3362 U ———— Leihbibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — 4 3 von.. 8 Eduard Okftmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. V 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. 4 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 4 4. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4 f43 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 4 5 Su, für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — — õ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 2„— u u— 11 1,—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der J. Wolffrfch g — 7 Euſtachius. Eine Geſchichte der cehristlichenVorzeit, neu erzaͤhlt für die Chriſten unſerer Zeit von dem 5 Verfaſſer der Genovefa. Zweyte Auflage. 6 Mit einem Sitelkbupfer. Augsburg, in der J. Wolffiſchen Verlagsbuchhandlung. 6 4 32 9. ——— —— Vorrede. — Was in der Vorrede zur Geſchichte der Genovefa geſagt worden, gilt auch von der gegenwaͤrtigen Geſchichte des heiligen Eu⸗ ſtachius, die in vieler Hinſicht ein Seiten⸗ ſtuck zu jener ſeyn duͤrfte. Die Hauptbegebenheiten haben die Wahrheit einer Geſchichte. Mehrere gelehrte und beruͤhmte Geſchicht⸗ forſcher, als Leo Allatius, Combefiſius, Athanaſius Kircherus, Baronius, Pape⸗ brochius, Tillemont, Baillet und andere, haben ſich zwar uͤber die griechiſche Urkun⸗* Vorrede. de dieſer Geſchichte ſehr verſchieden geaͤu⸗ ßert. Allein der Verfaſſer der vorliegenden Erzaͤhlung ſuchte zwiſchen dieſen entgegen⸗ geſetzten Meynungen die Mitte zu halten, und hofft ſo der Wahrheit am naͤchſten ge⸗ kommen zu ſeyn. Einwendungen von Wich⸗ tigkeit duͤrften in dieſer Bearbeitung von ſelbſt hinweg fallen. Uebrigens konnte und wollte er in ſeine Erzaͤhlung keine gelehrte Unterſuchungen und kritiſche Bemerkungen aufnehmen, indem ſeine Abſicht vorzuͤglich dahin geht, den chriſtlichen Leſer zu erbau⸗ en, und alſo ein ſolcher Aufwand von Ge⸗ lehrſamkeit ganz und gar am unrechten Or⸗ te angebracht ſeyn wuͤrde. Den Nebenumſtaͤnden bemuͤhte ſich der Verfaſſer die Wahrheit eines Gemaͤldes zu geben. — — Vorrede. Einige dieſer Umſtaͤnde gehen aus der Verbindung der Hauptbegebenheiten, und der Denkungsart der handelnden Perſonen ſo nothwendig hervor, daß ſie jeder nach⸗ denkende Leſer bey naͤherer Erwaͤgung der geſchichtlichen Urkunde hoͤchſt wahrſcheinlich finden muͤßte; andere Umſtaͤnde ſind aus verſchiedenen alten Schriften genommen, die uͤber die Geſchichte jener Zeit einiges Licht verbreiten; noch andere kleine Um⸗ ſtaͤnde ſind ſo unbedeutend, daß ſich nichts von ihnen ſagen laͤßt, als ſie ſeyen zur leb⸗ haften und ruͤhrenden Darſtellung einer Begebenheit nun einmal unentbehrlich. Eine ſolche Darſtellung, aus der beſon⸗ ders der hohe Werth des Chriſtenthumes hervorleuchte, ſeinen verehrten Leſern zu ge⸗ ben, war das aufrichtige Beſtreben des Vorrede. Verfaſſers, und was er dort in der Vor⸗ rede zur Genovefa ſagte, wiederholt er auch hier:„Eine einzige Thraͤne der frommen Ruͤhrung, der Beruhigung in aͤhnlichen ¼ Leiden, des frommen Vertrauens auf Gott wird ihm der ſchoͤnſte Lohn ſeyn, den er ſich hier auf Erden nur immer wuͤnſchen kann.“ Stadion im Oktober 1826. Der Verfaſſer. Approbation. * D a s Biſchoͤfliche Ordinariat Augsburg. 4* Enſtach ius, eine Geſchichte der chriſtlichen 4. Vorzeit, neu erzaͤhlt fuͤr die Chriſten unſerer Zeit, 1t von dem Verfaſſer der Genovefa(Herrn Chriſtoph 4 Schmid, jetzt Domkapitular in Augsburg), ent⸗ haͤlt nichts gegen die chriſtkatholiſche Glaubens⸗ und Sittenlehre; wohl aber iſt das Leſen dieſer Geſchichte wegen ihres lehrreichen und erbaulichen Inhaltes den Chriſten vorzuͤglich zu empfehlen; demnach wird dieſelbe des Druckens wuͤrdig er⸗ achtet. Augsburg, den 30. May 1327. Dr. Joſeph von Weber. Generalvikar. G. V. Sekretaͤr. Joſeph Anton Ried. Erſtes Kapitel,. Im Kreuze iſt Heil. Hundert Jahre nachdem Chriſtus geboren war, unter der Regierung des Roͤmiſchen Kaiſers Tra⸗ jan, lebte der Feldherr Plazidus, der unter dem Namen Euſtachius in der ganzen chriſtlichen Welt bekannt worden. Er hatte die Parther, die Feinde Roms, in mehreren Schlachten beſiegt und ſich großen Ruhm erworben. Nachdem der Friede hergeſtellt war, begab er ſich, fern von dem kai⸗ ſerlichen Hofe, auf ſein abgelegenes Landgut. Hier, in ſeinem vaͤterlichen Hauſe, das in der edlen Roͤmiſchen Bauart aufgefuͤhrt und von Gaͤr⸗ ten und Weinbergen, Wieſen und Kornfeldern umgeben war, fuͤhlte er ſich gluͤcklicher, als in Rom, der damaligen Hauptſtadt der Welt. Die unermeßliche Pracht und Verſchwendung, die da⸗ mals in Rom herrſchten und dieſer Stadt in der Folge den Untergang zuzogen, waren ihm zuwider. Er blieb den einfachen Sitten ſeiner Vaͤter, der alten Roͤmer, getreu. Obwohl er große Reich⸗ thuͤmer beſaß, ſo erblickte man in ſeiner Wohnung dennoch nichts von unnoͤthigen und koſtbaren Ge⸗ raͤthſchaften, und auf ſeine Tafel kamen keine uͤberſluͤßige Gerichte. Nur Ordnung, Reinlichkeit 1 85 — 2— und eine ſehr einfache, jedoch ſeinem Stande ge⸗ maͤße Einrichtung gaben ſeiner Wohnung einen eigenthuͤmlichen Glanz. Er war von altem Roͤ⸗ miſchen Adel; allein ſeine edlen Geſinnungen adelten ihn noch mehr. Seine Gemahlin, eine Frau von großer Schoͤnheit und ungemeiner An⸗ muth, war ihm ſowohl an Adel der Geburt— als der Geſinnungen vollkommen gleich. Man konnte wohl in dem ganzen weiten Roͤmerreiche kaum ein vortrefflichers und gluͤcklichers Ehepaar finden— und was ihre Gluͤckſeligkeit auf Erden vollendete, waren zwey liebenswuͤrdige, hoffnungs⸗ volle Knaben. Der aͤltere Knabe war an edler Geſichtsbildung dem Vater aͤhnlich; in dem lieb⸗ lichen Geſichtchen des juͤngern erkannte man ſo⸗ gleich die ſanften Zuͤge der Mutter; das Betra⸗ gen beyder Knaben aber zeigte, daß ſie einſt beyde an Edelſinn und Tugend ihren Aeltern glei⸗ chen wuͤrden. Der Morgen ihres Lebens ver⸗ ſprach den ſchoͤnſten Tag. Einen ſo großen Ruhm ſich Euſtachius zur Zeit des Krieges durch ſeine Tapferkeit als Feld⸗ herr erworben hatte; ſo ruͤhmlich zeichnete er ſich jetzt zur Zeit des Friedens durch ſeine Menſchen⸗ freundlichkeit gegen ſeine Untergebenen, und ſeine Wohlthaͤtigkeit gegen die Duͤrftigen aus. Er hielt zur Beſtellung ſeiner vielen Feldguͤter und zu Beſorgung ſeiner zahlreichen Heerden eine Menge Knechte und Maͤgde, die nach damaliger Ver⸗ faſſung ſeine Sklaven und Sklavinnen waren. Allein er war ihnen ein milder Herr; er ehrte in — ihnen die menſchliche Natur und that alles, ſie zu guten Menſchen zu bilden, ihnen das Loos der Dienſtbarkeit zu erleichtern, und ſie gluͤcklich zu machen. Oefter im Jahre, zu Anfang des Fruͤhlings, zur Aerntezeit, zur Zeit der Weinleſe, und im Spaͤtherbſte, wenn alle Feldarbeiten ge⸗ endet waren und das Jahr ſich zur Ruhe des Winters neigte, gab er ihnen laͤndliche Feſte; und man ſah ihn nie vergnuͤgter, als wenn er alle ſeine Untergebene um ſich her recht froh und froͤhlich ſah. Er betrachtete alle als Eine ihm angehoͤrige Familie und fuͤhlte ſich in ihrer Mitte ſo gluͤcklich, wie ein liebevoller Vater in der Mitte ſeiner Kinder. Mit wohlwollenden Blicken ſchaute er umher, ob nicht dieſem oder jenem etwas ab⸗ gehe, und ermunterte alle mit freundlichen Wor⸗ ten zur Freude. Mehreren ſeiner Sklaven und Sklavinnen ſchenkte er die Freiheit, ſobald er ſie fuͤr faͤhig hielt, ein ſolches Gluͤck zu ertragen, und er gab ihnen uͤberdieß noch ein kleines Guͤtchen dazu, das ſie nun auf ihre eigene Rechnung bauen konnten und wovon ſie ihm nur geringe Abgaben zu leiſten hatten. Manchem tapferen Krieger, der unter ihm gedient hatte, wies er ein Stuͤck Ackerfeld an und ließ ihm ein Haus bauen, da⸗ mit derſelbe nach blutigen Schlachten nun am eig⸗ nen Heerde das Gluͤck des Friedens genießen moͤge. Viele auswaͤrtige Ungluͤckliche nahmen ihre Zu⸗ flucht zu ihm; und er ließ, ſo viel es an ihm lag, keinen Einzigen ohne Troſt und Huͤlfe zu⸗ ruͤckkehren. Seine Reichthüͤmer freuten ihn blos, 1 weil er Andere damit begluͤcken konnte, und er rechnete es ſich zur Ehre, mit eben der Hand, die das Schwert ſo ruͤhmlich gefuͤhrt hatte, nun Wohlthaten unter die Duͤrftigen auszutheilen. Als einſt bei dem Feſte des wiederkehrenden Fruͤh⸗ lings einige dankbare Landleute, die er aus großer Noth errettet hatte, bis zu Thraͤnen geruͤhrt, ihm und ſeiner Gemahlin einen Blumenkranz darbrachten, ſprach er zu ſeiner Gemahlin:„Der blutbeſpritzte Lorbeerkranz mag immerhin fuͤr ruhm⸗ voller gehalten werden; allein ein ſolcher Blumen⸗ kranz duͤnkt mich doch lieblicher und erfreulicher; denn ſieh— er glaͤnzt nur von Thraͤnen des Dankes!“ Die weit ausgedehnten Beſitzungen des edlen Feldherrn waren zwiſchen den alten Staͤdten Tibur und Praͤneſte gelegen, und von einer Seite mit einem waldigen Gebirge begraͤnzt, in dem ſich eine Menge Gewild aufhielt. Euſtachius fand Vergnuͤgen daran, hier zu jagen, indem er die Jagd mit ihren Gefahren und Beſchwerden als eine Art von Krieg anſah, die ihn in Uebung erhielt, damit er, wenn er wieder zu Felde zie⸗ hen muͤßte, zum Kriege nicht untauglich ſeyn moͤchte. Seit einiger Zeit ſchien er dieſem Ver⸗ gnuͤgen mehr nachzuhaͤngen, als ſonſt. Er brachte manchmal zwey bis drey Tage in den waldigen Bergen zu, und uͤbernachtete ſogar dort unter dich⸗ ten Baͤumen oder in einer Felſenhoͤhle. Allein ihm war es gerade jetzt am wenigſten um das Vergnuͤgen der Jagd zu thun. Ihn beſchaͤftigten * ganz andere Angelegenheiten; in ſeinem Innerſten ging eine große Veraͤnderung vor. Euſtachius fing an, jetzt da der Friede ihm mehr Zeit dazu ließ, uͤber die Bedeutung des menſchlichen Lebens⸗ uͤber die Beſtimmung, das Ziel und Ende des Menſchen ernſtlicher nachzudenken. Die Finſter⸗ niß und tiefe Stille der Waͤlder, wo ihn niemand, ſelbſt nicht die zaͤrtliche Gattin und die froͤhlichen Kinder in ſeinen Betrachtungen ſtoͤrten, fand er dazu am meiſten geeignet. Oft meynten ſeine Jagdgenoſſen, er habe ſich blos in Verfolgung eines Stuͤck Wildes von ihnen entfernt; er aber ſaß irgend im Schatten dichter Baͤume auf einem umgeſtuͤrzten Baumſtamme und ſann uͤber wichti⸗ gere Dinge nach. Der große Kampf zwiſchen Heidenthum und Chriſtenthum hatte damals laͤngſt begonnen und bewegte uͤberall die Welt. Die Heiden bedienten ſich all ihrer Macht, des Feuers und des Schwertes, um die Chriſten auszurotten. Die Chriſten hatten ihnen nichts entgegen zu ſetzen, als ruhige Vernunft und anſpruchsloſe Weisheit, als Glauben an Gott und ihren Erloͤſer, Hoffnung eines beſſern Lebens und Liebe gegen alle Menſchen, ſelbſt gegen ihre Verfolger. Unzaͤhlige wurden hingerich⸗ tet, ja mit den grauſamſten Peinen zu Tode ge⸗ foltert. Und dennoch vermehrte ſich die Zahl der Chriſten auf eine wunderbare Weiſe. Das Chri⸗ ſtenthum verbreitete ſich nicht nur in alle Staͤdte, ſondern auch in die Doͤrfer und einzelnen Land⸗ haͤuſer. In vielen Gegenden ſtanden die heidni⸗ ſchen Tempel beinahe verlaſſen, auf ihren Altaͤren — 6— wurde nicht mehr geopfert, und die Opferthiere fanden keine Kaͤufer mehr. Selbſt am Hofe des Kaiſers und unter dem Kriegsheere waren viele dem chriſtlichen Glauben ergeben. Eunſtachius ſah die Thorheit des heidniſchen Goͤtzendienſtes immer mehr ein. Er verabſcheute die Grauſamkeit, mit der man die Chriſten ver⸗ folgte; er hatte manche Chriſten in Schutz ge⸗ nommen und ihnen durch ſein Anſehen das Leben gerettet; er wußte, daß ſelbſt unter ſeinen Unter⸗ gebenen ſich Chriſten befanden, und erwies ſich gegen ſie ſehr guͤtig. Allein er ſelbſt war zur Zeit noch kein Chriſt. Er kannte das Chriſten⸗ thum noch zu wenig, um es nach Verdienſt zu ſchaͤtzen und lieb zu gewinnen. Eines Tages nun hatte er, von vielen Jagd⸗ liebhabern und einem zahlreichen Gefolge beglei⸗ tet, ſich wieder auf die Jagd begeben. Die Jagd⸗ geſellſchaft zerſtreute ſich in kleinere Schaaren durch das Gebirg. Eine Menge Wild wurde er⸗ legt. Gegen Abend jagte Euſtachius noch einen ungemein großen Hirſch auf, verfolgte ihn ſehr eifrig zu Pferd, und entfernte ſich weit von ſei⸗ nen Gefaͤhrten. Allein herabhaͤngende Baum⸗ zweige und vorgeſtreckte Baumwurzeln machten ihm das Nachſetzen bald ſehr beſchwerlich, und eine hoch emporragende Felſenwand machte es ihm zuletzt gar unmoͤglich. Ermuͤdet ſtieg er, ab, und band ſein Pferd an einen Baum. Der Ort ſchien ihm ganz beſonders angenehm und ſehr geſchickt zum Rachdenken. Der tiefe blaue Him⸗ — 1 2— mel ſtrahlte nur ſparſam zwiſchen hohen, blaͤtter⸗ reichen Pappelbaͤumen und den dichten, ſchwarz⸗ gruͤnen Fichten hindurch; von der nahen Felſen⸗ wand, aus der mehrere Lorbeerbaͤume emporſproß⸗ ten, fiel ein klarer Bach mit ſanftem Geraͤuſche von Stufe zu Stufe, und arbeitete ſich ſchaͤu⸗ mend zwiſchen bemoosten Steinen hindurch. Nur einzelne Sonnenſtrahlen drangen in das gruͤne Dunkel und beleuchteten mit kraͤftigem Lichte hier einige purpurne Waldblumen, da die graue mit gruͤnem Moos bewachſene Rinde eines Baumes, dort den zarten Silberſchaum des Waſſerfalls. Euſtachius ſetzte ſich auf ein herabgeſtuͤrztes Felſen⸗ ſtuͤck, ſtuͤtzte den Kopf auf die Hand und ſann aufs neue den Gedanken nach, mit denen er ſich ſchon laͤngere Zeit her ſo ernſtlich beſchaͤftigt hatte. „Es iſt unwiderſprechlich, ſagte er bey ſich ſelbſt, ein weiſer Schoͤpfer hat dieſe Welt her⸗ vorgebracht. Seine unermeßliche Macht und Herr⸗ lichkeit, die uns unſichtbar iſt, zeigt ſich augen⸗ ſcheinlich in allen ſichtbaren Geſchoͤpfen. Die leuchtende Sonne am Himmel und die Blume hier zu meinen Fuͤßen, der ſtarre Fels dort und die bewegliche Waſſerwelle, die von ihm herab⸗ ſtuͤrzt, der ungeheure Fichtenbaum da und jedes Moosfaͤſerchen an ſeinem Stamme ſind lauter Zeu⸗ gen ſeiner Weisheit, Guͤte und Macht; die un⸗ zaͤhligen Blaͤtter der Baͤume ſind eben ſo viele Zun⸗ gen, die uns davon erzaͤhlen. Jedes Geſchoͤpf iſt in ſeiner Art vollendet, und verherrlichet ſeinen Schoͤpfer.“ „Allein warum iſt der Menſch, den ſeine ſchoͤ⸗ ne aufrechte Geſtalt, Vernunft und Sprache uͤber alle Geſchoͤpfe der Erde erheben, in ſo mancher Hinſicht das allerunvollkommenſte Geſchoͤpf? Wie kommt es doch, daß der Menſch, der mit ſeinem großen Verſtande ſo viele Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ ten erfindet, gerade im Allerwichtigſten, in der Erkenntnißſeines Schoͤpfers ſo unwiſſend iſt? Welche Thorheit hat ſich ganzer Voͤlker, ja ſogar des maͤchtigſten aller Voͤlker, der Roͤ⸗ mer, bemaͤchtigt, daß ſie Metalle, Steine und Holz der Gottheit gleich achten und ſie anbethen? Allein warum ſind wir jenem großen Geiſte, der alles ſchuf, ſo entfremdet, daß wir uns keine richtige Vorſtellung von Ihm machen koͤnnen? Warum wiſſen wir ſo wenig von Ihm? Wa⸗ rum giebt Er ſich uns nicht naͤher zu erkennen? Ach mich duͤnkt, irgend eine traurige Begebenheit muß den menſchlichen Verſtand ſo zerruͤttet haben, daß er ſich von der rechten Erkenntniß ſo weit verirren und in ſo ſchrecklichen Unſinn verfallen konnte!“⸗ „Mit der menſchlichen Tugend ſteht es um nichts beſſer, als mit der mangelhaften Erkennt⸗ niß des Menſchen. Warum ſchwebt mir ein Bild menſchlicher Vollkommenheit vor, das ich nicht zu erreichen vermag? Warum ſehen wir ein, was ſchoͤn und gut und recht iſt— haben wohl auch Freude daran— und thun dennoch dasjenige, was ſchlecht iſt und was wir verabſcheuen? Wo⸗ her kommt dieſer Zwieſpalt im Menſchen? Wa⸗ rum iſt der groͤßte Theil der Menſchen ſo aus⸗ geartet, ſo in Suͤnde und Laſter verſunken, daß er ganz das Gegentheil von dem iſt, was ein aͤchter Menſch ſeyn ſollte? Ach, wenn ich unſre Geſchichtbuͤcher aufſchlage, wie graut es mir oft uͤber alle die Graͤuel, die ſchon von Menſchen veruͤbt worden!— Doch was habe ich noͤthig, in der Weltgeſchichte zu forſchen? Ich darf nur in mein Inneres blicken. Ich wurde zwar im⸗ mer den vortrefflichſten Maͤnnern beygezaͤhlt; al⸗ lein wie vieles habe ich mir vorzuwerfen! Wie oft ließ ich mich von Leidenſchaften hinreißen! Wie ſo manches Gute, das ich haͤtte zu Stande brin⸗ gen ſollen, ward verſaͤumt! Wie manche meiner geprieſenſten Handlungen waren von geheimer Ruhmſucht befleckt? Und woher nehme ich nun Beruhigung uͤber das Vergangene— woher Kraft, jene Stufe von Vollkommenheit zu erreichen, nach der Etwas in mir mich ſtreben heißt! Wahrhaf⸗ tig, der Menſch iſt ein gebrechliches, ſuͤndiges Geſchoͤpf, das ſich ſelbſt nicht zu helfen weiß.“ „und ach, wie groß iſt das Elend des Men⸗ ſchen auf Erden! Unter Winſeln und Schmer⸗ zen wird der Menſch zur Welt geboren; unter Angſtſchweiß und hartem Roͤcheln geht er wieder hinaus. Und ſein ganzer Lebenslauf— wie vie⸗ len Arbeiten, Muͤheſeligkeiten, Sorgen iſt er nicht ausgeſetzt? Welch ein unuͤberſehbares Heer von Krankheiten bedrohet ihn? Und wenn er auch ſein ganzes Leben in Geſundheit, Froͤhlichkeit und Ueberfluß zubraͤchte— wie bald nimmt das al⸗ les ein Ende? Wie verbittert ihm die Furcht des Todes den gegenwaͤrtigen Genuß? Wie viel gluͤcklicher iſt der Vogel, der auf dem Baume dort froͤhlich ſingt und von ſeinem bevorſtehenden Tode nichts weiß? Und wie iſts nach dem To⸗ de mit uns beſtellt? Was bleibt nach dem To⸗ de von dem Menſchen noch uͤhrig?— Was wir mit Augen ſehen, iſt nichts weiter, als eine Hand⸗ voll Staub und Aſche— die Leiche mag nun nach der Sitte der Roͤmer verbrannt oder nach dem Gebrauche anderer Voͤlker in das Grab ver⸗ ſcharrt werden. Allein wer ſagt uns ſicher, was es mit dem abgeſchiedenen Geiſte, den wir Roͤ⸗ mer blos einen Schatten nennen, fuͤr eine wei⸗ tere Beſchaffenheit habe?— Ach wir koͤnnen an jenes unbekannte Land, wo wir alle hin muͤſſen und von wo keiner zuruͤckkoͤmmt, nicht anders als mit Schaudern denken!“⸗ „Zwar die Chriſten glauben, ihnen habe ſich der unſichtbare Schoͤpfer der ſichtbaren Welt naͤ⸗ her geoffenbart. Sie ruͤhmen ſich einer helleren Erkenntniß goͤttlicher Dinge. Sie glauben, die Kraͤfte gefunden zu haben, die dem Menſchen fehlen, um das zu werden, was er ſeyn ſollte. Sie halten ſich, ſo verachtet und verfolgt ſie ſind, fuͤr die gluͤcklichſten Menſchen unter der Sonne. Wirklich ſcheinen ſie auch Menſchen beſſerer Art. Sie lieben einander, ſie ſind ohne Falſch und Verſtellung, und von Herzen demuͤthig; ſie ſind un⸗ eigennuͤtzig, guͤtig, barmherzig, ſanftmuͤthig, ohne alle Rachgier; ſie ſind ſtandhaft, getroſt und heiter, — 11— ſelbſt in den groͤßten Peinen. Sie ſcheuen den Tod nicht, ſie freuen ſich vielmehr desſelben; ſie umar⸗ men ihn gleichſam als einen Freund, als einen Bo⸗ then Gottes, der ſie hinuͤber bringt in ein beſſeres Land.— Allein wie vieles von dem, was ich von ihrer Lehre hoͤrte, ſcheint mir hoͤchſt thoͤricht! Sie glauben, ein Sohn des allerhoͤchſten Gottes ſey vom Himmel gekommen, ihnen zu helfen— aber ſelbſt huͤlflos am Kreuze geſtorben. Dieſes Einzige allein waͤre ſchon zuruͤckſchreckend genug. Denn das Kreuz, an dem bey uns die groͤßten Uebelthaͤter die Todesſtrafe ausſtehen muͤſſen, iſt einem rechtlichen Roͤmer ein Gegenſtand des Ah⸗ ſcheues, ehrlos und entehrend, von allem Ver⸗ aͤchtlichen das Veraͤchtlichſte und ein Zeichen des Fluches!“ 13e Er ſann weiter nach und verſank in Gedan⸗ ken, aus denen er keinen Ausweg ſah.„O Gott, rief er endlich, indem er die Haͤnde faltete und durch die Baumzweige zum Himmel aufblickte, Du mir unbekanntes Weſen, von dem alles Ge⸗ fuͤhl kommt, der Du das Menſchenherz ſchufſt⸗ ihm Erbarmung einhauchteſt und alſo gewiß nicht ohne Barmherzigkeit auf die Menſchen, deine Geſchoͤpfe, herabblickeſt, ſieh meine Unwiſſenheit⸗ meine Suͤndhaftigkeit und meinen Jammer, und erbarme Dich meiner! Der Hirſch ſehnt ſich ja nicht vergebens nach einer Waſſerquelle! Fuͤr je⸗ des Beduͤrfniß deiner Geſchoͤpfe haſt Du weiſe und liebreich geſorgt. Sollte denn der Menſch mit ſeinem Durſte nach Wahrheit, Tugend und — 12— Seligkeit allein leer ausgehen? Ach gieb mir zu erkennen, wohin ich mich wenden ſoll, da ich der Thorheiten des Heidenthumes uͤberdruͤßig bin, und mir der Glaube an einen Helfer, den unſere Krie⸗ ger huͤlflos am Kreuze ſterben ſahen, das Wider⸗ ſinnigſte von der Welt ſcheint!“ Indem er dieſe Worte ſagte, hoͤrte er in. den Geſtraͤuchen auf dem nahen Felſen ein Geraͤuſch. Er ſah auf und erblickte oben auf dem Felſen den großen Hirſch, den er ſo lange vergebens verfolgt hatte. Er ſtand auf und wollte ſchon nach Pfeil und Bogen greifen— da erſchien ihm ploͤtzlich in Mitte uͤber dem ausgebreiteten Geweihe des Hirſches ein helles glaͤnzendes Kreuz, das von Strahlen umgeben war und rings umher das tiefe Dunkel des Waldes gleich einer Sonne erleuchtete. Zu gleicher Zeit hoͤrte er eine Stimme vom Him⸗ mel, die ihn mit unausſprechlicher Anmuth und Lieblichkeit bey dem Namen nannte, den er bis⸗ her gefuͤhrt hatte, und ihm zurief:„Plazidus, Plazidus!“ Er fiel auf die Knie und rief er⸗ ſchrocken:„Herr, wer biſt Du?“ Die Stimme antwortete:„Ich bin Chriſtus, der am Kreuze geſtorben iſt, dich und alle Menſchen ſelig zu machen.“ Euſtachius ſprach:„Ach Herr, was willſi Du, daß ich thun ſoll, damit ich ſelig werde?“ Die Stimme ſprach:„Geh hin in die naͤchſte Stadt zu dem Biſchofe der Chriſten; dort wirſt du inne werden, was du thun ſolleſt.“ Die Erſcheinung verſchwand hierauf gleich ei⸗ nem leuchtenden Blitz in der Finſterniß, und Eu⸗ ——— ſtachius ſah ſich wie vorhin von dem Dunkel des Waldes umgeben. Aber im Innerſten ſeiner Seele war es Licht geworden. Es war ihm eine unbe⸗ ſchreibliche Seligkeit, zu denken, daß Gott ſich der Menſchen ſo liebreich annehme, und auch ihn nicht vergeſſen habe. Es waͤre ihm unmoͤglich ge⸗ weſen, dieſen Abend noch zu ſeinen Jagdgefaͤhr⸗ ten zuruͤck zu kehren. Sein ganzes Herz war Er⸗ ſtaunen, Freude, Jubel, Dank und Anbethung. Er brannte vor Begierde, den Biſchof der Chri⸗ ſten aufzuſuchen und zu ſprechen. Da es aber fuͤr heute zu ſpaͤt war, ſo blieb er an der abge⸗ legenen Stelle des Waldes, die ihm nun eine geheiligte Stelle war und ihm der Vorhof des Himmels duͤnkte— wie einſt dem Jakob jener Ort, wo derſelbe eine aͤhnliche Erſcheinung ge⸗ habt und jene Leiter erblickt hatte, auf der die Engel auf und abſtiegen. Zweites Kapitel. Die T aufe. Sobald die erſten Strahlen der Morgenroͤthe hinter den duͤſtern Lorbeergebuͤſchen des nahen Fel⸗ ſen emporglänzten, beſtieg Euſtachius ſein Pferd und machte ſich auf den Weg nach Hauſe. In⸗ dem er ſo fortritt, hoͤrte er die Jagdhoͤrner und den Ruf ſeiner Jagdgenoſſen. Sie hatten ihn die Nacht hindurch nicht vermißt; denn eine jede Schaar glaubte, er befinde ſich bey einer andern. Als ſie aber am Morgen alle zuſammen kamen und ihn nicht erblickten, waren ſie ſehr beſorgt, ob ihm nicht etwa ein Unfall begegnet ſey. Sie begruͤßten ihn daher, als ſie ihn kommen ſahen, mit freudigem Zuruf, und begleiteten ihn froh⸗ lockend nach Hauſe. Als er in ſeine Wohnung trat, kam ihm ſeine Gemahlin Trajana voll Freuden entgegen. Ihr Angeſicht war wie verklaͤrt.„Komm doch einen Augenblick mit mir, ſagte ſie; ich habe dir etwas zu ſagen.“ Sie fuͤhrte ihn in das naͤchſte Zimmer. „Was iſt dir? ſprach er. Dir ſcheint etwas Außer⸗ ordentliches begegnet zu ſeyn. Du biſt ſo geruͤhrt und erfreut, als haͤtteſt du mir etwas beſonders Erfreuliches und Wichtiges zu verkuͤnden.“ „So iſt es auch, mein Herr und Gemahl! ſagte ſie. Es ſcheint zwar, auch dir ſey ein groͤ⸗ ßeres Gluͤck begegnet, als das Weidwerk dir ge⸗ waͤhren konnte. Allein hoͤre zuerſt mich an; das Herz iſt mir zu voll, als daß ich nur einen Au⸗ genblick zoͤgern koͤnnte, dir meine Freude zu ver⸗ kuͤnden. Denn ſieh, in der verfloſſenen Nacht lag ich ſchlaflos auf meinem Lager und dachte den Reden nach, die du eine Zeit her oͤfter mit mir gefuͤhrt haſt. Die Vorſtellungen, die ſich unſer Volk von dem hoͤchſten Weſen macht, beleidigten ſchon lange her mein ſittliches Gefuͤhl und ſchie⸗ nen mir eitel und thoͤricht; allein ich fuͤrchtete mich doch, den Glauben, in dem ich aufgewach⸗ ſen bin, ſogleich aufzugeben und den Altaͤren zu entſagen, an denen noch immer unſer Kaiſer und die angeſehenſten Maͤnner opfern. Und dann— wohin ſollte ich mich wenden?„Ach, rief ich, wer giebt mir Licht in dieſem Dunkel; wer fuͤhrt mich zur Wahrheit, in der allein Heil iſt!“ Un⸗ ter dieſen Gedanken ſchlief ich ein. Da ſah ich im Traume einen Unbekannten voll goͤttlicher Hoheit und himmliſcher Anmuth aus einer lich⸗ ten Wolke hervortreten, der freundlich zu mir ſagte:„Du, dein Mann und deine Kinder wer⸗ den morgen zu Mir kommen und inne werden: Ich ſey es, der diejenigen, die Mich lieben, zum Heile fuͤhrt.“ So ſprach er— und ich erwachte. Was haͤltſt du nun von dieſem Traume, liebſter Gemahl?“ Euſtachius rief hocherfreut:„Der Gott der Chriſten, der einzig wahre Gott, der Himmel und Erde erſchaffen hat, ſey geprieſen, daß Er ſich auch dir nicht unbezeugt ließ! Der Unbe⸗ kannte, den du im Traume erblickteſt, iſt kein Anderer, als Chriſtus der Herr. Er hat ſich auch meiner erbarmt und ſich auch mir geoffen⸗ bart.“ Euſtachius erzaͤhlte ihr die Erſcheinung, die er im Walde gehabt hatte, und waͤhrend er redete, war es ihr nicht anders, als glaͤnzte auf ſeinem Angeſicht noch ein Widerſchein von jenem himmliſchen Lichte, das jenes glaͤnzende Kreuz umgeben hatte. Trajana hing an ſeinen Blicken, und hoͤrte ihm mit frommer Andacht und gefaltenen Haͤnden zu.„O wie ſchoͤn, ſagte ſie, treffen die himm⸗ liſche Erſcheinung, die du ſaheſt, und der Traum, den ich hatte, zuſammen! Sie beſeaͤtigen ſich ſo wechſelweiſe als wahr. Ja, Er, der Goͤttliche, den die Chriſten den Erloͤſer der Welt nennen, will uns und unſern Kindern ein hoͤheres Heil bereiten, als dieſe Welt uns geben kann. Des⸗ wegen, liebſter Gemahl, wird es, wie du auch finden wirſt, das Beſte ſeyn, es nicht zu ver⸗ ſchieben, uns des angebotenen Heiles theilhaftig zu machen. Wir wollen uns nicht traͤg und ſaum⸗ ſelig finden laſſen, das verheißene Kleinod zu erlangen. Heute noch wollen wir uns zu dem Biſchofe begeben und vernehmen, was Chriſtus der Herr uns durch den Mund dieſes ſeines Die⸗ ners befehlen wird.“ „So ſey es, ſprach Euſtachius; wir wollen unſer Haus, das wir in der Stadt haben, be⸗ ziehen, und werden dann leicht Gelegenheit fin⸗ den, den Biſchof mehr als einmal zu ſprechen.“ „Er ließ nun zwey vertraute Maͤnner rufen, die als tapfere Krieger unter ihm den Parthiſchen Krieg mitgemacht hatten, und die er, wegen ihrer beſondern Anhaͤnglichkeit an ihn, als ſeine Diener in ſein Haus aufgenommen hatte. Der Eine hieß Akazius, der Andere Antiochus. Sie waren Beyde die redlichſten Seelen, und, was Euſtachius gar wohl wußte, dem Chriſtenthume von ganzem Herzen ergeben. Euſtachius erzaͤhlte ihnen, wie Chriſtus ſich ihm dort im Walde ſo wunderbar geoffenbaret habe. Akazius ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief läaut aus:„Geprieſen ſey Gott, unſer Vater im Himmel, und unſer Herr und Heiland, Jeſus Chriſtus, daß nun auch du, lieber Feldherr, zur Erkenntniß der Wahrheit berufen wirſt. Du warſt, wie ich oft zu Antiochus und zu andern Chriſten ſagte, bisher immer, beſonders an Barmherzig⸗ keit gegen die Armen, jenem Hauptmanne Kor⸗ nelius aͤhnlich, der ſich durch ſeine Wohlthaͤtigkeit das Wohlgefallen Gottes erworben, und durch einen heiligen Engel an den Apoſtel Petrus ge⸗ wieſen worden. Auf aͤhnliche Art weiſet dich nun Chriſtus ſelbſt an unſern frommen Biſchof Jo⸗ hannes. Gott ſey gelobt und ſein lieber Sohn, Jeſus Chriſtus!“ „Wohl denn, ſprach Euſtachius, ſo wollen wir uns in die Stadt begeben. Waͤhlet von meinen Leuten ſolche zu meinem Gefolge aus, die entweder ſchon Chriſten ſind, oder verdienen, es zu werden. In der Stadt muͤſſet ihr aber dann ſogleich zu dem Biſchofe gehen, ihm bezeu⸗ gen, daß ich nie ein Feind der Chriſten war, ihm erzaͤhlen, daß eine himmliſche Erſcheinung mich an ihn gewieſen habe, und ihn bitten, mir die Stunde zu beſtimmen, in der ich, meine Ge⸗ mahlin und meine zwey Soͤhne vor ihm erſchei⸗ nen duͤrfen.“ Es wurden nun ſogleich Anſtalten zur Abreiſe gemacht, und nach einigen Stunden waren Euſtachius, ſeine Gemahlin und Kinder, und mehrere getreue Diener und Dienerinnen auf dem Wege zur Stadt. Akazius und Antiochus gingen ſogleich zu dem Biſchofe, den ſie laͤngſt von Angeſicht kannten, und dem auch ſie als treue Juͤnger des Herrn 2 — 18— laͤngſt bekannt waren. Sie ſagten ihm ihren Auftrag. Der Biſchof freute ſich ſehr, lobte Gott und Jeſus Chriſtus, und ſprach dann:„Wir Chri⸗ ſten werden in dieſer Stadt ſehr verfolgt. Leicht koͤnnte ich euch, eurem Herrn, ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern Tod und Verderben zuziehen. Bey aller Einfalt der Tauben muͤſſen wir nach dem Ausſpruche unſers Herrn klug ſeyn, wie die Schlangen. Heute Abends, ſobald es dunkel geworden, werde ich mich in dem Hauſe eures Herrn einfinden.“ Die beyden Krieger brachten dieſe Nachricht ihrem Feldherrn. Er ward von der Wilfaͤhrig⸗ keit des frommen Biſchofs ſehr geruͤhrt. Sobald die Sonne untergegangen und die Nacht angebrochen war, verſammelte er alle die Seinigen in dem großen Saale des Hauſes, den er mit vielen Lichtern erleuchten ließ. Der Biſchof kam mit zwey Diakonen. Euſtachius eilte ihm entgegen und fiel ihm zu Fuͤßen. Allein der Biſchof hob ihn auf und ſprach, wie einſt Petrus zu Korne⸗ lius:„Steh auf, ich bin auch nur ein Menſch, wie du!“ Der Biſchof trat in den Saal. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Er war ein ehr⸗ wuͤrdiger Greis, Namens Johannes, voll Weis⸗ heit, Liebe und„Demuth. Er war noch ein Juͤn⸗ ger der Apoſtel, ja vielleicht gar ein Juͤnger Des⸗ jenigen unter den Apoſteln, deſſen Namen er trug, und den der Herr vorzuͤglich lieb hatte. Der Anblick des ehrwuͤrdigen ſchoͤnen Greiſes erfuͤllte alle im Saale mit Ehrfurcht; ſeine Milde und — 19— Freundlichkeit aber mit Liebe und dem herzlich⸗ ſten Zutrauen. Euſtachius oͤffnete ihm nun ſein ganzes Herz. Er erzaͤhlte ihm von ſeinen Zweifeln, ſeinen Feh⸗ lern, ſeiner innern Unruhe— und wie Chriſtus der Herr ihn, nebſt ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern, an den Biſchof gewieſen habe.„Ach, ſagte er am Ende ſeiner Erzaͤhlung, du ſiehſt nun, wie Irrthum, Suͤnde und Elend bisher mein Erbtheil waren; ſag nun an, wie mir koͤn⸗ ne geholfen werden!“ Der Biſchof ſprach:„Irrthum, Suͤnde und Elend ſind das Erbtheil aller Sterblichen. Je⸗ der Menſch, der in ſich geht und ſich ſelbſt naͤ⸗ her kennen lernt, fuͤhlt einen Mangel, ein Ge⸗ brechen in ſich, dem er ſelbſt nicht abhelfen kann. Er ahndet es, daß mit dem Menſchen etwas vor⸗ gegangen ſeyn muͤſſe, das ſein Inneres verfin⸗ ſterte und zerruͤttete, ihn von Sott entfernte⸗ und der Unwiſſenheit, der Suͤnde und dem Elende preis gab. Eben dieſes iſt nun das Erbgebrechen der menſchlichen Natur. Jeder Menſch, der zur Beſinnung gekommen, fuͤhlt, daß es ſo ſey, und gelangt bald zu der Ueberzeugung, daß dasjenige, was ihm fehle und abgehe, nur anderswoher koͤnne erſetzt und ergaͤnzt werden.“ „Dieſem Erbgebrechen der Menſchen abzuhel⸗ fen, iſt nun der Sohn Gottes in die Welt ge⸗ kommen. Er iſt das Licht, das unſere Finſterniß erleuchtet, und uns ſichere Erkenntniß verſchafft⸗ nach der wir duͤrſten. Er iſt das Heil, und 2* 1 hat die Macht, uns unſere Suͤnden zu vergeben, die Bande, die uns an ſie feſſeln, zu zerbrechen, und die Folgen der Suͤnden, die uns elend ma⸗ chen, zu tilgen. Er iſt das Leben; Er allein kann uns zu allem Guten beleben; Er allein uns auf Erden ſchon etwas von jener Seligkeit koſten laſſen, die er den Seinen im Himmel bereitet hat; Er allein kann uns Muth verleihen, nicht nur die Leiden der Zeit maͤnnlich zu dulden, ſon⸗ dern ſelbſt den Tod nicht zu ſcheuen, der dem Chriſten nichts iſt als der Eingang in das ewige Leben. Gerade was uns fehlt, giebt Er uns. Die Religion der Chriſten iſt den Beduͤrfniſſen der menſchlichen Natur und den edleren Wuͤnſchen unſers Herzens genau angemeſſen. Das wird dir jmmer deutlicher werden, ſo wie du die goͤttliche Lehre Jeſu Chriſti naͤher kennen lernen und befol⸗ gen wirſt. Denn ein jeder, der ſeine Lehre kennt und befolgt, wird inne, daß ſie von Gott ſey.“ „Ich weiß wohl, ſprach der Biſchof weiter, wie barmherzig du gegen die Armen warſt, und wie du dich beſonders der verfolgten Chriſten an⸗ genommen und viele dem angedrohten Tode ent⸗ riſſen haſt. So haſt du Chriſtus dem Herrn ge⸗ dient, ohne Ihn zu kennen; jetzt ſollſt du erfah⸗ ren, wem du gedient haſt.“ „Freylich mußte dir, als einem gebornen Roͤ⸗ mer, das Kreuz bisher ein Zeichen des Fluches ſeyn; du ſahſt in ihm nichts, als das furchtbare Werkzeug, woran Uebelthaͤter und Verbrecher die ſchmachvollſte und ſchmerzlichſte Todesſtrafe leiden mußten. Allein ſeit Chriſtus, der Unſchuldigſte und Heiligſte, aus freyer Liebe, um uns Menſchen zu retten, die Schmach und die Schmerzen des Todes am Kreuze duldete, iſt uns das Kreuz ein Sinnbild des Hoͤchſten und Beſten, was wir uns denken koͤnnen, der aufopfernden Liebe; denn Gott ſelbſt iſt ja die lautere Liebe. Das Kreuz iſt uns ein heiliges Zeichen unſerer Erloͤſung; es fordert uns auf, unſern Erloͤſer, Ihn den Liebevollſten, wieder zu lieben— und Ihm an aufopfernder Liebe, an Demuth und Sanftmuth zu gleichen. Er, der ſich bis zum Tod am Kreuze erniedrigte, ward uͤber alle Himmel erhoben, und fuͤr alle Menſchen, die Ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heiles. Und deßhalb ward auch dir, dem das Kreuz in himm⸗ liſchem Glanze erſchien, eben dadurch ſehr ſchoͤn und ſinnvoll angedeutet:„Im Kreuze ſey Heil!⸗ Der Biſchof kam, eingedenk der Worte des Herrn:„Erſt lehret, dann taufet ſie!“ von nun an jeden Abend in das Haus des Euſtachius. Alle im Hauſe freuten ſich auf dieſe Stunde, und verſammelten ſich in dem Saale um ihn. Er fing den Unterricht jedesmal mit einem lau⸗ ten innigen Gebethe an, das alle ſeine Zuhoͤrer in die Gegenwart Gottes verſetzte. Er lehrte ſie dann mit ruhiger Weisheit, voll Milde und An⸗ muth. Er beſchloß den Unterricht mit Gebeth — und ermahnte alle, taͤglich, ja ſtuͤndlich zu bethen, und mit dem Gebeth auch Faſten und Almoſen geben zu vereinen. Sie thaten es; ſie warteten mit Sehnſucht auf den Tag, an dem ſie durch die Taufe zu Chriſten ſollten eingeweiht, von Suͤnden gereiniget und mit dem heiligen Geiſte erfuͤllt werden. Der Tag kam; mehrere Chriſten verſammelten ſich als Taufzeugen. Es war eine ruͤhrende, feyerliche Handlung, da Eu⸗ ſtachius, ſeine Gemahlin, und auch die zwey klei⸗ nen Soͤhne ihren Glauben an Jeſus Chriſtus bekannten, allen Irrthuͤmern und Suͤnden entſag⸗ ten, und rein und heilig zu leben angelobten. Der Biſchof taufte ſie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Auch jene Sklaven und Sklavinnen, die Euſtachius mit in die Stadt gebracht hatte, und die bisher noch keine Chriſten geweſen, ließen ſich taufen. Der Biſchof gab ihnen in der Taufe auch neue Na⸗ men. Euſtachius, der bisher unter dem Namen Plazidus weit beruͤhmt war, erhielt erſt jetzt bey ſeiner Taufe den Namen Euſtachius; ſeine Ge⸗ mahlin Trajana den Namen Theopiſta; der aͤltere Knabe wurde Agapius, der juͤngere Theopiſtus genannt. Der Biſchof fuͤhrte an dem folgenden Sonn⸗ tage den Euſtachius und deſſen Gemahlin Theo⸗ piſta in die Verſammlung der Chriſten ein, und ſtellte ſie der chriſtlichen Gemeinde vor. Alle freuten ſich, den edeln Mann und die fromme Frau, von denen ſie ſchon vieles gehoͤrt hatten, zu ſehen, und begruͤßten ſie mit liebevollen Bli⸗ cken. Sie ſtimmten einen Lobgeſang an, und dankten Gott und ſeinem Sohne Jeſus Chriſtus, daß die Gemeinde der Chriſten abermals mit ſol⸗ — 23— chen vermehrt worden, die zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen und dem Verderben entriſſen worden. Mit tiefer Anbethung und freudiger Ruͤhrung wurde das heilige Abendmahl gefeyert. Alle gelobten, indem ſie ſich ſo mit ihrem goͤtt⸗ lichen Erloͤſer auf das innigſte vereinigten, heilig an, Dem zu leben, der fuͤr ſie geſtorben war. Heilige, ehrfurchtsvolle Stille herrſchte in dem Saale, bis endlich die heilige Handlung mit lautem Gebethe und einem Lobgeſange beſchloſſen wurde. Da Euſtachius den Tag darauf wieder auf ſein Landgut abreiſen mußte, ſo ſprach der Bi⸗ ſchof noch:„Wir leben in den Zeiten der Ver⸗ folgung; wir ſind keine Stunde ſicher, ergriffen, enthauptet, den wilden Thieren vorgeworfen oder verbrannt zu werden. Wir koͤnnen es nicht wiſ⸗ ſen, ob wir uns in dieſer Welt noch einmal von Angeſicht ſehen werden. Und ſo empfehle ich euch denn, wie einſt Paulus die Aelteſten und die Ge⸗ meinde von Epheſus, Gott und ſeiner Gnade!