E 5 — „5——=—. ff Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und LCeſebedingungen. 8 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſf 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 G 7 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Literkegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Mr.— f. „„ „„=„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ½ 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleit der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 4 — .— 2 2.:—*— 7 ———— 4 Oſtereyerz — Eine Erzählung zum Oſtergeſchenke, Von dem Verfaſſer der Genovefa. ————O 2 2 —— Dritte Auflage. Landshut, 1929. in der Kruͤll'ſchen Buchhandlung. fuͤr K in d e r. V 3 b Vorerinnerung an die Kinder. — Die folgende kleine Erzaͤhlung ward ſchon einmal vielen Kindern, die laͤngſt mvor uͤber den hohen Sinn und die ſchone Bedeutung des heiligen Oſterfe; ſtes unterrichtet worden, zu einer lehr⸗ 6 reichen und angenehmen Unterhaltung vocgeleſen, und nicht nur edie Kiner, IV Vorerinnerung. ſondern auch mehrere Erwachſene hoͤr⸗ ten ſie mit Freuden an. Weil ich nun dachte, daß dieſe Er⸗ zaͤhlung auch euch, meine lieben Kin⸗ der— ja wohl auch euren groͤßern Geſchwiſtern und ſelbſt euren Aeltern — Vergnuͤgen machen duͤrfte, ſo ward ſie, als ein kleines Oſtergeſchenk für euch gedruckt. Die Erzaͤhlung handelt, wie es der Titel ſagt, freylich nur von einer Kleinigkeit— den Oſtereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne leſen, wie auch die kleinſte Gabe Gottes— ein Ey!— ein großes Wunder dder 8 er 5 ie 4 1 an die Kinder. V Allmacht und Weisheit Gottes und ei⸗ ne mannigfaltige Wohlthat fuͤr die Menſchen ſey, ja wie Gott ſich oft ei⸗ ner geringen Sache bediene, ſeine hei⸗ lige Vorſicht und liebreiche Vaterſorg⸗ falt an den Menſchen zu verherrlichen. Dieſe und andere gute Lehren ſind in dieſem Buͤchlein die Hauptſache; das uͤbrige ſoll blos dazu dienen, euch eine unſchuldige Freude zu machen— wie etwa eure Mutter euch auf das Oſter⸗ feſt ein Ey ſchenkt, das nicht nur 3 durchaus voll kraͤftiger Nahrung iſt, vI Vorerinnerung an die Kinder. ſondern auch durch ein gefaͤlliges Aeuſt ſeres und eine freundliche Farbe das Auge vergnuͤgt. 3 der Verfaſſer. Erſtes Kapitel. „O weh, da giebts noch nicht einmal Huͤhner!“ —— Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief im Gebirge, einige armen Kohlenbren⸗ ner. Das enge Thal war rings von Wald und Felſen eingeſchloſſen. Die Huͤtten der armen Leute lagen im Tha⸗ le umher zerſtreut. Einige Kirſchen⸗ und Pflaumenbaͤume bey jeder Huͤtte, 1 etwas Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige 5 Ziegen waren all ihr Reichthum. In⸗ „ 6 1 f. — 3— deß erwarben ſie noch einiges mit Koh⸗ lenbrennen fuͤr die Eiſenſchmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute hat⸗ ten, ſo waren ſie dennoch ein ſehr gluͤck⸗ liches Voͤlklein; denn ſie wuͤnſchten ſich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey ſteter Arbeit und ſtrenger Maͤſſigkeit vollkommen geſund und man ſah in dieſen armen Huͤtten— was man in Pallaͤſten vergebens ſuchen wuͤrde— Maͤnner, die uͤber 100 Jahre alt waren. Eines Tages, da ſchon der Haber anfing ſich zu bleichen und es in dem Gebirge ſehr heiß war, kam ein Koͤhler⸗ maͤdchen, das die Ziegen huͤthete, faſt außer Athem nach Hauſe geſprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es ſeyen fremde Leute in dem Thale an⸗ gekommen von gar wunderſamer Tracht und ſeltſamer Redensart— eine vor⸗ nehme Frau, und zwey Kinder, und ein — 4 — 9— ſehr alter Mann, der, ob er gleich ſehr praͤchtige Kleider anhabe, doch nur ihr Diener ſcheine.„Ach, ſagte das Maͤd⸗ chen, die guten Leute ſind hungrig und durſtig, und ſehr muͤde. Ich traf ſie, als ich eine verlorne Ziege ſuchte, ganz abgemattet im, Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in unſer Thal. Wir wol⸗ len ihnen doch etwas zu eſſen und zu trinken hinaus tragen— und ſehen, ob wir ſie die Nacht bey uns und den Nach⸗ barn nicht unterbringen koͤnnen.“ Die Aeltern nahmen ſogleich Haberbrod, Milch und Ziegenkaͤſe und gingen hin. Die Fremden hatten ſich indeß in den Schatten einer buſchigen Felſenwand gelagert, wo es ſehr kuͤhl war. Die Frau ſaß auf einem bemoosten Felſen⸗ ſtuͤcke, und hatte ihr Angeſicht mit einem weißen Schleyer von feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunder⸗ — 10— ſchoͤnes Fraͤulein, ſaß ihr auf dem Schooße. Der alte Diener, ein ehr⸗ wuͤrdiger Greis, war damit beſthaͤftigt, das ſchwer beladene Maulthier abzupa⸗ cken, das ſie bey ſich hatten. Das an⸗ dere Kind, ein muntrer, ſchoͤner Kna⸗ be, hielt dem Thiere einige Diſteln hin, an denen es begierig fraß. Der Kohlenbrenner und ſein Weib naͤherten ſich der fremden Frau mit Ehr⸗ erethnn Denn an ihrer edlen Ge⸗ ſtalt, ihrem Anſtande und ihrem lan⸗ gen, weißen Gewande merkte man ſo⸗ gleich, daß ſie von hohem Stande ſeyn muͤſſe,„Sieh nur, ſagte die Kohlen⸗ brennerinn leiſe zu ihrem Manne, den zierlich ausgezackten, ſtehenden Halskra⸗ gen, die feinen Spitzen, aus denen die zarten Haͤnde nur zur Haͤlfte hervorbli⸗ cken, und— der tauſig!— ſogar die Schuhe ſi nd ſo weiß, wie Kirſchenbluͦ⸗ — 11— the, und mit ſilbernen Blümchen ge⸗ ziert!“ Der Mann tadelte aber ſein Weib und ſagte zu ihr:„Dir ſteckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den hoͤhern Staͤnden geziemt eine vor⸗ nehmere Kleidung. Indeß macht das Kleid den Menſchen um nichts beſſer, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl ſchon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen muͤſſen.“ Der Koͤhler und die Kählerinn bo⸗ then der fremden Frau jetzt Milch, Brod und Kaͤſe an. Die Frau ſchlug den Schleyer zuruͤck und beyde wunder⸗ ten ſich uͤber die Schoͤnheit und die edle, ſanfte Geſichtsbildung der Frau. Sie dankte freundlich, und ließ ſogleich das Kind auf dem Schooße aus der ir⸗ denen Schale voll Milch trinken— und die hellen Thraͤnen drangen ihr aus den —— — 12— Augen, und benetzten die bluͤhenden Wangen, als das Kleine die Schale mit beyden Haͤndchen feſthielt und be⸗ gierig trank. Auch der liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte ſie von dem Brode aus— und dann trank ſie erſt ſelbſt, und aß von dem Brode. Der fremde Mann aber ließ ſich beſonders den Kaͤs ſehr gut ſchmecken. Waͤhrend ſie aßen, kamen aus allen Huͤtten groß und klein her⸗ bei, ſtanden im Kreiſe umher, und be⸗ trachteten neugierig und wundernd die neuangekommenen Fremden. Nachdem der alte Mann ſatt war, bath er flehendlich, die Leute moͤchten der Frau doch in irgend einer Huͤtte auf ei⸗ nige Zeit ein kleines Stuͤbchen einraͤu⸗ men; ſie werde ihnen nicht zur Laſt fal⸗ len, ſondern alles reichlich bezahlen. „Ach ja, ſagte die Frau mit ſanfter, lieb; ——— — 13— licher Stimme, erbarmt euch einer un⸗ gluͤcklichen Mutter und ihrer zwey Klei⸗ nen, die durch ein ſchreckliches Schickſal aus ihrer Heimath vertrieben wurden.“ Die Maͤnner traten ſogleich zuſam⸗ men, und hielten Rath, wie das zu machen ſey. Oben im Thale brach hoch aus roͤth⸗ lichen Marmorfelſen ein Baͤchlein her⸗ vor, ſtuͤrzte ſich, ſchaͤumend und weiß wie Milch, von Felſen zu Felſen, und trieb eine Muͤhle, die gleichſam nur ſo an den Felſen dort hing. Auf der an⸗ dern Seite des Baͤchleins hatte der Muͤl⸗ ler noch ein anderes nettes Haͤuschen er⸗ baut. Freylich war es, wie alle uͤbrigen Haͤuſer im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzuſehen, von Kir⸗ ſchenbaͤumen lieblich beſchattet, und von einem kleinen Gaͤrtchen umgeben. Die⸗ ſes Haͤuschen both der Muͤller der frem⸗ den Frau zur Wohnung an. — 14— „Mein neues Huͤttchen da droben, ſagte er, indem er mit der Hand hin⸗ auf zeigte, raͤume ich euch, wie es da⸗ ſteht, herzlich gerne ein. Es iſt ſpan⸗ neu, und noch kein Menſch hat darin gewohnt. Ich baute es eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Muͤhle meinem Sohne uͤbergeben wer⸗ de. Wie doch der liebe Gott— Ihm ſey Dank!— ſo wunderbar fuͤr euch ſorgt! Erſt geſtern bin ich damit vol⸗ lends fertig geworden, und heute koͤn⸗ net ihr nun ſchon einziehen. Es iſt recht ſo, als wenn ich es gerade nur fuͤr euch gebaut haͤtte. So talthaeuch gewiß gefallen!“ Die gute Frau war üͤber dieſes freundliche Anerbiethen hocherfreut. Nachdem ſie etwas ausgeruht hatte, ging ſie ſogleich hinauf. Sie trug das kleine Fraͤulein auf dem Arme und der alte Mann fuͤhrte den Knaben an der — 15— Hand. Der Muͤller aber beſorgte das Maulthier. Die Frau fand das Haͤus⸗ chen, zur großen Freude des Muͤllers, ganz unvergleichlich. Mit einem Tiſche, einigen Stuͤhlen, und Bettſtaͤtten war es ſchon verſehen. Schoͤne Teppiche und praͤchtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau, auf dem Maulthiere, mitgebracht. Sie uͤbernachtete daher ſogleich da— und dankte Gott mit ihren beyden Klei⸗ nen vor dem Schlafengehen noch herz⸗ lich, daß Er ihr nach langem Herumir⸗ ren einen ſo angemeſſenen Zufluchtsort habe finden laſſen.„Wer haͤtte es ge⸗ glaubt, ſagte ſie, daß ich, in Pallaͤſten erwachſen, mich noch gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrde, in eine ſolche Huͤtte aufgenom⸗ men zu werden. Wie noͤthig hat auch der Hoͤhere, gegen den Niedrigſten gut und gefaͤllig zu ſeyn! Koͤnnte er auch ſo hart ſeyn, es nicht aus Meiſcheiffeund⸗ — 16— lichkeit zu thun, ſo ſollte ihn doch die Klugheit dazu bewegen. Denn kein Menſch weiß, was ihm bevorſteht.“ Den andern Morgen kam die Frau in aller Fruͤhe mit ihren Kleinen aus der niedern Wohnung hervor, ſich ein wenig in der Gegend umzuſehen. Denn am Tage zuvor waren ſie dazu allzumuͤde. Mit Entzuͤcken betrachtete ſie die ſchoͤne Ausſicht ins Thal. Die Huͤtten der Koͤh⸗ ler lagen tief unten im gruͤnen Thale wie hingeſaͤt, nur immer zwey oder drey bey⸗ ſammen. Das Muͤhlbaͤchlein ſchlaͤngelte ſich hell wie Silber mitten durchhin. Die bunten Felſen voll gruͤner Geſtraͤu⸗ che, an denen die Ziegen nagten, haͤtte man, ſo wie ſie jetzt von der Morgen⸗ ſonne beleuchtet waren, nicht ſchoͤner mahlen koͤnnen. Der alte Muͤller kam, ſobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte, ſogleich — 17— aus der Muͤhle heraus, und uͤber den ſchmalen Steg, der uͤber das Baͤchlein fuͤhrte, heruͤber.