9 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit, A. Nr. 256. Seiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 3 eträg 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. ,„„= ⸗ 7.——„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 age feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſt Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Vierter Band. Motto: O dieſe fürchterliche Liebe Hat alle frühen Blüten meines Geiſtes Unwiederbringlich hingerafft. Ich bin Für Deine großen Hoffnungen geſtorben! Don Carlos, V, 1. Erſtes Kapitel. 3 Bis ins Grab. Der große Kirchhof der Hauptſtadt war gedrängt voll Menſchen. Obwohl die Seitenthore geſchloſſen und die Haupteingänge mit Wachen beſetzt waren, wogten doch auf allen dahinführenden Zugängen immer neue Schaaren heran. Zwar verſuchten es Manche, an den Häuſern hin feſten Fuß zu faſſen, um ſo von einem ſichern Platze aus das allgemein erwartete Schau⸗ ſpiel überſehen zu können, es war jedoch unmöglich; denn die Strömung war ſo ſtark, daß ſie Alles mit ſich fortriß, an der langgeſtreckten Kirchhofsmauer dahin, bis ſich endlich das Gedränge auf die Wieſen und zwiſchen die kleinen Häuſer entlud, in welchen dort die Stadt verlief. Am beſten hatte es eine kleine Geſell⸗ Schmid, Mütze und Krone. IV. 1 ——— —. 2 ſchaft getroffen, welche von den erhöhten Stufen einer Schenke Beſitz ergriffen hatte, die mit ſtumpfer Ecke ein paar an einander ſtoßende Straßen beherrſchte und ziemlich hoch hinanſtieg, ſodaß ſie, wie eine Art Terraſſe, überdies von einem breiten, geſtreiften Leinwanddache überſpannt, ein ebenſo bequemes als geſchütztes Plätz⸗ chen abgab, von welchem aus der Ueberblick über die flutende Menge gegen den Kirchhof hin, ſowie nach den rückwärts zur Stadt führenden Straßen vollkom⸗ men frei war. Es war eine gewöhnliche Schenke der niedern Art, in welcher meiſt nur Arbeiter, Geſellen oder Fuhrleute vom Lande einzukehren pflegten, welche, den Pflaſterzoll und die theuren Zechen im Innern der Stadt ſcheuend, gern außerhalb der Mauern verblieben und ihre leichten Geſtelle in einander ſchoben, daß ſich war von Kindern und ſchreienden Lehrjungen, mitunter auch von einem beſonders neugierigen Erwachſenen erklettert worden, wie denn auch unter die Schurzfelle und Blouſen auf der Terraſſe einige beſſer gekleidete Geſtalten ſich gemiſcht hatten. Gegenüber ſtand ein ungewöhnlich großes Haus mit drei bis vier anſehnli⸗ chen Fenſterreihen übereinander, deren Einförmigkeit es ſofort als ein öffentliches Gebäude bezeichnet hätte, wenn auch nicht mit ſchwarzen, maſſiven Eiſenbuchſta⸗ daraus eine Art von Wagenburg bildete. Auch dieſe — ben die Inſchrift: Schulhaus daran angebracht geweſen wäre. Unter dieſer Inſchrift hing eine Tafel mit den Worten: Wahllokal des einundzwanzigſten Diſtricts. Alle Fenſter des Gebäudes, ſowie die der andern Häuſer waren dicht mit Köpfen von Schauluſtigen be⸗ ſetzt, der Thorbogen aber, obwohl weit geöffnet, war voll⸗ kommen leer. „Holla, wer rudert denn da mitten durch das Ge⸗ dränge über die Gaſſe herüber?“ rief ein Burſche, deſſen weiße Bruſtſchürze nicht ganz unblutig war und da⸗ durch den Kellner und Metzger der Wirthſchaft zu erkennen gab.„Der muß ttüchtig ſchwimmen und aus⸗ greifen, wenn er da durchkommen will. Ha“, fuhr er fort, während die Gäſte lachend nach der bezeichneten Richtung hinſahen, njetzt erkenne ich ihn. Der kommt ſchon durch. Das iſt der Drehermeiſter Gerbel. Der hat ein paar tüchtige Ellbogen am Leibe. Wer die in die Rippen bekommt, weicht ihm aus.“ „Richtig“, ſagte ein daneben ſitzender Bürger, an deſſen zerſtochenen Händen die Schneiderarbeit nicht zu verkennen war.„Es iſt der Herr Gerbel. Ich erkenne ihn jetzt auch. Der gehört zum Wahlausſchuß, der drüben im Schulzimmer ſeine Sitzungen hat. Er wird es wohl zu langweilig finden, da drüben Maulaffen feil zu halten; denn bevor nicht das Leichenbegängniß 1* vorüber iſt, denkt ſicher Niemand daran, ſeine Stimme abzugeben.“ Der rüſtige Dränger, Meiſter Gerbel, hatte inzwi⸗ ſchen die Flut glücklich hinter ſich und ſetzte, aufathmend wie ein Schwimmer, der einen Strudel überwunden hat, den Fuß auf die Treppe. Ehe er aber noch hin⸗ aufkam, ſchickte er vorſorglich ſchon die Stimme voraus, um für ſeinen lechzenden Gaumen einen Krug des verlockenden Bieres zu beſtellen, das die Andern friſch und ſchäumend vor ſich ſtehen hatten.„Das halte der Teufel aus!“ rief er, nachdem er einen tiefen Zug gethan hatte, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn.„Ich bin herzlich gern dabei, meine Schuldig⸗ keit als Bürger zu thun, aber die Geſchichte iſt doch gar zu dumm. Das kann kein Menſch verlangen, daß man ſich in die leeren Stuben hinſetzt.“ Ein behäbig ausſehender und fein gekleideter Mann, der etwas ſeitwärts gedrängt in der Ecke ſaß, wendete ſich, wie von dieſen Worten ſympathiſch berührt, nach dem Redenden um und zeigte ein Geſicht, in das dieſer verwundert blickte, den Mund wie zum raſchen Gruße ſchnell öffnete, dann aber enttäuſcht ebenſo ſchnell wieder ſchloß. „Alſo iſt die Betheiligung an der Wahl ſo gering?“ fragte der Mann.„Es iſt alſo nicht blos der augen⸗ 8* blickliche Spectakel, welcher das Volk abhält, zur Wahl⸗ urne zu kommen? Ich habe es ja immer geſagt: unſer Volk iſt nicht reif für derlei tief verborgene Weis⸗ heit! Da können ſich die neuen Beglücker von dem Werth ihrer Erfindungen fürs Volk am beſten über⸗ zeugen.“ „Davon habe ich eben nichts geſpürt“, erwiderte Gerbel, indem er ſich den Andern ſeitwärts näher beſah⸗ „Ich meine im Gegentheil, es werden nicht viele Wahl⸗ berechtigte ſein, die ihre Stimme nicht abgeben. Wozu braucht es da beſondere Reife, um das zu verſtehen? Die ganze Weisheit liegt darin, daß das Volk bisher ſtumm und dumm hat thun müſſen, was die Andern ſagten, und daß es jetzt auch dreinreden darf, und glauben Sie, Herr, nichts begreift das Volk leichter als das. Aber wie geſchieht mir denn?“ fuhr er nach wiederholter kurzer Betrachtung fort.„Der Herr kommt mir ſo bekannt vor; wenn Sie nicht die blauen Brillen⸗ gläſer vor den Augen und den Backenbart hätten, ſo würde ich ſagen: es iſt der Herr Gerichtsrath Weber.“ „Der bin ich auch in der That“, antwortete der Behäbige, indem er ſich vollends nach dem Drechsler herumwendete.„Nur habe ich den Gerichtsrath an den Nagel gehängt. Ich habe mich wegen Augenleiden 3 1 4 8 in den Puheſtand begeben, und das iſt auch die Urſache, weshalb ich eine blaue Brille tragen muß.“ „Hm, das iſt ja recht ſchade“, ſagte Gerbel.„Dann nimmt's mich freilich nicht wunder, wenn Sie die Dinge in einem beſondern Lichte ſehen. Wenn Sie kranke Augen haben und überdies durch gefärbte Gläſer ſchauen, iſt es wohl nicht anders möglich. Es fällt mir jetzt auch ein, daß ich von Ihrer Inruheſtand⸗ verſetzung gehört habe; aber es hat ja geheißen, Sie ſeien nicht wegen Ihrer kranken Augen gegangen, ſon⸗ dern weil Sie mit dem neuen Schwurgerichte nicht einverſtanden ſind, das wir bekommen ſollen.“ „Thörichtes Geſchwätz!“ brummte der Gerichtsrath. „Was ſollte ich dagegen haben? Und ſelbſt wenn ich gegen ſolche Einrichtungen meine Bedenken erheben müßte, würde ich ſie doch für mich behalten, wenn Seine Durchlaucht einmal die Einführung eines neuen Geſetzes für erſprießlich halten und befohlen haben. Ich habe nichts dagegen! Meinetwegen mögen ſie die ganze Welt umkehren und die Spitzbuben ſelbſt zu Richtern machen. Man wird ja ſehen, was die Rechts⸗ pflege dabei gewinnt und ob die Verbrechen ſich min⸗ dern. Wir haben ja bald Gelegenheit dazu. Schon in den nächſten Tagen ſollen die erſten Aſſiſen, wie die neumodiſche Einrichtung heißt, abgehalten werden.“ 2 — „Ja, am nächſten Montag“, rief der Metzger her⸗ über, indem er einige volle Krüge auf den Tiſch ſtellte. „Einer von den Gerichtsboten iſt heute vor dem Eſſen vorbeigekommen und hat uns die Nachricht gebracht, und der muß es doch wiſſen.“ „So bald ſchon!“ nickte der Gerichtsrath mit vor⸗ nehm geringſchätzigem Lächeln.„Der Herr Drechsler⸗ meiſter ſtehen wohl auch auf der Liſte der Geſchwore⸗ nen? Ah gewiß, das kann ich mir denken! In Ihrem Leben und in Ihrem Geſchäfte haben Sie ja genug Gelegenheit gehabt, die ſonderbaren Drehungen und den Kreislauf des Lebens zu beobachten. Warum ſollten Sie nicht auch darüber zu Gericht ſitzen kön⸗ nen?“ Der Drechsler war eben im Begriffe, den Krug an den Mund zu bringen, ſetzte ihn aber etwas derb nieder und vergaß ſogar den Deckel zu ſchließen. „Das ſoll doch nicht gar geſtichelt ſein?“ ſagte er. „Aber darauf gebe ich gar keine andere Antwort, als daß, wie Sie ja wiſſen werden, nach dem Geſetze Jeder Geſchworener iſt, der ſeine dreißig Jahre zählt, eine Steuer entrichtet und kein Verbrechen begangen hat. Daß ich Steuern zahle, werden Sie mir aufs Wort glauben, wie Sie mir auch ohne Taufſchein anſehen, daß ich über den Schneider hinaus bin. Alſo müßte 8 ich mir ſchon eine Erklärung erbitten, was mit der ſonderbaren Frage gemeint ſein ſoll.“ Der Rath befand ſich ſichtbar in einiger Verlegen⸗ heit und ſchien zu ſchwanken, was er dem derben Meiſter erwidern ſollte, deſſen ganzes Gebaren zeigte, daß er jeden Augenblick bereit war, ſeinen Worten allenfalls auch thätlichen Nachdruck zu geben. Es war ihm daher ſehr willkommen, daß ein junger Mann, der anſcheinend theilnahmlos in der Nähe geſeſſen, plötzlich in die Ferne gegen die Stadt zu deutete und ausrief:„Ich glaube, da vorn entſteht eine ſtarke Bewegung, der Zug kommt.“ „Warum nicht gar“, ſagte der Dreher, nachdem er ſich flüchtig umgeblickt hatte.„Wenn Sie das für Soldaten halten, ſo dürfen Sie ſich auch nach einer blauen Brille umſehen. Das iſt gar nichts als die Menge, die ſich durcheinander ſchiebt. Wenn es Militär wäre, müßte man ja doch die Gewehre ſehen.“ Der Zweck der Finte war indeſſen erreicht, denn dem Gerichtsrath war es gelungen, ſich auf einige Schritte aus der bedenklichen Nähe zu entfernen. Währenddeſſen hatte zwiſchen dem Metzgerburſchen und einem Schloſſergeſellen ein ähnliches Geſpräch ſtattgefunden wie zwiſchen dem Gerichtsrath und dem Dreher. Der Geſelle hatte ebenfalls den Metzger eine „ —— Weile gemuſtert, winkte ihn dann zu ſich und ſagte ihm mit halblauter Stimme:„Sag' einmal, Kerl, ſteckſt Du ſchon lange in der Metzgerjacke?“ „Warum fragſt Du?“ entgegnete der Angeredete, indem er den lauernden Blick des Fragenden mit kecker Stirn aushielt.„Was ſoll ich ſonſt tragen als den Metzgerkittel?“ „Nun, es könnte ja auch ein Fuhrmannskittel ſein“, erwiderte der Schloſſer,„ſo ein blaues Staubhemd etwa.“ Der Geſelle hielt einen Augenblick inne, ſah vorſichtig um ſich her und fuhr, indem er dem Metzger die Hand vertraulich auf den Arm legte, in noch ge⸗ dämpfterem Tone fort:„Weißt Du, mir iſt, als hätte ich Dich ſchon einmal geſehen. Heißt Du nicht Hahn und haſt mit von den Balken heruntergekräht? Du weißt ja wohl, was ich meine. Es wird ſich jetzt bald jähren. Dazumal war's, wie der auch ſeinen Theil bekommen hat, den ſie da heute begraben.“ „Warum redeſt Du denn ſo heimlich?“ erwiderte der Metzger.„Der Herzog hat öffentlich bekannt geben laſſen, daß Alles ſtraflos und vergeſſen ſein ſoll, was damals geſchehen iſt. Man braucht alſo kein Hehl daraus zu machen, wenn man dabei geweſen iſt. Sie können einem kein Haar krümmen deswegen.“ Der Metzger ſah dabei recht ſicher in der Geſell⸗ 10 ſchaft umher und fand kein Arg darin, daß der junge Menſch neben dem Gerichtsrath den Blick auf ihn ge⸗ heftet hatte, als er ſich aber beobachtet ſah, ihn mit gleicher Schnelligkeit wieder abwendete. Der Schloſſer ſchien dieſe Zuverſicht nicht zu thei⸗ len.„Weiß nicht“, fuhr er fort,„traue dem Land⸗ frieden doch nicht recht. Ich ſcheue mich immer noch, wenn ich an die Geſchichte denke, und weiß nicht, was ich gäbe, wenn ich nicht dabei geweſen wäre. Es muß Andern auch ſo gehen. Seit dem Tage, wie wir zu⸗ ſammen auf der Barrikade geſtanden ſind, hab' ich ſchon gar Manchen, der mir ſonſt täglich in den Weg ge⸗ laufen iſt, mit keinem Auge mehr geſehen. Da iſt der alte Ulanenkorporal— Windreuter, glaub' ich, heißt er. Weißt Du noch, der grobe, graubärtige Invalide, der damals unſer Commandant geweſen iſt?“ „Ei freilich weiß ich das“, erwiderte der Metzger. „Er iſt mir wohl im Gedächtniß geblieben. Was iſt's mit ihm?“ „Wenn ich das wüßte! Kein Menſch hat ihn mehr geſehen; er iſt ſeitdem ſo gut wie verſchollen, und auch der ſchwarze Huber, mein Kamerad, iſt nicht mehr in die Werkſtatt gekommen, und kein Menſch kann ihn erfragen.“ „Huber“, ſagte der Metzger,„daß ich mich des = Huber nicht erinnern kann! Es waren ihrer auch gar zu Viele; wie ſoll man ſich da die Einzelnen merken!“ „Doch, doch“, ſagte der Schloſſer wieder;„es war ein Schloſſergeſelle, mit dem wir öfter nebenan im rothen Stern zuſammengeweſen ſind. Fällt's Dir nicht mehr ein, beim Wirth Moſer, wo er die Tochter gern ſah, das blaſſe, mondſüchtige Ding, das immer mit dem einen Auge in die andere Welt hinüberſah?“ „Freilich, jetzt fällt's mir ein“, rief der Metzger. „Das iſt der Wirth, neben dem wir die Barrikade aufgebaut hatten und bei dem es unlängſt erſt ge⸗ brannt hat.“ „Ja“, nickte der Schloſſer.„Der gottverdammte Schleicher! Jetzt wird's ihm aber wohl an den Kragen gehen; jetzt ſitzt er, weil es heißt, er habe ſein Haus ſelber angezündet, und wenn das neue Schwurgericht in Gang kommt, ſoll er einer der erſten ſein, die zu koſten bekommen, wie das ſchmeckt.“ „Ja, richtig, das neue Schwurgericht!“ ſagte der Metzger und rieb ſich die Hände.„Wie ich mich auf das freue! Da muß ich auch hin. Ich hab' es mei⸗ nem Herrn ſchon geſagt, daß er mich gehen laſſen muß.“ „Wenn er es nur thut,, rief der Schloſſer lachend. „Da wird's gar viele Leute geben, die vom Land herein⸗ kommen; da wird er ein ſaures Geſicht machen, wenn er den Metzger entbehren ſoll.“ Meinetwegen“, ſagte dieſer;„wenn er nicht will, ſo ſoll er ſich nach einem andern umſchauen. Meint er etwa, ich bin deswegen zu meiner Profeſſion zurück⸗ gekehrt, damit ich einem Andern den gehorſamen Diener mache? Hab's nur gethan, weil ich eingeſehen hab', daß das Herumfahren mit der Zeit doch nicht gut thut. Aber ſo iſt's nicht gemeint geweſen, daß ich nicht mein eigener Herr ſein ſollte.“ „Ja“, ſagte der Schloſſer,„ich werde wohl auch blau machen müſſen an dem Montag. Das muß wahr ſein: ſeit wir die neue Freiheit haben, löſt eine Lu⸗ ſtigkeit die andere ab. Bald heißt es wählen, bald gibt's ein neues öffentliches Gericht, bald ein Leichen⸗ begängniß, wie das heutige iſt. Das iſt ein Leben wie beim lieben Gott in Frankreich.“ Der Dreher Gerbel hatte inzwiſchen, vom Rathe abgewendet, ein auf dem Tiſche liegendes Zeitungs⸗ blättchen ergriffen und flüchtig darin geleſen. Er hatte dabei einen Theil des Geſprächs der beiden Burſchen vernommen und miſchte ſich nun darein, indem er das Blatt wieder auf den Tiſch legte.„Allerdings“, ſagte er,„das Schwurgericht wird uns merkwürdige Dinge bringen. Da leſe ich gerade in dem neuen —— 13 Blatt, in der Bremſe, daß ſchon wieder eine neue Geſchichte vorgekommen iſt und ein hieſiger Bürger vor das Schwurgericht kommen ſoll. Ich traue meinen Augen kaum.“ „Wer iſt es denn?“ fragte der Metzger neugierig. Auch der Gerichtsrath machte eine Viertelswendung nach ihm, welche Neugierde kundgab. „Ihr kennt ihn gewiß alle“, antwortete Gerbel;„er wohnt draußen vor dem Jakobsthor in dem Thurm, der an der Stadtmauer ſteht—“ „Was?“ rief der Schloſſergeſelle.„Der Herr Rem⸗ pelmann, der Schuſter? Der thut ja keinem Kind was zu Leide. Was ſoll denn der verbrochen haben?“ „Ich kann mir's ſelber nicht denken“, ſagte Gerbel achſelzuckend,„aber da ſteht's ſchwarz auf weiß und groß und breit gedruckt.“ Er nahm das Blatt wieder auf und las daraus vor:„„Die Kunde einer neuen beträchtlichen Sicherheitsſtörung macht ſo eben die Runde durch die Stadt und erregt wegen der dabei bethei⸗ ligten Perſönlichkeiten allgemeines Aufſehen. In dem ſchönen Landhauſe und Waarenmagazin des Herrn Spar⸗ berger vor dem Jakobsthor hat vor einigen Tagen ein nächtlicher Einbruch ſtattgefunden, bei welchem eine bedeutende Geldſumme entwendet wurde. Der Thäter iſt durch eine Oeffnung, die durch eine lockergewordene 8 —=— —-— Eiſenſtange im Gartengitter entſtanden, geſtiegen und in das Landhaus eingebrochen, bis zu welchem ſeine Fuß⸗ ſpuren in den vom Regen erweichten Gartenwegen deut⸗ lich zu verfolgen waren. Die Keckheit, mit welcher das Verbrechen verübt wurde, wird noch auffallender durch die Perſon des Thäters, welcher kein Anderer iſt als der Schuhmachermeiſter Rempelmann, ein bis dahin ganz unbeſcholtener und allgemein geachteter Bürger. Siche⸗ rem Vernehmen nach ſtellt derſelbe die That durchaus in Abrede, ſoll aber leider kein anderes Vertheidigungs⸗ mittel beſitzen, als das in ſolchen Fällen gewöhnlichſte, aber auch ſchwächſte, daß er von einem Unbekannten ein anſehnliches Geldgeſchenk erhalten habe. Dagegen ſollen Anzeichen der ſchwerſten Art für ſeine Schuld ſprechen, namentlich der Beſitz einer beträchtlichen Geld⸗ ſumme und eines Stiefelpaars, deſſen Spuren in den Gartenwegen ganz genau abgedrückt gefunden wurden. Ueble häusliche Verhältniſſe ſollen den Mann zu der verhängnißvollen That veranlaßt haben.“— Das iſt ja ſchrecklich“, ſetzte Gerbel hinzu, indem er das Blatt unwillig auf den Tiſch warf.„Heutzutage weiß man wirklich nicht mehr, auf wen man ſich verlaſſen kann! Auf den Rempelmann hätte ich Häuſer gebaut und der ſoll nun auf einmal ein Dieb geworden ſein. Das mag ein Anderer begreifen, ich nicht.“ —— „Ein Jeder iſt tugendhaft bis zu der Stunde der Verſuchung!“ ſagte der Gerichtsrath mit Salbung. „Darum heißt es auch in der Schrift—“ „Bleiben Sie mir mit der Schrift vom Halſe!“ rief Gerbel, indem er nach ſeiner Gewohnheit mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug.„Ich kann's freilich nicht bewei⸗ ſen, aber es iſt etwas in mir, was mir ſagt: der Rempelmann iſt ſein Lebtage ein ehrlicher Kerl ge⸗ weſen, der kann nicht über Nacht ein Schuft geworden ſein und vollends wegen ein paar lumpiger Gulden. Und dem Sparberger ſoll er ſie genommen haben! Das kommt mir noch verdächtiger vor. Der iſt ihm ja von jeher ſpinnefeind geweſen. Ich fürchte, ich fürchte das iſt am Ende gar ein Streich, den der ihm geſpielt hat.“— Der Gerichtsrath hatte ſich erhoben.„Sie ſind in Ihren einmal gefaßten guten Meinungen, wie es ſcheint, ſehr beſtändig“, ſagte er dann.„Ich ehre und erkenne das vollkommen an, mein lieber Meiſter, aber deſto unbe⸗ denklicher ſcheinen Sie mit Ehre und gutem Namen derjenigen umzugehen, welche nicht ſo glücklich ſind, bei Ihnen in Gnade zu ſtehen. Erlauben Sie daher, Ihnen zu erwidern, daß das, weſſen Sie Herrn Spar⸗ berger zu beſchuldigen nicht anſtehen, ein ſehr ſchweres Verbrechen wäre, daß es Calumnie und Meineid invol⸗ 48 10 viren würde, und wenn Sie für die Unſchuld Ihres Schuſters eintreten, werden Sie auch mir erlauben, den Herrn Agenten in Schutz zu nehmen und zu ſagen: Herr Sparberger war von jeher ein Ehrenmann und noch dazu ein frommer Mann.“ „Ja, da liegt eben der Haſe im Pfeffer“, ſagte Gerbel lachend.„Vertheidigen Sie den Herrn nach Herzensluſt, Herr Gerichtsrath! Ich bin Ihnen un die Arbeit nicht neidig. Aber ich und die ganze Stadt weiß, daß der Herr Sparberger immer Wucher und ſchändlichen Zwiſchenhandel getrieben hat, und mir für meine Perſon wär' es lieber, wenn er ein bischen we⸗ niger fromm wäre. Ich denke noch daran wie heute, es war an dem Tage, wo es abends zum Krachen kam, weil die neue Verbrauchsſteuer eingeführt worden war, da hat es Rempelmann dem Sparberger offen vor allen Leuten ins Geſicht geſagt und vorgeworfen, daß er von der Steuer ſchon Wind gehabt habe und daß er, um ſich mit dem Blutgeld ſeiner Mitbürger zu bereichern, ſein Magazin vor dem Thore mit Waaren vollgeſtopft habe. Es ſieht mir gerade ſo aus, als wäre das die Antwort, die ihm Sparberger damals ſchuldig geblieben iſt. Der hat ſich eben den unbe⸗ quemen Aufpaſſer vom Halſe geſchafft. Man müßte ja wahrhaftig keine Augen haben, um das nicht zu ſehen.“ 17 „Jetzt wird es aber Ernſt“, ſagte der Metzger;„jetzt ſieht man dort Bajonette und Helme und Säbel blitzen, jetzt kommen ſie.“ „Richtig“, ſagte der Schloſſer,„und wenn ich nicht irre, kommt etwas Großes hinterher, ein ſchwarzes Gerüſt; das wird wohl der Wagen mit dem Sarge ſein.“ „Waſch' Dir den Ruß aus Deinen Augen, Schloſſer“, rief der Metzger,„damit Du nicht einen Herrſchafts⸗ wagen für den Gerüſtwagen anſiehſt! Es kommt ja nicht mehr als ein Detachement von allen Regimentern, um dem Lieutenant Bergdorf die letzte Ehre anzuthun. Er ſelber liegt ja ſchon lange im Leichenhauſe draußen wie alle andern Todten.“ „Die letzte Ehre!“ begann der Schloſſer wieder, während der Zug der Soldaten näher kam.„Weiß auch nicht, warum ſie mit dem Lieutenant ſo viel Auf⸗ hebens machen! Es heißt ja, daß die ganze Generalität und alle Miniſter und Beamten mitgehen. Er iſt doch auch nur ein Menſch wie ein anderer.“ „Das iſt freilich wahr“, ſagte Gerbel, ſich ebenfalls erhebend, um über die Nächſtſtehenden hinwegſehen zu können,„aber ein merkwürdiger Menſch iſt er immerhin, wenn er's auch erſt durch ſeinen Tod geworden iſt. Er war es ja, der an dem traurigen Tage zuerſt den Befehl gegeben hat, auf das Volk zu feuern. Dafür Schmid, Mütze und Krone. IV. 2 18 hat hinwieder eine der erſten Kugeln von den Barri⸗ kaden ihn niedergeſtreckt, wenn er auch erſt jetzt nach mehr als Jahr und Tag daran geſtorben iſt. Und man thut das Alles wahrſcheinlich, weil eine Art von Ausgleichung darin liegt. Volk und Regierung will ihm eine Ehre anthun; denn allen iſt es leid, daß es ſo hat kommen müſſen; aber alle ſehen darin auch eine Bürgſchaft, daß es nicht wieder ſo kommen kann und daß unſere Freiheit jetzt feſtſteht; denn ſie iſt mit Blut von allen Parteien benetzt und das iſt ein guter Kitt.“ Der Schall der mit ſchwarzem Tuche überzogenen Trommeln kam immer näher und unterbrach das Ge⸗. ſpräch. Der Gerichtsrath drängte ſich die Stufen hinab, der junge Menſch folgte ihm.„Der Kitt mag ganz feſt ſein“, murmelte Weber;„aber laßt einmal ſehen, ob 8 er halten wird, wenn ein tüchtiger Keil dazwiſchen ge⸗ trieben wird!“ Das kriegeriſche Geleite hatte inzwiſchen das Thor des Kirchhofs erreicht und war in denſelben eingetreten. Nur noch Wenigen gelang es, ſich in den ſchon reichlich angefüllten Raum nachzudrängen; vom Leichenhauſe her, wo die Spitzen der Behörden verſammelt waren, öffnete ſich eine Gaſſe für die Ankommenden. Der Sarg, welcher Bergdorf's Leiche enthielt, ſtand geſchloſſen in der Vorhalle, denn es hieß, ſie ſei durch ſein langes 19 Leiden ſo ſehr entſtellt, daß es nicht thunlich ſei, ſie zu zeigen. Auf dem Deckel lagen Säbel und Helm unter Blumenkränzen; nirgends aber war Lorbeer oder Eichenlaub zu erblicken; es war, als wollte man den Mann, der ſo viel Unglück verſchuldet, nicht auszeichnen, dennoch aber zu erkennen geben, daß er im Kampfe für die Ordnung und für das gefallen war, was er ſeine Ueberzeugung nannte. Der Zug war ſchnell geordnet. Hinter den mit ſchwarzen Bändern und Flören geſchmückten Fahnen und Kreuzen wurde der Sarg von Soldaten des Re⸗ giments getragen, einige Verwandte als Leidtragende ſchloſſen ſich an, und nach ihnen folgte die ganze Schaar von glänzend uniformirten Beamten und Offizieren, welcher ſich eine unabſehbare Volksmenge anreihte. Langſamen Schrittes und in weitem Bogen ausholend bewegte ſich der Zug dem Grabe zu, während das dumpfe Raſſeln der Trauertrommeln mit den Klängen der Regimentsmuſik abwechſelte, welche einen Todten⸗ marſch blies. Unter den Leidtragenden war auch der alte Windreuter im verſchoſſenen Ulanenkoller mit ſichtbar abgehärmtem Geſichte, in welchem der graue Schnurrbart zuckte, während manchmal aus den buſchi⸗ gen Wimpern eine Thräne darauf niederträufelte. Für diejenigen, welche außerhalb der Kirchhofsmauer 2 —— ——.—— 1* 88 7 ſtanden, war das Schauſpiel zu Ende. Die Menge verlief ſich auch bald. Nur einzelne Gruppen blieben zurück und ſahen einer Abtheilung Soldaten zu, welche draußen ſeitwärts auf der Wieſe Aufſtellung genommen hatte, um dem Todten, der im Dienſte und Kampfe gefallen war, beim Einſenken in die Gruft durch drei Gewehrſalven den üblichen kriegeriſchen Abſchied zu geben. Bald war die Trauermuſik und das ſingende Gebet der Prieſter verhallt, der Rauch der Schüſſe war mit dem Weihrauch verflattert, und die Todtengräber hatten mit der kaltblütigen Geſchwindigkeit der Ge⸗ wohnheit ihr Geſchäft verrichtet. In wenig Augen⸗ blicken war das Grab mit Kies und Schollen und den Trümmern früherer, vermoderter Särge wieder aufge⸗ füllt. Dazwiſchen lagen einige Blumenſträuße, welche aus Verſehen oder Vergeſſen nicht mit in das offene Grab hinabgeworfen worden waren. Unter denen, die dem Begräbniß beigewohnt hatten, war auch der Weber Will in dürftigem Anzug, der durch die Sorgfalt, mit welcher er rein gehalten war, erkennen ließ, daß es der beſte ſein mochte, welchen der Meiſter beſaß, der aber doch in keiner Weiſe zu dem Trauergeleite paſſen wollte. Dagegen war Richard vom Kopf bis zum Fuß in einen ſchönen Anzug von feinem ſchwarzen Tuche gehüllt; der Knabe betrachtete 21 denſelben mit ſichtbarer Freude, indem er von Zeit zu Zeit mit der Hand über den Aermel ſtrich, als wolle er die Feinheit des Tuches fühlen, oder wohlgefällig an ſich ſelbſt hinabſah, wie ſtattlich ſeine Glieder in der ungewohnten Tracht ſich ausnahmen. Der Meiſter war nur von fern geſtanden; es war nicht möglich geweſen, durch die Menge zu dringen. Darum hatte er noch verweilt und ging mit dem Knaben in den Bogengängen des Kirchhofs hin und wieder, um mit ihm, wenn die Menge ſich verlaufen haben würde, noch ungeſtört einen Beſuch am Grabe zu machen. Dem ungeberdigen Knaben ſchien das nicht zu behagen, denn er blickte nach allen Richtungen umher, als ob er einen Ausweg ſuchte, um zu entſpringen, was ihm auch ſicher gelungen wäre, hätte ihn der Weber nicht feſt an der Hand gehalten. So waren ſie in die Nähe der Todtenſäle gekom⸗ men, von welchen eben ein neuer Leichenzug abgegangen war. Ein einfacher Sarg⸗mit plattem Deckel und ohne Anſtrich ließ die völlige Armuth deſſen, der darin lag, ebenſo wohl erkennen als das verſchoſſene und bei⸗ nahe farbloſe Bahrtuch, das die Träger achtlos darüber⸗ warfen. Kein Geſang war dabei zu hören, kein Gebet, keine Ceremonie irgend eines Prieſters. Dennoch ſtand eine anſehnliche Schaar von Männern bereit, um als 22 Geleite hinter dem Sarge einherzuſchreiten. Der Ver⸗ ſtorbene war ein Geſelle, ein armer Handwerker, wel⸗ cher der freien Gemeinde angehört und, in voller Rüſtigkeit und Kraft raſch dahingerafft, ein Weib und ein paar Kinder in großer Dürftigkeit zurückgelaſſen hatte. Ein dichter Haufen von Neugierigen folgte dem ſchmuckloſen Zuge, der ſich ohne alle Feierlichkeit und eilfertig dem Winkel zuwendete, in welchem das Grab des Armen bereitet war. Auf den Stufen des Leichenſaals, an einem der Wandpfeiler lehnte der Aufſeher des Kirchhofs und ſah bedenklich dem Zuge nach, als einer der Todtengräber, das Grabſcheit auf der Schulter, herankam und grüßend vor ihm ſtehen blieb.„Haben Sie denn geſehen, Herr Aufſeher?“ ſagte er.„Ich habe vergeſſen, es Ihnen vorher zu ſagen. Wie ich heute Morgen in die neue Section hinausging, um das Grab zu machen, ſah ich Glasſcherben am Boden liegen. Ich ſchaute in die Höhe, und wie ich mir's genauer betrachtete, ſo ſah ich, daß das hintere Fenſter in dem Saale, in welchem die Leichen der Reichen liegen, eingeſchlagen war. Es iſt das Fenſter, unter welchem der Hollunderbaum ſteht. Hm, hab' ich mir gedacht, was muß denn da geſchehen ſein? Ich ſah nach und fand, daß vom Baume ein ziemlich ſtarker Zweig abgeknickt war. Es ſah aus, 23 als wenn Jemand darauf geſtanden wäre, um in den Saal hineinzuſehen oder ſich auf den Sims hinaufzu⸗ ſchwingen.“ „Schweig' Kerl!“ entgegnete der Aufſeher haſtig. „Hab's ſchon geſehen, noch in der Nacht, und hab' gleich Alles wieder einglaſen laſſen. Mußt Niemand etwas von der Geſchichte ſagen. Wer weiß, was das für eine Schmiere gäbe, und am Ende käme doch nichts dabei heraus.“ „Bei was denn?“ fragte der Todtengräber neu⸗ gierig.„Sagen Sie mir's nur, Herr Inſpector! Ich ſchwatze nichts aus, und weil ich doch ſchon das Eine weiß, iſt's immer beſſer, Sie ſagen mir gleich Alles, damit ich mich darnach richten kann.