Honc ordig. — Eine eutſcie Kaiſergeſchicite aus Haunern Herman Schmid. Fünfter Band. Ernſt Julius Gunther. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4 Ednuard Olktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nüctgäbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruückerſtattet wird.— 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————y— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. 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Das Syvert'ſche Haus, in welchem die Kurfürſtin und Kaiſerin Amalie hauſte, lag noch in tiefer Mor⸗ genruhe, obwohl die Frühlingsſonne ſchon ziemlich hoch ſtand und einladend und lockend durch die hohen Fenſter ſchien. Man ſah wohl, daß es kein Haus der Freude war, das ſie beſtrahlte; die ſchlimmen Nach⸗ richten, die aus Baiern und vom Kriegsſchauplatz Tag für Tag wie ſcheue Unglücksvögel angeflogen kamen und ſich einniſteten, ließen der Freude keinen Raum. Auch lag über Allem wie Nebel über einer Landſchaft noch der Gedanke an die Prinzeſſin Thereſe und die Trauer um das liebenswürdige Kind; es fehlte überall, als wäre aus einem Geſchmeide ein Edelſtein gebrochen, den man im Ganzen und neben den andern nicht Schmid, Concordia. V. 1 beachtete und deſſen Werth und Bedeutung erſt jetzt, da er fehlte, bemerkt und vollkommen gewürdigt wurde; die Lücke zeigte erſt vollauf, was an ihm verloren war. Deſto mehr ſtach es gegen die faſt kloſterhafte Stille des Hauſes ab, daß durch einen nicht ſehr hohen, aber anſehnlichen und wohlgebauten Saal eine ſingende Stimme ſo voll und friſch ertönte wie die eines Vo⸗ gels, der im Vollgefühl ſeiner Freiheit vom Zweige des Baums herniederſchmettert, den er für ſein eigen hält, weil er ſein Neſt in denſelben eingebaut hat. Es war ein junges Mädchen, deſſen ſchlichte Arbeits⸗ tracht an jene erinnerte, wie ſie in den Bergen des bairiſchen Hochgebirges üblich iſt. Die Sängerin war dabei nicht müßig, ſie führte einen Beſen in kräftiger Hand und war emſig bedacht, den Boden des Saales von dem letzten Stäubchen zu befreien, das bei der früheren Säuberung etwa überſehen worden war. Der Saal war feſtlich geſchmückt und hatte ein eigenthümliches Ausſehen. Auf einer kleinen Eſtrade war ein Tiſch aufgeſtellt, mit blauweißem ſilberbefranz⸗ tem Ueberhang bedeckt, auf welchem Bücher, Schriften und allerlei gelehrte Werkzeuge, wie Erd⸗ und Himmels⸗ kugeln, Landkarten, Meßinſtrumente und phyſikaliſches Geräth, aufgehäuft waren; daneben zu beiden Seiten 3 ſtanden kleinere Tiſche und vor den Stufen der Er⸗ höhung waren mehrere Reihen von Stühlen bereit ge⸗ ſtellt, als ob auf derſelben eine Art Schauſpiel aufge⸗ führt werden ſollte. An den Wänden waren friſche Birkenſtämmchen aufgepflanzt, die ihre jungen hellgrünen Blättchen luſtig ſchwenkten und noch nicht fühlten, daß ſie von dem Safte der ernährenden Wurzel und dem belebenden Hauche des Waldes getrennt waren; da⸗ zwiſchen waren die Wände mit reichen Gewinden be⸗ hangen, zu welchen Alles beigetragen hatte, was in Wieſe und Wald im erſten Frühling Laub, Blume oder Blüte zu bieten vermag. Zu den dunkelgrünen ſaftigen Blättern der Stechpalme und dem jungen, hell⸗ grünen Eichenlaub hatten ſich die weißen Träubchen der Elſe und die Stachelzweiglein der Schlehe geſellt, mit eben aufbrechenden Blüten wie mit weißen Perlen⸗ reihen beſetzt; neben der gelben Wieſenranunkel leuch⸗ teten die rothangehauchten weißen Strahlenköpfchen der Wieſenanemone, Vergißmeinnichte, Schlüſſelblumen und frühe, kaum erſchloſſene Maiglöckchen drängten ſich zu üppigen Büſchen. Von der einen Seite des Saales ſchien die Sonne auf ſie, der Morgenwind ſtrömte herein und Blätter, Blumen und Blüten grüßten beide mit ihrem ſchönſten und ſüßeſten Athem und füllten den Raum mit einem ſolchen Strome von Licht und Farbe, 1* von Luft und Duft, daß man auf freier Waldwieſe zu ſein glaubte und es wohl begreiflich war, warum die Sängerin ihre Stimme ſo laut und vergnüglich erſchallen ließ. Sie ſang: „Die Impen trag'n ein Und es bauen die Schwalb'n, Auf den Bergen iſt's awer(trocken), Da fahrt man gen Alm!“ An Wort und Geſang ſchloß ſich eine jener eigen⸗ thümlich lieblichen Weiſen, vom Volk Jodler geheißen, in denen das freigewordene Gemüth in Tönen mit der eigenen Sehnſucht und Freude ſpielt. die Kammerfrau Jungfer Stauberin eingetreten; das laute Singen hatte ſie herbeigeführt. Ueberraſcht und entſetzt von ſolcher Kühnheit, blieb ſie auf der Schwelle regungslos ſtehen und auch die Zunge fand nicht ſo⸗ gleich Worte, ihrer Entrüſtung Ausdruck zu geben. Die Magd gewahrte ſie nicht und ſang luſtig fort: „Die Schwoagerin(Schwaigerin, Sennerin) jodelt, Es klingeln die Kalb'n: ei Herzl is krank, Hat ein' Schlag ſched(nur) ein halb'n!“ „Ja, was fällt Dir denn ein, Mirl“, rief die Während des Geſanges war haſtigen Schrittes 4 G 5 Stauberin,„daß Du in dem Saale ſchon in aller Früh zu plärren anfängſt?“ Die Mirl hörte ſie noch immer nicht oder ſtellte ſich wenigſtens ſo an; wie wenn es eine Antwort ſein ſollte, führte ſie mit noch lauterer Stimme ihren Ge⸗ ſang zu Ende: .„ und wenn i dahoam wär', Gang' i a(auch) mit gen Alm, Des wär für mei' Krankheit Die allerbeſt' Salm!“ „Mirl“, ſchrie die Stauberin jetzt in losbrechen⸗ dem Zorn,„ich frage Dich im Guten, ob Du gleich ſtill ſein willſt mit Deinem Gedudel? Du glaubſt wohl Du biſt daheim in Deinem Kuhſtall?“ „Nein“, rief die Magd luſtig entgegen, indem ſie mit dem Kehren inne hielt, ſich mit beiden Armen auf den Beſen ſtützte und der Störerin ein Paar Augen zuwandte, glänzend wie Kirſchen und braun wie die reifen Haſelnüſſe,„das glaub' ich nicht, aber in dem Saal, da ſchmeckt's ſo gut, wie wenn man z' Morgeſt (am Morgen) aus'm Kaſa tritt, und hallen thut's ſo ſchön, wie wenn man auf einer Bergleiten ſteht; da iſt mir auf ein' Augenblick g'weſen, als wenn ich daheim auf meiner Gindelalm ſtünd'.“ „Dummes Gerede“, ſchalt die Kammerjungfer. ———õ — ꝗ————ͤ „Wenn Du gar ſo ſehr an Deinen Kühen und Bergen hängſt, ſo hätteſt Du Dich nicht als Kehrerin an den Hof verdingen ſollen.“ „So?“ ſagte das Mädchen gelaſſen, indem ſie zugleich einen letzten prüfenden Blick auf die vollbrachte Arbeit und den Schmuck des Saales warf.„Will mir's merken für ein anders Mal. Was aber das Verdingen angeht, ſo hab' ich meine Schuldigkeit als Kehrerin noch allemal gethan, da wird's nicht ſo weit gfehlt ſein, meinet' ich, wenn ich die Sennerin net vergeſſen kann! Ich will's auch gar net vergeſſen, daß es die Jungfer nur weiß! Zuwegen was ſollt' ich's auch thun! Ich bleib' net meiner Lebtag da; noch ein halb's Jahr'l, und wenn wieder der Auswärts(Frühling) kommt, dann laſſ' ich Beſen Beſen ſein und geh' wie⸗ der heim in meine Berg'!“ „Da wundert mich nur, daß Du noch ſo lang warten willſt, bis Du wieder zu Deinen Melkkübeln kommſt! Was thuſt Du denn nachher in Deinen Ber⸗ gen, daß es Dich gar ſo zieht?“ fragte die Stauberin höhniſch. „Was ich thun werd'?“ erwiderte Mirl mit einer Verſchämtheit, die ihr bei der derben und rüſtigen Art ihres Weſens doppelt gut ließ.„Ha, Narr, das iſt eine dalkete Frage. Heirathen will ich! Und das von 5 8 7 wegen dem Warten, ſchau, das iſt ſo: ich bin ein armes Dirnl und mein Franzl iſt ein armer Bua, und wenn man uns auf d' Wag' leget', würd' g'wiß dasjenige hinziehn, das juſt einen Kreuzer im Sack hat. Wir hätten niemals zuſammenkommen können, ſo haben wir uns g'ſchwind entſchloſſen, daß wir auf eine Zeit aus⸗ einandergehn nnd uns was erobern wollen; der Franzl hat ſich zu der ſchweren Holzarbeit verdungen ins Tirol hinein und ich hab' mich nach ein' Dienſt umge⸗ ſchaut, der ein wengel mehr tragt als die Schwoagerei. Ich hab' mit dem Prälaten von Tegernſee g'red't, von dem eine Baſen Oberkehrerin iſt; die hat gemacht, daß ich bin angenommen worden. Jetzt geht mir an mein' Theil nicht mehr viel ab, ich hab' ſchier mein' ganzen Lohn erſparen können; der Franzl wird auch einen vollen Geldgurt mitbringen. Im Auswärts ſind die drei Jahr vorbei, die wir uns verſprochen haben, dann bringen wir ſo viel zuſamm', daß wir anfangen können und können uns a Hütt'n kaufen, nachher werd' i den Leut' am Hof nimmer im Weg umgehn mit mein’ G'ſang!“ „Was kümmern mich Deine Angelegenheiten?“ ſagte die Stauberin herriſch.„Das iſt Alles keine Entſchuldigung für Dein Betragen! Solange Du noch im Dienſt biſt, muß Ordnung ſein, und wenn Du den b —— Unfug nicht laſſeſt, wird man einen Herrn für Dich zu finden wiſſen!“ „So?“ ſagte Mirl und trat, den Beſen auf der Schulter, vor die zurückweichende Kammerfrau.„Das heißt auf deutſch, Du willſt mich verklagen? Meinſt nachher, i thät mich vor Dir fürchten? Die Frau Kur⸗ fürſtin—“ „So ſagt man nicht“, unterbrach ſie die Stauberin, „man ſagt: Ihre Majeſtät die Kaiſerin Amalie!“ „Ach was! Die Frau Kurfürſtin hat mich auf⸗ genommen“, rief Mirl,„und für mich bleibt ſie die Frau Kurfürſtin, wie ich die Bernhuber Mirl von Rottach bleibe, und wenn mich die Jungfer verklagt, dann wird mit der Frau Kurfürſtin auch noch ein Wörtl zu reden ſein. Die iſt ſelber eine Frau und wird gewiß ein Einſehn haben. Freilich, ſo ein altes einſchichtigs Leut' wie Sie, was weiß das davon, was ſich bei einem jungen, lebfriſchen Dirndl unterm Bruſt⸗ fleck rührt!“ Sie eilte hinweg; ſo ſehr ſie dazu Luſt hatte, machte die Kammerfrau trotz ihres Grimmes nicht nur keinen Verſuch, ſie aufzuhalten und für ihre Keckheit zu ſtrafen, ſie war ſogar froh, daß dieſelbe nicht län⸗ ger blieb, denn in der geöffneten Thür war neben der Verſchwindenden das ſüß lächelnde Antlitz des Ober⸗ 9 kammerdieners Duſchl ſichtbar geworden. Sie erſchrak bei deſſen Anblick; wie ein plötzlicher Inſektenſtich durch⸗ zuckte ſie der Gedanke, daß er die letzten Worte der entrüſteten Bauerdirne vernommen haben könnte: mit verlegenem Lächeln ſuchte ſie in den Mienen des näher Tretenden darüber Aufſchluß zu finden und ath⸗ mete getröſtet auf, als er ſie völlig unbefangen und voll der gewohnten Zärtlichkeit begrüßte, wenngleich einem minder befangenen Auge ein ſpöttiſches Zucken ſeiner Mundwinkel kaum entgangen wäre. „Nun, mein verehrteſter Herr Oberkammerdiener“, rief ſie ihm entgegen,„kommt Er mir Nachricht zu bringen? Hat Er meinen Auftrag ausgeführt?“ „Auf das vollſtändigſte“, entgegnete er.„Könnte die liebwertheſte Jungfer wirklich daran zweifeln, ob ich einen Auftrag, den Sie mir gegeben, ausführen werde? Wäre es auch nicht um des Preiſes willen, den Sie darauf geſetzt hat, ſo würde ich das Unmögliche vollbringen, blos um Ihr meine Bereitwilligkeit zu bezeigen!“ „Und wie iſt es Ihm ergangen?“ fragte ſie, in⸗ dem ſie verſchämt die Augen niederſchlug und ſich an⸗ ſtellte, als habe ſie nicht gehört, was er von dem Preiſe erwähnte.„Hat Er das Erwartete erhalten?“ „Erlaube die Jungfer, daß ich Ihr Alles aus⸗ führlich erzähle“, ſagte Duſchl.„In dieſem Saale hat 10 bis zum Beginne der Feierlichkeit Niemand mehr etwas zu thun, wir ſind daher hier vollkommen ungeſtört. Ich ging alſo, wie die Jungfer mir befohlen, dieſen Morgen in aller Frühe an die Mainbrücke hinaus— und hielt mich, als wenn ich blos ſpazieren ginge, in der Nähe, bis die Uhr auf dem Dome aushob, die achte Stunde zu ſchlagen. Genau mit dem vierten Schlage, wie Sie mir befohlen, ſtand ich über dem zweiten Schwibbogen und ſah in das Waſſer hinunter, indem ich zugleich mit meinem Meſſerlein, ebenfalls nach Ihrer Vorſchrift, in die Steinbrüſtung kritzelte. Kaum hatte ich mich dort eingefunden, als ich bemerkte, daß ſich etwas neben mir zu regen anfing, und als ich ſeitwärts hinüberſchielte, gewahrte ich einen Mann in Salzburger Bauerntracht, der ſich auch auf die Brüſtung lehnte und einen Augenblick hinunterſah, als wenn er die Schiffe und den hochgehenden Main betrachten wollte. Dann bückte er ſich und neſtelte an ſeinen ſchwarzen Pluderhoſen herum, als ob ihm das Knie⸗ band daran los geworden wäre, band es dann wieder feſt und ging, ohne mich zu beachten, ſeiner Wege. Auf dem Boden aber war ein ganz kleines Streifchen liegen geblieben, das er in ſeinem Kniegürtel einge⸗ wickelt gehabt hatte. Ohne mich zu regen, ſetzte ich behutſam den Fuß darauf, bückte mich nach einer Weile 11 und hob den Streifen auf, den ich, nachdem ich mich überall vorſichtig umgeſehen, gleichgültig in die Taſche ſteckte.“ „Und wo, wo iſt der Streifen?“ fragte die Stau⸗ berin haſtig.„Und was ſteht denn darauf?“ Der Kammerdiener zog ein wie ein Briefumſchlag zuſammengelegtes Papier aus der Bruſttaſche und fal⸗ tete es auseinander. „Nein, das iſt nicht das Rechte“, ſagte er dann, „das iſt ein Brief, den ich heut' Morgen geſchrieben und ſo eben fortſchicken wollte. Hier iſt der rechte Umſchlag“, fuhr er fort, indem er ein anderes ähn⸗ liches Papier und aus dieſem einen ſchmalen, etwa fingerlangen Pergamentſtreifen hervorholte.„Hier iſt er, aber was er enthält, kann ich der Jungfer nicht ſagen; es ſteht gar nichts darauf als ſogenannte Chiffern, geheime Zeichen, die Niemand leſen kann, als wer den Schlüſſel dazu beſitzt. Ich bin gewiß nicht neugierig“, fuhr er fort, indem er das Perga⸗ ment hin und her drehte,„aber das geſtehe ich, daß ich ſehr begierig wäre zu erfahren, was dieſer Zettel enthält und woher er kommt. Es muß etwas ganz Außerordentliches ſein, das zeigt ſchon die geheimnißvolle Art, wie er hierher gebracht wurde. Weiß denn die Jungfer gar nichts Näheres darüber?“ 42 „Nicht mehr, als ich Ihm ſchon geſagt habe“, er⸗ widerte ſie,„und das war Wort für Wort Alles, was die Kurfürſtin mir mitgetheilt hat. Sie wollte, daß ich ſelbſt auf die Brücke gehen ſollte; es betreffe ein wichtiges Geheimniß, ſagte ſie, von dem Niemand eine Ahnung haben dürfe und das ſie nur mir anvertrauen könne. Sie muß auch um Alles in der Welt bei dem Glauben bleiben und darf nie erfahren, daß ich Ihm davon geſagt und daß Er die Güte gehabt hat, den Gang für mich zu machen.“ „Sie wird's nie erfahren“, ſagte Duſchl, indem er ihr zärtlich die Hand drückte.„Wenn ſie es aber auch wüßte, was könnte ſie darin für ein ſo großes. Unrecht finden? Sind wir nicht Brautleute? Werden wir nicht in ein paar Wochen vor den Altar treten, um jenen Bund zu ſchließen, durch welchen wir Mann und Weib, alſo, wie das Sprichwort ſagt, eine Seele und ein Leib werden? Sollte es mir als Ihrem Bräu⸗ tigam nicht erlaubt ſein, einen ſolchen Gang für Sie zu machen? Aber kann Sie ſich denn auf gar nichts weiter beſinnen? Auf kein hingeworfenes Wort? Keine Anſpielung?“ „Auf gar nichts! Die Kaiſerin ſagte mir nicht mehr, als Er ſchon weiß“, wiederholte die Stauberin. „Aber damit ich ihr glauben machen kann, ich ſei ſelbſt 13 auf der Brücke geweſen, muß Er mir den Mann mit dem Zettel doch etwas genauer beſchreiben.“ „Da iſt nicht viel zu beſchreiben“, ſagte Duſchl lachend.„Sie darf nur ſagen, daß es ein Salzburger Bauer war. Er hatte ſchwarze, um die Kniee gebundene Pluderhoſen, blaue Strümpfe, ſchwere Schuhe an der untern Halbſchied ſeines Körpers, an der obern aber einen rothen Bruſtfleck, eine Lodenjacke ohne Kragen darüber und auf dem Kopfe einen weißen ſpitzigen Filzhut mit einer ganz ſchmalen Krempe. Der Kerl ſah lächerlich genug aus, grade als wenn aus irgend einer Komödiantenbude der Hanswurſt davongelaufen wäre! Aber wie iſt es nun, liebwertheſte Jungfer?“ fuhr er fort, indem er ihr den Arm um die Hüfte legte.„Ich habe Ihren Auftrag zur Zufriedenheit voll⸗ führt und darf alſo als getreuer Diener auch den Preis fordern, den die liebwerthe Jungfer mir ver⸗ heißen?“ „Ach geh' Er doch“, ſagte ſie ſchwach wider⸗ ſtrebend.„Er wird das doch nicht für Ernſt genommen haben?“ „Gewiß“, rief Duſchl, indem er ſie an ſich zog, „ich habe es ſehr für Ernſt genommen. Die lieb⸗ wertheſte Jungfer hat mir den erſten Kuß verſprochen und wird mir gewiß nicht zürnen, wenn ich hiermit 14 das, was mir gehört, von dieſem holdſeligen Mündlein einheimſe!“ Sie erwiderte nichts und leiſtete keinen Wider⸗ ſtand, auch als er ſie nicht ſo raſch aus den Armen wieder losließ, als für einen Kuß nothwendig geweſen wäre. „Ich habe die Bitte der Jungfer erfüllt“, begann er ſchmeichelnd wieder,„jetzt wird die Jungfer gewiß auch die Liebe haben, mir eine Bitte zu erfüllen, nicht wahr?“ „Und was wäre das für eine Bitte?“ ſagte ſie unſicher. „Eine Kleinigkeit! Ich möchte gar zu gern erfahren, was auf dem Zettel geſchrieben ſteht. Könnte mir die Jungfer nicht dazu verhelfen? Das iſt offenbar eine Geheimſchrift, und da der Zettel für die Kaiſerin be⸗ ſtimmt iſt, muß ſie auch den Schlüſſel dazu haben.“ „Ich verſtehe das nicht recht“, entgegnete die Stauberin,„aber gerade fällt mir ein, daß ich ſchon öfter in ihrer Schatulle ein Blatt liegen ſah— ich habe nie darauf geachtet, aber jetzt, weil Er davon ſpricht, kommt es mir vor, als wenn darauf gerade ſolche Zeichen und Haken geſchrieben wären.“ „Das iſt der Schlüſſel! Es iſt kein Zweifel!“ rief Duſchl in freudiger Haſt.„O wenn die Jungfer mir 15 den verſchaffen könnte, würde ich es ihr mit ewiger Zärtlichkeit vergelten! Nur auf ein paar Minuten. Es ſtehen ja kaum zwanzig Worte auf dem Zettel, die ſind bald geleſen! Könnte die Jungfer nicht unbe⸗ merkt zu der Schatulle kommen?“ „Nein, nein, das darf ich nicht“, ſagte die Stau⸗ berin erſchreckt.„Das wäre unrecht.“ „Warum darf Sie es nicht?“ fragte Duſchl mit eindringlichem Flüſtern und zog ſie wieder an ſich. „Gehöre ich denn nicht auch zum Hauſe? Bin ich nicht einer der vertrauteſten, treueſten Anhänger und Diener? Nachdem ich nun doch ſchon einmal in das Geheimniß zum Theil eingeweiht bin, was liegt daran, wenn ich das Ganze erfahre? Beſinne Sie ſich nicht lange. Erin⸗ nere Sie ſich an das, was ich Ihr geſagt: was wir ausrichten können, wenn wir zuſammenhalten. Das iſt ein herrlicher Anfang! Wie wäre es, wenn Sie gleich jetzt nach dem Schlüſſel ſuchte? Iſt es nicht die Stunde, in der die Kaiſerin gewöhnlich die Morgen⸗ andacht verrichtet?“ „Freilich“, entgegnete ſie,„und damit wird ſie noch vor einer Stunde nicht fertig; ſie iſt eben erſt in die kleine Hauskapelle gegangen, die ſich neben ihrem Schlafzimmer beſindet, ich könnte ſonſt nicht ſo lange wegbleiben. Der Schlüſſel zu der Schatulle, ſo denke 16 ich, wird wohl zu finden ſein“, fuhr ſie nachdenkend fort.„Sie hat denſelben immer im Schreibſchrank eingeſperrt, aber wie ich vorhin daran vorüberging, war der Schreibkaſten offen, und wenn ich mich nicht geirrt habe, ſo iſt auch an der Schatulle der Schlüſſel geſteckt.“ „Nun alſo“, drängte Duſchl,„ſo beſinne Dich nicht länger, meine Liebe, der Zufall ſelber begünſtigt uns; gib mir dieſen Beweis Deiner Liebe, mein hold⸗ ſeliger Schatz- bald, ach ja recht bald, mein theuerſtes Ehegeſpons!“ Er umſchlang und küßte ſie mit einem Feuer, vor welchem ihre Kraft wie Wachs zerging. „Ich ſollte es nicht thun“, ſagte ſie ſeufzend,„aber ich kann Ihm nichts abſchlagen. Bleib' Er da, ich will ſehen, ob ich das Blatt finde, und will es Ihm brin⸗ gen. Er muß es mir aber gleich wieder zurückgeben, damit ich es, ehe die Kaiſerin aus der Kapelle kommt, wieder an den Platz gelegt habe und ſie nichts merkt. Ich weiß gar nicht, wie Er das anfängt“, ſagte ſie, ſich losreißend, mit verliebtem Blick,„aber ich muß Alles thun, was Er haben will!“ „Das will ich auch hoffen“, murmelte er ihr zwi⸗ ſchen den Zähnen nach.„Und wenn es nicht wäre, würde ich dafür ſorgen, daß Du es bald lernſt! Die 17 Närrin denkt wohl, das Gethu wird immer ſo fort⸗ gehen, auch wenn wir verheirathet ſind?“ Er lachte laut auf und ſah ſich dann betroffen um, ob er von Niemand belauſcht worden.„Vortrefflich“, murmelte er, die Hände reibend.„Welch glückliches Ereig⸗ niß! Welcher Zufall, daß ich eben den Brief an den Feldmarſchall geſchrieben und unterbrochen wurde, ehe ich ihn geſchloſſen; nun kann ich vielleicht gleich noch eine wichtige Neuigkeit hinzufügen. Der Zettel enthält jedenfalls etwas Außerordentliches, für gewöhnliche Dinge hätte man wohl keine ſo eigenthümlich ausge⸗ dachte Art und Weiſe der Beſtellung gewählt.“ Die wiederkehrende Kammerfrau unterbrach ihn. Sie huſchte geräuſchlos heran wie ein verſcheuchtes Geſpenſt und auch bleich wie ein ſolches; die Furcht vor der Entdeckung und das Bewußtſein des began⸗ genen Unrechts machte ihr den Athem ſtocken und trieb das Blut aus den Wangen zurück. „Hier iſt das Blatt“, ſtammelte ſie;„der Schlüſſel iſt richtig an der Schatulle geſteckt. Aber nun mach' Er ſchnell, um Gotteswillen! Mir ſteht das Herz ſtill vor Angſt.“ „Gebe Sie her“, rief der Kammerdiener,„und ſtelle Sie ſich an die Thür, damit uns Niemand über⸗ raſcht.“ Schmid, Concordia V. 2 18 Schnell war er auf die Eſtrade an einen der Tiſche geeilt, hatte mit flüchtigem Auge die Zeichen des Pergamentſtreifens mit denen des andern Blattes verglichen und mit flüchtigem Stift dem Briefe an den Feldmarſchall hinzugefügt. Er war zu Ende, als die Stauberin mit ſchreckgedämpfter Stimme ihm zurief, daß ſich Geräuſch an der Treppe hören ließe. Lautlos und mit angehaltenem Athem eilte er von der Eſtrade herab, ſteckte den Pergamentſtreifen in den Umſchlag und reichte ihn der Zitternden mit dem Zeichenblatt, das ſie ihm gebracht, und war mit einem Winke des Schweigens verſchwunden; verwirrt, faſt ſinnlos ge⸗ horchte dieſe und verſchwand in den Gemächern der Kaiſerin. Duſchl flog der Wohnung des Kaiſers zu, er hoffte ſie zu erreichen, ehe ſeine Abweſenheit bemerkt und er von ſeinem Gebieter vermißt worden war. Er kam eben recht, drei Männern zu begegnen, die, in der Thorhalle des Hauſes ſtehend, unſchlüſſig umherblickten, wohin ſie ſich wenden ſollten; der Pförtner hatte eben ſein kleines Fenſterchen geöffnet und wollte mit ihnen zu verhandeln beginnen. Die Männer waren von einfachem, aber entſchiedenem Anſehen; die Tracht bezeichnete ſie als friedliche Bür⸗ ger, aber in Haltung und Auftreten lag etwas, als wenn ſie Kriegsleute wären und Büchſe oder Säbel 49 nur für eine Weile abgelegt hätten. Der älteſte Mann mit kurz geſchorenen weißen Haaren ſah aus, als wäre er gewohnt, die Pickelhaube darüber zu ſtülpen; von den beiden jüngeren blickte der eine, eine hohe ſehnige Geſtalt mit ſcharf geſchnittenem Geſicht, mit dem Aus⸗ drucke der Ueberlegung und lauernder Liſt umher, während der andere, ein lebhafter Mann von kurzem, unterſetztem Körperbau, gedrungenem, faſt eckigem Kopfe und feurigen Augen in demſelben zu raſcher That und muthigem Angriff geneigt und gerüſtet ſchien. „Was wollen die Herren?“ fragte Duſchl mit einem Tone, als wenn er ſie nicht in der gepflaſterten Ein⸗ fahrt, ſondern auf dem Parquetboden des kaiſerlichen Vorſaals empfinge. „Ich hab's dene Herre ſchon geſeecht, daß es nichts iſt mit dem, was ſie wolle“, ſagte der Pförtner in echteſter Frankfurter Mundart,„aber ſie wollen's nicht glaube und wolle partout hinauf zur kaiſerlichen Majeſtät.“ „Da bedaure ich allerdings“, ſagte Duſchl;„wenn die Herren dieſe Abſicht haben, muß ich Ihnen ſagen, daß Sie ſich vergeblich bemüht haben.“ „So? Macht nichts“, erwiderte der Aeltere.„Wenn wir jetzt gerade nicht gelegen kommen, ſo geſchieht's wohl ſpäter. Der Herr wird uns am beſten ſagen 2*½ 20 können, wann wir am leichteſten zum Kaiſer kommen. Er iſt wohl vom Hof, der Herr— ich weiß nicht, wie man ihn tituliren ſoll?“ „Sie haben ſich allerdings an den rechten Mann gewendet“, ſagte Duſchl mit überlegenem Lächeln. „Wenn Sie zum Kaiſer wollen, kann Niemand beſſer Beſcheid geben als ich— ich bin der Oberkammerdiener Duſchl. Eben deshalb muß ich wiederholen, daß Sie ſich umſonſt bemühen; Seine Majeſtät empfangen Nie⸗ mand, Sie ſind leidend.“ „Mache uns der Herr Kammerdiener nichts vor“, ſagte der Aeltere halb gutmüthig, halb unwillig.„Wir haben nns wohl ſelber gedacht, daß wir nicht ſo gerade zum Kaiſer hineinlaufen können, aber reden müſſen wir mit ihm, und weil der Herr uns doch Seinen Namen ſpendirt hat, wollen wir erkenntlich ſein und es auch thun. Ich bin der Weißgerber Einſiedler von Strau⸗ bing, der hagere Mann da iſt der Färbermeiſter Luck⸗ ner von Cham und der dritte der Gerichtsdiener Gſchray von Mitterfels. Wir haben dringend mit der Maje⸗ ſtät zu reden, können doch die große Reiſe nicht um⸗ ſonſt gemacht haben, das ſieht der Herr Kammerdiener wohl ein!“ „Oberkammerdiener, wenn ich bitten darf“, ſagte dieſer.„Gleichwohl iſt es nicht möglich, die Herren zu 21 melden, ich habe die ſtrengſten Befehle! Es können einige Wochen vergehen, bis eine Aenderung eintritt, das Befinden Seiner Majeſtät iſt von der Art—“ Der alte Einſiedler runzelte die Stirn. „Sei der Herr Oberkammerdiener ſo gut und binde Er uns keinen Bären auf. Wir haben vor einer Viertelſtunde gleich nebenan koſtbare Wagen ſtehen ſehen und haben ſie betrachtet, weil ſie ſo ſchön und prachtvoll ſind; wir haben gefragt, wem ſie wohl ge⸗ hören, und da hat es geheißen, ſie gehören dem Kaiſer, und wenn wir den Kaiſer vielleicht ſehen wollten, ſoll⸗ ten wir ein halbes Stündlein warten, dann könnten wir ihn ausfahren ſehen; das Befinden kann alſo nicht ſo ſchlimm ſein, als Er es macht.“ „Das verſteht Er nicht, mein lieber Mann“, ent⸗ gegnete Duſchl von oben herab.„Die Majeſtät fährt allerdings aus, aber nur einer ganz beſondern Veran⸗ laſſung wegen. Seine kaiſerliche Hoheit Kurprinz Maximilian haben ihre Studien vollendet und werden heute vor der ganzen Familie und dem geſammten Hofe eine feierliche Prüfung beſtehen. Trotz ſeines Unwohlſeins werden Seine Majeſtät bei dieſem Fa⸗ milienfeſte erſcheinen, ſind aber ſonſt für Niemand ſichtbar.“ „Hilft Alles nichts, Herr Kammerdiener—“ 22 „Oberkammerdiener!“ ſchaltete Duſchl ärgerlich ein. „Alſo Herr Oberkammerdiener, wenn's durchaus ſo ſein muß“, fuhr Einſiedler fort,„das thut Alles nichts! Deswegen wird der Herr Oberkammerdiener uns doch bei Seiner Majeſtät anmelden, wird ihm ſagen, daß drei von ſeinen Landskindern, drei Bürger aus Baiern da ſind, die mit ihm reden wollen und reden müſſen. Wenn ihm der Herr Oberkammerdiener ſagt, daß es Baiern ſind, die mit ihrem Kurfürſten reden wollen, da wird er uns gewiß anhören, wir gehören auch zur Familie!“ „Ich wage das um ſo weniger“, ſagte Duſchl kühl, „als ich nicht weiß, was die Herren von der Majeſtät wollen. Ich kann mir es zwar denken, ſie werden ihn mit Klagen über die Kriegsnoth in Baiern, mit Bitten und Beſchwerden beſtürmen wollen—“ „Was wir wollen, das werden wir demjenigen ſchon ſagen, den es angeht“, rief Einſiedler derb,„dazu brauchen wir kein Sprachrohr und keinen Zwiſchen⸗ träger, ob es nun ein Ober⸗, Unter⸗ oder Nebenkammer⸗ diener iſt! Und wenn uns der Herr nicht melden will, auch recht, dann wird Er ſehen, daß wir auch ohne Ihn unſer Ziel erreichen! Wenn es jetzt nicht gut ſein kann, was ja möglich iſt, dann fragen wir wieder an, daß wir aber zum Kurfürſten kommen, darauf kann 23 ſich der Herr Oberkammerdiener verlaſſen, ſo gewiß als der Regen naß macht. Wo ein Baier durch will⸗ da kommt er auch durch!“ Die Bürger wendeten ihm den Rücken und ver⸗ ließen die Thorhalle. „Na, höre der Herr Oberkammerdiener“, ſagte der Pförtner,„wenn alle Seine Landsleute ſolche grobe Bären ſind, dann wundere ich mich nur, wie die Oeſterreicher mit ihnen fertig geworden ſind!“ „Ja, die meiſten ſind nicht anders“, ſagte Duſchl achſelzuckend,„ſie ſchreien viel, aber es bleibt meiſt auch beim Schreien. Der Herr kann ſich gar nicht vorſtellen, wie hart man ſich manchmal in einer Stel⸗ lung wie die meinige mit ſolchen Leuten thut! Wenn ich ſie nun gemeldet hätte, was werden ſie wollen? Gewiß nichts Anderes, als Majeſtät die Leiden vorlamentiren, die ſie im Krieg ausgeſtanden, und ihn drangſaliren, daß er Frieden machen ſoll. Solche Sachen muß man dem allergnädigſten Herrn erſparen. Aber wie iſt's, Herr Haushofmeiſter“, fuhr er ablenkend fort,„ſind die Ausfertigungen aus der Hofkanzlei ſchon da?