8—,—=— Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. 3 „l. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends offen. ſ e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e eines geliehenen Buches wird von 4. f. bezahlt. T den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende mme ſ wird.—. ¹ 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. AS ⸗ 2— „ 2„—„ 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben fü der Bücher auf ihre eigenen Koſten und hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(nament bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ e Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt in⸗ und Zurückſendung lorene oder defee der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen De Au 4 gema das 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8— A 4 SS—ͤͤss SEe higege ieee Seeheene e en de SieLesssche dererch ekecehe „;, un ns 33 e Se eG3335 Erzählungen fuͤr Kinder und Kinderfreunde. Von dem Verkasser der Qstereyer. Zweites Bändchen. Das Taͤubchen. Das verlorne Kind. Dritte Auflage. Landshut, 1834. Verlag der Kruͤllſchen Univerſitaͤts⸗ Buchhandlung. (G. J. Manz.) 5 2 * Di 2 5 8 4 8 . Das Taͤubchen. J. Auf dem alten Bergſchloſſe Falkenburg lebte vor mehrern Jahrhunderten der tapfere Ritter Theobald mit ſeiner from⸗ men Gemahlinn Othilia. Der Ritter war eben ſo edelmuͤthig als tapfer. Alle Bedraͤngte weit umher im Lande nahm er in ſeinen maͤchtigen Schutz, und verkangte dafuͤr nicht einmal einen Dank. Das Vergnuͤgen, Menſchen zu begluͤcken, war ihm ſchon Lohnes genug. Frau Othilia ſpendete reichliche Gaben unter die Nothleidenden aus. Sie be⸗ 1*— ——⸗ —— 4 ſuchte die Kranken in den Huͤtten der benachbarten Thaͤler, und ihr Schloß war der ſichre Zufluchtsort aller Ar⸗ men, die nur immer einer Hilfe werth waren. Auch Agnes, die einzige Toch⸗ ter dieſer trefflichen Aeltern, ein Fraͤu⸗ lein von etwa acht Jahren, war die lautere Guͤte und Freundlichkeit gegen die Menſchen. Sie kannte keine groͤße⸗ re Freude, als andern Freude zu ma⸗ chen. Aeltern und Tochter wurden all⸗ gemein verehrt, und wer nur den ho⸗ hen Thurm der Falkenburg von Ferne erblickte, ſegnete in ſeinem Herzen die edlen Menſchen, die hier wohnten und Gutes thaten. Wirklich ruhte auch der Segen Gottes recht ſichtbar uͤber Theo⸗ bald, Othilia und Agnes. So viel ſie hergaben und austheilten, ſo hatten ſi doch nie Mangel. Sie gehoͤrten unte die wohlhabendſten adeligen Familien im Lande. 2 — 5— Einmal an einem ſchoͤnen, heitern Sommertage gingen Frau Othilia und Fraͤulein Agnes nach Tiſche durch das kleine Pfoͤrtchen in der Mauer des Schloßhofes, die vielen ſteinernen Staf⸗ feln hinab in den Garten, der ſich am Abhange des Berges befand. Sie be⸗ merkten mit Freude, wie hier der blaͤu⸗ lich gruͤne Kohl ſo ſchoͤn ſtand, und dort die zarten Roſenknoſpen ſich oͤffneten; wie da die Bohnen hoch empor rank⸗ ten, und dort die Kirſchen bereits hell⸗ roth zwiſchen den dunkelgruͤnen Blaͤt⸗ tern hervor glaͤnzten. Sie ſtanden eine Weile bei dem Springbrunnen in Mit⸗ te des Gartens ſtill, und ergoͤtzten ſich an dem Spiele des Waſſers, das im Glanze der Sonne hell wie Kriſtall emporſprang, und in tauſend Tropfen von allen Farben des Regenbogens wie⸗ der herab fiel. Hierauf ſetzten ſie ſich in eine ſchattige Reblaube von zierli⸗ — —= — chem Gitterwerke, und arbeiteten mit vereintem Fleiß an einem Kleide fuͤr ei⸗ ne arme Waiſe. Alles im Garten war ſtill und ruhig; nur eine Grasmuͤcke ſang auf dem Gipfel eines nahen Bau⸗ mes von Zeit zu Zeit ungemein lieb⸗ lich, und von dem Springbrunnen her toͤnte unausgeſetzt das angenehme Plaͤt⸗ ſchern des Waſſers. Da kam Etwas, ſo ploͤtzlich, daß ſie gar nicht ſehen konnten, was es war— in die Laube herein geflogen. Beide blickten erſchrocken auf. Augen⸗ blicks kam ein großer Vogel nachge⸗ ſchoſſen— und ſchwebte mit weit aus⸗ gebreiteten Fluͤgeln am Eingange der Laube. Da er aber Leute ſah, flog er eben ſo ſchnell wieder davon. Agnes ſaß ſo ſchuͤchtern da, daß ſie ſich nicht umzuſehen getraute, was das wohl ſeyn moͤge, das ſo geſchwind in die Laube herein geflogen war. Allein die 4 — 7— Mutter ſagte laͤchelnd:„Fuͤrchte dich nicht! Es iſt wohl nichts, als irgend ein Voͤgelein, das ſich vor dem Stoß⸗ vogel fluͤchtete.“ Sie ſah nach, und rief:„Ei ſieh doch, ein ſchneeweißes Taͤublein! Es hat ſich in ſeiner Angſt da gerade hinter dir verſteckt.“ Sie nahm es, blickte Agnes forſchend an, und ſagte:„Auf den Abend will ich dir das Taͤublein braten.“ „Braten?“ rief Agnes erſtaunt, und griff mit beiden Haͤnden nach dem Taͤubchen, als wollte ſie es dem ange⸗ drohten Tode entreißen.„Nein, liebe Mutter, ſagte ſie, das war nicht dein Ernſt! Das arme Thierchen hat ſeine Zuflucht zu mir genommen— wie koͤnn⸗ te ich es toͤdten? O ſieh doch, wie ſchoͤn es iſt! In der That, es iſt ſo weiß wie Schnee, und ſeine Fuͤßchen — ſieh nur— ſind ſo ſchoͤn roth wie Korallen. Ach ſieh, wie ihm noch das ſſſſ A Herz ſchlaͤgt! Es blickt mich mit ſei⸗ nen unſchuldigen Aeuglein ſo flehentlich an, als wollte es ſagen: Thue mir nichts. — Nein, liebes Thierchen, ich thue dir nichts zu Leid. Du ſollſt dich nicht umſonſt zu mir gefluͤchtet haben. Du ſollſt es gut bei mir haben.“ „Recht, liebes Kind, ſagte die Mutter freundlich. Du haſt meinen Sinn getroffen. Ich wollte dich nur pruͤfen. Bring das Taͤublein auf dein Zimmer und verſorge es mit Futter. Die Ungluͤcklichen, die ihre Zuflucht zu uns nehmen, duͤrfen wir nicht verſto⸗ ßen. Wir muͤſſen gegen alle Nothlei⸗ dende mitleidig, und auch gegen die Thiere barmherzig ſeyn.“ Die Mutter ließ ein kleines, arti⸗ ges Taubenhaus mit rothem Dache und gruͤnen Gitterſtaͤben machen. Agnes ſtellte es in eine Ecke ihres Zimmers und wies es dem Taͤubchen zur Woh⸗ — 9— nung an. Sie gab ihm taͤglich reich⸗ liches Futter nebſt friſchem Waſſer, und verſah es von Zeit zu Zeit mit reinem Sand. Das Taͤubchen gewoͤhn⸗ te ſich bald an Agnes und wurde un⸗ gemein zutraulich und heimiſch. So⸗ bald Agnes die Thuͤre des niedlichen Kaͤfichs oͤffnete, flog das Taͤubchen heraus und pickte ihr die Koͤrnlein, die ſie ihm vorhielt, aus der Hand. Sie brauchte auch das Haͤuschen nicht mehr zu verſchließen. Das Taͤubchen hielt ſich ſchon ſelbſt gern darin auf. Wenn der Morgen anbrach und Agnes noch ſchlief, da kam das Taͤub⸗ chen auf ihr Kopfkiſſen geflogen, weckte ſie, und ließ ihr keine Ruhe mehr, bis ſie aufſtand und es fuͤtterte. Agnes beklagte ſich bei ihrer Mutter daruͤber, und ſagte: Ich weiß aber ſchon, was ich thue, hamit es mich nicht mehr im Schlafe ſtoͤre. Ich werde kuͤnſtig .— — 10— das Thuͤrchen des Kaͤſichs alle Abende fleißig verriegeln, damit es Morgens nicht heraus kann.“„Nicht doch! ſag⸗ te die Mutter. Lerne vielmehr von dem Taͤublein fruͤh aufſtehen. Fruͤh aufſte⸗ hen iſt geſund, und macht einen froͤh⸗ lichen Sinn. Oder muͤßteſt du dich denn nicht ſchaͤmen, wenn du traͤger waͤreſt als eine Taube?“ So gewoͤhn⸗ te ſich Agnes an das fruͤhe Aufſtehen. Einmal ſaß Agnes an dem offe⸗ nen Fenſter und naͤhte. Das Taͤub⸗ chen pickte zu ihren Fuͤßen einige Bro⸗ ſamen auf. Allein ploͤtzlich flog es zum Fenſter hinaus, und ſetzte ſich auf das naͤchſte Dach. Agnes erſchrack und that einen lauten Schrei; die Mutter kam und fragte, was es gebe.„Ach mein Taͤublein!“ ſagte Agnes, und zeigte weinend auf das Dach, wo das Taͤub⸗ chen ſaß, und ſich ſonnte.„Locke ihm einmal!“ ſagte die Mutter. Agnes thats— und augenblicklich flog das Taͤubchen wieder herab, und ſetzte ſich ihr auf die ausgeſtreckte Hand. Agnes war uͤber dieſe Folgſamkeit entzuͤckt. Die Mutter aber ſagte:„Sey du ge⸗ gen mich auch immer ſo folgſam, wie das Taͤublein gegen dich; dann werde ich noch eine groͤßere Freude haben, als du jetzt empfindeſt. Nicht wahr, dieſe Freude machſt du mir?“ Annes ver⸗ ſprach es— und hielt Wort. Sie wurde das folgſamſte Maͤdchen. Eines Tages hatte Agnes im Gar⸗ ten die Kraͤuter und Blumen begoſſen. Muͤde von der Arbeit ſetzte ſie ſich zu ihrer Mutter auf die gruͤne Bank naͤchſt dem Springbrunnen. Das Taͤubchen, das jetzt ſo zahm war, daß Agnes es uͤberall frei herumfliegen ließ, kam her⸗ bei geflogen, an dem Brunnen zu trin⸗ ken.„Sieh nur, Mutter, ſagte Ag⸗ nes, wie vorſichtig es von einem be⸗ — 2 —— — moosten Steine zum andern tritt! Wie ſorgfaͤltig es ſich vor dem Schlamme zwiſchen den Steinen in Acht nimmt! Wie reinlich das Thierchen iſt! Die weiße Farbe iſt am ſchwerſten rein zu bewahren— und doch ſieht man nie das geringſte Fleckchen an den blendend weißen Federn des achtſamen Thier⸗ chens.“„Und wie unachtſam Agnes bisweilen iſt!“ ſagte die Mutter, und zeigte auf das lange weiße Kleid des Fraͤuleins. Agnes hatte, als ſie am Springbrunnen mit der Gießkanne Waſ⸗ ſer ſchoͤpfte, ihr Kleid nicht genug in Acht genommen. Sie erroͤthete und von nun an glich ihr weißes Kleid immer dem reinen neugefallenen Schnee. Agnes hatte einſt mit ihrer Mut⸗ ter eine kleine Reiſe gemacht, auf der ſie ſehr viele Freuden genoß. Als ſie Abends zuruͤck kam, flog das Taͤub⸗ chen ihr ſogleich entgegen, und zeigte eine ſichtbare Freude uͤber ihre Zuruͤck⸗ kunft.„Es hat den ganzen Tag um Euch getrauert, ſagte die Magd, und Euch uͤberall geſucht. Ich muß mich wundern, daß ein Thierchen, das doch keine Vernunft hat, ſeine Wohlthaͤte⸗ rinn erkenne, und ihr ſo ergeben ſey.“ „Es iſt wahr, ſagte Agnes, fuͤr die wenigen Koͤrnlein, die ich ihm taͤglich ſtreue, koͤnnte es nicht dankbarer ſeyn.“ „Biſt du aber, ſprach die Mutter, auch immer ſo dankbar?— Sieh, du haſt heute ſo viele Freuden genoſſen! Haſt du Gott auch ſchon dafuͤr gedankt? Laß dich doch nicht von einem Thier⸗ chen beſchaͤmen.“ Agnes hatte dies⸗ mal noch nicht daran gedacht, Gott zu danken. Von nun an ging ſie aber nie mehr zur Ruhe, bevor ſie Gott fuͤr die Freuden und Wohlthaten des Ta⸗ ges ihren innigſten Dank dargebracht hatte. — N. „Du liebes Thierchen, ſagte einſt Agnes, fruͤh Morgens an ihrem Ar⸗ beitstiſchchen ſitzend, zu ihrer Taube, die an dem Rande des Tiſchchens ſaß, und mit den klaren, ſchuldloſen Augen freundlich zu ihr aufblickte. Ich habe nun von dir ſchon Manches gelernt, und bin dir vielen Dank ſchuldig.“ Die Mutter ſagte:„Das Schoͤnſte, was du von ihr lernen kannſt, iſt doch noch uͤbrig. Sieh, die reine weiße Tau⸗ be iſt ein liebliches Bild der Unſchuld. Sie iſt ohne Falſch, ohne Trug und Verſtellung, rein von Argliſt, unge⸗ kuͤnſtelt und ohne alle Ziererei. Unſer goͤttlicher Erloͤſer druͤckte dieſes alles mit einem einzigen Worte aus, indem Er ſprach: Seyd einfaͤltig wie die Tauben! O moͤchte dieſe edle Einfalt immer dir eigen ſeyn! Moͤchten Trug und Verſtellung und alles Boͤſe immer fern von dir bleiben. Gott gebe, daß — 15— man von dir ſagen koͤnne: Agnes iſt ſchuldlos und ohne Falſch, wie eine Taube.“ Wirklich konnte man dieſes auch mit Wahrheit von ihr ſagen. II. Einmal war Ritter Theobald von einem Zuge gegen eine zahlreiche Raͤu⸗ berbande zuruͤck gekommen, die das ganze Land in Schrecken geſetzt hatte. Vergnuͤgt und froͤhlich uͤber den gluͤck⸗ lich vollbrachten Zug ſaß er nun Abends bei einem Becher Wein, und erzaͤhlte, wie er mehrere Raͤuber eingefangen und den Gerichten uͤberliefert, die uͤbrigen aber zerſprengt habe, ſo, daß nun wie⸗ der Ruhe und Sicherheit im Lande ſey. Die Erzaͤhlung waͤhrte etwas lange. Othilia und Agnes hatten daher ihre zierlichen Spinnraͤdchen herbei geholt, ſannen ſehr emſig, und hoͤrten ihm aufmerkſam zu. ——— 2 ₰ Es wurde ziemlich ſpaͤt, und das angezuͤndete Licht brannte be⸗ reits auf dem Tiſche. Da trat eine anſehnliche, ſchoͤne Frau in ſchwarzer Kleidung und mit blaſſen Wangen in das Zimmer, und fuͤhrte ein kleines Fraͤulein, das auch ſchwarz gekleidet war, an der Hand. Der Ritter, Othi⸗ lia und Agnes ſtanden auf, die fremde Frau, die ſie nicht kannten, zu be⸗ gruͤßen. Die Frau aber ſprach unter vielen Thraͤnen:„Gott gruͤße Euch, ſehr ed⸗ ler Ritter! Obwohl ich Euch noch nie von Angeſicht geſehen habe, ſo nehme ich dennoch meine Zuflucht zu Euch. Ich bin Roſalinde von Hohenburg, und dieſes Kind iſt meine Tochter Emma. Ihr wißt nun vielleicht, wie mich Gott heimgeſucht hat. Mein ſeliger Mann, der gute Adalrich, Gott troͤſte ihn, iſt an ſeinen Wunden geſtorben, die er in der großen Schlacht des vergangenen Jahres erhielt. O wie vieles habe ich an ihm verloren! Er war ein ſehr ed⸗ ler Mann, ein guter, liebevoller Gat⸗ te, der beſte Bater! Doch Ihr habt ihn ja ſelbſt gekannt. Er war uͤbrigens zu wohlthaͤtig gegen alle Duͤrftige, um uns Schaͤtze zu hinterlaſſen; er hinter⸗ legte uns dafuͤr einen Schatz im Him⸗ mel. Jetzt will man uns aber auch noch dasjenige nehmen, was wir zu unſerm Lebensunterhalte nothwendig ha⸗ ben. Meine Nachbarn, zwei habſuͤch⸗ tige Ritter, bedraͤngen mich ſehr. Der Eine will, unter allerlei Vorwaͤnden, meine ſchoͤnen, reichen Kornfelder und Wieſen, bis unten an die Mauern des Schloſſes, an ſich reißen. Der Andere moͤchte gern die anſehnlichen Waldun⸗ gen zur andern Seite des Schloſſes ſich zueignen. Beide Ritter ſind gegen mich ganz veraͤndert. Die Habſucht, * AA———„ 5 die ſo viel Boͤſes auf Erden anrichtet, hat ſie aus Freunden meines Mannes zu meinen Feinden gemacht. Mein ſe⸗ liger Adalrich ſah das wohl voraus. Sterbend nannte er mir noch Euren Namen. Vertrau' auf Gott, ſagte er, und auf Ritter Theobald, ſo wird dir kein Feind auch nur ein Haar kruͤm⸗ men. Erfuͤllt nun dieſes Wort des Sterbenden. Ach, was ſollte ich an⸗ fangen, wenn ich ſo um alle meine Guͤ⸗ ter kaͤme, und mir nichts uͤbrig bliebe, als die Schloßmauern! Von dieſen Steinen koͤnnte ich mit meiner Emma hier nicht leben. Solltet Ihr— was Gott verhuͤten wolle— auch einmal das Schickſal meines Mannes haben, und ſollten Eure Frau und das liebe Kind hier in eine aͤhnliche Noth kom⸗ men, wie ich— ſo werden ſie dann auch einen Arm finden, der ſie rettet.”