— 2 Leihbibliothek 8 von.*.„.* Ednard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Leſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 8 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Linterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —--—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — —— Mütze und Kronce. Herman Schmid. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Dritter Band. Motto: Noch iſt ein großer Tag zurück, ein Tag, Wo dieſer Heldenſinn, ich will Sie mahnen, In einer ſchweren Probe ſinken wird. Schiller, Don Carlos, I, 9. Erſtes Kapitel. An der Grenze. Es war ein grauer, nebliger Morgen. Warmer Südwind war zwiſchen den hohen Bergen, welche den Horizont abgrenzten, hervorgekommen und hatte unver⸗ muthet raſch in wenigen Tagen die Schneemaſſen zum Schmelzen gebracht. Jetzt wehte es trocknend über die erweichten Fluren hin; war aber die Luft ruhig, dann ſtieg die reichlich eingeſogene Feuchtigkeit in Dämpfen darüber empor: kurz, Alles ſchien auf einen raſch und ungewöhnlich früh entwickelten Frühling zu deuten. Friedrich hatte bereits einige Stunden am Arbeits⸗ tiſche geſeſſen, als Beppo leiſe an die Thür klopfte und auf Friedrich's Ruf mit der Frage eintrat, ob es ihm gefällig ſei, zum Frühſtück zu kommen, die Frau Nälhin Schmid, Mütze und Krone. III. 1 2 erwarte ihn.„Schon ſo ſpät?“ rief Friedrich und ſprang auf, ſeinen Anzug zu vollenden. Beppo ging ihm dabei an die Hand, trug die verlangten Kleider herbei, räumte den Schlafrock weg und hielt ihm zuletzt den Rock ausgebreitet hin, ſodaß Friedrich nur hinein⸗ zufahren brauchte. Wie es geſchehen war, machte ſich der Alte etwas am Rockſchoß zu ſchaffen, indem er ſich niederbeugte und that, als ob er ein Stäubchen weg⸗ putzen wolle, von dem aber in Wirklichkeit nichts zu ſehen war. Mit einem Mal fühlte Friedrich einen warmen Tropfen auf ſeine Hand fallen; überraſcht ſah er Beppo an und bemerkte jetzt erſt, daß ihm die Thrä⸗ nen dicht über die Wangen liefen.„Was haſt Du denn, närriſcher alter Menſch?“ fragte er ihn gutmü⸗ thig.„Warum weinſt Du?“ „O verzeihen Sie mir, Signor“, preßte der Alte hervor,„ich weine, weil es heut das letzte Mal iſt, daß ich Sie bediene. Das drückt mir faſt das Herz ab, und doch— per Dio, Signore, ſo lieb ich Sie habe, ich kann nicht anders!“ „Ich danke Dir, treue Seele“, antwortete Friedrich, „für Deine Anhänglichkeit. Haſt Du Dich aber ent⸗ ſchließen können zu gehen, ſo zeige auch, daß Du es auszuführen vermagſt. Beſuche Dein Vaterland, freue Dich an ſeinem Aufblühen; ſollteſt Du es aber nicht —— 3 finden, wie Du denkſt, ſo komm' wieder, Deine Stelle in meinem Hauſe ſoll Dir bleiben. Wann reiſeſt Du?“ fuhr er, zum Fortgehen gewendet, fort. „In einer halben Stunde“, erwiderte, noch immer in Thränen, der Greis.„Es iſt ſchon Alles gepackt, ich habe auch ſchon überall Abſchied genommen und wollte nur noch Ihnen zum letzten Mal—“ Er vermochte vor Rührung nicht weiter zu ſprechen. „So lebe denn wohl“, ſagte Führer, indem er ihm, gleichfalls nicht ohne Bewegung, die Hand reichte.„Lebe wohl, Du erſter Freund und Hüter meiner Kindheit! Ich vermiſſe Dich ungern, aber reiſe in Gottes Namen und reiſe glücklich!“— Beppo hielt die ihm gebotene Hand mit ſeinen bei⸗ den Händen umſchloſſen und drückte ſie feſt und lange an den Mund. Als ſich Friedrich zur Thür wendete, ließ er die Hand los und trat, als jener ging, ſchluch⸗ zend in einen Winkel. Bald darauf verließ er von allen unbemerkt das Haus. Friedrich traf im Wohnzimmer ſeine Mutter, die ihn mit freundlichem Gruße empfing und ein wenig auf dem Sopha ſeitwärts rückte, damit er neben ihr Platz nehmen ſolle.„Soll ich Dir Deinen Kaffee zurecht machen“ fragte ſie,„oder bedienſt Du Dich ſelbſt?“ 1* „Thun Sie es immerhin, Mutter“, erwiderte Fried⸗ rich lächelnd.„Ich will Ihre Sorgfalt für mich auch nicht im Kleinſten ablehnen.“ „Das iſt liebenswürdig von Dir“, entgegnete die Räthin geſchmeichelt, indem ſie das Frühſtück zurecht machte,„aber es iſt im Grunde auch nicht mehr als meine Schuldigkeit. Die Hand, von welcher Dir die Taſſe doch wohl beſſer munden würde als von Deiner alten Mutter, iſt nicht da und ſo muß wohl ich das Amt der Hausfrau ausüben.“ „Wo iſt Ulrike?“ fragte Friedrich etwas gedrückt. „Schläft ſie noch?“ ,SDas weiß ich nicht, Kind, aber ich glaub' es faſt. Ich hatte heut Nacht einmal wieder Beſuch von dem Reißen im linken Arm, das mich ja ſchon ſo lange quält; da war ich wach und hörte ſie nach Hauſe kom⸗ men. Es war ſchon weit nach Mitternacht und Du weißt wohl, nach einer halb durchwachten Nacht geht's zäh aus den Federn.“ 1 „Ich bitte, Mutter“, fiel Friedrich ein,„laſſen wir das. Verderben Sie mir den Morgen nicht.“ „Gott behüte, daß ich das wollte“, entgegnete die Räthin,„aber da ſich eben die Rede ſo gibt, ſo möchte ich Dich doch fragen: Haſt Du mit Deiner Frau wegen des bewußten Punktes ſchon geſprochen?“ 55 ℳ 5 ℳ* 5 „Nein“, antwortete Friedrich mit einigem Wider⸗ ſtreben.„Ich unterließ es noch immer, weil ich Ulrike, wie ich Ihnen geſagt, Zeit gönnen wollte, ſich ſelbſt zu finden und zu ſammeln.“ „Weil ich das wußte, habe auch ich die ganze Zeit her an mich gehalten. Ich habe mit Dir nicht wieder davon geſprochen und habe mich auch Deiner Frau ge⸗ genüber zuſammengenommen und ordentlich gezwungen, mich ſo zu benehmen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, als wenn ich auch nicht das Geringſte an ihr auszuſetzen hätte; aber wenn Du darauf warten willſt, mein Sohn, bis ſie ſelber zur Einſicht kommt und um⸗ kehrt, darfſt Du Dich das Warten nicht verdrießen laſſen!“ 3 3 Friedrich antwortete nicht. Die nämliche Beſchwerde gährte auch in ihm ſchon lange, aber er hatte es im⸗ mer über ſich gewonnen, zu ſchweigen und ſich mit der Zukunft zu tröſten. Die Maſſen von Arbeit, von de⸗ nen er beinahe erdrückt war und die ſeinen ganzen Geiſt in Anſpruch nahmen, waren ihm dabei zu Hülfe gekommen. Er war daher durch das Geſpräch doppelt unangenehm berührt, weil er im Stillen der beſorgten MNutter vollkommen beiſtimmen mußte und es doch nicht über ſich gewinnen konnte, dies auch äußerlich zu thun. Die Räthin ſah ihn einen Augenblick an.„Laß 6 Dich meine Rede nicht verdrießen“, ſagte ſie dann. „Daß Dich wurmt, was ich ſage, iſt eben ein Beweis, daß ich Recht habe. So viel iſt wenigſtens klar, daß ſich Deine Frau mein Zureden nicht zu Herzen genom⸗ men hat. Faſt hätte ich's geglaubt, wie ſie damals nach unſerm Geſpräch ſo ungewöhnlich früh nach Hauſe kam.“ „That ſie das?“ fragte Friedrich. „Allerdings. Zufällig aber hatte ſich's ſo getroffen, daß ich ſchon zu Bett war, und Du— Du warſt aus⸗ gegangen oder hatteſt ja damals Deinen geheimniß⸗ vollen Beſuch im Thurmzimmer.“ Durch Friedrich's Seele zog eine dunkle Ahnung. „Wie geſagt“, fuhr die Räthin fort, nanfangs glaubte ich, ſie wolle in ſich gehen, es war aber nichts, als daß ſie eben an dem Tage, vermuthlich aus Aerger über mich, Kopfweh hatte, ihr Mädchen ſagte mir's den Tag darauf. Seitdem aber lebt ſie wieder drauf los, als wollte ſie mir's zum Poſſen thun, und iſt ſie früher ſpät nach Hauſe gekommen, ſo kommt ſie jetzt noch ſpäter!“ Die gute Frau war eben daran, ſo recht in Zug zu gerathen, als der für Beppo angenommene neue Diener eintrat und zu Friedrich's großer Befriedigung das Geſpräch unterbrach. „Draußen“, war ſeine Meldung,„ſteht ein kleiner Junge, der einen Brief an den gnädigen Herrn hat. Er will ihn aber durchaus ſelbſt abgeben.“ „So laß ihn hereinkommen“, ſagte Friedrich, und der Knabe trat ein. Es war ein hübſches Kind mit regelmäßigen Zügen, aber in dem ganzen Weſen gab ſich etwas Zurückhaltendes und Verſtecktes kund, was keinen angenehmen Eindruck machte. Der Bediente trat auf einen Wink Friedrich's ab. „Was bringſt Du mir, Kind?“ fragte Friedrich. „Wer ſchickt Dich zu mir?“ Der Knabe gab keine Ant⸗ wort, ſondern hielt ihm ein etwas ſtarkes Packet hin. „Iſt das an mich?“ fragte Friedrich wieder, indem er daſſelbe ergriff.„Kannſt Du nicht ſprechen?“ Er beſah die Aufſchrift, und da er ſie an ſich ge⸗ richtet fand, trat er an ein Seitentiſchchen, das Packet zu öffnen. „Was ſoll er nicht reden können!“ fuhr inzwiſchen die Räthin fort.„Ich kenn' ihn ja! Es iſt der Knabe von dem armen Weber— Will, glaub' ich, heißt er— da vorn im Gäßchen. Biſt Du'’s nicht, Kleiner? Rede, was macht Deine Mutter?“ Der Knabe ſchwieg hartnäckig und ſah vor ſich auf den Boden nieder. Erſt als ſeine Mutter erwähnt wurde, hob er die Augen, ſah die Räthin wie erſchrocken und traurig an und ſagte halblaut:„Die Mutter iſt ſchon lange fort!“ „Was? Fort iſt ſie?“ rief die Räthin.„Das wäre mir nicht übel! Fort iſt ſie und hat Dich dagelaſſen? Und Du weißt am Ende gar nicht, wo ſie iſt?“ Der Knabe ſah nicht auf, aber ſchüttelte traurig den Kopf. „Aber um des Himmels willen, was iſt ihr denn in den Sinn gekommen? Das iſt ja das erſte Wort, das ich höre. Da hat Dich der arme Will nun ganz auf dem Halſe! Ei, ei, da muß ich doch gleich— und weiß der Weber auch nicht, ob ſie wiederkommt und wann? So rede doch und ſieh nicht vor Dich hin wie ein Stock!“ Der Knabe regte ſich nicht und ſchwieg. Die Räthin wollte eben weiter in ihn dringen, al⸗ lein das Wort blieb ihr im Munde ſtecken. Ihr Blick war mit einem Male auf Friedrich gefallen, der in⸗ zwiſchen das Packet geöffnet hatte und nun bleich, im höchſten Grade erſchüttert, in ein darin enthaltenes Pa⸗ pier ſtarrte, das in ſeiner Hand zitterte. „Was iſt Dir, Friedrich?“ rief die Räthin aufſprin⸗ gend.„Was iſt geſchehen, daß Du ſo erſchrickſt?“ Sie wollte auf Friedrich zueilen, allein dieſer trat ihr, raſch gefaßt, entgegen und rief:„Nichts, Mutter, es iſt in „ 9 der That nichts! Es war nur eine etwas ſtarke Ueber⸗ raſchung.— Ich danke Dir, mein Kleiner!“ fuhr er, abſichtlich abbrechend und zu dem Knaben gewendet, fort.„Du erwarteſt noch etwas, nicht?“ Das Kind ſah ihn ſchnell ſeitwärts mit einem klugen Blick an und fragte:„Wann ſoll ich wiederkommen?“ „Ich werde pünktlich thun, was man verlangt“, antwortete Friedrich.„Es iſt jetzt bald zehn Uhr— komm'’ bis zwei Uhr wieder.“ Der Knabe drehte ſich raſch um und wollte ohne Gruß oder Erwiderung fort.„So halte doch“, rief ihm Führer nach,„und nimm, eh' Du gehſt, Dein Boten⸗ lohn.“ Damit reichte er ihm ein großes blankes Sil⸗ berſtück. Der Knabe betrachtete es kaum, fuhr aber doch mit einer Art gieriger Haſt damit in die Taſche. Dennoch verweilte er einen Augenblick. Seine Augen hafteten brennend und mit allem Ausdruck kindiſchen Verlangens auf einigen beſonders ſchönen Aepfeln, die in einem Körbchen auf einem Pfeilertiſche neben der Thür lagen. Als er ſich zum Gehen gewendet hatte, war ſein Blick darauf gefallen und vermochte ſich nun kaum loszureißen. Friedrich folgte der Richtung ſeiner Augen und fragte lächelnd:„Gefallen Dir dieſe rothen Aepfel ſo gut? So nimm“, ſagte er, indem er drei oder vier da⸗ 10 von ergriff und dem Knaben hinreichte. Dieſer griff haſtig darnach, als fürchte er, daß ſie ihm wieder ent⸗ riſſen werden könnten; ein hohes Roth flog über ſein ganzes Geſicht. Seine Augen ruhten eine Sekunde lang auf Friedrich's Geſicht ſo voll und feſt, daß man davon überraſcht ſein mußte. In der nächſten Sekunde jedoch war er ſchon, ohne einen Laut von ſich zu ge⸗ ben, zur Thür hinaus und rannte durch den Hof. Auf der Straße angekommen ſah er um ſich und glitt dann mit der Gelenkigkeit eines Fuchſes in den dunklen Vorplatz des nebenſtehenden Hauſes. Inzwi⸗ ſchen öffnete ſich etwas weiter vorn gegen das Ende des Gäßchens die Thür eines Erdgeſchoſſes, Weber Will trat heraus und that einen gellenden Pfiff. Unbefan⸗ gen kam Richard auf dies Zeichen aus dem Vorplatze hervor und ging auf den Weber zu.„Dau, ſagte er, als er zu demſelben hinkam, und reichte ihm das Sil⸗ berſtück, das ihm Friedrich gegeben hatte.„Kauf uns Brod, Vetter!“ Dieſer erſtarrte beim Anblick der großen Münze.„Bub““, rief er,„wo haſt Du das Geld her? Wo haſt Du die ſchönen Aepfel her?“ Der Knabe antwortete nicht und wand ſich an dem Fragenden vorüber. Im Nu war er die ſteile Treppe hinauf und bald hörte man ihn die Thür der Boden⸗ kammer zuklappen, in der er ſchlief. ————— 11 Bald nach dem Knaben kam eine tief verhüllte Frauengeſtalt aus dem Vorplatze hervor, in den derſelbe einen Augenblick getreten war. Vorſichtig blickte ſie um ſich her und ſchritt dann geflügelten Schritts das Gäßchen entlang. Indeſſen hatte die Räthin ihren Sohn mit Fragen über den Inhalt der Nachrichten beſtürmt, die, wie ſie geſehen hatte, einen ſo ſtarken Eindruck auf ihn zu machen vermocht hatten. „Beruhigen Sie ſich, liebe Mutter“, entgegnete ihr Friedrich.„Es iſt nichts. Ich war nur auf die Nach⸗ richt, die ich erhielt, nicht recht vorbereitet.“ „Das müſſen mir feine Nachrichten ſein!“ begann die Räthin wieder.„Das redeſt Du mir nicht ein, daß es nichts geweſen. Ich kenne Dich zu gut und weiß, daß Du der Mann nicht biſt, der wegen eines Nichts erſchrickt! Rede doch! Ich will ja nicht wiſſen, was in dem verwünſchten Papiere geſtanden hat, aber nur das Eine ſage mir, es hat doch keine Gefahr für Dich?“ „Gefahr? Wie kommen Sie darauf?“ fragte Friedrich. „Siehſt Du, es iſt!“ rief die Räthin ängſtlich.„Du ſagſt nicht nein; es iſt alſo etwas ſehr Gefährliches, was Du erfahren haſt. Nicht wahr, ſie haben etwas gegen Dich vor?“ Verwundert blickte Friedrich ſie an.„Nochmals“, ſagte er,„wie kommen Sie nur darauf?“ Die Räthin zögerte.„Weil ich“, ſagte ſie dann, „ſchon ſeit geraumer Zeit weiß, daß Du Feinde haſt und daß es Leute gibt, die Alles daran ſetzen, um Dich aus Deinem Poſten zu drängen und Deine Abſichten zu vereiteln.“ „Das wiſſen Sie“, ſagte Friedrich,„und haben es mir verſchwiegen? Gute Mutter, ich kann mir denken, was Sie gelitten haben müſſen.“ „Es hat mich allerdings manchen Strauß gekoſtet“, erwiderte die Räthin,„aber wenn ich mir Alles über⸗ dachte, meinte ich doch zuletzt immer wieder, es ſei beſ⸗ ſer, Dir nichts zu ſagen. Ich wußte ja, daß Du nur Gutes vorhaſt; dabei iſt Gottes Segen, und ſo dachte ich, ich könne es wohl ihm und Deinem redlichen Wil⸗ len überlaſſen, es zu Ende zu führen.“ „Und was wiſſen Sie, Mutter?“ begann Friedrich. „Verſchweigen Sie mir jetzt nicht, was Sie wiſſen.“ Die Räthin erzählte kurz und einfach den von Over⸗ bergen erhaltenen Beſuch und ihr Geſpräch mit ihm. Friedrich hatte nachdenklich zugehört.„Ich kenne den Mann“, ſagte er dann,„und will den Gang mit ihm beſtehen. Ich wiederhole Ihnen aber, liebe Mut⸗ 13 dürfen.“ Damit erhob er ſich, ergriff ſeinen Hut, ſteckte die erſt erhaltenen Papiere zu ſich und bot der Räthin die Hand zum Abſchied. Sie ergriff ſie und hielt ſie feſt.„Alſo darf ich um Dich wirklich unbeſorgt ſein? Und jene Nachrichten, die Du eben erhieltſt, hängen alſo mit dem, was ich Dir erzählte, zuſammen?“ „Mindeſtens theilweiſe“, ſagte Friedrich.„Aber ich beſitze einen Schutzgeiſt, Mutter, der über mir wacht und mir geweihte Waffen zu dem Kampfe gibt, dem ich entgegengehe!“ „Auch ich glaube an eine ſolche Macht über Dir“, erwiderte fromm die Mutter.„Ihr vertraue ich— und ſo leb' wohl.“ Friedrich ging. Auf dem Hausflur trat im Ulrikens Mädchen entgegen und meldete, daß ihn ihre Gebieterin erwarte und zu ſprechen wünſche. Friedrich hatte ſich über den Vorfällen des Morgens ſchon länger zu Hauſe verhalten, als es ſonſt ſeine Gewohnheit war. Die Zeit drängte ihn; auch brannten die verhängniß⸗ vollen Papiere auf ſeiner Bruſt wie Feuer und mahn⸗ ten zur Eile. Schon wollte er dem Mädchen eine ent⸗ ſchuldigende Antwort auftragen, doch beſann er ſich anders und folgte ihm. Er begrüßte Ulrike beim Eintritt in ihr Zimmer mit ſchlichter Herzlichkeit, indem er auf ſie zutrat und einen Kuß auf ihre Lippen drückte. Ulrike kam ihrem Gatten mit einer etwas gemachten Freundlichkeit ent⸗ gegen. „Ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich Dich aufhalte“, ſagte ſie,„allein bei Deinen vielen Geſchäf⸗ ten bleibt mir kein anderes Mittel übrig, Dich bei mir zu ſehen.“ „Der Tag gehört leider nicht mir“, antwortete Friedrich freundlich,„und für die Abende muß ich Dir Deinen Vorwurf zurückgeben. Du läßt manche Ge⸗ legenheit, mich zu ſehen, unbeachtet.“ „Sieh doch“, rief Ulrike mit etwas ſtechendem Lä⸗ cheln,„eine Anſpielung, die faſt einem überzuckerten Verweiſe gleicht! Das nimmt mir beinahe den Muth, Dir den Wunſch mitzutheilen, wegen deſſen ich— „Einen Wunſch? Steht es in meiner Macht, ihn zu erfüllen“, erwiderte Friedrich galant, nſo bedarf's nur Deines Worts.“ Ulrike verbeugte ſich.„Es wird Dir nicht unbe⸗ kannt ſein, mit wie vieler Freundlichkeit ich in der hie⸗ ſigen Geſellſchaft aufgenommen wurde. Man zeichnet mich auf jede Weiſe aus; es iſt kein feiner Cirkel, in welchem Deine Gattin nicht gern geſehen und ungern vermißt würde.“ „Eine Folge Deiner Liebenswürdigkeit und mir jedenfalls ſehr ſchmeichelhaft“, bemerkte Friedrich. „Bisher“, fuhr Ulrike fort,„bin ich immer und überall nur der Gaſt geweſen, allein die Lebensart for⸗ dert, daß ich nun endlich einmal die mir ſo oft und vielfach bewieſene Gaſtfreundſchaft erwidere und auch die Wirthin mache. Mit einem Wort, ich kann es nicht länger umgehen, Revanche zu geben und Geſellſchaft zu mir zu bitten.“ „Thue das ohne Bedenken. Deine Verpflichtungen ſind auch die meinen; es wird mich freuen, Geſellſchaft bei uns zu ſehen.“ „Ich habe dieſe Bereitwilligkeit von Dir erwartet, aber Du wirſt begreifen, daß man von mir und Dir ungewöhnliche Erwartungen hegt, daß bei ſolchen An⸗ läſſen der Ort, die Aeußerlichkeit gar ſehr in Betracht kommt.“ „Ah, Du meinſt unſere Wohnung ſei nicht elegant genug?“ lachte Friedrich.„Das möchte allerdings ſein! Nun, in dieſer Hinſicht iſt Dein guter Geſchmack un⸗ eingeſchränkter Gebieter! Taſte nur meine und der Mutter Zimmer mit Deiner Eleganz nicht an, alles Uebrige geſtalte nach Deinem Willen und mach' es, ſo ſchön es Dir gefällt.“ „Du biſt ſehr gütig! Allein das iſt es nicht, was 16 ich meine. Unſere Wohnung hier dürfte den unver⸗ meidlichen Anforderungen eben doch nicht ganz ent⸗ ſprechen.“ „Warum das nicht? Iſt ſie nicht geräumig und bequem, wie vielleicht wenige in der Stadt?“ „Allerdings, aber altmodiſch. Es wird nicht mög⸗ lich ſein, daraus ein comfortables Ganzes zu ma⸗ chen. Und dann die Lage in dem abſcheulichen engen Gäßchen! Es iſt kaum möglich, daran vorzufahren und zwei Wagen könnten gar nicht an einander vorbei.“ Friedrich runzelte die Stirn.„Dem iſt nun einmal nicht abzuhelfen“, ſagte er. „O doch“, fiel Ulrike ein,„allerdings wäre abzu⸗ helfen, wenn Du wollteſt.“ „Wenn ich wollte?“ „Es gibt der ſchönen Wohnungen genug in der Stadt. Wenn Du Dich entſchließen wollteſt, eine an⸗ dere Wohnung zu nehmen—“ „Davon kann nicht die Rede ſein“, rief Friedrich und ſtand auf. „So entſchieden?“ fragte Ulrike pikirt. „Ein⸗ für allemal. Das iſt eine Thorheit und ſolchen beugt man am beſten raſch mit einem Male vor. Ich wollte, ich hätte es in allen Dingen ſo ge⸗ halten.“ ſoll?“ Friedrich, ſchon vorher aufgeregt, war warm ge⸗ worden.„Das kann geſchehen“, antwortete er.„Es ſoll auch geſchehen. Dies Haus iſt mein Eigenthum; es iſt ein ſchöner, werthvoller, allen vernünftigen An⸗ ſprüchen entſprechender Beſitz—“ „Meine Anſprüche gehören alſo in die Reihe der unvernünftigen!“ „Es wäre Lüge, zu widerſprechen. Ja, Dein Be⸗ gehren iſt unvernünftig! Und wenn Du bedächteſt, wie werth mir das Haus iſt, das Haus, in dem mein Va⸗ ter den größten Theil ſeines Lebens verbrachte, wo er ſchuf und waltete und ſtarb, das Haus, das die Le⸗ bensfreude meiner Mutter iſt— wenn Du das Alles nur halbwegs bedächteſt, würdeſt Du mit einem ſolchen Begehren nicht kommen! Oder könnteſt Du denken, daß ich das Haus verließe und meine Mutter allein zurück⸗ bleiben ſähe? Nimmermehr!“ „Leider, daß Dir Deine Mutter mehr gilt als Deine Frau! Ich hab' es ſchon erfahren!“ „Du haſt nichts erfahren, als daß Dir die würdige alte Frau eine Bemerkung Aber Deine Lebensweiſe in der vornehmen Welt machte! Hätteſt Du darauf ge⸗ achtet! Es würde Dich gut gekleidet und mir die Bit⸗ Schmid, Krone und Mütze. III. 2 „Wollteſt Du mir vielleicht erklären, was das heißen terkeit erſpart haben, Dir zu wiederholen, was ſie ſagte!“ „Iſt's möglich? Auch Du?“ „Auch ich! Oder denkſt Du, ich ſähe nicht, weil ich bisher ſchwieg? Ich habe geſchwiegen, weil ich auf Dich vertraute, daß Du ſelbſt aus dem Traume Deiner lee⸗ ren Vergnügungen aufwachen und in den Kreis Dei⸗ ner häuslichen Pflichten zurückkehren würdeſt. Du tha⸗ teſt es nicht! Du denkſt nicht daran, es zu thun! Das beweiſt mir Deine heutige Forderung! Viſſe alſo, ich wiederhole Dir die Ermahnung meiner Mutter!, Sieh jedes ihrer Worte als von mir geſagt an!“ „Friedrich, welch eine Sprache führſt Du gegen mich!“ „Die Sprache des Mannes. Schreib' es Dir ſelber zu, daß Du ſie zu hören bekommſt! Du verkennſt Deine Stellung. Bin ich auch auf einen Poſten gehoben, der mich der Ariſtokratie gleichſtellt, ſo ändert das an mir nichts. Meine Anſichten, meine Grundſätze ſind dieſel⸗ ben! Ich bin nicht der Thor, der glaubt, daß mit der Einnahme die Bedürfniſſe wachſen müſſen—“ „O, ich bitte Dich, abzubrechen— ich weiß genug!“ „Ich bedauere, daß ſolche Erklärungen nothwendig geworden ſind, aber ich kann ſie Dir nicht erſparen; und da wir einmal ſo weit gekommen ſind, ſo ſei es 19 geſagt, daß Du Dich ändern und künftig meinem Wil⸗ len fügen mußt!“ „Ich muß? Das wagſt Du mir zu ſagen, Du—“ „Ich ſag' es Dir und werde darauf halten. Du wirſt fortan Deine Lebensweiſe umkehren, wirſt das Haus zur Regel und die Geſellſchaft zur Ausnahme machen.“ Ulrike war, Friedrich's zornigem Ernſt gegenüber, in einen Thränenſtrom ausgebrochen.„Weh mir“, rief ſie und verbarg das Antlitz in den Kiſſen des Sophas, in das ſie geſunken war.„So ſprichſt Du mit mir! O meine gute, liebe Mutter, ſo ſpricht der Mann mit Deinem Kinde, der Dir gelobte— O, wenn Du das erlebt hätteſt!“ Wie von einem elektriſchen Schlage gerührt, ſtand Friedrich bei dieſen Worten vor ihr ſtill.„Nenne Deine Mutter nicht, Unglückliche!“ rief er.„Beherzige, was ich Dir geſagt, handle darnach und zwinge mich nicht, Dich vor ein Sterbelager des Leichtſinns zu füh⸗ ren und Dir Dinge zu erzählen, die Dir beſſer für immer verborgen blieben!“ Damit wandte er ſich und verließ das Zimmer. Ulrike blieb mit ihren Thränen und mit einem von den verſchiedenſten Empfindungen zerriſſenen Herzen zurück. 2* ——— ſeinem Gemach. Er hatte eine Menge Papiere und Schriften vor ſich, die alle auf ihre Erledigung warte⸗ ten, doch gingen ſeine Blicke darüber hinweg nach dem Fenſter. Draußen begann eben die ſtärker werdende Sonne den Nebel niederzukämpfen. Im Gemüthe des jungen Fürſten war ſeit ſeiner Thronbeſteigung eine Ver⸗ änderung eingetreten, die Niemand ahnte und die er ſich ſelbſt kaum zu geſtehen wagte. Als das Scepter ſo raſch und unvermuthet in ſeine Hand gelegt wor⸗ den war, hatten ihn dies Ereigniß ſowie die daſſelbe begleitenden Vorgänge in eine erhöhte Stimmung ver⸗ ſetzt, in welcher er Entſchlüſſe von der größten Trag⸗ weite mit dem Feuer der Begeiſterung auf ſich nahm. Er glich einem Manne, der in der Haſt einer edlen Aufwallung eine Pflicht übernimmt, die ihm mit der Zeit läſtig und unbequem wird. Als er ſich entſchloß, Führer zum Miniſter zu machen und mit ſeiner Hülfe das Ideal einer humanen Regierung zu verwirklichen, war es ihm damit heiliger Ernſt geweſen. Dieſes Ideal, ein Ueberreſt ſeiner Studienzeit war, durch den furchtbaren Anblick eines empörten Volks, der ihm in vollem Maße geworden, mit neuem Farbenreiz vor ihn getreten. Es ſollte ins Leben treten, deſſen war er Zu gleicher Zeit ſaß Herzog Felix gedankenvoll in ſich vollkommen bewußt; nur die Art und Weiſe, wie —— 21 dies zu geſchehen habe, die Mittel dazu waren ihm nicht klar geweſen. Dadurch wurde er zuerſt auf Friedrich geleitet, von dem er die Durchführung erwartete. Schon die erſten einleitenden Vorkehrungen hierzu hatten ihn aber gewiſſermaßen enttäuſcht. Es erging ihm wie einem, der den Entwurf eines prachtvollen Rieſenge⸗ bäudes bewundert und raſch an die Ausführung ſchrei⸗ tet. Bei dieſer aber fühlt er ſich dadurch verſtimmt, daß er das Gebäude nicht wie auf einen Zauberſchlag fertig aus der Erde zu rufen vermag, ſondern daß dazu eine Menge unſchöner Vorarbeiten gehören, daß jahrelang bedächtig Stein auf Stein gelegt werden muß, und daß er es vielleicht gar nicht mehr erleben wird, das letzte entſtellende Gerüſt von dem Bau ſei⸗ ner Gedanken fallen zu ſehen. Gleichwohl hob ihn der noch andauernde Eifer über die erſten unangenehmen Regungen hinaus, er hörte Friedrich's Vorſchlägen und Plänen mit Intereſſe zu und ging nicht ohne Verguü⸗ gen auf deſſen Erörterungen ein. Doch gewöhnte er ſich bald, das Ganze wie eine große Liebhaberei anzu⸗ ſehen, über deren Ausführung er ſich von Zeit zu Zeit von dem, den er dazu beſtellt hatte, Bericht erſtatten ließ. Obgleich es ihn anfangs verſtimmt hatte, bei den durch die neuen Einrichtungen veranlaßten Volks⸗ feſtlichkeiten ſich Führer häufig vorgezogen zu ſehen, trugen auch dieſe in etwas bei, ihn in angenehmer Geneigtheit zu erhalten. Daß unter ſolchen Voraus⸗ ſetzungen auch jedes Beſtreben eines Widerſtandes gegen ſeine Abſichten auf dieſe ſelbſt erkältend zurückwirken mußte, iſt wohl erklärlich. Er hatte in ſeinem uner⸗ fahrenen Enthuſiasmus von allen Seiten Dank und unbegrenzte Freude erwartet und mußte ſich nur zu bald überzeugen, wie Viele, deren Vortheil mit dem Beſtehen der bisherigen Einrichtungen zuſammenhing, die erbitterten Gegner ſeiner Abſichten waren. Dazu kam, daß nicht ſelten der Unverſtand auch Solcher, die nur gewinnen konnten, ſie dies nicht einſehen und in ihrer Blindheit gegen ſich ſelbſt eifern ließ, ſowie daß der unvermeidliche Mißbrauch alles Neuen manche Seite davon in ein grelles Licht treten ließ, die zu er⸗ tragen man noch nicht gewöhnt war. So war es denn dahin gekommen, daß der Herzog an ſeinen Reform⸗ plänen nicht mehr mit dem erſten Eifer hing. Gleich⸗ wohl dachte er nicht daran, ſie aufzugeben; er ließ vielmehr Friedrich gewähren, ſodaß dieſer allen Grund hatte, mit ſeinem Regenten zufrieden zu ſein, und daß auch ihm die eingetretene Wendung nicht bemerkbar ge⸗ worden war. Letzteres insbeſondere war um ſo leich⸗ ter möglich, als der Herzog die Berathung des Grund⸗ geſetzes, welches früher durch die Dazwiſchenkunft der 23 Herzogin vereitelt worden war, nachher auf Friedrich's Andringen unbedenklich wieder vorgenommen und fort⸗ geſetzt hatte. Dieſelbe war denn auch wiederholt zum Abſchluſſe gediehen und das Geſetz ſollte nun durch des Herzogs Unterſchrift als ſolches bezeichnet werden. Ein Hauptbeweggrund, weshalb der Herzog den Anträgen ſeines Miniſters nicht entgegentrat, war ein dunkles Ge⸗ fühl der Beſchämung, welches den Fürſten bei ſeinem Anblick unwillkürlich überkam. Er ſcheute ſich, vor dem⸗ ſelben, nachdem er ſeinen feſten und ernſten Sinn voll⸗ kommen kennen gelernt hatte, einzugeſtehen, daß er der Sache, für welche dieſer glühte, nahezu überdrüſſig geworden war. Um endlich das Bild vollkommen zu machen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß Felix im⸗ mer deutlicher zu dem Bewußtſein kam, daß die Regie⸗ rungsweiſe ſeiner Vorfahren eine bequemere ſei als die, welche er ſich vorſchrieb. Er ahnte den lockenden Reiz unumſchränkter Machtvollkommenheit und dachte mit Scheu daran, daß er ſich ſelber Schranken zu ſetzen im Begriff ſei. Hatte ſich der Herzog auf dieſe Weiſe von Fried⸗ rich's politiſchem Wirken etwas abgewendet, ſo hatte dieſer dennoch perſönlich in ſeiner Gunſt eher gewon⸗ nen als verloren. Einestheils nöthigte Friedrich's Charakter ihm unwillkürlich erhöhte Achtung ab, an⸗ derntheils war es das Bewußtſein eines geheimen Unrechts, was den Herzog ihm gegenüber beſchlich und ihn zu ununterbrochener Bezeigung ſeines Wohlwol⸗ lens veranlaßte. Dieſes geheime Unrecht waren des Her⸗ zogs Beziehungen zu Ulrike. Dieſe waren allmälig zu einem Grade gediehen, der den argloſen Führer, wenn er davon Kenntniß bekam, nothwendig aufs tiefſte verletzen mußte. Zwar war es zwiſchen Felix und Ulrike nicht zu einem eigentlich ſtrafbaren Verhält⸗ niß gekommen, allein der Umſtand, daß zwiſchen bei⸗ den ein Geheimniß beſtand, das Friedrich jetzt noth⸗ wendig für immer verborgen bleiben mußte, hatte nicht ermangelt, beide wieder zuſammen zu führen. Der Herzog hatte Ulrike ſeit dem Balle auf dem Stadt⸗ hauſe einige Male in Geſellſchaft getroffen; er hatte immer nur wenige Worte mit ihr gewechſelt und doch reichten ſchon dieſe kurzen Begegnungen hin, in Felix eine mächtige Leidenſchaft zu entflammen. Dieſe ward vielleicht gerade deshalb noch heftiger, weil er den Be⸗ ſitz des Gegenſtandes derſelben für ſich unerreichbar ſah und überdies genöthigt war, ſie aufs ſorgfältigſte zu verbergen. Nur Ulrike gegenüber, ſo wenig und ſo ſcheinbar Unbedeutendes ſie auch zuſammenſprachen⸗ ſchlug die gewaltſam niedergehaltene Flamme aus jedem Worte, jedem Blicke hervor, und dieſe war eitel mmee h ne een 25 und leichtſinnig genug, mit der Flamme zu ſpielen. Zwar entſchuldigte ſie ſich vor ihrem Innern immer damit, daß dieſe Unterredungen vor aller Augen etwas durchaus Unſträfliches ſeien, aber nicht ſelten betraf ſie ſich in Stunden der Einſamkeit auf Träumen und Vorſtel⸗ lungen, die mit den Pflichten eines treuen Weibes un⸗ vereinbar waren. Sie zeigten nur zu deutlich, daß der verderbliche Funke auch in ihrem Gemüthe gezün⸗ det hatte. Unklar wogten all dieſe Gefühle und Vorſtellungen auch jetzt in des Herzogs Bruſt durcheinander. Er war den Abend vorher wieder mit Ulrike zuſammengetroffen und dieſe Berührung ſeiner geheimſten Saiten bebte ihm in der Seele nach. Er horchte auf dieſe innern Melodien wie auf eine ferne Muſik und erſchrak bei⸗ nahe, als der neue Oberkammerdiener mit der Meldung eintrat, die Zeit zur allgemeinen Audienz ſei gekom⸗ men. Ehrerbietig fügte derſelbe die Frage hinzu, ob Seine Durchlaucht zu empfangen geruhe. Es war der frühere Lakai Bornemann, der an des abgeſetzten Kündig Stelle getreten war. „Wer will zu mir?