“ „Jawohl“, ſagte der durch den Titel geſchmeichelte Portier,„da liegt ſchon Alles bereit, jeden Augenblick kann der Taxiſche Poſtbote kommen und die Sachen abholen.“ „Dann lege Er dieſes Schreiben auch dazu“, ſagte 24 Duſchl leichthin, indem er ſeinen Umſchlag aus der Taſche zog.„Vielleicht hat Er eine Oblate zum Verſchließen?“ „O wie werden der Herr Oberkammerdiener mit einer gemeinen Oblate verſchließen!“ rief der Pförtner eifrig.„Ich werde gleich Licht machen. Hier iſt Siegellack und auch ein Petſchaft, wenn Sie allenfalls keins zur Hand haben ſollten.“ Der Oberkammerdiener ließ ſich die Vorbereitungen ſtillſchweigend gefallen, ſiegelte das Schreiben und warf es ihm dann gleichgültig zu, indem er ſich mit gnädigem Kopfnicken entfernte. Der Pförtner hielt den Brief in der Hand, betrachtete ihn neugierig und las: An Seine Excellenz, den Herrn Grafen Törring⸗ Jettenbach, kaiſerlichen Feldmarſchall. „Hm, hm, was der Oberkammerdiener nur immer an den zu ſchreiben haben mag! Ich bin nur ein ge⸗ meiner Mann und verſtehe nichts von ſolchen Sachen, aber ich kann mir nicht helfen, der Herr Oberkammerdiener thut gar ſo zuckerſüß, da muß etwas nicht richtig ſein!“ Der gemeine Mann hatte diesmal vollkommen Recht, ſein Gefühl hatte ihn ganz richtig geleitet, die Ueber⸗ höflichkeit des Dieners hatte ihre geheimen Gründe. Graf Törring in ſeiner Leidenſchaft, als ein zweiter Prinz Eugenius die Schlachten ſeines Herrn und Ge⸗ bieters zu ſchlagen, war von der Gewißheit ſeines end⸗ 25 lichen Sieges ſo innig überzeugt, daß er nichts mehr befürchtete, als daß der Kaiſer einmal, durch ſeine wachſende ſchlimme Lage erſchreckt, plötzlich Frieden machen und ihn ſo um den Abſchluß ſeiner Feldherrn⸗ laufbahn bringen könne. Hatte doch Friedrich von Preußen durch den Frieden, den er ſo unerwartet mit Maria Thereſia wegen Abtretung Schleſiens zu Breslau geſchloſſen, ein verlockendes Beiſpiel gegeben! Es war ihm daher Alles daran gelegen, ſtets genaue Kenntniß von Allem zu haben, was am Hofe vorging, und jederzeit zu wiſſen, welche Perſonen ſich an demſelben zeigten und geltend zu machen ſuchten. Dazu konnte er nicht leicht eine beſſere Perſönlichkeit finden als den Oberkammerdiener, welcher das unbedingte Zutrauen des Kaiſers beſaß und vor dem dieſer, wenn er ihm auch keine unmittelbaren Mittheilungen machte, doch nichts zu verbergen ſuchte. Ueberdies war er, zumal bei der Kränklichkeit des Kaiſers, beinahe immer um denſelben und hatte alſo volle Gelegenheit, jeden Wech⸗ ſel in der Stimmung ſeines Herrn wie ſeiner Um⸗ gebung zu beobachten; auch beſaß er die beſondere Geſchick⸗ lichkeit, ſich immer den Anſchein zu geben, als habe er nur Aug' und Ohr für ſeinen Gebieter, beſitze für alles Andere aber weder Sinn noch Verſtändniß. Der Graf hatte nicht gegeizt, ſich den habgierigen Diener will⸗ 26 fährig zu machen und zugleich ſeine ſchwachen Bedenk⸗ lichkeiten zu beſchwichtigen; er überzeugte ihn bald, daß das, was er von ihm verlange, im Grunde doch nur für ſeinen Herrn und zu deſſen Beſtem geſchehe, ſowie daß er ihm auf dieſe Weiſe insgeheim beſſer diene, als er es offen jemals im Stande wäre. So hatte er denſelben beſtimmt, ihm fortlaufend Alles, was am Hofe vorging, zu berichten und namentlich mit ſcharfem Auge zu beobachten, wenn es verſucht werden ſollte, den Kaiſer zum Frieden zu bewegen. Des Mar⸗ ſchalls Loſung war Krieg um jeden Preis, Krieg ſo lange, bis er als Sieger den Frieden dictiren könne! Bis dahin ſollte jeder dahin zielende Einfluß vom Kaiſer fern gehalten und Perſonen, die in dieſem Sinne zu wir⸗ ken gedachten, wie nur immer möglich, beſeitigt werden. Als Duſchl das Vorgemach erreichte, flog ihm einer der aufwartenden Lakaien mit der Meldung ent⸗ gegen, Majeſtät habe bereits zweimal geklingelt; als er das Gemach betrat, lag eine Wolke des Unwillens auf der Stirn des Fürſten. „Verzeihung, Majeſtät“, ſagte er mit einer Geberde der demüthigſten Unterwerfung,„ich glaubte nicht, daß Sie ſchon ſobald die Ruhe unterbrechen würden, die Ihnen ſo wohlthätig iſt. Ich hatte mich im Vertrauen darauf nur ein paar Augenblicke entfernt, um im Pa⸗ —— 27 lais Ihrer Majeſtät der Kaiſerin nachzuſehen, ob der Saal zu der Feierlichkeit, welche heute dort vorgehen ſoll, hergerichtet ſei.“ „Die Prüfung meines Sohnes meinſt Du?“ ſagte Karl Albert etwas beſänftigt, während der Kammer⸗ diener ſich anſchickte, ihn anzukleiden und ihm die Haare zu ordnen.„Wie kommſt Du dazu?“ „Ich weiß ſehr wohl“, ſagte Duſchl ſich entſchul⸗ digend,„daß das eigentlich nicht meines Amtes iſt, aber ich weiß auch, wie ſehr Majeſtät gerade dieſe Feierlichkeit am Herzen liegt, und habe daher nicht zu fehlen geglaubt, wenn ich auch für meinen Theil dazu beitrüge, daß dieſelbe ganz nach Wunſch von ſtatten geht.“ „Es iſt gut, ich kenne ja Deine Ergebenheit“, er⸗ widerte der Kaiſer freundlich.„Iſt Alles gehörig vor⸗ bereitet?“ „Ich glaube, die Ausſchmückung des Saales läßt ichts zu wünſchen übrig“, ſagte Duſchl,„Majeſtät werden gewiß zufrieden ſein und Freude erleben an dem Feſte. Ach, ich wünſche ja nichts ſo ſehr, als daß Majeſtät wieder an etwas Freude haben bei dem vielen Unangenehmen, das auf Sie einſtürmt.“ „Laſſe das“, unterbrach ihn der Kaiſer;„wer auf einem Berge ſteht, muß ſich daran gewöhnen, daß ihn der Wind nach allen Richtungen umſtürmt!“ „Ich glaube das gern“, ſagte der Kammerdiener beſcheiden,„ich ſollte ſollte ſo etwas vielleicht gar nicht ſagen, aber mir iſt es einzig um Eurer Majeſtät koſt⸗ bare Geſundheit zu thun! Majeſtät ſind immer leidend; Ruhe wird Ihnen gut thun, und wo ſoll Ruhe her⸗ kommen, ſolange nicht Frieden iſt! Und zum Frieden“, ſetzte er ſeufzend hinzu,„iſt wohl leider keine Ausſicht?“ Er ſagte das im Tone der ergebenſten Sorge, aber ſein Blick weilte lauernd auf dem Angeſichte des Fürſten, ob ſich nicht ein Wunſch des Friedens in demſelben auspräge. „Nein, dazu iſt keine Ausſicht“, ſagte der Kaiſer ernſt.„Ich erinnere mich, in Rom ein berühmtes an⸗ tikes Bildwerk geſehen zu haben, das mir ſehr gefiel, deſſen Bedeutung ich freilich damals nicht wie jetzt begriff. Es war ein Krieger, der tödtlich getroffen und ſeines Todes gewiß ſich noch auf dem einen Knie aufrecht hält, feſt entſchloſſen, ſein Schwert nur mit dem letzten Athemzuge ſinken zu laſſen. Ich komme mir manchmal vor wie ein ſolcher Krieger. Ich kämpfe einen Kampf ohne Sieg und darum ohne Ende und der Friede wird ſich einmal mit und über meinem Grabe von ſelber ſchließen.“ Der Anzug des Fürſten war bald beendigt; Duſchl entfernte ſich auf ſeinen Wink und ließ ihn mit ſeinen — 29 Gedanken allein. Es hätte eines ſolchen Winkes nicht bedurft, denn der aufmerkſame Diener wußte, daß der einſt ſo geſellige und lauten Freuden geneigte Fürſt ſeit geraumer Zeit kein anderes Vergnügen kannte als Einſamkeit. Der Lauf der Ereigniſſe hatte ihn über ſich und ſeine gewohnte Umgebung gehoben, aber auf der Höhe ſtand er allein. Er ſah ſein Reich und die Welt unter ſich wie ein weites, unüberſehbares Land; da ſprangen Quellen des Segens und Reichthums von jedem Hügel und quollen aus jeder Tiefe, aber über all dem Reich⸗ thum fehlte die waltende Hand. Dämme hemmten den Lauf der Quellen; an den Felſen brandeten die Ströme vergebens empor, undurchdringliche Bannwälder warfen kalte Schatten auf die Flur und ſtauten die Fluten, daß ſie zu unfruchtbarem See anwuchſen, die Ufer aber allmälig nach allen Seiten hin zum Sumpfe wurden. Luft, Licht und Freiheit thaten noth, damit Alles, was da wuchs und ward, ſich frei entfalten und regen konnte. Er erkannte den Grund dieſes Unſegens, er ſah, welche Wege gebahnt, welche Schranken gebro⸗ chen werden mußten, aber mit der Erkenntniß ſah er auch, welche Hinderniſſe entgegenſtanden, ſah, daß Berge umgegraben, Felſen geſtürzt und Meere abgeleitet wer⸗ den mußten, und er fühlte, daß dazu mehr als ein 30 Menſchenleben gehörte, er fühlte, daß ihm die Kraft dazu gebrach! Er hatte ein Werk unternommen, dem er nicht gewachſen war, eine Laſt zu heben geſucht, die ihn niederdrückte, und diejenigen, die verſprochen hatten, ihm Arm und Nacken zu leihen, im Tragen und Wirken ihm behülflich zu ſein, ſtanden und lagen wie zerbrochene oder unverläſſige oder unbehülfliche Werkzeuge zu ſeinen Füßen. Gleichwohl hatte er mit⸗ ten in der Trübſal gute gehobene Stunden, in denen, wenn auch oft verſcheucht, immer wieder der Gedanke in ihm auftauchte, auch allein und ohne fremde Hülfe an die Löſung der großen, das ganze Leben ausfüllen⸗ den Aufgabe zu gehen, nach der er ſich geſehnt; wenn er einmal die Macht beſaß, durch deren Gebrauch ſich ihrer würdig zu bewähren; aber um das zu können, mußte er erſt freie Hand haben, mußte er als wirklich anerkannter Herr und Herrſcher im Reiche daſtehen, und dieſe Macht war es eben, die man ihm beſtritt mit aller Erbitterung des Haſſes, allem Grimme des unverſöhnlichſten Neides. Aus dieſem Streite als Sieger hervorzugehen, mußte daher ſein nächſter Gedanke ſein; aber die Hoff⸗ nung, ihn zu verwirklichen, war, wenn nicht völlig ge⸗ brochen, ſo doch bis ins Mark geknickt, einer Ranke gleich, die nur mit einigen ſchwachen Fäden an dem 31 Pfahle haftet, der ihr zur Stütze dienen ſoll, ſich aber ſelbſt morſch und gebrochen zu Boden ſenkt. Die Kränklichkeit, die ihn in voller Kraft ſo plötzlich über⸗ kam, hatte ſeine Thatkraft gelähmt und dem ſinnenden und brütenden Zuge ſeines Weſens das Uebergewicht gegeben. War er ſelbſt die Pflanze, äußerlich gebeugt und innerlich durch ſein ſtetes Leiden verkümmernd, ſo war der Stab, der ihm zur Stütze dienen ſollte, die Hülfe ſeiner Verbündeten, nicht minder bedenklich und ſelbſt dem Falle nahe. Daß König Friedrich von Preußen nach der Schlacht von Chotuſitz eigenmächtig und ohne Rückſicht auf ſeine Verbündeten um den Preis von Schleſien mit Maria Thereſia Frieden ge⸗ ſchloſſen und ſich vom Kriege zurückgezogen, hatte die Wirkung einer auffliegenden Pulvermine gehabt und das ganze auf trügeriſchem Boden aufgeführte Gehäude ſeiner Hoffnungen in ſich ſelbſt zuſammengeſtürzt. Die Königin von Ungarn, dadurch von dem mächtigſten ihrer Gegner befreit, konnte nun ihre ganze Macht gegen Baiern und die franzöſiſchen Hülfsvölker kehren und machte davon auch ebenſo ſchnellen als glücklichen Gebrauch. In wenigen Wochen hatte ſie Böhmen bis auf einige feſte Plätze wiedererobert; noch raſcher war das ganze Baiernland von ihren Heeren überſchwemmt, die Hauptſtadt gefallen, das platte Land widerſtands⸗ 32 los in ihrer Gewalt und die geprieſene unerſchöpfliche Kraft des Landes in eine Vorrathskammer verwandelt, aus der ihre Soldaten ſich üppig ernähren, anſehnlich bereichern und doch noch unzähliges Gut der Vernich⸗ tung weihen konnten. Zerſtörung waltete überall; hieß es doch, daß man in Oeſterreich zwar nicht glaube, das Land für immer beſitzen und behalten zu können, daß aber eben deswegen von Wien aus der geheime Befehl ergangen ſei, Land und Volk von Baiern ſo gründlich zu verwüſten und auszuſaugen, daß beide im Falle der Zurückgabe über ein Menſchenalter hinaus nicht im Stande ſein ſollten, ſich zu regen oder zu er⸗ holen. Trauerbotſchaft auf Trauerbotſchaft traf im ver⸗ ödeten Kaiſerpalaſt zu Frankfurt ein, jede hallte wieder vom Jammerruf des gemarterten Volkes, jede vom Blut der Erſchlagenen! Keine einzige Waffenthat gelang, Graf Törring zählte ſeine Schlachten nur nach Niederlagen, und um das Maß zu füllen, brachen zwiſchen den bai⸗ riſchen Generalen und den franzöſiſchen Anführern gleich bei den erſten Anläſſen Zwietracht und Mißhelligkeiten aus, die jedes erfolgreiche Zuſammenwirken hinderten oder ganz unmöglich machten. Keiner wollte ſich dem andern unterordnen, keiner dem andern die Ehre eines guten Plans oder die Ausführung eines glücklich er⸗ ſonnenen Entwurfs gönnen; er verſagte ſeine Zuſtim⸗ 33 mung oder blieb trotz der widerwillig gegebenen müßig ſtehen, wenn auch nur wenige Stunden von ihm ent⸗ fernt der Verbündete in der Hoffnung auf ſein Ein⸗ treffen den Kampf begonnen hatte und nun zu ſeinem Verderben allein durchfechten mußte. Vergebens hatte Törring ſich wiederholt bei dem Kaiſer beſchwert, ver⸗ gebens hatte dieſer König Ludwig von Frankreich ge⸗ beten, ſeinen Generalen entſprechende bundesfreundliche Weiſungen zukommen zu laſſen: die Briefe, die der Kö⸗ nig ſeinem kaiſerlichen Bruder ſchrieb, floſſen über von den liebenswürdigſten Betheuerungen und Zuſicherungen, aber die Verhältniſſe blieben dieſelben, und wenn ein franzöſiſcher Heerführer im äußerſten Falle nicht mehr umhin konnte und die Nothwendigkeit oder den Vor⸗ theil ſeines ſofortigen Eingreifens erkennen mußte, blieb er doch unthätig, ſich auf geheime Befehle ſeines Königs berufend, welche ihm nicht erlaubten, eigen⸗ mächtig zu handeln oder vorzurücken. Auch der ſäch⸗ ſiſche Auguſt hatte ſich bald nach Friedrich's Beiſpiel mit Oeſterreich verſtändigt; der römiſche Kaiſer und erwählte König deutſcher Nation war daher rein auf die eigene, bereits völlig niedergeworfene Hausmacht, auf die langſame, widerſpenſtige und zweideutige Hülfe des Reiches beſchränkt und den Franzoſen ſo recht eigentlich wie mit gebundenen Händen überliefert. Der Schmid, Concordia. V. 3 34 Wurm ohnmächtigen Grams nagte an des Kaiſers leidender Bruſt, der Geier des Grimms ſchlug ſeine Krallen in dieſelbe und zu dem Gefühle der Macht⸗ loſigkeit und namenloſeſten Kränkung geſellte ſich nicht ſelten alle Bitterkeit des Hohns, den ſeine ungroß⸗ müthigen Gegner ihm nicht erſparten. Ein ſolcher Augenblick war es geweſen, als we— nige Tage vorher an den Fenſtern der kaiſerlichen Wohnung vorüber ein öſterreichiſcher Abgeſandter feier⸗ lich ſeinen Einzug gehalten hatte, um auf dem Römer den Antrag zu ſtellen, die Kaiſerwahl Karl Albert's für ungültig, ihn ſelbſt aber der Krone für verluſtig zu. erklären.— Er war lange im Gemache hin und her ge⸗ ſchritten, hatte mehrere auf dem Tiſche gelegene Schrei⸗ ben geöffnet, mit Unwillen zurückgeworfen und ſeine Wanderung wieder aufgenommen— ſeine Erregung war nahe daran, im lauten Selbſtgeſpräch Ausdruck zu ſuchen, als der Kammerdiener den Hofmarſchall und Finanzminiſter Freiherrn von Freyberg meldete und dieſer ſelbſt eintrat. „Was führt Ihn zu mir?“ fragte Karl Albert freundlich, während der Freiherr ſich ceremoniös ehr⸗ erbietig dreimal verneigte.„Aber wie kann ich fragen! Gutes wird es nicht ſein, ich habe nahezu verlernt, ————— 35 gute Nachricht zu empfangen; das immerwährende Grau Seines Anzugs dünkt mich wie ein trüber Him⸗ mel, der aber vollſtändig zu meiner Lage ſtimmt!“ „Majeſtät“, erwiderte Freyberg,„grau iſt die Farbe, welche der Himmel und das Leben am öfterſten tragen, ich habe ſie deshalb zu meiner Leibfarbe ge⸗ wählt, und komme dabei nicht ſo oft in Verlegenheit und Widerſpruch mit Lagen, zu denen weder ein feu⸗ riges Roth noch ein luſtiges Blau ſtimmen würde! Ob das, was ich heute bringe, gut iſt, weiß ich nicht. Ich bringe auch eigentlich nichts, ſondern komme, wie gewöhnlich zu fordern; diesmal aber iſt's eine Bitte, um deren Gewährung ich nachſuche.“ „Und dieſe wäre?“ fragte der Kaiſer erwartend. „Majeſtät“, ſagte Freyberg mit einigem Zögern, als überlege er, wie das, was er ſagen wollte, am beſten einzukleiden ſei.„Meine Güter ſollen nach Mit⸗ theilungen, die ich aus Baiern erhielt, vom Feinde ſo arg mitgenommen ſein, daß ſo zu ſagen Alles auf dem Spiele ſteht; vielleicht iſt es aber doch noch möglich, Einiges zu retten, wenn das Auge des Herrn ſelber nachſieht. Meine Gegenwart iſt daher unumgänglich nöthig, und ich bitte Eure Majeſtät, mir zu erlauben, daß ich auf einige Zeit Urlaub nehme.“ „Ich verſtehe Ihn“, ſagte Karl Albert,„Er will 3* 36 Seine Entlaſſung nehmen und kleidet oas Geſuch in einen Urlaub, aus dem Er nicht wiederzukommen gedenkt. Warum hält Er damit hinter dem Berge? Ich bin das von Ihm nicht gewohnt.“ „Ich bringe es auch ſchlecht zu Wege!“ ſagte der Freiherr.„Nun ja denn, wenn Majeſtät es doch ſchon errathen haben, ja, ich möchte, daß Sie mich meiner Würden entheben. Ich bin ihrer unwürdig, weil ich ſie nicht zu erfüllen vermag.“ „Nicht doch, meinl ieber Freyberg“, ſagte der Kai⸗ ſer herzlich, indem er ihm die Hand reichte,„ich kann es nicht glauben, daß Er von mir gehen will! Er iſt in das Schiff meines Unglücks geſtiegen, Er wird mich nicht verlaſſen, weil die Fahrt ſtürmiſch und das Ziel ungewiß geworden iſt, und weil Manches, was uns theuer iſt und was wir vielleicht nicht wiederſehen werden, am Strande zurückbleiben mußte! Will Er jetzt über Bord ſpringen, um ſich zu retten?“ „Gott ſoll mich bewahren, das iſt's nicht, was ich will“, entgegnete Freiberg mit Wärme,„ich blieb in dem Schifflein und wenn es noch ſo arg umhergeworfen wurde, ſolange ich ihm nützen konnte! Solange ich es im Stande war, regierte ich das Ruder nach beſter Kraft, jetzt aber vermag ich das nicht mehr; ich bin unnützer Bal⸗ laſt geworden, den man je eher je lieber los werden muß!“ —— —— —— „Ich verſtehe Ihn nur zu gut“, ſagte der Kaiſer, „es iſt wieder vollſtändige Ebbe in unſern Kaſſen.“ „Ebbe?“ rief Freyberg, der auch in der peinlichen Lage die Laune nicht ganz verlor.„Ebbe in unſern Kaſſen hätte für mich nichts Befremdendes; damit bin ich vertraut wie mit einem regelmäßigen Leiden, wie ein Verwachſener mit ſeinem hohen Rücken, aber den jetzigen Zuſtand kann man nicht mehr Ebbe nennen, nach welcher zur beſtimmten Zeit die Flut eintritt und den Strand wieder flott macht; das iſt eine Trocken⸗ heit, Majeſtät, eine Dürre wie in der Wüſte, in der es, wie ich einmal geleſen habe, keinen Tropfen Waſſer, keinen Thau und keinen Regen gibt, daß alle Gewächſe und Geſchöpfe darin verdurſten und verſchmachten müſſen!“ „Er macht, daß ich trotz des Elends lächeln muß!“ ſagte der Kaiſer.„Weiß Er nicht aus der Bibel, daß Moſes ſogar aus Felſen Waſſer hervorzubringen ver⸗ mochte?“ „Das weiß ich allerdings“, entgegnete Freyberg, „aber ich beſitze den Wunderſtab nicht, mit dem er es gethan, und bezweifle, ob es ſelbſt Moſes gelungen wäre, auch nur einen Tropfen der Gattung von Felſen zu entlocken, mit denen ich es zu thun habe! Wenn Majeſtät es mir erlauben würden“, fuhr er wie be⸗ hutſam ausforſchend fort,„noch einmal an den einen Brunnen zu gehen, aus dem wir ſchon ſo oft geſchöpft haben?“ „Nein, nein, das will ich nicht“, rief Karl Albert raſch und entſchieden.„Fürſt Taxis hat mir ſchon zu oft und mit größter Aufopferung die Freundeshand gereicht; es wäre ein Unrecht gegen ihn und gegen uns ſelbſt, ihn weiter zu mißbrauchen. Wende Er ſich an die Kaufleute, an die Wechsler!“ „Das ſind ja eben die Felſen, von denen ich ge⸗ ſprochen“, entgegnete Freyberg,„die Juden und Wuche⸗ rer; bei denen hilft nur die Wünſchelruthe mit den zwei Zinken Credit und Sicherheit. Daß wir den erſtern eingebüßt, dafür hat Maria Thereſia mit ihrem Khevenhüller gründlich geſorgt, und Sicherheit, woher ſoll ich dieſe nehmen? Nur wer etwas in der Hand hält, gilt bei Geſchäftsleuten für ſicher!“ „Und wir haben nichts mehr, was wir ihnen in die Hand geben könnten?“ ſagte der Kaiſer und der Hofmarſchall bejahte durch eine ſtumme traurige Ver⸗ beugung.„Dann kenne ich meine Lage doch noch beſſer als Er“, fuhr der Kaiſer mit feinem Lächeln fort, „vielleicht kann ich Ihm verſchaffen, was Ihm Sicher⸗ heit für Seine Felſenmänner gewährt und Ihn be⸗ ſtimmt, den Urlaub aufzugeben. Was iſt es wohl, 39 woran es zunächſt gebricht, wo zuerſt geholfen werden muß 2 „Zunächſt?“ entgegnete Freyberg.„Das iſt ſchon an und für ſich eine ſo ſchwierige Frage, daß auf ihre Löſung ein Preis geſetzt werden könnte! Alles iſt das Nächſte. Ich weiß die Koſten der Hofhaltung kaum noch für einige Wochen zu decken, die Gehalte der Hof⸗ beamten und der Dienerſchaft ſind ſchon ſeit zwei Mo naten im Rückſtande—“4 „Das ſoll nicht ſein!“ rief Karl Albert unmuthig „Warum hat Er mir das nicht ſchon früher geſagt? Schränke Er den Hofhalt ein, ſoviel nur immer mög⸗ lich. Wir haben Jahre im Wohlleben verbracht, aber ich habe in meiner Jugend mit Mangel und Ent⸗ behrung ſo genaue Bekanntſchaft gemacht, daß es mir nicht ſchwer fällt, ſolche zu erneuern! Vor allem aber ſorge Er dafür, daß meine Diener erhalten, was ihnen gehört, ganz und unverkürzt! Finde Er ſich dieſen Abend wieder bei mir ein, ich werde bedacht ſein, daß ich Ihm etwas in die Hand geben kann, womit Er ſeinem Felſen Waſſer wird entlocken können. Alle Kleinodien, alles Geſchmeide, Alles, was wir an Juwelen beſitzen, ſoll Ihm ausgehändigt werden und Er ſoll ſehen, daß wir noch reich ſind an Dingen, die keinen andern Nutzen bringen, als zum Schmucke zu 40 dienen. Verpfände Er die Sachen, aber ſchaffe Er ſchleunigſt Geld, und noch einmal, denk' Er mir vor allem darauf, daß meine Diener befriedigt werden, keiner ſoll um meinetwillen auch nur einen Augenblick in Sorge ſein!“ „Es ſoll geſchehen Majeſtät“, rief der Miniſter ergriffen,„ich komme das Pfand zu holen, das Maje⸗ ſtät mir anvertrauen wollen; ich will es redlich wuchern laſſen und habe jetzt nur noch eine Bitte, die Bitte, daß Majeſtät vergeſſen mögen, daß ich Urlaub verlangt habe! Und wenn die Dürre und Ebbe noch troſtloſer eintreten ſollte, ich will nicht mehr davon reden; das gute Herz Eurer Majeſtät iſt ein Quell, der zwar keinen Goldſand führt, der aber erfriſcht und wenn man die Seele ſchon auf der Zunge ſitzen hätte! Ich habe es ſchon früher gelobt, aber ich wiederhole es, welchen Weg Eure Majeſtät auch wandeln mögen, Ihr Schatten wird Ihnen fortan nicht treuer zur Seite ſtehen als ich.“ Das Eintreten des Oberkammerdieners unterbrach das Geſpräch. Er war beauftragt, ſogleich zu melden, wenn Alles zum Beginne der Prüfung vorbereitet ſein würde, aber auch ein anderer Grund hatte ihn herb ei⸗ geführt: im Vorzimmer hatte ſich eine ſo lebhafte Unter⸗ redung entwickelt, daß nur die Wichtigkeit des eigenen 41 Geſprächs es erklären konnte, wenn in den Gemächern des Kaiſers nichts davon vernommen worden war. Der Oberkammerdiener war nach Beendigung ſei⸗ nes Dienſtes in das Vorzimmer zurückgekehrt, vollkom⸗ men befriedigt mit Ausgang und Erfolg ſeiner heutigen Bemühungen. Er malte ſich in Gedanken die Ueber⸗ raſchung des Feldmarſchalls aus, wenn er die ihm mitgetheilte Nachricht empfangen würde. Wenn auch der Inhalt nur in einigen unzuſammenhängenden Worten beſtand, deren Bedeutung er ebenſo wenig als den Ort ihrer Abſendung zu enträthſeln vermocht hatte, war doch ihre Wichtigkeit ebenſo außer Zweifel, als daß der Feldmarſchall, vertraut mit den Ereigniſſen der Zeit und den Vorgängen am Hofe, Sinn und Be⸗ deutung derſelben beim erſten Blick durchſchauen würde. Duſchl zog ein Heftchen hervor, deſſen Blätter mit Ziffern beſchrieben waren; er überlas ſie und überrech⸗ nete, wie viel noch an der Summe fehle, die ihm noth⸗ wendig ſchien, um ſich in die erſehnte Ruhe zurückzu⸗ ziehen, und um wie viel dieſe Summe durch die Er⸗ kenntlichkeit des nicht kargen Generals der Abrundung näher gebracht werden würde. Er ſchien mit dem Er⸗ gebniß nicht unzufrieden und wollte die angenehme Unterhaltung eben wie zur Probe aufs neue beginnen, als vor der Thür laute Männerſchritte und Stimmen 42 vernehmbar wurden. Es hörte ſich an, als ob es darauf angelegt ſei, zu erproben, wer den koſtbar ein⸗ gelegten Boden mit den kräftigſten Fußtritten zu treffen, wer den hohen, nur an gemeſſenen Ton gewöhnten Räumen den lauteſten Hall abzuzwingen vermöge. Spo⸗ rengeklirr und Säbelgeraſſel zeigten, daß es Kriegsleute waren, die der Thür zuſtürmten, wie einem feſten Platze, den jeder vor dem andern zu erreichen ſtrebt. Verwundert öffnete Duſchl die Thür, um nachzu⸗ ſehen und die Ruheſtörer abzumahnen, aber wie zwei abgeſchoſſene Kugeln drangen an ihm vorüber die bei⸗ den Soldaten zugleich ins Gemach und jeder rief ihm gebieteriſch zu, ihn zu melden, er habe augenblicklich mit dem Kaiſer zu ſprechen. Es waren zwei in Alter, Erſcheinung und Weſen ſehr verſchiedene Geſtalten. Der eine war ein alter Mann mit verwittertem Geſicht und mächtigem, eis⸗ grauem Schnurrbart; die hohen Stulpenſtiefel, die er trug, und der nachgeſchleppte Säbel vermehrten die Wucht der für einen Reiteroffizier immerhin etwas ſchwerfälligen „Erſcheinung. Er trug den weißen Leibrock der bairiſchen Dragoner mit den ſchwarzen Aufſchlägen und dem gelben Panzerſtück darüber. Deſto zierlicher, geſchmei⸗ diger und glatter erſchien der andere, der in die reiche und gefällige Uniform der franzöſiſchen Jäger zu Pferd 43 gekleidet war, ſchlankkräftig von Geſtalt, bartlos und jugendlich von Angeſicht, im Benehmen gewandt und unverkennbar bedächtiger als der Alte, den der Zorn übermannte. Der Baier war der Generallieutenant Graf von Minuzzi, der andere der Kapitän von Mallle⸗ bois, der Sohn des Marſchalls, der zuerſt in Böhmen das Commando geführt hatte, dann aber von dem Herzog von Broglio abgelöſt worden war. „Aber, meine Herren“, rief der Kammerdiener, in⸗ dem er ſich vor die Thür ſtellte,„bedenken Sie doch, wo Sie ſich befinden! Ich kann Ihrem Wunſche nicht entſprechen, Majeſtät empfangen jetzt Niemand!“ „In drei Teufels Namen“, fluchte Minuzzi,„mich muß er empfangen! Sag' Er ihm nur, der Minuzzi ſei da, ſei ſpornſtreichs hergeritten und bringe eine Mel⸗ dung von höchſter Wichtigkeit!“ „Ich verbiete Ihm das“, rief Maillebois in müh⸗ ſam gebrochenem Deutſch.„Er wird Niemand melden als mich, den Kapitän Marquis de Malllebois, aide de camp von Seiner Hoheit, dem duc de Broglio, maréchal de France!“ „Herr, was erdreiſten Sie ſich?“ rief Minuzzi in geläufigem Franzöſiſch, das jedenfalls das Deutſch des Kapitäns weit übertraf.„Hier hat Niemand zu gebieten als mein Herr, Kaiſer Karl der Siebente!“ „Auch von Ihrem Kaiſer verlange ich mein Recht“, entgegnete Maillebois„und werde es gegen Jedermann vertheidigen! Ich bin zuerſt hier angekommen.“ „Gleichviel!“ brauſte Minuzzi auf.„Mir als bai⸗ riſchem General gebührt der Vortritt!“ „Nein, er gebührt mir“, entgegnete der Franzoſe, „mir als dem Vertreter Seiner Majeſtät des Königs von Frankreich, des hohen Alliirten Ihres Kaiſers!“ „Herr, ich bin der Aeltere!“ rief Minuzzi wieder. „Wenn Ihre Jugend das Alter nicht zu achten weiß, ſo fügen Sie ſich meinem höhern Range!“ „Sie vergeſſen“, entgegnete Maillebois um ſo kalt⸗ blütiger, je heftiger dem alten Dragoner das Blut zu Kopfe ſtieg,„ich ſtehe nicht unter Ihrem Commando; nicht Rang und Alter entſcheiden hier über den Vor⸗ tritt, ſondern die Wichtigkeit der Botſchaft!“ „Damit ſprechen Sie gegen ſich ſelbſt!“ entgegnete Minuzzi, den Säbel aufſtoßend.„Ihre Botſchaft kann nicht wichtiger ſein als die meinige, mein Herr Kapitän, aber ich durchſchaue Ihre Abſicht vollkommen; ich weiß ganz wohl, warum Sie ſo darauf dringen, zuerſt bei Seiner kaiſerlichen Majeſtät Gehör zu finden, Sie fürchten, wenn er mich zuvor geſprochen, werde Ihr Wort keinen Eingang mehr finden.“ „Unwürdiger Verdacht!“ entgegnete der Franzoſe 45 mit geringſchätzigem Achſelzucken.„Derlei Künſte bedarf Frankreich nicht, aber Sie, Herr Generallieutenant, verrathen durch Ihr brüskes Weſen die eigene Schwäche, Sie haben das im Sinne, weſſen Sie mich beſchuldigen. Sie kommen, ſich über das franzöſiſche Heer und ſeine Anführer zu beſchweren, und wiſſen, daß dieſe Beſchwerde in nichts zerfällt, wenn Seine Majeſtät die Aufklärun gen darüber kennt, die ich zu geben habe!