gerernn— —— 0 Leihbibliothek P deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ . von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leiß- und Teſebedingungen. N 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 1 be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſ. eträgt; 1. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 7„.„ 4„—„ 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. b —— s „ ————— rrirrnerre rnwei idireinerrrrerderr Kinder und Kinder freunde. 3 Von 3 dem Verfaſſer der Oſtareyer. 8 — Erſtes Baͤndchen. Landshik, 192g. in der Kruͤll'ſchen Buchhandlung. zwoite Auflage. — Inhalt. 6 Deerr Kanarienvogel. a*.7. Das Johanniskaͤferchen., Q3 Die Waldkapelle. 7 8 ℳ Der Kanarienvogel. I. Zu jenen ungluͤcklichen Zeiten Frank⸗ reichs, da der alte Koͤnigsthron umge⸗ ſtuͤrzt und eine Menge adelicher Fami⸗ lien in das tiefſte Elend verſetzt wur⸗ den, lebte jenſeits des Rheins die Fa⸗ milie von Erlau. Herr von Erlau war ein ſehr edler, vortrefflicher Mann, ſeine Gemahlinn, eine ſehr gute, lie⸗ benswuͤrdige Frau, und ihre beyden Kinder, Karl und Lina, waren die treuen Ebenbilder der Aeltern. Sobald jene furchtbaren Unruhen, die ganz Europa ſo viel Blut und ſo viele Thraͤnen koſteten, ausgebrochen waren, zog Herr von Erlau ſich aus der Haupt⸗ ſtadt auf ſein entlegenſtes Landgut, zwiſchen dem Rheine und dem Vogeſi⸗ ſchen Gebirge, zuruͤck. Hier auf ſeinem Schloſſe, das nebſt dem dazu gehoͤren⸗ den Doͤrſchen von Felſen, Weinbergen, Kornfeldern, und ganzen Waͤldchen fruchtbarer Baͤume umgeben war, lebte er, entfernt von Welthaͤndeln, mit den Seinigen in der tiefſten Stille. Seine Unterthanen, die ihn als ihren groͤßten Wohlthaͤter ehrten, und ihn ſonſt nur einige Wochen im Jahre zu ſehen be⸗ 2 kamen, freuten ſich ſehr, ihn jetzt be⸗ ſtaͤndig in ihrer Mitte zu haben. Er that ihnen unbeſchreiblich viel Gutes. Die Gegend umher glich einem Garten; der edle Mann machte ſie aber zu einem Paradieſe. ——— Der vortreffliche Vater ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, daß er hier Zeit fand, der Lehrer ſeiner Kinder zu werden. Die ſeligſten Stunden waren ihm jene, in denen er ſie in der Religion unterrich: tete. Er war feſt uͤberzeugt, daß allein die Religion den Menſchen wahrhaft bilden, ihm einen wahren Werth geben, ihn begluͤcken, und in Noth und Tod troͤſten koͤnne. Die edle Mutter, die von den naͤmlichen Geſinnungen durch⸗ drungen war, wohnte dieſen Unterrichts⸗ ſtunden immer bey, und ſprach aus ihrem gefuͤhlvollen, frommen Mutter⸗ herzen auch hie und da ein treffendes Wort dazu. Mit beſonderer Ruͤhrung redete der Vater, jetzt zur Zeit der Ge⸗ fahr, von Gottes heiliger Vorſehung und dem Vertrauen auf Gott. Die Mutter vergoß, wenn ſie ihre Kinder, die in dieſer zerruͤtteten Welt durchkom⸗ men ſollten, ſo anblickte, und wenn 3 3 3 1 dann der Gedanke an jene allwaltende Liebe dort oben ihr Herz ergriff, Thraͤ⸗ nen der Wehmuth und der Freude, und ihre Worte waren Geiſt und Leben. Was ſo aus dem Herzen kam, drang auch zu Herzen. Die guten Kinder hoͤrten voll Aufmerkſamkeit und voll Andacht zu, und gar oft glaͤnzten auch ihnen die hellen Thraͤnen in den Augen. Aeltern und Kinder waren, trotz der Gefahren, die ihnen ringsumher droh⸗ ten, heiter und getroſten Muthes. Außer dem allerwichtigſten Gegen⸗ ſtande, der Religion, unterrichtete der Vater die Kinder in allen uͤbrigen noth⸗ wendigen und nuͤtzlichen Kenntniſſen; ja er unterließ auch nicht, ihnen das⸗ jenige beyzubringen, was zur Zierde ge⸗ hoͤrt, und das menſchliche Leben ange⸗ nehmer macht. Er ſpielte unter anderm ſehr vortrefflich Klavier, und ſang ſo uͤberaus lieblich, daß er nicht leicht von 4 9 Jemand, als von ſeiner Gemahlinn, uͤber⸗ troffen wurde. Er unterrichtete daher den kleinen Karl im Klavierſpielen und die ſanfte Lina im Singen. An einem truͤben, ſchauerlichen Abende gegen Ende des Winters ſaßen einmal Vater und Mutter, Karl und Lina, in dem warmen, hellerleuchteten Zimmer an dem praͤchtigen Fluͤgel bey⸗ ſammen; denn Muſik und Geſang wa⸗ ren zu dieſer Jahrszeit ihre gewoͤhnliche Abendunterhaltung. Der Vater hatte ein kleines Liedchen eigens fuͤr die zwey Kinder verfaßt, eine leichte gefaͤllige Melodie dazu geſetzt, und die Klavier⸗ begleitung ſo eingerichtet, daß der Knabe mit ſeinen kleinen Fingerchen damit zu⸗ recht kommen konnte. Die Mutter wußte davon noch nichts; die Kinder wollten ihr mit dem Liedchen eine un⸗ vermuthete Freude machen. Nachdem nun die Mutter mit ihrer unvergleichli⸗ — 8— chen Stimme einige geiſtreiche Arien, die der Vater mit lieblichen Saitentoͤ⸗ nen begleitete, geſungen hatte, ſprach er:„Nun, Karl und Lina, laßt ihr eure kleinen Kuͤnſte hoͤren!“ Karl ſetzte ſich an den Fluͤgel und ſpielte, und Lina ſang mit ihrem zarten Stimmchen, etwas ſchuͤchtern, aber ungemein lieblich das Lied. Ich habe Muth In aller Noth; Denn gut, o gut Iſt unſer Gott! Die Blitze drohn, Der Donner kracht! Gott winkt— entflohn Iſt ihre Macht. Und ſo er bricht Der Bau der Welt— Ich zittre nicht, Da Gott mich haͤlt. Wer auf Ihn ſchaut Mit ſtetem Blick, Auf Felſen baut Der all ſein Gluͤck, . —— ,—— — S— — 9— Unendlich gut und treu iſt Gott; Drum hab' ich Muth In jeder Noth. Die Mutter war uͤber dieſes erſte Lied ihrer geliebten Kinder entzuͤckt. Kein Concert an dem Koͤniglichen Hofe hatte ihr je ſo viel Vergnuͤgen gemacht. Sie umarmte ihre Kinder unter Thraͤ⸗ nen.„Ja, ſprach ſie, Gott, der euch bisher ſchuͤtzte, wird ferner euer maͤch⸗ tiger Beſchuͤtzer ſeyn.“—— Da wurde ploͤtzlich die Thuͤre des Zimmers aufgeriſſen, da drangen be⸗ waffnete Nationalgarden in ihren Uni⸗ formen mit Ungeſtuͤm in das Zimmer, da zeigte der Anfuͤhrer den Verhafts⸗ befehl vor, da wurde der edle Vater 3 ergriffen— ohne Widerrede und auf der Stelle ſollte er in das Gefaͤngniß der Stadt abgefuͤhrt werden. Er ſey als ein Koͤniglichgeſennter und als ein — 10— Feind der Freyheit angeklagt worden— war der Grund, den der Befehl an⸗ gab. Die Mutter warf ſich dem rau⸗ hen Manne zu Fuͤßen, der mit ſchwar⸗ zen, funkelnden Augen, wild in die Stirne hineinhaͤngenden ſchwarzen Haa⸗ ren und einem fuͤrchterlichen Backen⸗ barte trotzig vor ihr ſtand. Sie rang die Haͤnde; heiße Thraͤnen rannen uͤber ihre von Schrecken bleichen Wangen. Auch die beyden Kleinen erhoben bit⸗ tend und flehend ihre zarten Haͤndchen, den Vater nicht mit fortzunehmen. Eine Thraͤne ſchlug die andere, und ſie konn⸗ ten vor Schluchzen bald kein Wort mehr vorbringen. Alles war vergebens. Nicht einmal das wurde bewilliget, noch bis an den Morgen— ja nur noch eine Stunde zu warten, um einige Nothwendigkeiten fuͤr den traurigen Auf⸗ enthalt im Gefaͤngniſſe zuſammen zu packen. Es blieb dabey. Auf der 6 6 — 1I1— Stelle mußte er fort; und da die Mut⸗ ter ihn weinend und lautjammernd um⸗ ſchlang und die Kinder ſich um ſeine Knie klammerten, ſo wurde er ihnen mit Gewalt entriſſen und abgefuͤhrt. Der Jammer der Mutter und Kinder war unbeſchreiblich. Sie wur⸗ den in dem Zimmmer bewacht, um in dem Dorfe, wo Herr von Erlau ſehr geliebt wurde, weiteres Aufſehen zu ver⸗ huͤthen. Der Mutter waren vor Schre⸗ cken die Knie gebrochen.„Weinend, mit gerungenen Haͤnden und die naſſen Au⸗ gen zum Himmel gerichtet, ſaß ſie in einem Seſſel; ihre Kinder draͤngten ſich ſchluchzend und jammernd zu ihr. In⸗ deß faßte ſich die edle, fromme Mutter bald wieder.„Laßt uns, meine lieb⸗ ſten Kinder, ſprach ſie, das Vertrauen auf Gott nicht ſo ſchnell aufgeben! Dieſes große Leiden ließ Gott uͤber uns kommen. Er wird uns Gnade — 12— geben, es zu tragen. Er wird es zu unſerm Beſten lenken, und es dereinſt in Freude verwandeln. Laßt uns denn getroſt und vertrauensvoll ſagen: Herr, dein Wille geſchehet 42 „* II.* Die ungluͤckliche Frau verſuchte alles, ihren geliebten Mann zu retten. Sie eilte, ſobald die Wache abgezogen war, in die Stadt. Sie ging zu den Richtern, ſie betheuerte die Unſchuld ihres Gemahls— ſie berief ſich auf das Zeugniß der ganzen Nachbarſchaft, wie ſtill, wie zuruͤckgezogen er gelebt, wie er an den Welthaͤndeln nicht den geringſten Antheil genommen, nicht ein⸗ mal daruͤber mit Jemand geſprochen habe. Sie warf ſich den Richtern z Fuͤßen. Allein es war nicht anders, ſollte. — 13— als redete ſie zu ſteinernen Bildſaͤulen. Keiner wurde zum Mitleid bewegt. Sie erhielt nicht einmal die Erlaubniß, ihren Gemahl im Gefaͤngniſſe zu beſuchen. Sie mußte ſogar hoͤren, in wenigen Tagen werde er eines blutigen Todes ſterben. Als ſie nach drey Tagen auf ihr Landgut zuruͤck kam, war das Schloß von Soldaten beſetzt. Man hatte ihr Vermoͤgen in Beſchlag genommen, das Schloß gepluͤndert, und zu einer Ka⸗ ſerne eingerichtet. Sie wurde nicht mehr eingelaſſen, und gieng traurig weiter. Sie jammerte und weinte um ihre Kinder; denn niemand wußte ihr zu ſagen, wo ſie waͤren. Alle ihre Leute waren zerſtreut. Es war bereits ſpaͤt am Abend. Sie wußte nicht, wo⸗ hin ſich ſich wenden, wo ſie dbemachtan — 14 ᷣ 3 7 Da begegnete ihr in der Daͤmme⸗ rung Richard, ihr alter treuer Diener, und ſprach zu ihr: Liebe, gute, gnaͤdi⸗ ge Frau! Sie ſtehen jeden Augenblick in Gefahr, verhaftet zu werden. Sie haben ſich im Eifer einige Worte von himmelſchreyender Ungerechtigkeit und Grauſamkeit— von Unterdruͤckung un⸗ ter dem Scheine der Freyheit entfallen laſſen. Uebelgeſinnte haben dieſe Worte aufgefangen und ſie gehoͤrigen Orts hin⸗ terbracht. Es iſt fuͤr ſie kein anders Rettungsmittel mehr, als ſchleunige Flucht. Sie zu verbergen, iſt, mit zu vielen Gefahren verbunden. Ihren Ge⸗ mahl koͤnnen Sie nicht retten; Ihr Dableiben wuͤrde nur dazu dienen, Sie ſelbſt zu verderben. Ihre Kinder ſind in meinem Hauſe. Kommen Sie mit dahin! Mein Bruder, der alte Fiſcher am Rheine, iſt ſchon berichtet. Ich begleite Sie noch dieſe Nacht zu ihm, d — 8 — 15— und er bringt Sie dann mit ihren Kin⸗ dern ſicher uͤber den Rhein. So retten Sie wenigſtens Ihr Leben.“ Sie kam in das Haus des guten Richards, das unten im Dorfe war. Allein ein neuer Jammer wartete hier auf ſie. Lina war an eben dem Tage, da ſich die Mutter in die Stadt begab, vor Schrecken und Jammer krank ge⸗ worden. Die Krankheit hatte dieſen Abend ſehr zugenommen. Das arme Fraͤulein lag in einem heftigen Fieber. Sie war nicht bey Sinnen und kannte ihre Mutter nicht einmal. Die Mutter wollte nun durchaus bleiben, und ihr liebes krankes Kind ſelbſt verpflegen. Der Arzt, der eben zugegen war, wider⸗ rieth ihr das ſehr ernſtlich.„Die Kranke, ſagte er, wird es nicht lange mehr treiben, ſie wird nicht mehr zu ſich ſelbſt kommen, ſie iſt ſchon als todt zu betrachten. Die Gegenwart der gnaͤj: — 16— gen Frau kann dem guten Kinde zu nichts mehr dienen. Es iſt Pflicht, auf Ihre eigene Rettung zu denken.“ Die tiefbetruͤbte Mutter ſtand tod⸗ tenbleich und mit rothgeweinten Augen an dem Krankenbette, und konnte ſich nicht zur Abreiſe entſchließen. Der Arzt nahm ſie unter dringendem Zureden ſanft bey dem Arme, um ſie hinweg zu fuͤh⸗ ren. Sie that ein Paar Schritte gegen die Thuͤre, ſchauderte zuſammen, wandte ſich mit weit ausgebreiteten Armen wieder um, umfaßte ihre Tochter und rief mit dem Ausdrucke des innigſten Schmer⸗ zens:„Nein, liebes Kind, ich kann dich nicht verlaſſen. Ich achte mein Leben fuͤr nichts! Ich will mit dir ſterben.“ Der alte Richard und ſein gutes Weib baten ſie mit aufgehobenen Haͤn⸗ den, auf der Stelle abzureiſen, und ver⸗ ſprachen beyde heilig, fuͤr das kranke Fraͤulein zu ſorgen, als waͤre ſie ihr eigenes Kind.„Die Nacht iſt angebro⸗ chen, ſagte Richard. Nur unter ihrem ſchuͤtzenden Dunkel iſt es moͤglich zu ent⸗ fliehen. Jeder Verzug bringt Gefahr — und kann nicht nur Ihnen, beſte, gnaͤdige Frau, ſondern auch mir und meinem Weibe das Leben koſten. Denn Jemanden uͤber Nacht zu behalten, ohne es vorher anzuzeigen— iſt bey Todes⸗ ſtrafe verbothen.