“ fragte der Herzog. „Eine Anzahl von adligen Herren, deren Namen hier verzeichnet ſind“, erwiderte Bornemann, eine Liſte auf den Tiſch legend,„und der Baumeiſter Rigollet!“ 26 „Ah der“, rief Felix aufſtehend.„Laſſen Sie ihn zuerſt eintreten!— Auch eine unangenehme Unterredung“, fuhr er halblaut für ſich fort, während der Diener den Befehl vollzog,„die ich meinem Herrn Miniſter ver⸗ danke.“ Der Gemeldete trat ein und verbeugte ſich ehr⸗ furchtsvoll.„Es freut mich, Sie bei mir zu ſehen, mein lieber Rigollet“, begann der Herzog;„bringen Sie mir wieder etwas Schönes von Ihren Entwürfen?“ „Ich bedaure, Durchlaucht damit nicht dienen zu kön⸗ nen“, antwortete der Baumeiſter,„ich bin gekommen, mich vor meiner Abreiſe—“ „Wie, Sie wollen fort?“ rief der Fürſt.„Das beklage ich lebhaft. Doch nicht für lange?“ „Ich kann das nicht beſtimmen, Durchlaucht“, erwi⸗ derte der Baumeiſter.„Der Künſtler gehört ſich nicht ſelbſt, er gehört dem Orte, wo es ihm geſtattet iſt, ſein Talent üben und ſchaffen zu können.“ „Und das können Sie leider bei mir jetzt nicht“, antwortete Felix, etwas von dem Auftreten des Künſt⸗ lers verletzt.„Ich bedaure, daß die Sorge um wich⸗ tigere Fragen meines Landes mir im Anfange meiner Regierung nicht geſtattet, der Kunſt jene Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken, die ich ihr nach meiner Neigung ſo gern zuwenden möchte. Kann ich es einmal und Sie ſind noch ungebunden, ſo wird es mich freuen, Ihr Talent unterſtützen zu können. Leben Sie wohl!“ Felix verneigte ſich leichthin; verblüfft entfernte ſich der Künſtler, um die Adligen eintreten zu laſſen. Es waren Adelhoven und die beiden Schroffenſtein mit den übrigen Gewählten. „Ich erſtaune, meine Herren“, rief ihnen Felix ent⸗ gegen.„Was führt Sie in ſolcher Anzahl zu mir?“ „Die Ueberzeugung, Eure Durchlaucht“, erwiderte Schroffenſtein der Vater,„daß wir eine Bitte, von deren Gewährung unſer Wohl abhängt, nicht vergeb⸗ lich ausſprechen werden!“ „Eine Bitte? Reden Sie!“ „Eure Durchlaucht haben begonnen, auf den Thron Ihrer Väter andere Grundſätze der Regierung zu ver⸗ pflanzen, als wornach dieſe ſeit Jahrhunderten zum Wohle des Landes gewaltet und regiert haben. Eure Durchlaucht haben bereits mit großen, durchgreifenden Reformen begonnen und gedenken— wenn es uns geſtattet iſt, in das Geheimniß Ihrer allerhöchſten Ent⸗ ſchließungen einzudringen— Ihr Werk durch ein um⸗ faſſendes Grundgeſetz für immer zu ſichern.“ „Wie? Sollte ich's errathen, meine Herren? unter⸗ brach der Herzog.„Sie gehören doch nicht auch zu den Unzufriedenen?“ „Wir ſind gekommen“, fuhr Schroffenſtein fort, Eure Durchlaucht zu bitten, bei Abfaſſung dieſes Grund⸗ geſetzes der Rechte eingedenk ſein zu wollen, deren ſich der Adel des Landes ſeit Jahrhunderten erfreut. Eure Durchlaucht haben Ihr uneingeſchränktes Vertrauen einem Manne geſchenkt, dem wir keine guten Geſin⸗ nungen gegen uns zuzutrauen vermögen. Man bezeich⸗ net ihn als einen Mann, der, vollgeſogen von den ge⸗ fährlichen Ideen der neuern Zeit und in erwieſener Verbindung mit den gefährlichſten Partiſanen des Re⸗ publikanismus, geradezu darauf ausgeht, uns zu ver⸗ nichten.“ „Alſo eine Anklage gegen meinen Miniſter! Sie thun ihm Unrecht, meine Herren, ich kenne ſeine An⸗ ſichten zur Genüge. Er will nichts, was ich nicht auch gutheißen müßte.“ „Unmöglich, Eure Durchlaucht! Dem Vernehmen nach ſoll uns die Gerichtsbarkeit über unſere Unterthanen entzogen, Frohnen, Zehnten und Grundreichniſſe ſollen aufgehoben und wir vor gleiches Gericht mit dem Geringſten aus dem Volke geſtellt werden.“ „Ueber das Letztere können Sie wohl nicht klagen, für alles Uebrige ſollen Sie entſchädigt werden!“ „O, keine Entſchädigung, Eure Durchlaucht, wird dem Adel Glanz, Einfluß und Wohlſtand erhalten, wenn ——— —— 29 man ihm die natürlichen Quellen von allem dieſem nimmt! Er wird nichts mehr ſein als ein Wort, ein leerer Name!“ „Dürfen Sie ſich beſchweren, daß Ihnen Opfer zu⸗ gemuthet werden, da ich mich freiwillig zu noch grö⸗ ßern entſchließe? Täuſchen Sie ſich nicht über die Forderungen der Zeit; was Sie opfern, kommt dem Ganzen und dadurch wieder Ihnen ſelbſt zu gute.“ „Ich muß ſo kühn ſein, Eurer Durchlaucht zu wider⸗ ſprechen!“ rief Schroffenſtein.„Nicht dem Ganzen wird es zu gute kommen, ſondern nur einem Theil, dem ge⸗ meinen Volke. Dieſem wird zugeleitet, was wir ver⸗ lieren, dieſes wird dadurch überſtark, übermächtig, bis es uns alle und— ich ſage es mit Schaudern— den Thron mit überragt. Das iſt die verkappte Abſicht des gefährlichen Menſchen, der zum Unglück des Lan⸗ des in die Nähe Eurer Durchlaucht gekommen iſt, der über Eure Durchlaucht bereits ſo große Macht gewon⸗ nen hat, daß er es wagen darf, den Privatwünſchen Eurer Durchlaucht entgegen zu treten.“ „Was meinen Sie damit?“ rief Felix. „Es will von einer Abſicht Eurer Durchlaucht wegen Erbauung eines neuen Schloſſes verlauten, die er zu hintertreiben wagte.“ „Bleiben Sie bei der Sache!“ rief Felix. 30 „Es gilt jetzt“, begann Schroffenſtein wieder, dieſen gefährlichen Mann unſchädlich zu machen. Jetzt gilt es, dem Adel, als der Stütze des Throns, Kraft und Dauer zu erhalten. Mit dem Adel gedenkt er dieſen ſelbſt zu untergraben und ſo ſeinem Ideal, der Repu⸗ blik, vorzuarbeiten. Das iſt es, was wir Eurer Durch⸗ laucht im Namen eines großen Theils Ihres getreuen Adels vorzutragen, weshalb wir um die Entlaſſung des Miniſters Eurer Durchlaucht zu bitten für unſere heilige Pflicht gehalten haben.“ Der Reder ſchwieg; auch Felix erwiderte nichts, die Kühnheit der Forderung und die Art, wie ſie geſtellt wurde, hatte ihn etwas überraſcht. „Mich in ſo ernſter Sache auf Ihr bloßes Wort hin zu entſchließen“, ſagte er dann,„würde Sie zu dem Vorwurf berechtigen, als handle ich unüberlegt. Ich werde, was Sie geſagt, in Erwägung ziehen. Sie ſollen noch heute beſtimmten Beſcheid haben.“ Ziemlich unbefriedigt entfernte ſich die Deputation. Der Herzog war zu der ausweichenden Antwort haupt⸗ ſächlich dadurch veranlaßt worden, daß er in dem Be⸗ nehmen der Adligen, trotz alles äußern unterwürfigen Scheins, eine Art verſteckten Trotzes zu erblicken glaubte, dem er nicht nachzugeben gedachte, ſelbſt wenn er auch mit ihren Gründen einverſtanden geweſen wäre. Gleichwohl 31 waren letztere nicht ganz ohne Nachhall in ihm geblie⸗ ben. Der Gedanke, daß hinter Führer's Grundſätzen wirklich andere, tiefer liegende Motive lauern könnten, daß er ihn vielleicht wirklich nur als Werkzeug für weiterſehende Pläne betrachte und benutze, war ihm neu und überraſchend. Er beſchäftigte ſich noch leb⸗ haft damit, als Friedrich zur gewohnten Vortragsſtunde in das Kabinet trat. Des Herzogs Blick ruhte lange auf ſeinen Mienen, über die heute ein ungewöhnlicher Ernſt gebreitet lag, doch ſchwieg er, und die Geſchäfte begannen und gingen ihren gewöhnlichen Lauf. „Sind wir fertig für heute?“ fragte der Herzog nach einiger Zeit. „Mit den Arbeiten des Tages ja“ entgegnete Friedrich, ndoch muß ich noch das Wichtigſte in Anregung bringen. „Das Wichtigſte?“ „Für Eure Durchlaucht, für das ganze Land und für mich. Der Entwurf des Grundgeſetzes harrt noch immer der Sanction!“ Der Herzog ſtand unangenehm berührt auf.„Laſ⸗ ſen Sie das für ein ander Mal“, ſagte er,„ich bin da⸗ mit zu Ende, aber ich habe heute keine Faſſung dafür. Das hat ja Zeit.“ Ueber Friedrich's Anlitz flog dunkle Glut.„Eure Durchlaucht“, ſagte er aufgeregt, aber mit beſcheidener Mäßigung,„kennen die hohe Bedeutung des Geſetzes. Sie kennen die Nothwendigkeit, es ſobald als möglich ſeinen Vorläufern, die ohne daſſelbe bedeutungslos ſind, folgen zu laſſen, ich kann alſo in der Weigerung Eurer Durchlaucht nur die Folge tiefer liegender, mir verborgener Beweggründe ſehen.“ „Solche ſind nicht da“, rief Felix,„aber ich will ſo Wichtiges in beſſerer Stimmung thun, als meine jetzige iſt. Sie wiſſen, daß ich entſchloſſen bin, Ihren Willen zu thun, aber drängen Sie mich nicht!“ „Meinen Willen, Durchlaucht?“ entgegnete Fried⸗ rich ſtaunend.„Bis zur Stunde war ich der Meinung, es ſei der Wille Eurer Durchlaucht, den ich zu voll⸗ ziehen habe. Sollte das nicht mehr ſein? Sollte es den Gegnern ſchon ſo bald gelungen ſein, die hohe Begeiſterung, der ich meine Berufung verdanke, zu dämpfen?“ „Was reden Sie von Gegnern?“ rief der Herzog. „Halten Sie mich für ein Rohr im Winde, das ſich nach jedem Luftſtrich dreht?“ „Wenn denn die Abneigung Eurer Durchlaucht nicht der Sache gilt“, begann Friedrich nach ſekundenlangem Schweigen,„ſo gilt ſie ihrer Ausführung durch mich — ich beſitze Ihr Vertrauen nicht mehr!“ „Faſſen Sie mich nicht an jedem Wort! Ich liebe 33 es nicht, ſo in die Enge getrieben zu werden. Von einer Abneigung oder wankendem Vertrauen iſt nicht die Rede. Nehmen Sie es einfach, wie ich's gebe: ich will mich nicht drängen laſſen. Wir werden noch Zeit genug haben, das und mehr zu thun. Warum eilen Sie ſo?“ „Weil ich weiß, wie koſtbar die Zeit iſt, und weil dem Menſchen nur die Gegenwart gehört.“ „Sie meinen, ich könnte ſterben und Ihr Werk un⸗ vollendet bleiben? Seien Sie unbeſorgt, in meinem Alter ſind Schlagflüſſe ſelten.“ „Ich habe nicht darauf gezielt, ich wollte nur ſagen, daß ich es für klug halte, was man thun will und kann, nicht zu verſchieben; ich mache in dieſem Augen⸗ blick an mir ſelbſt die Erfahrung, wie bald die Stunde eines Menſchen vorüber ſein kann.“ Ohne es ſelbſt zu wiſſen, hatte Friedrich bei dieſen Worten an den Ring gefaßt, den er vom Herzog beſaß, und drehte ihn wie unwillkürlich an dem Finger. Der Herzog bemerkte es und hielt im Hin⸗ und Herſchreiten inne. „Sie haben nicht nöthig, mir den Ring an Ihrer Hand zu zeigen“, rief er unmuthig,„ich habe mein Gelöbniß nicht vergeſſen!“ Schweigend zog Friedrich den Ring vom Finger Schmid, Mütze und Krone. III. 3 und ſteckte ihn in die Taſche. Dem Herzog entging auch dieſe Bewegung nicht. „Nicht doch“, rief er, ſeine raſche Aufwallung ſchon bereuend,„ich habe Ihnen Unrecht gethan. Tragen Sie immer den NRing an der Hand, es iſt gut, daß ich ihn zu ſehen bekam. Aber muß ich denn ein ſol⸗ ches Geſetz geben?“ fuhr er nach kleiner Pauſe fort. „Ich will das Wohl meines Landes aufrichtig, das wiſſen Sie. Kann ich denn nicht Alles, was darauf abzielt, thun, wie Sie und ich es vorhaben, auch ohne ein ſolches Geſetz?“ „Das können Sie“, erwiderte Führer,„aber wer bürgt Ihnen für Ihren Nachfolger? Wollen Sie alles Gute, das Sie ſchaffen, für die Ungewißheit, nicht für die Dauer geſchaffen haben? Eure Durchlaucht, wären die Fürſten Götter, ſo würde es ein Frevel ſein, ihrem Walten eine Schranke ſetzen zu wollen; die unum⸗ ſchränkte Herrſchaft wäre dann die beſte Regierungs⸗ form und der Segen der Menſchheit; für Menſchen aber liegt neben der unbeſchränkten Macht der Miß⸗ brauch zu verführeriſch nahe.“ „Wir Fürſten ſind alſo eine Art reißender Thiere, gegen deren Wuthanfälle Gitter und Eiſenſtäbe ſchützen müſſen?“ „Ein häßliches Bild, Eure Durchlaucht, und ein —— 5 unwahres. Schranken gegen rechtloſe Willkür wird ein edler Fürſt nicht fühlen, gegen den Tyrannen ſind ſie nöthig.“. „Und welchen Schutz kann ein Papier, ein Perga⸗ ment gegen einen ſolchen gewähren? Käme ein ſolcher je nach mir, was würde ihn abhalten, mit einem Feder⸗ ſtrich zu vernichten, was heute ein Federſtrich von mir entſtehen läßt?“ „Das Gefühl des Rechts, das im Herzen des Volks am unverfälſchteſten lebt und das ihm den Weg zeigen wird, ſein Heiligthum zu erhalten!“ „Den Weg jener Nacht, die meinen Vater tödtete, nicht wahr?“ „Im Einzelleben der Menſchen erkennt das Recht die Nothwehr an, ſie beſteht im Leben des Staats nach außen, im Kriege, und nur nach innen ſollte der Staat, das Volk dies Recht nicht haben? Gegen Gewalt gilt nur Gewalt!“ —₰ Der Herzog ſchwieg einen Augenblick.„Nehmen Sie ſich in Acht, Führer“, ſagte er dann.„Das ſind zweiſchneidige, gefährliche Grundſätze, die Ihre Hinter⸗ gedanken verrathen. Volk und Staat ſind Ihnen eins. Sie ſind in Ihren Gedanken ſchon über die Throne hinweg!“ „Volk und Staat ſind mir eins. Der Thron iſt 3* nur eine Art der ſichtbaren Verkörperung beider. Ich kann mir wohl ein Volk ohne Thron denken, das Gegentheil iſt ein Unding!“ „Nicht ſo! Ich wollte ſagen, Sie ſehen bei Ihren jetzigen Veränderungen ſchon auf eine Zeit hinaus, wo das Volk ſo mächtig geworden ſein wird, daß es den Thron ſtürzt. Wer bürgt mir dafür, daß Sie das nicht denken, daß Sie nicht jetzt ſchon im Umwege darauf hinarbeiten?“ „Ich glaube, dieſe Bürgſchaft mußten Eure Durch⸗ laucht bereits in mir gefunden haben, als Sie mich beriefen. Ich denke nicht, wie Eure Durchlaucht mir Schuld geben. Daß ich ein Feind der unumſchränkten Herrſchaft bin, macht mich noch nicht zum Freunde des andern Extrems. Ich halte eine Vermittlung beider Gegenſätze für heilſam, für möglich, ja für nothwen⸗ dig, um jenen Sturz, von dem Sie ſprechen, zu ver⸗ meiden! Dieſe Vermittlung herzuſtellen iſt die Abſicht jenes Geſetzes, deſſen Erlaſſung Eure Durchlaucht nun verweigern. Es iſt, wie ich geſagt, ich habe Ihr Ver⸗ trauen verloren. Laſſen Sie mich denn in die beſchei⸗ dene Stellung zurücktreten, die ich nicht freiwillig ver⸗ ließ, und mögen Sie Rathgeber finden, die es ſo treu mit Ihnen und dem Lande meinen als ich!“ „Sie ſind zu raſch“, ſagte der Herzog nach einer —— ——— —— Pauſe, während welcher er Friedrich feſt betrachtet hatte. „Ich gebe Ihnen die Entlaſſung nicht!“ „Und doch muß ich wiederholt darum bitten“, ant⸗ wortete Friedrich feſt.„Eure Durchlaucht haben den Einflüſterungen von Leuten Gehör gegeben, die ſich meine Feinde nennen, die aber die Feinde alles Fort⸗ ſchritts ſind.“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Ich kenne die Geſinnungen jener Herren, welche Eure Durchlaucht vor mir empfingen, zu genau, um nicht zu wiſſen, was ſie zu Ihnen geführt. Ihr Ohr, Durchlaucht, iſt für Jedermann. Aber ich erkenne, daß ihre Worte aus dem Ohre ins Herz gedrungen ſind. So habe ich nur noch die eine Pflicht zu erfüllen, Eure Durchlaucht das Treiben meiner Ankläger zu enthüllen. Ihr ſchändliches Vorhaben wird durch meine jetzige Entfernung wohl überflüſſig werden, aber Eure Durch⸗ laucht müſſen wiſſen, weſſen Sie ſich von dieſen Leu⸗ ten bei andern Anläſſen zu verſehen haben.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß jene Partei entſchloſſen iſt, den Sturz der liberalen Grundſätze, die Eure Durchlaucht bekannt, um jeden Preis zu bewirken. Wenn Eure Durchlaucht heute meine Entlaſſung nicht bewilligen, ſoll die Frau Her⸗ zogin⸗Mutter die Regierung übernehmen, Eure Durch⸗ 38 laucht ſollen als geiſteskrank gefangen genommen und in Verwahrung gebracht werden.“ „Unmöglich, Führer! Sie träumen! Wer hätte ſich das unterſtanden!“ „Es iſt kein Traum, hier ſind die Beweiſe! Hier die Schrift, von allen Verſchworenen unterzeichnet, wo⸗ rin ſie die Herzogin um Uebernahme des Regiments bitten. Hier die Beweiſe über die dahin bezüglichen Bemühungen der Pietiſtenpartei im Lande, hier der Beleg für eine ſtaatsverrätheriſche Verbindung mit dem Auslande.“ Er breitete die Papiere vor dem Herzog aus. Die⸗ ſer ſtand wie vom Blitze getroffen und ſtarrte, bald roth, bald blaß, in die Documente. „Unerhört! Schändlich!“ ſtammelte er dann.„Und auch die Herzogin! Meine eigene— Welchen Dienſt haben Sie mir geleiſtet, mein Freund! Aber ich will ſie treffen! Sie ſollen das Gewicht meines Zornes füh⸗ len! Doch das Alles ſind nur Copien! Wo ſind die Originale?“ „Auch die Originale beſitze ich“, entgegnete Fried⸗ rich,„doch nur, um ſie Eurer Durchlaucht zu zeigen und dadurch die Echtheit der Abſchriften zu beweiſen. Ich habe ſie auf mein Wort, nur unter der Bedingung erhalten, daß ſie um zwei Uhr wieder aus meinen Hän⸗ den ſind. Ehe ich ſie abgebe, muß ich daher um Eurer Durchlaucht fürſtliches Wort bitten, daß ich ſie ſogleich zurückerhalte.“ „Aber wozu? Wie ſollen die Meuterer überwieſen und beſtraft werden, wenn—“ „Ich habe Eurer Durchlaucht von der Sache nur in Kenntniß geſetzt, damit Sie dieſe Partei kennen. Be⸗ ſtrafen können Sie eine Verſchwörung nicht wohl, an deren Spitze die Frau Herzogin ſteht, ich bitte alſo um Ihr Wort!“ „Gut, Sie haben es!“ 3 Friedrich zog die Originale hervor, der Herzog durchſah ſie haſtig.„Es iſt Alles wahr, wahr! O elen⸗ des Loos des Fürſten! Wem darf er vertrauen, wenn die ihn verlaſſen, die ſeinem Herzen die Nächſten ſind? Hier, Führer“, fuhr er dann haſtig fort,„nehmen Sie die Documente zurück, die Abſchriften laſſen Sie mir zum ewigen Andenken, ich muß ſie noch genauer durch⸗ ſehen. Aber laſſen Sie mich jetzt allein! Reden Sie mir dieſen Augenblick nichts mehr von Ihrer Entlaſ⸗ ſung! Gehen Sie, ich muß allein ſein! Geben Sie Be⸗ fehl, daß Niemand zu mir gelaſſen wird. Um fünf Uhr ſollen die— die adligen Herren kommen! Seien Sie auch zugegen, Sie ſollen den Beſcheid hören, den ich ihnen gebe!“ Friedrich ging. Felix blieb in einer Aufregung zu⸗ rück, die ihm die Stunden fliegen machte; er bemerkte es kaum, bis der Abend einbrach und ihn an das Vor⸗ zunehmende mahnte. Um die beſtimmte Zeit ſtanden Adelhoven, die Schroffenſtein und ihre Genoſſen im herzoglichen Vor⸗ zimmer und warteten, vorgelaſſen zu werden. „Was denken Sie?“ fragte halblaut einer davon den ältern Schroffenſtein.„Wie ſtehen unſere Aus⸗ ſichten?“ „Das kann Niemand ſagen“, erwiderte dieſer. „Seine Durchlaucht ſollen ſehr übel gelaunt ſein.“ „Er iſt gar nicht zur Tafel gekommen“, bemerkte ein Anderer. „Was mag nur vorgefallen ſein?“ ſagte Adelhoven. „Doch gleichviel, werden wir zurückgewieſen, ſo iſt ja Alles ſchon vorbereitet. Du haſt Doch die Papiere wohl verwahrt, Clemens?“ „Gewiß“, erwiderte dieſer, eine Brieftaſche hervor⸗ ziehend und zeigend. In dieſem Augenblick wurde die Thür zum Ge⸗ mach des Fürſten geöffnet. Im Eintreten befanden ſie ſich dem Herzog gegen⸗ über, der in glänzender Uniform finſter auf ſie blickte. Neben ihm ſtand Friedrich, einfach ſchwarz gekleidet. „Treten Sie näher“, begann der Fürſt feierlich⸗ „Ich habe Ihnen heute noch Beſcheid zu ertheilen ver⸗ ſprochen und erfülle mein Wort in Gegenwart des Mannes, den anzuklagen Sie gekommen ſind. Ich pflege das immer ſo zu halten. Hören Sie denn, daß ich vor Plänen, im Verborgenen geſchmiedet, nicht zittere! Von dem, was ich für recht halte, wird mich weder ein eigenſüchtiger Adel, weder eine Rotte von Frömm⸗ lern, noch die Bajonette des Auslands abbringen, und ſollte es ſelbſt Hochverräther in meinem Lande geben, die ſich darauf zu ſtützen wagten! Beherzigen Sie das für ſich und ſagen Sie es allen, die ſo den⸗ ken wie Sie! Ich werde das Land von den Sendboten reinigen, die im Finſtern ſchleichen. Sie aber mö⸗ gen auf Ihren Gütern wirkliche— verſtehen Sie mich wohl!— wirkliche Jagden abhalten und bedenken, daß ich den Verſuch, ſich gegen meinen Willen aufzulehnen, an Jedem unnachſichtlich ſtrafen würde— unnachſichtlich— und ſtünde er dem Throne noch ſo nahe! Hier ſteht der Mann“, fuhr er, gegen Führer gewendet, fort,„dem ich mein Vertrauen geſchenkt habe, den ich heute deſſen doppelt würdig erkannte. Er iſt und bleibt mein Mini⸗ ſter, und damit Sie ſehen, daß es mir mit meinen Geſin⸗ nungen heiliger Ernſt iſt, ſo bringen Sie den Ihrigen, bringen Sie meinem Volke die erfreuliche Nachricht, Abgeſandten. daß ich die Urkunde, die ſeine Rechte für alle Zeiten befeſtigen ſoll, vor Ihren Augen unterzeichnet habe!“ Er unterſchrieb. Vernichtet, Grimm im Herzen, entfernten ſich die „Sind Sie mit mir zufrieden?“ fragte nun der Herzog Führer, der ergriffen daſtand.„Wollen Sie mich jetzt noch verlaſſen? Zum Beweiſe umarmen Sie mich!“ Zweites Kapitel. Eine Dorfgeſchichte. Vor den Fenſtern des kleinen Gartenhauſes war es grün, ſonnig und warm. Inmitten des Raſen⸗ platzes davor plätſcherte und ſtieg ein emſiger Spring⸗ brunnen, und aus dem ſaftigen kurzen Graſe hoben ſich die auf dunklen Beeten als zierliche Einfaſſung gezogenen Blumenhäupter ſo anmuthig jugendlich em⸗ por, als machte es ihnen Vergnügen, das ruheloſe Lichterſpiel und Geräuſch der fallenden Tropfen zu belauſchen. Von den eben aufblühenden Jasminſtauden und Roſenhecken, die den Platz umrahmten, wehte ent⸗ zückender Wohlgeruch, und die dichten Baumkronen einer Parkanlage ſtiegen dahinter mit reichem Blätter⸗ ſchmuck in allen Abſtufungen des erſten Grüns wie eine 44 Umfriedung empor, welche von dem ſtillen eingehegten Raume jede Störung abwehren ſolle. Der Frühling war da in ſeiner bezauberndſten Herr⸗ lichkeit. In das Gemach jedoch, aus welchem das Erdge⸗ ſchoß des Gartenhauſes beſtand, drang alle die Herr⸗ lichkeit nicht ein. Vergebens bemühte ſich hier und da ein Luftzug, ſeine Ladung von Kühle und Duft in daſſelbe zu tragen und dort von den Schwingen zu ſchütteln, er vermochte kaum ſchwach die grünen Gar⸗ dinen zu blähen, welche an dem geöffneten Fenſter ſchwer herunterhingen und das volle Sonnenlicht von draußen zu jener Dämmerung brachen, die für ein Krankenzimmer angemeſſen war. In der Tiefe des fein und zierlich eingerichteten Gemachs lag der Kranke auf einer niedrigen Ottomane. Trotz der Wärme war er in Decken und Kiſſen ge⸗ hüllt, er hatte das Geſicht an die Wand gekehrt und ſchien zu ſchlafen. Der Schlaf war aber nicht er⸗ quickend und ruhig; von Zeit zu Zeit ſchütterte ein ſieberhaftes Zucken über den verhüllten Körper und verrieth deſſen ſchmerzlichen Zuſtand. Im Vorgrunde an einem halbgeſchloſſenen Fenſter ſaß der alte Windreuter und ſpähte gedankenvoll durch die Spalten der angelegten Jalouſien in das Grün 45 hinaus. Manchmal wandte er den Kopf und horchte, jedes Geräuſch vermeidend, ob der Kranke ſich nicht rege.„Vielleicht geht's doch beſſer“, murmelte er vor ſich hin, als er immer nur die tiefen Athemzüge des Schlummernden vernahm.„So lang und ſo ruhig hat er ſeit Wochen nicht geſchlafen. Der entſetzliche Huſten, ſcheint's, läßt auch nach—“ Das Knirſchen von nahenden Fußtritten auf dem Kies der Gänge unterbrach das Selbſtgeſpräch. Behut⸗ ſam erhob ſich der Alte und trat dem Kommenden in den Corridor entgegen, nachdem er die Thür vorſichtig geöffnet hatte, daß ſie nicht knarren konnte. Ein kleiner, etwas beleibter Mann ſtand vor der Thür, hatte den Hut abgenommen und wiſchte ſich den Schweiß mit einem feinen Taſchentuch von der Stirn.„Wie ſteht’s?“ fragte er. 3 „Er ſchläft beinahe ſeit einer Stunde“, erwiderte Windreuter halblaut. „Dann laſſen wir ihn ſchlafen“, entgegnete der erſtere wieder.„Das iſt medicamen naturae. Ich bin nur herein, weil mich meine Abendpromenade eben vorbeigeführt hat. Verdammte Hitze ſchon, wie mitten im Sommer! Wie ſteht's mit dem Huſten?“ „Auch etwas beſſer, Herr Doctor“, erwiderte Wind⸗ reuter,„aber wenn er kommt, kommen auch die Bruſt⸗ 46 ſchmerzen wieder. Er muß unglaublich ausſtehen, und die Schmerzen haben ihn ſo heruntergebracht, daß er nur noch die Haut über den Knochen hat! Er bleibt dabei, es müſſe etwas von dem Schuſſe zurückgeblieben ſein!“ „Phantaſien! Nichts als Phantaſien!“ antwortete der Arzt, mit dem Stockknopf am Munde.„Die Kugel iſt heraus, aber was ſie zerſtört hat, wird eben nicht wieder ganz. Fahren Sie mit dem Pulver fleißig fort, es iſt das Einzige, was man thun kann! Wie ſteht's mit den Hallucinationen? Treten die noch ein?“ „Was meinen Sie, Herr Doctor?“ fragte Wind⸗ reuter. „Ob das Irrereden ſich noch einſtellt? Das Erblicken von Geſpenſtern und Schreckbildern?“ „Seit wir hier im Gartenhauſe wohnen, iſt's auch damit beſſer“, antwortete der Alte.„Nur ein paar Mal hat er ſteif und feſt behauptet, es ſchaue ein weiblicher Kopf durch die Läden herein. Er gab nicht nach, bis ich hinging und nachſah, es war aber aber natür⸗ lich nichts.“ „Hm“, brummte der Arzt,„eine der gewöhnlich⸗ ſten Formen! Er wird es eben nicht mehr lange machen.“ 1 Der Alte wiſchte ſich eine Thräne ab.„Alſo iſt 47 ausgemacht?“ ſagte er betrübt.„Es iſt keine Hoff⸗ nung des Aufkommens?“ „Keine. Es wäre gut, wenn man ihn vielleicht darauf bringen könnte, zu ordnen, was er allenfalls zu ordnen hat. Es können Anfälle eintreten, die ein ſchnelles Ende machen.“ „Er will nichts hören davon“, antwortete Wind⸗ reuter,„er will's nicht verſtehen, wenn ich's ihm noch ſo deutlich nahe lege. Er denkt nicht entfernt daran, daß es Gefahr mit ihm hat; aber ich habe mir ein Mittel ausſtudirt, das ihn vielleicht doch herumbringt und mürbe macht.“ „Thun Sie das; je eher je lieber“, ſagte der Arzt und ſchritt den Corridor entlang.„Ich komme morgen zur gewohnten Stunde.“ Windreuter ſtand einige Augenblicke ſtill und be⸗ mühte ſich, den Thränen Einhalt zu thun, die ihm nun, da er allein war, aus den Augen ſtürzten. Geräuſch vom Krankenlager her zwang ihn, ſich zuſammenzu⸗ nehmen, er ſchluckte die Thränen raſch hinunter und trat zu dem Leidenden. Dieſer hatte ſich halb empor⸗ gerichtet und lag nun auf den Arm geſtützt und von ſchmerzlichen Huſtenanfällen erſchüttert da. Sein Auge flackerte unheimlich, die aſchfahlen Wangen flogen, und die abgemagerte Bruſt, durch den offenen Hemdkragen ſichtbar, bebte wie krampfhaft unter jedem Stoße, mit dem die Krankheit darauf einſtürmte. Windreuter be⸗ mühte ſich, dem Gequälten dadurch eine Erleichterung zu verſchaffen, daß er ihm ein Kiſſen unter den Rücken ſchob. Erſchöpft ſank derſelbe, nachdem der Anfall nachgelaſſen, darauf zurück, und der Alte benutzte dieſen Augenblick der Ruhe, um an einem Seitentiſchchen eins der Pulver zurecht zu machen, von denen der Arzt Linderung verſprach. „Wollen Sie nicht das Pulver nehmen, Herr Lieute⸗ nant?