“ „In drei Teufels Namen ja denn!“ rief Minuzzi. „Ich will mich beſchweren! Nicht für mich allein, im Namen aller bairiſchen Commandeure will ich mich beſchweren wegen des unverantwortlichen Benehmens der franzöſiſchen Befehlshaber, wegen des Ueber⸗ muthes, mit welchem Mannſchaft und Offiziere von ihnen behandelt werden! Wegen der ſteten Unthätig⸗ keit und Zurückhaltung, die dem böſen Willen ſo ähn⸗ lich ſieht, wie ſich zwei Waſſertropfen gleichen!“ „Wozu das Wortgefecht?“ unterbrach ihn Maille⸗ bois.„Ich bleibe auf meiner Forderung beſtehen.“ „Und ich auf der meinigen!“ rief Minuzzi.„Darum zurück von der Schwelle, mein Herr Kapitän, laſſen Sie mir den Vortritt oder ich ende das Wortgefecht und mache mir mit dem Säbel freie Bahn!“ „Verſuchen Sie es, mein Herr Generallieutenant“, ſagte der Franzoſe keck, indem er die Hand an den 46 Degen legte.„Das Recht des Vortritts zu behaupten iſt jetzt zu einer Ehrenſache geworden: in einer ſolchen tritt Frankreich nie zurück!“ „Leere Redensarten, nichts als Redensarten“, rief Minuzzi faſſungslos vor Zorn.„Die Welt weiß von mancher Gelegenheit zu erzählen, wo die Ehre auf dem Spiele ſtand und Frankreich nicht ſo ſehr bedacht war, ſie zu wahren!“ „Herr Generallieutenant“, rief Maillebois erblei⸗ chend und lüftete den Degen in der Scheide. „Herr Kapitän“, donnerte Minuzzi entgegen,„was wollen Sie mit dieſem drohenden Tone? Ich ſage die Wahrheit! Ich bin mit Ihrem Graf Ségur in Linz geſtanden, dem Schlüſſel unſerer Stellung, von deſſen Behauptung der Erfolg des ganzen Krieges abhing, das unſerer gemeinſamen Vertheidigung anvertraut war! Trotz der Vorſtellungen, mit denen wir ihn be⸗ ſtürmten, trotzdem, daß wir uns ſogar zu Bitten er⸗ niedrigten, hat er dieſen unwiederbringlichen Stützpunkt ohne ernſtlichen Widerſtand übergeben! Ich bin mit Ihrem Marſchall Harcourt mit meinem Corps bei Amberg geſtanden, der Feldmarſchall Khevenhüller hatte damals ſeine Truppen noch nicht zuſammengezogen; wenn wir mit einander gegen ihn operirt hätten, ehe er ſich vereinigen konnte, waren wir ihm weit über⸗ ——— 4 47 legen und es lag in unſerer Hand, dem Feldzuge die günſtigſte Wendung zu geben! Das Alles ſetzte ich dem Herrn Marſchall auseinander, ich bewies es ihm ſon⸗ nenklar; er widerſprach auch nicht, daß ich Recht habe, aber er weigerte ſich dennoch, mit mir vorzugehen! Er verſagte mir jede Unterſtützung, und meine wackeren verkauften Baiern mußten Gewehr beim Fuß müßig zu⸗ ſehen, wie Khevenhüller ſeine Kräfte vereinigte und uns Baiern wegnahm. Herr, damals galt es, die Ehre Frankreichs zu vertreten! Da wäre es CEhrenſache Frankreichs geweſen, Wort zu halten und mit aller Kraft zu ſeinem Alliirten zu ſtehen! Frankreich aber hat das nicht gethan, Frankreich iſt zurückgewichen und wird auch von dieſer Thür weichen!“ Der Franzoſe war ſchon wieder vollſtändig kühl geworden. „Es ſoll Ihnen nicht gelingen, mich zu entrüſten, mein Herr“, ſagte er.„Ich weiſe ſolche Bezüchtigungen mit der gebührenden Verachtung zurück— der Plan eines Feldherrn iſt nicht Jedem auf den erſten Blick klar; aber ich rathe Ihnen, ſolche Worte uicht zu wieder⸗ holen. Die Marſchälle Frankreichs wiſſen zu verant⸗ worten, was ſie thun, aber ſie haben ſich vor Niemand zu verantworten, als vor dem hohen Alliirten Baierns, dem König von Frankreich, nach deſſen Befehl ſie handeln!“ 48 „Nun, dann iſt es von dem hohen Alliirten ſehr niedrig gehandelt“, rief Minuzzi,„wenn er ſeinen Marſchällen Befehle gibt, die mit dem nicht überein⸗ ſtimmen, was er öffentlich zeigte und verſprach!“ „Ziehen Sie, mein Herr!“ rief Maillebois nun ebenfalls auflodernd und war im Begriffe, den Degen zu entblößen, als die Thür ſich öffnete und der Kaiſer von Freyberg gefolgt aus ſeinem Gemache trat. „Was erblicke ich?“ rief er entrüſtet.„So weit ver⸗ gißt man ſich in meiner Nähe? Iſt die Achtung vor meiner Würde, vor mir ſelbſt ſo tief geſunken, daß ſie nicht einmal einen Ausbruch der Leidenſchaft und Ge⸗ walt von meiner Nähe fernzuhalten vermag? Und auch Ihn muß ich über derlei betreten?“ fuhr er gegen Mi⸗ nuzzi gewendet fort.„Was hat Ihn, den alten kalt⸗ blütigen Haudegen, ſo außer Faſſung gebracht?“ „Wenn ich außer Faſſung bin, mögen Majeſtät erſehen, wie ſehr ich gereizt worden bin“, ſagte Mi⸗ nuzzi.„Dieſer Herr hat es verſucht, mir den Weg zu Eurer Majeſtät zu vertreten!“ 1 „Geruhen Majeſtät, zuvor mich anzuhören“, rief Maillebois dazwiſchen. „Ich werde zuerſt meinen Offizier hören, Monſieur“, ſagte der Kaiſer mit würdigem Nachdruck, der ſeine Wirkung nicht verfehlte.„Da es in Ihrer Gegenwart 49 geſchieht, werden Sie nicht Urſache haben, ſich zu be⸗ klagen!“ Der Franzoſe trat etwas betroffen zurück. Minuzzi erzählte den Vorgang mit Lebhaftigkeit, aber ohne Uebertreibung, Maillebois fand zu ſeinem großen Verdruſſe nicht den mindeſten Anlaß, eine Ein⸗ wendung vorzubringen. „Was brauche ich Eurer Majeſtät das Alles noch einmal zu wiederholen?“ ſchloß Minuzzi.„Ich brauche nur an alle die Berichte und Beſchwerden zu erinnern, welche von Graf Törring und mir und vielen Andern an Sie eingeſchickt worden ſind! Ich brauche nur an die Thatſachen zu erinnern— an Baiern, das ſich in der Gewalt des Feindes befindet, während wir mit unſerer zertrümmerten Armee ſeitwärts hinausgeſchoben ſind und müßig zuſehen müſſen, wie man ſich in die Haut theilt, ohne uns zu fragen oder ein Wörtlein mitreden zu laſſen, da es doch unſere Haut iſt, die getheilt werden ſoll! Und um dem Ganzen die Krone außzuſetzen, jetzt, im Augen⸗ blick der höchſten Noth, jetzt, nachdem König Friedrich von Preußen plötzlich und eigenmächtig von der Allianz zurückgetreten und mit Oeſterreich Frieden gemacht hat, jetzt, wo wir auf die zugeſagte franzöſiſche Hülfe am dringendſten angewieſen ſind, jetzt werden die franzö⸗ ſiſchen Truppen unter Broglio von allen Seiten zu⸗ Schmid, Concordia V. 4 ſammengezogen und marſchiren an dem überwältigten Baiern gleichgültig vorüber, an den Rhein zurück, nach Frankreich; ſtatt uns zu helfen, verlaſſen ſie uns in der Stunde der höchſten Noth!“ „Ich habe davon gehört“, entgegnete Karl Albert mit finſterer Stimme,„aber ich hielt es für unmöglich und darum für ein unglaubliches Gerücht.“ „Und dennoch iſt es wahr, furchtbar wahr, ich bringe Eurer Majeſtät die Beſtätigung!“ rief Minuzzi. „Ich habe es ſelbſt geſehen, wie die Corps aus allen Richtungen ſich zuſammenziehen, um durch die Ober⸗ pfalz gegen den Main und weiter an die franzöſiſche Grenze zu gelangen. Deshalb bin ich hierher geeilt, ob Ihnen vielleicht noch Mittel zu Gebote ſtehen, um den Vernichtungsſchlag abzuwehren, der uns nicht von unſern Feinden, ſondern von den Verbündeten droht!“ „Nun, Herr Kapitän?“ ſagte der Kaiſer zu Maille⸗ bois.„Es drängte Sie ja ſo ſehr, zu ſprechen, warum ſind Sie jetzt ſo ſchweigſam? Was haben Sie darauf zu erwidern?“ „Es ſteht mir nicht zu, auf ſolche Beſchuldigungen einzugehen“, ſagte Maillebois mit artiger Verbeugung. „Ich beſchränke mich darauf, Verwahrung gegen alles hier Geſagte einzulegen, und behalte es meinem Ge⸗ bieter, dem Marſchall Duc de Broglio bevor, dieſelben — 51 zu widerlegen und durch ſeine Aufklärungen in ihr Nichts aufzulöſen!“ „Ich habe dem Herrn Herzog wiſſen laſſen, daß ich ihn zu ſprechen wünſche“, ſagte der Kaiſer,„und bin ſehr begierig, dieſe Aufklärungen von ihm zu erhalten!“ „Und ich habe Eurer Majeſtät zu berichten“, ent⸗ gegnete Maillebois,„daß Seine Hoheit der Marſchall es ſich zur Ehre rechnen wird, der Einladung Eurer Majeſtät zu folgen. Er iſt unterwegs und wird in den nächſten Stunden hier eintreffen.“ „Gut“, ſagte der Kaiſer,„wir werden dann er⸗ fahren, wie er ſeine Handlungsweiſe zu rechtfertigen gedenkt; daß er es kann, bezweifle ich. Bis dahin halten Sie Frieden, meine Herren, ich befehle es! Ich werde genau unterſuchen und prüfen, wer Grund zur Beſchwerde hat, und wenn mein treueſter General ein Unrecht begangen hat, werde ich nicht zaudern, es zu bekennen und ihn verantwortlich zu machen, aber ich werde auch nicht ſchweigen, wenn das Unrecht auf Seite derer iſt, die ſich meine Alliirten nennen! Noch glaube ich es nicht, noch hoffe ich, daß Frankreich mir Treu und Glauben hält, wie ich ihm Treu und Glau⸗ ben gehalten habe und zu halten geſonnen bin, aber ich muß geſtehen, mein Gemüth iſt von ſchweren Sor⸗ genwolken bedrückt, die ich um Frankreichs willen gern 4* 52 zerſtreut ſähe! Gehen Sie denn, mein Herr Kapitän; erwarten und melden Sie mir die Ankunft Ihres Ge⸗ bieters. Er aber, mein alter treuer Freund, bezähme Er indeß Seinen Unmuth und vergönne Er mir auf ein Stündchen, aus dem ſturmumtobten Fahrzeuge auf einer friedlichen Inſel auszuſteigen und auf einige Augen⸗ blücke zu verſuchen, ob ich, wenn auch der unglücklichſte Fürſt, nicht in Wahrheit ein glücklicher Vater ſein kann!“ Schweigend folgten die beiden Offiziere dem vor⸗ anſchreitenden Fürſten. Bald war die nicht weit ent⸗ fernte Behauſung der Kurfürſtin erreicht, welche den Gemahl, der als Gaſt ihr Haus beſuchte, von ihrem Gefolge umgeben, an der Treppe empfing. Sie war in tiefe Trauer gekleidet, noch bleicher und ernſthafter als ſonſt; der Verluſt ihrer Tochter und die plötzliche Art dieſes Verluſtes hatten auch auf ſie umgeſtaltend gewirkt, zumal ſeit geraumer Zeit an die Stelle des frühern Wohllebens und der zerſtreuenden Hofhaltung ein kloſterhaft einſames und ſtilles Leben getreten war. Es ging nicht an, koſtbare Feſtmahle zu feiern und große Hofjagden zu halten, da im Lande der Jammer ein ſtändiger Gaſt geworden und der Krieg als wilder Jäger vernichtend durch die Gefilde hetzte. Bei ihrer ganzen Art und Weſenheit war es nur natürlich, wenn dieſe Stille und Zurückgezogenheit ſie der Frömmigkeit, 53 zu der ſie ohnehin ſtarke Neigung hatte, noch mehr und vollends in die Arme führte. Halbe Tage lang lag ſie nun im Gebete vor ihrem Hausaltar und beſtürmte den Himmel mit Gelöbniſſen aller Art, wenn es ihr je wieder vergönnt ſein ſollte, in Frieden und Ruhe in die Hauptſtadt ihres Landes einzuziehen. Eine große Wallfahrt zum wunderthätigen Marienbild von Loretto ſtand obenan und die Erbauung eines Kloſters, in welchem weltentſagende Jungfrauen Tag und Nacht Gott für ſeine Gnade danken und durch Kaſteiung abbüßen ſoll⸗ ten, womit Andere den Zorn des ewigen Richters auf ſich herabbeſchworen zu haben fürchteten. „Es macht mich unendlich glücklich“, ſagte die Kaiſerin,„Eure Liebden willkommen heißen zu können, Sie bringen eine in dieſem Hauſe ſelten gewordene Erſcheinung, Sie bringen die Freude mit ſich!“ „Nein, die Freude empfängt mich an der Schwelle des Hauſes“, erwiderte Karl Albert, indem er ihre Hand an den Mund führte und ihr den Arm bot, um ſie in den Saal zu geleiten.„Ich würde mir erlauben, bei Eurer Liebden einzutreten“, ſetzte er hinzu,„aber die Verſammlung wird ſchon warten und wir wollen es nicht ſein, die den Beginn einer ſolchen Feierlichkeit verzögern!“ „Eure Liebden haben ganz Recht“, entgegnete 54 Amalie,„aber nach dem Feſte erbitte ich mir die Gnade Ihres Beſuchs.„Ich muß Dich ſprechen“, fügte ſie leiſer hinzu,„ich habe Dir eine Mittheilung von höchſter Wichtigkeit zu machen.“ Sie betraten den Saal, in welchem ſowohl die Zuhörer als auch diejenigen Perſonen, welche die han⸗ delnden beim Feſte ſein ſollten, bereits verſammelt waren. In der Mitte der Eſtrade hatte Kurprinz Maximilian hinter Büchern und Schriften Platz ge⸗ nommen, in denen er aufmerkſam blätterte, als wolle er noch das oder jenes ſich ins Gedächtniß zurück⸗ rufen oder vermeiden, ſich durch den Ausblick in den gefüllten Saal zu zerſtreuen. An den Tiſchen zu beiden Seiten ſaßen ſeine Lehrer, Profeſſor Ickſtadt, der ihn in der Rechtskunde und den Staatswiſſen⸗ ſchaften, in Geſchichte und Naturlehre zu unterrichten hatte, und der Jeſuitenpater Daniel Stadler, dem ſeine Ausbildung in den Lehren der Philoſophie und der Religion übertragen war. Der Gegenſatz, der in den Fächern lag, war auch in den Perſonen ausgeſprochen. Der Profeſſor war ein Mann, der ſich der Welt und dem Leben mit dem feſten Willen zugewandt hatte, beide zu erfaſſen und zu durchdringen. Der Pater hatte ſich von Welt und Leben abgekehrt, um ſie zu verſchmähen und ſich von ihnen zu befreien. Jener — 55 hatte Europa durchreiſt, und ſeine Feinde ſagten ihm nach, er ſei in Konſtantinopel nahe daran geweſen, den Turban zu nehmen, weil ihm der Koran ſo viel gelte als die Bibel; dieſer hatte ſeine Schule in Ingol⸗ ſtadt, dem bairiſchen Rom, gemacht und achtete keinen Glauben neben dem ſeinigen. Während jener forſchend und zweifelnd ſich über Alles eigene Anſchauung und Ueberzeugung zu bilden ſuchte, hatte dieſer kein anderes Streben, als ſein Denken mit den Satzungen ſeines Glaubens in Uebereinſtimmung zu bringen und unter Verzicht auf alles Grübeln und Zweifeln ihm unterzu⸗ ordnen. Die Wege beider ſchienen entgegengeſetzt, aber ihr Ziel war das gleiche, die Herrſchaft. Bei jenem galt es, den weltlichen Fürſten und Staat zum unumſchränkten Herrn von Land und Leuten zu machen, bei dieſem, der ganzen Welt die Gebote ſeiner Kirche als unfehlbares Geſetz auf den Nacken zu legen. Ihr Zögling ſollte heute zum Beweiſe, daß er mit ſeinen Studien zu Ende gekommen und das Er⸗ lernte ſelbſt zu verwenden wiſſe, vor ſeinen Eltern und dem ganzen Hofe eine Reihe von Sätzen aus den verſchiedenen Wiſſenſchaften vertheidigen; ihre Aufgabe war es, in dieſem gelehrten Turnier, wo Jedermann als Gegner auftreten konnte, ihm gleichſam als Sekun⸗ danten zur Seite zu ſtehen, jede Blöße, die der jugend⸗ liche Kämpe ſich etwa geben mochte, zu decken und jeden Hieb aufzufangen, der ihn wider Vermuthen von einem ſchonungsloſen Widerpart bedrohen konnte. Der Saal war gedrängt voll. Nicht blos, was zum bai⸗ riſchen Hof gehörte, hatte um jeden Preis ſich Zutritt zu verſchaffen verſucht, auch von den Einwohnern der Stadt, von den Reichsbeamten und Geſandten war eine große Anzahl durch das ungewöhnliche Schauſpiel herbeigelockt worden, den Sohn eines Fürſten und Kaiſers gleich einem andern Erdenſohne um ein Reis aus der Lorbeerkrone der Gelehrſamkeit ringen zu ſehen. Nur die Stühle für das kaiſerliche Paar in der vordern Sitzreihe waren noch unbeſetzt, als ein etwas zu ſpät gekommener junger Mann, an der Wand vor⸗ wärts dringend, noch in den Vordergrund zu kommen ſuchte. Er war in feine Hoftracht gekleidet, aber er trug den rechten Arm in der Binde; der Rockärmel darüber war aufgeſchlitzt und nur mit Bändern zuge⸗ bunden. In dieſem Bemühen kam er neben einen Offizier in der Uniform der bairiſchen Roſtani⸗Küraſ⸗ ſiere zu ſtehen, deſſen bleiches Ausſehen vermuthen ließ, daß auch er eben erſt vom Siechbette aufgeſtanden. „Mort de diable“, rief der junge Mann, als der Küraſſier ihm das Geſicht zuwendete,„Graf Coſta, Sie ſind es?“ 57 „Ich bin es“, entgegnete dieſer;„ein elender Schuß durch den Leib hat mich zum Halbinvaliden gemacht; ich werde wohl noch lange kein Pferd beſteigen können und zog es daher vor, dem Kaiſer wenigſtens meine Dienſte anzutragen, wie ich ſie leiſten kann! Aber Sie ſind auch verwundet, wie ich ſehe? Ich wußte wahr⸗ haftig nicht, daß Sie auch Dienſte genommen!“ „Was bleibt einem Edelmann in ſolcher Zeit An⸗ deres übrig“, erwiderte Zwiebel,„als das métier des armes zu ergreifen? Ich bat Seine Majeſtät um eine Compagnie im Regimente Kurprinz, die ich auch er⸗ hielt. Ich habe ſie theuer genug bezahlt! Der Arm hier wird wohl ſteif bleiben, ich bringe ihn aber mit Vergnügen zum Opfer, denn der Kaiſer wird nicht vergeſſen, daß ich über ſeinen Angelegenheiten die mei⸗ nen hintanſetzte und in die Schanze ſchlug!“ „Wie viel hat ſich doch ereignet, ſeit wir uns das letzte Mal geſehen!“ rief Coſta.„War es nicht bei jener Magdalenenkirchweih in Nymphenburg? Da⸗ mals hätte wohl Niemand eine ſolche Wendung der Dinge vorausgeſehen!“ „Allerdings kaum!“ erwiderte Zwiebel.„Damals ging es fröhlich her und Niemand dachte an zerſchoſ⸗ ſene Arme und elende Kugeln! Mort de diable, ich werde mich jenes Feſtes ewig erinnern, das mich aus einem Zweifler in einen Bewunderer der bairiſchen Hofhaltung umwandelte, aber trotz alles Geſchmacks, der ſich auch hier kundgibt“, fuhr er flüchtig im Saale umherblickend fort,„muß doch immer irgend etwas Plumpes oder Ungeſchicktes ſich einſchleichen, als ob das in Baiern ſo ſein müßte! Ich bitte Sie, betrach⸗ ten Sie einmal die Decoration dieſes Saales, wie mesquin, wie ordinär! Jetzt, wo in allen Treibhäuſern bereits die koſtbarſten und ſeltenſten Blumen zu haben wären, hat man hier eine ganze Wieſe ihres Grün⸗ zeugs beraubt und einem halben Dutzend Kühe das friſche Futter weggenommen!“ „Das hat ſeinen beſondern Grund“, erwiderte hinter Zwiebel's Rücken hervor eine Stimme, die ihm nicht unbekannt ſchien; als er ſich umwandte, blickte er in das immer ſpottbereite Angeſicht des Freiherrn von Freyberg.„Der Kurprinz hat dieſen Schmuck aus⸗ drücklich verlangt“, ſagte derſelbe,„weil er nicht viel koſtet und weil er als Freund der einfachen Natur das Natürliche am ſchönſten findet, alles künſtlich Ge⸗ triebene aber nicht leiden kann, wenn es auch noch ſo koſtbare Zwiebeln ſein ſollten!“ „Mort de diable“, rief der Chevalier gereizt.„In welchem Tone reden Sie mit mir, mein Herr? Wenn ich Ihre malitiöſen Bemerkungen in München Ihrem 59 Alter und Ihrer Stellung zu gute hielt, was veran⸗ laßt Sie, beim erſten Begegnen ſich ſogleich wieder an mir zu reiben? Sie werden mir Satisfaction geben!“ „Wann und wo Sie belieben, mein Herr Cheva⸗ lier“, entgegnete Freyberg,„aber Sie müſſen mir das nicht übel nehmen, es liegt das in meiner Natur; auch gibt es Dinge, deren man ſich nicht erwehren kann, wie des Nieſens bei dem Gebrauche einer gewiſſen Wurzel, oder thränender Augen, wenn Zwiebeln in der Nähe ſind. Doch ich ſehe, Sie ſind am Arme verwundet?“ „Das hindert nicht“, rief der Chevalier raſch, „ich führe den Degen auch mit der linken Hand!“ „Dann bin ich ſtündlich bereit“, erwiderte Frey⸗ berg etwas gemäßigter,„doch könnte mich vielleicht eben Ihre Wunde bewegen, eine zufriedenſtellende Er⸗ klärung zu geben. Erlauben Sie daher die Frage, Sie haben in der Armee Seiner Majeſtät Dienſte ge⸗ nommen, haben im Kampfe für ihn und für Baiern Ihr Blut vergoſſen?“ „So iſt es“, entgegnete Zwiebel mit Nachdruck, „bei Schärding hat der Lanzenſtich eines Panduren mir den Arm durchbohrt.“ „Ah, bei Schärding!“ ſagte Freyberg.„Das war für Baiern ein unglücklicher Ort, der uns viele wackere 60 Leute gekoſtet! Haben nicht auch Sie, Graf Coſta, dort Ihre Wunde erhalten?“ „Ja“, entgegnete dieſer,„ich wußte aber nicht, daß der Chevalier auch bei unſerm Corps ſtand. Sag⸗ ten Sie nicht, Sie hätten im Regimente Kurprinz ge⸗ dient? Das Regiment war doch bei der Affaire von Schärding gar nicht anweſend und ſtand weiter weſt⸗ lich, Vilshofen zu. Sie werden ſich wohl im Namen geirrt haben“, ſetzte er etwas befremdet hinzu, während Zwiebel trotz aller Keckheit ſich vergeblich bemühte, ſeine Verwirrung zu bewältigen, Freyberg aber ihn mit Dolchblicken durchbohrte. „Sie haben Recht“, ſtotterte er,„dieſe bairiſchen Namen ſind auch ſo ſchwer zu behalten! Nicht Schär⸗ ding hieß der Ort— er hieß— es war bei— bei—“ „Bemühen Sie ſich nicht“, ſagte Freyberg,„es könnte Ihrer Geneſung Eintrag thun, wenn Sie Ihr Gedächtniß ſo anſtrengen! Man hat manchmal ſolche Schwächen und Verwirrungen— mit Ihrer Forderung an den Kaiſer aus den Zeiten ſeines Vaters ſcheint es eine ähnliche Bewandtniß zu haben; es will ſich ſich nichts davon finden. Was meinen Sie, Chevalier, bezüglich Ihres längern Aufenthalts dahier? Die Frank⸗ furter Luft ſoll für Stichwunden ſehr gefährlich ſein.“ Der Spötter hatte nur flüſternd geſprochen, den⸗ —— 641 noch ſauſte es Zwiebel in den Ohren, daß er wie ein Träumender ſtand. Das Eintreten des Kaiſers be⸗ freite ihn aus ſeiner Verlegenheit und, während die Disputation begann, ein ſachtes allmäliges Rückwärts⸗ gehen auch aus dem Saale. Der Prinz war redegewandt und ſeiner Sache ſo vollkommen ſicher, daß er die Einwendungen, welche von einigen anweſenden Prälaten, Reichsbeamten und Gelehrten gegen ſeine Streitſätze erhoben wurden, mit Geſchick und Scharfſinn widerlegte. Er bewies, daß die erworbenen Kenntniſſe nicht wie todte unnütze Gold⸗ barren in ihm aufgeſpeichert lagen, ſondern daß er dieſelben zu werthgültigen Münzen in ſich umgewandelt und mit eigenem Gepräge verſehen hatte. Beſonders trat dies bei geſchichtlichen Erörterungen hervor, bei deren einer es nahe daran war, daß die beiden Lehrer, die ſich hier und da mit eingeſchalteten Bemerkungen betheiligten, ſich feindlich gegeneinander kehrten und in heftige Wortfehde verwickelten. Es gal die Frage, was nach der Lehre und den Beweiſen der Geſchichte bei allen großen Veränderungen, von denen die Geſchichte der Staaten und Völker zu erzählen weiß, die Haupt⸗ urſache geweſen. Eine Weile hörte der Jüngling dem Streite ſeiner Lehrer zu, dann trennte er die erhitzten Kämpfer, indem er mit gleichem Feuer dazwiſchen rief: 62 „Verdrängen Sie mich nicht vom Kampfplatze, der heute mir gebührt, und ſtreiten Sie nicht über eine Frage, die ſich niemals allgemein löſen läßt und in jedem neuen Falle neue Unterſuchung erfordert. Es iſt ja nur ein Grundzug, der durch alle dieſe Ereig⸗ niſſe geht, überall und jederzeit liegt ihnen als letzte Wurzel eine Sünde gegen die Gerechtigkeit zu Grunde, ein Fehler, der gegen die Treue begangen wurde! Herzog Thaſſilo unterlag Karl dem Großen und ver⸗ lor die Selbſtſtändigkeit ſeines Landes, die er ver⸗ theidigen wollte, weil er eine ſchwere Schuld auf ſich geladen: nicht die Schuld, daß er ſich bemühte, ſeine und ſeines Landes eigne Herrlichkeit zu wahren und zu erkämpfen, nein, die Schuld, daß er gegen ſein beſſeres Wiſſen und Wollen ein Gelübde ablegte, von dem er wiſſen mußte, daß er es nicht halten konnte, ohne ſich ſelber untreu zu werden! Er durfte den von ihm geforderten Unterwerfungseid nicht leiſten, hatte er ihn aber geleiſtet, ſo mußte er ihn auch halten! Des Untergangs war er in dem einen wie in dem andern Falle ſicher, aber er hatte die Wahl, mit fleckenloſer Treue unterzugehen, oder behaftet mit dem Makel jener Handlungsweiſe, die ſchon das Alterthum für alle Zei⸗ ten mit dem Namen graeca fides wie mit einem Brand⸗ mal bezeichnet hat!“ 63 Es war ebenſo ungewohnt als unerhört, einen Prinzen ſo gründlich und feurig ſolche Anſichten aus⸗ ſprechen und vertheidigen, ſo viele Kenntniſſe ent⸗ wickeln zu ſehen. Allgemeine Bewunderung durchlief den Saal, und als der Jüngling geendet, erhob ſich Karl Albert und ſchloß den auf ihn zueilenden Sohn in wortloſer Freude an die Bruſt. Er küßte ihn, legte ihm ſegnend die Hand aufs Haupt und wandte ſich, während auch die Kaiſerin den jungen Streiter grüßte und beglückwünſchte, den Profeſſo⸗ ren zu. „Laſſen Sie einem armen Manne Zeit, Ihnen zu danken“, ſagte er,„wenn er auch niemals im Stande ſein wird, es genügend zu thun. Ich muß wie Philipp von Macedonien zu Ariſtoteles ſagen: Mir verdankt mein Sohn nur das Leben des Körpers, Sie haben ihm das höhere, das Leben des Geiſtes gegeben.“ Die Disputation hatte dadurch einen zwar bal⸗ digen, aber deſto eindrucksvolleren Schluß erhalten, es war unmöglich, noch zu den Viſſenſchaften zurückzu⸗ kehren; als ein heiteres Nachſpiel reihte ſich daher die Probe an, welche der Prinz von ſeiner in den Künſten erworbenen Fertigkeit ablegen ſollte. Die Muſik war es, die er zu ſeiner Lieblingsbeſchäftigung für die freien Stunden erkoren hatte; er hatte die Kunſt des Ton⸗ 64 ſatzes erlernt und war ein ſeltener Meiſter auf der Gambe geworden; der Vortrag eines von ihm ſelbſt geſchriebenen Tonſtücks auf dieſer ſollte ihn nach bei⸗ den Richtungen bewähren. Es war eine einfache, aber tiefſinnige und ſchmeichelnde Weiſe, die ſich wie ſehn⸗ ſüchtige Klage ans Ohr ſchmeichelte und doch das Ge⸗ müth mit der beruhigenden Gewißheit durchdrang, daß dieſes Sehnen kein vergebliches war. Als der junge Künſtler ſich zu dem zwiſchen die Kniee geſtellten ſieben⸗ ſaitigen Inſtrumente leicht hinunterbeugte, ſchien er demſelben ſeine Gefühle und Gedanken wie aus dem Stegreif einzuhauchen, der weiche, ſchwermuthsvolle und doch ſüße Ton des Inſtrumentes war ſo recht geeignet, auch zu den Herzen der Zuhörer zu dringen. Die Kaiſerin hatte das Tuch vor die Augen gedrückt und Karl Albert hielt dieſelben in der Hand verborgen; als Maximilian endete, waltete noch einen Augenblick tiefe Stille im Saale, dann aber brach lauter und ſtürmiſcher Beifall los, unbeirrt durch den Gedanken, daß der Beifall vielleicht nicht am Platze war und es gegen die Hofſitte verſtieß, den jungen Fürſten wie einen Künſtler zu beklatſchen.— Das Herz hatte geſprochen und die Herzen waren es, welche Antwort gaben. Die nächſte Stunde traf den Kaiſer und deſſen 65 Gemahlin in deren Gemächern beiſammen. Seit dem Tode der Prinzeſſin waren ſich die Gatten etwas näher ge⸗ kommen; der ſchwere Schlag hatte beider Herzen er⸗ ſchüttert und ſie gegenſeitig milder und nachgiebiger geſtimmt. Sie ſahen ſich öfter und auch diesmal wurde die Einladung der Kaiſerin, den Abend bei ihr mit einem kleinen Mahle im engern Familienkreiſe zuzu⸗ bringen, von Karl Albert mit Vergnügen angenommen. Er gab Befehl, daß alle etwa anlangenden Nach⸗ richten und Briefe dorthin gebracht werden ſollten, nahm auf dem Sopha neben Amalie Platz und ermüdete nicht, über die ſo eben vollendete Prüfung, über die Haltung des Prinzen und ſeine Kenntniſſe die lebhaf⸗ teſte Freude zu äußern und die ſchönſten Hoffnungen auf ihn zu bauen. Amalie hörte zu, ſtimmte wohl auch hier und da in das Lob des Vaters ein, aber ſie ver⸗ hehlte die Sorge nicht, ob über dem vielen Wiſſen nicht ſein Glaube Schaden gelitten; ſie nahm ſich vor, dies zu erforſchen und zu verhüten, daß der Kopf nicht das Uebergewicht gewinne, wie bei dem ihr ſo ver⸗ haßten Friedrich von Preußen, der alles Heilige mit Füßen trete. Der Kaiſer ging auf dieſe Beſorgniſſe nicht ein und führte an, daß ſchon das ſeelenvolle Gambenſpiel des Prinzen hinreiche, zu beweiſen, daß er über dem Denken das Fühlen nicht verlernt Schmid, Concordia. V. 5 66 und daß ſich in ſeinem Gemüthe eine ſo ſchöne Miſchung von Gefühl und Verſtand gebildet habe, daß ein Ueber⸗ gewicht nach keiner Seite zu beſorgen ſei.„Mir iſt ſo wohl zu Muthe, wie lange nicht“, ſagte er,„als wäre mir ſeit langer Zeit wieder vergönnt, einen Athemzug in friſcher freier Luft zu thun! Störe meine Freude nicht, laß mich hoffen, daß Max ganz der Mann werden wird, Hand anzulegen, wenn ich ſelhſt vor der Zeit von dem Werke abgerufen würde, das Angefangene unvollendet zurücklaſſen müßte!“ Die Kaiſerin ſah einen Augenblick nachdenkend vor ſich hin. „Warum ſchon auf den Nachfolger rechnen“, ſagte ſie,„wenn man noch ſelbſt Hand ans Werk legen und vollenden kann? Vielleicht nicht ſo vollenden, wie man anfangs gedacht, aber es iſt beſſer, ein Vollendetes zu hinterlaſſen als ein Bruchſtück.“ „Ich verſtehe Dich nicht“, ſagte Karl,„aber Du ſcheinſt mir Beſonderes andeuten zu wollen. Doch ja, ich erinnere mich! Sagteſt Du nicht, Du habeſt mir wichtige Mittheilungen zu machen?“ „So iſt es in der That“, erwiderte die Kurfürſtin, indem ſie raſch das Gemach durchſchritt und die Thür öffnete, um ſich zu überzeugen, daß Niemand in der Nähe ſei, der ſie belauſchen könne.„Meine Mittheilung 67 iſt höchſt wichtig“, ſagte ſie„und wird Dich über⸗ raſchen!