Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Lite von.„. N Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek „fangnahme und Rückgabe der ulhr bis Abends 8 Uhr offen. l Lesepreis. Bei Rückgabe 8 Tag Scof. bezahlt. Die , 1 1 . Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens eines geliehenen Buches wird von Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 55 1 ⸗ wekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme anagaganana dem Werthe deſſelben entſprechende Summe he bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————ã— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 1 3„„„ „bonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. atz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der npreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 ene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt er Leſer zum Erſatz des Wanſin verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Mütze und Krone. 6 N Romau 1 4 von Herman Schmid. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. 4* In die Aeſer. ☛ Motto: Alles wiederholt ſich nur im Leben, Einzig jung iſt nur die Phantaſie: ) Was ſich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie! Sei gegrüßt, wer immer ſtill im Sinnen Dieſe Blätter auseinander ſchlägt! Sei gegrüßt mir, daß ein hold Beginnen Uns vereint zu ſchönem Ende trägt: Daß ſich die Geſtalten dieſes Buchs Wie bekannt und dennoch neu erheben, Eingedenk des dentungsvollen Spruchs: Alles wiederholt ſich nur im Leben! Frage mich nicht, wo mein Held geſtritten, Forſche nicht nach Namen oder Land, Wo die Menſchen, die Du ſchauſt, gelitten Und der wilde Freiheitskampf entbrannt— Dünk ich auch Bekanntes zu verkünden, Seine Spuren doch entdeckſt Du nie, Weil nur drüben dieſe Pfade münden— Ewig jung iſt ja die Phantaſie! Uicht hab' ich bethörend nachgeſtaltet, Heil, wenn Dich beim Fahrewohl die Stunde Was ins Daſein ruft die flücht'ge Zeit: Nach dem Einen, was im Menſchen waltet, Wandellos in der Vergänglichkeit, nach dem einen Diele ging mein Lauf— Schatten ſelber kann die Kunſt beleben Und als wirklich zaubert ſie herauf, Was ſich nie und nirgends hat begeben! Sei gegrüßt denn, mir zum kurzen Bunde Freundlich, ob auch ungekannt, vereint! Nicht gerent, vielleicht Dein Ange weint: Wenn Dein Berz mit höh'rem Schlag empfunden Einen Anklang ew'ger Harmonie— Was im Herzen liebend Raum gefunden, Das allein veraltet nie! München, im Februar 1369. Herman Schmid. Erſter Band. Motto: Arm in Arm mit Dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken! Schiller, Don Carlos Act I. “ — 4 3 3 1 4 Erſtes Kapitel. Ein ſtilles Haus. In ein unſcheinbares Gäßchen der Hauptſtadt, deſ⸗ ſen Häuſer mit der Rückſeite ſich an die alte Stadt⸗ mauer und den frühern Wallgraben anlehnten, rollte an einem heitern Sommervormittage langſam ein ein⸗ facher, wohlbepackter Reiſewagen. Eine ſolche Erſcheinung gehörte in dem abgelegenen Stadttheile zu den Seltenheiten und machte deshalb die Neugierde der geſammten Einwohnerſchaft rege, die meiſt aus armen Handwerkern und Tagelöhnern beſtand. Manch halb erblindetes, halb verklebtes Fenſterchen der dumpfen, niedrigen Erdgeſchoſſe öffnete ſich und ließ verſchiedene Köpfe ſichtbar werden, die dem Fuhrwerk nachblickten und ſich ihre Bemerkungen über daſſelbe Schmid, Mütze und Krone. I. 1 2 und über deſſen Ziel ziemlich laut und rückhaltlos zuriefen. In der Mitte des Gäßchens hielt der Kutſcher an. Während er einen hagern, blaſſen Mann mit ſchlicht herabhängendem, fahlblondem Haar, der in einer Thür ſtand, nach dem Hauſe der Frau Räthin Führer be⸗ fragte, ward am Kutſchenſchlage ein Mädchengeſicht von überraſchender Schönheit ſichtbar. Eine Alte, die ne⸗ benan zum Fenſter herausſah und ſchon den Mund aufgemacht hatte, um dienſtfertig die nicht an ſie ge⸗ richtete Frage zu beantworten, verſtummte bei dem Anblick, und eine andere Frauengeſtalt, die hinter ihr im halbdunklen Zimmer ſichtbar geworden war, trat unter die Hausthüre neben den Gefragten, um die Dame im Wagen beſſer betrachten zu können. „Die Frau Räthin“, ſagte der Blaſſe in der Weber⸗ ſchürze,„wohnt da vorne am andern Eingang des Gäßchens. Sie werden aber das Haus nicht leicht finden. Du könnteſt wohl mitgehen, Cilli, und es zeigen.“ Die Angeredete, in ein ſchlichtes, aber ſorgfältig rein gehaltenes Röckchen von ausgewaſchenem Kattun gekleidet, hatte ihr bleiches Geſicht, das die unverkenn⸗ baren Spuren ehemaliger hoher Schönheit trug, bis zu dieſem Augenblick unverwandt auf das im Wagen — 8— ————„—„«„“““ſ — . “ —☛ᷣ 3 ſitzende Mädchen gerichtet. Dabei hatten ihre Züge immer mehr den Ausdruck eines tiefen, neidiſch grollen⸗ den Haſſes angenommen, ſodaß ſich das Mädchen, un⸗ angenehm davon berührt, in den Wagen zurücklehnte. Ohne ihre Stellung zu ändern, murrte ſie halblaut vor ſich hin:„Ich hab' keine Zeit und mach' auch Nie⸗ mand den Bedienten.“ zSo ſoll der Richard mitgehen“, rief der Mann etwas raſch und mit einer leichten Röthe auf dem blaſſen Ge⸗ ſichte. Er pfiff auf den Fingern, aber erſt auf den zweiten Ruf kam ein etwa ſechsjähriger Knabe aus der Ecke, wo er im Schmuz geſpielt hatte, verdroſſen her⸗ bei und ging ſchläfrig dem Wagen voran. Dieſer pol⸗ terte ihm über das ſchadhafte Straßenpflaſter langſam nach und hielt endlich auf ſeinen Wink vor einem großen verſchloſſenen Hofthore ſtill. Der Junge zog die Klingel, die einen hallenden Ton von ſich gab, und trat dann an den Kutſchenſchlag, um die blanke Silbermünze in Empfang zu nehmen, welche ihm das Mädchen zur Belohnung ſeiner Mühe bot. Die Frage nach ſeinem Namen hörte oder beachtete er nicht; haſtig ergriff er das Geldſtück und war mit einem ſcheuen, liſtigen Blick auf die Fragende mit einem Satze ent⸗ 3 ſprungen. Ein alter Mann mit weißem, halb kahlem Kopfe 4 4 und einer grünen Gartenſchürze hatte inzwiſchen das Thor geöffnet und der Wagen verſchwand bald in dem geräumigen, mit Bäumen beſetzten Hofraum. Die Leute im Gäßchen hatten indeſſen über den Wagen und das Frauenzimmer darin fortgeplaudert. „Wird wohl eine Verwandte der Räthin oder gar die Braut ihres Sohnes, des Profeſſors, ſein“, ſagte der Weber.„ „Wohl möglich“, erwiderte aus dem Fenſter die Alte,„es heißt ja immer, daß er bald Hochzeit macht.“ „Na, ich will ihm alles Gute gönnen“, erwiderte jener,„er iſt ein Ehrenmann. Hätteſt auch nicht Noth gehabt, ſo grob zu ſein mit dem Frauenzimmer“, fuhr er dann, zu dem neben ihm ſtehenden Mädchen gewen⸗ det, fort. 3 „Geht'’s Dich was an, Friedel?“ entgegnete dieſe roh und trat ins Haus, die Thür hinter ſich zuſchmet⸗ ternd. „Eure Schweſter“, meinte ein großes, ſtämmiges Weib, das, einen Säugling auf dem Arme, ſich zu der Gruppe geſellt hatte,„die Cilli, wird doch jeden Tag unfreundlicher und wilder. Ihr ſolltet's nicht leiden, Nachbar Will! Ihr ſeid doch der Bruder.“ „Ich hab' keine Macht über ſie“, antwortete der Mann,„ich muß ſie leider gehen laſſen.“ — — 5 „Na, meinetwegen“, fügte die erſtere hinzu,„mir kann's recht ſein. Aber habt Ihr's ſchon gehört, Nach⸗ bar? Es ſoll nicht richtig ſein drinnen in der Stadt.“ „Nicht richtig? Was meint Ihr, Kräutlerin?“ „Ei, ſtellt Euch doch nicht, als ob Ihr das nicht wüßtet. Sie wollen die neue Steuer nicht leiden und wollen—“. „Sie ſollten's nicht thun, Nachbarin, und ſollten ruhig bleiben, das mein' ich! Sie machen das Uebel nur ſchlimmer. Uns armen Leuten kann doch Nie⸗ mand helfen als der im Himmel droben. Behüt' Euch Gott, Kräutlerin!“ Damit wendete er ſich dem Hauſe zu und das Weib ging die Straße entlang. Die Fenſter ſchloſſen ſich und bald war es in dem Gäßchen wieder ſo einſam und ſtill wie zuvor. Während deſſen war die Fremde im Hofraume aus den Wagen geſtiegen und von einer ältlichen Frau in einfachem Hauskleide bewillkommt worden. Sie war in der That eine impoſante Erſcheinung, und die ſchö⸗ nen, vollkommen reinen Verhältniſſe der Geſtalt ſowohl als des Kopfes traten nun erſt in vollem Lichte hervor. Sie war groß und wohlgebaut, und die ſchlanke Form ihres Körpers ward durch ein anſchließendes Kleid von ungefärbter Naturſeide vortheilhaft hervorgehoben. Das 6 reizende Oval des Kopfes war von einer Fülle brau⸗ nen Haares umgeben, das in reichen natürlichen Locken um das Geſicht hing und dazu diente, die bräunliche, mit feinem, durchſichtigem Roth überhauchte Farbe des letztern zu heben. Der kleine, fein geſchnittene Mund und das mit eigenthümlichem Reize gerundete Kinn gaben dem Geſichte einen faſt kinderhaft lieblichen Aus⸗ druck; in den großen blauen Augen aber, die unter der fein gewölbten Stirn und den langen, ſanft geſenkten Wimpern auftauchten, leuchtete es wie von Funken einer verborgenen, tief im Grunde ſchlafenden Glut. Ein leichtes rothſeidenes Umſchlagetuch, das über den Nacken hinabgeglitten war und ein feiner, mit einem Gewinde von künſtlichem Immergrün umflochtener Stroh⸗ hut, den ſie in der Hand trug, rundeten den Eindruck der ganzen Erſcheinung wohlgefällig ab. Die ältliche Frau war ihr an den Wagen entgegen⸗ geeilt und bot ihr freundlich die Hand.„Seien Sie mir herzlich willkommen!“ rief ſie mit unverkennbarer und unverhohlener Freude.„Ich frage nicht, ob Sie die ſind, die wir in unſerm ſtillen Hauſe erwarten. Sie müſſen es ſein, denn mein Friedrich hat mir Ihr Bild ſo oft vorgemalt, daß ich Sie unter Hunderten erkannt haben wollte. Aber kommen Sie doch herauf in die Stube, liebes Fräulein. Sie werden müde ſein von ——õ——ͤͤ — —— 2 ——ͤͤͤͤͤͤ 7 der Reiſe. Seh' Er zu, Joſeph, daß die Sachen des Fräuleins bald hinauf kommen— weiß Er wohl? In die grüne Stube links! Kommen Sie, kommen Sie, liebe— Ulrike heißen Sie! Nicht wahr?“ „Ich danke Ihnen herzlich, Frau Räthin“, erwiderte 8 Ulrike, indem ſie ins Haus folgte.„Sie empfangen mich auf ſo herzliche Weiſe, daß jede Beſorgniß von meinem Herzen ſchwinde und ich kann es Ihnen nicht verbergen, daß es mir immer ſchwerer und banger zu Muthe ward, je näher ich dem Ziele meiner Reiſe kam.“ „Kann mir's denken, Herzchen, kann mir's denken“, rief die Räthin freundlich.„Wenn man dem Bräuti⸗ gam und der Hochzeit entgegenfährt, muß es einem wohl ein bischen enge um die Bruſt werden. Aber nun laſſen Sie alle Sorgen ſchwinden. Sie ſind ja zu Hauſe.“ „Aber wo iſt Friedrich? Hat er mich nicht erwar⸗ tet?“ fragte Ulrike, als ſie die Treppe hinaufgeſtiegen waren und ihnen auch hier der Bräutigam nicht ent⸗ gegentrat. „Ei, der iſt um dieſe Zeit nie daheim!“ antwortete die Räthin.„Da iſt er in der Univerſität und hält Vorleſung. Freilich, hätten wir gewiß gewußt, daß Sie heute kämen, dann würde er ſich wohl frei ge⸗ macht haben, aber ſo läßt er keine Stunde aus.“ 8 Damit waren die Beiden am Ende des langen und breiten Ganges und vor der Thür des Wohnzimmers angekommen. Die Räthin öffnete und langte ſogleich mit der einen Hand in das am Thürgerüſte hängende „Weihwaſſerkeſſelchen. „In Gottes Namen“, ſagte ſie, indem ſie Ulrike mit einigen Tropfen beſprengte und ihr mit dem Dau⸗ men das Kreuzzeichen auf die Stirn ſchrieb.„Lachen Sie mich nicht aus, ich bin eben noch von der alten Welt und habe meinen alten Glauben lieb. Seien Sie mir denn herzlich willkommen, meine liebe Tochter, und Gott ſegne ihren Eingang.“ Die einfache Weiſe der guten Frau hatte Ulrike, obwohl ihr anfangs ein Lächeln um die Lippen ſchwebte, ſo ergriffen, daß ſie ihr gerührt in die Arme ſank.„Ja, ſeien Sie mir Mutter ich bin ja nie ſo glücklich ge⸗ weſen, eine zu haben!“ rief ſie aus, indem ihr raſche Thränen über die blühenden Wangen rollten. „Das will ich auch ſein, mein Herzchen“, erwiderte begütigend die Räthin,„aber weinen Sie darum nicht! Ich weiß wohl, was Sie meinen, denn mein Sohn hat mir Alles erzählt. Aber jetzt wollen wir an nichts Trauriges denken. Friedrich muß bald kommen, er ſoll nicht gleich Thränenſpuren in Ihren ſchönen Augen ſehen. Kommen Sie“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr die 4 9 Thränen mit einem Tuche ſorgſam abwiſchte,„machen Sie ſich's nun bequem. Ich laſſe Sie einen Augenblick allein, um nachzuſehen, ob auf Ihrem Zimmer Alles in gehöriger Ordnung iſt. Wenn Sie nun bald ſelbſt eine Frau ſind, werden Sie ſelber erfahren, wenn Sie es noch nicht wiſſen, wie wenig man ſich auf das Geſinde verlaſſen kann. Ich bin bald wieder bei Ihnen.“ Sie ging und ließ Ulriken allein, die, von vielerlei Eindrücken und Empfindungen beſtürmt, den Augenblick gern benutzte, um mit ſich ſelbſt ins Klare zu kommen und ſich zu ſammeln. Sie hatte die Reiſe mit frohem Entſchluſſe und in heiterſter Stimmung angetreten und wußte ſich ſelbſt nicht zu erklären, warum ſich ihrer r während derſelben und namentlich gegen das Ende zu eine gewiſſe Bangigkeit bemeiſtert hatte, die ſich auch jetzt noch nicht verſcheuchen laſſen wollte.„Ich weiß nicht, wie mir iſt!“ ſagte ſie vor ſich hin, indem ſie ſich an eins der Fenſter auf den erhöhten Antritt ſetzte. „Wenn ich an Ahnungen glaubte, könnte mir dieſe Em⸗ pfindung an dieſem Orte faſt von ſchlimmer Vorbedeu⸗ tung ſein. Was iſt es nur, das mich beängſtigt? Ich liebe Friedrich, er liebt mich wieder; er iſt ein braver Mann, an deſſen Seite mein Glück gewiß iſt— es iſt nichts als eine Thorheit, Aufregung des Blutes 10 von der Reiſe her und“— ſetzte ſie mit einem Blick auf das Zimmer hinzu—„dieſe düſtere Umgebung viel⸗ leicht, an die man ſich erſt gewöhnen muß!“ Sei es nun, daß ſie wirklich den Grund ihrer Un⸗ ruhe errathen hatte, oder daß die mit dem Nachdenken über einen Gemüthszuſtand allemal verbundene Klarheit ihr Ruhe gab: ſie fühlte ſich etwas erleichtert und be⸗ gann mit ziemlich gefaßtem Auge die Umgebung zu betrachten. Das Haus ſelbſt war in der alten bequemen Art des vorigen Jahrhunderts gebaut. Wenn man aus dem engen, finſtern Gäßchen eintrat, überraſchte es durch ſein wohnliches Ausſehen und durch den angenehmen Gegenſatz, den ſeine grauen Steinwände mit dem dunk⸗ len Grün der daſſelbe überragenden Lindenbäume bil⸗ deten und mit dem lichtern des rings herum gezogenen Buſchweeks. Auch die braunrothen Ziegelwände der beiden Stadtmauern, in deren Zwiſchenraum Haus und Garten ſich einſchmiegend hindehnten, waren mit Reben und andern Rankengewächſen bekleidet, ſodaß der ganze eingeſchloſſene Raum den Charakter eines heimlichen, in faſt klöſterlicher Abgeſchiedenheit aufgeblühten reizen⸗ den Freudenwinkels trug, der ein genügſames Herz wohl vergeſſen machen konnte, daß das Auge über ſeine Begrenzungen wie über die Mauern eines Gefängniſſes 11 nicht hinauszureichen vermochte. Das Gebäude hatte urſprünglich einen Theil eines Kapuzinerkloſters gebil⸗ det, jetzt aber waren die Spuren dieſer frühern Be⸗ ſtimmung bis auf einige mit Abſicht geſchonte Verzie⸗ rungen und Steinarbeiten dem Bedürfniſſe der Familie und der Häuslichkeit gewichen. Denſelben ernſt⸗freundlichen Eindruck machte auch das Innere des Hauſes, nur war er hier durch die Einrichtung der Zimmer noch geſteigert. Alles Geräthe gehörte in Form und Stoff einer untergegangenen Zeit an. Zu dem braunen Holzgetäfel, das rings bis zu einem Drittheil der Höhe an der Wand herumlief, paßten vollkommen die mächtigen dunklen Schränke mit ſonderbar geſchweiften Kanten und zierlich eingelegter Arbeit. Ueber dem hohen, ſchmalen Wandſpiegel an der Mittelwand thürmte ſich eine mächtige, in Holz ge⸗ ſchnitzte und vergoldete Verzierung, mit den Enden in den weiten, faltigen Vorhängen verlaufend, die zu bei⸗ den Seiten bis zum Boden herabfielen und die tiefen Fenſterniſchen dämmerig verhüllten. Gegenüber, ober⸗ halb des breiten Tiſches, deſſen Marmorplatte von vier zierlich geſchnörkelten Hirſchläufen getragen ward, thronte auf einem Geſimſe eine hohe Standuhr, deren langer Perpendikel mit eintönigem Schlage die Minuten ab⸗ maß. Ein paar alte Oelbilder, Familienglieder vor⸗ ‿ 12 ſtellend, welche einſt mit dem Hausrath, der ſteenun ſo lange überlebte, jung geweſen waren, vollendeten das Ganze. Wenn die Räthin, ſtill mit ihrer Arbeit beſchäftigt, oder in dem Buche leſend, das in ſchwarzes Leder gebunden und mit Silber beſchlagen auf dem Fenſtergeſimſe lag, in dem Zimmer ſaß, ſo war es, als ſei die Zeit um einige Jahrzehnte zurückgeſchraubt, oder als wäre mitten in der Gegenwart ein Stück Vergan⸗ genheit wohl erhalten zurückgeblieben. Um ſo größer war der Abſtand, den Ulrikens im Aeußern ſowohl als in ihrem eigentlichen Weſen völlig moderne Er⸗ ſcheinung zu dieſer Aeußerlichkeit bildete. In ihren Betrachtungen wurde Ulrike durch den alten Mann geſtört, der ihr bei ihrer Ankunft in der Gartenſchürze entgegengekommen war. Jetzt hatte er einen altväteriſchen, etwas verblaßten Rock angezogen und das weiße Haar zierlich geſcheitelt. Alles ließ entnehmen, daß er ungewöhnliche Aufmerkſamkeit dar⸗ auf verwendet hatte, ſich zu putzen; es ſchien ihm daran gelegen, einen guten Eindruck zu machen. Er trat Ulrike mit einem ſteifen Bückling näher. „Con permissione, Signora“, ſagte er, indem er ihre Hand ergriff und ehrerbietig küßte. „Was wollen Sie?“ rief Ulrike überraſcht.„Wer ſind Sie?“ 13 „Ich wollte mich Signora empfehlen“, erwiderte jener in etwas gebrochenem Deutſch;„ich bin der alte Diener des Herrn Profeſſors.“ „Ich danke Ihnen“, entgegnete Ulrike freundlich. „Sie ſind kein Deutſcher, wie es ſcheint?“ „lo son Italiano, son un compatriota di Roma“, erwiderte, ſich in die Bruſt werfend, der Alte.„Aber ich ſein ſchon mit dem Vater von die Herr Profeſſor kommen nach Deutſchland.“ „Come?“ fragte Ulrike.„E non avete riveduta mai la vostra bella patria?“ Das Angeſicht des Alten leuchtete.„O“, rief er entzückt,„Signora parla italiano? Oh, che gran giojo per me! No Signora“, fuhr er dann ſchnell wieder traurig fort,„non ho riveduto mai la mia bella pa- tria— non la rivedro mai! Oh questo suono della mia dolcissima lingua! Quanto é lungo tiempo che non Tho udito. E voi, la sposa del mi figlié lo carissimo, del mio— ma Sie verzeihe— ich ver⸗ geſſe mich—“ „Nicht doch, Sie ſollen immer Ihre Mutterſprache mit mir reden, wenn es Sie ſo ſehr freut. Ihr Name?“ „Die Frau Räthin nennen mich Joſeph. Aber in Rom, meiner Heimat, hieß ich Beppo.“ Die Klingel des Hofthors unterbrach das Geſpräch. Beinahe gleichzeitig eilte die Räthin haſtig herein. „Das iſt mein Sohn“, rief ſie,„das iſt Friedrich! Geh' Er hinab, Joſeph, und mach' Er die Thür auf. Aber daß Er mir ja nichts von unſerm Gaſte da mer⸗ ken läßt! Hört Er's, Er alte Kinderklapper? Wir wol⸗ len ihn überraſchen!“ Der Alte eilte hinweg und die Räthin drängte Ul⸗ rike haſtig zur Seitenthür.„Da hinein“, ſagte ſie, nes iſt Friedrich's Studirzimmer. Da warten Sie, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe— und verderben Sie ja meine Freude nicht!“ Ulrike gehorchte mit hochklopfen⸗ dem Herzen und die Thür fiel zu, als gerade auf dem Gange der haſtige Tritt eines Mannes hörbar wurde. Der erſte Blick auf den eintretenden Sohn zeigte der Räthin, daß er in nicht angenehmer Stimmung heimkam. Bei der außerordentlichen zärtlichen Liebe, die ſie zu ihrem Einzigen trug, reichte die Wahrneh⸗ mung eines Wölkchens auf ſeiner Stirn hin, ſie be⸗ ſorgt und deſſen, was ſie vorhatte, faſt vergeſſen zu machen. Sie erwiderte ſeinen kurzen, aber herzlichen Gruß mit der halb ängſtlichen Frage:„Du kommſt früher als gewöhnlich, mein Sohn, haſt Du Deine Vorleſung heute ſo bald beendigt?“ „Ja“, antwortete Friedrich,„ungewöhnlich bald, denn ich habe gar nicht geleſen. Ich hätte nur leere Bänke vor mir gehabt, meine Zuhörer waren nach allen vier Winden zerſtreut, um den Lärm in der Stadt nicht zu verſäumen.“ „So? Was gibt es denn in der Stadt?“ „Große Aufregung, liebe Mutter. Alle Plätze und Straßen ſtehen voll müßiger Menſchen. Sie wiſſen wohl, die Einführung der neuen Verbrauchsſteuer hat böſes Blut gemacht.“ „Heiliger Gott“, rief erſchreckt die Mutter,„es wird doch kein Unglück abgeben?“ „Ich wollte, daß ich Ihre Beſorgniß widerlegen und nein ſagen könnte, aber ich fürchte allerdings, daß es zu ernſten, vielleicht zu ſehr ernſten Auftritten kommen wird.“ „Du machſt mir angſt, Friedrich!“ „Das Volk iſt ſehr gereizt, denn die Maßregel trifft tief und trifft die Maſſen; die Regierung aber ſcheint entſchloſſen, nicht nachgeben zu wollen!“ „Was ſoll aber daraus werden? Sie werden es doch nicht wagen, ſich gegen ihre Obrigkeit aufzulehnen?“ „Nach den drohenden Mienen, die man ſieht, nach den entſchloſſenen Reden, die man fallen hört, ſcheinen ſie es allerdings auf eine gewaltſame Entſcheidung an⸗ kommen laſſen zu wollen!“ 16 „Die Unglücklichen! Gott ſoll jeden guten Chriſten⸗ menſchen vor derlei bewahren! Wohl dem, der ſein eigen Haus und Herd hat in ſolcher Zeit und nicht nach dem zu fragen braucht, was draußen vorgeht. Ich wollte, Du wäreſt auch ſchon ſo weit!“ „Eigenen Herd!“ rief Friedrich, ſich aus dem Lehn⸗ ſtuhl, in den er ſich geworfen, aufrichtend und mit haſtigen Schritten das Zimmer durchmeſſend.„Ja, es liegt viel, ungeheuer viel, es liegt im Grunde Al⸗ les darin, einer Familie anzugehören, eine Familie zu gründen! Aber gewiß nicht, um ſich dann engherzig in ſeinen vier Pfählen einzuſchließen! Kann ein Mann, der einen Kopf zu begreifen, ein Herz hat zu fühlen ſich ruhig auf das Faulbett legen, wenn das Wehge⸗ ſchrei leidender Mitmenſchen in das Glück ſeiner Be⸗ hauſung hereindröhnt? Oder kann er ſich hermetiſch gegen die Außenwelt abſchließen, daß ihn das in der Luft liegende Leid mit dieſer nicht erreicht? O, auch ich bin froh, liebe Mutter, wenn ſich der Kreis meiner Pflichten und Beziehungen um die der Häuslichkeit ver⸗ mehrt haben wird, aber nur, um dann dem großen Ganzen noch inniger nahe zu ſtehen. Das eigene Glück iſt für den denkenden Mann der untrüglichſte Maßſtab fremden Unglücks, und alle Nervenfäden des großen äußern Lebens laufen für den echten Familienvater in 17* ſeinem Hauſe wie in einem commune sensorium zuſam⸗ men, das jede Bebung des öffentlichen Lebens in ſeinem tiefſten Weſen nachzittern macht! Doch“, fuhr er, vor ſeiner Mutter ſtehen bleibend, fort, nich weiß, daß Sie, obwohl meine gute, liebevolle Mutter, mit meinen An⸗ ſichten nicht harmoniren.“ „Das thu' ich wahrlich nicht“, erwiderte die Räthin, indem ſie Friedrich an der Hand ergriff und ihm mit dem vollen Ausdruck mütterlicher Beſorgniß in die Augen ſah.„Ich meine, es könne nicht ſchlimm um das Ganze ſtehen, wenn jeder Theil das und eben nur das thäte, wozu ihn die Vorſehung beſtimmt hat. Wenn jeder Theil am Ueberblick über das Ganze, an der Leitung Antheil haben will, iſt ja die Verwirrung un⸗ vermeidlich. Das war die Anſicht Deines braven Vaters, erprobt in einem langen redlichen Leben, ſie iſt während deſſelben die meine geworden, und glaube mir, auch Du würdeſt beſſer mit ihr fahren als mit der Deinen.“ „Laſſen wir das, Mutter“, ſagte Friedrich lächelnd. „Mein guter Vater war ein vortrefflicher Mann, und ſein Andenken ſei geſegnet, aber ihm ging der Beamte vor dem Menſchen, und weil er ſich mit ſeinem Amte verſchmolzen hatte, ſah er Welt und Leben nur durch die Kanzleifenſter. Aber ſagen Sie, iſt keine Nachricht von Ulrike gekommen?“ Schmid, Mütze und Krone. I. 2 18 „Nein“, erwiderte lächelnd und mit abſichtlichem Doppelſinne die Räthin,„Nachricht iſt nicht gekommen, aber eben erinnere ich mich, daß Dich Jemand ſprechen will und in Deinem Zimmer auf Dich wartet.“ „Und das ſagen Sie mir jetzt erſt? Wer iſt es denn?“ Damit wendete er ſich haſtig gegen die Seitenthür, als dieſe ſich öffnete und Ulrike auf der Schwelle er⸗ ſchien. Hinter ihr fielen die Sonnenſtrahlen hell und glänzend in das kleine Zimmerchen, ſodaß ſie wie ein zauberhaftes Bild auf Goldgrund in die dunkle Um⸗ faſſung der Thüre eingerahmt erſchien und einen wahr⸗ haft reizenden Anblick darbot. „Seh' ich recht?“ rief der Profeſſor und hielt über⸗ raſcht in ſeinem Vorſchreiten inne.„Biſt Du es wirk⸗ lich?“ „Mein Friedrich“, hauchte Ulrike, breitete ihm die Arme entgegen, und in der nächſten Sekunde hielt er ſie mit dem Rufe des innigſten Entzückens:„Meine Ulrike— meine Geliebte— meine Braut!“ feſt um⸗ ſchlungen. Als die erſte wortloſe Pauſe der Wonne vorüber war, führte Friedrich Ulrike vor die gerührte Mutter. „Dieſe iſt es, Mutter“, ſagte er,„die mein Herz ſich erwählt hat! Sie ſoll, ſie wird mir ſein, was Sie mei⸗ ——— 8 4 4 19 nem theuern Vater auf dem Wege durchs Leben wa⸗ ren. Segnen Sie Ihre Kinder!“ Die gute alte Frau vermochte vor innerer Bewegung nicht zu ſprechen. Stumm und mit nach oben gewendetem Zlick legte ſie den Beiden, die vor ihr in die Kniee geſunken, die Hände wie zum Segen auf das Haupt, dann hob ſie das Paar zu ſich empor, in ſeiner Umarmung die ſüßeſte Thräne zu weinen, welche je ein Mutterauge benetzen kann. Unbemerkt von den Dreien war der alte Joſeph ins Zimmer getreten und ſtand nun, um die heilige Minute nicht zu ſtören, ehrerbietig und mit zum Gebete gefalteten Händen im Schatten des hohen Ofens neben der Thür da. Als die Glücklichen ſich trennten, trat er ſchüchtern mit der Frage vor, ob, da das Eſſen bereit ſtehe, im Garten gedeckt werden ſolle.„Gewiß“, rief Friedrich, „bei dem ſchönen Wetter ſitzt es ſich gar zu angenehm im grünen Lindenſchatten. Aber wir müſſen noch eine Weile zuwarten. Ich ahnte nicht, welche Ueber⸗ raſchung mir zu Hauſe bevorſtehe, und habe einen Gaſt gebeten.“ 1 „Einen Gaſt? Und wen?“ fragte verwundert die Mutter. „Es wird Ihnen nicht ſehr lieb ſein, Mutter, 9*½ 2 aber er verſprach mir, Nachricht aus der Stadt zu bringen, und ich habe auch Anderes mit ihm zu be⸗ reden.“ „Von wem ſprichſt Du?“ „Nun, errathen Sie es nicht? Von Ihrer politi⸗ ſchen Antipathie!“ „Doch nicht von Deinem verwünſchten Riedl? Ich will nicht hoffen—“ „Allerdings, der verwünſchte Riedl wird zu Tiſche kommen, aber er iſt ſo ſchlimm nicht, als Sie ihn machen, Mutter!“ „Nein, nein, ich mach' ihn um kein Härchen ſchlim⸗ mer, als er ſich gibt. Er iſt ein herzloſer Menſch und hat vor Gott und der Welt keinen Reſpekt!“ Der Ton der Hausglocke unterbrach die Eifernde. Man ſah einen großen, hagern Mann im dunklen Ueber⸗ rocke und breitkrempigen Hut durch den Hofraum auf das Haus zukommen. „Da iſt er ſchon!“ fuhr die Räthin fort.„Ich muß mich wirklich zuſammennehmen, daß ich ihm nicht un⸗ freundlich begegne!“ „Thun Sie es mir oder doch Ulrike und dem heu⸗ tigen Tage zu Liebe!“ fügte Friedrich bei. „Nun, ich werde wohl“, rief jene wieder, indem ſich alle zum Gehen anſchickten.