“ ſagte er, indem er damit ans Lager trat und es ihm darbot. Der Kranke fuhr mit einer Haſt und Kraft empor, die man ſeinem ſchwächlichen Ausſehen nicht zugetraut hätte.„Hund“, rief er und ſchlug nach Windreuter's Hand, daß das Gefäß mit der Arznei klirrend zu Bo⸗ den fiel,„was ſoll ich mit der elenden Arznei? Sie hilft mir nicht! Der Doctor iſt ein Ignorant! Er ſoll mir die Kugel aus der Bruſt nehmen! Ich erwürge ihn, wenn er's nicht thut! Ich fühle es ja, daß ſie noch dadrinnen ſitzt! O wie das brennt! Und dieſe Qual komme tauſendfach über die Hand des Elen⸗ den, der mich ſo zugerichtet hat!“ Von der Anſtrengung erſchöpft, ſank Bergdorf zurück. „Sie ſollten nicht ſo reden“, erwiderte Windreuter 49 feſt.„Wer's immer geweſen iſt, der die Kugel auf Sie abdrückte, er hat's im Kriege gethan, und Sie als Soldat müſſen es hinnehmen, als wenn Sie draußen in freier Feldſchlacht geblieben wären. Der Soldat weiß, wenn's in den Kugelregen hineingeht, daß ſein Leben an einem Zwirnsfaden hängt. Ich bin ja auch mit dabei geweſen, es iſt mancher neben mir hin⸗ gefallen, daß er das Wiederaufſtehen vergeſſen hat; aber keiner hat im letzten Augenblick der Hand gedacht, von der die Kugel kam, keiner hat Zeit gehabt zu einem Fluche!“ Der Kranke athmete ſchwer.„Hätte er mich beſſer getroffen“ ſtöhnte er grimmig,„ich wollt' es ihm dan⸗ ken, obſchon es viel anders iſt, ſo, als im offenen Kanpfe auf dem Felde der Ehre zu fallen! Aber daß cch ſo leiden muß, ſo entſetzlich leiden, daß ich faſt um ein Jahr meines Lebens gebracht bin, das— das—" Er konnte nicht vollenden, der Schmerz erſtickte ihm die Sprache. „Wer weiß“, ſagte Windreuter finſter,„warum Alles gerade ſo gekommen iſt. Unſer Herrgott weiß wohl, warum er Manchen geſchwind aus der Welt abholt und manchem Andern Zeit läßt, ſein Bündel zu ſchnüren!“ Trotz ſeiner Schwäche fuhr Bergdorf auf und ſah Schmid, Mütze und Krone. III. 4 den Alten feſt an.„Dummkopf“, ſagte er dann.„Du glaubſt doch nicht etwa gar, daß es ſchlecht mit mir ſteht? Ich ſage Dir, ich bin ganz wohl, und iſt erſt die verfluchte Kugel weg, werd ich' in ein paar Wochen wieder ſo geſund und ſtark ſein wie zuvor!“ „Gott geb's!“ ſagte Windreuter eintönig,„aber ſcha⸗ den könnt' es nicht, mein' ich, wenn Sie daran dächten, daß es auch anders kommen kann. Wenn man faſt ein Jahr auf einem Lager liegt, wär's doch immer möglich, daß man darauf liegen bleibt.“ Bergdorf zuckte zuſammen.„Was ſoll das heißen?“ rief er trotzig, doch war in ſeinem Ton eine gewiſſe Unſicherheit unverkennbar.„Willſt Du den Pfaffen ſpielen, Kerl, und mir eine Predigt halten? Hat der Doctor etwas der Art geſagt oder kommt es aus Dei⸗ nem eigenen Kalbshirn?“ „Der Doctor hat nur geſagt, daß Sie ſehr, ſehr krank ſind“, antwortete Windreuter.„Das Andere iſt meine Meinung und ich ſchäme mich nicht, daß ſie es iſt. Drum ſag' ich's nochmals, Sie ſollten ans Ster⸗ ben denken und in Ordnung bringen, was Sie zu ordnen haben. Sie ſollten, anſtatt zu fluchen, lieber daran denken, ob Sie nicht ſelbſt Verzeihung nöthig haben von Jemand, der Ihnen flucht!“ Die ſchlichte Feſtigkeit des Alten verfehlte ihren 51 Eindruck auf Bergdorf nicht. Sie machte ſeine Hoff⸗ nung auf Wiedergeneſung um ſo mehr ſchwanken, als er ſich vergeblich bemühte, ſeine Schwäche und Hin⸗ fälligkeit vor ſich ſelbſt zu verhehlen.„Ich will aber nicht ans Sterben denken“, rief er in heulendem, ver⸗ zweiflungsvollem Tone, der trotzig klingen ſollte.„Ich will nicht ans Sterben gemahnt ſein! Ich will, ich muß wieder geſund werden! Ich habe mir noch nicht genug gelebt! Rede mir nicht vom Sterben, Canalille, oder ich erwürge Dich, ſo ſchwach ich bin!“ „Ich wag's auf die Gefahr hin“, rief Windreuter und trat einen Schritt näher an das Bett.„Ich hätte es nicht übernommen, Sie zu warten und die böſe Zeit bei Ihnen auszuhalten, wenn ich nicht an Ihren braven Vater gedacht hätte und an Sie ſelber, wie Sie noch ein kleiner Junge waren. Der Herr Ritt⸗ meiſter war der Teufel im Feld, daheim aber gut und freundlich wie ein Engel. Sie waren damals auch ein lieber, herziger Burſch, von dem alle Welt hoffte, Sie würden ihm ähnlich werden. Sie ſind's nicht geworden, und wenn ich bei Ihnen bleibe, iſt's nur, weil ich meine, ich ſollte noch einmal in Ihnen den Richard von damals wiederfinden, den ich vor mir auf den Gaul nahm und die Zügel führen lehrte. Sie haben ein gutes Herz gehabt; wenn es auch jetzt verwachſen 4* 52. und überwuchert iſt von allerhand Unkraut, wie ein verwahrloſter Garten, der gute weiche Grund von da⸗ zumal, mein' ich, muß doch noch da ſein!“ Er ſchwieg, als erwarte er eine Antwort. Als keine erfolgte, trat er zu Bergdorf hin und ſah nun, daß derſelbe regungslos dalag, das Geſicht in die Kiſſen gedrückt. Jetzt richtete er ſich auf, ſah den Alten wie kleinmüthig an und rief:„Alſo iſt es gewiß, ich muß ſterben? Muß jetzt ſchon, ſo jung ſchon ſterben? Ich kann aber nicht, ich will nicht! Hilf, Alter, hilf, Du ſiehſt ja, daß ich noch nicht ſterben kann!“ „Ich ſage ja nicht, daß Sie ſterben müſſen“, ent⸗ gegnete Windreuter etwas weicher,„Sie können ja wohl wieder aufkommen, aber daran denken ſollen Sie und Ihre Sachen in Ordnung bringen.“ „Ich habe nichts zu ordnen“ erwiderte Bergdorf; „was ich habe, erhält meine Mutter dönehin Die wird Dich auch nicht vergeſſen.“ „Und damit ſind Sie ſchon fertig? fragte der Alte. „Haben Sie ſonſt Niemand zu bedenken? Und wenn Sie Niemand hätten, wollen Sie nicht auch für ſich ſelber ſorgen, wenn Sie hinüberkommen in die andere Welt?“ Um Bergdorf' Lippen zuckte es wie Hohn.„Ich halte nichts darauf“, ſagte er dann.„Ich will leben, 53 weil doch Alles aus iſt, wenn das Leben zu Ende geht, und kann ich nicht mehr leben, ſo ſoll's auch aus ſein. Ich will nicht fragen und nicht wiſſen, was dann kommt!“ Windreuter ſchwieg einen Augenblick.„Wenn Sie den Muth dazu haben, halten Sie das, wie Sie wollen“, ſagte er dann.„Wollen Sie aber nichts mit hinunter⸗ nehmen in die Grube, ſo laſſen Sie auch nichts zurück, laſſen Sie keinen Fluch zurück und ſorgen Sie minde⸗ ſtens, ſo gut Sie können, daß er nicht auch ohne Ihren Willen in Erfüllung geht!“ „Was willſt Du mit Deinen ewigen Anſpielungen nur ſagen?“ rief Bergdorf, deſſen augenblickliche Weich⸗ heit wieder ſeinem ſonſtigen Weſen zu weichen begann. „Was meinſt Du? Wenn ich dahin muß, ſo will ich kluchen! Ich will es dreifach, wenn es ein Jenſeits gibt, von dem aus ich die Erfüllung meines Fluchs ſehen kann! Verflucht—“ „Halten Sie ein!“ rief der Alte abwehrend und raſch.„Reden Sie nicht aus! Sie wiſſen nicht, weſſen Hand es vielleicht war, die Ihnen die Kugel geſchickt hat!“ „Alſo Du weißt es?“ rief Bergdorf haſtig.„Weißt Du es? Rede!“ „Wer kann das wiſſen in einem ſo mörderiſchen Gefecht!“ entgegnete ausweichend der Alte. 54 „Und Du weißt es doch, Kerl!“ rief der Kranke wieder.„Ich leſ' es Dir in der Seele, daß Du es weißt! Du vermutheſt es wenigſtens! Was ſollte Dein Gerede ſonſt bedeuten? Antworte“, fuhr er heftiger fort, da Windreuter ſchwieg.„Du warſt wohl gar ſelber in der Nähe, Du haſt gewiß die meiſten von den Rebellen gekannt, haſt wohl gar ſelber unter ihnen geſtanden! Es waren auch Weiber darunter, nicht?“ Der Alte ſah ſtarr vor ſich nieder.„Ich habe nur eine geſehen“, antwortete er dann. „Und kannteſt Du ſie? Wie heißt ſie? Rede!“ „Cilly“, antwortete der Alte halblaut, allein ſo leiſe er ſprach, wirkte der Laut doch wie ein Donner auf Bergdorf. Es war, als ob er ſich nochmals von der tödtlichen Kugel getroffen fühlte.„So hab' ich doch recht geſehen“, ſtöhnte er nach einer Weile.„Im Fallen glaubte ich ſie durch den Pulverdampf zu erkennen! Sie“, murmelte er dann, ſtiller werdend, in ſich hinein, „Sie— o, o!“ Windreuter überließ ihn einen Augenblick ſich ſelbſt. Dann trat er ans Bett, faßte Bergdorf's Hand und ſagte:„Wollen Sie jetzt noch fluchen? Wiſſen Sie jetzt noch nicht, was Sie hier noch zu ordnen haben? Fühlen Sie noch nicht, daß es noth thut, ſich für die andere Welt vorzubereiten? Ich will nicht von dem 5 5⁵5 Mädel reden, das Sie ſie verführt und um ihr Lebens⸗ glück gebracht haben— ſeit der unglücklichen Nacht iſt ſie verſchwunden und hat ſich wohl zum Richter über ſich ſelbſt gemacht, und wenn ſie auch noch lebt, da iſt nicht mehr zu helfen! Ich will nicht davon reden, daß Sie ſich von ihr weggeſchworen haben; wenn Sie nicht an einen Gott und eine andere Welt glauben, iſt Ihnen das ein Leichtes geweſen! Aber das Kind, das Ihnen das Leben verdankt, das jetzt auch mutterlos iſt und das auf dieſer Welt zurückbleibt, auch wenn Sie die⸗ ſ elbe verlaſſen, das hat Anſprüche an Sie, und von denen will, von denen muß ich reden. Wollen Sie den armen Buben ſich ſelbſt und dem Zufall überlaſſen? Wollen Sie es dem freiſtellen, vielleicht einen ſchlechten Kerl daraus zu machen? Wenn Sie auch nicht glauben, daß Sie es vor Gott verantworten müſſen, was aus ihm wird, können Sie es denn übers Herz bringen, ihn ſo ganz hülflos in die Welt hinauszuſtoßen? Und es iſt Ihr Sohn! Sie kennen ſeine Mutter zu gut, als daß Sie im Ernſt daran zweifeln könnten; mir hat ſie eine halbe Stunde vor Ihrer Verwundung erzählt, wer des Buben Vater ſei, und ich wette, wer zugehört, wie ſie's erzählte, der hätte ihr geglaubt, ſo gut, als ich ihr glaube.“ Bergdorf ſchwieg.„Was kann ich thun?“ fragte 8* — 56 er nach einiger Zeit halblaut und ohne ſich nach Wind⸗ reuter umzuſehen. „Das können Sie unmöglich im Ernſt fragen“, ant⸗ wortete dieſer.„Geben Sie ihm ſo viel, daß er was lernen kann, um ſich einmal ſein Brod zu verdienen als ein oördentlicher Menſch. Es gibt kein unglück⸗ licheres Geſchöpf zwiſchen Himmel und Erde als ſo ein verlorenes, älternloſes Kind, das wider Willen in die Welt eingeſchwärzt worden iſt, ich hab' das an mir ſelber erfahren. Aber wenn Sie wirklich nicht wiſſen, was Sie für den Buben thun ſollen, wie wär's, wenn Sie ihn einmal ſähen? Vielleicht, daß Ihnen dann das Herz etwas zuflüſterte! Es iſt ſchon Abend“, fuhr er, nachdem er etwas inne gehalten, fort, da Bergdorf nichts erwiderte.„Um dieſe Zeit ſpielen die Kinder aus dieſem Stadttheil drüben in der Allee, die vor dem Garten liegt; ohne Zweifel iſt der Bube dar⸗ unter, vielleicht könnte ich ihn gleich bringen! Soll ich?“ Bergdorf antwortete immer noch nichts. Er lag unbeweglich und ſchien in tiefes Sinnen verloren. Nach einer Weile richtete er ſich empor und fragte, das tiefliegende Auge ſtarr auf Windreuter heftend:„Haſt Du mit dem Doctor über meinen Zuſtand geſprochen? Sage mir als ein ehrlicher Kerl, was er geſagt. Gibt er mir Hoffnung? Sag' es aufrichtig!“ ——— . ———— 57 Windreuter bedachte ſich einen Augenblick.„Ich mag nicht lügen“, ſagte er dann,„alſo muß ich nein ſagen!“ Der Kranke zuckte zuſammen.„Gut“, ſagte er,„ich danke Dir für Deine Aufrichtigkeit.“ Er verbarg das Geſicht in den Kiſſen, bald aber hob er ſich etwas und ſagte, anſcheinend mit vollſter Ruhe:„Bringe mir den Knaben!“ Des Alten Blick glänzte. Raſch eilte er fort und ließ Bergdorf in dem Gartenſaale allein, der immer dunkler und dämmeriger zu werden begann. Eine Weile lag Bergdorf in ſich gekehrt und ruhig, doch verriethen die raſchen und heftigen Athemzüge, daß ſein Gemüth ſich in ganz entgegengeſetzter Stimmung be⸗ fand. Die Vorſtellung des nahen und gewiſſen Todes, die er bisher mit allem Aufwande von Kraft und Selbſttäuſchung von ſich fern gehalten, war vernichtend über ihn hereingebrochen und hatte den Trotz und die Wildheit ſeines Weſens in Muthloſigkeit und feige Furcht verkehrt. Je deutlicher ihm das Ende des Lebens vor die bebende Seele trat, um ſo entſetzter klammerte er ſich an daſſelbe und ſtemmte ſich gegen die Vernich⸗ tung, die ihm entgegengrauſte. Häßliche Bilder der erſtörung drängten ſich fratzenhaft vor ſeine Augen und die Ecke des Zimmers, gegen die er gewendet lag, 58 gähnte ihn immer ſchwärzer und ſchwärzer an, daß er die Grabestiefe vor ſich zu haben glaubte. Schaudernd wandte er den Blick weg und kehrte ſich mühſam auf die andere Seite, um den Ueberblick über das ganze Gemach zu haben. Beruhigt athmete er auf, denn die Fenſter, von außen noch etwas erhellt, erſchienen ihm wie Lichtpunkte in der Nacht, die ihn umgab. Mit Vergnügen hingen ſeine Blicke daran und etwas wie Hoffnungsſchimmer wollte durch ſeine Seele ziehen. Plötzlich aber hielt er den Athem an und lauſchte mit geſteigertem Schauder gegen das eine Fenſter hin. In dem lichten Viereck deſſelben hatte eine eigenthümliche Bewegung begonnen, die wie ein Schattenſpiel in ſchwa⸗ chen Umriſſen an den herunterhängenden Gardinen bemerkbar wurde. Es war, als ob eine dunkle, kaum erkennbare Geſtalt vor demſelben auf und nieder ſchwebe und einzudringen verſuche. Namentlich waren die Con⸗ touren des Kopfes nicht undeutlich zu erkennen. Berg⸗ dorf erſtarrte; er wollte rufen, aber er vermochte es nicht, ſeine Lippen bewegten ſich nur, ohne daß ein Laut hörbar wurde. Jetzt, jetzt war es, als ob eine unſichtbare Hand den Vorhang theilte, und durch die Oeffnung blickte der Kopf herein. Mit heiſerem Aufſchrei verſuchte Bergdorf, von wildem Schrecken geſtachelt, vom Lager emporzuſprin⸗ 59 gen, er vermochte es nicht, doch bei dem erſten Laut war die Erſcheinung verſchwunden. Zugleich trat Wind⸗ reuter mit Licht ein. Er bemerkte den aufgeregten Zu⸗ ſtand des Kranken und eilte voll Beſorgniß zu ihm hin. „Was haben Sie?“ rief er. Was iſt Ihnen be⸗ gegnet?“ „Sie war wieder hier, dort am Fenſter“, ſtammelte Bergdorf verwirrt. „Nicht doch“, beruhigte Windreuter.„Sie haben ſich getäuſcht. Wer ſollte hier geweſen ſein?“ „Sie war's!“ entgegnete der Kranke haſtig.„Ich erkannte ſie nur zu gut— dort am Fenſter ſtand ſie und richtete die glühenden Augen auf mich— ſie war wieder da!“ „Cilly?“ fragte der Alte.„Nicht doch! Wir haben eben viel von ihr geſprochen und da iſt ſie Ihnen in der Einbildung vorgekommen. Sie iſt ſeit langer Zeit fort, wie verſchollen. Wie ſollte ſie, wenn ſie noch lebt, nun auf einmal in den Garten kommen, wie ſich ins Fenſter wagen? Und wenn ſie nicht mehr lebt, wie können Sie glauben, daß ſie wiederkomme, und davor erſchrecken? Sie ſagen ja, daß es aus iſt mit dem Tode!“ Bergdorf ſchwieg, Windreuter aber fuhr fort:„Ich habe den Buben richtig mitgebracht. Er wartet drau⸗ ——— —— 1 60 ßen vor dem Hauſe. Wollen Sie ihn ſehen? Das wird Sie vielleicht zerſtreuen.“ Bergdorf nickte kaum merklich, worauf der Alte der Thür zueilte.„Er weiß von nichts“, rief er im Weg⸗ gehen.„Ich habe ihm nur geſagt, er ſolle etwas ge⸗ ſchenkt bekommen.“ Bald trat er mit Richard an der Hand wieder ein. Der Knabe that ſcheu nach ſeiner gewohnten Art und ließ ſich von dem Alten faſt widerſtrebend an das La⸗ ger ziehen.„Komm nur näher“, ſagte dieſer,„das iſt der Herr, der Dir ein neues Kleid kaufen will. Du brauchſt Dich nicht zu fürchten.“ Jetzt ſtand der Knabe dicht am Lager und richtete die großen dunklen Augen feſt auf Bergdorf, als wollte er ſich überzeugen, daß er von demſelben nichts zu fürchten habe. Dieſer hingegen hing mit ſcharfen, for⸗ ſchenden Blicken an den Zügen des Kindes. Der Alte ſtand erwartend mit der Lampe zwiſchen beiden, ſodaß deren voller Schein auf die Geſichter fiel. „Es ſind ihre Züge“, murmelte der Kranke vor ſich hin,„die wilden, feurigen Augen, die ich zum letzten Male durch den Pulverdampf blitzen ſah.“ Er ſchauderte unwillkürlich. Auch den Knaben ſchien bei Bergdorf's Betrachtung etwas Unheimliches anzuwandeln, er ſchmiegte ſich an den Alten.„Nun“, 61 begann dieſer, um der peinlichen Spannung ein Ende zu machen,„dieſer Herr will Dir eine neue Jacke kau⸗ fen. Von welcher Farbe willſt Du ſie?“ „Schwarz“, ſagte der Knabe raſch. „Warum ſchwarz? In Deinem Alter ſollte Dir eine helle Farbe lieber ſein!“ „Der Weber Will meint, die Mutter iſt todt und kommt nicht wieder“, erwiderte Richard nach einigem Beſinnen.„Ich muß Trauer haben um ſie, aber er kann mir keine ſchwarzen Kleider kaufen.“ Bergdorf wandte ſich ab.„Der Weber Will iſt wohl Dein Vater?“ fragte Windreuter dazwiſchen, raſch bemüht, den unäͤngenehmen Eindruck obiger Worte zu verwiſchen. „Er iſt mein Vetter, der mir zu eſſen gibt“, ant⸗ wortete Richard zögernd,„meinen Vater kenn' ich nicht.“ „Aber möchteſt Du ihn nicht kennen lernen?“ fragte Windreuter, der eine bejahende Antwort erwartete und ſich davon günſtige Wirkung auf Bergdorf's Gemüth verſprach. Der Knabe ſah ihn raſch ſeitwärts mit dem ver⸗ ſchlagenen Blicke an, der ihm eigen war.„Nein“, ſagte er dann feſt.„Die Mutter ſagt, er ſei ein ſchlechter Kerl, der ſie unglücklich gemacht hat.“ Windreuter bemerkte, daß Bergdorf in die Kiſſen ———QO.OpUj— ———ÿ—ꝛ—xx:ęO—— 62 zurückſank.„Geh nur jetzt“, ſagte er zu dem Knaben, um ihn fortzubringen.„Der Herr iſt ſehr krank. Komm⸗ morgen früh wieder, dann führ' ich Dich zum Schnei⸗ der, daß Du die Jacke bekommſt.“ Richard ließ ſich die Mahnung, gehen zu dürfen, nicht zweimal ſagen. Ohne ein Wort zu ſagen, huſchte er zur Thür hinaus und war ſchon verſchwunden, als Windreuter folgte, ihm den Weg zu zeigen. Nach ſeiner Zurückkunft herrſchte lange Zeit tiefes Schweigen im Gemach. Da Bergdorf äußerlich ruhig dalag, wollte ihn der Alte in ſeinen Gedanken und Erwägungen nicht ſtören und ſetzte ſich ſo geräuſchlos als möglich unfern vom Bette nieder. Als jener ſich bewegte, trat er hinzu. Bergdorf ſtreckte ihm die Hand entgegen.„Du meinſt es gut“, ſagte er,„aber Du ſiehſt, daß ich dem Buben nicht Vater ſein kann, ſeine Mutter hat dafür geſorgt. Aber ich will für ihn thun, was ich kann, und will Dir das auseinanderſetzen.“ „Heute nicht mehr“, erwiderte Windreuter,„heute haben Sie Ruhe nöthig. Morgen ſollen Sie mir Al⸗ les ſagen, aber jetzt ſchlafen Sie. Das wird Ihnen gut thun.“ „Ich kann nicht ſchlafen“, antwortete Bergdorf,„ich bin zu erregt; aber Du haſt Recht, laſſen wir das auf 63 morgen, es würde nur dazu dienen, mir den Schlaf ganz zu verſcheuchen. Erzähle mir lieber etwas, damit ich auf andere Gedanken komme, weil ich doch nicht le⸗ ſen darf.“ „Was ſollte ich Ihnen erzählen!“ entgegnete Wind⸗ reuter. „Haſt Du nicht vorhin geſagt, Du wäreſt auch ein verlorenes, vaterloſes Kind geweſen? Erzähle, wie es Dir erging von Jugend auf.“ Der Alte ſchwieg und ſah einen Moment vor ſich hin.„Das iſt nicht der Mühe werth“, ſagte er dann. „Aber wenn es Sie zerſtreut, ſo will ich Ihnen etwas erzählen, was in meiner Heimat geſchehen iſt in der Zeit, wo ich jung war.“ Er ſann eine Weile nach, dann begann er: „Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt iſt, daß ich nicht in dieſem Lande daheim bin. Das Dörfchen, in dem ich zu Hauſe bin, liegt tief in dem Gebirge, deſſen vor⸗ derſte Höhen die Grenzen dieſes Landes bilden. Es iſt nur ein kleines Oertchen, das aus wenig Häuſern be⸗ ſteht und von aller Welt abgeſchnitten zwiſchen unge⸗ heuren waldigen Bergen liegt, die es von drei Seiten einſchließen. Nach der vierten Seite ſenkt ſich das Land wie ein breiter Abhang zu einem großen See hinunter, deſſen Ende nach allen Richtungen kaum zu erkennen 64 iſt, weil ſich das Land dahinter in weite Ebenen und Flächen verliert. Ueber den See hin geht drum auch der einzige Weg, wenn man mit andern Leuten und den Uferdörfern in Berührung kommen will; in die Berge hinein führen nur ſteile, faſt unwegſame Pfade zu den Almweiden und Sennhütten hinauf, denn das Dörflein hat nur wenig Ackerbau. Die Leute leben faſt alle von der Viehwirthſchaft und ſind nebenbei Fiſcher; das macht der nahe See, und es iſt faſt kein Gütchen, wo nicht ein Kahn ſchaukelt. Der Fiſchfang iſt auch an guten und ſeltenen Arten ſehr ergiebig, aber was die Leute fingen, mußten ſie Alles an das große Prälatenſtift liefern, das tiefer im Gebirge liegt und dem der ganze See gehört. Manchmal kamen auch einige von den Stiftsherren heraus, um ſich auf ein paar Tage mit Angeln und Netzwerk zu erluſtigen und in dem kleinen gemauerten Häuschen zu wohnen, das ſchier wie ein ſtädtiſches Gebäude ausſah und darum auch der Herrenſtock hieß. Die ganze übrige Zeit durch war der Herrenſtock unbewohnt und nur in einem klei⸗ nen Stübchen im Erdgeſchoſſe hatte eine alte Frau ihre Herberge, die eine Art Aufſicht führte und ſonſt bei den Dorfleuten im Taglohn arbeitete. Die Herrnleni, ſo hieß die Alte, war nicht im Dorf geboren, aber ſie hauſte ſchon ſo lang in dem Häuschen, daß ſich faſt 65 Niemand mehr der Zeit erinnern konnte, wo ſie ge⸗ kommen war. Vom Herrenſtock aus hatte man von vorn eine gar herrliche Ausſicht über den ganzen See, nach der Seite aber, nur durch einen ſchönen Baum⸗ garten getrennt, lag auf einem kleinen offenen Hügel der Riedlhof, wohl das größte Gut im ganzen Dorf. Wenn man über den See herübergefahren kam, war der Riedlhof das Erſte, was man ſah, denn er lag zwiſchen den Bäumen faſt ſo ſchön da wie ein Cdeſſitz. Rund herum gehörte faſt Alles, Land und Wald, zum Riedlhof und in keinem andern Stalle, auf keines An⸗ dern Weide war ſo viel und ſo ſchönes Vieh zu ſehen. Vom Hofe gerade herunter am See ſtand eine ſchön gezimmerte Schiffshütte mit einem großen grünbemal⸗ ten Nachen, hart neben der unſcheinbaren und arm⸗ ſeligen Hütte des Fiſcherbalthes. Das war der Be⸗ ſitzer davon, der ärmſte Schlucker im Dorf; er hatte nur ein Fleckchen Land, das kaum für ein paar Geißen ausreichte, und mußte deswegen die Fiſcherei mit mehr Fleiß treiben, denn die Lieferungen ins Stift wurden nicht ſchlecht bezahlt. Der Fiſcherbalthes war ein hübſcher, junger Burſche, den man nur gern anſah, gewachſen wie ein junger Tannenbaum, und wenn er Sonntags ſeinen Staat anhatte und im Kahn ſaß, um nach dem nächſten Dorfe Schmid, Mütze und Krone. III. 5 66 in die Kirche zu rudern, hätte man wohl weit ſuchen müſſen, einen ſchönern Burſchen zu ſehen. Die Ruder ſchwangen ſich nur ſo in ſeinen Händen und gerade ſo flink ging ihm auch alle andere Arbeit aus der Hand⸗ Zudem war er immer fröhlich und gut aufgelegt, und wenn er anfing ein Liedel zu ſingen, war es, als wenn ein Sproſſer im Wald anfangen thät zu ſchlagen. Drum war er auch überall gern geſehen, und wo er in eine Stube trat, lachten ihm lauter freundliche Geſichter entgegen. Beſonders die Mädels hatten überall die Augen auf ihm. Er aber that, als ſähe er ſie alle miteinander nicht, that ruhig ſeine Arbeit und hielt ſich auch nicht viel zu den übrigen Burſchen. Ein einziger war's, den er beſonders lieb hatte und mit dem er ſchier jeden Abend, wenn die Feierzeit kam, zuſammen war. Das war ein Burſche von gleichem Alter, aber von ganz anderm Aus⸗ ſehen und noch viel ärmer als der Balthes. Die Herrn⸗ leni war ſeine Mutter, da kann man ſich das wohl denken. Die hatte ihn, wie ſie in das Herrenhaus kam, als ein neugeborenes Kind mitgebracht, und man konnte nicht einmal recht erfahren, ob ſie wirklich ſeine Mutter war, und noch viel weniger, wer ſein Vater geweſen. Der Hans, ſo hieß der Burſche, hat es auch nicht gewußt. Er iſt halt in die Höh' gewachſen, wie 8 67 ein Baum im Wald, und hat ſich nicht viel darum ge⸗ kümmert, wie das zugeht. Er half den Leuten, wenn's gerade recht dringend war, bei der Arbeit, aber das Liebſte war ihm, wenn er in den Bergen im Wald herumſteigen, auf die Rehe birſchen und den Gemſen nachklettern konnte. Dem Förſter vom Stift war's nicht zuwider, einen Helfer zu haben, der nichts koſtete, drum nahm er ihn oft mit und ließ ihn wohl auch allein in den Forſt hinausgehen. Das war für den Hans immer das größte Vergnügen; er nahm nur ein Stück Brod mit ſich und blieb oft tagelang aus; er war immer gern allein und ſuchte ſo wenig die Luſt⸗ barkeit auf und die Kameradſchaft wie der Fiſcher⸗ balthes, und das iſt's wohl geweſen, was die Zwei die meiſte Zeit zuſammengeführt hat. Im Winter und Herbſt kam der Hans zum Balthes hinunter, ſetzte ſich an den großen eichenen Tiſch, der in der Stube unter dem Crucifix ſtand, und brachte ſeine Arbeit mit und ſchnitzelte Tabakspfeifen und allerhand Figuren aus ver⸗ krüppelten Hölzern, aus Wurzeln, Maſern oder aus dem Kern von Tannzapfen. Dann ſaß ihm Balthes mit der Zither gegenüber und ſpielte und ſang, daß man was drum gegeben hätte, ihn zu hören, und da⸗ bei ſind ſie ſeelenvergnügt geweſen alle zwei. Der Hans hatte nichts dagegen, wenn der Balthes die 5* Schnitzerei anſah, eh' ſie fertig war, was er ſonſt in den Tod nicht leiden konnte; dagegen machte ſich auch der Balthes nichts draus, wenn der Hans mitunter bei einem Liedel, das ihm beſonders gefiel, mitzuſingen anfing, und das war viel vom Balthes, denn er hatte gar ein feines Gehör und der Hans hat falſch geſun⸗ gen und hatte eine rauhe, heiſere Stimme wie eine Nebelkrähe. Wenn dann der Auswärts kam, ſind ſie miteinander auf einem grünen Bühel geſeſſen oder in den See hinausgerudert und haben es gerade ſo ge⸗ trieben.