mehr. Das Stammſchloß der Familie, auf dem mein Vater lebte und ſtarb, wo ich meine Jugend verlebte und welches ich zum Andenken erhalten haben möchte, habe ich meinem Neffen au Genuß und Verwaltung übergeben. Ich ſelbſt habe mein Vermögen in Papiere umgeſetzt und werde ein Land verlaſſen, in welchem mich von allen Seiten nur ſchmerzliche Erinnerungen berühren, um in freundlicher Gegend eine ſtille Zufluchts⸗ ſtätte zu ſuchen.“ Der Miniſter wechſelte die Farbe und hatte Mühe, einen Reſt von Faſſung zu behalten.„Wie?“ ſtammelte er.„Ihre Beſitzungen veräußert? Das können Sie nicht, das dürfen Sie nicht! Ein ſolcher Verkauf iſt ungültig ohne meine Zuſtimmung. Ich werde die Ge⸗ richte zu Hülfe rufen und ihn annulliren laſſen.“ „Nach Belieben“, erwiderte Primitiva ruhig.„Ich werde indeſſen auch nicht unterlaſſen, zu handeln, und aus der Ferne den Erfolg Ihrer Bemühungen abwarten.“ 154 „Aus der Ferne?“ lachte Schroffenſtein grimmig. „Sie könnten ſich doch geirrt haben, Frau Gräfin; es könnte vielmehr geſchehen, daß Sie den Erfolg in ſehr großer Nähe abwarten müßten; noch gibt es, Gott ſei Dank, Mittel und Wege, widerſpenſtige Weiber zu bändigen.“ „Gebrauchen Sie dieſelben, ich hindere Sie nicht!“ entgegnete Primitiva.„Was ich von den Geſetzen des Landes weiß, kann nicht zu meinem Nachtheil gedeutet werden. Meine Ehe mit Ihrem Sohne wurde un⸗ mittelbar nach der Trauung getrennt; das Vermögen, das ich ihm verſchrieb, iſt daher wieder an mich zurück⸗ gefallen. Ich bin Ihnen aus keinem Vertrage ver⸗ pflichtet und die Gerichte werden Ihnen kaum an die Hand gehen, mein Vermögen in Ihre Hände zu bringen. Eine Verbrecherin bin ich auch nicht. Mit welchem Rechte wollten Sie mich alſo in Ihrer Nähe zurück⸗ halten?“ „Mit dem Rechte der Vormundſchaft“, rief Schroffen⸗ ſtein wüthend.„Glauben Sie, der Grund, weshalb Sie einwilligten, ihm zu gehören, ſei mit meinem un⸗ glücklichen Sohne begraben? Glauben Sie, daß es unmöglich wäre, eine phantaſtiſche Thörin an unüber⸗ legten Schritten zu hindern, durch welche ſie ſich ſelbſt zu Grunde richtet und die Ihrigen bloßſtellt? Glau⸗ —— 155 ben Sie, daß es keine Aerzte gibt, welche ein Gebaren wie das Ihrige für Wahnſinn erklären? Beſinnen Sie ſich noch einmal, gnädige Frau! In einem Ge⸗ fängniß kann ich Sie vielleicht nicht zurückhalten, aber es gibt andere Anſtalten, welche nicht ſo heißen und doch den gleichen Zweck erfüllen.“ Der Lakai, welcher vor der Eingangsthür ſtand, öffnete dieſelbe leiſe und trat ein.„Entſchuldigen Sie, wenn ich ſtöre! Hier iſt ein Brief für die Frau Gräfin.“ „Endlich!“ rief Primitiva, ihm entgegengehend und nahm ihm das Blatt ab, welches ſie haſtig öffnete und las.„Thun Sie, mein Herr, was Sie glauben ver⸗ antworten zu können!“ fuhr ſie gegen Schroffenſtein gewendet fort.„Ich bin auf Alles vorbereitet. Ich bleibe bei meinem Entſchluß, und wenn noch etwas gefehlt hätte, ihn unumſtößlich zu machen, ſo iſt er es durch dieſe Zeilen geworden.“ „Frau Gräfin“ rief Schroffenſtein, knirſchend vor Wuth, alle ſeine Mittel fehlſchlagen zu ſehen,„ich warne Sie zum letzten Male. Verſchmähen Sie meinen Rath nicht und fügen Sie ſich meinem Willen! Sie ſollen ſonſt erfahren, daß ich die Macht habe, ihn durch⸗ zuſetzen.“ „So laſſen Sie endlich dieſe Drohungen“, entgeg⸗ 156 nete Primitiva ſich abwendend,„und gebrauchen Sie Ihre gerühmte Macht! Noch dieſen Abend bin ich au⸗ ßerhalb des Bereichs derſelben, und wie wenig ich Sie fürchte, mögen Sie daraus erkennen, daß ich Ihnen das offen ſage. Ich habe von Ihrer herzoglichen Durchlaucht meine Entlaſſung erhalten und werde noch vor Ein⸗ bruch der Nacht die Stadt verlaſſen haben.“ „Nimmermehr!“ rief Schroffenſtein.„Und wenn ich Sie mit Gewalt zurückhalten müßte!“ Stimmen vor der Thür unterbrachen das Geſpräch. Der Lakai hatte dieſelbe halb geöffnet und ſprach ab⸗ wehrend mit einer Dame, welche durch dieſelbe einzu⸗ treten verſuchte.„Es iſt unmöglich, meine Dame“, ſagte er.„Wenn Sie mir nicht glauben, ſo treffen Sie hier Perſonen vom allerhöchſten Dienſte, welche Ihnen beſtätigen werden, daß Niemand zu Ihrer Durch⸗ laucht gelangen kann. Höchſtdieſelben ſind leidend und haben ſich vollſtändig zurückgezogen.“ „So iſt es in der That“, ſagte Schroffenſtein, in⸗ dem er der Fremden entgegentrat, welche vom Kopf bis zum Fuß in Schwarz gekleidet und in einen weiten Schleier gehüllt war, welcher Geſtalt und Angeſicht voll⸗ ſtändig verbarg.„Der Diener hat Ihnen die Wahr⸗ heit geſagt; es iſt unmöglich, heute zu Ihrer Durch⸗ laucht zu gelangen.“ 4 157 „Ich will auch nicht zu Ihrer Durchlaucht“, ent⸗ gegnete die Fremde haſtig.„Ich will zum Herzog.“ „Sie ſind im Irrthum, wenn Sie Seine Durch⸗ laucht hier ſuchen, er iſt nicht in der Stadt.“ „Doch, doch“, fuhr die Fremde haſtig fort,„er iſt vor einer halben Stunde angekommen. Ich ſah ſelbſt ſeinen Wagen, ſah ihn ausſteigen und bin bis in ſein Vorzimmer gedrungen, aber es gelang mir nicht, in ſeine Gemächer zu kommen. Es hieß, er habe ſich ſo⸗ fort zu der Herzogin⸗Mutter begeben; er muß alſo hier ſein und ich muß ihn ſprechen. Ich kann und darf mich nicht zurückweiſen laſſen. Meine Bitte leidet keinen Augenblick Verzögerung; Leben und Tod hängen da⸗ von ab.“ „Leben und Tod?“ ſagte Schroffenſtein näher tre⸗ tend.„Ah, nun errathe ich, was Ihre Stimme und Erſcheinung, welche mir gleich bekannt erſchienen, mich bereits vermuthen ließen; Sie ſind—“ „Sie haben ganz Recht, daß Sie verſtummen“, ſagte die Fremde,„daß Sie meinen Namen nicht nennen. Ich habe keinen Namen mehr, denn ich habe kein Recht mehr, denjenigen zu führen, den ich einſt tragen durfte. Ja, ich bin die Unſelige, die Sie meinen“, fuhr ſie leidenſchaftlich fort,„bin das elende Weib, welches kommt, das Leben des Mannes zu erbitten, dem ſie einſt angehört, den ſie elend gemacht und ins Verder⸗ ben geſtürzt hat! Warum auch verhülle ich dieſes An⸗ geſicht? Ich habe kein Recht, meine Schande zu ver⸗ bergen. Es iſt ein Theil meiner gerechten Strafe, daß alle Welt das Brandmal auf meiner Stirne ſchauen mag!“ Sie zog den Schleier zurück. Die Ueberraſchten ſahen in das eingefallene, todtenbleiche Antlitz Ulrikens, aus welchem ihnen die einſt ſo ſchönen blauen Augen mit unheimlichem Feuer entgegenloderten.„Ich kann Ihnen nur wiederholen, meine Gnädige“, antwortete Schroffenſtein,„daß Sie ſich im Irrthum befinden, wenn Sie Seine Durchlaucht hier ſuchen. Mein Wort zum Pfande dafür! Sonſt zweifle ich allerdings nicht, daß eine ſolche Bitte gerade aus Ihrem Munde nicht vergebens ausgeſprochen werden dürfte.“ „O“, rief Ulrike in Thränen ausbrechend,„ich fühle den ganzen Hohn, den unermeßlichen Abgrund von Schmach, den Sie in dieſes Wort zuſammendrängen! Dennoch ſoll mich der Vorwurf nicht zurückhalten; es iſt ja das Einzige, was ich noch zu thun vermag.“ „Es wird ſchwer halten“, entgegnete der Mini⸗ ſter mit Achſelzucken.„Die Sachen ſind im Sta⸗ dium der Entſcheidung angelangt; Sie haben etwas ſehr lange mit Ihrer Bitte gezögert.“ „Es iſt nicht meine Schuld“, erwiderte Ulrike.„Seit 7 159 Wochen war ich durch ein heftiges Nervenfieber an das Krankenbett gefeſſelt. Zwei Tage ſind es, daß ich zum Bewußtſein zurückkam. Kaum vermögend, mich aufrecht zu erhalten, habe ich mich hierher geſchleppt, aber ich komme doch noch zur rechten Zeit. Ich habe gehört, das Urtheil über Führer ſoll geſprochen, aber noch nicht beſtätigt ſein. „Das iſt die Wahrheit“, ſagte Schroffenſtein.„In⸗ deſſen gereicht es mir zum Vergnügen, Ihnen min⸗ deſtens einen Troſt gewähren zu können. Ich kann Ihnen ganz gewiß verſichern, daß Seine Durchlaucht der Herzog das über Ihren Gemahl ausgeſprochene Urtheil nicht beſtätigen wird. Jetzt aber entſchul⸗ digen Sie, wenn ich Sie verlaſſe und eile, Seine Durch⸗ laucht in ſeinen Gemächern zu begrüßen! Das mag Ihnen der beſte Beweis ſein, daß Sie hier vergeblich auf ihn warten.— Von Ihnen, Frau Gräfin von Schroffenſtein“, ſagte er, ſich mit der artigſten Verbeu⸗ gung und freundlichſten Miene zu ihr wendend,„nehme ich noch nicht Abſchied. Ich bin der gewiſſen Ueber⸗ zeugung, daß Sie um meinetwillen Ihre Abreiſe ver⸗ ſchieben werden.“ Mit gewichtigen Schritten eilte er durch die vom Lakai ehrerbietig geöffnete Thür hinweg. Ulrike ſtand unſchlüſſig und wollte eben an Primitiva, deren An⸗ 160 weſenheit ſie jetzt erſt gewahr geworden, eine Frage richten; ſie kam jedoch nicht dazu, denn beinahe gleich⸗ zeitig, als hinter dem Miniſter ſich die Saalthür ge⸗ ſchloſſen hatte, öffnete ſich an der gegenüberſtehenden Seite eine andere, in die Seitencorridors führende Ta⸗ petenthür, und Herzog Felix, noch im Reiſeüberwurf, trat ein, haſtigen Schrittes auf die Gemächer der Herzogin zueilend. Ulrike ſtieß einen Schrei aus, in welchem Ueber⸗ raſchung und Entſetzen ſich miſchten. Mit weit aufge⸗ riſſenen Augen und ausgebreiteten Armen ſtand ſie einen Augenblick unbeweglich, um im nächſten vor die Füße des Herzogs zu ſtürzen, die ſie mit dem Jammer⸗ ausruf„Gnade!“ umklammern wollte. Es gelang ihr nicht. Der Herzog, nicht minder als ſie über die un⸗ erwartete Begegnung beſtürzt, machte eine Geberde, welche faſt wie Abſcheu ausſah, und trat einige Schritte zurück.„Was ſoll das?“ rief er im Tone der Ent⸗ rüſtung, hinter welchem er vergebens ſeine Erregung zu verbergen ſuchte.„Wer ſind Sie? Was drängen Sie ſich hier mir in den Weg? Fort! Hier iſt nicht der Ort für Geſchäfte.“ „Nein, ich laſſe Sie nicht!“ rief Ulrike, indem ſie ſich, auf den Knieen liegend, ihm wieder in den Weg wälzte.„Hier müſſen Sie mich hören. Ueberall, 161 wo ich Ihnen begegne, will ich mich an Sie drängen und nicht ruhen, bis Sie das Wort Gnade ausge⸗ ſprochen haben. Ich habe ein Recht, es von Ihnen zu fordern; ich habe es durch meine Schande erkauft, es iſt der Preis meines Verbrechens, den ich von Ihnen fordere!“ „Ich werde Sorge tragen“, ſagte der Herzog mit eiſiger Kälte,„daß die Bewachung meines Schloſſes in Zukunft verläſſiger gehandhabt wird. Weg von mir! Ich kenne Sie nicht und habe Sie nicht gekannt. Beim Verluſt Ihres Dienſtes“, rief er dem Kammerdiener zu, „ſorgen Sie, daß die Wahnſinnige hinweggebracht wird und nie wieder dieſes Schloß betritt!“ Ulrike, von Schmerz und Entſetzen erfüllt, hatte nur halb vernommen, was er ſprach; die Sinne vergingen ihr darüber. Auf den Knieen liegend, glitt ſie vorn⸗ über auf Arme und Angeſicht zuſammen und lag wie todt auf den Boden hingeſtreckt. Nur das ſchmerz⸗ hafte Zucken, welches den Körper überflog, zeigte, daß noch Leben in ihr war. „Stehen Sie doch auf!“ rief ängſtlich der Lakai, der ſie aufzuheben verſuchte.„Machen Sie mich nicht unglücklich! Wenn Sie nicht wollen, daß ich Leute rufe und Sie mit Gewalt hinwegbringen laſſe, ſo ſtehen Sie auf!“ Schmid, Mütze und Kronec. V. 11 162 „Ueberlaſſen Sie es mir, für dieſe Dame zu ſor⸗ gen“, ſagte Primitiva hinzutretend,„und ſchicken Sie indeſſen nach einem Wagen! Erheben Sie ſich!“ fuhr ſie dann, zu Ulrike gewendet, in dem ſanften Tone fort, der ihre Stimme auszeichnete, dem man es anhörte, daß er von Herzen kam und der eben darum auch unmittelbar zu Herzen ging. Auch hier verfehlte er ſeine Wirkung nicht. Ulrike erhob ſich verwundert; halb aufgerichtet blickte ſie in das milde Antlitz empor, das ſie über ſich nieder⸗ gebeugt ſah.„Sie, eine Frau, Sie kommen zu mir?“ ſagte ſie zweifelnd.„Sie wiſſen, wer ich bin, was ich gethan, Sie waren zugegen und haben gehört, was mir geſchah, und Sie kommen doch zu mir? Sie ſtoßen mich nicht von ſich wie einen giftigen Wurm, der einem in den Weg kommt?“ „Kommen Sie zu ſich, meine Gute“, ſagte Primi⸗ tiva liebevoll.„Sammeln Sie Ihre Gedanken, ſuchen Sie möglichſt Ruhe in Ihr bewegtes Gemüth zu bringen, und kann es beitragen, Sie zu tröſten, ſo glauben Sie, daß Ihr Schickſal mir tief zu Herzen geht, daß ich Sie aus innerſter Seele beklage!“ „O ſagen Sie das noch einmal!“ rief Ulrike, ſich auf ihre Kniee aufrichtend, indem ſie Primitiva's beide Hände ergriff und an die Bruſt preßte.„Sie retten 163 mich vor Verzweiflung! Wenn es noch eine Menſchen⸗ ſeele gibt, die Mitleid mit mir hat, wenn es noch ein Frauenherz gibt, das mich nicht ganz verſtößt, dann darf ich hoffen, daß mein Bemühen nicht gänzlich erfolglos ſein wird. O helfen, rathen, ſagen Sie mir, was muß ich thun, um ihn zu retten? Ach, er muß ja gerettet werden!“ „Faſſen Sie ſich!“ fuhr Primitiva in leiſerem Tone fort.„Gewinnen Sie es über ſich, mich einen Augen⸗ blick ruhig anzuhören! Verrathen Sie ſich nicht bei dem, was ich Ihnen ſagen werde, denn wir wiſſen nicht, ob unſer Geſpräch hier unbelauſcht iſt. Noch iſt alle Hoffnung auf Rettung nicht verloren.“ „Nicht verloren?“ rief Ulrike freudig.„O mein Gott! Seit hundert entſetzlichen Stunden der Qual der erſte Augenblick der Freude! In den Martern der Höllenglut der erſte kühlende Lufthauch! Ich darf alſo hoffen? Ach ja, mir fällt ein, der Mi⸗ niſter hat geſagt, der Herzog werde das Urtheil nicht beſtätigen.“ „Es wäre traurig, wenn unſere Hoffnung auf dem Worte jenes Mannes beruhte“, erwiderte Primitiva. „Der Elende, nur von ſeinem Haß erfüllt, hat Sie durch ein doppelſinniges Wort betrogen. Allerdings wird der Herzog das Urtheil nicht beſtätigen— es wird 11* 164 ihm gar nicht vorgelegt werden. Die Regentin wird es thun. Es iſt bereits ſo gut wie beſtätigt.“ „Und dennoch geben Sie Hoffnung?“ „Dennoch. Ein glückliches Ungefähr wird den Voll⸗ zug des Urtheils wenigſtens um einige Stunden verzö⸗ gern. Dieſe Zeit muß benutzt werden. Alles iſt bereit zur Flucht!“ Ulrike faßte mit der Hand an die eigene Stirn, als ob ſie ſich überzeugen wollte, daß es nicht ein Traum ſei, was ſie vernommen.„Gerettet alſo?“ preßte ſie innig hervor.„Alles bereit zur Flucht, ſagen Sie? Aber durch wen?“ „Fragen Sie nicht! Laſſen Sie ſich genügen, daß es ſo iſt!“ „Sie haben Recht“, ſagte Ulrike traurig.„Ich ſehe es ja ein, ich bin nicht würdig, daran Theil zu haben, ich verdiene nicht, darum zu wiſſen, wie er gerettet wird und von wem. Aber die eine Bitte verſagen Sie mir nicht. Sie haben durch Ihre Worte die Hälfte der Centnerlaſt hinweggenommen, die meine Seele nieder⸗ drückt. Nennen Sie mir Ihren Namen! Meine Zeit wird bald zu Ende ſein; ich fühle es deutlich und froh⸗ locke darüber, aber ſagen Sie mir Ihren Namen, da⸗ mit ich ihn einſchließen kann in mein letztes Gebet!“ „Meinen Namen?“ ſagte Primitiva zögernd.„Ich 8 . — 165 weiß nicht, ob er Ihnen bekannt ſein wird. Vielleicht haben Sie durch Ihren Mann von mir gehört. Er war der Jugendgeſpiele meines verſtorbenen Bruders.