“ Der Aufſeher trat mit dem Burſchen ein paar Schritte beiſeite, aber gerade ſo, daß Will, der unbe⸗ merkt hart an einem großen Steinmonumente wartend ſtand, ohne horchen zu wollen, das Geſpräch mit an⸗ hören mußte. „Es iſt bei alledem eine merkwürdige Geſchichte“, ſagte der Aufſeher.„Du weißt ja, was es mit dem Lieutenant, den ſie eben abgeholt haben, für eine Be⸗ wandtniß hat. Er hat die erſten Todten, die es voriges Jahr bei dem Aufſtand geſetzt hat, auf dem Gewiſſen. Da ſind ihm Viele nicht grün, und daher mag es wohl 24 kommen. Wie ſie ihn brachten, wurde er in den rei⸗ chen Saal geſtellt, und die Verwandtſ chaft brachte Blumen und Kränze in Menge und trug mir auf, ich ſollte von Blumenſtöcken und Laubpflanzen ſo viele drum herum⸗ ſtellen, als ich nur auftreiben könne. Das hab' ich denn auch gethan und hab' den Todten, der abgezehrt war wie ein Gerippe, aufgeputzt, daß er noch immer ganz leidlich dalag, und gab ihm auch einen Blumenſtrauß in die eine Hand, in welcher er ein kleines Crucifix hatte. Dann machte ich ihm den Drahtzug zur Rettungs⸗ glocke, den jeder Todte bekommt, an der andern Hand feſt, dachte mir aber dabei wohl: Du wirſt es bleiben laſſen und wirſt nicht mehr läuten. Als ich dann des Nachts wie immer ein paar Mal meine Runde gemacht, um, wie's Vorſchrift iſt, nachzuſehen, ob die Lichter brennen und ob ſich ſonſt nichts ereignet, und wie ich dann wieder in meine Stube nebenan gekommen war und mich aufs Ohr gelegt hatte, da war es, als wenn ich im Saale etwas rauſchen hörte. Dummheit! dachte ich mir; das Blut ſauſt mir wieder einmal in den Ohren— hab' das öfter— und wollte mich auf die andere Seite legen. Da hat's aber meine Alte— die ſchläft an der Wand nebenan— auch gehört, und wie wir's ſo bereden und ich aufſpringe und in aller Eile in den Rock hineinſchlüpfe, während ſie die Laterne an⸗ 25 zündet, da hören wir das Rauſchen wieder und ganz deutlich, und drauf thut's ein paar Schläge, als wenn etwas mit aller Gewalt auf den Boden geworfen würde. Na, Du kannſt Dir denken, ob wir geſchwind im Leichenſaal drin waren. Und was war's? Der ganze Saal war ruhig und ſtill, das ewige Licht brannte wie ein mattes Sternlein fort, und die Todten lagen alle mit den ſtarren, kalten Geſichtern da, wie wir ſie hingelegt hatten. Auch der Lieutenant; aber—“ „Nun“, fragte der Burſche,„was denn? Mir wird ganz grauslich, daß mir die Haare zu Berge ſteigen.“ „Von dem Schragen“ fuhr der Aufſeher fort,„auf welchem der Lieutenant lag, waren alle Blumen weg⸗ genommen und lagen zerriſſen am Boden herum. Die Blumenſtöcke aber waren ſorgfältig herabgenommen und in einen Winkel geſtellt; nur die beiden letzten lagen umgeſtürzt am Boden. Wer's gethan hat, mag wohl einen Schauder empfunden haben, und da ſind ſie ihm aus den Händen gefallen.“ Der Burſche faltete die Hände und hörte mit offe⸗ nem Munde zu. „Meine Alte“, ſagte der Aufſeher wieder,„und ich haben uns gleich daran gemacht und Alles wieder zurechtgeſtellt, ſo gut es ging; wir laſen die Blumen auf, die noch brauchbar waren, und nahmen von einem andern Todten, der des Zeugs genug hatte, einen Strauß, um ihn dem Lieutenant wieder in die Hand zu geben. Da merkten wir erſt, daß auch das Crucifix fehlte. Wir haben Alles abgeſucht darnach, wie um eine Steck⸗ nadel; aber es war fort und nirgends zu finden und auch ſonſt keine Spur, als daß das Fenſter über dem Hollunderbaume eingeſchlagen war.“ Wider Willen hatte der Webermeiſter zugehört. Jetzt vermochte er nicht länger an ſich zu halten. Ein ſtarker Seufzer drängte ſich aus ſeiner kummerbelaſteten Bruſt, während Richard mit ungeduldigem Reißen ſeine Hand loszumachen ſuchte und rief:„Was thun wir noch da? Warum gehen wir nicht auch wie die an⸗ dern Leute?“ Darüber wurde der Aufſeher die Beiden gewahr, unterbrach ſich und wendete ſich gegen Will mit der Frage, ob er etwas ſuche. 8 „Nein“, erwiderte dieſer,„es iſt mir nur ein bis⸗ chen übel geworden. Ich kann den ſtarken Weihrauch⸗ geruch nicht vertragen.“ „Dann ſollten Sie auch nicht auf den Kirchhof gehen, guter Freund!“ ſagte der Aufſeher.„Sie ſehen wirklich miſerabel aus. Soll ich Ihnen was holen zum An⸗ ſtreichen? Hab' allerlei ſolches Zeug im Vorrath.“ „Nein, nein“, ſagte der Weber, faſt ängſtlich ab⸗ 27 wehrend,„ich will lieber gehen; in der Bewegung und in der Luft wird's mir wohl beſſer werden.“ Damit ſchwankte er hinweg, den widerwilligen Knaben nach ſich ziehend.„Komm“, ſagte er,„wir wollen doch hin⸗ über an das Grab.“ „Was haben wir denn dort noch zu thun?“ ent⸗ gegnete der Knabe trotzig. „Du ſollſt noch ein Vaterunſer beten für den Herrn“, antwortete der Weber.„Es iſt derſelbe, der Dir das Gewand hat machen laſſen, das Dir ſo viel Freude macht.“ Der Knabe erwiderte nichts, aber er widerſtrebte auch nicht mehr und ſtrich wieder wohlgefällig über den Aermel ſeines Röckchens. Der Weber taumelte mehr, als er ging, den Weg dem Grabe zu; was er ver⸗ nommen hatte, war zu viel für den ſchwächlichen Mann, denn er errieth nur zu beſtimmt, wer es geweſen, deſſen unverſöhnlicher Haß den Todten bis in das Leichenhaus verfolgt hatte. Eben beugte er in einen der vielen rechtwinklig angelegten Gänge hinein, an deſſen Ende Bergdorf's neu aufgeſchütteter Grabhügel lag. Er ſah hinüber; es kam ihm vor, als ob eine weibliche Geſtalt in der Nähe deſſelben ſich zu ſchaffen mache; eh' er aber der Sache gewiß geworden, hatte Richard ſich ſchon von ſeiner Hand losgeriſſen und lief mit dem 28 lauten Rufe:„Die Mutter, die Mutter!“ zwiſchen den Kreuzen und Grabhügeln dahin. „Cilly!“ ſtammelte der Weber hinzueilend;„ſie iſt es wirklich.“ Er kam eben hinzu, als der Knabe bereits am Halſe des Mädchens hing, das ihn mit einer In⸗ brunſt, die nur der Glut ihres Haſſes zu vergleichen war, an Kopf, Geſicht und Bruſt mit Küſſen überdeckte und an ſich preßte, als ob ſie ihn erdrücken wollte. Der Knabe, ſonſt faſt unempfindlich gegen jedes Zeichen voon Zuneigung und widerwillig gegen jede Berührung, duldete die Liebkoſungen nicht nur, ſondern erwiderte ſie mit gleicher Leidenſchaftlichkeit. „Cilly! Schweſter!“ ſtieß Will hervor; er war noch immer zu ſehr außer Faſſung, um einen andern Aus⸗ druck für ſein Staunen zu finden. „Du auch da, Bruder Will?“ antwortete Cilly mit einem Tone, der viel gütiger klang, als er ſonſt bei ihr gewöhnlich war.„Es iſt gut, daß Du da biſt. Ich war eben daran, zu Dir zu kommen.“ „Aber, Cilly, ſag' nur um Himmelswillen“, rief der Weber,„wo Du die ganze Zeit über geweſen biſt? Was haſt Du nur gethan, und wie ſiehſt Du aus! Wie unſer Herrgott am Kreuz, wie die Noth und das Elend ſelber!“ „Dann ſeh' ich aus, wie ſich's gehört“, erwiderte 29 Eilly mit ihrem alten finſtern Ausdruck,„wie ſich's gehört für ein verlorenes Weibsbild, wie ich eins bin. Aber hab' keine Sorge um mich, Bruder! Ich habe Dir keine Schande gemacht. Ich habe gearbeitet und Hunger gelitten, und ſo iſt die Zeit hingegangen, und alles Andere geht Niemand was an als mich und unſern Herrgott und den, der da drunten liegt.“ „Cilly“, rief der Weber, die Hände zuſammenſchla⸗ gend,„Du biſt zum Fürchten. Wie kannſt Du ſo was thun? Geſteh' nur ein, Du biſt es geweſen, Du biſt heute Nacht ins Leichenhaus eingebrochen, haſt die Blumen zerriſſen und dem Todten ſogar das Crucifix genommen!“ „Was ſoll das Kreuz in der meineidigen Hand?“ fuhr ſie mit dem wildeſten Ausdruck des Haſſes auf. „Man ſoll keinen Spott treiben mit einer ſo heiligen Sache!“ „Aber das iſt unchriſtlich“, entgegnete Will.„Man ſoll ſeinen Haß nicht bis ins Grab treiben.“ „O ja, man ſoll!“ erwiderte ſie wild.„Und ich will's auch! Bis ins Grab und noch darüber hinaus, bis an den jüngſten Tag! Wenn wir dann alle ver⸗ ſammelt ſind, dann will ich unter allen Todten den da herausfinden und will ihn vor unſern Herrgott führen und will ſehen, ob er mir dann auch nicht Red' und —— 7 —— 30 Antwort ſtehen wird.“ Der Weber ſchauderte; Cilly aber fuhr etwas ruhiger fort:„Hätt' mich nicht ſehen laſſen, Will, wenn's nicht wegen des Buben, wegen des Richard wäre. Er wächſt heran; was haſt Du mit ihm im Sinne, Bruder?“ „Gott ſei Lob und Dank!“ rief der Weber erleich⸗ tert.„Das iſt endlich nach langer, langer Zeit das erſte ruhige und vernünftige Wort, das ich von Dir höre. Der Bub' muß eben ein Handwerk lernen, er muß in die Lehre. Ich wollte zuerſt einen Weber aus ihm machen, hab's dann aber wieder aufgegeben. Es iſt doch ein gar zu armſelig Brod.“ „Nein“, rief die Mutter,„das iſt nichts; ein Weber ſoll er nicht werden!“ „Dann iſt der Kaufmann da vorn an der Ecke, der braucht einen Lehrjungen, und er wollte mir zu Gefallen mit einem geringen Lehrgeld vorlieb nehmen, aber ich hab's nicht erſchwingen können.“ „Ja, ja“, rief Cilly, die noch immer auf den Knieen lag, mit einem Lachen voll unendlicher Bitterkeit,„das Elend fängt ſchon an beim erſten Schritt, den er ins Leben thut; er iſt verdammt ſchon vom erſten Athem⸗ zug an! Und ein Menſch', rief ſie mit wilder, wieder auflodernder Leidenſchaft,„der das Alles verſchuldet hat, ſoll ſterben und im Grabe liegen dürfen wie ein 31 anderer ehrlicher Menſch? Auf ſeinem Grabe ſollen Blumen liegen dürfen?“ Sie griff nach den Sträußen, die auf dem Gerölle lagen, um ſie zu zerreißen, aber der Bruder fiel ihr in den Arm. „ib' nach, Schweſter!“ ſagte er.„Das iſt Un⸗ ſinn. Der da drunten liegt, hat's ſchon mit einem andern Richter zu thun. Du ſagſt ja ſelbſt, Du wollteſt ihn einmal vor dem verklagen. So warte es ab und ſprich nicht ſelber im voraus das Verdammungsurtheil aus! Er iſt vor ſeinem Tode noch wenigſtens ſo weit in ſich gegangen, daß er dem Buben das Gewand da hat machen laſſen, und daß er ihm ſo viel Geld hinter⸗ laſſen hat, als für die Lehre nöthig iſt, und daß wohl noch etwas übrig bleibt.“ „So? Hat er das doch gethan?“ rief Cilly erſchüt⸗ tert, und im nämlichen Augenblick ſtürzten ihr die Thränen wie ein Quell, deſſen Schleußen aufgezogen worden, ſtromweiſe aus den Augen.„Unſer Herrgott ſoll es ihm anrechnen in der Ewigkeit“, ſagte ſie dann, „wenn es ein gutes Werk iſt. Aber ich nehme das Geld nicht; ich will ſchon trachten, daß ich das Lehr⸗ geld auf andere Art zuſammenbringe und Dir zuſchicke, Bruder!“ „Du?“ rief der Weber verwundert.„Wie wollteſt Du das möglich machen? Und alſo willſt Du wieder 32 fort, willſt noch nicht dableiben? Was haſt Du nur im Sinne?“ „Das iſt meine Sache“, antwortete ſie kalt.„Rede nur mit dem Kaufmann! Wenn's Zeit iſt, wirſt Du ſchon von mir hören.“ Sie hatte ſich erhoben und ſchien gehen zu wollen. Der Knabe drängte ſich an ſie und rief:„Mutter, ich will mit Dir gehen!“ „Nein“, ſagte ſie,„Du bleibſt da, Richard. Du folgſt dem Vetter wie mir; ich will's haben“, rief ſie mit herriſch aufflammenden Augen, als ſie gewahrte, daß der Knabe ſich zum Widerſtande anſchickte; aber ebenſo ſchnell verſchwamm der Blick in liebenden Thrä⸗ nen, und während ſie ihn an ſich drückte und küßte, ſagte ſie mit brechender Stimme:„Ich will's ſo haben; ich bitte Dich darum.“ „Weine nicht, Mutter!“ ſagte der Knabe, der wie verwirrt bald ſie, bald den Vetter angeſtarrt hatte und in welchem, wenn nicht ein Verſtändniß, doch eine Ahnung der Verhältniſſe aufzudämmern ſchien.„Ich will ja thun, was Du verlangſt, will beim Vetter Will bleiben, will auch ein Lehrbub' werden, wenn's ſein muß. Aber Du mußt nicht wieder fortgehen; Du mußt bei mir bleiben.“ Sie beugte ſich liebkoſend zu ihm hernieder, ſtrich ihm mit der Hand über den Scheitel und flüſterte ihm ein paar dem Weber unverſtändliche Worte in das Ohr, worauf der Knabe ihr feſt in die Augen ſah und ſich ihr an den Hals hing. Daß der Weber die Worte nicht hatte vernehmen können, lag wohl nicht blos an dem leiſen Tone, in welchem ſie geſprochen worden waren, ſondern auch an dem plötzlichen Lärm, welcher unweit des Grabes los⸗ gebrochen war. In der Entfernung von etwa hundert Schritten, in der unſcheinbarſten Ecke des Kirchhofs, war die Stelle gefunden worden, wo der freigemeindliche Handwerker begraben werden ſollte. Die Handlung war auch bis zum Einſenken des Sarges ohne Störung vor ſich gegangen; doch war dem Manne, welcher zu⸗ nächſt hinter dem Sarge ſchritt, nicht entgangen, daß allerlei Volk, das nicht zur Gemeinde gehörte, ſich immer näher an den Zug herandrängte, daß allerlei beleidi⸗ gende Ausrufungen und Verwünſchungen, zuerſt ver⸗ einzelt, dann immer häufiger und lauter, hörbar wurden. Es war der in der Stadt allgemein bekannte Kauf⸗ mann Rund, einer der eifrigſten Anhänger und der Vorſteher der freien Gemeinde.„Sehen und hören Sie!“ ſagte er zu ſeinem Nachbar.„Das iſt auf uns abgeſehen. Ich habe gleich von Anfang Leute wahr⸗ genommen, welche das Volk gegen uns aufhetzten. Es Schmid, Mütze und Krone. IV. 3 —— 34 iſt dies das erſte Begräbniß, das wir feierlich und öffentlich halten; Sie werden ſehen, man läßt es nicht ohne Störung vorübergehen.“ Der Mann hatte allerdings recht geſehen. Voran hinter den Trauernden drängte ſich eine Schaar von⸗ werſchiedenen Weibern, meiſt Frauen aus den geringern Ständen; doch fehlten auch ſolche nicht, bei welchen mindeſtens der Anzug eine höhere Stellung und beſſere Bildung hätte erwarten laſſen.„Nun, da ſieht man's“, ſagte eine Frau zu der andern;„ſie ſagen ja immer, es ſei die Religion der Liebe, die ſie predigen. Wenn das wahr wäre, würden ſie den armen Menſchen auch nicht ſo elend eingraben wie einen Hund, der nicht einmal einen richtigen Sarg hat.“ Ein Mann, der den rechten Arm in der Schlinge trug und in ärmliche Arbeitertracht gekleidet war, hatte die Bemerkung gehört.„Ich kann Ihnen ſagen, woher das kommt“, erwiderte er.„Die Leute halten nichts darauf, daß einer feierlich eingegraben wird und in was für einem Sarg es geſchieht. Sie haben das Geld dafür und was bei Andern die Geiſtlichkeit koſtet, zuſammengelegt und haben der Wittwe und den Kin⸗ dern ſo viel gegeben, daß ſie wohl davon zu leben haben.“ „So ſagen ſie“, rief das Weib heftig.„Wer weiß denn aber, ob's auch wahr iſt? Sie gehören wohl auch zu der ſaubern Gemeinde, weil Sie's ſo genau wiſſen?“ „Nein“, erwiderte der Mann— es war der Schloſſer⸗ geſelle Huber—„hab' es auch nur ſo gehört. Ich kann nicht arbeiten, weil ich mir beim letzten Brande den Arm beſchädigt habe; drum muß ich viel müßig gehen, und da hört man ſo allerhand.“ „Es iſt einerlei“, rief der alte Marqueur, welcher, den unvermeidlichen Roſenkranz in der Hand, an der Spitze des drängenden Haufens ſchritt.„Daß man bei uns ſo etwas erlaubt, iſt ein Frevel, der zum Himmel ſchreit. Es iſt kein Wunder, wenn wir mit Krankheit und Hunger heimgeſucht werden bis ins ſiebente Glied, und wenn noch Feuer vom Himmel auf uns fällt, wie auf Sodom und Gomorrha!“ Der junge Menſch, der in der Schenke geſeſſen, war auch in der Nähe, und wer ihn genauer betrachtete, mußte trotz der beſſern Kleider, die er jetzt trug, in ihm den Schreiber Billinger wiedererkennen. Wieder in einiger Entfernung davon waren der Vollbart und die blaue Brille des Herrn Exrraths Weber zu erblicken, welcher verabredete Zeichen gab, indem er den Stock in ſeiner Hand bald nach links, bald nach rechts be⸗ wegte, bald an die Lippen emporhob und wieder ſinken ließ. 3* 36 „Gewiß iſt es ein Unrecht!“ rief Billinger.„Die Freigemeindler dürfen das nicht, und wir brauchen es uns nicht gefallen zu laſſen! Deswegen iſt ja jetzt die allgemeine Freiheit eingeführt, daß Jeder zeigen kann, was er haben will und was nicht! Wenn wir nicht leiden, daß die Freigemeindler ihr Unweſen ſo offen treiben, dann wird auch die Regierung ein Einſehen haben und ihnen das Handwerk wieder legen.“ Unter ſolchen aufreizenden Geſprächen hatte ſich der Kreis um das unſcheinbare Grab immer enger ge⸗ ſchloſſen; dann trat unwillkürlich augenblickliches Schwei⸗ gen ein, bis eins von den Weibern rief:„Es ſcheint, ſie ſchicken ſich zum Beten an. Bin doch begierig, wie ein Gebet von ſolchen Leuten lautet.“ Kaufmann Rund war an das obere Ende des Gra⸗ bes getreten, ſodaß er weithin ſichtbar war, und be⸗ gann mit mächtiger Stimme, welche in mancher Volks⸗ verſammlung geübt und gewohnt war, die Maſſen zu erregen und zu beherrſchen, mit wenigen Worten einen Abriß des einfachen Lebens und des unerwarteten Hin⸗ gangs des armen Burſchen zu geben, welcher eben der Erde zurückgegeben worden war.„Das beſte Andenken“, ſchloß er ſeine kurze Rede,„iſt die thätige Liebe, welche die Gemeindegenoſſen ſeinen Hinterlaſſenen erweiſen. Für ihn können wir nichts thun, für ihn gibt es in 8 37 1 dieſem Augenblicke kein Geheimniß mehr, während wir noch im Dunkeln wandeln und des Lichtes warten. Aber ein erhebender Gedanke iſt und bleibt es immer⸗ hin, ſeiner Todten in Liebe zu denken, und ſo wollen wir für ihn auch das Gebet des Herrn ſprechen. Unſer Vater“, begann er mit feierlicher Stimme und die Hände faltend; aber im nämlichen Augenblicke erſcholl ein lautes Hohngelächter, von gellendem Pfeifen noch über⸗ tönt, und eine wilde Stimme rief:„Das iſt das Vater⸗ unſer!. Das Gebet gehört uns; das wollen wir uns von ſolchen Ketzern nicht ſchänden laſſen. Schweigt augenblicklich, oder wir ſtopfen Euch das Maul!“ Ein dunkles Roth hatte das Antlitz des Sprechenden überflogen; aber ruhig fuhr er fort, die zweite Bitte zu ſprechen. Schon aber waren die Worte zu Thät⸗ lichkeiten geworden; Steine und Schollen kamen über die Köpfe geflogen, und die von den Vordern gedeckten weiter Zurückſtehenden fingen an zu ſchieben und zu ſtoßen, daß gegen das offene Grab hin ein wildes Drängen in der underkennbaren Abſicht entſtand, ein Handgemenge hervorzurufen. Der Kaufmann hatte während des Tumults und unbeirrt durch denſelben das Gebet geſchloſſen. Die Gemeindeangehörigen traten enger zuſammen; ſie ſchie⸗ nen den Kampf mit dem Pöbel nicht zu ſcheuen und 38 entſchloſſen abzuwarten, was da kommen werde; allein es erfolgte kein Zuſammenſtoß. Im Augenblicke, als die vorderſten Schreier ſchon am offenen Grabe und vor dem Sprecher ſtanden, wurden ſie über den ange⸗ ſchaufelten Kies der Grabhöhlung zurückgeſchleudert, daß ſie taumelten und durcheinander fielen, und vor ihnen ſtand Huber, der mit dem freien linken Arme ein altes, ſchadhaftes Eiſenkreuz von einem Grabhügel gebrochen hatte und gleich einer Keule über ſeinem Kopfe ſchwang. 3 „Zurück!“ ſchrie er.„Der erſte, der ſich an einem von den Leuten vergreift und dieſen Ort entheiligt, den ſchlage ich nieder wie einen wüthenden Hund! Was wollt Ihr? Ich gehöre nicht zur Gemeinde, aber was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig. Sie ſollen ihre Todten eingraben, wie ſie wollen. Wir haben es nicht zu verantworten, nicht in dieſer und nicht in jener Welt. Ein Jeder ſoll auf die Art ſelig werden, die er für die rechte hält!“ Die Gehetzten hatten wohl den Muth des Lärmens, zur That waren ſie zu feig, und weil im Augenblick auch die Hetzer im Hintergrunde inne hielten, entſtand eine kleine Pauſe, während welcher die Angehörigen der freien Gemeinde Zeit fanden, ſich ungekränkt zu entfernen, um ſo mehr, als eine Patrouille des noch in der Nähe befindlichen Militärs herankam, bei deren Erſcheinen auch die Hetzer es nicht gerathen fanden, zu verweilen. „Verdammt! Muß denn immer etwas dazwiſchen kommen?“ rief der Gerichtsrath Weber, während Alles dem Ausgang des Kirchhofs zuſtrömte.„Eine ſo präch⸗ tige Gelegenheit ſhe ſo bald nicht wieder! Es wäre nicht mit Gold zu bezahlen geweſen, wenn es gerade heute und bei dieſer Gelegenheit zu einem kleinen Kra⸗ wall gekommen wäre. Wer war der Menſch, welcher ſich in die Geſchichte gemiſcht hat?“ Billinger beantwortete die Frage, der Rath notirte ſich den Namen in ſeine Schreibtafel und rief:„Geduld! Es wird die Stunde kommen, wo wir es auch dem eintränken können. Haben Sie keine Nachrichten von draußen? Wie ſteht's mit den Wahlen? „Gut“, antwortete der Schreiber.„Ich habe erſt vor kurzer Zeit ein Telegramm aus dem Gebirg be⸗ kommen. Der Herr Rath wiſſen, daß eben überall die Kornernte im Gange iſt. Ich habe daher Anſtalt getroffen, daß die Telegramme von allen Seiten nichts enthalten als Berichte über den Stand der Ernte Nach den verabredeten Worten wiſſen wir doch, was darunter zu verſtehen iſt. Unſere Leute ſind ſo rührig wie die Maulwürfe, beſonders in den Gegenden des 40 Flachlandes und gegen die Mooſe hin. Es müßte ein Wunder geſchehen, wenn wir unſere Leute nicht durchſetzten.“ Sie traten aus dem Kirchhof. Wider Abſicht und Willen war auch Meiſter Will vom Gedränge ergriffen und etwas beiſeite geſchoben worden; jetzt eilte er an das Grab des Lieutenants zurück und dachte nicht an⸗ ders, als daß mit der Mutter auch der Knabe ver⸗ ſchwunden ſein würde. Zu ſeiner Verwunderung aber ſtand derſelbe ruhig wartend neben dem Hügel „Wo iſt Deine Mutter?“ rief er ſchon von fern. „Iſt ſie wirklich fort?“ „Ja“, ſagte Richard.„Sie hat geſagt, ich ſolle bleiben und Alles thun, was der Vetter haben will. Drum will ich auch bleiben und will folgen.“ „Aber wohin iſt ſie? Hat ſie das nicht geſagt?“ „Ja.“ „Nun, wo iſt ſie denn? Wirſt Du's ſagen, Du Eigenſinn?“ „Nein“, ſagte der Knabe, indem er ihn feſt anblickte. „Ich habe der Mutter verſprochen, daß ich es Niemand ſage, und das halte ich auch.“ Der Knabe wartete keine weitere Erörterung ab und ging ruhig den Kirchhof entlang. Wohl oder übel mußte der Weber folgen.„Iſt das ein Kreuz!“ rief er, die Hände zuſammenſchlagend. „Was werde ich mit dem Buben noch Alles erleben müſſen! Aber wie kann es auch anders ſein? Es iſt ein altes Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Und nach welcher Seite er da auch rollen mag, iſt's allemal gefehlt.“ — Zweites Kapitel. Am Rande des Abgrunds. Der Frieden und die einträchtige Ruhe, deren Ein⸗ zug in dem ſtillen Hauſe hinter der Stadtmauer ſo ſicher erwartet worden war, ſchienen dort nicht heimiſch werden zu wollen. Das freundliche Vernehmen der erſten Monate war lange verſchwunden und flog höch⸗ ſtens noch manchmal ab und zu, einem Vogel ähnlich, der irgendwo ein hübſches Plätzchen gefunden, um ſein Neſt zu bauen, dann aber durch irgend eine Gefahr oder Unannehmlichkeit verſcheucht wurde und es nun doch nicht laſſen kann, manchmal verſuchsweiſe zurück⸗ zukommen und nachzuſehen, ob es nicht doch noch mög⸗ lich ſei, ſich wieder anzuſiedeln. Alle waren verſtimmt, indem jedes Einzelne das Andere verklagte und ihm 43 die meiſte Schuld beimaß, daß es ſo gekommen war; immer geneigt, ſich ſelbſt nahezu ganz davon freizu⸗ ſprechen. Mindeſtens war dies bei Ulrike und der Räthin der Fall, wie denn Frauen, wenn ſie einmal in Gegenſatz zu einander gerathen, häufig immer mehr und mehr ſich in denſelben hineinarbeiten und ſelten gerecht genug ſind, ihrerſeits einzuſehen, daß nur der beiderſeitigen Bemühung es möglich wird, einen Riß nicht zur unausfüllbaren Kluft werden zu laſſen. Von dem letztern Vorwurf konnte ſich nur Führer freiſprechen. Der Abend, an welchem er Ulrike nicht zu Hauſe ge⸗ troffen, hatte ſeinen Entſchluß, die Ruhe ſeines Hauſes um jeden Preis wieder herbeizuführen und auf dauer⸗ hafter Grundlage feſter aufzubauen, nur beſtärkt und den Gedanken der Selbſtanklage in ihm geſchärft. Er war ſogar nicht mehr fern davon, ſich ſelbſt als die Haupturſache zu betrachten; denn er hatte ſich durch die Geſchäfte ſeines Amtes ſo gänzlich von Haus und Familie abziehen laſſen, daß er die Mutter faſt nur noch beim Frühſtück ſah, daß er an den meiſten Tagen nicht einmal zu Tiſche nach Hauſe kam und ſogar das Wenige, deſſen er bedurfte, ſich in das Miniſterhotel bringen ließ. Kam er dennoch heim, ſo geſchah es zu ſo ungewohnter Zeit, daß er ſelten Jemand anders als die alte, ans Haus gewöhnte Frau daſelbſt antraf, und 44 daß Wochen vergingen, in welchen er Ulrike nicht an⸗ ders als nur flüchtig begegnete. Seine letzte Unter⸗ redung mit ihr lag ihm wie ein immer ſchwerer laſten⸗ der Stein auf der Bruſt. Er glaubte gegen ſie zu weit gegangen zu ſein. Nachdem er ihre Anforderungen abgewieſen hatte, wollte es ihm nicht mehr aus Kopf und Herzen, daß ſie vielleicht doch nicht ohne alle Be⸗ rechtigung geweſen ſeien. Er nahm ſich immer vor, bei einem nächſten günſtigen Anlaß darauf zurückzu⸗ kommen und die Angelegenheit in einer Weiſe einzu⸗ leiten und zu ordnen, welche, ohne ihn bloßzuſtellen, Ulrike befriedigen und ihr den Beweis liefern ſollte, daß ſein Herz und ſein Leben wie zuvor in ihrem in⸗ nern Weſen nur ihr zugewendet waren. Er konnte das auch von ſich ſagen und niemals mit größerem Rechte als ſeit der letzten, unerwarteten, verhängniß⸗ vollen Begegnung mit Primitiva. Allein dieſer Anlaß, dieſe günſtige Gelegenheit, auf welche er wartete, wollte ſich von ſelbſt nicht einſtellen, und ſo blieb die Sache immer verſchoben und vertagt, und die beiderſeitige Stimmung konnte dadurch unmöglich günſtiger werden. Es war, wie wenn ein feuchtkalter Niederſchlag ſich auf eine blanke Metallplatte gelagert hat und verſäumt worden iſt, denſelben in der erſten, rechten Zeit zu ent⸗ fernen. Die unſcheinbaren Tropfen verwandeln ſich nur 45 zu ſchnell in Roſt und graben ſich immer tiefer und zerſtörender ein. Wenn die Gatten ſich gleichwohl begegneten oder in Geſellſchaften ſich fanden, welche Führer trotz ſeiner Abneigung nicht immer vermeiden konnte, ſo war ihr Verkehr mehr von der Art, wie der allgemeine Anſtand es erfordert; der frühere gemüth⸗ liche Ton, der von ſelber und ungeſucht kommt, wie der Klang einer wohlgeſtimmten Saite, war verſchollen. Bei einer ſolchen flüchtigen Begegnung war es auch geweſen, daß Friedrich, in der Wärme ſeines Herzens immer bereit, das Beſſere zu glauben und die Hand zur Verſöhnung zu bieten, die Bitte ausgeſprochen hatte, Ulrike an jenem Abend zu Hauſe zu finden. Sie wußte allerdings, daß ſie die Einladung zum Concerte bereits angenommen, und es ging ihr auch flüchtig durch den Sinn, daß es ſeine großen Schwierigkeiten haben und der Geſellſchaft Ungelegenheiten bereiten würde, wenn ſie nun ihre Abſage ſchicken wolle. Dennoch regte ſich auch in ihr etwas wie eine Rückerinnerung an ein wärmeres und beſſeres Gefühl, und ſie verſprach gern, was gern angenommen wurde. Sie war im Augen⸗ blick auch feſt entſchloſſen, Führer's Wunſch zu erfüllen, um ſo mehr, als ſie ihm gegenüber ein gewiſſes Gefühl des Gedrücktſeins, eine Art von Beengung nicht los⸗ weiſe geäußerten Vorwürfe ein Bedenken in ihr hervor⸗ gerufen oder ſie irre gemacht hätten, ſie befand ſich vielmehr nach ihrer Ueberzeugung bei dieſer vollkommen im Rechte. Was ihr Mann dagegen einwendete, er⸗ ſchien ihr nur als eine bürgerlich beſchränkte Anſchauung, welche ſich vielleicht für den dunkeln Profeſſor der Rechte geſchickt hätte, für den erſten Miniſter eines großen Landes aber ebenſo wenig paßte als der Studenten⸗ rock, den er in frühern, fröhlichen Jahren getragen haben mochte. Was ſie Führer gegenüber beunruhigte, war vielmehr ganz anderer Art. Die Beziehungen des jungen Herzogs zu ihr waren immer häufiger, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten immer dringender geworden; ſie nahmen ein immer deutlicheres Gepräge an, ſodaß über deren Sinn eine Täuſchung wohl nicht mehr möglich war. Aller⸗ dings war weder im Benehmen noch in den Reden des galanten Fürſten etwas zu bemerken, was geradezu ein Unrecht enthalten hätte; aber beide bewegten ſich in ſo engen Grenzen, daß die Linien haarſcharf neben ein⸗ ander fortliefen, und eine feſte Hand, ein vollkommen klares Auge dazu gehörte, ſie nicht zu verwirren, ſon⸗ dern feſthaltend zu unterſcheiden. Ulrike war ſich be⸗ wußt, den Fürſten hierbei in keiner Weiſe ermuntert zu haben; aber das mußte ſie auch vor ſich ſelber ge⸗ ſtehen, daß ſie ihn mindeſtens nicht zurückgewieſen. Die 47 Huldigungen, die er ihr darbrachte, die Auszeichnungen, welche ſie durch ihn erfuhr, hatten ihrer Eitelkeit ge⸗ ſchmeichelt, und es regte ſich etwas von dem leichtſin⸗ nigen Blute ihrer Mutter in ihr, als ſie zum erſten Male in der Geſellſchaft geſungen und der Herzog unter den Ausdrücken des überſchwänglichſten Lobes und Ent⸗ zückens ſie galanterweiſe mit einer gefangenen Nach⸗ tigall verglichen und ſein Bedauern darüber ausgeſpro⸗ chen hatte, daß ſie bei einer ſolchen Stimme und einem ſolchen Talente ſich nicht völlig der Kunſt gewidmet habe. Von da an gab es Augenblicke, in welchen ſie ſich viel mit dieſen Gedanken beſchäftigte, in welchen ſie an dem Bilde etwas Wahres fand und ſelber zu glauben an⸗ fing, ſie habe die eigentliche Bahn ihres Berufs nicht gefunden, der Zweck ihres Lebens ſei verfehlt. Dann träumte ſie wohl auch von Verhältniſſen und Be⸗ ziehungen, wie ſie eintreten könnten, wenn ſie völlig ungebunden wäre; ſie ſah