8 ————.——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Hießen, N —= 2* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ]2 Seiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Srun⸗ den angenommen..— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. b tf; Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. 3 1 „— uI.— 1 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — „ ——— ——— 4 —— ———— 8—— 8——— 5 ——— — —.—- “ / 1 Da s Blumenkoͤrbchen. —— Eine Erzaͤhlung, dem blühenden Alter gewidmet N von dem Verfaſſer der Oſtereher. Zweite Auflage. Mit einem Tikelkupfer. wsro err g 4, A 9,4 6 H K 8 8” 6 Landshut, 1929.* 6 5* Im Verlag bei Philipp Krul * —————— Jais, P. A., ſchöͤne Geſchichten und lehrreiche Erzäh⸗ Jeiasch zur Sirtenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachſene. 13te Aufl. 12. 824. 10 kr. 3 gr. Itha, Grafin von Toggenburg, eine ſehr ſchöͤne und lehrreiche Geſchichte a. d. 12ten Jahrhundert, neu erzaͤhlt fuün alle gute Chriſten, beſonders für unſchul. dig Leidende. Ein Seitenſtück zur Genovefa, mit Kupf. Ste Aufl. g. 827. 24 kr. 6 gr. Jugendſpiegel; eine Reihe kleiner Erzaͤhlungen; vom Verf. der rührenden und lehrr. Erzählungen für die Jugend; m. Steinzeichnung.§. 827. 15 kr. 4 gr. Kreuz, das hölzerne; eine neue Erzählung vom Verf. der Oſtereyer; f. d. Jugend. 8. 825. 6 kr. 2 gr. Lebensgeſchichte, erbauliche, der Dienerin Gottes„Ma⸗ rie Clotilde von Frankreich, Königin von Sardinien; a. d. Franz. überſ. m. K.§. 819. 24 kr. 6 gr. Leben der heil. Jungfrau Radegundis, Dienſtmagd zu⸗ Wellenburg, jetzt hochgräfl. Fugger'ſcher Herrſchaft. Nebſt e. Handleitung zu den tägl. Ulebungen e. heil. 4 Lebens. m. K. 2te verm. Aufl.. 326. 24 kr. 6 gr. 3 Maurer, W., kleine lehrreiche Erzählungen und Leſe⸗ ſätze, nebſt einigen Gleichniſſen und Denkſprüchen aus dem Munde Jeſu; ein Geſchenk für Kinder.. 20. 4 8 kr. 2 gr. —— Briefe fuͤr Kinder, nebſt einigen Anreden bey öffentlichen Schulprüfungen. 3te Aufl. gr. 12. 824. 3 12 kr. 3 gr. 4 —— Leſebuch f. Anfänger im Leſen. 3 Abthellungen. 2te Aufl. 12. 824. 7 kr. 2 gr. —— Leſebuch für geübtere Leſeſchüler. 8. 818. 5 3 15 kr. 4 gr. —— Tabelle zur Kenntniß der Buchſtaben.§. 817. 4 2 kr. Nelk, T. Lebensgeſchichten heil. Jünglinge; e. Leſe⸗ buch z. Belehrung und Erbauung chriſtl. Jünglinge. 8. 827. 30 kr. 8 gr.— 3 Lebensgeſchichten heil. Jungfrauen; e. Leſebuch zur Belehrung und Erbauung chriſtl. Jungfrauen 8. 828. 30 kr. 8 gr. 1 15 —,— 50 Gleichniſſe in Erzählungen vorgetragen; zur Unterhaltung für ſchöne Seelen, die nach Weisheit und Tugend ſtreben. 12. 328“ 8 3 G Nelk, T., der Thurmknopf; e. Erzählung f. d. Jugend und Jugendfreunde. 12. 327. 6 kr. 2 gr. — Wereburge, Prinzeſſin von Merzia; e. Ge ſchichte a. d. 7ten Jahrh., für Alle, vorzüglich f. d⸗ reifere Jugend neu erzählt. 12. 827. 6 kr. 2 gr. — das Täfelchen; eine Erzählung für Alle, vor⸗ züglich f. die Jugend und Jugendfreunde. 12. 827. 4 9 kr. 3 gr. — Gratia, Königin von Tango; e. Erzählung 4. Alle, beſonders für die reifere Jugend. 12. 8327. 6 kr. 2 gr.. —— die geſegnete Treue; e. Geſchichte a. d. 5ten hhriſtl. Jahrh. 12. 826. 6 kr. 2 gr. T die Waldhohle; e. Erzählung f. d. Jugend u. Jugendfreunde. 12. 826. 9 kr. 3 gr. Nikolaus von Myra; eine eben ſo lehrreiche als wun⸗ dervolle Geſchichte a. d. 3 u. 4ten Jahrh.; neu er⸗- zählt und mit moral. Anwendungen vorzüglich für Hausväter, Eltern und Kinder begleitet, m. K. 2te Aufl. 8. 826. 24 kr. 6 gr. die Oſtereyer; eine Erzählung zum Oſtergeſchenke für Kinder, von dem Verfaſſer der Genobefa. 2te Aufl⸗ 12. 818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. Roſa von Tannenburg; eine Geſchichte des Alterthums, fär Eltern und Kinder; erzählt von dem Verfaſſer der Genovefa; mit K. 2te Aufl. 8. 826. 30 kr. 8 gr. Sailer, J. M.; der chriſtl. Monat, oder Gebethe und Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, m. K. 8. 826., 1 fl. 24 kr. 20 gr. Schmid, J. G., Verſuch einer Sittenlehre in Denkrei⸗ men, geſammelt für Schulkinder auf dem Lande. 12. 825. 2 kr. 6 pf. 19— der Weihnachtsabend; eine Erzählung zum Weihnachts⸗ geſchenke fuͤr Kinder, von dem Verfaſſer der Oſter⸗ yer. 12. 823. 15 kr. gr. 12. 18 kr. 4 gr. wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfaſſer der Oſtereyer. 3te Auflage. 12. 828. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. 8.. Erſtes Kapitel. Vater Jakob und ſeine Tochter Marie. . In dem graͤflichen Marktflecken Eichburg lebte vor mehr als hundert Jahren ein ſehr ver⸗ ſtaͤndiger und rechtſchaffener Mann, Namens Jakob Rode. Als ein armer Knabe war er einſt nach Eichburg gekommen, um in dem graͤflichen Schloßgarten die Gartenkunſt zu erlernen. Sei⸗ ne trefflichen Geiſtesgaben, ſein gutes Herz, die Geſchicklichkeit, mit der er alles anfing, und ſei⸗ ne edle Geſichtsbildung gewannen ihm das Wohl⸗ wollen der Herrſchaft. Es wurden ihm mancher⸗ ley kleine Geſchaͤfte in dem Schloſſe uͤbertragen, und als der Graf, damals noch ein junger Herr, auf Reiſen ging, war Jakob unter ſeiner Beglei⸗ tung. Auf dieſen Reiſen hatte Jakob ſeinen Ver⸗ Blumenkoͤrbchen.* 1 ſtand mit vielen Kenntniſſen bereichert, ſich eine gebildete Sprache und einen feinen Anſtand er⸗ worben, und— was noch weit mehr iſt— ſein edles, redliches Herz unverdorben aus der großen Welt wieder mit zuruͤck gebracht. Der Graf war darauf bedacht, Jakobs treue Dienſte zu beloh⸗ nen, und ihm eine eintraͤgliche Anſtellung zu verſchaffen. Jakob haͤtte in dem Pallaſte, den der Graf in der Hauptſtadt beſaß, Hausmeiſter werden koͤnnen. Allein der gute Mann ſehnte ſich immer nach dem ſtilleren Landleben zuruͤck, und da um eben dieſe Zeit eine kleines Guͤtchen zu Eichburg, das bisher verpachtet war, dem Grafen zuruͤck geſtellt wurde, ſo bath Jakob, es ihm in Pacht zu geben. Der edle Graf uͤberließ es ihm auf Lebenslang unentgeldlich und bewil⸗ ligte ihm noch jaͤhrlich ſo viel an Getreide und Holz, als fuͤr ſeine kuͤnftige Haushaltung noͤthig ſeyn moͤchte. Jakob verheirathete ſich zu Eich⸗ burg, und naͤhrte ſich von dem Ertrage des Guͤtchens, das, außer einem kleinen freundlichen Wohnhauſe, in einem großen ſchoͤnen Garten be⸗ ſtand, der zur Haͤlfte mit den beſten Obſtbaͤumen bepflanzt, und zur Haͤlfte zum Gemuͤsbaue be⸗ ſtimmt war. Nachdem Jakob mit ſeiner Gattin, die in jeder Hinſicht eine vortreffliche Frau war, meh⸗ rere Jahre in der Glägliczſen Ehe gelebt hatte, ward ſie ihm durch den Tod entriſſen. Sein Schmerz war unausſprechlich. Der gute, bereits etwas betagte Mann alterte zuſehends und ſeine Haare bleichten ſich merklich. Seine einzige Freu⸗ de in der Welt war nun ſeine einzige Tochter, die ihm von mehreren Kindern allein am Leben geblieben war, und bey dem Tode der Mutter erſt fuͤnf Jahre zaͤhlte. Sie hieß, wie die Mut⸗ ter, Marie, und war in allem ihr treues Eben⸗ bild. Schon als Kind war ſie ungemein ſchoͤn; allein, ſo wie ſie heran wuchs, gaben ihr from⸗ mer Sinn, ihre Unſchuld, ihre Beſcheidenheit, ihr ungeheucheltes Wohlwollen gegen alle Men⸗ ſchen ihrer Schoͤnheit eine ganz eigene Anmuth. Es blickte ſo etwas unbeſchreiblich Gutes aus ih⸗ rem Angeſichte, daß es einem war, als blickte einen ein guter Engel an. Marie hatte das fuͤnf⸗ zehnte Jahr noch nicht zuruͤckgelegt, als ſie die kleine Haushaltung ſchon auf das beſte beſorgte. In dem heitern Wohnſtuͤbchen erblickte man nir⸗ gends ein Staͤubchen, in der Kuͤche glaͤnzten alle Geſchirre faſt wie neu, das ganze Haus war ein Muſter von Ordnung und Reinlichkeit. Ueberdieß half ſie ihrem Vater bei den Gartenarbeiten mit unermuͤdetem Fleiße, und die Stunden, in denen ſie ſo um ihn beſchaͤftigt war, gehoͤrten unter die vergnuͤgteſien ihies Lebens. Denn der weiſe Va⸗ . 1* — 4— ter wußte durch erheiternde und belehrende Ge⸗ ſpraͤche die Arbeit zum Vergnuͤgen zu machen. Marie, die unter Kraͤutern und Blumen auf⸗ wuchs, und deren Welt der Garten war, hatte von Kindheit an eine große Freude an ſchoͤnen Blumen. Der Vater ließ daher jedes Jahr eini⸗ ge Samen, Zwiebeln und Ableger von Blumen kommen, die ſie noch nicht kannte, und erlaubte ihr, den Rand der Gartenbeete mit Blumen zu bepflanzen. So hatte Marie in ihren freyen Stunden fortwaͤhrend eine angenehme Beſchaͤfti⸗ gung. Sie pllegte die zarten Pflaͤnzlein auf das ſorgfältigſte, betrachtete faſt jede fremde Knoſpe nachſinnend und rathend, was fuͤr eine Blume ſie wohl enthalte; konnte kaum erwarten, bis ſie aufbrach, und hatte dann, wenn die ſehnlich er⸗ wartete Blume in ihrer Pracht daſtand, eine ganz unbeſchreibliche Freude.„Das iſt eine rei⸗ ne, ſchuldloſe Freude, ſagte dann der Vater laͤ⸗ chelnd. Mancher giebt mehr Gulden fuͤr Gold und Seide aus, als ich Kreuzer fuͤr Blumenſa⸗ men, und macht ſeiner Tochter doch lange kein ſo großes und unſchuldiges Vergnuͤgen damit.“ In der That bluͤhten fuͤr Marie jeden Monat, ja jede Woche neue Freuden auf. Sie ſagte oft in ihrem Entzuͤcken:„Das Paradies konnte kaum ſchoͤner ſeyn, als unſer Garten!“ Es ging auch nicht leicht jemand an dem Garten vorbey, 4 f 4 ohne ſtehen zu bleiben und die ſchoͤnen Blumen zu bewundern. Die Kinder aus dem Orte guck⸗ ten taͤglich durch das Gitter, und Marie mrichte ihnen immer einige Blumen hinaus. Der weiſe Vater wußte aber die Freude ſei⸗ ner Tochter an den Blumen zu einem hoͤheren Ziele zu leiten. Er lehrte ſie in der Schoͤnheit der Blumen, ihren mancherley Geſtalten, der reinen Zeichnung, dem richtigen Ebenmäaße, den herrlichen Farben, den lieblichen Wohlgeruͤchen die Weisheit, Guͤte, und Allmacht Gottes be⸗ wundern. Er war es gewoͤhnt, die erſte Morgen⸗ ſtunde der Andacht zu widmen, und er ſtand deßhalb immer fruͤher auf, als es ſeine Arbeit erforderte. Er glaubte, das menſchliche Leben habe wenig Werth, wenn der Menſch bey allen ſeinen Geſchaͤften nicht ein Paar Stunden oder wenigſtens halbe Stunden des Tages heraus zu bringen wiſſe, in denen er ſich ungeſtoͤrt mit ſei⸗ nem Schoͤpfer unterhalten, und ſich mit ſeiner hohen Beſtimmung im Himmel beſchaͤftigen koͤnne. An den herrlichen Fruͤhlings⸗ und Sommermor⸗ gen nahm er deßhalb Marxien mit in die Gar⸗ tenlaube, wo man, unter dem lieblichen Geſange der Voͤgel, den bluͤhenden, von Thau funkelnden Garten und eine reiche Landſchaft in den golde⸗ nen Strahlen der Morgenſonne uͤberſehen konnte. Hier redete er mit ihr von Gott, der die Sonnt ſo freundlich ſcheinen laͤßt, Than und Regen giebt, den Vogel in der Luft ernaͤhrt und die Blumen ſo herrlich kleidet. Hier lehrte er ſie den Allmaͤchtigen als den liebevollen Vater der Men⸗ ſchen kennen, der ſich uns noch unendlich liebli⸗ cher und freundlicher, als in der ganzen Schoͤp⸗ fung— in ſeinem geliebten Sohne offenbart. Hier lehrte er ſie bethen, indem er ſelbſt mit ihr aus ſeinem Herzen bethete. Dieſe Morgenſtunden trugen vieles dazu bey, die kindlichſte Froͤmmig⸗ keit in ihr zartes Herz zu pflanzen. In ihren liebſten Blumen zeigte er ihr die ſchdnen Sinnbilder jungfraͤulicher Tugenden. Als ſie ihm einſt ſehr fruͤh im Maͤrz voll Freude das erſte Veilchen brachte, ſprach der Vater: „„Das holde Veilchen ſey dir, liebe Marie, ein Bild der Demuth, der Eingezogenheit, der Wohlthaͤtigkeit im Stillen. Es kleidet ſich in die ſaufte Farbe der Beſcheidenheit, es bluͤht am liebſten im Verborgenen, es erfuͤllt, unter Blaͤt⸗ tern verſteckt, die Luft mit dem lieblichſten Wohlgeruche. Sey auch du, liebe Marie, ein ſtilles Veilchen, das einen bunten prahlenden An⸗ zug verſchmaͤht, nicht bemerkt ſeyn will, und, bis es verbluͤht iſt, im Stillen Gutes thut.“ Als die Roſen und die Lilien in voller Bluͤ⸗ the ſtanden, und der Garten in ſeiner ſchoͤnſten Pracht erſchien, ſprach der Vater zu der hocher⸗ den bald bleich und gelb, und modern vor der freuten Marie, indem er mit dem Finger auf eine Lilie deutete, die von der Morgenſonne be⸗ leuchtet war:„Die Lilie ſey dir, liebe Toch⸗ ter, das Bild der Unſchuld! Sieh, wie ſchoͤn, wie hell und rein ſie daſteht! Der weißeſte At⸗ las iſt nichts gegen ihre Blaͤtter; ſie gleichen dem Schnee. Wohl der Jungfrau, deren Herz ſo rein von allem Boͤſen iſt! Die reinſte aller Farben iſt aber auch am ſchwerſten rein zu be⸗ wahren. Leicht iſt ein Lilienblatt verletzt; man darf es nicht rauh anfaſſen, oder es bleiben Fle⸗ cken zuruͤck. So kann auch ein Wort, ein Ge⸗ danke, die Unſchuld verletzen! Die Roſe aber, ſprach er, indem er auf eine hinzeigte, ſey dir, liebe Marie, das Bild der Schamhaftigkeit. Schoͤner als die Roſenfarbe iſt die Farbe der Schamroͤthe. Heil der Jungfrau, die uͤber jeden unanſtaͤndigen Scherz erioͤthet, und ſich von der Glut, die ſie auf ihren Wangen fuͤhlt, vor Ge⸗ fahr der Suͤnde warnen laͤßt. Wangen, die leicht errdthen, bleiben lange ſchoͤn und roth; Wangen, die nicht mehr errthen koͤnnen, wer⸗ Zeit im Grabe.“ Der Vater pluͤckte einige Lilien und Roſen, fuͤgte ſie in einen Strauß zuſammen, gab ihn Marien, und ſprach:„Lilien und Ro⸗ ſen, dieſe ſchoͤnen Schweſterblumen, gehdren zu⸗ ſammen und ſtehen auch in Sreängen und. Kaͤu⸗ 8— zen unvergleichlich ſchoͤn neben einander; ſo ſind Unſchuld und Schamhaftigkeit auch Zwillings⸗ ſchweſtern, und koͤnnen nicht getrennt werden. Ja, Gott gab der Unſchuld, damit ſie leichter bewahrt werde, die Schamhaftigkeit zur warnen⸗ den Schweſter. Bleibe ſchamhaft, liebe Tochter, und du wirſt auch unſchuldig bleiben. Dein Herz ſey immer rein gleich einer reinen Lilie, und dei⸗ ne Wangen werden immer den Roſen gleichen.“ Ddie ſchoͤnſte Zierde des Gartens war ein kleines Apfelbaͤumchen, nicht groͤßer als ein Roſenſtock, das auf einem kleinen, runden Beet⸗ chen mitten im Garten ſtand. Der Vater hatte es an dem Tage, da Marie geboren wurde, ge⸗ pflanzt, und das Baͤumchen trug alle Jahre die ſchoͤnſten goldgelben und purpurgeſtreiften Aepfel. Einmal bluͤhte es vorzuͤglich ſchdn, und war ganz mit Bluͤthen bedeckt. Marie betrachtete es jeden Morgen.„O wie ſchoͤn, rief ſie entzuͤckt, wie herrlich roth und weiß! Es iſt, als wenn das ganze Baͤumchen nur ein einziger großer Blumen⸗ ſtrauß waͤre!“ Eines Morgens kam ſie wieder — da hatte der Reifen die Bluͤthen verſengt. Sie waren bereits gelb und braun, und ſchrumpften an der Sonne zuſammen. Marie weinte uͤber den traurigen Anblick. Da ſprach der Vater: „So verderbt die ſuͤndliche Luſt die Bluͤthe der Jugend. O Kind, zittre vor Verfuͤhrung! Sieh, wenn es dir auch ſo gehen ſollte— wenn die ſchoͤnen Hoffnungen, die du mir macheſt, nicht nur fuͤr ein Jahr, ſondern fuͤr das ganze Leben ſo dahin ſchwinden ſollten— ach, dann wuͤrde ich noch ſchmerzlichere Thraͤnen weinen, als du jetzt weineſt. Ich wuͤrde keine frohe Stunde mehr haben, und noch mit Thraͤnen in den Au⸗ gen in das Grab ſinken.“ Wirklich ſtanden ihm Thraͤnen in den Augen— und ſeine Worte machten auf Marien den tiefſten Eindruck. Unter den Augen eines ſo weiſen und liebe⸗ vollen Vaters wuchs Marie zwiſchen den Blu⸗ men ihres Gartens heran— bluͤhend wie eine Roſe, ſchuldlos wie eine Lilie, beſcheiden wie ein Veilchen, und hoffnungsvoll wie ein Dähnns chen in der ſchoͤnſten Bluͤthe. Mit zufriedenem Laͤcheln hatte der alte Mann jederzeit ſeinen lieben Garten betrachtet, deſſen Fruͤchte ſeinen Fleiß ſo ſchoͤn belohnten; eine noch innigere Zufriedenheit empfand er bey dem Anblick ſeiner Tochter, an der die gute Er⸗ ziehung, die er ihr gab, viel ſchoͤnere Fruͤchte brachte. Zweytes Kapitel. Marie im gräflichen Schloſſe. Einmal, an einem lieblichen Morgen zu Anfang des Mayes, hatte Marie in dem nahen Waͤldchen Weidenſproſſen und Haſelzweige ge⸗ ſchnitten, aus denen ihr Vater, wenn es im Garten nichts zu thun gab, die niedlichſten Koͤrb⸗ chen flocht. Da fand ſie die erſten Maybluͤm⸗ chen. Sie pfluͤckte einige davon, und machte zwey Straͤußchen baraus, eines fuͤr ihren Vater und eines fuͤr ſich. Als ſie auf dem ſchmalen Fußſteig durch den blumigen Wieſengrund nach Hauſe ging, begegneten ihr die Graͤfin von Eich⸗ burg und deren Tochter Amalia, die ſich gewoͤhn⸗ lich in der Reſidenzſtadt aufhielten, vor einigen Tagen aber auf ihrem Schloſſe Eichburg ange⸗ kommen waren.. Marie trat, ſobald ſie die beyden weißgeklei⸗ deten Frauenzimmer mit gruͤnen Sonnenſchirm⸗ chen erblickte, etwas ſeitwaͤrts, um ihnen Platz zu machen, und blieb ehrerbietig an dem Fuß⸗ wege ſtehen. „Ey, giebt es denn ſchon Maybluͤmchen!“ rief die junge Graͤfin, die dieſe Bluͤmchen mehr als alle andern Blumen liebte. Marie both ſo⸗ gleich jeder der beyden Graͤfinnen ein Straͤußchen an. Sie nahmen es mit Vergnuͤgen, und die Mutter zog ihre Goldboͤrſe von purpurrother Seide heraus, und wollte Marien beſchenken. Allein Marie ſagte:„O nicht doch; es iſt ganz und gar nicht deßwegen geſchehen! Goͤnnen Eure Erzellenz einem armen Maͤdchen die Freu⸗ de, ihrer gnaͤdigen Herrſchaft, von der ſie ſchon ſo viel Gutes empfing, auch eine kleine Freude zu machen, ohne an eine Belohnung zu denken!“ Die Graͤfin laͤchelte freundlich, und ſagte, Marie ſolle Amalien noch oͤfter Maybluͤmchen bringen. Marie that es jeden Morgen, und ſo kam ſie, ſo lange die Maybluͤmchen bluͤhten, taͤg⸗ lich in das Schloß. Amalia fand an Mariens gutem, natuͤrlichem Verſtande, ihrem heitern, froͤhlichen Sinne, ihrem beſcheidenen, ungekuͤn⸗ ſtelten Betragen taͤglich mehr Wohlgefallen. Marie mußte noch manche Stunde in Amaliens Geſellſchaft zubringen, nachdem alle Maybluͤm⸗ chen ſchon laͤngſtens verbluͤht waren. Ja, die junge Graͤfin ließ es ſich dfter nicht undeutlich merken, daß ſie Marien immer um ſich zu haben wuͤnſche, und ſie deßhalb noch in ihe Dienſßr zu. nehmen gedenke. — 12— Nun naͤherte ſich Amaliens Geburtstag. Marie war auf ein kleines laͤndliches Geſchenk bedacht. Einen Blumenſtrauß hatte ſie ihr ſchon oft gebracht. Sie verfiel daher auf einen andern Gedanken. Ihr Vater hatte den letzten Winter einige ganz ungemein ſchoͤne Arbeitskoͤrbchen fuͤr Frauenzimmer verfertiget. Das ſchoͤnſte aus allen hatte er Marien geſchenkt. Er hatte die Zeich⸗ nung dazu aus der Stadt erhalten, und die Ar⸗ beit war ihm ganz vorzuͤglich gelungen. Marie beſchloß, dieſes Koͤrbchen mit Blumen zu fuͤllen, und es Amalien zum Geburtstage zu verehren. Der Vater gab das auf ihre Bitte ſehr gerne zu, und er verzierte das niedliche Koͤrbchen noch mit Amaliens Namenszug und Familienwappen, die er ſehr nett und kuͤnſtlich hineinflocht. Am Morgen von Amaliens Geburtstage pfluͤckte nun Marie die vollſten Roſen, die ſchoͤn⸗ ſten weißen, rothen und blauen Levkojen, braͤun⸗ lichen Goldlack, hochrothe, hellgelbe und dunkel⸗ braune Nelken, und andere ſchoͤne Blumen von allen Farben, brach ſchoͤn belaubte gruͤne Zweige, und ordnete die Blumen und das gruͤne Laub⸗ werk ſo in das Koͤrbchen, wie die Farben am ſchoͤnſten von einander abſtachen. Die Seiten des Korbchens umſchlang ſie mit einem leichten Ge⸗ winde von Roſenknospen und Mooſe; Amaliens Namen aber umgab ſie mit einem Kraͤnzchen von 3 —— 6 V 1 — 13 Vergißmeinnicht. Die friſchen Roſenknospen, das zarte gruͤne Moos und die blauen Vergißmein⸗ nicht nahmen ſich auf dem feinen weißen Gitter⸗ werke des Koͤrbchens ungemein gut aus. Das ganze Blumenkoͤrbchen war wirklich uͤberaus ſchoͤn. Selbſt der ernſte Vater lobte Mariens Einfall mit zufriedenem Laͤcheln, und ſagte, als ſie es forttragen wollte:„Laß es noch ein wenig da, daß ich es noch laͤnger betrachten kann.“ Marie trug das Koͤrbchen in das Schloß und uͤberreichte es, unter den herzlichſten Gluͤck⸗ wuͤnſchen, der Graͤfin Amalia. Die junge Graͤ⸗ fin ſaß eben an ihrem Putztiſche. Ihr Kammer⸗ maͤdchen ſtand hinter ihr, und war mit Ama⸗ liens Kopfſchmucke fuͤr das heutige Feſt beſchaͤfti⸗ get. Amalia hatte eine ganz ungemeine Freude, und konnte nicht Worte genug finden, bald die ſchoͤnen Blumen, bald das nette Koͤrbchen zu ruͤhmen.„Gutes Kind! ſagte ſie, du haſt ja dein ganzes Gaͤrtchen gepluͤndert, um mich ſo reichlich zu beſchenken! Und dein Vater macht ja eine Arbeit— ſo ſchoͤn, ſo geſchmackvoll, daß ich nie etwas Schoͤneres ſah. O komm doch ſo⸗ gleich mit mir zu meiner Mutter.“ Sie ſtand auf, nahm Marien freundlich bey der Hand, und fuͤhrte ſie die Treppe hinauf in das Zimmer ihrer Mutter. — — 14— „O ſehen Sie doch, Mamma, rief ſie ſchon unter der Zimmerthuͤre, was fuͤr ein unvergleich⸗ liches Geſchenk mir Marie brachte! Ein ſchoͤne⸗ res Koͤrbchen haben Sie wohl nie geſehen, und ſchoͤnere Blumen giebt es wohl auch nicht.“ Das Blumenkdröchen gefiel auch der Graͤfin ſehr wohl.„In der That, ſagte ſie, es iſt ſehr ſchoͤn! Ich wuͤnſchte es gemahlt zu beſitzen. Das Koͤrbchen mit den Blumen, auf denen noch der Morgenthau liegt, gaͤbe ein ſo ſchoͤnes Blu⸗ menſtuͤck, als je der groͤßte Mahler eines ge⸗ mmahlt hat. Es macht Mariens gutem Geſchma⸗ ce ſehr viel— und ihrem guten Herzen noch 8 4 mehr Ehre.“ „Warte indeß hier ein wenig, liebes Kind!“ ſprach ſie zu Marien, und winkte Amalien, ihr in das Nebenzimmer zu folgen.. „Unbeſchenkt, ſagte die Graͤfin in dem Ne⸗ benzimmer zu ihrer Tochter, duͤrfen wir Marien nicht gehen laſſen. Was meyneſt du, daß ſich wohl am beſten fuͤr ſie ſchicke?“ Amalia ſann einige Augenblicke nach.„Ich denke, ſagte ſie hierauf, ein Kleid von mir waͤre wohl das Beſte, etwa, wenn Sie, liebſte Mamma, es erlauben wollen, das mit den niedlichen rothen und weißen Bluͤmchen auf dun⸗ kelgruͤnem Grunde. Es iſt zwar noch ſo gut, — 156— Alllein ich bin aus demſelben heraus gewachſen. Fuͤr Marie aber giebt es noch ein ſchoͤnes Feſt⸗ kleid. Zurecht machen kann ſie es ſich ſelbſt; ſie iſt dazu geſchickt genug. Wenn es Ihnen alſo nicht zu viel waͤre—“ „Ganz und gar nicht, ſagte die Graͤfin. Wenn man den Leuten etwas geben will, ſo muß man ihnen etwas geben, daß ihnen damit gedient iſt. Das gruͤne Kleid mit den niedlichen Bluͤmchen wird der kleinen Blumengaͤrtnerin recht gut ſtehen.“ „ Geht jetzt, guten Kinder, ſagte die Graͤß guͤtig, indem ſie mit Amalia aus dem Nebenzim⸗ mer trat, und ſorgt fuͤr die Blumen, damit ſie bis zur Tiſchzeit nicht welken. Da wir heute Gaͤſte bekommen, ſo ſoll das Koͤrbchen die ſchoͤn⸗ ſte Zierde der Tafel ſeyn, und anſtatt des Auf⸗ ſatzes dienen. Dir zu danken, liebe Marie, uͤberlaß' ich Amalien:“ Amalie eilte mit Marie in ihr Zimmer, und befahl ihrem Kammermaͤdchen, das Kleid zu ho⸗ len. Jettchen— ſo hieß das Maͤdchen— blieb ſtehen, und ſagte:„Das Kleid werden Euer Gna⸗ den heute ja wohl nicht anziehen?“—„Nein! ſagte Amalia, ich werde es Marien ſchenken.“⸗ „Das Kleid? rief Jettchen ſchnell. Weiß das die gnaͤdige Mamma?“—„ Bringe du das Klei — 416— ſagte Amalia nnſf, und fuͤr das ebrige laß mich ſorgen.“ Jettchen wandte ſich ſchnell um, ihren Ver⸗ druß zu verbergen, und ging. Ihr Angeſicht gluͤhte von Zorn. Zornig riß ſie die Kleider der jungen Graͤfin aus dem Kaſten.„Wenn ich nur alle ſogleich zerreißen duͤrfte! ſagte ſie. Das verwuͤnſchte Gaͤrtnermaͤdchen! Um einen Theil von der Gunſt meiner Herrſchaft hat ſie mich ohnehin ſchon gebracht, und nun ſtiehlt ſie mir noch obendrein dieſes Kleid ab; denn die abge⸗ legten Kleider gehoͤren von Rechtswegen mir. O, die Augen koͤnnte ich der verhaßten Blumenkraͤ⸗ erin auskratzen!“ Indeß verbiß Jettchen ihren Zoorn, ſo gut ſie konnte, ſtellte ſich, wie ſie in das Zimmer trat, freundlich an, und uͤbergab Amalien das Kleid. 3 „Liebe Marie, ſagte Amalia, es ſind mir zwar heute reichere Geſchenke gemacht worden, als dein Koͤrbchen; aber kein angenehmeres. Die Blumen in dem Kleide da ſind freylich nicht ſo ſchoͤn, als die deinigen; aber ich denke, du wer⸗ deſt ſie aus Liebe zu mir doch nicht verſchmaͤhen. Trage das Kleid zum Andenken an mich, und gruͤße mir deinen Vater.“ Marie nahm das Kleid, kuͤßte der jungen Graͤfin die Hand und ging.* Jettchen — 17— Jettchen ſetzte voll Aerger, Neid und gehei⸗ men Ingrimm ihre Arbeit ſtillſchweigend fort. Es koſtete ſie in der That keine geringe Ueber⸗ windung, es Amaliens Haaren waͤhrend des Fri⸗ ſirens nicht ein wenig empfinden zu laſſen, wie aufgebracht ſie war.„Biſt du boͤſe Jettchen?“ ſagte Amalia ſanft.„Das waͤre ja dumm, ſag⸗ te Jettchen, wenn ich boͤſe waͤre, weil Sie ſo gut ſind.“„Das war ſehr vernuͤnftig geſpro⸗ chen, ſagte Graͤfin Amalia; ich wuͤnſche, du moͤchteſt auch ſo vernuͤnftig denken!“ Marie eilte indeß mit dem ſchoͤnen Kleide voll Freude nach Hauſe. Der kluge Vater haute aber uͤber das ſchoͤne Geſchenk keine beſondene Freude. Er ſchuͤttelte den grauen Kopf und ſag⸗ te:„Du haͤtteſt mir das Koͤrblein lieber nicht in das Schloß getragen. Das Kleid iſt mir, als ein Geſchenk von unſerer gnaͤdigen Herrſchaft, zwar ſehr ſchaͤtzenswerth; allein ich fuͤrchte, es moͤchte Andere auf uns neidig, und was das G Schlimmſte waͤre, dich eitel machen. Sey daher doch recht auf deiner Huth, liebe Marie, daß wenigſtens das Schlimmſte unterbleibe. Beſchei⸗ denheit und Sittſamkeit kleiden ein Maͤdchen beſ⸗ ſer, als der ſchoͤnſte, auserleſenſte Anzug.“ — Blumenkoͤrbchen. 4 2 4 1 6 3 3 88 Drietes Kapitel. Der entwendete Ring. —— Keaum hatte Marie das ſchoͤne Kleid anpro⸗ birt, es dann wieder ſorgfaͤltig zuſammen gelegt, und in den Kaſten verſchloſſen, ſo kam die junge Graͤfin blaß und zitternd und faſt außer Athem in das kleine Stuͤbchen. „ Um Gottes willen, Marie, ſprach ſie, was haſt du gemacht? Der Diamantring meiner Mutter iſt weg! Niemand kam in das Zimmer, als du. O gieb ihn doch geſchwind her, ſonſt giebt das eine ſchreckliche Geſchichte. Gieb ge⸗ ſchwind; dann laͤßt ſich die Sache noch ver⸗ mitteln.“ Marie erſchrack, daß ſie todtenbleich wurde. „Ach Gott, ſagte ſie, was iſt das! Ich habe den Ring nicht. Ich habe in dem Zimmer nicht einmal einen Ring geſehen. Ich kam nicht von dem Plaͤtzchen, auf dem ich ſtand.“ „Marie, ſagte die Graͤfin Amalia wieder, ich bitte dich um deiner eigenen Wohlfahrt wil⸗ — 19— len, gieb mir den Ring. Du weißt nicht, was der einzige Stein in demſelben fuͤr einen Werth hat. Der Ring koſtete bey tauſend Thaler. Wenn du das gewußt haͤtteſt, ſo wuͤrdeſt du ihn ſicher nicht genommen haben. Du ſahſt ihn wohl nur fuͤr eine Kleinigkeit an. Gieb ihn mir, und alles ſoll dir als ein jugendlicher Unverſtand ver⸗ ziehen werden!?? or Marie fing an zu weinen.„Wahrlich, ſagte ſie, ich weiß nichts von einem Ringe. Ich habe mir nie getraut, etwas Fremdes auch nur anzuruͤhren, viel weniger es zu ſtehlen. Mein Vater hat es mir zu ſehr eingeſchaͤrft, nieman⸗ den etwas zu nehmen.“ Jetzt trat der Vater in das Stuͤbchen. Er hatte in dem Garten gearbeitet, und die junge Graͤfin ſo eilfertig in das Haus gehen ſehen. „Gott im Himmel, was iſt das?“ rief er, als er vernommen hatte, wovon die Rede ſey. Der gute Mann hatte einen ſolchen Schrecken, daß er ſich an dem Tiſchecke halten, und auf die Bank niederſetzen mußte. „Kind, ſprach er, einen ſolchen Ring zu ſtehlen, iſt ein Verbrechen, auf das der Tod ge⸗ ſetzt iſt. Das iſt aber noch das Wenigſte. Denke an das Geboth Gottes: Du ſollſt nicht ſtehlen. Fuͤr eine ſolche That ſind wir nicht blos den 1. 6 2* 3* —.— — 20— Menſchen— wir ſind dafuͤr noch einem groͤßern Herrn verantwortlich— dem hoͤchſten Richter, der in alle Herzen blickt, und vor dem kein Laͤug⸗ nen und keine Ausflucht gilt. Haſt du Gottes und ſeiner heiligen Gebothe vergeſſen, und dich meiner vaͤterlichen Ermahnungen in dem Augen⸗ blicke der Verſuchung nicht mehr erinnert; haſt du deine Augen von dem Glanze des Goldes und der Edelſteine verblenden und dich zu dieſer Suͤn⸗ de verleiten laſſen: ſo laͤugne es nicht, bekenne es, und gieb den Ring zuruͤck. Das iſt der ein⸗ zige Weg, den Fehler gut zu machen, ſo viel er noch kann gut gemacht werden.“ Marie ſagte weinend und ſchluchzend:„O Vater, gewiß— gewiß— ich habe nichts von einem Ringe geſehen. Ach, wenn ich einen ſol⸗ chen Ring auf der Straſſe gefunden haͤtte, ich wuͤrde keine Ruhe mehr haben, bis ich ihn dem Eigenthuͤmer wieder zuruͤck geſtellt haͤtte. Gewiß, ich hab' ihn nicht!