“ Windreuter unterbrach ſich hier einen Augenblick und machte ſich an der Lampe zu ſchaffen, als ob ſie nicht hell genug brennte; es war aber nicht ſo. „Sie werden ſich wundern“, begann er dann wie⸗ der,„daß ich all die Kleinigkeiten ſo weitläufig er⸗ zähl'. Es gehört aber zu der Geſchichte— Sie wer⸗ den ſchon ſehen ſpäter, warum. Sie müſſen doch zuerſt die Leute kennen, von denen ich Ihnen erzählen ſoll, und den Ort, wo ſie daheim geweſen ſind. Damit ich aber wieder weiterfahre, ſo iſt Hans mit dem Balthes auch in dem Stück gleich geweſen, daß er ſich um die Mädels nicht gekümmert hat. Ich weiß aber nicht, ob das nicht blos darum war, weil die Mädels ſich nicht um ihn kümmerten, denn er war 69 nichts weniger als ſchön; er hat's nicht verſtanden, den Weibsleuten ſchön zu thun, wie ſie's gern haben, und weil er das ſelber gar wohl geſpürt hat, ſchnauzte er jede ab, wenn ja einmal eine hätte ein Auge zu⸗ drücken und ein gutes Wörtel reden wollen mit dem ſchwarzen, ſonnverbrannten Burſchen. Ueber dem iſt ein Jahr ums andere hingegangen, und ohne daß ſie's gewußt oder gemerkt hätten, waren die Zwei auch in einem andern Punkt einig geworden und da hat das Unglück angefangen. Auf dem Riedlhof nämlich, der zwiſchen dem Herren⸗ haus und der Fiſcherhütte ſo recht in der Mitte ge⸗ legen iſt, daß man von jedem dahin hat ſchauen kön⸗ nen und daran vorbeigemußt hat, da war ein Mädel, die hatte es den beiden Burſchen angethan, ohne daß ſie es gewollt oder auch nur gewußt hätte. Das war die Lore, die Tochter von dem Riedlbauer. Der iſt aber ſchon lang todt geweſen, und die Mutter, mit der ſie forthauſte, hätte ihr den Hof jede Stunde gegeben, denn ſie war das einzige Kind, dem früher oder ſpäter doch Alles gehörte. Die Lore hat ſich aber um das Alles nicht gekümmert; ſie hat's gar nicht gewußt, daß ſie nur die Hand auszuſtrecken brauche, um ſich den Freier unter fünfzig ausſuchen zu können, und wenn ſie auch weniger ſauber geweſen wäre, der große Reich⸗ 70 thum allein hätte ſchon genug herbeigelockt. Sie hat ſich auch viel auf den Reichthum eingebildet und in ihrer ſtolzen und herriſchen Weiſ wär' es ihr gar nicht im Traum eingefallen, an einen armen Burſchen zu denken. Sie hat'’s auch oft geſagt, ſie wolle keinen Mann, der wie ein Bettelbub auf den Hof käm', und wer einmal Riedlbauer werden ſollt', der müßt' wenig⸗ ſtens ebenſo viel mitbringen, als er bekäme. Das haben die beiden Burſchen auch recht gut gewußt und haben ſich wohl gehütet, ſich was merken zu laſſen, denn ſie wären doch nur von der Lore ſtolz zurückgewieſen worden und von den Leuten ausgelacht noch obendrein. Wie das aber meiſtens geht, ſind ſie im Stillen deſto ärger verliebt geweſen, und war's dabei nur zu ver⸗ wundern, daß keiner von ihnen gemerkt hat, wie es mit dem andern geſtanden iſt. Sie haben nie darüber gered't miteinander, aber wenn irgend ein Feſttag ge⸗ kommen iſt, zu dem ein Mädel einen Buſchen braucht, ſo hat es Balthes ganz natürlich eingeleuchtet, wenn der Hans tagelang auf den Bergen herumgeſtiegen iſt, bis er das ſchönſte Edelweiß oder Steinräutl zuſammen⸗ gebrockt hat. Dagegen hat auch der Hans nichts darin gefunden, wenn der Balthes ſeinen Kahn, wenn ihn die Lore einmal zur Kirchenfahrt benutzte, verziert und ausgeputzt hatte wie zu einer Hochzeit. Sie ſind ihr — —— -,; (14 miteinander zu Gefallen gegangen, ſie haben ſich in den Sommernächten miteinander unter die große Linde ge⸗ ſetzt, die dem Riedlhof gegenüber ſtand, und haben nach ihrem Fenſter hinübergeſchaut; wenn ihnen dann ein Blick, ein Gruß oder ein Wort zu Theil wurde, ſo hat's jeder auf ſich bezogen, denn jeder hat gemeint, der andere hätt' ſein Geheimniß errathen und thät ihn nur deshalb überall begleiten, um ihm behülflich zu ſein. Da hat es ſich eines Tags zugetragen, daß die alte Riedlbäuerin einen gefährlichen Fall gethan hat, an dem ſie zwar nicht gleich geſtorben, von dem ſie aber doch nicht mehr aufgeſtanden iſt. Da hat ſie der Lore auf alle Weiſe zugeredet, ſie ſollte ſich einen Mann wählen, ſolange ſie noch die Augen offen hätte; es hat wohl auch bei der Lore nicht viel Zureden gebraucht, ſie hat alſo ja geſagt, und weil juſt ein entfernter Vetter gekommen iſt, der auch einen großen Bauernhof in der Ebene draußen gehabt hat, ſo iſt die Sach' ge⸗ ſchwind in Richtigkeit geweſen. Der Vetter hat ver⸗ ſprechen müſſen, daß er ſein Gut verkauft und auf den Riedlhof zieht, und ſo war Alles in der Stille zwiſchen Lore, ihrer Mutter und dem Bräutigam richtig gemacht, und nicht einmal die Leute im Hauſe haben eher was davon erfahren, als bis der Pfarrer das neue Paar ** —— a— 2 65— 8 ————ÿ— ———— 72 von der Kanzel geworfen hat. Da hat es freilich viel Gerede gegeben und die Leute haben ſich nicht genug verwundern können über die Wahl der ſchönen Riedl⸗ Lore, denn der Auserwählte iſt ein wüſtes Mannsbild geweſen mit rothen Haaren und blaſſem Geſicht, aber durch das Verwundern iſt die Sach' nicht anders wor⸗ den, und ſo iſt die Hochzeit bald mit aller Pracht vor ſich gegangen und auch bald nicht mehr geredet worden davon. Der Balthes aber und der Hans, die ſind alle zwei in der Kirch' geſtanden, wie die Verkündigung geſchehen iſt, und haben alle zwei faſt nicht gewußt, wie ſie aus der Kirch' weg und über den See zurückgekommen wa⸗ ren. Drüben endlich, in ihrem heimatlichen Dorfe, wie ſie nach ihrer Gewohnheit ſich unter der großen Linde getroffen haben, da ſind ihnen die Herzen auf⸗ und übergegangen. Dann ſind ſie bis ſpät in die Nacht beiſammen geſeſſen, und wie ſie auseinander gin⸗ gen, haben ſie einander die Hände gegeben, wie zum Zeichen einer Verlobniß. Und ſo iſt's auch geweſen! Wenige Wochen ſind ins Land kommen, da hat der Balthes ſeine Hütte verkauft gehabt und iſt mit dem Hans, der nichts zu verkaufen gehabt hat, in der Früh, wie's noch ganz grau war, in den Tannenwald an den Bergen hinanmarſchirt. Der Balthes iſt fort ans Meer und wollt' ſich auf einem Schiffe verdingen als Ma⸗ troſe; der Hans hat einen Kaſten voll Schnitzereien auf dem Rücken gehabt, mit denen er hat handeln wollen. Wie ſie draußen waren in der Eben’ haben ſie einan⸗ der wieder die Hand gegeben und ſind links und rechts auseinander gegangen. Um dieſelbige Zeit iſt es aber überall gar unruhig geworden; es iſt Krieg geweſen an allen Ecken und Enden, und ſo hat es nicht lange gedauert, bis der Hans auch ſtatt ſeines Kaſtens ein Gewehr auf dem Buckel gehabt hat. Er hat Vie⸗ les erlebt und mitgemacht, und wäre ihm beſſer ge⸗ weſen, eine von den vielen Kugeln, die er um ſich pfeifen hörte, hätte ihm das Lebenslicht ausgeblaſen; es hat ihn aber keine getroffen zum Sterben.“ Windreuter hielt inne und ſchob dem Kranken die Kiſſen zurecht. Dieſer hatte aufmerkſam zugehört und ſchien etwas beruhigt. „Nun“, ſagte er dann,„das kann doch das Ende Deiner Geſchichte nicht ſein?“ Der Alte ſchüttelte traurig den Kopf und fuhr fort: „So iſt eine lange Zeit hingegangen; es war Friede geworden, und in der Unthätigkeit hat es den Haus nicht ruhen laſſen, bis er mit ſeinem Abſchied ſeiner Heimat hat zuwandern können. Er hat jetzt in der Still' gelacht über das, was ihn damals fortgetrieben hatte; er war ja um ein ſchönes Bündel Jahre älter geworden und meinte, nun hätt' es keine Gefahr mehr und er könne die Lore wiederſehen, ohne in die alte Krankheit zurückzufallen. Wie er an den See gekom⸗ men iſt, war eben der Fiſcher, der nach Balthes auf das Geſchäft gekommen war, herübergefahren, und ſo hatte er Gelegenheit, bald in das liebe Dörfel hinüber zu kommen und während des Fahrens von dem Fiſcher zu erfahren, was in der langen Zeit ſeiner Abweſen⸗ heit in dem Dorf Alles geſchehen ſein mochte. „Ihr müßt wiſſen“, ſagte er zu dem Fiſcher, der die Ruder ein wenig einzog, um bequemer erzählen zu können,„ich habe vor zwanzig Jahren da drüben ge⸗ dient, da freut mich's doch, zu hören, wie es ſeither da drüben zugegangen iſt.“ „Nun, wie wird es zugegangen ſein«, antwortete der Fiſcher.„Wie's eben überall zugeht! Ihr werdet Manchen nicht mehr finden, der unterdeſſen die große Reiſ' gemacht hat. Wo ſeid Ihr im Dienſt geweſen, Landsmann?“ „Auf dem Riedlhof«, erwiderte Hans unbefangen. „Auf dem Riedlhof!“ begann der Fiſcher wieder. „Da hat ſich juſt am meiſten geändert. Das werdet Ihr wohl ſchon wiſſen, daß dort eingeheirathet iſt?“ „Ich habe die ſchöne Lore zur Kirche fahren ſehen“, ſagte Hans verwirrt, denn er fühlte, wie noch bei der Erinnerung ihm das Blut zum Herzen ſtürzte. „»Nun alſo! Die Heirath iſt gerade nicht zum Beſten ausgeſchlagen. Der neue Riedlbauer war ein bösarti⸗ ger, giftiger Menſch, der keinem Menſchen was vergönnt hat und der ſein Weib ohne Urſach' auf alle Art ge⸗ quält und gepeinigt hat. Da war Unfrieden, Zank und Streit alle Tage, und wie die Alte, die ein paar Jahre hingeſiecht hatte, geſtorben geweſen iſt, da war dem Faß vollends der Boden aus. Es iſt nichts Sel⸗ tenes geweſen, daß die reiche Riedlbäuerin manchen Sonntag nicht hat zur Kirche gehen können, ſo zerſchla⸗ gen war ſie. Zum Glück hat's nur ein drei Jahre ge⸗ dauert, da iſt der Wildfang geſtorben, ſonſt hätte er ſie gewiß zu Tode gemartert. Seitdem iſt nun in den ſchweren Kriegsläufen viel Leid über die Bäuerin ge⸗ kommen, aber ſie hat ſich tapfer durchgeſchlagen und regiert den Hof noch wie ein Mann.“ „Und iſt Wittwe und hat keine Kinder?« fragte Hans. „Sie iſt Wittib und will's bleiben. Kinder hat ſie nur eins, einen Sohn, der iſt ſchon ein geſtandener junger Menſch und hat ſtudirt. Jetzt iſt er drüben an unſerm Gericht als Praktikant.“ Der Hans hat nichts geantwortet und nur in einem 76 fort auf das Geſtade hingeſchaut, das mit jedem Ru⸗ derſchlage näher gekommen iſt und wo der Riedlhof ſo ſchön und ſtattlich wie ſonſt aus den Wieſen und Bäu⸗ men herausgeſchaut hat, und wie der Nachen angefah⸗ ren iſt, hat er den Ruck bis ins Herz hinein geſpürt. Er hat an dem Riedlhofe vorbei in den Herrenſtock gehen wollen, um nach ſeiner Mutter zu fragen; wie er aber nur noch ein paar Schritte von dem Hof weg war, iſt er auf einmal ſtehen geblieben, wie wenn er einwurzeln wollt', denn unter der Thür iſt die Riedl⸗ bäurin geſtanden und hat gerade den Knechten, die ins Heu gefahren ſind, angeſchafft. Natürlich war ſie in den zwanzig Jahren nicht jünger geworden, aber ſie iſt doch noch wohl ein ſauberes Weib geweſen, und dem Hans hat's wieder einen Ruck gegeben, noch ſtärker als wie der von dem Schiff. Er hat ſich aber zuſammen⸗ genommen und hat vorbei gewollt, weil er gemeint hat, die Bäurin thät ihn doch nimmer kennen. Da hat er auf einmal ihre bekannte Stimm' rufen hören: „Ja, wie iſt denn das? Herrnhans, Du biſt wieder da und willſt bei mir vorbeigehn wie ein Fremdes?“ Es verſteht ſich, daß der Hans nicht weiter gegangen— iſt; er hat auch bald erfahren, daß die Herrnleni nicht. mehr im Herrenſtock logirt, ſondern hinter der Kirche unter dem Hollundergeſträuch, hat alſo dort nichts mehr . 77 zu ſuchen gehabt! Der Grüß⸗Gott war von beiden Sei⸗ ten recht herzlich, und in einer Stunde war ausgemacht, daß der Hans auf dem Riedlhofe bleiben ſolle; ſie brauchte eben einen Knecht, er einen Dienſt und ſo iſt beiden Theilen geholfen geweſen. Von der Stund an hat der Hans ein Leben ge⸗ habt wie im Himmel; er hat gearbeitet wie ein Feind, nichts iſt ihm zu mühſam geweſen, nichts zu hart, er hat die Bäurin jeden Tag ſehen können und iſt ſchon zufrieden geweſen, wenn ſie mit ihm freundlich geweſen iſt, über die Wirthſchaft mit ihm gered't und manchmal gar ein Viertelſtündel von alten Zeiten mit ihm ge⸗ plaudert hat. Der Bäurin war's auch recht, daß er da war, und eh' ein Jahr verging, war er Oberknecht oder Baumeiſter auf dem Hofe geworden und genoß das vollſte Zutrauen der Bäurin. Das iſt noch beſſer ge⸗ worden, wie der Sohn auf Beſuch vom Amt herüber⸗ gekommen iſt, denn die Bäurin hat's bald merken müſ⸗ ſen, daß der Hans zu dem jungen Menſchen eine be⸗ ſondere Vorlieb' gefaßt hat. Das Warum hat ſie freilich nicht errathen können; das iſt kein anderes ge⸗ weſen, als daß der junge Mann, der übrigens ſeinem Vater gleichgeſehen hat und juſt nicht ſanber war, ein paar Augen im Kopfe gehabt hat, die man mit denen ſeiner Mutter hätte verwechſeln können. Auch der Sohn 1 78 iſt dem fleißigen, aufmerkſamen Oberknecht in kurzer Zeit gut geworden, und ſo war auf dem Riedlhof ein Leben wie im Paradies. Die Schlang' iſt aber nicht ausgeblieben. Manchmal ſchon iſt hier und da die Rede auf den Fiſcherbalthes gekommen, aber Niemand hat von ihm was gehört gehabt und Alles hat ihn wohl für todt gehalten. Drum hat's keine kleine Verwunderung ge⸗ geben, wie er auf einmal doch zurückgekommen iſt und obendrein ſo, daß ihn kein Menſch ſchier wiedererkannt hat! Er iſt ſtädtiſch gekleidet geweſen, hat goldne Ringe an allen Fingern getragen und auf der Bruſt eine Nadel mit koſtbaren Steinen. Mit einem Worte, er war ein reicher Mann geworden und nun heimgekom⸗ men, um das allen Leuten zu zeigen, die ihn früher als den armen Fiſcher gekannt hatten. Er iſt, ſo hat er überall erzählt, mit dem Schiffe, auf das er ſich verdingt gehabt hat, die halbe Welt ausgefahren und hat zuletzt im Holländiſchen eine kleine Handelſchaft angefangen. Die iſt über alle Erwartung gut gegan⸗ gen und hat ihn zum reichen Mann gemacht. Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß es gar nicht lang angeſtanden hat, ſo iſt er auch auf den Riedlhof gekommen, denn er iſt gar nicht mehr ſchüchtern geweſen wie ehemals, ſon⸗ dern hat ein freies, keckes Weſen gehabt, wie es die ——— ——— 79 Art des Schiffsvolks ſein ſoll. Die Riedlbäurin em⸗ pfing den wegen ſeines Reichthums allgemein gefeier⸗ ten und beſprochenen Gaſt mit unverhehlter Freude und auch ihm iſt es wie dem Hans gegangen. Er hat zu⸗ erſt nur ein paar Tage bleiben wollen, dann aber hat er ſich vorgenommen, den ganzen Sommer zu verweilen, hat ſich in dem leerſtehenden Herrenſtock eingemiethet und iſt jeden lieben Tag auf den Riedlhof zu Beſuch gekommen. Das war der Bäurin nicht unangenehm, denn es hat ihr geſchmeichelt, daß ein ſo feiner Mann ihr ſolche Aufmerkſamkeit anthat; auch hat ſie ihm gern zugehört, wenn er von ſeinen Reiſen erzählte, oder vom Meere und all den Seltenheiten, die er in den fremden Ländern geſehen hatte. Im Riedlhofe haben auch die beiden Kameraden ſich wiedergeſehen. Wenn ſie ſich zuvor an einem an⸗ dern Orte getroffen, hätte es wohl ſein können, daß ſie einander freudig begrüßt und die alte Freundſchaft wieder erneuert hätten. Auf dem Riedlhofe aber iſt jedem beim erſten Blick die ganze Vergangenheit ein⸗ gefallen, jeder hat an die letzte Zwieſprach unter der Linde gedacht und hat geglaubt, er könnt' den Grund errathen, der den andern hergebracht hätte. So iſt es geſchehen, daß ſie ſich nur froſtig und zurückhaltend ge⸗ grüßt haben und einander in der Still' bald abgeneigt 80 und zuletzt völlig feindlich geworden ſind. Das iſt aber wie ein Unkraut; das wächſt zehnmal ſchneller als ein gedeihliches Pflänzel und überwuchert Alles, und ſo iſt auch bald von der alten Freundſchaft kein Faſerchen mehr übrig geblieben. Der Herr Balthaſar Eglinger, ſo hat er ſich jetzt genannt, hat ſehr bald gemerkt, was der Hans auf dem Hof gegolten hat, er iſt ihm neidig geweſen darum und gleich darauf ausgeweſen, ihn wegzudrücken. Der Hans hat das wohl merken müſſen, er hat es auch ohne das nicht gleichgültig ertragen können, daß der reich gewordene Fiſcher ſtundenlang bei der Bäurin in der Stube geſeſſen iſt, während er im Hofe und der Scheune die ſchwerſten Arbeiten hat verrichten müſſen. Da iſt oft über ihn ein wilder Neid gekommen, eine grimmige Eiferſucht und zugleich eine bittere Wuth, denn er hat ſich wider Willen ein⸗ geſtehen müſſen, daß er ſich in nichts mit ihm hat meſ⸗ ſen können, als in ſeiner grenzenloſen Liebe. Er hat ſich vor ſich ſelbſt wegen deſſen geſchämt, er hat ſich Vorwürfe gemacht über eine Leidenſchaft, die zu ſeinem Alter nicht mehr paſſe, aber es iſt umſonſt geweſen; wenn das Herz brennt, ſteigt der Rauch allemal über den Kopf! So iſt es ſchier wie ein Troſt für ihn geweſen, wie er von dem jetzigen Aufſeher des Herrenſtocks erfahren 81 hat, der Herr Balthaſar ſei dem Laſter des Trunks er⸗ geben. Er hat ſich auf dem Schiffe an den Brannt⸗ wein gewöhnt gehabt, daß er ohne denſelben gar nicht mehr hat leben können. Hier und da hat er ſich wohl zuſammengenommen und hat ſich einige Tage enthalten, dann aber iſt er immer wieder zurückgefallen und, hat nachts und allein in ſeinem Zimmer ſo lange getrun⸗ ken, bis er völlig berauſcht war. Dadurch war mit einem Mal Alles geändert; jetzt, hat der Hans gemeint, braucht er ſich vor dem Vergleiche nicht mehr zu ſcheuen, jetzt war er im Vortheil; ein ſolcher Mann konnte Lore nur neuerdings unglücklich machen. Er nahm ſich drum vor, ſie zu warnen, aber ſo oft er den Mund dazu hat aufmachen wollen, hat ihn immer wieder was zurückgehalten. Einmal iſt er gerade vom Felde heim gekommen, zu einer Zeit, wo er gewußt hat, daß Bal⸗ thes nicht da ſei; da hat er ſich ein Herz gefaßt und iſt ins Haus gegangen, um der Bäurin Alles zu ſagen. Wie er aber vor die Thür gekommen iſt, hat er drin⸗ nen ſprechen gehört; es war ſein Feind, der die Lore mit Liebesanträgen beſtürmte. Er hörte mit an, wie er erzählte, daß er ſie ſchon in der Jugend geliebt habe, wie er ihr den Antrag machte, das Gut zu ver⸗ kaufen und mit ihm nach Holland zu ziehen, wie er ihr das Leben, das ſie dort als reiche, angeſehene Kauf⸗ Schmid, Mütze und Krone. III.. 6 82 mannsfrau erwarte, mit allem Glanze ausmalte, und iſt lang halbtodt vor der Thür geſtanden und hat nicht vermocht, ſich zu rühren. Er hat zugehört, wie die Lore wohl zuerſt gegen den Antrag Einwendungen machte; ſie berief ſich auf ihr Alter, das nicht mehr zum Freien ſtimme, auf ihren bereits erwachſenen Sohn, aber es iſt dieſen Weigerungen wohl anzuhören geweſen, daß ſie nicht ernſtlich gemeint waren, daß ſie nur die Ein⸗ willigung etwas verzögern ſollten. Endlich hat ſich der Hans doch losgeriſſen und iſt in der Scheune auf das höchſte Heulager hinaufgeſtie⸗ gen, dort hat er ſich hingeworfen und iſt bis zum Abend in einem Herzleid liegen geblieben, das nur unſer Herrgott kennt! Wie es ruhig geworden im Hauſe, iſt er herabge⸗ kommen, in die Stube getreten und hat ſeinen Abſchied verlangt. Die Bäurin hat ihn einen Augenblick ver⸗ wundert angeſchaut, dann hat ſie die Augen niederge⸗ ſchlagen und hat ihn ausgezahlt, ohne weiter ein Wort darüber zu verlieren. Sie hat es wohl geſpürt, viel⸗ leicht zum erſten Mal, was ihn fortgetrieben hat. Anm andern Morgen vor Tagesanbruch iſt der Hans verſchwunden geweſen, ohne ſeine Warnung angebracht zu haben. Sie hat dich und deine Treu', hat er ſich gedacht, über dem Reichthum überſehn, jetzt ſoll ſie nur 83 ihren Weg gehn und ſoll erfahren, daß ſie ſchlecht ge⸗ wählt hat! Bereuen muß ſie und den Hans zurück⸗ wünſchen, und das zu erleben ſoll dann meine Rache ſein!.. Nach ſeiner Entfernung vergingen einige Monate, ohne daß etwas Beſonderes vorfiel. Er hatte einen Dienſt am andern Seeufer gefunden und hörte nur manchmal von weitem, daß der Herr Balthaſar der erklärte Bräutigam der Riedlbäurin war und daß im Spätherbſt die Hochzeit ſein ſolle. Doch hat auch ſchon das Gerede angefangen von ſeiner Trunkſucht zu mun⸗ keln, die ſich immer öfter bemerklich machte und die Leute zu ſonderbaren Gedanken veranlaßte. Eines Tags war der Balthes in dem Ort, in wel⸗ chem Hans bei einem Fiſcher diente. Er iſt bis gegen Abend im Wirthshauſe ſitzen geblieben, hat in ſeiner Luſtigkeit Alles, was tractirt ſein wollte, tractirt und zuletzt in völlig betrunkenem Zuſtande verlangt, noch über den See geführt zu werden. Vergebens hat ihm der Wirth gerathen, bis zum andern Morgen zu war⸗ ten, er iſt mit aller Hartnäckigkeit des Rauſches auf ſeinem Willen beſtanden und dem Geſtade zugetaumelt, wo die Kähne lagen. Es dämmerte bereits. Der Hans iſt eben in dem einen Kahne geſeſſen und hat ſich auf den Befehl ſeines Dienſtherrn bereit gemacht, den Be⸗ . 6*½ 84 trunkenen, der ihn gar nicht beachtete, überzufahren. Der Fiſcher ermahnte ihn, ruhig ſitzen zu bleiben, und der Kahn ſtieß ab. Eine Weile ging's ganz ruhig dahin, keiner der beiden Männer hat ein Wort geſprochen; der Hans hat den Andern nicht angeſchaut, der aber hat in ſeinem Zuſtande zwiſchen Schlaf und Taumel vor ſich hinge⸗ nickt. Wie ſie gegen die Mitte des Sees gekommen ſind, hat die Nachtluft, die ziemlich kühl hingeſtri⸗ chen iſt übers Waſſer, angefangen, ihn nüchtern zu machen; er hat ſich aufgerichtet, um ſich geſchaut und angefangen, mit dem Fährmann zu reden. Der Hans hat es nicht vermeiden können, ihm zu antworten, und trotz des Rauſches hat ihn der Balthes beim erſten Worte erkannt. „Was“, rief er mit ſpöttiſcher Luſtigkeit,„Du biſt's, Hans? Du ſelber mußt mich überfahren zu meinem Schatz?« Dabei lachte er, daß es über den ſchweigen⸗ den See hallte. Dem Hans hat jeder Laut wie ein Meſſer ins Herz geſchnitten, aber er hat ſich in die Lippen gebiſſen und iſt ſtill geweſen. „Geſchieht Dir auch recht“, fuhr der Andere lachend fort.„Wie kann's ſo ein armer Teufel wie Du mit unſereinem aufnehmen! Haſt Dich ja ſchon ganz hübſch — 85 eingeniſtet gehabt auf dem Hof, aber gelt, der Fiſcher⸗ balthes hat Dich doch ausgeſtochen!“ Der Hans athmete immer tiefer, aber er hat ge⸗ ſchwiegen und ſeinen Zorn an den Rudern ausgelaſſen. „Warum antworteſt Du nicht?“ ſchrie Balthes wie⸗ der.„Biſt Du bös auf mich? Laß es gut ſein, Hans! Dableiben kannſt Du doch nicht, drum geh wieder fort, ich will Dir Geld geben, Geld, ſoviel Du brauchſt— ich habe genug Geld!“ „Ich brauche kein Geld von Dir“, erwiderte Hans barſch. „Nichts da, Du mußt es nehmen“, ſagte Balthes. „Wenn wir hinüberkommen, geb' ich Dir noch viel mehr. Ich habe Geld genug— da nimm!“ Damit zog er einen ſchweren Beutel hervor und wollte ſich tau⸗ melnd erheben, um ihn Hans hinzureichen. „Bleibt mir mit Eurem Gelde vom Leib, Herr Bal⸗ thes Eglinger“, rief Hans,„ſetzt Euch nieder und haltet Euch ruhig, ſonſt fallt Ihr mit all Eurem Gelde in den See!“ Der Betrunkene achtete nicht darauf und machte fortwährend Verſuche, aufzuſtehen, der Nachen iſt drüber in heftiges Schwanken gekommen. „So bleibt ins Teufels Namen ſitzen“, ſchrie Hans ärgerlich,„der Kahn ſchlägt ſonſt wahrhaftig um!“ 86 „Meinſt Du, ich fürchte mich vor Deinem elenden See?“« rief der Andere entgegen und ſtand nun wirk⸗ lich aufrecht im Kahne.„Meinſt Du, ein alter Ma⸗ troſe, der das Meer kennen gelernt hat, werde in einem ſolchen lumpigen Nachen nicht ſtehen können?“ „Nun, ſo ſieh, ob Du’s kannſt“, hat der Hans zor⸗ nig vor ſich hingebrummt und mit beiden gleichzeitig ausgehobenen Rudern einen mächtigen Zug gemacht. Von dem Ruck iſt der Betrunkene aus dem Gleichgewicht gekommen, hat ein biſſel geſchwankt— dann iſt er über Bord gefallen und im nächſten Augenblick verſunken geweſen.— Eh' er wieder aufgetaucht iſt, war der Kahn, von dem ſtarken Zuge getrieben, ſchon eine gute Strecke von der Stelle entfernt. Dem Hans iſt es einen Augenblick durchs Gemüth gegangen, daß er ſeinen Nebenbuhler los ſei; er hat ſich über das, was geſchehen war, nicht beſonnen und iſt, ſtatt zu wenden, weiter gerudert, um nicht hinſehen zu müſſen. Da tönte der Ruf des Ertrinkenden:„Hilf, Hans! hilf!« im Tone der entſetzlichſten Angſt an ſein Ohr, und plötzlich waren alle finſtern Gedanken von ſeiner Seele; pfeilſchnell hat er den Nachen umgedreht und iſt zu dem Unglücklichen zurückgerudert, der nur noch 87 matt gegen das Unterſinken kämpfte. Schon war er nahe, in der nächſten Sekunde konnte er ihn faſſen— da iſt's geſchehen geweſen. Der Körper iſt in die faſt bodenloſe Tiefe verſunken, aus der's keine Rettung mehr gibt; ein paar Luftblaſen ſind noch auf die Ober⸗ fläche geſtiegen, dann iſt Alles ſtill geweſen, droben wie drunten in der Tiefe. Inzwiſchen war der Mond aufgegangen und hat hell auf den Riedlhof geſchienen und auf die Bäume um denſelben. Langſam ruderte Hans mit der Nachricht nach Hauſe, der Kaufmann ſei in ſeiner Trunkenheit in den See gefallen. So viel das auch für ſich hatte, ſo iſt doch bald der Verdacht laut geworden, der Hans habe ihn hin⸗ eingeſtürzt. Das geſpannte und feindſelige Verhältniß der frühern Freunde war nicht unbemerkt geblieben und hatte zu allerlei Muthmaßungen geführt; es war bald genug, um Hans in den Kerker zu ſtecken. Sein jun⸗ ger Freund, der Sohn der Riedlbäurin, aber hat ſich ſeiner angenommen und behauptet, der Hans ſei einer ſolchen That gar nicht fähig, er hat Alles für ihn ge⸗ than und hat ihn vertheidigt, und das Ende war, daß Hans wieder frei gelaſſen wurde. Darauf iſt er fort in ein anderes Land, wo man von der Geſchichte nichts 88 gewußt hat. Auch der junge Riedl iſt dahin gekommen, nachdem er ſein älterliches Gut verkauft gehabt hat, denn ſeine Mutter, die ſchöne Lore vom Riedlhof, iſt bald darauf aus Schrecken und Alteration geſtorben.“ Der Alte ſchwieg. „Nun“, ſagte Bergdorf,„und was iſt aus Hans geworden?“ „Er lebt noch“, ſagte der Alte nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe.„Es geht ihm leidlich gut, aber eine frohe Stunde hab' ich ſeit dem Augenblick nicht mehr gehabt!“ „Wie, Du ſelbſt?“ rief Bergdorf ſtaunend.„Du—“ „Nicht doch“, erwiderte der Alte aufſtehend.„Ich habe nur erzählen wollen, was er zu mir ſagte, als er um die Zeit zu mir kam, wo ich bei Ihrem Vater als Reitknecht eintrat. Aber es iſt ſpät in der Nacht! Laſ⸗ ſen Sie nun den armen Hans, denken Sie nicht mehr an ihn und ſchlafen Sie, die Ruhe wird Ihnen gut thun!“. Damit dämpfte er die Lampe bis zur ſchwächſten Dämmerung, der Kranke wendete ſich der Wand zu und ſchien bald entſchlummert zu ſein. Der Alte ſaß aber noch lange einſam im dunklen Zimmer und kein Schlaf kam in ſeine Augen. Drittes Kapitel. Schwarz und Roth. Es war ein trüber, regneriſcher Abend. Graues Gewölk hielt wie ein Aſchentuch den ganzen Himmel überzogen und ließ von Zeit zu Zeit feine, aber um deſto dichtere Regenſchauer niederſprühen. Eben fiel ein etwas ſtärkerer Guß; aber unbekümmert darum kam Meiſter Rempelmann, obwohl er keinen Schirm trug, um die Näſſe abzuwehren, in aller Gemächlichkeit zum Jakobsthor heraus und ſeiner Thurmbehauſung ent⸗ gegen gewandert. Als er dieſe erblickte, beſchleunigte er ſeinen Schritt, aber das geſchah unverkennbar nicht, um dem Wetter zu entgehen, ſondern aus einem inner⸗ lichen Behagen, das ihn vorwärts trieb und ihn auch die beträchtliche Laſt des zuſammengerollten Lederballens 90 nicht fühlen ließ, den er auf den Schultern trug. Daß er das Naßwerden nicht ſcheute, war auch daran zu erkennen, daß er am Fuße der Thurmſtiege ſtehen blieb, ſeine Bürde auf den Stufen an einem Plätzchen zurecht ſtellte, wo der Regen ſie nicht erreichen konnte, und ſich dann an dem Aprikoſenbaum zu ſchaffen machte, der an der Thurmwand auf Drähten wie an einem Spalier hinangezogen war. Der Baum war ſichtbar mit großer Liebe und Sorgfalt gepflegt, die Rinde glänzte rein und glatt, die Blätter waren überall grün und friſch, und die Mühe hatte ſich auch bereits gelohnt; denn überall begannen aus den fallenden Blütenhüllen ſchon die künftigen Früchte hervorzubrechen. Während der Meiſter die künftige Ernte frohen Blickes überſchaute, ließ er einen kurzen Pfiff ertönen, welcher den Anfangslauten eines Finkenſchlags glich und ein bekanntes Zeichen ſein mußte; denn unmittel⸗ bar darauf klirrte das niedrige Fenſter im obern Thurm⸗ gemache, ein Schieber ſiel daran herab, und in der Luke wurde der Kopf der Schuſterin ſichtbar. „Grüß Dich Gott, Mann“, rief ſie vergnügt.„Biſt ſchon daheim? Das iſt recht. Komm' nur herauf! Du haſt gewiß gute Geſchäfte gemacht, weil Du ſo bald heimkommſt.“ „Komme gleich, Grete“, ſagte der Meiſter,„aber ich 91 ſehe da einen Patienten, dem ich als Doctor noch einen Abendbeſuch machen muß. Werde ihm dann ſchon ein⸗ mal meine Deſervitenrechnung übergeben, wenn es Zeit iſt, die Früchte einzuſtreichen. Komm' indeß herunter und trag' das Leder hinauf.“ Im nächſten Augenblicke öffnete ſich die Thür; die Schuſterin kam die Treppe herunter und zog die Leder⸗ rolle hinter ſich die Staffeln hinan. „J, was das ſchwer iſt!“ ſagte ſie.„Du haſt ja wohl das Leder von der ganzen Welt gekauft! Es muß Dir gehörig ſauer geworden ſein, dieſen Pack zu ſchleppen. Aber mach' nur, daß Du hereinkommſt! Mußt nicht ſo lange im Regen bleiben; wenn er ſo fein fällt, dringt er durch und durch, bis auf die Haut!“ „Sorge nicht, Grete“, erwiderte Rempelmann;„bin nicht ſo empfindlich, daß mir ſo ein kleines Regenbad gleich Schaden thäte! Da oben fangen ein paar junge Aprikoſen an, gelb zu werden, das iſt zu früh. Da iſt etwas daran nicht richtig; gewiß hat irgend ein Ungeziefer ſie angefreſſen, dem ich zuvor den Garaus machen muß. Es iſt nur ein bischen hoch, und ich muß erſt ſehen, wie ich hinauflangen kann.“ Während die Frau in die Wohnung zurückkehrte, trat der Meiſter von der Treppe auf die mit breiten . 92 Steinplatten bedeckte Mauer des benachbarten Gartens, aus welcher feſt eingegoſſene Eiſenſtangen mit vergol⸗ deten Spitzen emporſtiegen und ein undurchdringliches wie unüberſteigliches Gitter bildeten. Von dieſem er⸗ höhten Standpunkt aus war es dem Manne möglich, die Stelle zu erreichen, wo die beſchädigten Früchte hingen, und er hatte eben eine derſelben in der Hand und beſichtigte mit Kennermiene die ſchwarzen Punkte, welche der Stich oder Biß irgend eines Inſektes daran hervorgerufen. „Was das wieder für ein Geſchmeiß ſein mag“, brummte er in den Bart.„Ein Gärtner hat doch wirk⸗ lich ſo viel Feinde als Sand am Meere. Das iſt nicht Ameiſenfraß und auch nicht das Nagen von Ohren⸗ höhlern, eher wie Wespenſtich! Richtig, da oben hängt das Neſt und daneben ſind auch ein paar zuſammen⸗ geklebte und von Raupen eingeſponnene Blätter! Die müſſen herunter. Ich werde mich ein bischen auf das Geländer ſtützen; ſo ſchwer bin ich nicht, daß mich die Stangen nicht tragen ſollten.“ Der Gedanke war ſchnell ausgeführt. Das Knie an die Wand gedrückt, mit dem andern Fuße rückwärts an das Geländer geſtemmt, ſtreckte ſich der Meiſter mit hoch erhobenem Arme und wurde darüber nicht gewahr, daß der Eigenthümer des Gartens auf den mit weichem 93 Sande beſtreuten Gängen geräuſchlos näher gekommen war und mit giftigen Blicken die Beſchäftigung des Schuſters beobachtete. Jetzt hatte dieſer einen Zweig abgebrochen und ſtieg herunter, das Aeſtchen in der Hand, von welchem eine Brut junger Raupen dicht und wimmelnd herunterhing. „Sieh da, Meiſter“, rief der Nachbar mit ſeinem gewöhnlichen Hüſteln herüber.„Ihr ſeid eben nicht bedenklich, mein Eiſengitter als Leiter zu gebrauchen! Ihr glaubt wohl, wenn es Schaden leidet, ich finde das Geld, es wiederherzuſtellen, auf der Straße?“ Meiſter Rempelmann hatte ſich umgewandt und be⸗ trachtete den Redenden mit einem Ausdruck des Geſichts, welcher zwiſchen Spott und Unwillen ſchwankte. „Finden, Herr Nachbar?