ſich gefeiert und geprieſen, auf einer glänzenden Künſtlerlaufbahn dahinſchreitend, auf Lorbeeren und Gold wandelnd, frei mit ſich und ihrem Herzen ſchaltend und ungehindert, jede Huldigung anzunehmen, die ihr gefiel, jede Höhenſtufe zu erklim⸗ men, die ſich ihr zeigte. Allerdings war im Grunde ihres Gemüths noch ſo viel des Guten und Trefflichen vorhanden, daß ſie ſich bemühte, ſolche Gedanken nieder⸗ zukämpfen, ſolche Bilder zu verſcheuchen; aber wenn es ihr auch gelang, blieb doch von denſelben, wie von den Photographien, die ein Blitz gebildet, ein nächtlicher Abdruck in den Geheimniſſen ihrer Seele zurück. Sie war einige Male im Begriffe, Führer Alles zu entdecken. Dann aber wurde ſie wieder trotzig; ſie erinnerte ſich ſeiner an ſie geſtellten Forderungen und ſah ein, daß ſie ihm dadurch vollkommen Recht geben und ihr ganzes künftiges Leben nothwendig für immer in die einfache, freudenkoſe Bahn hineinzwängen würde, vor der ſie tiefes innerliches Grauen empfand. Auch fehlte ihr wohl der Muth, den ernſten Augenblick einer Entſchei⸗ dung herbeizuführen; denn es ließ ſich nicht voraus⸗ ſagen, wie dieſelbe ausfallen würde; ein Geheimniß ſolcher Art, zwiſchen ihr und dem Fürſten ſo lange ge⸗ theilt und bewahrt, mußte ſie bei Führer nothwendig im bedenklichſten Lichte erſcheinen laſſen. In einem ſolchen Zuſtand der Unruhe und des Schwankens hatte ſie ſich auch befunden, als ſie das Verſprechen gegeben, das Singkränzchen nicht zu be⸗ ſuchen, ſondern abends zu Hauſe zu ſein. Sie hatte Beſuche gemacht, allerlei Einkäufe deſorgt und nach ihrer Rückkehr unmittelbar an die Generalin ihre Abſage geſchickt. Sie blieb auch ſtandhaft, als ein Billet der⸗ ſelben kam, worin ſie die Störung unendlich bedauerte —— 49 und Ulrike beſchwor, ihr Erſcheinen doch möglich zu machen, wenn es nur irgend angehe. Auch als die Generalin ſelbſt den abſcheulichen Fahrweg durch das Gäßchen nicht ſcheute und in eigener Perſon angefahren kam, ihre Verlegenheit und den Verdruß der ganzen Geſellſchaft zu ſchildern, blieb ſie ſtandhaft und hielt die vorgeſchützte Migräne mit ſolcher Tapferkeit auf⸗ recht, daß die gewandte Dame endlich die Unmöglich⸗ keit einſah, ſie andern Sinnes zu machen und anfangen mußte, an die Wahrheit eines Uebels zu glauben, an welchem ſie, geſtützt auf manche Erfahrungen des eigenen Lebens, anfangs ſehr begründete Zweifel ſich erlaubt hatte. Das Einzige, womit ſie ſich dabei tröſtete, war, daß Seine Durchlaucht der Herzog, welcher zuerſt die Anſicht gehabt hatte, zu erſcheinen, um das altitalie⸗ niſche Madrigal zu hören, welches Ulrike vortragen ſollte, nun unvermuthet eine Jagdpartie unternommen habe, daß alſo mindeſtens nach dieſer Seite hin ein falſcher Schritt nicht zu befürchten ſtand. Mit ſelten empfundener Beruhigung ſah Ulrike die Generalin ſich entfernen und war höchlich mit ſich ſelbſt zufrieden. Der Abend kam ihr unter den angenehmſten Empfindungen heran, als ganz unerwartet und noch ſpät abermals ein Briefchen der Generalin eintraf und ſie in neue Unruhe verſetzte. Das Billet wirkte wie Schmid, Mütze und Krone. IV. 4 50 ein Stein, der, in ſtille Waſſerflut geſchleudert, dieſelbe erregt und in immer weitern Ringen und Kreiſen die Unruhe ſich ausbreiten macht. Es enthielt die Nach⸗ richt, der Herzog ſei unerwartet von der Jagd zurück⸗ gekommen und habe ſofort zu der Generalin geſchickt, ſeinen Beſuch anzukündigen, und habe ausdrücklich hin⸗ zufügen laſſen, daß er beſtimmt darauf rechne, das Madrigal zu hören. Die Dame beſchwor Ulrike, das Concert, deſſen Gelingen lediglich von ihr abhänge, nicht zu ſtören und nicht ſie und ſich dem Mißfallen des Fürſten auszuſetzen. Eine Weile war Ulrike un⸗ entſchloſſen. Der Gedanke, wie ſie bei Führer ihre Abweſenheit entſchuldigen ſollte, beengte ſie von der einen Seite, während ſie andererſeits ſich von der Vor⸗ ſtellung beunruhigt fühlte, daß und wie ſehr dem Fürſten ihr Nichterſcheinen auffällig ſein müſſe. Der beſſere, ruhigere Theil ihres Gemüthes wollte ſie im Hauſe zurückhalten, die Freude, zu gefallen, der Gedanke an den zu erwartenden Beifall zog ſie zu der Geſellſchaft hin. Dennoch war die erſte Empfindung nahe daran, die Oberhand zu erhalten. Sie ſetzte ſich an den Schreib⸗ tiſch, um die wiederholte Abſage niederzuſchreiben; allein indem ſie ſich auf die paſſendſten Worte dazu beſann, ſtiegen ihr aufs neue Bedenklichkeiten auf, wie ſehr es im Grunde doch unmöglich und unthunlich ſei, in dem 51 Concerte nicht zu erſcheinen. Noch während des Nieder⸗ ſchreibens hielt ſie inne, führte den zierlichen Feder⸗ halter nachdenklich an den Mund und beſann ſich. Es war ihr ein Ausweg eingefallen, welcher Alles in beſter Weiſe auszugleichen verſprach.„Vortrefflich!“ rief ſie halblaut vor ſich hin.„So will ich es machen. Nur um das allgemeine Vergnügen nicht zu ſtören, will ich auf eine Stunde in das Kränzchen fahren. Das Ma⸗ drigal wird ja bald geſungen ſein, und noch ehe Frie⸗ drich zurückkommt, bin ich lange wieder da. So kann ich ſeinen Wunſch erfüllen und zugleich auf der andern Seite jeden Verdruß und jede Verſtimmung vermeiden.“ Mit flüchtigen Zügen warf ſie die Antwort in dieſem Sinne auf das Blatt und rief ihre Dienerin, ihren Anzug zu beenden. Sie fand es unnöthig, als ſie das Haus verließ, die Räthin davon zu verſtändigen. Sie ſcheute die Berührung mit der eigenſinnigen alten Frau, die ohne Zweifel wieder mit ihren grämlichen Bedenk⸗ lichkeiten angerückt gekommen wäre; ſie war ja bald wieder zu Hauſe, dann ſollte ſie ſowie Führer Alles erfahren. Der Plan war ganz gut ausgeſonnen; nur eins war dabei außer Acht geblieben: der Reiz und die Ver⸗ lockung der Geſellſchaft und die Schnelligkeit, mit welcher in ihr die Zeit, zumal eine in beſtimmte Schranken 1 52 gd gemeſſene, dahinfliegt. Wie leicht konnte irgend ein Umſtand ſich ereignen, welchen vorherzuſehen eine Un⸗ möglichkeit war und der ſie dennoch wider Willen feſthielt! Und ſo kam es auch. Das Madrigal ſtand allerdings gleich unter den erſten Nummern, welche vorgetragen werden ſollten, aber die erſte Nachricht, welche ihr unter den Be⸗ grüßungen der Generalin und den Complimenten der Geſellſchaft zu Ohren kam, war die von einer neuer⸗ lichen Botſchaft des Herzogs, welche meldete, daß eine plötzliche Verhinderung ihn nöthige, etwas ſpäter zu kommen, weshalb er dringend bitten laſſe, den Vortrag des Madrigals bis zu ſeiner Ankunft zu verſparen. Was konnte ſie thun? Es war geradezu unmöglich, dieſem Wunſche zuwider zu handeln. Führer ſelbſt, wenn er zugegen geweſen wäre, hätte das kaum ge⸗ wagt. Sie mußte alſo bleiben und beſchwichtigte die in ihr wie ein heißer Strahl aufquellende Unruhe mit dem Gedanken, wie ſie Friedrich Alles einfach, der Wahr⸗ heit gemäß erzählen wolle, und wie er dann ſelbſt ein⸗ ſehen müſſe, daß ſie nicht anders zu handeln vermocht. So ging die Zeit, bis zu welcher ſie heimzukehren ge⸗ dacht hatte, vorüber, ohne daß der Herzog erſchien, und im Gefühle des begangenen Unrechts wollte die frühere — —“ 53 Beſorgniß verſtärkt wiederkehren, als der Eintritt des Fürſten ſie nöthigte, ſich zu faſſen, um ſeine Begrüßung mit der gebührenden Haltung zu empfangen und die Artigkeiten entgegen zu nehmen, mit denen er ſein Aus⸗ bleiben entſchuldigte und den Dank für die ihm zu Ge⸗ fallen geſchehene Verzögerung ausſprach. Sie begann ihren Geſang in großer Befangenheit, und während des Ritornells, das dem Eintritt der Singſtimme vorherging, ging ihr Athem ſo ſchwer und heiß, daß ſie ſelbſt es für unmöglich hielt, einen Ton hervorzubringen. Sie begann mit einem Gefühle von Unſicherheit, das ſie ſonſt nicht kannte; aber vielleicht eben deswegen war ihr Vortrag von einem ſo unge⸗ ſuchten Ausdruck der Innigkeit durchweht, daß alle Zu⸗ hörer gefeſſelt und tief ergriffen lautlos den in ihrer Einfachheit rührenden Tönen lauſchten. Der Herzog hatte ſich in eine dunkle Ecke zurückgezogen, um, wie er ſagte, die Muſik ungeſtörter genießen zu können; er ſaß wie in ſich gekehrt und hatte die Hand vor die Augen gelegt, um ſich ganz gegen jede Störung der Außenwelt abzuſchließen. Dennoch entging es Ulrike nicht, daß er, als die allgemeine Aufmerkſamkeit von ihm abgelenkt war, ſeine Hand tiefer heruntergleiten und den brennenden Blick unabläſſig auf ihr haften ließ. Sie erglühte in ſteigender Befangenheit und fühlte 54 ſich doch in unbegreiflicher Weiſe erhoben; ohne ſelbſt zu wiſſen und zu wollen, wie es gekommen, durfte ſie ſich wohl ſagen, daß ſie nie vollendeter geſungen. Sie ahnte nicht, weſſen Ohr unten auf der Straße ebenfalls den wundervollen Tönen ihrer Stimme gelauſcht. Ueber dem Beifalle, welcher von allen Seiten auf ſie losſtürmte, und über den Lobeserhebungen des Her⸗ zogs vergaß Ulrike auf einige Zeit völlig, daß ſie ſich vorgenommen hatte, unmittelbar nach ihrem Geſange aufzubrechen. Sie hätte es auch nicht gekonnt, denn der Herzog, ſowie die ganze Geſellſchaft verlangten ſtür⸗ miſch die Wiederholung des Madrigals. Sie hatte keinen haltbaren Grund, das zu verweigern, und die Generalin war entzückt, daß die Migräne, an der ſie gelitten, ſie ſo vollſtändig verlaſſen zu haben ſchien. Dann wurde ſie von dieſem und jenem im Geſpräche feſtgehalten, dem ohne Unart nicht wohl auszuweichen war, und zuletzt trat auch der Herzog wieder heran und bat um den Vortrag eines andern Liedes, das ſie in einem frühern Concerte geſungen und das in hohem Grade ſein Wohl⸗ gefallen errungen hatte. Sie trat an das Piano, auf welchem die Muſikalien bunt durcheinander lagen, wäh⸗ rend die Geſellſchaft im Saale und in den anſtoßenden Zimmern in Gruppen zuſammenſtand und ſich an den Confitüren und ſonſtigen Erfriſchungen erquickte, welche ——— 55 in der eingetretenen Pauſe herumgereicht wurden. Der Herzog trat hinzu, als ob er das Finden beſchleunigen und ſuchen helfen wolle; aber unter den Notenheften und Blättern begegnete ſeine Hand der ihrigen. Sie fühlte dieſelbe im Augenblicke gefaßt und leidenſchaftlich gedrückt, und während das Auge des Fürſten wie ſuchend feſt auf die Noten gerichtet war, flüſterte ſeine Stimme heiß zu ihr empor:„Zaubrerin, ſo werde ich denn nie dieſen himmliſchen Augen gegenüberſtehen, ohne die halbe Welt zum Zeugen zu haben?“ Sie erwiderte nichts. Glücklicherweiſe hatte ſie eben das geſuchte Notenblatt gefunden und trat zu dem begleitenden Künſtler, um den Vortrag zu beginnen. Als ſie geſungen und einen Augenblick ausruhend ſich auf einen der Divans zurückgezogen hatte, ſtieg wohl der Gedanke an Führer und wie ſie zu Hauſe erwartet werde, gleich einem auflodernden Feuer in ihr empor. Sie machte ſich bittere Vorwürfe, daß ſie ſo ſchwach geweſen und den Lockungen dennoch nachge⸗ geben; aber kühlere Ueberlegung dämpfte die Flamme wie Waſſerguß. Es war nun einmal geſchehen, war nicht mehr zu ändern, ſo wollte ſie mindeſtens den Abend genießen und ſich denſelben nicht durch unan⸗ genehme Gedanken verbittern laſſen. Als die Geſellſchaft ſich trennte, war es bereits tiefe Nacht. Das einſame, ſtille Haus, das ſeine Herrin und Frau vergeblich erwartet hatte, war noch einſamer und ſtiller als ſonſt; Alles ſchien im tiefſten Schlafe zu liegen, nirgends verrieth ein Lichtſchimmer, daß noch ein Auge wache. Dennoch war die Räthin noch gar wohl auf der Hut und taſtete von ihrem Bette aus nach dem Schnürchen der oberhalb deſſelben ange⸗ brachten Stockuhr, um ſie die Stunde nachſchlagen zu laſſen. Sie mußte eben genau wiſſen, wann die Frau Tochter nach Hauſe gekommen. Auch am Fenſter von Führer'’s Zimmer lehnte noch lange im Finſtern eine dunkle Geſtalt und verſchwand erſt, als der aufdäm⸗ mernde Morgen die Nacht verſcheuchte. In den nächſten Tagen waren die Ehegatten ein⸗ ander nicht begegnet. Es mochte wohl auch beiderſeits der Wunſch nach einem Zuſammentreffen nicht vorhan⸗ den ſein, ſondern viel eher das Beſtreben beſtehen, ſich auszuweichen. Beide fühlten ſtillſchweigend, daß die Verhältniſſe auf einem Punkte angekommen waren, auf welchem es zur Erklärung und Entſcheidung kommen mußte, und der Unterſchied zwiſchen den Anſchauungen beider lag wohl nur darin, daß, während Ulrike ſich vor einer ſolchen Wendung ſcheute, Führer ſich darnach ſehnte und entſchloſſen war, den erſten ſich bietenden Augenblick dazu zu benutzen. ——* — 57 Und der Augenblick kam. Die Generalin, deren Haus der Sammelplatz der vornehmen muſikaliſchen Welt war, beſaß ein kleines, niedlich eingerichtetes Landhaus, eine halbe Stunde von der Stadt am NRande eines großen Waldes ge⸗ legen, der ein bedeutendes Jagdgehege bildete und deſſen äußerſte Partien in eine Anlage mit verſchlun⸗ genen Wegen nach Art der engliſchen Parks umgewan⸗ delt waren. Der Garten der Villa war durch den lebenden Zaun von kurz geſchnittenen Fichten und Buſch⸗ werk nicht überall ſo feſt abgeſchloſſen, als dies allen⸗ falls durch eine Mauer oder Planke hätte geſchehen können; ein ſolcher feſter Abſchluß war aber gar nicht beabſichtigt, denn für den Beſitzer der Villa war es ſehr angenehm, durch eine Hinterthür ſeine Spazier⸗ gänge über ſein eigenes enges Gebiet hinaus in einen ſo nahe gelegenen herrlichen Wald ausdehnen zu können. Anderntheils hatte der alte Herzog die Bewilligung hierzu gern gegeben; denn der General, ein alter, mit Narben und Orden reichlich bedeckter Invalide, war ihm außerordentlich lieb und werth geweſen. Jetzt allerdings konnte der alte Militär keinen Gebrauch mehr davon machen, aber die Vergünſtigung dauerte fort und ward ſeiner Frau ſehr angenehm, welche, ob⸗ wohl erſt in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre 58 ſtehend, kein Bedenken getragen hatte, ihre Hand in die eines faſt ſiebzigjährigen Greiſes zu legen. Der Alte ſaß beinahe immer in einem Rolllehnſtuhl im Gartenſaal und war gütig und nachſichtig, ſowie klug genug, daß er nichts dagegen hatte, wenn die junge Frau ſich— ſozuſagen unter ſeinen Augen— vergnügte und wie ein gefangener Vogel an verlängertem Faden herumflattern konnte. Unfern im Walde, unter einer Gruppe von beſon⸗ ders ſchönen Buchen, welche einen kunſtloſen grünen Laubtempel bildeten, hatte eine Mooshütte geſtanden, welche früher den Jägern zum Vogelherd oder zur Aufhütte gedient haben mochte; als die Anſiedelungen der Städter näher heranrückten und den Jagdbetrieb zurückdrängten, war ſie außer Gebrauch gekommen und wurde nicht mehr beachtet, und ſo fand Niemand etwas Auffallendes darin, daß ſie ſich allmälig in eine Art Einſiedelei umgewandelt hatte Dieſe war nun ein angenehmer Zielpunkt für die Bewohner der Villa oder deren Gäſte, und die Generalin ſaß oft, mit einem Buche in der Hand, in dem kleinen, rindenbedeckten Häuschen und ſah durch deſſen Fenſter auf die grüne, ſaftige Waldwieſe hinaus, die von einem dichten, buſchigen Tannenanflug abgegrenzt war, hinter welchem wie⸗ der prachtvolle Buchen und Ulmen ihre hundert⸗ —— 59 jährigen Häupter emporhoben. Es war kaum glaub⸗ lich, welch wirkliche Waldſtille und Einſamkeit ſo nahe bei der Stadt in dem kleinen Raume anzutreffen war, zumal wenn Feiertags das Geläute und das Lärmen der Gewerke in den nahen Mauern verſtummt war. Durch die Bäume ging ein Drahtzug bis in den Gar⸗ tenſalon der Villa, ſodaß der General, dem ſeine lahmen Beine alles Luſtwandeln unmöglich machten, leicht ein Glockenzeichen geben konnte, wenn er der Einſamkeit und der Schlachtenpläne überdrüſſig ge⸗ worden war, welche meiſtens den Gegenſtand ſeiner Unterhaltung bildeten. Der Generalin, nur wenige Jahre älter als Ulrike, war es raſch gelungen, dieſe an ſich zu ziehen; Ulrike hatte die ihr offen entgegenkommende Neigung nicht zurückgewieſen, und ſo war zwiſchen beiden Frauen eine Art von freundſchaftlichem Verhältniß entſtanden, das, obwohl es einen hohen Grad von Innerlichkeit und Zutraulichkeit zu haben ſchien, im Grunde doch nur auf äußern Dingen beruhte. Es konnte auch nicht wohl anders ſein. Ulrike war lebhaft und leidenſchaftlich; ſie befand ſich beinahe fortwährend im Zuſtande leichter Erregung; es rollte etwas von dem unſtäten Künſtler⸗ blute in ihren Adern, das ihre Mutter zu einem ſo traurigen Ende geführt hatte. Die Generalin dagegen 60 wußte ſich, wenn es nöthig ſchien, allerdings den An⸗ ſchein lebhafter Empfindung ſehr täuſchend zu geben und auf dieſe, wo ſie ihr entgegen trat, wie mit einer Art künſtlichen Echos zu antworten, aber ſie war dabei von einer ſolchen kühlen innern Ruhe und Herzens⸗ kälte, daß ihr niemals das Blut über die Augen empor⸗ ſtieg und ſie immer den Kopf oben und ſo frei behielt, ihre eigene Lage ſowohl als ihre Umgebung mit kaltem und gelaſſenem Auge überblicken zu können. Die Gene⸗ ralin war nicht ſchön zu nennen. Sie war wohlgebaut, aber ihre Formen waren ſchlank und faſt zu hager, um angenehm zu erſcheinen. Die etwas bleichgelbe Geſichtsfarbe war von keinem röthlichen Anflug unter⸗ brochen; nur der Mund war vom ſchönſten Kirſchroth und durch eine leichte Anſchwellung der Oberlippe ſo reizend geformt, daß ſein berückendes Lächeln denjenigen wohl feſtzuhalten vermochte, der es gewagt hatte, zu nahe in den Bereich ihrer Augen zu gerathen. Dieſe mit ihrem leuchtenden Dunkelbraun glichen jenen Waſ⸗ ſern, welche von dem Eiſengehalt, den ſie mit ſich führen, tief gefärbt ſind, mit kaum merklicher Bewegung in vielen Biegungen und Windungen durch eine ebene Gegend rin⸗ nen und, anſcheinend klar bis auf den Grund, unter den überhängenden Geſträuchen Untiefen bergen, aus welchen keine Rettung für den iſt, der vertrauend in ſie hinabtaucht. 61 Sie fand anſcheinend den Beſuch des muſiklieben⸗ den Fürſten in ihren Cirkeln völlig unbedenklich, und ſo ſorgfältig im Benehmen zwiſchen ihm und Ulrike Alles vermieden wurde, was auf das Vorhandenſein näherer Beziehungen zwiſchen denſelben hätte ſchließen laſſen, war die Herrin des Hauſes doch die Einzige, welcher auch die feinſten Fäden des ſich immer dichter verſchlingenden Gewebes nicht entgingen. Ihr Blick war gefärbt durch eine Regung, welche auch das blöd⸗ ſichtigſte Auge mit der Schärfe des Falken waffnet, durch die Regungen der Eiferſucht. Nicht etwa, daß ſie den Herzog geliebt hätte, aber als ſie gewahr geworden, daß er gegen eine Andere nicht gleichgültig ſchien, regte ſich der Neid, und die Gedanken an Macht, Einfluß und Reichthum erhoben ſich im Hintergrunde ihres Ge⸗ müths wie Geſtalten einer Nebelſpiegelung. Sie hatte und verfolgte keinen beſtimmten Plan, aber ſie dachte daran, die Aufmerkſamkeit des jungen Fürſten auf ſich zu lenken, und beſaß die Geduld, das Hervorbrechen eines Keims abzuwarten, wenn er auch erſt lange gähren und arbeiten und viele Stufen der Entwicklung unſichtbar durchmachen mußte, ehe der Augenblick kam, wo er die Schollen zerſprengen und die erſten Blatt⸗ ſproſſen im Lichte entfalten ſollte. Es war ſchon geraume Zeit unter den beiden Frauen beredet worden, daß ſie einmal ganz allein mit⸗ einander einen Nachmittag in dem Landhauſe zubringen und mit Ausſchluß aller andern Geſellſchaft nur ſich gehören wollten. Die Generalin wußte Ulrike nicht genug zu ſagen, wie viel ſie auf dem Herzen habe, was ſie ihr vertrauen wolle und einzig ihr vertrauen könne. Ulrike, deren Seele ſchwer belaſtet war, fühlte ein gleiches Bedürfniß, obwohl ſie bei nur oberflächlicher Selbſtprüfung ſich ſagen mußte, daß, wenn ſie etwas mitzutheilen hatte, es ein Geheimniß war, das keinem menſchlichen Ohre anvertraut werden durfte. Die längſt verabredete Zuſammenkunft fand end⸗ lich ſtatt. Man hatte in der Villa geſpeiſt, der General war nach der Tafel eingenickt, und die Frauen hatten durch den Garten und den Park einen Spaziergang nach der Einſiedelei bemacht. Dort ſaßen ſie nun und ſahen im Waldesgrün den bunten Hehern zu, die mit munterem Geſchrei durch die Wipfel fliegend einander neckten, und den Eichhörnchen, welche die Tannenzapfen auskernten und die abgenagten muthwillig ſpielend herunterwarfen. Das Geſpräch ſtockte; die vertraulichen Mitthei⸗ lungen der Generalin, welche zuvor ſo nothwendig erſchienen waren, wollten nicht in Fluß kommen; auch Ulrike war ſchweigſam und fühlte ſich aus der Ein⸗ 63 ſamkeit wie von einem Hauche unerklärlicher Ahnung und Wehmuth angeweht, als habe ſie ein großes Un⸗ glück zu beweinen oder eine drohende große Gefahr zu beſtehen. Die Generalin überließ ſie ihrem Nachſinnen, und wäre Ulrike nicht ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt geweſen, es hätte ihr nicht entgehen können, daß die Dame häufig aufhorchte, wenn ſich in einiger Entfer⸗ nung, wo die Landſtraße vorüberzog, das Rollen eines 4 Wagens oder der Hufſchlag eines galoppirenden Pferdes hören ließ. „Der Draht des Glockenzugs bewegt ſich“, ſagte ſie, mit einem Male aufſtehend.„Es ſcheint, mein Mann bedarf meiner. Verweilen Sie indeſſen hier, meine Liebe! In wenig Augenblicken fliege ich zu Ihnen zu⸗ rück.“. Ulrike ſtand an dem kleinen Fenſter der Ein⸗ ſiedelei, den Arm an das Geſims gelegt und auf dieſen den Kopf gelehnt, verſunken in Gedanken und Träu⸗ mereien, welche ſie unklar umſchwebten wie die Bilder, welche beim Einſchlafen die verdämmernde Seele um⸗ gaukeln. Sie hörte kaum, wie der flüchtige Tritt der Dame ſich im Walde verlor; ſie wurde nicht geſtört, als es nach einiger Zeit in den Büſchen rauſchte und ein ſchöner Jagdhund ſpürend hervorkroch, dem bald ein Jäger folgte, deſſen erſter Blick auf die Einſiedelei und 64 deren zeitweilige Bewohnerin fiel. Sie ſchrak erſt auf, als die Thür ſich öffnete, und mit Glut übergoſſen, un⸗ fähig, ſich zu regen, ſtand ſie vor dem Herzog, welcher in dem knappen, mit Metallknöpfen beſetzten grünen Jagd⸗ rock noch wohlgeſtalteter und gewinnender ausſah als in der ſoldatiſchen Kleidung, welche er ſonſt zu tragen pflegte. „Nun, das nenne ich Waidmannsheil!“ rief der Fürſt, den leichten Ton des Scherzes anſchlagend „Meine Diana hat vorzüglich geſpürt; ſie hat mir das ſchönſte Edelwild aufgejagt, eine Gazelle, wie ich in ddieſen Wäldern ſie wohl nicht geſucht hätte.“ „Durchlaucht“, ſtammelte Ulrike,„Sie hier? Wie iſt das möglich?“ „Wie es ſo gekommen iſt“, entgegnete der Fürſt, ſein Jagdgewehr in die Ecke lehnend, mit eigenthüm⸗ lichem Lächeln,„das weiß ich ſelbſt nicht und verlange auch gar nicht darüber nachzudenken. Ein Waidmanns⸗ gang hat mich in den nahen Wald geführt und bis hierher gebracht. Doch“, fuhr er einlenkend fort, indem er Ulrike feſter betrachtete und ihre grenzenloſe Ver⸗ wirrung gewahr ward, ‚ich will keine Unwahrheit ſagen. Etwas weiß ich doch von dieſem Wie. Ich habe neu⸗ lich Ihr Geſpräch mit der Generalin belauſcht. Ich hörte, wie Sie verabredeten, dieſen Nachmittag die 65 Einſiedelei zu beſuchen. Ich will nur aufrichtig ſein und geſtehen, daß ich abſichtlich in die Nähe kam, und daß mich die Hoffnung leitete, Ihnen zu begegnen.“ Ulrike raffte ſich auf und wollte der Thür zu. „Durchlaucht, laſſen Sie mich fort!“ rief ſie.„Wenn irgend ein menſchliches Auge—“ „Bleiben Sie!“ ſagte er beruhigend.„Kein menſch⸗ liches Auge wird uns hier erſpähen. Ich werde auch nicht ſo lange verweilen, daß wir geſehen werden könnten. Ich will ſogleich wieder fort, ſobald Sie mir eine Frage beantwortet haben werden.“ „Was könnte ich—“ ſtammelte Ulrike. „Ich habe Sie immer nur vor Zeugen ſprechen können“, rief der Fürſt,„vor einer ganzen Geſellſchaft, wo ſich der hundertäugige Argus noch verhundertfacht hat. Was ich für Sie empfinde, wiſſen Sie— Sie wiſſen es von früher her. Ich habe mich unterſtanden, es Ihnen auch jetzt wieder zu geſtehen. Aber ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, was Sie gegen mich empfinden. Sie ſind immer ſchweigſam, Sie ſind ver⸗ wirrt, wenn ich zu Ihnen ſpreche. Das kann für mich und gegen mich ſprechen; es kann ein Zeichen Ihres Unwillens ſein, es kann auch bedeuten, daß ich Ih⸗ nen nicht ganz unangenehm bin. Darum beantworten Sie mir offen die Frage: Zürnen Sie mir wegen Schmid, Mütze und Krone. IV 5 66 meines Geſtändniſſes, zürnen Sie mir, weil ich Sie liebe?“ „Laſſen Sie mich, Durchlaucht!“ rief Ulrike, noch immer vergeblich nach Faſſung ringend. „Sie ſagen nicht nein?“ rief der Herzog.„Ich darf alſo hoffen, daß Sie mir nicht zürnen, daß Sie mir verziehen haben? Dann beweiſen Sie mir das auch! Beweiſen Sie es mir dadurch, daß Sie nicht ſo von mir eilen! Gönnen Sie mir das Glück, Sie eine Se⸗ kunde lang ohne Zeugen zu ſehen, in Ihre Wunder⸗ augen blicken, mich an dem Zauber Ihrer Schönheit berauſchen zu dürfen! Warum wollen Sie mir ver⸗ ſagen, was Ihnen keinen Schaden bringt? Wird die Sonne ärmer an Licht und Glanz, wenn ſie einen Strahl auf einen Bittenden ſenkt? Ich weiß wohl, was Sie mir erwidern können. Sie ſind gebunden. Ich bin es auch; der Glückliche, dem Sie gehören, iſt mein Freund! Aber ich begehre ja auch nichts von Ihnen. Ich will Sie nur einmal ſehen, will nur ein⸗ mal mein Herz ganz vor Ihnen ausſchütten, die Ueber⸗ fülle ſeiner Empfindungen ausſtrömen laſſen, die es ſonſt zerſpringen machen müßte!— Wie, noch immer keine Antwort?“ fuhr er fort, als Ulrike nichts erwi⸗ derte, ſondern die Hände ringend und faltend angſt⸗ voll in dem kleinen Raume hin und her ſchritt.„Sie 67 ſind beunruhigt. Was fürchten Sie doch? Seien Sie verſichert, ich weiß gewiß, daß kein Zeuge uns in dieſem Augenblicke ſtören wird. Was kann Sie an der Liebe eines Mannes erſchrecken, die Sie nicht theilen? Oder dürfte ich etwa hoffen?“ rief er feuriger, näher tretend.„Dürfte ich dieſe reizende Verwirrung zu meinen Gunſten deuten? Ulrike, Sie hätten mir nicht blos verziehen, ich dürfte träumen, Ihnen auch nicht gleichgültig zu ſein, hoffen, daß ein wärmeres Gefühl auch in Ihrem Buſen ſich regt? O wenn das wäre, welche Welt von Paradieſen thut ſich unabſehbar vor mir auf bei dieſem Gedanken! Was wäre ich zu thun bereit, in der Abſicht, Sie die Meine nennen zu kön⸗ nen! Rede“, rief er, indem er ſie umfaßte und den Arm zärtlich um ihre Hüften ſchmiegend ſie an ſich zog. „Rede, Ulrike! Liebſt Du mich?“ Sie erwiderte nichts; ſie war einer Ohnmacht nahe, aber ſie widerſtrebte nicht, als er ſie vollends in die Arme ſchloß und ihr Mund und Antlitz mit Küſſen überdeckte, deren Innigkeit nicht unterſcheiden ließ, ob ſie blos genommen und nicht auch erwidert waren. „Lebe wohl!“ rief er dann, ſich raſch losreißend.„Meine Zeit iſt um. Ich weiß jetzt genug. Ich ſehe Dich wieder.“ Er verſchwand. Ulrike blieb allein und fand jetzt Zeit genug, aus der Hütte ins Freie und in die Waldesfriſche zu treten, die ihr mit der Kühlung des einbrechenden Abends an die glühenden Wangen hauchte. Es währte geraume Zeit, bis, ſich mit dem Tuche fächelnd, die Generalin langſam bemeſſenen Schrittes von der Villa heran⸗ gewandelt kam. „Ich bin lange geblieben, meine Liebe!“ ſagte ſie lächelnd und mit einem Blicke Ulrikens Ausſehen über⸗ fliegend, ohne ſich etwas von dem, was ſie entdeckte, merken zu laſſen.„Mein Herr Gemahl hat mich ſo lange aufgehalten. Er iſt übler Laune. Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Ehe auch ſchon die Erfahrung gemacht haben, daß die Männer Launen haben. Aber was iſt Ihnen denn? Ich bemerke jetzt erſt, wie ſehr Sie er⸗ hitzt ſind. Mein Gott, Sie ſind doch nicht unwohl?“ „Nein“, rief Ulrike,„und doch— allerdings! Es iſt, als ſollte ein Anfall meines Kopfleidens wieder⸗ kehren. Ich will Ihnen nicht länger läſtig fallen. Ich muß nach Hauſe. Hoffentlich wird mir dort beſſer werden.“ „Das beklage ich unendlich“, rief die Generalin mit rührender Theilnahme.„Ich hatte mich ſo ſehr auf dieſe Stunden unſeres Zuſammenſeins gefreut. Aber wenn Sie leiden, will ich ſogleich ſorgen, daß der 69 Wagen für Sie bereit gemacht wird.