“ Nun denn, du liebe, holde Lina, ſprach jetze die beſtuͤrzte Mutter zu ihrer Tochter— wenn ich dir denn in dieſer Welt keinen Dienſt mehr erweiſen kann, wenn mein Hierbleiben zu nichts dienen wuͤrde, als dieſe guten, alten Leute auf das Blutgeruͤſte zu bringen— ſo will ich denn in Gottes Namen fort. Lebe wohl, liebſter Engel, zieh hin in die Wohnungen des Friedens, wo die Un⸗ ſchuld nicht mehr leidet, wo keine Thraͤ: — 18— nen mehr geweint, wo liebende Herzen nicht mehr getrennt werden.“ Der kleine Karl, der neben der Mutter ſtand, nahm ſeine Schweſter weinend und ſchluchzend bey der Hand, und ſagte:„Sey froh, liebe Lina, du wirſt nun ein ſchoͤner Engel im Him⸗ mel. Dort haſt du es beſſer, als hier auf Erden, wo wir immer ſo in Furcht und Aengſten leben muͤſſen. O, wie gerne ging ich mit Dir!“ Die Mutter kniete jetzt an dem Krankenbette der geliebten Tochter nie⸗ der, und ſprach, zum Himmel aufbli⸗ ckend:„Dir, o Gott, ſey ſie denn zum Opfer gebracht, und deiner Gnade und Erbarmung ganz und gar uͤberge⸗ ben!“ Sie ſchwieg einige Augenblicke — ſtand dann ſchnell auf— kuͤßte Lina— nahm Karl bey der Hand— und eilte zitternd und bebend ohne um zuſehen zur Thuͤre hinaus. —— — 19— Frau von Erlau begab ſich nun auf die Flucht. Der treue Diener hatte einige Nothwendigkeiten fuͤr die Reiſe zuſammen gebracht. Er ſchritt ſchwer beladen voraus. Die arme Frau, mit einem Paͤckchen unter dem Arme, folgte ihm, und fuͤhrte den geliebten Knaben⸗ der auch ein kleines Buͤndelein trug, an der Hand. Kein Wort wurde ge⸗ ſprochen. Die Nacht war hoͤchſt un⸗ freundlich. Es ſtuͤrmte und regnete fuͤrchterlich.„Dieſer Sturm, dieſe Regenguͤſſe, dieſe ſchauerliche Finſter⸗ niß, ſagte endlich der alte Mann leiſe, ſind lauter Wohlthaten Gottes. Sie ſchuͤzen uns vor unſern Verfolgern. Bey einer lieblichen, mondhellen Nacht wuͤrden wir ſicher entdeckt. So zielt das, was uns ſchrecklich duͤnkt, immer zu unſerm Beſten ab. So iſt es mit allen Truͤbſalen, Stuͤrmen und dunkeln Schickſalen des Lebens.“ * — 20— Sie kamen zur Wohnung des al⸗ ten Fiſchers. Sie traten in die kleine, ruſſige Stube, die von einem duͤſtern Oehllichte ſchauerlich beleuchtet war. Der ehrliche Fiſcher hieß die Frau und den Knaben in ſeiner Huͤtte herzlich willkommen. Bis er den Kahn mit Hilfe Richards an den Rhein brachte ſetzte die Fiſcherinn der Frau und dem Knaben eine warme Suppe, Brod und etwas Wein vor. Zitternd vor Furcht und Froſt genoſſen ſie etwas Weniges. Nun kamen die zwey Maͤnner zuruͤck. Sie fuͤhrten die Frau an den Rhein. Der Mond im letzten Viertel war auf⸗ gegangen, blickte von Zeit zu Zeit durch zerriſſene Wolken, und milderte die ſchreckliche Finſterniß ein wenig. Die gute Frau fuͤhlte einen eiskalten Schau⸗ der, als ſie in der ungeſtuͤmen Nacht, in Sturm und Regen, ſo an dem un⸗ ermeßlichen, maͤchtig rauſchenden Fluſſe —. — 21— ſtand— das kleine armſelige Fahrzeug, das kaum ſtark genug war, zwey Per⸗ ſonen zu tragen, vor ſich ſah— und nun mit ihrem Kinde einſteigen und uͤber den Fluß fahren ſollte. Die Maͤnner machten ihr Muth. Der alte Fiſcher ſtieg ein, ergriff das Ruder, und ſprach mit frommer Zuverſicht:„Gott wird uns hinuͤber helfen.“ Richard nahm jetzt Abſchied. Der treue Diener hatte bey der Pluͤnderung des Schloſſes eine goldene Doſe, eine goldene Uhr und ein Paar Ringe mit Edelſteinen gerettet. Dieſe uͤbergab er nun der Frau von Erlau. Er legte noch etliche Goldſtuͤcke, die er in ihrem Dienſte erſpart hatte, bey— ohne zu ſagen, daß ſie von ihm ſeyen. Hierauf kuͤßte er ihr unter heißen Thraͤnen die Hand, und ſchloß den Knaben ſchluch⸗ zend in die Arme.„O, meine liebe, gnaͤdige Frau! ſagte er. Ich alter Mann ſehe Sie und den lieben Karl jetzt wohl das letzte Mal. Ich kann nichts weiters fuͤr Sie thun. Aber Gott wird fuͤr Sie ſorgen. Er wird Sie noch froͤhliche Tage erleben laſſen. Einer ſo guten Herrſchaft kann es nicht uͤbel gehen. Ich wuͤrde Sie begleiten. Allein vielleicht finde ich noch Mittel, unſern guten, gnaͤ⸗ digen Herrn zu retten. Ich werde alles verſuchen.“— Alle weinten und ſchluchz⸗ ten. Die Mutter empfahl ihm noch einmal, ſich ihres Gemahls und ihrer Tochter anzunehmen. Der alte Mann verſprach es, und half ihr und dem klei⸗ nen Karl einſteigen⸗ Als das Schifflein vom Lande ſtieß, ſiel Richard an dem Geſtade auf die Knie und erhob die Haͤnde zum Himmel.„Hier will ich knien und Gott bitten, ſagte er, daß ſie gluͤcklich hinuͤber kommen. Ich will nicht mehr von meinen Knien aufſtehen, bis mir — 23— mein Bruder die frohe Bothſchaft bringt, Sie ſeyen gerettet. Wollte Gott, ich koͤnnte Ihnen von Ihrem lieben Gemahl und Ihrer geliebten Tochter noch einmal die naͤmliche frohe Nachricht bringen!“ III. Frau von Erlau war mit ihrem Knaben gluͤcklich uͤber den Rhein ge⸗ kommen und nun in Sicherheit. Allein es war fuͤr ſie hier kein Bleibens. Der Aufenthalt wurde den Ausgewanderten ſehr erſchwert; und uͤberdieß ruͤckte der Kriegsſchauplatz immer naͤher. Sie reiste nach der Anleitung, die ihr Richard ge⸗ geeben hatte, laͤngs dem Rhein hin, der Schweiz zu. Ihre Baarſchaft ſchmolz ſehr zuſammen. Der Aufenthalt in der Schweiz wurde ihr als zu koſtbar ge⸗ ſchildert. Man rieth ihr, in Schwaben — 24— ein Unterkommen zu ſuchen. Nach mehrerem vergeblichen Hin⸗ und Herreiſen kam ſie bis an die Graͤnzen des Tyrols. Endlich erhielt ſie durch die Vermittlung eines Menſchenfreundes die Zuſage, ein aufnehmen. alter Tyroler wolle ſie in ſeine Huͤtte Sie machte ſich mit ihrem kleinen Wegweiſer, der zugleich das Gepaͤcke trug, ging vor ihr her. Sie kam uͤber hohe Berge und durch tiefe Thaͤler. Als ſie wieder einen Berg erſtiegen hatte, erblickte ſie in einer ſchauerlichen Tiefe ein ſchmales, gruͤnes Thal. Rechts im Thale, unten an einem duͤſtern, weit⸗ uͤberhangendem Felſen, lagen einige nie⸗ drige, hoͤlzerne Huͤtten, mit flachen, faſt ebenen Daͤchern; aus ihrer Mitte reagte, glaͤnzendgrau wie Atlas, das hoͤlzerne Schindeldach nebſt der Thurm⸗ ſpitze Karl unverzuͤglich auf die Reiſe; ein — 25— ſpitze einer kleinen Kapelle empor. Links des Thales zog ſich ein ſchwarzer Tan⸗ nenwald hin, hinter dem ſich zwey Berg⸗ gipfel zu den Wolken erhoben; ſie wa⸗ ren, obwohl in den Thaͤlern ſchon alles gruͤnte und bluͤhte, noch ganz mit Schnee bedeckt. Der Wegweiſer zeigte mit dem Reiſeſtab in die Tiefe und ſagte:„dieß iſt Schwarzenfels! Hier unten wohnt der ehrliche Alte, der Sie aufnehmen will.“ Frau von Erlau ſeufzte und ſtieg den ſchmalen Fußſteig hinab. Der alte Tyroler, der ſie heute er⸗ wartete, ein noch bluͤhender Greis, kam ihr mit froher, freundlicher Miene ent⸗ gegen. Auf unſre Art von Hoͤflichkeit verſtand er ſich nicht; Jemanden Sie oder Ihr zu nennen, war ihm unge⸗ wohnt. Indeß hatte er doch ein ſehr richtiges Gefuͤhl fuͤr Wohlanſtaͤndigkeit. Er prangte heute, der fremden Frau Erzaͤhlungen f. Kinder. I. 2 — 26— ſeine Achtung zu bezeugen, in ſeiner grauen Sonntagsjacke nebſt dem ſchar⸗ lachrothen Bruſttuche, und trug ſeinen ſchoͤnen, gruͤnen Hut mit einer krum⸗ men Hahnenfeder auf dem Kopfe. „Gruͤß' dich Gott, gnaͤdige Frau, ſagte er; es iſt mir lieb, dich mit dei⸗ nem Herrn Buͤberl unter meinem Dache beherbergen zu koͤnnen.“ Die Tyrolerinn, eine freundliche Alte, mit weißen Haaren und rothen Wangen, ſtand unter der Hausthuͤre. Sie war ſehr reinlich gekleidet, trock⸗ nete, da ſie eben aus der Kuͤche kam, erſt an der weißen Schuͤrze die Hand ab, reichte ſie dann der gnaͤbigen Frau, und ſagte:„Gruͤß' dich Gott, du liebe Frau. Das Eſſen iſt gleich fertig: du mußt aber mit Wenigem vorlieb neh⸗ men; bey uns giebt es faſt nichts, als Milch und Butter, Haberbrod und Erdaͤpfel.“ 1 1 Der Tyroler fuͤhrte die Frau in ein Nebenſtuͤbchen, deſſen kleines Fen⸗ ſterlein die Ausſicht auf den duͤſtern Tannenwald und die zwey Schneeberge hatte. Die ganze Einrichtung de Stuͤbchens beſtand aus einem Tiſche, einer Bank und einem Paar Stuͤhlen von Tannenholz, und aus einem glaͤn⸗ zend gruͤnen irdenen Ofen, der zugleich zum Heerde diente; nebenzu war noch ein kleines, aͤrmliches Schlafkaͤmmer⸗ chen. Indeß dankte die Frau Gott, dieſes Plaͤtzchen gefunden zu haben. Sie richtete ihr kleines Hausweſen ein, ſo gut es die Umſtaͤnde erlaubten. Sie kochte ſelbſt, und brachte die uͤbrige Zeit mit Stricken und Naͤhen zu, wo⸗ mit ſie doch immer einiges verdiente. Ihren Karl zu beſchaͤftigen, machte ihr die meiſte Sorge. Ihn ſelbſt zu unter⸗ richten, fehlte es ihr an Buͤchern, und 3 G 2* — 28— uͤberdies hatte er auch ſchon angefangen, Latein zu lernen. Als ſie eines Mor⸗ gens eben bekuͤmmert daruͤber nachdach⸗ te, wurde das kleine Gloͤcklein in der Kapelle gelaͤutet. Die gute, fromme Tyrolerinn kam eilig herein, und ſagte, der Herr Pfarrer aus dem Dorfe jen⸗ ſeits des Berges werde heute die heilige Meſſe dahier leſen. Frau von Erlau begab ſich mit ihrem Karl ſogleich in die Kapelle. Der Pfarrer hielt eine kleine Anrede, die ihr ſehr zu Herzen ging. Sie ſprach nach dem Gottes⸗ dienſte mit ihm, und fand an ihm einen ſehr einſichtsvollen, frommen, liebrei⸗ chen Mann. Er verſprach, die noͤthi⸗ gen Buͤcher zu beſtellen, und dem Kna⸗ ben jeden Nachmittag ein Paar Unter⸗ richtsſtunden zu geben, wenn er ſich uͤber den Berg bemuͤhen wollte. Karl verſtand ſich dazu mit Freu⸗ den, und war, ſeit er wieder ein be ſtimmtes Geſchaͤft hatte, noch einmal ſo vergnuͤgt. Er konnte jedesmal kaum das Mittageſſen abwarten, um mit ſeinen Buͤchern nur recht bald uͤber den Berg zu kommen. Indeß hatte der arme Knabe, zumal wenn es mehrere Tage nach einander regnete, faſt gar keine Unterhaltung. Die verſtaͤndige Mutter hielt eine unſchuldige Erho⸗ lung fuͤr eben ſo noͤthig, als die Ar⸗ beit. Sie war darauf bedacht, ihm beydes zu verſchaffen. In dem Tyrol werden viele Kana⸗ rienvoͤgel gezogen, und dann von eige⸗ nen Haͤndlern außer Landes weit und breit umher verkauft. Auch der alte Tyroler hatte eben mehrere junge, vor⸗ zuͤglich ſchoͤne Kanarienvoͤgel beyſammen. Karl bath ſeine Mutter, da dieſe Voͤ⸗ gel hier ſo wohlfeil waͤren, ihm einen zu kaufen.„Zu Hauſe, ſagte er, hat⸗ te Lina immer ein ſolches Voͤgelein. . — 30— Kauf mir doch eines, ſo haben wir hier zwiſchen dieſen Felſen und Waͤldern doch etwas, das uns an unſer liebes Vaterland erinnert!“ Die gute Mut⸗ ter war dazu bereit— und der Knabe ſuchte ſich den ſchoͤnſten Kanarienvogel aus allen heraus, der demjenigen, den ſeine Schweſter ehemals hatte, am aͤhn⸗ lichſten war. Karl hatte an dem gelben Voͤgel⸗ chen mit den hellen glaͤnzendſchwarzen Aeeuglein die groͤßte Freude. Es wurde bald zahm, flog ihm auf den ausge⸗ ſtreckten Zeigefinger, und pickte ihm Broſamen von den rothen Lippen. Wenn er ſchrieb, flog es herbey, rupfte an der Schreibfeder und pickte ihn in den Finger, ſo daß er, obwohl ihm der Scherz gefiel, es oͤfters einſperren mußte, um in ſeiner Arbeit nicht gehin⸗ deert zu werden. Als das Voͤgelein an⸗ 3 fing zu ſingen, konnte Karl den Ge⸗ — — 31— ſang gar nicht genug loben.„Du mußt ihm ein ſchoͤnes Stuͤckerl pfeifen lehren!“ ſagte einmal der Tyroler. Karl glaubte, der Alte ſcherze; er wuß⸗ te noch nicht, daß man Voͤgel abrichten koͤnne. Der Tyroler langte eine kleine Pfeife, die er ein Flaſchenetlein nannte, hervor.„Eny, ſagte Karl, das iſt ja eine unvergleichlich ſchoͤne, kleine Floͤte von Elfenbein!“ Der Tyroler ſpielte ihm ein Taͤnzchen vor, und zeigte ihm die Griffe. Karl war uͤber den hellen, reinen Ton entzuͤckt, faßte, da er ſehr viel Talent zur Muſik hatte, alles ſehr leicht, und konnte bald ein jedes Stuͤck⸗ chen, das er hoͤrte, ſogleich ſpielen. Er ſpielte nun dem Vogel ſehr oft ein und das naͤmliche Stuͤckchen vor, und als der Vogel es endlich das erſte Mal ge⸗ nau und ohne Fehler ſang, huͤpfte Karl vor Freude, und die Mutter ſagte laͤ⸗ chelnd:„Mache nur, daß du deine Lektion auch immer ſo puͤnktlich und ohne Anſtand aufſagen koͤnneſt, wie der Vogel.