“. „Das iſt Dir bereits gelungen“, ſagte Karl Albert. „Ich erkenne Dich nicht wieder; ſonſt haſt Du Dich von Allem, was ſich auf Staatsangelegenheiten bezog, fern gehalten, und nun ſcheint es faſt, als ob Deine Mittheilung ſolche betreffen wollte?“ „Du bezeugſt mir ſelbſt, daß ich mich fern ge⸗ halten“, erwiderte Amalie„und ich nehme Dein Zeug⸗ niß an, um mich einmal darauf zu berufen, wenn es noth thun ſollte! Als Du an die Ausführung Deines Vorhabens gingſt, rieth ich Dir ab, wie ich es für meine Pflicht hielt als eine Fürſtin, die aus dem Hauſe Habsburg ſtammt. Da Du darauf beſtandeſt, bin ich ruhig an Deiner Seite dahingegangen, aber der Menſch weiß nie den Tag, wann ihm der Ruf kommt, und nicht die Stunde, die ihn zum Werkzeug des göttlichen Willens macht! Wie oft, wenn die Nachrichten aus dem Kriege und von all den traurigen Ereigniſſen in Baiern eintrafen, lag ich im Gebete vor Gott und flehte ihn an, er möge mir, wenn ich durch meinen Hochmuth geſündigt, die Gnade verleihen, den Kriegsgreuel wieder zu ſühnen und all den Gottloſig⸗ keiten, die damit verbunden ſind, ein Ende zu machen— es war vergebens!“ 5* 68 „Ich muß geſtehen, Eure Liebden ſpannen meine Erwartung aufs höchſte.“ „Endlich, endlich kam der Augenblick der Erleuch⸗ tung!“ fuhr ſie fort, indem ſie die Hände faltete und zum Himmel blickte.„Ein treu ergebener frommer Freund und Gewiſſensrath lehrte mich erkennen, daß der vollſtändige Sieg des katholiſchen Oeſterreich das einzige und nächſte Mittel ſei, dieſen Zweck zu erreichen! Ich erkannte, daß Eure Liebden mitten im Kriege, in Ihrer Stellung und in Ihrer Verbindung mit dem ketzeriſchen Brandenburger nicht wohl in der Lage ſeien, Unterhandlungen einzuleiten; deſto klarer, deſto leuch⸗ tender ſtand es vor mir, daß es mir, der öſterreichiſchen Prinzeſſin, die eine bairiſche Fürſtin geworden, ge⸗ zieme, ja daß es meine Gewiſſenspflicht ſei, dies zu thun. Ich konnte es, ohne Sie bloßzuſtellen, ohne Ihnen etwas zu vergeben, ohne Verdacht—“ „Eure Liebden hätten insgeheim mit Oeſter⸗ reich unterhandelt?“ rief der Kaiſer in ſteigendem Staunen.. „Allerdings, das habe ich gethan und mit Erfolg“, entgegnete ſie ſtolz,„und es wird nur von Kaiſer Karl abhängen, mit einem Worte Frieden zu machen!“ „Nimm meinen herzlichſten Dank für Deine Mit⸗ theilung“, ſagte Karl Albert,„und laß es Dich nicht 69 ſtören, wenn die Ueberraſchung ihn beinträchtigt! Den beſten Dank für Deine edle Abſicht! Ach, ich habe ja keinen ſehnlicheren Herzenswunſch, als Frieden zu machen, als der Welt, meinem Lande und uns allen die Ruhe wiederzugeben! Ich danke Dir, wenn ich auch weiß, daß Du Unmögliches verſucht haſt! Maria Thereſia haßt mich; ich habe ſie gehindert, die Kaiſer⸗ krone aufs Haupt ihres geliebten Franz zu ſetzen, ich habe ihre weibliche Eitelkeit beleidigt, das verzeiht ſie mir nie und wird niemals ſolche Bedingungen machen, die ich annehmen kann!“ „Wir Frauen ſind es gewohnt, falſch beurtheilt zu werden“, ſagte Amalie kalt,„vielleicht wird ſich zeigen, daß dies auch hier der Fall iſt. Vernimm denn! Du warſt der Meinung, Pater Menradus Roſe, Dein Beichtvater, ſei wirklich erkrankt und habe ſich nach Gaſtein begeben, um im Wildbad ſeine kranken Glie⸗ der wiederherzuſtellene Dem war nicht ſo“, fuhr ſie fort, als der Kaiſer ſie voll Verwunderung anſchaute, „ſeine Krankheit war Verſtellung, die Reiſe nach Ga⸗ ſtein nur ein Vorwand, nichts als ein Mittel, um verdachtlos auf öſterreichiſches Gebiet zu kommen, von welchem aus weiter operirt werden konnte.“ „Fein ausgedacht, in der That ſehr fein!“ rief Karl Albert betreten und nicht ohne Bitterkeit.„Von meinem Gewiſſensrathe hätte ich allerdings mir gegen⸗ über ſolche Feinheit kaum erwartet, aber freilich, er mag eingeſehen haben, daß ich kein ſo gefügiges, willen⸗ loſes Werkzeug bin, als er ſich gedacht haben mag!“ „Was ſprichſt Du da?“ fragte die Kaiſerin. „Nichts. Es war nur ein flüchtiger Einfall, fahre fort. Der Pater hätte wirklich Schritte gethan? Habt Ihr dabei nicht bedacht, in welche Stellung ich ge⸗ rathen könnte, wenn meine Alliirten nur die mindeſte Ahnung davon hätten?“ „Sie werden nichts davon erfahren. Alles, was unternommen ward, geſchah ſo geheim, daß, wie Du ſagſt, Niemand auch nur eine Ahnung haben kann und die vollendete Thatſache alle überraſchen wird, wie Dich der Plan überraſcht hat. Ich werde Dir Alles ausführlich erzählen, jetzt möge Dir genügen, daß ich heute Morgen auf geheimen Wegen die Antwort er⸗ halten habe; hier ſind die Bedingungen, unter welchen Maria Thereſia bereit iſt, ſofort Frieden mit Dir zu machen.“ Sie nahm vom Schreibtiſch einen Briefumſchlag, zog den Pergamentſtreifen aus demſelben hervor und legte dann den Umſchlag auf das vor dem Sopha ſtehende Tiſchchen.„Es iſt Geheimſchrift“, ſagte ſie, „die nur mir verſtändlich iſt. Erlaube, daß ich ſie Dir 8— 71 enträthſele. Zwar ſind es nur abgeriſſene Worte, aber wohl vollauf genügend. Höre!“ Sie las: „Anerkennung der Kaiſerwürde, Zurückgabe der bairiſchen Kur⸗ und Erblande, Erſatz der Kriegskoſten durch Abtretung der Aemter Kufſtein und Schwatz in Tirol und des Egerer Kreiſes in Böhmen an Baiern.“ „Unmöglich!“ rief Karl Albert.„Das ſollte Oeſter⸗ reich bieten? Und was verlangt es entgegen?“ „Nichts als Deinen ſofortigen Rücktritt von der franzöſiſchen Allianz und—“ „Nun? So ſprich!“ drängte Karl Albert, als ſie einen Augenblick inne hielt.„Und? Dies und ſcheint das Häkchen zu ſein, an welchem wie in der Uhr das Ganggewicht hängt, das Alles treibt und das Alles ent⸗ ſcheidet. Und?“ fragte er. „Und— ein Bündniß mit Oeſterreich!“ „Wie? Ein Bündniß gegen meine bisherigen Alliirten? Gegen Frankreich? Niemals!“ rief Karl Albert aufſpringend. Auch die Kaiſerin erhob ſich. „Wie, Du könnteſt wirklich zaudern?“ rief ſie er⸗ regt.„Du könnteſt die Hand der Vorſehung verkennen, die ſichtbar aus den Wolken greift, um Dir die Bahn zu zeigen, die allein aus dem Labyrinth führt?“ „Nein“, entgegnete er,„ich zaudere nicht, hier iſt 72 nichts zu zaudern! Nicht einen Augenblick! Ich bin entſchloſſen— dieſen Antrag kann und werde ich niemals annehmen!“ „Nicht?“ wiederholte die Kaiſerin, welcher die Glut ins Geſicht ſtieg.„Und Sie ſagen von ſich, Sie wollen den Frieden?“ „Ich will den Frieden“, ſagte Karl Albert feier⸗ lich.„Gott, der in mein Herz ſieht, ſei mir Zeuge dafür! Ich will den Frieden, will ihn ſogar ohne jeden Vortheil, aber nicht mit Schmach! Baiern hat ſchon manch ſchwere Schickſale erlitten, es hat Vieles einge⸗ büßt durch widerwärtige Ereigniſſe, aber niemals hat es an ſeiner Ehre Schaden gelitten!“ „Ehre!“ rief Amalie unmuthig.„Was wäre hier, das gegen die Ehre ginge? Hat der preußiſche Fritz ſo gedacht, als er den Breslauer Frieden ſchloß?“ „Gott und die Nachwelt wird richten, was er gethan“, rief Karl Albert,„für mich iſt ſein Thun ſo wenig das Beiſpiel als die Entſcheidung! Ich habe mich durch feierliche Verträge an Frankreich gebunden, habe gelobt, niemals für mich allein Frieden zu ſchlie⸗ ßen, und werde es nie! Nie werde ich während des Kampfes meine Waffen wenden und gegen diejenigen ſtreiten, die mir als Freunde zur Seite geſtanden“ Nie!“. 4 3 5 4 —o 73 „Bedenken, die nur die Schwäche hegen kann!“ rief Amalie und wollte entrüſtet das Gemach verlaſſen. „Schwäche?“ rief Karl Albert warm, indem er ſie am Arme ergriff und feſthielt.„Soll ich vor mei⸗ nem eigenen Sohne erröthen? Erinnere Dich, was der Jüngling vor einer Stunde öffentlich geſprochen und vertheidigt! Wie er die Treue geprieſen und die Ge⸗ rechtigkeit! Soll ich handeln wie jener Thaſſilo, der mir vielleicht allerdings an Unglück gleich iſt? Ich hätte vielleicht beſſer gethan, das Bündniß mit Frank⸗ reich nicht zu ſchließen: es iſt geſchehen, und da es ge⸗ ſchehen, habe ich nur die eine Pflicht, die Treue zu wahren und bei dem Bündniß auszuharren!“ „Auch ohne alle Ausſicht des Gelingens? Auch mit der Gewißheit des Untergangs?“ rief Amalie zür⸗ nend.„Beſinne Dich! Blicke um Dich und überzeuge Dich! Nirgends iſt Hoffnung und Hülfe für Dich— ſo hilf Dir ſelbſt!“ „Die Sonne der Hoffnung iſt für mich im Sinken, das iſt leider wahr“, ſagte Karl Albert ernſt,„es kann mit mir ſo weit kommen, daß ich von der Großmuth meiner Feinde mir die Stelle erbitten muß, auf der ich mein Haupt niederlegen kann, um darauf zu ſter⸗ ben!“ „So ſei klug und nütze die Großmuth Deiner 74 Feinde!“ drängte die Kaiſerin.„Nütze ſie als Mittel, jene Freunde zu demüthigen, deren kalter Sinn nahe an Treuloſigkeit reicht, die all die Opfer nicht ver⸗ dienen, die Du aus übertriebenem Ehrgefühl bringen willſt. Hilf Dir ſelbſt! Auf wen hoffſt Du noch? Auf das Reich? Die Reichsfürſten haben Dich zu ihrem Oberhaupt gemacht, aber nicht einer denkt ernſtlich daran, Dich zu ſtützen und zu ſchützen. Oder kannſt Du mir ein Beiſpiel ſagen, das mich widerlegte?“ Karl Albert erwiderte nichts; nach mehrmaligem Pochen war Duſchl mit einem Schreiben eingetreten, das eben eingetroffen und nach dem Befehl des Kai⸗ ſers überſchickt worden war. Zugleich meldete er, Seine Eminenz der Kurfürſt und Erzbiſchof von Köln ſei auf der Durchreiſe in Frankfurt hier angekommen und wünſche ſeinen kaiſerlichen Bruder zu ſprechen. „Mein Bruder hier?“ rief Karl Albert, indem er das Schreiben gedankenvoll in der Hand hielt, ver⸗ wundert aus.„Was führt den in dieſem Augenblicke nach Frankfurt?“ „Das werden wir ja ſehen“, ſagte Amalie.„Aber was enthält zunächſt dieſes Schreiben? Oeffne es! Vielleicht gibt der Himmel ſelbſt Dir ein Beiſpiel an die Hand, nachdem Du ſo eben vergeblich geſucht.“ „Das Siegel zeigt den Krummſtab und die Bi⸗ — — 2 » ſ ſchofsmütze“, ſagte Karl Albert, indem er es beſah und öffnete.„Es iſt von dem Biſchof von Brixen. Ohne Zweifel die Antwort auf die an ihn ergangene Aufforderung, ſeinen Antheil an den fünfzig Römer⸗ monaten zu bezahlen, die der Reichstag mir bewilligt hat.“ „Nun, und wie lautet die Antwort des Biſchofs?“ fragte Amalie, indem ſie dem Zögernden das Schreiben aus der Hand nahm und las:„Bedaure demnach, daß der mir anvertraute Sprengel durch allerlei Calamität, deren Aufzählung Eure Majeſtät ermüden würde, ſo ſehr herabgekommen und verarmt iſt, daß ich außer Stand bin, den mir auferlegten Antheil zu bezahlen. Ich muß daher Kaiſerliche Majeſtät mit Ihrer Forderung an die Königin von Ungarn als Herrin von Tirol verweiſen, ob dieſe vielleicht geneigt iſt, dem Begehren zu willfahren, mir aber bitte ich, ſolches Anſinnen gnädigſt zu erlaſſen. Ich will auch dafür Eurer Kai⸗ ſerlichen Majeſtät die beſte Geſundheit wünſchen bis ins höchſte Alter und meinen biſchöflichen Segen ertheilen.“ „Vortrefflich!“ rief Karl Albert, unwillig hin und her ſchreitend.„Und ſo machen ſie's alle! Nicht genug, daß ſie um Albernheiten ſtreiten, daß ſie mit Noth die kleine Summe für das Reich bewilligten, faſt alle weigern ſich ihres Antheils, und wo ſie dies nicht können, machen ſie Ausflüchte und Verzögerungen! Und 76 jetzt noch dazu dieſer offene, unverhohlene Hohn! Mich an Maria Thereſia zu verweiſen! O armes, armes Deutſchland! Armes Reich! Welche Zukunft ſteht dir bevor! Es wird furchtbar wahr werden an dir, was geſchrieben ſteht: Jedes Reich, das uneins iſt mit ſich ſelber, muß untergehen!“ Geräuſch vor der Thür ließ die Ankunft des Kölner Kurfürſten vermuthen. „Ich will dem geiſtlichen Herrn Schwager Platz machen und mich ins Nebenzimmer begeben“, ſagte die Kaiſerin.„Da er auf der Durchreiſe iſt, wird die Unterredung wohl nicht lange dauern.“ Sie war kaum ins Nebenzimmer getreten, als der Kurfürſt Clemens Auguſt erſchien. Karl Albert eilte ihm mit weitgeöffneten Armen entgegen und rief ihm ein lautes herzliches Willkommen zu; die beabſichtigte Umarmung war jedoch unmöglich, weil der Fürſt mit Ablegung von Hut und Mantel ſo viel zu thun hatte, daß er die Arme nicht frei bringen konnte. „Ich erwidere den Gruß von Herzen, mein Bru⸗ der“, entgegnete er in einem Tone, der das Gegentheil ausſprach.„Ich fürchte aber, Du wirſt mich nicht mehr willkommen heißen, wenn Du erſt weißt, was mich hierher geführt!“ Befremdet trat der Kaiſer zurück. —— „„— 67 „Welches ſonderbare Benehmen!“ rief er.„Welches Ereigniß führt Dich nach Frankfurt? Mir wurde ge⸗ meldet, daß Du Dich auf der Durchreiſe befändeſt, iſt das wahr? Wohin gedenkſt Du zu reiſen?“ „Es iſt wahr, ich reiſe nach Wien.“ „Nach Wien?“ ſtieß der Kaiſer beſtürzt hervor. „Bruder, was ſoll das heißen? Was ſoll der Kurfürſt von Köln, der Bruder und Verbündete Kaiſer Karl's des Siebenten, in Wien?“ „Ich will zu Maria Thereſia gehen und ihr er⸗ klären, daß ich mich losſage von dem Bündniß mit Kaiſer Karl dem Siebenten; auch Kurfürſt Karl Theo⸗ dor von der Pfalz hat mich ermächtigt, in ſeinem Na⸗ men die gleiche Erklärung zu überbringen.“ „Alſo auch Ihr verlaßt mich?“ rief der Kaiſer ſchmerzlich ergriffen.„Auch bei Euch iſt die Furcht und die Eigenſucht ſtärker als der beſchworene Vertrag, ſtärker ſogar als die Bande des Blutes? Auch Du, mein Bruder, willſt Dich von mir trennen, Du, der Du mir die Kaiſerkrone aufs Haupt geſetzt?“ „Die Folge Deines eigenen Thuns!“ entgegnete der Biſchof.„Frage nicht, warum die Bundesgenoſſen von Dir laſſen, die Frage ziemt dem Mann nicht, der treulos hinter dem Rücken ſeiner Bundesgenoſſen ge⸗ handelt und ſie preisgegeben!“ 78 „Bruder, Du redeſt irre! Ich hätte das gethan?“ „Verſuche nicht zu widerſprechen, hier iſt der Be⸗ weis!“ Er reichte dem Kaiſer ein Blatt, das dieſer be⸗ gierig ergriff, bei deſſen Anblick er jedoch zuſammen⸗ ſchrak, daß es in ſeiner Hand zitterte und er einige Augenblicke unfähig war, ein Wort zu erwidern. „Mein Gott!“ rief er endlich,„wie kommt dieſes unſelige Blatt in Deine Hände?“ „Das iſt gleichgültig“, erwiderte Clemens Auguſt noch kälter als zuvor,„genug, es iſt in meinen Hän⸗ den, und daß es die Wahrheit enthält, kannſt Du nicht leugnen, Deine Betroffenheit zeugt unwiderleglich gegen Dich! Es iſt alſo wirklich an dem? Um den Frieden zu erreichen und Deine ehrgeizigen Zwecke doch nicht aufgeben zu müſſen, haſt Du wirklich dieſen ſchändlichen Plan gegen die Selbſtſtändigkeit deutſcher Fürſten entworfen? Die Bisthümer Salzburg, Paſſau, Freyſing ſollen ſäculariſirt, Deinem Lande einverleibt und Baiern zum Königreich erhoben werden. Freilich auf dieſe Weiſe könnte Dich Oeſterreich entſchädigen, ohne etwas zu verlieren, und eine Königskrone iſt wohl verlockend genug, um ſelbſt den Kaiſer zum Verſchwö⸗ rer gegen das Reich zu machen!“ „Du thuſt mir Unrecht, Bruder, ſchweres Unrecht“, 8„—— — 79 ſagte Karl Abert ſich faſſend.„Allerdings hat mich der Anblick dieſes Blattes in hohem Grade erſchüttert, aber nicht ſein Inhalt hat dies gethan, nein, nur die herbe, herzbeklemmende Gewißheit, daß keines Menſchen Treue feſtſteht auf Erden! Dieſen Vorſchlag zum Frie⸗ den habe nicht ich entworfen, ich bin niemals auf den⸗ ſelben eingegangen, weil ich die Gefährlichkeit deſſelben auf den erſten Blick erkannte. Er iſt mir zugeſandt worden.“ „Wirklich? Zugeſandt?“ fragte Clemens Auguſt zweifelnd.„Und von wem?“ „Das verlange nicht zu wiſſen!“ entgegnete Karl Albert.„Laß Dir mein Wort genügen, ich müßte ein mir geſchenktes Vertrauen täuſchen, wollte ich den Ur⸗ heber des Plans nennen!“ „Wie Du willſt. Wahre das Geheimniß dieſes Staatskünſtlers“, ſagte der Kurfürſt, indem er nach ſeinem Mantel griff,„aber mein Geſchäft bei Dir iſt beendet. Du wirſt es erklärlich finden, daß, je mehr Du Dir das Vertrauen bei jenem zu bewahren ſtrebſt, das unſerige auf Dich deſto tiefer ſinken muß! Wer bürgt dafür, daß der Plan, wenn auch nicht von Dir ausgehend, nicht insgeheim Dir dennoch genehm iſt, daß Du nicht dennoch verſuchen wirſt, ihn auszuführen? Wer bürgt dafür, daß der Plan nicht auch noch wei⸗ 80 ter, über den Inhalt dieſes Entwurfs hinausgreifen und vielleicht auch meinen Kurhut antaſten wird? Iſt doch des eigenen Bruders in Freyſing darin nicht ge⸗ ſchont worden! Aber wäre das auch nicht, ich ſtehe zur goldenen Bulle, zu der von Dir beſchworenen Wahlcapitulation und zu meinen bedrohten reichsfürſt⸗ lichen Standesgenoſſen!“ „Aber ich betheure Dir, daß ich nie ſolche Ab⸗ ſichten gehabt“, rief der Kaiſer lebhaft.„Ich habe den Plan, der mir zukam, Niemand mitgetheilt, ſondern als tiefes Geheimniß bewahrt, wie der Apotheker das Gift in wohlverſchloſſenem Gefäß bewahrt. Ich be⸗ greife nicht, wie er Andern zur Kenntniß gekommen ſein kann.“ „Das wäre allerdings möglich“, ſagte Clemens Auguſt ihn betrachtend.„So gib mir denn einen Be⸗ weis für dieſe Behauptung, nenne den Urheber des Projects.“ Der Kaiſer beſann ſich nicht, ſondern wiederholte ein raſches feſtes Nein. „Er kommt aus proteſtantiſchem Lager ohne Zweifel“, fragte der Biſchof ausforſchend,„Friedrich, der Freigeiſt auf dem Throne, iſt es, der ihn ausgeheckt.“ „Dränge nicht in mich“, erwiderte der Kaiſer mit Wärme.„Gott weiß, wie ſchmerzlich es mir iſt, in — 8¹1 ſo falſchem Scheine vor Dir und den Reichsfürſten dazuſtehen, wie mir das Herz auch blutet, den eigenen Bruder unter meinen Feinden ſehen zu müſſen, aber um dieſen Preis kann ich Deine Freundſchaft nicht erwerben, ich nenne den Mann nicht!“ „Die Wahl iſt Dein“, entgegnete Clemens kurz, „uns aber wirſt Du nicht verdenken, wenn wir Dein Benehmen deuten, wie es ſich deuten läßt. Lebe wohl!“ „Bruder!“ rief Karl Albert dem Scheidenden in ſchmerzlicher Erregung nach,„gehe nicht ſo von mir! Verlaſſe mich nicht, gib nicht wieder ein Beiſpiel des unſeligen Zwiſtes, der das Haus Wittelsbach ſchon ſo oft ins Unheil geſtürzt; gib nicht wieder ein Beiſpiel, daß Söhne eines Blutes, daß Fürſten eines Stammes ſich als Feinde gegenüberſtehen! Biſt Du es nicht, der ſich ſeiner Beſtändigkeit gerühmt, der mir verſprach, ich würde ihn immer unverändert als denſelben finden? Gedenke der verhängnißvollen Stunde, da wir in Nym⸗ phenburg von einander ſchieden. Nicht blos die Zeiten haben ſich geändert, ſonvern auch Du!“ „Ich nicht“, rief der Biſchof mit Nachdruck,„i ich weiſe dieſen Vorwurf zurück! Ich warnte Dich, Oeſter⸗ reich nicht ſo weit zu treiben, daß es unmöglich ſein würde, Dich mit ihm zu verſöhnen, Du haſt es nicht gethan! Ich bin der Alte geblieben, Bruder, und ſo Schmid, Concordia V. 6 82 erhalten meine Truppen wie die von der Pfalz den Befehl, ſich von den Deinigen zurückzuziehen. Lebe wohl!“ Er ging. Erſchüttert ſank der Kaiſer in einen Stuhl. Es war das letzte Mal, daß die Brüder ſich im Leben begegneten. „Wehe mir, wann naht das Ende meiner Leiden!“ rief Karl Albert.„Nun wankt ſelbſt die Erde unter mir, nun muß Alles ſtürzen, was ich gebaut!“ Er hatte im Schmerz nicht gewahrt, daß ſeine Gattin wieder neben ihn getreten war. „Nun?“ ſagte ſie.„Ich habe Alles mit angehört. Wirſt Du Dich jetzt noch nicht entſchließen? Haſt Du Deinen Sinn noch nicht geändert?“ Der Kaiſer erhob ſich gelaſſen; mit gebrochener Stimme, aber ungebeugten Sinnes wiederholte er ſein altes Nein. „Nun denn“, rief Amalie in aufflammendem Zorn, „ſo ſage auch ich mich los von Dir! Renne in Dein Verderben! Ich aber will das Strafgericht des Him⸗ mels nicht theilen, das Du über Dich heraufbeſchwörſt!“ Sie wollte das Gemach verlaſſen, der Kaiſer eilte ihr nach und hielt ſie zurück. „Ich habe dieſe Worte uicht gehört, Amalie“, ſagte er ernſt,„ich will ſie nicht gehört haben, ich 83 will Dir Zeit gönnen, ſie noch einmal zu überlegen, und warten, ob Du bei ruhigem Blute ſie wiederholen wirſt. Es iſt nicht Alles unter uns geweſen, wie es ſollte— ich will mich nicht frei ſprechen von der Schuld, die dabei mein Haupt trifft. Du aber wirſt in die eigene Bruſt greifen und nicht im Zorne thun, was Du geſprochen, es liegt ein Fluch darin! Du wirſt bei mir bleiben, Amalie, und auch fürder neben mir aus⸗ halten, wie bisher, Du wirſt mir mehr ſein als bisher. Hätte ich Dich gekannt, wie Du Dich heute gezeigt, wer weiß, es wäre Manches nicht geſchehen.“ Ehe die Kaiſerin antworten konnte, wurden die Flügelthüren des Gemaches aufgeriſſen; im Vorſaale zeigten ſich kriegeriſche Uniformen, Waffengeräuſch er⸗ tönte und der Diener meldete die Ankunft Seiner Ho⸗ heit, des Herzogs von Broglio. Der Marſchall trat ein, während die Kaiſerin ſich wieder in ihr Gemach zurückzog. Die Erſcheinung des Herzogs bot nichts, was in ihm den Kriegsmann und Marſchall hätte erkennen laſſen, als die ſoldatiſche Kleidung. Seine große und ſchwerfällige Geſtalt, welche der Küraß über dem weiten Waffenrock kaum bedeckte, die mächtige Perrücke über dem runden, wohlgenährten Geſichte gab ihm mehr das Anſehen eines Höflings und Lebemannes. 6* 84 „Majeſtät haben den Wunſch ausgeſprochen, mich zu ſehen“, ſagte er mit leichter Verbeugung und einer feinen, fetten Stimme, die ebenfalls nichts weniger als der eines Heerführers glich.„Ich folge pünktlich, die Befehle Eurer Majeſtät zu vernehmen.“ „Laſſen Sie die Complimente, Herr Herzog“, er⸗ widerte der Kaiſer, durch die nachläſſige Art des Grußes gereizt.„Ich wünſchte ſehr, die ſchönen Re⸗ densarten einmal durch Thaten verdrängt zu ſehen!“ „Ich geſtehe, einen ſolchen Empfang nicht erwartet zu haben“, ſagte Broglio mit ſtolzem Befremden. „Ich ließ Sie zu mir bitten“, unterbrach ihn der Kaiſer,„um mir eine Erklärung zu erbitten. Wie kommt's doch, daß, während wir Sie in Böhmen glaub⸗ ten, Sie ſich auf dem Rückmarſche und in meiner Nähe befinden? Daß Sie mein Baiern ſchutzlos in Feindes Hand laſſen?“ „Es dürfte Majeſtät vielleicht bekannt ſein“, ſagte der Marſchall mit Achſelzucken,„daß der ſtrenge Win⸗ ter in Eger meine Truppen völlig zu Grunde richtete. Ich vermochte Stadt und Feſte nicht länger zu behaup⸗ ten, und da ich mit meinen kriegsuntüchtigen Leuten das Feld nicht halten konnte, muß ich darauf bedacht ſein, Seiner Majeſtät König Ludwig mindeſtens den Reſt ſeines Heeres zu erhalten!“ —28— 85⁵ „In Baiern“, rief der Kaiſer raſch,„hätten Sie Ort und Gelegenheit genug gefunden, Ihre Truppen wiederherzuſtellen, wenn Sie den Oeſterreichern zuvor⸗ gekommen wären! Auch iſt ein neues franzöſiſches Hülfscorps im Anzug und nur noch wenige Tagereiſen entfernt. Das haben Sie bei Ihrer Aufklärung wohl vergeſſen, Herr Marſchall?“ „Keineswegs“, entgegnete dieſer,„aber auch mit dem neuen Heere wäre ich nicht im Stande geweſen, dem Feinde die Spitze zu bieten.“ „Und Sie wollen alſo wirklich zurückkehren?“ rief der Kaiſer.„Sie geben mich und meine Baiern rück⸗ ſichtslos und offenkundig preis! Noch in dieſen Tagen erhielt ich ein Schreiben Ihres Königs, worin er mir wiederholt ſeinen vollen Beiſtand verſpricht, worin er mir verſichert, er ſetze ſeine Ehre darein, daß Baiern aus dieſem Kampfe als Sieger hervorgehen müſſe.“ „Ich freue mich dieſer ſo hochherzigen Geſinnung meines allergnädigſten Herrn“, ſagte der Marſchall lächelnd,„und bin überzeugt, daß er dieſelben auch durch Thaten beweiſen wird. Eure Majeſtät können demnach in dieſer Beziehung völlig ruhig ſein.“ „Marſchall“, rief der Kaiſer, ſich gewaltſam mäßigend,„wozu dieſe unnütze Erörterung? Ich bin der ſteten Ausflüchte, dieſer immerwährenden Zwiſtig⸗ 86 keiten der Generale müde. Wenn ich Sie nun erſuche, den Rückmarſch einzuſtellen und einen Plan zu ent⸗ werfen, mein Baiern vom Feinde zu befreien?“ „Dann würde ich Eure Majeſtät dringend bitten, mich nicht in die troſtloſe Lage zu verſetzen, Eurer Majeſtät eine Bitte abſchlagen zu müſſen.“ „Marſchall“, rief der Kaiſer, ſich immer mehr er⸗ wärmend,„Sie wiſſen, Ihr König hat mich zu ſeinem Generallieutenant ernannt, alle franzöſiſchen Truppen in deutſchen Landen ſtehen demnach unter meinem Oberbefehl. Wohlan! Wenn ich nun von dieſer Be⸗ fugniß Gebrauch machte? Wenn ich von dieſer Stunde an den Oberbefehl ſelbſt übernähme, würden Sie, wenn ich es befehle, Ihren Marſch unterbrechen und nach Baiern zurückkehren?“ „Der Gedanke iſt eines ſo großen Monarchen würdig“, entgegnete Broglio,„aber er dürfte nicht wohl ausführbar ſein. Eure Majeſtät könnten vor einem Heer doch nur mit der nöthigen Pracht und Machtentfaltung erſcheinen, die eines ſo großen Mo⸗ narchen würdig wäre; das wäre unerlaßlich, ſowohl um Ihrer ſelbſt willen, noch mehr aber, wenn Sie als Vertreter des Königs von Frankreich handeln wollten.“⸗ „Sie weigern ſich alſo, mir zu gehorchen?“ rief der Kaiſer erhitzt. ——— — ʃ— 87 „Durchaus nicht, Majeſtät, ich erinnere mich nicht einen Befehl erhalten zu haben.“ „So nehmen Sie den Befehl mit dieſem Augen⸗ blick als gegeben an!“ „Dann freilich muß ich ihn leider mit dem Be⸗ dauern erwidern, daß gegentheilige Befehle meines Königs mir unmöglich machen, demſelben zu gehorchen.“ „Herr Marſchall, beſinnen Sie ſich!“ ſagte Karl Albert in ſteigender Erregung.„Frankreich hat mir Subſidien und Truppen vertragsmäßig zugeſagt. Die Gelder ſind nur unvollſtändig gefloſſen, die Trup⸗ pen hat man mir nur wie zum Schein geſchickt, ſie haben mich mehr gehindert als gefördert! Gehorchen Sie meinem Befehle und widerlegen Sie dadurch den Verdacht, daß es Frankreich nicht darum zu thun ge⸗ weſen, mir beizuſtehen, ſondern nur Oeſterreich zu ſcha⸗ den und ihm einen Feind an den Hals zu hetzen!“ Der Marſchall ſtutzte; dann erwiderte er mit leich⸗ tem Achſelzucken in gelaſſenem Ton: „Eurer Majeſtät traurige Lage entſchuldigt ſolchen Ausdruck.“ „Wer gibt Ihnen ein Recht, meine Ausdrücke zu meiſtern?“ zürnte der Kaiſer.„Noch einmal, gehor⸗ chen Sie oder fürchten Sie meinen Zorn!“ „Ich bin ſchon dem Zorne von Mächtigeren gegen⸗ über geſtanden und habe ihn nicht geſcheut“, war die feſte Antwort des Marſchalls. „So ſollen Sie lernen, vor dem meinigen zu zit⸗ tern“, rief der Kaiſer hingeriſſen.„Weſſen Schuld iſt meine traurige Lage? Wer hat mich in die Ohnmacht geſtürzt, die Sie mir vorwerfen? Es iſt die Schuld Frankreichs und die ſeiner Herren Marſchälle. Gehen Sie denn, kehren Sie nach Frankreich zurück. Ich kann Sie nicht halten! Aber ich werde Ihrem König ſchreiben, und ſeien Sie überzeugt, die Stunde wird kommen, in der Sie zur Rechenſchaft gezogen werden und in welcher tauſend Köpfe wie der eines Herzogs von Broglio eine zu geringe Sühne ſind für zwei große Heere und zwei Königreiche, die ich durch Sie verloren habe!“ „Ich werde es erwarten“, entgegnete der Mar⸗ ſchall ſtolz, indem er ſich entfernte, der Kaiſer aber warf ſich wie zuvor in den Stuhl und murmelte ihm zwiſchen den Lippen ein halblautes„Graeca fides“ nach. Er war allein mit ſeinen Schmerzen und dem zum Grimm geſteigerten Gefühle der Ohnmacht, allein der Riegel, der das Gemach der Kaiſerin hörbar verſchloſ⸗ ſen, regte ſich nicht wieder.„So ſind denn endlich“, rief er,„alle Nebel gefallen und der Pfuhl der Treu⸗ — — 89 loſigkeit liegt in ſeiner vollen Abſcheulichkeit vor mir da, um mich zu verſchlingen. Aber ich will nicht un⸗ terſinken in dieſen Greuel! Aus eigener Kraft, ihnen allen zu Trotz und Schmach, will ich mich emporar⸗ beiten! O“, fuhr er ſchmerzlich fort,„wer mir jetzt nur einen feſten Punkt unter meinen Füßen gäbe, nur einen Arm, auf den ich mich wahrhaft ſtützen könnte, aber Alles iſt ſchwankend unter mir und um mich her. Weh mir, ich bin zum Unglück geboren, es wird mich nicht eher verlaſſen, als bis ich es verlaſſe! Und doch“, rief er wieder mit bitterem Lachen,„iſt ſelbſt das noch ein Troſt, ich bin ſo tief gefallen, daß es unmöglich iſt, noch weiter zu ſinken“ In der Heftigkeit ſeiner Erregung ſtieß er an das Tiſchchen, das vor dem Sopha ſtand; der von der Kurfürſtin darauf gelegte Umſchlag, in welchem ſich der Pergamentſtreifen befunden hatte, fiel zu Boden. Achtlos hob er ihn auf, hielt aber verwundert inne, denn er ſpürte, daß in dem Umſchlag außer dem Streifen, der ebenfalls auf dem Tiſche lag, noch etwas enthalten war. Neugierig zog er den Inhalt vor. Es war der Brief ſeines getreuen Oberkammer⸗ dieners, worin er dem Feldmarſchall Törring Bericht über ihn erſtattete. Die Wiener Friedensbedingungen waren mit ganz friſcher Schrift unten angefügt. 