„Aber wahr bleibt 21 wahr, und Du wirſt Dich auch noch überzeugen, daß ich Dir nicht ohne Grund von dem Umgang mit dieſem Menſchen abgerathen habe. Man darf ihn nur anſehen! Die kleinen grauen, ſtechenden Augen und der rothe Bart— das Sprichwort hat recht, in dem ſteckt ſelten eine gute Art.“ Ulrike ergriff den Arm der Mutter und beſchwich⸗ tigte ſie endlich. Friedrich ging beiden in den Garten voraus, von wo ihnen der verwünſchte Riedl mit kur⸗ zem Gruße entgegenkam. Wer ihn zuerſt ſah, konnte allerdings den Unwillen und die inſtinktmäßige Abnei⸗ gung der Räthin in etwas begreiflich finden, denn Riedl war von auffallender Häßlichkeit. Das hagere, blaſſe, mit Sommerſproſſen überdeckte Geſicht war ganz in dem rothen Haarwuchs verſteckt, der Kopf, Kinn und Wangen überwucherte. Unter großen buſchigen Augen⸗ brauen von gleicher Farbe blitzten ein paar blaßblaue, liſtig umherſpähende Augen und die ſchmalen, einge⸗ kniffenen, blutleeren Lippen gaben den Zügen einen unangenehmen, höhniſchen Ausdruck. Erſt wenn man durch längeres Beſchauen mit der ganzen Erſcheinung vertrauter geworden war, ſah man, daß auf der hohen Stirn klare Verſtändigkeit, in dem ruhigen Glanze des Auges durchdringender Geiſt lag. Die Räthin erwiderte Riedl's Gruß etwas ſteif und 22 kurz; als Friedrich ihm Ulrike als ſeine Braut vor⸗ ſtellte, bot er ihr herzlich die Hand.„Ich darf mich rühmen, ein Freund Ihres künftigen Gatten zu ſein“, ſagte er,„laſſen Sie mich darin ein Anrecht auf Ihre Gewogenheit finden.“ Ulrike dankte mit feinem Anſtande. „Laſſen Sie es meine Sache ſein, mein Herr“, er⸗ widerte ſie,„um Ihre Freundſchaft zu bitten. Niemand weiß beſſer als ich, welch ein Schatz ein echter Freund iſt, zumal in Zeiten wie die unſerigen.“ „Da ſtimm' ich bei“, fügte die Räthin hinzu;„der Verſtand hat das Uebergewicht bekommen, es gibt we⸗ nig Herzen mehr und darum wenig Freunde. Was man heutzutage ſo nennt, iſt meiſtens nur eine ge⸗ machte und deshalb nicht haltbare Sache.“ „Ich bin überzeugt, Frau Räthin“, ſagte Riedl mit einem Lächeln, welches das Gegentheil davon auszu⸗ drücken ſchien,„daß Sie mit dieſer harten Bemerkung nicht auf mich und mein langjähriges erprobtes Ver⸗ hältniß zu Ihrem Sohne anſpielen wollen. Gleich⸗ wohl“ fuhr er fort, während die Geſellſchaft am Tiſche Platz nahm,„muß ich Ihren alten Vorwurf gegen mich auch heute rechtfertigen und in Streit mit Ihnen ge⸗ rathen.“ „Sie ſind wieder einmal nicht mit mir einverſtan⸗ 23 den?“ fragte die Räthin, der das Geſpräch ſichtlich un⸗ angenehm war. „Das bin ich in der That auch ganz und gar nicht!“ rief Riedl eifrig.„Sie machen die Freundſchaft zur Sache des Gefühls, ich aber kann dieſem nur eine untergeordnete Stelle einräumen und muß, wie überall, dem Verſtande ſein Vorrecht wahren. Freundſchaft iſt nicht denkbar ohne Uebereinſtimmung der Geſinnung und die Geſinnung hat mit dem Gefühle nichts zu ſchaffen. Darum iſt auch nur dasjenige Alter, in wel⸗ chem die Geſinnung gereift iſt und feſt ſteht, das Man⸗ nesalter nämlich, die Zeit, in welcher die Freundſchaft gedeiht!“ „Sie ſprechen da etwas aus“, wendete Ulrike ein, „was mir neu iſt. Ich habe vielmehr oft behaupten hören, daß man ſich in der Jugend leichter an einander ſchließe, eben weil das Gefühl noch lebhafter und der Verſtand minder thätig iſt.“. „Ich kann Ihnen das unbedingt zugeben, mein Fräulein“, antwortete Riedl,„ohne deshalb meinem Satze untreu zu werden. Die Jugendbekanntſchaften, von denen Sie ſprechen, ſind allerdings nicht ſelten der Boden, in welchem die Eiche der Freundſchaft wurzelt; wenn ſich aber aus der Bekanntſchaft oder Kamerad⸗ ſchaft die Freundſchaft entwickeln ſoll, müſſen ſie 24 durchs Leben die Probe beſtehen, gewiſſermaßen die Be⸗ ſtätigung erhalten. Aus Jugendbekannten können Freunde werden, wenn der Verſtand der Männer den Bund der Jünglinge gutheißt; aber weit öfter werden ſie Gegner und nicht ſelten Feinde! Fragen Sie Ihren Bräu⸗ tigam! Er wird Ihnen meinen Satz aus eigener Er⸗ fahrung beſtätigen. Wir beide ſind uns in unſern Studienjahren ziemlich fern geſtanden, doch haben wir uns jetzt auf eine Weiſe gefunden, die Beſtand haben wird. Fritz hatte damals ganz andere vertraute Be⸗ kannte; er mag Ihnen ſelber ſagen, wie er nun mit ihnen ſteht!“ „Ich errath' es wohl“, ſagte Führer lächelnd,„Du ſprichſt von dem Prinzen!“ „Von welchem Prinzen?“ fragte Ulrike. „Wie, Sie wiſſen das nicht?“ rief Riedl lachend. „Dann muß ich Ihnen die Geſchichte erzählen, damit Sie ſehen, welch romantiſcher Schwärmer dieſer Herr, der nun ſo ehrbar daſitzt, einmal geweſen iſt Friedrich wollte Einwendungen machen, allein Riedl ließ ihn nicht zu Worte kommen und begann zu er⸗ zählen:„Hören Sie immer, was an der Sache iſt. Als wir auf der Univerſität CGöttingen ſtudirten, befand ſich auch Prinz Felix, unſer jetziger Erbprinz, daſelbſt. Er war ein lebhafter junger Mann, dem ein hoher Grad 6 — ganze Sache ſchon damals zuwider! Wenn der Prinz 25 von Leutſeligkeit großen Einfluß auf die Gemüther gab. Sie können denken, welchen Eindruck es auf die jungen Leute machen mußte, einen jungen Fürſten von ſo be⸗ deutender Zukunft mit ihnen wie mit ſeinesgleichen leben und umgehen zu ſehen. Mir freilich war die an unſern Verſammlungen und Vergnügungen Theil nahm, ſah ich nichts als eine Komödie, die wir ihm zu ſeiner Beluſtigung, im beſten Falle zu ſeiner Beleh⸗ rung vorſpielten. Andere waren dagegen um ſo begei⸗ ſterter und unter dieſen befand ſich Friedrich. Er war einer der hervorragendſten Köpfe und hatte die Auf⸗ merkſamkeit des Prinzen auf ſich gezogen, die ſich noch ſteigerte, als er erfuhr, daß er ein Landsmann und künftiger Unterthan von ihm ſei. Friedrich fühlte ſich durch die ihm gewordenen Auszeichnungen, wie begreif⸗ lich, ſehr geſchmeichelt, die lachenden Ideale unſeres lie⸗ ben Schiller waren damals noch für ihn ebenſo viele Wirklichkeiten— was Wunder, wenn er von einem ro⸗ mantiſchen Bündniß zwiſchen ſich und dem Prinzen träumte und ſich ſchon als eine Art Poſa ſah, freilich mit beſſerem Erfolg.“ „Du übertreibſt“, unterbrach ihn Führer;„doch iſt das keine Seltenheit bei Dir in Sachen, die Du ein⸗ mal nicht gelten laſſen willſt! Der Prinz war mir— 26 ich habe unwiderlegliche Proben davon— wirklich mit Neigung zugethan. Er hörte meinen Auseinander⸗ ſetzungen mit Intereſſe und Wärme zu und ich bin überzeugt, daß manches meiner Worte unvergeſſen in ſeiner Seele liegt und ſeiner Zeit Frucht zu tragen nicht verfehlen wird.“ „Iſt es möglich?“ rief Riedl.„Hat die dazwiſchen 4 liegende Zeit Dich von Deinen Phantaſien nicht zu heilen vermocht? Die Herzen der Fürſten ſind Marmor und müſſen es ſein, denn ein Herz in der Bruſt würde ſie zwingen, vom Thron herabzuſteigen. Die ganze Erziehung von Fürſtenkindern geht offen oder auf Um⸗ wegen darauf hinaus, allen weichern fruchtbaren Bo⸗ den, in welchem ein anderes Samenkorn als das des Egoismus etwa wurzeln könnte, zu vernichten, und darum wird und muß es Dir gehen wie dem Sämann, der auf Felſen ſäet.“ Die Räthin hatte bisher ſtill, aber mit Theilnahme zugehört. Die letzte Bemerkung Riedl's entriß ihr einen Laut des Unwillens.. „Thun Sie das doch nicht, Herr Riedl!“ ſagte ſie. „Ich kann es nicht hören, daß ſo von der höchſten Obrigkeit, von den Fürſten geſprochen wird; ſie ſind an Gottes Statt und von ihm eingeſetzt.“ „Es thut mir leid“, antwortete Riedl,„wenn ich 27 Sie durch meine Aeußerung verletzt habe. Es iſt un⸗ gern geſchehen, und damit mich das kitzliche Thema, über das ich nun einmal meine eigenen Gedanken habe, nicht nochmals in dieſe Verlegenheit bringt, laſſen Sie uns lieber davon abbrechen. Aber die eine Frage kann ich Ihnen nicht erlaſſen. Wenn Sie den Fürſten göttliche Einſetzung zuerkennen, von wem ſind dann wohl die Völker eingeſetzt? Doch wohl auch von Gott? Sie müſſen ja ſagen, wenn Sie dieſelben nicht zu einer Schöpfung des Teufels machen wollen!“ „Ich kann mit Ihnen nicht ſtreiten“, entgegnete die Räthin,„und will es auch nicht. Sie ſind ein Sophiſt und ich habe für meine Anſichten keinen andern Grund als mein Gefühl.“ „Und der Grund iſt vollgültig, liebe Mutter“, unter⸗ brach ſie Friedrich, um einer noch unangenehmern Wen⸗ dung des Geſprächs vorzubeugen.„Mindeſtens iſt er es bei einem ſo geſunden Herzen wie das Ihrige! Auch hat Riedl wohl mehr geſagt, als er zu beweiſen vermag. Ein Blick auf die Geſchichte und die trefflichen Fürſten, die ſie vorführt, widerlegt ihn. Sie wiſſen ja, daß er ſich in Paradoxen gefällt.“ „Ich bin Dir für Deine Vertheidigung nicht eben ſehr verbunden“, rief Riedl lachend,„doch muß ich ſie wohl gelten laſſen, um den Streit nicht zu erneuern. 28 Ich lege daher meine Widerlegung für ein ander Mal beiſeite! Sage mir nun, damit ich weiß, wie zeitig ich meinen Bratenrock zu beſtellen habe, bis wann Du Hochzeit zu machen denkſt!“ „Wenn es nur von mir abhängt“, erwiderte Frie⸗ drich,„ſo wird mir die kürzeſte Friſt die liebſte ſein. Meine Vorkehrungen ſind getroffen, alle nöthigen Schritte gethan; es wird alſo nur auf Ulrike ankommen, wann ſie das Kränzchen mit der Haube vertauſchen will, und auf meine Mutter, die nach wie vor Herrin des Hau⸗ ſes bleibt, auf welchen Tag ſie den Beginn meines Glückes feſtſetzen will.“ „Es iſt ſehr freundlich von Dir, mein Sohn“, er⸗ widerte die Räthin,„daß Du mir die Ehre gibſt. Du ſollſt über mich nicht zu klagen haben. Ulrike mag einige Tage bei uns bleiben, bis ſie ſich eingewöhnt hat, dann ſoll die Hochzeit ſein. Es wird ſchon der Leute wegen nöthig ſein, daß wir nicht zu lange zau⸗ dern; es gibt ſonſt gleich Anſtoß, daß die Braut, wie nun einmal die Verhältniſſe ſind, bei uns abſteigen mußte und ſchon jetzt in unſerm Hauſe lebt!“ „Wohlan denn“, rief Friedrich,„in vierzehn Tagen iſt mein Geburtstag, an dem ſoll mir auch mein zwei⸗ tes Ich geboren werden!“ Ulrike lächelte mit einer Thräne im Auge dem Ge⸗ — 29 liebten zu, die neben ihm ſitzende Mutter drückte ihm die Hand, Riedl aber ergriff ſein Glas, das eben zum Nachtiſch mit Rüdesheimer gefüllt worden, und rief: „Alte Gebräuche muß man ehren, wenn ſie gut ſind! Auf das Glück des Brautpaars!“ Harmoniſch klangen die Gläſer an einander— da dröhnte durch die Luft ein tiefer, ſtarker, weit ſchallen⸗ der Ton, wie wenn mit einem Hammer an eine Glocke geſchlagen würde. Alle erbleichten— ein zweiter ſtär⸗ kerer Schlag— alle ſetzten erſchreckt die Gläſer nieder, ohne ſie berührt zu haben; noch ehe Jemand Worte fand, erſcholl ein dritter Schlag, noch lauter dröhnend als die erſten; in immer kürzern Pauſen folgten meh⸗ rere immer ſchneller, immer dringender, immer gellender auf einander. „Heiliger Gott“, rief Friedrich aufſpringend,„das iſt Sturm!“ „Wahrhaftig“, ſagte Riedl kaltblütig,„es klingt ſo! Sollte es ſchon zu etwas gekommen ſein? Laſſen Sie uns horchen.“ Während einer ſekundenlangen athemloſen Stille hörte man von fern den Schall wilder, kreiſchender Stimmen herüberklingen. „Es iſt bei Gott Ernſt“, ſagte Riedl;„das ſind Ele⸗ mente, aus denen eine Schlachtſymphonie werden kann.“ Während Ulrike bemüht war, die Räthin zu beru⸗ higen, welche ſo ergriffen war, daß ihr eine Ohnmacht drohte, eilte Beppo faſt athemlos herbei. „Was iſt geſchehen?“ rief ihm Friedrich entgegen. „Ach, Signor“, erwiderte dieſer beinahe keuchend,„ein großes Unglück! Sie wiſſen wohl, es ſtand Alles dicht voll Menſchen auf den Straßen und Plätzen, aber Al⸗ les war ruhig, weil ſie eine Deputation an den Herzog geſchickt hatten, die ihn bitten ſollte, die neue Auflage zurückzunehmen. Da fiel es auf einmal einem jungen Offizier ein, die Leute vertreiben zu wollen, und als ſie nicht wichen, ließ er drunter ſchießen.“ „Entſetzlich!“ rief Friedrich. „Das iſt der Dienſteifer dieſer Schergenſeelen“, murmelte Riedl, der noch bleicher geworden war als gewöhnlich.„Hat es Todte gegeben?“ „Ihrer acht oder neun, ſagt man“, fuhr Beppo fort, „aber das Schlimmſte war, daß es nun hieß, die De⸗ putation werde in der Reſidenz gefangen gehalten. Darüber wurden die Leute wüthend, ſie haben die Thore der Thomaskirche eingeſprengt und läuten Sturm— das Militär rückt mit Kanonen an— der Himmel weiß, was es geben und wie das enden wird!“ „So iſt keine Zeit zu verlieren“, rief Riedl, ſeinen Hut ergreifend.„Daß dieſes ſchöne Zuſammenſein ſo 31 unangenehm geſtört wurde, iſt vollkommen bezeichnend für unſere Zeit— es gilt kein Abſchließen mehr gegen das, was draußen vorgeht! Wir müſſen mit hinein in den Strom, und Alles, was wir thun können, iſt, ſo⸗ lange als möglich gegen das Unterſinken zu kämpfen.“ Damit wollte er ſich empfehlen, allein Führer bat ihn, zu verziehen, weil er ihn begleiten wolle. Dieſer Entſchluß rief großen Widerſpruch hervor. Ulrike ver⸗ barg ihre Beſorgniß nur mit Mühe hinter freundlichem Zureden. Die Räthin dagegen verſuchte alle ihr zu Gebote ſtehenden Mittel der Ueberredung, um den Sohn von dem unheilvollen Schritte, wie ſie ihn nannte, ab⸗ zuhalten. „Mein Sohn“ eiferte ſie,„es iſt eine alte Wahrheit: Was Deines Amts nicht iſt, das laß! Was haſt Du, der friedliche Mann der Wiſſenſchaft, inmitten eines rebelliſchen Volks zu thun? Bleibe bei uns— bei uns iſt Deine Stelle!“ „Mutter“, entgegnete Friedrich ruhig, aber feſt,„die Zeit iſt vorbei, wo die Wiſſenſchaft die Stube oder das Haus für ihr Bereich halten durfte. Jetzt muß ſie ins Leben hinaus und hat nur dann Bedeutung und Werth, wenn ſie von ihm geprüft und erprobt wurde. Ich habe mich der Wiſſenſchaft des Rechts ergeben, darum iſt überall meine Stelle, wo es gilt, einem Bedrängten 32 zu ſeinem Rechte zu verhelfen, oder die Verübung eines Unrechts zu hindern! Seien Sie meinetwegen ohne Sorge— auch Du, meine theure Ulrike! Ich komme bald, Gott gebe es, mit der Nachricht des Friedens wieder!“ Haſtig drückte er die Braut noch einmal an die Bruſt, und während dieſe mit Beppo's Hülfe die Rä⸗ thin in das Haus zurückgeleitete, eilten die beiden Männer davon. Von draußen aber erſcholl immer lauter und drohender verwirrtes Rufen und Sturmge⸗ läute, in das ſich einzelne Flintenſchüſſe zu miſchen be⸗ gannen. Zweites Kapitel. Im Fürſtenſchloß. In einer der Gallerien der herzoglichen Burg, welche gegen den großen Schloßplatz hinaus lagen, ſtand ein alter Mann in glänzender Lakaientracht mit einem gleich gekleideten jüngern am Fenſter. Beide ſahen vorſichtig zwiſchen den ſchweren Gardinen auf den Platz und die dort hin und her wogende Menſchenmaſſe hinab. „Ich begreife nicht“, ſagte der Jüngere, dem Andern über die Schultern ſehend,„wo der Herzog die Geduld hernimmt, der Geſchichte ſo lange zuzuſehen. Ich meine, ich wollte bald ein Ende machen! Was ſagen Sie, Herr Oberkammerdiener?“ Schmid, Mütze und Krone. I. 3 34 „Ich ſage, daß es gegen den Reſpekt iſt, ſich ſo auszudrücken. Durchlaucht bedarf keinen Rath von Ihnen, Herr Bornemann, und wenn Ihnen die Livree lieb iſt, ſorgen Sie, daß Höchſtdieſelben nie eine ſolche Aeußerung erfahren!“ Damit wendete ſich der Oberkammerdiener und ver⸗ ſchwand, mit ſichtbarer Uebung den ſpiegelglatten Par⸗ quetboden dahingleitend, in einer hohen Flügelthür Der Zurückgebliebene ſah ihm einen Augenblick mit giftiger Miene nach.„Uebermüthiger Kerl“, brummte er vor ſich hin und klappte die Doſe zu, aus der er ihm eben ein Prischen hatte anbieten wollen.„Ich erleb' es doch noch, daß du Dir den hoffärtigen Hals brichſt!“. Das Selbſtgeſpräch des Erzürnten wurde durch den Eintritt zweier Männer unterbrochen, deren Aeußeres und ſicheres Benehmen die Vertrautheit mit dem Orte zeigten, an dem ſie erſchienen. Auf einen Wink ent⸗ fernte ſich der Diener und der eine, ein ſtarker, wohl⸗ gebauter Mann in Generalsuniform, begann mit großen Schritten die Gallerie auf und ab zu ſchreiten.„Graf, ich erſuche Sie noch einmal, auf meinen Antrag einzu⸗ gehen und ihn vor dem Herzog zu unterſtützen. Es gibt keinen andern Ausweg, die Macht des Herzogs und damit die unſerige aufrecht zu erhalten!“ 35 „Aber, mein Wertheſter“, näſelte der Andere, ein feines, hageres Männchen, deſſen fahle Augen durch eine goldene Brille ſpähten,„überhören Sie denn ganz, was ich Ihnen ſeit einer Viertelſtunde un⸗ ausgeſetzt vorſtelle? Es iſt eine Geſetzesverletzung, die mich in ſo bewegten Zeiten aufs äußerſte bloß⸗ ſtellt.“. „Wenn Sie nur wüßten, Graf“, entgegnete der An⸗ dere mit unverſtelltem Hohne,„wie ſolche Redensarten Ihnen zu Geſicht ſtehen! Soll ich die Stelle Ihres Gewiſſens vertreten und Ihnen die Fälle, und viel geringere als den gegenwärtigen, herzählen, wo Sie nicht ſo bedenklich waren?“ „Aber Sie treiben mich da wirklich auf eine Weiſe in die Enge—“" ſtotterte der Graf entgegen. „Keineswegs!“ fuhr der General fort.„Ich lege Ihnen einfach die Wahl vor, ob Sie Ihr Portefeuille behalten wollen oder nicht. Der Säbel muß regieren und ein bischen aufräumen dürfen, ſonſt iſt keine Ruhe herzuſtellen. Hören Sie nur, wie das Geſindel brüllt! Da ſind Ihre unnützen Formalitäten von Juſtiz und Gerechtigkeit am unrechten Platz, der kürzeſte Proceß iſt der beſte. Noch einmal alſo und ebenfalls in Kürze: entweder Sie proclamiren die Einſetzung der Kriegsge⸗ richte, oder ein anderer Miniſter thut es ſtatt Ihrer, 3* 36 denn daß ich mit meiner Anſicht beim Herzog durch⸗ dringe, werden Sie ſelbſt nicht bezweifeln.“ „Die Sache muß freilich vom Standpunkt der ſtaats⸗ rechtlichen Nothwendigkeit beurtheilt werden“, wendete der Graf ein, aber mit einer Miene, die entnehmen ließ, daß es ihm nur darum zu thun war, ſeinen Rück⸗ zug zu decken. Der General ſchien darauf keine Rück⸗ ſicht zu nehmen, ſondern ſah nur die Zuſtimmung. „Gut“, ſagte er,„Sie willigen alſo ein. Ich habe mir's wohl gedacht, auch iſt es mir lieb, daß wir zu⸗ ſammen bleiben, wir kennen uns doch bereits! Ich eile zum Herzog. Kommen Sie mir bald nach, und damit Sie ſehen, wie ſehr ich Ihr Einlenken auch als eine perſönliche Gefälligkeit anſehe, grüßen Sie mir ihren Sohn als Hauptmann. Er ſoll das Patent haben.“ „Sie entzücken mich, mein Wertheſter“, rief der Graf und umarmte den General. „Still“, unterbrach dieſer den Wortſtrom, in dem der Graf ſeine Dankbarkeit ausgießen zu wollen ſchien, „was für ein Lärm im Vorzimmer?“ In dieſem war allerdings ſtarkes Geräuſch wie von ſtreitenden Stimmen und zwar in ſo hohem Grade hörbar geworden, daß auch aus einer Nebenthür ein junger Offizier haſtig hereineilte, den die um die Hüfte gewundene Schärpe als Adjutanten kennzeichnete. Zu 37 gleicher Zeit öffnete ſich die Thür des Vorzimmers ſelbſt und ließ den Oberkammerdiener ein, auf deſſen Antlitz die Röthe des Zorns raſch mit der Bläſſe des Grimms wechſelte. „Was iſt's?“ riefen ihm Adjutant, General und Miniſter wie aus einem Munde entgegen, denn ſein Ausſehen ließ ſie errathen, daß er etwas Ungewöhn⸗ liches bringe. „Ich bin außer mir“, erwiderte der Gefragte im Ton der größten Erſchöpfung.„Draußen ſtehen ſieben oder acht Leute, die durchaus zu Seiner Durchlaucht wollen. Sie nennen ſich eine Deputation!“ „Haben Sie denn“ fiel der Adjutant ein,„den Leu⸗ ten nicht geſagt, daß Seine Durchlaucht heute nicht zu ſprechen iſt, daß durchaus Niemand gemeldet werden darf? Haben Sie das nicht geſagt, Kündig?“ „Allerdings habe ich es geſagt“, rief der Kammer⸗ diener, indem er ſich den Angſtſchweiß von der Stirn wiſchte.„Seit einer Viertelſtunde bemühe ich mich, das den Leuten begreiflich zu machen. Es iſt aber, als ob man tauben Ohren predigte; ſie bleiben bei ihrem Ver⸗ langen und wollen durchaus gemeldet ſein!“ „Es iſt himmelſchreiend!“ polterte der General.„Das ſind die Früchte des Zauderns! Wenn wir noch ein klein wenig ſäumen, ſo wird der Pöbel uns Geſetze geben!“ 38 „So etwas haben die Leute auch bereits merken laſſen“, ſtammelte Kündig.„Wir müſſen ſogleich zum Herzog, ſagen ſie, in einer Stunde iſt es für uns und ihn zu ſpät!“ „Da ſehen Sie nun, wie weit die Frechheit bereits geht!“ rief General Bauer wieder. „Aber was iſt da zu thun?“ fragte ängſtlich der Graf.„Man wird die Leute doch wohl melden müſſen.“ „Warum nicht gar!“ fuhr der General auf.„Wohl, um Alles aufs Spiel zu ſetzen, Alles zu verderben? Der Befehl des Herzogs lautet, Niemand vorzulaſſen; der Befehl iſt zu vollziehen und ſonſt hat man ſich um nichts zu bekümmern! Darum gehen Sie, Herr Kam⸗ merdiener, und bedeuten Sie—“ „Mit des Herrn Generals gnädigſter Erlaubniß“, entgegnete dieſer,„möchte ich doch gehorſamſt gebeten haben, dies den Leuten ſelbſt anzukündigen. Es wird aus Dero Munde wirkſamer ſein. Auch werden ſie es nicht wagen, zu drohen oder gar Hand anzulegen, wie vorhin einer davon ſchon nicht übel Luſt zu haben ſchien.“ „Das kann geſchehen“, rief der General und ging der Thür zu, welche Kündig ſeitwärts öffnete. Ehe er jedoch Zeit fand, ſeine Anrede zu beginnen, ſtanden die draußen harrenden Männer, welche das Oeffnen für ——— —— 39 eine Aufforderung einzutreten hielten, ſchon auf der Schwelle. Es waren acht Männer, bürgerlich und ſchlicht gekleidet, wie der Drang des Augenblicks ſie von der Beſchäftigung des Tages und Berufs hinweg⸗ gerufen hatte. Wohl mochten die ſchön und reich ge⸗ ſchmückten Räume des Schloſſes noch keine Beſucher geſehen haben, welche ſo ohne allen herkömmlichen Schmuck mit deſſen erſtem Bewohner zu ſprechen be⸗ gehrten. Vielleicht war es eben das Ungewohnte die⸗ ſes Anblicks, was ihm etwas Imponirendes gab, denn dieſe Wirkung äußerte er unverkennbar auf die Anwe⸗ ſenden. In den Mienen aller war Betretenheit, wenn nicht gar Furcht zu leſen; ſelbſt der General ſchien einen Augenblick ſchwankend, welchen Ton er anzu⸗ ſchlagen habe. Doch war es wirklich nur ein Augen⸗ blick, im nächſten ſchon trat er den Bürgern mit jenem Ausdruck der Unbefangenheit entgegen, der ein Ergeb⸗ niß langjähriger Uebung in Kreiſen iſt, in denen es nicht ſelten als Vorzug gilt, das Geſicht zu einer ſte⸗ henden Maske zu machen, hinter welcher Alles gleich verträglich wie undurchdringlich verborgen liegen kann. „Sie wünſchen Seiner Durchlaucht aufzuwarten, meine Herren?“ begann er.„Ich bedauere, Ihnen wieder⸗ holen zu müſſen, daß dies heute nicht angeht. Seine 40 Durchlaucht ſind heute für Niemand ſichtbar. Auch muß ich Ihnen ſagen, daß Ihr ganzes Erſcheinen, Ihre Kleidung nicht von der Art iſt, um auf eine ſolche Gnade Anſpruch zu machen.“ „Herr General“, erwiderte einer der Bürger,„wir wiſſen ſehr gut, was unſere Schuldigkeit gegen Seine Durchlaucht iſt, aber die Umſtände haben uns nicht Zeit zur nöthigen Toilette gelaſſen. Ich bin hier, wie man mich vom Comptoir weggeholt hat, den übrigen iſt es ebenſo gegangen. Wir konnten ebenſo wenig warten, als wir uns jetzt abweiſen laſſen können. Wir müſſen durchaus zu Seiner Durchlaucht.“ „Unmöglich für heute, kommen Sie morgen wieder!“ entgegnete der General kalt, die Achſeln zuckend. „Es muß möglich ſein“, rief wärmer werdend der Wortführer der Bürger.„Wie können Sie uns auf morgen verweiſen wollen, da es vielleicht in einer hal⸗ ben Stunde zu ſpät iſt? Die aufgeregte Menge, mit Mühe beſchwichtigt, wartet nur auf unſere Rückkehr. Kämen wir, ohne Seine Durchlaucht geſprochen zu ha⸗ ben, ſo wäre das Unglück gewiß.“ „Unnütze Beſorgniſſe“, antwortetete General Bauer, noch kälter und ſchroffer als zuvor.„Ueberlaſſen Sie die Erwägung ſolcher Dinge denen, deren Beruf es iſt. Man wird die Ordnung zu handhaben wiſſen.“ 41 „Ich habe Ihnen ſchon erklärt, Herr General“, er⸗ widerte feſt der Kaufmann,„daß wir uns nicht entfer⸗ nen, ohne Seine Durchlaucht geſprochen zu haben. Wir kennen Sie und Ihre Geſinnungen zu gut, als daß wir einen Beſcheid von Ihnen für ein Wort des Her⸗ zogs hinnehmen ſollten. Sie ſind mit einer von denen, die den heutigen Tag und die Klagen des Landes zu verantworten haben.“ „Was unterſtehen Sie ſich?“ ſchrie der General auf⸗ fahrend.„Vergeſſen Sie den Reſpekt nicht, den Sie ſchuldig ſind!“ „Sie ſcheinen einen Zuſammenſtoß zu wollen“, ſagte der Bürger ruhig.„Wir ſcheuen ihn nicht. Hören Sie denn alſo! Das Land zählt Sie unter ſeine Ver⸗ derber, darum werden Sie es begreiflich finden, wenn der Reſpekt gegen Sie kein beſonderer iſt. Sie haben ſich lange genug zwiſchen uns und den Herzog gedrängt, jetzt ſollen Sie es nicht mehr. Wir müſſen einen Be⸗ ſcheid von Seiner Durchlaucht ſelbſt haben. Darum kurz und bündig, führen Sie uns zu ihm oder wir werden den Weg ſelber zu finden wiſſen!“ „Verſuchen Sie's, meine Herren“, riefen der Gene⸗ ral und Adjutant, indem ſich beide, die Hand am Sä⸗ belgriff, vor die Flügelthür ſtellten, die zu den herzog⸗ lichen Gemächern führte. 42 Im nämlichen Augenblick hatte der entſchloſſene Kaufmann das auf den Schloßplatz führende Fenſter er⸗ reicht und geöffnet. Auf dem Platz unten war ſowohl dieſe Bewegung als die Perſon des Oeffnenden ſogleich bemerkt und erkannt worden; ein wildes, verworrenes Geſchrei ließ es erkennen, dem in der nächſten Sekunde die Stille athemloſer Erwartung folgte.„Man muß ſich Ihnen gegenüber den Rücken decken“, rief der Kauf⸗ mann, nach dem Zimmer gewendet.„Es koſtet mich jetzt einen Wink, ſo bekommen wir Verſtärkung. Vor⸗ wärts, meine Freunde, tretet furchtlos und geradezu in das Zimmer Seiner Durchlaucht— die Herren wer⸗ den es nicht verhindern!“ Die Bürger ſchritten gegen die Thür vor. Schon hatten die Offiziere ihnen gegenüber die Säbel gezogen, als die Thür ſelbſt raſch aufgeriſſen ward und der Herzog auf der Schwelle erſchien. Er war ein großer, breitſchulteriger Mann von ſoldatiſchem Anſehen und auch jetzt in eine Art von Campagneuniform gekleidet. Das ſtarkgeröthete Geſicht ſowie die krauſen weißen Haare zeigten, daß er einer jener blutreichen Menſchen war, die mit einem hohen Grad von Herzensgüte eine ebenſo große Heftigkeit der Aufwallungen zu eigen ha⸗ ben. Das zuletzt ſehr laut gewordene Geſpräch hatte ihn aufmerkſam gemacht und herbeigerufen.„Was geht 43 hier vor?“ rief er mit ſtarker, unwilliger Stimme.„Was gibt es?“ Bei ſeinem Eintreten waren die Säbel der Offiziere raſch in die Scheiden zurückgekehrt, der Kaufmann war vom Fenſter weg zu den übrigen Bürgern getreten, die nun in ehrerbietiger Stellung daſtanden. General Bauer wollte antworten, wurde aber vom Herzog durch die weitere Frage unterbrochen:„Was wollen die Leute? Wer ſind ſie?“ Der, Kaufmann trat vor.„Durchlaucht“, be⸗ gann er,„die Bürgerſchaft der Stadt hat uns abge⸗ ſandt—“ „Abgeſandt?“ rief der Herzog, und die dunkle Röthe, welche über ſeinem Angeſicht lag, wurde noch um einen Grad tiefer.„Das iſt kühn, bei meiner Ehre! Bisher war ich in dieſem Lande der Einzige, der Geſandte ſchicken konnte, und die Macht, die Sie ſchickt, iſt bei mir noch nicht accreditirt! Wer ſind Sie alſo? Was wollen Sie?