„Aber nicht wahr, rief er, ein ſchoͤneres Plaͤtzchen als die⸗ ſes, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier ſcheint die Morgenſonne immer am erſten hin. Wenn die Huͤtten unten, wie eben jetzt, noch im ſchwarzen Schatten liegen, ſo iſt da droben ſchon alles von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal kaum die Kamine der Huͤtten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man hier den klaren blauen Himmel.“ Den Kindern der Frau geſiel aber das Muͤhlrad, das ſich beſtaͤndig ſo ge⸗ ſchaͤftig umdrehte, am beſten. Den Knaben ergoͤtzte beſonders das Klappern der Muͤhle, und das Rauſchen des Waſ⸗ ſers, das wie ſiedende Milch zu kochen ſchien. Das Maͤdchen hingegen hatte ihre vorzuͤgliche Freude an den funkelnden 5 — 1 8— Edelſteinen von allen Farben, die, wie ſie ſagte, im Sonnenglanze von dem immer troͤpfelnden Rade fielen. Die Frau brachte den Tag zu, ſich einzurichten, ſo gut es in dieſem armen Thale ſeyn konnte. Die Leute wetteifer⸗ ten, ſie mit Lebensmitteln, mit Brenn⸗ holz, irdenem Kuͤchengeſchirre, und an⸗ dern Kleinigkeiten zu verſehen. Das Maͤdchen, das ihr zuerſt den Weg in das Thal gezeigt hatte und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienſt. „Vor allem brauche ich Eyer! ſagte die Frau, als ſie ſich zum Kochen an⸗ ſchickte. Sieh doch, daß du mir fuͤr Bezahlung einige auftreibeſt.“„Eyer? fragte Martha ganz verwundert. Je, wozu denn?“„Naͤrriſches Maͤdchen, ſagte die Frau, wozu?— zum Ko⸗ chen. Gehe nur, und mache, daß du bald wieder kommeſt.“„Zum Ko⸗ — 19— chen? ſagte das Maͤdchen; aber die VYoͤgelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann waͤre es doch auch Schade. Vier Perſonen haͤtten ja wohl einige hundert Eylein von Finken oder Haͤnflingen noͤthig, ſich ſatt zu eſſen.“ „Was plauderſt du da, ſagte die Frau; wer redet denn von den Eyerchen der Vöͤgelein. Ich meyne Huͤhnereyer.“ Das Maͤdchen ſchuͤttelte den Kopf und ſagte:„Was das fuͤr Voͤgel ſind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine geſehen.“„O weh, ſagte die Frau, ſo giebts bey euch noch nicht einmal Huͤhner!“ Denn da die Huͤhner erſt aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, ſo war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas ſo ſeltenes, als jetzt ein Pfau. Die Frau wußte ſich, da hier auch nichts von Fleiſchſpei⸗ ſen zu haben war, in ihrer kleinen Kuͤche faſt nicht zu helfen.„Ich haͤtte nie dar⸗ an gedacht, ſprach ſie, was es um ein Ey fuͤr eine Wohlthat Gottes iſt, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings mir aber auf meiner Wanderung ſchon mit hundert Dingen. Mangel und Noth haben doch auch ihr Gutes, indem ſie uns auf manche Gabe Gottes, die wir bisher nicht achteten, aufmerkſam ma⸗ chen, und uns Dankbarkeit lehren.“ Die gute Frau mußte ſehr kuͤmmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß fleißig zu, was ſie nur immer glaubten, daß ihr angenehm ſeyn koͤnnte. Wenn der Muͤl⸗ ler eine ſchoͤne Forelle, oder ein Koͤhler ein Paar Krametsvoͤgel fing, ſo brach⸗ ten ſie ihr dieſelben ſogleich. Die groͤßten Dienſte that ihr aber der alte Diener, ddeer mit ihr gekommen war. Sie hatte nooch einige goldene Kleinodien und koſt⸗ —= — 21— bare Edelſteine. Bon dieſen gab ſie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft mehrere Wochen aus. So oft er zuruͤck kam, brachte er immer al⸗ lerley mit, das er fuͤr die kleine Haus⸗ haltung eingekauft hatte. Die Leute be⸗ merkten indeß, daß die Frau nach ſeiner Zuruͤckkunft oft ſehr traurig war, und rothgeweinte Augen hatte. Sie waͤren gar gerne dahinter gekommen, wer ſie denn eigentlich ſey, und woher ſie kom⸗ me. Allein ſie ſelbſt zu fragen, hatten ſie den Muth nicht. Der alte Mann aber ſagte ihnen, wenn ſie ihn fragten, ſo ſelt⸗ ſame Namen, daß ſie dieſelben kaum nachſprechen konnten, und ſie in einer Viertelſtunde ſchon wieder vergeſſen hat⸗ ten, bis ſie endlich merkten, daß der mun⸗ tere Greis ſie nur zum Beſten habe. Da machten ſie ſich an die Kleinen.„Sag uns doch, ſagten ſie zum Knaben, wie heißt denn — 22— deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter ſagen. Sag es uns nur ins Ohr.“ Da ſagte ihnen denn das Kind ſehr geheimnißvoll, aber auch ſehr offenherzig und zutraulich;„Sie heißt eigentlich Mamma.“ Aehnliche Ant⸗ worten gab auch das Maͤdchen. Die Leute mußten es alſo der Zeit uͤberlaſ⸗ ſen, dieſes Geheimniß zu enthuͤllen. Zweytes Kapitel. „Gottlob, nun ſind doch einmal die Huͤhner da.“ Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Neiſe heim, und trug einen Huͤhnerſtall auf dem Ruͤcken. In dem waren ein Hahn und einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen ſahen, 5— 23— liefen ſie alle zuſammen; denn er brach⸗ te ihnen immer etwas mit— weißes Brod, getrocknete Pflaumen, ein Pfeif⸗ chen, ein Gloͤcklein fuͤr ihre Ziegen oder ſonſt eine Kleinigkeit. Dießmal waren die Kinder ſehr neugierig, was denn in dem vergitter⸗ ten Kaͤſtchen ſey, das faſt ganz mit Tuch bedeckt war, ſo daß man nicht recht hinein ſehen konnte. Sie beglei⸗ teten ihn bis vor die Thuͤre der Frau, die mit ihren zwey Kleinen ſogleich freu⸗ dig heraus kam und ihn gruͤßte.„Gott⸗ lob, rief das kleine Fraͤnlein und klatſch⸗ te in die Haͤnde, nun ſind doch einmal die Huͤhner da!“ Der Mann ſtellte den Kaſten nie⸗ der, oͤffnete das Thuͤrchen, und da kam denn zuerſt ein praͤchtiger Hahn heraus. Die Kinder erſtaunten.„Was 4 ³ Fuͤhnern einige Haͤnde voll Haberkoͤrner fuͤr ein ſonderbarer Vogel das iſt! rie⸗ fen ſie; denn wie man ihn heiße, wuß⸗ ten ſie noch nicht. In unſerm Leben haben wir noch keinen ſo ſchoͤnen Vogel geſehen! Was er fuͤr eine ſchoͤne Krone auf dem Kopfe hat, noch ſchoͤner roth, als Kornblumen: und wie wunderſchoͤn braͤunlich und gelblich ſeine Federn ſchimmern, noch ſchoͤner als reifes Ge⸗ treid in der Abendſonne; und wie wun⸗ derlich er den Schweif traͤgt, faſt wie eine Sichel gekruͤmmt!“ Auch die Hennen gefielen ihnen ſehr wohl. Es waren ein Paar Schwarze mit hochro⸗ them Kamme, ein Paar Weiße mit Schoͤpfen, und ein Paar Roͤthlichbrau⸗ ne ohne Schweif. Die Frau ſtreute den hin. Die Huͤhner pickten ſie geſchaͤftig hinweg, und die Kinder ſtanden und knie: ——6 ˖—— — 25— knieten im Kreiſe umher, und ſahen mit vergnuͤgten Geſichtern zu. Als der Haber aufgefreſſen war, da ſchwang mit einem Male der Hahn die Fluͤgel und kraͤhte— und alle Kin⸗ der lachten laut zuſammen, ſo freuten ſie ſich daruͤber. Und im Heimwege ſchrien die Knaben alle:„Kikiriki“ und die Maͤdchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar ſo laut. Als die Kinder heimkamen, erzaͤhlten ſie von den Wundervoͤgeln, die viel. groͤßer ſeyen, als die Ringeltauben, ja wohl groͤßer, als die Raben, und wie ſie ſo ſchoͤne Farben haͤtten, noch viel ſchoͤner als alle Voͤgel im Walde. „und, ſagte die kleine Marie, Mar⸗ thas Schweſterlein, wie ſie ſo ein ro⸗ thes Kaͤpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen Voͤgein 2 des Waldes gebraͤuchlich geweſen.“ℳ Auch die Aeltern wurden neugierig und kamen, die fremden Voͤgel zu ſehen, und waren nicht weniger daruͤber ver⸗ wundert. H ts Nach einiger Zeit ließ ſich eine der Hennen zum Bruͤten an. Martha muß⸗ te die Henne taͤglich fuͤttern. Die Frau 5 zeigte einmal den Kindern aus dem Thale das Neſt, und die Kinder wun⸗ derten alle laut uͤber die Menge von Eyern.„Fuͤnfzehn Eyer! riefen ſie; die Holztauben legen nur zwey, andre Voͤgelein nur fuͤnf Eyer. O wie wird die Henne ſo viele Junge auffuͤttern!““ Da die Jungen anfingen auszukrie⸗ chen, wollte die Frau den Kindern eine Freude machen, und ließ ſie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte —8 N 2—2—2* 8— 22— ihnen ein aufgepicktes Ey. O wie freu⸗ ten ſich die Kinder, als das junge Huͤhnlein ſo geſchaͤftig pickte, heraus⸗ zukommen. Die Frau half ihm vol⸗ lends heraus. Nun war die Verwun⸗ derung noch groͤßer, daß das kleine Voͤ⸗ gelein ſchon uͤber und uͤber ſo ſchoͤne gelbe Flaumfederlein habe, ſo munter aus den ſchwarzen Aeunglein blicke, und ſogleich davon laufen koͤnne, da doch andre junge Voͤgelein nackt, blind und ganz huͤlflos zur Welt kaͤmen.„Das iſt doch etwas unerhoͤrtes, ſagten die Kinder, ſolche Voͤgel giebt es in der ganzen Welt nicht mehr.“ Als die ſchoͤne, glaͤnzend ſchwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in Mitte ihrer fuͤnfzehn gelbhaarigen Jungen, das erſte Mal auf den gruͤ⸗ nen Raſen herausſchritt, da war die 2* Freude der Kinder und Aeltern gar uͤber alle Weiſe.„Schoͤneres kann man doch nichts ſehen!“ ſagte ein Koͤhler.„ Und horcht nur, ſprach die Koͤhlerinn, wie die Alte den Jungen lokt, und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verſte⸗ hen, und ſogleich folgen. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß ihr Kinder auch immer ſo auf den Ruf ginget.“ Ein Knabe wollte ein junges Huͤhn⸗ lein fangen, um es naͤher zu betrach⸗ ten. Das kleine Dingelchen ſchrie aber klaͤglich, und auf das Geſchrey ſchoß die Alte ploͤtzlich und mit weitgeoͤffne⸗ ten Fluͤgeln herbey, und flog dem Kna⸗ ben, der heftig erſchrack und jammernd um Huͤlfe rief, auf den Kopf⸗ Sie haͤtte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht augenblicklich wieder haͤtte laufen laſſen. Der Vater ſchmaͤhte den Knaben, und die Mutter ſagte:„Wie das treue Thier ſich ſei⸗ ner Jungen ſo eifrig annimmt! Men⸗ ſchen koͤnnten ſogar von ihm lernen.