90 Duſchl hatte in der Haſt ſeinen Brief in den un⸗ richtigen Umſchlag geſteckt und den andern leer an den Feldmarſchall abgeſchickt. Welch entſetzlicher Schlag! So eben hatte ſich Karl in der Tiefe des Unglücks angekommen geglaubt, aber ein neuer Abgrund that ſich unter ihm auf und ließ ihn vollends ins Bodenloſe ſtürzen! Der Führer ſeines Heeres, dem er das Wohl ſeines Landes wie das eigene anvertraut, hatte, von eigenſüchtigen Abſichten bewogen, einen Späher im Innerſten ſeines Hauſes beſtellt! Sein vertrauteſter Diener, für deſſen durch Jahre geprüfte Treue er die Feuerprobe ohne Scheu beſtaͤnden haben würde, hatte ſich dazu dingen laſſen— beide waren an ihrem gnädigen Gebieter, an ihrem gütigen Herrn zu Verräthern geworden. Vor Zorn bebend ſprang er auf, den Treuloſen zu rufen, und griff nach dem Degen, um den Spion mit eigener Hand wie ein giftiges Inſekt an den Bo⸗ den zu ſpießen, aber er beſann ſich und kämpfte ge⸗ waltſam die furchtbare Bewegung ſeines Gemüthes nieder; der Elende ſollte nicht den Genuß haben, ſeinen Zorn und Schmerz zu ſehen, er ſollte nicht ahnen, daß ſein falſches Spiel entdeckt ſei, und doch dem verdien⸗ ten Schickſal nicht entgehen. Fliegenden Athems und mit fliegender Hand warf 91 er einige Zeilen in Chiffern auf ein Blatt, verſchloß es und zog die Klingel. Unbefangen, mit dem gewohnten unterwürfigen Lächeln trat der Oberkammerdiener ein. Halb abge⸗ wendet reichte ihm der Kaiſer das Schreiben.„Dieſe Botſchaft muß augenblicklich und insgeheim nach Mün⸗ chen gebracht werden“, ſagte er.„Ich kann ſie Niemand anvertrauen als Dir, mache Dich ſogleich auf den Weg nach München und gib das Schreiben bei Kanz⸗ ler Unertl ab.“ „Sogleich?“ ſtammelte der beſtürzte Diener, indem er in den Mienen des Fürſten Bedeutung und Grund der ungewöhnlichen Sendung zu leſen verſuchte. Keine Faſer zuckte im Antlitz des Kaiſers. „Beſinnſt Du Dich?“ fragte dieſer raſch.„Es iſt der Lohn für Deine Treue— Du biſt mir doch treu, nicht wahr?“ „Bis in den Tod, Majeſtät!“ rief dieſer feurig. „Zum Beweiſe breche ich in dieſer Stunde noch nach München auf! Wenn ich aber die Botſchaft beſtellt habe, was habe ich dann zu thun?“ „Was dann?“ rief Karl Albert und ein Blitz zuckte aus ſeinen Augen.„Dann kehrſt Du hierher zu mir zurück, ſo ſchnell und ſo bald es Dir nur immer möglich ſein wird.“ 92 Der Diener verneigte ſich und ging. Flammenden Blickes ſchaute ihm der Kaiſer nach. „Elender Heuchler“, murmelte er,„gehe Deiner Strafe entgegen! Jetzt iſt es entſchieden“, fuhr er fort, indem er tief aufathmete und ſich über die Stirn fuhr, als wolle er eine Laſt von ſeinem Haupte abſchütteln, „das muß der letzte Blitz geweſen ſein, der Himmel kann kein Geſchoß mehr haben für mich, jetzt bin ich gefeit gegen Alles! Wer kann wie ich ſagen, daß ihn Alles getäuſcht, worauf er vertraute? Die Verbündeten haben mich verlaſſen oder treiben ein ſchnödes Spiel mit mir, die Gattin hat ſich mir abgewendet, die mei⸗ nem Blute die Nächſten ſind, ſelbſt mein Bruder hat ſich von mir losgeſagt— kann ich den Dienern zürnen, die mich betrogen, die mir doch nur um Lohn gedient, ob nun der Lohn in Befriedigung des Ehrgeizes be⸗ ſtand oder in klingender Münze! Jetzt iſt es auch klar, wie der unſelige Plan, die Bisthümer zu ſäculariſiren, in die Hände meiner Gegner kam! O, dieſer Skorpion hat mich mitten ins Herz geſtochen und ich ſelbſt habe ihn arglos im Buſen getragen und erzogen! Hervor, du Gezücht, hervor aus allen Ecken, in denen du lauerſt! Liegſt du nicht hinter jeder Thür, um zu ſpähen, hinter jeder Kluft im Getäfel, um zu horchen? Hervor! Was bedarfſt du noch eines Schlupfwinkels? 93 Offen krieche hervor, bäume dich an mir auf und bohre mir den Stachel offen in die Bruſt. Ich wehre ſie dir nicht mehr! Tödte mich, wie du den Glauben und das Vertrauen an die Treue in mir getödtet haſt. Was iſt ein Leben ohne Vertrauen? Ein Leben, das mit jedem Athemzug den Verrath einzuathmen fürchten muß? Wehe mir, nirgends Treue ohne Selbſtſucht, nirgends Wahrheit ohne Hintergedanken!“ Er konnte ſich der Thränen nicht mehr erwehren, in bitterem Guſſe rollten ſie über ſein Antlitz, das er wie beſchämt ſammt den Zeugen ſeines unendlichen Schmerzes in den Händen begrub. Lautlos ſank er in die Ecke des Sophas zurück. Schweigen war um ihn her, aber innen in ſeiner Seele ſtiegen wie Schat⸗ ten des Vorwurfs, wie Geſpenſter der Reue Geſtalten vergangener Tage empor. Zwei unter ihnen waren es, die immer und immer wiederkehrten: er ſah Pilgram wie an dem unglücklichen Abend von Linz vor ſich ſtehen, er ſah das Gärtchen des Falkenhofs und deſ⸗ ſen ſchuldloſe Bewohnerin, er glaubte die auf ihm ruhenden Blicke ihrer Augen zu fühlen, er vermeinte zu hören, wie ſie ihm zuflüſterte:„Wohl, wohl gibt es noch Wahrheit! Wohl, wohl gibt es noch Treue, aber Du haſt ſie nicht erkannt und haſt ſie von Dir geſtoßen.“ 94 Der ganze Jammer irdiſcher Größe breitete ſich um ihn wie ein unabſehbares Meer: gleich einer un⸗ nahbaren ſchwimmenden Inſel der Glückſeligkeit tauchte ein ſtilles Häuschen im Buchenſchatten vor ſeiner Phantaſie empor, und ein ſchwerer Seufzer grüßte die verheißene trauliche Förſterei am ſchönen Würmſee Nahende Schritte ſcheuchten ihn aus ſeinem Brü⸗ ten auf. Sein verwunderter Blick traf das Antlitz des Kurprinzen Maximilian, der zu ihm herangeeilt war und ſich unter dem Rufe„Verzeihung mein Vater, Verzeihung“, zu ſeinen Füßen auf die Kniee niederge⸗ laſſen hatte. „Du biſt es?“ rief Karl Albert erfreut.„Du kommſt in dieſem Augenblick zu mir? O ſei mir ge⸗ grüßt, ſei mir geſegnet, mein Sohn, das iſt ein Zei⸗ chen, das mir der Himmel ſendet! Nein, noch iſt nicht alles Vertrauen und alle Treue aus der Welt ver⸗ ſchwunden, noch habe ich Dich— Dich, meine Freude, meine Zuverſicht, meine Zukunft, und ich habe nichts verloren! Du kommſt wohl zu dem Mahle, von dem die Rede war, aber ich fürchte, die Ereigniſſe, die in⸗ zwiſchen eingetreten, haben die Gäſte verſcheucht, noch ehe ſie ſich eigentlich zuſammengefunden.“ „Vielleicht vereinigt ſie wieder, was ich bringe“, ſagte der Prinz,„mir wenigſtens hat es das Herz hoch ſchlagen gemacht vor Freude!“ „Was wäre das?“ fragte der Kaiſer.„Wie ſoll ich Dich verſtehen? Haſt Du nicht von Verzeihung ge⸗ ſprochen?“ „Ich bedarf deren mein Vater“, erwiderte Maxi⸗ milian,„ich komme nicht allein, ich habe einige Män⸗ ner mitgebracht, welche Gehör verlangen von meinem kaiſerlichen Vater. Man hat ſie zurückgewieſen, da wandten ſie ſich an mich und ich habe es übernom⸗ men, ſie zu Ihnen zu führen. Es ſind einfache bür⸗ gerliche Männer, aber ſie kommen aus der Heimat, Vater— es ſind Baiern!“ „Baiern? Wo ſind ſie? Wer hat meinen Landes⸗ kindern den Zutritt zu mir verwehrt?“ rief Karl Al⸗ bert, indem er ſich erhob.„Dafür bedarfſt Du nicht Verzeihung, mein Sohn, dafür gebührt Dir nur Dank. Laß die Männer eintreten, ihr Anblick wird mir will⸗ kommen ſein, willkommen wie der Anblick der Heimat.“ Der Prinz öffnete die Thür, Einſiedler, Luckner und Gſchray traten ein, der Kaiſer eilte ihnen ent⸗ gegen. „Willkommen, meine lieben Baiern!“ rief er herz⸗ lich und mit gerührter Stimme.„Wie lange iſt mir ein ſolcher Anblick verſagt geweſen!“ bedient habe, wie ſie wohl von der kleinen Stadt nicht 96 Er bot ihnen die Hand, auf welche ſich die Män⸗ ner zu ehrerbietigem Kuſſe niederbeugten. „Wir haben ja gewußt“, ſagte Einſiedler, indem er ſich mit dem Aermel über die Augen fuhr,„wenn es auch noch ſo hart hergeht, wir Baiern drucken doch durch!“ Der Kaiſer fragte nach ihren Namen; ſie nannten dieſelben und jeder hatte zu erzählen, was gerade ihn beſtimmt, als Sendling ſeiner Stadt oder ſeines Gaues die weite Reiſe zu unternehmen und den Landesherrn in der Fremde aufzuſuchen. Einſiedler berichtete, wie General Wurmbrand ſich vor Straubing gelagert und in der Altſtadt feſtgeſetzt, wie er Schanzen aufgeworfen, mit Geſchützen bepflanzt und neun Tage lang die Stadt mit einem Regen von Kugeln und Bomben überſchüttet; wie aber die Bürgerſchaft mit der kleinen Beſatzung tapfer auf den Mauern Stand gehalten, den Sturm abgeſchlagen, ja dem Feinde ſelbſt ſo ſchwe⸗ ren Schaden zugefügt, daß er gezwungen geweſen, eiligſt die Belagerung aufzuheben. Es ſei ihm wohl dabei zu gute gekommen, fügte er mit verſchämtem Selbſtgefühl hinzu, daß er weiland als Kanonier beim Geſchütz geſtanden und deſſen Bedienung erlernt und ſo die Oeſterreicher und Ungarn von den Wällen herab 97 erwartet hätten. Der Bäcker Luckner von Cham hatte nicht von einem ſo guten Ausgang zu erzählen; er kam nicht aus einer ſiegreich vertheidigten Stadt, ſon⸗ dern von einer Brandſtätte, über welche Trenck mit ſeiner Pandurenbande ſengend und brennend hinweg⸗ gezogen. Während der Aufforderung zur Uebergabe war ein unvorſichtiger Schuß aus den Mauern gefal⸗ len und hatte dem Wütherich genügt, die erſtürmte Stadt an allen Ecken anzuzünden, den Pulverthurm in die Luft zu ſprengen und die geſammte Einwohner⸗ ſchaft in Blut, Schande und Marter unter den Trüm⸗ mern zu begraben. Luckner ſelbſt hatte kaum das nackte Leben gerettet und ſich mit einem Häuflein Ge⸗ treuer nach Straubing geworfen. Gſchray, der ehe⸗ malige Gerichtsdiener, berichtete, wie er die Flüchtlinge, die Heimatloſen und Verſprengten im bairiſchen Walde von allen Seiten zu einem Freicorps geſammelt, das mit dem Feinde ſchon mehrmals ſiegreiche Gefechte be⸗ ſtanden und ſich ſelbſt zugeſchworen, niemals zu wei⸗ chen, keinen Pardon zu geben und zu nehmen und lieber auf dem Platze zu fallen. Im Eifer des Erzählens und Hörens hatte Nie⸗ mand bemerkt, daß die Thür halb offen geblieben und nach einiger Zeit ein Mann eingetreten war, der im Hintergrund des Zimmers ſtehen blieb. S chmid, Concordia. V. 98 „Und deswegen ſind wir da, Durchlaucht oder Majeſtät, wie man jetzt ſagen muß“, ſchloß Einſiedler, „daß wir Ihnen ſagen und zeigen, wie das Volk da⸗ heim geſinnt und gewillt iſt. Es hat viel ausgeſtan⸗ den, viele Städte und Märkte ſind in Feindeshand; eine Menge Dorfſchaften ſind niedergebrannt und das Land oft auf eine halbe Tagereiſe zu einer Wüſtenei geworden, aber wir haben doch nicht im Sinne, klein beizugeben! Wir wollen es machen, wie es unſere Vor⸗ fahren zu Max Emanuel’, Ihres Vaters, Zeiten ge⸗ macht haben, und wollen wieder wie dort rufen: Lie⸗ ber bairiſch ſterben, als öſterreichiſch verderben! Damit es aber nicht wieder ſchief geht, wie zu Max Ema⸗ nuel's Zeiten, haben wir die Reiſe gemacht. Selbiges⸗ mal iſt keine Ordnung in der Sache geweſen, kein rechter Zuſammenſtand; die Vornehmen, die öffentlich fürs Volk geweſen ſind, haben im geheimen dagegen gehandelt und man hat nicht einmal recht gewiß ge⸗ wußt, ob es dem Kurfürſten recht iſt, wenn man ſich für ihn todtſchlagen läßt. Drum ſollen Majeſtät Durch⸗ laucht uns jetzt ein Handſchreiben geben, ſollen befeh⸗ len, daß der Landſturm geht, und ſollen darin mit deutſchen Worten ſagen, daß es Ihnen recht iſt, wenn Alles aufſteht und das Gewehr oder die Senſe oder den Dreſchflegel in die Hand nimmt! Nachher hängen 99 wir das Schreiben als Zeichen an unſer weißblaues Fahnl und nachher können ſich Majeſtät Durchlaucht darauf verlaſſen, kein Oeſtreicher kommt lebendig aus dem Land und gewiß keiner mehr herein!“ In ſteigender Erregung hatte Karl Albert zuge⸗ hört, auf den jugendlichen Wangen des Kurprinzen flammte die Röthe der Begeiſterung. „Geben Sie, mein Vater“, rief er,„geben Sie den Männern das Aufgebot!“ Der Kaiſer aber rief gerührt:„O mein wackeres Volk! Wo iſt wieder ſolche Treue zu finden, ſolche Anhänglichkeit in Jammer und Noth, ſolche Vaterlands⸗ liebe bis in den Tod? Ja, meine tapferen Baiern, Ihr ſollt das Schreiben von mir haben! Ich will mich ganz in Eure Arme werfen. Ihr ſelbſt, Ihr allein ſollt mir und Euch das Vaterland und dem Vater⸗ lande den Frieden wieder erkämpfen.“ „Und mir gewähren Sie, mich an die Spitze zu ſtellen“, rief Maximilian feurig.„Mich laſſen Sie den Führer des Volkes ſein!“ „Nein, mein Sohn“, entgegnete Karl Albert,„das darf ich nicht. Ich darf Deine Jugend und Unerfah⸗ renheit in ſolch gewaltigem Kampf nicht voreilig aus⸗ ſetzen. Auch Deine Zeit wird kommen! Dein Leben iſt mir und Baierns Zukunft zu koſtbar.“ „Dafür hab' ich eine Neige Leben anzubieten“, ſagte aus der Tiefe des Gemaches vortretend der Un⸗ bekannte,„ich kann ſie nicht beſſer anwenden; vielleicht komme ich jetzt gelegen, wenn ich mich anbiete!“ „Seckendorf!“ rief der Kaiſer erſtaunt.„Er hier? Iſt Er vom Himmel gefallen?“ „Das nicht, aber ich bin doch Seckendorf“, rief der General,„und wiederhole meinen Antrag— komme ich jetzt gelegen?“ „Wie der Helfer in der höchſten Noth“, rief Karl Albert, indem er den greiſen Feldherrn umarmte.„Der Commandoſtab meines Heeres iſt frei geworden in einer Weiſe, wie ich es nicht geahnt, ich kann ihn in keine beſſeren Hände legen als in die Seinen!“ „Und ich, Majeſtät, übernehme ihn mit Vertrauen und Zuverſicht!“ rief Seckendorf.„Dieſe Bürger, dieſe Baiern ſind bereits Helden, ich will ſie zu Soldaten machen und zum Siege führen. Ich danke es dem Zufall, der mich zum Zeugen dieſes Augenblicks werden ließ. Ich kam eigentlich, Eurer Majeſtät andere Nach⸗ richten zu bringen“, ſetzte er leiſer hinzu.„Wenn Sie mich auch zurückgewieſen, bin ich doch für Sie thätig geweſen, ich wußte ja, daß die Stunde kommen würde, in der Sie mich rufen. Ich habe meine Muße benutzt, mich in Berlin umzuſehen. Ich darf mich der 101 Gunſt des Königs rühmen; als Geſandter am preußi⸗ ſchen Hofe war es mir möglich, dem Kronprinzen in ſeiner ſchlimmſten Zeit mit Rath und That zu helfen und, was oft mehr werth iſt als Beides, mit Geld. Er hat das nicht vergeſſen, aber er hat auch die Lage des Reichs nicht vergeſſen. Während er in der Ruhe ſein Heer verſtärkte, entging ihm der Uebermuth nicht, mit welchem Oeſterreich ſchon jetzt auf die errungenen Siege pocht und ſeine Gegner einzeln niederwirft, um ſich dann mit vereinter Kraft auf ihn zu werfen. Auch findet er es unwürdig, wie die Fürſten des Reichs ihr erwähltes Oberhaupt der Ohnmacht und der Schmach preisgeben, wie ſie ſelbſt die Einheit des Reichs gefährden und dazu beitragen, es zu einem leichten Erbe und einem Spielball für Oeſterreich her⸗ zurichten. Majeſtät werden bald Neues von ihm hö⸗ ren. Er gedenkt einen Fürſtenbund zur Aufrechthal⸗ tung des Reichs zu gründen und ſeinen ſiegbekränzten Degen wieder in die Wagſchale zu werfen.“ „Wirklich? So ſollte Friedrich daran denken, die Scharte auszuwetzen, die der Tag von Breslau dieſem Degen geſchlagen?“ „Er wird es“, entgegnete Seckendorf,„verlaſſen ſich Majeſtät darauf, ich habe es immer geſagt, weil ich ihn kenne. Der Kopf iſt durch und durch franzöſiſch, 102 aber er hat ein echt deutſches Herz! Erlauben denn Eure Majeſtät, daß ich ſogleich an mein Werk gehe, meine Anordnungen treffe und mit dieſen wackern Bürgern mich beſpreche.“. „So geh'’ Er mit Gott“, erwiderte der Kaiſer. „Er ſoll noch heute Seine Beſtallung haben, noch heute lege ich die Proclamation an mein Volk in Eure Hände, meine wackern Bürger! Bringt ſie in die Heimat als einen Herzensgruß an Land und Volk, ſagt ihm, wir wollen miteinander aushalten, wie es immer Brauch geweſen zwiſchen Baiern und Wittelsbach, und ſomit Gott zum Gruß— auf Wiederſehen!“ „Auf Wiederſehen, Majeſtät“, erwiderte Secken⸗ 1 dorf,„auf Wiederſehen in München!“ 1 Zweites Kapitel. Concordia. In der Neuhauſergaſſe durch den ſchönen Thurm und die ganze Kaufingergaſſe entlang drängte das Volk— wäre von einem der mit Zuſchauern dicht be⸗ ſetzten Fenſter ein Apfel herniedergefallen, er hätte den Boden nicht zu erreichen vermocht. Wie ſonſt nur bei der Fronleichnamsproceſſion, dem ſogenannten großen Antlas, üblich, waren die Häuſerreihen zu beiden Sei⸗ ten mit friſchen weißen Birkenſtämmen beſtellt, deren ſchwanke, lichtgrüne Laubkronen bis zu den Fenſtern der erſten Stockwerke reichten. Gewinde aus Tannen⸗ reiſig und Laubwerk, mit weißblauen Bandſchleifen ver⸗ knüpft, ſchmückten die Häuſer, während zwiſchen den Kränzen Tafeln mit Inſchriften prangten, Wappen⸗ ſchilder und Fähnlein mit den bairiſchen Rauten prunk⸗ — 104 ten und flatterten, und der Septemberhimmel über den Zacken der Giebel und Dächer in denſelben Farben ſo rein und heiter ſtrahlte, als welle auch er in luftiger Höhe das Seine beitragen, das Feſt zu verherrlichen, das zwiſchen den ſchwülen Häuſerreihen tief unter ihm gefeiert werden ſollte. Von den Münchnern war wohl Niemand zwiſchen ſeinen vier Pfählen geblieben, als wen die Kindheit an die Wiege oder das Greiſenthum an die zweite Wiege, den Lehnſtuhl des Alters, bannte. Auch die Bewohner der Vorſtädte und der umliegenden Dörfer bis auf viele Stunden im Unkreiſe hatten ſich eingefunden; ſeit am früheſten Morgen das Thor ge⸗ öffnet worden, ſtrömte das Landvolk in Schaaren herein, von den Amperhöhenzügen und den mooſigen Ebenen davor, die Männer mit den niedrigen Flach⸗ hüten und Langröcken, die Weiber in dicken, kurzen Faltenkitteln, Miederpanzern und der bebänderten Backenhaube aus Draht; von gegenüber her, aus dem Iſarland, von der Holzkirchener Hochfläche bis in den ſogenannten Pfaffenwinkel und bis Schliers und Ko⸗ chel hinein, andere in Spitzhut, Joppe, Kniehoſen und Beinling. Hatten ſie auch vielfach ihre verbrann⸗ ten Häuſer und verwüſteten Ländereien hinter ſich, kamen ſie auch nicht in dem behäbigen, wohlſtändigen Ausſehen wie vor wenigen Jahren, dennoch hatten ſie ., „— Weg und Mühe nicht geſcheut, den Tag mitzufeiern, nach dem ſich Alles geſehnt, um deſſentwillen ſie Alles geduldig ertragen; ſie wollten mit eigenen Augen ſehen und ſich überzeugen, daß die feindliche Drangſal der Fremdherrſchaft wirklich ein Ende habe, daß das Baiern⸗ land wieder frei ſei und der alte Landesherr wieder einziehe in ſeine alte Reſidenzſtadt an der grünen Iſar. Es war Seckendorf wirklich gelungen, Baiern in wenigen Monaten bis auf einige Grenzplätze am Inn und die Feſtung Ingolſtadt vollſtändig von Feinden zu befreien. Wohl waren es mächtige Gehülfen, die ihm dabei zur Seite geſtanden. Das allgemeine Lan⸗ desaufgebot hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt; aus allen Dörfern, vom Flachland und aus den Bergen, waren die ſtreitbaren Jünglinge und Männer und ſelbſt Knaben herbeigeeilt, hatten Abtheilungen und Streifcorps gebildet, die zwar das Heer nicht im regel⸗ rechten Kampfe unterſtützen, wohl aber dazu dienen konnten, den Feind fortwährend zu beunruhigen und von allen Seiten zu umſchwärmen, ohne daß er ſich ihrer erwehren konnte. Mit Wald und Feld, mit Weg und Steg vertraut, fanden ſie überall Gelegenheit, ihn ſchnell zu überfallen und ebenſo ſchnell wieder zu ver⸗ ſchwinden. Manches Dorf benutzte ſeine günſtige Lage, ſich der ungariſchen Banden zu erwehren oder ihnen, wie die reckenhaften Mannen von Tölz und Lenggries, den auf viele Flöſſe verladenen Raub wieder abzuja⸗ gen. Einzelne Städte, wie das auf den Hügeln des Lechrains gelegene alte Landsberg, vertheidigten und erwehrten ſich todesmuthig und ſiegreich der zehnfach überlegenen Belagerer. Landshut ward durch einen kühnen Handſtreich genommen, indem einige muthige Burſchen auf den Endbäumen der Brücke bis an das Thor krochen, es ſprengten und die Wachen überfielen. Der verwegene Gſchray erſtürmte das feſte Donau⸗ wörth mit ſeinen Freiſchärlern, welche mitten im feind⸗ lichen Geſchützfeuer die Paliſſaden niederriſſen und die fliehenden Ungarn über die brennenden Balken der Brücke verfolgten, die dieſe zur Deckung ihres Rück⸗ zugs angezündet. In dem erſtürmten Braunau nahm das Volk wilde, blutige Rache für die wilden, blutigen Frevel, die von den Ungarn in ihren Mauern ver⸗ übt worden; verzweifelnd vertheidigten ſich die letzten derſelben noch von den Dächern herab; erſt nachdem zweihundert der Ihrigen in den Straßen niedergemetzelt worden waren, durfte die Trommel Gnade verkünden. Aber unter die mit Sieg beſchriebenen Blätter des Kriegsbuches miſchte ſich auch gar manche Seite, nur mit Blut und Tod bezeichnet! Die Bürger des kleinen ————e — ——y 107 Marktfleckens Mainburg hatten geſchworen, ſich lieber unter den Trümmern ihrer Häuſer und Mauern zu begraben, als ſich und ſie den Greueln der Feinde preiszugeben, und ſie hielten ihren Schwur; was nur lebte, fiel unter den Säbeln, Kolben und Meſſern der Panduren; über ihnen brannte der Markt zu einem Schutthaufen nieder. Immerhin war die Erhebung und Begeiſterung des Volkes bedeutend genug, daß es unmöglich erſchien, das Land anders als mit großer Uebermacht niederzu⸗ halten, eine ſolche aber konnte Maria Thereſia nicht entfalten, denn ein großer Theil ihrer Heereskräfte war in ſiegreicher Verfolgung den Franzoſen nach bis an den Rhein gezogen und hatte ſelbſt Frankreichs Gren⸗ zen überſchritten. Was zurückgeblieben, war unent⸗ behrlich zur Bekämpfung Friedrich's von Preußen, der zur Wahrung des Reichs und zum Schutze ſeines Oberhaupts den Fürſtenbund zu Stande gebracht hatte und mit hunderttauſend Mann in Böhmen eindrang. Wohl loderte noch nach allen Richtungen hin die Fackel des Kriegs, wilder und verheerender als bisher, wohl konnte das unſichere Glück der Waffen auf dem einen oder andern der Kriegsſchauplätze die ganze Lage mit einem einzigen Schlage abermals zum Nachtheil des Kaiſers ändern: das Eine aber war jedenfalls erreicht: 108 das Land lag nicht mehr unter der Laſt der fremden Heere wie unter einer Lawine verſchüttet, es ver⸗ mochte wieder einen Augenblick frei aufzuathmen, zu fühlen, daß es noch lebe, und ſich eines Reſtes der alten Kraft bewußt zu werden. Als daher die Oeſter⸗ reicher in unvermutheter Haſt München verließen, als das Gerücht ſich verbreitete, Karl Albert, der als Kur⸗ fürſt vor einigen Jahren ausgezogen, kehre zurück und werde als Kaiſer ſeinen Einzug halten, da läuteten die Glocken im ärmſten Dorfe, das noch ein Kirchlein hatte, da loderten nachts in den Bergen die Feuer von Gipfel zu Gipfel und heller noch als ſie flammte die Freude auf im Herzen des Volkes: aus der Nacht der Fremdherrſchaft empor in den Auferſtehungsmorgen der Befreiung! Am dichteſten war das Gedränge am ſchönen Thurm, deſſen ſchmales, ſpitzbogiges Thor den wogen⸗ den Menſchenſtrom, der in die Neuhauſergaſſe zu kom⸗ men trachtete, ſtaute und aufhielt. Außerhalb deſſelben war die Bürgerlandwehr aufgeſtellt, um Spalier zu bilden bis zum Thurme des Neuhauſerthores, wo die Bürgermeiſter ſammt dem äußern und innern Stadt⸗ rath des Fürſten warteten, um ihn zuerſt, gleich beim erſten Schritt in ſeine getreue Hauptſtadt zu begrüßen. Von dorther ſchallten von Zeit zu Zeit wilde kriege⸗ — „— 109 riſche Töne durch den Bogen herein, dumpfe Trom⸗ melſchläge, Klingen von Tſchinellen, Triangel und Becken und das wunderliche Gebimmel des Glocken⸗ ſpiels; es war die Muſikbande der Bürgerlandwehr, die ſich beſonders ſeit den Tagen Max Emanuel's darin gefiel, die türkiſchen Inſtrumente zu verwenden, die man in den Türkenfehden kennen gelernt und erbeutet hatte. Vom entgegengeſetzten Ende der Kaufingergaſſe wurden dann und wann Klänge von minder weltlicher Art hörbar; dort war vor der Marienſäule ein Altar aufgerichtet und daneben eine tragbare Orgel aufge⸗ ſtellt, welcher der Organiſt in der Spannung des War⸗ tens manchmal einen Ton entlockte, als wolle er ſich überzeugen, daß Bälge und Pfeifen jederzeit bereit ſeien zum Beginn des feierlichen Präludiums, das er eigens ausſtudirt zu der ſeltenen Feier. Auch ſonſt verkündete allerlei Getön, daß ein Freudentag begangen wurde, und daß das Volk denſelben um ſo lauter und fröhlicher feierte, je länger es eines ſolchen entbehrt hatte. Aus den Schenken und Brauhäuſern der Ne⸗ benſtraßen ſchallte und johlte Geſang der Zecher; un⸗ mittelbar am ſchönen Thurm in der Ecke hatte ſich der blinde Geiger aufgepflanzt und gab einen„Zwie⸗ geſang zwiſchen der göttlichen Fürſichtigkeit und dem ſo lang betrübten Baiernland“ zum Beſten. 110 Das Lied gefiel den Leuten; immer wieder fan⸗ den ſich Zuhörer ein, wenn er daſſelbe zu ſingen be⸗ gann. Seine wankende, wehmüthige Stimme eignete ſich auch ganz wohl, die herbe Klage des geängſtigten Baiernlandes vorzutragen, und in der Erinnerung der ausgeſtandenen Leiden füllte ſich manches Auge mit Thränen, wenn er ſang: „Ach, muß ich zu Grund dann gehen, Allerſeits verlaſſen ſein? Kann mir denn Niemand beiſtehen, Helfen aus ſo ſchwerer Pein? Habe ja ſchon lang gelitten, Lang genug ja ſchon thu' bitten: Gib mir wieder, gib jetzund, Den ich lieb' von Herzensgrund!“ Deſto erfreuender und herzgewinnender war dann der Eindruck, wenn ſeine Führerin, ein etwa acht⸗ jähriges Mädchen, die Verheißungen und den Troſt der Vorſichtigkeit kunſtlos, aber mit friſcher Kinder⸗ ſtimme ſang, daß ſie ſich wirklich anhörte, wie die eines aus den Wolken ſingenden Engels. „O meine Tochter, nit zu eilig! Laß mir nur ein wenig Zeit: Dir mein Wort will halten heilig; Ich bleib' die Fürſichtigkeit! 114 Doch gedenk', daß man muß warten, Bis der Schnee verlaßt den Garten, Wenn man will, daß komm' hervor Der ſo edle Frühlingsflor.“ Der Schluß des Zwiegeſangs und der Beifall der Zuhörer verhallten in dem Geräuſche vieler Stim⸗ men, das ſich plötzlich durch die Kaufingergaſſe her⸗ anwälzte und die Menge wie ein dunkles Aehren⸗ feld im Winde ſchwanken machte.„Sie kommen!“ hieß es.„Der Petersthürmer hat ſchon das Fahnl ausg'ſteckt! Sie können nicht mehr weit vom Burg⸗ frieden ſein.“ Der Strom, der ſich eine Weile ge⸗ ſtaut, gerieth in neue Bewegung; wer derſelben nicht folgen wollte, mußte trachten, ihm nach der Seite zu entkommen. So wurden auch zwei Männer wider Willen fortgeſchoben und allmälig miteinander in den Thorwinkel gedrängt, den der blinde Geiger ſich als ſichere Zuflucht erwählt hatte. „Schau, ſchau, kommen wir da zuſammen?“ rief der eine, als ihm der andere hart auf den Leib ge⸗ ſchoben wurde.„Sind Sie's denn, Herr Mattfroh? Ich hab' Sie ja eine Ewigkeit nicht mehr ge⸗ ſehen.“ „Ich den Herrn Strandhofer auch nicht“, entgeg⸗ nete der Steinmetz.„Ich glaub', wir ſind nicht mehr 112 zuſammengekommen, ſeit— ſeit— nun ja, Sie wer⸗ den ſchon wiſſen, was ich mein'.“ „Ja freilich weiß ich's, Herr Steinmetzmeiſter!“ erwiderte der Metzger.„Seitdem wir die Oeſterreicher in die Stadt hereing'laſſen haben. Damals haben wir uns auch nicht vorg'ſtellt, daß es wieder ſo kommen wird.“ „Und wie iſt's Ihnen denn die ganze lange Zeit gegangen?“ fragte der Steinmetz.„Ich mein', Sie ſehen übel aus; ſind Sie krank g'weſen?“ „Wie der Herr nur ſo fragen kann!“ brummte Strandhofer, der allerdings nur noch ein Schatten des Mannes war, der auf dem Kandlerkeller der alten Zeit und ihren Bräuchen ſo kräftig das Wort geführt. Rock und Weſte ſchlotterten um den Leib, das Geſicht war mager und faltig geworden und die Abgetragen⸗ heit des Rockes zeigte, daß er der einzige Anzug ſeines Beſitzes war.„Ich mein', wir liegen alle miteinander in dem nämlichen Spital! Ich hab' die ganze Zeit— es ſind gut anderthalb Jahr’'— zehn Mann im Haus gehabt, die ich hab' ernähren müſſen! Das Haus ha⸗ ben ſie mir freilich ſtehen laſſen, von dem haben ſie nichts herunterbeißen können, was aber drinnen ge⸗ weſen iſt, das iſt Alles draufgegangen! Ich bin grad' ſo weit wie vor fünfundzwanzig Jahren und darf nur wieder von vorn anfangen.