*½ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 83.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 4„=„ 5. Auswärtige Abonnenten h der Bücher auf ihre ei 6. Schadenersatz. Zer Delegesohn. Hiſtoriſcher Roman aus den Papieren eines Spanters von Georg Aot:. Zweiter Band. Magdeburg, „ bei Ferdinand R u baa ch. 8 2 1 7. — Der Pflegeſohn. Zweiter Band. 1* — 1. Jch war nur erſt einige Tage in Osma, als un⸗ ſer General mich mit einer Depeſche an den zu Logrono befindlichen Marquis Porlier abſandte. Ich brach auf und nahm nur vier zu meinem Corps gehoͤrende Dragoner nebſt dem muntern An⸗ ton mit mir, den ich, da mein voriger Bedienter noch nicht wieder zum Vorſchein gekommen war, in meinen Dienſten behalten hatte; auch langte ich gluͤcklich zu Logrono grade in dem Augenblicke an, in welchem Porlier Kunde erhalten hatte, wie die Generaͤle Loiſon und Solignac beſchloſſen haͤt⸗ ten, auf ſein kleines Heer Jagd zu machen. Porlier war mehr von kleinem als großem Koͤr⸗ perbau, dabei aber ſehr gut gewachſen; auch wur⸗ den ſeine Geſichtszuͤge von feurigen, durchdringen⸗ den, ſchwarzen Augen belebt. Sein Benehmen war hoͤchſt einnehmend, und ſein ganzes Weſen uͤberhaupt lebhaft und freimuͤthig. Sein Patrio⸗ tismus war ſo eifrig, daß er demſelben ſein Ver⸗ moͤgen, ſeine Ruhe und ſein Leben opferte. Was ſeine militairiſchen Talente und ſeine Thaͤtigkeit — 6— im Felde anbetrifft, ſo zeugt ſchon dafuͤr genug die Art und Weiſe, womit er das Vorhaben der obgenannten Generaͤle vereitelte. Es war die Abſicht der Generaͤle Loiſon und Solignac, als ſie von Vittoria und Miranda aus⸗ marſchirten, ſich zu gleicher Zeit auf Logrono zu werfen, in der Hoffnung, den Marquis zu uͤber⸗ raſchen, deſſen Guerillas die Communication zwi⸗ ſchen Bayonne und Madrid unſicher machten, und ſich kuͤhn bis an die Thore von Burgos, Miran⸗ da, Vittoria u. ſ. w. wagten. General Loiſon hatte gegen fuͤnf bis ſechs Tauſend Mann; auch hatte man die Bagage, ja ſogar die Torniſter zu⸗ ruͤckgelaſſen, damit die Soldaten um ſo leichter die Berge zu erklimmen vermoͤchten. Sobald ſie LCoygrono erreicht hatten, beſetzten ſie ſofort alle Thore und Ausgaͤnge am rechten Ufer des Ebro, ſammt der Bruͤcke, die an das linke Ufer dieſes Fluſſes fuͤhrt. Darauf zogen ſie in die Stadt ein, trafen aber dort, zu ihrem unbeſchreiblichen Erſtaunen, auch nicht eine einzige Guerilla, hat⸗ ten ſie gleich gehofft, uns Alle in ihre Gewalt zu bekommen. Der Marquis, vollkommen unterrichtet von den Bewegungen der Franzoſen, und von dem Augenblick, in welchem ſie aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach zu Logrono anlangen wuͤrden, hatte ſeine — 2— Truppen auf Umwegen in die Gebirge von Ca⸗ ſtilien geſandt, und nur eine kleine Schaar mit dem Auftrage zuruͤckgelaſſen, den Feind in eine entgegengeſetzte Richtung zu locken. Dieſe Kriegs⸗ liſt gelang. Am naͤchſten Tage brach General So⸗ lignac auf, um dieſe kleine Schaar zu verfolgen, welcher er bis nach St. Domingo de la Calzade nachſetzte. Hier verloren ſie unſere Leute aus dem Geſichte, und es vergingen zwei Tage, bevor ſie ſich wieder Nachricht von uns verſchaffen konnten. Als ſie endlich erfuhren, daß wir den Weg nach Soto eingeſchlagen hatten, einen Ort im Gebirge gelegen, die Reſidenz einer Provinzial⸗Junta, in welcher ſich große Vorraͤthe von Waffen und Am⸗ munition befanden, brachen ſie ſofort dorthin auf. Nur noch zehn Stunden davon entfernt, erhielten ſie Kunde von uns, und unverzuͤglich ſandte nun⸗ mehr General Loiſon ein ungefaͤhr fuͤnfhundert Mann ſtarkes Corps ab, um uns zu verfolgen; er ſelbſt aber blieb mit dem Hauptcorps zuruͤck. So wie Porlier davon Nachricht erhielt, ſandte er mich nach Soto, wo die Provinzial⸗Junta