“ Die kleine Emma, die mit Agnes ungefaͤhr von gleichem Alter war, naͤ⸗ herte ſich nun auch dem Ritter und ſagte weinend:„Edler Mann! Seyd mein Vater und verſtoßt mich nicht!“ Ritter Theobald ſtand ernſt da, hielt nach ſeiner Art mit der Hand das Kinn, und blickte ſchweigend zur Er⸗ de. Agnes weinte und ſagte:„Lieber Vater, erbarme dich ihrer! Sieh, als mein Taͤublein von dem Raubvogel ver⸗ folgt wurde und ſeine Zuflucht zu mir nahm, ſagte die Mutter: Die Un⸗ gluͤcklichen, die ihre Zuflucht zu uns nehmen, ſollen wir nicht verſtoßen. Sie freute ſich, daß ich mit dem ar⸗ men Thierchen Mitleid hatte. Und die⸗ ſes liebe Fraͤulein und ihre Mutter ver⸗ Rienen ja doch mehr Mitleid und Er⸗ barmen, als eine Taube. Errette ſie aus den Klauen dieſer boͤſen Ritter, die den Raubvoͤgeln gleichen.“ Der Ritter antwortete geruͤhrt: den Weg der Guͤte zu verſuchen. Bleibt „Wohl, liebe Agnes, mit Gottes Bei⸗ ſtand werde ich ihnen helfen. Mein Stillſchweigen war nicht Hartherzigkeit; ich uͤberlegte nur, wie ich die edle Mut⸗ ter und das gute Kind retten koͤnne.“ Der Ritter holte fuͤr die Frau einen Seſſel, und Angnes ruͤckte einen fuͤr Emma herbei. Sie ſetzten ſich. Frau Othilia aber ging, wegen der unerwar⸗ teten Gaͤſte eine etwas reichlichere Abend⸗ mahlzeit zu bereiten. Denn damals war es Sitte, daß die Rittere frauen ſelbſt die Kuͤche beſorgten. Ritter Theobald erkundigte ſich nun genau nach den Urſachen, ans denen die zwei Ritter ſo große Forderungen machten, und ſagte am Ende:„Nun gut! So viel ich ſehe, habt Ihr voll⸗ kommen Recht. Morgen mit Anbruch des Tages will ich mich, von einigen Reitern begleitet, aufmachen, um erſt mit Eurer Tochter hier, bis ich zuruͤck komme; ſo koͤnnet Ihr die guten Nach⸗ richten, die ich Euch zu bringen hoffe, gleich ſelbſt mit nach Hauſe nehmen.“ Indeſſen wurde das Eſſen fertig. Sie aßen zuſammen froͤhlich auf die Nacht, und am folgenden Morgen ſetzte ſich Ritter Theobald zu Pferd, und ritt mit ſeinen Leuten fort. Agnes hatte eine große Freude, daß Fraͤulein Emma einige Tage da blieb. Sie fuͤhrte das Fraͤulein auf ihr Zimmer und in den Garten, und zeigte ihr ihren Kleiderkaſten, ihre Blu⸗ men und ihre Taube. Beide Maͤdchen wurden bald herzliche Freundinnen— denn auch Emma war ein ſehr gutgear⸗ tetes, wohlgezogenes Kind. Nach einigen Tagen kam Ritter Theobald zuruͤck.„Froͤhliche Botſchaft! rief er, als er in das Zimmer trat. Eure Feinde ſind von ihrer ungerechten Forderungen abgeſtanden und aller Streit hat nun ein Ende. Zwar auf meine Reden haͤtten ſie wenig geachtet, ſo klar ich ihnen auch ihr Unrecht vor Au⸗ gen legte. Als ich aber jedem, der Euch das kleinſte Leid zufuͤgen wuͤrde, Krieg ankuͤndete, da gaben ſie ſich zur Ruhe. Seyd nun getroſt und gutes Muthes, edle Frau! Kein Fremder wird nun von Euren ſchoͤnen Feldern aͤrnten, oder in Euren Waldungen jagen und Holz faͤllen.“ Die trauernde Frau ward ſehr er⸗ 5 freut. Thraͤnen des Dankes glaͤnzten in ihren Augen.„Gott, ſprach ſie, der treue Beſchuͤtzer der Wittwen und Waiſen, der nichts Gutes unbelohnt ſG laͤßt, wolle es Euch vergelten, was Ihr an mir und meinem Kinde gethan habt! Er wolle Euch vor Ungluͤck be⸗ wahren, und Euch aus jeder Noth er⸗ 5 retten.“ — 23— Sie machte nun Anſtalt, nach Ho⸗ henburg zuruͤck zu kehren. Die beiden Fraͤulein nahmen Abſchied, und zerfloſ⸗ ſen faſt in Thraͤnen. Agnes wollte ih⸗ h rer jungen Freundinn ein Andenken ge⸗ ben. Emma hatte oͤfter den Wunſch ge⸗ e, auch ſo ein zahmes Taͤubchen faben. Agnes brachte das Taͤub⸗ druͤckte es an ihre naſſen Wan⸗ Fund gab es, ſo lieb ſie es auch ihrer Freundinn. Emma wollte unicht nehmen. Es entſtand ein 1 noſchaftlicher Streit. Endlich muß⸗ 1 te Emma nachgeben. Agnes ſchenkte ihr nun uͤberdieß noch den zierlichen Kaͤſich, und empfahl ihr das Taͤubchen eſo angelegentlich, wie etwa eine Mut⸗ ter ihr Kind empfiehlt, das ſie frem⸗ ſden Haͤnden anvertraut. . Als Emma fort war, wollte es Agnes faſt gereuen, ihr liebes Taͤubchen aerſchenkt zu haben.„Lieber haͤtte ich 4. 4 24 dem Fraͤulein meine goldenen O ringe zum Andenken gegeben!“ 4 ſie zu ihrer Mutter. Allein die M. ter ſprach:„Das magſt du ein Mal thun, wenn Emma uns w beſucht. Fuͤr jetzt konnteſt du d kleinen Freundinn nichts Schicklich geben. Ein reicheres Geſchenk ihr nicht ſo angenehm geweſen, haͤtte ſie vielleicht nur gedemuͤt, Ein Geſchenk mit dem, was dir Liebſte war, obwohl es an ſich m Werth hat, ehrte ſie, und war ih Beweis deiner Liebe. Laß es dich nicht reuen. Sieh, dein guter B war bereit, ſein Leben daran zu ſet der bedraͤngten Wittwe zu helſen. l ſo iſt es ja ſchoͤn, daß auch du der liebſte Freude dahin gabſt, die betri Waiſe zu erheitern. Wer nicht f lernt, jedes zeitliche Gut, ſo lieb ihm auch ſey, fuͤr die Menſchen 1 1 — 25— ſopfern, wird ſie nie wahrhaft lieben. Solche Opfer gehoͤren aber unter die ſchoͤnſten, die wir Gott darbringen koͤn⸗ nen— und Gott wird dir auch dieſes dein Opfer dereinſt herrlich belohnen.“. 1 III. Frau Roſalinde lebte mit ihrer Toch⸗ ter Emma wieder ungeſtoͤrt, getroſt und zufrieden in den Mauern ihres alten Schloſſes, das tief in einem waldig⸗ ten Gebirge lag. Da kamen eines rzaͤhlungen f. Kinder. II. 2 heilige Grab beſichen; wir duͤrfen nu — 26— und ihnen ein Nachteſſen und jedem ei⸗ nen Becher Wein zu reichen. Nach Tiſche ging ſie mit Emma zu ihnen hinab. Die Pilger erzaͤhlten von dem ge⸗ lobten Lande. Alle Leute im Schloſſe hoͤrten ihnen ſehr aufmerkſam zu. Fraͤu⸗ lein Emma aber hatte uͤber die wun⸗ derbaren Erzaͤhlungen eine gar unge⸗ meine Freude. Thraͤnen floßen uͤber ihre Wangen, und in ihrem kindlichen Herzen regte ſich der fromme Wunſch, jene gluͤcklichen Gegenden auch einmal zu ſehen, in denen einſt unſer Erloͤſer gewandelt. Sie bedauerte nur, daß die⸗ ſer Wunſch wohl niemals in Erfuͤllung gehen werde. „Liebe Emma, ſprach die Mutter, wir koͤnnen uns zu jeder Stunde in das gelobte Land begeben, und de Oelberg, den Kalvarienberg und das 1— 22— fleißig in der Geſchichte Jeſu leſen. Da begleiten wir den goͤttlichen Erloͤſer gleichſam auf jedem ſeiner wohlthaͤtigen Tritte, wir hoͤren die Worte ſeines Mundes, wir ſehen Ihn leiden, ſter⸗ ben und auferſtehn. Wenn wir ſeine Lehre, ſein Beiſpiel, ſein Leiden, ſeinen Tod und ſeine Verherrlichung uns recht zu Nutzen machen, ſo haben wir das gelobte Land in unſerm Herzen. Ja die ganze Erde koͤnnte ſo ein heiliges Land werden.“ Die Pilger erkundigten ſich hier⸗ auf nach der unlliegenden Gegend, be⸗ ſonders aber nach dem Schloſſe Fal⸗ kenburg. Sie lobten den Ritter Theo⸗ bald uͤber alle Maſſen.„Wenn ſeine Burg nicht gar zu weit außer unſerm Wege laͤge, ſagte der Aeltere der zwei Pilger, und wenn ich hoffen koͤnnte, ihn zu Hauſe zu finden, ſo ließ ich mich den Umweg nicht verdrießen.“ 2* — 28— Roſalinde verſicherte ihn, daß ihr Weg nahe an Falkenburg vorbei gehe, und daß Ritter Theobald, der erſt vor ei⸗ nem paar Tagen von einem Ritte heim gekommen ſey, ohne Zweifel noch zu Hauſe ſeyn werde.„Nun, das iſt mir ſehr lieb, ſagte der Pilger. Es ſoll mir eine Herzensluſt ſeyn, ihn in ſei⸗ nem Schloſſe zu treffen. Ich habe gar Manches mit ihm abzumachen. Mor⸗ gen in aller Fruͤhe geht es alſo nach Falkenburg.“ Mutter und Tochter gaben den — Pilgern tauſend freundliche Begruͤßun⸗ gen an Ritter Theobald, ſeine Frau und Tochter auf. Emma druͤckte jedem ein kleines Silberſtuͤck in die Hand, das die Mutter ihr zuvor gegeben hat⸗ te, und bat beide noch ſehr angelegent⸗ lich, der Fraͤulein Agnes zu ſagen, das Taͤublein befinde ſich recht wohl. Da die wohlthaͤtige Rittersfrau aus — 29— den Geſpraͤchen der Pilger vernommen hatte, daß ſie des Weges unkundig ſeyen, ſo befahl ſie noch einem Dienſt⸗ knaben, der in der Stube war, ihnen morgen fruͤh den Weg durch das Ge⸗ birg zu zeigen, und wuͤnſchte ihnen hier⸗ auf gute Nacht. Am folgenden Morgen reisten die Pilger ab. Der Knabe ging froͤhlich mit, und trug ihnen aus Gefaͤllgkeit noch uͤberdieß die beiden Pilgertaſchen nach. Die Pilger gaben dem Knaben wenig Acht, und wanderten ſchweigend ihren Weg, der bald bergab, balb berg⸗ auf fuͤhrte. Als ſie wieder einen ſteilen Berg erſtiegen hatten, und der Fuß⸗ ſteig ebener wurde, fingen ſie an mit einander italieniſch zu reden. Der Kna⸗ be, der ſie begleitete, war aus Italien. Man nannte ihn in dem Schloſſe nur den kleinen Lienhard, obwohl er den Namen Leonardo, wie man ihn in ſei⸗ — 30— nem Vaterlande hieß, lieber gehöͤrt haͤt⸗ te. Ritter Adalrich hatte ihn, als einen armen Waiſenknaben, aus Barmherzig⸗ keit mit nach Deutſchland genommen. Obwohl der Knabe vollkommen deutſch gelernt hatte, ſo verſtand er ſeine Lan⸗ desſprache doch noch ſehr gut. Er horch⸗ te hoch auf, und wollte den Pilgern eben ſeine Freude bezeigen, ſeine Mutter⸗ ſprache reden zu hoͤren— als ihr Ge⸗ ſpraͤch ihn mit Schrecken und Enrſetzen erfuͤllte. Er vernahm aus ihren Reden, daß ſie keine wahren Pilger ſeyen, ſondern ſich nur ſo verkleidet hatten; daß ihnen dieſe Gegend gar nicht ſo fremd ſey, als ſie vorgegeben; daß ſie unter die Raͤuberbande gehoͤrten, die Ritter Theo⸗ bald ſo gluͤcklich bekaͤmpft hatte, und daß ſie gegen ihn von Rache gluͤhten; daß ſie im Sinne hatten, ſich unter dem Scheine der Froͤmmigkeit in ſeine Burg — 31— einzuſchleichen, und ihn um eine Nacht⸗ herberge zu bitten; daß ſie aber dann in der Nacht aufſtehen, ihn mit Weib und Kind und allen den Seinigen er⸗ morden, und das Schloß pluͤndern und in Brand ſtecken wollten. Als ſie Falkenburg zwiſchen zwei waldigen Bergen in blaͤulicher Ferne liegen ſahen, ſprach der aͤltere Raͤuber, Namens Lupo, zu ſeinem Spießgeſellen Orſo:„Das iſt alſo das abſcheuliche Drachenneſt, wo der fuͤrchterliche Mann wohnt, der ſo viele von unſern Leuten. auf das Blutgeruͤſt gebracht hat. Un⸗ ter den ſchrecklichſten Martern ſoll er es mit dem Tode buͤßen. Wir wollen ihn binden und in den Flammen ſeiner Burg lebendig verbrennen.“ „Das Unternehmen iſt aber doch etwas halsbrechend, ſagte Orſo, der juͤngere Raͤuber. Wenn es fehl ſchluͤ⸗ ge, ſo ginge es uns ſehr uͤbel. Indeß ſind die Schaͤtze, die der Ritter auf⸗ haͤufte, des Wagſtuͤckes wohl werth.“ „Ihn zu morden, ſprach Lupo voll grimmiger Rachgier, iſt mir eine groͤ⸗ ßere Luſt, als alle ſeine Reichthuͤmer zu erbeuten, wiewohl ich dieſe auch nicht verachte. Gelingt uns dieſer Streich noch, ſo ſind wir reich genug. Wir geben dann unſer Handwerk auf, und waͤhlen eine ruhigere Lebensart. Und da kommt mir eben jetzt ein herr⸗ licher Einfall. Wir ſuchen uns aus den Kleidern des Ritters die praͤchtigſten aus und ziehen ſie an. Du traͤgſt ſeine goldene Halskette, und ich ſein Ritter⸗ kreuz mit edlen Steinen. Dann ent⸗ fliehen wir in ein fernes Land, wo man uns nicht kennt, gelten dort fuͤr große Herren, und laſſen uns von den geſam⸗ melten Schaͤtzen wohl ſeyn.“ Das waͤre alles gut, ſagte Orſo; — 32— allein, ich weiß nicht, mir iſt bei dem Handel doch bange.