“ „Sie ſind“, rief Ulrike aufſpringend, und über ihr todtenähnliches Geſicht flog etwas wie der Schimmer von zurückkehrendem Leben—„Sie ſind das Fräulein von Falkenhoff? O, wohl hat er mir von Ihnen er⸗ zählt! Es war die ſchönſte Erinnerung ſeiner Jugend. Sie ſind die Dame, von der die rothe Schleife ſtammt. O, ich hätte es errathen ſollen! Beim erſten Blick in dieſes edle Antlitz, in dieſe milden Augen hätt' ich es errathen ſollen. Ja“, fuhr ſie fort, indem Thränen ihren Blick verſchleierten,„retten Sie meinen, retten Sie jenen edlen Mann, den ich den meinen nennen zu dürfen verſcherzt habe. Sie ſind deſſen würdig, Ihnen darf er Leben und Freiheit verdanken, aus Ihrer Hand darf er ein ſolches Geſchenk annehmen, die meinige hätte es nur entweiht. O, Sie ſind edel, Sie ſind rein, Sie ſind gütig wie ein Engel— ſeien Sie Friedrich's Engel! Begleiten Sie ihn durch das Leben! Seien Sie ſo glücklich, als Sie großherzig ſind, und leben Sie wohl!“ Ehe Primitiva etwas zu erwidern vermochte, fühlte ſie Ulrike an ihrem Herzen liegen, fühlte ſich feſt von ihren Armen umſchlungen und ein langer, inniger Kuß brannte auf ihrem Munde; im nächſten Augenblick hatte 166 die Unglückliche ſich losgeriſſen und eilte davon. Lang⸗ ſam, in feierlicher Ergriffenheit folgte Primitiva. Eine Stunde ſpäter trieb wüſtes Schneegeſtöber über die Stadt dahin, und der Nordwind wirbelte die Flocken ſo dicht durcheinander, daß Alles in die Häuſey flüchtete und in wenigen Augenblicken die Straßen wie ausgeſtorben erſchienen. Nur vor einem ſtattlichen Hauſe in einer der Hauptſtraßen ſtanden zwei Burſchen, dicht in Mäntel gehüllt, die weiten Kappen tief über die Stirn herabgezogen; ſie ſchienen allein dem wilden Spiel des Elements Trotz bieten zu wollen. „Eine ſchöne Miſſion das“, brummte der eine, in⸗ dem er ſich den Schnee abſchüttelte.„Die Excellenz hat gut anſchaffen; ſie ſieht aus der warmen Stube auf uns herunter und lacht uns aus.“ „Zum Glück wird's nicht mehr lange dauern“, er⸗ widerte der andere.„Ich habe mich vorhin in den Hof hineingeſchlichen und habe geſehen, daß der Reiſe⸗ wagen ſchon herausgeſchoben iſt, hoch aufgepackt, wie wenn Jemand eine weite Reiſe vorhat. Horch! Da klappert etwas wie Hufeiſen auf dem Pflaſter. Richtig, der Kutſcher führt ſchon die Pferde heraus. Nun wird's gleich fortgehen, denk' ich.“ Der Burſche hatte ganz richtig bemerkt. Nach we⸗ nigen Augenblicken kam ein Knecht aus dem Hauſe, ———,——— ———— — 167 ſchlug die Thorflügel auseinander, und ein ſeattlicher, wohlbepackter Reiſewagen rollte durch das Einfahrts⸗ thor hinaus. „Das geht ja prächtig“, ſagte der erſte Burſche. „Dort von dem Prellſtein kann ich mich wohl hinten auf die Bagage hinaufſchwingen, daß ſie von dem blinden Paſſagier ſo geſchwind nichts merken. Haſt Du geſorgt, daß der Wagen zum Nachfahren in Be⸗ reitſchaft iſt?“ „Gewiß, er paßt ſchon dort an der Ecke.“ „So ſei auf der Hut und fahre hinter uns drein, daß die Räder wegfliegen.“ Ein heftiger Windſtoß wehte dem Kutſcher beim Herausfahren den Mantel empor, daß er, bloß mit ſich ſelbſt beſchäftigt, von dem, was hinter dem Wagen vor⸗ ging, nichts bemerken konnte. Der Knecht aber ließ krachend das Thor zufallen und machte ſich in aller Eile und ohne ſich umzublicken vor dem Unwetter davon. Niemand gewahrte die alte Frau, welche in einfacher bürgerlicher Tracht mit einem jüngern Mädchen, das ähnlich gekleidet war, aus dem Hauſe trat und bald in dem Schneewehen verſchwand. Ohne ein Wort zu verlieren, gingen beide die Straße entlang, bis ſie an eins der Seitenthore kamen. Unmittelbar daneben befand ſich eine geringe Schenke, 168 wo unter einem offenen gedeckten Schuppen ein leichtes ländliches Fuhrwerk ſtand; ein Bauerburſche war em⸗ ſig beſchäftigt, es zur Fahrt herzurichten. „Da ſind wir, Hans“, ſagte die ältere Frau.„Nun ſpute Dich, daß wir weiter kommen!“ „Wir könnten wohl das Unwetter abwarten, Frau“, ſagte der Burſche.„Weil's gar ſo arg thut, wird's hoffentlich nicht lange dauern. Es iſt mir nur um meine Braunen zu thun. Bei ſolchem Wetter und 1 4 * gegen den Wind laufen ſie ſich gar zu leicht heiß und können dann verſchlagen.“ „Es geht nicht, Hans“, ſagte die Frau.„Wir müſſen fort. Mein Alter wartet, und wir haben drei.—* 4 tüchtige Stunden zu fahren. Es wird ohnehin Nacht, bis wir heimkommen, und wenn das Wetter nicht mehr lange anhält, wie Du meinſt, ſo wird's Deinen Braunen nicht viel Schaden thun.— Steig' indeſſen auf. den Sitz hinauf, Baſe!“ fuhr ſie gegen ihre Begleiterin gewendet fort, während der Knecht ſeine Arbeit beendete und dann mit unwilligem Schweigen dem Stalle zu⸗ ging.„Du wirſt wohl ein bischen frieren. Du biſt es eben nicht gewohnt. Aber bei uns auf dem Lande hat.. man kein anderes Fuhrwerk.“ Die Angeredete folgte ſchweigend; ſie zog eine dicke, große Decke über Kopf und Rücken, daß ſie ganz das 169 Ausſehen einer Bäuerin hatte, welche in die Stadt zu Markte fährt. Nach wenigen Augenblicken waren ein paar raſche ländliche Pferde vorgeſpannt und das Wä⸗ gelchen ſauſte durch den Schneewirbel dahin. Es währte nicht lange, ſo kam ein ſchöner Reiſewagen mit ge⸗ ſchloſſenen und verhangenen Fenſtern vorüber; auf dem hochgethürmten Gepäck ſaß ein Burſche eng zuſammen⸗ gekauert. In der Entfernung weniger Schritte raſſelte ein leichtes Fuhrwerk nach. An einer Straßenſcheide lenkte der Reiſewagen in eine kleinere Straße ein; eil⸗ fertig folgte ihm das Fuhrwerk. Das Bauerwäglein mit den beiden Frauen rollte arglos auf der Haupt⸗ ſtraße dahin. Die Dämmerung brach ſchon ſtark herein, als in dder Ferne die Mauern und Thürme von Wildenſtein ſichtbar wurden. Der Knecht hatte Recht gehabt; es hatte bald aufgehört zu ſchneien und zu wettern, aber der Himmel war trüb und aſchgrau geblieben und am Horizont ſtand eine breite, ſchwere Wolkenwand, hinter welcher die Sonne hochroth und ſteigende Kälte ver⸗ heißend hinunterging. Die Ebene, mit makelloſer Schnee⸗ decke überzogen, flimmerte weithin; Bäume und Gebüſche am Wege begannen ſich mit Eisduft und Silbernadeln zu bekleiden; darüber ſtieg finſter und unheimlich die ſchwarze Geſteinmaſſe der Feſtung empor. Es war ſchon völlig dunkel, als der Wagen an der Zugbrücke anhielt und auf erfolgte Uleldung über dieſelbe in den Hof polterte. „So, da wären wir“, ſagts Frau Gertrud im Herab⸗ ſteigen und reichte ihrer Gefährtin die Hand, um das Gleiche zu thun.„Grüß Dich Gott, Alter! Da iſt die Baſe; kannſt ihr auch Grüßgott ſagen. Es hat ſchwer gehalten, bis die Mutter die Erlaubniß dazu gegeben hat, daß ſie uns beſuchen darf.“ „Nun, grüß' Gott, Baſe Katharine!“ ſagte der Thor⸗ wart, welcher dazu getreten war und der Angekom⸗ menen die Hand bot, in welche dieſe kräftig einſchlug, aber ſchweigend und ohne die Umhüllung, in der ſie ſteckte, zu lüften.„Es iſt mir lieb, daß Du uns end⸗ lich einmal heimſuchſt, nur ſchade, daß es auf ſo kurze Zeit iſt. Am liebſten wäre mir's, Du könnteſt ganz bei uns bleiben. Meine Alte könnte die Hülfe wohl brauchen. Aber komm zuerſt herein! Du wirſt tüchtig ausgefroren ſein in dem Hundewetter. In der Stube iſtes warm; wir wollen uns beim Ofen zuſammenſetzen und recht ausplaudern. Grüß' mir Deinen Herrn!“ ſagte er dann, indem er ſich zum Weggehen anſchickte und dem Knecht, welcher mit dem Fuhrwerk wieder fortfahren wollte, ein Geldſtück in die Hand drückte. „Ich komme ohnehin dieſer Tage ins Dorf hinunter, 171 da will ich ihm ſchon meine Dankſagung machen und meine Schuldigkeit ausrichten.“ Die Soldaten waren neugierig aus der Wachſtube getreten und ſtanden in dem matt beleuchteten Thor⸗ bogen beiſammen.„Teufel“, ſagte der eine,„die Baſe i*ſt eingewickelt, daß man kaum die Naſenſpitze ſieht. Aber ſie muß bildſauber ſein und iſt gewachſen wie ein Tannenbaum. Das iſt recht; der Beſuch kommt auch für uns gelegen. In dem Felſenneſte da iſt ohne⸗ dem kein einziges leidliches Dirnengeſicht.“ „Gott ſei Dank! So weit wär's gegangen“, rief Frau Gertrud, als ſich die Stubenthür hinter den Ein⸗ tretenden geſchloſſen hatte, und ſank erſchöpft auf den nächſten Stuhl nieder.„Das möchte ich nicht zum zweiten Male ausſtehen. Wie wir zum Thor herein ſind, ich glaube, ich hätte keinen Tropfen Blut gegeben, und das Herz hat mir geſchlagen bis in den Hals hinauf.“ „Pſt, pſt, nicht ſo laut!“ unterbrach ſie der Thorwart. „Man kann immer nicht wiſſen, ob nicht die Wände Ohren haben. Legen Sie ab, gnädige Frau, machen Sie ſich's commod und ſetzen Sie ſich hinter den Ofen.“ „Das iſt unnöthig“, ſagte Primitiva, indem ſie ihr Tuch abnahm.„Ich friere nicht, ich habe die Kälte faſt nicht empfunden. Mir iſt vielmehr heiß, als läge ich im Fieber.“ 172 „Ja, ja“, entgegnete der Thorwart,„man ſieht's Ihnen wohl an, Sie glühen über und über, wie ein Winterapfel, aber es iſt doch immer beſſer, wenn Sie ſich hinter den Ofen ſetzen. Man kann nicht wiſſen, ob nicht die Neugier noch irgend Jemand herführt. In dem Winkel aber iſt's dunkel, da kann man Sie nicht ſo ausſpeculiren, und wir haben auch die gute Ausrede, daß Sie von der Reiſe tüchtig ausgefroren ſind.“ Gertrud hatte inzwiſchen einen Stuhl in den be⸗ zeichneten Winkel gerückt und führte Primitiva dahin. „Hierher, mein Herzchen!“ ſagte ſie.„Setzen Sie ſich nieder! Ach, iſt das ein Glück, daß Sie einmal bei mir wieder einkehren! Nun hab' ich's Ihnen doch einmal zeigen können, wie lieb ich Sie habe.“ „Das wußte ich ja längſt, meine gute Gertrud“, entgegnete Primitiva,„und eben weil ich es wußte, weil ich Deine Treue kenne und auf Deine Ergeben⸗ heit für mich baue, habe ich mich in dieſer Angelegen⸗ heit an Dich gewendet und habe Dir damit mein ganzes Schickſal in die Hände gegeben. Ich wußte gewiß, daß Du meine Bitte erfüllen würdeſt, und habe die Se⸗ kunden gezählt, bis endlich heute Dein Brief mit der Nachricht eintraf; es war gerade noch zur rechten Zeit. Heute noch muß geſchehen, was wir vorhaben. Morgen iſt's vielleicht ſchon zu ſpät.“ 173 „Heute noch?“ ſagte der Thorwart nachdenklich und legte überlegend den Finger an die Naſe.„Na meinet⸗ wegen; von mir aus iſt Alles vorbereitet.“ „Braver Mann!“ rief Primitiva, ſeine Hand er⸗ greifend.„Wie ſoll ich Ihnen danken, daß Sie mein Vorhaben unterſtützen— was ſage ich!— daß Sie es ausführen, denn ohne Ihre Hülfe, was wäre ich im Stande zu unternehmen?“ „Danken?“ ſagte der Thorwart lachend.„Warum nicht gar, gnädige Frau! So was dankt ſich von ſelbſt. Aber lieb iſt es mir doch um meiner Alten willen, weil ſie immer ſo ſehr dawider war, daß ich den Po⸗ ſten angenommen habe. Nun muß ſie doch einge⸗ ſtehen, wie gut es war, daß ich es gethan habe. Wie könnte ich ſonſt einem braven und redlichen Manne aus der Noth helfen? Wie könnte ich Ihnen dienen, gnädige Frau, und wie könnte ich, was mir auch ge⸗ rade nicht zuwider iſt, dem Commandanten eine Suppe einbrocken, an der er tüchtig zu ſchlucken haben ſoll? Aber er hat's redlich verdient an mir und an Andern. Geht er doch mit den Leuten um, nicht wie mit Men⸗ ſchen, ſondern wie mit Hunden.“ „Schön, mein Freund“, ſagte Primativa.„Es ſoll auch Ihr Schade nicht ſein. Ich will Sie fürſtlich be⸗ lohnen und für Ihre ganze Zukunft ſorgen. Ich ver⸗ 174 laſſe dieſes Land; es ſteht bei Ihnen und Ihrer Frau, ob Sie mich begleiten und für immer bei mir bleiben wollen.“ „Nein, gnädige Frau“, erwiderte der Thorwart nach einigem Beſinnen.„Wenn ich es denn doch ſagen muß, das kann nicht ſein, das würde zu viel Verdacht er⸗ wecken und am Ende auf die Spur führen. Es muß durchaus den Anſchein haben, als ob ich gar nicht die Hand im Spiel gehabt. Man muß es gar nicht für möglich halten, daß ich etwas davon weiß. Sieh nach dem Eſſen, Alte!“ rief er der Frau zu.„Ich will in⸗ deſſen der gnädigen Frau erzählen, wie ich mir's aus⸗ gedacht habe.“ „Nun denn, wenn Sie mich nicht begleiten wollen“, ſagte Primitiva, während der Thorwart ſich neben ſie ſetzte und die Frau in der anſtoßenden Küchenthür ver⸗ ſchwand,„ſo werde ich ſonſt für Ihre Zukunft ſorgen. Ich habe es ſo eingeleitet, daß meine gute Gertrud als meine Pflegerin und Erzieherin aus dem Nachlaß meines Vaters ein ſchönes! Gütchen in meinem heimiſchen Dorfe erhält.“ „Das nehme ich an“, ſagte der Thorwart freudig. „Darnach greife ich mit beiden Händen. Ich habe mir mein Lebtag nichts Anderes gewünſcht, als meine alten Tage ohne Sorge zubringen zu können, und ohne daß 175 ich irgend einem Menſchen noch den gehorſamen Diener machen muß. Wenn Alles glücklich vorüber iſt, will ich noch ein paar Monate auf meinem Poſten bleiben, dann werde ich krank und immer kränker, bis man ſieht, daß ich den Dienſt nicht mehr verſehen kann, und mir in Ehren den Abſchied gibt; dann ſetze ich mich auf das Gütchen und will mir's noch einmal wohl werden laſſen in meinen alten Tagen! Hören Sie alſo! Die Feſtung, die ich jetzt in⸗ und auswendig kenne, wie meine Rocktaſche, iſt ein wahres Neſt des Teufels; er könnte ſie ſelber nicht pfiffiger gebaut haben, um ja keine arme Seele entwiſchen zu laſſen, die er einmal gekapert! Und doch bin ich hinter etwas gekommen, was vielleicht Niemand weiß als ich. Im unterſten Gewölbe iſt ein Brunnen, tief in den Felſen gehauen; das iſt für die Zeit, wenn die Feſtung etwa belagert wäre und könnte von außen kein Waſſer bekommen. Ich habe mir das Gewölbe näher betrachtet; da habe ich neben dem Brunnen eine Platte bemerkt, die mir locker ſchien. Darauf bin ich einmal des Nachts hinunter, habe es genauer unterſucht und habe gefunden, daß nicht weit von dem Brunnen eine Stiege in den Stein gehauen iſt. Von der führt ein Gang unter dem Moor fort bis in den Wald, durch den die Landſtraße geht. Dort, in einem Dickicht, zwiſchen uralten Bäumen und 176 Felstrümmern, geht's wieder an das Tageslicht heraus. Da will ich den Herrn hinausführen. Von dort kann er leicht in einer halben Viertelſtunde ins nächſte Dorf kommen, ein Fuhrwerk nehmen und zur nächſten Bahn⸗ ſtation fahren. Ich aber mache hinter ihm wieder Alles zu, wie es war, und verſchließe die Thüren und das Brunnengewölbe. Dann kann kein Menſch Verdacht auf mich werfen und ſie haben auch keine Spur, die ſie bei der Verfolgung leiten könnte. Sie freilich müſſen noch ein paar Tage bei uns aushalten, damit es nicht auffällt, dann bringt meine Alte Sie wieder fort, wie wir Sie hereingebracht haben. Horch!“ unterbrach er ſich plötzlich und dämpfte die Stimme zum Flüſtern. „Es kommt Jemand.“ Auf dem Gange wurden die abgemeſſenen, ſchweren Tritte von Bewaffneten hörbar. „Was iſt das?