ihre Sitzungen hielt, mit dem Auftrage, dieſelbe von der nahenden Gefahr zu benachrichtigen und ihr zu rathen, ſich zur Abreiſe anzuſchicken. Bei meiner Ankunft dort vernahm ich, als ich auf dem unregelmaͤßigen Platze anlangte, auf den die Fen⸗ ſter der Haͤuſer des Alealden und des Pfarrers hinausgingen, den Schall eines Tambourins und einer zerbrochenen Guitarre, und ſah, als ich naͤher kam, daß die Maͤdchen des Dorfes das Feſt ihres Schutzpatrons durch Spiele und Tanz feierten. Einige junge Maͤnner waren auch dabei, waͤhrend die aͤlteren Leute ſich auf Baͤnken rund um den Plaatz gereiht hatten. Der Pfarrer war in einem Geſpraͤch mit dem Kuͤſter begriffen, der zu glei⸗ cher Zeit auch Barbier, Notarius, Schulmeiſter und Organiſt des Dorfes war; dann und wann richtete er freundlich Blicke auf die ſchuldloſen Be⸗ luſtigungen ſeiner Gemeinde, waͤhrend ſich die Po⸗ litiker des Orts um den Alcalde verſammelt hat⸗ ten, und ſeiner Rede horchten. Der Tanz der jungen Maͤdchen war der Se⸗ guidillas, er wird, wie der franzoͤſiſche Cottillon, von acht Perſonen getanzt, und giebt den ſpani⸗ ſchen, in ihrer Landestracht gekleideten Weibern Gelegenheit, ihre Schoͤnheit anmuthsvoll zu ent⸗ falten.. So wie ich auf dem Platze erſchien und nach dem Alcalden fragte, hielt man mit dem Tanzen inne, und Alles draͤngte ſich um mich.„Es ſchmerzt mich, hier Eure Freude zu ſtoͤren,“ begann ich, „die Franzoſen aber ruͤcken r ſch heran, und wer⸗ den ſpaͤtſtens Morgen hier eintreffen. Der Mar⸗ V — 9—. quis wird noch dieſen Abend hier anlangen, Ihr muͤßt Lebensmittel fuͤr ſeine Leute in Bereitſchaft halten, und Euch anſchicken, Euch unſt uns in das Gebirge zuruͤckzuziehen.“ 4 Unverzuͤglich begab ſich nun ein Jeder nach Hauſe, um ſchwermuͤthig Dasjenige zuſammenzu⸗ raffen, was er mit ſich fortzunehmen gedachte. Ich unterrichtete nunmehr auch die Mitglieder der Junta von unſerem Marſche, und forderte ſie auf, ihre ſaͤmmtlichen Papiere und Dokumente zuſammen zu packen, welches auch ſofort geſchah. Am Abend langte Porlier mit einem Theile ſeiner Truppen an; er hatte den Pfarrern und Alcalden der uͤbrigen Doͤrfer Befehle ertheilt, den Marſch der Franzoſen nach moͤglichſten Kraͤften da⸗ durch aufzuhalten, daß ſie ihnen Lebensmittel vor⸗ ſetzten, und ſich uͤberhaupt ſo ſtellten, als waͤren ſie ihrem Intereſſe ergeben. Die Bauern wurden angewieſen, auf die Fragen der Franken ſtets zwei⸗ deutige Antworten zu geben, und alle ihre Bewe⸗ gungen von den Anhoͤhen zu beobachten. Dieſem Befehle kamen ſie im Ganzen pünktlich nach, ſie empfingen die Franzoſen mit ſcheinbarer Freund⸗ lichkeit, und betheuerten, nichts von uns geſehen zu haben. Die todten Pferde aber, welche wir oft genoͤthigt waren, auf der Landſtraße zuruͤckzu⸗ * laſſen, verkändeten den Feinden bauno unſere Naͤhe. Jenſeits des Or befindet ſich ein ungemein ſteiler Berg, auf den ein ſich windender Pfad hin⸗ auffuͤhrt, und auf dieſem zogen wir uns nun am naͤchſten Tage mit Sonnenaufgang im Angeſicht der Franzoſen zuruͤck.— Alle Bewohner Soto's begleiteten uns. Einer der jungen Maͤnner ward von dem Pfarrer beauftragt, fuͤr die heilige Mon⸗ ſtranz Sorge zu tragen, ein Anderer trug das ſil⸗ berne Crucifix, noch Andere Heiligenbilder und Banner; die Alten und Kranken wurden auf Trag⸗ bahren fortgeſchafft. Nur eine arme Frau, eine Wahnſinnige, die nicht mit fortgebracht werden konnte, ward in einen Keller geſperrt, zuruͤckgelaſ⸗ ſen, nachdem der Pfarrer zuvor Todtengebete uͤber ſie geleſen hatte. Der Alcalde, welcher ſaͤmmtliche, mit Vogelflinten und Piken bewaffnete, Bauern verſammelt hatte, gebot ihnen den Vortrab zu bil⸗ den, und die Weiber und Kinder zu escortiren, welche unter Thraͤnen die wenigen Kuͤhe und Zie⸗ gen, die ſie in der Eile hatten zuſammenbringen koͤnnen, vor ſich her trieben.