“—. „Sieh, fing der Vater wieder an, der En⸗ gel, die junge Graͤfin Amalia, die nur aus Liebe zu dir herunter kam, um dich noch aus den Haͤnden des Gerichts zu erretten, die es ſo gut mit dir meynt, die dich dieſen Augenblick erſt ſo reichlich beſchenkte, verdient es nicht, daß du ſie beluͤgeſt— und ſie zu deinem eige⸗ nen Verderben zu hintergehen ſucheſt! Haſt du — 21— den Ring, ſo ſag' es, und die gnaͤdige Graͤfin hier wird durch ihre Fuͤrbitte die verdiente Strafe von dir abwenden. Marje⸗ ſey aufrich⸗ tig und luͤge nicht.“. „Vater! ſagte Marie, Ihr wißt es ja ſelbſt, in meinem ganzen Leben habe ich nicht eines Hellers werth geſtohlen! Nicht einmal ei⸗ nen Apfel von einem fremden Baume oder eine Hand voll Gras von der Wieſe eines andern wuͤrde ich mir zu nehmen getrauen; wie viel weniger etwas ſo Koſtbares. Glaubt es doch, Vater! ich habe Euch ja in meinem Leben nie angelogen!“ „Marie, ſagte der Vater noch einmal, fe⸗ meine grauen Haare an! Bring' ſie nicht mit Herzenleid unter die Erde! Erſpar mir dieſen Jammer! Sag' es vor Gott— zu dem ich bald zu kommen hoffe, und der keine Diebin in ſeinen Himmel eingehen laͤßt— haſt du den Ring? Um deiner eigenen Seligkeit wfilen bitte ih diche ſage die Wahrheit!“ Marie blickte mit neinenden Augen zum Himmel, erhob die gefalteten Haͤnde und rief: „Gott weiß es, ich habe den Ring nicht! So gewiß ich ſelig werden will; ſo gewiß habe u0 ihn nicht.“ 3 „Nun, ſagte der Vater, ſo glaub ich es auch, du haſt ihn nicht. Denn ſo wuͤrdeſt du — 22— vor Gottes Angeſicht, vor der edlen Graͤfin hier, und vor deinem alten Vater nicht luͤgen. Und da du, wie ich feſt glaube, unſchuldig biſt, ſo bin ich ruhig. Sey es du auch, Marie, und fuͤrchte nichts. Es giebt nur ein einziges wahres Uebel in der Welt, das wir zu fuͤrchten haben, und das iſt die Suͤnde. Kerker und Tod ſind nichts dagegen. Was nun auch uͤber uns kommen wird, und wenn uns auch alle Menſchen verlaſſen, und wider uns ſeyn werden: ſo haben wir doch Gott zum Freunde, und der rettet uns gewiß, und bringt unſre Unſchuld hier oder dort an den Tas. 74 8 Die junge Graͤfin wiſchte ſich eine⸗ Thrine 29 und ſagte:„Wenn ich euch, ihr lieben Leu⸗ te, ſo reden hoͤre, ſo glaube ich es freylich auch, daß ihr den Ring nicht habt. Allein, wenn ich wieder alle Umſtaͤnde uͤberlege, ſo ſcheint es mir doch nicht anders moͤglich— ihr muͤßt ihn ha⸗ ben! Meine Mutter weiß das Plaͤtzchen auf ih⸗ rem Arbeitstiſchchen, wo ſie den Ring hinlegte, gerade bevor ich mit Marien ins Zimmer trat, beſtimmt. Keine Seele kam ſonſt in das Zim⸗ mer. Daß ich nicht an das Tiſchchen hinkam, wird Marie ſelbſt bezeugen. Marie war, waͤh⸗ rend meine Mutter mit mir in dem Nebenzim⸗ mer redete, allein in dem Zimmer; vor und nach ihr kein Menſch. Nachdem wir fort waren, — 23— ſchloß meine Mutter die Thuͤre, um ſich anders anzukleiden. Da ſie angekleidet iſt, und nur noch den Ring anſtecken will— weg iſt er. Zum Ueberfluſſe durchſuchte meine Mutter noch ſelbſt das ganze Zimmer. Sie brauchte noch die Vor⸗ ſicht, und ließ niemanden von unſern eigenen Leuten, nicht einmal mich in das Zimmer, bis ſie alles zwey, drey mal durchſucht hatte. Allein vergebens! Wer kann nun den Ring haben?“— „Das begreife ich auch nicht! ſagte der Va⸗ ter, Gott hat uns eine ſchwere Pruͤfung zuge⸗ dacht. Doch, was da auch uͤber uns verhaͤngt ſeyn ſollte— ſagte er mit einem Blicke zum Himmel— ſieh, Herr, hier bin ich! Nur deine Gnade, o Gott, und es iſt mir genug.“ „Wahrhaftig, ſagte die Graͤfin, ich gehe mit recht ſchwerem Herzen nach Hauſe. Das iſt mir ein trauriger Geburtstag! Es wird eine boͤſe Geſchichte geben. Meine Mutter hat zwar noch keiner Seele ein Wort davon geſagt, als mir, um Marien nicht ungluͤcklich zu machen. Allein laͤnger laͤßt ſich die Sache nicht mehr verheimli⸗ chen. Meine Mutter muß den Ring heute tra⸗ gen. Mein Vater, den wir heute auf Mittag aus der Reſidenz erwarten, wuͤrde ihn ſogleich vermiſſen. Er hat ihn ihr an dem Tage verehrt, da ich zur Welt kam. Sie trug ihn noch jedes⸗ mal an meinem Geburtstage. Sie erwartet, daß F— 24— ich ihn gewiß bringe!“——„Lebt wohl! ſagte Amalia noch. Ich will es wohl ſagen, daß ich euch fuͤr unſchuldig halte; aber wird man mir es auch glauben?“ Sie ging traurig und mit Thraͤnen in den Augen zur Thuͤre hinaus. Vater und Tochter waren zu beſturzt, als daß eines ſie haͤtte begleiten koͤnnen. Der Vater ſaß auf der Bank, ſtuͤtzte den Kopf auf die Hand, ſah nachdenkend zur Erde, und Zaͤhren floßen uͤber ſeine bleichen Wangen. Marie fiel vor ihm auf die Knie, blickte weinend zu ihm auf, und ſagte:„O Vater, gewiß, ich bin an der ganzen Geſchichte Vnſchuldige Gewiß, ich bin unſchuldig!“ Der Vater hob ſie auf, blickte ihr lange in die blauen Augen, und ſagte dann:„Ja, Ma⸗ rie, du biſt unſchuldig. So redlich und treuher⸗ zig kann einen die Schuld nicht anblicken.“ „d Vater, fing Marie wieder an, was kann dieß fuͤr ein Ende nehmen! Wie wird es uns ergehen! O, wenn das, was da kommen wird, nur mich allein traͤfe, ich wollte es gerne tragen. Aber daß Ihr, Ihr wegen meiner leiden ſollet, das iſt mir das Schrecklichſte!“ „ Vertrau' auf Gott, ſagte der Vater, und ſey unverzagt. Gegen ſeinen Willen kann uns kein Haar gekruͤmmt werden. Was da kom⸗ 4 — 25— men wird, iſt alles von Gott— alſo gut, und zu unſerm Beſten, und was wollen wir mehr?— Laß dich nur nicht ſchrecken, und bleibe immer genau bey der Wahrheit. Wie man dir drohen, was man dir auch verſprechen wird, weiche nur kein Haar breit von der Wahrheit ab, und ver⸗ letze dein Gewiſſen nicht. Ein gutes Gewiſſen iſt ein gutes Hauptkiſſen— auch im Kerker.— Wir werden jetzt wohl von einander ge⸗ trennt werden; dein Vater wird dich nicht mehr troͤſten koͤnnen, gute Marie! Halte dich alſo de⸗ ſto feſter an deinen Vater im Himmel. Er, der maͤchtige Beſchuͤtzer der Unſchuld, kann dir nicht genommen werden!“ Jetzt ward ploͤtzlich die Thuͤre unilekfſer— der Juſtizamtmann, der Aktuar, und mehrere Gerichtsdiener traten in das Stuͤbchen. Marie that einen lauten Schrey und umfaßte ihren Va⸗ ter mit beyden Armen.„Reißt ſie auseinan⸗ der, rief der Amtmann, und ſeine Augen fun⸗ kelten von Zorn. Die Tochter legt in Ketten und werft ſie in das Gefaͤngniß. Auch den Va⸗ ter bringt einſtweilen in ſichere Verwahrung. Haus und Garten haltet wohl beſetzt und be⸗ wacht, und laßt niemanden herein, bis ich und der Aktuar alles felbſt genau durchſucht haben.“ Die Gerichtsbiener riſſen Marie, die ihren Vater feſt umſchlungen hüili, ihm mit Gewalt 8* — 26— aus den Armen, und feſſelten ſie. Sie fiel in Ohnmacht, und ward ohnmaͤchtig fortgeſchleppt. Als man Vater und Tochter auf die Straſſe her⸗ aus brachte, waren ſchon eine Menge Leute zu⸗ ſammen gelaufen. Die Geſchichte von dem Ringe hatte ſich ſogleich durch den ganzen Flecken ver⸗ breitet. Es war ein Auflauf, ein Gedraͤnge um das kleine Gaͤrtnerhaus, als ſtuͤnde es im Bran⸗ de. Man hdoͤrte die verſchiedenſten Urtheile. So gut Jakob und Marie gegen alle Menſchen wa⸗ ren, ſo fehlte es doch nicht an Leuten, die voll Schadenfreude die boshafteſten Anmerkungen mach⸗ ten. Weil Jakob und Marie durch Fleiß und Sparſamkeit ſich ſehr gut fortbrachten, ſo wur⸗ den ſie von manchen beneidet.„Nun weiß man doch, ſagten ſie, woher ihr Vermoͤgen kommt. Vorher konnten wir es nicht begreifen. So aber— iſt es keine Kunſt, beſſer zu leben, und ſich ſchoͤner zu kleiden, als andere ehrliche Leute im Flecken.“ Die meiſten Einwohner von Eichburg hatten aber ein aufrichtiges Mitleiden mit dem ehrlichen Jakob und ſeiner guten Tochter, und mancher Hausvater und manche Hausmutter ſprachen un⸗ ter einander:„Ach Gott, es iſt doch ein Elend mit uns Menſchen. Der Beſte iſt nicht ſicher vor dem Fall. Wer haͤtte das von den wackern Leuten gedacht? Doch— vielleicht iſt es nicht — 27— ſo, und dann wolle Gott ihre Unſchuld an den Tag kommen laſſen! Und waͤre es auch, nun ſo wolle Gott ihnen beyſtehen, daß ſie ihren Fehler erkennen, ſich beſſern, und dem großen Ungluͤcke, das ihnen droht, entgehen. Er wolle uns alle in Gnaden vor Suͤnden bewahren, vor denen wir ja keinen Tag ganz ſicher ſind!“ Von den Kindern des Ortes ſtanden da und dort einige beyſammen und weinten.„Ach, ſagten ſie, wenn man ſie einſperret, ſo kann uns ja der ehrliche Jakob kein Obſt und die gute Marie keine Blumen mehr geben. Man ſollte es nicht thunte 2„ Viertes Kapitel. IMarie im Gefängniſſe. Man hatte Marien noch halb ohnmaͤchtig in das Gefaͤngniß gebracht. Sie kam zu ſich ſelbſt, weinte, ſchluchzte, rang die Haͤnde, bethete und ſank dann, von Schrecken, Traurigkeit und dem vielen Weinen ganz erſchoͤpft, auf ihr Lager von Stroh, und ein ſanfter Schlaf ſchloß ihr die muͤ⸗ den Augenlieder. Als ſie wieder erwachte, war es bereits Nacht. Alles um ſie her war dunkel und ſie konnte nichts unterſcheiden. Sie wußte lange nicht, wo ſie war. Die Geſchichte mit dem Ringe kam ihr wie ein bloßer Traum vor, und ſie meynte aufangs, ſie befinde ſich in ihrem Bette. Sie fing ſchon an, ſich zu freuen— al⸗ lein da fuͤhlte ſie die Ketten an ihren Haͤnden, und das Raſſeln derſelben klang fuͤrchterlich in ihren Ohren. Erſchrocken fuhr ſie von ihrem Strohlager auf.„O was kann ich anders thun, rief ſie, und ſank auf die Knie, als dieſe gefeſſelten Haͤnde zu Dir empor heben, lie⸗ ber Gott! O blicke in dieſes Gefaͤngniß, und ſieh mich hier auf meinen Knien. Du weißt es, daß ich unſchuldig bin! Du biſt der Retter der Unſchuld! Rette mich! Erbarme Dich meiner— erbarme Dich meines armen alten Vaters! O gieb doch nur wenigſtens ihm Troſt in das Herz und laß lieber mich alle Leiden doppelt fuͤh⸗ len!⸗—— Ein Strom von Thraͤnen floß bey dem Ge⸗ danken an ihren Vater aus ihren Augen; Schmerz und Mitleiden erſtickten ihre Stimme. Sie wein⸗ te und ſchluchzte lange ſo fort. 5 Jetzt ſchien der Mond, den bisher ſchwere Gewitterwolken bedeckt hatten, durch das kleine, ſchwarze Eiſengitter in ihren Kerker, und bildete das Gitter auf dem Boden des Gefaͤngniſfes ab. .— 29— Marie konnte am Wiederſcheine des hellen Mond⸗ lichtes die vier Waͤnde des engen Kerkers, die rohen Ziegelſteine, aus denen ſie aufgefuͤhrt wa⸗ ren, die weißen Kalkfugen zwiſchen den rothen Steinen, das kleine Maͤuerlein, das in einer Ecke ſtatt eines Tiſches angebracht war, den ir⸗ denen Krug und das irdene Schuͤſſelein, die auf dem Maͤuerchen ſtanden, und jedes Haͤlmlein des Strohes, das ihr zum Lager diente, deutlich er⸗ kennen. So wie die dichte Finſterniß um Marie verſchwunden waͤr, wurde es ihr etwas leichter um das Herz. Es war ihr bey dem Anblicke des Mondes nicht anders, als erblickte ſie einen alten Freund.„Kommſt du, ſagte ſie, lie⸗ ber Mond, und ſiehſt du dich nach deiner Freun⸗ din um? O damals, als du noch durch die gruͤnen Rebenblaͤtter am Fenſter in mein kleines Schlafkaͤmmerlein ſchieneſt, damals glaͤnzteſt du viel ſchoͤner und heller, als jetzt durch dieſes dicke, ſchwarze Eiſengitter. Trauerſt du etwa auch mit mir?— Ach, ich haͤtte freylich nie ge⸗ glaubt, dich einmal ſo zu ſehen!— Was macht wohl jetzt mein Vater? Wacht er jetzt vielleicht auch, und weinet und jammert er, wie ich? Ach, daß ich ihn doch nur einen Augenblick ſehen koͤnnte! Du, lieber Mond, blickeſt vielleicht jetzt auch in ſeinen Kerker! O, koͤnnteſt du doch re⸗ den, koͤnnteſt du ihm doch ſagen, wie ſeine Ma⸗ rie um ihn weine und jammere!“— — 30— „Aber, wie thoricht rede ich in meiner Trauer! Verzeih mir dieſe eiteln Reden, lieber Gott! Du, o Gott, blickeſt in das Gefaͤngniß meines Vaters! Du ſiehſt ihn und mich! Du ſchaueſt in unſer beyder Herzen! Deine allmaͤch⸗ tige Huͤlfe laͤßt ſich durch keine Mauern und durch keine Eiſengitter abhalten. O ſende Du ihm Troſt in ſeinen Leiden.“ Marie bemerkte hierauf mit Verwunderung, daß ein lieblicher Geruch von Blumen ihr Ge⸗ faͤngniß erfuͤlle. Sie hatte am Morgen einige Roſenknospen und andere Blumen, die ihr von dem Blumenkdrbchen uͤbrig geblieben waren, in ein Straͤußchen gebunden, und es vor die Bruſt geſteckt. Dieſe Blumen hauchten die ſuͤſſen Wohl⸗ geruͤche aus.„Seyd ihr noch da, ihr lieben Bluͤmchen, ſagte ſie, als ſie das Straͤußchen erblickte, und mußtet ihr auch mit mir in das Gefaͤngniß hieher wandern, ihr ſchuldloſen Ge⸗ ſchopfe? Womit habt denn ihr es verdient? Doch, das ſey mein Troſt, daß ich es ſo wenig oerſchuldet habe, als ihr.“ Sie nahm das Straͤußchen ab, und betrach⸗ tete es am Schimmer des Mondes.„Ach, ſagte ſie, als ich am Morgen in meinem Gar⸗ ten dieſe Roſenknospen und an dem nahen Baͤch⸗ lein, dieſe Vergißmeinnicht pfluͤckte, wer haͤtte da geglaubt, daß ich den Abend in dieſem Kerker — 31— liegen wuͤrde!— Als ich jene Blumenkette flocht, wer haͤtte es gedacht, daß ich heute noch dieſe eiſernen Ketten tragen wuͤrde? So veraͤnderlich iſt alles auf Erden! So weiß kein Menſch, wie ſchnell es mit ihm anders werden kann— und zu welchen traurigen Ereigniſſen ſeine ſchuld⸗ loſeſten Handlungen Anlaß geben koͤnnen. Der Menſch hat alſo wohl Urſache, ſich jeden Mor⸗ gen dem Schutze Gottes zu empfehlen.“ Sie weinte aufs neue; ihre Thraͤnen troͤ⸗ pfelten auf die Roſenknospen und Vergißmein⸗ nicht, und ſchimmerten im Mondlichte daran, wie Thau.„Der die Blumen nicht vergißt, und ſie mit Thau und Regen traͤnkt, ſagte ſie, kann ja auch meiner nicht vergeſſen. Ja, Du lieber Gott! troͤpfle Troſt in mein Herz und in das Herz meines Vaters, wie Du die Kelche der duͤrſtenden Blumen mit reinem Thau des Him⸗ mels fuͤlleſt!““ Mit Thraͤnen gedachte ſie jetzt ihres Va⸗ ters.„O du guter Mann! ſagte ſie; wenn⸗ ich dieſes Straͤußchen da ſo betrachte— wie vie⸗ le deiner Worte, die du mir uͤber die Blumen ſagteſt, kommen mir da wieder zu Sinne.“ „Dieſe Roſenknospen da bluͤhten aus den Dornen hervor; ſo werden auch aus dieſen meinen Leiden Freuden hervorbluͤhen! Wer dieſe halbaufgebluͤhte Roſe fruͤher haͤtte aus der feſi⸗ — 32— verſchloßenen Knospe hervorziehen wollen, der haͤtte ſie nur zerſtoͤrt. Gott enthuͤllte ſie nach und nach, gleichſam mit ſanftem leiſen Finger, dieſe zarten Purpurblaͤttchen, und hauchte in ihr Innerſtes den lieblichen Wohlgeruch. Er wird auch mein Leiden wenden, und den Segen, den es in ſich ſchließt, enthuͤllen! Ich will allſo ge⸗ duldig warten, bis die rechte Zeit dazu da iſt!“ „Dieſe Vergißmeinnicht erinnern mich an ihren Schoͤpfer! Ja, Du lieber Gott, ich will Deiner nicht vergeſſen, wie Du meiner nicht vergiſſeſt!— Sie ſind blau, dieſe zarten Bluͤm⸗ chen, wie der Himmel. Der Himmel ſey mein Troſt bey allen Leiden dieſer Erde!“ „Das iſt eine wohlriechende Wicke mit den zarten weißen und rothen Blaͤttchen! Wie dieſes ſchlanke Gewaͤchs ſich an dem nahen Sta⸗ be, ohne den es im Staube kriechen wuͤrde, auf⸗ ſchwingt, und ſo— freudig bluͤhend— wie mit Schmetterlingsfluͤgeln uͤber dem Staube der Erde ſchwebt, ſo will ich mich feſt an Dich halten, o Gott, und mich ſo uͤber den Staub und die Lei⸗ den der Erde froͤhlich emporſchwingen.“ „Dieſe Reſede hier iſt es vorzuͤglich, die den ganzen Kerker mit lieblichen Geruͤchen er⸗ fuͤllt. Sanftes, mildes Kraͤutchen, auch den, der dich Ebricht⸗ Liſteneſt du mit deinem Wohl⸗ geruch. geruch. Dir will ich auch gleichen— auch de⸗ nen gut ſeyn, die mich, ohne daß ich ihnen et⸗ was zu Leid that, aus meinem Garten riſſen, und in dieſen Kerker warfen!“ „Hier iſt ein Zweiglein Sinngruͤn. Die⸗ ſes bleibet auch im Winter friſch, und behaͤlt auch zur rauhen Jahreszeit die ſchoͤne, gruͤne Farbe der Hoffnung! Ich will auch jetzt, zur Zeit des Leidens, die Hoffnung nicht aufgeben. Gott, der dieſes kleine Gewaͤchs mitten unter den Stuͤrmen des Winters, unter Eis und Schnee, friſch und gruͤn erhalten kann, der wird auch mich erhalten— mitten unter den Stuͤr⸗ men des Leidens!“ „Da ſind noch ein Paar Lorberblaͤtter. Dieſe erinnern mich an den unverwelklichen Lor⸗ berkranz, der allen, die hier auf Erden geduldig und heldenmuͤthig leiden, im Himmel hinterlegt iſt. O mir iſt es, ich ſaͤhe ihn ſchon, von gol⸗ denen Strahlen umgeben, dieſen herrlichen ewiggruͤnen Siegeskranz! Ihr Blumen der Erde ſeyd wie ihre Freuden alle vergaͤnglich, und wel⸗ ket alle bald dahin. Aber dort droben wartet nach den kurzen Leiden dieſer Erde eine Selig⸗ keit, eine Herrlichkeit auf uns, die ewig und unvergaͤnglich iſt.“ Blumenkoͤrbchen. 3 und weinte — 34— Eine finſtere Wolke verdunkelte jetzt ploͤtz⸗ lich den Mond. Marie ſah nichts mehr von ihren Blumen, und ſchauerliches Dunkel erfuͤllte den Kerker. Es ward ihr aufs neue bange um das Herz. Allein bald ging die Wolke voruͤber und der Mond ſchien wieder hell und ſchoͤn, wie zuvor.„So, ſprach jetzt Marie, kann die Un⸗ ſchuld wohl auch verdunkelt werden; aber am Ende glaͤnzt ſie doch wieder hell und ſchoͤn. So wirſt Du, o Gort, auch meine Unſchuld, auf der jetzt eine ſchwere Wolke boͤſen Verdachtes ruht, am Ende gegen alle falſche Beſchuldigun⸗ gen ſiegen laſſen.“. Marie legte ſich jetzt wieder auf ihren Bund Stroh nieder und ſchlief ruhig und getroſt ein. Ein lieblicher Traum troͤſtete und erheiterte ſie noch im Schlafe. Sie traͤumte, ſie wandle beym Mondſcheine in einem ihr ganz fremden Gaͤrt⸗ chen, das mitten in einer rauhen Wildniß voll finſterer Tannen lag, und ihr unbeſchreiblich lieb⸗ lich und freundlich vorkam. So hell und ſchoͤn hatte ſie den Mond noch nie geſehen. Alle die bunten Blumen des Gaͤrtchens bluͤhten und duf⸗ teten, von ſeinem ſanften Schimmer erhellt, ſchoͤ⸗ ner und lieblicher. Auch ihren Vater erblickte ſie in dem wunderſchoͤnen Gaͤrtchen. Der Mond er⸗ leuchtete ſein ehrwuͤrdiges, heiter laͤchelndes An⸗ geſicht. Sie eilte auf ihn zu ſeinem Halſe die ſuͤßeſten Thraͤnen, von denen, als ſie erwachte, ihre Wangen noch ganz naß waren. Fünftes Kapitel. Marie vor Gericht. —— Marie war kaum erwacht, ſo trat ein Ge⸗ richtsdiener in das Gefaͤngniß, und fuͤhrte ſie vor Gericht. Ein Schauder uͤberlief ſie, als ſie in die duͤſtre, hochgewoͤlbte Gerichtsſtube, mit den alterthuͤmlichen Fenſtern voll kleiner ſechs⸗ eckiger Scheiben hineintrat. Der Amtmann ſaß als Richter in einem großen mit blutrothem Tuche uͤberzogenen Armſeſſel; der Aktuar mit der Feder in der Hand an einem ungeheuren Schreib⸗ tiſche, der vor Alters bereits ganz ſchwarz aus⸗ ſah. Der Richter legte ihr eine Menge Fragen vor; Marie beantwortete ſie alle der Wahrheit gemaͤß. Sie weinte, jammerte, betheuerte ihre Unſchuld. Allein der Richter ſprach:„Mich be⸗ truͤgeſt du nicht, das Unmoͤgliche fuͤr moͤglich zu halten. Niemand kam in das Zimmer, als du; — 36— niemand kann den Ring baben, als du; alſo be⸗ kenne!’”“ Marie wiederholte unter Thraͤnen:„Ich kann und weiß es einmal nicht anders zu ſagen! Ich weiß gar nichts von einem Ringe; ich ſah ihn nicht, und hab' ihn nicht!“ „Man hat den Ring in deinen Haͤnden ge⸗ ſehen! fuhr der Richter fort. Was ſagſt du nun dazu?“ Marie betheuerte, das ſey unmoͤg⸗ lich. Der Richter klingelte hierauf, und— Jett⸗ chen wurde herein gefuͤhrt. 8 Jettchen hatte in ihrem grimmigen Zorne wegen des Kleides und in der boͤſen Abſicht, Marxien um die Gunſt der Herrſchaft zu bringen; zu den Leuten im Schloſſe geſagt:„Den Ring hat niemand anders, als das liederliche Gaͤrt⸗ nermaͤdchen. Als ich ſie die Treppe herabkom⸗ men ſah, betrachtete ſie in der Hand einen Ring mit Steinen. Sie ſchob ihn aber, als ſie mich merkte, den Augenblick erſchrocken ein. Mir kam das ſogleich verdaͤchtig vor. Indeß wollte ich nicht voreilig ſeyn und ſchwieg. Vielleicht, dachte ich, hat man ihr den Ring, ſo wie man⸗ ches Andere, geſchenkt. Hat ſie ihn geſtoh⸗ len, ſo wird es ſchon Laͤrm nen heinne iſt es noch immer Zeit zu reden. Ich bin recht froh, daß ich heute noch nicht in das Zimmer * der gnaͤdigen Graͤfin kam. Solche ſchlechte Leu⸗ te, wie dieſe heuchleriſche Marie, koͤnnten auch noch andere honette Perſonen in Verdacht brin⸗ gen.“ Man nahm Jettchen beym Worte; ſie ſollte jetzt ihre Ausſage vor Gericht beſtaͤtigen. Als ſie in die Gerichtsſtube trat, und der Richter ſie er⸗ mahnte, vor Gott die Wahrheit zu bekennen, da klopfte ihr freilich das Herz nicht wenig, und die Knie zitterten ihr. Allein das ſchlechte Maͤd⸗ chen gab den Worten des Richters und der Stimme ihres Gewiſſens kein Gehoͤr. Sie dach⸗ te:„Wenn ich jetzt bekenne, daß ich gelogen habe, ſo werde ich davon gejagt, oder gar ein⸗ geſperrt!; Sie beſtand daher auf ihrer Luͤge, und ſagte es Marien frech unter das Geſicht: „Du haſt den Ring; ich habe ihn bey dir ge⸗ ſehen.“ Marie entſetzte ſich uͤber dieſe Falſchhis Allein ſie laͤſterte und ſchmaͤhte nicht. Sie wein⸗ te blos, und konnte vor Weinen kaum die Wor⸗ te hervorbringen:„Es iſt nicht wahr; du ſaheſt den Ring nicht bey mir. Wie magſt du doch ſo entſetzlich luͤgen, und mich, die dir kein Leid ge⸗ than hat, ſo ungluͤcklich machen!“ Allein Jettchen, die nur auf ihren eignen zeitlichen Vortheil ſah, und noch immer voll Haß und Neid gegen Marie war, kehrte ſich gar — 39— nicht daran. Sie wiederholte ihre Luͤge noch ein⸗ mal mit allen erdichteten Umſtaͤnden ausfuͤhrlich, und ward dann auf den Wink des Richters wie⸗ der abgefuͤhrt. „Du biſt ͤberwieſen ſagte der Richter hier⸗ auf zu Marien. Alle Umſtaͤnde ſind gegen dich. Die Kammerjungfer der jungen Graͤfin hat den Ring ſogar in deinen Haͤnden geſehen. Nun ſag an, wo du ihn hingethan haſt.“ Marie blieb darauf, ſie habe ihn nicht. Da ließ der Richter ſie ſchlagen bis aufs Blut. Marie ſchrie, weinte, flehte zu Gott, wieder⸗ holte immer und immer, ſie ſey unſchuldig— allein alles half nichts. Sie wurde grauſam mißhandelt. Blaß, zitternd, blutend wurde ſie endlich wieder in das Gefaͤngniß geworfen. Ihre Wunden ſchmerzten ſie entſetzlich; ſchlaflos lag ſie die halbe Nacht auf ihrem harten Lager von Stroh; ſie weinte, wimmerte, bethete zu Gott — dieſer ſandte ihr endlic einen erquickenden Schlummer. Des andern Tages ließ der Richter Marien wieder vor Gericht bringen. Da alle Strenge nichts geholfen hatte, ſo verſuchte er ſie durch Milde und durch freundliche Verſprechungen zum Geſtaͤndniſſe zu bringen.„Du haſt das Leben verwirkt! ſagte er. Du haſt verdient, durch das Schwert hingerichtet zu werden. Wenn du 2 * 1 — 39— aber bekenneſt, wo der Ring iſt, ſo ſoll dir nichts weiters mehr geſchehen. Die Schlaͤge ſol⸗ len fuͤr deine Strafe gelten. Du ſollſt mit dei⸗ nem Vater wieder friedlich in deine Wohnung zuruͤck kehren. Bedenke das wohl, und waͤhle — zwiſchen Leben und Tod! Sieh, ich meyne es dir gut. Was wird der geſtohlene Ring dir nuͤtzen, wenn dein Haupt blutend zu deinen Fuͤſ⸗ ſen liegt?—— Marie blieb bey ihrer erſten Ausſage. Der Richter, der ihre große Liebe zu ihrem Vater bemerkt hatte, fuhr fort:„Wenn du denn verſtockt bleiben, und ſelbſt dein junges Le⸗ ben nicht achten willſt— ſo denke an das graue Haupt deines Vaters! Willſt du es blutend un⸗ ter der Hand des Henkers fallen ſehen? Wer, als er, kann dich beredet haben, ſo hartnaͤckig zu laͤugnen? Meyneſt du nicht, daß es ihm auch den Kopf koſten koͤnnte? Marie erſchrack uͤber dieſe Worte, daß ſie faſt umſank.„Be⸗ kenne, ſagte der Richter, daß du den Ring ge⸗ nommen haſt. Ein Wort, die Linzige Sylbe „Ja!“ kann dein und deines Vaters Leben ret⸗ ten!“ Dieß war fuͤr Marie eine harte Verſuchung. Sie ſchwieg lange ſtill. Es kam ihr wohl der Gedanke, ſie koͤnnte ſagen, ſie habe den Ning genommen, und unterwegs verloren. Allein ſie dachte bey ſich ſelbſt:„Nein, es iſt doch beſſer, es durchaus mit der Wahrheit zu halten. Luͤgen waͤre ja Suͤnde. Um keinen Preis will ich eine Suͤnde begehen— und koͤnnte ich dadurch ſelbſt mein und meines Vaters Leben retten. Dir, o Gott, will ich gehorchen, und alles uͤbrige ge⸗ troſt Dir uͤberlaſſen.“ Sie ſagte hierauf mit lauter, bewegter Stimme:„Wenn ich ſagen wuͤrde, daß ich den Ring habe, ſo waͤre das eine Luͤge, und wenn ich mich durch eine Luͤge vom Tode befreyen koͤnnte, ſo wollte ich es doch nicht thun. Aber— fuhr ſie fort— wenn einmal Blut fließen ſoll, o ſo ſchonet doch der grauen Haare meines guten Vaters! Fuͤr ihn will ich mit Freuden mein Blut vergießen.“ — Von dieſen Worten wurden alle, die zuge⸗ 8 gen waren, geruͤhrt. Selbſt dem Richter, ein ſo ernſter, ſtrenger Mann er ſonſt war, gingen ſie zu Herzen. Er ſchwieg— und winkte, Ma⸗ rien wieder in das Gefaͤngniß zu fuͤhren. 8 * Sechstes Kapitel. Vater Jakob bey Marie im Gefaͤngniſſe. Der Richter befand ſich nun in nicht ge⸗ ringer Verlegenheit.„Es iſt heute ſchon der dritte Tag, ſagte er am folgenden Morgen zu ſeinem Aktuar, und wir ſind noch nicht weiter, als in der erſten Stunde. Wenn ich nur eine Moͤglichkeit vor mir ſaͤhe, daß jemand anders den Ring haben koͤnnte, ſo wollte ich glauben, das Maͤdchen ſey unſchuldig. Eine ſolche Hart⸗ naͤckigkeit in einem ſo zarten Alter iſt etwas ganz. Unerhoͤrtes. Allein die Umſtaͤnde ſind zu klar gegen ſie; es kann nicht anders ſeyn, ſie muß den Ring dennoch geſtohlen haben.“ Er ging noch einmal zur Graͤfin, und be⸗ fragte ſie noch einmal um die kleinſten Umſtaͤnde. Er nahm Jettchen noch einmal in das Verhdr. Er ſaß den ganzen Tag uͤber den Prozeßakten* und uͤberlegte ein jedes Wort, das Marie im Verhore geſagt hatte. Er ließ endlich noch am ſpaͤten Abende Mariens Vater aus dem Gefäng⸗ niſſe holen, und auf ſein Zünnat bringen. 5 „ Jakob, fing er an, ich bin zwar als ein ſtrenger Mann bekannt. Aber das werdet Ihr mir doch nicht nachſagen koͤnnen, daß ich in mei⸗ 'nem Leben jemanden mit Wiſſen Unrecht gethan habe. Ich denke, Ihr traut es mir zu, daß ich den Tod Eurer Tochter nicht will. Allein nach allen Umſtaͤnden muß ſie den Diebſtahl begangen haben, und nach den Geſetzen muß ſie ſterben. Die Ausſage der Kammerjungfer bringt die Sa⸗ che zur voͤlligen Gewißheit. Wenn indeß der Ring zum Vorſchein kaͤme, und ſo der Schaden gut gemacht wuͤrde, ſo koͤnnte ſie ihrer Jugend wegen begnadigt werden. Faͤhrt ſie aber fort, ſo hartnaͤckig und boshaft zu laͤugnen, ſo erſetzt die Bosheit, was ihr an Jahren abgeht, und ſie iſt ein Kind des Todes. Geht alſo zu ihr, Jakob; redet ihr zu, den Ring zuruͤck zu geben, und ich gebe Euch die Hand darauf, ſie ſoll dann— aber nur dann, merkt das!— nicht ſterben, ſondern mit einer gelindern Strafe da⸗ von kommen. Ihr ſeyd Vater; Ihr vermoͤgt al⸗ les uͤber ſie! Wenn Ihr nichts aus ihr heraus bringt— was kann man anders denken, als daß Ihr mit ihr einverſtanden ſeyd, und an ihrem Verbrechen Theil genommen habt? Noch ein⸗ mal! wenn der Ring nicht zum Borſchein kommt, ſo geht es nicht gut.“ — 43—— Der Vater ſagte: Reden will ich wohl mit ihr; aber daß ſie den Ring nicht geſtohlen hat, und es alſo auch nicht einbekennen wird, weiß ich ſchon zuvor. Ich will indeß alles ver⸗ ſuchen und ich ſehe es als eine große Gnade an, daß ich mein Kind, wenn es jedoch unſchuldig hingerichtet werden ſollte, zuvor noch einmal ſe⸗ hen darf!“ Der Gerichtsdiener fuͤhrte den alten Mann ſtillſchweigend in Mariens Gefaͤngniß, ſtellte die rauchende Oellampe auf das Maͤuerlein im Ker⸗ ker, auf dem das irdene Schuͤſſelein mit Ma⸗ riens Nachteſſen, und der irdene Waſſerkrug noch unberuͤhrt da ſtanden, ging dann wieder hinaus, und ſchloß die Thuͤre hinter ſich zu. Marie lag, das Geſicht gegen die Wand gekehrt, auf ihrem Stroh und ſchlummerte ein wenig. Als ſie die Augen oͤffnete, und den duͤ⸗ ſterrorhen Schimmer der Oellampe bemerkte, wandte ſie ſich um— erblickte ihren Vater, that einen lauten Schrey, fuhr, daß ihre Ketten raſſelten, von ihrem Strohlager auf, und fiel, halb ohnmaͤchtig, ihrem Vater um den Hals. Er ſetzte ſich mit ihr auf das Stroh, und ſchloß ſie feſt in ſeine Arme. Beyde ſchwiegen lange, und ihre Thraͤnen floßen in einander. Sodlich fing der Vater an, ſeinem Auftrage gemaͤß zu reden.