“ „Verzeihen Eure Durchlaucht“, entgegnete der Kauf⸗ mann mit unterwürfiger Geberde und unverkennbarer abſichtlicher Mäßigung,„wenn die Ungeübtheit des Re⸗ dens mich zu einem mißfälligen Ausdruck greifen ließ. Ich wußte die Sache eben nicht beſſer zu ſagen. Sehen denn Eure Durchlaucht keine Abgeſandten in uns. Laſ⸗ 44 ſen Sie es immerhin eigene Kühnheit ſein, daß wir uns vor Eure Durchlaucht drängen, um die Bitten Ihres Volkes vor Ihr Ohr zu bringen.“ In dieſem Augenblick brauſte vom Schloßplatz ein wüſtes, verwirrtes Geſchrei empor. „Nennen Sie das bitten?“ fuhr der Herzog auf. „Wenn das auch eine neue Erfindung iſt, ſo iſt ſie mir wenigſtens nicht genehm. Machen Sie, weil Sie ſich mir doch als die Wortführer dieſes Rebellenhaufens vorzuſtellen wagen, machen Sie, daß der Platz vor mei⸗ nem Schloſſe leer wird, daß ſich Alles ruhig zerſtreut, dann kommen Sie wieder und ich will Sie anhören!“ „Unmöglich, Durchlaucht! Die Menge iſt in zu großer Aufregung. Mit aller Mühe gelang es uns kaum, ſie auf ſo lange zu beſchwichtigen, bis wir Eurer Durchlaucht das allgemeine Verlangen vorgetragen ha⸗ ben würden. Kämen wir jetzt ſo unverrichteter Dinge zurück, ſo wäre kein Halten mehr. Wer weiß, wozu die Erbitterung führen würde—, „Erbitterung? Immer beſſer!“ rief der Herzog und ſprang aus dem Lehnſtuhle, in den er ſich einen Mo⸗ ment zuvor haſtig geworfen hatte, ebenſo haſtig wieder empor.„Was hat man für Urſache, erbittert zu ſein?“ „Durchlaucht“, ſagte der Kaufmann mit ruhi⸗ gem Ernſt,„auf dem Jakobsplatze liegen vier Todte. 45 Es waren ruhige, friedliche, ehrliche Leute, die nichts Uebles weiter gethan, als daß der Mangel, die Noth ſie verleitete, ſich zuſammenzurotten und um Brod zu ſchreien.“ „Was iſt mit ihnen geſchehen?“ fragte der Herzog raſch. „Die Truppen haben unter das verſammelte Volk geſchoſſen, Durchlaucht; es ſind vier am Platze ge⸗ blieben, die vielen Verwundeten nicht zu erwähnen. Drei davon ſind junge, kräftige, hoffnungsvolle Leute, der vierte hinterläßt eine brodloſe Wittwe mit fünf Waiſen.“ Das Angeſicht des Herzogs war bei dieſen Worten blauroth geworden und die Stirnader war ihm ange⸗ laufen, daß man ſie pulſiren ſah.„Bin ich denn noch Herr im Lande“, rief er mit einer Stimme, welche die Herren des Hofes zittern machte,„oder bin ich ſchon beiſeite geſchoben? Warum wird mir das nicht ge⸗ meldet?“ „Ich dachte—“ ſtammelte der General, dem die Wendung des Geſprächs höchſt unangenehm zu ſein ſchien. Was haben Sie zu denken als Ihre Schuldigkeit?“ zürnte der Fürſt weiter.„Wer gab Befehl zu ſchießen? Antwort! Haben Sie es befohlen, General, oder—“ 46 Der General fand kein Wort zur Erwiderung und machte nur eine halb entſchiedene verneinende Bewegung. „Vors Kriegsgericht dann mit dem Pflichtvergeſſe⸗ nen, der das auf eigene Fauſt gethan! In einer halben Stunde will ich das Nähere wiſſen! Gehen Sie!“ Während ſich der General mit tiefen Verbeugungen entfernte, fuhr der Herzog, zu den Bürgern gewendet, fort:„Sie ſehen, daß ich das nicht will. Ich will Ernſt und Strenge, aber keine Grauſamkeit. Gehen Sie alſo und machen Sie bekannt, daß der Schuldige ſeiner Strafe nicht entgehen ſolle.“ „Das haben wir von der Gerechtigkeit Eurer Durch⸗ laucht nicht anders erwartet“, erwiderte der Kaufmann und fuhr, die augenblickliche mildere Stimmung des Herzogs benutzend, raſch fort:„Aber wir bitten nicht blos um Gerechtigkeit gegen den Schuldigen, ſondern auch um Schutz für die Unſchuldigen! Die neue Ver⸗ brauchsſteuer vertheuert die alltäglichſten und unentbehr⸗ lichſten Lebensbedürfniſſe in einem Grade, daß ſie ſchon für den Minderbemittelten empfindlich, für die ärmere arbeitende Klaſſe geradezu unerſchwinglich geworden ſind!“ „Das iſt nicht wahr!“ rief der Herzog entgegen. „Ich habe mir die Berechnungen vorlegen laſſen und ſie ſelbſt geprüft. Das Volk kann leben wie zuvor.“ 47 „Ich bedauere, Eurer Durchlaucht widerſprechen zu müſſen“, wendete der Kaufmann lebhaft ein.„Es iſt wirklich an dem, daß das Volk nicht mehr leben kann. Brod und Salz und alle die kleinen, aber unentbehr⸗ lichen Dinge des niedrigſten Bedürfniſſes belaſtet die mindeſte Abgabe, wenn ſie den Conſumenten trifft, ſchon zu ſchwer. Berechnungen ſind Berechnungen; das Le⸗ ben und der Verkehr binden ſich nicht daran! Haben Eure Durchlaucht daher Mitleid mit ihrem Volke und gewähren Sie die Aufhebung der Verbrauchsſteuer!“ „Ich will davon nichts hören!“ brauſte der Herzog auf, deſſen Heftigkeit zurückkehrte.„Ich habe meine Räthe wiederholt und genau befragt, ſie haben alle zu⸗ geſtimmt, daß die Abgabe erſchwinglich ſei. Es bleibt dabei!“ „Die Räthe Eurer Durchlaucht“, rief, wärmer wer⸗ dend, der Anführer der Bürger wieder,„ſind es nicht, denen wir vertrauen, darum haben wir uns an Eure Durchlaucht ſelbſt gewendet und bitten dringend—“ „Sieh da, ſieh da, ſo weit unterſteht man ſich ſchon zu gehen? Man tadelt meine Räthe? Immerhin, es ſind meine Räthe und dazu brauchen ſie Niemandes Vertrauen als das meine! Fort, und ſagen Sie das denen, die Sie abgeſandt haben— wie Sie ſich aus⸗ drückten— es bleibt bei meiner Beſtimmungl! Sie ſollen ſich fügen! Augenblicklich und ruhig fügen und lernen, daß ich mir nichts abzwingen laſſe!“ „Fern ſei es von uns, das zu wollen“, rief der Kaufmann, indem er mit einer leichten Schwenkung dem Herzog, der ſich gegen die Thür wendete, den Weg abgewann und ſich vor ihm auf ein Knie niederließ. „Wir hatten keine andere Abſicht, als zu Eurer Durch⸗ laucht ſelbſt zu gelangen, und haben keinen andern Ge⸗ danken, als des bedrängten Volkes und unſere Bitten vorzutragen. Sehen Sie uns auch äußerlich in der ehrerbietigen Stellung der Bitte und laſſen Sie uns nicht ungetröſtet von dannen gehen!“ Der Redner ſchwieg, wie von Aufregung und An⸗ ſtrengung erſchöpft, aber er verharrte in der gebeugten Stellung, welche ſeine Gefährten gleichfalls eingenom⸗ men hatten. Es war ein feierlicher Anblick, und eine Stille von einigen Sekunden bewies, daß alle Anwe⸗ ſenden von dem Gewicht des Augenblicks ergriffen wa⸗ ren. Auch des Herzogs Auge ruhte etwas gemildert auf der Gruppe und das Wort der Gewährung ſchien auf ſeinen Lippen zu ſchweben. Da rauſchte die Flügelthür auf und Oberkammerdiener Kündig trat ein, einen ſilbernen Präſentirteller mit einem Briefe darauf in der Hand, welchen er dem Herzog mit tiefer Verbeugung überreichte.„Von Ihro Durch⸗ 49 laucht, der Frau Herzogin⸗Mutter“, flüſterte er im Tone der tiefſten Unterthänigkeit. 3 Der Herzog erbrach das Billet und las. Während des Leſens glättete ſich die Milde, von welcher ſein Geſicht zuvor überflogen geweſen, wieder zu der ge⸗ wohnten ernſten Starrheit ſeiner Züge.„Es iſt gut“, ſagte er zum Kammerdiener, der ſich, unter immer⸗ währendem Bücken rückwärts gleitend, in eine Ecke zu⸗ rückzog. Zu den Bürgern gewendet fuhr er dann im Tone des kälteſten Ernſtes fort:„Sie haben meine Ent⸗ ſchließung. Sagen Sie den Aufrührern, daß ich nicht ein Haar breit weichen werde.“ Ehe einer der Bürger oder ihr Anführer ein Wort zu erwidern vermochte, hatte der Kammerdiener raſch die Seitenthür geöffnet und der Herzog war verſchwun⸗ den. Halb betrübt, halb entrüſtet ſahen ſich die Bürger an und der Kaufmann begann:„In Gottes Namen denn, wir haben unſere Schuldigkeit gethan, wir haben nicht zu verantworten, was kommen kann. Leben Sie wohl, meine Herren!“ Damit entfernten ſie ſich. „Kündig“, rief der Adjutant, nachdem ſich kaum die Thür hinter den Abgehenden geſchloſſen hatte,„Sie haben ein Meiſterſtück gemacht! Sie hätten das Billet zu keiner beſſern Zeit bringen können; ohne daſſelbe 4 Schmid, Mütze und Krone. I. hätte der Herzog nachgegeben! Wenn noch Gerechtigkeit in der Welt iſt, müſſen Sie einen Orden dafür haben.“ „Allerdings“, ſchaltete Graf Schroffenſtein ein,„dazu kann Rath werden! Verlaſſen Sie ſich auf mich, Kündig, ich werde es ſeiner Zeit anzubringen wiſſen!“ Der Oberkammerdiener verbeugte ſich verbindlich dankend mit einem Lächeln, von dem man nicht recht wußte, ob es aufrichtig gemeint oder Spott ſei. Dabei öffnete er den Beiden dienſteifrigſt die Thüren und der Graf ſchritt mit dem Adjutanten in den anſtoßenden Corridor hinein. Während des Dahingehens liſterte der erſtere dem letztern zu:„Du kannſt Dir Glück wünſchen, mein Sohn, ich habe Dir heute das Hauptmannspatent er⸗ wirkt.“ „So?“ fragte der Andere gleichgültig und beinahe verdroſſen entgegen. „Du könnteſt Dich immerhin darüber freuen“, fuhr jener fort.„Damit iſt das letzte Hinderniß gehoben, Du kannſt nun um die Baroneſſe ſtündlich anhalten. Ihr Vermögen wird Dich in den Stand ſetzen, Dich vollkommen zu rangiren und—“ „Im Augenblick iſt mir das unmöglich, Papa. Ich habe erſt vor vierzehn Tagen eine neue pikante Liai⸗ ſon angeknüpft, die mich noch zu ſehr feſſelt, als daß 51 ich ans Heirathen denken könnte. Laſſen Sie mir noch einige Wochen Zeit, bis dahin werde ich zu Dienſten ſtehen.“ „Schon wieder eine neue Suite? Es wäre nachge⸗ rade hohe Zeit, daß Du einlenkteſt. Ich will hoffen, daß Du die Dehors—" „Ohne Sorge, Papa, ich bin kein Kind, aber, um von etwas Anderem zu reden, ich werde heute zu Ihnen ſchicken müſſen. Ich habe eine kleine Spielſchuld zu zahlen und meine Fonds—“ Der Graf drehte ſich auf dieſe Wendung des Ge⸗ ſprächs raſch gegen den Sprechenden und ſchien ihm etwas unſanft erwidern zu wollen, als ſich den Bei⸗ den gegenüber eine Thür öffnete und eine Dame auf der Schwelle erſchien. Ohne ſich jedoch durch die Un⸗ terbrechung im mindeſten beirren zu laſſen, rief der ge⸗ wandte Mann, als ob er gar nichts Anderes zu ſagen beabſichtigt hätte:„Ah, wir ſind vom Glücke begünſtigt! Die ſchöne Baroneſſe von Falkenhoff, reizend und“, ſetzte er hinzu, indem er deren Hand ergriff und küßte,„gnä⸗ dig wie immer.“ „Ich glaubte Ihre Stimme zu hören“, entgegnete das Fräulein, mit kühlem Anſtande ſeinen ſowie des Adjutanten Gruß erwidernd.„Deshalb war ich ſo frei, Sie hier zu unterbrechen. Ihre Durchlaucht die 4* Frau Herzogin⸗Mutter haben wiederholt nach Ihnen verlangt.“ „Zu Befehl“, antwortete der Graf und ſchlüpfte geſchmeidig in das Zimmer, noch auf der Schwelle zurückeomplimentirend.„Erlauben Sie wohl, meine Gnädigſte, daß mein Sohn mich hier erwartet, bis ich von der Audienz zurückkomme? Er wird den Augen⸗ blick benutzen, um Ihnen eine intereſſante Neuigkeit mitzutheilen.“ „Wenn es dem Herrn Grafen nicht mißfällt“, er⸗ widerte das Fräulein und lud denſelben, indeß ſein Vater ehrerbietigſt in das Gemach der Herzogin eintrat, mit leichter Handbewegung ein, auf einem Taburet Platz zu nehmen. Sie ſelbſt trat an eins der Fenſter, ließ einen langen, forſchenden Blick durch die blanken Hohlſcheiben gleiten, dann wendete ſie ſich dem ver⸗ wunderten Grafen zu und ließ ſich in nachläſſig gewähl⸗ ter Stellung in die Kiſſen eines Divans niedergleiten. Wie ſie ſo daſaß, war ihre Erſcheinung noch be⸗ deutender als zuvor. Das Geſicht war regelmäßig, doch nicht eben ſchön zu nennen, aber während auf der ſchmalen, feinen Stirn und über hochgeſchweiften Brauen ungewöhnliche Energie thronte und das tiefblaue Auge von Leben und Geiſt ſprühte, ſchmiegte ſich um den reizend geformten Mund ein ſo anmuthvolles, ſo ge⸗ 4 53 winnendes Lächeln, daß das ganze Antlitz, getragen von einer wahrhaft junoniſchen Figur, gehoben von dem nur durch eine blaßrothe Buſenſchleife unterbrochenen Dunkel des Kleides völlig dazu gemacht ſchien, zugleich zu gebieten und einſchmeichelnd zu erobern. Der ihr gegenüber ſitzende Graf ſchien von dem Eindruck befangen zu ſein, denn er ſchwieg und mußte⸗ durch die Anrede der Baroneſſe aus ſeinem Schwan⸗ ken geriſſen werden. „Nun, Herr Graf“, fragte ſie mit einem Tone, in welchem Spott und Ungeduld vereinigt zu hören wa⸗ ren,„wo ſind Sie mit Ihren Gedanken? Wollen Sie meiner Neugierde die angekündigte intereſſante Neuig⸗ keit vorenthalten?“ „Mein Vater hat zu ſcherzen beliebt, Baroneſſe“, erwiderte der Adjutant, noch immer verlegen.„Was ich Ihnen zu ſagen habe—“ „Nun?“ „Iſt in der That nichts Anderes, als was Sie ohnehin ſchon lange wiſſen: von welch ſtürmiſchen Ge⸗ fühlen der zärtlichſten Verehrung ich gegen Sie—“ „Ah, eine Plattitude, Graf, deren ſogar ich Sie kaum für fähig gehalten hätte. Wie tief müßte man wohl hinabſteigen, um die Sphäre zu finden, in der dieſe pikante Wendung heimiſch iſt?“ „Sie benutzen jeden Anlaß, mich zu demüthigen, Baroneſſe, Sie hören nicht auf, mich zur Zielſcheibe Ihres Spottes zu machen!“ „Ihre Schuld! Warum verſorgen Sie mich ſo reich⸗ lich mit Stoff!“ „Ihre muthwillige Laune findet ihn überall ohne mein Zuthun, ſchöne Quälerin! Wie ſoll ich in dieſem nie endenden Vorpoſtengefecht dazu kommen, Ihnen meine Liebe ernſtlich zu betheuern und den Sturm auf dieſes ſpröde Herz ernſtlich zu beginnen?“ „Eine neue Plattitude, wenn möglich noch platter als die vorige. Sie ſind heute nicht glücklich, Graf, darum laſſen Sie Vorpoſtengefecht und Sturm, die doch abgeſchlagen würden.“ Bei dieſen Worten hatte der Spott in den Mienen der Baroneſſe ſo ſehr die Oberhand bekommen, daß der Graf, ihrem Zlicke begegnend, keine Erwiderung fand, ſondern ſich begnügte, die Achſeln zu zucken und die Federn ſeines Hutes durch die Finger gleiten zu laſſen. „Beruhigen Sie mich lieber“, fuhr die Baroneſſe nach ſekundenlangem Schweigen fort.„Erzählen Sie, wie es in der Stadt ſteht und welchen Erfolg die De⸗ putation der Bürgerſchaft an den Herzog hatte.“ „Den verdienten, nämlich keinen“, erwiderte der Graf, ſichtbar froh, das Geſpräch auf eine andere Bahn 55 gebracht zu ſehen.„Die Ambaſſadeurs der Roture ha⸗ ben ſich gedemüthigt und begoſſen zurückgezogen. Was ſeitdem geſchehen und beſchloſſen wurde, weiß ich nicht. Vermuthlich ſind die Rotten auseinander gelaufen!“ „Gebe Gott, daß Sie Recht behalten!“ rief die Ba⸗ roneſſe, indem ſie haſtig ſich erhob und einige unruhige Schritte an das Fenſter machte.„Man kann von hier aus nicht auf den Platz hinüberſehen. Ich fürchte, das kann großes Unheil abgeben.“ Auf einmal unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt, indem ſie ſtehen blieb und den Grafen forſchend betrachtete.„Haben Sie nichts da⸗ von vernommen? Sollte es wahr ſein, daß Seine Durch⸗ laucht der Kronprinz ſich in der Stadt befindet?“ „Gerede! Nichts als Gerede!“ erwiderte der Graf. „Prinz Felix, ich weiß es von einem ſeiner Jäger, der noch geſtern mit Aufträgen von ihm in die Reſidenz kam, lebt vergnügt auf ſeinem Jagdſchloſſe zu St.⸗Wen⸗ delin und denkt nicht daran, hierher zu kommen.“ Die Baroneſſe ſchwieg, wie Jemand, der die Be⸗ ſtätigung deſſen vernimmt, was er ohnehin gewußt, und nur gefragt hatte, um der einen Frage eine zweite arglos folgen laſſen zu können.„Wie iſt es, Graf“, rief ſie in einlenkendem Tone,„haben Sie meinen jüng⸗ ſten Auftrag nicht vergeſſen?“ „Meinen Sie den wegen des jungen Rechtsgelehr⸗ ten, der ein Freund Ihres verſtorbenen Bruders war? Ich bin ſo glücklich, Ihnen hierin dienen zu können. Der Mann iſt ſeit ungefähr einem Jahre von weiten Reiſen zurückgekehrt, iſt hier.“ „Hier?“ „Nun ja, er iſt Profeſſor an der Univerſität.“ „Hier! Und geht es ihm wohl?“ „Es hat mindeſtens den Anſchein. Der Herr Pro⸗ feſſor Führer wohnt bei ſeiner Mutter, einer Beamtens⸗ wittwe in ganz geordneten Verhältniſſen, und ſoll ge⸗ ſonnen ſein, ſich in Kürze zu verheirathen.“ So ſehr die Baroneſſe auch Meiſterin ihrer Mienen war, ſo vermochte ſie doch in dieſem Moment nicht, einer innern Aufwallung, welche ihr eine leichte Röthe über Stirn und Nacken jagte, völlig zu gebieten.„Ver⸗ heirathen?“ rief ſie etwas unſicher, doch war ihre Be⸗ wegung ebenſo ſchnell unterdrückt, als ſie gekommen. Dann fuhr ſie mit vollſter Ruhe fort:„Sehr gut! Um ſo beſſer dann! Und iſt Ihnen auch bekannt, ob ſich der junge Mann zu einer politiſchen Partei hält und zu welcher?“ „Das weiß ich in der That nicht mit Beſtimmtheit zu ſagen“, entgegnete der Gefragte, indem er die Ba⸗ roneſſe, deren Aufregung ihm nicht entgangen war, vorſichtig lauernd im Auge behielt.„Die Polizei hat 57 ihn vorläufig und zur Vorſicht auf die Liſte der Libe⸗ ralen geſetzt.“ „Gut, gut. Wiſſen Sie, wer überhaupt die Anfüh⸗ rer des Volkes ſind?“ „Der Sprecher der Deputation war der Kaufmann Rund aus der Wallſtraße. Aber warum fragen Sie das Alles? Ich bin faſt gezwungen zu glauben, daß Sie hohe Politik treiben und den ſchulfuchſigen Pro⸗ feſſor zu Ihrer Figur auserſehen haben. Außerdem hätte Ihr Erröthen von vorhin, als ich von deſſen Hei⸗ rath ſprach, einen Andern leicht auf die thörichte Ver⸗ muthung bringen können, als ſei es ein wärmeres In⸗ tereſſe, das—“ Der Graf war nicht im Stande zu vollenden. Hoch und ſtolz aufgerichtet gleich einer Königin und Blitze in den Augen ſtand die Baroneſſe vor ihm.„Sie ſind ein Unverſchämter! Wagen Sie es nicht wieder, mir vor die Augen zu treten, bis Sie gelernt haben, wie ſich mit einer Dame zu reden geziemt!“ Damit rauſchte die Erzürnte in ein Nebengemach und überließ den verblüfft zurückbleibenden Adjutanten ſeinen Muthmaßungen und Zweifeln. Drittes Kapitel. Zum rothen Stern. Die Nacht war indeß bereits angebrochen. In den Straßen war es dämmerig, aber nicht ſtiller geworden. Auf den heißen Sommertag war ein ſchwüler Abend gefolgt, durch welchen hin und wieder ſchwaches Licht zuckte; man wußte nicht, war es das ferne Wetterleuch⸗ ten eines abziehenden Gewitters oder der Vorbote eines erſt kommenden. Dieſelbe unangenehme Schwüle, welche in der Luft laſtete, lag auch auf den Menſchenmaſſen, die ſich, von der Witterung begünſtigt, theils in einzelnen Zügen durch die Straßen wälzten, theils an verſchiedenen Plätzen und Ecken in mehr oder minder zahlreichen Gruppen beiſammen ſtanden. Nirgends war ein beſonderer Lärm, 59 als das Gewirre vieler Stimmen zu vernehmen, und nur manchmal tönte ein wilder Schrei oder ein gellen⸗ der Pfiff darüber hinaus, der nicht ſelten von anderer Richtung her ein bedeutſames Echo fand. Gerade in dieſer ruhig⸗trotzigen Haltung lag aber unverkennbar eine um ſo ernſtere Drohung. Wer noch dazu die fin⸗ ſtern, ernſten Geſichter der Truppen beobachtete, mit denen ſie auf den Wachen und an den nächſten Zu⸗ gängen zum Schloß unterm Gewehr und ſchlagfertig der Menge gegenüberſtanden, dem mußte mit allem Grunde vor einem Zuſammenſtoß der beiden feindlichen Elemente grauen. Am ſtärkſten war das Gedränge auf dem Jakobs⸗ platze. Dieſer mündete nach der einen Seite in eine breite Straße gegen die Hauptkaſerne aus, in welcher der größte Theil der Truppen conſignirt ſtand. Auf der andern Seite führte eine ſchmälere Gaſſe an das Hauptthor der Stadt, in welchem ſich das Zollbureau befand, wo heute zum erſten Male die verhaßte Ver⸗ brauchsſteuer von allen in die Stadt eingeführten Le⸗ bensmitteln erhoben worden war. Hier und bei dieſem Anlaß waren die erſten Ruheſtörungen vorgekommen; die anfänglichen Reibungen, Spöttereien und Neckereien hatten damit geendigt, daß das Zollbureau erbrochen und die Beamten verjagt, die Wagen mit den Waaren 60 aber umgeſtürzt und letztere trotz des Widerſpruches der Eigenthümer für gute Priſe erklärt und, ſo gut es an⸗ ging, vom Volk verzehrt oder vertheilt wurden. Aus den umgeſtürzten Wagen, ſowie aus verſchiedenem an⸗ dern Geräthe, das aus den umliegenden Häuſern her⸗ beigeſchleppt worden war, aus Fäſſern, Leitern und Balken war eine Art von Bollwerk gebildet worden, welches den Platz gegen die Kaſerne zu völlig abſperrte und zugleich den Thorweg beherrſchte. Einige kleine Seitengäßchen waren durch Aufreißen des Pflaſters und der Brücken vollends unzugänglich gemacht worden. Inmitten des Bollwerks brannte ein hochloderndes, mäch⸗ tiges Feuer, das einige ſchmuzige Lehr⸗ und Bettel⸗ jungen lärmend unterhielten. Von den rothen Streif⸗ lichtern beleuchtet, ſaß das Volk zechend und ſchreiend in ſo abenteuerlichen Gruppen auf den Trümmern, daß nicht leicht ein bewegteres und lebhafteres, aber auch kaum ein wilderes Bild gedacht werden konnte. Den Mittelpunkt deſſelben bildete eine hohe Stange, an welcher ein großes, flatterndes Tuch als Fahne an⸗ gebracht war, mit der ziemlich roh und flüchtig darauf gepinſelten Inſchrift:„Keinen Zoll! Keine Einfuhr!“ Zunächſt an der Fahne ſaß ein großer, ſtämmiger Mann mit ſtruppigem, grauem Haar und Bart und einem wilden, verwetterten Geſicht. Auf dem Kopfe hatte er 61 eine abgetragene Soldatenmütze ſitzen, am Leibe trug er einen ſchmuzigen Zwillichkittel und war eben be⸗ ſchäftigt, den letzten Trunk aus einem mächtigen Kruge zu thun. „Da, die Ampel iſt leer, laß ſie füllen, Schloſſer“, rief er einem jungen Burſchen zu, der ihm ſchräg ge⸗ genüber ſaß und deſſen rußiges Hemd ſowie die ſtar⸗ ken, entblößten, gleichfalls geſchwärzten Arme den Feuer⸗ arbeiter erkennen ließen.„Da drinnen im rothen Stern liegt noch manches volle Faß, und wenn der Wirth ſich nicht noch höflich für die gute Kundſchaft bedankt, ſo ſchlag' ich ihn hinter die Ohren, daß er weiß, wie er mit unſereinem umzugehen hat!“ Der Angeredete legte einen gewaltigen Reiterſäbel, deſſen Klinge er eben zu putzen und zu ſchleifen be⸗ ſchäftigt war, beiſeite und erhob ſich, indem er den dargebotenen leeren Krug ergriff.„Lehr’ Du mich, was ich zu thun habe, alte Schnapsgurgel“, ſchrie er mit lautem, gellendem Lachen.„Der Sternwirth wird nicht muckſen, wenn er mich ſieht; er weiß ſehr gut, daß ich ihm noch eine Abrechnung ſchuldig bin!“ „Aber was ſoll denn das bedeuten, Windreuter?“ begann ein Dritter aus der Gruppe, eine hagere, ſonn⸗ verbrannte Geſtalt in blauer Blouſe, die eine lange, roſtige Muskete zwiſchen den Beinen liegen hatte.„Ich 62 glaube, wir ſind zum Narren gehalten. Wie lange ſoll denn die Deputation noch ausbleiben? Gib Acht, Windreuter, daß man uns nicht über'n Löffel barbiert!“ „Sorg' nicht, Hahn“, entgegnete Windreuter, der Alte in der Soldatenmütze.„Ich habe die Augen of⸗ fen, auch wenn Du nicht krähſt. Bis neun Uhr haben wir verſprochen, uns ruhig zu halten;' iſt noch eine kleine Stunde bis dahin, dann geht's los, die Depu⸗ tation mag kommen oder nicht.“ „Es hätte auch die ganze Deputation nicht ge⸗ braucht“, rief, zu den Sprechenden herantretend, ein junger Menſch mit einem liederlichen, verlebten Geſichte, um welches das aſchblonde Haar ſteif herumhing; über den abgeſchabten Rock hatte er einen Bücherriemen geſchnallt, in welchem zwei Reiterpiſtolen ſteckten. „Der Herzog gibt doch nicht nach, er kann gar nicht nachgeben. Wenn Ihr Jura verſtündet, wie unſereiner, würdet Ihr's auch einſehen, daß er ſich kein Regal, wie man's nennt, vergeben wird. Man muß alſo zu andern Mitteln greifen, und wenn das gleich geſchehen wäre, ſo wäre jetzt ſchon Alles in beſter Ordnung.“ „Hab' mirs ja gedacht, daß Ihr Euer Maul auch drein ſtecken müßt!“ brummte Windreuter, den Ankömm⸗ ling mit verächtlicher Miene meſſend.„Behaltet Eure Weisheit für Euch! Wir haben ganz andere Leute, die 63 uns einen guten Rath geben! Leute, zu denen wir Zutrauen haben und die mehr von Jura verſtehen, als. eine ſo erbärmliche Schreiberſeele wie Ihr aus dem Papierkorb aufgeſchnappt hat.“ „Verſteht ſich, kann mir's ja denken!“ erwiderte gif⸗ tig der Schreiber.„Ihr ſeid das Commandirtwerden ſo gewohnt, daß Ihr ſogar, wenn Ihr Euch frei ma⸗ chen wollt, einen Leithammel haben müßt! Den guten Rath hat Euch wohl Euer ſuperkluger Herr Riedl ge⸗ geben, der—“ Dev Redende konnte nicht weiter fortfahren, denn Windreuter war wie beſeſſen aufgeſprungen und hielt ihn mit beiden Händen wie mit Klammern an der Kehle gefaßt.„Hund von einem Kerl“, ſchrie er, den Erſchrockenen derb ſchüttelnd,„noch ein ſchiefes Wort über den Herrn und ich breche Dir alle Knochen in Deinem Gerippe entzwei!“ Der Mann in der Blouſe war aufgeſprungen und befreite den Geängſtigten, der nach Luft ſchnappte und ſich anhalten mußte, um nicht umzuſinken.„Das will ich Dir gedenken, verfluchter Graukopf“, ſtöhnte er gleichwohl mit einer Handbewegung gegen ſeinen Feind. „Was, die Kröte will mir drohen?“ rief dieſer, wie⸗ derholt auffahrend, und hätte beſtimmt auch ſeine Miß⸗ handlung fortgeſetzt, wenn ihm nicht der Mann in der 64 Blouſe in den Arm gefallen wäre und ihn zurückge⸗ halten hätte. „So laß doch den Kerl gehen“, rief er.„Das fehlte uns jetzt noch, daß wir uns untereinander ſelbſt herumrauften!“ „Und ich habe doch Recht“, rief, während Windreu⸗ ter ſich brummend wieder niederſetzte, der Schreiber, welcher ſich inzwiſchen erholt und durch den ihm ge⸗ wordenen Beiſtand neuen Muth geſchöpft hatte.„Ihr weerdet alle ſehen, daß ich Recht habe! Während Ihr hier Maulaffen feil haltet und auf die Deputation wartet, haben die Andern Zeit genug, Soldaten von allen Seiten herkommen zu laſſen! Dann könnt Ihr ſehen, wie Ihr mit ihnen fertig werdet!“ „Fürchteſt Du Dich, Du papierner Haſenfuß?“ ſchrie Hahn.„Was ſchadet's, wenn ihrer ein paar hun⸗ dert mehr ſind, deſto mehr bekommt mein Kuhfuß hier zu thun! Und was ein ordentlicher Kerl iſt in der Montur, der wird ſich nicht gegen uns ſtellen!“ „Das mein ich auch“, bekräftigte Windreuter.„Ich habe lang genug in dem Rock geſteckt und kann mit⸗ reden. Aber ſeht, da kommt der ſchwarze Huber wie⸗ der mit den Krügen. Mir iſt die Kehle ganz trocken geworden.“ Damit ergriff er den Krug, den ihm der hinzuge⸗ 65 kommene Schloſſer überreichte, und ſetzte ihn mit dem Rufe:„Es leben alle braven Soldaten!“ zu einem kräf⸗ tigen Zuge an den Mund. „Gebt dem Studenten neben Euch auch zu trinken“, fuhr er dann, während der Krug bei den Umſtehenden die Runde machte, fort.„Wenn er mit uns dreinſchla⸗ gen will, wird er ſich wohl auch nicht ſchämen, mit uns zu trinken!“ „Ich bring's Euch zu“, ſagte Hahn, in deſſen Hän⸗ den der Krug eben wieder anlangte, zu einem jungen Manne, welchen die farbige Mütze, die er trug, als Studenten kennzeichnete. Unter derſelben drängte ſich reiches blondes Haar in natürlichen Ringeln hervor und umgab ein blühendes, jugendliches Antlitz, das, kaum dem Knabenalter entwachſen, nur durch den feu⸗ rigen und feſten Blick des blauen Auges einen etwas männlichen Charakter bekam. Der Angeredete hing das zierliche Doppelgewehr, das er in der Hand getragen hatte, über die Schulter und that mit freundlichem Lachen den Beſcheidtrunk. „Auf gute Kameradſchaft“, ſagte er,„und einen fröh⸗ lichen Ausgang! Und ein gutes Andenken für alle un⸗ ter uns, die das vielleicht nicht erleben!“ „Da habt Ihr Recht“, rief Windreuter.