“ flüſterte Primitiva erſchrocken, während die Frau des Thorwarts ängſtlich aus der Küche hereinblickte, wo man das Feuer auf dem Herde emporlodern ſah. Jetzt ſtießen Gewehre klirrend auf den Pflaſterboden, die Thür ging auf und halb auf der Schwelle rief ein bärtiger Unteroffizier laut herein:„Auf Befehl Seiner Excellenz des Herrn Com⸗ mandanten ſollen ſämmtliche Schlüſſel an mich ab⸗ geliefert und morgen mit dem Tagsappell beim 177 Herrn Commandanten wieder in Empfang genommen werden!“ „So?“ entgegnete der Thorwart gleichgültig, indem er in vollſter Unbefangenheit, über Primitiva hinweg⸗ langend und ſie dadurch verdeckend, die Schlüſſel von der Wand nahm.„Das iſt mir recht, daß mir der Herr Commandant die Sorge abnimmt, hab' ich doch dann auch wieder einmal eine ruhige Nacht.“ Der Unteroffizier ging.„Mein Gott, welches Un⸗ glück!“ rief Primitiva leiſe.„Der Commandant ſchein Verdacht geſchöpft zu haben. Nun iſt wohl Alles un⸗ möglich! Wie ſollen wir nun in die unterirdiſchen Gänge gelangen?“ „Haben Sie keine Sorge!“ entgegnete der Thorwart mit liſtigem Lachen.„Seit dem letzten Fluchtverſuche hat ſich der Herr Commandant das ſo in den Kopf geſetzt und läßt öfters unvermuthet alle Schlüſſel holen. Das iſt nichts Beſonderes und ſtört uns auch nicht. Ich habe das ſchon vorbedacht und habe mir deshalb die Schlüſſel, die wir brauchen, alle in Wachs abge⸗ drückt. Ich habe in meinen jüngern Jahren auch am Ambos geſtanden und habe mir daher am Herdfeuer ſolche Dinger zuſammengehämmert, die freilich nicht recht wie Schlüſſel ausſehen, aber doch den Dienſt genau thun wie ſolche.“ Schmid, Mütze und Krone. V. 12 178 Trommelwirbel, durch die Entfernung und durch die dicken Mauern gedämpft, erſcholl in das ſtille Gemach. „Sie trommeln zum Abendgebet“, ſagte der Thorwart. „Jetzt geht Alles zur Ruhe. Ein Viertelſtündchen noch, wenn Alles ruhig bleibt, dann gehen wir an unſer Ge⸗ ſchäft. Ich will indeſſen herrichten, was nöthig iſt.“ Schweigend kramte er unter ſeinen Geräthſchaften und ſuchte eine Blendlaterne und verſchiedenes Eiſenwerkzeug hervor, ſchweigend ſah Primitiva vor ſich hin in das halbdunkle Gemach, ſchweigend ſaß die Frau am Herde. Sie hatten alle das Kochen und die Speiſen vergeſſen und erwarteten in ſtiller Sammlung den entſcheidenden Augenblick. „Jetzt wird es Zeit ſein“, ſagte der Thorwart nach einer Weile.„In Gottes Namen! Verriegle die Thür, Alte, und bete ein Vaterunſer, daß wir glücklich wiederkommen!“ Mit tonloſen Geiſterſchritten glitten die beiden Ge⸗ ſtalten durch den Gang und verſchwanden in der Tiefe der Wendeltreppe. Sie mochten etwa die Hälfte hin⸗ abgeſtiegen ſein, als der Thorwart überraſcht innehielt und Primitiva's Hand faßte, als wolle er ſie auffor⸗ dern, ſtill zu ſein und zu horchen. Das Geräuſch einer Feile, welche eine Eiſenſtange zu bearbeiten ſchien, er⸗ tönte deutlich durch die Stille. „Alle Teufel!“ flüſterte der Thorwart.„Was gibt's — 179 hier? Das raspelt ja wie eine Feile. Sollte einer der Gefangenen ſich ſelbſt befreien? Bleiben Sie ruhig hier! Ich will mich behutſam vorwärts ſchleichen. Ich habe Augen wie eine Katze, die auch im Dunkeln ſieht. Der Kerl macht ſich's ganz bequem und hat ſogar Licht“, ſagte er, als er die Stufen hinabgeſchlichen war.„Aber was iſt denn das? Der arbeitet ja an dem nämlichen Gefängniß herum, zu welchem auch wir wollen! Halt, Kerl!“ rief er plötzlich vorſpringend, indem er die Laterne in die Höhe hob und zugleich mit dem Hammer zu einem wuchtigen Streiche aus⸗ holte.„Was machſt Du da? Iſt das nicht der neue Knecht droben aus dem Stall?“ Mit dem erſten Laute war das Licht des Arbeitenden erloſchen, aber die Laterne des Thorwarts warf ihren Schein auf ihn. Es war der alte Windreuter, der eine Eiſenſtange zur Abwehr hoch über dem Kopf geſchwungen hielt.„Zurück, Thorwart“, rief er,„oder Dein Schädel macht mit meiner Eiſenſtange Bekanntſchaft!“ „Oho“, entgegnete der Thorwart,„da müſſen wir erſt ſehen, wer des Andern Meiſter wird. Was willſt Du hier?“ „Das ſiehſt Du wohl“, war die Antwort,„daß ich den Käfig da durchfeile und den Vogel herauslaſſen will, der drinnen ſitzt!“ 12* 180 „Um Gotteswillen, haltet ein!“ rief Primitiva her⸗ beieilend und zwiſchen die Beiden tretend, die ſich drohend gegenüber ſtanden.„Wir ſind in der gleichen Abſicht hier. Wer ſeid Ihr?“ „Wer ich bin?“ antwortete Windreuter.„Daran iſt wohl nichts gelegen. Aber ein Freund von dem Profeſſor, der da drinnen ſitzt, der hat ein Leben an mich zu fordern, und dafür hat er von mir verlangt, daß ich den Gefangenen befreien ſoll. Ich hab' es ihm verſprochen, und ich will's halten. Wenn Sie daſſelbe im Sinn haben, dann iſt's deſto beſſer, dann können wir's mit einander machen.“ „Meinetwegen“ ſagte der Thorwart.„Dadurch be⸗ kommt es noch mehr den Anſchein, daß der Ausbruch mit Gewalt geſchehen iſt und daß er durch Euch aus⸗ geführt wurde. Dann fällt auf mich und auf den Weg, den wir machen, gar kein Argwohn. Das paßt in unſern Kram. Ihr ſeid ſchon bald durch, wie ich ſehe.“ Es währte nicht lange, ſo waren die Eiſenſtangen an der Kerkerthür durchfeilt, dieſelbe ging auf und Friedrich ward ſichtbar, mitten in ſeiner Zelle ſtehend und voll Spannung, was das Geräuſch zu bedeuten habe, das bereits ſeit geraumer Zeit zu ihm gedrungen. Jetzt fiel das Licht auf ſeine Geſtalt. „Holla“, rief Windreuter,„da wären wir durch! —— 181 Heraus, Herr Profeſſor! Folgen Sie uns! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Wohin ſoll ich folgen? entgegnete Führer.„Wer ſeid Ihr?“ „Zum Reden iſt keine Zeit“, rief der Thorwart da⸗ zwiſchen.„Kommen Sie nur heraus! Was es be⸗ deutet, das ſehen Sie doch und müſſen erkennen, daß wir nichts Böſes mit Ihnen im Sinne haben.“ „Und wenn Sie doch Zweifel haben“, ſagte Wind⸗ reuter,„ſo nehmen Sie den Zettel da und leſen Sie!“ Führer entfaltete das Blatt.„Von Riedl“, rief er. „Der Redliche! Er hat alſo meiner nicht vergeſſen!“ „Nein“, ſagte Windreuter.„Für wen der ſich einmal intereſſirt, den vergißt er nicht wieder, das weiß ich am beſten! Aber beeilen Sie ſich! Wir haben wirklich keine Minute zu verlieren. Drüben über dem Moor, wo es in den Steinbruch hineingeht, wartet er auf Sie mit dem Fuhrwerk. Dann geht's über die Grenze und auf der Eiſenbahn fort bis ans Meer. Ich gehe mit Ihnen, Herr, auch noch über das Meer, bis nach Amerika.“ „Folge dem, der dies bringt!“ las Führer.„Ich erwarte Dich. Impavidum ferient ruinae.“—„Er hat ganz Recht, aber ſeine Worte machen auf mich einen ganz andern Eindruck, als er denkt. Ich 182 will nicht vor dem Einſturz weichen, der mir droht. Ich bleibe und will ihm furchtlos entgegentreten.“ „Nicht möglich, Herr!“ rief der Thorwart.„Sie haben gewiß ſchon gehört, daß das Urtheil über Sie gefällt iſt. Vielleicht heute Nacht kann der Befehl kommen, und vielleicht ſchon morgen in der Frühe führt man Sie auf den Wall hinaus und ſchießt Ihnen zwölf Kugeln in den Leib.“ „Das wird nicht geſchehen“, ſagte Friedrich.„Das ſind bloße Schreckbilder, die mich nicht irre machen! Ich habe mir Alles wohl überdacht. Das wäre offen⸗ barer Mord, und ſolchen zu begehen wird man ſich ſcheuen. Ich will nicht den Schein auf mich laden, als fürchte ich mich vor ſolchen Geſpenſtern. Nehmt meinen Dank für Euren guten Willen, bringt ihn auch dem treueſten der Freunde, aber ſagt ihm, daß ich bleibe!“ „Aber in des Teufels Namen, Herr“, rief Wind⸗ reuter ungeduldig,„glauben Sie denn, es handelt ſich um Sie allein? Wenn Sie ſich auch aus dem Er⸗ ſchießen nichts machen, was ſoll denn aus uns wer⸗ den? Sollen wir uns Ihretwegen für nichts und wieder nichts zu Grunde gerichtet haben? Ich habe mich Ihretwegen in die Feſtung als Pferdeknecht ein⸗ geſchlichen— ich muß mit Ihnen hinaus oder ich bin 183 entdeckt und es geht mir zwiefach an den Kragen! Soll das der Dank ſein für all unſere Mühe und An⸗ hänglichkeit?“ „Friedrich“, rief jetzt Primitiva, die bisher im Dunkel geſtanden, indem ſie auf die Schwelle trat,„werden Sie ſich noch weigern, wenn auch ich Sie bitte, zu fliehen?“ „Primitiva!“ rief Friedrich außer ſich, indem er die Hände auf der Bruſt zuſammenpreßte und dann weit nach ihr ausbreitete, als wolle er auf ſie zueilen und ſie in ſeine Arme ſchließen. Nach den erſten Schritten jedoch ſtand er ſtill, ließ die Arme ſinken und ſtammelte: Sie hier, gnädige Frau? Sind Sie es denn wirklich?“ „Jau, entgegnete Primitiva.„Auch ich bin hier, um Sie zu retten. Die Gefahr, von der Sie hören, iſt kein Hirngeſpinnſt, das Bluturtheil ſchwebt wirklich über Ihrem Haupte. Glauben Sie mir, ich habe die Sentenz geſehen und nur durch einen Zufall deren Unter⸗ zeichnung vereitelt, aber in dieſem Augenblick iſt meine Liſt vielleicht ſchon entdeckt, man wird eilen, den da⸗ durch gewonnenen Vorſprung wieder einzuholen, wir haben vielleicht nur noch dieſe Stunde, dann iſt jede Rettung ausgeſchloſſen! O folgen Sie mir und opfern Sie nicht einer thörichten Grille ein Leben, das noch lange nicht abgeſchloſſen iſt, dem ſich ein ſchöner, weiter 184 Wirkungskreis öffnen kann. Kommen Sie! Bei Allem, was uns verbindet, bei den Idealen und Träumen unſerer Jugendzeit beſchwöre ich Sie, zum Beweiſe, daß Ihnen jene Zeit unvergeſſen iſt, daß ſie Ihnen jemals werth war, fordere ich von Ihnen, folgen Sie uns, und meine Hand laſſen Sie es ſein, die Sie aus dem Kerker führt!“ Sie ergriff ſeine Hand, er widerſtrebte nicht mehr. „Jetzt raſch!“ rief der Thorwart.„Zetzt gilt's, das Schloß an der Thür zum Kanalgewölbe wegzuſchlagen, denn es muß ausſehen, als wenn wir da hinaus wären! Ueber dem Kanal müſſen auch ein paar Steine aus⸗ gebrochen werden, damit es natürlicher ausſieht. Dann ſoll's weiter gehen!“ In wenig Augenblicken war das gethan. Schweigend, behutſam, angehaltenen Athems durchſchritt der Zug den höher anſteigenden Gang, bis ſie an einer ſchweren Eiſenthür ankamen. „Jetzt um Gotteswillen ſtill!“ flüſterte der Thor⸗ wart.„Jetzt ſtehen wir an dem Winkel im Sternwall neben der Kapelle, wo die eingeſcharrt werden, die ſo glücklich ſind, innerhalb dieſer Feſtung zu ſterben; gegen⸗ über iſt das Thor zum Brunnengewölbe. Ich will voran und will es öffnen. Dann ſoll eins nach dem andern nachhuſchen, und der liebe Gott gebe den Schild⸗ — 8 185 wachen einen feſten Schlaf und ein dickes Trommelfell, ſonſt ſind wir alle verloren!“ Mit hochklopfendem Herzen ſtanden alle; geräuſchlos öffnete ſich das Eiſenthor, kalte Schneeluft wehte herein und die halbe Helle einer klaren Winternacht drang den Wartenden entgegen. Der Thorwart ſchlich an der Mauer hin zu einem Thor, das gegenüber ſich zeigte und von dem er den Querbalken abnahm, mit dem es verwahrt war. Lautlos ſchritt eins nach dem andern den Spuren des Thorwarts nach, ſchon ſtanden ſie dem Eingang nahe, da erhob ſich im Winkel des Gemäuers eine kleine, nieder⸗ gekauerte Geſtalt und eine jugendliche Stimme rief laut: „Halt! Was gibt es da? Da will Jemand entfliehen!“ Es war Richard, in das neu empfangene Gewand eines Tambours gekleidet. „Verdammter Bube“, rief der Thorwart,„wie kommſt Du hierher? Aus dem Wege! Schweig' und verrath' uns nicht!“ „Warum nicht?“ rief Richard.„Ich will Euch ver⸗ rathen. Niemand ſoll hinauskommen aus der Feſtung! Meine arme Nutter iſt auch nicht hinausgekommen. Heda! Holla! Wache!“ „Kerl, ich erwürge Dich, wenn Du nicht ſchweigſt“, rief Windreuter und hatte mit einem Sprunge den Knaben an der Gurgel gefaßt. „Unglücklicher, Du verdirbſt uns alle“, ſagte Führer hinzutretend; der Schein von des Thorwarts Laterne fiel auf ſein Geſicht. „Was? Sie ſind's, Herr Profeſſor?“ rief Richard ſich losmachend.„Sie wollen fort? Gehen Sie nur, Sie halt' ich nicht auf, Sie ſind ein braver Mann, ein guter Mann, an Ihrem Unglück will ich nicht ſchuld ſein. Die Frau Räthin hat meiner armen Mutter viel Gutes gethan und Sie, Sie wiſſen es wohl nicht mehr, aber ich habe es nicht vergeſſen, wie ich einmal zu Ihnen gekommen bin, da haben Sie mir von den ſchönen rothen Aepfeln gegeben, die auf Ihrem Kaſten lagen. Das pvergeſſ' jich Ihnen nicht, Herr Profeſſor! Machen Sie, daß Sie fortkommen! Ich habe Sie nicht geſehen!“ „Ich erkenne Dich wieder“, rief Führer.„Komm' mit mir! Ich werde für Dich ſorgen.“ „Nein“, ſagte der Knabe, nich muß hier bleiben. Dort in dem Winkel haben ſie meine gute Mutter ein⸗ geſcharrt. Ich bin aus meiner Schlafkammer ge⸗ ſtiegen, um für ſie zu beten, weil ſie mich bei Tag nicht herüberlaſſen und mich immer auslachen. Aber ich will allen zum Trotz ein ordentlicher Menſch werden und ein braver Soldat; ich will meiner Mutter im Grabe noch Ehre machen, daß ſie ſich über mich freuen ——y 187 kann, und ſolange es ſein kann, geh' ich nicht von ihrem Grabe weg.“ „Fort!“ drängte der Thorwart wieder.„Die Se⸗ kunden eilen. Glücklicherweiſe ſcheint Niemand das Rufen gehört zu haben.“ „Eilen Sie!“ ſagte Richard.„Ich will indeſſen hier bleiben und den Schnee auspeitſchen, daß man die Spuren von den Fußtritten nicht ſieht.“ Sie traten in das Gewölbe. Raſch waren die Steine neben dem Brunnenſchachte gehoben; einige Stu⸗ fen führten abwärts in einen finſtern Gang. „Hier geht's hinein, Herr Profeſſor“, ſagte der Thor⸗ wart.„Da haben Sie Fackeln! Gehen Sie nur getroſt voran! Sie können nicht irre gehen. In einer Viertel⸗ ſtunde ſind Sie im Freien.“ „So leben Sie wohl, Primitiva!“ ſagte Friedrich, indem er ihr die Hand bot und ihr tief in die Augen ſah. „Ich danke Ihnen meine Zukunft; ſoll dieſer Dank zuſam⸗ mengedrängt bleiben in den einen flüchtigen Augenblick?“ „Nein“, erwiderte ſie flüchtig.„Ich ſcheide noch nicht von Ihnen. Sobald es mir gelungen iſt, aus der Feſtung zu kommen, eile ich Ihnen nach, an der Küſte treffen wir uns wieder. Ich will gewiß wiſſen, daß Sie vollſtändig gerettet ſind, und will feierlich und förmlich von Ihnen Abſchied nehmen.