„Ach Vater, fiel ihm Marie — 44— in das Wort, Ihr, Ihr werdet ja doch nicht an meiner Unſchuld zweifeln! Ach Gott, fuhr ſie weinend fort, ſo iſt denn kein Menſch mehr in der Welt, der mich nicht fuͤr eine Diebin haͤlt! Selbſt mein Vater nicht!— Vater, glaubt es doch, Ihr habt an mir keine Diebin erzogen.“ „Sey ruhig, liebes Kind, ich glaube dir! ſprach der Vater. Es ward mir blos ſo befoh⸗ len, dich zu fragen.“ Beyde ſchwiegen wieder. Der Vater betrachtete Marien. Ihre Wan⸗ gen waren blaß und abgehaͤrmt, ihre Augen vom Weinen roth und geſchwollen, ihre dichten, blon⸗ den Haare, in die ſie ſich haͤtte ganz einhuͤllen koͤnnen, waren aufgeloͤſet und flogen zerſtreut umher.„Armes Kind, ſprach er, Gott hat dir ein ſchweres Leiden aufgelegt! Und ich fuͤrchte — ich fuͤrchte, das Allerſchwerſte, das Entſetz⸗ lichſte kommt erſt noch! Ach vielleicht— viel⸗ leicht werden ſie dir dieſes jugendliche Haupt gar abſchlagen!“— „Ach Vater, ſagte Marie, um mich iſt es mir gar nicht. Aber Euer graues Haupt— o Gott!— wenn ich das unter dem Schwerte muͤßte fallen ſehen!“ „Juͤr mich fuͤrchte nichts, liebes Kind, ſagte der Vater. Mir geſchieht nichts! Aber mit dir— ich hoffe zwar noch das Beſſere— aber . —— — — 45— mit dir koͤnnte es wirklich ſo weit kommen, daß——.“ „O, rief Marie freudig, indem ſie den Vater unterbrach, wenn dieß iſt, dann iſt mir der ſchwerſte Stein vom Herzen— dann iſt al⸗ les gut. Vater, gewiß! Ich fuͤrchte den Tod nicht. Ich komme ja zu Gott, zu meinem Er⸗ loͤſer! Auch meine Mutter werde ich im Him⸗ mel ſehen! O wie freue ich mich darauf!“ Dieſe Worte gingen dem alten Vater tief zu Herzen. Er weinte wie ein Kind.„Nun, Gott Lob, ſagte er endlich, und faltete die Haͤnde, Gott Lob, daß ich dich ſo gefaßt finde. Zwar iſt es hart— ſehr hart— fuͤr einen alten, ab⸗ gelebten Mann, fuͤr einen liebenden Vater, ſein einziges, ſein inniggeliebtes Kind, den einzigen Troſt, die letzte Stuͤtze, die Krone und Freude ſeines Alters ſo zu verlieren!— Doch, ſchluchzte er mit gebrochener Stimme, Herr, dein Wille geſchehe. Du verlangeſt ein ſchweres Opfer von dem Vaterherzen. Allein Dir bring' ich es wil⸗ lig. Nimm ſie hin! In deine Haͤnde uͤbergebe ich ſie, mein Liebſtes auf Erden: da iſt ſie am Beſten aufgehoben. Deinem unendlich liebevol⸗ lern Vaterherzen empfehle ich ſie; da iſt ſie am beſten verſorgt.— Ach, es iſt doch beſſer, liebe Marie, du ſtirbſt unſchuldig auf der Richtſtaͤtte unter dem Schwerte des Scharfrichters, als daß ich es haͤtte erleben muͤſſen, daß du in dieſer ver⸗ derblichen Welt verfuͤhrt, deiner Unſchuld be⸗ raubt, und zu Suͤnde und Laſter waͤreſt verleitet worden. Verzeih, daß ich ſo rede. Du biſt wohl noch gut, ſehr gut— werth unter die En⸗ gel des Himmels verſetzt zu werden; aber die Welt iſt boͤſe, ſehr boͤſe; alles iſt moͤglich, und ſelbſt Engel fielen. Stirb denn, wenn es Got⸗ tes heiliger Wille ſo ſeyn ſollte, getroſt, meine Tochter. Noch ſtirbſt du in deiner Unſchuld⸗ Das iſt der ſchoͤnſte Tod, ſo blutig er auch ſeyn mag. Du wirſt dann als eine reine unbefleckte Lilie aus einem rauhen Boden in das beſſere Land— ins Paradies verſetzt!“ Ein Strom von Thraͤnen unterbrach ſeine Worte.„Doch, noch Eines! ſagte er uͤber eine Weile. Jettchen hat gegen dich gezeugt. Sie betheuerte es eidlich, ſie habe den Ring in deiner Hand geſehen. Ihr Zeugniß iſt dein Tod, wenn du ſollteſt hingerichtet werden. Aber— nicht wahr, du verzeiheſt ihr? Du nimmſt kei⸗ nen Haß mit in jene Welt?— Ach, auf dieſem Stroh hier, in dieſem dumpfen Kerker, mit die⸗ ſen ſchweren Ketten beladen, biſt du doch gluͤck⸗ licher, als ſie in dem herrſchaftlichen Schloſſe, in Seide und Spitzen, in Ueberfluß und Ehre. Beſſer unſchuldig ſterben, wie du, als ſchaͤndlich leben, wie ſie. Verzeih ihr, Marie, wie dein — 47— Erloſer ſeinen Feinden auch verzieh. Nicht wahr, du verzeihſt ihr, du nimmſt alles von Gott?— Marie betheuerte es. „Und nun, fuhr der Vater fort, denn er hoͤrte den Gerichtsdiener kommen, empfehle ich dich Gott und ſeiner Gnade— und deinem Er⸗ loͤſer, der auch unſchuldig gleich einem Uebelthaͤ⸗ ter hingerichtet wurde! Und ſollteſt du mein Angeſicht nicht mehr ſehen, ſollte es jetzt das letzee Mal ſeyn, daß ich dich erblicke, ſo werde ich dir bald nachfolgen in den Himmel! denn dieſen Schlag— ich fuͤhle es— uͤberlebe ich nicht lange.“ Der Gerichtsdiener mahnte den Vater, zu gehen. Marie wollte ihn zuruͤck halten, und um⸗ ſchloß ihn feſt mit ihren Armen. Der Vater machte ſich mit ſanfter Gewalt von ihr los. Ohne Bewußtſeyn ſank ſie auf ihr Stroh. Jakob ward wieder zu dem Richter hinauf gefuͤhrt.„Vor Gott, dem Allmaͤchtigen, be⸗ theure ich es, rief er ganz außer ſich, als er in das Zimmer trat, und erhob die rechte Hand zum Himmel, ſie iſt unſchuldig. Mein Kind iſt keine Diebin.“ 8 „Ich moͤchte es bald auch glauben, ſagte der Richter, allein leider darf ich nicht nach Euren und Eurer Tochter Betheuerungen richten, 3 ſondern ich muß ſo richten, wie die Sache nun einmal daliegt, und der Buchſtabe des Geſetes es mir vorſchreibt.“ Siebentes Kapitel. Das AUlrtheil und deſſen Vollziehung. — ausgehen werde. Alle Gutgeſinnten zitterten fuͤr ihr Leben; denn in den damaligen Zeiten wurde der Diebſtahl aͤußerſt ſtrenge beſtraft, und man⸗ cher Menſch wegen einer Summe Geldes hinge⸗ richtet, die nicht den zwanzigſten Theil von dem Werthe des Ringes betrug. Der Graf wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als Marien unſchuldig zu fin⸗ den; er durchlas alle Verhoͤrsprotokolle ſelbſt, unterredete ſich Stunden lang mir dem Amt⸗ manne, konnte ſich aber nicht von ihrer Unſchuld uͤberzeugen, indem es ihm ſchlechterdings unmoͤg⸗ lich ſchien, daß ein anderer Menſch den Ring entwendet habe. Die beyden Graͤfinen, Mutter und Tochter, bathen mit Thraͤnen in den Wuoeh g⸗ Jedermann im Schloſſe und in ganz Eich⸗ burg war nun begierig, wie Mariens Handel ——— — 49— Marien doch nicht hinrichten zu laſſen. Der alte Vater im Gefaͤngniſſe flehte Tag und Nacht ohne Unterlaß zu Gott, Er wolle doch die Un⸗ ſchuld ſeiner Tochter an den Tag bringen. Ma⸗ rie glaubte, ſo oft ſie den Gerichtsdiener mit den Schluͤſſeln kommen hoͤrte, man werde ihr das Todesurtheil ankuͤnden. Der Scharfrichter reinigte einſtweilen die Richtſtaͤtte von den wilden Kraͤutern, mit denen ſie uͤberwachſen war. Jettchen erblickte ihn auf einem Spazier⸗ gange bey dieſer Arbeit und ein Stich ging ihr in das Herz. Sie ward ſehr beſtuͤrzt, ſaß ganz bleich bey dem Abendeſſen, ruͤhrte nichts an, und jedermann ſah, daß es ihr gar nicht wohl zu Muthe ſey. Die Nacht darauf ſchlief ſie ſehr unruhig, und Mariens blutiges Haupt kam ihr mehr als einmal im Traume vor. Ihr boͤſes Gewiſſen ließ ihr Tag und Nacht keine Ruh. Allein das nichtswuͤrdige Maͤdchen war nun ein⸗ mal ganz ſinnlich und irdiſch geſinnt; ſie hatte den edlen Muth nicht, durch ein aufrichtiges Geſtaͤndniß ihren Fehler wieder gut zu machen. Der Richter faͤllte endlich das Urtheil: Marie, wegen offenbaren und ungeheuer großen Diebſtahls und hartnaͤckigen Laͤugnens des Todes ſchuldig, ſoll aus beſonderer Ruͤckſicht ihrer Ju⸗ gend und ſonſtigen unbeſcholtenen Rufes auf im⸗ Blumenköorbchen. Aa — 50— mer in das Zuchthaus geſchickt; ihr Vater, der entweder in der That, oder durch ſchlechte Er⸗ ziehung ſich ihrer Schuld und Verſtocktheit theil⸗ haftig gemacht, ſoll auf immer aus der Graf⸗ ſchaft verwieſen; beyder Habſchaften aber ſollen zu einem, wie wohl unbedeutenden Erſatz an dem großen Schaden und den Gerichtskoſten verkauft werden. Der Graf milderte das Urtheil dahin, Marie ſollte mit ihrem Vater uͤber die Graͤnze ge⸗ wieſen werden, und er geboth, um alles weitere Aufſehen zu vermeiden, ſie ſogleich mit Anbruch des folgenden Tages dahin abzufuͤhren. Als Marie und ihr Vater von dem Gerichts⸗ diener an dem Schloßthore vorbey gefuͤhrt wur⸗ den, kam Jettchen heraus. Da der Handel nach der Meynung des leichtſinnigen, gefuͤhlloſen Maͤd⸗ chens uͤber alle Erwartung gut ausgegangen war, bekam ſie ihre ganze vorige Munterkeit wieder. Daß Marie hingerichtet werden ſollte, haͤtte ihr doch zu arg geſchienen; daß ſie ſo fortgeſchickt wurde, war gerade, was ſie wuͤnſchte. Sie hatte immer gefuͤrchtet, Marie moͤchte ſie am Ende noch gar aus ihrer Stelle verdraͤngen. Die⸗ ſe Furcht war nun verſchwunden. Ihr voriger Haß gegen Marie, ihre Schadenfreude, ihr bo⸗ ſes Herz gewannen ganz wieder die Oberhand. Die Graͤfin Amalia hatte einmal, als ſie Ma⸗ riens Koͤrbchen auf der Kommode ſtehen ſah, zu —y— —yy— — Jettchen geſagt:„Bring mir dieſes Koͤrbchen aus den Augen! Es erweckt zu traurige Erin⸗ nerungen in mir, und ich kann es ohne Schmer⸗ zen nicht anſehen.“ Jettchen hatte es zu ſich genommen, und brachte es jetzt mit ſich heraus. „Da haſt du dein Geſchenk wieder, ſagte ſie zu Marie. Meine gnaͤdige Herrſchaft will nichts aus ſolchen Haͤnden. Deine Herrlichkeit iſt jetzt dahin, wie die Blumen, die du dir ſo gut be⸗ zahlen ließeſt, und es macht mir ein beſonderes Vergnuͤgen, dir hiemit den Korb zu geben.“ Sie warf Marien das Koͤrbchen vor die Fuͤße, ging mit hoͤhniſchem Lachen wieder in das Schloß zu⸗ ruͤck, und ſchlug die Thuͤre mit großer Gewalt hinter ſich zu. Marie hob das Koͤrbchen ſtillſchweigend und mit einer Thraͤne im Auge auf und ging weiter. Ihr Vater hatte nicht einmal einen Stab fuͤr die Reiſe; Marie nichts als das Koͤrbchen. Mit naſſen Augen ſah ſie wohl hundertmal nach ih⸗ rem vaͤterlichen Hauſe zuruͤck, bis es endlich, ſo wie zuletzt auch das Schloß und die Spitze des Kirchthurmes, hinter einem waldigen Huͤgel aus ihren Augen verſchwand. 1 8 Nachdem der Gerichtsdiener Marien und ih⸗ ren Vater am Graͤnzſteine der Grafſchaft tief im Walde verlaſſen hatte, ſetzte ſich der talte Mann, „— 52— muͤde von Kummer und Schmerz, nieder auf den Stein, der dicht mit Moos bewachſen, und von einer hundertjaͤhrigen Eiche beſchattet war. „Komm, meine Tochter, ſagte er, und ſchloß Marien in ſeine Arme, legte ihr die Haͤn⸗ de zuſammen, und hob ſie mit den ſeinigen em⸗ por— vor allem laß uns Gott danken, daß Er uns aus dem finſtern, engen Kerker wieder her⸗ ausgefuͤhrt unter ſeinen freyen Himmel und an die friſche Luft; daß Er unſer Leben gerettet, und dich, liebes Kind, mir wieder geſchenkt hat.“ 4 Der Vater richtete ſeine Blicke zum Him⸗ mel, der hell und blau durch das gruͤne Eichen⸗ laub glaͤnzte, und bethete mit lauter Stimme: „Lieber Vater im Himmel! Du einziger Troſt deiner Kinder auf Erden! Du maͤchtiger Schutz aller Bedraͤngten! Nimm unſern vereinten Dank fuͤr unſere gnaͤdige Errettung aus Ketten und Banden, aus Gefaͤngniß und Tod! Nimm un⸗ ſern Dank fuͤr alle Wohlthaten, die uns auf die⸗ ſem Boden zu Theil wurden. Denn wie koͤnnten wir dieſe Graͤnzen verlaſſen, ohne vorher dankbar zu Dir aufzublicken! Sieh! bevor wir den frem⸗ den Boden betreten, flehen wir noch zu Dir! Blick herab auf einen armen Vater und ſein ar⸗ mes, weinendes Kind! Nimm Du uns in deinen Schutz! Sey Du unſer Begleiter auf den rauhen — ——— HN -— 53— Wegen, die ich und mein armes Kind jetzt viel⸗ leicht gehen muͤſſen! Fuͤhre uns zu guten Men⸗ ſchen, lenke ihr Herz zum Mitleiden, laß uns auf deiner großen, weiten Erde ein Plaͤtzchen finden, wo wir unſere noch uͤbrigen Pilgertage ruhig verleben, und dann getroſt ſterben koͤnnen. Ja, dieſes Plaͤtzchen haſt Du, obwohl wir es noch nicht wiſſen, uns gewiß ſchon bereitet! Im Vertrauen und Glauben an Dich wandern wir getroſt dahin.“. Da beyde ſo gebethet hatten, denn Marie ſprach in ihrem Innerſten dem Vater alle Worte nach, goß ſich ein wunderbarer Troſt und ein hoher, froͤhlicher Muth in beyder Herzen. „ Achtes Kapitel. Ein Freund in der Nopth. —— Jetzt kam Anton, der alte Jaͤger des Gra⸗ fen, neben dem Jakob einſt gedient und den Grafen auf ſeinen Reiſen begleitet hatte, durch den Wald her. Er war ſchon vor Tags auf nen Hirſch angeſtanden. G — 94— „Gruͤß Euch Gott, Jakob, ſagte er, ſeyd Ihrs. Ich meynte, ich hoͤre Eure Stimme, und ich habe mich nicht geirrt. Ach du mein Gott, ſo haben ſie Euch doch noch fortgeſchickt! Es iſt doch recht hart, noch in ſeinen alten Ta⸗ gen ſeine liebe Heimath verlaſſen zu muͤſſen!“ „So weit der Himmel blau iſt, ſprach Ja⸗ kob, iſt die Erde Gottes Eigenthum, und uͤber⸗ all waltet ſeine Liebe uͤber uns. Unſere Heimath aber iſt im Himmmel.“ „Lieber Gott! fing der Jaͤger wieder mit⸗ leidig an. Man hat Euch ja fortgeſchickt, wie Ihr geht und ſteht. Ihr habt ja nicht einmal die noͤthige Kleidung fuͤr eine ſolche Reiſe!“ „Der die Blumen kleidet, wird auch uns kleiden!“ ſprach Jakob. 4 „Und mit Geld, fragte der Jaͤger wieder werdet Ihr auch nicht verſehen ſeyn?“ „Wir haben ein gutes Gewiſſen, antwortete Jakob; da ſind wir reicher, als wenn der Stein, auf dem ich ſitze, Gold waͤre und uns gehdr⸗ te. 2 „Redet doch, ſagte der Jaͤger, Ihr habt gewiß keinen Kreuzer?“ „Dieſes leere Koͤrblein da zu meinen Fuͤßen, ſprach Jakob, iſt unſer ganzes Vermoͤgen. Was meynt Ihr wohl, daß es werth ſeyn koͤnne?“ f „Mein Gott, ſagte der Jaͤger bekuͤmmert, einen Gulden, oder vielleicht einen Thaler. Was ſoll aber das ſeyn!“ „Nun, fuhr Jakob lachelnd fort, ſo ſind wir ja reich, wenn anders mir Gott dieſe zwey geſunden Arme laͤßt. In einem Jahre mache ich wenigſtens hundert ſolcher Koͤrblein— und mit hundert Thalern kommen wir gewiß aus. Mein Vater, der ein Korbmacher war, beſtand dar⸗ auf, ich mußte außer der Gaͤrtnerey noch das Korbmachen lernen, um auch im Winter eine nuͤtzliche Beſchaͤftigung zu haben. Ich danke es ihm noch im Grabe. Er hat mehr an mir ge⸗ than und beſſer fuͤr mich geſorgt, als wenn er mir drey tauſend Gulden hinterlaſſen haͤtte, die mir jaͤhrlich hundert Thaler reinen Zins truͤgen. Eine geſunde Seele, ein geſunder Leib und ein ehrliches Handwerk ſind der beſte und ſicherſte Reichthum auf Erden.“ „Nun, Gott Lob, ſagte der Jaͤger, daß ihr es ſo nehmen koͤnnet. Ich muß Euch Recht geben. Auch denke ich, daß Euch die Garten⸗ kunſt auch noch zu Gute kommen koͤnne.— Aber wo wollet Ihr denn jetzt hin?“ „Weit fort, ſprach Jakob, wo uns kein Menſch kennet— wo uns Gott hinführte 4 — 56— V „FJakob, ſagte der Jaͤger, nehmt doch die⸗ ſen ſtarken, dicken Knotenſtab da! Ich habe ihn, da es mir etwas ſchwer wird, den unweg⸗ ſamen Berg dort zu erſteigen, zum Gluͤcke mit mir genommen. Ihr habt ja nicht einmal einen Reiſeſtab! Und da, fuhr er fort, und zog ein kleines ledernes Beutelchen aus der Taſche, habt Ihr etwas Geld. Ich nahm es geſtern Abends in dem Doͤrflein da druͤben, wo ich uͤbernachtete, fuͤr Holz ein.“.. „Den Stab, ſprach Jakob, will ich be⸗ halten, und ihn zum Andenken an einen braven Mann fuͤhren. Aber das Geld kann ich nicht nehmen. Da es fuͤr Holz iſt, gehoͤrt es dem Grafen.“ „Alter, ehrlicher Jakob! ſagte der Jaͤger, 4 habt keine Sorge! Das Geld iſt dem Grafen 3 ſchon bezahlt. Ich hatte es vor mehreren Jah⸗ ren einem armen Manne, der um ſeine Kuh ge⸗ kommen war, und das gekaufte Holz nicht zah⸗ len konnte, vorgeſtreckt, und nicht mehr daran gedacht. Geſtern gab er es mir, da er ſich jetzt wieder in beſſern Umſtaͤnden befindet, unvermu⸗ thet und mit Dank zuruͤck. Das Geld iſt Euch recht von Gott beſchert.“— 4 „Nun, ſo will ich es denn nehmen, ſprach Jakob, und Gott wolle es Euch in etwas An⸗ ———— — 57—— derem wieder erſetzen. Sieh, Marie, ſagte er hierauf zu ſeiner Tochter, wie guͤtig der liebe Gott ſogleich zu Anfang unſerer Reiſe fuͤr uns ſorgt. Da ſchickt Er uns, bevor wir die Graͤn⸗ ze verlaſſen, noch unſern alten guten Freund her, der mir einen Reiſeſtab bringt und uns mit Reiſegeld verſieht. Bevor ich von dieſem Steine hier aufſtehe, hat Er unſer Gebeth ſchon er⸗ hoͤrt. Darum ſey froͤhlich und unverzagt; Gott wird weiter fuͤr uns ſorgen.“ Der alte Jaͤger nahm jetzt mit Thraͤnen in den Augen Abſchied.„Lebt wohl, ehrlicher Ja⸗ kob! Lebe wohl, gute Marie! ſagte er, indem er erſt dem Vater und dann der Tochter die Hand reichte. Ich habe euch immer fuͤr ehrliche Leute gehalten, und halte euch noch dafuͤr. Es wird wohl auch noch bey euch eintreffen: Ehrlich waͤhrt am Laͤngſten. Ja, ja! Wer Recht thut und auf Gott vertraut, den verlaͤßt Er nicht. Nehmt dieſen Spruch mit auf den Weg— und Gott geleite euch!“ Der Jaͤger wandte ſich geruͤhrt um und ging Eichburg zu. Jakob aber ſtand auf, nahm ſeine Tochter bey der Hand, und wanderte mit ihr die Straſſe durch den Wald hin— fort in die weite Welt. Neuntes Kapitel. Jakobs und Mariens Wanderſchaft. Marie und ihr Vater reiſten immer weiter und weiter, und hatten bereits einen Weg von mehr als zwanzig Meilen zuruͤckgelegt. Nir⸗ gends hatten ſie noch ein Unterkommen gefunden; ihr weniges Geld ging zu Ende. Sie behalfen ſich ſehr kuͤmmerlich. Es fiel ihnen unbeſchreib⸗ lich ſchwer, um Almoſen zu bitten. Endlich mußte es doch ſeyn. An manchem Fenſter wur⸗ den ſie mit rauhen Worten abgewieſen, an man⸗ chem andern wurde ihnen mit Murren blos ein Stuͤcklein trocknes Brod herausgereicht, und ſie hatten nichts dazu als Waſſer am naͤchſten Brun⸗ nen. Nur manchmal bekamen ſie in einem ir⸗ denen Schuͤſſelchen etwas Suppe oder Gemuͤſe; hie und da wohl auch etwas uͤbrig gebliebenes Fleiſch oder Gebackenes. Allein, Marie mußte es mehr als einmal mit anſehen, wie man lange waͤhlte, um ſicher das kleinſte und ſchlechteſte Stuͤcklein herauszufinden. Nachdem ſie manchen Tag nichts Warmes bekommen hatten, mußten — 659— ſie noch froh ſeyn, in einer Schaure uͤbernachten zu duͤrfen. 1 Eines Tages, da die Straſſe fe beſtaͤndig zwiſchen waldigen Huͤgeln und Bergen hinfuͤhr⸗ te, und laͤngere Zeit kein Ort kam, ward es dem alten Manne uͤbel. Bleich und ſprachlos ſank er unten an einem Tannenhuͤgel auf die ab⸗ gefallenen Tannennadeln hin. Marie war vor Schrecken und Angſt beynahe außer ſich. Ver⸗ gebens ſuchte ſie nach etwas friſchem Waſſer um⸗ her— ſie fand nirgends ein Troͤpflein. Verge⸗ bens rief ſie um Huͤlfe— nur der Wiederhall antwortete. Weit und breit war keine menſch⸗ liche Wohnung zu ſehen. Marie ſtieg eilends und mit bebenden Knien auf den Huͤgel, damit ſie beſſer um ſich ſchauen koͤnne. Da exblickte ſie tief unten an der andern Seite des Huͤgels ein Bauernhaus, das, von reifenden Kornfeldern und gruͤnenden Wieſen umgeben, einſam im Wal⸗ de lag. Sie lief, ſo ſchnell ſie konnte, hinab, und kam faſt athemlos bey dem Hauſe an. Mit naſſen Augen und gebrochener Stimme flehte ſie um Huͤlfe. Der Bauer und die Baͤuerin, beyde ſchon etwas betagt, waren gute, mitleidige See⸗ len. Sie wurden von dem Jammer, dem blei⸗ chen Angeſichte, den Thraͤnen, der Todesangſt des armen Maͤdchens geruͤhrt. Die Baͤuerin ſag⸗ te zu dem Bauern:„Spann doch ein Roß an — 60— das kleine Sü len, wir wollen den alten, kranken Mann hieher bringen.“ Der Bauer ging, ein Pferd anzuſchirren und den Wagen vorzuſchieben. Die Baͤuerin holte ein Paar Bet⸗ ten, einen irdenen Krug mit friſchem Waſſer, und eine glaͤſerne Flaſche mit Weineſſig. Da Marie hoͤrte, daß der Fahrweg um den Huͤgel herum ſchlecht und ein ſtarke halbe Stunde wei⸗ ter ſey, eilte ſie mit dem Waſſer und dem Wein⸗ eſſig auf eben dem Wege, den ſie gekommen war, zuruͤck, um deſto eher bey ihrem Vater zu ſeyn. Als ſie bey ihm ankam, hatte er ſich etwas erholt. Er ſaß unter einer Tanne, und war herzlich froh, Marien, die er mit Schmerzen ver⸗ mißt hatte, wieder zu ſehen. Man brachte ihn auf das Fuhrwerk und fuͤhrte ihn auf den Bauernhof. Der Bauer hatte ein artiges Hinterſtuͤbchen, mit Nebenkammer und Kuͤche, das eben leer ſtand. Dieſes raͤumte er dem kranken Greiſe ein. Die Baͤueriu richtete ihm ein gutes Bett. Ma⸗ rie behalf ſich, um immer bey ihrem kranken Vater zu ſeyn, gerne auf der Bank. Die Krank⸗ heit war blos Entkraͤftung, die von der ſchlech⸗ ten Koſt, dem elenden Nachtlager und den Muͤh⸗ ſeligkeiten der Reiſe hergekommen war. Die gu⸗ te Baͤuerin gab alles her, was ihr Haus ver⸗ — mochte, den kranken Mann zu erquicken. Sie ſparte weder Mehl noch Eyer, weder Milch noch Butter— ſogar einige Hennen waren ihr nicht zu viel, dem armen, kraftloſen Greiſe kraͤftige Suppen zu machen. Spaͤterhin holte der Bauer faſt taͤglich ein junges Taͤubchen aus dem Schla⸗ ge herab.„Da, ſagte er laͤchelnd zu der Baͤue⸗ rin, brat es ihm! Weil du deine Hennen nicht ſchonteſt, ſo muß ich doch auch etwas thun.“ Der Bauer und die Baͤuerin waren ſonſt alljaͤhrlich auf eine benachbarte Kirchweihe ge⸗ gangen. Dieſes Mal redeten ſie es mit einander ab, zu Hauſe zu bleiben, und fuͤr das Geld, das ſie ausgegeben haͤtten, dem kranken Manne einige Flaſchen guten, alten Wein zu kaufen. Marie dankte mit Thraͤnen.„O Gott, ſagte ſie, ſo giebt es doch uͤberall gute Menſchen, und gerade in den rauheſten Gegenden findet man oft die mildeſten Herzen.“ Marie ſaß beſtaͤndig an dem Bette ihres Baters. Sie legte aber dabey die Haͤnde nicht in den Schooß. Sie war eine Meiſterin im Stricken und Naͤhen, und naͤhte und ſtrickte un⸗ ermuͤdet fuͤr die Haushaltung der Baͤuerin. Kei⸗ nen Augenblick war ſie muͤßig. Die Baͤuerin war miit ihrem Fleiße und ihrem ſittſamen und beſchei⸗ Fleiß denen Betragen ungemein wohl zufrieden. Dem Vater Jakob ſchlug die beſſere Pflege und Nah⸗ — 62— * rung trefflich an; er hatte ſich bald ſo viel er⸗ holt, daß er wieder aufſeyn konnte. Alle die Tage ſeines Lebens mochte er nie muͤßig ſeyn. Er ſuchte daher ſeine Kunſt, Koͤrbe zu flechten, wieder hervor. Marie mußte ihm Weiden und Haſelzweige holen. Seine erſte Arbeit war, daß er der Baͤuerin aus Dankbarkeit einen ſchoͤnen tuͤchtigen Armkorb machte. Er hatte ihren Ge⸗ ſchmack vollkommen getroffen. Der Korb war huͤbſch feſt und ſtark; in dem Deckel des Korbes waren mit hochrothgefaͤrbten Weidenſproſſen die Anfangsbuchſtaben ihres Namens nebſt der Jahr⸗ zahl eingeflochten, und an der Woͤlbung des Korbes war aus gelb, braun und gruͤn gefaͤrbten Weiden ein Bauernhaus mit einem Strohdache nebſt einem Paar Tannen angebracht. Alles im Hauſe bewunderte die zierliche Arbeit; die Baͤue⸗ rin aber war uͤber das Geſchenk hocherfreut, und die Anſpielung auf ihren Hof, den man den Tannenhof nannte, gefiel ihr ganz beſonders wohl. Nachdem Vater Jakob wieder vollkommen hergeſtellt war, ſagte er zu dem Bauern und der Laſt gefallen; es iſt Zeit, daß ich meinen Stab weiter ſetze.“ Allein der Bauer nahm ihn bey der Hand und ſagte:„Was faͤllt Euch ein, lieber Jakob! Baͤuerin:„Nun ſind wir euch lange genug zurr — — — — 63— Ich hoffe, wir werden Euch doch nichts zu Leid gethan haben. Warum denn wollet Ihr fort? Ihr ſeyd ſonſt ein ſo kluger Mann, aber der Einfall iſt einmal nichts?“ Die Baͤuerin krocknete ſich mit der Schuͤrze die Augen und ſprach:„Bleibt doch bey uns! Es iſt ſchon ſpaͤt, im Jahre! Seht, das Laub an den Hecken und Baͤumen wird bereits gelb und der Winter iſt bor der Thuͤr'! Wollet Ihr denn mit Gewalt witder aufs neue krank wer⸗ den?“ Jakob verſicherte, daß er nur deßwegen ge⸗ hen wolle, um ihnen nicht beſchwerlich zu fallen. „Ey was beſchwerlich, ſagte der Bauer; habt da keinen Kummer! In dem kleinen Stuͤb⸗ lein ſeyd ihr uns nicht im Wege, und was ihr brauchet, verdient ihr ja!“ „Ja wohl, ſprach die Baͤuerin, das ver⸗ dient Marie allein ſchon mit Stricken und Naͤ⸗ hen. Und wenn Ihr, Jakob, Euch noch weiter mit Korbflechten abgeben wollet, ſo hat es gar keine Noth. Ich hatte Euren ſchoͤnen Korb neu⸗ lich, als ich der Tannenmuͤllerin da druͤben ein Kind aus der Taufe hob, mitgenommen. Alle Baͤuerinnen, die da waren, moͤchten gerne ſolche Koͤrbe haben. Ich will Euch Beſtellungen genug verſchaffen. Die Arbeit ſoll Euch ſepald. nicht 3 ausgehen.“ 5 Sie lebten zuſammen ſehr vergnuͤgt. — 64— Jakob und Marie blieben, und der Bauer und die Baͤuerin bezeugten daruͤber die aufrich⸗ tigſte Freude. ¹ Zehntes Kapitel. Jakobs und Mariens frohe Tage auf 3 dem Tannenhofe. — Jakob und Marie richteten ſich nun in der kleinen Wohnung ein, um nach ihrem Wunſche eine eigene Haushaltung zu fuͤhren. Das Stuͤb⸗ ſchen wurde mit den noͤthigſten Geraͤthſchaften, und die Kuͤche mit irdenen Geſchirren verſehen. Marie ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, wieder am Feuer⸗ heerde zu ſtehen und fuͤr ihren Vater zu kochen. end „Jakob Korbe flocht und Marie ſtrickte oder naͤh⸗ te, fuͤhrten ſie vertrauliche Geſpraͤche. Manchen Abend brachten ſie auch in der vorderen Stube zu, und der Bauer und die Baͤuerin und alle im Hauſe hoͤrten Jakobs vernuͤnftige Reden und lehrreiche Erzaͤhlungen mit tauſend Freuden. Der Winter mit ſeinen Stuͤrmen ging ihnen ſehr an⸗ genehm voruͤber. Nächſt — Naͤchſt dem Bauernhauſe lag ein großes Stuͤck Gartenland, das aber nicht zum beſten beſtellt war. Der Bauer und die Baͤuerin hat⸗ ten, wegen der vielen Feldarbeiten, nicht Zeit es gehdrig zu bauen, und dann verſtanden ſie ſich auch nicht recht darauf. Jakob unternahm es, einen rechten Garten herzuſtellen. Er hatte noch im Herbſte Vorbereitungen dazu gemacht, und kaum war im Fruͤhlinge der Schnee weg, ſo ar⸗ beitete er mit Marie von Morgen bis an den ſpaͤten Abend. Der Garten wurde in Beete ge⸗ theilt, die Beete wurden mit mancherley Gemuͤſe bepflanzt und mit Bienenkraͤutern eingefaßt, und die Wege mit reinlichem Kieſe beſtreut. Marie hatte nicht geruht, bis der Vater aus dem Staͤdtchen, wo er die Gemuͤſeſamen einkaufte, auch einige Roſenſtauden, Lilienzwiebeln, Auri⸗ kelnſtocklein, Samen von Goldlack, Levkojen und andern ſchoͤnen Blumen mitgebracht hatte. Sie zog wieder die praͤchtigſten Blumen, wovon man mehrere in dieſer rauhen, abgelegenen Ge⸗ gend noch nie geſehen hatte. Der Garten gruͤn⸗ te und bluͤhte bald ſo herrlich, daß er dem gan⸗ zen duͤſtern Waldthale ein freundlicheres Ausſe⸗. hen gab. Auch der nahe Baumgarten gedieh un: ter Jakobs Hand beſſer, und trug reichlicher Fruͤchte. Es war Segen in allem, 8 as Blumenkoͤrbchen⸗ — 66— Der alte Gaͤrtner war wieder in ſeiner hei⸗ terſten Lanne. Er machte wieder ſeine Anmer⸗ kungen uͤber die Blumen und Gewaͤchſe. Er brachte aber nicht immer die alten vor; er wuß⸗ te immer etwas neues zu ſagen⸗ Marie hatte in den erſten Tagen des Fruͤh⸗ lings an der Dornhecke, die den laͤndlichen Gar⸗ ten umgab, lange nach Veilchen geſucht, um ihrem Vater, wie ſie es gewohnt war, das er⸗ ſte Straͤußchen zu bringen. Endlich fand ſie ei⸗ nige der ſchoͤnſten und wohlriechendſten, und brachte ſie ihm voll Freude.„Wohll ſagte der Vater, indem er laͤchelnd das blaue Straͤußchen nahm. Wer ſucht, der findet.“—„Aber hoͤ⸗ re, fuhr er fort, es iſt doch immerhin bemer⸗ kenswerth, daß die holden Veilchen, dieſe lieb⸗ lichen Bluͤmchen, ſo gerne unter den Dornen wachſen, und es ſcheint mir dieſes ſehr lehrreich fuͤr uns. Wer in aller Welt haͤtte geglaubt, daß wir in dieſem dunkeln Waldthale und unter ddieſem alten, mit Moos bewachſenen Strohdache ſo viele Freuden finden wuͤrden! Allein keine Lage des Lebens iſt ſo dornicht, daß nicht unter den Dornen noch einige ſtille Freuden verborgen ſeyn ſollten.— Bleibe du nur von Herzen fromm und gut, mein Kind, und es wird dir, ſo hart es dir ovielleicht auch noch gehen mag, doch nie an ſtiller, inniger Freude fehlen.“ — ———— — 76— Eine Buͤrgersfrau aus der Stadt kam eines Tages, um der Baͤuerin Flachs abzukaufen, auf den Hof und brachte ihren kleinen Knaben mit. Waͤhrend nun der Flachs beſchaut, unterſucht und daruͤber gehandelt wurde, war der Knabe durch die offne Thuͤre in den Garten gerathen, und mit beyden Haͤnden uͤber einen vollen Roſen⸗ ſtrauch hergefallen, um ihn zu pluͤndern— und lhatte ſich an den Dornern jaͤmmerlich zerſtochen. Auf ſein Geſchrey liefen die Mutter und die Baͤuerin dem Garten zu, auch Jakob und Ma⸗ rie kamen herbey. Der Knabe ſtand heulend und mit blutenden Haͤnden neben den Roſenſtrauche und verwuͤnſchte die boͤſen, betruͤgeriſchen Blu⸗ men... 1..