“ Der Kanarienvogel und die Floͤte machten dem muntern Karl und ſelbſt der Mutter, zumal wenn Sturm und Regen ſie in ihre duͤſtre Stube verſchloß, manche heitere Stunde. Indeß lag der edlen Frau das Schickſal ihres Gemahls und ihrer Toch⸗ ter beſtaͤndig im Sinne, und verurſachte ihr manchen traurigen Tag, manche ſchlafloſe, thraͤnenvolle Nacht. Sie ſuchte freylich beſtaͤndig Nachricht zu erhalten. Allein immer vergebens. Die einzigen Nachrichten aus Frankreich, die zu ihr gelangen konnten, waren in den Zeitun⸗ gen enthalten. Der Herr Pfarrer ſendete ihr dieſelben jede Woche ein Mal durch Karl. Eines Abends kam Karl froͤhlich nach Hauſe, brachte die Zeitungen mit, packte ſie aus ſeiner Thecke aus, und ſagte: Der Herr Pfarrer habe ſie zwar nicht ganz durchleſen köͤnnen; indeß habe er doch ſo viel geſehen, daß ſie viele gute Nachrichten enthielten. Die Mut⸗ ter las begierig und fand, daß die Nach richten vom Kriege wirklich ſehr gut lauteten. Sie ſchoͤpfte Hoffnung, bald wieder in ihr geliebtes Vaterland zu⸗ ruͤckkehren zu duͤrfen. Aber ſieh— am Ende der Zeitung war eine lange Liſte von Edelleuten, die wegen ihrer Vor⸗ liebe zu der alten Verfaſſung hingerichtet wurden. Und unter dieſen fand ſie auch den Namen ihres Gemahls, Heinrich von Erlau. Sie erſchrack, als haͤtte ſie ein Donnerſchlag getroffen. Das Blatt ſiel ihr aus den Haͤnden und ſie ſank in Ohnmacht. Es waͤhrte lange, bis die Leute im Hauſe, die auf Karls Jammergeſchrey herbey eilten, ſie wieder zurecht brachten. Sie verſiel in eine gefaͤhrliche Krankheit. Man zweifelte an ihrem Aufkommen, und der arme Knabe, der keinen Augenblick von ihrem Bette kam, welkte zuſehends dahin. Der alte Tyroler ſagte oͤfter kopfſchuͤt⸗ telnd und mit wehmuͤthiger Stimme: „Der kommende Herbſt wird wohl ſeine Blaͤtter auf das Grab der guten Frau ſtreuen, und auch das arme Kind ſieht vielleicht den kuͤnftigen Fruͤhling nicht mehr!“ IV. Der alte getreue Diener Richard hatte jenſeits des Rheins gewartet, bis ſein Bruder, der Fiſcher, in dem kleinen Kahn wieder zuruͤckgekommen war, und ihm die Nachricht von der gluͤcklichen Uiberfahrt der Frau gebracht hatte. Seine groͤßte Angelegenheit war jetzt, ſeinen guten Herrn von dem Tode zu retten. Denn Richard hielt es fuͤr hoͤchſt ungerecht, daß derſelbe wegen ſeiner Treue gegen den rechtmaͤßigen Koͤnig ſollte hingerichtet werden. Sogleich des andern Tages in aller Fruͤhe eilte er in die Stadt. Er hatte da einen Sohn, Namens Robert, den man gezwungen hatte, unter der Natio⸗ nalgarde zu dienen. Mit Huͤlfe dieſes muthigen und gewandten Juͤnglings, den von Zeit zu Zeit die Wache bey den Gefangenen traf, hoffte Richard ſeinen Herrn aus dem Gefaͤngniſſe zu befreyen. Richard und ſein Sohn machten allerley Entwuͤrfe, fanden aber keinen ausfuͤhrbar. Endlich beſchloſſen ſie, der Sohn ſollte ein aufmerkſames Auge haben, und die erſte beſte Gelegenheit, die ſich darbiethen wuͤrde, benuͤtzen. Es zeigte ſich aber durchaus keine, und Robert gab bereits die Hoffnung auf. Herr von Erlau wurde endlich zum Tode verurtheilt, Das Urtheil ſoll⸗ te den kommenden Morgen vollzogen werden. Traurig, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, ſaß er Nachts in ſeinem einſamen Gefaͤngniſſe ſo da. Man hatte es nicht der Muͤhe werth geachtet, ihm Licht zu bringen, und dichte Finſterniß umgab ihn. Er dachte an ſeine Frau, an ſeine Kinder. Nicht um ſich ſelbſt war es ihm, ſondern nur um ſie. Er wußte nichts von ihnen, und war wegen ihres Schickſals ſehr bekuͤmmert. Doch, was er bey Anhoͤrung ſeines Todesur⸗ theils mit einem Blick zum Himmel ge⸗ ſagt hatte, das war auch jetzt noch ſeine Geſinnung:„Herr, dein Wille ge⸗ ſchehel⸗ Er richtete alle ſeine Gedanken auf Gott.„Bey wem, ſagte er unter anderm, ſoll ich in dieſer letzten Nacht meines Lebens Troſt finden, als bey Dir, liebſter Vater im Himmel. Was Du geſchehen laͤſſeſt, iſt immer das Beſte. * 3* So mache es denn mit mir und mit den Meinigen nach deinem goͤttlichen Wohlgefallen. Willſt Du mich meinem lieben Weibe und meinen guten Kindern nehmen, ſo wirſt Du vaͤterlich fuͤr ſie ſorgen, und ſie in ihrem großen Jam⸗ mer troͤſten— und im Vertrauen auf Dich will ich mein Haupt ruhig auf den Block legen, der bereits von dem Blute vieler meiner Freunde gefaͤrbt iſt! Willſt Du mich aber meinem Weibe und meinen Kindern noch auf eine Zeit ſchenken, ſo iſt es Dir ein Leichtes, die Thuͤre meines Kerkers zu eroͤffnen und mich der Gewalt meiner Feinde zu entreißen— und mein und der Meini⸗ gen ganzes Leben ſoll dann Dir gewid⸗ met und ein beſtaͤndiges Dankgebeth ſeyn!“ Waͤhrend der edle Mann in ſolche Gedanken vertieft war, entſtand ploͤtzlich draußen auf dem Gange ein großer Laͤrmen. Mit Einem Male wurde die Thuͤre ſeines Gefaͤngniſſes aufgeriſſen. Wolken von Rauch drangen herein und furchtbarer Feuerglanz erhellte das ganze Gefaͤngniß. Ein junger Krieger ſtand vor ihm und rief:„Um Gotteswillen, retten Sie ſich!“ Dieſer war Robert, der Sohn des alten Richards. Durch die Unvor⸗ ſichtigkeit einiger betrunkener Soldaten war in dem Gebaͤude, wo die Gefange⸗ nen verwahrt wurden, Feuer ausgebro⸗ chen. Die Soldaten, die vor den Thuͤ⸗ ren der Gefangenen Wache hielten, hat⸗ ten Waffen und Oberkleider abgeworfen, und waren zum Odſchen herbeygeſtuͤrzt. Der junge Robert hatte die erſte Ver⸗ wirrung benuͤtzt, Kleider und Waffen eines Soldaten zuſammen gerafft, und ſich damit eilend zu dem Herrn von Erlau begeben. „Geſchwind ziehen Sie dieſe Klei⸗ der an!“ ſprach Robert weiter, und half ihm den Rock anziehen, ſetzte ihm den Hut mit Federbuſch und Kokarde quer auf den Kopf, ſchnallte ihm die Saͤbel⸗ kuppel um, und gab ihm die Flinte in den Arm. Der Bart, der dem guten Herrn waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft nicht abgenommen worden, machte ihn den verwilderten Soldaten jener Zeit nur deſto aͤhnlicher und vollendete ſein kriegeriſches Ausſehen.„So ſprach Robert, nun eilen Sie kuͤhn die Treppe hinab und zur großen Pforte hinaus. In dieſer Kleidung, hoffe ich, ſollen Sie ohne Anſtand durchkommen. Dann eilen Sie zu meinem Vater, der ſich bey ſeinem Bruder, dem Fiſcher am Rheine, befinden wird.“ Dem Herrn von Erlau war der Anblick des jungen Kriegers wie die Erſcheinung eines Engels und ſeine An⸗ rede wie eine Bothſchaft vom Himmel geweſen. Er wußte ſich ſogleich in ſeine Rolle zu finden. Mit einem Ernſte, als haͤtte er die wichtigſten Auftraͤge, eilte er die Treppen hinab, rief den Leuten, die ſich mit Feuereimern herein⸗ draͤngten, mit trotziger Stimme zu: „Platz, Platz!“ und kam, ohne an⸗ gehalten zu werden, hinaus auf die Straſſe. Mit kuͤhnem Muthe und ſtarken Schritten ging er nun geraden Weges dem Stadtthore zu, und kam, da ihm Robert auch die Parole geſagt hatte, gluͤcklich aus der Stadt. Nach Mitternacht langte er bey dem Hauſe des alten Fiſchers an. Er klopfte an dem Fenſterladen. Der Fiſcher kam heraus— und erſchrack nicht wenig. Er glaubte einen Soldaten zu erblicken, der ihn oder ſeinen Bruder einfangen wolle, weil beyde durch ihre Treue und Anhaͤnglichkeit an die Familie Erlau ſich viele Feinde gemacht hatten. Allein als der gute Fiſcher den Herrn von Erlau erkannte, rief er mit erhobenen Haͤnden:„O, Gott Lob!“ und fuͤhrte ihn voll Freude in die Stube. Richard, der hier ſchon zehn Naͤchte gewacht und gewartet hatte, ſtuͤrzte mit dem Ausruf:„O, mein Herr!“ auf ihn zu und beyde umarmten ſich unter Thraͤnen. Die erſte Frage des Herrn von Erlau war nach ſeiner Gemahlinn, und ſeinen Kindern. Richard erzaͤhlte, daß die gnaͤdige Frau und Karl gerettet ſeyen, daß Fraͤulein Lina ſehr krank geweſen, daß ſie aber wieder geſund ſey — und ſich hier im Hauſe befinde. Lina, die in der Nebenkammer ſchlief, war uͤber den Freudenausruf des guten Ri⸗ chards erwacht, und kannte ihren Vater an der Stimme. Mit Freudenthraͤnen eilte ſie in ſeine Arme, und auch er — 42— benetzte ihre wieder aufbluͤhenden Roſen⸗ wangen mit reichlichen Thraͤnen. Er beſtand darauf, noch in der Nacht uͤber den Rhein zu ſetzen, um dem Lande, das ehemals ein Paradies und nun eine Möoͤrdergrube war, zu entkommen. Auf dem naͤmlichen Schiff⸗ lein, das ſeine Gemahlinn und ſeinen Sohn an das jenſeitige Ufer gebracht hatte, wollte auch er hinuͤber auf den damals noch gluͤcklichen deutſchen Boden. Er machte ſich mit Lina unverzuͤglich auf den Weg. Der alte Fiſcher ging voran und Richard, mit einem Felleiſen auf dem Ruͤcken, folgte. Die Nacht war ſternhell. In tiefer Stille naͤherten ſie ſich dem Rheine, wo das kleine Schiff⸗ lein im Gebuͤſche bereit ſtand. Allein Nauf einmal hoͤrten ſie hinter ſich ſchie⸗ ßen, und mehrere rauhe Stimmen rie⸗ fen:„Halt, halt!“ Das Feuer im Gefaͤngniſſe war bald geloͤſcht worden. X Die Soldaten hatten den Herrn von Erlau und die fehlenden Kleider und Waffen ſogleich vermißt, und waren dem Fliehenden auf die Spur gekommen. Mit furchtbarem Geſchrey kamen ſie naͤher. Die armen Fluͤchtlinge hatten einen Todesſchrecken. Sie eilten, ſo ſchnell ſie konnten, dem Schifflein zu. Herr von Erlau, mit Lina auf dem Arme, ſtieg eilends ein; Richard ſprang ihm nach. Beyde griffen zu den Ru⸗ dern, und arbeiteten mit Macht. Der alte Fiſcher, der in dem Schifflein ohne⸗ hin nicht mehr Raum gehabt haͤtte, verbarg ſich in einem hohlen Weiden⸗ baume. Allein das Schifflein war kaum zwanzig Schritte vom Lande, ſo erreich⸗ ten die Soldaten das Ufer. Sie fingen an, auf die Fluͤchtigen zu feyern. Fuͤrch⸗ terlich ziſchten den unſchuldig Verfolgten die Kugeln um die Ohren. Herr von — 44— Erlau befahl, Lina ſollte in dem Schiff⸗ lein niederliegen. Die beyden Ruderer verdoppelten ihre Anſtrengung. Eine Kugel durchloͤcherte des Herrn von Er⸗ lau Hut; ein Paar andere ſchlugen in Richards Ruder. Das Schifflein, das kaum einen Finger breit uͤber das Waſſer ragte, ſchwankte und ging— beynahe unter. Doch ſie entkamen alle unverletzt und erreichten gluͤcklich das jenſeitige Ufer. Herr von Erlau ſank auf die Knie, Gott fuͤr ſeine Rettung zu dan⸗ ken; Lina und Richard folgten ſeinem Beyſpiele. Hierauf ſetzten ſie ſich auf einen umgeſtuͤrzten Baumſtamm, um von den Anſtrengungen auszuruhen. Nachdem ſie ſich etwas erholt hatten, ſchritt Richard, der ſeinen Herrn auch in der Noth nicht verlaſſen wollte, mit ſeinem Wanderſtabe in der Fauſt u der hukren a Buͤrde auf dem Ruͤcken, 4 4 voraus— und ſein Herr und Fraͤulein Lina folgten ihm. Er aber nahm den Weg dem waldigen Gebuͤrge Schwabens zu, das man wegen ſeiner vielen Tannen⸗ waͤlder den Schwarzwald nennt. V. Herr von Erlau hatte nun keine groͤßere Angelegenheit, als die, ſeine Gemahlinn aufzufinden. Richard kann⸗ te in der Naͤhe des Schwarzwaldes einen wackern Landmann. Zu dieſem gingen ſie zuerſt, um hier ein Paar Tage auszuruhen und ſich zur weitern Reiſe anzuſchicken. Herr von Erlau hatte aber kaum die laͤndliche Wohnung betreten, ſo ſprach er ſchon wieder von der Abreiſe.„Ich habe keinen ruhigen Augenblick, ſagte er zu Richard, bis ich meine Frau und meinen Sohn wie⸗ der gefunden habe. Du ſagſt mir wohl, guter Richard, ſie ſeyen zuverlaͤßig in der Schweiz. Allein wie wollen wir dahin kommen? Zu Fuß kann meine Lina nicht ſo weit reiſen; und hinzufahren, das vermag ich nicht.“ Nun zog Richard einen Beutel mit Gold heraus, und ſchuͤttete das Gold auf den Tiſch.„Sie ſind nicht ſo arm, als Sie denken, beſter, gnaͤdi⸗ ger Herr! ſprach er. Dieß alles iſt Ihr Eigenthum.“ Herr von Erlau ſtarrte bald das Gold, und bald den treuen Diener an.