“ Wenn die Henne nur einen guten Biſſen fand, ſo erhob ſie ſogleich ein Geſchrey, und die Jungen eilten alle zuſammen. Die Alte zerhackte ihn erſt mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichſam vor. Jedermann wunderte ſich, daß ſo junge Thierchen, die kaum uber einen Tag alt waͤren, nicht nur ſogleich laufen, ſondern auch ſchon freſ⸗ ſen koͤnnten. Da jetzt die Sonne ſich etwas unter die Wolken verbarg— ſo ſammelten ſich alle Jungen unter die Alte, und verſteckten ſich da, um ſich zu waͤrmen. „Das iſt noch das allerſchoͤnſte, ſag ten die Leute. Es iſt gar artig und munter, wie hie und da ein Koͤpſchen S — 30— unter den Fluͤgeln der Henne hervor⸗ ſieht, oder ſich ein Junges hervorwagt, und ſogleich wieder an einer andern Stelle unter ſie hineinkriecht.“ Der Muͤller, der in ſeiner weißbe⸗ ſtaͤubten Kleidung in Mitte der ſchwar⸗ zen Koͤhler ſich gar ſonderbar ausnahm, aber auch an Einſicht ſich eben ſo vor ihnen auszeichnete, ſprach:„Was das boch ein Wunderding mit dieſen frem⸗ den Voͤgeln iſt! Wir erblicken zwar Gott uͤberall in der Natur; aber wenn wir etwas ungewöoͤhnliches ſehen, faͤllt uns ſeine Allmacht, Weisheit und Guͤ⸗ te doch noch mehr in die Augen. Be⸗ denkt nur, wie gut es iſt, daß dieſe kleine Voͤgelein ſogleich laufen und freſ⸗ ſen koͤnnen; wenn die Alte ſo vielen Jungen das Futter im Schnabel zu: 2..*. 4 kragen muͤßte, wie eine Schwalbe, da wuͤrde ſie nicht fertig! Wie gut iſt's, daß ſchon die Natur der Jungen ſo iſt, der Alten nachzulaufen und ihrer Srimme zu folgen. Liefen ſie, weil ſie doch auf der Stelle laufen koͤnnen, ſo⸗ gleich auseinander; die Alte koͤnnte ſie nicht mehr zuſammen bringen, und die Jungen gingen verloren. Beſonders wundert mich aber, wo die Henne den Muth hernimmt, ihre Jungen ſo ta⸗ pfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch oft ſchon uͤber die Huͤhner geuͤrgert, und ſie dumme Thiere geſcholten, weil ſie allemal, ſo oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht ſcheu auseinander flo⸗ gen, obwohl ſie laͤngſt merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid thue. Und nun iſt die Natur des Thieres ganz veraͤndert, und ſie ſetzt ſich gegen ei⸗ nen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergoͤtzt, wie die Hennen um ei⸗ nen Biſſen zanken, oder wie diejenige, * die ein groͤßeres Broͤcklein fand, ſo neidig iſt, und ſogleich davon laͤuft, und wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat ſie ihre Gefraͤſſigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen ſelbſt und ruͤhrt nichts an, bis alle ſatt ſind. Ich glau⸗ be, das gute Thier ſtuͤrbe lieber ſelbſt Hungers, als daß ſie eines ihrer Jun⸗ gen verhungern ließe. Die zaͤrtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zar⸗ ten Jungen umherfuͤhrt, Futter fuͤr ſie aufſucht, ſie ernaͤhrt, ſie beſchuͤtzt, ſie unter ihren Fluͤgeln waͤrmt— hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So zaͤrtlich iſt Gott fuͤr dieſe jungen Hühnlein be⸗ ſorgt! Und wie ſollten nun wir ver⸗ b zagen! Sollte Er nicht noch mehr für uns beſorgt ſeyn? Freylich ſorgt Er noch mehr fuͤr uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott macht alles 5 — 33— wohl. Er ſorgt fuͤr alle ſeine Geſcho⸗ pfe— am meiſten aber fuͤr den Men⸗ ſchen, der in ſeinen Augen mehr iſt, als alle Huͤhner und alle andern Voͤgel in der ganzen Welt.“ Drittes Kapitel. „Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.“ —— Weil die guten Leute im Thale ge⸗ gen die fremde Frau immer gar ſo ge⸗ faͤllig geweſen, ſo war ſie ſchon lange darauf bedacht, ihnen auch wieder eine Freude zu machen, und ihre aͤrmliche Hauszaltung zu erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Huͤhner ſehr geſchont, und da ſie nun einen ſchoͤnen Vorrath von Eyern und auch mehrere Huͤhner beyſammen hatte, ſchickte ſie Martha in's Thal, 406 — 34— Hausmuͤtter auf den morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuſaden. Sie kamen mit Freuden, und in ihrem ſchoͤn⸗ ſten Aufputze. In dem kleinen Gaͤrt⸗ chen hatte der alte Diener einen laͤnd⸗ lichen Tiſch mit einigen Baͤnken berei⸗ tet. Hier mußten ſie Platz nehmen. Martha brachte hierauf einen gro⸗ ßen Korb voll Eyer. Die waren alle ſo reinlich, daß man kein Flecklein dar⸗ an ſah, und weiß wie Schnee. Die Kohlenbrennerinnen erſtaunten und wun⸗ derten ſich nicht wenig uͤber die Menge von Eyern.„Gottlob! ſagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß, und es iſt allerdings ein ſchoͤner Anblick, ſo viele reinliche Eyer beyſammen zu ſehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man ſie in der Haushaltung nuͤtzen b kann.ℳ — 35— In einer Ecke des Baumgaͤrtchens, unten an einem Felſen, war Feuer aufgemacht. Eine große Pfanne voll Waſſer hing uͤber dem Feuer. Die Frau ſchlug zuerſt ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen ausſehe, bevor es in das heiße Waſſer komme. Alle be⸗ trachteten mit Aufmerkſamkeit die ſchoͤ⸗ ne, kriſtallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der Dotter ſchwamm. Nun wurden ſo viele Eyer, als es Gaͤſte waren, weich geſotten. Auf dem Tiſche war Salz und weißes laͤnglichgeſchnittenes Brod in Bereit⸗ ſchaft. Die Frau letrte ſie die Eyer oͤffnen, und nun wunderten ſich alle, wie das durchſichtige des Ey's ſo ſchoͤn weiß wie Milch ausſah, und eben ſo, wie das Gelbe, feſter geworden. Alle obten, indem ſie nach Anweiſung der Frau die Eyer mit dem Brode aus⸗ — 36— tunkten, die treffliche Speiſe.„Da hat man, ſagten ſie, Geſchirr und Speiſe ſogleich beyſammen. Und wie ſchoͤn und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles ausſieht! Wie ſchnell, ohne Kunſt, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht iſt. Auch fuͤr Kranke koͤnn⸗ te man nicht leicht eine wohlfeilere und nahrhaſtere Speiſe ſinden.“ Die Frau ſchlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieſes war fuͤr die Koͤhlerinnen wieder eine neue Erſchei⸗ nung.„Wie das Gelbe ſo ſchoͤn vom Weißen umgeben iſt, ſagten ſie, wie bey den großen weiß⸗ und gelben Wie⸗ ſenblamen, die man Ochſenaugen nennt.“ Die Eyer wurden nach und nach auf gruͤnen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schuͤſſel bereit ſtand— und auch dieſe Speiſe wurde von allen gelobt. So machte die Frau noch andere Eyerſpeiſen, und unter⸗ richtete die Koͤhlerinnen, wie die Eyer nicht nur an und fuͤr ſich eine geſunde Speiſe ſeyen, ſondern mit noch groͤßerm Vortheil zur beſſern Bereitung anderer Speiſen benuͤtzt werden koͤnnen. Zuletzt wurde ſchoͤner gruͤner Acker⸗ ſalat aufgetragen. Kuno brachte ein Teller voll Eyer, die ſchon fruͤher hart geſotten wurden, damit ſie indeß wie⸗ der kalt wuͤrden. Der froͤhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen, daß ſie auf dem ſteinigen Boden herumroll⸗ ten. Die Koͤhlerinnen am Tiſche er⸗ ſchracken, daß ſie laut aufſchrien. Sie meynten, die Eyer wuͤrden ausfließen. Aber wie wunderten ſich alle, als die Frau die Schalen rein abloͤste, und jedes Ey ſo durchaus hart erſchien, daß es ſich ſchneiden ließ. Die Sache ſchien ihnen ein Wunder. Indeß ſagte ihnen — 38— die Frau, wie man die Eyer hart ſiede, und legte die zierlich geſchnittenen Eyer auf den Salat und auch dieſe Speiſe ſchmeckte den Gaͤſten ſehr gut. Niachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Haͤhne und mehrere Hennen unter die Hausmuͤtter. Sie ſagte ihnen, daß eine Henne des Jahres hundert, bis hundert fuͤnfzig Eyer lege— woruͤber alle erſtaunten. „Ueber hundert Eyer! riefen ſie⸗ Welch ein Vortheil in der Haushal⸗ tung!“ Die guten Hausmuͤtter brach⸗ ten mit den Huͤhnern eine große Freu⸗ de in's Thal. In allen Hutten war Inbel. Alle Leute im Thale ſegneten die Frau, und dankten Gott fuͤr ſo ſchoͤne, wohlthaͤtige Geſchenke. 4 Die Huͤhner waren lange Zeit das taͤgliche Geſpraͤch. Immer bemerkten — 39— die Leute noch etwas neues daran, das ſonderbar und zugleich nuͤtzlich war. Die Eigenſchaft, daß der Hahn mor⸗ gens kraͤhe, war den Hausvaͤtern be⸗ fonders lieb.„Er verkuͤndet ſo, ſag⸗ ten ſie, den nahen Tag und fordert die Menſchen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es iſt ein ganz neues Leben im Thal, wenn am Morgen die Haͤhne ſo zuſammen kraͤhen, und man geht ordentlich munterer an die Arbeit!* „Freylich wohl! ſagte der Muͤller. Wann der Hahn aber gegen Mitter⸗ nacht das erſte Mahl kraͤhr, ſo ruft er den luſtigen Geſellſchaften mit lauter Stimme zu, jetzt ſey es die hochſte Zeit, ſich zur Ruhe zu begeben!“ Den Hausmuͤttern gefiel es noch be⸗ ſonders, daß die Henne es gatzend an⸗ kuͤndete, wenn ſie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hauſe, wenn ſie ſich hoͤren ließ.„So weiß man es doch gleich, ſagten ſie, und kann das nuͤtzliche Geſchenk ſogleich in Empfang nehmen.“ 3 Hausvaͤter und Hausmuͤtter ſagten oft unter einander:„Dieſe Voͤgel ſind wahrhaftig von Gott recht eigent⸗ lich zu Hausthieren geſchaffen. Sie halten ſich ſo treulich an das Haus, ent⸗ fernen ſich nie weit davon, kommen, ſobald man ihnen lockt, ſogleich alle zuruͤck, ja, ſie gehen am Abende von ſelbſt heim, und warten an Hausthuͤr oder Fenſter, bis man ſie hereinlaſſe. Nicht nur bringen ſie in der Haushal⸗ tung einen großen Nutzen; ihr Unter⸗ halt koſtet auch ſehr wenig. Sie neh⸗ men mit Kleye, mit dem Abfalle vom Gemuͤſe, und mit andern ſchlechten Dingen vorlieb, die man im Hauſe ſonſt nicht weiter nuͤtzen koͤnnte. Ja ſie — 41— gehen von Morgen bis Abend außer dem Hauſe uͤberall umher und ſcharren und ſuchen ihr Futter ſelbſt auf. Vie⸗ le tauſend Koͤrnlein, die beſonders zur Aerntezeit und bey dem Dreſchen ver⸗ loren gingen, kommen ſo noch den Menſchen zu gut. Die Hennen leſen ſie fleißig auf und geben uns Eyer da⸗ fuͤr. Die aͤrmſte Wittwe, die ſonſt kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch eine Henne, und das taͤgliche Ey iſt ein taͤgliches Almoſen fuͤr ſie.