„Es iſt doch was Schönes um ſtudirte Menſchen, es fällt ihnen Schmid, Krone und Mütze. I. 5 66 immer was Geſcheidtes zur rechten Zeit ein! Eure Ge⸗ ſundheit, Herr Student! Wer zneiſ⸗ was das Alles für einen Ausgang hat!“ „Das will ich Euch ſagen, wenn Ihr's nicht wißt“, rief, ſich in die Bruſt werfend, der Schreiber.„Einen guten, einen herrlichen Ausgang wird's haben! Das alte Regiment muß zum Teufel, wir ſind freie Männer — Vivat die Republik!“ Die letzten Worte hatte der Redende mit aller Kraft, deren ſeine heiſere Kehle fähig war, herausgeſchrieen und einige von den Anweſenden, darunter der Schloſſer⸗ geſelle, ſtimmten in den Ruf ein, die meiſten jedoch ſchwiegen und ſahen ſich wie verlegen und verblüfft an. Windreuter war aufgeſprungen. Der Student, ſeitwärts an einen Balken gelehnt, ſummte halblaut:„Freiheit, die ich meine“ vor ſich hin. Die augenblickliche Stille war aber nur der Vor⸗ bote eines neuen Gewitters, deſſen Hervorbrechen bald wiederholt zeigen ſollte, wie fremd und unter ſich un⸗ eins die Elemente waren, welche hier der gleiche Zweck zufällig zuſammengeführt hatte.. „Was will der Schreiber ſchon wieder?“ ſchrie Windreuter und ſtreifte die Aermel an den Händen empor, als wolle er ſich zu einem neuen Angriff auf den Verhaßten bereit machen.„Wer unterſteht ſich, 67 hier ſo etwas zu ſagen? Wer's mit Land und Volk gut meint, der will nichts Anderes, als daß die Steuer ſammt den ſchlechten Rathgebern, die ſie dem Herzog eingeredet haben, fort ſoll! Der Herzog iſt uns allen lieb und recht! Ein Schuft, der etwas gegen ihn ſagt! Die Steuer muß fort, aber von der Republik wollen wir nichts wiſſen!“ „Nein, nein, die Steuer weg! Die Miniſter weg! Keine Republik!“ riefen die Gleichgeſinnten und nach der Stärke des Rufs waren deren ziemlich viele. „Dummköpfe!“ überſchrie der Schloſſer den Lärm, indem er in die Mitte ſprang und ſich vor den nun ſchon mehrfach bedrohten Schreiber ſtellte.„Was habt Ihr davon, wenn Euch der Herzog einen Augenblick nachgibt? Wenn Alles wieder ruhig iſt, kommen die Miniſter wieder und laſſen uns doppelt zahlen! Nein, wir ſind einmal im Zug, da wollen wir nicht mitten in der Arbeit aufhören, ſondern das Eiſen ſchmieden, ſolang es glüht! Weg mit der ganzen alten Wirth⸗ ſchaft, ſie taugt nichts und wir brauchen ſie nicht. Wir ſind freie Menſchen und können uns ſelber regieren!“ „Was, Du biſt auch auf der Seite des Federfuch⸗ ſers, ſchwarzer Huber?“ entgegnete Windreuter drohend. „Meinetwegen, ich fürchte Euch alle beide nicht und noch ein Dutzend ſolcher, wie Ihr ſeid, dazu! Ich ſag's 5* 68 noch einmal, der Herzog iſt ſchon recht, er weiß nur nicht, wie man mit uns umgeht, und wenn er's einmal weiß, wird er's ſchon anders machen. Ich kenn’' den Herrn beſſer als Ihr! Ich bin zehnmal in der Schlacht hinter ihm ins Feuer gegangen und hab' geſehen, daß er das Herz auf dem rechten Fleck hat! Wer's ehrlich meint, der läßt die Republikaner nicht bei uns, ſie wür⸗ den uns nur auch in Verdacht bringen. Packt Euch⸗ fort oder wir werfen Euch über die Barrikade hin⸗ unter!“ „Verſucht's, wenn Ihr den Muth habt“, riefen dieſe entgegen und ſammelten ſich im Augenblick zu einem dichten, drohenden Knäuel, welchem Windreuter und ſeine Anhänger kampfbereit gegenüberſtanden. Vielleicht noch ein Augenblick, und blutige Thät⸗ lichkeiten hätten begonnen. Da rief plötzlich eine ſtarke Stimme den Erbitterten ein gebieteriſches Halt zu und im nächſten Moment ſtand ein Mann in dunklem, breitkrempigem Hut, einen leichten Regenmantel über den Schultern, zwiſchen ihnen. Es war Riedl. „Seid Ihr von Sinnen“, rief er in einem Tone, der des Gehorſams gewohnt ſchien,„daß Ihr Euch im Augenblick, wo die ernſte Entſcheidung vor der Thür 69 iſt, unter einander herumbalgt? Ihr ſeid bereit zu kämpfen— wie könnt Ihr zu ſiegen hoffen, wenn Ihr uneins ſeid? Könnt Ihr guten Rath nicht länger be⸗ halten? Ich bitt' Euch, Freunde, ſeid ruhig und wartet die kurze Zeit, die noch zu warten iſt, in Geduld ab.“ „Ihr habt Recht, wie immer, Herr Doctor“, ent⸗ ſchuldigte ſich Windreuter, indem er Riedl mit einer Art Ehrerbietung näher trat, ihm aber doch treuherzig die Hand ſchüttelte,„aber der verfluchte Kerl, der Schreiber—“ 3 „Still, Alter“, erwiderte Riedl.„Ich habe Alles mit angehört. Du biſt und bleibſt ein Hitzkopf und wirſt mich noch einmal bereuen machen, daß ich mich Deiner angenommen habe. Ich hoffe, Du bemühſt Dich, es gut zu machen.“ Damit wendete er ſich zu den Uebrigen, die ihn alle vertraulich und doch mit einem gewiſſen Reſpekt umgaben. Windreuter zog ſich beſchämt auf ſeinen Platz unter der Fahne zurück.„Wie könnt Ihr um Dinge ſtreiten“, rief Riedl,„von denen kein Menſch etwas vorausſagen kann! Wer weiß, wenn er vom Gipfel eines Berges ein Steinchen herabrollen läßt, wohin das Steinchen fällt? Es kann ruhig bis zum Fuß des Berges herabrollen, das nächſte Gebüſch kann es aufhalten, aber es kann auch eine Lawine werden, 70 die das ganze Thal verſchüttet. Das Beſte iſt, wir thun das Unſerige und erwarten entſchloſſen und furcht⸗ los, was kommen wird! Nochmals alſo, liebe Leute— 3 Ihr wißt, daß ich es gut mit Euch meine— haltet Euch ruhig. Wir ſehen uns bald wieder!“ Riedl's bloße Erſcheinung hatte einen allgemein be⸗ ſänftigenden Eindruck hervorgebracht, welchen ſeine Worte ſo ſehr befeſtigten, daß in ein paar Sekunden keine Spur des Vorgefallenen mehr zu entdecken war und Alles wieder wie zuvor in theils achtloſe, theils mehr oder minder geſchäftige Gruppen zerfiel. „Ein prächtiger Herr“, ſagte Hahn, Riedl nachſehend, der ruhig über die aufgethürmten Gegenſtände hinab⸗ ſtieg und den Weg nach dem Innern des Platzes ein⸗ ſchlug.„Aber nur für uns geringe Leute. Nach oben zu iſt er ſo beißig, als er gegen das Volk freund⸗ lich iſt.“ „Ja, ich hab's erfahren“, betheuerte ein trübſelig ausſehender, ärmlich gekleideter Mann, der ſich mehr aus Neugierde, als um ſich den Anweſenden anzu⸗ ſchließen, zu denſelben geſellt hatte.„Wie meines Va⸗ ters Bruder, der reiche Pfarrer, ſtarb und mir die Stiftung das Bischen abſtreiten wollte, das er mir vermacht hatte, da wollt' ich einen Armenanwalt haben, denn ich konnte den Proceß nicht von dem zahlen, was 71 14◻ ich mit der Nadel mir und meinen fünf Kindern müh⸗ ſelig genug erarbeiten muß. Aber da lief ich wo⸗ chen⸗ und monatelang vom Schreiber zum Rath und vom Rath zum Director und wieder herunter bis zum Schreiber, ohne daß es etwas geholfen hätte. Ich liefe wohl noch heute, wenn mir nicht meine Nachbarin ge⸗ rathen hätte, mich an den Herrn Doctor zu wenden. Sie kannte ihn, weil er ihren Sohn von den Soldaten frei gemacht hatte. Der hörte mich ganz ruhig an, und wie ich am andern Tag, weil er mich beſtellt hatte, wiederkam, da war er ſchon bei dem Geiſtlichen gewe⸗ ſen, der die Stiftung zu verwalten hatte. Ich brauchte keinen Anwalt und keinen Proceß mehr, und wieder am andern Tag hatt' ich mein Geld bei Heller und Pfen⸗ nig.“ 1 „Mich wundert nur“, bemerkte der Student,„daß ihn die Regierung ſo unbenutzt läßt und nicht anſtellt. Er ſoll ein Mann von ungewöhnlichen Kenntniſſen ſein.“ „Das iſt er auch“, antwortete Hahn.„Ihr ſolltet ihn einmal hören, wenn er einen armen Teufel, der im Rauſch ein Wort zu viel geredet hat und dem man an den Kragen will, vertheidigt. Die andern Verthei⸗ diger, die haben kein rechtes Herz und thun immer, als wenn's dem Gericht ein Leid ſein müßte, daß ſie ihm 72 entgegen ſind, aber der nimmt kein Blatt vors Maul und hat ſich ſchon manchen Gotteslohn verdient. Das wiſſen die Herren eben, und weil er apart und nicht auch iſt wie ſie, ſo mögen ſie ihn nicht. Er fragt aber nichts darnach, ob man ihn anſtellt oder nicht, denn er kann von eigenen Mitteln leben. Drum nimmt er auch von Keinem einen Kreuzer, dem er hilft!“ „Es ſoll aber doch noch ein anderes Häkchen ha⸗ ben“, warf der Schreiber mit anſcheinend gleichgültigem Tone ein.„Ich meine, ich habe einmal etwas munkeln hören, als ſei er, Gott weiß wo, außer Landes zu nahe an einen Geldkaſten gekommen, der ihm nicht ge⸗ hörte, und habe drauf Bekanntſchaft mit dem Zucht⸗ hauſe machen müſſen.“ „Das iſt nicht wahr, das kann nicht wahr ſein“, riefen Hahn und der Schneider wie aus einem Munde. „Nur Ihr, Billinger“, fuhr der erſte fort,„Ihr könnt's nicht vertragen, wenn man Jemand lobt, und müßt Jedem was anhängen, wenn's auch gelogen wär' Ihr könnt froh ſein, daß es der Alte nicht gehört hat, ſonſt wäre die Lüge Eure letzte geweſen.. Er zeigte bei dieſen Worten nach Windreuter, der unbeweglich und in ſich gekehrt, wie tief nachdenkend, unter ſeiner Stange ſaß und augenſcheinlich vom gan⸗ zen Geſpräche nichts vernommen hatte. 5 73 „Nun, nun“, wendete Billinger ein, indem er ſich faſt unmerklich zum Rückzuge anſchickte,„man ſpricht ja nur. Ich habe es eben auch gehört und es ſoll mich freuen, wenn's nicht wahr iſt. Uebrigens—“ „Jetzt reißt mir auch die Geduld!“ rief Hahn. „Warum habt Ihr Euch denn verſteckt und ſeid ſo mäuschenſtill geweſen, wie er vorhin da war? Seid Ihr nur hinter ſeinem Rücken ſo beherzt? Dann packt Euch zum Teufel oder—“ Es bedurfte keiner beſtimmter ausgeſprochenen Dro⸗ hung, denn der gelenke Schreiber ſprang mit einem Satze über die Brüſtung und verſchwand unter lautem, nachſchallendem Gelächter in der Dunkelheit. Die Männer lagerten ſich. Windreuter nahm noch immer keinen Theil; er ſtarrte unbeweglich vor ſich hin, aber ſo viel der flackernde Schein des Lagerfeuers er⸗ kennen ließ, waren ſeine Züge ſchmerzlich erregt und eine dicke Thräne rollte in ſeinen eisgrauen Bart. Währenddeſſen hatte Riedl nur wenige Schritte vorwärts gemacht, als ihm Friedrich hinter einem Mauer⸗ vorſprung hervor entgegentrat. „Nun“, ſagte er, indem er ſich an Riedl's Arm hing, „da haſt Du wieder ein Probeſtück geſehen und erlebt, ob und wie man ſich auf das Volk verlaſſen kann. Wirſt Du mir noch nicht Recht geben, daß mit dieſen Si ieal 74 willenloſen und doch widerſpenſtigen Werkzeugen nichts anzufangen iſt? Ich dächte, Du ſollteſt es thun, ehe die Woge auch Dich auf dem Sande zurückgelaſſen hat.“ „Es iſt mir lieb“, entgegnete Riedl, mit Friedrich beiſeite aus dem Gedränge tretend und längs der Häu⸗ ſerreihe hinſchreitend,„daß wir uns begegnen und daß Du den kleinen Vorfall mit anſahſt. Aber ſchmähe mir darum das Volk nicht! Es iſt eben wie ein Kind und wer wird von einem Kinde den Verſtand des Mannes fordern, oder ihm zürnen, wenn es ſeine kindiſchen Nei⸗ gungen wechſelt? Der kluge Erzieher muß eben ver⸗ ſtehen, es unbewußt und unbemerkt zu dem zu führen, was ihm noth thut. In dieſem Sinne iſt es nicht unrichtig, das Volk ein Werkzeug zu nennen, aber wenn es ein ſolches iſt und einmal Unheil damit angerichtet wird, liegt die Schuld gewiß nicht am Werkzeug, ſon⸗ dern am Arbeiter, der es entweder nicht zu führen ver⸗ ſtand oder für mehr gelten laſſen wollte als für ein Werkzeug. Du ſiehſt alſo, mein Lieber“, fuhr er lä⸗ chelnd fort,„daß mich ſo etwas von der guten Mei⸗ nung, die ich von meinem Liebling habe, nicht abbring und der iſt nun einmal das Volk.“ „Als ob ich es geringer achtete!“ rief Friedrich. „Will denn nicht auch ich das Beſte des guten Volks?“ „Das thuſt Du, ehrlicher Junge“, entgegnete Riedl, — 75 Friedrich's Arm wärmer an ſich drückend,„und es iſt bei Gott nicht die geringſte der Eigenſchaften, wegen deren ich Dich ſo lieb habe. Aber Du biſt mit all Deinem guten Willen auf dem falſchen Wege. Ich habe Dir das ſchon oft geſagt. Du willſt das Volk frei, klug und gut, alſo glücklich wiſſen, aber das Volk ſoll nichts dabei thun. Es ſoll ſich fein ſtill halten und ſich beglücken laſſen, wie eine Puppe, die man heute ſo und morgen anders ausputzt. Ich aber ſage, das Volk iſt kein Kind und kein Werkzeug. Das Volk hat, wie der Einzelne für ſich, auch in Maſſe ein Recht, mitzu⸗ reden, ob es das, was man ihm geben will, auch für Glück hält und ob es ſo beglückt ſein will. Deshalb will ich, daß das Volk ſelbſt darüber entſcheide, wie es mit ihm gehalten ſein ſoll in Allem und— doch“, rief er, inne haltend und ſtehen bleibend,„ſind wir nicht rechte Thoren, daß wir uns hier über Theorien zanken, während uns im nächſten Augenblick die Kugeln über die Köpfe pfeifen und einen praktiſchen Commen⸗ tar dazu geben können? Das iſt ja unſer alter Streit. Gefällt's Dir übrigens, weiter zu plaudern, ſo wollen wir uns wieder treffen, wir haben wohl noch ein paar Viertelſtündchen Zeit.“ Mir iſt es genehm, aber wo finde ich Dich?“ fragte Friedrich. „Dort drüben“, war Riedl's Antwort,„iſt die Schenke zum rothen Stern. Es iſt zwar eine ſehr untergeord⸗ nete Kneipe, aber rückwärts am Hauſe iſt ein Gärtchen mit ein paar ſtattlichen Kaſtanienbäumen, unter denen es ſich angenehm ſitzt. Wir wollen eine Flaſche zuſam⸗ men leeren, da man doch nicht weiß, ob es nicht die letzte iſt. Gehe dahin, ich ſuche nur noch die Wort⸗ führer der Bürger auf, die dort im Kaffeehauſe an der Ecke verſammelt ſind, und bin in einer Viertelſtunde bei Dir.“ „Es ſei ſo“, erwiderte Friedrich. Sie gaben ſich die Hände und wollten ſich eben trennen, als hart neben ihnen eine hohe, tief in einen Mantel gewickelte Geſtalt aus dem Häuſerſchatten auftauchte und chenſo ſihnel wieder verſchwand. Riedl hatte ſie bemerkt.„Höre“, ſagte er,„es kommt mir vor, als wären unſere Gegner ſehr thätig; jeden⸗ falls ſind wir hier behorcht worden. Drum ſieh Dich vor für alle Fälle. Biſt Du bewaffnet?“ „Nein. Ich hielt es für unnöthig.“ „So nimm dieſen Life⸗Preſerver. Er wird Dir Dienſte thun. Das iſt bei Gott keine der ſchlimmſten Erfindungen, die wir Amerika verdanken!“ Damit trennten ſich die Beiden und Friedrich trat kurz darauf in die Schenke zum rothen Stern. Durch 77 die dunkle Hausflur, auf welcher die ſtattgehabte Zer⸗ ſtörung ſehr merkliche Trümmerſpuren zurückgelaſſen hatte, gelangte er in das Gärtchen. Die breiten, un⸗ durchdringlich belaubten Bäume verbreiteten hier eine ſolche Dunkelheit, daß ein paar an Pfoſten angebrachte Oellampen nur die allernöthigſten Contouren der vorhan⸗ denen Perſonen und Gegenſtände zu beleuchten vermochten. In der Nähe der einen Lampe ſaßen zwei gefähr⸗ lich ausſehende Kerle in abgeriſſenen Kleidern, welche Karte ſpielten und den Eintretenden anſcheinend kei⸗ nes Blickes würdigten. Unweit davon ſaß in einer Art von Halbſchlummer die Tochter des Hauſes, ein mattes, abgelebtes Geſchöpf mit ſchlaffen Zügen und gläſernen Augen. Sie be⸗ diente Friedrich, indem ſie eine Flaſche vor ihn hin⸗ ſtellte, und verſank dann in ihrer Ecke wieder in den vorigen traumhaften Zuſtand. Auch Friedrich ſaß in ſich gekehrt und nachdenkend da und bemerkte nicht, daß beinahe unmittelbar nach ihm noch ein Gaſt in das Gärtchen getreten war. Es war dieſelbe hohe Geſtalt im Mantel, welche ihm ſchon vorhin in den Weg gekommen und Riedl zur Mitthei⸗ lung der Waffe veranlaßt hatte. Jetzt ſtand dieſelbe im tiefſten Schatten der Bäume unmittelbar hinter Friedrich und legte ihm die Hand auf die Schulter. 78 Friedrich!“ rief eine weiche, halb unterdrückte, aber ſehr wohlklingende Stimme unter dem dicht verhüllen⸗ den Hute hervor. Friedrich wollte überraſcht aufſpringen, aber er fühlte ſich ſanft zurückgehalten und die Stimme wieder⸗ holte ebenſo:„Kein Aufſehen, Friedrich! Kennen Sie mich nicht mehr?“ Bei dieſen Worten hatte die Erſcheinung den Hut in etwas gelüftet und auch den Mantel minder ſtraff angehalten, ſodaß die Züge des bis dahin faſt ganz verdeckten Geſichts ſichtbar wurden. „Darf ich meinen Augen und Ohren trauen?“ flü⸗ ſterte Friedrich halblaut.„Ich habe nur eine ſolche Stimme gehört in meinem Leben. Primitiva— Fräu⸗ lein— ſind Sie es wirklich?“ „Ich bin es“, erwiderte dieſe.„Bleiben Sie ruhig. Ich will mich zu Ihnen ſetzen, ſo wird meine Anweſen⸗ heit am mindeſten auffallen. Ich habe Ihnen viel zu ſagen und meine Zeit iſt kurz.“ „Aber ich begreife nicht! Sie hier, bei mir, in dieſer Kleidung und eben jetzt!“ „Das ſoll Ihnen bald Alles deutlich ſein. Ich habe Sie aufgeſucht und deshalb die allgemeine Unruhe be⸗ nutzt, in der ich unbemerkt und unerkannt zu bleiben hoffen durfte.“ — — 79 „Sie ſpannen meine Neugierde aufs höchſte. Was kann, was ſoll ich thun?“ „Ich habe auf Sie gerechnet, Friedrich; ich that es in Erinnerung ſchöner, glücklicher Tage.“ „O, mir werden ſie die ſchönſten bleiben für mein ganzes Leben!“ „Wirklich?“ hauchte Primitiva, und dem Tone ihrer Stimme war eine Bewegung anzuhören, die ſie nicht unterdrücken zu können ſchien.„Nun, dann werden Sie mich nicht vergebens bitten laſſen.“ „Reden Sie!“ „Sie wiſſen, was in der Stadt vorgeht, und kennen mich wohl genug, um zu wiſſen, daß mein Herz dabei bluten muß. Sie wiſſen aber vielleicht nicht, daß man bei Hofe entſchloſſen iſt, es aufs Aeußerſte ankommen zu laſſen.“ „Unmöglich! Der ſonſt ſo gerechte Herzog—“ „Er ſteht unter dem Einfluſſe der Herzogin, ſeiner Mutter, der er aus kindlichem Reſpekt nicht entgegen ſein will, und welche ſelbſt wieder, ohne es zu wiſſen, unter Einflüſſen der gefährlichſten Art ſteht. Sie kön⸗ nen mir glauben, da ich in ihren Dienſten und ſtünd⸗ lich um ſie bin. Einer untergegangenen Zeit und deren Anſichten angehörend, hat ſie keinen andern Wunſch und keinen andern Gedanken mehr als den, die Macht 80 und Würde ihres Hauſes in der ganzen alten Stärke und Reinheit zu erhalten. Jedes Nachgeben erſcheint ihr als ein Vergehen an dieſen, und dieſe Anſichten haben ſich durch den Zuſtand der Halbblindheit, in dem ſie ſich, wie Ihnen bekannt, befindet, und durch die mit ihrem hohen Alter zuſammenhängende erhöhte religiöſe Richtung zu einer verknöcherten Schroffheit geſteigert, die keinen Widerſpruch zu ertragen vermag!“ „Leider ſagen Sie mir mit alledem im Grunde nur Bekanntes! Aber was iſt zu thun?“ „Hören Sie mich zu Ende und hören Sie auch etwas Ihnen noch Unbekanntes. Der Herzog hat die Depu⸗ tation der Bürger abgewieſen.“ „Entſetzlich! Welch unabſehbares, unaufhaltſames Unheil wird daraus entſtehen!“ „Nur zu wahr! Der Herzog ſchien von den Bürgern ſchon umgeſtimmt, er ſchien bereits ein Wort der Milde ausſprechen zu wollen, als ein Billet der Herzogin Al⸗ les rückgängig machte. Ich kenne den Inhalt deſſelben, denn mir, ihrer vertrauten Schreiberin, hat ſie es in die Feder dictirt. Es mag Ihnen genügen, wenn ich ſage, daß er die ärgſten Beſorgniſſe rechtfertigt. Ur⸗ theilen Sie, welche Angſt mich ergriff, als ich die mei⸗ nem Herzen ſo ſehr widerſtrebenden Zeilen ſchreiben, als ich das unheilvolle Blatt aus den Händen geben 81 und ſelbſt die Entſcheidung, die ich verabſcheue, herbei⸗ zuführen helfen mußte!“ „Ich fühle es in dieſem Augenblick doppelt mit Ihnen!“ „Lange ſah ich mich vergebens nach einem Mittel der Rettung um! Mir war wie einem, der, in einen Abgrund geſtürzt, nun von den ſchroffen Wänden des⸗ ſelben umgeben iſt und in vergeblichen Verſuchen, daran emporzuklimmen, ſich die Hände zerfleiſcht! Und gehol⸗ fen mußte doch werden! Da mit einem Male— ich kann nicht ſagen, wie ich darauf verfiel— ſtand das ein⸗ zige Rettungsmittel hell vor mir da! Es galt, einen Einfluß zu finden, der dem der Herzogin, wenn er ihn auch nicht aufzuwiegen vermöchte, doch das Gegenge⸗ wicht hielte und wenigſtens die äußerſten Möglichkeiten verhinderte. Solchen Einfluß kann nur der Erbprinz haben.“ „In der That! Auch ich glaube, daß er der Mann dazu wäre, und habe ſeine Abweſenheit lebhaft be⸗ dauert.“ „Deshalb war es mein einziges Sinnen, ihn her⸗ beizubringen. Er mußte wiſſen, was hier vorgeht, aber nun begann die neue größere Schwierigkeit, wie ihn davon unterrichten! Am Hofe wußte ich Niemand, dem ich Vertrauen ſchenken konnte. Suchen durfte ich Nie⸗ Schmid, Mitze und Krone. I. 6 82 mand, ohne meine Stellung und mich ſelbſt preiszuge⸗ ben. Ebenſo wenig konnte ich mich mit der Hoffnung begnügen, daß der Prinz vielleicht durch öffentliche Nach⸗ richten oder ſonſtwie Kunde des Geſchehenden bekom⸗ men werde. Da, mitten in meiner ärgſten Rathloſig⸗ keit, ſtand Ihr Bild vor meiner Seele. Ich wußte, daß Sie mein Vertrauen nicht zu täuſchen im Stande wären, wenn wir uns auch ſeit Jahren nicht geſehen haben; ſogleich war ich entſchloſſen, Sie aufzuſuchen, und Dank dem Himmel, daß ich Sie gefunden!“ „Sie ſollen ſich auch in mir nicht betrogen haben, mein Fräulein. Bezeichnen Sie mir den Aufenthaltsort des Prinzen und ich eile, Ihre Befehle zu vollziehen!“ „Ich habe es mit Zuverſicht erwartet, Sie ſo bereit zu finden. Der Prinz lebt jenſeits unſerer Grenzen auf dem Jagdſchloſſe, das er ſich aus der ehemaligen Propſtei St.⸗Wendelin eingerichtet hat. Eilen Sie zu ihm! Wenn er ſich auch im Ganzen völlig zurückgezogen hält, ſo wird es doch Ihnen gelingen, ſich Eingang zu verſchaffen. Sie waren ja, wie man erzählt, früher in ſeiner Umgebung. Erzählen Sie, ſagen Sie ihm Alles, bewegen Sie ihn, ſogleich hierher zu kommen, und ſeien Sie meines lebhaften Dankes— doch was gilt der in ſolcher Sache!— ſeien Sie des Dankes von NMillionen gewiß.“ „Mich, mich laſſen Sie Ihnen danken, Primitiva!“ rief Friedrich und faßte begeiſtert die Hand der ſchönen Rednerin, deren Wangen von dem Widerſchein einer ſchönen Erregung glühten.„Sie zeigen mir als er⸗ reichbar, was der ſtolzeſte und kühnſte Wunſch jedes Mannes iſt. Ich reiſe noch in dieſer Stunde, und ſeien Sie gewiß, wenn es irgend möglich, ſo erfülle ich Ihren Wunſch. Und wird mir dann erlaubt ſein“, fuhr er mit etwas geſenktem Tone fort, indem er einen zärtlich ehrerbietigen Kuß auf die ſchöne Hand drückte, die er hielt,„Ihnen meinen Erfolg berichten zu dürfen oder werden Sie wie bisher für mich unſichtbar und nicht vorhanden ſein?“ „Sie ſehen ein“, erwiderte Primitiva, und in ihrer Stimme wurde wieder jenes weiche Zittern wahrnehm⸗ bar, das ſchon mehrmals in ihren Worten durchgeklun⸗ gen hatte,„daß Niemand unſer Einverſtändniß ahnen darf. Wir dürfen alſo in keine irgend wahrnehmbare Verbindung zu einander treten. Darum ſagen wir uns in dieſer Stunde wieder Lebewohl für immer, wenn uns nicht die Gewalt der Umſtände ein Wiederſehen geſtattet, ſo unvermuthet wie das heutige.“ „Ich hoffe darauf.“ „Hoffen Sie immer, wenn es Ihnen Freude macht. Doch wozu uns wiederſehen? Wann und wo es auch 6* 84 wäre, wir würden uns als dieſelben wiederfinden, und wären die Umſtände noch zehnmal mehr von den heu⸗ tigen verſchieden, als es dieſe von jenen ſind, da wir zum letzten Male zuſammen waren. Wiſſen Sie noch? Es war auf dem Schloſſe meines Vaters; Sie waren mit meinem Bruder den Herbſt über da geweſen und ſollten tags darauf miteinander wieder in die Stadt zu Ihren Studien abgehen. Die wenigen Monate täg⸗ lichen Zuſammenſeins hatten das freundſchaftliche Band, das Sie mit Karl vereinte, auch um mich geſchlungen. Ich war die Dritte in Eurem Bunde, die Genoſſin Eurer Studien, die Gefährtin Eurer Pläne, die Pfle⸗ gerin Eurer Ideale.“ „O Primitiva“, rief Führer im höchſten Grade er⸗ ſchüttert und bedeckte ſein Antlitz mit den Händen, „welche Bilder rufen Sie vor mir herauf!“ .„Es ſind gute Genien, mein Freund!“ antwortete dieſe und ihre Stimme zitterte hörbarer.„Wohl iſt es vielfach anders gekommen, als wir dachten! Karl, der blühende, hoffnungsvolle Jüngling, iſt dem ſchönen Ver⸗ eine ſchon ſeit mehr als zehn Jahren durch den Tod entriſſen, ich, damals ſchwach und leidend und we⸗ nig Hoffnung bietend, habe ihn in all ſeiner Kraft überlebt, und Sie—“ Primitiva hielt inne, denn die Bewegung Führer's —,— 85 hatte einen ſolchen Grad erreicht, daß ſeine Pulſe flo⸗ gen und die Bruſt unter der Laſt der gewaltſamſten Athemzüge zu berſten drohte. „Und ich“, rief er nun, mit einem Male ſeinen Ge⸗ fühlen Luft machend,„ich bin der unglücklichſte aller Menſchen! O Primitiva, dieſe Erinnerungen— o warum habe ich Sie nicht früher wiedergeſehen!“ „Was ſagen Sie!“ rief Primitiva, indeß hohe Glut ihre Wangen überflog.„Nicht doch, Friedrich! Sie ſind im Begriff, ſich ſelber zu täuſchen! Wer ſeine Pflicht getreu thut, kann der jemals unglücklich ſein? Kann es ein Mann mit Ihrem Geiſte? Erfüllen Sie getreu Ihre Pflicht und gehen Sie die betretene edle Bahn weiter. Denken Sie“, rief ſie und erhob ſich, ihm mit unbeſchreiblichem Ausdruck ins Auge ſehend,„daß ja der Geiſt keine Grenzen hat, daß das Bewußtſein chönere Schätze bietet, als man beſitzen kann! Denken Sie, daß ein Heiligthum entweiht würde, wenn es aus geſprochen würde— und vergeſſen Sie meiner nicht!“ Friedrich fühlte einen innigen, flüchtigen Kuß auf ſeiner Wange, aber ehe er ein Wort der Erwiderung inden konnte, war das Fräulein verſchwunden und die Bäume des Gärtchens, von einem raſchen Windſtoß bewegt, rauſchten über ſeinem einſamen Haupte. In tiefes Sinnen verſenkt und doch in unverkenn⸗ 86 barer Bewegung traf ihn Riedl, der faſt unmittelbar nach Primitiva's Entfernung unter der Thür erſchienen war und der Davoneilenden befremdet durch den Haus⸗ gang nachſah. „Sieh doch!“ rief er.„Ich will meine guten Augen verwetten, wenn das nicht die Figur war, die uns vor⸗ hin behorchte. Und zudem müßte ich mich ſehr irren, wenn das, nach dem Gange zu urtheilen, nicht ein ver⸗ kleidetes Frauenzimmer iſt!“ „Was fällt Dir ein!“ entgegnete Führer in ſichtba⸗ rer Verwirrung. „Ei, Du biſt auch ganz erhitzt und außer Dir! Das begreife ich in der That nicht! Du, ein Muſter guter Sitte und ſolch ein Abenteuer in den Bräuti⸗ gamstagen?“ „Ich ſage Dir, Du irrſt!“ widerholte Friedrich.„Wie käme ich dazu! Es war—“ „Nun, laß nur“, wandte Riedl lachend ein.„Es iſt gut, daß Dich nicht Deine Braut ſo überraſcht hat, Du würdeſt Dein Examen herzlich ſchlecht beſtanden haben.“ „Aber ich verſichere Dir—“ „Bemühe Dich nicht. So viel iſt mir klar, daß nach dieſer Seite hin der Life⸗Preſerver überflüſſig war.“ 87 „Nun denn, ja, ich will es Dir geſtehen, es iſt mir etwas Außerordentliches begegnet, aber ich muß ſchweigen darüber.“ „In der That? Nun, Du biſt dann wohl auch nicht in der Laune, unſer Geſpräch von vorhin fortzuſetzen?“ „Du haſt Recht. Auch fehlt es mir an Zeit— ich muß dieſe Stunde noch verreiſen.“ „Wie, ſo plötzlich? Und ohne daß man wiſſen darf, wohin?“ „Es iſt nicht mein Geheimniß allein, darum ent⸗ ſchuldige—“ Riedl ſah Führer, der ihm gegenüber ſtand, einen Moment durchdringend ins Geſicht.„Du weißt“, ſagte er dann,„ich kann die Geheimnißkrämerei nicht leiden, am allerwenigſten bei Freunden. Drum ſage ich Dir geradezu, Du biſt Herr Deiner Handlungen, aber ich verhehle Dir nicht, daß ich in der vermummten Perſon eine Dame vom Hofe zu erkennen glaubte.