“ ſagte er dann.„Nein, für eine ſo dumme Ausrede bin ich doch zu pfiffig. Man findet nichts mehr heutzutage und am allerwe⸗ nigſten Geld, denn es verliert Niemand Geld. Aber was man nicht findet, kann man ja ſuchen, und Sie wiſſen recht gut, wo man ſuchen muß, wenn man Geld finden will. Das biſſel Heraufſteigen wird den Stangen keinen Schaden thun. Das Eiſen hält immerhin feſter als die Ehrlichkeit von gewiſſen Leuten!“ „Ihr ſeid mit der Zunge immer flink bei der Hand“, hüſtelte der Agent von drüben, indem er ſeinen Regen⸗ 94 mantel von Kautſchuk fröſtelnd enger anzog.„Ich brauchte mir eigentlich Eure groben Reden gar nicht gefallen zu laſſen. Ihr ſeid und bleibt eben ein un⸗ erträglicher Nachbar, aber gerade deswegen will ich Euch einmal zeigen, wie ſehr Ihr mir Unrecht thut; ich will Euch beſchämen und ſagen, daß ich gar nichts dagegen habe.“ „Mich gehorſamſt zu bedanken“, lachte der Schuſter herunter;„wird ſobald nicht mehr nöthig ſein, daß ich wieder heraufſteige. Wenn man zur rechten Zeit dem Ungeziefer das Neſt zerſtört, kann es nicht überhand nehmen!“ Er war nun heruntergeſtiegen und kam auf die Steinplatte zu ſtehen, auf welche er den Zweig mit den Raupen warf und zertrat. „Häßliches Gethier das“, ſagte er dabei.„Nicht wahr, Herr Nachbar? Unſer Herrgott wird wiſſen, zu was er es erſchaffen hat. Man muß ſich eben darein finden! Geht es einem doch bei manchem Menſchen ſo, daß man ſich nicht enthalten kann, gerade ſo zu fragen!“ Die Augen des Agenten funkelten durch die Däm⸗ merung wie die einer Schlange, welche ſich gern auf ihr Opfer ſtürzen möchte, aus kluger Berechnung aber zurückhält, weil ſie wohl erkennt, daß ſie noch nicht 95 die Entfernung erreicht hat, aus der es ihr wöglich iſt, daſſelbe im Sprunge zu erreichen. Mit grinſendem Lächeln rief er hinwieder:„Ich habe es ſchon oft geſagt, an Euch iſt ein Philoſoph verloren gegangen, Meiſter Rempelmann, ein zweiter Hans Sachs oder Jakob Böhme! Ihr hättet ein Doctor der Weltweisheit werden ſollen.“ „Warum nicht gar ein Profeſſor!“ ſagte der Schuſter. „Ich mache blos meine Augen auf und kann nicht da⸗ für, wenn ich da ſehe, daß unſer lieber Herrgott gar unterſchiedliche Koſtgänger hat. Das Ungeziefer aber kann ich nun einmal nicht leiden, weil es nicht blos nichts arbeitet und ſich nur von fremdem Fleiße mäſtet, ſondern auch Anderer Arbeit zerſtört, wie die Raupen und die Hummeln. Vor allen aber ſind mir die Ohren⸗ höhler zuwider, die dünnen, glatten Dinger, die ſo ſachte kriechen und ſich ſo geſchwind drehen und ver⸗ ſtecken und Alles mit ihren gierigen Freßzangen packen, was ihnen in den Weg kommt. Da ſitzt richtig ſolch ein Unthier in der Aprikoſe; drum iſt ſie gelb gewor⸗ den und abgefallen. Kann das Vieh nicht einmal warten, bis die Frucht weich und reif geworden iſt! Muß in ſeiner Gier in die grüne, ſteinharte Aprikoſe beißen!“ Dabei ſchüttelte er die Frucht, die er in der Hand 96 hielt, über den Zaun, daß der Ohrwurm herab und auf Sparberger fallen mußte, der mit Abſcheu zurück⸗ weichend das Ungeziefer vom Rocke ſchüttelte. „Es iſt merkwürdig“, hüſtelte er,„wie genau Ihr die Natur beobachtet, Meiſter. Ich will aber auch da⸗ von Nutzen ziehen und will mir's merken, daß es die größte Klugheit iſt, ſeine Zeit abzuwarten. Für Jeden kommt ein Augenblick, wo er reif wird!“ Er wandte ſich ab, blieb aber doch wieder ſtehen; denn gleichzeitig hatte ſich der Schuſter von der Mauer herabgeſchwungen, indem er ſich mit der Hand an den Eiſenſtangen feſthielt; er wäre aber beinahe herabgeſtürzt, weil die eine Stange, auf welche er ſich verlaſſen hatte dem Drucke nachgab; es zeigte ſich, daß ſie abgebrochen und aus dem Gefüge gekommen war. „Sieh da“, ſagte Sparberger, indem er hinzutrat und den Schaden unterſuchte,„da iſt eine Stange vom Gitter los, daß man bequem hin⸗ und herkriechen kann! Das Loch iſt ſo groß, daß ein Mann leicht aus⸗ und einſchlüpfen kann, und wenn er ſo ſtark wäre als Ihr, Meiſter; meint Ihr nicht auch?“ Der Schuſter war etwas betreten. Es war ihm in hohem Grade unangenehm, dem verhaßten Manne gegenüber im Nachtheil ſein und zugeſtehen zu müſſen, daß derſelbe einmal wirklich Recht behielt. 97 „Diesmal muß ich klein beigeben, Herr Nachbar“, ſagte er in gemäßigtem Tone.„Ich ſehe, daß man ſich auch auf das Eiſen nicht mehr verlaſſen kann. Thut mir leid! Wenn ich mir das hätte einbilden können, hätte ich mich nicht ſo feſt angehalten. Aber ich will es machen laſſen, Herr Nachbar; durch mich ſollen Sie keinen Schaden leiden!“ „Schaden! Wo denkt Ihr hin, Meiſter!“ rief Spar⸗ berger mit noch freundlicherem Grinſen.„Wo ſollte ein Schaden herkommen? Das iſt nur Nutzen, reiner doppelter Nutzen für mich! Erſtens ſeh' ich einmal wie⸗ der, wie ſchlecht man bedient wird von den Handwerks⸗ leuten, und dann bin ich dahinter gekommen, daß da ein recht bequemer Weg in meinen Garten führt, und wer einmal im Garten iſt, der kann auch ins Haus kommen, nicht wahr? Dabei geht mir ein Licht über allerhand Dinge auf! Das iſt immer ein großer Nutzen und ich bin Euch recht dankbar, Meiſter, daß Ihr mir den Schlupfwinkel verrathen habt!“ Damit eilte er hinweg und war nach wenigen Schritten hinter einer Heckenpartie des Gartens ver⸗ ſchwunden. Der Schuſter ſah ihm ärgerlich nach.„Ich weiß nicht, was ich gäbe“, ſagte er für ſich hin,„wenn mir das nicht paſſirt wäre. Ich verſtehe zwar den Kerl Schmid, Mütze und Krone. III. 7 98 nicht, was er mit ſeinen Reden meint— er wird doch am Ende nicht gar denken—“ In ſeinem murmelnden Selbſtgeſpräche wurde er durch die Frau unterbrochen, welche das Guckfenſter wieder geöffnet hatte und herausrief:„Aber, Mann, was fällt Dir denn ein? Willſt Du in dem Regen im Freien übernachten? Es iſt ja ſchon ganz dämmerig, komm' doch nur herein!“ „Komme ſchon“, erwiderte der Meiſter, indem er die Treppe hinanſtieg, mit lauter Stimme, aber lange nicht mehr ſo munter, als er gekommen war; etwas von der Dämmerung und Düſterheit, die ſich immer ſtärker über Garten und Haus lagerte, ſchien verſtim⸗ mend auch auf ſein Gemüth gefallen zu ſein. Aerger⸗ lich trat er in die dunkle Stube und es bedurfte eini⸗ ger Zeit, bis die herzliche ſchlichte Begrüßung ſeines Weibes die frühere heitere Stimmung zum Theil wie⸗ derherſtellte. „Was iſt Dir nur, Mann?“ fragte die Frau.„Biſt ſo luſtig heimgekommen und jetzt biſt Du ganz ver⸗ drießlich!“ „Brauchſt nicht erſt zu fragen“, erwiderte der Meiſter, indem er den Rock ablegte, ihn behutſam an den Nagel hing und den Hut darüber ſtülpte.„Du haſt ja ge⸗ ſehen, daß ich mit dem Nachbar Sparberger geredet habe; es verdirbt mir allemal den ganzen Tag, wenn ich mit dem Kerl zuſammentreffe!“ „Haſt Dich alſo wieder gehäkelt mit ihm Das ſollteſt Du nicht thun. Du machſt ihn uns immer noch mehr zum Feinde, und arme Leute, wie wir ſind, kön⸗ nen keine Feinde brauchen.“ „Hoho! Thue Recht und ſcheue Niemand!“ rief Rempelmann, indem er das Schurzfell vorband, die Glaskugel anzündete und ſich auf dem Schuſterſchemel zurechtſetzte.„Ich thue nichts Unrechtes, alſo brauche ich keinen Feind zu fürchten, am allerwenigſten dieſen 1 Heimtücker! Schwerenoth! Ich kann alle Menſchen leiden, aber der iſt mir im Grunde der Seele zu⸗ wider; ich habe ordentlich eine Art Abſcheu vor ihm, als wenn er mir irgend etwas recht Arges angethan hätte oder noch anthun wollte.“ „Du wirſt doch nicht heute noch arbeiten wollen?“ unterbrach ihn die Frau, während er einen Stiefel auf dem Knie zurechtlegte und den Pechdraht auszu⸗ ziehen anfing. „Ja, es iſt nicht anders“ erwiderte er.„Der Nach⸗ bar Metzger will ſeine Stiefel heute noch um zehn Uhr abholen. Ich hab' ſie ihm verſprochen, weil er morgen über Land gehen muß, und was der Meiſter Rempel⸗ mann verſpricht, das hat er noch allemal gehalten.“ 7* — 100 Darüber hatte der Meiſter die Arbeit begonnen, klopfte und zog darauf los und war nach wenigen Augenblicken wieder in der beſten Laune.„Es gibt nichts Beſſeres, ſich dumme Gedanken aus dem Kopfe zu ſchlagen, als gehörig arbeiten!“ rief er dann.„Ei⸗ gentlich haſt Du auch Recht, Grete. Warum ſoll ich mir durch den widerlichen Menſchen eine gute Stunde verderben laſſen? Ich ſitze da in⸗meinen eigenen vier Wänden bei Weib und Kind, bin geſund, und was Du vorhin von armen Leuten geſagt haſt, das geht gar nicht auf uns! So ſehen arme Leute nicht aus! Wir ſind reich, ſag' ich Dir, ſo reich, daß ich mit dem Nachbar Sparberger nicht tauſchen möchte! Bin ich durch das Geſchenk des Unbekannten nicht ein gemachter Mann geworden? Kann ich nicht Leder einkaufen wie der größte Meiſter, der zwanzig Geſellen ſitzen hat? Ho, Du hätteſt den Lederhändler ſehen ſollen, was er für Augen machte, wie ich ihm die ſchönen, neugewech⸗ ſelten Gulden ſo hinzählte! Sonſt hat er mich kaum gegrüßt; heute hat er mir ein Compliment gemacht bis auf den Boden herunter und mir ſelber die Thür aufgemacht. Hahaha, jetzt hab' ich Vorrath faſt auf ein Jahr, Alles baar bezahlt und noch immer eine ſchöne Summe in Verwahr!“ „Du haſt Recht, Mann“, unterbrach ihn das Weib, 101 und ich bin auch recht glücklich, ich kann Dir gar nicht ſagen wie ſehr; ich habe Dir deshalb auch einen Extra⸗ biſſen hergerichtet!“ „Was?“ lachte der Schuſter, indem er den aufge⸗ hobenen Hammer in der Luft ſchweben ließ.„Doch nicht etwa gar mein Leibeſſen, Weib? Knackwurſt mit Kartoffelſalat?“ „Freilich“, erwiderte gleichfalls lachend die Frau, „und eine Maß Doppelbier dazu. Ich bin eigens fort⸗ geweſen und hab' es ſelber beim Steinbräuer drüben geholt, es ſoll ja dort am beſten ſein.“ „Grete, was fällt Dir ein?“ rief der Meiſter fröh⸗ lich, indem er den Hammer weglegte und beide Arme in die Seiten ſtemmte.„Da ſieht man's, wenn der Bettelmann aufs Roß kommt, kann ihn kein Teufel erreiten! Du biſt mir ja im Handumdrehen die reinſte Verſchwenderin geworden! Aber wenn Du denn doch einmal ſo tief in den Geldbeutel gegriffen haſt, her mit dem Krug! Ich hab' einen ordentlichen Schluck wohl verdient! Trink an und thu' mir Beſcheid! Es ſoll uns ſchmecken, und wir wollen dabei den großmü⸗ thigen edlen Unbekannten leben laſſen, dem wir all dieſes Glück verdanken!“ Die Meiſterin reichte ihm den Krug; aber ehe er trank, legte er einen Augenblick die Hände wie zum 102 Gebete in einander, und auch die Frau fuhr ſich mit der Schürze über die naßgewordenen Augen. Dann eilte ſie ins Nebengemach, wo eine Kinderſtimme ſich hören ließ. „Die Miezel iſt auch noch wach“, rief ſie.„Sie hört Dich, Vater, und will Dir gute Nacht ſagen.“ Mit dieſen Worten trat ſie wieder aus der Kammer, ein kleines Mädchen auf dem Arm, das aber gar nicht verſchlafen und weinerlich that, ſondern lächelnd und lallend die Aermchen dem Vater entgegenſtreckte, der es ergriff und derb abſchmatzte, dann aber mit ſcherzen⸗ dem Geplauder ſchwenkte und ſchaukelte und dazwiſchen 8 das laut lachende Kind immer wieder mit Küſſen be⸗ deckte. „Wo iſt denn der Michel?“ fragte der Meiſter, in⸗ dem er das Kind endlich zurückgab.„Ich ſehe jetzt erſt, daß der Bub' nicht da iſt.“ „Wo wird er ſein?“ erwiderte die Frau.„Weißt ja, was er für eine Luſt am Gartenweſen hat, und daß er jeden Augenblick, den er loskommen kann, drüben beim Nachbar ſteckt.“ „Ich weiß, ja, ich weiß“, entgegnete der Schuſter; naber das iſt mir eben nicht recht. Wenn er ein Gärt⸗ ner werden will, ſo hab' ich nichts dawider, obwohl es meine Profeſſion nicht wäre. Dann iſt es aber noch 103 immer Zeit genug und ich werde für ihn ſchon eine andere Lehre finden als bei dem gottverdächtigen Blitz⸗ ſchwaben, dem Schiebele da drüben, der um kein Haar beſſer und derſelbe Duckmäuſer und Schleicher iſt wie ſein Herr!“ Er ſtand auf, öffnete den Fenſterſchieber und ließ den bekannten Finkenpfiff ſo ſtark ertönen, daß derſelbe weithin hörbar werden mußte. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo kam ein Knabe auf dem Wege im Nach⸗ bargarten dahergelaufen, kletterte eiligſt auf die Mauer, hatte im Augenblick die lockergewordene Stange beiſeite geſchoben und war durchgeſchlüpft. Mit offenem Munde, ſtarr vor Staunen, ſah es der Meiſter. „Schwerenoth!“ ſchrie er dann, nach der Stube zurückgewendet.„Alſo iſt die Eiſenſtange ſchon lange locker? Und ich hab' geglaubt, es ſei durch mich ge⸗ ſchehen, und hab' mich beim Nachbar entſchuldigt und geſagt, daß ich nichts davon wiſſe! Wenn der Spar⸗ berger jetzt erfährt, daß der Bub' den Weg kennt, ſo glaubt er am Ende gar, ich habe ihn angelogen! Schwerenoth noch einmal!“ fuhr er den Knaben an, der, nichts Gutes erwartend, furchtſam durch die Thür hereinſchlich und ſich hinter die Mutter drängte.„Ich kann nun einmal das Herumſchlingeln in dem fremden Garten nicht leiden, und wenn es noch einmal ohne 104 meine Erlaubniß geſchieht, bekommſt Du den Knieriemen zu koſten!“ „Sei doch nicht ſo außer Dir!“ ſagte die Schuſterin begütigend, indem ſie den Knaben mit einer raſchen Bewegung hinter ihrem Rücken in die Kammer ſchob. „Was kann denn der Bub' dafür, daß Du den Gärtner und den Nachbar nicht leiden kannſt? Du ſollteſt es ihn gar nicht einmal ſo merken laſſen!“ Rempelmann erwiderte nichts. Er hatte ſich wieder auf ſeinen Schemel geſetzt und nähte und hämmerte ſchweigend eine Weile fort, bis er den Stiefel in die Höhe hob, nach allen Seiten betrachtete und zufrieden beiſeite ſtellte. „Der ſoll's thun, denk ich“, ſagte er.„Das Leder iſt tüchtig ausgetrocknet, und die Nähte müſſen halten wie Stahl und Eiſen. Ich möchte den ſehen, der es beſſer macht! Jetzt aber“, fuhr er, ſich erhebend fort, njetzt wollen wir uns das Abendeſſen und den Reſt vom Bier ſchmecken laſſen. Ich will mich an den Tiſch ſetzen, daß ich den Rücken gegen das Fenſter habe, denn der alte Halunke, der Schiebele, iſt richtig noch drunten im Garten und recht die Wege eben, trotz des Regens. Ich⸗ mag ihn nicht ſehen! Das ſoll man nun nicht merken, daß dieſe Arbeit beim Regen und zu dieſer Zeit nichts iſt als ein Vorwand, um beſſer ſpio⸗ 105 niren zu können! Heda, Michel“, unterbrach er ſich ſelbſt,„da fällt mir eben ein, meine Schuhe ſind heut tüchtig naß geworden. Stelle ſie auf die Stiege hinaus, wo der Regen nicht hinkann! In der Luft trocknen ſie am beſten.“ Der Knabe lugte aus ſeinem Verſteck hervor, ſchien aber dem Landfrieden nicht zu trauen, und auch die Mutter mochte ähnliche Gedanken haben, denn ſie trat raſch hinzu und ergriff die Schuhe.„Das kann ich ja auch thun“, ſagte ſie,„wenn Du ſie wirklich hinaus⸗ geſtellt haben willſt und nicht fürchteſt, daß es damit geht, wie neulich mit den Stiefeln!“ „Erinnere mich nicht daran, Grete!“ ſagte der Meiſter.„Die Geſchichte will mir ohnehin nicht aus dem Kopfe! Ein paar alte, abgetragene Stiefel mit ſchadhaften, ſtark genagelten Sohlen— wer nur an denen noch Gefallen gefunden haben kann?“ „Ho“, lachte die Meiſterin,„wer ſonſt als irgend ein wandernder Handwerksburſche, der noch ſchlechtere an den Füßen gehabt hat?“ „Das glaub' ich nicht“, ſagte Rempelmann;„zum Marſchiren waren ſie einmal zu ſchlecht. Eh 1 haben ſie noch für einen Gärtnerburſchen da drüben getaugt, der ſie zu Pantoffeln abgeſchnitten hat! Die können immer derlei brauchen. Aber jetzt nichts mehr davon! Schwere⸗ 106 noth, will mir den Abend nicht verderben laſſen. Komm heraus, Michel! Der Knieriem gilt erſt fürs nächſte Mal. Setz' Dich her! Mutter, bring' die Miezel zu Bette; der Sandmann ſitzt ihr ja ſchon in den Augen. Wir wollen vergnügt ſein; wir haben ein gutes Ge⸗ wiſſen und brauchen uns nicht zu kümmern, was die ganze Welt da draußen treibt!“ Der Regen rauſchte draußen immer ſtärker herrie⸗ der, die Traufen fingen zu gehen an, und in den Pflaſterrinnen ſchoſſen raſch angeſchwollene Bäche dahin. Die Straße wie die Wege im Garten wurden erweicht, daß jeder, auch der leiſeſte Fußtritt ſich ſtark eindrücken mußte. Es kam aber Niemand des Wegs. Auch ward es bald vollſtändig finſter, und die ſchwache Oellampe auf dem Tiſche des Schuſters war das einzige Lebens⸗ zeichen in der ganzen Umgebung. Sie beleuchtete zwar eine ſehr einfache Mahlzeit, aber um dieſelbe einen fröhlichen Kreis geſunder, einander vergnügt anlächeln⸗ der Geſichter. Im Gartenhauſe des reichen Nachbars war auch keine Spur von Leben mehr zu bemerken. Der Eigen⸗ thümer ſchien bereits nach der Stadt zurückgekehrt zu ſein, wo er Haus und Laden beſaß. Der Gärtner Schiebele aber hatte mit dem letzten Rechenſtriche die Gartenwege glatt gezogen und ſchritt nun mit der 107 Schaufel dem Hauſe zu, an einer dunklen Gebüſchpartie vorüber, wo auf einer kleinen Erhöhung, aus Holz⸗ ſtämmen zuſammengefügt, ein offenes Zelt mit Stroh⸗ dach angebracht war. Der Gärtner blieb ſtehen, denn er glaubte etwas unter dem Parapluie ſich bewegen zu ſehen.„Halt! Wer da?“ rief er.„Antwort, oder ich laſſe meinen Schaufelſtiel fragen!“ „Dummkopf“, tönte es hüſtelnd entgegen.„Was macht Er für ein Geſchrei? Kennt Er mich denn nicht? Ich bin es ja!“ „Sie ſind's, gnäd'ger Herr?“ erwiderte der Gärtner betreten und verwundert.„Das hab' ich mir nicht denken können. Ich habe geglaubt, Sie wären ſchon längſt daheim. Das iſt dumm! Da iſt vorhin einer dageweſen, der mit Ihnen hat ſprechen wollen; ich hab' ihn aber fortgeſchickt, weil ich meinte, Sie wären ſchon in die Stadt hinein.“ 3 „Wer iſt es geweſen?“ fragte Sparberger. „Weiß nicht, gnäd'ger Herr. Hab' nicht gefragt; er wollte es anfangs nicht glauben, daß Sie nicht mehr da ſeien, dann ging er aber doch und ſagte, wenn ich Sie ſehen thäte, ſo ſollte ich Ihnen ſagen, es wäre heute der fünfundzwanzigſte. Der Kerl muß wohl ver⸗ „ 108 rückt ſein; denn das weiß ja jedes Kind, daß wir heute erſt den zehnten haben.“ „So wird es wohl ſein“, erwiderte anſcheinend gleichgültig der Agent, indem er den Gärtner mit einem prüfenden Seitenblicke maß;„aber ich bin hier geblieben, weil ich Ihn beobachten wollte und noch mit Ihm zu reden habe. Er kann ſich für nächſten Monat nach einem andern Dienſt umſehen.“ „Gnäd'ger Herr!“ rief der Gärtner, welchem vor Schrecken die Schaufel aus der Hand fiel.„Was habe ich denn gethan? Sind Sie nicht mehr mit mir zu⸗ frieden? Verſteh' ich doch die Gärtnerei vom Grund aus und thu' gewiß meine Schuldigkeit!“ „Wie man's nimmt“, antwortete der Agent.„Die Gärtnerei iſt bei mir die Nebenſache. Um ein paar Groſchen kann ich mir all das Gemüſe und die Blumen kaufen, die Er mir zieht und für die ich ihm ſchweren Lohn zahlen muß. Ich habe das Landhaus nicht wegen des Gartens, das weiß Er lang. Ich hab' es, weil ich außerhalb der Stadt meine Waaren und meine Vor⸗ räthe liegen haben muß, damit mir nicht Jeder die Naſe hineinſtecken kann. Er weiß auch, daß mir der grobe Schuſter im Thurm da vorn, der den ganzen Tag ſeine Augen in meinen Garten herüber hat, in den Tod zuwider iſt und daß ich ihn forthaben möchte! 109 Er hat mir verſprochen, Er wolle etwas ausfindig machen, ihn wegzubringen, Er thut's aber nicht, ſon⸗ dern verkehrt noch gar mit den Leuten aufs freund⸗ lichſte!“ „Gewiß und wahrhaftig nicht, gnäd'ger Herr!“ er⸗ widerte der Gärtner.„Ich kann den Schuſter auch nicht ausſtehen, aber die Frau, die Frau, gnäd'ger Herr, iſt eine gute Perſon, und das Bübel kommt immer herüber, und deswegen hab' ich nichts gethan; und weil Sie nichts mehr geſagt haben, da hab' ich ge⸗ glaubt, Sie hätten ſich eben anders beſonnen. Aber ich hab's dem Schuſter nicht verziehen, daß er immer über meine ſchwäbiſche Sprache ſpottet, und wenn ich kann, will ich ihm wohl einmal etwas am Zeuge flicken!“ „Meinetwegen!“ erwiderte Sparberger kurz.„Was geht das Alles mich an? Ich verlange ja nichts von Ihm, ich zanke auch nicht znit Ihm, ich will ja nur, daß Er geht.“ „Das wird doch nicht ſein müſſen“, erwiderte ſtockend der Gärtner.„Euer Gnaden werden ſich ſchon anders beſinnen. Wo ſollte ich denn gleich einen andern Platz hernehmen?“ „Das iſt Seine Sache“, ſagte Sparberger noch gleich⸗ gültiger und ſchritt dem Hauſe zu. Der Gärtner eilte ihm nach.„Wenn ich aber thue was Euer Gnaden verlangen, darf ich dann bleiben?“ fragte er. „Das wäre was Anderes“, ſagte Sparberger, ohne anzuhalten.„Wenn der Schuſter in drei Tagen nicht mehr in dem Thurme wäre, dann könnte ich mich viel⸗ leicht entſchließen und könnte die Kündigung zurück⸗ nehmen. Dann könnte Er vielleicht bleiben. Das iſt aber mein letztes Wort. Merk Er ſich das!“ Er ging, und bald war zu hören, wie er das äußere Thor zuklappte.„Es muß ſchon bald zehn Uhr ſein“, ſagte er,„hohe Zeit, daß ich noch in den Verein komme. Es iſt nur gut, daß ich die Nachricht doch noch erfahren habe. Ich habe wirklich nicht daran ge⸗ dacht, daß heute der fünfundzwanzigſte iſt!“ Auch der Gärtner war inzwiſchen in leiſem Selbſt⸗ geſpräch begriffen.„Werd' mir's merken“, rief er dem Alten nach.„Jetzt kann ich nicht mehr anders, jetzt muß der Schuſter dran, ſonſt geht'’s mir ſelbſt an den Kragen! Das Hemd iſt mir näher als der Rock. Gern thu' ich's nicht“, fuhr er fort, indem er ſich hinter den Ohren kraute,„des Bübels und der ſaubern Frau wegen. Wenn ſie auch noch ſo ſpröde thut, ich kriege ſie nicht aus dem Sinn und will nicht nachlaſſen, bis es mir glückt, den Pechvogel auszuſtechen. Sie darf freilich nicht merken, woher der Streich kommt. Aber 111 wenn der Mann fort iſt, hab' ich freies Spiel bei ihr; dann will ich den Tröſter machen. Dieſe Nacht und dieſes Wetter ſind gerade recht. Mein Pickel wird die nämlichen Dienſte leiſten wie eine Schuſterahle. Wir wollen einmal ſchauen, wie lang es anſteht, bis der Schuſter nicht mehr in den Garten hereingucken kann.“ 3 Er verſchwand im Hauſe. Von den Thürmen der Stadt ſchlug die zehnte Stunde. Im Gemach des Meiſters Rempelmann war inzwi⸗ ſchen die Mahlzeit beendet worden und er erhob ſich, während die Frau den Tiſch abdeckte und wieder rei⸗ „ nigte. „Wir wollen zu Bett“, ſagte er.„Der Meiſter Metzger ſcheint ſich anders beſonnen zu haben. Er braucht wohl heute ſeine Stiefel nicht mehr; alſo ſchließ die Thür, Grete! Der Bub' iſt eingeſchlafen, trag' ihn in's Bett und hol' auch noch meine Schuhe herein! Sie ſind jetzt genug gelüftet.“ Die Frau that es und kam nach wenigen Augen⸗ blicken voll Verwunderung zurück, in jeder Hand ein paar Schuhe tragend. „Da iſt noch ein zweites Paar draußen geſtanden“, ſagte ſie.„Wie kommt das hierher?“ „Ein zweites?“ rief Rempelmann, indem er ver⸗ wundert die Schuhe betrachtete.„Schwerenoth, das ſind ja die Schuhe, die mir vor vierzehn Tagen ge⸗ 1 ſtohlen worden ſind! Sie ſind's, ich kenne ſie ganz genau. Ich habe ſie ja ſelbſt auf der Sohle ſo ſtark genagelt, nur da auf dem linken Fuße in der Mitte iſt ein Nagel herausgetreten. Was ſoll man nun da⸗ von denken? Entweder hat ſie Jemand nur auf Borg genommen, oder den Dieb hat das Gewiſſen geſchlagen und er hat ſie mir wiedergebracht. Nun ſage ein Chriſtenmenſch, was nicht alles noch Wunderbares paſſirt!“ Indeſſen hatte Herr Sparberger eilenden Schrittes längſt das Jakobsthor erreicht und war neben demſel⸗ ben in das enge Gäßchen an der Stadtmauer einge⸗ bogen deſſen Dunkelheit nur an der Ecke durch eine ſchwach brennende Laterne etwas gemildert wurde. An der ſeinen Seite, an den Häuſern hin, zog ſich ein ſchmaler, aber bequemer Fußweg; dennoch ging der Agent auf der andern Seite, wo nur die mit allerlei ſchlechten und ſcheunenartigen Gebäuden beſetzte Stadt⸗ mauer ſtand und der Weg unrein und ſchwer gangbar war. Was den Agenten von dem ſchönen Pfade ſcheuchte, war die alte Getreidehalle, welche von den Angehörigen der freien Gemeinde zu ihren Zuſammenkünften gewählt und gemiethet worden war. Mit giftigen Zlicken ſah der Agent gegen das Gebäude hin, indem er eiligſt 113 daran vorüberzukommen trachtete, als fürchte er, es werde Feuer regnen auf das verfluchte Haus, oder die Erde werde ſich aufthun, es zu verſchlingen. Nachdem er allerlei Plätze gekreuzt und eine Reihe von Gäßchen durchwandert hatte, war er an einem dunklen, hohen Gemäuer angelangt, in welchem ſich eine mächtige Pforte erhob. Die Wände waren ſchadhaft und von dem brüchigen Anwurf beinahe völlig entblößt, das Thor mit Staub und Schmuz überdeckt, ſodaß die rei⸗ chen holzgeſchnitzten Verzierungen daran beinahe un⸗ kenntlich geworden waren. Es mochte manch Jahrzehnt verfloſſen ſein, daß es ſich nicht mehr in den verroſteten Angeln bewegt hatte. Hohe, ſchmale, ſpitz zulaufende Fenſteröffnungen unterbrachen das Gemäuer, waren aber jetzt bis auf kleine Luken leicht vermauert und ließen nur noch nothdürftig erkennen, daß das Gebäude einmal eine Kirche geweſen ſein mochte. Dieſe Ver⸗ muthung wurde durch einen Maueranſatz beſtätigt, wel⸗ cher an der Vorderſeite über der hohen ſchwarzen Giebelwand emporſtieg und als Reſt und Grundbau eines Thurms erſchien, der ſich einſt darüber erhoben hatte. Der Agent ſuchte rings mit den Augen. Alles blieb dunkel und ſtill. Es war nicht zu bemerken, daß irgend ein Menſch in der Nähe ſei. Schmid, Mütze und Krone. III. 8 114 „Wie traurig“ flüſterte er vor ſich hin,„wenn die Gerechten ſich flüchten müſſen in die Finſterniß; aber die Zeit wird kommen, wo die Fackel leuchten darf und darf das Geniſte der Horniſſe verzehren.“ Jetzt ſtand der Mann neben der Kirche an einem kleinen Stück Mauer, wo die ehemalige Einlaßpforte des Kloſters geweſen zu ſein ſchien, zu dem die Kirche gehört hatte. Sparberger klopfte leiſe und in kurzen Abſätzen dreimal an die Thür, und mit gedämpfter Stimme ließ ſich von drinnen die Frage nach dem Lo⸗ ſungsworte vernehmen.„Ein Pilger von Jericho“, erwiderte der Wartende ebenſo leiſe; im nächſten Augen⸗ blick öffnete ſich die Pforte geräuſchlos und kaum weit genug, ihn hineinſchlüpfen zu laſſen; dann ſchloß ſie ſich ebenſo geräuſchlos, als ſie ſich aufgethan. Eine Weile herrſchte tiefes Schweigen in dem men⸗ ſchenleeren Gäßchen. Nur von fern erſcholl Geſang und wüſtes Geſchrei, irgend eine derbluſtige Kamerad⸗ ſchaft mochte beim Kruge ſingend zuſammenſitzen. Nach einigen Augenblicken erhob ſich hart neben dem Pfört⸗ chen ein Mann hinter einem Haufen von Bauſteinen, welche dort aufgeſchichtet lagen. „Hou, rief der Mann lachend und ſich die Hände reibend,„ſo hat mich meine Spürnaſe doch richtig ge⸗ führt! Hier iſt alſo der Ort, ich kenne die Loſung und auch das Klopfzeichen, dreimalig wechſelnde Schläge, die ich wohl auch herausbringen werde. Es iſt faſt wie in Beethoven’s C-Moll⸗Symphonie, wenn das Schickſal an die Pforte klopft. Was ſollte mich nun hindern, davon Gebrauch zu machen? Ich will es ſogleich!“ Damit näherte er ſich dem Pförtchen und hatte bereits die Hand an den Klopfer gelegt, als er wieder innehielt.„Soll ich oder ſoll ich nicht?“ fragte er ſich ſelbſt.„Es widerſtrebt etwas in mir; meine Ehrlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit iſt nicht angethan zu ſo krum⸗ men Wegen. Aber das iſt Thorheit! Ich habe es mit einem Gegner zu thun, der kein Mittel ſcheut, der Minen gräbt in der löblichen Abſicht, uns unvermuthet in die Luft zu ſprengen. Da muß es erlaubt ſein, entgegenzugraben und ihm zuvorzukommen. Und wenn die Minirer ſich unter der Erde begegnen? Je nun, ſo gibt es eben einen Kampf, und es wird ſich zeigen, wer der Stärkere iſt! Hoffentlich bin ich genügend ent⸗ ſtellt; hinter meinem kurz geſchorenen Rundkopf und dem behäbigen Bauche, den ich mir umgebunden habe, wird Niemand einen Juriſten und Advocaten ſuchen!“ Entſchloſſen gab er jetzt das Zeichen. Er ſchien es aber nicht recht getroffen zu haben, denn es erfolgte keine Antwort, und erſt als er das Zeichen wiederholt hatte, ließ ſich die Frage nach dem Loſungsworte ver⸗ . 