„Da Sie noch wohl⸗ habend waren, ſagte Richard, waren Sie ja auch immer wohlthaͤtig. Wie vielen haben Sie nicht in der dringend⸗ ſten Noth Geld vorgeſtreckt. Einiges von dieſem Gelde habe ich nun, waͤh⸗ rend Sie im Gefaͤngniſſe ſchmachteten und ihre Gemahlinn auf der Flucht in einem fremden Lande umher irrt, einkaſſirt. Obwohl es, wie ich es nur zu wahr fand, viele Menſchen giebt, bey denen weder Dank noch Redlichkeit iſt, ſo traf ich doch auch viele redliche Seelen, die mir nicht nur das Gelehnte zuruͤckſtellten, ſondern aus Liebe und Dankbarkeit gegen ihren guten Herrn noch mehreres dazu gaben.“ Herr von Erlau zaͤhlte das Gold.„Es iſt viel, ſehr viel, ſagte er mit einem dankbaren Blick zum Himmel. Wie lange wird — wie lange kann aber das waͤhren?“ „Wir wollen ſchon gut haushalten, ſagte Richard, und deßungeachtet in die Schweiz fahren.“ Richard kaufte ein Pferd und ein leichtes Bauernwaͤgelein, uͤber das ver⸗ mittelſt einiger Reifen eine Decke von Leinwand geſpannt werden konnte, um ſich gegen Wind und Regen zu ſchuͤtzen. Sie reisten weiter. Richard ging meiſtens zu Fuß neben her. Herr von Erlau und Lina mußten auf dringendes Bitten des gutherzigen alten Mannes faſt immer fahren. So kamen ſie bis in die Schweiz. Nirgends aber konnte Herr von Erlau hier eine Silbe von ſeiner Gemahlinn in Erfahrung bringen. Alle Nachfor⸗ ſchungen waren vergebens. Er ward uͤberzeugt, ſie muͤſſe einen andern Weg genommen haben. Sie kehrten zuruͤck nach Schwaben. Indeß waren die Kraͤfte des guten 4 Herrn durch harte Behandlung im Gefaͤngniſſe, Angſt und Schrecken bey ſeiner Verurtheilung, Sorge und Furcht auf ſeiner Flucht, und durch die taͤglichen Beſchwerden des Reiſens erſchoͤpft. Er wurde krank und mußte in einem kleinen Staͤdtchen Schwabens ſich niederlaſſen, bis er ſich wieder wuͤrde erholt haben. Richard miethete ein Paar Zimmer, nebſt Kammer und Kuͤche, kaufte das noͤthig⸗ 6 12——2sꝑ— 8 4 1 E . 1 — 49— noͤthigſte Hausgeraͤthe, und beſorgte, da er in allen haͤuslichen Geſchaͤften ſehr geſchickt war, die kleine Haus⸗ wirthſchaft. Lina half ihm treulich bey, und verrichtete von Morgen bis Abend mit tauſend Freuden alle jene Arbeiten, die nicht uͤber ihre Kraͤfte waren. Herr von Erlau mußte anfangs beynahe immer das Bette huͤthen. Es brauchte lange, bis er wieder den groͤß⸗ ten Theil des Tages auf ſeyn konnte. Lina that alles, ihn gut zu verpflegen, ihn zu erheitern, und ihm die Zeit zu verkuͤrzen. Sie wußte ihm alle Tage eine andere Freude zu machen— in⸗ dem ſie ihn bald mit einer neuen Speiſe, die ſie das erſte Mal ſelbſt gekocht hatte, bald mit einem neuen Liede, bald mit einer angenehmen Nachricht uͤberraſchte. Der Vater gab ihr ſeine Liebe und Zufriedenheit auf alle erdenkliche Weiſe zu erkennen. Erzählungen f. Kinder. I. 3 1 — 50— Jetzt kam Linas Geburtstag. Sie ging ſehr fruͤhe in die Meſſe, um an dieſem Tage Gott zu danken— und beſonders fuͤr ihre Mutter und ihren Vater zu bethen. Als ſie heimkam, ſieh— da ſtanden ihre Lieblingsblumen, die herrlichſten rothen und blauen Lev⸗ kojenſtoͤcke, in dem Fenſter, und ein Kanarienvoͤgelein von der reinſten gelben Farbe und mit einem Schoͤpfchen, ge⸗ rade ſo wie ſie zu Hauſe eines gehabt hatte, war in einem zierlichen Kaͤfich uͤber den Blumen am Fenſter aufgehaͤngt. Die Morgenſonne ſchien ungemein hell und freundlich in das Fenſter, und machte die ſchoͤnen Farben der Blumen noch ſchoͤner. Lina ſtand entzuͤckt. Ihr traten uͤber die zaͤrtliche Liebe ihres Vaters die Thraͤnen in die Augen. Sie dankte Ihm in den liebvollſten Ausdruͤ⸗ cken kindlicher Zaͤrtlichkeit.„Nimm ſo vorlieb, gutes Kind! ſagte der Vater. Mehr kann ich dir jetzt nicht geben. Als wir noch auf unſerm Schloſſe wa⸗ ren, da war es freylich anders. Der Tag wurde mit lautem Jubel gefeyert und war ein Feſt fuͤr das ganze Dorf. Heute wollen wir ihn in ſtiller Freude zubringen.“ Es wurde eine beſſere Mahlzeit bereitet. Der Vater war bey Tiſche wieder einmal recht von Herzen froͤhlich. Richard mußte auch mit an den Tiſch ſitzen. Am Ende der Mahlzeit brachte der geſchaͤftige alte Diener noch eine Torte, die mit Blumen beſteckt war, und eine Flaſche rothen Weines aus ihrem Vaterlande, dem Elſaße. Der Vater trank zuerſt auf Linas Geſund⸗ heit und dann auf die Geſundheit ſeiner Gemahlinn und ſeines Sohnes. Allein Wehmuth miſchte ſich in die Freude, und die Thraͤnen troͤpfelten ihm in den 3* — 52— Wein.„Ach, Lina, ſprach er, wo feyern heute deine Mutter und dein Bruder deinen Geburtstag? Was iſt ihnen wohl ſchon alles begegnet? Ach, eine Frau, ein Kind, ohne Freund und Beſchuͤtzer in die Welt hinausgeſtoßen, ſind tauſend Unannehmlichkeiten, Ver⸗ legenheiten und Gefahren ausgeſetzt. Wer weiß, ob wir dieſen Tag noch eeinmal zuſammen feyern werden?— Ich hatte ſonſt ſo einen froͤhlichen Muth und ſo ein feſtes Vertrauen auf Gottes Vorſehung. Jetzt aber habe ich oft recht traurige Stunden. Ich fuͤrchte— ich fuͤrchte.——“ Lina fiel ihrem Vater weinend um den Hals, ihn zu troͤſten.„Sey ge⸗ troſt, liebſter Vater, ſprach ſie. Gott verlaͤßt uns nicht. Er bringt uns ge⸗ wiß alle noch einmal zuſammen. Um⸗ ſonſt hat Er uns nicht alle ſo wun⸗ derhar gerettet. Gewiß ſorgt Er fuͤr 4 uns!“—„Ja, das wird Er!“ ſprach Richard, und trocknete die Augen. Alle ſchwiegen. Es war ein Augenblick ſtiller, andachtsvoller Ruͤhrung. Da fing das Kanarienvoͤgelein mit einem Male an, die Melodie des Liedchens zu ſingen: Ich habe Muth In jeder Noth; Denn gut, o gut Iſt unſer Gott! Lina ſchlug voll Erſtaunens die Haͤnde zuſammen und rief:„Gott im Himmel, was iſt dieß? Das iſt ja das erſte Liedchen, das Karl auf dem Klavier ſpielen und ich dazu ſingen lernte— das wir eben damals ſangen, als man dich, liebſter Vater, gefangen nahm.“ Der Vater, Lina, Richard blickten alle drey ſtaunend und wundernd zu dem Vogel hinauf. Er wiederholte das Stuͤckchen zwey, dreymal. Es war 1— 54— nicht anders. Es war genau das naͤm⸗ liche Liedchen. Keine Note fehlte. „Das iſt hoͤchſt wunderbar! ſagte der Vater, und nahm die Muͤtze ab. Guter Gott, ich glaube, Du willſt mir mein liebes Weib und meinen Sohn Karl wieder ſchenken. Nur von ihnen kann der Vogel das Liedchen ge⸗ lernt haben, obwohl ich noch nicht be⸗ greife, wie? O, Richard, wie biſt du doch zu dem Vogel gekommen?“ Richard ſagte, daß er das niedliche — Thierchen geſtern von einem jungen Cyroler gekauft habe.„O, ſo renne und laufe doch, was du kannſt, ſagte Herr von Erlau, und ſuch' ihn auf. Vielleicht kann er uns naͤhere Nachrich⸗ ten ertheilen.“ Richard blieb lange aus. Herr von Erlau und ſeine Toch⸗ ter brachten die Zeit in der unruhigſten Erwartung zu.„Wie groß mußte ihre Noth ſeyn, ſagte der Vater, wenn ſie 1 ſogar dieſes liebe Geſchoͤpf verkaufen mußten. Oder vielleicht ſind ſie gar todt, und das Voͤgelein iſt nun alles, was ſie uns zuruͤcklaſſen.“ Endlich kam Richard mit dem Tyroler. Der junge Mann wußte aber von dem Kanarien⸗ vogel nichts beſonders zu ſagen. Er hatte ihn von einem Hirtenknaben im Tyrole gekauft. Der Namen„Frau von Erlau“ war dem Tyroler unbe⸗ kannt. Allein auf die weitern Fragen des Herrn von Erlau verſicherte er, eine ſolche Frau mit einem ſolchen Knaben befinde ſich wirklich in ſeiner Gegend, und es ſey wohl moͤglich, daß ihnen das Voͤgelein einmal zugehoͤrt habe. Er habe die Frau jeden Sonntag in der Kirche geſehen, und der Knabe, der zu dem Herrn Pfarrer in die Schule gehe, ſey ihm oft begegnet. Der Kleine muͤſſe ſchon gar hochgelehrt ſeyn. Denn er habe allemal einen großen Pack Buͤ⸗ — 56— cher, in Riemen eingeſchnallt, uͤber den Nuͤcken getragen. Der Tyroler beſchrieb die Geſtalt der Frau und des Knaben ſo genau, daß alle einmuͤthig und voll Freude ausriefen:„Sie ſinds— ſie ſind es gewiß!“ Alle dankten Gott herzlich und unter Thraͤ⸗ nen, daß Er ihnen durch ſeine wunder⸗ bare Leitung den Aufenthalt der lieben Ihrigen entdeckt habe. Herr von Erlau erkundigte ſich auf das genaueſte nach dem Orte, wo die Frau lebe, und nach dem Wege, der dahin fuͤhre, und ſchenk⸗ te dem erſtaunten Tyroler fuͤr ſeine treuherzige Erzaͤhlung einen großen Thaler. Sie machten nun ſogleich Anſtal⸗ ten zu Abreiſe. Herr von Erlau fuͤhlte nichts mehr von Entkraͤftung; die frohe Nachricht ſtaͤrkte ihn mehr, als die beſte Arzney. Lina half ihm ein⸗ packen, und Jacob ging, das kleine Waͤgelein wieder in guten Stand zu ſetzen, und den alten Braunen, der indeß bey einem Wirthe, blos fuͤr die Koſt ohne Lohn, gedient hatte, wieder abzuholen. Sogleich des folgenden Tags reisten ſie ab— dem Tyrole zu. Auch das liebe Voͤgelein ließen ſie nicht zu⸗ ruͤck. Es ward mit ſeinem Kaͤſich an einem Reifen des Wagens, uͤber den ſich die weiße Decke woͤlbte, aufgehan⸗ gen, und Herr von Erlau und Lina hatten die Freude, daß es ihnen hie und da mit ſeinem erheiternden Liedchen die Zeit verkuͤrzte. — VI. Herr von Erlau kam mit ſeiner kleinen Reiſegeſellſchaft und dem laͤndli⸗ chen Fuhrwerke gluͤcklich in dem Dorfe an, wohin das kleine Weiler Schwar⸗ zenfels in die Pfarrey gehoͤrte. Er ging ſogleich zu dem Herrn Pfarrer. Dieſer beſtaͤtigte alles, was der junge Tyroler, der mit Kanarienvoͤgeln handel⸗ te, erzaͤhlt hatte. Frau von Erlau und ihr Sohn lebten noch.„Nur, ſagte der Geiſtliche, lebt die gute Frau in der tiefſten Trauer. Sie haͤlt ihren theuren Gemahl fuͤr todt, und ſeit ſie dieſe ungluͤckliche Nachricht erhielt, kam wohl keine Freude mehr in ihr Herz. Kaum entrann ſie der toͤdtlichen Krank⸗ heit, in die der Schmerz ſie geſtuͤrzt hatte— und nur mit Muͤhe und lang⸗ ſam erholt ſie ſich.“ Herr von Erlau fragte, wo dieſe unwahre Nachricht herkomme. Der Herr Pfarrer brachte einen Pack Zeitun⸗ gen, ſuchte ein Blatt heraus, und leg⸗ te es ihm vor. Herr von Erlau las mit ſeinen eigenen Augen in dem ge⸗ druckten Blatte, er ſey an dem und dem Tage hingerichtet worden. So ſehr ihn dieſes befremdete, ſo konnte er ſich die Sache doch leicht erklaͤren. In jenen Tagen der Verwirrung gehoͤrte eine ſolche Unrichtigkeit unter die klei⸗ nen, unbedeutenden Unordnungen. Man hatte entweder vergeſſen, ſeinen Namen aus der bereits vexfaßten Liſte der Hin⸗ gerichteten auszuſtreichen— oder man wollte ihn vielleicht nicht ausſtreichen, weil man hoffte, ſo am leichteſten der Verantwortung zu entgehen, daß man ihn entkommen ließ⸗ Es ſchmerzte den Herrn von Erlau tief in der Stele, daß dieſe falſche Un⸗ gluͤcksnachricht ſeiner Gemahlinn einen ſo großen Jammer bereitete und ſie dem Tode nahe brachte. Der Herr Pfarrer war der Meinung, daß man ihr die Freudennachricht, die ihrer wartete, nur mit der aͤußerſten Vorſicht beybringen muͤſſe. Er unterredete ſich mit dem — 60— Herr von Erlau, wie das zu machen ſey, und alle traten hierauf, wiewohl es ſchon ſpaͤt am Abende und die Wit⸗ terung ſehr unfreundlich war, die Reiſe nach Schwarzenfels an. Es hatte den ganzen Tag geregnet und nun fing es, da es in dieſem Lande fruͤher Winter wird, gar an, heftig zu ſchneien. Sie erreichten indeß bald die Hoͤhe des wal digen Berges, von wo aus man durch die Tannenaͤſte die niedrigen Huͤtten mit ihren flachen, ſchneebedeckten Daͤchern, und mit ihren rauchenden Kaminen tief 8 5 8 unten im Thale erblickte. Die Geſell⸗ ſchaft ſetzte ſich hier unter den dichten Tannen, die mit ihren herabhaͤngenden Aeſten ſie vor Wind und Naͤſſe ſchuͤtz⸗ ten, auf ein mooſiges Felſenſtuͤck nie⸗ der, und Richard ging nun zuerſt der Huͤtte zu, die ihm der menſchen freundli⸗ che Geiſtliche, mit dem Finger durch 8 4 — 61— eine Oeffnung zwiſchen den Aeſten deu⸗ tend, gezeigt hatte. Die Frau von Erlau ſaß, ſchwarz gekleidet, an ihrem laͤndlichen Kamin⸗ feuer, das mit ſeinem lodernden Glanze das Stuͤbchen, in dem es bereits daͤm⸗ merte, zu erhellen anfing. Sie ſtrickte noch, und der Knabe las ihr aus einem Buche vor. Als ſie ihren treuen Die⸗ ner mit den ſchneeweißen Haaren herein⸗ treten ſah, that ſie einen lauten Schrey, und ihre Arbeit ſiel ihr aus den Haͤn⸗ den. Sie eilte auf ihn zu, und unter tauſend Thraͤnen der Freude und des Schmerzens begruͤßte ſie ihn ſo herzlich, als waͤre er ihr leiblicher Vater. Auch Karl war vor Freude außer ſich. Die Frau hieß den alten Mann ſich auf den hoͤlzernen Stuhl niederſetzen, den Karl an das Feuer herbey geruͤckt hatte. „Ach, Richard, fing ſie an, als er ihr gegenuͤber am Feuer ſaß, ſo— ſo — 62— — muͤſſen wir uns wieder ſehen! Ach, von dem blutigem Tode des beſten, des vortreflichſten Mannes laßt mich jetzt ſchweigen. Die Erinnerung iſt zu traurig. Aber wie ging es mit Lina? Starb ſie, das gute Kind, wie der Arzt es vorherſagte! Ach, vielleicht iſt ihre liebliche Geſtalt laͤngſt ſchon Staub und Aſche!