“ „Was bange!l ſagte Lupo. Iſt nicht alles gut ausgekundſchaftet und verab⸗ redet? Haben wir in der Gegend nicht Helfershelfer genug? Sobald wir an dem Fenſter der Pilgerſtube die drei Lichter anzuͤnden, ſo kommen uns ſie⸗ ben tapfere, ruͤſtige Kerle zu Hilfe, die ſchon lange jede Nacht auf dieſes Zeichen paſſen. Dieſe laſſen wir dann durch das kleine Gartenpfoͤrtchen, das von innen leicht zu oͤffnen iſt, in den Schloßhof. Einer darunter kennt alle Gaͤnge, Zimmer und Gewoͤlbe des Schloſſes ſo gut, als ſein eigenes Haus. Und Unſerer neun werden wir dann wohl mit etlichen ſchlafenden Menſchen fertig werden. Nur gutes Muths. Es gelingt gewiß.“ Dem guten Leonardo ſchauderte es über dieſe graͤulichen Anſchlaͤge. Er liuß . 4 2 ————õÿõÿ———— — 34— ſich indeſſen nichts merken, daß er ihre Sprache verſtehe. Er ging hinter ih⸗ nen her, pfluͤckte Blumen und Kraͤuter ab, und pfiff auf einem Blatte ein Liedchen. In ſeinem Herzen flehte er aber inbruͤnſtig zu Gott, Gott wolle die Anſchlaͤge der Boͤſewichter zu nichte machen. Auch nahm er ſich vor, ſie bis Falkenburg zu begleiten, und dem Rit⸗ ter Theobald alles zu entdecken. Indem die Raͤuber noch allerlei ver⸗ abredeten, ihren Anſchlag ins Werk zu richten, trat der Aeltere auf dem ſchma⸗ len Fußſteige fehl, und waͤre beinahe in eine Felſenkluft hinab geſtuͤrzt. Er blieb jedoch im Fallen an einem Dorn⸗ buſche haͤngen. Die Dornen riſſen ihm das Pilgergewand auf, und Leonardo ſah, daß er unter dem langen, ſchwarz⸗ braunen Kleide ein ſcharlachrothes Wamms und einen blanken, eiſernen Bruſtharniſch trug. Auch entſiel ihm 4 2—— 8N—- 8&☛ ☛— 190 — 35— ein ſcharf geſchliffener Dolch. Allein der Knabe that, als haͤtte er nichts davon geſehen. Der alte Boͤſewicht ſteckte den Dolch eilends wieder zu ſich, knoͤpfte das Gewand wieder zu, und blickte den bangen Knaben oͤfters ſeit⸗ waͤrts an— mit Augen ſo ſcharf wie Adlersaugen. Jetzt kamen ſie an einen fuͤrchter⸗ lichen Abgrund, in deſſen Tiefe ein Gebirgsſtrom brauste, der von langem Regen maͤchtig angeſchwollen war. Zwei buſchigte Felſen hingen zu beiden Sei⸗ ten uͤber den Strom herein, und ein langer ſchmaler Tannenbaum, der nur auf der obern Seite etwas behauen war, lag daruͤber hin und diente zum Stege. Der alte Raͤuber ſagte auf italieniſch zu ſeinem Gefaͤhrten:„Es koͤnnte doch ſeyn, daß der Bube gemerkt haͤtte, ich ſey bewaffnet, und da koͤnnte er leicht Verdacht geſchoͤpft haben. Ich will nen Stoß geben, daß er in den Ab⸗ grund hinunter ſtuͤrze. Dann ſind wir ganz ſicher.“ ihm, wenn er uͤber den Steg geht, ei⸗ Dem armen Leonardo lief es eis⸗ kalt uͤber den Ruͤcken. Er blieb mehrere Schritte von dem gefaͤhrlichen Stege ſtehen, und ſagte:„Da getraue ich mir nicht hinuͤber; mich kommt jetzt ſchon ein Schwindel an.“ Der alte Raͤuber ſagte aber:„Fuͤrch⸗ te dich nicht, Knabe! Komm nur ein⸗ mal her; ich trage dich hinuͤber.“ Der alte Boͤſewicht ging mit ausgeſtreckten Armen auf Leonardo zu, ihn zu ergrei⸗ fen. Allein Leonardo wich ſchreiend und jammernd zuruͤck, und war ſchon gefaßt, ſobald der Raͤuber ihm zu nahe kaͤme, in das Gebuͤſch zu entſpringen. „Ach, rief der zitternde Knabe, laßt mich doch gehen! Wir koͤnnten ja Bei⸗ de hinunter ſtuͤrzen. Und wenn ich auch — 37— gluͤcklich hinuͤber kaͤme, wie komme ich dann wieder heruͤber? Laßt mich nach Hauſe. Ihr braucht jetzt keinen Weg⸗ weiſer mehr. Da ihr den Steg erreicht habt und es nicht mehr gar weit nach Falkenburg iſt, ſo koͤnnet ihr nicht mehr fehlen.“ Der juͤngere Raͤuber ſchrieb die Angſt des Knaben einzig dem ſchauer⸗ lichen Stege zu, vor dem ihm ſelbſt grante und ſagte italieniſch:„Ich will mich hinunter ſtuͤrzen laſſen, wenn der einfaͤltige Bube etwas gemerkt hat; und haͤtte er auch deinen Harniſch und Dolch geſehen— was iſts dann? Un⸗ ſere Sprache verſteht er doch nicht, und weiß alſo nicht, was wir vorha⸗ ben. Auch wuͤrde man auf ſein kindi⸗ ſches Geſchwaͤtz wenig achten, oder doch wenig daraus machen. Laß den armen Narren laufen.“ ,Nun, meinethalben! ſagte der Aar tere. Zu groͤßerer Sicherheit wollen duͤrfte der Bube alles wiſſen; er koͤnn— te unſer Unternehmen doch nicht mehr hindern. Dort liegt Falkenburg. Viele iſt keine Bruͤcke. Es iſt unmoͤglich, ei⸗ wir unſer Werk ausgefuͤhrt haben.“ Die beiden Raͤuber nahmen ihre Pilgertaſchen um, ließen den Knaben ſtehen und gingen, ohne ihm fuͤr die Als ſie hinuͤber waren, ſchrie Lupo deutſch heruͤber:„Knabe, du haſt Recht; das iſt ein boͤſer Steg! Er iſt Da koͤnnte man leicht ſein Leben ein⸗ bei ſchaffen. wir aber den Steg abwerfen. Dann von Alter morſch und halb verfault. Stunden den Strom hinauf und hinab ne Nachricht heruͤber zu bringen, bevor Begleitung zu danken, uͤber den Steg⸗ buͤßen. Damit kein Ungluͤck geſchehe, wollen wir ihn wegſchaffen. Die Leu⸗ te werden dann ſchon einen beſſern her⸗ — 39— Die Naͤuber machten den ſchmalen Balken los; er ſtuͤrzte mit großem Gepolter in den Abgrund, und der ſchaͤumende Fluß riß ihn wuͤthend mit fort. Sobald die verkappten Pilger hinter einem Felſen, um den ſich der Weg kruͤmmte, verſchwunden waren, fing Leonardo an zu laufen, was er vermochte, um die bedenkliche Nachricht ſeiner gnaͤdigen Frau zu uͤberbringen. Denn er wußte ſonſt weit und breit keinen Menſchen, dem er das ſchauer⸗ liche Geheimniß ſicher haͤtte anvertrauen koͤnnen. IV. Frau Roſalinde dachte in ihrem Schloſſe Hohenburg an nichts weniger, als an das große Ungluͤck, das ihrem Beſchuͤtzer, dem edlen Theobald, droh⸗ te. Fraͤnlein Emma redete nur immer von den ſchoͤnen Erzaͤhlungen der Pil⸗ ger, und that an ihre Mutter eine Menge Fragen uͤber das gelobte Land. Beide beſorgten den Tag hindurch ru⸗ hig ihre Geſchaͤfte. Gegen Abend, da die Sonne nicht mehr ſo heiß ſchien, und eine liebliche kuͤhle Luft wehte, gingen ſie von dem Schloßberge hinab in das Thal, um ihre Aecker zu beſe⸗ hen. Alle Feldfeuͤchte ſtanden herrlich. Einige Aecker prangten bereits mit gel⸗ ben Aehren und verſprachen eine reich⸗ liche Aernte; andere, mit Sypaͤtflachs bebaut, waren von der lieblichen Flachs⸗ bluͤthe unvergleichlich ſchoͤn blau. Mut⸗ ter und Tochter hatten, da ihnen die Guͤter gleichſam wieder neu geſchenkt waren, eine doppelte Freude daran, und dankten Gott noch einmal ſo herzlich fuͤr ſeinen reichen Segen. Da kam Leonardo, der Knabe, der die Pilger begleitet hatte, mit Schweiß — 41— bedeckt und faſt außer Athem daher ge⸗ ſprungen.„O gnaͤdige Frau, rief er, und ſchlug die Haͤnde zuſammen, was iſt doch das Schreckliches! Die zwei Maͤnner ſind keine Pilger; ſondern Raͤu⸗ ber und Moͤrder. Sie wollen den Rit⸗ ter Theobald mit allen den Seinigen ermorden, und ſein Schloß pluͤndern und verbrennen.“ Der Knabe war ſo entkraͤftet, daß er nicht weiter reden konnte. Er ſank unter einen Birn⸗ baum hin, der am Wege ſtand, holte ſehr heftig Athem, wurde faſt ohnmaͤch⸗ tig, und brauchte lange, bis er wieder reden konnte. Roſalinde und Emma waren uͤber die ſchreckliche Nachricht faſt außer ſich. „O Gott im Himmel, rief die Mut⸗ ter, was fuͤr ein entſetzlicher Anſchlag iſt dieſes! Ach der gute edle Mann— et und die vortreffliche Frau!“ i6 „Und die gute Agnes! rief die zit⸗ ternde, todtenbleiche Emma. Ach, wenn. ſie und ihre Aeltern ermordet werden, ſo ſterbe ich vor Jammer!“ „O Emma, ſprach die Mutter, ach eile doch voraus auf das Schloß! Ich werde mit dem ermatteten Knaben hier ſo ſchnell nachkommen, als es moͤg lich iſt. Lauf aus allen Kraͤften, und ruf' unſere Leute zuſammen. Sie ſollen aufſitzen und nach Falkenburg eilen, um die guten Menſchen zu warnen. Sie ſollen reiten, ſo ſchnell ſie koͤnnen, und ſollten auch die Pferde daruͤber zu Gruns de gehen.“ V Emma eilte, ſo leicht und fluͤchtig wie eine Gemſe, den ſteilen Berg him auf und erreichte das Burgthor. Auf ihren Schreckensruf liefen alle Leute im Schloſſe erſchrocken im Schloßhofe zur ſammen. Emma erzaͤhlte kurz, wie Fal⸗ kenburg in Gefahr ſtehe, durch Feuer und Schwert verheert zu werden. Die — 432— Umſtehenden entſetzten ſich, ſchmaͤhten äber die Pilger, und jammerten, als ſtaͤnde ihr eigenes Schloß in Flammen. 5 Ueber eine Weile kam Roſalinde 6, nach, und trat mit Leonardo, den ſie den unterwegs über die naͤheren Umſtaͤnde ö9“ befragt hatte, in den Schloßhof.„Was ind ſteht ihr muͤßig und jammert! rief ſie. len Sitzt doch auf— eilet— rettet!“ n,„Das iſt unmoͤglich, gnaͤdige Frau! Sie ſagte der alte, eisgraue Stallmeiſter des und ſeligen Ritters. Die zwei Schurken ha⸗ un ben einen zu großen Vorſprung. Sie ſind jetzt keine Stunde mehr von Fal⸗ tig kenburg entfernt. Bedenkt doch, wir hin haben auf dem Fahrwege bei fuͤnfzehn Auf Stunden dahin und es iſt bereits Abend. im Wie koͤnnte man den weiten, von lan⸗ zu gem Regen verdorbenen Weg bei dunk⸗ Falz ler Nacht ſo ſchnell zuruͤcklegen? Auf euer dem beſten Pferde getraute ich mir kaum Die vor Anbruch des Tages nach Falken⸗ — 44— burg zu kommen. Unſre alten Acken S gaͤule aber taugen gar nicht zum Reiemn ten, und unſre Kriegsroſſe ſind ja ſei dem Tode des ſeligen Ritters verkauſt ter In der ganzen Gegend weit und breit ur iſt kein Roß aufzutreiben, das den Ritt ne nur zur Haͤlfte aushielt.“ ſu Die edle Frau ſtand da, und rang te die Haͤnde. Sie blickte ſchmerzlich zum ge Himmel, und Thraͤnen floßen uͤber ihre w Wangen.„So iſt denn keine Hilfe un — als bei Dir, o Gott! rief ſie mit re aufgehobenen Haͤnden. Erbarme denn A Du Dich der edlen Menſchen, die ſich F meiner ſo liebreich erbarmt haben!— 2 O Emma— bethe— bethe doch, daß 8 Gott das Vorhaben der Boͤſewichter ne vereitle!“ g Emma faltete die Haͤnde, und bes zi thete mit Augen voll Thraͤnen:„Lieber Gott! Hilf ihnen doch, wie ſie uns 4 auch geholfen haben.“ Alle Leute im D — 45— en Schloßhofe falteten die Haͤnde und ſtimm⸗ ei n in ihr Gebeth mit ein. ei„O ihr lieben Leute, fing die Mut⸗ ſtter wieder an, ſo ſchwer, ja beinahe ei unmoͤglich es ſeyn mag, vor Mitter⸗ it nacht Falkenburg zu erreichen, ſo ver⸗ ſucht es dennoch! Einige Worte koͤnn⸗ ngten aller Leben retten. An einigen Au⸗ un genblicken iſt alles geſtanden! Ach, re wenn nur Leonardo nicht ſo ermuͤdet fe und von ſchnellem laufen faſt krank waͤ⸗ it re!— Er ginge ſogleich. Aber du, in Martin, ſagte ſie zu einem jungen ch Knechte, du haſt auch ſchnelle Fuͤße. — Mache du dich auf den Weg. Der Fußweg iſt ja wohl um ein Drittheil er naͤher. Ich ſchenke dir hundert Gold⸗ gulden, wenn du noch zu rechter Zeit de zu Falkenburg anlangſt.“ er„Es iſt nicht moͤglich, ſagte der 1s Knecht. Wer wollte in der finſtern m Nacht die ſchmalen Fußſteige durch das — 46— Gebirg finden, ohne zehnmal in Ab⸗ gruͤnde zu ſtuͤrzen!“ „Zudem, ſprach Leonardo, iſt der Z einzige Steg uͤber den Strom abgewor⸗ ei fen. Man muͤßte Fluͤgel haben, um 7 hinuͤber zu kommen.“ ft „Fluͤgel! rief Emma, und ihre n Augen glaͤnzten von Freude. Jetzt faͤllt t mir ein, wie wir eine Bothſchaft nach a Falkenburg ſchicken koͤnnen. Ritter Theo⸗ u bald ſagte mir, ich muͤſſe mein Taͤub⸗ 2 lein anfangs wohl einſchließen, ſonſt ¹ wuͤrde es ſogleich zuruͤck fliggen. So l t b d weit es auch ſey, ſagte er, es finde den Weg ſicher. Wir wollen daher der Taube ein kleines Brieſchen anhaͤngen, ſo bringt ſie es gewiß bald nach Fal⸗ kenburg.“ „O Gott, Dir ſey Dank! rief die Mutter; ich denke, Du haſt unſer Fle⸗ hen erhoͤrt. Emma, dieſen Gedanken gab dir dein guter Engel ein!“ 5⸗ et 3 n — 47— Emma ſprang ſogleich ihr Taͤubchen zu holen. Die Mutter eilte auf ihr Zimmer und ſchrieb die Nachricht auf ein kleines Blaͤttchen. Sie rollte das Blaͤttchen feſt zuſammen, und befeſtig⸗ te es an dem rothen Halsbaͤndchen, mit dem Emma die Taube geziert hat⸗ te. Emma, von ihrer Mutter, dem alten Stallmeiſter und allen Knechten und Maͤgden begleitet, trug hierauf die Taube ins Freie hinaus vor das Schloß,⸗ und ließ ſie fliegen. Die Taube flog hoch empor in die blaue Luft— ſchweb⸗ te eine Zeit hin und her— und nahm dann ploͤtzlich mit eilenden Fluͤgeln ihren Flug Falkenburg zu. Alle Einwohner des Schloſſes Hohenburg waren hoch erfreut, und prieſen den gluͤcklichen Ein⸗ fall des Fraͤuleins. Alle ſendeten der „ Taube tauſend gute Wöͤnſche und herz⸗ liche Gebethe nach. Kein Schiff mit Gold beladen war je unter ſo heißen Segenswuͤnſchen abgeſegelt. Frau Roſalinde und Fraͤulein E ma waren indeß doch voll aͤngſtlicher Sorgen.