“ 188 Führer verſchwand mit Windreuter in der Tiefe, die ſich finſter über ihnen ſchloß. Der Thorwart und Primitiva verriegelten das Gewölbe und kehrten über die Sternwallecke in das Gefängniß zurück. Auch das Eiſenthor legte ſich wieder in ſeine Angeln. Kein Laut war hörbar geworden, nichts regte ſich; im Winkel des Walles, auf einem unförmlich aufgeſchütteten Hügel kniete der kleine Tambour und betete. Viertes Kapitel. Freund und Feind. Einige Tage ſpäter herrſchte lebhaftes, lärmendes Drängen in dem Hafen einer nördlichen deutſchen See⸗ ſtadt. Ein großes Segelſchiff ſollte vor dem vollen Hereinbrechen des Winters die letzte Fahrt in die neue Welt unternehmen. Mannſchaft und Reiſende hatten Gepäck und Habſeligkeiten ſchon längſt an Bord ge⸗ bracht und eilten nun von allen Seiten der Hafen⸗ mauer zu, von der mächtige Steinſtufen zu den Booten hinunterführten, welche die Paſſagiere nach dem Schiffe bringen ſollten, das in einiger Entfernung auf den grünen, weißgekrönten Wellen leicht ſchwankte, die hier und da einzeln von der hohen See in den Hafenraum eindrangen, an die Schiffswände ſchlugen und klatſchend 190 an den rieſigen Quadern des Dammes emporſpritzten. Ueber den Hafen hinaus war die See in friſcher, ma⸗ jeſtätiſcer Bewegung; noch war ſie nicht furchtbar, aber mit finſterem Ernſt rollten die wechſelnden Wellen⸗ hügel heran und ſchon in der Entfernung von einigen Schußweiten ſenkte ſich ein graues Gewölk herab, als ob die Waſſer des Himmels mit denen der Erde zu⸗ ſammenfließen wollten. Auf dem dunkeln Wolken⸗ grunde aber blitzten hier und da die weißen Flügel von raſch niederſchießenden Möven, denen die bewegte Luft weit mehr behagte als den Reiſenden, die, der See ungewohnt, ſich davon einen nicht eben angeneh⸗ men Anfang ihrer Fahrt verſprachen. Auf dem Damme, zunächſt an den Stufen, hatte ſich eine Familie auf ein paar einfachen Holzkiſten ge⸗ lagert. Sie war ſpäter gekommen als die Uebrigen, und eben tanzte unter den kräftigen Ruderzügen von vier Matroſen das Boot heran, das ſie an Bord bringen ſollte. Es war Meiſter Rempelmann, der Schuſter, mit den Seinigen. Der Mann hatte eben den Verſchluß der Kiſten noch einmal vorſichtig geprüft und ſtand jetzt nach⸗ denklich dem Boote entgegenſchauend, neben ihm, an ſeinen Rock ſich anklammernd, ſein Knabe mit Augen 191 voll furchtſamer Neugier. Die Frau ſaß auf den Kiſten, in Schooß und Arm das kleinere Mädchen haltend, welches ſein Geſicht, um dem Anblick des Meeres zu entgehen, an ihrer Bruſt verſteckt hatte und darüber eingeſchlafen war. Der Wind ſpielte mit den Haaren der Frau, die an einer Schläfe losgegangen waren. Sie bemerkte es nicht und ſtarrte unbeweglich in die weite graue See mit Augen, ſo trüb und naß, als ob ſich das Bild derſelben darin ſpiegelte. „Siehſt Du“, ſagte der Meiſter zum Buben,„das große Schiff dort mit der roth⸗ und weißgeſtreiften Fahne und mit den Sternen darüber? Das iſt das Schiff, auf dem wir in die neue Welt fahren.“ „Wo iſt denn die neue Welt, Vater?“ fragte der Bube.„Ich ſehe ſie ja nicht.“ „Dort über dem großen Waſſer“, antwortete Rempel⸗ mann.„Wir müſſen drei Wochen lang Tag und Nacht fahren; dann ſind wir erſt dort.“ „Vater, ich fürchte mich vor dem großen Waſſer“, ſagte der Knabe, ſeine Hand feſter faſſend und ſich an ihn drängend.„Bleiben wir lieber da! Warum gehen wir denn in die neue Welt?“ Der Meiſter verſuchte über die Rede des Knaben zu lächeln, aber es gelang ihm ſchlecht; denn ſein Blick traf die Frau, in deren umflorten Augen die 192 nämliche Frage ſtumm zu leſen war.„Warum wir in die neue Welt gehen?“ ſagte er nach kurzem Inne⸗ halten und wie zur Antwort für beide.„Das will ich Dir einmal ausführlich ſagen, wenn Du ein paar Schuh größer geworden biſt und Dein erſtes Paar Stiefel vom Leiſten nimmſt. Dann erſt wirſt Du's begreifen. Wir gehen in die neue Welt, weil ich Dein Vater bin und weil ich nicht haben will, daß einer einmal die Achſeln zucken kann, wenn Du von mir redeſt. Und wir gehen auch, weil mir die alte Welt verleidet iſt. Ich hatte gemeint, wenn ich wieder frei wäre, würde ich vergeſſen können, was geſchehen iſt, aber ich kann es nicht. So luſtig ich mich wieder über die Arbeit hergemacht habe, es war mir immer, als ob einer hinter mir ſtünde und mir über die Achſeln hereinſähe und heimlich zurief: Du plagſt Dich doch umſonſt; den Schandfleck bringſt Du doch nicht mehr von Dir. Da hat mich die Arbeit nicht mehr gefreut, und wenn ich nicht fort wär', ich glaub', ich wär' ein Lump geworden. Drüben aber, da ſoll's wieder ſo flink gehen wie ſonſt. Für uns iſt's ja keine neue Welt, weil wir die alte mit hinübernehmen! Wir bleiben ja bei einander, nicht wahr, Grete?“ Er faßte ſie mit der Hand am Kinn und wiſchte ihr ein paar große Thrä⸗ nen ab, die ihr über die Backen liefen.„Nicht wahr, 193 Alte“, fuhr er dann fort,„oder fürchteſt Du Dich auch vor dem großen Waſſer?“ „Lach' mich nicht aus, Mann!“ erwiderte die Frau mit einem Seufzer.„Ja, ich fürchte mich. Es kommt mir ſchrecklich vor, daß ich drei Wochen lang mich ſo zwiſchen Himmel und Waſſer hintreiben laſſen ſoll, wo wir nichts unter uns haben als ein paar dünne Breter, und unter denen iſt der Abgrund. Ich darf gar nicht daran denken! Aber Du willſt es ſo; Du biſt der Mann. Wo Du biſt und meine Kinder, da iſt meine ganze Welt, die alte und die neue dazu.“ „Recht ſo, Grete!“ ſagte Rempelmann herzlich. „Soll Dich auch nicht reuen! Ich will drüben bald wieder ein tüchtiges Geſchäft auf dem Strumpfe haben. Es heißt ja, wer arbeiten kann und will, der lebt in Amerika wie der Vogel im Hanfſamen; darauf läßt ſich Meiſter Rempelmann finden; alſo kann's uns nicht fehlen. Und wenn's uns ſchwer ankäme, dann muß man's machen wie allemal im Leben: wenn man mit ſeinem eigenen Loos zufrieden ſein will, muß man an ſolche Leute denken, denen es noch viel ſchlechter und trauriger geht, und dann iſt man immer gleich wieder mit dem zufrieden, was man hat! Wir gehen doch frei und ungehindert und freiwillig fort, und kein Menſch kann uns was anhaben. Nicht alle haben's Schmid, Mütze und Krone. V 13 194 ſo gut und Mancher muß ſich wegſtehlen wie ein Dieb bei der Nacht und hat kein Handwerk gelernt, auf das er ſich in der neuen Welt ſo gut verlaſſen kann wie ich auf meine Schuſterei. Da guck' einmal die Straße hinunter, dort gegen die Stadt hin, zwiſchen den Land⸗ häuſern und Gärten! Siehſt Du den Herrn, der da herankommt? Er kommt mir mit ſammt ſeinem Be⸗ dienten ſo bekannt vor, als hätt' ich ihn ſchon oft ge⸗ ſehen, und ich weiß doch nicht recht, wo ich ihn hin⸗ thun ſoll. Das, glaub' ich, iſt einer, mit dem's nicht recht richtig iſt. Er fährt mit uns auf unſerem Schiff; da werden wir wohl Zeit haben, dahinterzukommen. Jetzt aber wollen wir gehen und ihm nicht in den Weg kommen; man muß unglücklichen Leuten nicht aufdringlich ſein.“ „Ahoi! Wie lange ſoll's noch dauern?“ rief eine derbe Stimme die Stufen herauf, und ein ſchwerer eiſerner Bootshaken an einer langen Stange ſchlug auf das Steinpflaſter nieder, daß die Funken davon ſprüh⸗ ten und der Knabe erſchreckt beiſeite ſprang.„Wenn Ihr Paſſagiere ſeid, die mitwollen nach New⸗York, ſo ſputet Euch! Die Fair⸗Helen hat ſchon klar gemacht und wird nicht lange auf Euch warten.“ Eilfertig ſtiegen der Meiſter und die Seinigen die Treppe hinab, während die Matroſen das Gepäck hinunterſchafften. 195 „So“, rief der Meiſter,„ich ſetze mich in die Mitte, Du, Grete, mit dem Mädel links und Du, Kleiner, rechts! Habt keine Furcht und haltet Euch nur feſt an mich an! Dann thut Euch das bischen Schalkkeln von den Wellen nichts zu Leide.“ Der Schuſter war nicht der Einzige geweſen, welcher die auf der Straße Herankommenden bemerkt hatte. Seit geraumer Zeit bereits ſchritten auf dem Hafen⸗ damme zwei Männer hin und wieder, denen ſelbſt der etwas unangenehme Seewind den luftigen Spaziergang nicht zu verleiden ſchien. Sie waren in ein eifriges und angelegenes Geſpräch vertieft. Dennoch fanden ſie von Zeit zu Zeit Muße genug, den Weg nach dem Hafen zu überblicken, daß es wohl keinem Menſchen gelungen wäre, auf demſelben unbemerkt heranzukom⸗ men. Wären nicht alle, die zum Hafen eilten, mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigt geweſen, ſo hätte es dem einen oder andern kaum entgehen können, daß an der Hafenecke, wo der Strand längs einer Gartenmauer hinlief, über welche laubloſe Bäume her⸗ überſahen, ſich von Zeit zu Zeit die Gartenthür halb öffnete und in derſelben einige Männer ſichtbar wurden, welche unverkennbar zu den beiden Spaziergängern ge⸗ hörten und nur ein Zeichen abzuwarten ſchienen, um zu ihnen zu ſtoßen. Jetzt waren die Beiden wie zu⸗ 13* 196 fällig an der innern Ecke der Dammtreppe angelangt. Der Matroſe, welcher mit dem Boote eben abſtoßen wollte, gewahrte ſie.„Ahoi!“ rief er.„An Bord, was noch mit der Fair⸗Helen in See will! In einer halben Stunde geht's dahin.“ „Wir wollen allerdings noch auf die Fair⸗Helen“, ſagte der eine der Männer,„aber Ihr müßt warten; wir haben noch Geſchäfte.“ „Hat ſich was zu warten“, lachte der Matroſe. „Kapitän Wulſter wird gleich bereit ſein, ein paar Stunden todt zu liegen! Da gelten keine Geſchäfte, Herr, wenn einmal der Anker aufgewunden wird. Alſo friſch herein, oder ich ſtoße ab!“ „Halt' immer noch eine Weile an, Klas!“ erwiderte der Mann.„Meine Geſchäfte gehen doch vor, und wenn Du mich nicht kennſt, ſo höre, daß mich die Po⸗ lizeiherren geſchickt haben! Ich habe noch etwas auf dem Schiffe zu beſorgen, und ehe ich nicht die Erlaub⸗ niß dazu gebe, verläßt die Fair⸗Helen den Hafen nicht.“ „Daß Dich ein Wetter erſchlage!“ brummte der Matroſe.„Der Kapitän wird nicht übel loslegen, wenn er den conträren Wind ſpürt.“ Meiſter Rempelmann aber nickte ſeinem Weibe zu, als wenn er ſagen wollte: Siehſt Du, wie gut wir's haben? Um uns kümmert ſich Niemand. — —rr— — 197 „Sie ſehen, Excellenz“, ſagte der Mann, indem er den Kragen ſeines Mantels höher hinaufzog,„daß wir Alles thun, was in unſern Kräften ſteht; aber mehr ſind wir wirklich nicht im Stande.“ „Ich werde nicht verfehlen“, entgegnete der andere Mann, der einen feinen, koſtbaren Pelz trug,„gehörigen Orts die Bereitwilligkeit des Senats gebührend her⸗ vorzuheben. Aber was Sie mir zugeſagt haben, iſt bis jetzt nur halb geſchehen. Die Wünſche meiner Re⸗ gierung ſind nicht vollſtändig erfüllt, wenn der flüch⸗ tige Verbrecher nicht feſtgenommen wird.“ „Ich bedaure“, entgegnete der Beamte,„aber Sie kennen die Anſichten des Senates. Wir ſind eine freie Stadt, welche in den meiſten Fällen Flüchtlingen aller Art eine Zufluchtsſtätte gewährt; eine Verletzung dieſer Grundſätze würde einen ungeheuren Sturm des Un⸗ willens und vielleicht ernſtliche Ruheſtörungen hervor⸗ rufen. Es iſt daher unerlaßlich, daß Sie uns eine ganz beſtimmte und unausweichliche Aufforderung Ihres Souveräns oder einen Befehl Ihrer Gerichte übermitteln.“ „Aber wozu das?“ rief der Andere.„Ich habe mich urkundlich und in jeder Weiſe als den Miniſter Seiner Durchlaucht meines gnädigſten Herzogs ausge⸗ wieſen. Setzen Sie Bedenken in mich oder zweifeln Sie an meiner Vollmacht?“ 198 „Das würde mir nicht zuſtehen“, erwiderte der Beamte mit artiger Ergebenheit, aber beſtimmt.„Ich habe auch nicht zu entſcheiden, ſondern nur den Verhaltungsbefehlen nachzukommen, welche mir gegeben ſind. Den Polizeiherren ſind die von Excellenz gegebenen Anhaltspunkte nicht genug; ſie beſtehen darauf, daß nur infolge eines ganz ausdrücklichen und beſtimmten Verlangens Ihres Her⸗ zogs auf die Feſthaltung und Auslieferung des Flücht⸗ lings, den Sie uns bezeichnet haben, eingegangen wer⸗ den könne. Alles, was ich konnte, und vielleicht mehr, als ich ſollte, beſteht ſchon darin, daß ich Ihnen zu⸗ ſagte, die Abfahrt des Schiffes, auf welchem der Ge⸗ ſuchte ſich befinden ſoll, um einige Zeit zu ver⸗ zögern.“ „Gut, ſo muß ich mich zufrieden geben“, ſagte Schrof⸗ fenſtein.„Ich habe bereits an den H Herzog telegraphirt, ihm meine Entdeckung angezeigt und um ſeinen Befehl gebeten.“ „Schön“, ſagte der Beamte, indem er ſeine Uhr her⸗ vorzog.„Es iſt jetzt neun Uhr. In drei Stunden längſtens kann telegraphiſche Rückantwort da ſein; trifft bis dahin eine ſolche und zwar eine förmliche Requi⸗ ſition zur Verhaftung nicht ein, ſo muß ich Mann und Schiff reiſen laſſen. Vielleicht ſind wir indeſſen ſo glück⸗ lich, Ihnen in der andern Angelegenheit beſſer dienen — 199 und Ihnen auf die Spur der Dame verhelfen zu können, welche Sie ebenfalls ſuchen.“ „Daburch würden Sie mich allerdings zu noch wär⸗ merem Danke verpflichten“, rief Schroffenſtein.„Ich geſtehe Ihnen ganz unumwunden, daß dieſe Angelegen⸗ heit mir faſt noch mehr am Herzen liegt als die an⸗ dere, denn die junge Dame, die ſich von jeher durch ſon⸗ derbares, überſpanntes und excentriſches Weſen ausge⸗ zeichnet, gehört leider zu meiner Familie. Durch be⸗ ſondere Ereigniſſe, namentlich den Tod ihres Mannes, der von einem rebelliſchen Pöbelhaufen vor ihren Augen ermordet wurde, hat ſich das in ſo hohem Grade ge⸗ ſteigert, daß zeitweiſe vollſtändige Geiſtesſtörung ein⸗ tritt, in welcher ſie die verkehrteſten Dinge treibt, große Theile des ihr nicht gehörigen Vermögens verſchleudert und ſich der Aufſicht Ihrer Angehörigen entzieht, um auf die tollſten Abenteuer auszugehen. Im Intereſſe meiner Familie iſt es mir das Wichtigſte, ſie zu finden, und ich verhehle nicht, ihretwegen bin ich eigentlich hierher gekommen und war dabei nur noch zufällig ſo glücklich, die Spur des entlaufenen Hochverräthers zu entdecken. Wenn es mir nun gelänge, meine unglück⸗ liche Verwandte aufzufinden, ſo würde ich das ungeheuer hoch anſchlagen, nicht nur um die Ehre der Familie zu wahren, ſondern noch mehr, um für die Wiederher⸗ 200 ſtellung der Unglücklichen ſorgen zu können! Ich bin Ihnen daher in hohem Grade verpflichtet, daß Sie mir zu dieſem Zwecke gleich eine ſo ausgezeichnete Gelegen⸗ heit bezeichnet haben.“ „Allerdings“, ſagte der Polizeimann, indem er nach dem Gartenhauſe hinüberblickte,„die Irrenanſtalt des Doctor Wernhold iſt in jeder Hinſicht eine muſterhafte zu nennen, die arme Dame wird in den beſten Händen ſein und die Leute des Doctors werden die zarte An⸗ gelegenheit gewiß in der ſchonendſten Weiſe vollführen. Noch aber, ich verhehle es Ihnen nicht, ſind meine Hoffnungen gering. Excellenz wiſſen, daß bereits ſeit geſtern alle unſere Spürorgane in Bewegung ſind, daß aber bisher alle Bemühungen vergeblich waren, und ich befürchte ernſtlich, daß Sie ſich auf falſcher Fährte befinden.“ „Das bin ich nicht“, ſagte Schroffenſtein.„Ich habe ihre Spur, obwohl man mich in verſchiedener Weiſe abſichtlich zu täuſchen ſuchte, nicht aus den Augen ver⸗ loren; ſie weiſt genau hierher. Auch die Anweſenheit jenes Mannes beſtätigt meinen Verdacht: es haben zwiſchen ihm und der Geſuchten Beziehungen ſtattgefun⸗ den, welche die Annahme vollkommen begründen, daß er jedenfalls um ihren Aufenthalt weiß. Deshalb liegt mir vor allem daran, mich mit ihm zu beſprechen. 201 Doch da kommt er! Ich möchte ihm nicht jetzt ſchon begeg⸗ nen und denke, im Schiffe dürfte das geeigneter ſein.