„* 8* 1 7 „So ſind wir großen Kinder manchmal auch! ſagte Jakob. Jede Freude hat, wie die Roſe, ihre Dornen um ſich her. Da tappen wir denn gleich mit beyden Haͤnden darein. Der richtet ſich durch Tanz und Spiel, der durch Trunk oder noch etwas Schlimmeres zu Grund. Dann ſteht er da, und weint und jammert, und klagt die Freude an. Laßt euch daher die ſchoͤne Roſe nicht zur Unbedachtſamkeit verleiten. Der Menſch hat ja Vernunft. Er ſoll daher nicht blos ſeiner Begierde folgen, ſondern immer uͤber⸗ legt und vorſichtig handeln. 4 1 — 863— An einem ſchoͤnen heitern Sonntagsmorgen, nach einem Paar Regentagen, kam Marie mit ihrem Vater in den Garten, und fand die erſte Lilie ausgeſchlagen, und im Glanze der aufge⸗ henden Sonne mit mehreren Blumen lieblich prangen. Sie rief den Leuten im Hauſe, die ſchon lange begierig geweſen, die Lilie bluͤhen zu ſehen. Alle bewunderten ſie. „Wie ſchoͤn hell und weiß, wie rein und fleckenlos, ſie iſt, ſagte die Baͤuerin.“ „a wohl, ſprach Jakob mit Ruͤhrung; o daß doch das Gemuͤth aller Menſchen ſo rein und fleckenlos ſeyn moͤchte! Dieß waͤre ein erfreu⸗ licher Anblick fuͤr Gott und fuͤr ſeine Engel. Denn nur ein reines Herz iſt mit dem Himmel verwandt.“ „Und wie ſchoͤn gerade, wie ſchlank und aufrecht ſie daſteht!“ ſagte der Bauer. „Wie ein Finger, der zum Himmel zeigt! ſprach Jakob. Ich habe ſie gar gerne in dem Garten. In jedem Gaͤrtchen des Landmanns ſollte eine ſolche Lilie ſtehen. Wir Leute muͤſſen immer ſo in der Erde wuͤhlen und vergeſſen dar⸗ uͤber ſo leicht den Himmel. Die ſchoͤne aufrecht ſtehende Blume kann uns aber daran mahnen, daß wir bey all unſerer Muͤhe und Arbeit auf⸗ waͤrts blicken und noch etwas Beſſeres ſuchen ſol⸗ len, als was uns die Erde geben kann.“ „Alle Gewaͤchſe, fuhr er mit Eifer und Nachdruck fort, auch die zarteſten Grasſpitzen ſtreben aufwaͤrts, und was zu ſchwach iſt, ſich ſelbſt empor zu heben, wie die Bohnen, die Gar⸗ tenerbſen, der Hopfen dort in der Hecke, das windet und ranket ſich empor. Es waͤre doch ſchlecht, wenn nur der Menſch allein mit ſeinen Gedanken, Wuͤnſchen und Hoffnungen immer am Boden kriechen wollte!“— Eines Tages ſetzte Jakob junge Pflaͤnzchen auf ein friſch gegrabenes Gartenbeet. Marie jaͤtete auf einem Beetchen daneben das Unkraut aus.„Dieſes zweyfache Geſchaͤft, liebe Toch⸗ ter, ſagte der Vater, ſollte das Eine Geſchaͤft unſers ganzen Lebens ſeyn. Unſer Herz iſt auch ein Garten, den uns der liebe Gott zu beſorgen gab. Immer muͤſſen wir beſchaͤftigt ſeyn, Gu⸗ tes hinein zu pflanzen und keimendes Boͤſes aus⸗ zurotten, ſonſt verwildert es. Wer aber dieſe zwey Geſchaͤfte recht verrichtet, und Gott, von dem Sonnenſchein, Thau und Regen, Wachs⸗ thum und Gedeihen krommt. ſtets um ſeinen Se⸗ gen dazu bittet, der baut ſich den ſchoͤnſten Gar⸗ ten, ja ein Paradies in ſeinem Innern.“ Jakob und Marie hatten unter Fleiß und Arbeit, lehrreichen Geſpraͤchen und manchen un⸗ 88 — 20— ſchuldigen Freuden bereits drey Fruͤhlinge und Sommer auf dem Tannenhofe ſehr vergnuͤgt zu⸗ gebracht, und ihrer ehemaligen Leiden beynahe ganz vergeſſen. Als es aber wieder Herbſt ward, die Mittagsſonne bereits laͤngere Schatten warf, der letzte Schmuck des Gartens, die rothen und blauen Aſtern bluͤhten, das Laub der Baͤume ſich bunt faͤrbte und der Garten ſich zur Ruhe des Winters neigte, fuͤhlte Jakob eine merkliche Ab⸗ nahme ſeiner Kraͤfte, und er befand ſich manch⸗ mal gar nicht wohl.[Er verbarg es zwar vor Marien, um ihr keinen Kummer zu machen; al⸗ lein in ſeinen Anmerkungen uͤber die Blumen war etwas Wehmuͤthiges, das Mari⸗ manchmnaf ſehr zu Herzen ging. 4 Marie betrachtete einſt eine Roſe, die ſich verſpaͤtet hatte, und erſt je tzt im Herbſte in vol⸗ ler Bluͤthe prangte. Sie wollte ſie brechen; al⸗ lein die Purpurblaͤttchen fielen ploͤtzlich ihr unter der Hand ab, und lagen zerſtreut auf dem Bo⸗ den umher.„Das iſt der Menſch, ſagte der Vater. In der Jugend gleichen wir wohl einer friſchaufbluͤhenden Roſe; allein wir welken auch dahin wie die Roſen, und unſere Bluͤthenzeit iſt ſehr kurz, und ſehr ſchnell voruͤber. Bilde dir alſo, liebes Kind, nichts ein auf die eitle, ver⸗ 164 gaͤngliche Schoͤnheit des Leibes; trachte nach Schoͤnheit der Seele, nach Tugend, die nie welkt.“ Jakob nahm einſt gegen Abend, auf der Gartenleiter ſtehend, noch Aepfel vom Baume, und reichte ſie Marien herab, die ſie ſorgfaͤltig in einen Korb legte. Da ſprach er:„Wie die Herbſtluft ſo ſchauerlich uͤber die Stoppeln her⸗ weht und mit den gelben Blaͤttern und mit mei⸗ nen grauen Haaren ſpielt!— Mein Herbſt, lie⸗ be Marie, iſt da, und der deinige wird auch kommen. Mache doch, daß du, wie dieſer Baum hier, dann reich an guten Fruͤchten ſeyeſt, und der Herr ſeines großen Gartens, der Welt, ſich deiner freuen moͤge.“* Als Marie noch einige Samenkoͤrner fuͤr den kuͤnftigen Fruͤhling in die Erde legte, ſprach der Vater:„So, meine Tochter, wird man auch uns einmal in die Erde hinein legen, und uns mit Erde bedecken. Aber ſey getroſt! Wie uͤber ein Kleines das Kdͤenlein in der Erde ſich regt, 4 zu leben anfaͤngt, und als eine ſchoͤne Blume ſich uͤber die Erde erhebt, und gleichſam trium⸗ phirend uͤber dem Grabe ſteht: ſo werden auch wir einſt ſchon und herrlich aus unſerm Grabe 4 hervorgehen. Denke daran, liebe Marie, wenn ſie mich einſt begraben werden. Die Blume, die du dann etwa noch auf mein Grab planzen wirſt, ſey dir ein Bild der Auferſtehung und Un⸗ ſterblichkeit.“ Marie blickte ihren Vater an. Zwey große Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen. Sie er⸗ ſchrack und bange Ahnungen erfuͤllten ihr Herz. ——— Eilftes Kapitel. Jakobs Krankheit. 4 —— Zu Anfang des Winters, der ſich ſehr rauh einſtellte, und Berg und Thal mit tiefem Schnee bedeckte, ward der gute Jakob wirklich ſehr krank. Marie bath ihn, den Arzt des naͤchſten Staͤdt⸗ chens rufen zu laſſen, und der gutherzige Bauer fuhr im Schlitten dahin, denſelben zu holen. Der Arzt verſchrieb dem Kranken Arzney, und Marie begleitete ihn unter die Thuͤre hinaus. Sie fragte ihn, ob ſie hoffen duͤrfe, daß ihr Va⸗ ter bald wieder geſund werde. Der Arzt ſagte ihr, daß es zwar fuͤr jetzt noch keine Gefahr ha⸗ be; allein daß die Krankheit in eine Auszehrung uͤbergehen werde, und daß, zumal bey ſeinem Alter, an kein Aufkommen mehr zu denken ſey. Marie ſank faſt um, und weinte und ſchluchzte. ——— Doch trocknete ſie ihre Thraͤnen, und ſuchte ſich zu erheſtern, ehe ſie wieder zu ihrem Vater hin⸗ ein gin, um ihn nicht zu betruͤben. Marie verpflegte ihren geliebten Vater mit der kindlichſten Sorgfalt. Sie that ihm alles, was ſie ihm nur an den Augen anſehen konnte. Sie warchte die langen Naͤchte hindurch bey ihm. Wenn Andere ſie abloſen wollten, damit ſie nicht ſelbſt krank wuͤrde, und ſie ſich auch nach vielem Zureden ein wenig auf die Bank niedergelegt hat⸗ te, ſo konnte ſie doch ſelten ein Auge ſchließen. Wenn ihr Vater nur huſtete, ſo erſchrack ſie; wenn er ſich nur regte, ſo ſchlich ſie auf den Ze⸗ hen hin, um nachzuſehen, was er mache. Sie bereitete und reichte ihm die dienlichſten Speiſen mit der zaͤrtlichſten Liebe. Sie legte ihm ſein Kopfkiſſen zurecht; ſie las ihm vor; ſie bethete ohne Unterlaß fuͤr ihn. Unzaͤhlige Male ſtand ſie, wenn er ein wenig ſchlief, mit gerungenen Haͤnden und zum Himmel gerichteten, naſſen Au⸗ gen an ſeinem Bette und ſeufzte:„O Gott, ſchenke ihn mir doch noch einmal— nur noch auf einige Jaͤhrchen!“ Sie hatte ſich durch den Fleiß ihrer Haͤnde, indem ſie manche halbe Nacht aufgeblieben war, und geſtrickt oder genaͤht hat⸗ te, einiges Wenige erſpart. Sie wendete den letzten Heller daran, ihm alles zu verſchaffen, was ihm eine kleine Erquickung gewaͤhren konnte. Der fromme Greis, der ſich zwar wieder etwas erholte, es aber dennoch nur zu gut fuͤhl⸗ te, daß dieſe Krankheit ſeine letzte ſeyn werde, war ſehr ruhig und gefaßt. Er ſprach nit der groͤßten Heiterkeit von ſeinem Tode. Aber Ma⸗ rie ſagte unter heißen Thraͤnen:„O redet doch nicht davon, liebſter Vater! Ich darf nicht ein⸗ mal daran denken. Was wuͤrde dann ich anfan⸗ gen? Ach, Eure arme Marie haͤtte ja dann gar niemanden mehr auf Erden.“ „Weine nicht, liebes Kind, ſprach der Va⸗ ter, und both ihr freundlich die Hand aus dem Bette. Du haſt ja einen guten Vater im Him⸗ mel. Der bleibt dir, wenn dir dein Vater auf Erden auch wird genommen werden.“„ bringen werdeſt, das iſt meine geringſte Sorge. Die Voͤgel finden ja ihre Nahrung; was ſollteſt du ſie nicht finden! Gott giebt ſie dem Spatzen auf dem Dache, was ſollte Er ſie dir nicht ge⸗ ben? Der Menſch braucht wenig, und auch dieß nur eine kurze Zeit.— Ach, mich aͤngſtiget eine ganz andere Sorge! Sieh, meine einzige Sorge iſt die, daß du immer ſo fromm und gut und unſchuldig bleiben moͤgeſt, wie du es, Gott Lob! jetzt noch biſt.“ „ Ach, meine liebe Tochter! du weißt noch „Wie du dich naͤhren und in der Welt fort⸗ gar nicht, wie boͤſe und verderbt die Welt iſt, 8 — 1 4 — 25— und was fuͤr ſchlechte Menſchen es giebt. Leider giebt es Menſchen, die ſich nur einen Spaß dar⸗ aus machen wuͤrden, dich, armes Maͤdchen, um Unſchuld, Ehre, Ruhe des Herzens und um das ganze Gluͤck deines Lebens zu betruͤgen! Sie werden dich kindiſch nennen, wenn du von Got⸗ tesfurcht, Gewiſſen, gottlichen Gebothen, und von der Ewigkeit redeſt. O fliehe ſolche Men⸗ ſchen! Wenn ſie dich ſchoͤn nennen, und dir ſchmeicheln, dich wie der Schmetterling die Blu⸗ me umgauckeln— ſo hoͤre ſie nicht an, und ach⸗ te nicht auf ſie. Nimm nie, nie ein Geſchenk von ihnen und glaube ihren Verſprechungen nicht. Unter der Geſtalt eines Engels iſt manch⸗ mal ein Satan verborgen, und die Schlange ſchlaͤft gern unter Blumen. „Sieh, Gott hat. dir zu d deinem Schutze ei⸗ nen treuen Engel mitgegeben— die heilige Schamroͤthe. Wenn dir jemand etwas Boͤſes zumuthen will, ja nur ein Wort ſagt, das ge⸗ gen Unſchuld und reine Sitten iſt— ſo fuͤhleſt du dieſe Glut auf deinen Wangen. Laß dich die⸗ ſen Engel der Unſchuld warnen! Betruͤbe ihn nicht, daß er nicht von dir weiche. So lange er dich begleitet, und du dich von ihm warnen laͤſſeſt, biſt du ſicher vor Verfuͤhrung. Sobald du aber gegen ſeine Warnung nur der geringſten unerlaubten Zumuthung ein einziges Mal nach⸗ giebſt, dann biſt du in Gefahr, verloren zu ſeyn auf immer!“ „O Marie! In deinem eigenen Herzen wird ein Feind erwachen. Du wirſt Augenblicke haben, in denen du Luſt zum Boͤſen fuͤhleſt, und dich gern uͤberreden moͤchteſt, es ſey nicht ſo arg, oder wohl gar unſchuldig und erlaubt. Aber laß dich jetzt warnen! Grabe die Worte deines ſterbenden Vaters tbef in dein Herz! Thue— rede— denke nichts, woruͤber du er⸗ roͤthen muͤßteſt, wenn es dein Vater wuͤßte. Meine Augen werden ſich nun bald fuͤr immer ſchließen. Ich werde dich nicht mehr bewachen koönnen. Allein denke, daß dein himmliſcher Va⸗ ter dich uͤberall ſieht und ſtets in dein Herz blickt. Du wuͤrdeſt dich ja ſcheuen, mich, dei⸗ nen Vater auf Erden, durch ein fehlerhaftes Betragen zu betruͤben; ſcheue und fuͤrchte dich noch unendlich mehr, Ihm, deinem lieben Va⸗ ter im Himmel, zu mißfallen.“ „Sieh mich noch einmal recht an, Marie! O wenn du einmal in Verſuchung gerathen ſoll⸗ teſt, Boͤſes zu thun, ſo denke an mein blaſſes Angeſicht, an dieſe meine Zaͤhren, die uͤber mei⸗ ne bleichen Wangen fließen! Komm, lege deine Hand in meine kalte abgezehrte Hand, die bald in Staub zerfallen wird. Verſprichs mir, meinẽ Worte nicht zu vergeſſen! In der Stunde der. — Verſuchung laß es dir ſeyn, als hielte dich dieſe 5 meine kalte Hand vom Abgrunde zuruͤck!“ „Gutes Kind! Du betrachteſt mein blaſſes, abgezehrtes Ausſehen mit Thraͤnen. O ſieh da, daß alles auf Erden vergaͤnglich iſt. Auch ich war einſt von bluͤhendem Ausſehen, friſch und roth, wie du es jetzt biſt. Auch du wirſt einſt ſo blaß und abgezehrt daliegen, wie ich jetzt auf meinem Sterbebette daliege, wenn anders Gott dich nicht fruͤher und ſchneller von der Erde hin⸗ wegnimmt! Die Freuden meiner Jugend ſind dahin, wie die Blumen des vergangenen Fruͤh⸗ lings, deren Staͤtte man nicht mehr findet; wie der Thau auf den Blumen, der nur einige Au⸗ genblicke glaͤnzt und dann verſchwindet. Edle Thaten hingegen gleichen den Edelſteinen, die ei⸗ nen bleibenden Werth haben— ja die Tugend, ein gutes Gewiſſen gleicht dem edelſten aller ed⸗ len Steine— dem Diamant, den keine menſch⸗ liche Gewalt zerſtoͤren kann. Trachte nach die⸗ ſem Kleinod!— Was ich Gutes that, das iſt jetzt meine einzige Freude; und wenn ich wo fehlte, ſo iſt dieſes jetzt mein einziger Schmerz.“ „Bleibe fromm, liebes Kind! denke gern an Gott, wandle wie vor ſeinen Augen, trage ihn ſtets im Herzen. In Ihm fand ich meine ſuͤße⸗ ſten Freuden, und in allen Leiden den beſten, den einzigen Troſt.“ — 78— „Glaube mir, Marie; ich rede die Wahr⸗ heit! Wenn es anders waͤre, ſo wuͤrde ich es dir ſagen. Ich habe die Welt auch geſehen, ſo gut als einer— da ich mit dem Grafen auf Rei⸗ ſen war. Wo nur in den groͤßten Staͤdten et⸗ was Herrliches und Praͤchtiges zu ſehen war, da kam ich auch hin. Ich brachte ganze Wochen in Luſtbarkeiten zu; denn die glaͤnzenden Feſte, die bunten Maskeraden, die rauſchende Muſik, die frdhlichen Reden und Scherze ſah und horte ich ja ſo gut als der junge Herr ſelbſt, und von den ausgeſuchten Speiſen und koſtbaren Weinen blieb immer fuͤr mich mehr uͤbrig, als ich moch⸗ ke. Allein dieſe laͤrmenden Freuden ließen mein Herz leer. Ich verſichere dich hoch und theuer: Ein einziges Stuͤndlein ſtiller Andacht in unſerer Gartenlaube zu Eichburg oder auch hier unter dieſem Strohdache, ja ſelbſt auf dieſem Sterbe⸗ lager da, machte mir immer ein innigeres See⸗ lenvergnuͤgen, als alle jene eiteln Freuden. Su⸗ che du daher deine Freude auch in Gott, und du wirſt ſie im reichlichſten Maaße finden.“ „ Du weißt wohl, liebes Kind, daß es mir in meinem Leben nicht an Leiden fehlte. Ach, da deine Mutter ſtarb, da glich mein Herz lan⸗ ge den duͤrren, ausgetrockneten Gartenbeeten, die vor langer Sonnenglut aufſpringen und nach Regen lechzen. So ſchmachtete ich auch nach Troſt; allein in Gott fand ich ihn. O Kind! es werden in deinem Leben Tage kommen, wo auch dein Herz der duͤrren, trocknen Erde gleicht. Aber ſey dann unverzagt. Die Erde duͤrſtet nicht umſonſt nach Regen; Gott ſendet ihn zu rechter Zeit. Suche deinen Troſt bey Gott; dieſer Troſt wird dein Herz erquicken, wie den duͤrren lech⸗ zenden Erdboden ein milder, erquickender Re⸗ gen.“ „Habe, liebes Kind, ſtets ein felſenfeſtes Vertrauen auf Gottes heilige Vorſicht. Gott lenket denen, die Ihn lieben, alles zum Beſten; Er fuͤhrt durch Leiden zu lauter Freuden.“ „Weißt du noch, liebe Marie, was fuͤr ein großes Leiden es fuͤr dich war, als ich auf unſerer muͤhſeligen Reiſe draußen an der Straße krank darnieder ſank. Sieh, dieſer Krankheit be⸗ diente ſich Gott, uns dieſes ruhige Plaͤtzchen, auf dem wir bey dieſen guten Landleuten nun ſchon uͤber drey Jahre ſo vergnuͤgt leben, zu ver⸗ ſchaffen. Ohne dieſe Krankheit waͤren wir ent⸗ weder gar nicht vor ihre Thuͤre gekommen, oder ihr Mitleid waͤre doch nicht ſo aufgeregt worden; ſie haͤtten uns etwa eine Schuͤſſel friſche Milch und ein Stuͤck Brod vorgeſetzt und uns da wieder weiter ziehen laſſen. Ohne dieſe Krank⸗ heit haͤtten wir und dieſe lieben Leute einang er nicht ſo gut kennen gelernt, und einander nicht ſo lieb gewonnen. Alle Freuden, die wir hier genoſſen, das Gute, das wir viellelcht hier ſtif⸗ teten, die mehreren hundert hier verlebten zufrie⸗ denen Tage waren ein Segen, der aus jener Krankheit entſprang. So, liebe Marie, koͤnnen wir auch in den traurigen Begebenheiten unſers Lebens die Freundlichkeit Gottes ſehen. Wie Gott ſeine Bluͤmchen uͤber Berg und Thal, in Waͤlder und an Baͤchen, ſogar in Suͤmpfe und Moraͤſte mit reicher Hand ausſtreute, daß wir uͤberall ſeine Guͤte und Freundlichkeit ſchauen moͤ⸗ genz ſo hat Er auch allen Begebenheiten unſers Lebens die Spuren ſeiner Weisheit, ſeiner Liebe und Erbarmung deutlich eingepraͤgt, ſo, daß ein jedes aufmerkſame Gemuͤth ſie bemerken, und Troſt und Freude daran haben kann. Jeder Menſch kann ſie in ſeinem eigenen Leben wahr⸗ nehmen, wenn er nur ein wenig aufmerken mag.“. „unſer groͤßtes Leiden war wohl jenes, da man dich jenes Diebſtahls beſchuldigte; da du auf den Tod in Ketten und Banden lageſt; da wir in deinem Gefaͤngniſſe zuſammen weinten und jammerten. Auch jenes große Leiden bringt dir gewiß noch einen großen Segen, ja mich duͤnkt, dieſer Segen ſey jetzt ſchon ſichtbar! Damals, als die junge Graͤfin dich vor allen Maͤd⸗ — Erden frohe Tage erleben— heht Erdenglück Maͤdchen auszeichnete, dich ihrer Geſellſchaft wuͤrdigte, dir das ſchoͤne Kleid ſchenkte, dich immer um ſich haben wollte— da meynteſt du wohl, du ſeyeſt gluͤcklich. Allein wie leicht haͤt⸗ ten Ehre, Vergnuͤgen und Ueberfluß dich eitel, leichtſinnig, irdiſch geſinnt— und Gott vergeſſen machen koͤnnen. Gort hat es deßhalb recht gut mit uns gemeynt, daß er es anders lenkte, und jenes Ungluͤck uͤber uns ſchickte. Im Elende, im Gefaͤngniſſe und auf unſerer Wanderſchaft lern⸗ ten wir Ihn beſſer kennen, und kamen Ihm naͤ⸗ her. In dieſer rauhen Gegend hat Er dir, ferne von den Zerſtreuungen und dem Verderb⸗ niſſe der Welt, ein beſſeres Plaͤtzchen bereitet. Da bluͤhteſt du, wie die Blume der einſamen Wildniß— ſicher vor frevelnden Haͤnden.“ „Er, der gute, treue Gott wird jenes Lei⸗ den dir noch ferner zum Beſten lenken. Er wird — ich hoffe zuverlaͤſſig, Er habe dieſes mein Gebeth erhoͤrt!— auch deine Unſchuld noch an den Tag bringen, wenn ich es gleich nicht mehr erlebe; was aber auch zu meiner Beruhigung nicht nothwendig iſt, da ich es ja ohnehin weiß, daß du unſchuldig biſt. Ja, Marie, Gluͤck und Freude werden dir noch aus jenen uͤberſtandenen Leiden aufbluͤhen, und du wirſt noch hier auf Blumenkörbchen. das geringſte iſt, und die große Abſicht, warum Gott Leiden uͤber uns ſendet, erſt im Himmel erfuͤllt wird, in deſſen Herrlichkeit wir nicht an⸗ ders als durch viele Leiden und Truͤbſale einge⸗ hen koͤnnen. 1 „Quaͤle dich alſo, gute Seele, wenn du in Noth kommſt, nicht mit Sorgen, und glau⸗ be, daß Gott auf das liebreichſte fuͤr dich ſorge, und daß deine Sorgen uͤberfluͤßig ſeyen. Wo dich deßhalb ſeine heilige Vorſicht noch hinfuͤhren wird, und wie hart die Lage auch ſeyn moͤge, in die du noch kommen wirſt, ſo denke immer: Das iſt der beſte Ort, die heilſamſte Lage fuͤr mich, ſo hart und elend es mir auch darin geht. Glaube, daß gerade dieſe Lage nothwendig ſey, dich in der Tugend zu vollenden und dich einmal ſelig zu machen.“ „Wie ein Gaͤrtner jedes Gewaͤchs an die Stelle hinpflanzet, die er fuͤr dasſelbe am taug⸗ lichſten findet, und wie er es nur auf die Art behandelt, die zum Wachsthume und Gedeihen deſſelben die dienlichſte iſt, ſo verſetzt Gott jeden Menſchen in der Welt an jene Stelle und in je⸗ ne Lage, wie es zu ſeinem Wachsthum im Gu⸗ ten am zutraͤglichſten iſt.“ „und ſo, liebe Marie, wie alle Leiden, die bisher uͤber dich kamen, wird Er dir auch noch dieſe meine letzte Krankheit und meinen Tod zum Segen werden laſſen.“ 3 „Gutes Kind! da ich das Woͤrtlein Tod nur nenne, brichſt du aufs neue in Thraͤnen aus! O, weine nicht! Sieh den Tod nicht fuͤr etwas ſo Fuͤrchterliches an! Er iſt ja vielmehr etwas Erfreuliches! Laß mich noch einmal mit dir reden, liebe Tochter, wie damals, als wir noch in unſerm Garten zu Eichburg mit einander arbeiteten. Sieh, du weißt, wie es mit einem Fruͤhbeetchen iſt! Schwach und unanſehnlich ſte⸗ hen da die kleinen Pflaͤnzchen in dem engen, dumpfen Beetchen beyſammen. Man ſieht es ihnen noch nicht an, mit welchen herrlichen Blumen, oder mit welchen koͤſtlichen Fruͤchten ſie dereinſt geſchmuͤckt ſeyn werden. Blieben ſie aber in dem kleinen, armſeligen Beetchen einge⸗ ſchloſſen, ſo wuͤrden ſie weder Bluͤthen noch Fruͤchte tragen. Sie faͤnden dazu nicht genug Naum. Der Gaͤrtner ſetzte ſie aber auch nicht dahin, daß ſie da bleiben und auf einander ver⸗ modern ſollten— nein, damit ſie im offnen Lande, an Gottes freyer Luft, unter dem ſchd⸗ nen blauen Himmel, an dem goldenen Sonnen⸗ ſchein, und getraͤnkt von dem Regen und Thau des Himmels einſt herrlicher bluͤhen moͤchten. Du freuteſt dich ja allemal, wenn ich dich klei⸗ 6* 2 — 384— nen Pflaͤnzchen aushob, ja, du mahnteſt mich oft daran, es nicht laͤnger zu verſchieben, weil es den armen Pflaͤnzchen in dem dumpfen Be⸗ haͤltniſſe zu enge wuͤrde; du wareſt froh, wenn ſie nun im Lande waren und ſagteſt:„Wie wohl wird es ihnen jetzt ſeyn! Ich meyne, ich ſehe es ihnen an.“ Solche ſchwachen, armen Pflaͤnzchen ſind wir Menſchen auch; ein ſolches enges, dumpfes Fruͤhbeetchen iſt unſre Erde. Hier auf Erden iſt nicht unſers Bleibens! Hier ſind wir noch nichts, als kuͤmmerliche, elende Gewaͤchſe. Aber es ſoll noch etwas Beſſeres, et⸗ wmas Herrliches aus uns werden. Deßhalb ver⸗ ſetzt uns Gott in ein anderes Land, in ſeinen großen, ſchoͤnen herrlichen Gottesgarten— den Himmel.“ „Weine daher nicht, liebes Kind! Sieh, ich bekomme es ja beſſer! O, wie freue ich mich, daß ich nun bald zu Gott komme! Wie gut wird es ſeyn, wenn wir dieſen Leib, der uns ſo viele Leiden macht, werden abgelegt haben! Liebe Marie, weißt du noch? wir hatten in unſerm bluͤhenden Garten, an den ſchoͤnen Fruͤh⸗ lingsmorgen oft unbeſchreibliche Freuden! Sieh, auch der Himmel wird zu dem allerſchoͤnſten Garten, in dem ein ewiger Fruͤhling herrſcht, zum Paradieſe verglichen. In jene ſchoͤnere Ge⸗ genden werde ich jetzt kommen. O ſey doch — — — 83— fromm und gut, damit wir uns dort wieder ſe⸗ hen! Hier waren wir unter manchen Leiden und Truͤbſalen beyſammen, und ſcheiden unter Thraͤ⸗ nen von einander. Dort aber werden wir in Freude und Seligkeit bey einander wohnen und nichts wird uns mehr trennen! Dort werde ich deine Mutter wieder ſehen! O wie freue ich mich darauf! O Marie! bleibe doch fromm und gut! Und wenn es dir wohl gehen wird auf Erden, ſo vergiß uͤber dieſen fluͤchtigen Freuden jene ewigen nicht! Dann werden deine Mutter und ich dir einſt voll Freuden entgegen kommen, und dich in unſere Mitte aufnehmen. Weine al⸗ ſo nicht, liebes Kind, und freue dich vielmehr jetzt ſchon darauf!“——. krg So benuͤtzte der fromme Vater die letzten Tage ſeines Lebens, ſeine Tochter, die er jetzt allein in der Welt zuruͤcklaſſen ſollte, zu troͤſten; ſo ermahnte er ſie, um ſie vor dem Verderben der Welt zu bewahren. Jedes ſeiner Worte war ein gutes Samenkoͤrnlein, das in gutes Erd⸗ reich fiel.„Ich habe dich freylich betruͤbt, lie⸗ bes Kind, ſagte er, und dich viele Zaͤhren ver⸗ gießen gemacht. Allein das ſind wohlthaͤtige Thraͤnen. Was ſo unter Thraͤnen geſaͤet wird, wurzelt leichter, und gedeiht beſſer, gleich den Samenkörnlein, die bey einem milden, ſanften Fruͤhlingsregen ausgeſaͤet werden.“ — 986— Zwölftes Kapitel. F Jakobs Tod. Marie war, ſobald die Krankheit ihres Vaters bedenklich wurde, nach Erlenbrunn ge⸗ gangen, wohin der Tannenhof in die Pfarrey gehoͤrte, und hatte es dem Herrn Pfarrer gemel⸗ det, daß ihr Vater krank ſey. Der Herr Pfar⸗ rer, ein edler, wuͤrdiger Geiſtlicher, beſuchte ihn ſehr oft, fuͤhrte ſchoͤne erbauende Geſpraͤche mit ihm und troͤſtete auch allemal Marien ſehr freundlich. Eines Naͤchmittags kam er wieder und fand den guten Greis merklich ſchwaͤcher. Jakob hieß Marien ein wenig hinausgehen, in⸗ dem er mit dem Herrn Pfarrer allein zu reden habe. Als ſie wieder herein gerufen wurde, ſag⸗ te der Vater:„Liebe Marie! Ich habe nun meine Gewiſſensangelegenheiten in Ordnung ge⸗ bracht, und gedenke morgen fruͤhe das Brod des Lebens aus der Hand unſers lieben Herrn Pfar⸗ rers zu empfangen.“ Marie erſchrack und die Thraͤnen drangen iör in die Augen, weil ihr der Gedanke an eine 1 ante at 3 1 — 9,— nahe Todesgeſahr zu Sinn kam; allein ſie faßte ſich ſogleich wieder.„Ihr habt Recht, lieber Vater, ſagte ſie; was koͤnnen wir Beſſeres thun, als in unſern Leiden und Noͤthen unſere Zuflucht zu Gott nehmen?“ ¼ Jakob brachte den uͤbrigen Tag und den Abend im ſtillen Gebethe zu, war iminer ſehr in ſich geſammelt und redete ſehr wenig. Die An⸗ dacht, mit der er am andern Morgen in der hei⸗ ligen Kommunion ſich mit ſeinem goͤttlichen Er⸗ ldſer vereinigte, war unbeſchreiblich. Glaube und Liebe, und Hoffnung des ewigen Lebens hatten ſein ehrwuͤrdiges Angeſicht gleichſam ver⸗ klaͤrt; heiße Thraͤnen floßen uͤber ſeine Wangen. Marie kniete unten an dem Krankenbette, zitter⸗ te, bethete— und zerfloß faſt in Thraͤnen. Der Bauer und die Baͤuerin und die uͤbrigen Leute im Hauſe wohnten der heiligen Handlung mit großer Ruͤhrung und gefalteten Haͤnden bey, und allen ſtanden die Zaͤhren in den Augen.„Jetzt, ſagte Marie nachher, iſt es mir recht leicht um das Herz, und ich bin recht getroͤſtet; die chriſt⸗ liche Religion gewaͤhrt uns doch in Noth und Tod wahrhaftig einen himmliſchen Troſt!“ Der gute Jakob kam indeß ſeinem Ende im⸗ X 4 msr naͤher. Der Bauer und die Baͤuerin, die ihn als ihren beſten Freund ehrten und liebten, und die Stunde ſegneten, da er in ihr Haus gekommen war, thaten ihm alles erdenkliche Gu⸗ te. Wohl zehnmal des Tages kam bald der Bauer, bald die Baͤuerin in das kleine Stuͤb⸗ chen, zu ſehen, wie er ſich befinde. Marie frag⸗ te faſt allemal:„Meynt ihr denn nicht, daß er noch aufkommen koͤnnte?“ Die Baͤuerin antwortete einmal:„O, mein Kind! Laͤnger treibt er es gewiß nicht mehr, als bis das Laub der Baͤume ausſchlaͤgt.“ Von nun an ſah Marie mit Furcht und Zittern durch das kleine Fenſter des Stuͤbchens in den Garten. Der kommende Fruͤhling hatte ſie ſonſt immer mit Freude erfuͤllt. Allein jetzt ſah ſie die erſten zarten Blaͤttchen der Stachel⸗ beerhecke und die ſchwellenden Baumknospen mit Trauer, und hoͤrte den freudigen Schlag des Finkens mit Schrecken. Die hervorſproſſenden Schneegloͤcklein und Schluͤſſelblumen waren ihr ein ſchmerzlicher Anblick.„Ach Gott, ſagte ſie, alles lebt neu auf und alle Welt hofft— ſoll denn mein lieber Vater nur allein ohne Hoffnung dahin ſterben? Doch— ſetzte ſie mit einem frommen Blick zum Himmel hinzu— nicht ohne Hoffnung! Ja, er ſtirbt nach dem Worte Jeſu gar nicht. Er legt nur dieſe Huͤlle von Staub ab; er ſelbſt aber wird dort oben erſt recht an⸗ fangen zu leben!“ 3 — — 80— Der fromme Greis hatte es ſehr gerne, daß Marie ihm öfters vorlas. Sie that es mit ſanf⸗ ter Stimme und großer Andacht. In den letzten Tagen ſeiner Krankheit hoͤrte er nichts lieber, als die letzten Reden Jeſu, und das letzte Ge⸗ beth Jeſu. Einmal in der Nacht wachte ſie al⸗ lein bey ihm. Der Mond ſchien ſo helle durch die Fenſter in das Stuͤbchen, daß man den Schimmer des kleinen Nachtlichtes kaum mehr bemerkte.„Marie! fing der Vater an, lies mir doch das ſchoͤne Gebeth Jeſu noch einmal.“ Sie zuͤndete eine Wachskerze an, und las es. „Jetzt gieb das Buch mir her, ſagte er, und leuchte mir ein wenig.“ Marie gab ihm das Buch, und leuchtete ihm mit der brennenden Kerze.„Sieh, ſagte er, dieß ſoll mein letztes Gebeth fuͤr dich ſeyn.“ Er zeigte auf die Stel⸗ le, und bethete, indem er die Worte auf ſich und ſeine Tochter anwandte, mit gebrochener Stimme: „ Vater! ich bin jetzt nicht mehr lange in dieſer Welt; allein dieſe hier bleibt noch eine Zeit in dieſer Welt; ich komme— ſo hoffe ich es— zu Dir! Vater! Du Heiligſter! Bewahre Du ſie in deinem Namen vor dem Verderben. So lange ich bey ihr in der Welt war, ſuchte ich ſie in deinem Namen zu bewahren. Jetzt aber komme ich zu Dir. Ich bitte Dich nicht, — 90— daß Du ſie von der Welt hinwegnehmeſt, ſon⸗ dern nur, daß Du ſie vor dem Boͤſen bewah⸗ reſt. Erhalte ſie in deiner heiligen Wahrheit! Dein Wort iſt Wahrheit. Vater, gieb, daß ſie, die Du mir geſchenkt haſt, einſt auch dahin komme, wo ich jetzt hinzukommen hoffe. Amen!