„Wird die Taube wohl auch an Ort und Stelle kommen? ſagte die Mutter. Wenn ſie einem Raubvogel in die Klauen ſiele— wenn ſie den weiten Flug nicht aushielte und ſich verſpaͤtete— wenn ſie zu Falkenburg nicht bemerkt und nicht eingelaſſen wuͤr⸗ de— ach welch ein entſetzliches Ungluͤck entſtaͤnde daraus!“ Mutter und Toch⸗ ter ſetzten ſich an das Fenſter, das gegen Falkenburg ſah. Sie ſchauten mit ſehn⸗ lichen Blicken, unter ſtetem Herzensge⸗ beth, in die Gegend. Es war ihnen unbeſchreiblich bange. Sie getrauten es ſich kaum zu denken— ein Feuerzei⸗ chen am Himmel muͤſſe es ihnen verkuͤn⸗ den, wenn die Taube mit dem Brief⸗ chen nicht richtig eingetroffen waͤre. Sie — 49— n. wichen nicht von dem Fenſter, und kein Schlaf kam in ihre Augen. Nitternacht war ſchon vorbei; ein uͤrchterlicher Sturmwind brauste durch den Wald; die Gegend von Falkenburg lag in tiefem Dunkel. Jetzt wurde es aber zu ihrem Entſetzen dorthin helle. Sie zitterten beide und betheten.„Ach Gott, rief Emma, jetzt ſchlaͤgt die Flamme empor— immer hoͤher und hoͤher! Ach ſieh, wie der Sturmwind 4 ſie ſeitwaͤrts beugt!“ Mutter und Toch⸗ „lter fielen beinahe in Ohnmacht. Allein — zu ihrer großen Freude— wurden „ ſie bald ihres Irrthums gewahr. Die „ vermeinte Flamme war die gebogene Spitze des Mondes im letzten Viertel, n der in der dunſtigen Luft mit feuerfar⸗ „ benem Glanze aufging und bald, einer „ Sichel aͤhnlich, uͤber den fernen Bergen „ ſchwebte. Sie blieben am Fenſter; ſie e bemerkten aber durchaus nichts von je⸗ Erzaͤhlungen f. Kinder. II. 3 28—— 2 an— und mit Freuden und herzlichem V liche Morgenroth. — 50— d ner furchtbaren Roͤthe, die bei einer fernen Feuersbrunſt am naͤchtlichen Him⸗ mel erſcheint. Endlich brach der Tag —— —4„2¶——— Danke gegen Gott begruͤßten ſie nach uͤberſtandener Schreckensnacht das freund⸗ V I V. I Roſalinde und Emma wußten nun wohl, daß es den Boͤſewichtern nicht gelungen ſey, Falkenburg in die Aſche zu legen. Allein ſie waren noch immer hoͤchſt bekuͤmmert, ob dem edlen Rit⸗ ter und ſeinen lieben Angehoͤrigen nichts am Leben geſchehen ſey.„Ach was gaͤbe ich um eine gute Nachricht von Falkenburg! ſagte Roſalinde oͤfter. All mein Schmuck waͤre mir nicht zu viel.“ „Und ich, ſagte Emma, wollte all mein Schatzgeld mit Freuden dazu le⸗ gen.“ Indeß war das, was in der — ͤ2 S ———+.42ͤ22——ͤ— verfloſſenen Nacht zu Falkenburg vor⸗ gegangen war, fuͤr ſie jetzt noch ein Geheimniß, und es blieb ihnen nichts anderes uͤbrig, als geduldig auf weitere Nachrichten zu warten. Die Sache war aber ſo gegangen: Ritter Theobald, Frau Othilia und Fraͤulein Agnes hatten ſich am verigen Abende vergnuͤgt und ohne Sorge zu Tiſche geſetzt. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange. Ihre feurigen Strahlen ſchienen durch die runden Fen⸗ ſterſcheiben, und erleuchteten den alter⸗ thuͤmlichen Speiſeſaal. Da meldete ein Kriegsknecht die zwei Pilger. Der Rit⸗ ter befahl, ſie gut zu bewirthen.„Nach Tiſch, ſagte er, will ich ſie ſprechen. Da ſollen ſie herauf kommen, und uns von ihrer Pilgerfahrt erzaͤhlen. Gebt ihnen indeſſen einen Krug Wein, da⸗ mit ſie geſpraͤchig werden.“ Der Knecht ging, und Agnes freute ſich ſchon zum 3* — 52— voraus auf die ſchoͤnen Erzaͤhlungen. Ach, keines ahnete, welch ein ſchrec liches Ungluͤck ihnen drohe! Wie ſie nun ſo froͤhlich und trau⸗ lich beiſammen ſaßen und redeten— rief Agnes auf einmal verwundert: „Je, mein Taͤublein!“ Wirklich war es mit ausgeſpannten Fluͤgeln vor dem Fenſter, und pickte an die Scheiben, als baͤte es, daß man es herein laſſen moͤchte. Agnes oͤffnete das Fenſter und ſogleich flog das Taͤubchen ihr auf die Schulter, und liebkoſete ihr.„Sieh doch, was fuͤr ein nettes, rothes Hals⸗ baͤndchen es hat, ſagte die Mutter; und da haͤngt ja gar ein zuſammen gerolltes Papier daran— ich glanbe gar ein Briefchen. Was die Kinder doch fuͤr ſeltſame Einfaͤlle haben.“ V Der Ritter beſah das Papier naͤ⸗ her— und las die Worte darauf: „Augenblicklich zu leſen.“„Nun, ſag: — 53— te er laͤchelnd, das wird große Eile ha⸗ ben!“ Er rollte das Blatt auf, ſah hinein— und entfaͤrbte ſich.„Gott im Himmel, rief er, was iſt das.“ „Was iſts denn?“ riefen Mutter und Tochter erſchrocken. Der Ritter las: „Sehr edler Herr! Die zwei Pilger, die heute Abends zu Euch kommen, ſind zwei Raͤuber, von der großen Bande, die ihr beſiegt habt. Der Aeltere heißt Lupo; der Juͤngere Orſo. Sie tragen Harniſche und ſcharfe Dolche unter ih⸗ ren Pilgerkleidern. Dieſe Nacht wollen ſie Euch, Eure Frau und Fraͤulein Ag⸗ nes, und alle Eure Leute ermorden, Euer Schloß pluͤndern und in Brand ſtecken. Mit Eurer Ritterkleidung, der goldenen Kette und dem Kreuze von Edelſteinen geſchmuͤckt, wollen ſie dann noch mehrere Menſchen betruͤgen. Noch ſieben Boͤſewichter in der Gegend war⸗ ten nur auf das verabredete Zeichen— -— 34— drei Lichter unter dem Fenſter der Pil⸗ gerſtube— um heimlich in das Schloß zu kommen, und ihnen zu helfen. Die zwei Raͤuber wollen ihnen das kleine Gartenpfoͤrtchen heimlich oͤffnen und ſie herein laſſen. Gott gebe, daß die Tau⸗ be gluͤcklich ankomme, und daß Ihr alle gerettet werdet. Euch auf einem andern Wege eine Nachricht zu ſenden, war unmoͤglich. Laßt doch augenblick⸗ lich durch einen reitenden Bothen Eure Rettung melden— Eurer dankbaren Ro⸗ ſalinde.“ „O Gott, rief die Mutter geruͤhrt, wie wunderbar biſt Du! Die Taube iſt ein Bothe des Himmels, wie einſt die Taube des Noe, die den Oelzweig in die Arche brachte. O Agnes, laß uns Gott auf den Knien danken, wie jene frommen Menſchen in der Arche. Er rettet uns eben ſo wunderbar!“ V Auch der Ritter ließ ſich auf ein . —— 122 a — 55— Knie nieder und rief mit gefalteten Haͤnden zum Himmel blickend:„O Gott, Dir ſey Dank!“ Er hieß dann ſeine Gemahlinn und ſeine Tochter in ein anderes Zimmer gehen, warf ſich in ſeinen Harniſch, und befahl einem Paar ſeiner ſtaͤrkſten Reitersknechte bei der Hand zu ſeyn. Hierauf ließ er den zwei Pilgern wiſſen, ſie moͤchten herauf kommen. Mit gar demuͤthigen Mienen und vie⸗ len Verbeugungen traten ſie in das Zimmer, und Lupo, der das Wort fuͤhr⸗ te, fing mit ſuͤßer, laͤchelnder Miene und ganz ausnehmender Hoͤflichkeit an: „Edelgeſtrenger Herr und Ritter! Wir kommen eben geraden Weges von Ho⸗ henburg, und ſind die Ueberbringer von tauſend und abermal tauſend freundlichen Begruͤßungen. O wie gluͤcklich ſchaͤtzen wir uns, den Mann von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, deſſen Hel⸗ — 36— denruhm die Welt erfuͤllt, den alle Be⸗ draͤngte, alle Wittwen und Waiſen an⸗ bethen, und den die fromme Roſalin⸗ de, als ihren glorreichen Beſchuͤtzer, nicht genug loben und preiſen konnte! Ach, was das fuͤr eine gottſelige Frau iſt! Sie uͤberhaͤufte uns Mindeſte mit unverdienten Ehren. Und was ihr zar⸗ tes Toͤchterlein Emma fuͤr ein holdſeli⸗ ges Fraͤulein iſt! Der kleine Engel zer⸗ floß ganz in Thraͤnen, als wir von unſrer andaͤchtigen Pilgerfahrt erzaͤhlten. Doch— wir haben Euch und den hoch⸗ und liebwertheſten Eurigen noch Stun⸗ denlang von Hohenburg zu erzaͤhlen. Fuͤr jetzt entledigen wir uns nur noch des Auftrags, Euch zu melden, daß Mut⸗ ter und Tochter und beſonders das ar⸗ tige, allerliebſte Taͤublein ſich dermalen noch alle drei im hoͤchſten Wohlſeyn befinden.“ Ritter Theobald ward durch dieſe uͤbertriebenen Schmeicheleien, die ihm in der Seele zuwider waren, noch mehr aufgebracht. Indeß hielt er ſich noch zuruͤck und fragte ſehr ernſt, aber ganz ruhig:„Wer ſeyd ihr?“„Arme Pil⸗ gersleute, antworteten ſie, kommen aus dem gelobten Lande— ziehen unſerer Heimath zu, nach Thuͤringen, wo wir geboren ſind.“„Wie heißt ihr?“ frag⸗ te der Ritter weiter.„Ich heiße Hermann, ſagte Lupo, und mein jun⸗ ger Vetter da heißt Burkhard.“„Was wollt ihr auf dieſem Schloſſe?“ fuhr der Ritter fort.„Nichts als eine Nacht⸗ herberge, ſagten ſie, ſich verneigend— morgen mit dem Hahnenruf ziehen wir weiter. O wie werden ſich die Unſern freuen, uns wieder zu ſehen.“ „Ihr luͤgt! rief jetzt der Ritter mit donnernder Stimme. Ihr heißt nicht Hermann und Burkhard; ſondern du, alter Schurke, heißt Lupo, und du, berge zu ſuchen, ſondern zu morden und — 58— junger Boͤſewicht, Orſo. Ihr enme nicht aus dem gelobten Lande, und ſeyd keine Pilger, ſondern Raͤuber, Meu⸗ chelmoͤrder und Mordbrenner. Thuͤrin⸗ gen iſt nicht eure Heimath; ihr ſeyd keine Deutſchen. Nicht eine Nachther⸗ zu rauben, zu ſengen und zu brennen, ſeyd ihr hieher gekommen. Der Lohn, den eure Thaten verdienen, ſoll euch werden. Durch Schwert und Feuer ſollt ihr hingerichtet werden.— Was! Ihr ſolltet Ritterkleidung, Kreuz und Kette von mir tragen? Auf, ihr Knech⸗ te, reißt ihnen ihre betruͤgeriſche Klei⸗ dung ab, damit ſie in ihrer wahren Tracht daſtehen. Entwaffnet ſie, legt ſie in Ketten, und werft ſie zu unterſt in den Thurm.“ Die Knechte packten ſie, und riſſen ihnen die Pilgerkleidung ab. Da ſtan⸗ den ſie nun geharniſcht.„O der ab⸗ b ———— 2— G—— 8 — 59— ſcheulichen Heuchelei, ſprach der Rit⸗ ter, unter dem Scheine der Froͤmmig⸗ keit fromme Gemuͤther ſo zu betruͤgen! Dieſer Frevel allein verdiente ſchon den Tod.“ Sie wurden Beide kreuzweis gefeſſelt, und in den Thurm geworfen. Wie ſie Beide unten im Thurme la⸗ gen, da ſagte der Juͤngere:„Mich wundert nur, wie der Ritter Alles ſo haarklein wiſſen kann. Er weiß ja ſo⸗ gar das, was wir erſt unterwegs mit⸗ einander verabredeten, daß wir ſeine Kleidung tragen, und uns kuͤnftig fuͤr Ritter ausgeben wollten. Sollte der Knabe, der uns begleitete, unſre Spra⸗ che dennoch verſtanden, und uns verra⸗ then haben?“ „Da muͤßte er oben bei den Fen⸗ ſtern des Schloſſes herein geflogen ſeyn, ſagte der Alte. Ich gab genau Acht, und ließ die Schloßpforte nicht aus dem Auge. Kein Menſch kam uͤber die Zug⸗ bruͤcke, ſeit wir herein gekommen. Das geht einmal nicht mit rechten Dingen her! Der Ritter hat einen Bund mit der Hoͤlle.“ Der alte Boͤſewicht gerieth ſo in Wuth, daß er die ſchrecklichſten Fluͤche uͤber den Ritter ausſtieß.„Dieſer grauſame Theobald, ſagte er unter an⸗ derm mit ſchaͤumenden Munde, hat al⸗ lein die Schuld an unſerm ganzen Un⸗ gluͤcke.“ Der verſtockte Lupo wollte es nicht einſehen, er ſelbſt habe ſich durch ſeine Uebelthaten ungluͤcklich gemacht. Orſo, der juͤngere Raͤuber, fing aber an zu weinen und zu jammern, und dem Alten Vorwuͤrfe zu machen.„O daß ich deinen falſchen Vorſpiegelungen nicht geglaubt haͤtte! ſagte er. Du verſprachſt mir ein luſtiges Leben in Ehre und Ue⸗ berfluß, und jetzt wartet meiner nichts, als der ſchmaͤhlichſte Tod. Du wollteſt es mir immer ausreden, daß unſere Tha⸗ ten boͤſe ſeyen, daß Gott das Boͤſe in jener und oft auch ſchon in dieſer Welt fuͤrchterlich ſtrafe. Allein eine Stimme in meinem Innerſten ſprach immer ganz anders, und kuͤndete mir die bevorſte⸗ hende Strafe an. O daß ich dieſer Stimme geglaubt haͤtte! Was helfen mir jetzt alle bereits geraubten Schaͤtze? Haͤtte ich mich von der ſchlechteſten Ar⸗ beit, von Holzſpalten oder Karrenſchie⸗ ben, redlich und ehrlich genaͤhrt, und dabei ein gutes Gewiſſen bewahrt, wie gluͤcklich waͤre ich im Vergleich mit mei⸗ nem jetzigen Zuſtand! Aber nun hat die Hand des hoͤchſten Richters, der die geheimſten Miſſethaten ſieht und ſtraft, mich ergriffen, und in dieß ſchauerliche Gefaͤngniß herunter geſtuͤrzt. In dieſer Welt iſts mit mir vorbei. O daß ich doch in jener Welt noch Gnade finden moͤge! Daß ich doch wenigſtens andern jungen Leuten zum warnenden Beiſpie⸗ — 62— le dienen moͤge— damit ſie nicht auch von der Begierde nach Reichthum und Wolluſt ſich zu Suͤnde und Laſter ver⸗ fuͤhren laſſen, und ſich nicht auch in ei⸗ nen ſolchen Abgrund von Elend ſtuͤrzen, wie ich!“ Die Kriegsknechte im Schloſſe hat⸗ ten indeß auf Befehl des Ritters noch ein anderes Geſchaͤft zu beſorgen. Sie ſtellten, ſobald es dunkel geworden, und die Sterne am naͤchtlichen Himmel glaͤnz⸗ ten, drei brennende Kerzen unter das Fenſter der Stube, die gewoͤhnlich den Pilgern und andern ehrbaren Wande⸗ rern zum Uebernachten angewieſen wur⸗ de. Hierauf begab der Thorwaͤrter, auf deſſen Klugheit der Ritter rechnen konn⸗ te, ſich mit ſieben Kriegsknechten in den Schloßhof, und lauerte an dem kleinen Pfoͤrtchen der Mauer, bis die Raͤuber kaͤmen. Er wartete lange vergebens. Die Mitternachtsſtunde war voruͤber. — 63— Der Mond ging auf und erhellte be⸗ reits die Zinne des alten Schloßthurms. Die Knechte waren daruͤber voll Ver⸗ druß.„Jetzt iſt all unſere Muͤhe um⸗ ſonſt, ſagten ſie; die Schurken werden uns ſogleich erkennen und entfliehen.