—— p nahme und Ffageaghntipente) Zer Prlegesohn. 3 Hiſtoriſcher Roman V aus V den Papieren eines Spaniers von Georg Aot:. Erſter Band. Magdeburg, 6 bei Ferdinand Ruba. 1 8 2 7. 9 3W 0 baw o rr t. ⸗ Der Held dieſer anziehenden Geſchichte, die ich, indem ich ihn ſelbſt darin redend ein⸗ fuͤhre, aus ſeinen Papieren dem freundlichen Leſer vorlege, hat, waͤhrend er die merkwuͤr⸗ digen Begebenheiten ſeines Lebens ſchilderte, zugleich ein treues Gemaͤlde der Sitten, Gebraͤuche und Gewohnheiten ſeiner Lands⸗ leute aufgeſtellt. Er fuͤhrt den Leſer in das Privatleben der Familien, in die Tertulias und in die Palaͤſte der Großen ein, und macht ihn mit Allem bekannt, was dort Bemerkenswerthes zu hoͤren und zu ſchauen. * 2 — IV Er entwirft ein wahres Bild von dem Na⸗ tionalcharacter der Spanier, und zeigt dieſe üͦberhaupt ſo, wie ſie wirklich ſind, nicht aber wie ſie dem Auge des vorurtheilsvollen Fremden erſcheinen, der nur zu oft geneigt iſt, nach einzelnen Indipiduen uͤber eine ganze Nation abzuurtheilen. Zur groͤßeren Verſtaͤnd⸗ lichkeit habe ich den ſpaniſchen Anshriilen erlaͤuternde Anmerkungen beigefuͤgt. ao Sanuun im Auguſf 1826. egu Leg 5 1995 1 Der Der Pflegeſohn. Er ſter Ban d. 1. Es war im Anfange des Monats September, zu jener Zeit, in welcher die Univerſitaͤts⸗Ferien mich der Pflicht uͤberhoben, dem Unterrichte der Profeſſoren beizuwohnen, als mein Vater, Don Ignacio Lara, den Tag unſerer Abreiſe nach Ci⸗ gales beſtimmte, einem kleinen, zwei Meilen von Valladolid entfernt gelegenen Dorfe, wo meine Mutter einen groͤßtentheils aus Weingaͤrten beſte⸗ henden Landſitz beſaß, auf dem wir gewoͤhnlich die Zeit der Weinleſe zubrachten. Ich befand mich grade in dem Studierzimmer meines Vaters, als derſelbe den frohen Tag der Abreiſe feſtſtellte, und da es bei dieſem Ausfluge ſtets Feſte und Luſtbarkeiten, beſonders fuͤr die juͤngeren Mitglieder der Familie gab, eilte ich ſo⸗ fort hinaus, ihnen, zumal aber meinem Bruder Raimundo, welcher mit ſeinem heiteren Sinne, ſtets die Seele aller unſeren Partieen war, die freudige Kunde zu uͤberbringen. 1* — 4— Da dieſe Reiſe fuͤr uns immerdar eine große Feſtlichkeit war, hatten wir uns ſaͤmmtlich ſchon im Voraus geruͤſtet, um recht ſtattlich zu erſchei⸗ nen in dem Zuge, welcher nunmehr von unſerem Hauſe in der Stadt nach Cigales angetreten wer⸗ den ſollte. Seit mehreren Jahren ſchon war die Ordnung dabei folgende: Mein Vater und die⸗ jenigen unſerer Freunde, welche die Vendimias*) bei uns zubringen wollten, eroͤffneten den Marſch zu Roß, waͤhrend Raimundo und ich, als die Adju⸗ tanten meines Vaters, auf kleinen Kleppern ihm zur, Seite ritten. Hinter uns trabten auf Eſeln diejenigen unſerer Mitſchuͤler daher, die wir einge⸗ laden hatten, die Ferien mit uns zu verleben. Darauf kamen meine Schweſtern, die naͤmlich, welche reiten konnten, nebſt ihren Freundinnen, ſaͤmmtlich ebenfalls von Eſeln getragen; zu welchem Ende alle langohrigen Grauſchimmel des Dorfs in Requiſition geſetzt waren. Dieſer glaͤnzenden Eſel⸗Cavalcade folgte ein kleiner, von meinem Vater ſelbſt gefertigter und von zwei großen Ziegen gezogener Phaͤton, in welchem ſich zwei meiner juͤngeren Schweſtern befanden; und gleich hinter⸗ drein kam der mit Maulthieren beſpannte Wagen, in dem meine Mutter, meine juͤngſten Schweſtern und unſere alte Duenna ſaßen, welche Letztere einen *) Die Zeit der Weinleſe. — 5— Papagey in einem Kaͤfig auf dem Schooße hielt. Ein carro mato, oder bedeckter Wagen, mit der weiblichen Dienerſchaft, beſchloß den Zug; die Die⸗ ner meines Vaters ſchritten neben demſelben, und unterhielten ſich und jene mit allerhand luſtigen Erzaͤhlungen und Geſpraͤchen. Dieſe ſo eben beſchriebene Ordnung ward in⸗ deſſen nur durch die Straßen der Stadt und bis an das Thor beibehalten; kaum hinaus ins Freie gelangt, miſchte ſich Alles durcheinander, und das bunteſte Gemiſch herrſchte, bis wir das Derj er⸗ reichten. So war es ſtets gehalten worden, bis zu dem Zeitpunkte, wo dieſe meine Geſchichte beginnt, jetzt aber, da wir aͤlter geworden waren, wurden die Eſel mit Maulthieren, die Ziegen aber mit Klep⸗ pern vertauſcht; auch ward die Ordnung des Zu⸗ ges nicht mehr ſo ſtrenge beobachtet wie vormals; denn wir zogen es jetzt vor, nehen den Freundin⸗ nen meiner Schweſtern zu reiten, und vor ihnen unſere jugendliche Galanterie zu entfalten. Statt unſeres eigenen Wagens war in dieſem Jahre auch ein Coche de Colleras*) gemiethet worden. Dieſe Waͤgen werden gewoͤhnlich von drei Maͤnnern bedient, dem Mayoral, dem Zagal und dem Mo- *) Reiſekutſche. — 6— zo de Mulas*). Der Moyoral ſitzt auf dem Bock und haͤlt die Zuͤgel der ihm zunaͤchſt befind⸗ lichen zwei Maulthiere, der einzigen, welche durch Zuͤgel gelenkt werden, denn die vorderen vier ſind voͤllig frei und werden nur durch Worte regiert, außer an gefaͤhrlichen Stellen, oder wenn man in eine Stadt hineinfaͤhrt, wo dann der Zagal zwi⸗ ſchen die beiden Vordern tritt und ſie beim Half⸗ ter fuͤhrt. Die Koͤpfe der Thiere ſind mie Baͤn⸗ dern und Schleifen von verſchiedenen Farben ge⸗ ſchmuͤckt, und Gloͤckchen, wohl achtzehn bis zwan⸗ zig an der Zahl, haͤngen am Halſe. Jedwe⸗ des Maulthier kennt ſeinen Namen ganz genau, und gehorcht der Stimme des Mayoral mit er⸗ ſtaunenswuͤrdiger Folgſamkeit; laͤßt es irgend Eines an Gehorſam fehlen, ſo ſpringt der Mozo mit Bliz⸗ zesſchnelle von ſeinem Bocke, pruͤgelt das wider⸗ ſpenſtige Thier tuͤchtig ab, und ſchwingt ſich dann eben ſo ſchnell wieder auf ſeinen Sitz hinauf, wo⸗ bei er ſtets gar derb zu fluchen pflegt. Auf dieſe Weiſe galoppiren ſie waͤhrend des ganzen Weges, unter dem Geklingel ihrer Gloͤck⸗ chen und dem Geſchrei des Mayoral, welcher nicht aufhoͤrt, ihre Namen mit ſtets verſchiedenen Beto⸗ nungen auszurufen, wobei er gemeinhin uͤber die *) Oberkutſcher, Unterkutſcher, Knecht oder Fuͤtte⸗ rer der Maulthiere. — 27— beiden erſten Sylben raſch hinweggeht, auf die dritte einen Nachdruck legt, und die vierte dehnt; wie zum Beiſpiel: Coro-ne-laaa, Gene-ra-Jaaa, Capi-ta-naaa, Man-che-gaaa u. ſ. w. Waͤhrend nun bei der obenerwaͤhnten Gelegen⸗ heit die Reiſekutſche gepackt wurde, machte ſich einer der Zagals, ein junger Andaluſier, mit dem ſeinen Landsleuten eigenthuͤmlichen Feuergeiſte, und ihren kecken aber einnehmenden Blicken, uͤber das traurige Antlitz und die zuſammengeſchrumpfte Ge⸗ ſtalt eines aus Frankreich emigrirten Prieſters luſtig, dem mein Vater in unſerem Hauſe Zu⸗ flucht gewaͤhrt hatte. Nach tauſend ſcherzhaften Bemerkungen trat der junge, froͤhliche Andaluſier zu mir heran, winkte mit ſeinen lebhaften aus⸗ drucksvollen Augen nach der ſchwermuͤthigen Ge⸗ ſtalt, welche waͤhrend der ganzen Zeit ſtarr wie eine Statue unter dem Portale geſtanden hatte, und fragte:„Ums Himmels Willen, Sennorito, wie kommt Ihr zu dem Dinge da? Scheint es doch traun, als ob es aus irgend einer Niſche des Kloſters St. Dominie fortgelaufen waͤre. Wahr⸗ lich, der koͤnnte praͤchtig eine Seele im Fegefeuer darſtellen.“— Der Prieſter, welcher zu bemerken ſchien, daß von ihm die Rede ſey, trat in dieſem Augenblick zu uns heran, welches der junge pfif⸗ ſige Andaluſier kaum gewahrte, als er auch ſofort -— ſeiner Rede mit großer Geiſtesgegenwart eine an⸗ dere Wendung gab und ſich ſo ſtellte, als habe er mir ſo eben ſeine Geſchichte erzaͤhlt.„Wie ich Euch ſage, Sennoritto,“ fuhr er fort,„ich heiße Anton und bin zu Sevilla geboren, von dem, wie Ihr wißt, daß Sprichwort ſagt: Wer Se⸗ villa nicht ſah, hat noch nie ein Wunder geſehn*). 2 Das ſpaniſche Sprichwort heißt: Quien no ha visto à Sevilla, no ha vista maravilla.,— Die Andaluſier ſind, wie in Frankreich die Gas⸗ cogner große Prahler und Luͤgner; beſonders iſt dieſes bei den niederen Klaſſen der Fall. Um dieſe Gewohnheit laͤcherlich zu machen, erzaͤhlt man eine Geſchichte von einem andaluſiſchen Prieſter, wel⸗ cher, da er ſeinen Hang zum Uebertreiben kannte, ſeinen Kuͤſter beauftragt hatte, ihn beim Kleide zu zupfen, falls er im Strome ſeiner Rede zu weit gehen ſollte. Eines Tages ſprach er nun auch uͤber die Beſtrafung der Boͤſen, und indem er die Qualen ihres Aufenthaltes beſchrieb, ſagte er: daß ſich dort eine hundert Ellen lange Schlan⸗ ge befaͤnde. Hier zupfte ihn der Kuͤſter beim Kleide.„Ich bitte um Verzeihung, ich habe mich verſprochen,“ unterbrach ſich der Redner,„die Schlange war nur ſechzig Ellen lang.“ Dem Kuͤ⸗ ſter ſchien auch das noch zu viel, er zupfte neuer⸗ dings.„Was ſage ich, meine Zuhorer, ſechzig Ellen,“ rief der Prieſter,„ſo ganz genau kann man das nun eben nicht wiſſen, jedoch hat ihre Laͤnge wenigſtens vierzig Ellen gemeſſen!— Der Kirchendiener aber war damit noch nicht zufrieden, und zupfte noch ein⸗ b 1 4 — èO——Q—QOQ:BOBOCB—— — 9— Dort giebt es einen Thurm, la Giralda geheißen, von dem aus man die halbe Welt uͤberſchauen kann, und auf deſſen Kuppel ein ganzes Maginlant Cavallerie manoͤvriren kann.“ „Sennorito,“ nahm hier der Mozo, zu mir gewandt, das Wort:„Sennorito, ih bitte, zupft ihn doch am Kleide.“ „Ich hatte,“ fuhr der Andere, ohne auf dieſe Unterbrechung zu achten, fort,„ich hatte die Ehre, dem Koͤnige, unſerem Herrn, zu dienen; und be⸗ ging die Thorheit, ihn gut zu bedienen. Ich war Zagal bei einer Kutſche ſeines Gefolges. Eines Tages traf es ſich nun, daß die Maulthiere, wel⸗ che gewoͤhnlich den Wagen Sr. Majeſtaͤt zogen, vor den jenes Obriſten geſpannt worden waren, der, wie Ihr wißt, ſo trefflich die Guitarre ſpielt. Die Maulthiere, welche ohne Zweifel dieſe Herab⸗ ſetzung fuͤhlten, raͤchten die ihnen zugefuͤgte Belei⸗ mal und noch ſtaͤrker als zuvor. Da wandte ſich der geiſtliche Herr verdrießlich zu ihm mit den Worten:„bei der heiligen Jungfrau, wenn Du noch nicht aufhoͤrſt, wird die Schlange nicht ein⸗ mal einen Schwanz behalten.“— Dieſe Ge⸗ ſchichte iſt in Spanien ſo allgemein bekannt, daß wenn Jemand in Geſellſchaft uͤbertreibt, oft an ihn die Frage ergeht: ob man ihn etwa am Kleide zupfen ſolle.. — 10— digung, als ſie kaum den halben Weg nach St. Lorenzo zuruͤckgelegt hatten, denn ſie warfen den. Wagen in einen Graben. Haͤtte dieſer ſeine Pflicht eben ſo treu erfuͤllt, wie die Maulthiere, dann haͤtte der Herr Obriſt ſeiner Großmutter in der anderen Welt Geſellſchaft leiſten koͤnnen; ſo aber ward er nur am Kopfe verwundet. Ich meinerſeits, der den Stolz der Maulthiere keinesweges theilte, hielt es bei dieſer Gelegenheit gerathen, mich aus dem Staube zu machen, und ich glaube, ich that wohl daran, denn Se. Majeſtaͤt haͤtten mir viel⸗ leicht, ſonſt die Ehre erzeigt, mit meiner geringen Perſon den erſten beßten Baum in fresnada*) zu ſchmuͤcken. Ich kehrte nach dem Parador**) zuruͤck, und trat dort in die Dienſte dieſes ehrlichen Chriſtenmenſchen von Mayoral, der wenig zahlt, aber viel flucht, und den armen Anton wie einen Ball umhertreibt; uneingedenk, daß derſelbe eben ſo gut wie er, jetzt Mayoral ſeyn koͤnnte, und noch dazu bei des Koͤnigs Equipagen, waͤren naͤm⸗ lich die verwuͤnſchten Maulthiere weniger ſtolz ge⸗ weſen. Denn das moͤgt Ihr mir bei meiner Ehre glauben, in der ganzen Chriſtenheit giebt es keinen Zagal, der es mit mir aufnehmen koͤnnte.“ *) Ein kleines Gehöͤlz in der Naͤhe des Escurial. **) Das Wirthshaus⸗ — 11— „Ja ja, im Luͤgen,“ fiel der Mayoral ein. „Darin erkenne ich in Euch meinen Meiſter,“ entgegnete Anton, indem er ſich verbeugte.„Aber ſprecht aufrichtig,“ fuhr er darauf, zu mir gewandt, wieder fort,„ſaht Ihr wohl je in Euerm Leben Maulthiere, die mit den unſeren verglichen wer⸗ den koͤnnten? Hier die Coronela kam aus den koͤniglichen Staͤllen, weil ſie ein Auge verloren hatte, haͤtte ſie beide eingebuͤßt, haͤtte man ſie vielleicht zum Mitgliede des Raths von Caſtilien ernannt! Auch der Capitano dort hat große Ver⸗ dienſte, ich bin ganz entzuͤckt uͤber ſeine vortreffli⸗ chen Eigenſchaften. Er weiß beſſer als eine Uhr, wenn es Mittag iſt, und haͤlt um ſeine Mahl⸗ zeit ſo hoͤflich an, wie es nur eine Chriſtenſeele zu thun vermag; bekommt er nichts, koͤnnen ihn weder Geld noch gute Worte von der Stelle bringen.“ „Wie alt iſt denn das Thier?“ fragte hier der franzoͤſiſche Prieſter in dem ihm eigenthümli⸗ chen pathetiſchen Tone. „Ich habe ſeinen Taufſchein nicht geſehen,“ verſetzte Anton,„ſeine Mutter aber, das weiß ich, war aͤlter als er. Hier die Manchega,“ fuhr er darauf fort,„iſt ein Thier, eines Monar⸗ chen wuͤrdig. Sie iſt zwar nicht ſo klug, wie der — 12— Capitano, aber ſie iſt ſanft wie ein Lamm, und ſchlaͤgt nie hinten aus, wenn man ſie nicht belei⸗ digt. Und nun ſchauet dort die Generala und die Dromedara, was die fuͤr Schenkel haben, dergleichen kriegt man in ſeinem Leben nicht wie⸗ der zu ſehen. Von dieſen beiden Thieren kann ich Euch, ohne zu uͤbertreiben, Wunderdinge er⸗ zaͤhlen.“ Der junge Andaluſier haͤtte noch ohne Zweifel eine Weile ſo fortgeſchwatzt, haͤtte nicht in die⸗ ſem Augenblick der Mayoral ſeinen Sitz auf dem Bocke eingenommen, und dadurch das Geſpraͤch ſeines Untergebenen beendigt. Ein jeder von uns begab ſich nunmehr an ſeinen Platz, der Zagal erfaßte die Zuͤgel der beiden vorderſten Maulthiere, ſetzte ſie mit einem munteren Ausruf in Galop, und ſchwang ſich dann ebenfalls hinauf auf den Bock, wo er in einem froͤhlichen Tone die Con- trabandista*) anſtimmte. In weniger als einer Stunde erreichten wir unſer Haus in Cigales. Hier ſchlugen unſere weiblichen Gaͤſte ihre Wohnung bei meinen Schwe⸗ ſtern, in einem Theile des Gebaͤudes auf, der von dem, den wir mit unſeren Freunden bewoh⸗ nen ſollten, etwas entfernt war. Alle dieſe Zim⸗ *) Ein andaluſiſches Volkslied. 4 —— mer befanden ſich indeſſen im erſten Stockwerk, denn der obere und untere Theil des Hauſes war fuͤr die Dienerſchaft und fuͤr die Winzer beſtimmt. Die Zahl dieſer Letzteren belief ſich auf ſechzig, und beſtand aus Capataces, coritos, pisadores, trotadores, vendimiadores, covanilleros und cargadores,*) welche zuſammen eine Art von Hierarchie bildeten, mit deren Verfaſſung ich meine freundlichen Leſer naͤher bekannt machen will. gwiſchen zwei und drei Uhr Morgens gilt hier das Kraͤhen des Hahnes ſoviel, wie bei den Moͤn⸗ chen das Gelaͤute der Glocken, es iſt das Signal zum Aufſtehen. Die Capataces oder Aufſeher ge⸗ horchen zuerſt dem Rufe des Hahnes, denn ihnen liegt es ob, daruͤber zu wachen, daß Jedermann in⸗ nerhalb wie außerhalb des Hauſes ſeine Pflicht thue. Mit dem Ausrufe:„Ave Maria puri- sima,“ eilen ſie in die Gemaͤcher, in welchen Maͤnner und Weiber bunt durcheinander ſchlafen; „auf, auf!“ heißt es dann,„munter auf die Beine! ſchuͤttelt den Schlaf von Euch, der Hahn hat ſchon vor einer halben Stunde gekraͤht!“ Da das Lager eines Jeden nur aus einer Strohmatratze beſteht, legen ſie ſich voͤllig ange⸗ *) Benennungen der Winzer nach ihren verſchieden⸗ artigen Beſchaͤftigungen. — 14— kleidet nieder, und gebrauchen demnach am Mor⸗ gen auch nur wenig Zeit zu ihrer Toilette. Sie ſpringen raſch empor, ſtellen ſich rund um die capataces und ſprechen ein Pater noster, ein Ave Maria und ein Gloria Patri zum Morgengebet. 8 Laßt die Covanilleros ihre Koͤrbe nehmen,“ ruft darauf einer der Capataces, und nunmehr macht ſich Alles auf den Weg; wobei die Weiber, ſo wie ſie das Haus verlaſſen haben, zu dem frohen Geſange der Winzer die Eimbel ſchlagen, bis man in den Weingaͤrten anlangt. Hier werden nunmehr die Inſtrumente bei Seite gelegt, und die Vendimiadores beginnen die Trauben zu ſammeln, zu welchem Endzweck ein jeder einen Korb hat, den er dem covanillero oder Korbtraͤger uͤbergiebt, wenn er gefuͤllt iſt. Dieſer traͤgt den Korb nach dem Eingange der Weingaͤrten, wo er die Trauben in ein groͤßeres Behaͤltniß ſchuͤttet. Hier befinden ſich nunmehr die Cargadores, welche die großen, mit Trauben gefuͤllten Koͤrbe auf Maulthiere und Eſel laden, und worauf ſie von den Trottadores nach dem Orte gebracht werden, wo ſie ausgepreßt werden ſollen. Die Piſadores, ſo geheißen, weil ſie die Trauben treten, bevor ſie in die Preſſe kommen, nehmen jene von den Trottadores in Empfang, ——— Geſange zu horchen. — 15— und treten ſie mit ihren, bis an die Kniee entbloͤß⸗ ten Beinen, waͤhrend die Corritos den bereits ge⸗ preßten Wein in Schlaͤuche fuͤllen, und ihn nach den Kellern bringen, wo ſie ihn in die dort be⸗ findlichen Cuhas*) ſchuͤtten.. Dieſes iſt die verſchiedenartige Beſchaͤftigung der froͤhlichen Winzer, denen man Maͤßigkeit und gutes Benehmen nicht anzuempfehlen braucht; denn ſie betragen ſich im Allgemeinen hoͤchſt exemplariſch. Die groͤßte Heiterkeit herrſcht ſtets unter ihnen, und es gewaͤhrt in der That ein wahrhaftes Ver⸗ gnuͤgen, es mit anzuſchauen, wenn die guten Menſchen nach Sonnenuntergang von der. Arbeit heimkehren, und ſich mit laͤndlichen Taͤnzen be⸗ luſtigen oder muntere Lieder ſingen, gleichſam als kehrten ſie von einem Feſte zuruͤck. Oft habe ich. dageſtanden, um von weitem, ihrem feoͤhlichen, von der Cymbel oder den Caſtagnetten begleiteten Jeden Abend, um die Zeit ihrer Heimkehr, pflegte ſich unſere Geſellſchaft hinauszubegeben, um der friſchen Luft zu genießen und die Winzer zuruͤckkehren zu ſehen. Zu Hauſe angelangt, ſetzen ſie ſich ſaͤmmtlich in der Kuͤche rund um ein gro⸗ *) Große Behaͤlter, welche vier bis achthundert Cantaras enthalten. — 16— ßes Feuer, wo ein Jeder von ihnen eine tuͤchtige Portion sopas de ajo,*) eine Schuͤſſel Bohnen, ein Stuͤck Kaͤſe, ein Pfund Brot und ein Noͤſel Wein zur Abend⸗ oder vielmehr zur Mittagsmahl⸗ zeit erhaͤlt; denn waͤhrend des Tages genießen ſie nichts als Brot und Trauben. Die Capataces, Piſadores, Coritos und Trotadores bekommen indeß vorzugsweiſe ihre olla, welche aus einem Gemiſch von Fleiſch, Wuͤrſten, Speck, Bohnen und Kohl beſteht, die ſie an einem Tiſche verzeh⸗ ren, an dem der cachican**) und deſſen Ehefrau praͤſidiren, welche das Gericht mit gewiſſenhafter Gerechtigkeit vertheilen, und ſich dabei, im Ge⸗ fuͤhl ihres Ehrenamtes, gemeinhin ein gar wichti⸗ ges Anſehen geben. Die Art und Weiſe, auf welche wir waͤhrend ber zwei Monate, die wir gewohnlich in dieſem Dorfe zubrachten, die Zeit verlebten, war ſo an⸗ genehm wie moͤglich. Fruͤh Morgens beſtiegen mein Vater, mein Bruder Raimundo, ich und unſere Freunde unſere Pferde und Eſel, und trab⸗ ten wohlgemuth nach dem, nur eine Stunde weit von unſerem Dorfe entfernten Fluſſe Piſuerga, um uns dort mit t flchen zu beſchaͤftigen, zu wel⸗ . 1 them n tanghge 2 **½) Oberaufſeher oder Verwalter. — 17— chem Endzweck ein Jeder von uns ſeine Geraͤth⸗ ſchaft mit ſich fuͤhrte. 1 Gegen ein Uhr langten die Damen an, und brachten ein reichliches, aber kaltes Mittagsmahl mit, welches wir am Ufer des Fluſſes, an irgend einem lieblichen Platze, unter den Schatten ge⸗ waͤhrenden Baͤumen zu uns nahmen. Hier ge⸗ ſellten ſich oft mehrere unſerer Freunde und Be⸗ kannte aus der Stadt zu uns, die, wie wir, der Wieinleſe wegen nach Cigales gekommen waren; unter ihnen befanden ſich gemeinhin mehrere Muſiker, welche dann begreiflicherweiſe bei dieſen Gelegenheiten ihre Inſtrumente nicht vergeſſen hat⸗ ten. Ein Tanz war leicht angeordnet, man ſchwenkte ſich in froͤhlichen Kreiſen umher, bis man ermuͤdet war, wo ſich dann Alles auf das kuͤhle Gras ſtreckte, um ſich auszuruhen. Gegen Abend kehrten wir heim, und ſangen den ganzen Weg uͤber den Boleras, den Seguidillas, den Tiranas und andere Lieder, wobei Guitarren, Gei⸗ gen, Floͤten und Clarinetts unſeren Geſang beglei⸗ teten. Zu Hauſe angelangt, ward ein Refresco*) ſervirt. Die Freunde und Bekannte, welche die *) Erfriſchungen von Cis⸗ Chocolade und Gebak⸗ ” kenem. J. 4 2 — 18— Tertulia*) bildeten, erſchienen, und der aͤltere Theil der Geſellſchaft ſetzte ſich an die Karten⸗ tiſche, um Tresillo**) oder Whiſt zu ſpielen; 2 waͤhrend der juͤngere ſich in der Halle mit Tanz oder geſelligen Spielen beluſtigte, bis die Abend⸗ mahlzeit die Beſchaͤftigungen und Freuden des b Tages beſchloß. b*) Abendgeſellſchaft. 4 **) L'hombre. 19— 2. Ich kehre jetzt zu der Periode zuruͤck, in welcher dieſe meine Geſchichte beginnt, naͤmlich zu dem Tage nach unſerer Ankunft in Cigales, an wel⸗ chem wir ſaͤmmtlich in den Wald auf die Jagd zogen. iits zcd Wir blieben anfangs eine Weile lang beiſam⸗ men, wurden aber bald, wie es bei ſolchen Ge⸗ legenheiten zu gehen pflegt, von einander getrennt, indem der Eine hiehin, der Andere dorthin die Spur des Wildes verfolgte. Ich meinerſeits ſchlug, waͤhrend ich ſo umherſtrich, einen Pfad ein, der aus dem Walde hinaus in das Freie fuͤhrte, und ſtieß dort auf meinen Bruder Raimundo, der ſo eben zu Pferde einen Fuchs gejagt hatte.„Ich habe das Thier nicht weiter verfolgt“, ſprach er, zu mir gewandt,„denn in der Naͤhe von Cabezon, auf der Straße von Burgos, kam mir eine elegante Equipage entgegen, in der ich das ſchoͤnſte weib⸗ liche Weſen gewahrte, das mein Auge je erſchaute; ein Herr von mittleren Jahren ſaß ihr zur Seite. Sie ſah aus dem Wagenfenſter und deutete mit einem Buche, welches ſie in der Hand hielt, dort⸗ hin, wo ſich der Piſuerga um die Inſel Ruyſe⸗ nor, den Lieblingsplatz unſerer Kindheit, windet. Ihr großes, feuriges, ſchwarzes Auge ſtrahlte vor △ 2* — 20— Entzuͤcken und belebte alle ihre Geſichtszuͤge. Als ich neben dem Wagen ritt, hoͤrte ich, wie ſie ihrem Begleiter zurief:„O ſehen Sie, beßter Onkel, jene liebliche Inſel, wie gluͤcklich koͤnnte man doch dort ſein ganzes Leben zubringen!“—„Wie ein Eremit, nicht wahr?“ fragte der Oheim. „Nicht ganz ſo,“ entgegnete die liebliche Geſtalt, „ich meine in Geſellſchaft derer, die man liebt!“— In dieſem Augenblick befand ich mich grade vor dem Fenſter des Wagens, wo ich es denn keines⸗ wegs unterließ, die Reiſenden achtungsvoll zu gruͤ⸗ ßen.„Verzeihen Sie,“ rief mir der Begleiter des ſchoͤnen Maͤdchens zu,„verzeihen Sie, mein Herr, wohnen Sie hier in der Nachbarſchaft?“ Ich bejahete dieſe Frage.„So koͤnnen Sie mir,“ fuhr er fort,„vielleicht ſagen, wem die kleine Inſel angehoͤrt, die ſich dort jenſeits jener Muͤh⸗ len zeigt?“ „Sie iſt ein Eigenthum der Donna Tereſa Guzmann, der Gattin des Don Ignacio Lara“, lautete meine Antwort.„In der That!“ rief der Fremde.„Nun, Iſabelita, da wirſt Du Gelegen⸗ heit haben, die reizende Lage jener Inſel naͤher in Augenſchein zu nehmen.“— Darauf dankte er mir fuͤr meine Auskunft, die Poſtillons trieben die Maulthiere an, und nach wenigen Augen⸗ blicken hatte ich den Wagen aus dem Geſichte ——— —— — 2 — 241— verloren. Wahrlich! waͤre ich nicht bis uͤber die Ohren in die reizende Angelica verliebt, ich glaube, ich wuͤrde die groͤßte Leidenſchaft fuͤr dieſe ſchoͤne Iſabelita empfinden. Das liebliche Geſchoͤpf! mit den vollen Locken, die ſchwarz wie Ebenholz uͤber ihren blendend weißen Nacken herabwallten, dem ſuͤßen Laͤcheln der Korallen⸗Lippen, wahrlich, ich glaubte Aurora zu ſchauen, wie ſie den Morgen⸗ nebel durchbricht, um den Sterblichen Licht und Leben zu ſpenden.“ „Mich ſoll der Henker holen! wenn Du nicht auch in die verliebt biſt“, rief ich, uͤber ſeinen Enthuſiasmus laut auflachend, in einem luſtigen Tone aus.— Raimundo war dreizehn Monate aͤlter als ich. Da er der aͤlteſte Sohn und folglich der Mayo- razzo*) war, ließen, wie es bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu gehen pflegt, unſere Aeltern bei ſeiner Erziehung nur Nachſicht und Milde obwalten. Dieſes ging auch ganz gut, ſo lange er ein Kind war, als er aber zu den Jahren gelangte, die man mit Unrecht die Jahre der Vernunft nennt, in welchen die Leidenſchaften in ihrer ganzen Staͤrke erwachen, fanden es unſere Aeltern ſchwierig, ihrem bisherigen Erziehungsplane zu folgen, trafen aber dennoch keine Aenderung darin. *) Der Erbe einer adlichen Familie. e. Die Folgen dieſes Benehmens muß ich indeß fuͤr jetzt uneroͤrtert laſſen, weil es mir obliegt, den Faden meiner Geſchichte wieder aufzunehmen. Am Abend des Tages, von dem ich ſo eben er⸗ zaͤhlte, machten wir jungen Leute einen Spazier⸗ gang nach einem in der Naͤhe unſeres Hauſes befindlichen dichten Gehoͤlz. Der Mond ſchien hell und klar, und nur dann und wann wurde ſein Silberlicht durch einige leichte Woͤlkchen verdun⸗ kelt. Die Stille der Nacht ward durch kein Ge⸗ raͤuſch unterbrochen, denn die Landleute hatten ſich nach beendigtem Tagewerke bereits zur Ruhe be⸗ geben. Waͤhrend meine Schweſtern und ihre Freun⸗ dinnen Arm in Arm langſam und ſingend dahin ſchlenderten, hatte ich unwillkuͤhrlich einen anderen Pfad eingeſchlagen, welcher auf die Landſtraße fuͤhrte; und ſchon hatte ich faſt das Ende des Ge⸗ hoͤlzes erreicht, als ich ploͤtzlich in einiger Entfer⸗ nung von mir Pferdegetrampel vernahm. Ich blickte durch das mich verbergende Gebuͤſch, und gewahrte zu meinem Erſtaunen vier mit Carabi⸗ nern bewaffnete Reiter.„Halt gemacht!“ rief jetzt einer von ihnen zu ſeinen Gefaͤhrten,„haltet Eure Waffen in Bereitſchaft! Ich ſelbſt ſah den Wagen aus der Stadt fahren, in weniger als zwanzig Minuten muß er hier eintreffen.“ —, —, ———ſſ — 23— 1 „Biſt Du aber auch gewiß, daß er hier vor⸗ üͤber kommt?“ fragte ein zweiter,„kann er nicht dielleicht einen anderen Weg einſchlagen? Du weißt, was wir verlieren, wenn er uns entgeht. Die Beute nicht gerechnet, iſt wahrlich der uns verſprochene Lohn von zehntauſend Dukaten keine Kleinigkeit.“ „Ja, ja, er iſt freigebig“, bemerkte ein drit⸗ ter,„ſeine Opfer ſind aber auch des Preiſes werth. Ich bin nur bekuͤmmert wegen der jungen Dirne; wir ſollen ihr Leben ſchonen, wer aber kann einer Kugel gebieten?“ „Thorheit!“ rief der vierte.„Ihr Heiliger mag ſie beſchuͤtzen, will er ſie am Leben erhalten. Unſere Pflicht iſt es, Alles umzubringen, damit Niemand etwas ausſchwatzen kann. Ich meiner⸗ ſeits habe den Galgen nicht ſo lieb, daß ich An⸗ drer ſchonen ſollte, um gehaͤngt zu werden. Beim Judas, thut mein Carabiner ſeine Pflicht nicht, ſoll mein Dolch die ſeinige erfuͤllen.“ Obgleich ich dieſen Mordplan nicht ohne Ent⸗ ſetzen mit anhoͤren konnte, floͤßte derſelbe mir den⸗ noch keine Furcht, ſondern vielmehr eine Kuͤhnheit ein, die ich bisher noch nie empfunden hatte. Ich beſchloß auf der Stelle die ungluͤcklichen Opfer zu retten, ſchlich leiſe zuruͤck, und eilte quer durch das Gebuͤſch auf die nach Valladolid fuͤhrende Landſtraße. Ich langte dort faſt athemlos an, denn ich befuͤrchtete zu ſpaͤt einzutreffen; zum Gluͤck aber kam ich noch zur rechten Zeit; denn eben war ich aus dem Gebuͤſch getreten, als ich das Geklingel der Maulthiere und die Stimme der Zagals vernahm, welche eine Tirana ſangen. „Halt, halt!“ rief ich, indem ich dem Wagen entgegen eilte,„halt, Euer aller Leben iſt in Gefahr, fahrt Ihr auch nur noch einen Schritt weiter!“ Die Poſtillons hielten die Maulthiere an, und ein Herr im Wagen fragte, was es gaͤbe. Ich erzaͤhlte nun, was ich geſehen und ge⸗ hoͤrt hatte, und rieth einen anderen Weg einzu⸗ ſchlagen. „Wir wollen nach Cigales“, entgegnete der Fremde,„das Gehoͤlz, deſſen Sie erwaͤhnen, be⸗ findet ſich vielleicht jenſeits des Dorfs, und ſo haͤtten wir nichts zu fuͤrchten.“ „Wenn Sie auf dieſer Straße bleiben, muͤſ⸗ ſen Sie an jener Waldung voruͤber, bevor Sie Cigales erreichen, es fuͤhrt aber auch ein anderer Weg dahin, den ich Ihnen zeigen will.“ „Darf ich wohl fragen,“ nahm der Fremde wieder das Wort,„wem wir dieſe fuͤr uns ſo wichtige Nachricht verdanken?“ 7 —— — 25— „Dem Don Eſteban Lara“, gab ich zur Ant⸗ wort. „Himmel!“ rief der Reiſende,„dieſe Familie ſcheint zu meiner Rettung beſtimmt.“— Und zu dem Zagal gewandt, fuhr er lebhaft fort:„den Wagen aufgemacht, Burſche!“ Dies war kaum geſchehen, als er auch herausſprang und mich mit großer Herzlichkeit in ſeine Arme ſchloß. „Mein Herr“, rief ich,„wir haben keinen Augenblick zu verlieren! Argwoͤhnen die Boͤſe⸗ wichte die Vereitelung ihres Anſchlags, koͤnnten ſie uns leicht hier uͤberfallen. Wir muͤſſen ſofort die Landſtraße verlaſſen, und werden wohlthun, den Maulthieren die Gloͤckchen abzunehmen.“ Dieſer Rath ward befolgt, und der Fremde erſuchte mich mit ihm zu fahren, falls ich nicht anders wo hinwolle. Ich ſagte ihm, daß ich nach Hauſe zuruͤckzukehren geſonnen, und nur hieher ge⸗ kommen ſey, um ihn vor der nahen Gefahr zu warnen.„Dann, mein junger Retter“, verſetzte er,„will ich das Vergnuͤgen haben, Sie nach Hauſe zu bringen. Ich kam nach Cigales, um Ihren Vater zu beſuchen; ich habe ihm eine Schuld der Dankbarkeit abzutragen, welche jetzt durch Sie noch vermehrt worden iſt. Erlauben Sie mir, Ihnen hier meine Nichte Donna JIſabella Tor⸗ realva vorzuſtellen“, fuͤgte er hinzu, indem er mir .— 26— in den Wagen half. Das junge Maͤdchen beugte ſich, als ich einſtieg, vorwaͤrts, um mich zu begruͤ⸗ ßen, und beim Scheine des Mondes, welcher ſein Silberlicht durch das Wagenfenſter hereinſenkte, gewahrte ich jetzt. das ſchoͤnſte griechiſche Antlitz, das ich je ge Sie war zwar bleich von dem eria dewar Kunde verurſacht hatte, aber ihre Zuͤ rugen ein ſo himmliſches Gepraͤge, daß ich einige Augenblicke lang vor Be⸗ wunderung wie erſtarrt daſaß. Endlich indeß, nach⸗ dem ich mich ein wenig geſammelt hatte, fragte ich, mich zu dem Begleiter der ſchoͤnen Jungfrau wendend,„Torrealva! So ſind Sie der Marquis von Moncayo?“ „Der bin ich,“ antwortete der Reiſende,„und daß ich es bin, verdanke ich dem edlen Benehmen Ihres Vaters. Er war es, der mir meine Titel und meine Beſitzungen wieder verſchaffte, ohne ihn waͤre ich noch jetzt arm und unagluͤcklich. Ihren Vater voeerdanke ich meinen Reichthum und meine Ehre, ſo wie Ihnen jetzt mein Leben.“ „Sie beſchaͤmen mich in der That, ich bin nur zu gluͤcklich“— ſtammelte ich, und mich meiner Verlegenheit ſchaͤmend, lehnte ich mich zum Wagenfenſter hinaus, um dem Poſtillon den Weg anzuzeigen. Schon nach einer Viertelſtunde langten wir wohlbehalten bei unſerem Hauſe an, — — 27— und kaum war meinem Vater der Beſuch des Marquis gemeldet, als er auch unverzuͤglich mit⸗ der ganzen Familie herauseilte, ihn zu empfangen. Der Angekommene ſchloß ihn in ſeine Arme und. ſtellte ſeine Nichte meiner Mutter und meinen Schweſtern vor, welche die reizende Iſabella mit großer Herzlichkeit umarmten. Nach dieſen Begruͤ⸗ ßungen begaben wir uns in die Halle, wo wir uns ſaͤmmtlich an der mit Wildpret, Fruͤchten u. ſ. w. trefflich beſetzten Tafel zum Abendeſſen nieder⸗ ließen. Mein Bruder, welcher in dem Marquis und ſeiner Nichte ſofort den Herrn und die junge Dame wiedererkannte, die ihm unfern Cabezon begegnet waren, trat naͤher, und der Marquis aͤußerte ſeine Freude uͤber ihr Wiederſehen; waͤhrend ich mir ins geheim geſtehen mußte, daß Raimundo's von mir fuͤr uͤbertrieben gehaltene Schilderung von der reizenden Iſabella das Urbild noch bei weitem nicht erreicht hatte. Aurora ſchien es mir kaum zu verdienen, mit der lieblichen Pſyche verglichen zu werden, die ich vor mir erſchauete. Erſt nach beendigter Abendmahlzeit ward die Begebenheit mit den Banditen ausfuͤhrlich erzaͤhlt, Alles wuͤnſchte unſeren Gaͤſten Gluͤck, der ihnen drohenden Gefahr entgangen zu ſeyn; und mein „Vater ſandte ſofort mehrere ſeiner Diener und — 28— einige bewaffnete Winzer nach der Stelle ab, wo ſich die Boͤſewichte in den Hinterhalt gelegt hat⸗ ten; unſere Leute kehrten indeß ſchon nach einer Stunde zurück und verſicherten, ſie haͤtten, ob⸗ gleich ſie das Gehoͤlz ſorgſam durchſucht, Niemand gefunden. Bei dem Scheine ihrer Fackeln war es ihnen indeß gelungen zu entdecken, daß die Banditen den Weg nach Valladolid eingeſchlagen haben mußten, denn die Spuren der Hufe ihrer Roſſe gingen alle nach jener Richtung hin. Am naͤchſten Tage ſandte mein Vater einen Boten nach der Stadt an den Corregidor, mit dem Bericht von dem, was ſich am vergangenen Abend zugetragen hatte, wobei er darauf antrug, den Urhebern dieſes Mordanſchlags nachzuſpuͤren, waͤhrend er zugleich im Dorfe alle moͤglichen An⸗ ſtalten treffen ließ, den Marquis vor einem neuen Angriffe zu beſchuͤtzen. Schon nach einigen Ta⸗ gen ſchienen indeß dieſe Vorſichtsmaßregeln uͤber⸗ fluͤſſig, denn trotz der ſorgſamſten Nachforſchungen, ſowohl von unſerer Seite, als von der der Polizei, war es doch nicht moͤglich, die Spur der Boͤſe⸗ wichte aufzufinden, welches uns faſt auf die Ver⸗ muthung brachte, daß der Anſchlag irgend einem Anderen gegolten habe. Da es zur Verſtaͤndlichkeit dieſer meiner Ge⸗ ſchichte durchaus nothwendig iſt, daß der freundliche — 29— Leſer den Umfang der Verpflichtungen kennen lerne, die der Marquis meinem Vater hatte, will ich in dem folgenden Abſchnitte einen kurzen Bericht von dem wichtigen Prozeß abſtatten, den Don Lorenzo Torrealva in Valladolid gegen ſeinen Bruder Don Facundo fuͤhrte, und wobei Don Ignacio, mein Va⸗ ter, den Richtern die Sache vorzutragen hatte. Als Karl IV. im Jahre 1793 Frankreich den Krieg erklaͤrte, begab ſich Don Lorenzo Torrealva, Marquis von Moncayo, an der Spitze ſeines Re⸗ giments nach Catalonien, um ſich mit dem Gra⸗ fen de la Union, dem Oberbefehlshaber der ſpani⸗ ſchen Armee, zu vereinigen. In der Schlacht bei Pons de Molins, in welcher der Graf getoͤdtet wurde, blieb der Marquis fuͤr todt auf dem Wahl⸗ platze, auch gelangte nach Madrid die Kunde, daß er in dieſer Affaire gefallen ſey. Einige franzoͤſi⸗ ſche Soldaten, welche nach Beendigung des Kampfs auf dem Schlachtfelde nach Beute ſuchten, ge⸗ wahrten indeß, daß der Marquis noch lebe, und brachten ihn mit mehreren andern Verwundeten nach dem franzoͤſiſchen Hospitale zu Perpignan, von wo er ſpaͤterhin nach der Provence geſchafft wurde, in welcher Provinz er bis zum Ende des Krieges blieb, ohne daß er irgend eine Gelegenheit, fand, ſeine Familie mit ſeinem ungluͤcklichen Schick⸗ ſale bekannt zu machen. Nachdem er mit den uͤbrigen Gefangenen in Freiheit geſetzt worden war, und ſich in Marſeille nach ſeinem Vaterlande ein⸗ geſchifft hatte, gelangte er gluͤcklich bis faſt nach Barcelona, als ſich ploͤtzlich ein algieriſcher Kaper zeigte, das kleine Transportſchiff wegnahm, und Alle, die ſich darauf befanden, nach Algier brachte, um dort als Sclaven verkauft zu werden. Zehn Jahre mußte darauf der ungluͤckliche Mar⸗ qui alle Drangſale der Sclaverei erdulden, ohne daß ihm auch nur der Troſt ward, auf ſeine wie⸗ derholten Briefe an ſeine Familie die mindeſte Antwort zu empfangen. Endlich gluͤckte es ihm jedoch den Barbaren zu entfliehen, und nach Agreda zu gelangen, der Stadt, wo er und ſeine Vorfah⸗ ren ihren Wohnſitz hatten. Hier hatten nun aber große und fuͤr ihn trübe Veraͤnderungen ſtatt gefunden. Als er ſich aus ſeiner Geburtsſtadt entfernte, um ſich mit der Ar⸗ mee des Grafen de la Union zu vereinigen, hatte er ſeine Gemahlin, die ihrer Niederkunft entgegen⸗ ſah, und ſeinen Sohn, der nur achtzehn Monate zaͤhlte, der Sorge ſeines Bruders Don Facundo Torrealva uͤberlaſſen. Die Marquiſin, eine ſchoͤne und junge Frau, welche an ihrem Gatten mit un⸗ beſchreiblicher Zaͤrtlichkeit hing, empfing einige Wo⸗ chen vor ihrer Entbindung die falſche Kunde von ſeinem Tode, und wurde von derſelben ſo furcht⸗ bar ergriffen, daß ſie und das Kind, welches ſie unter ihrem Herzen trug, ein Raub des Todes ward. Der Sohn des Marquis, der Erbe des Titels Moncayo, ward von Don Facundo einer Waͤrterin uͤbergeben, ſtarb aber ebenfalls nach kur⸗ — 32— zer Zeit, worauf jener den Titel eines Marquis an, und die Guͤter ſeines Bruders in Beſitz nahm. In Agreda wieder angelangt, ſtellte ſich Don Lorenzo ſeinen vormaligen Freunden vor, welche ihn indeß, da eine große Veraͤnderung mit ſeiner Geſtalt vorgegangen war, nicht erkannten. Da er unterdeſſen erfuhr, daß ſein juͤngſter Bruder eben⸗ falls geſtorben ſey, und alſo Don Facundo jetzt nur noch allein ſeine Identitaͤt beurkunden koͤnne, begab er ſich ſofort nach Madrid, wo der dama⸗ lige Marquis von Moncayo ſeinen Wohnſitz auf⸗ geſchlagen hatte, und wo er einer der ſchlaueſten Schmeichler des Guͤnſtlings Godoy geworden war. Als Lorenzo ſich aber ſeinem Bruder vorſtellte, ward er von dieſem wie ein Betruͤger behandelt, ja Don Facundo begann unverzuüglich ein ſo hefti⸗ ges Verfahren gegen ihn, daß der Verdacht der vormaligen Freunde des Don Lorenzo rege ward; denn ſie meinten, daß jener keine ſolche gewalt⸗ ſame Maaßregeln zu ergreifen brauche, waͤre er von der Falſchheit der Angabe uͤberzeugt. Sie ka⸗ men demnach unter ſich uͤberein, die Anſpruͤche Lorenzv's zu unterſtuͤtzen, ſobald dieſer im Stande ſeyn wuͤrde, uͤber mehrere Dinge, von denen nur dieſer etwas wiſſen konnte, genuͤgende Auskunft zu geben. Don Lorenzo's Antworten hoben ruͤck⸗ ſichtlich ſeiner jeden Zweifel, und nunmehr verlo⸗ ren ren ſie auch keinen Augenblick, ihm behilflich zu ſeyn, ſeinen Titel und ſeine Beſitzungen wieder zu erlangen. 