“ Auch die zwey Kinder der Frau ſahen nun ein, woran ſie im Ueber⸗ fluſſe nie gedacht hatten, was die Eyer fuͤr guͤtige Geſchenke Gottes ſeyen. O wie froh waren ſie, als ſie hie und da morgens ein Ey in Milch eſſen konnten! Wie gut fanden ſie nun manche Speiſe, die ihnen vorhin nicht recht genießbar ſchien, weil das Ey baran fehlte. Wie ſehr dankten ſie Gott dafuͤr! Viertes Kapitel. Das Feſt der bemahlten Eyer, ein Kinderfeſt. Indeß gingen Sommer und Herbſt voruͤber, und der Winter kam. Er war, zumal in dieſer rauhen Gegend, ſehr hart. Die kleinen Huͤtten im Thale la⸗ gen Monate lang, wie im Schnee ver⸗ graben. Nur die rauchenden Kamine und etwas von den Daͤchern ſchauten noch aus der weiſſen Huͤlle hervor. Von dem Hohlwege zwiſchen den Felſen herauf ſah man gar nichts mehr. Die Muͤhle ſtand 4 ſtill, und die Waſſerfaͤlle hingen ſtarr und geraͤuſchlos an den Felſen da. Man konnte nur wenig zuſammen kommen. „ Deſto groͤßer war die Freude, als der Schnee ſchmolz und es nun wieder Fruͤhling ward. Die Kinder aus dem Thale kamen ſogleich wieder herauf, und brachten den beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die erſten blauen Veilchen und gelben Schluͤſſelbluͤmchen, die ſie im Tha⸗ le finden konnten. Ja, ſie flochten ihnen, ſobald es mehrere dieſer holden Fruͤh⸗ lingsbluͤmchen gab, die ſe ſchoͤnſten blauen und gelben Kraͤnze.„Ich muß, ſagte die edle Frau, den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ih⸗ nen auf den kommenden Oſtertag ein kleines laͤndliches Kinderfeſt geben. Denn es iſt gar ſchoͤn, daß man ſolche Tage den Kindern, ſo gut man nur immer kann, zu Freudentagen mache. Aber was ſoll ich ihnen geben? Auf Weihnachten konnte ich ſie mit Aepfeln und Nuͤſſen be⸗ — 44— ſchenken, die ich fuͤr ſie hatte bringen laſ⸗ ſen Allein zu dieſer Zeit hat man nichts im Hauſe, als etwa ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen waͤre. Alle Baͤume und Straͤuche ſtehen ohne Frucht und Bee⸗ ren. Eyer ſind die erſten Geſchenke der wieder auflebenden Natur.“ „Aber, ſagte Martha, wenn die Eyer nur nicht ſo ganz ohne alle Farben waͤren! Weiß iſt wohl auch ſchoͤn. Al⸗ lein die allerley Farben der Fruͤchte und Beeren, zumal die ſchoͤnen rothen Wan⸗ gen der Rehſelenn, ſind doch noch ſchoͤ⸗ ner. 44 „Du bringſt mich da auf einen Ein⸗ fall, ſagte die gute Frau, der nicht gar uͤbel ſeyn mag. Ich will die Eyer hart ſieden, und ſie, was ſich waͤhrend des Siedens leicht thun laͤßt, zugleich faͤrben. — 45— Die mancherley Farben machen den Kin⸗ dern gewiß große Freude.“ Die verſtaͤndige Mutter kannte ver⸗ ſchiedene Wurzeln und Mooſe, die man zum Schoͤnfaͤrben brauchen kann. Sie faͤrbte nun die Eyer auf verſchiedene Art. Einige wurden ſchoͤn himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere ſo ſchoͤn roth wie das Innere der Roſen. Einige hatte ſie mit zarten gruͤnen Blaͤttchen einge⸗ bunden, die ſich dann auf den Eyern ab⸗ bildeten, und ihnen ein unvergleichlich ſchoͤnes buntes Ausſehen gaben. Auf einige ſetzte ſie auch einen kleinen Reim. „Die bemahlten Eyer, ſagte der Muͤller, als er ſie erblickte, ſind gerade recht fuͤr das Feſt, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und ſich mit aller⸗ ley Farben ſchmuͤckt. Die gute Mutter macht es gerade wie der liebe Gort, der — 46— uns nicht nur ſchmackhafte Fruͤchte giebt, ſondern ſie auch noch fuͤr das Auge ſchoͤn und freundlich macht. Wie Er die Kirſche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb faͤrbt, ſo macht ſie es mit den Eyern.“ Der Oſtertag war dieſesmal ein uͤberaus ſchoͤner Fruͤhlingstag— ein wahrer Auferſtehungstag der Natur. Die Sonne ſchien ſo ſchoͤn und warm, der Himmel war ſo rein und blau, daß es eine Luſt war, und alles neues Le⸗ ben fuͤhlte. Die Wieſen im Thale waren bereits ſchoͤn gruͤn und hie und da ſchon bunt von Blumen. Schon Nango vor Anbruch der Mor⸗ genroͤthe hatten die Frau und der alte Kuno ſich auf den Weg zur Kirche gemacht, die uͤber zwey Stunden weit entfernt jenſeits mehrerer Berge lag. „ ——„ —(Wͤ A —— Die Vaͤter und Muͤtter aus dem Tha⸗ le, und die groͤßern Kinder, die ſo weit gehen konnten, zogen auch mit da⸗ hin. Gegen Mittag kam die Frau mit Huͤlfe des Maulthieres, das Kuno fuͤhrte, wieder zuruͤck; die uͤbrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern erſt lange nach Mittag, oder gar erſt gegen Abend nach Hauſe. Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim ge⸗ laſſen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefaͤhr von einerley Alter — und ſchon lange eingeladen Waren⸗ voell Freude herauf. Die Frau fuͤhrte ſie in das Gaͤrt⸗ chen, das Kunod im vorigen Jahre ſehr verſchoͤnert hatte. Nahe an der Fel⸗ ſenwand, auf einem zierlich mit Kieſe beſchuͤtteten Grunde, war ein laͤnglicht runder Tiſch. Der war jetzt mit ei⸗ nem farbigen Teppiche belegt. Raſen⸗ ie ſitze von jungem, friſchen Gruͤn um⸗ g gaben ihn. Die Kinder ſetzten ſch 3 rings um den Tiſch, und mitten un⸗ d ter ihnen Edmund und Blanda. Alle d Kahen freundlich und froͤhlich aus den ſi Augen und waren voll Erwartung der te Dinge, die da kommen wuͤrden Es te war wirklich ein ungemein lieblicher T Anblick, den ſchoͤnen Kreis von gelb⸗ ſt und braunlockichten Koͤpſchen und alle w die bluͤhenden Geſichtchen zu ſehen. p „So ſchoͤn iſt kein Blumenkranz, ſag⸗ d 4 die Frau bey ſich ſelbſt, und waͤre d er auch aus den ſchoͤnſten Roſen und b- Lilien gewunden.“ n Nun erzaͤhlte ihnen die Frau zuerſt 3 ſehr ſchoͤn und deutlich, warum der heilige Oſtertag ein ſo großes Freuden⸗ 9 feſt ſey— und dann wurde eine große irdene irdene Schuͤſſel voll heiſſer Milch auf⸗ getragen⸗ darein Eyer geſchlagen wa⸗ ren. Jedes Kind hatte ein neues ir⸗ denes Schuͤſſelchen vor ſich ſtehen. Je⸗ e des bekam nun ſeinen Theil und ließ 3 ſich's treflich ſchmecken. Hierauf fuͤhr⸗ rete die Frau die Kinder durch eine Sei⸗ 6 tenthuͤr des Gaͤrtchens in das kleine r Tannenwaͤldchen, das an den Garten „⸗ ſtieß. Zwiſchen den jungen Taͤnnchen le waren hie und da ſchoͤne gruͤne Raſen⸗ plaͤtze Da ſagte die Frau den Kin⸗ 3⸗ dern, jedes ſolle aus Moos, mit dem xe die Felſen und Baͤume umher reichlich d bewachſen waren, ein kleines Neſtchen machen. Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen konnten, mußten die geſchick⸗ „ tern helfen. Jedes mußte ſich ſein R. Veſche zuiht wohl merken. 7 Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zuruͤck. Aber ſieh— da erblickten ſie auf dem Tiſche einen gro⸗ ßen Kuchen von Eyerbrod, der wie ein großer gewundener Kranz geſtaltet war. Jedes bekam nun ein großes Stuͤck Kuchen. Indeß nun die Kin, der aßen, ſchlich Martha mit einem großen Korbe voll gefaͤrbter Eyer heim 3 lich in das Waͤldchen und vertheilte die Eyer in die Reſtchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer 9 men ſich in den zierlichen Reſtchen von zartem, gruͤnlichem„Mooſe ungeneh ſchoͤn aus. Nachdem die Kinder genug geeſſa hatten, ſagte die Frau:„Nun kommt jetzt wollen wir nach den Neſtchen ſe hen.“ In jedem Neſtchen lagen fuͤn gleichfaͤrbige Eyer, und auf Einem der d ſelben ſtand ein Reim. Was da un — r— Kinder fuͤr ein Freudengeſchrey erho⸗ ben! Die Freude und der Jubel gieng uͤber alle Beſchreibung.—„Rothe Eyer! Rothe Eyer! rief das eine, in meinem Neſtchen ſind lauter rothe Eyer.“„Und in dem meinigen blaue, rief ein anderes, o alle ſo ſchoͤn blau, wie jetzt der Himmel.“„Die meini⸗ gen ſind gelb, ſchrie ein drittes, noch viel ſchoͤner gelb, als die Schluͤſſel⸗ bluͤmchen, oder der hellgelbe Schmet⸗ 1 terling, der dort fliegt.“„Die mei⸗ nigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!“„O das muͤſſen wunder⸗ ſchoͤne Huͤhner ſeyn, rief ein kleiner u Knabe, weil ſie ſo ſchoͤne Eyer legen. Die moͤchte ich einmal ſehen.“ „Ey, ſagte Martha's Schweſter⸗ chen, das Kleinſte aus allen Kindern, die Huͤhner legen freylich keine ſo ſchoͤ⸗ — 3* — 52— ne Eyer. Ich glaube gar, das Haͤs⸗ chen hat ſie gelegt, das aus dem Wach⸗ holderbuſche herausſprang und davon lief, als ich dort das Neſtchen bauen wollte.“ Und alle Kinder lachten zu⸗ ſammen, und ſagten im Scherze, der Haaſe lege die bunten Eyer. Ein bis auf unſere Zeiten erhalten hat. Scherz, der ſich in manchen Gegenden „O mit wie wenigem, ſagte die Frau, kann man den Menſchen eine gro⸗ ße Freude machen! Wer ſollte nicht ger⸗ ne geben; indem ja geben ſeliger iſt, als empfangen!— Wer doch noch ein Kind ſeyn koͤnnte! Eine ſolche Freude empfinden unter den Erwachsnen nur diejenigen, die ihr Herz rein und ſchuld⸗ los bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradieſe der Kindheit— dieſem Gottesreiche ſchuldloſer Freude.“ 1 1 wieder eine andere Unterhaltung. Man⸗ gehabt. Denen, mit den rothen, gel⸗ dern, ſie ſollen mit einander tauſchen. den Eyern hier iſt, ſo iſt es mit tau⸗ ander davon wechſelweiſe mittheilen koͤn⸗ Nun machte die Frau den Kindern ches Kind, das nur blaue Eyer bekam, haͤtte gerne auch ein rothes oder gelbes ben oder bunten Eyern ging es eben ſo. Die Frau ſagte daher den Kin⸗ Nur das Ey mit dem Spruͤchlein durf⸗ te nicht vertauſcht werden. Das war jetzt eine neue Freude, da jedes Kind auf dieſe Art Eyer von allen Farben er⸗ hiekt.„Seht, ſagte die Frau, ſo muß man einander aushelfen. Wie es mit ſend andern Dingen. Gott theilte ſeine Gaben ſo aus, daß die Menſchen ein⸗ nen, und ſo einander Freude machen und einander lieber gewinnen ſollen. Noͤchte doch jeder Tauſch oder Kauf, 8 — 54— 4 wie euer kleiner Eyerhandel beſchafen d ſeyn, daß immer beyde Theile gewine 3 nen, und kemer verliere. Der kleine Edmund las ſeinen Reim. Ein Koͤhlerknabe war daruͤber voll Erſtaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher Erwachſene wußte kaum, daß es um das Leſen und Schreiben etwas Schoͤ⸗ nes und Nuͤtzliches ſey. Der Koͤhler⸗ knabe wollte nun ſogleich wiſſen, was denn da auf ſeinem Ey geſchrieben ſtehe.„O, ein unvergleichlich ſchoͤnes — ——4———2 2—, Spruͤchlein! ſagte die Frau. Hoͤre ein: mal! Fuͤr Speis und Trank— dem Geber dank!“ Sie fragte die Kinder, ob ſie dieſes immer gethan haͤtten? Jetzt fiel es ihnen erſt ein, Gott fuͤr die froͤhliche Mahlzeit und die ſchoͤnen Eyer zu danken, was ſie 4 denn nach Anleitung der Frau auch ſo⸗ 1 gleich von Herzen thaten. Nun wollte aber jedes Kind wiſ⸗ ſen, was auf ſeinem Ey ſtehe. Alle draͤngten ſich um die Frau, Alle die kleinen Haͤndchen, und in jedem der Haͤndchen ein Ey, waren gegen ſie ausgeſtreckt. Alle riefen wie mit ei⸗ nem Munde:„Was ſteht auf mei⸗ nem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O, meines zuerſt leſen!“ Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis ſtellen. Jetzt las ſie in der Reihe herum ein Spruͤchlein nach dem andern. Jedes Kind war voll Begierde zu wiſſen, wie ſein Reimlein heißt. Alle horch⸗ ten auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn ſie wieder ein Sspvruͤchlein las. Die Reimlein beſtanden nur immer aus einigen Wörtchen. Alle zuſam⸗ men, ſowohl auf den Eyern, die ſie als auf jenen, die ſie nachher noch austheilte, waren ungefaͤhr fol⸗ jetzt, gende: I. 3. 3. 4. 10. Nur Eins iſt noth, Kind, liebe Gott! Gott ſieht dich, Kind, Drum ſcheu' die Suͤnd. Fuͤr Speiſ und Trank Dem Geber dank', Ein dankbar Herz Flammt himmelwaͤrts. Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth. Hoͤchſt elend iſt, Wer Gott vergißt. Wer Jeſum ehrt, Thut, was Er lehrt. Gebeth und Fleiß Macht gut und weiſ'. Fromm, gut und rein, Drey Edelſtein. Ein gutes Kind Gehorcht geſchwind. 24. “ Beym Eigenſinn Iſt kein Gewinn. Ein reines Herz Erſpart viel Schmerz. Kind, wirſt du roth, So warnt dich Gott. Wie Roſen bluͤht Ein rein Gemuͤth. Beſcheidenheit Das ſchoͤnſte Kleid. Wer Luͤgen ſpricht, Dem glaubt man nicht. Die Heucheley Ein faules Ey. Verdientes Brod, Macht Wangen roth⸗ Unmaͤſſig ſeyn Bringt Schmach und Pein, Geiz macht ein Herz Zu Stein und Erz. Ein frommer Mann Hilft, wo er kann. Zorn, Haß und Neid Bringt dir nur Leid. Still, ſanft und mild, Ein goldner Schild. Geduld im Leiden Bringt Himmelsfreuden. 25. Gutſeyn, nicht Gold, Macht lieb und hold. 26. Ein gut Gewiſſen, Ein ſanftes Kiſſen 27. Wer Gutes thut, Hat frohen Muth. 28. Zur Ewigkeit Sey ſtets bereit. 29. Weltluſt vergeht, Tugend beſteht. 30. Den Frommen lohnen. Dort ew'ge Kronen. Jedes Kind gab ſich alle Muͤhe, ſein Reimlein zu merken und wiederholte es in der Stille immer bey ſich ſelbſt, um es nicht zu vergeſſen. Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes ſein Spruͤchlein noch wiſſe. Hie und da mußte ſie ein we⸗. nig nachhelfen. Aber bald wußte je⸗ des das ſeine ſchoͤn und deutlich zu ſa⸗ gen. Ja, viele merkten auch die Reim⸗ lein der uͤbrigen. Nach und nach wuß⸗ te faſt jedes Kind alle Reime auswen⸗ 1 dig. Wenn man nur das erſte Wort nannte, ſo wußten ſie faſt allemal das Spruͤchlein bhis ans Ende zu ſagen. Und wenn man die erſte Haͤlfte ſagte, ſo wußten ſie die zweyte ganz ſicher. So viel auf einmal, und ſo leicht, un⸗ ter Luſt und Lachen, hatten die Kinder noch nie gelernt. Die Vaͤter und Muͤtter und die andern Kinder, die indeß nach Hauſe gekommen waren, und den lauten Ju⸗ bel, der in das Thal hinabſcholl, ver⸗ nahmen, eilten herauf, zu ſehen und zu hoͤren, was es denn gebe, und wa⸗ ren ganz erſtaunt.„So viel, ſagten ſie, lernen ja die Kinder zu Hauſe kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben Stunde. Es bleibt doch wahr, Luſt und Lieb zu einem Ding, macht alle Muͤh und Arbeit ring.“.„Aber den Kindern Luſt zu machen, ſagte der Muͤller, das iſt das Kunſtſtuͤckchen. Da ſteckts!— Das heißt einmal viel gelernt. Das iſt ja eine ganze Sittenlehre fuͤr Kinder im Kleinen. Wie die Frau doch mit Kin⸗ dern umzugehen weiß.“ Die Frau beſchenkte nun auch die uͤbrigen Kinder mit bunten Eyern und mit Kuchen, und ſagte noch zu allen: „Die gefaͤrbten Eyer moͤgt ihr zu Hauſe eſſen; nur die mit dem Spruͤchlein muͤßt ihr zum Andenken aufbewahren.“ „Die eſſen wir freylich nicht! ſagten die Kinder. Die heben wir auf. Das Spruͤchlein iſt ja mehr werth, als das Ey.“„Das iſts wahrhaftig, ſagte die Frau, wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.“ Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die Spruͤchlein zu erinnern. Die Aeltern chatens, Wenn ein Kind nicht ſogleich 2— +— 8 dA oeoe — 61— auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und ſagte:„Ein gutes Kind—“ und das Kind ſprach:— gehorcht geſchwind!“ und gehorchte dann auch geſchwind. Wenn ein Kind Miene machte, zu luͤs gen, ſprach die Mutter:„Wer Luͤ⸗ gen ſpricht—“„dem glaubt man nicht!“ fuhr das Kind fort, erroͤthete und ſchaͤmte ſich zu luͤgen. und ſo machten die Aeltern es auch mit den uͤbrigen Reimen. Die Kinder ſagten noch gar oft, in zhrem Leben haͤtten ſie keinen ſo ver⸗ gnuͤgten Tag gehabt.„Nun, ſagte die Frau allemal, ſo thut nur fleißig, wie es in den Spruͤchlein heißt, und dann gebe ich euch alle Jahre ein ſol⸗ ches Eyerfeſt. Wer aber boͤſe iſt und nicht folgt, darf nicht dazu kommen. Denn es ſoß nur ein Feſt füͤr gute Kinder ſeyn.“ O, wie da die Kinder im Thale ſo gut und ſo folgſam wurden! Fuͤnftes Kapitel. Ein Paar Eyer— mehr werth, als wenn ſie von Gold wären. Unter den Zuſchauern, die dem klei⸗ nen Kinderfeſte beywohnten, hatte die Fran einen fremden Juͤngling bemerkt, der in dem Kreiſe froͤhlicher Menſchen ganz traurig daſtand. Der Juͤngling mochte etwa im ſechzehnten Jahr ſeyn. Er war nur ſehr aͤrmlich gekleidet, al⸗ lein von einem ſehr edlen Ausſehen und von einer bluͤhenden, unverdorbenen Geſichtsfarbe; ſeine ſchoͤne gelben Haa⸗ re hingen bis auf die Schultern herab, und in der Hand hatte er Wanderſtab. 8 21 3 — + — 63— Nachdem ſich die meiſten Zuſchauer zerſtreut hatten, fragte ihn die Frau voll Mitleids, warum er denn ſo trau⸗ rig ſey.„Ach, ſprach der Juͤngling, und die hellen Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen, mein Vater, der ein Steinhauer war, iſt erſt vor drey Wo⸗ chen geſtorben. Meiner Mutter geht es nun mit meinen zwey kleinen Ge⸗ ſchwiſterten, einem Knaben und einem Maͤdchen, ſehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen koͤnne. Zu dieſem reiſe ich jetzt. Ich komme ſchon zwanzig Stun⸗ den weit her und habe faſt noch ſo weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend des Gebirges.“ Die Frau wurde, beſonders da ihr eigenes Schickſal dem Schickſale der ar⸗ men Wittwe des Steinhauers in etwas ahnlich war, ſehr geruͤhrt. Sie gab ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu eſſen, und ſchenkte ihm einiges, ſei⸗ ne Mutter damit zu nnterſtuͤtzen. Ed⸗ mund und Blanda hatten auch großes Mitleiden mit ihm.„Da, ſagte Blan⸗ da, bring' dieſes rothe Ey deinem klei⸗ nen Schweſterchen und gruͤße ſie mir recht freundlich.“„uUnd, ſagte Ed⸗ mmund, dieſes blaue Ey bringe deinem Bruͤderchen zum Gruße, und ſag' ihm, er ſoll uns einmal heimſuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchſuppe und Eyerkuchen auftiſchen.“ Die Mutter laͤchelte, holte noch ein bemahltes Ey, und ſagte:„Dieſes Ey da gieb deiner Mutter. Das Spruͤchlein darauf iſt der beſte Troſt, den ich ihr geben kann: „ — 58— (Vertrau auf Gott,— Er hilft in Noth! umd ſo wird ihr das Ey kein unangenehmes Geſchenk ſeyn; ja wenn 3 ſie das Spruͤchlein befolgt, ſo iſt es das beſte Geſchenk von der Welt, das man ihr nur immer machen koͤnnte.“ Der Juͤngling dankte herzlich. Der Muͤller behielt ihn uͤber Nacht, und am andern Morgen, da die Spitzen der Felſen, die das Thal einſchloſſen, ſich roͤtheten, ſetzte er ſeinen Stab weiter, nachdem der Muͤller ihm noch zuvor Ha⸗ berbrod und Ziegenkaͤſe in ſeinen Queer⸗ ſack geſteckt hatte. Fridolin, denn ſo hieß der Juͤngling, wanderte durch das Gebirge, uͤber hohe Felſen und durch tiefe Thaͤler, ruͤſtig fort., Am Abende des dritten Tages war er nur mehr ein Paar Stunden von der Woh⸗ nung des Vetters entfernt. Aber ſi eh da⸗— als er ſo auf ſchmalem Wege laͤngs einer himmelhohen Felſenwand hinkletterte, und in die tiefe, ſchauerliche Kluft zwi⸗ ſchen den buſchigen Felſen mit Grauſen hinabſchaute, erblickte er auf einmal ein aufgezaͤumtes und geſatteltes Pferd; die Decke war ſchoͤn purpurroth und der Zuͤgel ſchien lauter Gold. Das Pferd aber ſchaute zu ihm herauf und wieherte, als freute es ſich, einen Menſchen zu ſehen, und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heißen. „Alle Welt, ſagte der Juͤngling, wie kommt das edle Thier in dieſe tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehoͤrt es einem Ritter zu. Wenn dem Herrn, dem es angehoͤret, nur kein Ungluͤck be⸗ gegnet iſt. Ein geſatteltes Pferd ohne Reiter an einem ſolchen Orte iſt immer ein Anblick, uͤber den man erſchrickt. Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal nachſehen.“ Er verſuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergſteigen ſehr geuͤbt war. Endlich fand er einen engen Steig zwiſchen den Felſen, den ein wildes Bergwaſſer ausgehoͤhlt hatte, der aber jetzt trocken lag, und kam gluͤcklich hin⸗ unter. Da ſah et einen Mann von edlem Ausſehen und in ritterlicher Klei⸗ dung unter einem uͤberhangenden Felſen liegen. Sein glaͤnzender Helm mit dem prangenden Federbuſche lag neben ihm, und der Spieß ſteckte darneben. Der Mann aber ſah ſehr blaß aus, und der Juͤngling wußte nicht, ob er nur ſchla⸗ fe oder gar todt ſey. Mitleidig ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich bey der Hand und ſagte:„Fehlt euch et⸗ was, lieber Herr?“ Der Mann ſchlug die Augen auf, blickte den Juͤngling ſtarr an, ſeuffte, und verſuchte zu reden. Aber er konn⸗ ñ—!— 68— te kein Wort hervorbringen. Da deu⸗ tete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben ihm lag. Fridolin verſtand, daß er trinken wolle, nahm den Helm, und ging Waſſer zu holen. Eine paar graue Weidenbaͤume tief in einem Winkel der Schlucht verriethen ihm, daß Waſſer in der Naͤhe ſeyn muͤſſe. Er ging hin, fand feuchten Grund, wand ſich eine Strecke zwiſchen Felſen und Geſtraͤu⸗ chen hinauf, und ſieh— da rann ein kleines Quellchen, hell wie Kriſtall, aus einem mooſigen Felſen hervor. Fri⸗ dolin fuͤllte den Helm, und eilte dem Durſtenden zu. Er trank oͤfter und in langen Zuͤgen. Nach und nach kam ihm die Sprache wieder. „Gott ſey Dank!“ war ſein erſtes Wort.„Und auch dir ſey Dank, freundlicher Juͤngling, fuhr er mit 85 ———r——,—, n*e-ꝗ — 69— heißerer Stimme fort, indem er den Kopf auf die Hand ſtuͤtzte. Dich hat mir Gott zugeſendet, damit ich nicht verſchmachte.