“ Ulrike ſchritt bereits dem Hauſe zu, die Generalin folgte langſam. Ihr ſcharfes, ruhiges Auge ſpähte zurückblickend nach allen Seiten; ſie bückte ſich, um an der Thürſchwelle ein kleines Stahlknöpfchen aufzuheben, auf welchem ein Rehkopf in matter Vergoldung getrieben war. Der Fürſt war im Vorbeieilen mit dem Aermel hängen geblieben und hatte daſſelbe abgeſtreift. Sie ſteckte das Knöpfchen ein; dann folgte ſie raſchern Schrittes der Vorangeeilten. In unbeſchreiblicher Erregung erreichte Ulrike das heimiſche Haus: es flimmerte ihr vor den Augen, es brandete vor ihrem Ohr. In einem Augenblick hob ſich ihr Herz im Entzücken darüber, ſich vom Herzog geliebt zu wiſſen, der, wie ſie ſich ſelbſt nicht mehr verhehlen konnte, auch ihre Neigung zu gewinnen ge⸗ wußt hatte; im nächſten ſchmetterte durch die ſüßen, verlockenden Weiſen der Weckruf ihres beſſern Theils wie der ernſte Glockenſchlag der erſten Morgenſtunde, der die Geſpenſter, welche die unheimliche Mitternacht freigelaſſen, in ihre Grüfte zurückſcheucht. Sie gedachte dann Führer's edler Einfachheit, der tüchtigen Offen⸗ heit ſeines ganzen Weſens, ſeines kräftigen Gemüthes, das ſo ganz geeignet war, einem Andern zur ver⸗ läſſigen Stütze zu dienen. Dann war ſie entſchloſſen, ihm ganz anzuhängen, jeden andern Verkehr abzu⸗ brechen; bald aber behielten die Bilder der Luſt und des verlockenden Scheins wieder die Oberhand, wie die Speichen eines umwirbelnden Rades, die oben und unten wechſeln. Die Ankunft im Hauſe war nicht geeignet, etwas an ihrer Stimmung zu ändern, denn es war gänzlich leer. Gegen alle Gewohnheit war ſogar die Räthin durch dringende Geſchäfte zu einem Gang in die, Nachbarſchaft veranlaßt worden. Das Dienſtmäd⸗ chen, das offenbar ihre Rückkehr ſobald nicht erwartet hatte, hatte ebenfalls die Gelegenheit benutzt und war ausgeflogen. Der für Beppo eingetretene Diener war der Einzige, der ſie empfing, und den ſie, zu ihren Zimmern eilend, raſch verabſchiedete. Sie durchſchritt den leeren, hallenden Gang des zu ihren Zimmern führenden Stockwerks und kam in den großen Vorſaal, der manchmal zum allgemeinen Verſammlungsorte der Familie diente und in welchem ein Piano aufgeſtellt war. Beim Anblick deſſelben blieb ſie ſtehen; es war ihr, als ob daſſelbe enthalte, was ſſie ſim Augenblick bedurfte. Sie hatte ſchnell Hut und Tuch abgeworfen und ſaß an dem Inſtrument, ſich in freien, regelloſen Phantaſien ergehend, und wie die Tonwellen unter ihren kunſtfertigen Händen hervorbrachen und dahin⸗ ſtrömten, war es, als ob auch die ſtürmenden Fluten ———————⸗—x—xxx—x—— 71 ihres Herzens ſich Bahn gebrochen und es entlaſteten. Sie ging allmälig in bekanntere Motive über und wußte zuletzt ſelbſt nicht, wie es kam, daß ſie das Thema des Madrigals anſchlug, das ſie im letzten Concerte geſungen. Führer war inzwiſchen eingetreten und hatte ſich hinter ihren Stuhl geſtellt. Er war unerwartet von den Geſchäften losgekommen und heimgeeilt. Es ſchien ihm ein glückliches Zeichen, als ihm die Töne des Flügels entgegenrauſchten. Er hielt einen Augenblick inne; dann trieb ihn das warme Herz, in den Saal hinaufzueilen. Ulrike war ſo vollſtändig in ihr Spiel und in ihre Gedanken verſunken, daß ſie weder ſeinen Eintritt noch ſeine Annäherung gewahrte und im eigentlichen Sinne erſchreckend zuſammenfuhr, als ſie ihn plötzlich hinter ſich wahrnahm. „Es war nicht meine Abſicht, Dich zu erſchrecken, meine Liebe“, ſagte Führer.„Ich wollte nur ein un⸗ geſehener Zuhörer ſein. Thue, als wäre ich gar nicht zugegen! Es iſt ſehr lange her, daß ich Deinen Ge⸗ ſang nicht mehr gehört, Deine Kunſt nicht mehr be⸗ wundert habe.“ „Wenn Du es gewünſcht hätteſt, wäre das wohl leicht möglich zu machen geweſen“, erwiderte Ulrike kalt.„Du hätteſt nur jene Kreiſe beſuchen dürfen, in welchen Muſik gemacht wird. Wenn Du alſo dieſes ohnehin ſehr fraglichen Genuſſes verluſtig geworden, iſt es jedenfalls nicht meine Schuld.“ „So mag es denn die meine ſein“ entgegnete Führer ruhig, wenn auch unangenehm berührt von dem kühlen Tone, der durch Ulrikens Worte wehte.„Meine An⸗ ſchauung über Muſik iſt eben eine etwas andere, und wenn ich auch weit entfernt bin, der kunſtmäßigen Ausübung derſelben irgendwie nahe treten zu wollen⸗ ſo habe ich ſie doch am liebſten als geſellige Kunſt, wenn man es ſo nennen darf, als Kunſt im Hauſe, als Hausmuſik, und hier, wirſt Du geſtehen, war mir allerdings Gelegenheit nicht gegeben.“ Ulrike wußte nicht, wie ihr geſchah; aber im Augen⸗ blicke tönte ihr aus dem Geſpräche mit dem Fürſten das Gleichniß mit der gefangenen Nachtigall durch die Seele.„Derlei kommt im Leben vor“, ſagte ſie.„Man⸗ cher findet es entzückend, die Nachtigall in einen Käfig zu ſperren, und glaubt, daß ihr Geſang nie bezau⸗ bernder töne als in ſeinem Käfig!“ Führer blickte ſie mit ſteigendem Befremden an. „Das Bild trifft wohl nicht zu“, ſagte er dann, ſich zuſammennehmend,„und gilt jedenfalls nur, wenn die Nachtigall ſich ſelbſt gefangen fühlt. Ich aber habe ſagen hören, die Nachtigall fühle ſich nur im einſamen Walde heimiſch, wo ſie ihr Neſt gebaut, ſie ſinge am ſchönſten, wenn ſie nur für ſich und die Ihrigen, für ihre Waldeinſamkeit ſingt. Die Nachtigall wird leicht die Freiheit vom Käfig zu unterſcheiden wiſſen und die Wahl zwiſchen beiden wird ihr nicht ſchwer werden, und wenn auch die Stäbe des Käfigs von Gold wären.“ „Es iſt mir nicht mehr überraſchend, daß wir uns in verſchiedenen Anſichten begegnen“, ſagte Ulrike, in⸗ dem ſie ſich abwendete und ſich zu erheben verſuchte. „Verweile noch!“ ſagte Führer und hielt ſie feſt. „Die Verſchiedenheit iſt doch wohl nur eine ſcheinbare. Ich gedenke einer Zeit, wo wir uns in vollſter Ueber⸗ einſtimmung befanden und in allen Dingen mit über⸗ raſchendem Einverſtändniß begegneten. So iſt es jeden⸗ falls einmal geweſen. Sollte es nicht mehr ſo ſein? Sollte dieſe Hoffnung auf die Gegenwart eine ſo arge Selbſttäuſchung enthalten?“ „Vielleicht“, entgegnete Ulrike unſicher.„Vielleicht iſt es auch die Erinnerung, welche täuſcht.“ „Nein, meine Theure, das glaube ich nicht!“ rief Friedrich.„Doch will es mich bedünken, als ſeieſt Du nicht in der Stimmung, über dieſen Gegenſtand in Ruhe zu ſprechen. Ich finde Dich eigenthümlich be⸗ wegt, und wenn ich auch die Urſache davon nicht zu wiſſen begehre, ſo wirſt Du begreiflich finden, daß ich den Verſuch mache, Dir zu zeigen, daß das Recht auf meiner Seite iſt. So viel iſt gewiß, mich hat die Er⸗ innerung nicht getäuſcht; ſie zeigt mir jene Stunden, wo wir uns zuerſt begegneten, wo ich Dich fand, wo ich Dich lieben lernte, wo auch Dein Herz ſich dem meinigen zuneigte—“ Ulrike ſchwieg. „Ich weiß, wie lebhaft, wie gleichmäßig unſer Em⸗ pfinden zuſammenſtimmte! Ich fühle noch die Wonne des Augenblicks, als ich Dir meine Liebe geſtand, als Du zum erſten Male an meine Bruſt ſankſt und, von innerer Aufwallung hingeriſſen, mir Deine Liebe und Deinen Dank ſtammelteſt.“ „Das iſt es“, rief Ulrike, indem ſie aufſprang und ſich beinahe gewaltſam Platz machte.„Dank! Ich muß mich immer mahnen laſſen, was Du für mich gethan.“ „Ich geſtehe“, ſagte Führer, ſich ruhig, aber ernſt erhebend,„einen ſolchen Vorwurf aus Deinem Munde zu hören habe ich nicht erwartet, und meine einzige Erwiderung darauf iſt, daß mein Bewußtſein mir ſagt, daß ich ihn nicht verdiene. Du kannſt unmöglich glau⸗ ben, daß mir je der Gedanke in den Sinn kommt, Dich an irgend etwas mahnen zu wollen. Es iſt traurig, 75 daß Du mir das ſagſt, und ich ſehe nun leider, es ſteht ſchlimmer zwiſchen uns, als ich gedacht und ge⸗ fürchtet. Du zürnſt mir, Du biſt unzufrieden und glaubſt vielleicht ein Recht dazu zu haben, weil ich Deiner Jugend, Deinem Hang nach Zerſtreuungen und Vergnügen nicht vollends den Zügel ließ. Vielleicht habe ich hierin einen Fehler begangen; vielleicht hab⸗ ich meine Anſchauungen als Profeſſor mit in den Mi⸗ niſter herübergenommen. Allein damit iſt noch nichts verloren; das kann noch immer geändert werden, und ich erwarte Deine Vorſchläge, wie es geſchehen ſoll.“ „Thue, was Dir gefällt!“ erwiderte Ulrike.„Ich bin es längſt gewohnt, mir vorſchreiben zu laſſen.“ „Ulrike!“ rief Führer ſchmerzlich. „Was findeſt Du daran ſo Beſonderes? Ja, ich bin es gewohnt, nach Vorſchrift zu handeln, mich als ein Geſchöpf zu betrachten, das willenlos unter fremder Vormundſchaft ſteht.“ „Unter Vormundſchaft!“ rief Führer aufwallend. „Bei Gott, es wäre vielleicht gut; denn es gibt Leute, welche der Vormundſchaft nie entrathen können.“ „Dieſe galante Bemerkung zielt wohl auf mich?“ „Das magſt Du ſelbſt entſcheiden. Du haſt von der gefangenen Nachtigall geſprochen— ich will Dir die Geſchichte einer Nachtigall erzählen, die Dich nahe — genug angeht, um Dich, wenn es noch möglich iſt, zur Beſinnung zu bringen; die Geſchichte einer Sängerin, die den einfachen Zuſtand der Freiheit im grünen Walde als Armuth und Entbehrung empfand, welche dem Lock⸗ ruf des Vogelſtellers, der ihre ſchöne Stimme und ihr zartes Gefieder rühmte, nicht zu widerſtehen vermochte, einer Nachtigall, die Leben und Freiheit hingab für reichliches Futter und für die Gefangenſchaft in einem goldenen Käfig— die Geſchichte einer Frau, die nicht nur ſich ſelbſt verdarb, die ſogar ihre eigene Tochter an fremdes Laſter verkaufte.“ Ulrike ſchluchzte laut auf.„Das alſo war's“, rief ſie.„O, nun begreife ich Alles. Arme, arme, un⸗ glückliche Mutter, was magſt Du gelitten haben!“ „Wie?“ rief Führer ſchmerzlich entgegen.„Auch jetzt, nachdem Du Alles weißt, denkſt Du nur an ſie, nicht an Dich ſelbſt, nicht an mich? O, dann iſt es weit gekommen mit Dir, traurig weit, und dann iſt es meine Pflicht, zu ernſten Mitteln zu greifen.“ Er machte einen Gang durch das Zimmer und blieb vor Ulrike ſtehen, welche ſich ſchluchzend in einen Stuhl geworfen hatte.„Ich werde mein Haus von nun an ſo ein⸗ richten, daß es den Anſprüchen an meinen Stand und an meine Stellung durchaus entſpricht. Du aber wirſt vor allen Dingen darnach trachten, das Haus, mein 77 Haus zum Mittelpunkte Deines Lebens und Deiner Thätigkeit zu machen und Deine Stellung in ihm ein⸗ zunehmen. Es ſoll Alles geſchehen, was nach billigen Rückſichten möglich iſt, aber Du wirſt nicht vergeſſen, daß ich auch als Miniſter Bürger geblieben bin, ein Bürger an Geſinnung und Sitte, daß es mir nicht einfällt, mich wegen meiner jetzigen Stellung über meine Abſtammung erheben und in Kreiſe drängen zu wollen, in welche ich weder gehöre, noch gehören will! Das Gleiche wirſt Du Dir für Deinen Umgang zur Richt⸗ ſchnur nehmen. Das iſt mein entſchiedener, unabänder⸗ licher Wille.“ „Dein Wille?“ ſagte Ulrike kalt.„Gut. Höre auch den meinigen! Was Du da ſprichſt, wäre Zwang. Einem ſolchen füge ich mich nicht.“ „Wie, Du willſt mir widerſtreben?“ „Ja. Ehe ich mich in neue Ketten ſchlagen laſſe, iſt es beſſer, die alten Bande zu löſen.“ „Ulrike, ſo kannſt Du ſprechen? Nein“, fuhr er fort, als ſie weinend ihr Geſicht im Tuche verbarg, „ich habe dieſes Wort nicht ſggehört. Ich will Dir zeigen, wie ich Dich liebe, und will thun, was ich für meine Pflicht als Mann und Hausvater erachte. Viel⸗ leicht aber liegt in dem, was Du geſagt, ein Finger⸗ zeig, der zur Heilung führen kann. Vielleicht iſt es 78 gut, wenn Du eine Zeit lang aus den hieſigen Kreiſen entfernt wirſt. Es trifft ſich eben, daß die Tante, bei der Du ja ſchon mehrere Jahre zugebracht haſt, etwas erkrankt iſt und lebhaft wünſcht, Dich auf kurze Zeit bei ſich zu haben. Ich habe den Brief heute erhalten. Du wirſt zu ihr reiſen und bei ihr bleiben, bis ich Dich zurückrufe.“ „Ich werde nicht“, rief Ulrike, mit flammenden Augen aufſpringend. Führer trat mit all ſeiner gebieteriſchen Männlich⸗ keit vor ſie hin.„Du wirſt“, ſagte er,„und zwar ſchon morgen. Meine Mutter kommt. Schweige! Sie braucht nicht zu wiſſen, was unter uns geſprochen worden iſt; ich will keine Scene. Ich werde ſie, ſoweit nöthig, in Kenntniß ſetzen; Du aber begibſt Dich auf Dein Zimmer und bereiteſt Alles zur Reiſe vor, die Du morgen ſchon antrittſt.“— Ulrike ſprang auf; das ſtrömende Antlitz im Tuche verbergend, ſtürmte ſie aus dem Zimmer. Friedrich hielt ſich ruhig. Er wollte ſeiner Mutter in ſeiner jetzigen Stimmung nicht begegnen und ließ die alte Frau, welche ihn an dem ungewohnten Orte nicht ver⸗ muthete und daher achtlos vorüberſchritt, ruhig ihren Weg gehen. Lange hatte er ſo nachſinnend geſeſſen und wollte ſich unbemerkt in ſein Zimmer begeben, als 79 der Diener ihm meldete, daß ihn ein Beſuch erwarte. Friedrich gab Auftrag, den Fremden in den Garten, in das Thurmgemach zu führen, welches eine Art Garten⸗ ſaal bildete, von der andern Seite aber an die Bibliothek ſtieß. Als er dann ſich ſelber nach dem Garten begab, flog ihm, ohne daß er ſich erklären konnte, wie, die Erinne⸗ rung an die Nacht durch den Kopf, welche er dort mit Riedl zugebracht, wie das wohl im Leben zu geſchehen pflegt, daß man einer Perſon gleichſam durch eine Art Ahnung gerade in dem Augenblicke gedenkt, in welchem ſie uns unvermuthet entgegentritt. Der ihn erwartende Beſuch war Riedl, den die Räthin nicht geſehen hatte, aber wohl auch nicht erkannt haben würde; denn er trug dieſelbe Verkleidung, in welcher er in der Verſammlung der Kinder von Zion ſich ein⸗ gefunden hatte. Auch Friedrich hätte ihn nicht erkannt, hätte Riedl ihm nicht die Hände entgegengeſtreckt und dabei lachend die Rundperücke abgenommen. „Es iſt warm“, ſagte er;„mußt mir ſchon erlauben, daß ich mir's bequem mache.“ „Du hier?“ rief Friedrich verwundert, indem er Riedl's Hand ergriff und wärmer ſchüttelte, als es vielleicht zu jeder andern Zeit geſchehen wäre. Er fühlte die Herzlichkeit, mit welcher Riedl ihm die Hand geboten hatte, und das war etwas, was er gerade heute 80 doppelt ſchwer vermißte.„Sei mir gegrüßt, Tollkopf!“ fuhr er fort.„Ich ſehe wohl, Du biſt immer noch der Alte. Was für eine Mummerei! Du haſt Dei⸗ nen Beruf verfehlt; Du hätteſt Schauſpieler werden ſollen.“ „Der bin ich auch“, ſagte Riedl, indem er ſich ſetzte, als ob er zu Hauſe wäre, und Führer mit der Hand einlud, neben ihm Platz zu nehmen.„Du biſt es nicht minder. Jeder Menſch iſt ein Schauſpieler; was macht denn den Schauſpieler aus, als daß er abſichtlich ſeine Perſon verleugnet, ſeinen Charakter aufgibt und einen andern darſtellt, mit einem Worte, daß er etwas An⸗ deres ſcheinen will, als er iſt, daß er ſich verſtellt? Der Unterſchied zwiſchen mir und Euch andern Schau⸗ ſpielern iſt nur der, daß ich geſtehe, einer zu ſein, während Ihr es meiſt nicht Wort haben wollt und wohl gar in moraliſcher Entrüſtung aufpochend an die Bruſt ſchlagt, wenn man Euch ſolche Falſchheit zu Laſt legt.“ „Nun“, ſagte Friedrich lächelnd,„Du wirſt doch Ausnahmen zugeben?“ „Ausnahmen?“ erwiderte Riedl, während Friedrich dem Diener, welcher Wein und Imbiß gebracht hatte, zuwinkte, ſich zu entfernen.„Ja, es gibt Ausnahmen. Leider, daß es ſo iſt. Es gibt Menſchen— ich glaube das irgendwo einmal geleſen zu haben— welche wie reife ————— —.-—— 81 Früchte von ſelbſt aufſpringen, daß man ihnen bis auf den Kern ſehen kann. Aber wie durch jede Aus⸗ nahme, wird auch hier die Regel nur beſtätigt und gezeigt, daß ein ſolcher Menſch, und wenn er zum Bei⸗ ſpiel zehnmal Miniſter wäre, nicht in dieſe Welt des Scheins gehört, daß er mit ſeiner Wahrheit und Offenheit nach Utopien oder in die amerikaniſchen Hin⸗ terwälder verwieſen werden muß.“. „Ich fühle den Stachel Deiner Rede“, ſagte Führer, „aber der Stich verwundet nicht; ich bin durch mein Bewußtſein dagegen gepanzert. Aber wen ſtellſt Du denn eigentlich vor? Was beabſichtigſt Du mit dieſer Verkleidung? Fürchteſt Du nicht in Unannehmlichkeiten mit der Polizei zu kommen?“ „Nein, wahrlich nicht“, lachte Riedl.„Ich bin mit der Polizei ganz gut Freund. Was ich vorſtelle? Ich bin ein Oekonom von draußen, vom platten Lande, habe mein Gut verkauft und verzehre nun meine Rente in der Stadt. Solchen Leuten ſieht die Polizei nicht auf die Finger, zumal wenn der Miniſter ſo ſehr liberal iſt! Ueberdies bin ich Mitglied einer frommen Brüder⸗ ſchaft. Der Actuar, der die Fremdenliſte zu führen hat, gehört ebenfalls dazu. Der hat alſo nicht den mindeſten Argwohn gegen mich.“ „Ich habe von Deinen frommen Umtrieben gehört.“ Schmid, Mütze und Krone. IV. 6 82 „O, Du wirſt noch mehr davon zu hören bekommen. Deswegen bin ich hier. Ich habe Dir Mittheilungen der wichtigſten Art zu machen, und weil ich nicht wußte, ob ich Dich treffen und ſprechen könnte, habe ich ſie für alle Fälle ſchriftlich niedergelegt.“ „Gib!“ ſagte der Miniſter, indem er die Hand nach den Papieren ausſtreckte, welche Riedl auf den Tiſch legte. „Jetzt nicht“, ſagte dieſer abwehrend.„Es iſt zwar eine ernſthafte Sache, eine urkundliche Beſtätigung, daß Du das Amt nie hätteſt übernehmen ſollen, aber es iſt keine Gefahr bei dem Verzug, es hat bis morgen Zeit. Gönne Dir ſelbſt dieſe Nacht! Die Mittheilung wird Dich ernſtlich beſchäftigen, darum gönne mir, gönne uns beiden dieſe unverhoffte Stunde des Bei⸗ ſammenſeins! Auch will mich bedünken, als bedürf⸗ teſt auch Du eines heitern Geſprächs, das Dich von den Geſchäften des Tags, vom Treiben des Lebens und der Politik ablenkt.“ „Du magſt wohl Recht haben“ ſagte Führer, ohne einen Seufzer unterdrücken zu können. „Du ſeufzeſt. Wie geſagt, Du hätteſt das Amt nicht übernehmen ſollen. Du hätteſt bleiben ſollen, was Du warſt, der freie Mann des Wiſſens, der Lehrer, der echte Prieſter, der Pflanzer der Zukunft, der wahre ——— 83 König, der Niemand als Gott verantwortlich iſt, ſei⸗ ner Wiſſenſchaft und ſich ſelbſt. Aber ſage, was Dir iſt? Deine Stirn iſt ungewöhnlich umwölkt. Das haben die Geſchäfte nicht gethan, dafür kenne ich Dich. Das Herz muß Dir in den Kopf geſtiegen ſein, denn Du haſt ein Herz, und darum ſag' ich zum dritten Male: Du hätteſt das Amt nicht übernehmen ſollen. Ein Miniſter kann kein Herz haben. Das iſt ein innerer Widerſpruch.“ „Du haſt es getroffen“, ſagte Friedrich nach einigem Beſinnen,„und ich ſehe nicht ein, warum ich Dir die Sache nicht mittheilen ſollte. Du warſt ja zugegen, als meine Frau zum erſten Male in dieſes Haus trat.“ Riedl unterbrach ihn mit abwehrender Geberde und faßte ſeinen Arm.„Genug“, ſagte er,„ich weiß jetzt ſchon mehr als genug, ich weiß Alles. Ich bin kein Freund des Aberglaubens, aber als damals der Toaſt auf Dein häusliches Glück ſo unangenehm unterbrochen wurde, wollte mich's doch wie eine ſchlimme Vorbedeu⸗ tung bedünken. Ich bin zu ſehr Dein Freund, als daß ich Dich und Dein Haus ganz aus den Augen verloren hätte; ich habe zu viel Menſchen im Leben kennen ge⸗ lernt, um nicht auch aus der Ferne beobachten zu können. Ich weiß daher bereits, was ich von Dir erfahren ſoll. 6* 84 Es iſt eben wieder ein Exempel von der alten Nichts⸗ nutzigkeit der Perlenfiſcherei.“ „„Was willſt Du damit ſagen?“ „Nun, das iſt doch klar. Perlen ſind etwas Seltenes, Reines, Edles. Darum hält man ſie ſo beſonders hoch und verwendet ſie als einen koſtbaren Schmuck. Aber das Finden hat ſeine Schwierigkeit. Nicht in jeder Muſchel hauſt ein ſolches Kleinod, aber Jeder, der auf die Fiſcherei ausgeht, iſt überzeugt und hofft, eine Perle zu finden. Er öffnet ſeinen Fang. Unter zwei⸗ bis dreitauſend ſoll einer hier und da eine Perle finden, alle Andern bekommen nichts als leere Muſchelſchalen und unſaubere, klebrige Hände.“ „Du biſt ein Weiberfeind“, ſagte Friedrich.„Ich hoffe noch immer, Alles ins Gleis zu bringen. Ulrike iſt im Grunde gut, ſie wird ſich lenken laſſen. Sie ſoll fort zu meiner Tante. Dadurch wird ſich Alles ausgleichen.“ „Ein guter Gedanke!“ lachte Riedl.„Wenn noch Hülfe möglich iſt, iſt das der raſcheſte, beſte Weg. Aber ich geſtehe, daß ich Deine Hoffnung nicht theile, wenn ſie blos auf der Güte Deiner Frau ruht; denn gut, gut ſind ſie alle, aber auch ſchwach und eitel. Da ſteht die Wage inne. Verhältniſſe, Temperament legen ihre Gewichte nach und nach in die Schalen. Welche —— 85 davon ſinken ſoll, das entſcheidet am Ende der Zufall.“ „Ein häßliches Bild!“ rief Führer.„Ich will davon nichts mehr hören. Welches Recht haſt Du ſo zu ſprechen? Du kennſt die Frauen nicht und ver⸗ leumdeſt ſie, wie Du die menſchliche Natur ſelbſt verzerrſt.“ „Je nun“, ſagte Riedl,„Jeder ſieht mit ſeinen eigenen Augen. Mit fremden kann er doch nicht ſehen, und durch Brillen gucken dünkt mich geradezu wie eine Fälſchung. Und welches Recht ich habe, ſo zu reden? Eben das meiner eigenen Augen. Ich rede nach dem, was ich geſehen und erfahren habe. Wenn es Dich nicht langweilt, will ich Dir's raſch erzählen. Du kannſt wohl denken“, fuhr er nach dem Anzünden einer fri⸗ ſchen Cigarre fort,„daß ich nicht immer ein Hage⸗ ſtolz war, nicht immer im Sinne hatte, ſo einſam zur Grube zu traben. O, auch ich habe jenen unſaglichen Zauber empfunden, auch ich habe die ſchmerzliche Feuer⸗ taufe erhalten, ohne welche kein Menſch ſagen kann, daß er dieſen Namen wahrhaft verdient! Ich habe geliebt und trotz meiner ſtruppigen Locken auch geliebt zu werden geglaubt. Ich wußte wohl, daß ich kein Adonis war; ich wußte aber auch, was ich galt, ich wußte, daß ich jung, reich, ein Menſch von Ausſichten war, und das Kaufmannstöchterchen, vor welchem ich 86 meinen Brandaltar angezündet hatte, ſchien ſich den Weihrauch und Duft meiner Opfer ganz wohl gefallen zu laſſen. Es war ein Mädchen, Freund, kaum über die Kinderjahre hinaus, eine Blondine mit den unſchul⸗ digſten Augen, mit dem Blick eines Rehs, mit dem Augenaufſchlag einer Madonna, ſchüchtern, rein, un⸗ ſchuldig. Die erſten Regungen der Liebe bei ihr waren, wie Schiller ſagt, der erſte einweihende Silberton auf dem reinen Saitenſpiel. Bei den warmen Gefühlen, mein Freund, die mich zu jener Zeit belebten— ich war damals ſehr glücklich! Ich konnte den Moment, wo ſie ganz die Meine werden ſollte, kaum erwarten; ich zählte die Sekunden, wenn ich von ihr entfernt ſein mußte, und berechnete die Minuten, bis zu welchen ich wieder zu ihr eilen konnte. Da traf es ſich einmal, daß ich eine kleine Geſchäftsreiſe über Land zu machen hatte, von der ich erſt am andern Mittag zurückkehrte. Aber ich war ſo ganz Amoroſo, daß ich meine Zukünftige beſtürmte und beſchwor, mir trotz dieſer kurzen Tren⸗ nung doch ja gewiß Nachricht an den Ort zukommen zu laſſen, wo ich die Nacht zubringen mußte. Ich bat ſie, mir zu ſchreiben, und wenn es auch nur ein paar Zeilen wären! Sie verſprach es und hielt auch Wort. Ich ſehe mich noch, wie der Poſtbote mir den Brief übergab, wie ich ihn aufbrach und dann verwundert ——— —— ——— 87 umdrehte; denn der Umſchlag mit der Adreſſe trug allerdings meinen Namen, aber das Briefchen ſchien nicht für mich beſtimmt zu ſein. Weißt Du die Ge⸗ ſchichte von Ludwig dem Strengen von Baiern? Ja? Oder vom Grafen Wetter vom Strahl im Käthchen von Heilbronn? Gut! Es war meinem Schatz gegangen wie dieſen beiden, ſie hatte die Briefe verwechſelt. In jenem aber, den ich empfangen hatte, ſtand zu leſen: „Mein theurer, untrennbarer Otto!« Ich, wie Du viel⸗ leicht weißt, heiße Chriſtoph.„Mein häßlicher Rothkopf iſt verreiſt und kommt erſt morgen zurück. Ich erwarte Dich zur gewöhnlichen Zeit im Gartenhauſe. O wenn der Rothfuchs nicht auch ein Goldfuchs wäre, hätte ich ihm ſchon längſt den Abſchied gegeben, um ganz zu ſein Deine ohne Dich verſchmachtende Amalie.“ Ich weiß nicht, ob ich nöthig habe, Dir erſt zu ſagen, daß das, was ich las, mich beinahe von Sinnen brachte! Hätte ich Meſſer oder Piſtolen zur Hand und die Schändliche vor mir gehabt, wer weiß, ob ich es nicht gemacht hätte wie der geſtrenge Ludwig mit Maria von Brabant. Weil dies nicht der Fall war, fuhr ich nur mir ſelbſt in die Haare. Da traf mein Zlick zu⸗ fällig den Spiegel, vor dem ich eben ſtand, und ich ſah, daß die verſchmachtende Amalie wirklich nicht ſo Unrecht hatte. Es ſah mir aus dem Spiegel ein recht 88 häßlicher Rothkopf entgegen. Ich kannte den„untrenn⸗ baren“ Otto,, es war ein Vetter des Mädchens, ein junges Bürſchen, das ausſah wie Milch und Blut, ein Ulanencadet. Mit dem konnte ich allerdings nicht concurriren. Ich kam mir ſelber unausſprechlich albern vor: ich lachte mich und mein Spieegelbild tüchtig aus. Das half und kurirte mich vom Zorn und von der Verzweiflung die mir ſchon von fern ihre Krallen gezeigt hatte, um ſie in mein Fleiſch zu hauen. Ich ſah die Verſchmachtende nicht mehr, weil ich meinen Wohnſitz än⸗ derte, und gelobte mir heilig, nicht mehr an ſie zu denken, und wenn“ fuhr er fort, indem er, ſich erhebend, mit dem Weinglaſe anſtieß und den Reſt ausſtürzte,„wenn mir jemals wieder im Leben die Luſt ankam, auf die Perlenfiſcherei zu gehen, ſo recitirte ich mir ſelbſt ihren Brief, und Du ſiehſt, daß mein Gedächtniß mir bis zur Stunde noch vollkommen treu geblieben iſt.“ ——— Drittes Kapitel. Amaryllis Belladonna. Es war unmöglich geweſen, in der kurzen Zeit, welche zwiſchen der Erlaſſung der neuen Geſetze und der Einführung des Strafverfahrens mit Geſchworenen lag, ein eigenes Gebäude dafür einzurichten. Ein altes, leerſtehendes Kloſter, welches die entſprechenden Räum⸗ lichkeiten darbot, wurde raſch dazu eingerichtet. Der ungeheure Bücherſaal, welcher für die Sitzungen des Schwurgerichts ausgewählt wurde, bot allerdings einen ſonderbaren Gegenſatz zwiſchen dem, wozu er einſt be⸗ ſtimmt war, und dem, was nun in ihm vorgehen ſollte. An den Wänden und Fenſterpfeilern ſtanden noch die grau angeſtrichenen Schränke mit den Drahtgittern, aber die als Verzierung an denſelben angebrachten Köpfe ——————— 90 der verſchiedenſten Art hatten nichts mehr darin zu hüten, denn die Fächer alle enthielten nichts weiter als den darin angeſammelten Staub eines halben Jahr⸗ hunderts. Der weite Saal bot Raum für eine an⸗ ſehnliche Menge, welche, auf leicht anſteigenden Bank⸗ reihen geordnet, wie eines Schauſpiels gewärtig durch⸗ 3 einander drängte. Feſte Schranken grenzten einen beträchtlichen freien Raum ab, aus welchem ſich die Tribüne der Richter erhob, während links und rechts kleine Tiſchchen für den öffentlichen Ankläger und für den Schriftführer angebracht waren. Einige Stufen tiefer, die Fenſter entlang, ſtanden die Sitze der Ge⸗ ſchworenen, gegenüber die mehr als anſpruchsloſe Bank der Angeklagten. Es war ein feierlicher Augenblick, als zum erſten Male die Glocke ertönte und den Eintritt des Ge⸗ richtshofs verkündete, der unter lautloſem Schweigen ſeine Plätze einnahm, während der erſte Angeklagte den Sitz der Verbrecher beſtieg. Es war Meiſter Rem⸗ pelmann, und wer ihn früher geſehen, hätte wohl Mühe gehabt, ihn wiederzuerkennen. Die kurze Zeit der Haft und wohl mehr noch der Kummer, der Gram über ſeine entſetzliche Lage, die Sorge um Weib und Kind hatten ihn abgemagert; das Geſicht war einge⸗ fallen und bleich, und auch auf die Haare war es wie 91 leichter Reif geſtreut. Als er ſich der verhängnißvollen Bank nahte, ſchwankte er, ſodaß er ſich am Geländer halten mußte. Dann aber warf er einen Blick in die Höhe, es war, als ob er ſich ſelbſt zurufen wollte, ſich zu ſammeln und nicht zu verzagen, und in gefaßter Haltung nahm er den Platz zwiſchen den beiden be⸗ waffneten Gensdarmen ein. Die Loſung der Geſchwore⸗ nen war bald beendet, und nach förmlicher Bildung des Schwurgerichts wurde durch den Gerichtsſchreiber die Anklageſchrift verleſen. Mit ſeltenem Aufwand von Scharfſinn waren darin alle Umſtände zuſammengeſtellt, welche gegen den Angeklagten ſprachen und in ſolcher Verknüpfung allerdings einen ſo hohen Grad von Wahrſcheinlichkeit gewannen, daß es unmöglich ſchien, mit Erfolg dagegen anzukämpfen. Als das Verhör begann, hatte Rempelmann ſich faſt ganz wiedergefunden. Er antwortete ruhig und erzählte in einfachen Worten, wie der Unbekannte am Abend des Feſtes ihn und ſeine Familie mit Wein tractirt und ihm Geld geſchenkt habe. Er erklärte der Wahrheit gemäß den Umſtand mit der beweglichen Gitterſtange. Er erzählte, wie ihm die Stiefel abhanden gekommen und in der verhängniß⸗ vollen Nacht plötzlich wieder auf ſeine Treppe geſtellt worden waren. Vergeblich ſuchten Staatsanwalt und Präſident ihn durch ein ſcharfes Kreuzfeuer von Fragen aller Art in Widerſpruch mit ſeinen Angaben zu bringen und ihm deren innere Unwahrſ cheinlichkeit klar zu machen, er blieb feſt dabei.„So iſt es, meine Herren, und wenn unſer Herrgott ſelbſt zugegen wäre, ich kann's nicht an⸗ ders ſagen.“ „So laſſe man die Zeugen eintreten!