“ Richard erzaͤhlte nun, daß der freundliche Hausarzt damals die Krankheit des Kindes fuͤr etwas gefaͤhrlicher ausgegeben habe, um die Mutter deſto leichter zur Fluͤcht zu bewegen, und daß Lina ſich bald wieder erholt habe— und ſeit der Zeit friſch und geſund ſey. Die Mutter war hoch⸗ erfreut und ihre Augen glaͤnzten von Entzuͤcken.„Aber, fuhr ſie ernſt und mit verfinſterten Blicken fort, warum haſt du ſie nicht mitgebracht? Warum haſt du ſie nicht ihrem ungluͤcklichen Vaterlande entriſſen, wo ſie keine 2. „* — 63— Stunde des Lebens ſicher iſt? Wie konnteſt du ohne ſie abreiſen, harter Mann? Warum haſt du—— Sie konnte nicht ausreden, denn ploͤtzlich oͤffnete ſich die Thuͤre und Lina flog ihrer Mutter in die Arme. Karl draͤngte ſich auch hinzu. Suͤßere Thraͤ⸗ nen ſind nicht leicht geweint worden, als die erfreute Mutter vergoß, da ſie ihre beyden Kinder wieder ſo in den Armen hielt. Allein bald mußte die Freude wie⸗ der der Wehmuth weichen.„Ach, daß er noch lebte, mein theurer Gemahl, ſprach ſie, indem ſie weinend zum Himmel blickte! O dann— dann wuͤr⸗ de das Maaß meiner Freuden voll ſeyn. Aber ſo, meine liebſten Kinder, ſeyd ihr arme, vaterloſe Waiſen, und euer Anblick erfuͤllt das Herz eurer bedraͤng⸗ zen Mutter mit Schmerz! Denn ach — was kann ich, eine duͤrftige, rath⸗ loſe Wittwe, fuͤr euch thun!“ Jetzt fing Richard an, unter leiſen Vorbereitungen, mit der Freudennach⸗ richt von der Rettung ſeines Herrn herauszuruͤcken. Allein Frau von Erlau war gefaßter, als Richard dachte. Die große Freude, den guten Alten wieder zu ſehen, die noch groͤßere, ihre Toch⸗ ter wieder in ihre Arme zu ſchließen, war fuͤr die edle Frau die natuͤrlichſte, ſtufenweiſe Vorbereitung, nun auch die groͤßte Freude in ihr Herz aufnehmen zu koͤnnen— die Freude, ihren Gemahl, den ſie hingerichtet glaubte, wieder lebend zu erblicken. Mit klopfendem Herzen war der edle Mann ſchon lange vor der Thuͤre geſtanden, wo er jedes Wort vernehmen konnte. Als nun die Frau aus Richards Geſpraͤche deutlich genug merkte, ihr Gemahl lebe noch, als ſie mit dem — 65— Ausdrucke des hoͤchſten Entzuͤckens laut ausrief:„Er lebt! O, Gottes Barm⸗ herzigkeit ſey ewig geprieſen, die ihn ſeinen Moͤrdern entriß! O, gewiß iſt er nicht weit. O, Kinder, kommt, kommt— fort zu ihm!— 1 Da oͤffnete Herr von Erlau die Thuͤre und ſtuͤrzte vor Freude außer ſich in die offnen Arme ſeiner Gemahlinn! Die gute Frau aber, die ihren lieben Ge⸗ mahl bis zu dieſer Stunde als todt be⸗ trauerte und ihn nun wieder lebend vor ſich ſah, batte eine ganz eigene Empfin⸗ dung. Schuͤchtern und furchtſam, als zweifelte ſie noch, ob er es auch wirklich ſey, betrachtete ſie ihn, wie er, von dem Glanze des Feuers beleuchtet, ſo vor ihr ſtand. Sie konnte es nicht aus⸗ ſprechen, wie wunderbar ſelig es ihr zu Muthe ſey, und ſie ſagte blos:„O, wel⸗ che Seligkeit wartet im Himmel auf als todt beweinen, wiederſehen werden.“ 4 Vater und Mutter, Sohn und Tochter, der wuͤrdige Pfarrer und der redliche Diener brachten an dem laͤnd⸗ lichen Feuerherde einen ſehr ſeligen Abend zu; auch der alte Tyroler und ſeine Hausfrau fanden ſich ein und nah⸗ men an der freudigen Begebenheit den herzlichſten Antheil. Am andern Morgen kam indeß noch ein Gaſt an, der zur Wiedervereini⸗ gung der edlen Familie nach Gott das eiſ beygetragen hatte. Richard brach⸗ den Kanarienvogel herein, den er den Abend zuvor in dem Pfarrhauſe uns, wo wir ſo viele Lieben, die wir gelaſſen hatte. Karl freute ſich ſehr, ſein Voͤgelein wieder zu erblicken. Waͤh⸗ rend der Krankheit der Mutter war es durch das offne Fenſter entſchluͤpft, und Karl hatte ſeit der Zeit nichts mehr von ihm erfahren. Herr von Erlau ——— — 67— erzaͤhlte nun ausfuͤhrlich, wie der Kana⸗ rienvogel ihn auf die Entdeckung gefuͤhrt habe, wo ſich ſeine Gemahlinn und ſein Sohn befinde. Frau von Erlau vergoß uͤber dieſe wunderbare Fuͤgung Gottes Thraͤnen der Freude und der Dankbarkeit. „Ja, guter Gott, ſagte ſie mit gefalte⸗ ten Haͤnden, das haſt Du ſo gefuͤgt. Du haſt Dich dieſes kleinen gefluͤgelten Bothen bedient, meinem Gemahle an⸗ zuſagen, in welchem abgelegenen Winkel der Erde ich mich aufhalte! Ohne ſeine ſchnelle Hieherkunft waͤre ich dieſen Winter uͤber wohl noch in meinem Jammer vergangen!“ Karl ſtimmte hocherfreut in den Dank der Mutter mit ein.„Nicht wahr, ſagte er, das war ein gluͤcklicher Gedanke, daß ich dem Voͤgelein gerade dieſes Liedchen beygebracht habe. Das haͤtte ich aber nicht gedacht, als ich uͤber den Verluſt des Voͤgeleins ſo — 68— betruͤbt war, daß Gott es mir nur neh⸗ me, um mir Vater und Schweſter— und das Voͤgelein noch obendrein!— wieder zu geben. Da ſieht man es recht, wie Gott aus einem kleinen Un⸗ gluůcke uns großes Gluͤck bereiten koͤnne.“ Du haſt Recht, lieber Karl, ſprach der Vater. So nahm uns Gott alle unſre Guͤter, um uns edlere zu geben. Ich hoffe, wir alle haben durch dieſen zeitlichen Verluſt an Tugend gewon⸗ nen, gegen die Glanz und Reichthum nichts ſind— die allein einen ewigen Werth hat. Und vielleicht giebt uns Gott auch einſt die zeitlichen Guͤter wieder zuruͤck, wie dir dein Kanarien⸗ voͤgelchen.“ Der Hirtenknabe, dem Karl den Auftrag gegeben hatte, den entflohenen Kanarienvogel zu fangen, und der, an⸗ ſtatt ihn zuruͤckzugeben, ihn dem Vogel⸗ haͤndler verkauft hatte, war ſehr be⸗ ſtuͤrzt, als er von dem Herrn Pfarrer zur Rede geſtellt wurde, und von dem⸗ ſelben vernahm, wie der Vogel, viele Mieeillen von hier in einem andern Lande, den Diebſtahl verrathen habe.„In meinem Leben will ich nicht mehr unred⸗ lich handeln, ſagte der Knabe; denn nun ſehe ichs klar: Kein Faͤdelein iſt ſo fein geſponnen, es kommt einmal an die Sonnen.“ Herr von Erlau beſchloß, vorerſt den Winter unter dieſem niedrigen Da⸗ che zuzubringen. Richard wurde in ei⸗ ner der benachbarten Huͤtten unterge⸗ bracht. Das Kanarienvoͤgelein kam an die alte Stelle, die es eingenommen hatte, eh' es entfloh. Lina verpflegte es auf das ſorgfaͤltigſte und ließ es ihm auch zur rauhen Jahrszeit keinen Tag an einem gruͤnen Blaͤttchen oder friſchen Apfelſchnitzchen fehlen. Oft, wenn die edle Familie an hellen Wintertagen in 70— dem kleinen Stuͤbchen ſaß, und in die ſchneebedeckte Gegend und die rauh angedufteten Tannenwaldungen hinaus⸗ blickte, ſtimmte das Voͤgelein die Me⸗ lodie des Liedchens an: Ich habe Muth In aller Noth; Denn gut, o gut Iſt unſer Gott! und die Kinder und Aeltern ſangen dann wohl ſelbſt das ganze Lied, und fanden darin Troſt und Erbauung. Ja, bey manchen traurigen Vorfaͤllen und bangen Beſorgniſſen, die dieſe Familie in der Folge noch trafen, war es al⸗ len immer eine nicht geringe Erheite⸗ rung, wenn das Voͤgelein ploͤtzlich ſein Liedchen ſang, und dann mit einem froͤhlichen, muthig ſchmetternden Triller ſchloß.„Wir wollen Dem vertrauen, ſagten ſie, Der uns durch dieſes Voͤge⸗ lein, durch ein ſo kleines, unbedeuten⸗ des Geſchoͤpf, ſchon einmal ſo wunder⸗ — 71— bar half. Er, Der auf tauſend Arten helfen kann, und bisher geholfen hat, wird weiter helfen.“ „Ja, ja, ſagte der alte Richard, ſo denke ich auch. Der Anblick der armen Voͤgelein da draußen vor dem Fenſter, bey dem tiefen Schnee und ſchneidenden Froſte, hat immer etwas Ruͤhrendes fuͤr mich. Mir fallen im⸗ mer die Worte ein:„Betrrachtet die Voͤgel des Himmels. Sie ſaͤen nicht aus, ſie aͤrndten nicht ein, ſie ſammeln nichts in die Scheuern, und doch ernaͤhrt ſie euer Vater im Himmel! Und ſeyd ihr denn nicht viel vortrefflicher, als ſie?“ Allein, wenn ich dieſes Voͤgelein anſehe, ſo gehen mir dieſe Worte noch tiefer zu Herzen, und wenn es gar ſein Liedchen anſtimmt, ſo kann ich nun einmal nicht mehr kleinmuͤthig ſeyn— ſo uͤbel es auch in der Welt ansſehen und ſo hart es uns auch gehen mag. Der fuͤr die Voͤgel ſorgt, kann unſer nicht vergeſſen.“ Die edle Familie mußte uͤbrigens noch eine Zeit ſehr eingeſchraͤnkt leben — durfte aber endlich wieder in ihr Baterland heimkehren und erhielt ihre Guͤter groͤßten Theils wieder zuruͤck, und Herr und Frau von Erlau freuten ſich, wieder reich und vermoͤglich zu ſeyn — weil ſie nun im Stande waren, ihre Freunde in der Noth, den guten Ri⸗ chard, deſſen Frau und Sohn, den alten Fiſcher und jeden, der ihnen Gutes ge⸗ than hatte, nach Herzensluſt zu belohnen. —— — — Das Johanniskaferchen —— An dem Abende eines heißen, ſchwuͤ⸗ len Sommertages ſaß Maria, eine arme Wittwe, an dem offenen Fenſter ihres kleinen Stuͤbchens und ſah ſo hinaus in den ſchoͤnen Baumgarten, der ihre Huͤtte umgab. Sie hatte das Gras, das erſt dieſen Morgen gemaͤht und durch die Sonnenhitze des Tages bald hinreichend duͤrre ward, den Nach⸗ mittag in Schochen aufgehaͤuft, und der liebliche wohlriechende Heuduft weh⸗ 6 Erzäͤhlungen f. Kinder. J. 8 4 ———ᷣ—ÿ—ᷣᷣ—— te erfriſchend und ſtaͤrkend herein. Das Abendroth verglimmte bereits am Ran⸗ de des wolkenloſen, heitern Himmels, und ſchoͤn und klar ſchien der halbe Mond in das kleine freundliche Stuͤb⸗ chen, und mahlte die lichten Vierecke der geoͤffneten und die hellen, runden Scheiben der geſchloßnen Fenſter, ſammt dem Reblaube, das ſie umkraͤnzte, auf dem reinlichen Boden ab. Ihr klei⸗. ner Ferdinand, ein Knabe von ſechs Jahren, ſtand in der Fenſterecke an den Sims gelehnt, und auch ſein bluͤ⸗ hendes Angeſicht und die gelben Locken waren, nebſt einem Theile des weißen, reinlichen Hemdaͤrmels und des ſchar⸗ 1 lachrothen Weſichens, hell und lieblich vom Monde beleuchtet. Die arme Frau ſaß wohl ſo da, D um auszuruhen. Allein ſo ſchwer ihr die Laſt des heißen Tages geworden war, ſo druͤckte ſie noch ein ſchwereres Leiden und machte ſie ihrer Muͤdigkeit vergeſſen. Von der Abendmahlzeit, einer Schuͤſſel voll Milch, worein Brod gebrockt war, hatte ſie kaum ein Paar ffel voll genoſſen. Der kleine, Ferdi⸗ nand war auch ganz beſtuͤrzt, und ruͤhrte ſich nicht, weil er die Mutter ſo traurig ſah. Auch er hatte, da die Mutter, anſtatt zu eſſen, nur bitterlich weinte, bald den Loͤffel weggelegt, und das irdene Schuͤſſelchen ſtand, beynahe noch voll, wie es aufgetragen ward, auf dem Tiſche im Glanze des Mondes ſo da, und warf einen hellen, rundlichen Schein an die Decke des Stuͤbchens hinauf. Maria war erſt zu Anfang des verfloſſenen Fruͤhlings Wittwe gewor⸗ den. Ihr ſeliger Ehemann, wohl der bravſte junge Mann des Dorfes, hatte durch Fleiß und Sparſamkeit ſo viel 4*. 