“ „So laſſen Sie uns in das Boot ſteigen und hin⸗ überrudern! Ich will einſtweilen dem Kapitän meine Befehle mittheilen.“ Sie ſtiegen die Treppe hinab und ſprangen in das Fahrzeug.„Stoß' ab nach der Fair⸗Helen!“ ſagte der Beamte. „Da kommen noch andere Paſſagiere“, entgegnete der Matroſe.„Die wollen wir auch gleich mit⸗ nehmen.“ „Stoß' ab!“ entgegnete der Beamte heftig.„Ich nehme es auf mich. Die ſollen nur in einem andern Boote nachkommen!“ Murrend gehorchte der Bootsmann, und bald war der Nachen ſo weit entſchwunden, daß nur ein ſehr ſcharfes Auge die darin Sitzenden zu erkennen ver⸗ mocht hätte. Jetzt erſchienen die Erwarteten auf dem Hafendamme. Führer, in Pelzrock und Mütze, hatte ſo ziemlich das Ausſehen eines Kaufherrn oder Ge⸗ ſchäftsmanns; er ſchritt bedächtig einher, tief ergriffen von dem Ernſt des Augenblicks, der ihn auf immer hinwegtragen ſollte von Heimat, Vaterland und Allem, was ihm lieb geweſen in beiden. Riedl hatte ſeinen Arm in den des Freundes gelegt; er war im Gegenſatz zu Führer 202 heiter und konnte ſeine Freude nicht verbergen, daß der Augenblick wirklich da war, in welchem er ſein Werk als vollſtändig gelungen und den Freund aus der Macht ſeiner Verfolger gerettet anſehen konnte. Hinter beiden ging Windreuter, einen Mantelſack auf der Schulter. „Bis hierher und nicht weiter!“ rief Riedl, als er mit Führer an den Treppen anlangte.„Da iſt eben das Boot abgefahren. Wir haben uns ein bischen verſpätet und müſſen einen andern Nachen nehmen. So haben wir, bis derſelbe herbeikommt, noch Zeit, ein letztes Lebewohl zu tauſchen. Ich danke dem Himmel, daß ich Dich dem Wind und Waſſer übergeben kann und Dich den Gewalten der treuloſen Erde entriſſen ſehe.“ „Du treues, redliches Herz!“ ſagte Führer weich, in⸗ dem er ihn an beiden Händen faßte, ihm herzlich in die Augen ſah und einen Kuß auf die bärtigen Lippen drückte.„Wie ſoll ich Dir für Deine Ausdauer, für Deine Klugheit, für Deinen Eifer danken? Wahrhaftig, es iſt Vieles, was in dieſem Augenblick mein Herz be⸗ ſtürmt, aber nichts Bittereres als der Gedanke, mich von Dir trennen zu müſſen. Wie wär's, wenn Du mit mir gingeſt? Verlaſſe mit mir dieſes Land, mit deſſen Verhältniſſen Deine Anſichten und Ueberzeugungen doch nicht zuſammenſtimmen!“ — — — 203 O, was nicht iſt, kann werden“, rief Riedl lachend. „Mir kommt's manchmal vor, als wäre meine Zeit gar nicht mehr ſo fern; es geht mir wie Bürger's Rappen: ich witt're Morgenluft. Vielleicht komm' ich bald nach, aber erſt will ich doch abwarten, bis die Reihe, Mi⸗ niſter zu ſein, auch an mich gekommen iſt.“ „Wie kannſt Du ſo ſcherzen!“ ſagte Friedrich.„Noch dazu in dieſem Augenblicke!“ „Weil ich es für klüger halte, als über etwas zu trauern, was doch nicht zu ändern iſt. Geh mit Gott, Freund, und mit gutem Muthe! Du trägſt Alles in Dir, was ein Mann braucht, um glücklich zu ſein, und wenn es wahr iſt, was ich einmal gehört habe, daß zu einem deutſchen Glück eine kleine Beimiſchung von Leid un⸗ erlaßlich iſt, ſo wird's Dir auch daran nicht fehlen; denn deſſen bin ich gewiß, Du wirſt ein gut Theil Sehnſucht nach dem Vaterlande mit hinübernehmen, nach ſeinen Wäldern, ſeinen—“ „Du haſt Recht“, unterbrach ihn Führer.„Ich werde das Vaterland nie vergeſſen können. Vergiß auch Du mich nicht! Vergiß nicht die Gänge, um die ich Dich gebeten! Wohl nehme ich eine unerfüllte Sehnſucht mit. Primitiva hatte mir beim flüchtigen Abſchied ſo gewiß zugeſagt, mir vor der Abreiſe noch einmal zu begegnen, ich hatte mich ſo ſehr darauf gefreut, ſie wiederzuſehen. 204 Ihr Ausbleiben iſt mir geradezu unerklärlich. Wenn Du zurückkehrſt, laß es Dein Erſtes ſein, ſogleich nach ihr zu forſchen! Ich fürchte beinahe, daß ihr ein Un⸗ heil zugeſtoßen iſt, ſonſt hätte ſie gewiß nichts abzu⸗ halten vermocht!“ „Deine Zuverſicht iſt ſehr feſt“, lächelte Riedl,„aber ich glaube auch, daß Du Recht haſt. Doch vertraue auf mich! Ich werde ſie finden, ſelbſt wenn ſie ſich vor mir verſtecken wollte, und werde ihr Deinen Ab⸗ ſchiedsgruß bringen.“ „Es iſt das Leben“, ſagte Führer ernſt,„was ich ſcheidend in ihr begrüße! Sonſt laſſe ich nur Todte zurück, Todte unter und über der Erde. Vergiß nicht, auch der letztern an meiner Statt zu gedenken!“ „Ich werde, mein Freund“, ſagte Riedl, indem er ihm die Hand ſchüttelte.„Doch über der Erde haſt Du Niemand mehr zu ſuchen.“ „Niemand mehr? Wie meinſt Du das?“ „Du ſollſt es hören; ich hab' es abſichtlich für den letzten Augenblick geſpart, weil ich mir dachte, die Mittheilung würde Dir und mir über den Abſchied leichter hinweghelfen, und jetzt hab' ich ſo lang gewartet, daß kaum mehr Zeit iſt, Dir davon zu erzählen. Dort kommt das Boot ſchon angerudert. Aber was thut's? 205 Ich fahre noch mit hinüber, begleite Dich an Bord und laſſe mich dann zurückfahren.“ Sie ſtiegen die Stufen hinab. Windreuter hatte ſich auf die Brüſtung niedergeſetzt, den Kopf in beide Hände geſtützt und war ſo tief in Gedanken verſunken, daß er ihr Weggehen gar nicht bemerkte und Riedl ihn anrufen mußte. „Was treibſt Du denn, Alter?“ ſagte er.„Geht Dir der Abſchied ſo nahe?“ „Weiß nicht, Herr Doctor“, erwiderte Windreuter, indem er ſich durch die halbergrauten buſchigen Haare fuhr und ihm in das Boot half.„Es iſt mir ſo eigen, wie mir mein Lebtag nicht geweſen iſt; es muß wohl der Abſchied ſein, was mich ſo aus der Ordnung bringt. Zwei Nächte hinter einander, ſeit ich das Meer geſehen habe, hat mir immer vom Balthes geträumt— Sie wiſſen ja, wen ich meine. Ich hab' ihn immer geſehen, wie er untergeſunken iſt, hab' das Gluckſen und Gurgeln beim Unterſinken gehört, hab' geſehen, wie er die ſtarren Augen auf mich richtete und den Arm in die Höhe hob, als wenn er mir winken wollte.“ „Einbildungen, Alter“, ſagte Riedl lachend.„Die Seeluft wird Dir ſolche Geſpenſter ſchon aus dem Kopfe blaſen.“ „Und welche Nachricht iſt es, die Du mir zu brin⸗ 206 gen haſt?“ fragte Führer, als Riedl neben ihm Platz genommen hatte. „Du kannſt ſie errathen“, erwiderte dieſer.„Ulrike iſt nicht mehr! Auf Deinen Wunſch hab' ich ſie auf⸗ geſucht, um wegen der Zukunft mit ihr zu reden, weil Du Dir doch einmal in den Kopf geſetzt hatteſt, es ſei Deine Pflicht, trotz alledem ſie nicht hülflos zu laſſen. Ich traf ſie als eine Sterbende. Du weißt, ſie hat nicht viel Freude gehabt von ihrem fürſtlichen Abenteuer; nach jener verhängnißvollen Begegnung war es ihr wie einem Nachtwandler geweſen, der aus ſeinem Schlum⸗ merzuſtand erwacht und ernüchtert herunterſtürzt. Sie lebte wohl noch, aber der Traum war dahin und ſie ſelber zerſchmettert an Herz und Geiſt. Es iſt kein Wunder, wenn ſie in ein hitziges Fieber verfiel, in dem ſie wochenlang mit dem Tode und der Bewußt⸗ lofigkeit kämpfte. Als ſie ſich aufraffte, brachte ein neues, furchtbares Ereigniß, über das ich mich nicht aufzuklären vermochte, einen heftigen Rückfall hervor, der nach wenigen Tagen ihre Auflöſung veranlaßte. Sie ſtarb wie eine, die würdig geweſen, Dein Weib zu heißen. Dieſer Brief enthält ihren letzten Gruß und ihre letzte Bitte um Verzeihung.“ Eine Thräne ſchimmerte in Friedrich's Auge, als er den Brief empfing, den er ſogleich erbrechen wollte. 207 „Nicht jetzt!“ ſagte Riedl, ihn abhaltend.„Wäh⸗ rend der langen Fahrt wirſt Du Zeit und Muße genug haben, Dich mit dieſem Teſtamente des Leichtſinns zu befaſſen.“. Das Boot legte an der Fair⸗Helen an und das Geſpräch ſtockte. Die Freunde ſtiegen empor; auch Windreuter kletterte nach. Oben an der letzten Stufe der Strickleiter war es, als ob er plötzlich von Schwindel erfaßt würde; er ſchwankte und erbleichte, und ohne einen daneben ſtehenden Matroſen, der ihn am Arme packte und an Bord riß, wäre er unfehlbar in die See geſtürzt. „Alter, Du machſt Dich lächerlich“, ſagte Riedl zu ihm, während Führer einige Schritte auf dem Deck vorwärts machte.„Biſt Du eine ſo gräßliche Land⸗ ratte, daß Du beim erſten Schritt auf ein Schiff ſchwind⸗ lig wirſt?“ „Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht, Herr Doctor“, ſagte Windreuter.„Aber es iſt nicht richtig in meinem Kopfe. Ich bin kein Neuling auf dem Waſſer, ich bin ſchon über Wege gegangen, wo ſich kaum ein Zweiter nachzugehen getraut hätte, und habe den Schwindel nicht gekannt; aber wie ich meinen Fuß auf die Schiffs⸗ breter ſetzen wollte, da war's wieder, als ſtünde der Balthes vor mir mit ſeinen geſträubten Haaren und 208 den ſtieren Augen und wollte mich zurückdrängen. Was bedeutet das, Herr Doctor?“ „Das bedeutet“, ſagte Riedl,„daß ich gleich mit dem Schiffsbader reden will, damit er Dir gehörig zur Ader läßt.“ Er wandte ſich ſuchend nach Führer um und ge⸗ wahrte ihn bereits im Geſpräche mit Schroffenſtein und dem Beamten, während der Kapitän des Schiffes mit finſterer und unwilliger Miene neben beiden ſtand. „Was gibt es da?“ rief Riedl verwundert.„Sollten wir noch nicht zu Ende ſein? Ich will doch in der Nähe bleiben und beobachten.“ „Sie hier, mein Herr?“ hatte Führer gerufen, als ihm Schroffenſtein unerwartet auf dem Deck entgegen⸗ getreten war und eine Unterredung von wenigen Mi⸗ nuten verlangt hate.„So iſt es Ihnen wirklich ge⸗ lungen, mir beim letzten Schritte noch eine Schlinge um den Fuß zu werfen!“— „Ihr Erſtaunen zeigt“, ſagte Schroffenſtein,„wie 5 wenig Sie die Einrichtungen des Staates kennen, welche Sie ſo ſchwer getadelt und ſo kühn umzugeſtalten un⸗ ternommen haben. Sie ſehen aber, daß deren ſo ſehr beſtrittene Trefflichkeit ſich doch bewährte! Sie ſind in meiner Gewalt, mein Herr, und die Behörden der Stadt haben mir in dieſem Manne bereits einen Beamten — 209 beigegeben; aber ehe ich von meiner Macht Gebrauch mache, möchte ich Ihnen gern beweiſen, daß ich nie Ihr Feind geweſen bin, ich möchte Ihnen ſogar die Möglichkeit bereiten, Ihre Reiſe ungehindert antreten zu können.“ „Darauf wäre ich in der That begierig“, ſagte Friedrich,„wenn ich auch nicht glaube, daß die Behörden dieſer Stadt, welche ſich eine freie nennt, ſich ſo bereit⸗ willig finden laſſen werden, ihren Arm zum Schergen⸗ dienſte zu leihen.“ „Davon nachher! Ehe der Miniſter mit Ihnen ſpricht⸗ mein Herr, ſehen Sie in mir den Vater, der eine Auf⸗ klärung von Ihnen verlangt.“ „Den Vater?“ „Sie wiſſen ohne Zweifel“, fuhr Schroffenſtein etwas beiſeite tretend fort,„daß das Fräulein von Falkenhoff die Gemahlin meines Sohnes geworden iſt, daß ſie aber auf dem Wege von der Trauung wieder zur Wittwe wurde. Nach den bei uns geltenden Geſetzen, nach Fa⸗ milienrecht und Herkommen ſteht die junge Dame mit ihrer Perſon und ihrem Vermögen unter der Obhut des Oberhauptes der Familie, welches ich zu ſein die Ehre habe. Dieſelbe hat es jedoch in einem Anfalle von Wahnſinn, zu dem ihr überreiztes Weſen ſich ge⸗ ſteigert, für beſſer gefunden, ſich meiner Aufſicht zu Schmid, Mütze und Krone. V. 14 210 entziehen. Es iſt mir nicht unbekannt, daß Sie die Dame kennen; während Ihrer kurzen ſtaatsmänni⸗ ſchen Laufbahn haben verſchiedene Beziehungen zwiſchen ihr und Ihnen ſtattgefunden. Ich habe ſie ſogar ſtark im Verdachte, daß ſie bei Ihrer Befreiung mit die Hand im Spiele gehabt hat. Es liegt alſo die Ver⸗ muthung nahe, daß Sie auch jetzt deren Aufenthalt kennen.“ „Sie irren allerdings nicht“, entgegnete Friedrich, nwenn Sie meine Befreiung zum großen Theile den Gefühlen der Freundſchaft zuſchreiben, welche das Fräu⸗ lein von Falkenhoff von jeher für mich gehegt hat, dennoch iſt Ihre Vermuthung ohne Grund, mein Herr. Wir haben Abſchied genommen von einander, und ich habe ſie ſeitdem nicht wiedergeſehen, habe, ſo ſehr ich es gewünſcht hätte, keine Silbe mehr von ihr gehört.“ „Beſinnen Sie ſich wohl, mein Herr!“ ſagte Schrof⸗ fenſtein, indem er einen drohenden Ton annahm.„Ueber⸗ legen Sie Ihre Worte! Ihre Zukunft, vielleicht Ihr Leben hängt davon ab. Sagen Sie mir Primitiva's Aufenthalt, und Sie ſollen ungehindert reiſen! Aber eilen Sie! Wir haben keine Sekunde zu verlieren.“ „So vergeuden Sie ſelbſt nicht die koſtbare Zeit!“ erwiderte Friedrich kalt.„Sie haben bereits gehört, was 211 ich weiß; nehmen Sie aber auch die bündige Erklärung dazu, daß, wenn ich auch den Aufenthalt der Dame kennte, Sie wohl der letzte wären, dem ich denſelben bezeichnen würde. Es iſt dies eine Zumuthung, die nur Ihnen möglich iſt, nur Sie können glauben, daß ich um den Preis eigener Rettung das Opfer, das Ihnen glücklicherweiſe entronnen iſt, Ihnen wieder über⸗ liefern werde!“ „Sie wollen alſo nicht? Gut, ſo werde ich noch⸗ mals zu der Stadt zurückkehren und meine Nachfor⸗ ſchungen erneuen, Sie aber mögen ſich's ſelbſt zuſchrei⸗ ben, wenn ſich der letzte Auskunftsweg, der ſich Ihnen geöffnet hätte, Ihnen durch Sie ſelber verſchließt. Kom⸗ men Sie!“ fuhr er zu dem Beamten gewendet fort. „Laſſen Sie uns hören, ob inzwiſchen die Nachfor⸗ ſchungen in der Stadt von beſſerem Erfolge begleitet waren, und ob noch keine Nachricht von meinem Hofe angekommen iſt!“ „Damn!“ rief der Kapitän, welcher dabei ſtand und zugehört hatte, unwillig.„Wie lange ſoll das noch dauern? Wie lange ſoll ich noch warten?“ „Ich habe Ihnen den Befehl der hohen Polizei⸗ herren mitgetheilt“, ſagte der Beamte mit Würde.„Der Senat hat die Zuſage gegeben, Ihre Abfahrt bis zum Mittag zu verzögern; bis dahin muß Alles entſchieden 14* 212 ſein. Mit dem Glockenſchlage zwölf lichten Sie die Segel, früher keine Sekunde, wenn Sie nicht mit den Kanonen der Hafenbaſtei Bekanntſchaft machen wollen.“ „Damn!“ brummte der Kapitän, indem er ärgerlich an ſeinem Backenbarte zupfte.„Wär' ich eine Viertel⸗ ſtunde früher gefahren, dann hätten ſie das Nachſehen gehabt mit ihrem Befehl, und kein Hahn hätte darnach gekräht! Machen lauter unnütze Weitläufigkeiten, dieſe Deutſchen! Will mir's aber merken für ein ander Mal.“ „Verfluchter Spion!“ rief Riedl unwillig, indem er dem abfahrenden Boote mit geballter Fauſt nachdrohte. „Aber Dir ſoll doch ein Strich durch die Rechnung ge⸗ macht werden! Komm, Friedrich! Wir gehen auch nach dem Strande zurück. Nimm Geld und Deine Papiere zu Dir! Laß, wenn es ſein muß, Gepäck und Fahr⸗ geld im Stiche! Was liegt daran? Wenn ſie wieder⸗ kommen, ſollen Sie Dich nicht mehr finden. Die Stadt hat Winkel genug, um Dich zu verbergen.“ „Ich folge Dir, mein Freund“ ſagte Friedrich,„nicht um mich zu retten; denn ich glaube nicht ernſtlich, daß die edle freie Stadt ſo gegen ihre Grundrechte und Freiheiten ſich verſündigen würde; aber es gilt jetzt Primitiva! Sie iſt offenbar hier oder doch in der Nähe. Schroffenſtein verfolgt ſie, wie ich aus ſeinen Reden vernommen, als eine wahnſinnige, den Ihrigen ent⸗ 213 laufene Abenteurerin Kann ich nun fort, ohne ſie ge⸗ ſehen zu haben? Muß ich ſie nicht retten? Und wenn ich ſelbſt darüber zu Grunde gehe, in die Hände dieſes Elenden darf ſie nicht fallen!