“ Der Biſchof kniete hierauf innigſt geruͤhrt nieder, und die ganze Verſammlung in Thraͤnen aus⸗ brechend mit ihm.„O Gott, bethete er, erbar⸗ me Dich unſer und verleihe, daß alle hier Ver⸗ ſammelte mit Dir und mit Dem, den Du ge⸗ ſandt haſt, und auch unter einander Eines blei⸗ ben moͤgen; daß alle im Glauben und in der Liebe ſtandhaft verharren und ſich durch keine Verfolgung von dem guten Wege abwendig ma⸗ chen laſſen; daß keines von allen verloren gehe⸗ ſondern daß wir alle nach den kurzen Leiden und — 24— Truͤbſalen dieſer Zeit uns dort in dem Reiche deiner Herrlichkeit wieder finden moͤgen. Ja, lebſter Vater, dieſes verleihe uns, durch Je⸗ ſum Chriſtum, deinen Sohn, unſern Herrn, Amen.“ Der Biſchof ſtand auf und ſagte im Geiſte der Weiſſagung dem Euſtachius noch beſonders: „Bisher hatteſt du alles, was die Menſchen ge⸗ woͤhnlich das groͤßte Gluͤck des Lebens nennen— Reichthum, Rang, Ruhm, eine liebenswuͤrdige Gemahlin, hoffnungsvolle, wohlgeſtaltete Kinder; allein du wirſt es auch erfahren muͤſſen, was das menſchliche Leben Bitteres habe. Verzage aber nicht im Leiden. Gott pruͤft alle, die Er lieb hat. Die Leiden, mit denen Gott dich heimſu⸗ chen wird, werden zwar auf Erden ſchon herr⸗ lich enden; allein groͤßere werden folgen. Es wird an dir der Spruch erfuͤllt werden: Selig iſt der Mann, der in der Pruͤfung aushaͤlt; denn wenn er bewaͤhrt gefunden worden, wird er die Krone des Lebens erlangen, die Gott denen verheißen hat, die Ihn lieben.“ Der Biſchof entließ hierauf Euſtachius und deſſen Gemahlin, und alle, die mit ihnen ge⸗ kommen waren, und ſprach;„Geht hin und der Friede ſey mit euch!“ Drittes Kapitel. Die Auswanderer. Euſtachins und ſeine Gemahlin Theopiſta leb⸗ ten nun wieder auf ihrem Landgute. Sie wa⸗ — ren gleichſam in ein neues Leben verſetzt; ſie fuͤhlten ſich wie neugeboren. Die ganze Schoͤ⸗ pfung umher ſchien ihnen verſchoͤnert; denn Alles, was ſie erblickten, die Sonne und der Thau⸗ tropfen, jede Baumfrucht und jede Blume, war ja Gabe eines liebenden Vaters. Sie freuten ſich, mit Gott durch Jeſus ausgeſoͤhnt zu ſeyn, und Gott mit kindlichem Herzen Vater nennen zu koͤnnen. Sie achteten ſich jenen Menſchen aͤhn⸗ lich, die heimathlos lange umher geirrt und nun⸗ mehr ein Vaterland gefunden. Sie laſen taͤglich in dem Evangelium. Die Weisheit und Liebe Jeſu, jedes ſeiner Worte, jede ſeiner Thaten, erfuͤllte ſie mit Entzuͤcken. Sie konnten nicht aufhoͤren, Gott zu danken; jeder Morgen begann mit Freude, jeder Abend ſchloß ſich mit Dank und Seligkeit in Gott. Sie ſagten es ſich oft: „Der Menſch ohne Erkenntniß Gottes, ohne Liebe und Andacht zu Gott gleicht dem Fiſche auf dem Trocknen; Erkenntniß und Liebe Gottes iſt das Element, in dem der Menſch erſt wahrhaft lebt. Alle Vergnuͤgungen, die uns der Reichthum ver⸗ ſchaffen kann, und die nur zu oft gereuen, ſind nichts, gar nichts gegen die Seligkeit in Gott. Die Erkenntniß Gottes und ſeines Sohnes Je⸗ ſus Chriſtus iſt die Quelle aller wahren Selig⸗ keit und wird von Jeſus Chriſtus nicht umſonſt das ewige Leben genannt.“ Indeß blieb es nicht immer ſo; es ging ihnen wie dem entzuͤckten Petrus auf dem Berge der Verklaͤrung. Dort war es wohl gut wohnen; al⸗ 4 — 26— lein er mußte wieder herab in das Thal des Jammers, wo bittere Leiden ſeiner warteten. So blieben die Tage der Pruͤfung auch fuͤr Eu⸗ ſtachius und Theopiſta nicht aus. Ihre Leiden fingen mit zeitlichem Verluſte an. In der Ge⸗ gend umher wuͤthete eine Viehſeuche, die auch unter den Heerden des Euſtachius bald große Verheerungen anrichtete. Pferde, Rinder und Schafe fielen in Menge und zuletzt blieb ihm nicht ein einziges Stuͤck uͤbrig. Allein Euſtachius ſprach, wie einſt Job:„Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, gelobt ſey der Name des Herrn!“ Theopiſta ſagte:„Es iſt ja nur ein zeitlicher Verluſt! Die geringſte Suͤnde iſt ein groͤßeres Uebel, als der Verluſt der zahlreich⸗ ſten Heerden, ja aller irdiſchen Guͤter.“ Allein bald kamen noch groͤßere Leiden und Truͤbſale uͤber ſie. Eine anſteckende Krankheit riß unter den Menſchen ein; auch in dem Landhau⸗ ſe des Euſtachius und in den dazu gehoͤrigen Haͤuſern wurden an Einem Tage mehrere ſeiner Hausgenoſſen und Dienſtleute krank. Akazius und Antiochus kamen eilig und erſchrocken in das Zimmer.„Flieh, geliebter Herr, rief Akazius, flieh augenblicklich mit Frau und Kindern. Es iſt die Peſt!“„Die Peſt! rief Theopiſta erblei⸗ chend; o Gott! ſo erbarme Du Dich unſer! Ach, mein Gemahl, was ſollen wir thun? Sol⸗ len wir gehen oder bleiben?%„Wenn ihr bleibt, ſprach Antiochus, ſeyd ihr alle des Todes. Er⸗ barmt euch wenigſtens eurer Kinder und flieht!“ Euſtachius ſprach:„Ich habe alle meine Ange⸗ hoͤrigen bisher immer als meine Kinder betrach⸗ tet. Wie koͤnnte ich ſie jetzt in der groͤßten Noth verlaſſen? Laß uns bleiben, liebſte Gemahlin; eine ſolche Gelegenheit Gutes zu thun, duͤrfen wir nicht ungenüuͤtzt vorbey gehen laſſen. Nun iſt die Stunde gekommen, da wir zeigen koͤnnen, ob wir wahre Juͤnger Jeſu ſeyen. Er ſagte es ja ſelbſt: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe; da⸗ ran wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Juͤn⸗ ger ſeyd, wenn ihr einander liebt.“ Und was wäre dieß fuͤr eine Liebe, wenn wir unſern An⸗ gehoͤrigen in ihrem Elende nicht beyſtehen wollten? Laß uns denn thun, liebſte Theopiſta, was die Liebe von uns fodert, und alles Uebrige Gott anheim ſtellen. Er kann uns und unſre Kinder auch hier ſchuͤtzen; Er wuͤrde aber, wohin wir auch fliehen wollten, uns uͤberall finden. Wir wollen alſo bleiben und Er mache es mit uns nach ſei⸗ nem heiligen Wohlgefallen.“ Sie blieben. Sehr viele ihrer Untergebenen entflohen— allein Aka⸗ zius, Antiochus und diejenigen, die Chriſten wa⸗ ren, dachten an keine Flucht.„Wir verlaſſen euch nicht, ſagten ſie; wir bleiben euch getreu bis in den Tod!“ Die anſteckende Krankheit griff indeſſen immer mehr um ſich; auch die zwey treuen Krieger und die uͤbrigen Angehoͤrigen wurden nach und nach krank. Das ſchoͤne Landhaus und alle umliegen⸗ den Haͤuſer waren zuletzt nichts mehr, als ein allgemeines großes Spital, in dem ſich lauter Kranke, aber keine Krankenwaͤrter befanden. Al⸗ lein Euſtachius und ſeine Gemahlin nahmen ſich der Kranken voll des zaͤrtlichſten Mitleides an. Er verpflegte die Maͤnner und Juͤnglinge; ſie die Weiber und Jungfrauen. Von Morgens bis Abends, ja ganze Naͤchte hindurch wandelten ſie zwiſchen Kranken, Sterbenden und Leichen. Mit vielen Koſten, weil es nicht leicht war, Todten⸗ graͤber aufzutreiben, ließen ſie die Todten begra⸗ ben. Allein weder Euſtachius, noch ſeine Gemah⸗ lin, noch ſeine zwey kleinen Soͤhne wurden von der Seuche ergriffen. Sie blieben vollkommen geſund und wiederholten ſich oͤfter die Worte der heiligen Schrift:„Wer unter dem Schutze des Hoͤchſten wohnt und unter dem Schatten ſeiner Allmacht ruht, der darf nicht zittern vor dem Pfeile(der Peſt), der am Mittag fliegt, noch vor der Seuche, die im Dunkel der Mitternacht ſchleicht. Es moͤgen Tauſende zu ſeiner Rechten und zehn Tauſende zu ſeiner Linken fallen— an ihn gelangets nicht.“ Die anſteckende Seuche war endlich voruͤber. Sehr viele Menſchen waren geſtorben. Die Gene⸗ ſenden wankten kraftlos wie Schatten, und bleich wie die Todten umher. Euſtachius und Theopiſta dankten indeß Gott, daß er ſie und ihre Kinder wunderbar geſund erhalten, und den Akazius, den Antiochus und ſo manche andere treue Diener und Dienerinnen vom Tode errettet habe. Sie hofften nun auf beſſere Zeiten, allein ihre Leiden waren noch nicht zu Ende. Das rohe Hei⸗ * 4 1 denvolk in der umliegenden Gegend, das durch den allgemeinen Jammer anſtatt beſſer, nur noch ſchlimmer wurde, rottete ſich zuſammen, und machte den Anſchlag, das Landgut des Euſtachius zu uͤber⸗ fallen und auszupluͤndern. Dieſe raubgierigen Menſchen ſuchten ihrer Raubgier noch den Anſtrich von Religionseifer zu geben. Sie fluchten uͤber Euſtachius und ſagten:„Er allein iſt die einzige Urſache an allem Ungluͤcke, das uns betroffen hat⸗ Die erzuͤrnten Goͤtter ließen ſolche Plagen, Seu⸗ chen und Peſt, uͤber uns kommen, ſeine Abtruͤn⸗ nigkeit zu beſtrafen. Waͤre er kein Chriſt gewor⸗ den, ſo waͤren wir alle davon verſchont geblieben. Auf und laßt uns Rache an ihm nehmen! Seine tapfern Krieger, die er immer um ſich hatte, und ſeine vielen Sklaven ſind entweder entflohen, oder todt, oder von der Krankheit noch zu ent⸗ kraͤftet, uns Widerſtand zu leiſten. Er hat uner⸗ meßliche Schaͤtze; wir werden eine reiche Beute machen.“ Sie kamen am hellen Tage in großen, wuͤthenden Haufen, uͤberfielen ſein Landgut, raub⸗ ten Gold, Silber, ſchoͤne Kleider, und alle Ar⸗ ten von Lebensmitteln, luden alles auf die mitge⸗ brachten Wagen, und was ſie von Wein und Ge⸗ treide, von Hauseinrichtung und Ackergeraͤthen nicht mitnehmen konnten, das verderbten, zerſtoͤr⸗ ten und zerſchlugen ſie. Unter wildem Geſchrey und lautem Jauchzen zogen ſie ab. Euſtachius behielt beynah nichts uͤbrig, als das Leben. Al⸗ lein er ertrug dieſen Verluſt mit Gelaſſenheit. „Sey es, ſprach er, es ſind ja nur vergaͤngliche Guͤter; ſie entbehren koͤnnen iſt ruͤhmlicher, als ſie zu beſitzen. Wohl dem, der nach Schaͤtzen trachtet, die ihm kein Dieb rauben kann!“ Euſtachius und ſeine Gemahlin fuͤhlten indeß das Traurige ihrer Lage immer mehr. Die Zeit nahte heran, wo man die Felder wieder haͤtte beſtellen ſollen. Allein da war kein Pflug und keine Hand, die ihn haͤtte fuͤhren koͤnnen, kein Samengetreide und kein Zugvieh. Euſtachius be⸗ ſchloß in dieſer Noth ſich an einen oder den an⸗ dern der benachbarten vornehmen Roͤmer zu wen⸗ den, deren Landguͤter von den verheerenden Seu⸗ chen nicht ſo hart mitgenommen worden, und die keine Pluͤnderung erlitten hatten. Dieſe reichen, adelichen Roͤmer waren fruͤherhin ſeine guten Freunde geweſen, und hatten ihn oͤfter beſucht und auf die Jagd begleitet; allein ſobald ſie ver⸗ nommen, er ſey ein Chriſt geworden, hatten ſie allen Umgang mit ihm aufgegeben. Dem men⸗ ſchenfreundlichen Euſtachius that dieſes nun wohl ſehr leid, und er haͤtte gewuͤnſcht, daß ſie alle des naͤmlichen Heiles, wie er, theilhaftig werden moͤchten; allein da ſie dieſes nun einmal nicht wollten, ſo leiſtete er auf ihre Geſellſchaft willig Verzicht, indem er nun manchem langweiligen Zeitvertreibe und leerem Geſpraͤche entging, und die edle Zeit beſſer anwenden konnte. Weil er indeſſen einigen derſelben waͤhrend ſeines Wohl⸗ ſtandes große Gefaͤlligkeiten erwieſen hatte, ſo hoffte er, ſie wuͤrden ihm mit dem Noͤthigſten gern auf ſo lange aushelfen, bis er im Stande ſeyn wuͤrde, ihnen alles wieder zu erſetzen. Al⸗ lein der Eine, der von dem Ausſpruche Jeſu: „Seliger iſt geben, als nehmen“ nichts wiſſen wollte; ſondern ſich vielmehr an den heidniſchen Grundſatz hielt:„Seliger iſt nehmen, als geben“ entſchuldigte ſich, daß er zu ſeinem Leidweſen ſelbſt nichts entbehren koͤnne, und betheuerte ſein falſches Vorgeben mit hohen Schwuͤren. Ein Anderer, der ihn ſchon laͤngſt wegen ſeines gro⸗ ßen Heldenruhmes gehaßt und beneidet, aus Welt⸗ klugheit aber Haß und Neid verhehlt, und ihm bey allen Gelegenheiten uͤbermaͤßig geſchmeichelt hatte, begegnete ihm nun mit offenbarer Verach⸗ tung, und wies ihm unter lautem Spott und Hohn die Thuͤre. Der Dritte, redlicher und wohlmeynender, als die vorigen, gab ihm den Rath, dieſes Land ganz zu verlaſſen.„Denn, ſagte er, ich weiß es gewiß, deine Feinde ſu⸗ chen es dahin zu bringen, daß du wegen deines Glaubens vor Gericht gefordert und hingerichtet werdeſt; ja auch deiner Gemahlin wollen ſie ein ſolches ſchreckliches Schickſal bereiten.“ Euſtachius dachte nun, den Kaiſer um Schutz und Huͤlfe anzuflehen. Er hatte in Rom einen treuen Freund und Kriegsgenoſſen, der bey dem Kaiſer Vieles galt. An dieſen ſchrieb er und bat ihn, ſich bey dem Kaiſer fuͤr ihn zu verwenden. Allein, der Kaiſer, der ein Heide war, ſprach: „Ich habe den Feldherrn Plazidus immer ſehr geſchaͤtzt; allein der Chriſt— Euſtachius, wie er ſich jetzt nennt, iſt mir fremd. Ich bedaure ſehr, daß ein Mann von ſolchem Anſehen eine Reli⸗ gion ergriffen hat, gegen deren Anhaͤnger das Ge⸗ ſetz die Todesſtrafe ausſpricht. Ihm in ſeiner gegenwaͤrtigen duͤrftigen Lage, die er groͤßtentheils ſich ſelbſt zuſchreiben muß, Huͤlfe und Unterſtuͤtzung zu gewaͤhren, hieße den Ungehorſam belohnen. Gegen die Geſetze kann ich ihn eben ſo wenig in Schutz nehmen. Da indeß der Mann doch ſonſt Verdienſte hat, und es mir leid waͤre, das Geſetz an ihm vollſtrecken zu ſehen, ſo wuͤrde er wohl daran thun, Italien zu raͤumen und irgendwo an den Graͤnzen des Reiches einen verborgenen Aufenthalt zu ſuchen. Wollte er aber, was ich ſehr wuͤnſche, ſeiner neuen Religion entſagen, ſo wuͤrde er an mir einen ſehr gnaͤdigen Kaiſer finden.“ Als Euſtachius dieſe Antwort geleſen hatte, ſprach er zu ſeiner Gemahlin:„Liebſte Theopiſta! In dieſem Lande koͤnnen wir nicht mehr bleiben, laß uns nach Aegypten ziehen. Dort hoffe ich eine Staͤtte zu finden, wo wir Gott in Ruhe und Frieden dienen koͤnnen. Wir wollen mit unſern geliebten Kindern heute noch abreiſen; jedoch erſt mit einbrechender Nacht, um uns nicht dem Ge⸗ ſpoͤtte und den Mißhandlungen des Heidenvolkes in der Gegend auszuſetzen.“ Theopiſta ſagte: „Es faͤllt mir zwar ſchwer, dieſe herrlichen Ge⸗ genden zu verlaſſen, wo ich das Licht der Sonne zuerſt erblickt, und die gluͤcklichen Tage meiner Kindheit und Jugend verlebt habe. Indeß bin ich dazu bereit; denn ich denke, es iſt der Wille Gottes ſo! Sein heiliger Engel begleite uns!“ Die zwey ehrlichen Krieger, Akazius und An⸗ tiochus, vernahmen dieſen Entſchluß mit Schre⸗ cken.„Gott im Himmel! rief Akazius, ſo ohne alle Bedienung wolltet ihr fortreiſen in ein frem⸗ des Land? Noch ſind wir zu ſchwach, nur eine halbe Meile weit zu gehen; o bleibt doch noch ſo lange, bis wir uns von unſerer Krankheit er⸗ holt haben! Dann wollen wir mit euch ziehen, und waͤre es auch bis ans Ende der Welt.“„Ach Gott! ſagte Antiochus, iſt es nicht ſchon hart ge⸗ nug, daß ihr euer ſchoͤnes Landgut gleichſam als landfluͤchtig verlaſſen muͤſſet? Wollet ihr auch noch eure treueſte Freunde zuruͤcklaſſen? O verweilet doch, bis wir wieder hergeſtellt ſind. Dann wol⸗ len wir euch alle Beſchwerlichkeiten der Reiſe erleichtern; Tag und Nacht wollen wir, wenn es noͤthig ſeyn ſollte, in jenem freinden Lande fuͤr euch arbeiten, um euch den noͤthigen Lebensun⸗ terhalt zu verſchaffen.““ Euſtachius ſprach geruͤhrt:„Ihr guten Maͤn⸗ ner! Ich erkenne eure Liebe und Treue mit Dank. Allein ihr duͤrfet mich nicht begleiten. Ich zwar kann hinziehen, wohin ich immer will, denn ich bin meiner Dienſte entlaſſen; ihr aber ſeyd dem Kaiſer noch kriegspflichtig, ihr muͤſſet in eurem angewieſenen Bezirke bleiben und jede Stunde ſeiner Befehle gewaͤrtig ſeyn. Lebet alſo wohl und der Herr ſey mit euch.“ Die beyden Krieger ſagten es ſogleich den uͤbrigen Hausgenoſſen, ihr lieber Herr wolle mit Frau und Kindern heute Abends noch fortziehen⸗ 3 34— Die Nachricht verbreitete ſich eben ſo ſchnell in die umliegenden Gebaͤude. Alle Bewohner ka⸗ men herbey, ihre gute Herrſchaft noch einmal zu ſehen. Sie waren alle noch blaß und abgezehrt von der kaum uͤberſtandenen Krankheit, und viele eonnten nur muͤhſam mit Huͤlſe eines Stabes herbeywanken. Alle weinten und ſchluchzten. Eu⸗ ſtachius troͤſtete ſie liebreich. Bleibet nur uner⸗ ſchuͤtterlich feſt im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, ſagte er unter anderm, ſo werden wir, wo nicht auf Erden, doch in dem Himmel uns gewiß wieder ſehen.“ Als nun der Mond aufgegangen war und die veroͤdeten Felder beſchien, ſprach Euſtachius zu V ſeiner Gemahlin:„So laß uns denn unſre Reiſe im Namen des Herrn antreten!“ Alle Umſtehen⸗ den fingen an laut zu jammern. Er und ſeine Gemahlin boten noch einem jeden die Hand; auch die zwey Knaben reichten nach dem Bey⸗ ſpiele ihrer Aeltern allen und jeden die kleinen Haͤnde. Die guten Leute weinten noch mehr, begleiteten ihre gute Herrſchaft vor die Pforte des Landhauſes und wollten eine Strecke weit mitgehen. Euſtachius⸗ beynah ſprachlos vor Weh⸗ I muth, winkte ihnen zu bleiben. Sie gehorchten I und ſchauten ihrem geliebten Herrn, der from⸗ men Frau und den holden. Knaben mit heißen Thraͤnen nach. aAach es war ein ſchmerzlicher Anblick, die edle Familie ſo fortwandern zu ſehen! Ihre Kleti⸗ dung zeigte von ihrem bisherigen Rang und Wohl⸗ — 35— 1 ſtand; allein an dem Reiſegepaͤcke, mit dem ſie ſich beladen mußten, ſah man, daß ſie nunmehr arme Fluͤchtlinge waren. Euſtachius, der ſein Schwert umguͤrtet hatte und anſtatt des Reiſe⸗ ſtabes eine Lanze in der Hand fuͤhrte, trug auf ſeinem Ruͤcken einen Pack mit allerley Kleidungs⸗ ſtuͤcken, die der Raubgier der Feinde entgangen, und nun fuͤr die weite Reiſe ſehr dienlich waren. Theopiſta, nach Art vornehmer Roͤmiſcher Frauen gekleidet, trug einen großen Korb mit Lebens⸗ mitteln am Arme, weil ſie nicht ohne Grund fuͤrchtete, die Menſchen, durch deren Land ſie kaͤ⸗ men, und die gegen die Chriſten ſo feindſelig geſinnt waren, wuͤrden ihr, ihrem Manne und ihren Kindern kaum ein Stuͤcklein Brod mit⸗ theilen. Euſtachius ſchritt mit ruhigem Ernſte ein⸗ her, und fuͤhrte ſeine weinende Gemahlin, die ſolcher Reiſen nicht gewohnt war, am Arme. Die zwey Knaben aber eilten, indem ſie ſich nicht ohne Stolz ihrer Reiſeſtaͤbe bedienten, in kurzen ſchnel⸗ len Schritten voraus, und laͤchelten den Wun⸗ derdingen, die ihnen auf dieſer Reiſe begegnen wuͤrden, muthig entgegen. So wanderten denn alle auf der ſchoͤn angelegten, zu beyden Seiten mit hohen Fruchtbaͤumen beſetzten Straſſe hin, auf der ſie ſonſt, in einem ſtattlichen Wagen mit muthigen Pferden beſpannt, dahin fuhren. Theopiſta blickte oͤfter mit Augen voll Thraͤ⸗ nen nach ihrem freundlichen Wohnhauſe zuruͤck, das vom Monde erhellt aus dunkeln Baͤumen her⸗ vorragte. Allein Euſtachius ſprach:„Weine nicht, 3* 1 1 3 — 36— Theopiſta! Wir haͤtien dieſe Wohnung doch einmal verlaſſen muͤſſen. Wir ſind hier auf Erden allzumal Pilger und haben da nirgens eine bleibende Staͤtte. Indeß wird Gott es uns waͤhrend unſ⸗ rer kurzen Wanderſchaft auf Erden nie an einer Wohnung fehlen laſſen, bis Er uns in jene himm⸗ liſche Wohnungen aufnimmt, die wir dann nie mehr verlaſſen werden.“ Viertes Kapitel. Der Mohr. Euſtachius wanderte mit ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern in kurzen Tagreiſen, auf we⸗ nig beſuchten Wegen zwiſchen Wald und Gebir⸗ gen hin, und vermied Staͤdte und groͤßere Ort⸗ ſchaften. Endlich gelangten ſie an das Ufer des Meeres. Ein großes, wohlbebautes Schiff lag vor Anker, das eben nach Aegypten abſegeln wollte. Eine Menge Laſttraͤger und Schiffsknechte waren emſig beſchaͤftigt, Faͤßer hinein zu waͤlzen und Kiſten hinein zu tragen. Der Schiffsherr, ein reichgekleideter Mohr, deſſen Hals und Ohren mit großen glänzenden Perlen geſchmuͤckt waren, ging gebieteriſch unter ihnen umher, und wußte alles ſehr gut anzuordnen. Euſtachius ſprach zu ihm: „Waͤreſt du wohl geneigt, fuͤr Bezahlung mich, meine Frau und meine Kinder nach Aegypten uͤber zu fuͤhren?,,„Warum nicht? ſagte der Schiffs⸗ herr mit großer Freundlichkeit, indem er den Eu⸗ ſtachius, deſſen Frau und Kinder aufmerkſam betrachtete; recht gern.“„Wei viel, fragte Eu⸗ ſtachius weiter, verlangſt du Faͤhrlohn, und wie viel wird die Koſt unter Weges betragen?“⸗ „Nicht viel, ſagte der Schiffsherr, eine Kleinig⸗ keit. Doch laßt es indeſſen gut ſeyn; wir wollen, wenn es je der Rede werth iſt, davon reden, wann ihr wieder ans Land ſteigt.“ Sie begaben ſich auf das Schiff. Die Anker wurden gelichtet, der Wind ſchwellte die Segel, und das Schiff ſchwebte uͤber die wogende See leicht dahin. Die Kinder freuten ſich uͤber den wunderbaren Anblick, daß Land und Baͤume, wie es ihnen ſchien, zu⸗ ruͤck wichen und das Schiff ſtill ſtand; ihre Mutter ſah aber nicht ohne Thraͤnen das geliebte Land aus ihren Blicken verſchwinden. Euſtachius troͤſtete ſie und ſprach:„Gott, der das Meer und das Trockne geſchaffen hat, wird fuͤr uns ſorgen! Er, deſſen die ganze Erde iſt, wird uns ein neues Vaterland geben, bis Er uns in das rechte Vaterland aufnimmte“ Sie beruhigte ſich, und freute ſich der Wunder der goͤttlichen Allmacht zur See, die ſie bisher noch nie geſehen hatte. Morgens betrachtete ſie mit ihrem Gemahl und ihren Kindern voll Andacht und Freude den gluͤhenden Morgenhimmel und die aufgehende Sonne, die aus dem unermeßli⸗ chen Waſſerſpiegel mit einer Klarheit wiederglaͤnz⸗ ten, daß die Kinder in der That zwey Sonnen zu ſehen glaubten. Den Tag uͤber ſahen ſie manche emporragende Inſel, die mit ihren braunen Fel⸗ ſen und gruͤnen Baummaſſen an ihnen vorbey zu ſchwimmen ſchien Große Meerfiſche beglei⸗ teten, zur beſonderen Freude der Kinder, lange Strecken weit das Schiff, und dichte Schaaren von Seevoͤgeln flogen mit frohem Geſchrey uͤber das Meer hin. Der Wind wehte bald ſanfter, bald ſtaͤrker, ſchien bald nur mit den gruͤnen Wellen zu ſcherzen, bald regte er ſie maͤchtiger auf, und der Anblick der unzaͤhligen, hochaufſchlagenden Wo⸗ gen gewaͤhrte eine ſchauerliche Luſt. Mancher ſchoͤne Abend mit goldenen und purpurnen Wolken, die ſich im Meer abmahlten, erfuͤllte ſie mit ſanfter Freude. Auch zu Nacht blieben ſie noch lange auf, und betrachteten den Mond und die funkelnden Sterne hoch am Himmel in der wiederſcheinend an dem zweyten Himmel in der ruhigen Fluth. Ihre Fahrt haͤtte nicht gluͤcklicher ſeyn koͤnnen. Nach wenigen Tagen zeigte ſich Land, und ſie hofften nun, hier eine Huͤtte und ſo viel Erde zu finden, als zu ihrer Ernaͤhrung, und einſt zu ihrem Grabe noͤthig waͤre. Allein ein furchtbarer Sturm anderer Art drohte ihnen. Der Schiffsherr hatte eine uner⸗ laubte Neigung zu der Gemahlin des edlen Eu⸗ ſtachius gefaßt. Ihre Schoͤnheit, ihr adelicher Anſtand hatte ihn ſogleich im erſten Augenblicke in Erſtaunen geſetzt. Schon damals machte er, ohne ſich jedoch das Geringſte davon merken zu laſſen, den ruchloſen Anſchlag, ſie ihrem Gemahl zu entreißen. Er ſegelte deßhalb nicht dem be⸗ ſtimmten Seehafen, ſondern einer oͤden, unbe⸗ wohnten Meereskuͤſte zu, wo man nichts erblickte, als kahle Felſen und duͤrren Sandboden. Er ließ das Schiff anlegen.„Das iſt das Land, wohin ihr wollt, ſprach er faͤlſchlich; hier koͤnnet ihr ausſteigen, ſobald ihr mich bezahlt habt.“ Eu⸗ ſtachius ſprach entruͤſtet:„Was ſoll das ſeyn? Das iſt nicht das Land, wohin du uns zu fuͤh⸗ ren verſprachſt.“„Das werde ich wohl beſſer wiſſen, als du, ſagte der Schiffsherr. Bezahle und mache, das du weiter kommeſt!“ Er forderte eine ſo ungeheure Summe, daß ſie das herkoͤmm⸗ liche Fahrgeld wohl zehnmal uͤberſtieg. Euſtachius entſetzte ſich uͤber dieſe abſcheuliche Ungerechtigkeit und geſtand, daß all ſeine Baarſchaft nicht die Haͤlfte von dieſer uͤbertriebenen Forderung betrage. Der Schiffsherr, den dieſes innerlich freute und dem es nur darum zu thun war, Streit anzu⸗ fangen, ſtellte ſich hoͤchſt aufgebracht.„Was! ſchrie er, wie außer ſich vor Wuth, nicht einmal halb ſo viel Geld! Da ſeh' ich mich graͤßlich an⸗ gefuͤhrt. Eurer Kleidung nach hielt ich euch fuͤr Leute vom Stand; nun ſehe ich betrogener Mann zu ſpaͤt, daß ich elendes Bettelvolk in mein Schiff aufgenommen habe. Es war hooͤchſt vermeſſen von euch, ohne hinreichendes Reiſegeld eine ſolche weite Fahrt mitzumachen, und auf fremde Ko⸗ ſten zu leben. Ihr ſollt mich aber um meine Auslagen und meinen wohlverdienten Lohn nicht betruͤgen. Eines von euch muß den Frevel mit ſeiner Freiheit buͤßen; ich erklaͤre hiemit das Weib da fuͤr meine Sklavin. Sie bleibt hier auf dem 40— Schiffe zuruͤck; ihr uͤbrigen moget ans Land ſtei⸗ gen. Das Geld, das ich auf dem Sklavenmarkte fuͤr das Weib loͤſen werde, ſoll mir eure Rei⸗ ſekoſten bezahlen.““ Als Theopiſta dieſe Worte hoͤrte, erblaßte ſie vor Schrecken und Entſetzen. Euſtachius mußte ſich alle Gewalt anthun, ſeinen aufflammenden Zorn uͤber eine ſo unerhoͤrte Betruͤgerey und Ge⸗ walthaͤtigkeit zu maͤßigen. Die beyden Knaben fielen dem Schiffsherrn zu Fuͤßen, und baten und flehten weinend, ihnen ihre liebe Mutter nicht zu nehmen. Allein der Schiffsherr ſtand mit ausge⸗ ſtrecktem Arme und befahl dem Euſtachius:„Du mit deinen zwey Knaben raͤume mein Schiff; du aber, ſprach er zu Theopiſta, bleibeſt hier 1 Theo⸗ piſta eilte mit weit ausgebreiteten Armen und flie⸗ genden Haaren auf ihren Gemahl zu, umfaßte ihn, und ſchrie laut:„O Euſtachius, ich laſſe dich nicht— rette mich— Gott helfe uns!“ Euſta⸗ chius zog ſein Schwert, umſchlang ſeine Gemah⸗ lin mit der Linken, ſchwang mit der Rechten das Schwert und rief:„Treibe deine Bosheit nicht zu weit, verwegener Mohr, ſonſt werde ich mein Weib und meine Kinder gegen dich und all dein Volk blutig zu vertheidigen wiſſen.““ Allein ploͤtz⸗ lich packten mebrere ſtarke Schiffsknechte, auf den Wink des Schiffsherrn, wie er es heimlich mit ihnen verabredet hatte, den Euſtachius ruͤckwaͤrts, hiel⸗ ten ihn mit großer Gewalt feſt und nahmen ihm ſein Schwert ab, Der Schiffsherr ergriff Theo⸗ piſta und riß ſie von ihrem Gemahl⸗ den ſie mit — 41— beyden Armen umſchlungen hielt, gewaltſam los. Sie ſank gleich einer Lilie, die der Sturm ab⸗ gebrochen, ohnmaͤchtig mit gebeugtem Haupte und herabhaͤngenden Armen zuruͤck, und waͤre zu Bo⸗ den gefallen, wenn der grauſame Mohr ſie nicht gehalten haͤtte. Die zwey Knaben, die ihren Vater von einer ganzen Schaar Schiffsknechte uͤberwaͤltigt ſahen, und, da ſie noch keine Ohn⸗ maͤchtige geſehen hatten, ihre Mutter fuͤr todt hielten, erhoben ein klaͤgliches Jammergeſchrey, daß ſich Steine daruͤber haͤtten erbarmen koͤnnen. Allein das rohe Heidenvolk war ohne alles Ge⸗ fuͤhl. Die Schiffsknechte ſchleppten auf den Be⸗ fehl ihres Herrn den bedauernswuͤrdigen Vater an das Land, ſchleuderten ihm ſeine zwey Kin⸗ der zu, wendeten das Schiff, und fuhren froh⸗ lockend weiter. Euſtachius, der argloſe, redliche Mann, dem dieſes alles ſo hoͤchſt unerwartet gekommen war, wie ein Donnerſchlag bey klarem Himmel, ſtand wie verſteinert am Ufer des Meeres, hoͤrte kaum das Jammergeſchrey ſeiner Kinder, die ſeine Knie umfaßten, ſtreckte die Arme gegen das Meer aus⸗ und richtete ſeine ſtarren Blicke unverwandt auf das Schiff, das im Glanze der untergehenden Sonne leicht und fluͤchtig dahin ſegelte, und end⸗ lich in Nacht und Rebel verſchwand. — — — 42— Fhnftes Kapitel. Die wilden Thiere. Nachdem das Schiff, auf dem ſich Theopiſta, das Liebſte und Theuerſte befand, was Euſtachius und ſeine Kinder in dieſer Welt hatten, ver⸗ ſchwunden war, ſetzte Euſtachius ſich unter einen uͤberhangenden Felſen, um da zu uͤbernachten. Seine zwey Soͤhnchen lagerten ſich zu ſeinen bey⸗ den Seiten, und ſchlummerten, nachdem ſie ſich ausgeweint hatten, endlich ein. Die Augen des tiefbetruͤbten Vaters aber konnten keinen Schlaf finden. Den Verluſt ſeiner zeitlichen Guͤter hatte er mit Gleichmuth uͤbertragen; er achtete ihrer kaum. Allein der Jammer, daß ſeine Theopiſta, mit der er durch die heiligſten Bande verbunden, mit der er nur Ein Herz und Eine Seele war, ihm entriſſen worden; daß ſie, die liebeuswuͤrdigſte der Frauen, ſich in der Gewalt eines rohen Hei⸗ den ohne Gottesfurcht und menſchliche Sitten be⸗ fand, das zerriß ihm das Herz. Doch faßte er ſich, blickte zu den Sternen empor, die jetzt nach und nach ſichtbar wurden, und ſein ſtarrer Schmerz thaute zu Thraͤnen auf. „Gott, ſprach er, du liebevoller Vater der Men⸗ ſchen! Alles, was Du thuſt, iſt gut, ſo ſchrecklich es uns auch vorkommen mag. Ohne Dein Wiſſen und gegen Deinen Willen haͤtte mir auch mein liebes Weib, meine Theopiſta, nicht koͤnnen ge⸗ raubt werden. Obwohl ſie in der Gewalt eines Räubers iſt, ſo iſt ſie doch in Deiner Hand. Du wirſt ſie beſchüͤtzen und bewahren. Ja dieſe Pruͤ⸗ fung wird ihre Tugend erhoͤhen, wie jetzt dieſe finſtere Nacht den Glanz der Sterne. Und ſo weit ſie jetzt von mir und ihren lieben Kindern entfernt iſt, und ſo lange dieſe Trennung auch dauern mag— ein Tag muß doch kommen, der uns hier auf Erden oder dort uͤber den Sternen wieder vereinigt.“ Es wurde nunmehr vollkommen Nacht. Ein heftiger Wind erhob ſich, und von Zeit zu Zeit ſchlugen die brauſenden Meereswogen am Ufer hoch empor. Auf den Felſen umher erſchallte das Gekreiſche naͤchtlicher Raubvoͤgel. Aus der Ferne vernahm Euſtachius das donnernde Gebruͤll der Loͤwen, und nicht weit von ihm waͤlzte ſich eine ungeheuer große Schlange dem Meere zu. Al⸗ lein Euſtachius entſetzte ſich nicht.„Wer Dir vertraut, o Herr, ſprach er, fuͤrchtet ſich nicht vor dem offenen Nachen der Loͤwen, und wan⸗ delt muthig uͤber Schlangen und Nattern. Wie dieſe Kinder hier neben mir, ihrem Vater, ru⸗ hig ſchlafen und von allen Gefahren nichts mer⸗ ken, ſo will ich, wiewohl ich die Gefahr wohl einſehe, im Vertrauen auf Dich ruhig ſeyn!“ Im Vertrauen auf Gott achtete er nicht der Schreckniſſe dieſer Nacht; unter Gottes Schutze ging ſie ihm, wiewohl ſchlaflos, doch ruhig voruͤber. Endlich brach der Tag an. Die Waͤrme der aufgegangenen Sonne erweckte die Kinder. Sie blickten ihren Vater an, ſchauten um ſich, und ihre erſte Frage war nach ihrer Mutter. Sie — àà— fingen aufs neue an ſchmerzlich zu weinen. Der Vater troͤſtete die holden Knaben. Aber indem er ſie, die guten Kinder, die nun keine Mutter mehr hatten, anblickte, brach ihm ſelber das Herz. „Gute Kinder, dachte er, ach wie vieles habt ihr verloren! Gott ſtaͤrke mich, daß ich euch den unerſetzlichen Verluſt der beſten Mutter ſo viel moͤglich erſetze!“ Die Traurigkeit der Kinder war nicht von Dauer; uͤber eine kleine Weile fragten ſie nach dem Fruͤhſtuͤck. Der Vater blickte in der Gegend umher; allein da war nirgends ein Fruchtbaum oder ein Strauch mit Beeren. Er ſtieg auf einen Felſen, um beſſer um ſich ſchauen zu koͤnnen. Allein alles weit und breit war wuͤſt und leer; nirgens eine menſchliche Wohnung, oder auch nur eine Spur von einem angebauten Felde. Indeß glaubte er in ſehr weiter Ferne eine Reihe Baͤume und Gebuͤſche zu ſehen, die ihm den Lauf eines Fluſſes zu bezeichnen, und laͤngs deſſen Ufern hin empor zu wachſen ſchinen.„Dorthin wollen wir wandern, meine geliebten Kinder, ſagte er; dort ſcheint ſich eine fruchtbare Gegend auszubreiten! Dorthin liegt Aegypten; dort werden wir vielleicht eure Mutter wieder finden!“ Er nahm den Weg b jener Gegend zu, und fuͤhrte, da es in dem Sande nicht gut zu gehen war, an jeder Hand einen der Knaben. Zu einer Seite hatten ſie beſtaͤndig hoch emporragende Felſen, zur andern Seite das Meer. Die Sonne ſtieg immer hoͤher, die Hitze wurde immer groͤßer. Der Sandboden und ie nahen Felſen ſchienen zu gluͤhen, und warfen die Sonnenſtrahlen mit einer Gewalt zuruͤck, daß die Augen davon geblendet wurden. Die armen Kinder verſchmachteten beynahe vor Durſt.„Va⸗ ter, ſagte Agapius, fuͤhr' uns doch an das Meer hin, und laß uns trinken! Dort iſt ja Waſſer genug!“„Liebe Kinder, ſprach der Vater, dieſes Waſſer kann man nicht trinken; es wuͤrde euern Durſt nur vermehren und euch krank ma⸗ chen!“ Ach, rief Theopiſt, das iſt doch hart, ſo viel Waſſer vor Augen ſehen und dabey verdur⸗ ſten muͤſſen!“ Die armen Knaben vermochten das Gehen nicht mehr. Der Vater trug bald den ei⸗ nen, bald den andern, bald alle beyde auf den Armen. Er ſelbſt konnte ſich kaum mehr auf⸗ recht erhalten. Endlich, nachdem Mittag voruͤber, und die Hitze ganz unertraͤglich war, erreichten ſie einige ſchattige Baͤume, und vernahmen das Rauſchen eines nahen Fluſſes. Beyde Knaben ſanken ſogleich unter dem naͤchſten Baum in das Gras nieder; der Vater ſetzte ſich zu ihnen und ſagte:„Wie iſt es hier ſo kuͤhl und lieblich! Wie thut dieſes ſanfte Gruͤn den Augen ſo wohl! Welche große Wohlthat Gottes, die Mancher ſo gering achtet, iſt der Schatten! Vielleicht habt ihr Gott in eu⸗ rem Leben noch nicht dafuͤr gedankt! O dankt Ihm doch, meine lieben Ktnder!“ Nachdem die Kin⸗ der ſich ein wenig erholt und abgekuͤhlt hatten, klagten ſie auf's neue uͤber Durſt und Hunger. Auch dem Vater klebte die Zunge vor Durſt bey⸗ — — àA40— nahe an dem Gaumen. Er hieß die Knaben bleiben, ſtand auf und gieng an den Fluß, um ihnen in ſeinem Helme Waſſer zu holen. Als er an den Fluß kam, ſlog ploͤtzlich ein großer Waſſervogel vor ihm auf. Euſtachius ſah nach und entdeckte zwiſchen dem Schilf ein Neſt voll Eyer, die groͤßer als Enteneyer und noch vollkommen friſch und genießbar waren. Er band die Eyer vorſichtig, um ſie nicht zu zerdruͤcken, in ſein Schweißtuch, ſchoͤpfte dann mit ſeinem Helme von dem klaren Waſſer des Fluſſes, trank ſich erſt ſelbſt ſatt, nahm dann noch den Helm voll mit ſich, und kehrte zu ſeinen Kindern zu⸗ ruͤck. Er bereitete das weiße Tuch mit den Eyern auf den gruͤnen Raſen aus, ſtellte den Helm mit dem klaren Waſſer daneben, und ſagte freudig: „Seht, meine liebſten Kinder, wie guͤtig Gott uns in dieſer Wildniß einen Tiſch bereitet hat. Ohne dieſe Eyer, ohne dieſes Waſſer muͤßten wir hier verhungern und verdurſten! O laßt uns, ehe wir dieſe ſeine Gaben genießen, Herz und Augen zu Ihm erheben!“ Beyde Knaben ſtanden auf, falteten die kleinen Haͤnde, und betheten ſo andaͤchtig, wie vielleicht noch nie ein Nenſch, der ſich zur reichſten Tafel niederſetzen wollte. Der Vater ließ die Kinder zuerſt aus dem Helme trinken, oͤffnete dann mit einer Mu⸗ ſchelſchale, die er am Fluſſe gefunden hatte, ein Ey nach dem andern, und gab ſie ihnen. Erſt nachdem die Kinder ſatt waren, verzehrte der Vater die uͤbrigen Eyer. Die Knaben hatten die — à— rohen Eyer ſo ſchmackhaft, und das Waſſer ſo * erquickend gefunden, daß ſie beyde verſicherten, in ihrem Leben habe ihnen Speiſe und Trank nicht ſo gut geſchmeckt. Sie betheten aber auch nach der kleinen Mahtzeit mit einer ſolchen An⸗ dacht, daß ſie in ihrem Leben noch nie ſo an⸗ daͤchtig nach Tiſche gebethet hatten. „Nun, ſprach der Vater, legt euch hier in dem Schatten nieder, und ſchlaft ein wenig. Ich will indeß ſehen, wo wir am ſicherſten uͤber den Fluß kommen koͤnnen. Denn hinuͤber muͤſſen wir einmal, wenn wir nicht hier in die⸗ ſer Wildniß verſchmachten, ſondern nach Aegyp⸗ ten kommen wollen.