— Der Marſch ward von den jungen Maͤnnern beſchloſſen, welche die heiligen Reliquien trugen und den Pfarrer um⸗ gaben, der in ſeinem Prieſterornate, das Evange⸗ lium in ſeiner Hand, dahin ſchritt. Der ganze —— — 1I— Zug wanderte auf dem von Porlier beſtimmten Pfade hin; dann und wann ſandten die Weiber, welche ihre Kinder auf den Armen trugen, trauer⸗ volle Blicke nach der verlaſſenen Heimath zuruͤck, waͤhrend die Maͤnner zuweilen Halt machten, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten, welcher von dem Fuße des Felſens mehrere Musketenſalven zu uns herauf ſchickte. Ich begleitete eine Weile lang dieſe ſchwermuͤthige Prozeſſion, nicht weniger ſchmerzvoll bewegt, als die Uebrigen, dabei aber den Patriotismus bewundernd, den mehrere birſer wackern Landleute an den Tag legten. Es war dem Feinde gelungen, unſeren Nach⸗ trab zu erreichen, und zwei oder drei Gefangene zu machen, als er uns aber zu nahe kam, ward er von einem tuͤchtigen Musketenfeuer zuruͤckge⸗ trieben. Um ſeinen Ruͤckzug zu decken, hatte der Marquis eine Compagnie Kavallerie vor dem Thore zuruͤckgelaſſen, durch welches die Franzoſen in Soto einziehen mußten, waͤhrend er an der anderen Seite des Fluſſes, der am Fuße des Felſens dahin ſtroͤmt, auf die Terraſſen, welche den Ort beherrſchen, vier⸗ oder fuͤnfhundert Mann Infanterie aufſtellte, die von dort aus dem Feinde großen Schaden zu⸗ fuͤgen konnten, ohne ihrerſeits ſelnſ in Gefahr zu ſchweben. Als die Franzoſen beim Vorrüͤcken gewahrten, „*„.— 8 B E ————— ——— —— 12— daß ſie uns in unſerer Stellung nicht von vorne angreifen konnten, ſandten ſie an zweihundert Scharfſchuͤtzen ab, die uͤber den Fluß ſetzen und den am entgegengeſetzten Ufer gelegenen Berg er⸗ klimmen ſollten. Von dort aus feuerten ſie auf uns, jedoch ohne Erfolg, auch wurden ſie bald genoͤthigt, ſich hinter eine kleine Kapelle zuruͤckzu⸗ ziehen. Gegen Abend erhielten wir die Nach⸗ richt, daß General Loiſon ſich mit ſeiner ganzen Diviſion nahe; wir ſetzten demnach um ſo raſcher unſeren Ruͤckzug fort, indem wir nur einige we⸗ nige Poſten zuruͤckließen, die von den Anhoͤhen die Bewegungen des Feindes beobachten ſollten. Gleich darauf vernahmen wir ein heftiges Muske⸗ tenfeuer am Fuße des Felſens, es hoͤrte indeß bald auf, und das tiefe Schweigen, welches gleich dar⸗ auf folgte, ließ uns vermuthen, daß es zwei fran⸗ zoͤſiſche Corps waͤren, die ſich in der Dunkelheit gegenſeitig fuͤr Feinde gehalten haͤtten. Die Fianzoſen ruͤckten jetzt raſch auf Soto zu, wir aber zogen uns uͤber die benachbarten Anhoͤhen zuruͤck, von wo aus wir das Geſchrei der Fran⸗ ken vernahmen, welche die Thuͤren der Haͤuſer er⸗ brachen, um ſich Lebensmittel und Quartier zu ſuchen. In der Mitte des ungeheuern Tumults, hoͤrten wir auch ploͤtzlich den Knall einer Explo⸗ ſion; aus einem Gebaͤude ſtiegen Flammen empor, — 13— und gleich darauf vernahmen wir das Gepraſſel von zuſammenſtuͤrzenden Mauern, von dem Platze her, wo unſere Magazine ſtanden. Waͤhrend der Nacht wurden auf den jenſeitigen Bergen viele Feuer angezuͤndet, welche uns in der Dunkelheit ganz nahe ſchienen, bei ihrem Scheine konnten wir deutlich gewahren, wie die Franzoſen in Gruppen von ungefaͤhr zwanzig Mann, entwe⸗ der ihre Abendmahlzeit bereiteten, oder in ihre wei⸗ ten Maͤntel gehuͤllt im bunten Gemiſch umherſa⸗ ßen oder lagen; waͤhrend noch Andere an den Wachtfeuern ihre Waffen putzten. Die Offiziere lagerten zwiſchen ihren Leuten und theilten gerne mit dieſen die Waͤrme des Feuers. Der ſtarke Contraſt von Licht und Schatten in dieſen ver⸗ ſchiedenartigen Gruppen, brachte eine in der That ungemein pittoreske