“ 113 „Mir iſt's gerade ſo ſchlecht gegangen, eigentlich noch ſchlechter“, entgegnete der Steinmetz.„Dem Herrn ſein Geſchäft, die Metzgerei, das iſt ein Brod, das alleweil geht; aber um meine Stein' kümmert ſich kein Menſch! Wer lebt, der denkt nur dran, wie er Brod zum Beißen bekommt, und wer geſtorben iſt, braucht kein' Stein aufs Grab, die Trübſal druckt ihn ſchon allein hinein! Was meint der Herr, vielleicht wär's voch g'ſcheidter geweſen, wenn wir uns gewehrt hätten und hätten die öſtreichiſchen Panduren nicht hereinge⸗ laſſen? Vielleicht wären wir ihrer doch auch Herr ge⸗ worden, wie die Landsberger und die Straubinger.“ „So viel iſt gewiß“, ſagte Strandhofer,„ſchlechter hätt’s uns auch nicht gehen können, wenn ſie die Stadt geſtürmt hätten! Sie hätten uns auch nicht mehr an⸗ thun können, als uns zu Grund richten, nur wär' uns die Haut auf einmal abgezogen worden, während man uns ſo alle Tag' ein Stückl herunterg'ſchunden hat.“ „Und jetzt heißt's auch noch“, ſagte der Steinmetz etwas leiſer,„es ſoll nachgefragt werden, wer dazu⸗ mal für die Vertheidigung geweſen iſt und wer für die Uebergab', und die Vertheidiger ſollen eine Belo⸗ bigung und Belohnung kriegen, und was nachher den andern blüht, das können wir uns an den Fingern abzählen.“ Schmidt, Concordia IV. 1 8 114 „Wär' nicht übel!“ rief der Metzger erſchrocken. „Das ging uns auch noch ab! Unſereins, wenn man auch Stadtverordneter iſt, kann ſo was doch nicht ſo recht auseinanderklauben; für was ſind denn die ge⸗ ſtudirten Herren da, als daß ſie einem das Richtige ſagen! Aber halt“, unterbrach er ſich ſelbſt,„da geht grad' einer von denen, die ſelbigesmal am lauteſten für die Uebergab' geſchrien haben! Den wollen wir einmal fragen; der muß es doch wiſſen.“ Dabei hatte der alle Umſtehenden überragende Mann ſeinen Arm wie einen Schrankbaum über die Köpfe hinweg auf die Schulter des Kammerraths Hufnagel niedergelaſſen, der eben vorüberdrängte, und zog ihn trotz Widerſtand und Geſchrei zu ſich heran.„Mach' der Herr kein' Spectakel!“ ſagte er.„Wir wollen blos wiſſen, was an der Sach' iſt.“ In unbehaglichſter Stimmung hörte der Kammer⸗ rath die Erzählung des Steinmetzen über die anzuſtel⸗ lende Unterſuchung an. „Der Herr iſt ja ein großes Thier“, ſchloß Strand⸗ hofer, deſſen Galle durch den Widerſtand des Rathes rege geworden war.„Er wird's alſo wohl wiſſen und uns ſagen können, was daran Wahres iſt.“ „Warum ſoll's nicht wahr ſein?“ entgegnete der Kammerrath ſich losmachend.„Seiner kaiſerlichen 115 Majeſtät, unſerem allergnädigſten Kurfürſten muß da⸗ ran liegen, diejenigen kennen zu lernen, die ihm wirk⸗ lich ergeben ſind, und es iſt wohl nicht mehr als billig, wenn er dieſelben auch belohnt.“ „Und das Gegentheil beſtraft, nicht wahr?“ ſagte Strandhofer.„Nun, dann wiſſen wir zwei, auf was wir uns Rechnung machen dürfen.“ „Wir zwei? Wie kommt Er mir vor, guter Mann?“ ſagte der Kammerrath hochmüthig.„Was hab' ich mit Ihm zu ſchaffen?“ „Nun, ſei der Herr ſo gut und leugn' Er ſich weg!“ rief Strandhofer.„Iſt der Herr nicht auch unter denen geweſen, denen man das Stadtthor nicht geſchwind genug hat aufmachen können? Hat der Herr nicht ein Langes und ein Breites drüber gered't, daß es der Stadt noch viel ſchlechter gehen thät', wenn ſie ſich wehrt?“ „Menge mich der Herr nicht in Seine faulen An⸗ gelegenheiten!“ rief Hufnagel.„Ich habe allerdings geſagt, daß es der Stadt ſchlimmer ergehen würde, wenn ſie erobert würde, als wenn ſie capitulirte; aber zu der Capitulation ſelbſt hab' ich niemals gerathen, das kann Niemand behaupten! Das iſt auch meine Sache nicht; ich bin ein Mann von der Feder und miſche mich nicht in ſolche Angelegenheiten.“ . 8* 116 Damit hatte er ſich losgeriſſen und war, eine Oeffnung in dem Menſchenknäuel benutzend, in dem⸗ ſelben verſchwunden und unerreichbar für den Grimm des Metzgers, der ſich nun hinter ihm in Bezeichnungen entlud, die an Beſtimmtheit und Deutlichkeit nichts zu wünſchen übrig ließen. „Aber lang muß man herſtehen“, ſagte der Stein⸗ metz, als nach einer Weile der Unwille des Metzgers etwas verflogen war. „Jawohl“, erwiderte derſelbe,„und bei einer ſolchen Hitz'’! Nicht anders wie mitten in den Hunds⸗ tagen. Ich bin geſtern draußen geweſen in der Schieß⸗ ſtatt, da iſt das Laub von den Kaſtanienbäumen ſchon ganz braun und dürr und fällt ab wie ſonſt im Oc⸗ tober.“ „Die Hitz' ſpür' ich auch“, ſagte der Trabant Stuhlreiter, der auf ſeinem Lauerpoſten in der Nähe ſtand und das Geſpräch mit angehört hatte.„Beſon⸗ ders auf meinen Eiſenhut brennt die Sonn, daß mir nur das Waſſer ſo herunterläuft.“ „Wenn ſie nur bald kommen!“ begann der Stein⸗ metz wieder.„Ich ſoll heim.“ .„Was eilt's Ihm denn gar ſo ſehr?“ rief ihm der Trabant entgegen.„Seine Stein' laufen Ihm doch nicht davon!“ 117 „Das nicht“, entgegnete Mattfroh.„Aber ſeit langer Zeit iſt mir wieder einmal eine Arbeit beſtellt worden. Von den Theatinerſtiftsherren iſt einer ge⸗ ſtorben, ich glaub', ein italieniſcher Graf, für den ſoll ich einen Grabſtein machen, aber man kommt ja zu keiner Arbeit! Heut' iſt der Einzug, morgen iſt die große Dankſagungsprofeſſion zu der gnadenreichen Mutter im Herzogſpital, in den nächſten Tagen ſol⸗ len die Hinrichtungen ſein; da muß man doch überall dabei ſein!“ „Richtig“, ſagte Strandhofer mit vergnügtem Lachen.„Die Hinrichtungen! Und gleich drei werden auf einmal ausgeführt, hat's geheißen. Iſt denn das wahr?“ „Freilich iſt's wahr“, beſtätigte der Trabant mit wichtiger Miene.„Der eine wird geköpft, der andere auf die Richtſtatt geſchleift und gerädert, und der dritte wird gehängt.“ „Was ſind's denn für arme Sünder?“ fragte Strandhofer.„Wahrſcheinlich iſt der Kerzlgießer vom Eiermarkt auch dabei?“ „Freilich“, ſagte Stuhlreiter.„Der hat's weit gebracht! Die Mutter Gottes hat's ſo gut mit ihm gemeint, hat ihm in der Lotterie einen Terno zukom⸗ men laſſen, aber es hat halt nichts angeſchlagen bei ihm. Da hat er ſich aufs Schatzgraben verlegt und hat ſich dem Teufel verſchrieben, und jetzt wird er da⸗ für gehängt.“ „Der arme Teufel! Jetzt thut er mir doch leid!“ entgegnete Strandhofer fromm.„Aber ſo geht's halt, wenn einer verſtockt iſt gegen die göttliche Gnad'. Hätt's ſo ſchön haben können, der Mann, und ſo gut. Und wer ſind denn die Andern?“ „Den zweiten werden die Herren vielleicht auch kennen“, begann der Trabant wieder.„Er iſt eine Zeit kurfürſtlicher Oberfalkner geweſen, draußen in der Au, im Falkenhof.“ „So, der!“ riefen beide wie aus einem Munde. „Den kenn' ich wohl, ein wüſter Menſch mit einer Narbe über das halbe Geſicht. Von dem hat es ja auch geheißen, daß er eine Verbündniß hat mit dem böſen Feind, und daß er Gold machen thut?“ „Aha, da wird er wohl deswegen juſtificirt?“ ſagte Strandhofer. Der Trabant aber berichtete, es ſei ganz etwas Anderes, wegen deſſen der Falkner den Tod durch das Rad erleiden müſſe.„Er iſt fortgeſchickt worden von der Falknerei oder ſonſt flüchtig gegangen, was weiß ich“, ſagte er,„und es hätte kein Hahn mehr nach ihm gekräht; aber er iſt ſelber wiedergekommen und wiel 119 Mit den Oeſterreichern und den Panduren iſt er wie⸗ dergekommen und kein anderer Menſch iſt's geweſen, der die Panduren drunten in den Auen über die Iſar und in das Lehel hereingeführt hat. Er hat ſich aber ſelber eine Falle gelegt und in ſeiner eigenen Schlinge gefangen! Beim Sturm hat ihn eine Kugel getroffen, und er iſt elend darniedergelegen. Die Verwundeten — das wiſſen ja die Herren— ſind in die Klöſter vertheilt worden, und der iſt in die Au hinausgekom⸗ men zu den Paulanern, wo die Panduren ſo wüſt gewirthſchaftet haben. Da hat ihn der Frater Keller⸗ meiſter erkannt; dann der hat ihn unter den Pandu⸗ ren geſehen und die ganze Verabredung mit angehört. Er iſt ſtill geweſen und hat ſich nichts merken laſſen, ſo lang die Oeſterreicher da waren; aber wie die übern Gaſteig hinaus abmarſchirt ſind, da hat er das Maul aufg'macht, und da hat man den ſaubern Ober⸗ falkner, der noch dazu ein bairiſches Landeskind ſein ſoll, gepackt und ihm als Landesverräther den Proceß g'macht.“ „Und in drei Tagen werden alle drei gericht't?“ fragte aus den Umſtehenden eine Frau mit allen Zei⸗ chen freudiger Neugierde. „Von drei Tagen kann keine Red' ſein“, erwi⸗ derte Stuhlreiter.„Der Proceß iſt aus, das Urtheil 120 iſt geſprochen über alle drei; aber jetzt muß es erſt der Kurfürſt— will ich ſagen, der Kaiſer unter⸗ ſchreiben.“ „Wenn er's nur unterſchreibt!“ rief das Weib beſorgt.„Neulich hat's g'heißen, wenn er ſein'n Ein⸗ zug halt, wird Alles begnadigt.“ „Ja, das kann ſchon g'ſchehn“, ſagte der Trabant, „Alles, was nicht auf Leib und Leben ſitzt. Meinet⸗ wegen könnten alle begnadigt werden! Ich wollt's dem armen Teufel, dem Kerzlgießer vergönnen und meinetwegen dem Spitzbuben von Oberfalkner auch; aber der dritte, wenn der auskäm', da wüßt' ich nicht, was ich thun müßt'. Ich glaub', ich thät' ihn kalt. machen auf meine eigene Fauſt.“ „Der dritte?“ fragte Strandhofer verwundert. „Was hat Ihm denn der gethan? Er hat uns ja noch gar nicht g'ſagt, wer der dritte iſt.“ „Der dritte“, ſagte Stuhlreiter,„iſt ein Aus⸗ länder, der die luthriſche Ketzerei bei uns hat einfüh⸗ ren wollen!„Ein Fuchs, den ich ſchon zweimal beim Bandl gehabt hab' und der allemal wieder ein Loch gefunden hat, durch das er auskommen iſt. Jetzt ſitzt er auf Mord, weil er einen erſtochen hat, wie ich ihn das dritte Mal gefaßt und nimmer ausg'laſſen hab'.“ „Recht hat Er gethan“, ſagte Strandhofer.„Ich 121 wollt' nur, es ging allen ſo, die's mit den Luthriſchen halten; dann käm gwiß kein ſolches Unglück mehr über unſer gutkatholiſches Baiernlandl.“ „Was muß's denn dort geben?“ unterbrach Matt⸗ froh das Geſpräch und deutete gegen die Mitte der Kaufingergaſſe hin, wo ſich mehrere Leute aus einem großen Hauſe hervordrängten und dadurch in der Menge eine Art Wirbel verurſachten.„Da muß ja was g'ſchehn ſein.“ „Da iſt freilich was g'ſchehn“, lachte Stuhlreiter. „Wiſſen denn die Herrn das noch nicht? Das iſt ja das Kaffeehaus von der fremden Frau oder Mamſell — Roſoli, oder wie ſie heißt.“ „Was iſt's denn mit ihr?“ „Was wird's ſein? Einen öſtreichiſchen Huſaren⸗ offizier hat ſie im Quartier g'habt, einen Verwundeten, der noch zurückgeblieben war; aber wie er g'hört hat, daß heut' der Kaiſer kommt, iſt er geſtern auf d'Nacht fort, ich glaub', es war der allerletzt, und damit ihm die Zeit nicht lang wird, hat er die Madam Roſoli mitg'nommen, und daß allen zweien der Faden nicht ausgeht, hat ſie alles Geld mitgenommen und keinem Menſchen was gezahlt.“ „Das iſt recht, das iſt recht“, rief Strandhofer vergnügt und rieb ſich die Hände.„Wenn's nur mit 422 all dem neumodiſchen G'lump ſo ging, das ſie alle⸗ weil aufbringen wollen!“ Der menſchenfreundliche Wunſch wurde durch den Donner der Geſchütze überdröhnt, die plötzlich von den Baſteien am Neuhauſerthor gelöſt wurden und denen im Augenblick darauf alle übrigen auf der ganzen Umwallung der Stadt aufgeſtellten Stücke auf ein ge⸗ gebenes Zeichen antworteten. Zugleich, wie von Zau⸗ bermacht geſchwungen, erklangen die Glocken aller Thürme vielſtimmig zuſammen, und in die gewaltige Harmonie erſchollen wie die Stimme eines mächtigen Ordners, um Einklang und Rhythmus herzuſtellen, von den Frauenthürmen die wuchtigen Schläge der Benno⸗ glocke herab, die nur bei ganz großen Feſtlichkeiten und außerordentlichen Anläſſen geläutet wird. In das Läuten und Schießen und die ſchmetternden Töne der Muſik miſchte ſich der Hochruf der Menge, der, wie Sturmwind im dichten Walde, immer wachſend heran⸗ brauſte. Kaiſer Karl hatte München wieder betreten. Es währte lange, ehe der Zug herankam. Das in ſchmerzlich froher Begeiſterung herandrängende Volk hielt Wagen und Reiter auf, daß ſie nur langſam Schritt für Schritt vorwärts kommen konnten. End⸗ lich kam die berittene Landwehr in ihren gelben Kol⸗ 123 lern aus dem Bogen des ſchönen Thurms hervor, Trompeter, Paukenſchläger und Standartenträger un⸗ ter ihnen, nach ihnen der Oberhofmarſchall, und dann kamen Kaiſer und Kaiſerin im offenen Wagen gefah⸗ ren. Karl Albert ſah blaß und angegriffen aus; in ſeinen Zügen war nichts von Freude zu erkennen. Der Schleier wehmüthiger Rührung, der ſeine Blicke umflorte, ließ ſie nicht aufflommen. Nach allen Seiten freundlich grüßend, erwiderte er den Zuruf des Volkes. „O du liebe Zeit“, ſagte Strandhofer, als er vorüberfuhr,„wie hat ſich der Herr verändert, ſeit er aus München fort iſt! Der iſt ja gar nicht mehr zu erkennen.“ „Ja, das iſt wahr“, entgegnete Mattfroh.„Man ſieht's ihm an, daß es ihm jedenfalls nicht beſſer ge⸗ gangen iſt als uns. Ob's nicht etwa doch g'ſcheidter g'weſen wär', wenn wir bei einander geblieben wären 27 „Hm, hm“, ſagte Strandhofer wieder, bedenklich den Kopf wiegend,„der Herr g'fällt mir gar nicht; er kommt mir vor wie das Laub an den Kaſtanien in der Schießſtatt, das die jache Hitz' ſo verbrannt und verbräunt hat. Der erſte kalte Wind wirft's runter.“ An der Marienſäule, wo die Wagen anhielten, wurde das Tedeum abgehalten, das der Bruder des 124 Kaiſers, Biſchof Theodor von Freyſing, anſtimmte. Als er den Segen ertheilen wollte, ſiel alles Volk auf dem dicht gedrängten Platze auf die Kniee; athemloſe Stille waltete einen Augenblick. Ueber die regungs⸗ loſe Menge ſahen die Fenſter des Rathhauſes herüber, aus denen vor nicht langer Zeit die Proclamation des Kaiſers in Fetzen heruntergeflogen war. Zur Seite, wo der öſterreichiſche Galgen geſtanden, war ein koſt⸗ bares Prunk⸗ und Schaugerüſt aufgeſchlagen und die Röhren des Fiſchbrunnens blitzten und rauſchten im Sonnenſchein, als wäre um ſie herum niemals ein Tropfen Blut gefloſſen, als hätten ſie nie ein letztes Seufzen und ein Sterberöcheln gehört. Alſo wandeln die Geſchicke. Der Biſchof erhob die Monſtranz, Gockenſchlag und Kanonendonner fielen wieder ein; vom Freuden⸗ geſchrei des Volkes umtobt, bewegte ſich der Zug der Reſidenz zu. Als Karl Albert ſich vom Betſtuhl erhob, war es der greiſe Kanzler Unertl, der unter den Staats⸗ beamten nur wenige Schritte von ihm als der Nächſte ſtand. „Unertl!“ rief er freudig, ſchritt auf ihn zu, faßte mit beiden Händen deſſen Rechte und ſah mit ſchim⸗ mernden Augen in das biedere, mit Rührung kämpfende 125 Greiſenantlitz.„Unertl“, rief er nochmals,„Er iſt der Erſte, der mich begrüßt? Das nehm ich für ein gutes Zeichen. Er meint es gut mit mir; Er hat Recht be⸗ halten. Ich wollte, ich wäre damals in Nymphenburg Seinem Rathe gefolgt. Bitt' Er ſich eine Gnade aus! Was es auch ſei, ich will ſie gewähren.“ Dankend beugte ſich der Greis zu der Hand des Fürſten nieder und rief:„Daß Durchlaucht mir das ſagen, iſt mir die liebſte Gnade. Aber ich will mir's erſt überlegen, was ich mir ausbitte; ich will das Verſprechen Eurer Majeſtät wie einen Schatzthaler, wie einen Nothpfennig in meine Sparbüchſe legen.“ In dem von Ludwig dem Baier erbauten Kai⸗ ſerſaale ſowie in dem vorhergehenden Schimmelſaale der kurfürſtlichen Reſidenz war bereits Alles verſam⸗ melt, was durch Rang oder Stellung berechtigt war, ſich bei der Begrüßung des heimkehrenden Für⸗ ſten einzufinden. Beide Säle waren Meiſterſtücke der Baukunſt, wegen ihres Reichthums und ihrer kunſtrei⸗ chen Pracht weit in die Lande berühmt, wie einſt die Wunderwerke der alten Welt. Im Schimmelſaale, in deſſen rieſigem Deckengemälde Apollo mit dem von vier Schimmeln gezogenen Sonnenwagen der Welt einen glanzvollen Tag heraufführte, waren die Wände mit Gemälden in muſiviſcher Arbeit geſchmückt, ideale und 126 römiſche Landſchaften mit Ruinen und Waſſerfällen darſtellend, zu denen die Livreen und Uniformen der verſammelten Hofbeamten und Diener ſowie die ſchwar⸗ zen Mäntel der Rathsherren und die verſchiedenen Trachten der Mönchsorden einen wirkungsvollen Ge⸗ genſatz bildeten. Die Vorſtände derſelben waren alle vollzählig gekommen; neben der braunrothen, härenen Kutte des bärtigen Kapuzinerguardians erſchien der einfache ſchwarze Talar des Auguſtinerpriors und der hellere des Theatinerpropſtes wie ein Prunkgewand, das ſelbſt wieder verdunkelt wurde von dem feurigen Violett an den ſpitzenbeſetzten Gewändern der Domherren. Die Wände des Kaiſerſaals waren überall mit buntem Marmor ausgelegt und getäfelt und in den Niſchen der Mauerpfeiler mit kunſtvollen Standbil⸗ dern geſchmückt, theils der altgriechiſchen Götterlehre entnommen oder antiken Muſtern nachgebildet, theils die verſchiedenen Fähigkeiten des Geiſtes als Perſonen darſtellend; eine Statue der Tugend aus Porphyr nahm gleichſam als Beherrſcherin aller die hervorragendſte Stelle der Mittelwand ein. Hier waren die Miniſter, die Geſandten fremder Höfe, die höheren Beamten ſammt den zahlreichen Kämmerern, den übrigen Edel⸗ leuten und den hoffähigen Damen verſammelt; an ih⸗ rer Spitze ſtand Feldmarſchall Seckendorf. 127 Viele fanden ſich wieder, die ſich ſeit Beginn des Kriegs nicht mehr geſehen, überall waren Bekannte zu begrüßen, überall gab es nach befreundetem Schick⸗ ſal zu fragen oder das eigene zu erzählen. Nicht we⸗ nige wurden vermißt; unter den Opfern des Kriegs war neben den Kindern des Volkes auch mancher Sproß aus edlen Häuſern gefallen. Auch Graf Peruſa und Freiherr von Freyberg gehörten zu den ſich Begegnenden. „Seien Sie mir willkommen!“ rief ihm Peruſa freudig entgegen, indem er ihn in eine Fenſterniſche führte.„Was ſagen Sie zu dieſem Wiederſehen? Nun iſt es doch gekommen, wie ich immer gehofft und ge⸗ ſagt!“ „Ja, Sie haben Recht behalten“, entgegnete Frey⸗ berg.„Ich gebe es Ihnen gern zu und freue mich deſſen; wenn ich nur die böſen Gedanken an die Zu⸗ kunft los werden könnte!“ „Noch immer böſe Gedanken?“ fragte Peruſa ver⸗ wundert.„Und welche?“ „Nun daß das Rad noch einmal ins Rollen und das Unterſte zu oberſt kommt! Daß das Glück wieder umſchlägt und wir München nochmals mit dem Rücken anſehen müſſen.“ „Das iſt wohl nicht mehr zu fürchten“, meinte 128 Peruſa.„Seit Seckendorf das Commando übernahm, iſt Glück und Sieg wieder an die bairiſchen Fahnen gefeſſelt.“ „Nun ja, ich will ſeinen Fähigkeiten nicht zu nahe treten“, entgegnete Freyberg,„aber ich glaube, daß auch er nicht mehr viel ausrichten wird. Was kann ein Feldherr ohne Heer? Und wir haben nur zuſammengeleſene Trümmer! Mit den franzöſiſchen Heerführern aber geht das Spiel des gegenſeitigen Neides und der Nebenbuhlerſchaft auch unter Secken⸗ dorf den alten Gang. Dazu miſcht ſich noch das Mißtrauen. Es fehlt nicht an Leuten, die es Secken⸗ dorf nicht vergeſſen können, daß er zuvor Oeſterreich gedient und daß nur Groll und Rache ihn an die Spitze des bairiſchen Heeres geführt haben.“ „Es iſt auch ein eigenthümliches Vertrauen, das man ihm da geſchenkt hat“, ſagte Peruſa, indem er die Umſtehenden mit forſchenden Blicken überſah, um ſich zu vergewiſſern, daß Niemand zuhörte.„Sie wiſ⸗ ſen, daß ich gleich zu Anfang der Verwicklungen ab⸗ gerufen wurde. Der Bruder meines Vaters, in Nea⸗ pel reich begütert und ohne Erben, wollte mich bei ſeinem Ende um ſich haben. Rückſichten der zwingend⸗ ſten Art veranlaßten mich, ſeinen Wunſch zu erfüllen, ſo kam es, daß ich über Alles, was inzwiſchen in 129 Baiern und im Reiche vorging, nur abgeriſſene, un⸗ klare Nachrichten erhielt und daß Manches mir voll⸗ ſtändig unbegreiflich blieb. Sie werden das zugeben, wenn ich Ihnen ſage, daß die Hauptbeſitzung meines Oheims wie ein Kloſter in der ſchönſten, aber einſam⸗ ſten Gegend am Veſuv liegt. Zu den Unbegreiflich⸗ keiten gehört auch, daß der Kurfürſt den Oberbefehl an Seckendorf übertrug. Ich will von allem Andern abſehen“, ſetzte er mit gedämpfter Stimme hinzu, „aber daß der katholiſche kurbairiſche Hof, der im eigenen Lande die neue Lehre ſo hart verfolgt, einen Proteſtanten zum oberſten Feldherrn macht, das—“ „Was iſt dabei zu verwundern?“ entgegnete Frey⸗ berg lachend.„Die Noth ſtumpft derlei Bedenklich⸗ keiten ab. Wem das Waſſer an den Hals geht, der wird die Hand, die ihn herauszieht, nicht erſt fragen, auf welche Art ſie das Kreuz macht! Auch fehlt es keineswegs an vorhergehenden Beiſpielen in der Ge⸗ ſchichte. Hat doch bekanntlich Maximilian, der fromme Kurfürſt, im dreißigjährigen Glaubenskriege den Ober⸗ befehl über ſeine erzkatholiſchen Soldaten jenem Me⸗ lander von Holzapfel, einem Proteſtanten, übergeben. In ähnlicher Weiſe mußte auch unſer allergnädigſter Herr in einen ſauren Apfel beißen; ob es auch ein Holzapfel geweſen, das wird ſi wohl noch zeigen.“ Schmid, Concordia V. 9 ——— ſſſſbſbſböböböbdbſbdbdbſdſbdſſſ — 130 „Und was iſt aus Törring geworden?“ fragte Peruſa.„Hat er das Commando ſo gelaſſen abge⸗ geben?“ „Ohne Widerrede“, entgegnete Freyberg;„er hat ſich auf ſeine Güter zurückgezogen, ſchmollt und putzt ſeinen Säbel blank, wenn man ihn vielleicht wieder brauchen ſollte.“ „Wie dem auch ſei“, rief Peruſa,„ſo viel iſt gewiß, daß trotz aller Ihrer Erlebniſſe Ihre ſpitze Zunge nicht ſtumpf geworden iſt.“ Freyberg wollte erwidern, aber der Zuruf der Verſammlung, welche den Kaiſer begrüßte, machte ihn verſtummen. Karl Albert mit Amalie und dem Kur⸗ prinzen ſtieg zu dem am Ende des Saales unter einem Baldachin aufgeſtellten Thronſeſſel hinan, den allge⸗ meinen Gruß zu erwidern, als Feldmarſchall Secken⸗ dorf vortrat und das Knie vor ihm beugend den Commandoſtab auf die Stufen legte. „Geſtatten Eure Majeſtät, daß ich zuerſt das Wort ergreife“, ſagte er,„und das Zeichen meiner Würde an Ihrem Throne niederlege! Ich habe meine Zuſage gehalten, ich habe Majeſtät ein Wiederſehen in München verheißen und bin der erſte, der Sie in München begrüßt! Nehmen Sie jetzt meinen Dank mit dem Wunſche, daß der Sieg für immer bei den Fah⸗ 131 nen Eurer Majeſtät verweilen möge! Mir aber ſei vergönnt, die Führung Ihres Banners jüngeren Hän⸗ den zu überlaſſen!“ „Wie?“ rief Karl Albert ſichtbar unangenehm berührt.„Mitten in der Siegeslaufbahn will Er mich verlaſſen? Das Wiederſehen ſoll nur ein Abſchied ſein? Nimmermehr! Ich will Seine Bitte nicht gehört ha⸗ ben, will Ihm, wie es auch ſei, heute keine Antwort darauf geben. Dieſen Tag der Freude ſoll kein ſolcher Mißlaut ſtören! Hoffentlich wird es mir nun bald vergönnt ſein, das Schwert in die Scheide zu ſtecken, dem Kriege Valet und den Segnungen des Friedens den Gruß zu ſagen! Darum will ich hier, vor dieſer feſtlichen Verſammlung, die ich mit freudig bewegtem Herzen begrüße, im Angeſicht Gottes und meines Vol⸗ kes geloben: wie er mir zum Siege verholfen, ſo ſoll mit ſeiner Hülfe von nun an mein ganzes Dich⸗ ten und Trachten nur darauf gerichtet ſein, Baiern die großen und ſchweren Opfer, die es gebracht, ſoviel in meinen Kräften ſteht, zu erſetzen und mein biederes, treues Volk glücklich zu machen! Ich gelobe feierlich—“ Er vollendete nicht. Das Wort ſtockte auf ſeinen Lippen, Bläſſe breitete ſich über ſein Angeſicht, mit der linken Hand mußte er nach der Lehne des Thron⸗ ſtuhls taſten, um nicht umzuſinken, während er die 9*⸗ 132 Rechte an die Bruſt drückte, als ob dieſe von plötz⸗ lichen ſchmerzlichen Krämpfen zuſammengezogen würde. Ein Laut des Schreckens flog durch die Verſammlung. Kurprinz Max ſprang hinzu, den wankenden Vater zu ſtützen, aber in demſelben Augenblick hatte ſich der Kaiſer bereits wieder erholt und ſtand völlig aufge⸗ richtet in gewohnter edler Haltung da. „Es iſt nichts“, rief er, vom Throne herunter⸗ ſteigend,„nur eine kleine Anwandlung von Schwäche, die bereits wieder vorüber iſt. Die Reiſe hat mich angeſtrengt; die Macht und Wichtigkeit des Augen⸗ blicks hat mich ergriffen. Mein Volk hat mein Ge⸗ löbniß darum doch vernommen und ſoll erfahren, daß ich entſchloſſen bin, es einzulöſen.“ Der Anfall ſchien auch ohne alle Bedeutung zu ſein. Karl Albert befand ſich ſo wohl oder ſo übel, als er ſich ſchon ſeit langer Zeit beinahe fortwährend befunden. Die Anwandlung, welche von den Aerzten der Aufregung und dem Wechſel der Gemüthsſtim⸗ mungen zugeſchrieben wurde, die beim Feſtzuge auf ihn einſtürmten, war nicht wiedergekehrt, hatte aber ein Gefühl großer Ermüdung zurückgelaſſen, das ihn nöthigte, ſich der Ruhe mehr als ſonſt hinzugeben und von den Geſchäften des Landes und Reiches nur das Unvermeidliche zu erledigen. 133 Einige Tage ſpäter ſtand der Leibarzt Doctor Wolter neben ihm im Wohnzimmer und hielt ſeine Rechte prüfend in der Hand, um deren Pulsſchlag zu beobachten, nebenan ſtand der geheime Rath Freiherr von Praidlohn mit Acten unter dem Arme, über welche er Vortrag zu erſtatten wünſchte. Durch das Fenſter ſah Pater Roſe unverwandt auf die herbſtlichen Lin⸗ denwipfel des Hofgartens hinab, als wolle er von den Geſchäften nichts hören und ſei nur mit ſeinen eigenen Gedanken oder mit Gebet beſchäftigt, denn ſeine weiße, feine Hand machte ſich fortwährend mit den Perlen des Roſenkranzes zu ſchaffen, der von ſeinem Cingu⸗ lum niederhing. „Wie ſchon erwähnt, der Puls iſt ſehr voll und geſpannt“, ſagte der Doctor.„Majeſtät bedürfen der höchſten Ruhe, jede Erregung muß vermieden werden, weil ſie den Krampf der Reſpirationsorgane erneuern könnte. Alſo nur, wenn der Vortrag blos geſchäftliche Dinge betrifft, kann ich erlauben, daß Majeſtät einen Verſuch machen, ich muß aber bitten, in der Nähe bleiben zu dürfen.“ „Was iſt es denn, Praidlohn, was Er vortragen will?“ fragte Karl Albert lächelnd.„Ich fühle mich ſtärker, als mein mediciniſcher Mentor hier mich ma⸗ chen will.“ 134 „Es ſind Juſtizſachen, Majeſtät“, entgegnete der geheime Rath,„Gegenſtände, die zum Theil ſchon ſeit einiger Zeit auf Erledigung harren und bis zur An⸗ kunft Eurer Majeſtät verſchoben werden mußten. Es ſind auch drei Todesurtheile darunter.“ „Todesurtheile?“ rief der Arzt beſorgt.„Wie ich Seine Majeſtät kenne, kann er einen ſo traurigen Spruch nicht ohne Gemüthsbewegung thun. Ich rathe daher—“ „Laß Er mich nur!“ unterbrach ihn Karl Albert. „Ich bin gerade in der rechten Stimmung, ſolche Ur⸗ theile zu prüfen; vielleicht kommt es den Unglücklichen zu gute. Sei Er nicht unwillig, Doctor!“ ſetzte er hinzu, als der Arzt ſich achſelzuckend abwandte.„Er kann ja in der Nähe bleiben, und wir wollen in dem Augenblick abbrechen, wenn Er meint, es könnte mir ſchädlich werden! Aber ſo gut Er es mit mir meint und ſo viele Mühe Er ſich gibt, in Seinen Büchern ein Heilkraut für mich zu finden, das Rechte, was mich augenblicklich geneſen machen würde, findet Er doch nicht.“ „Was wäre das, Majeſtät?“ fragte der Doctor erſtaunt. Der Kaiſer winkte ihm näher zu treten und flüſterte ihm halb ernſt, halb lächelnd ins Ohr:„Das 135 Lebenselixir, Doctor, das trinkbare Gold der Al chymi⸗ ſten, das die ewige Jugend gibt, das weiß Er mir nicht zu verſchaffen.“ Der Arzt wollte etwas erwi⸗ dern; aber der Fürſt winkte ihm freundlich, zu ſchwei⸗ gen.„Schon gut“, ſagte er,„ich weiß ja, daß Er nichts davon hält, Er mag auch wohl Recht haben, aber eines Verſuchs wäre es doch wohl werth. Wenn wir es nur erſt hätten!“ ſetzte er lachend hinzu und winkte Praidlohn, näher zu treten.„Alſo Todesur⸗ theile ſoll ich beſtätigen?“ fragte er dann.„Und gleich drei auf einmal? Wer ſind die Unglücklichen? Worin beſteht ihr Verbrechen?“ „Der erſte“, begann Praidlohn,„iſt des Verbrechens des Hoch⸗ und Landesverraths angeklagt, überwieſen und geſtändig. Er war es, der bei der Einnahme von München den öſterreichiſchen Truppen den Weg in die Stadt gezeigt hat.“ „Wie? Ein Verräther an ſeinem Lande, an ſeinem Volk, an mir?“ rief Karl Albert.„Geb' Er die Schrift her, Praidlohn! Die Gerechtigkeit ſoll ihren Lauf haben. Wer iſt der Elende, der ſo tief zu ſinken vermochte?