“ „Mir faͤllt ein Mittel ein, ſprach der Thorwaͤrter, ſie ſicher herein zu lo⸗ cken.“ Er ging eilig, kam aber ſo⸗ gleich wieder zuruͤck. Er hatte eines der Pilgerkleider angezogen und einen Muſchelhut aufgeſetzt.„So, ſprach er, werden ſie mich nicht erkennen; ihr aber ſtellt euch dort hinter den Pfeiler der Mauer, damit ſie euch nicht ſogleich ſehen.“ Sie warteten aufs neue mit Ungeduld. Endlich klopfte etwas leiſe außen an dem Thuͤrlein. Der Thorwaͤrter machte leiſe auf. Ein Raͤuber ſtand unter dem Pfoͤrtchen, ſah ihn in der Verkleidung fuͤr ſeinen Spießgeſellen an, — 64— und ſprach mit heimlicher Stimme: „Kommen wir recht?“„Gerade recht! ſagte der Thorwaͤrter eben ſo heimlich; ſeyd nur ſtille, und kommt alle her⸗ ein!“ b Alle ſieben ſchlichen, einer nach dem andern, auf den Zehen herein. Sie trugen Schwefel und Pechkraͤnze bei ſich, und jeder hatte ein Schwert um⸗ geguͤrtet. Als der letzte herein war, ſchloß der Thorwaͤrter das Thuͤrlein, ſteckte den Schluͤſſel zu ſich, und ſchrie laut:„Jetzt gilts!“ Ploͤtzlich ſprangen die Knechte her⸗ bei, fielen uͤber die Raͤuber her, und jeder packte ſeinen Mann. Im naͤmli⸗ chen Augenblicke kam der Ritter, in voller Ruͤſtung, und von mehreren Knech⸗ ten mit brennenden Fackeln und blitzen⸗ den Schwertern begleitet, in den Schloß⸗ hof. Die daͤmmernde Mondnacht glich auf einmal dem hellen Tage. Die Raͤu⸗ ———————— ber waren vor Schrecken faſt des Todes. Sie hatten nicht einmal Zeit gefunden, das Schwert zu ziehen. Mit leichter Muͤhe wurden ſie uͤberwaͤltigt, in Ket⸗ ten gelegt, und in das Gefaͤngniß ge⸗ worfen, um den Lohn ihrer Miſſethaten zu empfangen. „So, ſagte der Ritter, geht es je⸗ dem, der Boͤſes thut, und wer immer ſeinem Raͤchſten eine Grube graͤbt, der ſtuͤrzt am Ende ſelbſt hinein.“ 1 VI. Wi⸗ Zu Hohenburg warteten Frau Ro⸗ ſalinde und Fraͤulein Emma noch immer ſehnlich und nicht ohne bange Beſorg⸗ niſſe auf einen Bothen von Falkenburg. Emma lief in einer Stunde wohl zehn⸗ mal die ſteinernen Staffeln der Wendel⸗ ſtiege hinauf zu dem Thurmwaͤchter, um ſelbſt zu ſehen, ob der Bothe denn noch nicht komme— und ſie ſah ſich faſt die Sie ſind's gewiß!“ Mutter und Toch⸗ macht, die Freudennachricht von ihrer —-— 66— Augen aus. Als Mittag voruͤber war, und ſich noch kein Reitender blicken ließ, empfanden Mutter und Tochter aufs neue eine große Herzensangſt, und jede Stunde kam ihnen ſo lange vor, daß ſie das Ende derſelben kaum zu erleben glaubten. Endlich gegen Abend, da Emma wieder oben auf dem Thurme war, kam auf dem kleinen Straͤßchen, das zum Schloſſe fuͤhrte, ein Wagen von mehreren Reitern begleitet aus dem de hervor. Emma flog die Wen⸗ del:„Je herab, und rief ihrer Mutter voll Entzuͤckens zu:„Sie kommen ſelbſt! 2—, d 2 2ͤ25(S — — ter eilten ſogleich den Schloßberg hinab, und gingen ihnen eine Strecke Weges entgegen. Ritter Theobald, ſeine Genahlinn und Tochter, hatten ſich ſchon lange vor Anbruch des Tages auf die Reiſe ge⸗ +—————,+₰—„——— glaͤcklichen Errettung ſelbſt zu uͤberbrin⸗ gen, und muͤndlich zu danken. Ritter Theobald ſprang, ſobald er Roſalinde und Emma erblickte, vom Pferde— und Frau Othilia und Agnes ſtiegen aus dem Wagen, gruͤßten ſie auf das freundlichſte, und dankten ihnen mit ei⸗ ner Herzlichkeit, die nicht auszuſprechen iſt. Alle waren hoch erfreut, und gin⸗ gen unter wechſekweiſen Erkundigungen und Erzaͤhlungen den Schloßberg mitein⸗ ander zu Fuß hinauf. Der Abend ihres gluͤcklichen Wieder⸗ ſehens nach einer ſo großen Gefahr wur⸗ de mit einer Freudenmahlzeit gefeyert. Alle waren hoͤchſt vergnuͤgt, und ſpra⸗ chen beſtaͤndig von dieſer Geſchichte. Auch Leonardo, der bei Tiſche aufwar⸗ tete, mußte jedes Wort erzaͤhlen, das die Raͤuber mit einander geſprochen hat⸗ ten. Er that es ſehr gerne. Beſonders er ausfuͤhrlich erzaͤhlte er, wie der juͤngere — 68— Raͤuber dort, an jenem Abgrunde fuͤr ihn gebethen habe, ihn nicht hinab zu werfen.„Deßhalb, ſagte Leonardo, moͤchte ich fuͤr den ungluͤcklichen Men⸗ ſchen jetzt auch fuͤrbitten. Da er doch mildere Geſinnungen zeigte, ſo duͤrfte er doch auch mit einer mildern Strafe davon kommen.“ Alle gaben hierin dem guten Knaben Recht. Anm Ende der Mahlzeit ergriff Rit⸗ ter Theobald den ſilbernen Becher und rief:„Es lebe Fraͤulein Emma! Ih⸗ rem gluͤcklichen Einfall, das Taͤublein zum Briefbothen zu machen, haben wir Falkenburger es zu danken, daß wir nicht unter dem Schutte der abgebrann⸗ ten Burg begraben liegen.“ „O nein, ſagte die beſcheidene Em⸗ ma erroͤthend, die Freundlichkeit, mit der Agnes ſich des armen Taͤubleins erbarmte, und die Guͤte, mit der ſie es dann mir ſchenkte, waren die erſten wi zu Uueſachen dieſer gluͤcklichen Begebenheit. Ihr gebuͤhrt die Ehre.“ V„Gottlob, ſprach Roſalinde, daß wir Aeltern mit euch beiden Kindern zufrieden ſeyn duͤrfen. Indeß werdet nur nicht ſtolz darauf, ihr Maͤd⸗ chen! Denn ſeht, der arme Waiſen⸗ kknabe Leonardo hier, der voll dankbarer Liebe zu unſern Wohlthaͤtern ſich außer Athem und faſt zu Tode gelaufen, hat ohne Vergleich mehr gethan, als ihr.“ „Wahrhaftig, ſprach Ritter Theo⸗ bald, Ihr habt Recht!“ Er fuͤllte ſeinen ſilbernen Becher mit Wein, trank erſt ein wenig, reichte ihn dann dem Knaben und ſagte:„Da, trink einmal auf unſer Wohl! Du mußt mir einſt ein Edelknappe werden; denn dein treues Herz adelt dich, und giebt dir den guͤltig⸗ ſten Anſpruch darauf.“ 2⸗ DOedthilia ſprach:„Auch dem guten, menſchenfreundlichen Adalrich, Roſalin⸗ dens ſeligem Eheherrn, gebuͤhrt nech ei⸗ ne dankbare Thraͤne! Denn haͤtte er den armen Knaben nicht voll Erbarmens mit ſich auf ſein Schloß genommen— wie ſtaͤnde es jetzt mit uns?“ „Es iſt wahr, ſagte Roſalinde, Emmas Mutter, die Wohlthat, die mein ſeliger Adalrich dem armen Wai⸗ ſenknaben erwies, ward uns durch Eure Rettung, die uns ſo herzlich freut, als waͤre ſie uns ſelbſt wiederfahren, hun⸗ dertfaͤltig vergolten. Allein hat Ritter Theobald weniger edel an mir und mei⸗ ner Emma hier, die auch eine vaterloſe Waiſe iſt, gehandelt? Seine Huld, mit der er uns aufnahm, und uns gegen unſere Feinde ſchuͤtzte, konnte nicht un⸗ belohnt bleiben. Ihn, der uns gerettet, rettete Gott wieder. Eben ſo hat Er, der treue Vergelter alles Guten, der guͤtigen Othilia und der freundlichen Ags * e ſa d —— „nes ihre Liebe gegen uns vergolten. Ihm n ſey Lob und Dank!“ „Ja, beſchloß der Ritter, Gott ge⸗ V ſo auch hier— der erſte Dank! Er hat gnaͤdig auf „uns herab geſehen, und hat durch ein ie ſchuldloſes Taͤublein große und maͤchtige i Dinge an uns gethan. Ihm ſey un⸗ e endlicher Dank! Indeß wollen wir auch s gegen edle Menſchen nicht undankbar „ ſeyn! Was mein Schwert nicht ver⸗ er mocht haͤtte— meine eigene Burg ge⸗ in gen Liſt und Trug vor dem Untergan⸗ ſe ge zu ſchuͤtzen— das fuͤhrte Fraͤulein it Emma mit Hilfe eines Taͤubleins aus. en uas Frauen, ja Kinder vermoͤgen viel n⸗ Gutes zu ſtiften, wenn ſie eines guten t, Willens ſind— und von ganzem Her⸗ e, hen auf den Herrn vertrauen, wie Ro⸗ er ſalinde und Emma. Und da Fraͤulein 9 Emma einſt Beſitzerinn dieſes Schloſſes dird, und in ihrem kindlichen Alter, — 22— ohne Schwert, dem Reiche eine Graͤng d feſte erhalten hat, ſo werde ich darauf l antragen, daß ihr der Kaiſer geſtatte, r eine weiße Taube mit einemi gruͤnen g Oelzweige in ihrem Wappen zu fuͤh⸗t ren.“ r Othilia ſagte:„Das haſt du ſehr b gut ausgedacht, und mußt es zu Stan⸗ d de bringen. Indeſſen moͤchte auch ich d der lieben Emma eine kleine Freude r machen.“ Sie winkte ihrer Tochter. Agnes ging hinaus— und uͤber eine kleine Weile flog das Taͤubchen herein. Agnes hatte es in einem Koͤrblein mit⸗ gebracht, allein ihrer kleinen Freundinn bisher nichts davon geſagt. Das Taͤub⸗ chen ſetzte ſich nun auf Emmas ausge ſtreckte Hand. Zu Emmas freudigem Erſtaunen hatte es einen goldenen Oel⸗ zweig mit goldenen Blaͤttchen im Schna dene Oelzweig, das ſchoͤne Sinnbild bel. Othilia aber ſagte:„Der gol — 33— 9 der Rettung aus Gefahren, ſey Euch, uf liebe Emma, ein kleines Zeichen unſe⸗ 2, rer Dankbarkeit. Meine ſelige Mutter en gab ihn mir einmal zum Geſchenk, he und ich trug ihn ehemals als eine Haar⸗ nadel, wozu er auch beſtimmt iſt. Die hr fromme Mutter ſagte mir, als ſie mir m den Oelzweig gab, einen Reim, der ch durch dieſe Geſchichte ſehr ſchoͤn erfuͤllt de ward, und ſo lautet: r. ne Laßt felſenfeſt uns auf den Herrn ver⸗ n. trauen, Anf Ihn gleich Jenen in der Arche bauen— it⸗ So ſendet zu der Zeit der Noth an Uns ſichre Hilf'— der liebe Gott!“ Erzaͤhlungen f. Kinder. II. Das verlorne Kind. 1. Die arme Fiſcherinn Theodore lebte in einer einſamen Huͤtte des Waldes, nicht weit von dem Ufer der Donau. Ihr Mann war vor Kurzem in der ſchoͤn⸗ ſten Bluͤthe ſeines Lebens geſtorben. Ihr einziger Troſt in ihrem fruͤhen Wittwenſtande war ihr einziges Kind, ein holder, ſchoͤner Knabe von etwa fuͤnf Jahren, der Auguſt hieß. Ihn fromm und gut zu erziehen, war ihre groͤßte Angelegenheit; ihm die vaͤterliche Huͤtte mit dem Fiſcherrechte zu erhal⸗ ten, ihre beſtaͤndige Sorge. Den Fiſch⸗ — ———— ͤ ͤ — Sͤ 2 S”„/ —„— ☛ 5 —. 25— fang hatte ſie fuͤr jetzt freilich aufgeben muͤſſen, und die Fiſchergeraͤthe ihres ſe⸗ ligen Mannes, die ungebraucht an der Wand hingen, und ſein Fiſcherkahn, der umgeſtuͤrzt neben der Huͤtte ruhte, waren ihr ein ſchmerzlicher Anblick. Indeß verdiente ſie immer Einiges mit Neſtricken, worin ſie ſehr geſchickt war, und oft um Mitternacht, wann der kleine Auguſt laͤngſt ſchlief, arbeitete ſie noch unermuͤdet fuͤr ihn. Der Kleine hatte aber auch keinen andern Sinn und Gedanken, als ſei⸗ ner Mutter Freude zu machen. Die gute Mutter weinte bei jeder Gelegen⸗ heit, die ſie an ihren ſeligen Mann er⸗ innerte, und Auguſt war immer darauf bedacht, ſie nach ſeiner Art zu troͤſten. Einige Tage nach dem Tode ihres ge⸗ liebten Mannes kam ihr Bruder, ein duicher aus dem naͤchſten Dorfe, in die Stube, und brachte ihr einen Fiſch 4* den ſchoͤnen Spiegelkarpfen, und fing an zu weinen.„Ach, ſagte ſie, ich haͤtte nicht gedacht, daß noch einmal gein ſo ſchoͤner Fiſch in meine Huͤtte kommen ſollte!“ Da ſprach der kleine Auguſt:„Weine nicht, Mutter; wenn ich einmal groß bin, fange ich dir Fi ſche genug.“ Die trauernde Mutter laͤchelte wieder, und ſagte:„Ja, An⸗ guſt, ich hoffe, du ſollſt einmal der Troſt meines Alters ſeyn. Werde ein ſo guter, rechtſchaffener Mann, wie es dein Vater war, und ich werde dann die gluͤcklichſte Mutter ſeyn.“— Einmal an einem ſchoͤnen Herbſt⸗ tage ſtrickte Theodore vom fruͤhen Mor⸗ 3 gen an ſehr emſig an einem großen Ne⸗ tze, mit dem ſie heute fertig zu werden dachte. Auguſt ſammelte indeſſen im Walde umher Buchnuͤſſe, aus denen die Mutter wollte Oel preſſen laſſen, . zum Geſchenke. Theodore Lerene. .———) 8 —— e — 27— um in den langen Winternaͤchten bei ihrer Netzſtrickerei ein wohlfeiles Oel⸗ licht zu haben. Der kleine Auguſt freu⸗ te ſich allemal herzlich, wenn er ſein kleines, laͤnglicht tiefes Armkoͤrblein der Mutter wieder, aufgehaͤuft voll Buch⸗ fruͤchte, bringen konnte. Die Mutter lobte ihn dann allemal, um ihn noch mehr zum Fleiße zu ermuntern und ihn fruͤh zu einem arbeitſamen Leben zu ge⸗ woͤhnen. Jetzt wurde es aber bald Mittag, und der Kleine war hungrig und muͤde. Endlich laͤutete man in dem naͤchſten Doͤrflein die Mittagsglo⸗ cke, und die Mutter rief zum Eſſen. Sie hatte das kleine Mittagsmahl, ei⸗ ne Schuͤſſel in Milch gebrocktes Brod, unter den ſchoͤnen Buchbaum herausge⸗ bracht, der nicht weit von der Huͤtte auf einem freien, gruͤnen Platze des Waldes ſtand. Nachdem die Schuͤſſel geleert war, — 78— 2 ſagte die Mutter zu Auguſt:„Nun leg dich hier in den Schatten des Bau⸗ mes nieder und ſchlafe ein wenig. Ich gehe indeß an meine Arbeit, und kom⸗ me dann zu rechter Zeit ſchon wieder, dich zu wecken.“„So, ſchlaf wohl!“ rief ſie, indem ſie noch einmal umblick⸗ te, und dann mit dem leeen Geſchirte in die Huͤtte ging. Sie ſah uͤber eine Weile wieder nach. Der Kleine War auf dem gruͤnen Raſen eingeſchlafen; ſein lockigtes Koͤpfſchen ruhte auf dem einen Arme und mit dem andern um⸗ ſchlang er das niedliche Koͤrblein. Er V laͤchelte im Schlafe, und ſein Angeſicht und die rothe Wange war von dem wan⸗ kenden Buchlaube lieblich beſchattet. V Sie eilte wieder zu ihrem Retze, und ſtrickte eifrig fort, bis es vollends fertiz war. Ueber der Arbeit waren ihr ein paar Stunden wie ein paar Augenblicke verfloſſen. Sie wollte nun au—. — 22—, 8* den kleinen Auguſt wecken; allein ſie fand ihn nicht mehr unter dem Bau⸗ me.