— Aber, wie mich jetzt hungert! Haſt du nicht einen Biſſen Brod bey dir?“ „O du mein Gott, rief Fridolin, wenn ich es nur fruͤher gewußt haͤtte. Haberbrod und Ziegenkaͤſe, die ich da im Queerſacke trug, ſind rein aufge⸗ zehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja noch die Eyer. Die ſind eine geſunde, nahrhaf⸗ te Speiſe. Er ſetzte ſich zu dem Man⸗ ne auf den reichlich mit Moos bewachs⸗ nen Boden, langte die gefaͤrbten Eyer hervor, machte ſogleich eines von der Schale los, ſchnitt es mit ſeinem Ta⸗ ſchenmeſſer, gleich Apfelſchnitzchen, in laͤnglichte Stuͤcklein, und gab ein Siuachen nach dem andern dem Man⸗ 8 8 — 70— ne. Der Mann aß begierig, trank dann wieder dazwiſchen, und aß dann wieder. Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann ſagte:„Laß es gut ſeyn. Zuviel auf einmal eſſen, be⸗ ſonders nachdem man lange gehungert, iſt nicht gut. Ich habe fuͤr jetzt genug. So hat es mir in meinem Leben noch nicht geſchmeckt. Es war ein Koͤnigs⸗ mahl.“„Ich fuͤhle mich, Gott ſey Dank, ſchon kraͤftiger, fuhr er fort und ſetzte ſich vollends auf. O wenn du nicht gekommen waͤreſt, ſo waͤre ich dieſe Nacht ſicher verſchmachtet.“ „Aber, ſagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von praͤch⸗ tigen Farben naͤher betrachtete, wie kommt ihr, edler Ritter, mit eurem Pferde denn in dieſe ſchauerliche Schluch herab?“ „Ich bin nur ein Edelknecht, ſagte der Mann, und reiſe ſchon mehrere Wo⸗ ————„—j&f„—. chen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab' ich mich in dieſem wal⸗ digen Gebirge verirrt. Die Nacht uͤber⸗ fiel mich. Auf einmal ſtuͤrzte ich in der Finſterniß, ſamt meinem Pferde, den ſtei⸗ len Abhang dort herunter in dieſe Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen iſt, geſchah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fuße beſchaͤdigt, daß ich nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd ſchwingen kann. Indeß iſt's ein Wunder, daß Mann und Roß nicht ſogleich zu Grunde gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde; aber das Wund⸗ fieber ſetzte mir hart zu. Ich hatte mich ſchon darein ergeben, zwiſchen dieſen Felſen Hungers zu ſterben. Da erſchienſt du mir, guter Juͤngling— wie ein En⸗ gel des Himmels. Sag' doch an, wie kommſt du hieher in dieſe menſchenleere, einſame Wuͤſte?“ Fridolin erzaͤhlte, und der Mann hoͤrte aufmerkſam zu, und that dazwi⸗ ſchen allerley Fragen.„Wunderlich, ſagte er, indem er auf die Eyerſchalen zeigte, die auf dem Mooſe umherlagen, daß ſie ſo ſchoͤn roth und blau ſind. Ich habe noch nie ſolche Eyer geſehen. Wie, laß mich das Ey, das noch ganz iſt und das du wieder in den Queerſack ſteckteſt, doch einmal naͤher betrachten.“ Fridolin gab's ihm, und erzaͤhlte, wie er dazu gekommen. Der Mann betrach⸗ tete das Ey ſehr aufmerkſam, und die Thraͤnen drangen ihm in die Augen. „Mein Gott, ſagte er, was da auf dem Ey ſteht, iſt wohl recht wahr: Vertrau auf Gott,— Er hilft in Noth. Das habe ich jetzt erfahren. Mit hei⸗ ßer Innbrunſt flehte ich in dieſem Ab⸗ Lauw⸗ zu Gott um Hilfe, und Er hn mein ——————˖,——¾.,—ↄ,, — — 73— mein Flehen erhoͤrt. Seine Guͤte ſey da⸗ fuͤr dankbar geprieſen. Geſegnet ſeyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer ſchenkten. O ſie dachten wohl nicht, daß ſie damit einem fremden Manne das Le⸗ ben retten wuͤrden. Geſegnet ſey die gute Frau, die auf dieſes Ey hier den troͤſtlichen Reim ſchrieb.“ „Du, fuhr er fort, gieb das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den ſchoͤnen Spruch, der ſich an mir ſo ſchoͤn bewaͤhrte, immer vor Augen ha⸗ ben kann. Ja, meine Kinder und Kin⸗ deskinder ſollen noch im Vertrauen auf Gott geſtaͤrkt werden, ſo oft ſie das Ey erblicken und den Spruch leſen. Viel⸗ leicht erzaͤhlen nach hundert Jahren mei⸗ ne Urenkel noch davon, wie wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode gerettet habe.— 4 ee—————— —————————— 74— Ich will dir fuͤr die Eyer etwas anders geben.“ Er zog ſeinen Geldbeutel her⸗ aus, und gab ihm fuͤr jedes Ey, das er geeſſen hatte, ein Goldſtuͤck— fuͤr das mit dem ſchoͤnen Reim aber zwey. Fri⸗ dolin wollte ihm das Ey zwar nicht laſ⸗ ſen. Der Mann aber bath ſo lange, bis er es ihm gab. „Doch ſieh, ſagte der Mann zest, indem er an der Felſenwand hinauf blick⸗ te, es will Abend werden, und die Fel⸗ ſen und Geſtraͤuche da oben ſchimmern in der Abendſonne ſchon wie rothes Gold. Verſuch es doch einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamſt in dieſe fuͤrch⸗ terliche Schlucht, wo die Sonne nie hinſcheinet, laͤßt mich doch einen Aus⸗ gang hoffen.“ Fridolin half ihm auf das Pferd, und fuͤhrte es am Zuͤgel. Sie kamen durch den Hohlweg mit vieler Muͤhe, aber dennoch gluͤcklich herauf. O wie ſich da der Mann freute, als er die Son⸗ ne wieder erblickte, und Wald und Ge⸗ birg umher, von ihren gluͤhendrothen Strahlen herrlich beleuchtet. „Zu meinem Vetter, ſagte Frido⸗ lin, kommen wir jetzt wohl noch. Ich gehe einen ſtarken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zuruͤck. Der Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er iſt ein braver Mann. Ihr findet nicht nur eine gute Nachtherberge, ſondern ſicher auch, bis ihr wieder hergeſtellt ſeyd, eine liebreiche Pflege.“ Mit anbrechender Nacht kamen ſie vor der Huͤtte des ehrlichen Steinhauers an. Er nahm den Edelknecht mit Freu⸗ den auf, und klopfte ſeinem jungen Vet⸗ ter Fridolin auf die Schulter, daß er 4* —-— 26— ſo brav und gut gehandelt habe.— Fri⸗ dolin trug ſeine Bedenklichkeiten vor, daß er nicht Wort halten und ſeiner Kutter und ſeinen Geſchwiſtern die ge⸗ faͤrbten Eyer nicht ſenden koͤnne.„Ach was, Eyer, ſagte Fridolins Vetter, ich weiß zwar nicht, was du alles von ro⸗ then und blauen und bunten Eyern daher ſchwatzeſt, oder was dieſe Eyer vog an⸗ dern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit ſchoͤner und zarter bemahlt ſind, be⸗ ſonders haben ſollen; aber waͤren ſie auch pures Gold, ſo waͤren ſie dennoch wohl fort— da nur der brave Mann hier nicht Hungers ſterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirſt. Du haſt gehandelt, wie der wohlthaͤtige Sama⸗ riter— und ich will nun den Wirth machen. Aber bezahlen darfſt du mir nichts, ſetzte er noch laͤchelnd hinzu. Hoͤrſt du?“ 1 Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche.„Es iſt wunderſchoͤn, ſagte der Vetter zu Fridolin. Indeß laß ihms nur; das Gold da wird dei⸗ ner Mutter lieber ſeyn. Komm, ich will es dir auswechſeln!“ Der Juͤng⸗ ling erſtaunte uͤber die Menge Muͤnze, die er dafuͤr bekam; denn er hatte das Gold nicht gekannt. Sieh, ſagte der Vetter, auch an deiner Mutter wird der Spruch wahr: Gott hilft in Noth! Der Spruch iſt mehr werth, als all das Gold. Es iſt indeß gut, daß man den Spruch auch ohne das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.“— Der Edelknecht blieb ſo lange, bis er ganz geſund war, und beſchenkte, ehe er aufſaß, noch alle im Hauſe reichlich. — Sechstes Kapitel. Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird. —— Den Fruͤhling und Sommer uͤber fiel in dem Thale nichts beſonders vor. Die Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre Weiber beſorg⸗ ten die Haushaltung und zogen viele Huͤhner; und die Kinder fragten ſehr oft, ob es wohl nicht bald wieder Oſtern ſey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal ſehr traurig. Ihr alter, treuer Diener, der ſie hierher geleitet hatte, und anfangs von Zeit zu Zeit bald groͤ⸗ ßere, bald kleinere Reiſen machte, und ihre Geſchaͤfte beſorgte, konnte das Thal ſchon lange nicht mehr verlaſſen. Denn er fing an zu kraͤnkeln. Ja, als es Herbſt ward und die Geſtraͤuche an den Felſen umher bereits bunte Blaͤtter hat⸗ ten, konnte er kaum mehr vor die Thuͤ⸗ re, um ſich, was er ſonſt ſo gerne that, ein wenig zu ſonnen. Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Man⸗ ne, und aus Beſorgniß, ihre letzte Stuͤ⸗ tze zu verlieren, manche ſtille Thraͤne. Auch das fiel ihr ſehr ſchwer, daß ſie nun durch ihn von ihrem Vaterlande kei⸗ ne Nachricht mehr erhalten konnte, und in dieſem abgelegenen Thale von der gan⸗ zen uͤbrigen Welt wie abgeſchieden war. Um dieſe Zeit ſetzte aber noch ein anderes Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengſten und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines Morgens aus dem Walde heim, und erzaͤhlten, als ſie die vergangene Nacht wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen geſeſſen waͤ⸗ ren, da ſeyen auf einmal vier fremde Maͤnner zu ihnen gekommen, die eiſerne — 80— Kappen auf dem Kopfe und eiſerne Wammſe angehabt, und große Schwer⸗ ter an der Seite und lange Spieſe in der Hand gefuͤhrt haͤtken. Sie haͤtten ſich Dienſtleute des Grafen von Schrof feneck genannt, der mit vielen Rei⸗ ſigen in dem Gebirge angekommen ſey. Sie haͤtten ſich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt. Der Muͤller eilte mit dieſer Neuigkeit ſogleich zu der Frau, die eben an dem Bette des kran⸗ ken Kuno ſaß. Sie wurde, als der Muͤller den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief:„O Gott, der iſt mein ſchrecklichſter Feind! Ich glau⸗ be nicht anders, als er ſtellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Maͤnnern meinen Aufenthalt ja doch nicht entdeckt haben!“ Der Muͤl⸗ ler verſicherte, ſo viel er wiſſe, ſey von ihr gar nicht die Rede geweſen. Die Raͤnner haͤtten ſich an dem Feuer nur —— 0S „„ↄ7 n— — 81— gewaͤrmt und ſeyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Daß ſie aber noch in dem Gebirge umherſtreiften, ſey den⸗ noch gewiß. „Lieber Oswald! ſagte die Frau zum Muͤller, ich habe, ſeit ihr mich in euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfuͤrchtigen, rechtſchaffenen, redli⸗ chen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher meine ganze Geſchichte anver⸗ trauen, und euch die große Angſt entde⸗ cken, die jetzt mein Herz erfuͤllt; denn auf euern guten Rath und auf euern treuen Beyſtand mache ich ſichere Rech⸗ nung.