3 K Don Facundo ſetzte dagegen alle Mittel in Bewegung, die ihm die Gunſt Godoy's, ſein eige⸗ ner Einfluß und der ſeiner zahlreichen Freunde dar⸗ boten. Er begann die Richter und Jeden, der etwas in dieſer Angelegenheit zu thun hatte, mit Geſchenken und Verſprechungen zu uͤberhaͤufen; dieſe ſeine Bemuͤhungen aber blieben beim Don Ignacio durchaus fruchtlos, deſſen Rechtlichkeit und Talente von dem Publikum allgemein anerkannt waren, und die ſelbſt bei den Richtern, groͤßten⸗ theils jungen Leuten, die ihre Stellen Godoy's Gunſt verdankten, ein ſolches Gewicht hatten, daß ſeine Winke ihnen als Geſetze galten, die ſie nicht zu uͤberſchreiten wagten, aus Furcht den Unwillen des Publikums auf ſich zu ziehen. Don Facundo, den Einfluß des Don Ignacio wohl kennend und uͤberzeugt, daß die Richter es trotz ihrer Verſprechungen nicht wagen wuͤrden, ſich ſeinen Gruͤnden zu widerſetzen, ließ nichts unver⸗ ſucht, ihn fuͤr ſich zu gewinnen. Er ſchrieb ihm Briefe, in welchen er ihn mit Schmeicheleien uͤber⸗ haͤufte, und begleitete dieſelben mit koſtbaren Ge⸗ ſchenken und großen Verſprechungen. Dieſe Schreiben wurden mit jener Freimuͤthig⸗ J. 4 3 keit beantwortet, die denjenigen charakteriſirte, an den ſie gerichtet waren, die Geſchenke wurden aber uneroͤffnet zuruͤckgeſandt; denn ruͤckſichtslos gegen die Folgen, und den intriguanten rachſuͤchtigen Sinn des Don Facundo, war Don Ignacio entſchloſſen, ſeiner Pflicht durchaus getreu zu bleiben. Demzu⸗ folge entfaltete er am entſcheidenden Tage die ganze Macht jener Beredtſamkeit, mit der er ſo hoch be⸗ gabt war, und bewies mit unwiderlegbaren Gruͤn⸗ den die Ungerechtigkeit eines unnatuͤrlichen Bruders, welcher, wie im Laufe des Prozeſſes klar hervor⸗ ging, von Lorenzo's Daſeyn und Gefangenſchaft Kunde gehabt; aus den niedrigſten und habſuͤchtig⸗ ſten Gruͤnden aber, denſelben zehn Jahre lang in der Sclaverei hatte ſchmachten laſſen; und jetzt alles Moͤgliche aufbot, ihn ſeiner Rechte zu be⸗ rauben. Das Reſultat der raſtloſen Bemuͤhungen des Don Ignacio war, daß Don Facundo zur Freude aller Freunde der Gerechtigkeit ſeinen Prozeß ver⸗ lor; auch blieb ſeine Appellation an den Rath von Caſtilien durchaus erfolglos; denn Lorenzo's Iden⸗ titaͤt war vor dem Tribunal zu Valladolid zu klar bewieſen worden, als daß in dieſer Ruͤckſicht noch irgend ein Zweifel haͤtte obwalten koͤnnen. Da ich nun aber dem tugendhaften Don Igna⸗ eio mein Daſeyn verdankte, und da derſelbe in * — 35— dieſer Geſchichte eine wichtige Rolle ſpielt, ſey es mir erlaubt, hier eine kurze Schilderung von ihm zu geben: Don Ignacio Lara war der aͤlteſte Sohn und folglich der Majoratsherr eines Hidalgo, wel⸗ cher viele Guͤter beſaß. Ganz der ſpaniſchen Sitte entgegengeſetzt, der zu Folge die aͤlteſten Soͤhne ange⸗ ſehener Familien ihre Zeit gemeinhin im Muͤßig⸗ gang oder wohl gar im Laſterleben hinbringen, hatte Don Ignacio in dem Colegio Mayor zu Valladolid, worin Niemand aufgenommen wurde, der nicht darthun konnte, daß keiner ſeiner Vor⸗ fahren weder ein Kaufmann, noch ein Handwer⸗ ker, noch ein Dienſtmann, noch ein Abkoͤmmling von Juden, Mauren oder Indiern geweſen war, eine gar treffliche Erziehung erhalten, und endlich die Doctorwuͤrde erlangt. Ich muß hier im Vorbeigehen bemerken, daß der obenerwaͤhnte Don Facundo einer ſeiner Mit⸗ ſchuͤler war. Damals aber war er kein ſo hoͤfiſcher Schmeichler als ſpaͤterhin, und folglich ein weit beſſerer Freund. 8u jener Zeit ward es in Spanien faſt wie eine Herabſetzung betrachtet, wenn ein Mayorazo den ehrenvollen Stand eines Advokaten erwaͤhlte, denn ein Hidalgo, meinte man, duͤrfe nur Richter ſeyn. Don Ignacio aber hatte den Muth, einem ſolchen Vorurtheile zu trotzen. Er trat in das 3 — 36— konigliche Collegium der Advokaten zu Valladolid, und ward bald die vorzuͤglichſte Zierde deſſelben; ja ſeine Talente erwarben ihm nach kurzer Zeit mehrere Ehrenaͤmter, bei deren Verwaltung er ſtets die groͤßte Klugheit und Gerechtigkeit an den Tag jegte. Sein Patriotismus war ſo lebhaft, baß nicht nur ſein ganzes Vermoͤgen, ſondern auch ſein Le⸗ ben dem Dienſte ſeines Vaterlandes gewidmet war. Jahrelang war er bemuͤht, die Vorurtheile der Landbebauer ſeiner Provinz zu beſiegen; auch ge⸗ lang es ihm in der That, dieſelben in Betreff des Ackerbaues zu mehreren Verbeſſerungen zu bewe⸗ gen. Er war einer der thaͤtigſten Mitglieder der koͤniglichen Geſellſchaft:„die Freunde des Lan⸗ des,“ und ein Beſchuͤtzer des Vereins dur Beß⸗ ten des oͤffentlichen Unterrichts. Ddieſen und andern Ehrenämtern ſtand er trotz der Hinderniſſe, welche ihm Bosheit und Unwiſ⸗ ſenheit fortwaͤhrend entgegenſtellten, mit raſtloſer Thaͤtigkeit vor, und wenn ihm auch nicht immer die Freude wurde, ſeine Bemuͤhungen von einem gluͤcklichen Erfolge gekroͤnt zu ſehen, ward ihm doch wenigſtens ſtets der Beifall der Beſſeren ſeiner Landsleute zu Theil. Ein Mann, dergeſtalt unabtäfſig wirkend fuͤr das Wohl ſeines Vaterlandes, konnte, wie leicht ,— — à2— zu erachten, die Erziehung ſeiner Kinder nicht vernachlaͤſſigen; weder Muͤhe noch Koſten wurden geſpart, um unſere geiſtigen Anlagen nach moͤg⸗ lichſten Kraͤften zu bilden. In dieſer Ruͤckſicht war mein Vater ſtrenger, als es mir in meinen juͤngeren Jahren lieb war; ſeine Befehle aber wa⸗ ren ſo ſanft und ſo einleuchtend, daß wir in ihm, indem wir ihm als Vater gehorchten, bald nur den wohlmeinenden Freund erkannten, und ſchnell in alle ſeine Abſichten eingingen. Abgeſehen von den religioͤſen Grundſaͤtzen, wel⸗ che er uns von Kindheit an einfloͤßte, vernach⸗ laͤſſigte er keine Gelegenheit uns zu uͤberzeugen, daß die Tugenden, zu denen er uns unablaͤſſig ermahnte, zu unſerem Gluͤcke nothwendig waͤren. Er lehrte uns alle Leiden und Freuden auf der Schale der Vernunft abwaͤgen, und machte uns ſo begreiflich, daß boͤſe Thaten ſtets boͤſe, gute Thaten aber ſtets gute Fruͤchte tragen. So zaͤrtlich er in ſeinem Hauſe geliebt wurde, ſo ſehr ward er außer demſelben von Jedermann geehrt. Von denjenigen aber, die ſeine ausgezeich⸗ neten Talente und ſeine unbeſtechbare Rechtlich⸗ keit zu ſchaͤtzen wußten, ward er ganz beſonders geachtet; waͤhrend ihm ſein ſanftes freundliches Betragen auch die Liebe derer gewann, die ſeine Geiſtesgaben nicht zu faſſen vermochten. — 38— Nachdem ich nun dieſe Skizze von meinem Vater entworfen, muß ich auch Einiges von mei⸗ ner Mutter ſagen; ſie beſaß in der That viele von den Vorzuͤgen, welche den weiblichen Charak⸗ ter ſo ſehr ſchmuͤcken, und war dabei mit nicht geringer Schoͤnheit begabt. Die Lebendigkeit ihres Geiſtes, gab dem Ausdruck ihres Antlitzes eine anmuthsvolle Mannichfaltigkeit; ihre Geſtalt war erhaben und ihr ganzes Weſen wuͤrdevoll. Ihr groͤßter Vorzug aber war ihr edles, treffliches Herz. Sie verheirathete ſich mit meinem Vater ge⸗ gen ihre Neigung, denn ſie gehorchte dabei nur dem Willen ihrer Aeltern; dennoch aber gab es keine gluͤcklichere Ehe als die ihrige. War ihr irgend eine Schwaͤche eigen, ſo war es ein gewiſſer Ahnenſtolz, denn ſie ſprach gern von ihren Vor⸗ fahren, und bemerkte oft, daß ſich dieſe nie unter ihrem Stande vermaͤhlt haͤtten. Mein Vater machte ſich dann und wann uͤber dieſes Vorurtheil luſtig, dann aber entgegnete ſie ſtets: Du magſt Recht haben, ich aber freue mich dennoch, aus dem ed⸗ len Blute der Guzmanns abzuſtammen. Eine Bemerkung, welche mein Vater gemein⸗ hin nur mit einem Laͤcheln erwiederte. 4. Einige Tage nach der Ankunft des Marquis in Cigales ward beſchloſſen, uns insgeſammt nach der kleinen Inſel Ruyſennor, deren Lage Iſabella ſo ſehr bewundert hatte, zu begeben, dort einen gan⸗ zen Tag zuzubringen und ihr alle Schoͤnheiten der⸗ ſelben zu zeigen. Diejenigen meiner freundlichen Leſer, welche die Gewalt der Liebe kennen, wer⸗ den nicht erſtaunen, wenn ich ihnen ſage, daß ich mich auf dieſe Partie mehr freuete, als irgend Jemand Anderes aus der Geſellſchaft, denn ich hoffte an dieſem Tage eine Gelegenheit zu einem Ge⸗ ſpraͤch unter vier Augen mit Iſabellen zu finden; die, wie ich glaubte, dann weniger von meinen Schweſtern und ihren Freundinnen umgeben ſeyn wuͤrde. G Dieſe Gelegenheit bot ſich auch in der That bald dar; Iſabella war eine große Freundin vom Reiten, wie meine Schweſter Mariane, die mit ihr von gleichem Alter war. Die uͤbrigen Maͤd⸗ ſchen, welche juͤnger und ſchuͤchterner waren, fuh⸗ ren, oder zogen wenigſtens die fuͤgſameren Eſel vor. Es ward demnach beſchloſſen, daß Iſabella und Mariane reiten, von Raimundo und mir aber begleitet werden ſollten; wo ich denn nicht ver⸗ ſaͤumte, bevor wir aufbrachen, meinen Bruder zu — 40— erſuchen, unſerer Schweſter zur Seite zu bleiben und mir die Sorge fuͤr Iſabella zu uͤberlaſſen. „So?“ fragte Raimundo mit einem ſchlauen Laͤcheln,„der kleine Tyrann hat alſo auch den Weg in Dein Herz gefunden.“ „In das Innerſte meiner Seele!“ entgegnete ich,„iich fuͤhle jetzt, wie ein weibliches Weſen un⸗ ſere Gedanken ausſchließlich beſchaͤftigen und uns alles Andere vergeſſen machen kann.“ „Ich habe es Dir ja immer geſagt, wir ſind fuͤr die Liebe geboren,“ rief Raimundo lebhaft; „Liebe iſt die einzige natuͤrliche Leidenſchaft, die in die Bruſt des Menſchen gepflanzt worden. Die beßten Gefuͤhle unſeres Herzens entſpringen aus der Liebe, ohne ſie iſt der Menſch nur ein wildes Thier. Ich freue mich, daß auch Du endlich ihre Macht kennen lernſt, Du wirſt fortan uſsſander und weniger ſtrenge werden.“ „Schon gut, ſchon gut,“ unterbrach ich ihn, „vergiß nur nicht, mich mit Jſabellen allein zu laſſen.“ Nachdem Alles zum Aufbruche bereit war, half ich der reizenden Jungfrau ihr Roß beſteigen; ich zitterte, als ich ihr meine Hand reichte, denn ob ich mich gleich gewaltſam zu ihr hingezogen fuͤhlte, befiel mich doch ſtets eine große Schuͤchternheit, ſo wie ich mich ihr nahete. Sie ließ ſich indeſ⸗ — — 4à1— ſen meine Aufmerkſamkeiten mit einem ſo anmu⸗ thigen Weſen gefallen, daß ich etwas muthiger wurde, und bei mir die Hoffnung erſtieg, daß in ihrem Betragen mehr als gewoͤhnliche Hoͤflichkeit liege. Als wir uns indeß auf freiem Felde und ganz allein befanden, wagte ich es kaum, die Au⸗ gen auf ſie zu richten, und wenn ich es that und meine Blicke den ihrigen begegneten, ſtieg mir das Blut in die Wangen. Nachdem ſie einige Fra⸗ gen an mich gethan, die ich mit zitternder Stimme beantwortet hatte, machte ich einige Verſuche, eine Unterredung anzuknuͤpfen, aber die Rede erſtarb mir auf den Lippen; ich ſtammelte nur einige ab⸗ gebrochene Worte, und ſchauete albern vor mich hin. Unfaͤhig endlich meine Verlegenheit laͤnger zu ertragen, rief ich Raimundo heran, den ich noch kurz zuvor ſo dringend gebeten hatte, mich mit Iſabellen allein zu laſſen.„Nun,“ fragte er mich leiſe,„haſt Du Dein Herz ausgeſchuͤttet?“ „Ich hatte nicht den Muth,“ entgegnete ich, „ich bin ein Thor, und was noch ſchlimmer iſt, ſie muß mich fuͤr einen ſolchen halten.“ Bei dieſen Worten lachte er laut auf.„Schoͤne Iſabelle,“ rief er,„mein Bruder hat Sie ohne Zweifel trefflich unterhalten, denn nach ſeinen Ge⸗ behrden zu ſchließen, war er lebhaft bemuͤht, Ih⸗ nen die Schoͤnheit der Gegend zu ſchildern.“ — 42— „Sie ſcherzen, Raimundo,“ erwiederte ſie, „Ihr Bruder hat, ſeit Sie uns verließen, faſt kein Wort geſprochen.“ „Wirklich?“ fragte er,„was kann denn wohl der Grund eines ſo wunderbaren Benehmens ſeyn? Koͤnnen Sie mir denſelben wohl angeben?“ denn ſeyn, daß ihm ſeine Geſellſchaft nicht ge⸗ fiele.“ „Wie, Donna Jſabella,“ ſtammelte ich,„wie koͤnnen Sie glauben— wie koͤnnte irgend Je⸗ mand— Ihre Reize— verzeihen Sie— ich ver⸗ mag nicht—— „Schon gut, ſchon gut,“ fiel mein Bruder ein,„jetzt ſind wir im Reinen, es bedarf weiter keiner Erklaͤrung. Ich bin uͤberzeugt, daß dieſe abgebrochenen Worte einen Sinn, und noch dazu einen tiefen Sinn haben; ſind Sie nicht auch dieſer Meinung, ſchoͤne Iſabella?“ „Ich verſtehe mich zwar nicht aufs Errathen,“ antwortete dieſe,„aber ich bin uͤberzeugt, daß irgend ein Sinn zum Grunde liegt;— denn in ſoweit ich Don Eſteban kenne, ſcheint mir das Hervorbringen gedankenloſer Worte nicht ſeine Sache,“ „Sennorita,“ ſtammelte ich, mit hochgluͤhen⸗ „Wahrlich, nein!“ verſetzte Iſabella,„es muͤßte der Wange, Sie ſind zu guͤtig, eine ſolche Mei⸗ nung uͤber mich zu aͤußern.“ „ Ich aͤußere ſie nicht blos, ich hege ſie auch,“ erwiederte ſie, und ſchon war ich im Begriff, neuer⸗ iſche Antwort hervorzuſtottern, als zgruf:„Aufgeſchauet! Aufgeſchauet, Acht!“ das Geſpraͤch unterbrach, te, rüͤckwaͤrts zu ſchauen, wo wir gefaͤrbt zu haben. „ Entfliehen Sie, entfliehen Sie auf der Stelle,“ rief ich Iſabellen zu, waͤhrend ich und mein Bru⸗ der Halt machten, und zu unſeren Jagdflinten griffen, die wir, wie gewoͤhnlich bei dieſen Ge⸗ legenheiten, uͤber die Schulter geworfen hatten. Der Stier war unterdeſſen naͤher gekommen, ſtatt aber ſeinen Weg fortzuſetzen, blieb er jetzt ploͤtzlich ſtehen, gleichſam als wolle er die Entfernung zwiſchen ſich und ſeinen Opfern abmeſſen. Schon waren wir im Begriff unſere Gewehre auf ihn abzudruͤcken; da aber wandte er ſich plötzlich und kehrte mit Blitzesſchnelle zu der Heerde zuruͤck, wo ihn der . — 44— Hirt, wie wir aus einiger Entfernung wahrneh⸗ men konnten, mit einer Entſchloſſenheit erwartete, die nur eine lange Gewohnheit geben konnte. Mit ausgeſtreckten Armen ſtand er da, um das Thier bei den Hoͤrnern zu packen, ſo wie es ſich ihm nahen wuͤrde. Der Stier ſtuͤrzte Gewalt auf ihn zu, war aber ſe n Moment gefaßt und zu Boden geworfen, vorauf der Hirt einen Strick um die Hoͤrner des Thieres ſchlug und ihn an einen ſtarken Pfahl befeſtigte, ſo daß daſſelbe jetzt nichts weiter thun konnte, als bruͤllen und die Erde mit ſeinen Fuͤßen ſtampfen. Der Hirt ergriff nunmehr einen langen, mit Ei⸗ ſen beſchlagenen Knittel, und ſchlug damit auf den Stier los, bis derſelbe ruhig wurde. Wir kehrten jetzt zu unſerer Geſellſchaft zu⸗ ruͤck, die von dem ſo eben ſtatt gehabten Vorfalle auseinander getrieben war, nun ſich aber wieder geſammelt hatte, und gemeinſchaftlich ſetzten wir darauf den Weg nach dem Ufer des Fluſſes fort, wo wir uns einſchifften und von wo aus wir in wenigen Augenblicken nach der Ruyſennor⸗Inſel gelangten, die ich vorſchlug, unſerem Gaſte zu Ehren, von nun an Jſabellen⸗Inſei zu nennen, ein Vorſchlag, welcher allgemeinen Beifall fand, mir aber von Jſabellen einen Blick verſchaffte, der bis in das Innerſte meiner Seele drang.„Ach!“ — 45— ſprach jch zu mir ſelbſt, koͤnnte ich es doch uͤber mich gewinnen, ihr die Gefuͤhle meines Herzens, meine Liebe zu ihr und die Veraͤnderung, die mit mir vorgegangen, zu ſchildern.“ 1 NRaimundo, welcher Iſabellens Blick bemerkt hatte, fluͤſterte mir zu:„Du ſollſt mich einen Dummk Liebesangelegenheiten nennen, wenn Du nich ſchon Eindruck auf ſie gemacht haſt. Laß doch Deine verwuͤnſchte Schuͤchternheit fahren, und ich will Dir ſchon eine Gelegenheit verſchaffen, ihr Deine Liebeserktaͤrung zu machen.“ „Wie ſoll ich das anfangen?“ fragte ich. „Begieb Dich,“ fuhr er fort,„nach der an der Weſtſeite der Inſel befindlichen Hoͤhle, und ſtimme, wenn Du mich pfeifen hoͤrſt, das Lied des ſchuͤchternen Liebhabers an.“ Ias voces me faltan, Tiemblo si adverti Que tus bellos gjos Se fxan en mi. Ah! si tu Zagala uisieras oir — NMis tristes lamentos Yo fuera felix!.*). *) Meine Stimme verſagt mir den Dienſt, ich lit⸗ tere, wenn ſich deine lieblichen Augen auf mich richten! Ach ſchoͤne Schaͤferin, wenn du auf meine zaͤrtlichen Klagen hoͤren wollteſt, wie ücf⸗ lich wuͤrde ich ſeyn! — 46— „Ich führe Iſabella dann nach jener Stelle, und in die Hoͤhle zu treten. Du mußt hoͤlzerne Bank nahe am Eingange Ruͤcken zu uns gekehrt, und indem b Du uns nicht bemerkſt, ihren verde dann Namen an die Wand ſchreiben; ich ſchon Gelegenheit finden, Euch alle bem ich Iſabella und die uͤbrigen e gefuͤhrt hatte, um ihnen die ſchoͤnſten Stellen der Inſel zu zeigen, die Geſellſchaft, und begab mich nach der Hoͤhle, welche Raimundo mit einem ſchlauen Laͤcheln die Hoͤhle des Geſtäͤndniſſes genannt hatte. Ich hatte dort noch nicht lange geharrt, als ich Raimundo's Pfeifen hoͤrte, ſofort ſtimmte ich nun⸗ mehr, ſeiner Anweiſung zufolge, das Lied des ſchuͤchternen Liebhabers an, und nicht ohne, Aus⸗ druck, wie ich glaube, denn ich fuͤhlte in der That, was ich ſang. So lange mein Geſang waͤhrte, herrſchte tiefe Stille um mich her, bald aber ver⸗ nahm ich nahende Schritte und eine Stimme, wel⸗ che fluͤſterte:„er muß gar ſehr verliebt ſeyn.— Da ſitzt unſer Medoro und ſchreibt den Namen ſeiner Angelica an die Wand, wir wollen doch ſehn, wie er lautet.“ „Stille,“ gebot leiſe eine weibliche Stimme, in der ich die Iſabellens zu erkennen glaubte,„er — — 4— moͤchte uns ſonſt hoͤren.“— Sie traten naͤher— ich zitterte— der Griffel entſank meiner Hand— ich wandte mich— und gewahrte, o Himmel! ſtatt Iſabella— meine Schweſter Mariane!— Ich ſprang empor, waͤhrend meine Geſchwiſter in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen.„Spielſt Du ſo mit meinen Gefuͤhlen?“ fragte ich zornig, zu Raimundd gewandt; u habe ich Dich je ſo be⸗ handelt?”“ „Sey nicht verdrießlich,“ bat mein Bruder, „dies war nur die Probe; ich wollte zuvor ſehen, ob Du Deine Rolle inne haͤtteſt, und glaubte in der That nicht, daß Du Deine Sache ſo gut ma⸗ chen wuͤrdeſt. Jetzt gehe ich, Iſabella zu holen, gieb wohl Acht, wenn ich pfeife.“ „Du brauchſt Dir dieſe Muͤhe gar nicht zu geben,“ entgegnete ich empfindlich,„ich bedarf Deines Beiſtandes nicht.“ „ Sey nicht boͤſe, es war ja nur ein kleiner Scherz,“ nahm jetzt Mariane das Wort,„wir wollten Dich nur von Deiner Bloͤdigkeit heilen; jetzt aber wollen wir Dir in der That beiſtehen. Schicke Dich nur an, noch einmal die Rolle des Medoro zu ſpielen, und Raimundo wird unver⸗ zuͤglich Iſabella herbeiholen.“ „Rein, nein!“ entgegnete ich kalt,„Ihr moͤgt — 48— Euren Scherz bei einer anderen, weniger ernſthaf⸗ ten Gelegenheit anwenden.“ Meine Geſchwiſter wollten noch manches ein⸗ wenden, ich aber verlangte wiederholt, daß ſie ſich entfernen ſollten, und ſo behabennſ le ſich endlich lachend hinaus.— 3 „ Was wuͤrde Jſabella von meinem laͤcherlichen Benehmen denken,“ rief ich nach einer kleinen Pauſe, als ich mich darauf wieder allein befand, indem ich auf ihren Namen ſchauete, den ich an die Wand gezeichnet hatte. „Daß Du his uͤber die Ohren in ſi verliebt biſt,“ rief ploͤtzlich eine Stimme hinter mir,„ich habe ſie bereits von Allem unterrichtet.⸗ Ich wandte mich und ſah Iſabella neben Ma⸗ rianen ſtehen.„Sie will mir nicht glauben,“ fuhr die Letztere fort;„Du magſt ihr jetzt ſelbſt die Verſicherung geben. Glaube mir, Jſabella, er kann ſchon ſprechen, wenn er nur will, hat er gleich bis jetzt gegen Dich den Stummen ge⸗ ſpielt. 41 So ſprechend, lief meine ſchelmiſche Schweſter davon, und ließ uns Beide in großer Verlegenheit zuruͤck. Wie ich meine Sprache wieder erlangte oder wie die erſten Worte, die ich hervorſtammelte, lauteten, vermag ich nicht zu ſagen, nie aber werde ich den ſuͤßen himmliſchen Ton vergeſſen, mit dem Iſabella — 40— Iſabella mir entgegnete:„ Ich werde ſtets fuͤr Sie die waͤrmſte Dankbarkeit empfinden, denn wie koͤnnte es je meinem Gedaͤchtniß entfallen, daß mein theurer Oheim und ich Ihnen die ſe Erhaltung, unſeres Lebens verdanken.“— „Wie, auf nichts als auf Dankbarkeit duͤrfte ich rechnen, reizende Iſabella,“ fiel ich lebhaft ein,„darf die zaͤrtlichſte, die aufrichtigſte Liebe nicht auf mehr hoffen?“ Sie antwortete nicht, aber ſie zog die Hand nicht zuruͤck, die ich gefaßt hatte, und hohe Gluth faͤrbte ihre Wange. Ein Blick— ein einziger Blick aus ihren feurigen ſchwarzen Augen hob alle meine Zweifel— faſt vermochte ich dieſen wonnereichen Moment nicht zu ertragen. Ich warf mich zu ihren Fuͤßen, druͤckte tauſend Kuͤſſe auf ihre Hand, und war halb wahnſinnig vor Ent⸗ zuͤcken. Sobald wir uns einigermaßen geſammelt hat⸗ ten, kehrten wir zu der Geſellſchaft zuruͤck, welche ſich in dem Schatten der den Fluß begraͤnzenden Baͤume gelagert hatte. Wir ſetzten uns zu den Uebrigen, und im Laufe der Unterhaltung ward nun⸗ mehr der Vorſchlag gemacht, daß ein Jeder der jun⸗ gen Leute ein Lied zum Beßten geben ſolle. Als die Reihe an Jſabelle kam, machte ſie zwar keine Einwendung, aber ſie erroͤthete und ihre Stim⸗ I. 3 4 — 50— 8 me war Anfangs nicht ſo feſt als ſonſt. Ich weiß nicht, wer von uns Beiden, waͤhrend ihres 3 Geſanges, mehr Entzuͤcken empfand, ſie, indem ſie die Liebe, die ſie fuͤhlte, melodiſch ausſprach, oder ich, indem ich ihre Himmelstoͤne einſog. Nachdem man geſungen hatte, ward getanzt, und darauf nahm der maͤnnliche Theil der Geſell⸗ ſchaft allerhand gymnaſtiſche Uebungen vor, wo⸗ bei ein jeder ſeine Koͤrperſtaͤrke und Gewandtheit an den Tag zu legen ſuchte. Wie die Augen⸗ blicke doch ſo ſchnell dahinflogen! Die Zeit ſchien alle ihre Segel aufgeſpannt zu haben, und die Stunde der Heimkehr ſchlug nur zu bald! Ich fuͤrchte faſt, dieſe Eindruͤcke meiner Ju⸗ gendzeit haben fuͤr den freundlichen Leſer nur we⸗ . nig Intereſſe; aber ich konnte nicht umhin, zu ihnen zuruͤckzukehren, denn die Erinnerung an ſie lebt allzu unvertilgbar in meiner Seele. . 5. Unſerer Ausflucht nach der Iſabellen⸗Inſel, folgte ein anderer zu einer Romeria in einem unfern Valladolid gelegenen Dorfe, La Ceſterniga geheißen, wohin ſtets eine große Anzahl der Stadtbewohner zu wallfahrten pfleget. Ich muß hier bemerken, daß es faſt in jedem ſpaniſchen Dorfe, ein gemeinhin die heilige Jung⸗ frau darſtellendes Wunderbild giebt, welche die Einwohner als ihre Beſchuͤtzerin im Himmel be⸗ trachten. Dieſe Heiligenbilder, welche gewoͤhnlich von alter, roher Arbeit ſind, haben ihre Tempel in einiger Entfernung vom Dorfe. Zur Zeit der Invaſion der Sarazenen, wurden dieſe Bilder, um ſie vor Entheiligung zu bewahren, in Hoͤhlen ver⸗ ſteckt, oder auf dem Felde vergraben; und als man ſie, viele Jahre ſpaͤter wieder auffand, von den unwiſſenden Landleuten mit abgoͤttiſcher Verehrung betrachtet. Die Prieſter, ſtets bereit die menſch⸗ liche Schwaͤche zu benutzen, erfanden, ſtatt jene armen Leute zu enttaͤuſchen von dieſen Bildern, tauſend plumpe Fabeln, und legten ihnen unglaub⸗ liche Wunderkraft beiz ja ſu bewogen gemeinhin den Landmann, der ein ſolches Heiligenbild auf⸗ gefunden, auf der Stelle wo es gelegen, eine Ka⸗ pelle oder Eremitage zu erbauen, von denen viele 4* — à2— ſpaͤterhin den traͤgen Moͤnchen oder Banditen zum Zufluchtsorte dienten. Da dieſe Wunderbilder der Sage nach, mehr Krankheiten geheilt hatten, als alle Aerzte Spaniens zuſammengenommen, ſtroͤmte ſtets eine große Anzahl von Glaͤubigen zu ihnen. Weil aber in der letzten Zeit das Vertrauen auf dieſe Wunderbilder abgenommen hat, haben die Moͤnche, um die Menge herbeizulocken, und um ſich eine ſo eintraͤgliche Einnahme zu erhalten, an die Stelle der Wunderthaten, Muſik, Tanz und Stiergefechte geſetzt. Dieſes waren nun auch die Beſtandtheile unſerer Romeria, zu der ſich ſtets eine große Anzahl von Menſchen verſammelte. Am Tage vor derſelben herrſchte zu Valladolid immer eine ungewoͤhnliche Lebendigkeit, Freude und Erwartung waren auf jedem Antlitze ſichtbar. Das zarte Maͤdchen, die junge Gattin, die huͤbſche Wittwe, ja ſelbſt die alternde Jungfrau, ſuchten ihre Reize durch eleganten Putz ſo viel als moͤg⸗ lich zu heben; waͤhrend der currutaco ⁵), der ge⸗ meinhin gar ſehr mit ſich ſelbſt zufrieden iſt, der tapfere Soldat und der luſtige Student ihre Toi⸗ lette ebenfalls nicht vernachlaͤſſigten, um in den Augen ihrer Damen ſo ſchoͤn wie moͤglich zu er⸗ ſcheinen. 1 Am Tage der Romeria brachen wir ſaͤmmt⸗ **) Der ſpaniſche Stutzer. lich fruͤh von unſerem Hauſe in der Stadt auf, und bewegten uns langſam, auf der mit Wagen und Reitern von jeder Art angefuͤllten Landſtraße hin. Die Pferde, Maulthiere und Eſel waren ſaͤmmtlich mit Gloͤckchen behangen, deren Silber⸗ klang gar lieblich in die Harmonie der Guitarren und der Geſaͤnge hineintoͤnte. Dort ſah man den zaͤrtlichen Liebhaber mit Lebensmitteln fuͤr den Tag beladen, neben ſeiner Geliebten daherſchreiten, welche ein feoͤhliches Liedchen ſang, und dabei in die Sai⸗ ten der Guitarre griff oder mit Caſtagnetten klap⸗ perte; hier gewahrte man einen Seladon ganz be⸗ truͤbt, ob des kleinen Unfalls, der ſeine Geliebte betroffen, die, wie der Franzoſe ſich ausdruͤckt, eine Culbute gemacht hatte; und der er jetzt behuͤlflich war, ihre„maldita bestia“ wieder zu beſteigen. Die gluͤcklichſten der Reiter aber waren diejenigen, welche ihre Schaͤtzchen entweder vor ſich oder hin⸗ ter ſich auf dem Sattel hatten. Endlich erreichten wir die Stelle, an der die Feſtlichkeit ſtatt haben ſollte; und nunmehr bot ſich dem Auge eine Scene von Hochſinn und Hei⸗ terkeit dar, die kaum beſchrieben werden kann. Innerhalb der Eremitage ließ eine Schaar von jungen, feſtlich gekleideten und mit bunten Baͤndern geſchmuͤckten Landleuten, ihre Caſtagnetten erſchal⸗ len, wobei ſich mehrere gigantiſch verkleidete Ge⸗ — 654— ſtalten zeigten, die mit graͤßlichen Geſichtern und Gebehrden die Kinder erſchreckten;z dann und wann miſchten ſich dieſe Rieſen unter den Tanz der Uebrigen. Endlich verließ die Prozeſſion die Eremi⸗ tage, und begab ſich, nachdem ſie dieſelbe mehrere⸗ male umkreiſt hatte, nach der Kirche, wobei eine Fahne und das Bild der wunderthaͤtigen Jungfrau vorgetragen wurde, welche letztere indeß ungluͤck⸗ licherweiſe durch einen Zufall ein Auge verloren, und trotz dem, daß man ſie am vergangenen Tage ſorgfaͤltig gewaſchen hatte, dennoch von der Laͤnge der Zeit, und dem Dampfe der ſtets vor ihr bren⸗ nenden Lampe, voͤllig geſchwaͤrzt worden war. Eine große Meſſe ward darauf von den beß⸗ ten Stimmen des Dorfes geſungen und von der Orgel begleitet; worauf man ein Te Deum ſang, in welches Alles mit einſtimmte. Nachdem dies geſchehen war, beſprengte der Prieſter die Glaͤu⸗ bigen mit dem Weihwaſſer, machte eine Samm⸗ lung, welche nach dem zufriedenen Geſicht zu urtheilen, mit dem er ſeine zinnerne Buͤchſe ſchuͤt⸗ telte, ohne Zweifel nicht unbedeutend geweſen ſeyn mußte; und ſpendete uns dann ſeinen Segen, wor⸗ auf die froͤhliche Menge herausſtuoͤmte, um ein laͤndliches Mittagsmahl einzunehmen. Auf der ganzen fruchtbaren Ebene am Fuße der Eremitage ſah man nunmehr zahlreiche Grup⸗ pen, welche ſich im bunten Gemiſch gelagert, ihre Fiambre*) und mit Wein gefüllten Botas**) vor ſich hatten, ſangen und lachten, und allerhand Scherze und Spiele trieben. Hier war jeder Rang, jeder Stand vergeſſen; der Edelmann aus altem Gebluͤte lud mit freundlicher Herablaſſung den Landmann zu ſeinem Mahle ein, welcher, eine ſolche Ehre anerkennend, ſich beſcheiden neben jenem niederließ, und die Guͤte ſeines adlichen Wirthes durch muntere Erzaͤhlungen zu vergelten ſuchte; waͤhrend der kraͤftige Buͤrger dem Hidalgo ſeine Bota darbot und ihn einlud, mit ihm zu trinken. Bei dieſen Luſtgelagen giebt ſich der Spanier manchen Scherzen hin, welche vielleicht die ſtrenge orthodoxe Phantaſie anderer Laͤnder verletzen wuͤr⸗ den, und dieß geſchieht ſelbſt noch, bevor ſie von dem feurigen Weine angeregt worden. Bei ſol⸗ chen Gelegenheiten werden all' die kleinlichen Lei⸗ denſchaften vergeſſen, und jeder Gaſt ſucht nur das Wohlgefallen der Uebrigen zu gewinnen. Der große Hang der Spanier zur Poeſie, und ihr Ta⸗ lent zum Improviſiren, welches dem der Italiener nichts nachgiebt, iſt fuͤr ſie, beſonders bei ſolchen Feſtlichkeiten, eine gar ergiebige Quelle der Unter⸗ *) Kalte Speiſen auf verſchiedenartige Weiſe zu⸗ bereitet. **½) Felle, worin der Wein fortgeſchafft wird. haltung. Es erregt in der That Erſtaunen, dieſe Naturdichter mit der Schnelligkeit des Gedankens Verſe machen zu hoͤren, von denen oft die acht⸗ oder zehnzeilige Strophe nur einen und denſelben Reim hat. Einer der Geſellſchaft ruft dann ge⸗ woͤhnlich:„bota, botat“ aus, um die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu ziehen, und ſo wie dann Al⸗ les ſchweigt, traͤgt der Redner ſeine Decima vor, die entweder ein Compliment fuͤr eine der anwe⸗ ſenden Damen oder ein Epigramm auf Jemand aus der Geſellſchaft, oder auch eine Anſpielung auf irgend eine drollige Begebenheit des Tages zum Gegenſtande hat. Die Laune, welche in die⸗ ſen Stanzen hervortritt und die Art und Weiſe, in der ſie vorgetragen werden, muß ſelbſt den groͤßten Hypochonder zum Lachen reizen, und wenn auch zuweilen gegen die Logik geſuͤndigt wird, wird dennoch der Reim ſtets auf das Strengſte beob⸗ achtet. Nach eingenommenem Mahle ſtroͤmt dann Al⸗ les nach dem corral de bueyes oder dem Orte, wo das Stiergefecht ſtatt finden ſoll. Wir beka⸗ men einen bequemen Platz auf dem kleinen Walle von Erde, mit dem die Stelle umzogen war, muß⸗ ten aber hier faſt eine Stunde lang warten, und ſchwebten beſtaͤndig in Gefahr, von der hinter uns ſich herandraͤngenden Menſchenmenge hinabgeſtuͤrzt —&— zu werden. Endlich kamen die Aficionatos*), von denen Einige uͤber die Kampfbahn ſprangen, waͤh⸗ rend Andere vermittelſt der Cabestros*⁴) die Stiere hineinzulocken ſtrebten. Sobald der ferne Klang der Gloͤckchen vernehmbar wurde, war Alles Leben und Bewegung. Einige klimmten die Baͤume hin⸗ an, andere ſchwangen ſich auf Karren, welche ſich in der Mitte der Kampfbahn befanden, wo ſie ſich mit gewaltigen Knitteln bewaffnet, anſchickten, den Stier abzuwehren, waͤhrend noch Andere, die ihrem Muthe mehr vertraueten, unten auf dem Schlachtfelde blieben, wo indeſſen gar bald Einige von ihnen zu Boden geworfen wurden. Jetzt ſprengten die Reuter im vollen Gallopp heran, um die Kampfbahn zu reinigen; das Ge⸗ ſchrei der Menge, und der Laͤrm Derjenigen, wel⸗ che ihren Mantel dem Stiere vorhielten, waren in der That verwirrend und betaͤubend, waͤhrend das Thier, welches ſich von allen Seiten ange⸗ griffen ſah, eine ganze Weile beſtuͤrzt daſtand. Als es dann endlich auf eine Gruppe zuſtuͤrzte, ward es ſchnell von einer anderen Seite gereizt, *) Diejenigen, welche aus Liebhaberei an dem Stier⸗ gefechte Theil nehmen. IA. **½) Zahme Stiere, welche eine große Glocke am Halſe haben, deren Klang den wilden Stier an⸗ lockt, — 5s— ſo daß diejenigen, die es verfolgte, des gluͤcklichen Entkommens faſt immer gewiß waren. Anton, jener junge Zagal, deſſen wir ſchon erwaͤhnten, und der, als ein geborner Andaluſier, an die Ge⸗ fahren dieſes Kampfſpiels gewoͤhnt war, war einer von den Aficionado's, und zeigte bei dieſer Ge⸗ legenheit große Gewandtheit. Waͤhrend die Uebri⸗ gen entweder zu Boden geworfen oder in die Hoͤhe geſchleudert wurden, war er ſtets auf den Beinen und raſtlos bemuͤht, den Stier vermittelſt ſeines leichten Mantels anzureizen. Nachdem er derge⸗ ſtalt drei oder vier Thiere ſo ſehr ermuͤdet hatte, daß ſie den Kampf nicht mehr fortſetzen wollten, endete das Gefecht, und der Kampfplatz ward den Knaben uͤberlaſſen, um innerhalb deſſelben mit einem zu dieſem Zwecke in Bereitſchaft gehaltenin jungen Stier ihr Spiel zu treiben. Nach Beendigung des Stiergefechts degant der Tanz in der Ebene und auf einem freien Platze im Dorfe, eine Luſtbarkeit, an welcher eben⸗ falls ſelbſt die angeſehenſten der Anweſenden Theil nahmen. Ordnung und Eintracht herrſchten bis zum Abend, um welche Zeit ſich die Meiſten nach Hauſe begaben, wir aber nach Cigales zuruͤck⸗ kehrten. Die uͤbrige Zeit der Weinleſe verſtrich mir pfeilſchnell in Iſabellens Geſellſchaft, der ich mich faſt ohne Unterbrechung erfreuete. Mit jedem Tage entdeckte ich an ihr neue Reize, neue Vor⸗ zuͤge. Ihre Schoͤnheit, ihre Anmuth und ihr leb⸗ haftes Gefuͤhl, zogen mich immer mehr und mehr zu ihr hin, aber es war nothwendig, ſie noch laͤn⸗ ger zu kennen, um ihren Werth in ſeinem ganzen umfange ſchaͤtzen zu lernen. Anfangs liebte man ſie nur wegen ihrer perföͤnlichen Reize und ihres anmuthsvollen Benehmens, nach und nach aber entdeckte man, daß ſie auch ausgezeichnete Talente, einen gebildeten Geiſt und jenen Witz beſaß, der nicht verletzt, weil ihn Herzensguͤte begleitet. Sie war die Offenherzigkeit ſelbſt, und alle ihre Aus⸗ druͤcke waren ſo natuͤrlich, ſo einfach, daß ſie ſtets ſchnell ben Weg zum Herzen fanden. Ihr Cha⸗ rakter war ſo ſanft, daß ſie ſelbſt von denjenigen jungen Maͤdchen, die fuͤr neidiſch und boͤsartig galten, geliebt wurde. Dieß vollkommene Weſen war der Gegenſtand meiner Liebe. Ach wie entzuͤckend waren die Augen⸗ blicke, die ich an ihrer Seite verlebte; zwar hatte ſie mir ihre Gefuͤhle fuͤr mich noch nicht gradezu geſtanden, ſprachen aber ihre Blicke nicht beredter als Worte? Konnte ich nicht in ihren Augen leſen, daß ſie gern in meiner Naͤhe weilte, und ſich, wenn auch nur auf einige Stunden, ungern von mir trennte? An ihrer Liebe zweifeln, waͤre — 60— thoͤrigt geweſen, von einem ſo herrlichen Weſen geliebt werden aber, wie konnte ich mich fuͤr ein ſolches Gluͤck dankbar genug beweiſen? t Da unterdeſſen die Zeit der Weinleſe ihr Ende erreicht hatte, ward beſchloſſen, daß wir ſaͤmmtlich nach dreien Tagen nach der Stadt zuruͤckkehren ſollten. Als ich am Nachmittage vor unſerer Ah⸗ reiſe mich anſchickte, mich mit den uͤbrigen jungen Leuten und Iſabellen nach dem Gehoͤlze auf die Jagd zu begeben, hielt mich mein Vater zuruͤck, indem er mir ſagte, daß er wuͤnſche; ich moͤchte bei ihm bleiben. Ich machte gute Miene zum boͤſen Spiel, war mir gleich das Herz ungemein ſchwer, denn ich hatte mir vorgenommen, mit Iſabellen einige unſerer Lieblings⸗Plaͤtze zu be⸗ ſuchen. Sobald wir allein waren, nahm mein Vater das Wort:„Eſteban,“ ſprach er, in einen freund⸗ lichen, aber ernſten Tone,„ich habe Dir einen kleinen Kummer gemacht, um Dir einen groͤßeren zu erſparen. Du findeſt die ſchoͤne Iſabella rei⸗ zend, ich habe es ſchon lange bemerkt, aber ich wollte Dir die froͤhliche Zeit hier nicht truͤben; jetzt aber, da ſie zu Ende geht, muß ich Dich warnen; giebſt Du Dich noch laͤnger den Gefuͤh⸗ len hin, die Du fuͤr das liebliche Maͤdchen zu — 61— hegen begonnen, ſo bereiteſt Du Dir viele traurige Stunden, denn ſie kann nie die Deine werden.