“ „Da haben wir's!“ rief Riedl, die Hände zuſam⸗ menſchlagend.„Er hat ſelbſt den Kopf noch in der Schlinge ſtecken und denkt ſchon daran, Andere zu retten! Das iſt echt deutſcher Edelmuth; aber dieſe an ſich ſo vortreffliche Eigenſchaft iſt gerade unſer Unglück. Wir Deutſchen können nicht einen Augenblick uns von dieſen erhabenen Anſchauungen losmachen, und wenn's im Ernſt einmal darauf ankommt, nur eine Viertelſtunde lang, ich will nicht ſagen ſchlecht, ſondern nur ein bischen klug, nur ein klein wenig egoiſtiſch zu ſein, da bringen wir's nicht zu Wege, wir gehen an unſerem Edelmuth zu Grunde, der Einzelne ſo gut wie das ganze Volk!“ Sie wandten ſich dem Schiffsbord zu und wollten daran hinunterklettern.„Komm' mit, Alter!“ ſagte Riedl zu Windreuter.„Wir werden Dich brauchen.“ Dieſer beugte ſich wie Jemand, der hinabſteigen will, über den Rand, faßte nach der Leine, ſuchte mit dem Fuße nach der Strickleiter; aber wieder ſchien es, als ob ein Nebel ſeine Augen verhüllte; er verfehlte beide, und mit dem kreiſchenden Ausruf:„Balthes! Da iſt er wieder!“ ſtürzte er mit ſchwerem Falle ins Meer, das 214 aufrauſchend ſich über ihm ſchloß. Das Boot, welches die beiden Freunde beſteigen ſollten, hielt an; rufend und helfend eilten von allen Seiten die Matroſen mit Stricken und Stangen herbei und ſuchten den Alten aufzufiſchen, aber es war keine Spur von ihm zu ſehen. Der Verſunkene tauchte nicht wieder empor, das Waſſer ſchlug nach wie vor mit mächtigen Wellen an das Schiff. Paſſagiere und Schiffsvolk, die herbeigeeilt waren, ſtanden ergriffen und ſchauten einander mit be⸗ fremdlichen Gedanken an. Der Schiffsprediger kam auch herbei, faltete die Hände und gab das Zeichen zu einem allgemeinen ſtillen Gebete für den ſo uner⸗ wartet Dahingegangenen. „Wunderbar“, ſagte Riedl zu Führer.„Iſt das nun Zufall, oder gibt es wirklich eine Nemeſis? Du haſt gehört, was der Verunglückte von den böſen Träu⸗ men erzählte, die ihn ſeit ein paar Tagen verfolgten? Ich kenne ihn lange; ich habe ihn einmal vor Gericht vertheidigt, weil er angeſchuldigt war, ſeinen Kame⸗ raden in den See geſtürzt zu haben; ich habe ihn frei bekommen, weil er nicht unmittelbar Hand an ihn ge⸗ legt, ſondern nur den Kahn ſtärker angetrieben hatte, daß der in demſelben aufrecht ſtehende Betrunkene über Bord ſtürzte. Es war ein böſer Zufall, ein Unglück, wenn Du ſo willſt, aber kein Verbrechen, und doch iſt es, 215 als ob der Richter da droben ein anderes Verdict aus⸗ ſprechen wollte, als meine Geſchworenen von damals. Im Begriffe, das Land zu verlaſſen, wo er die Schuld auf ſich geladen, und in der neuen Welt ein neues Leben zu beginnen, ereilt ihn die Vergeltung; ein böſer Zufall, ein Unglück läßt ihn denſelben Tod finden wie ſein Opfer. Es iſt, als ob nur das Reine hinübergehen ſollte in die neue Welt. Nehmen wir's als eine gute Vorbedeutung für Dich! Der alte Burſche wird wohl auch am Meeresgrunde da unten zur Ruhe kommen.“ Ueber dem Gewirr war es nicht beachtet worden, daß abermals ein Boot vom Hafendamme abgeſtoßen war und eben an der Fair⸗Helen anlegte.„Ahoi!“ rief ein Matroſe.„Laßt die Falltreppe los! Ihr Dumm⸗ köpfe, ſeht Ihr nicht, daß ein paar Weibſen in der Jolle ſitzen? Die werden doch nicht auf der Strick⸗ leiter hinaufklettern ſollen?“ Jetzt hatten die Ankommenden das Deck erreicht; Primitiva, von einem Mädchen geleitet, eilte ſchwan⸗ kenden Schrittes auf Führer zu.„Gott ſei Dank!“ rief ſie.„Sie ſind hier. O, nun iſt Alles gut! Der Him⸗ mel hat meine Schritte recht gelenkt, daß ich noch vor der Abreiſe ankam. Ich ſehe Sie noch, ſehe unſer Werk gelungen, ſehe Sie geborgen und kann Ihnen noch einmal Lebewohl ſagen, ſo recht von Herzen 216 wie es in der Verwirrung der Flucht nicht möglich war.“ „Primitiva!“ rief Führer mit freudig bebender Stimme.„Sehe ich Sie denn wirklich wieder? Muß ich nicht ſcheiden, ohne Sie noch einmal begrüßt, ohne Ihnen noch einmal gedankt, ohne Ihnen geſagt zu haben—“ Er hielt inne. Primitiva ſchlug die Augen nieder, aber ſie fühlte den Muth nicht, um die Vollendung der unterbrochenen Rede zu fragen.„Auch mir gewährt es große Freude, Sie wiederzuſehen“, ſagte ſie nach einer Weile.„Ich verhehle nicht, daß es die Erfüllung des einzigen, des ſchönſten Wunſches iſt, den ich hegte. Gehen Sie denn mit Gott, mit meinen beſten Wünſchen, mit—“ Sie unterbrach ſich, um tief aufzuathmen.„Ich werde“, fuhr ſie dann fort,„in das ſüdliche Frankreich gehen zu meinen Verwandten, die Sie kennen, und dort in ſtiller Zurückgezogenheit mein Leben der Trauer und der Erinnerung weihen. Verſprechen Sie mir, Friedrich, daß Sie mir bisweilen Nachricht von ſich geben wollen! Es werden die Lichtblicke, die Sterne ſein in dem nächtlichen Dunkel meines Daſeins.“ „O mein Gott“, rief Führer,„woran mahnen Sie mich! In der Freude des Wiederſehens habe ich einen Augenblick vergeſſen, welche Gefahr Ihnen droht. Graf 17 Schroffenſtein iſt hier; er ſucht Sie und will Sie zwingen mit ihm zurückzukehren!“ „So hat er wirklich meine Spur gefunden?“ erwi⸗ derte Primitiva.„Der Umweg, den ich machte, um ihn zu täuſchen und irre zu führen, und infolge deſſen meine Hierherkunft ſich verzögerte, war alſo doch ver⸗ geblich. Immerhin, ich fürchte ihn nicht.“ „Ich weiß doch nicht“, ſagte Riedl hinzutretend,„ob Sie ſich die Sache nicht etwas zu leicht vorſtellen; ich habe nur Einiges von ſeinem Geſpräche gehört, aber es ſcheint, als ob er Sie auf Grund geſetzlicher Beſtimmungen mit Hülfe der Gerichte zurückfordern wolle.“ „Aber das iſt ja unmöglich“, rief Primitiva.„Sagen Sie doch ſelbſt! Wohl hat er mir bereits gedroht, mich als eine Wahnſinnige einſperren zu laſſen. Wie ſollte er das ins Werk ſetzen können? Welches Gericht würde ihn dabei unterſtützen?“ „Vertrauen Sie darauf nicht zu viel!“ ſagte Riedl achſelzuckend.„Es gibt keine Ungerechtigkeit, die ſich nicht hinter ein Geſetz verſchanzen könnte; es gibt keinen Gewaltſtreich, der nicht ſchon irgend einmal von irgend einem Gerichte unter dem Buchſtaben eines Geſetzes ausgeführt worden wäre. Wie ich befürchte, hat er ſich von den Gerichten Ihrer Heimat mit Voll⸗ 218 machten verſehen laſſen. Die hieſigen Behörden werden vielleicht nicht umhin können, ihm zu entſprechen.“ „Zur Ehre dieſer Stadt glaube ich das nicht“, rief Primitiva.„Ich will mich dem Gerichte vorſtellen, ich will ihm ſagen, daß er die Vormundſchaft über mich nur aus dem Grunde wünſcht, um die Verwaltung meines Vermögens zu erlangen. Sie ſollen mich ſehen und hören und urtheilen, ob ich wahnſinnig bin.“ „Es iſt immerhin ſchlimm genug“ ſagte Riedl;„in unſerm Lande beſteht leider ein Geſetz, welches dem Familienoberhaupte in adligen Geſchlechtern eine Art von Vormundſchaft über die Frauen einräumt. Es iſt ein Geſetz, das ſchon ſeit ein paar Jahrhunderten ver⸗ altet iſt, auch ein Stück jener Vernunft, die, um mit Goethe zu reden, zum Unſinn geworden iſt, eine Art Folterinſtrument, das man nicht mehr gebraucht, deſſen Gebrauch vielleicht nicht mehr für möglich gehalten wird, das aber doch noch vorhanden und in der Rüſt⸗ kammer aufbewahrt iſt, wenn es einem Folterknechte einfallen ſollte, ſich ſeiner bedienen zu wollen.“ „Aber ſo rathe lieber“, ſagte Friedrich,„ſtatt Deine Bedenken aufzuzählen! Gewiß iſt nur das Eine, daß das Fräulein in die Schlingen dieſes Elenden um keinen Preis fallen darf. Wir wollen an das Land zurück! Noch haben wir Zeit. Wir wollen mit einander fliehen!“ 4 — 219 „Um ihm geradezu in die Hände zu laufen?“ ent⸗ gegnete Riedl.„Da ſeid Ihr auf dem Schiffe noch ſicherer! Wer weiß, ob er nicht ſchon Lie Spur der Dame gefunden hat, ob er von ihrem Hierſein nicht bereits unterrichtet iſt? Im ſchlimmſten Falle müßten Sie ſich entſchließen, einen unfreiwilligen Ausflug nach Amerika zu machen.“ „Und wenn er Alles wüßte“, rief Führer feurig, „er ſoll nur kommen und ſoll verſuchen, Sie mir zu entreißen! Nur mit meinem Leben werde ich Sie laſſen!“ „Das iſt ſehr ſchön, ſehr ritterlich“, ſagte Riedl, „und in den Zügen der Dame leſe ich, daß es ihr auch gar nicht mißfällt, aber bei einiger kühler Ueber⸗ legung wirſt Du ſelbſt zugeben müſſen, daß hier mit Gewalt nichts auszurichten iſt. Wozu auch die Ge⸗ walt? Es gibt ein viel einfacheres Mittel, welches alle Weitläufigkeiten und Einwendungen mit einem Male abſchneidet.“ „Wie?“ fragte Primitiva raſch. „Das Mittel! Nenne das Mittel!“ drängte Führer. Riedl ſah ihm lächelnd ins Geſicht.„Nun“, ſagte er,„für einen Profeſſor der Rechte und einen geweſenen Miniſter iſt dieſe Frage wirklich etwas ſtark naiv! Sie läßt ſich nur durch Deine ſichtbare Erregung und 220 Zerſtreuung entſchuldigen. Jenes alte Geſetz, das adlige Frauen unter die Obhut des Familienoberhauptes ſtellt, ſpricht nur von ſolchen, die unvermählt ſind, ver⸗ heirathete Frauen ſtehen nur unter dem Manne. Alſo heirathe das Fräulein! Dann laß den mittelalterlichen Henkersknecht mit ſeinem Folterinſtrumente kommen! Mache Hochzeit! Wenn mich nicht Alles trügt, wird der Entſchluß dazu Dir eben nicht gar zu ſchwer werden.“ „Primitiva“, rief Friedrich erglühend, indem er auf ſie zueilte, die ebenfalls mit Purpur übergoſſen da⸗ ſtand,„haben Sie dieſes Wort vernommen, das mir an das Ohr dringt wie die Verheißungen des gelobten Landes? Ja, das war das rechte Wort, das iſt wahr⸗ haftig ein Zauber, der alle Bande ſprengt und alle Verwicklungen löſt! Reden Sie, Primitiva! Können Sie ſich entſchließen, das innerſte Geheimniß unſerer Seelen, den ſchönſten Traum unſerer Jugend wahr zu machen?“ Er erfaßte ihre Hand und zog ſie ſanft an ſich; ſie widerſtrebte nicht und ſah mit einem Blicke zu ihm empor, aus dem ihre ganze Seele aufleuchtete.„Ja“, flüſterte ſie innig,„laſſen Sie mich denn das Geſtänd⸗ niß deſſen erwidern, was immer vom erſten Augenblick unſeres kindiſchen Begegnens an zwiſchen uns gewal⸗ 221 et: ſeit ich denke und fühle, hab' ich Sie geliebt. Ich nehme Ihre Hand an, mein Freund; ich will mit Ihnen gehen bis an das Ende der Welt; ich will die Ihrige ſein.“ „Bravo!“ rief Riedl, indem er das ſich umſchlin⸗ gende Paar ebenfalls mit den Armen umfaßte.„Nun ſollt Ihr aber auch gleich beim Wort genommen wer⸗ den! Frei ſeid Ihr alle beide und ungebunden; ich kann das bezeugen; Eure Papiere habt Ihr zur Hand; an Zeugen wird es auch nicht fehlen; der Kapitän und ich werden genügen, und vorhin bei dem Unfall hab' ich auch einen Schwarzrock geſehen; der muß ſogleich herbei! Das iſt ſo recht ein Stück Leben nach meinem Sinne! Vor einer Viertelſtunde der Tod, jetzt friſches, volles Leben; dort ein unvermuthetes Begräbniß, hier eine Hochzeit aus dem Stegreif! Haltet die Ringe bereit! Ehe der Spion wiederkommt, ſollt Ihr ver⸗ bunden ſein, daß kein Conſiſtorium der Welt Euch wieder trennen kann!“ Das von ſeinem eigenen Glück überraſchte Paar vernahm nur halb, was der redliche Freund im freu⸗ digen Erguſſ e ſeines Herzens plauderte; ſie gewahrten es kaum, als er ging, und wurden zur Wahrheit deſſen, was ihnen noch immer wie ein ſchöner Traum erſchien, erſt zurückgeführt, als Kapitän und Prediger mit ver⸗ 222 wunderten Geſichtern herbeitraten, von den Verhält⸗ niſſen Kenntniß nahmen und bald ihre Fragen in die herzlichſten Glückwünſche verwandelten. Es war kein Grund vorhanden, die Verbindung der Liebenden zu beanſtanden, und ſo währte es nur kurze Zeit, bis Matroſen und Paſſagiere abermals einen verwunderten und neugierig andächtigen Kreis auf dem leeren Platze vor dem Hauptmaſt bildeten; am Fuße deſſelben ſtand der Prediger und legte die Hände des auf einer Baſt⸗ decke vor ihm knieenden Brautpaars in einander. Freudiger, mit mehr innerer Wahrheit iſt wohl noch kein Ja vor dem feſtlichſten Altar geſprochen worden. „Wunderbar“, ſchloß der Prediger ſeine kurze An⸗ rede,„ſind die Wege, welche der Herr die Seinigen führt, aber mit ihm und durch ihn führen ſie alle zum Ziele! Dieſes Paar wird nicht verbunden an heiliger Stätte; keine Orgel, kein Geſang der Gemeinde be⸗ gleitet es auf dem wichtigſten Gange; es iſt kein feſt⸗ liches Gewand, in welchem ſie den gemeinſamen Weg durch das Leben antreten, aber der Geiſt des Ewigen weht dennoch um uns her im gewaltigen Athem der Meerluft! Wie erhabener Orgelton brauſt das Rollen der Wogen, und ihre Perlen ſpritzen zu uns herauf als Schmuck! Ueber uns ſteht der Himmel gewölbt als der gewaltigſte Dom, wir fühlen alle, daß der — 223 Herr bei uns iſt in dieſem Augenblick, und ſo bleibe er auch bei uns allen und bleibe bei dieſem Paare mit ſeinem ſchönſten Segen bis zur Erfüllung ihrer Tage! Amen!“ Alle ſtanden ergriffen und ſchweigend. „Hochwürdiger Herr“, ſagte Riedl nach einer Pauſe, indem er die Hand des Predigers ſchüttelte,„ſchade, daß wir ſchon auseinander müſſen! Sie haben mir ſo recht nach dem Sinne geredet. Und Sie, ſchöne Frau“, rief er Primitiva zu, welche Hand in Hand mit dem Gatten an den Bord getreten war und mit verſchwim⸗ menden Augen in die Meerferne hinausſtarrte,„laſſen Sie ſich's nicht gereuen, bei Ihrer Trauung keinen Kranz getragen zu haben! Dieſe Stunde hat doch ein unſichtbares Kränzlein auf Ihre Locken gedrückt und ein unverwelkliches! Seid denn glücklich!“ fuhr er mit gerührtem Tone fort.„Seid ſo glücklich, meine Freunde, als Ihr es verdient, und ſeid ſo lange glücklich, als Ihr nicht ganz meiner vergeßt! Das iſt mein Amen.