“ ſagte der Präſident, und durch die ganze Zuhörerſchaft ging eine flutende Bewegung und ein Sauſen, wie das von Waſſer, über das der Wind dahinſtreicht. Durch die geöffnete Seitenthür traten der Agent Sparberger als Beſchädigter und der Gärtner Schiebele mit einigen Nachbarn herein; hinter ihnen, ihren Knaben an der Hand führend, ſchwankte Frau Rempelmann, ihr An⸗ geſicht in einem weißen Tuche verbergend, das aber ſo durchweint war, daß es keine neuen Thränen mehr zu faſſen vermochte und dieſe ihr an den Händen nieder⸗ träufelten. Sie ſah nicht, wohin ſie geführt wurde; erſt als der Präſident begann, die Bedeutung der Zeu⸗ genſchaft und des zu leiſtenden Eides zu erklären, nahm ſie das Tuch von den Augen, und der erſte Blick fiel auf ihren Mann. Gleichzeitig war dieſer aufgeſprungen und hatte die Arme ausgebreitet, und ehe Jemand da⸗ zwiſchenzutreten vermochte, war ſie hin zu ihm geeilt und hing mit einem Schrei des Jammers und des Entzückens an ſeinem Halſe. Zu ſprechen vermochten 93 beide nicht, und es bedurfte geraumer Zeit, bis ſie ſich ſo weit gefaßt hatten, einander loszulaſſen; denn der Staatsanwalt ſtellte den Antrag, daß ſolche Vertrau⸗ lichkeit nicht geduldet werden dürfe, weil es möglich ſei, daß dadurch heimliche Verabredungen ſtattfinden und auf den Gang der Unterſuchung von nachtheiligem Einfluß ſein könnten. Nach der Beeidigung begann das Verhör der Zeugen und zwar zuerſt des Beſchädigten, während die übrigen wieder im Zeugenzimmer zu warten hatten, bis die Reihe an ſie kam. Sparberger machte ſeine Angaben mit der vollen Unbefangenheit eines Geſchäftsmannes, dem es leid thut, in eine ſolche Angelegenheit ver⸗ wickelt zu ſein, und der lieber einen beträchtlichen Schaden erlitten haben möchte, wenn ihm dadurch erſpart würde, in ſolche Weitläufigkeiten verwickelt zu werden. Er bedauerte lebhaft, daß er gerade mit einem Nachbar ſo traurige Erfahrungen zu machen habe, den er immer als einen wackern Mann geſchätzt. Er habe übrigens ſchon lange gemerkt, daß ihm von Zeit zu Zeit Geld abgehe, ohne daß gerade ein Einbruch ſtatt⸗ gefunden; es hätten ihm dann und wann Bankſcheine und auch baares Silbergeld gefehlt. Er leiſtete ſeinen Eid mit ſolcher Geberde der Aufrichtigkeit, mit einem ſolchen Tone der Biederkeit in jedem Worte, mit ſo tiefem —— 8 ——— —— 94 Beileid über das Unglück, daß ein redlicher Mann einer ſolchen Verſuchung nicht zu widerſtehen vermocht habe, daß ſein Ausſehen wie ſein Benehmen unver⸗ kennbar einen höchſt vortheilhaften Eindruck auf die Geſchworenen machten. Einen deſto ſchlimmern brachte es hervor, als Rempelmann im Vollgefühl ſeiner Un⸗ ſchuld es nicht mehr über ſich zu gewinnen vermochte, ruhig zu bleiben, und ihm mehrmals heftig in die Rede fiel, ſodaß er vom Präſidenten zur Ordnung gewieſen werden mußte. Als der Zeuge auf die Frage, ob er dem Angeklagten nicht Freund oder Feind, mit aller Ruhe ein ſchlichtes Nein geſprochen und der Prãä⸗ ſident am Schluſſe der Vernehmung die Frage geſtellt hatte, was Rempelmann auf die Ausſage des Zeugen zu erwidern habe, da erhob ſich dieſer, blickte im Saal umher und rief:„Ich habe nichts zu ſagen, als daß ich unſchuldig bin, und wenn ich auch keinen Eid darauf leiſten darf, ſo iſt es doch die Wahrheit. Der Herr da ſagt, er ſei mir nicht Freund und nicht Feind. Das mag unſer Herrgott wiſſen und richten. Ich aber ſage es aufrichtig, daß ich den Herrn, ſolange ich ihn kenne, nie habe ausſtehen können, und wenn ich einen Men⸗ ſchen zum Feinde habe, ſo iſt es der.“ Man ſah, wie die Geſchworenen die Köpfe ſchüt⸗ telten und zuſammenſteckten, und es half wenig, als 95 Rempelmann im Verlaufe hervorhob, daß er ja ſchon zuvor, ehe der Einbruch geſchehen, Geld beſeſſen und beim Lederhändler Bankzettel ausgegeben habe. Selbſt das Erſcheinen ſeiner Frau war nicht mehr im Stande, den üblen Eindruck völlig wieder zu vertilgen, welcher das Gemüth des unglücklichen Meiſters als ein ver⸗ ſtocktes und wohl gar tückiſches erſcheinen ließ, das eben darum auch wohl andern Hinterhalts fähig ſein mochte. Als dann die Frau Rempelmann auf die Belehrung, daß ihr das Recht zuſtehe, ſich ihrem Manne gegenüber der Zeugenſchaft vollſtändig zu entſchlagen, daß aber, wenn ſie hiervon keinen Gebrauch mache, von ihr deſto rückſichtsloſer die Angabe der vollen Wahr⸗ heit erfordert werde, mit ſchlichten Worten und zit⸗ ternder Stimme erklärte, ſie wolle Alles ſagen, was ſie wiſſe, möge es nun zum Vortheil oder zum Schaden ihres Mannes ſein, ging das allerdings nicht ſpurlos an den Geſchworenen vorüber. Dennoch hatte die Ge⸗ ſchichte von dem unbekannten Geldſpender und von den entwendeten Stiefeln nach wie vor ein ſo unglückliches Gepräge der Unwahrſcheinlichkeit und der Erfindung, daß dadurch die ſonſtige Glaubwürdigkeit der Zeugin wieder ſo gut wie aufgehoben wurde. Die Ausſage des Gärtners Schiebele gab ſchließlich den Ausſchlag. Derſelbe war wohl anfangs beklommen 96 und ſtockte, als ob er mit einem innern Hinderniß zu kämpfen hätte; mit einem Male aber war es, als ob dieſes gehoben wäre. Er wiſchte ſich wohl den Schweiß von der Stirn, ſagte aber ſeine Angaben ſo raſch und ſicher herab, wie man etwas Auswendiggelerntes vor⸗ trägt, oder wie eine ablaufende Uhr herunterſchnurrt. Er erzählte, wie er die erbrochene Thür und den auf⸗ geſprengten Schrank gefunden, wie er dann heraus⸗ gelaufen ſei und die Nachbarn geholt habe, welche mit ihm die Fußſpuren entdeckt und bis zum Hauſe und in die Wohnung des Schuſters verfolgt hätten. Auf dem Tiſche des Gerichts lagen die verhängnißvollen Stiefel, auf deren Sohle in der Mitte ein Nagel fehlte, und die ſeinerzeit von den Fußſpuren genommene Zeich⸗ nung ſtimmte aufs unwiderleglichſte damit überein. Nach dieſem Ergebniß der Verhandlung war die Begründung der Anklage ohne jegliche Schwierigkeit, während andererſeits dem Vertheidiger beinahe aller Stoff für ſeinen Vortrag benommen war. Die bis⸗ herige völlige Unbeſcholtenheit des Angeklagten und der Umſtand, daß es wenigſtens nicht unmöglich war, daß die Sache ſich ſo verhalte, wie der Angeklagte an⸗ gab, waren beinahe die einzigen Behelfe, auf die er ſich zu ſtützen vermochte. Der Ankläger hatte ſeine letzte Rede damit geſchloſſen, daß er ſich mit einer Art von 97 Aufforderung an die Geſchworenen wendete.„Sie haben“, ſagte er,„eine erſchütternde Scene aus einem ernſten Familiendrama vor ſich geſehen und keiner von Ihnen iſt ſicher davon unberührt geblieben; aber Sie werden auch nicht vergeſſen, meine Herren, daß Sie Männer des Rechts ſind, daß hier der Kopf gilt und nicht das Herz, daß Sie nach Ihrer Ueberzeugung zu ſpre⸗ chen haben und nicht nach Ihrem Gefühle.“ Vergebens hatte der Vertheidiger das ihm geſtattete letzte Wort dazu benutzt, aufs nachdrücklichſte den Ge⸗ ſchworenen ans Herz zu legen, daß ihr Ja oder Nein über Ehre und Wohlſtand einer ganzen braven Familie, ja über deren völliges Sein oder Nichtſein entſcheide, die kurze Zeit, während welcher die Geſchworenen in ihrem Berathungszimmer verweilten, ließ erkennen, wie ſchnell und leicht ſie über ihren Wahrſpruch einig ge⸗ worden waren. Er lautete: Schuldig. Auch die Richter brauchten nicht lange Zeit, um ihren Spruch zu fällen, und ver⸗ urtheilten Rempelmann zu mehrjähriger ſcharfer Frei⸗ heitsſtrafe. Lautlos, ſtarr wie eine Bildſäule, vernahm der Meiſter das Wort, das ihn und die Seinigen für immer ver⸗ nichtete. Die Frau brach ohnmächtig zuſammen und mußte aus dem Saale getragen werden. Schmid, Mütze und Krone. IV. 7 * 98 Der Präſident wendete ſich zum Schluſſe an Rem⸗ pelmann:„Sie haben Ihr Urtheil vernommen. Haben Sie noch etwas dagegen vorzubringen?“ „Ja“, erwiderte Rempelmann und trat feierlichen und feſten Schrittes mitten in den leeren Raum zwi⸗ ſchen den Zuſchauern und den Richtern hin.„Ich weiß, daß ich verurtheilt bin, daß ich als ein Dieb gebrand⸗ markt daſtehe und daß Alles nichts hilft, was ich auch noch dagegen ſage. Aber dennoch hebe ich hier meine rechte Hand in die Höhe und ſage: So wahr ich chriſt⸗ lich getauft bin, ſo wahr unſer Herrgott im Himmel lebt, ſo wahr bin ich unſchuldig! Ich habe das Geld wirklich geſchenkt bekommen, und wenn der fremde Herr, der es mir gegeben, der es ſo gut gemeint und mich doch dadurch ſo namenlos elend gemacht hat, noch lebt, ſo wird er vielleicht von meiner Verurtheilung hören, und darum fordere ich ihn auf, daß er ſich vor dem Gerichte ſtelle, und wenn er es nicht thut, lade ich ihn auf den jüngſten Das vor das Gericht Gottes.“ Ein Schauder überflog die Verſammlung; es lag doch etwas in Rede und Haltung des Mannes, was nicht zu dem Weſen eines Verbrechers und überwieſenen Diebes ſtimmte. Während er abgeführt und in einem ver⸗ ſchloſſenen Wagen nach ſ einem Gefängniß gebracht wurde, war im Zeugenzimmer ein Arzt mit andern Perſonen 99 um die ſchwer leidende Frau beſchäftigt. Auch Spar⸗ berger trat hinzu, warf einen Blick der tiefſten Theil⸗ nahme auf die faſt bewußtloſe Frau und ſagte:„Was mir das arme Weib leid thut! Ich wollte lieber vom ganzen Gelde nichts wiſſen, als mit anſehen, was die unglückliche Perſon ausſtehen muß. Sorgen Sie doch, Herr Doctor, daß es ihr an nichts fehlt! Ich will gern Alles bezahlen.“ Auch der Gärtner Schiebele trat, als ſie etwas zu ſich kam, ſchmeichelnd zu ihr.„Sei die Frau nur wohl⸗ getröſtet!“ ſagte er’heuchleriſch.„Sie muß ſich eben in das Unvermeidliche, finden, ſie muß den ſchlechten Mann vergeſſen,der Schande und Spott über ſie gebracht hat. Es wäre am beſten für ihn und ſie, wenn er gar nimmer hlrauskäme aus dem Zuchthauſe. Ein ſo junges, ſauberes Weibchon braucht ſich darum noch nicht zu Tode zu kränken; das hat ganz andere Ausſichten, wenn es nur will.“ f Er vollendete nicht, ſo 8 ern ſprang mit einem Satz gegen die Wand zurück, umeſich ſcheu zur Thür hinaus⸗ zudrücken; die Schuſterin war aufgeſprungen, als wenn ſie gar nie eine Schwäche empfunden hätte, und hätte er ſeine Flucht nicht ſo raſch bewerkſtelligt, war es ſicher um die Augen des Heuchlers geſchehen. Die Verhandlung hatte bei der Einfachheit der Sache 7*½ 100 nur einige Stunden gedauert. Für den Nachmittag war daher ein anderer Fall angeſetzt, und beinahe Niemand verließ den Saal. Alles wollte abwarten, bis die kurze, den Richtern und Geſchworenen zur Er⸗ holung gegönnte Pauſe vorüber ſein würde; verſprach doch der zweite Fall ein noch weit packenderes Schauſpiel, als der erſte geweſen. Die Anklage galt dem Wirthe Moſer zum rothen Stern, welcher der Brandſtiftung an ſeinem eigenen Hauſe beſchuldigt war. Wie bei Rempelmann war es lediglich eine Menge kleiner An⸗ zeichen und Verdachtsgründe, welche die Verweiſung der Sache vor die Geſchworenen veranlaßt hatte; den⸗ noch boten die beiden Angeklagten ſchon in ihrer Er⸗ ſcheinung einen ganz entſchiedenen Gegenſatz. War Rempelmann anfangs angegriffen und leidend erſchie⸗ nen, ſo hatte dies doch nur für die erſten Augenblicke Stand gehalten. Die meiſte Zeit über war er im Gefühle der Unmöglichkeit, den Verdacht von ſich ab⸗ zuwälzen, in ſtarker Erregung, und ſein auffahrendes Weſen, ſeine heftige Redeweiſe mochten wohl für die Unruhe eines böſen Gewiſſens angeſehen werden. Moſer dagegen erſchien und blieb völlig gefaßt und beinahe gleichgültig, als ob ihn die Sache gar nicht beträfe. Mit gefalteten Händen und niedergeſchlagenen Augen, die Lippen bewegend, als ob er ein Gebet ſpräche, erſchien ——— — 101 er im Saale, verneigte ſich mit Anſtand nach allen Seiten und ſetzte ſich ſo gelaſſen auf die Anklagebank nieder, als wäre er in ſeiner Schenke und die Gensdarmen neben ihm ein paar Gäſte, welche er zu bedienen hätte. In gleicher Weiſe antwortete er auch auf die Anklage und wußte die einzelnen Verdachtsgründe wo nicht zu beſeitigen, doch um ein Bedeutendes an ihrer Wucht zu verringern. Auf den erſten Anblick mußte der Um⸗ ſtand ſehr bedenklich erſcheinen, daß er ſich in ſchlimmen Vermögensverhältniſſen befunden und außer Stande geweſen ſein ſollte, ſein Anweſen und Geſchäft länger zu behalten. Er wußte das aber dadurch zu wider⸗ legen, daß ihm nicht nachgewieſen werden konnte, er ſei irgendwo ſeinen Verpflichtungen nicht nachgekom⸗ men, habe ſeine Zinſen nicht entrichtet oder Geſchäfts⸗ ſchulden nicht bezahlt. Allerdings hatte ſich bei all dieſem mancher Anſtand ergeben, er war viel über⸗ laufen worden, und überall waren kleine Reſte ſtehen geblieben, aber im Ganzen geſtaltete ſich das Bild ſeiner Lage doch nicht ſo ganz ungünſtig. „Ich bin nicht ſo ſchlecht geſtanden, als es ſchien“, ſagte er,„und als ich mir ſelbſt den Schein gegeben habe. Ich hätte die meiſte Zeit gleich zahlen können, aber es brachte mir mehr Nutzen, wenn ich das Geld einige Wochen oder Monate länger in der Hand be⸗ 10² hielt; dann konnte ich es noch ein paar Mal umkehren und noch ein kleines Geſchäft damit machen. Es war mir ganz recht, wenn mich die Leute für ärmer hielten, als ich war; denn daß ein ſolches Unglück kommen würde, daran hatte ich nicht gedacht. Auf dieſe Weiſe hatte ich mir eine hübſche Summe erhauſt und hatte ſie in Papier umgewechſelt, das ich nirgends ſicherer verwahrt glaubte als im Zimmer meiner Tochter; aber da iſt es eben mit allem Andern in Rauch auf⸗ gegangen.“ Den Umſtand, daß er kurz vorher die Verſicherungs⸗ ſumme ſeines Anweſens um das Doppelte erhöht hatte, wußte er einfach dadurch zu erklären, daß ein in der Nachbarſchaft entſtandener, aber glücklicherweiſe ſchnell wieder unterdrückter Brand ihm die Möglichkeit einer ſolchen Gefahr recht nahe gelegt und ihn veranlaßt habe, lieber ein Opfer zu bringen. Die Beſchuldigung, als habe er werthvolle Sachen vor dem Brande ausgeräumt und beiſeite geſchafft, zerfiel von ſelbſt; denn der Zeuge, bei dem dieſelben aufbewahrt waren, mußte beſtätigen, daß das ſchon vor mehr als einem halben Jahre geſchehen war. Moſer gab an, er habe damals die Abſicht gehabt, einige Bauveränderungen vorzunehmen, und war im Stande, dieſe Abſicht auch durch den Maurer, mit dem er darüber 103 geſprochen, zu beweiſen. Er hatte wegen der fremden Leute, die bei einem ſolchen Anlaß ins Haus kom⸗ men mußten, ſein weniges Silberzeug und ſonſtige Werthſachen einem guten Freunde zur Aufbewahrung übergeben. Der Bau ſei dann zufällig unterblieben, und weil er die Sachen doch nicht gebraucht und gut aufgehoben wußte, ſeien ſie eben bei dem Bekannten liegen geblieben. Der ſchwerſte Verdachtsgrund lag in dem Um⸗ ſtand, daß das Feuer in einem abgelegenen und unbe⸗ nutzten Gemache entſtanden zu ſein ſchien, zu welchem Niemand als er den Schlüſſel beſeſſen hatte, ſowie daß er während des ganzen Brandes nirgends zu ſehen geweſen, und als er endlich im Gärtchen an der Rück⸗ ſeite zum Vorſchein gekommen, ſich in höchſt auffallender und verdächtigender Weiſe benommen habe. Die erſte Be⸗ ſchuldigung widerlegte ſich aber ſehr natürlich und un⸗ gezwungen dadurch, daß der Doppel⸗ oder Hauptſchlüſſel zu allen Räumlichkeiten des Hauſes, insbeſondere auch zu dem fraglichen Gelaſſe ſich für beſondere Fälle in den Händen ſeiner Tochter befunden, daß dieſe, welche leider manchmal ſich in etwas geſtörtem Geiſteszuſtand befinde, das Licht nicht immer mit gehöriger Vorſicht verwahrt habe und daß er einige Male mit ihr des⸗ wegen Verdruß gehabt; das Mädchen habe ihm über⸗ haupt große Sorge gemacht. Für den letzten und aller⸗ dings gewichtigſten Umſtand lag der Hauptbeweis in der Ausſage Huber's, der als Zeuge erſchien und den bei Mariens Rettung verwundeten Arm noch in der Binde trug. Er erzühlte, wie er den Wirth getroffen, wie er mit Mühe endlich den Aufenthalt des Mädchens aus ihm herausgenöthigt und wie er dann noch eben recht gekommen ſei, ſie vor dem Einſturz aus dem brennenden Hauſe zu tragen. Nach Huber's Vexnehmung erhob ſich der Verthei⸗ diger des Wirthes, ein hagerer, ältlicher Mann mit klugem, feingeſchnittenem Geſichte und einer hohen Stirn, auf welcher ſcharfes und klares Denken ſeine tiefen Linien eingeprägt hatte. Das lange, ergraute Haar war über die Schläfe zurückgeſcheitelt, die ganze Er⸗ ſcheinung und das Benehmen des Mannes hatten etwas von dem Weſen eines Predigers an ſich.„Die Herren Ge⸗ ſchworenen“, begann er,„ſowie der geſammte hohe Gerichtshof werden mit mir die Ueberzeugung theilen, daß der Ausſage dieſes Zeugen eine beſondere Wich⸗ tigkeit zukommt, ſie fordert daher eine nähere Beleuch⸗ tung heraus. Ich bitte demnach um die Erlaubniß, dem Zeugen einige Fragen zur Beantwortung vorlegen zu dürfen. Wo haben Sie“, fuhr er dann gegen Huber gewendet fort,„während des Brandes das Mädchen 105 gefunden und in welchem Zuſtand befand ſich das⸗ ſelbe?“ „In einer Kammer des zweiten Stockwerks“, er⸗ widerte Huber unbefangen,„welche wenig benutzt wurde und worin ſich meiſt nur altes Gerümpel befand.“ „Doch befand ſich auch ein Bett in dieſer Kammer? Es war die gewöhnliche Schlafſtelle des Mädchens?“ fragte der Vertheidiger. „Ja.“ „Man kann ſich vorſtellen, daß das brennende Haus überall voll erſtickenden Rauchs war. Es mußte wohl ſehr ſchwer ſein, ſich darin zurechtzufinden?“ „Gewiß“, ſagte Huber raſch.„Wer nicht genau damit bekannt war, hätte ſich unmöglich zurechtgefunden.“ „Sie geben alſo zu“, ſagte der Vertheidiger mit raſchem Seitenblick nach den Geſchworenen,„daß Sie eine ſolche genaue Kenntniß des Hauſes hatten. Wollen Sie aufklären, wie das kommt?“ „Sehr einfach“, entgegnete Huber mit einem Anflug leichter Verwirrung.„Ich bin im Hauſe ſehr viel aus und ein gegangen; das iſt in einem Wirthshaus wohl natürlich.“ „Gewiß; aber der Weg der Gäſte in einem Wirths⸗ hauſe pflegt ſich in der Regel auf die Schenk⸗ und Zechräumlichkeiten zu beſchränken. Die fragliche Kam⸗ mer aber befand ſich, wie Sie ſagen, im zweiten Stock⸗ werk und gehörte offenbar zu den Familiengelaſſen.“ „Ich bin auch nicht blos als Gaſt in das Haus gekommen, ſondern war ſeit vielen Jahren in demſelben gut bekannt, ſchon zu der Zeit, als die Wirthin noch lebte.“ „Es will verlauten“, ſagte der Vertheidiger lauernd, „daß Sie in nähern Beziehungen zu der Tochter ge⸗ ſtanden?“ „Ich weiß nicht, Herr, was Sie damit ſagen wollen; aber ich hatte die Abſicht, die Tochter zu heirathen.“ „Sie ſtanden alſo mit ihr in einem Liebesver⸗ hältniß?“ „Das nicht. Zu einem Liebesverhältniß gehören ihrer zwei, und die Marie hat von mir nichts wiſſen wollen.“ „Warum das?“ „Das weiß ich nicht. Sie hat es mir nie geſagt. Sie ſagt, das ſei ein Geheimniß, das ſie nicht ver⸗ rathen dürfe.“ „Und wußte der Vater, der jetzt hier vor Ihnen auf der Anklagebank ſitzt, um dieſe Ihre Abſicht und war er damit einverſtanden?“ „Er wußte darum, aber er wollte es nicht leiden.“ „Darum ſind Sie ihm wohl ſehr abgeneigt?“ 107 „Nein“, erwiderte Huber offen.„Wenn ich mir einen Freund ausſuchen wollte, ſo wäre der Wirth allerdings vielleicht der letzte, den ich mir wählte; das kommt aber auf den Guſto an. Feind war ich ihm darum nicht, und ich denke, wenn nur die Marie gewollt hätte, würde er zuletzt auch wohl ja geſagt haben.“ „Sie haben das Mädchen ohne Zweifel öfters be⸗ ſucht; vielleicht auch heimlich, das heißt, ye Wiſſen des Vaters?“ „Ich bin mehrmals zu ihr in die Küche gekommen.“ „Nach dem Plan des Hauſes war die Küche von außen abgeſchloſſen und nur von der Stube her zu⸗ gänglich. Wie konnten Sie alſo ohne Wiſſen des Va⸗ ters dahin gelangen?“ „Ei“, lachte Huber,„ich bin eben durch das Fenſter geſtiegen. Das Fenſter führt in den Hof hinaus, und nur ein einziges Mal—“ Er hielt inne. „Nun, Sie ſtocken?“ rief der Vertheidiger.„Ich mache die Herren Geſchworenen aufmerkſam, daß der Zeuge offenbar zurückhält.“ „Ich halte mit nichts zurück“, ſagte Huber.„Ich habe nichts Unrechtes gethan. Ein einziges Mal, wollte ich ſagen, an dem Abend, wo das Feſt wegen der neuen Geſetze gefeiert wurde, war Marie in der Schenk⸗ 108 ſtube nicht zu ſehen, und da auch das Fenſter verrie⸗ gelt war, und ich beſorgte, es möchte ihr ein Leid ge⸗ ſchehen ſein, bin ich auf die Hofmauer geklettert und habe mich durch den Schornſtein herabgelaſſen.“ „Sie ſehen, und ich bitte, es feſtzuhalten“, rief der Vertheidiger triumphirend,„bis zu welchem Grade der Zeuge mit der Oertlichkeit des Hauſes und mit dem Mädchen vertraut ſein mußte. Und wie fanden Sie das Mädchen in dem Gemache? Lag es zu Bette?“ „Nein. Ich vief mehrmals ihren Namen, und da keine Antwort erfolgte, verſuchte ich zu öffnen. Die Thür war verſchloſſen, und ich machte mich ſchon daran, ſie einzuſtoßen, als ich bemerkte, daß der Schlüſſel im Schloſſe ſteckte und zu meinem Erſtaunen von außen umgedreht war.“ Die Geſchworenen ſahen einander ſtaunend an und nickten ſich zu. „Ich öffnete“, fuhr Huber fort,„und fand Marie im Nachtkleid und halb todt neben dem Bette auf dem Boden. Den Kopf hatte ſie unter die Decke geſteckt, vermuthlich um ſich vor dem Erſticken zu ſichern; denn der Rauch und Qualm kam ſchon durch alle Ritzen und durch den Fußboden hereingedrungen. Es galt da kein langes Beſinnen. Federleicht, wie ſie war, nahm ich ſie über die Schulter und trug ſie herunter.“ 109 „Sie haben angegeben“, ſagte der Vertheidiger,„der Schlüſſel habe von außen im Schloſſe geſteckt. Das wird wohl ein Irrthum ſein. Es wäre auffallend, daß Sie gerade das ſo genau bemerkt haben wollen. Gewiß waren Sie nicht bei ſo kaltem Blute, um derlei Beob⸗ achtungen machen zu können. Das Schloß war ver⸗ muthlich gar nicht abgeſperrt und öffnete ſich nur nicht gleich auf den erſten Druck, wie das wohl öfter vor⸗ kommt. „Nein, nein“, rief Huber eifrig,„das weiß ich ganz genau! Das ſchlägt in meine Profeſſion ein, und in ſolchen Dingen irre ich mich nie. Der Schlüſſel ſteckte im Schloß und war zweimal herumgedreht. Marie war eingeſperrt. Es war mir allerdings zu Muthe, als wenn ich das Fieber hätte; aber ich habe doch gewußt, was ich ſehe und thue.“ „Seltene Geiſtesgegenwart“, bemerkte der Verthei⸗ diger ironiſch.„Ich wünſche, daß Sie ſelbe nie verlieren mögen. Und nun noch eine letzte Frage. Sie haben ſich als Katholiken bezeichnet und haben ihren Zeugen⸗ eid als ſolcher geleiſtet. Es will aber verlauten, daß Sie mit Ihrer Kirche zerfallen ſind und ſich den An⸗ ſichten der freien Gemeinde zuneigen?“ „Das iſt nicht wahr.“ „Doch ſollen Sie erſt vor wenigen Tagen bei einem öffentlichen Anlaß die Freigemeindler aufs wärmſte in Schutz genommen und ſogar Ihre Glaubensgenoſſen mit Thätlichkeiten bedroht haben.“ „Auch das iſt nicht wahr. Ein Haufen ungebildeter Menſchen— ob es meine Glaubensgenoſſen waren, weiß ich nicht— wollte die Freigemeindler, von denen ich nicht einen einzigen kenne, im Begräbniß eines ihrer Angehörigen ſtören. Das ſchien mir ein Unrecht zu ſein, und Unrecht vertrag⸗ ich nicht. Wo ich ein ſolches ſehe, da leide ich's nicht, da muß ich dazwiſchenfahren. Das iſt ſo meine Art.“ „Da werden Sie viel zu thun finden, mein Freund“, ſagte der Vertheidiger.„Ich habe nichts mehr zu fragen und betone nur, daß der Zeuge jedenfalls eine bedenk⸗ liche Gleichgültigkeit in Beziehung auf religiöſe An⸗ ſchauungen an den Tag gelegt hat, daß alſo ſeine Aus⸗ ſage und der daraufhin geleiſtete Eid hiernach wohl mit doppelter Vorſicht ins Auge gefaßt werden muß.“ „Herr“, rief Huber auffahrend,„was unterſtehen Sie ſich?“ Der Vorſitzende unterbrach ihn jedoch und rief:„Ich entziehe dem Zeugen das Wort. Sie haben zu ſchweigen und nur zu reden, wenn Sie gefragt werden.“ Nach all dieſem fiel der Schwerpunkt der Sache immer mehr und mehr auf die Ausſage Mariens. Der — —,— 111 vorgerufene Gerichtsarzt erklärte, er habe dieſelbe mehr⸗ fach beobachtet; ſie ſei ihm als fallſüchtig bezeichnet worden, er habe dies jedoch nicht finden können, viel⸗ mehr ſcheine ſie ihm von tiefer Melancholie befangen, welche zeitweiſe in förmliche Geiſtesſtörung übergehe. Er habe das Mädchen vor dem Brande nicht geſehen. Nach Angabe ihrer Angehörigen habe ſich ihr Zuſtand ſeitdem ſehr verſchlimmert und ſei erſt jetzt in die völ⸗ lige Verlorenheit übergegangen, vermöge deren ſie die meiſte Zeit wie bewußtlos und blöde vor ſich hinſtarre. Dennoch halte er ſie für vernehmbar, und nach ſeiner Anſicht könne, da die Erſchütterung des Schreckens dieſen Zuſtand hervorgebracht habe, vielleicht die Er⸗ ſchütterung durch das ungewohnte Erſcheinen vor der Oeffentlichkeit eine ähnliche Wirkung hervorbringen und ein lichtes Intervall veranlaſſen. Wäre in dem dichtgedrängten Saale eine Nadel zu Boden gefallen, man hätte ſie gehört, ſo tiefe Stille herrſchte, als Marie, von einer Magd geleitet, eintrat. Sie war in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung, nicht ohne Sorgfalt angezogen und hielt ſich feſt am Arme der Magd, welche ſie führen und beinahe nach ſich ziehen mußte. Ihre Augen ſtarrten unbeweglich vor ſich hin, das Geſicht war völlig bleich und blutlos wie das einer Todten, was durch das dunkle Haar noch mehr hervortrat, und mancher Lippe entrang ſich bei ihrem Anblick ein Seufzer, manchem Munde ein leiſes Wort des Bedauerns.„Wie ſchade“, murmelte das Volk,„ein ſo ſchönes Mädchen und ſolches Unglück!“ Sie ward in die Mitte geführt, und der Vorſitzende redete ſie an. Aber er ſowohl als der Arzt und der Staatsanwalt verſuchten vergebens, ihr ein Wort oder ein Zeichen der Beſinnung abzugewinnen. Sie blieb. ſtumpf wie eine lebende Bildſäule. „Laſſen Sie mich mit ihr reden!“ ſagte Huber vor⸗ tretend.„Sie kennt meine Stimme; vielleicht bringe ich ſie zurecht.“ „Dagegen muß ich Verwahrung einlegen“, rief der Vertheidiger raſch.„Die Gefahr eines geheimen Ein⸗ verſtändniſſes liegt zu nahe.“ Der Präſident war derſelben Anſicht und befahl, die Zeugin hinwegzubringen, welche nur geeignet ſei, die Verhandlung im Verlaufe zu ſtören. Es geſchah. Noch einige Zeugen wurden vernommen, welche beſtä⸗ tigten, wie Moſer bei der Rettung ſeiner Stieftochter ſich benommen, und daß er ſeine Freude darüber ſo laut ausgeſprochen habe, daß an deren Aufrichtigkeit nicht gezweifelt werden könne. All dieſem gegenüber fühlte die Anklage ſelbſt den Boden unter ſich unterwühlt, und das Geſchäft des 113 Vertheidigers wurde um ſo leichter, zumal als die Leu⸗ mundserhebungen für Moſer ſehr glänzend ausfielen und ihn als einen ſtillen Mann bezeichneten, welcher nur für ſich lebe, fleißig die Kirche beſuche und Mit⸗ glied mehrerer frommen und wohlthätigen Vereine ſei. Die Geſchworenen kamen ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken zurück, diesmal mit einem freiſprechenden Wahr⸗ ſpruch, wie nach dem Gange der Verhandlung wohl Niemand anders erwartet hatte. Ein Summen der Be⸗ friedigung ſchwebte über der Verſammlung. Der An⸗ geklagte allein blieb ruhig wie zuvor. Er wendete ſich gegen die Wand, als wollte er ſein Geſicht und ſeine Gefühle verbergen; aber es war deutlich genug zu ſehen, wie er die Hände erhob und zu beten ſchien. Die Richter traten in ihr Berathungszimmer. In⸗ zwiſchen war der Abend angebrochen, die Gaslampen über dem Tiſche des Gerichtshofs ſowie die Hängeleuchter im Saale waren angezündet, brannten aber tief herab⸗ geſchraubt und verbreiteten nur eine ſehr geringe Helle. Als das Glockenzeichen das Wiedererſcheinen der Richter verkündete, eilte Alles wieder an ſeinen Platz; die Zeu⸗ gen, die ſich auf einige Augenblicke wegbegeben hatten, kamen zurück, unter ihnen auch Marie, die regungslos und ſtumpf wie zuvor auf der Zeugenbank längs der Schranken, dem Angeklagten hart gegenüber, Platz nahm. 8 Schmid, Mütze und Krone. IV. 114 Jetzt traten die Richter ein, und der Vorſitzende ver⸗ kündete das freiſprechende Urtheil. Er wollte mit der Vorleſung der Entſcheidungsgründe beginnen, aber es war zu dunkel zum Leſen. Er befahl daher das Gas höher aufzuſchrauben, und im nächſten Augenblicke flammte plötzliche Helle durch den Saal, nicht un⸗ ähnlich dem Zucken des Blitzes oder einer ſchnell und plötzlich auflodernden Feuerflamme. Ein wilder Schrei unterbrach die Vorleſung; er kam von Marie; der plötzliche Lichtſtrom hatte ſie geblendet und aus ihrer Erſtarrung geweckt. Zugleich mit dem Lichte hatte ſie den Wirth gewahrt und ſtand nun aufgerichtet da, mit ausgeſtreckter Hand ſtarr auf ihn deutend.„Feuer!“ ſchrie ſie in markerſchütterndem Tone der Angſt,„Feuer! Da iſt er mit dem brennenden Span! Der rothe Sternwirth kommt, er zündet das Stroh an. Heilige Maria, es brennt! Er dreht den Schlüſſel im Schloſſe— Hülfe! Hülfe! Er läßt mich nicht hinaus; er will, daß ich mit verbrennen ſoll!“ Ein Grauen durchlief die Verſammlung. Weder Staatsanwalt noch Vertheidiger fanden ein Wort. Der Angeklagte allein ſchien ſeine Ruhe behaupten zu wollen und warf kalte, giftige Blicke nach der Wahnſinnigen. „Da ſehen die Herren ſelbſt“, ſagte er.„Sie hat ihren Zuſtand wieder.“ —————— 115 Durch die Worte und die Stimme des Wirthes wurde Marie erſt vollends aus ihrer Erſtarrung ge⸗ riſſen. Sie ſtürzte zu der Anklagebank hin und warf ſich vor derſelben auf die Kniee.„Sternwirth“, ſchrie ſie,„ſperr' mich nicht ein in dem brennenden Hauſe, laß mich nicht verbrennen! Laß mich hinaus! Ich will Alles thun, was Du verlangſt. Mutter! Mutter!“ kreiſchte ſie wieder, indem ſie in entſetzlicher Angſt ſich am Boden krümmte,„hilfſt Du mir denn nicht? Ach ja, da biſt Du ja. Siehſt Du, Sternwirth, dort ſteht ſie, dort im Winkel! Sie droht Dir, ſie hebt die Hand auf! Siehſt Du den blutigen Streifen an ihrer Stirn?“ Aufſchreiend und wie mechaniſch die Hände an das Herz preſſend, ſchlug ſie in hartem Zuſammenſturz zu Boden. „Man bringe die Wahnſinnige hinweg!“ ſagte der Präſident ernſt und las, als es geſchehen war, mit feierlicher Stimme das Urtheil zu Ende.