“ „Nie?“ fragte ich,„und warum nicht? Es iſt wahr, wir fuͤhren keinen Titel, aber wir ſind ebenfalls von altem Adel, uͤberdem iſt der Mar⸗ quis voͤllig frei von den Vorurtheilen der Geburt. Zeige ich mich ſeiner Nichte wuͤrdig, kann ich die Liebe derſelben erwerben, o dann wird er ſie gewiß dem Sohne eines Freundes nicht verſagen, dem er ſo viel verdankt.“ „Das waͤre moͤglich,“ verſetzte mein Vater, „aber, mein guter Eſteban, taͤuſche Dich nicht mit ſolchen falſchen Hoffnungen, es ſind andere Gruͤnde vorhanden, die Du einſt kennen lernen wirſt. Kann ich ſie Dir gleich jetzt nicht offenbaren, magſt Du doch meinen Worten trauen, wenn ich Dir ſage, daß ſie eine Verbindung zwiſchen Dir und Iſa⸗ bellen unmoͤglich machen.“ In dieſem Augenblick ward mein Vater aus dem Zimmer gerufen, in welchem er mich in un⸗ beſchreiblicher Beſtuͤrzung zuruͤckließ. Einige Augen⸗ blicke ſtand ich bewegungslos da, die furchtbaren Worte:„Iſabella kann nie die Deine werden,“ toͤnten fortwaͤhrend in meinen Ohren; ich ſtuͤrzte aus dem Hauſe nach der kleinen unfernen Wal⸗ dung, warf mich verzweiflungsvoll auf den Bo⸗ den hin, und machte meiner Bruſt durch einen Thraͤnenſtrom Luft.— Waͤhrend ich mich ſo ganz meinem Schmerze hingab, fuͤhlte ich ploͤtzlich, daß Jemand bemuͤht war, mein kummerſchweres Haupt von meinen kreuzweis uͤbereinander geſchlagenen Armen empor⸗ zuheben. Es war Iſabella ſelbſt, bleich vor Schrek⸗ ken, mich in einem ſolchen Zuſtande⸗ zu finden. „Eſteban,“ fragte ſie mit bebender Stimme,„was hat ſich zugetragen?“ Ich vermochte weder zu antworten noch meine Thraͤnen zuruͤckzuhalten.„O ſprechen Sie,“ fuhr ſie dringender fort,„ſprechen Sie, was fehlt Ih⸗ nen? Sind Sie krank?“ 1 „Ja!“ ſtammelte ich endlich,„ ſo krank, daß mir das Herz brechen moͤchte. Ach, Iſabella, ich darf Sie nicht laͤnger lieben, o ſagen Sie nur, koͤnnen Sie wirklich nie die Meine werden?“ „Was ſoll das bedeuten, Eſteban?“ fragte ſie neuerdings.„Sprechen Sie doch, was iſt ge⸗ ſchehen?“ Und in dem Tone ſanften Vorwurfs fuͤgte ſie hinzu:„iſt es wohl freundlich von Ih⸗ nen, ſo zuruͤckhaltend gegen mich zu ſeyn?“ „Zuruͤckhaltend gegen Sie, meine Iſabella!“ fiel ich lebhaft ein,„gegen Sie, der mein ganzes Herz gehoͤrt! O geben Sie doch keinem ſolchen Gedanken Raum!— Sie ſollen Alles erfah⸗ — 63— ren.— Mein Vater hat meine Leidenſchaft fuͤr Sie bemerkt, und warnt mich ihr nachzuhaͤngen. Er behauptet, ſie koͤnne nur Kummer uͤber mich herbeifuͤhren!“ 1 „Er kennt meinen Oheim nicht,“ verſetzte Iſabella;„derſelbe hat mich oft verſichert, daß er bei der Wahl meines Gatten nur mein Gluͤck im Auge haben wuͤrde. Warum ſollte er den Sohn ſeines Freundes zuruͤckweiſen, zumal da derſelbe ſo gegruͤndete Anſpruͤche auf ſeine Dankbarkeit hat.“ „Das befuͤrchtet er auch nicht, theure Iſa⸗ belle,“ erwiederte ich,„es ſind andere Gruͤnde vorhanden, die mein Vater mir fuͤr jetzt nicht of⸗ fenbaren will, die ich aber, wie er ſagt, dermal⸗ einſt erfahren werde. Unterdeſſen aber ſcheiden Sie von hinnen, ein Wuͤrdigerer als ich wird ſich um Ihre Hand bewerben, und ich werde ver⸗ geſſen werden.“ „Nie, nie, nimmermehr!“ rief Iſabella, in⸗ dem ſie meine Hand mit Zaͤrtlichkeit ergriff,„ich kann Sie nie vergeſſen! Unſere Verbindung kann verſchoben werden, nie aber werde ich einen An⸗ dern lieben!“. „Geliebte Iſabella!“ rief ich, mich ihr Freude erfuͤllt zu Fuͤßen werfend,„Du giebſt mir das Leben wieder; ich hoffe, das Hinderniß wird nicht ſo unuͤberſteigbar ſeyn, wie mein Vater glaubt.— — 64— Wie koͤnnte ich auch verzweifeln, da meine theuere Iſabella mir zu hoffen gebietet.“ 3 Nach wiederholten Betheuerungen ewiger Liebe und Treue, kehrten wir nach Hauſe zuruͤck, mein Herz fuͤhlte ſich ungleich freier, denn Iſabella, mein Schutzengel, hatte durch ihre troͤſtenden Worte meine Kummerbuͤrde um Vieles erleichtert. 6. Da nunmehr die Zeit der Weinleſe, zur Betruͤb⸗ niß Aller, die zwei gluͤckliche Monate in einer der reizendſten Gegenden Spaniens verlebt hatten, voruͤber war, kehrten wir nach Valladolid zuruͤck, wo ich meine Studien wieder vornahm. 3 Iſabella, weit entfernt, wie viele Moͤdchen ih⸗ res Alters, nur dem Vergnuͤgen nachzuhaͤngen, nahm an meinen wiſſenſchaftlichen Beſchaͤftigungen Theil, und wir verbrachten nunmehr ganze Abende, in⸗ dem wir nicht nur die klaſſiſchen Autoren unſeres Vaterlandes, ſondern auch die beßten Schriftſteller Frankreichs und Englands laſen und ſtudirten; denn auch in der Sprache des letzteren Landes, hatte ich mich bereits ſeit laͤngerer Zeit geubt. Dieſes Vergnuͤgen ſollten wir indeſſen nicht lange ungeſtoͤrt genießen, denn der Marquis empfing von ſeinem Bruder Don Facundo folgenden Brief, welcher ihn beſtimmte, abzureiſen: „ Geliebter Bruder!l, „Das ſcheinbar verbrecheriſche Benehmen, wel⸗ ches ich indeſſen nur gezwungen beobachtete, recht⸗ fertigt mehr als zur Genuͤge, daß Du mir das Vertrauen und die bruͤderliche Liebe vorenthaͤltſt, die ich nie aufgehoͤrt habe, ruͤckſichtlich Deiner, zu I. 5 5 9 — 66— hegen. Da ich mich unter dem Einfluſſe von Perſonen vom hoͤchſten Nange befand, welche die Ehre unſerer Familie fuͤr compromittirt hielten, und mir unaufhoͤrlich die Nothwendigkeit vorſtellten, meine Anſpruͤche nicht aufzugeben, bis die Unge⸗ rechtigkeit derſelben klar und unwiderlegbar bewieſen ſeyn wuͤrde; weil eine allzufruͤhe Nachgiebigkeit mei⸗ enerſeits der Ruhe und dem Intereſſe des Staats gefaͤhrlich werden koͤnne, kurz, da ich auf Befehl Sr. Majeſtaͤt unſeres Koͤnigs und Sr. Hoheit des Friedensfuͤrſten handelte, war es mir unmoͤglich, mich ihrem Wunſche zu widerſetzen.“ „Indeß trotz der Gefahr, der ich mich dadurch Preis gab, wagte ich es, dem Monarchen Vorſtel⸗ lungen zu machen, erklaͤrend, mein Gewiſſen koͤnne es nicht zugeben, daß ein Bruder, den ich ſo ſehr liebe, ſich in einer ſo traurigen Lage befaͤnde. Der Koͤnig aber war uͤber meine Rede aufgebracht, und der Friedensfürſt ließ es ſich nicht undeutlich mer⸗ ken, daß ich mich nur anſchicken koͤnne, meine uͤbrigen Lebenstage in einem Kerker zu verſchmach⸗ ten, falls ich nicht in dieſer Angelegenheit den Geſetzen ihren Lauf ließe.“ „Als ich nun ſah, daß ich meinem Herzen nicht folgen konnte, entſchloß ich mich, Dir, we⸗ nigſtens bis zur Entſcheidung der Sache, einen Zufluchtsort in meinem Hauſe anzubieten; aber — 467— auch dieſes Troſtes ſollte ich mich nicht erfreuen, denn man erklaͤrte mir, daß es ſich nicht gezie⸗ men wolle, Jemand den ich als einen Betruͤger verfolge, bei mir aufzunehmen. Ach, mein ge⸗ liebter Bruder! welchen Kummer haben mir die Schritte verurſacht, die ich zu thun gezwungen. Wie verwünſchte ich die Stunde, in der ich zuerſt an dieſem Hofe aufgetreten war! Welch ein Ge⸗ fuͤhl, mit dem Bewußtſeyn, unrecht zu handeln, der Sclave Anderer zu ſeyn! In jenen Augen⸗ blicken wuͤrde ich einen Kerker der Gunſt des Mo⸗ narchen vorgezogen haben! Das Vaterland aber verlangte meine Dienſte, und ſo ward ich ſelbſt des Troſtes beraubt, meinen Grundſaͤtzen und mei⸗ ner bruͤderlichen Liebe mein Leben zum Opfer bringen zu koͤnnen. Ich war genoͤthigt, meine beßten Gefuͤhle fuͤr ein Land niederzukaͤmpfen, wel⸗ ches mir vielleicht heute oder morgen dafuͤr mit Undank lohnen wird. Das, mein theurer Mar⸗ quis, iſt das Loos des Menſchen in dieſem Thraͤ⸗ nenthale!“ „Du kannſt Dir keinen Begriff von den Ver⸗ folgungen machen, die ich um Deinetwillen erdul⸗ den mußte; und dennoch halten mich diejenigen, welche nicht mit den geheimen Triebfedern eines Hofes bekannt ſind, fuͤr einen Boͤſewicht! Ja Don Ignacio nannte mich zſfentlich einen unna⸗ .. 5 — 68— tuͤrlichen Bruder, ein Ungeheuer! Solchen Miß⸗ deutungen iſt indeſſen oftmals der ehrliche Mann ausgeſetzt, wenn ihn das Schickſal in Verhaͤltniſſe, wie die meinigen, bringt.— Dennoch aber moͤge der Himmel den wackern Mann ſegnen, fuͤr die Dienſte, welche er mir geleiſtet hat. Sage ihm, daß ich weit entfernt, mich durch ſein Betragen ruͤckſichtlich meiner beleidigt zu finden, immerdar die groͤßte Dankbarkeit fuͤr ihn hegen werde; gieb ihm die Verſicherung, daß er einem aufgeregten Gewiſſen den Frieden wieder gegeben hat, denn meine Ruhe waͤre auf immer dahin geweſen, han⸗ icj den Prozeß gewonnen.“ 7 Was nun aber Dich betrifft, mein Peute. Lorenzo, ſo hoffe ich, Du wirſt nach dieſer Er⸗ klaͤrung, die ich nicht fruͤher wagen durfte, meinen Gefuͤhlen Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Haͤtte ich mich eher daruͤber ausgeſprochen, haͤtte meine Aeußerung Deinen und meinen Untergang herbei⸗ fuͤhren koͤnnen. Jetzt aber, da ich eine große po⸗ litiſche Veraͤnderung vorausſehe, nehme ich keinen Anſtand, Dir die Wahrheit zu offenbaren; denn beträfe uns auch ein Mißgeſchick, wuͤrde es doch nur von kurzer Dauer ſeyn; auch bin ich außer Stande, laͤnger den Gedanken zu ertragen, von Dir als Dein aͤrgſter Feind betrachtet zu werden, — 60.— waͤhrend ich mich den groͤßten Gefahren Preis gab, um Dir Deine Rechte zu ſichern.“ „uUm Dich noch mehr von meiner Unſchuld zu uͤberzeugen, lade ich Dich ein, unverzuͤglich zu mir zu kommen, ich werde Dir dann ſo unwider⸗ legbare Beweiſe vorlegen, daß jeder bei Dir etwa noch vorhandene Zweifel an meiner Aufrichtigkeit ſchwinden wird.“ in „Ewig Dein treuer, Dich liebender Bruder Facundo.“ Der Marquis, deſſen Herz keinen Argwohn kannte, und der mit der ihm eigenthuͤmlichen Gut⸗ muͤthigkeit ſtets bemuͤht geweſen war, in ſeinem Herzen Entſchuldigungsgruͤnde fuͤr das Beneh⸗ men ſeines Bruders aufzuſuchen, war ob dieſes Briefes hocherfreuet. Er theilte denſelben meinem Vater mit, welcher die Moͤglichkeit einraͤumte, daß Don Facundo allerdings unſchuldig ſeyn koͤn⸗ ne, da Maͤnner in ſeiner Lage oft gezwungen waͤren, gegen ihre Gefuͤhle zu handeln; dennoch aber meinte er, waͤre derſelbe in keinem Falle von Schwaͤche und Sclavenſinn frei zu ſprechen; er behauptete, Facundo haͤtte jeder Gefahr Trotz bie⸗ ten muͤſſen, um wie ein Ehrenmann zu handeln, und keine menſchliche Ruͤckſicht haͤtte ihn veranlaſ⸗ ſen muͤſſen, die heiligen Rechte der Natur mit Fuͤßen zu treten. —— —-— 70— derjenige, der ſich ſein Lebelang als ein Mann von Grundſaͤtzen und Tugend bewaͤhrte, ſeinen Charak⸗ ter ſo ploͤtzlich veraͤndert haben ſollte?“ „Mein lieber Marquis,“ entgegnete mein Vater,„das Beiſpiel der Großen iſt anſteckender als wir glauben. Kein Hof war anſtaͤndiger als der Karls des Dritten; Maria Louiſe und Godoy aber haben ihn zu einem Aufenthalte der Sitten⸗ loſigkeit gemacht.— Wir wollen nun zwar hof⸗ fen, daß Don Facundo es aufrichtig meint, we⸗ nigſtens iſt es der Muͤhe werth, ihn zu pruͤfen, dennoch aber wuͤnſche ich, daß Sie Ihren Aufent⸗ halt bei uns wenigſtens noch um einige Monate verlaͤngerten.“ „Nein, mein theurer Freund!“ antwortete der Marquis,„mein Herz verlangt ſehnſuchtsvoll nach einer Aufklaͤrung, von der ein großer Theil des Gluͤcks meines Lebens abhaͤngt. Nach ſo lang⸗ jaͤhrigem Leiden moͤchte ich gar zu gern einmal wieder an der Bruſt eines Bruders ruhen, deſſen Liebe allein mir fuͤr das, was ich verloren, einigen Troſt gewaͤhren kann.“ So wie wir dieſen ſeinen Entſchluß erfuhren, drangen wir ſaͤmmtlich in ihn, ſeine Abreiſe noch zu verſchieben; ich beſonders beſchwor ihn unter Don Lorenzo ſuchte ſeinen Bruder zu recht⸗ fertigen;„wie waͤre es moͤglich,“ fragte er,„daß — 1 — — 1714— Thraͤnen darum. Der Marquis aber blieb uner⸗ bittlich, und ſo ruͤckte denn bald die ſo gefuͤrchtete Stunde der Abreiſe heran; wir hofften indeß⸗ bald wieder vereinigt zu werden. Wie ſoll ich den Kummer ſchildern, den ich ob der Trennung von Iſabellen empfand? Die⸗ jenigen, welche geliebt haben und genoͤthigt wa⸗ ren, ſich von dem Gegenſtande ihrer Liebe loszu⸗ reißen, kennen den Schmerz eines ſolchen Augen⸗ blicks nur zu gut; aber die nie liebten, werden meine Gefuͤhle doch nicht begreifen. Ich will dem⸗ nach den Moment unſeres Scheidens nicht aus⸗ fuͤhrlich beſchreiben, ſondern mich begnuͤgen zu be⸗ richten, daß an dieſem ſchwermuͤthigen Tage meine ganze Familie unſere Empfindungen theilte; denn es war ſo, als ſollte einem Jeden von uns der Gegenſtand ſeiner Liebe oder ein Buſenfreund ge⸗ raubt werden. Mein Schmerz aber ſollte noch durch die Mitthei⸗ lung eines Geheimniſſes vermehrt werden, welches mir meine Aeltern am Abend nach der Trennung von Jſabellen offenbarten, Mein Vater ließ mich in ſein Studirzimmer rufen, wo meine Mutter ibm zur Seite ſaß. In ihren Blicken bemerkte ich einen Ausdruck von Kummer und Truͤbſinn. Ei⸗ nige Augenblicke beobachteten wir ſaͤmmtlich ein tie⸗ fes Schweigen, meine Mutter aber hielt meine Hand — 2— gefaßt, und bruͤckte ſie dann und wann, indem ſie mich mit Mitleid und Zaͤrtlichkeit betrachtete. „Eſteban,“ nahm endlich mein Vater das Wort, indem er meine andere Hand nahm,„Du haſt vielleicht ſchon geahnet, weshalb ich Dich hieher rufen ließ. Ich hatte Dich ſchon fruͤher gewarnt, Deine Leidenſchaft für Iſabella zu bekaͤmpfen. Da ich Dein Gefuͤhl indeß nur fuͤr eine voruͤberge⸗ hende jugendliche Neigung hielt, wiederholte ich meine Warnungen nicht; jetzt aber ſehe ich, daß ich mich geirrt habe. Der Schmerz, den Du ob der Trennung von ihr empfindeſt, beweiſ't mir, daß Deine Liebe fuͤr ſie ſtaͤrker iſt, als ich glaubte; Du darfſt aber keine ſolche Leidenſchaft fuͤr ſie hegen, ich wiederhole es Dir hiemit. Das Ge⸗ heimniß, welches ich im Begriff bin, Dir zu offen⸗ baren, wird dir Alles erklaͤren; ſo ſchmerzvoll es auch fuͤr Dich und fuͤr uns ſeyn mag, ich kann ſeine Enthuͤllung nicht laͤnger verſchieben.— Er⸗ fahre alſo, Eſteban, daß wir— nicht Deine Ael⸗ tern ſind.“ „Himmel,“ unterlrach ich ihn,„was hoͤre ich! Ich waͤre nicht Ihr Sohn? Wer ſind denn meine Aeltern?“ „Theurer Eſteban,“ tief Donna Tereſa, in⸗ dem ſie mich umarmte,„ſey unbekuͤmmert, wir werden Dich ſtets als unſer Kind betrachten, was 4 — 735— Dir auch begegnen mag, wir werden Dich nie verlaſſen.“ 3 Ich kuͤßte ihre Hand und benetzte ſie mit mei⸗ nen Thraͤnen.„Wer aber ſind meine Aeltern?“ fragte ich dann aufs Neue. „Das iſt es,“ nahm Don Ignacio wieder das Wort,„was ich trotz meiner eifrigſten Be⸗ muͤhungen nicht zu erforſchen vermochte. Nach ei⸗ nem relicario*) zu ſchließen, welches bei Dir ge⸗ funden worden, bin ich indeſſen uͤberzeugt, daß Du angeſehenen Leuten angehoͤrſt; welches Ver⸗ brechen oder welches Ungluͤck aber ſie veranlaßt haben mag, Dich zu verſtoßen, weiß ich nicht.— Ich will Dir Alles erzaͤhlen, was mir hieruͤber bekannt geworden.“„ „Im Monat October des Jahres 1798 trat der Piſuerga faſt uͤber hundert Fuß uͤber ſeine Ufer hinaus und uͤberſchwemmte die ganze Umge⸗ gend ſo ſehr, daß das Waſſer bis in die Wein⸗ keller und in das unterſte Stockwerk ſelbſt derjeni⸗ gen Haͤuſer drang, welche ſich weit von dem Fluſſe befanden. Dieſes unerwartete Ereigniß noͤthigte mehrere Einwohner, Valladolid zu verlaſſen; waͤh⸗ rend andere, auf die oberen Stockwerke beſchraͤnkt, *) Eine kleine goldene oder ſilberne Kapſel, worin ſich gemeinhin eine Reliquie oder ein Heiligenbild befindet. — 74— vierzehn Tage lang in einer Art von Gefangenſchaft ſchmachten und ſich mit den Lebensmitteln begnu⸗ gen mußten, die von Schiffern auf Boͤten herange⸗ bracht wurden. In Folge dieſer Begebenheit ward auch ich gezwungen, ſobald die Ueberſchwemmung begann, mich mit meiner Gattin und meinen Kin⸗ dern nach unſerem, an den Ufern des Duero ge⸗ legenen Landſitze zu begeben; denn das Haus in Valladolid war dem Waſſer faſt mehr als irgend ein anderes ausgeſetzt.“ „Eines Tages ſandte ich nun einen alten Die⸗ ner nach unſerer Wohnung, um einige Dinge, de⸗ ren wir bedurften, herbeizuholen. Bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr brachte er ein kaum zweijaͤhriges Kind mit.— Du warſt es, Eſteban, er ſagte, er habe Dich in einem der Zimmer in einer kleinen Wiege gefun⸗ den, die ich ſorgfaͤltig aufbewahrt habe; und die aller Wahrſcheinlichkeit nach von der, durch die Fen⸗ ſter hereingedrungenen Fluth hereingetragen worden. Du warſt verhungert und erſtarrt. An Deinem Halſe hing ein Relicario, worin wir ein unleſerlich beſchriebenes Blaͤttchen fanden, aus dem ich indeſſen Folgendes herausſtudirte:„Ich vertraue dieſen Sohn angeſehener Aeltern den Wogen an, weil ich nicht zum Moͤrder geboren bin. Iſt es der Wille der Vorſehung, daß ſein Leben gerettet werde, wird ſie den Knaben erhalten. Seinen eigentlichen Na⸗. * — men darf ich nicht offenbaren, aber ich nenne ihn Eſteban. Moͤge der Himmel mir verzeihen! Das Kind ward im Jahr 1791 geboren!“— „Wir verloren keine Zeit, um uͤber Deine Ael⸗ tern Erkundigungen einzuziehen, alle unſere Nach⸗ forſchungen aber blieben fruchtlos, und ſo beſchloſ⸗ ſen wir denn, Dich zu behalten und Dich wie unſer eigenes Kind zu erziehen. Da wir grade um die Zeit, in welcher Du uns gebracht wardſt, einen Sohn verloren hatten, ſchien es, als ob die Vorſehung uns Dich geſandt haͤtte, uns den Ver⸗ lornen zu erſetzen. Der Umſtand, daß Du ge⸗ funden worden, ward von unſeren Bekannten bald vergeſſen oder wenigſtens nicht mehr beſprochen; auch trugen wir die groͤßte Sorge, denſelben vor unſeren anderen Kindern geheim zu halten. Jetzt habe ich nur noch hinzuzufuͤgen, daß wir, bis Deine wirklichen Aeltern gefunden worden, fort⸗ fahren werden, Dich wie bisher mit Freuden als unſer eigenes Kind zu betrachten.“ Ich knieete nieder und kuͤßte Don Ignacio's Hand mit einem Gemiſch von Schmerz und Dank⸗ barkeit;„ſo bin ich alſo ein Fuͤndling,“ ſeufzte ich unter Thraͤnen.„O, Gott, die Aeltern, die mir das Daſeyn gaben, haben mich verlaſſen 3 verſtoßeen! Wie ein Ungeheuer, von dem ſie be⸗ fuͤrchteten, daß es dermaleiaſt nach ihrem Leben trachten wuͤrde.— Ach! ich habe keine Aeltern, die mit Liebe an mir haͤngen!“ „Mein gutes Kind,“ unterbrach mich Donna Tereſa, indem ſie mich, laut ſchluchzend in ihre Arme ſchloß, und meine Wangen mit ihren Thraͤnen benetzte,„zerreiße mir das Herz nicht. War ich Dir denn nicht ſtets eine zaͤrtliche Mut⸗ ter? War Don Ignacio Dir nicht immer ein liebender Vater? Wie magſt Du alſo ſagen, daß Du keine Aeltern haſt, die Dich lieben?“ „Verzeihung, meine theure Mutter, denn ſo werde ich Sie immerdar nennen,“ entgegnete ich, „wahrlich, ich wollte Sie nicht kraͤnken, als ich der Umſtaͤnde meiner Geburt gedachte. Der Him⸗ mel entriß mich den Haͤnden derer, die mir das Daſeyn gaben, weil es unnatuͤrliche Aeltern wa⸗ ren, die meinen Tod wollten, um mich Menſchen zu uͤberliefern, welche nicht nur mein Leben fri⸗ ſteten, ſondern mich auch in den Grundſaͤtzen der Ehre und der Tugend erzogen. Ich verdanke Ih⸗ nen demnach mehr als jenen, und ſo wird meine Dankbarkeit gegen Sie ewig ſeyn.“ Nach dieſem Herzenserguſſe ſchloß mich das wuͤrdige Paar neuerdings in ſeine Arme, und ſuchte alle moͤglichen Troſtgruͤnde hervor, die Kum⸗ merbuͤrde, die auf meinem Herzen laſtete, zu erleich⸗ 53 —= —- 7— tern; der Gram aber hatte mich allzugewaltig er⸗ faßt, ich war gefuͤhllos gegen ihre zaͤrtlichen Lieb⸗ koſungen und gegen ihre Thraͤnen. Dieſer furcht⸗ bare Seelenzuſtand fuͤhrte uͤber mich ein Fieber herbei, welches mich auf eine Zeit dem Tode nahe brachte, waͤhrend welcher tauſend furchtbare Vi⸗ ſionen meine Einbildungskraft foltettpe.— Die Pflege der Donna Tereſa, und die unbe⸗ ſchreibliche Guͤte Don Ignacio's, der mir verſprach, fuͤr mich dereinſt um Iſabellens Hand zu werben, wenn ich durch ein fortgeſetztes gutes Betragen mich ihrer wuͤrdig gemacht haben wuͤrde, gaben mir indeß nach und nach meine Geſundheit, und auch zum Theil meine fruͤhere Heiterkeit wieder. Stellten ſich bei mir die truͤben Stunden ein, dann nahm ich meine Zuflucht zu meinen Buͤ⸗ chern; ich las immer wieder und wieder die Lieb⸗ lingsſtellen Iſabellens, und fand in dieſer Beſchaͤf⸗ tigung eine Erleichterung meines Harmes. Ja oft war meine Taͤuſchung ſo groß, daß ich glaubte, ſie ſitze neben mir und halte ihre Blicke auf die meinigen gerichtet. Schnell aber verjagte der Ge⸗ danke, daß mir ein ſolches Gluͤck wohl nie wieder zu Theil werden wuͤrde, die freundliche Viſion, und tauſend Beſorgniſſe erſtiegen dann neuerdings in meiner Seele. Konnte Iſabella mich noch lie⸗ — 278— ben, ſobald ſie mit meinem Schickſale bekannt ſeyn wuͤrde? Und wenn auch, durfte ich hoffen, daß der Marquis den Bewerbungen eines namen⸗ loſen Fuͤndlings Gehoͤr geben wuͤrde? Ich fuͤrch⸗ tete ihre Ruͤckkehr, aber ſehnte mich doch auch zu⸗ gleich danach, denn ich wagte es nicht, eine ſo wichtige Mittheilung einem Briefe anzuvertrauen. —. —— Es war im Anfange des Monats Maͤrz im Jahre 1808, als der Marquis und Iſabella zu Madrid anlangten. Da dieſe Epoche eine der wichtigſten in der neueren Geſchichte Spaniens iſt, und da die ſpaͤteren Begebenheiten meines Lebens mit derſelben in ſo enger Verbindung ſtehn, ſey es mir erlaubt, einen kurzen Blick auf die politiſchen Verhaͤltniſſe meines Vaterlandes zu jener Zeit zu werfen, auf daß der Leſer dann meiner Erzaͤhlung um ſo leichter folgen koͤnne. Im Jahre 1795 ſchloß Spanien mit Frank⸗ reich den Baſeler Frieden, durch welchen es ſeinen ganzen Antheil an Hiſpaniola, einer ſeiner ertrag⸗ reichſten Beſitzungen in der neuen Welt, abtrat. Don Manuel Godoy, der Miniſter Karl IV., war der Urheber dieſes ſchmachvollen Traktats; dem⸗ zufolge er den Titel eines Friedensfuͤrſten annahm. Im folgenden Jahre ſchloß er eine noch nachthei⸗ ligere Uebereinkunft, zu St. Ildefonſo naͤmlich, durch welche ſich beide Maͤchte anheiſchig machten, ſich im Fall eines Krieges gegenſeitig mit Trup⸗ pen und Geld zu unterſtuͤtzen. Da Frankreich zu jener Zeit von einer Coalition bedroht ward, und es Spanien frei ſtand, entweder ſich derſelben an⸗ zuſchließen oder neutral zu bleiben, war bei dieſem — 80— Traktat der Vortheil ſo offenbar auf Frankreichs Seite, daß ruͤckſichtlich der Beweggruͤnde Godoy's kein Zweifel uͤbrig bleibt; er hatte offenbar ſeinem Ehrgeize das Intereſſe ſeines Vaterlandes zum Opfer dargebracht. Auf dieſen Traktat pochend, bezog Napoleon aus Spanien unermeßliche Summen, und ver⸗ fflocht daſſelbe in einen Krieg mit Großbritannien, zwelcher ganz geeignet war, es voͤllig zu erſchoͤpfen. „Er ſandte ein ſpaniſches Heer nach dem noͤrdlichen Europa, ein zweites nach Portugal, ein drittes nach Italien, und entfernte auf dieſe Weiſe alle Truppen, welche ſich ſeiner eigentlichen Abſicht wi⸗ derſetzen konnten. Durch die Niederlage bei Tra⸗ falgar, wobei, milde geſprochen, die Franzoſen ein hoͤchſt zweideutiges Benehmen beobachteten, wa⸗ ren die Ueberreſte unſerer Marine voͤllig vernichtet worden, und Spanien konnte demnach durch keine Seemacht den Anſchlaͤgen Napoleons auf die Halb⸗ nſeln Hinderniſſe in den Weg ſtellen. Dieſer fortwaͤhrenden Opfer muͤde, beſchloß endlich unſere Regierung, gegen das Ende des Jahres 1806, als Napoleon eben im Begriff war, Preußen anzugreifen, das Joch Frankreichs von ſich abzuſchuͤtteln; Godoy aber, unbekannt mit den einfachſten Grundſäͤtzen der Politik, und zu ſchwach, um auch nur einen einzigen von ihm ſelbſt ent⸗ worfe⸗ — 381— worfenen Plan, mit Feſtigkeit auszufuͤhren, be⸗ gnuͤgte ſich damit, daß er durch ganz Spanien eine laͤcherliche Proclamation circuliren ließ, in welcher von großen Ruͤſtungen, die da Statt finden ſollten, und von den reichen Huͤlfsquellen, welch⸗ Spanien noch beſaͤße, die Rede war. Dies Alles blieb dem Kaiſer Napoleon keines⸗ weges unbekannt. Da er ſich aber zu jener Zeit nicht in einer Lage befand, ein ſolches Betragen ſtrenge zu ruͤgen, beſchraͤnkte er ſich auf eine ernſte Vorſtellung, die er der ſpaniſchen Regierung machte, welche, als ſie Kunde von der Schlacht bei Jena erhielt, ſofort ihre Abſicht aufgab, nach⸗ dem ihr der Muth gefehlt hatte, Frankreich den Krieg zu erklaͤren, als es noch in ihrer Macht ſtand, deſſen Streitkraͤfte zu theilen. Napoleon vergaß indeß keineswegs die ihm zugefuͤgte Belei⸗ digung und ſchwur, daß Koͤnig Karl der letzte Bourbon auf dem ſpaniſchen Throne ſeyn ſolle. Was ihn noch mehr in dieſem Entſchluß beſtaͤrkte, war der Umſtand, daß zu Berlin ein Schreiben Karls IV. aufgefunden wurde, in welchem derſelbe dem Koͤnig von Preußen rieth, Frankreich den Krieg zu erklaͤren, indem er verſprach, daſſelbe zu gleicher Zeit von der Seite der Pyrenaͤen her an⸗ zugreifen. Dieſe Entdeckung erbitterte Napoleon noch mehr, aber die Zeit Rache zu nehmen, war J.— 6 — — 382— noch nicht gekommen; er ſchloß demnach den ge⸗ heimen Traktat zu Fontainebleau, im Jahre 1807, durch welchen er den Friedensfuͤrſten gaͤnzlich taͤuſchte.— Durch dieſen Traktat ſicherte Napoleon dem Koͤnige Karl und ſeinem Hauſe die Integritaͤt ſei⸗ ner Staaten zu, und trat das Koͤnigreich Portu⸗ gal ab, welches er in drei Diſtrikte theilte, und wohin er eine franzoͤſiſche Armee ſandte, um ſeine Abſichten auf Spanien zu unterſtuͤtzen. Von je⸗ nen drei Theilen gab er einen der Koͤnigin von Etrurien und ihrem Sohne, im Tauſche fuͤr ihre Beſitzungen in Italien, ein zweiter ward mit un⸗ beſchraͤnkter Herrſchaft dem Friedensfuͤrſten verlie⸗ hen, welcher den Titel Prinz von Algarve anneh⸗ men ſollte; der dritte ſollte vor der Hand ſeque⸗ ſtrirt werden, damit man denſelben dem Hauſe Braganza geben koͤnne, als eine Lockſpeiſe fuͤr England, um Spanien die Wiederherausgabe von Trinidad und Gibraltar zuzuſichern. Dies war der große politiſche Plan, unter welchen Napoleon ſich bemuͤhte, ſeine Abſichten zu verbergen und ſeinem eigentlichen Ziele naͤher zu kommen. Nachdem er die Angelegenheiten im Norden beſeitigt hatte, begann er nunmehr die Expedition gegen Spanien, unter dem Vorwande, ein Truppencorps nach Afrika ſenden zu wollen, — 83— um den Englaͤndern die Haͤfen der Barbarei zu verſchließen, unter welchem Vorgeben er auch den ganzen Suͤden der Halbinſel mit ſeinen Kriegern fuͤllte. Ohne irgend eine offizielle Erklaͤrung ward auf dieſe Weiſe ein Heer von mehr als hundert funfzig Tauſend Mann nach Spanien geſandt, die vierzig Tauſend ungerechnet, welche ſich unter dem Befehle Junot's bereits in Portugal befanden. Noch nie ward ein Land von irgend einem Erobe⸗ rer mit groͤßeren Mitteln, nach ſo tief verſteckten Plaͤnen, und mit mehr uͤberdachter Argliſt ange⸗ griffen. Den geſchickteſten und erfahrenſten Mar⸗ ſchaͤllen und Generaͤlen wurde die Fuͤhrung jenes Heeres anvertrauet. Unſere Regierung dagegen war ſo ſchwach und ſo unvorbereitet, daß ſie es nicht einmal wagte, weder nach den eigentlichen Urſachen dieſes Kriegszuges zu forſchen, noch eine ſo wichtige Angelegenheit auf offizielle Weiſe zu behandeln. Waͤhrend nun ſo Napoleons Truppen in Spa⸗ nien einruͤckten, ſuchte er auch ſeinem Zwecke da⸗ durch naͤher zu kommen, daß er der ſpaniſchen Nation den regierenden Koͤnig in dem veraͤchtlich⸗ ſten Lichte darſtellte, wozu nur ungluͤcklicherweiſe Grund genug vorhanden war. Die zwanzigjaͤhrige Regierung Karls des Vierten war auch nicht durch eine einzige große oder Gasche hat bezeich⸗ — 84— net, ja man hatte faſt keine Maaßregel getroffen, die nicht das Gepraͤge der Willkuͤhr oder der Un⸗ wiſſenheit trug. Von einer ſchwachen Frau und von einem eben ſo habſuͤchtigen als despotiſchen und charakterloſen Miniſter beherrſcht, war ſeine ungluͤckliche Regierung nur eine Reihe von Uebeln und Leiden fuͤr das beklagenswerthe Spanien. Die große Maſſe der Nation verachtete einen ſo ſchwa⸗ chen Fuͤrſten, und wuͤnſchte ſehnlichſt die Beſtra⸗ fung eines Miniſters, unter deſſen Verwaltung die Geſetze mit Fuͤßen getreten worden waren, und der die Nation, trotz ihren großen Huͤlfsquellen, an den Abgrund des Verderbens gefuͤhrt hatte. Spanien hatte faſt ſeine ganze Seemacht ein⸗ gebuͤßt, welche bei Karls Thronbeſteigung ſo zahl⸗ reich und ſtark geweſen war, als je zuvor. Das Heer war dergeſtalt geſchwaͤcht, daß ſich in keiner Feſtung eine hinreichende Beſatzung befand. Der Schatz der Nation war voͤllig erſchoͤpft, und der oͤffentliche Credit durchaus zu Grunde gerichtet. Nur das Intereſſe, nicht das Verdienſt ward bei Befoͤrderungen beruͤckſichtigt. Der Wille des Mi⸗ niſters und ſeiner Creaturen galt als Geſetz, und die Sitten der hoͤheren Klaſſe waren verderbter als je zuvor. So war die beklagenswerthe Lage der Dinge in Spanien, in dem Augenblicke ſeiner Occupa⸗ tion von franzoͤſiſchen Truppen. Große Fehler muͤſſen in der That von Napoleon oder ſeinen Emiſſarien begangen ſeyn, daß ſein ſo klug ange⸗ legter Plan, eine Dynaſtie zu ſtuͤrzen, die faſt von allen Spaniern gehaßt war, ſo gaͤnzlich ſchei⸗ terte. Seine Intriguen, durch welche Karls vaͤ⸗ terliche Liebe fuͤr ſeinen Sohn Ferdinand vernichtet wurde, die Gefangennahme dieſes Prinzen, das Dekret vom 3oſten Oktober, durch welches er im Angeſichte der ganzen Welt fuͤr einen Moͤrder er⸗ klaͤrt wurde, bevor man einen einzigen Beweis ſeiner Schuld vorlegte, kurz, alle Verfolgungen, die er ertragen mußte, erregten, ſtatt Napoleon zu ſeinem Ziele zu fuͤhren, nur die Theilnahme aller Spanier fuͤr den auf ſo ungerechte Weiſe behan⸗ delten Prinzen, fuͤr den ſich jetzt eine Parthei er⸗ hob, welche, haͤtte man ſich anders gegen ihn be⸗ nommen, nie ſtatt gehabt haben wuͤrde, die aber jetzt nach und nach Napoleons Macht in Spanen voͤllig zertruͤmmerte. Waͤhrend der Kaiſer insgeheim dergeſtalt gegen Ferdinand verfuhr, nahm ſein Geſandter zu Ma⸗ drid oͤffentlich deſſen Parthei, und veranlaßte ſeine Freilaſſung, ſo wie die der meiſten ſeiner Anhaͤn⸗ ger. Godoy, der Koͤnig und die Koͤnigin, durch dieſe Maßregel beunruhigt und uͤberzeugt, daß ſie ohne Napoleons Beiſtand verloren waͤren, ſuchten — 86— ſofort denſelben fuͤr ſich zu gewinnen, und ſchlu⸗ gen ihm eine Verbindung zwiſchen einer Nichte der Kaiſerin und dem Prinzen Ferdinand vor; da aber Napoleons Abſicht war, ſie zu bewegen, Zu⸗ flucht in Amerika zu ſuchen, weil er dann einen Scheingrund hatte, den ſpaniſchen Thron in Beſitz zu nehmen, antwortete er ihnen in einem Style, der voͤllig geeignet war, ihre Beſorgniſſe zu ſtei⸗ gern, zumal da der Kaiſer ihren Antrag mit einem veraͤchtlichen Stillſchweigen uͤberging. Don Eugenio Izquierdo, ein Vertrauter Godoy's, ward nun unverzuͤglich nach Paris geſandt mit dem Auftrage, jenes oben erwaͤhnte Ehebuͤndniß zu negotiren, zu welchem Napoleon, nach mehreren Einwendungen, endlich ſeine Einwilligung gab. Unterdeſſen ſtellte er ſich oͤffentlich ſo, als ob er die Parthei des Prinzen nehme, denn er hoffte dadurch ſeinen Truppen das Einruͤcken in Spa⸗ nien zu erleichtern; auch nahmen dieſelben in dem Zeitraume von wenigen Wochen Beſitz von Pam⸗ pelona, Figuera und Barcelona. Godoy begann jetzt gegen den Kaiſer Argwohn zu hegen, und Jszquierdo's Ruͤckkehr verſcheuchte die wenigen ihm noch uͤbrig gebliebenen Hoffnungen. Seine ganze Abſicht ging jetzt nur noch dahin, ſich mit dem Hofe nach Mexiko zu begeben, und da die Franzoſen ſich Madrid zu naͤhern begannen, — — ließ er ſofort zur Abreiſe dorthin die noͤthigen Anſtalten treffen. Er begab ſich nach Aranjuez, wo das koͤnigliche Paar damals reſidirte, und er⸗ theilte mehreren Generaͤlen Befehle, welche auf die Abreiſe des Koͤnigs Bezug hatten. Die Freunde Ferdinands ſuchten ſich dieſer Maßregel zu wider⸗ ſetzen; Godoy aber, welcher glaubte, ſein Leben nur durch die Flucht retten zu koͤnnen, war feſt entſchloſſen, die Reiſe mit dem Koͤnige, ſeiner Gemahlin und der koͤniglichen Familie anzutreten. Dies veranlaßte die Unruhen zu Aranjuez, die Ungnade und Gefangennahme Godoy's und die Abdankung Köͤnig Karls zu Gunſten ſeines Soh⸗ nes Ferdinand, des Prinzen von Aſturien. Dieſe letzten wichtigen Begebenheiten fanden wenige Tage vor der Ankunft des Marquis in Madrid ſtatt. Iſabella hatte bereits ihrem Ver⸗ ſprechen zufolge an mich geſchrieben; ihre Briefe waren voll von zaͤrtlichen Verſicherungen; da dieſe aber gewiß dem Leſer nicht ſo große Freude wie mir gewaͤhren, will ich aus denſelben nur diejeni⸗ gen Stellen mittheilen, die ein allgemeineres In⸗ tereſſe haben. Madrid, am gten April 1808. „Mein theurer Eſteban!“ „Wir haben endlich das Ziel unſerer Reiſe gluͤcklich erreicht, werden aber, was noch beſſer — 88— iſt, hier nicht lange verweilen. Ich beeile mich, Dir dieſe Kunde zu geben, weil ich uͤberzeugt bin, daß ſie Dir mehr Freude gewaͤhren wird, als jede andere. Jeht aber will ich Dir etwas von dieſer beruͤhmten Hauptſtadt erzaͤhlen, die Dir gewiß eben ſo neu iſt, als ſie es mir war.