“ Er brach einen ſtarken Aſt von dem Baume, richtete ihn, ſo viel es ohne Meſſer anging, zu einem Reiſeſtabe zu, deſſen er ſich im Nothfalle auch anſtatt der Waffen be⸗ dienen koͤnnte, und ging. Er nahm die Gegend in Augenſchein. Der Fluß brach mit großer Ge⸗ walt zwiſchen Wald und Felſen hervor. Das Waſſer war ſehr reißend, gegen die Mitte hin ſehr tief, und der Grund voll glatter, ſchluͤpfri⸗ ger Steine, auf denen man faſt keinen ſichern Tritt thun konnte. Der dichte Wald und die ſtei⸗ len Felſen verwehrten es, an dem Fluſſe weiter hinauf zu gehen, wo man vielleicht haͤtte leichter hinuͤber kommen koͤnnen. Er kehrte zu ſeinen Soͤhnen zuruͤck, weckte ſie und ſagte:„Nun kommt, meine lieben Kinder! Ich will es mit Gottes Beyſtand verſuchen, euch uͤber den Fluß zu tragen; allein, weil es ſehr gefaͤhrlich iſt⸗ — 4à48— einen nach dem andern.“ Er fuͤhrte ſie an den Fluß und ſprach: Du, Agapius, ſetze dich indeſ⸗ ſen hier am Ufer in dem Schatten dieſer Weiden in das Gras. Du Theopiſt, komm!“ Er nahm ihn auf den Arm; in der Hand des andern Arms fuͤhrte er den abgeriſſenen Baumaſt, theils um ſich darauf zu ſtuͤtzen, theils um die Tiefe des Fluſſes damit zu unterſuchen. Nit großer Anſtrengung wadete er durch das Waſſer, das ihm in der Mitte des Stromes bis an die Bruſt reichte, und ihn faſt bey jedem Tritte mit ſich fort zu reißen drohte. Dennoch gelang es ihm, den Knaben gluͤcklich hinuͤber zu bringen. Er dankte Gott, trocknete ſich den Schweiß von der Stirne, ruhte einige Zeit aus, und ſagte dann:„Theopiſt, ſetze dich hier nieder; ich will nun deinen Bruder holen.“ Er ſtieg wieder in das Waſſer; allein als er ſich mitten im Strome befand, hoͤrte er den Agapius, den er abholen wollte, mit Einem Mal ſchrecklich ſchreyen:„O Vater, hilf, hilf, ein wildes Thier! Ach es will mich zerreißen!“ Euſtachius ſchaute auf— und erblickte einen furchtbaren Loͤwen, der dem jam⸗ mernden Kinde ſchon ganz nahe war. Der Va⸗ ter drohte dem Thiere mit maͤchtiger Stimme, und ſchwang den gewaltigen Baumaſt in der Rechten. Allein wie im Fluge ergriff der Loͤwe den ſchreyenden und zappelnden Knaben und ſprang⸗ ſo ſchnell er konnte, mit ihm dem Walde zu. Welch ein Schreckensanblick war dieß fuͤr den liebenden Vater! Er ſtrengte alle Kräͤften an, un⸗ verzuͤglich das Ufer zu erreichen. Er ſtieg ans Land, er verfolgte das Thier mit lautem Drohen und weit ausgeholten Schritten! Allein bald ſah er nichts mehr von dem ſchrecklichen Raubthiere und dem geliebten Kinde, und ſuchte vergebens die Oeffnung zu finden, durch die das Thier in den Wald zuruͤck gekehrt war. Wildverwachſene Gebuͤſche, Dornen und ſtachlichte Gewaͤchſe, die den Boden bedeckten, machten es ihm uͤberall un⸗ moͤglich, in den ſchauerlichen Wald einzudringen. Schwer aufathmend, mit klopfendem Herzen„ vor Schrecken und Jammer faſt außer ſich, von Dor⸗ nen und Stacheln verwundet, blieb er endlich ſtehen. Nur mit Huͤlfe des Baumaſtes hielt er ſich noch aufrecht.„Ach, ſeufzte er, alle meine Muͤhe iſt umſonſt! Ich kann das Ungeheuer nicht mehr ein⸗ holen; ich kann den holden Knaben dem Rachen des Loͤwen nicht mehr lebend entreißen! Ach viel⸗ leicht faͤnde ich von meinem geliebten Agapius kaum mehr einige Gebeine! O du liebliches Kind, ſo wurdeſt denn auch du mir genommen! So muß⸗ teſt du dein junges Leben ſo fruͤh und ſo ſchreck⸗ lich— unter den Zaͤhnen eines grimmigen Raub⸗ thieres enden— du holder Liebling meiner Seele!“⸗ — Er ſchaute lange mit ſtarrenden Blicken ſprach⸗ los zum Himmel. Endlich ſagte er:„Nun, Vater im Himmel, es war Dein Wille, daß es ſo ging! Du weißt es, warum Du es ſo geſchehen ließeſt! Unergruͤndlich und unerforſchlich ſind Deine Rathſchluͤſſe, aber immer weiſe und gut. Viei⸗ leicht waͤre der gute Knabe ſchrecklichern Schicl⸗ 4 ——y- ÿ 5———— S ſalen entgegen gegangen! Vielleicht waͤre er— was noch viel entſetzlicher geweſen waͤre, als ei⸗ nem wilden Thiere in den Rachen zu fallen— ein Raub der Verfuͤhrung und des Laſters ge⸗ worden!— O Gott! wie Abraham ſeinen Iſaak Dir zu opfern bereit war, ſo will auch ich die⸗ ſen meinen geliebten Sohn Dir zum Opfer dar⸗ bringen!“ Theopiſtus, der andere Knabe jenſeits des Fluſſes, hatte es mit Entſetzen geſehen, wie das wilde Thier ſein Bruͤderchen davon trug, und hatte deßhalb das klaͤglichſte Jammergeſchrey erhoben. Als er aber nun auch von ſeinem Vater, der ſich weiter von dem Fluſſe entfernt hatte, vor den Gebuͤſchen und Straͤuchen nichts mehr ſehen konn⸗ te, ſchrie er noch lauter:„O Vater, liebſter Vater! Ach wo biſt du! O komm, komm doch und verlaß mich nicht!“ Der tiefbetruͤbte Va⸗ ter kehrte mit matten Schritten zuruͤck an den Fluß und rief dem Knaben von weitem zu: „Schweig, liebſter Theopiſt! Sey ruhig! Sieh,⸗ da bin ich. Ich komme ſogleich zu dir hinuͤber!“ Allein welch neues Entſetzen! Kaum hatte der Vater den Fluß erreicht, ſo ſah er, wie auf dem andern Ufer ein grimmiger Wolf, von dem Schreyen des Knaben herbey gelockt, auf Theopiſtus zu⸗ eilte. Der arme Kleine ſuchte zwar dem Un⸗ thiere zu entrinnen. Er ſprang aus allen Kraͤf⸗ ten laͤngs dem Ufer hin. Der Vater drohte dem Wolfe mit lauter Stimme und geſchwungenem Baumaſte. Aleein jetzt— jetzt erreichte der Wolf — 51— den Knaben, packte ihn mit den Zaͤhnen— rannte mit ihm dem Walde zu und verſchwand. Was das wunde Herz des guten Vaters bey die⸗ ſem neuen Schlage empfand— laͤßt ſich nicht ausſprechen. Ihm, dem Helden, der in den furcht⸗ barſten Schlacten, wo tauſend Schwerter und Spieße ihm den Tod drohten, ohne Furcht da⸗ geſtanden war, erſtarrten beynahe Herz und Glie⸗ der! Er ſprang zwar augenblicklich in den Strom, dem armen Kinde zu Huͤlfe zu kommen. Allein bis er, von der Hitze des Tages, von Schrecken und Kummer, von zweymaligem Ueberſetzen des Stromes bereits erſchoͤpft, mit der letzten Anſtren⸗ gung ſeiner Kraͤfte hinuͤber kam— hatte der Wolf laͤngſt den Wald erreicht, und es war nichts mehr von dem Kinde zu ſehen! Der beſtuͤrzte Vater ſank, ſobald er das Ufer erreicht hatte, kraftlos zu Boden. So viele und ſo ſchnell aufeinander folgende Ungluͤcksfaͤlle hat⸗ ten ihn ganz darnieder gedruͤckt.„Ach, dachte er, als Schrecken und Jammer ihn wieder den⸗ ken ließen, ſo iſt denn auch die letzte Hoffnung dahin, die letzte Stuͤtze gebrochen, der kuͤnftige Troſt meines Alters verſchwunden! Ich bin mei⸗ nes geliebten Vaterlandes, aller meiner Freunde, meiner Gemahlin, meiner Kinder in wenigen Ta⸗ gen beraubt! Ich gleiche einem Baume„ dem alle ſeine Aeſte und Zweige abgehauen worden. Mein Schmerz iſt noch groͤßer als der Schmerz jenes frommen Patriarchen Jakobs, der ſeine geliebte Rachel begraben hatte und dem die Nachricht ge⸗ 4 bracht wurde, der Liebſte ſeiner Soͤhne, Joſeph⸗ ſey von einem wilden Thiere zerriſſen worden. Jakob hatte noch mehrere Soͤhne; ihm blieb noch ſein geliebter Benjamin! Allein mir iſt auch noch mein geliebter Benjamin geraubt! Ich habe kei⸗ nen Sohn, keine Tochter, keinen Freund mich zu troͤſten! Ich kann wohl mit dem trauernden Jakob ſagen:„Mir bleibt nichts uͤbrig, als vor Jammer und Herzenleid zu meinen Soͤhnen hin⸗ ab zu ſinken in das Grab!“ Er ſchwieg lange.„Ach, ſagte er uͤber eine Weile, wenn ich nicht ſo gluͤcklich waͤre, Dich zu kennen, mein goͤttlicher Erloͤſer, und in Dir ein ſo herrliches Vorbild der Geduld in den ſchreck⸗ lichſten Leiden zu erblicken; ſo wuͤrde ich es kurz machen— nach Art meiner Landsleute, der tapfern Roͤmer; ich wuͤrde mich, wenn ich noch eines haͤtte, in mein Schwert ſtuͤrzen, oder⸗ was ich gar leicht koͤnnte, in den nahen Fluß. Allein Chriſtus lehrt uns anders. Wir duͤrfen den bit⸗ tern Kelch, den uns der Vater im Himmel dar⸗ reicht, nicht zuruͤck weiſen. Wir muͤſſen im Lei⸗ den, wenn wir anders Chriſten ſeyn wollen, mit Chriſtus ſprechen:„Vater, dein Wille geſchehe⸗ nicht der meine!“ Es iſt nun einmal ſo! Hier koͤnnen wir dem bittern Kelche, dem Kreuz' und Leiden nicht entgehen. Dort aber wartet, wenn wir anders ſtandhaft im Leiden ausharren⸗ auf uns die nie welkende Siegespalme und die un⸗ vergaͤngliche Krone ¹⁷ Euſtachius ward auf eine kleine Weile ruhi⸗ 42 1 ger; allein, indem er uͤber die Begebenheiten die⸗ ſer ſchrecklichen zwey Tage nachdachte, ſtiegen, gleich ſchwarzen Gewittern aus dem Meere, neue unermeßliche Qualen in ſeinem Innerſten auf. Denn nicht nur durch aͤußerliche, ſondern noch vielmehr durch innerliche Leiden ſollte er gepruͤft und gelaͤutert werden.„Wie, rief er erſchrocken und wie von einem ploͤtzlichen Blitzſtrahle getrof⸗ fen, bin ich an all dem Jammer nicht ſelbſt Schuld! Wo waren meine Sinne, daß ich mein liebes Weib einem ganz fremden Menſchen, je⸗ nem treuloſen Mohren, anvertraute, aus deſſen Gewalt ich ſie nicht mehr erretten konnte? Hab' ich ſie ihm nicht gleichſam ſelbſt ausgeliefert? O ſchrecklich, ſchrecklich! Und welche Unbeſonnenheit, welche Gefuͤhlloſigkeit war es, daß ich meine lie⸗ ben Kinder hier in dieſer Wildniß, den guten Agapius an dem einen, und den holden Theo⸗ piſtus an dem andern Ufer des Fluſſes, einſam und allein ſitzen ließ? Ach das Bruͤllen und das Geheul der wilden Thiere in der vergangenen Nacht haͤtte mir eine furchtbare Warnung ſeyn ſollen! Habe ich die armen Kinder nicht gleichſam ſelbſt den wilden Thieren vorgeworfen! Bin ich nicht ein liebloſer Vater, ein Moͤrder, der Moͤr⸗ der meiner Kinder! Ach, wie blutroth die Sonne untergeht— als wollte ſie, wiewohl ſie ſtumm iſt, mich anklagen— als riefe ſie mir laut zu: Du ſelbſt biſt Schuld an dem vergodſſenen Blut deiner Kinder!“— „Doch, nein, nein, ſprach er jetzt ruhiger, Liebloſigkeit, Grauſamkeit war es nicht. Wie⸗ wohl ich es in meinem Leben nicht genug be⸗ reuen kann, das holde Weib dem groͤßten Elende, die guten Kinder dem furchtbarſten Tode Preis gegeben zu haben, ſo war es doch nur Unbe⸗ dachtſamkeit. Aber dennoch— welche bittere Em⸗ pfindung iſt die Reue! O wie muß es dem Men⸗ ſchen zu Muthe ſeyn, der vorſäͤtzlich Boͤſes ge⸗ than, und abſichtlich Andere ungluͤcklich gemacht hat! Ach, was iſt der Menſch, daß er bey dem beſten Willen ſolches Unheil anrichten kann? Wie noͤthig hat er, Gott taͤglich zu bitten, Gott wolle ihn erleuchten, leiten, und regieren!“⸗ „Allein, ſprach er uͤber eine Weile, wenn es bey mir auch blos Mangel an Ueberlegung war⸗ iſt es nicht ſchon ſtrafbar, ohne Ueberlegung zu handeln? Ach, ich haͤtte es beſſer uͤberlegen ſol⸗ len!— Doch, es ſey, wie es ſey! Du, barmher⸗ ziger Gott, biſt meine einzige Zuflucht! Verzeih mir, was bey dieſen ſchrecklichen Begebenheiten mein Verſehen iſt! Mache wieder gut, was ich verdorben habe! Leite Du alles zum Beſten. Du nur kannſt es und wirſt es auch thun! Du ſag⸗ teſt ja durch Deinen Apoſtel:„Denen, die Gott lieben, dient alles— alſo auch jedes Verſehen, jeder Fehler, den ſie ernſtlich bereuen— zu ih⸗ rem Beſten.“ Ach waͤre dieß nicht, ich muͤßte verzweifeln!“ Er ward ruhiger— aber nur auf Augenblicke. Immer aufs neue quaͤlten ihn die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe. Er wußte nichts Beſſeres, als nicht mehr nachzuſinnen— da es, wie er mit Recht dachte, doch nichts mehr nuͤtzte— ſondern anſtatt des Nachſinnens und Gruͤbelns nur immer zu bethen. Er that es; er flehte zu Gott, um Troſt, um Linderung ſeiner ſchweren Leiden.„Vater, ſprach er, der Du Deinem geliebten Sohne einen Engel vom Himmel geſandt haſt, Ihn zu troͤſten— ach ſieh, auch meine Seele iſt betruͤbt bis zum Tod'! Ach, laß mich nicht ohne Troſt bleiben!“ Es kam nun zwar kein Troſtengel— allein Gott ſandte ihm ein anderes Linderungsmittel, das ſchon oft den Ungluͤcklichſten ſeiner Leiden vergeſſen ge⸗ macht, ja ihn wohl gar auf einige Zeit in die gluͤck⸗ lichſten Umſtaͤnde verſetzt hat. Gott fandte ihm ei⸗ nen ſanften Schlaf und wunderbare Traumbilder erheiterten ſeine trauernde Seele. Ihm traͤumte, er wandere durch einen dunklen Wald; allein ploͤtz⸗ lich war das tiefe Dunkel von goldenen Sonnen⸗ ſtrahlen erleuchtet; der kleine Agapius ſaß unver⸗ ſehrt und ruhig zwiſchen Gras und Blumen, laͤ⸗ chelte ihm heiter entgegen und der Loͤwe entfloh ſcheu und in wilder Eile; eine andere Gegend des Waldes erſchien jetzt im Glanze der Sonne; Theo⸗ piſtus ſtand da, zeigte auf den Wolf, der todt auf den Boden hingeſtreckt lag, und blickte dank⸗ bar zum Himmel. Enſtachius erwachte; allein bald entſchlief er wieder, und erblickte ſeine bey⸗ den Soͤhne als ſchoͤne bluͤhende Juͤnglinge von hoher edler Geſtalt; ſie waren als Roͤmiſche Krie⸗ ger gekleidet, und ihre ſchimmernden Helme waren mit gruͤnen Lorbeerzweigen geſchmuͤckt. Er wachte — 36— abermal auf, entſchlief noch eimal und ſieh! nun er⸗ blickte er auch ſeine Gemahlin, ſie fuͤhrte voll himm⸗ liſchen Entzuͤckens ihm ſeine beyden Soͤhne entgegen — und die lebhafteſte Freude erfuͤllte ſein Herz. Sechstes Kapitel. Die guten Landleute. Als die Morgenroͤthe anbrach, und Wolken und Meer, Felſen und Baͤume mit ihrem Roſen⸗ ſchimmer erhellte, erwachte Euſtachius. Sein großer Verluſt, das Schickſal ſeiner Kinder und ihrer geliebten Mutter war ſein erſter Gedanke. Die erfreuenden Traͤume mußten der traurigen Wirklich⸗ keit weichen. Allein er erhob Augen, Haͤnde und Herz zum Himmel, und empfahl ſich und alles, was ſein Herz beſchwerte, der treuen Vaterſorge Gottes. Die Sonne ging jetzt herrlich auf, und erleuchtete Himmel und Erde mit ihrem aller⸗ freuenden Lichte.„Geſtern, ſprach Euſtachius, ging ſie zwiſchen Duft und Nebel truͤb und blut⸗ roth unter; und heute geht ſie mit all ihrem Glanze in erneuerter Herrlichkeit wieder auf! Sey es denn, daß unſere geliebten Freunde, die uns der Tod oder ſonſt ein widriges Schickſal raubte, fuͤr uns gleich der Sonne untergehen— daß wir ſie in dieſem Erdenleben nicht mehr erblicken und eine finſtere lange Nacht zwiſchen uns und ihnen liegt— es kommt einſt der Morgen, da wir ſie, gleich einer aufgehenden Sonne, in Glanz und Herrlichkeit wieder ſehen werden.“ Euſtachius richtete nun all ſein Sinnen und Trachten darauf, ſobald als moͤglich, jene See⸗ ſtadt zu erreichen, wohin die Ladung jenes Schif⸗ fes beſtimmt war, und wo er ſeine Gemahlin zu finden, und ſie unter dem Beyſtand der Obrig⸗ keit aus den Haͤnden jenes gottloſen Raͤubers zu erretten hoffte. Unverzuͤglich machte er ſich auf den Weg. Er wanderte beſtaͤndig auf dem kieſi⸗ gen Grunde zwiſchen dem Meere und den hohen Felſen hin, und mußte unſaͤgliche Muͤhſeligkeiten ausſtehen. Die Hitze der Sonne war beynahe erdruͤckend. Einige Auſtern, die er am Meere fand, ſtillten ſeinen Hunger; der reichliche Thau, der ſich zwiſchen den breiten, faltigen Blaͤttern einiger Gewaͤchſe jenes Landes ſammelt, loͤſchte ſeinen Durſt. So legte er eine Tagreiſe zuruͤck. Allein die Felſen, die er bisher immer zur Seite hatte, erſtreckten ſich nunmehr weit hinein in das Meer. Er konnte nicht mehr weiter; ſeitwaͤrts aber oͤffnete ſich eine Schlucht, die in das Ge⸗ birg fuͤhrte. Er ging hinein, und kam in eine noch furchtbarere Wildniß. Nirgens erblickte er eine Spur von Menſchen; nur die Fußſtapfen wilder Thiere bemerkte er im Sande. Er klet⸗ terte, da es bereits Nacht war, auf einen ſteilen Felſen, und uͤbernachtete in einer Felſenkluft, um nicht im Schlafe von den wilden Thieren zerriſſen zu werden. Mit Anbruch des Tages ſetzte er ſeinen Weg weiter fort. Die Wildniß wurde immer ſchauerlicher. Die Sonne neigte ſich be⸗ reits zum Untergange, und noch immer fand er 33— 58— keinen Ausweg. Etwas Waſſer aus einer faſt verſiegten Quelle und einige herbe Beeren der Wildniß waren ſeine einzige Labung. Er glaubte ſchon in dieſem wuͤſten Gebirge verſchmachten zu muͤſſen— da bemerkte er einen ſchmalen, wenig betretenen Fußſteig. Nachdem er eine Weile da⸗ rauf fortgegangen war, oͤffnete ſich zwiſchen den kahlen Bergen die Ausſicht in ein Thal. Nach einigen Schritten erblickte er mit Freude hohe, ſchattenreiche Baͤume von ſaftreichem, dunkelgruͤ⸗ nem Laube, dann das ſchoͤnſte Wieſengruͤn, das von reichlichen Blumen hellgelb und purpurroth geſtreift war, dann wohlgebaute, reiche Kornfel⸗ der, und endlich ein ganzes, ſehr freundliches Dorf, deſſen Daͤcher aus einem Walde von Frucht⸗ baͤumen hervorſchauten. Das Thal, von der un⸗ tergehenden Sonne beleuchtet, haͤtte kaum ſchoͤner und lieblicher ſeyn koͤnnen. Euſtachius dankte Gott, der ihn wieder menſch⸗ liche Wohnungen und gebautes Land erblicken ließ, ſtieg freudig den Felſenpfad hinab, und er⸗ reichte das Dorf. Vor einem der erſten Haͤu⸗ ſer, an denen er vorbey kam, ſaß ein alter Mann, der ſich der untergehenden Sonne zu freuen ſchien. Zu ſeinen Fuͤßen ſpielten ein Paar liebliche Kinder, die ſeine Enkel zu ſeyn ſchienen. Euſtachius ging zu ihm hin und ſprach:„Lieber, alter Vater! waͤre in dieſem Dorfe fuͤr einen Fremden wohl eine Nachtherberge zu finden?“„O ja wohl, antwortete der Greis, warum denn das nicht? Und, wenn du, lieber Mann, mir eine recht große .⁴ Freude machen willſt, ſo bleibe unter meinem Dache uͤber Nacht. Was ich habe, iſt wenig; doch gebe ich es mit Freuden.““ Euſtachius nahm das Anerbieten ſehr gerne an, und ging mit ihm in das Haus. Der Mann brachte Brod, Obſt und Wein.„Hier, ſagte er, ſind einige Erfriſchungen, bis meine Tochter von ihrer Feldarbeit nach Hauſe kommt und das Nacht⸗ eſſen bereitet. Erquicke dich, und der Herr ſegne es dir!“ An dieſen Worten erkannte Euſtachius mit unbeſchreiblicher Freude, der gute Greis ſey ein Chriſt.„Gott ſey gelobt, ſprach er, der meine Schritte hieher leitete; denn ſieh, auch ich glaube an Chriſtus den Herrn, unſern goͤttlichen Erloͤſer.⸗ Der Greis hatte eine eben ſo große Freude, in ſeinem Gaſte einen Chriſten zu erkennen. Es war ihnen Beyden, da ſie als Chriſten in der Mitte roher und grauſamer Heiden leben mußten, in dieſem Augenblicke nicht anders zu Muthe, als zwey leiblichen Bruͤdern, die in einem fremden Welttheile und unter einem feindlichen Volke ſich einander unvermuthet finden und wieder erken⸗ nen. Beyde, Euſtachius und der alte Landmann, der Klemens hieß, umarmten einander mit inni⸗ ger, wahrhaft bruͤderlicher Liebe. Der Eine Glau⸗ be, die Eine Hoffnung, die Eine himmliſche Liebe, dieſe Verwandſchaft der Geiſter, ging ihnen uͤber alle Blutsverwandſchaft. Sie fuͤhlten zu einander ein ſo großes Zutrauen, als haͤtten ſie ſchon zehn Jahre lang mit einander gelebt. Jeetzt kam die Tochter des Greiſes mit ihrem — 60— Manne von der Feldarbeit nach Hauſe.„Seht, ſprach der freundliche Greis zu ihnen, in dieſem lieben Gaſte hat uns der Herr einen ſeiner Juͤn⸗ ger und Freunde zugefuͤhrt!““ Beyde hatten die herzlichſte Freude, und begruͤßten ihn auf das freundlichſte. Euſtachius erzaͤhlte nunmehr, wie er wegen ſeines Glaubens an Chriſtus aus ſeiner Heimath vertrieben worden, und wie boͤſe Men⸗ ſchen und wilde Thiere ihm Frau und Kinder ge⸗ raubt hatten. Alle hoͤrten ihm mit großer Theil⸗ nahme zu; die junge Hausfrau vergoß viele Thraͤ⸗ nen; der fromme Greis aber ſprach am Ende: „Sey getroſt! Jene Traͤume, mit denen Gott in der Nacht nach dem Verluſte deiner Kinder dich troͤſtete, ſcheinen mir nicht ohne Bedeutung. Du haſt die guten Knaben doch nicht von den Raub⸗ thieren zerreißen ſehen; vielleicht wurden ſie noch gerettet.“„Wie waͤre das moͤglich!“ rief Eu⸗ ſtachius.„Bey Gott iſt kein Ding unmoͤglich, ſprach der Greis; wir duͤrfen ſeiner Allmacht kei⸗ ne Graͤnzen ſetzen. Wenn indeß jene Traͤume nur auf die kuͤnftige Welt deuten ſollten, und wenn deine Kinder auch wirklich fuͤr dieſe Welt todt ſind— ſo leben ſie nunmehr als holde Engel an Gottes Thron. Und dort wirſt du ſie gewiß wie⸗ der ſehen! Was aber deine Gemahlin betrifft, ſo wird Gott ſie ſchuͤtzen. Ja es iſt große Hoff⸗ nung, daß du ſie in Aegypten wieder finden, und der Gewalt des gottloſen Heiden entreißen werdeſt. Wenn ich nicht ſo alt waͤre, ſo wuͤrde ich dich gerne dahin begleiten. Allein mein Schwiegerſohn Klitus hier, der ſchon einmal dort geweſen und aller Wege kundig iſt, wacht ſich eine Freude dar⸗ aus, mit dir zu gehen. Morgen ſoll er mit dir dahin ziehen.“ Dieſe Worie brachten dem be⸗ truͤbten Euſtachius großen Troſt. Er aß mit den guten Landleuten nun zu Nacht. Freundliche Ge⸗ ſichter, aus denen er ſah, daß ihm alles herz⸗ lich wohl gegoͤnnt ſey, waren die beſte Wuͤrze der maͤßigen Mahtzeit. Hierauf begab er ſich, da ſeine Kraͤfte faſt erſchoͤpft waren, unverzuͤglich zur Ruhe. Am folgenden Morgen, lange bevor der Tag anbrach, machte er ſich mit Klitus, dem jungen Bauer, auf den Weg. Sie eilten ſo ſehr ſie konnten, und waren, die heißeſten Mittagsſtun⸗ den ausgenommen, unausgeſetzt auf dem Wege. Als ſie aus den Bergen in die ebenen Gegenden herabkamen, miethete Euſtachius von dem Gelde, das er noch bey ſich hatte, ein Kameel, um ſchnel⸗ ler und bequemer weiter zu kommen. Endlich erreichten ſie die Seeſtadt, wo eine Reihe von Schiffen nahe am Ufer vor Anker lag. Euſta⸗ chius beſah die Schiffe, und erkannte zu ſeiner großen Freude bald das Schiff, auf dem er und ſeine Gemahlin ſich befunden hatten, und das jetzt auf den Strand gezogen war. Er betrachtete es genau; alle Verzierungen des Schiffes, die er ſich wohl gemerkt hatte, trafen richtig ein. Ein Laſttraͤger, der auf einer Kiſte mit Waa⸗ ren ſaß, um auszuruhen, rief ihm zu:„Warum beſieheſt du das Schiff ſo bedachtſam von allen — 62— Seiten? Willſt du es kaufen? Euſtachius, dem dieſe Worte als Scherz vorkominen mußten, blickte ihn mit wehmuͤthigem Ernſte an. Allein der Mann ſprach:„Ich ſcherze nicht. Das Schiff iſt feil; der Schiffer, dem es gehoͤrte und der ein ſehr reicher Mohr war, iſt todt.“ Euſtachius erkundigte ſich naͤher.„Glaube mir, ſprach der Mann, es iſt nicht anders. Das Schiff lief erſt vor wenigen Tagen hier ein; allein der Schiffs⸗ herr war nicht ſo gluͤcklich, das Land lebendig zu erreichen. Ich war dabei, als ſein entſeelter Leich⸗ nam vom Schiffe gebracht wurde. Er ſoll ſo zu ſagen jaͤhen Todes geſtorben ſeyn.“„Das iſt ſonderbar! ſprach Euſtachius; aber ſage mir, wo iſt die Frau, die auf dem Schiffe angekommen iſt?⸗„Eine Frau? ſprach der Laſttraͤger. Es iſt keine Frau mit angekommen.“„Es muß ſich eine Frau auf dem Schiffe befunden haben, ſprach Euſtachius mit Eifer. O ſage mir, lieber Mann, wo ich ſie finden kann! Du erzeigeſt da⸗ durch ihrem betruͤbten Ehemann einen großen Liebesdienſt.“ Der Laſttraͤger blieb dabey, er habe nichts von einer Frau geſehen, die mit gekommen ſeyn ſolle.⸗ Ein Paar Kaufleute, die eben vorbey gingen, blieben ſtehen und hoͤrten zu.„Es iſt ſo, wie der Mann ſagt, ſprach der eine Kaufmann. Ich hatte auch Waaren auf dem Schiffe, die ich mit Sehnſucht erwartete. Ich war in dem Augen⸗ blicke zugegen, als das Schiff landete und blieb da, bis es ausgeladen war, Allein ich verſichere — 63— dich, es hat ſich keine einzige Frau auf dem Schiffe befunden. Es war niemand darauf, als die Schiffsknechte und der Leichnam des Schif⸗ fers.“ Eunſtachius erzaͤhlte nun ſo viel, als er fuͤr noͤthig erachtete, von ſeiner Geſchichte, und bat dann die Kaufleute, die ihm ſehr theilneh⸗ mend zuhoͤrten, ihm Gelegenheit zu verſchaffen, die Schiffsknechte zu ſprechen, um ſich bey ihnen zu erkundigen, wohin ſeine Gemahlin gekommen ſey. Die Kaufleute ſagten:„Es wird ſchwer halten, noch einen oder den andern aufzufinden. Sie nah⸗ men nach dem Tode ihres Herrn ſogleich auf andern Schiffen Dienſt, und fuhren vielleicht ſchon alle mit denſelben ab; denn der Handel geht ſehr ſtark. Indeß wollen wir ſelbſt ſogleich nach⸗ forſchen.“ Sie kamen bald zuruͤck und ſagten: „Zum guten Gluͤcke haben wir noch ein Paar Schiffsknechte aufgetrieben; allein ſie wollen nichts davon wiſſen, daß eine Frau auf dem Schiffe geweſen ſey.“ Auf Verlangen des Euſtachius wurden die zwey Schiffsknechte vor Gericht gefordert. Sie erſchraken ſehr, als ſie in den Gerichtsſaal tra⸗ ten, und ganz unerwartet den Mann erblickten, den ſie an ein unbewohntes Land ausgeſetzt hat⸗ ten. Auch er kannte ſie gar wohl, und ſtellte ſie zur Rede. Sie geſtanden nun ein, Euſtachius, deſſen Frau und zwey Kinder haͤtten ſich aller⸗ dings auf dem Schiffe befunden. Der Schiffs⸗ herr habe, da Euſtachius das Fahrgeld nicht be⸗ zahlen konnte, ihn und die zwey Kinder an das — 64— Land bringen laſſen, allein die Frau als Sklavin zuruckbehalten. Der Schiſſsherr habe dann eine heftige Leidenſchaft zu der Frau gefaßt; da ſie ihm aber durchaus kein Gehoͤr gegeben, habe er ſie in einem Anfalle von Wuth mit dem Schwerte getoͤdtet, und den Leichnam in das Meer gewor⸗ fen. Hierauf haͤtten Liebe und Haß, Reue und Verzweiflung ihm das Herz abgedruͤckt; wenige Stunden nachher ſey er eine Leiche geweſen. Da dieſe Geſchichte ihrem verſtorbenen Herrn keines Weges zur Ehre gereiche, ſo haͤtten ſie mit ein⸗ aander abgeredet, davon zu ſchweigen; allein vor Gericht dazu aufgefordert, muͤßten ſie, ſo hart es ſie auch ankomme, der Wahrheit dieſes Zeugniß geben. Nachdem ſie ihre Ausſage beſchworen hat⸗ ten, gingen ſie hinaus. Wie es aber dem tiefbetruͤbten Euſtachius zu Muthe war, kann keine Zunge ausſprechen. Er⸗ ſchuttert ging er aus der Gerichtsſtube, und wan⸗ delte voll ſtummen Schmerzens am Ufer des Meeres auf und ab. Noch hatten ſeine Augen keine Thraͤnen. Endlich blieb er ſtehen, blickte mit hervorſtroͤmenden Thraͤnen zum Himmel und ſagte:„Nun, guter Gott, ſo war es denn Deine Schickung, daß ich meine Gemahlin durch den Tod verlieren mußte! Deinem Willen unterwerfe ich mich in tiefſter Demuth und Anbethung. Du haſt mein geliebtes Weib zu Dir genommen. Ach, es iſt doch beſſer, ſie ſtarb eines blutigen Todes, als daß ſie in Suͤnde und Schande ge⸗ willigt haͤtte.“—„O du meine geliebte Theo⸗ * — 65— piſta, ſprach er weiter, ſo ſehe ich denn in die⸗ ſer Welt dein holdes Angeſicht nicht mehr! So lebe den wohl, ſeliger Geiſt, und bethe fuͤr mich, damit ich dich und unſre lieben Kinder an Got⸗ tes Throne wieder ſehen moͤge.“ Der junge Bauersmann Klitus, der mit Eu⸗ ſtachius gekommen war, hatte, waͤhrend die Schiffs⸗ knechte verhoͤrt wurden, das Kameel in die naͤchſte Herberge gebracht, es gefuͤttert und getraͤnkt. Er vernahm ſogleich durch den Ruf die traurige Neuig⸗ keit:„Die Frau, die mit dem Schiffe haͤtte ankom⸗ men ſollen, ſey auf dem Schiffe ermordet und in das Meer verſenkt worden.“ Der gutherzige Landmann hoͤrte dieſe Nachricht mit Schaudern. Tiefbetruͤbt und mit weinenden Augen naͤherte er ſich dem be⸗ ſtuͤrzten Euſtachius, der mit Augen voll Thraͤnen in das Meer hinaus ſah.„Ach Gott, ſprach Klitus zu ihm, mich wandert es nicht, daß du das Meer nicht ohne Zaͤhren anſehen kannſt! Denn es iſt ja das Grab deiner geliebten Ehe⸗ gattin. Allein ſchaue lieber zum Himmel auf! Wiewohl ihr Leib in dem Abgrunde des Meeres begraben liegt, ſo iſt doch ihr Geiſt in dem Him⸗ mel! Sie ſtarb den ſchoͤnſten Tod— ſie wollte lieber ſterben, als ſuͤndigen. Weine alſo nicht— freue dich vielmehr und lobe Gott!“„Du haſt Recht, lieber Freund, ſprach Euſtachius, und druͤckte ihm die Hand; Gott ſey gelobt— ſie hat es uͤberſtanden, und hat— ſo gräßlich ihre Ermordung war— doch ſelig geendet. Gott ge⸗ be, daß unſer Ende, von ſo ſchauerlichen Um⸗ 5 * — 66— ſtaͤnden es uͤbrigens begleitet ſeyn msge⸗ auch ſo ſelig ſey.“ Siebentes Kapitel. Der Tagloͤhner. Euſtachius und der junge Bauersmann Klitus gingen einige Zeit an dem Meere ſtillſchweigend und in ihren bekuͤmmerten Herzen nur mit Gott redend auf und ab. Endlich ſagte Klitus:„Es iſt bereits Nacht. Ich habe in der Herberge fuͤr dich ein Nachteſſen und ein Nachtlager beſtellt. Willſt du nicht mit mir gehen?“ Euſtachius ging mit ihm; allein es war ihm jetzt weder um das Eſſen, noch um das Schlafen zu thun. Klitus bezeigte eben ſo wenig Luſt dazu. Sie gingen mit einander auf die Kammer, die ihnen ange⸗ wieſen wurde, und redeten noch vieles uͤber dieſe traurige Begebenheit. Endlich ſprach Klitus: „Hier in Aegypten iſt fuͤr dich nichts mehr zu hoffen; was haſt du nun weiter vor?„Daran habe ich noch nicht gedacht, ſprach Euſtachius. Es bleibt mir aber nichts uͤbrig, als irgend einen Winkel auf Erden aufzuſuchen, um da zu trau⸗ ern und zu ſterben, wenn Gott nicht noch ein Anderes uͤber mich verfuͤgen wird.„O ſo komm mit mir, ſagte Klitus. Mein Haus und Alles, was ich habe, ſteht dir zu Dienſten. Du kannſt meinem alten Vater, meinem Weibe und mei⸗ nen Kindern keine groͤßere Freude machen, als wenn du mit mir rickeehreſ und bey uns bleibeſt.“ Euſtachius bedachte ſich und ſprach: „Nun wohl! Ich gehe mit dir. Ich will aber dir und den Deinigen nicht zur Laſt fallen, und mein Brod nicht als ein Muͤßiggaͤnger eſſen. Der Apoſtel ſagt ja:„Wer nicht arbeitet, ſoll auch nicht eſſen.“ Ich will dein hartes Tagwerk mit dir theilen, und dir helfen das Feld bauen. Die Hand, die ſtark genug war, Schwert und Lanze zu fuͤhren, wird woh! nicht zu ſchwach ſeyn, den Pflug zu lenken.“„Nun, nun, ſagte der Landmann erfreut, wir wollen ſehen. Das wird ſich geben. Komm du nur einmal mit mir. Wir wollen ſo vergnuͤgt zuſammen leben, wie die heili⸗ gen Engel Gottes im Himmel.“. Sie beſtiegen am naͤchſten Morgen das Ka⸗ meel und kehrten zuruͤck. Sie kamen gluͤcklich in dem Dorfe an, und wurden von dem liebens⸗ wuͤrdigen Greiſe, der guten Hausfrau und den Kindern mit Freude, aber auch mit Betruͤbniß uͤber die traurigen Nachrichten, die ſie brachten, aufgenommen. Da der gute Greis das Vorha⸗ ben des Euſtachius vernahm, als Tagwerker das Feld zu bauen, ſchuͤttelte er ſein graues Haupt. Euſtachius aber beſtand darauf. Nur eine Be⸗ dingung bat er ſich aus. Hinter dem Wohnhauſe des Bauers war eine Anhoͤhe, auf der einige große ſchoͤne Palmbaͤume ſtanden.„Dort, ſagte Euſtachius und zeigte nach der Anhoͤhe, zwiſchen jenen Baͤumen wuͤnſchte ich eine eigene kleine Huͤtte zu haben, wo ich die Stunden„ die ich nicht bey der Arbeit bin, in ſtiller Einſamkeit, . 5* 8 in Gebeth und Betrachtung zubringen koͤnnte.“ Die guten Landleute verſprachen, ſeinen Wunſch zu erfuͤllen. Sogleich am andern Morgen legten ſie Hand an das Werk; Euſtachius gab den Bau an und half dabey fleißig mit. Die Huͤtte kam bald zu Stand. Das Dach war nur mit Stroh gedeckt, und ruhte auf rohen Baumſtaͤmmen. Die Waͤnde waren von zaͤhen Baumaͤſten dicht gefloch⸗ ten und mit Moos ausgeſtopft. Die Wohnung hatte freylich ein ſehr duͤrftiges Ausſehen; indeß gewaͤhrte ſie nicht nur hinreichenden Schutz gegen den Regen, ſondern in einem Lande, wo man nie eine Schneeflocke ſieht, auch gegen Froſt und Wind. Innen hatte ſie blos zwey Abtheilungen. Die erſte, in die man ſogleich durch die Huͤtten⸗ thuͤre kam, diente zum Wohnzimmer; die andere zur Schlafſtaͤtte. In dieſer armen Mooshuͤtte mit dem Stroh⸗ dache wohnte nun der Mann, deſſen Wohnung ehemals ein praͤchtiger Palaſt geweſen. Er ver⸗ legte ſich nun mit allem Ernſte auf den Feldbau⸗ und brachte es nicht nur bald dahin, daß er ein Ackerfeld auf das beſte beſtellen konnte; er fand an dieſer Beſchaͤftigung auch Vergnuͤgen. Er dachte wie jener Roͤmiſche Dichter, der den Mann ſelig preiſet, der fern von Welthaͤndeln, wie die Men⸗ ſchen der Vorzeit, mit ſeinen Ochſen das Feld pfluͤgt, genuͤgſam und frey von Wucher und aller Geldgier. Er glich jenem großen Feldherrn Cin⸗ cinatus, der, als ihm die Abgeſandten des Roͤ⸗ miſchen Senats die Feldherrnſtelle antrugen, auch eben das Feld pfluͤgte; vom Pfluge hinweg maͤch⸗ tige Kriegsheere zum Kampf fuͤhrte, und nach erfochtenem Siege wieder zu dem Pfluge zuruͤck⸗ kehrte, und auf ſeinem vaͤterlichen Boden, bey einfachen Sitten und laͤndlicher Koſt, allen Reich⸗ thum und Glanz der Welt fuͤr nichts achtete. In den Stunden, die Euſtachius von der Feldarbeit uͤbrig hatte, ſchuf er den freyen Raum neben ſeiner Huͤtte zu einem Garten um, pflanzte Weinſtoͤcke und Feigenbaͤume, baute Kohl, Boh⸗ nen und andere Gemuͤſe und vorzuͤglich ſchoͤne und große Melonen. Zu Mittag ſpeiſete er gewoͤhn⸗ lich mit ſeinen guten Landleuten; oft ſogleich drau⸗ ßen auf dem Felde. Er lagerte ſich dann mit ihnen im Schatten irgend eines Baumes auf den Ra⸗ ſen, aß mit ihnen ſehr vergnuͤgt aus Einer Schuͤſ⸗ ſel, und wuͤnſchte ſich keine beſſern Gerichte. Abends bereitete er ſich ſeine maͤßige Mahlzeit meiſtens ſelbſt; er ſaß dann an dem kleinen Feuerheerde, der in einer Ecke ſeiner Huͤtte an⸗ gebracht war, und waͤhrend der Topf mit Ge⸗ muͤſe am Feuer ſtand, las er, um keinen Au⸗ genblick der Zeit unbenuͤtzt zu laſſen, in dem Evan⸗ gelium, den Briefen der Apoſtel oder in den Pſalmen. Nach der kleinen Mahlzeit ſetzte er ſich gewoͤhn⸗ lich auf die hoͤlzerne Bank, die er unter einem der Palmbaͤume aufgeſchlagen hatte. Seine guten Land⸗ leute, der fromme Greis, der junge Bauer und deſ⸗ ſen Eheweib kamen dann zu ihm herauf, ſetzten ſich zu ihm, und waͤhrend die Glut des Abendroths — 20— erloſch und ein Stern nach dem andern aus der tiefen Blaͤue des Himmels hervorfunkelte, redete er mit ihnen von dem Glauben an Gott und Jeſus Chri⸗ ſtus und von den Hoffnungen, die einſt, wenn die Welt umher fuͤr uns in die Nacht des To⸗ des verſinkt, dort oben uͤber den Sternen auf uns warten, Er ſprach mit Entzuͤcken von jenem Augenblicke des Himmels, da Chriſtus dort im Walde ſich ihm geoffenbart; er betheuerte oͤfter, daß er nur im Chriſtenthume volle Beruhigung gefunden und des ewigen Lebens gewiß gewor⸗ den. Auch erzaͤhlte er ihnen noch Manches aus ſeiner Lebensgeſchichte, was fuͤr ſie lehrreich und angenehm war, Sie nahmen aus ſeinen Erzaͤh⸗ lungen wohl ab, daß er vorhin vermoͤglich gewe⸗ ſen und bey dem Kriegsheere eben nicht die ge⸗— ringſte Stelle begleitet hatte; allein davon, daß er der beruͤhmte Feldherr Plazidus ſey, ſagte er ihnen aus Beſcheidenheit kein Wort. Sie kann⸗ ten ihn nur unter ſeinem chriſtlichen Namen Eu⸗ ſtachius. Die Einwohner des Dorfes waren, außer den chriſtlichen Bauersleuten, die ihn ſo liebreich auf⸗ genommen hatten, beynahe alle noch Heiden. Allein Euſtachius machte ſich die groͤßte Freude daraus, ihnen allen ohne Unterſchied bey jeder Gelegenheit Gutes zu erweiſen. Seine hoͤhere Einſicht, ſeine Tugend, ſein Muth ſetzten ihn in den Stand, ihnen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Unter Anderm wurden ihre Felder vielfaͤltig nicht nur von Hirſchen, ſon⸗ * dern auch von ungeheuren, großen und ge⸗ faͤhrlichen wilden Schweinen verheert; die reißen⸗ den Thiere der nahen Wildniß ſielen nicht ſelten in die Heerden ein, und manches Rind wurde von einem Loͤwen zerriſſen, manches Schaf von einem Wolfe geraubt. Denn damals, wo es noch keine Feuergewehre gab, war es, zumal fuͤr fried⸗ liche Bauersleute, nicht ſo leicht, ſich der Raub⸗ thiere zu erwehren. Der tapfere Euſtachius nahm ihre Felder und Heerden gegen die wilden Thiere in Schutz, und durchwachte manche finſtre ſtuͤr⸗ miſche Nacht auf freyem Felde. Als ein jagd⸗ kundiger Mann lehrte er die Maͤnner, ſich gegen die Thiere des Waldes bewaffnen und ſie be⸗ kaͤmpfen. Er war immer der Anfuͤhrer auf der Jagd; vieles Wild, ja mancher Wolf, mancher Loͤwe wurde zur Erde hingeſtreckt, ohne daß je ein Menſch verletzt ward. Die Maͤnner hatten großes Zutrauen zu dem tapfern Manne. Der Adel ſeiner Seele, der ungeachtet der duͤrftigen Bauernkleidung, die er jetzt trug, aus ſeinem ganzen Betragen hervor⸗ leuchtete, floͤßte ihnen Ehrfurcht ein, und ſeine Menſchenfreundlichkeit gewann ihm alle Herzen. Wenn er nach vollbrachtem Tagwerke unter den Baͤumen ſeiner Huͤtte ſaß, kamen faſt mit jedem Abende mehr Maͤnner— und auch Weiber und Kinder herbey, und horchten auf jedes Wort ſei⸗ nes Mundes. Er ſprach dann am liebſten von der Seligkeit eines wahren Chriſten. Es traff bey ihm, wie bey allen, die Jeſum Chriſtum wahrhaft erkennen, das Wort ein:„Ich glaube, darum rede ich.