“ Marie ſtand weinend am Bette, hielt die Kerze mit zitternder Hand, und wiederholte mit Schluchzen:„Amen!“ „ Ja, fuhr der Vater fort, liebe Tochter! Dort werden wir Jeſum in ſeiner Herrlichkeit ſe⸗ hen, die Gott Ihm vor Gruͤndung der Welt ge⸗ geben hat; dort werden auch wir einander wie⸗ der ſehen.“ Er legte ſich wieder auf ſein Kopfkiſſen, ein wenig zu ruhen. Das Buch behielt er in der Hand. Es war das neue Teſtament. Der arme Mann hatte es fuͤr die erſten Kreuzer, die er nach ſeiner Vertreibung aus Eichburg eruͤbrigte, und an ſeinem Munde erſparte, gekauft. „Liebe Marie, fing er uͤber eine Weile an, ich danke dir auch noch fuͤr die Liebe, die du mir in dieſer meiner letzten Krankheit erweiſeſt. Du haſt das vierte Geboth getreulich und mit freu⸗ digem Herzen befolgt. Denke an mich, Marie, es wird dir deßhalb doch noch wohl gehen, ſo 4 —yõ--— — — 91— arm und huͤlflos ich dich auch in dieſer Welt zu: ruͤcklaſſen muß. Ich kann dir nichts geben, als meinen Segen und dieſes Buch hier. Bleibe fromm und gut, liebe Tochter, ſo wird dieſer Segen nicht vergebens ſeyn. Der Segen eines Vaters, der auf Gott vertraut, iſt guten Kin⸗ dern mehr, als das reichſte Erbtheil. Das Buch hier nimm zum Andenken an deinen Vater. Es koſtete zwar nur einige Kreuzer. Allein wenn du es fleißig leſen und befolgen wirſt, ſo hinterlaſſe ich dir fuͤr die wenigen Kreuzer, die ich darauf verwendete, den groͤßten Schatz! Wenn ich dir mehrere Goldſtuͤcke hinterließe, als der Fruͤhling Blumen und Blaͤtter hervorbringt, ſo koͤnnteſt du fuͤr alles dieſes Geld dir doch nichts Beſſeres kaufen. Denn es iſt Gottes Wort darin enthal⸗ ten, und dieſes hat eine Kraft in ſich, alle ſelig zu machen, die daran glauben. Lies alle Mor⸗ gen— wozu man bey aller Muͤh und Arbeit doch immer Zeit finden kann— wenigſtens einen Spruch, und bewahre und erwaͤge ihn den Tag uͤber in deinem Herzen. Iſt dir eine oder die an⸗ dere Stelle dunkel, ſo bitte deinen Seelſorger um Belehrung, wie ich es auch immer machte. Das Wichtigſte darin iſt fuͤr alle Menſchen klar. An das halte dich; das befolge. Das wird fuͤr dich nicht ohne Segen bleiben. Sieh, der einzige Spruch:„Betrachtet die Lilien des Feldes!“ — *8 hat mich mehr Weisheit gelehrt, als die man⸗ Bette, und entſchlief— ſanft und ſelig! Marie — 92— cherley Buͤcher, die ich in meiner Jugend las. Er ward mir uͤberdieß zur Quelle von tauſend unſchuldigen Freuden, und unter tauſend Be⸗ draͤngniſſen, die mich ſonſt wuͤrden mit bangen Sorgen erfuͤllt und verzagt und kleinmuͤthig ger. macht haben, gewaͤhrte er mir einen heitern und froͤhlichen Muth.“ Morgens gegen drey Uhr ſagte der Vater: „Marie, mir iſt ſo bange. Oeffne doch das. Fenſter ein wenig.“ Marie oͤffnete es. Der Mond war nicht mehr am Himmel; aber die Sterne funkelten unbeſchreiblich ſchoͤn.. „Sieh, wie ſchoͤn der Himmel iſt! ſagte der Vater. Was ſind die Blumen der Erde ge⸗ gen jene unvergaͤnglichen Sterne! Dort werde ic jetzt hinkommen! O wie freue ich mich! Lebe fromm, damit du einſt auch dahin kommeſt!“ Mit dieſen Worten ſank er zuruͤck auf ſein meynte, es ſey etwa eine Ohnmacht. Sie hatte noch nie einen Sterbenden geſehen. Niemand hatte noch ſein Ende ſo nahe geglaubt. Indeß wurde es Marien bange; ſie weckte die Leute im Hauſe. Alle kamen an das Sterbebette. Als nun Marie hoͤrte, er ſey wirklich todt, da um⸗ — 93— faßte ſie die Leiche ihres Vaters mit lautem Weinen, und kuͤßte ſein erblaßtes Angeſicht, und ihre Thraͤnen vermiſchten ſich mit ſeinem Todes⸗ ſchweiſe. „O du guter, guter Vater, ſagte ſie, wie kann ich es dir vergelten, was du an mir ge⸗ than haſt! Ach, ich kann es nicht. O Dank ſey dir fuͤr jedes Wort, fuͤr jede gute Ermah⸗ nung, die deine nunmehr erblaßten Lippen mir gaben. Mit innigem Dank kuͤſſe ich deine kal⸗ te, ſtarre Hand, die mir ſo viele Wohlthaten er⸗ wies— fuͤr mich ſo viel arbeitete— mich in den Jahren meiner Kindheit wohl auch vaͤterlich zuͤchtigte. Jetzt erſt ſehe ich es ein, wie gut du es auch da meynteſt, und wie heilſam mir das war! O, habe Dank! habe Dank fuͤr alles, und verzeih, wenn ich dich durch kindiſchen Leichtſinn je betruͤbte!— O Gott! vergilt du ihm ſeine Liebe!— Ach koͤnnte ich jetzt meinen Geiſt auch aushauchen, und ihn dir, lieber Vater, nach⸗ ſenden in den Himmel! Laß, o Gott, meinen Tod einmal ſeyn, wie den Tod dieſes Gerechten! O wie nichts, wie gar nichts iſt dieſes Leben auf Erden! Wie gut iſt es, daß es einen Himmel giebt, ein ewiges Leben! Das i*ſt jetzt mein ein⸗ ziger Troſt.“ — 94— Alle Umſtehenden weinten; die Baͤuerin fuͤhr⸗ te endlich Marien unter vielem Bitten und Zu⸗ reden ihr zu folgen, hinweg. Marie ließ es ſich nicht wehren, ſie wachte die folgende Nacht hindurch bey der Leiche ihres Vaters, und las und weinte und bethete bis an den Morgen. Bevor man den Todtenſarg zu⸗ ſchloß, betrachtete ſie die Leiche noch einmal. „Ach, ſagte ſie, das letzte Mal ſehe ich alſo dein ehrwuͤrdiges Angeſicht! Wie ſchoͤn es aus⸗ ſieht— als laͤchelte es, als glaͤnzten jetzt ſchon die Strahlen der kuͤnftigen Herrlichkeit darauf! O lebe wohl— lebe wohl— guter Vater! ſchluchzte ſie. Sanft ruhe dein Gebein, nachdem die Engel Gottes— ſo hoffe ich— deinen Geiſt bereits zur Ruhe des Himmels gebracht haben.“ Sie hatte einen Rosmarinzweig, einige gold⸗ gelbe Schluͤſſelbluͤmchen und dunkelblaue Veilchen in ein Straͤußchen zuſammengefuͤgt und es der Leiche des frommen Gaͤrtners, der ſo viel geſaͤet und gepflanzt hatte, in die Hand gegeben. „Dieſe Erſtlingsbluͤmchen der neuauflebenden Er⸗ de ſeyen ein Vorbild deiner kuͤnftigen Auferſte⸗ hung, ſagte ſie, und dieſer immergruͤne Rosma⸗ rin ein Sinnbild meines beſtaͤndigen frommen Andenkens an dich.“ Als man den Sarg zunagelte, ging ihr je⸗ — der Hammerſchlag ſo durch das Herz, daß ſie 3 1 — 9585— faſt ohnmaͤchtig wurde. Die Baͤuerin brachte ſie in eine Kammer und bath ſie, ſich ein wenig nieder zu legen auf das Bett, damit ſie ſich wieder erhole. Bey dem Leichenbegaͤngniſſe ging Marie in dem ſchwarzen Kleide, das ihr ein mitleidiges Maͤdchen aus dem Dorfe gelehnt hatte, hinter der Leiche ihres Vaters her. Sie war ſelbſt bleich und blaß, wie eine Leiche, und jedermann hatte Mitleid mit der armen, verlaſſenen Waiſe, die nun keinen Vater und keine Mutter mehr hatte. Da Mariens Vater in Erlenbrunn fremd war, ſo wurde ihm ſein Grab in einer Ecke des Gottesackers, zunaͤchſt der Kirchhofmauer ge⸗ macht. Ein Paar große Tannen, die hinter der Mauer hervorragten, beſchatteten es. Der Pfar⸗ rer hielt dem Verſtorbenen eine ruͤhrende Leichen⸗ rede uͤber die Worte Jeſu:„Es ſey denn, daß das Weizenkoͤrnlein in die Erde falle und verwe⸗ ſe, ſo bringt es keine Frucht; wenn es aber ver⸗ weſet, ſo bringt es viele Frucht.“ Er ſprach auch davon, wie der fromme Greis ſeine Leiden ſo gottergeben und geduldig uͤbertragen und al⸗ len, die ihn ſahen, ein ſo ſchoͤnes Beyſpiel hin⸗ terlaſſen habe; ſagte viel Troſtreiches fuͤr die tief⸗ betruͤbte Waiſe; dankte den gutherzigen Landleu⸗ ten im Namen des verſtorbenen Vaters 1 denſelben erwieſene Liebe, und ermahnte ſie, an der nun ganz verwaisten Tochter Vater⸗ und Mutterſtelle zu vertreten. Marie beſuchte das geliebte Grab, ſo oft ſien in den pfaͤrrlichen Gottesdienſt nach Erlenbrunn kam, und auch, ſo oft ſie konnte, an den Sonn⸗ tagen auf den Abend, und weinte und bethete da.„So von Herzen wie hier am Grabe mei⸗ nes Vaters, ſagte ſie, kann ich doch nirgends bethen. Die ganze Welt iſt mir hier nichts 4 mehr. Ich fuͤhle es, daß wir einer beſſern Welt angehdren, und es regt ſich in mir ein Heim⸗ weh nach jenem Vaterlande!“ Sie ging nie anders als mit dem frommen Vorſatze von dem Grabe, die Luͤſte dieſer Welt zu verachten, und nur Gott und der Tugend zu leben— in der ſe⸗ ligen Hoffnung, droben am Throne Gottes wie⸗ der mit ihren guten Aeltern vereiniget zu werden. 27 —— Dreyzehntes Kapitel. Neue Leiden für Marien. —,— Marie war von nun an immer ſehr trau⸗ rig. Es war ihr nicht anders, als haͤtten alle Blumen ihre friſchen Farben verloren, und die Tannenbaͤume um den Hof her ſchienen ihr ſo dunkel und ſchwarz, als waͤren ſie in Trauer ge⸗ kleidet. Die Zeit linderte zwar Mariens Schmerz; allein bald kamen neue Leiden fuͤr ſie. Auf dem Tannenhofe war es ſeit dem Tode ihres Vaters viel anders geworden, als es ehe⸗ dem war. Der Bauer und die Baͤuerin hatten den Hof ihrem einzigen Sohne, einem guten, ſtillen Menſchen, uͤbergeben. Die neue Schwie⸗ gertochter war ziemlich ſchoͤn und ſehr reich. Al⸗ lein außer der Eitelkeit auf ihre Schoͤnheit hatte ſie fuͤr nichts anders Gefuͤhl, als fuͤr das Geld. Stolz und Geiz druͤckten ſich auch nach und nach ihrem Geſichte ſo merklich ein, daß es, bey al⸗ ler Schoͤnheit, ein recht widriges Ausſehen be⸗ kam. Wenn ſie wußte, daß ihren Schwiegere Blumenköoͤrbchen. 7 aͤltern etwas angenehm ſeyn wuͤrde, ſo that ſie es durchaus nicht, und den ausgedingten Lebens⸗ unterhalt gab ſie ihnen nur ſehr kaͤrglich und mit Unwillen. Sie machte ihnen tauſend Verdruß, und zaͤhlte ihnen gleichſam jeden Biſſen in den Mund. Die guten alten Leute zogen ſich in das kleine Hinterſtuͤbchen zuruͤck, und kamen wenig mehr in die vordere Stube. Dem jungen Manne ging es um nichts beſ⸗ ſer. Das rohe Weib gab ihm die groͤbſten Reden und hundertmal des Tages warf ſie ihm ihr gro⸗ ßes, eingebrachtes Vermoͤgen vor. Wollte er nicht den ganzen Tag in Zank und Streit leben, ſo mußte er dulden und ſchweigen. Sie wollte nicht einmal zugeben, daß er ſeine alten Aeltern beſuche, weil ſie fuͤrchtete, er moͤchte ihnen, wie ſie ſich ausdruͤckte, heimlich etwas zuſtecken. Er wagte es nur mit erſchrockenem Herzen abends nach vollbrachter Arbeit zu ihnen zu gehen. Sie ſaßen faſt allemal traurig ſo beyſammen auf der Bank, und er ſetzte ſich zu ißnen und klagte ih⸗ nen ſeine Noth. „Ja, ja! ſagte der alte Bauer, ſo gehts. Du Mutter haſt dir von dem Glanze des vielen Geldes, und du, mein Sohn, von den rothen Wangen die Augen verblenden laſſen, und ich war gegen eure Bitten zu nachgiebig. Da ſind wir nun alle drey mit einander geſtraft. Wir * — 99— haͤtten dem guten Rath des alten Jakobs folgen ſollen. Dem klugen Manne wollte die Heirath nie gefallen, als noch bey ſeinem Leben die Rede davon ging. Ich weiß noch alle ſeine Worte gar wohl, und habe ſchon tauſendmal daran ge⸗ dacht.“ „Weißt du noch, Mutter? Du ſagteſt ein⸗ mal: Zehn tauſend Gulden ſind aber doch ein ſchodnes Geld. Allein Jakob ſagte: Ein ſchoͤnes Geld nun wohl nicht. Die Blumen im Garten da draußen vor dem Fenſter ſind tauſendmal ſcho⸗ ner. Ein ſchweres Geld habt Ihr vielleicht ſagen wollen. Das iſt es gewiß, und es gehdren ſtar⸗ ke Schultern dazu, es zu tragen, daß es einen nicht in den Boden druͤcke, und einen kruͤppel⸗ haften, elenden Menſchen, der ganz irdiſch ge⸗ ſinnet iſt, aus einem mache. Warum trachtet Ihr denn nach ſo vielem Gelde? Es aiſt Euch ja bisher nichts abgegangen; Ihr hattet immer noch etwas uͤbrig. Glaubt mir, zu vieles Gut macht Uebermuth. Zu vieler Regen, ſo wohl⸗ thaͤtig und nothwendig der Regen auch iſt, kann das geſuͤndeſte Gewaͤchs im Garten zu Grunde richten. Das ſind die Worte des ſeligen Jakobs genau— und mir iſts, ich hoͤre ihn noch.“ „Und du, mein Sohn, ſagteſt einmal: Aber eine recht ſchoͤne Perſon iſt ſie doch, bluͤ⸗ 9* — 100— hend wie eine Roſe! Allein der vernuͤnftige Ja⸗ kob ſagte: Eine Blume iſt aber nicht bloß ſchoͤn; ſie vereiniget mit dem Schoͤnen auch Gutes. Sie giebt uns die edelſten Geſchenke, das reine Wachs und den koͤſtlichen Honig. Eine ſchoͤne Geſtalt ohne Tugend iſt eine papierne Roſe, ein elendes, todtes Ding, ohne Duft und Leben, ohne Wachs und Honig. Dieß ſagte der redliche Jakob; wir wollten aber nicht hoͤren. Nun muͤſſen wir fuͤh⸗ len. Was uns damals das groͤßte Gluͤck ſchien, iſt jetzt unſer groͤßtes Ungluͤck. Gott gebe uns ſeine Gnade, es geduldig zu tragen; anders iſt jetzt nichts mehr zu machen.“ So ſprachen die drey mit einander.— Der armen Marie ging es nun auch ſehr hart. Weil die alten Leute das kleine Stuͤbchen ſelbſt bezogen, ſo hatte ſie es raͤumen muͤſſen. Die junge Baͤuerin wies ihr, obwohl ein Paar huͤbſche Kammern leer ſtanden, aus Bosheit die elendeſte im Hauſe an, fuͤgte ihr alles erdenkliche Herzenleid zu und plagte ſie unbeſchreiblich. Den ganzen Tag zankte ſie in ſie hinein, und Marie konnte ihr nie genug arbeiten und nicht das Ge⸗ ringſte recht machen. Die arme Waiſe fuͤhlte es nur zu gut, daß ſie in dem Hauſe ſehr unwerth und uͤberlaͤſtig ſey. Die alten Leute konnten ihr wenig Troſt geben; ſie hatten mit ſich ſelbſt zu ——— thun. Gar oft kam ihr daher der Gedanke, wei⸗ ter zu gehen. Allein wo ſollte ſie hin? Sie fragte den Herrn Pfarrer zu Erlenbrunn um Rath. Dieſer vernuͤnftige Geiſtliche ſagte ihr:„Auf dem Tannenhofe iſt Ihres Bleibens fernerhin nicht mehr, meine gute Marie! Ihr ſeliger Vater hat Ihr eine vortreffliche Erziehung gegeben und Sie alles lernen laſſen, was fuͤr eine buͤrgerliche Haushaltung noͤthig iſt; allein auf dem Tannenhofe fordert man von Ihr die Dien⸗ ſte einer ruͤſtigen Bauernmagd; man beladet Sie mit Arbeiten, die uͤber Ihre Kraͤfte gehen und Ihr nicht angemeſſen ſind. Indeß rathe ich Ihr nicht, jetzt ſogleich zu gehen, und auf das Ungewiſſe in die Welt hinaus zu wandern. Der beſte Rath duͤrfte dieſer ſeyn, fuͤr jetzt noch zu bleiben, ſo viel zu arbeiten, als Sie kann, zu bethen, auf Gott zu vertrauen, und zu warten, bis Gott Sie aus Ihrer bedraͤngten Lage befreyen wird. Gott, der Sie fuͤr einen andern Kreis erziehen ließ, wird Sie auch in einen andern Kreis zu verſetzen wiſſen. Ich werde verſuchen, Ihr bey einer chriſtlichgeſinnten und rechtſchaffenen Buͤr⸗ gersfamilie einen Dienſt auszumitteln. Bethe Sie und vertraue Sie auf Gott; halte Sie aus in der Pruͤfung— und Gott wird alles wohl machen.“ Marie dankte fuͤr den guten Rath, und verſprach ihn zu befolgen. Das liebſte Plaͤtzchen auf Erden war ihr das Grab ihres Vaters. Sie hatte einen Roſenſtrauch auf das Grab gepflanzt.„Ach, ſagte ſie, als ſie ihn weinend dahin ſetzte, wenn ich nur immer hier ſeyn koͤnnte; ich wollte ihn mit meinen Thraͤ⸗ nen begießen, daß er gewiß bald gruͤnen uund bluͤ⸗ hen ſollte!“ Der Roſenſtrauch war jetzt mit gruͤnen Blaͤt⸗ tern geſchmuͤckt und die purpurnen Knospen fin⸗ gen bereits an, ſich zu oͤffnen.„Wohl hatte mein Vater Recht, ſprach Marie, da er mir ſagte:„Das menſchliche Leben gleicht einem Ro⸗ ſenſtocke. Bisweilen iſt er ganz duͤrre und kahl, und man ſieht nichts daran als Doͤrner. Aber wenn man nur warten kann, ſo kommt die Zeit auch wieder, wo er mit friſchem Laube bekleidet, und voll der ſchoͤnſten Roſen iſt.“ Die Zeit der Dornen iſt jetzt fuͤr mich— aber ich will unver⸗ zagt ſeyn; ich will deinem Worte glauben, gu⸗ ter Vater! Dein Sprichwort geht doch vielleicht auch an mir noch in Erfuͤllung:„Geduld bringt Roſen.“ Vierzehntes Kapitel. Mariens Verſtoßung. Unter den mancherley Leiden, die Marie zu dulden hatte, kam nun der fuͤnf und zwanzigſte Julius, der Namenstag ihres ſeligen Vaters. Dieſer Tag war ſonſt immer ein Freudentag fuͤr ſie: allein dieſes Mal begruͤßte ſie den anbre⸗ chenden Morgen, der hell und golden in ihre Kammer ſtrahlte, mit Thraͤnen. Sie hatte eh⸗ mals an dieſem Tage ihrem Vater allemal irgend eine Freude gemacht; ihm ein Geſchenk, das ſie ſelbſt heimlich verfertigte, uͤberreicht, ihm eine beſondere Speiſe bereitet, eine Flaſche Wein vor⸗ geſetzt, und den reinlich gedeckten Tiſch mit Blu⸗ men geziert. Sie haͤtte ihre Liebe zu ihm auch jetzt noch gerne an den Tag gelegt. Die Land⸗ leute der Gegend hatten den Gebrauch, die Graͤ⸗ ber geliebter Freunde, beſonders an ſolchen Ge⸗ daͤchtnißtagen, mit Blumen zu zieren; ſie hatten Marien oft um Blumen gebethen, die ſie ihnen allemal ſehr gerne gab. Es kam ihr daher der Gedanke, das Grab ihres Vaters auch mit Blu⸗ — 104— men zu ſchmuͤcken. Das niedliche Koͤrbchen, das zu ihrem harten Schickſale den erſten Anlaß ge⸗ geben hatte, ſtand auf dem Kaſten und fiel ihr in die Augen. Sie nahm es, fuͤllte es in dem Garten mit farbig en Blumen und friſchem Gruͤn, gieng damit eine Stunde fruͤher, als der Gottes⸗ dienſt anfing, nach Erlenbrunn, und ſtellte das Koͤrbchen auf das Grab ihres Vaters. Ihre Thraͤnen troͤpfelten auf die Blumen, und ſchim⸗ merten wie Thau daran.„Du guter, lieber Va⸗ ter, ſagte ſie, du haſt alle meine Lebenswege mit Blumen beſtreut, und ich kann es dir nicht ver⸗ gelten; ich will wenigſtens dein Grab mit Blu⸗ men zieren!“ Sie ließ das Koͤrbchen auf dem Grabe ſtehen; ſie durfte nicht fuͤrchten, daß man die Blumen oder das Koͤrbchen entwende. Die Landleute betrachteten vielmehr das Blumenkoͤrb⸗ chen mit wehmuͤthiger Freude, ſegneten in ihrem Herzen die gute Tochter, und wuͤnſchten dem frommen Vater die Ruhe des Himmels. Sogleich am folgenden Tage, da die Leute auf dem Tannenhofe, von der großen Wieſe jen⸗ ſeits des Waldes, das Heu hereinbrachten, kam ein Stuͤck feine Leinwand weg, das in dem Grasgarten naͤchſt dem Hauſe zum Bleichen aus⸗ geſpannt war. Die junge Baͤuerin, die es erſt gegen Abend vermißte, und die, wie alle geizi⸗ gen Leute, ſehr argwoͤhniſch war, hatte ſogleich —-—-— 1 — 105— Marien im Verdachte. Der gute Jakob hatte aus der Geſchichte mit dem Ringe eben kein Ge⸗ heimniß gemacht, und ſie den alten Leuten ver⸗ traut. Der Sohn, der auch darum wußte, er⸗ zaͤhlte ſie, was freylich unbeſonnen war, der jungen Baͤuerin. Da nun Marie Abends, ihren Rechen uͤber der Schulter und einen irdenen Krug in der Hand, mit den Maͤgden in das Haus trat, kam die junge Baͤuerin, grimmig wie ein Drache, aus der Kuͤche heraus, fuhr Marien mit den rauheſten Worten an, und forderte die Lein⸗ wand von ihr. Marie ſagte beſcheiden, daß ſie die Leinwand unmoͤglich haben koͤnne, da ſie, wie alle Leute im Hauſe, den ganzen Tag bey dem Heumachen geweſen ſey. Waͤhrend die Baͤuerin kochte, habe gar leicht irgend ein fremder Menſch die Lein⸗ wand entwenden koͤnnen. So war es auch wirk⸗ lich gegangen. Allein die Baͤuerin ſchrie fuͤrch⸗ terlich:„Du Diebin! Meyneſt du, ich wiſſe es nicht, daß du den Ring geſtohlen haſt, und mit genauer Noth dem Schwerte des Scharfrichters entronnen biſt? Auf der Stelle packe dich aus dem Hauſe. Unter meinem Dache iſt kein n Pla fuͤr ein ſolches Geſindel. 7 Der junge Bauer ſagte:„So ppät wirſt 4 du ſie doch nicht mehr fortſchicken! Die Sonne iſt ja bereits unter gegangen. Laß iir doch ch — 106— mit uns zu tAbend eſſen, da ſie den ganzen Tag in der großen Hitze draußen fuͤr uns gearbeitet hat— und behalte ſie nur noch dieſe Nacht.“ „Keine Stunde mehr, ſchrie das raſende Weib, und du ſchweigſt gleich, oder ich hole ein brennendes Scheid aus der Kuͤche, und ſtopfe dir damit das Maul.“ Der Mann ſah, daß er durch Zureden nur uͤbel aͤrger machen wuͤrde, und ſchwieg. Marie aber erwiederte die Laͤſte⸗ rungen nicht; ſie packte das Wenige, was ſie hatte, in ein weißes Tuch, worin es wohl Raum fand, zuſammen, nahm das Buͤndelein unter den Arm, dankte weinend fuͤr alles auf dem Tannenhofe empfangene Gute, betheuerte noch einmal ihre Unſchuld, und bath nur noch um die Erlaubniß, von den guten, alten Leuten Abſchied nehmen zu duͤrfen.„Den kannſt du nehmen, ſagte die junge Baͤuerin hoͤhniſch, und wenn du gleich die beyden Graukopfe ſelbſt mit⸗ nehmen willſt, ſo iſt es mir noch lieber. Der Tod hat, wie es ſcheint, ohnedem noch lange keine Luſt, ſie zu holen.“ Die beyden guten Leute hatten den Laͤrm bereits gehoͤrt und weinten beyde. Sie troſteten indeß Marien, ſo gut ſie konnten, und gaben ihr alles Geld, das ſie eben hatten und das ei⸗ nige Gulden betrug, mit auf den Weg.„Geh, gutes Kind, ſagten ſie, und Gott ſey mit dir. 1 —— —y——— — 107— Der Segen deines Vaters iſt ein heimlicher Schatz fuͤr dich, der zu rechter Zeit ſchon noch zum Vorſchein kommen wird. Denke an uns, es geht dir gewiß noch wohl.“ Marie ging in der Abenddaͤmmerung, mit ihrem Buͤndelein unter dem Arme, den ſchmalen SFußſteig am waldigen Huͤgel hinauf. Sie wollte ihres Vaters Grab noch einmal beſuchen. Da ſie aus dem Walde heraus kam, laͤutete man in dem Dorfe eben die Abendglocke, und bis ſie auf dem Kirchhofe ankam, war es bereits Nacht. Allein es war ihr gar nicht ſchauerlich, bey Nacht ſo unter den Graͤbern zu wandeln. Sie ging zu dem Grabhuͤgel ihres Vaters, und weinte, daß eine Zaͤhre die andere ſchlug. Der Vollmond ſchien gerade zwiſchen den zwey ſchwarzen Tan⸗ nen hindurch, und erhellte mit ſeinem blaſſen Silberlichte die Roſen des Grabes und das Blu⸗ menkoͤrbchen, das noch auf dem Grabe ſtand. Die Abendluft rauſchte leiſe in den Aeſten der Tannen, und bewegte hie und da ein Blaͤttchen des Roſenſtockes auf dem Grabe. Sonſt war es ſtille, wie es unter den Graͤbern zu ſeyn pflegt. „Du guter Vater, ſagte Marie, ach, daß du noch lebteſt, und daß deine arme Marie ihre Noth dir klagen kdunte! Doch— es iſt gut, und ich danke Gott, daß du dieſen neuen Jam⸗ mer nicht erlebt haſt! Dir iſt nun wohl und — 109— dich ruͤhrt kein Leid mehr an. O waͤre ich bey dir!— Ach ſo ungluͤcklich, wie jetzt, war ich doch in meinem Leben noch nie! Damals, als der Mond durch das eiſerne Gitter in mein Ge⸗ faͤngniß ſchien, lebteſt doch du noch, liebſter Vater, aber jetzt ſcheint er auf dein Grab! Da⸗ mals, als ich aus meiner lieben Heimath ver⸗ trieben wurde, hatte ich doch dich noch— o ei⸗ nen ſo guten Vater, einen ſo treuen Beſchuͤtzer und Freund! Jetzt aber habe ich gar niemand mehr; arm, verlaſſen, in einem boͤſen Verdach⸗ te, uͤberall fremd, bin ich ganz allein in der Welt und habe nirgends eine Heimath. Sogar von dem einzigen Plaͤtzchen auf Erden, das mir noch uͤbrig iſt, werde ich vertrieben. Sogar der letzte Troſt, dann und wann an deinem Grabe zu weinen, wird mir genommen.“ Sie brach aufs neue in einen Strom von Thraͤnen aus. „O lieber Gott, rief ſie hierauf und ſank auf ihre Kniee, beſter Vater im Himmel, blicke doch von Deinem hohen Himmel herab auf eine arme verlaſſene Waiſe, die auf dem Grabe ihres Vaters weint— und erbarme Dich meiner! Wo die Noth am hoͤchſten iſt, iſt Deine Huͤlfe ja im⸗ mer am naͤchſten. Mein Jammer koͤnnte ja gar nicht groͤßer ſeyn, und mein Herz moͤchte mir beynahe zerſpringen! O zeige es mir, daß Dein Arm nicht verkuͤrzt iſt, verherrliche Deine Guͤte 3. —— . —yy y— —..—— — 109— an mir, verlaß doch Du mich nicht; denn ich habe ja doch niemand mehr, als Dich. Nimm mich hinauf zu Dir, wo meine guten Aeltern ſind— oder ſende mir nur ein Troͤpflein Troſt in mein verſchmachtendes Herz! Du laͤſſeſt ja die ſchmachtenden Bluͤmlein, die an der gluͤhenden Sonnenhitze den Tag uͤber welk und matt ge⸗ worden ſind, ſich jetzt an dem kuͤhlen Mondlichte wieder erholen, und erquickeſt ſie reichlich mit erfriſchendem Thau! O erbarme— erbarme Dich meiner!“ Sie weinte aufs neue heiße Thraͤ⸗ nen. „Was ſoll ich nun heute noch anfangen, ſagte ſie nach einer Zeit, und wo will ich noch hingehen? Ach, ich getraue mir nicht, ſo ſpaͤt noch in irgend einem Hauſe um eine Nachther⸗ berge anzuſprechen. Wenn ich erzaͤhlte, warum man mich fortgeſchickt habe, ließe man mich viel⸗ leicht ohnehin nirgends hinein.“ Sie blickte umher. An der Kirchhofmauer, ſogleich neben dem Grabe ihres Vaters, lag ein alter, bemooster Grabſtein. Da ſeine Inſchrift laͤngſt vergangen, und er ſonſt im Wege war, hatte man ihn dahin gelegt, und ihn als eine Bank benuͤtzt.„Auf dieſen Stein hier will ich mich niederſetzen, ſagte ſie, und bey dem Grabe meines Vaters uͤbernachten. Vielleicht bin ich doch das letzte Mal hier, und ſehe dieſes gelieb⸗ — 110— te Grab in meinem Leben nicht mehr. Morgen, bevor der Tag anbricht, will ich dann in Gottes Namen weiter— wohin ſeine Hand mich fuͤhren wird.“ Fünfzehntes Kapitel. Es kommt Hülfe vom Hirmel. Marie ſetzte ſich auf den Stein an der Mauer in den dunkeln Schatten der uͤberhaͤngen⸗ den Tannenaͤſte, und verhuͤllte ihr Geſicht mit ihrem Tuche, das ſie ſchon ganz naß geweint hatte. Ihr Innerſtes war tief geruͤhrt, und ſie bethete ſo innig, ſo heiß, daß es keine Lippe wie⸗ der erzaͤhlen koͤnnte. „O Gott, ſchluchzte ſie einmal, haſt Du denn keinen Engel, der mir den Weg zeige, wo⸗ hin ich mich wenden ſolle?⸗“ Da war es auf einmal, als nenne eine lieb⸗ liche Stimme ſie vertraulich bey ihrem Namen: „Marie! Marie!“ Sie blickte auf und er⸗ ſchrack. Eine helle Geſtalt, ſchoͤn und ſchlank wie ein Engel des Himmels— mit Augen, die von himmliſcher Freundlichkeit glaͤnzten, mit —— —[ð 8B 22 Wangen, die von dem ſanfteſten Roth, ſchoͤner als Pfirſichbluͤthe, wie angehaucht waren, das Haupt und die Schultern von goldenen Locken umfloſſen, in einem langen Kleide weiß wie Schnee— ſtand wie verklaͤrt im vollen Monden⸗ lichte klar und deutlich vor ihr. Marie ſchauder⸗ te zuſammen, ſank zitternd auf die Kniee und rief:„O Gott, was ſeh' ich! Einen Engel des Himmels, der mir zu helfen kommt.“ „Liebe Marie! ſagte die Geſtalt freundlich, ich bin kein Engel des Himmels. Ich bin ein Menſch, wie du. Aber ich komme dennoch dir zu helfen. Gott hat dein frommes Gebeth erhoͤrt. Sieh mich nur recht an; kenneſt du mich denn 8* nicht mehr?“.: „Gott im Himmel, rief Marie, ja, Sie ſind es— Graͤfin Amalia! O wie kommen Sie hieher, gnaͤdige Graͤfin— hieher, an dieſen ſchauerlichen Ort, zu dieſer naͤchtlichen Stunde, ſo viele Meilen von Ihrem Wohnorte?“ Graͤfin Amalia hob Marien ſanft von der Erde auf, ſchloß ſie in ihre Arme, kuͤßte ſie un⸗ ter Thraͤnen und ſagte:„Liebe, gute Marie! wir haben dir ein großes Unrecht gethan! Die Freude, die du mir einſt mit dem niedlichen Koͤrbchen hier machteſt, iſt dir uͤbel belohnt wor⸗ den. Deine Unſchuld iſt aber entdeckt. O kannſt — 112— du uns, kannſt du meinen Aeltern und mir ver⸗ zeihen? Sieh, wir wollen alles, ſo viel wir es noch koͤnnen, wieder gut machen. Verzeih uns, liebe Marie!“ Marie ſagte weinend:„Reden Sie doch nicht ſo, gnaͤdige Graͤfin. Sie haben unter je⸗ nen Umſtaͤnden noch ſehr ſchonend an uns ge⸗ handelt. O es kam mir nie in den Sinn, einen Groll gegen Sie zu hegen. Ich dachte immer mit Liebe an Ihre Guͤte. Was mich ſchmerzte, war nur einzig dieß, daß Sie— Sie, edle Graͤfin und Ihre theuern Aeltern mich fuͤr ſchlecht und undankbar halten mußten. Ich wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als daß Sie meine Unſchuld noch ein⸗ mal erkennen moͤchten, und dieſen Wunſch hat nun Gott erfuͤllt. Ihm ſey Dank!“ Die Graͤfin hielt Marien noch lange um⸗ armt, und benetzte ihr Angeſicht mit Thraͤnen. Dann blickte ſie auf das Grab zu ihren Fuͤßen, faltete die Haͤnde und rief mit inniger Weh⸗ muth:„O du lieber, guter Mann, deſſen Huͤlle hier in der Erde verweſet, den ich von meiner zarteſten Kindheit an liebte, der noch den Wie⸗ genkorb machte, in dem ich als ein Kind lag, deſſen letztes Geſchenk zu meinem Geburtstage das Koͤrbchen war, das hier auf dem Grabe ſteht—— o daß du noch lebteſt, daß ich dein 1 3 An⸗ — 113— Angeſicht noch einmal ſehen, und die Beleidi⸗ gung, die wir dir anthaten, dir abbitten koͤnnte! Ach Gott, wenn wir mit mehr Ueberlegung ge⸗ handelt, und mehr Zutrauen in deine ſo lange gepruͤfte Treue geſetzt haͤtten, du redlicher, al⸗ ter Diener, ſo moderte deine Huͤlle nicht hier, ſo waͤreſt du wohl gar noch am Leben und wandel⸗ teſt noch unter uns! O verzeih uns; ſieh, ich gelobe es in dem Namen meiner Aeltern hier an deinem Grabe: Was wir dir nicht mehr erſetzen koͤnnen, das wollen wir doppelt an deiner Toch⸗ ter verguͤten! O verzeih uns— verzeih uns!“ „Ach, gnaͤdige Graͤfin! ſagte Marie, mein Vater hatte nie die geringſte Bitterkeit gegen ſeine gnaͤdige Herrſchaft. Er ſchloß ſie alle Morgen und alle Abende in ſein Gebeth ein, wie er es ſchon zu Eichburg gewohnt war. Er ſegnete ſie noch im Tode.