8* 116 nehmen. Auf ſeine Antwort ging das Thürchen wie zuvor auf, und hineinſchlüpfend gewahrte er einen alten Mann, der unter einem kapellenartigen Mauervorſprung auf einem Stühlchen ſaß, eine Laterne neben ſich am Boden und einen Roſenkranz in den Händen. Obwohl genugſam verkleidet, wendete der Eintretende ſich doch etwas betroffen zurück, als ihn der Pförtner von unten bis oben muſterte und ihm mit der Laterne ſcharf in das Antlitz leuchtete. Er erkannte in dem Alten den ausgedienten Kellner eines großen Gaſthofs, welchen er zu beſuchen gewohnt war. Der Alte, zu an⸗ dern Geſchäften unfähig, pflegte daſelbſt am Billard Aushülfsdienſte im Markiren und Anſagen zu verrich⸗ ten und war alſo wohl in der Lage, ihn als einen beinahe täglichen Gaſt wiederzuerkennen. Dies ge⸗ ſchah indeſſen nicht; der alte Marqueur ſetzte ſich wieder auf ſeinen Lauerpoſten und begnügte ſich, unzufrieden in ſich hineinzumurmeln:„Wieder ein neues Geſicht! Sie werden ſo viele hereinlaſſen, bis wir verrathen ſind und alle hinausmüſſen. O Herr, ſieh nicht an ihre Thorheit! Du haſt ſelbſt geſagt, daß Viele be⸗ rufen ſind und nur Wenige auserwählt. Gehe um der Sünden der Menge willen nicht auch mit Deinen Auserwählten ins Gericht!“ Wie eine Mauerſpinne kauerte er ſich wieder in — 117 ſeinen Winkel, die Hände mit dem Roſenkranz über den Knieen faltend, dennoch aber nicht ſo vertieft, daß es ihm entgangen wäre, daß der zuletzt Angekommene den Weg bis zu dem Verſammlungsorte nicht gefunden hatte, ſondern in dem öden Hofraume, welcher aus dem ehemaligen Friedhofe der Kirche beſtand, unſicher und ſuchend hin und her ſchritt. Mit erhobener Laterne trat er wieder zu dem Fremden. „Was ſucht der Herr?“ fragte er.„Der Herr hat zwar das Loſungswort gewußt, aber das Zeichen war nicht ganz richtig, und wenn er mir nicht ſagen kann, wohin der Weg der Pilger von Jericho geht, ſo gehört er da nicht herein und hat ſich hereinge⸗ ſchwärzt!“ Der Fremde begriff, daß es um jeden Preis die richtige Antwort zu errathen galt, wenn nicht das Ge⸗ lingen des ganzen Abenteuers in Frage geſtellt ſein ſollte. Mit dem Schein der vollſten Gelaſſenheit blickte er daher forſchend um ſich und ein Lächeln der Zuver⸗ ſicht überflog raſch ſeine Züge. In geringer Entfernung, wo Ueberreſte eines ehemaligen Kreuzganges ſtehen geblieben, war ein Kreuz mit ſchwarzem Stamm und rothem Querbalken angemalt. Unweit davon ſchien es wie Lichtſchein aus der Tiefe zu kommen, gedämpfte Stim⸗ men wurden hörbar: dort mußte der Eingang ſein und 118 in dem angemalten Zeichen lag ohne Zweifel die ge⸗ forderte Antwort. „Die Pilger von Jericho wandern dem Kreuze zu, durch Nacht zum Morgenroth“, ſagte der Fremde feier⸗ lich und ſchritt dem Kreuze zu, ohne ſich weiter um den Pförtner zu kümmern. Er mußte die Loſung zum Theil getroffen haben, denn der Pförtner eilte ihm nicht nach; als er aber an ſeinen Platz zurückkehrte, zeigte ſein bedenkliches Kopfſchütteln, daß noch immer nicht aller Verdacht gegen den unbekannten Gaſt geſchwun⸗ den war. Aus dem Kreuzgange führte eine Anzahl ausge⸗ tretener und verwahrloſter Stufen abwärts in eine fenſterloſe Halle, welche einſt zum Begräbnißgewölbe gedient haben mochte; in den Wänden waren reihen⸗ weiſe ofenähnliche Oeffnungen ausgemauert, welche zum Hineinſtellen der Särge dienen ſollten, andere daneben waren mit Steinplatten verſchloſſen, deren Inſchrift bezeichnete, daß ſie wirklich zur Ruheſtätte irgend eines Menſchen geworden waren und einen Sarg in ſich ver⸗ bargen. Das Gewölbe wurde in der Mitte von einer einzigen kurzen und ſtarken Säule getragen, welche ſich in mächtige Steinrippen entfaltete und mit den von den vier Ecken aufſteigenden Strebepfeilern zu wuch⸗ tigen Kreuzungen verband. Die Thierköpfe am Capi⸗ — —,— 119 täl, ſowie die ſonderbare Form der gewundenen Säule ließen das hohe Alter des Raums erkennen, der einen düſtern, aber feierlichen Eindruck hervorbrachte. Die grauen Wände, hier und da von den Reſten alter Malereien wie von dunklen Flecken entſtellt, waren dürftig durch ein paar herabhängende Ampeln erhellt. Im Chor an der Stelle des Altars ſtand eine Art langer Tafel, mit einigen Lichtern und Kerzen beſetzt und von einer Reihe alter und zerbrechlicher Stühle umgeben, die nach Form und Stoff alten Zeiten ver⸗ ſchwundenen Reichthums und Schmucks angehörten. An den Wänden hin waren Bänke aufgeſtellt, auf wel⸗ chen allerlei Andächtige, Frauen ſowohl wie Männer, Platz genommen hatten, theils in lebhaften, aber leiſen Geſprächen, theils in ſchweigender Sammlung des Kom⸗ menden wartend. Es waren Leute aus den verſchie⸗ denſten Ständen. Neben dem Schleiermantel, welcher das Seidenkleid der Dame völlig verhüllte, war das Kopftuch und die Schürze der Fabrikarbeiterin zu er⸗ blicken; bei der Blouſe des Arbeiters und dem Kittel des Handwerkers fehlte der feine Rock des Bürgers ebenſo wenig wie der Ueberwurf des Beamten. Am Tiſche ſelbſt ſtanden einige Männer, deren Haltung und Gewand nicht verkennen ließen, daß ſie dem geiſtlichen Stande angehörten; die bedeutſamſte Geſtalt unter 120 ihnen war Overbergen, deſſen Stirn die Häupter um ihn wie ein höchſter Felſen die Gipfel der niedrigern Berge überragte und deſſen ſcharf ſpähendes Auge trotz des Dunkels den fernſten Winkel durchdrang und jede Bewegung überwachte. Er war in eifrigem Geſpräch mit einem jungen Mann begriffen, der das lange blonde Haar hinter die Ohren geſcheitelt trug und die blauen Augen mit ſchwärmeriſchem Ausdruck zu ihm aufſchlug. „Meine Seele jauchzet auf“, ſagte er ſalbungsvoll, nund mein Herz frohlockt bei Ihren Worten, mein würdigſter Bruder auf dem Pfade der Dornen! Mein Gemüth ebbet wie die See nach dem Sturme! Der finſtere Säemann geht umher und will Unkraut ſäen in den Weizen und Argwohn in die Seele; ſo hat er auch uns zugeflüſtert, daß Ihnen nicht die Erbauung eines neuen Zions im Sinne liege, nicht die Pilger⸗ wanderung in das Jericho der Zukunft, ſondern daß Sie gedenken uns zurückzuführen in das alte Babel, in die alten Bande papiſtiſcher Ueberlieferung!“ „Mit Recht erkennen Sie hieran den Einfluß des Böſen, mein ſanfter Freund und Mitpilger!“ erwiderte Overbergen feierlich, mit einem frommen Lächeln um den Mund und begeiſtertem Aufblick nach oben.„Darum müſſen wir uns eben gemeinſam waffnen mit dem — 121 Schwerte des Kämpfers und ausrüſten mit dem Auge des Wächters, auf daß wir nicht überliſtet werden vom Böſen! Wer könnte ſo verblendet ſein, daß er gedächte, das Alte wieder zurückzuführen, in dem Abend zu ver⸗ harren, da ein neuer Morgen anhebt, da uns verheißen iſt ein glorreiches neues Zion, deſſen Herrlichkeit über⸗ ragen wird Alles, was da geweſen und ſein wird auf Erden! Nein, mein Bruder und Mitpilger, wir wollen nicht fragen nach dem, was da geweſen, aber uns die Hand reichen für die Zukunft und gegen einen wohl⸗ bekannten, gemeinſamen Feind!“ „Ich verſtehe, mein würdiger Bruder!“ erwiderte der Candidat.„Ich verſtehe Sie ganz. Sie ſprechen von den Gottesleugnern, von den Gemeinden, die ſich frei nennen, weil ſie in Wahrheit frei ſind von Gott und ſeinem Heil! O wie gern reiche ich meine Hand zu dieſem Kampfe, denn es iſt ein geheiligter Kampf; die Verruchten gehören zu denen, von welchen der Herr ſagt: Ihre Spur ſoll nicht gefunden werden unter Euch!“ Das Geſpräch wurde unterbrochen, weil Overbergen ſich Sparberger zuwandte, der ganz in die Nähe ge⸗ treten war und mit dem ſichtbaren Beſtreben, ſich be⸗ merkbar zu machen, etwas wie ein Stück zuſammen⸗ gerollten Papiers in den Händen drehte.„Erlauben Sie“, ſagte er, demüthig näher tretend,„daß ich ein Scherflein meiner Erſparniſſe in Ihre mildthätige Hand niederlege mit der Bitte, es zur Fürſorge für die Waiſenkinder in Abyſſinien zu verwenden, für welche Sie unlängſt ſo eindringlich geſprochen haben! Leider kann ich nicht mehr thun; wenn aber das Unter⸗ nehmen, das ich heute Abend eingeleitet habe, ge⸗ lingt, will ich gern geloben, das Sümmchen zu ver⸗ doppeln!“ „Nicht die Gabe iſt es, was der Herr betrachtet“, erwiderte Overbergen,„ſondern der Sinn. Das Gebet der verlaſſenen abyſſiniſchen Waiſen wird Ihnen für Ihre Gabe danken, der Engel des Herrn aber trägt dieſen Dank ein in das große Zinſenbuch der Ewigkeit, das da einſt wird aufgeſchlagen werden am Tage der Abrechnung!“ Mit ehrerbietiger Verbeugung und frommer Augen⸗ drehung trat der Agent zurück, indem er mit Behagen bemerkte, daß den Umſtehenden weder ſeine Gabe noch deren anſehnliches Gewicht entgangen war. Overbergen hielt die Geldrolle noch einige Augenblicke in der Hand und ließ ſein Auge auf dem Schreiber Billinger haften, welcher ſich in beſcheidener Entfernung hielt, aber mit leichtem, bedeutſamem Nicken anzeigte, daß er etwas Wichtiges zu berichten habe. Im nächſten Augenblick ,. , welcher aus einem Papier vorzuleſen ſchien und dann 123 ſtanden beide unbemerkt hinter dem Altartiſche im fern⸗ ſten Winkel des Gewölbes beiſammen. „Haben Sie das aufgetragene Geſchäft vollendet?“ fragte Overbergen mit einer Haſt, welche mit ſeiner ſonſtigen Ruhe ſehr im Gegenſatze ſtand.„Haben Sie die Perſon, die ich Ihnen aufgab, ausfindig gemacht?“ Der Schreiber verneigte ſich mit boshaft trium⸗ phirendem Lächeln, und das Geſpräch ward ſo leiſe weiter geführt, daß es auch den allernächſt Stehenden unmöglich geweſen wäre, ein Wort zu verſtehen. Der zuletzt gekommene Genoſſe hatte inzwiſchen Ort und Umgebung raſch überſchaut und mit Befriedigung wahrgenommen, daß Niemand ihm beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte, daß er alſo nicht auffiel und kein Menſch daran dachte, in ihm den gefürchteten und ge⸗ miedenen Rechtsconſulenten Riedl zu erkennen. Er fand es am gerathenſten, gleich vielen Andern ſich den Anſchein zu geben, als ſei er tief in beſchauliches Nach⸗ denken verſunken. Dabei konnte er ungehindert Alles wahrnehmen, was geſchah, und jedes Wort belauſchen, das in ſeiner Nähe geſprochen wurde. Unweit von ſeinem Standpunkte hatte ſich eine fromme Gruppe, meiſt aus Frauen und Mädchen beſtehend, um den ehe⸗ maligen Oberkammerdiener Kündig zuſammengefunden, 124 das Geleſene wieder mit ſeinen Bemerkungen be⸗ gleitete. „Alle Eingeweihten“, ſagte Kündig, das Heft zu⸗ ſammenlegend,„werden mir willkommen ſein, wenn ſie mich beſuchen und ſich überzeugen wollen, welche Gnade der Herr gewirkt hat an einem ſo geringen Geſchöpfe, wie meine Magd, an einem einfachen, un⸗ gebildeten Landmädchen, bei welchem jeder Gedanke an Täuſchung von ſelbſt wegfällt! Die arme Perſon weiß gar nicht, was ſie thut. Sie kann kaum nothdürftig leſen und ſchreiben, aber ſobald ihre Hand den Pſy⸗ chographen berührt, ſcheint ſie ein anderes Weſen zu ſein. Sie wird von einer höhern Inſpiration ergriffen und löſt und beantwortet die geheimnißvollſten Fragen mit einer Leichtigkeit, als ob ſie ihr Leben lang ſich mit nichts Anderem befaßt hätte.“ „Es iſt wunderbar“ ſagte Gerichtsrath Weber, indem er ſeine goldene Brille abnahm und eifrig mit dem Sacktuch putzte.„Ich werde nächſtens zu Ihnen kom⸗ men, Herr Oberkammerdiener, und mich erbauen an dem, was der Herr thut zur Widerlegung der Ungläu⸗ bigen und zur Bekehrung der Spötter. Unbegreiklich, daß noch Niemand darauf verfallen iſt, die großen Probleme der Wiſſenſchaften, mit welchen die Gelehrten ſich ſeit Jahrhunderten vergebens abmühen, auf dieſem „bereits und ließ dem Geiſte eine ſpöttiſche Bemerkung 125 einfachſten Wege mit einem Male löſen und allen Widerſpruch heben zu laſſen! Hier wäre die Wahrheit aus beſter Quelle zu ſchöpfen!“ „Einen ſolchen Verſuch haben wir allerdings ſchon gemacht“, entgegnete Kündig in geheimnißvoll vertrau⸗ lichem Tone,„obwohl gegen meinen Willen! Meiner verſtorbenen Schweſter Sohn, der Student, der auch zu der ungläubigen Jugend der heutigen Zeit gehört, kam auf den Gedanken, den Geiſt Schiller's zu rufen. Der Geiſt meldete ſich auch ſofort als gegenwärtig und er⸗ klärte ſich bereit, zu antworten. Der ungläubige Stu⸗ dent aber, um ihn und das Mädchen, das fromme Medium, zu prüfen, gab ihm auf, ein Gedicht zu ma⸗ chen, wie er ſie bei Lebzeiten gemacht. Wir ſaßen alle wie auf Kohlen lautlos um die Schreibende, in deren Antlitz ſich aber keine Miene veränderte und welche mit einer Leichtigkeit, als ob ſie die unbedeutendſte Frage beantwortete, ein ziemlich langes Gedicht hin⸗ ſchrieb.“ „Nun, und das Gedicht?“ fragte der Gerichtsrath in höchſter Spannung. „Allerdings“, fuhr Kündig fort,„war daſſelbe denen, welche Schiller in ſeinem Leben gemacht, nicht ſehr ähnlich. Der Student in ſeinem Unglauben triumphirte 126 darüber mittheilen; aber er verſtummte und hatte kein Wort der Erwiderung mehr, nachdem er die Antwort vernommen, welche der Geiſt gegeben.“ „Wunderbar! Höchſt wunderbar!“ rief der Gerichts⸗ rath noch dringender.„Die Antwort lautet?“ „Schiller bekannte ſelbſt, daß das Gedicht ſchlecht ſei, daß er aber zu ſeiner eigenen Demüthigung im Jenſeits dazu verurtheilt ſei, mit Widerſtreben ſchlechte Gedichte zu machen; das ſei die Strafe, die ihn ge⸗ troffen, weil er im Leben ſich mit ſo eitlen Dingen befaßte, anſtatt mit der einzigen Frage, welche werth iſt, den menſchlichen Geiſt ernſthaft zu beſchäftigen, nämlich mit der Frage, welche Religion die wahre ſei.“ „Immer wunderbarer, immer unbegreiflicher!“ rief Weber begeiſtert.„O Verblendung der Menſchen, eine ſolche Fundgrube von Weisheit zu mißachten, wie ſie hier vor ihnen aufgeſchloſſen liegt! Aber dieſes Jahr⸗ hundert ſieht nicht, ſo ſehr es ſich ſeiner offenen Augen rühmt! Welch ein Vortheil würde es für alle ſein, welchen unberechenbaren Nutzen müßte es nur zum Beiſpiel für die Rechtſprechung bringen, wenn man ſtatt der pöbelhaften Schwurgerichte, welche man jetzt auch einführen möchte, bei verwickelten Fällen zu ſolchen Offenbarungen ſeine Zuflucht nehmen könnte! Auf dieſe Weiſe müßte man die untrüglichſte Antwort über —— 127 Schuld und Nichtſchuld eines Angeklagten erhalten können!“ Die Zuhörer ſchwiegen und nickten zuſtimmend, aber dem ebenfalls zuhörenden Riedl war das Ver⸗ nommene doch etwas gar zu ſtark, er vermochte nicht an ſich zu halten, und ein Laut wie Lachen entſchlüpfte ſeinem widerſtrebenden Munde. Schnell hatte er ſich zwar wieder gefaßt, ſodaß die zunächſt Befindlichen den Laut nur für einen etwas ungewöhnlichen Ausbruch beſonderer Begeiſterung hielten, wie ſie an dieſem Orte nicht ſelten waren und mitunter nahezu das Gepräge des Wahnſinns trugen. Der Schreiber Billinger, deſſen Geſpräch mit Overbergen inzwiſchen zu Ende und der zuhörend herbeigekommen war, war der Einzige, der ſich nicht ſo leicht befriedigen ließ. Während ſeine Hände die den abyſſiniſchen Waiſen beſtimmte, aber nun als Lohn an ihn übergegangene Spende des heuchleri⸗ ſchen Agenten in der Taſche drehten und nach dem Gewichte zu ſchätzen bemüht waren, ruhte ſein ſchielen⸗ des Auge ſcharf und unverwandt auf dem Unbekannten. Er machte einige Schritte vorwärts und ſchien den⸗ ſelben anreden zu wollen. Das vom Tiſche her mit einem Glöckchen gegebene Zeichen zum Beginn der An⸗ dachtsübung, des eigentlichen Zwecks der Verſammlung, unterbrach ihn. 128 „Ich habe den Menſchen noch nie geſehen“, mur⸗ melte der Schreiber in ſich hinein.„Kenne doch ſo ziemlich die ganze Stadt, aber eine ſolche Figur iſt mir noch nicht vorgekommen. Ich will doch einmal den alten Markus fragen, der draußen an der Pforte ſitzt.“ Ohne daß es auffiel, ſchob er ſich langſam durch das Gedränge der Thür zu, während der junge Can⸗ didat an den Tiſch trat und ſeine Anrede begann. Auch Overbergen war beiſeite getreten; ſein An⸗ geſicht leuchtete vor Befriedigung und ließ erkennen, wie wichtig die empfangene und ſo reich gelohnte Nach⸗ richt für ihn ſein mußte. „Alſo war ſie es doch“, rief er triumphirend vor ſich hin,„es war, wie ich vermuthete! Es beſtehen alſo geheime Beziehungen zwiſchen ihr und dieſem unnah⸗ baren Cato! Er iſt auch nicht mehr als ein Menſch und hat menſchliche Leidenſchaften. Das iſt endlich ein Faden, an dem er zu faſſen ſein wird!“ Der Vortrag des Candidaten hatte ſehr eindringlich damit begonnen, das Leben auf dieſer Erde mit einer mühevollen Pilgerfahrt zu vergleichen. Das Bild war nicht neu, aber es war anziehend durch die geheime Bedeutung, welche jeder der Anweſenden nach ſeinem Standpunkt und gemäß der Art ſeiner Auffaſſung damit 129 verbinden konnte; waren ſie doch alle unter dem Na⸗ men von Pilgern zur Wallfahrt nach einem gemein⸗ ſamen, geheimnißvollen Ziele verſammelt! Die Einbil⸗ dungskraft hatte daher ebenſo viel Spielraum wie das Gemüth, und als eine ergreifende Schilderung der Be⸗ ſchwerniſſe und Gefahren des Weges folgte, als zum Kampfe aufgemuntert ward gegen die nur zu deutlich bezeichneten Feinde, als weiter der Sieg verheißen und die endliche Ueberwindung geprieſen wurde, konnte die Rührung nicht ausbleiben. Hätte der Prediger ſeinen Vortheil verſtanden und ſeine Zuhörer beſſer gekannt, ſo würde er mit dieſem guten Eindruck geſchloſſen und wohl auch eine nachhaltige Wirkung erzielt haben; das genügte ihm jedoch nicht, er wollte überzeugen, wider⸗ legen und bekehren und verlor ſich in gelehrte Aus⸗ einanderſetzungen und Beweiſe über verſchiedene Streit⸗ punkte der einzelnen Kirchen. Darüber wurde er ſchwer, weitſchweifig und ermüdend, und die erſt ſo günſtig angeregte Aufmerkſamkeit begann ſich zu verlieren. Die Köpfe der Frauen wurden zuerſt unruhig und neigten ſich flüſternd zu einander; die Blicke begannen ſich zu erheben und fanden Zeit, in ihrer Umgebung Ort und Perſonen zu muſtern. Unbemerkt, wie eine Blindſchleiche durch Gras und Stein gleitet, war Billinger wieder hereingekommen, Schmid, Mütze und Krone. III. 9 130 hatte Overbergen beiſeite genommen und ihm ein Wort zugehaucht. „Ein Fremder unter uns?“ rief Overbergen auf⸗ fahrend.„Wer ſollte das ſein?“ „Das weiß ich nicht“, flüſterte der Schreiber,„aber der Menſch iſt mir gleich aufgefallen und verdächtig vorgekommen. Auch der alte Evangeliſt Marcus draußen meint, er habe das Klopfzeichen nicht recht gewußt und den Weg nicht gekannt, der doch Jedem bezeichnet wird.“ „Es iſt gut“, ſagte Overbergen gefaßt.„Behalten Sie den Mann im Auge bis zum Schluſſe der Redel! Veranlaſſen wir jetzt keine Störung, kein Aufſehen, keinerlei Beſorgniß! Einige von den Pilgern des erſten Grades ſollen ſich unmerklich der Thür nähern und, wenn der Fremde hinaus will, ihn in ein unbefange⸗ nes Geſpräch verwickeln und einen Augenblick feſthalten! Ich werde in der Nähe ſein.“ Er wollte noch mehr ſagen, aber trotz der Tiefe, in welcher ſich das Grabgewölbe befand, trotz ſeiner dicken Mauern wurde von draußen ein unheimliches Brauſen immer hörbarer. Die Thür flog auf und der Pförtner ſtürzte athemlos herein, eine Botſchaft zu überbringen, welche aber, ehe er ſie noch ausgeſprochen hatte, der ganzen Verſammlung ſchon bekannt war, denn durch die geöffnete Thür drang es wie greller Feuerſchein herein und das Getöſe eines in der nächſten Nähe aus⸗ gebrochenen Brandes wurde hörbar. Die hervorgeſtot⸗ terte Botſchaft ſowohl als die Wahrnehmung des Feuers verfehlte auch hier die gewöhnliche Wirkung nicht. Ver⸗ worrenes Rufen und Durcheinanderdrängen folgte. Je⸗ der wollte zuerſt ins Freie gelangen. Trotz aller Fröm⸗ migkeit und Brüderlichkeit kam es keinem der Pilger⸗ genoſſen im Schrecken darauf an, durch einen Stoß ſeinen Vormann beiſeite zu drängen oder auch wohl, wenn er der Schwächere war, zu Boden zu werfen und über ihn hinweg zu entkommen. „Es brennt! Es brennt!“ ſchrie der alte Marqueur, welcher vollſtändig den Kopf verloren zu haben ſchien. „Drüben in der Kellergaſſe brennt's, gegen den Jakobs⸗ platz hin! In der Schenke zum rothen Stern, die mit der Rückſeite faſt bis zu uns herreicht! Wir ſehen mit⸗ ten ins Feuer hinein. O Wunden und Blut Chriſti!“ heulte der alte Mann, während die Verſammlung in wenigen Augenblicken die Halle verlaſſen und ſich nach allen Seiten zerſtreut hatte.„Was für ein Strafgericht verhängſt Du über die Sünder! So fährt Dein Zorn nieder auf die Gottloſen! Aber uns, Deine Kinder und Pilger zu Deinem neuen Jericho, uns trägſt Du an Deinem Herzen und verſchonſt uns!“ 9⸗ In dem Gedränge war Riedl unbeachtet und un⸗ angehalten entſchlüpft, nicht durch das Eingangspfört⸗ chen, ſondern vermöge eines Sprungs über die Planke, welche den ehemaligen Kloſterfriedhof von einigen an⸗ ſtoßenden Gärten trennte. Er hatte noch mehrere Zäune zu überſteigen, bis er zu ſeiner Ueberraſchung in dem kleinen Schenkgärtchen des rothen Sterns ſtand, unter den feuerbeſchienenen Kaſtanien, unter welchen er am Abend des Aufruhrs mit Friedrich beiſammen geſeſ⸗ ſen. Die ſchwarzen Giebel der Nachbarhäuſer ragten in greller, wechſelnder Feuerbeleuchtung in die Nacht empor; der vordere Theil des Wirthshauſes brannte lichterloh. Die Flamme hatte bereits das Dach ge⸗ hoben und durchbrochen, und das Gebrüll und Rufen der Löſchenden miſchte ſich ſchauerlich mit dem Gepraſſel der Flammen, dem Kniſtern des friſch ergriffenen Hol⸗ zes und dem Ziſchen der Waſſerſtrahlen, welche von draußen aus den Spritzen in die Glut geſchleudert wurden. So groß aber auch die Menſchenmenge an der Vorderſeite des Hauſes ſein mochte, ſo laut ſie durcheinander ſchrie und drängte, war es doch im Gärt⸗ chen völlig einſam, denn der enge Hausplatz war für die Spritzen nicht gangbar, und von allen andern Sei⸗ ten machten Gebäude deren Annäherung unmöglich. Wohl mochte auch hier die geringere Gefahr zu be⸗ — 133 fürchten ſein; höchſtens konnten die Kaſtanien vom Feuer ergriffen und verkohlt werden; das Wichtigſte war immerhin, das werthvolle Vorderhaus mit ſeinem Inhalte zu retten und die Weiterverbreitung des Bran⸗ des nach den beiden Seiten zu verhindern. Einen Augenblick ſtand Riedl in ſchweigender Be⸗ wunderung dem furchtbar erhabenen Schauſpiele der Zerſtörung gegenüber; er gewahrte darüber nicht, daß die Funken und glühenden Stücke bereits wie Regen neben ihm niederzufallen begannen und daß auch aus dem Erdgeſchoſſe vor ihm, deſſen Läden feſt geſchloſſen waren, dicker, ſchwarzer Rauch hervorzuqualmen begann. Ebenſo hatte er nicht bemerkt, daß in der Ecke des Gartens der Wirth zum rothen Stern, der Herr des Hauſes, ſich verkrochen hatte. Schrecken und Angſt ſchienen ihn ganz verwirrt gemacht zu haben, ſodaß er, mehr einem Todten als einem Lebenden gleich, un⸗ verſtändliche Laute murmelnd, an allen Gliedern zitterte und mit den Zähnen an einander ſchlug; er ſchien den Gedanken, etwas von ſeinem Eigenthume zu retten, gar nicht zu faſſen, ſondern ſah es in vollſtändiger Verwirrung und Stumpfheit untergehen. Der immer näher dringende ängſtliche Ruf einer ſtarken Männer⸗ ſtimme ſchreckte ihn aus dieſem Zuſtande der Betäubung empor; wie ſich beſinnend ſprang er auf und war plötz⸗ lich ganz verändert anzuſchauen, indem er feſt auf den Füßen ſtand und mit Oberkörper und Armen ſich vor⸗ beugte, als erwarte er Jemand, mit welchem es gelte, 6 einen furchtbaren, tödtlichen Kampf zu beginnen. Ebenſo ſchnell aber beſann er ſich wieder eines Andern, und als die Stimme des Rufenden ſchon ganz nahe war, hielt er es für geeigneter, die drohende Stellung wie⸗ der aufzugeben und die eines Verzweifelnden anzuneh⸗ men, indem er in ein ebenſo lautes Jammergeſchrei ausbrach, als er vorhin ſtumpf und blöde geſchienen. In dieſem Augenblick ſtürzte Huber, der Schloſſer⸗ geſelle, mit dem wüthenden Angſtſchrei:„Marie, Marie, wo biſt Du?“ durch den Hausgang hervor.„Wo iſt Marie?“ kreiſchte er noch lauter, als er den Wirth ge⸗ wahrte, ſtürzte auf ihn los und hielt ihn am Halſe ge⸗ faßt, daß dieſer ſich wimmernd unter ſeinen Händen wand. „Weiß es nicht“ ſtöhnte er.„Ach, Du großer Gott, wie ſoll ich es wiſſen? In der Angſt, über dem Schrecken hab' ich Alles vergeſſen. Ich bin des Todes! Ich bin ein geſchlagener Mann! Ach mein ſchönes Haus, mein ſchönes Haus!“ „Ich erwürge Dich, Kerl“, ſchrie der Geſelle außer ſich,„wenn Du nicht ſagſt, wo das Mädchen ſich be⸗ findet!“ „Was weiß ich“ jammerte der Wirth wieder.„Hab' —— 135 ſie nicht geſehen und auch nicht nach ihr gefragt. Sie wird wohl in ihrer Kammer ſein.“ 4 „In ihrer Kammer?“ ſchrie Huber im Tone des höchſten Entſetzens.„Mitten in dem brennenden Hauſe? Dort unter dem brennenden Dache, das jeden Augen⸗ blick einſtürzen und ſie verſchütten kann? Das weißt. Du und ſagſt es nicht? Das weißt Du und ſtehſt hier und heulſt und rührſt Dich nicht und läßt das Mäd⸗ chen, dem Du Vater ſein ſollteſt, verbrennen? Hund von einem Menſchen! Du ſelbſt haſt das Feuer ange⸗ zündet, Niemand als Du, Mordbrenner! Aber es ſoll Dir nicht glücken. Ich will ſie retten oder mit ihr zu Grunde gehen.“ Er verſchwand im Hausgang, aus welchem der Rauch immer dichter hervorquoll und verkündete, daß der Brand bereits die untern Gelaſſe des Hauſes zu ergreifen begonnen hatte. Inzwiſchen waren auch an⸗ dere Leute durch die Gärten her über die Zäune ge⸗ kommen, Planken krachten nieder und mit rieſigen Feuerhaken eilte man herbei, um das Gebälk zum Falle zu bringen, damit es nicht nach außen ſtürzend noch größeres Unheil verbreite. „Haltet ein!“ rief Riedl den Arbeitern zu.„Es iſt ja noch ein Menſch im Hauſe, dort oben in der Kam⸗ mer unter dem Dache.“ 136 „Dann ſei Gott mit dem Armen!“ ſagte der An⸗ führer der Löſchenden.„Der kommt nicht mehr her⸗ aus! Wenn wir auch nichts thun, ſtürzt das Dach doch in der nächſten Sekunde von ſelber ein und erſchlägt ihn.“ Ein Augenblick angſtvollen Schweigens und Erwar⸗ tens trat ein. Man hörte nichts als das Praſſeln des Feuers. Da wurde im Gange Huber' Geſtalt ſicht⸗ bar; ſelber wankend und kaum fähig, ſich aufrecht zu erhalten, hielt er die bewußtloſe Marie in den Armen. Ein Freudenſchrei der ganzen Menge begrüßte ihn, man eilte ihm entgegen, nahm ihm die Gerettete ab und brachte ſie beiſeite. Im nämlichen Augenblicke neigten ſich die Balken und ſtürzten mit Donnergepolter in ſich zuſammen, indem ſie Decken und Gewölbe der untern Stockwerke durchſchlugen, daß Glut und Funken wie ein feuriger Springbrunnen, eine brennende Garbe in den Nachthimmel emporſtiegen. „Verfluchter Kerl!“ knirſchte der Wirth, welchen im allgemeinen Tumult Niemand beachtet hatte.„Nur noch ein paar Minuten und es wäre zu ſpät geweſen!“ Dann ſtürzte er mit lautem Aufſchrei neben dem geretteten Mädchen auf den Boden nieder und hob wie betend die Hände in die Höhe.„Gott ſei Lob und Dank“ ſchrie er,„weil ich nur Dich wiederhabe! Mag 137 mein ganzes Haus in Rauch aufgehen, weil mir nur dies entſetzliche Unglück erſpart iſt! Meine gute, liebe Tochter iſt gerettet! Mag jetzt, wenn es ſein muß, Al⸗ les in Grund und Boden niederbrennen, jetzt will ich gern betteln gehen!“ Viertes Kapitel. In Netzen. Auf einem der Corridore des herzoglichen Reſidenz⸗ ſchloſſes, welcher zu den Gemächern der Herzogin⸗Mut⸗ ter führte, ſtanden gepackte Kiſten unordentlich durch⸗ einander. Handwerker waren beſchäftigt, dieſelben mit Nägeln zu verſchließen, während Andere verſchiedene Möbel mit ſchützenden Ueberzügen von Packleinen um⸗ gaben. Alles deutete auf einen größern Umzug, auf eine Reiſe, welche von längerer Dauer ſein ſollte, und der Umſtand, daß bei bereits einbrechendem Abende noch eifrig fortgearbeitet wurde, ließ erkennen, daß dieſelbe auch in jeder Weiſe beſchleunigt werden ſollte. Der Kammerdiener Bornemann, welcher die Seiten⸗ treppe heraufkam, blieb verwundert ſtehen und blickte forſchend um ſich; als er nicht fand, was er zu ſuchen 139 ſchien, wurde ſeine Stirn noch finſterer und hochmüthi⸗ ger und glättete ſich nur wenig, als ein älterer Mann mit grüner Schürze ſich von ſeiner Arbeit an dem Möbelballen emporhob, Packnadel, Schnur und Scheere beiſeite legte und, ein kleines, rundes Läderkäppchen zum Gruße abnehmend, ſeinen faſt ganz kahl geworde⸗ nen Scheitel entblößte. „Ah, Sie da, Herr von Bornemann!“ ſagte er mit gutmüthigem Lächeln und freundlicher Unterthänigkeit. „Sieht man Sie auch einmal wieder?