V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 „ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————abnet. auf 1 Monat: 1 Mk.—Pf. 1 Mk. 30 Pf. 2 Nr.— f. 3 1 — „„„—„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer junn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſgeſeßt und wird ſ. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Veiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 4 — —— 3 3 7 —— — 8——— V —— Mütze und Krone. Roman von Herman Schmid. —ͤͤͤͤſ“ Zweiter Band. ——— — 5 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. —-—— Zweiter Band. Motto: Ich will Ihn zum Gelächter machen. Seine Tugend Sei eines Träumers Hirngeſpinnſt geweſen. Er ſei geſtorben als ein Thor! Schiller, Don Carlos, V, 9. Erſtes Kapitel. Dunkle Wege. In der Schenke zum rothen Stern herrſchte lautes, fröhliches Treiben. Die große, niedrige Gaſtſtube ſummte und brauſte wie ein Bienenkorb und die kargen Un⸗ ſchlittkerzen auf den Tiſchen, welche röthlich durch den dichten Tabaksqualm brannten, ließen erkennen, daß alle Plätze gedrängt beſetzt waren. Es waren lauter Leute aus den untern Ständen, Arbeiter verſchiedenen Schlags, gewohnt, ſich hier bei ſtarkem Bier und der⸗ ber Koſt von ſchwerer Arbeit zu erholen. An dieſem Abend aber floß das ſchäumende Getränk reichlicher, als es ſonſt die ſchmalen Einnahmen geſtatteten; die Zeit, bis zu welcher ſonſt die Erholung zu dauern pflegte, war ſchon lange überſchritten und auch die Schmid, Mütze und Krone. II. 1 2 Unterhaltung war eine viel lebhaftere und bewegtere als gewöhnlich. Dafür war es auch ein allgemeines Freudenfeſt, das gefeiert wurde, und die ergiebigſte Quelle der Heiterkeit in dieſen Kreiſen, die Quelle aus dem Faſſe, floß heute unentgeltlich. Die erſte Regierungshandlung des neuen Herzogs war die Abſchaffung der verhaßten und ſo verhängniß⸗ voll gewordenen Verbrauchsſteuer geweſen. Dieſe Maß⸗ regel hatte ebenſo großen Jubel hervorgerufen, als der Unwille über die Belaſtung der täglichen Bedürfniſſe ein tiefer und allgemeiner geweſen war. Um dieſem Jubel einen öffentlichen, gewiſſermaßen amtlichen Aus⸗ druck zu geben, hatte die Verwaltung der Hauptſtadt beſchloſſen, an einem beſtimmten Tage an mehreren Orten unentgeltlich Speiſen und Getränke verabfolgen zu laſſen, was mindeſtens ebenſo große Befriedigung hervorbrachte. Der rothe Stern war ebenfalls zu einem ſolchen Spendeplatze auserſehen worden, daher der ſo vollzählige und andauernde Beſuch, daher das unermüdliche Klopfen mit den Deckeln der geleerten Krüge, welche von einer Anzahl ſtämmiger Weibsper⸗ ſonen mit gleicher Unermüdlichkeit gefüllt wurden. Da⸗ her endlich auch die Anweſenheit einer kleinen Muſik⸗ bande, die, in einer Stubenecke zuſammengedrängt, Cla⸗ rinette und Baß, Trompete und Harfe wetteifern ließ, 4 3 3 die ſteigende allgemeine Luſtigkeit zu erhalten und zu erhöhen. Beliebte Tänze, von dem gellenden Jauchzen und Pfeifen der Verſammlung accompagnirt, wechſelten mit Volksliedern, deren Melodie der rauhe Chorus mitzuſingen nicht unterließ. Jetzt wetterten mit einem Male all die verſchiedenen Töne in einen greulichen Tuſch zuſammen. Es war ein Hoch auf den neuen Herzog ausgebracht worden, das nun dreimal nach einander die Stube durchdröhnte. „Ei, ſo ſchreit Euch die Kehle ab!“ brummte eine rußige Figur, die an einem Seitentiſchchen ſaß und in einem tüchtigen Trunke das erſtickte, was ſie noch ſagen zu wollen ſchien. Es war der ſchwarze Huber. Neben ihm ſaß Hahn und etwas ſeitwärts der Dreher Gerbel. Mit dem Rücken gegen ſie hatte ein großer, ziemlich bejahrter Mann in einem dunklen, ſehr abge⸗ tragenen Rocke Platz genommen. „Brummſt Du ſchon wieder?“ fragte Hahn, dem Huber's Ausruf nicht entgangen war, dieſen halbleiſe. „Du biſt niemals zufrieden. Haben wir nicht, was wir wollten?“ „Ja“, murrte der Schloſſer entgegen,„aber auf wie lange! Morgen kann's dem neuen Herzog einfallen, und er legt uns die Steuer, die er uns heute abnimmt, doppelt wieder auf. Was iſt's dann? Dann heißt's 1* 4 kuſchen oder von vorn anfangen, und das iſt nicht leicht, denn jetzt ſind ſie droben gewitzigt, jetzt werden ſie ſich vorſehen. Es taugt nichts, ſag' ich Dir! Solang wir mit uns thun laſſen müſſen, was man eben will, ſolang man uns auf⸗ und abpackt wie Laſtthiere, ſo lang taugt Alles nichts! Und wir waren ſo ſchön im Zuge!“ Der Redende war in ſeinem Eifer etwas lauter ge⸗ worden, ſodaß ſich mehrere Gäſte nach ihm umblickten. Er bemerkte es wohl, allein es kümmerte ihn nicht. Er ſchien ſogar nicht übel Luſt zu haben, noch mehr zu ſagen, als er bemerkte, daß auch der Schreiber Bil⸗ linger unter den ſich Umſehenden war. Huber glaubte zu bemerken, daß derſelbe ſich Mühe gab, ſeine Reden zu behorchen.„Was will der Angeber hier?“ rief er laut hinüber, indeß der Getroffene ſich umwandte und mit einem Nachbar weiter ſprach, als ob ihn der Zu⸗ ruf nichts anginge.„Wie kommt der ſchlechte Kerl unter die ehrlichen Leute? Will er horchen und ſich für unſere Reden den Angeberlohn zahlen laſſen? Ich will ihm etwas auf Abſchlag voraus geben—“ Huber wollte ſich erheben, wurde aber von Hahn zurückgehalten. Zugleich trat Gerbel zu ihm und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.„Laßt den Menſchen in Ruhe“, ſagte er.„Man kennt ihn, und ———— —— 1 fürs Andere iſt die Zeit der Unruhe auch wieder vor⸗ bei. Jetzt heißt's wieder Friede halten und ſich unter einander vertragen!“ „Ich dank' Ihnen für die gute Meinung, Herr Gerbel“, erwiderte Huber etwas beſänftigt.„Ich kenn' Sie recht gut, und es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie nicht zu ſtolz ſind, ſich da unter uns gemeine Leut' hereinzuſetzen und mit uns luſtig zu ſein. Ich will Ihnen folgen, weil ich weiß, daß Sie ein Mann ſind, der den Arbeiter auch was will gelten laſſen. Der Schreiber kann ſich bei Ihnen bedanken, der wär' mir grad' recht gekommen, um meinen Zorn an ihm aus⸗ zulaſſen—“ „Laßt Euern Zorn, mein Freund“, antwortete Ger⸗ bel.„Ich habe vorhin wohl gehört, was Ihr ſagtet, und weiß, was Ihr meint. Darüber aber ſeid außer Sorgen. Es ſoll und wird Alles bleiben, wie es iſt: es ſoll nichts mehr zurückgehen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen! Vorwärts ſoll's gehen! Wir werden die herrlichſten Freiheiten und Privilegien bekommen. Die Erlaſſung der Steuer iſt nur das Vorſpiel. Haben wir nicht ſchon die allgemeine Amneſtie erhalten? Da, mein Freund, ſtoßt an und trinkt mit mir auf die neue Zeit! Der neue Herzog und ſein neuer Miniſter wer⸗ den uns noch vieles Gute erleben laſſen!“ leichtem Gruße ſich entfernte, fing Hahn ihm nach⸗ blickend an:„Ein braver Mann das, aber ſag' einmal, wie iſt es mit der allgemeinen— ich kann das Wort nicht ſagen— von der er redete? Iſt' wirklich ſo, daß Keinem etwas geſchehen ſoll wegen Allem, was er in den letzten Tagen bei dem Rummel gethan hat?“ „Gewiß, ſo iſt's, wenn einer nicht etwa gebrannt oder geſtohlen hat.“ „Ich glaub's doch nicht recht. Wenn's ſo wäre, warum iſt der alte Windreuter, der liſtige Fuchs, ſeit den Tagen verſchwunden?“. 3 „Frag' lang, was der Alte thut. Weißt Du nicht, was er für ein ſonderbarer Kauz iſt? Wer weiß, wo er ſteckt! Heißt es doch auch, der Herr Riedl ſei fort⸗ gereiſt, der dem Alten gleich nach dem Herrgott kommt. Wie iſt's, Sternwirth“, unterbrach ſich Huber hier und reichte dem Wirthe, der an den Tiſch getreten war, den Krug zur Füllung,„kriegt man heut gar kein anderes Geſicht zu ſehen? Wo ſteckt denn die Marie?“ Der Wirth, eine hagere Geſtalt mit blaſſem Geſicht und einem Paar grauer, ſtechender Katzenaugen, machte eine ſüßlich ſchmerzhafte Grimaſſe und entgegnete:„Ach das arme Kind! Sie hat halt ihre Zuſtände wieder! Sie kann nicht unter die Leut'!“ Sie ſtießen an und tranken. Während Gerbel mit Dieſe Worte wurden mit ſo ſanfter, einſchmeicheln⸗ der Stimme geſprochen, daß, wer ſie nur hörte, darin den Ausdruck tiefen, herzlichen Bedauerns erkennen mußte; wer aber den offenbar feindſeligen, giftigen Blick ſah, welcher unter den niedergeſchlagenen Augen⸗ lidern hervor auf den Schloſſer hinüberzuckte, dem war es klar, daß hinter der glatten Schale kein milder Kern zu hoffen war. Huber ſchien das zu wiſſen. Er ſchwieg und ſah wie nachdenkend vor ſich hin. Auch wurde ſeine Auf⸗ merkſamkeit gerade von einem andern Gegenſtande in Anſpruch genommen. Dies war der große alte Mann im ſchäbigen Rocke, der bisher den Redenden den Rücken zugekehrt hatte. Jetzt, bei. Annäherung des Wirths, hatte er ſich etwas ſeitwärts gegen dieſen gewendet, ſodaß ein Theil des Geſichts wahrnehmbar geworden war. Forſchend ſchielte der Schloſſer nach dem Fremden hinüber, der ihm bekannt vorkam, und ſo entging ihm nicht, daß der Wirth, der ſich unbeachtet glaubte, dem Manne leicht mit den Augen zuwinkte. Dieſer erwiderte ebenſo unmerklich den Wink und wendete ſich wieder zu ſeinem Kruge. Einige Sekunden ſpäter trank er aus, erhob ſich völlig unbefangen und ſchritt gemächlich zur Stubenthür hinaus. Huber's geſpannte Aufmerkſamkeit war mit jeder Bewegung des Fremden gewachſen. „Bruder“, flüſterte er Hahn zu, als er die Vorbe⸗ reitungen zum Weggehen wahrnahm,„wenn Du mich lieb haſt, ſo geh' dem ſchwarzen Kerl nach und laß ihn nicht aus den Augen.“ „Was haſt Du denn? Wer iſts denn?“ fragte Hahn, aber Huber drängte ihn fort.„Frag' nicht“, flüſterte er,„ich muß wiſſen, wohin er geht. Nachher ſag' ich Dir Alles.“ Ohne weitere Einrede hatte ſich Hahn ruhig er⸗ hoben und trat nun wie zufällig und mit dem Fremden faſt gleichzeitig in den düſter beleuchteten Hausgang. Huber ſchien äußerlich weder die Entfernung ſeines Kameraden, noch nach wenigen Augenblicken deſſen Zu⸗ rücktunft zu beachten. „Nun?“ fragte er dann mit gedämpfter Stimme, als dieſer ſeinen Platz wieder eingenommen hatte. „Sonderbar“, erwiderte Hahn ebenſo.„Der Kerl iſt nicht aus dem Hauſe fort—" „Dacht' ich es doch! Wo iſt er hin?“ „Erſt ging er richtig durchs Hausthor auf die Straße hinaus, ich wollt' ihm eben folgen, als er wie⸗ der zurückkam. Ich hatte knapp Zeit, mich in eine Ecke zu drücken. Er bemerkte mich nicht und ſchlich an mir vorüber den Gang hinunter und berſchwand in einer Thür—“ „Die Küchenthür!“ murrte Huber.„Es iſt ſonſt keine da, ich kenne das ganze Haus, als wenn ich's gebaut hätte!“ 4 „Sag' mir nur aber, was das bedeutet?“ fragte Hahn neugierig.„Kennſt Du denn den Menſchen?“ „Nein“, entgegnete Huber,„und doch kommt er mir bekannt vor. Ich hab' Dir erzählt, wie neulich ein Menſch, der wie ein abgedankter Offizier ausſah, an mich herankam und mich ausholen wollte, ob ich ihm wohl ein paar Schlüſſel nachmachen wollte. Mir kam's verdächtig vor, denn er bot mir eine Bezahlung, wie man ſie für was Ehrliches nicht bietet. Er mochte auch merken, daß er bei mir an den Unxechten gekommen war, drum brach er auf einmal ab und war verſchwun⸗ den, eh' ich mich recht beſann. Dem Offizier ſieht der Burſche aufs Haar ähnlich und ich möchte wetten—“ „Was kann er aber hier wollen?“ meinte Hahn. „Wenns einer iſt, der mit falſchen Schlüſſeln han⸗ tiert, iſt er am unrechten Ort, im rothen Stern wird nicht viel zu haben ſein.“ „Das verſtehſt Du nicht“, antwortete Huber.„Aber ich muß wiſſen, was da im Hauſe geſchieht. Ich hab's gleich geſehen, der Schuft von Wirth iſt mit einver⸗ ſtanden. Da kommt er gerade. Laß Dir nichts mer⸗ ken und frag' ihn, wer der Menſch ſei.“ 10 Der Wirth trat hinzu und ſtellte den gefüllten Krug mit dem üblichen Gruße vor die Beiden hin. „Das wird wohl der letzte ſein“, fügte er dann mit ſeinem widerwärtig freundlichen Grinſen hinzu,„das Freibier geht auf die Neige.“ „Iſt auch grade genug“, ſagte Huber, ohne den Wirth anzuſehen.„Wie viel von dem Freibier iſt wohl in Euern Keller ſpaziert, Sternwirth?“ Dieſer wollte etwas erwidern, allein Hahn unter⸗ brach ihn lachend, indem er rief:„Gebt'’s ihm nicht an, Sternwirth! Ihr wißt ja, er kann das Necken und Sticheln nicht laſſen. Sagt mir lieber, wer der alte Menſch war, der vorhin da vor uns ſaß und uns mit ſeinem Rücken das halbe Zimmer verdeckte?“ Raſch fielen die Augen des Wirths ſtechend auf den Frager, während er mit ſeinem gewöhnlichen Grinſen fortfuhr:„Ihr meint den mit dem kahlen Kopfe und dem ſchwarzen ſchäbigen Rocke? Das iſt ein armer Teufel, aber ein grundgelehrter und gar gottesfürch⸗ tiger Menſch. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Er hat einmal wollen Prediger werden, dann hat er aber in den Krieg gemußt und muß ſich nun in ſeinen alten Tagen als Informator kümmerlich durchbringen. Er holt ſich manchmal einen Brocken in der Küche und hat ſich wohl auch an dem Freibier erluſtiren wollen.“ 1 8* 11 Hier wurde der Wirth abgerufen. „Ei, ſo lüg' du ſcheinheiliger Schuft“, brummte ihm Huber ärgerlich nach.„Aber ich werde ja bald wiſſen, was du für ein Schelmenſtück ausheckſt.“ Eine Weile flüſterten die Beiden noch zuſammen, dann verließen ſie die Stube. In der Küche des rothen Sterns hatte ſich in⸗ zwiſchen eine ganz verſchiedene Gruppe gebildet. War es draußen lärmend und hell, ſo herrſchte hier die voll⸗ ſtändigſte Dämmerung und lautloſeſte Stille. Der Raum lag ſo einſam und abgeſondert im Hintergebäude, daß der Lärm der Zechſtube nur manchmal, wenn ſich eine Thür öffnete, gedämpft und fern herüberdrang. Das Feuer auf dem breiten, rothgepflaſterten Herde war bis zu einer ſchwachen Glut erloſchen, deren Widerſchein nur gerade hinreichte, die völlig ſchwarzgeräucherten Wände, ſowie den mächtigen Rauchfang erkennen zu laſſen, der ſich darüber hinſtreckte. In der dunkelſten Ecke des Herdes ſaß Marie, die Tochter des Wirths; ſie ſchien zu ſchlafen, und die erdig fahlen, ſchlaffen Züge ihres Geſichts hatten in der ſchwachen röthlichen Beleuchtung ein vollkommen leichenhaftes Ausſehen. In der entgegengeſetzten dunkelſten Ecke des Ge⸗ nachs ſtanden drei Männer in leiſem, eifrigem Geſpräch beiſammen. Zwei ihnen von ihnen waren abgeriſſene, 12 völlig verkommene Erſcheinungen und ſchienen den drit⸗ ten— es war der ſchwarze Fremde aus der Zech⸗ ſtube— trotz aller Vertraulichkeit mit einer Art ſcheuen Reſpekts zu behandeln. „Ihr habt doch gethan, was ich befahl?“ fragte der Fremde jetzt leiſe. „Aufs Haar“, flüſterte der eine entgegen.„Es war Alles genau ſo, wie Sie's uns beſchrieben hatten. Rechts die Tapetenthür, links der Schreibtiſch, in der Mitte die geheime Niſche mit dem Käſtchen.“ „Nun, und Ihr habt die Papiere? Wo ſind ſie?“ „Ich habe ſie hier in mein Rockfutter eingenäht“, erwiderte der Gauner wieder,„aber erſt rücken Sie mit der Bezahlung heraus.“ „Die ſollt Ihr haben, augenblicklich und unverkürzt. Aber wie iſt's, habt Ihr auch, damit man nur an einen gewöhnlichen Diebſtahl denkt, ſonſtige Dinge von Werth mitgenommen?“ „Allerdings. Es hing da eine goldene Taſchenuhr, die pickte ſo einladend, daß ich ihr nicht zu widerſtehen vermochte.“ „Her damit, Ihr kennt die Abrede.“ „Aber—“ „Keine Einwendung! Dieſe Dinge müſſen alle in meine Hände kommen. Euch nützen ſie nichts 13 und würden nur die Späher des Gerichts auf Eure Spur leiten. Ich erſetze Euch den Werth. Was gilt die Uhr?“ „Unter fünf Karolin könnt' ich ſie meinem Bruder nicht ablaſſen.“ „Du ſollſt ſie haben. Was habt Ihr noch?“ „Nicht mehr viel. Dieſen Siegelring da! Pures Gold, Herr! Weil Sie es ſind, ſollen Sie ihn um den gleichen Preis haben, und dies Medaillon geb' ich in den Kauf. Es iſt mir im Herausſteigen wider Willen an der Hand kleben geblieben.“ „Abgemacht! Legt Alles dort auf dem Fenſterſimſe zuſammen; ich mache das Geld zurecht. Nun laßt mich aber die Papiere ſehen, ob Ihr auch die rechten be⸗ kommen habt.“ Der Fremde erhielt einen Pack Papiere, womit er prüfend an die Herdglut trat und ſie durchflog.„Alles in Ordnung“, ſagte er dann mit zufriedenem Tone. „Hier iſt Euer Lohn. Es wird wohl etwas drüber ſein. Seid klug! Wenn Ihr Unangenehmes erlebtet, wär's nur Eure eigene Schuld.“ Damit zog er an an einer Schnur, die am Herd von der Decke herab⸗ hing wie ein Glockenzug. Keine Klingel antwortete, gleichwohl ging beinahe unmittelbar darnach eine Thür auf und ließ den Wirth ein, der auf einen Wink des 14 Fremden die beiden Männer in den Hausgang hinaus⸗ führte. Kein Schritt wurde hörbar, es war, als ob Schatten durch das Dunkel glitten. Der Wirth kam bald zurück.„Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Moſer“, empfing ihn der Fremde. „Ich bin mit Ihnen zufrieden; rechnen Sie auf meinen beſten Dank.“ „Das macht mich unendlich glücklich“, antwortete der Wirth mit frommer Augendrehung, indem er die Hände über der Bruſt faltete.„Ich bin ein ſchwaches Werkzeug— welche Freude, wenn ich dazu auserſehen bin, beizutragen zur Verherrlichung des Herrn!“ „Das ſollen Sie. Wenn ich Ihnen einmal Alles ſagen darf, werden Sie einſehen, daß Alles mit unſerm großen Plane zuſammenhängt und daß zu dieſem Zweck auch ſolche Mittel wohl erlaubt ſind.“ „Ich zweifle nicht“, entgegnete ſalbungsvoll der Wirth,„auch verlange ich nicht zu ſehen! Selig ſind, die da nicht ſehen und doch glauben!“ „Und wie iſt es mit dem jungen Manne, von dem Sie mir ſagten? Iſt er zu brauchen und haben Sie ihn vorbereitet?“ 3 „Das will ich meinen. Soll ich ihn rufen? Er iſt in der Nähe.“ Auf einen beiſtimmenden Wink des Fremden ver⸗ 15 ſchwand der Wirth und kam bald mit Billinger an der Hand wieder. „Man hat Sie mir als ein fähiges Subject bezeich⸗ net“, redete der Fremde den Staunenden an, nachdem er ihn einen Augenblick durchdringend betrachtet hatte. „Haben Sie Luſt, in die Dienſte zu treten, die ich Ihnen anbiete?“ „Ich weiß nicht, was man von mir verlangen wird“, erwiderte Billinger achſelzuckend. „Darüber machen Sie ſich kein Bedenken. Es ſind nur zwei Bedingungen, die zu halten Sie ſich vorher verpflichten müſſen. Sie führen jeden Auftrag, der Ihnen zu Theil wird, ohne zu fragen, blind gehorſam aus und forſchen nie darnach, von wem der Auftrag kommt. Wollen Sie das? Die Belohnung iſt reicher, als Sie denken..) „Ich bin bereit“, erwiderte Billinger. „So wollen wir einen Verſuch machen. Nehmen Sie Ihr Handgeld“, ſagte der Fremde, indem er eine volle Börſe in Billinger's Hand drückte.„Kennen Sie den ehemaligen Profeſſor Führer, den neuen Miniſter des jetzigen Herzogs?“ Der Gefragte bejahte haſtig und mit flammenden Blick. „Es liegt Jemand ungemein daran, zu wiſſen“, 7 16 fuhr der erſtere fort,„wo ſich der Miniſter in der Nacht des Aufruhrs befand und wer mit ihm ſprach. In acht Tagen erwarte ich von Ihnen genauen Auf⸗ ſchluß.“ Billinger verneigte ſich und ward vom Wirthe weg⸗ geführt. Auch der Fremde wollte ſich entfernen, als ein Geräuſch im Kamin wie von herabfallenden Stei⸗ nen ihn anhalten und horchen ließ.„Was iſt das?“ fragte er. „O nichts“, entgegnete der Wirth,„höchſtens eine Fledermaus, die ſich verflogen hat. Will gleich nach⸗ ſehen.“ Während der Fremde ging, machte der Wirth Licht an und leuchtete damit leicht in den Rauchfang hinein. Alles war ruhig und nichts zu bemerken. Dagegen nahm er beim Scheine der Kerze das Mädchen in der Ecke wahr. Bei ihrem Anblick hielt er an und ſein Auge ruhte eine Sekunde lang mit einem Ausdruck auf ihr, von dem ſchwer zu entſcheiden geweſen wäre, ob darin Haß oder Wohlwollen die Oberhand hatte. Dann trat er vor das Mädchen hin, ſchüttelte ſie etwas unſanft an den Schultern und rief:„Fort, in Deine Kammer, es iſt Zeit! Willſt Du die Nacht hier zu⸗ bringen?“ Marie ſchien wie aus einem tiefen Traume zu 47⁷ erwachen und nicht gleich zu wiſſen, was mit ihr vor⸗ ging. In der nächſten Sekunde jedoch hatte ſie den vor ihr Stehenden erkannt und ſtieß ihn nun mit einem wilden Aufſchrei von ſich, daß der nicht ſchwäch⸗ liche Mann taumelte und ſich anhalten mußte.„Zu⸗ rück von mir, Sternwirth“, ſchrie ſie,„zurück, Deine Augen ſind giftig— zurück!“ „Was unterſtehſt Du Dich, Canaille?“ rief Moſer wuthbebend.„Du legſt Hand an mich und tractirſt mich wieder als Sternwirth? Wart,, ich will Dich fühlen laſſen, daß ich Dein Stiefvater bin.“ 1 Damit ergriff er einen ſtarken Prügel unter dem Herde und wollte auf Marie los, die vorgebeugt in die Kniee geſunken war, als erwarte ſie geduldig die gedrohte Mißhandlung. Dabei ſtarrte ſie unbeweglich in eine Ecke und murmelte wie geiſtesabweſend unzu⸗ ſammenhängend vor ſich hin. „Biſt Du da, Mutter? Schön, daß Du da biſt, nun wird der Sternwirth Deine Tochter nicht ſchla⸗ gen, Du leideſt es nicht. Da ſtehſt Du in der Ecke mit dem blutigen Streif an der Stirn. Ja, droh' ihm nur. O Mutter, meine liebe, gute—“ Der Reſt verlor ſich in völlig unverſtändliches Ge⸗ flüſter. Schon bei den erſten Worten hatte Moſer inne ge⸗ Schmid, Mütze und Krone. II. 2 halten, dann trat er einen Schritt zurück und ließ den Prügel fallen; als aber das Mädchen mit ſtarr vorge⸗ ſtreckten Armen in die Ecke zeigte, wo ſie die Mutter zu ſehen vermeinte, da ſträubte ſich ihm das Haar, klirrend ließ er den Leuchter aus der bebenden Hand fallen und ſtürzte hinaus.„Warte nur, du Schand⸗ balg“, ſchalt er vor der Thür vor ſich hin,„die Zeit wird ja auch noch kommen, dich los zu werden.“ Die weggeworfene Kerze erloſch qualmend, tief dun⸗ kel war es in der Küche, auch die Herdglut war bei⸗ nahe ganz in Aſche erſtorben, kein Laut regte ſich als der Athemzug Mariens, bie bald wieder völlig gleich⸗ gültig ihren alten Platz eingenommen hatte. Nach geraumer Zeit tönte der leiſe, vorſichtig an⸗ gehaltene Ruf„Marie!“ durch die Stille. Marie hob die müden Augen, da ſie aber Niemand erblickte, ſchloß ſie dieſelben wieder. „Marie“, rief es von neuem,„erſchrick nicht. Ich bin hier oben im Kamin. Der Martin iſt's.“ Während das Mädchen ſich halb erhob und nach dem Kamine hinſah, ſchwang ſich ein Mann aus dem⸗ ſelben auf den Herd herunter und ſtand bald vor der Ueberraſchten. Es war Huber, von der abenteuerlichen Fahrt mit Ruß bedeckt. „Wie kommſt Du nur hierher?“ fragte Marie. 19 „Und was willſt Du hier? Wenn Dich der Wirth ſähe!“ „Er wird mich nicht ſehen“, erwiderte Huber.„Du kamſt den ganzen Abend nicht in die Stube. Da litt's mich nicht mehr, ich mußte ſehen, wo Du wäreſt und ob er Dir nichts zu Leide gethan.“ Das Mädchen ſah den Burſchen einen Augenblick ſchweigend an, über ihr todtenhaftes Antlitz flog etwas wie erwärmende Bewegung und die Augen ſchimmerten in einem Lichte, deſſen Ausdruck um ſo mächtiger wirkte, je ungewohnter er war. „Ich dank' Dir, Du guter Menſch“, ſagte ſie, indem ſie Huber's Hand ergriff und drückte.„Du biſt der Einzige, der ſich um mich kümmert. Aber der Wirth hat mir nichts zu Leid gethan. Es gab nur ſo viel in der Küche zu thun, daß ich da bleiben mußt, und dann—“ Nach einer Pauſe antwortete Huber:„Ich hab' Alles mit angehört, ich ſitze ſchon eine gute Weile droben im Rauchfang. Sag' mir nur, wer iſt der fremde Mann und was geht bei Euch vor?“ „Das weiß ich nicht“, antwortete Marie trübſelig, „und will's auch nicht wiſſen. Ich kann nichts thun, als daß ich nicht hinhör'; ſo hab' ich keinen Theil an dem, was ich einmal nicht ändern kann.“ „Wohl könnteſt Du's ändern, Marie“, begann Huber etwas verſchüchtert,„wenn Du mir folgteſt, wenn Du aus dem Haus fortgingſt, wo doch nichts Gutes da⸗ heim iſt.“ „Ich darf nicht fort aus dem Haus“, flüſterte Marie wie für ſich hin,„die Mutter läßt mich nicht— und dann, wo ſoll ich draußen hin in der weiten Welt?“ „Bin ich nicht da?“ rief Huber und ſein ganzes Weſen, jeder Ton, jede Bewegung zeugte von ſo tiefer und zarter Theilnahme, daß man Mühe gehabt hätte, den kräftigen, rohen Burſchen zu erkennen, als der er ſonſt erſchien.„Glaubſt Du, ich würde Dich verlaſſen? Geh' mit mir“, fuhr er nach einem kleinen Innehalten fort.„Ich hab' nicht viel, aber was ich verdien’, wird für mich und Dich und wohl noch weiter ausreichen, wenn Du mit mir gingſt, als mein Weib.“ Er ſchwieg und ſchien eine Antwort zu erwarten. Marie ſah vor ſich hin, das Geſicht war ſtarr wie immer, aber ein fieberhaftes Beben des ganzen Körpers zeigte, daß ſie das Geſprochene nicht gleichgültig anhörte. Mühſam preßte ſie endlich die Worte heraus:„Ich dank' Dir, Martin, aber ich kann halt nicht. Du biſt ein ehrlicher Menſch, was wollteſt Du Dein Herz in die Lache werfen und Dir ein Laſter auf den Hals binden, wie ich eins bin.“ „Red' nicht ſo, Marie“, antwortete Huber beinahe 21 ſchluchzend,„ich vertrag's nicht. Du biſt brav und gut und für Dein Unglück kannſt Du nicht.“ „Wer ſagt Dir das ſo gewiß, Martin?“ „Ich ſelber ſag's und ſag's vor aller Welt! Es kennt Dich ja Niemand ſo gut wie ich, ſeit Deine Mutter todt iſt. Bin ich nicht mit Dir aufgewachſen? Haben wir nicht als Kinder ſchon immer mit einander geſpielt und hab' ich Dich nicht lieb gehabt wie mein Leben, ſeit ich nur denken kann? O geh', laß Dich be⸗ reden, geh' mit mir, fort aus dem unglücklichen Haus.“ Des Burſchen Stimme war weich und dringend ge⸗ worden, er hatte den einen Arm ſanft um Mariens Hüfte gelegt, als wollte er ſie fortziehen. Sie zuckte unter der Berührung, aber ſie wehrte ſich nicht, ſie er⸗ widerte nichts, ſondern ſah ſtarr mit halb gewendetem Kopfe nach der Seite hin. Es war, als horche ſie mit Anſtrengung auf eine nur ihr vernehmbare Stimme, als hinge ihr Auge gebannt an einer nur ihr ſichtbaren Geſtalt. Dann ſchüttelte ſie traurig den Kopf und murmelte vor ſich hin:„Ich darf nicht— ich muß in dem Haus bleiben— die Mutter will’'s. Da iſt ſie wieder, mit dem blutigen Streif an der Stirn— das Blut rinnt davon nieder— ſie will nicht, daß ich gehe.“ Mit einem ſchwachen Schrei ſank ſie in den Stuhl 22 zurück, aus dem ſie ſich halb erhoben hatte, und ſaß nun wieder in dem traumhaften Zuſtande der Er⸗ ſtarrung da, der ſie ſo oft überkam. Vergebens waren alle Schmeichelworte und Lieb⸗ koſungen, die Huber an die Lebloſe verwendete, ſie hörte nicht, ſie fühlte nicht. Mechaniſch ſtörte er in die Glut auf dem Herde, daß die Aſchendecke davon abfiel und ein hellerer Schein das blaſſe Angeſicht des Mädchens traf. Lange ſah er ſie ſo, in halb knieender, halb vorgebeugter Stellung, mit Blicken an, in denen die zärtlichſte Neigung ſich mit dem tiefſten Jammer verſchmolz. Dann ſtieg er auf den Herd und war im nächſten Augenblick im Rauchfang verſchwunden. MNarie bemerkte ſeine Entfernung nicht. Es war ungewiß, ob die Erſtarrung fortdauere oder ob, viel⸗ leicht von dem Geiſte der Mutter herbeigerufen, der Schlummerengel ſeine Fittige über das ſchwer gemar⸗ terte Herz gebreitet hatte. —— Zweites Kapitel. Aus der Jugendzeit. Auch in Friedrich's Hauſe war der Abend der all⸗ gemeinen Freude feſtlich begangen worden. Ein Fa⸗ milienereigniß, ſeine Vermählung mit Ulrike, hatte dazu noch den beſondern Anlaß gegeben. Es waren einige Wochen ſeit Ulrikens Eintritt in das Haus ver⸗ gangen, ehe die drückende Geſchäftslaſt, mit welcher Friedrich in ſeiner neuen und ungewohnten Stellung überhäuft war, ihm geſtattete, an die endliche Ordnung ſeines eigenen Hausſtandes zu gehen. Endlich waren alle Vorbereitungen getroffen und der Augenblick war gekommen, wo der Segen des Prieſters das Paar für immer verband. Nach der Trauung verſammelte ein einfaches Mahl die Verwandten des Bräutigams, zu 24 denen ſich Manche geſellt hatten, welche ihm in dienſt⸗ licher Beziehung nunmehr näher gerückt waren. Alles war fröhlich geſtimmt, und als gegen das Ende der Tafel der Champagner zu wirken begann, flogen Scherz und Gelächter wie elektriſche Funken um den Tiſch. Gleichwohl lag auf der ganzen Verſammlung ein ge⸗ wiſſer unheimlicher Druck, durch die Heiterkeit bebte etwas wie ein verſtimmender Mißton. Selbſt die Stimmung der Braut ſchien von dieſen geheimen Ein⸗ flüſſen beengt. Sie war blaſſer als gewöhnlich und ſah in dem weißen Gewande, den Schleier mit dem Kranze in den dunklen Haaren, ungemein reizend aus, nur ein leichtes, aber unverkennbares Wölkchen ſchwebte auf der Stirn. Auch die Mutter, die alte Frau Rä⸗ thin, vermochte nicht aus der Beklommenheit loszu⸗ kommen. Sie gedachte im Stillen des Tages, wo ſie ſelber mit dem Manne ihrer Wahl ſo zuſammenſaß, der nun ſchon ſo lange in der Grube lag. Dann dachte ſie, ſchwankend zwiſchen Hoffnung und Beſorgniß, wieder an all das Glück und die Auszeichnung, die dem Sohne zu Theil geworden und noch zu Theil werden würde und die jener nicht mehr erlebt hatte, und ſo ſchwamm ihr Herz von einem Strom der Rührung in den andern und vermochte nicht einen ſichern Freudengrund feſtzuhalten. ——— — O— — * — 1 8 Der Heiterſte von allen war Friedrich. Seine Stirn lag faltenlos und frei und ſein Auge ruhte, wenn es lächelnd den Saal durchflogen, auf Ulrike mit dem Ausdrucke der vollkommenſten Befriedigung. Er durfte das auch. Wohl hatte das unvermuthete Zuſammentreffen mit Primitiva ihn gewaltig erſchüttert. Eine Reihe von Bil⸗ dern war vor ihm aufgetaucht, die, obwohl lange in den Hintergrund ſeiner Erinnerungen gedrängt, nichts an Farbenpracht verloren, an Reizen eher gewonnen hatten. Das Ereigniß hatte ihn völlig unvorbereitet überraſcht und er hatte ſo einen Blick in eine Gegend ſeines Her⸗ zens geworfen, die ihm bis dahin ſelbſt völlig unbe⸗ kannt geweſen war. Bei ſeinem klaren und ruhigen Weſen hatte es aber nur weniger Stunden bedurft, um ſich aus der Traumwelt, die ihn umgeben, in die Wirk⸗ lichkeit und zu deren Pflichten zurückzuleiten. Es lag ihm wie ein Vorwurf auf der Seele, daß ein ſol⸗ ches Wiederfinden ihn ſo ganz aus ſich hinaus zu ent⸗ rücken, daß es ihn Ulrikens wo nicht zu vergeſſen, ſo doch ihrer mit Widerſtreben zu gedenken vermocht hatte. Sein innerer Kampf war kurz, und er hatte daher vollkommen recht geahnt, wenn er zu Ulrike, als ihr Primitiva's Bandſchleife in die Hand gekommen war, ſagte, er habe den Feind, der ihr beginnendes Glück 26 bedrohen wollte, überwunden. Zu der innern Erhe⸗ bung, von welcher dieſer Entſchluß begleitet war, ge⸗ ſellte ſich zugleich mit der neuen Thätigkeit die Begei⸗ ſterung für die Größe des ihm gewordenen Berufs; und ſo war das Licht, das aus ſeinen Augen zur Braut hinüberſtrahlte, theils der Ausdruck des Muthes, mit dem er den bevorſtehenden Schöpfungen und ihren Beſchwerden entgegenging, theils ſprach ſich darin die Selbſtzufriedenheit ob des erſten, mit ſich ſelbſt beſtan⸗ denen Kampfes aus. Mit Einbruch des Abends verließen die Gäſte, der Reihe nach Glück wünſchend, das ſtiller werdende Haus; nach dem letzten ſchloß Beppo, der alte Diener, vor⸗ ſorglich wie ſonſt das Hofthor, und bald ſaß das Brautpaar, des herkömmlichen Prunkes entkleidet, in der traulichen Stille des Wohnzimmers mit der Mutter zuſammen. Wer jetzt unvermuthet zu dem kleinen Kreiſe getreten wäre, hätte kaum errathen, welch wichtiges Feſt ſo eben gefeiert worden.. „Nicht wahr, meine Tochter“, begann nach einer 1 Weile die Räthin,„bei uns iſt es beinahe wie in einem Kloſter? Es muß Ihnen ſehr ungewohnt vorkommen, einen Tag wie den heutigen ſo in der Einſamkeit zu beſchließen.“ Die Wolke auf Ulrikens Stirn wurde merklicher. 27 Friedrich, ohne dies zu beachten, überhob ſie der Ant⸗ wort. „Ich geſtehe Ihnen gern zu, liebe Mutter“, rief er, „daß die rauſchenden Luſtbarkeiten, mit denen man ge⸗ wöhnlich dieſen Tag umgibt, an ſich bedeutungslos und keine beſonders würdige Einleitung des beginnenden Hausſtandes ſind. Dennoch aber leugne ich nicht, daß auch ich unſer Gebaren etwas zu alltäglich finde. Wäre es mir möglich geweſen, ſo hätte ich den Beginn unſerer Ehe gern mit dem träumeriſchen Reiz umge⸗ ben, der in einer Hochzeitsreiſe liegt, in meiner jetzi⸗ gen Gebundenheit muß ich mich nur glücklich ſchätzen, daß mein liebes Weibchen nicht nach ſolchen Dingen Verlangen trägt. Doch aufgeſchoben iſt nicht aufge⸗ hoben!“ „Ja, mein Sohn“, entgegnete die Räthin.„Halte das, wie Du willſt. Wenn es ſpäter geſchieht, habe ich nichts dawider, aber ſo unmittelbar nach der Einſegnung in die weite Welt hinausfahren, wie es jetzt Brauch ſein ſoll, das, das hätteſt Du mit mei⸗ nem Willen gewiß nicht gethan. Das iſt ſo eine lei⸗ dige Mode der neuen Zeit, der es im Hauſe überall zu eng wird. Dafür hat ſie es auch bald ſo weit ge⸗ bracht, daß Alles, was in der Familie geſchieht, außer dem Hauſe vorgeht und daß das Haus bald nichts mehr 28 ſein wird als ein gemeinſames Abſteigequartier nach den immerwährenden Ausflügen. Nein, nein, bleibe man mir mit ſolchen Dingen vom Halſe! Woher ſoll der Sinn und die Anhänglichkeit an Haus und Familie kommen? Ich dächte doch, der erſte Tag des neuen Haushalts gehöre ins Haus und die Erinnerun⸗ gen daran, die einen durchs ganze Leben begleiten, ſeien für die Landſtraße oder ein Dorfwirthshaus zu heilig!“ Die würdige Frau hatte ſich in Eifer geredet. Friedrich unterbrach ſie lachend, während um Ulrikens Mund ein Lächeln ſpielte, das zwiſchen Beiſtimmung und Spott die Mitte hielt.„Erhitzen Sie ſich nicht vergeblich, liebe Mutter“, rief der erſtere.„Ihr Ver⸗ weis trifft uns beide nicht und ſoll uns nie treffen können. An unſerm einfachen Hausaltare wird das Glück weilen, und keins von uns wird es jemals an⸗ derswo ſuchen—" Er wollte noch mehr ſagen, aber Beppo's Eintritt unterbrach ihn. Derſelbe kam, die Räthin abzurufen, denn es gab von der Unordnung des Tages noch Al⸗ lerlei zu berichtigen. „So ſind wir endlich allein“, rief Friedrich, als ſich die Räthin entfernt hatte, n„zum erſten Mal, ſeit wir uns fürs Leben angehören, allein! O meine Ulrike, 29 komm an mein Herz und fühle an ſeinem Pochen, wie dieſe Stunde mich beglückt.