“ „Als ich Dir zuletzt ſchrieb, befanden wir uns in der Naͤhe von Somoſierra. Willſt Du mir wohl glauben, daß die erhabene Scenerei die⸗ ſer Berge, in welcher der Pinſel der Natur alle ſeine Kraft entfaltet zu haben ſcheint, ſtatt meine Gefuͤhle zu beruhigen, die Bitterkeit derſelben nur noch mehr rege machte? Die tiefe und feierliche Stille jener einſamen Gegenden, ihre Groͤße und ihre Erhabenheit hatten in der That etwas Wildes und Melancholiſches, welches mit dem Zuſtande meiner Seele uͤbereinſtimmte; aber wenn meine Blicke bewundernd auf ihnen ruhten, wenn ich ihre Schoͤnheiten anſtaunte, fuͤhlte ſich dennoch mein Herz leer, denn Du warſt ja nicht zugegen! Doch verzeihe— ich verſprach Dir etwas von Madrid zu erzaͤhlen, und ich befinde mich auf dem Wege, ſchlecht Wort zu halten.“ „Nicht ohne mannichfache Beſchwerden gelang⸗ ten wir uͤber die ſteilen Berge der Somoſierra, und beſuchten die meinem Onkel angehoͤrenden La⸗ — 89— vaderos*). Hier ſahen wir die Wolle ſeiner Merino's in großer Quantitaͤt aufgehaͤuft, er hat indeß nur wenig Hoffnung, fuͤr den Augenblick Nutzen daraus zu ziehen, weil die politiſchen Ver⸗ haͤltniſſe den Handel gaͤnzlich laͤhmen. Nachdem es uns gelungen war, ohne irgend einen unan⸗ genehmen Vorfall von Bedeutung, wieder auf die Landſtraße zu gelangen, die von Burgos nach der Hauptſtadt fuͤhrt, vertauſchten wir unſere bisherige armſelige Art zu reiſen, naͤmlich die Ruͤcken der Maulthiere, denen wir bis jetzt genoͤthigt geweſen waren, uns anzuvertrauen, gegen unſeren beque⸗ men Wagen.“ 3 „Am folgenden Tage naͤherten wir uns, in⸗ dem wir laͤngs dem buſchigen Ufer des Manza⸗ nares hinfuhren, der Hauptſtadt Spaniens, welche, in einer erhabenen Ebene gelegen, ſich dem Auge ungemein majeſtaͤtiſch in der Geſtalt eines Amphi⸗ theaters darbietet.“ „Wire kamen nun bald uͤber die erſte der beiden Bruͤcken, unter welcher das faſt unſichtbare Waſ⸗ ſer des Manzanares dahin ſchleicht. Ich konnte nicht umhin zu beklagen, daß ſich bei einer ſo ſchoͤnen Bruͤcke kein ſchoͤnerer Fluß befinde,„Se⸗ norita,“ verſetzte unſer Zagal, der muntere Anton, **) Plaͤtze, wo die Wolle der Merino's gewaſchen wird. — 90— welcher dieſe meine Bemerkung gehoͤrt hatte,„Sie moͤgens mir glauben, Alles iſt verkehrt in dieſer verwuͤnſchten Stadt, da giebi es Bruͤcken ohne Fluͤſſe, und Gaͤrten ohne Baͤume, die Butter wird ellen⸗ und das Holz pfundweiſe, der Wein in Maſſe und das Gemuͤße nach dem Maaße verkauft; in Kuͤ⸗ chengaͤrten ſieht man bronzene Statuen, und auf mehreren oͤffentlichen Plaͤtzen ſind keine zu ſchauen. Die Leute baden ſich im Sande, und einen Wind giebt es hier, der wie das Spruͤchwort ſagt, kein Licht ausblaſen, aber einen Menſchen toͤdten kann.“ „Nachdem wir uͤber die zweite Bruͤcke gekom⸗ men waren, fuhren wir durch das Thor von Sego⸗ via in die Stadt hinein; das verwirrte Geraͤuſch der ſich einander durchkreuzenden Ochſen, Schaafe und Eſel; das Geſchrei der aguadores*) mit ihren ſchweren Tonnen auf dem Ruͤcken; der ſchnei⸗ dende Ton der Glocken der Maulthiere, welche den Reichthum der Provinzen nach der Hauptſtadt brin⸗ gen, der betaͤubende Laͤrm der Coches de Colle- ras,**) Calasines und anderer Fuhrwerke, welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchraſſeln; die Stimmen der Blinden, die zu der Guitarre ſingen; das Gekreiſch der Weiber, welche allerhand Lebensmittel zum Verkauf ausbieten; dies Alles *) Waſſertraͤger. **) Eine Art von Cabriolets. — — — — 91— erſcholl jetzt in meine Ohren, bis mein Kopf ganz verwirrt wurde und ich nicht mehr wußte, was ich ſah und hoͤrte.“ „Gleich nach unſerer Ankunft in der fonda del Angel auf der Plazuela del Angel kamen meh⸗ rere Freunde meines Oheims zu uns, und beeil⸗ ten ſich uns zu bitten, unſere Wohnung bei ihnen aufzuſchlagen, ein Anerbieten, von dem ſie uͤber⸗ zeugt waren, daß wir es nicht annehmen wuͤrden. Freundſchaftsverſicherungen und Complimente ſtroͤm⸗ ten von ihren Lippen, aber ich glaube, nur we⸗ nige derſelben waren aufrichtig gemeint. Auch ge⸗ fiel mir und meinem Oheim die Frivolitaͤt ihres Benehmens keineswegs; der Letztere hat ſich un⸗ verholen daruͤber gegen mich ausgeſprochen, und Du kannſt feſt uͤberzeugt ſeyn, mein theuerer Eſte⸗ ban, daß er mich nie, wie Du beſorgteſt, zwin⸗ gen wird, einem dieſer glattzuͤngigen Haſlzng⸗ meine Hand zu reichen.“ „Jetzt aber muß ich Dir von einem Manne ſprechen, der zuviel bei Hofe gilt, und zu eng mit uns verbunden iſt, als daß ich Dir nichts von ihm erzaͤhlen ſollte. Dieſes iſt, wie Du ſchon errathen haben wirſt, Don Facundo.“ „Am Tage unſerer Ankunft ſandte er uns einen Bedienten, welcher uns berichtete, daß es ſein Herr ungemein beklage, uns nicht ſchon an — 92— dieſem Tage einen Beſuch abſtatten zu können, er habe grade den Dienſt, hoffe aber, uns am naͤch⸗ ſten Tage zu ſehen, ſo wie er ſeines Amtes bei dem Monarchen enthoben ſeyn wuͤrde. Wirklich ward uns ſchon am naͤchſten Morgen„Se. Excel⸗ lenz Don Facundo de Torrealva“ von den Die⸗ nern gemeldet, die er nach der Fonda vorausge⸗ ſandt hatte, uns ſeine Ankunft zu verkuͤnden; bald darauf ſahen wir einen großen hageren Mann in der reichen, prachtvoll geſtickten, und mit Sternen und Orden geſchmuͤckten Uniform eines Camarista zu uns eintreten. So wie er Don Lorenzo ge⸗ wahrte, beeilte er ſich, ihn zu umarmen. „Endlich,“ ſprach er mit Thraͤnen in den Au⸗ gen,„endlich wird mir das Gluͤck, in meine Arme den geliebten Bruder zu ſchließen, deſſen Tod ich ſo oft beweinte, und deſſen Leiden mir ſo manche Klage entpreßten. Biſt du es wirklich, mein Lo⸗ renzo! Ach ſchon gab ich die Hoffnung auf, dich je wieder zu ſehen. Und hier dieſe junge Dame, wer iſt ſie?“ fragte er, indem er ſich mit einem Blick voll Erſtaunen zu mir wandte. „Es iſt unſere Nichte Iſabella!“ entgegnete mein Ohein. „In der That!“ rief Don Facundo,„wie bin ich erfreuet, ſie zu ſehen. Die Königin wird entzuͤckt ſeyn, ſie kennen zu lernen, ich beklage — 93— nur, ſie jetzt nicht vorſtellen zu koͤnnen, der Hof iſt in Begriff Madrid zu verlaſſen, und ſich nach Aranjuez zu begeben, ich muß ebenfalls dorthin. Unter uns aber,“ fuhr er darauf in einem leiſen Tone, zu Don Lorenzo gewandt, fort,„die Zeit ihrer Macht iſt voruͤber, und ich beklage es wahrlich nicht. Er iſt nur ein ſchwacher Mann. Was aber jenen Nichtswuͤrdigen anbetrifft, den Gott in ſeinem Zorne in unſer ungluͤckliches Land geſchleu⸗ dert hat, ſo verdient dies Ungeheuer auch nicht einen einzigen Tag laͤnger zu athmen. Doch Geduld, bald iſt es mit ihm vorbei, in wenigen Tagen wird ihm ſein Recht geſchehen.— Fuͤr jetzt lebe wohl,“ fuͤgte er hinzu, indem er Don Lorenzo neuerdings in ſeine Arme ſchloß,„wichtige Geſchaͤfte harten meiner, morgen werde ich dich wiederſehen!“ So ſprechend, eilte er von dannen, waͤhrend er ſich im Gehen noch mehrevemal gegen uns verbeugte, ſeine Dienerſchaft aber mit lauter Stimme rief:„Vorge⸗ fahren! der Wagen Sr. Excellenz des Don Fa⸗ cundo de Torrealva.“ „Als er uns verlaſſen hatte, bemerkte ich in den Geſichtszuͤgen meines Oheims den unverkenn⸗ baren Ausdruck des Mißfallens.„Don Ignacio hatte Recht,“ ſprach er,„ich kann Don Facundo nicht laͤnger fuͤr aufrichtig halten. Wahrhafte Freude ſpricht ſich ſo nicht aus! Und nun gar — 94— ſeine Undankbarkeit gegen den Mann, der ihn ſo hoch erhoben hat, dem er Alles verdankt, was er beſitzt. Wir muͤſſen bald wieder fort von hier— denn jetzt, da ich von ſeiner Falſchheit uͤberzeugt bin, kann ich es nicht ertragen, mich in ſeiner Naͤhe zu wiſſen.“ „Ach wie ſo ganz verſchieden von dieſem Don Facundo iſt doch mein guter Oheim Don Lorenzo. Sie haben auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit einander. Statt des offenen, edlen Antlitzes des Letzteren, tragen Don Facundo's Geſichtszuͤge einen Ausdruck von Verſchloſſenheit und geheim⸗ nißvoller Zuruͤckhaltung, welches einen ſehr unan⸗ genehmen Eindruck macht. Ueberdem haben ſeine Blicke dann und wann etwas Finſteres, etwas Wildes, das mich mit Schrecken erfuͤllt; Du wuͤrdeſt Dich aber in der That wundern, wenn Du ſaͤheſt, wie ſein Geſicht ſo ploͤtzlich eine andere Miene anzunehmen vermag, wie ſeine Zuͤge ſich ſo geſchmeidig zu einem Laͤcheln verziehen koͤnnen. Waͤhrend der fuͤnf Minuten, die er bei uns war, veraͤnderte ſich ſein Antlitz mehreremale. Er laͤ⸗ chelte und weinte faſt zu gleicher Zeit. Als er zwiſchen ſeinen Dienern dahinſchritt, hob er ſeinen Koͤrper ſo ſtolz und majeſtaͤtiſch empor, daß es ſchien, als muͤßten die armen Leute vor ihm auf die Knie fallen, um ſeine Gnade zu erflehen.“ „Statt uns am naͤchſten Tage zu beſuchen, wie er verſprochen hatte, ſandte er neuerdings einen Diener mit einer Entſchuldigung; ſein Herr, be⸗ richtete jener, beklage es ſehr, nicht zu uns kom⸗ men zu koͤnnen, weil er ploͤtzlich genoͤthigt worden, die koͤnigliche Familie nach Aranjuez zu begleiten. In weniger als einem Monat gedenke er indeß zuruͤckzukehren, und dann hoffe er, wuͤrden wir ihm die Ehre erzeigen, bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Du kannſt Dir denken, wie ſehr ein ſol⸗ ches Betragen meinen Oheim verletzte; er iſt feſt entſchloſſen, vom Don Facundo keine weitere No⸗ tiz zu nehmen, und bei den hier ſtatt findenden Unruhen hoffe ich demnach um ſo mehr, daß wir dieſe Hauptſtadt bald verlaſſen werden.“ „Damit Du Dir einen Begriff von dem jetzi⸗ gen Zuſtande der Dinge machen kannſt, will ich Dir erzaͤhlen, was ich von unſeren Balkonfen⸗ ſtern aus, welche nach der Calle de las Carre- tas und der Puerta del Sol hinausgehen, mit an⸗ geſchauet habe. Am 14ten des vergangenen Mo⸗ nats ſchien ſchon vom fruͤhen Morgen an eine un⸗ gewoͤhnliche Bewegung ſtatt zu finden; die Maͤnner in den Gaſſen klirrten mit den Saͤbeln auf den Steinen, oder trugen Waffen unter ihren Maͤn⸗ teln; hie und da ſah man Gruppen von Men⸗ ſchen, deren Blicke angſtvolle Beſorgniß verkuͤnde⸗ 4 — 96— ten. Es ſchien, als ob Ein Gefuͤhl Alle beſeele, als ob Alle einen und denſelben Entſchluß gefaßt haͤtten.“ „Am folgenden Tage nahm der Tumult 3u „nach Aranjuez! nach Aranjuez!“ rief Alles, und einem ſtuͤrmiſchen Meere gleich, wogte die Men⸗ ſchenmenge dahin.“ „Es war ein außerordentliches Schauſpiel, eine ſolche Volksmaſſe durch die Straßen ſtroͤmen zu ſehen; alle Staͤnde waren hier unter einander ge⸗ miſcht; nur ein und daſſelbe Gefuͤhl belebte Alle. Die Weiber ſchienen die Abſicht zu haben, den Maͤn⸗ nern zuvorzukommen. Mit wild aufgeloͤſtem Haar, bewaffnet mit langen Meſſern, drinaten ſie ſich dem Zuge voran, wahrhaft den Furien aͤhnlich, die ſo eben der Hoͤlle entſtiegen, ſich anſchickend, hier oben auf Erden ihr ſchn zes ehehe zu treiben.“ Am Loſten empfingen wir von Don Fatundo folgendes Schreiben. „Freue Dich, mein theurer Bruder, freue Dich, das Ungeheuer iſt nicht laͤnger der Gebieter unſeres Lebens und unſeres Eigenthums. Unſer Plan iſt gelungen; Karl hat dem Throne zu Gun⸗ ſten ſeines Sohnes Ferdinand entſagt.— In der Nacht des 16ten wollte der ſchaͤndliche Godoy mit den beiden ſchwachen Majeſtaͤten die Reiſe antre⸗ ten — 97— ten. Wir hatten ſchon eine Menge Volks ver⸗ ſammelt, welches bereit war, auf das erſte von uns zu gebende Zeichen zu handeln. Don Ferdi⸗ nand und Don Carlos, welche die Franzoſen als ihre Befreier und Retter erwarteten, und die ge⸗ gruͤndeteſte Urſache dazu hatten, weigerten ſich, ſich dem Koͤnige anzuſchließen, um das Reich zu verlaſſen; wirſt Du mir aber wohl glauben, wenn ich Dir ſage, daß der unverſchaͤmte Godoy, er⸗ zuͤrnt ob dieſer Weigerung, den Hochverrath be⸗ ging, gegen unſeren geliebten Ferdinand zu ſchwoͤ⸗ ren, daß, falls er nicht freiwillig mitgehen wuͤrde, er ihn mit Gewalt fortſchleppen laſſen wolle. Der Elende! ich war zugegen und uͤberzeugte mich, daß wir unſeres theueren Prinzen auf immerdar be⸗ raubt werden wuͤrden, faͤnde ich nicht Mittel, ihn uns zu erhalten. Ich ſtellte mich ſo, als ergreife ich Karls Parthei, und rieth Ferdinand, ſich in den Willen ſeines Vaters zu fuͤgen; nachdem ich ſo jeden Argwohn entfernt hatte, fluͤſterte ich dem Prinzen zu, daß er den Garde⸗du⸗Corps, der vor ſeinem Zimmer Wache halte, insgeheim un⸗ terrichten moͤge, wie man ihn mit Gewalt fort⸗ ſchaffen wolle. Er that dies; der Garde⸗du⸗Corps theilie dieſe Nachricht ſeinen Kameraden mit, dieſe dem Volke, und ſo ſtroͤmte nun Alles nach dem Palaſte Godoy's, in der Abſicht, denſelben in I. 7 — os— Stuͤcke zu zerreißen. Von der Dunkelheit beguͤn⸗ ſtigt, entkam er; aber die Menſchenmenge bewach⸗ te waͤhrend der ganzen Nacht den Palaſt, und als ſie zwiſchen eilf und zwoͤlf Uhr innerhalb deſſelben Geraͤuſch vernahm, verſuchten Einige hineinzudrin⸗ gen. Die Huſaren, welche den Palaſt bewachten, hatten die Unverſchaͤmtheit, Feuer zu geben, und nunmehr brach das Volk jede Schranke; wuͤthend ſtuͤrzte es in das Haus und zerſtoͤrte in einem Moment den Raub vieler Jahre; jedes Forſchen nach dem Tyrann aber blieb fruchtlos. Der Koͤ⸗ nig erſchien mit ſeiner ganzen Familie auf dem Balkon, und gab von dort herab dem Volke die Verſicherung, daß er keineswegs die Abſicht habe, das Koͤnigreich zu verlaſſen; die Menge vergoß Thraͤnen der Freude und begruͤßte ihn mit lautem Jubelrufe.“—. „Der 18te verging ruhig; da aber unſer Zweck noch nicht erreicht war, arbeiteten wir unablaͤſſig bis zum 19ten, an welchem Tage die Scene mit verſtaͤrkter Gewalt erneuert wurde, auch ward endlich der Verraͤther auf dem Boden ſeines eigenen Palaſtes unter Matten verſteckt ge⸗ funden. Er hatte mehrere Kleinodien bei ſich, von denen ſein habſuͤchtiger Sinn, ſelbſt in die⸗ ſem kritiſchen Augenblicke, ſich nicht hatte trennen wollen; auch fand man zwei Piſtolen bei ihm, — 99— mit denen er es indeſſen nicht gewagt hatte, we⸗ der ſich ſelbſt noch irgend einen derjenigen zu toͤd⸗ ten, die er, ſeinem Vorgeben nach, noch vor we⸗ nigen Tagen ſo ſehr verachtet hatte. Nur zu wahr iſt es, wer uͤbermuͤthig und ſtolz im Gluͤck iſt, zeigt ſich gemeinhin im Mißgeſchick feigherzig und ſchwach. Das Volk war im Begriff, ihn in Stuͤcke zu zerreißen, da aber erſchien der großmuͤ⸗ thige Ferdinand, und Godoy's Leben war fuͤr den Augenblick gerettet, jedoch mußte der Erſtere ver⸗ ſprechen, daß dem Elenden der Prozeß gemacht und er mit dem Tode beſtraft werden ſolle, falls man ihn ſchuldig befinden wuͤrde. Trotz des Schutzes des Prinzen aber, trotz der ihn umgeben⸗ den Garde⸗du⸗Corps erhlelt der Gefangene den⸗ noch mehrere Schlaͤge in das Geſicht, deſſen Schoͤn⸗ heit ſein Gluͤck, und den Untergang der Nation herbeigefuͤhrt hatte. Er ward nach den Baracken der koniglichen Garde gebracht, und dort mit Sorg⸗ ſamkeit bewacht; worauf ſich die Menge nach Hauſe begab.“ „Es lag indeſſen nicht in unſerem Plane, die Lage der Dinge in dieſem ruhigen Zuſtande ver⸗ bleiben zu laſſen; und uͤberzeugt, daß eine Thron⸗ entſagung von Seiten Koͤnig Karls am leichteſten zu bewerkſtelligen ſeyn wuͤrde, wenn er den Vor⸗ ſatz zu einer Abreiſe nicht aufgäͤbe⸗ ſuchte ich ihn 3 7 — 100— dazu zu uͤberreden, und ſtellte ihm und der Koͤni⸗ gin vor, daß ſie wohlthun wuͤrden, Manuelito, ſo ward Godoy von der Letzteren genannt, im Vor⸗ aus nach Granada zu ſchicken; zu welchem End⸗ zwecke eine koͤnigliche Equipage in Bereitſchaft ge⸗ halten werden ſollte. Als dies um vier Uhr Nach⸗ mittags bewerkſtelligt worden war, unterrichtete ich unſere Freunde davon, und ſofort fluthete nunmehr das von ihnen im voraus aufgeregte Volk, nach den Baracken, wo der Wagen, der Godoy fort⸗ fuͤhren ſollte, von der tobenden Menge zertruͤm⸗ mert ward. Der Koͤnig und die Koͤnigin wur⸗ den von dem drohenden Geſchrei des Volks in Schrecken geſetzt, denn man uͤberhaͤufte ſie mit Verwuͤnſchungen, daß ſie ihr Wort haͤtten brechen wollen. In der Angſt ſeines Herzens erbot ſich Karl aus eigenem Antriebe, der Krone zu Gunſten ſeines Sohnes Ferdinand zu entſagen. Ich theilte dieſen Entſchluß der verſammelten Menge unver⸗ zuͤglich von dem Balkon herab mit, und er ward mit einem lauten Freudengeſchrei aufgenommen.“ „Das ſind die Dienſte, die ich unſerem Va⸗ terlande waͤhrend der letzten Tage geleiſtet habe; das iſt der Urſprung und das Ende der ſtatt ge⸗ habten Begebenheiten, die ich Dir hiermit offen und unverholen vorlege, zum Beweiſe, daß das — 101— Vertrauen, welches ich in Dich ſetze, keine Graͤn⸗ zen kennt. Ich brauche Dir keine Verſchwiegen⸗ heit anzuempfehlen, denn Du biſt von der Noth⸗ wendigkeit derſelben gewiß uͤberzeugt. Ich will demnach jetzt nur noch hinzufuͤgen, daß der Ver⸗ raͤther unter einer ſtarken Bedeckung nach dem Caſtell Villa vicioſa geſandt wurde; ſo wie er ſein Leben in Gefahr ſah, jammerte er laut und ſagte, er wolle Alles bekennen. Der Elende! deſſen Feig⸗ herzigkeit nur mit ſeiner Bosheit verglichen werden kann, ſollte erfahren, daß wenn die Vorſehung auch dann und wann nur langſam Gerechtigkeit uͤbt, ſie dennoch endlich den Strafbaren zuͤchtigt.— Ich bin und bleibe Dein Dich zaͤrtlich liebender . Facundo.“ „So lautete das Schreiben, welches wir von einem Oheim empfingen, den ich nie werde achten koͤnnen. Sein intriguanter Sinn, ſeine Verſtel⸗ lungskunſt und ſeine Undankbarkeit gegen diejeni⸗ gen, die ſo viel fuͤr ihn gethan haben, laſſen mich in ihm nur einen charakterloſen Egoiſten ſehen, der da faͤhig iſt, ſeine beßten Freunde aufzuopfern um ſeine habſuͤchtigen und ehrgeizigen Abſichten zu erreichen.“ „Am 22ſten zogen achtzehn tauſend Franzoſen, Mauͤrat an ihrer Spitze, in Madrid ein. Einige — 102— Tage zuvor hatte Ferdinand einen ſpaniſchen Ge⸗ . neral ihnen entgegengeſandt, damit nichts ihren Marſch hindere, und damit es ihnen unterwegs* an nichts mangele. Am Tage darauf hielt Ferdi⸗ nand ſeinen feierlichen Einzug unter dem lau⸗ ten Jubelrufe des Volks, welches ihn faſt ver⸗ goͤttert, denn es bauet auf ihn alle ſeine Hoff⸗ nungen.“— n 3 „Muͤrats Betragen gegen ihn erregte gleich an⸗ fangs einiges Erſtaunen und weckte Verdacht beie Manchem. Man wußte, daß er ſich vor ſeiner Ankunft uͤber den Koͤnig, deſſen Miniſter und de⸗ ren Creaturen ruͤckſichtslos geaͤußert und erklaͤrt hatte, wie er gekommen ſey, Ferdinands Unſchuld darzuthun. Statt deſſen aber hatte er ihn auch nicht ein einzigesmal beſucht, er macht nicht ein⸗ mal Miene, ihn als Koͤnig anzuerkennen; ja er treibt ſeine Frechheit und ſeinen Stolz ſo weit, — — daß er durchaus keine Notiz von ihm nimmt, ob⸗ gleich er ihm ſchon mehreremale auf der Straße begegnete; ein Benehmen, durch welches er die G ganze Nation in ihrem Oberhaupte beleidigt. Er behauptet, Karls Thronentſagung ſey, da ſie durch Gewalt herbeigefuͤhrt worden, null und nichtig, und nimmermehr werde ſie der Kaiſer anerkennen, weil 8s ſonſt in ganz Europa heißen wuͤrde, er habe — — 103— ſeine Truppen nur nach Spanien geſandt, um einen Bundesgenoſſen zu entthronen; er koͤnne demnach durchaus keinen anderen Koͤnig, als den Koͤnig Karl gelten laſſen, bis ihm von ſeinem Herrn anderweitige Verhaltungsbefehle zugekommen waͤren.“ „Seitdem aber iſt er etwas zugaͤnglicher ge⸗ worden, auch ſoll Don Facundo bereits mehrere Unterredungen mit ihm gehabt haben, ſo daß man jetzt zu hoffen beginnt, es werde Alles friedlich bei⸗ gelegt werden. Vor zwei oder drei Tagen langte hier ein franzoͤſiſcher Beamter an, um den Palaſt zur Aufnahme Sr. Kaiſerlichen Majeſtaͤt einrich⸗ ten zu laſſen, und zu gleicher Zeit trafen mehrere Wagen ein, an welchen die Inſchrift verkuͤndete, daß ſie Effekten fuͤr Napoleon enthielten, in denen man aber nichts als Kontrebande fand. Zu glei⸗ cher Zeit erließ Muͤrat Anordnungen, worin er an⸗ zeigte, wie er Alles gehalten wuͤnſche, und die Ver⸗ ſicherung gab, wie es das Zartgefuͤhl ſeines Herrn nicht zulaſſe, daß Ferdinand die Koſten der Mit⸗ tagstafel für dreißig Perſonen trage, welche taͤg⸗ lich bei Sr. Kaiſerlichen Majeſtaͤt ſpeiſen wuͤrden, eine Tafel von hundert Gedecken fuͤr ſein Gefolge, nicht mit eingerechnet. Ferdinand erwiederte hier⸗ auf, daß er ſich das Vergnugen nicht rauben laſ⸗ — 104— ſen wolle, einen ſo erhabenen Gaſt zu bewirthen, auch beſtaͤtigte er ſofort die zum Empfange Na⸗ poleons bereits gegebenen Verhaltungsbefehle, durch welche er geboten hatte, daß alle durch den Auf⸗ enthalt Sr. Kaiſerlichen Majeſtaͤt veranlaßten Aus⸗ gaben aus dem oͤffentlichen Schatze beſtritten wer⸗ den ſollten, hinzufuͤgend: wie es ſein Wille ſey, daß weder bei den Illuminationen, Feuerwerken, noch anderen oͤffentlichen Feſten auch nicht die ge⸗ ringſte Sparſamkeit obwalte. Da es hieß, daß Napoleon in drei Tagen eintreffen wuͤrde, war einer der Miniſter beſchaͤftigt, die Maestranzas*) zuſammen zu berufen, waͤhrend ein anderer die Baͤlle arrangirte, die zu El Buen Retiro Statt haben ſollten, der Magiſtrat aber die uͤbrigen An⸗ ſtalten zu ſeinem Empfange traf.“ „Geſtern verbreitete ſich indeß das Gerücht, daß der franzoͤſiſche Kaiſer ſobald noch nicht eintreffen wuͤrde, und daß Ferdinand beſchloſſen haͤtte, ſich mit dem Infanten Don Carlos in einigen Tagen nach Burgos zu begeben, um ihn dort zu empfangen; zu welchem Schritte er von dem General Savary eingeladen worden, welcher, wie man ſagt, ein gar ſchlauer Weltmann iſt, und *) Eine reitende Ehrengarde, aus Juͤnglingen von angeſehenen Familien gebildet.* — 405— ſo eben von Frankreich anlangte. Dies waren ge⸗ ſchaͤftige Tage fuͤr Don Facundo, welcher der Haupt⸗Agent zwiſchen Muͤrat und Ferdinand iſt, und der im Verein mit den Herzoͤgen von Infan⸗ tado und San Carlos dem Monarchen zu dieſer Reiſe, auf der er ihn zu begleiten gedenkt, gera⸗ then habe.“ „Wie verſchieden ſind die Scenen, von denen ich Dir ſo eben Bericht abgeſtattet habe, von de⸗ nen, die mich bisher umgaben! Mein Oheim iſt Alles deſſen, was er ſieht und hoͤrt, eben ſo uͤber⸗ druͤßig, als ich es bin. Eigennutz und Ehrgeiz ſcheinen hier Alles zu beherrſchen, eine Intrigue verdraͤngt die andere, und der Patriotismus iſt nichts als ein leeres Wort! Wie beklagenswerth iſt man nicht, ſeine Tage mit ſolchen Menſchen verleben zu muͤſſen! Ich kehre nie von den Be⸗ ſuchen zuruͤck, die ich in Geſellſchaft meines Oheims abzuſtatten genoͤthigt bin, ohne der Vorſehung ſo recht von ganzem Herzen zu danken, daß ich kei⸗ nem der Menſchen angehoͤre, die ich dort gefun⸗ den, und daß alle diejenigen, die mich naͤher an⸗ gehen, meine Liebe und meine Achtung im vollen Maße verdienen.— Theurer Eſteban, wie gluͤck⸗ lich werde ich mich fuͤhlen, kehre ich erſt wieder zu Dir zuruͤck, ich hoffe, dies wird ſchon nach — 106— wenigen Wochen geſchehen, und die kurze Tren⸗ nung wird uns dann die Freude des Beiſammen⸗ ſeyns noch fuͤhlbarer machen.— Du wirſt Dich uͤberzeugen, daß die Abweſenheit keineswegs ver⸗ aͤndert hat, die Geſinnungen Deiner treuen, Dich aufrichtig liebenden Iſabella“ 2 8..“ Nur wenige Tage nach dem Empfange des in dem vorigen Abſchnitte mitgetheilten Briefes lang⸗ ten der Marquis und Iſabella wieder zu Valla⸗ dolid an. Sie ſchienen beide der Hauptſtadt gaͤnz⸗ lich uͤberdruͤßig, und Don Lorenzo ſuchte ſofort in Don Ignacio's Freundſchaft den Troſt zu fin⸗ den, nach dem ſein Herz ſo ſehnſuchtsvoll verlangte, und den er bei ſeinem verraͤtheriſchen Bruder zu finden nur vergebens gehofft hatte. Meine Freude, Iſabella wiederzuſehen, war im erſten Augenblicke graͤnzenlos. Das Geheim⸗ niß, welches ich ihr zu entdecken hatte, die Qua⸗ len, die mich folterten, Alles, Alles ging unter, in der Wonne der Wiedervereinigung; in der mir aus ihrem holden Antlitze entgegenſtrahlenden Ueber⸗ zeugung, daß ich ihr noch eben ſo theuer ſey, wie vormals. Bald gaben indeſſen die Erinnerung an meine Lage, und die Beſorgniß, welchen Eindruck dasjenige, was ich ihr mitzutheilen hatte, auf ſie machen wuͤrde, meinem Benehmen einen Anſtrich von Zuruͤckhaltung, der ihr nicht entgehen konnte. Das Auge der Liebe iſt gar ſcharfſichtig.— Iſa⸗ bella gewahrte gar bald, daß mit mir nicht Alles war, wie es ſeyn ſollte; und zu aufrichtig, ihre Gefuͤhle zu verbergen, benutzte ſie den erſten Au⸗ — 108— genblick, in dem wir uns allein befanden, um mich uͤber die mit mir vorgegangene Veraͤnderung zu befragen. Es waͤhrte eine Zeitlang, bevor ich ihr etwas zu erwiedern vermochte, endlich aber ſchuͤt⸗ telte ich meine falſche Schaam von mir ab, und wiederholte ihr, was mir Don Lorenzo geſagt hatte. „ Und jetzt,“ fuͤgte ich hinzu,„willſt Du, nach⸗ dem Du nun Alles weißt, Dich von mir wenden, o ſo ſag' es mir gleich, auf 2aß ich mein Un⸗ gluͤck auf einmal erfahre.“ „Grauſamer Eſteban,“ rief ſie,„wie magſt Du mich fuͤr ſo gefuͤhllos halten? Habe ich es verdient, daß Du eine 3 ſo che Meinung von mir hegſt?“ „Nein, Iſabella, o nein!“ entgegitete ich leb⸗ haft, indem ich ihre Hand innig erfaßte, und ſie an mein Herz druͤckte,„aber ich weiß nicht, was ich ſage. Du kannſt nie die Meine werden, Du biſt fuͤr mich auf immerdar verloren! Dein Oheim haͤtte dem Sohne des Don Ignacio vielleicht ſeine Einwilligung gegeben; wie aber kann ich hoffen, daß er der Bewerbung eines armen Fuͤndlings ein günſtiges Ohr leihen werde.— O nein, nein, er wird mich verachten, verwerfen!“ „ͤO gewiß nicht!“ rief Iſabella mit großer Heftigkeit, indem ſie meine beiden Haͤnde erfaßte, nie werden wir Dich verlaſſen, nie kann ich Dich — 109— vergeſſen. Laß uns doch die Sache nicht von der truͤben Seite anſehen! Iſt gleich Don Ignacio nicht Dein Vater, wird er doch fortfahren, Dich als ſeinen Sohn zu betrachten; er wird Dich in den Stand ſetzen, Ehre und Reichthum, ja was Dir gewiß eben ſo viel allt, Iſabellens Hand zu erwerben.“ „Ach waͤre dem wirklich ſo,* verſetzte ih mit Waͤrme,„ich wuͤrde tauſend Gefahren trotzen, koͤnnte ich dadurch Deine Hand erlangen. O theuere Iſabella, Du giebſt mir das Leben wieder! ich werde keine Anſtrengung ſcheuen, bietet ſich mir auch nur die fernſte Hoffnung dar, Dich tinſt mein zu nennen.“ „Sey verſichert, das haͤngt nur von Dir ab,“ entgegnete Iſabella,„mein Oheim, ich wiederhole es Dir, wird ſich meinen Wuͤnſchen nicht wider⸗ ſetzen. Der Mangel einer edlen Abkunft gilt bei mir ſo wenig, daß ich die Ehre, die Du Dir ſelbſt erringen wirſt, weit hoͤher achten werde, als jede, die Dir von Deinem Vorfahren verliehen waͤre. Muth gefaßt denie theurer Eſteban, wir wol⸗ len freudig in die Zukunft blicken, und hoffe en, daß Alles gut gehen werde.“ Ach, mit Ifeeſeriua ruͤckte die Zeit heran, in welcher alle dieſe, im Enthuſiasmus einer jugend⸗ lichen Liebe gebildeten Hoffnungen und gefaßten — 110— Entſchluͤſſe, hoͤheren Pflichten zum Opfer darge⸗ bracht werden mußten. Ferdinand hatte Madrid verlaſſen, um ſich nach Bayonne zu begeben, trotz aller Vorſtellungen, die ihm gemacht wurden, um dieſe Reiſe zu verhindern. Gleich nach ſeiner An⸗ kunft zu Bayonne erhielt er einen Beſuch vom Kaiſer Napoleon, welcher ihn umarmte, und ihm die groͤßte Achtung bewies. Beim Abſchiede ſchloß ihn der Kaiſer neuerdings in ſeine Arme, ließ ihn gleich darauf durch den Marſchall Duroc zur Mit⸗ tagstafel einladen, und ſandte eine ſeiner eigenen Equipagen, um ihn nach dem Palaſte Marac zu bringen, wo er mit der groͤßten Ehrerbietung em⸗ pfangen wurde, und wo die beiden Monarchen mit einander zu Mittag ſpeiſten. Kaum aber war Ferdinand wieder in ſeinen eigenen Zimmern angelangt, als auch General Savary erſchien und ihm verkuͤndete, wie der Kai⸗ ſer Napoleon unabaͤnderlich beſchloſſen habe, daß das Geſchlecht der Bourbons fuͤrder nicht uͤber Spanien regieren, und daß ein Mitglied ſeiner Familie an ihre Stelle treten ſolle; zu welchem Ende er von Ferdinand begehre, daß ſolche ſofort aller Rechte und Titel auf die Krone von Spanien und Indien entſage. Eine geraume Zeitlang blickten der ungluͤckliche Fuͤrſt und ſeine Umgebung ſich einander ſtaunend 1 4 —.— an, ohne daß ſie im Stande waren, ein Wort hervorzubringen; denn der Schrecken hatte ſie der Sprache beraubt. Leider beſaß keiner von ihnen weder Charakterfeſtigkeit noch Klugheit genug, ſo ſchwierigen Umſtaͤnden kraͤftig entgegen zu treten. Ferdinand, uneingedenk der Pflichten gegen die Nation, und nur auf ſeine perſoͤnliche Sicherheit bedacht, gab nach und unterzeichnete bald darauf die Entſagungsakte, die man ſchon in Bereitſchaft gehalten hatte. Kaum war die Kunde von dem, was ſich zu Bayonne zugetragen, in den verſchiedenen Provin⸗ zen angelangt, als ſich auch ſofort das Volk in Maſſe erhob, um an den Franzoſen fuͤr die der ſpaniſchen Nation zugefuͤgte Beleidigung Rache zu nehmen. Alles kam in Aufruhr; die Collegien wurden geſchloſſen, und die Studenten ſammelten ſich in Schaaren, um ihre Federn mit dem De⸗ gen und ihre buͤrgerliche Tracht gegen Uniformen zu vertauſchen. Der Aufruf zum Kriege ertoͤnte uͤberall; uͤberall ſah man nichts als Krieger oder bewaffnete Bauern, die da ſehnſuchtsvoll verlang⸗ ten, dem Feinde entgegen zu ziehen, und einſtim⸗ mig einen Fuͤhrer forderten. Alles, Alles war in Thaͤtigkeit: das Weib fuͤllte den Torniſter des Gatten, die Schweſter ſchmuͤckte den Hut des Bruders mit der National⸗ — 122— Kokarde; die liebende Jungfrau legte, zugleich von Liebe und Froͤmmigkeit beſeelt, eine Locke ihres Haares in ein Scapulier, damit es den Geliebten, der es auf ſeiner Bruſt bergen ſollte, zugleich be⸗ ſchuͤtze und an ſie erinnere; waͤhrend die Nonnen ihre Gebete und ihre Bußen verdoppelten, als ſie vernahmen, daß die Franzoſen in feindſeliger Ab⸗ ſicht heranruͤckten. Sie brachten den groͤßten Theil der Naͤchte damit zu, Hymnen fuͤr den guten Erfolg der ſpaniſchen Sache zu ſingen, und be⸗ ſchaͤftigten ſich am Tage mit Verfertigung von Patronen, und mit Vorbereitungen zur Verpfle⸗ gung der Verwundeten.— Welch' ein erhabener Anblick war es nicht, ſo eine ganze Nation ploͤtz⸗ lich unter die Waffen treten zu ſehen, um ſich den Unterdruͤckern ihres Vaterlandes nuthpoll ent⸗ gegen zu ſtellen! Dieſe Begebenheiten aͤnderten ploͤtzlich die ganze Anſicht Europa's, und bewieſen unwiderlegbar, daß die eigentliche Macht der Staaten weniger in einer großen Anzahl regulairer Truppen, als in je⸗ nem patriotiſchen Gefuͤhle beſteht, welches jedwe⸗ des Individuum anſpornt, die Sache ſeines Va⸗ terlands als ſeine eigene zu betrachten. Napoleon aber, welcher gewohnt war, die Kraft eines Landes nur nach deſſen Kriegsmacht zu beurtheilen, glaubte, daß Spanien, ſeiner bis⸗ herigen — 113— herigen Fuͤrſten beraubt, und ſeine Hauptſtadt von fraͤnkiſchen Truppen beſetzt wiſſend, die Herr⸗ ſchaft eines Fremden den Drangſalen des Krie⸗ ges im Inneren des Reiches vorziehen wuͤrde. Er bildete ſich ein, daß er nichts weiter zu thun habe, als zu Madrid eine militairiſche Regierung zu organiſiren, und daß dann Spaniens Schickſal entſchieden ſeyn wuͤrde; eine Verfahrungsweiſe, welche er in Italien u. ſ. w. mit Gluͤck brobach. tet hatte. Durch dieſe irrige Meinung getaͤuſcht, brachte er den Muth nicht mit in Anſchlag, der den ſpa⸗ niſchen Buͤrger beſeelte; nicht ihren feurigen Cha⸗ rakter, nicht das milde Klima, welches ihnen ge⸗ ſtattet, faſt das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel zuzubringen; nicht ihre unerſteigbaren bergigen Zufluchtsoͤrter, nicht die Huͤlfsquellen, welche ihnen das Meer gewaͤhrt, noch ihren Stolz, ihren Haß gegen fremde Bedruͤcker; dies waren die großen Punkte, welche Napoleon in ſeiner po⸗ litiſchen Berechnung vergeſſen hatte, und die end⸗ lich das Mißlingen ſeines Aujchlages auf Spanien herbeifuͤhrten. Als dieſer allgemeine Aufſtand ausbpach war ich etwas uͤber ſiebzehn Jahr, und wenn gleich noch ſehr jung, fuͤhlte ich dennoch in meiner Bruſt die Flamme des Patriotismus auflodern;. I. 8 — 114— mich verlangte danach in die Reihen der Krieger einzutreten, und meinem Vater zu zeigen, daß ich einer ſolchen Ehre wuͤrdig ſey. Oft, wenn er ſich nach den benachbarten Doͤrfern begab, um Anſtalten fuͤr das allgemeine Wohl zu treffen, be⸗ gleitete ich, um ihm zu beweiſen, daß ich keiner Muͤhſeligkeit achte, ihn oft zu Fuß, mit der Flinte und dem Torniſter auf dem Ruͤcken, indem ich mich jedesmal weigerte, mir durch Fahren oder Reiten den Weg zu erleichtern. Dann und wann nahm ich, um mich in Entbehrungen zu uͤben, waͤhrend eines ganzen Tages keine Nahrung zu mir, ja ich ſtand nicht ſelten ganze Naͤchte Schild⸗ wache draußen vor dem Hauſe. Mein guter Va⸗ ter, weit entfernt, meine Neigung zu tadeln, er⸗ muthigte mich im Gegentheil, und uͤbertrug mir oft Auftraͤge fuͤr die Alkalden in den benachbar⸗ ten Doͤrfern, die ich ſtets mit großer Puͤnktlichkeit beſorgte. Ich war nicht wenig ſtolz auf die Ehre, die mir bei ſolchen Gelegenheiten zu Theil wurde; dann und wann ließ der Alkalde, an den ich ge⸗ ſchickt worden war, die Dorfbewohner durch das Laͤuten der Glocken zuſammenberufen, und dann las ich ihnen mit gewichtiger Miene die Kunde vor, deren Ueberbringer ich war. Gemeinhin brachte dann die Verſammlung vier Vivats aus: das 6 erſte fuͤr Spanien, das zweite fuͤr die Relig Redner; worauf man mich in Prozeſſion nach er groͤßten Auszeichnung behandelt wurde. So hatte ich nun bereits begonnen, meine kleine Perſon fuͤr gar wichtig zu halten, als wir ploͤtzlich die unwillkommene Kunde von dem Her⸗ Valladolid befand, und die Bewohner dieſer Stadt, wie die Regierung, uͤber ihre Untergebenen nur ſo oder vielmehr der bewaffneten Bauern zu unter⸗ 3 — 115— das dritte fuͤr den Koͤnig und das vierte fuͤr Wohnung des Alkalden fuͤhrte, wo ich mit der anruͤcken eines zahireichen feanzſſchen Heeres empfingen. General Cueſta, welcher ſich zu joner Zeit in ſo wie die Landleute der Umgegend organiſirte, zog ſofort aus, das fernere Fortſchreiten des Fein⸗ des zu hemmen. Er nahm ſeine Stellung zu Cabezon, einem nur zwei Stunden von Vallado⸗ lid gelegenen Dorfe; wo er, der Ungeduld des Volks nachgebend, wider ſeine eigene Neigung dem Gegner eine Schlacht anbot. Zu jener Zeit hatten die ſpaniſchen Generaͤle, lange Macht, als ſie thaten, was dieſe verlang⸗ ten; welches auch ihre Ueberzeugung ſeyn mochte, ſie waren genoͤthigt, ſich dem Willen der Truppen werfen. Wer es wagte, demſelben entgegen zu handeln, ward ſofort mit dem entehrenden Na⸗ — 116— men eines Bersächers belegt, und ntcht ſelten von der wuͤthenden Volksmaſſe in Stuͤcken zerriſſen. Es gab faſt keine bedeukende Stadt in 4Spaata o nicht ſolche Opfer fielen. 