“ „Nimmermehr! Wie kommſt Du darauf?“ entgeg⸗ nete Friedrich verwirrt. „Deine Verneinung überzeugt mich, daß ich recht vermuthet habe. Sei übrigens unbeſorgt, ich kann ſchweigen— aber was muß ich von Dir glauben? Junge, wenn ich denken müßte, daß Du Dich in Ka⸗ balen einlaſſen, daß Du Dich erniedrigen könnteſt— 88 bei meiner Ehre, ſo lieb ich Dich habe, es wäre aus mit uns beiden!“ „Sei deshalb außer Sorgen“, rief Führer.„Ich bin bald zurück und ich denke, Du ſollſt mit mir zu⸗ frieden ſein!“ „Gott gebe, daß es ſo ſei, und erſpare mir den Schmerz, auch Dich zu den Verlorenen werfen zu müſſen!“ Er wollte noch mehr hinzufügen, als es auf den benachbarten Thürmen die neunte Stunde zu ſchlagen begann. Unwillkürlich hielten beide lauſchend den Athem an und zählten die entſcheidenden Schläge. Mit dem letzten erhob ſich ein ferner, immer ſtärker anſchwel⸗ lender Trommelwirbel, mit dem Brauſen unzähliger Stimmen vermiſcht. „Es ſchlägt“, ſagte Riedl nach kleiner Pauſe, dem Freunde die Hand ſchüttelnd.„Bis neun Uhr ſollte auf die Rückkehr der Deputation gewartet werden— die Zeit iſt um. Laß nun Jeden ſeinen Weg gehen und ſehen, wohin er führt!“ Damit eilten beide Männer in den wachſenden Tu⸗ mult hinaus. Im Weggehen blieb Friedrich's Auge, da er auf die Stelle ſeines Zuſammentreffens mit Pri⸗ mitiva zurückſah, an einem glänzenden Gegenſtand haften, der hart daneben am Boden lag. Hinzutretend 89 erkannte er, daß es eine blaßrothe Bandſchleife war, die Primitiva entfallen ſein mußte. Einen Augenblick betrachtete er ſie mit nachdenklichem Blick, ſchob ſie dann raſch und wie mechaniſch in den Buſen und eilte Riedl nach. Einige Sekunden ſpäter warfen auch die Spieler die Karten hin und erhoben ſich. „Haſt Du gehört“, ſagte der eine mit heiſerem La⸗ chen, während ſie durch den Hausgang ſchlüpften,„die Zeit iſt da! Wir wollen auch unſern Weg gehen, wir wiſſen doch wenigſtens, wohin er führt.“ Viertes Kapitel. Auf der Barrikade. Das Kaffeehaus an der Ecke des St.⸗Jakobs⸗Platzes war in friedlichen Tagen der Verſammlungsort der kaufmänniſchen ſowie der männlichen eleganten Welt. Während jene manches nicht unbedeutende Geſchäft in anſcheinend gleichgültigem Verkehr abmachte, brachte dieſe einen Theil ihrer reichlichen Muße zwiſchen den Jour⸗ nalen und der Beſprechung ihrer Vergnügungen hin. Im Laufe des Tages jedoch hatte der Ort eine ganz veränderte Geſtalt angenommen. Die ſchönen, ſtatt⸗ lichen Räume waren in eine Art von Hauptquartier verwandelt, wo ſich die Häupter und Wortführer der Unzufriedenen zuſammenfanden. Noch trug aber die Verſammlung nicht jenen kriegeriſchen Ausdruck, wel⸗ 91 chen die Straßengruppen an den ſchon geſchilderten Punkten darboten. Hier war noch nichts von Waffen wahrnehmbar, dafür wurde deſto lauter geſprochen und für und wider verhandelt. Es war der wohlhabendere Theil der Bürgerſchaft, der ſich hier verſammelt hatte. Deshalb waren die Meiſten, wenn auch nicht minder unzufrieden als die ärmern, ſogenannten arbeitenden Schichten der Bevölkerung, ihres Beſitzes und Erwerbs wegen zu Vergleichen erbötig, alle aber jedem Aeußer⸗ ſten ahgeneigt, durch welches ihre Intereſſen, wenn auch nur für kurze Zeit, in Frage geſtellt werden konnten. Im Verlauf des Nachmittags und mit dem Vor⸗ rücken des Abends war die Verſammlung immer zahl⸗ reicher und lebhafter geworden. Namentlich ſaß an einem runden Tiſch, auf dem ziemlich viele geleerte Weinflaſchen ſtanden, eine ſehr laute Gruppe zuſammen. „Ihr werdet es doch ſehen, daß ich Recht habe!“ rief ein großer, breitſchulteriger und etwas vierſchrötiger Mann mit breitem, weinrothem Geſicht, indem er auf den Tiſch ſchlug, daß die Gläſer klirrten.„Die Depu⸗ tation wird im Schloß gefangen gehalten, ſonſt müßte ſie lange zurückſein! Während wir in aller Schafsge⸗ duld hier warten, ſind die armen Teufel ſchon lange unterwegs nach der Feſtung!“ 92 „Ei was!“ entgegnete eine kleine, unterſetzte Figur von behäbigem Ausſehen.„Man iſt es von Ihnen ſchon gewohnt, Herr Gerbel, daß Sie Alles übertreiben! Warum ſoll der Deputation ein Leid geſchehen? Es iſt ja nichts Unrechtes, was ſie thun, ſondern vielmehr dankenswerth, daß ſie in den ſauern Apfel gebiſſen ha⸗ ben. Man wird eben mit derlei Dingen nicht ſo ſchnell fertig, wie man eine Drehſcheibe umlaufen läßt. Darum und aus keinem andern Grunde ſind ſie noch nicht da.“ „Strengen Sie Ihren Witz nicht zu ſehr an“, er⸗ widerte Gerbel gereizt.„Sie ſollten beſſer damit haus⸗ halten, denn hinterm Ladentiſch werden Sie ihn ſo gut brauchen wie ich an der Drehbank! Verſtanden?“ Der kleine Mann wollte etwas erwidern, wurde aber durch eine feine, faſt quiekende Stimme unterbro⸗ chen, welche ſich ins Geſpräch miſchte.„Es iſt immer traurig“, ſagte der Mann, dem ſie angehörte, in ſal⸗ bungsreichem Ton,„wenn es zu ſolchen Auftritten kommt! Die Deputation iſt ſo gut eine Auflehnung ge⸗ gen den Willen unſeres gnädigen Herrn als die Zu⸗ ſammenrottung des gottloſen Pöbels da unten! Die neue Steuer iſt eine uns von Gott auferlegte Prüfung, die wir als gute Unterthanen in chriſtlicher Geduld hätten tragen ſollen!“ „Ei ſieh, der Herr Sparberger ſind auch hier!“ rief 93 Gerbel mit grobem, ſpöttiſchem Ton.„Das iſt ja eine wahre Seltenheit! Sie haben ganz Recht, wir hätten nicht muckſen und lieber hungern ſollen, aber ein rech⸗ tes Verdienſt könnten Sie ſich erſt erwerben, wenn Sie hinuntergingen und das auch dem gottloſen Pöbel da unten begreiflich machen wollten. Ich bin überzeugt, es würde eine ſchlagende Wirkung hervorbringen!“ Die ſprechende Geberde, mit welcher Gerbel ſeine Worte begleitete, rief ein allgemeines Gelächter hervor, in welches der Gegenſtand deſſelben mit widerwärtigem Grinſen einſtimmte. „Lachen Sie nur, meine Herren“, hüſtelte er,„la⸗ chen Sie nur! Es iſt doch wahr, und es gehe, wie es gehen mag, ſo werden wir alle empfindlich genug ſpü⸗ ren, was es heißt, wenn die Geſchäfte ſtocken!“ „Ja, davon kann freilich Niemand beſſer reden als Sie“, ſagte in ruhigem Tone ein geſetzter, ſchlicht ge⸗ kleideter Mann, der bisher ſchweigend zugehört hatte. Da der Angeredete ſich wie fragend nach dem Re⸗ denden umſah, fuhr dieſer fort:„Sehen Sie mich im⸗ mer an, Herr Nachbar. Der Unterſchied zwiſchen uns und Ihnen iſt nur der, daß unſer Geſchäft ſtockt, wenn die neue Steuer bleibt, das Ihrige aber, wenn ſie wie⸗ der aufgehoben wird.“ „Wie meint Ihr das?“ fragte Sparberger, indem 94 er geringſchätzig auf die Hand des Redenden blickte, die ihm dieſer, wie zutraulich, auf den Arm gelegt hatte und deren Ausſehen von fleißiger Handhabung des Pechdrahts zeugte. „Verſtehen Sie mich nicht?“ fragte der Schuſter entgegen.„Es iſt doch deutlich genug. Ich meine nur, Sie haben ſchon auf die neue Steuer ſpeculirt.“ „Das iſt eine Lüge, eine niederträchtige Verleum⸗ dung!“ rief der Kleine und bemühte ſich, das Ausſehen des Gekränkten zu haben. „Schwerenoth!“ rief der Schuſter entgegen und faßte den Arm des Kleinen noch feſter.„Der Meiſter Rem⸗ pelmann lügt nie, das können Sie ſich merken! Habe ich nicht ſelbſt geſehen, daß die letzten Tage her Wa⸗ gen um Wagen, ſchwer beladen mit Eiern, Mehl, But⸗ ter und was weiß ich, an Ihrem Garten hielten und abgeleert wurden? Wollen Sie leugnen, daß Sie von der neuen Steuer ſchon Wind gehabt und darum noch ſchnell recht viel unverzollt hereingebracht haben, um dann den Zoll draufſchlagen und ein ſchönes Profit⸗ chen machen zu können? Können Sie das leugnen?“ Der Speculant war durch dieſen Vorwurf ſichtbar betreten und ängſtlich. Die Zahl der Umſtehenden hatte ſich vermehrt und er konnte aus deren Mienen unſchwer abnehmen, wie ſie die Mittheilung des Schuſters auf⸗ —— õ— 4 95 nahmen. Er ſchien es daher für gerathen zu halten, das Weite zu ſuchen.„Auf derlei dummes Gerede“, rief er, den Hut in die Augen drückend,„gebe ich gar keine Antwort. Aber vor Gericht werde ich Ihn zu ſinden wiſſen, Meiſter! Ich werde Ihn zu finden wiſ⸗ ſen!“ Damit hatte er ſich die Gelegenheit erſehen und war durch eine Lücke unter den Umſtehenden entſchlüpft. „Soll mich freuen!“ rief ihm der Schuſter zornig nach.„Schlechter Kerl das! Verdreht bei jedem dritten Wort die Augen vor Frömmigkeit und ſpeculirt doch auf die Noth und den Hunger ſeiner Mitbürger. Dem wollt' ich einmal eine kleine Lection gönnen!“ „Aber davon abgeſehen, hat er doch nicht ganz Un⸗ recht“, bemerkte der kleine behäbige Krämer.„Das Stocken der Geſchäfte—“ „Laſſen Sie mich damit in Ruhe!“ rief der Schuſter barſch.„Das Gered' iſt nicht weit her; die Katze ſpringt immer auf die alten Füße. Bleibt die Steuer und wird das Leder wie Alles theurer, ſo kann ich freilich auf die Stiefel ſchlagen, man wird drum nicht barfuß gehen! Aber es hält Alles zurück und wer nichts zuzuſetzen hat, der ſchnappt auf. Ob alſo das Geſchäft ſo ſtockt oder wegen der paar unruhigen Tage, das iſt gleich; und wenn's denn mal zu Grunde ge⸗ 96 gangen ſein muß, ſo will ich lieber beißen und mich todtſchlagen laſſen, als wie vor Hunger an der Kette crepiren!“ Das Gemurmel der Anweſenden ſchien dem Spre⸗ cher beizuſtimmen. Eben war Gerbel im Begriff, wieder das Wort zu nehmen, als von der Straße her⸗ auf wachſendes Geſchrei ertönte. Alles drängte ſich zu den Fenſtern und der Ruf: „Sie kommen! Sie kommen!“ wälzte ſich tauſendſtim⸗ mig über den Maſſen hin. Wirklich ſchritten die abgeordneten Bürger, von der brauſenden Volksmenge umdrängt, langſam und ernſt die Straße herab dem Kaffeehauſe zu. Dort angelangt erzählten ſie den Verlauf ihrer Be⸗ mühung und der Unterredung mit dem Herzog. Der Eindruck dieſer ſchlimmen Nachricht war ein vernichten⸗ der. Alles hatte mehr oder minder beſtimmt und laut von der bekannten Güte des Herzogs Abſtellung der Beſchwerde und damit die Rückkehr der Ruhe erwartet. Das war nun mit einem Male abgeſchnitten und nichts übrig geblieben als die Wahl zwiſchen drückender und unerträglicher Unterwerfung unter ein unheilvolles Loos und dem nicht minder entſetzlichen äußerſten Hülfsmittel der Gewalt. Die Ruhigern ſtanden mit bleichen, er⸗ wartungsvollen Geſichtern da, während Viele, die nur 4 ————— 97 die Entſcheidung abgewartet hatten, in ihre Häuſer und Wohnungen eilten, um im Kreiſe der Ihrigen das Un⸗ vermeidliche zu erwarten. Die Lebhaftern brachen in Ausrufungen der Betrübniß oder Entrüſtung aus, je nachdem gemäß dem Charakter eines Jeden der Un⸗ muth oder die Beſonnenheit das Uebergewicht gewon⸗ nen hatte. Niemand vermochte zu einem beſtimmten Entſchluſſe zu kommen, Niemand wagte das entſchei⸗ dende Wort zu ſprechen, den unwiderruflichen erſten Anſtoß zu geben. Das unabläſſige Rufen des auf der Straße und dem Jakobsplatze zuſammengedrängten Volks nöthigte endlich Kaufmann Rund, als Sprecher der Deputation, an das geöffnete Fenſter zu treten. Bei ſeinem Erſcheinen trat Stille ein. „Mitbürger“, rief er mit ſchwankender Stimme, „Seine Durchlaucht haben Eure und unſere Bitte nicht erhört—“ So plötzlich, als zuvor Stille geworden war, wurde der Redner von einem allgemeinen Aufſchrei der Wuth unterbrochen, der heulend wie das ſturmgepeitſchte Meer an den dunkelnden Himmel emporſchlug. Auf einen Wink des Redners legte ſich der Aufruhr der Stimmen allmälig ſo weit, daß verſtanden werden konnte, was er ſprach. Schmid, Mütze und Krone. 1. 98 „Seine Durchlaucht“, fuhr er fort,„haben befohlen, daß ſich Alles ruhig verhalten und alle Zuſammenrot⸗ tungen ſogleich zerſtreut werden ſollen, ſonſt—“ Neuer ſteigender Lärm unterbrach Rund wiederholt bei dieſen Worten. Zugleich wurde er von einem hin⸗ ter ihm Stehenden vom Fenſter gedrängt. Es war der Dreher Gerbel, der mit rothglühendem Antlitz ſtatt ſei⸗ ner vortrat.„Mitbürger“, ſchrie er mit einer Stimme, die dröhnend über das Getöſe hinaus erſcholl,„wollt Ihr nachgeben und verhungern oder Euch das Brod, das man Euch in Güte nicht gibt, mit Gewalt neh⸗ men?“ „Nicht nachgeben! Gewalt!“ war die augenblickliche, einſtimmige Antwort. „Nun denn“, ſchrie Gerbel wieder,„ſo folgt mir zum Zeughauſe!“ Die Feder und das Wort ſind unvermögend, nur annähernd das tobende Gebrüll der entfeſſelten Maſſe zu ſchildern, das dieſe Aufforderung begleitete. Es war ein Ton, den man gehört haben muß, um ihn nie wie⸗ der vergeſſen zu können. Im nächſten Momente war die Maſſe ſchon in wil⸗ der, rennender Bewegung, dem Zeughauſe zu. Gerbel, der raſch die Stiege hinabgeeilt war, befand ſich, immer ſchreiend und aneifernd, unter den Vorderſten. —— 99 Die Zurückgebliebenen ſahen ſich mit ernſten Blicken an und trennten ſich mit ſchweren Herzen. Unvermö⸗ gend, das rollende Rad aufzuhalten, blieb nur übrig, dem Kommenden mit Faſſung entgegenzugehen. Wenige Minuten ſpäter tönte Sturmgeläute, und heftiges Gewehrfeuer nach verſchiedenen Richtungen hin ließ keinen Zweifel übrig, daß die ehernen, blutigen Würfel des Bürgerkriegs bereits gefallen waren. Inzwiſchen hatte auch der St.⸗Jakobsplatz ſowie das dort errichtete Bollwerk eine etwas veränderte Ge⸗ ſtalt angenommen. Der ſchreckliche Ernſt der Entwicke⸗ lung hatte einen großen Theil der Volksmenge, der aus Furchtſamen und Neugierigen beſtand, verſcheucht. Nur die Entſchloſſenen hatten ausgehalten und die be⸗ waffnete Beſatzung um ein Beträchtliches vermehrt. Die Hauptgruppe um die Fahne war dieſelbe ge⸗ blieben, nur eine weibliche Geſtalt hatte ſich dazu ge⸗ ſellt und ſtand, wiewohl unbewaffnet, in den Reihen der Männer, welche mit geladenen Gewehren die Vor⸗ derſeite des Bollwerks beſetzt hielten, um daſſelbe gegen den bevorſtehenden Angriff zu vertheidigen. „Seht nach den Schlöſſern“, rief Windreuter,„und macht die Munition zurecht! Hört Ihr, wie's drüben gegen den Markt und gegen das Brückenthor zu kracht? Ich denke, ſie werden uns bald auch einen Beſuch machen, aber wir wollen ſie mit einem Feuer empfan⸗ gen, das es ihnen verleiden ſoll!“ „Wir ſind alle ſchußfertig“, entgegnete Hahn,„und an Kugeln fehlt's ſo wenig als an Courage. Aber nach dem Schießen zu urtheilen geht's da drüben ſcharf her. Wie wär's, wenn einer hinüberliefe, um nachzu⸗ ſehen, ob die Unſern etwa Hülfe brauchen?“ „Sie haben's mit einem Theil der Garde zu thun; das ſind Ausländer, die ſich nichts daraus machen, auf uns zu ſchießen“, antwortete Windreuter, welcher gleich einem Offizier hinter den Bewaffneten auf und ab ging. „Es könnte nicht ſchaden, wenn man wüßte, wie es dort ſteht; aber es wird nicht durchzukommen ſein!“ „Sorg' nicht“, rief Hahn,„ich bin hin und zurück, eh' Du'’s denkſt. Wenn's ſein muß, geht über die Dä⸗ cher auch ein Weg.“ Damit eilte er haſtig hinab und davon. Zugleich kam von der innern Seite her ein Mann mit eilferti⸗ gem, ſichtbar von der Furcht beflügeltem Schritt heran. „Seh' ich denn recht?“ rief ihm der Student, wel⸗ cher dem Ankommenden zunächſt ſtand, entgegen.„Ihr ſeid's, Meiſter Will? Euch hätte ich nicht hier geſucht! Aber kommt nur her und ſtellt Euch neben mich. Nehmt die Muskete auf, die dort lehnt, ſie iſt ſchon geladen!“ Der Angeredete war indeß faſt athemlos herange⸗ 101 kommen.„Gott ſei Dank“, keuchte er,„daß ich eine be⸗ kannte Seele finde! Bleiben Sie mir aber mit Ihrem Gewehr vom Leib, das iſt meines Amts nicht. Sie ſollten auch da fort und heim gehen, Herr Wilhelm. Wenn das Ihre Mutter wüßte! Die gute Alte ſitzt da⸗ heim, ich hab' es eben geſehen, und weint ſich in ihrem Stübchen beinah die Augen aus um Sie! Wenn ſie erſt wüßte—“ „Ihr müßt mir verſprechen“, antwortete der Stu⸗ dent,„daß Ihr ihr nicht ſagt, wo Ihr mich gefunden habt. Sie würde ſich nur unnütz ängſtigen, und ich kann es ihr doch bei Gott nicht erſparen, und wenn mich die erſte Kugel träfe!“ „Ach, Gott bewahre jeden Chriſtenmenſchen in Gna⸗ den!“ erwiderte Meiſter Will, indem ſein blaſſes Geſicht noch mehr erbleichte und ihm die Zähne zuſammen⸗ ſchlugen.„Hören Sie nur das greuliche Schießen! Ich vergeſſe vor Schreck faſt, was ich gewollt habe. Ha⸗ ben Sie denn meine Schweſter, die Cilly, nicht geſehen? Sie iſt auch fort und hat den Buben mitgenommen. Denken Sie nur, in einer ſolchen Nacht! Wie leicht könnte ihr ein Unglück zuſtoßen!“ „Eure Schweſter?“ fragte lächelnd der Student. „Ja, die könnte Euch wohl von dem Muth, den ſie hat, abgeben. Da ſeht hin!“ Damit zeigte er gegen die Mitte des Bollwerks, wo Cilly hoch aufgerichtet ſtand und eine Muskete lud. „Cilly!“ rief der vor Furcht und Entſetzen ſtarr ge⸗ wordene Meiſter.„Da ſteht ſie wahrhaftig mitten drunter und noch dazu mit einem Gewehr! Schweſter, komm doch her zu mir, komm mit nach Hauſe!“ Auf den Zuruf wandte die Angeredete ihr Geſicht dem Sprechenden zu und ein Lächeln flog über ihre Züge, das, wenn es auch den vorherrſchenden Charakter des Spottes hatte, dieſelben dennoch ſo ſehr erweichte und milderte, daß die Zerſtörung einer ſolchen Bildung doppelt bedauerlich erſchien. Sie ſtellte die Flinte bei⸗ ſeite und trat näher. „Was willſt Du, Friedel?“ fragte ſie.. „Was werd' ich wollen als Dich und den Buben?“ entgegnete dieſer.„Wie kannſt Du nur in einer ſol⸗ chen Nacht Dich ausſetzen und den Buben dazu? Komm mit nach Hauſe. Auf einem Umweg können wir noch hin!“ „Ich geh' nicht, Friedel“, antwortete Cilly, und auf ihrem Geſicht lag wieder die frühere unheimliche Kälte; aus den Augen funkelte wieder der Haß, den ſie ſonſt auszudrücken gewohnt waren.„Mir geſchieht nichts und dem Buben auch nicht. Wir ſind arme, ſchlechte Leute, die haben nichts zu fürchten. Heut geht's über das vornehme Geſindel her, das uns immer behandelt hat wie den Koth an ſeinen Schuhen. Da muß ich vor allen dabei ſein!“ „Das hab' ich wohl erwartet, daß ich bei Dir nichts ausrichten werde“, ſeufzte der Mann.„So gib mir wenigſtens den Buben mit. Was ſoll das arme Kind mitten in den Gefahren! Denke nur, wenn ihm ein Leid geſchähe!“ „Es könnte nicht ſchaden“, erwiderte Cilly noch fin⸗ ſterer und bitterer als zuvor,„wenn er bei Zeiten da⸗ mit anfinge, denn es ſteht ihm doch nichts als Leid bevor; aber wenn er will, ſo nimm ihn! Richard!“ rief ſie gegen das Feuer gewendet, an welchem der Knabe ſaß und eben mit der einen Hand einen Brand in daſ⸗ ſelbe ſchob, während die andere ein Stück Brod hielt, an dem er eifrig kaute.„Richard, komm einmal her!“ Der Knabe hob den Kopf, nickte, ohne einen Laut zu erwidern, und fuhr wieder in ſeiner Beſchäftigung fort. Inzwiſchen war Windreuter zu den Redenden her⸗ angetreten und hatte das Geſpräch zum Theil mit an⸗ gehört.„Seht mir doch einer“, rief er jetzt lachend, „was der Bengel für einen vornehmen Namen hat! Wäre Hans oder Kaspar etwa zu ſchlecht geweſen für ihn?“ Cilly's Auge ſprühte.„Das will ich Dir wohl ſa⸗ gen, Alter“, rief ſie mit unterdrückter, faſt wuthzittern⸗ der Stimme.„Wenn'’s Dich kümmert, ſo will ich Dir ſagen, daß er ein Bankert iſt von einem vornehmen Herrn! Der hat ſich aber weggeleugnet von ihm und ſo hab' ich ihm den Namen gegeben, damit er doch einmal nicht ſagen muß, er habe gar nichts von ſeinem Vater bekommen!“ „Pfui doch“, rief der Weber,„wer wird von ſeinem eigenen Fleiſch und Blut in ſolchen Ausdrücken reden!“ „Und iſt er mehr als ein Bankert?“ rief Cilly ent⸗ gegen.„Ich war ein braves, ordentliches Mädchen; ich verſtand meine Arbeit, die Leute ſagten, ich ſei ſchön geweſen, und hätt' wohl auch unterkommen und mich ehrlich verſorgen können, wie ſo viele andere. Aber da der elende Menſch, der mich beſchwatzt und verlockt hatte, mich verleugnete und ſagte, er habe mich nie geſehen, wo hatte ich dann mein Kind her? Er hat mich zu einer Dirne gemacht, und was iſt mein Kind dann mehr, als von der Gaſſe aufgeleſen?“ Cilly's Buſen flog, von innerem Krampfe geſchüttelt. Der Weber hatte eine Thräne im Auge.„Ja“, ſagte er,„Gott verzeihe es ihm, was er an Dir gethan hat; es wird ihm auch keine Roſen bringen!“ „Aber wie iſt das nur möglich geweſen?“ fragte Windreuter, deſſen Theilnahme erregt worden war. „Konntet Ihr nicht Hülfe ſuchen bei Gericht und be⸗ weiſen—“ „Beweiſen?“ lachte Cilly mit gellendem Ton.„Wo hätt' ich den Beweis hernehmen ſollen? Er war ein vornehmer Herr, ich ein armes, gemeines Mädchen. Er ſagte mir immer, es vertrüge ſich mit ſeinem Stande nicht, daß er anders als bei Nacht und in andern Kleidern zu mir komme, und ich war ehrlich und ver⸗ liebt genug, ihm zu glauben. Briefe hatt' ich auch nicht; was hätt' er einem Geſchöpf wie mir ſchreiben ſollen? Drum hieß es bei Gericht, er müſſe ſchwören, daß er mich nicht kenne, daß er— und“, ſetzte ſie nach kleiner Pauſe mit Anſtrengung hinzu,„er hat geſchwo⸗ ren.“ Cilly ſchwieg erſchöpft, ebenſo die Uebrigen. Der Weber ging hinab, um den Knaben, der noch immer nicht kommen wollte, herbeizuholen. „Und wer war denn der—“ fragte Windreuter. „Baron Bergdorf“, antwortete Cilly leiſe. „Was? Der Sohn meines alten Rittmeiſters? Der Lieutenant, den ich als Knaben ſo oft auf den Gaul hob und reiten ließ? Ei, ſo hol' doch der Teufel Alles miteinander, wenn man gar keinem Menſchen mehr trauen darf!“ Unwillig wandte ſich der Alte ab und ging an ſei⸗ nen vorigen Poſten, während Weber Will mit Richard an der Hand herzukam. „Ich will bei Dir bleiben, Mutter“, rief der Knabe. „Ich mag nicht nach Haus.“ „Du wirſt ihm doch den Willen nicht thun, Cilly!“ entgegnete der Weber.„Befiehl ihm, daß er mit mir geht! Es iſt ja doch hier kein Ort für Kinder.“ „Ich will aber hier bleiben!“ ſchrie der Knabe wie⸗ der.„Wo die Mutter iſt, will ich auch ſein.“ Eilly ſchien einen Augenblick zu ſchwanken.„Geh mit dem Bruder, Richard“, ſagte ſie dann.„Es iſt doch beſſer. Ich komme vielleicht bald nach. Ich will's haben!“ fügte ſie noch beſtimmter hinzu, als der Knabe noch eine Einwendung machen wollte, und auf dies reichte er dem Weber willig die Hand und ließ ſich von ihm auf den ebenen Boden hinunterleiten. „Komm doch auch herunter, Cilly“, rief der Weber der ihnen Nachſehenden zu.„Es wäre ſicher beſſer. Du wirſt ſehen, daß Dir ein Unglück geſchieht.“ Da die Aufforderung unbeantwortet blieb und Eilly ihm trotzig den Rücken zuwendete, ſchritt der furchtſame Mann eilends mit ſeinem Schützling durch die Nacht hin.„Es war die höchſte Zeit“, rief er für ſich aus, „denn wenn mich nicht die Nacht betrügt, blinken dort ſchon Bajonette die Straße herunter.“ 107 In dieſem Augenblick entſtand Lärm an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Platzes. Windreuter, deſſen Befehlen Alles ſtillſchweigend ohne Verabredung ge⸗ horchte, eilte hinzu und begegnete einem Trupp Be⸗ waffneter, welche einen gut gekleideten, ſchon ziemlich bejahrten Bauersmann umringten und feſthielten. „Den Bauer dau, rief Huber dem Eilenden ent⸗ gegen,„haben wir eben auf der That erwiſcht, wie er einen Wagen aus der Barrikade herauszuziehen ver⸗ ſuchte. Was thun wir mit ihm?“ „Das iſt nicht wahr“, rief der Bauer,„und Ihr braucht mich nicht ſo zu halten, ich laufe Euch nicht davon. Man hat mir heute, wie ich hereingefahren bin, meinen Wagen mit Allem, was darauf war, weg⸗ genommen. Nun, die paar Säcke kann ich verſchmerzen, aber den Wagen nicht, und drum hab' ich nachgeſehen, ob ich ihn noch brauchen kann, wenn die Geſchichte vorbei iſt und das Ding da abgetragen wird! Das iſt Alles!“ „Deinen Wagen kannſt Du jetzt nicht haben“, erwi⸗ derte Windreuter raſch,„und da hinter unſerm Rücken kannſt Du auch nicht bleiben. Alſo marſch mit uns in Gottes Namen da hinauf und ein Gewehr in die Hand genommen. Hört Ihr die Trommeln? Sie kom⸗ men ſchon!“ 108 Der Bauer folgte ſeinen Führern ohne Widerſtre⸗ ben, ließ ſich ein Gewehr in die Hand geben und in die Reihe der Kämpfenden ſtellen. Windreuter eilte auf und ab und ermunterte dieſelben, indeß der Trom⸗ melſchall immer näher rückte.„In die vordere Reihe“, rief er,„wer gut trifft! Die Andern laden! Schießt nicht blind drauf los, wenn's dazu kommt, ſondern nehmt Euern Mann feſt aufs Korn!“ Jetzt ſchwenkte der Zug der Soldaten um die Ecke und hielt, kaum dreißig Schritte davon, der Barrikade gegenüber. Auf einen kurzen Trommelwirbel folgte lautloſe Stille. Der Offizier trat vor und rief:„Im Namen Seiner Durchlaucht! Zieht Euch zurück, bis ich drei zähle, oder ich laſſe angreifen!“ „Fertig! Hoch an!“ commandirte Windreuter ſtatt der Antwort und im Augenblick waren etwa hundert Gewehrmündungen gegen die ungleich ſchwächere Mann⸗ ſchaft gerichtet. Das tödtliche Wort, das dieſelben entladen ſollte, wurde jedoch noch aufgehalten. Der Bauer rief dem einen der Soldaten, welcher ihm am Flügel gegenüber und ſo nahe ſtand, daß er ihn erkennen konnte, mit lauter Stimme zu:„Peter, biſt Du's denn? Du wirſt doch nicht auf Deinen Vater ſchießen?“ 109 Der Soldat, an den der Zuruf gerichtet war und der bereits ebenfalls mit der Muskete im Anſchlage lag, ſtutzte und ließ dieſelbe ſinken. „Was thuſt Du, Kerl?“ rief der hinzuſpringende Offizier.„Hinauf mit dem Gewehr und Deine Schul⸗ digkeit gethan!“ „Aber, Herr Lieutenant“, ſtammelte der beſtürzte Soldat,„mein Vater—“ „Was dau“, rief dieſer,„im Dienſt haſt Du keinen Vater, und vollends unter den Schurken da droben! Gewehr an, oder—“ „Machen Sie mit mir, was Sie wollen“, erwiderte der Soldat, indem er das Gewehr beim Fuß nahm,„ich thu' es nicht!“. „So crepir', Du Hund!“ rief jener wieder und ſtürzte mit dem Degen auf ihn zu. Im Moment jedoch hat⸗ ten die neben demſelben Stehenden die Gewehre ge⸗ kreuzt, ihn zu ſchützen, während ein unwilliges Murren der Uebrigen deren Stimmung erkennen ließ. Ehe der Offizier Zeit zur Entgegnung fand, hatte Windreuter die günſtige Wendung bereits bemerkt und rief den Zaudernden zu:„Recht ſo, Kameraden! Könnt Ihr auf uns ſchießen? Sind wir nicht als Landsleute alle Brüder? Kommt zu uns herüber! Wir wollen ja nichts als Aufhebung der neuen Steuer! Kommt!“ 110 Einige Sekunden noch zauderten die Soldaten, als aber der Sohn des Bauers das Gewehr wegwarf und ſeinem Vater zueilte, da raſſelten die meiſten der Mus⸗ keten gleichfalls zur Erde und der Offizier ſtand mit einigen wenigen, die dem Fahneneide treu geblieben, allein.„Meineidige Schurken!“ rief er ihnen nach und zog ſich, indeſſen drüben die Ankommenden mit lautem Zuruf und lebhaften Umarmungen empfangen wurden, auf die neu anrückende Colonne zurück. „Nun gilt's!“ rief Windreuter.„Das ſind Garden! Die beſinnen ſich nicht, zu ſchießen! Wir wollen Ihnen zuvorkommen! Gebt Feuer!