“ „Seine That iſt um ſo nichtswürdiger“, entgeg⸗ nete Praidlohn, mit dem Entwurfe des Urtheils an den Tiſch tretend,„als er ſich früher der Gunſt Eurer 136 4 Majeſtät zu erfreuen hatte und ſogar in Eurer Maje⸗ ſtät Dienſten ſtand.“ „In meinen Dienſten?“ rief der Kurfürſt in wachſendem Erſtaunen. „Es iſt der frühere Oberfalkner im Falkenhof in der Au.“ „Mein früherer Oberfalkner? Der Goldmacher? Der Adept?“ rief der Kaiſer aufſpringend.„O dann begreife ich, was ihn zu ſolcher That getrieben“ Er gab mit vor Erregung bebenden Händen Praid⸗ lohn das Blatt zurück; Wolter eilte ſorgſam herbei. „Was befällt Eure Majeſtät?“ rief er.„Sie ſcheinen heftig bewegt.“ „Das bin ich auch“, entgegnete der Kaiſer.„Das Urtheil ſoll aufgeſchoben bleiben bis auf Weiteres!“ rief er Praidlohn zu, während er Wolter in eine Fen⸗ ſterniſche zog und ihm lange und eindringlich zuſprach. „Jetzt iſt es an Ihm“, ſchloß er,„mir einen Dienſt zu erweiſen, den ich Ihm nie vergeſſen werde.“ Aufmerkſam, aber mit ungläubiger Miene hatte der Leibarzt zugehört und verließ unter tiefer Verbeu⸗ gung das Gemach. Der Kaiſer wollte Praidlohn auf⸗ fordern, fortzufahren, als der Kanzler Unertl gemeldet wurde, welcher in einer höchſt wichtigen Angelegenheit Gehör erbitte. 137 „Was führt Ihn zu mir?“ rief Karl Albert dem Eintretenden entgegen.„Er hat ſich jetzt wohl beſon⸗ nen und will ſich die verheißene Gnade ausbitten?“ „Dazu könnte es wohl auch kommen, Majeſtät“, antwortete der Kanzler.„Diesmal aber glaub' ich die koſtbare Gnade noch aufſparen zu können. Alles, was ich verlange, iſt, daß Majeſtät Jemand Gehör geben, der ſelbſt um Gnade bitten möchte. Es iſt ein armes Mädchen, Majeſtät, aber brav und tüchtig, die Pathin meiner Frau und mir anvertraut wie eine Art Mündel.“ „Was will ſie?“ „Das iſt eine ſeltſame Geſchichte, Majeſtät!“ be⸗ gann Unertl wieder.„Sie bittet um das Leben eines jungen Mannes, der ihr Verlobter iſt und über wel⸗ chem jetzt das Schwert des Henkers ſchwebt, weil er an dem Tage, als München vom Feinde beſetzt wurde, in gerechter Nothwehr einen ihn verfolgenden Mann mit dem Degen durchbohrte.“ Pater Roſe war ſchon bei Unertl's Eintreten auf⸗ merkſam geworden und näher getreten.„In gerechter Nothwehr?“ ſagte er jetzt.„Ich möchte das bezwei⸗ feln, die Acten enthalten keinen Beweis dafür.“ „Nicht?“ ſagte Unertl, während der Kaiſer den Pater über die Einniiſchung verwundert betrachtete. 138 „Iſt der hochwürdige Herr in den Acten ſo genau be⸗ wandert?“ „Das nicht“, entgegnete Roſe unbefangen.„Aber die Geſchichte hat ſo viel von ſich reden gemacht, daß ich darauf aufmerkſam wurde.“ „Nun, ich bin auch ein wenig unterrichtet“, ſagte Unertl,„und kann darum Hochwürden nicht Recht ge⸗ ben. Vor allem möchte ich berichtigen, daß der junge Mann ſich die beſondere Aufmerkſamkeit des Herrn Paters ſchon viel früher und nicht erſt bei der Münch⸗ ner Capitulation erworben hat.“ „Was ſind das für Räthſel?“ fragte Karl Albert. „Was iſt's mit dieſem Manne? Wer iſt er?“ „Er iſt auch Eurer Majeſtät nicht unbekannt“, fuhr Unertl fort.„Erinnern Sie ſich des jungen Mannes, der ein gewiſſes Schreiben von mir in das Feldlager nach Linz überbrachte?“ „Pilgram?“ rief Karl Albert.„Er iſt hier ge⸗ fangen?“ „Gefangen und auf Leib und Leben angeklagt.“ „Ich will ihn ſehen“, rief der Kaiſer wieder. „Lange genug war es mein Wunſch, ihm wieder zu be⸗ gegnen. Ich will es“, wiederholte er, als der Pater eine Bewegung der Abwehr machte.„Diesmal ſoll Er mich nicht abhalten! Ich will die Sache ſelbſt unterſuchen.“ 139 Auf den Wink des Kurfürſten entfernte ſich Praid⸗ lohn, um die Herbeiführung des Gefangenen anzu⸗ ordnen. „In der That“, fuhr Karl Albert fort.„Das iſt nun die zweite Ueberraſchung, die mir heute durch ein Todesurtheil zu Theil wird, und ich bin wohl ge⸗ neigt, Gnade für Recht ergehen zu laſſen.“ „Und das Recht wird darunter nicht leiden, Ma⸗ jeſtät“, entgegnete Unertl.„Im äußerſten Falle hat der junge Mann dafür, daß er von ſeinen Waffen Gebrauch machte und einen Menſchen tödtete, Strafe genug erlitten durch die lange und ſtrenge Haft, in der er gehalten wurde.“ Er erzählte den Hergang ſo, wie er denſelben, durch den Lärm aufmerkſam ge⸗ macht, vom Fenſter aus mit angeſehen hatte; er führte an, was Pilgram eigentlich nach München gebracht, wie er ſeine Anſprüche geltend zu machen verſucht, wie von dieſem Augenblicke an eine geheime Verfol⸗ gung ſich ihm an Nacken und Ferſen geheftet, und wie für ihn perſönlich kein Zweifel beſtehe, daß der letzte Anfall, der dem Angreifer das Leben gekoſtet, mit die⸗ ſer Verfolgung um ſo mehr zuſammenhänge, als der Todte, der leider nichts mehr auszuſagen vermöchte, im Dienſte derer geſtanden, denen Alles daran liegen mußte, den jungen Mann, der ſo muthig als ihr Geg⸗ ner auftreten wollte, zu beſeitigen. Er erzählte auch die Schickſale des Vaters, der um des Glaubens wil⸗ len Vaterland und Vaterſtadt verlaſſen mußte, und wie der Sohn ſich das Mädchen zur Braut erkoren, das ſeine Retterin geworden, wie er ihn kennen ge⸗ lernt als einen tüchtigen Mann und deshalb zu jener Sendung auserwählt, und was ihn zuletzt in unheil⸗ voller Stunde wieder nach München zurückgeführt. Aufmerkſam hörte der Kaiſer zu und wies den Pater zurück, als er zu reden beginnen wollte.„Ich geſtatte Ihm zu ſchweigen“, ſagte er dann.„Ich habe damals Ihn gehört und denjenigen, den Er angeſchul⸗ digt, nicht, ich will es jetzt nachholen. Was Er er⸗ zählt, ſtimmt vielfach mit dem Berichte Unertl's über⸗ ein; aber es lautet doch Alles anders. Ich lerne im⸗ mer mehr erkennen, daß es eine Art gibt, die ſich nicht wie Lüge anhört und doch nicht die Wahrheit iſt. Warum hat Er ſich aber nicht ſchon lange an mich gewendet?“ fuhr der Kaiſer zu Unertl gewandt fort. „Weil Majeſtät in der Fremde waren“, entgegnete dieſer,„und die mächtigen Feinde des jungen Pilgram dahier doch Alles wieder zu nichte gemacht oder auf⸗ gehalten haben würden. Meine Hoffnung ſtand auf der Ankunft Eurer Majeſtät, ohne deſſen Willen doch nicht Ernſt gemacht werden konnte, darum komme ich 141 jetzt und habe mir einen Gehülfen mitgebracht. Vielleicht hätte ich denſelben gar nicht nothwendig gehabt, aber ich weiß, was ein Wort aus einem ſchönen Weiber⸗ munde kann, den die Liebe beredt oder verſtummen macht!“ „Ach ja“, ſagte der Kaiſer,„die Verlobte des jungen Mannes, ſagte Er nicht ſo? Wo iſt ſie? Ich will ſie ſehen!“ „Im Vorſaal“, entgegnete Unertl, der Thür zu⸗ ſchreitend, und kam bald mit Kordel zurück, die ſchwan⸗ kend und erſchüttert unweit der Thür ſtehen blieb. Sie war in ein langes, ſchwarzes Gewand gehüllt, ein ſchwarzer Schleier fiel über Kopf und Geſicht, das ſie in einem Thränentuche verbarg. Unertl wendete ſich halb zur Seite; der Pater trat begierig einige Schritte näher. „Eine edle, ſchöne Geſtalt“, ſagte der Kaiſer. „Komme Sie näher! Sie hat ſich einen ſo bewähr⸗ ten Fürſprecher gewonnen, daß ich mir nicht verſagen kann, Sie zu hören. Spreche Sie Ihre Bitte aus!“ Kordel machte langſam einige Schritte vorwärts, ſank dann in die Kniee und nahm das Tuch hinweg. „Gnade!“ ſagte ſie und hob das thränenüberfloſſene — Angeſicht gegen den Fürſten empor. Erſchreckt ſprang 142 derſelbe aus dem Stuhle, in den er ſich niedergelaſſen hatte, und ſtarrte ſie einen Augenblick wie eine Er⸗ ſcheinung an, faßte ſich aber ſchnell: in Kordel's feſt auf ihn gerichtetem Auge las er Wink und Bitte, das Vergangene nicht wieder ins Leben zu rufen. „Was iſt Eurer Majeſtät?“ rief der Pater näher tretend. Unertl fragte nicht, plötzlich fuhr ihm ein Ge⸗ danke durch den Kopf, der Alles bis in die fernſte Vergangenheit mit einem Male beleuchtete.„Jetzt kenne ich den Falkner Karl Fürſt, den ich überall ge⸗ ſucht“, ſagte er vorſichtig für ſich hin. Der Kaiſer aber ſprach in mühſam abgeriſſenen Sätzen:„Ihr Anblick hat mich überraſcht, Jungfer! Sie hat eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit einer Per⸗ ſon, die mir ſehr theuer war, der ich ſehr viel Dank ſchuldig bin und der ich dieſen Dank niemals abzutragen vermochte. Ich freue mich, daß für Ihren Verlobten ſo viele günſtige Stimmen zeugen, daß ich Ihre Bitte dem Rechte nach gewähren kann. Verſchmähe Sie es darum nicht, wenn es geſchieht, um der Züge wil⸗ len, die Sie trägt!“ Kordel lag ſchweigend und geſenkten Hauptes auf den Knieen. Des Paters forſchendes Auge wandte ſich vom Fürſten auf ſie und von ihr auf ihn zurück. Unertl 143 ſtand abgewendet, was in ihm vorging, in ſeinen Mienen nicht zu verrathen. Die Ankunft Praidlohn's mit Pilgram unterbrach die feierliche Stille, die einen Augenblick über den Anweſenden gelegen. Der Kaiſer winkte ihm, näher zu treten. „Ich habe an Ihm gut zu machen“, ſagte er. „Ich habe Ihn einmal von mir gewieſen, ohne Ihn zu hören, jetzt verbeſſere ich das, indem ich ſage: ich bedaure, daß ich Ihn nicht bei mir behalten habe, daß ich Ihn nicht bei mir behalten kann. Seine Wege führen in eine Richtung, welche die meine nicht ſein kann, aber Er ſoll dabei die Gefährtin nicht entbehren, die Er ſich gewählt. Geheimrath Praidlohn! Die Pro⸗ cedur gegen dieſen jungen Mann wegen jeglicher An⸗ ſchuldigung iſt niedergeſchlagen; ich amneſtire ihn voll⸗ ſtändig. Den Rechtsſtreit über die Erbſchaft ſeiner Ahnen werde ich unterſuchen laſſen und wünſche, daß dieſes Paar ſchon in den nächſten Tagen zum Trau⸗ altar trete. Wäre meine Geſundheit nicht ſo wankend“, ſetzte er erbleichend hinzu,„ich würde nicht verſäumen, der Braut das Geleite zu geben. So möge es genü⸗ gen, wenn ich dieſe Hände ineinander lege und ſage: Gehöret einander, wie Ihr einander werth ſeid! Seid glücklich, glücklich und gedenket mein!“ Pilgram und Kordel erhoben ſich, ihren Dank auszudrücken, auch er wollte noch mehr ſagen, aber er vermochte es nicht, er fühlte, wie der Krampf ihm wieder die Bruſt zuſammenzuſchnüren begann, und winkte allen haſtig, ſich zu entfernen. Beſtürzt und wortlos folgten Pilgram und Kor⸗ del dem Befehle, Unertl wurde zurückgerufen, als er ſchon die Schwelle erreicht hatte.„Bleibe Er!“ ſagte der Kaiſer, mit ſeiner Krankheit kämpfend.„Auch Er, Praidlohn Ich muß meine Zeit benutzen. Hat Er nicht von drei Todesurtheilen geſprochen? Nun denn, zwei werden nicht vollzogen, das ſoll dem dritten zu gute kommen. Wer es auch ſei, auch ihm ſoll Gnade werden!“ „Dank, Majeſtät!“ ſagte Praidlohn freudig.„Es iſt ein heruntergekommener Kleinbürger, welchen Noth und Verzweiflung dazu trieben, ſich mit Schatzgraben und Zauberei abzugeben.“ „Armer Thor!“ ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich hin.„Es gibt nur einen Zauber, der die Schätze des Lebens heben kann, nur ein feſter Wille kann es, nur die Eintracht mit ſich ſelber— Concordia!— Man ſoll ihn eine Weile feſthalten!“ fuhr er dann fort.„Dann will ich ihn unterſtützen, daß er ſein Gewerbe neu beginnen kann, vielleicht führt ſein neues Leben an einen glücklicheren Ausgang. Nun, und Er, Unertl? Wie iſt es mit Seiner Bitte? Es kommt mir vor, als ob Er eilen müßte, wenn ich ſie Ihm noch ge⸗ währen ſoll.“ „Majeſtät, welch ein Gedanke!“ rief Unertl. „Aber da Sie es erlauben, will ich mir doch die ver⸗ heißene Gnade erbitten. Majeſtät haben davon gehört, daß einige Einwohner Ihrer Hauptſtadt einen Verein zu gründen geſucht haben—“ „Ganz recht“, ſagte Karl Albert, indem er haſtig mit dem Pater einen Blick wechſelte.„Ich habe da⸗ von gehört; einen Verein, von freigeiſteriſchen Anſichten eingegeben und zu ſtaatsgefährlichen Zwecken dienend.“ „Nein, Majeſtät“, entgegnete Unertl,„aber einen Verein von heißen Herzen und hellen Köpfen, denen es zu eng und zu dunkel iſt in der bairiſchen Heimat und die gern Licht und Weite über unſere Grenzen hereinbringen möchten; einen Verein, der gern ein Buch kaufen oder eine Zeitung leſen möchte, die nicht erſt im Jeſuitencollegium geſtempelt iſt; einen Verein von Männern, Majeſtät, welche glauben, daß in Baiern Talente genug vorhanden ſeien, um es den andern deutſchen Stämmen in den Wiſſenſchaften und Kün⸗ ſten gleich zu thun, wenn man ihnen die Hand nicht feſſelt und die Augen nicht verbindet. Dieſe Männer Schmid, Concordia. V. 10 146 ſind vielleicht unklug zu Werke gegangen, aber ſie ha⸗ ben nichts Unrechtes gethan, es iſt keine unedle Faſer an ihnen, dafür verbürge ich mich, und daß es gute Baiern ſind, haben bei der Einnahme von München manche von ihnen mit ihrem Blute beſiegelt. Deſſenun⸗ geachtet hat man ſie angeſchwärzt, hat ſie verbrecheri⸗ ſcher Pläne beſchuldigt und neckt und zerrt ſie jetzt durch langwierige Verfolgung.“ „Ich weiß davon“, ſagte Karl Albert.„Aber was ich weiß, ſtimmt mit Seiner Lobrede nicht über⸗ ein. Rede Er, hochwürdiger Herr! Er war es ja, der mir von den gefährlichen Abſichten dieſes Vereins er⸗ zählte.“ „Das Beſte wird ſein“, entgegnete der Pater, der niemals die Faſſung verlor und ſtets die Miene des Wohlwollens beizubehalten verſtand,„wenn Maje⸗ ſtät ſich die Acten vorlegen laſſen und aus denſelben ſelbſt die Ueberzeugung ſchöpfen, was von dem ſtaats⸗ und kirchenfeindlichen Treiben dieſer Geſellſchaft zu halten iſt, die das Gegentheil deſſen beabſichtigt, was ihr Name beſagt.“ „Wie ſo? Welchen Namen führt die Geſellſchaft?“ fragte Karl Albert. „Sollte ich dies noch nicht mitgetheilt haben?“ erwiderte der Pater.„Sie nennt ſich Concordia.“ 147 „Concordia?“ wiederholte Karl Albert ſtaunend. „Nun, bei der ſchwarzen Mutter von Otting, das iſt ein Name, der bei mir in Ehren ſteht und um deſſen willen ich viel zu verzeihen vermöchte.“ „Erlauben Majeſtät!“ begann raſch der Pater wieder, der ein Ungewitter aufſteigen ſah, das ſeine Saat auch nach dieſer Richtung zu zerſtören drohte. „Vielleicht genügt es, nur eins zu erwähnen, um Ma⸗ jeſtät zu überzeugen, ob ich recht gethan, vor jener Geſellſchaft zu warnen und Einſchreiten und Ueber⸗ wachung gegen ſie zu veranlaſſen. Dieſelbe hat ſich in tiefes Geheimniß gehüllt, ihre Mitglieder haben ſich falſche Namen gegeben, ſonderbar klingende Namen, mitunter von drohendſter Bedeutung. Warum thaten ſie das? Warum ſcheuten ſie ſich, ihre wahren Namen zu nennen? Zeigt das nicht, daß ſie etwas zu ver⸗ bergen haben? Läßt ſich nicht daraus ſchließen, daß ſie, wie ihre wahren Namen, auch ihre wahren Ab⸗ ſichten verbergen unter dem falſchen Aushängeſchilde der Bildung oder Aufklärung oder wie alle die Blend⸗ werke heißen, womit das Volk im Stillen und unbe⸗ merkt geködert werden ſoll?“ „Gut denn, Majeſtät!“ ſagte Unertl.„Weil der Pater den Beweis ſeiner Behauptungen angetreten hat, will auch ich meinen Gegenbeweis nicht ſchuldig . 10* 148 bleiben. Es iſt wahr, die Mitglieder der Concordia mögen die Abſicht gehabt haben, ſich abenteuerliche Geſellſchaftsnamen beizulegen; vielleicht wäre Pater Roſe auch im Stande, Majeſtät die Art und Weiſe zu erzählen, wie man ſich die Liſte derſelben zu ver⸗ ſchaffen wußte. Nur eins hat er dabei überſehen, daß dieſe Namen und die Liſte derſelben blos abgeſchrieben ſind. Hier“, fuhr er fort, indem er ein Büchlein aus der Taſche zog,„hier iſt ein Bändchen von den„Un⸗ terhaltungen der vertrauten Nachbarn am Iſarſtrande“. In dieſem ſind alle jene Namen enthalten, in dieſem Büchlein, das mit Wiſſen und Genehmigung Eurer Majeſtät erſchien, als Sie noch Kurprinz waren, als Sie noch die Akademie Carlo⸗Albertina zu gründen beabſichtigten.“ Der Kaiſer hatte raſch das Büchlein ergriffen und blätterte darin, während der Pater zurücktrat und ſelbſt die Todtenfarbe ſeines Angeſichts um einen Grad mehr erblich. „Wirklich?“ rief der Kaiſer.„Welche Erinnerungen erweckt Er da in mir! Welchen Jugendtraum läßt Er wieder in mir auferſtehen! Damals war ich ſechzehn Jahre alt, damals kannte ich kein höheres Ziel, als dieſe Akademie ins Leben zu rufen, kein höheres Ziel als den Aufſchwung der Wiſſenſchaften und der Bil⸗ 149 dung. Ach, daß das Leben, wenn man auf die durch⸗ laufene Bahn zurückſieht, ſo ganz anders ſich anſieht, als wenn man ſie beginnt! Und für dieſe Seine Freunde, Seine Genoſſen—“ „Majeſtät!“ unterbrach ihn Unertl ehrerbietig, „es iſt mancher darunter, deſſen Freund zu ſein ich mich rühme, aber ich bin kein Mitglied der Concordia.“ „Und für dieſe, Ihm alſo fremden oder doch gleichgültigen Männer will Er die von mir ver⸗ ſprochene Gnade benutzen, nicht für ſich?“ rief der Kai⸗ ſer warm, indem er dem Kanzler die Hand reichte. „Er iſt nicht blos ein ausbündiger Juriſt, Unertl, und ein erfahrener Staatsmann, er iſt noch mehr, er iſt der bravſte Mann, den ich kenne! Aber damit laſſe ich mir meine verſprochene Gnade nicht abkaufen, denn hier iſt nicht von Gnade, ſondern nur von Gerechtig⸗ keit die Rede. Ich werde befehlen und ſorgen, daß man die Männer, die er vertritt, in Ruhe läßt, daß die Concordia gedeihen kann, und wenn es der Him⸗ mel mir geſtattet, will ich mein Jugendvorhaben wie⸗ der aufnehmen und an die Gründung der Akademie denken! Er aber bleibt an meiner Seite— widerſprech' Er mir nicht! Ich will es, Er bleibt bei mir, Unertl, als mein beſter Rathgeber und als mein Freund.“ Indeſſen war vor den Gemächern der Kurfürſtin 150 die Jungfer Stauberin wieder in ihrer alten Beſchäf⸗ tigung begriffen und muſterte den Inhalt eines der rieſigen Holzſchränke, die an den Wänden der hohen breiten Corridore als Behälter für geringeren, darum aber nicht minder werthvollen Hausrath angebracht waren. Sie war mit dem Ergebniß der Prüfung zu⸗ frieden, denn die Invaſion der Oeſterreicher hatte das kurfürſtliche Reſidenzſchloß nicht berührt. Die Betrübniß, welche aus ihren Zügen ſprach, wollte deſſenungeachtet nicht weichen, wenn ſie auch alle Tücher, Gewande und Decken in beſter Ordnung wiederfand, das Klei⸗ nod, wonach ſie ſich am meiſten geſehnt, worauf ſie ſich vor allem gefreut hatte, fand ſie doch nicht wie⸗ der— der Bräutigam ſchien für ſie verloren und ganz und gar verſchollen zu ſein. War ihre Beſtürzung groß geweſen, als Duſchl Frankfurt plötzlich verließ und ihr nur in ein paar flüchtigen Zeilen meldete, daß ein geheimer Auftrag ſeines Gebieters ihn nach München führe, ſo war ihr Schrecken doch noch größer, als Woche um Woche verging, ohne daß der Ober⸗ kammerdiener zurückkehrte, als man ihn gar nicht zu vermiſſen ſchien und ein anderer ganz gleichmüthig ſeinen Dienſt verſah. Geradezu zu fragen ſcheute ſie ſich und auf leiſe Anfragen und Andeutungen erhielt ſie keinen Beſcheid, und da auch jede briefliche Nach⸗ 451 richt deſſelben ausblieb, konnte ſie ſich nur damit be⸗ ruhigen, daß ſie bei der Ankunft in München den Vermißten gewiß antreffen und von ihm Aufklärung über ſein wunderbares Verſchwinden erhalten werde. Aber auch der Einzug hatte ſtattgefunden und unter den Dienern, welche den Gebieter begrüßten, war der Oberkammerdiener nicht zu erblicken geweſen, und als ſie einen der Lakaien nach ihm fragte, glaubte ſie vol⸗ lends in die Erde ſinken zu müſſen, ſo befremdlich lautete die Nachricht, die ſie erhielt: der Oberkammer diener war niemals nach München gekommen; ſeit er mit dem Kurfürſten ins Feldlager nach Linz abgegan⸗ gen, hatte man ihn am Iſarſtrande mit keinem Auge mehr geſehen. In den erſten Tagen der Ueberraſchung kam ſie zu keinem beſtimmten Entſchluſſe, ſie konnte nicht mit ſich einig werden, ob ſie ihre Gebieterin in die Sache einweihen oder ſich gar an den Kaiſer wen⸗ den ſolle; manchmal war ſie feſt dazu entſchloſſen, aber ſchon im nächſten Augenblick war ihre Feſtigkeit er⸗ ſchüttert, das Gewiſſen ſchlug ihr und hielt ſie ab, ſo recht dringend und offen nachzuforſchen; wie leicht konnte ſie etwas aufſtören, was für ſie ſelbſt bedenk⸗ liche Folgen haben konnte. Auch jetzt waren es wieder ſolche Erwägungen und Betrachtungen, die ihr auf den Leinwandſtücken 152 und vor den Zahlen herumtanzten, mit denen ſie gezeichnet waren. Ein leiſer ſchlürfender Tritt, der über die nahe Treppe heraufkam, erweckte ſie daraus. Sie wandte ſich und gewahrte einen Laienbruder von den ſchwar⸗ zen Franziskanern, der altersgebückt in langem weißem Barte herankam und ſich ihr mit demüthig frommem Gruße näherte; ſie wunderte ſich wohl, wie der Bru⸗ der den Weg über dieſe Treppe gefunden, die nur dem vertrauteren Hausgeſinde gangbar war, aber ehe ſie ihn zurechtweiſen konnte, hatte er ſie ſchon angeſpro⸗ chen und ſie um ein Almoſen gebeten, um Meſſen leſen zu laſſen für eine arme hülfloſe Seele, die im Feg⸗ feuer ſchmachte. Sie langte in die Taſche und zog ein großes Silberſtück hervor.„Da hat Er etwas“, ſagte ſie, aber bet' Er auch ein paar Vaterunſer und mach' Er's kräftig; ich kenn' auch eine arme Seel', die ſchon auf dieſer Welt im Fegfeuer ſitzt!“ Der Mönch nahm das Geldſtück, aber er faßte zugleich die Hand der Erſchreckenden und ließ ſie nicht mehr los.„Sei die Jungfer ſtill und erſchreck Sie nicht“, ſagte er,„die arme Seel, von der Sie redet, kann ich ſelber erlöſen— ich bin's, Ihr Bräutigam. Schon ſeit dem Einzug“, fuhr er fort, da ſie vor Be⸗ troffenheit weder ſprechen noch ſich regen konnte,„paſſe 153 ich Sie auf jedem Schritt und Tritt ab, um allein mit Ihr zu reden, aber ich konnt' Ihr nie nahe kom⸗ men, ohne daß irgend ein Aufpaſſer in der Nähe war.“ „Er iſt's?“ ſtammelte endlich die Stauberin. „Und heimlich ſucht Er mich auf? In einem ſolchen Aufzug? Iſt Er denn nicht mehr Oberkammerdiener? Iſt Er denn nicht vom Kaiſer mit einem geheimen Brief nach München geſchickt worden?“ „Ich bin's ſchon“, antwortete Duſchl,„aber mit der Kammerdienerei iſt's aus. Freilich bin ich mit einem geheimen Brief an den Kanzler Unertl nach München geſchickt worden, aber ich bin nicht der Narr geweſen, ihn abzugeben. Die Heimlichkeit mit dem Brief iſt mir verdächtig vorgekommen. Ich hab' es alſo gemacht wie der Schmied, der ein glühendes Eiſen aus den Kohlen heraus haben will und dazu nicht die eigene Hand, ſondern eine lange Zange braucht. Ich habe einen Soldaten, der zum Krüppel geſchoſſen war und mich anbettelte, mit einem Dukaten dazu gebracht, den Brief ſtatt meiner dem Kanzler zu übergeben, während ich mich in der Nähe verſteckte, um abzuwarten, wie die Komödie ausgehen werde. Da ſah ich's bald, wie der Burſch von ein paar handfeſten Trabanten ge⸗ packt und eingeſteckt wurde; es muß alſo in dem Brief geſtanden haben, man ſoll den Ueberbringer hinter 154 Schloß und Riegel aufheben, wenn nicht noch etwas Schlimmeres. Geſtern, hör' ich, hat man den Irrthum bemerkt und den armen Teufel laufen laſſen, aber jetzt iſt's für mich nicht mehr ſicher in dem Gewand, drum hab' ich die liebwertheſte Jungfer aufgeſucht und will Sie fragen, ob Sie mir Ihre freundliche Gewogenheit bewahrt hat und vielleicht bereit iſt, mit mir zu gehen. Ich habe glücklicherweiſe mein Schäflein ins Trockene gebracht; wenn Sie das Ihrige dazu legt, könnten wir in Wien oder in der Nähe davon ſchon ein Plätzchen finden.“ Endlich war der Kammerjungfer Beſinnung und Leben wiedergekommen, ſie ſchleuderte die Hand des Mönchs mit Abſcheu von ſich.„Ich mit Ihm gehen?“ rief ſie.„Er niederträchtiger Menſch, was unterſteht Er ſich, einer ehrbaren Perſon, wie ich, einen ſolchen Antrag zu machen! Ich will nichts wiſſen von Ihm, ich hab' Ihn gar niemals gekannt! Er iſt ein Ver⸗ brecher, es iſt offenbar, daß man Ihm hinter Seine Betrügerei und Spionirerei gekommen iſt. Auf der Stelle mach' Er, daß Er weiter kommt, oder ich ruf' die Leut' herbei, daß ſie Ihn feſtnehmen.“ „Bemühe Sie ſich nicht“, ſagte Duſchl, indem er ihr näher trat und ſie feſt am Arme faßte,„ich gehe auch ohne das, die liebwerthe Jungfer aber wird ſich 455 mäuschenſtill halten. Ja, es iſt wahr, es hat den Anſchein, daß man meine Geheimniſſe entdeckt hat, der Teufel muß an jenem Morgen ſein Spiel gehabt ha⸗ ben mit der Botſchaft durch den Salzburger Bauer, aber die liebwerthe Jungfer wird wohl noch wiſſen, wer mich auf die Mainbrücke geſchickt hat und vor allem, bei wem ich mich für den Geheimſchlüſſel zu der Zeichenſchrift zu bedanken habe?“ Die Stauberin erbleichte und wankte. „Ich ſehe, die liebwertheſte Jungfer verſteht mich“, ſagte Duſchl hohnlachend.„Sie wird alſo Niemand herbeirufen, und wenn Sie auch Ihr Wort b icht und nicht mit mir geht, ſo wird Sie doch einſehen, daß ich nur mit meinem Erſparten bitter hart hauſen würde, und wird mir eine Unterſtützung und Wegzehrung nicht abſchlagen. Ich weiß, die Jungfer hat ein net⸗ tes Säckchen aufbewahrt mit lauter echten Kremnitzer Dukaten. Dort iſt das Zimmer der Jungfer; wenn Sie nicht will, daß ich bleibe, daß ich die ganze Geſchichte in Scherben werfe und mich ſelbſt angebe und Sie mit, ſo geht die liebwerthe Jungfer in das Zimmer, holt das Säckchen und bringt es mir.“ Die Stauberin ſtand einen Augenblick rathlos, dann ſprühten Haß und Wuth unter ihren finſtern Augenbrauen hervor, ſie eilte in das Zimmer und * 156 kehrte mit dem Säckchen zurück, das den größten Theil ihres Reichthums enthielt. An den Schrank gelehnt, halb ohnmächtig, ſah ſie zu, wie Duſchl daſſelbe höh⸗ niſch wog und in der Kutte verſchwinden ließ. Mit raſchem Umblick nach allen Seiten eilte er dann der Treppe zu— ſeinem Verhängniſſe in die Hand. Ein paar kräftige Männer von den Arcièren nah⸗ men ihn in Empfang.„Haben wir das Vogerl?“ rief der eine.„Schon drei Tag ſchleich' ich ihm nach und hab' denkt, daß das nicht ſeine rechten Federn ſind. Der Frater geht mit mir.“ Schweigend ergab ſich Duſchl in das Unvermeid⸗ liche; ein Blick, den er auf die Stauberin zurückwarf, verkündete ihr, daß ſie mit ihm verloren war, ohn⸗ mächtig ſank ſie an dem Schranke zu Boden. Wolf, der ehemalige Oberfalkner, lag indeſſen im tiefſten Verließ des Falkenthurms und ſtarrte in der halben Dämmerung, die durch das vergitterte Fenſter hoch oben an der Decke einfiel, auf die dunklen, mo⸗ dergrauen Wände; er ſah den langfüßigen Spinnen zu, die daran hin und her liefen, und lauſchte dem Raſcheln der Strohhalme, auf denen er lag, dem Klir⸗ ren der langen Kette, mit welcher er an einem Fuße an die Wand geſchmiedet war. Es war Alles, was er ſeit Wochen von der Welt gewahrt und erfahren 157 hatte. Er ſah bleich und hinfällig aus; der wilde Bart um das entſtellte Geſicht ließ dieſes noch finſterer erſcheinen. Ein ſchlechter grober Leinwandkittel, an der Bruſt blutbefleckt, war ſein Gewand, denn die Wunde, die er erhalten, als er verrätheriſch den Feind in die Stadt geführt, wollte nicht heilen und marterte ihn mit Schmerzen, die den Schlaf von ſeinen Augen ſcheuchten. Noch mehr quälte ihn der Gedanke an ſein Geſchick, die Furcht vor dem Looſe, das ihm be⸗ vorſtand und das nach Allem, was er zu denken und zu erſinnen vermochte, kein freundliches ſein konnte. Wenn er ſich auch zuweilen damit beſchwichtigte und ſich ſelber vorſagte, er habe nichts ſo Entſetzliches ge⸗ than, er ſei gezwungen geweſen, ſo zu handeln, be⸗ ſchlich ihn doch immer wieder das ängſtliche Bewußt⸗ ſein, daß es vielleicht nicht das allein war, was vor dem weltlichen Richter ſeine Schale ſinken machte Er fürchtete ein Todesurtheil, und trotz ſeines elenden Lebens überkam ihn dann die Angſt vor dem Tode in ihrer furchtbarſten Geſtalt, ſodaß er an der Kette riß und raſſelte, gleich einem Wahnſinnigen brüllte und den Kopf gegen die Wand rannte, als wäre es ein Troſt, der gedrohten Vernichtung durch eine ſelbſt⸗ gewählte zu entgehen. Er hatte eben wieder einen ſolchen Anfall über⸗ 158 ſtanden. Schwer athmend, erſchöpft lag er auf dem Steinpflaſter, als ihn eine neue Bewegung empor⸗ ſchleuderte. Draußen auf dem Gange regte ſich's, Schritte kamen näher, Stimmen wurden laut.„Das iſt nicht die Zeit, wo der Schließer das Eſſen bringt“, mur⸗ melte er mit ſtierem Blick.„Was ſoll das bedeuten? Gilt das mir?