8 Lnln Die Leidenſchaftlichkeit der Menge kannte keine Graͤnzen; jeder General ward von ihr als ein Held, als ein Halbgott betrachtet, ſo lange er naͤmlich gluͤcklich war; wandte Fortuna ihm aber den Ruͤcken, dann ging die Anbetung ſchnell in Haß uͤber, und der ſogennnt⸗ Verräthee mußte falln. e n ſa 2 Es iſt fhmerwol, der großen Anzaht ſchuld⸗ loſer Maͤnner zu gedenken, welche auf dieſe Weiſe als Opfer der Wuth eines aufgeregten Volkes, und oft blos deswegen fielen, weil durch den Un⸗ gehorſam deſſelben ihre Unternehmungen mißlan⸗ gen! Cevallos, ein General, dem die Vertheidi⸗ gung Segovia's anvertrauet worden wat, der es aber nicht verhindern konnte, daß die Franzoſen dieſe Stadt in Beſitz nahmen, da ihre Zahl die ſeiner Truppen weit uͤberſtieg, fiel zu Valladolid als ein Opfer der Volkswuth, wenige Tage bevor Cueſta bei dem Dorfe Cabezon dem ‚emnde eine Shlicht lieferte. So wie der letztere General die Nachricht er⸗ hielt, daß Cevallos in Gefahr ſchwebe, als Opfer des wuͤthenden Poͤbels zu fallen, ſchickte er ſofort —- 117— nach Avila, wo ſich der Verfolgte damals be eine Abtheilung Reiterei, mit dem Auftrag, ſelben zu ihm zu bringen; er ſagte, er wolle 6 vallos vor ein Kriegsgericht ſtellen, ſeine eigentliche Abſicht aber ging dahin, ihn der Wuth des Volks zu entziehen. Der Letztere verließ jenen Ort, von ſeiner Familie und dem kleinen, ihm entgegenge⸗ ſandten Kavallerie⸗Detaſchement begleitet. Auf dem Wege nach Valladolid mußte er tauſend Kraͤn⸗ kungen erdulden, und nicht ſelten kam ſein Leben in Gefahr. Als er nur noch eine halbe Stunde von der Stadt entfernt war, verließ der Ungluͤck⸗ liche, gleichſam als haͤtte er das traurige Schick⸗ ſal, das ſeiner harrte, vorausgeſehen, und als wolle ler den Entſetzen erregenden Anblick den Seinigen erſparen, den Wagen, beſtieg ein Roß und ſprengte vorwaͤrts, nur von einigen wenigen Reitern beglei⸗ tet; denn die Uebrigen blieben bei dem Wagen zuruͤck. Die Nachricht von ſeiner Ankunft hatte ſich unterdeſſen bereits durch die ganze Stadt ver⸗ breitet, und eine zahlloſe Menſchenmenge von der niedrigſten Klaſſe ſtroͤmte nach dem Thore. Kaum war er hineingeritten, als auch ſchon eine Hoͤke⸗ rin einen großen Stein nach ſeinem Kopfe warf, der ihn ſo gewaltig traf, daß er ſofort von ſeinem Roſſe hinab zu Boden ſtuͤrzte; unverzuͤglich warf ſich nunmehr die auf die verſchiedenartigſte Weiſe — 118— bewaffnete Menſchenmenge auf ihn, und in weni⸗ ger als fuͤnf Minuten war er in Stuͤcke zerriſſen. Man wird es mir kaum glauben, wenn ich er⸗ zaͤhle, daß einer ſeiner Moͤrder, nachdem er den ungluͤcklichen Cevallos mit ſeinem Meſſer durch⸗ ſtoßen, begierig das Blut ſchluͤrfte, welches der Wunde entquoll. Seine halb ohnmaͤchtige Gattin langte bald darauf ebenfalls in der Stadt an, wo ihr die Ungeheuer die blutigen Gliedmaßen ihres Gatten entgegenhielten, die ſie auf Piken und De⸗ gen geſteckt hatten. Dieſe ſo verdammenswuͤrdigen Schreckensſeenen verhinderten indeß nicht, daß vom aͤchten feurigen Patriotismus beſeelt, taͤglich, ja faſt ſtuͤndlich von „den entfernteſten Gegenden im Hauptquartiere Menſchen jedes Standes anlangten, die da bereit waren, ſich zum Wohl der guten Sache jedweder Entbehrung zu unterwerfen. Dieſe Vaterlands⸗ liebe war nicht nur feurig, ſondern auch rein, die einzige militairiſche Auszeichnung, nach der man verlangte, war ein rothes Band mit der Inſchrift: „Vencer o morir pro Patria e pro Ferdinando Septimo.“*) Mein Bruder Raimundo und ich, welche die Sache unſeres Vaterlandes mit jugendlichem Eifer *) Sieg oder Tod fuͤr unſer Vaterland und fuͤr Ferdinand VII. — 119— erfaßten und alt genug waren, Waffen zu tragen, traten in eins der Kavallerie⸗Regimenter, welche zu Valladolid organiſirt wurden, und bei denen es, um die Tauſende von Landleuten, die da herangeſtroͤmt waren, zu befehligen, ſo ſehr an Offizieren fehlte, daß der General genoͤthigt war, dieſelben unter uns Juͤnglingen zu waͤhlen, und meinen Bruder Raimundo zum Lieutenant, mich aber zum Alferez*) ernannte. Wir widmeten uns jetzt dem Kriegsdienſte mit dem ganzen Feuer der Jugend und des Patriotis⸗ mus; aber es war uns faſt unmoͤglich, uns von unſeren Untergebenen Gehorſam zu verſchaffen. Nicht etwa, daß es ſie verdroſſen haͤtte, unter dem Befehl von Juͤnglingen zu ſtehen, im Gegen⸗ theil, ſie waren uns von Herzen zugethan, aber ſie hatten ſich der Ueberzeugung hingegeben, daß es keiner militairiſchen Disciplin beduͤrfe, um ſie in den Stand zu ſetzen, gegen die Franzoſen zu fechten, welche von ihnen als Ketzer betrachtet wur⸗ den, die ſchon deswegen nimmermehr den Sieg er⸗ ringen wuͤrden, weil Gott gegen ſie ſey. Verge⸗ bens erinnerten wir ſie an die Worte eines unſerer Dichter: *) Ein militairiſcher Rang in der ſpaniſchen Ar⸗ mee, zwiſchen Kornet und Lieutenant. — 120— Vinieron los Saracenos, X nos molieron ä palos; Aue Dios protege à los malos, Quando son mas que los buenos.*) Einer von ihnen, welcher ſo eben von Bur⸗ gos angelangt war, verſicherte uns ſehr ernſthaft, daß man ſeit dem Augenblicke, in welchem die Franzoſen den ſpaniſchen Boden betreten, die Ge⸗ beine des Grafen Gonzalez in ſeinem Grabe habe raſſeln hoͤren— ein Wunder, welches ſich nur dann zutrage, wenn die Spanier auf dem Punkt ſtaͤnden, eine Schlacht zu gewinnen.„Dann iſt,“ verſetzte ich,„der Graf zu einem Luͤgner gewor⸗ den, denn die einzige Schlacht, die bisher gefoch⸗ ten worden, ward von den Franzoſen gewonnen.“ „Keineswegs,“ entgegnete er,„das Gefecht bei Tudela kann keine Schlacht genannt werden, auch wird fuͤr gewiß erzaͤhlt, daß der fraͤnkiſche General in der Nacht vor der Affaire, als es eben zwoͤlfe ſchlug, von Flammen umgeben an einem einſamen Orte geſchauet worden, wo er eine ſchwarze Henne toͤdtete; eine Ceremonie, die, wie Ihr wißt, ſo viel heißt, als ſeine Seele dem Teufel verſchrei⸗ ben. Es iſt demnach kein Wunder, daß er in *) Die Sarazenen kamen und ſchlugen uns; denn der Himmel ſteht auch den Boͤſen bei, wenn ihre Anzahl groͤßer iſt als die der Guten, jenem Gefechte Sieger geblieben, laßt ihn j nur nach Cabezon kommen, und Ihr ſollt ſehen, wie wir mit ihm umſpringen werden, denn jeder Menſch hat ja doch nur eine Seele zu verkaufen.“— Am Abend vor unſerem Abmarſche nach Ca⸗ bezon, als ich uͤber den großen Markt kam, um mich nach dem Campo Grande zu begeben, gewahrte ich in der Volksmenge, die aus nicht weniger als acht bis zehn Tauſend Menſchen, in den verſchie⸗ denartigſten Gruppen, beſtand, noch mehr Bewe⸗ gung als gewoͤhnlich; Alle blickten himmelan und deuteten auf die Wolken.„Da ſchauet hinauf!— da ſchauet!“ war Alles, was ich verſtehen konnte. Neugierig zu erfahren, was ſo ſehr die allgemeine Aufmerkſamkeit beſchaͤftigte, hemmte ich die Schritte meines Roſſes und ſah ebenfalls hinauf, konnte aber nichts Beſonderes entdecken.„Was giebts denn da? Wonach ſeht Ihr?“ fragte ich einen Moͤnch, welcher gar emſig von Einem zum Anderen lief, und dem Volke etwas zu erklaͤren ſchien. „Eine große Krone, ein Schwert und einen Palmenzweig von den Sternen gebildet,“ erwie⸗ derte er,„das bedeutet eine Maͤrtyrkrone fuͤr un⸗ ſeren Koͤnig Ferdinand, das Schwert der Gerech⸗ tigkeit fuͤr das Volk, und die Palme des Sieges fuͤr Spanien!“ „Ich ſah neuerdings hinauf, aber vergebens, ruppe neben mir ausriefß:„Ja, ja, wir en, wir ſehen!— o Wunder uͤber Wunder!“ Kaum war dieſer Ausruf erſchollen, als auch die Kunde von dem Wunder durch die ganze Stadt von Lippe zu Lippe flog. Ich konnte nicht um⸗ hin, uͤber den Aberglauben des getaͤuſchten Volks zu laͤcheln; da mich aber jede Aeußerung eines Zweifels in große Gefahr haͤtte bringen koͤnnen, ſetzte ich meinen Weg ruhig durch die Menſchen⸗ menge fort. Da aber vernahm ich ploͤtzlich ein wildes Geſchrei ganz in meiner Naͤhe:„Nieder mit ihm— nieder!“ rief es mit wildem Toben, ner iſt ein Verraͤther, wir muͤſſen ihn in Stuͤcke zerreißen!“ Da ich zu Pferde war und meine Uniform trug, machte ich mir ſchnell Platz in dem Ge⸗ draͤnge, und nunmehr gewahrte ich zu meinem Ent⸗ ſetzen den Marquis, den mehrere Wuͤthriche beim Kragen gepackt hatten, waͤhrend ſie heftige Schimpf⸗ worte gegen ihn ausſtießen. In der gegenwaͤrtigen Criſis reichte das Wort Verraͤther ſchon hin, den Poͤbel zur Wuth aufzureizen, noch mehr aber war dieſes jetzt der Fall, wo die Leidenſchaftlichkeit deſ⸗ ſeben durch Aberglauben noch geſteigert worden war. uͤck raubte mir der Schrecken meine Gei⸗ ſtesgegenwart nicht:„Haltet ein!“ rief ich raſch — 123— entſchloſſen,„ich ward von der Obtigkeit geſandt, dieſen Mann hier zu verhaften, damit er nach den Geſetzen gerichtet werde, ich fordere Euch demnach auf, ihn ſofort meinen Haͤnden zu uͤbergeben, auf daß ich ihn der Gerechtigkeit uͤberliefere.“ Meine Liſt gelang; das Volk brach in ein lautes Jubelgeſchrei aus, und der Marquis ward nach dem Consistorio*) gebracht, das ſich auf demſelben Platze befand. Mit großer Schwierigkeit verhinderte ich, daß er gemißhandelt wurde, denn heftig draͤngte ſich das Volk heran, um ſeine Wuth an dem vermeintlichen Verraͤther auszulaſſen. Vor dem Conſiſtorio angelangt, ſchwang ich mich aus dem Sattel, dankte dem Volke fuͤr den mir gelei⸗ ſteten Beiſtand, und bat daſſelbe, ſich nunmehr zu entfernen, da der Verraͤther jetzt zur gefaͤnglichen Haft gebracht worden. Die aufgeregte Menſchen⸗ menge war indeſſen nicht ſo leicht zur Ruhe zu bringen, Einige wollten den Marquis durchaus in den Kerker gefuͤhrt ſehen, und ſo war ich denn endlich genoͤthigt, den wachhabenden Offizier, der zum Gluͤck ein guter Bekannter von mir war, rufen zu laſſen und ihn aufzufordern, den Mar⸗ quis zu verhaften. Nachdem dies geſchehen war, zog ſich das Volk zuruͤck, um neuerdings durch *) Das Stadthaus. 124— — Straßen zu wogen und das Wunder anzu⸗ ſtaunen. mnd. 15 44 15 1 So wie ſich der Haufe zerſtreuet hatte, begab ich mich zu dem Marquis und fragte ihn, was das Volk ſo gegen ihn in Wuth geſetzt habe. „Theurer Eſteban!“ entgegnete er mit großer Waͤr⸗ me,„ich verdanke Ihnen jetzt mein Leben zum zweitenmale, wahrlich ohne Ihr Dazwiſchentreten, waͤre ich als ein Opfer dieſer Fanatiker gefallen.“ „Was aber war die Urſache?“ fragte ich wie⸗ derholt. 4 „Meine eigene Unvorſichtigkeit,“ antwortete dder Marquis;„ich war unbeſonnen genug zu be⸗ haupten, daß am Himmel weder eine Krone, noch ein Schwert, noch ein Palmenzweig zu ſchauen waͤre, daß das Alles nichts als ein Gebilde ihrer Phantaſie ſey, denn ich haͤtte doch Augen ſo gut wie ſie, und koͤnnte nichts erſchauen.“ Der wachthabende Offizier hatte kaum erfah⸗ ren, wer ſein Gefangener ſey, als er ihn auch ſofort zu einer Hinterthuͤr des Conſiſtorio fuͤhrte und ihn in Freiheit ſetzte. Als ich darauf durch die Hauptpforte den Platz wieder betrat, begegnete ich ſaͤmmtlichen Franziskaner⸗Moͤnchen, deren Klo⸗ ſter ſich auf dieſem Markte befindet, und die das Bild der Mutter Gottes mit dem Jeſuskinde ſammt dem des heiligen Joſeph in Prozeſſion umhertru⸗ .— — 125— gen. Eine zahlloſe Menſchenmenge umdraͤngte die Moͤnche, welche darauf die eben erwaͤhnten Hei⸗ ligenbilder auf dem vorzuͤglichſten Balkon des Con⸗ ſiſtorio aufſtellten, zur Ehre des großen Wunders, welches ſich, ihrer Behauptung zufolge, ſo eben zugetragen hatte. 1 - 126— 9.— De Tag unſeres Abmarſches nach Cabezon war endlich erſchienen; Alles war bereit, und nur noch der Abſchieh von Iſabellen ſtand mir bevor. Sie hatte mir ein Band mit einer paſſenden Inſchrift gegeben, und war jetzt eben beſchaͤftigt, daſſelbe mit zitternden Haͤnden an mein Tſchacko zu be⸗ feſtigen.„Fuͤrchte nichts, mein Leben,“ troͤſtete ich, indem ich ihre bleiche Wange kuͤßte, ich werde zu Dir zuruͤckkehren. Trockne Deine Thraͤnen, Du kannſt doch unmoͤglich wünſchen, daß ich hier feig und unthaͤtig zuruͤckbliebe.“ „Gewiß nicht, theurer Eſteban,“ entgegnete ſie,„o halte mich ja nicht fuͤr ſo ſchwach, ich wuͤrde aufhoͤren Dich zu lieben, ſaͤhe ich Dich nicht hinausziehen zur Rettung des Vaterlandes. Ich vermag aber nicht ohne Thraͤnen zu vergie⸗ ßen, an die Moͤglichkeit zu denken, daß ich Dich vielleicht hienieden nicht wieder Lſehe.“ „Geliebte Iſabella!“ rief ich, ſie in meine Arme ſchließend,„denk' nicht an die Gefahren, die mir drohen, denke lieber an den Augenblick des Wiederſehens, nachdem ich mich Deiner Liebe wuͤr⸗ dig gezeigt haben werde. Iſabella und Vaterland ſoll mein Feldgeſchrei werden, und dieſes Geſchenk — 127— von Deiner Hand ſoll mich uͤberall hin begleiten, wohin mich meine Pflicht ruft.“— Nachdem darauf Raimundo und ich von un⸗ ſeren Verwandten und uͤbrigen Freunden Abſchied genommen hatten, begaben wir uns nach unſerer Escadron und brachen mit mehreren anderen Corps nach Cabezon auf. Auf unſerem Wege dorthin begleiteten uns die Weiber, Kinder, Schweſtern und Muͤtter der Fortziehenden; Einige waren mit Mundvorrath beladen, Andere trugen die Waffen und Torniſter. Sie zogen ſaͤmmtlich ſingend und tanzend dahin, ſchlugen die Cymbeln oder klapper⸗ ten mit den Caſtagnetten, ſo als ginge es zu einer Feſtlichkeit. Wahrlich, es hatte weit mehr den Anſchein, als zoͤgen wir zu einer Romeria, ſtatt in eine Schlacht. 3 2 Zu Cabezon angelangt, poſtirte General Cueſta die neu angekommenen Truppen, und die wenige Artillerie, die wir bei uns hatten, auf den ver⸗ ſchiedenen Anhoͤhen, welche das Dorf beherrſchten, wobei er Alles ſo geſchickt anordnete, daß zwei⸗ tauſend Mann gut disciplinirter Krieger im Stande geweſen waͤren, die achtzehntauſend heranruͤcken⸗ der Franzoſen aufzuhalten. Eine ſchlecht organi⸗ ſirte Schaar zum Theil unbewaffneter Bauern aber, konnte, beſtand ſie gleich aus vierzehntau⸗ ſend Mann, es mit dem im Kriege geuͤbten und — 128— trefflich angefuͤhrten Feinde nicht aufnehmen. Ueber⸗ zeugt demnach, ſich auf ſeine Truppen nicht ver⸗ laſſen zu koͤnnen, ſah ſich der ſpaniſche General genoͤthigt, nur der Staͤrke ſeiner Poſition zu ver⸗ trauen— aber auch hierin taͤuſchte er ſich. Nach verſchiedenen Mißgriffen, zu Beiſ dem Umſtande, daß man eine Trift Ochſen fuͤr ein feindliches Artillerie⸗Detaſchement oder eine Heerde Schaafe fuͤr ein fraͤnkiſches J fanterie⸗ Regiment hielt, erſchien endlich am 12ten Juni der Feind in großer Anzahl auf der Straße nach Burgos, und unverzuͤglich begannen jetzt die Shar⸗ r 3 dorhs e an der an⸗ deren Seite der Bruͤcke befand, ſtießen wir auf ein feindliches Piket, welches recognosciren wollte. Wir griffen den Feind an und trieben ihn zuruͤck, denn unſere Anzahl iheits die ſeinige bei wei⸗ tem. Dieſer gluͤckliche Erfolg ermuthigte unſere 1 Leute, und unaufhaltſam ſtuͤrmten ſie vorwaͤrts, die Franzoſen verfolgend. Da aber begannen ihre Feuerſchluͤnde die todbringenden Kugeln zu verſen⸗ den, und kaum pfiffen dieſe uͤber die Koͤpfe unſe⸗ rer Leute daher, als auch ſofort einer von ihnen von Schrecken erfaßt ausrief:„Alle Wetter! die ſchießen mit Kugeln! Adios, Sennores!“ die Flucht ergriff und ſich davon machte, faſt eben . ſo — 129— ſo ſchnell als die Kugel dahinſaußte. Dies ſchien ein Signalnfuͤr die Uebrigen, denn ſchon nach we⸗ nigen Augenblicken ſtanden unſer Hauptmann, Raimundo und ich verlaſſen da, nachdem wir uns vergeblich bemuͤht hatten, unſere Leute zuruͤckzu⸗ halten. Wir konnten jetzt nur noch darauf bedacht ſeyn, die Bruͤcke wieder zu erreichen, und uns dem Corps der Studenten anzuſchließen, welche ſich mit großer Tapferkeit gegen den weit zahlreicheren Feind vertheidigten; da ſie aber von unſeren Trup⸗ pen, welche von Angſt erfaßt, nach allen Seiten dahinflogen, keineswegs unterſtuͤtzt wurden, gelang es endlich den Franzoſen, die Bruͤcke in Beſitz zu nehmen, bei welchem blutigen Kampfe faſt ſaͤmmt⸗ liche Studenten als Opfer ihres heroiſchen Patrio⸗ tismus den Tod fanden. Von dieſem Augenblicke an zerſtreute ſich un⸗ ſer Heer in der groͤßten Verwirrung, Waffen und Gepaͤck wurden weggeworfen, und Alles lief bunt durcheinander. Da Raimundo und ich ſahen, daß es nunmehr unmoͤglich war, die Bruͤcke eher als der Feind zu erreichen, ſprengten wir laͤngs dem Ufer hin, bis wir zu der Waſſermuͤhle gelangten, die ſich der Iſabellen⸗Inſel grade gegenuͤber be⸗ fand; von hier aus ſchlugen wir den Weg nach Cigales ein, und erreichten gluͤcklich Valladolid um drei Uhr Nachmittags. I. Als wir in unſer Haus traten, fanden wir dort Alles in der groͤßten Verwirrung, man ſchickte ſich an, vor dem Feinde die Flucht zu ergreifen, und ſchwebte unſertwegen in der groͤßten Angſt. Unſer Erſcheinen wandelte die Thraͤnen der Unſri⸗ gen in ein Freudengeſchrei. Dankgebete und Um⸗ armungen verbannten einen Augenblick lang jeden anderen Gedanken.„Der Himmel ſey geprie⸗ ſen, Du biſt gerettet,“ fluͤſterte Iſabella, als ich ſie in meine Arme ſchloß. Aber jetzt blieb uns keine Zeit, uns ſolchen freudigen Gefuͤhlen hinzu⸗ geben; die raſtlos in die Stadt ſtroͤmenden Fluͤcht⸗ linge beſtaͤtigten die Kunde von dem raſchen Her⸗ anruͤcken der Franzoſen, und die Angſt ward nun⸗ mehr ſo allgemein, daß ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten die entgegengeſetzte Landſtraße mit Men⸗ ſchen von jedem Alter und von jedem Stande an⸗ gefuͤllt war. Es war ein herzzerreißender Anblick, mit an⸗ zuſchauen, wie Alte und Kranke ſich muͤhſam fort⸗ ſchleppten, und faſt bei jedem Schritte kraftlos zuſammenſanken, Kinder, kaum vier oder fuͤnf Jahre alt, jammerten nach ihren Aeltern, waͤh⸗ rend die troſtloſe Mutter verzweiflungsvoll und haͤnderingend diejenigen ſuchte, denen ſie das Da⸗ ſeyn gegeben, und die jetzt das Gedraͤnge von ihrer Seite geriſſen hatte. Hier ſah man Karren — 131— mit Kranken und Sterbenden beladen; dort ſchlepp⸗ ten ſich bleiche Weiber mit ihren Saͤuglingen muͤhſam und keuchend fort. Auf allen Geſichtern waren Gram und Schrecken zu leſen, Jammerge⸗ ſchrei drang in das Ohr und zerriß das Herz; uberall herrſchte die groͤßte Verwirrung, der tiefſte Kummer. Wie aber iſt es moͤglich, von dieſer Trauerſcene eine getreue Schilderung zu entwerfen, da es der Sprache an Worten fehlt, eine ſolche Herzensangſt auszudruͤcken. Einer Thatſache muß ich indeß erwaͤhnen, die einen allzufurchtbaren Eindruck auf mich machte, und die vollkommen hinreichen wird, dem theilnehmenden Leſer einen Begriff von den Schrecken zu geben, welche un⸗ ſere Flucht begleiteten. Als wir auf einem Nebenwege daßinzogen, weil die Landſtraße wegen der allzugroßen Men⸗ ſchenmenge nicht zu paſſiren war, holten wir eine junge Frau ein, welche einen mit zwei ſchweren Koffern beladenen Mauleſel fuͤhrte. Sie weinte bitterlich uͤber den Verluſt ihres Mannes, welcher in der ſo eben ſtatt gehabten Schlacht ſein Leben eingebuͤßt hatte; ſie zog nunmehr, eine verlaſſene Wittwe, dahin, und fuͤhrte, wie ſie ſagte, ihre ganze Habe in den zwei Koffern mit ſich. Noch bevor ſie uns mehr von ihrer ſchwermuͤthigen Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen konnte, erreichten 34. unſer, am —-— 132— Ufer des Duero gelegenes Landhaus, wo wir die Ungluͤckliche einluden, ihr Nachtlager bei uns zu nehmen. Wir fanden unſere Wohnung mit Frem⸗ den angefuͤllt, welche ſich dorthin gefluͤchtet hat⸗ ten; wir hießen Jedermann willkommen und rich⸗ teten uns ein, ſo gut es gehen wollte. Die junge Frau, welche mit uns gekommen war, bat, ihre beiden Koffer in eins unſerer Zimmer ſchaffen zu duͤrfen. Nachdem dies geſchehen war, zog ſie einen Schluͤſſel hervor, und oͤffnete ſchnell die bei⸗ den Kaſten; wer aber vermoͤchte unſer Erſtaunen und unſer Entſetzen zu beſchreiben, als wir nun⸗ mehr gewahrten, daß ſich in jedem der Koffer ein todtes Kind befand. Den Gram der armen Mut⸗ ter vermag ich nicht zu ſchildern, ſie fiel in furcht⸗ bare Kraͤmpfe, die uns fuͤr ihr Leben fuͤrchten lie⸗ ßen. Endlich machte ein Thraͤnenſtrom ihrem ge⸗ preßten Herzen Luft, ſie bekam ihre Sprache wie⸗ der und berichtete uns nun, daß grade, als ſie die Nachricht von dem Tode ihres Gatten em⸗ pfangen, ihre Kinder an den Blattern krank dar⸗ nieder gelegen haͤtten. Der Arzt, verſicherte ſie, hatte ihr geſagt, daß die Kinder in dieſem Zu⸗ ſtande der Luft ausſetzen, ſie der groͤßten Gefahr preisgeben heiße; da aber habe ſie durchaus keinen bedeckten Wagen oder Karren auftreiben koͤnnen; in der Stadt zu bleiben ſchien ihr unmoͤglich, und — 133— ſo hatte ſie denn, nachdem ſie ſich nicht ohne große Muͤhe ein Maulthier verſchafft, ihre beiden kranken Kinder in die Koffer gepackt, und ſo ihre traurige Flucht angetreten. Ihr Gram und ihre Verzweiflung ließen ſie voͤllig vergeſſen, daß wenn die friſche Luft ihren kranken Lieblingen Ge⸗ fahr bringen koͤnne, der gaͤnzliche Mangel derſel⸗ ben ihnen den Tod geben muͤſſe. Schreckensſcenen, wie dieſe, fanden taͤglich ſtatt, und nur wenige Staͤdte Spaniens blieben waͤh⸗ rend Napoleons Invaſion damit verſchont. Wir theilten waͤhrend dieſer Nacht unſere Le⸗ bensmittel mit unſeren Leidensgefaͤhrten, und traten darauf fruͤh am naͤchſten Morgen wieder unſere Flucht an, welche wir, da die Franzoſen fortwaͤh⸗ rend vorruͤckten, mehrere Tage lang fortſetzten. Die Leiden und Entbehrungen, welche Tauſende der armen Fluͤchtlinge erdulden mußten, waren in der That furchtbar. Was uns betraf, ſo hatten wir, da wir uns in einer Gegend befanden, wo viele unſerer Verwandten und Freunde wohnten, keine Urſache, uns zu beklagen. Endlich erreichten wir San Miguel de Monte, ein entlegenes Dorf, in dem mein Vater ein kleines Gut beſaß, auf welchem wir uns nunmehr, ſammt dem Maraule und Iſabellen, haͤuslich einrichteten. „Hier ſtießen mehrere unſerer Freunde zu uns, —ę—;—ÿ—ÿ:⸗⸗y———; — 134— und wir lebten demnach eine zeitlang ungeſtoͤrt, ja ich moͤchte ſagen, zufrieden, waͤren wir gefuͤhl⸗ los gegen die Leidenslaſt geweſen, unter der un⸗ ſer armes Vaterland ſeufzte. Dieſe unſere Ruhe aber ſollte nicht lange waͤhren; auf der einen Seite ruͤckten die Franzoſen, auf der andern die Eng⸗ laͤnder unter dem General Moore heran, und dald geriethen ihre Vorpoſten aneinander. Jetzt begann fuͤr meinen Bruder und mich neuerdings eine geſchaͤftige Periode; jedes Schar⸗ muͤtzel, welches ſtatt fand, ſchaueten wir von irgend einer Anhoͤhe mit an, ja wir wanderten oft ſechs bis ſieben Stunden weit, um Zeugen der kriege⸗ riſchen Vorfaͤlle zu ſeyn. Mein Vater hatte uns zwar dieſe Streifereien durchaus unterſagt, aber es war uns unmoͤglich, unſere Neugier zu unter⸗ druͤcken. Auf dieſen Ercurſionen ſtießen wir nicht ſelten auf verſtuͤmmelte Leichname von Franzoſen, welche ermordet worden waren, oder auf die blutgefaͤrbten Ueberreſte ihrer hie und da zerſtreut umherliegen⸗ den Kleidungsſtuͤcke. Sie waren ohne Zweifel von heimathloſen Bauern, deren Wohnungen die Fran⸗ ken niebergebrannt hatten, getoͤdtet worden. Die einzige Beſchaͤftigung dieſer beklagenswerthen Land⸗ leute beſtand jetzt darin, die Schritte der Franzo⸗ ſen zu beobachten, und ſich an der Landſtraße — in irgend einen Hinterhalt zu legen„von wo aus ſie dann uͤber die Nachzuͤgler oder Ordonanzen herfielen, um ſie ihrer Wuth zu opfern. Diejeni⸗ gen Franzoſen, die ſich von ihrem Hauptcorps ent⸗ fernten, waren gewiß, unter ihren Streichen zu verbluten. 11 l2443 Auf dieſelbe Weiſe wurden diejenigen Garni⸗ ſonen, welche man auf der Militairſtraße zuruͤck⸗ gelaſſen hatte, um das Volk im Zaume zu halten, fortwaͤhrend beunruhigt, weshalb ſich die Soldaten genoͤthigt ſahen, ſich in alten Schloͤſſern oder Kir⸗ chen zu verſchanzen, und dennoch wurden die Schild⸗ wachen nicht ſelten uͤberrumpelt und gefangen fort⸗ geſchleppt; dieſe wurden demnach oft auf Thuͤrme oder auf Daͤcher poſtirt, um Alles beobachten zu koͤnnen, ohne ſelbſt in Gefahr zu ſchweben. 3 Wenn zahlreiche Detaſchements von franzoͤſi⸗ ſchen Truppen durch etwas entlegene, aber noch bewohnte Doͤrfer zogen, ſuchten die Bewohner an⸗ fangs ſich zu verſtecken, oder in die Waͤlder zu entfliehen; bot ſich ihnen aber keine Gelegenheit zur Flucht dar, zog ihnen Alles, der Alcalde, Weiber und Kinder wohlgemuth entgegen, ſo als ob im Lande die groͤßte Ruhe herrſche, und man vernahm nichts als froͤhliche laͤndliche Geſaͤnge. Kaum aber hatte das Detaſchement ſeinen Weg fortgeſetzt, ſo hoͤrten auch ploͤtlich alle Beſchaͤfti⸗ — 136— gungen der Landleute auf, und jeder zog ſeine verborgen gehaltene Waffe hervor, um den Feind zu necken oder den Nachtrab zu vernichten. In den haͤufigen Scharmuͤtzeln zwiſchen den franzoͤſiſchen und engliſchen Vorpoſten begab es ſich oft, daß die Franken, wenn ſie geſchlagen und zerſtreuet worden, in irgend ein Dorf kamen, um ſich nach ihren Kameraden zu erkundigen; eine ſolche Gelegenheit ließen dann die Landleute nie ungenutzt voruͤbergehn; rachedurſtend wieſen ſie die Franken nach einer Gegend hin, wo bewaffnete Bauern im Hinterhalte lagen, und wo das Ver⸗ derben der Ungluͤcklichen gewiß war. Langte dann ſpaͤter hinein Truppencorps an, um den Tod ſeiner Kameraden zu raͤchen, ſo fand es nichts als men⸗ ſchenleere Doͤrfer, durch deren Zerſtoͤrung der Feind nur die Zahl ſeiner Huͤlfsquellen verminderte. Ich werde nie den Tag vergeſſen, an welchem wir auf einer unſerer Streifereien nach einem Dorfe kamen, welches den Namen Valdeſtillas fuͤhrte, und ungefäͤhr fuͤnf und zwanzig Stunden von Val⸗ ladolid entfernt liegt. Es war bis auf ein Haus gaͤnzlich zerſtoͤrt. Zwiſchen den noch rauchenden Ruinen gewahrten wir mehrere Leichname, dem Anſcheine nach Spanier. Waͤhrend wir dieß trau⸗ rige Schauſpiel betrachteten, ſahen wir einen Landmann, welcher ſich eilig einem nahen Gehoͤlz — 47— naͤherte. Wir folgten ihm in der Hoffnung, etwas Naͤheres uͤber die hier ſtatt gehabten Vorfaͤlle zu erfahren, und fanden, in der Waldung angelangt, ein Dutzend junger Bauern, welche ſich um einen Mann von mittlerem Alter verſammelt hatten und ſich mit demſelben ſohr ernſthaft beſprachen. Die feierliche Strenge in dem Antlitz des aͤlteren Land⸗ manns, und das Feuer, welches in den Augen der Juͤngeren flammte, wenn ſich ihre Blicke hinab nach dem Dorfe ſenkten, belehrten uns zur Genuͤge uͤber den Gegenſtand ihres Geſpraͤchs. Auf unſere Erkundigung nach der Urſache der Zerſtorung des Dorfs⸗ berichtete uns einer der Landleute, daß am vergangenen Abend eine Abthei⸗ lung Franzoſen dort eingeruͤckt ſey, und durch Grauſamkeit die Einwohner zur Gegenwehr geno⸗ thigt habe. Der Kampf hatte eine Zeitlang ge⸗ waͤhrt; da die Landleute aber unbewaffnet waren, mußten ſie zuletzt der Uebermacht unterliegen, wor⸗ auf die Franzoſen alles, was ſich nicht durch die Flucht gerettet hatte, niedermachten, und das Dorf in Brand ſteckten. Nur ein einziges Haus war der Zerſtoͤrung entgangen, und in dieſem hat⸗ ten ſich nunmehr die Franken verſchanzt, entſchloſſen, wie es ſchien, dort ſo lange zu verweilen, bis der Mangel an Lebensmitteln ſie noͤthigen wuͤrde, ſich ein anderes Quartier zu ſuchen. —-— 838— „Das aber,“ fuͤgte der junge Sprecher mit flammenden Blicken hinzu,„das ſoll ihna nie gelingen, ſo lange ich athme.“ „Ihr habt alſo auch wohi uuiech den genn gelitten?“ fragte ich. „ Geſtern,“ entgegnete er in einem dumpfen Tone,„geſtern hatte ich noch einen Vater!— die Boͤſewichte aber haben ihn und meine Mutter todtgeſchlagen, ſie fielen an meiner Seite.“ Bei dieſen Worten floß ein Thraͤnenſtrom uͤber ſeine maͤnnliche Wange hinab, der Schmerz raubte ihm die Sprache, und ſchweigend und mit abge⸗ wandtem Antlitz deutete er auf die noch rauchen⸗ den Ruinen. Der Gram des jungen Burſchen hatte uns zu maͤchtig erfaßt, als daß wir im Stande geweſen waͤren, unſere Erkundigungen fort⸗ zuſetzen. Wir verharrten einen Augenblick lang in tiefem Schweigen, endlich fragte mein Bruder, was ſie jetzt zu thun beſchloſſen haͤtten. In die⸗ ſem Augenblicke drang ein wildes Jauchzen der teunkenen Franzoſen aus dem Hauſe, in welchem ſie ſich verſchanzt hatten, zu uns herauf, und nimmermehr werde ich das Antlitz des aͤlteren Land⸗ mannes vergeſſen. Seine bisher bleiche Wange gluͤhte, ſeine Lippen bebten, und ſein dunkles Auge ernſthaft auf Raimundo richtend, fragte er:„Jun⸗ ger Mann, hoͤrt Ihr das freche Jubelgeſchrei jener — — 139— Teufel?— Schauet Ihr das Haus dort?— Es war einſt das meinige, und iſt jetzt das Grab meines Weibes und meiner Kinder!— fragt Ihr jetzt noch, was wir zu thun beſchloſſen? fragt lie⸗ ber, weshalb wir hier noch zoͤgern?— Kommt, meine Freunde,“ fuhr er darauf, zu den Uebri⸗ gen gewandt, fort,„kommt, folgt mir, laßt uns gemeinſchaftlich in den Tod gehen, wir werden nicht ungeraͤcht fallen!“— So ſprechend, warf er ſeinen Mantel von nſt 6, erfaßte einen furchtbaren Anedel, und wollte von danden. 1421 1 Semer „Bleibt doch, bleibt10 riefen wir, indem wir ihm den Weg vertraten,„unbewaffnet, wie Ihr ſäͤmmtlich ſeyd, wie koͤnnt ihr es mit dem weit zahlreicheren und wohl verſchanzten Feinde aufneh⸗ men? Daß hieße ja nur Euer Leben laichſinns vnyin opfern.“ Nur mit großer Shhmierigkeit bewogent wir ihn, uns Gehoͤr zu geben, und noch einige Augen⸗ blicke zu verziehen, bis irgend ein Plan entworfen worden, um an den Boͤſewichtern, wegen der von ihnen veruͤbten Grauſamkeiten, Rache zu nehmen. Nach vielem Hin⸗ und Herreden ward endlich beſchloſſen, daß wir beide, Raimundo und ich, uns zu dem kommandirenden Offizier begeben ſoll⸗ ten, ſo, als waͤren wir in dem Intereſſe der Fran⸗ 3 — 140— zoſen, vorgebend, wir haͤtten eine wichtige muͤnd⸗ liche Botſchaft von dem Commandanten zu Avila an den General⸗Gouverneur zu Valladolid, und waͤren unterwegs einem franzoͤſiſchen Courier be⸗ gegnet, den nur zwei Dragoner escortirt haͤtten, und der daher ſeinen Weg nicht uͤber das naͤchſte Dorf hinaus habe fortſetzen koͤnnen, weil er er⸗ fahren, daß jenſeits deſſelben eine Schaar Bauern im Hinterhalte liege, zu welchem Ende er den Offizier erſuche, einige Truppen zu ſeinem Bei⸗ ſtande zu ſenden, indem er ſonſt ermordet werden wuͤrde. Gingen die Franzoſen in dieſe Schlinge, ſo ſollten die zuruͤckgebliebenen von den Landleuten uͤberfallen, die fortgeſchickten aber unterwegs ermor⸗ det werden. Den beßten Erfolg unſeres Anſchlages erwar⸗ tend, begaben wir uns, von Patriotismus beſeelt, muthig und entſchloſſen nach dem oft erwaͤhnten Hauſe, wo wir mit dem Offizier zu ſprechen ver⸗ langten. Die vor der Thuͤr ſtehende Schildwache machte anfangs Schwierigkeiten uns einzulaſſen, nachdem wir aber verſichert hatten, daß wir als Freunde kaͤmen und dem kommandirenden Offizier etwas Wichtiges mitzutheilen haͤtten, wurden wir in das Zimmer gefuͤhrt, in welchem ſich der Letz⸗ tere befand. Wir fanden ihn halb entſchlummert, bei unſerem Eintritt aber ſprang er empor und — 141— griff wie unwillkuͤhrlich mit der Hand nach dem Degen. Als ihn indeſſen ein einziger Blick zu uͤberzeugen ſchien, daß er von uns nichts zu be⸗ fuͤrchten habe, fragte er nach unſerem Begehren. Raimundo, welcher beſſer Franzoͤſiſch ſprach und auch mehr kaltes Blut beſaß als ich, brachte ſeine Worte an, ohne auch nur ein einziges Mal zu ſtocken, und fuͤgte dann hinzu, daß der Offizier jetzt thun moͤge, was er fuͤr gerathen halte, wir aber haͤtten keine Zeit uͤbrig und muͤßten unver⸗ zuͤglich unſern Weg fortſetzen. K Die ſcheinbare Ruhe Raimundo's und die freimuͤthige Weiſe, mit der er alle Fragen des Capitains beantwortete, taͤuſchten dieſen voͤllig. Er uͤberſchuͤttete uns mit Dankſagungen, umarmte uns und lud uns ein, Napoleons Geſundheit zu trinken, welches wir unter dem Vorwande, daß wir nie Wein traͤnken, ablehnten, worauf er uns geſtattete, uns zu entfernen. Wir kehrten nun ſofort auf einem Umwege zu den Bauern zuruͤck, welche uns voll Ungeduld erwarteten. Wir harreten nun bis einer von ihnen, den wir ausgeſandt hatten, die Bewegungen des Feindes zu beobachten, mit der Nachricht wieder⸗ kehrte, daß der Offizier mit vierzehn Mann nach der von uns angegebenen Gegend aufgebrochen ſey. Kaum hatten wir dieſes erfahren, kaum ſich d — 1442— die Franzoſen eine Strecke weit entfernt, als wir auch ſofort hinab in das Dorf ſtuͤrmten, und das Haus, in welchem ſich die Zuruͤckgebliebenen be⸗ fanden, in Brand ſteckten; Einige, welche mit den Waffen in der Hand herausſtuͤrzten, wurden auf der Stelle niedergemacht; die Uebrigen, aller Wahrſcheinlichkeit nach zu berauſcht, um ſich auf⸗ zuraffen, kamen in den Flammen um. Wir ver⸗ weilten indeß nicht lange genug, um uns hieruͤber voͤllige Gewißheit zu verſchaffen, ſondern ergriffen die Waffen der Gefallenen und ſchickten uns ſo eben an, hinweg zu reiten, als uns ein anderer Bauer von der Ruͤckkehr der auf unſere Veranlaſ⸗ ſung ausgezogenen Franzoſen benachrichtigte. Wir verbargen uns nun ſaͤmmtlich hinter einer Ruine, an der ſie voruͤber mußten, ſtuͤrzten uns, als ſie uns nahe genug gekommen waren, auf ſie, und nahmen gerechte Rache fuͤr ihre Miſſethaten. Die Todten wurden darauf in den nahe bei⸗ dem Dorfe vorbeifließenden Duero geworfen, ein Schickſal, welches auch die Reſte und Waffen der Franzoſen getheilt haben wuͤrden, haͤtte man es nicht fuͤr rathſamer gehalten, dieſe nach Rueda zu ſchaffen, und ſie den dortigen Englaͤndern zu uͤberliefern. Wir uͤberließen dies Geſchaͤft den Landleuten und kehrten nach Hauſe zuruͤck. Die furchtbare Scene aber, von der wir ſo — 143— eben nicht nur Zeugen geweſen, ſondern an der wir ſelbſt thaͤtigen Antheil genommen hatten, machte auf unſere Seele einen ungemein tiefen Eindruck, und nur mit Muͤhe konnten wir das, was ſich zugetragen, vor den Unſrigen verborgen halten. Der Gedanke indeß, wie ſehr unſre Fa⸗ milie, ob der Gefahr, der wir uns ausgeſetzt hatten, erbeben, und die Beſorgniß, daß man uns dann vielleicht alle fernern Streifereien auf das Strengſte unterſagen wuͤrde, machten, daß wir uͤber dieſen Gegenſtand das tiefſte Schweigen beobachteten. So vergingen uns nun mehrere Monate, waͤh⸗ rend welcher Zeit wir uns mit mannichfachen Ge⸗ fahren vertrauet machten, denen wir mit einer Keckheit entgegen gingen, die nur unſere Jugend und unſere Unerfahrenheit zu entſchuldigen vermoͤ⸗ gen. Um unſere Abſicht zu erreichen, waren wir nicht ſelten genoͤthigt, unſere Zuflucht zu Kunſt⸗ griffen zu nehmen, gegen die ſich unſere Gefuͤhle empoͤrten, die wir aber unter den obwaltenden Umſtaͤnden fuͤr erlaubt hielten. Jede Gelegenheit, die ſich uns darbot, dem Feinde unſeres Vaterlandes Schaden zuzufuͤgen, glaubten wir mit Eifer ergrei⸗ fen zu muͤſſen, denn wir hofften dadurch, Spaniens Befreiung um ſo ſchneller herbeizufuͤhren. 4 — 144— h t. 1.a itis 10, Rfae* He Wihrend wir in San Miguel del Monte ver⸗ weilten, konnte ich mich Iſabellens Geſellſchaft faſt ohne Unterbrechung erfreuen. Jeden Augen⸗ blick, den ich nicht kriegeriſchen Geſchaͤften widmete, brachte ich an ihrer Seite in einem Zuſtande zu, der an Gluͤck graͤnzte, der aber dennoch nicht Gluͤck genannt werden konnte, weil ich nur eine ganz ſchwache Hoffnung hatte, ſie dereinſt die Meine zu nennen. Noch dazu ſollten wir uns naͤchſtens trennen, vielleicht auf ewig! In mei⸗ nem Alter, und bei dem aufgeregten Zuſtande, in welchem ſich Spanien befand, war es nicht zu erwarten, daß ich lange unthaͤtig bleiben wuͤrde. Die oͤffentlichen Angelegenheiten bekamen mit je⸗ dem Tage ein ernſteres Anſehen. Napoleon ſchickte ſich jetzt an, an der Spitze ſeiner kaiſerlichen Ar⸗ mee auf der Halbinſel zu erſcheinen, und es war nicht wahrſcheinlich, daß dieſer Kampf bald enden wuͤrde. Groͤßere Gefahren, als die bisherigen, ſtan⸗ den uns demnach bevor, und angſtvoll blickten wir in die kommende Zeit. Nach dem von Napoleon uͤber die Spanier bei Burgos, wo er in Perſon befehligte, erfochtenen Siege, ruͤckten die Franzoſen neuerdings jen Val⸗ ladolid vor, und fanden dieſe Stadt noch veroͤde⸗ ter — 145— ter als vormals.