„Sie ſind freigeſprochen“, ſagte er am Schluſſe zum Angeklagten, „und können ungehindert den Saal verlaſſen. Der Wahrſpruch der Geſchworenen iſt unumſtößlich. Wegen dieſer That wird Niemand auf Erden Sie mehr zur Rechenſchaft ziehen. Was wir außerdem hier mit an⸗ geſehen und gehört haben, haben Sie mit Ihrem Ge⸗ wiſſen auszumachen und mit dem ewigen Richter.“ 8* Wie ein vom Regen angeſchwellter Bach ſtürzte die Menge ſauſend und toſend in die eingebrochene Nacht hinaus. Niemand achtete auf Moſer, der ſich haſtig im Gedränge verlor. Huber blieb bei Marie zurück, bis ſie in ein benachbartes Haus gebracht und auf ein Bett gelegt ward, wo ſie ſofort in todtenähnlichen Schlaf verſank. Vergeblich hatte der Arzt einige Be⸗ lebungsmittel verſucht; er erklärte, daß er nichts An⸗ deres anzurathen wiſſe als Ruhe; alles Weitere ſei der Natur zu überlaſſen. Er hatte richtig geurtheilt. Die vollſtändige Stille, welche die Kranke umgab, wirkte bald ſo ſehr auf ſie, daß ſie zu ſich kommend die Augen öffnete, um ſich blickte und einen ſchwachen Verſuch machte, ſich zu erheben. „Willſt Du etwas, Marie?“ fragte Huber, der neben dem Lager ſaß, leiſe.„Erſchrick nicht! Ich bin bei Dir.“ Sie ſah mit klaren Augen und dem überquel⸗ lenden Blicke der innigſten Liebe in das ſchmerzbewegte Antlitz des Burſchen und ſtreckte ihm ſchwach ihre Hand entgegen, die er eifrig ergriff und küßte.„Du biſt bei mir, Du treues Gemüth?“ flüſterte ſie.„Ach, warum kann ich nicht immer bei Dir bleiben!“ „Du kannſt“, erwiderte Huber leiſe,„wenn Du nur willſt. Nach dem, was heute geſchehen, kannſt Du un⸗ ———— 117 möglich wieder in das Haus Deines Stiefvaters zurück⸗ kehren. Du weißt, was ich denke, Marie. Ich hab' es Dir oft geſagt. Sage ja, und in acht Tagen biſt Du für immer bei mir, als mein Weib.“ Sie ſah ihn mit einem innigen Lächeln der Zärt⸗ lichkeit an.„Ich fürchte den Wirth nicht mehr“, ſagte ſie,„aber mit der Furcht hat auch die Hoffnung ein Ende. Was zuletzt geſchehen iſt, hat mir das Herz gebrochen. Es wird nicht mehr lange währen mit mir. Bleibe bei mir, Martin, bis es vorüber iſt! Ich ſpür's es wird gar nicht mehr lange dauern.“ „Das iſt nicht möglich“, ſagte Huber, ſeinen Schmerz gewaltſam bezwingend.„Du mußt Dir ſo etwas nicht einbilden. Wenn Du nur erſt in einem andern Hauſe und bei andern Leuten biſt, dann wirſt Du ſchnell geſund und wieder fröhlich werden. Sei nicht ſo trüb⸗ ſinnig, ſei vergnügt und mache nur, daß Du geſund wirſt, und wenn Du mich denn doch nicht lieb haben kannſt, ſo ſollſt Du auch von mir kein Wort mehr da⸗ von hören.“ „Ich Dich nicht lieben!“ ſagte ſie mit einem ſo herzlichen Tone, daß aller Zweifel in ſich ſelbſt erſter⸗ ben mußte. „Und wenn Du mich liebſt, warum biſt Du doch ſo gegen mich?“ 118 „Weil ich Deiner nicht werth bin, Martin“, ſagte ſie mit Anſtrengung;„weil Du ein braves, ordentliches Weib verdienſt. Jetzt, da es zum Ende geht, darf ich Dir wohl Alles ſagen. Du wirſt mich deswegen nicht ganz verdammen, und vielleicht wird es Dein Leidweſen geringer machen, wenn Du Alles weißt. Du erinnerſt Dich wohl noch, wie meine Mutter den Sternwirth hei⸗ rathete. Ich war ein aufgeſchoſſenes Mädel, ein blut⸗ junges Ding von kaum fünfzehn Jahren, als ich mit ihr ins Haus kam. Du weißt auch, wie die Heirath ſchlecht ausgefallen iſt, und wie ſich's gar bald zeigte, daß der Wirth meine Mutter nur wegen ihres Geldes geheirathet hatte.“ Huber nickte mit trauriger Zuſtimmung. „Es gab bald“, fuhr ſie fort,„nichts als Zank und Unfrieden; alle Tage wurde geſtritten und geſchlagen. Je wilder aber der Wirth gegen die Mutter war, deſto freundlicher und zuthulicher war er gegen mich, die ich in meiner Unſchuld an nichts Arges dachte. Und manch⸗ mal, wenn ich zu Bette ging, kam es über mich wie ein furchtbar ſchwerer Schlaf, deſſen ich mich nicht erwehren konnte, und in dem Schlafe kamen mir abſcheuliche Träume, und wenn ich dann wach wurde, war es mir ums Herz ſo beklommen, und mein Kopf war ſo ſchwer, ach ſo ſchmerzlich ſchwer! Und einmal nach einer ſol⸗ —— 119 chen Nacht da war es, daß ſich zuerſt die Krämpfe einſtellten, und wieder einmal da wurde ich plötzlich wie von einem ungeheuren Schrecken wach und ſah den Wirth noch eben raſch aus meinem Zimmer ſchleichen. Da fiel es mir erſt ein, daß er mir allemal, wenn ich einen ſchweren Schlaf hatte, zuvor mit Schmeicheln zu⸗ geſetzt und nicht geruht hatte, bis ich einen Trank, den er mir gab und der für meinen Zuſtand helfen ſollte, zu mir genommen hatte. Ich ahnte nicht, was geſchehen war, aber ich ſagte Alles meiner Mutter. Außer ſich, ſtellte ſie ihn darüber zur Rede. Es kam zu einem heftigen Streite, in dem er ihr das Beil an den Kopf ſchlug, daß ſie ſchwer verwundet war. Sie iſt ſo lange gelegen und hat den Leuten immer geſagt, ſie ſei gefallen und ſelbſt in die Schneide des Beils geſtürzt. Ich aber war ein elendes Geſchöpf, das vor ſich ſelber ausſpeien möchte, und in dem elenden Zu⸗ ſtande bin ich ſeitdem geblieben, und es iſt jeden Tag ärger geworden. Gott ſei Lob und Dank!“ fuhr ſie nach einer Pauſe der Erſchöpfung fort, während Huber ſein Geſicht auf ihre Hand niederbeugte,„es geht zu Ende. Meine gute Mutter hat's endlich erbitt' beim lieben Gott. Verachte mich nicht, Martin, und jetzt, jetzt kann ich Dir's ja ſagen, daß ich Dich lieber habe als mein Leben und daß es meine größte Glück⸗ ſeligkeit geweſen wäre, wenn ich Dir ganz hätte an⸗ gehören können! Aber es iſt beſſer ſo. Du wirſt Dich beruhigen, es wird und muß Dir noch recht gut gehen im Leben, und daß Du mich nicht ganz vergeſſen wirſt, das weiß ich.“ „Nie, nie!“ ſchluchzte Huber, der ſeine Ergriffenheit nicht mehr zu bemeiſtern vermochte.„Nimm Dich nur zuſammen, Marie! Du lebſt noch; alſo iſt auch noch Hoffnung. Stirb nicht! Bleib' bei mir! Ich will Dich nur noch lieber haben.“ Marie erwiderte nichts; eine plötzliche, außerordent⸗ liche Schwäche ergriff ſie, ſodaß ſie kaum mehr zu lispeln vermochte.„Es iſt zu ſpät“, ſagte ſie kaum hörbar. „Ich bin bald erlöſt. Laß mir Deine liebe, treue Hand!“ fuhr ſie fort, indem ſie dieſelbe zwiſchen ihre beiden Hände faßte.„So will ich ſterben.“ Sie ſchloß die Augen, während ihre abgemagerten Finger ſich feſt um Martin's Hand preßten; ſie zuckte nicht mehr und lag regungslos. Huber winkte unwillig gegen die Thür, als dieſelbe ſich öffnete und die Frau, bei welcher Marie ſchnell untergebracht worden war, eilig hereintrat. „Schon wieder was Neues!“ rief ſie.„Ich weiß gar nicht, ob ich es ſagen ſoll.“ „Was denn?“ entgegnete Huber ungehalten. —— —— 121 „Es kam gerade einer vorbeigelaufen“, ſagte die Frau mit gedämpfter Stimme,„der hat die Neuigkeit mitgebracht. Der Moſer, der Sternwirth, wie er vom Schwurgericht weg iſt, iſt er geraden Wegs in ſeine Wohnung gelaufen, hat einen Strick genommen und hat ſich aufgehängt.“ „Still!“ rief Huber.„Sie ſoll davon nichts mehr hören. Kniet lieber nieder und betet für ſie um einen leichten Todeskampf!“ Die Frau folgte. Auch Andere kamen in die Stuhe herein und thaten desgleichen; aber das Gebet war nicht mehr nöthig. Der Todeskampf war ſchon über⸗ ſtanden; unmerklich hatte die gequälte Seele ſich be⸗ freit. Bis tief in die Nacht ſaß Huber noch am Bette, und erſt gegen Morgen zog er ſeine Hand aus ihren erkalteten, ſtarr gewordenen Händen und legte dieſelben kreuzweiſe zuſammen über die endlich ruhende Bruſt. Unweit der Landesgrenze fuhr einige Tage ſpäter eine bequeme, offene Reiſekaleſche auf der Straße dahin. Das wenige Gepäck, das der Reiſende bei ſich führte, die ſicht⸗ bare Eile, mit welcher der Poſtillon die vier Pferde zu immer erneuertem Laufe antrieb, zeigten, daß das Geſchäft des Reiſenden ein ſehr dringendes ſein mußte. Der Reiſende war Friedrich. 12² Sein Angeſicht war ſorgenvoll; wohl hing ſein Auge an der herrlichen Landſchaft, welche ſich vor ihm mit aller Pracht des an die Gebirge ſich anlehnenden Vor⸗ landes entfaltete, aber er ſchien es nicht zu gewahren, wie ſchön zwiſchen den anmuthig anſteigenden Hü⸗ geln und Wäldern der Spiegel eines Sees hervor⸗ leuchtete, wie darüber in blauem Duft die Berghäupter immer höher und höher, immer ernſter und gewaltiger emporſtiegen; es war mehr, als ob er ungeduldig die Entfernung meſſe, die ihn noch von ſeinem Ziele trennte. Es ging eben eine kleine, waldige Anhöhe hinan. Der Poſtillon ließ die Pferde ausſchnauben und deutete mit der Peitſche nach einer kleinen, bewaldeten Anhöhe hin, auf welcher aus dunklem Walde Thürme und Mauern emporſtiegen.„Sehen Sie dort“, ſagte er, „das iſt ſchon der Thurm von St.⸗Wendelin. Es geht jetzt bergab; dann wird der Weg beſſer. In einer halben Stunde ſind wir dort.“ 3 Friedrich richtete ſich auf und blickte ſcharf in der angedeuteten Richtung hin. Er nickte dann zuſtimmend und begann ſich zurecht zu machen, wie Jemand, der ſofort eine wichtige Angelegenheit zu ordnen vorhat. Bald ſchimmerte durch die mächtigen Stämme des Tannenwaldes der kleine See, aus deſſen dunkelgrüner Flut der burggekrönte Hügel emporſtieg, und es währte 123 nicht lange, bis der Kutſcher an einem kleinen Stege anhielt, welcher den in einen ſchmalen Kanal zuſammen⸗ gedrängten See überbrückte.„Wenn's der Herr ſo eilig hat, wie es ſcheint“, ſagte er,„ſo kommen Sie hier um eine halbe Stunde früher ins Schloß. Sie können durch die engliſchen Anlagen und den Garten hineingehen. Die Straße macht einen weiten Umweg im Bogen. Wenn Sie hier ausſteigen und über die Brücke gehen, will ich langſam mit dem Wagen ans Schloßthor nachfahren.“ Friedrich ſchien dieſer Vorſchlag gelegen zu kommen. Er ſtieg aus und ſchritt über die Brücke; ein ſpitzbo⸗ giges Thürchen in der hohen, zackengekrönten Mauer, welche die ganze Burg umgab, führte in ein dichtes Baumgehege von lauter alten Stämmen, die ganz das Anſehen eines dichten Waldes hatten, um ſo mehr, als ſie in die Runde gezogen waren, ſodaß kein Ende davon abzuſehen war. Darunter ſtreckte ſich ein ſchöner grü⸗ ner Waldesraſen, auf welchem ſtattliche zahme Hirſche weideten. Mit Mißvergnügen erkannte Führer jedoch ſehr bald, daß er nicht eben wohlgethan, einen unbe⸗ kannten Waldweg einzuſchlagen, der, durch verſ chlungenes Dickicht führend, ihn nöthigte, aufs Gerathewohl zuzu⸗ gehen. Schon wollte ihm der Unwille darüber zu Kopfe ſteigen, als er die Töne einer ſingenden Männerſtimme 124 vernahm und der Park ſich mit einem Male auf eine grüne Raſenfläche öffnete, an deren Rändern hier und da Blumengruppen gezogen waren. Ein alter Mann in grüner Gärtnerſchürze ſtand mit der Harke davor und war beſchäftigt, allerlei Pflan⸗ zen und Blumen, die er in einem Korbe nebenbei ſtehen hatte, ins freie Land umzuſetzen. Dabei ſummte er undeutlich ſingend vor ſich hin, daß nichts zu erkennen war als der wiederkehrende Schlußreim eines Volks⸗ liedes der einfachſten Art. Er unterbrach ſich, als er Führer gewahrte.„Guten Tag, Herr!“ ſagte er.„Wie kommen Sie denn von da her? Das iſt ſeltſam! Sie ſind fremd und wiſſen doch dieſen Eingang?“ Führer erzählte, wie es gekommen, und bat den Alten, da er dringend mit Seiner Durchlaucht zu ſpre⸗ chen habe, ihn ſofort zu melden; er gehöre zum Hofe und ſei eigens dem Fürſten nachgereiſt. „Gern, Herr! Sogleich, Herr!“ ſagte der Gärtner. „Nur da den einen Blumenſtock laſſen Sie mich noch verſetzen! Er iſt ſchon ausgehoben, und bis ich etwa zurückkäme, könnte er Schaden leiden. Es iſt ein gar rares Exemplar, wie Sie vielleicht noch keins geſehen haben.“ „So bitte ich zu eilen“ ſagte Friedrich etwas un⸗ 125 geduldig.„Meine Angelegenheit iſt wahrhaftig drin⸗ gend.“ 3 „Es ſoll ſogleich gethan ſein, Herr! Das iſt eine gute Arbeit. Sie müſſen wiſſen, die Pflanze gehört nicht ins freie Land; aber ſie hat im Treibhaus ge⸗ kümmert. Da will ich's doch verſuchen und will ſie verſetzen und ſehen, ob ein anderer Boden und andere Luft und das Licht ihr nicht gut thun. Bei vielen hilft's; manche freilich können es nicht vertragen, um die iſt's aber dann auch wohl nicht ſchade; die wären wohl auch im Glashaus bald eingegangen. Geht's ja doch mit den Menſchen auch nicht anders! Sehen Sie immer her“, fuhr er während der Arbeit plaudernd fort,„ſehen Sie ſich das Gewächs an! Es kommt weit her, aus Weſtindien, glaub' ich. Es iſt eine Art Ama⸗ ryllis, etwas ſelten, halb Lilie und halb Narciſſe, und macht wundervolle roſenrothe Blüten. Es gibt auch eine dunkelrothe Art; die haben Sie wohl ſchon geſehen. Aber dieſe iſt ſeltener, und man kann kaum etwas Schöneres ſehen, als wenn ſie in voller Blüte ſteht. Das iſt aber auch Alles, und man muß ſich hüten, ihr zu nahe zu kommen; denn ſie hat einen ſüßen, aber gar giftigen Duft, der einen betäubt und, wenn man länger daran riecht, den Kopf einnimmt und das Herz ſtilltehen macht. Wir haben drinnen im Glashaus 126 noch ein Exemplar. Das iſt gerade in der Blüte; Sie müſſen ſich's anſehen, Herr! Die Blume iſt wunder⸗ ſchön, aber giftig, wie ich ſage. Na, ſo was kommt ja öfter vor, Herr, und darum heißt ſie auch Amaryllis Belladonna. So, jetzt bin ich fertig“, ſchloß er endlich und ſchickte ſich zu gehen an, nachdem er die Erde um die neugeſetzte Pflanze angetreten und ſie mit der Gieß⸗ kanne vorſichtig befeuchtet hatte.„Jetzt wollen wir ſehen, was daraus wird! Ich habe das Meinige ge⸗ than.“ Da er wohl merken mochte, daß Friedrich nicht zum Reden aufgelegt war, nahm er ſein Werkzeug auf die Schultern und ſchritt raſch voran durch allerlei Nebenwege, welche bald an einen Seitenflügel des Schloſſes führten, das, ganz im Stile einer mittel⸗ alterlichen Ritterburg gebaut, mit den über einander emporſteigenden Zinnenkränzen, Giebeln, Erkern und Strebepfeilern einen ungemein freundlichen Anblick ge⸗ währte. Seitwärts, durch eine lebende Hecke getrennt, war ein kleiner Platz zum Nutzaarten eingerichtet, in welchem ein niedliches Häuschen ſtand, das ſich auf den erſten Blick als die Wohnung des Gärtners kenn⸗ zeichnete. Unweit davon erhob ſich das Treibhaus mit einem mächtigen, auf Eiſenrippen ruhenden Glasdache und gleichen Wänden, eine Art Wintergarten, der in 127 mehreren Abtheilungen ſtufenförmig ſich bis an die Mauer des Schloſſes hinanzog und mit dem Innern deſſelben zuſammenzuhängen ſchien. „Dort iſt meine Wohnung, Herr!“ ſagte der Gärt⸗ ner.„Verziehen Sie einen Augenblick! Ich will hinein ins Schloß und dem Caſtellan Ihre Karte bringen. Ich glaube aber kaum, daß die Durchlaucht zu ſprechen iſt. Ich denke, er iſt ausgeritten oder hat gar einen Beſuch bekommen. Ruhen Sie ſich dort auf der Bank ein wenig aus, Herr! Dort kommt juſt meine Schwiegertochter.“ Die junge Frau trat mit einem Kinde auf dem Arm heran; ſie begrüßte Führer, welchen ihr der Alte mit ein paar Worten übergab, und lud ihn freundlich ein, in die Stube zu treten.„Kommen Sie nur!“ ſagte ſie.„Wenn Sie auch aus der Stadt ſind, es wird Ihnen ſchon bei uns gefallen. Es iſt zwar Alles ganz einfach, aber hübſch. Mein Mann, der verſteht ſich darauf.“ Friedrich lehnte höflich dankend die Einladung ab. „Es wird nicht lange währen“, ſagte er,„und ich will die paar Augenblicke lieber hier im Freien zubringen. Aber ſagen Sie mir, gute Frau, ob ich recht verſtanden habe! Ich dachte den Herzog allein zu finden und höre von Beſuch. Wer könnte das ſein?“ „Nau, ſagte die Frau lächelnd,„das iſt, wie man's 128 eben nimmt. Es iſt wohl ein Beſuch, und dann iſt's auch wieder keiner. Es iſt nur eine Dame.“ „Eine Dame?“ rief Führer verwundert, um ſo mehr, als ihm nicht bekannt geworden, daß die Neigungen des Herzogs ſich beſonders nach dieſer Richtung wendeten. „So hat mir mein Mann geſagt“, erwiderte die Frau.„Ich habe ſie nicht geſehen. Es kann auch was Anderes ſein. Sie war fein angezogen und hat ſehr vornehm ausgeſehen. Sie iſt eben vorbeigefahren; da iſt ein Rad am Wagen gebrochen, und weil der Herr Herzog gerade in der Nähe war und die Dame oder der Beſuch doch nicht weiter gekonnt hätte, hat er ſie ins Schloß eingeladen.“ Führer hatte nicht Zeit, mit ſeinen Gedanken und Vermuthungen darüber ins Klare zu kommen, denn im Augenblicke kam der Gärtner zurück, mit ihm ein eilig voranſchreitender Mann, nach höfiſcher Sitte vom Kopf bis zum Fuß in tadelloſes Schwarz gekleidet. „Da kommt der Herr Caſtellan“, ſagte die Frau. „Wenn Sie etwas bei der Durchlaucht zu ſuchen haben, der hat ein großes Wort zu ſagen. Er gilt viel beim Herzog. Er war früher ſein Kammerdiener und iſt mit ihm auf Reiſen geweſen.“ Während dieſer haſtig geflüſterten Worte war der Mann herangekommen und begrüßte Friedrich mit der 129 artigſten Verbeugung und einem Geſichte voll der offenſten Verwunderung.„Sie ſind es wirklich, Herr Miniſter!“ rief er.„Durchlaucht wollten es kaum glauben und haben mich ſelbſt geſchickt, mich zu überzeugen.“ Führer hatte in ſeinem Amte ſchon viel Gewandt⸗ heit in der Selbſtbeherrſchung erworben, dennoch wußte er im Augenblicke nichts zu erwidern; denn indem er das feiſte, ausgefütterte Geſicht des Caſtellans betrach⸗ tete, der ihn mit liſtig blinzelnden Augen und einem unverſchämten Lächeln um die eingekniffenen Lippen anſah, war es ihm plötzlich klar, daß er dieſem Manne ſchon irgendwo begegnet ſein mußte. Er vermochte ſich aber nicht zu beſinnen, wo das war, und nur eine un⸗ klare Ahnung durchflog ihn, daß die Begegnung keine angenehme geweſen. „Seine Durchlaucht“, fuhr der Caſtellan fort, als Friedrich nicht ſogleich antwortete,„haben einen an⸗ ſtrengenden Morgenritt gemacht und ſind eben daran, ihre Toilette zu ordnen. Sie werden Sie ſogleich empfangen und bitten Sie, einſtweilen mir zu folgen.“ „Ich ziehe vor, mich im Freien aufzuhalten“, erwi⸗ derte Führer.„Haben Sie die Gefälligkeit, mich zu rufen.“ „Mit Entzücken“, rief der Caſtellan.„Ich bin glück⸗ lich, Ihnen dienen zu können! Hab' ich doch ſchon oft gewünſcht, den Mann kennen zu lernen, walcher für Schmid, Mütze und Krone. IV. 130 Volk und Vaterland ſo unendlich viel gethan hat! Freilich, wenn ich hätte ahnen können“, fügte er mit ſonderbarer Betonung hinzu,„dann wäre mir Manches ſchon früher klar geworden.“ Ehe Friedrich über die Bedeutung dieſer Worte ſich aufklären konnte, war er mit tiefem Bückling enteilt und ſchritt mit leichten Schuhen über den knirſchenden Sand dahin. Friedrich konnte auch über die Begegnung nicht weiter nachdenken, denn der alte Gärtner, welcher jetzt erfahren hatte, wer der Fremde ſei, trat ehrerbietig, den Strohhut in der Hand, vor ihn. „Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Miniſter, oder wie man Sie heißen muß“, ſagte er,„wenn ein ein⸗ facher, unbeholfener Mann, wie ich, Ihnen auch ſagt, wie ſehr es ihn freut, Sie zu Geſicht zu bekommen. Ich habe mich in meinem Leben nicht viel um ſolche Dinge gekümmert, aber das weiß ich und das ſagt alle Welt, daß Sie es gut mit uns und dem Lande meinen. Drum müſſen Sie mir erlauben, daß ich Ihnen einen Strauß von unſern ſchönſten Blumen binde.“ „Ich danke Ihnen, mein Freund“, ſagte Friedrich, „für Ihre Worte wie für den Strauß, den ich gern annehmen werde. Ihr einfacher Dank iſt mir eine ſchönere Blume, als Sie in Ihrem ganzen Garten ſtehen haben.“ 131 „Und jetzt dürfen Sie mir auch nicht verſchmähen, das Glashaus anzuſehen“, fuhr der Gärtner eifrig fort, „und vor allem die Amaryllis Belladonna. Die iſt gewiß der Mühe werth. Sie finden kein ſchöneres Exemplar. Nur dürfen Sie nicht daran riechen; das hab' ich Ihnen ſchon geſagt. Höre“, rief er ſeiner Schwiegertochter zu,„wenn der Caſtellan kommt, ſo ſage, daß der gnädige Herr ins Glashaus gegangen iſt! Ich will meinen Sohn aufſuchen, daß er mir hilft, den Strauß für Sie zu binden. Der wird auch große Freude haben, Sie zu ſehen. Wir ſind gleich wieder da.“ Während dieſer Worte hatte er die Thür des Glas⸗ hauſes geöffnet, und Friedrich trat ein. Eine ſchwüle, dumpfe und eigenthümlich duftende Luft, von der er den Kopf befangen und ſein Blut einen Augenblick ſtocken fühlte, empfing ihn; doch die Wallung abſchüttelnd, ſchritt er langſam und ruhig betrachtend zwiſchen den Staffeleien dahin, auf welchen bis zur Decke hinan zu beiden Seiten Blumen und Pflanzen der verſchiedenſten Art in den bunteſten Farben zu Hunderten gezogen waren, um die Beete im freien Lande, die Blumentiſche im Schloſſe und die Fenſter deſſelben mit dem nöthigen friſchen Blumenſchmucke ver⸗ ſehen zu können. Einige ähnliche, unter ſich durch Glas⸗ wände abgeſchloſſene Räume, zu welchen mehrmals einige 9* 13² Stufen hinanführten, folgten auf einander; jetzt kam ein größerer, höherer Pavillon, das Palmenhaus, zu⸗ gleich als Garten eingerichtet, in welchem bei Regen oder unfreundlichem Wetter der Genuß eines ſcheinbaren Aufenthalts im Freien bis zur Täuſchung nachgeahmt war. Palmen aller Art, Magnolien, Sykomoren und andere tropiſche Gewächſe waren zu einem Haine zu⸗ ſammengeſtellt, während Agaven und Cactus am Fuße der Stämme ein beinahe undurchdringliches Dickicht bildeten. In der Mitte war ein großer Raſenfleck an⸗ gelegt, aus welchem ein Springbrunnen mit hohem, mächtigem Strahl emporſtieg und mit ſtarkem Geplät⸗ ſcher wieder herabfiel. In den Zweigen ſuchten ein paar gefangene Singvögel zwitſchernd ſich der alten freien Lieder zu erinnern. In dem Raſen waren hier und da Blumen⸗Parterres angebracht, die durch Farben⸗ abſtufungen und Farbenwechſel dem Geſchmack wie dem Geſchick des Gärtners gleiche Chre machten;„in der gegenüberbefindlichen Glaswand, wo die Palmen am dichteſten ſtanden, führte ein enger, ſchattengrüner Pfad in die nächſte Abtheilung. Vor derſelben ſtand ein Fußgeſtell aus weißem Marmor mit einer großen Henkelvaſe; in ihr rankte ein Gewächs mit breiten, ſchmal zulaufenden ſaftgrünen Blättern, welche in reichem Buſche emporſtiegen und 133 lang über die Ränder herniederhingen. Dazwiſchen hatte ſich eine breite, kronenartige Blüte vom ſchönſten Carmin entfaltet, welche an Glut noch die Roſe über⸗ traf. Der alte Gärtner hatte Recht. Es war kaum etwas Schöneres zu ſehen; aber ſchon auf wenige Schritte verſpürte man die verlockende und betäubende Süßigkeit des Duftes, den die Blume ausſtrömte. Ein Täfelchen, das daran hing, zeigte, daß es der Stolz des Gartens war, die Amaryllis Belladonna. Eine Weile war Führer betrachtend vor der ſchönen Blume ſtehen geblieben; dann ſchritt er ruhig wieder weiter durch den Palmengang, um auch die letzte Abtheilung zu beſichtigen. Das Rauſchen des Springbrunnens und das Gezwitſcher der Vögel machten, daß er die Stimmen nicht vernahm, welche in dem Gemache ſich hören ließen; ſein eigener Fußtritt war nicht vernehmbar auf dem weichen Sande der Gartenwege. Das Gemach ſchien bereits mit der Burg zu⸗ ſammenzuhängen. Es war ebenfalls mit Palmen angefüllt, zwiſchen welchen phantaſtiſche Ranken und Schlinggewächſe ein luftiges grünes Zelt bildeten. Darunter war ein Ruhebett angebracht, vor dieſem ein Tiſch. Wie vom Blitze getroffen ſtand Führer ſtill, als er in das Gemach trat; auf dem Sopha ſaß Herzog Felix, 134 an ſeiner Bruſt, die Arme zärtlich um ſeinen Nacken geſchlungen, lehnte Ulrike. Sie gewahrte ihn zuerſt. Aufſchreiend ſprang ſie empor und ſank dann am Sopha wie todt zuſammen, indem ſie das Angeſicht in die Kiſſen barg, bleich, bebend, keines Wortes mächtig. Wortlos, gleich einem Verſteinerten, ſtand auch der Herzog. Im Augenblicke flog gegenüber die Thür auf, und athemlos ſtürzte der Caſtellan herein. Der liſtige Warner kam zu ſpät. Jetzt wußte Friedrich, wo er dieſem Angeſicht bereits begegnet war.. Auch er fand kein Wort, aber er legte die De⸗ peſchen, wegen deren er gekommen, auf das Tiſchchen; dann zog er den Ring, den er einſt vom Herzog er⸗ halten hatte, vom Finger, legte ihn ſchweigend darauf und verſchwand. Viertes Kapitel. Nach rückwärts. Der Sommerabend ging wunderbar ſchön zu Ende. Draußen im Freien blaute der Himmel, von rothem Abendgold durchflammt, und die Sonne ſank ſo unum⸗ wölkt und ſchleierlos dem Untergang entgegen, daß das geblendete Auge den Glanz nicht zu ertragen ver⸗ mochte und der ganze Weſten in ein brennendes Duft⸗ meer zerfloß. In dem engen Gäßchen hinter der Stadt⸗ mauer war freilich von all der Herrlichkeit nichts zu bemerken; dort waltete ſchon tiefe Dämmerung, und nur wer an den hohen Häuſern emporblickte, der ge⸗ wahrte einen ſchmalen Streifen von dem blauen, ſon⸗ nendurchleuchteten Himmel und darunter an den Mauern und Zinnen den Widerſchein des Abends, der die alters⸗ 136 braunen Ziegel in noch glühenderes und tieferes Roth tauchte, als wäre es Blut, was daran herniederſtröme⸗ Auch in das einſame Haus und den Garten mit ſeinen mächtigen Baumkronen fiel noch ein Reſt des Glanzes herab, als ſuchte er den Frieden und die ſtillen, un⸗ ſcheinbaren, aber heitern Menſchen, denen er hier ſo oft zu fröhlichem Feierabend geleuchtet, ſchon vor mehr als einem halben Jahrhundert, als hier noch der Abendgeſang der Mönche erklang, ſpäter, da Führer's Aeltern ihr kloſterhaft abgeſchloſſenes Leben darin ver⸗ brachten, und wieder, als der Sohn mit der Mutter, nur den Viſſenſchaften lebend, in dieſen Räumen faſt vergeſſen hatte, daß draußen eine wildbewegte Welt brandend und brauſend vorüberzog. Wohl war es noch einſam in dem Gebäude und dem Garten; es ſchien ſogar, als ob noch tieferes Schweigen dort ein⸗ gezogen, aber der Eindruck, den das Ganze machte, war nicht mehr ſo friedlich wie ſonſt; es war Alles geblie⸗ ben, wie es war, und doch lag, wie in einem Angeſicht eine neu entſtandene Kummerfalte, auf Garten und Haus ein düſterer Zug, als ob der Beſitzer einige Zeit entfernt oder mit andern Dingen beſchäftigt geweſen und darüber nicht Zeit gefunden, Alles mit der Ge⸗ nauigkeit zu ordnen, mit jener Sauberkeit zu ſchmücken, die ſonſt in jedem Zweige an der Hecke, an jedem 137 Steinchen des Weges ſichtbar geworden. Eine gewiſſe Verwahrloſung gab ſich kund, eine Haſt, die das Nö⸗ thige und Unvermeidliche wohl thut, aber nicht mit jenem angenehmen Behagen, das ſolchen Verrichtungen ihre Wichtigkeit und Bedeutung für Haushalt und Fa⸗ milie gibt, ſondern wie etwas Läſtiges und Unver⸗ meidliches, mit dem man ſo ſchnell als möglich fertig zu werden trachtet, um wieder an Anderes zu kommen. Während ſonſt im Hauſe und dem breiten, gewölbten Thorweg keiner Spinne Zeit gelaſſen worden wäre, ihr Netz aufzuſpannen, und während früher ein vom Winde verwehtes Blatt, ein von einem neſtbauenden Vogel verzettelter Halm ſchon wieder beſeitigt war, ehe er recht Platz gefunden, waren jetzt überall ſolche Spuren von Unordnung zu erkennen, und in den Zim⸗ mern des obern Stocks waren gegen alle Gewohnheit die Fenſterläden nur halb angelehnt, als wären ſie ſchnell aufgeſtoßen worden, um in einen unbewohnten Raum, den man flüchtig beſucht, ſchnell vorübergehendes Licht zu bringen. Die Thür des Hauſes ſtand offen, und ſelbſt in dem großen Einfahrtsthor war das ſonſt ſo unerbittlich ſtreng geſchloſſene Eingangspförtchen noch ſo ſpät geöffnet, denn in dem Pförtchen ſtand die Frau Räthin, unruhig und ſehnſüchtig wartend, indem ſie von Zeit zu Zeit den Kopf in die dunkle Straße hin⸗ 138 ausbeugte, als wollte ſie den, deſſen ſie mit Unge⸗ duld harrte, um einige Schritte früher kommen ſehen. Niemand kümmerte ſich um die alte Frau; das Gäßchen war wie ausgeſtorben, und wenn Jemand durch das Dunkel herankam, eilte er haſtig und wohl gar laufend vorüber, als ob ein dringendes Geſchäft ihn riefe, oder in der Nähe Wichtiges und Merk⸗ würdiges vorgehe, deſſen Zeuge zu ſein er nicht ver⸗ ſäumen wolle. Einige Male hatte der Räthin ſchon das Wort auf der Zunge geſchwebt, um die Eilenden anzurufen, aber immer wieder hielt ſie an ſich; denn ſie war zu ſehr an das Haus gewöhnt und dem Verkehr mit Menſchen entfremdet, wenn er ſich nicht auf die nächſten Nach⸗ barn und unter dieſen wieder auf jene beſchränkte, die der in ihren alten, ſtrengen Anſchauungen ergrauten Frau ihrer Beachtung und Theilnahme und wohl auch der damit verbundenen Wohlthaten würdig dünkten. So konnte ſie ſich nicht entſchließen, in der ſinkenden Nacht den nächſtbeſten, wildfremden Menſchen anzu⸗ reden, ihm zu zeigen, daß ſie ihre Unruhe nicht zu bemeiſtern vermöge, und ihn ſo gewiſſermaßen zu ihrem Vertrauten zu machen. „Es wird das Beſte ſein“, ſagte ſie leiſe vor ſich hin,„ich ſchließe das Haus und kehre in mein Zimmer — 139 zurück. Die Einſamkeit und mein Gebetbuch werden mir wohl helfen, dieſe Ungeduld zu bezwingen. Wenn es Gutes iſt, was ich erfahren ſoll, wird es zur rechten Zeit wohl an mich kommen, und iſt's Schlimmes, ſo erfahre ich es immer noch früh genug.“ Schon zog ſie das Pförtchen an, als ſie, noch einmal flüchtig zurückblickend, im Dämmerlichte wieder eine Geſtalt herankommen ſah, die ihr bekannt ſchien.