“ Da ſeine Worte von Herzen kamen, ſo gingen ſie auch wieder zu Herzen. Immer mehrere glaubten an Chriſtus. Ein chriſt⸗ licher Prieſter, der von den Heiden vertrieben in dieſes Thal kam, taufte ſie, und reichte ihnen das Brod des Lebens. Die Huͤtte des Euſta⸗ chius diente dabey zur Kapelle. Als aber der Prieſter nach einigen Jahren wiederkam, war der Raum hier zu enge, und das heilige Abend⸗ mahl mußte unter den Palmen vor der Huͤtte des Euſtachius gehalten werden. Denn Euſta⸗ chius hatte nunmehr die Freude erlebt, daß alle Einwohner des Dorfes ſich zum Chriſtenthume be⸗ kannten, alle Ein Herz und Eine Seele waren, und das liebliche Bild einer chriſtlichen Gemeinde in der Wirklichkeit darſtellten. Achtes Kapitel. Die zwey Krieger. In dem friedlichen Thale, wo Euſtachius in Mitte ſeiner guten Landleute ſo zufrieden lebte, hatte er bereits fuͤnfzehn Jahre zugebracht. Er wußte von dem, was in der uͤbrigen Welt vor⸗ ging, wenig oder nichts. Eines Abends nun, da die Schatten der Berge ſich ſchon ſehr weit in das Thal erſtreckten, und er, die muͤden Ochſen mit dem umgeſtuͤrzten Pflug vor ſich hertreibend, eben vom Acker zuruͤck nach Hauſe kehren wollte, erblickte er in einiger Entfernung zwey Krieger, die auf das Dorf zugingen. Ihre glaͤnzenden Helme, ihre ſcharlachrothe Kleidung und die bli⸗ tzenden Lanzen, deren ſie ſich als Wanderſtaͤbe bedienten, machten ſie ſchon von weitem kennt⸗ lich. Euſtachius, als ein Kriegsheld und ehema⸗ liger Feldherr, erfreute ſich dieſes Anblicks, und blieb ſtehn. Die zwey Krieger ſchritten auf ihn zu, und Euſtachius erkannte in ihnen mit nicht geringer Verwunderung ſeine ehemaligen Streit⸗ genoſſen und getreuen Diener— Akazius und An⸗ tiochus. Sie erkannten ihn aber nicht, denn ſein Angeſicht war von der Sonne gebraͤunt, und die ſchlechte rauhe Kleidung eines ackernden Land⸗ manns machte ihn noch unkenulicher. Es fiel den ehrlichen Kriegern gar nicht ein, nur zu den⸗ ken, der duͤrftig gekleidete Mann, der vor ihnen ſtand, ſey ihr ehemaliger Gebieter und Feldherr. Euſtachius rief, indem er ihnen die Hand bot, mit großer Freundlichkeit:„Willkommen, meine Freunde! Was in aller Welt fuͤhrt euch hieher in dieſes Thal, wo ſeit vielen Jahren keine Roͤmiſche Kriegslanze geblinkt hat?“ Aka⸗ zius ſprach:„Sey auch du uns gegruͤßt, du guter, freundlicher Bauersmann! Was aber unſer Geſchaͤft betrifft, ſo ſollen wir, auf des Kaiſers Befehl, den Feldherrn Plazidus in weiter Welt. aufſuchen. Allein all unſere Muͤhe war bisher vergebens, und wir werden am Ende wohl we⸗ nig Ehre davon tragen, einen ſolchen Auftrag uͤbernommen zu haben.“ Euſtachius merkte, daß ſie ihn nicht kannten, und auch er wollte ihnen — 24— nun nicht ſogleich ſagen, daß er ſie erkenne. Er wollte vorher inne werden, ob ſie noch ſeine alten treuen Freunde ſeyen, und warum der Kaiſer⸗ bey dem er in Ungnade war, ihn aufſuchen laſſe. Er ſagte alſo blos:„Nun, nun, ihr findet die⸗ ſen Plazidus vielleicht, ehe ihr denkt. Unverhofft⸗ kommt oft! Indeß geht die Sonne bereits unter, und ihr ſeyd muͤde von der Reiſe. Kommt mit mir, und bleibt bey mir uͤber Nacht. Ich mache mir eine wahre Freude daraus, euch zu bewir⸗ then.“ Die Soldaten ließen ſich dieſes nicht zweymal ſagen; es war ihnen etwas Ungewohntes, daß man ſie einlud, ins Quartier zu kommen. Sie gingen mit ihm in das Dorf.„Geht jetzt nur dort hinein, ſprach nun Euſtachius, indem er mit dem Geißeiſtabe auf ſeine Wohnung zeigte; ich kom⸗ me ſogleich nach. Ich muß nur erſt fuͤr die muͤden Thiere da ſorgen.““„Dort hinein, in jene arme Huͤtte? ſagte Akazius bedenklich. Seyd ihr denn nicht der Bauer von dieſem Hofe da?“ Nein, ſprach Euſtachius, ich bin eigentlich nur ſein Tag⸗ werker. Indeß gebe ich euch mein Wort, ihr ſollet mit der Bewirthung zufrieden ſeyn.“„Nun, wir wollen einmal ſehen!“ ſagte Akazius den Kopf ſchuͤttelnd, und ging die Anhoͤhe hinauf der Huͤtte zu, und Antiochus folgte ihm. Euſtachius aber fuͤhrte die Ochſen in den Stall, ſchuͤttete ihnen Furter vor, und ſprach dann zu dem Bauer und der Baͤuerin:„Ich habe da ein Paar wackere Kriegsmaͤnner angeiroffen, die hier 3 durchreiſen wollten. Da lud ich ſie denn ein, bey mir zu uͤbernachten. Es geziemt ſich daher doch wohl, daß ich ihnen ein anſtaͤndiges Abend⸗ eſſen und einen Becher Wein vorſetze. Ich bitte euch, helft mir aus der Noth. Ich bin bereit, alles, was ſie genießen werden, mit dieſen mei⸗ nen zwey Haͤnden durch verdoppelte Arbeit zu erſetzen.“„Ey was erſetzen! ſagte der Bauer; das haſt du laͤngſt hundertfaͤltig verdient. Und uͤberdieß iſt es ja unſere Chriſtenpflicht, Fremde zu beherber⸗ gen.“ Die Baͤuerin ſagte:„Zu gutem Gluͤcke habe ich von dem Hirſch', den du neulich geſchoſſen, noch einen ſchoͤnen großen Braten im Hauſe; den will ich ſogleich zurichten. Wein aber will ich dir ge⸗ ben, ſoviel du willſt, und zwar vom beſten, den wir haben.“ Sie eilte, und brachte einen gro⸗ ßen Krug Wein und Brod dazu. Als Euſtachius mit dem irdenen Kruge und dem Brode in die Huͤtte trat, hatten ſeine zwey Gaͤſte es ſich indeſſen bequem gemacht. Sie hat⸗ ten Schwert und Helm abgelegt, die Lanzen in eine Ecke gelehnt und ſich an den Tiſch geſetzt. Euſtachius fuͤllte die hoͤlzernen Becher mit Wein und ſprach freundlich:„Erquickt euch indeſſen⸗ bis das Abendeſſen bereitet iſt, mit Brod und Wein.“ Akazius griff ſogleich zu, trank und ſagte: „Einen ſo guten Wein haͤtte ich in dieſer Huͤtte nicht geſucht, und— die Wahrheit zu ſagen— einen ſo guten Mann auch nicht.“ Beyde Krie⸗ ger ließen ſich den Wein wohl ſchmecken, und wurden ſehr froͤhlich. Sie fingen nun an von — 26— ihrem ehemaligen Feldherrn Plazidus zu reden. Akazius ſagte:„Er iſt der Mann, den wir von allen Menſchen auf Erden am meiſten ſchaͤtzen. Wir haben unter ihm gedient. Doch will ich jetzt nicht davon reden, wie er im Felde zu befehlen und das Heer in Schlachtordnung zu ſtellen wußte, wie ſein Angeſicht, ſein Blick unſern Muth ent⸗ flammte, wie er zu ſiegen verſtand— und wie mild er gegen die Beſiegten war, wie er auf gute Mannszucht hielt, und dabey ein Freund und Va⸗ ter der Soldaten war. Von ſolchen Dingen, mein guter ehrlicher Landmann— nimm es mir nicht uͤbel!— verſtehſt du nichts. Allein ich wollte, du haͤtteſt ihn in ſeinem Hauſe und auf ſeinen Landguͤtern geſehen, wie er da die lautere Liebe und Guͤte war, und doch dabey ſein Anſehen zu behaupten wußte. Seinem Blicke entging nichts. Bey ihm traf es wohl recht zu: Das Auge des Hausherrn duͤngt den Acker und vermehrt den Kuͤhen die Milch. Neichere Felder und ſchoͤneres Vieh ſah man nirgends. Doch, das iſt das We⸗ nigſte. Allein ſeine Ordnung unter dem Geſinde war muſterhaft. Da zeigte es ſich in der That: Wie der Herr, ſo der Knecht. Er hatte eine Auswahl von trefflichen Dienſtleuten. Und du magſt es uns nun glauben oder nicht, wir leb⸗ ten mit dieſem großen Manne unter Einem Dache; wir waren ſo gluͤcklich, ſeine Diener zu ſeyn, und ſein Vertrauen zu genießen. Obwohl wir nur gemeine Soldaten ſind, ſo ging er dennoch mit uns um, wie ein Vater mit ſeinen Kindern, ja V wie ein Bruder mit ſeinen Bruͤdern. Ach ich koͤnnte weinen, wenn ich jener gluͤcklichen Zeiten gedenke! Doch ſie ſind laͤngſt vorbey, und ſeit dieſer langen Zeit hatte ich keine ſo froͤhliche Stunde mehr. Unſer Herz brennt von Verlan⸗ gen ihn wieder zu ſehen. Einen beſſern Mann als ihn traͤgt wohl die Erde nicht!“⸗ „Nun, nun, guter Freund, ſprach Euſtachius laͤchelnd, lob ihn nur nicht gar ſo uͤbermaͤßig. Ich denke, er iſt um kein Haar beſſer, als ich, und das will eben nicht viel ſagen.“ „Um kein Haar beſſer als Du? rief Akazius mit Eifer. Ehrlicher Bauer, du haſt wirklich keine ſchlechte Meynung von dir ſelbſt. Die ſchoͤne Tugend der Beſcheidenheit uͤbertreibſt du eben nicht; indeß bewundere ich deine Aufrichtigkeit. So ein guter Mann du uͤbrigens ſeyn magſt— mit unſerm Feldherrn, dem beruͤhmten Plazidus, mußt du dich nicht vergleichen. Sonſt muͤßte ich in der That deinen Verſtand ſehr in Zweifel ziehen.“ Antiochus ſprach, den Akazius unterbrechend: „Auch ſeine Gemahlin iſt eine vortreffliche Frau, und eines ſolchen Mannes ganz wuͤrdig. Und zwey Kinder hatten ſie— o zwey ſchoͤne, holde Kna⸗ ben— voll Feuer und Leben. Der eine, mit ſeinen dichten dunklen Locken, glich dem Vater; der an⸗ dere blond von Haaren, der Mutter. Die zwey Knaben moͤchte ich jetzt ſehen; ſie muͤſſen indeß zwey herrliche Maͤnner geworden ſeyn. Wir Sol⸗ daten ſagten oft zu einander: Das giebt einmal ein Paar Helden trotz ihrem Vater; ja, wenn es moͤglich waͤre ſo wuͤrden ſie ihn noch uͤbertreffen.“ Euſtachius, den der Anblick ſeiner ehemaligen Diener, und ihre Liebe zu ihm, ihre Treue und Anhaͤnglichkeit ſchon ſehr geruͤhrt hatte, wurde jetzt, da ſie ihn an die vergangenen gluͤcklichen Tage, an ſeine theure Gemahlin und an ſeine lieben Kinder erinnerten, heftig erſchuͤttert. Der Schmerz uͤber das ſchreckliche Schickſal eines ſo guten Weibes, ſo lieber Kinder wurde maͤchtig in ihm aufgeregt. Er konnte die Thraͤnen, die mit Gewalt hervorbrechen wollten, kaum mehr zu⸗ ruͤckhalten. Er ſtand auf, ſah durch das Fenſter und ſagte mit bebender Stimme:„Es iſt waͤh⸗ rend unſers Geſpraͤchs ziemlich dunkel geworden. Ich will Licht holen und nachſehen, ob das Abend⸗ eſſen noch nicht fertig iſt.“ In der That ging er aber nur hinaus, um ſich draußen ungeſehen ſatt zu weinen. Als er hinaus gegangen war, ſagte Antiochus: „Du, Bruder, kommt es dir nicht auch ſo vor, wie mir? Mir ſcheint es, daß dieſer Mann unſerm verehrten Feldherrn gleiche. Je laͤnger ich den Mann betrachtete, je aͤhnlicher ſchien er ihm. Auch die Stimme und die Ausſprache dieſes Man⸗ nes mahnte mich an Plazidus. Einige Male war es mir nicht anders, als ſaͤhe ich das Angeſicht unſers ehemaligen geliebten Herrn wirklich vor Augen. Betracht' ihn, wenn er wieder herein⸗ kommt, doch auch recht aufmerkſam, ob er nicht Derjenige ſey, den wir ſuchen?“ Akazius ſprach:„Was faͤllt dir ein! Biſt du toll? Wie waͤre es moͤglich, daß unſer beruͤhmter Feldherr einem Bauer als Knecht diene! Wie ſollte er, mit der Hand, die ehemals den Befehlsha⸗ berſtab uͤber Roͤmiſche Kriegsheere fuͤhrte, die Geißel ſchwingen und hinter den Ochſen daher gehen? Ich gebe es zwar zu, daß ſich in den Mienen und Geberden dieſes Bauers etwas Edles zeige und daß er einige Aehnlichkeit mit Plazidus habe. Allein ich fuͤrchte, unſere Begierde, un⸗ ſern Feldherrn zu finden, und vielleicht auch der Wein, der uns den Kopf ein wenig erhitzte, ſpiegle uns das nur ſo vor. Ich weis jedoch ein ſicheres Zeichen, woran Plazidus unfehlbar zu erkennen iſt. Er wurde einſt in der Schlacht, hier ſeit⸗ waͤrts am Halſe, wo Helm und Panzer eine kleine Oeffnung laſſen, von einem feindlichen Spieße verwundet. Es war in der That keine leichte Ritze, ſondern das ſcharfe Eiſen hatte ziemlich tief eingedrungen. Die Wunde ward ſehr gut geheilt; allein das Wundmahl, das ſie zuruͤck ließ, blieb ihm beſtaͤndig, und er wird es wohl mit ſich ins Grab nehmen. Werden wir nun, wenn unſer guͤtiger Aufwaͤrter wieder herein kommt, das Wundmahl an ihm bemerken, ſo duͤrfen wir nicht im geringſten zweifeln, er ſey unſer geliebter Feldherr. Euſtachius kam mit der brennenden Lampe wie⸗ der herein, ſtellte ſie auf den Tiſch, und neigte ſich ein wenig uͤber den Tiſch, um den Docht der Lampe etwas weiter vorzuſchieben. Die zwey Maͤnner richteten ihre Blicke unverzuͤglich nach ſei⸗ nem Halſe, den er nach Landesſitte entbloͤßt trug, erkannten deutlich das Wundmahl— und ſpran⸗ gen beyde zugleich und von Erſtaunen und Freude ganz außer ſich ſo heftig vom Tiſche auf, als waͤren ſie von einem ploͤtzlichen Wahnſinn ergrif⸗ fen worden. Sie wußten nicht mehr, was ſie thaten. Sie weinten und jauchzten durcheinander⸗ fielen ihm wechſelweiſe um den Hals, benetzten ihn mit Thraͤnen, und erſtickten ihn faſt mit Kuͤſ⸗ ſen. Dann fielen ſie ihm zu Fuͤßen, und baten ihn wegen dieſer Vertraulichkeit, die ſie in der Freude ihres Herzens ſich erlaubt haͤtten und die der ihm ſchuldigen Ehrfurcht zuwider waͤre, de⸗ muͤthig um Verzeihung. Dann ergriffen ſie wie⸗ der ſeine Hände, als fuͤrchteten ſie, was ſie mit Augen ſaͤhen, ſey nur ein Traum.„O du tapfe⸗ rer Held, riefen ſie, du, unſer Feldherr Plazi⸗ dus, oder wie wir dich lieber nennen, du ehr⸗ wuͤrdiger Euſtachius, welcher Name dir in der Taufe gegeben wurde! Du unſer Freund, unſer Wohlthaͤter, unſer Vater! Sieh deine zwey ge⸗ ringen Diener hier zu deinen Fuͤßen. Aber in wel⸗ cher Geſtalt muͤſſen wir dich erblicken! Welch eine traurige Veraͤnderung iſt mit dir vorgegangen, ſeit du uns zum Siege fuͤhrteſt, oder uns das Gluͤck des Friedens auf deinem Landgute mit dir genießen ließeſt! Ach, ſo hat ſich denn unter den Vielen, die dir ihr Gluͤck zu danken haben, kei⸗ ner gefunden, der ſich deiner im Elende ange⸗ nommen haͤtte! Und wo iſt Theopiſta, deine edle, fromme Gemahlin? Wo ſind deine Soͤhne, der hoffnungsvolle Agapius und der holde, freund⸗ liche Theopiſtus? Warum lebſt du ſo einſam und verlaſſen in dieſer elenden Huͤtte? Iſt dir von all' deinem Gluͤcke, allen deinen Ehrenzeichen nichts uͤbrig geblieben, als dieſes Wundmahl? Ach ſag uns, ſind wir auch wirklich bey Beſin⸗ nung, oder betruͤgen uns unſere Sinne und ha⸗ ben wir Denjenigen, den wir ſo ſehnlich ſuchen, noch nicht gefunden?“ Euſtachius, der edle, gefuͤhlvolle Mann, dem ſchon lange die Thraͤnen in den Augen ſtanden, wurde jetzt, da er ſeine unvergeßliche Gemahlin und ſeine lieben Kinder mit Namen nennen hoͤrte, und deren ſchreckliches Schickſal den alten„ treuen Freunden erzaͤhlen ſollte, von der Empfindung uͤberwaͤltigt. Er fing an ſo herzlich zu weinen, daß ihm die reichlichen Thraͤnen nicht nur die Wangen, ſondern auch das Kleid benetzten.„Ach meine Freunde, ſagte er, ich habe euch traurige Geſchichten zu erzaͤhlen. Meine zwey Soͤhne ſind laͤngſt tod; beyde wurden von wilden Thieren zer⸗ riſſen. Meine Gemahlin wurde mir von einem Manne, der wohl grauſamer war, als die wil⸗ den Thiere, geraubt, und da ſie nicht in Suͤnde und Schande willigte, von ihm ermordet. Ja, wohl einſam und verlaſſen, und wie ihr ſeht, in tiefer Betruͤbniß blieb ich allein zuruͤck. Von dem Verluſte zeitlicher Guͤter will ich gar nicht re⸗ den. Mag die Welt mich immerhin ein trauriges 6 Denkmahl ehemaliger Groͤße nennen; mag ich im⸗ merhin als ein lebendiger Zeuge von dem Unbe⸗ ſtand alles Erdengluͤckes vor der Welt daſtehen. Ich achte das nicht! Allein der Verluſt meines lieben Weibes, meiner lieben Kinder, verwun⸗ dete mein Herz tief, und dieſe Wunde heilte nicht ſo ſchnell, als die Wunde, die jener feindliche Spieß mir verſetzte. Sie blutet noch. Indeſſen war es ſo Gottes Wille. Sein heiliger Name ſey geprieſen. Denn ich baue feſt auf jenes Wort: „Die Leiden dieſer Zeit ſind nicht werth der Herr⸗ lichkeit, die dort auf uns wartet.“ Dort wer⸗ den wir unſere Geliebten wieder ſehen.“ Die getreuen Diener vernahmen das ſchauer⸗ liche Schickſal der holden Knaben und der edlen Frau mit Entſetzen, und von den Thraͤnen des betruͤbten Vaters und Ehegattens noch mehr er⸗ griffen, fingen ſie an, ſo laut zu jammern, als wuͤrden die holden Knaben eben jetzt in dieſem Augenblick von den wilden Thieren zerfleiſcht, und als ſaͤhen ſie die blutige Leiche der Mutter, jener herrlichen Frau, mit Augen. Die Leute in dem nahen Bauernhauſe hoͤrten erſt das Jauchzen und den Jubel der Freude, und dann lautes Jammern und Klagen in der Huͤtte erſchallen; der junge Bauer, die Baͤuerin, der gute alte Vater kamen deßhalb heruͤber, um zu ſehen und zu hoͤren, was da vorgehe. Eu⸗ ſtachius ſprach:„Dieſe braven Krieger ſind alte treue Freunde und Hausgenoſſen von mir. Erſt vor wenigen Augenblicken erkannten ſie mich wieder, und hatten daruͤber eine ſo große Freude; da ich ihnen aber den Tod meines lieben Weibes und mei⸗ ner guten Kinder erzaͤhlte, brachen die guten treuen Seelen daruͤber in einen ſo großen Jammer aus, daß er, wie ihr ſeht, kaum groͤßer ſeyn koͤnnte.“ Die guten Landleute wurden ſowohl von jener Freude als dieſem Jammer bis zu Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt. Da aber Akazius ſah, daß die Leute mit dem Feldherrn ſo vertraut umgingen, als waͤre er nur ihr Knecht, und daß es ihnen noch ganz unbekannt ſey, was fuͤr eine hohe Wuͤrde er in der Welt begleitet habe, ſprach er:„Ihr wißt gar nicht, was fuͤr einen großen Mann ihr bisher in dieſer ſchlechten Huͤtte beherbergt habt. Der Mann, der bey euch ſein Stuͤck Brod muͤhſam mit der Arbeit ſeiner Haͤnde erwirbt„ gab ehemals unzaͤhligen Menſchen ihren Lebensunterhalt. Er, der euch als Tagwerker dient, hatte ehemals uͤber große Kriegsheere zu befehlen, und viele Tauſend tapfere Maͤnner gehorchten ſeinem Winke. Euer kleines unbekanntes Dorf, das ihr, glaube ich, Badyſſus nennt, wird nach Jahrhunderten noch mit Ruhm genannt werden, weil er ſich ſo lange da aufhielt. Denn Derjenige, der hier vor euch ſteht, iſt kein anderer— als der ruhmvolle Roͤ⸗ miſche Feldherr Plazidus.“ Die guten Bauersleute hoͤrten dieſes mit Er⸗ ſtaunen, und traten ehrerbietig und etwas ſcheu zuruͤck. Denn ein Noͤmiſcher Feldherr wurde da⸗ mals geehrt wie ein Fuͤrſt. Allein Euſtachius ſagte: „Laßt das gut ſeyn, lieben Freunde, und kehrt . 6* euch nicht daran. In dieſer Welt muͤſſen nach Gottes Anordnung freylich Einige ſeyn, die be⸗ fehlen, und Andere, die gehorchen. Auch iſt es Gottes Schickung ſo, daß Einige reich, und An⸗ dere arm ſind. Allein es ſey einer Herr oder Knecht, arm oder reich; vor Gott macht dieſes keinen Unterſchied. Dieſe Welt gleicht einem Schauſpiele, in dem Einer den Feldherrn, der Andere den gemeinen Soldaten; dieſer den Bau⸗ er, jener den Knecht vorſtellt. Wenn der Vor⸗ hang gefallen iſt, ſieht man nicht darauf, was einer vorgeſtellt, ſondern wie er es vorgeſtellt habe, und der Bettler, der ſeine Sache gut machte, traͤgt einen groͤßern Ruhm davon, als der Fuͤrſt, der ſie nicht ſo gut machte. Laßt uns darauf bedacht ſeyn, damit einſt, wenn dieſe Welt, gleich einem Schauſpiele, enden, und der Herr kommen wird zu richten— ein Jeder von uns, in ſei⸗ nem Berufe treu erfunden werde.“ Antiochus ſprach:„Du warſt deinem Berufe immer getreu, liebſter Feldherr, ſeitdem du zum Chriſtenthume berufen wurdeſt, ja, ſeitdem wir dich kennen. Als du noch reich warſt, und im Anſehen ſtandeſt, verwendeteſt du deine großen Reichthuͤmer nur dazu, den Menſchen, die in Noth waren, zu helfen, und du bedienteſt dich deines Anſehens nur, die Unterdruͤckten zu erret⸗ ten. Als die Stunde der Pruͤfung fuͤr dich ge⸗ kommen war, opferteſt du, ehe du Chriſtus dem Herrn ungetreu geworden waͤreſt, lieber die Gunſt des Kaiſers, deine Feldherrnſtelle und deine an ſehnlichen Landguͤter willig auf; du ertrugſt es mit himmliſcher Geduld, als das rohe Heiden⸗ volk dein Haus pluͤnderte, dir nach dem Leben ſtellte, und dich noͤthigte, aus dem Lande zu entfliehen. Die herrliche Erkenntniß Jeſu Chri⸗ ſti ging dir uͤber alle Gunſt, allen Glanz, Ruhm und Reichthum der Welt; aus Liebe zu Chriſtus und um deſſen treuer Juͤnger und Nachfolger zu bleiben, aßeſt du hier im Schweiße deines An⸗ geſichtes dein Brod, und fuͤhrteſt ein ſtilles ver⸗ borgenes Leben.“ Die guten Landleute hoͤrten mit Erſtaunen und Ruͤhrung, was die beyden Krieger ſagten. Der alte Bauer aber, dieſer ehrwuͤrdige Greis, ſprach mit Thraͤnen in den Augen zu Euſtachius, indem er ihn bey der Hand nahm:„Edler Mann! in dieſer langen Reihe von Jahren, in der du bey uns lebteſt, haſt du kein Wort von deiner ho⸗ hen Wuͤrde und deinen großen Kriegsthaten ge⸗ ſagt, und keine Klage uͤber deine Verfolger iſt uͤber deine Lippen gekommen! Die Demuth und Liebe Jeſu Chriſti iſt wahrhaft in deinem Herzen. Freue dich und frohlocke, daß du ſo verfolgt wur⸗ deſt, und ſo vieles leiden mußteſt; denn ſieh⸗ dein Lohn in dem Him wird groß ſeyn.“ Neuntes Der Als Euſtachins ſich mit de zwey Kriegsmaͤn⸗ nern wieder allein ſah, ſetzte er ſich mit ihnen — 36— wieder an den Tiſch. Die Baͤuerin hatte indeſſen den Hirſchbraten nebſt andern dazu gehoͤrigen Spei⸗ ſen und allerley Gebackenem aufgetragen.„Eſſet nun, meine Freunde, und erfreut euer Herz mit Wein!“ ſprach Euſtachius freundlich, indem er wieder einſchenkte. Allein Antiochus ſagte mit ei⸗ nem Seufzer:„Ach, unſer Herz iſt ſchon geſaͤt⸗ tigt von Freud' und Leid, bis zum Zerſpringen. Wie koͤnnten wir jetzt eſſen und trinken?“ Aka⸗ zius gab ihm Recht.„Nun denn, ſprach Euſta⸗ chius; vielleicht moͤgt ihr ſpaͤter etwas genießen. Allein vor allem Andern erzaͤhlt mir jetzt, wie geht es den Chriſten, unſern geliebten Bruͤdern und Schweſtern? Werden ſie noch immer ſo ſchrecklich verfolgt?“„Nein! ſagte Akazius, Der Kaiſer ſcheint den Chriſten nicht mehr ſo ab⸗ hold, wie ehemals. Die Statthalter und Rich⸗ ter merkten auch wohl, durch die Verfolgung der Chriſten geſchehe ihm kein Dienſt, und die Ver⸗ folgung hat deßhalb ſehr nachgelaſſen und in man⸗ chen Gegenden ganz aufgehoͤrt.“ „Nun, Gott ſey Dank! ſprach Euſtachius; Er wolle ſeiner Kirche bald vollkommnen Frieden ſchenken. Jetzt moͤchte ich aber noch Eines wiſſen. Ihr ſprachet vorhin von Auftraͤgen, mich aufzu⸗ ſuchen. Wie iſt es damit?“ „Ach ja, rief Alazius: die Freude, dich wie⸗ der zu ſehen, und der Jammer um deine Gemah⸗ lin und deine Soͤhne brachte mir alles Andere, ſogar den Auftrag des Kaiſers an dich, ganz aus dem Sinn. Hoͤre denn! Seit du zwiſchen dieſen — 32— Felſen und Waͤldern wohneſt, hat ſich in der Welt Vieles zugetragen, wovon du nichts inne geworden. Die Parther, die du einſt ſo ruͤhmlich beſiegt haſt, haben die Friedensbuͤndniſſe mit Rom gebrochen. Mit großer Heeresmacht drangen ſie uͤber den Graͤnzfluß des Roͤmiſchen Gebietes, den Hydaspes, draͤngten die Roͤmiſchen Kriegsſchaaren uͤberall zuruͤck, und verheerten das ganze Land weit und breit mit Feuer und Schwert. Ein Eil⸗ bothe nach dem andern kam nach Rom, mit den dringendſten Bitten um Verſtaͤrkung, indem ſonſt alles verloren ſey. Der Kaiſer mochte ſich in gro⸗ ßer Verlegenheit befinden. Er hat ſeine Erobe⸗ rungen zu weit ausgedehnt, und hat nun Muͤ⸗ he, ſie alle zu behaupten. Indeß ließ er mehrere Kriegsſchaaren, und auch die Legion, unter der wir dienen, zuſammen rufen. Er ſelbſt erſchien vor dem verſammelten Heere. Er forderte die Soldaten auf, eingedenk ihres alten Ruhmes, dem Roͤmiſchen Namen Ehre zu machen. Allein mehrere Hauptleute und Gemeine riefen laut auf: „Kaiſer, gieb uns unſern Feldherrn Plazidus zu⸗ ruͤck, ſo wollen wir Hunderttauſende von Parthern ſchlagen, wie Einen Mann.“ Der Kaiſer ſchien betroffen. Er ſagte:„Ich habe bereits an alle Statthalter und Landpfleger in dem Roͤmiſchen Gebiete meine Befehle erlaſſen, nach ihm zu for⸗ ſchen. Getraut ſich einer aus euch, ihn aufzufin⸗ den, ſo trete er hervor; und ich werde den, der mir den trefflichen Feldherrn wiederbringt, herr⸗ lich zu belohnen wiſſen.“ Mehrere Soldaten und auch wir zwey traten hervor. Wir wußten ja, daß du im Sinne hatteſt, nach Aegypten zu ziehen, und hofften dich dort oder in den benachbarten Gegenden zu finden. Wir erhielten ſogleich offene kaiſerliche Vollmachtsbriefe an alle Landpfleger und Kriegsoberſten, uns in unſerm wichtigen Geſchaͤf⸗ te, auf dem das Wohl des Reiches beruhe, zu unterſtuͤtzen, und den achtungswuͤrdigen Feldherrn Plazidus, wenn ja den Roͤmern das Gluͤck beſchie⸗ den waͤre, ihn wieder zu finden, mit den ihm gebuͤhrenden Ehrenbezeugungen unverzuͤglich nach Rom zu befoͤrdern. Dieſe Briefe verwahre ich hier auf meiner Bruſt, und du magſt ſie, vom Kaiſer eigenhaͤndig unterzeichnet, nun ſelbſt leſen.“ Er nahm ſie heraus, und legte ſie dem Euſta⸗ chius vor. 3 „Und nun, rief Antiochus flehend, vergiß der Unbilden, die dir auf dem Roͤmiſchen Boden be⸗ gegneten, und komm mit uns! Die Bruſt vieler Tauſend tapferer Krieger ſchlaͤgt dir entgegen. Selbſt der Kaiſer wird dich mit hoher Freude auf⸗ nehmen. Wenn du wieder an der Spitze unſers Heeres ſteheſt, werden wir ſiegen, der erfreuten Welt den Frieden ſchenken, und mit Lorbeern be⸗ kraͤnzt aus dem Felde zuruͤckkehren.“ Euſtachius ſprach:„Es iſt eine augenſchein⸗ liche Fuͤgung der goͤttlichen Vorſehung, daß ihr dieſen meinen verborgenen Aufenthalt gefunden, und bevor ihr noch in das Dorf hereinkamet, ſo⸗ gleich mich vor allen andern Einwohnern zuerſt angetroffen habt. Gott hat eure Tritte hieher ge⸗ lenkt, und ich halte es fuͤr meine Pflicht, meinem Vaterlande zu dienen, und Blut und Leben daran zu ſetzen, es zu retten. Seyd ruhig; morgen des Tages ziehe ich mit euch. Wie ich das Schwert willig mit der Pflugſchar vertauſchte, weil ich da⸗ fuͤr hielt, es ſey der Wille Gottes; ſo bin ich, da ich es abermal fuͤr den Willen Gottes erkenne, bereit, den Pflug zu verlaſſen, und wieder zum Schwerte zu greifen; nicht um friedliche Voͤlker zu uͤberfallen, ſondern um tauſend ruhige Fami⸗ lien, manche Unſchuld, manche Mutter mit ihren Kindern vor dem Uebermuth der Feinde ſicher zu ſtellen. Mit Gottes Huͤlfe ſoll bald kein Parthi⸗ ſcher Soldat mehr Roͤmiſche Felder verwuͤſten, kein feindliches Roß mehr aus unſern Baͤchen trinken. Am andern Morgen, ſogleich nach Anbruch des Tages, trat Euſtachius mit den zwey Soldaten aus ſeiner Huͤtte hervor, um von den Einwoh⸗ nern des Dorfes Abſchied zu nehmen. Es war bereits eine ganze Schaar derſelben vor ſeiner Thuͤre verſammelt. Denn die Nachricht, zwey gute Freunde von ihm ſeyen gekommen, ihn zu beſu⸗ chen; er ſelbſt aber ſey ein beruͤhmter Feldherr, hatte ſich ſogleich durch das ganze Dorf verbrei⸗ tet. Die guten Leute bezeigten ihm ihre Theil⸗ nahme und Freude, und begruͤßten die zwey Krie⸗ ger auf das freundlichſte. Allein da Euſtachius ihnen jetzt ankuͤndete, daß er ſie nunmehr verlaf⸗ ſen, ja dieſe Stunde noch abreiſen muͤſſe, ver⸗ wandelte ſich ihre Freude ploͤtzlich in lauten Jam⸗ mer. Auch die uͤbrigen Bewohner des Dorfes lie⸗ fen zuſammen, und alle weinten und jammerten, als wuͤrde eben ſeine Leiche aus der Huͤtte getra⸗ gen. Eunſtachius troͤſtete ſie und ſprach:„Wei⸗ net nicht! Es iſt nun einmal Gottes Wille, daß wir ſcheiden. Bewahrt Glaube, Hoffnung und Liebe, ſo werden wir uns dort oben im Himmel wiederſehen. Indeſſen lebet wohl, und der Herr ſey mit euch!“ Der ehrwuͤrdige Greis Clemens, den Euſta⸗ chius zuerſt kennen gelernt, und der nunmehr der aͤlteſte Mann im Dorfe war, trat ihm jetzt naͤ⸗ her, bot ihm mit Thraͤnen in den Augen die Hand und ſagte:„Gott hat dich hieher geſchickt, und dich ſo lange unter uns wohnen laſſen, damit du dieſes ſein Volk zur Erkenntniß der Wahrheit braͤchteſt und in allem Guten unterrichteteſt. Er iſt es, der dich nun wieder abruft, und ſo koͤn⸗ nen wir nichts dagegen ſagen. Sein Wille ge⸗ ſchehe!— Ich danke dir im Namen aller hier, fuͤr alle Liebe, die du uns dieſe fuͤnfzehn Jahre hindurch erwieſen haſt, und der Herr vergelte es dir!“ Alle ſtimmten laut weinend in dieſen Dank mit ein; alle kamen herbey, und jedes wollte ihm mit Mund und Hand noch beſonders dan⸗ ken. Greiſe mit grauen Haaren reichten ihm die abgezehrte Rechte, und kleine Kinder auf den Ar⸗ men der Muͤtter boten ihm, von den Muͤttern er⸗ mahnt, die zarten Haͤndchen dar. Alle begleite⸗ ten ihn eine große Strecke Weges, und erſt auf ſeine wiederholten Bitten und Ermahnungen blie⸗ ben ſie zuruͤck. — 91— Enſtachius reiſete vorerſt zu dem Landpfleger, der uͤber jene Gegenden geſetzt war. Als der Land⸗ pfleger den Mann in Bauerntracht von zwey Be⸗ waffneten begleitet hereintreten ſah, meynte er an⸗ fangs, die Soldaten braͤchten ihm einen Gefan⸗ genen. Da er aber vernahm, dieſer laͤndlich ge⸗ kleidete Mann ſey der ſo ſchmerzlich vermißte Feldherr, ergriff ihn das hoͤchſte Erſtaunen. Er begruͤßte ihn mit großer Ehrerbietigkeit und machte ſogleich Anſtalt, daß Euſtachius ſeines Ranges ge⸗ maͤß gekleidet und mit Waffen verſehen wuͤrde; auch ſorgte er fuͤr Pferde und gab ihm noch ein anſehliches Gefolge von Reiterey zur Bedeckung mit bis an das Meer. Hier lagen immer einige Schiffe zum Dienſte des Kaiſers bereit, und Eu⸗ ſtachius ſchiffte ſich unverzuͤglich ein. Nach einer ſehr gluͤcklichen Reiſe, ſowohl zu Land als zur See, kam Euſtachius an dem kai⸗ ſerlichen Hofe an, und ließ ſich bey dem Kaiſer melden. Der Kaiſer ſaß eben im Statsrathe, und war mit ſehr wichtigen Staatsangelegenheiten beſchaͤftigt; allein ſobald er vernahm, ſein ſehnlich erwarteter Feldherr ſey angekommen, ſprang er aus ſeinem Seſſel auf, warf die Schriften, die er eben in der Hand hielt, auf den Tiſch, und eilte, ungeachtet ſeiner hohen Wuͤrde, ihm mit offnen Armen entgegen. Er fuͤhrte ihn an ſeinem Arme in den Saal, und fragte ſehr guͤtig:„Wie iſt es dir, mein lieber Feldherr, denn bisher, ſeit du nicht mehr auf deinen Guͤtern wohneſt, ergangen, und wie befinden ſich deine Gemahlin und deine Soͤhne?“ Als der Kaiſer ihr ſchreck⸗ liches Schickſal vernahm, ward er ſehr erſchuͤt⸗ tert; ſein Gewiſſen machte ihm die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, daß er einen ſolchen Mann einem ſolchen Elende Preis gegeben habe. Er ſchwieg lange— endlich ſagte er:„Das einzige, was unſere gro⸗ ße Betruͤbniß etwas mildern kann, iſt dieß, daß wir dich doch nun einmal wieder haben. Ich er⸗ nenne dich hiemit zum Feldherrn uͤber mein Kriegs⸗ heer, das gegen die Parther einen harten Kampf zu beſtehen hat. In deine Hand lege ich das Wohl des Reiches. Das ganze Kriegsheer hat nur den Einen Wunſch, dich wieder an der Spitze zu ſe⸗ hen; nur unter deiner Anfuͤhrung hoffet es die Feinde Roms zu demuͤthigen, den Ruhm der Roͤ⸗ miſchen Waffen wieder herzuſtellen und den Frie⸗ den erobern. Zieh denn hin, dieſes Alles aus⸗ zufuͤhren, und meine beſten Wuͤnſche begleiten dich!“ Der Kaiſer legte ihm hierauf die Ehrenzeichen der Feldherrnwuͤrde ſelbſt um, und gab ihm den Befehlshaberſtab in die Hand. In ganz Rom war uͤber die Zuruͤckkunft und Wiederanſtellung des verehrten Feldherrn die aufrichtigſte Freude. Euſtachius eilte den Graͤnzen des Reiches zu, und langte bei dem Kriegsheere an. Das Heer gruͤßte ihn mit lautem Jubel und fuͤhlte ſich von neuem Muthe belebt. Der treffliche Feldherr er⸗ kannte mit dem erſten Blick, das Heer ſey zu ge⸗ ſchwaͤcht und zu zerruͤttet, um die unermeßliche Menge der Feinde mit gluͤcklichem Erfolg anzu⸗ greifen. Der Feind hatte ſeine vorzuͤgliche Stär⸗ — ke in der Reiterey, die der Roͤmiſchen nicht nur an Zahl, ſondern auch an vortrefflichen Pferden und gewandten Reitern weit uͤberlegen war. Eu⸗ ſtachius beeilte ſich, ſeinem Heere zwiſchen Fel⸗ ſen, Waͤldern und Moraͤſten eine ſolche Stellung zu geben, daß der Feind von ſeiner zahlreichen Reiterey wenig Gebrauch machen, und trotz aller Anſtrengung keinen Schritt mehr vorwaͤrts drin⸗ gen konnte. Indeß kam bey dem Roͤmiſchen Hee⸗ re mit jedem Tage friſche Mannſchaft an, die in allen Staͤdten und Doͤrfern des Reiches ausge⸗ hoben worden. Der Feldherr muſterte ſie immer ſelbſt, war faſt immer zugegen, wenn ſie in den Waffen geuͤbt wurde, waͤhlte die kraͤftigſten und tapferſten jungen Maͤnner aus, und bildete aus ihnen, vereint mit alten, verſuchten Soldaten, ſeine Satelliten, oder wie man jetzt ſagen wuͤrde, ſeine Leibwache oder Garde, die in dem entſchei⸗ denſten Augenblicke der Schlacht den Ausſchlag geben ſollte. Nachdem er in mehreren kleinen Gefechten, die taͤglich vorſielen, die juͤngern Sol⸗ daten mit der Art zu ſtreiten, die dem Feinde eigen war, vertraut gemacht, und alles wohl vor⸗ bereitet und berechnet hatte, gab er den Befehl, den Feind ploͤtzlich und uͤberall zu uͤberfallen. Der Feind, durch das lange Zoͤgern eingeſchlaͤfert und ſicher gemacht, nahm in wilder Verwirrung die Flucht, leiſtete aber bald, durch neue Schaaren verſtaͤrkt, kraͤftigen Widerſtand. Allein jetzt gab Euſtachius Befehl ſich in guter Ordnung zuruͤck⸗ zuziehen. Mancher alte Soldat murrte; indeß gehorchte er. Euſtachius kannte die Parthiſchen Rei⸗ ter. Sie hatten das Eigene, wenn ſie flohen, ſetzten ſie ſich verkehrt auf das Pferd, wandten ihr Angeſicht ihren Feinden zu, und richteten oft fliehend mit ihren ſcharfen Pfeilen eine groͤßere Niederlage an, als im Vorruͤcken und offenbaren Angriff. Nachdem die Roͤmer einige Meilen weit gewichen waren, gebot der Feldherr Halt zu machen, und aufs neue anzugreifen. Er hatte die Feinde durch ſeinen gut berechneten Ruͤckzug in eine La⸗ ge gebracht, wie er es wuͤnſchte. Sie flohen— allein zufolge ſeiner guten Anordnungen ſtand ein großer Theil des Roͤmiſchen Heeres ihnen nunmehr im Ruͤcken; unzaͤhlige Spieße ſtarrten ihnen entgegen, und bildeten eine eiſerne Ver⸗ zaͤunung, die ſie nicht zu durchbrechen vermoch⸗ ten. Viele Pferde rannten in die vorgehaltenen Spieße; andere baͤumten ſich hoch auf, ſtuͤrzten ruͤckwaͤrts zu Boden und erdruͤckten die Neiter. Zu beyden Seiten aber befanden ſich ſteile Berge und tiefe Moraͤſte. Die Beſtuͤrzung der Feinde war unermeßlich. Voll Verzweiflung mach⸗ ten ſie einen wuͤthenden Angriff auf die Schaar, unter der ſich der Feldherr, dem ſie all ihr Un⸗ gluͤck zuſchrieben, ſelbſt befand, und brachten ſie in Unordnung. Allein augenblicklich kamen ihm die zwey naͤchſten Schaaren zu Huͤlfe, deckten ihn mit ihren Schilden gegen die Wolken feindlicher Pfeile, und ſchafften ihm Raum, ſeine Befehle wieder ruhig zu ertheilen. Die Feinde erlitten ei⸗ ne gaͤnzliche Niederlage. Die Anzahl der Gefan⸗ genen war unermeßlich. Ihr ganzes Lager ward erobert, und alle Schaͤtze, die ſie bisher geraubt hatten, wurden ihnen wieder abgenommen. Euſtachius ließ nun das Heer uͤber den Graͤnz⸗ fluß Hydaspes gehen, und die feindlichen Staͤd⸗ te und feſten Plaͤtze, die ganz von Truppen ent⸗ bloͤßt waren, beſetzen. Die Feinde, die bisher das Roͤmiſche Gebiet unausgeſetzt beunruhigt hat⸗ ten, fuͤhlten nun keinen andern Wunſch mehr, als ſelbſt Ruhe und Frieden zu erhalten. Euſta⸗ chius entwaffnete die Gefangenen und gab ſie frey. Ihre Fuͤrſten und Anfuͤhrer behielt er als Geißeln. Er ſchrieb den Frieden mit ſolcher Klugheit vor, daß es den Parthern unmoͤglich war, fernerhin das Geringſte gegen die Roͤmer zu unternehmen. Alles war die Folge der einzigen Schlacht und das Werk weniger Tage nach der Schlacht. Er verſammelte nun das Roͤmiſche Heer, bezeugte ihm ſeine Freude uͤber die erkaͤmpften. Lorbeeren und kuͤndete den Soldaten an, daß er ſie un⸗ verzuͤglich nach Rom zuruͤck fuͤhren werde; und dabey nur bedaure, daß noch eine Anzahl ſo braver Maͤnner als Beſatzung zuruͤck bleiben muͤße. Die Soldaten erhoben ein Freudengeſchrey, und das Lob des Feldherrn erſcholl bis an die Wolken. Allein Euſtachius lobte nur Gott, den Herrn der Heerſchaaren, daß Er ihm einen ſo herrlichen Sieg verliehen habe. — 06— Zehntes Kapitel. Ein Siegesfeſt. Euſtachius beſchloß, das ſiegreiche Heer durch ſolche Gegenden nach Italien zuruͤck zu fuͤhren, die durch den Krieg nicht gelitten hatten. Er ſchickte einen Trupp Reiter voraus, in den Staͤdten und groͤßern Ortſchaften die Annaͤhrung des Heeres anzumelden, bequeme Plaͤtze zum Lager aufzuſuchen, und Anſtalten zu guter Verpflegung der Solda⸗ teu zu treffen. Die Reiterſchaar kam auf dieſem Zuge zu einer anſehnlichen, wohlgebauten Stadt, in der ſich die Roͤmiſchen Kaiſer auf ihren Zuͤ⸗ gen ins Morgenland manchmal einige Tage auf⸗ zuhalten pflegten, und ſie deßhalb mit einem ſehr ſchoͤnen Palaſte geziert hatten. Die Stadt war von einer ſtarkbefeſtigten Burg beſchuͤtzt, anſtatt der Ringmauern aber mit praͤchtigen Gaͤrten um⸗ gebeu. Das ſchoͤne gruͤne Thal, in dem ſie lag⸗ war reich an hohen, ſchattenreichen Baͤumen, die bey der gluͤhenden Mittagshitze die angenehmſte Kuͤhlung gewaͤhrten. Reichliche Quellen kriſtall⸗ hellen Waſſers dienten dazu, auch zur heißeſten Jahrszeit Baͤume und Gewaͤchſe gruͤn und bluͤhend zu erhalten. Die Einwohner der Stadt, unter denen ſich mehrere reiche Kaufleute befanden, waren wegen des Krieges ſehr in Sorgen. Seit langer Zeit hatten ſie keine ſichere Nachrichten von dem Roͤ⸗ miſchen Heere vernommen. Es ging blos die Sa⸗ ge, daß es trotz aller Verſtaͤrkungen, die ihm zu⸗ — 92— geſchickt worden, nicht vorzudringen vermoͤge, nur noch zwiſchen Felſen und Moraͤſien Schutz ſuche, und ſich gegen die unermeßliche Anzahl der Feinde wohl nicht mehr lange werde halten koͤnnen. Ja, vor einem Paar Tagen war ein Kaufmann„ der große Lieferungen zum Kriegsheere üͤbernommen hatte, außerſt beſtuͤrzt zuruͤckgekommen, und hatte verſichert, das Roͤwiſche Heer habe zwar einen Angriff auf die Feinde gemacht, ſey aber von der Uebermacht dieſer Barbaren mehrere Meilen weit zuruͤck geſchlagen worden. Von dieſem Ruͤck⸗ zuge ſey er ſelbſt Augenzeuge geweſen. Er habe ſich aber eilends aus dem Staube gemacht, und wuͤrde fruͤher angekommen ſeyn, wenn auf dieſer ſchnellen Flucht ſeine Laſtthiere von der zu gro⸗ ßen Anſtrengung nicht erlegen waͤren. Die Buͤrger waren uͤber dieſe traurigen Kriegs⸗ Nachrichten ſehr beſtuͤrzt— und als ſie nun Abends in der Ferne große Staubwolken aufſteigen ſahen, aus denen Waffen hervorblitzten, ſo ſchrie Groß und Klein mit entſetzen:„Der Feind! der Feind!