— Um zu zeigen, zu welchen Huͤlfsmitteln ſie zu ſchreiten genoͤthigt waren, um nur etwas einzurichten, das einer Regierung aͤhn⸗ lich ſahe, will ich hier ein Schreiben des Haus⸗ hofmeiſters meines Vaters mittheilen, welchen der Letztete einige Tage vor der Nuͤckkehr der Franzo⸗ ſen nach Valladolid geſandt hatte, und der ſich noch dort befand, als ſie in die Stadt einruͤckten. „Mein theurer und verehrter Herr!“ „Ich beeile mich, Sie von einer Begebenheit zu benachrichtigen, uͤber die Sie, wie ich uͤberzeugt bin, laͤcheln werden, und die jede Beſorgniß heben wird, welche mein laͤngeres Ausbleiben in der Familie meines wuͤrdigen Gebieters erregt haben moͤchte.“. „Geſtern, ſo wie ich die Annaͤherung der Franzoſen hoͤrte, ſchickte ich mich an, die Stadt zu verlaſſen, aber die Truppen zogen ein, noch bevor ich mit meinen Geſchaͤften fertig war. Da ich mich nun uͤberzeugen wollte, ob es mir nicht gelingen wuͤrde, unbemerkt zu entkommen, verließ ich das Haus und verſchloß die Thuͤr hinter mir, ohne von den Franzoſen gewahrt zu werden, wel⸗ che beſchaͤftigt waren, die Thuͤren der benachbar⸗ ten Haͤuſer zu erbrechen. Die Stadt ſchien ganz veroͤdet, und in den Straßen begegnete ich nur I. 10 Franzoſen, welche mich mit Fragen belaͤſtigten, oder mich wohl gar ſtießen oder ſchlugen. Waͤh⸗ rend ich mich nun bemuͤhte, zuruͤck nach Hauſe zu gelangen, ward ich von einem Piquet Soldaten aufgegriffen und nach dem Conſiſtorio geſchleppt, wo ich ſieben Herren antraf, unter denen ſich der Rechtsgelehrte Don Juan Martinez*) befand. Sie waren ſaͤmmtlich gleich mir dorthin gebracht worden und bebten vor Furcht. Ich hatte mich bereits auf das Schlimmſte gefaßt gemacht, und empfahl meine Seele Gott.“ „Bald nach meiner Ankunft trat der franzoͤ⸗ ſiſche General herein, und fragte die Soldaten, die uns hergefuͤhrt hatten, ob ſie in der Stadt nicht mehr angeſehene Bewohner aufgefunden haͤt⸗ ten.„Nein, General!“ erwiederten ſie.„Wohlan,“ fuhr er, zu uns gewandt, fort,„waͤhlen Sie einen unter ſich, meine Herren, um das Amt eines Cor⸗ regidor zu uͤbernehmen.“— Wir ernannten ſo⸗ fort dazu den Don Juan Martinez. Der arme Herr bebte wie Espenlaub, und wollte ſich mit ſeinem Alter entſchuldigen. Der General bemerkte jetzt ſeine ſeltſame Geſtalt.„Wahrlich,“ rief er *) Dieſer Herr war ungefaͤhr 60 Jahre alt, und kaum 4 ½ Fuß hoch, dabei aber ſo unfoͤrmlich dick, daß er ſich kaum von der Stelle zu be⸗ wegen vermochte. ——— — 147—, mir zu,„der Herr da wuͤrde ſich trefflich als eine Carrikatur ausnehmen! als Corregidor aber wuͤrde er der Wuͤrde des Stabes*)„ keineswegs genuͤgen. Sie haben mehr das Aeußere eines Ge⸗ ſchaͤftsmannes, ich ernenne Sie zum Corregidor, und dieſe Herren hier zu Regidores.“**) „Vergebens wandte ich ein, daß mich mein Stand und meine Erziehung zu einer ſolchen Wuͤrde nicht qualificirten; der General verwarf meine Einwendungen, und ſo bin ich nun hier Corregidor, wie Sancho Gouverneur auf ſei⸗ ner Inſel; wobei ich aber, weit entfernt, gleich ihm, ſo viel weiſe Verordnungen zu geben, weit ſchlechter behandelt werde, als er es wurde, nach⸗ dem die Feinde von der Inſel Beſitz genom⸗ men. Alles was ich thue und was den Franzoſen nicht gefaͤllt, wird mir boͤſe ausgelegt, und nicht ſelten trage ich Schlaͤge davon; ich werde indeß ſuchen, dieſen Gabachos**) ſobald als moͤglich zu entſchluͤpfen. Unterdeſſen, mein verehrter Ge⸗ bieter, haben Sie frei zu befehlen uͤber den Sennor Corregidor Santiago Peralta.“ *) Der Corregidor traͤgt einen Stab als Zeichen ſeiner Wuͤrde. **½) Municipal⸗Beamte. ***) Ein Spottname, den die Spanier den Fran⸗ zoſen beilegten. 10* Dieſer Brief beluſtigte uns ſehr, noch mehr aber lachten wir, als am naͤchſten Tage der Sen⸗ nor Corregidor erſchien, in der Uniform eines fran⸗ zoͤſiſchen Grenadiers, die er aus einem, im Con⸗ ſiſtorio zur Aufbewahrung hingeſtellten Kuſfer ge⸗ nommen, und ſich zugeeignet hatte. In dieſer Verkleidung gelang es ihm, die Wachſamkeit der Franzoſen zu taͤuſchen, welche das Stadtthor be⸗ wachten; aber er ward dadurch der Gefahr aus⸗ geſetzt, von den ſpaniſchen Bauern, die ihn fuͤr einen Franken hielten, ermordet zu werden. Da unterdeſſen die kaiſerliche Armee, nachdem ſie die Spanier mehreremal geſchlagen, Madrid er⸗ reicht hatte, begann mein Vater der Ueberzeugung Raum zu geben, daß dieſer Kampf laͤnger dauern wuͤrde, als er anfangs gedacht hatte, weshalb er beſchloß, mit ſeiner Familie nach Valladolid zuruͤck⸗ zukehren, hoffend, daß die Seinigen in einer gro⸗ ßen Stadt weniger Gefahr ausgeſetzt waͤren, als in einem kleinen Dorfe. Nachdem er demnach ſein baares Geld und ſein Silbergeſchirr auf dem Altare des Vaterlan⸗ des geopfert hatte, machten wir uns nach Valla⸗ dolid auf den Weg. Wir kamen an unſerem Land⸗ ſite voruͤber. Ach, dieſer war nur noch ein Rui⸗ nenhaufen! An den entzuͤckenden Ufern des Duero, auf einer von kleineren Huͤgeln umgebenen Anhoͤhe — 149— gelegen, hatte man von dort aus eine ſo treff⸗ liche Ausſicht, wie ſie ſich die lebhafteſte Phanta⸗ ſie nur zu denken vermag. Hier hatte ich die froͤhlichſten Tage meiner Kindheit verlebt, und nur mit Thraͤnen konnte ich auf den Schauplatz meiner jugendlichen Spiele ſchauen, der jetzt zerſtoͤrt und verwuͤſtet vor mir da lag. Mit dieſen ſchmerzlichen Gefuͤhlen vereinigten ſich noch andere, eben ſo qualvolle; Iſabella und der Marquis ſchieden von uns an eben dem Tage, an dem wir dieſe Ruinen verließen. Sie kehrten nach Agreda, wie wir nach Valladolid zuruͤck, um fraͤnkiſche Geſichter zu ſchauen, und ſich mannich⸗ fachen Kraͤnkungen hinzugeben. Unſere Ausſicht in die Zukunft hatte ſich jetzt voͤllig umgeſtaltet, moͤg⸗ lich, daß Iſabella mir treu blieb, aber ich ſah ſie vielleicht nie wieder, da mich uͤberall nur Ge⸗ fahren erwarteten. Wir waren Beide von dieſem Gedanken allzugewaltig erfaßt, als daß wir den Augenblick unſerer Trennung nicht als den bit⸗ terſten unſeres Lebens haͤtten betrachten ſollen. Die Erinnerung an dieſen Moment iſt mir noch jetzt ſo ſchmerzvoll, daß ich nicht laͤnger bei dem⸗ ſelben zu verweilen vermag. Wir ſetzten nunmehr unſeren Weg nach Valla⸗ dolid fort, und fanden, dort angelangt, unſer Haus — 150— mit Franzoſen angefuͤllt; Alles war dort zertruͤm⸗ mert und zerſtoͤrt, und wir ſahen uns demnach genoͤthigt, in dem Hauſe eines Freundes Obdach zu ſuchen, deſſen Wohnung der allgemeinen Pluͤn⸗ derung entgangen war. Hier blieben wir einige Monate, bis die Feinde das unſrige verlaſſen hat⸗ ten, und daſſelbe wieder in bewohnbaren Zuſtand geſetzt worden war. Wie ſehnte ich mich jetzt nach der unabhaͤngigen Lebensweiſe, die wir gefuͤhrt hatten. In der Stadt verbitterte uns der verabſcheuungswuͤrdige Anblick unſerer Unterdruͤcker jede Stunde. Mein Bruder hegte dieſelben Gefuͤhle, welche noch durch die Eitel⸗ keit und Anmaßung der bei uns einquartierten Of⸗ fiziere geſteigert wurden. Da die Univerſitaͤt noch immer geſchloſſen war, konnte ich meine Studien nicht fortſetzen, aber ich war dennoch nicht muͤßig. Mein Bruder und ich, wir widmeten uns jetzt neuerdings der eng⸗ liſchen Sprache, in welcher wir auch in kurzer Zeit große Fortſchritte machten. Dieſe Beſchaͤf⸗ tigung, welche mir ſpaͤterhin ſo nuͤtzlich wurde, gewaͤhrte mir mehr als einen Vortheil. Das Le⸗ ſen der vielen trefflichen Werke, an denen Bri⸗ tannien ſo reich iſt, bildete nicht nur meinen Geiſt, ſondern beſchaͤftigte auch meine Aufmerkſamkeit dergeſtalt, daß dieſelbe wenigſtens zum Theil von dem verletzenden Benehmen abgezogen wurde, wel⸗ ches die Franzoſen gegen uns beobachteten. Zum Ungluͤck, denn ſo muß ich es betrachten, prangte meine aͤlteſte Schweſter Mariane jetzt in voller Jugendſchoͤne, welches den ſcharfſichtigen Blicken der fraͤnkiſchen Offiziere keineswegs ent⸗ ging, die in ihrem frevelhaften Uebermuthe glaub⸗ ten, ſie haͤtten in einem eroberten Lande nicht nur ein Recht auf alle todten, ſondern auch auf alle lebenden Gegenſtaͤnde. Um ſo wenig wie moͤg⸗ lich von ihnen belaͤſtigt zu werden, beſchraͤnkten wir uns durchaus auf unſer Zimmer; trotz dieſer Vorſicht aber, fanden die frechen Krieger dennoch Mittel, ſich bei uns einzudraͤngen, und uns jeden Augenblick in unſerer Zuruͤckgezogenheit zu ſtoͤren. Hier muß ich bemerken, daß in Spanien jedes Haus von Bedeutung zwei Reihen von Gemaͤchern hat, von denen die eine im Winter, die andere im Sommer bewohnt wird. Zu Anfange des Oktobers werden die groͤßeren Zimmer verſchloſſen, um erſt Anfang Juni, bis zu welcher Zeit man die kleineren bewohnt, wieder geoͤffnet zu werden. Da die Kamine in Spanien nicht allgemein ge⸗ braͤuchlich ſind, ſo bedient man ſich zur Winterzeit eines brasero,*) das einen halben Fuß hoch von *) Eine flache und offene Kohlenpfanne, die unge⸗ fähr zwei Fuß im Durchmeſſer hat. der Erde in der Mitte des Gemachs hingeſtellt wird, und in dem Kohlen von Weinſchoͤßlingen gebrannt werden, deren Nauch der Geſundheit kei⸗ neswegs nachtheilig iſt. Rund um dieſe Braſeros reihen ſich nunmehr die Bewohner des Hauſes mit ihren Gaͤſten, indem ſie ihre Fuͤße auf einen die Kohlenpfanne umgebenden hoͤlzernen Rahmen ſtellen; die Maͤnner ſchwatzen dann von Politik, die Weiber von allerhand Stadtgeſchichten. Zu Anfang Juni werden die groͤßeren Gemaͤcher wie⸗ der eroͤffnet, und die Balkone werden dann mit weißen Vorhaͤngen bekleidet, welche, taͤglich zwei Mal mit Waſſer benetzt, nicht nur die Strahlen der Sonne abhalten, ſondern auch die Luft kühlen. Die Fenſterläͤden ſind faſt von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang geſchloſſen, ſo daß kaum Einer den Anderen erkennen kann, waͤhrend der Fußboden mehreremale des Tages mit Waſſer beſprengt wird, um die Luft im Zimmer kuͤhl zu erhalten. Allen dieſen Bequemlichkeiten mußten wir in⸗ deſſen jetzt entſagen, die Zudringlichkeit der fran⸗ zoͤſiſchen Offiziere trieb uns von einem Theile des Hauſes in den anderen; denn ſie draͤngten ſich ſtets in die Naͤhe meiner Schweſtern. Diejenigen, welche es nicht wagten, nach eigener Willkuͤhr zu handeln, brachten ein hoͤfliches Schreiben vom Gouverneur, worin mein Vater bei Androhung — — 153— einer Strafe von fuͤnfhundert ſpaniſchen Thalern erſucht ward, dem Ueberbringer zu geſtatten, ſich ſeine Zimmer zu waͤhlen, ein Verlangen, dem zu wilffahren wir uns genoͤthigt ſahen. Die Offiziere nahmen dann gewoͤhnlich die, denen meiner Schwe⸗ ſtern zunaͤchſt gelegenen Gemaͤcher in Beſitz, wo⸗ durch dieſe genoͤthigt wurden, ihre Wohnung in einem anderen Theile des Hauſes aufzuſchlagen; dorthin aher wurden ſie von den luͤſternen Fran⸗ zoſen unverzuͤglich verfolgt, welche uns auf dieſe Weiſe im Hauſe auf und ab trieben, ſo als ob es gar nicht unſer Eigenthum geweſen waͤre. Hiemit aber noch nicht zufrieden, brachten die Franken auch oft ihre Freunde mit, und machten ſo aus unſerer Wohnung eine Art von Kaſerne, wobei wir gezwungen waren, ſie mit Lebensmitteln, Feue⸗ rung und Licht, kurz mit jeder Bequemlichkeit, die ſie verlangten, zu verſorgen. 1540 Selbſt Abends, wenn wir uns in unſeren Zimmern befanden und uns dort der Geſellſchaft einiger vertraueten Freunde erfreueten, traten nicht ſelten die bei uns einquartierten Offiziere nebſt ih⸗ ren Kameraden zu uns hinein, nahmen Platz, ſo als ob ſie ganz zu Hauſe waͤren, und geboten un⸗ ſeren Dienern, den beßten Wein aus dem Keller heraufzubringen. Sie tranken dann tapfer, und prahlten mit den Heldenthaten, welche ſie, ihrem Vorgeben nach, gegen die Raͤuber, wie ſie unſere Truppen nannten, vollbracht hatten; wobei ſie ſich der verabſcheuungswuͤrdigen Graͤulthaten ruͤhmten, die von ihnen in Kirchen, Staͤdten und Doͤrfern veruͤbt worden waren. Ich wuͤrde kein Ende finden, wollte ich in ſeinem ganzen Umfange das rohe unſittliche Be⸗ nehmen dieſer ſogenannten hoͤflichen Nation ſchil⸗ dern, und ſo will ich mich denn begnuͤgen, nur einer Thatſache zu erwaͤhnen, welche hinreicht, die Unverſchaͤmtheit dieſer Krieger in ihrem vollen Lichte zu zeigen. General Dufreys kam oft in unſer Haus, um mit einem bei uns einquartierten Offizier von ho⸗ hem Range zu Mittag zu ſpeiſen. Da auch er ſich oft bei uns eindraͤngte, hatte er meine Schwe⸗ ſter Mariane geſehen, und ſich ſterblich in ſie ver⸗ liebt. Er uͤberzeugte ſich indeß bald, daß er nie ihr Herz gewinnen wuͤrde, und entwarf daher den verruchten Plan, ſich wenigſtens ihre Perſon zu eigen zu machen. Als aber auch in dieſer Ruͤck⸗ ſicht ſein frevelhaftes Benehmen fruchtlos blieb, wandte er ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Gegen⸗ ſtand, der ſeiner allerdings wuͤrdiger war, auf eine unſerer Maͤgde naͤmlich, die es ihm endlich auch gelang, durch Geſchenke und Verſprechungen ſei⸗ — 155— nem Willen geneigt zu machen. Sie ward nun⸗ mehr zu dem Range ſeiner Maitreſſe erhoben, und da er, nachdem Marſchall Beſſieres Valladolid ver⸗ laſſen, zum Gouverneur dieſer Stadt ernannt wor⸗ den war, veranſtaltete er, ſich ſelbſt zu Ehren, einen prachtvollen Ball, auf Koſten der Einwohner verſteht ſich, von denen die angeſehenſten zu dieſer Feſtlichkeit eingeladen wurden. Meine Mutter und meine Schweſter waren dabei begreiflicherweiſe nicht vergeſſen; ſie beſchloſſen natuͤrlich nicht hinzugehen, und lehnten die Ehre von ſich ab. Ihre Weige⸗ rung aber ward nicht angenommen, im Gegentheil, es erſchien ein Adjudant Sr. Exellenz, welcher uns die Nachricht uͤberbrachte, daß der General ob des Benehmens unſerer Damen hoͤchſt aufgebracht ſey, und auf uns zuͤrnen werde, wenn ſie nicht erſchie⸗ nen. Trotz dieſer Drohung beharrten meine Mut⸗ ter und Schweſter in ihrem erſten Entſchluſſe. Die Stunde des Balls erſchien, ſie aber trafen nicht die mindeſte Vorbereitung dazu. Die Muſik und der Tanz begannen, ſie aber kamen noch immer nicht. Der Gouverneuer, welcher dieſen Ball vorzuͤg⸗ lich veranſtaltet hatte, um meine Mutter und meine Schweſter zu kraͤnken, ſandte nunmehr einen Offizier mit einem Piquet Soldaten und dem Be⸗ — 456— fehle ab, die beiden Damen zu holen, in welcher Kleidung ſie ſich auch befinden moͤchten. Die Sol⸗ daten drangen demnach bei uns ein, und ſchlepp⸗ ten meine Mutter und Mariane, ihrer Bitten und Thraͤnen nicht achtend, nach dem Conſiſtorio; wo ſie der General mit beleidigenden Worten empfing, und ſie dann nach dem Oberende des Saales fuͤhrte, wo ſeine Maitreſſe, unſere vormalige Magd, unter einem prachtvollen Thronhimmel ſaß, und wo unſere Damen genoͤthigt waren, neben ihr Platz zu nehmen. Dies aber war nicht die ein⸗ zige Demuͤthigung, welche ſie an dieſem verhaßten Abend erfuhren; denn die Diener waren beauftragt, nachdem ſie die Erfriſchungen der Geliebten des Generals und den uͤbrigen Damen dargeboten, an meiner Mutter und Schweſter voruͤberzugehen, ohne ihnen welche anzubieten. Man haͤtte denken ſol⸗ len, daß dieſe Kraͤnkungen dem ſchaͤndlichen Fran⸗ ken genuͤgt haͤtten, aber nein, Mariane mußte tanzen— mußte mit ihm tanzen; und ſo ward denn das arme Maͤdchen durch den Saal geſchleppt, bis er endlich ſeinen Opfern geſtattete, ſich zu ent⸗ fernen. Fruͤh am naͤchſten Morgen ſandte er mei⸗ nem Vater einige Zeilen, in welchen er ihm er⸗ klärte, daß er von ihm als Buße fuͤr die am ver⸗ gangenen Tage bewieſene Widerſpenſtigkeit der Sei⸗ nigen fuͤnfhundert ſpaniſche Thaler, und zwar noch —4 — — 15— vor Mittag erwarte, indem widrigenfalls unſer Haus gepluͤndert werden ſolle. Die fuͤnfhundert Thaler mußten bezahlt werden, General Dufreys ſtrich ſie ein, und legte dadurch neuerdings einen unwiderlegbaren Beweis von der ſo oft hochgeprie⸗ ſenen fraͤnkiſchen Großmuth und Galanterie ab. — ę——— 2 2.:— Napoleon befand ſich jetzt zu Chamartin, wo er Dekrete erließ, welche unter anderen Umſtaͤnden Spanien in kurzer Zeit in Nuͤckſicht der Cioiliſa⸗ tion und der politiſchen Freiheit, Frankreich gleich gemacht haben wuͤrden; aber auch große Maͤnner koͤnnen irren. Napoleon taͤuſchte ſich uͤber den Nationalcharakter der Spanier, er beurtheilte ihn nach dem anderer Nationen. Er glaubte, daß er auch uns durch ſeine Siege taͤuſchen wuͤrde, die er uns mit donnernden Proklamationen verkuͤndete, und bildete ſich ein, daß der ihm bis jetzt noch nicht unterworfene Theil der Halbinſel gleich an⸗ deren europaͤiſchen Nationen ſich beeilen wuͤrde, ihm knechtiſch zu huldigen. Er uͤberzeugte ſich in⸗ deß bald, daß Niemand erſchien, der nicht gezwun⸗ gen worden; ſeine Generaͤle ſchilderten den Alcal⸗ den mit grellen Farben das Elend, welches ſie uͤber ihre Doͤrfer herbeiziehen wuͤrden, naͤhmen ſie Anſtand, ſich dem franzoͤſiſchen Kaiſer zu unter⸗ werfen; und wirklich begaben ſich auch mehrere Deputirte in das kaiſerliche Hauptquartier, feſt entſchloſſen indeß, nichts von dem zu halten, was die Umſtaͤnde ſie noͤthigten zu verſprechen. Als Napoleon ſich Valladolid naͤherte, gingen — —ᷣ- — 159— ihm der Alcalde mayor*), der Corregidor und einige Mitglieder der Municipalitaͤt bis Tordeſilles entgegen, um ihm die Schluͤſſel der Stadt zu uͤberreichen, welche ſchon von zwanzig Tauſend ſeiner Truppen beſetzt war. Am Tage ſeines Einzuges ſollte mit allen Glok⸗ ken gelaͤutet werden; auch hatte der franzoͤſiſche Gouverneur allerhand Geſindel zuſammengetrieben, welches:„Hoch lebe Napoleon!“ rufen ſollte; da der Kaiſer aber, nur von einigen wenigen Drago⸗ nern begleitet, zwei Stunden vor der feſtgeſetzten Zeit erſchien, wurden die Anſtalten des Gouver⸗ neurs vereitelt. Sehnſuchtsvoll danach verlangend, den Mann zu ſchauen, deſſen Ruhm die Welt erfuͤllte, ver⸗ ließen mein Bruder und ich unſer Haus, einige Stunden bevor er erwartet wurde, um uns nach einem unfernen Dorfe zu begeben, wo wir ihn beſſer zu ſehen hofften. Als wir durch die Stra⸗ ßen kamen, gewahrten wir hie und da Gruppen von Buͤrgern aus der Stadt, welche in ihre lan⸗ gen Maͤntel gehuͤllt, an den Ecken der Gaſſen ſtan⸗ den, durch welche Napoleon paſſiren mußte. Schwer⸗ muth und Nieergeſchlagenheit waren in ihren Zuͤgen zu ſchauen, und man konnte deutlich ſehen, wie ihr edler Stolz ſich gegen die traurige Noth⸗ *) Friedensrichter, — 160— wendigkeit empoͤrte, den Zorn niederzukaͤmpfen, den ſie gegen ihre Unterdruͤcker empfanden. Wir hatten kaum das Staͤdtthor erreicht, als auch ſchon eine lebhafte Bewegung unter den laͤngs der Bruͤcke poſtirten Soldaten uns die Ankunft ir⸗ gend eines Offiziers von Rang verkuͤndete, und gleich darauf ſahen wir einen Mann in gruͤner Obriſten Uniform auf einem Schimmel, dem nur zwei Dra⸗ goner voran ritten, raſch an uns voruͤber traben. So wie er dahin ritt, praͤſentirten alle Soldaten das Gewehr, und aus ihrem Gefluͤſter vernahmen wir nunmehr, daß es Napoleon ſey. Eine halbe Stunde darauf blendete eine große Anzahl prachtvoll gekleideter Generaͤle, Offiziere und Adjudanten die Blicke der gaffenden Menge durch das glaͤnzende Gold, womit ihre Uniformen uͤberladen waren. „Kein Wunder, daß die ſo wiagefiche Klei⸗ der tragen,“ bemerkte mit ernſthaftem Geſicht ein neben mir ſtehender Bauer,„haben ſie doch allen unſeren Madonnen die Unterroͤcke weggenommen!“ Unverzuͤglich ward nun die ganze Stadt mit Truppen uͤberſchwemmt, ſo daß kein einziger Spa⸗ nier auf der Straße zu ſchauen war. Abends begaben ſich die verſchiedenen Deputa⸗ tionen nach dem Palaſte des Kaiſers, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Als ſie in das Zim⸗ mer — 161— mer traten, ging dieſer mit kreuzweis uͤbereinan⸗ der geſchlagenen Armen auf und ab, ſo als ob er heftig bewegt ſey. Als ihm die Deputirten ge⸗ meldet wurden, wandte er ſich ſchnell um und blieb in derſelben Stellung ſtehen. Der Corregi⸗ dor der Stadt war der Erſte, welcher ſich nun⸗ mehr dem Kaiſer nahte, um ihm die Hand zu kuͤſſen. Es war ein kleiner jovialer Mann und ſonſt durchaus nicht ſchuͤchtern, bei dieſer Gelegen⸗ heit aber, hatten ihn ſeine Heiterkeit und ſein Muth gaͤnzlich verlaſſen. Der Grund war folgen⸗ der: Vier Franzoſen waren an dieſem Tage in der Stadt ermordet worden, und einer von ihnen hatte ſogar in dem, dem jetzt von Napoleon bewohnten Palaſte gegenuͤberliegenden Kloſter den Tod gefun⸗ den. Da nun der Corregidor am vergangenen Tage dem Kaiſer bis Tordeſillas entgegen gezogen war, um ihn zu verſichern, daß fuͤr die Sicher⸗ heit der Franzoſen die noͤthigen Maaßregeln getrof⸗ fen werden ſollten, und da er erwarten konnte, daß der Kaiſer von jenen Ermordungen bereits Kunde erhalten hatte, naͤherte er ſich mit jener Furcht, die an ſeiner Stelle gewiß jeder Sterbliche empfun⸗ den haben wuͤrde. Zoͤgernd und bebend begann er ſeine Anrede, der Kaiſer aber fiel ihm ſofort in die Rede, und gab ihm eine ſo furchtbare Ohr⸗ feige, daß der erſchrockene Corregidor zu Boden I. 11 ſtuͤrzte. Napoleon blickte mit flammenden Augen auf den Behenden nieder und fragte mit donnern⸗ der Stimme: „Gabt Ihr mir nicht erſt geſtern die Verſiche⸗ rung, daß keinem meiner Soldaten Leids zugefuͤgt werden ſolle?— Und ſind dennoch nicht heute vier meiner Garden ermordet worden?“ Der zitternde Corregidor vermochte keine Ant⸗ wort zu geben. Da zog Napoleon heftig ſeine Uhr aus der Taſche und legte ſie auf den Tiſch. „Schafft Ihr mir,“ tobte er den Deputirten ent⸗ gegen,„nicht binnen jetzt und zwoͤlf Stunden die Moͤrder zur Stelle, damit ich ſie beſtrafen kann, wie es ſolche Verbrecher verdienen, laſſe ich ſaͤmmt⸗ liche Bewohner der Stadt zaͤhlen und jeden zehn⸗ ten Mann todtſchießen. Vergebens bemuͤhte ſich der Biſchoff und die anderen Deputirten Napoleons Zorn zu beſaͤnfti⸗ gen, er blieb unerbittlich und wollte ſelbſt nicht einmal noch einige Stunden zugeben, um die Ver⸗ brecher ausfindig zu machen. Die Beſtuͤrzung, in welche dieſe Drohung jede Familie verſetzte, war ſo groß, daß viele derſelben ſofort den Verſuch machten, aus der Stadt zu entſliehen; die Schildwachen aber hatten Befehl erhalten, Niemand aus den Thoren zu laſſen. An breißig tauſend Mann hielten die Stadt be⸗ —-——— — 163— ſetzt, in einigen Haͤuſern lagen dreißig bis vierzig Soldaten, welche die Bewohner mit Allem, was ſie begehrten, zu verſorgen gezwungen waren. Jede Stunde, welche verging, ohne daß von denen, die die Franzoſen getoͤdtet hatten, etwas in Erfahrung gebracht wurde, vermehrte unſere Todesangſt. Da das Kloſter der Pluͤnderung preisgegeben war, fanden die Soldaten in einem Gewoͤlbe, in dem die irdiſchen Ueberreſte einer angeſehenen Fa⸗ milie ruhten, einen Moͤnch, welcher eingeſtand, daß er in eben dieſem Kloſter einen Franzoſen ge⸗ toͤdtet habe. Dies war der Einzige der Verbre⸗ cher, der bis zur zehnten Stunde, der von Na⸗ poleon anberaumten Friſt, entdeckt worden warz von den Uebrigen war keine Spur zu finden. In dieſem ſchreckenvollen Moment war es, daß ein Mitglied der Municipalitaͤt eine jener edlen und ſeltenen Handlungen beging, welche allein hinreichen, das Andenken einer Stadt zu verewigen. Von der traurigen Lage ſeiner Mit⸗ buͤrger gewaltig erfaßt, erhob er ſich von ſeinem Sitze und ſprach, zu ſeinen Collegen gewandt, wie folgt:„Ihr Herrn! fuͤhrt mich zu dem Kaiſer, ich war es, der mit eigener Hand drei Franken toͤdtete— ich allein muß auch die Strafe tragen.“ Alls ward in die groͤßte Beſtuͤrzung verſetzt, aber noch bevor man zu einem Entſchurſſe gelan⸗ 11* — 164— gen konnte, ward von vier polniſchen Lanziers ein Mann hereingeſchleppt, der grade, als er uͤber die Stadtmauer hatte klettern wollen, ergriffen worden war, und bei dem man ein langes, breites, blut⸗ beflecktes Meſſer gefunden hatte. In dem Ver⸗ hoͤr geſtand er, zwei von den vermißten Franzoſen getoͤdtet zu haben, ſo daß es jetzt nur noch dar⸗ auf ankam, den Moͤrder des vierten zu entdeſken. Napoleon erhielt hievon ſofort Bericht, aber un⸗ erbittlich beſtand er darauf, daß ihm in der anbe⸗ raumten Friſt, die in einer Stunde zu Ende ging, auch der dritte Verbrecher ausgeliefert werden ſolle, widrigenfalls er feſt entſchloſſen ſey, ſeine Drohung in Ausfuͤhrung zu bringen. Schon ſah nunmehr Valladolid mit Entſetzen dem furchtbaren Augenblick entgegen, in welchem der Kaiſer ſein Wort halten wuͤrde. Da fuͤhrte noch grade zur rechten Zeit ein ſeltſamer Zufall zur Entdeckung des letzten Verbrechers. Es lebte naͤmlich zu Valladolid ein ſonſt achtbarer Buͤrger, ſeines Gewerbes nach ein Treſſenfabrikant, welcher gegen die Franzoſen einen ſo graͤnzenloſen Haß em⸗ pfand, daß er keinen Tag vergehen ließ, ohne einen oder mehrere von ihnen zu toͤdten. Jeden Morgen, ganz in der Fruͤhe pflegte er ſein Haus zu verlaſ⸗ ſen, um, wie er ſagte, auf die Franzoſenjagd ausz zuziehn. Da alle Thore der Stadt von Franzo⸗ —— — 165— ſen beſetzt waren, klimmte er uber die Mauer und verſah ſich mit einer Buͤchſe, die er draußen in der Vorſtadt verborgen hatte. Dieſer Mann hatte eine Frau, Roſita gehei⸗ ßen, welche wegen ihrer außerordentlichen Schoͤn⸗ heit in ganz Valladolid beruͤhmt war. Der fran⸗ zoͤſiſche Gouverneur der Provinz, General Keller⸗ mann, hatte ein Auge auf ſie geworfen; auch war es ihm durch Gold und Geſchenke gelungen, ſie ſeinen Wuͤnſchen geneigt zu machen. Von ihren verliebten Zuſammenkuͤnften war indeſſen nur eine vertraute Magd unterrichtet. Ihr Gatte hatte keine Ahnung von der Untreue ſeiner Frau, und erzaͤhlte ihr unverholen von dem, was er ſeine pa⸗ triotiſchen Heldenthaten nannte. Am Tage der Ankunft Napoleons zu Valladolid, hatte nun der Treſſenfabrikant, wie gewoͤhnlich, einen Franzoſen ermordet; und ſeine Frau, beſorgt um ſeine Si⸗ cherheit, vielleicht aber auch nur dieſen Umſtand benutzend, um ſich deſto ungeſtoͤrter mit ihrem Lieb⸗ haber unterhalten zu koͤnnen, hatte ihm gerathen, die Stadt zu verlaſſen. Er folgte dieſer Warnung, beging aber die Unvorſichtigkeit, ſchon am naͤchſten Tage zuruͤckzukehren, als man wegen der Moͤrder der vier Franzoſen noch in den ſorgfaͤltigſten Nachfor⸗ ſchungen begriffen war. Zu Hauſe angelangt, war er nicht wenig erſtaunt, dort ſeine Frau nicht zu — 166— finden. Er befragte die Magd, ihre Antworten aber waren ſo verwiert, daß ſein Argwohn rege ward. Da er durchaus nichts von ihr herausbringen konnte, gerieth er gewaltig in Zorn, und ſtieß ſo entſetzliche Drohungen aus, daß die Magd, fuͤr das Leben ihrer Gebieterin beſorgt, forteilte und die Letztere von der ploͤtzlichen Heimkehr ihres Gat⸗ ten unterrichtete. Roſita befand ſich in dieſem Augenblick in den Armen ihres Liebhabers, und wußte recht gut, daß ihr Tod unvermeidlich ſey, wuͤrde ihrem Manne Kunde von ihrem ehebreche⸗ riſchen Umgange mit einem ſeiner aͤrgſten Feinde. Von Angſt erfaßt, offenbarte ſie dem Gouverneur die Mordthat ihres Gatten. Der Letztere ward ſofort gefaͤnglich eingezogen, weit entfernt aber das zu leugnen, was er gethan, geſtand er unverholen, wie er gegen alle Franzoſen einen graͤnzenloſen Haß empfinde, und wie er auf ſeiner Franzoſenjagd taͤg⸗ lich wenigſtens einen von ihnen getoͤdtet habe. Dieſe Entdeckung rettete die Bewohner der Stadt von dem furchtbaren Schickſale, das ihrer harrte. Als Napoleon von derſelben Kunde erhielt, ſprach er mit einem Ausdruck von Selbſtzufrieden⸗ heit:—„Wußte ich es doch, daß nichts un⸗ moͤglich ſey, ſobald ich nur gebiete.“— Darauf befahl er die Moͤrder noch an demſelben Tage hin⸗ ————— — 167— zurichten. Bei Roſita aber ſchien unterdeſſen das Gewiſſen erwacht; ſie drang bis in das Gemach Napoleons, ſtuͤrzte vor ihm nieder auf die Kniee, und flehte ihn unter Thraͤnen an, doch ihres un⸗ gluͤcklichen Gatten zu ſchonen. Anfangs weigerte ſich Napoleon, ihren Bitten Gehoͤr zu geben: endlich aber ſagte er, er wolle Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen, und demjenigen der Moͤrder das Leben ſchenken, der verheirathet ſey und die mei⸗ ſten Kinder habe. Da nun der Treſſenfabrikant unter den Moͤrdern der einzige Verheirathete war und fuͤnf Kinder hatte, ſollte er begnadigt werden. Die Stunde der Hinrichtung war bereits her⸗ angeruͤckt, und mit Fluͤgelſchnelle eilte demnach Ro⸗ ſita ſofort nach dem Richtplatze, wo gerade, als ſie anlangte, der Henker ſchon im Begriff war, den Strick um den Hals ihres Mannes zu ſchla⸗ gen. Unverzuͤglich ward dieſer nun in Freiheit geſetzt; aber ohne ſein ehebrecheriſches Weib auch nur eines einzigen Blickes zu wuͤrdigen, verließ er auf der Stelle die Stadt, jedoch nur um kurze Zeit darauf wieder dorthin zuruͤckgefuͤhrt zu wer⸗ den, und um den Tod auf demſelben Platze von Henkershand zu empfangen; denn er ward von einer Reiterſchaar in einem Kampfe, den ſie in einiger Entfernung von Valladolid mit einer Gue⸗ rillas⸗Bande beſtand, gefangen genoemmen. — 168— So endete eine Begebenheft, welche die furcht⸗ barſten Folgen haͤtte haben koͤnnen. Strengere Maßregeln indeß, weit entfernt, die Bewohner der Stadt einzuſchuͤchtern, wuͤrden im Gegentheil ihren Haß gegen die Franzoſen nur noch geſteigert, und wie es ſtets in einem Lande geſchieht, wo wahrer Patriotismus herrſcht, das Volk zu irgend einem Akt der Verzweiflung getrieben haben. Es war waͤhrend Napoleons Aufenthalt zu Valladolid, als er die Kriegserklaͤrung Oeſterreichs empfing, in drei und einem halben Tage war die⸗ ſer außerordentliche Mann wieder in Paris. Er legte faſt den ganzen Weg zu Pferde zuruͤck, und fuhr taͤglich nur ein Paar Stunden. Von Valla⸗ dolid bis Bayonne waren uͤberall Truppencorps aufgeſtellt worden, um jeden Angriff auf ſeine Per⸗ ſon von Seiten der zahlloſen Partheigaͤnger zu ver⸗ hindern, womit jetzt ganz Spanien ſich anzufuͤllen begann. Da die Haupteorps unſerer Truppen nach und nach zerſtreuet worden waren, fingen die Einwoh⸗ ner, welche in der Hoffnung, die Lage der Dinge bald veraͤndert zu ſehn, ihr Mißgeſchick geduldig ertragen hatten, an, ſich auf ihre eigene Hand nach Mitteln umzuſchauen, das auf ihnen laſtende Joch von ſich abzuſchuͤtteln. Jede Provinz, jede Stadt, jedes Individuum fuͤhlte taͤglich immer mehr und — 169— mehr die Nothwendigkeit, ſich dem gemeinſchaft⸗ lichen Feinde zu widerſetzen. Haͤufige Erfahrung hatte uns uͤberzeugt, daß unſere Truppen nicht ge⸗ eignet waren, es in offener Schlacht mit den Fran⸗ zoſen aufzunehmen, und ſo nahmen wir denn un⸗ ſere Zuflucht zu jenem zerſtoͤrenden, von der Junta zu Sevilla zu Anfange des Krieges ſo weiſe vor⸗ geſchlagenen Kriegsſyſtem, welches mit ſo gluͤckli⸗ chem Erfolge beobachtet wurde. Der von den Feinden beſetzte Theil Spaniens ward bald mit Guerillas angefuͤllt, die theils aus den Ueberreſten der zerſtreueten Heere, theils aus Buͤrgern und Landleuten beſtanden. Maͤnner aus dem niedrigſten Stande wurden thaͤtig und ſchwan⸗ gen ſich zu Anfuͤhrern empor. Sie hatten weder eine militairiſche Autoritaͤt noch regulaire Trup⸗ pen, aber ſie fuͤhrten Banner, um die ſich die Bewohner der Gegend ſammelten, um fuͤr ihren Heerd zu fechten. Jede Kunde von dem kleinſten, von dieſen Partheien uͤber die Franzoſen errunge⸗ nen Vortheil, ward begierig von dem Volke ver⸗ ſchlungen. Der gluͤckliche Erfolg des Strebens der Erſteren erweckte die Hoffnungen wieder, wel⸗ che die Niederlage unſerer Heere auf einen Augtn. blick unterdruͤckt hatte. Um den Muth der Spanier zur Bekaͤmpfung ihrer Unterdruͤcker noch mehr anzufeuern, erließen die Junta von Badajoz und mehrere Andere kraͤf⸗ tige Proklamationen, und gaben Befehle zur Or⸗ ganiſation vieler einzelner Truppencorps. Nur zweierlei Arten von Waffen ſollten gebraucht wer⸗ den, naͤmlich die Muskete und das Cuchillo*) oder das Seitenmeſſer.— Erſtere, um friedliche Transporte zu uͤberfallen— Letzteres, um damit die Franzoſen Nachts in den Gaſſen anzugreifen. Zu Anfang der Organiſation unſerer Parthei⸗ gaͤnger erließen Marſchall Soult und andere fran⸗ zoͤſiſche Generaͤle Dekrete, zufolge welchen kein mit den Waffen in der Hand gefangen genommener Spanier, der nicht zu den regulairen Truppen ge⸗ hoͤrte, Pardon erhalten, ſondern wie ein Rebell behandelt und niedergehauen werde ſolle. Drei Soldaten des Mina wurden in Folge dieſer Ver⸗ ordnung getoͤdtet, am naͤchſten Tage aber fand man zwanzig Franzoſen in der Naͤhe von Pampelona an den Baͤumen aufgehaͤngt, wobei Mina zugleich den Franken verkuͤndete, daß er fuͤr einen jeden ſeiner, von den Franken erſchoſſenen Leute ſieben Franzoſen haͤngen laſſen wolle. Man hielt dies fuͤr eine leere Drohung, aber man ward enttaͤuſcht; denn nachdem der General, um ſeine Verachtung *) Eine Waffe, welche während Napoleons Invaſion den Franzoſen nachtheiliger war, als das ſchwere Geſchuͤtz ihrer Feinde. 3en — 171— gegen die Worte Mina's an den Tag zu legen, noch mehrere in ſeiner Gewalt befindliche Spanier hatte hinrichten laſſen, zeugten am folgenden Mor⸗ gen faſt alle Baͤume vor Pampelona von der furcht⸗ baren, aber gerechten Rache des ſpaniſchen Parthei⸗ gaͤngers. Das Beiſpiel Minas ward von jedem Guerilla's Anfuͤhrer befolgt, und von der ſpani⸗ ſchen Regentſchaft vollkommen gebilligt. Dieſe Maßregel erregte in dem franzoͤſiſchen Heere bald eine ſo große Unzufriedenheit, daß ſich Napoleon genoͤthigt ſah, ein Dekret zu erlaſſen, demzufolge die Rechte des Krieges auch den Guerillas bewil⸗ ligt werden ſollten. Ich hatte jetzt mein ſiebzehntes, Raimundo aber ſein achtzehntes Jahr erreicht, und unſer Wunſch, Guerilleros zu werden, ward mit jedem Tage durch das ſchaͤndliche Benehmen der Fran⸗ ken geſteigert. Nichts war beſſer geeignet, unſeren Haß gegen ſie zu vermehren, als die Nichtswuͤr⸗ digkeit, womit ſie ihre ſpaniſchen Gefangenen be⸗ handelten. Nach der Schlacht von Ocanna uͤber⸗ gaben die Franzoſen, in der Abſicht, eine ſo ab⸗ ſcheuliche Maßregel von ſich abzuwaͤlzen, ihre ſaͤmmtlichen Gefangenen den deutſchen Truppen, mit dem Auftrage, Alles was den Marſch niche mit fortſetzen koͤnne, niederzuſchießen.