„Marie, ſagte er kurz vor ſeinem Ende, ich glaube feſt, unſere gnaͤdige Herrſchaft werde deine Unſchuld noch einmal erkennen und dich aus deiner Verbannung wieder zuruͤck rufen. Verſichere alsdann den ed⸗ len Grafen, und die guͤtige Graͤfin, und den Engel Amalia, den ich, als ſie noch ein Kind war, oft auf meinen Armen trug, daß mein Herz voll Verehrung, Liebe und Dankbarkeit ge⸗ Blumenkorbchen⸗ 89 gen ſie war, bis es brach. Gewiß, gnaͤdige Graͤfin, das ſind ſeine Worte.“ 3 Die gute Graͤfin weinte noch mehr. Endlich ſagte ſie:„Komm, Marie, ſetze dich hier neben mich auf dieſen Stein. Ich kann mich noch nicht von dieſem Grabe trennen. Es iſt ſo traulich hier, wie in Gottes Heiligthum, und der Se⸗ gen deines Vaters ſchwebt hier uͤber uns!“ „ Sechzehntes Kapitel. Wie Gräfin Amalia hieher gekommen. „Gott iſt recht augenſcheinlich mit dir, liebe Marie! ſagte die Graͤfin Amalia, nachdem ſie ſich mit Marie auf den Stein geſetzt, und ſie mit dem Arme umſchlungen hatte. Er hat mich wunderbar hieher gefuͤhrt, um dir zu helfen. Wie das zuging, muß ich dir vor allem Andern erzaͤhlen. Es fuͤgte ſich ſehr natuͤrlich und ein⸗ fach, und doch ſehr wunderbar und goͤttlich ſchoͤn!“ „Von der Zeit an, da deine Unſchuld ent⸗ deckt war, hatte ich keine Ruhe mehr. Du und 3 I ——/—⸗—x:———x—x—— — — 115— dein Vater lagen mir immer im Sinne. Glaube mir, liebe Marie, ich habe manche Thraͤne um euch geweint. Meine Aeltern ließen uͤberall nach euch forſchen; wir konnten aber nie etwas von euch erfragen. Vor einem Paar Tagen kam ich nun mit meinem Vater und meiner Mutter auf dem fuͤrſtlichen Jagdſchloſſe an, das dort am Walde, nicht weit vom Dorfe, liegt, und wohl ſchon ſeit zwanzig Jahren nicht mehr beſucht, und nur von einem Foͤrſter bewohnt wird. Mein Vater, der, wie du weißt, Oberſt⸗Forſtmeiſter iſt, hat da eben eine Streitigkeit, die Graͤnzen der fuͤrſtlichen Waldungen betreffend, zu berich⸗ tigen. Er brachte heute, mit den zwey fremden Herren, die in der naͤmlichen Angelegenheit hie⸗ her kamen, den ganzen Tag im Walde zu. Meine Mutter mußte abends mit den Frauen und einer Fraͤulein Tochter dieſer Herren, die mit gekommen waren, ein Spiel machen. Ich war froh, daß man mich dabey nicht noͤthig hat⸗ te; denn ich liebe dieſe Art von Bergnugen nicht. Der Abend war nach dem heißen Tage ſo ſchoͤn, ſo kuͤhl und angenehm; die Sonne ging ſo lieblich unter, die Berge umher voll rauher Tannenwaldungen und hie und da mit maleri⸗ ſchen Felſen abwechſelnd, gewaͤhrten mir einen ſo neuen Anblick und gefielen mir ſo ſeht, daß ich 2 — 116— mir die Erlaubniß ausbat, die Gegend noch ein wenig in Augenſchein zu nehmen. Die Tochter „2„ des Foͤrſters begleitete mich.“ „Wir gingen durch das Dorf; die Thuͤre des Kirchhofes ſtand offen. Die Grabſteine wa⸗ ren vom Golde der ſinkenden Sonne beleuchtet. Fuͤr mein Leben gern las ich von Kindheit an die Inſchriften und Reime auf den Graͤbern. Ich konnte ſehr geruͤhrt werden, wenn ich da las, wie ein Juͤngling oder eine Jungfrau in der ſchoͤnſten Bluͤthe des Lebens geſtorben war, und ich empfand eine Art wehmuͤthiger Freude, wenn ich fand, wie da ein Mann oder eine Frau ein recht hohes Alter erreicht hatte. Auch die Rei⸗ me, obwohl ſie mir manchmal mehr gut gemeynt als gut gemacht ſchienen, erregten dennoch man⸗ che edle Empfindung in mir, und ich nahm im⸗ mer einige gute Gedanken und Entſchluͤſſe mit auf den Weg.“ 128 4„Wir gingen alſo hinein. Nachdem ich die meiſten Grabſchriften durchgangen hatte, ſagte mir die Forſterstochter:„Nun will ich Ihnen noch etwas recht Schoͤnes zeigen— das Grab eines armen Mannes, das zwar kein Denkmahl und keine Grabſchrift hat, das aber die kindliche Liebe ſeiner Tochter ſehr lieblich und freundlich zu zieren weiß. Sehen Sie dort in dem dunkeln Schatten der Tannen den bluͤhenden Roſenſtock V ———— —— — 117— und das niedliche Koͤrbchen voll Blumen auf dem Grabe!“ Ich ging hin— und blieb wie ver⸗ ſteinert ſtehen. Den erſten Augenblick erkannte ich das Koͤrbchen, deſſen ich mich wohl viele hundert Male ſeit deiner Verſtoßung aus Eich⸗ burg erinnert habe. Ich betrachtete es naͤher; es war es genau, und wenn ich noch haͤtte zwei⸗ feln koͤnnen, ſo haͤtten mir doch die Anfangs⸗ buchſtaben meines Namens und mein Wappen keinen Zweifel mehr uͤbrig gelaſſen. Ich erkun⸗ digte mich nach deiner und deines Vaters Ge⸗ ſchichte. Die Forſterstochter erzaͤhlte mir von eurem Aufenthalte auf dem Tannenhofe, von dei⸗ nes Vaters letzter Krankheit, von deiner Trauer uͤber ſeinen Tod. Ich eilte zu dem Herrn Pfar⸗ rer, an dem ich einen ſehr ehrwuͤrdigen Geiſt⸗ lichen kennen lernte. Er beſtaͤtigte alles, und er⸗ zaͤhlte mir viel, viel Gutes von euch. Ich woll⸗ te ſogleich auf den Tannenhof gehen. Allein uͤber der Erzaͤhlung des edlen Pfarrers war die Zeit ſo ſchnell verfloſſen, daß es bereits Nacht war. „Was iſt zu machen? ſagte ich. Heute iſt es freylich zu ſpaͤt, mich auf den Hof zu begeben, und morgen mit Anbruch des Tages reifen wir ab.“ Der Pfarrer ließ ſeinen Schullehrer kom⸗ men, und gab ihm den Auftrag unverzuͤglich auf den Tannenhof zu gehen, und dich in den Pfarr⸗ hof zu bringen.“ — „Das arme fremde Maͤdchen? ſagte der Schullehrer. Da darf ich nicht ſo weit gehen, ſie zu holen. Die iſt eben wieder bey dem Gra⸗ be ihres Vaters, und weint und jammert dort. Ach, das arme Kind! Wenn es nur nicht gar noch aus Traurigkeit in eine Gemuͤthskrankheit verfaͤllt! Ich ſah ſie durch die Oeffnung des Thurmes, als ich nach dem Laͤuten der Abend⸗ glocke noch etwas an der Thurmuhr machte, um das alte Werk, doch wenigſtens ſo lange die gnaͤdigen Herrſchaften da ſind, im Gan halten.“ „ Der Pfarrer wollte mich zum Grabe deines Vaters begleiten. Allein ich bath ihn, mich ganz allein zu dir zu laſſen, damit ich dich ohne Zeugen und ganz nach meinem Herzen bewillkom⸗ men koͤnnte; indeß erſuchte ich ihn dringend, zu meinen Aeltern zu gehen, ihnen zu ſagen, wo ich waͤre, und ſie auf deine Ankunft vorzuberei⸗ ten. Daher, liebe Marie, kam alſo meine ploͤtz⸗ liche Erſcheinung. So hat das Blumenkoͤrbchen unter Gottes Leitung uns hier an dem Grabe deines verklaͤrten Vaters wieder zuſammen ge⸗ fuͤhrt.“ 3 „Ja, ſagte Marie, indem ſie die Haͤnde faltete und dankbar zum Himmel aufblickte, das Er hat ſich meiner Thraͤ⸗ nen, meiner aͤußerſten Verlaſſenheit erbarmt. hat Gott ſo gefuͤgt. 118— ——— ———;— — 119— O, wie guͤtig, wie liebreich iſt Er gegen mich! Man ſagt freylich, Gott ſende keine Engel mehr, leidenden Menſchen zu helfen. Allein ich weiß es nun aus Erfahrung: Er ſendet noch Engel — edle Seelen voll Menſchlichkeit und Gefuͤhl, die ſich der Leidenden thaͤtig annehmen, wie Graͤ⸗ fin Amalia. Ja, Gott lenkt ihre Tritte und fuͤhrt ſie an Ort und Stelle, wo ihre Gegenwart entzuͤckt und troͤſtet, wie die Erſcheinung eines Engels⸗ A2 Amalia unterbrach Marien und ſprach: „Noch Eins muß ich dir ſagen, liebe Freundin, was mich in dieſer Geſchichte noch ganz eigens ruͤhrt, und einen ehrerbietigen Schauder uͤber Gottes heilige Gerechtigkeit, die oft unbemerkt unſere Schickſale lenket, in mir erregt. Sieh! Jettchen, die groͤßte Feindin, die du auf Erden haſt, ſann und dachte auf nichts anders, als dich aus meinem Herzen zu verdraͤngen, um ſich in ihrer Stelle recht feſt zu ſetzen. Deßhalb erſann ſie die boshafte Luͤge— und ihr boͤſer Anſchlag ſchien ihr auch wirklich ſchon ganz gelungen. Allein in der Folge ward, wie du noch hoͤren ſollſt, eben dieſe Luͤge die Urſache, daß ſie unſer aller Zutrauen und ihre Stelle auf immer ver⸗ lor, und daß du unſern Herzen unendlich theurer wurdeſt. Sie ſuchte dich auf immer von mir zu trennen; ſie triumphirte ſchon uͤber deine lebens⸗ Ausbruche ihrer Bosheit und Schadenfreude, das Koͤrbchen hier mit Hohnlachen vor die Fuͤße; al⸗ lein gerade dieſe boshafte Handlung ward in der Folge— was ihr damals wohl nicht einfiel— die Urſache, uns fuͤr immer mit einander zu ver⸗ einigen. Denn dieſes Koͤrbchen hier war es ja, was mir deinen verborgenen Aufenthalt entdeckte. So bleibt es wahr, daß uns, wenn wir anders Gott lieben, kein Feind ſchaden kann, daß Gott alles Boͤſe, dat boͤſe Menſchen uns nur immer anthun koͤnnen, am Ende zu unſerm Beſten lenkt, und daß ſo unſere aͤrgſten Feinde bey al⸗ lem, was ſie nur immer zu unſerm Berderben erſinnen und ausuͤben koͤnnen, im Grunde nur immer an unſerm Gluͤcke arbeiten. Das Heil kommt aus den Feinden!— gilt auch hier.“ „Aber nun mußt auch du mir erzaͤhlen, ſprach die Graͤfin weiter, wie du, gutes Kind, noch ſo ſpaͤt hieher zum Grabe kamſt, und war⸗ um du eben jetz wieder gar ſo Telſtleh wein⸗ teſt?“ 3B. Marie erzaͤhlte, wie ſchimpflich ſie auf dem Tannenhofe weggeſchickt wurde— und die gute Graͤfin erſtaunte aufs neue,„Ja. in der That, ſagte ſie, das hat Gott ſo gefͤgt, daß ich ge⸗ rade in dem Augenblicke, da du am allertraurig⸗ ſten wareſt, und ſe ſchmerzlich und mit ſo heißen laͤngliche Verbannung; fie warf dir, im hoͤchſten V Thraͤnen zu ihm um Huͤlfe flehteſt, hieher kom⸗ men mußte. Zugleich ſiehſt du hier eine neue auffallende Beſtaͤtigung meiner Worte, daß Gott das Boͤſe, das uns feindſelige Menſchen zufuͤgen, zu unſerm Beſten lenke. Die boͤſe Baͤuerin ver⸗ ſtieß dich aus ihrem Hauſe, und dachte dich un⸗ gluͤcklich zu machen. Allein wider Wiſſen und Willen fuͤhrte ſie dich mir und meinen guten Ael⸗ tern in die Arme, die alle wetteifern werden, dich gluͤcklich zu machen.“ „Allein jetzt, ſagte Amalfa, iſt es Zeit, daß wir gehen. Meine Aeltern erwarten mich. Komm alſo, liebe Marie; ich laſſe dich nicht mehr von meiner Seite, und morgen reiſeſt du mit uns.“ Marie, die mit Schmerzen daran dachte, daß ſie wohl niemals mehr in ihrem Le⸗ ben hieher kommen wuͤrde, nahm weinend von dem geliebten Grabe Abſchied, und konnte ſich kaum davon trennen. Die Graͤfin nahm ſie zu⸗ letzt ſanft beym Arme und ſagte:„Komm, komm, liebe Marie, und nimm das Blumen⸗ koͤrbchen mit dir, ſo haſt du doch wenigſtens ein beſtaͤndiges Andenken an deinen ſeligen Vater. Anſtatt des Koͤrbchens, womit deine kindliche Liebe ſein Grab zierte, wollen wir ihm ſchon ein ddauerhafteres Denkmahl ſetzen laſſen; du wirſt gewiß Freude daran haben. Komm, du biſt doch wohl neugierig, die Geſchichte des Ringes zu V ⸗ / — 122— vernehmen; auf dem Wege will ich ſie dir er⸗ zaͤhlen.“ Sie gingen endlich Arm in Arm bey dem ſanften Glanze des Mondes dem alten Schloſſe zu. — Siebenzehntes Kapitel. Der wieder gefundene Ring. —— Der Weg zum Schloſſe fuͤhrte durch eine lange duͤſtere Allee von hohen, uralten Linden⸗ baͤumen. Nachdem Amalia und Marie voll ſtil⸗ ler Ruͤhrung eine kleine Strecke gegangen waren, fing die junge Graͤfin an:„Nun muß ich dir doch die Geſchichte erzaͤhlen, wie der Ring wie⸗ der zum Vorſchein kam.“ „Wir reiſeten dieſes Jahr fruͤher als ſonſt, und zwar ſogleich in den erſten angenehmen Ta⸗ gen des Maͤrzes aus der Reſidenz nach Eichburg, weil die Geſchaͤfte meines Vaters es ſo nothwen⸗ dig machten. Kaum waren wir angekommen, ſo — wurde das Wetter wieder ſchlecht, und beſonders eine Nacht hindurch ſtuͤrmte und regnete es ganz entſetzlich.“ —— — 123— „Du kenneſt den ungeheuer großen Birn⸗ baum in unſerm Schloßgarten zu Eichburg. Er war ſchon ſehr alt, und trug wenig Fruͤchte mehr. Der Sturmwind hatte ihn in jener Nacht ſo gebeugt, daß er umzuſtuͤrzen drohte. Mein Vater befahl daher, ihn umzuhauen. Die ganze Dienerſchaft mußte Hand anlegen, ihn ſo vor⸗ ſichtig zu faͤllen, daß er den uͤbrigen Baͤumen keinen Schaden thue. Mein Vater, meine Mut⸗ ter, wir Kinder, und uͤberhaupt alle im Schloſſe waren in den Garten hinabgegangen und ſahen zu.“ „Als der Baum mit großem Gekrache nie⸗ dergeſtuͤrzt war, da ſprangen meine zwey kleinen Bruͤder ſogleich auf ein Dohlenneſt zu, das ſich auf dem Baume befand, und ſchon lange der Gegenſtand ihrer jugendlichen Neugierde war. Sie unterſuchten es mit großer Aufmerkſamkeit. „Potz tauſend, ſagte Auguſt, ſieh nur, Bruder, was da zwiſchen den eng in einander geflochtenen Reiſern ſo herrlich glaͤnzt!“„Das funkelt ja wie lauter Gold und Edelſteine!“ ſagte Al⸗ bert. Jettchen ſah neugierig hin— und that ei⸗ nen Schrey.„O Jeſu, der Ring!“ rief ſie, und wurde todtenblaß. Die Knaben loͤſeten den Ring aus den Zweigen heraus, und brachten ihn mit Jubelgeſchrey meiner Mutter.“ —ÿ—ÿ—ÿ—;—⁊y·ÿͤͤͤ „Ja, er iſt es! ſagte ſie. O du guter, ehrlicher Jakob, o du arme Marie, wie Unrecht haben wir euch gethan! Es iſt mir zwar ſehr wird es mir aber ſeyn, wenn wir Jakob und Marie wieder auffinden. Mit Freuden werde ich den Ring hergeben, das Unrecht, das wir ihnen zufuͤgten, zu verguͤten.“ „Aber wie in aller Welt, fragte ich, kommt doch der Ring da hinauf in das Vogelneſt auf den hoͤchſten Gipfel des Baumes?“ „Das will ich Ihnen ſogleich ſagen, ſprach der alte Jaͤger Anton, dem die Freudenthraͤnen in den Augen ſtanden, eure Unſchuld entdeckt zu ſehen. Daß weder der alte Gaͤrtner Jakob, noch ſeine Tochter Marie den Ring dahin verbergen konnten, iſt klar. Der Baum war zu hoch und der Gipfel fuͤr ſie faſt unmoͤglich zu erſteigen. Denn Marie war kaum aus dem Schloſſe heim⸗ gekommen, ſo wurde ſie nebſt ihrem Vater ge⸗ fangen geſetzt. Allein die ſchwarzen Voͤgel, die auf dem Baume niſteten, die Dohlen, lieben al⸗ les, was glaͤnzt, uͤber die Maaßen, und wo ſie etwas dergleichen erwiſchen koͤnnen, tragen ſie es flugs in ihr Neſt. Ein ſolcher Vogel hat den Ring entwendet, und dahin getragen. Das iſt nun ganz ausgemacht. Mich wunderts nur, daß *. lieb, daß der Ring gefunden iſt; noch lieber Auch haͤtte man ihnen nicht Zeit dazu gelaſſen. — ———— — 125— ich, als ein alter Jaͤger, nicht fruͤher auf den Gedanken gekommen bin, die Voͤgel koͤnnten den Ring geſtohlen haben. Allein es war nun ſchon einmal Gottes Wille ſo, daß ein ſo großes Leiden uͤber meinen alten Freund Jakob und ſeine Toch⸗ ter Marie kommen ſollte.“ „Meine Mutter ſprach:„Ihr habt voll⸗ kommen Recht, Anton, und jetzt iſt mir mit Einem Male die ganze Geſchichte klar. Ich er⸗ innere mich ſehr deutlich, daß die Voͤgel von dem hohen Birnbaume manchmal an das Fenſter her⸗ flogen, daß die Fenſter damals, als der Ring wegkam, eben offen ſtanden, daß jenes Tiſch⸗ chen, auf dem der Ring lag, ſich zunaͤchſt an dem Fenſter befand, und daß ich, nachdem ich die Thuͤre meines Wohnzimmers geriegelt hatte, eine geraume Zeit in meinem Nebenzimmer zubrachte. Unſtreitig hat alſo einer dieſer diebiſchen Voͤgel den Ring von dem Baume aus mit ſeinen ſchar⸗ fen Augen erblickt, und, waͤhrend ich im Neben⸗ zimmer verweilte, ihn unbemerkt im Schnabel da⸗ von getragen.“ „Mein Vater war ſehr betroffen und be⸗ ſtuͤrzt, als er ſo unerwartet zur vollkommenen Gewißheit gelangte, daß du und dein Vater un⸗ ſchuldig verurtheilt worden.„Es ſchmerzt mich in der Seele, ſprach er, daß wir den guten Leu⸗ ten ein ſo großes Unrecht angethan haben, und — 126— mein einziger Troſt iſt, daß es nicht aus boͤſem Willen, ſondern aus Unwiſſenheit und Irrthum geſchehen. Ich werde aber mein Haupt nicht ſauft niederlegen, bis wir die ehrlichen Leute aufgefunden, ihnen ihre geraubte Ehre wieder gegeben, und das ihnen zugefüͦgte Vniecht wie⸗ der verguͤtet haben.“ „Hierauf ging er auf Jettchen zu, die un⸗ ter den vielen froͤhlichen Geſichtern, die man um uns her erblickte, blaß und zitternd wie eine ar⸗ me Suͤnderin daſtand.„Du falſche betruͤgeriſche Schlange, rief er, wie konnteſt du dich unterſte⸗ hen, deine Herrſchaft und das Gericht ſo zu be⸗ luͤgen, und ſie zu einer ſo himmelſchreyenden Un⸗ gerechtigkeit zu verleiten? Wie konnteſt du es uͤber das Herz bringen, einen alten, ehrlichen Mann und ſein armes, unſchuldiges Kind in ein ſo großes Ungluͤck zu ſtuͤrzen?“ „Auf, und ergreift ſie!“ rief er den zwey Gerichtsdienern zu, die bey Faͤllung des Baumes mitgeholfen und ſich gleich zweyen Habichten be⸗ reits Jettchen genaͤhert, und die Augen auf mei⸗ nen Vater gerichtet hatten, ſeine Befehle zu ver⸗ nehmen. Er ſprach mit großem Ernſte weiter: „Die naͤmlichen Ketten legt ihr an, mit denen Marie gefeſſelt war; in ebendenſelben Kerker werft ſie, in dem Marie geſchmachtet hat. Sie ſoll die volle Zahl der Streiche bekommen, die — Marie unſchuldig dulden mußte; alles, was ſie an Geld und Kleidern zuſammen geſpart hat, ſoll ihr genommen werden, um vielleicht noch ein⸗ mal die widerrechtlich Beraubten damit zu ent⸗ ſchaͤdigen; wie ſie geht und ſteht ſoll ſie endlich von dem Gerichtsdiener hier, der Marien fort⸗ fuͤhrte, uͤber die Graͤnzen gewieſen werden.“ „Alle Leute, die da waren, erſchracken uͤber dieſe Worte, und ſtanden blaß und ſtillſchweigend umher. So aufgebracht hatten ſie meinen Vater noch nie geſehen, und ihn noch niemals mit ſol⸗ chem Eifer ſprechen gehoͤrt. Es herrſchte lange Zeit eine große Stille; endlich ließen ſie ihre Ge⸗ danken und Empfindungen laut werden. „Es geſchieht dir recht! ſagte der eine Ge⸗ richtsdiener, indem er Jettchen beym Arme faß⸗ te. Wer andern Gruben graͤbt, der faͤllt am Ende ſelbſt hinein.“ „Das hat man von Lug und Trug! ſprach der andere, indem er ſie beym andern Arm nahm. O, es bleibt doch wahr: Es iſt kein Faͤdelein ſo klein geſponnen, es kommt einſt an die Son⸗ nen.“— „Die Koͤchin ſagte:„Der Zorn üͤber Ma⸗ rien wegen des ſchoͤnen Kleides hat das leichtfer⸗ tige Jettchen zuerſt zu der Luͤge verleitet, und dann konnte ſie, ohne ſich ſelhſt als eine ehrloſe — 1298— Luͤgnerin anzugeben, nicht mehr zuruͤck. Darum iſt es ein wahres Sprichwort: Wer ſich von dem Teufel bey einem Haͤrlein faßen laͤßt, deſſen be⸗ maͤchtiget er ſich leicht auf ewig. „Nun, nun, ſagte der Kutſcher, der den Baͤum umgehauen und die Art noch auf der Schulter hatte, wir wollen hoffen, ſie werde ſich wenigſtens jetzt noch beſſern; ſonſt gehts ihr in der andern Welt freylich noch ſchlimmer. Der Baum, der keine gute Fruͤchte bringt, ſetzte er noch hinzu, und ſchwang die Art, wird umgehau⸗ en, und in das Feuer geworfen.“ „Die Nachricht, der Ring habe ſich wieder gefunden, hatte ſich ſogleich durch ganz Eichburg verbreitet, und es liefen von allen Seiten eine Menge Leute zuſammen, ſo daß bald eine dicht gedraͤngte Schaar von Menſchen um uns her ſtand. Jetzt kam auch unſer Herr Amtmann in den Schloßgarten. Der Aktuar, der bey Ent⸗ deckung des Ringes zugegen geweſen, hatte ihm den Vorfall ſogleich angezeigt. Du glaubſt gar nicht, liebe Marie, wie die Geſchichte den gu⸗ ten Amtmann angriff. Denn ſo hart er auch mit dir verfahren iſt, ſo iſt er doch gewiß ein ſehr rechtlicher Mann, der ſein Leben lang mit unver⸗ bruͤchlicher Treue auf Recht und Gerechtigkeit hielt.„Mein halbes, ja wohl mein ganzes Ver⸗ 8 4 * — 129— Vermoͤgen wollte ich darum geben, ſagte er mit einer Stimme, die uns allen durch das Herz drang— daß mir der Fall nicht begegnet waͤre. Denn die Unſchuld faͤlſchlich zu verurtheilen iſt etwas Schreckliches.“ „Er blickte hierauf im Kreiſe des verſam⸗ melten Volkes umher, und ſprach mit erhobener, feyerlicher Stimme:„Gott allein iſt der Rich⸗ ter, der niemals irrt, und den niemand betruͤgen kann. Er, der Allwiſſende, wußte es allein, wie der Ring hinweg gekommen und Ihm allein war der Ort bekannt, wo derſelbe bisher verborgen war. Menſchliche Richter irren leicht aus Kurz⸗ ſichtigkeit, und hier auf Erden muß leider die Unſchuld nicht ſelten unterliegen und das Laſter traͤgt den Sieg davon. Allein dieſes Mal hat Gott, der Richter im Verborgenen, der einſt al⸗ les Gute belohnen und alles Boͤſe beſtrafen wird, beſchloſſen, ſchon hier auf Erden die verkannte Unſchuld und die geheime Bosheit offenbar wer⸗ den zu laſſen.— Und ſehet und erkennet nun, wie wunderbar ſich da alles nach ſeinem heiligen Willen zu dieſem Ziel und Ende fuͤgen mußte. Da mußte der furchtbare Sturmwind, der ge⸗ ſtern Nachts das ganze Schloß erſchuͤtterte, und uns alle zittern machte, den alten Baum beu⸗ gen, daß er den Umſturz drohe; da mußte ein Blumenkorbchen. 9 — 130— 1 maͤchtiger Platzregen das Vogelneſt hier rein wa⸗ ſchen, damit der Ring ſogleich hell und ſchim⸗ mernd in die Augen falle; da mußte die gnaͤdige Herrſchaft eben auf dem Schloſſe anweſend, und durch Gottes Leitung bey dem Umhauen des Baumes ſelbſt gegenwaͤrtig ſeyn; da mußten die frdhlichen, unſchuldigen Knaben, die jungen Gra⸗ fen, denen es nicht einfallen konnte, den Fund zu verheimlichen, den Ring zuerſt entdecken; da mußte ſelbſt Jettchen, die falſche Anklaͤgerin, die erſte ſeyn, die Mariens Unſchuld mit einem lau⸗ ten Schrey gleichſam laut ausrief. Solche wun⸗ derbare Geſchichten haben ſich ſchon oͤfters zuge⸗ tragen. Gott— der zwar erſt in jener Welt al⸗ le alten Prozeſſe noch einmal neu wieder aufneh⸗ men und einem Jeden ſein Recht nach der Wahr⸗ heit ſprechen wird, ſey's nun zum Leben oder zum Tod— Gott laͤßt zu Zeiten doch ſchon auf dieſer Welt ſo etwas geſchehen, damit die Men⸗ ſchen aufblicken zu Ihm, dem großen Richter da oben, den niemand taͤuſchen kann, und damit ſie bey den mancherley Ungerechtigkeiten, die hier auf Erden vorgehen, den Glauben nicht verlie⸗ ren— an eine ewige, allwaltende, allvergeltende Garechrigkeir 1⸗ „So ſprach der Amtmann mit großem Nach⸗ druck, und die Leute hoͤrten ihm ſehr aufmerkſam zu, gaben ihm Recht, und gingen nachdenkend — 131— auseinander.— Und dieß, liebe Marie, iſt die Geſchichte, wie der Ring wieder zum Vorſchein kam.“ Unter dieſer Erzaͤhlung hatten Amalia und Marie die Pforte des alten Schloſſes erreicht. 4— Achtzehntes Kapitel. Wie edle Menſchen das Unrecht vergüten. Der Graf, die Graͤfin und die uͤbrigen Herr⸗ ſchaften waren indeſſen in dem großen Saale des Schloſſes, der nach dem Geſchmacke des Alter⸗ thums ſehr praͤchtig ausgeziert war, verſammelt. Alle Waͤnde des Saales waren nach altdeutſcher Kunſt und Art mit Tapeten bekleidet, auf denen ganze Jagden mit einer Menge von Jaͤgern, von Pferden und Hunden, Hirſchen und Wildſchwei⸗ nen ſehr kuͤnſtlich eingewirkt waren. Die Farben ſahen, ungeachtet ihres Alters, noch ſehr friſch und lebhaft aus, und wer nur, beſonders bey Nacht, wann die herab haͤngenden kriſtallenen Leuchter mit ihren vielen Kerzen brannten, hin⸗ ein trat, glaubte in einen Wald zu kommen. 9* Der wuͤrdige Pfarrer war laͤngſt in dem Saale angelangt, und die ganze Geſellſchaft hat⸗ te ſeine Erzaͤhlung von Jakob und Marie mit der groͤßten Theilnahme angehdrt. Er hatte die Ge⸗ ſchichte des frommen Greiſes ſo herzlich und ruͤh⸗ rend erzaͤhlt, hatte von der edlen Denkart und dem ganzen Bet agen des guten Mannes waͤhrend ſeines Aufenthaltes auf dem Tannenhofe ein ſo ruͤhrendes ſchoͤnes Gemaͤhlde entworfen, hatte be⸗ ſonders die unwandelbare Verehrung, Liebe und Anhaͤnglichkeit des alten Dieners an ſeine Herr⸗ ſchaft, die blos durch die ſeltſamſten, unbegreif⸗ lichſten Umſtaͤnde gendthiget geweſen waͤre, ihn und ſeine Tochter zu mißkennen, in ein ſo helles Licht geſetzt, hatte von Mariens unausſprechli⸗ cher Liebe gegen ihren Vater, von ihrer kindlichen Sorgfalt fuͤr ihn, ihrer unermuͤdeten Thaͤtigkeit, ihrer Froͤmmigkeit, Geduld und Beſcheidenheit ſo viele ſchoͤne Beyſpiele angefuͤhrt, daß allen, die ihm zuhoͤrten, die hellen Thraͤnen in den Augen ſtanden, die edle Frau Graͤfin, Amaliens Mut⸗ ter aber, ſich nicht mehr halten konnte, recht von Herzen zu weinnn. In dieſem Augenblicke trat die Gräfin Ama⸗ lia, an der einen Hand Marien und in der an⸗ dern das Blumenkdrbchen, in den hell erleuchte⸗ ten Saal. Alle eilten ihnen entgegen; alle uͤber⸗ — — 133— haͤuften Marien mit den feendlichſten Degea ßungen. Der Graf nahm ſe liebreich bey der Hand und ſprach:„Armes, gutes Kind! Wie blaß und abgezehrt du ausſiehſt! Unſer unweiſes Be⸗ nehmen hat deine Wangen ſo gebleicht, und dei⸗ ner jugendlichen glatten Stirne die fruͤhen Fur⸗ chen eingegraben. Verzeih uns! wir wollen al⸗ les thun, die verſchwundenen Roſen deiner Wan⸗ gen von neuem aufbluͤhen zu machen. Wir ha⸗ ben dich aus deiner vaͤterlichen Wohnung vertrie⸗ ben; aber ſie ſoll von nun an dein Eigenthum ſeyn. Sieh, das kleine, niedliche Haus zu Eich⸗ burg, und den ſchoͤnen Garten dabey, wovon dein Vater nur die Nutznießung hatte, ſchenke ich dir hiemit, und mein Sekretaͤr ſoll heute noch die Schenkungsakte aufſetzen, und Bhnalin 8 dir uͤberreichen.“ Die Gemahlin des Grafen, Arnaliens Mut⸗ ter, kuͤßte Marien, ſchloß ſie in ihre Arme, nannte ſie ihre Tochter, und zog dann den fun⸗ kelnden Ring, wegen deſſen Marie ſo vieles hat⸗ te leiden muͤſſen, und den die Frau Graͤfin, kurz bevor Marie hereinkam, aus dem Schmuckkaͤſt⸗ chen genommen und angeſteckt hatte, vom Fin⸗ ger, und ſprach:„Sieh, liebes Kind! Deine Unſchuld und Tugend ſind zwar ein koͤſtlicheres Kleinod, als der große, helle Diamant in Mitte dieſes Ringes. Obgleich du indeß an beſſern Schaͤtzen reich biſt, ſo verſchmaͤhe dennoch dieſen Edelſtein nicht— als einen kleinen Erſatz fuͤr das Unrecht, das dir geſchehen, und als ein Pfand meiner wahrhaft muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit gegen dich! Da der Ring dein kuͤnftiger Brautſchmuck nicht ſeyn kann, ſo ſoll er zu deinem kuͤnftigen Brautſchatze beſtimmt ſeyn. Kommt einmal jene Zeit, daß du einen Brautſchatz noͤthig haben 1 wirſt, ſo werde ich den Ring nach ſeinem vollen Werthe wieder einloͤſen!“— und mit dieſen Worten ſteckte die Graͤfin den Ring an Mariens Finger. 3 Marie weinte die ſuͤßeſten Thraͤnen, wie ſie kurz vorhin die bitterſten geweint hatte; ſie war von ſo vieler Guͤte ganz betaͤubt; ſie unterlag beynahe darunter, wie unter einer ſchweren Laſt. Sie konnte nicht reden, mußte nur weinen, woll⸗ te nicht nehmen. . Einer der fremden Herren ſagte:„Nimm du, armes Kind, immer, was reiche Großmuth dir giebt. Gott hat den verehrungswuͤrdigen Herrn Grafen und die liebenswuͤrdige Frau Graͤe fin mit großen Reichthuͤmern geſegnet; Er hat ihnen aber auch, was noch weit mehr iſt, ein großes Herz gegeben, dieſe aeicheßumer af dit beſte Art zu verwenden. — 8 ——— — 135— „d8 nicht doch, ſagte die Graͤfin, Sie ſchmeicheln uns, Herr Baron. Es iſt dieſes keine Handlung der Großmuth. Wir haben der Welt ein Beyſpiel von einer ſchreyenden Unge⸗ rechtigkeit gegeben, an die ich lebenslaͤnglich mit Betruͤbniß und Beſchaͤmung denken werde; es iſt uns zu unſerer Beruhigung ſchlechterdings noth⸗ wendig, den begangenen Fehler wenigſtens in et⸗ was wieder gut zu machen. Auf Verdienſt koͤn⸗ nen wir hier gar keine Anſpruͤche machen; wir erfuͤllen blos eine Pflicht der Gerechtigkeit.““ Die beſcheidene, anſpruchsloſe Marie ſtand — und hielt den Ring, den ſie wieder abgenom⸗ men hatte, in ihrer zitternden Hand; ſie blickte mit ihren thraͤnenvollen Augen den Herrn Pfar⸗ rer an, als wollte ſie ſün fragen, was ſie thun ſolle. Der wuͤrdige Pfarrer ſprnchen 7,„Ja, Mafte, du mußt den Ring behalten. Der Herr Graf und die Frau Graͤfin denken zu edel, denſelben wieder zuruͤck zu nehmen. Da dieſe Begebenheit ein ganz außerordentliches Beyſpiel iſt, wie ein Ver⸗ dacht, der vollkommene Gewihheit ſcheint, den⸗ noch taͤuſchen koͤnne; ſo laß du, liebe Tochter, dieſe Begebenheit immerhin auch ein außerordent⸗ liches Beyſpiel ſeyn, wie edle Menſchen ihre be⸗ gangenen Uebereilungen ſchoͤn und herrlich wieder verguͤten.— Sieh, gutes Kind, Gott vergilt di — 136— deine kindliche Liebe gegen deinen Vater; wer ſeine Aeltern aufrichtig ehrt, dem muß es nach Gottes Verheißung ja wohl gehen. Gott be⸗ dient ſich der wohlthaͤtigen Haͤnde des Herrn Grafen und der Frau Graͤfin, dir deine uberſtan⸗ denen Leiden zu verguͤten. Nimm alſo dieſe reiche Gabe mit Dank an— und da du im Un⸗ gluͤcke dich ſo gottergeben, ſanftmuͤthig und ge⸗ duldig betrugeſt, ſo bleibt dir jetzt nichts mehr zu thun uͤbrig, als dich nun auch im Gluͤcke eben ſo dankbar gegen Gott, und eben ſo wohlwollend und beſcheiden gegen die Menſchen zu beneh⸗ men. Marie ſteckte den Ring mit Dankesthraͤnen an den Finger. Sie vermochte nicht ihren Dank auszudruͤcken. Amalia, die mit dem Blumenkorbchen in der Hand neben Marie ſtand, war hoch erfreut, daß ihre Aeltern ſo edelmuͤthig handelten. Aus ihren Blicken ſtrahlte das reinſte Wohlgefallen gegen Marie. Der Pfarrer, der es nur zu oft wahr⸗ nehmen mußte, wie ſcheel die Kinder ſehen, wenn Aeltern andern Menſchen Wohlthaten erweiſen, war von Amaliens uneigennuͤtziger Guͤte noch be⸗ ſonders geruͤhrt.