“ Er zog die neben ihm Sitzende zärtlich an ſich. „Mein Friedrich“, hauchte ſie und ihre Lippen ſchloſſen ſich zum innigſten Kuſſe an einander. „Nun aber“, begann Friedrich nach einigen Augen⸗ blicken des ſeligſten Schweigens,„nun ſoll der erſte Augenblick, wo nichts mehr zwiſchen uns ſteht, auch der letzte ſein, der ein Geheimniß zwiſchen mir und Dir kennt. Ich bin Dir noch eine Erklärung ſchuldig.“ Ulrike ſah ihn überraſcht an und eine leichte Röthe flog über ihr Geſicht.„Ich weiß nicht, wovon Du ſprichſt“, ſagte ſie. „Es iſt freundlich von Dir, daß Du das ſagſt und mich nicht mahnſt. Meine innere Mahnung iſt darum um ſo dringender. Erinnere Dich des erſten Abends nach Deiner Ankunft: Du fandeſt, als ich nach den blutigen Auftritten jener Nacht nach Hauſe kehrte und eben im Begriffe war, abzureiſen, eine Bandſchleife bei mir, die Du nach allen Umſtänden wohl für ein Lie⸗ bespfand halten mochteſt. Ich mußte Dir damals, ſo ſchwer es mir ankam, die Aufklärung ſchuldig bleiben, weil mich die Pflicht des fremden Geheimniſſes band. Jetzt bin ich von dieſer Verpflichtung frei, jetzt darf, jetzt muß ich Dir Alles ſagen!“ 30 „Wozu?“ entgegnete Ulrike, durch Friedrich's herz⸗ lichen Ton gewonnen, gleichfalls mit Wärme.„Ich habe nie ernſtlich an Dir gezweifelt.“ „Nimm meinen Dank dafür“, fuhr Friedrich fort, naber höre auch. Nicht blos kein ernſtlicher Zweifel darf zwiſchen uns beſtehen, auch der Schatten eines Gedankens muß weichen!“ Ulrike ſah ihn mit einem langen liebevollen Blicke an. Ihre Lippen öffneten ſich halb, als hätte auch ſie etwas auszuſprechen. Ehe ſie dazu kam, begann Fried⸗ * rich zu erzählen. „Ich muß“, ſagte er,„um Dir Alles erklären zu können, etwas weit in meine Jugendjahre zurückgreifen. Du weißt vielleicht aus frühern Erzählungen, daß ich meine Kindheit in einem kleinen Marktflecken verlebte, wo mein Vater damals ein untergeordnetes Amt bekleidete. Der Flecken lag hübſch am Abhange eines ſanft anſteigenden Hügels. Ein kleiner Fluß be⸗ ſpült deſſen Fuß, die Höhe aber deckt ein kleines, ſehr freundliches Schloß. Das Schloß war Eigenthum einer alten adligen Familie, deren letzter Abkömmling ſich mit den Trümmern eines vergeudeten Vermögens dahin geflüchtet hatte und nun dort in etwas menſchenſcheuer Zurückgezogenheit der Erziehung ſeiner beiden Kinder, eines Knaben von meinem Alter und eines etwas — 31 jüngern Mädchens, lebte. Die geringe Auswahl unter den Spiel⸗ und Altersgenoſſen brachte es bald als etwas ganz Natürliches mit ſich, daß ich und Karl, ſo hieß der Knabe, unzertrennliche Freunde und Gefährten wurden. Wir ſtreiften halbe Tage lang im Park und in dem damit zuſammenhängenden Walde herum. Bald ſammel⸗ ten wir Blätter, Moosarten und Gräſer, wozu uns mein Vater Antrieb und Anleitung gab, bald träumten wir in den Schauern des Waldes und ſeinen Fels⸗ ſchlünden von Gefahren und Abenteuern. Nach einigen Jahren war auch das Mädchen ſo weit herangewach⸗ ſen, daß es hier und da an unſern Streifereien Theil nehmen konnte. Es war ein bleiches, hohlwangiges Kind, dem man kein langes Leben verſprach, und ſo das gerade Widerſpiel ihres Bruders, der ein hübſcher, kräftiger Knabe mit lebhaften Augen und von Geſundheit ſtrotzenden Wangen war. Wir waren bald unzertrenn⸗ lich, und das Mädchen, aller Geſpielinnen entbehrend, nahm an unſern knabenhaften Unternehmungen wie ein Knabe Theil. Die Zeit, in welcher die Studien beginnen mußten, machte der kindiſchen Freundſchaft ein Ende. Ich bezog mit Karl die nämliche Schule, und wie früher unſere Spiele, waren es nun die Ge⸗ genſtände des Unterrichts, die uns, ohne dem herzlich⸗ ſten Einvernehmen Eintrag zu thun, zu gemeinſamem Streben und gegenſeitigem Wetteifer entflammten. Das Mädchen war natürlich im Schloſſe bei ihrem Vater zurückgeblieben, und wir ſahen uns ein paar Jahre hindurch nur in den Ferienmonaten, wo uns die Heimkehr in die gemeinſame Heimat wieder zuſam⸗ menführte. Da begann denn auch immer wieder das alte Spiel. Wir waren die ſorgloſen, glücklichen Kin⸗ der wie früher und der Wald unſer liebſter Aufenthalt. Natürlich konnte es nicht fehlen, daß das inzwiſchen Erlernte in unſern Unterhaltungen eine Stelle bekam. Vieles davon war dem Unterrichtskreiſe des Mädchens völlig fremd, Vieles, was gemeinſam betrieben worden, hatte für ſie eine Geſtaltung erhalten, die uns über⸗ raſchte. So entſtand ein eigenthümliches, aber für uns höchſt intereſſantes und anregendes Wechſelverhältniß, eine Art von kinderhaftem wiſſenſchaftlichen Verkehr, der, gegenſeitig mittheilend, bildete und förderte. Daß dadurch unſere freundſchaftlichen Beziehungen immer enger wurden, daß dieſe Ferienmonate das ganze Schul⸗ jahr hindurch einen Lichtpunkt der Erinnerung und der Sehnſucht bildeten—“ 3 V „Ich ſehe die Sache kommen“ ſchaltete Ulrike mit. etwas gezwungenem Lächeln ein. „Du dürfteſt Dich leicht irren“, fuhr Friedrich fort. „Vielleicht wunderſt Du Dich, daß ich in der Schilderung —— 33 dieſes Kindertreibens ſo weitläufig geworden, aber ich mußte es, weil ſonſt das Folgende unerklärt bleiben würde, und dann ſind dieſe Tage immer ein Juwel in den Erinnerungen meiner Kindheit.“ Ulrike ſah vor ſich hin und ihre Stirn wurde ſo düſter, daß es Friedrich auffiel.„Verſtimmt Dich meine Erzählung?“ fragte er. „O nein; ich habe Dich nur im Stillen beneidet und gedacht, was es Schönes und Erhebendes ſein muß fürs ganze Leben, ſolche Jugendeindrücke in ſich zu tragen. Ich war nicht ſo glücklich! Meine Kind⸗ heit—“ „Denke nicht mehr daran“, unterbrach ſie Friedrich. „Denke jetzt nicht daran. Hat Dein früheres Leben die Blüten verſäumt, ſo ſoll Dein künftiges Dir deſto mehr und ſchönere ins Leben rufen. Werde ich es denn nie dahin bringen können, dieſe herben Erinne⸗ rungen durch meine Liebe zu verdrängen und zu er⸗ ſetzen?“ In Ulrikens Auge glänzten ſchwere Thränen. Sie drückte Friedrich's Hand.„Und das Folgende?“ fragte ſie dann. „Es wird kürzer ſein als die Einleitung“ erwiderte Friedrich.„Ich bin bei der Wendung angekommen. Die Beförderung meines Vaters verlegte unſern Wohn⸗ Schmid, Mütze und Krone. II. 3 34 ſitz in die Hauptſtadt. Damit hörte der kleine Flecken mit ſeinem Schloß auf, das Ziel meiner Ferienreiſen zu ſein. Erſt nach einigen Jahren, als ich bereits die Univerſität bezogen hatte und mich ſchon dem Ziel meiner Studien nahte, wurde es mit Karl, mit dem ich in ununterbrochener Freundſchaft geblieben war, verabredet, nach einer gemeinſchaftlichen Reiſe dort ein⸗ zuſprechen und einige Herbſtwochen zu verbringen. Es geſchah und die jungen Herzen hatten nach wenig Ta⸗ gen des Wiederſehens den Zwiſchenraum der Jahre, in denen wir uns nicht geſehen, ausgefüllt. Das Ver⸗ hältniß war das alte. Wie wir zu Jünglingen heran⸗ gewachſen, war das Mädchen zur Jungfrau geworden und ſtand nun zwiſchen uns wie eine Schweſter zwi⸗ ſchen Brüdern. Sie war nicht ſchön geworden, die Kränklichkeit ihres Ausſehens entſtellte ſie, aber die Züge waren ebenmäßig, in den dunklen Augen lag Seele und ihre Stimme war von einem ſeltenen un⸗ beſchreiblichen Wohllaut. Wir ſtreiften nun wohl nicht mehr tagelang im Walde herum, aber der Umgang war an innerer geiſtiger Regſamkeit deſto reicher ge⸗ worden. Lebhafte Erörterungen über die ewigen Fra⸗ gen der Erde an den Himmel, begeiſterte Geſpräche über die großen unzerſtörbaren Heiligthumsgedanken der Menſchheit wechſelten mit Unterſuchungen über die 35 Künſte und ihre Schöpfungen und mit dem Leſen un⸗ ſerer Dichter. Es waren Tage der ſchönſten, der rein⸗ ſten Erhebung, die wir genoſſen. Am Abend vor der Abreiſe hatte uns eine ähnliche Unterhaltung über die Würde des Menſchen in eine gehobene Stimmung ver⸗ ſetzt. Es war Zeit geworden zu ſcheiden, denn am an⸗ dern Morgen vor Tagesanbruch mußten wir fort. Da gaben wir uns, von dem Durchdachten begeiſtert und von der Wehmuth der Trennung erſchüttert, die Hand zum gegenſeitigen Gelöbniß, dieſem Ideal der Menſch⸗ heit treu bleiben und ihm unſer ganzes Daſein wid⸗ men zu wollen, und ſo ſchieden wir. Wenige Wo⸗ chen darauf erlag Karl dem Anſturm eines hitzigen Fiebers, das den jugendkräftigen Körper mit doppelter Wuth erfaßte. Das Fräulein ſah ich nicht wieder.“ Er ſchwieg. Auch Ulrike erwiderte nichts, doch ruhte ihr Auge auf Friedrich, als fühle ſie, daß dieſer Abſchluß nicht ernſtlich gemeint ſein könne. „Nicht wieder?“ fragte ſie dann. „Ich ſah ſie nicht wieder während einer beträcht⸗ lichen Reihe von Jahren bis zu dem Abend, von dem wir ſprachen.“ Friedrich erzählte nun einfach und wahr ſein Zu⸗ ſammentreffen mit Primitiva. Er verſchwieg die Auf⸗ regung nicht, in die er dadurch verſetzt worden war, 3* 36 allein er glaubte auch mit Recht die Stimmung des Abends, ſowie die völlige Ungewohntheit des ganzen Vorgangs hervorheben zu dürfen. „Sieh, Ulrike“, ſchloß er dann,„dies iſt es, was mein Herz mich Dir zu ſagen drängte, weshalb ich Dir ein Blatt meiner Jugendgeſchichte aufrollen mußte. Nur ſo konnte ich hoffen, nicht mißdeutet, ſondern ver⸗ ſtanden zu werden. Ich hätte das Fräulein kaum wie⸗ dererkannt. Die vormalige Kränklichkeit iſt verſchwun⸗ den und hat einer gefälligen Entwickelung Platz gemacht, aber der Ton ihrer Stimme war mir unvergeſſen geblieben. An dieſem erkannte ich ſie, dieſer verſetzte mich wie ein Zauber in die Zeit zurück, von der ich Dir erzählte. Ich ſah uns wieder als Kinder, ſah uns in der Nacht unſeres begeiſterten Gelöbniſſes, und mit einem Male war mir klar, daß ſchon damals, un⸗ begriffen und mir ſelbſt unbewußt, eine kindiſche Nei⸗ gung zu der Schweſter meines Freundes in mir ge⸗ ſchlummert haben mußte! Es war mir, als ſei nun eine Decke weggezogen und die bis dahin erſtickte Flamme lodere verzehrend über mir empor. Ich brauche Dir kaum zu ſagen, daß es eine Täuſchung war. Es be⸗ durfte nur einiger Stunden der Ruhe, nur eines Blickes auf Dich, und die Untreue gegen Dich— wenn ich es mit dem böſen Wort nennen ſoll— war geſühnt. 37 Das kindiſche Knabengefühl erbleichte vor der Wahl des Mannes— und Dein bin ich, Dein fürs ganze Leben, Dein mit jeder Regung, mit dem erſten und letzten Gedanken!“ Er umarmte Ulrike. Dieſe war von Friedrich's Mittheilung, noch mehr aber von der Art derſelben, von dem Gepräge der Wahrheit, das ſie unverkennbar trug, tief ergriffen.„Ich danke Dir“, ſagte ſie dann, „für Deine ſchöne Offenheit. Sie iſt mir ein neuer Beweis Deines Werthes und ein Pfand des Glücks, das mich an Deiner Seite erwartet! Glaube, daß ich Dein Betragen vollkommen zu würdigen weiß, und laß mich Dein Vertrauen dadurch erwidern, daß ich Dir—“ Das bedeutende Wort, das zum zweiten Male auf Ulrikens Lippen zu ſchweben ſchien, blieb zum zweiten Male unausgeſprochen. Der haſtige Eintritt der Räthin unterbrach das Geſpräch und ſchnitt jede weitere Er⸗ klärung ab. Ein Bedienter in der Livree des Herzogs folgte ihr. „Denke Dir nur, mein Sohn!“ rief die Räthin. „Welche Gnade! Seine Durchlaucht ſchicken Dir noch am ſpäten Abend—“ Friedrich war aufgeſtanden und dem Lakai— es war Bornemann— entgegengetreten. Dieſer ver⸗ beugte ſich ehrfurchtsvoll und ſprach, indem er ein leicht verpacktes Etui überreichte:„Seine Durchlaucht laſſen wegen der ſpäten Störung um Entſchuldigung bitten. Das Weitere enthält das Allerhöchſte Handſchreiben.“ Er übergab ſelbes und entfernte ſich, von der Rä⸗ thin mit freundlichſtem Eifer geleitet. Friedrich öffnete indeß und las: „Mein lieber Führer! Glauben Sie nicht, daß ich erſt jetzt des Feſtes gedenke, das Sie heute feiern. Ich wollte Ihnen zu demſelben ein Geſchenk reichen laſſen, das meiner würdig und Ihnen ein bleibendes Zeichen ſein ſollte, wie hoch ich Sie ſchätze. Ich bin damit aufgehalten worden, deshalb die Verzögerung. Nehmen Sie denn mit demſelben meine herzlichſten Glückwünſche zu Ih⸗ rer Vermählung und die Verſicherung meiner Gnade. Der Ihnen beſonders wohlgewogene Felix.“ Staunend öffnete Friedrich das Etui, neugierig trat Ulrike hinzu und ſtieß einen leichten Ruf der Ueber⸗ raſchung aus. Ein ſchöner, ſehr werthvoller Brillant⸗ ſchmuck lag darin und ſpiegelte die Lichter des Zim⸗ mers hundertfältig wieder. Auch die Mutter war inzwiſchen zurückgekommen. Ulrikens Blicke leuchteten, Friedrich ſchwieg, die Rä⸗ thin fand zuerſt einen Ausdruck für ihre Verwunderung. „Du gütiger Gott“, rief ſie,„das iſt ja eine Pracht, daß einem die Augen übergehen! Das muß ja entſetz⸗ lich viel werth ſein. Seht nur, dieſe Roſen von wei⸗ ßen Steinen und die goldenen Blätter dazwiſchen!“ „Sehr koſtbar“, antwortete Friedrich,„beinahe zu koſtbar! Ein zinfaches Geſchenk, dieſes Billet allein wäre mir faſt lieber geweſen.“ „Ei warum nicht gar!“ rief die Räthin.„Wenn Seine Durchlaucht Dir ein Hochzeitsgeſchenk geben will, ſo muß er Dir eben eins geben, das ſich für einen Herzog ſchickt. Aber ſonderbar iſt's doch, daß er etwas für Deine Frau und nicht lieber etwas für Dich ge⸗ wählt hat.“ „Es möchte ihm wohl ſchwer gefallen ſein, etwas Paſſendes von gleichem Werth für mich zu finden“, entgegnete Friedrich. Ulrike ſtand noch immer ſchweigend und blickte un⸗ beweglich die blitzenden Steine an. Die Räthin neigte ſich zu Friedrich und flüſterte ihm etwas leiſe zu. Lächelnd verließ er mit ihr das Zimmer. Ulrike ſchien das Weggehen beider kaum zu be⸗ merken. Es war unverkennbar, daß in ihrem Innern ein Kampf vorging. Plötzlich raffte ſie ſich empor, klappte das Etui mit dem Schmuck zu und rief ent⸗ ſchloſſen:„Es muß ſein! Er ſoll, muß es wiſſen.“ In der nächſten Sekunde verſank ſie jedoch wieder in träu⸗ meriſches Nachſinnen. So traf ſie Friedrich.„Nun“, ſcherzte er,„biſt Du ganz ſtumm geworden über den glänzenden Steinen, oder hätte vielleicht mein Bekenntniß einen dunklern Stein auf Dein Herz gewälzt?“ Ulrike ſah empor und lächelte.„Wer weiß!“ ſagte ſie.„Dem Bekenntniß fehlt auch ein Haupterforderniß zur gänzlichen Verzeihung.“ „Und welches?“ „Die Vollſtändigkeit. Sachen und Perſonen kenne ich nun wohl, die Namen nicht.“ Ueberraſcht blickte ſie Friedrich an.„Der Name thut wohl hier nichts zur Sache“ ſagte er dann, offenbar unan⸗ genehm berührt.„Wozu auch der Name? Du weißt, wel⸗ chen Auftrag ich erhalten hatte, und wirſt begreifen, daß der Name unter allen Umſtänden nicht mein Geheimniß iſt.“ Die Weigerung verſtimmte auch Ulrike. Es wehte daraus ein erkältender Hauch an ihr Herz, der all die warmen Wallungen der vorhergehenden Augenblicke ver⸗ ſengte, wie ein Spätfroſt, der unverwahrte Keime trifft. Sie ſchwieg. Unmittelbar hierauf trat die Räthin mit der Mah⸗ nung ein, es ſei ſpät geworden und Schlafenszeit. lernte; wäre es auch nur nur, was einer Mutter ge⸗ beten lehren kann und darf. Doch was red' ich da! „Folgt mir, Kinder“, ſagte ſie,„ich will Euch ins Brautgemach geleiten.“ Sie gingen. An der Thür hielt die Räthin an und griff in das Gefäß mit Weihwaſſer, das an der Thür hing. Sie beſprengte Friedrich und Ulrike da⸗ mit und beſchrieb jedem das Kreuzzeichen auf die Stirn. „Ich weiß wohl“, ſagte ſie dann etwas erweichten Tones,„daß Ihr beide meines Glaubens nicht ſeid, aber kehrt Euch nicht daran, was ich thue, ſondern denkt, in meinem Sinne iſt es gewiß gut gemeint. Wohl Euch, daß Ihr beide einem Glauben angehört, das wird Euch viel Herzeleid erſparen, das ich kennen wiß nicht leicht ankommt, wenn ſie ihren Sohn nicht Wir glauben doch alle an einen Gott— ſein Segen ſei mit Euch, daß kein böſer Geiſt jene Schwelle mit Euch überſchreite, ſondern nur die Liebe, die ein Ge⸗ fallen iſt in ſeinen Augen!“ Gerührt küßte ſie beide und verſchwand. Als auch in dem Schlafgemache der Neuvermählten das Licht erloſch, ſtieg aus den Gebüſchen des Gartens eine weiche, zärtliche und doch tief klagende Melodie, von Saiteninſtrumenten geſpielt, empor, als ſei es der Feſtgruß eines edlen entſagenden Herzens. Drittes Kapitel. Der erſte Schritt. Wenige Wochen ſpäter war in dem Vorgemache, welches zu dem Prunkſaale des Reſidenzſchloſſes führte, eine zahlreiche und ungemein glänzende Geſellſchaft ver⸗ ſammelt. Reich geſtickte Beamtenanzüge wechſelten mit bunten, prächtigen Soldatenuniformen. Zwiſchen beiden wurde hier und da, gleichſam als dunkle Folie, der ſchwarze Frack des ſchlichten Bürgers oder der Talar des Geiſtlichen ſichtbar. Der bloße Anblick ließ erken⸗ nen, daß eine ſolche Verſammlung eine außerordentliche Veranlaſſung haben mußte. Das Gefühl hiervon lag auch auf den Anweſenden, alle waren in unverkenn⸗ barer Bewegung, wenn auch die Sitte des Orts die gegentheiligen Muthmaßungen, in denen ſich die Er⸗ 43 wartung Luft machte, zu halbem Geflüſter herab⸗ drückte. Eine von den Gruppen, die theils Zufall, theils Standesgleichheit gebildet hatte, ſtand zunächſt der Eingangsthür in den Thronſaal in einer tiefen Fenſter⸗ niſche. Es war General Bauer mit Graf Schroffenſtein und deſſen Sohn. „Nun, was ſagen Sie zu dieſem Allem, mein Wer⸗ theſter?“ begann Schroffenſtein.„Was erwarten Sie von dieſen Vorbereitungen?“ „Ich meine, das iſt nicht eben ſchwer zu errathen“, erwiderte der Gefragte kalt.„Es wird ein Hauptſtreich beabſichtigt. Es ſoll irgend eine Kundmachung geben, irgend ein neues Geſetz ſoll bekannt gemacht werden.“ „Und dazu ſollen auch die Bürger geladen ſein?“ entgegnete Schroffenſtein.„Unmöglich kann ich das glauben! Was hätte die Roture mit den Geſetzen zu ſchaffen?“ „Was?“ lachte Bauer.„Haben Sie in den paar Monaten, ſeitdem Sie das Portefeuille abgaben, alle Staatskunſt verlernt? Wiſſen Sie nicht, daß es jetzt an der Tagesordnung, ehe man den Unterthanen ein Geſetz gibt, ſie fein höflich zuvor zu fragen, ob ihnen das Geſetz auch gefalle, ob Sie die Güte haben wollen, ihm zu gehorchen? Die neue Politik kehrt das Unterſte zu oberſt, darum iſt jetzt der Bürger die Hauptſache und wir Andern alle, Adel, Beamte, Soldaten, ſind nur dazu da, dem neumodiſchen Abgott das Faulbett recht bequem zu machen. Darum ſind die Bürger auch heute hier, das Stück könnte nicht gegeben werden ohne ſie; wir ſind blos die Decoration zu der Komödie!“ „Sie geben ein treffendes Bild der neuen Ideen über den Staat“, ſagte Schroffenſtein, gezwungen lä⸗ chelnd,„und doch denke ich, daß Sie zu ſchwarz ſehen. Ich glaube nicht, daß Seine Durchlaucht ſo ſehr von dem Gifte dieſer Neuerungen influirt ſind, dem Volke ſo weitgehende grundſätzliche Zugeſtändniſſe zu machen. Er wird einige Verordnungen geben, von denen man viel Lärm und Aufheben machen wird, dabei wird es ſein Bewenden haben! Und dann, wie ſollte ein Geſetz kommen, das nicht im Staatsrathe berathen wor⸗ den wäre?“ „Aber, mein goldener Exminiſter“, entgegnete Bauer, „merken Sie denn nicht, wie ſehr wir ſammt dem Staatsrath überflüſſig geworden ſind? Der Herzog iſt Herr, unumſchränkter Herr, was ſoll ihn zwingen, die bisherigen Formen zu beachten? Sein neuer Mi⸗ niſter iſt ihm Staatsrath genug!“ „Leider“, fiel der jüngere Schroffenſtein ein,„leider glaube ich, daß der Herr General Recht behalten wer⸗ 1 1 8 45 den. Bei alledem aber hat der gewaltige Einfluß, den ein ſo unbedeutender Menſch auf einmal gewonnen, etwas Räthſelhaftes! Hat man doch nie zuvor von ihm gehört!“ „Ihr Vater muß ihn kennen“, bemerkte Bauer mit unverhehltem Spott,„der junge Mann gehörte doch in ſein früheres Departement.“ „Wenn auch!“ antwortete dieſer.„Wer könnte einem Miniſter zumuthen, daß er die Legion von jun⸗ gen Leuten kennen ſoll, die angeſtellt ſein wollen! Er ſoll ein paar gute Abhandlungen geſchrieben haben. Man hielt ihn deshalb für den Lehrſtuhl geeignet, den er ebenfalls zur Zufriedenheit ausgefüllt haben ſoll. Das iſt Alles, was ich von ihm weiß.“ „Doch ſoll er Seiner Durchlaucht ſchon in Göttingen nahe geſtanden ſein“, erinnerte der Sohn. „Die Beziehungen müſſen denn doch nicht ſo o ſehr nahe geweſen ſein“, antwortete der Vater,„ſonſt würde ihn der Herzog wohl nicht ſo lange Zeit gänzlich aus dem Auge verloren haben!“ „Es iſt am Ende ſehr gleichgültig“, rief der General, „wie er zu ſeiner jetzigen Stellung und Macht gelangt iſt. Die Thatſache ſteht feſt, er hat ſie, und wenn nicht aller Anſchein trügt, hat er auch Willen und Muth, ſie vollſtändig zu benutzen.“ 46 „Aber was thun wir, General?“ entgegnete raſch Schroffenſtein der Vater.„Können wir allein ſo müßig zuſehen?“ „Das möchte auch ich fragen“, fügte der Sohn hinzu. „Was wir thun, meine Herren?“ fragte der Ge⸗ neral ſpottend entgegen.„Wir benutzen unſern Ruhe⸗ ſtand, um Betrachtungen anzuſtellen über die Vergäng⸗ lichkeit alles Irdiſchen, und nebenbei warten wir, ob nicht auch unſere Zeit wieder kommen wird.“ „Ah, ſieh da, Herr Gerichtsrath Weber“, unterbrach der alte Schroffenſtein das Geſpräch und wendete ſich dem Genannten zu, der mit unterwürfiger Verbeugung hinzugetreten war.„Wie gehen die Geſchäfte? Eine ſolche Frage“, fügte er mit etwas hämiſch verzogenem Munde hinzu,„müſſen Sie wohl einem Manne zu gute halten, der ſo lange Ihr Chef war und ſich an den Müßiggang noch nicht gewöhnt hat!“ „Eure Excellenz mögen überzeugt ſein“, rief der Rath,„daß wir alle Dero Scheiden nicht ohne die tiefſte Wehmuth ſahen. Was den Dienſt betrifft, ſo geht Alles in gleichem Gleiſe fort. Eure Excellenz wiſſen, daß der Geſchäftsgang ein ſtreng geregelter iſt. Der Organismus greift ſo vielfach und fein in ein⸗ ander, daß es nicht möglich iſt, ſo leichthin, wie viel⸗ leicht in andern Gebieten, einzugreifen. Es will aller⸗ 4 —— 47 dings verlauten, als habe der weiland Profeſſor, dem die Enade Seiner Durchlaucht nunmehr das Staats⸗ ruder anvertraut hat, auch hier allerlei neologiſche Anſichten und Reformen im Sinne.“ „In der That? Sie ſagen mir da eine Neuigkeit. Und von welcher Art ſollen dieſe Reformen ſein?“ „Mein Gott“, replicirte der Gerichtsrath, immer in der Stellung tiefſter Devotion verharrend,„Eure Ex⸗ cellenz kennen ja die Schlagworte, womit man die Ein⸗ richtungen des Auslandes nachahmen und die gute alte Themis von dem Sitze verdrängen will, den ſie ſeit Jahrhunderten in Ehren behauptet hat. Mündlichkeit! Oeffentlichkeit! Schwurgerichte! Lauter Dinge, die man für neue Erfindungen ausgibt und die doch nichts ſind als Ueberbleibſel aus dem alten jure germanico, durch die Praxis lange antiquirt und als unbrauchbar dargethan.“ „Was ſehen Sie ſo betroffen und verlegen darein, Graf?“ rief hier der General.„Nun werden Sie mir wohl bald Recht geben, daß nichts auf der alten Stelle bleiben ſoll? Wir können gehen, uns begraben zu laſſen!“ „Allerdings!“ ſagte der Angeredete mit bedenklicher Miene.„Das wäre die tiefgehendſte Veränderung! In dem Rechtsleben eines Volks laufen alle Wurzeln des⸗ 48— ſelben zuſammen. Und ſind gewichtige Gründe da, welche ſolche Abſichten vermuthen laſſen?⸗?. „Ich glaube dies bejahen zu müſſen“, ſeufzte der Gerichtsrath.„Der Miniſter iſt ein Theoretiker; ſolche verfallen gar zu gern der Luſt, Verſuche zu machen, über die der Praktiker lächelt. Die Praxis wird aber nicht deſſen ſtärkſte Seite ſein. Ich kenne den Pro⸗ feſſor, den Miniſter will ich ſagen, weil er einige Mo⸗ nate am Gerichtshof als Referendar arbeitete. Seine Vorträge hatten alle nicht den rechten juridiſchen Ton, den stilus curialis, ſie ließen einen gewiſſen belletriſti⸗ ſchen Anflug nicht verkennen, der den echten Juriſten anwidert.“ Der geweſene Miniſter lächelte.„Ich verſtehe“, ſagte er,„ich kenne das!“ Er wollte mehr ſagen, wurde aber von ſeinem Sohne unterbrochen, der ſich inzwiſchen abgewendet hatte und nun mit einem Fremden herzutrat. Es war ein ſehr fein und modiſch gekleideter Mann von mitt⸗ lern Jahren, der das dunkle lange Haar geſcheitelt trug und es rückwärts gekämmt in langen Locken den Nacken hinabfallen ließ. „Entſchuldigen Sie die Unterbrechung, mein Vater“, ſagte der Hauptmann, den Fremden vorſtellend.„Ich glaube, Ihnen Vergnügen zu machen, indem ich Ihnen 4 1 —— 49 eine intereſſante Bekanntſchaft verſchaffe: Herr Rigollet, Baukünſtler aus Brüſſel, von Seiner Durchlaucht mit dem Bau des neuen Luſtſchloſſes beauftragt.“ Die Herren begrüßten ſich.„Ich bin heute ſchon beſtimmt, Neues zu erfahren, wie es ſcheint“, ſagte Schroffenſtein.„Seine Durchlaucht bauen ein neues Schloß?“ „So weit iſt es noch nicht“, antwortete Rigollet mit etwas fremdländiſchem Accent.„Zur Zeit iſt nur von dem Plane eines ſolchen Baues die Rede. Das Glück wollte, daß ich eben die Entwürfe zu einem in ähnlichem Sinne gedachten Prachtbau beendigt hatte und daß ſie den Beifall Seiner Durchlaucht fanden.“ „Die Zeichnungen“, ſchaltete der Hauptmann ein, ſollen an Pracht und Eleganz alles bisher Dageweſene überbieten.“ Der Künſtler verneigte ſich.„Sie ſchmeicheln“, ſagte er;„es ſind einige neue Ideen darin, das iſt Alles!“ „Und wohin ſoll das Schloß zu ſtehen kommen? Wie ſoll es heißen?“ fragte General Bauer. „Der Ort iſt ſehr glücklich gewählt“, antwortete Rigollet.„Dhne Zweifel iſt Ihnen die Anhöhe bekannt, welche kaum ein paar Stunden von der Stadt von den Ufern des Fluſſes aufſteigt und von dort terraſſen⸗ förmig immer weiter gegen das Hochgebirge verläuft. Schmid, Mütze und Krone. II. 4 3 6 50 Auf einem Hügelvorſprung iſt eine Waldblöße weithin ſichtbar, das iſt die Bauſtelle. Dieſelbe iſt zur Anle⸗ gung eines Parks wie gemacht, und von dort aus wird ſich nach der einen Seite eine reizende, kaum überſehbare Fernſicht über die Ebene bieten, während gegenüber waldige Berge den Horizont abgrenzen. Der Name iſt meines Wiſſens noch nicht zur Sprache gekommen.“ „Natürlich“, fiel ſcherzend der Hauptmann ein,„der Name bleibt vorbehalten, bis irgend ein Anlaß, allen⸗ falls die Vermählung Seiner Durchlaucht, zu der es doch bald kommen dürfte, ein Motiv gibt. Dann er⸗ gibt ſich eine Sophienluſt, eine Marienhöhe, eine Joſe⸗ phensruh wie von ſelbſt!“ Man lachte. Das Geſpräch wurde durch eine Be⸗ wegung im Saale unterbrochen, welche daher entſtand, daß der Oberkammerdiener Kündig eintrat und den Fourieren, welche die Thür des Thronſaals beſetzt hielten, einen Befehl zuflüſterte. Sofort öffneten dieſe die Flügelthüren, innerhalb deren der Ceremonienmeiſter erſchien, mit ſeinem Stabe ein paarmal auf den Boden klopfte und dadurch das Zeichen zum Eintritt gab. Wie von ſelbſt ordneten ſich die Anweſenden ihrem Range und Stande gemäß in einen Zug, der unter feierlichem Schweigen die Schwelle des Saals überſchritt. 51 „Laſſen ſich Eure Excellenz die Geduld nicht ausgehen“, flüſterte der alte Oberkammerdiener dem Grafen Schroffenſtein im Vorbeigehen zu;„es kann noch eine gute Weile dauern, denn es geht Wich⸗ tiges vor.“ Während dieſer Vorgänge ſchritt der neue Herzog in ſeinem Arbeitszimmer gedankenvoll auf und nieder. Das Gemach war reichlich mit Allem ausgeſtattet, wo⸗ mit moderne Lebenskunſt den Menſchen zu umgeben und das kleinſte Bedürfniß zu einem angenehmen Ge⸗ nuſſe zu geſtalten weiß. Der hohe luftige Raum erhielt durch zwei mächtige, faſt von der Decke bis zum Boden reichende Kryſtallfenſter ſolchen Ueberfluß an Licht, daß die breiten Gardinen von dunkelrother Seide, welche daran in ſchön geſchlungenen Faltenwellen hernieder⸗ fielen, eine ſehr wohlthuende und angenehme Licht⸗ brechung hervorbrachten. Von den grünen, mit zierli⸗ chen Laubgewinden von gleicher dunklerer Farbe durch⸗ wirkten Tapeten der Wände hoben ſich die im tiefſten Nußbraun polirten und mit ſchwerem dunkelrothen Damaſt bezogenen Möbel gefällig ab. Zu beiden Seiten des bequemen Arbeitstiſ ches erhoben ſich zierliche Schränke, mit einer Menge ſchön eingebundener Bände beſtellt; über dieſen hin ſtanden, auf ſtattlichen Poſtamenten ge⸗ reiht, Marmorbüſten berühmter Männer, den Eindruck 4 52 des Ganzen zu einem ernſtfreundlichen Charakter ab⸗ rundend. Inmitten des Zimmers ſtand ein großer runder Tiſch, mit auseinander gerollten Bauplänen und Zeich⸗ nungen vollſtändig bedeckt. Der Herzog ſelbſt bot dem Beſchauer ein Bild dar, welches zu der Schönheit und Eleganz der umgebenden Räume vollkommen paßte. Die prachtvolle militäriſche Uniform, die er trug, war vollkommen geeignet, das . ſchöne Ebenmaß des ganzen Körpers aufs glänzendſte hervorzuheben. Der Kopf mußte männlich ſchön ge⸗ nannt werden und hatte etwas Kriegeriſches und Star⸗ b kes, was an den verſtorbenen Herzog, ſeinen Vater, erinnerte. Um den Mund ſchwebte jedoch ein Zug von faſt mädchenhafter Weichheit, der den ſtrengen Charakter des Ganzen milderte. Einen Menſchenkenner möchte er wohl auf die Vermuthung gebracht haben, daß er ein Zeichen zu großer Lenkſamkeit und zu leichter Em⸗ pfänglichkeit für äußere Eindrücke ſei. In dem Auf⸗ und Abſchreiten im Zimmer war eine gewiſſe unruhige Haſt unverkennbar, doch war es weniger die Aufregung der Unentſchloſſenheit, welche ſich kennzeichnete, als die ernſtfreudige Spannung, mit der man an die endliche Ausführung eines lang gehegten, lieb gewordenen Ge⸗ dankens geht. 53 Zuletzt blieb er vor den Plänen auf dem Tiſche ſtehen, und während ſeine Blicke den Linien der Ent⸗ würfe folgten, ſchien auch ſein Geiſt nicht ungern auf die neue Gedankenreihe einzugehen. So traf ihn Friedrich, welchen Kündig, als ſchon erwartet, unangemeldet eintreten ließ. „Guten Morgen, lieber Führer“, redete ihn der Herzog an.„Sie werden verwundert ſein, mich über ſolcher Beſchäftigung zu treffen. Ich habe mich heute über jenen ernſthaften und großen Dingen recht müde gearbeitet.“ Er deutete dabei auf mehrere umfangreiche, mit großen Siegeln verſehene Urkunden, welche auf dem Arbeitstiſche lagen.„Darüber“, fuhr er dann fort, nkam mir die Erholung gelegen. Wie finden Sie dieſe Entwürfe?“ Friedrich betrachtete ſelbe einen Augenblick.„Ich bin zu wenig Kenner“, ſagte er dann,„um auf den erſten Blick hin eine gegründete Meinung abgeben zu können. Flüchtig angeſehen ſcheint der Entwurf viel Eigenthümliches zu haben.“ „Ganz meine Anſicht!“ rief der Herzog.„Es iſt einer der gelungenſten Verſuche, die Schönhei⸗ ten der einzelnen Bauſtile in ein ſelbſtſtändiges Ganzes zu vereinigen! Und doch iſt es keine Muſter⸗ 54 karte, doch iſt Alles harmoniſch verbunden und geglie⸗ dert!“ „Es ſcheint der Plan eines Schloſſes zu ſein?“ „So iſt es. Die Entwürfe haben meinen vollſten Beifall und ich brenne vor Begierde, ſie ausgeführt zu ſehen.“ „Wie, Eure Durchlaucht wollten—“ „Ich bin entſchloſſen, das Schloß zu bauen, und zwar ſogleich. Die gelinde Spätherbſtwitterung iſt den Vorbereitungen ſehr günſtig, der Baumeiſter iſt da; wenn Alles nach Wunſche geht, muß der Bau in zwei Jahren vollendet ſein.“ Der Fürſt war wieder im Gemache auf und ab geſchritten. Er ſchien eine Antwort zu erwarten. Als keine erfolgte, hielt er inne und betrachtete Friedrich, welcher nachdenkend und unverwandt auf die Zeich⸗ nungen blickte. „Was denken Sie?“ rief dann der Fürſt.„Warum reden Sie nicht?“ „Ich denke“, erwiderte Friedrich,„daß es kaum möglich ſein wird, einen ſolchen Prachtbau unter ein paar Millionen herzuſtellen.“ „Wohl möglich, doch haben Sie die Koſten mit dieſer Summe ohne Zweifel zu hoch gegriffen. Es iſt mir übrigens angenehm, daß wir darauf gekom⸗ ———— ————— 55 men ſind. Ich hatte mir vorgenommen, mit Ihnen darüber zu ſprechen. Sie werden auf die Wege denken, den Bedarf auszumitteln und anzuweiſen.“ Friedrich ſchwieg noch eine Sekunde.„Das kann ich nicht, Eure Durchlaucht“, ſagte er dann feſt.„Das iſt unmöglich!“ Ueberraſcht blieb der Herzog ſtehen und heftete den Blick feſt auf den Kühnen, indeß die Röthe einer zor⸗ nigen Aufwallung über ſeine Stirn ging.„Wie wäre das?“ ſagte er dann.„Unmöglich?“ Friedrich hielt ruhig den geſpannten Blick des Für⸗ ſten aus.„So ſagte ich“, erwiderte er, gleichfalls nicht ohne Bewegung. Er fühlte, daß er einem Zuſammen⸗ ſtoße mit der Lieblingsneigung des jungen Herrſchers entgegengehe. Während er jedoch zu ſprechen fortfuhr, gewannen Stimme und Ton bald die gewohnte Sicher⸗ heit wieder. „Eure Durchlaucht wiſſen“, ſagte er,„daß ich es für das Nöthigſte und Wichtigſte hielt, beim Antritt des neuen Amts den Zuſtand der Finanzen des Landes gründlich und ſchonungslos zu unterſuchen. Das iſt einzig und allein der Boden, auf dem mit der Zuver⸗ ſicht auf Dauer gebaut werden kann. Ich habe Ihnen das Ergebniß dieſer Unterſuchung offen und ohne Rück⸗ halt, wie ich ſie vorgenommen hatte, mitgetheilt. Es ——4—— 56 künfte des Landes verringert, ja ſelbſt die unverſieg⸗ baren Quellen auf lange Zeit hinaus belaſtet und verpfändet. Die Schuldenlaſt iſt nahe bis zur Uner⸗ ſchwinglichkeit vermehrt und die Steuerkraft des Lan⸗ des in einer Weiſe angeſpannt, die keinerlei Anſprüche mehr erträgt. Einen Beweis für dieſe traurige Wahr⸗ heit haben Durchlaucht ſelbſt erlebt.“ Friedrich hielt inne. Der Herzog hatte ſich in den Armſtuhl vor dem Arbeitstiſch geworfen und ſchwieg, die Hand vor die Stirn haltend. „Die unabweislichſte Forderung der Gegenwart“, fuhr erſterer nach kurzer Pauſe fort,„iſt eine weiſe Sparſamkeit. Eure Durchlaucht haben das ſelbſt ein⸗ geſehen und gut geheißen, wie ſoll ſich damit eine ſo große und, entſchuldigen Sie meine Kühnheit, ſo ganz überflüſſige Ausgabe vereinigen laſſen? Ich muß wie⸗ derholen, daß es eine Unmöglichkeit iſt, aus den Staats⸗ einkünften die verlangte Summe zu ſchaffen.