— Hunderte dieſer Ungluͤcklichen wurden auf dieſe — 172— Weiſe getoͤdtet, waͤhrend Andere ermattet zu Bo⸗ den ſanken oder vor Hunger ſtarben. Die Unbarm⸗ herzigkeit dieſer deutſchen Truppen war uͤbrigens an ſich ſo groß, daß es im Grunde unnoͤthig war, ihnen Grauſamkeit anzuempfehlen. Ich ſelbſt war Augenzeuge, wie auf ihrem Marſche nach Frankreich vier ſpaniſche Gefangene in den Gaſſen von Valladolid niedergemacht wur⸗ den. Die Bewohner in der Stadt hatten ſi ch in großer Anzahl in den Straßen verſammelt, um die Aufmerkſamkeit der Franzoſen von den Gefan⸗ genen abzulenken, und dieſen Gelegenheit zu geben, durch die zu dieſem Ende offen gelaſſenen Haus⸗ thuͤren zu entſpringen. Einem der Gefangenen, der zu Valladolid ge⸗ boren war, war es gelungen, ſich von der Escorte unbemerkt unter die Volksmenge zu miſchen, und ſchon war er im Begriff ſich in ſein eigenes Haus zu fluͤchten, an deſſen Thuͤr ſeine Mutter ſtand, ihm die geoͤffneten Arme entgegenſtreckend, als ploͤtz⸗ lich ein Gensd'arme, der ſeine Flucht gewahrte, der Escorte ein Zeichen gab, worauf dieſe ohne Wei⸗ teres den Ungluͤcklichen vor der Schwelle ſeiner Wohnung niederſchoß. Dieſe blutige Grauſamkeit, veruͤbt gegen ent⸗ 3 waffnete Feinde, ſteigerte den Zorn des Volks ſo ſehr, daß noch an demſelben Tage viele friedliche — 173— Buͤrger ihren Haͤuſern den Nuͤcken wandten, um ſich mit den Patrioten zu vereinigen. Was mei⸗ nen Bruder Raimundo und mich betraf, ſo be⸗ ſchloſſen wir auf der Stelle, uns heimlich davon zu machen, falls mein Vater uns auch jetzt noch nicht geſtatten wuͤrde, uns einem ſpaniſchen Trup⸗ pencorps anzuſchließen. Zu einem ſolchen Schritte wurden wir indeß nicht genoͤthigt, da mein Vater insgeheim unſeren Vorſatz billigte, haͤtte er es gleich gern geſehen, wenn wir die Ausfuͤhrung deſ⸗ ſelben noch auf eine Zeitlang verſchoben haͤtten. Die Beſorgniß indeß, daß uns unſere beſtaͤndigen Zwiſtigkeiten, mit den bei uns einquartierten fran⸗ zoͤſiſchen Offizieren, zuletzt großer Gefahr ausſetzen wuͤrden, bewog ihn endlich im Verein mit unſe⸗ ren Vorſtellungen und dringenden Bitten, zu un⸗ ſerer Abreiſe ſeine Beiſtimmung zu geben. Sobald die noͤthigen Anſtalten getroffen wor⸗ den waren, nahmen wir demnach Abſchied von unſerer troſtloſen Familie; die letzten Worte mei⸗ nes Vaters machten einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß es mir iſt, als toͤnten ſie noch jetzt in meinen Ohren. 1 „Meine Kinder,“ ſprach er, mit der ihm eigenthuͤmlichen wuͤrdevollen Ergebung,„Ihr kennt meinen Lebenswandel; Ihr wißt, welche Achtung unſere Mithuͤrger meinem Charakter zollen; betragt — 174— Euch demnach wie meine Soͤhne, und haltet den Ruf aufrecht, den zu erwerben ich mich ſtets be⸗ ſtrebte.— Erinnert Euch im Augenblick der Ge⸗ fahr, daß die Ehre meines Namens auf dem Spiele ſteht, daß das Leben ohne Ehre keinen Werth hat! Sagt mir, kann ich hoffen, meine Kinder, daß Ihr nicht bloß tapfer, ſondern auch großmuͤthig und menſchlich handeln werdet?“— Hier hielt er inne und unſere Thraͤnen gaben ihm Antwort. „Verſprecht mir dieſes,“ fuhr der edle Mann nach einer Pauſe fort,„und zieht dann hin mit Gott, fallt Ihr mit Ehren, ſo werde huch ich zufrieden ſterben!“ So ſprechend, ſtreckte er uns ſeine zitternde Hand hin, die wir mit Kuͤſſen bedeckten, und wor⸗ auf wir von dannen eilten, um unſer Leben dem Vaterlande zu weihen. — — 175— 12. Von der Daͤmmerung beguͤnſtigt, und von Nie⸗ mand begleitet, traten wir Abends unſeren Weg an. Wir kletterten uͤber die Stadtmauer, weil wir fuͤrchten mußten, angehalten zu werden und die Sicherheit unſerer Familie zu compromittiren; denn die Franzoſen hatten ein Dekret erlaſſen, dem⸗ zufolge alle Vaͤter und diejenigen, welche den Ih⸗ rigen zur Flucht behuͤlflich geweſen waͤren, als Gefangene nach Frankreich geführt werden ſollten. Wir hatten kaum eine Stunde Weges zuruͤck⸗ gelegt, als wir vier Maͤnner gewahrten, welche raſch auf uns zuſprengten; der Mond ſchien hell und klar, und wir konnten ihre Kleidung genau erkennen. Nach ihren glaͤnzenden Helmen und langen Maͤnteln zu urtheilen, waren es franzoͤſi⸗ ſche Dragoner; auf der anderen Seite aber ſtand nicht zu vermuthen, daß vier Reuter dieſer Na⸗ tion, ſich zu dieſer Stunde in dieſe entlegene Ge⸗ gend wagen wuͤrden. Als ſie uns auf einen Piſtolenſchuß nahe ge⸗ kommen waren, hielten ſie ihre Roſſe an, und riefen uns„Qui vive?“ zu.„Spanier!“ ant⸗ worteten wir unerſchrocken, und unverzuͤglich ſpreng⸗ ten ſie nun zu uns heran und gaben ſich uns als Landsleute zu erkennen. Sie hatten geglaubt, — 178— waffneter Spanier von den Bauern den Franzo⸗ ſen waͤre verrathen worden. 38 Dieſer ſchoͤne Zug in dem Charakter meiner Landsleute kann nie genug geprieſen werden We⸗ der Verſprechungen noch Drohungen konnten den hochgeſinnten Caſtilianer bewegen, ſein Vaterland zu verrathen. Nichts war ihm willkommener, als der Anblick eines bewaffneten Landsmannes, der mit einer Muskete oder einer Pike in der Hand, auf die ſogenannte Frankenjagd auszog. Er hielt es fuͤr eine heilige Pflicht, den Rache⸗ duͤrſtenden zu unterrichten, wo er einen oder meh⸗ rere Franzoſen finden, und nannte ihm Zufluchts⸗ orte, wo er ſich im Fall der Noth verbergen koͤnne. Wie oft haben nicht Spanier, mit Ge⸗ fahr ihres eigenen Lebens, den Guerillas, indem ſie dieſelben in ihren Haͤuſern verbargen, das Le⸗ ben gerettet! Wie viele Bauern ſah ich nicht, die mit ſtoiſcher Kaltbluͤtigkeit und jener dem Caſti⸗ lianer ſo eigenthuͤmlichen Verachtung ſeiner Feinde, aus der Ferne ihre in Flammen ſtehenden Haͤu⸗ ſer betrachteten, die in Brand geſteckt worden waren, weil ſie ihren ungluͤcklichen Landsleuten Schutz gewaͤhrt hatten! Wie oft gaben ſie nicht ihr letztes Stuͤck Brod dahin, um den Hunger irgend eines Vaterlandsvertheidigers zu ſtillen; 8— 179— dem ſie auch mit Puda den lebten Real hine reichten. Die Uebel, welche von anderen Narionen duldſam als die nothwendigen Folgen eines Krie⸗ ges betrachtet werden, und denen ſie ſich geduldig unterwerfen, reizten den Zorn und den Haß der Spanier nur noch mehr. Keineswegs niederge⸗ beugt von der Grauſamkeit ihrer Gegner, boten ſie alle ihre Kraft auf, ſich zu raͤchen, und be⸗ dienten ſich zu dieſem Zwecke jedweden Mittels. Oft wußte ſich der Landmann von dem bei ihm einquartierten Soldaten Auskunft zu verſchaf⸗ fen, wohin derſelbe und ſeine Kamraden zuvoͤrderſt marſchiren wuͤrden, dann nahm er ſein Ackerge⸗ raͤth, ſo als wolle er hinaus, um das Feld zu bearbeiten, ſtatt deſſen aber trieb er einige Freunde zuſammen, und legte ſich mit ihnen in einen Hinterhalt, von wo aus ſie dann uͤber die vorbei⸗ ziehenden Franken herfielen. Ein Andermal lud ein Landmann einen Fran⸗ zoſen ein, Wein mit ihm zu trinken, und wenn dann der Gaſt das gefuͤllte Glas emporhob, um es an ſeine Lippen zu ſetzen, bohrte ihm der rache⸗ duͤrſtende Spanier ein verborgen gehaltenes und raſch gezuͤcktes Meſſer in die Bruſt. So waren die Franzoſen raſtlos genäthigt, nicht gegen regelmaͤßige militairiſche Hinderniſſe, 12* — 276— wohnt waren in dieſer Gegend umherzuſtreifen, um zu verhindern, daß Wein nach der Stadt hineingeſchmuggelt wuͤrde, und wollten uns dem⸗ nach beſtrafen, indem ſie uns fuͤr franzoͤſiſche Spaͤher hielten. Erfreuet, daß uns unſere Flucht ſo gut ge⸗ lungen war, ſetzten wir nunmehr unſeren Weg mit einem dieſer Reuter fort, der uns als Fuͤhrer bis nach Tudela de Duero diente, dem Dorfe, wo unſere Roſſe und unſere Waffen fuͤr uns in Bereitſchaft gehalten wurden. Es war Mitternacht, als wir dort anlängten. Wir begaben uns unverzuͤglich nach der Wohnung des Pfarrers, eines unſerer Verwandten, der un⸗ ſere Equipage beſorgt hatte, die fuͤr einen jeden von uns in einem Pferde, einem Carabiner, einem Paar Piſtolen, einem breiten Degen und einem Seitenmeſſer beſtand. Wir trugen einen einfa⸗ chen gruͤnen Rock mit rothen Aufſchlaͤgen, lange gruͤne Beinkleider und einen dreieckigen Hut mit einer rothen Kokarde, in deren Mitte ſich das Bild Ferdinands befand, umgeben von mehreren rothen Baͤndern mit verſchiedenen Inſchriften, wie zum Beiſpiel:„Vencer o Morir, Patria, Reli- gion, y Rey etc.“* Fruͤh am naͤchſten Morgen nahmen wir Ab⸗ ſchied daß wir zu den Zollbeamten gehoͤrten, welche ge⸗ — — — 177— ſchied von dem Pfarrer, welcher wie ein Kind weinte, uns zaͤrtlich umarmte, und worauf wir, von zwei jungen Landleuten zu Pferde begleitet, unter dem lauten Abſchiedsruf der Dorfbewohner, die uns von Kindheit an gekannt hatten, von dan⸗ nen ſprengten. Selbſt nicht der Held von La Mancha konnte ſich, als er, vom Kopf bis zu Fuß gewappnet, auf Abentheuer auszog, ſtolzer fuͤhlen, als wir an jenem denkwürdigen Tage, der in unſerer Lebens⸗ geſchichte einen ſo bedeutenden Abſchnitt bilden ſollte; auch glaube ich nicht, daß je ein irrender Ritter abentheuerlichere Plaͤne entwarf, als wir, als wir ſo auf unſeren Roſſen laͤngs dem Ufer des Duero dahin trabten, um uns dem regulairen Heere anzuſchließen, welches dem Vernehmen nach damals bſen Ciudad Rodrigo ſtand. Da die Franzoſen ganz Alt⸗Caſtilien beſetzt hielten, und faſt in jeder Stadt eine Beſatzung hatten, waren wir genoͤthigt die Landſtraße ſoviel wie moͤglich zu vermeiden. Der Geiſt des Volks war indeſſen uͤberall der Sache Spaniens ſo guͤn⸗ ſtig, daß wir trotz der franzoͤſiſchen Occupation dennoch auf keine bedeutenden Hinderniſſe ſtießen. Ich habe waͤhrend des ganzen Krieges auch nicht von einem einzigen Beiſpiele gehoͤrt, daß ein be⸗ I. 12 — 180—* ſondern gegen ſolche Gefahren anzukaͤmpfen, die aus dem Haſſe und der Verzweiflung einer von ihnen tief gekraͤnkten Nation entſprangen; und ſo geſchah' es denn, daß die Franken waͤhrend des ganzen Krieges, der ſechs Jahre lang waͤhrte, ob⸗ gleich ſie zehn Schlachten gewonnen, und faſt alle feſten Plaͤtze erobert hatten, dennoch ſich nicht des ruhigen Beſitzes auch nur eines einzigen Diſtriktes erfreueten. Waͤhrend ſich die franzoͤſiſchen Armeen bis nach Gibraltar hindehnten, machten die ſpani⸗ ſchen Guerillas Einfaͤlle bis in das Herz von Frankreich, und erhoben Contributionen bis vor den Thoren von Toulouſe. Doch ich muß jetzt zu meiner Geſchichte zu⸗ ruͤckkehren. In allen Staͤdten und Doͤrfern, durch welche wir kamen und die noch bewohnt waren, wurden wir auf das herzlichſte empfangen und gaſtfrei bewirthet. Unſere Jugend und unſer En⸗ thuſiasmus fuͤr die Sache der Unabhaͤngigkeit, er⸗ regten die Theilnahme der Maͤnner und Weiber; die Letzteren bewieſen uns jede erdenkliche Aufmerk⸗ ſamkeit, waͤhrend uns die Erſteren ermuthigten und mit ihrem Rathe beiſtanden. Eine ſolche Reiſe mußte uns mit Entzuͤcken erfuͤllen; wir freueten uns der uͤberall im Volke herrſchenden Gleichheit der Geſinnung, und uns gefiel das abhaͤngige Leben, welches wir fuͤhrten. — 181— Diie verheerende Hand des Krieges aber, und die Verwuͤſtungen, welche die Schritte ſiegreicher Armeen bezeichnen, unterdruͤckten bei uns nicht ſelten jeden frohen Gedanken. Wenn wir ſo un⸗ ſeres Wegs dahin durch oͤde, menſchenleere Doͤr⸗ fer zogen, vernahmen wir oft nichts als den von den Mauern der unbewohnt daſtehenden Haͤuſer wiederhallenden Schall der Hufſchlaͤge unſerer Roſſe; oder das Gekraͤchz der Raben, welche die Ruinen niedergebrannter Schloͤſſer und Kirchen umſchwirr⸗ ten. Und wenn auch dann und wann der Wind eine Glocke hoch oben im Thurme bewegte, ſo daß ſie dumpf weit hin uͤber die Gegend toͤnte, ward dadurch das Schauerliche der Scene nur noch vermehrt. 8. Faſt alle Hausthuͤren waren geoͤffnet, und bei naͤherer Unterſuchung lernten wir jetzt die neue Methode kennen, welche die Franzoſen anzuwen⸗ den pflegten, um ſich noch ſchneller als durch eine Axt Einlaß zu verſchaffen;— ſie feuerten naͤmlich in das Schluͤſſelloch, und ſprengten ſo das Schloß auseinander. Bevor ſie die Flucht ergriffen, hatten die Be⸗ wohner gemeinhin diejenigen werthvollen Gegen⸗ ſtaͤnde, die ſie nicht mit fortſchaffen konnten, in den Mauern verſteckt, das aber war nur eine nutz⸗ loſe Vorſicht, denn die Franzoſen verſtanden es — 182— gar zu trefflich, gleich Architekten die Dicke der Mauern zu pruͤfen.— Eines Abends, es begann ſchon ſpaͤt zu wer⸗ den, als Raimundo und ich in einem dieſer ver⸗ laſſenen Haͤuſer, in dem wir zu uͤbernachten be⸗ ſchloſſen, ſaßen(unſere Diener hatten ſich auf ein benachbartes Feld begeben, um ſich nach Futter fuͤr unſere Pferde umzuſehen), vernahmen wir ploͤtz⸗ lich einen tiefen Seufzer, der aus einem angraͤn⸗ zenden Zimmer zu kommen ſchien; wir ſprangen Beide raſch empor, und gleich darauf beruͤhrte eine klagende weibliche Stimme unſer Ohr. Wir naͤherten uns unverzuͤglich dem Gemache, aus wel⸗ chem die Seufzer zu uns her drangen, in dieſem Augenblick aber ſtuͤrzten unſere beiden Diener her⸗ ein, und berichteten uns die Ankunft eines franzoͤ⸗ ſiſchen Cavallerie⸗Detaſchements. Wir hatten kaum ſo viel Zeit, uns auf unſere Roſſe zu ſchwin⸗ gen, und in der entgegengeſetzten Richtung davon zu ſprengen, ohne daß wir im Stande waren zu unterſuchen, wem die Stimme angehoͤrte, die wir vernommen hatten. Trotz unſerer Schnelligkeit, wurde aber dennoch unſere Flucht von den Fran⸗ zoſen bemerkt, von denen ſich ſofort ſieben oder achte anſchickten, uns zu verfolgen. Zum Gluͤck kannten wir indeß in dieſer Gegend jeden Schlupf⸗ winkel, und ſo gelang es uns denn, bevor ſie 4183— uns erreichen konnten, in eine nahe, hinter einem Huͤgel befindliche Waldung zu fluͤchten. Hier ver⸗ folgten wir einen ſchmalen Pfad, der zu einer in dem Innern des Gehoͤlzes gelegenen Eremitage fuͤhrte, wo wir eine halbe Stunde verweilten, und von wo aus wir dann wieder aufbrachen, in der Abſicht, nach dem Hauſe zuruͤckzukehren, welches wir ſo eben verlaſſen hatten. Dort wieder ange⸗ langt, begaben wir uns ſofort nach dem Zimmer, von woher die Klagetoͤne zu uns drangen, und nunmehr erblickten wir ein Weib von ungefaͤhr dreißig Jahren leblos auf einem Strohlager aus⸗ geſtreckt. Wir naͤherten uns und fanden, daß ſie wirklich todt ſey; ihrer Kleidung nach zu urthei⸗ len, gehoͤrte ſie zu den Franzoͤſinnen, welche der Armee gefolgt waren, unſere Diener nahmen dem Leichnam eine koſtbare Halskette und einige Gold⸗ ſtuͤce ab, welche ſie zu ſich ſteckten, um ſolche, wie ſie ſagten, aufzubewahren, damit ſie den Franzoſen nicht in die Haͤnde ſilen. — 184— 13.. 180. Nachdem wir noch an demſelben Abend wieder zu der Eremitage zuruͤckgekehrt waren, um dort die Nacht zuzubringen, ſetzten wir am naͤchſten Tage unſeren Weg fort. Als wir auf der Land⸗ ſtraße dahinritten, ſahen wir in der Ferne mehrere Schaaren von Bauern, welche ſich hinter die An⸗ hoͤhen oder in das Dickicht verſteckten. Oft ge⸗ wahrten wir von ihnen nichts als ihre Köͤpfe, die ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervorſteckten, gleich⸗ ſam als wollten ſie ſich uͤberzeugen, wer wir waͤ⸗ ten. Die Entbehrungen, welche dieſe armen Leute durch die Fortdauer des Krieges erdulden mußten, trieb felbſt diejenigen zu Handlungen der Verzweif⸗ lung gegen ihre Feinde, welche ſich nur in die Waldungen gefluͤchtet hatten um dort in Frieden zu leben. 1l. z. unfern Medina del Campo wurben wir dem berühmten Kapuziner⸗Moͤnche vorgeſtellt, dem mit Recht der Ruhm gebuhrt, daß er der Erſte gewe⸗ ſen, der eine ordentliche Guerilla auf der Halb⸗ inſel bildete. Die Nacht war ſchon hereingebrochen, als wir das Haus erreichten, in dem er ſich befand. Der Schall der Hufſchlaͤge unſerer Roſſe zog zwei Maͤn⸗ ner zu uns heran, welche, nachdem ſie uns ihr — 185— „GQuien vire?“ zugerufen, und unſere Antwort „ Espanna“ empfangen hatten, uns geſtatteten, uns zu naͤhern. Wir kamen nunmehr in einen geraͤumigen Hof, in dem vier oder fuͤnf Feuer brannten, um die ſich eine Anzahl von Maͤnnern, auf das verſchiedenartigſte gekleidet, gereihet hatte. Ihre Kleidungsſtuͤcke waren groͤßtentheils den von ihnen getoͤdteten Franzoſen abgenommen worden; Einige trugen Dragoner⸗Uniformen, dabei aber ihre gewoͤhnlichen Beinkleider; Andere geſtrickte Pantalons und ihre Bauernjacken. Einer von ih⸗ nen aber zog beſonders unſere Aufmerkſamkeit auf ſich, denn er trug die ſchoͤngeſtickte Uniform eines Tambour⸗Majors, und den Helm eines Drago⸗ ners. Es war faſt unmoͤglich, auf dieſe Probe⸗ karte der mannichfaltigſten Arenr3eſaas n⸗ ein Shehete zu ſchauen. Dieſe Maͤnner waren ſo eßen von einer klei⸗ nen Expedition zuruͤckgekehrt, die erfolgreich ge⸗ weſen, denn ſie hatten ſaͤmmtliche Vorraͤthe eines franzoͤſiſchen Marketenders erbeutet und hieher ge⸗ bracht; weshalb ſie ſich auch jetzt guͤtlich thaten. Einige rauchten Cigarren und tranken tapfer dabei, Andere waren beſchaͤftigt kleine Wuͤrſte und Voͤ⸗ gel zu braten, waͤhrend noch Andere ihre sopas de AyO*) zu ſich nahmen. Viele von ihnen Ha 5 Knoblauchſuppe. ten wohl nie in ihrem Leben eine beſſere Mahl⸗ zeit genoſſfeen. 6 n BIAe. Als wir naͤher traten, ſprangen mehrere von ihnen empor, und befragten uns, was wir Neues mitbraͤchten, und ob Franzoſen in der Naͤhe waͤren. Wir befriedigten ihre Neugier ſo gut wir konnten, und wurden darauf in die Kuͤche gefuͤhrt. Hier fanden wir den Kapuziner⸗Moͤnch, welcher auf dem einzigen Stuhle ſaß, der vorhanden war; ſein Generalſtab hatte ſich ziemlich unordentlich rund um ihn auf den Fußboden gelagert. Der Wirth, die Wirthin und mehrere Bauern ſaßen auf einer Bank. In der Mitte der Kuͤche ſtand ein Tiſch, auf dem noch die Ueberreſte einer Mahl⸗ zeit zu ſchauen waren. Der Kapuziner trug die Kleidung ſeines Ordens und einen langen Bart; er war ein Mann von ungefaͤhr vierzig Jahren, groß und ſtark gebauet, und hatte ein ungemein belebtes Geſicht und ein gebietendes Weſen. Ne⸗ ben dem Roſenkranze, der von ſeinem Guͤrtel her⸗ abhing, trug er ein Piſtolenpaar und ein langes Meſſer. 138 e S. Als wir eintraten, hieß er uns willkommen, und reichte uns ſeine Hand zum Kuſſe hin, ohne ſich von ſeinem Stuhle zu erheben; er richtete mehrere Fragen an uns, und ſchien mit unſeren Antworten zufrieden. Im Laufe des Geſpraͤchs .,—–˙ — 4187— erzaͤhlten wir ihm unſer kleines Abentheuer zu Anfang unſerer Flucht, woruͤher er herzlich lachte. Er verſicherte uns, daß wenn wir einige Tage bei ihm bleiben wuͤrden, wir uns uͤberzeugen ſollten, daß ſeine Leute zu fechten verſtaͤnden, und ſchil⸗ derte uns die Art und Weiſe, wie er einmal von den Franzofen gefangen genommen worden, und wie er, ohne das Dazwiſchentreten des General Sebaſtiani, deſſen Adjudanten er frͤher das Leben gerettet habe, unfehlbar gehangen worden waͤre; auch theilte er uns mit, wie es ihm endlich ge⸗ lungen ſey, unfern Burgos ſich der Gefangenſchaft durch die Flucht zu entziehen, und gab uns, denn er war einmal im Zuge, noch von anderen intereſ⸗ ſanten Begebenheiten ſeines Lebens Kunde. Waͤhrend wir uns noch ſo mit ihm beſprachen, ward ein junger Bauer hereingefuͤhrt, welcher dem Kapuziner eine ſchriftliche Meldung uͤberreichte; nachdem er dieſelbe geleſen hatte, erhob er ſich raſch von ſeinem Sitze, und griff nach ſeinem Saͤ⸗ bel.„Ihr Burſche,“ ſprach er zu denen, die ſich im Zimmer befanden,„geht und haltet Eure Roſſe in Bereitſchaft, denn wir muͤſſen ſofort gen Avila aufbrechen, um ein kleines Detaſchement franzoͤſiſcher Truppen aufzufangen.“ Alles ſprang empor und eilte hinaus, worauf ſich der Kapuziner zu uns wandte:„Ich will Euch — 188— mit mir nehmen,“ ſprach er,„wenn Ihr ver⸗ ſprecht, Euch tapfer und wie aͤchte Caſtilianer zu betragen.“ Iet mitrek Wirr entgegneten ihm eifrig, daß er nie Urſache haben ſolle, ſich uͤber uns zu beklagen, und daß wir ſeiner Truppe keine Schande machen wuͤrden. „Sieg oder Tod! iſt auch unſer Loſungs⸗ wort!“ rief mein Bruder,„wir werden uns Eu⸗ res Vertrauens nicht unwuͤrdig beweiſen.“ „Wohlan, meine Soͤhne,“ entgegnete der Ka⸗ g puziner,„ſo laßt uns aufbrechen!“ 4 Als wir in den Hof traten, fanden wir dort ſaͤmmtliche Krieger in zwei Reihen aufgeſtellt; es mochten ungefaͤhr dreißig Reuter und ſechzig Mann Fußvolk feyn. Nachdem er ſein Roß beſtiegen, hielt der Kapuziner an ſeine Leute eine kurze Rede, worin er ihnen anempfahl, ſich auch jetzt mit der gewohnten Tapferkeit zu betragen, und ſich uͤber⸗ zeugt zu halten, daß ſie, falls ſie im Kampfe fuͤr die gerechte Sache fallen follten, gradeswegs in den Himmel kommen wuͤrden. Darauf ſtellte er ſich an ihre Spitze, und gebot ihnen, ihm zu fol⸗ gen; mein Bruder und ich ritten neben ihm. Die Nacht war ſo finſter, daß wir kaum den Weg vor uns ſehen konnten, und das rund um uns her herrſchende tiefe Schweigen ward nur — 189— durch den Schall der Hufſchlaͤge unſerer Pfecde unterbrochen. Nach einem mehrſtuͤndigen Marſche kamen wit in eine nahe, an der Landſtraße gelegene dichte Waldung, und hier gebot nunmehr der Pater ſei⸗ nen Leuten Halt zu machen, und auf ihrer Hut zu ſeyn, weil der Feind in weniger als einer hal⸗ ben Stunde erſcheinen wuͤrde. Es war zwiſchen zwei und drei Uhr Morgens. Der Mond ſtand zwar am Himmel, aber er war ſo ſehr mit Wol⸗ ken bedeckt, daß er nur ein ungemein ſchwaches Licht zu ſpenden vermochte. Endlich kam einer der Leute des Kapuziners herbei gerannt, verkuͤn⸗ dend, der Feind nahe, vierzig Mann ſtark, ſaͤmmt⸗ lich zu Pferde, welche einen Wagen escortirten. Der Kapuziner gebot nunmehr ſeinem Fußvolk ſich ſo eng wie moͤglich zuſammen zu halten, und machte aus ſeiner Reuterei zwei Abtheilungen, von denen er die eine zwei hundert Schritte dieſſeits, die andere aber zweihundert Schritte jenſeits des Fußvolks aufſtellte, er befahl ſeiner Cavallerie ſich ruhig zu verhalten, bis die Infanterie gefeuert haben wuͤrde, dann ſich aber mit Blitzesſchnelle auf den Feind zu ſtuͤrzen, die Karabiner abzu⸗ feuern und Alles niederzuhauen, was ſich ihnen midesſeten werde. Endlich waren die franzoͤſiſchen Debbee bis — 190— auf Musketenſchußnaͤhe gekommen, und nunmehr ward ſofort das Wort„Feuer!“ kommandirt. Die Spanier gaben eine Salve, und im naͤchſten Mo⸗ ment ſtuͤrzte ſich unſere Cavallerie auf den Feind, indem ſie ihre Karabiner losbrannte. Wir ruͤckten jetzt ſaͤmmtlich gegen die Landſtraße vor, ich be⸗ muͤhte mich, mich ſo nahe als moͤglich bei dem Kapuziner zu halten, und gewahrte eine große An⸗ zahl der Franzoſen und mehrere Pferde auf dem Boden ausgeſtreckt, ſo wie einen Offizier, welcher ſo eben aus dem Wagen ſprang. Einige unſerer Leute ſtuͤrzten auf ihn zu, und bemaͤchtigten ſich ſeiner; auch bemerkte ich einige Dragoner, welche zu entfliehen ſuchten, ich ſpornte mein Roß, und ſprengte ihnen nach, aber noch bevor ich ſie er⸗ reichen konnte, waren ſie bereits von unſeren Reu⸗ tern eingeholt und niedergehauen worden, weshalb ich denn unverzuͤglich wieder zu unſerem Anfuͤhrer zuruͤckkehrte. 1 Hier hatte ich nun das Vergnügen, den elegan⸗ ten Herrn Turenne, Adjudanten des Generals Kel⸗ lermann, als Gefangenen in unſeren Haͤnden zu ſehen, deſſen ſchoͤne Geſtalt und anmuthsvoll ge⸗ formter Schnurrbart uͤber meine ſchoͤnen Lands⸗ maͤnninnen zu Valladolid ſo manchen Sieg davon getragen hatte. Er war ein Abkoͤmmling der edlen und beruͤhmten Familie Turenne, und in Ruͤck⸗ — 4191— ſicht der Tapferkeit ſeinem großen Ahnherrn zu vergleichen. Er war der Ueberbringer wichtiger Depeſchen von dem Gouverneur von Valladolid an einen anderen franzoͤſiſchen General, als es das Schickſal wollte, daß er in unſere Haͤnde fiel. Einige unſerer Leute wollten uͤber ihn herfal⸗ len und ihn zuſammenhauen, der Kapuziner aber ſchlug ſich ins Mittel und gebot, ihn gut zu be⸗ handeln. Einer der Spanier konnte es indeſſen nicht unterlaſſen, ſich die goldenen Epauletts des Gefangenen zuzueignen, waͤhrend ein zweiter die ſchoͤngeſtickte Reiſemuͤtze deſſelben aufſetzte, und ein dritter ihm die Stiefeln auszog, und ihn zwang, ſeine reichgeſtickte Uniform gegen ein ſchmutziges Wamms zu vertauſchen. Dieſe kleine Pluͤnderung abgerechnet, ward er uͤbrigens gut behandelt. Nur ſechs oder ſieben Dragoner hatten ſich durch die Flucht gerettet, die Uebrigen waren, trotz ihrer verzweiflungsvollen Gegenwehr, ſaͤmmtlich nie⸗ dergehauen worden. Unſer Verluſt beſtand nur in zwei Mann und drei Pferden, vier oder fuͤnf von unſeren Leuten hatten leichte Wunden erhalten. Wirr erbeuteten bei dieſer Gelegenheit mehr als zwanzig Pferde, und kehrten nunmehr dorthin zu⸗ ruͤkk, von wo wir aufgebrochen waren, und wo wir uns, da wir begreiflicher Weiſe der Ruhe be⸗ durften, unverzüglich auf unſere Maͤntel auf den Boden ſtreckten. Ich erwachte erſt am anderen Tage gegen Mittag, und ſetzte mich mit meinem Bruder und dem Kapuziner zum Mittagseſſen nieder. Turenne war ebenfalls ein Gaſt des Letz⸗ teren; da er etwas niedergeſchlagen war, ſuchten Raimundo und ich ihn aufzuheitern, indem wir die Geſundheit einiger Damen ausbrachten, mit denen er, wie wir wußten, bekannt geweſen war. „Es ſcheint mir, meine Herren,“ bemerkte der Franzoſe unter anderen,„daß ich Ihre jugend⸗ lichen Geſichter ſchon irgendwo geſehen habe, kann ich mich gleich nicht erinnern, wo und in Welcher Umgebung.“— „ Entſinnen Sie ſich nicht,“ entgegnete ich, „wie Sie einſt zu einer ſehr ungelegenen Zeit, ganz fruͤh am Morgen, dem Don Ignacio Lara zu Valladolid einen Beſuch abſtatteten, um ſich zu überzeugen, ob ſein Haus auch wuͤrdig ſey, dem General Sebaſtiani ein Obdach zu gewaͤhren?“ „Allerdings,“ verſetzte Turenne, indem er mich mit einem pruͤfenden Blick betrachtete. „Und erinnern Sie ſich nicht,“ fuhr ich fort, „zweier Juͤnglinge, die in Nachtkleidern aus einem Zimmer geſtuͤrzt kamen, um Sie zu erſuchen, Ihre Schritte zu hemmen, weil ihre Schweſtern in dem angraͤnzenden Gemache ſchliefen; eine Bitte, die Sie uns zu gewaͤhren die Guͤte hatten.“ 2 Wie,“ — 193— „Wie,“ fragte Turenne erſtaunt,„Sie waͤ⸗ cen die beiden Fluͤchtlinge, die ſeit Kurzem in der Stadt vermißt wurden?“ „Freilich!“ rief ich lebhaft. „Ich darf Ihnen zu dem, was Sie gethan, nicht Gluͤck wuͤnſchen,“ nahm Turenne das Wort, „aber ich muß das patriotiſche Gefuͤhl bewundern, welches Sie vermochte, die Freuden im Schooße Ihrer Familie gegen dies unſtaͤte kriegeriſche Leben zu vertauſchen. 4 n „Wie waͤre es uns moͤglich geweſen, die Be⸗ druͤckungen Ihrer Landsleute noch laͤnger thatlos mit anzuſchauen,“ fiel hier mein Bruder ein,„bis Ihre Adler nach Frankreich zuruͤckkehren, dies ſchwoͤre ich Ihnen, werde ich meine Vaterſtadt nicht wiederſehen, man muͤßte mich denn gelangtn dorthin zuruͤckſchleppen.“ „Und ich— ich meinerſeits,“ rief ich feun, indem ich meinen Degen entbloͤßte und die Klinge kuͤßte;„ich ſchwoͤre bei dieſem, meinem Vaterlande geweiheten Stahle, weit eher damit meine eigene Bruſt zu durchbohren, als meine Fuͤße wieder in meine Geburtsſtadt zu ſetzen, ſo lange noch ein einziger unſerer Unterdruͤcker in Spanien weilt.“ Turenne ſenkte ſchweigend ſein Haupt, welches uns veranlaßte, dem Geſpraͤche eine andere Wen⸗ dung zu geben; und die Rede auf die vielen Baͤlle I. 13 — 194— zu bringen, die ſein General zu veranſtalten füͤr gut gefunden hatte. Wir raͤumten ein, daß ſie noͤthig geweſen waͤren, das ſchoͤne Geſchlecht in Valladolid in guter Laune zu erhalten, aber wir aͤußerten unſere Zweifel, daß die Vaͤter, Gatten und Bruͤder der Damen an dieſen Feſtlichkeiten Vergnuͤgen gefunden haͤtten. Turenne ſtimmte hierin mit uns uͤberein, und tadelte uͤberhaupt, ob aus Klugheit oder Ueberzeugung, weiß ich nicht, manche Schritte der fraͤnkiſchen Machthaber. Er raͤumte ein, daß die Spanier recht haͤtten, fuͤr ihre Unabhaͤngigkeit zu kaͤmpfen, meinte aber doch, daß ſie dadurch ihre politiſche Freiheit aufopferten. „Sie, meine Herren, zum Beiſpiel,“ ſprach er zu uns gewandt,„weshalb fuͤhren Sie die Waf⸗ fen gegen einen Koͤnig, der Ihnen alle die Seg⸗ nungen darbietet, nach denen Sie verlangen. Hat er nicht erklaͤrt, daß die ſpaniſche Nation fuͤrder nicht aus Herren und Sclaven, aus Tyrannen und Opfern beſtehen ſolle?— Weshalb ſich alſo gegen die Vernunft, die Ehu und die aenſihig, keit auflehnen?“ „Segnungen,“ witderholte ich,„Segnungen, uns mit Feuer und Schwert aufgedrungen, koͤn⸗ nen nicht laͤnger als ſolche betrachtet werden; ſie ſind Handlungen der Tyrannei, welche ein nach Freiheit duͤrſtender Sinn nicht zu erdulden ver⸗ 1 mag. Die Araber bedienten ſich, als ſie unſer Land uͤberſchwemmten, derſelben Beweggruͤnde, die Ihr geprieſener Napoleon jetzt anfuͤhrt.“—„ Wir kommen, Euch von einem Geſchlechte ausgearteter Herrſcher zu befreien, welche weder Euer Vertrauen noch Eure Achtung verdienen; ſie ſind Eure Ty⸗ rannen— wir ſind Eure Erretter— unter ihnen ſeyd ihr Sclaven, mit uns werdet Ihr freie Men⸗ ſchen ſeyn.“— So lauteten ihre Worte, jetzt laßt uns ihre Thaten pruͤfen. Pluͤnderung, Feuer und Gewaltthaͤtigkeiten jedweder Art bezeichneten. einen jeden ihrer Schritte. Ihr nennt Euch un⸗ ſere Verbuͤndete, und dennoch habt Ihr unſere Veſten erſtuͤrmt, unſere Tempel entheiligt, unſer Land in das groͤßte Elend geſtuͤrzt, und was das Schlimmſte von Allem iſt, jeden Spanier in der Perſon ſeines Koͤnigs beleidigt. Noch bis jetzt liefert die Geſchichte nicht ein einziges Beiſpiel, daß eine Nation durch die Invaſion einer fremden Macht gluͤcklich geworden. Wir ſehen, wie die Republik Rom ihre Eroberungen ausdehnte, nicht um der Welt die Freiheit zu ſchenken, ſondern vielmehr, um ſie in Ketten zu ſchlagen, und ſich mit dem Raube zu bereichern Dem Beſitze der Macht folgt nur zu oft der Mizbrauch derſelben. Napoleon wuͤrde nicht aufhoͤren, unſer Blut und unſeren Reichthum zur Erreichung ſeiner ehrgeizi⸗ 13 . — 196— gen Plaͤne zu benutzen. Wir wuͤrben genoͤthigt werden, uns fuͤr Frankreich dahin zu opfern. Selbſt jetzt ſchon, wo er uns noch keineswegs unterjocht hat, erlaͤßt er die willkuͤhrlichſten Dekrete, theilt Spanien in militairiſche Gouvernements ein, und zwingt uns unter das Joch franzoͤſiſcher Generaͤle. Joſeph ſelbſt wird von ſeinem Bruder nur als ein beſiegter Koͤnig, Spanien nur als ein erober⸗ tes Land betrachtet. Jetzt da der Kaiſer unſer Vaterland unterjocht glaubt, ſcheuet er ſich nicht den Vorſchlag zu machen, daß fortan der Ebro ſtatt der Pyrenaͤen Spaniens Graͤnze bezeichnen ſolle; ohne Zweifel will er dadurch ſeinem Bruder zu erkennen geben, daß er ihm unterthan ſey, und daß es nur von ihm ahhaͤnge, ihn gaͤnzlich von dem Throne zu ſtoßen.“— Mit ſolchen und aͤhnlichen Geſpraͤchen vertrieben wir uns die Zeit waͤhrend unſeres Aufenthaltes bei dem Kapuziner. Wir erfuhren ſpaͤterhin, daß Turenne freigelaſſen worden, nachdem er ſein Eh⸗ renwort gegeben, nicht wieder die Waffen gegen Spanien fuͤhren zu wollen. 3 14. Da wir uns faſt immer nur dreißig bis vierzig Stunden von Valladolid entfernt befanden, ſuchten und fanden wir Gelegenheit, unſerer Familie von uns Nachricht zu geben, auch erhielten wir dann und wann Kunde von derſelben. Mein Vater aber, uͤberzeugt, daß uns bei einer Guerillas⸗Par⸗ thei weit groͤßere Gefahr drohe, als bei den regu⸗ lairen Truppen, hatte einem unſerer Verwandten zu Cadix den Auftrag gegeben, uns von der Re⸗ gentſchaft Offizierspatente zu verſchaffen, damit wir unter la Romana oder Balleſteros dienen koͤnn⸗ ten. Er that was er konnte, um uns in einer und derſelben Diviſion anſtellen zu laſſen; ſein Bemuͤhen in dieſer Hinſicht aber gluͤckte nicht ganz, denn Raimundo ward zum Balleſteros hin⸗ gewieſen, welcher damals unfern Cadiyx ſtand, waͤh⸗ rend ich eine Stelle unter dem Grafen Montijo erhielt, der zu jener Zeit den Guerillaskrieg an den Graͤnzen von Alt⸗Caſtilien und Navarra fuͤhrte.— Wir befanden uns noch immer bei dem Kapu⸗ ziner⸗Moͤnch, als unſere Patente anlangten. Un⸗ ſere Trennung war das groͤßte Opfer, welches un⸗ ſer Vaterland bisher von uns gefordert hatte; aber es war durchaus nothwendig, und ſo entſchloſſen — 198— wir uns denn, es ohne Zoͤgern zu bringen.„Eſte⸗ ban!“ ſprach Raimundo zu mir gewandt,„wir muͤſſen uns jetzt trennen— unſer Vaterland heiſcht dieſes Opfer, es iſt ein ſchmerzliches, aber wir muͤſſen uns fuͤgen.— Der gluͤckliche Tag, an dem Spanien wieder frei ſeyn wird, iſt vielleicht nicht mehr fern! dann werden wir uns mit doppelter Freude wiederſehen.“ Wir ſchloſſen uns einander in die Arme, ſag⸗ ten uns unter Thraͤnen Lebewohl, ſchwangen uns auf unſere Roſſe, und brachen nach unſeren ver⸗ ſchiedenen Beſtimmungsoͤrtern auf. Nur von einem einzigen Diener begleitet, ritt ich meines Wegs dahin, die traurige Nothwendigkeit beklagend, die mich von meinem Bruder trennte. Die neue Lage, in der ich mich befand, hatte aber auch mannichfache Reize fuͤr mich. Ich war erfreuet, mich ſo allein auf den Ocean der Welt hinaus geſchleudert zu wiſſen, ich fuͤhlte mich ſtolz, einen Platz unter den Ver⸗ theidigern meines Vaterlandes zu behaupten; haͤtte nicht der Gedanke, jetzt von allen meinen Lieben getrennt zu ſeyn, dieſe frohen Empfindungen getruͤbt, ich haͤtte mich in dem freien thaͤtigen Leben, wel⸗ ches ich jetzt fuͤhrte, gluͤcklich gefuͤhlt. Die Gegend, welche wir durchzogen, war oͤde und verlaſſen, und nur aͤußerſt ſelten ſtießen wir auf einen Reiſenden. Wir bekamen nichts zu ſehen, — 199— als etwa dann und wann in der Ferne kleine franzoͤſiſche Detaſchements und Munitionstrans⸗ porte, oder hie und da, auf dem Thurm eines al⸗ ten Schloſſes, eine fraͤnkiſche Schildwache, die ſich ſorgſam umſchauete, ob auch Gefahr nahe. Unſer Nachtlager ſchlugen wir gemeinhin unter den Rui⸗ nen verlaſſener Doͤrfer auf, wo wir es uns in den menſchenleeren Mauern ſo bequem machten, wie moͤglich. 