„Meiſter Will!“ rief ſie.„Iſt Er es, oder iſt Er es nicht?“ „Bin's ſchon, Gnaden Frau Räthin“, erwiderte der Angeredete, indem er ſtehen blieb und, keuchend vom Laufen, tief Athem holte.„Sie ſind noch um dieſe Zeit auf der Straße? O du lieber Gott, was man nicht Alles erlebt! Aber freilich, es geht Sie ja nahe genug an; es iſt ja Ihr Sohn.“ „Rede Er, Meiſter!“ ſagte die Räthin, indem ſie ſich zuſammennahm, um ihre Unruhe möglichſt zu ver⸗ bergen.„Wie kommt Er auf meinen Sohn? Der iſt vor einigen Tagen in wichtigen Geſchäften nach St.⸗Wen⸗ delin zu Seiner Durchlaucht gereiſt und befindet ſich noch dort.“ „Ihr Wort in Ehren, Gnaden Frau Räthin“, er⸗ widerte der Weber,„aber das iſt es ja eben, weswegen der Lärm in der Stadt entſtanden iſt und was man nicht glaubt! Der Herzog, das werden Sie ſchon wiſ⸗ 140 ſen, iſt vergangene Nacht plötzlich und unerwartet in der Stadt angekommen, aber allein und im größten Unwillen, und die Leute ſagen, es ſollen zwiſchen ihm und dem Miniſter, Ihrem Herrn Sohne, entſetzliche Dinge vorgefallen ſein; der Herzog ſoll mit dem Degen auf ihn losgegangen ſein.“ Die Räthin zitterte, daß ſie kein Glied ſtillzuhalten vermochte; dennoch gewann ſie es über ſich, einen Laut hervorzuſtoßen, der wie Lachen klingen ſollte.„Alber⸗ nes Geſchwätz!“ ſagte ſie.„Ein geſcheidter Mann und ruhiger Bürger wie Er, Meiſter, ſollte ſich mit ſolchen Sachen gar nicht abgeben und derlei Kindereien nicht glauben.“ „Es glaubt auch Niemand recht daran“, ſagte Will, „aber es iſt das Gerede ſo, und daß es was Beſonderes gegeben hat, das iſt gewiß. Der Miniſter iſt nicht mitgekommen; kein Menſch weiß, wo er geblieben iſt, und er wird wohl auch ſo bald nicht kommen, denn es heißt, der Herzog habe befohlen, daß Alles, was die Regierung angeht, ſtatt, wie bisher an den Miniſter, direct an ihn gebracht werden ſoll.“ „Direct an ihn!“ ſtammelte die Räthin, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſagte. „So ſagen die Leute“, fuhr der Weber fort.„Sie ſtehen auf der Straße zuſammen, ſo dicht, daß man 141 auf den Köpfen gehen könnte, faſt wie damals, als der alte Herr die Verzehrſteuer eingeführt hatte und es darüber zum Krachen kam. Jeſus, mein Heiland, mir zittert noch Alles im Leibe, wenn ich daran denke! Wenn man ſo etwas wieder erleben müßte!“ „Es wäre entſetzlich“ flüſterte die Räthin. „Ja“, rief der Weber,„ich glaub' nicht, daß ich’s überleben thät’. Aber ſo viel iſt gewiß, daß es ſchlimm ausſieht. Ich bin nur hinaus, um den Sohn meiner Schweſter, den Richard, zu ſuchen. Der Bub iſt mein ganzes Kreuz, an dem allein ich genug zu tragen hätte! Ich bin ſchon glücklich geweſen, weil ich ihn bei einem Kaufmann in die Lehre gebracht habe und noch dazu ohne Lehrgeld. Aber gleich in der erſten Woche iſt er wieder davon und hat einen Commis geſchlagen, der von ihm verlangt hat, er ſolle ein Faß in das Ge⸗ wölbe rollen. Heute iſt er mir nun aus der Boden⸗ kammer geſtiegen, in die ich ihn eingeſperrt hatte, und darum muß ich ihn ſuchen, denn der Unglücksbub iſt zu Allem fähig. Er iſt nirgends zu finden!“ „Ich habe den Bedienten, unſern Sebald, auch um Nachricht in die Stadt geſchickt“, ſagte die Räthin,„die Köchin iſt ſelbſt fortgelaufen, aber es kommt keins davon zurück.“ „Sie können wohl nicht durch“, meinte Will.„An 142 der Hochbrückengaſſe ſteht Alles voll Menſchen; man muß den Umweg machen über den Schloßplatz, und da iſt juſt auch Militär ausgerückt.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ jammerte die alte Frau. „Was werden meine alten Augen noch Alles erblicken müſſen, ehe ſie ſich ſchließen? Alſo iſt es wirklich wie⸗ der ſo weit, daß ein ſolches Unglück vor der Thür ſteht? Dazu dieſe entſetzliche Ungewißheit wegen meines Sohnes!“ „Das iſt freilich entſetzlich, wenn Sie nichts wiſſen“, ſagte der Weber.„Wenn er der eigenen Mutter keine Nachricht gegeben hat, dann wird es wohl ſein, wie die Leute ſagen.“ „Und was ſagen die Leute?“ rief ſtockend die Rä⸗ thin, indem ſie die Hände an die Schläfe legte, welche fieberhaft pulſirten. „Sie ſagen, der Herr Miniſter habe mit dem Herzog ein Bündniß gemacht gehabt, ſo was man einen Tractat heißt, daß er alle neuen Geſetze ausführen und ſo regieren wolle, wie es der Herr Miniſter haben wolle. Der Herzog habe das auch verſprochen; jetzt aber wolle er es nicht mehr halten, und da habe ihm der Mi⸗ niſter ſeine Wortbrüchigkeit vorgeworfen. Darauf habe ihn der Herzog in der Wuth in den Kerker werfen 143 laſſen. Andere erzählen gar, er habe den Degen ge⸗ zogen und ihm in die Bruſt gerannt.“ Die Räthin vernahm dieſe Worte nur undeutlich, wie durch das Brauſen eines Waſſerfalls; ſie ſah den Redenden nur wie durch einen Flor vor ſich ſtehen. Sie wankte, und da der in ſeiner Erzählung begriffene redſelige Weber davon nichts gewahrte, wäre ſie zu⸗ ſammengeſunken, hätte nicht der kräftige Arm eines Mannes, der im Dunkel unbeachtet hinzugetreten war, ſie umfaßt und aufrecht gehalten.„Gehen Sie Ihrer Wege, guter Freund!“ rief der Mann dem Weber in etwas barſchem Tone zu.„Kramen Sie Ihre Geſchich⸗ ten anderswo aus! Sie ſehen, daß ſie für die Frau Räthin nicht geeignet ſind.“ Dem Weber ſtockte bei der Anrede das Wort im Munde. Verwundert ſah er bald den Angekommenen, bald die Räthin an und ſchien ſich auf eine Frage zu beſinnen. „Sie“, rief die Räthin endlich,„Sie ſind's, Herr Riedl?“ „Ich bin's“, erwiderte er.„Beruhigen Sie ſich, Frau Räthin, und erlauben Sie, daß ich Sie in Ihre Wohnung geleite! Die Nachtluft könnte Ihnen ſchaden. Ich bringe Nachricht von Friedrich.“ „Von Friedrich?“ rief die Räthin, ſich vollſtändig aufrichtend.„O, dann raſch, raſch! Verlieren wir kei⸗ 144 nen Augenblick, daß ich Alles erfahre! Kommen Sie, ich bin nicht mehr ſchwach. Wo iſt er? Wie geht es ihm? Er befindet ſich doch wohl?“ „Erlauben Sie“, war Riedl's Erwiderung,„dieſe Mittheilungen für einen vertrautern Ort zu verſparen! Hier möge genügen, damit auch die Nachbarn und Geſchichtenerzähler ihren Theil daran erhalten, daß Ihr Sohn geſund und ungefährdet iſt und ſich in voller Sicherheit befindet. Gehen Sie, Mann, und breiten Sie das auch aus!“ fuhr er zu Will gewendet fort.„Wenn dieſe Nachrichten vielleicht weniger pikant ſind als die Ihrigen und deshalb weniger geglaubt werden, ſo ha⸗ ben ſie doch den Vorzug, daß ſie wahr ſind.“ Mit dieſen Worten hatte er den Weber leicht bei⸗ ſeite geſchoben, war mit der Räthin ins Pförtchen ge⸗ treten und zog dieſes dem Meiſter, der gern noch mehr gehört hätte, ziemlich unſanft vor der Naſe zu. „Nun, wegen der Freundlichkeit wird der Herr Riedl auch nicht geſtraft“, brummte der Weber, die verſchloſ⸗ ſene Thür anſehend.„Das iſt ein Volksfreund! Ich muß ſchon ſagen: das iſt eine eigene Freundſchaft. Unſereins gehört doch auch zum Volk. Aber ich will nun heim“, unterbrach er ſich ſelbſt,„und will ſchauen, ob der Unglücksbub nicht doch gekommen iſt, und hab' ich ihn nur wieder, ſo will ich ihn einſperren, daß er 145 mir ſicher nicht das zweite Mal auskommt. Dann aber will ich auch in die Stadt zurück und will er⸗ zählen, was ich erfahren habe.“ Während der Weber unter dieſen Reden ſeine ärm⸗ liche Wohnung erreicht und an das papierverklebte Fenſter des Erdgeſchoſſes geklopft hatte, war Riedl mit der alten Räthin im Hauſe und im Wohnzimmer ange⸗ langt und ließ die Frau, welche mehr angegriffen war, als ſie ſcheinen ließ, auf das Lederſopha des Wohn⸗ zimmers niedergleiten. Die Natur war ſchwächer als der Wille der ſonſt ſo entſchiedenen Frau, in An⸗ wandlung einer leichten Ohnmacht ſank ſie auf die Rücklehne zurück und ſchloß die Augen. Riedl, mit der Oertlichkeit des Hauſes und deſſen Gewohnheiten wohl vertraut, holte vom Arbeitstiſche der Räthin am Fen⸗ ſter ein Fläſchchen Karmelitergeiſt, das die alternde Frau in ihrem Nähkorbe zu bewahren pflegte, ein er⸗ 3 probtes, unfehlbares Hausmittel gegen äußere Ver⸗ letzungen und innerliches Uebelbefinden. Riedl ſchüttete einige Tropfen auf die Hand, beſtrich der Ohnmächtigen die Schläfe und hielt ihr das Fläſchchen an die Naſe. Bald ſchlug ſie die Augen auf und ließ ſie auf dem Manne, der mit der Sorgfalt eines Sohnes um ſie beſchäftigt war, eine Weile mit einem Ausdruck ruhen, aus welchem halb Dank, halb Verwunderung ſprach. Schmid, Mütze und Krone. IV. 10 146 „Ich danke Ihnen“, ſagte ſie nach einiger Zeit, ſich erhebend.„Ihre Nachricht hat mich ſchon geſtärkt. Ich werde bald wieder die Alte ſein. Sagen Sie mir nur mehr! Sagen Sie mir Alles, was Sie wiſſen! Darf ich es wirklich glauben, daß Friedrich geſund, frei und außer Gefahr iſt?“ „Es iſt, wie ich geſagt habe. Sie können außer Sorge ſein. Ich weiß es von ihm ſelbſt— er hat mir geſchrieben.“ „Er hat Ihnen geſchrieben?“ rief ſie jammernd. „Ihnen und nicht mir, ſeiner Mutter? O dann iſt doch irgend etwas da, was verborgen werden ſoll; ſonſt hätte er gewiß ſeiner Mutter geſchrieben, und nicht—“ „Nicht einem Fremden, wollen Sie ſagen“, entgeg⸗ nete Riedl, da ſie ſtockend innehielt, in gelaſſenem Tone.„Geniren Sie ſich nicht, Frau Räthin, aber vergeſſen Sie auch nicht, daß ich für Ihren Sohn kein Fremder bin. Vielleicht hat er eben jetzt mehr als jemals eingeſehen, wie ſehr ich ſein Freund bin, und hat gerade deshalb an mich geſchrieben. Auch beſtehen noch andere Gründe dafür. Er muß wünſchen, daß für den erſten Augenblick ſein Aufenthalt unbekannt bleibe. Briefe an Sie könnten wider Willen auf die Spur führen; an mich können ſie auf geheimem, unver⸗ dächtigem Wege kommen.“ „ 147 „Aber wie hängt das Alles zuſammen?“ klagte ſie wieder, die Hände zuſammenſchlagend.„Soll auch das für mich ein Geheimniß ſein?“ „Das nicht“, ſagte Riedl nach einigem Beſinnen. „Sie begreifen, um was es ſich handelt: es iſt Ihr Sohn, deſſen Geſchick dabei auf dem Spiele ſteht; Sie werden alſo ſchweigen. Wiſſen Sie denn, er iſt über die nächſte Grenze und hat in dieſem Augenblicke wohl längſt die Schweiz erreicht. Dort wird er unter an⸗ derem Namen in der Verborgenheit abwarten, bis die Verhältniſſe geklärt ſind, oder bis er ſelbſt einen be⸗ ſtimmten Entſchluß gefaßt haben wird.“ „Ueber die Grenze! Verborgen und unter einem andern Namen!“ jammerte die Frau.„Wie ein Flücht⸗ ling, ein Verbrecher, auf den gefahndet wird! Alſo ſo weit iſt es gekommen? O mein Gott, hätte er ſich doch nie verleiten laſſen, dieſe gefährliche Laufbahn zu betreten! Das iſt nun das Ende.“ „Das wollen wir nicht hoffen“, entgegnete Riedl „Indeſſen freut es mich, das von Ihnen zu hören. Es iſt mir eine Genugthuung, zu erfahren, daß Sie jetzt ebenſo denken wie ich. Wer hat ihm mehr abgerathen als ich? Wer hat ihm eindringlicher auseinandergeſetzt und bewieſen, daß ſeine Beziehungen zum Fürſten nie zum Heile führen können, daß der Beſitz der Macht 10* 148 früher oder ſpäter zu Uebergriffen und Mißbräuchen führen muß, und daß dann der Mächtige, um ſich das Erröthen zu erſparen, den Treubruch nicht an ſich ſelbſt, ſondern an dem zu rächen pflegt, dem die Treue gebrochen wurde?“ „Nein, nein“, ſagte die Räthin ſich erhebend.„So elend ich bin, das kann ich Ihnen doch nicht zugeben. Meine Meinung über die Fürſten als von Gott ein⸗ geſetzte Obrigkeit ändert ſich nicht mehr ſo leicht. Ich⸗ klage nur über ſeinen Ehrgeiz, durch den er ſich ver⸗ locken ließ, die ſtille, beſcheidene Bahn als Lehrer zu ver⸗ laſſen. Wie glücklich wäre er auf dieſer geworden, wie viel Gutes hätte er wirken können! Für dieſe Geſchäfte aber, davon bin ich überzeugt, iſt mein Sohn nicht gemacht.“. „Sie haben Recht“, ſagte Riedl,„aber auch das habe ich vorausgeſagt. Friedrich iſt für eine ſolche Stellung zu gut, zu ſanft. Wer regieren will, muß nicht blos die Hände, er muß auch das Herz von Eiſen haben. Friedrich iſt ein Schwärmer, allerdings im ſchönſten und edelſten Sinne des Wortes, aber doch ein Schwärmer. Er lebt Idealen und hat auch hier nur einem ſolchen gedient. Jetzt iſt der Schleier gefallen, und ſtatt der Göttin, die er dahinter geahnt, grinſt ihm 149 ein Ungeheuer entgegen, ſcheußlich wie ein mexicaniſches Götzenbild.“ „Nein und abermals nein“, ſagte die Räthin, welche ihre volle Faſſung wiedergewonnen hatte, und nahm die Haltung zurückweiſender Förmlichkeit an, die ſie ſonſt immer im Umgange mit Riedl beobachtet hatte. „Ich danke Ihnen für Ihren Beſuch und Ihre Mit⸗ theilungen, mein Herr, aber ich will ein⸗ für allemal von dieſen Dingen und in dieſem Tone nichts hören. Es wird mir lieb ſein, wenn Sie mir Friedrich's Brief zu leſen geben. Er wird ja doch auch für ſeine Mutter beſtimmt ſein! Im Uebrigen aber werden Sie ſich wieder überzeugt haben, wie wenig wir zuſammen⸗ paſſen.“ „Den Brief?“ ſagte er zögernd.„Das geht nicht an. Der Brief iſt nicht für Sie beſtimmt, ſondern für mich. Er enthält den Auftrag, Sie zu beruhigen und Ihnen herzliche Grüße mit der Nachricht zu bringen, daß er, ſobald er einen Ruhepunkt gefunden haben wird, Ihnen ſogleich unmittelbar ſchreiben will.“ Sobald er einen Ruhepunkt gefunden haben wird!“ rief die Räthin in neu ausbrechendem Schmerz.„O mein Sohn! Wie gut iſt es nun, daß Deinen braven Vater ſchon die Grube zudeckt! Wenn er das hätte erleben müſſen, das hätte ihn hineingeſtürzt. Mein 2 150 Sohn, mein Herzenskind flüchtig und ohne eine Stelle, wo er ſein Haupt zur Ruhe hinlegen kann! Aber das ſoll mir nicht ſein“, fuhr ſie entſchloſſen fort,„das muß anders werden, und ich ſelber will es anders ma⸗ chen. Wenn Sie mir auch den Brief nicht zeigen, ſo weiß ich doch genug. Mein Sohn kann nichts began⸗ gen haben, was ein ſo großes Unrecht wäre, daß er deswegen flüchtig werden müßte, wie Kain der Bruder⸗ mörder. Da muß ein Irrthum im Spiele ſein oder ſchändliche Verleumdung. Der Herzog iſt hier, ich gehe zu ihm, ich will mit ihm reden. Er ſoll eine Mutter hören, die für ihren Sohn redet und einſteht für ihn. Ich weiß, daß er immer große Stücke auf ihn gehalten hat; der wird ihn nicht ſo ſchnell und ſo geradehin verurtheilen. Er wird gerecht ſein, und das will ich ihm ſagen, denn deswegen hat ihm unſer Herrgott die Krone gegeben und ihn zum Herzog gemacht.“ Soviel Alter und Aufregung es geſtatteten, war die Räthin unter dieſen Worten eilig in das Ne⸗ bengemach gegangen, welches ſonſt Führer'’s Studir⸗ zimmer geweſen und durch das man auf kürzerem Wege in eine Kammer gelangte, wo Kleider aufbewahrt zu werden pflegten. Riedl folgte ihr. In dem Arbeits⸗ zimmer über dem Schreibtiſche hing ein ſchlichtes Oel⸗ gemälde, das Führer's Vater und die Räthin in einem 151 gemeinſamen Familienbilde darſtellte. Der Vater ſah ernſthaft und gerade vor ſich hin. Er trug bürgerliche Kleidung, aber die gemeſſene Haltung ließ den Beam⸗ ten erkennen auch ohne den daneben liegenden Hut mit der Dienſtkokarde. Ihm zur Seite auf dem natur⸗ getreu copirten Kanapee mit dem Lederüberzuge ſaß die Räthin, trotz der inzwiſchen verfloſſenen Jahre noch an dem freundlichen Ausdruck der Züge und dem mil⸗ den Blicke der Augen erkennbar. Zwiſchen beiden, ein blühender Knabe, ſtand Friedrich, dem die Mutter die Hand auf die Schulter legte, als wenn ſie ihn behüten und bedächtig zurückhalten wollte. Zu beiden Seiten in ſchönen, runden Goldrahmen, fein in Aaquarell ge⸗ malt, hingen die Bilder Friedrich's und Ulrikens. „Uebereilen ſie ſich nicht, Frau Räthin!“ ſagte Riedl, während ſie in dem anſtoßenden Kabinet unter ihren Kleidern herumſuchte.„Seien Sie überzeugt, daß ich Ihrem mütterlichen Herzen volle Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſe, aber ich muß Ihnen ſagen, daß Sie ſich vergebens bemühen. Gehen Sie jedenfalls heute nicht zum Herzog! Es iſt zu ſpät!“ „Zu ſpät?“ rief die Räthin.„Zu ſpät für eine Mutter, welche um Gerechtigkeit für ihren Sohn bittet? Niemals!“ Riedl zuckte die Achſeln.„In Reſidenzen hat man darüber andere Begriffe“, ſagte er.„Es kommt Nie⸗ 152 mand zum Herzog. Seit ſeiner Rückkehr hält er ſich ſtreng eingeſchloſſen und läßt Niemand vor ſich. Ihre Bemühung würde alſo vergeblich ſein. Und dann“, fuhr er nach kurzem Innehalten mit geſteigertem Nach⸗ druck fort,„wiſſen Sie denn ſo gewiß, daß der Herzog Ihren Sohn eines Unrechts beſchuldigt und daß Friedrich deswegen abgereiſt iſt und ſich verborgen hält? Kön⸗ nen Sie ſich nicht einen Fall denken, daß die Schuld auf der andern Seite zu ſuchen wäre? Wäre es nicht auch möglich, daß, wenn Sie Gerechtigkeit ſuchen, Sie den Herzog bei dem Herzog verklagen müßten?“ Die Räthin ließ das Umſchlagetuch, das ſie ergriffen hatte, fallen und ſah ihn mit großen Augen an.„Was wollen Sie damit ſagen? Das verſtehe ich nicht.“ „So erfahren Sie denn“, begann Riedl,„was ich jetzt, da Sie genugſam vorbereitet ſind, Ihnen mitzu⸗ theilen nicht weiter anſtehe.“ „Mein Gott, was ſoll ich noch hören?“ rief die Frau, indem ſie, wie ahnend, daß ſie einer Stütze be⸗ dürfen würde, in den Lehnſtuhl vor Führer's Schreib⸗ pult niederglitt. Riedl ſchritt durch das Zimmer und blieb dann vor der Erwartenden ſtehen.„Ich muß mit einer Frage beginnen“, ſagte er,„die Ihnen vielleicht ſonder⸗ bar dünken mag. Sie kennen ohne Zweifel aus den Mit⸗ 153 theilungen Ihres Sohnes die Vergangenheit, die Ju⸗ gendgeſchichte jener Dame, die er zu ſeiner Frau ge⸗ macht hat?“ „Jener Dame?“ rief die Räthin erbleichend.„In welchem Tone reden Sie von der Frau meines Soh⸗ nes! Was iſt's mit ihr? Friedrich hat mir Alles er⸗ zählt!“ „Gut“, ſagte Riedel und ſtellte ſich einen Stuhl neben den der Frau.„Dann wiſſen Sie auch, wie Friedrich ſie in Hamburg kennen lernte und ſie vor den Nachſtellungen eines vornehmen und reichen Ver⸗ führers bewahrte?“ „Weiter, weiter!“ „Und Sie ahnen nicht, wer der Verführer war?“ fuhr er fort, während die Räthin ihn mit weit geöff⸗ neten Augen anſtarrte.„Es war Niemand anders als der damalige Erbprinz, der jetzige Herzog; ſein ſchurki⸗ ſcher Kammerdiener, der ſich jetzt als Caſtellan zu St.⸗Wendelin befindet, war der Vermittler.“ „Der Herzog!“ lallte die Räthin, als ob ihr der Schlag die Zunge gerührt hätte. „Nicht anders. Sie ſahen ſich wieder unter ſehr geänderten Verhältniſſen. Er war regierender Fürſt geworden, ſie war die Frau ſeines vertrauten Freun⸗ des und erſten Miniſters. Die Ehe war, wie Sie 154 Sie wiſſen, nicht ſo glücklich, als wir beide es wohl gewünſcht hätten. Friedrich hat ſich eben auch hier als Schwärmer bewieſen. Genug, die junge Frau glaubte ſich vernachläſſigt und war es auch vielleicht nach ihrem Sinne; das leichtſinnige Blut ihrer Mutter regte ſich in ihr, ſie trat in deren Fußtapfen und ließ ſich in ein heimliches Verſtändniß mit dem Herzog ein.“ „Es iſt nicht möglich!“ rief die Räthin, die vor Er⸗ ſtaunen und Erregung nichts mehr hervorzubringen vermochte. „Mehr als das; es iſt die bitterſte Wirklichkeit. Als das Zerwürfniß in der Ehe ſo weit gekommen war, daß Friedrich von einer zeitweiligen Entfernung eine wohlthuende Einwirkung auf das Gemüth ſeiner Frau erwarten zu dürfen glaubte, ahnte er nicht, was ſchon geſchehen war. Die Frau benutzte die Reiſe, welche ſie u einer Verwandten, ihrer einſtigen Erzieherin, bringen ſollte, um mit dem Herzog in St. Wendelin zuſammen⸗ zutreffen. Als Friedrich, durch unerwartete, dringende Geſchäfté gerufen, dahin kam, überraſchte er ihn in ihren Armen.“ Riedl ſtand auf; er wollte der Räthin Zeit laſſen, ſich zu faſſen. Erſt kämpften Entrüſtung und Schmerz in den Mienen der guten Frau, dann brach ſie in Thränen aus und rief:„O mein Sohn! O mein —ÿõmÿ—,— „-— 155 Friedrich! Das alſo ſind die ſchönen Hoffnungen, in denen Du gelebt, das der Dank für Deine Güte, der Lohn für Deine Liebe? O ich weiß, ich fühle, was er gelitten hat, was er leiden muß; denn ich weiß es, ich allein, wie ſehr er ſie geliebt hat.“ „Er wird ſich faſſen“, antwortete Riedl.„Er iſt ein Mann; wenn auch von weichem Gemüthe, beſitzt er doch Stärke genug, über ſich ſelbſt zu ſiegen. Ich denke, Sie werden jetzt nicht mehr zum Herzog gehen und Gerechtigkeit fordern wollen. Sie werden begrei⸗ fen, daß Führer gehandelt hat, wie er mußte.“ „Mein Sohn hat recht gethan“, rief die Räthin nach einem weitern Augenblicke der Sammlung mit beklommenem Athem.„Schreiben Sie ihm das! Jetzt, da ich Alles weiß, werde ich ruhig ſein. Schreiben Sie ihm das auch! Er wird ſich vielleicht meinetwegen ängſtigen; er ſoll es nicht thun. Er ſoll mir Nachricht zukommen laſſen, ſobald es ſein kann, ohne ihm Un⸗ gelegenheit zu bereiten. Und ſchreiben Sie ihm auch“, fuhr ſie, ſich langſam erhebend fort, indem ſie nach Ulrikens Bild langte und es von der Wand herabnahm, „ſchreiben Sie, was Sie mich haben thun ſehen! Schö⸗ nes, herrliches Geſchöpf!“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, in⸗ dem ſie einen Blick auf das Gemälde warf.„Aus⸗ geſtattet mit Allem, was der Himmel geben kann, ſich 156 ſelbſt und Andere zu beglücken, und untergegangen im Leichtſinn, in eitler Vergnügungsſucht! Wohlan denn, Du haſt das Haus verſchmäht; im Hauſe iſt keine Stelle mehr für Dich.“ Sie ſchloß das Gemälde in eine Lade des Schreibtiſches ein und kehrte mit wür⸗ diger Haltung in das Wohnzimmer zurück, in welches eben die Dienſtboten von ihren abenteuerlichen Aus⸗ flügen zurückgekommen waren und mit Entſchuldigungen ihres langen Außenbleibens beginnen wollten. Sie winkte ihnen, zu ſchweigen, und ſtützte ſich auf Riedl's Arm, während ſie mit der andern Hand wieder an die pochende Schläfe griff.„Es ſcheint, ich habe mir doch etwas mehr zugemuthet, als ich vermag“, ſagte ſie ſchwach, indem ſie ſich mit ſichtbarer Anſtrengung auf⸗ recht erhielt. „Es iſt kein Wunder, wenn Sie angegriffen ſind“, ſagte Riedl theilnehmend.„Jüngere Nerven als die Ihri⸗ gen würden wohl einem ſolchen Sturme nicht ungeſtraft Stand halten. Bringen Sie die Frau Räthin zu Bette!“ rief er dem Mädchen zu.„Ihr iſt nicht wohl, und ſie bedarf vor allem der Ruhe. Ich werde morgen wieder⸗ kommen und mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Vielleicht bringe ich bis dahin ſchon neue Nachrichten.“ Er drückte die Hand der alten Frau und ging dem Mädchen nach, das mit dem Lichte in den Hausgang 157 trat, um ihm bei eingetretener Dunkelheit die Stiege hinunter zu leuchten. Als er ſchon an der Schwelle ſtand, rief ihn die Räthin zurück.„Herr Riedl“, ſagte ſie, als er näher kam, und ſtreckte ihm die Hand entgegen, nich habe es in meinem Leben immer ſo gehalten: wenn ich mir eines Unrechts bewußt bin, kann ich es nicht auf dem Herzen behalten. Ich will es Ihnen nur geſtehen, ich habe Ihnen auch Unrecht gethan; ich habe Sie für einen herzloſen Raiſonneur gehalten und habe oft gewünſcht, Sie möchten meinem Friedrich fern bleiben. Aber jetzt, in dieſer ſchweren Stunde, wo Sie ſich der alten verlaſſenen Frau ſo freundlich an⸗ genommen haben, wie nur ein liebender Sohn es kann, jetzt ſehe ich wohl, daß Sie wirklich ein Freund meines Sohnes ſind und daß Sie auch ein gutes Herz haben müſſen. Verzeihen Sie mir, Herr Riedl, und ſeien Sie von nun an auch mein Freund! Und damit gute Nacht!“ In der herzoglichen Burg herrſchte zur nämlichen Zeit nicht geringere Bewegung und Unruhe. Das Vor⸗ zimmer zu den Gemächern des Fürſten war trotz der einbrechenden Nacht noch ſehr belebt; in allen Ecken und Fenſterniſchen ſtanden Gruppen verſchiedener Zu⸗ ſammenſetzung beiſammen, alle in mehr oder minder eifrigem Geſpräche, mehr oder minder laut und erregt, 158 je nachdem Stellung und Lebensklugheit ihnen geſtattete und Beſinnung genug gelaſſen hatte, den Ausdruck ihrer Gefühle zu mäßigen und ihre Gedanken zu verbergen. An der großen Saalthür ſtanden einige Offiziere bei⸗ ſammen, deren einer durch die Schärpe als der Adju⸗ tant vom Dienſte bezeichnet war; am Seiteneingang, der in das Gemach des Herzogs führte, ſtand ein Lakai und neigte das Ohr gegen das Schlüſſelloch, um beim leiſeſten Geräuſche bereit zu ſein, die Befehle des darin wartenden Oberkammerdieners in Empfang zu nehmen. „Es iſt, mit einem Worte, eine völlig unbegreif⸗ liche Geſchichte“, rief der Adjutant,„und bis jetzt müht man ſich vergebens, eine verläſſige Spur zu finden.“ „Nun, ich dächte“, entgegnete der Baron Adelhoven, „für ein halbwegs geübtes Jägerauge wäre die Fährte ziemlich deutlich zu erkennen. Erinnere Dich, Schrof⸗ fenſtein, was ich Dir vor zwei Jahren geſagt habe, als wir uns auf dem Rathhauſe bei dem Bankett trafen, das die Stadt zur Feier der ſaubern neuen Freiheiten gab! Erinnere Dich, wie mir der Schmuck auffiel, den der Herzog der Dame zum Hochzeits⸗ geſchenke gegeben hatte! Es fuhr mir gleich damals durch den Sinn. Jetzt weiß man, warum er ein ſo koſtbares Cadeau gegeben hat. Ich hatte Recht: der Parvenu war klüger, als wir alle dachten.“ 159 „Dafür iſt es nun mit ſeiner Herrlichkeit zu Ende“, ſagte Schroffenſtein und zog ſich die Schärpe zurecht. „Wer weiß“, entgegnete Adelhoven.„Ich möchte nicht drauf ſchwören. In einer ſo peniblen Situation, als die gegenwärtige, iſt es nicht gut, auf irgend etwas zu pariren. Der Wind kann mit einem Male wieder umſchlagen. Meine Nachrichten ſind übrigens verläſſig und genau, denn meine Quelle iſt der Caſtellan von St.⸗Wendelin, der mit dem Herzog hierher gekommen iſt und mit dem mein Jäger auf vertrautem Fuße ſteht. Es iſt eine alte Geſchichte, die ſich ſchon in der Zeit angeſponnen hat, als der Herzog von der Uni⸗ verſität kam und die ſentimentale Freundſchaft mit dem geweſenen Miniſter geſchloſſen hatte. Auf dem Rückweg in Hamburg lernte der Erbprinz das Dämchen kennen. Der Profeſſor hat ſie dann geheirathet und ihm zugeführt und dadurch das Portefeuille erhaſcht, um ſeine Hörner hineinſtecken zu können.“ „Läſterzunge!“ rief Schroffenſtein.„Ich haſſe dieſen Menſchen, wie man nur Jemand haſſen kann; ich habe gute, triftige Gründe dazu; aber was Du ſagſt, glaube ich nicht von ihm. Dazu hat er ſich nicht hergegeben. Ein Schwindler mag er ſein, aber er iſt ein ehrlicher Kerl bei alledem.“ „Es iſ ſchön von Dir, daß gerade Du ihn ver⸗ 160 theidigſt“, lachte Adelhoven.„Du denkſt wohl, Du willſt Dir den Rücken decken, falls die Geſchichte noch⸗ mal umſchlagen ſollte? Wäre es aber, wie Du glaubſt, dann um ſo ſchlimmer für Deinen Schützling! Wenn das Weib ihn düpirt hat, kommt zum Schaden noch der Spott und er wird zu all ſeiner Ehrlichkeit noch ausgelacht. Aber wie ſteht es denn drinnen?“ fuhr er fort, indem er mit bedeutſamem Nicken nach dem Zim⸗ mer des Herzogs deutete.„Iſt es wahr, daß Durch⸗ laucht allein geſpeiſt und Niemand vorgelaſſen hat?“ „Niemand. Der Oberkammerdiener ſagte, der Her⸗ zog ſei leidend und wolle allein ſein. Es zieht ſich, wie es ſcheint, ein ſchweres Gewitter zuſammen.“ „Nun, wo das Gewitter ſich entladen wird, kann man ſo ziemlich vorausſagen“, entgegnete Adelhoven. „Aber da kommt Dein Vater. Von dem werden wir wohl Näheres erfahren können.— Nun, Excellenz“, rief der Baron, den Eintretenden begrüßend,„kommen auch Sie, um Neuigkeiten zu holen, oder bringen Sie deren?“ „Wie Sie es nehmen“, entgegnete Schroffenſtein der Vater, der in die große Uniform ſeines frühern Amtes gekleidet war.„Ich bin zunächſt hier, um für alle Fälle bereit zu ſein. Land und Thron haben ſich noch nie in einer ſo gefährlichen und ſchwankenden Lage 161 befunden als jetzt, wo buchſtäblich Alles auf einen Wurf geſtellt zu ſein ſcheint. Ich weiß zwar, daß Seine Durchlaucht meiner geringen Dienſte längſt nicht mehr bedürfen; dennoch gereicht es zu meiner eigenen Beruhigung, ſagen zu können, daß ich ſie wenigſtens angeboten habe, daß ich im Augenblicke der Entſchei⸗ dung an dem Platze nicht fehlte, auf welchen meine frühere Stellung ſowie die Vorrechte meiner Geburt mich berufen.“ „Und wo“, flüſterte Adelhoven ihm lachend ins Ohr, indem er ſich zugleich den Anſchein gab, als wolle er eine verſtreute Faſer von ſeinem Rocke ableſen,„wo, wenn das Glück wohlwill, ein vacant werdendes s Miniſten⸗ portefeuille wieder erwiſcht werden kann.“ Schroffenſtein der Vater hielt es nicht der Mühe werth, darauf zu antworten. Als ob er die Bemer⸗ kung des luſtigen Jagdjunkers gar nicht vernommen hätte, wandte auch er ſich mit der Frage nach dem Befinden Seiner Durchlaucht an den die Thür be⸗ wachenden Lakaien, als dieſe aufging und der Ober⸗ kammerdiener Bornemann den Kopf durch die Spalte ſteckte.„Seine Durchlaucht wollen ausreiten“, rief er; „geben Sie Befehl, daß die Mira ſogleich geſattelt und in einer halben Stunde an das Hofgartenthor gebracht werde!“ Schmid, Mütze und Krone. IV. 11 162 „Und wen geruhen Seine Durchlaucht zur Beglei⸗ tung zu befehlen?