“ Er ſchwieg. Auch der Herzog verharrte noch eine Weile wortlos in ſeiner vorigen Stellung.„In der That“, rief er dann ſich unmuthig umwendend aus, nich lerne das Leben eines Regenten von einer recht anmuthigen Seite kennen! Ein wahres Chaos von war nicht erfreulich. Eine theils kurzſichtige, theils, ich ſage es geradezu, unredliche Verwaltung hat die Ein⸗ —y— 57 Arbeit und Mühe, um den lauten und ſtillen Anſprü⸗ chen nur halbwegs gerecht zu werden, eine wahre Hetzjagd von Sorgen, daß es allen und jedem nach Wunſche geht, der erſte Wunſch aber, den ich aus Lieb⸗ haberei für mich ſelbſt laut werden laſſe, heißt eine Unmöglichkeit! Wenn ich für das Volk ſorgen ſoll, darf ich nicht auch an mich denken? Kann ich es nicht?“ „Eure Durchlaucht ſind unumſchränkter Gebieter dieſes Landes! Sie können, was Sie wollen. Aber Sie werden das nicht wollen. Die Liebhabereien der Fürſten ſind nicht ſelten das Unglück der Nationen. Eure Durchlaucht werden wegen einer Liebhaberei nicht ernſte große Zwecke des Volkswohls beeinträchtigt wiſ⸗ ſen wollen und doch würde dies unvermeidlich ſein!“ „So bin ich, ſtatt der Herrſcher meines Volks zu ſein, deſſen Sklave!“ „Kennte ich die Grundſätze und Anſichten Eurer Durchlaucht nicht, ſo würde ich darauf erwidern, Jeder⸗ mann iſt in einem gewiſſen Sinne der Sklave ſeines Beſitzthums. Er muß deſſen Erhaltung um ſeiner ſelbſt willen wünſchen und muß deshalb auch Beſchränkung ertragen, wenn ſie zur Erhaltung förderlich iſt. Ein kluger Oekonom wird von ſeinem Grundſtück nicht einen höchſten Ertrag fordern, der es ausſaugt, er wird ſich lieber mit geringerer Ernte begnügen, von der er 58 aber Nachhaltigkeit und Steigerung erwarten darf. Die Herrſchergewalt iſt einem ſolchen Beſitzthum ähnlich. So würde ich ſagen, Eure Durchlaucht, wenn ich nicht wüßte, daß Ihre Anſichten über den Beruf des Fürſten auf höhern als ſolch materiellen Grundlagen ruhen!“ Der Herzog erhob ſich.„So wird es denn“, ſagte er, wie ausweichend,„die Kunſt allein ſein, welche unter der Nothwendigkeit zu leiden hat!“ „Ich bin kein ſolcher Barbar“ entgegnete Friedrich, „daß ich die Rechte der Künſte ſchmälern und ihre Stellung im Leben beinträchtigen wollte, aber ich ſcheue mich nicht zu ſagen, daß ſie nur ein heiteres, ſelbſtge⸗ fälliges Spiel der geſättigten Kräfte, daß ſie ſo zu ſagen Luxus ſind. Darum gedeihen ſie am beſten in den Zeiten des Friedens und verkümmern, wenn die Kräfte anderweitig zur Erhaltung oder zum Kampfe in Anſpruch genommen ſind. Es iſt im Staatshaus⸗ halt wie in dem der Familie. Ein vorſichtiger Haus⸗ vater wird nicht Dinge des Schmucks, des Vergnügens kaufen, wenn noch Unentbehrliches zu decken iſt! Ich möchte nicht mißverſtanden werden, Durchlaucht! Was ich jetzt ſage, gilt nicht für immer; nur jetzt, für einige Jahre iſt ein ſolcher Luſtbau, eine ſolche Aus⸗ gabe eine Unmöglichkeit. In dieſem Zeitraum wird ſich der Haushalt regeln, es wird ſich ein Gleichgewicht —; 59 der Einnahmen und Ausgaben herſtellen laſſen; dann, mit erſtarkten Kräften, wird es möglich ſein, auch das Ueberflüſſige zu thun. Eure Durchlaucht beſitzen man⸗ ches ſchöne Schloß, manches reizend gelegene Gut— begnügen Sie ſich damit bis zu dieſem Zeitpunkt. Dann iſt es nicht nur Zeit, Ihrer Neigung für die ſchöne Kunſt thatſächlich zu huldigen, dann iſt es Ihre Pflicht, es zu thun und den reizenden Blüten des menſchlichen Genius ein ſicheres Aſyl zu bereiten. Dann mögen Sie Ihrem Volke, wie jetzt im Entſchluſſe der Entbehrung, auch in Förderung des Schönen vor⸗ angehen!“ Der Herzog hatte Friedrich's Worten ſinnend zuge⸗ gehört. Jetzt trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und rief:„Sie haben Recht, mein Freund! Ich danke Ihnen. Sagen Sie mir immer die Wahrheit, wie diesmal. Von dem Bau ſoll nicht mehr die Rede ſein.“ „Ein Entſchluß“, rief Friedrich gerührt,„des Für⸗ ſten würdig, der im Begriffe ſteht, ſeinem Volke mit der Freiheit ſeine Menſchenwürde zurückzugeben!“ „Schweigen Sie“, antwortete der Herzog, nichts mehr davon! Man wird uns bereits erwarten— laſ⸗ ſen Sie uns denn gehen und das Werk beginnen! Neh⸗ men Sie die Papiere!“* ————— E——— — — —— 60 Friedrich näherte ſich dem Schreibtiſche, um die dort liegenden Urkunden in Empfang zu nehmen. In dieſem Augenblick öffnete Kündig die Thür. „Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin⸗Mutter“, meldete er, und die greiſe Fürſtin ſchritt, von Primitiva ge⸗ führt, in das Gemach. Ueberraſcht trat ihr der Herzog entgegen.„Meine gnädigſte Großmutter bei mir?“ fragte er. „Ich muß wohl zu Dir kommen, mein Kind“, er⸗ widerte die Herzogin,„da Du den Weg zu mir ver⸗ lernt zu haben ſcheinſt. Ich habe viel mit Dir zu ſprechen. Sind wir allein?“ „Außer meinem Miniſter, Herrn Führer, iſt Nie⸗ mand zugegen“, antwortete jener. Die Herzogin zog die Augen geringſchätzig zuſam⸗ men und ſagte, nach der Richtung gewendet, in wel⸗ cher eine Bewegung des Genannten ſie deſſen Stand⸗ punkt vermuthen ließ:„Der Herr Miniſter werden die Güte haben, mir meinen Enkel, den Herzog, auf einige Augenblicke zu überlaſſen. Fräulein Falkenhoff, geben Sie mir einen Stuhl und erwarten Sie mich im Vorzimmer.“ Primitiva vollzog den Befehl.„Gehen Sie, Führer“ ſagte der Herzog,„ſorgen Sie, daß die Verzögerung nicht auffällt.“— 61 „Setze Dich zu mir, Felix“, ſagte die Herzogin, als das Schließen der Thür ihr verkündet hatte, daß ſie mit dem Herzog allein war.„So dringend wird, was Du vorhaſt, nicht ſein, daß Du an mir die Minuten abſparen müßteſt. Schreibe es Dir ſelber zu, wenn ich Dich ſtöre und aufhalte. Wenn Du Vertrauen zu mir hätteſt und ich für Dich noch auf der Welt wäre, würde ich wohl eher erfahren haben, was mich jetzt zwingt, im letzten Augenblicke zu Dir zu kommen!“ „Ich glaube nicht, daß ich es an der gebührenden Aufmerkſamkeit—“ „Aufmerkſamkeit? O nein! Der Enkel hat ſich gegen mich nicht vergangen, aber dem Herzog bin ich nicht mehr als eine alte blinde Frau, die ſich mit ihren Anſichten überlebt hat!“ „Ich weiß in der That nicht—“ „Wo das hinaus will? Ich will Dich an das er⸗ innern, was Du nie hätteſt vergeſſen ſollen, daß Du nirgends einen größern Schatz von Erfahrungen, nir⸗ gends einen beſſern Willen, Dir zu rathen, finden kannſt als bei der alten Frau, die ſeit ein paar Men⸗ ſchenaltern auf der ſchwindelnden Höhe ſtand, auf der nun Du ſtehſt! Oder biſt Du ſo weiſe, keines Rathes zu bedürfen? Nein, denn Du haſt Dir Deinen Rath⸗ 62 geber, einen Führer gewählt, der Dir zum Verführer geworden iſt!“ „Aber, meine theuerſte Mama—“ „Schweige und höre mich erſt. Ehre mein Alter, 1 4 4 1 wenn Du meine Einſicht nicht achten willſt. Kind, 1 Felix, Herzog, was muß ich von Dir hören! Du haſt 3 Dir einen bürgerlichen Rathgeber gewählt— ſind die Reihen der edlen Geſchlechter, die Deinen Thron um⸗ geben, ſo ſehr gelichtet, daß Du keinen unter ihnen Deines Vertrauens würdig fandeſt? Was kann Dir der Sohn des Bürgers rathen, der in der Niedrigkeit 1 aufgewachſen iſt? Aber nicht genug, Du willſt ſogar Hand anlegen an das uralte Gebäude des Rechts, willſt einen Theil Deinee Herrſchermacht in die Hände des Volks geben—, „Nicht doch, das will ich nicht. Die Rechte meiner 6 Krone ſollen ganz und ungeſchmälert beſtehen, aber was dem Volke als ſolchem gebührt, die Rechte des Menſchen, die ihm eine despotiſche Zeit entriſſen hat, 8 will ich ihm wiedergeben! In meinem Lande ſollen 4 Wort und Gedanken, ſollen die Gewiſſen frei ſein! Alles ſoll gleich ſein vor dem Geſetz! Ein feſtes, bin⸗ dendes Grundgeſetz ſoll für alle Zeiten das Verhältniß zwiſchen Fürſt und Volk regeln.“ „Genug, genug! Verſchone mein ungewohntes Ohr 63. mit dieſen Thorheiten, die ich wohl aus Deinem Munde zuletzt hören ſollte! Biſt Du ſo neu in der Geſchichte der Völker, oder haſt Du ihren Sinn ſo wenig verſtanden, daß Du nicht weißt, daß die Freiheit des Ge⸗ dankens die Flut iſt, welche, immer höher ſteigend, die Throne von der Erde ſpült? Und Du wlllſt ſelbſt die Schleußen öffnen, willſt die Dämme abgraben, die unſer treueſter Bundesgenoſſe, der tauſendjährige Glaube der Menſchen, zu ſeinem und unſerm Schutze gebaut hat?“ „Sie billigen meine Handlungsweiſe wider Willen durch Ihre eigenen Worte. Eben weil ich weiß, daß der Gedanke unaufhaltſam iſt wie die Luft, weil ich das Heranbrauſen ſeiner Fluten nicht überhöre, bin ich darauf bedacht, den Anprall zu mildern, indem ich das Bett ebne und dem Strome einen geregelten Lauf gebe!“ „Thue das! Thu’, was Du kannſt, aber thu' es nicht auf Koſten deſſen, was beſteht. Was einſt wer⸗ den ſoll und kann, iſt ungewiß, was bereits beſteht, ſeit Jahrhunderten und mit vollem Recht beſteht, das hat ein Recht zu ſein, das ſuche zu ſchützen. Beſei⸗ tige, unterdrücke, was ſich dagegen auflehnt, ſo wirſt Du die Gefahr beſſer beſeitigen oder doch um neue Jahrhunderte verzögern!“ ———— — ——— 3—““— —— 64 Der Herzog erwiderte nichts, obwohl die Greiſin inne gehalten. „Warum ſchweigſt Du“, fuhr ſie dann fort,„wenn Du meinen Gründen zu begegnen vermagſt? Du fühlſt wohl, daß Du es nicht kannſt; Dein Gemüth iſt be⸗ reitwilliger, es zu empfinden, als Dein Kopf, es ein⸗ zugeſtehen. Muß ich Dich noch erinnern, was Du Dei⸗ nem Hauſe, Deinen Vorfahren und Deinen Nachkommen ſchuldig biſt? Unumſchränkt haſt Du die Krone er⸗ erbt, willſt Du ſie entzweibrechen? Willſt Du ein Stück davon dem Volke zurückgeben und ſagen: Ich trug ſie bisher mit Unrecht! Nehmt und laßt mich künftig mindeſtens zur Hälfte Euer Herrſcher ſein? Das darfſt Du nicht!“ „Ich dürfte nicht?“ warf der Herzog ein, der nicht ohne Theilnahme zugehört. „Du darfſt nicht! Aus keines Menſchen Hand, frei, von Gottes Gnaden, wie das Leben ſelbſt, haſt Du die Krone. Darfſt Du ſchmälern laſſen, was Du Dir nicht gegeben haſt? Darfſt Du ein Juwel aus dem Dir anvertrauten Schatze verſchenken? Darfſt Du Deine einſtigen Kinder um dieſes Juwel verkürzen? Du darfſt nicht— Du biſt Gott und ihnen verantwortlich!“ „Ich denke, einſt davor nicht beben zu müſſen.“ „Biſt Du ſo kühn? Und wenn Du ſchon hier 65 unten zur Verantwortung gezogen würdeſt? Nach dem Ausſterben unſeres Hauſes hat die Regentenfamilie unſeres großen Nachbarſtaats die nächſte Anwartſchaft auf den Thron dieſes Landes. Glaubſt Du, daß dies mächtige Geſchlecht ſolche Veränderungen, wie Du ſie beabſichtigſt, ruhig mit anſehen, ihnen nicht ent⸗ gegentreten werde? Du bereiteſt Dir Verwickelungen, die unabſehbar ſind und unmöglich von gutem Aus⸗ gange ſein können!“ Der Herzog ſprang auf und ſchritt haſtig hin und her. Obwohl ſein Entſchluß feſtſtand, brachten die Worte der Herzogin dennoch eine unruhige Stimmung in ihm hervor, die er augenblicklich nicht zu bemeiſtern vermochte. „Du biſt bewegt, mein Kind“, fuhr die Herzogin nach einem Moment des Lauſchens fort,„meine Rede hat alſo noch nicht alle Macht über Dich verloren! Laß Dir darum nur noch eins ſagen! Wenn Du wirkich der Anſicht biſt, dem Zeitgeiſte etwas bewilli⸗ gen und Deinem Regiment einen andern, mildern Cha⸗ rakter geben zu müſſen, ſo thu' es, ich will Dich des⸗ halb nicht tadeln, will ſogar ſagen, Du handelſt viel⸗ leicht klug, aber thu' es nicht auf eine Weiſe, die Dich bindet! Thu' es nicht ſo, daß Du, was jetzt Dein freier Wille iſt, dann gezwungen thun mußt. Wenn Schmid, Mütze und Krone. II. 5 66 Du etwas gewähren willſt, ſo laß es Deiner Gnade verdankt ſein, nicht aus einem Rechte gefordert werden. Brauche Deine ganze Macht, um auszuführen, was Dir gut ſcheint, aber gib nicht die Macht ſelbſt aus der Hand!“ „Sie beſtürmen mich vergeblich, theure Mama“, rief endlich der Herzog.„Alles, was Sie mir ſagen und ſagen können, iſt lange geſagt und überlegt worden, zudem iſt es zu ſpät.“ „Nein, noch iſt's nicht zu ſpät, noch haſt Du das entſcheidende Wort nicht ausgeſprochen“, erwiderte haſtig die Herzogin.„Sprich es nicht aus, ich bitte Dich, und Alles iſt gut!“ „Ich kann nicht mehr zurück! Ich habe, wie Sie wiſſen werden, eine Verſammlung von allen Ständen des Landes einberufen, um die Kundgebung meiner neuen Geſetze zu vernehmen. Sie warten bereits mei⸗ ner, ſie ahnen ohne Zweifel bereits, was vorgeht— kön⸗ nen Sie fordern, daß ich jetzt noch zurücktreten und mich zum Geſpötte machen ſoll? „Nimmermehr! Schlimm genug, daß es ſchon ſo weit gekommen! Thu' denn, was nicht mehr zu än⸗ dern iſt, gib etwas, weil Du nicht mehr ganz zu⸗ rücktreten kannſt! Gib, wenn es denn ſein muß, die Preſſe frei, bewillige, was Dir ſonſt gut dünkt, aber — ¾9ͦ— 67 binde Dir die Hände nicht: behalte das Geſetz zurück, das Dein von Dir ausgeſprochenes Wort über Dich ſetzen und Dich zum Unterthan Deiner Unterthanen machen würde— behalte Dir die geſetzgebende Ge⸗ walt.“ Sie ſchwieg. Nach einer Weile antwortete der Herzog:„Glauben Sie nicht, theuerſte Mama, daß es Ihnen gelungen iſt, meine Ueberzeugung auch nur im mindeſten zu erſchüttern. Wenn ich Ihnen gleichwohl nachgebe, ſoweit es mit meiner Chre verträglich iſt, ſo geſchieht es lediglich, um Ihnen durch die That zu beweiſen, wie hoch ich Sie ſchätze, wie ſehr ich Ihre (Einſicht verehre! Ich werde das Grundgeſetz heute nicht bekannt geben, aber nicht um es für immer zurückzu⸗ ziehen, ſondern blos um es bei ruhiger Stimmung einer nochmaligen Berathung zu unterziehen. Sind Sie da⸗ mit zufrieden?“ „Muß ich nicht?“ entgegnete die Herzogin.„Ich habe mindeſtens Aufſchub, Zeit gewonnen, und ſolange ich lebe und Du mich hören wirſt, ſoll die Zeit gewiß nicht kommen, in der Du dies verhängnißvolle Ge⸗ ſetz bekannt machſt. Ich danke Dir, mein Kind, und bin mit Dir zufrieden. Rufe meine Dame, nun wäre es Unrecht, wollte ich Dich länger aufhalten!“ Auf ein Zeichen des Herzogs erſchien Primitiva, die 5* —————— —— — — —yõ—yy—yõ——ÿumumm 68 Herzogin wegzugeleiten. Nach ihrem Abgange trat Führer ein; unbemerkt von ihm und auch vom Für⸗ ſten nicht geſehen, folgte Kündig, in der halboſtenen Thür ſtehen bleibend. „Der Aufenthalt hat länger gewährt, als ich dachte“, redete der Herzog Friedrich an.„Laſſen Sie uns nun eilen.“ Damit trat er an ſeinen Schreibtiſch, nahm die dort liegenden Urkunden zuſammen und reichte ſie Friedrich.. Friedrich überblickte dieſelben.„Es ſind nur drei Urkunden“, bemerkte er dann,„Eure Durchlaucht haben das Grundgeſetz vergeſſen.“ „Nicht doch“, erwiderte der Herzog, indem er ſich abwandte, ſeinen Federhut zu ergreifen.„Es haben ſich mir einige Bedenken über die Faſſung aufgedrängt, die ich erſt noch mit Ihnen zu beſprechen wünſche. Wir müſſen uns für heute auf die Kundgebung der übrigen beſchränken.“ „Iſt es möglich, Durchlaucht? Jetzt noch Beden⸗ ken?“ fragte Friedrich, indem ſein Auge feſt auf dem Herzog ruhte. Dieſer erwiderte den Blick, doch etwas unſtät. „Suchen Sie nichts darin“ ſagte er dann,„wir haben nur jetzt nicht Zeit, die Sache ins Reine zu bringen.“ „Die politiſchen Anſichten Ihrer Durchlaucht der Frau 4 69 Herzogin⸗Mutter ſind bekannt“, fuhr Friedrich beſcheiden, aber feſt fort.„Es kann Eurer Durchlaucht daher nicht auf⸗ fallen, wenn es mich befremdet, daß dieſe Bedenken erſt jetzt, unmittelbar nach einer Unterredung mit derſelben, und ſo plötzlich hervortreten. Sollten Eure Durch⸗ laucht—“ „Es iſt nichts, ſage ich Ihnen, mein Freund“, be⸗ gann der Herzog.„Ich—“ Er wollte fortfahren, als er den in der Thür ſtehenden Oberkammerdiener wahr⸗ nahm, über deſſen Mienen, während er den Miniſter betrachtete, ein höhniſches, ſchadenfrohes Lächeln glitt. „Was horchen Sie hier?“ fuhr er den Erſchrocke⸗ nen an. „Ich— ich wollte nur Eurer Durchlaucht melden“, ſtammelte dieſer,„daß Eurer Durchlaucht Hofſtaat im Vorſaal—“ Der Herzog ſah ihn einen Moment durchdringend an.„Sie ſind alt geworden, Kündig“, ſagte er dann. „Sie haben meinem Vater lange treu gedient, da⸗ für treten Sie von heute an in den ſo wohlverdienten⸗ Ruheſtand.“ Stolz ſchritt der Herzog an dem Vernichteten vor⸗ über. Dieſe Wendung, ſowie das Herannahen ſchim⸗ mernder Hofuniformen, welche im Vorgemache durch die Thür ſichtbar wurden, machten es Friedrich un⸗ 70 möglich, das vorige Geſpräch fortzuſetzen. Er folgte in ernſter, ſehr befangener Stimmung. Im Saale angekommen, beſtieg der Herzog, von der ſtrahlenden Verſammlung im Halbkreiſe empfangen, den Thron. Führer ſtellte ſich ihm zur Linken auf die unterſte Stufe deſſelben. Tiefes Schweigen der Erwar⸗ tung herrſchte rings, ſodaß man faſt jeden Athemzug zu belauſchen vermochte. Nach einer Pauſe, in welcher der Herzog ſeinen Blick mit befriedigtem Stolze über das glänzende Ge⸗ dränge hinſtreifen laſſen, begann er: „Meine Getreuen! Es iſt das erſte Mal, daß die Annalen unſeres Vaterlandes eine Verſammlung wie die gegenwärtige ſehen. Ich habe Sie alle vor mich berufen, um Ihnen zu beweiſen, wie gleich nahe Sie alle meinem Herzen ſind, um Zeugen zu ſein, wie ſehr ich beſtrebt bin, für das Wohl des Landes zu wirken. Ich bin in einer Zeit und unter Umſtänden auf dieſen Thron berufen worden, wo es vor allem noth thut, daß mir mein Volk mit Vertrauen ent⸗ gegenkommt! Damit es dies könne, will ich heute vor Ihnen die Grundſätze ausſprechen, nach denen ich mit Gott zu regieren gedenke; ich will es dadurch, daß ich eine Reihe von Geſetzen verkünde, welche die Frucht dieſer Grundſätze ſind. Von heute an ſoll die Umge⸗ 71 ſtaltung der Gerichte nach den Forderungen der Oef⸗ fentlichkeit und Mündlichkeit beginnen, von heute an ſeien in meinen Landen die Gewiſſen, es ſei die Preſſe frei!“ Lauter, ſchallender Zuruf unterbrach den Sprechen⸗ den, von Vielen aus wahrer, dankbarer Begeiſterung, von den Uebrigen, um nicht aufzufallen und keine ſicht⸗ bare Oppoſition zu bilden. „Sehen Sie“, fuhr der Herzog fort,„hierin die Vorboten deſſen, was ich noch mehr zu thun gedenke, und ſtehen Sie alle mit dem reinen Willen zu mir, mit dem ich jetzt dieſe Geſetzurkunden in die Archive des Landes niederlege!“ Friedrich überreichte dem Herzog die Urkunden, die dieſer in Empfang nahm, einen Moment wie zur Be⸗ kräftigung an die Bruſt drückte und dann dem oberſten Archivar übergab, der ehrerbietig vorgetreten. In dieſem Augenblick ertönte neuer ſtürmiſcher Zu⸗ ruf. Zugleich donnerte auf ein gegebenes Zeichen eine Salve aus ſchwerem Geſchütz von den Anhöhen der Stadt, und auf allen Thürmen begann feſtliches Glocken⸗ geläute, um die Kunde des Geſchehenen in dröhnendem Klang in die Ferne zu tragen. —— ꝗ ꝗͦᷣA————— I H 8 5 Viertes Kapitel. ——— Glut in der Aſche. Wieder waren einige Wochen hingegangen. Der Herbſt hatte erſt jetzt die letzten gebräunten Blätter auf den Weg geſtreut, als ſollte es eine Huldigung für den neuen Gebieter, den Winter ſein, der darüber⸗ hin ſeinen Einzug zu halten begann. Gleichſam als wolle er den Uebergang minder fühlbar machen, hatte auch dieſer ziemlich mild begonnen. Es lag nur eine leichte Schneedecke auf den Dächern und die Sonne ſchien in den Mittagsſtunden, trotzdem daß Neujahrstag war, ſo freundlich, daß eine Menge Spaziergänger davon in die Straßen gelockt wurden. Hierzu kam noch, daß Viele auch die Neugierde wegen des großen Feſtes, das für den Abend vorbereitet wurde, herbeizog. Allent⸗ 73 halben in den Straßen war man beſchäftigt, Zurüſtungen zu der Illumination zu machen, die am Abend ſtatt⸗ finden ſollte. Hier wurden Malereien befeſtigt, welche als ſinnige Transparents zu wirken beſtimmt waren; dort wurde ein Lattenwerk zuſammengefügt, das, durch die daran angebrachten Lämpchen erleuchtet, eine prachtvolle Verzierung darſtellte; dort wurden Pechpfannen in den breitern Straßen aufgereiht, während an den Ein⸗ gängen der Hauptſtraßen Triumphbogen emporſtiegen, deren Verhältniſſe eine impoſante Wirkung verhießen. Alle Embleme, welche aufgeſtellt, alle Inſchriften, welche angebracht wurden, hatten ähnliche Bedeutung, ver⸗ wandten Sinn. Alle enthielten mehr oder minder ge⸗ lungene Beziehungen auf die vom Regenten gewährten Freiheiten, denn die Illumination ſollte der Ausdruck der allgemeinen Freude darüber ſein. Allerdings war das Ereigniß beinahe überall gleich nach dem Bekannt⸗ werden gefeiert worden, allein eine öffentliche und all⸗ gemeine Feier war durch die dazu nöthigen Vorbe⸗ reitungen verzögert worden. Um dieſe nun ſo glänzend als möglich zu machen, hatte man eine ziemlich lange Friſt gegeben und das Feſt auf den Neujahrstag feſt⸗ geſetzt. Man wollte damit zugleich andeuten, daß mit dieſem Tage auch für das bürgerliche Leben des ganzen Volks ein neues Jahr beginne. Den Tag über wurden 4— der,.. 4 8— — ———yʒ;— 74 in allen Gaſthäuſern und von allen Cirkeln große Gaſt⸗ mahle gegeben und während der abendlichen Stadtbe⸗ leuchtung ſollte auf dem Stadthauſe ein allgemeiner Feſtball im großartigſten Maßſtabe ſtattfinden. Auch vor dem St.⸗Jakobsthore, an welches ſich eine freundliche Vorſtadt anſchloß, herrſchte die gleiche Thätigkeit. Hier war es, wo ein wohlhabender Theil der Bevölkerung ſich in ſchönen, von baumreichen Gär⸗ ten umgebenen und durch ſie verbundenen Villen an⸗ geſiedelt hatte. Unmittelbar zunächſt dem Thore, welches ein Ueberbleibſel früherer Befeſtigungswerke war, und zum Theil an den Thorthurm angebaut ſtand ein kleines, unſcheinbares Häuschen. Das Erdgeſchoß, aus unge⸗ wöhnlich dicken Mauern beſtehend, hatte nur kleine Fenſter, kaum etwas breiter als Schießſcharten. Um die Fenſter herum aber, an den breiten Wandflächen hin, waren mit ſichtbarer Liebe Spalierbäume gezogen, welche, jetzt ſorgſam mit Stroh umwickelt, im belaubten Zuſtande dem Ganzen einen ungemein freundlichen Aus⸗ druck gaben. Ueber das Erdgeſchoß führte eine gedeckte Freitreppe in das obere Stockwerk, das, obwohl ſchlicht und einfach, ſchon von außen verrieth, daß drinnen nicht der Reichthum, wohl aber die Zufriedenheit hei⸗ miſch war. Der Reichthum hatte ſeinen Wohnſitz nebenan in ————— 75 einem prachtvollen Gebäude aufgeſchlagen, das hinter einem kleinen Vorgärtchen über breiten, mit Statuen beſetzten Steinſtufen emporſtieg. Hohe breite Kryſtall⸗ fenſter überblickten die Straße weithin. Durch die Fenſter ſah man auf reiche ſeidene Gardinen, auf bunt bekleidete Wände und reizende Deckengemälde. Dennoch hatte das ſchöne, ſtattliche Haus nichts Einladendes, es war, als laure im Dunkel hinter allen dieſen Schön⸗ heiten etwas Unheimliches auf den Eintretenden. So bildeten beide Wohnungen einen ſcharfen durchgehenden Gegenſatz. Dieſer Gegenſatz prägte ſich auch heute in den in beiden Häuſern getroffenen Vorbereitungen zur Illu⸗ mination aus. Vor der Thurmwohnung ſtand Meiſter Rempel⸗ mann, der Schuſter, auf einem Leiterchen und war beſchäftigt, ſein Handwerksſchild, auf welchem ein mächtiger Stiefel paradirte, mit Holzlatten zu um⸗ geben. Da ihm der Nagelvorrath ausgegangen war, rief er mit kräftiger Stimme nach den Fenſtern des erſten Stocks hinüber:„Heda! Frau! Grete! Bring' mir noch die Nägel heraus, die drinnen im Wandkäſtel liegen!“ Bald öffnete ſich die Thür auf den Holzgang und eine kleine, muntere Frau trat heraus, ein Kind auf ———ÿõ—— ..——— — — — 76 dem Arme, während ein größerer Knabe ſich ihr vor⸗ drängte und die kleinen Arme nach Kräften ſtreckte, um dem Vater das Verlangte hinzureichen. „Aber, Mann“, ſagte die Frau, nachdem ſie einen Augenblick deſſen Arbeit angeſehen hatte,„ich glaube nicht, daß wir mit Deiner Beleuchtung Ehre einlegen. Du wirſt ſehen, wir werden ausgelacht!“ * Der Schuſter hämmerte ruhig weiter.„Ei, das wäre!“ ſagte er.„Ausgelacht! Und warum denn?“ „Weil ſich der Stiefel mitten in dem Kranz von Lichtern gar zu luſtig ausnehmen wird“, antwortete das Weib.„Sieh nur anderswo hin. Ueberall machen ſie den Namenszug des Fürſten hin oder einen Reim, bei uns wird es ausſehen, als wäre Dein Stiefel die Hauptſache bei der ganzen Illumination.“ Der Meiſter hatte ſein Werk jetzt beendigt und überblickte daſſelbe mit einer Art künſtleriſchen Stolzes. „Du haſt ganz Recht, Grete“, ſagte er dann,„der Stiefel iſt für uns auch die Hauptſache! Wer über den Stiefel lacht, das iſt gewiß ein dummer Müßiggänger, der den Teufel von einer Arbeit und einem Gewerbe verſteht. Der Stiefel da ſtellt mein Gewerbe oder alle Gewerbe mit einander vor. Wenn es in einem Lande recht gut geht, kennt man's am beſten daran, wie der Gewerbs⸗ mann florirt. Drum hab' ich den Stieſel recht wohl⸗ 67 weislich in die Mitte hineingebracht. Wenn alles das Gute, das uns die neue Zeit bringen ſoll, recht zu floriren anfängt, floriren auch die Gewerbe und das meinige mit. Wenn ich einen kennte, der's verſteht, hätt' ich's mir wohl reimweiſ' drunter ſchreiben laſſen, aber ſo ſoll ſich's nur Jeder auseinanderklauben, und wer's nicht begreift, der mag lachen! So“, fuhr er dann, nachdem er herabgeſtiegen war und die Leiter beiſeite geſetzt hatte, fort,„mit der Arbeit iſt's heuke doch ein⸗ für allemal nichts; alſo will ich ein bischen in die Stadt und hören und ſehen, was es drinnen Neues gibt. Wie's dunkel wird, komm' ich wieder und hole Dich mit dem Buben ab, damit Ihr die Beleuch⸗ tung auch ſeht. Die Kleine und das Haus mag der⸗ weil die alte Baſ' hüten, ich hab' ſie herüberbeſtellt. Zuerſt aber muß ich ſehen, was all das Gerüſtwerk be⸗ deutet und vorſtellt, das ſie beim Herrn Nachbar Spar⸗ berger ſchon ſeit dem frühen Morgen aufbauen. So, Adjes bei einander und macht Euch fertig, bis ich komm'“ Er ging und ſchritt dem prächtigen Nachbarhauſe zu, vor welchem ein hoher Bau eine ziemliche Anzahl von Neugierigen verſammelt hatte. Eine Menge Werk⸗ leute waren beſchäftigt, denſelben zu beenden, und zwi⸗ ſchen dem Getöſe der Hammer und dem Zuruf der ——— —- 2 — ——— Arbeiter hörte man in kurzen Zwiſchenräumen eine quiekende Stimme Befehle ertheilen oder mit unmuthi⸗ gen Worten einen Mangel rügen. Es war die des Haus⸗ herrn, des Speculanten Sparberger. „Schiebele“, rief er jetzt einem Bedienten zu, der ihm auf Schritt und Tritt folgte,„Schiebele, ſeh' Er nach, ob der Schlingel von Maler mit den transpa⸗ renten Figuren noch nicht fertig iſt! Sag' Er ihm, wenn er mich im Stiche ließe, hinge ich ihm einen Proceß an den Hals!“ Schiebele wollte ſich eben auf den Weg machen, als ein Junge, mit den verlangten Malereien beladen, ſich keuchend durch die Anweſenden drängte.„Einen ſchönen Empfehl vom Meiſter“, rapportirte er in aller Eile.„Da ſchickt er Ihnen die Figuren. Auf die Ge⸗ rechtigkeit ſollen Sie ein bischen Acht geben, die iſt noch ganz naß.“ „Schon recht, ſchon recht“, quiekte Sparberger.„Das hat ihm ein guter Geiſt eingegeben, daß er mich nicht ſtecken ließ. Vorwärts, Schiebele; mache er jetzt, daß die Bilder hinauf in die Niſchen kommen, ſonſt kommt uns die Dämmerung über den Hals. Die beiden Engel an die äußerſten Seiten, dann kommt links die Ge⸗ rechtigkeit, rechts die Weisheit, das iſt die Frauens⸗ perſon mit dem Spiegel.“ 79 „Aber Sie machen ſich ja ungeheure Koſten, Herr Agent“, unterbrach ihn im beſten Fluſſe die derbe Stimme des Drehers Gerbel.„Ich gehe nun ſchon in der ganzen Stadt herum, um die Vorbereitungen zu beſehen, aber die Ihrigen werden den Preis davon⸗ tragen vor allen!“ „Bitte, bitte, allzu gütig“, erwiderte Sparberger ge⸗ ſchmeichelt.„Nichts als Schuldigkeit! Ich kenne meine Bürgerpflicht!“ „Ein ganzer griechiſcher Tempel mit Säulen und Statuen dazwiſchen! Das muß brillant ausſehen!“ fuhr Gerbel fort.„Ich hätte Ihnen wirklich nicht zugetraut, daß Ihre Freude über unſere neuen Freiheiten ſo groß wäre!“ „O, warum nicht?“ grinſte Sparberger.„Auch ich bin für die Freiheit und freue mich—“ „Wie die beiden Engel da droben mit dem langen Zettel in der einen und der Poſaune in der andern Hand!“ ſagte ruhig eine Stimme unter den Umſtehen⸗ den hervor.„Der Maler hat ihnen Geſichter gemacht, daß man nicht recht weiß, ob ihnen das Lachen oder das Weinen näher iſt!“ Es war Rempelmann, der das zu einem der neben ihm Stehenden ſo völlig unbefangen ſagte, als habe es zu dem Vorausgegangenen gar keine Beziehung. 80 Sparberger wandte ſich halb und ſchoß dem ſpott⸗ luſtigen Schuſter einen giftigen Blick zu, indem er etwas vor ſich hinmurmelte. Gerbel lachte.„Und die ſinnreichen allegoriſchen Figuren!“ fuhr er fort.„Das junge Mädchen da mit den Büchern, dem einer die Ketten abnimmt, ſtellt wohl die Preßfreiheit vor?“ „Allerdings“, erklärte Sparberger,„und die Frau gegenüber iſt die Gewiſſensfreiheit.“ „Nachbar“, begann Rempelmann wieder wie zuvor, „könnt Ihr mir nicht ſagen, was das eigentlich iſt, die Gewiſſensfreiheit? Das iſt wohl, wenn einer vom Gewiſſen frei iſt, wenn er gar keins hat?“ Die Umſtehenden lachten. Sparberger wechſelte die Farbe und wollte etwas erwidern, als durch das Thor und über die daran ſtoßende Mauer herüber feierlicher Orgelton und Kirchengeſang hörbar wurde. Man fragte um die Bedeutung. „Was wird's ſein?“ ſagte einer.„Die Freige⸗ meindler halten ihre Abendandacht! Sie haben ſich die alte Scheune im Zwinger zum Betſaal umgewandelt, von da hört man's herüber!“ „Das kommt mir eben gelegen“, rief Gerbel.„Da ich einmal in der Nähe bin, muß ich das Ding mit anſehen und hören, was dahinter iſt. Man ſpricht ſo 81 viel davon. Wie wär's, wenn Sie auch mitgingen, Herr Agent?“ „Bedaure, bedaure ſehr“, erwiderte Sparberger mit widerlichem Grinſen,„dabei kann ich nicht ſein. Da kann ein guter Chriſt nicht hingehen! Sollten's auch nicht thun, Herr Gerbel! Werden auch ſehen, daß die Sache nicht gut thut und ein ſchlimmes Ende nimmt!“ Die meiſten Umſtehenden hatten ſich zerſtreut und gingen dem Thore zu, viele bogen in die enge Mauer⸗ gaſſe ein, von woher die Orgel ertönte. Auch Meiſter Rempelmann war unter ihnen.„Ich habe in meinen Wanderjahren vieler Länder Sitte und Gottesdienſt geſehen, will den auch kennen lernen“, ſagte er halb für ſich, halb zu einem der Begleiter.„Heißt es doch, man ſoll Alles prüfen und das Beſte behalten!“ Gerbel war allein bei Sparberger zurückgeblieben. „Ich kann auch gar nicht begreifen, wie die Regierung das zugibt, wie Seine Durchlaucht dulden kann, daß ſich ſolche Leute zuſammenthun. Iſt ohnehin nur lauter verkommenes Geſindel.“ „Ei, ich höre doch, daß auch ganz wackere Männer bei der Gemeinde ſind. Der Kaufmann Rund aus der Wallſtraße ſoll der Urheber und Stifter der ganzen Sache ſein!“ „Um ſo ſchlimmer wird das böſe Beiſpiel“, rief Schmid, Mütze und Krone. II. 6 ℳ —’ 4„— —— A Sparberger.„Wehe dem, durch den Aergerniß kommt! Sie treiben offene Gottesläſterung, aber ich erleb' es noch, daß des Himmels Strafgericht über ſie kommt, weil die weltliche Gerechtigkeit zaudert!“ „Nun, nun“, meinte Gerbel,„ſo ſchlimm wird's nicht ſein, ſie dienen eben Gott auf ihre Weiſe. Warum beleuchten Sie dann und ſtellen die Gewiſſensfreiheit da hinauf, wenn Sie nicht zugeben wollen, daß Jeder glaubt, was er will?“ „Als ob ich das nicht wollte!“ ſeufzte Sparberger. „Ich laſſe gern einem Jeden ſeinen Glauben, wenn er nur einen Glauben hat! Dieſe Leute aber glauben gar nichts, und was ſoll denn aus Allem werden, wenn das Glauben aufhört?“ „Ja, da ſtimm' ich mit ein“, ſagte Gerbel,„etwas muß der Menſch glauben! Aber Sie machen mich nur noch neugieriger, ſelbſt zu ſehen und zu hören.“ Unter dieſem Geſpräche waren beide unter dem Thore angekommen. Gerbel wendete ſich dem Bet⸗ ſaale zu.„Sie gehen alſo nicht mit?“ fragte er noch⸗ mals. Sparberger entfloh mit einer Geberde des Abſcheus. Wenige Stunden ſpäter, als die Nacht angebrochen war, wogte ein unabſehbarer freudiger Menſchenſtrom durch die lichtſtrahlenden Straßen. Leute aus allen Ständen, von jedem Alter und Geſchlecht trieben ſich lautredend und bewundernd durcheinander. Wie ſich der Paletot des Elegants und die Sammtmantille der Dame mit der Jacke des Arbeiters und dem Mieder der Dienſtmagd kreuzte, ſo wurde neben den Bonmots und dem Geplauder der Städter die breite Verwun⸗ derung des Landbewohners, das derbe Witzwort des Arbeiters hörbar. An allen größern Plätzen oder an den Kreuzungen, wo ſich mehrere Straßen verbanden, waren Muſikchöre aufgeſtellt und mancher rauſchende Triumphmarſch übertönte das Gebrauſe der Menge. Dazwiſchen wetteiferten in den hell erleuchteten Gaſt⸗ und Kaffeehäuſern wie in den Schenken Geſang und Muſik aller Art, ihre grellen Züge und Farben zu dem bunten Tongemälde beizutragen. Auch Herzog Felix hatte ſich unter das Gedränge gemiſcht. Der Wunſch, unbemerkt die Aeußerungen des Volks hören und ſeine Stimmung über die neuen Ein⸗ richtungen kennen zu lernen, hatte ihn dazu veranlaßt. Ein ſchlichter Anzug und dazu wohl der Umſtand, daß im Gedränge Niemand viel auf ſeinen Nachbar achtete und wohl auch Niemand die Anweſenheit des Herzogs vermuthete, erleichterten ihm die Ausführung ſeines Vorhabens. So hatte er ſchon einen Theil der Stadt durchwandert und gelangte in vergnügt gehobener Stim⸗ 6* 84 mung auf einen Platz, wo die Ausſchmückung eines öffentlichen Gebäudes einen gedrängtern Kreis von Be⸗ wunderern verſammelt hatte. Ein koloſſales F brannte in Brillantfeuer an dem Hauſe. Auch Felix blieb ſtehen, um ſo mehr, als das Geſpräch mehrerer jungen Leute ſeine Aufmerkſamkeit angezogen hatte. „Was bedeutet nur das gewaltig große F?