4 zuſammen gebracht, die kleine Huͤtte mit dem ſchoͤnen Grasgarten, freylich nicht ohne Schulden, zu kaufen. Der fleißige Mann hatte den ſchoͤnen, gruͤnen Platz reichlich mit jungen Baͤu⸗ men bepflanzt, die bereits die ſchoͤnſten Fruͤchte trugen. Er hatte Marien, wiewohl ſie eine arme Waiſe war, und ihre Aeltern ihr nichts als eine gute Erziehung hinterlaſſen konnten, zur Gattinn gewaͤhlt. Denn ſie galt in dem ganzen Dorfe fuͤr das froͤmm⸗ ſte, fleißigſte und ſittſamſte Maͤdchen. Beyde hatten in der gluͤcklichſten Ehe gelebt. Da kam das Nervenfieber in das Dorf, an dem ihr guter Mann ſtarb. Sie ſelbſt, die dem Manne mit aller Liebe abwartete, wurde ſo⸗ gleich nach ſeinem Hinſcheiden davon ergriffen, und nur mit genauer Noth entging ſie dem Tode. Durch ihre und des Manes Krankheit war ſie ſehr zuruͤck geko⸗ men. Allein jetzt ſollte ſie gar noch— die kleine Huͤtte verlieren. Ihr ver⸗ ſtorbener Mann hatte lange bey dem reichſten Bauern des Ortes, dem ſo⸗ genannten Mayerbauer, gedient. Der Bauer hatte ihn wegen ſeiner Treue und ſeines Fleißes geſchaͤtzt, und ihm dreyhundert Gulden vorgeſchoſſen, dieſe Wohnung nebſt dem Garten zu kau⸗ fen, unter der Bedingung, daß er jaͤhrlich fuͤnf und zwanzig Gulden ab⸗ zahle, und eben ſo viel abverdiene. Der Mann hatte auch bis zu dem Jahre, da er krank wurde, richtig eingehalten, und ſeine Schuld betrug nur mehr fuͤnfzig Gulden. Das Alles wußte Maria gar wohl. Nun ſtarb der Mayerbauer an der naͤmlichen Krankheit. Die Erben, ein Schwiegerſohn und eine Tochter, 4 fanden den Schuldbrief zu dreyhundert Gulden unter den hinterlaſſenen Schrif⸗ ten des Verſtorbenen. Von der ganzen Geſchichte wußten ſie, da der Verſtor⸗ bene nie mit ihnen daruͤber geredet hatte, nicht ein Wort. Sie for⸗ derten nun von der armen Wittwe die ganze Summe. Die erſchrockene Frau verſicherte und betheuerte vor Gott, daß ihr verſtorbener Mann alles, bis an fuͤnfzig Gulden, abbezahlt habe. Allein alles half nichts. Der junge Bauer nannte ſie eine unverſchaͤm⸗ te Luͤgnerinn und verklagte ſie vor Gericht. Da ſie es nicht beweiſen konnte, etwas bezahlt zu haben, ſo wurde die ganze Schuld fuͤr guͤltig erklaͤrt. Die Erben drangen auf Be⸗ zahlung; und da die arme Maria nichts hatte, als ihr Huͤttlein mit dem Garten daran— ſo ſollte dieſes ihr kleines Eigenthum verkanft werden. — 79— Sie hatte wohl die Erben fußfaͤllig gebethen, ſie nicht zu verſtoßen; ihr kleiner Ferdinand kniete neben ihr— beyde weinten— allein alles war ver⸗ gebens. Ja ſchon der morgige Tag war zur Verſteigerung angeſetzt. Dieß letztere hatte ſie eben vor einer Stun⸗ de, als ſie mit ihrer Arbeit ſertig war, vernommen. Ein Nachbar hat⸗ te es ihr uͤber den Zaun zugerufen. Deßhalb ſaß ſie jetzt ſo beſtuͤrzt am offenen Fenſter— blickte bald zu dem mondhellen Himmel empor und bald auf ihren kleinen Ferdinand hin — weinte heiße Thraͤnen, und ſtarrte dann wieder ſo vor ſich hin. Es war eine traurige Stille. „Guter Gott, dachte ſie, ſo habe ich denn heute von dem Garten das letzte Heu aufgerecht! Die erſten gelben Pflau⸗ men, die ich heute dort von dem Bau⸗ me fuͤr meinen Ferdinand brach, ſind — 80— die letzten Fruͤchte, die der arme Kna⸗ be von den Baͤumen genießt, die ſein Vater mit ſo unſaͤglichem Fleiße fuͤr ihn gepflanzt hat. Ja, vielleicht ſind wir heute das letzte Mal hier uͤber Nacht. Morgen um dieſe Zeit gehoͤrt dieſe Wohnung einem andern, und wer weiß, ob er uns nicht ſogleich weiter gehen heißt. Gott weiß, wo wir morgen eine Nachtherberge finden werden. Vielleicht gar unter dem freyen Himmel.“ Sie fing an heftig zu ſchluchzen.— Da kam der kleine Ferdinand, der ſich bisher nicht geregt hatte, naͤ⸗ her herbey und ſagte ſchluchzend: „Mutter, weine doch nicht gar ſo bitterlich— ſieh, ſonſt kann ich gar nicht einmal mehr mit dir reden. Weißt du denn nicht, was der Vater geſagt hat, als er dort auf dem Bette ſtarb. Weinet nicht ſo! ſagte er. Gott — 8 I— iſt der Vater der armen Wittwen und Waiſen. Ruft Ihn an in der Noth; Er wird fuͤr euch ſorgen. So ſagte er. Iſt es denn nicht ſo?“— „Ja, liebes Kind, ſprach die Mutter. So iſts!“„Nun, ſagte der Kleine, wie magſt du nun ſo lange weinen! Bitte den lieben Gott, ſo wird Er dir helfen. O, wenn ich mit dem Vater im Walde war, und er dort Holz machte, und wenn mir etwas fehlte— wenn mich hungerte oder ich mir einen Dorn eingetreten hatte, ſo weinte ich nicht lange. Ich ging zu unſerm ſeligen Vater, als er noch lebte und bath ihn— und er legte ſogleich das Beil weg, und gab mir Brod, oder zog mir den Dorn heraus. So gerne hilft der liebe Gott auch. Er iſt nicht ſo hartherzig, wie jener reiche Mann, vor dem wir bey⸗ de niederknieten und um Barmherzig⸗ — 32— keit flehten— und der uns beynahe mit den Fuͤßen weggeſtoßen haͤtte, und uns die Thuͤre wies. Oder mey⸗ neſt du, Gott ſey nicht reich genug? Er iſt noch viel reicher als der Mayer⸗ bauer. Da ſieh nur einmal zum Fen⸗ ſter hinaus. Ihm gehoͤren der Mond und alle Sterne. Der Vater ſagte ja oft: Die ganze Welt iſt ſein. Was ſollen wir alſo weinen und uns quaͤlen? Komm, wir wollen einmal den lieben Gott bitten. Er hilft uns gewiß. Fange nur an— ich will dir bitten helfen. Es lauft gewiß beſ⸗ ſer ab, als bey dem reichen Manne.“ „Gutes Kind, du haſt Recht!“ ſagte die Mutter, und weinte mildere Thraͤnen, und Troſt miſchte ſich in ihre Wehmuth. Sie faltete ihre Haͤn⸗ de und erhob ihre naſſen Augen zum Himmel, und der Kleine faltete die kleinen Haͤndchen auch und blickte Him⸗ mel, waͤrts und der helle Mond be⸗ leuchtete Mutter und Kind und ſpie⸗ gelte ſich in ihren Thraͤnen. Und die Mutter fing an zu bethen und der Kleine ſprach ihr jedes Wort nach. „Lieber Vater im Himmel, ſagte ſie, ach, ſieh da eine arme Mutter und ihr Kind— eine arme Wittwe und ein armes Waislein— blicken zu Dir auf. Wir ſind in großer Noth— und haben auf Erden keine Zuflucht mehr. Aber dein Herz iſt reich an Erbarmung. Du ſagſt es ja ſelbſt: Rufe mich an in der Noth, und ich will dein Erretter ſeyn. O, zu Dir fle⸗ hen wir! Verſtoß uns nicht aus dieſer Huͤtte— nimm einem armen Wais⸗ lein ſein kleines vaͤterliches Erbtheil nicht. Oder haſt Du es nach deinem unbegreiflichen, aber gewiß weiſeſten und liebvollſten Rathſchluſſe dennoch ſo uͤber uns verhaͤngt— o, ſo laß uns — 84— auf deiner großen, weiten Erde ein anderes Plaͤtzchen finden, und gieb uns Troſt ins Herz, daß es uns nicht bre⸗ che, wenn wir ſo fortziehen, und vom Huͤgel dort das letzte Mal nach unſrer Huͤtte umſehen!“ Die Mutter konnte vor Schluch⸗ zen nicht mehr weiter reden— und blickte weinend zum Himmel, und ſchwieg. Da rief der Kleine, der noch immer mit erhobenen Haͤndchen da ge⸗ ſtanden war, auf einmal mit lauter Stimme und ausgeſtrecktem Zeigefin⸗ ger:„Ey, Mutter, ſieh doch, was iſt das! Da ſchwebt ein Lichtlein! Da fliegt ein Sternlein! Sieh, da ſchwebt es am Fenſter! O, ſieh— jetzt kommt es herein! Wie ſchoͤn hell es glaͤnzt!— Sieh nur, mit gruͤnlichem Lichte! Faſt noch ſchoͤner als der Abendſtern! Jetzt ſchwebt es an der Decke der Stube hin! Das iſt wun⸗ derbar!“ „Das iſt ein Johanniskaͤferlein„ lieber Ferdinand, ſagte die Mutter. Bey Tage iſt es ein kleines unanſehli⸗ ches Kaͤferlein; aber bey Nacht hat es den wunderſchoͤnen Schein.“ „Darf ich es fangen, ſagte der Kleine; thut es mir nichts, und kann ich mich an dem Lichtlein nicht bren⸗ nen?“ „Es brennt dich nicht, ſagte die Mutter, und laͤchelte mit ihren Wan⸗ gen voll Thraͤnen. Fang es nur, und betrachte es naͤher. Es iſt auch ein Wunder der Allmacht Gottes.“ Der Kleine hatte jetzt aller Trau⸗ rigkeit vergeſſen— und ſuchte das glaͤnzende Kaͤferchen, das nun naͤher am Boden— bald unter dem Tiſche und bald unter dem Stuhle— ſchweb⸗ te, zu haſchen. Aber—„O weh!“ rief jetzt der Kleine. Das glaͤnzende Thierchen hatte, eben da er die Hand ausſtreck⸗ te, es zu nehmen, ſich hinter dem großen Kaſten an der Wand verbor⸗ gen. Er blickte unter den Kaſten. „Ich ſeh es wohl deutlich, ſagte er; dort ſitzt es, ganz an der Wand, und die weiße Wand und der Boden und jedes Staͤubchen, wo es ſitzt, ſchim⸗ mert hell, wie wenn der Mond hin⸗ ſchiene; aber erreichen kann ich es nicht. Mein Arm iſt zu kurz.“ „Habe nur Geduld, ſagte die Mutter; es wird ſchon wieder hervor⸗ kommen.“ Der Knabe wartete ein wenig, und kam dann zur Mutter herbey, 82 ſagte mit ſanfter flehender Stim⸗ e!„Mutter! O, lange doch du es mir hervor, oder ruͤcke den Kaſten nur ein klein wenig von der Wand — 32— hinweg, ſo kann ich es leicht fan⸗ gen.“ 3. Die Mutter ſtand auf und ruͤckte den Kaſten, und der Kleine nahm nun das ruhende Kaͤferchen, und be⸗ trachtete es zwiſchen den hohlen Haͤnd⸗ chen, und hatte eine groͤßere Freude daran, als je ein Prinz oder eine Prinzeſſinn an dem hellſten, reinſten Diamant hatte. Die Mutter war aber auf etwas anderes aufmerkſam geworden. Als ſie den Kaſten geruͤckt hatte, war etwas, das zwiſchen dem Kaſten und der Wand geſteckt hatte, auf den Bo⸗ den gefallen. Sie that— indem ſie es aufhob— einen lauten Schrey. „Gott— rief ſie— nun iſt es uns ja mit einem Male aus aller Noth geholfen. Das iſt ja der Kalender voom vorigen Jahr, den ich ſo lange vergebens ſuchte. Ach, ich glaubte, — 88— er ſey waͤhrend meiner Krankheit, als ich ſo beſinnungslos da lag, durch frem⸗ de Haͤnde, die in unſrer Haushaltung nicht immer am beſten wirthſchafteten als unnuͤtz zerſtoͤrt worden. Nun wird ſichs finden, daß der Vater das Geld, das man von uns fordert, bezahlt habe. Wer haͤtte gedacht, daß der Kalender hinter dem Kaſten ſtecke, den wir mit der Huͤtte uͤbernahmen, und der, ſeit die Huͤtte ſteht, wohl niemals von der Stelle kam!“ Sie zuͤndete ſogleich Licht an, und durchſah nun unter Freudenthraͤ⸗ nen den Kalender. Es war richtig eingetragen, was ihr ſeliger Mann zu Anfang des Jahres an den drey⸗ hundert Gulden noch ſchuldig geweſen, und was er das Jahr hindurch daran abverdient und abbezahlt hatte. Am Ende ſtanden noch die Zeilen von des alten Mayerbauers eigner Hand ge⸗ — ſchrieben:„Auf Sankt Martins Tag hab' ich mit Johann Blum abgerech⸗ net, und iſt er mir nun nichts weiter mehr ſchuldig als fuͤnfzig Gulhen⸗ ſage fuͤnfzig Gulden.“ Die Mutter ſchlug vor Freuden die Haͤnde zuſammen, umarmte ihr Kind und rief entzuͤckt:„O, Ferdinand, danke doch auch dem lieben Gott! Denn jetzt duͤrfen wir nicht mehr ausziehen; jetzt duͤrfen wir in unſrer Wohnung bleiben.“”“— „Nicht wahr? ſagte der Kleine; daran bin ich Schuld. Wenn ich dich nicht ſo gebechen haͤtte, den Kaſten zu ruͤcken, ſo haͤtteſt du das Buch da nicht gefunden. Es haͤtte noch hun⸗ dert Jahre da ſtecken koͤnnen.“ Die Mutter ſchwieg betroffen ſtill — und ſagte dann: O, mein Kind, das hat Gott gethan. Es kommt miich ein recht ehrerbiethiger Schauder 4 an, wenn ich dearuͤber nachdenke. Sieh, als wir beyde ſo unter Thraͤ⸗ nen betheten, da kam das glaͤnzende Voͤgelein herein— und zuͤndete mir gleichſam mit dem Lichte dahin, wo dieſe Blaͤtter verborgen waren. Ja, wahrhaftig, Gott lenkt alle, auch die kleinſten Dinge. Gottes heilige Vorſehung waltet uͤber uns. Nichts kommt von ungefaͤhr. Ohne Gottes Wiſſen faͤllt auch nicht ein Haar von unſerm Haupte. Merke dir dieß dein Leben lang, und vertraue ſtets auf Ihn, beſonders zur Zeit der Noth. Ihm iſt es leicht, zu helfen und zu retten. Er braucht uns keinen leuchten⸗ den Engel zu ſenden; Er kann es durch ein befluͤgeltes Wuͤrmchen! Die Mutter konnte vor Freude nicht ſchlafen. Bald nach Anbruch des Tages machte ſie ſich auf den Weg zum Richter. Der Richter ließ den Erben rufen. Er kam. Die Rich⸗ tigkeit der Schrift wurde von ihm an⸗ erkannt, und er war ſehr beſchaͤmt, daß er die Frau vor Gericht ge⸗ ſchimpft, und als ehrlos abgeſchildert hatte. Der Richter ſagte, daß er ihr fuͤr dieſe Schmach und fuͤr den großen Jammer, den er ihr verurſacht habe, eine Entſchaͤdigung ſchuldig ſey. Der Mann zeigte ſich dazu bereit. Als aber die arme Wittwe nun die ganze Geſchichte von ihrem naͤchtli⸗ chen Gebethe und von der Erſcheinung des leuchtenden Kaͤferchens erzaͤhlte, da ſagte der Richter:„Da iſt Got⸗ tes Finger; Er hat euch ſichtbar ge⸗ holfen.“ Der junge Mayerbauer aber ſtand ſehr geruͤhrt da, und ſagte mit einer Thraͤne im Auge:„Ja, ſo iſts. Gott iſt der Vater der Wittwen und Waiſen— aber auch ihr Naͤcher. — 92— Verzeiht mir, daß ich ſo hart gegen Euch war. Es geſchah aus Irrthum. Zur Verguͤtung der Leiden, die ich Euch machte, ſchenke ich Euch die fuͤnfſzig Gulden, und wenn Ihr ſonſt in Noth gerathet, ſo kommt zu mir, und ich werde Euch allemal helfen. Denn nun ſehe ich es klar: Wer Gott vertraut, den verlaͤßt Er nicht — und Ihm vertrauen iſt ein ſiche⸗ rers Kapital, als der groͤßte Reich⸗ thum. Und wenn ich in Noth komme, oder mein Weib eine Wittwe und meine Kinder Waiſen werden ſollten, ſo wolle Er uns auch ſo helfen, wie Er Euch geholfen hat.