“ Es war ihnen nicht anders, als ſaͤhen ſie ihre ſchoͤne Stadt ſchon pluͤndern, als ſchlage die Flamme der brennenden Haͤuſer ſchon zum Himmel empor. Allein da die gefuͤrchteten Krieger nunmehr in der Stadt ankamen— da die Buͤrger in ihnen ihre Freunde und Beſchuͤtzer erkannten— da die Sol⸗ daten verſicherten, jener Rückzug ſey nur eine wohlgelungene Kriegsliſt geweſen— da ſie dem Volke freudig und freundlich zuriefen:„Wir ſind nicht nur Siegesbothen, ſondern zugleich Bothen 7 des Friedens 1— ſo verwandelten ſich Angſt und Schrecken in unbeſchreibliche Freude. Alles jauchzte und jubelte. Die Buͤrger wetteiferten, die werth⸗ geſchaͤtzten Gaͤſte aufs beſte zu bewirthen. Der Magiſtrat ſchickte augenblicklich Abgeordnete an den Feldherrn, ihm zu dem erhaltenen Siege Gluͤck zu wuͤnſchen, und ihn einzuladen, er wolle mit ſeinem tapferen Heere in ihrer Stadt und deren ſchoͤnen Umgebung nicht nur einen⸗ ſondern meh⸗ rere Tage von den Beſchwerden des Krieges aus⸗ raſten. Alles, was ſie haͤtten und vermoͤchten, ſtehe ihren Rettern zu Gebot. Am andern Tage, als die Sonne bereits hoch am Himmel ſtand, naͤherte ſich das Heer der Stadt. Auf den friſchgemaͤhten Wieſen umher wurde ein Lager geſchlagen, und bald erblickte man unabſehbare Reihen von weißen Zelten; der Feld⸗ herr aber, von einem anſehnlichen Gefolge, von vielen Offizieren und ſeinen zahlreichen Leibwachen begleitet ritt in die Stadt. Die Buͤrger hatten alles aufgeboten, ihn wuͤrdig zu empfangen. Die Straſſen waren mit friſchem Laube beſtreut, und die Marmorſaͤulen des kaiſerlichen Palaſtes, der ihm zur Wohnung beſtimmt war, mit gruͤnen Lor⸗ beerzweigen und dazwiſchen mit bunten Blumen⸗ kraͤnzen umwunden. Juͤnglinge mit Oelzweigen in der Hand, und Jungfrauen mit Blumen bekraͤnzt ſangen Siegeslieder, und nach jeder Strophe erſcholl der jauchzende Zuruf der Volksmenge und der Ju⸗ bel der Trompeten. Der Vorgeſetzte der Stadt, der raͤfekt, ein alter, ehrwuͤrdiger Mann, uͤberreichte dem Feldherrn einen Lorbeerkranz. Euſtachius nahm den Kranz, der blos aus zwey reichbelaubten Lorbeer⸗ zweigen zuſammengefuͤgt war, zertheilte ihn, und gab jedem der zwey Hauptleute, die neben ihm ritten, einen Zweig.„So, ſprach er, theile ich dieſen Kranz mit euch. Ihr habt ihn nicht we⸗ niger verdient als ich. Ich wuͤnſchte, fuͤgte er noch bey, indem er ſich zu den uͤbrigen Offtzieren wandte, ſo mit dem ganzen Kriegsheere, das den Sieg mit mir theilte, auch dieſen Lorbeerkranz theilen zu koͤnnen.“ Unter den zahlreichen Einwohnern der Stadt befand ſich nun auch— die fuͤr todt ausgegebene Gemahlin des geprieſenen Feldherrn, die vortreff⸗ liche Theopiſta. Allein der allgemeine Jubel machte ſte, ſo ſehr ſie ſich des Sieges und noch mehr des Friedens freute, dennoch ſehr traurig. Sie diente in einem der reichſten Haͤuſer als Sklavin, wohin ſie von einem Sklavenhaͤndler verkauft worden. In ihrer Abgeſchiedenheit wußte ſie nicht das Geringſte da⸗ von, daß ihr Gemahl, den ſie vor fuͤnfzehn, ja bereits ſechzehn Jahren unter ſehr betruͤbten Umſtaͤnden verlaſſen mußte, wieder zur Wuͤrde des oberſten Feldherrn gegen die Parther erhoben ſey. Als ſie am Morgen dieſes feyerlichen Ta⸗ ges in dem Garten, der vorzuͤglich ihrer Pflege vertraut war, ganze Koͤrbe mit Blumen fuͤllte, und zur Verherrlichung des Feſtes den wartenden Sklaven uͤberlieferte, war es ihr einziger Gedanke: „Ach ſolche Feſte wurden einſt meinem Gemahl, 27 — 100— dem trefflichen Plazidus, meinem geliebten Eu⸗ ſtachius, gegeben, wenn er ſiegreich aus dem Felde zuruͤckkehrte!“ Wie haͤtte ſie denken koͤnnen, die⸗ ſes Siegesfeſt gelte ihm, dieſe Blumen pfluͤckte ſie fur ihn! Da es nun mit einem Male hieß:„Er kommtl/⸗ da alles Volk eilte, lief und ſprang, ihn und ſeine tapfern Streitgenoſſen zu ſehen, mußte ſie unaus⸗ geſetzt in der Kuͤche arbeiten, wo fuͤr diejenigen Offiziere, die heute in dem Hauſe ſpeiſen ſollten, ein großes Gaſtmahl bereitet wurde. Sie ver⸗ nahm das frohe Jauchzen der Volksmenge und den jubelnden Schall der Trompeten mit ſtillen Seufzern, und manche heimliche Thraͤne floß uͤber ihre Wangen.„Ach, dachte ſie, mir kehrt mein Gemahl nicht mehr zuruͤck! Ich ſehe ſein Ange⸗ ſicht hier auf Erden wohl nicht mehr! Ihm werden keine Siegesfeſte mehr gefeyert. Jene gluͤcklichen Zeiten ſind fuͤr mich auf immer vorbey. Doch hoffe ich, ihn im Himmel wieder zu ſehen— und wenn es hier ausgekaͤmpft und ausgelitten iſt, wer⸗ den wir dort ſchoͤnere Siegesfeſte feyern.“ Eilftes Kapitel. Die Bruͤ der. Die Offiziere, die in dem Hauſe ſpeiſeten, in dem Theopiſta als Sklavin diente, gingen nach geendigter Tafel, und nachdem die Sonnenhitze etwas nachgelaſſen hatte, in den Garten am Hau⸗ ſe, der mit allen Arten nuͤtzlicher Gewaͤchſe und 8 koͤſtlicher Baumfruͤchte prangte, und dem man es nicht angeſehen haͤtte, daß er dieſen Morgen ſo vieler Blumen beraubt worden. An den Gar⸗ ten ſtieß ein ſehr großer Raſenplatz, deſſen ſchoͤ⸗ nes Gruͤn zum Theil vom Glanze der Sonne er⸗ hellt, zum Theil von hohen, dichtbelaubten Baͤu⸗ men mit dunkelm Schatten bedeckt war. Zwi⸗ ſchen den Baͤumen, deren immer zwey oder drey beyſammen ſtanden, oͤffnete ſich eine weite Aus⸗ ſicht auf das Lager, deſſen weiße Zelten fernen, ſchneebedeckten Huͤtten aͤhnlich ſahen. Unter ei⸗ nem Paar der aͤlteſten, hoͤchſten Baͤume mit dicken moosbewachſenen Staͤmmen und weit ausgebrei⸗ keten Aeſten voll des ſchoͤnſten, gruͤnen Laubes, befand ſich ein großer ſteinerner Tiſch nebſt eini⸗ gen ſteinernen Baͤnken. Der ſchoͤne Luſtwald war blos durch einen klaren, rauſchenden Bach, uͤber den ein gelaͤnderter Steg fuͤhrte, von dem Gar⸗ ten getrennt. Die Offiziere gingen hinuͤber, und ſetzten ſich auf die ſteinernen Baͤnke, wo es un⸗ gemein kuͤhl und lieblich war. Einige andere Ofſi⸗ ziere aus den benachbarten Haͤuſern geſellten ſich nach und nach zu ihnen. Auch mehrere Solda⸗ ten aus dem Lager hatten dieſe angenehmen Schat⸗ ten aufgeſucht. Sie ſaßen oder lagen unter den Baͤumen umher; ihre Spieße ſteckten neben ihnen in dem Boden, die Helme lagen daneben, und ihre glaͤnzenden Schilde hatten ſie an den Baum⸗ ſtaͤmmen aufgehaͤngt. 1 Theopiſta drachte auf Befehl ihrer Frau den Ofſtzieren an der ſteinernen Tafel Erfriſchungen— einen großen, ſchoͤngeformten Krug mit Wein, nebſt zierlichen Bechern, Brod, und einige Koͤrb⸗ chen voll kuͤhlender Fruͤchte. Nachdem ſie alles auf die Tafel geſtellt hatte, ſetzte ſie ſich, von der Arbeit des Tages ermuͤdet, in einiger Ent⸗ fernung auf eine Raſenbank, die von bluͤhendem Geſtraͤuche beſchattet war. Denn ſie hatte von ihrer Frau den Befehl, als Aufwaͤrterin bey der Hand zu bleiben, um, wenn etwas abgehe, es ſogleich herbey zu ſchaffen. Keinem der Offiziere kam es in den Sinn, ſie fuͤr mehr, als eine Sklavin anzuſehen; denn ihr aſchengraues Ge⸗ wand war nur von Wollenzeuge, und ihren Kopf hatte ſie mit einem weißen Leinentuche umwun⸗ den, das die Haare verbarg und ihr ein ſehr aͤrmliches Ausſehen gab.* Die Offiziere ſahen ſie kaum an, tranken, und der Wein machte ſie ſehr geſpraͤchig. Sie redeten Vieles von dem gluͤcklich beendigten Feld⸗ zuge und ihren kriegeriſchen Thaten. Ein altern⸗ der, etwas graͤmlicher Offizier wandte ſich jetzt an einen jungen Oiſnier⸗ der wie Milch und Blut ausſah, und ſprach:„Du, Hauptmann, dir hat der Feldherr heute ja eine ganz beſondere Ehre erwieſen, indem er dir die Haͤlfte ſeines Lorbeer⸗ kranzes gab.“ Der Hauptmann ſagte beſcheiden: „Nicht mir war der Kranz zugedacht, ſondern dem ganzen Kriegsheere. Der Feldherr ſagte es ausdruͤcklich. Ich empfing ihn auch nur im Na⸗ men des Heeres.“ Ein anderer Offtzier rief; „Den halben Lorbeerkranz hat der Hauptmann —— — 103— redlich verdient. Ihr wißt alle, wie die Feinde, als ſie ſich uͤberall eingeſchloſſen ſahen, in der Wuth der Verzweiflung noch einen Verſuch mach⸗ ten, ſich durchzuſchlagen, und mit vereinter Macht gerade auf den Feldherrn einſtuͤrmten. Waͤre der Hauptmann hier mit ſeiner tapfern Schaar, und die andere Schaar mit ihrem muthigen Haupt⸗ manne, der heute die andere Haͤlfte des Lorbeer⸗ kranzes erhielt, ihm nicht gerade im entſcheiden⸗ den Augenblicke zu Huͤlfe gekommen, ſo haͤtte unſer geliebter Feldherr wohl gar das Leben ver⸗ lieren, und die Schlacht einen ſehr ungluͤcklichen Ausgang nehmen koͤnnen.“„Ey warum nicht gar! ſagte der alte Offizier; wir andern waͤren auch noch da geweſen. Doch— ſey dieß, wie es wolle, ſo werdet ihr doch alle bekennen muͤſ⸗ ſen, daß der junge Herr da, und ſein Gluͤcks⸗ genoſſe, der andere junge Herr, der uns eben jetzt die Ehre ſeiner Geſellſchaft nicht goͤnnt, in ſehr kurzer Zeit ein ganz ungeheures Gluͤck ge⸗ macht haben.“ „Es iſt wahr, ſprach der zunge Hauptmann, ich hatte ein ſo außerordentliches Gluck, daß es mir ſelbſt oft wie ein Traum vorkommt. Es iſt kaum ein Jahr, daß ich noch den Pflug lenkte.“— „Wie, fiel ihm der alte Offizier aͤrgerlich in das Wort, du biſt alſo nur ein Bauersſohn?„Nein, ſprach der Hauptmann. Meine Geſchichte hat indeß von meiner Kindheit an ſo viel Wunder⸗ bares, daß ich ſie euch doch erzaͤhlen muß. Mein Vater war kein Bauersmann, ſondern, wie ich — 104— mich aus den dunkeln Jahren der Kindheit noch deutlich erinnere, ein vornehmer Herr und ein Kriegsheld. Er wohnte in einem ſchoͤnen, großen Hauſe, und in dem groͤßten Zimmer des Hauſes hatte er eine vollſtaͤndige Ruͤſtung— einen ſchoͤ⸗ nen Helm, einen hellglaͤnzenden Harniſch nebſt Schwert und Lanze, und einen praͤchtigen Schild. Ich weiß noch gar wohl, wie ich mich uͤber die eherne Haube und die eiſernen Kleider, deren Gebrauch mir der Vater erklaͤrte, nicht genug wundern konnte. Meine Mutter war ſehr ſchoͤn, und ich hoͤrte die Leute im Hauſe oft ſagen, weit und breit im Lande gebe es keine ſchoͤnere Frau. Ich hatte auch noch ein kleines Bruͤderchen, ein gar ſchoͤnes Knaͤblein mit langen, gelben Haaren. Unſre Aeltern hatten aber viel Ungluͤck. Alle unſre Pferde, ſogar der Schimmel, auf dem der Va⸗ ter gewoͤhnlich auf die Jagd ritt, und der mir vor allen andern Pferden lieb war, wurden krank und kamen um. Bald darauf erkrankten die Men⸗ ſchen und viele ſtarben. Es war ein großer Jam⸗ mer! Zuletzt gingen mein Vater und meine Mut⸗ ter mit uns weit fort, bis an das Meer. Da beſtiegen wir ein Schiff. Wir Knaben waren uͤber die unermeßliche Menge von Waſſer hoͤchſt erſtaunt, und das Schwanken des Schiffes machte uns zuletzt krank. Endlich, nachdem wir lange nichts als Himmel und Waſſer geſehen, ſahen wir wieder Land, und waren hoͤchſt erfreut. Nun entſtand aber, ich weiß nicht mehr warum, auf dem Schiffe ein großer Streit. Die Schiffsknechte — 105— brachten unſern Vater und uns Kinder mit Ge⸗ walt an das Land; der Schiffsherr aber, ein garſtiger Mohr, behielt unſere Mutter auf dem Schiffe zuruͤck. Ich denke es mir noch recht gut, wie wir Kinder den ſchwarzen boͤſen Mann baten, unſre liebe Mutter uns nicht zu nehmen.“ Theopiſta, die Gemahlin des Euſtachius, hatte dieſe Erzaͤhlung mit immer groͤßerer Aufmerkſam⸗ keit angehoͤrt.„Gott im Himmel, dachte ſie, indem ſie von der Raſenbank aufſtand, das iſt ja meine Geſchichte; was er von ſeinem Vater, von ſeiner Mutter und ſeinem kleinen Bruder er⸗ zaͤhlt, trifft alles genau zu. Ich kann beina) nicht mehr zweifeln— dieſer junge Kriegsheld ſey mein Sohn, mein geliebter Agapius.“ Mit wan⸗ kenden Knieen trat ſie etwas naͤher, und horchte mit klopfendem Herzen auf jedes Wort, das er weiter vorbringen wuͤrde. Der Hauptmann fuhr fort zu erzaͤhlen:„Das Schiff, auf dem ſich unſre Mutter befand, wandte ſich und fuhr eilends wieder hinaus in das weite Meer. Wir zwey Knaben ſchrien und jammerten laut um unſere liebe Mutter, und ſahen dem Schiffe nach, bis es am fernen Himmel aus un⸗ ſern Augen verſchwunden war. Auch unſer Va⸗ ter weinte ſchmerzlich. Ich hatte ihn noch nie weinen ſehen, und es ging mir deßhalb um ſo mehr zu Herzen, wie er, indem ihm die hellen Thraͤnen uͤber ſeine Wangen herabfloſſen, oͤfter zum Himmel blickte und bethete, und mehrma⸗ len ſehr nachdruͤcklich zu uns ſagte: O Kinder — 106— bethet, bethet doch fuͤr eure Mutter! Wir uͤber⸗ nachteten unter freyem Himmel, und reiſeten mit anbrechendem Morgen weiter. Wir armen Kin⸗ der verſchmachteten beynahe vor Hitze, Hunger und Durſt. Endlich kamen wir an einen Fluß, wo einige ſchattige Baͤume ſtanden. Der Vater ging und brachte uns Eyer und einen Helm voll Waſſer; ſonſt waͤren wir vor Hunger und Durſt geſtorben. Er trug nun zuerſt meinen kleinen Bruder uͤber den Fluß. Mit Herzensangſt ſah ich zu, wie der Vater durch den maͤchtig reißenden Fluß wadete, endlich nach großer Anſtrengung das andere Ufer erreichte, und mein Bruͤderchen in den Schatten eines Baumes niederſetzte. Er ſtieg nun wieder in das brauſende, hochaufſchaͤumende Waſſer, um mich abzuholen. Ich freute mich ſehr, als er mir immer naͤher kam. Allein ploͤtzlich hoͤrte ich zu Lande etwas auf mich zukommen. Ich ſah um und erblickte ein furchtbares Thier mit weit aufgeſperrtem Rachen. Ich wußte da⸗ mals noch nicht, daß es ein Loͤwe war. Ich fing an, aus allen Kraͤften zu ſchreyen, und wollte dem grauſamen Thiere entlaufen. Allein augen⸗ blicklich fuͤhlte ich mich von dem Loͤwen ergriffen, und er trug mich in ſeinem Rachen eilend fort in den Wald. 44 Ein anderer junger Offtzier, eben derjenige⸗ der die andere Haͤlfte des Lorbeerkranzes erhal⸗ ten und ſich erſt vor einigen Minuten bey der Geſellſchaft am ſteinernen Tiſche eingefunden hatte, ſchrie jetzt ploͤtzlich laut auf:„Bruder!“ ſtuͤrzte — 102— mit weit offenen Armen auf den Hauptmann zu, ſchloß ihn in die Arme, und rief mit herzdurch⸗ dringender Stimme wiederholt:„Bruder! Lieb⸗ ſter, beſter Bruder! Du, mein theurer Agapius! O glaube mir, ich bin wahrhaftig dein Bruder, dein Theopiſtus! Ich war jenes Knaͤblein, das unſer Vater uͤber den Fluß trug. Ich ſah es mit Augen, wie jener Loͤwe dich ergriff, und ſchneller als ein Pfeil mit dir in den Wald ſprang. Auch ich wurde ſogleich darauf von einem Wolfe fort⸗ geſchleppt. O welche wunderbare Fuͤgung Gottes, daß wir beyde errettet wurden! Welch ein un⸗ ausſprechliches Gluͤck, daß wir, die wir einander ſchon lange von Angeſicht kannten, einander ſchaͤtz⸗ ten und liebten, uns nun auf einmal als Bruͤ⸗ der erkennen!⸗⸗ Agapius, der andere Bruder, war eben ſo er⸗ ſtaunt und entzuͤckt. Er konnte nicht zweifeln, ſeinen juͤngern Bruder, ſeinen geliebten Theopi⸗ ſtus, wieder gefunden zu haben. Er ſchloß ihn feſt in ſeine Arme, druͤckte ihn an ſeine Bruſt, benetzte ſein Angeſicht mit Thraͤnen, rief mehr⸗ mals:„Bruder! Liebſter Bruder!“ und konnte vor innigſter Ruͤhrung lange ſonſt kein anderes Wort hervorbringen. Theopiſta aber, die hoͤchſt erſtaunte Mutter 4 ſank vor Freudenſchrecken ohnmaͤchtig auf die nahe Raſenbank. Die Freude, in dem einen ſchoͤnen, bluͤhenden Roͤmiſchen Hauptmann ihren geliebten Sohn Agapius zu erkennen, hatte ſie ſchon ſo angegriffen, daß Herz und Glieder ihr heftig beb⸗ ten. Allein da ſie ploͤtzlich den Schrey des Freu⸗ denſchreckens:„Bruder!“ aus dem Munde des andern Hauptmanns vernahm— da ſie nun in dieſem eben ſo ſchoͤnen bluͤhenden Kriegshelden ihren zweyten Sohn, ihren Liebling Theopiſtus erkannte— ſo war dieſes dem muͤtterlichen Her⸗ zen zu viel. Es ward ihr dunkel vor den Augen, und nur wie aus weiter Ferne und wie im Traume vernahm ſie noch die Worte der Redenden. Allein in dieſem Augenblicke achtete niemand auf ſie. Die beyden Bruͤder hatten ſich Vieles zu fragen und zu ſagen, und vergingen faſt vor Freude und Wehmuth.„Was macht unſer Va⸗ ter? fragte Agapius, und haſt du unſere geliebte Mutter nicht mehr gefunden?“„Ach Gott, ſprach Theopiſtus, ich habe ſeit der Wolf mich geraubt, nicht das Geringſte mehr von dem Vater gehoͤrt, und von unſrer geliebten Mutter eben ſo wenig.“ „Guter Gott, ſagten Beyde faſt mit Einem Munde, ach vielleicht ſind unſere guten Eltern ſchon todt! O wenn ſie je noch leben— welche Freude waͤre das fuͤr ſie, wenn ſie jetzt in dieſem Augenblicke hier zugegen ſeyn, und an unſerm Gluͤcke theilneh⸗ men koͤnnten!“ Die Offiziere, die umher ſtanden, bezeigten uͤber das gluͤckliche Wiedererkennen der beyden Bruͤder die lebhafteſte Freude.„O herrlich, herr⸗ lich, rief der Eine in die Haͤnde klatſchend; ſo etwas kommt in dem menſchlichen Leben nicht alle Tage vor.“ Ein Anderer rief mit den Wor⸗ ten des Roͤmiſchen Dichters:„Nun laßt uns trin⸗ — 109— ken, und mit unbaͤndigem Fuße den Boden ſtam⸗ pfen!“ und dabey ſprang er vor Freude hoch auf. Die laute Freude theilte ſich den Soldaten mit, die unter den Baͤumen gelagert waren. Alle ka⸗ men in Bewegung und eilten herbey, um zu ſe⸗ hen und zu hoͤren, was es Luſtiges gebe. Viele jauchzten vor Freude, als ſie vernahmen, was vorgegangen war. Diejenigen aber, die zu den Schaaren der beyden Hauptleute gehoͤrten, riefen mit frohem Jubel:„Heil unſern Anfuͤhrern! Heute Morgens theilte der Feldherr ſeinen Lorbeerkranz unter ſie, und dieſen Abend erkennen ſie ſich als Bruͤder! Heil den tapferen Helden und gluͤcklichen Bruͤdern!“ Zwoͤlftes Kapitel. Die Mutter. Theopiſta, die gluͤckliche Mutter der gluͤckli⸗ chen Bruͤder, ſaß noch immer auf der Raſen⸗ bank, das Haupt zuruͤck gelehnt an das bluͤhende Geſtraͤuch. Ihr Angeſicht war leichenblaß, ihr Mund halb geoͤffnet, ihre Augen waren geſchloſ⸗ ſen. Sie vermochte nicht ein Wort hervor zu bringen oder eine Hand zu bewegen. Das Froh⸗ locken und der laute Jubel der Soldaten weckte ſie aus ihrer Ohnmacht. Sobald ſie wieder zur Beſinnung kam, war ihr erſter Gedanke, ſich ih⸗ ren zwey Soͤhnen zu erkennen zu geben, und als Mutter ſie zu begruͤßen. Allein die Menge der Soldaten, die vor Freude trunken ſchienen, ſchreckte — 110— ſte; es ſchien ihr nicht rathſam, ſich durch das Gedraͤnge der jubelnden Krieger hindurchzudraͤn⸗ gen.„Was wuͤrde es mir auch nuͤtzen? ſprach ſie bey ſich ſelbſt. Wuͤrden meine Soͤhne, die jetzt mit Gluͤck und Ruhm gekroͤnt ſind, mich, die arme, verachtete Sklavin als ihre Mutter anerkennen? Ach wenn ſie— was ich indeß nicht fuͤrchte— ſich meiner auch nicht ſchaͤmen wuͤrden, ſo wuͤrden ſie es mir doch nicht ſogleich glauben, ich ſey ihre Mutter. Welche Beweiſe koͤnnte ich vorbringen? Ich wuͤßte ihnen beynahe nichts an⸗ ders zu ſagen, als was ſie eben ſelbſt geſagt ha⸗ ben, und ſie wuͤrden denken, ich ſage ihnen das alles nur ſo nach, damit ſie mich aus der Skla⸗ verey erretten, und mir ein beſſeres Schickſal bereiten moͤchten. Ich koͤnnte mich leicht dem Un⸗ willen der Offiziere, und dem Spotte und Ge⸗ laͤchter der Soldaten ausſetzen. Indeß wohnet ja mein Sohn Agapius jetzt mit mir unter Einem Dache; wenn er in das Haus zuruͤck kehrt, ſo will ich ihm in ſein Zimmer folgen, und da, un⸗ ter vier Augen, kann ich ihn dann, wenn es mir je gelingt, mit mehr Ruhe uͤberzeugen, ich ſey ſeine Mutter. Und erkennt einmal Agapius in mir ſeine Mutter, ſo wird auch mein Sohn Theopiſtus, der jetzt mit mir doch in Einer Stadt wohnt, mich bald als ſeine Mutter anerkennen, und wir alle drey werden eine Seligkeit empfin⸗ den, die ſich nicht ausſprechen laͤßt. Sie ging mit noch matten Schritten zuruͤck und begab ſich auf ihre einſame Kammer unter =— —,— — 111— dem Dache. Sobald ſie ſich allein ſah, brach ſie in einen Strom von Thraͤnen aus.„O Gott, rief ſie, indem ſie mit gefalteten Haͤnden auf die Knie niederfiel— Du guter, barmherziger Gott, Dir ſey Dank! Du, o allmaͤchtiger Gott, der Du den Daniel aus der Loͤwengrube, und den Jonas aus dem Bauche des Meerungeheuers errettet haſt— Du haſt meine Kinder dem Ra⸗ chen des Loͤwen und den Zaͤhnen des Wolfes ent⸗ riſſen. Denn Dir iſt nichts unmoͤglich. Deine Leitung iſt es, daß meine Soͤhne vor meinen Au⸗ gen ſich wiederfanden; daß ich, ihre Mutter, ohne daß ſie mich enniß Zeuge ihrer Freude, ihres Ent⸗ zuͤckens ſeyn mußte, ja daß, indem ſie einander wieder erkannten, eben dadurch auch mir die Se⸗ ligkeit bereitet ward, ſie Beyde wieder zu erken⸗ nen— eine Freude, uͤber die ich allen Schmerz der langen Trennung und den Kummer vieler Jahre vergeſſe! Wie Du troͤſteſt, ſo kann keiner troͤſten; wie Du erfreueſt ſo kann niemand erfreuen. Dir, Vater der Erbarmungen, der Du unendlich reich an Troſt und der Urauell aller Freude biſt, Dir ſey unendlicher Dank Sie blieb eine Weile ganz in Andacht ver⸗ ſunken knieen.„Aber, ſagte ſie jetzt, wo iſt der Vater meiner wiedergefundenen Soͤhne? Was iſt ihm begegnet, daß mein Sohn Agapius nichts von ihm weiß? Auch Theopiſtus ſcheint, wenn ich recht hoͤrte und es mir nicht blos traͤumte, nichts von ihm zu wiſſen. Haben die wilden Thiere, nachdem ihnen die Soͤhne entriſſen worden, viel⸗ — — 112— leicht den Vater angefallen und aufgezehrt? Iſt er vielleicht, wie ich, in Sklaverey gerathen, und bringt ihm vielleicht jede neue Sonne neuen Jam⸗ mer? Oder ſieht er vielleicht das Licht der Sonne gar nicht mehr? Doch nein, nein, mein Herz ſagt es mir, er lebt noch! Du, guter Gott haſt ihn gewiß erhalten, und aus allen Gefahren und Leiden errettet. Du wirſt Dein Werk vollenden, und wie Du mich die Soͤhne wiederfinden ließeſt⸗ mich auch den Vater wiederfinden laſſen, damit die Freude unſer Aller vollkommen werde.“ Sie ſtand auf, und trat an das Fenſter. Von hier aus konnte ſie ihre Soͤhne drunten auf dem Raſenplatze ſehen. Sie ſtanden neben einander, im Kreiſe der Offiziere und Soldaten, und ſchie⸗ nen ſich und den Umſtehenden ihre weitere Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen.„Ja, ſagte die hocherfreute Mutter, mit Augen voll Thraͤnen laͤchelnd, ſie ſind es, ſie ſind es wahrhaftig! Agapius mit ſeinen dunkeln Locken hat ganz die edle Stellung ſeines Vaters; auch die ſchoͤnen blonden Locken des an⸗ dern zeigen, daß er mein Theopiſtus iſt. Was fuͤr ſchoͤ⸗ ne, anſehnliche Maͤnner von hoher, edler Geſtalt ſind aus den zwey kleinen Knaben geworden! Allein noch wiſſen ſie nicht, wie ſehr mein muͤtterliches Herz ihnen entgegen ſchlage. Aber wie uͤberzeuge ich ſie, daß ich ſie unter dieſem meinem Herzen ge⸗ tragen, daß ſie meine Kinder ſeyen? Nur gleich ſo zu ihnen hintreten, und ihnen gerade zu ſa⸗ gen:„Seht, ich bin eure Mutter“!— geht aicht. Dieſe Worte aus dem Munde einer Sklavin muͤß⸗ 113— ten ihnen zu ſeltſam vorkommen; in dieſer ent⸗ ſtellenden Sklavenkleidung und nach ſo langer Zeit wuͤrden ſie mich ſicher nicht mehr kennen. Ich will ihnen zuerſt ſagen, daß ich als eine freye Roͤmerin widerrechtlich zur Sklavin gemacht wurde. Das wird ihr Mitleid, ihr Gefuͤhl fuͤr Recht, ihren edlen Roͤmerſtolz aufregen, und ſie werden mich geduldig und aufmerkſam anhoͤren. Ich will ihnen dann meine Geſchichte erzaͤhlen; ich will ihnen ſagen, daß ich aus edler Abkunft und die Gemahlin jenes beruͤhmten Plazidus ſey, der mit mir und ſeinen zwey kleinen Soͤhnen nach Aegypten auswandern wollte. Vielleicht gluͤckt es mir, in ihnen ſolche Erinnerungen aus der Ge⸗ ſchichte ihrer Kindheit zu erwecken, daß Beyde von ſelbſt auf den Gedanken kommen, ich ſey ihre Mutter! Oder vielleicht findet ſich unter dem Heere noch einer oder der andere alte biedere Krie⸗ ger, der ehemals unter meinem Gemahl diente, mich noch kennen und mir bezeugen wird, daß ich die Wahrheit rede. Und ſo werden wir denn am Ende ins Klare kommen— und mir wird die Seligkeit werden, ſie als meine Kinder an mein Herz zu druͤcken.“ Theopiſta bemerkte jetzt, daß die Kriegerſchaar auf dem gruͤnen Platze aus einander ging, und daß auch die Offtziere ſich nach und nach alle ent⸗ fernten. Nur ihre zwey Soͤhne ſetzten ſich wie⸗ der auf eine Bank.„Nun, ſprach ſie, iſt der rechte Augenblick gekommen; nun will ich hinun⸗ ter und mich ihnen zu erkennen geben. O Gott, erleuchte Du mich, und laß mich die rechten Worte 8 — 114— finden, ſie von der Wahrheit meiner Ausſage zu uͤberzeugen.“ Sie trocknete ihre Thraͤnen, und eilte hinunter in den Garten. Allein, da ſie eben uͤber den Steg ging, der uͤber den Bach fuͤhr⸗ te, ſtanden die beyden Soͤhne mit einem Mal auf, um weiter zu gehen. Sie gingen aber nicht auf das Haus zu; ſie nahmen durch den ſchattichten Wald hin einen andern Weg. Theopiſta bedach⸗ te ſich ſchnell, machte einen kleinen Umweg und kam ihnen entgegen. Ihr Herz klopfte heftig, und es zitterten ihr alle Glieder. „Ihr edlen jungen Krieger, ſagte ſie mit be⸗ bender Stimme, waͤre es mir wohl erlaubt, euch eine Bitte vorzutragen?“„Zurchte dich nicht, und zittere nicht ſo! ſprach Agapius, indem er ihr mitleidig ins blaſſe Angeſicht ſah, und wohl bemerkte, daß ſie geweint hatte. Sey gutes Mu⸗ thes, und ſage deine Bitte getroſt. Wenn wir ſie je gewaͤhren koͤnnen, ſo werden wir es gerne thun.“ Sie ſprach:„Ich bin eine geborne Roͤ⸗ merin; allein durch widerrechtliche Gewalt ward ich meinem Manne und meinen Kindern entriſ⸗ ſen, und als Sklavin verkauft.“„Nun, ſprach Agapius, da wuͤnſcheſt du wohl, wir ſollen dich aus der Sklaverey befreyen? Allein das ſteht nicht in unſerer Macht; das kann nur der Feld⸗ herr.“ Sie ſagte:„Das glaub' ich gern; allein ich bitte euch, hoͤret meine Geſchichte doch erſt an. Ich hoffe euch zu uͤberzeugen, daß ich aus einem der edelſten Geſchlechter Roms, und die Gemahlin eines jetzt vielleicht vergeſſenen, aber — 115— ehemals allgemein geſchaͤtzten Kriegshelden bin.“ „„Auch daruͤber kann der Feidherr am beſten ur⸗ theilen, ſprach Agapius. Wir ſind in Rom fremd, wurden an den Graͤnzen des Reiches erzogen, und wiſſen wenig von Roms edlen Geſchlechtern. Unſerm Feldherrn aber iſt dein Gemahl ohne Zweifel bekannt. Ihm mußt du deine Bitte vor⸗ tragen.“ Sie ſprach:„Allein wie komme ich bey ihm vor, und wird er wohl ſich ſo weit her⸗ ablaſſen, einer armen Sklavin Gehoͤr zu geben?⸗⸗ „Wir wollen dir bey ihm Gehoͤr verſchaffen, ſprach jetzt Theopiſtus, ihr anderer Sohn. Er iſt ſehr guͤtig und leutſelig, und da uns deine Ausſage wahr ſcheint, ſo wird er deine Bitte ſicher er⸗ fuͤllen. Wir gehen jetzt eben zu ihm, ſeine Be⸗ fehle zu vernehmen. Komm nur ſogleich mit uns.“ Dieſes unerwartete Anerbieten war ganz ge⸗ gen ihren Wunſch. Sie blieb unentſchloſſen ſte⸗ hen; ſie haͤtte ſich ihren geliebten Soͤhnen ger⸗ ne in einem vertraulichen Geſpraͤche entdeckt, und ihr Gemuͤth war jetzt gar nicht vorbereitet, dem ſieggekroͤnten, bewunderten Feldherrn, der ihr, wie ſie meynte, ganz fremd war, ihre Her⸗ zensangelegenheit vorzutragen. Allein ihre beyden Soͤhne ſagten:„Wozu das Zoͤgern und Zagen? Wir haben Eile, und haben uns ohnehin ſchon etwas verſpaͤtet. Komm ungeſaͤumt mit uns. Eine ſolche ſchoͤne Gelegenheit, ihn zu ſprechen, wird dir ſobald nicht wieder zu Theil. Wir geben dir unſer Wort, du ſollſt unaufgehalten durch alle Wachen hin durch kommen, unſern ruhmwuͤrdigſten 8* — 116— Feldherrn von Angeſicht zu Angeſicht ſehen— und ſicher nicht ohne Troſt und Huͤlfe zuruͤck keh⸗ ren.“„Nun wohl, ſagte Theopiſta, augenblick⸗ lich gefaßt; ich nehme euer Anerbieten dankbar an, und gehe mit euch.“ Die beyden Haupt⸗ maͤnner gingen mit ſchnellen Schritten, und Theo⸗ piſta folgte ihnen mit klopfendem Herzen. Dreyzehntes Kapitel. Die Ehegatten. Die beyden Hauptleute naͤherten ſich dem Pala⸗ ſte, in dem der Feldherr ſein Hauptquartier hat⸗ te. Die hohen Marmorſaͤulen des Einganges prangten noch mit den abwechſelnden Gewinden von gruͤnen Lorbeerzweigen und farbenreichen Blu⸗ men. Die Wachen traten hervor, und begruͤß⸗ ten die zwey Haͤuptmaͤnner mit den geziemenden Ehrenbezeugungen. Theopiſta bemerkte dieſes mit muͤtterlichem Wohlgefallen, und folgte ihren Soͤh⸗ nen die marmorne Treppe hinauf in den hochge⸗ woͤlbten Vorſaal. Hier hieß Agapius ſie ein we⸗ nig warten, ging mit ehrerbietigem Anſtande in den Saal, in dem ſich der Feldherr befand, kam aber ſogleich wieder heraus, und winkte ihr, hin⸗ ein zu gehen. Theopiſta trat in den Saal, der mit kaiſer⸗ licher Pracht ausgeſchmuͤckt war. Die Waͤnde glaͤnz⸗ ten von Gold und Marmor, und der Fußboden war mit farbigen Teppichen belegt. Euſtachius ſtand in dem praͤchtigen Anzuge eines Roͤmiſchen Feldherrn nahe an einem der hohen Fenſter, durch das die Abendſonne hereinſtrahlte, und ſeine ed⸗ le Geſtalt beleuchtete; neben ihm auf einem Ti⸗ ſche, der mit Purpur bedeckt war, befand ſich ſein von Gold glaͤnzender Helm mit dem prangen⸗ den Federbuſche, der Befehlshaberſtab von Elfen⸗ bein und mit Gold verziert, und das Schwert mit dem goldenen Griffe. Theopiſta blieb in demuͤthiger Stellung, wie es einer Sklavin geziemt, nicht weit von der Thuͤre ſtehen, wollte eben den Mund oͤffnen, um ihre Bitte vorzubringen— und erkannte in dem Feld⸗ herrn ploͤtzlich ihren Gemahl Euſtachius. Er kam ihr ſo jugendlich bluͤhend vor, wie er einſt an ihrem Brauttage als Braͤutigam vor ihr geſtan⸗ den. Sie erblaßte vor Freudenſchrecken und ſtarr⸗ te ihn voll Erſtaunens einige Augenblicke an. Dann eilte ſie mit offenen Armen auf ihn zu— rief mit lauter Stimme:„O mein Gemahl;4 — ſtand aber auf halbem Wege erſchrocken ſtill, und ließ faſt ohnmaͤchtig die Arme ſinken. Denn ſie bemerkte, daß ihr Gemahl ſie nicht mehr kenne. Wirklich blickte er ſie auch hoͤchſt befremdet an, und ſein ernſtes Auge ſchien zu ſagen:„Was ſoll das ſeyn? Iſt dieſe Sklavin, die man zu mir herein gewieſen hat, nicht bey Sinnen? Denn da er ſeine Gemahlin ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren fuͤr todt hielt, ſo kam ihm auch nicht der leiſeſte Gedanken zu Sinn, dieſe Sklavin koͤnn⸗ te ſeine geliebte Theopiſta ſeyn. Indeß ging er voll Mitleids zu ihr hin, um von dem traurigen — 118— Gemuͤthszuſtande, in dem ſie ihm zu ſeyn ſchien, ſich naͤher zu uͤberzeugen. Sie aber ſprach:„Ach du edler, vortreffli⸗ cher Mann, ſo erkenneſt du mich denn nicht mehr! Zwar wundere ich mich nicht daruͤber; denn Zeit, Kummer und Leiden moͤgen meine Geſtalt immer⸗ hin veraͤndert haben. Allein hoͤre mich, ehe du mich als eine Fremde zuruͤck weiſeſt, doch erſt an! Ich kann dir, als Zeichen, wer ich ſey, ſolche Geheimniſſe angeben, die nur dir und mir be⸗ kannt ſind, und aus denen du zuverlaͤſſig erken⸗ nen wirſt, wer ich ſey. Das Roͤmiſche Kriegs⸗ heer neunt dich zwar Plazidus; allein der Na⸗ me, mit dem die Chriſten dich nennen, und den du annahmſt, als du dich zum Glauben der Chri⸗ ſten bekehrteſt, heißt Euſtachius. Erinnere dich jenes hellglaͤnzenden Kreuzes, das du im Wal⸗ de zwiſchen dem Geweihe eines Hirſches erblick⸗ teſt— jenes Traumes, in dem Chriſtus ſich auch mir zu erkennen gab— jenes frommen Biſcho⸗ fes Johannes, von dem wir und unſre zwey klei⸗ nen Soͤhne in der Stille der Nacht getauft wur⸗ den. Ach du mußt es wohl noch wiſſen, wie mir in der Taufe der Name Theopiſta, dem aͤl⸗ tern unſrer zwey holden Knaben der Name Aga⸗ pius, dem juͤngern aber der Name Theopiſtus ertheilt ward. Gedenke der vielen Truͤbſale, die nach der Weiſſagung des frommen Biſchofes uͤber uns gekommen, und die wir im Vertrauen auf Gott muthig und ſtandhaft uͤbertrugen; gedenke, wie unſre Heerden umkamen, unſre Felder ver⸗ — — 119— oͤdeten, unſer Landhaus in ein Krankenhaus ver⸗ wandelt, und bald darauf von Naͤubern ausge⸗ pluͤndert wurde; gedenke unſrer traurigen Flucht und jenes ſchrecklichen, herzzerſchneidenden Au⸗ genblickes, in dem ich auf dem Schiffe von dir und unſern lieben Kindern getrennt wurde! Ach, frage mich uͤber die kleinſten Umſtaͤnde dieſer Be⸗ gebenheiten, und ich will ſie dir alle nennen! Frage mich ſogar uͤber die Worte, die du bey dieſem oder jenem wichtigen Anlaſſe zu mir ſag⸗ teſt, die niemand hoͤrte, als ich, und ich will ſie dir alle wiederholen; denn alle ſind noch ge⸗ treulich in meinem Gedaͤchtniße eingeſchrieben. O gewiß, ich bin jene Theopiſta, deine Gemah⸗ lin, die weinend und jammernd, ja faſt entſeelt von jenem unmenſchlichen Mohren dir aus den Armen geriſſen worden; ſeit dieſer langen Zeit von faſt ſechzehn Jahren bis zu dieſer Stunde habe ich mich immer nach dir geſehnt, und mei⸗ ne Liebe und Treue dir unverſehrt bewahrt, ſo wie ich ſie dir bis in mein Grab bewahren werde! So gewiß du Derjenige biſt, dem nach Gottes weiſeſten Abſichten all jene widrigen Schick⸗ ſale begegneten; ſo gewiß bin ich Diejenige, die alle dieſe Schickſale mit dir theilte! Erkenne da⸗ her in mir deine getreue, liebevolle Gemahlin, mit der du, wiewohl nur wenige Jahre, in der gluͤcklichſten Ehe gelebt, und ihr unzaͤhlige Bewei⸗ ſe der zaͤrtlichſten Liebe gegeben haſt. Denn das wuͤrde ich ewig nicht glanben, daß du, den Gott jetzt mehr, als je erhoͤhte, und mit Glanz — 120— und Ruhm verherrlichte, mich, die Er zu dem dunkeln, verachteten Stande einer Sklaoin ernie⸗ drigte, deßhalb verſchmaͤhen und verſtoßen koͤnn⸗ teſt! Nein, nein, das kannſt du nicht, liebſter Gemahl, beſter Euſtachius! Ach mein Herz war immer bey dir, ſo lange wir auch getrennt waren. Ich kann die Freude, dich nach ſo langer Tren⸗ nung wieder von Angeſicht zu ſehen, nicht aus⸗ ſprechen! Und gewiß muß dieſer ſelige Augenblick, da Gott uns nach ſo vielen Pruͤfungen wunder⸗ bar wieder zuſammen fuͤhrt, auch fuͤr dich ein Augenblick des Himmels ſeyn!