Wirkung hervor. Fruͤh am naͤchſten Morgen verließen wir unſere Poſten auf den Anhoͤhen, und ſchlugen, von den Franzoſen auf dem Fuß gefolgt, den Weg nach Cerbera ein. So wie ſich ihre Maſſe herandraͤngte, zogen wir uns von Felſen zu Felſen zuruͤck, ohne jedoch auch nur einen Augenblick mit Feuern inne zu halten. Auf dieſe Weiſe vernichteten wir auf unſerem Ruͤckzuge ganze Colonnen, ohne ihnen Gelegenheit zu geben uns zu ſchaden. Zwei oder drei Tage ſetzten die Feinde unſere Verfolgung — 14— fort, von dieſer Jagd aber ermuͤdet, nahmen ſie endlich ihre Quartiere zu Arando, von wo ſie bald darauf nach Logrono zuruͤckkehrten. Als wir das Reſultat dieſer Expedition berech⸗ neten, fanden wir, daß die Franzoſen, welche uns an Anzahl wenigſtens viermal uͤberlegen waren, an ſechs⸗ bis ſiebenhundert Mann verloren hatten, und am Ende doch genoͤthigt waren, ſich zuruͤckzu⸗ ziehen, ohne auch nur den geringſten Vortheil uͤber uns davon getragen zu haben; denn Porlier zog mit ſeinen Truppen von den Gebirgen Caſti⸗ liens, in die Berge Aſturiens, und fuhr fort, die nach Madrid fuͤhrende Landſtraße zu beunruhigen, ohne daß er in Allem mehr als zwanzig Mann verloren hatte. Aehnliche Angriffe auf andere Partheigaͤnger hatten eben ſo wenig Erfolg. Heute von der Ueber⸗ macht verdraͤngt, zeigten wir uns Morgen in einer anderen Gegend, ſo, daß endlich die Franzoſen glaubten, wir erſtiegen aus dem Bauche der Erde. So wie die fraͤnkiſchen Truppen von den ver⸗ ſchiedenen Poſten abzogen, um die Armeen in Portugal und im ſuͤdlichen Spanien zu verſtaͤrken, wurden die Guerillas noch bei weitem zahlreicher, und mit unſerer Anzahl ſtieg unſere Kuͤhnheit, ſo daß die Franzoſen ihre Couriere und Convoys von immer ſtaͤrkeren Escorten begleiten laſſen mußten, ——— Die Beute, welche in unſere Haͤnde ſiel, erſetzte oft, wenigſtens zum Theil dasjenige, was der Feind geraubt oder verwuͤſtet hatte; waͤhrend die jungen Maͤnner, die an unſerer freien Lebensweiſe Geſchmack fanden, uns in Schaaren zuſtroͤmten. Mehrere der Anfuͤhrer, welche vor einigen Mo⸗ naten hoͤchſtens zwei⸗ bis dreihundert Mann unter ihrem Befehle hatten, ſtanden jetzt an der Spitze furchtbarer Diviſionen, und nahmen nicht ſelten ganze, fur die Armeen im Suͤden beſtimmte Convoys von Ammunition und Vorraͤthen aller Art weg. Da dieſe Sendungen, oft ſechs⸗ bis ſiebenhundert Stunden Wegs zuruͤckzulegen hatten, und alle Landſtraßen von Guerillas wimmelten, erreichten ſie in der That nur ſelten den Ort ihrer Beſtimmung. Die Bauern, deren Zugvieh in Requiſition geſetzt worden war, verſaͤumten es nie, uns in voraus zu berichten, wie zahlreich die Escorte ſey, von der dieſer oder jener Convoy be⸗ gleitet wurde; und leiſteten uns auch bei dem Ueberfalle huͤlfreiche Hand. Die gewoͤhnliche Escorte eines Couriers beſtand aus breihrundert Dragonern; war derſelbe aber aus dem Innern von Spanien nach Frankreich be⸗ ſtimmt, ward er nicht ſelten von zwei⸗ bis drei⸗ tauſend Mann begleitet, und ſelbſt dann war er nicht ſicher, uͤberfallen und gepluͤndert zu werden. 1 —. 16— Im November 1810, als General Foix von Maſ⸗ ſena nach Frankreich geſandt ward, wurde er von zweitauſend, und bei ſeiner Nuͤckkehr aus Frank⸗ reich von dreitauſend Mann escortirt, trotz dem aber befand er ſich bei Longa nahe bei Pancorbo in großer Gefahr. Aus den Privatdepeſchen der franzoͤſiſchen Generaͤle, welche wir auffingen, erſa⸗ hen wir, wie ſie ſich oft uͤber die Nothwendigkeit beklagten, ihre Diviſionen zerſtuͤckeln zu muͤſſen, um die Ruhe in den eroberten Provinzen aufrecht zu erhalten. So taͤglich auf allen Seiten von einer be⸗ waffneten Bevoͤlkerung bedroht, wurden ihre Heere durch Nachtwachen und raſtloſe Anſtrengungen auf⸗ gerieben. Von Irun nach Cadiz befanden ſich dieſelben in einem Zuſtande fortwaͤhrender Blo⸗ kade, und ſie konnten ſich im eigentlichen Sinne des Worts nur Herrn des Bodens nennen, auf dem ihre Fuͤße ſtanden. So wurden die Franzo⸗ ſen mit jedem Tage immer mehr und mehr ent⸗ muthigt, ſo daß ſie endlich ihre eigenen Schatten zu fuͤrchten begannen. Spanien ſchien ihnen nur ein Land voll Moͤrder; was ihnen die Kraft Boͤ⸗ ſes zufuͤgte, dafuͤr ſuchten ſie an der Schwaͤche und der Unſchuld Rache zu nehmen.