“ „Ich bin Roſalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey an⸗ geſehene Grafen warben um meine Hand— Hanno von Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno war der reichſte und maͤchtigſte Herr weit umher, 4* — — —-— 82— und hatte viele Schloͤſſer und Kriegsleu⸗ te; allein er war nicht gut und edel. Ar⸗ no war wohl der tapferſte und edelſte Rit⸗ Hanno arm; denn er hatte von ſeinem ed⸗ len, uneigennuͤtzigen Vater nur ein einzi⸗ ges alterndes Schloß geerbt, und war walt mehrere an ſich zu reiſſen. Ihm ters, meine Hand, und brachte ihm ei⸗ feſten Schloͤſſern zum Brautſchatze. Wir lebten ſo vergnuͤgt, wie im Himmel.“ „ ˖Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und meinen Gemahl, und wurde uns todt⸗ feind. Indeß verbarg er ſeinen Groll, mahl mit dem Kaiſer in den Krieg gegen gab ich, mit Gutheißen meines Va⸗ ter im Lande; allein in Vergleich mit auch gar nicht darauf bedacht, durch Ge⸗ ne ſchoͤne Strecke Landes mit mehreren und ließ ihn nicht in oͤffentliche Feindſelig⸗ keiten ausbrechen. Nun mußte mein Ge⸗ die wilden heidniſchen Voͤlker ziehen. Hanno haͤtte den Zug auch mitmachen ſollen. Allein unter allerley Vorwaͤnden wußte er ſeine Ruͤſtungen zu verzoͤgern, blieb zuruͤck, und verſprach bloß, dem Heere ſobald moͤglich zu folgen. Waͤh rend nun mein Gemahl mit ſeinen Leu⸗ ten an den fernen Grenzen fuͤr ſein Va⸗ terland kaͤmpfte, und alle genug zu thun hatten, den uͤbermaͤchtigen Feind abzuhal⸗ ten, brach der treuloſe Hanno in unſer Land ein— und niemand war, der ſich ihm widerſetzen konnte. Er verwuͤſtete alles weit umher, und erſtuͤrmte ein fe⸗ ſtes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts uͤbrig, als mit meinen zwei lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieſer gefaͤhrlichen Flucht, auf der ich keinen Augenblick vor Hannos Nachſtellungen ſicher war. Er fuͤhrte mich in dieſes Gebirg, wo ich in dieſem vor aller Welt verborgenen Thale einen ſo ruhigen Aufenthalt fand.“ „Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zuruͤck kom⸗ men, und unſre Habe dem unrechtmaͤſſi⸗ gen Beſitzer wieder entreiſſen wuͤrde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Ge⸗ birge in die bewohntere Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen Nachrichten zu⸗ ruͤck. Immer noch waltete der boͤſe Hanno in unſrem Lande, immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechſelndem Gluͤcke fort. Nun aber iſt es ſchon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank iſt, und ſeit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande, und von meinem lieben Gemahl. Ach, viel⸗ leicht fiel er ſchon lange unter dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit ſeinen Leuten ſo na⸗ he iſt, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur— und was wird dann aus mir werden? Der Tod wuͤre noch das Beſte, das mir begegnen koͤnn⸗ te!— O redet doch mit den Koͤhlern, lieber Oswald, daß ſie mich doch nicht verra⸗ then!“„Was verrathen! ſagte der Muͤller. Ich ſtehe euch gut fuͤr alle; je⸗ der gaͤbe ſein Leben fuͤr mich. Ehe der von Schroffeneck euch etwas zu leid thun ſollte, muß er es mit uns allen aufneh⸗ men. Senyd daher außer Sorgen, edle Frau!“ Eben ſo ſprachen die Kohlen⸗ brenner, als ihnen der Muͤller die Sa⸗ che vortrug.„Er ſoll nur kommen, ſagten ſie, dem wollen wir mit unſern Schuͤrhaken den Weg weiſen.“ Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beſtaͤndigen Sorgen und Aengſten zu. Sie getraute ſich kaum — 36— 7 mehr aus der Huͤtte, und ließ auch keines ihrer Kinder vor die Thuͤre. Ihr Leben war ſehr betruͤbt und kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ru⸗ hig wurde, und man von den gehar⸗ niſchten Maͤnnern nichts mehr ſah und hoͤrte, wagte ſie es einmal, einen klei⸗ nen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen gar ein ſchoͤner, lieblicher Tag ſpaͤt im Herbſte. Einige hundert Schritte von ihrer Huͤtte war eine Art laͤndlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen Tannenſtaͤmmen erbaut, und an der Vorderſeite ganz offen. In der Kapelle ſah man die Flucht nach Aegypten, ein ſehr liebliches Gemaͤhl⸗ de, das Kuno einmal von einer ſeiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau uͤber ihre eigene Flucht zu troͤſten. Hinter der Kapelle erhob ſich eine hohe Felſenwand, und vor der Ka⸗ pelle ſtanden einige ſchoͤne Tannen, und beſchatteten den Eingang derſelben. Das Plaͤtzchen hatte ſo etwas Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte. Ein angenehmer Weg uͤber gruͤnen Raſen, zwiſchen mahleriſchen Felſen und Geſtraͤuchen fuͤhrte dahin. Dies war ihr liebſter Spaziergang. Sie gieng— nicht ganz ohne Bangigkeit— auch dieſes Mal da⸗ hin. Sie kniete mit ihren Kindern ei⸗ nige Zeit auf dem Bethſtuhle am Ein⸗ gange der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schickſals mit dem der goͤttlichen Mutter, die auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land fluͤchten mußte, ruͤhr⸗ te ſie, und manche Zaͤhre floß von ihren Wangen. Sie bethete eine Zeit, und ſetzte ſich dann auf die Bank. Ihre Kinder pfluͤckten indeß an den Felſen umher Brombeeren, freuten ſich, daß jede Beere gleichſam ein kleines, glaͤn⸗ — 33— zendſchwarzes Traͤubchen bilde, und ent⸗ fernten ſich nach und nach ziemlich weit. Als nun die Frau ſo einſam da ſaß — ſieh, da kam ein Pilgersmann zwi⸗ ſchen den Felſen hervor und naͤherte ſich der Kapelle. Er hatte nach Art der Pilger ein langes, ſchwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel daruͤber. Sein Hut war mit ſchoͤnfarbigen Meer⸗ muſcheln geziert, und in der Hand fuͤhrte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es ſchien, ſchon ſehr alt, aber doch ein ſtattlicher, ſehr wohlaus⸗ ſehender Mann. Seine langen Haare, die auf beyden Seiten der Scheitel ſchlicht herab hingen, und ſein langer Bart waren weiß wie Schneebluͤthe, aber ſeine Wangen noch roͤther, als die ſchoͤnſten Roſen. Die Frau erſchrack, als ſie den fremden Mann ſah. Er gruͤßte ſie ehrerbiethig und fing ein Ge⸗ ſpraͤch mit ihr an. Sie aber war in ihren Reden ſehr vorſichtig und zuruͤck⸗ haltend. Sie blickte ihn nur ſehr ſchuͤch⸗ tern an, als wollte ſie ihn erſt ausfor⸗ ſchen, ob ſie ihm— als einem ganz Fremden— wohl auch trauen duͤrfte. „Edle Frau, ſagte endlich der Pil⸗ ger, habt keine Furcht vor mir. Ihr ſeyd mir nicht ſo fremd, als ihr den⸗ ket. Ihr ſeyd Roſalinde von Burgund. Ich weiß auch gar wohl, was fuͤr ein hartes Schickſal euch zwang, zwiſchen dieſen rauhen Felſen eine Zufluchtsſtaͤtte zu ſuchen. Auch euer Gemahl, von dem ihr nun ſchon drey Jahre getrennt ſeyd, iſt mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier in dieſer abgelegenen Gegend wohnet, hat ſich in der Welt vieles ge⸗ aͤndert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem guten Arno von Lindenburg zu hoͤren, und das Andenken an ihn in — 90— hen eurem Herzen noch nicht erloſchen iſt, ſo kann ich euch die froͤhlichſten Nach⸗ mir richten von ihm mittheilen. Es iſt 3 Friede! Mit Siegeskraͤnzen geſchmuͤckt deir kehrte das Chriſtliche Heer zuruͤck. Euer noc Gemahl hat ſeine geraubten Feſten wie⸗ ren der erobert. Der Boͤſewicht Hanno das rettete ſich mit genauer Noth in dieſes vern Gebirg, und auch aus dieſem hat er ſich ſchon weiter fluͤchten muͤſſen. Der Me innigſte Wunſch eures Gemahls iſt nun, ne euch, ſeine geliebte Gemahlinn, wieder nic aufzufinden.“ el 1 „O Gott, rief jetzt die Frau, welch' ſie eine Freudenbothſchaft! O wie dank ich ſchi Dir, lieber Gott!“ Sie ſank auf die den Knie, und reichliche Thraͤnen floſſen uͤber ihre Wangen.„Ja, ſprach ſie, Du, guter Gott, haſt meine heißen Thraͤnen geſehen, meine ſtillen Seufzer vernommen, mein unaufhoͤrliches Fle⸗ i hen erhoͤrt!— O Arno, Arno, daß mir doch bald der ſelige Augenblick wuͤrde, dich wieder zu ſehen, und dir deine Kinder, die bey deiner Abreiſe noch ganz unmuͤndig waren, vorzufuͤh⸗ ren, damit du nur aus ihrem Munde das erſte Mal den holden Vaternamen vernehmeſt 14 4 „Ja wohl zweifeln, du fremder Mann, ſagte ſie zum Pilger, ob ich meines Gemahls noch gedenke— ob nicht ſein Andenken in meinem Herzen aloſchen?“—„O meine Kinder, rief ſie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die ſchuͤchtern in einiger Entfernung ſtan⸗ en, und den fremden Mann neugie⸗ ig betrachteten— o, kommt hieher!“ Beyde Kinder kamen eilig⸗ „ Du, Edmund, ſprach ſie jetzt zune Knaben, indem ſie das Kind kuͤßte, und munterte, nicht ſcheu, ſondern huͤbſch — — 92— dreiſt zu ſeyn, ſage dem Manne hietwi das kleine Gebeth, das wir alle Morſchle gen fuͤr den Vater bethen.“ Kleine faltete, als ob es allzeit ſo ſen ge. O laß ihn nicht umkommen! wir wollen auch recht fromm und gus ſeyn, damit der liebe Vater Freudeuf habe, wenn er uns einmal wiederſiehtt era Ach ja, erfülle unſre Bitte! eezte 3 1 oc „Und du, Blanda, ſagte ſie zumm ag gelblockichten Maͤdchen mit den Roſenpied wangen, ſag', wie bethen wir Abende fuͤr den Vater, ehe wir uns ſchlafen. legen?“ Das Kind faltete eben ſ bie der Knabe die kleinen Haͤndchen, vvſchlug die blauen Augen zum Himmel denuf, und bethete ſchuͤchtern mit ſanf⸗ hier, leiſer Stimme:„Lieber Vater aim Himmel! Ehe wir zur Ruhe ge⸗ eſſen, flehen wir noch zu Dir fuͤr un⸗ diſeen Vater auf Erde. Laß ihn ſanft nuhen und dein Engel beſchuͤtze ihn vor mfeindlichem Ueberfall. Schenke auch der aſijeben Mutter ſanften Schlaf, damit ſie ahres tiefen Kummers ein wenig vergeſſe. löde wenn Du ihr auch den ſuͤßen uSchlaf entziehen willſt— ſo laß ihn deſuf die Augenlieder des Vaters ſanft eßte unſrer traurigen Trennung ſeyn— noͤchte bald der frohe Morgen jenes undages anbrechen, an dem wir ihn ipiederſehen.“ d 4 4„Amen, Amen! ſagte die Mut⸗ 4 ſtgeinend zum Himmel aufblickte.