“ Euſtachius hatte ſeine Gemahlin, waͤhrend ſie ſprach, aufmerkſam betrachtet. Wiewohl ſie in dieſen erſchuͤtternden Augenblicken einer Ohnmacht nahe und ihr Angeſicht blaß war wie eine Leiche, und ihre Sklaventracht ſie noch mehr entſtellte; ſo wurden dennoch ihre wohlbekannten Zuͤge ihm nach und nach immer deutlicher und der gewohnte Klang ihrer lieblichen Stimme drang an ſein Herz. Er erkannte ſie. Eine eigene, wunderbare Em⸗ pfindung durchſchauerte ihn, als er ſeine geliebte Theopiſta, die er ſeit bald ſechzehn Jahren fuͤr todt gehalten, jetzt lebend vor ſich ſtehen ſah. Das hoͤchſte Erſtaunen, unnennbares Entzuͤcken, und das innigſte Mitleid erfuͤllten zugleich ſeine ganze Seele. „Cheopiſta, rief er faſt außer ſich, ja du biſt es— du biſt meine theure, meine innigſt geliebte Gemahlin, deren Verluſt mir bis dieſe Stunde unvergeßlich und unerſetzlich geblieben! Ach, in was fuͤr bedauernswerthe Umſtaͤnde biſt du gera⸗ — 121— then! Doch, Gott, der Allmaͤchtige, ſey gelobt und geprieſen, daß Er dich mir wieder geſchenkt hat! Aller Glanz und Ruhm, um den mich viele Tauſende beneiden, iſt nichts, gar nichts gegen die Seligkeit, dich wieder in meine Arme zu ſchließen.“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme, und benetzte ihr Angeſicht mit heißen Thraͤnen. Auch ſie weinte die ſeligſten Thraͤnen. Beyde vergaßen aller ihrer bisherigen Leiden. Nichts uͤbertraf ihre Seligkeit, als der Dank und die Anbethung, womit ſie, waͤhrend ſie ſich umarmten, von Zeit zu Zeit zu dem Himmel aufblickten. Vierzehntes Kapitel. Die Soöoͤhne. Euſtachius fuͤhlte ſich unausſprechlich gluͤcklich, ſeine innigſt geliebte Gemahlin wieder gefunden zu haben. Allein bald truͤbte der Gedanke an ſeine Soͤhne dieſes ſein Gluͤck. Es ſiel ihm wie ein Felſenſtuͤck auf das Herz, Theopiſta werde jetzt nach ihren Soͤhnen fragen, und er koͤnne ihr die Wahrheit nicht verhehlen, daß Beyde ihm von wilden Thieren geraubt worden.„Ach, die gute Mutter! dachte er; wie bald wird ihr die Freude, den Vater wieder gefunden zu haben, in Jam⸗ mer uͤber den Tod ihrer Kinder verwandelt wer⸗ den!“ Indem er dieſes dachte, ſprach Theopiſta: „Nun, liebſter Gemahl, laß uns die Freude des Wiederſehens auch mit unſern geliebten Soͤhnen — 122— theilen! O wie verlangt mein muͤtterliches Herz, ſie nach ſo langer Trennung wieder in meine Arme zu ſchließen!“ Euſtachius ſprach tief betruͤbt: „Liebſte Theopiſta, holde Mutter liebenswuͤrdiger Kinder, laß uns die unerforſchlichen, aber immer weiſen und liebevollen Rathſchluͤſſe Gottes im Stau⸗ be anbethen! Unſre Soͤhne wurden als zarte Kna⸗ ben der Raub wilder Thiere. Sie ſehen das Licht dieſer Sonne nicht mehr, ſie wandeln nicht mehr unter den Lebenden!“⸗ Allein Theopiſta rief hocherfreut:„Nein, nein, liebſter Gemahl, du irreſt! Deine beyden Soͤhne leben! Gott hat ſie unverletzt aus dem Rachen der wilden Thiere errettet! In dieſem Augenblicke will ich ſie dir lebend vor Augen ſtellen! Sie ſind deine wuͤrdigen Streitgenoſſen! Ja ohne ihren Muth, ihre Liebe zu dir, haͤtteſt du oielleicht nicht ge⸗ ſiegt, und dieſes Land waͤre vielleicht eine Beute feindlicher Voͤlker geworden!“„Theopiſta, was wandelt dich an? ſprach Euſtachius. Du erſcheinſt mir in dieſem Augenblicke als eine begeiſterte Pro⸗ phetin.“ Sie aber eilte hinaus auf den Vorſaal, ſagte den zwey jungen Kriegern:„Kommt mit mir, der Feldherr begehrt eurer;,— nahm mit ihrer Rechten den Einen, mit ihrer Linken den An⸗ dern bey der Hand, fuͤhrte ſie in den Saal, und ſprach mit hoher Freude:„Feldherr! ſieh da in dieſen jungen Helden deine beyden Soͤhne! Die⸗ ſer da mit den dunkeln Locken iſt dein Agapius, den dir der Loͤwe— und dieſer hier mit den gel⸗ ben Haaren dein Theopiſtus, den dir der Wolf geraubt hat. Allein was vermoͤgen reißende Thiere gegen diejenigen, die Gott ſchuͤtzt? Gott hat ſie errettet; Gott hat ſie dir wieder zugefuͤhrt; unter Gottes Leitung halfen ſie dir ſtreiten. Ohne dich, ohne einander zu erkennen, halfen ſie dir mit vereinten Kraͤften deinen ruhmvollen Sieg erkaͤm⸗ pfen. Erſt in dieſer Stunde erkannten ſie ſich vor meinen Augen als Bruͤder! erkenne nun auch du, gluͤcklicher Vater, in ihnen, die du, ohne ſie zu kennen, vor Tauſenden ausgezeichnet haſt, deine wuͤrdigen Soͤhne!“ Euſtachius rief voll des hoͤchſten Erſtaunens: „Wie, dieſe heldenmuͤthigen Juͤnglinge, unter die ich heute meinen Lorbeerkranz vertheilte, ſoll⸗ ten meine Soͤhne ſeyn? Jene zarten Knaben, die ich mit Entſetzen in dem Rachen wilder Thiere erblickte, ſollten mir gleichſam von dem Tode wie⸗ der zuruͤck gegeben ſeyn? O du guter barmherzi⸗ ger Gott, dieſe Seligkeit waͤre zu groß; noch kann ich es nicht glauben.“ 3 Allein Theopiſta ſprach:„Glaube mir, edler Vater, ſie ſind deine Soͤhne. Ich bin meiner Sache gewiß; es iſt mir ſo klar wie die Sonne. Doch wozu beduͤrfte es vieler Worte? Sieh dieſe Juͤnglinge nur einmal recht an; Sieh da deinen Agapius, blicke ihm in die Augen, betrachte ſeine Stirne, ſeinen Mund, und ſag ſelbſt, iſt er nicht dein getreues Ebenbild und wie von dir abge⸗ zeichnet? Sieh da deinen Theopiſtus, dieſe blauen Augen, dieſe blonden Locken— gleicht er nicht ſeiner Mutter, da ſie noch in der Bluͤthe ihrer — 124— Jugend prangte? Zweifle alſo nicht mehr, und umarme ſie als deine Soͤhne!“ Der hocherfreute Vater hatte keinen Zweifel mehr— ſchloß bald Agapius, bald Theopiſtus in 5 ſeine Arme, und reichliche Thraͤnen floßen uͤber ſeine Wangen. Er genoß der groͤßten Seligkeit edler Eltern— der Seligkeit zu ſehen, daß ihre Kinder ſich ihrer wuͤrdig betragen. Aber auch die Soͤhne waren vor Freude außer ſich, in dem hochverehrten Feldherrn, dem geliebten aber auch gefuͤrchteten Gebieter, deſſen Blick Ehrfurcht for⸗ derte und Gehorſam gebot, einen liebenden Va⸗ ter zu finden, deſſen Vaterherz ſich in reichliche Thraͤnen ergoß. Theopiſta, die edle Gattin und Mutter, ſtand ſeitwaͤrts und erfreute ſich der Seligkeit ihres Gatten und ihrer Soͤhne. So ſehr ihr Herz brannte, ihre Kinder zu umarmen, ſo wollte ſie die ent⸗ zuͤckten Soͤhne den vaͤterlichen Umarmungen noch nicht entziehen. Sie konnte ſich an dem himm⸗ liſchen Anblicke nicht ſatt ſehen. Freudenthraͤnen floſſen uͤber ihre blaſſen Wangen; ſie fuͤhlte ſich die ſeligſte Gniun und Mutter. Ihre beyden Soͤhne ahneten aber gar nicht, daß ihre geliehte Mutter, uͤber deren Verluſt ſie einſt als Kinder ſo heiße Thraͤnen vergoßen und je aͤlter ſie wurden, ſich immer mehr nach ihr geſehnt hatten, ihnen ſo nahe ſey. Am allerwe⸗ nigſten dachten ſie daran, die bleiche Sklavin mit rothgeweinten Augen, der ſie aus Mitleid bey dem Feldherrn Gehoͤr verſchafft hatten, ſey ihre Mut⸗ — 125— ter. Sie hatten in ihrer gegenwaͤrtigen Freu⸗ de dieſer Sklavin ganz vergeſſen, und achteten ſo wenig auf ſie, als waͤre ſie gar nicht zugegen. Allein dem edlen Vater war dieß hoͤchſt auf⸗ fallend; denn er zweifelte nicht im geringſten, die Mutter habe ſich ihren zwey Soͤhnen ſchon zuvor, ehe ſie ihm dieſelben vorfuͤhrte, zu erken⸗ nen gegeben. Er ſprach daher mit ſichtbarer Be⸗ truͤbniß und großem Ernſte:„Nun, meine Soͤhne! Habt ihr nur Thraͤnen und Umarmungen fuͤr euern Vater? Sagt euer Herz euch nicht, daß ihr noch eine andere ſuͤße Pflicht zu erfuͤllen habt?— Wie? ihr nennt eure Mutter nicht einmal? Habt ihr kein Gefuͤhl mehr fuͤr ſie, und ſoll ſie von aller Theil⸗ nahme an unſerer Freude ausgeſchloſſen bleiben? — Ihr ſeht mich befremdet und verlegen an!— Nun, ihr werdet euch doch noch eurer Mutter erinnern, wie hold und anmuthsvoll ſie war, und wie ſie in den Tagen eurer gluͤcklichen Kindheit euch ſo lieb hatte! Du Theopiſtus, weißt du nicht mehr, wie ſie dich damals, als du auf unſrer Aus⸗ wanderung erlegen warſt, ſo zaͤrtlich auf ihren Ar⸗ men trug? Und du, Agapius, haſt auch du es vergeſſen, wie ihr beyde auf dem Schiffe krank geworden, und wie ſie euch da ſo liebreich ver⸗ pflegte, und Naͤchte hindurch bey euch wachte? Wenigſtens muß euch unſer Jammer, als ſie uns von jenem Mohren genommen wurde, noch im friſchen Andenken ſeyn!— Ach es ging ihr in⸗ deſſen ſehr hart! Sie wurde in die Sklaverey fortgeſchleppt, in der ſie noch ſchmachtet! Sie iſt — 126— nun wohl ſehr arm, ungluͤcklich und verachtet! Allein ſagt, waͤre es moͤglich, daß ihr deßhalb euch ihrer ſchaͤmen koͤnntet?— O dann waͤre es mir lieber, ich haͤtte euch mit keinem Auge mehr geſehen?“ „Liebſter Vater! rief jetzt Agapius, und griff an ſein Schwert, ſag' uns doch nur, wo iſt der Boͤſewicht, jener abſcheuliche Mohr, der meiner geliebten Mutter ſo vieles Leid zufuͤgen konnte? An dieſem Schwerte will ich ſein Blut herab troͤ⸗ pfeln ſehen! Seine ganze Rotte will ich in Stuͤcke zerhauen, um die Mutter zu befreyen!“ Theopiſtus ſprach:„Lieber Vater, da du weißt, daß die Mutter eine Sklavin iſt, warum haſt du ſie denn nicht ſchon laͤngſt befreyt. O ſag uns doch geſchwind, wo wir ſie auffinden koͤnnen? Wo, wo iſt ſie? Den letzten Tropfen meines Herzblures will ich daran ſetzen, die Mutter von Elend und Unterdruͤckung zu erretten!“ Euſtachius ſagte:„Wie, ihr kennet ſie nicht einmal? Das begreife ich nicht, wie das moͤg⸗ lich iſt. Doch— ohne ſie zu kennen, habt ihr ſie ſchon geſehen. Seht da, dieſe iſt es, Sie, die euch als meine Soͤhne mir vorfuͤhrte, ſtelle ich nun euch als eure Mutter vor.“ Beyde Soͤhne empfanden das innigſte Mitleid, ihre geliebte Mutter als Sklavin zu erblicken. Wie es vorhin die Freude der entzuͤckten Soͤhne ſehr erhoͤhte, gerade in dem bewunderten Feld⸗ herrn, den ſie unter allen Menſchen auf Erden am hoͤchſten verehrten, ihren Vater zu erkennen; — 122— ſo ward jetzt die Freude, ihre Mutter wieder zu finden, durch den Anblick ihrer Armuth und Nied⸗ rigkeit ganz unausſprechlich ruͤhrend. Freude, Schmerz und Wehmuth durchdrangen ihre Herzen ſo maͤchtig, daß beyde Juͤnglinge in heiße Thraͤ⸗ nen ausbrachen. Die entzuͤckte Mutter aber ſtand da, wie verklaͤrt von Freude. Der unbeſchreibli⸗ che Ausdruck von muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit in ih⸗ rem milden Angeſicht und in ihren thraͤnenvollen Augen hatte etwas Himmliſches. Beyden Soͤh⸗ nen war es nicht anders, als erblickten ſie ei⸗ nen ſeligen Geiſt, einen Engel des Himmels. „Mutter! Liebſte Mutter!“ riefen beyde mit Einem Munde, und fielen ihr beyde um den Hals. Mutter und Soͤhne konnten ihre Freude nicht mit Worten, ſondern nur mit Thraͤnen und frommen Blicken zum Himmel ausdruͤcken. Der Vater aber ſprach im Uebermaaß ſeiner Freude: „Ich moͤchte laut ausrufen, daß es die ganze Welt vernaͤhme: O ihr alle, die ihr Gott fuͤrch⸗ tet, kommet, ſehet und hoͤret, was fuͤr große Dinge Er an mir, meinem lieben Weibe und meinen lieben Kindern gethan hat.“ Fuͤnfzehntes Kapitel. Der junge Bauer. Euſtachius ſprach uͤber eine Weile:„Die Em⸗ pfindung wird uns zu maͤchtig! Auch die Freu⸗ de iſt angreifend, ja oft noch angreifender, als der — 126— Schmerz. Ich fuͤhle mich ganz beklommen. Kommt, und laßt uns ein wenig friſche Luft ſchoͤpfen!“ Er oͤffnete die zwey Thuͤrfluͤgel einer hohen Pfor⸗ te, und ging mit ſeiner Gemahlin und ſeinen Soͤhnen hinaus auf einen Altan, von dem man uͤber die unten liegenden Gaͤrten der Stadt hin die herrlichſte Ausſicht auf eine reiche Landſchaft hatte. Sie blieben an dem marmornen Gelaͤn⸗ der einige Zeit ſtillſchweigend ſtehen. Es war ein ſchoͤner, heiterer Abend. Kuͤhle Luͤftchen ſaͤuſelten durch die nahen Pappelbaͤume. Die Wolken, die benachbarten Doͤrfer, und die fer⸗ nen Waͤlder und Berge waren von den letzten Strahlen der Sonne geroͤthet. Euſtachius zeigte auf die untergehende Sonne und ſagte:„O wie groß iſt Gott in ſeinen Werken! Allein ſo groß und herrlich Er in ſeiner Schoͤpfung iſt, ſo freund⸗ lich und guͤtig zeigt Er ſich auch in der Fuͤhrung der Menſchen. Er, der uns nach dieſem gluͤ⸗ hendheißen Tage dieſen kuͤhlen, erquickenden Abend giebt, ſchenkte uns auch nach mancher heißen Truͤb⸗ ſal wieder Freude und Erquickung. Darum dan⸗ ket dem Herrn, denn Er iſt freundlich und ſeine Guͤte waͤhret ewig.“ Hierauf ſetzte ſich Euſtachius mit ſeiner Ge⸗ mahlin auf die marmorne Bank des Altans; die beyden Soͤhne ſetzten ſich zu beyden Seiten der Aeltern, und Euſtachius ſprach:„Ich weiß nun wohl, liebſte Gemahlin, daß jene Schiffsknechte, — 129— die dich faͤlſchlich fuͤr todt ausgaben, dich in die Sklaverey verkauft haben; eben ſo weiß ich, daß ihr, meine geliebten Soͤhne, aus dem Rachen der wilden Thiere errettet worden. Allein wie dieſes zuging, und was in der langen Reihe von Jahren, ſeit wir uns das letzte Mal geſehen, euch alles begegnete, davon weiß ich noch nicht das Geringſte. Erzaͤhlt mir das Wichtigſte davon; denn gewiß werde ich neue Urſache finden, Gott zu loben und zu preiſen.“ Theopiſta ſagte:„Ihr, meine geliebteſten Soͤhne, erzaͤhlet mir und eurem Vater zuerſt, was euch alles begegnete, ſeit jener grauſame Schiffer mich euch, und der Loͤwe und der Wolf euch eurem Vater entriſſen hat. Ich brenne vor Begierde, die Geſchichte meiner lieben Kinder zu vernehmen.“— Agapius erzäͤhlte ſeine Geſchichte zuerſt.„Wie jener Loͤwe, fing er an, mich dort am Fluſſe er⸗ griffen, und mit mir in den Wald entflohen, das hat mein Vater mit Augen geſehen, und meine Mutter hat es bereits aus meinem Munde gehoͤrt. Wie es mir in dem Rachen des Loͤwen zu Mu⸗ the war, weiß ich nicht mehr, und wußte es wohl damals ſelbſt nicht. Als ich wieder zur vollen Be⸗ ſinnung gekommen war, erblickte ich mehrere bren⸗ nende Kerzen. Ich lag in einer laͤndlichen Stu⸗ be auf einem Bette, und mehrere Maͤnner, Wei⸗ ber und Kinder, ſo viel deren die Stube faſſen 9 konnte, ſtanden um mich her. Alle bezeigten mir das groͤßte Mitleid, und dankten Gott, durch deſſen Beyſtand ich aus einer ſo ſchauerlichen Gefahr errettet worden. Sie ſahen an meinen Kleidern, daß ich aus einem entfernten Lande, und das Kind vornehmer Eltern ſeyn muͤſſe. Sie fragten mich daher ſehr neugierig, wie ich in die⸗ ſen dichten, unwegſamen Wald voll wilder, rei⸗ ßender Thiere gerathen ſey. Es waͤhrte einige Zeit, bis ich ihre Fragen gehoͤrig beantworten konnte. Alle bedauerten meinen Vater und mei⸗ nen kleinen Bruder von Herzen, und die Maͤn⸗ ner beſchloſſen, ſie aufzuſuchen. Allein nunmehr war es bereits Nacht und zu ſpaͤt, ſich durch den wildverwachſenen Bergwald zu finden. So⸗ bald indeſſen die Tageshelle ſich zeigte, machten ſie ſich auf den Weg. Sie kamen an das Ufer jenes Flußes, und fanden unter dem Baume, wo wir unſere letzte Mahlzeit gehalten, noch die Scha⸗ len von den Eyern; allein von dem Vater und meinem kleinen Bruder fanden ſie keine Spur mehr. Traurig kamen ſie zuruͤck, und ſagten: „Die wilden Thiere haben den wehrloſen Mann und das arme Kind gewiß zerriſſen. Wenn wir uns dort ſo lange haͤtten aufhalten wollen, ſo haͤtten wir wahrſcheinlich noch einige ihrer Ge⸗ beine gefunden. Denn dort an jenem Fluße iſt es ſehr gefaͤhrlich; die Thiere der Wildniß kom⸗ men weit her, dort ihren Durſt zu loͤſchen.“ „Wie es zugegangen, daß ich noch gluͤcklich aus dem Rachen des Loͤwen errettet wurde, ha⸗ — 131— ben mir die Maͤnner oͤfter ausfuͤhrlich erzaͤhlt, und auch das, was ich ihnen damals ſagen konn⸗ te, mir oͤfter wiederholt. Die Begebenheit iſt kurz dieſe. Die Maͤnner hatten in dem Walde Holz gefaͤllt, und waren eben auf dem Wege nach Hauſe. Da kam der Loͤwe, der mich als ein zartes Knaͤblein im Rachen trug, in wilder Eile hinter einem Felſen hervor. Die tapfern Maͤnner drangen augenblicklich mit geſchwungenen Axten auf ihn ein. Einer aus ihnen verſetzte dem Loͤwen mit der Axt einen maͤchtigen Streich. Der Loͤwe ließ mich augenblicklich fallen, wandte ſich gegen den Mann, und wollte in ſeinem Grim⸗ me ihn zerreißen. Allein die uͤbrigen Maͤnner ſtanden ihrem bedrohten Gefaͤhrten bey. Es er⸗ hob ſich ein ſchrecklicher Kampf. Der Loͤwe bekam manchen ſtarken Hieb, und ſein Blut quoll aus mehreren Wunden hervor; endlich nahm er unter klaͤglichem Gebruͤlle die Flucht. Die Maͤnner ho⸗ ben mich nun von der Erde auf. Von der ſchreck⸗ lichen Todesangſt, die ich im Rachen des Loͤwen gefuͤhlt hatte, war ich ohnmaͤchtig; allein zu ih⸗ rer großen Freude unverſehrt. Sie waren ſehr er⸗ ſtaunt, daß der Loͤwe mich nicht getoͤdtet, ja nicht einmal verwundet habe. Einige meynten, das komme daher, weil der Loͤwe, von meinem Vater verfolgt, keine Zeit gefunden, mich zu verzehren, ſondern, im ſchnellen Laufe uͤber Buͤſche und Fel⸗ ſen wegſetzend, gerade noch vor dem entſcheiden⸗ den Augenblicke ihnen in die Haͤnde gefallen. Andere behaupteten, das furchtbare Thier habe, 9* nach Art ſolcher Raubthiere, mich ſeinen Jungen jebend vorwerfen wollen, und ſich daher ſorgſam in Acht genommen, mich zu verletzen. Alle aber ſtimmten darin uͤberein, Gott habe mich ganz be⸗ ſonders bewahrt, und ich koͤnne Ihm deßhalb in meinem Leben nicht genug danken.“ „Es entſtand nun ein edler Wettſtreit unter ihnen, wer aus ihnen die Freude haben ſollte, mich in ſeinem Hauſe zu verpflegen und zu er⸗ ziehen. Allein derjenige, der dem Loͤwen den er⸗ ſten Streich verſetzt hatte, ließ ſich dieſe Freude nicht nehmen. Er nahm mich voll des herzlich⸗ ſtens Mitleids auf ſeinen Arm, trug mich in ſein Haus, und legte mich auf ein Bett, wo ich mich aus meiner Ohnmacht nach und nach wieder er⸗ holte, wie ich gleich anfangs erzaͤhlt habe.“ „Die tapfern, kuͤhnen Holzhauer waren Bau⸗ ern aus einem kleinen Dorfe, das jenſeits der waldigen Felſenhoͤhen, die es von dem Meere ſchei⸗ den, in einem tiefen Thale liegt. Alle Bewoh⸗ ner dieſes Dorfes waren Chriſten. Schon vor mehreren Jahren, zur Zeit der Verfolgung, die ſich nie bis in dieſes abgelegene Thal erſtreckte, hatten ſich chriſtliche Prieſter dahin gefluͤchtet, und den Bewohnern das Evangelium verkuͤndet. Die redlichen Landleute hatten es mit Freuden ange⸗ nommen, und machen nun eine tadelloſe chriſt⸗ liche Gemeinde aus. Alle ſind nur darauf be⸗ dacht, ſich als gute Kinder des Einen Vaters im Himmel zu betragen; alle lieben einander wie Bruͤder und Schweſtern. Da iſt nur Friede und 6 8 — 133— Eintracht. Sie entzweyen ſich nie uͤber zeitliche Guͤter; ſie theilen alles, was ſie haben, willig mit einander. Sie arbeiten alle ſehr fleißig, und ſuchen durch Arbeit ſo viel zu erwerben, daß ſie davon nicht nur ſich ſelbſt ehrlich ernaͤhren, ſondern auch alte und gebrechliche Leute reichlich unterſtuͤtzen koͤnnen. Die chriſtliche Liebe, dieſes ſchoͤne Kennzeichen wahrer Chriſten, macht den Lei⸗ denden dort das Leiden nicht nur leicht, ſondern durch die unzaͤhligen Beweiſe der herzlichſten Theil⸗ nahme ſogar zur Quelle ſuͤßer Freuden.“ „Fuͤr den Unterricht der Kinder iſt aufs beſte geſorgt. Ein chriſtlicher Prieſter, ein frommer, heiliger Greis, der ſich jenes Thal zu ſeinem Aufenthalte waͤhlte, und ſein Leben unter jenen guten Menſchen zu beſchließen gedenkt, machte ſich eine wahre Herzensangelegenheit daraus, ihre Kin⸗ der im Wichtigſten, was ein Menſch wiſſen muß, in unſrer heiligen Religion zu unterrichten. Dieſen Unterricht ertheilte er auch mir, und da er ehe⸗ mals in der Welt ein ſehr angeſehener Mann war, und dafuͤr hielt, ich ſey nicht beſtimmt, mein ganzes Leben in dieſem Thale zuzubringen, ſo theilte er mir auch von ſeinen uͤbrigen Kennt⸗ niſſen und Erfahrungen ſo viel mit, als er fuͤr mich zutraͤglich hielt. Er war mit großem Ernſte darauf bedacht, mich zuerſt zu einem wahren Chriſten, und dann auch zu einem brauchbaren Manne fuͤr die Welt zu bilden.““ „Uebrigens mußte ich, ſo wie ich heranwuchs, Morgens, bevor die Sonne aufging, in den Acker 134— fahren, oder auf der Wieſe maͤhen, und alle, auch die ſchwerſten laͤndlichen Arbeiten, die mir uͤbrigens ſehr leicht von der Hand gingen, verrich⸗ ten. Dieß haͤrtete mich ab, und machte mich ſtark und kraͤftig. Auch fehlte es nicht an Gele⸗ genheit, Muth und Tapferkeit zu uͤben. Wir lebten mit den Thieren der Wildniß, denen unſer Thal gleichſam abgewonnen war, in einem be⸗ ſtaͤndigen Kriege, und da galt es keine geringe Kuͤhnheit und Gewandtheit, die Kuͤhe auf der Weide und oft den Stier am Pfluge gegen ein grimmiges Raubthier zu vertheidigen. So trug meine ganze Erziehung und Lebensweiſe dazu bey, daß mir eine geſunde Seele in einem geſunden Leibe wurde. Ich brachte in jenem Dorfe, das mit ſeinen niedrigen Strohhuͤtten Manchem ſehr elend und armſelig vorkommen moͤchte, die Jahre meiner Kindheit und Jugend ſo vergnuͤgt, ſo gluͤcklich zu, als wohl nie ein Juͤngling, der in einem Palaſte erzogen wurde.“ „Ich haͤtte auch nie daran gedacht, meinen ſeligen Aufenthalt in jenem zweyten Paradieſe zu verlaſſen. Allein da kam ploͤtzlich ein Befehl des Kaiſers, einen der Juͤnglinge als Soldaten in das Feld zu ſtellen. Denn weil das Vaterland in Gefahr war, und die Noth an den Mann ging, ſo wurde auch an den entfernteſten Graͤn⸗ zen des Reiches, was ſonſt ſelten geſchah, junge Mannſchaft ausgehoben. Alle Bewohner des Dor⸗ fes waren hoͤchſt beſtuͤrzt; denn Krieg und Blut⸗ vergießen war dieſen friedlichen Menſchen ein . — 135— ſchreckbarer Gedanke. Indeß war die Sache nicht abzuwenden. Der Roͤmiſche Krieger, der die Aus⸗ hebung in dieſem Dorfe beſorgte, ſtand da, ruͤt⸗ telte die Looſe in ſeinem Helme, und befahl zu ziehen. Vaͤter, Muͤtter, Schweſtern und Braͤute ſtanden blaß und zitternd umher. Da regte ſich auf einmal ein wunderbarer Muth, den mir Gott gab, in meinem Herzen. Ich brannte vor Be⸗ gierde fuͤr mein Vaterland zu fechten; ich dachte daran, daß mein Vater auch ein Kriegsmann, und doch ein guter Mann und Chriſt, gleich dem Hauptmanne von Kapharnaum, und dem Haupt⸗ manne Kornelius war; ich freute mich hoch, daß ich den guten Leuten, die mich einſt dem wilden Thiere entriſſen und mir ſo viel Gutes erwieſen, nun auch einen kleinen Dienſt erweiſen konnte. Ich trat vor den Krieger und ſprach:„Das Loos ſoll nicht entſcheiden; ich gehe freywillig mit dir.“ Der Krieger ſah mich an, klopfte mir auf die Schulter, und ſprach erfreut:„Das iſt brav! Dein Muth, deine Groͤße und deine ganze Ge⸗ ſtalt gefallen mir. Mache dich alſo ſogleich reiſefertig, und komm mit mir.“ Unter dem Se⸗ gen des frommen Prieſters und den Thraͤnen und Segenswuͤnſchen der ganzen Gemeinde zog ich mit dem Krieger fort.“ „Was dieſe einfaͤltigen Landleute, unter de⸗ nen ich bisher gelebt hatte, fuͤr vortreffliche Men⸗ ſchen ſind, und wie ſelig die Menſchen ſeyn koͤnn⸗ ten, wenn ſie Alle wahre Chriſten ſeyn wollten, das ſah ich erſt recht ein, als ich aus jenem gluͤck⸗ ——— — 130— lichen Thale herauskam in die weite Welt. O welch einen Unterſchied fand ich da! Dort in je⸗ nen friedlichen Huͤtten ſind die Laſter, die in der Welt taͤglich vorkommen, etwas ganz Unerhoͤrtes. Die redlichen Seelen wiſſen gar nichts von Liſt und Betrug. Man hat nicht noͤthig, die Haus⸗ thuͤren mit Schloß und Riegeln zu verwahren; jedermann iſt ſicher vor Diebſtahl. Nie ſah ich dort einen Betrunkenen; nie hoͤrte ich ein Fluch⸗ wort, eine Laͤſterung, oder nur die geringſte un⸗ anſtaͤndige Rede. Die Juͤnglinge ſind beſcheiden und ehrerbietig gegen das Alter, und von rei⸗ nen, untadelichen Sitten; die Jungfrauen lieb⸗ liche Bilder der Unſchuld, der Sanftmuth und Demuth. Man weiß dort gar nicht, wie boͤs und laſterhaft die uͤbrige Welt ſey. Ich wußte es auch nicht; und da ich nun unter andere Menſchen kam, erſchien mir das Laſter als etwas, das der menſchlichen Natur ganz und gar ente⸗ gegen iſt, und ſie entſtellt. Ich konnte das La⸗ ſter fuͤr nichts anders anſehen, als fuͤr eine ab⸗ ſcheuliche Krankheit der Seele, die, nachdem ſie auch den Leib ſiech und krank und fruͤher dem Tode reif gemacht, der Seele endlich den ewigen Tod bringt.““ „Beſonders bemerkte ich auf meinem weiten Zuge hieher oft mit Schmerzen, wie fehlerhaft die Erziehung der Kinder beſtellt ſey. Ich kam in manches reiche Haus und ſah da, wie Aeltern und Geſinde gleichſam wetteiferten, die Kinder zu verderben. Man ſchmeichelte den erwachenden Leidenſchaften der armen Kleinen; jedermann im — 137— Hauſe mußte ihrem thoͤrichten Eigenſinne zu Ge⸗ bot ſtehen; die Kinder durften bey Gaſtmahlen und Taͤnzen der Erwachſenen zugegen ſeyn, wo ſie Manches ſahen und hoͤrten, das ihnen nicht gut war. Ich zweifle zwar nicht, daß unſre ge⸗ liebten Aeltern mir und meinem Bruder eine beſ⸗ ſere Erziehung gegeben haͤtten. Allein wenn ich jene verzaͤrtelten Kinder anſah, ſo dachte ich gar oft, es waͤre in der That gut, wenn ein ſolches armes Kind reicher Aeltern von einem Loͤwen oder Wolfe ſo unverſehrt wie ich, unter arme Land⸗ leute verſetzt, und da auf dem Lande, der Na⸗ tur gemaͤßer erzogen, und, um an Seele und Leib geſund zu bleiben, an das Bethen und Arbeiten gewoͤhnt wuͤrde.“ „Wie es mir nun weiter ergangen, iſt mei⸗ nem lieben Vater und meinem lieben Bruder be⸗ kannt; jedoch muß ich noch Einiges erwaͤhnen, was unſrer geliebten Mutter noch unbekannt iſt. Als ich unter einer großen Anzahl junger Mann⸗ ſchaft bey dem Kriegsheere angekommen war, kam der Feldherr herbey, uns zu muſtern, und waͤhl⸗ te mich ſogleich zu einem ſeiner Satelliten aus. Ach, wie haͤtte ich damals denken koͤnnen, der Feldherr ſey mein Vater! Ich wußte zwar wohl, der Feldherr heiße Plazidus. Allein, daß dieß der Name meines Vaters ſey, wußte ich nicht z ich erinnerte mich aus meiner Kindheit blos, daß unſere Mutter den Vater nur immer lieber Eu⸗ ſtachius nannte. In den taͤglichen kleinen Gefech⸗ ten, die vor der großen, entſcheidenden Schlacht — 158— vorfielen, war ich immer ſehr gluͤcklich, und wurde, da einſt der Hauptmann unſrer Schaar von ei⸗ nem Pfeile durchbohrt worden, von dem Feld⸗ herrn zum Hauptmanne ernannt. Mein Bruder war mit einem andern Zuge neuausgehobener Mannſchaft angekommen. Auch er wurde von 3 dem Feldherrn zu einem Satelliten auserkohren, aber einer andern Schaar zugetheilt; auch er 4 ſchwang ſich, wie ich, ſehr bald zum Hauptman⸗ ne empor. Als Hauptleute lernten wir uns 3 bald von Angeſicht kennen; aber wie haͤtte uns einfallen koͤnnen, wir ſeyen leibliche Bruͤder! Wir ſprachen uns auch oͤfter, aber blos im Dien⸗ ſte, und uͤber Kriegsangelegenheiten. Erſt an dem heutigen ruhigen Tage, nach erkaͤmpftem Frieden, ward mir die Veranlaſſung, die Ge⸗ ſchichte meiner Kindheit zu erzaͤhlen, und ſo, oh⸗ ne es ſelbſt zu wiſſen, das Geheimniß zu offen⸗ baren, daß wir Bruͤder ſeyen.“ „Weiſe und wunderbar hat Gottes heilige Vorſehung unſer Aller Wiederfinden und Wieder⸗ erkennen herbeygefuͤhrt. O welche Freude war es fuͤr uns Juͤnglinge, die wir uns laͤngſt kannten und ſchaͤtzten, uns nun als Bruͤder zu erkennen; welches Entzuͤcken in dem ſiegreichen Feldherrn, der heute ſeine Lorbeeren mit uns getheilt hatte, einen liebevollen Vater zu erblicken; welche Se⸗ ligkeit, als der eben erkannte Vater uns der noch unbekannten liebenden Mutter zufuͤhrte! Wir koͤnnen in Wahrheit ſagen:„Das iſt ein Tag, den uns der Herr bereitet hat; laßt uns ihn feyern mit Freude und Jubelgeſang!“ . — 139— Sechzehntes Kapitel. Der junge Hirt. „Meine Geſchichte, ſprach hierauf Theopiſtus, iſt der Geſchichte meines Bruders ſehr aͤhnlich; ich kann alſo etwas kuͤrzer ſeyn.“⸗ „Wie der Wolf mich fort trug, hat der Va⸗ ter noch geſehen. Zwey wackere Maͤnner jagten mich dem Thiere ab. Sie waren zwey Hirten, die in dem waldigen Gebirge einen Widder ſuch⸗ ten, der ſich von der Heerde verirrt hatte. Da hoͤrten ſie ploͤtzlich das Geſchrey eines Kindes. Sie ſprangen hin, und erblickten den Wolf, der ſcheu und fluͤchtig, wie ein Raͤuber, mit mir zu entrinnen ſuchte. Sie hatten einen großen zot⸗ tigen Hund bey ſich, der an Muth und Staͤrke einem Wolfe wenig nachgab. Der Hund ſtuͤrzte, von den Maͤnnern angehetzt, ſogleich wuͤthend auf den Wolf zu, und packte ihn im Genicke. Der Wolf ließ mich los, und wehrte ſich ſeiner Haut. Die Maͤnner kamen mit Spießen bewaffnet nach, und erlegten den Wolf. Hierauf ſahen ſie ſich nach mir um. Der Wolf hatte mich nur bey meinem Kleide gepackt und fortgeſchleppt, und mich deßhalb nicht verletzt. Als ſie daher an mir weder Blut noch Wunden fanden, waren ſie ſehr erfreut, und dankten Gott.“ „Einer der zwey Hirten nahm mich auf den Arm, und trug mich mit ſich fort in ſein Haus. Er fragte mich zu Hauſe, als ich mich von dem * Schrecken erholt hatte, und wieder reden konnte, — 140— wie ich in den Wald gekommen ſey. Ich erzaͤhl⸗ te ihm, wie es uns ergangen und wie ein Loͤ⸗ we meinen Bruder, ſo wie der Wolf mich, un⸗ ſerm Vater geraubt habe, und wie der gute Va⸗ ter dort am Fluße einſam zuruͤck geblieben ſey! Allein der Hirt hielt es fuͤr uͤberfluͤßig, den Va⸗ ter aufzuſuchen.„Ach, ſprach er, dein Vater wurde gewiß, gleich deinem Bruder, von einem Loͤwen, von Woͤlfen, oder andern Raubthieren aufgefreſſen. Jene Gegend am Fluſſe iſt ſo zu ſagen ihr Sammelplatz, und ein Mann ohne andere Waffen, als einen Baumaſt, kann ſich ih⸗ rer unmoͤglich erwehren.““ „Der Hirt, der mich zu ſich genommen hat⸗ te, und mir die Geſchichte meiner Errettung in der Folge wohl hundertmal erzaͤhlte, war ein Chriſt, und ein ſehr frommer, rechtſchaffener Mann; ſeine Hausfrau war eine eben ſo fromme, redli⸗ che Seele. Beyde hatten großes Mitleid mit mir, und als ich ihnen meinen Namen Theopiſtus, an Gottglaͤubig, oder Gottgetreu, nannte, hatten ſie eine große Freude, weil ſie daraus er⸗ kannten, daß ich ein Chriſtenkind ſey. Sie be⸗ ſchloſſen einmuͤthig, mich mit ihrem kleinen Soh⸗ ne, der von meinem Alter war, zu erziehen, und ſie waren immer ſo liebreich und freundlich ge⸗ gen mich, wie gegen ihr eigenes Kind⸗“ „Es wohnten mehrere Hirten zerſtreut im Ge⸗ birge umher, die zuſammen eine chriſtliche Ge⸗ meinde ausmachten. Auch hieher waren zur Zeit der Verfolgung einige chriſtliche Lehrer gekommen, 4 * ————ę—ꝭ—᷑—᷑—ꝛꝛ–ͦ˖—·—— — 141— und einer derſelben war hier geblieben, um die⸗ ſer chriſtlichen Gemeinde als Prieſter vorzuſtehen. Er unterrichtete uns Kinder mit unbeſchreiblicher Liebe und Treue in der chriſtlichen Religion, und lehrte uns auch ſonſt noch Manches, was gut und nuͤtzlich war. Meine Erziehung war alſo in der Hauptſache ſo, wie die meines Bruders Agapius, beſchaffen und ich will mich nicht damit aufhal⸗ ten, ſie ausfuͤhrlich zu beſchreiben.“ „Der Hirt, der mich mit ſeinem Sohne er⸗ zog, hatte eine ſehr zahlreiche Schafheerde. Als wir zwey Knaben nun heranwuchſen, mußten wir mit ihm die Schafe huͤten; als wir aber erwach⸗ ſen, und ſtark und gewandt genug waren, die Heerde gegen wilde Thiere zu vertheidigen, blieb er Alters halber manchen Tag zu Hauſe, und uͤber⸗ ließ die Aufſicht uͤber die Heerde uns zwey Juͤng⸗ lingen. Eines Tages trieben wir nun unſre Scha⸗ ſe weit hinein in das Gebirg. Wir zuͤndeten auf den Abend ein luſtiges Feuer an, theils um unſer Abendeſſen zu bereiten, theils um die wilden Thiere, die das Feuer ſcheuen, von der Heerde abzuhalten. Wie wir nun unter vertrau⸗ lichen Geſpraͤchen bey dem Feuer ſo da ſaßen, und es bereits ſehr dunkel war, ſprang der gro⸗ ße Hund, der zu unſern Fuͤßen lag, ploͤtzlich auf, und fing an heftig zu bellen. Es war noch der naͤmliche Hund, der einſt den Wolf ſo tapfer ge⸗ packt hatte. Er war nunmehr ſehr alt; allein we⸗ gen ſeiner Treue genoß er noch das Gnadenbrod. Auch die uͤbrigen Hunde wurden wach, und er⸗ 1 — 142— hoben ein lautes Gebell. Wir vermutheten die Annaͤherung eines Wolfes, ſtanden auf und griffen nach unſern Spießen; allein zu unſerm Erſtaunen ſahen wir im Glanze unſers Hirten⸗ feuers einen bewaffneten Krieger auf uns zuſchrei⸗ ten. Das war eine ſeltene Erſcheinung in die⸗ ſen friedlichen Bergen. Mein Pflegevater beglei⸗ tete den Kriegsmann, und ſah ſehr beſtuͤrzt und traurig aus. Wir zwey Juͤnglinge konnten uns gar nicht vorſtellen, was das zu bedeuten habe; wir wurden es aber ſogleich inne.“— „Auch unſre Gemeinde mußte einen Mann ins Feld ſtellen. Der Kriegsmann hatte bereits dieſen Nachmittag die ſtreitbare Juͤnglinge nebſt ihren Vaͤtern, unter der großen Eiche, unter der die Gemeinde gewoͤhnlich zuſammen kam, ver⸗ ſammelt, und befohlen, das Loos zu ziehen. Der alte Hirt hatte fuͤr ſeinen Sohn ziehen muͤſſen, weil der Kriegsmann ſehr eilig war, und es fuͤr zu weitlaͤufig hielt, den Sohn erſt herbey zu ru⸗ fen. Das Loos hatte den Sohn getroffen, und der Krieger kam nun, ihn ſogleich mit ſich fort zu nehmen.“ *„Der gute Juͤngling ward, als er das hoͤr⸗ te, todtenbleich, und dem alten Vater ſtanden die Thraͤnen in den Augen. Allein ich ſprach zu dem Krieger:„Nimm dieſen nicht, nimm mich! Ich habe mehr Luſt, Soldat zu ſeyn, als dieſer hier. Als ich deinen Helm und deine Lanzenſpitze, im Glanze des Feuers da, blinken ſah, lachte mir das Herz. Mein Vater war auch Soldat, und ————᷑——— ———— — 145— hatte auch Helm und Lanze zu Hauſe. Ich ge⸗ he ſogleich ſtatt meines jungen Freundes hier mit dir!“ Das gefiel dem Soldaten ſehr.„Aha, ſagte er lachend; Art laͤßt nicht von Art. Man ſinge dem jungen Loͤwen vor, er wird doch bruͤl⸗ len. Komm alſo gleich mit mir. Du, muthi⸗ ger Burſche, biſt mir lieber, als der bleiche, zitternde Junge da.“ „Mein Pflegevater und ſein Sohn brachen in Thraͤnen aus, und prieſen meine Großmuth. „Das iſt eine edle That, ſprach der alte Hirt, daß du fuͤr einen Andern in den Krieg ziehen willſt.“ Ich aber ſprach:„Es iſt nicht mehr, als meine Schuldigkeit, daß ich fuͤr ihn gehe; ich bin dir fuͤr das, was du an mir gethan haſt, noch viel groͤßern Dank ſchuldig. Denn du haſt mir das Leben gerettet, und mich erzogen. Wenn ich auch im Felde umkomme, und ſo fuͤr deinen Sohn, der mir ein zweyter Bruder iſt, das Le⸗ ben gebe, ſo ſey das der Dank fuͤr das gute Werk, das du an mir gethan haſt. Auch geziemt es ſich ja fuͤr Chriſten, daß einer fuͤr den andern das Le⸗ ben gebe, ſo wie Chriſtus ſein Leben fuͤr uns alle gegeben hat.“ „Der alte Mann ſagte weinend:„Nun, ſo zieh den hin, mein Sohn! Gott hat dir dieſen Muth in dein Herz gelegt. Werde wie einſt Da⸗ vid, den Gott auch von der Schafheerde hinweg ins Feld rief, ein Kriegsheld, und bleibe dabey ein frommer, gottesfuͤrchtiger Mann, wie David. Vielleicht iſt es dein Gluͤck, daß du jetzt den — 13a4.— Hirtenſtab mit dem Spieße vertauſcheſt; ja mir geht es vor, dein edelmuͤthiger Entſchluß werde dir zum Segen gereichen, und Gott werde dir deine edle Handlung belohnen. Er wolle dein Schild ſeyn, und dich aus allen Gefahren, de⸗ nen du jetzt entgegen geheſt, erretten.“ Er ſeg⸗ nete mich, und ich ging mit dem Krieger.