— — 171— 2. Bei meiner Diviſion angelangt, welche im Ver⸗ ein mit der Diviſion Duran, Soria belagern ſollte, ward ich beauftragt, zu verhindern, daß der Stadt Vorraͤthe zugefuͤhrt wuͤrden; endlich nach einer Blokade von einem Monate, nahmen wir die Stadt mit Sturm, und zwangen die Garniſon, ſich mit dem Verluſte von hundert und funfzig Todten und dreißig Gefangenen in die Citadelle zuruͤckzuziehen. Nach einer fruchtloſen monatlichen Belagerung der Letzteren, waren wir indeß, aus Mangel an ſchwerem Geſchuͤtz, gezwungen, dieſelbe aufzugeben; bevor wir dies aber thaten, zerſtoͤrten wir ſaͤmmtliche Feſtungswerke der Stadt. Die Belagerten hatten Gelegenheit gefunden, den Ge⸗ neral Wandermaßen mit ihrer Lage bekannt zu machen. Derſelbe befand ſich damals in der Ge⸗ gend von Aranda, wo er mit zehntauſend Mann den Prieſter Merino verfolgte; auch hatte er be⸗ reits einige Mitglieder der Provinzial⸗Junta ge⸗ fangen genommen und erſchießen laſſen. Merino aber raͤchte ſich dafuͤr, denn als einige Monate ſpaͤter ſieben hundert Polen in ſeine Haͤnde fielen, ließ er zweihundert davon niederſchießen. Wie es den Belagerten hatte gelingen koͤnnen, den Franzoſen Kunde von ihrer Lage zu geben, II.. BB — 18— konnten wir nicht begreifen, denn wir waren ſtets bemuͤht geweſen, ihre Kundſchafter und Boten aufzufangen. Wurde ein ſolcher ergriffen, ward er ſofort gaͤnzlich entkleidet, um nachzuſehen, ob er auch Papiere, Riſſe oder ſonſt dergleichen Ver⸗ daͤchtiges bei ſich fuͤhre; war dieſes der Fall, ſo wur⸗ den ihm unverzuͤglich die Ohren abgeſchnitten, und auf ſeine Stirn mit einem gluͤhenden Eiſen, das Wort Espia(Spion) eingebrannt. Dieſes Zei⸗ chen mußte er dann ſein Lebelang tragen, wenn es ihm naͤmlich gelang, die ſchmerzvolle Operation zu uͤberleben. Ward ein von uns ſchon einmal ergriffener Spaͤher zum zweitenmale von uns ge⸗ fangen genommen, ward ihm ohne Weiteres der Kopf abgeſchlagen. Die Diviſion des Generals Wandermaßen langte zu Soria an, als wir uns noch in der Naͤhe dieſes Orts befanden. Er verſtaͤrkte die Beſatzung und ließ Waͤlle aufwerfen, woran alle Bewohner der Stadt und der Umgegend arbeiten mußten, ohne daß ſie dafuͤr die geringſte Bezahlung erhiel⸗ ten; dann brach er mit achttauſend Mann auf, um uns zu verfolgen, wir aber zogen uns in die Gebirge gen Almazan zuruͤck. In dieſen Bergen verſuchten es die Franzoſen oft, uns einzuſchlie⸗ ßen, und uns zu einem entſcheidenden Gefechte zu zwingen; wir zogen uns indeß von Anhoͤhe zu — 49— Anhoͤhe, von Felſen zu Felſen zuruͤck, ohne mit Feuern inne zu halten, und ohne daß ſie ihren Zweck erreichen konnten. In dieſen Scharmuͤtzeln kamen nicht ſelten mehrere Bauern, deren Wohnungen von den Fran⸗ zoſen zerſtoͤrt worden waren, mit Flinten bewaffnet zum Vorſchein, um, ſo gut dies zu thun in ihrer Macht ſtand, an dem Feinde Rache zu nehmen, wobei die Weiber ihre Gatten ermuthigten, indem ſie feurige, patriotiſche Lieder ſangen, in denen das Verdammungsurtheil jedes Franken unwider⸗ ruflich ausgeſprochen wurde. Selbſt ganz junge Kinder dienten uns als Spione; oft boten ſich ſieben⸗ bis achtjaͤhrige Knaben den Franzoſen zu Fuͤhrern an, und mit eigener Lebensgefahr fuͤhr⸗ ten ſie ſie dann unſerem Feuer