“ Er horchte ſcharf auf.„Es gilt mir!“ ſchrie er dann.„Es kommt näher! Sie kommen, ſie holen mich.“ Soweit es ging, kroch er in die Ecke der Keuche zurück und kauerte ſich nieder, wie ein um⸗ ſtelltes Thier, deſſen einzige Hoffnung darin beſteht, ſich mit einem verzweifelten Sprunge auf ſeinen Dränger zu ſtürzen. Draußen hörte man die Riegel abnehmen, und die Schlüſſel im Schloſſe knarren, der Leibarzt Doctor Wolter trat ein, mit ihm der Schließer des Falkenthurms, ein baumſtarker Mann in grobem Zwil⸗ lichgewande, in der einen Hand die Laterne, in der andern die wuchtige Eiſenſtange haltend, die er von der Thür weggenommen hatte. „Was wollt Ihr?“ ſchrie ihnen Wolf entgegen. „Kommt Ihr, mich abzuholen? Wollt Ihr mir das Urtheil verkünden?“ „Sei Er ruhig, mach' Er keinen ſolchen Lärm!“ ſagte der Schließer.„Es geſchieht Ihm nichts. Hier iſt ein vornehmer Herr, der Ihm eine gute Nachricht bringt.“ 159 „Mir eine gute Nachricht?“ rief der Gefangene höhniſch.„Das müßte wunderbar zugehen.“ „und doch iſt es ſo“, ſagte Wolter.„Es hängt nur von Ihm ab, und ich bringe Ihm Begnadigung, Leben und Freiheit.“ „Begnadigung— Leben— Freiheit?“ rief nach Luft ſchnappend der Falkner.„Wie wäre das möglich?“ „Er nennt ſich einen Alchymiſten, einen Adepten der Magie?“ fragte der Arzt. Wolf ſah finſter zu Boden.„Ich hab' es ver⸗ ſucht, die große Kunſt zu lernen“, ſagte er.„Ein Adept bin ich nie geweſen.“ „Und doch hat Er ſich deſſen gerühmt“, rief Wol⸗ ter,„und doch hat Er behauptet, er beſitze die Lebens⸗ tinctur, das flüſſige Gold.“ „Das Aurum potabile?“ fragte der Falkner, deſſen Aufmerkſamkeit rege wurde und der behutſam aus ſeinem Winkel hervorkam.„Was ſoll's damit?“ „Beſitzt Er das Elixir noch?“ fragte Wolter wieder. „Was ſoll's damit?“ rief Wolf abermals und dringender als zuvor. „Antwort' Er mir zuerſt, dann wird Er es er⸗ fahren!“ „Nein, ich muß wiſſen, was es damit ſoll; eher kann ich nicht antworten.“ 160 „Nun denn“, ſagte Wolter ungeduldig.„Er ſoll das Elixir mir übergeben; in demſelben Augenblick, wo er dies thut, geht Er frei und ungeſtraft aus und ſoll eine glänzende Belohnung erhalten.“ „Und für wen ſoll ich das Elixir hergeben?“ fragte Wolf mit fliegendem Athem. „Was kümmert Ihn das? Es iſt genug, wenn ich Ihm ſage, Seine Freiheit und tauſend Dukaten ſind der Preis.“ „Tauſend Dukaten?“ rief Wolf wieder und lachte grell auf, wie es ſeine Art war.„Das muß ein koſt⸗ bares Leben ſein, für das man einen ſolchen Preis bezahlt. Wer iſt's? Sagt, wer das Elixir bekommen ſoll! Ich antworte nicht eher! Solch koſtbarer Trank iſt nicht für Jeden.“ „Nun denn“, ſagte Wolter ungeduldig,„es iſt für Seine Majeſtät den Kaiſer.“ Es war, als ob Wolf von einer unſichtbaren Macht gefaßt und emporgeſchnellt würde; ſeine Mus⸗ keln ſpannten ſich und alle Hinfälligkeit war mit einem Male verſchwunden.„Für den Kaiſer!“ ſtammelte er. „Das will ſagen: für Karl Albert, den Kurfürſten von Baiern. Iſt der krank?“ „Schwer erkrankt. Sein Trank ſoll ihn heilen, Er hat ihn doch noch?“ 1641 „Alſo für den Kaiſer iſt mein Elixir beſtimmt!“ rief Wolf, indem er ſich reckte, als ob er ſich zum An⸗ griff rüſten und zuvor ſeine Kraft prüfen wolle.„Ja, Herr, ich habe es noch und freue mich, daß ich's habe.“ „Gut alſo, geb' Er es mir, und noch heute ſoll Er in Freiheit ſein!“ „Halt, Herr!“ erwiderte der Falkner.„So war's nicht gemeint. Ich freue mich, daß ich's habe, ja, aber nicht deswegen, weil ich's hergeben, ſondern weil ich's verweigern kann.“ „Was fällt Ihm ein?“ rief der Leibarzt.„Wo hat Er die Tinctur?“ „Hier“, rief Wolf trotzig, indem er in die Ecke zurücktretend mit der einen Hand ſeine Kette wie zur Vertheidigung emporhob, mit der andern ein kleines, blinkendes Kryſtallfläſchchen zeigte.„Hier iſt mein koſtbarſtes Gut!“ „Verflucht!“ ſagte der Schließer für ſich.„Er muß hexen können.„Ich hab' ihn doch ſo genau viſi⸗ tirt und nichts bei ihm gefunden.“ „Das iſt mein Kleinod“, fuhr Wolf fort,„das ich in aller Noth und Gefahr bewahrte, das ich mir für den letzten wichtigſten Moment aufſparte. O, jetzt reut mich nicht, was ich an Leiden und Mühſeligkeiten Schmidt. Concorvia V. 11 162 ertragen habe; jetzt iſt's erreicht, jetzt iſt der Augen⸗ blick der Rache da!“ „Ich glaube, Er iſt von Sinnen“, ſagte der Leib⸗ arzt.„Mach' Er keine Umſtände und gebe Er das Fläſchchen her, oder man wird es Ihm abnehmen.“ „Niemand wird das!“ rief der Falkner, indem er wie ein Thier die Zähne fletſchte.„Hier iſt die koſt⸗ bare Eſſenz. Seht her, wie ſie blinkt! Ein Tropfen vielleicht würde hinreichen, um den kranken Kaiſer zu retten, und ich ſoll ihm dieſen Tropfen geben? Ich, den er unſchuldig zum Tode verurtheilt? Nein, ich hab' ihm dafür auch den Tod geſchworen. Er ſoll ſterben!“ „Wie lange ſoll der Unſinn noch dauern?“ rief der Arzt.„Schließer, nehm' Er ihm das Fläſchchen ab!“ „Verſucht's doch! Hier iſt es“, rief der Falkner, indem er ſich zur Vertheidigung bereit ſtellte. „Das werden wir gleich haben“, ſagte der Schließer. „Her damit, Kerl!“ Dabei packte er ihn um die Mitte und glaubte ihm das Fläſchchen mit leichter Mühe entreißen zu können, aber Wolf war nicht ſo leicht zu zwingen, als er gedacht hatte. Sie rangen ſchwer miteinander, und der ſtarke Mann mühte ſich keuchend, aber vergebens, Wolf den Arm zu halten und die Fauſt zu öffnen, in 163 der er das Fläſchchen verborgen hielt. Dennoch war der kräftige, wohlgenährte Schließer dem geſchwächten Gefangenen auf die Dauer überlegen, dieſer fühlte all⸗ mälig ſeine Kraft entweichen und ſah, daß er in dem Kampfe im nächſten Augenblick unterliegen mußte. „Nein, nein!“ ſchrie er, ſich mit der letzten Anſtrengung aufraffend.„Ihr ſollt mich nicht überwältigen, Er ſoll es nicht haben!“ Damit ſchleuderte er das Fläſch⸗ chen an die Wand, daß die Scherben niederklirrten und der koſtbare Saft an den Steinen hernieder⸗ träufelte. Ein feiner Duft von unſaglichem Arom wehte durch den Kerker. Gleichzeitig mit dem Wurfe hatte der erbitterte Schließer die Hebelſtange von der Thür geholt und erhoben.„Hund von einem Kerl!“ ſchrie er und ließ ſie auf den Kopf des Falkners niederſchmettern, daß dieſer mit einem dumpfen Laute zu Boden ſtürzte. „Das iſt der Reſt!“ ſtöhnte er, indem er ſich auf dem blutüberſtrömten Pflaſter ſtreckte.„Was ſchadet's? Es ſind nur ein paar Tage, um die er dem Scharf⸗ richter vorgegriffen hat. Aber ich habe meine Rache erreicht! Jetzt kommt doch der Feierabend“, ſagte er röchelnd und verſchied. Beſtürzt war der Leibarzt vor die Leiche getreten . 11* 164 und hatte ſie beſichtigt.„Da iſt keine Rettung mehr“, ſagte er achſelzuckend.„Das iſt übel abgelaufen. Schweig' Er von dem Vorfall, Schließer, ſo Ihm Sein Dienſt lieb iſt; man muß ſagen, er habe ſich ſelbſt in der Deſperation ein Leid angethan.“ Der Schließer nickte zuſtimmend, und der Leibarzt verließ dann das Gefängniß.„Ich muß darauf denken“, dem Kaiſer einen andern Trank einzuflößen“, ſagte er vor ſich hin,„vielleicht nützt ihm die fromme Täu⸗ ſchung. Das Ganze iſt ja doch nur ein Wahn.“ Am Abend deſſelben Tages war im Garten des Pilgramhauſes eine kleine, aber frohe Geſellſchaft ver⸗ ſammelt. Der erſte Gang Pilgram's nach ſeiner Be⸗ freiung war zu Doctor Grünwald geweſen, um ihm von der überraſchenden glücklichen Wendung ſeines Geſchickes Kenntniß zu geben. Mit Thränen der rein⸗ ſten Freundſchaft hatte der Doctor den Geretteten um⸗ armt und vernahm vom Kanzler Unertl, der mitge⸗ gangen war, um ſeinen Schützling vor allen weiteren Fährlichkeiten zu bewahren und nicht mehr aus den Augen zu laſſen, daß noch am nämlichen Tage die Trauung des Paares ſtattfinden ſollte. „Man muß ſich ſo was zur Witzigung dienen laſ⸗ ſen“, ſagte der Kanzler.„Ich habe keine Ruhe, bis die beiden Leutchen vollſtändig miteinander verbunden 165 ſind. Die Anweſenheit des Feldmarſchalls Seckendorf gibt günſtige Gelegenheit, Alles in Ordnung zu bringen: er hat ja immer ſeinen Feldprediger bei ſich, den werde ich einladen, das Paar in meiner Wohnung zuſammenzugeben. Ich und Sie, Doctor, ſind die Zeugen, und dann müſſen die Leutchen ſo bald als möglich, wenn es ſein kann, am nächſten Tage über der Grenze ſein.“ Der erfreute Doctor hatte Alles vollkommen ge⸗ billigt; aber er meinte, weil doch keine proteſtantiſche Kirche vorhanden ſei und die Trauung in einem Privat⸗ hauſe vorgenommen werden ſollte, ſo müßte ſich das von ihm bewohnte väterliche Haus des Bräutigams dazu am beſten eignen. Pilgram ſowohl als Unertl fanden den Gedanken ſchön und entſprechend, und Grünwald ließ nicht nach mit Vorſtellungen und Bit⸗ ten, bis ihm auch die Zuſage ward, nach der Copula⸗ tion in ſeinem Garten einen Imbiß einzunehmen, wie er in ſo kurzer Zeit in einem ſo ausgefreſſenen Orte wie München herzuſtellen ſei.„Sie ſollen dennoch zu⸗ frieden ſein“, rief er, als er endlich die Zuſtimmung erhalten hatte;„der Bräutigam und der ſozuſagen Brautvater ſollen nicht klagen. Das Pilgramhaus hat Keller, von denen man keine Ahnung hat und die ſelbſt die Panduren nicht aufgefunden haben. Wenn 166 auch das Mahl knapp ausfallen ſollte, über den Wein ſollt Ihr nicht läſtern, das verſichere ich!“ Das Vorgenommene wurde ebenſo raſch vollführt als beſchloſſen. In dem Gemache des erſten Stockwerks unter den Bildern des alten Pilgram und ſeines Sohnes ſtand ein weißgedeckter Tiſch, mit Lichtern und einem Kreuz⸗ bild beſtellt, vor dieſem hatte Feldprediger Wüſtner den Segen über das Brautpaar geſprochen. Die Augen zu Vater und Großvater emporgerichtet, ſprach Bernhard das bindende Ja mit freudiger Zuverſicht; unter Thränen, aber nicht minder laut und feſt tönte es von Kordel's Lippen: die Thränen waren nur über⸗ quellende Tropfen aus dem Meere der Glückſeligkeit, das in ihrem Herzen nicht Raum hatte. Während der Paſtor ihnen die Ringe anſteckte, trafen ſich ihre Blicke, ſie verſtanden ſich ohne Worte; in einem Augenblick zog vor beiden die Reihe der Ereigniſſe vorüber, durch die ſie zuſammengeführt worden; unter dankbarem Auf⸗ blick zu der ewigen Macht, die ſie auf ernſter Bahn ſo gnädig geleitet, ſtieg mit dem Gelöbniß ewiger Liebe und Treue das weitere eines reinen, ſchönen, echt menſchlichen Lebens und Wirkens empor. Als Zeugen ſtanden Kanzler Unertl und Doctor Grünwald zur Seite des Altartiſches; die Frau Kanz⸗ 167 lerin fehlte natürlich nicht, und Kordel hatte nicht geruht, bis auch der biedere Vetter Krautmeiſter vom Nymphenburger Schloßgarten hereingeholt worden war. Die Kanzlerin, ſelbſt tief gerührt, küßte die weinende Braut und ſteckte ihr einen prachtvollen Solitär an den Finger.„Unſer Hochzeitsgeſchenk“, ſagte ſie.„Man kann Dir ja nichts geben, Du glückliches Kind, im Hauſe Deines Mannes erwartet Dich ja der Ueber⸗ fluß, aber nimm dieſen Ring immerhin als Andenken!“ Die Krautmeiſterin, die ſich gar nicht zu faſſen wußte über die hohe Ehre, die ihr zu Theil geworden, brachte als Geſchenk ein ſchlichtes Silberkreuzchen an ſchwar⸗ zem Bande.„Ich bin nicht reich“, ſagte ſie.„Was könnte ich Dir geben? Aber das iſt das Einzige, was ich noch von Deiner Mutter ſelig habe, nimm es und heb' es gut auf, es wird Dir gewiß Segen bringen.“ „Jawohl“, rief der Krautmeiſter dazwiſchen.„Und vergiß uns nicht ganz! Baſſom, es freut mich kindiſch, daß ich doch Recht behalten habe mit dem unheimlichen Schwager; ſo iſt unſer Reh doch noch glücklicherweiſe in das rechte Gehege hineingekommen.“ „Nun kommt doch wohl einmal die Reihe an mich“, ſagte Grünwald, indem er Kordel aus den Umarmungen der Baſe befreite und ein hübſches Etui mit goldgefaßten Ohrringen aus roſenrothen Korallen 168 überreichte.„Meine geringe Gabe“, ſagte er mit einem Seitenblick auf Pilgram,„iſt zwar einfach, aber ſie ge⸗ winnt dadurch an Werth, daß ich ſie von einem echten Venetianer Handelsmann gekauft habe. Die Geſchichte, wie das zugegangen, laſſen Sie ſich von Ihrem Mann erzählen, wenn Ihr nächſten Winter in Eurem Thü⸗ ringen am Ofen beiſammen ſitzt und an München denkt.“ Pilgram faßte ſeine Hand und wollte etwas er⸗ widern, aber Grünwald ließ ihn nicht dazu kommen. „Still!“ ſagte er.„Ich will nichts davon hören, ich habe Ihnen ja die Geſchichte von dem wurmſtichigen Apfel erzählt. Laſſen wir ihn ſeinem Schickſal ver⸗ fallen ſein!“ Die Meldung der Haushälterin, daß das Mahl im Garten bereit ſei, führte die Geſellſchaft dahin. Grünwald hatte ſeinen guten Geſchmack aufs glän⸗ zendſte bewieſen und den Platz vor der Sennhütte unter den Bäumen zu einem höchſt anmuthigen Auf⸗ enthalte umgeſchaffen, der mit Blumen, Gebüſchen und der ſchneeweiß gedeckten Tafel ein ſo recht hochzeitliches Anſehen hatte. Gegenüber prangte der blaſende Triton auf dem Springbrunnen, zur Feier des Tages über und über mit Kränzen behangen. Stille, heitere Freude ſchwebte über dem Mahle. 169 Unertl war in ſeiner heiterſten Laune; während der Krautmeiſter und ſeine Ehehälfte in ſtillem Vergnügen verloren waren, ſtrahlte die Kanzlerin vor Entzücken und vermochte ihre Augen von der Braut nicht abzu⸗ wenden. Ihr Angeſicht glich einem ſchönen, völlig ausgeheiterten Himmel. Auch Grünwald erging es ſo; aber ſein Beſchauen war minder freudig, es war ein minder heller Tag, mit trüben Zugwolken gemiſcht, er mochte wohl des zum zweiten Male blühenden Kirſchbaums gedenken, den der Reif verbrannte. Sie waren beide nicht im Unrecht, wenn ſie Kor⸗ del wohlgefällig betrachteten. Das Mädchen hatte mit der ihr eigenen Feſtigkeit auch den Sturm ertragen, der ſie noch im letzten Augenblick aus dem ſchon er⸗ reichten Hafen in das hohe Meer zurückſchleuderte. Sie wußte, daß es vielleicht in ihrer Macht ſtand, demſelben mit einem Worte ein Ende zu machen; aber es kam ihr ſchwer an, dieſes eine Wort zu ſprechen; ſie wollte es nur für die äußerſte Noth aufſparen, auch wäre es nur ſchwer möglich geweſen, allein zu dem entfernten Kaiſer zu gelangen. Aber auch dieſe Prüfung hatte nur dazu gedient, ihr Gemüth einer letzten Läuterung zu unterziehen. Reiner noch ſtrahlte es jetzt von ihrer Stirn, noch heller blickte es aus ih⸗ ren Augen, lieblicher als je blühte es auf den zarten 170 Wangen, ſie war ein edles Jungfrauenbild, würdig, einer Prieſterin gleich das Allerheiligſte des Tempels zu betreten und die höchſte Würde des Frauenthums um die Stirn zu ſchlingen. „Mir thut's bei alledem nur leid“, ſagte Grün⸗ wald zu Unertl, während eben das Paar mit ſich ſel⸗ ber beſchäftigt war und die Kanzlerin ſich mit dem krautmeiſterlichen Ehepaare unterhielt,„daß das ſchöne Vermögen nun doch in den Händen der Jeſuiten blei⸗ ben ſoll. Iſt denn da gar nicht zu helfen?“ „Still!“ entgegnete Unertl.„Nicht ſo laut! Das ſoll eine Ueberraſchung geben, die vielleicht gerade recht reif wird, daß man ſie dem erſten Sprößling unſeres Paares als Angebinde in die Wiege legen kann. Sie wiſſen, daß in dem Teſtament beſtimmt iſt, das ganze Vermögen ſolle dem Orden gehören, wenn nach fünf⸗ zig Jahren ſich kein Nachkomme der Pilgrams meldet.“ „Jawohl, und ſich als rechtgläubigen Katholiken ausweiſt“, ſagte Grünwald.„Das iſt ja eben der Haken.“ „Gerade an dieſen Haken gedenke ich anzuknüpfen!“ fuhr Unertl fort.„Ich argumentire ſo: Das Geſetz verbietet, Erbeinſetzungen und Teſtamentsbeſtimmungen an unſittliche oder ſchändliche Bedingungen zu knüpfen; als eine ſolche ſchändliche Bedingung aber iſt es bezeichnet, 171 Jemand den Wechſel ſeines Glaubensbekenntniſſes zu⸗ zumuthen. Wenn nun ein Pilgram ſich einfindet, der von alledem nichts weiß, würde dieſem durch das Te⸗ ſtament nicht implicite ein ſolcher Wechſel zugemuthet, um zu der Erbſchaft zu gelangen? Ergo iſt die Be⸗ dingung eine ſchändliche, ſie gilt als nicht beigefügt, und der Mann muß bekommen, was ihm gehört.“ „Bene! Optime!“ rief Grünwald lachend.„Möge das Argument Stich halten! Es geht doch nichts über einen ausbündigen Juriſten. Stoßen Sie an, Herr Kanzler. Die Juriſten ſollen leben!“ Pilgram, hierdurch aufmerkſam gemacht, wollte wiſſen, wem die Geſundheit gelte. „Wem ſonſt, als dem Brautpaare?“ entgegnete Grünwald, ſich und ſein Glas erhebend.„Es lebe! Liebend und geliebt, beglückt und beglückend und im⸗ mer ſeiner Freund eingedenk!“ Alles ſtimmte freudig ein, und manch fröhlicher Umtrunk reihte ſich daran; ein Glas wurde den Grün⸗ dern des Hauſes Pilgram und ſeinen Wiederherſtellern gebracht; Kordel hob das ihrige und ſchlürfte einige Tropfen als Weihe frommen Andenkens für das ferne Grab der trefflichen Baſe Judith. In das Klingen der Gläſer miſchte ſich die Stimme der Haushälterin, die unter ſteten Verbeugungen und 172 mit fröhlicher Simme noch einen Gaſt anmeldete, der dem Bräutigam ſeine Aufwartung zu machen wünſche. Die Frau war ſo geſprächig und munter wie früher. Als ſie bei dem zweiten Beſuche Pilgram's ſo verdroſ⸗ ſen bedient hatte, hatte nur der Groll über die heim⸗ lichen Abſichten ihres Herrn, die ſie wohl durchſchaute, in ihr geſteckt, jetzt wußte ſie dieſe Gefahr beſeitigt und durfte nicht mehr fürchten, vom Regimente verdrängt zu wer⸗ den. Nur durch den Ehrgeiz angeſtachelt, war es ihr möglich geworden, in ſo kurzer Zeit ein ſo reichliches Mahl zu ſchaffen: galt es doch, zu zeigen, daß nicht blos eine Frau, ſondern auch eine tüchtige Wirthſchaf⸗ terin das Haus in Ehren zu halten verſtehe. „Ich kann ſchon ſagen, wer es iſt“, plauderte ſie. „Es iſt Niemand anders als der Maurer Michel, der Schlingel, verzeihen Sie mir die Grobheit, meine Herrſchaften, aber eine Schlingelei iſt's doch, daß er ſich ſo lange ſtumm geſtellt und uns alle zum Nar⸗ ren gehalten hat! Freilich jetzt geht es ihm nicht zum Beſten, die Arbeit bei den Jeſuiten hat er verloren, und ſie ſind ihm auch ſonſt überall hinderlich, daß er keine andere findet!“ „Herein mit ihm!“ rief Pilgram, eilte dem ſchüch⸗ tern Nahenden entgegen und lud ihn ein, am Hoch⸗ zeitstiſche Platz zu nehmen. 173 „Das wird ſich nicht ſchicken“, ſagte Michel,„aber eine große Bitt' hätt' ich! Es will gar nicht mehr recht gehen mit mir. Ich komme mir ganz fremd vor in München, und da hab' ich nur fragen wollen, ob der Herr Pilgram dort, wo Sie hingehen, nicht etwa einen Maurer brauchen könnten?“ „Wohl, mein Freund“, ſagte Pilgram,„ich nehme Ihn mit: brave Leute kann man überall brauchen. Er iſt die glückliche Veranlaſſung, daß wir heute ſo einträchtig bei einander ſitzen, Er ſoll auch mit uns thei⸗ len, was Er geſchaffen hat, Er ſoll mit mauern an dem Hauſe des Glückes, das wir zu bauen ge⸗ denken!“ In denſelben Abendſtunden hatte ein anderes, viel ernſteres Bild in den Räumender kaiſerlichen Re⸗ ſidenz ſich entfaltet. Die Befürchtungen des Arztes waren nur zu ſehr begründet geweſen; die vielen heftigen Gemüthsbewe⸗ gungen hatten die erſchütterte Kraft des Kaiſers raſch noch mehr unterhöhlt, wiederholte heftige Bruſtkrämpfe warfen ihn auf das Krankenlager und erweckten uner⸗ wartet die ſchwerſten Beſorgniſſe. Müde, gebrochen und mühſam athmend lehnte er in einem Stuhle und ſchlug nur die Augen auf, wenn er nahende Tritte oder das Geräuſch der ſich öffnenden 174 Thür zu vernehmen glaubte.„Iſt er's?“ fragte er dann mit erlöſchender Stimme.„Iſt's der Doctor? Iſt's Wolter?“ Endlich erſchien der Erwartete und trat mit einem Fläſchchen in der Hand vor den Für⸗ ſten, in deſſen Augen noch einmal die alte Lebenskraft emporloderte.„Hat Er das Elixir?“ rief er.„O ſchnell geb' Er es mir, es iſt die höchſte Zeit. Dieſer Krampf zerdrückt mir die Bruſt.“ Der Arzt ſchüttete den Inhalt des Fläſchchens in eine Schale, ſeine Hand war nicht ſicher dabei, und er vermied den Blick des Kaiſers, der geſpannt auf ihm ruhte. Dieſer ſchlürfte die Flüſſigkeit, neigte dann ſein Haupt etwas beiſeite und ſchloß die Augen, als wolle er die Wirkung abwarten, bald aber erhob er ſich wieder mit ſchwachem Lächeln. „Das iſt es nicht, Doctor“, ſagte er;„das war nicht das rechte Elixir, das rechte müßte mich ganz anders durchſtrömen; ich müßte beim erſten Trvpfen das Nahen der Geneſung fühlen. Ich verſtehe wohl, Er hat das Elixir nicht bekommen und will mich dar⸗ über täuſchen.“ Der Arzt ſah ſchweigend zu Boden. „Ich vergebe Ihm den freundlichen Betrug“, fuhr der Kaiſer zurückſinkend fort,„ich habe jetzt wenigſtens nicht nöthig, von Ihm zu erfahren, woran ich bin. 175 Pater Roſe ſoll kommen! Man rufe mir Seckendorf, die Kaiſerin und meinen Sohn!“ Bald war der Pater erſchienen und hatte das letzte Bekenntniß, das der Kaiſer abzulegen verlangte, gehört, er ſprach die Abſolution über ihn; dann neigte er ſich tiefer zu ſeinem Ohre herab.„Ich habe Ma⸗ jeſtät noch einen Gruß zu beſtellen“, ſagte er,„der Ihr Gewiſſen vielleicht erleichtern kann. Graf Peruſa iſt unlängſt aus Neapel zurückgekommen, er hat auf dem Veſuv einen Camaldulenſereremiten getroffen, einen Mann, der einſt eine ganz andere Rolle geſpielt und ihm einen Brief an mich mitgegeben. In dem Briefe waren letzte verzeihende Grüße enthalten. Der Eremit war Fürſt Porzia.“ Ein Strahl der Befriedigung überflog Karl's Antlitz. 3 „Und wie nun?“ begann der Pater wieder.„Ich habe an Eure Majeſtät einmal eine Frage geſtellt, auf die mir Antwort verheißen, aber noch nicht gegeben wurde. Vielleicht ſtehen Sie jetzt am Rande des Gra⸗ bes, geben Sie in dieſem feierlichen Augenblick der Wahrheit die Ehre, ſprechen Sie die verheißene Ant⸗ wort aus!“ Der Kaiſer ſah ihm lange und feſt ins Angeſicht. „Ich weiß die Antwort jetzt, Pater!“ ſagte er.„Aber 176 noch iſt ſie nicht reif, ausgeſprochen zu werden; ſie ſoll mit mir in die Gruft hinabſteigen. Ich ſehe voraus, die Frage wird nicht ruhen, wird immer und immer geſtellt werden, aber ich weiß auch, einer mei⸗ ner Nachfolger wird der Mann ſein, ſie zu beant⸗ worten.“ Seckendorf trat ein, mit ihm ſchreckensbleichen An⸗ geſichts der Kurprinz. „Erſchrick nicht, mein Sohn“, ſagte der Kaiſer, „mit mir neigt es ſich zum Ende. Weine nicht und ſieh an mir, wie raſch die Hoheit und Herrlichkeit der Erde zu Ende geht! Kniee nieder zu meinen Füßen, damit Du mich beſſer höreſt— das Sprechen wird mir ſchwer. Obwohl noch ſo jung, wirſt Du nach mir den⸗ Kurhut Baierns tragen, darum vernimm, was ich Dir mitgebe als väterlichen Rath! Zum letzten Mal übe ich meine kaiſerliche Machtvollkommenheit und mache Dich großjährig. Uebe Gnade, mein Sohn! Sei ein milder Herrſcher! Ehre Dein Volk, danke ihm für ſeine Liebe und Treue dadurch, daß Du es glücklich machſt, ach, glücklicher, als es mir zu machen vergönnt war! Es werden neue Zeiten kommen: mach' Dich bereit, dieſe neuen Zeiten zu erfaſſen! Stütze Dich nicht auf das Schwert, es wird ſtumpf! Vertraue nicht auf den Krummſtab, er zerbricht. Verlaſſe Dich nicht auf den 177 Adel, er beugt ſich.— Stütze Dich aufs Volk, mein Sohn! Das iſt verläſſiger Boden, feſt wie der, auf dem es ſelber ſteht und ſchafft! Mache Frieden, wenn Du es mit Ehren kannſt! Handle, wie Du ſelber un⸗ längſt geſprochen, und Du wirſt glücklich ſein und glücklich machen! Seckendorf!“ fuhr er gegen dieſen gewendet fort.„Er hat den Abſchied verlangt; ich kann Ihm denſelben jetzt nicht gewähren. Ich em⸗ pfehle dieſen hier Seinem Schutze. Ich weiß, was Ihn bewegt, zu gehen; aber gerade an dieſem kann Er bewähren, daß man Ihm Unrecht gethan.“ Die Kaiſerin ſtürzte in das Gemach und ſank laut aufſchluchzend zu den Füßen ihres Gatten nieder. Am andern Morgen hielt ein Reiſewagen am Münchner Burgfrieden auf der Landſtraße vor dem Neuhauſerthor. Pilgram und Kordel waren bis dahin gegangen; der Kanzler und Grünwald hatten ſie be⸗ gleitet. „Jetzt iſt's genug“, ſagte Unertl.„Laßt uns, was doch geſchehen muß, nicht ſelber verzögern und dadurch noch ſchwerer machen! Laßt uns Abſchied nehmen!“ Er drückte Kordel an die Bruſt, während Pilgram in Grünwald's Arme ſank, der ihn mit Küſſen über⸗ deckte.„Lebe wohl, Du wackeres Herz!“ ſagte Grün⸗ Schmid, Concordia V. 412 178 wald.„Es ſchmerzt mich bitterlich, daß ein Menſch wie Du keine Heimat hat unter uns, aber denke darum nicht ſchlimm von Deinem Vaterlande und Deinen Landsleuten! Es iſt Vieles nicht ſo arg, als ich es oft gegen Dich im Unmuth geäußert habe, es wird auch bei uns anders werden, vielleicht erſt, wenn Du und ich es nur vom Himmel herunter ſehen können; aber es wird gewiß, und dann— dann—“ Er konnte nicht weiter ſprechen; Thränen erſtickten ihm die Stimme. Schweigend ſchüttelte Unertl noch einmal Pil⸗ gram's Hand und drückte ihn an ſich, dann gingen ſie daran, Kordel in den Wagen zu heben, als der Hufſchlag eines eilig daherſprengenden Roſſes hörbar und eine ferne Staubwolke von der Stadt her ſicht⸗ bar wurde. „Was iſt das?“ rief Pilgram.„Sollte das uns gelten?“ Ein Reiter ſtürmte vorüber, er mochte die Frage in den Mienen der Anweſenden leſen.„Der Kaiſer iſt geſtorben“, rief er und ſprengte weiter; von den 3 Thürmen der Frauenkirche erdröhnten zugleich ſchwer und dumpf die wuchtigen Schläge der Benno⸗ glocke. Erſchüttert reichten ſich alle nochmals die Hände. 179 „Es war ein ſchwer geprüftes, aber edles Herz“, ſagte Unertl ergriffen.„Es hat ausgerungen und alle Zwietracht der Erde überwunden— Friede ſei mit ihm!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 12* Verlag von Ernſt Zulius Günther in Neipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von N. Waldmüller-Zuboc. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Kaabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Yeipzig. Lady Andleny's Geheimniß. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora Floyd. Roman von M. E. Baddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Sleanors s Sieg. Roman von N. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Neue Nomane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Mann und Weib. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autorifirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. ⸗ Fräulein oder Frau? Erzählung von Wilkie Collins. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 25 Ngr. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. Zweite Auflage. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig⸗ Robespierre. U Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenturg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. ie Milden der Helelll Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 5 ſchaff. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schüking. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane 4 aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig Mer Pull unn N Roman von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Die Jagd nach dem Glücke. 4 Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Die Türken in München. Roman von Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. — Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Deutſche Kämpfe. Zwei Erzählungen von Cevin Schücking. 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Des Hauſes Eckſtein. Roman von J. von Oben. 3 Bände. 80 Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. Band. 80. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. — —— Neue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Jebensretter. Humoriſtiſcher Roman von Graf Alrich Bandiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Frauenherzen. Zwei Novellen. von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. Verlag von Ernſt Zu lius Günther in Teipzig. Hirel, die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 0 à 0 0 Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Fophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. — — — ſſſſſſſſiſiſſiſſſſtſnnſenſenſnninſiſtchihinn 6 7 8 9 10 11 12 1 4 ſſſſſſſſſnſnſnſnnemſſii 3 1 15 16 17 18