“ „Der wackere Hirt hatte auch vollkommen Recht, und ſein Wort traf zu. Nein Entſchluß, anſtatt meines jugendlichen Freundes in das Feld zu ziehen, war mein groͤßtes Gluͤck; ſo wie auch meinem Bruder ſein Entſchluß, fuͤr Andere in das Feld zu ziehen, zum Segen gereichte. Gott fuͤhrte uns junge Krieger hieher, wo wir einander als Bruͤder er⸗ kannt, und noch dazu Vater und Mutter gefunden haben. Er hat uns den kleinen Liebesdienſt reich⸗ lich vergolten. Ihm ſey Lob, Preis und Dank!“ Siebenzehntes Kapitel. Die Sklavin. Theopiſta, die Mutter, blickte mit Augen voll Thraͤnen zum Himmel⸗ und ſprach:„Ja, dem treuen barmherzigen Gott ſey Ehre, Lob und Dank, daß Er euch, meine liebſten Kinder, ſo wunderbar errettet, und bis auf dieſe Stunde ſo gnaͤdig fuͤr euch geſorgt hat. Doch hoͤret nun auch meine Geſchichte, in der Gottes zaͤrtliche Vatergute, mit der Er auch mich errettete, und fuͤr mich ſorgte, ſich eben ſo ſehr verherrlichet.“ „Noch ſind mir, ſing ſie jetzt ihre Erzaͤhlung —— — 145— an, die ſchrecklichen Augenblicke in friſchem An⸗ denken, da jener unmenſchliche Schiffer dich, lieb⸗ ſter Gemahl, und meine geliebteſten Soͤhne an ein oͤdes, unbewohntes Land auszuſetzen befahl, und mich mit roher Gewalt dir aus den Armen riß, und auf dem Schiffe zuruͤck behielt. Nach⸗ dem ich mich aus meiner Ohnmacht erholt hatte, und wieder zu mir ſelbſt gekommen war, warf der gottloſe Mohr, deſſen Abgott das Geld und deſſen Himmel niedere Erdenluſt war, ſich vor mir auf die Knie, bat mir die gegen dich und meine Kinder begangene Gewaltthat ab, und entſchuldigte ſie mit der heftigen Leidenſchaft, die er zu mir gefaßt habe.“ „Wie magſt du, ſprach er, noch jenem Manne anhaͤngen! Er iſt ja ein Bettler; ich aber bin reich. Ich habe eine Menge Gold, Perlen und Edelſteine; davon ſollſt du dir zu deinem Schmucke auswaͤhlen, ſo viel du nur immer willſt. Ich will dich in Purpur kleiden, und was es an koͤſtlichen Speiſen und Getraͤnken nur immer ge⸗ ben kann, das ſollſt du alles im Ueberfluß ha⸗ ben. Zehn ſchwarze Sklavinnen ſollen dich be⸗ dienen— du aber ſollſt die Koͤnigin meines Her⸗ zens ſeyn. Kannſt du dir nun etwas Herrliche⸗ res denken? Reiche mir alſo deine Hand, und ſchlage ein!“ Ich wies ſeinen Antrag, wie es ſich verſteht, mit dem groͤßten Abſcheu zuruͤck. Er aber quaͤlte mich zwey Tage lang unausgeſetzt, bald mit Schmeicheleyen, bald mit Drohungen⸗ um mich zu einer unerlaubten Verhindung mit 10 3 — 1àA46— ihm zu bewegen.„Ich will dich ja heirathen, ſagte er; das iſt ein Gluͤck fuͤr dich, das gar nicht groͤßer ſeyn koͤnnte. Ich kann gar nicht be⸗ greifen, wie du ſo unſinnig ſeyn kannſt, es zu verſchmaͤhen.“ „Am Morgen des dritten Tages trat er wie⸗ der vor mich, und erkundigte ſich ſehr freundlich⸗ wie ich mich befinde, und ob ich mich noch nicht eines Beßern beſonnen habe. Da er aber ſogleich aus meinen naſſen Blicken und aus allen mei⸗ nen Geſichtszuͤgen erkannte, wie verhaßt mir ſeine Zumuthungen ſeyen, ſo ſprach er trotzig:„Nun bin ich deines ewigen Weinens und Weigerns ſatt; auch habe ich gar nicht noͤthig, dir zu ſchmeicheln oder dich blos mit eitelm Drohen zu ſchrecken. Der heutige Tag ſey dir noch zur Be⸗ denkzeit geſchenkt; auch ſollſt du vor Abends mein Angeſicht nicht mehr ſehen. Sobald aber die Sonne untergehen wird, erwarte ich eine guͤnſtige Erklaͤ⸗ rung.“ Er warf mir, ſchaͤumend vor Wuth, noch einen zornigen Blick zu, verließ mich unter den furchtbarſten Drohungen, begab ſich in das be⸗ ſondere Wohnzimmer, das er auf dem Schiffe hatte, und ſchlug die Thuͤre maͤchtig hinter ſich zu.“ „Es war mir immerhin ein kleiner Troſt, we⸗ nigſtens dieſen Tag hindurch vor ihm Ruhe zu haben. Ich ſetzte mich in einen Winkel des Schif⸗ fes, huͤllte mich in meinen Schleyer, und flehte mit heißen Thraͤnen zu Gott, Er wolle die dro⸗ hende Gefahr von mir abwenden. So ging der Tag voruͤber. Die Sonne ging unter— ihre —— —— —— — 142— letzten Strahlen waren bereits in dem Meere er⸗ loſchen— allein der gefuͤrchtete Schiffsherr kam nicht zum Vorſchein. Indeß bemerkte ich an den Schiffsknechten Unruhe und Beſtuͤrzung. Es ſtan⸗ den bald da, bald dort zwey oder drey mit be⸗ denklichen Mienen beyſammen, redeten heimlich mit einander, zuͤckten die Achſeln, und ſchuͤttel⸗ ten die Koͤpfe. Ich wußte nicht, was dieſes zu bedeuten habe; doch fiel ein Strahl von Hoff⸗ nung in mein Herz. Endlich vernahm ich, der Schiffsherr ſey ploͤtzlich von einem heftigen Fie⸗ ber ergriffen worden, und es ſtehe mit ihm ſehr ſchlecht. Wirklich ſah er auch die Sonne nicht mehr aufgehen; nach einigen Stunden war er eine Leiche. Ich betrachtete dieſen ſchnellen Tod als eine augenſcheinliche Strafe ſeiner ſchlechten Ge⸗ ſinnungen, und dankte Gott fuͤr meine Errettung.“ „Die Schiffsknechte ſchienen uͤber den Verluſt ihres Herrn ſehr beſtuͤrzt, und hoͤchſt aufgebracht uͤber mich. Sie nannten mich die Urheberin ſei⸗ ner Pein und ſeines Todes. Sie traten zuſam⸗ men, hielten Rath, und beſchloſſen, mich in die Sklaverey zu verkaufen.„So, ſagten ſie, koͤn⸗ nen wir den Tod unſers armen Herrn am beſten raͤchen; das erloͤste Geld aber wird das ſicherſte Mittel ſeyn, uns in unſrer großen Betruͤbniß zu troͤſten.“ Sie hielten es indeß nicht fuͤr rathſam, mich in die Seeſtadt hinzubringen, wohin ihr verſtorbener Herr hatte ſegeln wollen, und wo ſie und ihr Herr zu Hauſe waren. Sie fuhren einer andern Seeſtadt zu, wo ſie teine Nachfrage zu 10 — 148— fuͤrchten hatten, wie ſie zu dem Rechte gelangten, mich auf ihre eigene Rechnung als Sklavin zu verkaufen.“ „Wir kamen in dieſer Seeſtadt an, und die Schiffsknechte boten mich auf dem Sklavenmarkte fuͤr eine anſehnliche Summe Geldes zum Verkauf aus. Ein Sklavenhaͤndler befragte mich, was ich alles gelernt habe, um hiernach, wie er ſagte, zu beurtheilen, ob die Waare auch des Kaufprei⸗ ſes werth ſey. Ich war von meiner zarten Ju⸗ gend an in allen jenen weiblichen Arbeiten unter⸗ richtet worden, die von einer Roöͤmerin edler Ab⸗ kunft gefordert werden. Ich nannte dieſe Kuͤnſte; denn ich glaubte mit Recht, ſie koͤnnten dazu bey⸗ tragen, mein hartes Schickſal zu mildern. Der Sklavenhaͤndler hatte, wie ich nachher erfuhr, von einem reichen Handelshauſe Beſtellung, eine Sklavin, die in dieſen Arbeiten vorzuͤglich geſchickt waͤre, ausfindig zu machen. Er ſprach daher: „Wenn alles ſo iſt, wie du ſagſt, ſo biſt du den geforderten Preis werth; ſollte es ſich aber nicht ſo finden, ſo drehe ich dir den Hals um. Willſt du es auf dieſe Gefahr hin wagen?“ Ich blieb auf meiner Ausſage. Er zaͤhlte nun den geldgie⸗ rigen Schiffern das verlangte Geld auf ein Brett hin; ſie aber ſtrichen es hocherfreut ein, und kehr⸗ ten damit auf das Schiff zuruͤck.“ „Der Sklavenhaͤndler brachte mich auf ein kleines Zimmer, begegnete mir nicht ohne Ach⸗ tung, und ließ mir nichts Noͤthiges abgehen. Denn er ſchien mit ſeinem Handet ſehr zufrieden. —— 3 — 149— Nach wenigen Tagen ging ein Zug Kameele, alle ſchwer mit Waaren beladen, ab; auch ich, die gleich anderm Kaufmannsgut auf der Liſte ſtand, wurde auf ein Kameel geſetzt, und hieher gebracht in dieſe Stadt. Der Kaufmann, fuͤr den die ganze Ladung beſtimmt war, kam, ſobald die Kameele vor ſeinem Hauſe hielten, eilig heraus, las den Brief des Sklavenhaͤndlers, ſchuͤttelte den Kopf, und machte ein ſehr graͤmliches Geſicht. Er fand den Geldpreis, den man fuͤr mich for⸗ derte, zu hoch. Wirklich hatte auch der Skla⸗ venhaͤndler, wie ich ſpaͤter hoͤrte, dreymal mehr angeſetzt, als er fuͤr mich ausgelegt hatte. Der Kaufmann rief indeß einen Handlungsdiener, und ſprach zu ihm:„Sag meiner Frau, ſie ſoll dieſe Sklavin wohl pruͤfen. Wenn die angegebenen Geſchicklichkeiten ſich wirklich vorfinden ſollten, ſo ließe ſich das Geld mit einigen Prozenten Gewinn noch immer herausſchlagen; widrigen Falls aber ſchicke ich dieſe theure Waare mit den abgehen⸗ den Kameelen unverzuͤglich wieder zuruͤck.“ „Er wandte ſich verdruͤßlich von mir ab, und ging, die uͤbrige Ladung der Kameele zu muſtern. Der Handlungsdiener aber fuͤhrte mich in ein ſehr praͤchtiges Zimmer. Die Ehegattin des Kauf⸗ manns ſaß auf einem zierlichen Sopha, und auf dem Tiſche vor ihr lag eine Menge koſtbarer Per⸗ len, aus denen ſie die ſchoͤnſten und groͤßten ſorg⸗ faltig auslas, und an goldene Schnuͤre faßte. Sie war eine Frau von ſanfter, einnehmender Geſichtsbildung; ungeachtet der Pracht um ſie her⸗ — 150— war ſie ſehr einfach gekleidet, und voll Demuth und Beſcheidenheit. Sie ſchien uͤber meinen An⸗ blick verwundert, betrachtete mich eine Weile mit wehmuͤthigen Blicken, und that mit ſanfter Stim⸗ me einige Fragen an mich. Ich gewann im erſten Augenblicke Zutrauen zu ihr, beantwortete alle ihre Fragen ohne Bedenken, und verhehlte ihr nicht das Geringſte von der Wahrheit. Allein, ehe ich ausgeredet hatte, ſtand ſie ſchnell auf, eilte mit offenen Armen auf mich zu, fiel mir um den Hals, benetzte mein Angeſicht mit Thraͤnen, und nannte mich ihre geliebte Schweſter. Ich war anfangs daruͤber ſehr erſtaunt, aber mein Erſtaunen verwandelte ſich bald in eine große Freude. Sie war, wiewohl gegen den Willen ihres Mannes, eine Chriſtin, und hatte, da ſie aus meinen Reden vernommen, daß ich auch ei⸗ ne ſey, mich deßhalb Schweſter genannt.„O ſchon lange, ſprach ſie, habe ich zum Herrn ge⸗ fleht, mir eine chriſtliche Freundin zuzuſenden, deren ich in meiner Lage ſehr noͤthig habe. End⸗ lich hat er— Ihm ſey Lob, Preis und Ehre— mein Flehen erhoͤrt!“ „Sie hieß mich nun neben ſich auf das So⸗ pha ſitzen, und bat mich, ihr meine Geſchichte ausfuͤhrlich zu erzaͤhlen. Ich that es, und ſie hoͤrte mir unter Vergießung vieler Thraͤnen ſehr aufmerkſam zu. Eine unheſchreibliche Freude be⸗ zeigte ſie uͤber die wunderbare Weiſe, wie Gott dich, liebſter Gemahl, und auch mich zum Chri⸗ ſtenthume berufen hatte.„Meinen guten Aeltern —— und mir, ſprach ſie, ward das Evangelium ſchon vor mehreren Jahren geprediget, und mein Va⸗ ter, meine Mutter und ich wurden an Einem Ta⸗ ge getauft. Da meine Aeltern mit Purpur han⸗ delten, ſo ließen ſie mir, zum Andenken an jene Purpurhaͤndlerin, die durch Paulus zum Glau⸗ ben an Chriſtus gekommen, den Namen Lydia geben. Ich war damals ſchon beynahe ein Jahr verheirathet, und meine Aeltern hatten dieſes Haus hier nebſt einem großen Theil der Handlung mir und meinem Manne uͤberlaſſen. Mein Mann befand ſich aber damals, als wir getauft wur⸗ den, eben auf einer großen Geſchaͤftsreiſe. Als er zuruͤckkam und hoͤrte, wir ſeyen Chriſten ge⸗ worden, erſchrak er ſehr.„Ach, ſagte er, wißt ihr denn nicht, wie ſchrecklich die Chriſten uͤberall verfolgt werden? Ich habe auf meiner Reiſe viele auf eine bedauernswuͤrdige Art hinrichten ſehen. Auch wir ſtehen nun in Gefahr, unſer ganzes Vermoͤgen zu verlieren, und noch dazu das Leben.“ Er machte uns indeß Hoffnung, ſich ſelbſt tau⸗ fen zu laſſen— wenn es einmal ohne Gefahr geſchehen koͤnne.“ „Nicht lange nachher ſtarb mein Vater. Mein Mann, der nun die ganze Handlung allein zu fuͤhren hatte, entſchuldigte ſich jetzt immer, daß ſeine uͤberhaͤuften Geſchaͤfte ihm keine Zeit uͤbrig ließen, uͤber die chriſtliche Religion nachzudenken. Ach, er war nur darauf bedacht, ſich Schaͤtze fuͤr dieſe Erde zu ſammeln; allein um einen Schatz im Himmel war er unbekuͤmmert. Als nun auch 1 —— 152— hier in der Stadt die Verfolgung der Chriſten ausbrach, und einige auf eine ſchauerliche Art zu Tode gefoltert wurden, war er vor Schrecken faſt außer ſich. Er zitterte, wenn meine Mutter oder ich den Namen Chriſtus nur nannten. Er verbot es uns aufs ſtrengſte, dem Gottesdienſte der Chriſten, den ſie heimlich noch hie und da hielten, beyzuwohnen; ja er gab es nicht ein⸗ mal zu, daß wir die chriſtlichen Frauen in der Stadt beſuchten oder Beſuche von ihnen annah⸗ men. Meine Mutter und ich waren daruͤber ſehr betruͤbt, und weinten im Stillen oft heiße Thraͤ⸗ nen. Vor drey Monaten ward nun dieſe meine Mutter heim gerufen in unſer himmliſches Va⸗ terland, und ließ mich allein und von allen chriſt⸗ lichen Freunden und Freundinnen getrennt, in tiefer Betruͤbniß zuruͤck. Und du kannſt dir nun, ſagte ſie unter einem Strome von Thraͤnen, wohl denken, welch ein Troſt es mir ſeyn muß, in dir eine chriſtliche Schweſter zu finden. Zwar vor der Welt und vor meinem Manne muß ich deine gebietende Frau, und du mußt meine Sklavin bleiben. Allein unter vier Augen ſind wir Schwe⸗ ſtern; ja ich gebe dir, als einer weiſern chriſt⸗ lichen Freundin, willig den Vorzug.“ „,Sie ſtellte mir nun ihre Kinder, zwey kleine liebliche Maͤdchen vor, und zeigte mir auch ihr kleinſtes Kind, ein ſchoͤnes Knaͤblein, das noch in der Wiege lag.„Dieſe meine Kinder mußt du mir dem Himmel erziehen helfen, ſprach ſie. Dieſe Perlen ſind mir koͤſtlicher, als jene Perlen — 1 8 1 „ — 153— dort auf dem Tiſche und als alle Schaͤtze mei⸗ nes Mannes.“ „Lydia redete hierauf mit mir von den Kunſt⸗ arbeiten, wegen deren ihr. Mann mich gekauft hatte. Ihr vorzuͤglichſtes Geſchaͤft, außer der Auf⸗ ſicht uͤber die Haushaltung, war, Purpur, Byſ⸗ ſus und koſtbaren Schmuck fuͤr Frauen zu pruͤ⸗ fen, zu ordnen, und zum Verkaufe herzurichten; auch mußte ſie den Sklavinnen, die unausgeſetzt bunte Zeuge webten oder in Gold und Seide ſtickten, die Muſter und Zeichnungen vorlegen und fleißig nachſehen, ob die Vorlagen auch rich⸗ tig ausgefuͤhrt wuͤrden. Sie holte mehrere Zeich⸗ nungen zu Stickereyen herbey, und ließ mir die Wahl, was fuͤr eine ich in Arbeit nehmen wolle. Ich waͤhlte diejenige, die mir am meiſten geſiel, die aber auch die ſchwerſte war, und mit Gold in Purpur geſtickt werden ſollte. Ach, ich hatte nie gedacht, mit einer Kunſt, die ich nur zu mei⸗ nem Vergnuͤgen trieb, mir noch einſt das taͤgliche Brod verdienen zu muͤſſen. Indeß fand ich, daß es ſehr gut iſt, wenn man in der Jugend etwas gelernt hat. Als der Kaufmann nach einigen Stunden kam, um zu ſehen, wie meine Probe⸗ arbeit ausfalle, war er mit meiner Geſchicklichkeit und noch beſonders mit meiner Schnelligkeit im Arbeiten hoͤchſt zufrieden, und ertheilte mir einen Lobſpruch, der in ſeinem Munde nicht wenig ſa⸗ gen wollte.„Nun, ſprach er, das viele Geld, das ich fuͤr dich auslegen muß, iſt nicht wegge⸗ worfen.“ — 154— „Ich mußte aber nunmehr, von Morgens fruͤhe bis ſpaͤt in die Nacht, unaufhoͤrlich ar⸗ beiten, und fing an von dem blendenden Glanze des Purpurs und Goldes an den Augen zu leiden. Lydia bat ihren Mann lange vergebens, mir des Tags einige Freyſtunden zu ſchenken. In⸗ deß nahm ſie mich einmal mit in den Garten. Einige fremde Gewaͤchſe hatten ein ſehr duͤrfti⸗ ges Ausſehen. Ich ſagte ihr, wie man ſie be⸗ handeln muͤſſe, und wie man uͤberhaupt den gan⸗ zen Garten, der zu uͤberladen war, ſehr verſchoͤ⸗ nern und dabey noch Vieles erſparen koͤnnre. Ly⸗ dia erzaͤhlte dieß ſogleich ihrem Manne und wußte es dahin zu bringen, daß er mir die Aufſicht uͤber den Garten uͤbertrug.„Die Stunden, ſagte er, die ſie darauf verwendet, ſind dann doch nicht ganz verloren, und kommen ins wieder zu gut.“ Ich nahm mich des Gartens an, verpflegte die fremden Gewaͤchſe, und ſie erholten ſich bald und gediehen herrlich. Auch die vorgeſchlagene Ver⸗ anderung im Garten wurde vorgenommen und fand bey allen Fremden und Handelsfreunden, die den Garten beſuchten, den vollkommenſten Bey⸗ fall.„Was gut ins Auge faͤllt, ſagte der Kauf⸗ mann, und nicht viel koſtet, iſt immer das Beſte. Die Sklavin Theopiſta mag den Garten ferner beſorgen.“ Das Paar Stunden, die ich nun mit Lydia taͤglich im Garten zubringen durfte, waren meine einzige Erholung.“ „Der ſchlaue Kaufherr hatte bald entdeckt, daß ich eine Chriſtin ſey. Er ließ ſich aber nichts — 155— davon merken. Nur ſagte er zu Zeiten:„Die Chriſtenſkaven ſind die treueſten, die willigſten, die fleißigſten von allen; allein fuͤr den Kauf⸗ mann ſind ſie doch eine gefaͤhrliche Waare. Denn wenn ſie nun den wilden Thieren vorgeworfen oder verbrannt werden, wer erſetzt ihm das Ka⸗ pital, das er fuͤr ſie auslegte?“ Lydia hoffte in⸗ deß immer, er werde ſich noch zum Chriſtenthume bekehren.„Ach, ſagte ſie oͤfter, dann waͤre un⸗ ſere Ehe erſt vollkommen gluͤcklich; dann wuͤrde unſer Haus eine Wohnung des Himmels werden.“ „Einſt war Lydia gefaͤhrlich krank; alle im Hauſe, ja ſie ſelbſt, glaubten, ſie werde ſter⸗ ben. Da ließ ſie ihren Mann bitten, an ihr Sterbebett zu kommen. Dieß fiel ihm ſehr ſchwer; denn er hat, wie alle blos irdiſchgeſinnte Men⸗ ſchen, eine ganz entſetzliche Furcht vor dem Tode. Indeß kam er, und trat ſcheu und mit allen Zeichen des Schreckens an ihr Bett. Er war nicht wenig erſtaunt, ſie ſo heiter und froͤhlich zu ſehen. Er konnte gar nicht begreifen, daß ſie den Tod fuͤr etwas Erfreuliches anſehen koͤnne. Er bezeigte ihr ſeine Verwunderung. Sie aber ſprach:„O liebſter Mann! Meine Freudigkeit im Tode kommt daher, daß ich eine Chriſtin bin. Ach wie ſehr wuͤnſchte ich, daß auch du ein Chriſt ſeyn moͤchteſt! Was wir von Guͤtern dieſer Welt haben, muß ich jetzt verlaſſen, und du mußt es einſt, vielleicht bald, auch verlaſſen. Ich weiß es gewiß, daß in jener Welt beſſere Schaͤtze auf mich warten; moͤchteſt du die dieſe Ueberzeugung⸗ — 156— zu der jeder Menſch durch Glauben an Chriſtus, durch Sinnesaͤnderung und wahre Buße gelan⸗ gen kann, doch auch verſchaffen! Ich bitte dich, thu es doch!“ „Und dann noch eine Bitte! ſprach ſie, indem ſie auf ihre drey Kinder blickte, die weinend und ſchluchzend an ihrem Bette ſtanden. Dieſe unſre Kinder habe ich bisher, waͤhrend du in deinem Arbeitszimmer oder in deinen Waarengewoͤlben beſchaͤftigt wareſt, im Glauben der Chriſten er⸗ zogen. Ich weiß es, dieſer Glaube iſt das koſt⸗ barſte Kleinod, das ich ihnen hinterlaſſen kann. Ach, ſuche es ihnen nicht zu nehmen! Theo⸗ piſta, meine Freundin, iſt eine Chriſtin, wie ich. Sie war immer die zweyte Mutter meiner Kin⸗ der und wird es auch ferner ſeyn. Laß ihnen, da ich jetzt dahin ſcheide, dieſe ihre treue Er⸗ zieherin. O verſprich mir dieſes, und ich ſterbe freudig.“ Die Heiterkeit der todtkranken Mutter, ihre Ruhe, ihre liebevolle Beſorgniß fuͤr ihre Kinder machten großen Eindruckauf den Mann. Er verſprach ihre letzte Bitte zu er uͤllen, und ſchied weinend von ihr. Indeß wurde Lydia wieder geſund. Der Eindruck aber, den ihr Anblick und ihre Reden auf den Mann gemacht hatten, erloſch nie mehr ganz in ſeinem Herzen. Er ſchien nun dem Chriſtenthume geneigter; er hoͤrte oͤfterzu, wenn Lydia und ich davon redeten. Und als nun durch die Gnade des Kaiſers die Verfolgungen der Chriſten in unſrer Stadt aufhoͤrten, geſtattete er ſogar, daß Lydia den chriſtlichen Gottesdienſt beſuchen, und daß ich ſie begleiten durfte, was uns beyden große Freude machte.“ „Von dieſer Zeit an, da die Verfolgung der Chriſten eingeſtellt wurde, ging in unſrer ganzen Stadt eine bedeutende Veraͤnderung vor. Eine große Anzahl Maͤnner und Frauen, worunter meh⸗ rere ſehr anſehnliche waren, bekannten ſich nun oͤffentlich zum Chriſtenthume; eine noch groͤßere Zahl fing an, durch dieſes Beyſpiel erweckt, die Lehrer der Chriſten zu hoͤren, und wurden auch glaͤubig. Ihre Bekehrung blieb auch nicht ohne Fruͤchte, und brachte großen Segen uͤber dieſe Stadt. Unter Anderm wurden nun die armen, geplagten Sklaven, ſie mochten Chriſten ſeyn oder nicht, menſchlicher behandelt. Ja mehrere Kauf⸗ leute und vermoͤgliche Gutsbeſitzer ſchenkten ihren chriſtlichen Sklaben die Freyheit. Allein dazu war unſer Kaufherr, ſo ſehr ihn auch Lydia bat, we⸗ nigſtens mich frey zu laſſen, noch nicht zu be⸗ wegen. Er verſprach es zwar oͤfter, verſchob es aber immer von einer Zeit auf die andere. Durch all ihr Bitten konnte ſie ihn nicht einmal da⸗ hin bringen, daß ich die Sklavenkleidung able⸗ gen und mich ihr aͤhnlich kleiden duͤrfe. Er ſcheint zu fuͤrchten, wenn ich nicht durch mein Kleid als Sklavin bezeichnet waͤre, koͤnnte ich leicht ent⸗ fliehen, und ihm koͤnnte ſo der Gewinn von mei⸗ nen Arbeiten entgehen. Auch hat er ſich noch nicht taufen laſſen. Immer hat er zuvor noch ein wich⸗ tiges Handelsgeſchaͤft zu beendigen, und ehe er dieſes zu Ende gebracht hat, ſieht er ſich ſchon — 158— wieder in ein anderes, noch wichtigeres verwickelt. So ſchwer iſt es, nach dem Ausſpruche des Er⸗ loͤſers, fuͤr einen geldgierigen Reichen in das Him⸗ melreich einzugehen. Obwohl mir uͤbrigens die Kargheit des Mannes manche truͤbe Stunde mach⸗ te, ſo habe ich der Freundſchaft der edlen Lydia doch unzaͤhlige frohe Stunden zu danken. Nur dem Anſcheine nach war ich in ihrem Hauſe eine arme Sklavin, die das Loos der Dienſtbarkeit beſchwert; in der That aber lebte ich zufrieden im Herrn, und nicht ohne Segen fuͤr meine Mit⸗ menſchen!“ Als Theopiſta ihre Erzaͤhlung geendet hatte, erzaͤhlte nun auch Euſtachius die merkwuͤrdigſten Begebenheiten ſeines Lebens und ſprach hierauf: „Unſere Geſchichte, liebſte Gemahlin, und die Geſchichte unſrer Soͤhne iſt ganz ein Werk der goͤttlichen Vorſehung, ein Wunder ſeiner Erbar⸗ mungen!“ „Wie klar erkenne ich jetzt die Fuͤhrungen Got⸗ tes in unſerm Leben, die mir vorhin ſo dunkel waren! Dort in der Wildniß troͤſtete ich mich zum Beyſpiele mit den Worten, daß derjenige, der auf Gott vertraut, den offenen Rachen des Loͤwen nicht zu fuͤrchten habe— und dennoch wur⸗ den meine beyden Soͤhne ſogleich darauf von ei⸗ nem Loͤwen und einem andern wilden Thiere ge⸗ raubt! Das war mir unbegreiflich. Allein hat Gott nicht mich ſelbſt vor dem Loͤwenrachen ge⸗ ſchuͤtzt, und hat Er, was noch mehr iſt, nicht meine Kinder aus dem Rachen der wilden Thiere wunderbar errettet? Und hatte Gott, indem Er mir ſie rauben ließ, nicht dabey, ſo wie bey Allem, was uns begegnete, die weiſeſten und liebevoll⸗ ſten Abſichten? Ach wenn wir im ruhigen Beſitze unſrer Reichthuͤmer und in unſrer Verbindung mit der großen Welt geblieben waͤren, wenn in un⸗ ſerm Hauſe, wie das fruͤherhin geſchah, immer eine vornehme Geſellſchaft die andere verdraͤngt haͤtte, wenn ſogar unſre Erholungen, zum Bey⸗ ſpiele meine Jagden, wieder neue Erholungen noͤthig gemacht haͤtten— wie bald haͤtten wir wie⸗ der in das alte Weſen zuruͤck ſinken, und von wahren Chriſten nichts, als den Namen uͤbrig behalten koͤnnen? Auch die Erziehung der Kinder iſt in einem reichen Hauſe, in dem die große Welt ſo zu ſagen zu Hauſe iſt, vielen Gefahren ausge⸗ ſetzt, und wir haͤtten unſre Soͤhne wohl nicht ſo gut, als wir wuͤnſchten, erziehen koͤnnen! Allein Gott fuͤgte es anders und beſſer. Er entzog uns unſre Guͤter, unſre vornehmen Freunde, die Gunſt des Kaiſers, trennte uns von einander und von unſern Kindern, und uͤberhaͤufte uns mit Leiden. Ich lenkte nun als ein fleißiger Bauersmann den Pflug, und lernte aus Erfahrung, wie hart die Landleute ihr Stuͤckchen Brod erwerben muͤſſen. Einſamkeit und Entfernung vom Geraͤuſche der Welt lehrten mich Gott und mich ſelbſt erſt recht erkennen; die goͤttliche Lehre Jeſu wurzelte in meinem Innerſten immer tiefer. Du, liebſte Gemahlin, die einſt von der Welt ſo ſehr be⸗ wundert wurde, mußteſt als Sklavin dich de⸗ muͤthigen; ſolche Demuͤthigungen aber ſind ein Reinigungsfeuer, das uns von den Flecken der geheimſten Eitelkeit laͤutert. Auch unſre zwey Soͤhne wurden in eine Schule gefuͤhrt, wo Be⸗ then und Arbeiten ihr beſtaͤndiges, und in der That ſehr lobenswerthes Geſchaͤft war, und wo ſie vor den Gefahren der großen Welt bewahrt blieben.“ „ unſere Leiden gereichten aber nicht nur uns, ſondern auch Andern zum Heile. Mir gelang es unter Gottes Beyſtande die Landleute in jenem Felſenthale zu einem guten, Gott gefaͤlligen Volke zu bilden. Du, Theopiſta, wurdeſt dem Hauſe, in dem du lebteſt, zum Segen. Auch unſere Soͤhne konnten, indem ſie freywillig Soldat wurden, ih⸗ ren Wohlthaͤtern ſich dankbar erzeigen; ſie konn⸗ ten, geſund und kraftvoll durch ihre laͤndliche Er⸗ ziehung, in den Zeiten der Gefahr zur Rettung ihres Vaterlandes beytragen. Und alle unſere Lei⸗ den, die uns und Andern zum Segen gereichen, wurden uns uͤberdieß noch durch die Seligkeit un⸗ ſers Wiederfindens verguͤtet, wiewohl wir den groͤ⸗ ßern Lohn noch in dem Himmel zu erwarten haben.“ „Jenes hellglaͤnzende Kreuz, das ich einſt im Walde erblickte, gewinnt ſo fuͤr uns eine neue ſchoͤne Bedeutung. Es ward mir zwar dadurch zuerſt angedeutet, wie das Kreuz, das vorhin ein Zeichen der Schmach und des Fluches war, durch das Leiden und den Tod des Erloͤſers das Zei⸗ chen ſeiner Verherrlichung und unſers Heiles wurde. Allein jenes hellglaͤnzende Kreuz deutete wohl auch — 161— darauf, daß auch unſere Leiden, die wir nach dem Worte des Erloͤſers als ein Kreuz auf uns nehmen ſollen, zu unſerer Verherrlichung und zu unſerm Heile dienen muͤſſen. Jedes Kreuz, das uns druͤckt, ſo ſchmachvoll und ſchmerzlich es uns auch duͤnken mag, wird uns derxeinſt zur Ehre gereichen, und uns in einem ſo herrlichen Lichte erſcheinen, wie mir jenes Kreuz im Walde, das von Strahlen des Himmels umgeben war.“ Seine Gemahlin und ſeine Soͤhne gaben ihm Recht, freuten ſich der uͤberſtandenen Leiden, und lobten Gott, der durch Nacht zum Licht, durch Leiden zur Freude, und durch Kreuz zum Heile fuͤhrt. Indeß war es Nacht geworden. Der Mond glaͤnzte am Himmel, und erleuchtete die naͤchtliche Gegend. Alles war ſtill; nur der nahe Bach, auf dem das Mondlicht mit zitternden Funken ſpielte, rauſchte leiſe. Der Duft der Blumen ſtieg aus den umliegenden Gaͤrten wie Weihrauch empor. Die Gefuͤhle des Dankes und der An⸗ bethung aber, wovon dieſe vier edlen Herzen durch⸗ drungen waren, erhoben ſich noch lieblicher zum Himmel. Jetzt ſtand Euſtachius auf.„Es iſt ſpaͤt ge⸗ worden, ſprach er; mein Amt ruft mich, noch die Meldungen vom Heere zu vernehmen, und Befehle auf Morgen zu ertheilen. Ihr, meine geliebten Soͤhne, begleitet nun eure Mutter zu⸗ ruͤck in ihre Wohnung; denn man moͤchte uͤber ihre Abweſenheit unruhig werden. Morgen fruͤhe 11 — 162— werde ich dich, liebſte Gemahlin, in deiner Woh⸗ nung beſuchen, dich von dem Kaufmanne aus der Sklaverey loskaufen, und deiner guͤtigen Freun⸗ din Lydia meinen Dank bezeigen.“ Achtzehntes Kapitel. Chriſtliche Tiſchgeſpraͤche. Am andern Morgen, da der Feldherr Euſta⸗ chius aus ſeinem Schlafzimmer trat, ſtanden ſei⸗ ne zwey Soͤhne ſchon in dem Vorzimmer, und begruͤßten ihn mit hoher Freude und kindlicher Ehrfurcht. Er ging mit ihnen, ſeine Gemahlin Theopiſta zu beſuchen. Als er in das Haus trat, ſagte man ihm, Theopiſta und Lydia koͤnnten jetzt noch nicht ſogleich einen Beſuch annehmen; der Kaufmann aber ſey ſchon mit Anbruch des Tages in das Lager gegangen, um von den Sol⸗ daten erbeutete Koſtbarkeiten einzuhandeln. Eu⸗ ſtachius begab ſich daher mit ſeinen Soͤhnen einſt⸗ weilen in den Garten, der vom Thaue tröͤpfelnd in der Morgenſonne herrlich glaͤnzte und ſchim⸗ merte. Sie gingen unter vertraulichen Geſpraͤ⸗ chen in dem Garten auf und ab; uͤber eine klei⸗ ne Weile kamen zwey Frauen in den Garten. Die Eine, von hoher, edler Geſtalt, war in blendend weißen Byſſus gekleidet, der in feinen Falten bis zur Erde herab floß. Ein purpurro⸗ ther Frauenmantel mit goldgeſticktem Saume um⸗ gab ihre Schultern. Sie ſchlug den zarten Schleyer oon Flor, der ihr bluͤhendes Angeſicht verhuͤllte, — 163— zuruͤck; in ihren goldenen Locken glaͤnzten edle Per⸗ len mit ſanftem Silberſchimmer. Es war Theo⸗ piſta. Euſtachius erſtaunte uͤber den Glanz ihrer Schoͤnheit. Geſtern Abends, als er ſie das erſte Mal wieder ſah, war ſie blaß geweſen, wie eine Leiche. Ihre Schoͤnheit war verdunkelt, und ihr Angeſicht faſt entſtellt. Allein dieß kam nicht von der Macht der Zeit her, die ihr wenig geſchadet hatte; ſondern von den anſtrengenden Arbeiten, die ihr am geſtrigen Tage wegen der feſtlichen Bewirthung ſo vieler Gaͤſte aufgetragen wurden, von den vielen Thraͤnen, die ſie waͤhrend dem Einzuge des Feldherrn vergoſſen hatte, von der Ohnmacht, in die ſie bey dem Wiederfinden ihrer zwey Soͤhne gefallen war, und von dem neuen Freudenſchrecken, der ſie bey dem unerwarteten An⸗ blicke ihres Gemahls einer zweyten Ohnmacht na⸗ he gebracht hatte. Jetzt am Morgen hatte ſie ſich von der Unruhe und den angreifenden Em⸗ pfindungen des geſtrigen Tages erholt. Ihre Au⸗ gen glaͤnzten von himmliſchem Entzuͤcken; das ſanfte Roth ihrer Wangen war von der Freude erhoͤht. Wie ihr Gemahl bey dem erſten Wieder⸗ ſehen geſtern Abends ihr ſo bluͤhend, wie einſt als Braͤutigam, erſchienen war, ſo erſchien auch ſie jetzt ihm wie verjuͤngt, und ihr Anblick erinnerte ihn an jenen Tag, da ſie im Brautkranze vor ihm ſtand. Die andere Frau, die nur ſehr einfach ge⸗ kleidet war, als wäͤre ſie Theopiſtens Dienerin, war Lydia. Lydia hatte es fuͤr geziemend gehal⸗ — 164— ten, ihre Freundin Standes gemaͤß zu kleiden. Es war eben eine vollſtaͤndige Kleidung fertig ge⸗ worden, die eine Fuͤrſtin beſtellt hatte. Theopiſta haͤtte wohl nicht daran gedacht, als ſie, vom Kaufherrn oft ziemlich rauh zur Eile getrieben, mit unermuͤdetem Fleiße an dem Purpurmantel ſtickte, und manche Thraͤne auf den goldenen Fa⸗ den fiel, daß ſie dieſe Kleidung fuͤr ſich verfer⸗ tige. Lydia ſchenkte ſie ihr, ja noͤthigte ſie ihr, als der Gemahlin eines Roͤmiſchen Feldherrn ganz geziemend, gleichſam auf. Die Kleidung paßte ihr genau. Der Kaufmann aber, den ſein Ge⸗ wiſſen ſehr beunruhigte, daß er die Gemahlin des mäͤchtigen Feldherrn ſo ſtrenge zur Arbeit ange⸗ halten, hatte ihr nicht nur die Freyheit geſchenkt, ſondern noch obendrein den Perlenſchmuck. Nachdem Euſtachius und ſeine zwey Soͤhne Theopiſten begruͤßt, und der guͤtigen Lydia den innigſten Dank bezeigt hatten, wandelten alle zu⸗ ſammen in dem Garten umher, redeten von den wunderbaren Fuͤgungen Gottes und prieſen mit anbethenden Herzen Gottes heilige Vorſehung. Lydia lud hierauf den Feldherrn und die zwey Hauptmaͤnner ein, mit Theopiſten und ihr, in dem Garten ein kleines Fruͤhſtuͤck zu nehmen. Sie ſetzten ſich an einen Marmortiſch, auf dem ver⸗ ſchiedene Speiſen, Koͤrbchen voll friſchgepfluͤckter Fruͤchte, und ſchoͤn geformte Gefaͤße mit Wein und Milch zierlich geordnet waren. Ein Reben⸗ gelaͤnder voll großer purpurner Trauben beſchattete den Tiſch; duftende Blumenbeete mit Lilien und — 165— Roſenſtraͤuchen, und Baͤume voll goldener Fruͤchte umgaben ihn. Euſtachius lobte waͤhrend des Speiſens den Garten.„Der ſchoͤne Garten, ſprach er, indem er Theopiſten anblickte, macht nicht nur der flei⸗ ßigen Gaͤrtnerin Ehre; er iſt noch vielmehr ein Schauplatz der Herrlichkeit Gottes. Dieſe Fruͤchte dort, beſtimmt, uns mit ihren kuͤhlenden Saͤften zu laben, wie ſind ſie auch fuͤr das Auge ſo ſchoͤn geformt und gefaͤrbt! Dieſe duftenden Blumen hier bieten uns ihre erquickenden Wohlgeruͤche in zarten, ſchoͤn gebildeten Kelchen dar. Welche wunderbare Kraft hat der Schoͤpfer in das rauh ausſehende Holz und in die unanſehnlichen Wur⸗ zeln gelegt, ſo liebliche Gebilde und Duͤfte her⸗ vorzutreiben! Ein Garten iſt in der That ein heller Spiegel der Weisheit und Guͤte Gottes.“ „O ganz gewiß, ſprach Theopiſta; der Gar⸗ ten hier, den ich zu beſorgen hatte, war mir auch immer ein Buch, das der Schoͤpfer vor meinen Blicken aufgeſchlagen, und Jeſus Chriſtus erklaͤrt hat. Wenn ich die Lilien betrachtete, war es mir immer, als zeige unſer goͤttlicher Lehrer mit dem Finger darauf, mich ermahnend, dem Va⸗ ter im Himmel zu vertrauen, der ſie ſo ſchoͤn kleidete, und alſo noch vielmehr fuͤr die Menſchen, ſeine Kinder, freundlich und liebreich beſorgt iſt. Der Baum dort ooll guter Fruͤchte lehrte mich, daß ich meine Stelle auf Erden nicht vergebens einnehmen, ſondern reich ſeyn ſoll an guten Wer⸗ ken. Der Weinſtock hier, der in alle Reben, — 166— die an ihm feſtgewachſen ſind, Kraft und Leben ausſtroͤmt, daß, ſie viele und koͤſtliche Trauben hervorbringen, war mir ein liebliches Bild, daß wir nur dann, wenn wir mit Chriſtus innigſt verei⸗ nigt bleiben, reiche Fruͤchte hervorbringen koͤnnen. Die geringſten Kraͤuter, Krauſemuͤnze, Dill und Kuͤmmel, wovon einſt viele Iſraeliten den Zeynten gaben, erinnern mich an die Ermah⸗ nung Jeſu, daß wir allerdings auch im Klein⸗ ſten treu feyn, aber daruͤber das Allergroͤßte des Geſetzes, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glau⸗ ben nicht verabſaͤumen ſollen. Auch jene Pflan⸗ zen, die ich wider meinen Willen aufwachſen ſah, und als Unkraut mit der Wurzel ausriß, brach⸗ ten mir jene große Lehre Jeſu in den Sinn:„Jede Pflanze, die mein himmliſcher Vater nicht ge⸗ pflanzt hat, wird ausgerottet werden.“ Ich lernte daran: Was wir ohne Gott und ſeinen Beyſtand unternehmen, kann nicht beſtehen. Sogar das Kleinſte aller Geſaͤme, das Senfkoͤrnlein, das ich in die Erde legte, und das nach und nach zu einem baumartigen Strauche erwuchs, war mir lehrreich und eine Ermunterung zum Gu⸗ ten. Es zeigte mir, wie das Reich Gottes, die Herrſchaft des Wahren und Guten, im Menſchen zwar vom Kleinen anfangen, aber taͤglich wach⸗ ſen und zunehmen muͤſſe, bis es ſeine Vollen⸗ dung erreicht.“ Theopiſtus ſprach jetzt:„Liebſte Mutter, wie dir dein Garten durch die unuͤbertrefflich ſchoͤnen. Gleichniſſe Jeſu ſo wichtig und lehrreich wurde⸗ — 162— ſo ward es mir mein Hirtenleben, als ich noch auf jenen einſamen Bergfluren die Schafe huͤtete. Dort war nichts zu ſehen, als ein Hirt, eine Schafheerde und etwa ein Wolf. Es kamen da keine andere Begebenheiten vor, als daß ſich etwa ein Schaf verirrte, oder in eine Grube fiel, oder daß wir, wenn die Zeit dazu gekommen war, die Schafboͤcke zum Schlachten ausſonderten. Allein eben davon nahm Chriſtus ſo ſchoͤne Gleich⸗ niſſe her, daß mein unbedentender Beruf dadurch fuͤr mich eine hoͤhere Bedeutung erhielt.“ „Was nur immer von der aufopfernden Liebe und zaͤrttlichen Sorgfalt Jeſu fuͤr uns Menſchen, und von unſrer folgſamen Liebe und unſerm Ver⸗ trauen zu Ihm Lehrreiches geſagt werden kann, wird uns in dem treffenden Gleichniſſe von dem guten Hirten, ſeinen Schafen— und dem Wolfe vor Augen geſtellt. Mein taͤglicher Beruf lehrte mich taͤglich: Ein guter Hirt kennt alle ſeine Schafe, rufet ihnen mit Namen, gehet vor ih⸗ nen her, leitet ſie mit ſanftem Hirtenſtabe auf gruͤne Weide und an klare Baͤche; ſo leitet uns jener himmliſche gute Hirt, und ſorgt fuͤr uns, damit uns nichts Noͤthiges abgehe. Taͤglich ſah und lernte ich: Wie die Schafe ihren Hirten kennen, ſeiner Stimme gehorchen, und ihm fol⸗ gen, allein die Stimme eines Fremden nicht ken⸗ nen, und ihm nicht folgen, ſondern vor ihm flie⸗ hen— ſo ſollen auch wir den guten Hirten unſrer Seele erkennen, Ihn hoͤren, Ihm folgen; fremden verfuͤhreriſchen Stimmen aber kein Gehoͤr geben.“ — 168— „Weun ich den Wolf kommen ſah, der die Schafe anfallen und erwuͤrgen wollte, wenn ich dann ſelbſt das Leben daran wagte, die Schafe zu vertheidigen— wie wurden mir da jene ſchoͤ⸗ nen Worte Jeſu ſo klar und lebhaft:„Ich bin ein guter Hirt; ich laſſe mein Leben fuͤr meine Schafe; niemand wird ſie mir aus meiner Hand reißen.“ Ach, ſagte ich dann oft, wer ſollte Ihn nicht lieben, und Ihm nicht vertrauen? Ohne Ihn waͤren die Menſchen eine Heerde ohne Hirten.