entgegen. Es ſchien, als ob um dieſe Zeit von den Franzoſen jedes moraliſche Gefuͤhl gewichen ſey; bei ihren gierigen Nachſuchungen nach Beute ent⸗ heiligten ſie die Kirchen, beraubten dieſelben mit frevelhafter Hand ihrer Kleinodien; erbrachen die Graͤber, und entweihten die Aſche der Todten, um ſich dafuͤr zu raͤchen, daß ſich die Lebenden ihrer Gewalt entzogen hatten. Ein ſolches Benehmen aber mußte die Grundſaͤulen der militairiſchen Disciplin erſchuͤttern, ohne welche kein Heer zu ſiegen oder ſeine Siege zu behhutenf vermag. = — 20— Da ſich General Wandermaßen unterdeſſen uͤberzeugt hatte, daß er, falls er fortfahre uns zu verfolgen, nichts gewinnen wuͤrde, leicht aber ſein ganzes Corps einbuͤßen koͤnne, kehrte er nach Soria zuruͤck, wobei er in jedem Dorfe, das auf ſeinem Wege lag, Contributionen erhob, dadurch aber die Zahl ſeiner Feinde nur noch vermehrte. Seine Krieger ließen diejenigen der friedlichen Einwohner, welche nicht geflohen waren, fuͤr die Uebrigen bu⸗ ßen, und fuͤhrten die Prieſter, Alkalden und wohl⸗ habendſten Maͤnner als Geißel mit ſich fort, in der Abſicht, ſie bei ſich zu behalten, bis die uͤbri⸗ gen Bewohner wieder erſcheinen und die verlangte Contribution zahlen wuͤrden. Dies half ihnen in⸗ deß zu nichts; denn die Geißeln wußten in den ihnen wohlbekannten Gegenden gar oft die Wach⸗ ſamkeit ihrer Huͤter zu taͤuſchen, weshalb es denn in dieſem gebirgigen Diſtrikt den Franzoſen auch nur ſelten gelang, Contributionen zu erheben. Als wir gewahrten, daß der Feind uns nicht jenſeits Yanguos verfolgen wollte, beſchloſſen wir, ihm unſererſeits nachzuſetzen; wir waren ſtets ſei⸗ nem Nachtrab auf den Ferſen, neckten ihn Tag und Nacht, griffen ihn an, ſobald ſich uns eine Gelegenheit dazu darbot, zerſtreueten uns, ſo wie uns ſeine Colonnen zu umringen begannen, nur aber, um uns ſofort an einem anderen Orte zu —- 21— ſammeln, und fielen dann, wenn ſie uns weit entfernt glaubten, ploͤtzlich aus einem Hinterhalte wieder uͤber ſie her. Eines Tages, nachdem wir dem Corps des Generals Wandermaßen anfangs bis Soria, dann aber bis auf einige Stunden vor Aranda gefolgt waren, verließ ich die Landſtraße, und gewahrte, als ich in ein Dickicht kam, zehn oder zwoͤlf Non⸗ nen, welche auf ihren Knieen lagen und inbruͤn⸗ ſtig beteten. Dieſe armen Geſchoͤpfe, welche zu⸗ vor noch nie ihre Kloſtermauern verlaſſen hatten, waren bei der Kunde von der Annaͤherung der Franzoſen aus demſelben entflohen, und hatten, nachdem ſie ſo weit gegangen waren, als ihre zarten Glieder ſie fortzutragen vermochten, Zu⸗ flucht in dieſen Waͤldern geſucht. Als ſie den Schall der Hufſchlaͤge meines Roſſes vernahmen, waren ſie nieder auf ihre Kniee geſunken, um ſich dem Schutze des Ewigen anzuempfehlen, denn ſie glaubten, daß Franzoſen naheten. In den Geſichtern dieſer armen Nonnen lag ein Ausdruck von Unſchuld und Ergebung, welcher das innigſte Mitleid erregte. Ich theilte mit ihnen das we⸗ nige Brod, was ich bei mir hatte, und escortirte ſie zuruͤck nach ihrem Kloſter, welches in der Ge⸗ gend von Osma lag. -— 2— Bald darauf vereinigte ich mich wieder mit — meinem Corps, und nunmehr zogen wir in dieſe Stadt unter allgemeinem Jubelgeſchrei ein. Maͤn⸗ ner, Weiber und Kinder, Alles ſtroͤmte uns ent⸗ gegen, um uns zu umarmen. Die Freude der Einwohner waͤhrend unſeres Aufenthaltes in dieſem Orte, war gewiſſermaßen eine Entſchaͤdigung fuͤr die Leiden, welche wir erduldet hatten. Zu tau⸗ ſendfachen Drangſalen und Gefahren verurtheilt, war es uns wohl zu verargen, daß wir die Freu⸗ den des Lebens genoſſen, wenn ſie ſich uns dar⸗ boten? Wir hatten uns laͤngſt in unſerem krie⸗ geriſchen Treiben daran gewoͤhnt, den Tod als 3 eine Sache von Unbedeutſamkeit