“ fragte der eine. „Das heißt ohne Zweifel Freiheit“, erwiderte ein zweiter. „Warum nicht gar!“ rief der dritte.„Es iſt der Namenszug des Herzogs! Heißt er nicht Felix?“ „Richtig“, meinte der erſte wieder,„aber warum es gerade der Name des Herzogs ſein ſoll, ſeh' ich nicht ein. Es kann ebenſo gut der Name des neuen Mi⸗ niſters Führer ſein.“ „Wahr“, lachten die übrigen, während jener fort⸗ fuhr:„Wenn Jemand eine Ehre angethan werden ſoll, ſo verdient ſie doch der Miniſter eher als der Herzog⸗ Was wäre der Herzog ohne ihn! Der hat ſich ihn ſchon zugerichtet, wie er ihn brauchen kann, als ſie noch zuſammen Studenten waren.“ „Möchte doch wiſſen, ob es wahr iſt“, fragte der eine „daß er ihm ſchon damals aufs Wort verſprechen mußte, ihn einmal zum Miniſter zu machen.“ 85 „Das hat er thun müſſen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen!“ rief der andere wieder.„Und die ganze Zeit her iſt er im geheimen Bündniß mit ihm geſtanden und hat ihm immer vorgeſchrieben—“ Das Gedränge riß die Sprechenden hinweg. Der Herzog hatte zuerſt mit einer Art lachenden Staunens zugehört, doch konnte er nicht hindern, daß ihm un⸗ mittelbar eine ſehr bittere Empfindung aufſtieg.„Iſt es möglich?“ dachte er dann.„Das iſt die Meinung, die man von mir hat? Habe ich bei meinen Unter⸗ thanen nicht mehr Verdienſt als das, ein willfähriges Werkzeug zu ſein?“ Haſtig drängte er ſich dem entgegengeſetzten Ende des Platzes zu, wo ſich wieder eine geſteigerte Lebhaf⸗ tigkeit bemerkbar machte.„Ich will doch ſehen, ob das die Anſicht Mehrerer iſt“, flüſterte er für ſich hin, in⸗ dem er zu dem Volkshaufen trat. Ein ſogenannter fliegender Buchhändler— eine der erſten Früchte der freien Preſſe— hatte mit glücklichem Speculationsgeiſt den Augenblick erfaßt und ſeine wandernde Bude zwi⸗ ſchen ein paar flackernden Pechpfannen aufgeſchlagen. Ein Flugblatt, die kurze Darſtellung der neueſten Er⸗ eigniſſe enthaltend, bildete den Gegenſtand allgemeiner Neugier und wurde reißend gekauft. Auch der Herzog kaufte und las. Es war eine ziemlich ſtilloſe, aber 86 ſehr faßliche Auseinanderſetzung der Vortheile der neuen Einrichtungen und ſchloß mit einer pomphaften Lob⸗ rede auf den Mann, der Alles das hervorgerufen habe und von dem noch Größeres zu hoffen ſei. Als dieſer Mann war Friedrich Führer genannt. Er hieß der Sohn des Volks, der dem Volke wiedergebe, was ihm gehöre. Des Herzogs war zwar ehrenvoll, doch minder kräftig und gewiſſermaßen als einer unvermeid⸗ lichen Beigabe nebenher gedacht. Der Unmuth des Herzogs ſtieg; faſt unwillkürlich zerknitterte er das Blatt und warf es von ſich. Bei⸗ nahe war er der Wanderung müde und dachte daran, nach der Reſidenz zurückzukehren, als ihm aus der Thür eines Gaſthauſes, an der er eben vorüberging, lauter, lärmender Hochruf entgegenklang. Raſch entſchloß er ſich einzutreten und nahm, von den übrigen Gäſten entfernt, in einer etwas dunklern Ecke Platz, um jeder Erkennung vorzubeugen. Das Zimmer war anſehnlich gefüllt, nur im Vordergrunde, in der Nähe des gewählten Platzes, waren einige Tiſche leer. An einem derſelben ſaß Meiſter Rempelmann mit ſeinem Weibe und dem Knaben. Alle drei waren beſchäftigt, ſich nach der ermüdenden Wanderung durch das Feſtgewühl der Stadt an einem Stück Braten und einem Kruge Bier zu erlaben. 87 Jetzt rief eine Stimme aus der Menge:„Der edle Volksfreund, der Volksminiſter Führer, er lebe hoch!“ Und wieder begann das Hochrufen, laut klangen die Gläſer zuſammen, laut ſchmetterten die Trompeten, den Toaſt begleitend. „Er! Wieder nur er!“ murmelte Felix vor ſich hin und drückte den Hut tiefer ins Auge. „Sonderbare Leute das!“ ſagte zugleich Rempel⸗ mann, indem er ſich ein Stück Braten auf den Teller legte.„Da laſſen ſie nun in einem fort den Miniſter leben und denken nicht an den Herzog! Siehſt Du, Grete, ſo geht's in der Welt! Der Herr Führer, ich kenn' ihn ja lang, da er noch Profeſſor war, iſt ein kreuzbraver, grundgeſcheidter Herr, aber der Herzog iſt doch die Hauptperſon, ſollt' ich meinen. Hat er ihn nicht zu ſeinem Miniſter gemacht? Und wenn der Herzog nicht wollte, da möcht' ich doch einmal ſehen, was er ausrichten könnte! Aber ich ſag' es ja immer, Undank iſt der Welt Lohn!“ Felix hatte die Worte des Schuſters gehört; ſie reizten ihn, ſich in ein Geſpräch mit ihm einzulaſſen. „Sie ſcheinen ein Freund des Herzogs zu ſein“, ſagte er über den Tiſch hinüber.„Kennen Sie ihn?“ „Hab' ihn nie geſehen, Herr“, erwiderte Rempel⸗ mann, den Hut leicht zum Gruße rückend,„habe aber — —— ——— ͤͤͤ— —4—— —— —— 88 immer nur Liebes und Gutes von ihm gehört. Er ſoll ein wackerer junger Herr ſein, und drum bin ich ihm Freund, wie ſich's für jeden guten Bürger ſchickt! Er ſoll leben!“ ſagte er dann und leerte ſein Glas auf einen Zug. „Es freut mich, das zu hören“, antwortete Felix. „Auch ich habe Urſache, dem Herzog gewogen zu ſein, und würde gern mich zu Ihnen ſetzen, um weiter zu plaudern, wenn mich nicht das Gaslicht über Ihrem Tiſche beläſtigte— meine Augen ſind etwas leidend.“ „Da kann man abhelfen“, ſagte Rempelmann und drehte den Hahn der Gasröhre zu.„Kommen Sie immer her zu uns, weil Sie doch allein ſind. In Ge⸗ ſellſchaft iſt's immer angenehmer.“ Felix ſetzte ſich dem Meiſter gegenüber.„Sagten Sie vorhin nicht auch, daß Sie des Herzogs Miniſter kennen?“ „Ich kenn' ihn auch“, antwortete Rempelmann, „habe manch liebes Mal für ihn gearbeitet. Sehen Sie, der war ſchon als Student nicht ſo wie die meiſten jungen Leute, ſo flatterig und leichtſinnig. Er hatte immer was Ernſthaftes an ſich, ſo was Geſetztes, daß man wohl denken konnt; es werd' einmal was Großes aus ihm werden. So iſt's denn auch gekommen, aber eben deswegen ärgern mich die Leute ſo mit ihrem 7 89 dummen Geſchrei! Da heben ſie ihn immer über den Herzog, und wenn der das am Ende erführe— je nun, Sie wiſſen ja, wir ſind Menſchen, und der Hochmuth ſitzt uns allen im Blut— wie leicht könnt' es da nicht geſchehen, daß er ſich zurückgeſetzt glaubte und beleidigt fühlte, und es wär' mit der ganzen Froundſchaft zu Ende!“ Felix war betroffen, denn es lag etwas in dem ſchlichten Weſen des Meiſters, ſowie in ſeiner treu⸗ herzigen Art, ſich auszudrücken, was ihn anzog und angenehm auf ihn wirkte.„Das ſollte ich doch kaum glauben“, bemerkte er. „Ja, wer kann's wiſſen! An den großen Herrn lernt man nicht aus; es iſt nicht gut mit ihnen Kirſchen eſſen, ſagt das Sprichwort. Aber wie ich ſage, Herr, mir thät's leid, wenn etwas dazwiſchen käm'. Ich weiß, was der Herr Profeſſor oder Herr Miniſter, wie man ihn jetzt tituliren muß, für große Stücke auf den Her⸗ zog hält und wie lieb er ihn hat!“ „Wirklich? Und woher wiſſen Sie das?“ fragte der Herzog geſpannt. „Je nun, das kann ich Ihnen jetzt wohl ſagenl entgegnete Rempelmann.„Zetzt iſt keine Gefahr mehr dabei,' iſt ja Alles vergeben und vergeſſen! Wiſſen Sie, in der Nacht, wie der alte Herzog ſtarb, wie die 90 Revolution war in der Stadt, da war ich halt auch mit auf der Straße. Die neue Steuer war ſchwer und es thut weh, wenn man ſieht, daß man den Seini⸗ gen bald nicht mehr das liebe Brod wird geben können— da geht man eben auch mit, und— Nun alſo, in der Nacht, da kam ich in die Hahnengaſſe, wie's eben los⸗ gehen ſollt' aufs Schloß. Da hab' ich zugehört, wie der Profeſſor zum Guten redete und wie er den Erb⸗ prinzen bis in den Himmel hob und verſprach, daß Alles gut gehen würde, wenn nur der in die Stadt käme.“ Der Herzog war ſeltſam ergriffen. Die einfache Erzählung des Bürgers rief ihm mit einem Male die Vorgänge der verhängnißvollen Nacht und beſonders der bezeichneten Gruppe, deren Zeuge er ſelbſt geweſen war, vor die Seele. Ebenſo plötzlich, als dieſe Bilder⸗ reihe in ihm hervortrat, war auch der Unmuth, der ſich in ihm eingeſchlichen hatte und ſchon daran war, ſich bis zum Mißtrauen zu ſteigern, verſchwunden und wie weggelöſcht.„Ich hörte davon erzählen“, ſagte er,„und wünſche nur mit Euch, daß der Herzog und ſein Miniſter immer die nämlichen Geſinnungen be⸗ halten mögen. Ich hätte nicht übel Luſt, auf die Dauer ihrer Freundſchaft eine Flaſche Wein mit Ihnen zu leeren!“ „Wird ſich nicht machen laſſen“, entgegnete Rempel⸗ 91 mann lachend;„ich bin ein geringer Handwerker, auf deſſen Tiſch der Wein ein ſpaniſches Dorf iſt! Wir haben heute ſchon ein Uebriges gethan und uns mit Braten regalirt, Alles dem Herzog, dem Miniſter und dem heutigen Tag zu Ehren!“ „So erlauben Sie mir, den Wein zu Ihrer Tafel hinzuzufügen“, rief Felix, und auf ſeinen Wink blinkte bald eine Flaſche des beſten Rebenſaftes den neugierigen Augen der Rempelmann'ſchen Familie entgegen. Felix füllte die Gläſer und ſtieß mit dem Meiſter an.„Auf das Wohl der Beiden, die wir meinen“ rief dieſer,„und daß ſie immer Freunde bleiben!— Herrliche Gottes⸗ gabe, ſolcher Wein!“ ſetzte er dann hinzu.„Man ſpürt es ordentlich, wie er einem durch alle Adern geht. Trink, Grete, und merk' Dir den Tag, wer weiß, wann Du wieder ſolchen zu koſten bekommſt!“ Die Schuſtersfrau trank etwas verlegen und reichte auch dem Knaben, der ſchon halb ſchräfrig ſich auf ihren Schooß gelehnt hatte.— „Sie ſind wohl recht zufrieden und glücklich?“ fragte Felix, die Gruppe einen Augenblick betrachtend. „Zufrieden, Herr“, ſagte Rempelmann, ſein Glas behaglich ausſchlürfend,„ja, das ſind wir, und alſo ſind wir eigentlich auch glücklich. In einem Haus⸗ ſtand wie dem unſerigen, wo Alles aufhört, wenn ein paar Hände feiern, geht's freilich etwas knapp zu, zu⸗ mal wenn man auch die paar hundert Gulden nicht hat, die man brauchte, um ſich wohlfeilen Vorrath kaufen zu können, aber weil nur die Steuer weg iſt, iſt das Arbeiten wieder eine Luſt! Da ſchlägt man ſich mit Ehren durch, und jetzt, unter den neuen Geſetzen, wird's wohl auch beſſer werden, denk ich!“ „So ſind Sie damit zufrieden“, fragte Felix,„und erwarten ſich gute Zeiten davon?“ „Gewiß“, rief Rempelmann, bei dem der Wein raſch ſeine Wirkung zu äußern begann.„Wie ſollt' ich nicht? Wenn'’s nicht zum Beſſern wäre, würde man's wohl nicht thun und auch nicht ſo viel Weſens davon machen! Freilich“ fuhr er zutraulich fort, „Alles kann ich nicht beurtheilen. Manches iſt mir zu hoch. Da ſchreiben und drucken ſie jetzt in den Tag hinein— meinetwegen, muß ich's doch nicht leſen, mir iſt'es auch zu hoch, warum all das Zeug gedruckt werden muß, und ſo iſt's auch mit dem neuen Glau⸗ ben, der aufkam, ſeit auch das freigegeben iſt. Ich war heute dort, Herr, und habe die Predigt gehört, aber das iſt nichts für unſereinen. Kann wohl ſein, daß es Leute gibt, denen nichts dran liegt, ob da droben über uns ein Herrgott iſt, der die Welt regiert, unſereinem thut's halt wohl, wenn man glauben kann, 93 daß es eine Vorſehung gibt, zu der man beten kann, wenn's einem ſchwer ums Herz wird!“ „Halten Sie daran, Meiſter“, erwiderte Felix,„und denken Sie, daß, wie das Aeußere der Menſchen ver⸗ ſchieden iſt, auch ihr Inneres verſchiedene Geſtalten hat. Doch meine Zeit iſt um! Sagten Sie nicht“, fuhr er, ſich erhebend fort,„daß Sie ein paar hundert Gulden bedürften, um ſich durch Anſchaffung von Vor⸗ räthen vorwärts zu bringen?“ Rempelmann bejahte ſtaunend. „So leben Sie wohl“, ſagte der Herzog.„Nehmen Sie dies und gedenken Sie eines Mannes, dem Sie einen großen Dienſt erwieſen haben.“ Ein leichter Gruß und er war verſchwunden. Ver⸗ blüfft ſah ihm Rempelmann nach und mußte erſt von ſeinem Weibe aufgefordert werden, doch das Papier anzuſehen, das der ſonderbare Herr beim Fortgehen auf den Tiſch gelegt hatte. Seine Verwunderung er⸗ reichte den höchſten Grad, als er dies that und in dem auseinander gefalteten Papier die Summe von vollen zweihundert Gulden fand. „Weib, Grete“, ſchrie er, wie außer ſich,„hat mich der Wein benebelt, oder bin ich ein Narr? Sieh nur, Geld! Echte, wahrhaftige Banknoten!“ Die Frau konnte nur die Verwunderung ihres 94 Mannes theilen.„Aber was ſoll das nur bedeuten?“ rief ſie. „Das weiß ich nicht“, antwortete jubelnd der immer mehr angetrunkene Schuſter,„aber das weiß ich, daß wir Geld haben auf einmal, daß wir reiche Leute ſind, daß ich nun auch das Leder bezahlen kann wie andere, daß uns das Geld geſchenkt iſt, das weiß ich!“ Die Frau war bemüht, der Luſtigkeit ihres Mannes Einhalt zu thun, weil dieſelbe bereits die Aufmerkſam⸗ keit der Gäſte zu erregen anfing. Das gelang ihr auch, denn mitten durch den Wein⸗ und Freudennebel ward es Rempelmann klar, daß das Vorgefallene nicht nöthig habe, ausgebreitet zu werden. „Haſt Recht, Alte“, brummte er, indem er ſich erhob und zum Weggehen anſchickte,„wir wollen's für uns behalten! Wer der Fremde nur ſein mag? Aber wer's auch iſt, ſein Wein war gut und ſein Geld iſt noch beſſer— er ſoll leben!“ Ziemlich unſichern Schrittes und von ſeiner Grete geführt eilte der Beſeligte fort und nach Hauſe. Auch dem Herzog war wohl zu Muthe geweſen, als er die Straßen dahinſchritt. Die Bitterkeit, die ſich ſeiner auf kurze Zeit bemächtigt hatte, war einer ruhigen, vertrauensvollen Stimmung gewichen. Seine freundſchaftliche Zuneigung zu Führer trat in ganzer 95 Stärke hervor, er freute ſich deſſen, was ſchon gethan war, und ſeine Vorſätze, noch mehr zu thun, gewannen wieder an Schnellkraft und Luſt.„Wie konnte ich mich doch von dem Gerede ſo verſtimmen laſſen“, dachte er im Dahineilen.„Ich hätte denken ſollen, daß das Volk Märchen liebt, und daß der neue Moſt gähren muß, ehe er ſich zu Wein veredelt.“ Im Saale des Stadthauſes ſah man indeſſen der Ankunft des Herzogs mit jeder Minute entgegen, um dann den Ball beginnen und die Feftlichkeit eröffnen zu können. Der Saal war mit einem Reichthum und einem Geſchmack verziert, daß für die kühnſte Einbil⸗ dungskraft, für das verwöhnteſte Auge kaum etwas zu wünſchen übrig blieb. Die architektoniſchen Verhält⸗ niſſe deſſelben, der beſten Zeit des gothiſchen Stils angehörend, waren mit Geſchick benutzt und ſo ein echt mittelalterlicher Bankettſaal geſchaffen worden. Hohes braunes Getäfel lief gleichmäßig an den Wän⸗ den herum; darüber ſtiegen zierliche halberhabene Säulenbündel empor, die ſich ſchönen ſchlanken Bäumen gleich wie in eine Fülle feingegliederter Aeſte ver⸗ zweigten. Oben verſchlangen ſich die Zweige wieder und bildeten die Decke, von welcher wie durch ein rieſenhaftes Laubdach goldene Sterne auf azurblauem Grunde herunterſahen. Zu beiden Seiten des Saales 96 reihte ſich Gemach an Gemach, jedes gleich anmuthig und jedes wieder in anderm Sinne und andern Far⸗ ben geſchmückt. Die Eingänge zu denſelben bildeten hohe, ſpitzbogige Pforten, durch deren halb zurückge⸗ ſchlagene Gardinen man das Innere wie eine Blume in reicher Blätterverhüllung wahrnahm. Wenn das Auge jedoch an dieſen bunten Geſtaltungen geſättigt vorübergeglitten war, blieb es immer mit erneutem Wohlgefallen an der Mittelwand des Saales haften, welche, dem Eingange und dem dahin führenden koloſ⸗ ſalen Treppenhauſe gegenüber liegend, auch die Mitte und den Augenpunkt des ganzen Gemäldes bildete. Hier ſtieg eine Eſtrade empor, die aber ſammt den hinaufführenden Stufen ſo kunſtreich hinter grünem lebendigen Geſträuch verborgen war, daß ſie das An⸗ ſehen eines allmälig anſteigenden, reizend bebüſchten Hügels hatte. Auf der Eſtrade ſelbſt war Alles in einen Garten voll Duft und Blüte umgewandelt, ſo⸗ daß man ſich wirklich ins Freie und in die mildere Luft einer wärmern Zone verſetzt glauben mochte. In⸗ mitten des Gartens war unter einer Art von Zelt der Platz für den Herzog und deſſen Umgebung be⸗ reitet; vor demſelben hob ein Springbrunnen von wohlriechendem Waſſer ſeinen blitzenden Strahl, und über die Zelttücher ragten die ſaftigen Laubgruppen —— 97 der Magnolie zwiſchen den breiten Schirmen von Fächerpalmen empor. Zu beiden Seiten des Zeltes wurde das Gebüſch, belebt durch Blüten von den rei⸗ zendſten Färbungen, immer dichter und bildete ſo mehrere, ebenfalls zu Sitzen eingerichtete Bosquets. Gerade ge⸗ genüber, oberhalb des Eingangsthors, auf hoch ſchwe⸗ bendem Altan befand ſich das Orcheſter. Eben jetzt rauſchte ein prächtiger lockender Walzer herab und machte die Tanzluſt des jüngern Theils der Anweſenden aufs neue rege, noch immer aber ver⸗ zögerte ſich die Ankunft des Herzogs und mit ihr der Beginn der erſehnten Luſt. Die Damen bildeten eine glänzende Reihe um den ganzen Saal herum. Bunt durcheinander, wie eben der Zufall ſie geſellt hatte, ſaß das ſchlichtere Bürgermädchen neben den Beamtens⸗ und Offizierstöchtern und den Fräuleins aus den adligen Geſchlechtern des Landes. Vor ihnen dräng⸗ ten ſich die jüngern Männer, ihre Bekannten aufſuchend und bemüht, die gefundenen zu unterhalten, ſich um irgend ein freundliches Wort oder um die Zuſage eines der bevorſtehenden Tänze bewerbend. Die Mitte des Saales nahm eine große Gruppe älterer Männer ein, ebenfalls bunt gemiſcht, aber äußerlich ununterſcheidbar, denn alle waren einfach ſchwarz gekleidet, einem beſtimmten Wunſche des Her⸗ 7 Schmid, Mütze und Krone. II. zogs gemäß, der hieran die Zuſage ſeines Erſcheinens geknüpft hatte. In der linken Ecke des Saales ſaß Ulrike, pracht⸗ voll in roſenrothe Seide gekleidet, im Geſpräch mit einigen Frauen. So auffallend ihre ganze Erſcheinung ſchon vermöge ihrer Schönheit war, ſo hatte doch auch der Brillantſchmuck, den ſie in den dunklen Haaren und um den Nacken trug, nicht wenig Theil daran, daß ſich eine Menge theils neugieriger, theils neidiſcher Blicke auf ſie richteten. Sie ſchien ſich auch des ſieg⸗ haften Eindrucks, den ſie machte, bewußt zu ſein, denn manchmal während des Geſprächs irrte ihr Blick über die Verſammlung hin, als wollte ſie ſich überzeugen, daß ſie bewundert werde, oder als ſuche ſie etwas. „Aber meine Liebe, Beſte“, ſagte die Kanzlei⸗ director von Werding jetzt zu ihr,„das geht denn doch zu weit! Eine junge Frau von Ihrer Stellung und mit Anſprüchen wie Sie muß nicht leben wie eine Nonne. Sie müſſen in der Welt leben, in der großen Welt! Ich kann mir wohl denken, daß Ihre Schwiegermutter, die Frau Räthin, Sie gern zu einem ſolchen Hausheimchen machen möchte, wie ſie ſelber iſt, aber die gute Dame gehört dem vorigen Jahrhundert an und ihre Anſichten vollends dem vorvorigen. Oder wäre der Herr Gemahl ſo ſehr Egoiſt, daß es ihm 99 nicht ſchmeichelte, ſeine ſchöne Frau bewundert zu wiſſen?“ „Sie thun mir Unrecht, Frau Director“, erwiderte Ulrike erröthend,„und meinem Manne nicht minder. Mir ſchmeicheln Sie und ihm treten Sie zu nahe. Friedrich würde es ſehr gern ſehen, wenn ich mehr an den Unterhaltungen der Geſellſchaft Theil nähme, leider erlauben ihm aber ſeine vielen Geſchäfte nicht—“ „Ei, was ſchadet das“, wendete die erſtere ein. „Wofür hätten wir uns denn kennen gelernt? Kommen Sie nur fleißig zu mir, Sie wiſſen, ich mache ein kleines Haus, da lernen Sie Alles kennen, was zur feinen Welt gehört. Ihr einförmiges Leben ſoll dann bald mehr Abwechslung erhalten.“ „Sie ſind außerordentlich gütig“, lächelte Ulrike, nich weiß wirklich nicht—“ „O machen Sie nur keine Umſtände! Es iſt mir ein wahres Herzensvergnügen, Sie überall einzuführen. Ah, ſehen Sie da die kleine dicke Dame im braunen Sammtkleid, die eben mit jenem alten Herrn auf uns zukommt? Das iſt die Frau Generalin Helmhang, eine Dame, die unſtreitig die eleganteſte Geſellſchaft bei ſich ſieht. Mit der will ich Sie doch gleich bekannt machen.“ Sie traten der bezeichneten Dame entgegen und das Geſpräch ging in die allgemeinen Redensarten über, mit denen in der feinen Welt derlei neue Bekannt⸗ ſchaften angeknüpft zu werden pflegen. Die Lunette ins Auge geklemmt, hatte während⸗ deſſen auch der junge Graf Schroffenſtein Ulrike zum Gegenſtande ſeiner Beobachtungen gemacht und theilte 3 dieſe einem jungen Manne mit, in deſſen Arm er den ſeinen gelegt hatte. „Das muß dem Parvenu übrigens der Neid zuge⸗ ſtehen“, flüſterte er, er hat Geſchmack! Das Weib iſt in der That bezaubernd! Sieh nur, Adelhoven, dieſe Taille, dieſe Büſte!“ „Je nun“, entgegnete der Angeredete etwas trocken, „ſie iſt nicht übel!“ „Was, nicht übel? O Du IJiot!“ rief Clemens entgegen.„Es iſt ein Weib wie eine Houri— und nicht übel! Doch ich weiß ja, Du biſt in dem Punkte nicht zurechnungsfähig. Wenn es ein Raſſepferd oder ein Jagdhund wäre!“ „Dann würde ich Dir ein ſachverſtändiges Gutachten abgeben“, antwortete Adelhoven,„ſo aber kann ich Dir Weiber⸗Enthuſiaſten freilich nicht verhehlen, daß mir dieſer Schmuck größerer Aufmerkſamkeit würdig erſcheint als ſeine Trägerin!“ „Immer ſchöner!“ lachte Clemens.„Du biſt und bleibſt unverbeſſerlich!“ „In meiner Familie iſt eben der praktiſche Sinn zu Hauſe, den ich habe, und ſo kann ich mich des Gedankens nicht enthalten, daß dieſer Schmuck— ſage, iſt der neue Allmächtige reich, oder hat die Houri, wie Du ſie nennſt, ihm Vermögen zugebracht?“ „Ich weiß das nicht; nach dem, was ich hörte, iſt keins von Beidem der Fall.“ „Woher dann ein ſo reicher Schmuck?“ fuhr Adel⸗ hoven fort. „Quäle Deinen Witz nicht mit Muthmaßungen“ entgegnete Clemens.„Es iſt ein Hochzeitsgeſchenk des Herzogs; ich weiß es von dem Lakai, der ihn beſor⸗ gen mußte.“ Um den Mund des jungen Adelhoven zuckte ein un⸗ gemein ſpöttiſches Lächeln.„Ein Hochzeitsgeſchenk? Für den Mann oder die Frau? Oder durch den Mann für die Frau? Hat Seine Durchlaucht etwa Deine Houri ſchon früher gekannt? „Keineswegs, ſie kam ganz fremd hierher. Hältſt Du mich für einen ſolchen Stümper im Combiniren, daß mir ich dann nicht Manches zu erklären wüßte?“ „Nun, nun“, fuhr der Andere fort,„was nicht iſt, kann werden. Glück zu! Der Parvenu hat nicht nur den Geſchmack, den Du rühmſt, er hat auch Men⸗ ſchenverſtand. Horch, was gibt's da unten?“ Clemens blickte flüchtig hin und bemerkte, daß Alles ſich nach dem Eingange wandte und an demſelben ein vermehrter Andrang entſtand.„Ohne Zweifel iſt der Herzog angekommen“, ſagte er.„Gott Lob, daß er end⸗ lich da iſt. Nun will ich nur machen, daß er mich ſehen muß; wie die Sachen einmal ſtehen, möchte ich nicht, daß er mich für einen Gegner hielte. Dann aber will ich fort aus dieſer Atmoſphäre, die mir zu ordinär iſt — brr— es riecht oördentlich bürgerlich hier.“ „Wo willſt Du hin?“ fragte Adelhoven. „Komm' nur mit“, ſagte Clemens, nich ſtehe Dir dafür, daß Du dich amüſirſt. Wir wollen uns für die Langeweile hier entſchädigen. Willſt Du mich, wenn wir im Gedränge getrennt werden ſollten, in einer Viertelſtunde dort unter dem Kronleuchter am Haupt⸗ eingange treffen?“ „Meinetwegen“, erwiderte Adelhapen.„Ich muß wohl mit Dir gehen, damit ich doch weiß, weshalb ich mich bei der beſten Jagdzeit von meinem Gute herein⸗ locken ließ.“ Sie trennten ſich. Inzwiſchen war der Herzog, von den Behörden der Stadt am Fuße der Treppe empfangen, in den Saal getreten. Donnerähnliches Geſchrei und Fanfarengeſchmetter begrüßten ihn. An Friedrich's Seite, der ihm gleichfalls entgegengeeilt war ———— und den er mit abſichtlicher Auszeichnung aufs freund⸗ lichſte begrüßt hatte, durchſchritt er die glänzenden Reihen und nahte dem Aufgang zur Eſtrade. Als er die Stufen betreten wollte, erblickte er Ulrike und hielt den Schritt eine Sekunde an; dann wendete er ſich mit gewinnendem Lächeln zu Führer.„Laſſen Sie den Ball beginnen, mein Beſter“, ſagte er.„Ich will die allgemeine Freude nicht noch länger verzögern, und hier iſt meine Tänzerin!“ Damit trat er vor Ulrike hin, die, kaum eines Wortes mächtig, mit hochglühenden Wangen ihm die erbetene Hand reichte. Sie bebte wie fieberiſch und ſchritt, während eine feurige Polonaiſe von dem Altan herunter lockte, mit niedergeſchlagenen Blicken an der Seite des Herzogs hin. Die Paare reihten ſich an und der Zug durch den Saal begann. Clemens und Adelhoven hatten die Aufforderung Ulrikens durch den Herzog mit angeſehen. Beide wech⸗ ſelten ein paar bedeutungsvolle Blicke.„Was ſagſt Du nun?“ flüſterte der Baron mit zurückgehaltenem Lachen. Clemens zuckte die Achſeln und beide traten ſeit⸗ wärts unter die Zuſchauer. Indeſſen hatte der Herzog nicht verſäumt, mit Ulrike eine Unterredung zu beginnen, die er ſeit 104 ſeinem erſten Zuſammentreffen mit ihr in Führer's Hauſe gewünſcht hatte. „Ich muß meinem guten Stern danken“, ſagte er, „der mir dieſen Weg leerer Förmlichkeit durch eine ſo reizende Partnerin vergütet! Dürft' ich nur hoffen, daß meine Kühnheit Sie nicht unangenehm berührt hat.“ „Durchlaucht—“ ſtammelte Ulrike. „Ich ſage das nicht ohne Abſicht. Die Ereigniſſe haben Sie nun wohl ſchon lange aufgeklärt, daß, als ich jüngſt zum erſten Mal das Haus meines Freundes betrat, ich nicht entfernt daran denken konnte, Sie dort zu finden; dennoch fühlen Sie gewiß mit mir, daß es zwiſchen uns noch einer Erklärung bedarf. Können Sien, fuhr er fort, als Ulrike noch immer ſchweigend zur Erde blickte„können Sie mir verzeihen?“ Ulrike hatte ſich endlich ſo weit geſammelt, um ihm antworten zu können.„Verzeihen?“ ſagte ſie. Ich wüßte nicht—“ „Sie ſchonen mich— ich danke Ihnen; aber ich weiß nur um ſo mehr, daß ich Sie um Verzeihung zu bitten habe. Mein Betragen in früherer Zeit gegen Sie mußte Sie beleidigen.“ „Eure Durchlaucht legen einer längſt vergeſſenen Sache zu großen Werth bei“, antwortete Ulrike, ſchon —yy—y 105 gefaßter.„Eure Durchlaucht kannten mich nicht, wuß⸗ ten nicht—“ „Ja, das iſt es. Sie ſprechen es aus: ich wußte nicht, welche Perle ich gefunden, und mir doch ent⸗ reißen ließ. Hätte ich Sie gekannt wie jetzt, da ich Sie wiederfand, keine Macht der Erde hätte mich von Ihnen getrennt.“ „Nicht weiter, Eure Durchlaucht“, flüſterte Ulrike in neuer Verwirrung.„Was ſoll die Gattin Ihres Freundes darauf erwidern?“ „Gattin! Gattin! Daß ich Sie als ſolche wieder⸗ finden mußte! Aber antworten Sie mir nichts, ich be⸗ gehre es nicht, ich will es nicht; nur mich laſſen Sie reden, laſſen Sie ſich ſagen, wie ſehr ich den Freund beneide!“ Ulrikens Befangenheit war aufs höchſte geſtiegen, dennoch ſah ſie klar genug, um zu erkennen, daß jetzt der Augenblick gekommen war, das Entgegenkommen des Herzogs auf eine Weiſe abzuwehren, die der Ehre ihres Gatten wie der eigenen Würde gebührte. Sie wollte es auch, dennoch fühlte ſie ſich von der Leiden⸗ ſchaft des Herzogs ſo ſehr geſchmeichelt, daß ſie ihn nicht geradezu verletzend abweiſen wollte, und in die⸗ ſem Schwanken verſtrich der rechte Augenblick. Sie ſchwieg; ſie empfand, daß es ihr nicht geziemte, jetzt zu ſchweigen, aber ſie ſchwieg. 106 Auch der Herzog war in einem innern Zwieſpalt zwiſchen der raſch aufwallenden Neigung und dem Ge⸗ fühl ſeiner Pflichten dem Freunde gegenüber. Ein ernſtes, entſcheidendes Wort aus Ulrikens Munde hätte ihn vielleicht für immer abgehalten, mehr zu ſagen, ihre ſtumme Verwirrung ermuthigte ihn. „Ich hätte Sie nicht wiederſehen ſollen“, fuhr er mit um ſo wärmerem Tone fort, als ihn die Oeffent⸗ lichkeit des von tauſend Augen beobachteten Geſprächs nöthigte, äußerlich deſſen Inhalt durch die gleichgül⸗ tigſte Haltung zu verbergen.„Ihre Nähe iſt mir ge⸗ fährlich, ſie hat mir gezeigt, daß das, was ich einſt gleich beim erſten Anblick für Sie empfand, nicht die raſch verfliegende Neigung des Augenblicks war; es war Liebe, Liebe, die nun um ſo heftiger in mir auf⸗ lodert, je hoffnungsloſer ſie iſt.“ Ulrikens Lippen bewegten ſich, als verſuchte ſie zu ſprechen, allein es wurde kein Laut hörbar. „Der Tanz und mein Glück mit ihm geht zu Ende“, begann der Herzog wieder.„Zürnen Sie mir nicht, wenn auch meine Bitte um Verzeihung von einem neuen Frevel begleitet war. Vergeſſen Sie, was ich mich zu ſagen erkühnte und was ich doch geſagt zu haben nimmermehr bereue.“ Damit rauſchte die Polonaiſe zu Ende. Der Herzog — ᷣ— — hatte die letzten Worte mit ſo lächelnder Miene ge⸗ ſagt, als wären ſie das argloſeſte Compliment; jetzt verbeugte er ſich artig vor Ulrike und führte ſie ihrem Gatten entgegen, der hinzutrat und mit dem er ſo⸗ gleich, ihn beiſeite führend, ein munteres gleichgültiges Geſpräch begann. Der Ball ging nun ſeinen ungehinderten Gang. Auf den Schwingen des Walzers flogen bald die Paare durch den Saal. Ulrike fehlte nicht darunter; ihre Schönheit, ihre Stellung und die ihr vor allen ge⸗ wordene Auszeichnung machten ſie zur vielfach benei⸗ deten und nicht weniger bekrittelten Königin des Abends. In der Zerſtreuung des Tanzes gelang es ihr nach einiger Zeit, ihre vollkommene Unbefangenheit wieder zu erhalten, dennoch hatten die Worte des Herzogs ein Echo in ihrer Bruſt geweckt, das nicht ſo bald verhallte. Nachdem der Herzog mit den Statdbehörden ge⸗ ſprochen, die ſchöne Verzierung des Saales gelobt und von der Eſtrade aus einige Zeit dem Tanze zugeſehen hatte, verließ er, ohne Aufſehen zu erregen, den Ball. In erregter Stimmung kam er im Schloſſe an, und es währte lange, bis es dem Schlafe gelang, die Bilder und Erlebniſſe des Abends, beſonders Ulrikens Bild, in ſeine Wellen unterzutauchen. Friedrich, der nicht tanzte, war Ulrikens wegen ge⸗ — * ———— nöthigt, noch zu verweilen. Er unterhielt ſich eine Weile damit, die tanzenden Paare an ſich vorüber⸗ gleiten zu laſſen, als ſein Blick plötzlich von einer Ge⸗ ſtalt gefeſſelt wurde, welche ihm bet int ſchien. Er folgte ihr mit den Blicken, wie ſie den Saal hinunter⸗ ſchwebte; jetzt wendete ſie ſich, jetzt kam ſie an der an⸗ dern Seite herauf, jetzt mußte ihr Geſicht ſichtbar werden. Friedrich hatte recht geahnt, es war Primitiva. Ein ſchwarzes Sammtkleid umſchloß die hohe Ge⸗ ſtalt und ließ die anmuthigen Formen in der ſchönen ebenmäßigen Bewegung des Tanzes doppelt edel her⸗ vortreten. Das reiche lichtblonde Haar war maleriſch um die feine, durchſichtige Stirn gewunden und am Nacken in einen Knoten geſchlungen; eine Moosroſe vor der Bruſt und das hinreißende Lächeln, das um den Mund ſpielte, waren der einzige Schmuck, den ſie trug. Führer's Herz klopfte heftiger bei dem Anblick; es war, als ob ſich das Blut plötzlich an ſeine Quelle zurückdränge, um die Nähe eines tief befreun⸗ deten Weſens anzukündigen. Einen Blick noch ſandte Führer der ſchönen Erſcheinung nach, dann wandte er ſich wie unwillig ab, als wollte er mit dieſer Wen⸗ dung auch deren Einfluß von ſich ablenken.„Was für ein ſchwaches, hinfälliges Gewebe iſt des Menſchen 109 Herz!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Sie iſt mir fremd, iſt mir nichts als eine liebe Erinnerung, und doch welcher Aufruhr in meinem Innern, wenn ich ſie nur erblicke! War 8s nicht auch jüngſt ſo, als ſie in das Gemach des Herzogs trat? Habe ich nicht einmal ſo viel Macht über mich ſelbſt, mich von einer ſolchen Thorheit nicht bewältigen zu laſſen? Ich will ſie nie, nie wiederſehen!“ Ein Begegnen mit einem ihm entgegentretenden Be⸗ kannten unterbrach das innere Selbſtgeſpräch und zog ihn von dieſen Gedanken ab. Mittlerweile waren ſich in dem Gedränge auch der alte Graf Schroffenſtein und General Bauer begegnet. Ihre Unterhaltung drehte ſich, ſoweit es die Umge⸗ bung zuließ, wie gewöhnlich, wenn ſie ſich trafen, um die neuen Veränderungen im Staate und deren ein⸗ hellige Mißbilligung. Eben war der General im Be⸗ griffe, nach ſeiner Weiſe in Zug zu gerathen, als er ſich ſelbſt mit der Frage unterbrach:„Sagen Sie mir nur, Graf, wer iſt jener große Mann dort mit der kahlen Stirn und dem weißen Haar? Er kommt eben auf uns zu; ich habe ihn ſchon öfter geſehen und ge⸗ troffen, konnte aber nie erfahren—“ „Das iſt ein reicher holländiſcher Kaufmann“, er⸗ widerte der Graf.„Wenn ich nicht irre, iſt er aus Batavia. Er hat ſich von den Geſchäften zurückgezogen und quält ſich hier, ſeine Reichthümer anzubringen. Ich bin mit ihm bekannt und will Sie ihm vorſtellen; es iſt ein intereſſanter Mann, der ſehr ausgebreitete Verbindungen hat, aber ſtrenger Katholik; er heißt van Overbergen.“ Der Genannte trat zu den Beiden, wurde dem Ge⸗ neral vorgeſtellt und begann dann, zu Schroffenſtein gewendet:„Es thut mir leid, Herr Graf, daß ich meine Zuſage noch nicht zu erfüllen vermag. Ich habe erſt heute mit dem Rathe geſprochen, dem die Unterſuchung übertragen iſt. Auch er iſt leider noch nicht ſo glück⸗ lich geweſen, die mindeſte Spur der verwegenen Diebe zu entdecken.“ „Wovon reden Sie?“ fragte der General, während ſich Schroffenſtein achſelzuckend zum Danke verneigte. „Von dem Diebſtahle, der in Ihrem Palais verübt wurde, nicht wahr? Ich habe davon gehört. Die Kerle hatten ihre Zeit vortrefflich gewählt. Sie dachten wohl, daß in der allgemeinen Aufregung Niemand auf ſo etwas Acht haben werde. Es war ja in der be⸗ wußten Feſtnacht, als die öffentliche Ausſpeiſung ſtatt⸗ fand, nicht wahr? Und ſind Sie ſtark beſchädigt worden?“ Schroffenſtein bejahte.„Der Schaden“, fuhr er fort,„wäre indeſſen zu verſchmerzen. Ein paar Kleino⸗ — —— 111 dien, das iſt Alles. Aber die Diebe haben mir auch Papiere genommen, die, obwohl für ſie völlig werth⸗ los, für mich von größter Bedeutung ſind. Es ſind höchſt wichtige Familienpapiere, Urkunden über alte Gütererwerbungen. Niemand, ſelbſt mein Sohn nicht, wußte davon, daß ſie exiſtirten, ſonſt könnte ich beinahe auf den Gedanken kommen, als ſei es bei dem ganzen Einbruch blos auf die Papiere abgeſehen geweſen!