„Gott, ſprach er, wolle dem Herrn Grafen und der Frau Graͤfin ihren Edel⸗ muth lohnen, und das, was Sie an einer ar⸗ men Waiſe thun, Ihnen an Ihrer eigenen lie⸗ — 137— benswuͤrdigen Tochter, die ſo edel als Ihre Ael⸗ tern geſinnt iſt, mit hundertfaͤltigem Segen ver⸗ gelten.“ „Und das wird Er auch; denn was wir von zeitlichen Guͤtern zum Beſten unſrer leiden⸗ den Mitmenſchen verwenden, iſt lauter Gewinn. Es wird uns nicht nur in dieſer Welt belohnt; es iſt ein Kapital, das fuͤr eine beſſere Welt an⸗ gelegt wird, und keiner Gefahr mehr ausgeſetzt iſt, verloren zu gehen. Dort wird es uns der⸗ einſt reichliche Zinſen tragen.“ —— Neunzehntes Kapitel. Noch eine denkwürdige Nachricht zu dieſer Geſchichte. Die Frau Graͤfin befahl nun die Abend⸗ mahlzeit aufzutragen, bath den Herrn Pfarrer bey der Tafel zu bleiben, und ſagte, Marie muͤſſe auch mitſpeiſen. Waͤhrend des Tiſchgebe⸗ thes— welcher ſchoͤne Gebrauch damals auch bey hoͤheren Staͤnden allgemein herrſchte— hatte Ma⸗ rie eine ganz eigne ruͤhrende Empfindung.„Mein Gott, dachte ſie, wie wehe that es mir und wie — 138— 4 kleinmuͤthig ward ich, als ich auf dem Tannen⸗ hofe nach vollbrachter Tagesarbeit ohne Abend⸗ eſſen fortgeſchickt wurde— und wie haͤtte ich denken koͤnnen, daß zu jener Stunde bereits hier in dieſem Schloſſe unter dieſen edlen Menſchen mir eine Mahlzeit bereitet werde. Wie danke ich Dir, lieber Vater im Himmel, fuͤr deine guͤtige Vorſorge! Ach, verzeih mir meine Kleinmuth und gieb mir deine Gnade, im Vertrauen auf Dich nie mehr zu wanken.“ Marien wurde ihr Platz zwiſchen der Pin Graͤfin und der Graͤfin Amalia angewieſen. Sie weigerte ſich mit jungfraͤulicher Schuͤchternheit, dieſe Ehrenſtelle einzunehmen. Allein die Frau Graͤfin ſagte freundlich: Da du, unſere— nicht verlorene, ſondern verſtoßene— Tochter, wieder gefunden biſt, ſo iſt es ja billig eine Freu⸗ denmahlzeit zu halten, und dabey gebuͤhrt dir mit Recht die erſte Stelle.“ Sie nahm Marien bey der Hand, und fuͤhrte ſe an den ihr be⸗ ſtimmten Platz. Waͤhrend des Speiſens war beynahe von nichts anderm, als von Mariens Geſchichte die Rede. Der Graf hatte den alten, redlichen Jaͤ⸗ ger Anton, als einen forſtverſtaͤndigen Mann, mitgebracht. Der treue Diener half, mehr aus Neigung als auf Befehl, allemal ſeine Herrſchaft bey der Tafel bedienen. Dieſen Abend ſtand er — 139— aber faſt immer hinter Mariens Seſſel, und wiſchte ſich eine Thraͤne nach der andern aus den Augen. Sein Alter hatte ihm eine Art von Recht erworben, hie und da ein Woͤrtchen mitzuſprechen. „Nicht wahr, Jungfer Marie, ſprach er einmal, es traf doch ein, was ich Ihr und Ihrem Vater dort am Graͤnzſteine im Walde ſagte: Ehrlich waͤhrt am laͤngſten; und: Wer auf Gott ver⸗ traut, den verlaͤßt Er nicht. Nun fehlt nichts mehr, als Eines. Ihr Vater, mein alter ehr⸗ licher Iugendfreund, haͤtte dieſen Freudentag auch noch erleben ſollen! Der gute Jakob, wie der ſich gefreut haͤtte, ſein Kind, das ihm ſeit dem Tode ſeiner Frau das Liebſte auf Erden war, als un⸗ ſchuldig anerkannt und ſo geehrt zu ſehen! Ich meyne nicht, daß ich es aus dem Kopfe bringen kann, der liebe Gott haͤtte ihm doch noch die we⸗ nigen Monate ſchenken ſollen: Wenn Er ihn dann gleich an dem heutigen Abende vor Freude haͤtte ſterben laſſen, ſo wollte ich mich gern dar⸗ ein gegeben haben. Wenn er dieſe Freude nur noch erlebt haͤtte!“ „Ich lobe Eure Empfindung, guter, alter Mann, ſprach der Pfarrer; denn ſie macht Eu⸗ rem Herzen wahrlich Ehre. Allein wir muͤſſen unſere Blicke nie blos auf dieſes Leben hier unter den Monde beſchraͤnken, das nur den klein⸗ ſten nnd, ich darf es ſagen, gerade den aumſelig⸗ — — 5 — 140— ſten Theil unſerer ganzen Dauer ausmacht. Die⸗ ſe Welt iſt nur der Vorplatz einer andern Welt. Dieſes Erdeleben nur Vorbereitung auf ein zwey⸗ tes, beſſeres Leben im Himmel. Betrachten wir nun das Leben eines Menſchen, abgeriſſen von ſeiner kuͤnftigen Beſtimmung, ſo muͤſſen uns nothwendig Dinge darin aufſtoßen, die ſich mit der Weisheit, Guͤte und Gerechtigkeit Gottes nicht reimen laſſen. Richten wir aber unſere Blicke aufwaͤrts zum Himmel, ſo oͤffnen ſich uns Ausſichten, die uns uͤber alles, was in dieſem Leben ungleich und ziſdeſdeehend iſt, bennhigen muͤſſen.“ „So iſt es auch mit der Geſchichte Jakab und Mariens. Dem guten Kinde hier werden die erduldeten Leiden von der edelſten Großmuth herr⸗ lich verguͤtet. Der alte, vortreffliche Vater hin⸗ gegen mußte ſterben, von ſeiner edelmuͤthigen, geliebten Herrſchaft, durch eine ſeltene Schickung, ganz mißkannt und ins Elend verſtoßen; ja er mußte— was ſeinem Vaterherzen am allerſchwer⸗ ſten fiel— ſein Kind in der tiefſten Armuth in dieſer Welt zuruͤck laſſen. Wenn es nun kein an⸗ deres Leben gäbe, ſo muͤßte eine ſolche Ungleich⸗ heit in Verguͤtung erduldeter Leiden uns als eine ſchreyende Ungerechtigkeit erſcheinen, und jedes Menſchenherz empoͤren, wie das der gute Geis hier ſehr richtig fuͤhlt.“ — 141— „Allein es giebt ein beſſeres Leben; es giebt — o wohl uns armen Menſchen!— einen Him⸗ mel, wo das ſchoͤne große Ziel aller unſerer Lei⸗ den erſt vollkommen erreicht wird. Und dort im Himmel werden dem guten Manne ſeine Leiden und ſein unverdientes Elend ſchoͤner und herrlicher verguͤtet, als ſie ſeiner Tochter hier auf Erden erſetzt werden. Dort genießt er jetzt reinere Freuden, ja eine Seligkeit, eine Herrlichkeit, ge⸗ gen die dieſe praͤchtige Freudenmahlzeit in dieſem ſchimmernden Saale nicht einmal ein Schatten iſt. 77 „Ja noch mehr! Ich weiß es zwar nicht — allein mein Herz ſagt es mir, und in vielen Faͤllen verdient das Herz mehr Glauben, als der Ko mein Herz ſagt es mir, daß der fromme Greis, der ja ſein Vaterherz mit in den Himmel nahm, an dieſem Freudenabende vielleicht mehr Antheil hat, als wir denken. Da ich alle die ed⸗ len Gaͤſte an der Tafel hier ſo geruͤhrt ſehe, ſo muß ich doch noch Eines erzaͤhlen, das ich unter andern Umſtaͤnden vielleicht verſchwiegen haͤtte.“ „Eines Morgens kam ich an das Kranken⸗ bett des frommen Greiſes. So groß ſein Ver⸗ trauen auf Gottes Vorſicht immer war; ſo konn⸗ te er ſich doch nie aller ſchmerzlichen Sorgen um das kuͤnftige Schickſal ſeiner geliebten Tochter ganz entſchlagen. An jenem Morgen aber fand ich ihn ungemein froͤhlich. Heiter laͤchelnd both er mir die Hand aus dem Bette, und ſagte: „Nun, Herr Pfarrer, iſt mir auch der letzte Stein vom Herzen— die Sorge fuͤr meine Toch⸗ ter; nun bin ich ganz ruhig. Dieſe Nacht konn⸗ te ich bethen, wie faſt noch nie in meinem Leben — und eine noch nie gefuͤhlte Ruhe, ein himm⸗ liſcher Troſt goß ſich in mein Herz aus. Ich habe den frommen Glauben, mein Gebeth ſey erhoͤrt. Getroſt ſchließe ich nun meine Augen— denn ich weiß, die Unſchuld meiner Tochter wer⸗ de noch entdeckt werden, und der edle Graf wer⸗ de die Vaterſorge fuͤr dieſelbe uͤbernehmen, und die vortreffliche Graͤfin Mutterſtelle an ihr ver⸗ treten.“ So ſprach der fromme Greis am Mor⸗ gen nach jener Nacht— und nun vernahm ich erſt dieſen Abend aus den Geſpraͤchen aͤhr end der Tafel mit Erſtaunen, daß gerade in jener Nacht der gewaltige Sturmwind den großen, al⸗ ten Baum in dem Schloßgarten beugte, und ſo⸗ mit den verſteckten Edelſtein und Mariens ver⸗ kannte Unſchuld an den Tag brachte. So ward ſein frommes Gebeth damals ſchon erhoͤrt. Und ſo hat wohl der verklaͤrte Geiſt des frommen Greiſes am Throne Desjenigen, der alle menſch⸗ lichen Schickſale lenkt, ſein Gebeth fortgeſetzt, hat die Errettung ſeines armen Kindes, deſſen Jammer hereits auf das Hoͤchſte geſtſegen war, — 143— beſchleuniget, hat uns allen dieſen ſeligen, goͤtt⸗ lich⸗ ſchoͤnen Abend bereitet.— Und wie ſollte nun ihm allein, den doch das Schickſal ſeiner Tochter am naͤchſten angeht, die gluͤckliche Wen⸗ dung deſſelben ganz und gar unbekannt bleiben? Es iſt wenigſtens mir ein troͤſtlicher Gedanke, daß er auch dort, jenſeits des Grabes um das Gluͤck ſeines innig geliebten Kindes wiſſe, und unſere Freuden theile. Dem ſey aber, wie ihm wolle, ſo bleibt doch dieß gewiß, daß jenes naͤchtliche Gebeth des frommen Greiſes und die Erhdrung deſſelben uͤber dieſe ganze Geſchichte das freundlich⸗ ſte, ſchoͤnſte Licht verbreitete und ihr gleichſam die Krone aufſetzte. Die ganze Geſchichte erſcheint nun erſt in vollem Glanze als ein Werk der goͤtt⸗ lichen Vorſehung.“ „Nein, fuhr der Pfarrer mit ſichtbarer Ruͤh⸗ rung fort, kein bloßes Ungefaͤhr hat uns hier zu⸗ ſammen gebracht; kein blinder Zufall hat uns dieſe Stunde ſchoͤner Ruͤhrung und edler Empfin⸗ dung bereitet. Gottes Guͤte, Gottes heilige Vor⸗ ſehung iſt es, die mich, einen ganz Fremden, in den Kreis dieſer edlen Menſchen einfuͤhrte— um von ihr zu zeugen, da mir der Sterbende einen Umſtand vertraute, der uns in eine der geheimſten Tiefen dieſer Geſchichte hineinblicken laͤßt.⸗ „Möchte uns dieſe Geſchichte ein Beweis ſeyn, daß Gott, der die Gefuͤhle der zaͤrtlichſten — 144— Liebe in die Herzen aller Vaͤter und Muͤtter lege te, noch eine unendlich groͤßere Liebe gegen alle ſeine Menſchen habe, und zaͤrtlicher fuͤr ſie ſor⸗ ge, als Vaͤter und Muͤtter auf Erden nur immer fuͤr ihre Kinder ſorgen koͤnnen. Moͤchten wir alle in dem erfreuenden Glauben, daß ein großes Vaterherz dort oben fuͤr uns alle ſchlage, leben und ſterben. Denn dieſer Glaube iſt doch in Noth und Tod, gegen die kein Stand auf Erden ein Privilegium hat, gegen die kein Ordensſtern und keine Krone ſchuͤtzen kann, unſer einziger Troſt.“ „Dieß iſt auch mein Glaube, lieber Herr Pfarrer!“ ſagte die Frau Graͤfin, indem ſie auf⸗ ſtand und ihm die Hand both. Alle uͤbrigen ſtimmten mit ein, und ſtanden auch auf.„Es iſt bereits ziemlich ſpaͤt, ſagte jetzt die Frau Graͤfin, und da wir morgen ſehr fruͤhe aufbre⸗ chen, ſo wollen wir nun noch ein wenig ruhen— und ſogleich aus einauder gehen, um die ſchoͤnen Empfindungen, die der Herr Pfarrer in uns er⸗ regte, durch nichts mehr zu zerſtreuen. Denn beſſer koͤnnen wir den heutigen Tag unmoͤglich be⸗ ſchließen.“ Alle gingen geruͤhrt aus einander. ——é—é—V— Zwan⸗ Zwanzigſtes Kapitel. Ein Beſuch auf dem Tannenhofe. —— Des folgenden Tages mit anbrechender Mor⸗ genroͤthe waren ſchon alle i Schloſſe geſchaͤftig, ſich zur Abreiſe fertig zu machen; am emſigſten aber waren Graͤfin Amalia und das anweſende fremde Fraͤulein um Marie beſchaͤftigt. Marie hatte ſich zu Eichburg ſo gekleidet, wie es bey den Toͤchtern herrſchaftlicher Diener damals gebraͤuchlich war; da ſie aber waͤhrend ihres Aufenthaltes auf dem Tannenhofe ſich nach und nach neue Kleidungsſtuͤcke anſchaffen mußte, ſo wollte ſie durch eine beſſere Tracht die Augen der Leute nicht auf ſich ziehen; ſie trug ſich da⸗ her jetzt beynahe ganz ſo, wie die Landmaͤdchen jener Gegend. Das fremde Fraͤulein, das mit Marie von einem Alter und von einer Groͤße war, ſchenkte ihr nun auf Amaliens Bitte einen vollkommen, beynahe noch ganz neuen, ſehr ſchoͤnen Anzug. Marie nahm Anſtand, das ſchd⸗ ne Kleid zu tragen. Blumenkoͤrbchen. 10 Allein Graͤfin Amalia ſagte:„Nur keine lange Bedenklichkeiten; du mußt es ſogleich an⸗ ziehen. Du bleibſt von nun an als meine Freun⸗ din und Geſellſchafterin beſtaͤndig bey mir; und da mußt du doch anders gekleidet ſeyn. Auch iſt es am Beſten, daß du dich ſogleich hier umklei⸗ deſt; ſo macht es am wenigſten Aufſehen!“ Beyde Frauenzimmer wetteiferten nun, Ma⸗ rien recht heraus zu putzen, nahmen ſie dann in ihre Mitte, und fuͤhrten ſie in den großen Saal, wo das Fruͤhſtuͤck ſchon bereit ſtand. Jedermann ſtutzte zuerſt uͤber das dritte fremde Frauenzim⸗ mer— bald aber erkannten ſie Marien, begruͤß⸗ ten ſie alle mit frohem Jubel, und gaben dieſer vortheilhaften Veraͤnderung, wie ſie dieſe Umklei⸗ dung nannten, ihren Beyfall. Nach dem Fruͤhſtuͤcke ſtieg man ſogleich ein, und Marie mußte ſich neben Amalia zu dem Gra⸗ fen und der Graͤfin in den Wagen ſetzen. Der Graf befahl, uͤber den Tannenhof zu fahren, weil er die guten Landleute, die Marien und ihren Vater ſo guͤtig aufgenommen hatten, wollte ken⸗ nen lernen. Unterwegs erkundigte er ſich ſorgfaͤl⸗ tig nach ihnen, und Marie verhehlte es nicht, daß die Lage derſelben ſehr traurig ſey, und daß ſie fuͤr ihre alten Tage wenig gute Stunden mehr hoffen koͤnnten. — ——y y—————— Die Ankunft der Kutſche machte auf dem Tannenhofe kein geringes Aufſehen; denn ſeit der Hof ſtand, war vielleicht keine Kutſche, am al⸗ lerwenigſten aber eine ſo praͤchtige, dahin gekom⸗ men. Die junge Baͤuerin kam, als die Kutſche vor der Hausthuͤre hielt, eilends aus dem Hauſe geſprungen.„Ich muß doch, ſagte ſie, dem vornehmen fremden Herrn nebſt Frau Gemahlin und zwey Fraͤulein Toͤchter ausſteigen helfen.“ Als ſie aber dem einen vermeynten gnaͤdigen Fraͤulein die Hand both, erkannte ſie in ihr ploͤtz⸗ lich— Marien.„Was Henkers ſoll dieß ſeyn?“ rief ſie in ihrer rohen Mundart, ließ, als haͤtte ſie eine Schlange angefaßt, Mariens Hand au⸗ genblicklich los, fuhr zehn Schritte weit zuruͤck, und wurde bald bleich und bald roth. Der alte Bauer arbeitete eben in dem Gar⸗ ten. Der Graf, die Graͤfin und Amalia eilten zu ihm hin, reichten ihm die Hand, lobten ſeine Wohlthaͤtigkeit gegen Marie und ihren Vater, und dankten ihm dafuͤr in den guͤtigſten Ausdruͤ⸗ cken.„Ach, ſagte der brave Bauer, ich habe dem guten Manne mehr zu danken, als er mir. Mit ihm kam der Segen unter mein Dach, und wenn ich nur in allen Stuͤcken ſeinem Rathe ge⸗ folgt haͤtte, ſo ſtuͤnde es jetzt viel beſſer mit mir. 10 54H. — 140— Seit er todt iſt, habe ich faſt keine Freude mehr, als den Garten hier. Und auch dieß habe ich ſeinem klugen Rathe zu danken, daß ich mir das Stuͤcklein Land da noch vorbehielt, ſo wie ich auch die Kunſt, es zu bauen, ihm abgelernt habe. Da arbeite ich denn ſo, ſeitdem mir der Pflug zu ſchwer wird, und ſuche unter den Kraͤu⸗ tern und Blumen den Frieden, den ich in mei⸗ nem Hauſe nicht mehr finde.“ Indeß hatte Marie die alte Baͤuerin in dem kleinen Stuͤbchen aufgeſucht, und fuͤhrte ſie an der Hand herbey, indem ſie ihr beſtaͤndig zurede⸗ te, ſich nicht zu ſcheuen. Denn die gute Frau hatte in ihrem Leben noch mit keiner ſo vorneh⸗ men Herrſchaft geſprochen. Sie kam nur ſehr ſchuͤchtern und furchtſam naͤher. Auch ſie wurde mit Lobeserhebungen und Dankſagungen uͤber⸗ zaͤuft. — Die beyden guten alten Leute ſtanden ganz 3 eſchaͤmt da, und weinten vor Freude, wie Kin⸗ er.„Hab' ich's nicht geſagt, ſprach der alte Mann zu Marie, es werde dir wegen deiner kindlichen Liebe gegen deinen Vater noch wohl ge⸗ hen. Sieh, nun iſt meine Vorherſagung einge⸗ troffen.“ Und die alte Baͤuerin, die indeß Muth bekam, ſagte, indem ſie den Zeug von Mariens ſchonem Kleide zwiſchen den Fingern pruͤfte: „Ja, ja, dein Vater hatte doch Recht mit ſei⸗ 7 —— — 149— nem Spruͤchlein: Der die Blumen kleidet, werde auch fuͤr dich ſorgen.“ Die junge Baͤuerin aber ſtand in einiger Entfernung und ſagte fuͤr ſich ſelbſt:„Hm! Hm! Was man nicht alles erleben muß. Da iſt das elende Bettelmaͤdchen gar noch ein hochade⸗ liches Fraͤulein geworden. Je nun, wer haͤtte das gedacht? Jetzt darf unſer eines freylich nicht mehr neben ſie hinſtehen. Aber man weiß doch noch, wer ſie iſt, und daß ſie geſtern Abends mit ihrem Buͤndelein unter dem Arm dort die Steige hinauf ging, das Land auf und ab zu betteln.“ Der Graf vernahm zwar die laͤſternde Rede des Weibes nicht; er hatte aber ſchon an dem Anblicke ihrer hoͤhniſchen, verzerrten Mienen ge⸗ nug.„Das iſt ja ein ganz abſcheuliches Ge⸗ ſchopf!“ ſagte er, und ging in dem Garten ein Paar Male nachdenkend auf und ab. „Hoͤrt, guter alter Vater, ſagte jetzt der Graf, indem er auf einmal bey dem alten Bauern ſtehen blieb, ich habe Euch einen Vor⸗ ſchlag zu machen. Das kleine Guͤtchen zu Eich⸗ burg, das Mariens Vater baute, habe ich hier ſeiner Tochter geſchenkt. Allein Marie wird ſo bald noch keine eigene Wirthſchaft anfangen. Wie waͤre es, wenn Ihr dahin ziehen wuͤrdet? Es wird Euch gewiß gefallen, und ich weiß es ſchon zum voraus, daß Marie kein Pachtgeld — von Euch verlangen wird. Dort koͤnnet Ihr nach Herzensluſt den Kraͤutern und Blumen abwarten, und werdet noch obendrein in der artigen Woh⸗ nung Ruhe und Frieden fuͤr Eure alten Tage finden.“ Die Gemahlin des Grafen, Graͤfin Amalia und Marie redeten alle den alten Leuten zu, es ſo zu machen. Es waͤre aber nicht ſo viel Zure⸗ dens noͤthig geweſen; ſie waren uͤber den Antrag ſo froh, als haͤtte man ihnen die Erloͤſung aus der Hoͤlle angekuͤndet. Jetzt kam der junge Bauer vom Felde heim; denn er war ſehr neugierig, was in aller Welt doch die Kutſche mit den vier praͤchtigen Schim⸗ meln auf ſeinem Hofe wolle. Als er vernahm, was man vorhabe, bedachte er ſich nicht lange, einzuwilligen, ſo hart es ihm auch fiel, ſeine al⸗ ten Aeltern fortziehen zu laſſen. Es war bisher ſein groͤßtes Leiden, daß ſie von ihrer eigenen Schwiegertochter ſo geplagt wurden, und es ge⸗ waͤhrte ihm einen großen Troſt, daß es ihnen nun beſſer gehen werde. Die junge Baͤuerin aber ſchob ſo zu ſagen mit beyden Haͤnden, die alten Schwiegeraͤltern recht gewiß aus dem Hauſe zu bringen. Sie wollte recht hoͤflich thun und ſagte— da ſie den Herrn Grafen von Marie eben Erzellenz nennen gehoͤrt— mit einer tiefen Verbeugung:„Das ——— gen und fuhr weiter. — 151— iſt ja eine erſchrecklich große Gnade von dem Herrn Erzellenz da; es waͤre eine Grobheit, wenn man ſie nicht annehmen thaͤte! Das thaͤte ihn gewiß ganz grauſam verdrießen, und ſeine Frau Exzellenzinn da koͤnnte gar denken, die Leu⸗ te da ſind groͤber als die eichenen Kloͤtze. Nein, das iſt einmal ein unerhoͤrtes Gluͤck!“ „Nun, das freut mich, ſagte der junge Bauer, daß du das einſieheſt. Ich ſagte immer: Wohlthaͤtigkeit gegen ehrliebende und tugendhafte Arme bringt Gluͤck und Segen in das Haus! Du wollteſt es aber nicht glauben. Jetzt behalte ich doch auch einmal Recht.“ Die junge Baͤnerin ward vor Zorn ſo roth wie ein geſottener Krebs. Indeß getraute ſie ſich doch nicht, ihren Zorn vor der gnaͤdigen Herr⸗ ſchaft in Worte ausbrechen zu laſſen. Sie warf aber dem jungen Manne einen Blick zu, als wenn ſie ihn damit haͤtte durchſtechen wollen. Der Graf verſprach, daß er die alten Leu⸗ te, ſobald die noͤthigen Anſtalten gemacht ſeyn wuͤrden, werde abholen laſſen— und ſomit ſtieg er mit ſeiner Reiſegeſellſchaft wieder in den Wa⸗ Ein und zwanzigſtes Kapitel. Was ſich auf dem Tannenhofe noch weiter begab. Der edle Graf hielt ſein Wort genau; noch in dem Herbſte kam eine Kutſche von Eichburg auf dem Tannenhofe an, die guten alten Leute abzuholen. Der Sohn weinte heiße Thraͤnen, ſeine guten Aeltern zu verlieren; die Schwieger⸗ tochter aber, die jeden Tag und jede Stunde ge⸗ zaͤhlt hatte, bis ſie abreiſen wuͤrden, empfand die groͤßte Freude, ihrer endlich einmal los zu werden. Dieſe Freude wurde ihr aber ſehr ver⸗ bittert. Denn der Kutſcher uͤberreichte ihr eine Signatur, in der geſchrieben ſtand, daß ſie alles dasjenige, was den Schwiegeraͤltern zu ihrem Le⸗ bensunterhalte ausgedungen ſey, die Naturalien nach laufenden Preiſen zu Geld angeſchlagen, in guten und gangbaren Muͤnzſorten jedes Quartal bey Vermeidung eines Exekutionsbothen an das naͤchſte fuͤrſtliche Rentamt zu bezahlen habe. Hieruͤber ward ſie ſchrecklich boͤſe und fluchte und tobte.„Da kommen wir ja von dem Regen in X — 153— ) die Traufe, ſagte ſie; wenn ſie da geblieben waͤren, haͤtten ſie uns nicht halb ſo viel geko⸗ ſtet.“ Der Sohn war aber ſehr erfreut, daß er auf dieſe Art gegen den Willen ſeines Weibes ſeinen alten Aeltern noch Gutes thun koͤnne, nur durfte er ſeine Freude ſich nicht merken laſſen. Die guten Aeltern ſetzten ſich am folgenden Morgen in die Kutſche und fuhren von den lau⸗ ten Segenswuͤnſchen ihres Sohnes und den heim⸗ lichen Verwuͤnſchungen ihrer Schwiegertochter be⸗ gleitet ab; dem boͤſen Weibe ging es aber noch ſo, wie ſie es an ihren Schwiegeraͤltern verdient hatte, und wie es dem Geize und der Unmenſch⸗ lichkeit allemal geht. Sie hatte ihr Geld bey einem Kaufmanne angelegt, der eine neue Fabrik errichtete und fuͤr das Hundert zehn Gulden Zins zu geben verſprach. Die Zinſe wurden jaͤhrlich zum Kapitale geſchlagen und trugen wieder Zin⸗ ſe, die abermal verzinst wurden. Die Baͤuerin waͤhnte ſich ſehr gluͤcklich und kannte kein groͤße⸗ res Vergnuͤgen in der Welt, als ihrem Manne vorzurechnen, wie viel all das Geld in zehn, und wie viel es in zwanzig Jahren ausmachen werde. Allein ſie wurde bald ſehr unſanft aus ihren gol⸗ denen Traͤumen aufgeſchreckt. Das Unternehmen des Kaufmanns mißlang, und es wurde der Gant gegen ihn erklaͤrt. Das war ein Donnerſchlag fuͤr die Baͤuerin. Sie hatte von dem Augenbli — 154— an, da ſie das hoͤrte, keine ruhige Stunde mehr⸗ Sie war bey Tage faſt immer auf der Straſſe, bald zum Advokaten und bald zum Gericht; und zu Nacht konnte ſie vor lauter Sinnen, Ueberle⸗ gen und hin und her Denken kein Auge mehr ſchließen. Endlich erhielt ſie auſtatt ihrer zehn tauſend Gulden noch einige hundert⸗ Nun wollte ſie gar verzweifeln; das Leben war ihr verhaßt und ſie wuͤnſchte ſich den Tod. Wirklich entkraͤf⸗ tete ſie der beſtaͤndige nagende Kummer ſo ſehr, daß ſie in ein ſehr hartnaͤckiges Fieber verfiel. Ihr Mann wollte ihr den Arzt aus dem naͤchſten Staͤdtchen holen; allein ſie gab es nicht zu. „Er konnte dem alten Jakob nicht helfen, ſagte ſie; ſo wird er mir wohl auch nicht helfen koͤn⸗ nen. Der Scharfrichter von Buchdorf verſteht es viel beſſer.“ Das redete aber nur der Geiz aus ihr. Denn ſie glaubte bey dem Scharfrichter et⸗ wa ein Paar Gulden weniger bezahlen zu duͤrfen. Der Bauer widerſetzte ſich diesmal in allem Ern⸗ ſte und brauchte den Doktor; allein die Baͤuerin warf voll Zorns ſogleich das erſte Arzneyglas unerͤffnet zum Fenſter hinaus, und ließ den Scharfrichter heimlich rufen. Seine beruͤhmten Tropfen ſtillten ihr auch wirklich das Fieber! zo⸗ gen ihr aber, da ihnen Gift beygemiſcht war, anſtatt des Fiebers die Auszehrung zu. Der Herr Pfarrer von Erlenbrunn beſuchte 8 ſie in ihrer Krankheit, und redete ihr auf das liebreichſte zu, ſich zu beſſern, ihren Sinn zu aͤndern, und ihr Herz von den irdiſchen Dingen ab und zu Gott hin zu wenden. Alleein daruͤber ward ſie ſehr aufgebracht. Sie ſchaute den wohl⸗ meynenden Pfarrer mit weit aufgeſperrten Augen an und ſagte:„Ich weiß gar nicht, was der Herr Pfarrer mit ſeiner Bußpredigt will. Mit dem Kaufmanne, der uns um das Geld betrog, da duͤrfte er ſo ſprechen; ja, da ließ ichs gelten. „Aber ich, meynte ich, waͤre gut genug, ſo wies ich bin. Ich habe, ſo lange ich ausgehen konn⸗⸗ te, den ſonntaͤglichen Gottesdienſt nie verſaͤumtt und auch daheim meine taͤglichen Gebethe nie unen terlaſſen; ich habe in meinem Leben nichts ge⸗⸗ than, als gearbeitet und geſpart und mich ale⸗ ein treffliches Muſter von der loͤblichſten aller Tugenden, der Haͤuslichkeit, betragen; kein Menſch in der Welt kann mir etwas Schlechtes nachſa⸗ gen, und kein Armer, der vor meine Thuͤre kam, kann behaupten, daß ich ihn leer gehen ließ. Nun moͤchte ich doch wiſſen, wie man anders ſeyn kann? Ich haͤtte gemeint, der Herr Pfar⸗ rer hielte mich fuͤr eine der froͤmmſten und tu⸗ gendhafteſten Perſonen in der ganzen Pfarrey.“ Der wuͤrdige Pfarrer ſah ſich genoͤthiget, nachdruͤcklicher mit ihr zu ſprechen, um ſie zur —— — 156— Beſſerung zu bewegen. Er zeigte ihr ausfuͤhr⸗ lich und handgreiflich, daß ſie noch das Geld uͤber alles liebe, und daß dieſer Geiz, den ſie ir⸗ rig mit der allerdings ſehr loͤblichen Tugend der Sparſamkeit verwechsle, eine wahre Abgotterey ſey; daß der rohe Zorn, von dem ſie ſich beherr⸗ ſchen laſſe, unter die abſcheulichſten Laſter ge⸗ hdre, Sanftmuth und Geduld aber, dieſe lie⸗ benswuͤrdigen und unumgaͤnglich ndͤthigen Tugen⸗ den, ihr gaͤnzlich fehlten; daß ſie aus Geiz und Zorn ihrem Manne unzaͤhlige traurige Stunden gemacht, die arme Waiſe Marie grauſam verſto⸗ ßen, und ſogar ihre alten Schwiegeraͤltern, die ſie doch wie ihre eigene Aeltern haͤtte ehren und lieben ſollen, aus dem Hauſe vertrieben habe; daß ſie bey ihrem großen Vermoͤgen mit dem Stuͤcklein Brod oder der Hand voll Mehl, die ſie hie und da einem Armen, oft nur um ſeiner los zu werden, aus dem Fenſter reichte, die wichtige Pflicht der Wohlthaͤtigkeit keineswegs er⸗ fuͤllt habe; daß ſie im Gegentheile dieſe fromme Pflicht verachtet und ſogar den wuͤrdigſten und bemitleidenswertheſten Hausarmen niemals mit einem Metzen Getreide aus der Noth geholfen, wiewohl ſie deren tauſende auf dem Kornboden liegen hatte; daß ihre Gaben, wenn fuͤr Abge⸗ brannte oder andere Verungluͤckte geſammelt wur⸗ de, immer die kleinſten und unbedeutendſten ge⸗ — 157— weſen; daß ſie durch ihren ſuͤndhaften Wucher ſich um ihr großes Vermoͤgen, mit dem ſie ſo viel Gutes haͤtte ſtiften koͤnnen, gebracht und ſi ch ſelbſt das Leben abgekuͤrzt habe; daß ihr gera de die Hauptſache des Chriſtenthums, die Liebe gie⸗ gen Gott und die Menſchen fehle; daß ihr Kir⸗ chengehen, ſo heilig die Pflicht auch ſey, den df⸗ fentlichen Gottesdienſt zu beſuchen, fuͤr ſie ni cht verdienſtlich ſeyn koͤnne, da ſie dadurch nicht loeſ⸗ ſer gewolden, und daß ihr Gebeth, da es us einem liebeleeren Herzen komme, unmoͤglich das rechte Gebeth ſeyn käunne——“. Allein ſie ließ den eifrigen Pfarrer micht mehr ausreden; ſie fing an zu heulen und zu ſchreyen:„Ich bin doch die ungluͤcklichſte„ zer⸗ ſon auf Erden, ſagte ſie; mich mag doch auf der ganzen Welt kein Menſch leiden; aber von n ei⸗ nem eigenen Seelſorger haͤtte ich es doch n icht geglaubt, daß er auch ſo feindſelig gegennich ſeyn koͤnnte. Ich habe ihm doch nichts zu Leid gethan, daß er mir ſo abgeneigt iſt und mich fuͤr ſo ſchlecht haͤlt.“ Der gute Pfarrer nahm betruͤbt Hut und Stock und ging.„Ach, ſagte er, wie hart iſt es doch, daß ein Menſch, deſſen Herz am Ir dis ſchen haͤngt, Sinn und Gefuͤhl fuͤr das Him n⸗ liſche erlange. Wie fern iſt er vom Reiche G tes— von der wahren Froͤmmigkeit und der — 188— ten Tugend. Mit einigen auswendig daher ge⸗ ſprochenen Worten glaubt er ſich mit Gott ab⸗ zufinden, und mit einigen hingeworfenen Broſa⸗ men ſeines Ueberfluſſes ſich aller Pflichten gegen ſeine Mitmenſchen zu entledigen. Indeß bleibt ſein Herz ungebeſſert; ja er haͤlt in ſeiner Ver⸗ blendung wohl gar ſeine Laſter noch fuͤr Tugen⸗ den!“ „Ach, ſagte er, indem er eben an dem Gar⸗ ten vorbey ging und einen Blick hinein warf, wie ſehr betruͤgen ſich diejenigen, die da meynen, um gluͤcklich zu ſeyn, brauche man nichts, als recht viel Geld. Dieſe reiche Baͤuerin hatte bey all ihrem Geld und Gute in ihrem Leben keine ſo frohe Stunde, als die arme Marie hier unter den Blumen dieſes Gaͤrtchens ihrer tauſende 2 hatte.