“ „Das Gleichniß Jeſu von dem verlornen Schafe iſt ſo recht aus dem Hirtenleben her⸗ ausgenommen. Oft geſchah es, daß ein Schaf von meiner zahlreichen Heerde verirrte, und daß ich dann hinging uͤber Berg und Thal, und nicht aufhoͤrte es zu ſuchen, bis ich es gefunden hatte. Und welche Freude hatte ich, wenn ich es end⸗ lich erblickte! Wie trug ich es auf meinen Schul⸗ tern zuruͤck! Wie rief ich meinen Nachbarn zu: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war! gerade ſo, wie Jeſus dieſes alles beſchreibt. Da gingen mir dann die Worte Jeſu recht zu Herzen:„So wird auch Freude im Himmel ſeyn uͤber einen Suͤn⸗ der, der Buße thut.“ Welche Liebe, welche Er⸗ barmung! dachte ich. Nicht nur angenommen wird der bußfertige Suͤnder; der ganze Himmel freut ſich noch uͤber ihn. Ich ward ſo geruͤhrt, daß ich jedem Suͤnder haͤtte laut zurufen moͤgen: O moͤchteſt du denn nicht das wiedergefundene Schaf auf den Schultern des guten Hirten ſeyn!“⸗ — 169— „Wenn ein Schaf in eine Grube fiel, und ich dann voll Mitleids es herauszog, ka⸗ men mir jene Worte Jeſu zu Sinn:„Wer iſt unter euch, der ein einziges Schaf hat, und der es, wenn es in eine Grube faͤllt, nicht ſogar am Sabbathe ergreife und herausziehe? Und um wie viel beſſer, als ein Schaf iſt ein Menſch!“ Ich nahm mir dann immer vor, mit einem Men⸗ ſchen, den ich in Noth ſehen wuͤrde, noch viel⸗ mehr Erbarmen, als mit einem Schafe zu ha⸗ ben, und ihm zu helfen; zugleich regte ſich ein großes Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und die Liebe Jeſu zu uns Menſchen in meinem Herzen, und ich faßte den Vorſatz in keiner Noth zu verzagen. Denn wie ſollten Gott und ſein lie⸗ ber Sohn gegen uns nicht barmherziger ſeyn, als ich gegen ein Schaf!“ „Einen ſchauerlichen Eindruck machte es im⸗ mer auf mich, wenn der Tag kam, wo ich Schaf⸗ boͤcke und Schafe auseinander ſcheiden mußte; die Boͤcke dann fortgetrieben wurden zur Schlacht⸗ bank, die Schafe aber dablieben, und ruhig fort⸗ weiden durften auf der ſchoͤnen gruͤnen Weide. Ich dachte dann jenes ſchrecklichen Tages, da der Menſchenſohn in ſeiner Herrlichkeit kommen, und die Boͤſen und Guten, wie ein Hirt die Schafe und Boͤcke, von einander ſcheiden wird— und die Boͤſen dann eingehen werden in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben.“ Theopiſtus ſchloß mit den Worten:„Ich re⸗ dete vielleicht zu viel von bekannten Dingen. Al⸗ — 1260— lein ſie gehoͤren zur Geſchichte meines Hirtenlebens; ſie ſind das Wichtigſte, was ich davon erzaͤhlen kann. So hat Jeſus auch den einfaͤltigen Hir⸗ ten in der oͤden Wildniß ein Buch voll ſchoͤner Gleichniſſe und Bilder aufgeſchlagen, die uns ſehr lieblich an das erinnern, was uns zum Heile iſt.“ „Mein Buch, ſprach Agapius, war der Acker, den ich im Schweiß meines Angeſichts baute, da ich noch ein Bauer war, Es ſey mir erlaubt, auch Einiges von dem, was mir meinen Bau⸗ ernſtand ſo werth machte, vorzubringen.“ „Wenn ich den Acker zum Anſaͤen herrich⸗ tete, Dornen ausreutete, Steine und Felſen⸗ ſtuͤcke hinausſchaffte, den Acker gegen die Fuß⸗ tritte der Menſchen und Thiere verzaͤunte und die Voͤgel verſcheuchte, ſo dachte ich, wie ich mein Herz vorbereiten und bewahren muͤſſe, da⸗ mit die Samenkoͤrner des goͤttlichen Wortes da⸗ rin ein gutes Erdreich finden moͤchten. Es ward mir bey dieſen Arbeiten ſehr klar und anſchaulich: Wer allen Zerſtreuungen einen offnen Weg in ſein Herz geſtattet; weſſen Gemuͤth einem leicht mit Erden bedeckten Felſen gleicht und keinen tiefen Grund hat; wer die Dornen der Geldſorgen und Wolluͤſte in ſeinem Herzen aufkommen laͤßt, bey dem kann jenes goͤttliche Samenkorn keine Frucht bringen. Wenn ich auf meinem Acker in der Folge den ſchoͤnen herrlichen Weizen mit Luſt betrachtete, aber dazwiſchen mit Schmerz das verderbliche Unkraut erblickte, das ich ohne dem Weizen zu ſchaden nicht ausrotten konnte, ſo wurde —— — 121— es mir klar, warum Gott die Boͤſen ſo lang⸗ muͤthig dulde, und daß ihnen die Strafe dennoch nicht ausbleiben werde. Wenn nun endlich die Aerntezeit kam, und wir Schnitter jauchzend die vollen Garben ſammelten, aber Dorn und Unkraut verbrannten; ſo gedachte ich jenes großen Aerntetages, an dem die Engel Gottes als Schnit⸗ ter kommen, und alle, die Unrecht thun und Aergerniß anrichten, in den Feuerofen werfen, die Gerechten aber dann in dem Reiche ihres Va⸗ ters leuchten werden wie die Sonne.“ „Auch die Geraͤthſchaften, deren ſich der Land⸗ mann bedient, waren mir lehrreich. Wenn ich die Hand an den Pflug legte, wohlwiſſend, daß es jetzt nicht muͤßiges Umherſchauen, ſondern Ar⸗ beiten gelte, um etwas auszurichten, ſo dachte ich, daß auch in goͤttlichen Dingen Saumſelig⸗ keit nichts tauge, und nur ein friſcher, froͤhlicher Muth uns im Guten weiter bringe. Wenn ich in dem Siebe das Getreide ausſiebte oder ſichtete, und wohl ruͤttelte, um alles Schlechte von den guten, reinen Koͤrnern abzuſondern, ſo fiel mir allemal der Wink Jeſu ein, daß auch die Verſu⸗ chung fuͤr uns Menſchen eine Art von Sichtung ſey, und daß wir wohl Urſache haben, zu be⸗ then, damit unſer Glaube nicht aufhoͤre, und wir in der Pruͤfung beſtehen moͤgen. Wenn ich das Getreidemaaß zur Hand nahm, um Ge⸗ treide auszumeſſen, ſo dachte ich jenes Wortes: „Mit welchem Maaße ihr ausmeſſet, wird euch wieder eingemeſſen werden.“ Kam ich in die — 122— Muͤhle, wo oft viel aͤrgerliches Geſchwaͤtz von heid⸗ niſchgeſinnten Menſchen gefuͤhrt wird, ſo erinnerte mich der Muͤhlſtein an die Worte Jeſu:„We⸗ he dem Menſchen, der Aergerniß gibt; es waͤre ihm beſſer, daß man ihm einen Muͤhlſtein an den Hals haͤnge, und ihn in das Meer verſaͤn⸗ ke, wo es am tiefſten iſt.“ „Das lieblichſte und erfreulichſte Gleichniß war mir aber das vom Weizenkoͤrnlein, das begraben wird, und wieder vom Tode auferſteht. Es erinnert den Ackersmann, der immer golde⸗ nen Saamen in die Furchen ausſtreut, aber einſt ſelbſt von einer tiefern Furche, dem Grabe, ver⸗ ſchlungen wird, gar ſo troͤſtlich daran, daß aus dem Tode neues Leben aufbluͤhe!“⸗ „So hat Chriſtus es dem Landmanne ſehr leicht gemacht, ſich bey ſeinen irdiſchen Arbeiten an himmliſche Dinge zu erinnern, und ein Ackers⸗ mann edlerer Art zu werden. Es liegt in der Lehre und Lehrart Jeſu etwas ſo Hohes und Einfaches, Klares und Ruͤhrendes, das allein ſchon hinreichend iſt, ihre Goͤttlichkeit zu bewaͤh⸗ ren.“ Neunzehntes Kapitel. Die chriſtliche Hausfrau. Lydia, die treffliche Haus frau„ die bisher immer geſchwiegen hatte, nahm jetzt beſcheiden das Wort.„Es iſt wahr, ſprach ſie, es hat mich oft in Erſtaunen geſetzt, wie Chriſtus ſeine — 125— hohen Lehren ſo gar einfach und lieblich in Gleich⸗ niſſen von den gemeinſten Dingen des alltaͤgti⸗ chen Lebens vortrug, daß auch jede Magd ſie verſtehen kann. Mirr fiel dieſes bey den haͤusli⸗ chen Geſchaͤften, die ich vornahm oder unter meiner Aufſicht von den Maͤgden vornehmen ließ⸗ oft recht auf. Das Anzuͤnden eines Lichtes, das Spuͤlen der Geſchirre, das Flicken eines Kleides, war Ihm nicht zu ſchlecht, Gleichniſſe davon her⸗ zunehmen, um ſich auch den Kleinen und Un⸗ muͤndigen verſtaͤndlich zu machen.“ „Mein ſeliger Vater hatte, bevor ihm das Evangelium verkuͤndet ward, ſchon immer ein großes Verlangen, uͤber jene Wahrheiten Auf⸗ ſchluß zu erhalten, die jedem vernuͤnftigen Men⸗ ſchen die wichtigſten ſeyn muͤſſen. Er machte daher mit einem gelehrten Manne, den man einen Weiſen nannte, Bekanntſchaft. Der ge⸗ lehrte Mann, dem ſein ernſtes Geſicht und ſein großer Bart ein ſehr ehrwuͤrdiges Anſehen gaben, ſpeiſete oͤfter bey uns, und redete ſehr viel von dem Urheber der Welt, von Tugend und Unſterb⸗ lichkeit; er ſprach aber in ſo hohen, praͤchtig klin⸗ genden Ausdruͤcken, daß ich das Wenigſte davon verſtand, und kein Wort mehr davon weiß. Al⸗ lein wie ſind die einfachen Gleichniſſe von irdiſchen Dingen, in die Jeſus den Schatz ſeiner himmliſchen Wrisheir niederlegte, ſo leicht zu verſtehen, und ſo leicht zu behalten! Sie ſind mir durchaus klar, und ich werde in meiner Haushaltung des Tages hundertmal daran erinnert!“ — 474— „Wenn ich ein Licht anzuͤnde und es natuͤr⸗ lich nicht unter ein Kornmaaß ſetze, ſondern es auf den Leuchter ſtelle, faͤllt mir ein, daß wir unſer Licht vor den Menſchen ſollen leuchten laſ⸗ ſen, damit ſie unſre guten Werke ſehen, und den Vater im Himmel preiſen. Wenn die Maͤgde die Geſchirre, die Schuͤſſeln und Becher, glaͤnzend rein ſpuͤlen und fegen, ſo erinnere ich mich, daß auch Alles, was in Schuͤßeln und Bech⸗ ern aufgeſetzt wird, rechtmaͤßig erworben ſeyn muͤſ⸗ ſe, damit Alles rein ſey. Finde ich es noͤthig, ein altes Kleid ausbeſſern zu laſſen, ſo ſchneide ich dazu kein Stuͤck vom guten, neuen Tuche ab. Das hieße das neue Tuch verſchwenden; es ſchickte ſich auch nicht zum alten Kleide, und der Riß wuͤrde wohl nur noch groͤßer. Und da faͤllt mir dann allemal das Gleichniß Jeſu ein, in dem Er uns zu verſtehen gibt, unſre Tugend ſoll kein ſo elendes Flickwerk, ſondern lieber ein ganz neues Kleid ſeyn, das aus Einem Stuͤcke gemacht iſt. Sogar das Einfaͤdeln der Na⸗ del lehrt mich: So wenig ein Kameel durch das kieine Nadeloͤhr geht, ſo wenig kann ein Geizi⸗ ger in das Himmelreich eingehen.“⸗ „Und da muß ich, wie im Vorbeygehen, noch bemerken: Wann ſo ein hoch und ſchwer be⸗ packtes Kameel vor unſerm Hauſe ankam, fand ich dieſes Gleichniß immer beſonders treffend. Ach, das arme Thier! ſprach ich oft; all der Reichthum, den es traͤgt, druͤckt es nur, und nuͤtzt ihm nichts. Dieſem Laſtthiere gleicht der habſuͤchtige Reiche, der mit vieler Sorge und Beſchwerde Schaͤtze auf Schaͤtze haͤuft, und kei⸗ nen Gebrauch davon macht. Wie das beladene Kameel vor unſrer Pforte abgepackt werden muß, ehe man es herein fuͤhren kann, ſo muß auch ein ſolcher Reicher ſich ſeiner Geldſorgen und ſei⸗ ner Anhaͤnglichkeit an Erdenſchaͤtze entladen, wenn er durch jene enge Pforte eingehen will, die zum Leben und zur ewigen Seligkeit fuͤhrt.“ „Komme ich auf den Huͤhnerhof, das Ge⸗ fluͤgel zu fuͤttern, ſo iſt mir die Henne, die ihre Jungen unter ihren Fluͤgeln verſammelt, ein Sinnbild der Liebe Jeſus zu uns Menſchen, der uns alle um ſich verſammeln und unter ſeinen Schutz nehmen will; die Taube iſt mir ein Bild der Unſchuld und Einfalt; ſelbſt der Spatz, der ſich, einige Koͤrner aufzupicken, ungerufen vom Dache einfindet, und deſſen der himmliſche Vater nicht vergißt, verkuͤndet mir, daß dieſer Vater noch vielmehr fuͤr mich beſorgt ſey.“ „Eben ſo finde ich in der Kuͤche genug zu denken. Das Feuer, das auf dem Heerde lo⸗ dert, das Waſſer, das in der Kuͤche nie fehlen darf, das Salz, das bey dem Kochen unent⸗ behrlich iſt, ſind lauter Gegenſtaͤnde, von denen Jeſus mehrere ſo inhaltreiche, als bekannte Gleich⸗ niſſe hergenommen hat; ſie alle anzufuͤhren, wuͤrde zu weitlaͤuftig ſeyn. Doch muß ich noch einiger erwaͤhnen, die mir ganz vorzuͤglich einleuchten. Wenn meine Maͤgde den Sauerteig unter das Mehl bringen, um ganz durchſaͤuertes, ſchmack⸗ — 176— haftes Brod zu backen, ſo wird mir da beſon⸗ ders klar, wie die Religion Jeſu unſer ganzes Thun und Laſſen durchdringen muͤſſe, um es ſchmack⸗ haft und genießbar zu machen. Wenn in der Kuͤche manchmal, um Gaͤſte zu bewirthen, gar ſo große Zurüͤſtungen gemacht wurden, und ſo viele Haͤnde in Bewegung waren, Speiſen zu bereiten, ſo war es mir immer, als ſagte mir Jeſus:„Gebt euch doch nicht ſo viele Muͤhe um die vergaͤngliche Speiſe; bemuͤht euch vielmehr um jene bleibende Speiſe fuͤr das ewige Leben, die euch der Menſchenſohn gibt.“ Wenn ich in der Kuͤche auch nur ein Ey aufſchlage, ſo faͤllt mir das Wort Jeſu ein:„Ein Vater gibt ſei⸗ nem Kinde, das ihn um ein Ey bittet, keinen Skorpion; wie vielmehr wird der Vater im Him⸗ mel denen, die Ihn darum bitten, gute Gaben, ja die beſte aller Gaben, ſeinen Geiſt geben.“ „Zu meiner großen Freude nahm Jeſus auch einige ſehr ſchoͤne Gleichniſſe von den Geſchaͤften her, die wir Kaufleute zu fuͤhren haben. Der Kaufmann, der mit Perlen handelt und eine ganz einzige unſchaͤtzbare Perle findet, gibt eine Menge geringerer Waaren wohlfeilen Preiſes hin, um die Summe aufzubringen, jene Perle zu er⸗ kaufen. So ſollen auch wir bereit ſeyn, alle irdiſche Guͤter willig hinzugeben, um jener himm⸗ liſchen Perle, der aͤchten Tugend und der ewigen Seligkeit, theilhaft zu werden. Die Berechnung von Gewinn und Verluſt, die dem Kaufmanne oft vieles Kopfbrechen macht, mahnt mich an — 122— jene hoͤhere Rechenkunſt, die Jeſus in die weni⸗ gen Worte zuſammen faßt:„Was haͤlfe es dem Menſchen, wenn er auch die ganze Welt ge⸗ waͤnne, aber an ſeiner Seele Schaden litte!“⸗ Das Ellenmaaß ervinnert mich, daß wir mit allen unſern Sorgen der Laͤnge unſers Leibes— oder auch unſers Lebens— keine Elle beyſetzen koͤnnen, und alſo ſehr wohl thun wuͤrden, un⸗ ſre Sorgen auf hoͤhere Dinge zu richten, wo ſie beſſer angewendet und nicht ohne Nutzen ſeyn werden. Der Gebrauch, den Kaͤufern irgend eine Kleinigkeit mit in den Kauf zu geben, die Da⸗ reingabe genannt, ließ mich die Worte Jeſu nicht vergeſſen:„Trachtet zuerſt nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit; alles Uebrige wird euch dann(gleichſam noch als Zugabe) obendrein gegeben werden.“ „Selbſt hier am Tiſche bringt mir die Muͤ⸗ cke, die da in die Schale mit Milch fiel, und die ich heraus zu nehmen eilte, die Lehre Jeſu ins Gedaͤchtniß: Weh denen, die da Muͤcken durch⸗ ſeihen, aber Kameele verſchlucken— zwar geringe Fehler meiden, aber ſich großer Laſter, des Man⸗ gels an Glauben und Liebe, ſchuldig machen. Das Broͤcklein Brod hier erinnert mich an das Wort Jeſu, womit Er weiſe Sparſamkeit em⸗ pfiehlt:„Sammelt die Broͤcklein, damit ſie nicht verloren gehen.“ Sogar die Broſaͤmlein auf dem Tiſche predigen mir die große Lehre von ei⸗ ner allvergeltenden Gerechtigkeit— ſie erinnern an den unbarmherzigen Reichen, der dem ſchmach⸗ 12 — 128— tenden Armen nicht einmal ein Broſaͤmlein zu⸗ kommen ließ, und deßhalb in der andern Welt vergebens um ein Waſſeertroͤpflein flehte.“ Euſtachius hatte ihr mit Beyfall zugehoͤrt. „Ja, es iſt wahr, ſagte er, die Lehre Jeſu iſt in jeder Hinſicht unuͤbertrefflich, im Großen wie im Kleinen; ſeine Gleichniſſe ſind ſo goͤttlich er⸗ haben, als menſchlich ſchoͤn. Er macht die ganze Natur zu uns ſprechen; den kleinſten Dingen oͤff⸗ net Er gleichſam die Lippen, daß ſie uns heil⸗ ſame Lehren verkuͤnden. Ein Kind kann, ſo viel fuͤr ſein zartes Alter noͤthig iſt, davon verſtehen und ein Mann findet ſein ganzes Leben lang ge⸗ nug, daruͤber zu denken. Moͤchten wir die Na⸗ tur mit dem Blicke Jeſu anſchauen lernen; moͤch⸗ ten wir, ſeinen Fingerzeigen zufolge, ihre Leh⸗ ren vernehmen, und an uns Fruͤchte bringen laſ⸗ ſen fuͤrs ewige Leben!“ Jetzt, da Euſtachius ſchwieg, naͤherten die zwey tapfern Krieger Akazius und Antiochus, die ſchon einige Zeit unbemerkt in einer kleinen Entfernung ſtanden, ſich der Geſellſchaft. Sie hatten erſt dieſen Morgen mit unbeſchreiblicher Freude vernommen, daß die Gemahlin und die Soͤhne ihres Feldherrn, die als todt betrauert wurden, noch am Leben ſeyen, und wieder ge⸗ funden worden; die treuen Diener waren deßhalb gekommen, ihnen dieſe Freude zu bezeigen. Al⸗ lein die ehrlichen, gutherzigen Maͤnner konnten vor Freude kaum reden, und die hellen Thraͤnen troͤ⸗ pfelten uͤber ihre rauhen Baͤrte. Theopiſta bot — 179— ihnen freundlich die Hand, und Agapius und Theo⸗ piſtus umarmten ſie. Akazius ſprach:„So ſchmerz⸗ lich ich uͤber den vermeynten Tod unſrer edlen Frau und ihrer geliebten Soͤhne weinen mußte; ſo ſuͤße Thraͤnen weine ich jetzt, da ich alle drey wieder lebend vor mir ſtehen ſehe.“ Antiochus ſagte:„Mir iſt es nicht anders, als waͤren ſie wirklich vom Tode auferſtanden. Ja ich denke, die Seligkeit, die an dieſem gluͤcklichen Mor⸗ gen und in dieſem freundlichen Garten mein Herz erfuͤllt, reiche beynahe an die Seligkeit, die Mag⸗ dalena am Auferſtehungsmorgen in jenem Gar⸗ ten empfinden mußte, als der Auferſtandene le⸗ bend vor ihr ſtand. Wahrhaftig, die Freude an dem allgemeinen Auferſtehungstage wird unaus⸗ ſprechlich groß ſeyn!“ Euſtachius ſprach hierauf:„Es iſt jetzt Zeit daß ich mich in dem Lager zeige. Ihr, meine Soͤhne, begleitet mich. Du, meine Gemahlin, bleibe bey deiner geliebten Freundin, bis wir wie⸗ der kommen.“ Als er ſich, in Mitte ſeiner zwey Soͤhne und von den beyden alten Kriegern be⸗ gleitet, dem Kriegslager naͤherte, kam alles da⸗ rin in Bewegung. Es entſtand ein freudiges Ge⸗ tuͤmmel und eine anſcheinende große Verwirrung; allein in einigen Augenblicken ſtand daß ganze Heer in großer Ordnung da. Die Soldaten be⸗ gruͤßten ihren Feldherrn und ſeine zwey Soͤhne mit lautem Freudenruf, der den Jubel der Trompeten uͤberſtimmte. Alle wuͤnſchten dem trefflichen Vater und den Sien Soͤhnen Gluͤck, 12* .— 130— und mancher ehrliche Krieger ſprach:„Wenn un⸗ ſer Feldherr ſeine Soͤhne, die er vor allen jun⸗ gen Kriegern auszeichnete, ſchon fruͤher gekannt haͤtte, ſo koͤnnte man denken, die vaͤterliche Zaͤrt⸗ lichkeit haͤtte doch immer einigen Antheil an ihrer Erhebung gehabt. Allein jetzt muͤßen Offtziere und Soldaten einſtimmig bekennen, daß er die Perſon nicht anſah, ſondern blos der Tapferkeit und dem Edelmuthe der jungen Helden Gerech⸗ tigkeit wiederfahren ließ. O welche Freude fuͤr den Vater, in den unbekannten Juͤnglingen, die er fuͤr die vortrefflichſten erklaͤrte, nun ſeine Soͤhne zu erkennen!“⸗ Euſtachius gab ſeinem Heere auf den Abend ein Freudenfeſt; am folgenden Morgen aber brach er mit dem Heere auf. Er ritt an der Spitze ſeiner Legion; ſeine Gemahlin aber, in einem praͤchtigen Reiſewagen ſitzend, und von ihren zwey Soͤhnen zu Pferde begleitet, folgte dem Zuge. Zwanzigſtes Kapitel. „Sey treu bis in den Tod, ſo werde ich dir die Krone des Lebens geben“ Euſtachius war nunmehr wieder ſo gluͤcklich, als es ſich ein Menſch auf Erden nur immer wuͤnſchen kann. Er hatte maͤchtige Feinde beſiegt, und wurde uͤberall als Sieger mit frohem Jubel begruͤßt; er hatte ſeine geliebte Gemahlin wieder gefunden, und in den edelſten Juͤnglingen unter — 131— dem Heere, mit unausſprechlicher Vaterfreude, unerwartet ſeine verlorne zwey Soͤhne erkannt; er war auf dem Wege nach Rom, wo das er⸗ freute Roͤmervolk ſchon Anſtalten traf, ihn im Triumphe aufzunehmen. Wenn dieſe Geſchichte nur erfunden waͤre, den Leſer zu vergnuͤgen, ſo muͤßte ſie mit dieſem trium⸗ phirenden Einzuge nothwendig ſchließen; allein um der Wahrheit getreu zu bleiben, darf eine Begebenheit nicht verſchwiegen werden, uͤber die zwar jedes fuͤhlende Herz die tiefſte Betruͤbniß empfinden muß, die aber in den Augen des wah⸗ ren Chriſten groß und herrlich iſt, und bey allen traurigen Empfindungen, die ſie erregt, zugleich hohen Troſt gewaͤhrt. Anſtatt des Lorbeerkranzes, womit der Kaiſer den edlen Krieger kroͤnen wollte, wartete ſeiner noch eine herrlichere Siegeskrone. Ehe Euſtachius in Rom ankam, ſtarb Kaiſer Trajan. Adrian, ein naher Anverwandter und angenommener Sohn des verſtorbenen Kaiſers, gelangte zur Regierung. Dieſer neue Kaiſer war ein ſehr heftiger Anhaͤnger der heidniſchen Viel⸗ goͤtterey, und die Lehre der Chriſten, es ſey nur Ein Gott, war ihm hoͤchſt verhaßt. Ueberdieß war er noch ſonſt ſehr aberglaͤubiſch, der Stern⸗ deuterey und Wahrſagerey ergeben, und von finſterer, grauſamer Gemuͤthsart. Eine beſondere Angelegenheit machte er ſich daraus, den Ruhm ſeines Vorfahrers und Wohlthaͤters Trajan zu verdunkeln, und wo es nur immer anging, eine ganz entgegen geſetzte Regierungsart einzufuͤhren. — 182— Er ließ daher auch die Chriſten aufs neue mit großer Wuth verfolgen. Kaiſer Trajan hatte die Chriſten fruͤherhin zwar auch grauſam verfolgen laſſen. Unzaͤhlige wurden auf eine ſchauerliche, ſchmerzvolle Art hingerich⸗ tet. Unter Andern wurde Ignazius, Biſchof zu Antiochia, ein Juͤnger des heiligen Apoſtels Jo⸗ hannes, auf Trajans Befehl nach Rom gebracht, und dort den wilden Thieren vorgeworfen, die ihn auch ſogleich auffraßen, und nur mehr einige Gebeine von ihm uͤbrig ließen. Allein ſpaͤterhin hat Kaiſer Trajan, wie es ſcheint, eine beſſere Meynung von den Chriſten gefaßt. Die guͤnſtigen Berichte der Statthalter und Landpfleger moͤgen vieles dazu beygetragen haben. Es iſt noch ein Brief des beruͤhmten Plinius, Statthalters in Bythinien, auf unſere Zeiten gekommen, in dem ein ſehr ruͤhmliches Zeugniß fuͤr die Chriſten enthalten iſt. Plinius ſagt darin, daß er ſowohl von denen, die aus Furcht der Todesſtrafe den chriſtlichen Glauben verließen, als von denen, die auf der Folter ihrem Glauben getreu blieben, nichts habe her⸗ ausbringen koͤnnen, als daß ſie an einem be⸗ ſtimmten Tage der Woche ſich vor Sonnenauf⸗ gang verſammelten, ihrem Chriſtus, den ſie als einen Gott verehren, einen Lobgeſang anſtimm⸗ ten, und dann feyerlich angelobten, nichts Boͤ⸗ ſes zu thun, keinen Diebſtahl, Raub oder Ehe⸗ bruch zu begehen, ihr gegebenes Wort heilig zu halten, und anvertrautes Gut, ſobald es verlangt — 141383— wuͤrde, getreulich wieder zuruͤckzuſtellen; darauf ſeyen ſie aus einander gegangen, haͤtten ſich aber an dieſem Tage noch einmal zu einer gemein⸗ ſchaftlichen Mahlzeit, jedoch in aller Ehrbarkeit und Unſchuld verſammelt; aber auch dieſes haͤt⸗ ten ſie unterlaſſen, ſobald auf Befehl des Kai⸗ ſers alle Verſammlungen dieſer Art verboten worden. Kaiſer Trajan milderte, wie wir auch aus ſeiner Antwort an Plinius erſehen, die Verfol⸗ gung der Chriſten. Er hob zwar, vielleicht blos aus Staatsklugheit, die Todesſtrafe nicht gaͤnz⸗ lich auf; allein er verbot von nun an die Chri⸗ ſten aufzuſuchen, oder auszuforſchen, wer ein Chriſt ſey, oder ſogleich auf jede Anklage zu achten. Wenn es ihm auch bekannt war, dieſer oder je⸗ ner ſey ein Chriſt, ſo that er nicht dergleichen, als wuͤßte ers, und wie es ſcheint, war es ihm ſehr lieb, wenn die Sache nicht weiter zur Sprache kam. Die Verfolgungen hoͤrten beynahe ganz auf. Kaiſer Adrian aber, der in der Folge ſogar an den Stellen, wo Jeſus Chriſtus geboren wurde, wo Er am Kreuze ſtarb, und wo Er auferſtand, Goͤtzenbilder errichten ließ, legte ſogleich bey dem Antritte ſeiner Regierung ſeinen Haß gegen die Chriſten an den Tag. Das Feuer der Verfolgun⸗ gen, das beynahe erloſchen war, loderte aufs neue empor. Viele Chriſten wurden gefoltert, und aufs grauſamſte ermordet. Es erſcholl wieder, wie fruͤ⸗ herhin, das furchtbare Geſchrey des wuͤthenden Heidenvolkes:„Werft die Chriſten den Loͤwen vor!“ Als Euſtachius zu Rom ankam, nahm Kai⸗ ſer Adrian den ſiegreichen Feldherrn ſehr guͤtig auf, lobte ihn wegen der uͤberreichten Sieges⸗ zeichen, verſicherte ihn ſeiner Gnade und uͤber⸗ haͤufte ihn mit Geſchenken. Der Kaiſer ordnete hierauf ein Siegesfeſt an, und ſtand an dem dazu beſtimmten Tage wirklich ſchon bereit, ſich mit großer Pracht und zahlreichem Gefolge in den Tem⸗ pel zu begeben, und ſeinen Goͤttern ein feyerliches Opfer zu entrichten. Euſtachius ſollte ihn beglei⸗ ten, um dort an den Altaͤren der heidniſchen Goͤtter Weihrauch in die Glut zu ſtreuen, und dann aus der Hand des Kaiſers den Lorbeerkranz zu erhalten. Allein Euſtachius weigerte ſich, den Kaiſer dahin zu begleiten, und die Schwelle des Tempels zu betreten. „Wie? rief der Kaiſer entruͤſtet, den vater⸗ laͤndiſchen Goͤttern willſt du fuͤr deine Siege kein Opfer darbringen? Du glaubſt ihnen keinen Dank ſchuldig zu ſeyn, daß ſie dir deine Gemahlin und deine Soͤhne wieder geſund und unverletzt zu⸗ fuͤhrten? Euſtachius antwortete freymuͤthig und furcht⸗ los:„Mein Kaiſer! ich bin ein Chriſt. Der Gott, den wir Chriſten anbethen, verlieh mir durch ſei⸗ nen Sohn Jeſus Chriſtus den Sieg; Er gab mir meine Gemahlin und meine Soͤhne wieder zuruͤck. Ihm allein bin ich Dankopfer ſchuldig. Niemals werde ich deine Goͤtter anbethen; ſie ſind nur eitle Traumbilder menſchlicher Einbil⸗ dungskraft, oder lebloſe Goͤtzen von Menſchenhand aus Stein oder Erz gebildet. Ich bethe den wahr⸗ haftigen und lebendigen Gott allein an, der Him⸗ mel und Erde geſchaffen, und ſeinen eingebor⸗ nen Sohn in die Welt geſchickt hat, die Menſchen von Jerthum und Suͤnde, Elend und Tod zu erloͤſen.“ Der Kaiſer gluͤhte vor Zorn; ſo aufgebracht er aber war, ſo hielt er ſich noch zuruͤck und ſtellte ſich freundlich. Er mochte es fuͤr unſchicklich, ia zur Zeit noch fuͤr gefaͤhrlich halten, den ruͤhm⸗ lichen Sieger ſchmaͤhlichen Strafen zu unterwer⸗ fen. Er wollte erſt verſuchen, was Schmeicheleyen und Verſprechungen uͤber ihn vermoͤchten. Er bot ſeine ganze Beredſamkeit auf; allein Euſtachius blieb unbeweglich. Der Kaiſer entließ ihn ohne ein beſonderes Zeichen ſeiner Ungnade; er verab⸗ redete aber heimlich mit einigen vornehmen Noͤ⸗ mern und Roͤmerinnen, die mit Euſtachius und Theopiſta aufgewachſen waren„ ſie ſollten es dahin zu bringen ſuchen, daß Theopiſta und ihre Soͤhne den geliebten Gemahl und Vater, mit Thraͤnen in den Augen und auf ihren Knien, bitten moͤch⸗ ten, ſich durch ſeinen unbeugſamen Sinn nicht dem Zorne des Kaiſers auszuſetzen, ſondern den Goͤttern zu opfern. Die fromme Gemahlin und die edlen Soͤhne ſchauerten vor einem ſolchen Antrage, der jedem beſonders gemacht wurde, einmuͤthig zuruͤck; alle waren feſt entſchloſſen, lieber zu ſterben, als Gott und Jeſum Chriſtum zu verlaͤugnen. Ohne daß Eines um das Andere wußte, kamen ſie bey Eu⸗ 13 3 — 1386— ſtachius zuſammen und erzaͤhlten ihm, was vor⸗ gegangen war. Vater, Mutter und Soͤhne be⸗ ſtaͤrkten einander in dem Entſchluſſe, zu ſterben; denn ſie waren nunmehr uͤberzeugt, daß Gott ſie deßhalb wieder lebend zuſammen gefuͤhrt habe, um einander zu ermuntern, Gott und ihren Er⸗ loͤſer durch ihren Tod zu verherrlichen. Als der Kaiſer ſah, der Weg der Guͤte, alle Schmeicheleyen und Verſprechungen, alle Reize, die Ehre, Reichthum und Wolluſt fuͤr gewoͤhnliche Menſchen haben, ſeyen hier vergebens angebracht, verſuchte er es, den Euſtachius und ſeine Fa⸗ milie durch Drohungen zu ſchrecken. Er ließ den Euſtachius rufen, und ſprach zu ihm:„Wie ich hoͤre, haſt du dich noch nicht eines Beſſern be⸗ ſonnen; auch deine Gemahlin und deine Soͤhne ſollen, wie man ſagt, ſo halsſtaͤrrig ſeyn, wie du. Gehorche meinen Befehlen, oder ich werde dich nebſt Weib und Kindern dem Richter uͤber⸗ geben, und dem Gerichte ſeinen Lauf laſſen. Rechne darauf, es wartet dann auf euch alle ein graͤßlicher Tod.“ Euſtachius ſprach:„Lieber Kaiſer, ich bin bereit, dir in Allem, was recht und billig iſt, zu gehorchen; mit Freuden will ich fuͤr das Wohl des Roͤmervolkes, wie ich das ſchon oͤfter gethan habe, mein Blut vergießen. Allein gegen mein Gewiſſen kann ich nicht handeln; daruͤber hat nie⸗ mand als Gott allein zu gebieten— und Gott muß man mehr gehorchen als den Menſchen.“⸗ — 182— Der Kaiſer forderte ihm im groͤßten Zorn die Ehrenzeichen der Feldherrnwuͤrde ab, befahl der Wache, ihn in das Gefaͤngniß zu fuͤhren, und auch Theopiſten und die beyden Soͤhne gefangen zu nehmen. Sie wurden vor Gericht geſtellt. Euſtachius, ſeine Gemahlin und ſeine Soͤhne leg⸗ ten mit aller Freymuͤthigkeit das gute Bekenntniß ab, ſie ſeyen Chriſten und wollen als Chriſten le⸗ ben und ſterben. Sie wurden verurtheilt, auf dem oͤffentlichen Schauplatze den wilden Thieren vorgeworfen zu werden. Der Schauplatz war ein ungeheuer großer, runder Platz, der mit Sand beſtreut war; ſtei⸗ nerne Baͤnke, eine immer hoͤher als die andere, zogen ſich in weiten Kreiſen umher, und erho⸗ ben ſich, geraͤumig genug hundert Tauſende von Menſchen zu faſſen, faſt bis an die Wolken. Der ſchreckliche Tag brach an. Eine unzaͤhlige Menge von Menſchen erfuͤllte die ſteinernen Sitze von unten bis oben, um da, außer Gefahr, dem ſchrecklichen Schauſpiele zuzuſehen. Der edle Feld⸗ herr Euſtachius, ſeine Gemahlin und ſeine Soͤhne wurden unter einer Bedeckung von Soldaten ge⸗ bracht. Die Gerichtsdiener ſtellten ſie in die Mitte des Schauplatzes, und entfernten ſich. Die hel⸗ denmuͤthigen Seelen aber freuten ſich, auf eben dem Platze, wo einſt Ignazius unter den Zaͤh⸗ nen wilder Thiere blutete, die Maͤrtyrerkrone zu erlangen. Wohl mochten ſie ſeines ſchoͤnen, ſinn⸗ vollen Wortes gedenken:„Ich bin ein Getreide Gottes; ich muß von den Zaͤhnen wilder Thiere — 1938— zermalmt werden, um als ein reines Brod Chriſti erfunden zu werden“ Das rohe Heidenvolk forderte mit furchtbarem Geſchrey, und tobendem Ungeſtuͤm, man ſollte die wilden Thiere loslaſſen. Es war dieſem Volke eine ſchauerliche Luſt, es mit Augen anzuſehen, wie ſchuldloſe Menſchen von wilden Thieren zer⸗ fleiſcht und verſchlungen wurden! Die Fallen der Thierbehaͤltniſſe wurden aufgezogen; vier furcht⸗ bare Loͤwen ſtuͤrzten hervor. Allein ſie thaten den Heiligen nichts zu leid; ſie ſchmiegten ſich viel⸗ mehr, wie ſanfte Laͤmmer zu ihren Fuͤßen. Das Volk ging unzufrieden und murrend auseinander. Dieſe Menſchen erkannten es nicht, daß ſie grau⸗ ſamer ſeyen als die wilden Thiere. Der Kaiſer war uͤber dieſen Ausgang ſehr unwillig; Euſtachius und ſeine Leidensgefaͤhrten wurden zu einer andern noch graͤßlicheren Todes⸗ art verurtheilt. Sie ſollten in einem ungeheu⸗ ren, ehernen Ofen, der nach einer bekannten grauſamen Erfindung, von außen die Geſtalt eines wilden Stieres hatte, verbrannt werden. Schon Abends zuvor wurden mehrere Klafter Holz herbeygefuͤhrt, und der Ofen untergeſchuͤrt, um ihn gluͤhend zu machen. Eine unzaͤhlige Menge Volkes verſammelte ſich am folgenden Morgen, ſo nahe, als es die Hitze geſtattete, um den gluͤhenden, ehernen Stier. Die Maͤrty⸗ rer wurden gebracht, um durch eine Seitenthuͤre in den Ofen geworfen und darin verſchloſſen zu werden. Euſtachius blieb in der Naͤhe des gluͤ⸗ — 189— henden Ofens ſtehen, erhob Augen und Haͤnde zum Himmel, und bethete mit lauter Stimme, und ſeine Soͤhne und ihre Mutter betheten in der Tiefe ihres Herzens mit ihm:„Allmaͤchtiger Gott, Herr Himmels und der Erde! Erhoͤre un⸗ ſer Flehen, und verleihe uns Deinen Dienern, daß wir, durch das Feuer ausgegluͤht und be⸗ waͤhrt, des Erbtheiles Deiner Heiligen theilhaf⸗ tig werden moͤgen. Du haſt uns den Glanz, den wir vormals in dieſer Welt hatten, auf kurze Zeit wieder zuruͤck gegeben; gieb uns anſtatt die⸗ ſer eitlen, ſchnell voruͤber gehenden Ehre nun⸗ mehr jene Herrlichkeit, die kein Ende mehr nimmt. Sieh, wir opfern uns Dir willig und freudig auf. Das Feuer lodert bereits, Dir ein Brand⸗ opfer zu bereiten. Vater, Mutter und Soͤh⸗ ne ſtehen als Opfer bereit. Laß Dir dieſes Opfer gefallen, diejenigen aber beſchaͤmt werden, die ſich Dir widerſetzen. Dein nie genug geprie⸗ ſener Name werde durch uns, Deine geringen Diener, verherrlicht. Ja, verſchmaͤhe dieſes Opfer nicht, wie du das Opfer Abels, das Opfer Abrahams und das Blut des erſten Maͤrtyrers Stephanus nicht verſchmaͤht haſt. Verleih uns und allen, die nach uns noch kuͤnftig den naͤm⸗ lichen Leidensweg gehen werden, Heil und Erloͤ⸗ ſung von allen Uebeln, die uns in dieſem Jam⸗ merthale der Erde beſchweren, und nimm uns alle auf in dein Reich!“⸗ Nach dieſem Gebethe vernahmen alle in ih⸗ rem Herzen, daß Gott dazu Amen ſage; und — 190— wohl alle Heiligen und Engel im Himmel wie⸗ derholten das Amen jubelnd und frohlockend. Euſtachius, ſeine Gemahlin und ſeine Soͤhne wurden in den Ofen geworfen, und waren wohl augenblicklich des Todes. Ihre Geiſter wurden in den Himmel verſetzt; ihre Leiber aber fand man, da nach drey Tagen der Ofen geoͤffnet wurde, von dem Feuer nicht zerſtoͤrt, ja wie die Sage will, unverſehrt. Fromme Chriſten beſtat⸗ teten ſie zur Erde. Das Andenken der heiligen Maͤrtyrer Euſta⸗ chius, Theopiſta, Agapius und Theopiſtus blieb unter den Chriſten im Segen; ja um ihr Anden⸗ ken auch den Chriſten kuͤnftiger Zeiten unvergeß⸗ lich zu machen, wurden ihre Namen in das Ge⸗ daͤchtnißbuch aller heiligen Maͤrtyrer eingetragen, und der zwanzigſte Tag des Herbſtmonats zu ihrem Gedaͤchtnißtage beſtimmt. Nachdem die Verfolgung der Chriſten, die noch zwey Jahrhunderte waͤhrte, endlich aufge⸗ hoͤrt hatte, erbaute man in der Gegend von Ti⸗ bur, jetzt Tivoli genannt, an eben der Stelle, wo Euſtachius einſt auf der Jagd die himmliſche Erſcheinung geſehen hatte, eine Kapelle; uͤber dem Grabe, in dem die Gebeine des heiligen Euſtachius, ſeiner Gemahlin und ſeiner zwey Soͤhne ruhen, wurde eine Kirche erbauet. Dieſe alte und herrliche Kirche ſteht in Rom noch. Zum Andenken an die Wohlthaͤtigkeit des heiligen Euſtachius, die der Anfang ſeiner Bekehrung war und ihm Gottes Wohlgefallen erwarb, werden in —ÿ — 191— dieſer Kirche von dem Roͤmiſchen Volke jaͤhrlich reichliche Almoſen dargebracht, und dann unter die Hausarmen ausgetheilt. Die Vertheilung der milden Gaben wird mit folgendem Gebethe beſchloſſen: „Verleihe, o Gott, Deinen Dienern, die dem Beyſpiele des ſeligen Euſtachius nachahmen und die Armen Deiner Kirche auf Erden durch milde Gaben erfreuen, Gewaͤhrung ihrer Bitten, damit ſie mit ihm und ſeinen Leidensgenoſſen ſich bey Dir in der Herrlichkeit des Himmels ewig erfreuen moͤgen, durch Jeſum Chriſtum, deinen Sohn, unſern Herrn! Amen.“⸗ Verzeichniß der ſaͤmmtlichen Schriften von Chriſtoph Schmid. ibliſche Geſchichte fuͤr Kinder, zum allgemeinen Gebrauche in den Volksſchulen Baierns. 3 Theile in 6 Bochn. gr 8. Muͤnchen, im k. Centr. Schulb. Verl. 1 fl. kr. Bibliſche Geſchichte fuͤr Kinder u. ſ. w. aus dem groͤßern Werke von dem Verfaſſer ſelbſt ausgezogen. 2 Bochen. gr. 8. Ebendaſelbſt. 30 kr. Erſter Unterricht von Gott fuͤr die lieben Kleinen. 16. Ebendaſelbſt. 2 kr. Kleiner katholiſcher Katechismus nach Petrus Caniſius. 16. Ebendaſelbſt. 41 kr. Lehrreiche kleine Erzaͤhlungen fuͤr Kinder. Ein Le⸗ ſebuͤchlein fuͤr Volksſchulen. 2 Bdchn. jedes 100 Erzaͤhlungen enthaltend. 12. Ebendaſelbſt. 4. 15 kr. Das Blumenkoͤrbche n. Eine Erzaͤhlung dem bluͤhenden Alter gewidmet. 8. 2te Aufl. Landshut, bey Kruͤll. 24 kr. Bluͤthen, dem bluͤhenden Alter gewidmet. 2te vermehrte und verbeſſerte Auflage. 8. Ebendaſelbſt. 2a kr. Die Oſtereyer. Eine Erzahlung zum Oſtergeſchenke fuͤr Kinder und Kinderfreunde. 12. Ebendaſelbſt⸗ 9 kr. Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntniß Gottes kam. 12. Ebendaſelbſt.. 9 kr. Der Weihnachtsabend. Eine Erzaͤhlung zum Weih⸗ nachtsgeſchenke fuͤr Kinder. 12. Ebendaſelbſt. 15 kr. Erzaͤhlungen fuͤr Kinder und Kinderfreunde. 3 Baͤndchen, 12. Ebendaſelbſt.. 27 kr. Genovefa. Eine der ſchoͤnſten und ruͤbrendſten Geſchich⸗ ten des Alterthumes. 5te Auflage mit einem neuen Titel⸗ kupfer. 8. Augsburg, J. Wolffiſche Verlagsbuchhandlung. (Unter der Preſſe.) 5. Roſa von Tannen burg. Eine Geſchichte des Alterthu⸗ mes, fuͤr Aeltern und Kinder. 3te Auflage mit einem neuen Titelkupfer 8. Ebendaſelbſt.(Unter der Preſſe.) Euſtachius. Eine Geſchichte der chriſtlichen Vorzeit, neuer⸗ zaͤhlt fuͤr die Chriſten unſerer Zeit. 2te Auflage mit einem Titelkupfer. 8. Ebendaſelbſt. 30 kr. Das hoͤlzerne Kreuz. Eine Erzaͤhlung von dem Verfaſſer der Oſtereyer. 18e rechtmaͤßige, viel verbeſſerte Originalaus⸗ gabe, mit einem Titelkupf. 12. Ebendaſ.(Unter der Preſſe.) Bilder⸗Sammlung zu Chriſtoph Schmids Erzaͤhlun⸗ gen fuͤr Kinder und Kinderfreunde, nebſt dem wohlgetrof⸗ fenen Portrait des Verfaſters, 11 trefflich in Kupfer ge⸗ ſtochene Blaͤtter mit 2 Bogen Tert, in Umſchlag geheftet. 12. Ebendaſelbſt. fl. 36 kr. Jedes Blatt iſt auch ein⸗ zeln zu 8 kr., das Portrait zu 18 kr. zu haben. ———-— —— 8* 8 inHnmnnfſnſſffſſn 10 11 12 13 14 15