“ rief in unterwürfigem Tone der Adjutant, welcher eilfertig hinzugeſprungen war. Der Oberkammerdiener blickte mit dem ganzen Ge⸗ fühle ſeiner augenblicklichen Wichtigkeit im Saale um⸗ her; er machte eine boshafte Pauſe, um alle fühlen zu laſſen, daß der Wink, der ſie beſtimme, nur aus ſeinem Munde komme.„Durchlaucht wollen gar keine Begleitung“ ſagte er dann.„Nur der Jockey vom Tage ſoll ſich bereit halten.“ „Und wie befinden ſich Seine Durchlaucht?“ fragte der ältere Schroffenſtein wieder, indem er den Ober⸗ kammerdiener mit vertraulicher Herablaſſung auf der Bruſt und an der Rockklappe faßte und ihn ein paar Schritte ſeitwärts zu führen ſuchte.„Ich bin noch ein⸗ mal hier“, fuhr er dann fort, als der Kammerdiener ſtatt der Antwort nur vielſagend mit den Achſeln zuckte.„Die Lage der Stadt wird immer dringender und bedenklicher. Wenn das Befinden Seiner Durch⸗ laucht es irgend geſtattet, ſo melden Sie mich!“ „Es iſt unmöglich, Excellenz“, entgegnete Borne⸗ mann zurückweichend.„Durchlaucht haben ſich zwar vollſtändig wieder erholt, aber ich habe den ſtrengſten Befehl, Niemand zu melden, wer es auch ſein möge. Excellenz begreifen alſo—“ ,u— ͦ 163 „An Ihnen iſt es, zu begreifen, Bornemann, daß Sie bei mir wohl eine Ausnahme machen dürfen. Ich bin im Stande, ſowohl Ihre Entſchuldigung als Ihre Ent⸗ ſchädigung bei Seiner Durchlaucht zu übernehmen.“ Der Oberkammerdiener ſah ihn mit einem Blicke an, in welchem Hochmuth und Spott ſich miſchten. „Mein Auftrag lautet, Niemand zu melden bei Ver⸗ luſt meines Dienſtes. Dem gegenüber gibt es keine Entſchuldigung, und was die Entſchädigung betrifft, ſo möchte ich den Verluſt meines Dienſtes nicht riskiren; denn man will von bedeutenden Verluſten wiſſen, welche Eure Excellenz in neueſter Zeit erlitten haben ſollen.“ „Unverſchämter Burſche!“ knirſchte Schroffenſtein, während der Oberkammerdiener wieder in das Vor⸗ zimmer zurückkehrte.„O daß nur auf eine Stunde die alte Macht wieder mein wäre, um mich an dem Geſindel rächen und mein Kerbholz mit ihm ausgleichen zu können! Aber nur Geduld! Mir iſt, als ginge eine Ahnung durch dieſe Räume, daß ein ſolcher Augen⸗ blick nicht mehr fern iſt.“ Die Hauptthür ſchlug mit ungewohnter Raſchheit ihre Flügel auseinander. General Bauer trat ſporen⸗ klirrend und ſäbelraſſelnd ein.„Melden Sie mich ſo⸗ gleich bei Seiner Durchlaucht!“ rief er ſchon auf der Schwelle.„Es iſt Gefahr im Verzug.“ 11* 164 „Seien Sie mir willkommen, Verehrteſter!“ ſagte Graf Schroffenſtein, der ihm entgegengetreten war und vertraulich den Arm in den ſeinigen legte.„Aber Sie werden ſich mit mir tröſten und lernen Geduld zu haben. Es iſt ſtrenger Befehl, Niemand zu Seiner Durchlaucht zu laſſen.“ „Ich muß den Herzog ſprechen. Jede Verzögerung bringt Gefahr. Die Unruhe in der Stadt hat ſchon eine bedenkliche Höhe erreicht. Es müſſen Vorberei⸗ tungen getroffen werden, es müſſen Befehle gegeben werden, und Niemand weiß, wer ſie zu ertheilen hat.“ „Daſſelbe habe ich vorgeſtellt“, ſagte Schroffenſtein⸗ „Aber der Oberkammerdiener verſchanzt ſich hinter den Auftrag Seiner Durchlaucht und will den angedrohten Verluſt ſeines Dienſtes nicht wagen.“ „Aber in des Henkers Namen“, rief der General, indem er den Säbel auf den Boden ſtieß,„was ſoll das werden? Einmal müſſen wir doch ins Klare kom⸗ men. Wer iſt denn Miniſter? Was iſt wahr von all den Dingen, die man ſich erzählt, und was nicht? Iſt der Menſch, der uns ſo lange mit ſeinem freiſinnigen Weſen gequält hat, noch Miniſter? Wo iſt er dann? Warum läßt er ſich nicht blicken? Oder hat die Pro⸗ feſſorenwirthſchaft ein Ende? Wer ſteht dann am Ruder?“ — 165 „Sie finden uns alle hier nicht beſſer unterrichtet und nicht minder auf die Entwicklung geſpannt, als Sie es ſelbſt ſind, Herr General“, rief Adelhoven. „Gewiß iſt nur ſo viel, daß zwiſchen dem Herzog und dem Miniſter ein perſönlicher Zuſammenſtoß ſtattgefun⸗ den hat, infolge deſſen dieſer ſeine Entlaſſung ein⸗ gereicht haben ſoll. Ob ſie angenommen iſt und wer der Nachfolger werden ſoll, darüber ſind wir nicht mehr im Klaren als der Pöbel, der auf den Straßen herum⸗ johlt und nicht übel Luſt zu haben ſcheint, wieder ein⸗ mal Krawall zu machen.“ „Sie ſollen nicht!“ rief General Bauer.„Sie ſollen nicht denken, daß ſie es durchſetzen, wie das erſte Mal. Mir iſt, als ſpürte ich etwas von der damaligen Luft. Aber das zweite Mal wollen wir zeigen, daß wir wenigſtens etwas gelernt haben. Und wenn der Tod darauf ſtünde, ich gehe zum Herzog.“ Entſchloſſenen Schrittes wandte er ſich gegen die Gemächer des Herzogs, als ein Diener gegenüber die Flügelthür ehrerbietig auseinanderſchlug und mit halb⸗ lauter Stimme, aber allgemein verſtändlich das Er⸗ ſcheinen der Herzogin⸗Mutter ankündigte. Athemloſe Stille trat ein. Im nächſten Augenblicke rauſchte die hohe Greiſin, von Primitiva geleitet, durch den Saal, wie gewöhnlich vom Scheitel bis zur Sohle in ſchwarze 166 Seide gehüllt und um das Haupt einen ſchwarzen Schleier geſchlagen, welcher das weiße Haar ſowie die erblindeten Augen beinahe vollſtändig verhüllte. An der Hand des Fräuleins ſchritt ſie ſchnurſtracks auf die Thür der herzoglichen Zimmer los, vor welcher der Lakai rathlos und in unendlicher Verlegenheit ſtand, indem er es nicht wagte, der Fürſtin den Eintritt zu wehren, und doch mit einer halben Geberde anzudeuten ſchien, als habe er dergleichen im Sinne „Was iſt hier?“ fragte die Herzogin, welche auch die kleine dadurch entſtandene Verzögerung gewahrte, in ſtrengem Tone. „Entſchuldigen Ihro Durchlaucht!“ ſagte der Ge⸗ neral hinzutretend.„Die Dienerſchaft hat Befehl, Nie⸗ mand einzulaſſen und Niemand zu melden, wer es auch ſei.“ „Hinweg von der Schwelle!“ rief die Fürſtin zür⸗ nend.„Noch lebe ich, und ſolange ich lebe, iſt kein Gemach in dieſen Räumen, das mir verboten wäre.“ „Gott ſei Dank!“ rief Schroffenſtein, dem General zunickend, während die Flügel der Thür hinter ihr zuſammenſchlugen.„Das kam zur rechten Zeit. Jetzt werden wir wenigſtens bald wiſſen, in weſſen Händen das Regiment iſt.“ Herzog Felix hatte indeſſen im Innerſten ſeiner — 167 Gemächer troſt⸗ und raheloſe Stunden in unſeligſter Stimmung zugebracht. Mit ſich iſelbſt allein und mit dem Vorgefallenen beſchäftigt, vermochte er zu keinem Entſchluſſe zu kommen. Im militäriſchen Ueberrocke, den er nachläſſig übergeworfen hatte, ſchritt er aufge⸗ regt hin und her unde warf ſich bald auf die Otto⸗ mane, den glühenden Kopf wider die Seidenkiſſen preſ⸗ ſend, als ob er Kühlung ſuche, bald ſprang er nach wenigen, Augenblicken wieder empor, um die raſtloſe Wanderung von neuem zu beginnen. Auf dem Arbeits⸗ tiſche lag ein offener Brief. So oft er daran vorüber⸗ ſchritt, wollte er die Hand ausſtrecken, denſelben zu er⸗ greifen, aber immer zog er ſie mit einer Art Scheu zu⸗ rück, als fürchte er, ſich an demſelben zu verletzen, und dennoch kehrten immer wieder die Augen nach dem Blatte zurück. Ungeduldig riß er endlich ein ſeidenes Tuch vom Schranke und warf es auf den Tiſch, um ihn zu be⸗ decken.„Verſchwinde, verdammter Mahner!“ murmelte er.„Ich will dich nicht immer vor mir ſehen, dieſe Buchſtaben ſollen mich nicht immer anſtarren wie ſchwarze, fragende Augen! Ruhe, Ruhe!“ rief er dann, ſich vor die erhitzte Stirn ſchlagend.„Wer gibt mir die nöthige Sammlung? Was entreißt mich dieſem Zuſtand, gegen welchen die Qualen der Folter Seligkeit ſein müßten? Ich erliege, ich fühle, daß ich die Kraft nicht habe, dieſen 168 Sturm zu bändigen, und dennoch kann ich es nicht über mich gewinnen, Jemand in mein Fahrzeug zu mir zu nehmen, meine Ohnmacht zu bekennen und Hülfe zu ver⸗ langen.— Wie er vor mir daſtand!“ fuhr er nach einer Weile nachſinnend und in ſeinem Wandern innehaltend fort.„Mit welcher Miene des Stolzes er auf mich herun⸗ terſah, als wäre er der Fürſt und ich ein zitternder, unter⸗ würfiger Knecht, als wäre er der Richter, der dem ver⸗ urtheilten, überwieſenen Verbrecher ſeinen Spruch ver⸗ kündet! Und hatte er denn nicht Recht, wenn er mich ſo anſah? Was bin ich ſonſt? Ich bin ein Verbrecher an dem Heiligſten, an dem Einzigen, was die Geſell⸗ ſchaft der Menſchen zuſammenhält, daß ſie ſich nicht gleich wilden Thieren unter einander zerfleiſchen. Ich habe ſeine argloſe, aufopfernde Freundſchaft hinter⸗ gangen, habe ſein Vertrauen mißbraucht, ſeinen arg⸗ loſen, offenen Sinn getäuſcht! Er hat mir ſein Leben dahingegeben, und ich habe es ihm dadurch gedankt, daß ich ihm ſein Weib, in welchem er das Glück ſeines Lebens zu finden gehofft, entriß. Ich habe das Haus, das er ſich gebaut, mit Schmach bedeckt. Es iſt ſchänd⸗ lich, unerhört! Ich wollte, die Erde öffnete ſich unter meinem ſtampfenden Fußtritt und ſchlänge mich hinab, um mich vor mir ſelber zu verhergen! Warum mußte ich ſie wiederfinden“, begann er nach kurzem Nachdenken 169 in etwas weicherer Stimmung,„ſie, die mir ſchon beim erſten Begegnen die ganze Seele verwirrte und mich zur Gewalt verlockte? Warum mußte ich ſie unter ſolchen Verhältniſſen wiederfinden? Warum mußte der Unſelige gerade dieſes Weib in ſein Haus führen, deſſen leichtes Gemüth niemals zu ſeinem einfachen, geraden Weſen ſtimmen konnte, deſſen Bild ſchon jetzt, nach wenig Tagen durch die Ereigniſſe in mir verwiſcht iſt, daß ich kaum ſeine Züge wiederzuerkennen ver⸗ mag? Aber wie“, rief er, plötzlich wieder auffahrend, „wenn ſie ſeiner unwürdig war, verringert das meine Schuld, gibt das meiner Handlungsweiſe eine andere Geſtalt? Nein, ſie erſcheint nur deſto ſchändlicher. O, er hatte Recht, wenn er auf mich niederſah, als ob er mich unter der Berglaſt ſeiner Verachtung be⸗ graben wollte! Er hatte Recht, mir ſeinen Dienſt vor die Füße zu werfen. Alle Welt wird erfahren, daß er es gethan und warum er es gethan, und alle Welt wird mit Fingern auf mich deuten und wird gut heißen, was er that, und wird ſagen: Der Mann hatte Recht; er hat Ehre im Leibe; aber der Herzog iſt— Himmel und Erde!“ rief er wie außer ſich, indem er von der Ottomane wieder emporſprang und ſich in den Haaren wühlte.„Wo iſt ein Ausweg aus dieſem La⸗ byrinth, ein Ausweg, der mir die Schande erſpart, der 170 mich dieſes Blatt vergeſſen läßt und dieſes Bild in meiner Erinnerung auslöſcht?“ Wie wider Willen ſchob er das Tuch beiſeite, ergriff den Brief und las, halb⸗ laut murmelnd: „Mit tiefem Schmerze thue ich dieſen Schritt, denn es iſt ſchwer, einem Ideale zu entſagen, deſſen Ver⸗ wirklichung ſo nahe zu ſein ſchien, um ſo ſchwerer, wenn damit alle Hoffnung aufgegeben werden muß; denn Völker⸗ und Menſchenglück können nicht gedei⸗ hen unter einer Hand, die vom Treubruch beſudelt iſt.“ In welchem Tone er mit mir ſpricht!“ rief Felix. „Darf er in dieſem Tone mit mir ſprechen? Bin ich nicht immerhin der Fürſt, dem er ſeine Stellung ver⸗ dankt, dem er ſich beugen muß, und wenn es auch wahr wäre, daß ich ihm Unrecht gethan? Er darf nicht! Ich dulde den Hochmuth nicht, der aus dieſen Worten ſpricht; ich muß ihn beugen, muß ihn vor mir ge⸗ demüthigt ſehen. O daß ich einen Führer fände, der mir den Weg dazu zeigte, und wäre es ein Dämon der Unterwelt, ich wollte ihn willkommen heißen!“ Er hatte in der Aufregung nicht bemerkt, daß ſich die Thür längſt geöffnet und die Herzogin eingelaſſen hatte; ſie war im Dunkel des Gemachs an derſelben ſtehen geblieben und ſchien der Hand zu warten, welche — 171 ſie weiter führen ſollte.„Du haſt nicht nöthig, Dä⸗ monen zu beſchwören“, ſagte ſie jetzt feierlich.„Es gibt noch gute Geiſter, die Dir zur Seite ſtehen, wenn Du ſie hören willſt. Du ſuchſt einen Ausweg aus dem Labyrinth, in das Du Dich verwickelt haſt? Nun wohl! Es iſt allerdings ſonderbar, wenn der Blinde der Führer deſſen werden will, der ſich ſeiner offenen Augen rühmt, aber gib mir Deine Hand und ich will Dir den geſuchten Ausweg zeigen.“ Der Herzog ſtand wie feſtgebannt an ſeiner Stelle. Er bedurfte einiger Augenblicke, um ſich von ſeiner Ueber⸗ raſchung zu erholen; dann eilte er hinzu, bot der Fürſtin den Arm und geleitete ſie an einen Lehnſtuhl, in den ſie ſich taſtend niederließ.. „Sie?“ rief der Herzog ſtaunend und verwirrt.„Sie kommen zu mir, durchlauchtige Mama?“ „Ich höre am Tone Deiner Stimme“, entgegnete ſie,„daß Du befangen biſt, mich bei Dir zu ſehen, und Du haſt auch volle Urſache dazu. Ja, ich bin es, ich, die Du zu einer Gefangenen herabgewürdigt, ich habe mir ſelbſt die Freiheit gegeben und komme zu Dir. Zwar ſollte das nicht wieder geſchehen; ich hatte es in mir beſchloſſen und vor dem Ewigen geſchworen, Du ſollteſt dieſes Angeſicht, an dem Du zu freveln Dich unterſtanden, nie wieder ſchauen, aber die Kunde von 172 der plötzlichen Wandlung, die in den Verhältniſſen einge⸗ treten, hat mich des Gelöbniſſes entbunden. Ich komme, wenn auch nicht Deinetwegen, aber ich komme, weil höhere Rückſichten es mir gebieten, Rückſichten auf unſer Geſchlecht, auf den Thron dieſes Landes und auf unſer Recht an demſelben. Vielleicht hat der Blitz, der Dir vor den Füßen in den Boden ſchlug, die Nacht erhellt, die Dich umgab, und Dir den Abgrund gezeigt, an welchem Du ſtehſt. Drum will ich es noch einmal verſuchen, Dich zurückzuhalten. Du ſchweigſt?“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzu, in welcher ſie eine Antwort erwartet hatte.„Du haſt mir nichts zu ſagen?“ „Ich bin zu überraſcht, Durchlaucht“, erwiderte Felix, ſich in einen Stuhl neben ihr werfend.„Ich wollte allein ſein, wollte das Vorgegangene mit mir allein durchkämpfen. Wenn Sie mich ſehen könnten, Mama, würden Sie erkennen, wie wenig ich darauf vorbereitet bin, Jemand zu empfangen, zumal Sie.“ „Ich glaube Dir's, mein Sohn“, entgegnete die Herzogin.„Es mag ſchwer ankommen, eine Täuſchung zu bekennen, in der man ſo tief befangen war. Es mag bitter ſein, einzugeſtehen, daß man auf dem Irr⸗ weg der Sünde und des Laſters gewandelt iſt. Aber ich will es Dir verzeihen, ich will ſogar den Irrweg — 173 ſegnen, wenn er Dich zur Einſicht bringt, zur Erkennt⸗ niß und zur Beſſerung! Ich will Dir daher ein de⸗ müthigendes Geſtändniß erſparen; meine Fäden ſind 8 überall angeknüpft und das fehlende Auge erſetzt mir das Gefühl; ich glaube bereits ſo ziemlich Alles zu wiſſen, was zwiſchen Dir und dem ſogenannten Mi⸗ niſter vorgefallen iſt. Beantworte mir das Eine: Iſt es wahr, daß er ſeine Entlaſſung gefordert hat?“ „Es iſt wahr.“ „Nun, und Du haſt doch keinen Augenblick ge⸗ zaudert, ſie anzunehmen?“ „Ich muß wohl. Unter uns iſt eine Verbindung nicht mehr möglich. Ich werde nicht umhin können ſie anzunehmen.“ „So verſchiebe es um keines Pulſes Dauer“, rief die Herzogin,„und danke dem Himmel, deſſen Gnade und Langmuth Dir noch einmal Gelegenheit gibt, das Netz zu zerreißen, womit jener Abenteurer Dich um⸗ ſponnen hat!“ 1 „Sie gebrauchen harte Worte, Mama!“ entgegnete der Herzog nach einigem Schweigen.„Dieſe Bezeich⸗ nung verdient Führer nicht.“ „Nicht? Und wer bürgt Dir dafür?“ rief die Her⸗ zogin entgegen.„Warum glaubſt Du ſeinen glatten Reden mehr als meiner grauen Erfahrung? Wer ſagt 174 Dir, daß nicht Alles ein von ihm und ſeiner Horde abgekartetes, lange vorher bedachtes Spiel war, nichts als eine Schlinge, Dich durch jenes Weib noch mehr an ihn zu feſſeln, Dich vollends von ihm abhängig zu machen? Wer bürgt Dir dafür, daß ſeine Entlaſſung ernſt gemeint iſt, daß er nicht blos beabſichtigt, Dich fühlen zu laſſen, wie unentbehrlich er Dir ſchon ge⸗ worden iſt?“ „Nein, Mama“, ſagte der Herzog, ſich ruhig er⸗ hebend,„das denkt, Führer nicht. Mit einem ſolchen Argwohn thun Sie ihm bitteres Unrecht an. Zu meiner Beſchämung muß ich es geſtehen: ich habe kein Arg an ihm gefunden; er iſt wirklich ein edler Menſch— „Oder weiß ſich geſchickt den Schein eines ſolchen zu geben“, rief die Herzogin.„Ich kenne ihn auch; Du haſt ſelbſt veranlaßt, daß ich ihn kennen lernte. Mit meinen erloſchenen Augen habe ich ſeine Seele geſchaut. Es iſt ein guter Kern in ihm, ja er iſt ein Mann von ganz ungewöhnlichen und außerordentlichen Fähigkeiten, aber er hat ſie entadelt durch den Miß⸗ brauch für ſchlechte Zwecke, der gute Kern in ihm iſt verdorben— er iſt ein vergiftetes Samenkorn. Was aus ihm aufſprießt, kann nur ein neues Giftgewächs ſein.“ „Es kann nicht ſein“, ſagte der Herzog, hin und 175 herſchreitend.„Aber wenn es auch ſo wäre, mit all dieſem ſind nicht die Mittel geboten, die Verlegenheit zu beſeitigen. Mein Gott, wie ſchrecklich habe ich mich nach allen Seiten verſtrickt! Wie ſoll ich mich aus dieſer Verwirrung löſen ohne Schande? Es iſt un⸗ möglich.“ „Nicht doch“, ſagte die Herzogin ruhig.„Gewinne es über Dich, mich gelaſſen anzuhören! Ich ſage Dir: es iſt möglich, ſobald Du willſt. Ich mache es möglich; ich zeige Dir den Weg, den einzigen Weg, der Dich aus dem Labyrinth führt, der Dir Beſchämung und unſerm erlauchten Namen einen Flecken erſpart.“ „Reden Sie, Mamal! Retten Sie mich, und ich will Alles thun, was Sie verlangen. Nennen Sie dieſen Weg!“ „Der Weg iſt jener der Umkehr“, ſagte die Herzogin ernſt.„Du haſt Dich von dem frechen Neuerer und Schwindler auf eine abſchüſſige Bahn verleiten laſſen, auf der ein Schritt vorwärts Dich in den Abgrund ſtürzt. So kehre um von der unſeligen, unnatürlichen Genoſſenſchaft mit jenen, die unter dem Scheine der Freundſchaft unſere geborenen und geſchworenen Feinde ſind! Von den wahnſinnigen Ideen frevelhafter Neue⸗ rung kehre zu Deinen wahren, erprobten Freunden, zur alten, unumſtößlichen Wahrheit zurück! Die Welt“, 176 fuhr ſie, an des Herzogs Arm ſich erhebend, fort,„die Welt darf nie erfahren, welchen Grund Dein Zerwürf⸗ niß mit jenem Manne hat, ſie darf wenigſtens nie darüber Gewißheit erhalten. Damit das geſchehe, muß aller Anſchein von perſönlicher Veranlaſſung verſchwin⸗ den. Du mußt beweiſen, daß es nur politiſche Gründe, Rückſichten der Staatsweisheit waren, welche die Tren⸗ nung veranlaßten. Du mußt erklären und zeigen, daß Du Dich von der Verwerflichkeit der Staatslehren über⸗ zeugt haſt, welche jener vertritt; Du mußt zeigen, daß Du es aufgegeben haſt, ſie zu verwirklichen.“ „Sie haben Recht, Durchlaucht“, entgegnete nach kurzem Beſinnen der Herzog.„Der Gedanke iſt vor⸗ trefflich und Ihrer würdig. Das wäre wirklich ein Weg, der zum Ziele führt; aber mir iſt es unmöglich, ihn zu gehen. Ich bin ſchon zu weit gegangen, um noch umkehren zu können; man würde mich als einen Thoren brandmarken, wenn ich es thäte.“ „Wer wird wagen, das zu thun? Du thuſt, was vor Dir Unzählige gethan, was nach Dir noch Manche vollbringen werden. Oder glaubſt Du der erſte unter den Fürſten zu ſein, der das Scepter mit ähnlichen Gedanken wie Du ergriff und ſie dann wieder auf⸗ gab, weil er genöthigt war, eine Wahl zu treffen zwi⸗ ſchen ihnen und der Herrſchaft?“ —— —-—.,— 2 —— 8 8 K—— 177* Der Herzog ſchritt durch das Gemach und blieb vor der Herzogin ſtehen.„Wir ſind allein“, ſagte er. „Laſſen Sie mich eine Gewiſſensfrage an Sie richten, Mama! Ich weiß, daß jene Anſchauungen, welche ich mit Führer zu verwirklichen ſtrebte, Ihnen nicht die richtigen ſcheinen, aber hier unter uns und vor Gott müſſen wir uns, die Hand aufs Herz gelegt, nicht ein⸗ geſtehen, daß ſie doch die wahren ſind? Glauben Sie nicht, es wird eine Zeit kommen, die trotz unſeres Wi⸗ derſtrebens ſie verwirklicht?“ „Ich glaube es nicht“, ſagte die Herzogin feſt.„Aber auch wenn es ſo wäre, dann laſſe die Zeit, wenn ſie kommen ſoll, zu ihrer Stunde hereinbrechen! Uns ge⸗ ziemt es jedenfalls nicht, ſie zu beſchleunigen. Die Herrſchaft bedeutet nichts, wenn ſie nicht unumſchränkt iſt. Wer ihr Grenzen und Bedingungen ſetzen will, der begeht ein Verbrechen gegen unſer gottgegebenes, wohlbegründetes Recht. Wahnſinnig derjenige, der ſich im Beſitze befindet und ihn ſelber aufgibt, ehe er muß.“ „Ich kann dennoch nicht, Mama“ ſagte Felix nach einigem Beſinnen.„Wenn ich auch wollte, ich kann nicht. Die Geſetze ſind in aller Form und Feierlichkeit erlaſſen— ich kann ſie nicht wieder aufheben; ich habe mein Wort dafür verpfändet.“ Schmid, Mütze und Krone. IV. 12 178 „Verlange ich denn“, rief die Herzogin eifrig,„daß Du Dein Wort nicht halten ſollſt? Verlange ich, daß Du die Geſetze, die Du unüberlegt gegeben, wieder auf⸗ heben ſollſt? Das wäre ſo unklug als Dein erſter Schritt; das hieße Dich zu einem andern Aeußerſten drängen. Sieh um Dich! Die Stadt iſt in Gährung, das Land unruhig— man iſt ungehalten über den Sturz des Volksminiſters, man denkt vielleicht daran, ihn nicht fallen zu laſſen. Bei ſolchen außerordentlichen Zeit⸗ verhältniſſen müſſen auch außerordentliche Mittel gelten. Gut denn! Die Geſetze, die Du gegeben haſt, ſollen unangetaſtet beſtehen bleiben. Aber was hindert, ihre Wirkſamkeit eine Weile aufzuheben, nur auf ſo lange, bis Ruhe und Gehorſam wiederhergeſtellt ſind, bis jene geordneten Zuſtände wieder beſtehen, mit denen allein regiert werden kann? Oder willſt Du Dir ab⸗ trotzen, willſt Du Dich zwingen laſſen, den Miniſter zu behalten, den Du als Mann neben Dir nicht mehr dulden kannſt?“ „Zwingen?“ rief Felix heftig.„Wer ſollte es wagen?“ „Sie haben es ſchon einmal gewagt und mit Er⸗ folg. Was ſollte ſie abhalten, ihr Glück noch einmal zu verſuchen? Beſinne Dich, Felix! Du haſt keine an⸗ dere Wahl. Du weißt“, fuhr ſie fort, indem ſie näher — .— 179 an ihn hinantrat, als fürchte ſie, daß irgend Jemand das vernehmen könnte, was ſie ihm mittheilte,„Du weißt, welche Nachrichten es waren, welche Deinen Mi⸗ niſter ſo unvermuthet nach St.⸗Wendelin geführt haben. Der große Staat, der unſer Grenznachbar iſt, hat Deine Neuerungen längſt mit höchſt ungünſtigen Augen be⸗ trachtet; er hat Dich gewarnt, er hat dagegen Ver⸗ wahrung eingelegt. Man iſt dort nicht geſonnen, es bei Proteſten und Warnungen bewenden zu laſſen, und wenn Du auf Deinem Wege beharrſt, ſo wirſt Du Dich überzeugen, daß man zu handeln entſchloſſen iſt. Verſuche es einmal, wirf Dich ganz dem ſogenannten Volke in die Arme! Sieh, ob es Dich trägt und ſchützt, wenn beim weitern Verfolg Deiner Pläne der Krieg losbricht, wenn ein Dir zehnfach überlegenes feindliches Heer über die Grenze und vor die Hauptſtadt rückt! So folge denn meinem Rath und kehre um! Exgreife die Hand des mächtigen Nachbars, die er Dir bietet! Geld, Truppen, Alles, was Du bedarfſt und willſt, ſteht zu Deiner Verfügung, ja, man iſt ſogar bereit, noch ein engeres Bündniß mit Dir einzugehen und es durch die Hand der einzigen Tochter zu beſiegeln. Macht, Glanz, Reichthum öffnen Dir eine unabſehbare Ausſicht. Es iſt nicht möglich, daß Du länger ſchwanken kannſt.“ 12⸗ —— ——— 180 „Sie verwirren, Sie blenden mich“, rief der Herzog, „aber Sie überzeugen mich nicht. Ich kann Ihre Gründe nicht widerlegen, doch iſt es mir unmöglich, darnach zu handeln. Es widerſtrebt mir, etwas zurückzunehmen, was ich gegeben, ein Gebäude einzureißen, zu dem ich ſelbſt den Grundſtein gelegt habe.“ „Gut denn— auch davon kann ich Dich befreien!“ rief die Herzogin dringender.„Du weißt, wie lange am Nachbarhofe Dein Beſuch gewünſcht und erwartet wurde— Du haſt ihn immer zu verzögern gewußt. Jetzt iſt ein günſtiger Augenblick dazu gegeben. Reiſe hin, ſchließe ſelbſt die neuen Verträge, knüpfe die neuen, ſegensreichen Verbindungen an! Mir aber gib Voll⸗ macht, hier zu handeln! Ich will Dich der Gehäſſigkeit überheben, mit Dir ſelbſt in Widerſtreit zu kommen; ich will den Boden ebnen, bis Du wieder zurückkommſt, und dann wird es immer noch bei Dir ſtehen, ein ſchöneres Gebäude aufzuführen, als das erſte war.“ Der Herzog ſtand unſchlüſſig. Da erſcholl von außen durch die Nacht wildes Getöſe, verworrenes Geſchrei, Klirren von eingeworfenen Fenſtern, das Praſſeln von ſchwer niederfallenden Steinen. „Hörſt Du?“ rief die Herzogin.„Wie lange wirſt Du noch zögern? Warte nicht, bis der Pöbel eindringt und mit den Waffen in der Fauſt Dir Geſetze vor⸗ — — — ſchreibt! Laſſe mir die Vollmacht ausfertigen! Ich habe ſie für alle Fälle längſt vorbereiten laſſen; ſie bedarf nur Deiner Unterſchrift. Ich will gehen und ſie Dir ſchicken. Du willſt, mein Sohn? Nicht wahr? Ich fühle es an dem Beben Deiner Hand, daß Du willſt. Wohlan denn, rufe meine Dame! Ich werde gehen und das Werk beginnen.“ Der Herzog klingelte. Primitiva erſchien auf der Schwelle. Schweigend und mit tiefer Verneigung ver⸗ abſchiedete ſich die Herzogin von dem Enkel und folgte der Führerin. „Wollen Durchlaucht die Gnade haben, ſich an⸗ kleiden zu laſſen? Die Mira iſt geſattelt“, ſagte der Oberkammerdiener, nach einer Weile eintretend, leiſe und von fern. „Ah, ganz recht!“ fuhr der Herzog auf.„Ich ver⸗ gaß. Ja, es iſt gut. Ich will ausreiten; das wird mich zerſtreuen. Man ſoll das Pferd an das hintere Thor führen. Ich will durch den Park. Dahin wird ſich das Volk wohl nicht verlaufen haben.“ Der Kammerdiener trat näher, um dem Fürſten beim Ankleiden behülflich zu ſein. „Sind alle meine Befehle vollzogen?“ fragte dieſer während deſſelben.„Iſt Niemand mehr im Vorzim⸗ mer?“ ——ͤ 182 „Niemand, Durchlaucht“, entgegnete Bornemann, reichte ihm Hut und Reitpeitſche und öffnete die Thür. Als jedoch der Herzog den Fuß auf die Schwelle ſetzte, drang von draußen aus dem Vorzimmer ein lautes Geſpräch herein, das ſich faſt wie ein Wortwechſel an⸗ hörte. Der dort befindliche Lakai war bemüht, eine ärmlich gekleidete, weinende Frau mit zwei Kindern zur Thür hinauszudrängen. „Ich hab' Ihnen ſchon einmal geſagt“ rief er,„daß Seine Durchlaucht nicht zu ſprechen iſt. Wie können Sie nur die Frechheit haben, wiederzukommen? Ich begreife auch nicht, wo der Portier ſeine Augen hat, das Volk ſo hereinzulaſſen.“ „Allgerechter Gott im Himmel!“ rief die Frau, in⸗ dem ſie weinend die Hände rang.„Ich muß aber zu Seiner Durchlaucht, muß heute noch zu ihm. Er muß mir meinen Mann wiedergeben. Ich will ihm Alles ſagen! Er muß ein Einſehen haben und muß uns helfen.“ „So kommen Sie morgen wieder!“ ſagte der Lakai. „Heute iſt keine Zeit. Sie müſſen eben warten.“ „Ich kann nicht warten“, jammerte die Frau.„Wir gehen zu Grunde. Mein Mann wird krank an dem entſetzlichen Orte, wohin ſie ihn gebracht haben. Er hält es nicht aus; er ſtirbt, ehe ich ihm Hülfe bringen kann.“ „Was geht hier vor?“ rief Felix vortretend.„Was wollen Sie? Ich bin der Herzog.“ 1 Augenblicklich ſtürzte die Frau mit einem lauten Schrei zu ſeinen Füßen, die ſie umklammerte, ohne daß er ſich deſſen erwehren konnte.„Herr und Heiland!“ rief ſie.„Gnädige Durchlaucht, Sie ſind es? Sie ſind ja der Herr, der uns das Geld gegeben, das uns ſo ins Unglück gebracht hat! Gott ſei ewig Lob und Dank, daß ich Sie gefunden habe! Nun werden Sie es ſagen, daß wir das Geld von Ihnen haben; Sie werden es ſagen, daß der Rempelmann kein Dieb iſt und werden 8 ihm ſeinen ehrlichen Namen wiedergeben!“ 4„Ich verſtehe Sie nicht völlig, gute Frau“, ſagte der Fürſt.„Faſſen Sie ſich und erzählen Sie ruhig! Ich erinnere mich wohl an meine Gabe.“ Halb vor Freude lachend, halb unter Thränen in verwirrten Worten und abgebrochenen Sätzen erzählte die Meiſterin, was geſchehen war. Es genügte, den Zuſammenhang klar werden zu laſſen. „Ich bedaure“, ſagte der Herzog,„daß meine wohl⸗ gemeinte Gabe ſolches Unheil geſtiftet hat. Aber iſt es denn möglich, daß ein ſolches Urtheil gefällt wurde?“ Graf Schroffenſtein der Vater, eine Urkunde mit mächtigen Siegeln in der Hand, war inzwiſchen ein⸗ ———— 184 getreten und Zeuge des Geſprächs geworden.„Das ſind die Segnungen des neuen Gerichtsverfahrens, Durchlaucht“, flüſterte er mit tückiſchem Lächeln dem Fürſten zu.„Das iſt ein neuer Beleg für die Vor⸗ züglichkeit dieſer Volksgerichte.“ „In der That“, ſagte Felix bedächtig,„es ſcheint nicht Alles Gold zu ſein, was glänzt. Was bringen Sie hier?“ „Ihre Durchlaucht die Frau Herzogin⸗Mutter hatten die allerhöchſte Gnade, mich mit der Ueber reichung dieſer Urkunde zu beauftragen.“ „Gut“, ſagte Felix untegrend.) ggen Sie das Blatt auf meinen Tiſch, eae Ihnen aber, Graf, binde ich auf die Seele, daß dieſer armen Frau heute noch geholfen werde. Sie ſoll womöglich heute noch ihren Mann wiederhaben. Wenn ich es ver⸗ hindern kann, ſoll ein uhuſhe nicht eine Minute länger im Kerker ſchmachten. h Verzeihen Sie, was mein guter Wille Uebles geſtiftet hat! Ich werde darauf denken, es gut zu machen.“ Während Schroffenſtein mit der vor Entzücken wort⸗ loſen Frau Rempelmann ſich entfernte, war der Herzog in das Kabinet zurückgetreten. Die Vollmachtsurkunde lag auf dem Tiſche, unmittelbar daneben Führer's Ab⸗ ſagebrief. eehen Sie, gute Frau! „Ja“, ſagte er halblaut, indem er einen — 5 nnſſſſſſſſſtſſſſſi 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 ffffff 15 16 7 8 v 4 S* 1 5 15 8 8. 2* 6„ AA——