“ Die Baͤuerin mußte indeß noch ſehr vieles leiden. Sie huſtete ganze Naͤchte hindurch, ge⸗ traute ſich aus Geiz kaum einen Tropfen Wein 8 dder einen Loͤffel voll Fleiſchbruͤhe zu koſten, und hatte bey allen ihren Leiden keinen wahren Troſt, keine Kraft zur Geduld und zur Ergebung in den goͤttlichen Willen. Der Herr Pfarrer gab ſich noch alle erdenkliche Muͤhe, ſie auf beſſere Wege zu bringen. Sie wurde in ihren letzten Lebens⸗ tagen auch etwas milder, und zeigte Reue; al⸗ lein er zweifelte dennoch, nicht ohne Grund, ob A 1 — 1 59— ſie ſich wahrhaft gebeſſert habe. Endlich ſtarb ſie in ihren ſchoͤnſten Lebensjahren als ein trau⸗ riges Opfer ihres Geizes, und als ein augen⸗ ſcheinliches Beyſpiel, daß die zeitlichen Guͤter den Menſchen nicht gluͤcklich, wohl aber recht ungluͤcklich machen koͤnnen. Zwey und zwanzigſtes Kapitel. Noch eine ſehr traurige Begebenheit. —,— Die graͤfliche Familie hatte Marien mit in die Reſidenzſtadt genommen. Eines Morgens kam ein alter Geiſtlicher mit eisgrauen Haaren in den graͤflichen Hof, ließ ſich zu Marien fuͤh⸗ ren, und ſagte ihr, daß er einen Auftrag an ſie habe. Eine ſehr kranke Perſon, die ihrem Tode nahe ſey, wuͤnſche vor ihrem Hinſcheiden ſie noch zu ſprechen, indem ſie ſonſt nicht ruhig ſterben koͤnne; wer ſie eigentlich ſey, wolle ſie Marien ſelbſt entdecken. Marie war uͤber dieſen Antrag ſehr befremdet; ſie fragte die Frau Graͤfin um Rath, was ſie thun ſolle. Die Graͤfin kannte den Geiſtlichen als einen ſehr frommen und ver⸗ — 160— ſtaͤndigen Mann, und hieß ſie gehen. Auf Ver⸗ langen des Geiſtlichen ging der alte Anton mit. Marie mußte ſehr weit gehen, bis in den abgelegenſten Theil der Vorſtadt. Endlich kam ſie an ein Haus in einer engen Seitengaſſe, das ein ſehr duͤſteres Ausſehen hatte. Hier mußte ſie fuͤnf Stiegen ſteigen, von denen die zwey letzten ſo dunkel, ſchmal und baufaͤllig waren, daß es Marie ganz bange wurde. Nun blieb der Geiſtliche bey einer alten Thuͤre, die blos aus rohen Brettern zuſammen genagelt war, ſte⸗ hen und ſagte:„Hier!— doch warten Sie noch ein wenig; Sie werden das da ſehr nothwendig haben.“ Er troͤpfelte ihr etwas Meliſſengeiſt auf ihr Taſchentuch und oͤffnete dann die Thuͤre. Marie trat in ein Dachſtuͤbchen, das nicht armſeliger haͤtte ſeyn koͤnnen. Das truͤbe kleine Fenſter war haͤufig mit Papier verpappt; eine elende Bettſtadt, ein noch elenderes Bett, wenn es je ein Bett zu nennen war, und ein zerbro⸗ chener Stuhl daneben, auf dem ein ſteinerner Waſſerkrug ohne Deckel und Handhebe ſtand, machten die ganze Einrichtung aus. Aber die Kranke in dem Bette war erſt recht ein Gegen⸗ ſtand des Entſetzens. Marie glaubte ein Todten⸗ gerippe zu ſehen, das ſich bewegte, mit einer graͤß⸗ — V6 1— graͤßlichen, rochelnden Stimme zu reden aufing, und ihr die duͤrre Hand entgegen ſtreckte. Ma⸗ rie zitterte an allen Gliedern. Mit Muͤhe ver⸗ ſtand ſie endlich aus den hohlen, mit vieler An⸗ ſtrengung hervorgebrachten Worten ſo viel, die⸗ ſe entſetzliche Geſtalt ſey— Jettchen; Jettchen, die damals, als ſie noch im Schloſſe zu Eich⸗ burg war, ſchoͤner bluͤhte, als eine Roſe. Die Ungluͤckliche hatte von dem Geiſtlichen vernommen, Marie ſey mit der Herrſchaft wirk⸗ lich in der Stadt, und hatte ſie rufen laſſen, um ſie wegen der Geſchichte mit dem Ringe um Verzeihung zu bitten. Ihren Namen wollte ſie vorher nicht neunen laſſen, weil ſie fuͤrchtete⸗ Marie mochte ſonſt aus Haß gegen ſie nicht kommen. In S3 an ⸗ 1 Die gutherzige Marie brach in einen Strom von Thraͤnen aus, und erſchdpfte ſich in Ver⸗ ſicherungen, daß alles, alles laͤngſt verziehen ſey, und daß ſie nichts fuͤhle, als das innigſte, ſchmerzlichſte Mitleid. Marie wollte die Ungluͤck⸗ liche, zum Zeichen, daß ſie ihr ganz verziehen habe, umarmen und kuͤſſen. Allein der Geiſtliche ſchrie laut auf:„Zuruͤck!“ und ſtreckte den Arm aus, Marien abzuhalten.„Um Gottes willen, ſagte er, was wollen Sie machen! Das Gift dieſer Krankheit iſt anſteckend.“„Was iſt es 11 Blumenkoͤrbchen. * — 162— denn fuͤr eine Krankheit?“— ſagte die unſchul⸗ dige Marie erſchrocken. Der Geiſtliche blickte zur Erde und ſchwieg; allein die Kranke forderte ihn auf, kein Geheimniß daraus zu machen, wie ſie ſo ungluͤcklich geworden, indem ihr Ungluͤck an⸗ dern zur Warnung dienen koͤnne. Der Geiſtliche ſprach hierauf, Marien weh⸗ miüuͤthig anblickend:„Ach, mein liebes Kind, dieſe Krankheit iſt die Folge ſchaͤndlicher Aus⸗ ſchweifungen. So fuͤrchterlich kann die Unzucht die ſchoͤnſte Geſtalt verwuͤſten; dieſer ſchreckliche Tod iſt die Folge eines unzuͤchtigen Lebens! Sie ſind noch jung, meine Tochter! Viele werden Ihnen ſagen daß Sie ſchoͤn ſeyen; Sie werden oft ſehr leichtfertig reden, und uͤber das Laſter ſcherzen und es entſchuldigen hdͤren; Sie werden der boͤſen Beyſpiele nicht wenige ſehen. Die Ver⸗ fuͤhrung wird, gleich einer giftigen Schlange, auch Ihnen nachſtellen!— Denken Sie daher Ihr Le⸗ benlang an dieſes Beyſpiel hier. Sie ſehen da, wie elend die Suͤnde mache. Das Andenken die⸗ ſes Schreckenanblicks kann Sie bewahren. O koͤnnte ich nur alle Toͤchter dieſer Stadt, die in Ihrem Alter ſind, hieher fuͤhren— ſie zu war⸗ nen. Koͤnnte ich beſonders jenen Boͤſewichtern, die unter dem Scheine der Freundſchaft, der Lie⸗ be, des Wohlwollens, der Freude dieſes einſt auch unſchuldige Midihen verfuͤhrten, und es ſo — 163— graͤßlich hinrichteten, dieſe entſetzliche Geſtalt zei⸗ gen! Es giebt Leute, die uns Geiſtliche unweiſe nennen, und uns vorwerfen, wir predigen Freu⸗ denhaß; allein eine ſolche Freude, die ein ſolches Ende nimmt, kann ich nun einmal nicht liebens⸗ wuͤrdig finden, und wehe dem, der, unſchuldige Geſchoͤpfe zu betruͤgen, ſolchen nichtswuͤrdigen Vergnuͤgungen eine Lobrede haͤlt.“ Jettchen hatte ſchon fruͤher, da ſie mit der Herrſchaft in der Reſidenzſtadt war, ſich heimlich in verbothene Bekanntſchaften mit ſchlechten Men⸗ ſchen eingelaſſen. Als ſie aus Eichburg verwie⸗ ſen wurde, ging ſie wieder dahin, ward ganz verfuͤhrt, lebte eine Zeit in lauter Luſtbarkeiten, erſchien in praͤchtigen Kleidern, die ſie auf eine unerlaubte Art erwarb, und zog ſich dieſe Krank⸗ heit zu. Ihre Kleider, die ihr ganzes Vermd⸗ gen ausmachten, hatte ſie waͤhrend ihrer Krank⸗ heit fuͤr den zehnten Theil des Geldes, das ſie dafuͤr ausgelegt, wieder verkauft und mußte nun, von allen ihren ehemaligen Freunden verlaſſen, im tiefſten Elende ſchmachten. Alles dieſes be⸗ kannte ſie unter heißen Thraͤnen ſelbſt. „Ach, ſagte ſie, ich bin eine große Suͤn⸗ derin; ich habe mein Schickſal verdient. Daß ich micht mehr an Gott denken, nichts Gutes mehr hoͤren, die Stimme meines Gewiſſens nicht mehr — 164— achten mochte; daß ich nichts mehr als Putz, Schmeicheleyen und Vergnuͤgungen liebte, war der Anfang alles meines Elendes, und hat mich an Ende ſo weit gebracht.“—„O, rief ſie lautweinend und mit hohler, heißerer Stimme, wenn nur in der andern Welt nicht noch ein groͤßerer Jammer auf mich wartet! Doch, da Sie, edle Marie, die ich ſo ſehr, ſo entſetzlich beleidigte, mir verziehen haben, ſo hoffe ich, Gott werde mir auch verzeihen!“ Marie ging ſehr beſtuͤrzt nach Hauſe; ſie fonnte vor Entſetzen, Eckel und Mitleiden nicht zu Mittag eſſen. Immer ſchwebte ihr die graͤß⸗ liche Geſtalt vor Augen, immer klang die wider⸗ liche Stimme in ihren Ohren. Sie mußte nur immer bey ſich ſelbſt ſagen:„Dieſe entſetzliche Geſtalt— war einſt Jettchen, das ſchoͤne Jett⸗ chen!“ und ſie wiederholte dieſe Worte den Tag uͤber faſt beſtaͤndig. Dabey dachte ſie an ihr bluͤhendes Aepfelbaͤumchen, das einſt der Reifen verwuͤſtet hatte. Alles, was ihr Vater ihr da⸗ mals und noch auf ſeinem— freylich viel troͤſt⸗ licherem!— Sterbebette geſagt hatte, kam ihr wieder zu Sinne, und ſie gelobte es Gott in ſihrem Herzen aufs neue heilig an, immer Kerein und untadelhaft zu leben.— Sie bath indeß die Frau Graͤfin füͤr Jett⸗ Gen. Dieſe ſchickte ihr einen Arzt, Speiſen, — 165— Leinewand, und was ſie ſonſt noͤthig hatte. Al⸗ lein nachdem Jettchen noch die ſchrecklichſten Schmerzen geduldet, und wegen ihres graͤßlichen Anblicks und des Verweſungsgeruches bey noch lebendigem Leibe faſt kein Menſch mehr ſich ihrem Bette naͤhern konnte, ſtarb ſie im drey und zwan⸗ zigſten Jahre ihres Alters!. 1— Drey und zwanzigſtes Kapitel. Noch eine freudige Begebenheit. 6 —— Im naͤchſten Fruͤhlinge, da bereits alles gruͤnte und bluͤthe, begab ſich der Graf mit ſei⸗ ner Gemahlin und Tochter nach Eichburg; auch Marie mußte mitreiſen, und nahm in dem Wa⸗ gen ihren gewoͤhnlichen Platz neben Amalia ein. Als die Reiſegeſellſchaft Abends Eichburg naͤher kam, und Marie nun im Glanze der untergehen⸗ den Sonne den Kirchthurm, das graͤfliche Schloß und ihr vaͤterliches Haus von Ferne erblickte, ward ſie ſehr geruͤhrt, und ſie konnte die Thraͤ⸗ nen nicht zuruͤck halten.„Ach, ſagte ſie, da⸗ mals, als ich Eichburg verließ, haͤtte ich wohl nicht gedacht, daß ich ſo wieder zuruͤck kommen — 166— wuͤrde! Wie wunderbar weiß Gott doch alle Dinge zu lenken, und wie guͤtig iſt Er!“ Als der graͤfliche Wagen vor dem Schloß⸗ thore ankam, ſtanden die Beamten und alle die uͤbrigen Diener des Grafen bereit, die Herrſchaft zu bewillkommen. Auch Marie ward ſehr freund⸗ lich begruͤßt, und alle bezeugten ihre Freude, ſie wieder zu ſehen und wuͤnſchten ihr Gluͤck, daß ihre Unſchuld an den Tag gekommen. Der alte Amtmann aber nahm ſie mit wahrhaft vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit bey der Hand, bath ſie vor allen An⸗ weſenden um Verzeihung, bezeugte dem Grafen und der Frau Graͤfin fuͤr die edelmuͤthige Verguͤ⸗ tung des zugefuͤgten Unrechts ſeinen Dank, und verſicherte, auch er, auf den die groͤßte Schuld falle, werde ſich beſtreben, dieſe Schuld nach Kraͤften abzutragen. Marie ſtand am andern Tage ſehr fruͤh auf. Die Freude und der herrliche Maymorgen, der ihr hier auf dem Lande wieder ſo recht in das Fenſter ſchien, hatten ſie ſo fruͤhe geweckt. Sie eilte ihre vaͤterliche Wohnung und ihren Garten zu beſuchen. Unterwegs begegneten ihr lauter reundliche Geſichter; manche jungen Leute, de⸗ nen ſie als Kinder Blumen geſchenkt hatte, wa⸗ ren ſo herangewachſen, daß Marie ſich daruͤber wundern mußte. An der Gartenthuͤre kamen ihr 1 der Bauer und die Baͤuerin entgegen, gruͤßten ſie —— — 167— liebreich und erzaͤhlten ihr, wie zufrieden und vergnuͤgt ſie hier lebten. „Einſt, ſprach der Bauer mit Freudenthraͤ⸗ nen in den Augen, da Sie ohne Herberge wa⸗ ren, nahmen wir Sie unter unſer Dach auf; und jetzt, da wir gleichſam aus unſerer Woh⸗ nung vertrieben wurden, geben Sie uns fuͤr un⸗ ſere alten Tage dieſen freundlichen Aufenthalt.““ „Ja, ja, ſagte die Baͤuerin: Es iſt doch immer gut, freundlich und dienſtfertig gegen Au⸗ dere zu ſeyn; man weiß nicht, wie ſie uns wie⸗ der dienen koͤnnen.“„Nun, nun, ſprach der Bauer; daran dachten wir damals nicht, und thaten es auch nicht deßwegen. Indeß bleibt es immer ein wahres Wort:„Seyd barmherzig, und ihr werdet Barmherzigkeit erlangen.“ Marie ging in das Haus; die Wohnſtube, die Stelle, wo ehemals ihr Vater ſaß, weckte wehmuͤthige Erinnerungen in ihr. Sie ging in dem Garten umher. Jeden Baum, den ihr Va⸗ ter gepflanzt hatte, begruͤßte ſie, wie einen alten Bekannten; beſonders aber verweilte ſie bey dem Aepfelbaͤumchen, das eben jetzt in der ſchoͤnſten Bluͤthe ſtand.„Ach, ſagte ſie, wie kurz iſt das Daſeyn des Menſchen hier auf Erden! Er geht fort, und Baͤume und Straͤuche uͤberleben ihn!“ — 169— Sie ſetzte ſich in die Laube, in der ſie mit ihrem Vater ſo manche ſelige Stunde zugebracht hatte. Es war ihr, indem ſie in dem Garten umher blickte, den er im Schweiße ſeines Ange⸗ ſichts gebaut hatte— als ſaͤhe ſie ihn noch ſtehen und gehen. Sie weihte ſeinem Andenken eine fromme Thraͤne; ſie konnte aber mit Ruhe, mit getrdſtetem Herzen daran denken, daß er ſich in ſchoͤneren Gegenden befinde, und dort einaͤrnte, was er hier aͤusſaͤete.— 1 Marie kam jeden Fruͤhling auf einige Wochen nach Eichburg, und lebte hier an der Seite Ama⸗ liens, von jedermann geehrt und geliebt, immer ſehr frohe Tage. Eines Morgens ſaß ſie mit Amalia an dem Arbeitstiſchchen, und beyde wa⸗ ren ſehr beſchaͤftigt, ein Kleid fertig zu machen. Da trat ganz unvermuthet der Herr Amtmann— und zwar, wiewohl es Werktag war, im ſchar⸗ lachrothen Feſtkleide und mit friſchgepuderter Pe⸗ ruͤcke— ſehr feyerlich in das Zimmer. Amalia und Marie ſchauten einander verwundert an, was dieß zu bedeuten habe. Der Amtmann bezeugte erſt Amalien ſeinen Reſpekt, und ſagte dann, daß er Jungfer Marien einen Antrag von großer Wichtigkeit zu machen habe. Sein Sohn Friederich, fing er nun zu Ma⸗ rien gewandt an, der ihm durch die Gnade Sei⸗ ner Erzellenz, des Herrn Grafen, in dem Amte adjun⸗ — 169— adjungirt und ſein beſtimmter Nachfolger ſey, habe ihm geſtern erdͤffnet, daß er, wegen ihres edlen Herzens und ihrer vortrefflichen Eigenſchaf⸗ ten eine Neigung zu Jungfer Marien habe, und ſich gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrde, ſie zu ehelichen. Als ein guter Sohn habe er ihr von ſeiner Nei⸗ gung und Abſicht nichts ſagen wollen, bis er ſich zuvor der vaͤterlichen Einwilligung, um die er hiemit bitte, verſichert habe. Dieſe Einwilligung habe ihm der Vater ſogleich mit Freuden und von ganzem Herzen gegeben, und es uͤbernom⸗ men, als Vater den Brautwerber fuͤr den gelieb⸗ ten Sohn zu machen, und um Mariens Hand zu bitten. Dieſe ihr angetragene Verbindung, fuͤgte er noch mit einer Thraͤne im Auge bey, waͤre ihm, dem Vater, um ſo angenehmer, da er das Unrecht, das er einſt Marien zufuͤgte und das ihm ſchon manche ſchwere Stunde gemacht habe, auf dieſe Art einiger Maaßen wieder gut machen koͤnne. Er hoffe, Jungfer Marie werde keine Abneigung gegen ſeinen Sohn hegen, am allerwenigſten aber das Unrecht, das ihr der Va⸗ ter, lediglich aus Irrthum und vielleicht zu gro⸗ ßem Eifer fuͤr Handhabung der heiligen Gerech⸗ tigkeit zufuͤgte, einen Grund ſeyn laſſen, den ge⸗ machten Antrag abzuweiſen. Er ſchwieg— und wartete auf Mariens Antwort. Blumenkörbchen. 12— = — 4 1 £ 4 1 — 170— 3 Marie war uͤber den Antrag ſehr betroffen. Sie wußte nicht ſogleich, was ſie ſagen ſollte, und wurde ein uͤber das andere Mal gluͤhend roth. Der Sohn des Amtmannes war ein ſehr vortrefflicher junger Mann; er hatte ſeine Studien mit ganz ungemeinem Beyfalle vollen⸗ det, und ſowohl auf der Univerſitaͤt, als waͤh⸗ rend er bey der fuͤrſtlichen Regierung ſich in Ge⸗ ſchaͤften uͤbte, ganz ausnehmende Kenntniſſe er⸗ worben; ſeine Sitten waren durchaus untadelich; er hatte das edelſte Herz, ein ſehr feines, lie⸗ benswuͤrdiges Betragen und uͤberdieß noch eine ſehr ſchoͤne Geſtalt. Er hatte Marien, ſeit ſie wieder nach Eichburg gekommen war, in dem graͤflichen Schloßgarten, in den ſie mit der Herr⸗ ſchaft gewoͤhnlich nach Tiſche herab kam, einige Male geſprochen, und ihr eine ganz vorzuͤgliche Hochachtung und Aufmerkſamkeit bewieſen. Ma⸗ rie ahnete auch wohl, daß er eine Neigung zu ihr habe; es war ihr auch der Gedanke zu Sinn gekommen, daß ſie mit ihm ſehr gluͤcklich ſeyn wuͤrde. Allein ſie gab dieſem Gedanken kein Ge⸗ hoͤr; ſie war ſo beſcheiden, und glaubte ihre Wuͤnſche nicht ſo hoch erheben zu duͤrfen. Sie war deßhalb ſehr auf der Huth, in ihrem Her⸗ zen eine Neigung aufkeimen zu laſſen, die zu nichts diente, als ſie unruhig zu machen, und ſie vermied es von dieſer Zeit an ſehr ſorgfaͤltig, — —y;;)—— — —— mit Friderich in dem herrſchaftlichen Garten zu⸗ ſammen zu treffen. Obgleich nun der Antrag, der ihr jetzt gemacht wurde, ihren geheimſten Wuͤnſchen gemaͤß war, ſo konnte ſie doch un⸗ moͤglich ſich ſogleich erklaͤren. Sie ſtammelte mit jungfraͤulicher Sittſamkeit und mit errdthenden Wangen, daß ſie durch den ehrenvollen Antrag uͤberraſcht ſey— daß ſie um Bedenkzeit bitte— daß ſie mit dem Herrn Grafen und der Frau Graͤfin, die bisher Vater⸗ und Mutter⸗Stelle an ihr vertreten, zuvor noch ſprechen muͤſſe.— Dieſes war dem klugen Amtmann ſchon ge⸗ nug; er entfernte ſich ſehr vergnuͤgt. Er zwei⸗ felte gar nicht, daß dieſe Verbindung dem. Grafen und der Frau Graͤfin ſehr angenehm ſeyn wuͤrde. Er ging ſogleich zu ihnen; ſie eir beyde eine hohe Freude. Der Graf ſagte:„Sie bringen uns in der That eine ſehr erfreuliche Nachricht, mein lieber Herr Amtmann! Meine Gemahlin und ich haben ſchon oft unter vier Augen davon geſprochen, daß der treffliche Friderich und die liebenswuͤrdige Marie ſich ſehr wohl fuͤr einander ſchicken wuͤr⸗ den. Allein wir huͤtheten uns ſehr, etwas davon merken zu laſſen. Wir fuͤrchteten, man moͤchte unſern Wunſch— fuͤr ſo etwas von einem Be⸗ fehl anſehen; und in Heirathſachen iſt uns al⸗ 2 2 35 5 les, was auch nur von Ferne einem Zwang aͤhn⸗ lich iſt, in der Seele verhaßt.— Jetzt iſt es uns aber um ſo angenehmer, daß unſere Wuͤn⸗ ſche ohne unſer Zuthun erfuͤllt werden.“ Die Frau Graͤfin ſprach:„Ich wuͤnſche Ihnen von Herzen Gluͤck, Herr Amtmann! Sie erhalten in Marien die beſte Schwiegertochter und Ihr Sohn die beſte Ehegattin. Marie iſt in der Schule fruͤher Leiden gebildet, und das iſt die allerbeſte Schule. Alle Ecken, die ſich wohl auch in der Gemuͤthsart ſehr trefflicher Menſchen fin⸗ den, werden am beſten durch Leiden abgeſchlif⸗ 3 en. Marie iſt von Herzen demuͤthig. Sie ward zurch Schmeicheley nicht verwoͤhnt; ſie iſt die beſcheidenſte und anſpruchloſeſte Seele, die ich kenne; ſanft, wohlwollend, und— was die Wurzel alles Guten iſt— von ganzem Herzen fromm. Auch ward ſie von Kindheit an zur Ar⸗ beit gewoͤhnt, und da ſie alle haͤuslichen und laͤndlichen Arbeiten ſelbſt verrichtete, ſo verſtehet ſie es ſehr gut, einem Hausweſen vorzuſtehen. Das, was man feine Sitten und gute Lebensart nennt, hat ſie ſich in der Hauptſtadt, ohne Nachtheil ihrer Tugend, in kurzer Zeit eigen ge⸗ macht. Unſchuld und Schoͤnheit ſind in ihr ſehr ieblich vereinigt. Sie iſt in jeder Hinſicht das MNuſter eines vollkommenen Frauenzimmers. Ihr Sohn wird mit Marien ſehr gluͤcklich ſeyn!“ „ — 85 ——— — 173— Die Frau Graͤfin fing nun, da ſie Mariens Einwilligung als gewiß annahm, ſogleich an, ſehr angelegentlich von den Anſtalten zur Hoch⸗ zeit zu ſprechen.„Ich werde alles dazu beytra⸗ gen, ſagte ſie, die Hochzeit recht feyerlich zu ma⸗ chen. Die Mahlzeit werde ich hier im Schloſſe geben, und auch auf die Ausfertigung und den Brautputz Bedacht nehmen.“„Sieh, ſieh, ſetz⸗ te ſie laͤchelnd bey, jetzt kann Marie doch noch den Ring als Brautring tragen. Wer haͤtte das gedacht!“ Auch wurde noch verabredet, mit Er⸗ laubniß des Pfarrers von Eichburg den Pfarrer von Erlenbrunn einzuladen, damit er Mariens eheliche Verbindung einſegne.„Dieß wird der Braut eine ganz unerwartete Freude machen, ſagte die Frau Graͤfin, und auch der edle Pfar⸗ rer, der an ihrem Ungluͤcke ſo vielen Antheil nahm, wird ſich freuen, nun ein Zeuge ihres Gluͤckes zu ſeyn.“ Der Hochzeittag war einer der feyerlichſten Tage, die man in Eichburg je erlebt hatte. Die ganze graͤfliche Familie begab ſich zur beſtimmten Stunde in die Kirche, wo ſich bereits aus der ganzen Grafſchaft Eichburg eine unzaͤhlige Men⸗ ge Menſchen eingefunden hatte. Wer nicht muß⸗ te, war ſicher nicht zu Hauſe geblieben; es war in den Augen der Leute etwas gar zu Außeror⸗ 8 dentliches, daß ein armes Maͤdchen, die ehemals 2 in Ketten und Banden lag, zu ſolchen Ehren gekommen. Amalia begleitete, jungfraͤulich bekraͤnzt, ihre Freundin zur Kirche. Sie glaubte dadurch ihrem Range nichts zu vergeben, und von ihrem Anſehen nichts zu verlieren; in der That gewann ſie vielmehr dadurch bey allem Volke an Liebens⸗ wuͤrdigkeit, und jedermann ſchaͤtzte ſie wegen ihrer Leutſeligkeit und Hergblaſung nur um ſo hoͤher. Marie ſtand in ihrem Kranze von weißen und rothen Roſen, und in einem veilchenblauen Kleide, mit einem Angeſichte, das lieblicher als alle Roſen bluͤhte, und mit beſcheiden niederge⸗ ſchlagenen Augen, ſchoͤn wie ein Engel, neben dem wohlgebildeten Braͤutigam von hoher, edler Geſtalt, am Altare. Aller Augen waren auf ſie gerichtet. Der alte Jaͤger Anton ſtand ſeitwaͤrts am Altare, nicht weit von dem Brautpaare. Da er die ſo unbeſchreiblich ſchoͤn bluͤhende Braut er⸗ blickte, fiel ihm Jettchens ſchreckliche Geſtalt auf ihrem Sterbebette ein.„O Gott, ſagte er, wenn nur alle, die hier zugegen ſind, Jettchen geſehen häͤtten, um ſie mit Marie hier in Gedanken zu vergleichen. Sie wuͤrden dann einſehen, wohin — — — 175— die verſchiedenen Wege, auf denen dieſe zwey Maͤdchen wandelten, am Ende fuͤhren.“ Der wuͤrdige Pfarrer von Erlenbrunn hielt vor der heiligen Handlung eine ſehr ſchoͤne An⸗ rede an das verſammelte Volk. Er ſtellte die denkwuͤrdige Geſchichte der Br und ihres ver⸗ klaͤrten Vaters zuerſt kurz dar und pries dann Gottes heilige Vorſehung, die uns Menſchen auf Erden durch Leiden bildet, uns durch Leiden vor manchem Abwege bewahrt, uns in der Froͤmmig⸗ keit, im Vertrauen, in der Demuth, in der Ge⸗ duld uͤbt, uns auf die Freude, die ſie uns auf Erden zudachte, vorbereitet, und— was das vorzuͤglichſte iſt— uns durch Leiden fuͤr den Himmel erzieht, und uns ewiger Freuden faͤhig und werth macht. Er ermahnte die Aeltern, ihre Kinder gut zu erziehen, ihnen Ehrfurcht vor Gott, Liebe zum Guten und Abſchen vor dem Boͤſen einzufloͤßen, indem eine gute Erziehung das beſte Erbtheil ſey, das ſie ihnen hinterlaſſen konnen. Er redete der Jugend recht an das Herz, fromm zu leben, die Aeltern zu ehren, die Un⸗ ſchuld als die ſchoͤnſte Tugendbluͤthe des jugendli⸗ chen Alters zu bewahren und in allem Gottes Gebothe heilig zu beobachten, indem ſie gleichſam eine Hand am Scheide⸗Wege ſeyen, die uns hindeute, wohin wir gehen muͤſſen, um zu Gläͤck und Heil zu gelangen. — 176— Das Hochzeitmal, das in dem großen Saa⸗ le des graͤflichen Schloſſes gegeben wurde, war ſehr praͤchtig. Anſtatt des ſilbernen Aufſatzes aber, der ſonſt die Mitte der Tafel einnahm, erblickte man zus allgemneinen Freude der Gaͤſte Amalia hatte es heim⸗ lich mit den ſchönſten Blumen gefuͤllt, und es da⸗ hin ſtellen laſſen. „Das iſt, ſprach der Herr Pfarrer von Er⸗ lenbrunn, in der That ein ſehr ſchoͤner, lieblicher Gedanke, die Brauttafel mit dieſem Blumen⸗ koͤrbchen zu zieren. Ein ſolches Koͤrbchen voll Blumen, das wirklich eine Tafel mehr ziert als Gold und Silber, iſt uͤberhaupt ſchon ein ſehr erfreulicher Anblick. Nicht nur koͤnnen wir auf Erden nicht leicht etwas Schoͤneres ſehen; es mnuß auch ein fronmnes Gemuͤth mit fmmmer 7,1 Es f atichſam vollgedrangt von Beweiſen der Allmacht, Weisheit und Guͤte Gottes; denn Gott iſt es ja, der jeder Blume Geſtalt, Farbe und Wohlgeruch gab, und ſie ſchoͤner ſchmuͤckte, als je der groͤßte Koͤnig in aller ſeiner Pracht geklei⸗ det war.“ „Allein dieſes Blumenkoͤrbchen ſteht als ein ganz beſonderer Beweis der goͤttlichen Vorſehung hier auf der Tafel; denn Gott bediente ſich ja deſſelben, die Schickſale der Braut wunderbar ——— ———— — 177— zu lenken und uns allen das heutige Freudenfeſt zu bereiten. Er, deſſen Freundlichkeit wir mit Recht im Purpur der Roſe, dem Atlaßglanze der Lilie, der ganz eignen blauen Farbe des Veil⸗ chens bewundern— offenbart ſich uns noch freund⸗ licher und liebreicher in den Schickſalen unſers Lebens, indem er ſich oft eines geringfuͤgigen Dinges bedienet, uns vor Leiden zu bewahren, uns aus Noͤthen zu erretten, uns vom Boͤſen zu⸗ ruͤck zu ſchrecken, uns einen maͤchtigen Antrieb zum Guten zu geben; indem Er oft den unbe⸗ deutendſten Vorfall den Anfang einer ganzen Reihe wichtiger Begebenheiten werden laͤßt, die verſchiedenſten ſcheinbaren Vorfaͤlle zu Einem Zie⸗ le lenkt, ſo daß jedes Menſchenleben, wenn wir es— was wohl erſt jenſeits geſchehen wird— mit einem Blicke uͤberſehen, als ein ſchoͤn geord⸗ netes Ganze, als ein Wunder ſeiner Allmacht, Weisheit und Guͤte erſcheinen wird.“ „Ich denke, die fromme Braut werde das Koͤrbchen als ein Familienſtuͤck aufbewahren, und es nie anders als mit dem innigſten Dankgefuͤhle gegen Gott betrachten. Moͤgen noch viele frohe Familienfeſte Ihr Gelegenheit geben, es mit Blumen zu fuͤllen; ja moͤge das Koͤrbchen, mit Blumen gefuͤllt, heute uͤber fuͤnfzig Jahre zum zweyten Male Ihre hochzeitliche Tafel zieren.“ Wier und zwanzigſtes Kapitel. Jakobs Denkmahl. —— Das Denkmahl des ſeligen Jakobs, das Amalia am Grabe des guten Mannes Marien verſprochen hatte, war indeß auch fertig gewor⸗ den. Es war ſehr einfach und ſehr ſchoͤn aus weißem Marmor gearbeitet, und mit einer gol⸗ denen Inſchrift geziert. Die Inſchrift enthielt außer dem Namen, dem Stande, dem Alter des edlen Gaͤrtners und Korbmachers, blos die Wor⸗ te Jeſu, die allerdings verdienen mit goldenen Buchſtaben geſchrieben zu werden:„Ich bin die Auferſtehung und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich geſtorben waͤre.“ Unter dieſen Worten war das Blumen⸗ koͤrbchen, durch das Gott Marien am Grabe ih⸗ res Vaters aus ihrem großen Leiden errettet hat⸗ te, ſehr kunſtreich in erhabener Arbeit abgebildet. Amalia hatte das Koͤrbchen, nachdem Marie es zuvor mit den ſchoͤnſten Blumen fuͤllte, abge⸗ zeichnet, und die ſehr gelungene Zeichnung dem Kuͤnſtler mitgetheilt. Unter dem Blumenkoͤrbchen war noch der denkwuͤrdige Ausſpruch der heiligen Schrift zu leſen:„Alle Herrlichkeit des Men⸗ ſchen iſt wie eine Blume des Graſes, die bald 3 abfällt; aber das Wort des Herrn bleibet in —— —1W— .+———— — 179— Ewigkeit.“ Oben auf dem Denkmahle erhob ſich ein einfaches, im Feuer vergoldetes Kreuz. Der erfreute Pfarrer von Erlenbrunn ließ das ſchoͤne Denkmahl auf das Grab ſetzen. Es nahm ſich, von dem dunkeln Schatten der Tan⸗ nen gehoben, ungemein ſchoͤn aus; und wann erſt der Roſenſtock auf dem Grabe bluͤhte, und dann einige gruͤne Zweige mit halb und ganz auf⸗ gebluͤhten Roſen, jedoch ohne die goldene In⸗ ſchrift zu bedecken, ſich uͤber den blendendweißen Marmor herab beugten, ſo konnte man nichts Schoͤneres ſehen. Das Denkmahl war die ſchoͤn⸗ ſte Zierde des laͤndlichen Kirchhofes, und die groͤß⸗ te Denkwuͤrdigkeit des Dorfes. So oft der gute Pfarrer fremde Gaͤſte bekam, fuͤhrte er ſie all⸗ zeit zu dem Grabmahle. Wenn dann etwa ein oder der andere ſagte, es ſey ein artiger Gedan⸗ ke, einem Manne, der Gaͤrtner und Korbmacher zugleich war, ein Koͤrbchen mit Blumen auf den Grabſtein zu ſetzen, ſo ſagte der Pfarrer:„O, es iſt noch mehr, als blos ein artiger Einfall. Das Blumenkorbchen hat noch eine ſchoͤnere Be⸗ deutung, und die Landleute nennen es mit Recht das Wahrzeichen einer ſehr ruͤhrenden Geſchichte. Denn der Boden hier, auf dem wir ſtehen, ward Bey Philipp Krüll in Landshut E e aiſt zu haben: Adelhaid, Koͤnigs-Tochter von Burgund, nachherige Gemahlin des Kaiſers Otto des Großen; eine erbau⸗ liche und merkwürd. Geſchichte aus dem loten Jahrh. neu erzählt und mit nützl. Sittenlehren begleitet. m. Kupf. 8. 827. 24 kr. 6 gr. der Alte von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 5te Auflage. 8. 826. 9 kr. 3 gr. Blüthen, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Ver⸗ faſſer der Oſtereyer. 2te verb. u. verm. Aufl. 8. 826. 24 kr. 6 gr. Erzählungen für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfaſſer der Oſtereyer. 3 Bdchn. 12. 821-26. 22 kr. gr. 12. 36 kr. 9 gr. —— kleine lehrreiche, für Kinder; ein Leſebüchlein f. Volksſchulen, von dem Verfaſſer der bibl. Geſchichte. 3 2 Bdchn. 12. 826-27⸗ netto 15 kr. 5 gr. Euſtachius; eine Geſchichte der chriſtl. Vorzeit, neu er⸗ zählt für die Chriſten unſerer Zeit v. d. Verf. der 1 Henopefa. m. K.§. 828. 30 kr. 8 gr. Fabeln für unſere Zeiten und Sitten. 2 Bdchn. 821. 1 fl. 16 gr. Fidelis von Sigmaringen; eine merkwürdige und lehr⸗ reiche Geſchichte ſpäterer Zeiten, neu erzählt für alle burg; m. K. 3te Aufl. 8. 826. 24 kr. 6 gr. Genovefa; eine der ſchönſten und rühvendſten Geſchichten des Alterthums; neu erzählt für alle gute Menſchen, beſonders für Mütter und Kinder; mit K. ate recht⸗ maäßige Auflage.§8. 825. 24 kr. 6 gr. GOeſchichte, bibliſche, für Kinder. 3 Thle. 8. 825- 26. eito 1 fl. 9 kr. 18 gr. —= dieſelbe im Auszug. 2 Thle. 8. 827. “ netto 30 kr. 8 gr. Hirlanda, Herzogin von Bretagne; oder der Sieg der 3 1 ine erbauliche und lehrreiche Geſchichte des erzählt für Junge und Alte v. d. von Toggenburg. m. K. öte recht⸗ 827. 20 kr. 5 gr. neu fromme Chriſten v. d. Verf. der Itha von Toggen- 6 8 1 8 4 1 ——————— 3 — e ſiſüſſſſf eannnnamnaunaummunmanunmuum 7 ſnſünni 8„ 10 12 13 14 15 16 17