“ „Vertraut eben ſo auf Ihn, ſagte der Richter, und ſeyd ſo rechtſchaf⸗ fen, wie dieſe fromme Wittwe, und die Huͤlfe wird zur Zeit der Noth Euch auch nicht ausbleiben.“ Die Waldkapelle. —— Konrad Ehrlieb war ein ſchoͤner, bluͤhender Juͤngling, voll Geſundheit und Leben, hatte das Handwerk eines lernt, und befand ſich bereits drey kleidet, ein ſchweres Felleiſen auf dem einem heißen Sommertage durch einen Kupferſchmiedes wohl und richtig er⸗ Jahre in der Fremde. Anſtaͤndig ge⸗ Ruͤcken, und einen knottigen Wander⸗ ſtab in der Hand, ſchritt er einmal an dicken Wald— und verlor den rechten 1 1 1 4 1 4 4 8 3 1 3 4 4 — ——— Weg. Wohl zwey Stunden irrte er in dem Walde hin und her, und wußte zuletzt ſchlechterdings nicht mehr, wo an und wo aus. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange. Da ſah er endlich, von ihren goldenen Strahlen beleuchtet, die Thurmſpitze einer kleinen Kapelle aus den dunklen Tannen her⸗ vorragen. Er ging darauf zu, kam bald auf einen wohlbetretenen Fußweg, und gelangte zu dem Kapellchen, das auf einer ſchoͤnen, gruͤnen Anhoͤhe ein⸗ ſam im Walde ſtand. Sein Vater hatte ihm die gute Lehre gegeben:„Gehe, wenn es je Zeit und Umſtaͤnde erlauben, nie an einer offenen Kirche vorbey; denn ſie iſt ja zur Anbethung deines Schoͤpfers erbaut, und der Thurm iſt gleichſam ein aufgeſtreckter Finger, der zum Him⸗ mel zeigt. Wie ſollteſt du eine Gelegen⸗ heit, dein Herz zum Himmel zu erhe⸗ ——— ——— ben, und dich vor deinem groͤßten Wohlthaͤter niederzuwerfen— ungenuͤtzt vorbey gehen laſſen! Auch magſt du da leicht ein Gemaͤhlde oder ſonſt ein Kunſtwerk ſehen, das dich freut und dir das Herz erweitert, oder du kannſt vielleicht irgend einen Spruch leſen, der dir Troſt und Muth gewaͤhrt, und dich im Guten ſtaͤrkt.“ Konrad gedachte dieſer Ermahnung ſeines Vaters, und ging in die offene Kapelle hinein. Das dunkle Gewoͤlbe, die grauen Waͤnde, die ſchmalen Fen⸗ ſter mit kleinen runden Scheiben und der alterthuͤmliche Altar verſetzten ihn einige Jahrhunderte zuruͤck in die Zei⸗ ten der Vorwelt. Die tiefe Stille, die an dieſem Gott geweihten Orte herrſchte, lud ihn zur Andacht ein. Er kniete in den letzten Stuhl naͤchſt der Thuͤre und bethete eine Weile. Bevor er ſein Felleiſen wieder aufnahm, ging er noch vorwaͤrts zu dem Altare, um das Altarblatt, das ihm ein ehr⸗ wuͤrdiges Denkmahl alter Kunſt ſchien, naͤher zu betrachten. Da bemerkte er auf dem Bethſtuhle, der vor dem Al⸗ tare ſtand, ein kleines niedliches Ge⸗ bethbuͤchlein, in rothen Safian gebun⸗ den und mit goldenem Schnitte ge⸗ ziert. Er oͤffnete das Buͤchlein— und ſtand vor Erſtaunen wie verſteinert da. Denn vornen in dem Buͤchlein, auf dem erſten weißen Blatte, las er ſei⸗ nen Namen— von ſeiner eigenen Hand geſchrieben. Allein es war ihmn, als ſaͤhe er die Buchſtaben nur im Traume, und er glaubte kaum ſeinen Augen.* b Er durchblaͤtterte das Buͤchlein. Das liebliche Titelkupfer— der goͤtt⸗ liche Kinderfreund, der die Kleinen ſeg⸗ net— dinige Gebethe und mehrere ihm 3 gar gar wohl bekannten Reimen in dem Buͤchlein kamen ſeinem Gedaͤchtniſſe zu b Huͤlfe.„Ja, ſagte er innig geruͤhrt, das Buͤchlein war einſt mein; dieſer Namen iſt von meiner Hand geſchrieben. Seo ſchrieb ich, als ich noch zur Schule ging. Aber wie in aller Welt das Buͤchlein hieher kommt in dieſe einſame Kapelle, mitten in einem dicken Walde — das iſt mir unbegreiflich.“ Tauſend Erinnerungen aus ſeiner V Kindheit wurden in ihm rege. Eine maͤchtige Sehnſucht nach den lieben Seinigen erwachte in ſeinem Herzen. Heiße Thraͤnen floßen uͤber ſeine Wan⸗ gen.„O, Du lieber, guter Gott, gagte er, und kniete auf den Bethſtull hin, was fuͤr gute Aeltern haſt Du mir gegeben! Welche ſelige Tage hat⸗ Erzaͤhlungen f. Kinder. I. 5 — 98— ten wir Kinder einſt in unſerm vaͤterli⸗ chen Hauſe! O, wie gluͤcklich war ich damals— als unſre liebreiche, freund⸗ liche Mutter, wenn ſie an ihrem Naͤh⸗ tiſchchen ſaß, uns Kinder zu ganzen Stunden neben ihren Knien ſtehen hat⸗ te, und uns von Dir und deinem lie⸗ ben Sohne erzaͤhlte— als unſer gu⸗ ter, rechtſchaffener Vater, der den gan⸗ zen Tag mit Amtsgeſchaͤften zu thun hatte, am Abende heimkam, und uns mit allerley anmuthigen, oft ſehr wun⸗ derbaren Geſchichten erheiterte und be⸗ lehrte— als ich und mein kleines Schweſterchen in dem ſchoͤnen Garten am Hauſe mit einander ſpielten, oder allerley kleine Gartenarbeiten zur Freu⸗ de der Aeltern verrichteten!—— Allein der traurige Krieg hat ſchon laͤngſt uns alle aus unſerer geliebten Heimath vertrieben, und uns von ein⸗ ander getrennt! Ach, die gute Mutter iſt ſchon lange im Elende geſtorben; und ihre treue Hand, aus der ich die⸗ ſes Buͤchlein erhielt, iſt bereits im Grabe verweſet. Von dem guten Va⸗ ter habe ich ſchon ſeit vielen Jahren kein Wort mehr gehoͤrt, und der Jam⸗ mer hat wohl auch ihn vor der Zeit in das Grab gebracht! Wo meine arme Schweſter umher irre— ob ſie noch lebe, und wie es ihr gehe, weiß ich nicht! Von allen meinen lieben An⸗ gehoͤrigen getrennt, lebe ich nun allein in der Welt! Nur Du, großer, all⸗ wiſſender Gott, weißt es, ob mein Va⸗ ter und meine Schweſter noch leben! O, wenn auch nur Eines von ihnen noch lebt— o, ſo fuͤhre Du uns doch wieder zuſammen! Erbarme Dich mei⸗ ner, barmherziger Gott; erhoͤre jetzt das Gebeth, mit dem mein Vater damals 5 8 zu Dir flehte, als ich ihn das letzte Mal ſah; erfuͤlle den Segen, den er mir im Glauben an Dich bey dem Abſchiede gegeben hat!“ Auf dieſe und aͤhnliche Art bethete Konrad noch lange. Endlich ſtand er auf.„Das Buͤchlein, ſagte er, ge⸗ traue ich mir nicht mitzunehmen. Ich weiß nicht, ob ich es jetzt noch als mein Eigenthum betrachten darf. Indeß hat ſicherlich Jemand es hier liegen laſſen, und kommt, bevor die Nacht einbricht, vielleicht wieder hieher, um es zu ho⸗ len. Am beſten wird es ſeyn, ich war⸗ te hier eine Zeit. Vielleicht erhalte ich dann uͤber Manches naͤhere Auskunft.“ Er ſetzte ſich gedankenvoll in eine Ecke der Kapelle, und fing an, in dem Buͤchlein zu leſen. Allein er hatte kaum ein Paar Seiten geleſen, ſo trat ein ſittſames, reinlich und nett geklei⸗ detes Maͤdchen von etwa ſechzehn Jah⸗ ren ehrerbiethig in die Kapelle, naͤherte ſich dem Altare, verneigte ſich— und ſagte laut mit einem Seufzer:„Ach, Gott, nein, es iſt nicht mehr da! Ich wollte lieber, ich weiß nicht was, verloren haben.“ Sie bethete noch ei⸗ nige Augenblicke voll Andacht vor dem Altare knieend, und wollte dann wieder gehen. Jetzt trat Konrad mit dem Buͤch⸗ lein in der Hand hervor. Sie hatte ihn vorhin nicht bemerkt, und verhoffte— Er aber ſagte mit beſcheidenem Anſtan⸗ de:„Sie hat wohl das Buͤchlein da lliegen laſſen, Jungfer?“ 1„Ja, ſagte ſie froͤhlich, indem ſie es in ſeiner Hand erblickte. Es ſteht — 102— vornen der Namen darinnen: Konrad Ehrlieb.“ „Es ſcheint Ihr an dieſem Buͤch⸗ lein ſehr viel gelegen? ſagte Konrad. Duͤrfte ich wohl fragen, warum? Der Namen Konrad Ehrlieb iſt mir gar nicht fremd. Ich kann der Jungfer rich 1 ſichere Rachtichten von ihin geben.“ „Wenn Er das koͤnnte, ſagte ſie, ſo wuͤrde Er mich unbeſchreiblich gluͤcklich machen. Dieſer Konrad Ehr⸗ lieb geht mich ſehr nahe an. Viele Reiſende behaupteten zwar, ſie haͤt⸗ ten ihn da oder dort geſehen. Allein die Nachrichten haben ſich leider nie be⸗ ſtaͤtiget!“* „Ich muß Ihm doch einiges von meiner Geſchichte kurz erzaͤhlen, ſagte ſie weiter; vielleicht kann Er daraus abnehmen, ob Er dieſen Ehrlieb kenne. Mein Vater war Beamter jenſeits des Rheins. Der Krieg und die feindliche Beſitznahme des Landes noͤthigten ihn, unſer geliebtes Vaterland zu verlaſſen. Sein Fuͤrſt, der ſelbſt alles verloren hatte, war außer Standes, ihn weiter zu unterſtuͤtzen. Die Lage des guten Vaters wurde ſehr traurig. Die Mut⸗ ter ſtarb vor Jammer und Elend. Der Vater fuͤhlte den Verluſt dop⸗ pelt, weil zwey Kinder, mein Bruder und ich, es ihm ſehr ſchwer machten, umher zu reiſen und Dienſte zu ſuchen. Ein Buͤrger des Staͤdtchens, wo die Mutter ſtarb, ein braver Kupferſchmied, der keine Kinder hatte, erboth ſich, den Bruder einſtweilen anzunehmen. Ich reiste mit dem Vater weiter— weit, weit fort. Auf einmal wurde der Vater auch krank, und ſtarb nach wenigen Ta⸗ ——— — gen unerwartet ſchnell. Ich war ein Kind von ſechs Jahren, noch zu jung, dieſen Verluſt ganz zu fuͤhlen. Eine mit⸗ leidige Buͤrgersfrau erbarmte ſich mei⸗ ner und nahm mich in ihr Haus auf. Nun iſt das aber ſchon bald zehn Jah⸗ re, daß der Vater ſtarb— und ſeit der Zeit hoͤrte ich nichts mehr von dem Bru⸗ der. Der Vater hatte noch in der Nacht ſeines Todes den Gaſtwirth, in deſſen Haus er ſtarb, dringend erſucht, ſeinen Tod und ſeine letzten Segenswuͤnſche dem Bruder zu berichten, und den menſchen⸗ freundlichen Kupferſchmied zu bitten, Vaterſtelle an dem armen Waiſen zu ver⸗ treten. Der gute, todtſchwache Vater 3 hatte noch mit zitternder Hand den Na⸗ men der Stadt und des Buͤrgers, bey dem der Bruder damals war, auf ein Blatt geſchrieben. Ungluͤcklicher Weiſe ging aber das Blatt verloren. Eine 105— Magd, die nicht leſen konnte, hatte es bey dem Aufraͤumen in dem Zimmer des Verſtorbenen in die Haͤnde bekommen, und es als unnüuͤtz zerriſſen und wegge⸗ worfen. Ach, viele tauſend Male dach⸗ te ich ſchon an den Bruder! Wir erkun⸗ digten uns auch uͤberall nach ihm; allein alle Erkundigungen waren vergebens. Das Buͤchlein da iſt alles, was ich noch von ihm habe. Obwohl ich es nicht aus ſeiner Hand erhielt, ſo ſteht doch ſein Namen, von ſeiner Hand geſchrieben, darinnen, und es iſt mir deßhalb ein hoͤchſt ſchaͤtzbares Andenken. Ich fand es unten in dem kleinen Koffer, der un⸗ ſere geringe Habſeligkeiten enthielt. Als der Vater den Bruder zuruͤck gelaſſen, und ihm ſeine Kleidungsſtuͤcke ausgepackt hatte, ward das Buͤchlein uͤberſehen; ſo blieb es in meinen Haͤnden.“ ——— — 106— Jetzt rief Konrad, dem ſchon lange die Thraͤnen in den Augen ſtanden, mit innigſt bewegtem Herzen und bebender Stimme:„O, Gott, wie wunderbar biſt Du! Nicht wahr, liebes Kind du heißt Luiſe!“ Ja, ſagte ſie erſtaunt und ihn mit großen Augen anblickend, Luiſe Ehrlieb, das iſt mein Namen.“ „O, ſo ſey mir denn tauſend und —— f V tauſend Mal willkommen— geliebteſte Schweſter! rief er. Sieh, dieſe Zei⸗ len hab' ich geſchrieben; dieß iſt mein Namen. Ich bin wahrhaftig dein Bruder, Konrad Ehrlieb.“ Die Schweſter war uͤber dieſes unerwartete Wiederſehen faſt außer ſich. Der Bruder war nicht weniger erſchuͤt⸗ 3 — 107— tert. Beyde ſtanden eine Weile ſprach⸗ los. Endlich brachen ſie beyde in Freu⸗ denthraͤnen aus, und gruͤßten einander vor dem Altare mit frommer Ruͤhrung auf das herzlichſte. Nachdem ſie ſich von der erſten Freude des Wiederſehens erhohlt hatten, und etwas gefaßter waren, ſprach der Bruder:„O, du gute, liebe Schwe⸗ ſter, ich erinnere mich noch gar wohl, wie ich von dir Abſchied nahm. Eine fremde Herrſchaft, die, wie unſer Va⸗ ter, ſich auch auf der Flucht befand, und auch ein Paar Kinder bey ſich hat⸗ te, erboth ſich, dich bis zur naͤchſten Stadt mitzunehmen, und unſer Vater wollte, weil fuͤr ihn im Wagen kein Platz mehr war, zu Fuße nachreiſen. Ich weiß noch wohl, wie du dich freu⸗ teſt, daß du in einer Kutſche fahren — 108— durfteſt, und wie ich weinte, als dich der Vater in die Kutſche hob. Damals warſt du noch ſehr klein, und ich habe dich mir noch immer als ein Kind gedacht. Du biſt indeß ſehr groß geworden, und ſiehſt ſehr geſund und bluͤhend aus. Ich haͤtte dich nicht mehr gekannt, liebe Schweſter! O, Gottlob! daß ich dich wieder habe.