„Das fleißige Kind iſt mit ſei⸗ nem Koͤrblein ſchon wieder bei der Ar⸗ beit!“ ſagte ſie freudig. Ach, ſie ah⸗ nete nicht, was fuͤr ein Jammer auf ſie warte! Sie ging wieder, und brei⸗ tete das Netz auf dem gruͤnen Raſen aus. Sie fand hie und da noch etwas daran auszubeſſern. So verfloß wie⸗ der eine gute Weile. Als aber der Knabe mit ſeinem Koͤrblein noch im⸗ mer nicht kam, wurde ſie um ihn be⸗ ſorgt. Sie ſuchte ihn im ganzen Wal⸗ de, der etwa eine Stunde lang und eine halbe Stunde breit war; allein nirgends fand ſie ihn. Sie rief wohl hundertmal:„Auguſt! Auguſt!“ Al⸗ lein ſie vernahm keine Antwort. Es wurde ihr nun ſehr bange; ſie fuͤhlte eine wahre Todesangſt.„Sollte er, ſprach ſie, meiner Warnung, die — 80— ich ihm ſo oft, ſo ernſtlich niederhol⸗ te, vergeſſen und ſich an das Waſſer gewagt haben!“ Sie zitterte ſchon bei dem Gedanken, und lief an den Fluß. Auch da ward ſie nichts von ihm ge⸗ wahr. Nun eilte ſie weinend und weh⸗ klagend in das Dorf. Eine Menge Leute verſammelte ſich um die jammern⸗ de Mutter. Alle hatten Mitleid mit ihr; beſonders ihr Bruder. Kein Menſch aber wußte etwas von dem Kinde. Indeß beſchloß die ganze Schaar einmuͤthig, das Kind zu ſu⸗ chen. Einige begaben ſich in den Wald, Andere in die umliegende Gegend, wie⸗ der Andere an den Fluß, den Knaben aufzuſuchen. Die Nacht brach ein, und nirgends hatte man eine Spur von ihm erblickt. „Wenn er in der Donau ertrun⸗ ken iſt, ſagte einer der Fiſcher aus dem Dorfe, ſo finden wir die Leiche gewiß. — 81— Wir kennen ja den Zug des Waſſers. Dort unten auf dem Kiesgrunde, wo der große Weidenbaum ſteht, wirft es ihn ſicher wieder aus.“ Die Mutter ſchauderte uͤber dieſe Rede zuſammen, kehrte troſtlos in ihre Huͤtte zuruͤck, und durchwachte und durchweinte da einſam die Nacht. So⸗ bald ſich die Morgenhelle zeigte, eilte ſte an den Fluß, die Leiche ihres ge⸗ liebten Kindes vielleicht dort zu finden. Ja, mehrere Tage, mehrere Wochen ging ſie alle Morgen und Abende mit erſchrockenem Herzen dahin, und wan⸗ V derte jammernd am Strome bald auf⸗ waͤrts, bald abwaͤrts. Die Fiſcher, die in der Morgendaͤmmerung auf dem Fluſſe an ihr Tagwerk fuhren, oder am ſpaͤten Abende davon zuruͤck kehr⸗ ten, ſahen ſie oft ſo wandeln und die Hände mehrmals zum Himmel erheben, und wurden alle herzlich betruͤbt. So verging eine geraume Zeit. Die Leiche kam nicht zum Vorſchein; die Mutter ſah und hoͤrte nichts mehr von dem Kinde. Sie war immer un⸗ ausſprechlich betruͤbt.„In ſo kurzer Zeit, ſprach ſie, meinen ſo guten Mann und mein ſo liebes Kind zu verlieren— ach, das iſt zu hart! Wenn ich nicht daͤchte, Gott habe es ſo geſchehen laſ⸗ ſen, ich muͤßte verzweifeln.“ Sie machte ſich oft ſelbſt die bitterſten Vor⸗ wuͤrſe.„Ich haͤtte beſſer auf das Kind Acht geben ſollen!“ rief ſie weinend und die Haͤnde ringend.„O ihr Muͤt⸗ ter, ſagte ſie zu den Weibern des Dor⸗ fes, die ſie troͤſten wollten, ſpiegelt euch an mir, und ſeyd vorſichtiger!”“ V Die arme Theodore ſah vor Kum⸗ mer nach und nach ſo blaß aus, wie eine Leiche, und ſchwand dahin, wie ein Schatten. Als ſie in ihrer ſchwar⸗ zen Kleidung, die ſie noch ihres verſtor⸗ — 33— benen Mannes wegen trug, einige Wo⸗ chen nach Verluſt des Kindes, am G Sonntage in die Kirche kam, ſagten die Leute zu einander:„Die arme Do⸗ Re! Sie folgt ihrem Manne und Kin de gewiß bald nach in das Grab!“ Der Pfarrer des Dorfes, ein ſehr t. guͤrdiger Greis, der an den Schickſag klen ſeiner Pfarrkinder den herzlichſten e Antheil nahm, hatte ſie ſchon einige 2 Male in ihrer Huͤtte beſucht, und ſie d ggetröoſtet. Allein als er ſie dieſes Mal d in der Kirche ſah, war ihm ihr blaſ⸗ t, ſes, tiefbetruͤbtes Angeſicht recht aufge⸗ r, fallen. Er ließ ſie nach dem Gottes⸗ ch dienſte rufen. Als ſie in das Zimmer trat, ſaß der gute Greis, ſeine ſchnee⸗ n, weißen Haare mit einem ſchwarzen i Sammetkaͤppchen bedeckt, an ſeinen die Pulte und ſchrieb aben etwas in das Pfarrbuch ein. Er gruͤßte ſie freundlich und ſagte:„Wartet nur ein klein we⸗ — 94— nig, ich bin den Augenblick fertig.“ Theodore betrachtete indeß ein kleines Gemaͤlde, das in einem runden, ſchoͤn vergoldeten Raͤmchen an der Wand hing. Sie wurde davon ſehr geruͤhrt, und die Thraͤnen floßen ihr uͤber die Wangen. „Nun, ſprach der Pfarrer, indem er die Feder ausſpritzte und aufſtand, gefaͤllt Euch das Bild?“„Ach ja, ſagte Theodore; es iſt ſehr anmuthig. Mir kommt das Weinen, indem ich es anſehe.“ „Wißt Ihr auch, wen es vor⸗ ſtellt?“ fragte der Pfarrer weiter. „O ja wohl, ſagte Theodore, es iſt ein Muttergottesbild. Ich habe die ſchmerzvolle Mutter, wie ſie den Tod ihres lieben Sohnes beweint, noch nie ſo ſchoͤn gemalt geſehen.“ „Nun, ſprach der Pfarrer, eben ſie iſt das ſchoͤnſte und das troſtreichſte — 95— Beiſpiel fuͤr Euch. Betrachtet deßhalb dieſes ihr Bildniß nur recht! Seht, das Schwert in ihrer Bruſt iſt ein Sinnbild des tiefſten Schmerzens, der ihr bei dem blutigen Tode ihres goͤtt⸗ lichen Sohnes, nach Simeons Weiſſag⸗ ung, gleichſam das Herz durchbohrte. Ihre Augen voll Thraͤnen, die ſie, ſo wie die feſt zuſammen gepreßten Haͤnde, zum Himmel erhebt, zeigen von ihrer Andacht und von ihrem Vertrauen auf Gott. Die goldenen Strahlen aber, die um ihr Haupt glaͤnzen, bedeuten ihre Verherrlichung im Himmel, zu der ſie durch ihre Geduld im Leiden und ihre Ergebung in den goͤttlichen Willen gelangte.“ 1 „Gute Theodore! fuhr er fort, Ihr habt viel verloren— Euren Mann und Euer Kind! Ein zweiſchneidiges Schwert hat auch Euer Herz durch⸗ bohrt. Allein blickt, wie Maria, zum — ———ÿ — —— ——: —;= — 986— Himmel auf! Ergebt Euch in Gottes Willen! Vertraut auf Ihn! Bethet um Troſt, um Kraft von Oben. Ihr wißt ja, Maria ſtand aufrecht unter dem Kreuze. Der Glaube, mit dem ſie bei der Freudenbothſchaft des En⸗ gels ſprach: Sieh, ich bin die Magd des Herrn; mir geſchehe nach ſeinem Willen!— erfuͤllte auch jetzt, in ihrer tiefſten Trauer, ihr Herz und ließ ſie nicht ſinken. Nur der Glaube, daß Gott alles recht mache, daß gerade dieß, was Er geſchehen laͤßt, das Al⸗ lerbeſte ſey, kann auch Euch aufrecht halten, daß Ihr dem Schmerzen nicht unterliegt. Vergeßt daher das ſchoͤne große Ziel aller unſrer Leiden nicht. Die Leiden dieſer Zeit ſind nicht werth der Herrlichkeit, die an uns ſoll offen⸗ bar werden. Durch Leiden wird die Tugend vollendet; bald voruͤber gehende Leiden fuͤhren zu ewigen Freuden. Selbſt Chriſtus mußte durch Leiden in ſeine Herrlichkeit eingehen; auf dieſem Wege folgte Ihm Maria— und ſo giebt es auch fuͤr uns keinen andern Weg zum Himmel.“ Theodore hoͤrte ihm ſehr geruͤhrt zu, und fand an dem ſchoͤnen Bilde ein großes Wohlgefallen. Sie konnte es nicht genug betrachten.„Ich will dem Beiſpiele der ſchmerzvollen Mut⸗ ter folgen, ſagte ſie; ich will zum Him⸗ mel aufblicken— bethen— glaube— und mit ihr ſagen:„Herr, dein Wile geſchehe.” „Gut, ſagte der Pfarrer; das iit recht, das freut mich!“ Dem edlen Manne war nichts zu koſtbar, eine trau ernde Seele zu troͤſten. Er nahm das ſchoͤne Bildniß von der Wand, gab es der armen Fiſcherinn und ſprach:„Da⸗ mit Ihr Euren ſchoͤnen Vorſatz nicht vergeſſet und ihn halten moͤget, ſo nehmt das Bild mit nach Hauſe. Ich ſchenke es Euch. Wenn Euch das Herz wie⸗ der zu bluten anfaͤngt und Ihr darin⸗ nen gleichſam das zweiſchneidige Schwert fuͤhlet, ſo werft einen Blick auf das Bild— erneuert Euren Vorſatz— und die Wunde wird mit Gottes Hilfe nach und nach heilen, und droben im Himmel wartet dann Eurer auch eine herrliche Krone.“. Theodore folgte der Ermahnung des guten Pfarrers, und ihr Schmerz wurde um vieles milder. Nur wenn ſie an dem Baume vorbei kam, unter dem ſie ihren Auguſt das letzte Mal geſehen hatte, ging ihr allemal ein Stich in das Herz. Da kam ihr denn einmal der Gedanke, eine Vertiefung in den Baumſtamm hinein zu ſchneiden, und das ſchoͤne Bild hinein zu ſetzen.„Der Baum, ſagte ſie, macht mich immer aufs neue traurig; dann aber werde ——O—„——. ———,— — 89— ich hier auch immer neuen Troſt fin⸗ den.“—„Ach, ſeufzte ſie, andere Muͤtter ſetzen ihren verſtorbenen Kin⸗ dern auf dem Gottesacker ein kleines Denkmahl; der Baum mag dann das Denkmahl meines lieben Auguſts ſeyn.“ b Sie ſagte dem guten, alten Pfar⸗ rer von ihrem Einfalle, und er hatte nichts dagegen.„Wenn Euch das Troſt bringt, ſagte er, ſo thut es im⸗ merhin.“ Sie ſchnitt nun mit vieker Muͤhe eine runde Vertiefung, etwa ſo groß wie eine Fenſterſcheibe, in den Baumſtamm, fuͤgte das Bild hinein— und wenn ſie nun an dem Baume vor⸗ bei kam und ihr das Herz ſchwer wur⸗ de, blickte ſie auf das ſchoͤne Bild, ſag⸗ te:„Auch ich will eine Dienſtmagd des Herrn ſeyn, wie Maria; auch mir geſchehe nach ſeinem Willen!“— und ihr ward allemal wieder leichter um das Herz. II. Indeſſen die trauernde Mutter ih⸗ ren lieben Auguſt als todt beweinte, hatte der kleine, wenige Monate mehr als fuͤnfjaͤhrige Knabe einen Weg von mehr als hundert Stunden zuruͤck ge⸗ legt, war in der großen Kaiſerſtadt Wien angekommen, lebte da friſch und geſund in einem praͤchtigen Hauſe, das einem Palaſte glich, war ſo ſchoͤn und zierlich gekleidet, als waͤre er von ade⸗ liger Geburt, und wurde— was noch mehr war, als alles dieſes— auf das ſorgfaͤltigſte erzogen, und von den beſten Lehrern in allem Guten und Nuͤtzlichen unterrichtet. Dieſe wunderbare Ver⸗ aͤnderung ergab ſich auf eine ſehr ein⸗ fache Art. Nachdem Auguſt dort unter der Buche erwacht war, und ſich die Au⸗ aon eusaerieben hatte, ſuchte er ſogleich — 91— wieder im Walde nach Buchnuͤſſen, und hatte ſein Koͤrblein bald wieder uͤber die Haͤlfte gefuͤllt. Allein jetzt traf er lange keinen Buchbaum mehr an, und kam zuletzt, auf der Seite gegen den Fluß hin, aus dem Walde heraus. Da lag ein großes Schiff an dem ufer. Das Schiff hatte hier nur an⸗ gelegt, um noch auf einige Reiſende s zu warten, die mitfahren wollten. Die Schiffsgeſellſchaft, die aus mehreren, theils reichen, theils armen Familien (beſtand, war an das Land geſtiegen. 1[s Die Aeltern gingen auf dem ſchoͤnen in gruͤnen Raſen am Ufer auf und ab, ſich eine kleine Bewegung zu machen; ihre Kinder ſuchten indeſſen auf einem Kiesplatze am Waſſer bunte Steinchen. Die Kinder erblickten den kleinen Au⸗ er guſt, kamen herbei, und guckten, was a⸗ er in ſeinem Weidenkoͤrblein habe. Die e braunen Buchfruͤchte, die ſie theilte mit vollen Haͤndchen den Kin⸗ noch nicht kannten, gefielen ihnen. S „Das ſind ſonderbare Baunfruͤchte, er ſagte die kleine Antonie, ein liebliches er Kind, etwas juͤnger als Auguſt, und a⸗ zierlich wie ein Fraͤulein gekleidet. Sol⸗ ſe che kleine dreieckige Kaſtanien habe ich n noch nie geſehen.“„Nein, ſagte Au⸗ f guſt, das ſind keine ſo ſeltſamen Din⸗ d ger, wie du meineſt; das ſind Buͤche b lein und man kann ſie eſſen.“ Er ſ 6 dern davon aus, und es entſtand ein: großer Jubel unter ihnen. So viele t r 0 froͤhliche Kinder beiſammen zu finden, machte dem guten Auguſt die groͤßte Freude. Dieſes Gluͤck war ihm gar noch nie begegnet; denn nur ſelten hat⸗ te er ein Kind aus dem Dorfe zu ſehen t bekommen. Er geſellte ſich zu den Kin⸗ dern, und ſie theilten mit ihm, was ſie eben hatten, Birnen und Pflaumen. Auguſt Teos begierig, das V =— 93— Schiff naͤher zu beſehen. Es war das , erſte große Schiff, das er in der Naͤhe s erblickte. Das ſchwimmende Haus dar⸗ d auf, groͤßer als ſeine Huͤtte, kam ihm b ſehr wunderbar vor. Die Kinder nah⸗ h men ihn mit in das Schiff. Antonie „ fuͤhrte ihn in das tapezierte Zimmer, „ das fuͤr die vornehmere Reiſegeſellſchaft „ beſtimmt war.„Ei, rief Auguſt er⸗ er ſiaunt, in dem Hauſe iſt eine ſchoͤnere Stube, als bei mir daheim!“ Antonie n und ſeine uͤbrigen neuen Geſpielen zeig⸗ e ten ihm nun ihre Spielſachen. Auguſt „ war uͤber den Anblick all der Herrlich⸗ e keiten entzuͤckt, und dachte nicht mehr r an das Heimgehen. Indeſſen ſtieß das „ Schiff, ohne daß Auguſt in der Schiffs⸗ n ſtube etwas davon merkte, vom Lande, „ und ſchwamm majeſtaͤtiſch den Strom 3 hinab.