“ Bornemann, von der Anrede geſchmeichelt, hielt ſei⸗ nen Schritt an, zog die Doſe hervor und bot ſie dem höflichen Tapezierer, welcher mit geſpreizten Fingern von der gnädigen Erlaubniß Gebrauch machte und den ſtark duftenden Makuba gegen die Naſe führte und zwar mit einer Miene voll Sachverſtändniß, ſowohl hinſichtlich des vorzüglichen Tabaks, als der noch vor⸗ züglichern Auszeichnung, die ihm zu Theil geworden. „Der Herr von Bornemann ſind allzu gnädig“, ſagte er dazu, während dieſer die eigene Priſe aus der Ent⸗ fernung beroch und dann wie etwas, was ſeinen Dienſt gethan hat, achtlos von ſich ſchleuderte. „Sie thun mir zu viel Ehre an, Herr Niedringer“, ſagte er dann.„Laſſen Sie doch den Herr von! Wie käme ich zu einem ſolchen Prädicate?“ 140 „O, was nicht iſt, kann noch werden!“ rief der Ta⸗ pezierer noch unterthäniger als zuvor.„Unſer aller⸗ gnädigſter Herzog weiß das Verdienſt ſchon zu finden und zu würdigen. Jetzt hat er Sie zu ſeinem Burg⸗ pfleger gemacht— wer weiß, welche Stufe Sie noch erreichen!“ „Nun, nun“, erwiderte Bornemann mit einem Lä⸗ cheln, das beſcheiden ſein ſollte, aus welchem aber doch der Hochmuth hervorſah, welcher vollkommen glaubte, was zu beſtreiten er ſich den Anſchein gab.„Seine Durchlaucht ſind allerdings ſehr gnädig gegen mich. Ich war ſelbſt überraſcht durch meine Beförderung, die mir ganz unerwartet kam, die aber, wenn ſie auch eine große Auszeichnung iſt, mir doch ein ganzes Ge⸗ birge von Verantwortung und Sorgen auf den Hals geladen hat!“ „Allerdings! Das läßt ſich denken!“ erwiderte der Meiſter.„Aber wenn nur in dieſem Gebirge ein ganz kleines Winkelchen übrig bleibt, damit Sie Ihren er⸗ gebenſten Diener, Meiſter Niedringer, nicht ganz ver⸗ geſſen. Sie wiſſen ja—“ „Ganz recht. Ich errathe, worauf Sie anſpielen“, entgegnete der Burgpfleger, auf den Doſendeckel klo⸗ pfend.„Aber Sie wiſſen auch, daß kein Hoftape⸗ zierer mehr angeſtellt werden ſoll. Die vorkommenden 141 Arbeiten ſollen den ſtädtiſchen Gewerbsmeiſtern über⸗ tragen werden!“— „Freilich! Wer weiß das beſſer als ich!“ entgegnete der Meiſter eifrig und trat etwas näher.„Aber eben deswegen! Ich geize ja nicht nach dem Hoftitel, ſo ſchön er klingt und ſo ſtattlich ſich auch auf meinem Schilde das herzogliche Wappen ausnehmen würde! Ich will ja nur Arbeit, und das wiſſen Sie ja, Herr von Bornemann, es gibt der ſtädtiſchen Gewerbsmeiſter gar viele, da kommt eben Alles auf die Empfehlung an, auf die Recommandation! Meinen Sie, unſereiner wiſſe nicht, wer zu beſtimmen und auszuſuchen hat, wenn eine Arbeit übertragen wird?“ „Hm“, ſagte der Burgpfleger,„das thut Seine Er⸗ cellenz der Herr Hofmarſchall.“ „Nun freilich, der Herr Hofmarſchall“, ſagte der Tapezierer beiſtimmend.„Aber wer iſt es, der Seiner Excellenz den Vorſchlag macht? Wer iſt es, der ihm die beſten Leute dazu empfiehlt? Ich verlange gewiß nichts Unrechtes“, fuhr er fort, als Bornemann ſchwei⸗ gend die Doſe zwiſchen den Fingern drehte.„Ich will keinen Vorzug, Herr Burgpfleger, wenn meine Arbeit nicht wirklich die vorzüglichſte iſt. Ich möchte nur, daß Sie, verehrteſter Herr von Bornemann, ſich davon über⸗ zeugen wollten! Ich habe eben in meinem Magazin ein 142 Möbel ſtehen, von ſaftgrünem Sammt, allerneueſte Fa⸗ gon, echte Wallnußfourniere; es kann ſich neben jede Pariſer Arbeit ſtellen. Wenn Sie ſich doch einmal überzeugen wollten und möchten es in Augenſchein nehmen.“ „Gern wollte ich das, mein lieber Meiſter“, ſagte der Burgpfleger wichtig.„Man hat nur ſo wenig Zeit! Ich bin ſo mit Geſchäften überladen; Sie glauben gar nicht—“ „Warum ſollte ich das nicht glauben? Sehe ich es denn nicht? Aber da gibt es wohl einen Ausweg. Meine Arbeiten müſſen Sie nun einmal kennen lernen, und wenn der Herr von Bornemann nicht in mein Magazin kommen können, dann ſchicke ich Ihnen eben die Möbel in Ihre Wohnung, damit Sie ſie anſehen und ſich überzeugen, daß es eine ſchöne, geſchmackvolle und ſolide Arbeit iſt.“ „Nun, wir wollen ſehen, was ſich thun läßt“, ſagte der Burgpfleger.„Das kommt ja wohl öfter vor, daß Kunden, welche nicht in die Magazine kommen können, die Waare ins Haus geſchickt wird. Nicht wahr? Ich kann es Ihnen nicht wehren, wenn Sie die Möbel ſchicken wollen; aber es muß Ihnen nicht läſtig fallen. Allerdings käme es ſehr gelegen, wenn man bei Zeiten die Adreſſe eines recht guten Tapezierers haben könnte. m, 143 Seine Durchlaucht ſind jung, es hat ſchon hier und da von einer beabſichtigten Vermählung verlauten wollen. Wenn der Hofſſtaat der jungen Herzogin gebildet wird, wenn die Gemächer eingerichtet werden—“ „Sie machen mich glücklich, Herr von Bornemann!“ rief der Tapezierer.„Jetzt müſſen Sie meine Möbel erſt recht ſehen! Jetzt ruhe ich nicht mehr. Morgen in aller Frühe müſſen ſie in Ihren Händen ſein!“ Das Geſpräch wurde hier unterbrochen, denn der Burgpfleger hatte endlich das Geſuchte gefunden und fuhr mit allem Nachdruck ſeines Unwillens und der ganzen Neuheit ſeiner Stellung auf den Lakai los, welcher beauftragt geweſen war, das Packen zu über⸗ wachen, den Poſten aber pflichtwidrig verlaſſen hatte und nun eben, einen Brief in der Hand, die Treppe heraufkam. „Wie können Sie ſich unterſtehen“, rief er,„einen Platz, der Ihnen dienſtlich angewieſen iſt, zu verlaſſen? Glauben Sie, man hat Sie umſonſt hierher geſtellt? Wenn Sie nicht pünktlicher im Dienſte ſind, wird man Ihnen die Livree bald wieder ausziehen!“ Der verdutzte Lakai erwiderte kein Wort und hielt nur den Brief vor ſich hin, als ob darin die Entſchul⸗ digung enthalten ſein ſollte.„Dieſer Brief—“ ſtot⸗ terte er nach einer Weile. 144 „Was Brief!“ rief der Burgpfleger noch unwilliger. „Was iſt das für ein Wiſch? An wen iſt er? Wer hat ihn gebracht?“ „Hab' die Mamſell nicht gekannt“, erwiderte der Lakai.„Es war eine hölliſch aufgedonnerte Perſon, nach der neueſten Mode und auch gerade ſo zudring⸗ lich. Ich hörte, wie ſie drunten an der Treppe ſich mit dem Frottirer ſtritt, der ſie nicht herauflaſſen wollte, und damit es keinen weitern Lärm abgebe und weil die Mamſell gar ſo viel aus ſich machte, ſo hab' ich gedacht, es wäre beſſer, wenn ich ihr den Brief ab⸗ nähme.“ Während der letzten Reden, die für dieſen Ort ungewöhnlich laut geführt worden waren, hatte ſich ſeitwärts eine Thür geöffnet und Fräulein Primitiva von Falkenhoff war auf der Schwelle ſichtbar geworden. „An wen iſt denn der Brief?“ fragte der Burg⸗ pfleger, indem er die Hand darnach ausſtreckte. „An Fräulein von Falkenhoff, die erſte Dame der Frau Herzogin⸗Mutter.“ „Gut, laſſen Sie ſehen!“ Bornemann wollte eben den Brief in die Hand nehmen, als das Fräulein dazwiſchen trat. „Wenn der Brief an mich iſt, ſo geben Sie!“ ſagte ſie. Der Burgpfleger wich mit einem tiefen Bückling und mit unterthäniger Geberde zurück. „Ah! Ich wußte nicht, daß freiherrliche Gnaden in der Nähe ſind!“ „Schon gut“, entgegnete Primitiva.„Sorgen Sie, daß es ruhig auf dem Corridor iſt! Ihre Durchlaucht befinden ſich dort in den Gemächern nebenan; Sie könn⸗ ten leicht geſtört werden.“ Gleichzeitig hatte ſie einen flüchtigen Blick auf den Brief geworfen, welcher aus einem ziemlich ſtarken und grob verſiegelten Päckchen beſtand, und eine ſtarke Röthe war wie eine raſche Flamme des Unwillens über ihr Antlitz geflogen. Ehe der Burgpfleger etwas erwidern konnte, war ſie im Zimmer wieder verſchwunden; der Lakai, um weitern Verweiſen auszuweichen, machte ſich ganz in der Entfernung mit ein paar Kiſten zu ſchaf⸗ fen; der alte Tapezierer aber drückte das Käppchen wieder auf ſeinen Kahlkopf und flüſterte dem Burg⸗ pfleger zu:„Was ſagen Sie zu dem Briefe? Ich ver⸗ ſtehe mich zwar gar nicht auf Geſichter, aber der Brief war nicht von der angenehmſten Art. Meinen Sie nicht auch, Herr von Bornemann?“ „Ich meine gar nichts“, rief dieſer, die Doſe zu⸗ klappend, gegen den Lakai hin,„als daß es unpaſſend iſt, ſich zum Brieftragen und Zuſtellen gebrauchen zu Schmid, Mütze und Krone. III. 10 146 laſſen. Das mag man ſich merken, wenn man die her⸗ zogliche Livree tragen will!“ * Er ging. Der Lakai ſah ihm nach, bis er voll⸗ ſtändig verſchwunden war; dann nickte er dem Meiſter zu und murmelte zu ihm hinüber:„Es iſt doch merk⸗ würdig, wie geſchwind den Leuten der Hochmuth in den Kopf ſteigt! Es ſind noch keine drei Wochen, daß der Kerl Burgpfleger iſt, und wer ihn jetzt ſieht, ſollte meinen, er wäre ſo auf die Welt gekommen! Als er noch ein ſimpler Lakai war wie unſereiner, hat er hun⸗ dertmal Gift und Galle gekocht, wenn der frühere Ober⸗ kammerdiener uns ſo von oben herab abkanzelte! Es ſind nicht drei Wochen, daß er den Lakaienrock ausge⸗ zogen hat, und nun iſt er noch hochmüthiger als der!“ Inzwiſchen hatte Primitiva das Gemach betreten, welches das Vorzimmer der Herzogin geweſen, bis der darin erfolgte plötzliche Tod des Herzogs ihr dieſe Räumlichkeiten verleidet und ſie veranlaßt hatte, eine andere nebenan liegende Wohnung zu beziehen. Das Gemach war ſeither völlig verlaſſen geweſen und jetzt nur geöffnet, weil ein Theil der Möbel ausgeräumt und verpackt werden ſollte. Primitiva riß mit einiger Haſt den Umſchlag des empfangenen Päckchens auf; einige feine Brieſchen von farbigem Papier fielen ihr entgegen. — ——— 147 „Hab' ich es doch gedacht!“ flüſterte ſie vor ſich hin. „Die Schrift ſchien mir bekannt. Es iſt dieſelbe Frauen⸗ hand, die ich ſchon einmal zu Geſicht bekam!“ Sie warf einen Blick hinein und las dann mit halblauter Stimme einige Zeilen des dabei liegenden, ziemlich unſauber und unrichtig geſchriebenen Zettels. „Es fällt mir nicht ein, Ihnen Ihren Herrn Bräu⸗ tigam ſtreitig zu machen; aber eine feine Dame, wie Sie, begreift, daß ſolche Briefe nicht in fremden Hän⸗ den bleiben können. Ich biete ſie Ihnen an. Ich habe eine recht hübſche Sammlung davon und lege ein paar Proben zur Anſicht bei—“ Eben wollte ſie die Briefe weiter durchblättern, als Geräuſch an der Thür ſie nöthigte, dieſelben zu ver⸗ bergen. Sie warf die Blätter auf die Fenſterbrüſtung, legte ihr Tuch darauf und trat dem Beſuche entgegen. Es war Clemens von Schroffenſtein. Mit aller geſchliffe⸗ nen Artigkeit, deren ſein Benehmen und ſein Ton fähig waren, trat er ihr entgegen. „Endlich finde ich Sie doch, meine Theuerſte!“ ſagte er.„Ich war ſchon im Begriff, zu verzweifeln! Das Gerücht erzählt, daß Ihre Durchlaucht die Frau Her⸗ zogin⸗Mutter die Abſicht habe, auf längere Zeit zu verreiſen— ich fliege hierher, um mich von der Wahr⸗ heit zu überzeugen, ich frage nach Ihnen— man 10* Stirn haben, ſo mit mir zu ſprechen? Wie können 4* 148 ſagt mir, daß Sie heute den Dienſt bereits abgegeben haben, ich ſuche Sie auch in Ihrer Wohnung vergebens und bin entzückt, Sie endlich bitten zu können, daß Sie die Beſorgniß zerſtreuen, von der ich durchdrungen bin. Man ſagt, Sie wollten mitverreiſen!“ „Klingt Ihnen das ſo unglaublich, Herr Graf?“ erwiderte Primitiva kalt. „Allerdings. Ich kann nicht denken, daß Sie uns jetzt verlaſſen wollten. Hätten Sie denn ſo ganz ver⸗ geſſen, mein Fräulein, daß Ihre Wahl in dieſer Be⸗ ziehung nicht mehr ganz frei iſt? Sie wiſſen doch, wenn Sie es auch immer zu verſchieben gewußt haben, daß zwiſchen uns eine Verbindung beſteht, welche—“ „Ich habe das nicht vergeſſen“, erwiderte das Fräu⸗ lein mit ſteigender Zurückhaltung,„aber es eilt nicht damit.“ „Grauſame, wie können Sie ſo ſprechen?“ rief Schroffenſtein in gut geſpielter Erregung.„Wenn Ihr Herz ſo kalter Natur iſt, ſo iſt das leider ſehr betrü⸗ bend für mich, aber mir wenigſtens müſſen Sie geſtat⸗ ten, daß meine liebende Sehnſucht mit Ungeſtüm einen Augenblick herbeiwünſcht—“ „Schweigen Sie!“ unterbrach ihn Primitiva, indem ein Blitz der Verachtung und des Zorns aus ihren Augen auf ihn niederzuckte.„Wie können Sie die ℳ% —— 149 Sie es wagen, mir eine ſo ſchale Komödie vorzuſpie⸗ len? Haben Sie vergeſſen, was uns zuſammengeführt hat? Glauben Sie, ich wiſſe nicht, daß Sie von jeher an mir nichts Anziehendes gefunden haben als das bischen Vermögen, das ich beſitze?“ „Mein Gott, ich begreife Sie in der That nicht, mein Fräulein!“ rief Schroffenſtein etwas verwirrt. „Das Vermögen kommt ja bei ſolchen Verbindungen allerdings mit in Betracht, ich kann alſo darin wirklich kein Unrecht erkennen. Aber gewiß war das Vermögen nur einer, nur der geringſte der Vorzüge, die mich zu aller⸗ erſt auf Sie aufmerkſam machten; ſeit ich das Glück hatte, Sie näher kennen zu lernen, traten alle ſolche Neben⸗ rückſichten zurück! Seitdem liebe und verehre ich Sie und der Wunſch, mit Ihnen völlig vereinigt zu werden, ſchließt das ganze Glück meines Lebens in ſich.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo bedauere ich, daß Sie auf Ihr Lebensglück verzichten müſſen, mein Herr!“ erwi⸗ derte ſie wie zuvor.„Primitiva von Falkenhoff wird niemals die Ihrige.“ „Wie?“ ſagte er unſicher.„Und Ihr Wort? Ihre feierliche Zuſage?“ „Sie werden mir mein Wort zurückgeben. Ich bin im Beſitze eines Pfandes, gegen das ich es einzulöſen gedenke.“ 150 „Sie ſprechen in Räthſeln.“ „Hier die Löſung!“ ſagte ſie, indem ſie ihm die Briefe übergab, welche er ſtaunend überblickte. Mit jedem Blick aber, der auf die unerwarteten Blätter fiel, mit jedem Worte, das er in denſelben las, verwandelte ſich das Staunen immer mehr in Beſtürzung; er war zuletzt kaum im Stande, ein paar Worte hervorzu⸗ ſtammeln. „Mein Gott! Das iſt aber doch— wie kommen dieſe Blätter an Sie?“ „Das Wie, dächte ich, wäre gleichgültig“, erwiderte Primitiva mit verletzender Kälte.„Das Mädchen— ich glaube, es iſt eine Tänzerin— hat ſich an mich gewendet und hat damit ſehr recht gethan, wenn auch nicht in dem Sinne, in welchem ſie es gemeint hat. Ich bin weit entfernt, ältern Rechten entgegenzutreten. Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, die Ihrige zu werden, Graf Schroffenſtein— Sie wiſſen, warum und unter welchen Verhältniſſen ich es gethan. Ich habe nie Neigung zu Ihnen empfunden und nach mei⸗ nem lebhafteſten Gefühle iſt Neigung bei einer Ver⸗ bindung für das Leben doch das unerlaßlichſte Erforder⸗ niß, ohne welches an Glück und Gedeihen nicht zu denken iſt. Ich habe mich auch nie über die Schwäche Ihres Charakters getäuſcht. Dennoch habe ich Ihnen —— 151 mein Wort gegeben, weil ich trotz alledem es für mög⸗ lich hielt, mit Ihnen, als mit einem Manne von Grund⸗ ſätzen, auch wenn er mir gleichgültig war, ein Verhält⸗ niß durchzuführen, mit welchem Pflicht und Anſtand ſich zu vertragen vermöchten. Ich nehme aber mein Wort zurück, denn ich kann einem Manne nichts ſein, den ich verachte!“ „Himmel und Erde!“ fuhr Schroffenſtein auf. Be⸗ denken Sie, mit wem Sie reden!“ „Weil ich das bedenke, rede ich ſo. Ich habe es geſagt. Nehmen Sie Ihre Liebespfänder und betrach⸗ ten Sie unſere Verpflichtungen als aufgehoben!“ „Nein, Fräulein!“ rief Schroffenſtein, deſſen Ver⸗ legenheit in trotzige Unverſchämtheit überzugehen an⸗ fing.„Das werde ich nicht. Ich habe nichts Unrech⸗ tes gethan, nichts Anderes, als was von hundert jungen Männern meines Standes jeden Tag geſchieht— eine vorübergehende Liebſchaft, eine bloße Galanterie! Bin ich nicht unabhängig und ungebunden? Für die Zukunft allerdings werde ich wiſſen, was ich zu thun habe; für die Zukunft—“ Primitiva maß ihn mit vernichtendem Blicke von oben bis unten.„Sie ſind noch erbärmlicher, als ich gedacht habe“, ſagte ſie, ergriff einen von den Brie⸗ fen, die er immer noch mechaniſch in der Hand hielt, 152 und ſchlug ihn auseinander.„So leſen Sie, und wenn Sie das noch im Stande ſind, erröthen Sie vor Ihrer eigenen Handſchrift! Ihr eigener Brief zeugt wider Sie. Leſen Sie die Worte, womit Sie Ihre durch die Ge⸗ rüchte Ihrer Verheirathung beunruhigte Geliebte tröſten und ihr verſprechen, daß das in Ihren Beziehungen zu ihr durchaus keine Aenderung hervorbringen ſolle und daß Sie, wenn Sie auch in der erſten Zeit ſich etwas zurückziehen müßten, bald wieder wie Rinaldo zu den alten Ketten zurückkehren würden. Gehen Sie, mein Herr. Ich war bereit, Ihnen mein ganzes Leben hinzugeben, es einer edlen Sache, für die ich begeiſtert bin, zum Opfer zu bringen, jetzt aber müßte ich mich ſelbſt verachten, wenn ich nur eine Stunde länger es ertrüge, die Ihrige zu heißen.“ „Aber, mein Fräulein“, rief Schroffenſtein wüthend, „das iſt doch nur unerhörte Prüderie! Sie wiſſen, um welchen Preis Sie mir Ihre Zuſage gegeben haben! Sie wiſſen, welch ungeheures Opfer auch ich Ihnen brachte, als ich die Liſte der Verſchworenen, die mir auf Ehrenwort anvertraut war, in Ihre Hände gab. Auch ich habe meine Ehre, meine Zukunft, meine Selbſt⸗ achtung und meine ganze künftige Stellung für Sie aufs Spiel geſetzt! Alſo denn Opfer gegen Opfer! Wären ſelbſt Ihre überſpannten Bedenken begründet, 3 — 3 — fn in der Hand. Ein wilder Ausbruch arbeitete in ihm — 153 ſo thun Sie nicht mehr, als ich bereits gethan, und müſſen Ihr Wort halten, wie ich das meinige hielt.“ „Sch halte mich deſſen quitt“, ſchloß Primitiva, mit anſtändig feierlicher Verneigung ſich der Thür zuwen⸗ dand.„Sie ſelbſt haben mich davon entbunden. Ver⸗ ſuchen Sie, ob Sie im Stande ſind, mich zu zwingen.“ Sie verſchwand, und Schroffenſtein blieb einige Augenblicke ſtarr und wie vernichtet ſtehen, die Briefe und ſchien nur auf den gehörigen Gegenſtand zu war⸗ ten, um ſich entladen zu können. Die geheime Thür rauſchte hinter ihm; er wandte ſich und erblickte Over⸗ bergen, der mit liſtig lauernder Miene zur halbgeöff⸗ neten Thür hereinſah. „Overbergen!“ rief Schroffenſtein knirſchend.„Sie hier? Nun, Gott ſei Dank, Sie kommen mir eben recht.“ „So ſage ich auch“, erwiderte Overbergen mit ſei⸗ nem glatteſten Lächeln.„Es iſt mir ſehr erwünſcht, Ihnen endlich ſo recht allein und unter vier Augen zu begegnen. Sie wiſſen wohl, daß wir noch ein Geſchäft mit einander abzumachen haben, das nicht länger ver⸗ zögert werden darf.“ „Wollen Sie mich noch verhöhnen?“ rief Schroffen⸗ ſtein.„Ich rathe Ihnen, mich nicht zum Aeußerſten zu 154 treiben! Wenn der gehetzte Hirſch keinen andern Aus⸗ weg mehr hat, macht er Kehrt und wendet ſich zuletzt gegen ſeine Treiber. Was können Sie dabei beabſich⸗ tigen, als etwa, daß ich mir eine Kugel vor den Kopf ſchießen ſoll? Sie könnten ſich aber verrechnen! Zu der Kugel kann es allerdings kommen, nur daß ſie nicht für meinen Kopf beſtimmt wäre, ſondern für den Ihri⸗ gen!“ „Ei, mein Freund, warum ſo erhitzt?“ entgeg⸗ nete Overbergen im ſanfteſten Tone.„Laſſen Sie doch hören—“ „Fräulein von Falkenhoff“, rief Schroffenſtein,„die Sie mir zur Wiederherſtellung unſeres durch Sie ge⸗ plünderten Vermögens in Vorſchlag brachten, ſagt ſich von mir los, und ſo thue ich es auch von Ihnen. Ich habe mit meinem Vater und mit den Verwandten Al⸗ les wohl überlegt. Wir haben uns im erſten Augen⸗ blick raſch von Ihnen verblüffen laſſen und ſind nicht geſonnen, ſo leichten Kaufs nachzugeben. Laſſen Sie immerhin alle Ihre Minen ſpringen! Wir fürchten ſie nicht mehr. Rücken Sie mit Ihrem Teſtamente her⸗ vor! Uns ſchützt nach dem Gutachten aller Sachverſtän⸗ digen ein faſt zweihundertjähriger Beſitz; wir ſind durch Verjährung gegen die Angriffe Ihres Kloſters geſchützt!“ „Allerdings“, ſagte Overbergen ruhig,„das können — — 1 155 Sie wohl vorbringen. Das würde die Sache ſehr er⸗ ſchweren und verzögern— ändern wohl nicht! Sie ver⸗ geſſen dabei nur eins, daß zur Verjährung auch der gute Glaube gehört!“ „Den Sie hoffentlich bei uns nicht bezweifeln wer⸗ den.“ „Ich gewiß nicht!“ ſagte Overbergen betheuernd. „Aber wenn eine ſolche Sache den Rechtsgang betritt, kommt ſie in die Hände der Anwälte, und Anwälte ſind Menſchen, die mitunter ſehr knorrige Begriffe ha⸗ ben! Auch meine ich von Belegen gehört zu haben, von urkundlichen Belegen, wenn ich nicht irre, aus welchen unbeſtreitbar hervorgehen ſoll, daß Ihr Ur⸗ ahnherr von dem Vorhandenſein des Teſtaments ſehr wohl unterrichtet war, daß derſelbe ſehr wohl wußte, wie das Teſtament gerade in ſeine Hände gekommen, daß er gleichwohl nicht den Muth hatte, dieſes Wiſ⸗ ſen ruhig mit in die Ewigkeit hinüber zu nehmen. Er war ſchwach genug, Gewiſſensbiſſe zu bekommen und ſeinem Sohne in der letzten Stunde das Geheim⸗ niß anzuvertrauen. Von dieſem hat es ſich wie eine unſelige Erbſchaft von Sohn zu Sohn fortgepflanzt und es dürfte Ihnen ſchwer werden, dieſen Inzichten gegen⸗ über zu beweiſen, daß die Familie in gutem Glauben gehandelt habe. Sie ſehen“, fuhr er fort, indem er ——— 156 Schroffenſtein mit triumphirender Sicherheit betrachtete, „ein guter Spieler gibt ſeine Karten nie auf einmal aus und ſpart ſich immer den entſcheidenden Trumpf bis zuletzt auf.“ „Immerhin“, rief Schroffenſtein.„Wenn wir denn ruinirt ſein ſollen, ſo wollen wir uns wenigſtens weh⸗ ren, ſolange wir können. Ich will nichts von der Herausgabe des Gutes wiſſen.“ „Wenn Sie noch können“, ſagte Overbergen achſel⸗ zuckend. „O, ich kann! Was ſollte mich hindern, offen auf⸗ zutreten und allen meinen Standesgenoſſen unumſchränkt die Wahrheit zu ſagen? Ich will Alles aufdecken; ich werde ſagen, wie Sie an mich gekommen ſind, mein Herr, wer Sie ſind, worin Ihre geheimen Unterneh⸗ mungen beſtehen—“ Overbergen legte ihm mit höhniſchem Lächeln die Hand auf den Arm.„Sie werden gar nichts entdecken, mein Beſter“, ſagte er;„denn an Ihre Entdeckung würde ſich eine andere reihen, die Ihnen kaum ange⸗ nehm ſein dürfte: die Geſchichte von der Aufbewahrung einer gewiſſen Liſte, die auf Ehrenwort, auf Cavaliers⸗ parole übergeben wurde und doch im entſcheidenden Augenblick in Händen geweſen ſein ſoll, für welche ſie nicht beſtimmt war.“ 4 8 157 Schroffenſtein erblaßte.„Herr, ſind Sie mit dem Teufel im Bunde?“ ſtammelte er. „Nicht daß ich wüßte“, erwiderte Overbergen.„Ich habe das auch nicht nöthig. Einige Ruhe und Be⸗ ſonnenheit des Alters gibt eine beträchtliche Ueber⸗ legenheit, und wenn meine Gegner noch dazu die Güte haben, ſelber Ihre Geheimniſſe an Orten laut auszu⸗ ſprechen, wo ſich geheime Thüren befinden und hinter dieſen Thüren möglicherweiſe wohlhörende Ohren, ſo bleibt nichts zu wünſchen übrig, und die Behelligung der ſchwarzen Magie wäre ganz unnütz. Indeſſen Sie ſollen ſehen, daß mit mir ſehr wohl zu verkehren iſt. Halten Sie Ihr Wort! Ich werde dann auch thun, was von meiner Seite möglich iſt; ich ver⸗ ſchaffe Ihnen die Einwilligung von Fräulein von Fal⸗ kenhoff.“ „Unmöglich! Sie wiſſen nicht, warum ſie mir ſo entſchieden den Korb gegeben hat.“ „Vielleicht doch“, ſagte Overbergen lächelnd. „Nun, dann brauche ich kein Geheimniß vor Ihnen zu haben. Sie iſt empört wegen einer Liaiſon, die ich mit einem hübſchen Mädchen unterhalten habe, einer Balletratte. Mein Gott, wohin ſollte es kommen, wenn man jedes Wort verantworten müßte, das man in einer dummen Stunde ein paar hübſchen Augen 158 gegenüber geſprochen hat? Aber ich ſtecke nun einmal in dem Netze.“ „Das Fräulein wird einwilligen.“ „Trotz dieſes Zwiſchenfalls?“ „Trotz deſſelben, in dieſer Stunde, wenn ich ſogleich mit ihr ſprechen kann.“ „Man kommtz ſie iſt es. Ich laſſe Sie mit ihr allein.“ „Nicht nöthig. Wenn Sie indeß einen Augenblick beiſeite treten wollen, ſo ſollen Sie bald ſehen, ob ich zu viel verſprochen habe.“ Es war wirklich Primitiva. Ohne die Anweſenden zu bemerken, trat ſie eilends herein und blickte durch den Spalt der halb hinter ſich zugedrückten Thür auf den dunkelnden Gang hinaus. Sie ſchien in gro⸗ ßer Bewegung zu ſein und flüſterte vor ſich hin:„Ob er es war? Ich glaubte ſeine Geſtalt zu erkennen. Er ſchien zu den Gemächern der Herzogin zu gehen. Was ſollte er aber dort— jetzt noch? Gleichviel, iſt es mir doch gelungen, einer Begegnung auszuwei⸗ chen. Wozu auch ihn wiederſehen?“ fuhr ſie innerlich fort, indem ſie die Stirn an den Arm lehnte, mit welchem ſie die Thür hielt.„Lebt er mir doch im Herzen! Bin ich doch wieder frei, darf wieder an ihn denken und ihm gehören!“ —— — 159 Ein Geräuſch, das Overbergen machte, verrieth ihr ſeine Gegenwart. Er trat ihr mit der artigſten Ver⸗ beugung entgegen. „Ich fühle recht wohl, wie unrecht es iſt, in Ihre Einſamkeit einzudringen, mein Fräulein!“ ſagte er. „Ich hätte es auch nicht gewagt, hätte ich nicht ſo eben einen Glücklichen verlaſſen, der mir eine Mit⸗ theilung gemacht hat, die mich in hohem Grade er⸗ freut. Es iſt nicht recht von Ihnen, mein Fräulein, daß Sie eine ſolche Nachricht ſo lange vor uns geheim ge⸗ halten haben, daß Sie den Schein ſogar ſo weit treiben wollen, mit der Frau Herzogin abzureiſen, während es doch, da Sie im Begriffe ſind, ſich zu vermählen, bei der Ihnen ſo gewogenen Fürſtin ſicher nur eines Wortes bedurft hätte, um Ihnen Urlaub zu vwerſchaffen.“. „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr! Wenn Sie von Herrn von Schroffenſtein ſprechen, ſo wird er Ihnen am beſten ſagen können, wie wenig Ihre Glück⸗ wünſche am Platze ſind.“ „Nicht doch, Sie ſcherzen. Eben er war es, der mich von ſeinem Glücke, von Ihrer ſo eben ertheilten Einwilligung in Kenntniß ſetzte.“ „Er? Nun, das iſt ein Irrthum, wenn nichts Schlimmeres, wenn nicht eine abſichtliche Täuſchung. 160 Und Sie glauben das, Sie, der ſonſt über Alles ſo genau unterrichtet iſt?“ „Sie haben Recht“, ſagte Overbergen mit dem nicht mehr verhaltenen Hohne der Uebermacht.„Ich laſſe die Maske fallen. Wozu auch die Umſtände? Hören Sie alſo, mein Fräulein! Ich weiß Alles.“ „Dann kennen Sie auch den Grund, der mich meiner Zuſage entbindet.“ „Ich kenne ihn, allein ich geſtehe Ihnen offen, daß ich ihn nicht für zureichend finde, Sie von Ihrem Worte zu befreien. Was iſt es doch, worüber Sie zürnen? Eine Verirrung, die man der Jugend zu gute halten muß. Ich bin natürlich weit entfernt, Ausſchreitungen vertheidigen zu wollen, aber es gibt immerhin gewiſſe Grenzen, Dinge, die ſich allerdings nicht gutheißen laſſen, die man aber als ein nothwen⸗ diges Uebel überſehen muß. Mein Gott, Alles in der Welt beruht am Ende darauf, daß man einmal gegen⸗ ſeitig ein Auge zudrückt!“ „In der That“, erwiderte Primitiva ſtolz,„ich wundere mich nicht, ſolche Anſichten von Ihnen zu hören, mein Herr; aber Sie werden die Bitte begreiflich finden, dieſelben für ſich zu behalten, denn ich theile dieſe Anſichten nicht.“ „So?“ entgegnete Overbergen ſpitzig.„Das nimmt mich wunder.“ —— — ———y4ʃ —— 161 „Mein Herr, Sie werden beleidigend!“ „O, nicht doch. Wer ſollte am Hofe eine ſolche Strenge ſuchen, an einem Hofe, wo es doch Beiſpiele gibt, daß Damen zur Nachtzeit in Männerkleidern ausgehen, um einen geliebten Freund an einem unbe⸗ kannten, um nicht zu ſagen verrufenen Orte, allenfalls in einer abgelegenen Winkelkneipe zu beſuchen!“ „Was wollen Sie damit andeuten?“ rief Primi⸗ tiva, der es nicht vollſtändig gelang, ihrer Ueberraſchung Meiſter zu werden. „Sie ſehen, es war nicht zu viel, wenn ich ſagte, daß ich Alles weiß. Wollen Sie erfahren, wo dieſe Zuſammenkunft war, wer dieſe Dame iſt? Was glau⸗ ben Sie wohl, welche Wirkung es hervorbringen würde, wenn ich dieſe pikante Geſchichte weiter erzählen würde? Die Geſchichte von einer Hofdame, welche allgemein als Beiſpiel von Sittſamkeit, als ein Mu⸗ ſter von Strenge gilt und ſich doch herabläßt, wie Diana ihren Endymion bei nächtlicher Weile zu be⸗ ſuchen? Doch alteriren Sie ſich nicht! Ich bin kein Freund von Skandalgeſchichten, ich werde ſchwei⸗ gen. Jene Dame hat von mir nichts zu be⸗ fürchten, aber als Erkenntlichkeit verlange ich die Kleinigkeit dagegen, daß Ihrer Verbindung mit dem Grafen von Scheoffenſtein nichts mehr in den Weg Schmid, Mütze und Krone. III. 11 162 gelegt wird. Darauf kann ich mich doch wohl ver⸗ laſſen, mein Fräulein?“ Er verbeugte ſich vor Primitiva, indem er ſeit⸗ wärts trat und Schroffenſtein aus der Fenſterver⸗ tiefung, in welche dieſer ſich zurückgezogen hatte, herbei⸗ rief.„Gratulire Ihnen, mein Freund! Die Sache hat ſich gewendet, wie ich es vermuthete. Es war nichts, nichts weiter als ein Mißverſtändniß. Dergleichen kommt ja wohl unter Liebenden vor, nicht wahr, mein Fräulein?“ „Wirklich 2“ ſagte Schroffenſtein.„Ich dürfte hoffen?“ „Fragen Sie die Dame ſelbſt!