—— tlſerabſenken. O moͤchte dieſer Abend der er, indem ſie die Haͤnde faltete, und —— Jetzt fieng der Pilger mit einem Mal an laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte er die Verkleidung 3 un Haare und Bart, Pilgermantel Pilgerrock hinweg geworfen— und ſtand nun in praͤchtiger, ritterlichen Tracht in Gold und Purpur, in ju gendlicher Schoͤnheit, voll Kraft un n Leben da, und breitete ſeine Arme wei gegen Frau und Kinder aus, und ricſ mit lauter, tiefgeruͤhrter Stimme „O Roſalinde, meine Gemahlinn— o Edmund und Blanda, meine liebſten Kinder!“ Die Frau war von ploͤtzlichem Freudenſchrecken ganz betaͤubt. Dit Kinder, die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter auß geblickt hatten, als wollten ſie um Hül⸗ fe fuͤr den Mann flehen, ſchauten, als ſie jetzt ihren Namen hoͤrten, um— 1 ſo H ſch bl ren und erſchracken uͤber das Wunder das ſie zu ſehen glaubten; denn ſie meyn⸗ ten, da die Mutter ihnen oͤfters aus der Legende erzaͤhlt hatte, nicht an⸗ ders, als der Greis habe ſich mit ei⸗ nem Male in einen ſchoͤnen Juͤngling ju des Himmels— in einen Engel ver⸗ wandelt; ſo ſchoͤn kam ihnen ihr Va— ter vor. Denn wirklich war er auch der ſchoͤnſte Mann unter dem ganzen Chriſt⸗ lichen Heere. O wie entzuͤckt waren ſie, als die Mutter ihnen nun ſagte, der ſchoͤne Herr ſey ihr lieber Vater, von dem ſie Ihnen ſo oft erzaͤhlt habe. Va⸗ ter und Mutter und Kinder fuͤhlten ſich ſo gluͤcklich, als waͤren ſie ſchon im Himmel, und ein Paar Stunden ver⸗ ſchwanden ihnen wie ein Paar Augen⸗ blicke. Roſalinde hatte aus den Reden ih⸗ — res Gemahls vernommen, daß er unter — 96— ſtarker Bedeckung ſpornſtreichs hierher ge ritten ſey, um ſie hier abzuholen; daß er aber wegen der ſteilen, gefaͤhrlichen Fel ſenwege ſein Gefolge von Reitern zuruͤck⸗ gelaſſen habe, und in Pilgertracht, de: rer ſich die Vornehmen damals oft bedien⸗ ten, wenn ſie unbekannt reiſen wollten, zu Fuße vorausgeeilt ſey, ſchneller bey 1 1 ihr zu ſeyn, ſich unter dieſer fremden Ge⸗ ſtalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten ſeiner Kinder zu uberzeugen, und ſie auf ſeinen Empfan vorzubereiten. Roſalinde fragte, wie es gekommen ſey, daß er ihren Aufenthalt 0 ſicher erfahren habe. B„O Roſalinde, ſagte er, unſer Wie⸗ b derſehen iſt die Frucht deiner Wohlthaͤ⸗ h ggkeit gegen die armen Leute, beſonders gegen die Kinder in dieſem Thale. Dar⸗ um hat Gott deinen Kindern den Vater . wieder — 97 wieder geſchenkt. Ohne dieſe deine wohl⸗ thaͤtigen Geſinnungen haͤtten wir uns nicht ſo bald, ach vielleicht gar nicht mehr geſehen! Denn uͤberall wareſt du von unſern Feinden umgeben, und leicht haͤtteſt du in ihre Haͤnde fallen koͤnnen. Erſt nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Han⸗ no mit den Seinigen uͤber alle Berge. „Sieh da, ſprach er, und zeigte ihr das gefaͤrbte Ey mit dem Spruche: Ver⸗ trau auf Gott, Er hilft in Noth. Dieſes Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl aus⸗ geſendet, dich zu ſuchen— aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, ei⸗ ner meiner Edelknechte, den ich ſchon fuͤr verloren hielt, weil er mir gar lange aus⸗ blieb, von einem Ritte zuruͤck. Er war in einen Abgrund geſtuͤrzt, und waͤre SiniS E⸗ da bald verhungert. Ein fremder Juͤng⸗ ling rettete ihn mit einem Paar Eyer voem Hungertode, und ließ ihm noch oben⸗ drein dieſes Ey mit dem ſchoͤnen Spru⸗ che zum Andenken an ſeine Rettung. Eck⸗ bert zeigte mir das Ey. Aber, lieber Himmel, wie erſtaunte ich! Auf den er⸗ ſten Blick erkannte ich deine Hand. Au⸗ genblicklich ſaßen wir auf, und ritten dem großen Marmorbruche zu, in dem der gu⸗ te Juͤngling arbeitete. Dieſer zeigte mir den Weg hieher. Haͤtteſt du den ſchoͤnen freundlichen Gedanken nicht gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Feſt zu machen; haͤtteſt du bey den leiblichen Wohlthaten nicht auch auf den Geiſt ſo ſchoͤn Bedacht genommen, und die ſchoͤ⸗ nen Denkreime nicht auf die Eyer ge⸗ ſchrieben, waͤret ihr alle— du mein lie⸗ ber kleiner Edmund da, und du meine kleine holde Blanda hier, gegen einen fremden Juͤngling nicht ſo wohlthaͤtig ge⸗ 8ſſ— weſen: o ſo waͤre uns der heutige Freu⸗ dentag nicht geworden. Auf jeder mil⸗ den Gabe— ſie ſey auch noch ſo klein — ruht doch immer der Segen des Hoͤchſten, wenn ſie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer Vergeltung gegeben wird. Sie iſt ein Saamenkorn, das reichliche Fruͤchte traͤgt. Unter Got⸗ tes Leitung bringt ſie uns oft auf Erden ſchon großes Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen gerne, ſucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf Gott vertrauen koͤnnen, und die felſenfeſte Wahrheit auf der zerbrech⸗ lichen Eyerſchale da, die heute ſo ſchoͤn in Erfuͤllung ging, wird auch fernerhin X — 100— an euch herrlich in Erfuͤllung gehen. Er wird euch nie ohne Huͤlfe laſſen.— Dieß ſeht ihr aus dieſer Geſchichte. In Gold und Perlen werde ich deßhalb dieſes Ey faſſen, und zum ſteten Andenken in unf⸗ rer Burgkapelle am Altare aufhaͤngen.“ ſchon glaͤnzte hie und da ein Sternlein am klaren Himmel. Graf Arno ging mit ſeiner Gemahlinn am Arme ihrer laͤndlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier erwartete ſie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, ſein Erretter, waren hier und den die Ankunft ſeines geliebten Herrn ſchon faſt geſund gemacht hatte. Der gute Juͤngling Fridolin, dem die Graͤ⸗ ſinn die Eyer geſchenkt hatte, kam zu⸗ erſt herbey, und gruͤßte ſie und die Kin⸗ der als alte Bekannte auf das freund⸗ Indeß war es Abend geworden, und hatten ſich indeß mit Kuno unterhalten, — —“ — 101— lichſte und freudigſte. Dann trat Eck⸗ bert, der Edelknecht, den die Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und ſagte:„Laßt mich, theure Graͤfinn, die wohlthaͤtige Hand kuͤſſen, die mir unter Gottes Leitung das Le⸗ ben rettete.“ Den braven Kuno um⸗ armte der Graf als ſeinen treueſten Diener, und auch dem wackern Muͤl⸗ ler, der feſtlich geputzt in ſeinem hell⸗ blauen Sonntagsrocke daſtand, ſchuͤttel⸗ te er mit dankbarer Ruͤhrung treuher⸗ zig die Hand. Sie ſpeisten den Abend alle zuſammen und waren von Herzen froͤhlich und vergnuͤgt. Am andern Morgen aber war gro⸗ ßer Jubel im ganzen Thale. Die Nach⸗ richt, der Gemahl der guten Frau, ein vornehmer— vornehmer Herr, ſey an⸗ gekommen, ſetzte alles in Bewegung. Groß und Klein kam herauf, ihn zu fehen, und die kleine Huͤtte ward ganz von Leuten umringt. Der Graf trat mit ſeiner Gemahlinn und ſeinen Kin⸗ dern heraus und gruͤßte die Leute auf das liebreichſte, und dankte ihnen fuͤr alles Gute, das ſie feiner Gemahlinn und ſeinen Kindern erwieſen haͤtten. „O, nicht wir ſind ihre Wohltihaͤter, ſagten die Leute mit Thraͤnen in den Augen, ſie iſt unſre groͤßte Wohlthaͤ⸗ terinn!“ Der Graf anterhielt ſich kange mit den guten Leuten, und ſprach mit einem jeden aus ihnen, und alle waren uͤber ſeine Freundlichkeit entzuͤckt. Indeß hatte das Gefolge des Grafen, mit Huͤlfe einiger Kohlenbrenner, einen Weg in das Thal gefunden. Unter dem Klanze der Trompeten kamen meh⸗ rere Ritter, und eine Menge Knappen zu Pferd und zu Fuß zwiſchen zwey waldigen Bergen hervor, zogen in das Thal herein, und ihre Helme und Ghle e—— — — 103— ſe leuchteten im Glanze der Sonne wie Blitze. Alle begruͤßten ihre wiederge⸗ fundne Gebietherinn mit hoher Freude — und ihr Freudenruf hallte rings von den Felſen zuruͤck. Graf Arno blieb noch ein Paar Ta⸗ ge hier; am Abend, bevor er mit ſei⸗ ner Gemahlinn und ſeinen Kindern, mit Kuno und dem uͤbrigen Gefolge ab⸗ reiste, gab er noch allen Bewohnern des Thales eine große Mahlzeit. Der Muͤller und die Koͤhler ſaßen zwiſchen Rittern und Knappen, und die Tafel ſah ſehr bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beſchenkte der Graf ſeine laͤnd⸗ lichen Gaͤſte, vorzuͤglich den Muͤller, noch ſehr reichlich. Martha blieb in den Dienſten der Graͤfinn. Fuͤr die Mutter und Geſchwiſter des guten Jünglings Fridolin ſorgte er noch ganz beſonders. Zu den Kindern der Koͤhler aber ſagte er:„Fuͤr euch, ihr lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den Aufenthalt meiner Gemahlinn unter ſo guten Leuten eine kleine Stiftung ma⸗ chen. Jedes Jahr ſollen auf Oſtern allen Kindern Eyer von allen Farben ausgetheilt werden.“„Und ich, ſprach die gute Graͤfinn, will dieſen Gebrauch in unſrer ganzen Grafſchaft einfuͤhren, und auch dort zum Andenken meiner Befreyung alle Jahre auf Oſtern ge⸗ faͤrbte Eyer unter die Kinder austhei⸗ len laſſen.“ Dieß geſchah auch. Die Eyer nannte man Oſtereyer, und die ſchoͤne Sitte verbreitete ſich nach und nach durch das ganze Land. Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch nachmachten, ſagten:„Die Erloͤſung der guten Graͤfinn aus ihrem Felſenthale und jenes Edelknechtes aus dem Abgrunde und vom nahen Tode, geht uns zwar nicht ſo nahe an, ihr Andenken jaͤhrlich zu feyern. Die bun⸗ ten Eyer ſollen daher unſre Kinder an eine groͤßere, herrlichere Erloͤſung erin⸗ nern, die uns ſehr nahe angeht— an unſre Erloͤſung von Suͤnde, Elend und Tod, durch denjenigen, der vom Tode auferſtand. Das Opferfeſt iſt das rechte Erloͤſungsfeſt— und die Freude, die wir da den Kindern machen, iſt ganz dem Sinne des Erloͤſers gemaͤß. Die Liebe, die gerne groß und klein er⸗ freut, iſt ja die Summe ſeiner heiligen Religion, und das ſchoͤnſte Kennzei⸗ chen ſeiner wahren Verehrer. Ja, die Sitte, den Kindern Eyer zu ſchenken, kann auch den Aeltern und allen Men⸗ ſchen eine ſchoͤne Erinnerung an die Vaterliebe Gottes gegen uns Menſchen, gleichſam ein Pfand der wohlwollenden Geſinnungen ſeines treuen Vaterher⸗ zens ſeyn. Denn der Mund der Wahr⸗ 1 — 106— heit hat es ja ſelbſt geſagt: Wo iſt unter euch ein Vater, der ſeinem Sohne, der ihn um ein Ey bittet, einen Skorpion geben koͤnnte? Wenn nun ihr euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die Ihn darum bitten—(die beſte aller Ga⸗ ben) den guten Geiſt geben?“ —— — Oit ſiſnnſrſſnſſſnſfffſſſſnfſfüſnnſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18