zu betrachten, wir beklagten unſere Kameraden, wenn ſie verwundet wurden, waren ſie aber erſt in eine andere Welt hinuͤber gegangen, wurde ihrer nicht mehr erwaͤhnt. Ein Seufzer oder eine Thraͤne war Alles, was der ſterbende Vaterlandsvertheidiger, ſelbſt von ſei⸗ 3 V nem beßten Freunde, erwarten konnte. Eine ſolche 35 Gleichguͤltigkeit war indeß zu unſerer Erhaltung V V nothwendig. Aber dies gefaͤhrliche und bewegte Leben hatte auch ſeine Reize. Die faſt taͤglich ſtattfindenden unerwarteten Begebenheiten hielten die lange Weile fern, und ließen uns ſelbſt in der Mitte unſerer Gefahren Freuden finden. Wirr kehrten nunmehr zu den klaſſiſchen Ge⸗ 3 ⸗ „ genden zuruͤck, wo jede Stelle dem ſpaniſchen Pa⸗ trioten heilig iſt, wo einſt Numantia ſtand. Oft wenn ich auf ihren einſamen Ruinen ruhte, habe ich vor meine Phantaſie jene Tage des ſpaniſchen Ruhms zuruͤckgerufen, in welchen die Buͤrger die⸗ ſer Stadt kuͤhn die Mauern derſelben gegen die roͤmiſchen Legionen vertheidigten, und es endlich vorzogen, ſich in die Flammen zu ſtuͤrzen, als das Joch der Sklaverei auf ſich zu laden. Als ich eines Tages wieder meine Schritte nach dieſen Ruinen lenkte, erblickte ich einen mei⸗ ner Kameraden, Namens Ramirez, welcher, das Haupt auf ſeine Hand geſtützt, auf einem Steine ſaß. Er war ſo tief in ſeine Gedanken verſun⸗ kei, daß er meine Annaͤherung nicht gewahrte. Obgleich er kaum ſechs und dreißig Jahre alt, war ſeine Stirn dennoch ſchon gefurcht, ſein Haar ergrauet und auf ſein Antlitz das Gepraͤge des Kummers eingedruͤckt, ſo daß man ihn beim erſten Anblick fuͤr weit aͤlter hielt. Er war immer ſehr zuruͤckgezogen und ſchien eine Beute inneren Gra⸗ mes, denn er war ſtets fuͤr ſich allein, und wir hatten uns bis jetzt kaum begruͤßt. Zuweilen hatte ich indeß bemerkt, daß ſich ſeine Blicke mit einem unbeſchreiblichen, mir ewig unvergeßlichen Ausdruck des Schmerzes auf mich richteten. Einſt befanden wir uns bei einem Angriffe dicht neben einander, — da rief er mir zu:„Nur muthig drein geſchla⸗ gen, Lara, auch Sie haben Unrecht zu raͤchen!“ Er ſprach dieſe Worte mit einem Gemiſch von Freude und Entſetzen, und focht dann wie ein Verzweifelnder. Ein⸗ oder zweimal ſpaͤter ſchien er im Begriff, mich anzureden, immer aber hielt er wieder inne, und dann ward er noch zuruͤckhal⸗ tender als zuvor. Dieſes ſeltſame Benehmen machte meine Neugier gewaltig rege, und da ich ihn jetzt gewahrte, uͤberlegte ich, ob ich ihn anreden ſolle oder nicht. In dieſem Augenblick erhob er ſein Haupt, warf einen wilden Blick umher, und eilte, als er mich ſah, auf mich zu; ſchnell aber, als er mich faſt ſchon erreicht hatte, blieb er ploͤtzlich ſtehen, und richtete ſein Auge auf mich, ſo, als kaͤmpfe er mit irgend einem ſchmerzlichen Gefuͤhle. End⸗ lich brach er in Thraͤnen aus, und auch in mei⸗ ne Augen draͤngten ſich Zaͤhren, denn ich empfand das groͤßte Mitleid mit ſeinem mir noch unbekann⸗ ten Grame.„Wir ſollten uns ſchaͤmen,“ begann er endlich, indem er ſich mit der Hand uͤber das thraͤnenfeuchte Antlitz fuhr,„wir ſollten uns ſchaͤ⸗ men, daß wir hier ſtehen und unſere Wangen mit unſeren Zaͤhren benetzen, waͤhrend unſere Schwer⸗ ter mit dem Blute unſerer Feinde befleckt ſeyn ſollten.“ — 25— „Erklaͤren Sie ſich,“ verſetzte ich,„und er⸗ leichtern Sie Ihren Gram, indem Sie ihn in die Bruſt eines Ihrer Kameraden ausſchütten, der gern Ihr Freund werden moͤchte.“ „Nein, ach nein!“ entgegnete er,„eine ſolche Mittheilung wuͤrde Ihre Ruhe vernichten!“ Ich fuhr dennoch fort, in ihn zu dringen, und er erwiederte: „Armer Lara! Sie ahnen nicht, wie nahe mein Ungluͤck Sie angeht!“ „Was ſoll das heißen?“ fragte ich aͤngſtlich, „ich beſchwoͤre Sie, erklaͤren Sie ſich.