181928 2 Als wir das Gebirge Somoſierra erreichten, zeigte ſich Buytrago zu unſerer Rechten, ſeine al⸗ ten Thuͤrme und gothiſchen Feſtungswerke riefen in meine Erinnerung jene ruhmvollen Tage zuruͤck, in welchen Rodrigo de Vivar mit ſeinen kuͤhnen Caſtilianern den hereindringenden Sarazenen den Boden unſeres Vaterlandes ſtreitig machte. An dem Fuße dieſer uralten Befeſtigungen, zwiſchen felſigen Klippen, fließt ein Strom dahin, an deſ⸗ ſen Ufer ich Halt machte, damit ſich mein Roß an dem kuͤhlenden Waſſer erfriſche. Ich horchte unterdeſſen ſeinem Rauſchen, hoͤrte im Geiſte das Waffengeklirr zweier feindlicher, mit einander kaͤm⸗ pfender Heere, und ſah dann Vivar ſich auf ſei⸗ nem Streitroſſe durch Hunderte von Mauren den Weg bahnen, waͤhrend er ſeine Gefaͤhrten auffor⸗ dert ihm zu folgen.— Sie thun, wie er gebo⸗ ten, im naͤchſten Moment ſind die feindlichen — 200— Schaaren in den Abgrund hinab geſtuͤrzt— und die ſiegreichen Caſtilianer rufen Victoria.— Ich war nahe daran in ihr Freudengeſchrei mit einzu⸗ ſtimmen, als mich ploͤtzlich ein Schuß aus meinen Traͤumereien weckte, und ich, als ich meine Blicke erhob, auf den Waͤllen einige Franzoſen gewahrte, welche ſich anſchickten, mich noch wirkſamer zu be⸗ gruͤßen; noch bevor ſie indeß ihre freundliche Ab⸗ ſicht ausfuͤhren konnten, hatte ich bereits wieder mein Pferd beſtiegen, und ritt nun durch einen Hohlweg langſam von dannen. Am naͤchſten Tage kamen wir an eine kleine, am Fuße eben dieſes Gebirges gelegene Huͤtte, deren Bewohner, ein ehrwuͤrdiger alter Mann, mich verſicherte, daß er bis jetzt noch keinen Franzoſen geſehen habe; ein Umſtand, deſſen ſich zu erfreuen er um ſo mehr Urſache hatte, da er hier ganz allein wohnte und nur ſeine Tochter bei ſich hatte, ein junges ſchoͤnes Maͤdchen, welches der Aufmerk⸗ 1 ſamkeit der Franzoſen gewiß nicht entgangen waͤre. Dieſe wackeren Menſchen bewieſen mir ſo viel Freundlichkeit, daß ich mich bewogen fuͤhlte, 3 mir und meinem Roſſe hier eine kurze Raſt zu goͤnnen. Am Tage nach meiner Ankunft begab ich mich mit der muthigen Jungfrau in das Gebirge, um Wildpret zu ſchießen, welches eine ihrer liebſten 3 f 6— 2⁰01— 2 Beſchaͤftigungen war. Als wir nun ſo dahin ſchlen⸗ derten, bekam ich ploͤtzlich einen Wolf zu Geſicht, und unverzuͤglich entſchloſſen, ihn zu erlegen, es koſte was es wolle, nahm ich von meiner Gefaͤhr⸗ tin auf kurze Zeit Abſchied, und flog dem Thiere 2 nach, bis ich endlich den Weg verlor und die Nacht hereinbrach. Von der Dunkelheit getaͤuſcht glaubte ich mich jeden Augenblick am Rande eines Abgrundes, weshalb ich von nun an nur langſam und mit der groͤßten Behutſamkeit laͤngs den Fel⸗ ſenwaͤnden hintappte; endlich gewahrte ich indeß 4 ein Feuer in der Entfernung, und unverzuüglich lenkte ich nun meine Schritte dorthin; aber noch bevor ich die Stelle erreichte, war das Feuer gaͤnz⸗ lich erloſchen. Erſchoͤpft und ermattet, und unfaͤhig meinen Weg fortzuſetzen, warf ich mich nieder, um wo moͤglich zu ſchlafen, aber immer wieder und wie⸗ der ward ich durch eingebildetes oder wirkliches Geraͤuſch aufgeſchreckt. Die Furcht vor Woͤlfen, von denen es vermuthlich, weil hier die Merinos 3 waͤhrend eines großen Theils des Jahres graſen, in dieſer Gegend viele giebt, hielt mich fortwaͤh⸗ rend wach. Endlich aber erſt kurz vor Tagesan⸗ bruch ſtieg der Mond empor, und nie in mei⸗ nem Leben hatten mir ſeine Strahlen freundlicher. gelaͤchelt. Ich fuͤhlte mich ſofort gekraͤftigt und geſtaͤrkt, und machte mich nun nach einem Dorfe auf den Weg, welches ich in einiger Entfernung erſchauete. Meine Beſorgniſſe aber ſollten noch nicht enden, denn grade als ich eine ſteile Anhoͤhe hinanſchritt, ſah ich, daß etwas, welches ich bis⸗ her fuͤr eine große Staubwolke gehalten hatte, eine Schaar von vier bis fünfhundert Franzoſen war, welche ſich mit raſchen Schritten dem oben er⸗ waͤhnten, im Thale gelegenen Dorfe naͤherten. So wie ſie mich gewahrten, ſchickten ſie mehrere Chaſſeurs ab, um ſich meiner zu verſichern, wel⸗ chen Weg ich auch nahm, es war faſt unmoͤglich ihnen zu entkommen. Als ich nun noch ſo da⸗ ſtand, nicht wiſſend, wohin ich mich wenden ſollte, vernahm ich ploͤtzlich ein Geraͤuſch, ſo als ob ſich Jemand mir nahe, und raſch mich entſchließend, ſprang ich in eine Vertiefung, die ich jetzt eben neben mir erblickte, die aber weit tiefer war, als ich anfangs vermuthet hatte. Aus Furcht mich zu verrathen, verhielt ich mich hier mehrere Stun⸗ den lang ganz ſtill; als ich mich aber endlich ent⸗ ſchloß, meinen Schlupfwinkel zu verlaſſen, uͤber⸗ zeugte ich mich bald, daß dies nicht leicht zu be⸗ werkſtelligen ſeyn wuͤrde, denn die Felſenwaͤnde um mich her waren ſteil, wie die Mauern eines Hau⸗ ſes. Ich machte mehrere Verſuche, hinauf zu klimmen, doch vergebens; ich rief um Huͤlfe, ſo⸗ —— —— — 293— laut ich konnte, aber Niemand erſchien. Die Nacht brach herei ich befand mich noch immer in nach de Kraftlos und erſchoͤpft verſank ich auf einige Stunden in einen feſten Schlaf, dann raffte ich mich wieder auf und machte neuerdings einige ver⸗ zweifelnde Verſuche hinaufzuklimmen; welche aber eben ſo fruchtlos blieben als die am vergangenen Tage. Endlich glaubte ich auf mein lautes Huͤl⸗ ferufen Stimmen zu vernehmen, welche in eben dem Grade ſtaͤrker wurden, als die meine dahin ſtarb; meine Kraͤfte begannen zu ſchwinden; da gewahrte ich ploͤtzlich oben am Rande der Vertie⸗ fung ſechs oder ſieben franzoͤſiſche Voltigeurs, wel⸗ che, als ſie mich gewahrten, in ein lautes Gelaͤch⸗ ter ausbrachen, indem ſie ausriefen:„So haben wir endlich den Fuchs gefangen!— Beim Him⸗ mel da drinnen ſteckt er.“— Nachdem ſie ſich noch eine Zeitlang uͤber mich luſtig gemacht hat⸗ ten, beſchloſſen ſie endlich mich herauszuziehen, um, wie ſie ſagten, zu ſehen, wes Geiſtes Kind ich denn eigentlich ſey. Ich fuͤhlte mich anfangs geneigt ihre Neugier unbefriedigt zu laſſen, und ihr Verlangen, den Strick den ſie mir hinabwarfen, um meine Huͤfte zu ſchlagen, nicht zu erfuͤllen; da aber zielte einer von ihnen mit ſeiner Muskete nach meinem Kopfe: — 204— „Schlag' das Tau um,“ gebot er mir,„oder Ventre-bleu, ich ſchieße dich gisden wie einen Haſen!“ Was konnte ich gegen gewichtiges Argument einwenden, ich befeſtigte den Strick um meinen Leib, und ward darauf von den Franzo⸗ ſen ohne große Schwierigkeit herausgezogen, und nach dem im Thale gelegenen Dorfe gefuͤhrt, um dort ihrem Obriſten vorgeſtellt zu werden, der ſich, wie ſie ſagten, freuen wuͤrde, meine Bekannt⸗ ſchaft zu machen. 3 Wir fanden den Letzteren in dem Pfarrhauſe, wo er ſein Quartier genommen hatte, und mit großen Schritten auf und ab ging; ein Herr, den ich trotz ſeiner reich geſtickten Uniform ſofort fuͤr einen Spanier erkannte, ſaß in demſelben Zim⸗ mer in einem Lehnſtuhl, und examinirte den Pfar⸗ rer, welcher mit niedergeſenkten Blicken wie ein Schulknabe vor ihm daſtand, ſeinen großen Hut in der einen, ſein Brevier in der anderen Hand. So wie ich eintrat, gebot ihm der Herr im geſtickten Kleide, in einem ſtolzen Tone, ſich zu⸗ ruͤckzuziehen, aber wohl darauf Acht zu haben, wem er in ſeinem Hauſe den Zutritt geſtatte, in⸗ dem ihn ſonſt ſein Prieſtergewand vor einigen Loth Blei nicht ſchuͤtzen wuͤrde. Darauf nahm er den mit mir gekommenen Voltigeurs den Rapport ab, zog die Stirn in Falten und gebot mir, mich zu 1 naͤhern. Er fragte mich nun, wer ich ſey, wohin ich mich zu hen geſonnen, und wo ich gebo⸗ ren. Kaum aber hatte ich meinen Namen und den meines Vaters genannt, als er raſch von ſei⸗ nem Sitze emporſprang:„Wie!“ rief er,„Eſte⸗ ban, der Sohn des Don Ignacio Lara?“— Und zu dem Oberſten gewandt, fuhr er fort,„der Vater dieſes Juͤnglings iſt einer der heftigſten In⸗ ſurgenten, die Spanien aufzuweiſen hat, und Sie koͤnnen leicht denken, daß der Sohn nicht aus der Art geſchlagen. Je ſchneller dieſe verwuͤnſchte Rate ausgerottet wird, je beſſer fuͤr uns. Wir ſind nicht ſicher, bis ſie ſaͤmmtlich vertilgt worden. Laſſen Sie ihn ohne Weiteres erſchießen, ich will die Ver⸗ antwarelichkeit auf mich nehmen.“ Dieſe Worte jagten mir keinen kleinen Schrek⸗ ken ein, und ich hielt mich ſchon fuͤr verloren; der Obriſt aber widerſetzte ſich dem moͤrderiſchen Vorſchlage, erklaͤrte, die Pflicht geboͤte ihm, ſich zu bemuͤhen, von mir ſo viel Auskunft wie moͤg⸗ lich zu erhalten, ich ſey jetzt zu erſchoͤpft, ihm zu antworten, und beduͤrfe einiger Stunden Ruhe, „dann,“ fuͤgte er hinzu,„ſoll ihm die Siraf⸗ werden, die er verdient.“ Ich ward demzufolge zu Bett gebracht und er⸗ holte mich bald wieder durch die Pflege, die mir geſpendet wurde, welche indeß von ganz ſeltſamer Art war. Ich mußte naͤmlich zuerſt ein Glas zuſammenreimen; aber waͤhrend ich mich noch ſo Schildwachen insgeheim Befehl gegeben, Sie fort⸗ ich mich uͤberzeugt halte, daß der Unwuͤrdige, den dieſe edle Handlung mich erfuͤllte; ich hatte nichhts 7 von Werth bei mir, als den Ring, den mir Iſa⸗ bella gegeben hatte, und den ich um ſo hoͤher ſchaͤtzte, — 296— Branntwein trinken, und ward da it einem eben⸗ falls in Branntwein getauchten— auf ein Lager getragen. Zwei Stunden darauf ſchon fuͤhlte ich mich wie neubelebt, und keinesweges ab⸗ geneigt, die mir dargebotene Nahrung und ein gu⸗ tes Glas Wein zu genießen. Bald darauf brachte mir der Bediente des Obriſten eine Taſſe Kaffee, welche mir, wie er ſagte, ſein Herr ſende. Ich konnte dieſe kleine Aufmerkſamkeit nicht mit dem Schickſale, welches, wie ich glaubte, meiner warte, in qualvoller Ungewißheit befand, trat der Obriſt zu mir ins Zimmer, und redete mich auf folgende außerordentliche Weiſe an:„Sie haben jetzt Frei⸗ heit zu gehen, wohin Sie wollen; ich habe den zulaſſen— ich wuͤnſche Ihr Leben zu retten, weil kein Franzoſe zum Möoͤrder geboren iſt, und weil ich escortire, Ihren Tod aus irgend einer verbor⸗ genen Urſache wuͤnſcht.“— Worte vermoͤgen die Gefuͤhle der Dankbarkeit und der Bewunderung nicht auszuſprechen, womit — 207— da ich kein anderes Andenken von ihr beſaß; nichts deſto weniger nah m ich keinen Augenblick Anſtand, dies Kleinod 1nh Obriſten zu uͤberreichen, mit der Verſicherung, daß es das einzige Zeichen meiner Er⸗ kenntlichkeit ſey, welches ich ihm fuͤr jetzt darbieten koͤnne, wobei ich ihn zugleich bat, mich den Na⸗ men meines Retters, ſo wie den meines Feindes wiſſen zu laſſen. „Ich nehme,“ entgegnete er mir,„Ihr klei⸗ nes Geſchenk mit Vergnuͤgen an, und werde es ſtets zur Erinnerung an eine gute That aufbe⸗ wahren; ich heiße Drauſin St. Ange; den Namen Ihres Feindes Ihnen zu offenbaren, aber halte ich mich nicht fuͤr berechtigt; er iſt Kammerherr des Koͤnigs Joſeph, und ich war beauftragt, ihn bis hieher zu escortiren; er begiebt ſich nach Paris mit Depeſchen an den Kaiſer. Es iſt ein blut⸗ duͤrſtiger Menſch, der mich vereits gezwungen hat, auf unſerem Wege hieher mehrere Spanier nieder⸗ ſchießen zu laſſen; jetzt aber bin ich entſchloſſen, ſeiner barbariſchen Unmenſchlichkeit nicht laͤnger huf⸗ reiche Hand zu leiſten.“ 1 Nachdem ich noch einmal meinem Retter her lich gedankt hatte, ſchlich ich mich ſofort aus dem Hauſe, und kehrte nach der Huͤtte zuruͤck, wo ich meinen Bedienten mit meinem Pferde und mei⸗ nem Mantelſacke gelaſſen hatte. Bei meiner An⸗ — 208— kunft dort erfuhr ich, daß mein Diener, nachdem man mich einen Tag ſhns vreneh⸗ geſucht, nach meinem Beſtimmungsorte aufgebrochen ſey, außer meinem Roſſe und meinen Waffen hatte er alle meine Habſeligkeiten mit ſich genommen. Dies war nun eine neue Widerwaͤrtigkeit, denn die fran⸗ zoͤſiſchen Voltigeurs hatten meine Taſchen gaͤnzlich geleert; mein guter Wirth aber bat mich ſo freund⸗ lich, dasjenige anzunehmen, was er mir darbieten koͤnne, daß ich mich endlich entſchloß, ſeinem Wun⸗ ſche zu willfahren.„Es iſt nicht mehr als billig,“ ſprach der wackere Mann,„daß auch ich nach mei⸗ nen geringen Kraͤften zur Befreiung des Vater⸗ landes beitrage.“ Ich ſagte darauf ihm und ſeiner liebenswuͤrdi⸗ gen Tochter Lebewohl, und ſetzte meinen Weg nun⸗ mehr allein fort, 5. Noch war ich indeß nicht weit geritten, als ich ploͤtzlich das Gelaͤute von Maulthierglocken vernahm, ich ſpornte mein Roß und erreichte auch bald einen Mautthiertreiber, der in ſeinen braunen Mantel gehuͤllt, mit einer Cigarre im Munde und den Kopf mit einem breiten Hute bedeckt, hoch oben auf zweien Packen daſaß, die von ſo ungeheuerer Groͤße waren, daß man das Mautthier faſt nicht erſchauen konnte. Sein Antlitz hatte einen Aus⸗ druck von kraͤftiger Freimuͤthigkeit, ſein großes dun⸗ kles M. — 209— kles Auge etwas Gedankenvolles. Die rechte Hand an den Griff eines Degens gelehnt, deſſen Klinge ſorgſam zwiſchen den Packen verborgen war, glich er einem auf Kampf ſinnenden Krieger. Vor ihm ritt ein anderer, weniger ernſt ausſehender bunt⸗ gekleideter Maulthiertreiber„ der ſich mit ſeinem Meſſer Feuer ſchlug, vermuthlich um ſeine Cigarre anzuzuͤnden. in B „Gruͤß Euch Gott, Ihr Herren!“ rief ich, als ich mich ihnen naͤherte. Kaum aber waren dieſe Worte meinen Lippen entflogen, kaum hatten die Maulthiertreiber meinen Gruß erwiedert, als ich auch ſofort in den Vorderſten, welcher bei mei⸗ nem Anblick raſch ſein Thier lenkte und mir ent⸗ gegen kam, den luſtigen, ſchon oft erwaͤhnten An⸗ ton erkannte.„Wie, Anton!“ rief ich,„Ihr ein Maulthiertreiber, nachdem Ihr des Koͤnigs Za⸗ gal geweſen!“ 3 wian „Ja ſo gehts, Senorito!“ ſeufzte er,„ſo geht es auf und nieder in dieſer eigenſinnigen Welt. Des Königs Zagal oder der Mozo eines Maulthiertreibers, das kommt ja Alles auf eins heraus, und wenig wuͤrde es mich kuͤmmern, waͤre ich nur nicht verheirathet, haͤtte ich nicht zur Strafe meiner Sünden eine Here, einen wahrhaften Sa⸗ tan zum Weibe bekommen, den Beelzebub doch bald wieder heimrufen moͤgel?“? 43 14 „Wie konnte der kluge Anton eine ſolche Thor⸗ heit begehen?“ fragte ich. „Auch die Weiſeſten koͤnnen irren,“ entgegnete er,„ich will Euch erzaͤhlen, wie das zuging. Als ich eines Tages mit dem ehrlichen Majoral, in deſſen Dienſten ich vor drei Jahren war, durch La Nava del Rey kam, ſtieß ich auf einen Trupp jun⸗ ger Dirnen, die im Gruͤnen tanzten, und von denen die allerhuͤbſcheſte mir ſo zaͤrtliche Blicke zu⸗ warf, daß ich nach wenigen Aägendiſten dachte, das waͤre ein ſuͤßer Biſſen fuͤr dich.— Ach, es war eine gar ſauere Beere, doch was ſchabeis:— Ich machte mich an ſie: Blume meines Lebens, ſprach ich, meinſt Du nicht, daß wir beide einen trefflichen Strauß bilden wuͤrdene— Ich weiß nicht, doch das koͤnnte wohl ſeyn, erwiederte ſie. So ſchlag ein, rief ich, indem ich ihr meine Hand hinhielt. Top, verſetzte ſie, indem ſie einſchlug, und unverzuͤglich begaben wir uns zu ihrem Vater, um die Sache in Ordnung zu bringen. Das ſcheint Euch vielleicht ein wenig raſch gehandelt; ich aber dachte, da du einen dummen Streich machen willſt, Anton, ſo mache ihn ſo ſchnell als moͤglich. Was glaubt Ihr aber wohl, daß mir ihr Vater antwor⸗ tete? Er ſagte mir, ich moͤchte nach Flandern*) *) Flandern wird von dem gemeinen Mann in Spanien gewiſſermaßen als das Ende der Welt bateäches * — 211— gehn, um mir ein Weib zu ſuchen, ſeine Tochter ſey nicht fuͤr einen Zagal eſchaffen. Und weshalb denn nicht, fragte ich, wollt Ihr ſie etwa fuͤr einen Marquis oder Grafen aufbewahren, bin ich nicht ein eben ſo guter Chriſt als Ihr ſelbſt? Da Ihr mir aber ſo kommt, ſo lebt wohl fuͤr jetzt.— Ich begab mich darauf zu dem Pfarrer, und ſagte ihm, daß ich der ſchoͤnen Ines gut ſey, und daß ſie mich lieb habe, daß ihr hartherziger Vater ſich zwar unſerer Verbindung widerſetze, ich aber den⸗ noch entſchloſſen waͤre, ſie mit Gottes und ſeiner Huͤlfe zu heirathen. Der Pfarrer erklaͤrte ſich be⸗ reit, uns zu helfen, und ſandte einen Notarius zu Ines Vater mit dem Auftrage, die Tochter von ſeinem Hauſe nach der von mir angegebenen Woh⸗ nung zu bringen. Hier blieb ſie, bis der Alcalde, Kraft ſeines Amtes, die Sache unterſucht und ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung gegeben hatte, worauf ich meine Geliebte, ihrem Vater zum Trotz, zum Traualtare fuͤhrte. Bald ward ich indeß fuͤr meine Thorheit beſtraft, denn kaum waren die Flitterwochen voruͤber, als ſich mir meine liebliche Ines wie ein eingefleiſchter Teufel zeigte.“ „Und was habt Ihr nun mit ihr angefan⸗ gen?“ fragte ich. „Ich habe ſie in Madrid gelaſſenen verſetzte 14 * Anton,„da mag ſie ſehen, wie ſie fertig wird; ich ſagte ihr, ich waͤre wohl ein Narr im Fege⸗ feuer zu leben, da mir der Himmel offen ſtaͤnde. Jetzt bin ich, Gott ſey Dank, wieder mein eigener Herr, und laſſe mich von meinem Schickſal nach Belieben herumtreiben. Braucht Ihr einen Die⸗ ner, koͤnnt Ihr mich haben, Ihr ſollt mit mir zu⸗ frieden ſeyn. Ich kuͤmmere mich nicht darum, was Ihr mir zahlt, wenn es nur keine Schlaͤge ſind.“ „Ich habe zwar ſchon einen Diener, weiß aber nicht, wo er ſteckt,“ entgegnete ich,„willſt Du in meine Dienſte treten, bis ich ihn wieder finde, bin ich es zufrieden, ſpaͤterhin wird ſich dann auch ſchon fuͤr Dich Etwas finden.“ „ Top,“ rief Anton,„ich nehme Euren An⸗ trag an, heut zu Tage, wo der Krieg wuͤthet, iſt es traun weit beſſer die Waffen zu fuͤhren, als ſchlaͤfrig auf dem Maulthiere umher zu ziehen.“ 15. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs waren wir bei einem, in dem Diſtrikt Algarrio, an der Graͤnze der bei⸗ den Caſtilien gelegenen Wirthshauſe angelangt. Daſſelbe beſtand, wie alle ſpaniſchen Herbergen, aus einer großen, dunklen, mit Straßenſteinen gepflaſterten Halle. Auf einem gewaltigen Heerde, einen Fuß hoch von der Erde, loderte ein maͤchti⸗ ges Feuer. Außer dem Lichte, welches daſſelbe ſpendete, verbreitete noch eine, von der Decke herabhaͤngende eiſerne Lampe, einen ſchwachen Daͤmmerſchein uͤber einen langen, ſchmalen hoͤlzer⸗ nen Speiſetiſch. An beiden Seiten deſſelben ſtan⸗ den Baͤnke, und oben und unten zerbrochene Stuͤhle. Rund um das Feuer ſaßen die Reiſenden, die vor uns angekommen waren, und die ſich jetzt weidlich an dem Witze des Wirthes und eines Fuhrmannes ergoͤtzten, welche in der Unterhaltung der Geſellſchaft mit einander zu wetteifern ſchie⸗ nen. Ich ſetzte mich zu den Uebrigen, und horchte dem Geſpraͤche, welches ſich nun auf die Begebenheiten des Krieges lenkte, bald aber durch die Ankunft eines Moͤnches unterbrochen ward. der beſchloſſen hatte, den Franken zum Trotz ſeine Ordenskleidung zu tragen.. — 214— So wie er eintrat, ſchwieg Alles, er aber ſetzte ſich mit großer Gravitaͤt auf die beßte Bank neben der Wirthin, einer anderen alten Frau ge⸗ genuͤber, welche, nachdem ſie ihm die Hand ge⸗ kuͤßt hatte, ihre Blicke gar ehrfurchtsvoll auf die ſeinigen richtete. Nachdem der Moͤnch Platz ge⸗ nommen und ſeine Cigarre angezuͤndet hatte, be⸗ gann er ſofort in einem pathetiſchen Tone ſich ge⸗ gen das unmaͤßige Trinken auszulaſſen, ein Sig⸗ nal fuͤr Manuelita, der Tochter des Gaſtwirths, eine Flaſche Wein herbeizuholen. Er dankte ihr, indem er ihr die Wange klopfte, welche Freund⸗ lichkeitsbezeigung die Wirthstochter ſich anfangs nicht gefallen laſſen wollte, ſie ſchien ſich indeß zu beſinnen, erfaßte ehrfurchtsvoll ſeine Hand und druͤckte einen Kuß darauf. Anton, mit dem ich anlangte, war von Manue⸗ lita mit einer Umarmung empfangen worden, von der ſie glaubten, daß ſie Niemand bemerkt habe. Er trat jetzt, nachdem er ſein Maulthier abgeſat⸗ telt hatte, in die Halle, und begruͤßte die Geſell⸗ ſchaft mit der ihm eigenthuͤmlichen Freimuͤthigkeit, nicht achtend der unwilligen Blicke, die ihm der Franziskaner zuwarf. Darauf legte er ſeinen wei⸗ ten Mantel ab, und zeigte die andaluſiſche Tracht in ihrer ganzen Vollkommenheit. Ein Netz um⸗ ſchloß ſeine ſchoͤnen ſchwarzen Locken und hing ihm — 215— bis uͤber die Schultern herab; jeder Saum ſeines Kleides war mit Franzen von den verſchiedenartig⸗ ſten Farben beſetzt; ſein kurzes Wamms mit ſei⸗ denen Knoͤpfen geſchmuͤckt, und auf ſeiner elegan⸗ ten Weſte prangten mehrere ſilberne Schleifen. Er legte ſeinen Degen behutſam auf ſeinen Man⸗ tel, ſo als fuͤrchte er der Waffe, durch unſanf⸗ tes Beruͤhren Schaden zuzufuͤgen,„Da ruh' aus ein wenig, du Liebling meiner Seele,“ ſprach er, du bedarfſt der Raſt; manche Franzoſenkoͤpfe ha⸗ ben traun ſchon deine Schaͤrfe gefuͤhlt, und Koͤ⸗ nig Pepe*) ſelbſt kann vielleicht noch dermaleinſt mit dir Bekanntſchaft machen.“ 12 „Die Andaluſier,“ bemerkte der Moͤnch,„ſtehn in dem Rufe, die Tapferkeit mehr im Munde als im Herzen zu haben.“ „Ehrwuͤrdiger Herr,“rentgegnete der Maulthier⸗ treiber mit einem ſpoͤttiſchen Seitenblick,„die Bratpfanne ſpricht, wie das Spruͤchwort ſagt, zum Keſſel, geh' aus dem Wege, ſchwarzes Ding! Ich meinerſeits, ich moͤchte Euch fragen, ſaht Ihr wohl je einen Moͤnch, der außer bei Tiſche muthig geweſen wäre?“ „Ihr habt,“ verſetzte der Moͤnch unwillig, „wie es ſcheint, noch nicht gelernt, das Kleid, wel⸗ ches ich trage, nach Gebuͤhr zu achten— es ſollte *) Joſeph.. —-— 216— Euch belehren, daß ich kein Maulthiertreiber, ſon⸗ dern ein geweihter Diener unſeber heiligen Kirche bin.“ 1 „Ehrwuͤrdiger Herr,“ antwortete der Maul⸗ thiertreiber,„allen Reſpect vor dem Gewande, aber ein Schwein in einer Ruͤſtung bleibt doch immer nur ein Schwein!“— Mit dieſen Worten ver⸗ ließ er das Bimmer, bhne unf eine Antwort zu warten. „Herr Offizier,“ ſprach and der Moͤnch zu mir gewandt,„ſahen Sie je bei einem Maul⸗ thiertreiber groͤßere Unverſchaͤmtheit? Iſt der Kerl nicht ein Gotteslaͤſterer, ein Kirchenſchaͤnder? Kann Spanien wohl gerettet werden, da ſolche Buben darin leben? Ich wette, der Burſche iſt ein un⸗ getaufter Abkoͤmmling der Mauren.“ „Da Ihr mich befragt, frommer Vater,“ entgegnete ich,„kann ich nicht umhin, auf die Seite des Maulthiertreibers zu treten; Ihr wart es ja, der den Streit begonnen.“ „Wiſſen Sie denn nicht,“ erwiederte der Moͤnch mit einigem Erſtaunen,„daß uns Dienern des Herrn das Recht zuſteht, die Kinder der Kirche zu ermahnen, wo und wann wir es fuͤr gut fin⸗ den?“— und ohne meine Antwort abzuwarten, begann er nunmehr in einem heftigen Tone gegen —— — 217— die Ketzerei zu predigen, wobei er aber, vermuth⸗ lich um ſeine Sprachwerkzeuge anzufeuchten, ſeinem Glaſe ſo fleißig zuſprach, daß die vor ihm ſtehende Flaſche bald geleert war. Alle Anweſenden ſchwie⸗ gen, denn vor dem predigenden Moͤnche konnte Niemand zu Worte kommen; die oben erwaͤhnte alte Frau, dem Anſcheine nach ganz mit ihrem Roſenkranze beſchaͤftigt, deſſen Perlen ihr eine nach der anderen durch die Finger rollten, ſandte dann und wann einen Blick im Gemache umher, um zu ſehen, was Manuelita beginne, richtete dann aber immer wieder mit großer Andacht ihre Blicke auf den eifernden Prieſter. Unterdeſſen beſchaͤftigten ſich die Wirthin und Manuelita nach und nach in einer und derſelben Pfanne geſalzenen Fiſch, Eierkuchen, Kaͤſe, Schin⸗ ken und Wuͤrſte zum ſchmackhaften, oder vielmehr zum unſchmackhaften Mahle zu bereiten. Uns verlangte indeſſen ſehnlichſt danach, etwas zu eſſen zu bekommen, und endlich breitete auch Manue⸗ lita wirklich eine Art von Tiſchtuch aus, welches aber nur einen Theil des Tiſches bedeckte; der Franziskaner⸗Moͤnch nahm nun ſofort den beßten Platz ein, und ſprach den Segen, worauf ſich die ganze uͤbrige Geſellſchaft niederließ. Ich hatte die Ehre zur rechten Hand des Moͤnchs zu ſitzen, die alte Frau, Manuelita's Tante, ſaß ihm zur Lin⸗ ———— — 218— ken, die Uebrigen reiheten ſich rund um den Tiſch, ſo gut es gehen wollte. Nach beendigtem Mahle ſuchte ein Jeder von uns ſein Nachtlager; wer auf einem Maulthiere oder einem Eſel angelangt war, nahm ſeinen Sattel zum Kopfkiſſen, die Fußreiſenden aber betteten ſich auf ihre Maͤntel. Ich ruhte nur wenige Augen⸗ blicke, denn der Dunſt in dem Gemache war mir unertraͤglich; ich befahl demnach Anton, mir mein Pferd zu ſatteln, zahlte meine Zeche und ritt da⸗ von. Wir kamen nun in ein felſiges Defilee, das in ein großes wildes Thal fuͤhrte, in welchem ſich an beiden Seiten ſteile ſteinige Berge erhoben. Nur hie und da belebte eine kaͤrgliche Vegetation dieſe Gegend, die faſt zu oͤde ſchien, um von irgend einem lebenden Geſchoͤpfe bewohnt zu werden; den⸗ noch aber gewahrten wir dann und wann an den Abhaͤngen der Felſen einzelne Huͤtten, und fanden in ihrer Naͤhe den Beweis, daß der Menſch auch hier bemuͤht geweſen war, dem geizigen Boden einen ſparſamen Ertrag abzugewinnen. Gegen Abend des naͤchſten Tages ſahen wir in einiger Entfernung eine kleine Cavalcade, da es aber ſchon begann dunkel zu werden, wollte ich mich derſelben nicht allzuſehr naͤhern, denn ich be⸗ fuͤcchtete, daß es franzoͤſiſche Truppen ſeyn koͤnn⸗ ten. Sie machten indeß bald Halt, und ſandten — 219— einige Reiter ab, die in vollem Gallop auf uns zuſprengten. Wir hielten unſere Roſſe ebenfalls an. „Quien vive!“ rief einer von ihnen mit bon⸗ nernder Stimme. „Spanier,“ antwortete ich. „Wer ſeyd Ihr?“ fuhr der Fremde in einem drohenden Tone fort, indem er mir ſein Piſtol vorhielt,„ſeyd Ihr etwa ein verdammter Fran⸗ ceſado?“ „Meine Kokarde,“ verſette Ae„und dieſe Baͤnder ſollten Euch das Gegentheil beweiſen. 4 „Waͤret Ihr ein Patriot, wuͤrdet Ihr nicht dieſes Weges ziehn,“ erwiederte der Reiter.„Wollt Ihr vielleicht nach Aranda, welches jetzt die Fran⸗ zoſen beſetzt halten? Mehrere Joſephinos, welche ſeit Kurzem hier voruͤber kamen, und ebenfalls wie Ihr Kokarden und Baͤnder trugen, haben uns bewieſen, daß in dem Haſenfelle oft eine Kabe ſteckt. Sagt, iſt dem nicht ſo?“ „Ihr fragt zu viel auf einmal, Herr Sergeant,“ verſetzte ich;„die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, das Sprichwort mit der Katze kann eher auf Euch als auf mich angewandt werden. Ueberzeuge ich mich aber, daß Ihr und die Eurigen, die Ihr Euch Patrioten nennt, im Grunde nichts weiter ſeyd, als Straßenraͤuber, ſo gebe ich Euch mein Wort, 220— daß Ihr ſaͤmmtlich, noch bevor eine Woche ver⸗ geht, gehaͤngt werden ſollt.“ r. Jetzt naͤherte ſich mir ein Anderer von der Truppe,„junger Herr!“ ſprach er, indem er mir, die Schulter klopfte,„ſeyd Ihr gleich gar ſehr gewitzigt, ſind wir doch zu alte Fuͤchſe, um uns von Euch prellen zu laſſen. Ihr ſeht einem Jo⸗ ſephiner aͤhnlich, wie ein Ei dem Anderen— nicht geprahlt alſo, oder, bei der heiligen Jung⸗ frauz wir ſenden Eure Seele zur Hoͤlle!“ 8 „Herab vom Roß,“ gebot ein dritter, indem er ſeinen Mantel zuruͤckwarf und den Zaum mei⸗ nes Pferdes erfaßte,„der Himmel ſcheint Dich hergeſandt zu haben, damit ein Vertheidiger der Religion und des Koͤnigs Bezinand ſich voͤlli equipire. 43 „Wo iſt Euer Befehlshäber,“ fenge 1 ,1 in⸗ dem ich meinen Degen entbloͤßte und ihn drohend gegen denjenigen bewegte, der den Zaum meines Pferdes erfaßt hatte. In dieſem Augenblick ſprengte ein junger huͤbſcher Offizier in einer Huſarenuni⸗ form auf einem trefflichen Roſſe heran„ und fragte in einem milden Tone, wer wir waͤren. Die Uebri⸗ gen zogen ſich ſofort in einige Entfernung zuruͤck, um ihm Platz zu machen, ich aber berichtete ihm, daß ſeine Leute nicht nur fuͤr gut gefunden haͤtten, mich — — 221— mich auf meinem, mir von der Regierung zu Cadix vorgezeichneten Wege aufzuhalten, ſondern, daß ich auch außerdem von ihnen beleidigt worden ſey. „Sagen Sie,“ ſo ſchloß ich meine Rede,„iſt das die Disciplin rechtlicher Krieger?“. 2„Dieſe Leute,“ entgegnete der Offizier,„wiſ⸗ ſen nichts von Disciplin und Kriegsgeſetzen; ja ſie verachten ſogar Alles, was nach regulairen Trup⸗ pen ſchmeckt. Selbſt auf dem Schlachtfelde ſah ich ſie nur nach eigener Willkuͤhr handeln. Ueber⸗ laͤßt man ſie ihrer Tapferkeit, kann man Wun⸗ derdinge von ihnen erwarten, Subordination aber muß man von ihnen nicht verlangen.“ „ Daß iſt ein freimuͤthiges Geſtaͤndniß,“ ver⸗ ſetzte ich,„Ihre Offenherzigkeit gefaͤllt mir, ſollte es denn aber durchaus unmoͤglich ſeyn, ſie im Zaume zu halten? Ernſte Strafen, zur rechten Zeit angewandt, wuͤrden, denk⸗ ich, ſie ſchon zur Ordnung bringen.“. Ich hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als ein kraͤftiger, wild ausſehender Mann, von einer kleinen Reuterſchaar gefolgt, zu uns heran⸗ ſprengte. Ich erfuhr von dem jungen Offizier, daß es der bekannte Prieſter Merino ſey, weshalb ich ihn, ſo wie er naͤher kam, mit großer Neu⸗ 1. 15 — 222— gierde betrachtete. Er war groß und robuſt, hatte ein ungemein zuruͤckſtoßendes Geſicht, dabei aber eine gewiſſe wilde Wuͤrde in ſeinem Benehmen. Dicke buſchige Brauen beſchatteten ſein Auge gaͤnz⸗ lich, ſeine Lippen waren mit einem Schnurrbarte von ungeheurer Laͤnge bedeckt, und auf ſeinem Haupte ſtieg das Haar borſtig empor. „Pepita,“ rief er in einem barſchen Tone, „ die Nacht bricht herein, und ich habe bis dahin noch Einiges auszukundſchaften, bedarf es meiner Gegenwart, bin ich eine Stunde nach Mitternacht in dem nahegelegenen Pfarrhauſe zu finden. Bis dahin ſorge Du fuͤr meine Leute— auf Wieder⸗ ſehn!“— So ſprechend gab er ſeinem Roſſe die Sporen, und verſchwand aus unſeren Augen, ohne von Jemand begleitet zu werden. Ich aͤußerte dem jun⸗ gen Offizier meine Verwunderung, ihn Pepita (Joſephine) nennen zu hoͤren; er rückte ſeinen Hut aus dem Geſichte und fragte:„Sollten Sie noch nicht bemerkt haben, daß ich nicht Ihrem Geſchlechte angehoͤre? Ich bin ein Frauenzimmer, das ihr ungluͤcklicher Stern in die Gewalt jenes rohen Menſchen lieferte, den Sie ſo eben geſehen haben.“ 3 „Ein Frauenzimmer,“ rief ich erſtaunt,„und 7 — 223— in der Gewalt des Prieſters Merino!— Was konnte Sie in eine ſolche Lage bringen?“ „Unbedachtſamkeit und Schwaͤche!“ erwiederte der weibliche Krieger.„Ich bin zu Aranda de Duero geboren, und verliebte mich in einen fran⸗ zoͤſiſchen Offizier, der in unſerem Hauſe einque tiert war. Er verſprach mich zu heirathen, bei ſeinem Abmarſche war ich ſchwach genug, zu folgen und das Vaterhaus zu verlaſſen, in dem ich bisher ſorgenfrei und gluͤcklich gelebt hatte. Auf unſerem Wege nach Burgos ward das fran⸗ zoͤſiſche Detaſchement, bei dem ich mich befand, von dem Prieſter Merino uͤberfallen, und der groͤßte Theil von uns zu Gefangenen gemacht. Ich kann Ihnen die Scene nicht beſchreiben, die nunmehr erfolgte, die Franken, und unter ihnen mein Ge⸗ liebter, wurden ſaͤmmtlich auf die grauſamſte Weiſe ermordet; er ſtarb vor meinen Augen unter den furchtbarſten Qualen. Merino drohte mir mit demſelben Schickſal, falls ich mich nicht ſeinen Wuͤnſchen geneigt bezeigen wuͤrde; Anfangs wies ich ſeinen Vorſchlag voll Empoͤrung zuruͤck, als er aber darauf ſeinen Leuten gebot, mich zu ent⸗ kleiden, und mich zu martern gleich den Uebrigen, ſchwand mir der Muth, und ich ergab mich in mein Geſchick. Ich bin nun Hrfſe ſechs Monate 1 bei ihm, und beklage es mit jedem Tage mehr, daß ich nicht Seelenſtaͤrke genug beſaß, den Tod zu waͤhlen. Er iſt ein grauſamer, blutduͤrſtiger 8 Feigling, der Niemand trauet. Von fortwaͤhren⸗ der Angſt gefoltert, ſchlaͤft er keine Nacht in dem von ihm bezeichneten Hauſe, ja nicht ſelten ſchlaͤgt er, um nicht von den Franzoſen uͤberfallen zu rden, ſein Nachtlager mehrere Stunden weit n ſeinen Leuten auf. Sie hoͤrten, wie er jetzt eben ſagte, daß er in dem nahegelegenen Pfarrhauſe uͤbernachten wolle, Gott und er ſelbſt aber wiſſen nur, wo er ſein Quartier zu nehmen gedenkt. Bei einem ſolchen Anfuͤhrer wird Sie nun das Benehmen unſerer Leute nicht laͤnger wundern„“”“ „ und bei dieſem Elenden wollen Sie d Ie Le⸗ ben zubringen?“ fragte ich. „Was kann ich thun? Wie kann ich entkom⸗ men? Wohin ſoll ich fluͤchten?“ ſeufzte die Un⸗ gluͤckliche. Der ſchwermuͤthige Ton, in welchem das arme Opfer des Leichtſinnes dieſe Worte ſprach, durchſchnitt mir das Herz.— „Kann mein Beiſtand Ihnen von Nutzen ſeyn, ſo koͤnnen Sie darauf zaͤhlen,“ ſprach ich;— „ich will Sie beſchuͤtzen, bis wir meinen Be⸗ ſtimmungsort erreichen, dort finden ſich dann viel⸗ leicht Mittel, Sie wieder nach — 225— Ihrer Heimath zu 4 ſchaffen.) „ Heimath!“ wiederholte ſie in einem wehmuͤ⸗ chigen Ton,„ach ich habe keine Heimath! Ich ſelbſt habe ſie mir veroͤdet— meine armen Ael⸗ tern ſtarben vor Gram uͤber meine Flucht.— Ach ich habe kein Vaterhaus mehr!“ iaat Sut Sie ſenkte ihr Haupt und ritt ſchweigend vor⸗ waͤrts, bis wir einen Pachthof erreichten, wo wir zu uͤbernachten beſchloſſen. Nachdem ich mit ihr das Abendeſſen eingenommen hatte, ſprach ſie zu mir:„Don Eſteban, ich danke Ihnen, daß Sie mir ſo freundlich Ihren Beiſtand angeboten; der Plan aber, den Sie mir vorſchlagen, taugt nicht fuͤr mich. Nachdem ich Alles dasjenige verloren habe, was den Werth eines Weibes ausmacht, kann ich nicht, ſelbſt wenn dies thunlich waͤre, zu einem ruhigen haͤuslichen Leben zuruͤckkehren. Ein unruhiges, ſtuͤrmiſches Treiben ſagt mir beſſer zu, jemehr Gefahren mich umringen, jemehr werden meine Gedanken von meinem Elende abgezogen, auch habe ich ſo taͤglich die Hoffnung, es bald geendigt zu ſehen. Da ich aber den Tyrannen, deſſen Sclavin ich bin, von ganzer Seele haſſe, moͤchte ich mich gern ſeiner Gewalt entziehen. Sprechen Sie frei heraus, Don Eſteban, koͤnnen — 226— Sie mich mit ſich nehmen? Ich will als ein Frei⸗ williger in Ihr Regiment treten und mein Leben Ihrem Dienſte weihen. Ihr Schutz iſt Alles, was ich dafuͤr zum Lohn begehre./.. Ich bemühte mich, ihr begreiflich zu machen, daß ein ſolcher Schritt durchaus nicht thunlich ſey, und endlich ſchienen auch meine Gruͤnde Eingang bei ihr zu finden. Wir trennten uns barauf fuͤr die Nacht; früh am naͤchſten Morgen aber brachen wir auf, und da der Beſtimmungsort, den Merino ſeinen Leu⸗ ten angewieſen hatte, auf meinem Wege lag, blieb ich noch vor der Hand bei ihnen. Pepita erſchien heute mit dem heiteren Antlitz, mit dem ich ſie zuerſt geſehen hatte, alle Spuren ihrer Schwermuth von geſtern waren gaͤnzlich verſchwunden; ſie ſchwang ſich leicht und gewandt auf ihr Roß und ſang, waͤhrend wir dahin ritten, eine Romanze von einem Ritter, der in das heilige Land zog und von ſei⸗ ner Geliebten Abſchied nahm. Unſere Wege trennten ſich bald;*) wir ſagten einander Lebewohl, und nach dreitaͤgigem Marſche *) Einige Zeit ſpaͤter erfuhr ich, daß ſie zu dem Feinde uͤbergegangen ſey und in Burgos mit einem franzoͤſiſchen Generale lebe. — 227— langte ich endlich glucklich zu Osma an, wo zu⸗ faͤllig damals Graf Montijo mit einem Theile ſei⸗ ner Diviſion ſtand. Ich ward ſofort in einem ſeiner Cavalleriecorps angeſtellt, und von meinen neuen Kameraden mit wahrhafter Herzlichkeit em⸗ pfangen. Ende des erſten Bandes. 4“ ſnſnſnnſnſnnſſnſſſſſſſſſſnſſſinſſſſſn 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20