“ „Das iſt wohl nicht denkbar“, erwiderte Overbergen, indem ſein durchdringender Blick feſt auf Schroffenſtein haftete.„Wie Sie ſagen, wußte Niemand außer Ihnen um deren Vorhandenſein.“ „Dann bekommen Sie die Papiere auch ohne Zweifel wieder“, begütigte der General.„Die Diebe ſind dumme Teufel geweſen und werden wunder gedacht haben, welchen Fang ſie machen. Haben Sie aber erſt ge⸗ ſehen, daß er ihnen nichts nützt, ſo werden ſie ſuchen, ſich den gefährlichen Beſitz vom Halſe zu ſchaffen.“ „Wohl möglich“, bemerkte Overbergen, und wieder ruhte ſein Auge forſchend auf dem Grafen.„Es iſt dabei nur erwünſcht, daß die Papiere, wie Sie ſagen, nur für Sie Werth haben, daß alſo nicht zu beſorgen iſt, daß ſie in unrechte Hände kommen.“ Der Graf zuckte zuſammen, als hätte er einen elektriſchen Schlag erhalten.„Freilich, freilich“, rief er —y—-—— 112 dann mit verlegenem Lachen.„Ich bin auch überzeugt, daß die Gerichte die Sache herausbringen.“ „Auch ich glaube das“, erwiderte Overbergen mit Bedeutung.„Ich habe, wie Sie wiſſen, allerlei Con⸗ nexionen und werde nicht ruhen, bis ich Ihnen ſagen kann: Die Papiere ſind gefunden.“ „Sie ſind allzu gütig, mein Herr“, antwortete Schroffenſtein.„Ich bin wirklich in Verlegenheit, wie ich für ſo viele Aufmerkſamkeit mich dankbar erwei⸗ ſen ſoll.“ „O reden Sie nicht davon“, rief Overbergen ver⸗ bindlich,„es macht mir Vergnügen, Ihnen dienen zu können. Wollten Sie mir vielleicht die Ehre erzeigen und übermorgen bei mir ſpeiſen? Bis dahin könnte ich vielleicht im Stande ſein, Ihnen Mittheilungen zu machen. Vielleicht weiſen auch der Herr General meine Einladung nicht zurück?“ fuhr er, gegen dieſen ge⸗ wendet, fort.„Wir werden ganz unter uns ſein. Ich ſchätze mich ſehr glücklich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. In Zeiten, wie die jetzigen, gibt es ja der Dinge genug, die werth ſind, im Vertrauen unter Männern beſprochen zu werden.“ Die Beiden ſagten zu und man trennte ſich. Inzwiſchen war Friedrich, allgemach von dem immer wiederkehrenden Einerlei ermüdet, in eins der Seiten⸗ 113 gemächer getreten. Während des Tanzes war es hier leer und ſtill; er hoffte deshalb einen ruhigen Augen⸗ blick der Erholung zu finden. Eben wollte er ſich auf ein Sopha neben der dicht verhüllten Fenſterniſche niederlaſſen, als die Vorhänge zu rauſchen begannen und ſich theilten. Er erhob ſich wieder und ſtand vor Primitiva. „Sie hier, mein Fräulein?“ rief er überraſcht.„Ent⸗ ſchuldigen Sie mein Herzutreten. Ich wußte nicht—“ „Nichts davon“, erwiderte Primitiva und ihre ſchö⸗ nen blauen Augen richteten ſich mit wohlwollendem Ausdrucke auf Friedrich. Sein Herz erbebte vor dem Blicke und von dem Tone dieſer ſüßen Stimme, der über ihn ſo viel Gewalt hatte. „Wir haben beide die Einſamkeit geſucht, und dieſer Zufall ſöhnt mich damit aus, daß ich mich bereden ließ, mit meiner Couſine, der Freiin von Oſtenried, den Ball zu beſuchen. Ich habe Sie vorhin wohl bemerkt, als ich der Tanzluſt meines Neffen ein Opfer bringen mußte, und bin nun doppelt erfreut, Ihnen meinen Dank abſtatten zu können.“ „Was ſagen Sie!“ entgegnete Friedrich.„Ich konnte ja nichts thun, es hat ſich Alles anders ge⸗ ſtaltet.“ „Ich danke Ihnen auch für den Willen“, fuhr Pri⸗ Schmid, Mütze und Krone. II. 8 114 mitiva fort.„Ja, Sie haben Recht, es hat ſich Alles anders geſtaltet, als wir dachten, ſchöner, als wir hof⸗ fen konnten. Ich habe, ſeit wir uns zum erſten Male wiedergeſehen, oft jenes Abſchieds und des Gelöbniſſes gedacht, das wir in der Begeiſterung der erſten Jugend ausgeſprochen. Sie haben rühmlich begonnen, Ihr Wort zu halten. Verzeihen, gönnen Sie mir den ſtolzen Gedanken, daß auch ich an dem, was Sie nun thun, einen Theil habe, daß Ihre jetzigen Handlungen die Frucht jener begeiſterten Entſchlüſſe ſind!“ In Friedrich's Seele ging Unbeſchreibliches vor. Sein Auge begegnete dem Primitiva's und beide ruh⸗ ten einen Moment in einander, als wollten ſich die See⸗ len umarmen. Primitiva reichte ihm die Hand.„Fah⸗ ren Sie fort, wie Sie begonnen haben“, begann ſie. „Ermüden Sie nicht! Es ſtehen Ihnen große, ſchwere Stürme bevor— aber horch, der Walzer iſt zu Ende, wir müſſen uns trennen. Leben Sie wohl, Friedrich! Scheuen Sie die Stürme nicht! Halten Sie aus und bleiben Sie ſich ſelber treu.“ Sie verſchwand. Lange ſaß Friedrich, in tiefes Sinnen verſenkt, ein⸗ ſam in dem Gemache. Eine Hand, die ſich ihm auf die Schulter legte, brachte ihn aus ſeinem Brüten. Ein Lakai in den Stadtfarben, wie ſie zur Bedie⸗ ——,— 115 nung von den Behörden beſtellt worden waren, ſtand vor ihm. „Was wollen Sie?“ rief Friedrich ſtaunend. „Erkennſt Du mich nicht?“ fragte der Bediente ent⸗ gegen.„Hat mich's auch für Dich ſo ſehr entſtellt, daß ich mir den Bart ſchor und das Haar färbte?“ Friedrich traute ſeinen Augen kaum.„Du, Riedl, hier?“ rief er endlich.„So biſt Du nicht abgereiſt? Was ſoll die Mummerei?“ „Ich bin allerdings abgereiſt“, antwortete Riedl, naber ich fand es für gut, insgeheim wieder umzu⸗ kehren. Es geht hier zu Wichtiges vor, als daß ich wegbleiben könnte. Damit mich aber Niemand hier vermuthe, mußte ich mein Aeußeres etwas verändern. Dieſen Abend habe ich den Rock hier einem armen Teufel unter dem Vorwande abgekauft, als ſei ich gar zu begierig, all die Herrlichkeiten hier zu ſehen.“ „Welch unwürdiges Treiben!“ rief Friedrich.„Was haſt Du vor?“ „Das ſollſt Du erfahren, aber nicht jetzt, nicht hier. Noch iſt nichts reif. In einiger Zeit werde ich ein⸗ mal zu Dir in Deine Wohnung kommen und Dich zu ſprechen verlangen. Verrathe dann nicht, daß Du mich kennſt. Ich wollte Dich nur einſtweilen begrü⸗ ßen, da ſich die Gelegenheit ſo günſtig gab.“ Ehe Friedrich weiter 116 in ihn zu dringen vermochte, war der Räthſelhafte verſchwunden. Als Friedrich gegen Morgen mit Ulrike nach Hauſe fuhr, kamen ſie auf die Unter redung des Herzogs mit ihr zu ſprechen. Friedrich fragte arglos und gleichgültig nach dem Inhalt des Geſprächs. Ulrike, die dieſe Frage ſchon erwartet haben mochte, erwiderte, der Her⸗ zog habe ſich mit ihr über ihre häusliche Stellung und über die ſchöne Ausſchmü ckung des Saales unterhalten. Schweigend, Jedes in ſeine Gedanken verſunken, gelangten ſie nach Hauſe. Fünftes Kapitel. Mutter und Dochter. „Alſo iſt auch Er in ſeinen alten Tagen noch über⸗ geſchnappt? Es iſt ausgemacht, ſcheint's, daß Alles um mich herum den Verſtand verliert und ich allein den meinigen behalte, um mich über die allgemeine Narrheit zu ärgern!“ So eiferte die Räthin Führer auf den alten Diener Beppo los, der in ehrerbietig unterwürfiger Stellung vor ihr ſtand und das Ungewitter gelaſſen über ſich ergehen ließ. Nur zuweilen warf er einen Blick auf ein großes Zeitungsblatt, das er in der Hand hielt, als wenn er ſich aus dieſem Geduld holen wollte. Die Räthin ließ ſich aber durch die leidende Er⸗ gebung ihres Opfers nicht zur Milde bewegen, ſondern 118 fuhr in ihrem Unmuthe unerbittlich fort.„Iſt ſo etwas je erhört worden!“ rief ſie.„Iſt der Menſch nicht ſeit mehr als vierzig Jahren wie das Kind im Hauſe, hat Freud' und Leid mit uns erlebt, iſt mit uns alt ge⸗ worden, und jetzt mit eisgrauem Kopfe will es ihm auf einmal nicht mehr behagen! Jetzt will er noch in die Welt hinaus, um ſein Glück zu verſuchen! Es iſt, als wenn mir einfiele, noch einmal heirathen zu wollen!“ Sie blieb vor dem Alten ſtehen und ſah ihn, die Arme in die Hüften geſtemmt, an.„So ſag' Er nur, Er altes Kind, was Ihm im Hauſe nicht mehr behagt? Warum will Er denn fort?“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Frau Räthin“, er⸗ widerte Beppo,„daß ich nicht deshalb fort will, weil es mir in Ihrem Hauſe nicht mehr behagt; es iſt mir ja wie ein Vaterhaus lieb geworden, aber—“ „Nun, was aber?“ „Aber ich hab' es ſelbſt nie ſo gewußt und gefühlt, daß ich in dem Lande nicht daheim bin, daß ich auch ein Vaterland habe, als ich das jetzt fühle, ſeit ich die neuen Nachrichten von dorther gehört habe.“ „Laß Er mich mit ſeinem Vaterland und ſeinen neueſten Nachrichten zufrieden! Es iſt eben derſelbe Schwindel, der den Leuten in Italien die Köpfe ver⸗ rückt, wie hier! Was wird ihm ſein Vaterland viel helfen! Er wird keinen Menſchen mehr dort kennen, und Er wird auch ein Wildfremder für alle ſein. Es iſt nicht ſo glänzend dort, das könnte Er von ſeiner Jugend her noch wohl wiſſen!“ Der Alte ſah einen Augenblick vor ſich hin und ſeine Augen ſchimmerten, als ob ſie feucht geworden wären.„O Frau Räthin“, ſagte er,„ich bin nicht undankbar! Ich habe es nicht vergeſſen, daß ich ein blutarmer Burſche war, als ich nach Deutſchland kam. Niemand wollte mein ſchönes Schattenſpiel ſehen und ich wäre bald vor Hunger und Kälte in dem unge⸗ wohnten Klima zu Grunde gegangen. Da fand mich der Herr Rath, damals auch noch ein junger Herr, an der Landſtraße und hat ſich meiner angenommen und hat mich lieb gehabt bis—“ Der gerührte Alte vermochte nicht weiter zu ſpre⸗ chen. Auch die Räthin wurde etwas milder geſtimmt. 1„Na, meinetwegen“, ſagte ſie, indem ſie ſich der Thür näherte und ſie öffnete,„ich kann Ihn nicht halten und nicht zwingen zu bleiben, aber mit meinem Willen ge⸗ ſchieht's nicht, daß Er geht!“ 4 Sie ging. Beppo blieb wie unſchlüſſig noch eine Sekunde ſtehen und wollte ſich eben kopfſchüttelnd ent⸗ fernen, als Ulrike aus einem Seitenzimmer trat. Sie war in reizender Abendtoilette, die ſie nicht für die Abweſenheit, in Ihrem Alter kommt Ihnen dieſer Wunſch 24 einſamen Zimmer ihrer Wohnung gemacht zu haben ſchien. „Haben Sie dem Kutſcher meinen Befehl gebracht?“ fragte ſie. „Ja, Signora“, antwortete Beppo.„Punkt ſieben Uhr wird er vorfahren.“ „Gut, gehen Sie, aber“, fuhr ſie fort, ihn näher ins Auge faſſend,„was haben Sie denn, Beppo? Sie ſehen wie beſtürzt aus? Was iſt Ihnen zuge⸗ ſtoßen?“ „Mir iſt nichts Uebles zugeſtoßen, Signora“, erwi⸗ derte der Alte,„die Frau Räthin haben mir nur ein wenig die Meinung geſagt!“ Ulrike lächelte.„Ich verſtehe“, ſagte ſie dann,„das kommt ja in neuerer Zeit immer öfter vor! Was war denn die Veranlaſſung?“ „Ich habe um meine Entlaſſung gebeten!“ Ueberraſcht ſah ihn Ulrike an.„Sie wollen fort? Wohin? Weshalb?“ fragte ſie. „Ich bin nicht mehr im Stande, die Sehnſucht nach meinem Vaterlande zu bemeiſtern, ich muß Italien noch einmal ſehen, muß noch einmal Rom und die Tiber ſehen!“ „Sonderbar, und erſt jetzt, nach ſo langer Zeit der „Ich will Ihnen ſagen warum, Signora, Sie ver⸗ ſtehen mich gewiß und werden mich nicht ausſchmälen wie die Frau Räthin, die mich einen Undankbaren nennt. Sehen Sie hier das Zeitungsblatt. Sehen Sie, Signora, da ſteht's, auch Italien, auch Rom hat ſich erhoben, auch Italien will frei ſein und wird e ſein! Kann ich nun noch länger hier in der Fremde b eiben? Sapete bene ch' all' Italia fin adesso non mancava- altro che la libertaà per essere il paradiso. Bisogno vedere questo paradiso! „Senza dubio non ci avete piu parenti? Avro almen un sepolcro nell' Italia libera.““ „Nun wohl“, ſagte Ulrike,„Sie ſollen nicht auf⸗ gehalten ſein, dem zu folgen, worin Sie Ihr Glück ſuchen. Ich werde mit meinem Mann ſprechen.“ Der Alte haſchte wie begeiſtert nach Ulrikens Hand, die er ehrerbietig und feurig küßte.„Oh, vi ringrazio!“ rief er,„vi ringrazio!« und entfernte ſich freudig. Die wieder eintretende Räthin hatte die letzten Worte noch gehört.„Der alte Schwärmer“, ſagte ſie, niſt nun gewiß zu Ihnen gekommen, mein Kind, weil ich ihm kein Gehör ſchenkte. Nicht wahr, er hat auch von ſeiner Thorheit erzählt, daß er auf einmal Knall und Fall nach Italien will?“ „Das hat er allerdings gethan“, erwiderte Ulrike und nahm auf dem Sopha Platz, während die Räthin ſich an ihre gewohnte Stelle in der Fenſterniſche ſetzte und ſich Arbeit zurecht legte. „Kann mir's denken“, begann die letztere dann wie⸗ der., der alte Menſch iſt wie umgewandelt, und zu Ihnen hat er immer beſonderes Zutrauen, weil Sie ihm erlauben, in ſeiner Sprache mit ihm zu reden. Ohne Zweifel haben Sie ihm ſeine Thorheit vorge⸗ halten und ihm den Kopf zurecht geſetzt?“ „Das eben nicht“, antwortete Ulrike und blätterte leicht in einem Buche, das ſie ergriffen hatte.„Ich meinte, es ſei eben nichts Unrechtes, wenn er durchaus ſein Vaterland wiederſehen will. Deshalb habe ich ihm verſprochen, mit Friedrich zu ſprechen und ein Für⸗ wort für ſein Geſuch einzulegen.“ Die Räthin ließ die Arbeit einen Moment auf das Tiſchchen ſinken.„So?“ ſagte ſie gedehnt.„Doch auch das hätte ich denken können, bin ich doch ſchon ſeit geraumer Zeit ſo unglücklich, immer verſchiedener Mei⸗ nung mit Ihnen zu ſein. Sie werden es aber mir darum nicht verargen, wenn ich dennoch bei meiner Meinung bleibe. Ich ſage, der Alte iſt kindiſch gewor⸗ den vor Alter, und ſtatt ihn in die weite Welt laufen zu laſſen, wäre es beſſer, ihn einzuſperren!“ ——— 3 Ulrike lachte.„O nicht doch!“ ſagte ſie.„Sie thun dem guten Alten doch wohl zu viel und nehmen die ganze Sache zu ſchlimm. Daß einem der Wunſch kommt, ſein Vaterland wiederzuſehen, iſt am Ende wohl etwas Verzeihliches, und begreifen läßt es ſich auch, wenn in einem Italiener dieſer Wunſch gerade unter den jetzigen Umſtänden entſteht.“ „Freilich, freilich“, erwiderte die Räthin in ſteigen⸗ dem Unmuth.„Was läßt ſich nicht Alles begreiflich machen und begreiflich finden, wenn man will! Ent⸗ ſchuldigen Sie nur meinen alten ſtörrigen Kopf, der ſich ins Begreifen nicht mehr recht ſchicken will. Bei Ihnen iſt das freilich etwas Anderes. Sie gehören auch der neuen Zeit an, die es nirgends zu erleiden vermag und immer hinausdrängt in die Welt, immer hinaus! Drum nehmen Sie den alten Gecken in Schutz, weil er auch hinauswill.“ Ulrike ſchwieg. Eine zornige Aufwallung ſtieg in ihr auf, aber ſie that ſich Gewalt an und kämpfte ſie nieder.„Ich bitte Sie“, ſagte ſie dann,„ereifern Sie ſich doch nicht ſo ſehr wegen ſolcher Kleinigkeiten. Die Beziehungen, die Sie in Ihre Worte zu legen ſcheinen, könnten uns zu weit führen.“ „Es iſt nicht meine Art, Beziehungen in das zu legen, was ich ſage“, entgegnete die Räthin ſpitzig. 124 „Ich bin ſo frei, was ich ſagen will, gerade herauszu⸗ ſagen. Wenn ſich Beziehungen finden, mag es wohl daher kommen, daß man ſich mancher Dinge bewußt iſt, auf welche ſie vielleicht paſſen.“ Ulrike ſtand auf. Im nämlichen Augenblicke hörte man im Hofe einen Wagen vorfahren.„Wir wollen abbrechen“, ſagte ſie,„es wird das Klügſte ſein.“ Die Räthin bemerkte den Wagen und nahm zugleich wahr, daß Ulrike vor den Spiegel getreten war, ein Tuch umlegte und ſich ſo zum Ausgehen bereit machte. „Wollen Sie heute noch aus?“ fragte ſie dann. „Ich ſehe jetzt erſt, daß Sie vollkommen angezogen und geputzt ſind.“ „Allerdings, ich fahre zur General Helmhang. Es iſt heute unſer Geſangkränzchen bei ihr“, erwiderte Ulrike, indem ſie ihren Anzug vollendete. „Aber ich bitte Sie um des Himmels willen, Frau Tochter“, begann die Räthin, deren Unmuth die ſchon lange nur mühſam erhaltene Faſſung zu durchbrechen begann,„wo ſoll denn das hinaus? Schon wieder in Geſellſchaft! Ich weiß nun ſchon gar nicht, was Sie bei den fremden Leuten und in dem Getreibe für Ver⸗ gnügen finden. Ihnen macht es einmal Vergnügen, aber was zu viel iſt, iſt zu viel! Sie ſind ja mehr außer dem Hauſe als im Hauſe; kaum daß man Sie 125 über Tiſch zu ſehen bekommt, und daß Sie einen Abend bei uns zugebracht hätten, erinnere ich mich faſt gar nicht mehr!“ „Hat ſich Friedrich darüber gegen Sie geäußert?“ fragte Ulrike, indem ein eigenthümliches Lächeln über ihre Züge ging. „Ei, was wird der ſagen!“ fuhr die Räthin fort. „Der iſt die Güte ſelbſt und hat Sie viel zu lieb, aber Sie können ſich doch ſelber vorſtellen, was er fühlen und denken muß! Da kommt er aus ſeinem ſchweren, ſorgen⸗ vollen Berufe, nachdem er ſich müde und matt gearbeitet, nach Hauſe. In ſeiner einfachen, ſchlichten Art will er da die Erholung von ſeiner Mühe und den Lohn dafür ſuchen, und der Platz ſeiner Frau iſt leer! Die er ſich zur Lebensgefährtin ausgewählt hat, ſchwärmt in Ge⸗ ſellſchaften, Theatern, Concerten und was weiß ich in welchen Unterhaltungen herum und läßt ihre erſte Pflicht unerfüllt!“ „Ich bin Ihnen für Ihre Bemühung, mir meine Pflichten ins Gedächtniß zurückzurufen, ſehr verbunden“, antwortete Ulrike kalt und hochmüthig.„Es war jedoch vollkommen überflüſſig! Ich weiß ſelbſt—“ „Nein, Sie ſcheinen nicht zu wiſſen“, unterbrach ſie die Räthin heftig;„es iſt durchaus nicht überflüſſig, Sie an Ihre Pflichten als Hausfrau und Gattin zu 126 erinnern! Aber der Grundfehler iſt bei Ihnen, daß Sie nichts arbeiten, daß ſie müßig gehen, und Müßig⸗ gang iſt aller Laſter Anfang. Ein bischen auf dem Klaviere klimpern, einen Roman leſen und, wenn es hoch kommt, ein bischen ſticken oder häkeln, das iſt den ganzen Tag über Ihre Beſchäftigung! Drum haben Sie Langeweile und denken, um die zu vertreiben, auf lauter Unterhaltungen! Ich ſag' es Ihnen, Frau Toch⸗ ter, für Sie iſt die Erhöhung meines Sohnes kein Glück geweſen, die hat Ihnen den Kopf verdreht, daß Sie meinen, Sie müſſen es den vornehmen Müßig⸗ gängerinnen gleichthun. Sehen Sie ſich im Hauſe um, nehmen Sie ſich irgend einer Sache an, das wird Ihnen die dummen Gedanken vertreiben und ſteht der Frau Mi⸗ niſter ſo gut wie der Frau Profeſſor! Sie müſſen anders werden, das ſage ich Ihnen, ſonſt nimmt es kein gutes Ende. Ja, wenn Sie auch den Mund noch ſo ſpöttiſch verziehen, ich— ich ſage Ihnen das; ich habe das Recht, Ihnen das zu ſagen, Frau Tochter, denn es iſt mein Sohn, den ich nicht durch Sie unglücklich gemacht wiſſen will.“ „Wie ſehr ich Sie als die Mutter meines Gatten verehre und achte“, begann Ulrike, als die Räthin er⸗ ſchöpft inne hielt,„habe ich Ihnen wohl am beſten dadurch bewieſen, daß ich alles das ſchweigend ange⸗ 127 hört habe. Nur eine Bemerkung erlauben Sie mir dagegen. Wenn mein Mann mir etwas über meine Lebensweiſe ſagen würde, würde ich überlegen und wiſſen, was ich zu thun hätte, noch hat er es nicht für nöthig gefunden. Ermahnungen jeder dritten Per⸗ ſon aber bin ich ſo frei zurückzuweiſen!“ Sie verneigte ſich förmlich und ging. Der Wagen rollte fort und ließ die Räthin in ſehr unangenehmen Gedanken und Bildern zurück. Es begann völlig zu dämmern und wurde ganz dunkel; ſie bemerkte es in ihrem Brüten ebenſo wenig, als daß der Winter, der bereits ſeit geraumer Zeit mit voller Stärke eingetreten war, vor den Fenſtern ein dichtes Schneegeſtöber um⸗ treiben ließ. Erſt als Beppo mit Licht eintrat und ihm Fried⸗ rich folgte, riß ſie ſich aus ihrem Sinnen auf, ihn zu begrüßen. Friedrich hatte einen Brief in der Hand, den ihm Beppo eben übergeben hatte und den er nach den erſten Begrüßungen las.„Mutter“, ſagte er dann,„laſſen Sie das kleine Eckzimmer neben der Bibliothek heizen.“ „Heute noch?“ fragte die Räthin verwundert. Etwas näher zu ihr hintretend, damit es Beppo nicht höre, der eben beſchäftigt war, den Tiſch zum Abendeſſen zu decken, erwiderte Friedrich:„Dies Billet kündigt mir für 128 heute Abend noch einen ſeltſamen Beſuch an, den ich dort am beſten empfangen kann. Das Zimmer iſt ab⸗ gelegen. Laſſen Sie auch Punſch machen und bereit ſtellen.“ Die Räthin nickte.„Wo iſt Ulrike?“ fuhr er fort, als er bemerkte, daß Beppo nur zwei Gedecke auf den Tiſch gelegt hatte.„Werden wir allein ſpeiſen?“ „Deine Frau iſt ausgefahren“, erwiderte die Räthin, nes iſt heute Geſangkränzchen bei der Generalin.“ Friedrich ſchwieg. Auch die Räthin hielt an ſich, bis Beppo das Abendeſſen aufgetragen und ſich auf einen Wink entfernt hatte. „Du wirſt vielleicht ungehalten über mich ſein“, begann die Räthin,„wenn ich Dir ſage, daß ich mit Deiner Frau einen ziemlich heftigen Auftritt gehabt habe.“ „Das iſt mir in der That ſehr unlieb zu hören“, erwiderte Friedrich ſtaunend.„Wie iſt das gekommen und weshalb?“ „Ach, fange Du mir nicht auch an, mich zu ärgern! Stelle Dich nicht, als ob Du das nicht errathen könn⸗ teſt!“ rief die Räthin.„Ich habe ihr meine Meinung über ihre Lebensweiſe geſagt und daß es nicht recht iſt, daß ſie faſt jeden Abend außer dem Hauſe zubringt, in das ſie nun einmal gehört.“ , 129 „O, das hätten Sie nicht thun ſollen, Mutter. Sie können nicht ſagen, daß ich, als ihr Mann, mich je mißbilligend geäußert habe, alſo—“ „Alſo ginge es mich auch nichts an? Nicht wahr? O, ich hab's verſtanden, wenn Du mir auch die Pille vergoldeſt, die mich die Frau Tochter recht ungenirt hinunterſchlucken ließ. Für ſie bin ich ſchon nichts mehr als eine wild⸗ und landfremde Perſon, ſie hat es mir rund heraus erklärt, daß ſie jede Ermahnung einer dritten Perſon zurückweiſe.“ „Ich wollte das nicht ſagen, Mutter. Sie wiſſen ja, wie ich über ſolche Dinge denke und wie lieb ich Sie habe, aber ich meinte nur, es würde beſſer ge⸗ weſen ſein, wenn Sie abgewartet hätten, bis ich mich in Ihrem Sinne geäußert hätte. Jedenfalls wäre die Sache am geeignetſten doch zuerſt zwiſchen mir und Ulrike zur Sprache gekommen.“ „Das läuft auf eins hinaus“, erwiderte die Räthin. „Ich hätt' es auch wohl können bleiben laſſen, mich einzumiſchen, aber der Aerger riß mich eben hin! Ich war ſchon über Beppo und ſeine alberne Reiſeluſt un⸗ gehalten— er wird Dir ſchon geſagt haben, was er vorhat?“ „Ich weiß davon“ entgegnete Friedrich. „Nun alſo“, fuhr die Räthin fort,„ich atr dem Schmid, Mütze und Krone. II. 130 Alten eben tüchtig den Kopf gewaſchen, Deine Frau war, wie natürlich, anderer Meinung, und ſo gab ein Wort das andere. Freilich hätt' ich abwarten können, bis Du ſelbſt den Mund aufgethan hätteſt, aber da hätt' ich wohl lange warten dürfen! Du biſt allzu gut und biſt allzu ſehr in Deine ſchöne Frau vernarrt, als daß Du ihr ein hartes, ernſthaftes Wort ſagen könnteſt, und ſo iſt es doch recht gut geweſen und reut mich auch gar nicht, daß die alte Mutter etwas früher an den Zünder gekommen iſt. Nun mußt Du reden, Du magſt wollen oder nicht!“ „Es iſt mir unangenehm genug“, antwortete Fried⸗ rich nach einigem Nachdenken.„Ulrike iſt lebhaft und lebensluſtig; das neue Leben, in das ſie ſo plützlich und ſo unvermuthet eingetreten iſt, hat ſie durch die Neuheit ſeiner Vergnügungen mit fortgeriſſen. Sie läßt ſich auf der ſpiegelnden Flut in kindiſchem Vergnügen forttreiben— „Bis der Kahn“, fiel die Räthin ein,„an einen Felſenſturz kommt und mit dem ſpielenden Kinde in den Abgrund ſtürzt!“ „So weit ſoll es nicht kommen“, lächelte Friedrich. „Ein kundiger Steuermann kann noch wohl vorbeugen, wenn es nöthig werden ſollte; ich fürchte das aber nicht, weil ich Ulrike und den edlen Kern ihres Ge⸗ —— 131 müths kenne. Laſſen wir ihr noch eine Weile das Vergnügen an den bunten künſtlichen Blumen, bald wird ſie ſich ſelbſt überzeugen, daß ihnen Duft und Leben der echten Blumen fehlt. Ihre Rückkehr wird dann, weil freiwillig, deſto erfreulicher und gründlicher ſein!“ „Gott gebe, daß Du Recht behältſt“, ſagte die Räthin ernſt.„Ich verlaſſe mich lieber auf den Steuer⸗ mann als auf die andere Hoffnung. Ich will Dich damit nicht kränken, mein Sohn, aber ich meine, wenn eine ſolche freiwillige Umkehr zu erwarten ſtünde, ſo hätte ſie in der langen Zeit ſchon vor ſich gehen müſſen. Es wird aber immer ärger und ſeit dem Ball auf dem Rathhauſe iſt vollends gar kein Halten mehr!“ „Nun, nun, Mutterchen“, ſagte Führer, indem er ſich erhob und der Räthin lächelnd die Hand drückte, „ereifern Sie ſich nicht nochmals. Was geſchehen muß, wird geſchehen. Das Wann aber überlaſſen Sie mir und haben Sie bis dahin Nachſicht mit Ulrike! Ihr Unwille iſt nur ein Beweis Ihrer großen Liebe zu mir, thun Sie es denn mir zu Liebe, daß Sie ihre Schwäche noch eine Weile ertragen!“ Da die Räthin ſeinen Händedruck blos ſtillſchweigend erwiderte, fuhr er fort:„Laſſen Sie nun bereiten, um was ich Sie gebeten habe. Mein Gaſt hat ſich bis 92 132 um neun Uhr angekündigt. Ich will indeß noch einen Gang ins Freie thun und nach dem vielen Sitzen Luft ſchöpfen. Und nun, denn Sie werden doch wohl bald zu Bette gehen, herzlich gute Nacht!“ Er ging. Die Räthin ſah ihm lange mit einem Blicke nach, in welchem der wärmſte Segenswunſch eines liebevollen Mutterherzens ſchimmerte. Dann er⸗ hob ſie ſich, um nach der Küche zu ſehen und den ver⸗ langten Punſch anzuordnen. An der Thür trat ihr Beppo geheimnißvoll entgegen. „Draußen“, ſagte er,„ſteht ein Mann, der dringend mit Ihnen zu ſprechen begehrt.“ „Mit mir? Um dieſe Zeit?“ antwortete ſtaunend die Räthin.„Er wird ſich verhört haben, meinen Sohn wird der Mann ſprechen wollen.“ „Nein, nein“, antwortete Beppo,„ich habe ganz recht gehört. Er will zu Ihnen, zur Frau Räthin Führer, ſagte er; er habe Ihnen etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen, was den Herrn Sohn betrifft.“ „Meinen Sohn? So laß Er ihn hereinkommen.“ „Er will aber von Niemand geſehen ſein; er käme jetzt, ſagte er, weil er den Herrn Miniſter eben habe fortgehen ſehen.“ „Sonderbar!“ ſagte die Räthin kopfſchüttelnd.„Doch wer weiß, was dahinter ſteckt. Hören muß ich den Mann doch. So mach' Er, daß die Mägde ihn nicht ins Haus kommen ſehen, und führ' Er ihn gleich in die grüne Eckſtube. Jedenfalls aber bleib' Er in der Nähe.“ Kurze Zeit hernach trat die Räthin in das bezeich⸗ nete Zimmer, wo ſie einen großen alten Mann, in einen dunklen Mantel gehüllt, antraf, während Beppo, auf dem Gange auf und ab gehend, Wache hielt. Der Fremde war Overbergen. „Ich komme wie der Dieb um Mitternacht“, ſagte er feierlich, die Eintretende begrüßend,„aber was ich bringe, wird mich entſchuldigen, denn es gilt den Dienſt des Herrn.“ Ueberraſcht blickte die Räthin den Sprechenden an, als wollte ſie fragen, was die ungewöhnliche Einlei⸗ tung bedeute.„Ich will mich kurz faſſen“, fuhr dieſer fort,„denn meine Zeit iſt gemeſſen. Sie, würdige Frau, ſind eine der wenigen Auserwählten, welche ſich in die⸗ ſem unglücklichen Lande, das ſich ganz dem reformirten Glauben zugewendet hat, zu der einen wahren und ſeligmachenden Kirche bekennen—“ „Ich bin Katholikin“, erwiderte die Räthin. „Darauf bauend, ſchicken mich unſere unterdrückten Glaubensgenoſſen an Sie.“ „An mich?“ „Ihrem Sohne iſt das Vertrauen des Herzogs in ſeltenem Grade zu Theil geworden, es ſteht bei Ihnen, daß aus ihm ein auserwähltes Rüſtzeug des Herrn werde und die ſpäteſten Geſchlechter ihn ſegnen.“ „Bei mir ſtünde das?“ „Bewegen Sie ihn, daß er ſeine Macht dazu ge⸗ brauche, der Kirche alle die Rechte wiederzugeben, die Unglaube und Bosheit ihr entriſſen haben, daß er—“ „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Was mein Sohn in ſeinem Amte thut, hat er vor Gott zu verantworten, wie könnte ich alte ungebildete Frau mir in den Sinn kommen laſſen, ihm dabei dreinzureden!“ „Nicht die Bildung iſt es, auf die es hier ankommt, ſondern ein brennendes, gläubig begeiſtertes Herz! Die⸗ ſes muß zu Ihrem Sohne ſprechen, dieſes ſprechen z3u laſſen iſt Gewiſſenspflicht!“ Die Räthin ſchwieg einen Augenblick.„Sollten Sie nicht wiſſen“, ſagte ſie dann,„daß mein Sohn, wie ſein Vater, nicht von unſerm Bekenntniſſe iſt?“ „Wir wiſſen das, aber wir wiſſen auch, daß der Einfluß einer Mutter groß iſt auf einen gehorſamen Sohn.“ „Es will mir nicht recht einleuchten, wozu ich dieſen Einfluß, wenn ich einen ſolchen hätte, anwenden ſollte. Nach meinem geringen Verſtändniß hat der Herzog das, —— was Sie verlangen, bereits gethan. Er hat die Ge⸗ wiſſen frei gegeben— kann man da noch ſagen, daß ein Glaubensbekenntniß gedrückt ſei?“ „O Kurzſichtigkeit des menſchlichen Verſtandes!“ rief Overbergen ſalbungsvoll.„Was ſoll dieſer Schein von Freiheit, der ärger iſt als alle Sklaverei? Das kann nur die Kirche von ihrem erhabenen Standpunkt aus beurtheilen— die Kirche iſt nicht frei, wenn ſie nicht herrſchen kann!“ „Aber wie wäre das möglich?“ „Der Himmel hat das Herz einer hohen Perſon ge⸗ rührt, daß ſie ihren Irrthum erkannte und wieder in den Schooß der Mutter zurückkehrte, bei der allein Heil zu finden iſt. Auch in der Stadt und überall im Lande hat der Geiſt durch die ſtillen Bemühungen gottſeliger Männer eine große Anzahl Herzen erweckt, daß ſie ſich nach dem wahren Lichte ſehnen und vor Begierde bren⸗ nen, ihren Glauben offen ausſprechen zu dürfen. Wenn Sie denn nicht direct für uns wirken wollen, bewegen Sie Ihren Sohn doch, daß er unſerer Thätigkeit nicht entgegentritt. Ja, ſobald er ſie, wenn nicht befördert, doch ſo zu ſagen überſieht, ſo ſind wir zufrieden. Es wird dann ein Leichtes ſein, allmälig immer feſtern Fuß zu faſſen, das ganze Land zum Seelenheile zurückzuführen und das zu erreichen, was wir wollen.“ v Beſinnen,„daß Sie ſich dieſerwegen zu mir bemüht haben. Wie ich auch für meine Perſon über ſolche Dinge denke, ich kann mich meinem Sohne gegenüber nicht zu der gewünſchten Thätigkeit hergeben.“ „Wie, Sie weigern ſich, zu einem ſo erhabenen, frommen Werke mitzuwirken?“ „Ich bin meinem Glauben mit Liebe und Wärme zugethan, es iſt nichts an ihm, weshalb er das Licht zu ſcheuen hätte; darum gehören vor meinen Augen auch ſolche Heimlichkeiten, wie Sie vorhaben, nicht zum Glauben!“ Overbergen ſah einen Augenblick vor ſich hin.„Ihr Sohn“, ſagte er dann,„iſt, ſoweit wir ihn kennen, kein Gottesleugner. Die erſten Erfolge der gewährten Ge⸗ wiſſensfreiheit könnten ihn überzeugt haben, daß er eine Giftſaat geſäet hat. Wie Pilze ſind über Nacht die freien Gemeinden, dieſe Ausgeburt der Hölle, emporgewachſen. Mit dieſem ganz heidniſchen Treiben können auch Sie nicht einverſtanden ſein. Bewegen Sie ihn denn wenigſtens, daß er hier einſchränkend entgegentritt und nicht duldet—“ „Der Hauptgrund, warum ich Ihren erſten Wunſch ablehnen mußte“, antwortete die Räthin,„iſt, weil ich nicht thun will, was meines Amts nicht iſt. Es iſt „Ich bedauere“, erwiderte die Räthin nach einigem freilich ſc=hlimm, wenn derlei vorkommen kann, aber ich kann ſo wenig dazu oder davon thun, als wenn ich höre oder leſe, daß das Feuer eine halbe Stadt ver⸗ ſchlungen oder daß das Waſſer eine ganze reiche Gegend zerſtört hat, ich kann nur zu dem hinaufblicken, der allein weiß, warum er ſolches Unheil in ſeiner ſchönen Welt zuläßt.“ „Bedenken Sie, was Sie thun, würdige Frau“, rief Overbergen mit Pathos.„Mit meinem Antrag ſchlagen Sie eine Warnung in den Wind, die für Ihren Sohn von höchſter Wichtigkeit iſt! Geht er nicht auf unſere Abſichten ein, beſchränkt er nicht wenigſtens das Treiben jener Unchriſten, ſo bereitet er uns allerdings einen Kampf, aber einen Kampf, den wir nicht fürchten und der nur zu ſeinem Nachtheile enden wird!“ Die Räthin beſann ſich einen Augenblick.„Sie drohen“, ſagte Sie dann, indem ſie Overbergen mit be⸗ dächtigem Blicke maß,„ungeachtet Sie kurz vorher von Unterdrückung ſprachen? Nun denn, ich will meinem Sohne den Inhalt unſerer Unterredung mittheilen, aber nur als Warnung; er mag dann thun und beſ ſchließen, was er für gut hält. Doch nur unter einer Bedin⸗ gung will ich das thun.“ „Dieſe Bedingung?“ fragte Overbergen geſpannt. „Daß ich ihm auch den Namen ſeines Warners 138 nennen kann“, fuhr die Räthin mit feſterer Betonung fort. „Wozu das?“ rief Overbergen.„Was thut der Name zur Sache?“ „Mich dünkt doch, der Name ſei eben hier von Be⸗ deutung“ erwiderte die Räthin und ſchritt zur Thür. „Wenn Sie jedoch Gründe haben, aus demſelben ein Geheimniß zu machen, ſo ſind wir zu Ende.“ Damit öffnete ſie die Thür und verbeugte ſich. „Joſeph“, rief ſie,„geleit' Er den Herrn hinaus.“ Finſter und tief in den Mantel gehüllt, ſchritt Overbergen dem voranleuchtenden Diener nach. Die Räthin begab ſich in ihr Schlafzimmer. „Was man nicht Alles erlebt!“ ſagte ſie vor ſich hin.„Soll ich meinem Sohne von der ſonderbaren Unterredung etwas ſagen oder nicht? Ich will mir's beſchlafen und Gott bitten, daß er mich das Rechte finden läßt!“ Sie griff nach ihrem Gebetbuche, um ihre Nachtandacht zu verrichten. Damit kam Ruhe und Ergebung in ihr Gemüth, ſie löſchte das Licht und entſchlief. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde leiſe ans Hofthor geklopft.„Wer da?“ ſprach Beppo, der an demſelben Wache gehalten hatte.„Es iſt neun Uhr“, antwortete eine gedämpfte Stimme von —— 139 draußen.„Kommen Sie herein“, ſagte Beppo, die Ein⸗ gangsthür in dem großen Thore öffnend.„Es iſt Alles bereit.“ Ohne den Angekommenen zu beſehen, ſchritt er ihm quer durch den Hofraum nach der Ecke voraus, in wel⸗ cher der Ueberreſt eines Thurms ſtand, deſſen Erdge⸗ ſchoß nun zu einem kleinen niedlichen Zimmer umge⸗ wandelt war. In dieſem pflegte Friedrich, da es in den Garten ausmündete, im Sommer zu ſtudiren und zu arbeiten. Durch einen kurzen, ſchmalen Gang hing daſſelbe mit dem ehemaligen Speiſeſaale des Kloſters zuſammen, welcher nun zur Bibliothek eingerichtet war. An dieſen ſtieß das jetzige Wohngebäude, aus welchem eine kleine gewundene Treppe in den Saal herunter⸗ führte. Jetzt empfing den Eintretenden eine behagliche Wärme, welche ſich bei der draußen herrſchenden ſtar⸗ ken Winterkälte um ſo angenehmer empfand. Neben dem Ofen lud ein kleines Sopha zum Ausruhen ein; vor demſelben auf einem runden Tiſche ſtand, ſanfte Helle verbreitend, eine Kugellampe und von der Durch⸗ ſicht des Ofens her aus einer ſtattlichen Terrine zog der Duft von würzigem Punſch einladend durch das Gemach. Stumm entfernte ſich Beppo; bald verhallten ſeine Schritte und die tiefſte Stille waltete durch das Zim⸗ 140 mer, in welchem nun der Fremde, den Mantel able⸗ gend, behaglich Platz nahm. 8 Bald kam auch Friedrich nach Hauſe und ſchritt, auf Beppo's Meldung, daß er erwartet werde, dem Thurmzimmer zu. An der Thür verabſchiedete er den Alten und trat ein. „Nun, Du Sonderling“, redete er den Fremden, der ihm grüßend entgegentrat, an,„habe ich es Dir recht gemacht? Sind die Vorbereitungen alle nach Deinem Wunſch?