“ „Ach, fuhr er fort, mir iſt das Herz ſo voll, zum zerſpringen— von Freude, daß ich dich wieder gefunden habe, liebſte Schweſter— undvon Leid, daß es nun gewiß iſt— was ich immer vermuthete— daß unſer guter Vater nicht mehr lebe! O, du glaubſt nicht, wie viele ſchwere Stunden ich hatte, daß ich und der redliche Kupferſchmieb, der mich ſo guͤtig aufnahm, keinen Buchſtaben von dem Vater zu ſehen be⸗ V — er ſtarb, mich wecken und an ſein Ster⸗ kamen. Der geſchickte Meiſter lehrte mich indeß ſein Handwerk. Ich mußte es aber oft anhoͤren, wie die Leute ihm Vorwuͤrfe machten, daß er ſo thoͤricht geweſen, mich anzunehmen. Mein Va⸗ ter habe ihn betrogen, ſagten ſie, habe ſein Wort, mich wieder abzuholen und vielleicht die Koſten noch zu verguͤten, nicht gehalten, habe meiner nur los werden wollen, und ſo ſein eignes Kind boͤslich verlaſſen. Du kannſt denken, wie dieſe Reden mich ſchmerzten, ob⸗ wohl ich ſie nicht glaubte. Denn wie haͤtte ich ſie glauben koͤnnen! O, du weißt ja, wie fromm und gut unſer lieber Vater war!“ „Ja, das war er! ſagte Luiſe. Ich werde es in meinem Leben nicht vergeſſen, wie er in der Nacht, in der bebette bringen ließ, und wie er da mich — und auch dich, liebſter Bruder!— noch geſegnet hat. Er ſah dabey ſo fromm und andaͤchtig aus, als waͤre er ſchon verklaͤrt. Das Bild des guten ſterbenden Vaters wird nie aus meiner Seele kommen!“ „Ach, ſagte Konrad, als ich vor⸗ hin in dieſe Kapelle trat, dachte ich unſers guten Vaters beſonders lebhaft. Es war mir, als ſaͤhe ich ſeine ehrwuͤr⸗ dige Geſtalt mit Augen, gerade ſo, wie er das letzte Mal mit wehmuͤthigem blaſſem Angeſichte vor mir ſtand, und Abſchied von mir nahm. Ja, es war mir, als ſey es erſt geſtern geſchehen, obwohl ſeitdem ſchon viele Jahre vergan⸗ gen ſind. Es war Morgens nach jenem Tage, an dem du in der Kutſche fort⸗ gefahren warſt. Der Vater machte ſich ——— — 111— an dieſem Morgen ſehr fruͤhe auf den Weg. Ich begleitete ihn bis zu dem naͤchſten Dorf. Die Thuͤre der Kirche ſtand offen. Er ermahnte mich bey dieſer Gelegenheit, ich ſollte nie an ei⸗ ner offenen Kirchthuͤre vorbey gehen. Er ging mit mir hinein. Es war ſo fruͤhe noch kein Menſch in der Kirche. Der Vater kniete mit mir am Altare nieder, und bethete unter Thraͤnen, und ich weinte und bethete auch. Nun ſtand er auf, und ſagte:„Ich habe dich, lieber Konrad, und die gute Lnuiſe jetzt Gott recht anempfohlen, und euch Ihm ganz uͤbergeben.“ Er ermahnte mich hierauf, Gott immer vor Augen und in dem Herzen zu haben, die goͤttliche Lehre Jeſu ſtets getreulich zu befolgen, und nie etwas Boͤſes zu thun.„Ich lebe wohl nicht mehr lange, ſagte er unter anderm, und du ſiehſt mich jetzt viel⸗ — 112— einmal im Stande ſeyn wirſt, ſo nimm dich deiner guten Schweſter bruͤderlich an.“ Ich mußte vor dem Altare die Hand darauf geben, daß ich alles thun wolle, was er mir geſagt hatte. Er hieß mich dann niederknien, blickte voll Andacht zum Himmel und ſegnete mich. Hierauf hob er mich auf, kuͤßte mich, gab mir noch einiges Geld, und konnte vor Weinen kaum mehr die Worte her⸗ vorbringen:„Gott ſey mit dir!“ Als wir aus der Kirche herauskamen, ſah er mich mit ſeinen rothgeweinten Augen noch einmal unausſprechlich wehmuͤthig und liebreich an, ſagte ſchluchzend: „Lebe ſo, daß wir im Himmel wieder zuſammen kommen!“ und wandte ſich ſchnell um, und eilte um die Ecke der Kirche— und von dieſem Augenblicke an ſah ich ihn nicht mehr! Hier in leicht das letzte Mal. Wenn bu aber ————— ————— — 113— dieſer einſamen Kapelle ging mir nun jener traurige Abſchied aufs neue zu Herzen. Das inbruͤnſtige Gebeth des guten Vaters in jener Dorfkirche kam mir zu Sinn. Es war mir, als ſaͤhe ich ihn noch am Altare knien. Ich bethete unter Thraͤnen, Gott wolle ſich meiner erbarmen, und nach ſo vielen Jahren banger Sehnſucht mich doch endlich einmal etwas von dem guten BVater und von dir erfahren laſſen.— O, wie getroſt bin ich, daß der ſelige Vater meiner nicht vergeſſen, daß er meiner noch im Tode ſo liebreich ge⸗ dacht, und mich geſegnet hat!“ „Ach, der gute, gute Vater, ſag⸗ te die Schweſter, die faſt in Thraͤnen zerfloß. O, er iſt nun im Himmel, und ſein Segen ruht ſichtbar auf uns, ſeinen Kindern.— Ja, liebſter Bru⸗ der, das iſt doch recht wunderbar! Sieh, vor dem Altare jener Kirche nahm der Vater Abſchied von dir, und hier vor dem Altare dieſer Kapelle fin⸗ den wir, ſeine zwey Kinder, uns jetzt wieder. Das iſt von Gott! Gott hat das Gebeth des Vaters in jener Kir⸗ che, und dein Gebeth in dieſer Kapelle erhoͤrt!— O, Gottlob, daß du den Ermahnungen des ſeligen Vaters ge⸗ treu bliebſt, und Gott vor Augen hat⸗ teſt! Gottlob, daß du an dieſer Ka⸗ pelle nicht vorbey gingſt; ſonſt haͤtten wir uns wohl auf dieſer Welt nie mehr gefunden.— O, komm, wir wollen ſogleich jetzt hier am Altare nie⸗ derknien und Gott danken, daß Er uns ſo gluͤcklich wieder zuſammen fuͤhrte!“ Beyde Geſchwiſter knieten vor dem Altare nieder, und dankten Gott —— — 115— von ganzem Herzen, und unter heißen Thraͤnen fuͤr ſeine guͤtige Schickung. Hierauf ſprach der Bruder zur Schweſter:„Aber nun ſag' mir doch, liebſte Schweſter, wie um des Him—⸗ mels willen du hieher gekommen biſt, und wie du dich ſo tief in den Wald hinein wagen konnteſt? „Wir ſind nicht ſo tief im Wal de, als du denkſt, ſagte Luiſe. Der Wald iſt hier ſchon beynahe zu Ende, und beſtaͤndig gehen da Leute hin und her. Die Kapelle iſt mir ſchon lange mein liebſtes Plaͤtzchen. Im Fruͤhlin⸗ ge und im Sommer gehe ich, wenn das Wetter ſchoͤn iſt, an den Sonnta⸗ gen Nachmittags oder auch an andern Tagen, an denen ich fruͤher Feyerabend bekomme, faſt immer hieher. Der — 116— Weg hieher iſt ein ungemein ſchoͤner, ſchattichter Spaziergang. Eine gute Freundin von mir, gar eine verſtaͤn⸗ dige und ſittſame Buͤrgerstochter, be⸗ gleitet mich faſt allemal. Heute hatte ſie aber nicht Zeit. Das kleine Buͤch⸗ lein da, das mir mein liebſtes Gebeth⸗ buͤchlein iſt, nehme ich faſt immer mit, obwohl ichs beynahe ganz auswendig kann. Tauſendmal dachte ich in die⸗ ſem Kirchlein hier an dich, lieber Bruder, und flehte zu Gott, Er wolle dich mir wieder ſchenken. Und auch dieſes mein Gebeth war nicht verge⸗ bens. Durch den kleinen Zufall, daß ich mein liebes Buͤchlein hier liegen ließ, fuͤhrte mir ja Gott den geliebten Bruder zu. Der Verluſt des Buͤch⸗ leins ſchien mir kein kleines Ungluͤck, und iſt nun mein groͤßtes Gluͤck!“ 1 — 117— „Eben ſo, ſprach der Bruder, ging es mir mit meiner Verirrung im Walde. Ich war ſehr bekuͤmmert, daß ich den Weg verlor— und wie groß iſt nun meine Freude, daß ich dich fand. So geht es aber immer; durch Leiden fuͤhrt Gott zur Freude. Allein, ſwo haͤltſt du dich denn jetzt auf, lieb⸗ ſte Schweſter?“ „Eine Viertel⸗Stunde von hier, ſagte Luiſe, dort uͤber dem kleinen Huͤ⸗ gel, liegt Schoͤnborn, ein anſehnlicher Marktflecken. Hier wohnt die edle Buͤrgersfrau, die mich auf⸗ und annahm. Sie iſt Wittwe und hat ſonſt keine Kinder. Ihr Mann war ein ſehr vermoͤglicher Kaufmann. Sie liebt mich ungemein, und haͤlt mich nicht anders, als ihr eigenes Kind. Aber, o, komm, laß uns jetzt gleich — 118— zu ihr— komm, nimm Hut und Stock, ich will dir dein Felleiſen tragen; denn du biſt wohl ſehr muͤde! Komm, meine Pflegmutter wird eine große Freude haben, dich kennen zu lernen.“ Sie machten ſich beyde auf den Weg. Der Bruder gab es aber nicht zu, daß ihm die Schweſter das ſchwe⸗ re Felleiſen trug. Unter mancherley vertraulichen Geſpraͤchen gingen ſie uͤber den Huͤgel. Als ſie in dem rein⸗ lichen, wohlgebauten und wohleingerich⸗ teten Hauſe angekommen waren, wollte die Frau es nicht ſogleich glauben, daß der fremde Juͤngling Luiſens Bruder ſey. Es kamen mehrere Neugierige herbey. Der Eine ſagte:„JFreylich iſt er Lieschens Bruder; er ſieht ihr ja gleich.”“ Der andere ſchuͤttelte den Kopf und ſagte:„Trau— ſchau— wem!“ — — Allein Konrad oͤffnete ſeine Brieftaſche, legte ſeinen Lehrbrief, ſein Wanderbuch und ein Zeugniß ſeines Ortspfarrers vor— und nun zweifelte niemand mehr. Und als die Frau erſt ver⸗ nahm, wie die Kinder ſich fanden, weinte ſie die hellen Thraͤnen. „Mein Haus habe ich immer Luiſen zugedacht, ſagte ſie: es ſoll ihr auch bleiben, wenn ſie gut und brav bleibt, wie bisher, und mir nicht aus⸗ artet, und nicht den leichtfertigen Maͤd⸗ chen gleich wird, die, frech in Kleidung und Geberde, nichts wiſſen, als ſich zu putzen und ſchlechten Vergnuͤgungen nachzulaufen. Dir aber, guter Kon⸗ rad, ſoll deßhalb doch auch geholfen werden. Gott hat mich mit zeitlichen Guͤtern geſegnet, und ich kann ſie nicht peſſer verwenden, als Menſchen damit 5 — 3— ———— — 120— gluͤcklich zu machen. Ein Kupfer⸗ ſchmied fehlt hier gerade. Der alte iſt ſeit einem halben Jahre todt, und ſein Haus iſt feil. Das kauf' ich fuͤr dich — wenn du anders im Stande biſt, dein Meiſterſtuͤck zu machen, daß es eine Art hat.“ Die Frau hatte dieſes in der Freu⸗ V de ihres Herzens geſagt. Einige ihrer Verwandten, lauter reiche Leute, die aber hungriger nach Geld thaten, als der Bettler nach einer Armenſuppe, wollten es ihr ausreden. Allein, ſie war edel und ſtandhaft genug, ihr Wort zu halten. Konrad wurde einer der angeſehenſten Buͤrger, und der wuͤr⸗ digſten Familienvaͤter des Orts. Auch Luiſe ward ſehr gluͤcklich verheirathet. — Konrad — 121— Konrad hatte auch ſeines guten Lehrmeiſters nicht vergeſſen. Nicht nur ſchrieb er ihm von Zeit zu Zeit Briefe, in denen das dankbarſte Herz wahrzu⸗ nehmen war. Er bezeugte ſeinen Dank auch burch die Thats Als der brave Meiſter anfing zu altern, wenig mehr arbeiten konnte, ſeine Ehefrau durch den Tod verloren hatte, und durch die Kriegsvorfaͤlle in ſeinen Vermoͤgens⸗ umſtaͤnden ſehr zuruͤck gekommen war, nahm Konrad ihn zu ſich. Ja, er reiste ſelbſt zu ihm, ihn abzuholen, und behandelte ihn beſtaͤndig mi einer Ehrerbiethigkeit, Liebe und Dankbarkeit, als waͤre der gute alte Mann ſein leiblicher Vater. Eben ſo kindlich dankbar betrug Luiſe ſich gegen ihre Pflegmutter. Die beyden alten Leute Erzaͤhlungen f. Vinder. J. 6 — 122— ſagten gar oft:„Gott hat uns zwar nicht mit eigenen Kindern geſegnet; aber dieſe angenommenen machen uns ſo viele Freude, daß wir auch an ei⸗ genen Kindern nicht mehr Troſt und Freude haͤtten erleben koͤnnen. Die alte Kapelle im Walde ließen beyde Geſchwiſter gemeinſchaftlich er⸗ neuern, und Konrad pflanzte auf den ſchoͤnen Huͤgel, auf dem ſie ſtand, vier Linden. Auch das alte Gemaͤhlde, das nur von Alter unſcheinbar geworden war, und das ein geſchickter Mahler ausnehmend lobte, ward gereiniget und aufgefriſcht, und nahm ſich nun unge⸗ mein ſchoͤn aus. Wer in die Kapelle hineintrat, ward entzuͤckt. Sie war ſchoͤn hell und weiß, und gar freundlich blickten der blaue Himmel und die gruͤ⸗ nen Lindenzweige durch die ſpiegelklare —-— 123— Fenſter herein. Der einzige Altar glaͤnzte wie weißer Marmor, und war einfach mit Golde verziert. Die ſchoͤn⸗ ſte Zierde aber war das Gemaͤhlde. Die ungemeine Lieblichkeit der Farben, und die Anmuth der Geſtalten ruͤhrte Jedermann. Es ſtellte die heilige Fa⸗ milie vor. Die heilige Jungfrau ſaß, mit ihrem goͤttlichen Kinde auf dem Schooße, am Eingange ihrer Huͤtte, deren Waͤnde mit Reblaub bewachſen waren. Der fromme Pflegvater both dem Kinde ein zierliches Koͤrbchen mit Trauben dar. Beyde Aeltern blickken voll Zäͤrtlichkeit auf das Kind, und das Kind erhob andaͤchtig die zu⸗ ſammengelegten Haͤndchen und blickte mit unausſprechlicher Andacht zum Him⸗ mel. Auf einer Seite war etwas von einem Tiſchchen mit weiblichen Arbei⸗ 6 — 124— ten; auf der andern Seite einiges Zimmermannsgeraͤth zu ſehen— und unter dem Gemaͤhlde ſtand mit großen 3 goldenen Buchſtaben der Reim ge⸗ ſchrieben:. Bey Eintracht, Fleiß und Fröm⸗ mugkeit, Wehnr himmliſche Zufriedenheit. 8 4 —— 4 Mlnnnſnn nnſſiſnydſnſſnnt 9 10 11 12 13 14 15 16 17