“ Zur gleichen Zeit ſaß Herzog Felix in ſeinem Wohnzimmer am Schreibtiſch, welcher, mit Schriften und Rollen überdeckt, im wilden Durcheinander das getreue Bild einer Gemüthsſtimmung gab, die, von 224 vielerlei Eindrücken beſtürmt, in wechſelnder Neigung bald nach dieſem, bald nach jenem Gegenſtande greift, um ihn nach kurzer Zeit in veränderter Stimmung wieder fahren zu laſſen, weil das aufgeregte Gemüth in ihm nicht fand, was es bedurfte und was es darin zu finden gehofft. Der junge Fürſt war in tiefes Brüten verſunken; er dachte nicht daran, daß er noch im Morgenanzuge war und daß draußen für Stadt und Land ſchon heller, geſchäftiger Tag begon⸗ nen hatte. Die dichten, auf allen Seiten herabge⸗ laſſenen Vorhänge erzeugten in dem Gemache eine künſtliche Nacht, nur von der Arbeitslampe auf dem Schreibtiſch kümmerlich erhellt; den Kopf in die Hand geſtützt, ſtarrte der Herzog auf die Rollen, welche vor ihm ausgebreitet lagen; aber er erblickte die Linien und Umriſſe nicht, auf denen ſeine Augen ruhten, ſeine Gedanken wurden unverkennbar anderswohin ge⸗ zogen. Die Rollen waren die Pläne zu dem neu zu er⸗ bauenden Luſtſchloſſe. Unweit davon lagen andere Papiere, unverkennbar kurze Zeit vorher beſichtigt und geleſen; es waren Führer's Abſagebrief, eine Denkſchrift, die er einſt für den Fürſten ausgearbeitet und worin er alle ſeine Grundſätze und Anſchauungen über die Regierungskunſt — 22 niedergelegt und gezeigt hatte, wie ſie in Wirklichkeit durchgeführt werden müßten, der Bericht über die Verſchwörung der Adligen und daneben das Ur⸗ theil, das demſelben Manne das Leben abſprach und das noch immer der Unterſchrift harrte. Halb davon verdeckt lag der Ring, welcher einſt des Fürſten erſte Gabe an den Jugendfreund, das erſte Zeichen der ihm zugewendeten Gnade, das Pfand der Geſinnungsver⸗ wandtſchaft geweſen; der Ring war heruntergeglitten, gleich als ob er fühle, daß auf dieſem Blatte für ihn keine Stelle mehr ſei. Der Herzog war von dem kurzen Beſuch an dem großen Nachbarhofe nicht zurückgekommen, wie er ge⸗ gangen war. Das Mittel, welches ihn zerſtreuen, von ſeinen bisherigen Grundſätzen und Anſchauungen ab⸗ bringen ſollte, war allerdings nicht ohne Wirkung ge⸗ blieben, aber die Wirkung war zum großen Theil in das Gegentheil umgeſchlagen. Anſtatt ruhig und ge⸗ faßt zu ſein, kam er eher aufgeregter, haſtiger und unſtäter zurück, und die wenigen Tage, ſeit welchen er die Regierung wieder übernommen, gingen in ſtetem Schwanken unſicherer Entſchließungen dahin. Er war nicht dazu zu bringen, nach der einen oder der an⸗ dern Seite entſchiedene Schritte zu thun, durchgreifende Anordnungen zu treffen. Auch in ſeinem Aeußern Schmid, Mütze und Krone. V. 15 226 prägte ſich der Zuſtand ſeines Gemüthes aus. Die Farbe des edel geformten Angeſichts war merklich ver⸗ blichen, als ob ein Schatten der vergangenen Tage darauf zurückgeblieben; die kurze Zeit hatte ihn ernſter und männlicher ausſehend gemacht. Er glich einem jungen, ſchöne Zukunft verheißenden Baume, welchem der Stab, den ſorgende Vorſicht ihm beigegeben, ent⸗ riſſen wurde, noch ehe der Stamm genug erſtarkt war, um den Stürmen widerſtehen zu können, welche über ihn hinbrauſten, die Krone faßten und den Stamm beugten; die Geſundheit des eigenen Wuchſes und die Feſtigkeit der Wurzeln allein war es, was ihn auf⸗ recht zu halten und vor dem Brechen zu bewahren vermochte. Der Fürſt war am Nachbarhofe mit aller erdenk⸗ lichen Auszeichnung und Zuvorkommenheit empfangen und behandelt worden. Man befliß ſich, ihm zu zeigen, welchen Werth man auf ſeinen Beſuch legte und welche noch größere Folgen man von demſelben erwartete. Ohne Scheu und mit wohlgefälligem Nachdruck ließ man ihn daher in das ganze Räderwerk und Getriebe des Staatsweſens blicken, wie es dort ſeit Jahrhun⸗ derten in hergebrachter Weiſe gehandhabt wurde. Man hoffte, die Klugheit des Baues, die Sicherheit der An⸗ ordnung, die bisher immer eingetroffene Gewißheit des “ Erfolgs würden nicht verfehlen, ihn von ſeinen unreifen Umgeſtaltungsgedanken vollſtändig zu heilen. Die Wucht und Folgerichtigkeit dieſer Grundſätze verfehlte auch nicht, einen ſtarken Eindruck auf ihn zu machen, um ſo mehr, als ſich damit zugleich die Ausſicht eröffnete, das Herr⸗ ſchen und Regieren mehr zu einer angenehmen, behag⸗ lichen Zerſtreuung und Unterhaltung zu machen, als zu einer ſtrengen, das ganze Leben umfaſſenden und verzehrenden Arbeit, welche die andere Auffaſſung von ihm forderte. Dennoch waren die Gedanken, welche er in dem ſo langen Umgang mit Führer eingeſogen, un⸗ willkürlich und unbewußt ſo ſehr zu den ſeinigen ge⸗ worden, daß ſie der Umänderung einen langen und feſten, um ſo nachdrücklichern Widerſtand entgegen⸗ ſetzten, als er es nicht los werden konnte, ſich ſelbſt darüber zu grollen, daß er überhaupt von ſeinem Platze gewichen, daß er, als fühle er ſich ſeiner Aufgabe nicht gewachſen, dieſelbe andern Händen überlaſſen hatte. Hätte er nicht den Vorwurf des Wankelmuthes befürchtet, er wäre ſchon nach den erſten Tagen zurückgekehrt, um die Zügel des Regiments wieder zu übernehmen und das, was er begonnen oder durch ſein Verſchulden herbeigeführt hatte, ſelbſt zu vollenden und dafür einzuſtehen im Guten wie im Schlimmen. 15* 228 Was er bei ſeiner Rückkehr vorfand, hatte die Gäh⸗ rung in ihm vollends zum Ausbruch gebracht. In der Fremde hatte man es mit feiner Klugheit ſo einzu⸗ richten gewußt, daß ihn keine Nachricht von dem er⸗ reichte, was zu Hauſe vorging, ohne daß er ſie ſuchte; dies aber that er nicht, weil Scham und Reue ihn da⸗ von abhielten. Was er dennoch vernahm, war ſo ver⸗ ſtümmelt und verändert, daß es keinen vollen Eindruck auf ihn machte, und daß die nackte Wahrheit, die er bei ſeiner Rückkehr vor ſich ſah, ihn nur deſto mächti⸗ ger ergriff. Jetzt erſt empfand er, wie es doch ſeine eigene Schöpfung geweſen, was er mit dem Freunde und durch denſelben ins Leben gerufen hatte, jetzt erſt ward es ihm klar, was er in der Uebereilung mit ihm dahingegeben. Die Fürſtin hatte nicht Wort gehalten. Sie hatte verſprochen, daß er einen gereinigten, für ein neues Bauwerk geebneten Boden finden ſollte; er fand nichts als Ruinen der noch in Trümmern erha⸗ benen Prachtgebäude, welche er geſchaffen hatte und welche nun durch ihn dalagen, wie vom Brande ver⸗ wüſtet, wie von einem Erdſtoß in Schutt geſtürzt. Eine Flut der unangenehmſten Geſchäfte hatte ihn empfan⸗ gen. Er war gewohnt geweſen, wo er erſchien, von allen mit Achtung und Liebe empfangen und begrüßt zu werden; als er jetzt zum erſten Male ſich zeigte, 229 fand er nur leere Straßen. Wer es vermeiden konnte, ihm zu begegnen, that es; wer es nicht mehr konnte, ſtand gebeugten Hauptes und mit geſenktem Blicke— es war die Gewalt, welcher der Gruß galt, den man ihr nicht zu verweigern wagte. Die Nachrichten von Führer's Schickſal, von dem über ihn ausgefertigten Urtheil wie von ſeiner Flucht, die Kunde von all dem Elend, das eingezogen war in Stadt und Land, erſchüt⸗ terten ſein weiches Herz, die Botſchaft von Ulrikens Tode ſchreckte es vollends in ſeinen tiefſten Tiefen auf. Was Alles hatte er vorgehabt! Welch ſchöne Hoffnungen hatte er erweckt, welch erhabene Vorſüätze gefaßt, und wie waren ſie nun verwirklicht! Er hatte Segen geſäet und Fluch geerntet, und er ſelbſt war es geweſen, durch den ſich die Frucht ſo verwandelt hatte. Es mochte das Bild des aus der Heimat vertriebenen Freun⸗ des, es mochte das bleiche Todtenangeſicht der unſeligen Ulrike ſein, was eben in jener Stunde an dem ein⸗ ſamen Fürſten vorüberzog. Solche ernſte Stimmungen waren jedoch nicht von langer Dauer. Die Lebensluſt begann bald wieder ſich zu regen und gewann, von der vollen Kraft der Jugend unterſtützt, leicht und ſchnell die Oberhand wieder. Fehlte es doch auch nicht an einer Menge von zufälligen und abſichtlich bereiteten Anregungen. In 230 den Stunden des Umſchlags ſchüttelte er dann das Grauſen der Vergangenheit von ſich; er ſah die Zu⸗ kunft heiter und roſig vor ſich liegen und ſchalt ſich ſelbſt einen Thoren, der ſich das Leben unnütz verbit⸗ tere. Was hatte er denn Anderes gethan, als daß er von ſeinem Rechte Gebrauch gemacht? Und wenn es nicht ſein Recht geweſen, wo war derjenige, der es wagte, ihn deswegen zur Verantwortung zu ziehen? Hatte er Anderes gethan als ſo viele Fürſten vor ihm, darunter ſelbſt ſolche, welche die Welt zu ihren ſchönſten Sternen zählt? Stand es nicht auch jetzt noch bei ihm, was aus der Zukunft ſeines Volkes werden ſollte? Konnte er nicht jetzt noch mehr ge⸗ währen, als er jemals zugeſagt, als man von ihm er⸗ wartet hatte, und zwar aus eigenem Wollen und Thun, nicht am Gängelbande fremden Rathes? In ſolcher Stimmung ſah er auch, wenn er Ulrikens gedachte, nur ihren Leichtſinn vor ſich und fühlte ſich frei von aller Schuld gegen ſie und ihren Gatten; hätte er die Blume verſchmähen ſollen, die ſich von ſelbſt in ſeinen Weg geneigt? Dann gedachte er auch Führer's als eines überläſtigen, pedantiſchen Mannes, der ihm alle Freude verwehrte, der darauf ausgegangen, ihn zum Sklaven ſeiner Unterthanen zu machen; er rief ſich die in den Acten aufgehäuften Beweiſe vor die Seele, daß —— 231 derſelbe Mann, der es gewagt, ihm jenen übermüthigen Abſagebrief zu ſchreiben, dennoch insgeheim das Haupt der Aufrührer geweſen, daß er ſich heuchleriſch am Sterbebette der Mutter verborgen und hinterher feig und kleinmüthig von ſeiner That hinweggeleugnet. Entſchloſſen raffte er ſich dann aus ſeinem Trübſinn auf und blickte nach den gefüllten Freudenbechern, welche von gefälligen Händen ihm von allen Seiten kredenzt wurden. „Ich bin ein Grillenfänger“, ſagte er, ſich raſch aufrichtend.„Geſchehenes iſt nicht zu ändern, und wenn ein Unrecht begangen wurde, ſo wäre es ein noch größeres Unrecht, es wäre unverzeihliche Schwäche, das Geſchehene zu bereuen. Fort alſo mit der Nacht, mit all ihrem Dunkel und ihren Geſpenſtern! Ich wende mich dem Tage zu, ſeinem hellen Lichte, ſeiner bunten Farbe, ſeinem fröhlichen Leben!“ Er zog die Klingel, und der Oberkammerdiener Bornemann trat ein. Schnell ward auf den Wink des Fürſten die Lampe beſeitigt; die Rollvorhänge ho⸗ ben ſich, der Glanz der winterlichen Morgenſonne ſtrömte in das Gemach und verſcheuchte die düſtern Gedanken nächtlicher Einſamkeit; was davon nicht zu verſcheuchen war, was greifbar und körperlich zurück⸗ blieb, wie auf dem Schreibtiſch die Blutſentenz, das 232 übergoß er wenigſtens mit flüchtigem Goldglanz des Augenblicks. „Gott ſei Dank!“ ſagte der Oberkammerdiener, in⸗ dem er ſich anſchickte, dem Fürſten beim Ankleiden be⸗ hülflich zu ſein.„Ich begann ſchon ernſtlich beſorgt zu werden. Durchlaucht waren ſo vertieft, daß ich einigemal im Begriffe war, Sie zu unterbrechen; ich habe es aber doch nicht gewagt. Aber Durchlaucht ſtrengen ſich wirklich zu ſehr an, Sie arbeiten zu viel! Durchlaucht ſollten ſich Erholung gönnen! Es iſt bald neun Uhr vorüber. Durchlaucht haben ohne Zweifel vergeſſen, daß dieſen Morgen ein kleines Jagdvergnügen im Tannenwalde gleich vor der Stadt abgehalten wer⸗ den ſollte und daß Sie nach demſelben ein leichtes Jagdfrühſtück im Hauſe der Generalin Helmhang er⸗ wartet?“ „Sie erinnern mich eben recht“, rief der Herzog, indem ein eigenthümliches Lächeln über ſeinen Mund zuckte.„Kleiden Sie mich ſchnell an! Ich will die Jagd nicht verſäumen und beſonders das Frühſtück nicht. Ich will mich von dieſen Bedenklichkeiten losmachen“, murmelte er in ſich hinein.„Die Generalin iſt ein intereſſantes Weib; vermuthlich iſt ſie's, die hinter dieſer Einladung ſteckt. Warum ſoll ich an der Blume vor⸗ übergehen? Schnell!“ rief er wieder.„Laſſen Sie 233 Alles bereit ſein! Ich ſehne mich, Morgenhelle und friſche Luft zu genießen; der Ritt wird mir gut thun. Mittags, wenn ich zurück ſein werde, laſſen Sie den Baumeiſter Rigollet wiſſen, daß ich ihn zu ſprechen wünſche! Erfahren Sie, Bornemann, daß ich mich ent⸗ ſchloſſen habe, das bewußte Luſtſchloß aufführen zu laſſen; ich will mir einen wirklichen Ruheplatz nach meinem Sinne bauen!“ „Daran thun Durchlaucht vollkommen recht“, ſagte der Oberkammerdiener ſchmeichelnd.„Das iſt ein herr⸗ licher Gedanke und auch vom allgemeinſten Nutzen. Wie viel Geld wird da wieder unter die armen Leute kommen! Ich bitte Durchlaucht die Hand küſſen zu dürfen für dieſen mildthätigen Entſchluß; aber wenn ich nicht irre, iſt noch geſtern Abend ſpät ein Schreiben an Durchlaucht eingelaufen. Ich hab' es, wenn ich nicht irre, auf den Tiſch gelegt; es ſchien mir nach Hand⸗ ſchrift und Siegel vom Herrn Baumeiſter zu ſein.“ „Ich habe nichts bemerkt“, ſagte Felix, raſch an den Schreibtiſch tretend, und zog die Papiere auseinander. Führer's Ring rollte ihm entgegen; er ſchob ihn bei⸗ ſeite und griff nach dem Briefe.„Hier“, rief er, indem er ihn haſtig erbrach.„Ohne Zweifel wieder eine neue Idee, den Bau noch glänzender zu machen! Dieſer Rigollet iſt unerſchöpflich an Reichthum und unver⸗ 234 gleichlich an Schönheit der Gedanken. Er iſt ein Meiſter erſten Ranges, ein wahrer Künſtler, und ich muß darauf denken, ihn ganz an meinen Hof zu feſſeln. Was iſt das?“ unterbrach er ſich ſelbſt nach den erſten Zeilen; die Farbe ſeines Angeſichts veränderte ſich, eine Blutwelle ſchlug bis an die Stirn und kehrte dann zurück, um deſto größere Bläſſe hervortreten zu laſſen. „Gehen Sie!“ rief er plötzlich dem Kammerdiener zu. „Ich will allein ſein. Gehen Sie!“ wiederholte er, als derſelbe verwundert und wie fragend ſtehen blieb.„Wie oft“, rief er nochmals, mit dem Fuße ſtampfend,„ſoll ich es Ihnen noch ſagen, daß Sie gehen ſollen? Ich reite nicht zur Jagd; ich habe mich anders beſonnen.“ „Aber“, ſtammelte der Kammerdiener betroffen,„die Frau Generalin— ich will ſagen, das Jagdfrüh⸗ ſtück?“ fügte er, ſich verbeſſernd, bei. „Das ſoll die Frau Generalin allein verzehren!“ rief der Fürſt ungeduldig.„Zum letzten Male, gehen Sie!“ Verwundert und kopfſchüttelnd verließ der Kammer⸗ diener den Fürſten.„Wieder einmal Sturm“, flüſterte 4 er in ſich hinein.„Was muß es da wieder gegeben 4 haben? Daraus mag der Henker klug werden!“ Der Herzog war in den Stuhl vor dem Schreib⸗ tiſch zurückgekehrt; er hielt das Blatt in der Hand und 235 las wiederholt mit lauter Stimme, wie um ſich zu über⸗ zeugen, daß das wirklich geſchrieben war, was er las. „Das Luſtſchloß“, ſchrieb Rigollet,„deſſen Entwurf das Glück gehabt hat, von Eurer Durchlaucht durch ſo beſondern Beifall ausgezeichnet zu werden, iſt meine Lieblingsſchöpfung und der Wunſch, daſſelbe ausführen zu können, der halbe Inhalt meines Lebens. Eure Durchlaucht können daher beurtheilen, in wie hohem Grade erfreulich es mir ſein mußte, die faſt ſchon auf⸗ gegebene Ausſicht auf dieſe Ausführung nun doch ver⸗ wirklicht zu ſehen. Dennoch bin ich in der ſchmerzlichen Lage, Eurer Durchlaucht den Verzicht auf die Ausfüh⸗ rung meines Lieblingswerkes anzeigen zu müſſen. Viel⸗ leicht wäre es mein Recht, den Grund dieſer Erklärung verſchweigen zu dürfen, aber Eure Durchlaucht haben Ihrerſeits ein Recht, denſelben zu fordern, und ſo ſtehe ich nicht an, zu bemerken, daß das Unternehmen ganz ungewöhnliche Koſten in Anſpruch nehmen wird, deren Beſchaffung in der von Eurer Durchlaucht beabſichtigten Weiſe geeignet wäre, mir jene Ruhe des Gemüths zu zerſtören, ohne welche jede künſtleriſche Thätigkeit un⸗ möglich iſt. Sie wollen die Koſten durch ſchwere Be⸗ laſtung Ihrer Landeskinder aufbringen— dazu kann ich meine Hand nicht bieten; ich kann nicht mithelfen, Ihr Volk unglücklich zu machen. Halten Sie es einem 236 Künſtler zu gute, daß er ſich erlaubt, dieſe Anſicht Ihnen gegenüber ſo frei auszuſprechen!