“. Die Wirkung der Salve auf die ſich eben entfal⸗ tenden Reihen war fürchterlich. Viele ſtürzten, aber die Lücken waren augenblicklich geſchloſſen und ein nicht minder gut gezielter Gegengruß trug den Tod auch unter die ungeübten Kämpfer herüber. Der Student war unter den Fallenden. Der Schlag der Kugel, die ihn mitten ins Herz traf, ſchnellte ihn hoch empor, dann ſtürzte er rücklings auf das Pflaſter hinab und blieb regungslos liegen. Das blonde, lockige Haar rollte über die Steine hin und tauchte ſich in Blut, aber die Züge des Todten waren heiter und freundlich wie im Leben. „Ho“, rief Windreuter, der ihn ſtürzen ſah,„das * 111 junge Blut hat auch nicht gedacht, daß das der fröh⸗ liche Ausgang ſein werde, von dem er ſprach! Aber ſie zielen beſſer, als ich dachte! Immer drauf! Laßt ſie nicht zu Athem kommen! Für Jeden von uns zwanzig von ihnen!“ Das Feuer wurde von beiden Seiten lebhaft unter⸗ halten, bis ein paar gutgezielte Schüſſe den Anführer der Truppen niederſtreckten. Augenblicklich trat ein anderer an die Stelle. Es war ein junger Mann von auffallend ſchöner Geſtalt und kriegeriſcher Haltung. Er gab ſeine Befehle mit kaltblütigem, ruhigem Ernſt, und es hatte den Anſchein, als ob die Soldaten durch ſeine Perſönlichkeit aufs neue angefeuert würden. Cilly hatte bis jetzt von einer erhöhten Stelle aus, wo ſie gleichwohl vor den Kugeln durch einen ſtarken eichenen Thorflügel, welcher etwas emporragte, gedeckt war, in zuſammengekauerter Stellung dem Kampfe un⸗ verwandten Blicks zugeſehen. In dem Tumult und Geſchrei blieb ſie vollſtändig unbeachtet. Die Züge ſtreng, die Farbe bleich, die Augen ſtarr, lauſchte ſie, halb vorgebeugt, mit angehaltenem Athem, als wäre das Vorgehende ein bloßes Schauſpiel, deſſen; ſpannende Entwickelung ſie abwarte. Als jedoch der junge Offizier an die Stelle des gefallenen vortrat, ging in ihrem ganzen Weſen plötz⸗ 112 lich eine völlige Veränderung vor. Die Züge des Ge⸗ ſichts ſpannten ſich wie krampfhaft, ein dunkles, fieber⸗ haftes Roth flog darüber hin und aus den Augen, ob⸗ wohl ſie unbeweglich auf einen Punkt gerichtet blieben, funkelte ein unheimliches Leben. Immer kürzer, immer tiefer gingen ihre Athemzüge und ein fieberhaftes Zucken flog über den ganzen Körper. Ihr ſelbſt unbewußt bewegten ſich die Lippen.„Er iſt's“, murmelte ſie ſo leiſe und mit einem Tone, als wenn ſie gehört zu wer⸗ den fürchtete.„Er iſt's!“ Ein paar Sekunden ver⸗ harrte ſie in dieſem Zuſtande, dann ſprang ſie, wie von einer Feder geſchnellt, empor. Aufgerichtet fuhr ſie ſich mit der Hand über die Stirn, wie Jemand zu thun pflegt, der aus einem Traum raſch zum Bewußt⸗ ſein erwacht. Ihr Auge ſuchte ungewiß und unſtät umher und blieb zuletzt auf der Jagdflinte des Stu⸗ denten haften, welche dieſem im Sturze entfallen und an einer Balkenſpitze hängen geblieben war.„Der braucht dich nicht mehr“, murmelte ſie wieder wie zu⸗ vor, indem ſie haſtig die Flinte emporriß.„Ich nehme das Erbſtück und will damit heimzahlen.“ Damit hatte ſie die Flinte angelegt und losgedrückt. Nach dem Schuſſe ließ ſie dieſelbe achtlos niedergleiten und blickte mit erhöhter Spannung in das Gewühl, um deſſen Erfolg zu erſpähen. 4 1 113 Der Dämon der Rache hatte ihre ungeübte und unſichere Hand nur zu gut gelenkt! Der Getroffene ſchwankte, aber die Kraft ſeines Körpers hielt ihn noch einen Augenbkick aufrecht. Wie inſtinktmäßig wandte ſich ſein dunkler werdendes Auge nach der Gegend, aus welcher der Schuß gefallen war — er ſah Cilly, einer Statue gleich, auf der Barrikade ſtehen und nach ihm herüberſtarren— er erkannte ſie — ein tiefer, tödtlicher Seufzer entrang ſich der ver⸗ wundeten Bruſt und zuſammenbrechend ſtürzte er zu den Toͤdten nieder. Ein wilder, gellender Aufſchrei begleitete ſeinen Fall. Er kam von ECilly, welche zugleich mit ihm in die Kniee und zu Boden ſank und, gleich als ob nun ein Bann, der auf ihr gelegen, gelöſt und von ihr ge⸗ nommen wäre, die beiden Hände vor das Geſicht ge⸗ drückt, in einen Strom der bitterſten Thränen ausbrach. Niemand hatte den ganzen Vorgang bemerkt. Das Gefecht dauerte noch eine Zeit lang fort und wurde beiderſeits mit größter Erbitterung geführt. Da kam Hahn athemlos vom Platze hergeeilt und rief Windreuter zu:„Es geht gut! Drüben ſind die Garden ſchon zurückgeſchlagen! Die Unſern dringen in hellen Haufen vor!“ Dieſe Nachricht, welche ſich mit Mlitesſchnaligkeit Schmid, Mütze und Krone. I. 114 unter den Aufrührern verbreitete und ihren Muth er⸗ höhte, ſchien ſich auch ſogleich beſtätigen zu wollen. Aus einer Seitenſtraße im Rücken der Truppen drang mit einem Male, die dort aufgeſtellte wenige Mann⸗ ſchaft in gewaltigem Anprall durchbrechend, ein bewaff⸗ neter Volkshaufe lärmend und brüllend herein. Die Soldaten waren hierdurch, um ſich nicht abgeſchnitten zu ſehen, zu einer rückgängigen Bewegung genöthigt, welche ſie auch raſch und gut geordnet ausführten. Das wilde Siegesgeſchrei der Aufrührer ſchallte ihnen nach. „Victoria, Kameraden!“ rief Windreuter, indem er die Fahne losriß und ſchwenkte.„Nun werden wir bald wieder Brod und Ruhe haben! Aber jetzt laßt uns nach unſern Todten ſehen. Bringt grüne Zweige, daß wir ihnen eine Ehre anthun und ſie darauf legen, bis wir ſie eingraben können! Sie haben es wahrlich verdient!“ Seine Anordnung wurde befolgt und bald lagen die Leichen von Freund und Feind auf dem grünen Laublager gleich blaß und blutig und gleich einträchtig beiſammen. Mit ehrfurchtsvoller Trauer und Rührung umringten ſie die Uebrigen. CEilly war verſchwunden. Während dieſer Vorgänge hatte Führer an verſchie⸗ denen Punkten zu ſeiner Wohnung durchzukommen ver⸗ 115 ſucht, um das Nöthige zur Reiſe vorbereiten und dieſe ſodann antreten zu können. Sein Bemühen war jedoch vergebens. Theils waren die Zugänge völlig verram⸗ melt und abgeſperrt, theils war es unmöglich, das Ge⸗ dränge der mächtig flutenden Menge zu durchbrechen. Zuletzt hatte er in ſteigender Ungeduld einen Verſuch gemacht, gegen den Schloßplatz durchzudringen, ſah ſich aber auch hier durch das Volk nicht nur jedes weitere Vordringen unmöglich gemacht, ſondern auch die Rück⸗ kehr abgeſchnitten. Hier hatten ſich nämlich in den Straßen, welche auf den Schloßplatz ausmündeten, be⸗ deutende Maſſen angeſammelt und ſchienen mit einem Angriff auf das herzogliche Schloß zu drohen. Dieſes hatte Beſatzung aufgenommen und war auch von außen mit einer Reihe mit Kartätſchen geladener Geſchützen umgeben worden, deren Mündungen, die einzelnen Straßenausgänge kreuzweiſe beſtreichend, die Menge noch immer im Zaum hielten. Führer kam gerade an, als ein kleiner, etwas beleibter Mann in feiner Klei⸗ dung und mit goldener Brille vor den freundlich zwin⸗ kernden Augen ſich auf eine Fenſterbrüſtung geſchwun⸗ gen hatte. Von da herab ſuchte er das tobende Volk durch Zureden zu beruhigen. Daſſelbe ſchien auch nicht abgeneigt, dem Redner Gehör zu ſchenken, allein Bil⸗ linger, der Schreiber, welcher auf einer erhöhten Stelle 19 116 gegenüber ſtand, war auf alle Weiſe bemüht, ihn zu unterbrechen und die Aufmerkſamkeit von ihm abzu⸗ lenken. Unter den Umſtehenden fiel vor allen eine jugend⸗ liche, kräftige Männergeſtalt auf, welche mit unverkenn⸗ barer Ungeduld gegen den Schloßplatz hin durchzudrin⸗ gen verſucht hatte und nun, zum Bleiben gezwungen, wider Willen Zeuge des Vorgehenden ſein mußte. Die Züge des Antlitzes waren edel geformt, aber durch einen auffallend dichten und ſtarken Vollbart verdeckt. Bei minderer Dunkelheit und wenn die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit nicht ſo ganz von andern Gegenſtänden feſtge⸗ halten geweſen wäre, hätte übrigens den Umſtehenden kaum entgehen können, daß der Bart ein künſtlicher und nur deshalb angebracht war, um deſſen Träger unkenntlich zu machen. Das Gedränge hatte Friedrich eben in die Nähe des Unbekannten gebracht, als der dicke Mann von ſei⸗ ſeinem Fenſter herab neuerdings zu reden verſuchte. „Ihr Unbeſonnenen“, rief er, indem er ſich mit dem einen Arm am Fenſterkreuz hielt und mit dem andern heftig geſtikulirte,„wollt Ihr Euch denn mit aller Ge⸗ walt ins Verderben ſtürzen? Unſer durchlauchtigſter Herr Herzog iſt in ſeinem vollſten Recht, und Ihr und ich, als ſeine getreuen Landeskinder und Unterthanen, 4 können und dürfen nichts Anderes thun, als uns in 117 Gehorſam fügen! Was Ihr thut, iſt gegen alle Ord⸗ nung, iſt gegen das Geſetz, es iſt Aufruhr und Hoch⸗ verrath, Verbrechen, die mit dem Tode beſtraft werden! Wollt Ihr es nun vollends wagen, durch einen rebel⸗ liſchen Angriff auf das Schloß Seiner Durchlaucht deſ⸗ ſen geheiligte allerhöchſte Perſon anzutaſten? Wollt Ihr—⸗ „Hört ihm nicht zu! Glaubt ihm nicht!“ unterbrach ihn Billinger mit ſeiner heiſern und durch die Anſtren⸗ gung noch widerlicher kreiſchenden Stimme.„Kennt Ihr ihn nicht? Es iſt der Gerichtsrath Weber, auch einer von denen, die ſonſt nichts kennen, als was in ihren Büchern ſteht! Die wiſſen den Teufel davon, wie einem zu Muthe iſt, wenn man hungert! Könnt Ihr einem ſolchen glauben? Was Hochverrath! Laßt Euch damit nicht bange machen! Es wird's Niemand wagen, Euch ein Haar zu krümmen. Vorwärts, ſag' ich Euch! Schießt die Kanoniere weg von ihren Geſchützen und dann drauflos zum Herzog!“ Die Menge gerieth in eine Bewegung, welche ihre Geneigtheit, dem böſen Rathe folgen zu wollen, erken⸗ nen ließ. Ehe ſie ſich jedoch zum wirklichen Entſchluß aufgerafft hatte, war Friedrich blitzſchnell unter die⸗ ſelbe geſprungen, hatte Billinger entrüſtet von ſeiner 118 Stelle heruntergeriſſen und zerrte ihn nun gegen die andere Seite hinüber. „Halt“, rief er,„um Gotteswillen haltet ein! Laßt Euch nicht von einem ſolchen Burſchen zu ſo entſetz⸗ licher That hinreißen! Es iſt des Schrecklichen ſchon an dem genug, was bisher geſchah! Glaubt Ihr, der Menſch meine es redlich mit Euch? Kennt Ihr ihn nicht alle ſo gut und beſſer wie ich? Wißt Ihr nicht, daß er ein Taugenichts iſt, der Euch nur hetzen will, um dann ſelber den Angeber zu machen? Unterſucht ihn einmal, es ſollte mich wundern, wenn Ihr nicht die Beweiſe dafür bei ihm fändet!“ Einige Burſchen faßten den erblaſſenden Billinger, der kein Wort zu ſtammeln vermochte, und zogen aus den Taſchen ſeines Rockes einige Papiere hervor, die ſogleich unterſucht wurden. Eins davon war eine mit ſichtbarer Eile und Zleiſtift geſchriebene Liſte verſchie⸗ dener Einwohner und Bürger der Stadt. „Da haben wir's ſchon!“ rief einer der Suchenden. „Der Herr hat Recht. Das iſt die Liſte von denen, die er angeben will, und der Kerl unterſteht ſich und will uns noch aufhetzen?“ Der ergrimmte Haufe, vergnügt, einen Ableiter ſei⸗ nes Unmuths gefunden zu haben, fiel einmüthig über den Schreiber her, der ſchon empfindlich mißhandelt 119 war, ehe es Friedrich gelang, ihn davor zu ſchützen. Ohne deſſen Vermittelung wäre er vermuthlich nicht lebend davongekommen. „Laßt es für dieſes Mal an der Lection genug ſein“, rief Friedrich.„Haltet den Burſchen in Gewahrſam, damit er nicht noch anderswo Unheil ſtiftet!“ Die lenkſame Menge war ſogleich bereit. Der Schreiber wurde mit auf den Rücken gebundenen Hän⸗ den in dem Keller eines anſtoßenden Hauſes unterge⸗ bracht. Er war über und über mit Blut und Koth bedeckt, und als er an Führer vorübergeſchleppt wurde, warf er dieſem einen Blick des grimmigſten Haſſes zu, obwohl er weder wagte noch vermochte, demſelben in Worten Luft zu machen. Gleich beim erſten Laute von Friedrich's Stimme war der Fremde mit dem falſchen Bart auf ihn auf⸗ merkſam geworden und ſtand jetzt, da er wieder zu re⸗ den begann, unmittelbar hinter ihm, jedem ſeiner Worte mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit folgend. „Und nun“, rief Friedrich,„laßt mich meine Er⸗ mahnung und Bitte noch einmal wiederholen. Ueber⸗ eilt Euch nicht! Seid mit dem, was Ihr erreicht habt, zufrieden. Ihr habt keinen Angriff mehr zu befürchten; haltet Euch denn ruhig, bis der Tag und mit ihm die beſſere Ueberlegung kommt!“ 120 „Wer ſteht uns aber gut dafür“, rief eine Stimme aus dem Haufen,„daß morgen nicht Alles beim Al⸗ ten iſt?“ „Das wißt Ihr in der That nicht?“ entgegnete Friedrich.„Muß ich Euch den Bürgen nennen? Wißt Ihr wirklich Niemand der zwiſchen dem Herzog und Euch die Vermittelung übernehmen kann, der dazu ſo berufen als berechtigt iſt? Nur wenige Stunden haltet Ruhe! Eh' es Mittag wird, wird er hier, in Eurer Mitte eintreffen, und ſein Wort wird kein vergebliches ſein. Ich meine den Erbprinzen Felix!“ Beifälliges Gemurmel erhob ſich aus der Menge. Der Mann im Bart machte unwillkührlich eine Geberde der Ueberraſchung. „Habe ich nicht Recht?“ fuhr Friedrich, durch den ſichtlichen Erfolg ermuthigt, fort.„Wäre der Prinz hier, ich ſetze mein Leben zum Pfande, alles Unheil des heutigen Tages wäre nicht geſchehen. Ich kenne ihn, ich weiß, daß er ein Freund des Volks, ein Mann von den edelſten Geſinnungen und mit dem beſten Her⸗ zen iſt. Der Herzog wird die Stimme ſeines Sohnes, der berufen iſt, nach ihm die Krone zu tragen, nicht überhören, es wird Friede und Eure Beſchwerden ge⸗ hoben werden! Ich weiß endlich, ich verbürge mich da⸗ für, daß er morgen gewiß in der Stadt ankommen 121 wird. Alſo nochmals, meine Freunde, Ruhe, Stillſtand bis zu ſeiner Ankunft, und zum Beweiſe, daß Ihr mir folgen wollt, ruft mit mir: Es lebe der Erbprinz!“ Friedrich's Wort fand einen begeiſterten Widerhall, der mit jedem Schritte wuchs und überall neue Hoff⸗ nung, neue Begeiſterung verbreitete. Der Prinz genoß das allgemeine Zutrauen; die Nachricht ſeiner nahen Ankunft verbreitete ſich deshalb wie ein Lauffener durch die Stadt. Man wunderte ſich, daß in der allgemeinen Verwirrung und Beſorgniß Niemand an ihn gedacht und ſeine Vermittelung anzurufen geſucht hatte, von der man ſich zuverſichtlich das Beſte verſprach. Mit Hülfe der entſtandenen Bewegung war es Friedrich endlich gelungen, einen Weg nach ſeiner Woh⸗ nung offen zu finden, wohin er mit beflügelten Schrit⸗ ten eilte. Der Mann im Barte hatte bei Friedrich's Rede und deren wahrhaft zauberhaften Wirkung einige Augen⸗ blicke wie beſtürzt dageſtanden; über ſein ſchönes Ant⸗ litz flog das Lächeln einer zarten, erhebenden Rührung. Ueber dem blutigen Werke der vergangenen Nacht aber begannen im Oſten die erſten lichtvollen Boten des Morgens hoffnungbringend emporzutauchen. Fünftes Kapitel. Die Hand des Herrn. Im Gemache der alten Herzogin herrſchte tiefe Stille— ein ſcharfer Gegenſatz zu dem wilden, kriege⸗ riſchen Lärm, welcher trotz der Abgelegenheit des Schloß⸗ flügels bis dahin drang. Das Gemach bot einen eigenthümlichen Anblick dar. Die hohen Wände waren, um die leidenden Augen der Herzogin zu ſchonen, mit grünem Stoff ausgeſchla⸗ gen und die Fenſter ebenſo verhüllt, ſodaß darin auch bei hellem Tage und vollem Sonnenſchein eine trübe, geſunden Augen unleidliche Dämmerung waltete. Die⸗ ſer Ausdruck der Düſterkeit wurde durch die Einrich⸗ tung des Zimmers noch geſteigert, welche, aus einer dunklen Holzart gearbeitet und mit matten Vergoldungen —ÿ—’;;——— 123 angelegt, keineswegs dazu diente, die Färbung heiterer zu machen. Außer einem gleichfalls dunkelgrün überzogenen Sopha, einigen Armſtühlen und Schränken war das bedeutendſte Stück der Einrichtung ein koſtbar und kunſtreich geſchnitzter Betſchemel, auf welchem ein ſchweres, mit Edelſteinen und Goldplättchen beſetztes Gebetbuch lag. An der Wand, vor welcher der Bet⸗ ſchemel ſtand, hing ein faſt lebensgroßes Crucifix, um welches ſich verſchiedene Bilder und Verzierungen zu einer Art von Altar gruppirten. Einige große Ahnen⸗ bilder ausgenommen, welche an der entgegengeſetzten Wand hingen, entbehrte das Gemach allen Schmucks. Den Mittelpunkt nahm ein ſchwerer ſeidener Vorhang ein, welcher, von der Wölbung herabhängend, den Al⸗ koven mit der Ruheſtätte der Herzogin verhüllte, auf der ſie eben jetzt Stärkung ſuchte. Man vernahm in dem Gemache, das von einer Hängelampe nur matt er⸗ leuchtet war, keinen andern Laut als die leiſen Athem⸗ züge der Schlummernden. So weit als möglich von dieſer entfernt und hinter einem Lichtſchirm beinahe verdeckt ſaß Primitiva. Sie ſah ruhig und wie unbeweglich vor ſich hin und hätte für ein ſchönes, lebloſes Bild gelten können, wenn nicht der raſche Athem und die Glut der Wangen gezeigt hätten, daß der Zuſtand ihres Innern dieſen äußern Schein der Ruhe nicht entſprach. Die ſinnen⸗ den, halb geſenkten Augen ſchienen an unſichtbaren Bil⸗ dern und Geſtalten zu hängen, welche in bunter Reihe lockend und lächelnd wie Frühlingserinnerungen vor⸗ überſchwebten. Es war, als ob das Ohr Tönen lauſche, welche, aus undurchdringlichen Tiefen emporklingend, ſich zu Liedern der ſüßeſten Sehnſucht formten, und von den halbgeöffneten Lippen ſchien ein geheimnißvolles Wort, der Text jener Geſänge entſchlüpfen zu wollen. Aber das Wort blieb unausgeſprochen oder ſäuſelte unvernehmbar durch die Luft. Die ſchöne Träumerin erhob ſich raſch, als wollte ſie ſich gewaltſam aus den Ranken der ſie umſchlingenden Gedankenwelt be⸗ freien. „Fort, fort mit euch, ihr Gaukeleien!“ flüſterte ſie, indem ſie einen Augenblick die Hand an die bren⸗ nende Stirn legte, während ſich die andere an das heftig ſchlagende Herz preßte.„Ich habe nicht Raum und Zeit für euch, ich gehöre der Gegenwart! Eure Heimat liegt jenſeits der abgebrochenen Brücke, die in das Einſt zurückführt. Ihr ſeid mir wie das Grab lieber Freunde, das man in den Stunden innerer Däm⸗ merung zu einſamem Geſpräch beſucht, aber ihr müßt in all eurer Schönheit vor dem Licht des Lebens er⸗ 125 blaſſen. Die Sterne bei Tage, das ſeid ihr, das ſollt ihr mir ſein und nie, niemals mehr! Wie ſich wohl Alles geſtaltet haben würde, wenn—“ fuhr ſie lang⸗ ſamer mit einigem Nachdenken fort und war im Be⸗ griffe, wieder in die vorige Träumerei zu verſinken. Ihr Verſtummen wurde jedoch durch den Hall des Gewehrfeuers unterbrochen, welches in dieſem Augen⸗ blick ſo laut erſcholl, daß es die Fenſter ſchüttern machte. „Gott, wo war ich!“ rief ſie auffahrend.„Konnte ich nur einen Augenblick vergeſſen, was draußen vor⸗ geht!“ Haſtigen, aber lautloſen Schritts öffnete ſie die Thür des Vorgemachs und fragte den dort anweſenden Lakai, ob keine neuen Nachrichten über die Vorgänge in der Stadt eingegangen ſeien. Als dieſer, der nickend dageſeſſen war, ein ſchlaftrunkenes Nein hervorgebracht, rat ſie ebenſo leiſe wieder zurück und lauſchte gegen das Schlafcloſet der Herzogin hin. „Sie ſchläft“, flüſterte ſie.„Sie kann ſo ruhig ſchla⸗ fen, und draußen— mir däucht, das Schießen nimmt immer zu. O daß ich mich doch eher entſchloſſen, daß ich Friedrich eher abgeſandt hätte! Was iſt nicht Alles möglich, was kann nicht noch geſchehen, bis der Prinz kommt! Friedrich muß ſchon unterwegs ſein. Aber wenn er ihn nicht fände! Wenn er aufgehalten würde, wenn ihm ein Unfall begegnete! O mein Gott, dieſe Qual der Ungewißheit inmitten ſo ſchrecklicher Gewißheit iſt unerträglich!“ Ein leiſes Pochen, in drei gleichmäßigen Zwiſchen⸗ räumen wiederholt, unterbrach hier die Stille des Ge⸗ machs und Primitiva's ängſtigende Gedanken. Sie horchte. Das Pochen wiederholte ſich. Behutſam näherte ſie ſich nun der Wand, von wel⸗ cher der Schall herkam und in die eine geheime Thür ſo kunſtreich und unmerklich eingefügt war, daß das Auge eines Uneingeweihten ſie nicht wahrzunehmen vermochte.„Wer iſt hier?“ fragte ſie, das Ohr an die Thür legend.„Geben Sie das Wort.“ „Roſe und Kreuz“, erwiderte eine tiefe, durch die Thür und die Wandverkleidung gedämpfte Männer⸗ ſtimme.. Primitiva drückte an eine Feder und durch die ſchmale Thüre, welche ſich ſogleich hinter ihm wieder ſchloß, trat ein Mann von hohem, ſchlankem Wuchſe gebückt herein. Als er ſich aufrichtete, traten die Verhält⸗ niſſe eines edel gebauten Körpers um ſo ſtärker hervor, als das völlig weiße Haar, welches die etwas nackte Stirn umgab, in dem Ankömmling einen hochbejahrten Mann hatte erwarten laſſen. Er war mit Wahl und 127 Sorgfalt, aber mit ſichtbarer Vorliebe für dunkle Far⸗ ben gekleidet und bewegte ſich mit würdevollem Anſtand. „Ihre Durchlaucht haben ſich bereits vor einer halben Stunde zur Ruhe begeben“, begann Primitiva. „Ich weiß nicht, ob—“ „Auf meine Verantwortung, Fräulein“, entgegnete jener.„Wecken Sie Ihre Durchlaucht, ich muß ſie augenblicklich ſprechen.“ Ein leiſer Klingelton hinter dem Vorhang her⸗ vor rief Primitiva ab.„Das Wecken iſt unnöthig“, ſagte ſie,„Ihre Durchlaucht ſind erwacht. Ich melde Sie.“ Den Augenblick, während deſſen der Angekommene ſich ſelbſt überlaſſen blieb, benutzte derſelbe, mit ein paar raſchen Blicken das Gemach zu muſtern. Er ſchien befriedigt, es leer zu ſehen. Der Vorhang rauſchte auseinander und von Pri⸗ mitiva geführt trat die Herzogin ein. Es war eine hohe, imponirende Geſtalt mit etwas harten, aber nicht unfreundlichen Zügen, die nur durch den eigenthümlichen Blick der vom Staar erblindeten Augen einen etwas abſtoßenden Charakter erhielten. Das reichliche, aber vollkommen weiße Haar war unter eine dunkle Haube von faſt nonnenhaftem Schnitt ge⸗ ſcheitelt, und das lange graue Gewand, welches die 128 Fürſtin ſchlicht und faltenreich umſchloß, ſtand damit nicht in Widerſpruch. „Wo ſind Sie, mein lieber Overbergen?“ fragte ſie, mit der Blinden eigenthümlichen Vorſicht vorſchrei⸗ tend.„Kommen Sie her zu mir. Ich habe wahrhaftes Verlangen, mit Ihnen zu ſprechen.“ Overbergen trat ehrerbietig hinzu, faßte die Hand der Fürſtin und küßte ſie. „Ah, da ſind Sie ja!“ fuhr er fort.„Rücken Sie meinen Stuhl an den Schreibtiſch, liebe Falkenhoff, und führen Sie mich hin. Nehmen Sie Platz neben mir, lieber Overbergen, und Sie, Falkenhoff, warten dort am Fenſter, bis ich Ihrer bedarf.“ Das Fräulein that, wie ihr befohlen war, und zog ſich in die Fenſterbrüſtung zurück. Dort ergriff ſie ein Buch, ſetzte eine Lampe neben ſich und ſchien bald im Leſen vertieft zu ſein. Die Herzogin und Overbergen hatten inzwiſchen gleichfalls Platz genommen und erſtere begann das Ge⸗ ſpräch, indem ſie mit etwas unterdrückter Stimme fragte: „Nun, wie iſt es? Was bringen Sie mir für Nachricht?“ Overbergen zauderte.„Ich weiß nicht, ob ich reden darf“, murmelte er.„Wir ſind nicht allein.“ „Doch, doch! Sprechen Sie ungeſcheut. Man kann 129 dort im Fenſter nicht hören, was hier geſprochen wird. Und wenn ſie etwas hörte, die Falkenhoff iſt mir treu, auf die kann ich mich verlaſſen. Schnell alſo, was habe Sie ausgerichtet?“ „Welche Frage, Durchlaucht! Konnten Sie an dem Gelingen zweifeln? Konnte bei einem ſo guten Unter⸗ nehmen der Segen des Himmels ausbleiben?“ „Aber iſt es denn wirklich etwas Gutes, was wir unternehmen?“ „Zweifeln Sie daran? Es gilt die Aufrechthaltung der Gewalt, wie ſie den Königen und Fürſten der Erde und ſo auch Ihrem erlauchten Hauſe verliehen iſt von Gottes Gnaden. Es gilt, ein Werk Gottes vor denen zu ſchützen, die ihr armſelig Menſchenwerk an die Stelle ſetzen möchten, und das ſollte nichts Gutes ſein? Woher aber dieſe wiederholten Beſorgniſſe?“ „Ich will es Ihnen reumüthig bekennen. Ich bin recht ſchwach, noch recht hinfällig im Glauben. Ja, ſo⸗ lange Sie bei mir ſind, da bin ich ruhig, entſchloſſen, feſt, da iſt mir Alles klar, da ſteht die Ueberzeugung in mir wie Felſen. Aber wenn ich allein bin, in der immerwährenden Nacht, die mich umgibt, allein, allein mit meinen Gedanken und Erinnerungen, dann, ach, dann werde ich an mir ſelbſt, an meinem Glauben irre! Dann bereue ich faſt den Schritt, den ich gethan Schmid, Mütze und Krone. I. 130 habe! So iſt es mir auch heute wieder gegangen. Während Sie bei mir waren, während ich Ihre Be⸗ weiſe und Begründungen hörte, ſtand die Nothwendig⸗ keit deſſen, was wir beſchloſſen haben, lebhaft und unumſtößlich vor meiner Seele, aber als Sie mich verließen, kam die Verzagtheit, der Kleinmuth wieder über mich, da erſchien mir der Plan wie ein Unrecht und ich wünſchte beinahe, daß er mißlungen ſein möchte.“ „Laſſen ſich Eure Durchlaucht davon nicht beun⸗ ruhigen“, flüſterte Overkargen.„Das ſind die Befürch⸗ tungen und Störungen, wie ſie zarten Gemüthern in der erſten Zeit des rege gewordenen Glaubenslebens eigen ſind. Es ſind Prüfungen, die der Herr ſchickt, unſere Feſtigkeit zu üben, wie er dem jungen Baume Stürme ſendet, daß er feſtere Wurzeln faſſe. Mit der Zeit, ja bald werden dieſe Trübungen ſich verlieren und es wird eine Ruhe über Eure Durchlaucht kom⸗ men, wie Sie dieſelbe nie gekannt, ja nie geahnt haben.“ Die Herzogin ſeufzte tief auf, und dieſer Seufzer contraſtirte ſonderbar zu der eben vernommenen Ver⸗ heißung. Overbergen heftete den Blick feſt auf ſie, als wollte er trotz der dämmerigen Dunkelheit des Zimmers in ihren Zügen ihre tiefſte Seele leſen. Zugleich fuhr er 131 in dem frühern ruhigen, ſalbungsvollen Tone, der die Blinde nichts von dieſer Abirrung bemerken ließ, fort: „Und wenn durch die angeborene ſündliche Schwäche der menſchlichen Natur wirklich noch ein Funke des Zweifels in Eurer Durchlaucht zurückbleibt, ſo hat die heilige Kirche, der Sie ſich in die Arme geworfen haben, in ihrer unerſchöpflichen Rüſtkammer des Segens das Mittel, auch dieſe letzten Reſte zu verſcheuchen. Die Kirche, die Stellvertreterin des Herrn, durch deren Mund er zu den Sterblichen ſpricht, verkündet Eurer Durchlaucht durch mich kraft der mir anvertrauten Macht, daß es der rechte Weg iſt, auf dem Sie wan⸗ deln. Bedürfen Sie aber, um hiervon überzeugt zu ſein, eines thatſächlichen Beweiſes, ſo erblicken ihn Eure Durchlaucht darin, daß Gott, denn von ihm hängt aller Ausgang ab, Ihre Befürchtungen zu widerlegen, unſern heutigen Plan gelingen ließ.“ Die Fürſtin ſchwieg noch immer. Noch feſter, noch durchdringender ruhte Overbergen's forſchender Blick auf ihr, indeß um ſeinen Mund ein Lächeln zuckte, aus welchem halb Hohn, halb Siegesgewißheit ſprach. „Es ſcheint mir immer noch nicht gelungen zu ſein, die Beſorgniſſe Eurer Durchlaucht zu zerſtreuen“, ſagte er.„Und doch ſehe ich eigentlich gar nicht ein, worin dieſe Beſorgniſſe beſtehen, ich müßte denn annehmen, daß 9* 132 die Anſichten Eurer Durchlaucht über die Rechte der Fürſten und alſo auch Ihres erhabenen Hauſes ſchwan⸗ kend geworden.“ Das Antlitz der Fürſtin bedeckte ſich mit hoher Glut; ſie richtete ſich in ihrem Stuhle empor und ihr lichtleeres Auge ſchien zürnend den zu ſuchen, der ihr Solches geſagt. „Laſſen Sie mich das nicht wieder hören, Herr van Overbergen, oder, ſoviel es mich auch koſten würde, dieſe Unterredung wäre unſere letzte geweſen! Was denken Sie von mir? Ich bin grau geworden in Er⸗ eigniſſen, die, bald näher, bald ferner, gegen meine Ueberzeugung von der göttlichen Berufung und dem göttlichen Rechte der Fürſten anzukämpfen verſuchten. Meine Ueberzeugung iſt davon nicht erſchüttert worden und wankt auch jetzt nicht, wo zum erſten Mal in un⸗ ſerm eigenen Lande ſolche rebelliſche Bewegungen laut werden wollen.