“ Ueber alle Erwartung!“ lachte Riedl, denn er war es.„Dein alter Beppo hat mich nicht mit einem Blick angeſehen und ſo geheimnißvoll empfangen, wie weiland einen Boten der heiligen Vehme.“ „Gut alſo“, erwiderte Führer,„Du ſiehſt, daß ich Dir die brüske Art, mit der Du mich verließeſt und über die ich wohl das Recht hätte, ungehalten zu ſein, nicht nachtrage, aber nun rücke mit den Mittheilungen heraus, die Deine wiederholte Mummerei und all dieſe geheimnißvollen Anſtalten rechtfertigen.“ „Nicht doch! Gedulde Dich damit!“ rief Riedl, in⸗ dem er die Punſchbowle auf den Tiſch ſtellte, die Glä⸗ ſer füllte und ſich behaglich eine Cigarre anzündete. „Laß uns erſt des Wiederſehens froh werden, eh' wir uns durch Gedanken und Erörterungen über die Art erbittern, wie wir uns wiederſehen!“ 141 Er ſtieß mit dem lächelnden Freunde an.„Wie ſich's fügen kann!“ rief er.„Der mächtige Miniſter ſitzt mit dem halbflüchtigen Demokraten bei einem Glaſe Punſch zuſammen, in ponissima caritate, als wären wir noch die harmloſen Studenten der alma Au- gusta!“ Friedrich vermied es nicht, auf die Ideenreihe ein⸗ zugehen, die Riedl's Wort vor beiden aufthat. Er folgte mit Vergnügen, als Riedl Erinnerungen jener Zeit her⸗ vorzurufen anfing und ſie mit Liebe und Humor aus⸗ malte. Auch ſein Auge weilte nicht ungern auf dieſen Bildern, die vor ihn traten wie die Ausſicht auf eine ſchöne durchwanderte Landſchaft, die ſich vor dem Wan⸗ derer im Dunkel des Hochwaldes durch eine Lichtung überraſchend plötzlich aufthut. So entſpann ſich ein munteres, von Witz und Gelächter belebtes Geſpräch, ühber dem ein Stündchen raſch verflog. Draußen hatte der Winterſturm nach kurzer Ruhe mit doppelter Wuth begonnen. Ein heftiger Wind brauſte durch die Bäume des Gartens und heulte zwi⸗ ſchen den Mauern, die ihn einzwängten, in raſchen Stö⸗ ßen hin.. Dieſer Lärm, ſowie die Entfernung des Gemachs und der hoch liegende Schnee, welcher das Rollen der Räder dämpfte, waren die Urſache, daß weder Fried⸗ 142 rich noch Riedl es hörte, als nach einiger Zeit ein Wagen in den Hof fuhr. Es war Ulrike, die zum all⸗ gemeinen, ſchlecht verhehlten Staunen der Dienerſchaft ungewöhnlich früh nach Hauſe kam. Raſch überblickte ſie, als ſie aus dem Wagen ſtieg, die Anweſenden. Sie ſchien etwas betreten, als ſie nur Beppo und ihr Dienſtmädchen wahrnahm, und eilte nun die Treppe ſo haſtig hinauf, daß beide Mühe hat⸗ ten, ihr zu folgen. Oben angekommen, richtete ſie den Schritt nach dem allgemeinen Wohnzimmer; als ihr jedoch Beppo be⸗ merkte, daß die Frau Räthin ſich bereits zur Ruhe begeben habe, wandte ſie ſich ebenſo raſch und ſchritt ihren Zimmern zu. An der Thür zog ſich Beppo, der noch immer eine Frage erwartet haben mochte, gute Nacht wünſchend, mit Kopfſchütteln zurück. Im Zimmer angekommen warf ſich Ulrike, ohne zu ſprechen, in einen Stuhl und ließ es wortlos ge⸗ ſchehen, daß das Mädchen, darin einen unausgeſproche⸗ nen Befehl erblickend, ſie auszukleiden begann. Nach längerem Zögern wagte es das Mädchen, eine Bemer⸗ kung über die ungewöhnlich frühe Nachhauſekunft ihrer Gebieterin zu äußern. 4 „Ich habe heftige Kopfſchmerzen“, eridierte Ulrike leichthin,„ich bedarf der Ruhe.“ 2 „———— 143 Hierdurch ermuthigt fuhr das Mädchen fort:„Der gnädige Herr wird ſehr bedauern, daß er eben heute nicht zu Hauſe iſt.“ „Mein Mann iſt ausgegangen?“ fragte Ulrike und bemühte ſich, in den Ton der Frage die möglichſte Un⸗ befangenheit zu legen. „Gleich nach dem Abendeſſen“, erwiderte dienſtfertig das Mädchen.„Seitdem iſt er noch nicht nach Hauſe gekommen.“ Ulrike klagte über ſteigendes Kopfweh und ſchickte das Mädchen fort, obwohl daſſelbe bat, bei ihr blei⸗ ben zu dürfen, um ihr in ihrem Unwohlſein behülflich zu ſein. Als ſie ſich endlich zögernd und auf wiederholten Befehl entfernt hatte, ſchloß Ulrike die Thüre hinter ihr und ſchritt nun in bedeutender Erregung in dem Gemache auf und nieder. Eine Menge widerſtreitender Empfindungen beſtürmten ſie. Obwohl die Ermahnun⸗ gen der Räthin im Augenblick wie Waſſertropfen an einer Marmorfläche abgeglitten waren, hatten ſie doch in ihr eine ungewohnte unbehagliche Stimmung zu⸗ rückgelaſſen. Als ſie ſo befangen in die Geſellſchaft trat, vermochte auch dieſe nicht, ihr die ſonſtige Lebhaf⸗ tigkeit zurückzubringen. So kam es, daß ſie dieſelbe todter und geiſtloſer als ſonſt fand, obwohl das, was 9 144 ſie vermißte, nicht außer, ſondern nur in ihr lag. Es war das erſte Mal, daß die Unterhaltung ſie nicht feſ⸗ ſelte und daß ihre Gedanken über dieſelbe hin nach Hauſe ſchweiften. Sie ſah Friedrich im Geiſte nach Hauſe kommen, ſah, wie er ſie vermißte, ſie glaubte ſeine ſtillen Klagen, nur der Mutter gegenüber ausge⸗ ſprochen, zu hören, und ſiedend heiß ſtieg es ihr vom Herzen zum Kopfe empor. Die Neigung zu Fried⸗ rich, die im Grunde ihres Herzens lebte, gewann bei dieſen Vorſtellungen den Sieg über ihren Leichtſinn und ihre Vergnügungsſucht. Raſch gedieh der Entſchluß in ihr, heim zu gehen und den harrenden Gatten zu über⸗ raſchen, und ebenſo raſch war er ausgeführt. Starke Kopfſchmerzen, die ſie vorſchützte, gaben den Vorwand zu der ungewohnten Entfernung. Mit einer Art von Haſt machte ſie ſich von den Bezeigungen des Bedau⸗ erns los, mit denen man ſie überhäufte, und fühlte ſich ungemein erleichert, als ſie endlich im Wagen ſaß. Während des Fahrens malte ſie ſich's immer beſtimm⸗ ter und wärmer aus, wie erſtaunt Friedrich ſein, welche Freude er zeigen werde, ſie ſo früh heimkehren zu ſehen. Dann wollte ſie ihm um den Hals fallen und ihm ſagen, daß ſie nun öfter bei ihm bleiben wolle, daß ſie gekommen ſei, ihre verwaiſte Stelle an ſeinem Tiſche einzunehmen. Je lebhafter dieſe Bilder ſich in ihr ge⸗ 145 ſtaltet hatten, deſto ſchmerzlicher war ihre Enttäuſchung, als ſie bei ihrer Ankunft von Niemand als der Diener⸗ ſchaft empfangen wurde. Als ſie vollends von derſel⸗ ben hörte, daß die Räthin ſchon zu Bett, daß ihr Mann ausgegangen ſei, mußte ſie ihre ganze Faſſung aufbie⸗ ten, um nicht zu verrathen, was in ihr vorging. Sie konnte ſich keine beſtimmte Rechenſchaft geben, aber ſie fühlte ſich verletzt und die warmen Aufwallungen ihres Herzens fielen als erkältende Dämpfe auf daſſelbe zurück. Sie ſah allerdings ein, daß Niemand Grund hatte, ſie zu erwarten, und dennoch kränkte es ſie, daß ſie nicht erwartet worden war, daß das Leben im Hauſe ohne ſie und ohne Rückſicht auf ſie dennoch ſei⸗ nen Gang ging. In dieſem Zwieſpalt war ſie ans Fenſter getreten und ſah achtlos in den Sturm und das Schneegeſtöber hinaus. Plötzlich wurde ihr Blick von einem Licht⸗ ſtreifen feſtgehalten, der durch das Dunkel ſchimmerte. Sie ſah ſchärfer hin und überzeugte ſich bald, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatte. Es war Licht, das durch den Luftausſchnitt eines geſchloſſenen Fenſterladens ſichtbar wurde, und kam offenbar aus dem Thurmgemach neben der Bibliothek. Sie wußte daſſelbe, zumal im tiefſten Winter, völlig unbenutzt und konnte ſich daher nicht erklären, wer ſich dort befinden und was dort vorgehen Schmid, Mütze und Krone. II. 10 146 könne. Sollte Friedrich doch zu Hauſe ſein? Sollte er dort arbeiten? Aber warum war er dann zum Scheine fortgegangen, wie das Mädchen geſagt hatte? Warum arbeitete er ſo ſpät an dem ungewöhnlichen Ort? Tauſend Vermuthungen durchkreuzten ſich in ihr und wurden ebenſo raſch verworfen, als ſie aufſtiegen. Aus allen blieb zuletzt der Wunſch beſtehen, der Sache ſelbſt auf den Grund zu kommen. Sie erinnerte ſich der Treppe, die in den Bibliothekſaal führte; von dort konnte ſie unſchwer erkunden, was in dem anſto⸗ ßenden Gemach vorgehe. Schnell entſchloſſen löſchte ſie das Licht, nachdem ſie ein leichtes Tuch umgewor⸗ fen hatte, und lauſchte durch die leiſe geöffnete Thür in den Hausflur hinaus. Alles war grabesſtill. Laut⸗ los ſchlüpfte ſie nun zu der Treppenthür hin, öffnete ſie und ſtieg mit vorſichtig angehaltenen Tritten die leich⸗ ten Stufen nieder. Der Saal war vollſtändig dunkel; nur die etwas hellern Fenſter ließen ſie erkennen, wo⸗ hin ſie ihren Fuß zu wenden hatte. Die letzte Stufe knarrte hörbar— athemlos ſtand ſie einen Augenblick, aber Alles blieb ſtill. Nur vom Thurmgemach her ver⸗ nahm man ziemlich deutlich lachende Männerſtimmen und Gläſerklingen. Ulrike ſchwanden beinahe die Sinne: ſie erkannte die eine Stimme ſchnell und beſtimmt; es war Friedrich. Die Kälte drang in 147 dem weiten Raume empfindlich auf ſie ein, aber ſie fühlte es kaum vor der innern Glut, die ſie durch⸗ ſtrömte. Jetzt war ſie der Thür zum Thurmgemach ſo nahe, daß ſie jeden Laut hören, faſt jedes Wort verſtehen konnte. Eine ſtarke Männerſtimme, deren Ton Ulrike be⸗ kannt ſchien, erzählte etwas. Jetzt hörte ſie deutlich, wie die Stimme lachend endigte, Gläſer klangen an ein⸗ ander und zu der erſten Stimme geſellte ſich lachend eine zweite. Friedlich lachte ſo herzlich, ſo harmlos heiter, aber um ſo tiefer ſchnitt jeder Ton in Ulrikens Herz. Jetzt wußte ſie Alles, jetzt empfand ſie mit ſchmerzlicher Bitterkeit, daß ihre vorige Gefühlswallung nichts als Selbſttäuſchung geweſen war. Dieſer Mann ſollte ſie vermißt, ſollte ſich nach ihr geſehnt haben, der es vermochte, ſich ſo leicht beim Glaſe zu ent⸗ ſchädigen, der es, um bei dieſer koſtbaren Unterhal⸗ tung ja nicht geſtört zu werden, nicht verſchmähte, ſich anzuſtellen, als verließe er das Haus? Unmöglich! Und vor dieſem Manne hatte ſie ſich demüthigen wol⸗ len! Um dieſes Mannes willen hatte ſie ſich in Ket⸗ ten ſchmiegen und jeder Freude der Jugend entſagen wollen! In Ketten ohne andern Zweck, als ſie zu knechten, durch nichts verſchönt, durch kein Gegenopfer aufgewogen! Nimmermehr! 10- 148 Feſt entſchloſſen wandte ſich Ulrike den Weg zu⸗ rück, den ſie gekommen war. Unbemerkt gelangte ſie in ihr Schlafgemach. Doch kam keine Ruhe über ſie; erſt gegen Morgen löſte ſich ihre fieberhafte Spannung in einen Schlummer der Ermüdung auf. . Inzwiſchen hatte das Geſpräch zwiſchen Friedrich und Riedl ſeinen Gegenſtand ſo ziemlich erſchöpft und der eigentliche Zweck der abenteuerlichen Zuſam⸗ menkunft trat auf Führer's Anregung wieder in den Vordergrund. „So muß ich denn“, begann Riedl,„Deinem Drän⸗ gen nachgeben und Dir mittheilen, was ich auf dem Herzen habe. Vorher alſo erfahre zur Aufklärung mei⸗ ner Rückkehr, daß ich in der feſten Abſicht abgereiſt war, nicht ſo bald wiederzukommen. Ich gedachte nach Amerika zu gehen und mir die dortigen Zuſtände mit eigenen Augen zu beſchauen, der Gedanke an Dich, mein Freund, hielt mich aber davon zurück.“ „An mich?“ „Ja, lächle nur, ſo iſt's. Schon immer hatte mich's im Stillen gewurmt, daß ich Dich verlaſſen hatte, wo Du meiner vielleicht am nöthigſten bedurf⸗ teſt. Ich machte mir im Geheimen Vorwürfe darüber und ſchwankte eben zwiſchen dem Entſchluſſe, mich einzuſchiffen oder umzukehren, als der Ruf Deiner 149 ſtaatsmänniſchen Thätigkeit für das Letztere entſchied. Schon Deine Berufung hatte, wie Du Dir wohl den⸗ ken kannſt, in allen Ländern großes Aufſehen gemacht. Die Spannung, mit der man Deinem Auftreten ent⸗ gegenſah, war daher keine geringe. Siehe da, da kommt die erſehnte Nachricht! Man ſieht, man lieſt— man traut ſeinen Augen kaum! Jedermann hatte von Dir erwartet, Du würdeſt ein großes wohlgegliedertes Ganzes ſchaffen, da kommſt Du mit ein paar Bruch⸗ ſtücken, die ausſehen wie Zweige ohne den Stamm, faſt als hätteſt Du Dich mit Deiner Geſinnung durch ein Scheinmanöver abfinden wollen. Man ſtutzte, man combinirte, Einige ſahen darin einen verdeckten Rück⸗ zug, Andere witterten eine ganz beſondere diplomatiſche Feinheit dahinter.“ „Was dachteſt Du?“ „Was ich bei meiner Ankunft vollkommen beſtätigt fand, daß gleich Dein erſtes Wirken auf Hinderniſſe geſtoßen war, daß eine fremde Hand Deinem Baume das Herzblatt ausgebrochen hatte! Ich kam alſo an, und war eitel genug zu glauben, daß meine Ankunft unter den obwaltenden Umſtänden zu Vermuthungen Anlaß geben könne, die Dich bloßzuſtellen und zu⸗ gleich mich in meiner ungeſtörten Beobachtung zu ſtö⸗ ren geeignet wären. Dies veranlaßte mich, zu dem 150 Incognito zu greifen, das, wie ich mir ſchmeichle, bis⸗ her noch undurchſchaut geblieben iſt.“ „Nun, und der endliche Kern der wunderlichen Schale?“ „Ich komme ſo eben dazu: er iſt zweitheilig. Ich reiche Dir zuerſt den einen Theil— eine Bitte.“ „Dieſe wäre?“ „Eine dringende, wenn ſie auch etwas ſonderbar klingen mag, ganz ernſthaft und herzlich gemeinte Bitte: gib Dein Miniſterium auf!“ Friedrich lächelte.„Und warum ſoll ich Das?“ „Weil Du nun Zeit und Gelegenheit genug gehabt haſt, um Dich von der Unmöglichkeit der Ausführung Deiner Pläne zu überzeugen. Sage mir nichts und laß mich ausreden, um Dir zu beweiſen, ob ich von der Sachlage unterrichtet bin. Du arbeiteſt daran, das Grundgeſetz, das Dir durch die Dazwiſchenkunft der Her⸗ zogin⸗Mutter vereitelt wurde, nun doch zu Stande zu brin⸗ gen. Du rechneſt dabei auf die Geſinnung des Her⸗ zogs gegen Dich und auf ſeine Anſichten. Du ſtützeſt Dich darauf, daß er auf Dein Zureden den Bau des Luſtſchloſſes unterlaſſen hat, aber ich ſage Dir trotz alledem, Du ſetzeſt Deine Abſicht nicht durch! Jetzt kannſt Du noch mit Ehren zurücktreten, ein Grund iſt in den Verzögerungen nicht ſchwer zu finden; darum 151 die Bitte, gib Dein Miniſterium auf, tritt freiwillig zu⸗ rück und komme Deinem Falle zuvor!“ „Du biſt allerdings auffallend gut von dem unter⸗ richtet, was am Hofe vorgeht“, ſagte Friedrich nach einer Pauſe, während welcher er den Sprechenden ſcharf betrachtet hatte,„allein Du wirſt es doch begreiflich finden, daß ich vor aller Antwort nach den Gründen frage, die Dich meinen Fall als ſo ausgemacht anſehen laſſen.“ „Dieſe Gründe will ich nicht verſchweigen“, entgeg⸗ nete Riedl,„aber ſie gehören eigentlich zum zweiten Theile meines Anliegens, zur Warnung.“ „Auch eine Warnung? Und wovor?“ „Davon ſpäter; antworte mir zuerſt einfach auf meine Bitte. Du gehſt nicht darauf ein?“ „Wie kannſt Du das nur denken von mir?“ „Ich ſah es voraus, es bleibt alſo leider blos bei der Warnung. Verſuche denn Dein Glück weiter, aber damit Dich der Fall nicht zu plötzlich überraſche und zerſchmettere, ſo wiſſe, daß Du auf einem unterhöhlten Boden ſtehſt, jeder bedeutende Schritt von Deiner Seite kann die Exploſion herbeiführen.“ „Rede beſtimmter! Worauf zielſt Du?“ „Die Regierung des großen, an uns angrenzenden Königreichs iſt entſchloſſen, die beabſichtigten Neue⸗ 152 rungen, durch welche ſie ſich in ihrer einſtigen Anwart⸗ ſchaft auf den Thron dieſes Landes verkürzt findet, um jeden Preis zu hintertreiben!“ Friedrich ſtand überraſcht auf.„Wenn Du auch das weißt“, antwortete er,„iſt Dir wohl auch die Ant⸗ wort bekannt, die der Geſandte des Königs darauf er⸗ hielt. Mit dieſer iſt die Einmiſchung ſicher abgethan.“ „Die öffentliche, ja, denn zum Kriege wird man es deshalb nicht kommen laſſen; um ſo thätiger und um ſo gefährlicher wird nun aber die geheime Einmi⸗ ſchung ſein!“ Ich ſehe nicht, was geſchehen könnte“, w3 Fried rich ein. „So höre denn“, fuhr Riedl, indem er Friedrich wieder neben ſich auf das Sopha niederzog, leiſer fort:„Die Politik jenes Landes hat ſich bei uns einen beträchtlichen Anhang zu ſchaffen gewußt, die Religion hat dazu als Hebel gedient.“ „Was ſoll das heißen?“ „Es iſt Dir gewiß nicht unbekannt, daß ſich bei uns eine Sekte von pietiſtiſchen Schwärmern gebildet hat, welche mit der verſtändigen Auffaſſung des hier vorherrſchenden Bekenntniſſes unzufrieden ſind. Das Beſtreben, die Religion wieder mehr zur Sache des Gemüths zu machen, hat ſie, wie das wohl unvermeid⸗ 7 153 lich iſt, der alten Kirche wieder nahe gebracht, und dieſe, welche überall Augen hat, verſäumte denn auch nicht, die ihr günſtige Stimmung zu benutzen.“ „Ich weiß davon. Ich halte aber die Bewegung ihrer kleinen Ausdehnung wegen für unbedeutend, auch bin ich, von meinem Standpunkte aus, wohl am we⸗ nigſten in der Lage, etwas dagegen zu thun.“ „Die Zahl der Anhänger dieſer Sekte iſt nicht un⸗ beträchtlich und wächſt ſo zu ſagen ſtündlich. Es iſt nichts unterlaſſen worden, um die Schaar zu vermeh⸗ ren und die Jünger eines gewiſſen Ordens haben in allerlei Trachten und Geſtalten redlich das Ihrige da⸗ zu beigetragen. Auf dieſe geheimen Verbündeten ge⸗ denkt ſich nun die Politik unſeres freundlichen Nachbars zu ſtützen und will ſo mit unſern eigenen Waffen im eigenen Lande gegen uns operiren!“ „Ich erſtaune! Sollte man es wagen, ſo weit zu gehen?“ „Man wird's, weil man nichts dabei wagt! Das Bündniß, um nicht zu ſagen die Verſchwörung, beſteht feſt und wohlgeleitet im Stillen; wie weit man zu gehen beabſichtigt, weiß ich noch nicht. Vor der Hand mag Dir die Thatſache genügen und meine Rede bekräf⸗ tigen, indem ſie Dir die Mine unter Deinem Wege zeigt. Du ſiehſt zugleich aus dem Umſtande, daß Du 154 als Miniſter nichts von der Sache weißt, wie weit verzweigt die Sache iſt und wie ſie die Sympathie für Deine Beſtrebungen vernichtet.“ „Und Du ſelbſt“, fragte Friedrich nach einer Pauſe, „woher weißt Du das Alles?“ „Das erräthſt Du nicht?“ lachte Riedl.„Weil ich ein Glied des geheimen Bundes bin, in den ich mich aufnehmen ließ, um ihn zu durchſchauen.“ „Pfui!“ rief Friedrich. „Warum?“ fuhr der Andere gelaſſen fort.„Iſt es dem Feldherrn unrühmlich, die Minen auszuforſchen, die man ihm gräbt, und dagegen Contreminen anzu⸗ legen?“ „Und die Beweiſe Deiner Behauptung?“ fragte Friedrich nach einigem Beſinnen. „Die mußt Du vorläufig in meinen Worten fin⸗ den. Man iſt vorſichtig und hat mir als Neuling noch nichts Greifbares anvertraut. Für heute ſoll es, da Du meine Bitte abgeſchlagen haſt, nichts als eine War⸗ nung ſein, die Dir eine Blöße Deiner Stellung zeigt. Verſuche ſie zu decken, wenn Du es vermagſt, und nimm das Ganze als die Warnung eines Mannes hin, der, wenn auch nicht Deinem Syſtem, doch Dir ſelbſt herz⸗ lich Freund iſt! Ich brauche wohl nicht beizufügen“, fuhr er, als Friedrich ſchwieg, fort,„daß zunächſt Du der Geg⸗ — 155 ner biſt, den es zu gewinnen oder zu beſeitigen gilt. Biſt Du unſchädlich gemacht, ſo denkt man mit dem Herzog, der dort nicht beurtheilt wird, wie Du ihn beurtheilſt, leicht ins Reine zu kommen. Als Beleg, wie all Deine Schritte beobachtet ſind, mag Dir dienen, daß der Bund eine ſchöne Summe daran wendet, zu erfah⸗ ren, mit wem Du in der Aufruhrsnacht geſprochen haſt oder vielmehr— denn darauf wird's wohl hinaus⸗ gehen— wer der geheimnißvolle Beſuch im rothen Stern war. Du erinnerſt Dich doch?“ Friedrich war aufgeſprungen; er litt unſaglich, daß er ſich mit dem Bewußtſein des treueſten Eifers und des redlichſten Willens ſolchen hinterliſtigen Gegnern bloßgeſtellt, von ſolchen niedrigen Ränken umgeben ſah. Riedl, der ihn vollkommen kannte, durchſchaute, was ihn ihm vorging; er trat zu ihm und d eale ihm die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, was Du jetzt fühlſt“, ſagte er mit Theil⸗ nahme.„Du fühlſt, daß der kalte Beobachter Recht be⸗ hält gegenüber dem begeiſterten Schwärmer. Du biſt in das Netz einer Spinne geflogen und fühlſt nun, wie ſich Dir die kalten eigennützigen Fäden erſtickend um das Herz ſchnüren. Fliehe aus ihren Kreiſen, Friedrich, Du Jüngling gebliebener Mann mit der ſchönen Seele und den reinen Gluten darin! Erkenne, 156 daß das, was wir beide wollen, eine Schöpfung iſt, die alles Beſtehende verletzt und die darum nur über dem Schutt des Beſtehenden möglich iſt! Du willſt nicht“, fuhr er fort, als Friedrich wiederum ſchwieg,„Dein Schweigen ſagt's. Wohlan, ſo laß uns dieſes Thema abbrechen. Was ich Dir mittheilen wollte, weißt Du, nun laß uns die Neige Punſch, die hier noch winkt, bei freundlichern Bildern leeren. Setze Dich wieder zu mir, trinke und erzähle mir von Deinem Leben, von Deinem Hauſe. Bin ich noch immer der Guig⸗ non Deiner guten Mutter? Wie befindet ſich Deine Frau und wie habt Ihr Euch zuſammen ein⸗ gelebt?“ Friedrich fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, gleich als wollte er die trüben Gedanken, die ſich ihm aufgedrängt, wegwiſchen.„Du haſt Recht“, ſagte er, „wir wollen von angenehmern Dingen reden— cras ingens iterabimus aequor!“ Er ſetzte ſich neben den Freund und bald war das Geſpräch auf ſeine häusliche Lage abgeleitet. .„Du biſt mir immer noch mit der Erzählung im Rück⸗ ſtande, wie Du Deine Frau kennen lernteſt“, ſagte Riedl, als von Ulrike die Rede war.„Wir haben noch ein Stünd⸗ chen bis Mitternacht, verwende es dazu, mich mit dieſem Abſchnitt Deines Lebens bekannt zu machen.“ 157 Friedrich hatte nichts dagegen zu erinnern; die Glä⸗ ſer wurden wieder gefüllt und er begann: „Du erinnerſt Dich wohl noch meines Abgangs von Göttingen. Du bliebſt zurück, während ich von dem Willen meines Vaters nach Hauſe gerufen war, um einen praktiſchen Beruf anzutreten. Ich beſchloß des⸗ halb, die letzte Muße zu einer längern Reiſe durch das nördliche Deutſchland zu benutzen. So kam ich nach Hamburg. Eben hatte ich mir das lärmende Leben dieſer Kaufmannswelt mit ſeinen raffinirten Genüſſen und ſeinem bodenloſen Elend einige Tage beſchaut, als ſich mir eine unvermuthete Reiſegelegenheit nach Ber⸗ lin bot, die mich veranlaßte, meinen Aufenthalt abzu⸗ kürzen. Ich beſchloß am nächſten Morgen abzureiſen und hatte, da noch Mancherlei zu beſorgen war, noch ſpät in den Straßen zu thun. Es mochte nahe an Mitternacht ſein. Das iſt die Zeit, wo ſich in Ham⸗ burg das Lehen von den Straßen in die Keller und andere Häuſer flüchtet, um dort deſto ungebundener losſtürmen zu können. Ich hatte ſo eben noch das Al⸗ ſterbaſſin umwandelt und mich an dem Lichtmeere er⸗ götzt, das aus der dunklen Flut zurückſtrahlte, und bog nach der Hermannsſtraße ein, um in mein Hotel zu gelangen, als ich athemlos und keuchend eine dicht ver⸗ ſchleierte Frauengeſtalt an mir vorbeiſtürzen ſah. Viel⸗ 158 leicht hätte ich gar nicht beſonders darauf geachtet, wenn nicht unmittelbar darauf einige Männer gefolgt wären, deren derbes Ausſehen mit der erwähnten Er⸗ ſcheinung ſo ſehr contraſtirte, daß ſich mir unwillkürlich die Vermuthung eines beſondern Vorkommniſſes aufdrängte. Gefeſſelt dadurch ſah ich der Gruppe nach und meine Theilnahme ſtieg, als ich bemerkte, daß die Verfolgte, von der Flucht erſchöpft, an einen Mauervorſprung hinge⸗ ſunken war und daß die Verfolger nahe daran waren, ſie zu erreichen. Ohne eigentlich recht zu bedenken, was ich that, eilte ich hin und kam eben dazu, als der eine der Burſchen das halb ohnmächtige Mädchen mit ſcho⸗ nungsloſer Fauſt vom Boden emporriß.„Da haben wir die Mamſell“, rief er mit rohem Gelächter.„Nun ſoll ſie uns nicht wieder entwiſchen und das Trinkgeld wäre verdient!“ Die Andern— es waren Matroſen — ſchickten ſich an, zuzugreifen, als ſie mich gewahr wurden und, durch die Anweſenheit eines Fremden et⸗ was aus der Faſſung gebracht, einen Moment zurück⸗ traten. Das entging mir nicht und veranlaßte mich, ihnen energiſch die Frage hinzuwerfen, was ſie mit dem Mädchen vorhätten und wer ihnen das Recht gäbe, ſie zu verfolgen. Schnell gefaßt rief mir aber der eine zu, indem er wieder Hand an das Mädchen legte:„Was mengen Sie ſich in Dinge, Herr, die Sie 159 nichts angehen? Die Manſell iſt ihren Aeltern entlau⸗ fen, zu denen bringen wir ſie zurück!“« Trotz der Barſchheit, mit der dieſe Worte hervorgebracht wurden, blickte doch etwas wie die Unſicherheit eines ſchlechten Bewußtſeins durch dieſelben und beſtärkte mich in mei⸗ nem Verdacht. Auch war die kleine Zögerung hinrei⸗ chend geweſen, um die Hauptperſon der ganzen Ver⸗ handlung zu ſich ſelbſt und zum Ueberblick ihrer Lage zu bringen. Blitzſchnell hatte ſie ſich von dem Burſchen losgeriſſen und ſtürzte auf mich zu.„Retten Sie mich, mein Herr!« rief ſie.„Es iſt nicht wahr, daß man mich zu meinen Aeltern bringen will, ich bin meiner Mutter nicht entflohen!“ Ich glaubte genug zu wiſſen. „Ihr hört ſelbſt«, ſagte ich zu den Burſchen, die ver⸗ blüfft daſtanden,„wollt Ihr's darauf ankommen laſ⸗ ſen, daß der Polizeiherr die Sache unterſucht?“ Sie zögerten und hätten ihre Beute vielleicht nicht ſo leicht fahren laſſen, wenn nicht gleichzeitig die Straße her⸗ ab das Blinken von Waffen die Annäherung der Wache angekündigt hätte. Das entſchied: die Matroſen traten fluchend den etwas eiligen Rückzug an. Jetzt wandte ich mich zu meiner Geretteten, die mir noch immer voll Angſt zur Seite ſtand, und bot ihr den Arm, mit der Frage, wohin ſie geleitet ſein wolle.„Zu meiner Mut⸗ ter, mein Herr“, antwortete ſie raſch.„Gott, was wird 160 die Gute um mich ſchon ausgeſtanden haben! Sie be⸗ zeichnete mir Wohnung und Richtung und ſo ſchritten wir, nicht weiter beläſtigt, durch die Nacht dahin. Während des Gehens brach ſie in immer wärmere Er⸗ gießungen des Dankes aus, je mehr ſich die Nachwir⸗ kungen des gehabten Schrecks zu verlieren begannen. Sie erzählte, daß ſie mit ihrer kranken Mutter zuſam⸗ menlebe, die ſie mit ihrer Hände Arbeit zu erhalten genöthigt ſei. Zu dieſem Ende begebe ſie ſich jeden Tag in das Haus eines großen Kaufmanns, wo ihre Beſchäftigung darin beſtehe, bis zum ſpäten Abend mit vielen Andern Hemden und andere Leibwäſche für den Verkauf zu nähen. Eines Tages habe ſie die Auf⸗ werkſamkeit eines jungen Mannes auf ſich gezogen, der ſie von dieſer Stunde an mit Anträgen aller Art ver⸗ folgt. Obwohl ſie ihn auf das beſtimmteſte zurück⸗ gewieſen, habe er doch nicht nachgelaſſen, ſie zu be⸗ läſtigen, und habe ſogar ihre Wohnung ausfindig zu ma⸗ chen gewußt; ſie glaube daher auch ganz gewiß, daß der heutige Ueberfall von Niemand anders als von ihm herrühre. Ohne Zweifel habe er ſie, der fruchtloſen Bewerbungen müde, auf dieſe Art in ſeine Gewalt be⸗ kommen wollen. Sie war, erzählte ſie weiter, heute Abend von der Arbeit weg kaum einige Straßen weit gegangen, als ſie ſich auf einmal an einem etwas —— 161 menſchenleeren Platze von einigen Matroſen ergriffen und fortgetragen fühlte. Man hatte ihr den Mund verbunden und ſchleppte ſie ſo zu einer unweit bereit⸗ ſtehenden Kutſche hin. Zum Glück fingen die Pferde, als die Leute im vollen Laufe mit ihr heraneilten, un⸗ ruhig zu werden und zu bäumen an. Dadurch ent⸗ ſtand ein Aufenthalt und einige waren genöthigt, dem Kutſcher in der Bändigung der Pferde beizuſtehen. Dieſen Augenblick hatte ſie raſch benutzt, hatte ſich losgeriſſen, das Tuch vom Munde weggeſchleudert und war ſo glücklich entflohen.„O“, rief ſie wieder,„ich kann Ihnen nicht genug danken, mein Herr! Was wäre aus mir, aus meiner guten Mutter geworden! O kommen Sie, ſie muß Ihnen ſelbſt danken, das Entzücken eines liebenden Mutterherzens mag Ihnen vielleicht einiger Lohn für Ihre edle That ſein!« Ich hatte ihr gut bemerklich machen, daß mein Verdienſt um ſie im Grunde ein blos zufälliges ſei, daß ich nichts ge⸗ than, als was jeder Andere an meiner Stelle auch ge⸗ than haben würde, ſie ließ nicht ab, in mich zu dringen, bis ich mich entſchloß, nachzugeben und ſie zu ihrer Mutter zu geleiten. Zum Theil bewog mich dazu das Intereſſe an dem Mädchen ſelbſt, das ſchnell in mir entſtanden war, denn es lag etwas in ihrem ganzen Benehmen, in ihrer Erzählung, was wie Wahrheit Schmid, Mütze und Krone. II. 11 zum Gemüth ſprach, theils hatte ich ſie während der Erzählung genauer betrachtet und war von der hohen Schönheit, die ich entdeckte, überraſcht. Eine Schilderung iſt unnöthig, denn Du wirſt wohl ſchon errathen, daß es Ulrike war. Du kennſt ſie und ſo brauche ich nur hinzuzufügen, daß ſie damals kaum ſiebzehn Jahre zählte und in der vollen Blüte der erſten jugendlichen Entfaltung ſtand.“ Friedrich hielt einen Augenblick inne; es war, als verweile er in Gedanken bei einem freundlichen Bilde, das ihm vorüberzog. „Als ich mit Ulrike ihre Wohnung betrat, fand ich ein paar ärmlich, aber ſauber eingerichtete Zimmer. Einige Stücke der Einrichtung ſchienen die Ueberbleib⸗ ſel frühern Wohlſtandes, verblichener Eleganz zu ſein. Deſto unangenehmer war dafür der Eindruck, den Ulri⸗ kens Mutter auf mich machte. Es war eine Frau in guten Jahren, aber ein unverkennbar ſchon ſehr weit vorgeſchrittenes Lungenleiden ließ ihre Züge um Vieles älter erſcheinen. Mit der krankhaften Bläſſe derſelben und der ganzen welken Haltung ſtanden aber die Au⸗ gen in einem eigenthümlich widrigen Gegenſatz. In denſelben flackerte nämlich ein ſo unſtätes begehrliches Feuer, daß, was in einem jüngern Geſichte vielleicht Munterkeit oder Koketterie geheißen hätte, hier ein 163 grauenhaftes Gepräge unverbeſſerlichen Leichtſinns bil⸗ dete. Ich hatte natürlich nicht anders gedacht, als wir würden die Mutter bei unſerer Ankunft in Verzweiflung und in Thränen gebadet finden, ich hatte eine Scene des rührendſten Wiederſehns erwartet, ſtatt deſſen kam die Frau, als ſie nach längerem Pochen endlich die Thür öffnete, ſichtbar vom beſten, ſorgloſeſten Schlafe her und ſah uns mit Blicken an, die ebenſo gut Stau⸗ nen als Mißvergnügen ausdrückten. Deſto ſtürmiſcher war Ulrike: ſie flog dem Weibe unter einem Strome von Thränen an die Bruſt. Es dauerte lange, bis ſie ſich von der Erſchütterung erholte, die ſie bei dem Anblick der Mutter alle Schrecken und Beſorgniſſe des erlebten Abenteuers nochmals durchempfinden ließ. „O meine Mutter, meine gute liebe Mutter“, rief ſie unter lautem Schluchzen,„bald hätteſt Du Deine Ulrike nicht wiedergeſehen!« Als es endlich zu einer ruhigen Erzählung des Vorgefallenen kam, hatte ſich die Mutter ſchon ſo weit in die Lage gefunden, daß ſie in Ausrufungen des troſtloſen Schreckens und des Jam⸗ mers ausbrach und mich dazwiſchen wieder als den Retter ihres theuren Kindes mit Dankesausbrüchen überſchüttete. Mein Argwohn gegen ſie war jedoch be⸗ reits zu wach geworden, als daß ich das Alles für baare Münze nehmen konnte, und ſo entging mir nicht, 11* daß ſie alle dieſe Empfindungen zwar ziemlich täuſchend, aber doch wie eine eingelernte Rolle ſpielte. Sie jam⸗ merte, wie arglos ſie ſich zu Bette gelegt und nichts Uebles gedacht habe! Es ſei ſchon öfter vorgekommen, daß die Arbeit ungewöhnlich lange gedauert und daß Ulrike dann gleich bei der Familie ihres Arbeitsherrn über Nacht geblieben. Das habe ſie auch heute ver⸗ muthet, und währenddeſſen ſei ſie in Gefahr geweſen, ihr Liebſtes, ihr Einziges auf der Welt, ihr Kind, ihren Engel zu verlieren! Ich brauche Dir kaum zu ſagen, wie mich das anwiderte. Ich konnte mich des Ver⸗ dachts nicht erwehren, als ſei es darauf abgeſehen, mir eine Komödie vorzuſpielen, in der auch Ulrike eine Rolle habe, allein ein Blick auf letztere reichte wieder hin, dieſe Beſorgniß zu widerlegen. Ihr Schmerz, ihre Freude war echt und wahr, und das trat um ſo mehr hervor, je näher die unechte Folie dabei war. Ich ermüde Dich wohl durch meine breite Detailmalerei!“ unterbrach ſich Friedrich.„So will ich mich kürzer faſſen!“ „Du erzählſt einem Freunde“, antwortete Riedl, „alſo erzähle, wie ſich Dir die Sache gibt. Es iſt um ſo intereſſanter für mich.“ „So kam es denn“, fuhr Friedrich fort,„daß ich gehen und Abſchied nehmen mußte. Ulrike ſah mich, als ich es that, mit ihren großen dunklen Augen ſo ſchmerzlich bewegt an, als wolle ſie mich nochmals um Hülfe bitten.„Und ich ſehe Sie nicht wieder?“ fragte ſie und ihre Stimme zitterte. Ich wollte ihr eben antworten, daß ich bereits am Morgen abzureiſen ge⸗ denke, da fiel mein Blick auf die Mutter und begeg⸗ nete in deren Zügen einem ſo lauernden, wider⸗ wärtigen Ausdruck, daß ich erſchrak. Ich ſah Ulrike an und der Gedanke, daß ſie wohl noch Hülfe brauchen könne, wurde mir zu Gewißheit. Ich verſprach, ſie am kommenden Abend nochmals zu beſuchen, und ging. Mein Entſchluß gereute mich jedoch bald. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich die gute Reiſegelegenheit ohne mich abgehen und mich von einem Abenteuer hatte hin⸗ halten laſſen. Warunm ſollte ich das Mädchen nochmals be ſuchen! Es war kein Grund dazu vorhanden und doch wollte ich mein gegebenes Verſprechen nicht un⸗ erfüllt laſſen. Ueber dieſen Zweifeln war es Abend geworden, und ohne ſelbſt recht zu wiſſen, wie das ſo gekommen war, befand ich mich in der Nähe des mir bekannten Handlungshauſes, in dem Ulrike arbeitete. Nun nahm ich mir vor, ſie zu erwarten und bis nach Hauſe zu begleiten; auf dieſe Weiſe hatte ich meine Zuſage erfüllt und brauchte den zweckloſen Beſuch nicht zu machen.