“ „Auch das noch!“ rief der Herzog, indem er auf⸗ ſprang und das Billet auf den Tiſch ſchleuderte.„Will Alles zuſammen helfen, mich zu erbittern und zu be⸗ ſchämen? Wagt Jedermann den Stachel ſeines Stolzes gegen mich zu kehren, und habe ich nichts, was ich als Waffe dagegen halten könnte? Bin ich wirklich ſo tief geſunken, daß ſich Alles von mir wendet wie von einem rettungslos Aufgegebenen?“ Er hielt inne, denn die Thür wurde leiſe geöffnet und der Kammerdiener, behutſam den Kopf herein⸗ ſteckend, rief:„Verzeihung, Durchlaucht! Ich glaubte Sie vorher davon verſtändigen zu müſſen: Ihre Durch⸗ laucht die Frau Herzogin⸗Mutter mit Herrn van Over⸗ bergen und andern Herren kommen in großer Eile hierher; es muß etwas ganz Außerordentliches vorgefallen ſein.“ Die Meldung war kaum geſchehen, als die Erwähn⸗ ten, Gerichtsrath Weber mit ihnen, auch bereits auf der Schwelle erſchienen. „Verzeihung, mein Sohn“, rief die Herzogin, indem ſie ſeinen ehrerbietigen Handkuß annahm,„daß ich Dich ſchon ſo früh und in ſo zahlreicher Geſellſchaft in Deiner Einſamkeit überfalle! Aber es ſind wichtige Nachrichten eingetroffen. Reden Sie, meine Herren!“ — 23ʃ „Allerdings“, ſagte Overbergen in feierlichem Tone, „wichtige Nachrichten, ein großes Ereigniß, welches, gleich einem Wunder, beweiſt, daß die Lenkung der Welt⸗ geſchichte noch immer in der Hand einer ewigen und all⸗ mächtigen Vorſehung iſt. Der Verbrecher, welcher ſich ſei⸗ ner Strafe durch die Flucht entzogen hat, iſt entdeckt und in dem Augenblick, als er das Schiff beſteigen wollte, das ihn nach Amerika bringen ſollte, angehalten worden. Miniſter Schroffenſtein, der ihm nachgeeilt war, hat es bei den dortigen Behörden erwirkt, daß er aufgehalten wird, bis die Befehle Eurer Durchlaucht eingeholt ſind.“ „In der That?“ rief Herzog Felix ergriffen.„Führer gefangen? So wäre er noch einmal in meine Macht gegeben!“ „Die Du jetzt beſſer zu brauchen wiſſen wirſt!“ rief die Herzogin. „Sie rathen ohne Zweifel, daß ich ihn feſthalten, zurückbringen und ſtrafen laſſen ſoll?“ fragte der Fürſt, indem er alle der Reihe nach prüfend betrachtete.„Und Sie gewiß auch, mein frommer Herr? Sie, Herr Rath, als Richter und Rechtskundiger? Nun denn, ich will Ihnen geſtehen, ich denke etwas anders über das Ereigniß. Ich hatte mich im Stillen gefreut, daß Führer meiner Macht entzogen war, ich hatte gerade darin einen Wink der Vorſehung zu erkennen ge⸗ 238 glaubt, daß ſie mir erſparen wolle, über jenes inhalts⸗ ſchwere Blatt zu entſcheiden; ich glaubte eine Mah⸗ nung von oben zu hören, daß ich nicht Richter ſein ſolle über das, was geſchehen iſt zwiſchen mir und jenem Manne.“ „Bedenken Durchlaucht“, rief Overbergen,„wie noth⸗ wendig es iſt, daß ein ſtrenges Beiſpiel gegeben wird, zumal bei einer ſo hervorragenden Perſönlichkeit! Es iſt nicht ſein Tod, auf den ich dringen möchte. Durch⸗ laucht können immerhin Ihrer Gnade freien Spielraum laſſen, aber Sie können ihn nicht ziehen laſſen, er darf nicht ſtraflos bleiben, um Ihrer im fremden Lande zu ſpotten.“ „Spott!“ ſagte Felix finſter und halblaut vor ſich hin.„Wollte Gott, Spott wäre das Einzige, was ich von ihm zu beſorgen hätte!“ „Sohn“, rief die Herzogin näher tretend,„warum ſprichſt Du nicht? Warum zögert Deine Entſcheidung? Sollteſt Du neuerdings ſchwankend werden?“ „Nein“, ſagte der Fürſt nach längerer Pauſe,„aber ich beſinne mich eben auf den Inhalt der Unterſuchung, V V ich rufe mir ins Gedächtniß zurück, daß der, der mir früher der nächſte Freund geweſen, zum Aufrührer geworden iſt, daß er vermocht hat, mich ſo zu be⸗ trügen!“ 239 „Gewiß“, rief die Herzogin,„und nicht jetzt erſt hat er es gethan, ſondern ſchon früher, ſchon zu der Zeit, als Du ihn noch für Deinen treueſten Freund hielteſt, als Du ihn zur Regierung beriefſt! Nie hatte er einen andern Gedanken, als ſeine geheimen Pläne zu ver⸗ wirklichen, langſam auf Beſeitigung des Fürſten, der ihm ſein Vertrauen geſchenkt, hinzuarbeiten, bis der Augenblick gekommen ſein würde, auf den Trümmern Deines Throns den Freiſtaat aufzurichten. Das war ſeine Abſicht, während er Dir zu dienen vorgab; darin beſtand ſeine Thätigkeit ſchon beim erſten Aufruhr.“ „Das iſt nicht wahr“, rief Felir abwehrend.„Das kann nicht wahr ſein. Dafür habe ich Beweiſe.“ „Und ich habe die Gegenbeweiſe“, rief die Herzogin. „Gerichtsrath Weber, ſprechen Sie! Von Ihnen habe ich gehört, daß Sie Ohrenzeuge geweſen, wie er auf⸗ rühreriſche, republikaniſche Reden gehalten hat.“ „Wirklich?“ fragte Felix.„Wiſſen Sie etwas Der⸗ artiges? Wann und wo iſt das geſchehen?“ „In der Nacht des Aufruhrs“, ſagte Weber,„we⸗ nige Augenblicke, ehe der Tod Seiner Durchlaucht des ſeligen Herzogs bekannt wurde. Es war an der Ecke, wo die Marienſtraße gegen das Thomasgäßchen ein⸗ biegt. Der Profeſſor forderte das Volk auf, jetzt, wo es einmal die Gewalt in Händen habe, nicht am An⸗ fang ſtehen zu bleiben, ſondern das Heft in der Hand zu behalten und das Herzogthum ganz abzuſchaffen.“ „Du hörſt, mein Sohn“, rief die Fürſtin triumphi⸗ rend.„Was ſagſt Du nun?“ „Was ich ſage?“ rief Felix, indem er ſich hoch auf⸗ richtete.„Daß dieſer Herr, der ſich einen Richter, einen Rechtskundigen nennt, der Unterſuchungen geführt und gewagt hat, Recht zu ſprechen über Andere, ein Lügner iſt! Er hat gelogen, ja himmelſchreiend gelogen! Er⸗ fahren Sie denn: ich ſelbſt war an jenem Abend be⸗ reits unerkannt in der Stadt! Verkleidet ſtand ich zur nämlichen Zeit an dem bezeichneten Orte unter der Menge, unmittelbar hinter Führer, und habe jedes Wort gehört, das aus ſeinem Munde kam. Aus meinen Au⸗ gen, Elender!“ fuhr er gegen Weber gewendet fort. „Sie haben es gewagt, Ihre Blicke bis zu einer der höchſten Richterſtellen des Landes zu erheben— beinahe war ich verblendet genug, ſie Ihnen zu verleihen. Gehen Sie jetzt oder mein Zorn wird Ihnen die Stelle anweiſen, die Ihnen gebührt. All meine Ungewißheit iſt gehoben“, rief er den Uebrigen in ernſtem Tone zu, „meine letzten Zweifel ſind geſchwunden, aber mit ihnen auch der letzte Reſt von Glauben an Alles, was ich aus Ihrem Munde gehört habe; fortan weiſe ich alle Ihre Rathſchläge zurück! Wer mir einmal einen Tropfen 241 Gift in meinen Becher gegoſſen, kann mein Vertrauen nie wieder genießen. Sie, mein Herr van Overbergen, über deſſen eigentliche Thätigkeit und Erfolge in meinem Lande ich erſt in jenem Nachbarſtaate vollkommene Klar⸗ heit erhalten habe, Sie werden wohl thun, ſich wieder dahin zu begeben, wo Ihrer ein größerer Wirkungs⸗ kreis wartet, als ich Ihnen hier zu geſtatten geſonnen bin. Des Führers auf meiner Herrſcherlaufbahn bin ich allerdings beraubt, durch eigene Schuld und durch fremdes Verbrechen, aber ich will mich beſtreben, ſelbſt zu ſehen, ſelbſt zu handeln, und hoffe die Kraft und das Verſtändniß dazu in dem zu finden, was ich erlebt!“ Er griff nach Führer's Ring und ſteckte ihn an den Finger. „Niemand wage es“, rief er wieder,„bei meinem höchſten Zorne, ſich in das Schickſal des Mannes zu miſchen, der einſt mein M iniſter geweſen! Ich ſelbſt werde die Antwort geben. Man erwarte meine Ent⸗ ſcheidung!“ Zürnenden Angeſichts und majeſtätiſchen Schrittes verließ er das Gemach und ließ die Fürſtin mit einer Ohnmacht ringend zurück, in welcher Overbergen ſie unterſtützte.„Wehe“, flüſterte ſie ihm zu,„Alles iſt ver⸗ loren!“ 1 „Nicht doch“, erwiderte dieſer ebenſo mit zuverſicht⸗ Schmid, Mütze und Krone. V. 16 242 lichem Lächeln;„es iſt nur ein Plan Vrunglück; ein anderer zu anderer Zeit und unter andern Umſtänden gelingt deſto ſicherer!“ Am Elbſtrande harrte indeſſen die Fair⸗Helen noch immer des Augenblicks, der ſie aus dem Hafen erlöſen ſollte; ungeduldig ſchritt der Kapitän hin und her und ſah jeden Augenblick nach der Uhr.„Damn“, rief er, „ſchon halb zwölf Uhr! Macht Euch bereit, Ihr Burſchen! Sobald es zwölf geſchlagen, lichten wir die Anker, und wenn wir die Kette ſprengen müßten.“ „Da kommen die Herren“, rief von ſeinem Platze der Steuermann herunter.„Sie haben es ſehr eilig, wie es ſcheint; hinter ihnen auf dem Wege kommt noch ein Mann gelaufen und winkt mit einem Blatt oder Brief; es ſcheint ein Bote zu ſein, aber ſie achten nicht auf ihn, ſondern ſind ſchon ins Boot geſtiegen und ſtoßen ab.“ Nach wenig Augenblicken betrat Schroffenſtein mit dem Beamten das Deck; an Primitiva's Arm trat ihm Führer entgegen. „Alſo habe ich doch Recht gehabt!“ rief der Miniſter. „Meine Nachrichten waren gegründet, und man weiß jetzt, mein Herr, was man von Ihren Verſicherungen zu halten hat.“ „Ich weiſe jede ſolche Beſchuldigung zurück, mein — —— — 243 Herr!“ entgegnete Führer.„Als ich Ihnen ſagte, daß ich den Aufenthalt dieſer Dame nicht kenne, hab' ich Ihnen die Wahrheit geſagt. Kurze Zeit nach Ihrer Entfernung kam ſie hierher auf das Schiff.“ „Ich habe weder Zeit noch Intereſſe, das zu unter⸗ ſuchen“, ſagte Schroffenſtein, indem er ſich verächtlich ab⸗ und dem Beamten zuwendete.„Das iſt die Dame, von der ich Ihnen geſagt habe. Sie haben das Erſuch⸗ ſchreiben der herzoglichen Gerichte, dieſe wahnſinnige Abenteurerin feſtzunehmen und mir als ihrem nächſten Verwandten zu übergeben. Ich erſuche Sie, den Befehl zu vollziehen.“ 5 „In der That“, ſagte der Beamte, etwas befangen durch die Ruhe und Würde, mit welcher Primitiva den ganzen Vorgang betrachtete,„wenn ich die Ehre habe, mit Fräulein Primitiva von Falkenhoff oder der ver⸗ wittweten Frau Gräfin von Schroffenſtein zu ſprechen, ſo muß ich Sie auffordern, dieſem Herrn zu folgen.“ „Das wird ſie nicht“, rief Friedrich entgegen.„Er⸗ lauben Sie, daß ich für die Dame antworte! Sie iſt nicht, die Sie genannt haben, ſie trägt jetzt den Namen Primitiva Führer, ſie iſt meine Frau; vor wenig Augen⸗ blicken wurden wir in aller Form getraut.“ Der Beamte ſtand betroffen, Schroffenſtein aber rief erglühend und außer ſich:„Vermählt? Das kann, 16* ——.—ſſ“— 2—— das darf nicht ſein! Leere Ausflüchte! Ohne Zuſtim⸗ mung des Vormunds iſt eine ſolche Verbindung un⸗ gültig.“ „Hierin dürften Sie ſich doch irren, Excellenz“, ſagte Riedl dazwiſchentretend.„Um eine Heirath zu hindern, reicht Ihre rechtliche Befugniß nicht aus. Sie können nach Ihren Begriffen ein Schildchen in Ihrem Stamm⸗ baum ſchwarz ausfüllen, aber die Frau meines Freundes wird dieſes Unglück zu ertragen wiſſen.“ „Wer ſpricht hier von ungültig?“ rief der hinzu⸗ tretende Kapitän dazwiſchen.„Damn, warum ſoll eine Ehe ungültig ſein, bei welcher Kapitän Wulſter Zeuge geweſen iſt? Das Paaͤr iſt auf meinem Schiffe ge⸗ traut, einem guten amerikaniſchen Schiffe; das Deck davon iſt ſo gut wie amerikaniſcher Boden. Die Ehe iſt gültig, und den will ich ſehen, der dagegen Ein⸗ ſpruch thut!“ „Sie ſehen, mein Herr“, ergriff Primitiva das Wort, „daß Ihre Bemühungen vergebens ſind; die Beute, in deren Beſitz Sie ſich ſchon wähnten, iſt Ihnen ent⸗ ſchlüpft. Geben Sie es denn auf, mich weiter zu per⸗ folgen! Ich will Alles vergeſſen und will verſprechen, Ihrer nur freundlich zu gedenken. Gewinnen auch Sie es über ſich, nicht zu grollen, wenn Sie den Namen eines Weibes hören, das ſein ſchönſtes Glück in dem — 245 Gedanken findet, dem Manne ihres Herzens ganz zu gehören und ihm zu folgen, wohin ihn die Wege ſeines Schickſals auch führen mögen.“ Rathlos, vor Grimm an den Lippen kauend, ſtand Schroffenſtein, als eben der Bote, den man vom Ufer aus ſchon bemerkt hatte, nachgerudert kam.„Ah“, rief er jetzt erleichtert aufathmend,„das Telegramm Seiner Durchlaucht! Nun denn, begleiten Sie Ihren Herrn Gemahl! Wir werden nun erfahren, welches die Wege ſind, die ihn ſein Schickſal führt.“ Er erbrach das Blatt, las und ließ es zu Boden fallen; dann wandte er ſich ohne Wort und Blick dem Borde und dem Boote zu. Der Beamte folgte. Riedl hatte das Telegramm aufgefangen, als es den Händen des Grafen entglitt.„Das ſcheint nicht nach Wunſch ausgefallen zu ſein“, rief er lachend. „Laßt doch hören! Ah, das Telegramm iſt von Seiner Durchlaucht dem Herzog ſelbſt.„Ich befehle“, las er, „der Abreiſe meines einſtigen Miniſters, Profeſſor Füh⸗ rer, nicht das Geringſte in den Weg zu legen. Das ſei ihm ein Beweis, daß der Freund nicht zum Feinde geworden! Er ſoll von mir hören, und was er hört, ſoll ihn mir verſöhnen. Herzog Felix.““ Auf den Thürmen der nahen Stadt hoben die Hämmer aus, um die zwölfte Stunde zu verkünden; die Matroſen begrüßten den erſten Ton mit wildem, freudigem Hurrah und rannten in buntem Gewirr an ihre Poſten. Die Ankerwinde begann zu knarren, die Taue klapperten, die Stimme des Kapitäns tönte durch den Aufruhr. Wortlos hing Riedl an Friedrich's Mund, ſchüttelte Primitiva die Hand und eilte dann hinunter in das Boot. Er ſtand am Ufer und winkte mit dem Tuche, als die Fair⸗Helen ihre gewaltigen Flanken zum Wellentanze zu wiegen begann; die Segel blähten ſich, maje⸗ ſtätiſch wendete ſich das ſtolze Schiff und flog mit der Behendigkeit und Sicherheit eines befreiten Vogels aus dem Hafen zwiſchen den Baſtionen hindurch in das freie offene Meer. Am Maſtbaum ſtanden Primitiva und Friedrich; innig an einander gelehnt ſahen ſie auf das entſchwin⸗ dende Geſtade zurück und wehten mit den Tüchern hin⸗ wieder zum Abſchiedsgruß. „Da ſinkt hinunter, was unſere Welt geweſen iſt!“ rief Friedrich, indem er ſeine Gattin an ſich drückte. „Wir ſchweben von ihr hinweg, als wären wir ſelige Geiſter, einem ſchweren und ſchmerzenreichen Körper entronnen, einer neuen Heimat entgegenziehend, einer Heimat ewigen Glücks! Lebe denn wohl mit Allem, was uns theuer war, mit Leid und Luſt, mit Sorge 247 und Hoffnung, lebe wohl, geliebtes, mit Schmerzen geliebtes Land! Wir gehören dir nicht mehr, aber unſere Herzen werden nie aufhören, bei dir zu ſein! Sei glücklich, geliebte deutſche Heimat, ſo glücklich, als unſere kühnſten Träume dich gedacht, und ich weiß, du wirſt es ſein! Ich fühle es in dieſem Augenblicke, der mich anweht wie Odem der Weiſſagung, du wirſt frei und glücklich ſein, die Zeit wird kommen, in der alle herrlichen Kräfte in dir zuſammenwirken im ſchö⸗ 1 nen harmoniſchen Ebenmaße, die Zeit der Freiheit, in der kein Zwieſpalt mehr ſein wird zwiſchen Fürſt und 1 Bürger, keine Feindſchaft mehr zwiſchen Mütze und Krone!“ 4 Ende 0 Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. — 2 2— v — m 14 15 16 17 18 19