— . Niiemand auf dem Schiffe hatte dem Knaben eine ſonderliche Acht ge⸗ — 94— geben. Die Reiſenden, die ſich ſchon fruͤher auf dem Schiffe befanden, glaubten, er gehoͤre den Leuten, die erſt neu angekommen waren; die Neuan⸗ gekommenen aber meinten, er gehoͤre zur fruͤhern Reiſegeſellſchaft. Erſt ge⸗ gen Abend, als Auguſt anfing laut zu i weinen und zu ſeiner Mutter verlangte, bemerkten die Leute, daß ſich ein frem⸗ des Kind auf dem Schiffe befinde. Sie erſtaunten nicht wenig, und es entſtand kein geringer Aufruhr auf dem Schiffe. Einige jammerten und bedauerten Mut⸗ ter und Kind; andere lachten uͤber den ungebetenen, kleinen Reiſegeſellſchafter; die Schiffsknechte aber zankten und drohten, den Knaben in das Waſſer zu werfen. Jetzt kam der Schiffer herbei, und nahm den Knaben in das Verhoͤr. „Sag' einmal, Kleiner) fing der ern⸗ ſte, dicke Mann an, aus welcher Stadt ne . oder aus welchem Dorfe biſt du?“ „Ich bin aus keiner Stadt und aus keinem Dorfe!“ ſagte Auguſt.„Das 1 iſt feltſam, ſprach der Schiffer, irgend⸗ wo wirſt du doch zu Hauſe ſeyn.“ „Mein Hans, antwortete Auguſt, ſteht im Walde, nicht weit vom Dorfe.“ „Nun gut, ſprach der Schiffer, wie heißt aber das Dorf?“„Ha, ſagte Auguſt, das Dorf heißt halt— das Dorf. Meine Mutter nannte es nie anders. Jetzt laͤutet man im Dorfe zu Mittag, ſagte ſie, oder Morgen geh' ich mit dir in das Dorf und kaufe Brod.“„Wie heißen denn deine Ael⸗ tern?“ fragte der Schiffer verdrießlich. „Mein Vater, antwortete Auguſt, iſt ſchon geſtorben, und meine Mutter heißt man die Fiſchersdore.“„Alſo, Theodore heißt ſie mit dem Vornamen, prach der Schiffer; wie heißt ſie aber nit dem Zunamen?“„Sie hat kei⸗ — 96— nen andern Namen, als Dore, ſagte dig der Kleine; ſie hat auch oft geſagt, ma man duͤrfe den Leuten keine andere Na⸗ S. men geben; denn das ſeyen Schimpf⸗ bli namen.“ Der Schiffer ſah wohl, von ihr dem unerfahrnen Kinde, das noch nicht dor einmal einen Begriff von einem Zuna⸗ M men hatte, ſey wenig Auskunft zu er⸗ A halten. Er wurde ſehr unwillig und E. rief:„Ich wollte, der Kukuk haͤtte dich ime wo anders hingefuͤhrt, als auf mein ke Schiff.“ Der gute Kleine, dem noch di die Augen voll Thraͤnen ſtanden, antede wortete ganz treuherzig und ohne alles w Arg:„Der Kukuk hat mich nicht hie⸗ ßi her gefuͤhrt. Ich habe ihn gar noch nie geſehen; aber im Fruͤhlinge habe ich ihn oͤfters gehoͤrt.“ te Alle im Schiffe lachten; der Schif⸗ d fer aber war in großer Verlegenheit g Denn zum Ungluͤcke floß hier die Do 2 nau eben durch eine unbewohnte, wal ſ edige Gegend, und weit und breit ſah „man keinen Ort. Spaͤterhin, da die Sonne bereits untergegangen war, er⸗ blickte mon endlich einen fernen Kirch⸗ nſthurm. Der Schiffer wollte das Kind torthin bringen, damit man es der „Mutter zuruͤckſtelle. Allein Herr Wahl, „Antoniens Vater, gab dieſes nicht zu. d Er war ein reicher Kaufmann, der hmehrere Kiſten voll Geld und Koſtbar⸗ n keiten mit ſich fuͤhrte, und ſich, ſo wie hüdie uͤbrigen Leute auf dem Schiffe, vor tedem Feinde fluͤchtete; denn damals s ſwurde Deutſchland eben von dem diei⸗ ee ßigjaͤhrigen Kriegs verheert. 9„Ich wuͤnſche zwar herzlich, ſprach de Herr Wahl, daß die bekuͤmmerte Mut⸗ ter ihr liebes Kind unverzuͤglich wie⸗ fe der zuruͤck erhalte. Allein in dieſem Au⸗ it. genblicke kann dieſes nun einmal nicht ſeyn 04 Der Feind iſt im Anzuge ui al ſich dem Donauſtrom; ei erzzaͤhlungen f. Kinder. II. — 98— V von einigen Stunden wuͤrde uns der ſo Gefahr ausſetzen, dem Feinde in die Haͤn 2 de zu fallen, und alles das Unſrige zu ven 2 lieren. Fahrt in Gottes Namen weiter.“§ Herr Wahl, der ſehr in Sorgen d war, beſtand ſogar darauf, die Schif es fer ſollten, weil der Vollmond eben d aufging, die ganze Nacht hindurch fahn h ren. Sie ſagten, das ſey gegen ihren k Gebrauch. Allein, da er dem Schiffen und den Schiffsknechten viel Geld ver ei ſprach, ſo willigten ſie endlich ein, und d fuhren bei dem hellen, klaren Mond ſe ſcheine die ganze Nacht hindurch. L Als die Sonne aufging, kam mat o an einem kleinen Dorfe vorbei, das zu nahe am Fluſſe lag. Der Schiffer er L ſuchte nun die Bauern, das Kind zu r uͤbernehmen, ſich in jener Gegend, aus il der es her war, nach dem Wohnorte 8 Mutter deſſelben zu erkundi2 Mutter zu uͤbergeben, und n deſo an Mutter und Kind ein Werk der in Barmherzigkeit zu thun. Allein die en Bauern ſagten:„Wer weiß, wem das Kind gehoͤrt; es koͤnnte leicht geſchehen, en daß wir es nicht mehr los wuͤrden und f es auferziehen muͤßten. Wir haben bei en dieſen harten Zeiten der Armen ohne⸗ h hin mehr als genug. Wir wollen uns en keine neue Laſt aufbuͤrden.“ el Bald darauf erblickte man wieder er ein Dorf, zur andern Seite des Stromes, d das nicht weit vom Ufer entſernt und d ſehr groß und anſehnlich war. Der Schiffer wollte nun zu dem Beamten an oder Pfarrer gehen, um das Kind an⸗ ae zubringen. Er befahl daher, an das er Land zu fahren. Allein mit einem Mal zu rief Herr Wahl:„Horcht!— Hoͤrt i ihr den Donner der Kanonen? Der te Feind iſt uns nahe. Wir duͤrfen keinen di Augenblick verweilen. Vorwaͤrts— vor⸗ d waͤrts— mit dem Schiffe!“ Der Schif⸗ 5* — 100— fer fuͤrchtete, das Kind moͤchte am Ende gar ihm bleiben, und widerſprach dem Herrn Wahl. Bald waͤre ein heftiger Streit entſtanden. Allein Frau Wahl, die gar eine gute, ſanfte Frau war, trat in das Mittel. Sie ſagte mit der ihr ganz eigenen Freurdlichkeit leiſe zu ihrem Manne:„Wir wollen den ſchoͤ nen, holden Knaben annehmen; ſo thun wir ein gutes Werk und aller Streit hat ein Ende.“ Die ſer Vorſchlag ge⸗ fiel dem Herrn Wahl ſehr wohl, und er rief ſogleich lautz„Fahrt zu! Ich nehme das Kind an, und werde weiter fuͤr dasſelbe ſorgen!“ Damit war der Schiffer vollkommen zufrieden, und alle auf dem Schiffe lobten den edelmuͤthi⸗ gen Entſchluß des Herrn Wahl. Das Schiff kam gluͤcklich in Wien an. Herr Wahl kaufte ſich hier ein ſchoͤnes, großes Haus, und ſetzte ſeine Handelsgeſchaͤfte fort. Er ließ feine —„„————11¼ 9 t n b einzige Tochter Antonie von ſehr vor⸗ krefflichen Hauslehrern unterrichten, und Auguſt durfte an den Lehrſtunden Theil nehmen. Der Kleine, ſo unwiſſend er noch war, zeigte einen ganz ungemeinen Verſtand, und machte im Lernen in kurzer Zeit ſolche Fortſchritte, daß Je⸗ dermann daruͤber erſtaunte. Dabei war er ſo beſcheiden und folgſam, ſo gefaͤl⸗ lig und freundlich, ſo von Herzen fromm, daß Herr Wahl und ſeine Frau ihn wie ihr eigenes Kind liebten. Die Geſühle der Gottesfurcht, deren Keim ſeine Mut⸗ ter zuerſt in ſeinem Herzen belebt hatte, b wurden nun immer lebhafter und kraͤftiger. Herr Wahl bemerkte mit Vergnuͤ⸗ gen, daß Auguſt große Luſt zur Hand⸗ lung zeige. Er verſchaffte ihm Gele⸗ genheit, ſich alle einem Kaufmanne noͤ⸗ thi igen Vorkenntniſſe zu erwerben, und nahm ihn dann zu ſich auf ſein Ar⸗ beitszimmer. Auguſt leiſtete hier bald — 102— die trefflichſten Dienſte, und ehe er noch das zwanzigſte Jahr erreichte, war er ſchon im Stande, die wichtigſten Auf⸗ traͤge ſeines Pflegvaters gluͤcklich zu voll⸗ ziehen. Herr Wahl erweiterte ſeine Ge⸗ ſchaͤfte immer mehr; er uͤbernahm große Lieferungen zur Armee, und gewann, wiewohl er ſich nie einen unrechtmaͤßigen Gewinn erlaubte, dennoch ſehr große Summen. Er ſah es wohl ein, wie viel er der Geſchicklichkeit, dem unermuͤ⸗ deten Fleiße und der unverbruͤchlichen Redlichkeit ſeines Pflegſohnes zu danken habe, und war darauf bedacht, ihn zu belohnen. Die kleine Antonie war in⸗ deß zur liebenswuͤrdigen Jungfrau her⸗ angebluͤht; ſie war an Geiſt und Her⸗ zen ohne Tadel, und ein rechtes Bild der Unſchuld und Schoͤnheit. Herr Wahl gab ſie dem edlen Auguſt zur Ehe. Nach geendigtem Kriege erhob der Kaiſer den Herrn Wahl und deſſen Schwiegerſohn † Auguſt, da Beide ihm gleich große Dien⸗ ſte geleiſtet hatten, unter dem Namen„ei⸗ nes Herrn von Wahlheim“ in den Adelſtand. Auguſts Schwiegeraͤltern konnten ſich des langerſehnten Friedens wenige Jahre mehr erfreuen. Sie ſtarben bald nach einander mit dem Troſte, ihre Toch⸗ ter vollkommen gluͤcklich zu ſehen. Auguſt gab nun ſeine Handelsge⸗ ſchaͤfte auf, und beſchloß in Baiern oder Schwaben ſich einen der Edelſitze zu kaufen, die durch den Krieg verwuͤ⸗ ſtet worden, und zu wohlfeilen Preiſen zu bekommen waren. Es wurden ihm mehrere angetragen. Er machte eine Reiſe dahin, nahm ſie in Augenſchein und waͤhlte das ſchoͤne Rittergut Neu⸗ kirch, das ihm ganz beſonders gefallen hatte. Er traf ſogleich Anſtalt, damit das ſchoͤne, aber ſehr vergangene Schloß bald wieder hergeſtellt wurde, und reiſe⸗ — 104— te dann ab, ſeine Frau und ſeine zwei Kinder abzuholen. Als Antonie an der Seite ihres Gemahles auf ihrem neuen Landſitze an. kam, und uͤberall noch die Spuren des Elends erblickte, das der Krieg ange⸗ richtet hatte, wurde ſie ſehr betruͤbt. Denn mehrere Haͤuſer des Dorfes wa⸗ ren Schutthaufen, andere drohten den Einſturz, und ganze Strecken von Ae⸗ kern lagen unangebaut.„Ach, die ar⸗ men, armen Leute, ſagte Antonie mit Thraͤnen in den Augen; wir muͤſſen V ihnen helfen!“ Auguſt freute ſich, das ſeine Gemahlinn eben ſo geſinnt war, wie er, und that nun alles, der allge. meinen Noth zu ſteuern. Er gab Bau⸗ holz her und ſtreckte Geld zum Bauen vor; er kaufte Samengetreide und Vieh ein, und theilte es unentgeldlich aus. Auguſt und Antonie ſahen ihr Schloß bald wieder von wohlgebauten Haͤuſern — 105— und reichen Kornfeldern umgeben. Die Bauern konnten ihren neuen Gutsherrn nicht genug preiſen, und kamen, ihm zu danken. Er aber ſagte:„Gott hat mich aus einem armen Knaben zu ei⸗ nem reichen Manne gemacht, und mich in Allem wunderbar geſegnet. Es waͤ⸗ re Undank, wenn ich von dieſem Se⸗ gen Andern nicht mittheilen wollte. Ich freue mich, etwas zu Eurem Gluͤcke bei⸗ tragen zu koͤnnen. Es giebt kein groͤßeres Gluͤck, als Andere gluͤcklich zu machen.“ III. Waͤhrend Auguſt von Wahlheim ein reicher vornehmer Herr geworden war, hatte ſeine Mutter, die gute Theodore, manches harte Schickſal erfahren, und ein ſehr armes, jedoch bei ihrer Erge⸗ benheit in Gottes Willen ſehr zufriede⸗ nes Leben gefuͤhrt. — 106— Bald nachdem ſie den kleinen Au⸗ guſt dort im Walde verloren hatte, zog ſich der Krieg auch in jene Gegend der Donau, wo ſie wohnte, und feindliche Soldaten beſetzten mit einem Male den Wald. Theodore verließ ihre einſame Huͤtte, und fluͤchtete in das Dorf, zu ihrem Bruder, dem Beſitzer des vaͤter⸗ lichen Hauſes. Allein auch hier war fuͤr ſie kein Bleiben. Das Dorf wur⸗ de waͤhrend eines Treffens beinahe ganz in die Aſche gelegt, und die meiſten Einwohner zerſtreuten ſich. Auch Theo⸗ dorens vaͤterliches Haus war abgebrannt. Ihr Bruder ſuchte irgendwo als Fiſcher⸗ knecht unterzukommen; Theodore aber zog zu ihrer Schweſter, die wohl fuͤnf⸗ zehn Stunden weit entfernt war. Die Schweſter nahm ſie ſehr freundlich auf; ſte hatte viele Kinder, und Theodore half ihr dieſelben erziehen. Beide Schwe⸗ ſtern lebten zuſammen in Frieden und — 107— Eintracht, und erleichterten einander das Leiden, das der Krieg uͤber beide ge⸗ bracht hatte. Nach vielen Jahren er⸗ hielten ſie aus ihrer Heimath einen Brief von dem Bruder. Er ſchrieb ihnen, daß ſeine Hausfrau geſtorben ſey, daß ſeine zwei Toͤchter waͤhrend des Krieges ſich auswaͤrts verheirathet haͤtten, und daß Theodore zu ihm kommen und ihm das Hausweſen fuͤhren moͤchte. Theodore kehrte daher wieder zuruͤck in ihre Heimath. Sie war kaum in dem Dorſe ange kommen, ſo begab ſie ſich in den Wald, und ſuchte den Buchbaum mit dem ſchoͤ⸗ nen Bilde auf, das ſie bei ihrer eili⸗ gen Flucht nicht hatte mitnehmen koͤn⸗ nen. Aber, lieber Himmel, wie war da Alles veraͤndert! Der Weg, der einnt zu ihrer Huͤtte fuͤhrte, war nicht mehr zu erkennen; er war mit hohem Graſe und dichten Geſtraͤuchen bedeckt. Wo ehemals nur niedriges Geſtraͤuch auf⸗ — 108— wuchs, erhoben ſich nun hohe Baͤume mit weit ausgebreiteten Aeſten; viele al⸗ te, große Baͤume hingegen, die Theo⸗ dore ehemals wohl gekannt hatte, wa⸗ ren verſchwunden. Von ihrer armen, hoͤlzernen Huͤtte war ſchon lange⸗ Spur mehr zu ſehen; ſogar den ½, auf dem ſie ehemals geſtanden, wußte ſie nicht mehr ſicher zu finden. Alles umher war ein dichter, faſt undurch⸗ dringlicher Wald. Theodore bemuͤhte ſich lange vergebens, den Baum aufzufinden, unter dem ſie ehemals ſo viel geweint hatte. Sie drang durch Dornen und Dickicht, und betrachtete jeden Buchbaum genau.„Wenn ich das ſchoͤne Bild auch nicht mehr finde, dachte ſie, ſo muß die leere Oeffnung mir doch den Baum kenntlich machen, an dem ſich ehemals das Bild befand.