“ Bald kam Ulrike, und als ich ihr ent⸗ gegentrat, leuchtete aus ihrem ſchönen Antlitz eine ſo lebhafte innere Freude, daß es mir warm zum Herzen drang. Wir gingen zuſammen und brachten den Abend in ſo vergnügter Weiſe zu, daß ich mit Scheu an die Abreiſe dachte und nicht ungern zuſagte, als mich Ulrike ſchmeichelnd, die Mutter höflich kalt wiederzu⸗ kommen einlud. Ich kam auch wieder und— doch was ſoll ich da weiter erzählen! Da der Schluß des kleinen Romans ſchon feſtſteht, haben dieſe Einzelnheiten der Schürzung kein Intereſſe für den Zuhörer. Ich ver⸗ ſchob die Abreiſe von Tag zu Tag, gab dann meine Reiſe ganz auf und ſchrieb zuletzt ſogar nach Hauſe, daß ich mich noch einige Wochen in Hamburg auf⸗ zuhalten gedächte. Der Grund iſt zu errathen. Ich liebte Ulrike, ich ward geliebt, und die Tage floſſen uns in Seligkeit wie Stunden dahin. Inmitten meines Glücks verließ mich aber der Gedanke an die Zukunft nicht. Ich nahm mir vor, nächſtens vor die Mutter zu treten und durch eine offene Werbung die Sache zum erwünſchten Ende zu führen. Dieſe hatte ohne Zweifel wahrgenommen, wie es mit uns beiden ſtand, aber ſie gab ſich ſtreng den Anſchein des Gegentheils, ja es kam mir ſogar vor, als ob hier und da durch alle ihre Höflichkeit Widerwille und Haß gegen mich durchblickte. Ehe ich jedoch weiter erzähle, muß ich auch aus der Lebensgeſchichte dieſer Frau das Weſent⸗ 167 lichſte einſchalten, wie ich es inzwiſchen von Ulrike erfahren und durch ſeither eingezogene Erkundigungen ergänzt habe. Sie war die Tochter eines Cantors im Hannoveriſchen. Eine ſchöne Erſcheinung, beſondere Lebhaftigkeit und mehr als dies, ihre ungewöhnlich ſchöne Stimme weranlaßten ſie, ſich dem Theater zu widmen. Der Schritt war von entſchiedenem Erfolg begleitet und ſchnell befand ſich die junge gefeierte Sän⸗ gerin in einer Stellung, die nichts zu wünſchen übrig ließ. Ein nachgeborener Prinz des Hofes, an deſſen Theater ſie glänzte, fühlte ſich bald von ihr angezogen und ſie war leichtgläubig genug, ſeinen glänzenden und verführeriſchen Bewerbungen Gehör zu geben. Ulrike iſt die Frucht dieſer Verbindung, die man von ſeiten des Hofes überſah, bis der Prinz, der ſie wahrhaft ggeliebt zu haben ſcheint, daran dachte, ſie zu ſeiner Gemahlin zu erheben. Das entſchied Henriettens Loos— ſo hieß ſie— zum Unheil. Der Prinz wurde theils be⸗ redet, theils gezwungen, ſie aufzugeben, ſie mußte das Land verlaſſen; doch ließ ſie der Prinz nicht hülflos, er ſuchte ſie durch den Beſitz eines anſehnlichen Ver⸗ mögens mindeſtens in etwas für das zu entſchädigen, was ihr zu bieten ihm verwehrt war. Auch für das Kind, das jedoch im Lande zurückblieb und einer bra⸗ ven Familie zur Erziehung übergeben worden war, 168 wurde ein beträchtliches Kapital ausgeſetzt. Leider wurde aber Henriettens Leichtſinn und Genußſucht im⸗ mer überwiegender, ſie verſchwendete ihr Vermögen in kurzer Zeit und mußte froh ſein, wieder als Sängerin unterkommen zu können. Auch dieſe Exiſtenz wurde zuletzt immer kärglicher, je mehr mit der Zeit die Stimme abnahm. Dazu kam noch, daß durch ihre Lebensweiſe ein infolge der Anſtrengung entſtandenes Bruſtübel ſich zur wirklichen Krankheit ſteigerte. So ſtand ſie denn nach etwa zwölf Jahren dem bitterſten Mangel, der hülfloſeſten Zukunft gegenüber. Indeſſen war Ulrike bei den Leuten, denen ſie übergeben worden war, weniger erzogen worden, als herangewachſen. Man ließ es ihr zwar des bedeutenden Koſtgeldes wegen an nichts fehlen, ſie ward unterrichtet; aber das Alles mit einer widerwilligen Strenge, die dem weichen Herzen des Kindes bald fühlbar wurde und ihm die Jugend⸗ tage verbitterte. Sie empfand nur zu bald, daß ſie anders behandelt wurde als die eigenen Kinder der Familie, und die Liebe, die ſie vermißte, ward in dem jungen Gemüthe ein traumhaftes, heiß erſehntes Ideal. So kam es, daß ſie in ihrer kindiſchen Phan⸗ taſie das Bild der ungekannten Mutter, von der ſie nur ſelten aus weiter Ferne hörte, mit allem Schönen und Reizenden umgab und all ihren Vorrath von Liebe 169 an dieſes Bild wendete. Die Jahre hatten dieſe ſchwär⸗ meriſche Zärtlichkeit nur geſteigert und ihre Briefe an die Mutter waren der lautere Erguß hiervon, wenn auch deren Antworten immer kurz und kalt blieben. So ſtanden die Sachen, als in der Stadt, wo Ulrike wohnte, eine anſteckende Krankheit ausbrach und viele Menſchen hinwegraffte. Auch der Prinz, auch ihre Pflegeältern waren unter den Opfern, ſodaß ſie mit einem Mal ganz verlaſſen und verwaiſt daſtand. In dieſer Noth wandte ſie ſich, wie natürlich, an den Ab⸗ gott ihrer Seele, an ihre Mutter, und beſchwor ſie in einem glühenden Briefe, ſie zu ſich zu nehmen. Dieſer Brief kam gerade an, als Henriette dem Nichts gegen⸗ über ſtand; aus ihm ſchöpfte ſie neue Hoffnung, denn ihr Kind hatte ja Vermögen, das ſie beide in den Stand ſetzte, anſtändig leben zu können. Sie ſchrieb um das Kind, das man ihr, froh, es los zu werden, übergab. Wohl aus gleichem Grunde wurde ihr auch deſſen Eigenthum ohne lange Weigerung verabfolgt. Ulrike war zwei Jahre alt geweſen, als ſie von der Mutter getrennt wurde; jetzt war ſie zu einem vierzehn⸗ jährigen Mädchen voll der ſchönſten Hoffnungen heran⸗ gewachſen. Das Entzücken des Wiederſehens bei ihr war ſo ſtürmiſch, daß es auch die Mutter mit fortriß, die, wenn auch über das Ausſehen ihrer Tochter er⸗ ———õmmůõ———ÿÿ— 5 — — —— freut, dennoch mehr den Vortheil berechnete, den ſie ihr brachte. So begann beiden eine angenehme Zeit: der Mutter in den beſten Vorſätzen, die wiedererlangte Wohlhabenheit zu behaupten, der Tochter in dem na⸗ menloſen Glück, daß ſie nun auch eine Mutter hatte, eine Mutter, die ſie hätſchelte und mit Liebkoſungen überhäufte. Leider wurde aber in dieſer der alte Hang zum Wohlleben nur zu bald wieder rege; einige Zeit kämpfte ſie dagegen, dann brach der Damm der Scheu und im Strome raſender Verſchwendung rann das koſtbare Vermögen bald unwiederbringlich dahin. Ul⸗ rike entging natürlich die eingetretene Veränderung der Lebensweiſe nicht; aber theils ließ ihr unbegrenztes Vertrauen auf ihre Mutter keine ernſtliche Befürchtung in ihr Wurzel faſſen, theils hätte es ihre Liebe nicht zugelaſſen, ſie durch irgend eine Bemerkung von der Erfüllung auch nur des kleinſten Wunſches abzuhalten. Sie hatte darum auch, als die unvermeidliche Ebbe eintrat, nicht nur keinen Laut des Vorwurfs für die thörichte Mutter, ſondern ſie fand ſich ſogar mit einer Art von Vergnügen in die neue Lage, welche nun die ganze Laſt des Unterhalts für die geliebte Mutter auf ſie legte und ihr dadurch jede Arbeit zum Genuſſe machte. So lebten ſie eine geraume Zeit ſpärlich, aber ohne eine andere drückende Sorge als den immer mehr 171 wankenden Geſundheitszuſtand der Mutter. Ulrike war vergnügt, die Mutter mit geheimem Groll in das Un⸗ vermeidliche ergeben. Die Bewerbung des jungen Man⸗ nes, aus deſſen Hand ich Ulrike gerettet hatte, war die erſte Störung dieſer gleichmäßig ſich abſpinnenden Tage. Eines Tags nun, während ich Ulrike von Hauſe abweſend wußte, begab ich mich dahin, um mit der Nutter Abrede zu nehmen. Als ich hinkam, traf ich die äußere Thür gegen Gewohnheit offen und wollte ſchon eintreten, als mich ein Klang, wie wenn Geld auf einen Tiſch gezählt wird, veranlaßte, einzuhalten. Zugleich hörte ich eine mir unbekannte Männerſtimme im Geſpräche mit der Mutter und in dieſem Geſpräche die Beſtätigung meiner Vermuthung. Es war ein Diener des Grafen, wie er ihn nannte, der ihr goldene Berge von der Gunſt ſeines Herrn verſprach, wenn er diesmal zum Ziele käme. Mit einer Empfindung, die ich nicht zu beſchreiben vermag, hörte ich, wie das ent⸗ menſchte Weib die Tochter, von der ſie ſo grenzenlos geliebt war, um elenden Sündenlohn, um ſich ein paar Tage des Wohllebens zu verſchaffen, verkaufte und einen Plan verabredete, der nur aus der Seele eines ſolchen Teufels kommen konnte. Damit ich nicht im Wege ſtände, ſollte ich unter einem Vorwande ver⸗ 172 anlaßt werden, früher zu gehen als gewöhnlich; dann ſollte die Mutter Ulrike in einer Taſſe Thee ein ſchlafbringendes Mittel eingeben, das ſie willenlos in die Hände ihres Verderbers liefern würde. Sie ſelbſt wollte ſich den Anſchein geben, als habe auch ſie von dem Schlaftrunk genoſſen und ſei dadurch außer Stande geweſen, dem Kinde zu helfen. So dachte ſie ſich gegen Ulrikens Vorwürfe zu ſchützen, wenn dieſe ja nicht gute Miene machen und ſich in das einmal Geſchehene fügen ſollte. Das Geräuſch des Aufbruchs trieb mich zu rechter Zeit die Treppe hinunter, die ich dünn, als wenn ich eben käme, wieder hinaufſtieg. So begegnete ich dem Bedienten, an dem ich wie völlig arglos vorüberging. Er mochte mich kennen, denn er ſah mich mit einem ſo niederträchtig höhniſchen Lä⸗ cheln an, daß es mir unvergeßlich geblieben iſt. Ich glaube, unter Tauſenden würde ich dieſe Galgen⸗ phyſiognomie auf den erſten Blick erkennen. Ich kehrte mich nicht an ihn und trat raſch, ohne anzuklopfen, in das Zimmer. Die Schändliche, keines Ueberfalls ge⸗ wärtig, hatte es in der Haſt, ſich am Anblick ihrer Beute weiden zu können, verſchmäht, die Thür zu ſchließen. So traf ich ſie denn völlig unvorbereitet vor dem Tiſche ſtehend, auf welchem eine Anzahl Gold⸗ ſtücke blitzte. Schweigend ſtanden wir uns einen Mo⸗ 173 ment gegenüber, dann ſank ſie keuchend in einen Stuhl zuſammen, denn ſie las in meinem Blick, daß ich Alles wußte. Erlaß mir die Schilderung der Erbärmlichkeit, in der ſich das Weib vor den vernichtenden Worten meines Zorns wand. Das Ende war, daß ich ihr erklärte, Ulrike ſolle meine Gattin werden; ſie ſelber aber ſolle uns nicht folgen, ſondern fern von uns erhalten, was ſie bedürfe. Unter der Bedingung ihrer Zuſage verſprach ich, Ulrike ihre Schändlichkeit zu verſchweigen. Zerknirſcht verſprach ſie Alles!“ Friedrich athmete auf, um ſich von der Aufregung zu erholen, in die ihn noch die bloße Erinnerung ver⸗ ſetzte. Riedl ehrte den Zuſtand des Freundes durch theilnahmvolles Schweigen. „Laß uns zu Ende kommen“, begann Friedrich nach einer Weile wieder.„Als ich am Abend mit Ulrike in die Wohnung zurückkehrte, theilte ich ihr mit, daß es der Wille ihrer Mutter ſei, daß ſie von ihr gehe, und daß ich ſie zu einer Schweſter meiner Mutter zu bringen gedenke, wo ſie bleiben ſolle, bis unſere Ver⸗ bindung geſchloſſen werden könne. Obwohl ihr die Trennung von der Mutter ſchwer ſiel, willigte Ulrike doch ein und tröſtete ſich mit der Hoffnung baldigen Wieder⸗ ſehens. Zu Hauſe angekommen, trafen wir die Scene ſo verändert, daß alle unſere Pläne eine Aenderung erlitten. Die Mutter war tödtlich erkrankt. Die Er⸗ ſchütterung des zwiſchen uns Vorgefallenen war für den morſchen Körper zu ſtark geweſen— ein Blutſturz hatte die letzten Reſte der Kraft hinweggenommen. Aſchenfahl lag die Sterbende da und vermochte kaum ein leiſes Wort herauszubringen. Den Schmerz Ulri⸗ kens zu beſchreiben iſt unmöglich; aber je leidenſchaft⸗ licher ſich derſelbe Luft machte, deſto herzzerreißendere Qualen litt die elende Mutter, die nun, ſo plötzlich dem Ende aller Erdenfreuden gegenüber, von der bitter⸗ ſten Reue zerfleiſcht wurde. Jeder Klagelaut, jede Thräne der Tochter war ein Todesſtoß in das vom Gefühl ſeiner Unwürde gemarterte Herz, und doch ver⸗ mochte ſie es nicht, Ulrike die eigene Schandthat zu entdecken. Sie fürchtete dadurch auch dieſe von ihrem Lager zu ſcheuchen. Dieſe grenzenloſe und ſo ſchlecht vergoltene Liebe war ja der einzige Troſt auf ihrem ruheloſen Sterbelager. Als ſie ſchwächer wurde, hob ſie die Hände noch wie zu einer Bitte, die Lippen verſuchten zu ſprechen, indem ihr Auge vergehend auf Ulrike hinzeigte. Ich faßte Ulrikens Hand und ge⸗ lobte der Sterbenden feierlich, ſie zu meiner Gattin zu machen. Sie lächelte, und bald lag das traurige Opfer des Leichtſinns und der Verſchwendung nach einem neuen Anfall des Blutbrechens entſeelt da! 175 Was nun folgt, iſt einfach. Ich brachte Ulrike, wie ich zuvor beſchloſſen, zu meiner Tante, die ſie gütig aufnahm. Bei ihr blieb ſie faſt fünf Jahre, bis mir meine Verhältniſſe es möglich machten, ſie heimzu⸗ führen. Dieſer Aufſchub aber war mir zum Heile, denn ſie hat ſich während dieſer Zeit in einer Weiſe bewährt, die mich meine raſche Wahl und mein Ge⸗ löbniß nicht bereuen ließ. Ich hoffe der ſchönen Tage noch viele an ihrer Seite zu verleben!“ „Das gewähre Dir der Himmel!“ rief Riedl und drückte Führer die Hand.„Es heißt wahrlich mit Recht: Wohl dem Manno, der ein tugendlich Weib hat, deß lebt er noch eins ſo lange!“ Damit ſchieden ſie. Friedrich geleitete Riedl zum Thore, das er hinter ihm ſchloß. Erheitert und ge⸗ hoben blickte er in den Nachthimmel hinauf, der inzwi⸗ ſchen aufgeklärt von zahlloſen Sternen blitzte und ihn mit erfriſchender Kühle anwehte. Dann ſchritt er auf demſelben Wege, den wenige Stunden zuvor Ulrike mit ſo ſchwerem Herzen ge⸗ wandelt war, in freudiger Stimmung ſeiner Woh⸗ nung zu. Sechstes Kapitel. Hohe Jagd. Es dämmerte ſchon ſehr ſtark, obwohl kaum vier Uhr vorüber war. Der Himmel, den ganzen Tag über in tiefes Grau gekleidet, trug das Seine bei, die Dunkelheit eher einbrechen zu machen. Zudem dauerte das Schneegeſtöber, das ſchon ſeit einigen Tagen an⸗ gehalten hatte, fort und machte Wege und Straßen geradezu unpaſſirbar. Wo der Wind auf irgend ein Hinderniß traf, häufte er ganze Berge von Schnee zuſammen, durch die erſt mühſam Bahn gemacht wer⸗ den mußte. Mit all dieſem Ungemach kämpfend rollte auf offe⸗ nem Blachfeld ein eleganter Reiſewagen dahin. Der Kutſcher war ſichtlich bemüht, die Pferde zu ſtärkerem 4( Laufe anzutreiben, allein dieſe ſchienen ermüdet und arbeiteten ſich nur widerſtrebend durch den immer tiefer werdenden Schnee. Plötzlich, bei einer Wendung der Straße, ſtanden ſie vor einem kleinen Hohlweg ſtill, der vollſtändig mit Schnee ausgefüllt war. Der Kut⸗ ſcher ſtieg ab, um den Weg zu unterſuchen; bald aber kam er wieder zurück und trat an den Kutſchenſchlag. „Es geht nicht mehr weiter, Euer Gnaden“, ſagte er, denſelben etwas öffnend.„Wir können die Station nicht mehr erreichen. Der Hohlweg da iſt ganz zuge⸗ deckt, zehn Mann hätten ein paar Stunden zu thun, bis ſie einen Weg ausgeſchaufelt hätten. Und wenn wir auch durchkönnten, es wird bald ſo finſter ſein, daß man die Hand vor den Augen nicht ſieht. Wir riskiren, im Schnee ſtecken zu bleiben oder in eine ver⸗ ſchneite Schlucht zu ſtürzen, wenn wir gegen den Wald hinkommen!“ „Aber was iſt da zu thun?“ antwortete Primitiva aus dem Wagen hervor.„So unlieb mir auch die Verzögerung iſt, muß ich mich wohl in die Unmöglich⸗ keit finden; allein wo ſollen wir die Nacht zubringen?“ „Wenn Euer Gnaden da hinüberſehen gegen die Anhöhe hin— dort, am Anfang des Waldes, der ſo ſchwarz herſieht, liegt das Jagdſchloß Adelhoven. Es iſt zwar nicht bewohnt, aber der Aufſeher wird uns Schmid, Mütze und Krone. II. 12 178 doch ein Unterkommen geben können. Bis dahin getrau' ich mich wohl noch zu kommen.“ „So thue es“, antwortete Primitiva,„ich bin damit zufrieden!“ Fröſtelnd drückte ſie ſich wieder in die Kiſſen des Wagens neben ihre Begleiterin zurück und fuhr fort:„Ich kenne die Frau des Burgwarts. Sie war die Kammerfrau meiner ſeligen Mutter und hat mich aufgezogen. Die wird uns gern aufnehmen.“ Währenddeſſen war der Kutſcher bemüht, die Pferde zu wenden, und fuhr eine Strecke zurück. Bald bog er auf ein kleineres Seitenſträßchen ein, wo ein noch ganz friſches Gleis zeigte, daß erſt kurz zuvor ein Fuhrwerk des Wegs gekommen ſein mußte.„Es wäre doch verflucht“, brummte der Kutſcher in den tropfenden Bart,„wenn uns ſchon Jemand zuvorgekom⸗ men wäre und den beſten Platz weggenommen hätte!“ Heftig hieb er auf die Pferde, die nun, baldige Ruhe witternd, friſcher anzogen. Bald trat der Hügel mit ſeinen ſchwarzgrünen Tannen in immer deutlichern Umriſſen hervor, bald wurden auch die dunklen Con⸗ touren der Schloßthürme und Zinnen an dem Nacht⸗ himmel dem an die Finſterniß gewöhnten Auge er⸗ kennbar. Das Schloß war ein gut erhaltenes Gebäude im Stile der Ritterzeit. Auf den Vorſprung einer ziemlich 179 abſchüſſigen Anhöhe gebaut, ragte es über die hohen Mauerkanten mit Thurm und Warte recht leicht und zierlich empor. Insbeſondere bot, als der Wagen über die für immer niedergelaſſene Zugbrücke an das Thor gelangte und dieſes auf ein Zeichen mit der Glocke geöffnet wurde, der Schloßhof beim Hervortreten aus dem niedrigen gewölbten Thorweg einen überraſchend maleriſchen Anblick. Die Streiflichter der Laternen gaben dem Bilde einen eigenthümlich ſchwankenden Cha⸗ rakter und reichten dennoch vollkommen hin, die Schlank⸗ heit der Fenſterſpitzbogen, ſowie die Leichtigkeit der —perſchiedenen durchbrochenen Verzierungen zu erkennen⸗ welche das Wohngebäude gleich künſtlich daran empor⸗ gezogenen Schlingpflanzen umrankten. Der Wagen hielt. Ein alter Mann trat an den Schlag, warf den Tritt herunter und war Primitiva beim Ausſteigen behülflich, während eine gleichfalls ſchon bejahrte Frau mit der Laterne daneben ſtand. „J du meine Güte“, rief plötzlich die Frau, als ſie Primitiva's anſichtig ward,„Sie ſind's, Fräulein von Falkenhoff? Sind Sie'’s denn wirklich? Nein, hätt' ich mir doch eher ſonſt was einfallen laſſen, als daß mir heut noch eine ſolche Freude zu Theil würde!“ „Ich bin es allerdings, liebe Gertraud“, erwiderte Primitiva freundlich.„Das Unwetter hat es mir un⸗ 12* 180 möglich gemacht, weiter zu reiſen, und da ich Dich hier wußte, hoffte ich, Du würdeſt wohl für eine Nacht mich beherbergen können.“ „J von Herzen gern“, rief die freundliche Alte wieder,„aber kommen Sie nur erſt in die Stube herein. In dem greulichen Wehen könnten Sie ſich ja bitter erkälten.“ Primitiva folgte der Alten in die an den Thor⸗ bogen angebaute freundliche Stube. Ihr Mann half unterdeſſen dem Kutſcher die Pferde in dem geräu⸗ migen Stall unterbringen und den Wagen unter ein Vordach ſchieben, wo er vor dem Wetter geſchützt war Gertraud ließ ſich in der Stube nich ucren Primitiva die Reiſekleider abzunehmen.„Laß Sie nur mich machen, mein Kind“, ſagte ſie zu deren Beglei⸗ terin, die dieſen Dienſt verrichten wollte.„Unſerins verſteht das auch noch, und weil das gnädige Fräulein heut doch einmal unter meinem ſchlechten Dache iſt, will ich auch den Dienſt wieder thun, den ich ſo viele Jahre gethan habe.— Du lieber Gott“, fuhr ſie dann wieder fort, während Primitiva ſie lächelnd gewähren ließ,„es iſt nur ein Kreuz, daß Sie gerade heut zu uns kommen müſſen! Gerade heut, wo ich kaum ein Fleck⸗ chen im ganzen Schloſſe habe, um Sie ordentlich un⸗ terzubringen!“ 181 „Wie ſo?“ fragte Primitiva ſtaunend.„Iſt denn das Schloß bewohnt?“ „Nichts weniger als das“, erwiderte Gertraud, in⸗ dem ſie den Tiſch abwiſchte und den Staub von dem Stuhle blies, auf den ſich Primitiva niederlaſſen mußte. „Kaum ein paarmal im Jahre, daß wir andere Geſell⸗ ſchaft haben als die Eulen und Dohlen unter der Thurmuhr, aber morgen, müſſen Sie wiſſen, iſt große Jagd bei uns. Da hat der Herr Baron eine Menge Gäſte aus der Nachbarſchaft und aus der Reſidenz ein⸗ geladen. Für die haben wir ſchon ſeit ein paar Tagen Alles herrichten und in Bereitſchaft ſetzen müſſen. Heut noch ſollen die meiſten kommen und droben im kleinen Waffenſaal wird geſpeiſt. Bis jetzt iſt aber erſt ein einziger da, ein alter Herr; wie Sie kamen, dachten wir auch nicht anders, als es ſei Jemand von der Jagdgeſellſchaft.“ „Es thut mir leid“, ſagte Primitiva,„wenn ich Dir Ungelegenheiten bereite, aber da es nun einmal ſo iſt, ſo ſieh eben, wie Du mich unterbringſt. Dabei ſieh zu, daß meine Anweſenheit nicht bekannt wird, ich will blos Dein Gaſt ſein und Niemand läſtig fallen. Auch Du laß Dich nicht ſehen“ fuhr ſie zu ihrem Mäd⸗ chen gewendet fort,„nenne jedenfalls meinen Namen nicht. Sag' es auch dem Kutſcher.“ 8 182 „Darüber ſeien Sie außer Sorgen“, rief Gertraud. „Wagen und Pferde werden unter den andern Niemand auffallen und meinen Alten werd' ich auch ſchon in⸗ ſtruiren. Und für das Unterkommen iſt auch geſorgt! Ich lege Sie hinauf in unſere gute Stube, da ſteht das Brautbett meiner Lieſe, das heißt, wenn ſie einmal Braut wird. Jetzt iſt ſie drüben im Städtchen im Dienſt. Das Bett hat noch kein Menſch berührt, in dem ſollen Sie ſchlafen wie ein neugeborenes Kind! O, Sie ſollen Alles finden, als wenn Sie daheim wären, ich weiß noch ganz wohl, wie Sie es wünſchen!— Heut muß Sie ſchon mich ſchalten laſſen, Jungfer⸗ chen“, ſagte ſie zu dem Mädchen weiter;„heut will ich Ihren Dienſt verrichen, das laſſ' ich mir nicht nehmen! War ich doch lang genug bei dem Fräulein und wär' es wohl noch, wenn ſie nicht in die Stadt und an den Hof gekommen wäre!“ „Oder“, lächelte Primitiva,„wenn Dich mir nicht Dein Alter entführt und zur Schloßverwalterin ge⸗ macht hätte!“ „Sie mögen auch Recht haben“, kicherte Ger⸗ traud vergnügt,„aber wer weiß, was doch geſche⸗ hen wäre, wenn— da kommt er ja eben, der Alte! — Nau“, rief ſie dem Eintretenden entgegen,„nun mache erſt dem gnädigen Fräulein Dein Compliment! 4 183 Siehſt Du, das iſt das liebe engelgute Fräulein, von dem ich Dir ſo oft erzählt habe! Ach wie ſich die Zeiten ändern! Seh' ich ſie doch noch leibhaft vor mir, wie ſie ein Kindchen war, nicht höher als der Tiſch da, und wie ſie mit den Knaben im Wald und auf der Wieſe herumraſaunte! Wiſſen Sie noch, der gnä⸗ dige Herr ſagte immer, er wolle Ihnen auch Hoſen machen laſſen. Was er wohl macht, der gute gnädige Herr? Er iſt doch geſund und wohlauf?“ „Das iſt er“, entgegnete Primitiva.„Ich bin eben im Begriffe, ihn zu beſuchen. Sein dringender Wunſch, mich recht bald zu ſehen, hat mich veranlaßt, die Reiſe trotz des ſchlechten Wetters ſchon heute anzutreten.“ „Nun, ſo kommen Sie morgen um ſo frühzeitiger hin“, rief Gertraud, unterbrach ſich aber plötzlich, wie Jemand, der über einen unvermutheten Gedanken er⸗ ſchrickt.„J du meine Güte“, jammerte ſie.„Da plaudre ich und plaudre und denke gar nicht daran, daß das Fräulein hungrig und durſtig ſein wird! Gleich ſoll aber nun eine Abendmahlzeit fertig ſein, die ſich gewaſchen hat!“ Trotz Primitiva's Einwendungen eilte ſie hinaus; auch der Burgwart folgte ihr, weil eben die Thorglocke die Ankunft neuer Gäſte ankündigte. Ein Schlitten fuhr herein, von ein paar ſchnauben⸗ 184 den Roſſen gezogen, die von der Erhitzung des raſchen Laufes dampften. General Bauer und die beiden Schroffenſtein, ſämmtlich in Jagdkleidern, waren die Ankömmlinge. Auf ihre Frage erwiderte der Burg⸗ vogt, daß bereits ein Herr gekommen ſei und wohl im Speiſeſaale warten werde. Dann geleitete er ſie die enge, gewundene Steintreppe hinauf, wo ihnen ein Diener entgegentrat, der ſie in einen mäßig großen, mit allerlei altem Waffenwerk verzierten Saal eintreten ließ, deſſen erleuchtete Bogenfenſter nach der Rückſeite des Schloſſes hinausgingen. Overbergen, der an einem der Fenſter geſtanden, trat den Ankommenden mit lachendem Gruße entgegen. „Seien Sie willkommen, meine Herren!“ rief er.„Es iſt ſchön von Ihnen, daß auch Sie vor der be⸗ ſtimmten Stunde eintreffen und mich aus meiner Ein⸗ ſamkeit erlöſen. Die Ankunft dieſer beiden Herren“, fuhr er dann, ſich gegen den General wendend, fort, „habe ich wohl mit Zuverſicht erwartet; daß auch Sie kommen, Herr General, beweiſt mir, daß unſere Sache um einen guten Kämpen reicher geworden iſt!“ „Ja und nein“, antwortete der General kurz, doch mit verbindlicher Verbeugung.„Sie werden es einem alten Soldaten zu gute halten, wenn er ſeine Mei⸗ nung nicht verblümt, ſondern damit gerade heraus geht. 185 Ein Herr im Himmel und einer auf der Erde— das iſt mein Satz, und weil das neue Regiment viele Herren ſchaffen will, ſtatt des einen, bin ich dagegen, bin von der Partei und kann alſo auf Ihre Frage mit ja ant⸗ worten. Was aber den frommen Pfaffenkram angeht, den Ihr ſonſt dahinter habt— apage satanas, da⸗ mit hab' ich nichts zu ſchaffen und ſo muß ich wieder mit nein antworten.“ „Das heißt?“ fragte Overbergen gedehnt, indem er den Redenden fixirte. „Das heißt, daß es im Kriege hier und da vorkommt, daß man ſich mit einem in ein Bündniß einlaſſen muß, den man nicht ausſtehen kann. Unſere Vortheile gehen zufällig denſelben Weg, alſo habe ich nichts dagegen, wenn wir auch eine Zeit lang mit einander gehen und uns gegenſeitig zu dem helfen, was jeder will! Dann aber haben wir, ſeit ich nun weiß, was Sie wollen, nichts mehr mit einander zu ſchaffen.“ „Ich verſtehe Sie“, entgegnete Overbergen ſichtlich erheitert,„und bin weit entfernt, Ihnen Ihre Offen⸗ heit übel zu nehmen, vielmehr bin ich darüber ſehr erfreut! Sie zeigt mir, wie nahe verwandt ſich unſere Beſtrebungen im Weſen ſind. Sie fechten für den einen Herrn auf Erden, wir wirken für den einen Herrn im Himmel, den man auch abſetzen und durch menſchen⸗ 186 geſchaffene Götzen erſetzen will. So ſind wir im Grunde eines Sinnes und alles Andere ſoll uns nicht ent⸗ zweien!“ Der General nickte und machte ſich mit Beſichtigung der an den Wänden aufgehängten Waffenſtücke zu thun.„Sie ſehen uns ſo vollſtändig überraſcht als nur möglich“, begann Graf Schroffenſtein zu Over⸗ bergen.„Ich und mein Sohn haben beide hinter der Einladung des Barons Adelhoven zur Jagd nichts weiter geſucht und geſehen als eine einfache Einladung. Hätten wir gewußt, was wir unterwegs aus den Mittheilungen des Generals entnommen haben, um was es ſich hier handelt, ſo hätte ich mich meines Theils ſicher be⸗ dacht—“ „Doch wohl nicht zu kommen?“ fragte Overbergen entgegen und um ſeinen Mundwinkel blitzte der Spott der Ueberlegenheit.„Kenne ich etwa Ihre Anſichten nicht? Weiß ich nicht, wie ſehr Ihnen daran liegen muß, die einſt beſeſſene Macht wiederzugewinnen? Und was riskiren Sie am Ende? Die vorgeſchützte Jagd in dieſer Jahreszeit und auf den Gütern eines ſo bekannten Jagdliebhabers, wie Baron Adelhoven, iſt ein Vorwand, unter dem alle Gleichgeſinnten hier völlig verdachtlos und ohne daß es im mindeſten auf⸗ fällt, zuſammenkommen können. Laſſen wir denn gegen⸗ ſeitig eine Maske fallen, die beiden nichts mehr nützt. Sie wiſſen nun, was ich will; geben Sie es denn auch auf, vor mir eine Rolle zu ſpielen!“ „Aber ich weiß wirklich nicht“, rief Schroffenſtein, deſſen Tournüre vor dem Benehmen Overbergen's in eine ihm ſelbſt unerklärliche Befangenheit umſchlug, „wie Sie, mein Herr, dazu kommen, ſolche Voraus⸗ ſetzungen und mit ſolcher Beſtimmtheit auszuſprechen! Ihr Plan, das Land katholiſch zu machen—“ „Wer ſpricht denn davon?“ rief Overbergen.„Muß ich auch Ihnen erklären, um was es ſich eigentlich handelt? Die neue Regierungsform dieſes Landes ſoll weggeſchafft, das Geſetz, durch das man ſie feſt zu grün⸗ den vorhat, ſoll mit ſeinem Urheber beſeitigt werden— das iſt Alles! Meine heilige Kirche iſt betheiligt, daß das geſchehe, denn dieſe Aenderungen ſind gegen den Geiſt der Einheit, von dem ſie durchdrungen iſt. Des⸗ halb bietet und leiht die Kirche ihre Macht denen, die an dieſem löblichen Werke arbeiten. Wenn ſie ſich für dieſen Beiſtand eine kleine Vergütung ausbedingt, iſt das unbillig? Oder iſt es eine unbillige Forderung, ein Recht zurückzufordern, deſſen Ausübung die Macht der Umſtände eine Zeit lang nicht geſtattete?“ „Hier iſt nicht von einem einzelnen Recht oder von Rechten die Rede“, fiel der jüngere Schroffenſtein —ꝛöö 188 etwas gereizt ein,„die römiſche Kirche ſoll zur herr⸗ ſchenden gemacht werden, darum handelt es ſich!“ „Wenn nun aber die Mehrzahl des Volks oder doch der gewichtigere, der bedeutendere Theil deſſelben ſich ihr von ſelbſt wieder zuneigt? Wäre dann, was Sie ſagen, nicht eine ganz natürliche Folge? Das gute alte Staatsrecht früherer Zeit hatte den Grundſatz: Cujus regio, ejus religio— wie dann, wenn wir uns in der Lage befänden, dieſen Grundſatz umzukehren?“ Die Beiden ſtutzten.„Sie wollen doch damit nicht andeuten, als ob Seine Durchlaucht—“ ſagte der Vater. „Ich will vor der Hand nichts weiter andeuten“, antwortete Overbergen,„als daß wir uns des Schutzes einer höchſten Perſon verſichert halten dürfen.“ „Einer höchſten Perſon?“ murmelte der Vater be⸗ treten. Der Sohn aber rief:„Und wenn auch, mein Herr! Das Geſchlecht der Schroffenſtein hat von jeher einen Ruhm darin geſucht, zu den Verfechtern der ge⸗ reinigten Lehre zu gehören. Es wird niemals—“ „Die Familie Schroffenſtein wird nichts gegen uns thun“, erwiderte Overbergen mit dem Ausdruck der ruhigſten Sicherheit.„Ich habe eine Bürgſchaft dafür, die mich nicht täuſchen kann. Doch davon ſpäter! Es kommen neue Gäſte. Ich werde die Ehre haben, recht bald ausführlich mit Ihnen davon zu reden!“ 624 189 Er verbeugte ſich höflich und ging. Verwundert ſahen ſich die Zurückbleibenden an.. „Was ſagſt Du dazu?“ rief endlich der Vater. „Ich ſage“, entgegnete der Sohn,„daß dieſer Herr ein Unverſchämter iſt, den ich züchtigen werde! Be⸗ nimmt er ſich doch, als ob er uns in der Taſche hätte und nur zu befehlen brauchte!“ „Es hat den Anſchein“, erwiderte trübſelig der erſtere, während Clemens immer aufbrauſender fortfuhr:„Der ſchwarze Herr irrt, wenn er glaubt, wir ſeien geneigt, unſere Selbſtſtändigkeit zu vergeben. Ich werde ihm zeigen, daß er ſich verrechnet hat!“ Vom Hofe herauf war inzwiſchen das Läuten der Thorglocke und dann Pferdegetrapp hörbar geworden. Es war der Herr des Schloſſes, der junge Baron Adelhoven, der mit einigen benachbarten Cavalieren angeſprengt kam. Jetzt ſtürmten ſie die Treppe herauf in den Saal. „Du magſt ſagen, was Du willſt, Feuring“, rief Adelhoven lachend,„ich habe gewonnen; meine Liddy war deiner Mira um einen halben Pferdekopf vor. Ah, guten Abend, meine Herren“ fuhr er dann, ſich unterbrechend, fort.„Seien Sie mir willkommen. Was meinen Sie, der Sturm läßt nach, es wird etwas an⸗ ziehen, glaub' ich, und wir werden morgen das ausge⸗ 190 ſuchteſte Jagdwetter haben. Nun, wir müſſen auch eilen, uns noch einmal gütlich zu thun, denn wenn das 1 Jagdrecht aufhört, werden die Bauern bald dafür ſor⸗ gen, daß wir nichts mehr finden!“ Während ſich die Geſellſchaft begrüßte, ging Adel⸗ hoven auf Clemens zu.„Du auch ſchon hier?“ ſagte er.„Nun, ich gebe Dir doch glänzende Revanche für den Stadthausball? Iſt das nicht ein feines Jagen, zu dem ich Dich einlud?“ „Ich bin Dir eben nicht ſehr verbunden“, erwiderte Clemens.„Du hätteſt mir wohl einen Wink geben können, was hinter der Jagd ſteckt!“ 4 „Wozu? Auch wär' es nicht angegangen, ſo etwas muß man behutſam anfaſſen. Da ſiehſt Du meinen praktiſchen Sinn. Zudem wußte ich ja, wie Du denkft, und daß Du nicht zurückbleiben würdeſt, wenn es ſich um den Adel und ſeine Vorrechte handelt. Aber ſage mir“, brach er wieder ab,„was meinſt Du dazu, daß wir in nicht ganz einer Stunde von Kerkingen herüber⸗ geritten ſind? Du hätteſt meine Liddy ſehen ſollen, es iſt ein Prachtthier. Morgen ſollſt Du ſie bewundern.“ Die Ankunft neuer Gäſte unterbrach den Entzückten, weil er als Herr des Schloſſes genöthigt war dieſelben zu begrüßen. Die Gekommenen gehörten ebenfalls dem Adel der Umgegend oder der Reſidenz an. Die 191 Geſellſchaft betrug etwa zwanzig Köpfe. Adelhoven überblickte ſie und gab das Zeichen zur Tafel.„Laſſen Sie uns zu Tiſche gehen, meine Herren“, rief er,„wir ſind vollzählig. Wir wollen uns Kraft und Feuer holen, eh' es an das Hetzen geht, was meinen Sie?“ Man lachte und ſetzte ſich in bunter Reihe, wie es eben der Zufall gab. Man fand des Barons Küche ausgezeichnet, ſeine Weine rein und fein, und die Unter⸗ haltung wurde bald ziemlich laut und munter. Jemand, der zufällig dazu gekommen wäre, hätte wohl nichts Anderes zu ſehen geglaubt als eine Geſellſchaft waid⸗ gerechter Jagdfreunde. Es war ſchon ziemlich ſpät in der Nacht, als man endlich anfing, ſich zu erheben. Nur Einzelne blieben noch am Tiſche beiſammen ſitzen, während Andere plaudernd in Gruppen ſtanden oder auf und ab gingen. Niemand aber dachte daran, ſich zu entfernen, und mancher Blick fiel wie fragend auf Adelhoven, wann denn endlich zum Hauptzweck der Zuſammenkunft geſchritten werden ſolle. Wie zufällig trat Adelhoven an Overbergen heran, der an ein Fenſter gelehnt anſcheinend völlig gleichgültig in den Saal blickte. „Nun, wie iſt's?“ flüſterte er.„Wollen wir dran?“ „Einen Augenblick noch“, erwiderte Overbergen. „Erlauben Sie mir nur noch ein paar Worte mit dem Grafen!“ Damit ſchritt er auf Schroffenſtein zu. —“ 192 „Ich bin Ihnen noch den verſprochenen Aufſchluß über die Papiere ſchuldig, die man Ihnen entwendet hat“, redete er ihn an.„Wollen Sie mir einen Augen⸗ blick Gehör ſchenken und auch Ihren Herrn Sohn rufen? Vielleicht iſt die Sache auch für ihn nicht ohne Intereſſe. Wir wollen in jenes Kabinet treten.“ „Jetzt?“ antwortete der Graf verwirrt.„Weshalb dazu ſolche Vorbereitungen? Könnten wir das nicht auch hier? Doch wenn Sie meinen“, unterbrach er ſich ſelbſt, indem er Overbergen's Blick begegnete, der wie ein Befehl ausſah. Er rief ſeinen Sohn ohne weitere Widerrede und alle drei traten, von der übrigen Geſellſchaft unbeachtet, in ein kleines Nebengemach, das in den Erker ausmündete. „Nun denn, meine verehrten Herren“, begann Over⸗ bergen,„ich fühle mich ſehr glücklich, Ihnen den be⸗ ſtimmteſten Aufſchluß über die koſtbaren Familienpa⸗ piere geben zu können, was Ihnen ohne Zweifel ſehr angenehm ſein wird! Die Papiere“, fuhr er fort, als beide ihn, das Weitere erwartend, anblickten,„ſind gefunden, und in meinen Händen!