“ „Und dennoch?“ fragte Overbergen.„Wer den Zweck will, muß auch das Mittel wollen!“ „Auch ſolche Mittel? Hören Sie das Schießen? O ich habe es durch den Schlaf gehört und es kam mir vor, als träten die Verwundeten und Sterbenden vor mich hin und zeigten mir ihre Wunden und nannten mich die Urheberin ihrer Leiden.“ 133 „Träume! Einbildungen! Ausgeburten der Auf⸗ regung! Wer heißt die Rebellen ſich der Gewalt, die von oben kommt, widerſetzen? Sie erleiden nur, was ſie verdienen. Der Trotz, der ſie antreibt, muß gebrochen werden; es iſt der Trotz gegen Glauben und und Gehorſam, die einzigen Bänder, welche die Menſch⸗ heit abhalten, eine Heerde reißender Thiere zu werden. Das Volk iſt zu übermüthig, darum muß es gedemü⸗ thigt, es muß elend werden, ſo will es der Ewige. Im Elend werden die Herzen mürbe, da iſt dann der Glaube ein willkommener troſtreicher Stab, ſich wieder daran aufzurichten, und mit dem Glauben gedeiht ſein Schooß⸗ kind, der Gehorſam. Was thun wir mehr als der Vater, der ſein Kind zu deſſen eigenem Beſten mit der Ruthe züchtigt? In gereiften Jahren wird es ihm für jeden Streich dankbar ſein. Was wäre die Folge geweſen, wenn Seine Durchlaucht heute gegen Ihren Rath den Aufrührern ihre Forderung bewilligt hätte? Durch den Ausgang ermuthigt, hätten ſie bald mehr und immer mehr verlangt, bis die Gewalt des Fürſten ein Scheinbild geworden wäre, um es dann ganz über Bord zu werfen. Darum wäre es ein Unglück gewe⸗ ſen, wenn durch die Ankunft des Erbprinzen neuer Zweifel in die Sache gebracht worden wäre. Seine Durchlaucht der Prinz ſind noch viel zu jung und zu 134 viel von Neuerungen angeſteckt, um ihm jetzt ſchon ein Wort im Rathe zu geſtatten. Wäre er aber hier, ſo wäre dies in ſo wichtiger Sache wohl nicht zu umgehen geweſen.“ „Er wird alſo nicht kommen?“ „Ich glaube hierauf beſtimmt mit Nein antworten zu können.“ „Und was haben Sie gethan, dies ſagen zu können? Ich weiß denn noch nicht—“ „Es ging, wie ich vermuthet hatte. Seine Durch⸗ laucht hatten ſich kaum zurückgezogen, als der Ober⸗ kammerdiener Kündig den Befehl erhielt, den Secretär Winter zu rufen. Kündig, der, wie Eurer Durchlaucht bekannt, Ihnen mit beſonderer Anhänglichkeit ergeben und einer von den Wenigen in dieſem Lande iſt, wel⸗ chen das Licht des wahren Glaubens aufging, hat mich hiervon ſogleich in Kenntniß geſetzt. Etwa eine Stunde ſpäter kam der Secretär von Seiner Durchlaucht, um mit einem eigenhändigen Briefe deſſelben als Kurier abzugehen. Kündig brachte bald heraus, daß der Brief an den Prinzen gerichtet war und ihm den Befehl brachte, ſich ſogleich hierher zu begeben.“ „Nun, und Sie?“ „Eurer Durchlaucht iſt bekannt, daß nach St.⸗Wen⸗ delin, dem Aufenthalte des Prinzen, nur zwei Wege 135 führen. Es war vorauszuſehen, daß der Kurier den nähern über den Fluß wählen würde. Ich habe des⸗ halb Kündig bewogen, den Kurier unter dem Vor⸗ wande, als ſolle er noch auf weitere Befehle warten, aufzuhalten. Er that es auch, während Seine Durch⸗ laucht den Kurier bereits abgegangen glaubten. Dieſe Zwiſchenzeit benutzte ich und habe eine Schaar Leute hinausgeſendet, um die Brücke über den Fluß abzu⸗ werfen. Es war bald geſchehen, denn ich hatte mich verkleidet unter das Volk gemiſcht und die Nachricht verbreitet, als ſei von daher ein großer Truppenzuzug unterwegs, den ſie auf dieſe Weiſe aufzuhalten gedach⸗ ten. Der Kurier muß daher an der Brücke umkehren und den andern Weg einſchlagen, der um viele Stunden weiter iſt, er kann alſo nicht vor morgen Mittag zum Prinzen gelangen und dieſer kann, wenn er auch ſogleich abreiſt, nicht vor übermorgen Nacht hier eintreffen.“ Das Geräuſch eines zu Boden fallenden Buchs unterbrach Overbergen, der im Fluß ſeiner Rede lauter geworden war, ſodaß Primitiva dieſelbe verſtehen konnte. Erſt hatte ſie nur einzelne Worte vernommen, dann, durch dieſe begierig gemacht, mit geſpannter Aufmerkſamkeit und immer ſteigender Unruhe zugehört. Zuletzt, als ſie vernahm, wie der Kurier aufge⸗ halten worden, und zugleich an Friedrich und deſſen 136 dadurch gleichfalls vereitelte Reiſe dachte, hatte ſie ihre Beſtürzung nicht mehr zu bemeiſtern vermocht, das Buch, in dem ſie anſcheinend geleſen hatte, war ihren Händen entglitten. Overbergen fuhr auf.„Was iſt geſchehen?“ rief die Herzogin.„Was thun Sie, Fräulein Falkenhoff?“ „Ich bitte um Verzeihung, Durchlaucht geſtört zu haben“, erwiderte Primitiva und blieb, um ihre Auf⸗ regung zu verbergen, in der Entfernung ſtehen.„Der Schlaf hatte mich übermannt!“ „Armes Kind“, erwiderte die Herzogin gütig,„ich glaube wohl, daß Sie müde ſind. Schlafen Sie immer⸗ hin, ich bedarf Ihrer jetzt nicht.“ Zerriſſen von den widerſtreitendſten Empfindungen zog ſich Primitiva wieder in die Fenſterbrüſtung zurück, wo ſie die Stellung einer Schlafenden anzunehmen verſuchte, während ihr Blut kochte und ihre Pulſe flogen. „Laſſen Sie uns leiſer ſprechen“, begann die Her⸗ zogin wieder, zu Overbergen gewendet.„Ich bewundere Ihre Feinheit und werde bedacht ſein, daß Talente wie die Ihrigen an den rechten Platz kommen.“ „Durchlaucht ſind zu gütig mit Ihrem ergebenſten Diener. Noch iſt aber nicht Alles gethan. Der Prinz wird doch kommen, darum muß bis zu ſeiner Ankunft Alles unwiderruflich entſchieden ſein. Der Aufruhr 137 muß bis dahin nicht blos geſtillt oder unterdrückt, er muß zerſchmettert ſein, ſodaß ein Einlenken unmöglich iſt. Seine Durchlaucht der Herr Herzog müſſen daher einen energiſchen Angriff ohne alle Rückſicht befehlen und ich glaube hierin mit Zuverſicht auf die Mitwirkung Eurer Durchlaucht rechnen zu dürfen.“ Die Fürſtin ſeufzte.„O Sie ſind unerbittlich! Sie laden immer neue Laſten auf ein beklommenes Herz, und doch, ich kann ja nicht anders!“ „Dann iſt das Werk gelungen!“ rief Overbergen. „Wenn es aber iſt, wenn die Macht des Throns wie⸗ der unerſchüttert feſt ſteht in der alten Glorie von Gottes Gnaden, werden Eure Durchlaucht dann Ihrer getreuen Verbündeten, unſerer heiligen Kirche gedenken? Werden auch ihr die Rechte zurückgegeben werden, die ihr von Anbeginn gebühren und um welche ſie in dieſem unglücklichen Lande durch das Werk von ketze⸗ riſchen Menſchenhänden gebracht wurde?“ „Ich werde thun, was ich vermag, um der Kirche, die mich wieder in ihren Schooß aufgenommen, meinen Dank und meine Ergebenheit zu bezeigen“, entgegnete die Herzogin.„Aber Si wiſen daß ich nicht Regentin bin, und mein Sohn— „Seine Durchlaucht der Herzog ſind ein gehorſamer Sohn“, erwiderte Overbergen,„und die Macht der A M 138 Mutter über ihn iſt groß. Eure Durchlaucht werden vollbringen, was Sie wollen. Wie heute im Kleinen, werden Eure Durchlaucht dann Ihrem Enkel im Großen ein feſtſtehendes, wohlbegründetes Gebäude hinterlaſſen, das er ſtehen laſſen muß, weil es ſich nicht erſchüttern, nicht abtragen läßt, ohne ſeinen Thron mit zu unter⸗ graben.“ „Ein ungeheures Werk“, ſagte die Herzogin tief ergriffen,„aber ich will es unternehmen, geben Sie mir Ihren Segen dazu.“ Die Herzogin glitt bei dieſen Worten aus ihrem Stuhl in halbknieende Stellung auf den Boden herab. Overbergen legte die Hand auf ihr greiſes Haupt und bewegte, nach oben blickend, die Lippen zu einem halb⸗ leiſen Segensſpruche. Indeſſen hatte Primitiva ſich nicht überwinden können, das Geſpräch, das ihre Theilnahme in ſo ho⸗ hem Grade rege gemacht, außer Acht zu laſſen. Das⸗ ſelbe wurde jedoch nunmehr ſo leiſe geführt, daß ihr keine Silbe verſtändlich wurde. Als die Stimmen zuletzt ganz verſtummten, konnte ſie ihre Begierde, mehr von dem Geheimniß zu erfahren, nicht mehr bemeiſtern. Sachte und geräuſchlos theilte ſie den Vorhang des Fenſters, hinter dem ſie ſtand, und ward ſo Zeugin der beſchriebenen Gruppe. Sie ſtand lautlos vor Ueber⸗ raſchung; auch die Beiden verweilten noch einen Augen⸗ blick unbeweglich in ihrer betenden Stellung. Das Geräuſch von haſtig ſich nähernden Tritten ſcheuchte ſie empor.„Seine Durchlaucht kommen über den Corridor“, rief ein Lakai durch die halbgeöffnete Thür herein. „Er kommt zu mir“, ſagte die Herzogin.„Führen Sie Herrn van Overbergen fort, Fräulein von Falken⸗ hoff!“ Zu dieſem ſelbſt gewendet fügte ſie leiſe hinzu: „Es iſt noch nicht an der Zeit, daß er Sie bei mir trifft. Auf Wiederſehen!“ Primitiva hatte ſchnell einen Leuchter ergriffen, die Kerze angezündet und verſchwand mit Overbergen in der geheimen Thür. Dieſelbe mündete durch einen ſchmalen Gang auf eine der hintern Treppen des Schloſſes, von wo der unbemerkten Entfernung Over⸗ bergen's nichts mehr im Wege ſtand. Nach einem kurzen Gruße wollte ſie ſich ſogleich wieder zurückziehen. Overbergen jedoch, dem daran zu liegen ſchien, gewiß zu wiſſen, ob und wieweit ſie Kenntniß des ſo eben Vorgegangenen habe, hielt ſie mit den Worten zurück:„Nun werden Sie ruhen können, mein Fräulein! Ihr Dienſt iſt ein ſehr beſchwerlicher!“ „Beſchwerlich“, entgegnete Primitiva kalt und ſtolz, „iſt nichts, was man gern thut. Die kleine Entbeh⸗ 140 rung des Schlafs kommt dann nicht in Anſchlag, zumal in Tagen, wo es ſo hohe Zeit iſt, zu wachen.“ Damit verbeugte ſie ſich und verſchwand. Van Overbergen ſah ihr einen Augenblick kopfſchüttelnd nach. „Sie hat etwas gehört! Da thut Vorſicht noth“, mur⸗ melte er dann und ſtieg eilfertig die Treppe hinunter. Primitiva hatte kaum das Gemach der Herzogin wieder betreten und die geheime Thür hinter ſich zu⸗ gezogen, als der Herzog haſtig eintrat. Graf Schroffen⸗ ſtein und General Bauer folgten ihm. Die Herzogin trat ihm, ſoweit ſie vermochte, ent⸗ gegen.„Du kommſt noch in ſo ſpäter Nacht zu mir, mein Sohn? Was iſt wieder vorgefallen?“ „Ich komme, mir Ihren Rath zu erbitten, liebe Mutter“, erwiderte der Herzog, indem er ihre Hand ergriff und ſie herzlich küßte.„Ich bin ſehr ärgerlich. Denken Sie ſich, man meldet mir von allen Seiten, daß ſich meine Truppen mit Verluſt zurückziehen muß⸗ ten. Ich bin von meinen rebelliſchen Unterthanen beſiegt! Es bleibt mir kein anderer Ausweg, als, was ich zuvor nicht gewollt, jetzt zu thun, das heißt, nach⸗ zugeben oder das Volk geradezu niedermetzeln zu laſ⸗ ſen.“ „Und was rathen Dir Deine Räthe, mein Sohn?“ fragte die Herzogin. „Das Letztere. Ich ſoll Befehl geben, das Geſchütz wirken zu laſſen, aber es widerſtrebt mir, die armen Leute ſo niederſchießen zu laſſen. Weiß ich denn nicht, daß ſie mich lieb haben? Haben Sie mir das dreißig Jahre hindurch nicht immer bewieſen? Es muß ſie doch arg getroffen haben, dieſes neue Zollſyſtem, weil es ſo verzweifelten Widerſtand hervorruft! Ich fürchte, ich fürchte, ich habe mich zu einem unheilvollen Schritte verleiten laſſen!“ Der Herzog ſchwieg einen Augenblick nachdenkend. Schroffenſtein, dies benutzend, trat vor. „Es iſt nicht das Volk, welches rebellirt“, ſagte er, „und von welchem der Widerſtand ausgeht. Es iſt jene Partei des Umſturzes, die leider auch bei uns Terrain gewonnen hat und vor der ich Eure Durchlaucht ſo oft zu warnen Anlaß fand. Diuſe Verruchten haben das Volk verleitet.“ „Um ſo ſchlimmer dann!“ brauſte der Herzog auf. „Soll ich auf die Irregeleiteten mit Kartätſchen ſchießen laſſen? Wo iſt jene Partei, von der Sie ſprechen? Wo ſind ihre Häupter? Warum ſind ſie nicht längſt un⸗ ſchädlich gemacht, wenn man ſie kennt, und wenn man ſie nicht kennt, woher weiß man, daß ſie da ſind?“ „Die Polizei hat ſie fortwährend überwacht und genaue Liſten geführt“, entgegnete Schroffenſtein etwas 142 eingeſchüchtert.„Um gegen ſie einzuſchreiten, fehlten die Beweiſe.“ „Ueberwachungl! Liſten!“ zürnte der Herzog.„Sind das Eure Behelfe alle? Ich werde mich in Zukunft nicht mehr auf ſolchen Papierkram verlaſſen! Aber da⸗ mit iſt jetzt nicht geholfen, geben Sie mir Rath, machen Sie andere Vorſchläge, ich will von weiterem Blutver⸗ gießen nichts hören. Apropos, General, iſt mein Befehl befolgt? Wer war der Unbeſonnene, der zuerſt Feuer geben ließ?“ „Ich habe denſelben ausmitteln laſſen, Durch⸗ laucht“, entgegnete Bauer unterwürfig,„aber ein Ein⸗ ſchreiten iſt nicht mehr möglich, er iſt vor einer halben Stunde auf dem Jakobsplatze gefallen. Es war der Lieutenant von Bergdorf.“ „Todt alſo?“ murmelte der Herzog für ſich hin. „Dann mag er es drüben verantworten.“ „Und wozu biſt Du entſchloſſen, mein Sohn?“ fragte die Herzogin.„Die Zeit drängt!“ „Ach weiß ich denn, was ich ſoll!“ rief der Herzog, unmuthig aufſpringend.„Nachgeben kann ich und will ich nicht und doch widert mich Euer Rath an! Daß doch mein Sohn ſchon hier wäre!“ „Seine Hoheit der Herr Erbprinz“, bemerkte Bauer, „würden gewiß mit uns übereinſtimmen.“ „Meinen Sie?“ fragte der Herzog kurz.„Ich zweifle daran und darum wünſche ich, daß er hier wäre, damit in meinem Rath die Milde doch auch eine Stimme hätte!“ „Was Felix Dir ſagen könnte, mein Sohn“, begann die Fürſtin mit erhöhtem Ernſte,„wäre die Meinung eines Jünglings, der unerfahren iſt in Staatsgeſchäften. Könnteſt Du darauf ein Gewicht legen, dem Worte ge⸗ wiegter, erprobter Rathgeber gegenüber? Befolge den Rath heilſamer Strenge, es iſt auch der meinige!“ Der Herzog war, wie es ſeine Gewohnheit war, mit ſtarken Schritten auf und ab gegangen. Jetzt hielt er wie überraſcht inne.„Wie, auch Sie, meine Mutter, rathen mir das?“ rief er.„O, wenn ich jetzt nur einen einzigen Blick in die Zukunft thun könnte!“ „Wozu das? Beherrſche die Gegenwart und die Zu⸗ kunft iſt Dein!“ antwortete die Herzogin. „Geben mir Durchlaucht den Befehl, mit allen Mitteln zum Angriff zu ſchreiten“, bat Bauer,„und ich bürge mit meinem Kopfe, daß ich die Ruhe noch vor Sonnenaufgang hergeſtellt haben werde!“ „Geben Durchlaucht den Befehl!“ fügte Schroffen⸗ ſtein hinzu. „Thu', wie ſie ſagen“, mahnte die Herzogin.„Gib den Befehl.“ Der Herzog ſtand mit übereinander geſchlagenen Armen ſtill und ſah unſchlüſſig vor ſich hin. Als er eine Bewegung machte und die Augen er⸗ hob, fiel ſein Blick auf Primitiva, die von allen un⸗ beachtet in der Tiefe des Gemachs ſtand. Tief ergriffen von dem unmeßbaren Gewichte der Entſcheidung, die ſich vor ihren Augen vorbereitete, hatte ſie wie athem⸗ los gelauſcht. Die Hände wie unwillkürlich über der Bruſt gefaltet, ſtand ſie, ganz Seele und Empfin⸗ dung, hoch aufgerichtet und doch demüthig, wie ein für⸗ bittender Engel da. Sie durfte nicht wagen, ſich in die Unterredung zu miſchen, aber in dem Augenblick, wo des Herzogs Blick ſie traf, bewegte ſie das Haupt zu leiſer Verneinung. Ueberraſcht und geſpannt blieb des Herzogs Auge auf der gewinnenden Erſcheinung haften. Da flog die Thür auf und Adjutant Schroffenſtein ſtürmte herein. „Verzeihung, Durchlaucht“, rief er,„daß ich auf ſolche Weiſe eintrete. Die Rebellion hat ihren Gipfel erreicht.“ „Was iſt geſchehen?“ fragten die Anweſenden wie aus einem Munde. „Hören Sie das Geſchrei nicht? Die ganze Stadt iſt in Bewegung. Der Erbprinz ſoll hier ſein, er 145 ſoll ſich an die Spitze der Empörer geſtellt haben, ſie rufen ihn zum Herzog aus.“ Die Anweſenden ſchwiegen. Nur der Herzog rief: „Mein Sohn!“ und auf ſeiner Stirn zog das Zornes⸗ ungewitter auf, das ſich immer unheildrohend entlud. Das Blut ſtieg ihm zu Geſicht und überzog ſein Antlitz mit dunkler Röthe.„Iſt es wahr, was Sie ſagen?“ rief er mit vor Grimm bebender Stimme. „Leider“, erwiderte der Adjutant.„Der Prinz war verkleidet mitten unter dem Volke. Profeſſor Führer, ein eifriger Anhänger von ihm, hat das Volk haran⸗ guirt und zum Abfall aufgefordert.“ „So geben mir Durchlaucht den Befehl“, rief Bauer wild.„Zaudern wir nicht länger.“ Der Herzog wollte antworten, aber er vermochte es nicht. Immer gewaltiger hatte ihm der Zorn das Blut gegen den Kopf getrieben, es umnachtete ihm die Augen und benahm ihm die Sprache, er begann zu ſchwanken und ſank in des herzuſpringenden Schroffen⸗ ſtein Arme. „Um Gotteswillen, Durchlaucht“, rief Bauer, „welch eine Anwandlung! Fort, holt den Leibmedicus herbei!“ „Was iſt mit meinem Sohne?“ſchrie die blinde Herzogin dazwiſchen.„Antworte mir, mein Sohn, was iſt Dir?“ Schmid, Mütze und Krone. I. 10 „Seine Durchlaucht ſind plötzlich unwohl geworden“, beruhigte ſie Bauer,„es wird hoffentlich vorübergehen. Bringen Sie doch Ihre Durchlaucht hinweg, Fräulein“, rief er dann Primitiva zu. Dieſe, ſelbſt kaum im Stande, ſich aufrecht zu er⸗ halten, geleitete die Herzogin an ihr Lager, auf das dieſe in Ohnmacht hinſank. Inzwiſchen war Alles, den ſogleich herbeigeeilten Leibarzt an der Spitze, um den Herzog beſchäftigt, der regungslos dalag und kein Zeichen des Lebens von ſich gab. Vergebens hatte man ihn an Hals und Bruſt von den Kleidern befreit, vergebens ihn mit Eſſenzen und Kräutergeiſtern begoſſen, und als der Arzt eine Ader öffnete, floſſen nur einige Tropfen. „Ein Schlagfluß!“ flüſterte der Arzt achſelzuckend den ihn Umſtehenden zu, die ſich wie betäubt anſahen. „Es iſt keine Hoffnung da, Seine Durchlaucht wieder zum Leben zu bringen.“ In dem Augenblick wurde die Thür aufgeriſſen und der Prinz eilte herein. „Wo ſind Sie, mein Vater?“ rief er.„Ich muß Sie ſehen, muß Ihnen ſagen—“ Da erblickte er den Sterbenden und ſtürzte mit einem herzzerreißenden Weh⸗ ruf zu deſſen Füßen nieder, indem er zugleich die herab⸗ hängende erkaltende Rechte ergriff und mit Thränen und Küſſen überdeckte.„O mein Vater“, rief er,„ſcheiden Sie nicht ohne einen letzten Blick von mir!“ Es war, als ob die Stimme des Sohnes einen Augenblick die erloſchenen Lebensgeiſter wieder anfache. Die Augen des Herzogs öffneten ſich und blieben auf dem vor ihm knieenden Prinzen haften. Er erkannte ihn ſichtbar. Der lichte Strahl eines Lächelns glitt über die erſtarrenden Züge, dann ſank er vollends zurück und die Schatten des Todes breiteten ſich über ihn. Nach einer Weile erhob ſich der Prinz etwas ge⸗ faßter. „Laſſen Sie Seine Durchlaucht von hier weg nach ſeinen Gemächern bringen“, ſagte er.„Sie, meine Herrn, erwarte ich in einer Stunde zu Bericht und Rechen⸗ ſchaft über das hier Vorgegangene. Machen Sie den Trauerfall in der Stadt bekannt und gebieten Sie Ruhe, bis ich Zeit gefunden haben werde, meine neuen Pflichten zu üben. Jetzt gehöre ich nur dieſem theuren Todten und der Trauer um ihn.“ Die Leiche wurde von den Verſammelten in ſtiller Ehrerbietung und tiefer Erſchütterung weggebracht. Primitiva kniete am Lager der Herzogin. Der Prinz winkte, als man im Wohnzimmer des Herzogs angelangt war, die Begleiter in neu aus⸗ brechendem Schmerz hinweg. 10* 148 Schweigend traten ſie ab.„Wer hätte das gedacht, General?“ flüſterte Schroffenſtein dieſem im Heraus⸗ treten zu.„Unſer Stern iſt geſunken.“ Stumm be⸗ jahte dieſer. Alles ging ſchweigend auseinander. Der Prinz kniete weinend und allein an der Leiche deſſen, der noch ſo kurz zuvor eine Krone getragen und 3 ſie nun auf ihn vererbt hatte. Sechstes Kapitel. Marquis Poſa. Die Kunde von dem plötzlichen Tode des Herzogs durchflog die Stadt. Ihr Eindruck war allgemein, und wie es bei öffentlichen Meinungen und Stimmungen nicht ſelten der Fall iſt, brachte ſie einen vollſtändigen Umſchwung unter der Bevölkerung hervor. So ſtürmiſch und aufgeregt dieſe zuvor geweſen war, ſo ruhig und niedergeſchlagen erſchien ſie nun. Die unruhigen An⸗ ſammlungen des Volks waren verſchwunden oder hatten Gruppen Platz gemacht, welche ſich lediglich aus Neu⸗ gierde bildeten, um ſich das unerwartete Ereigniß mit all den Nebenumſtänden zu erzählen, mit denen das Ge⸗ rücht es geſchäftig umkleidete. Die herandämmernde Tageshelle zeigte die Straßen⸗ 150 bollwerke, die noch vor ſo kurzer Zeit der Schauplatz des erbittertſten Kampfes geweſen waren, verlaſſen. Niemand hinderte die Arbeitsleute, welche dieſelben auf Befehl hinwegräumten. Auch die Truppen waren in ihre Kaſernen zurückgezogen, unausgeſprochen hatten die Parteien Frieden geſchloſſen. Alles fühlte, daß der Kampf zu Ende ſein müſſe. Die Hoffnung auf den jungen Herzog ließ allgemein als gewiß annehmen, daß er die verhaßte Steuer, die Urſache alles Unheils, beſeitigen werde. Dazu geſellte ſich eine Regung der Trauer um den verblichenen Herzog, den man immer nur als mißbraucht angeſehen hatte, und das Gefühl der Reue, vielleicht zu ſeinem Tode mit beigetragen zu haben. Aus dieſem Grunde waren auch die Gefallenen, denen man außerdem ein prunkvolles Leichenbegängniß zugedacht hatte, in aller Stille weggebracht worden. Das neue Opfer, das in dieſer Nacht dem Tode ge⸗ fallen war, hatte die Rechnung auf beiden Seiten mehr als ausgeglichen. Windreuter und Hahn waren die Einzigen, welche auf dem Platze ſo lange zurückblieben, bis alle Leichen weggebracht waren. Die letzte war der Student, denn ſeine Mutter, die ihn zu ſuchen gekommen war, lag mit der vollen Laſt ihres Schmerzes auf dem Todten und vermochte nicht, ſich von ihm zu trennen. Man ließ ſie daher gewähren, bis alle Uebrigen fortgetragen waren. Als die Träger zuletzt wiederkamen, hob Windreuter die Weinende auf.„In Gottes Namen, Frauchen“, rief er,„tröſtet Euch, es kann einmal nicht mehr anders ſein. Ihr könnt ja noch mitgehen bis ins Leichenhaus. Denkt, Euer Sohn iſt gut aufge⸗ hoben! Wenn er auch ſechzig Jahre alt geworden wäre, einmal hätte er doch fort gemußt wie der Herzog, und was hätte er dann viel gewonnen?“ Die halb bewußtloſe Frau ließ ſich ohne Wider⸗ ſtand leiten und ſchritt, von Windreuter unterſtützt, mühſam hinter der Bahre her, die das Kleinod ihres Lebens zum Grabe trug. 8 In Friedrich's Hauſe hatte während der Vorgänge dieſer Nacht die größte Unruhe geherrſcht. Die Ge⸗ rüchte davon gelangten theils durch Beppo, welcher manchmal darnach ausging, theils durch die Nachbars⸗ leute mit den üblichen Ausſchmückungen und Ueber⸗ treibungen auch in den ſo entlegenen Stadttheil und ſteigerten die natürliche Beſorgniß der einſamen Frauen noch mehr. Begreiflicherweiſe dachte Niemand daran, ſich zur Ruhe zu begeben, denn die Anſpannung der Neugierde und Furcht ließ kein Gefühl der Ermüdung aufkommen. Dazu kam noch, daß die Räthin ſowohl 152 als Ulrike mit jeder Viertelſtunde Friedrich's Heimkehr erwarteten. Die Räthin hatte ſich in das alte Ka⸗ napee geſetzt, welches ſich längs der Hauptwand des Zimmers unter den alten Familienbildern hinzog, Ul⸗ rike dagegen mit der Ungeduld der Jugend den ge⸗ wöhnlichen Platz der Räthin am Fenſter eingenommen, um von dort den Hofraum und die Eingangsthür überſehen zu können. „Wenn ich nicht irre“, unterbrach Ulrike das einen Augenblick eingetretene Schweigen,„ſo nimmt das Ge⸗ töſe und das Schießen ab. Vermuthlich iſt irgend eine Entſcheidung eingetreten, da wird Friedrich wohl bald kommen. Meinen Sie nicht auch?“ „Ach, ich meine heute gar nichts mehr!“ rief die Räthin entgegen.„Ich bin ärgerlich, ſo ärgerlich, wie ich es lange nicht geweſen bin. Einmal bin ich's, weil ich in meinen alten Tagen noch ſolche Dinge erleben muß, und dann wieder, daß Ihr Eintritt in unſer Haus dadurch ſo verdorben wurde! Am meiſten aber bin ich ärgerlich über meinen Sohn, daß er ſich von ſolchem Treiben nicht fern hält. Es ahnt mir, daß das noch ſein Unglück iſt!“ „Sie haben nicht Unrecht, liebe Mutter!“ erwiderte Ulrike.„Auch mir wäre es erwünſcht geweſen, wenn wir den heutigen Abend als den erſten im Hauſe meines künftigen Gatten ungeſtört und im Familienkreiſe hätten zubringen können. Doch bin ich weit entfernt, Friedrich darum zu tadeln. Er iſt ein Mann und kann ſich als ſolcher von den Ereigniſſen der Zeit nicht ab⸗ ſondern.“ „Ach gehen Sie mir damit! Zu meiner Zeit war es des Mannes höchſte Pflicht, den Platz, auf dem er ſtand, ganz und recht auszufüllen. Um etwas Anderes oder gar ums liebe Ganze brauchte er ſich nicht zu kümmern. Es war wie in einer Uhr. Wenn da jedes Rädchen und jedes Häkchen ſeine Schuldigkeit thut, ſo geht auch das Werk verläſſig fort. Ein ſolcher Mann war mein Seliger, Friedrich's Vater, und ich kann es Ihnen ſagen, daß er überall für einen braven Mann galt. Ich bin auch groß und alt geworden in dieſen Grundſätzen und begreife nicht, woher Friedrich den unſeligen Hang hat. Es geht mir wie der Gluckhenne, der man Enteneier untergelegt hat. Da iſt das Küchlein nun ausgekrochen und ſchwimmt herum, ich habe gut am Ufer herumlaufen und jammern— es plätſchert doch ganz wohlgemuth fort!“ „Friedrich iſt eben ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Wenn das Glück ſeinen Ehrgeiz unter⸗ ſtützt, kann er es weit bringen!“ „Sein Ehrgeiz, ja, das iſt auch etwas, was mich 154 beunruhigt. Ihnen kann ich's ja wohl ſagen, es iſt mir im Grunde gar nicht recht, daß er ſo jung ſchon Profeſſor geworden iſt, er iſt in einem Alter, wo man ſonſt noch zu lernen hatte. Aber was will ich machen! Ich muß mich wohl ſelber darüber freuen, denn er iſt ja mein Sohn, aber wie geſagt, es iſt mir nicht recht. Nun wird er ſich nicht begnügen wollen, wird auf der Stufe, die er gleich anfangs erreicht hat, nicht bis ans Ende ſtehen bleiben wollen, er wird höher und immer höher ſtreben— aber wer hoch ſteigt, fällt tief! Im Thale wohnt ſich's beſcheidener, aber ſicher.“ „Der Grundſatz hat viel Wahres, aber er iſt doch kaum richtig, weil er ſich nicht allgemein machen läßt. Was würde aus der Welt werden, wenn alle Menſchen ſo dächten und handelten?“ „Es würde nicht ſchlimm ſtehen, glauben Sie mir, aber alle werden das nie. Es wird immer genug geben, die ſich nicht begnügen wollen.“ „Begnügen? Und warum ſollte man das? Warum ſich freiwillig engere Grenzen ziehen, als die eigene Be⸗ fähigung ſie gezogen hat? Ich ſollte meinen, daß ſich jeder das höchſte Ziel vorſetzen und immer nur mit dem Erreichbaren ſich becnügen dürfe. Sollten die Höhen des Lebens nur dazu da ſein, um wie die Gebirge in einer Landſchaft den Ausſichtspunkt zu bilden, nicht auch um beſtiegen zu werden?“ „Wir wollen uns nicht gleich am erſten Tage un⸗ ſerer Bekanntſchaft ereifern und ſtreiten“, lenkte die Räthin ein.„Ich ſehe wohl, daß Sie, meine Tochter, auch zu der Fahne gehören, die nicht die meinige iſt. Gott weiß, wie das kommt, es muß in der Luft liegen, daß die ganze Jugend ſolche Gedanken hat. In Gottes Namen denn, probirt es, Ihr jungen Leute, wie weit Ihr damit kommt! Ich verlange nicht mehr mitzugehen. Aber ich möchte doch rathen, ſich nicht gar zu hoch zu verſteigen, und wenn es auch nur in Gedanken wäre. Die Leute, die das thun, ſind meiſtens da, wo ſie zu Hauſe ſein ſollten, nicht recht zu gebrauchen.