“ erwiderte Overber⸗ gen.„Setzen Sie den Tag der Vermählung an, machen Sie die Verlobung bekannt und geſtatten Sie mir, daß ich der erſte bin, der der Reſidenz dieſe intereſſante Neuigkeit verkündet! Geſtatten Sie mir, ſagen zu können, daß ich der glückliche Zeuge geweſen, vor deſſen Augen Sie den Verlobungskuß gewechſelt haben.“ „Ich weiß nicht, wie ich daran bin“ ſagte Schroffen⸗ ſtein unſicher.„Ich bin ganz außer mir vor Verwun⸗ derung. Aber ich wäre wohl ein Thor, wenn ich mir eine ſolche Aufforderung wiederholen ließe.“ Er ſchloß Primitiva raſch in die Arme, drückte ihr einen Kuß auf den Mund und ſchritt dann mit Overbergen, der ihm den Arm bot, aus dem Gemache. —— — ““ —— — — 163 Primitiva, welche kaum wußte, was mit ihr ge⸗ ſchehen, ſank ſchaudernd auf ein Ruhebett und drückte das Tuch vor die überquellenden Augen. Sie hatte recht geſehen. Der Mann, der durch den Gang geſchritten, war wirklich Führer geweſen. Er ſtand jetzt vor der alten Herzogin in den nunmehr von ihr bewohnten Gemächern, nachdem es ihm nicht ohne Schwierigkeiten gelungen war, bis dahin zu dringen. Der Lakai hatte den mächtigen Günſtling und Miniſter mit einer Verwunderung eintreten ſehen, welche faſt an Scheu grenzte, und hatte deſſen Wunſch, der Her⸗ zogin⸗Mutter ſeine Aufwartung machen zu dürfen, der dienſthabenden Dame gemeldet. Mit nicht geringerer Verwunderung war dieſe zu ihrer Gebieterin einge⸗ treten und Führer ihr ſofort ins Vorgemach gefolgt, von welchem eine nur mit Vorhängen verſchloſſene Thür unmittelbar in das innere Gemach der Herzogin führte. Die Entfernung war ſo klein, daß er es wohl vernehmen konnte, wie auch die Herzogin die Ueber⸗ raſchung ihrer Dienerſchaft theilte und wie ſie in lautem, ungnädigem Tone Befehl gab, den unwillkommenen Be⸗ ſuch abzuweiſen.„Brauchen Sie irgend einen Vor⸗ wand“, hörte er ſie rufen und nahm dann in anſtän⸗ digſter Haltung die Meldung der Hofdame entgegen, daß Ihre Durchlaucht mit den Anſtalten zu ihrer Ab⸗ 115 164 reiſe zu ſehr beſchäftigt ſeien, um irgend Jemand empfangen zu können. „Ich bedaure allerdings lebhaft, wenn ich unter dieſen Umſtänden und überhaupt noch ſo ſpät ſtöre“, erwiderte Führer.„Dennoch muß ich darauf beſtehen, 5 vorgelaſſen zu werden.“ „Sie hören aber, daß es unmöglich iſt!“ „Ich höre, würde auch mein Geſuch nicht wieder⸗ holen, wenn daſſelbe auf eigener Kühnheit beruhte; ich ſtehe jedoch hier auf Befehl meines Herrn und Ge⸗ bieters. Ich darf nicht zurückkehren, ohne Ihre Durch⸗ laucht die Frau Herzogin⸗Mutter geſprochen zu haben.“ Die Hofdame verſchwand wieder hinter den Vor⸗ hängen; im nächſten Augenblicke aber wurden dieſe wieder auseinander geſchlagen und eine Geberde der Dame lud den Miniſter zum Eintreten ein, während drinnen die Stimme der Herzogin ſich laut genug ver⸗ nehmen ließ, um draußen verſtanden zu werden.„So mag er eintreten“, ſagte ſie.„Wenn er von Seiner Durchlaucht kommt, ſoll es nicht den Anſchein haben, als ſcheute ich mich, ihn vor mir zu ſehen.“ 4 Im nächſten Augenblicke ſtand Führer vor der greiſen Fürſtin, deren erloſchene Augen feſt und ſtarr, als ob ſie damit zu ſehen vermöchte, ſich auf ihn oder viel⸗ mehr gegen den Eingang kehrten. Die Herzogin ſtand 165 hoch aufgerichtet, mit der Hand gebieteriſch auf ein Tiſchchen neben ihr geſtützt, während im Hintergrunde des Zimmers die Dame ſich mit Ordnen von Papieren beſchäftigte. „Sie kommen von meinem Enkel, Herr Miniſter“ ſagte die Herzogin.„Was haben Sie mir von ihm zu ſagen?“ „Seine Durchlaucht“, entgegnete Führer ruhig und in ehrerbietigem Tone,„haben vernommen, daß Durch⸗ laucht geſonnen ſein ſollen, Stadt und Land zu ver⸗ laſſen—“ „So iſt es!“ „Daß dies ſchon bald geſchehen ſoll und auf längere Zeit—“ „Auch das verhält ſich ſo.“ „Durchlaucht ſollen gedenken, Ihren künftigen Auf⸗ enthalt in der Hauptſtadt unſeres großen Nachbar⸗ ſtaates zu nehmen—“ „Und wenn es ſo wäre?“ fragte die Herzogin, in⸗ dem ſie ſich erwartungsvoll noch höher aufrichtete. „Dann laſſen Seine Durchlaucht durch mich die ergebenſte Bitte ausſprechen, dieſe Reiſe zu unter⸗ laſſen, ihm und der Stadt Ihre Anweſenheit nicht zu entziehen.“— „Wenn dem Herzog an der Anweſenheit der alten, 166 blinden, mürriſchen Frau gelegen iſt“, entgegnete die Herzogin,„warum kommt der Enkel nicht ſelbſt, die Großmutter zu bitten?“ „Seine Durchlaucht haben dieſe Frage vorausge⸗ ſehen“, erwiderte Führer,„und mich mit der Erwiderung betraut. Seine Durchlaucht laſſen darauf aufmerkſam machen, daß dadurch ein in weiteſten Kreiſen verbrei⸗ tetes Gerücht Nahrung und Beſtätigung fände, das Gerücht, als ſtehe die Abreiſe Eurer Durchlaucht nicht außer Zuſammenhang mit einigen Vorgängen der jüng⸗ ſten Zeit.“ „Nicht außer Zuſammenhang!“ rief die Fürſtin warm.„Sie drücken ſich ſehr diplomatiſch gewählt aus, Herr Miniſter; Sie haben aber nicht Urſache, mir gegenüber Ihre Worte ſo auf Schrauben zu ſtellen. Ja, mein Herr, meine Abreiſe ſteht nicht außer Zu⸗ ſammenhang mit gewiſſen Vorgängen der jüngſten Zeit. Ich gehe, ich verlaſſe einen Hof und ein Land, an und in welchem von jetzt an Grundſätze gelten ſollen und zum Geſetze erhoben werden, welche mit denen nicht übereinſtimmen, in denen ich aufgewachſen und grau geworden bin! Ihr Herr Herzog und Gebieter hat die Krone von ſeinem Ahnherrn vollſtändig und unverſehrt erhalten. Wenn er ſie nun zerbricht, wenn er die ſchönſten Edelſteine herausnimmt und verſchenkt, ſo will ich wenigſtens nicht Zeugin davon ſein. Sagen Sie Ihrem Herzog: das Grundgeſetz, deſſen Zurück⸗ nahme ich ſchon einmal von ihm erbeten habe, iſt es, was mich aus dem Lande treibt. Sie aber, Herr Mi⸗ niſter, mögen immerhin triumphiren, denn Ihr Einfluß, Ihre Ueberredungskunſt hat es doch wohl zu Wege ge⸗ bracht, daß dieſes unheilvolle Geſetz nun doch publicirt worden iſt.“ „Durchlaucht“ erwiderte Führer mit ruhiger Mäßi⸗ gung,„erweiſen mir in einem Athemzuge zu viel Ehre und treten mir doch wieder zu nahe. Die Grundſütze, auf welchen die jetzt veröffentlichte Verfaſſung beruht, ſind die Seiner Durchlaucht des Herzogs, ſind von ihm gebilligt, und ich bin nur ſo glücklich, mit der Aus⸗ führung betraut zu ſein. Ich aber bin von der Wahr⸗ heit dieſer Principien überzeugt und Durchlaucht können es mir nicht zum Unrecht anrechnen, wenn ich für meine Ueberzeugung wirke.“ „Ueberzeugung! Sagen Sie beſſer Verblendung oder Einbildung!“ rief die Herzogin auffahrend, ſetzte aber ſogleich in milderem Tone hinzu:„Ich ſehe Sie nicht, mein Herr. Nach Ihrer Stimme aber müſſen Sie noch ein Mann in jungen Jahren ſein und es iſt etwas im Klange derſelben, was mit dem Bilde nicht übereinſtimmt, das ich mir von Ihnen gemacht habe.“ 168 „Das freut mich“, entgegnete der Miniſter herzlich. „Um ſo eher darf ich hoffen, verſtanden zu werden, und kann ohne Rückhalt reden. Seine Durchlaucht der Herzog haben ſich nie darüber getäuſcht, daß es die Veröffentlichung der Verfaſſung iſt, was Sie von Hof und Land verſcheucht. Er fühlte das auch jeder Zeit ſchmerzlich, denn er liebt und verehrt Sie. Dennoch aber vermochte er nicht anders zu handeln, und als ein Zeichen ſeines beſondern Vertrauens hat er es mir übertragen, Ihnen ſeine Bitte auszuſprechen, in der Hoffnung, daß es mir vielleicht gelingen möchte, Ihnen von dieſem gefürchteten Geſetze eine andere Vorſtellung beizubringen.“ 3 „Niemals!“ rief die Fürſtin mit abwehrender Ge⸗ berde.„Denken Sie, daß ich mich mit Ihnen in Er⸗ örterungen, in einen Streit über die Grundſätze der Herrſchaft einlaſſen werde? Könnte mein Enkel das von mir glauben, er müßte mich nicht kennen. Ich achte und ehre jeden Stand. Ich glaube, daß Jeder in ſeiner Sphäre, in dem Umkreiſe der Befugniſſe, die ſeinem Wirken vorgeſchrieben ſind, des Guten und Treff⸗ lichen ſehr viel ſchaffen kann. Aber ich achte und ehre Jeden nur innerhalb dieſes Kreiſes! Der Bürger gilt mir nur, wo es das Gewerbe betrifft, der Gelehrte, wenn es ſich um die Wiſſenſchaft handelt; Sache des 169 Fürſten iſt es, zu regieren und Geſetze zu geben. Er hat Macht und Beruf dazu von Gott allein und einzig vor Gott hat er ſie zu üben!“ „Allerdings, bei ſo ſchroff ausgeſprochenen Anſich⸗ ten“, entgegnete der Miniſter nach kurzem Schweigen, „werliert ſich die Ausſicht auf Verſtändigung ins Ne⸗ belhafte! Wenn Eure Durchlaucht der geſammten neuen Philoſophie mit einem Worte den Riegel vor⸗ 6 ſchieben, wenn Sie das geſammte Staatsrecht der neuern Zeit—“ „Noch einmal, ſchweigen Sie!“ unterbrach ihn die Herzogin beinahe heftig.„Ich will davon nichts hören. Sagen Sie meinem Enkel, er hätte ſich und Ihnen dieſe Miſſion erſparen können, er hätte wiſſen ſollen, daß Ihnen noch weniger gelingen wird, was er nicht zu Wege gebracht hat. Dieſer alte Kopf faßt die neuen Dinge nicht mehr, welche man jetzt für Wahrheit aus⸗ geben will! Dieſe meine blind gewordenen Augen ſehen all den blendenden Schein und Schimmer nicht, mit dem man ſie umgibt, um ſie der Wahrheit ähnlich zu machen. Ich lebe nur mehr ein innerliches Leben, in der Erinnerung und im Glauben; aber da iſt es hell und klar, und in dieſer Klarheit ſteht die Ueberzeugung unerſchütterlich feſt, daß nur das Alte, wie es uns die Religion lehrt, das einzig Wahre iſt.“ 170 Die Fürſtin hatte mit erhobener Stimme geſprochen und ſchien ſofort auf eine Entgegnung zu warten. Der Miniſter betrachtete die hohe Geſtalt mit einem Aus⸗ druck der Verehrung. Er ſchien ein raſches Wort der Erwiderung auf der Zunge zu haben, aber die Geſühle der Achtung vor der greiſen Fürſtin hießen ihn daſſelbe wieder zurückdrängen.„Ich habe alle Ehrfurcht“, be⸗ gann er nach einer Weile,„vor ſolcher echt fürſtlichen Entſchiedenheit, nur kann ich meine Verwunderung über eins nicht bergen. Wenn ſo feſt an dem gehalten wird, was die Religion lehrt, was ſie im Gebiete der Politik aufſtellt, wie kommt es doch, daß ſie in ihrem eigenſten Bereiche dem Zweifel nicht zu entgehen ver⸗ mag?“ Soviel Haltung und Faſſung die Herzogin beſaß, zuckte ſie doch bei dieſen unerwarteten Worten wie von einem plötzlichen Dolchſtoße zuſammen.„Was wollen Sie mit dieſen Worten ſagen?“ fragte ſie. „Nichts Anderes, als was in den Worten nach ihrem Sinne enthalten iſt. Ich kann mir nicht zuſammen⸗ reimen, Durchlaucht, daß, wer ſo feſt an der Wahrheit eines Bekenntniſſes hängt, ſich dennoch entſchließen konnte, daſſelbe aufzugeben und zu einem andern über⸗ zutreten.“ „Schweigen Sie!“ herrſchte ihm die Herzogin mit 471 einer Stimme zu, welcher man anhörte, wie ſehr ſie mit der athemloſen Ueberraſchung zu ringen hatte. „Fräulein von Dornſtein“, rief ſie dann,„ſehen Sie nach, ob die Briefe und Bücher, welche ich erwarte, noch nicht gebracht worden ſind.“ Als die Dame mit tiefer Reverenz das Gemach verlaſſen hatte, trat Führer einen Schritt näher. „Durchlaucht erkennen“, ſagte er,„daß ich mehr weiß, als ich ſage. Der einfache Bürger durchſchaut das ge⸗ heimſte Treiben der Fürſten, und Sie werden zugeben, daß er dadurch mindeſtens einige Befähigung für die ſo hoch gehaltene Staatskunſt an den Tag legt. Enden Sie denn, Durchlaucht, ehe Ihre Dame zurückkommt, geben Sie mir den von meinem Herrn Herzog ge⸗ wünſchten Beſcheid! Die Reiſe, die Sie einmal ausge⸗ ſprochen haben, kann ohne beſonderes Aufſehen nicht rückgängig gemacht werden. Der Herzog wünſcht jedoch, daß Sie dabei die Grenzen des Landes nicht über⸗ ſchreiten, ſondern ſich auf ſein Landgut Liebenſtein be⸗ geben, das er zu Ihrer vollſtändigen Verfügung ſtellt. Ich hätte dieſen Auftrag nicht übernommen, Durch⸗ laucht, wenn ich nicht die Gewißheit gehabt hätte, nicht mit einer abſchlägigen Antwort zu meinem Herrn und Gebieter zurückzukommen.“ „Das iſt ſchändlich! Sie haben mich überliſtet und 172 überfallen“, murmelte die Herzogin.„Geben Sie mir Zeit, mich zu beſinnen!“ „Bedauere, dem Wunſche nicht entſprechen zu können. Der Entſchluß Eurer Durchlaucht muß ſofort gefaßt werden, ohne Dazwiſchenkunft Ihrer frommen Rath⸗ geber.“ „Und wenn ich mich weigerte?“ fragte die Fürſtin geſpannt. „Eure Durchlaucht werden nicht“, entgegnete Führer feſt.„Sollte es aber geſchehen, dann ſind Anſtalten getroffen, um dem Willen ſeiner Durchlaucht Achtung zu verſchaffen.“ „Verſtehe ich recht? Sie wollten ſich erkühnen, Ge⸗ walt anzuwenden?“ „Es gefalle Eurer Durchlaucht, ſich zu erinnern, daß vor nicht ſehr langer Zeit in eben dieſen Gemächern Maßregeln gegen Seine Durchlaucht, meinen aller⸗ gnädigſten Herrn, berathen und beſchloſſen worden ſind, welche kaum einen andern Namen verdienen.“ „Nein, nein“, rief die Herzogin außer ſich, indem ſie vergeblich mit ſich rang, die alte Faſſung und Würde wiederzugewinnen,„das geht nicht von Herzog Felix, nicht von meinem Enkel aus! Ich will zu ihm, ich will mit ihm ſelber ſprechen, ſogleich!“ „Unmöglich, Durchlaucht“, ſagte Führer kalt.„Der 173 Herzog iſt zur Jagd nach St.⸗Wendelin geritten. Ich muß darauf beſtehen, den Entſchluß Eurer Durchlaucht fofort zu erfahren.“ „Unerhört, unerhört!“ rief die Greiſin wieder.„Ge⸗ walt des Fürſten gegen die Fürſtin!“ „Des Familienoberhaupts gegen ein ungehorſames Mitglied der Familie.“ „Des Enkels gegen ſeine Großmutter! Das kommt nicht aus ſeinem Herzen; es iſt weich und zart ge⸗ ſtimmt, ich kenne es. Sie ſind es, der ihn dazu ver⸗ leitet. O, Sie wiſſen wohl nicht, was das heißt, ſo gegen eine Mutter, gegen eine Großmutter zu ver⸗ fahren!“ „Durchlaucht ſind im Irrthum!“ erwiderte Führer mit Nachdruck.„Gott ſei Dank, ich weiß, was das heißt; denn ich habe eine Mutter, eine edle, vortreffliche Frau, die ich liebe und ehre, mehr als mein Leben.“ „Nun“ rief die Fürſtin haſtig,„ſo denken Sie die⸗ ſelbe an meine Stelle! Was würde dieſe Mutter, die Sie zu lieben und zu ehren vorgeben, an meiner Stelle thun?“ „Ich habe nicht erſt nöthig, mich in Ihre Lage hineinzudenken“, entgegnete Führer.„Als ich dieſes Staatsamt übernahm, geſchah es nicht nach dem Wunſche und faſt gegen den Willen meiner Mutter. Sie iſt von andern Anſichten als ich, ſie gehört einem andern Glau⸗ bensbekenntniß an, aber als ſie meinen Willen er⸗ kannt, gab ſie mir ihren Segen. Die Bürgersfrau, Eure Durchlaucht, hat von ihrem Sohne nicht gefor⸗ dert, daß er ſeiner Mannesüberzeugung untreu werden ſollte. Und welche Antwort“, fuhr er hierauf im ru⸗ higen Geſchäftstone fort, als eben die Dame wieder in das Zimmer trat,„habe ich von der Fürſtin zu empfangen?“ „Sagen Sie dem Herzog“, erwiderte die Fürſtin mit zitternder Stimme,„daß ich die liebevolle Sorge des Enkels um meine Geſundheit dankend anerkenne! Ich werde gern ſeinem Wunſche nachkommen und meinen Aufenthalt auf Schloß Liebenſtein nehmen.“ In ſtolzem Ingrimm wendete ſie ſich ab, indem ſie die geballte Fauſt ans Herz drückte. Die herbeieilende Dame reichte ihr den Arm und geleitete die Wankende zum Ruhebette. Tief athmend trat Führer auf den Corridor und ſchritt, des Wegs nicht achtend, über denſelben in einen Seitengang, der in kürzerer Richtung nach den Ge⸗ mächern des Herzogs führte. In der Erregung, die das Geſpräch in ihm hervorgerufen, beachtete er in⸗ deſſen nicht, daß er an die unrechte Thür gekommen war, und gewahrte es erſt, nachdem er eingetreten und ſich in dem verlaſſenen, früher von der Herzogin be⸗ wohnten Zimmer erblickte. Schnell beſonnen wollte er es durchſchreiten, um an der andern Seite ſeinen Aus⸗ gang zu nehmen, als das Rauſchen eines Kleides ihn veranlaßte, den Kopf ſeitwärts zu wenden. Von einem Divan, das Antlitz ins Tuch gedrückt, erhob ſich raſch eine weibliche Geſtalt und that einige Schritte gegen ihn. Er ſtand Primitiva gegenüber. Seitdem Clemens ſie verlaſſen, hatte ſie in einer entſetzlichen Stimmung qualvolle Minuten durchlebt, zwar nur einen kurzen Zeitraum, aber dennoch lang genug, um mit einem Blick nach vorwärts all das Elend, das Unheil und den Jammer zu erkennen, der ihrer in der nun unausweichlich gewordenen Verbin⸗ dung mit einem verhaßten Manne wartete, mit einem andern Blicke nach rückwärts aber die ganze Fülle des Glücks und der Seligkeit zu ermeſſen, welche für ſie auf immer verloren war und nun hinter ihr lag, wie ein ſchön flutender Seeſpiegel, der nie ſchöner erglänzt als im rothen Scheidelichte des Tags, von den ge⸗ rötheten Wäldern umgeben, wie von welkenden Kränzen der Erinnerung. Es war ihr, als wäre ſie im Sturme an Klippen geſcheitert und läge nun freund⸗ und hülflos an den öden Strand geſchleudert, um langſam zu ver⸗ ſchmachten. Ihre Thränen floſſen reicher als ſonſt und 176 unaufhaltſamer, ihr Gemüth war von dem Außerordent⸗ lichen in ungewöhnlicher Weiſe erſchüttert, ihre ſonſtige innere Stärke hatte ſie verlaſſen, ſie wußte ſelbſt nicht, was ſie that, dachte und empfand. Als ſie ſich beſann, fand ſie ſich in Führer's Armen wieder, das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, während ſein Mund mit innigem Kuſſe auf ihrer Stirne haftete. Führer war der erſte, der ſich wieder zurecht fand. „Fräulein! Primitiva!“ flüſterte er, indem er ſie leiſe, ſchonend von ſich drängte.„Wo ſind Sie? Wo iſt Ihre Beſinnung?“ „Verzeihen Sie!“ rief ſie, indem ſie verwirrt und raſch ſich aufrichtete und mit der Hand über die Stirn fuhr, als wollte ſie ſich beſinnen, daß ſie wache und nicht geträumt habe. „Was iſt Ihnen begegnet?“ fragte Führer.„Reden Sie doch! Sie ſind bleich, als hätten Sie einen Geiſt geſehen.“ „Einen Geiſt“, erwiderte ſie,„ja, ich habe ein Ge⸗ ſpenſt geſehen, das Geſpenſt meiner Zukunft— in dieſem Augenblicke iſt es mir unmittelbar in ſeiner ganzen Furchtbarkeit vor die Seele getreten! Verzeihen Sie, mein Freund, verzeihen Sie meiner Schwäche! Ich habe lange genug Zeit gehabt, mein Schickſal vorher⸗ zuſehen und mich darauf vorzubereiten— es iſt thöricht, * 177 daß ich ſeine Ankunft nicht gefaßter zu ertragen ver⸗ mochte.“ „Verſtehe ich Sie?“ fragte Führer unſicher.„Wollen Sie beſtätigen, was das Gerücht auch ſchon zu mir ge⸗ tragen? Sie wären—“ „Ich habe“, erwiderte ſie mit ſichtbarer Anſtrengung, „über meine Zukunft entſchieden. Baron Clemens von Schroffenſtein hat um meine Hand gebeten; ich muß⸗ ſie ihm reichen.“ „Sie müſſen, Fräulein?“ fragte Führer, wärmer werdend.„So iſt es nicht Ihr freier Entſchlihe Aber wer vermöchte Sie zu zwingen?“ „Fragen Sie nicht!“ war Primitiva's ablehnende Antwort.„Der Augenblick, der mich verwirrte, iſt vor⸗ über; ich habe mich ſelbſt wiedergefunden. Gehen Sie, Führer, und fragen Sie mich nicht!“ „Wie kann ich“, rief Führer noch dringender,„jetzt, nachdem ich dies von Ihnen gehört, nachdem ich weiß, daß Sie in dieſer Verbindung, höchſt unüichih ſein werden?“ Primitiva ließ ihm die Hand, nach der er gegriffen, und blickte ihm voll und groß in die Augen.„Und wenn es ſo iſt, mein Freund, was liegt daran? Sind Sie denn glücklich? Sie ſchlagen die Augen nieder; iſt das Ihre Antwort?“ Schmid, Mütze und Krone. III. 12 178 „Was iſt Glück?“ erwiderte Führer mit ſchwerem Seufzer.„Wo wird es gefunden? Im Leben geſtaltet ſich Alles anders, als Hoffnung und Wunſch es gedacht und geträumt, und wenn der Frühling noch ſo reich an Blüten iſt, Froſt und Reif und das Ungeziefer ſorgen dafür, daß von denſelben nur wenige Stand halten und noch wenigere zu Früchten werden.“ „Sie ſind nicht glücklich, Friedrich!“ ſagte Primi⸗ tiva, indem ſie ihn nachdenklich betrachtete.„Auch ich habe davon gehört. Sie haben in Ihrem Hauſe das nicht gefunden, was Sie erwarteten.“ „Es iſt leider wahr“, entgegnete Friedrich gepreßt. „Ich habe bei meiner Frau jene Uebereinſtimmung nicht gefunden, die ich von ihr hoffen durfte. Doch gebe ich die Hoffnung noch nicht verloren. Ulrike iſt jung, ſie war neu in den ihr fremden Verhältniſſen. Der Reiz der Vergnügungen hat ſie verleitet, und vielleicht trage auch ich einen Theil der Schuld und nicht den gering⸗ ſten. Vielleicht war ich zu ſehr von Geſchäften über⸗ häuft, vielleicht habe ich mich meinem Hauſe und ihr zu ſehr entzogen.“ „Das iſt edel, das iſt Ihrer würdig, mein Freund“, entgegnete Primitiva warm,„und daran erkenne ich Sie. Ja, Sie haben Recht, geben Sie die Hoffnung nicht verloren! Sie werden noch glücklich ſein in dieſer ͤſſſͤͤͤͤ ——. oder jener Weiſe; aber Sie werden es, weil Sie es zu ſein verdienen, und ich, ich werde auf meinem Lebenswege wenigſtens den Troſt haben, Sie glücklich zu wiſſen.“ „O Primitiva“, rief Führer bewegt,„warum hat uns das Leben ſo lange nicht mehr zuſammenge⸗ führt! Warum haben wir uns erſt ſo ſpät wieder⸗ geſehen! Warum mußte ich erſt zu ſpät erkennen, was Sie mir von der erſten Sekunde an waren! Warum erfahre ich erſt jetzt aus Ihren verhaltenen Worten, aus Ihren Blicken und aus Ihren Thränen, daß auch Sie für mich empfinden!“ „Denken Sie nicht mehr daran!“ entgegnete Pri⸗ mitiva, ihre Hand aus der ſeinigen befreiend.„Vergeſſen Sie für immer, daß es einen Augenblick gab, in wel⸗ chem ich mich ſelbſt vergeſſen konnte!“ „Vergeſſen ſoll ich, was die ſchönſte Hoffnung, das ſchönſte Glück meines Daſeins bilden würde, wäre es mir erlaubt, darnach die Hand zu erheben? Nein, mag auch mein ganzes Leben fortan dahinziehen als eine finſtere, troſtloſe Nacht, dieſer Augenblick wird über meinem Haupte ſtehen wie ein ſchön leuchtender, nie erlöſchender Stern!“ „Ja, wie ein Stern“, entgegnete Primitiva ſanft. „Das ſoll Ihr Andenken auch für mich ſein! Nicht 12* wahr, das iſt ja kein Unrecht, wenn der Wanderer in der Nacht, die ihn umgibt, nach den Sternen empor⸗ blickt, die ihn leiten dürfen, auch wenn ſie ihm uner⸗ reichbar ſind?“ „Nun denn“, ſagte Führer, ſich gewaltſam zurück⸗ haltend,„ſo leben Sie wohl! Wir wollen ſtark ſein, Primitiva, wir wollen einander würdig bleiben! Wir gehören uns für alle Ewigkeit, hienieden aber, für die Zeit, ſind wir geſchieden!“ „Geſchieden!“ klagte Primitiva mit ſchmerzlichem Tone.„d das iſt bitter! Ich habe nie geahnt und nie gefühlt, wie tief dieſe Empfindung in mir wurzelt. Meine ganze Stärke iſt dahin, wenn ich Sie aus mei⸗ nem Herzen reißen ſoll.“ „Das ſollen Sie auch nicht! Was wir einander ſind, iſt das Geheimniß unſeres Lebens und ſein Kleinod, und damit es Beides bleiben kann, wollen wir einander das Wort geben, uns nie mehr zu begegnen.“ „Nie mehr?“ „Wozu, Primitiva? Wir beſitzen einander in hö⸗ herem Sinne und müſſen uns trennen. So ſoll, was ſein muß, auch raſch und feſt gethan werden, um nicht in unſerm Vorſatz erſchüttert zu werden. Wir wollen uns nie wiederſehen.“ Primitiva drückte ihr Tuch vor die weinenden —— 1 4 3 Augen und reichte ihm abgewendet die Hand.„Nie wieder, Friedrich! Leben Sie wohl!“ Sie wendete ſich der Thür zu, Friedrich näherte ſich der entgegengeſetz⸗ ten, indem er mit unterdrückter Stimme ihr ebenfalls noch ein Lebewohl zurief. An der Thür ſtanden beide ſtill und wendeten ſich nach einander um. Sie hoben die Arme; es war einen Augenblick, als wollten ſie zu⸗ rückkehren und ſich noch einmal an die Bruſt ſchließen, dann aber traten ſie beide gefaßt zurück. Die Thü⸗ ren ſchloſſen ſich und jedes ging ſeinem Geſchicke ent⸗ gegen. In den Gängen, welche Führer beflügelten Schrittes durcheilte, wurden bereits überall die Lampen ange⸗ zündet; es war ſchon volle Dämmerung eingebrochen, als er den Schloßhof betrat und über den breiten Platz hinwegſchritt. Vor dem Thore wurden mehrere Geſpanne lediger Pferde, um ſich zu verkühlen, hin und her geführt, und im Vorübergehen hörte Füh⸗ rer von den Knechten zu ſeiner Verwunderung, daß der Herzog nicht, wie er beabſichtigt hatte, zur Jagd nach St.Wendelin gegangen war, ſondern nur einen kurzen Ausflug in die nächſte Umgebung gemacht hatte und auch von dieſem bereits wieder zurückgekehrt war. An Friedrich's Ohr ging es achtlos vorüber, wie die Knechte unter ſich weiter plauderten, daß der Herzog ein großer Freund des Geſangs und ihm auf der Jagd eingefallen ſei, daß am Abend das wöchentliche Singkränzchen bei der Generalin von Helmhang ſtatt⸗ finde, daß er dies nie verſäume und daß er deshalb die Jagd abgebrochen habe und ſchnell nach der Stadt zurückgekehrt ſei. Unbekümmert um das, was um ihn her vorging, nur mit dem Erlebten in ſich beſchäftigt, ging Friedrich die Straßen dahin mit kräftigem Schritte, gehobenen Blicks und freien Athems, denn es war ihm leicht, als wäre eine Laſt von ſeiner Seele genommen, und in ſeinem Gemüthe war es hell wie in der Nacht, wenn der Mond dem einſam Wachenden zuerſt heraufkommt über die ſchwarzen Wipfel. Er hatte ſich ſelbſt beſiegt; der Kopf hatte die Oberhand behalten über das Herz, die Pflicht über die Leidenſchaft. Er war mit ſich zu⸗ frieden und bedachte, wie er in Zukunft in ſeiner Häuslichkeit es einzurichten vermöge, daß er, ohne ſeinen Anſichten und Ueberzeugungen untreu zu werden, doch auch den Wünſchen Ulrikens nachkommen und ſo die Kluft, die ſich zwiſchen ihnen gebildet hatte, aus⸗ füllen oder überbrücken könne. Mochte ſie auch gefehlt haben, ihm als dem Manne ſtand es zu, wieder ein⸗ zulenken und dafür zu ſorgen, daß aus der vorüber⸗ gehenden Verſtimmung nicht ein vollſtändiger Bruch werde. Plötzlich hielt er verwundert an. Geſang ſchlug an ſein Ohr. Er blickte auf und gewahrte jetzt erſt, daß er vor dem Hauſe des Generals ſtand, in welchem das Singkränzchen gehalten wurde. Die Fenſter waren geöffnet, und von den mächtigen Akkorden eines herr⸗ lichen Flügels begleitet, erſcholl der Geſang einer ſchö⸗ nen Frauenſtimme von etwas tiefer Färbung in getra⸗ genen, vollen Glockentönen in die weiche Abendluft hinaus. Mein Gott, wie iſt mir?“ rief Führer, indem er den Hut etwas lüftete.„Dieſe Stimme ſollte ich kennen! Iſt das nicht— nein, das iſt unmög⸗ lich. Sie hat mir ja verſprochen, heute zu Hauſe zu ſein. Wir wollten den Abend im Garten zubringen.“ Er eilte ſtürmiſch fort und hatte bald das Gäßchen hinter den Mauern und in ihm das ſtille, klöſterliche Haus erreicht. Auf ſein Glockenzeichen that ſich die Thür auf; es war die Räthin ſelbſt, welche ihn empfing. „Nun“, rief ſie,„das iſt ſchön, daß Du ſo bald nach Hauſe kommſt, mein Sohn!“ „Mutter“, rief Friedrich außer ſich, ohne auf ihre freundliche Begrüßung zu achten,„wo iſt Ulrike?“ Die Räthin erwiderte nichts und zuckte mit den Achſeln. „Es kann nicht ſein“, rief Friedrich wieder.„Sie hat mir verſprochen, Mutter, nicht in das Kränzchen gehen zu wollen.“ 184 „Je nun, ſie iſt eben doch hingegangen“, erwiderte die Räthin.„Die Generalin hat nochmals geſchickt, hat eigens geſchrieben, hat ihr ſagen laſſen, man könnte ſie nicht entbehren, das Duett oder wie das Ding ſonſt heißt, könnte gar nicht aufgeführt werden, wenn ſie nicht da wäre, es käme vielleicht auch Seine Durchlaucht zum Zuhören.“ „Alſo dennoch“, rief Friedrich;„ein ſo feierliches Verſprechen und dennoch—“ „Faſſe Dich, mein Sohn“, rief die beſorgte Frau, indem ſie ihn am Arme faßte,„und komm' doch herein! Du biſt ganz erhitzt; ſo habe ich Dich noch nie ge⸗ ſehen!“ „O, ich habe auch noch nie gefühlt, was ich jetzt fühle!“ rief er.„Mutter, das war ein inhaltsſchwerer Tag! Ich habe mir eine furchtbare Feindin gemacht, habe das ſchönſte Glück von mir ſcheiden ſehen und habe es gelaſſen der Pflicht geopfert; aber das Schickſal ſcheint mein Opfer zu verſchmähen und will mir auch das entreißen, was ich gewählt!“ „Ach was Schickſal!“ eiferte die Räthin, indem ſie ihn mit ſich fortzog.„Komm' herein ins Sommer⸗ häuschen! Ich habe dort den Abendtiſch decken laſſen. Schickſal! Bei einem Chriſten gibt es kein Schickſal. Wir haben eine gütige Vorſehung, einen allwiſſenden 3 Gott, der über uns iſt und ohne deſſen Wiſſen kein Haar von unſerm Haupte fällt! Mag Dir geſchehen ſein, 8 was will, der bleibt Dir.“ „Ja, meine Mutter“, rief Friedrich in ſchmerzlicher Erregung,„er bleibt mir, und auch der Gott in mir — bleibt: das Bewußtſein, das Rechte gethan zu haben, und der Gedanke an mein großes Werk!“ Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. nfffffffffffffene e 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1