“ „So? Wie haben ſie den Weg zu Ihnen gefunden?“ erwiderte Clemens etwas ſpitz, während der Vater bis in den Mund erbleichte und ſichtlich nach Faſſung rang. 193 Clemens bemerkte nicht, was mit ſeinem Vater vor⸗ ging, Overbergen dagegen, der ihn unverwandt an⸗ ſah, entging nicht die leiſeſte Zuckung ſeiner Geſichts⸗ muskeln. „Das gehört eigentlich nicht zur Sache“, ſagte Over⸗ bergen,„doch ſteht eben nichts entgegen, Ihren aus⸗ drücklichen Wunſch zu befriedigen. Die Diebe haben einem meiner Freunde in der Beichte ihr Verbrechen bekannt und an ihn auf ſeinen Befehl die entwendeten Gegenſtände zurückgegeben. Ich bin beauftragt, ſie wieder an den rechtmäßigen Eigenthümer gelangen zu laſſen!“ „Ich bin Ihnen über die Maßen verbunden“, ſtieß der alte Graf mit einem Lächeln hervor, das ſonderbar mit ſeiner grauſamen Herzensangſt contraſtirte.„Und wo ſind die Papiere? Wann kann ich ſie wohl—“ „Sagen Sie mir doch, Graf“, fiel Oberbergen ein, als hätte er die peinliche Frage gar nicht gehört,„Sie haben vorhin die Bemerkung gemacht, das Geſchlecht der Schroffenſtein habe immer unter den Vorkämpfern der gereinigten Lehre, wie Sie ſie nannten, geſtanden.“ „Allerdings. Wie kommen Sie jetzt darauf?“ fragte Clemens. „O bloßer Wunſch, mich zu belehren!“ rief Over⸗ bergen.„Es iſt mir eben, als ob ich dunkel gehört, Schmid, Mütze und Krone. I. 13 194 das Geſchlecht habe früher— war es nicht während des dreißigjährigen Kriegs?— in zwei Linien be⸗ ſtanden, von denen die eine der alten Kirche treu blieb?“ „So war es in der That“, ſagte der alte Graf⸗ „Doch wüßte ich nicht, wie das mit den Papieren in Zuſammenhang ſtehen ſollte.“ „Bitte, ſeien Sie nicht ungehalten“, erwiderte Over⸗ bergen ſehr artig,„aber mich intereſſirt die Sache mehr, als Sie wohl denken. Und dieſe andere Linie⸗ iſt wohl—“ „Ausgeſtorben“, antwortete Clemens.„Es waren, wenn der Stammbaum denn doch einmal erörtert wer⸗ den ſoll, zwei Brüder. Der eine, Graf Clemens, iſt der Stifter unſerer Linie, der andere ſtarb kinderlos.“ „Richtig!“ fiel Overbergen ein.„Er hieß Traugott und war kaiſerlicher Oberſt in den Niederlanden, nicht wahr? Und weil er keine Erben hinterließ, fielen ſeine reichen Beſitzungen alle an die andere Linie, an die Ihrige, meine Herren?“ „So war's“, entgegnete Clemens barſch.„Iſt Ihre Neugier nun zufriedengeſtellt?“ „O vollkommen, vollkommen“, fuhr Overbergen fort, indem ſeine Miene einen immer höhniſchern Ausdruck annahm.„Nur darüber kann ich meine Verwunderung ——— 195 nicht bergen, daß dieſer Bruder, der doch, wie ich ge⸗ hört, mit dem andern eben des Glaubens wegen aufs tödtlichſte verfeindet war, ihm gleichwohl ſein ganzes Vermögen hinterließ und nicht darüber zum Beſten ſeiner Geſinnungsgenoſſen allenfalls durch ein Teſta⸗ ment verfügte.“ „Dieſe Thorheit iſt ihm glücklicherweiſe nicht in den Sinn gekommen“, ſpottete Clemens. Sein Vater wiſchte ſich wortlos den Angſtſchweiß von der Stirn; das Wort Teſtament war ihm wie ein Dolchſtoß in die Seele gefahren und ließ ihn erkennen, worauf die ganze Unterredung hinausging. „Hm“, warf Ovenbergen hin,„um ſo ſonderbarer dann, daß ich, als ich aus leicht verzeihlicher Neugier die Ihnen geſtohlenen Papiere etwas überflog, darun⸗ ter zu meinem größten Staunen ein vollkommen rechts⸗ gültiges Teſtament des kaiſerlichen Oberſten Grafen Traugott von Schroffenſtein entdeckte.“ „Ein Teſtament?“ rief Clemens ſtutzend. „Sehr ſonderbar!“ ſtammelte der vernichtete Vater. „Das wäre in der That ſehr ſonderbar!“ „Wie ich Ihnen ſage“, begann Overbergen wieder, „ein vollkommen rechtsgültiges, von einem immatricu⸗ lirten Notar aufgenommenes Teſtament und, was das Sonderbarſte iſt, ein Teſtament, in welchem er das 13* —— 196 Kloſter St.⸗Rupert— Sie kennen es wohl?— zum Uni⸗ verſalerben ſeines ganzen Vermögens einſetzt!“ „Das iſt nicht wahr, mein Herr!“ fuhr Clemens auf und auf ſeinem Antlitz wechſelte die Röthe des Zorns mit der Bläſſe des Schreckens.„Das iſt eine mönchiſche Erfindung! Wenn ein ſolches Teſtament exiſtirte, würde das Kloſter ſich gewiß ſchon lange da⸗ rauf berufen haben!“ „Sie vergeſſen“, bemerkte Overbergen,„daß es nicht in ſeinen Händen war. Man wußte allerdings, daß es vorhanden geweſen, man ahnte auch, wo es ſich vermuthlich noch befand, allein Sie begreifen, daß das 4 Alles nicht ausreichte, um mit Ausſicht auf Erfolg auftreten zu können. Jetzt freilich, wo der Zufall, wo die Vorſehung das Document ſelbſt in unſere Hände gegeben hat, jetzt iſt es freilich ein Anderes. Ich bin auch von Ihrer Rechtlichkeit, meine Herren, zu ſehr überzeugt, als daß ich glauben ſollte, Sie wären im Stande, ein Eigenthum, deſſen Unrechtmäßigkeit Ihnen klar geworden, dem wahren Berechtigten vorzuent⸗ halten.“ „Aber ſo reden Sie doch, Papa“, rief Clemens be⸗ bend vor Aufregung.„Sie müſſen doch am beſten wiſſen, welche die vermißten Papiere waren, ob ein ſolches Document darunter war und ob man wirklich — — — 197 die Thorheit beging, es, wenn es beſtand, wie ein Kleinod aufzubewahren.“ „Statt es zu vernichten, wollen Sie ſagen?“ fiel Overbergen ein.„O tadeln Sie nicht, daß das unter⸗ laſſen wurde! Es iſt der redendſte Beweis für die Rechtlichkeit Ihres Geſchlechts! Es ſollte dadurch im⸗ mer noch die Möglichkeit offen erhalten werden, das von Ihrem Ahnherrn geraubte Gut an den rechtmäßi⸗ gen Beſitzer gelangen zu laſſen! Sie ſehen, Ihr Herr Vater ſchweigt auf Ihre Fragen“, fuhr er dann fort. „Nach der Beſtätigung, die hierin liegt, werden Sie in meine Reden wohl keinen Zweifel mehr ſetzen.“ Der alte Graf hatte ſich bereits ſeit einiger Zeit gewiſſermaßen ohne Wiſſen und Willen auf eine an der Wand hinlaufende Ruhebank niedergelaſſen und ſah wie ein Geiſtesabweſender vor ſich hin. Jetzt ſank auch Clemens niedergeſchmettert neben ihn. Beide bil⸗ deten eine Gruppe des Jammers, welche Overbergen lächelnden Auges betrachtete. „ So ſind wir ruinirt“, ſtöhnte der Vater in herz⸗ brechendem Tone.„Wir ſind Bettler!“ ſeufzte Clemens verzweiflungsvoll. Overbergen labte ſich noch einen Augenblick an der Vernichtung beider Männer, die ihm eben noch ſo her⸗ riſch gegenüber geſtanden; dann trat er etwas näher 198 und ſprach mit einem Tone, in den er alle Milde und Sanftmuth zu legen bemüht war:„Faſſen Sie ſich, meine Herren! Sie, die ſich zur ſogenannten gereinigten Lehre bekennen, ſollen nun, nachdem Sie die Macht der Kirche gefühlt, auch ſehen, wie dieſe zu handeln gewohnt iſt. Sie verkennt nicht, daß nicht Sie es waren, die jenen Raub an ihrem Gute begingen, daß Sie ihn ſchon von Ihren Vorfahren überliefert erhielten. Sie verkennt nicht, daß Ihnen mindeſtens eine Art hiſtoriſcher Berechtigung zur Seite ſteht, und darum bietet ſie Ihnen die Hand zum Vergleich!“ Vater und Sohn athmeten tief auf und horchten. „Reden Sie!“ rief der erſtere. „Sie erhalten das verhängnißvolle Document zurück“, fuhr Overbergen gelaſſen fort,„verſteht ſich, unter Be⸗ dingungen. Sie verpflichten ſich zuerſt, den Beſtrebun⸗ gen der Kirche in dieſem Lande nicht entgegen zu wirken, ſondern ihr alle Unterſtützung angedeihen zu laſſen. Dies gilt natürlich doppelt für den Fall, daß Sie wieder in irgend einer Weiſe zu einer einflußrei⸗ chen Stellung gelangen ſollten.“ Er hielt inne, als ob er eine Antwort erwarte. Als keine erfolgte, fuhr er fort:„Ich nehme Ihr Schweigen als Zuſtimmung. Sie verpflichten ſich dann weiter, uns einen Theil der uns vorenthaltenen Be⸗ —— ſitzungen als kleine Entſchädigung zurückzugeben. Wir werden uns mit dem Schloſſe Dillhofen ſammt allen Zubehörungen begnügen.“ „Dillhofen?“ ſtammelte der alte Graf.„Unſere beſte, einträglichſte Beſitzung?“ „Nun“, lachte Clemens in ohnmächtiger Wuth,„mit einer ſo kleinen Entſchädigung kann man ſich allerdings begnügen!“ „Es iſt nichts Unbilliges“, ſagte Overbergen fromm. „Man begnügt ſich allerdings, wenn man einen Theil nimmt, wo man Alles fordern könnte.“ „Ja, ja“, fuhr Clemens grimmig fort,„wir müſſen uns bei dem Räuber auch noch bedanken, daß er uns nur den Rock und nicht auch das Hemd nimmt! Viel beſſer iſt es auch nicht!“ „O nicht doch“, bat Overbergen ſchmeichelnd.„Sie ſind nicht glücklich in Vergleichen. Wenn hier von einem Raube die Rede ſein kann, begreifen Sie doch wohl, daß der Vorwurf nicht uns trifft!“ Aber was ſollen wir denn beginnen?“ rief Cle⸗ mens wieder.„Von dem Bettel, den Sie uns laſſen wollen, können wir kaum wie ein Handwerker exiſtiren! Ins Teufels Namen, Papa, ſo reden Sie doch! Müſſen wir uns denn geradezu Bedingungen vorſchreiben laſ⸗ ſen? Iſt gar keine Ausſicht da, uns zu behaupten?“ 200 Der Vater zuckte die Achſeln; er war wie gelähmt und vermochte weder zu denken noch zu ſprechen. „Ich kann Ihnen verſichern“, antwortete Overbergen für ihn,„daß Sie keine ſolche Ausſicht haben. Bei der Unzweifelhaftigkeit des Documents können die Ge⸗ richte nur zu Ihrem Nachtheil erkennen. Zudem müſſen Sie nicht überſehen, daß die meiſten Beſitzungen, um die es ſich handelt, in dem Nachbarſtaat liegen. Dort iſt unſere Kirche die herrſchende und wird eine Beſitzeinweiſung unfehlbar leicht erwirken. Zögern Sie darum nicht länger und nehmen Sie den Vergleich an. Wir nehmen Dillhofen mit all den Laſten, die nun darauf ruhen und von denen es urſprünglich frei war. Ein neuer Beweis unſerer Billigkeit! Das Geſchäft wird einfach in Form eines Kaufs abgemacht. Sie beide, als die einzigen männlichen Repräſentanten Ihres Hauſes, ſtellen mir eine Kaufsurkunde aus. Darin quittiren Sie den Kaufpreis, den Sie nach Belieben hoch anſetzen können. Sobald Sie mir dieſe Urkunde aushändigen, geht das Teſtament nebſt dem Uebrigen an Sie zurück.“ „Was wollen wir machen“, jammerte der alte Graf. „Wir ſind in der Falle!“ „Sie ſagen alſo zu? Schön“, rief Overbergen.„Mor⸗ gen Abend, wenn wir in der Stadt zurück ſein werden, ——— 201 ſchenken Sie mir die Ehre, mein ſchlichtes Abendeſſen zu theilen. Da ſoll die ganze Sache raſch abgemacht werden. Und damit Sie ſehen“, fuhr er näher tretend fort,„daß ich Ihr Freund bin und die Verminderung Ihres Vermögens bedaure, zu der ich im höhern Auf⸗ trage mitwirken mußte, will ich Ihnen einen Wink geben, die Lücke wieder auszufüllen.“ Beide ſahen ihn fragend an.„Bewerben Sie ſich“, begann er, zu Clemens gewendet,„um eine reiche Frau. Ich weiß Ihnen eine einzige Erbin zu bezeichnen. Frü⸗ her war die Familie allerdings etwas zurückgekommen, aber die Erbſchaft eines begüterten Seitenverwandten, eines Malteſer⸗Comthurs, hat ihr vollſtändig wieder aufgeholfen. Die Dame dürfte wohl eine halbe Million zur Mitgift erhalten. Was meinen Sie zur Hofdame der Herzogin, Fräulein Primitiva von Falkenhoff?“ Clemens, der mit Spannung zugehört, fuhr bei dieſem Namen zornig auf.„Was unterſtehen Sie ſich, Herr?“ rief er.„Wenn wir uns auch von Ihnen plündern laſſen müſſen, ſo verbitte ich mir doch den Spott!“ „Was denken Sie von mir?“ rief Overbergen ſanft.„Sollten Sie vielleicht ſelbſt ſchon auf die Idee gekommen ſein?“ „Sparen Sie die Mühe, ſich zu verſtellen“, ant⸗ 20² wortete Clemens.„Sie wiſſen ohne Zweifel, daß ich mich bereits lange um das Fräulein beworben habe!“ „Und ſind nicht erhört worden?“ „Allerdings“, begann der Graf,„wäre das Fräulein eine glänzende Partie und iſt es durch unſere jetzige Lage noch viel mehr geworden. Allein ſie iſt eine Perſon von ſehr eigenthümlichen Anſichten, und mein Sohn war bisher noch nicht ſo glücklich—“ „Laſſen Sie ſich dadurch nicht abſchrecken“, begann Overbergen wieder.„Wer weiß, ob Sie nicht jetzt ein Ihren Bewerbungen günſtiges Terrain finden. Damen⸗ herzen ſind keine Felſen und ſelbſt Felſen macht ein Tropfen mürbe, der unaufhörlich fällt. Ermüden Sie alſo nicht, junger Mann! Unter uns geſagt, die Ver⸗ mählung des Fräuleins wäre gewiſſen Orts erwünſcht, weil ſie dadurch aus der Umgebung der Herzogin käme. Seien Sie daher meines vollſten Einfluſſes, ſowie der Mitwirkung Ihrer Durchlaucht verſichert. Unſere Unter⸗ redung über dieſen Punkt findet ohnehin ſchon unter guten Vorbedeutungen ſtatt. Sie ahnen wohl nicht, daß das Fräulein heute hier im Schloſſe iſt?“ „Fräulein Falkenhoff? fragte Clemens ſtaunend. „Allerdings“, lachte Overbergen,„Ihre ſpröde Dame mit der halben Million. Das Unwetter hat ſie ge⸗ 203 zwungen, eine Unterkunft zu ſuchen. Sie wohnt unten beim Caſtellan, deſſen Frau ihre Amme war.“ „Aber woher können Sie das Alles ſchon erfahren haben?“ fragte der alte Graf verblüfft. „Es iſt meine Gewohnheit“, entgegnete Overbergen, „immer etwas früher zu kommen als Andere. So war ich auch heute der erſte, der hier eintraf, ſah das Fräu⸗ lein ankommen und entnahm das Uebrige den Ausru⸗ fungen der entzückten Caſtellansfrau. Machen Sie ſich denn meine Erfahrungen zu Nutze, vielleicht regiert ein Ihnen günſtiger Stern! Aber nun laſſen Sie uns zur Geſellſchaft zurückkehren!“ „Hund von einem Spion“, knirſchte Clemens vor ſich hin, indeß alle drei wieder in den Saal traten. Overbergen erſchien gelaſſen, als ob nicht das Mindeſte von Bedeutung vorgegangen wäre; auch der alte Graf hatte wieder einen ziemlichen Grad von Faſſung errun⸗ gen, Clemens allein biß ſich vor Wuth in die Lippe, daß ſie blutete. „Nun, meine Herren“, rief Adelhoven, als er die Ankommenden bemerkt und einen flüchtigen Blick mit Overbergen gewechſelt hatte,„es wird ſpät! Wenn es Ihnen gefällt, wollen wir in die Gewehrkammer gehen und für morgen wählen!“ Die Geſellſchaft, wohl wiſſend, daß dies das Signal 204 zu der beabſichtigten geheimen Unterredung ſei, war bereit. Man trat durch eine ſchmale Thür in einen kurzen Gang und aus dieſem in die ſogenannte Gewehr⸗ kammer. Die Dienerſchaft, mit Abräumen der Tafel beſchäftigt, mußte zurückbleiben. Während dieſer Vorgänge hatte Primitiva in der Wohnung des Caſtellans ein kleines Abendmahl ein⸗ genommen, auf deſſen Zubereitung ſich Gertraud nicht wenig zu gute that. Sie ließ denn auch nicht ab, im⸗ mer wieder zu bitten und zu nöthigen. Darüber und über den immer wiederkehrenden Erinnerungen verging der Abend und Primitiva ſehnte ſich nach Ruhe. Auf ihren Wunſch wurde ſie von Gertraud in das obere Stockwerk geleitet, wo dieſe ihr das Bett zurecht ge⸗ macht hatte.„Sie müſſen eben vorlieb nehmen“, ſagte ſie;„das Leinenzeug iſt freilich nicht ſo ſchön und fein, wie Sie es gewohnt ſind; rein iſt's aber und das Bett mit den weichſten Federn gefüllt. Sie können bei Hof keine weichern Kiſſen haben!“ Primitiva dankte für die freundliche Fürſorge und fragte nach der urſprünglichen Beſtimmung des Gemachs, deſſen Geſtalt ihr auffiel. Während nämlich die eine Wand, an welcher das Bettgeſtelle angebracht war, eine ziemliche Breite hatte, liefen die beiden Seitenwände ſchräg in eine ſtumpfe Spitze zuſammen, deren Raum 205 ein großer, von der Decke bis zum Boden reichender Schrank einnahm.„Ja“ ſagte die redſelige Alte,„die Schloßmauer macht eben da eine Ecke, darum hat's nicht mehr Platz gelitten für das Zimmer. War auch früher kein Zimmer; das hab' ich mir erſt draus herrich⸗ ten laſſen, damit man doch auch ein Plätzchen hat, wo man ſeine beſſern Sachen hinſtellen kann. Früher war's nur zur Vertheidigung eingerichtet. Da, wo jetzt der Schrank ſteht, ging’s auf die Gallerie in den Ritterſaal, in dem jetzt die Gewehre ſind, hinaus. Die Gallerie iſt aber baufällig geworden und mußte abge⸗ tragen werden, da iſt auch dort zugemacht und der Schrank an die Wand geſtellt worden. Es wird Sie aber Niemand im Schlaf ſtören, Fräulein! Wenn die Geſellſchaft drüben auch ein bischen laut wird, vom Speiſeſaal hört man nichts herüber und zu den Ge⸗ wehren kommt heute auch Niemand mehr! Aber ich halte Sie mit meinem Geplauder auch noch auf! Sie müſſen müde und ſchläfrig ſein von der Reiſe und von der Kälte! Alſo gute Nacht, Fräulein, recht gute Nacht! Ich werde ſobald noch nicht ſchlafen können vor Freude, daß ich Sie heut Nacht bei mir weiß!“ Mit vielen Complimenten entfernte ſich Gertraud und ließ Primitiva, die auch ihr Mädchen bald entließ, allein. Das Zuſammentreffen mit der guten Alten hatte ſie leb⸗ haft in eine liebe, lange vergangene Zeit zurückgeführt. Mancher freundliche Tag zog mit einer Reihe lachender Bilder an ihr vorüber, und in ziemlich heiterer Stim⸗ mung wollte ſie eben das Licht löſchen, um dieſe Kette von Erinnerungen vielleicht im Traume wieder anzu⸗ knüpfen, als ein Geräuſch von verworrenen Stimmen ſie aufmerkſam machte und inne halten ließ. Es ſchien von der Stelle herzukommen, wo der Schrank ſtand. Sie horchte ein paar Sekunden, der Laut dauerte fort. Raſch entſchloſſen ſchritt ſie auf den Schrank zu, es war, als ob der Laut daraus hervorkäme. Behutſam drehte ſie den im Schloſſe ſteckenden Schlüſſel um, öffnete die beiden Schrankthüren und trat betroffen einen Schritt zurück. Da jetzt der Schall durch die ziemlich ſtarken eichenen Bohlen der Thürflügel nicht mehr gedämpft war, hörte ſie ganz deutlich ein Geſpräch, das ſie durch ſeinen Inhalt noch mehr feſſelte, als es ſchon die eigene Art und Weiſe gethan hatte, auf welche ſie deſſen Zuhörerin geworden war. Die Töne kamen wie aus beträchtlicher Tiefe herauf und erinnerten Pri⸗ mitiva dadurch an Gertraud's Erzählung. Sie begriff, daß ſie an der Stelle ſtand, wo früher die Gallerie des Ritterſaals ausgemündet hatte. Jetzt war dieſe Stelle durch eine Breterwand verſchloſſen, die zu⸗ gleich den Rücken des Kaſtens bildete und durch deren V 207 Spalten Licht eindrang. Mit angehaltenem Athem ſtand Primitiva. „Es iſt eine Verletzung unſerer uralten verbrieften Rechte“, rief es jetzt unten.„Das kann der Herzog nicht, das ſteht gar nicht in ſeiner Macht!“ „Leider“, antwortete eine andere Stimme,„leider ſcheint ſich bei ihm die Anſicht des Gegentheils feſtge⸗ ſetzt zu haben. Er ſteht eben vollſtändig unter dem Einfluſſe jenes Mannes, den er mit der erſten Würde des Staates betraut hat.“ Bei dem Tone der Stimme, V die dieſes ſprach, erbebte Primitiva; ſie war ihr be⸗ kannt und doch wußte ſie ſich augenblicklich nicht zu entſinnen, wem ſie angehöre. „Die Macht, die dieſer Menſch über den Herzog ausübt“, rief der erſtere wieder,„iſt allerdings beinahe wunderbar! Iſt es denn wahr, daß er, wie ich gehört habe, dem Herzog nicht erlaubt hat, ſich ein neues Schloß zu bauen?“ „Das Weſentliche daran iſt wahr“, erwiderte die Stimme wieder,„das können Sie mir auf mein Wort glauben. Seine Durchlaucht waren feſt entſchloſſen, den 8 Bau zu führen, und waren mit dem Baumeiſter bereits im Reinen, nach einer Unterredung mit dem Miniſter aber war der Herzog wie umgewandelt und erklärte den Bau für verſchoben. Der Baumeiſter wäre ſchon 208 längſt abgereiſt, wenn ich ihn nicht veranlaßt hätte zu bleiben, weil er uns vielleicht für unſere Zwecke nützlich ſein kann.“ „Unerhört!“ ſagte eine andere Stimme.„Und der Miniſter hat, wie Sie ſagen, den Herzog neuerdings beſtimmt, die Verfaſſung oder das Grundgeſetz zu geben, in dem alle die ſaubern Neuerungen beſtimmt ſein ſollen? Hieß es doch, die Herzogin⸗Mutter habe ihn noch im letzten Augenblick davon abgebracht, und es werde nun bei dem, was geſchehen iſt, ſein Bewenden haben?“ „Allerdings war es ſo“, entgegnete die Primitiva bekannte Stimme wieder,„ich weiß es aus dem Munde eines Augenzeugen, des Oberkammerdieners Kündig, der für ſein Zuhören in Ungnade entlaſſen worden iſt. Der Einfluß des Miniſters hat aber den der Herzogin wieder aufgewogen. Das Grundgeſetz iſt ſo gut als fertig und es iſt kein Tag zu verlieren, wenn deſſen Bekanntmachung hintertrieben werden ſoll!“ „Das muß geſchehen!“ riefen mehrere Stimmen durch⸗ einander.„Es iſt Alles im Lande recht, ſo wie es iſt. Jede Abänderung und Neuerung wäre zu unſerm Schaden. Der Adel kann nun und nimmermehr auch nur ein Haar breit von ſeinen Rechten vergeben!“ „Ja, dieſe Verfaſſung darf um keinen Preis ans Licht“, bemerkte der eine.„Wir wollen die Erb⸗ Lehn⸗ 209 und Gerichtsherren auf unſern Beſitzungen bleiben, wir wollen Unterthanen haben und nicht ſelbſt Unterthanen werden!“ „Um uns am Ende von den Bauern, ſtatt daß ſie frohnen und gilten, in unſern Schlöſſern, die dann auch nichts wären als ſteinerne Bauerhäuſer, aus⸗ lachen zu laſſen! Um uns von dem geſchorenen Pack den Wald verbieten und ſagen zu laſſen: Halt, das iſt mein Grund und Boden, da bin ich Herr!— Beim Teufel, da hängen die Waffen und das Jagdzeug meiner Ahnherren; ſie ſind alle große Jäger geweſen und wür⸗ den ſich im Grab umkehren, wenn ich zugäbe, daß ein Bauer in unſerm Revier ungeſtraft ein Gewehr los⸗ brennte!“ Primitiva war in immer ſteigender Neugier in das Innere des Schranks getreten und hatte durch die Spalten der Rückwand zu blicken verſucht. Es war nicht möglich, wohl aber bemerkte ſie, leiſe daran hintaſtend, daß ein Stück davon eingeſetzt war und ſſich wie ein Schieber bewegen ließ. Sachte ſchob ſie das Bret zurück, dadurch wurde aber das Bruſtſtück einer alten Ritterrüſtung los, die als Trophäe aufge⸗ hangen war und dröhnend in den Saal hinunterſtürzte, gerade als Adelhoven ſeine Rede endete. Primitiva aber hatte durch die Lücke einen vollen Ueberblick über den Schmid, Mütze und Krone. II. 14 210 Saal gewonnen und ſah nun die ganze Geſellſchaft um einen Tiſch herum ſitzen. An dem einen Ende deſſelben ſah und erkannte ſie Overbergen und wußte nun wohl, warum ihr die Stimme zuvor ſo bekannt geklungen hatte. Er hatte einige Papiere vor ſich liegen. Sie bemerkte Clemens und deſſen Vater, wie ihr auch die meiſten der übrigen Anweſenden nicht fremd waren. „Seht“, rief jetzt Adelhoven,„die alten Herren rühren ſich ſchon und nehmen mich beim Wort! Alſo nochmals: die Verfaſſung muß hintertrieben werden!“ „Das iſt nicht genug“, rief ein Anderer,„auch die Glaubensfreiheit und das neue Gerichtsweſen muß wieder weg! Es müßte ſich gar nicht übel anſehen, wenn ein Adliger auf die Sünderbank zu ſitzen käme wie ein Dieb und müßte ſich von dem Volk richten laſſen. Das Volk ſoll bleiben was es iſt— Volk! Es iſt geſcheidt genug, wenn es ſeine Arbeit verſteht. Das Denken ſoll es Andern überlaſſen und das Leſen auch! Ein Volk, das man regieren will, muß glauben und nicht raiſonniren. Die Preßfreiheit und die Gewiſſensfreiheit ſind höchſtens für unſereinen. Ich habe aber noch nie gefunden, daß man die eine oder die andere braucht. Was ich leſen will, leſ' ich, und was ich glauben will, glaub' ich, dazu brauch' ich keine Erlaubniß!“ 211 „So wären wir über den erſten Punkt einig“, be⸗ gann Overbergen, während die Uebrigen auf verſchie⸗ dene Art ihre Zuſtimmung äußerten.„Was geſchehen ſoll, ſteht feſt, und die weitere Frage iſt, wie es ge⸗ ſchehen ſoll!“ „Das iſt auch keine Frage mehr“, rief Adelhoven. „Der Miniſter muß weg. Man geht zum Herzog und ſtellt ihm die Sache vor; er kann nicht anders, als nachgeben. Wir wiſſen durch Sie, daß die Herzogin⸗ Mutter uns dabei unterſtützt, alſo friſch angefaßt! Ein raſcher Stoß wirft den Günſtling, und iſt erſt der be⸗ ſeitigt, gibt ſich alles Andere von ſelbſt!“ Die Verſammlung ſtimmte bei. Man wählte eine Anzahl der Anweſenden, welche an einem der nächſt⸗ folgenden Tage in der Reſidenz zuſammentreffen, beim Herzog Gehör verlangen und ihre Forderungen vor⸗ tragen ſollte. Clemens war unter den Gewählten⸗ „Wenn aber nun“, begann Overbergen wieder, „Seine Durchlaucht das Anſuchen doch nicht erfüllt und der Miniſter bleibt— der Fall iſt immer möglich und muß vorausbedacht werden— wie dann, meine Herren?“ „Dann muß zu andern, zu ernſtern Mitteln ge⸗ griffen werden“, rief Adelhoven. „Dieſe ernſtern Mittel wären?“ fragte Overbergen lauernd. 14* 212 Man ſchwieg; es wagte Niemand, das Wort der offenen Widerſetzlichkeit auszuſprechen, obwohl es mehr oder minder beſtimmt in den Gedanken aller lag. „Laſſen Sie mich Ihnen zuerſt meine Meinung vor⸗ tragen“, begann Overbergen wieder.„Der Plan, zu dem Sie Ihre Zuſtimmung gegeben haben, ſtammt von Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin⸗Mutter. Sie hat die Gnade gehabt, mich in ihre Gedanken einzuweihen, mich mit der Ausführung zu beauftragen, und ſo ſind alle Eventualitäten bereits ſo weit beſprochen, daß ich mich wohl verbürgen darf, ich ſpreche die Anſicht Ihrer Durchlaucht aus. Ihre Durchlaucht iſt von der hohen Wichtigkeit der Sache ſo ſehr durchdrungen, daß ſie es für gerechtfertigt hält, ſogar zu einem Aeußerſten zu ſchreiten!“ „Dieſes wäre?“ fragten mehrere. „Weigert ſich der Herzog“, fuhr Overbergen fort, „den Miniſter zu entlaſſen und die Reformen zurück⸗ zunehmen, ſo iſt die Herzogin geſonnen, die Zügel des Regiments zu ergreifen. Sie wird erklären, daß es der Geſundheitszuſtand ihres Enkels nöthig mache, daß er ſich eine Zeit lang von den Regierungsgeſchäften zurückziehe. Der Herzog ſelbſt ſoll auf eine unver⸗ fängliche Art in Verwahr genommen und bis zur er⸗ folgten Verſtändigung unter dem Vorwande der nö⸗ thigen Erholung zurückgehalten werden. Sofort wird —..— der alte Rechtszuſtand hergeſtellt, auch gegen den Mi⸗ niſter nach Befinden eingeſchritten. Alle Eingeweihten unternehmen es indeſſen, das Volk in der rechten Stim⸗ mung zu erhalten. Sollte gleichwohl eine kleine Partei Verſuche des Aufſtands machen, ſo ſind mit dem be⸗ freundeten Nachbarſtaate, der ohnehin bei der Thron⸗ folge intereſſirt iſt, alle Einleitungen zu bewaffneter Einſchreitung und Unterdrückung des Aufruhrs ge⸗ troffen. Hier“, ſchloß er, indem er aufſtand und die vor ihm liegenden Papiere auf dem Tiſch auseinander breitete,„lege ich alle darauf bezüglichen Correſpon⸗ denzen zu Ihrer Einſicht vor. Rechtfertigen Sie nun das Vertrauen, das Ihre Durchlaucht Ihnen erweiſt, indem Sie Ihre Bereitwilligkeit zeigen.“ Overbergen's Worte riefen große Bewegung hervor. Alle durchſahen nacheinander die Papiere, doch brach noch immer keiner das Schweigen. „Wohlan denn!“ begann nach einiger Zeit General Bauer.„Wenn es ſich nicht um eine förmliche Ab⸗ ſetzung des Herzogs, meines Kriegsherrn, handelt, ſo bin ich bereit, ihm wider ſeinen Willen einen Dienſt zu leiſten, der ſchlimm ausſieht. Melden Sie Ihrer Durchlaucht meine Bereitwilligkeit.“ „Auch die meine“, rief Adelhoven und bald gaben auch alle Uebrigen ihre entſprechende Erklärung ab. 214 „Dann werden Sie auch nicht anſtehen“, begann Overbergen wieder,„Ihrer Durchlaucht einen Beweis Ihrer Geſinnungen in die Hand zu geben. Hier liegt eine Schrift, mir von Ihrer Durchlaucht ſelbſt in die Feder dictirt. In derſelben wird die Fürſtin gebeten, in Anbetracht der ſchwierigen Zeitverhältniſſe zur Ret⸗ tung des Vaterlandes jedes Mittel zu ergreifen, das ſie für geeignet hält. Ihre Durchlaucht erwarten, die Schrift von Ihnen allen unterſchrieben zu erhalten.“ „Ich denke“, ſagte Adelhoven nach kleiner Pauſe, während welcher er die Schrift mit Andern durchflogen hatte,„man kann das unterſchreiben. Aber“, fuhr er dann, nachdem er bereits eine Feder ergriffen hatte, innehaltend fort,„wir geben da eine Erklärung in Ihre Hände, mein Herr, die uns unter Umſtänden allen gefährlich werden kann. Sie werden es darum für kein Mißtrauen halten, wenn wir ſicher gehen. Ich denke, wir unterzeichnen die Schrift“, wandte er ſich zu den Uebrigen,„aber wir legen ſie in die Hände von einem aus uns nieder, der ſie dann, wenn der Fall eintritt, mit Ihnen der Herzogin übergibt.. Overbergen biß ſich auf die Lippe, doch erwiderte er nichts. Er ſah wohl, daß ihn eine Weigerung nur verdächtig gemacht haben würde und mit wie freudiger Haſt alle ihr Einverſtändniß ausdrückten. — 1 „Unterſchreiben wir denn“, rief Adelhoven wieder. „Hauptmann Schroffenſtein ſoll die Schrift verwahren, wenn es genehm iſt. Er wohnt in der Reſidenz und iſt alſo ſtündlich zur Hand, wenn man das Papier be⸗ darf. Sein Ehrenwort bürgt uns, daß er es nicht eher, als bis die Deputation abgewieſen iſt, an dieſen Herrn übergibt. Sie aber, mein Herr“, fuhr er zu Overbergen gewendet fort,„werden auch jene Papiere in Schroffenſtein's Hand niederlegen. So ſind wir ge⸗ genſeitig gedeckt.“ Alle ſtimmten bei und unterſ ſchrieben, worauf Clemens die Schrift in Empfang nahm. Auch Overbergen über⸗ gab ihm ſauerſüß lächelnd ſeine Papiere.„Nehmen Sie, Herr Graf“, ſagte er.„Das Mißtrauen kann mich nicht kränken, da es mir Gelegenheit gibt, mich von dem beſondern Vertrauen zu überzeugen, das Sie ge⸗ nießen.“ Auf Adelhoven's Erinnerung wurden nun noch haſtig und zum Scheine Gewehre für die morgende Jagd ge⸗ wählt, dann verließ die Verſammlung den Saal.; Am Ausgang traf der alte Schroffenſtein mit Over⸗ bergen zuſammen.„Sie lächeln“, ſagte erſterer halb⸗ laut zu dieſem,„als ob Ihr Werk ſchon gelungen wäre, und doch kann Alles geſchehen, ohne daß Sie Ihre Neben⸗ abſicht erreichen. Sie haben einen Hauptfeind vergeſſen!“ 216 „Und der wäre?“ „Die Prieſter des Bekenntniſſes, das Sie hier ver⸗ drängen wollen.“ Overbergen lachte.„Kennen Sie die Fabel, wie der Menſch das Pferd gezähmt hat?“ ſagte er.„Das Pferd war in Krieg mit dem Hirſch verwickelt. Der Jäger, der den Hirſch auch verfolgte, bot ihm ein Bünd⸗ niß an. Das Pferd nahm es an, ließ den Jäger auf ſich ſteigen und trug ihn, bis der Hirſch erlegt war. Seinen Feind hatte es nun vernichtet, allein ſeine Freiheit war dahin, denn den Reiter ward es nicht mehr los. Die neuen freien Gemeinden ſind der Hirſch. Die übrige Nutzanwendung machen Sie ſich wohl ſelber.“ Er verbeugte ſich und ging. Im Waffenſaale war es ſchon längſt ſtill und dunkel geworden, bis Primitiva in ihrer Aufregung es bemerkte und aus dem Schranke in das Gemach zurücktrat. Das Licht darin war tief herabgebrannt und am Erlöſchen. Ihr Seelenzuſtand war qualvoll! Was hatte ſie gehört! Welch eines entſetzlichen Com⸗ plots Mitwiſſerin war ſie geworden! Ein Meer von Befürchtungen und Schreckniſſen durchwogte ſie. Bald erblickte ſie den Herzog in der ſchimpflichen Gefangen⸗ ſchaft ihrer von einem herrſchſüchtigen Prieſter regier⸗ ten Gebieterin, bald ſah ſie Führer ergriffen und vor ein erkauftes Gericht geſtellt, ſah ihn verurtheilt, weil er Gutes gewollt! Jetzt beklagte ſie den plötzlichen Untergang all der hoffnungsvollen Saaten, die ſie ſchon mit Entzücken keimen geſehen, dann dachte ſie wieder der Schrecken und Greuel des Bürgerkriegs und ſah das Land davon verheert! Nein, das durfte nicht ge⸗ ſchehen! Das um jeden Preis zu verhindern ſtand feſt in ihr, aber wie vermochte ſie es? Sollte ſie in die Stadt eilen, um Alles dem Herzog zu entdecken? Aber würde er ihr glauben, ohne alle Beweiſe ihrer Aus⸗ ſage? Sollte ſie Führer die Verſchwörung entdecken? Und doch, was würde auch ihm die Entdeckung nützen, wenn er ſo hohen und mächtigen Gegnern gegenüber keine Stütze hätte als dieſe Ausſage! Die Sinne ſchwan⸗ den ihr beinahe vor Erregung und angeſtrengtem Den⸗ ken— und kein Ausweg! Hörnerklang ſchreckte ſie zuletzt aus ihrem Brüten empor. Es war das Zeichen zur Jagd, die bald darauf lärmend aus dem Thore brauſte. Der Morgen brach bereits an und kein Schlaf war in Primitiva's Auge gekommen, obwohl ſie mehrmals ſich zu Bett gelegt und zu ruhen verſucht hatte. Erſchöpft traf ſie ihr Mädchen, welches ihr meldete, daß der Kutſcher be⸗ reits den Wagen zur Weiterreiſe in Stand ſetze und 218 daß das Frühſtück bereit ſei. Wie mechaniſch ließ ſie ſich von dem Mädchen ankleiden, das ihre Gebieterin noch nie ſo geſehen hatte. In dieſer Beſchäftigung wurden beide durch Ger⸗ traud's Ankunft unterbrochen, die zuerſt an die Thür klopfte und dann den Kopf halb neugierig, halb ver⸗ legen zur Thür hereinſteckte.„Guten Morgen, Fräu⸗ lein!“ ſagte ſie.„Darf man herein? Ich will hoffen, daß Sie gut geſchlafen haben unter meinem Dach! Und was denken Sie, daß ich ſchon in aller Frühe bringe? Einen Beſuch, gewiß und wahrhaftig einen Beſuch!“ „Von wem?“ fragte Primitiva verwundert. „Er hat mir dieſe Karte gegeben“, ſagte Gertraud. „Er wiſſe wohl“, ſagte er,„daß es ſich nicht ſchicke, Sie ſchon ſo früh zu beläſtigen, aber er müſſe durch⸗ aus mit Ihnen ſprechen.“ Primitiva nahm die Karte und las: Clemens, Graf von Schroffenſtein!„Er?“ ſagte ſie halb für ſich hin.„Was mag er wollen? Woher weiß er meine Anweſenheit? Doch gleichviel“, fuhr ſie, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fort,„ich will ihn ſehen.“ „So will ich den Herrn unten in die Stube führen“, ſagte Gertraud,„und ihm ſagen, daß Sie kommen.“ ,. —— Primitiva nickte. Wenige Minuten nachher ſtand ſie Clemens gegenüber. Eine Stunde mochte verfloſſen ſein, als ſie, zur Reiſe gekleidet, an Clemens' Arm aus der Caſtellans⸗ wohnung trat und von Gertraud's Segenswünſchen ge⸗ leitet in den Wagen ſtieg, welcher inzwiſchen vorgefah⸗ ren war. Sie war ungwöhnlich bleich, aber um ihre Züge floß eine unausſprechliche Milde, wie Glorie der Verklärung.— Der Wagen rollte dahin. Clemens kehrte zum Schloſſe zurück. Oben am Rande der Treppe trat ihm ſein Vater, der ſich unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit von der Jagd los⸗ gemacht hatte, mit fragenden Blicken entgegen. „Nun?“ ſagte er geſpannt. „Laſſen Sie die Verlobungskarten ſtechen, Papa“, antwortete Clemens mit leuchtenden Blicken.„Wir ſind gerettet!“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnis bei Deſſau. * —.— ſiinnſinnſinnmV˖„Tmmm mimſſſ 6 7 8 9 10 1 18