“ „Macht Euch keine vergebliche Muͤ⸗ he, gute Mutter, ſagte ein alter Me der im Walde duͤrres Reisholz ſammel⸗ te. Der Baum ſteht ſchon lange nicht mehr. Wie es uns bei unſrer Zuruͤck⸗ kunft in das Dorf ging, ſo geht es uns auch hier im Walde. Menſchen, die Bir als Kinder zuruͤckließen, ſind er⸗ yſen; die damals erwachſen waren, nun alte Leute, und die alten Leute jener Zeit ſind faſt alle fort. Der jun⸗ ge Nachwuchs verdraͤngt die alten Baͤu⸗ me. Alles in der Welt geht ſchnell vor⸗ uͤber— Menſchen noch ſchneller als Baͤume. Wir haben dahier keine blei⸗ bende Staͤtte— und wollen nach jener trachten, die uns dort oben iſt.“ Der abgelebte Greis ging! — und Theodore gab die Hoffnung, den Baum zu finden, gaͤnzlich auf. Herr von Wahlheim wohnte mehre⸗ re Stunden von hier; allein der Wald, ſo wie das Dorf, worin Theodore jetzt wohnte, gehoͤrten zu der Herrſchaft, die er gekauft hatte. Eines Tages kam er nun in den Wald, den Leuten des Dor⸗ fes Holz fuͤr den Winter auszutheilen. Da die Waldungen ſehr verwildert wa⸗ ren, und mancher uͤberſtaͤndige Baum darin ſtand, ſo wollte er bei der Ver⸗ — 110— theilung ſelbſt zugegen ſeyn, damit das Holz mit Nutzen geſchlagen wuͤrde. Auch wollte er ſich mit eigenen Augen uͤber⸗ zeugen, daß jeder Duͤrftige ſeinen Antheil richtig bekomme. Er hatte die Hausvaͤ⸗ ter dahin beſtellt, und ſchenkte bald die⸗ ſem, bald jenem einen Baum. Theo⸗ dore war anſtatt ihres Bruders gekom⸗ men. Der Ordnung gemaͤß, nach der Herr von Wahlheim die Baͤume ver⸗ theilte, traf der Baum, an dem er jetzt ſtand, ihren Bruder. Sie trat naͤher und ſagte, der gnaͤdige Herr wol⸗ le verzeihen, daß ihr Bruder nicht ſelbſt er ſey krank und koͤnne das nicht verlaſſen. Herr von Wahl⸗ heim dachte nichts weniger, als daß die alternde, duͤrftig gekleidete Frau ſeine Mutter ſey; eben ſo wenig ſiel ihr es ein, der gnaͤdige Herr, der ſchoͤn und bluͤhend wie das Leben, in einem feinen lichtbraunen Kleide, mit einem Dia⸗ mantringe am Finger, vor ihr ſtand, ſey ihr Sohn. Er hatte, ohne ſie zu kennen, herzliches Mitleid mit ihr, und ſchenkte ihr den Baum. Der Foͤrſter machte Einwendungen. „Fuͤr die große, ſchoͤne Buche iſt es Schade, ſagte er. Espen und Birken ſind fuͤr die armen Leute gut genug. Das Buchenholz ſollte fuͤr die gnaͤdige Herrſchaft und die herrſchaftlichen Die⸗ ner aufgeſpart werden.“ Der Herr von Wahlheim ſah den Foͤrſter ernſthaft an, und ſprach:„Nicht blos das Schlech⸗ te, was wir verſchmaͤhen, muͤſſen wir den Armen geben; auch das Beſte ſol⸗ len wir, beſonders zur Zeit der Noth, mit ihnen theilen. Der Baum gehoͤrt hiemit der Schweſter des kranken Man⸗ nes, und uͤberdieß noch ſoll der Baum auf meine Koſten gefaͤllt, das Holz zu Klaftern gemacht, und den armen Ge⸗ ſchwiſtern vor die Thuͤre gefuͤhrt werden. Legt nur ſogleich jetzt Hand an, ihr Holzhauer, bevor ihr mein Holz ſpaltet.“ Er eilte weiter, ihr den Dank zu erſparen. Theodore ſah ihm mit Thraͤ⸗ nen in den Augen nach und ſagte: „Gott ſegne den guten Herrn!“ und ging dann ihres Weges.. Jetzt waͤren Mutter und Sohn, die ſich in dieſem Walde vor ſechs und zwanzig Jahren das letzte Mal geſehen hatten und ſich in dieſem Augenblicke, ohne einander zu erkennen, hier wieder⸗ Oeffnung; er war ganz mit Rinde um⸗ den— haͤtte Gottes heilige Vorſehung es nicht ſchoͤner und beſſer gefuͤgt. Zwei Holzhauer legten unverzuͤglich die Axt an den Baum— er ſtuͤrzte mit großem Gekrache zu Boden— und die Maͤnner ſchrien erſtaunt auf:„Ein Wunder— ein wahres Wunder!“ Der Baumſtamm war unten, wo er etwas morſch war, im Fallen zerbrochen; ein Stuͤck von der Rinde war losgeſprun⸗ gen, und die Maͤnner erblickten in dem Baumſtamm mit Einem Male das Bild, das Theodore ſo lange vergeblich geſucht hatte. Die Farben des lieblichen Bil⸗ des waren noch vollkommen friſch und lebhaft, und die kleine goldene Rahme ſchimmerte im Glanze der Sonne, als waͤre das Bild von hellen Strahlen umgeben. Die Holzhauer waren junge Maͤnner, und wußten nichts von der alten Geſchichte mit dem Bilde.„Das uͤberſteigt unſern Verſtand, ſagten ſie zu einander, wie das ſchoͤne Muttergottes⸗ bild in den Baum hineingekommen. Man ſah doch außen an dem Baume keine ſahen, wohl aufs neue und vielleicht auf immer von einander getrennt wor⸗ geben und mit Moos bewachſen, wie die uͤbrigen alternden Baͤume des Wal⸗ des. Es iſt etwas ganz Unerhoͤrtes; es iſt ein offenbares Wunder.“ Auf den Laͤrmen, den die Maͤnner machten, kam Herr von Wahlheim her⸗ bei, der kaum zwei hundert Schritte davon noch mit Muſterung der Baͤume und Austheilung des Holzes beſchaͤftigt war. Er nahm das Bild in die Hand und betrachtete es.„Wirklich, ſprach er, es iſt ſehr ſchoͤn; ich moͤchte faſt ſagen, ein Meiſterſtuͤck! Das blaſſe, wehmuͤthige Angeſicht und der ruͤhrende Blick zum Himmel ſind unvergleichlich; auch das ſanftrothe Gewand und der Faltenwurf des dunkelblauen Mantels ſind vortrefflich gemalt. Indeß iſt es leicht zu begreifen, wie das ſchoͤne Bild in den Baum kam. Irgend ein from⸗ mer Menſch ſchnitt eine Vertiefung in den Stamm, und that es hinein. Die Rinde iſt dann nach und nach, wie es bei dieſen Baͤumen zu geſchehen pflegt, wieder daruͤber hergewachſen, und hat das Bild ſo in den Baum eingeſchloſſen.“ Allein ploͤtzlich erblaßte Herr von Wahlheim; ſeine Hand, mit der er das — 114— Bild hielt, fing heftig an zu zittern. „Ja, ſagte er, das iſt hoͤchſt wunder⸗ bar!“ Er mußte ſich auf den Stock des abgehauenen Baumes niederſetzen, um nicht umzuſinken. Denn er hatte das Bild umgewendet und auf der Ruͤck⸗ ſeite die Worte geleſen:„Im Jahre nach Chriſti Geburt 1632, den 10. October, ſah ich hier unter dieſem Baume meinen einzigen Sohn Auguſt, ſeines Alters fuͤnf Jahre, drei Monat das letzte Mal. Gott ſey mit ihm, wo er auch ſey, und troͤſte, wie er einſt Maria unter dem Kreuze getroͤſtet hat, mich— die betruͤbte Mutter, Theodore Sommer.“ Wie ein Blitz ſchoß ihm der Ge⸗ danke durch den Sinn:„Dieſes ver⸗ lorne Kind war ich; Namen, Jahr und Tag treffen genau zu; dieſes Bild kam durch meine Mutter hieher.“ Indem er dieſes bei ſich dachte, eilte ſeine Mutter herbei. Sie hatte in dem Walde noch auf eine Nachbarinn, mit der ſie nach Hauſe gehen wollte, wartet, und die Nachricht von dem Bilde, die ſich ſogleich durch — 115— den ganzen Wald verbreitete, mit Er⸗ ſtaunen vernommen.„Ach, gnaͤdiger Herr, rief ſie, das Bild iſt mein; ich bitte Sie, geben Sie mir es. Sehen Sie, es ſteht noch mein Namen dar⸗ auf; der ſelige Herr Pfarrer, den ich darum bat, hat ihn darauf geſchrie⸗ ben. Auf mein Verlangen hat er auch die uͤbrigen Worte beigefuͤgt.“„Ach, ſagte ſie weinend, indem ſie den umge⸗ ſtuͤrgten Baum betrachtete, ſo iſt alſo dieſes die Buche, unter der mein Au⸗ guſt das letzte Mal noch ſo ſuͤß und ſanft geſchlafen hat, bevor er mir ge⸗ nommen wurde! Wie oft ging ich, ſeit ich von meiner Flucht zuruͤck kam, an dem Baume vorbei, ohne ihn zu ken⸗ nen! O mein Auguſt, ſo ſehe ich doch den Platz noch einmal, wo dich meine Augen zum letzten Male erblickten! Ach dich— dich— ſehe ich doch in dieſem Leben nicht mehr! Mir iſt es, als ſtuͤnde ich an deinem Grabe!“ Sie konnte vor Weinen nicht mehr reden. Herr von Wahlheim, den ſchon der Namen ſeiner Mutter auf dem Bilde ſehr erſchuͤttert hatte, kam faſt außer ſich, in der armen Frau ſeine Mutter — 116— nun ſelbſt zu erblicken. Das Herz brannte ihm; er wollte ſchon auffprin⸗ gen und ſie mit dem Ausruf:„Mut⸗ ker!“ in ſeine Arme ſchließen. Allein er faßte ſich noch; es ſiel ihm noch zu rechter Zeit ein, die ploͤtzliche Freude konnte ſeine Mutter toͤdten. Er nahm ſie freundlich bei der Hand, rrocknete ihr mit ſeinem weißen Taſchentuche die Thraͤuen ab, ſprach ihr Troſt ein, und brachte ihr nach und nach bei, ihr Sohn lebe noch, er kenne ihn wohl, ſie werde ihn ſicher wieder ſehen. Nach dieſen und aͤhnlichen Vorbereitungen ſprach er endlich das Wort aus:„Ich bin Euner verlorner Auguſt!“ Die Mut⸗ ter ſank ihm mit dem einzigen Rufe: „Du!“ an die Bruſt und konnte vor Entzuͤcken kein Wort weiter ſprechen. Beide hielten ſich lange ſtillſchweigend umarmt. Alle Umſtehenden weinten und ſchluchzten. „Liebſie Mutter, ſagte Herr von Wahlheim endlich, Gott hat Euren Wunſch fuͤr mich, den Ihr auf das Bild ſchreiben ließet, erfuͤllt! Er war mit mir, wo ich immer war und hat mich in Allem reichlich geſegnet. Er hat — 117— aber auch den Wunſch, den Ihr fuͤr Euch ſelbſt thatet, eben ſo treulich in Erfuͤl⸗ lung gebracht. Er hat Euch getroͤſtet, wie er Maria troͤſtete, hat Euren Sohn Euch gleichſam von den Todten wieder gegeben, und ihn Euch in dieſem Leben noch lebend vor Augen geſtellt. Er hat uns unter dieſem Baume von einander getrennt, und an eben der Stelle uns wieder zuſammen gefuͤhrt. Er hat das Bild in dem Baume ſicher und treulich aufbewahrt, und es im rechten Augen⸗ blicke wieder zum Vorſchein kommen laſ⸗ ſen— damit wir uns unbezweifelt wie⸗ der erkennen moͤchten. Er hat ſich auch an uns als Denjenigen geoffenbaret, der alle Dinge zu unſerm Beſten leitet.“ „Ja, ſagte die Mutter, das hat Er! Er hat dich mir genommen, weil ich dich aus zu zaͤrtlicher Liebe vielleicht nicht gut erzogen haͤtte! Er hat dich mir wieder gegeben— um mein Hel⸗ fer in der Noth, ja fuͤr die ganze Ge⸗ gend umher ein troͤſtender und hilfreicher Engel zu ſeyn. Alles, was Er thut, iſt Weisheit und Liebe. Sein Namen ſey geprieſen.“ Alle Umſtehende ſtimm⸗ ten mit ein und lobten Gott laut. 1 — 119— Herr von Wahlheim befahl nun dem Foͤrſter, er ſolle dem Bruder der Theodore ſagen, ſie werde erſt morgen nach Hauſe kommen und dann ihren Sohn mitbringen. Theodore erſuchte ihre Nach⸗ barinn, den Kranken indeſſen gut zu ver⸗ pflegen. Hierauf ließ Herr von Wahl⸗ heim ſeine Kutſche kommen, half ſeiner Mutter einſteigen, ſetzte ſich neben ſie und fuhr mit ihr zuruͤck auf ſein Schloß. Hier warteten neue Freuden auf die gu⸗ te Theodore. Es war ihr bange, in ihrer geringen Kleidung vor ihrer Schwie⸗ gertochter, der gnaͤdigen Frau, zu er⸗ ſcheinen. Allein Antonie war zu edel, auf ſo etwas zu ſehen. Sie ging mit offenen Armen auf ſie zu, begruͤßte ſie auf das freundlichſte, und ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, die Mutter ihres geliebten Ge⸗ mahls kennen zu lernen. Theodore wein⸗ te vor Freuden. Als ihr aber uͤberdieß noch ihre zwei Enkel, Ferdinand und Marie, vorgeſtellt wurden, beide hold und ſchoͤn, und fromm und gut wie die Engel, ſo verging ſie faſt vor Freude und Entzuͤcken.„Unausſprechlich, ſag⸗ te ſie, war ehemals meine Traurigkeit; aber meine Freude iſt jetzt doch noch viel groͤßer. Ich kann nichts als wei⸗ nen— anbethen— und Gott danken. Guter Gott, da Du ſchon auf dieſer Welt die Leiden ſo in Freuden zu ver⸗ wandeln weißt, wie wird es erſt bei Dir im Himmel ſeyn! dort wartet gewiß eine uͤberſchwaͤngliche Seligkeit auf uns.“ Am folgenden Morgen ließ Herr von Wahlheim ſeine Kutſche anſpannen, und beſuchte mit ſeiner Mutter ihren franken Bruder. Theodore blieb bei ihrem Bruder, bis er wieder geſund war, und zog dann auf immer in das Schloß. Denn Auguſt und Antonie wollten ſie durchaus bei ſich haben. Fuͤr Theodorens Bruder, ſo wie fuͤr 2 deren Schweſter, wurde indeſſen auf das hliebreichſte geſorgt. Herr von Wahlheim ⸗ und ſeine Gemahlinn waren zu vernuͤnf⸗ ⸗tig und zu gut, als daß ſie ihrer ar⸗ 6 men Verwandten ſich haͤtten ſchaͤmen ſol⸗ d len. Vielmehr luden ſie einmal alle, d Aeltern, Kinder und Enkel, auf Einen Tag ein, und gaben ihnen ein Freuden⸗ feſt, bei dem Mutter Theodore die er⸗ 3 ſte Stelle einnehmen mußte. Die gu⸗ 3; ten Leute waren uͤber die Guͤte und h Freundlichkeit, mit der ſie bewirthet — 120— wurden, entzuͤckt und faſt immer ſtanden ihnen die Freudenthraͤnen in den Augen. Auguſt und Antonie erkundigten ſich bei dieſer Gelegenheit nach den Unſtaͤn⸗ den eines jeden gei, und ließen mit großmuͤthiger, a keineswegs unuͤber⸗ legter Guͤte einen, zeden diejenige Unter⸗ ſtuͤtzung angedeihen, die zu deſſen ſtan⸗ desmaͤßigem, buͤrgerlichem Fortkommen in der Welt noͤthig war. Das kleine Gemaͤlde hatte Herr von Wahlheim an der ſchicklichſten Stellen des Wohnzimmers aufgehaͤngt.„Es ſoln uns, ſagte er, eine ſtete Ermunterung zum Vertrauen und zur Dankbarkeit ge⸗ gen Gotlt ſeyn. Der unausſprechlich ſchoͤne Blick, mit dem Maria hier in dem Bilde zum Himmel aufblickt, ſoll uns noch oft zum Himmel er ben. Denn was kann uns bei allen Gefah⸗ kren und Leiden dieſes Lebens mehr vor Suͤnde bewahren, zum Guten erwecken und im Leiden troͤſten— als ein froms mer Blick zum Himmel?“ 1 ſſſſinſnnſinſnſſnſſſſſſſfſfſſſfff 3 1 5 1 mſfiſ . 1 10 11 12 1 4 1 6 7 18