“ Die Alte hatte ſich unwillkürlich in eine Art Un⸗ muth hineingeredet, doch fühlte ſie es ſelbſt und ſtand daher auf, um zu Ulrike ans Fenſter zu treten.„Ich ſage das nicht zu Ihnen, Herzchen“, fuhr ſie fort.„Uns Frauen berührt ja das Alles eigentlich nur von fern und mittelbar. Auch ſind Sie zu klug, um nicht zu wiſſen, daß die eigentliche Sphäre der Hausfrau in ihrem Hauſe iſt. Laſſen wir darum das Höherſteigen den Modedamen, für welche die Familie nur ein noth⸗ wendiges Anhängſel iſt, und nehmen Sie einer alten Frau ein freies Wörtchen nicht übel.“ 156 Ulrike, fein genug, um die berührte mißtönende Saite fürder zu vermeiden, ergriff der Räthin Hand und wollte eben etwas Entgegenkommendes erwidern, als die Hausklingel ertönte und bald darauf, von Beppo mit der Leuchte begleitet, Friedrich über den Hofraum ſchritt. „Er iſt es, er kommt!“ rief Ulrike und eilte dem Eintretenden entgegen, um ihn zu umarmen, doch ſchreckte ſie vor ſeinem Ausſehen zurück.„Um Gotteswillen, was iſt Dir, Friedrich? Du biſt ganz erſchöpft und bleich!“ „Fehlt Dir etwas, mein Sohn?“ fragte auch die Räthin.„Du biſt doch geſund und unverletzt?“ „Ruhig, liebe Mutter, ruhig, ſei ganz außer Sor⸗ gen“, rief Friedrich.„Ich bin, dem Himmel ſei Dank, geſund und wohlbehalten, aber ich glaube es wohl, wenn Ihr ſagt, daß ich bleich bin. Ich habe auch Dinge geſehen, bei denen das Blut aus jedes Menſchen Wange zurückweichen muß, Dinge— o mein Gott, mein Gott, jetzt, hier in dieſer ſtillen Einſamkeit iſt es mir beinahe, als ob ich all das Entſetzliche geträumt hätte!“. „Aber was iſt geſchehen?“ fragte Ulrike.„Sage doch—" „Nein, nein“, unterbrach ſie die Räthin.„Erzähle nichts, ich will von ſolchen Dingen nichts hören, von 157 meinem guten, friedlichen Hauſe ſollen dieſe Geſtalten fern bleiben.“ „Ich könnte auch nicht erzählen, wenn ich es wollte“, antwortete Friedrich.„Die Eindrücke des Erlebten ſind zu neu, zu ſtark, um ſie überſchauen und wiedergeben zu können. Auch muß ich ſogleich wieder fort.“ „Was, noch einmal fort?“ rief haſtig die Räthin. „Du wirſt doch ausruhen zuerſt und etwas genießen? Es muß Dir ja ſchaden, ſo in der kalten Nachtluft herumzugehen.“ „Willſt Du nochmals in die Stadt? Iſt alſo die Ruhe noch nicht hergeſtellt?“ fragte Ulrike. „Fragt mich nicht, meine Lieben“, entgegnete er, „ich kann und darf Euch doch nicht Alles ſagen. Be⸗ gnügt Euch alſo damit, daß ich ſogleich abreiſen muß.“ „Abreiſen? Wohin?“ riefen Ulrike und die Räthin erſtaunt. „Auch das kann ich nicht ſagen. In einigen Tagen werde ich im Stande ſein, Euch Alles zu erklären. Ich habe Beppo bereits geſchickt, mir Wagen und Pferde zu beſtellen. Bis morgen Nacht bin ich wieder zurück.“ „Aber—“" wollte die Räthin nochmal beginnen. „Kein aber, gute Mutter“ begütigte ſie Friedrich. „Machen Sie keine Bedenklichkeiten. Die Reiſe iſt kurz und vollkommen gefahrlos! Doch iſt Eile dabei die höchſte Pflicht, es handelt ſich vielleicht um das Wohl und Weh von Tauſenden— „Da wäre es unrecht, Dich aufzuhalten“, ſagte die Räthin.„Geh denn mit Gott und komme wohlbehalten wieder. Du wirſt Dich umkleiden wollen— ich gehe Dir Deine Sachen zurecht zu machen—“ „Ich bitte darum, Mutter, aber ſchnell, ſchnell!“ „Und ohne daß Du etwas genoſſen, laſſe ich Dich auch nicht fort“, fuhr die Räthin weiter, indem ſie verſchiedene Schlüſſel zuſammenlas.„Einen Becher warmen Wein mußt Du mir trinken, der iſt bald fertig!“ „Alles, was Sie wollen, Mutter“, rief Friedrich der Davoneilenden nach,„aber nur ſchnell! Ich ſollte ſchon lange unterwegs ſein, aber es war nicht möglich, durch das Gedränge zu kommen.“ „Ich habe alſo keinen Grund, um Dich beſorgt ſein zu müſſen?“ fragte Ulrike und ſchmiegte ſich, da nun beide allein waren, zärtlich an den Geliebten.„Die Reiſe iſt vollkommen gefahrlos und Du kommſt bis morgen wieder?“ „Gewiß, meine Theure. Ich komme bald zurück um mich nie mehr von Dir zu trennen und Dir auch den Schleier zu lüften, der über dem Geheimniſſe dieſes Abends liegt.“ 159 „Wozu? Glaubſt Du, ich mißtraue Dir und Deinen Worten?“ „Nicht das, aber ich habe heute Vieles erlebt, was einen wichtigen Abſchnitt in meinem Leben bildet, was darum auch Dich berührt—“ „Wie, mich?“ „Ich ſagte es. Später wird es Dir klar werden. Jetzt genüge Dir, zu wiſſen, daß ich heute einen Feind überwunden habe, der unſerm Glücke gefährlich werden konnte.“ „Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Jetzt wird uns nichts mehr ſtören oder beunruhigen. Geliebt von Dir, will ich nur Dir und dem Gedanken leben, Dich glücklich zu machen.“ Ulrike ſchwieg und duldete Friedrich's Umarmung, ohne ſie zu erwidern. Ohne ſich darüber Rechenſchaft geben zu können, lag etwas in Friedrich's Benehmen und ſeinen Betheuerungen, was ſie erkältete, weil eine geewiſſe Abſichtlichkeit durchſchimmerte. „Du biſt nachdenkend?“ fragte Führer, indem er Ulrike losließ. Bei dieſer Bewegung fiel Primitiva's Schleife, die er nur leicht in den Buſen geſteckt hatte, vor ihm zu Boden. Er bemerkte es nicht. „Ich denke nach“, antwortete Ulrike, indem ſie ſich bückte und die Schleife aufhob,„wie ein Profeſſor der 160 Rechte und ein Bräutigam wohl dazu kommen mag, derlei bei ſich zu tragen und auf ſeinem Herzen zu verwahren?“ Sie ſprach dieſe Worte in einem Tone, der wie Scherz klingen ſollte, allein die wechſelnde Farbe ihres Angeſichts verrieth, wie ſehr ſie ergriffen war. Friedrich war nicht minder betroffen. Eine gerade, ehrliche Natur, vermochte er nicht, eine Unwahrheit zu ſagen, und fühlte doch ebenſo gut, daß er jetzt die Wahr⸗ heit nicht ſagen konnte, welche er tags darauf Ulrike mitzutheilen nicht angeſtanden hätte. So kam es, daß er einige Sekunden, während deren Ulrikens geſpanntes Auge brennend auf ihm haftete, völlig ſchwieg und zu⸗ letzt nur eine halb zugeſtehende, halb verneinende Ant⸗ wort vorbrachte.„Ich weiß in der That nicht recht“, ſagte er,„wie ich zu der Schleife komme— ich habe ſie gefunden.“ „In der That? Und doch ſo ſorgfältig verwahrt?“ hauchte Ulrike mit unſicherer Stimme.„Damit wird wohl auch die plötzliche Reiſe zuſammenhängen. In⸗ deß, wie dem auch ſei, ich verzichte auf die Erzählung des heutigen Erlebniſſes, das einen ſo wichtigen Ab⸗ ſchnitt Deines Lebens bildet. Ich muß befürchten, daß es für Deine Braut wohl geeignet ſein dürfte—“ Mit ausbrechenden Thränen eilte ſie von ihm hin⸗ 161— weg und warf ſich mit all der Heftigkeit, deren leiden⸗ ſchaftliche weibliche Gemüther fähig ſind, in die Kiſſen des Sophas. Friedrich, dadurch aus ſeiner Betäubung und zum Bewußtſein ſeiner Unſchuld erwacht, eilte zu ihr und verſuchte ſie begütigen. Beppo's Eintreten verhinderte ihn daran und zwang auch Ulrike, mindeſtens äußerlich ruhig zu er⸗ ſcheinen. „Wagen und Pferde werden augenblicklich hier ſein“, meldete der Alte. „Es iſt gut“, rief Friedrich unmuthig.„Sag' es, wenn ſie da ſind, und laß uns allein.“ „Es iſt auch ein Herr unten“, fuhr Beppo fort, „der durchaus mit Ihnen zu ſprechen verlangt.“ „Jetzt? Ich habe keine Zeit— es iſt unmöglich. Was will er?“ „Das weiß ich nicht“, erwiderte der Diener.„Er trug mir nur auf, zu ſagen, er komme von Seiner Hoheit dem Erbprinzen— „Was ſagſt Du? Iſt das gewiß?“ rief Friedrich überraſcht.„Dann ſchnell, führe den Herrn herauf. Ulrike, empfange ihn, ich will mich nur in Eile um⸗ kleiden, ſonſt bin ich noch länger aufgehalten.“ Beppo eilte hinweg. Friedrich trat zu Ulrike und Schmid, Mütze und Krone. I. 11 — 162 ergriff ihre Hand.„Faſſe Dich“, ſagte er mit dem herzlichſten Tone, der ihm zu Gebote ſtand.„Beruhige Dich, meine Liebe, Deine Beſorgniß iſt unbegründet. Du ſollſt Dich in Bälde davon überzeugen, bis dahin gib keinem erniedrigenden Argwohn gegen mich Raum und vertraue mir!“ Er ging. Ulrike blieb ſinnend und bewegt im Sopha zurück. Verfehlte auch das unverkennbare Ge⸗ präge der Wahrheit, das auf Friedrich's Worten haftete, ſeine beruhigende Wirkung nicht völlig, ſo reichten ſie doch nicht von fern zu, den einmal erwachten Arg⸗ wohn zu beſeitigen. Zum zweiten Male fühlte ſie ſich von der quälenden unbeſtimmten Angſt ergriffen, welche ſie ſchon beim Eintritt in das Haus befallen hatte. „Es iſt nicht Alles, wie es ſein ſollte!“ ſeufzte ſie dann. „Friedrich iſt nicht zurückgekommen, wie er ging. Wenn er mich getäuſcht hätte, wenn er— Ich muß wiſſen, woran ich bin“, rief ſie dann, die Schleife aufraffend, und trat dem gemeldeten Beſuche, welchem Beppo eben die Thür öffnete, entſchloſſen entgegen. Beim Anblick deſſelben blieb ſie jedoch wie feſtge⸗ bannt ſtehen. Auch der Eingetretene vermochte ſeine Ueberraſchung nicht zu verbergen. Einen Moment ſtanden ſich beide ſo in peinlicher Verlegenheit gegenüber. ——— 163 „Wie, mein Herr“ begann endlich Ulrike unmuthig, „bis hierher ſogar wagen Sie zu dringen?“ „Ich betheure Ihnen, mein Fräulein“, erwiderte der Fremde, allein Friedrich's Eintritt ſchnitt jede weitere Erörterung des unerwarteten Zuſammentref⸗ fens ab.. Auch Friedrich gerieth beim Anblick des Fremden in Erſtaunen.„Iſt es möglich“, rief er, indem er ehrerbietig näher trat,„Eure Hoheit bei mir?“ „Ich bin es, mein lieber Führer“, entgegnete der Prinz.„Entſchuldigen Sie mit den Umſtänden, daß ich zu ſolcher Zeit und auf ſolche Weiſe zu Ihnen komme.“ Ulrike ſtand wie vom Donner gerührt, bald roth, bald blaß, und vermochte kaum ſich von der Stelle zu bewegen. Ein mahnender Blick Friedrich's erinnerte ſie endlich, und ſie entfernte ſich mit einer tiefen Ver⸗ beugung, welche der Prinz aufs artigſte erwiderte. „Möge es Eurer Hoheit gefallen, mich von meiner Ueberraſchung zu befreien“, begann Führer. „Das ſoll geſchehen. Ich habe ein ernſtes Wort mit Ihnen zu reden. Man hat mir zwar geſagt, daß Sie noch dieſe Nacht verreiſen wollten, aber wenn dieſe Reiſe nicht gar zu wichtig und dringend iſt, müſſen Sie dieſelbe mir zu Liebe aufſchieben.“ 11* „Die Anweſenheit Eurer Hoheit hat meine Reiſe überflüſſig gemacht.“ „Wie das? Sie ſetzen mich in Verwunderung.“ „Meine Reiſe ſollte Eurer Hoheit gelten.“ „Erklären Sie ſich deutlicher.“ „Da Eure Hoheit hier ſind, müſſen Ihnen auch die unſeligen Vorgänge dieſes Tages und der Nacht be⸗ kannt ſein. Als ich erfuhr, daß der Herzog, Ihr Vater, entſchloſſen ſei, es zum Aeußerſten kommen zu laſſen, dachte ich, daß Ihre, als des Thronerben, Vermittelung gewiß Gutes bringen und viel Unheil verhindern würde. Ich glaubte Eurer Hoheit Geſinnungen noch aus früherer Zeit zu kennen, ſchmeichelte mir, in Erinnerung an dieſe Zeit, nicht unangenehm zu ſein, und ſo entſchloß ich mich, nach St.⸗Wendelin zu reiſen, Ihnen Alles zu er⸗ zählen und Sie zur Hierherreiſe zu bewegen.“ „Wollten Sie das, dachten Sie das wirklich von mir?“ rief der Prinz mit leuchtenden Augen.„Ich danke Ihnen und werde es Ihnen nie vergeſſen. Des⸗ halb alſo konnten Sie mit ſolcher Beſtimmtheit ſagen, daß ich bis morgen hier ſein würde—“ „Eure Hoheit wiſſen?“ „Alles, und zwar von einem unverwerflichen Ohren⸗ zeugen. Ich danke Ihnen nochmals, wenn mich auch mein guter Stern gleich auf die erſten Nachrichten hin, ——— 165 die das Gerücht bis in meine Einſiedelei brachte, ab⸗ reiſen ließ. Leider kam ich durch den Umſtand, daß eine Brücke abgeworfen war, ſpäter an, als ich wünſchte. Auch in der Stadt noch wurde ich durch das Getüm⸗ mel aufgehalten und konnte ſo nicht hindern, was ge⸗ ſchehen iſt. So will ich denn für die Zukunft das Meine thun und deshalb bin ich hier.“ Friedrich verbeugte ſich in ſchweigender Erwartung. „Beantworten Sie mir einige Fragen“, fuhr der Prinz nach kurzem Beſinnen fort.„Sagen Sie mir— denn ich nehme Ihr Schweigen als Zuſage— ſagen Sie mir, ob Sie ſich noch der Geſpräche erinnern, die wir in jener frühern Zeit, von der Sie ſelber geſpro⸗ chen, in Göttingen über politiſche Gegenſtände hielten?“ „Wie ſollt' ich nicht? Sie gehören unter die er⸗ hebendſten Erinnerungen meines Lebens.“ „Gut. Und ſind Sie den Anſichten, die Sie da mals äußerten, treu geblieben? Halten Sie es für möglich, die ſchönen Pläne, welche Sie darauf gründeten, ins wirkliche Leben zu rufen?“ „Jene Anſichten und Pläne wurzeln in meiner Ueber⸗ zeugung und dieſe iſt mit meinem Leben ſo innig ver⸗ wachſen, daß ich bereit bin, ſie durch Hingabe meines Lebens zu bekräftigen.“ „Ich habe das erwartet. Nur noch eine Frage alſo: Was denken Sie von mir? Halten Sie mich für den Mann, der berufen ſein könnte, dieſe Pläne zu verwirklichen?“ Friedrich ſah einen Augenblick nachdenkend vor ſich hin.„Die Stellung auf dem Throne iſt eine gewal⸗ tige“, ſagte er dann.„Es iſt unmöglich, die neue Schöpfung, von der wir reden, ſo mit einem Schlage wie über Nacht hervorzurufen, und ein Menſchenleben reicht dazu lange nicht aus. Ich täuſche mich darum nicht, wenn ich ſage, daß dem Manne, welcher ent⸗ ſchloſſen iſt, Hand ans große Werk zu legen, in viel⸗ facher Hinſicht eine unerfreuliche Zukunft bevorſteht. Es ſind der Parteien zu viele, die an dem Fortbeſtand des alten Gemäuers ihr volles Intereſſe haben. Sie werden darum nicht unterlaſſen, dem Störer ihrer Ruhe drohend um den Kopf zu fliegen. Zudem wird es ihm leicht ergehen, wie Jemand, der eine Waldcultur anlegt. Er hat alle die Mühe und Sorge der Pflan⸗ zung und dafür keinen andern Lohn als den Gedanken an den Wald, der nach Jahrhunderten über den Häuptern von Urenkeln rauſchen wird, die vielleicht des Pflanzers nicht entfernt gedenken. Mit einem Worte, der Schöpfer dieſes Werks muß über der Schöpfung ſich ſelbſt ver⸗ geſſen. Er bedarf darum der durchdringenden, erheben⸗ den und nachhaltigen Begeiſterung, die ihn über allem ——.— Widerſtande und aller Widerwärtigkeit oben erhält. Ich habe mit Abſicht ſo weit ausgeholt, mein Prinz, um meinen Standpunkt bei Beantwortung einer ſo be⸗ denklichen Gewiſſensfrage ſcharf darzulegen und nicht mißverſtanden zu werden.“ „Enden Sie.“— „Nach dem, was ich geſagt habe, mein Prinz, ſind es nur Sie ſelbſt, der die mir geſtellte Frage verläſſig beantworten kann. Fühlen Sie dieſe hohe Begeiſterung in ſich, iſt es Ihnen unerträglich, den Menſchen von der ihm angeborenen freien Stellung in eine unter⸗ würfige herabgedrückt zu ſehen, ſind Sie bereit und entſchloſſen, nach dem Worte des großen Dichters, den Sie einſt gleich mir verehrten, den Bürger wieder das ſein zu laſſen, „was er zuvor geweſen: „Der Krone Zweck—“ dann iſt es Ihre Pflicht, Hand ans Werk zu legen. Fühlen Sie dieſe glühende Ausdauer nicht in ſich, ſo bitte ich Sie, dieſer Stunde, in der Sie mir ſo hohes Vertrauen ſchenken, eingedenk zu ſein, wenn Sie einmal den Thron beſteigen, und die Ketten Ihrer Mitmenſchen mindeſtens leichter zu machen.“ Friedrich ſchwieg, eine kleine Pauſe trat ein. „Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, begann dann der Prinz wieder.„Sie beweiſen mir dadurch abermals, daß ich mich in Ihnen nicht geirrt habe. Doch ſcheinen Sie noch nicht zu wiſſen, daß der Augen⸗ blick der Entſcheidung für mich bereits gekommen iſt.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Der Herr hat über meinen Vater geboten und ihn vor einigen Stunden plötzlich vom Leben abge⸗ rufen. Die Krone dieſes Landes iſt mein.“ Der Prinz hielt ergriffen inne, auch Friedrich wurde mächtig erſchüttert.„Was iſt der Menſch!“ ſagte er dann.„Noch geſtern gebot dieſer Mann über Millionen — wozu hat ihn ein Augenblick gemacht! Ich begrüße Sie, mein Herzog, mit freudigem Glückwunſch, aber ver⸗ ſtatten Sie mir die Rührung, die mich beim Andenken Ihres Vaters ergreift. Wohl ihm, er war ein Mann mit dem beſten Herzen und mit dem redlichſten Willen; um ſeiner Irrthümer willen möge ihn kein Fluch drücken!“ „Amen!“ erwiderte der Herzog.„Möge meine Leichenrede einmal die gleiche ſein! Doch nun hören „Sie. An der Leiche meines Vaters, zu deſſen letzten Augenblicken ich kam, habe ich, nachdem das erſte Opfer des Schmerzes gebracht war, der großen Aufgabe ge⸗ dacht, die mir nun übertragen iſt. In dieſen ernſten Augenblicken habe ich Entſchlüſſe gefaßt, die ihrer wür⸗ ¹ 8 — 169 dig ſind. Dabei erkannte ich klar und beſtimmt, daß ich allein nichts zu thun vermag. Ich habe mich darum nach einem Gehülfen, nach einem Freunde umgeſehen, der, mir zur Seite ſtehend, mich unterſtütze. Meine Wahl fiel auf Sie!“ „Auf mich?“ rief Führer haſtig und mit abwehren⸗ der Geberde. „Auf Sie, Führer“, erwiderte der Herzog.„Sie kenne ich und habe Vertrauen zu Ihnen. Laſſen Sie uns denn die frühern Beziehungen erneuern. Seien Sie mein Freund und erſter Rathgeber; vereinigt wollen wir wirklich machen, was wir für wahr er⸗ kannten, vereinigt wollen wir das große Werk des Menſchenglücks beginnen.“ „Durchlaucht“, antwortete Friedrich nach einer kleinen Pauſe,„dieſe Aufforderung kommt mir zu überraſchend, als daß ich gleich darauf erwidern könnte. Gönnen Sie mir Zeit—“. „Wozu?“ rief der Herzog.„Hat das Leben mir Zeit gelaſſen, mich zu bedenken? Theilen Sie denn die Laſt mit mir und weigern Sie ſich nicht!“ „Ich kann mir nicht zutrauen, die nöthigen Fähig⸗ keiten zu dieſer ausgezeichneten Stellung zu beſitzen. Ich habe bisher nur der Wiſſenſchaft gelebt und bin in Geſchäften fremd.“ „Bin ich es weniger? Darum eben bedarf ich ja Ihrer, wenn ich mich nicht gleich den alten Werkzeugen überlaſſen ſoll, die ich nicht will, weil ich ihnen nicht traue. Entſchließen Sie ſich! Sie können ſich im Ernſte nicht weigern. Was ich Ihnen vorſchlage, muß immer, ob eingeſtanden oder nicht, im Stillen als Wunſch im Hintergrunde Ihrer Seele gelegen haben. Es gilt die Verwirklichung Ihres Ideals— können Sie da zaudern?“ „Und wenn ich einwilligte, werden Eure Durchlaucht immer ſein und denken wie jetzt? Werden Sie mir nie Ihr Ohr verſchließen, wenn ich Sie an dieſe Stunde und Ihre Vorſüätze erinnere?“ „Nie, ich verſpreche es Ihnen“, rief der Herzog und zog einen koſtbaren Ring vom Finger, den er an Führer's Hand ſteckte.„Tragen Sie dieſen Ring zum Andenken dieſes Gelöbniſſes“, fuhr er fort.„Sollte ich jemals wanken und mir ſelber untreu werden, ſo zeigen Sie mir den Ring und ſeien Sie gewiß, daß Sie mich dann finden ſollen wie heute.“ „Wohlan“, ſagte Führer nicht ohne Rührung,„neh⸗ men Sie denn mich und mein Leben hin. Ich bin bereit.“ „So kommen Sie in meine Arme“, rief der Herzog, „und der Bund ſei geſchloſſen für immer!“ b — —— — —— — Sie umarmten ſich und in dieſem Augenblicke ſchlu⸗ gen ihre Herzen, von denſelben Hochgefühlen geſchwellt, an einander. „Nun raſch ans Werk“, rief dann der Herzog. „Dieſen Morgen erwarte ich Sie in meinem Kabinet, Ihr Amt zu übernehmen. Bis dahin mögen Sie noch ſich ſelber angehören. Und nun leben Sie wohl!“ Ohne ſich weiter aufhalten zu laſſen, eilte der Her⸗ zog hinweg und ließ Friedrich in großer Beſtürzung zurück, welcher er jedoch ſogleich durch das Eintreten ſeiner Mutter entriſſen wurde. Hinter ihr kam Riedl; auch Ulrike trat leiſe ein. Es war inzwiſchen vollkommen hell geworden. „Iſt es möglich?“ fragte haſtig die Räthin, die durch Ulrike die Ankunft des Beſuchs, ſowie deſſen Stand erfahren hatte.„War das wirklich Seine Hoheit unſer gnädigſter Herr Erbprinz? Und iſt wahr, was Beppo erzählte, daß den alten Herzog der Schlag ge⸗ troffen hat?“ „Alles iſt wahr, was Sie ſagen, liebe Mutter“, entgegnete Friedrich. „Ei, das iſt ja eine außerordentliche Ehre, daß Seine Durchlaucht mein Haus beſucht haben! Hätte ich das nur gewußt, ich hätte—“ Riedl hatte indeß Friedrich begrüßt und gleichfalls 172 befragt.„Und darf man wiſſen, was der neue Herzog bei Dir wollte?“ „Auch das iſt kein Geheimniß“, antwortete Friedrich. „Er war bei mir, weil er meine Anſichten über das Regierungsweſen kennt und theilt und weil er ent⸗ ſchloſſen iſt, ſie zur Ausführung zu bringen. Er hat mir das Miniſterium angeboten.“ „Dir? Meinem Sohne? Das ſind ja unerhörte Dinge!“ rief die Räthin und ſchlug ſtaunend die Hände zuſammen. Ulrikens Blicke leuchteten. Riedl rief haſtig:„Du haſt das Anerbieten doch ausgeſchlagen?“ „Das habe ich nicht gethan“, erwiderte Friedrich. „Vielmehr bin ich bereit, mein Leben an die Erfüllung meiner Ueberzeugung zu ſetzen.“ Riedl ſchwieg und ſah einen Augenblick wie betre⸗ ten zu Boden. Dann ergriff er Friedrich's Hand, ſchüt⸗ telte ſie herzlich und ſagte mit trübem Ernſt:„So lebe wohl; unſere Wege ſcheiden ſich hier.“ Friedrich war von Riedl's Benehmen um ſo mehr überraſcht, als der Spott in ihm die vorherrſchende Ader und der trübe Ernſt eine ungewöhnliche Erſcheinung war. „Sei doch nicht thöricht!“ rief er.„Warum willſt Du Dich von mir trennen? Können wir meiner neuen Stellung wegen nicht mehr Freunde ſein?“ „Ich bleibe Dein Freund, ſolange ich lebe“, ant⸗ wortete Riedl,„aber der weitere Umgang würde nur zu Erbitterung und Entfremdung führen. Ich könnte mich nicht verurtheilen, meine Ueberzeugung zu ver⸗ ſchweigen, alſo brechen wir lieber ab. Ich werde eine große Reiſe unternehmen.“ „Welcher Eigenſinn!“ rief Friedrich entgegen.„Du kennſt mich doch und weißt, daß ich das Gute will! Kannſt Du Dich nun nicht an die Idee gewöhnen, daß es auf andere Art gewollt wird, als Du ſie Dir denkſt?“ „Ich verdiene den Vorwurf des Eigenſinns nicht“, entgegnete Riedl.„Eben weil ich Dich und Deinen redlichen Willen kenne, erbittert mich das nur um ſo mehr, weil ich vorausweiß, daß auch Deine ſchöne Kraft an dieſem Unternehmen, einem falſchen Götzen geopfert, vergebens aufgewendet ſein wird.“ „Und warum ſollte nicht auch gelingen können, was ich vorhabe?“ fragte Friedrich mit vollem Baiiße bewußtſein. „Weil Du eine Unmöglichkeit vorhaſt“, ergegnet Riedl kalt.„Du kennſt ja meine Anſichten hierüber längſt. Wie wir über den Beruf und die Aufgabe des Volks nicht übereinſtimmen, treffen wir auch über Auf⸗ gabe und Beruf der Fürſten nicht zuſammen. Ich A— 174 kenne nur zwei wahre und darum allein mögliche Staatsformen, die volle Alleinherrſchaft und den voll⸗ kommenen Freiſtaat. Ein Mittelding gibt es nicht und jeder Verſuch zur Vermittelung iſt Halbheit, Schein, Selbſttäuſchung oder geradezu Betrug. Ich glaube nicht, daß ein Fürſt der Erde, wenn er nur ein Jahr lang die Krone getragen und ſich an die Vogelper⸗ ſpective gewöhnt hat, ernſtlich vermitteln will. Ich glaube es auch von dieſem Herzog nicht. Thoren, die von einem patriarchaliſchen Verhältniſſe zwiſchen Fürſt und Volk faſeln! Sie ſind Todfeinde und jeder Ver⸗ trag unter ihnen iſt nur ein Aufſchieben des Vernich⸗ tungskampfes, der, wenn einmal das Bewußtſein der Völker allgemein erwacht ſein wird, unvermeidlich iſt! Warum zu ſolchen Verſuchen, zu ſolchen Pflanzungen, die ſich mitten im reißenden Strom halten wollen, die Hand bieten? Laß die Zeit ihre Aufgabe in der Ge⸗ ſchichte erfüllen, aber die Erfüllung erwarte Du auf Seite der Partei, zu der Dich Geburt und Ueberzeu⸗ gung geſtellt haben. Gehe nicht, um zu unterhandeln, zu dem verkappten Feinde Deiner Freunde über.“ „Ich kenne Deine Luſt an Extremen lange“, erwi⸗ derte Friedrich,„aber die Sache iſt ſo gefährlich nicht. Der Herzog hat den beſten Willen.“ „Jetzt, für den Augenblick! Das will ich zugeben!“ 8 3 f * 175 rief Riedl.„Aber wie iſt es mit der Ausdauer be⸗ ſchaffen, zumal bei einem ſo lenkſamen Charakter, wie der ſeine geſchildert wird? Glaube mir, früh oder ſpät wird er ſich ſeiner Gewalt bewußt werden und der Verſuchung, ſie ganz zu gebrauchen, nicht widerſtehen. Blättere die Geſchichte durch und zähle die Fürſten, die dieſer Verſuchung widerſtanden, die nur um des Volkes willen da ſein wollten, Du findeſt nicht zehn unter Hunderten. Es iſt nicht anders. Der Herzog iſt noch ſehr jung, Du biſt wenig älter und von Träu⸗ merei nicht frei— es iſt nichts als eine romantiſche Poetengrille, die in Euch beiden gährt. Ihr wollt durchaus eine neue verbeſſerte Auflage von Carlos und Poſa ſein—“ „Spotte nicht!“ unterbruch ihn Friedrich.„Ich ſehe nun ſelbſt ein, daß wir für eine Zeit lang nicht mehr recht zuſammenpaſſen dürften. Reiſe denn und ſei gewiß, daß Du mich unverändert finden wirſt.“ „Junge“, rief Riedl, indem er Friedrich bei beiden Händen faßte,„thue mir das nicht zu Leide! Noch iſt's zu ändern. Nimm Deine Zuſage zurück. Hilf nicht Verſuche machen an einem Kranken, der Dir ja ſo lieb iſt wie mir.“ „Nein“, rief Friedrich,„ich bin entſchloſſen. Ich kann und will nicht mehr zurück.“ 176 „Beſinne Dich doch“, bat Riedl beinahe weich,„es iſt gewiß Dein Unglück, wenn Du mir nicht folgſt. Glaube mir, Mütze und Krone vertragen ſich nicht!“ „Es bleibt bei meinem Wort.“ „So lebe wohl. Ich hoffe Dich wiederzuſehen. Sollteſt Du einſt in der Lage ſein, eines Freundes zu bedürfen, ſo erinnere Dich meiner.“. Mit raſchem Gruße gegen die übrigen Anweſenden eilte Riedl hinweg. Friedrich ſah ihm einen Augenblick nach, dann wandte er ſich zu ſeiner Mutter.„Habe ich nicht recht gethan, Mutter?“ fragte er.„Sagen Sie mir, was Sie denken!“ „Ich kann Dir's nicht verhehlen, mein Sohn“, ant⸗ wortete die alte Frau,„daß ich von der augenblick⸗ lichen Aufwallung eitler Freude, die mich bei der Nach⸗ richt von Deiner Erhöhung überkam, bereits ziemlich abgekühlt bin. Daran iſt aber nicht das Geſchrei die⸗ ſes Unglücksvogels ſchuld, auf das ich nicht viel gebe. Mich beunruhigt die alte und lang erprobte Ueber⸗ zeugung, daß das Leben in den hohen Kreiſen, zwiſchen welche Du nun geſtellt biſt, ein vielfach beunruhigtes, eitles und dem Glück meiſt fremdes iſt. Eine Mutter aber möchte ihr Kind vor allem glücklich wiſſen. Doch was kann ich dagegen thun? Folge denn Deinem ————— ——————— qo,, 177 Entſchluſſe, folge dem Rufe Deines Fürſten— ich denke, er kommt von Gott und gereicht Dir vielleicht zum Heil. Ich prophezeie Dir daher weder Glück noch Unglück, aber ich bitte Dich, bleibe meiner, bleibe Dei⸗ nes redlichen Vaters immer eingedenk, und was Dir auch begegnen möge, ſei und bleibe ein Biedermann wie er!“ „Das will ich, theure Mutter!“ rief Friedrich freu⸗ dig begeiſtert.„Ich verſpreche es Ihnen, ich verſpreche es Dir, meine Ulrike, die den gefährlichen Weg mit mir theilen wird!“ Ulrike ergriff Friedrich's dargebotene Hand und trat den Beiden näher. „So gehe hin und ſuche Menſchenglück zu verbrei⸗ ten“, rief die Räthin, indem ſie ihren Sohn zärtlich in die Arme ſchloß.„Der Segen Deiner Mutter be⸗ gleitet Dich!“ Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julins Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Schmid, Mütze und Krone. I. 12 ——y nxunxunnuRunmxuxNNuVxVVum ſiiſin. 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 ſſſſſnſſſſſſſf