“ „ Wohlan denn,“ antwortete er nach einer kurzen Pauſe,„Sie wuͤrden es ſpaͤterhin doch er⸗ fahren, und ſo kann ich es Ihnen auch jetzt ſa⸗ gen.— Ihr Bruder— Don Raimundo— ich kannte ihn— Sie ſind ſeinem Andenken blutige Rache ſchuldig— Rache, die Sie an jedem Fran⸗ ken nehmen muͤſſen, der in Ihre Haͤnde faͤllt.— Seine Seele iſt im Himmel— aber ſie ruft laut um Rache.“ Ich war ob dieſer furchtbaren Kunde von Schrecken erfaßt, mein Herz blutete und meine Thraͤnen ſtockten, ich lehnte mein Haupt an Ra⸗ mirez Schulter, welcher daſtand mit Zaͤhren in den Augen. Eine lange Pauſe erfolgte, aber der Schleier, welcher bisher Ramirez Gram bedeckte, 1 — 2— war zerriſſen, er fand ein theilnehmendes Herz, 4 und ſein eigenes fuͤhlte ſich durch den Troſt, den er mir ſpendete, ungemein erleichtert. „Der beßte Balſam, den ich in Ihre See⸗ 1 lenwunde gießen kann,“ ſprach er,„iſt die Er⸗ zaͤhlung meiner eignen Leidensgeſchichte. Im Ver⸗ gleich mit dem Meinigen, wird Ihnen Ihr Ungluͤck 5 leichter erſcheinen.“ — 27— „Ich bin zu Villa⸗Caſtin geboren,“ begann Ra⸗ mirez, indem er ſich neben mich niederließ,„und lebte dort gluͤcklich mit meinem Weibe und zwei Kindern, einem Sohne und einer Tochter, bis der grauſame Dunier anlangte. Mein Sohn hatte ſein funfzehntes, ſeine Schweſter ihr ſechzehntes Jahr erreicht, und ihre gegenſeitige Liebe erregte fuͤr ſie das Intereſſe Aller derer, die ſie kannten. Sehnſuchtsvoll danach verlangend, ſich der Zahl der Vaterlandsvertheidiger anzureihen, flehte mich mein Sohn um die Erlaubniß an, gegen den ge⸗ meinſchaftlichen Feind die Waffen ergreifen zu duͤr⸗ fen, welches ich indeß in Nuͤckſicht ſeiner Jugend und Unerfahrenheit nicht zugeben wollte. Erſt als Ihr Bruder, Don Raimundo, bei uns anlangte und im Verein mit meinem Sohne in mich drang, gab ich die Abreiſe des Letzteren zu.“ „Ich muß Ihnen indeß hier noch bemerken, daß Raimundo kaum meine Tochter ſah, als er auch ſofort die heftigſte Leidenſchaft fuͤr ſie zu hegen begann; er ſprach daruͤber mit mir mit der ihm eigenthuͤmlichen Freimuͤthigkeit. Er ſtand da⸗ mals an der Spitze eines zu Empecinado's Trup⸗ pen gehoͤrenden Kavallerie⸗Detaſchements, denn er hatte die Abſicht, ſich in Cadix der Armee des 8 — 28— Balleſteros anzuſchließen, aufgegeben. Seine Ju⸗ gend, ſein Muth, ſeine ritterliche Galanterie konn⸗ ten von Dorothea nicht unbemerkt bleiben, deren Reizen er die groͤßte Bewunderung zollte. Sie lieb⸗ ten ſich gegenſeitig auf das Zaͤrtlichſte, und ſchie⸗ nen in der That auch fuͤr einander geſchaffen— denn Beide theilten dieſelben großmuͤthigen Gefuͤhle, dieſelbe Guͤte des Herzens.“ „Der Tag, an dem mein Sohn in Don Rai⸗ mundo's Geſellſchaft ſich aus meinem Hauſe ent⸗ fernte, war fuͤr uns Alle ein Tag der Trauer; ſie verließen uns indeß, und erſt einen Monat ſpaͤter bekamen wir Kunde von ihnen— abee, o Gott! welche Kunde!“ „Ich erholte mich eben von äiner ernſthaften Krankheit, die mich gleich nach der Entfernung meines Sohnes befallen hatte, als wir eines Ta⸗ ges, als meine Gattin und ich ſchwermuthsvoll auf dem Balkon ſaßen, ploͤtzlich Trommelſchlag vernahmen, und eine Menge Volk gewahrten, das einer Schaar Franzoſen folgte, die zwei Juͤnglinge und einen Prieſter gebunden mit ſich fortſchleppte. Begierig zu erfahren, wer dieſe waͤren, erhob ich mich von meinem Sitze, um mich hinab zu bege⸗ ben; kaum aber war ich aufgeſtanden, als auch ſchon der Name meines Sohnes, im Verein mit dem Ihres Bruders, von der Menſchenmenge angſt⸗ — 29— voll ausgerufen, zu mir herauf erſcholl. Ich hoͤrte nichts mehr, ſondern ſank bewußtlos in meinen Stuhl zuruͤck; das Geſchrei meiner Gattin rief die Diener herbei, und ich ward fuͤr todt auf mein Lager gebracht.) „Dorothea, meine ungluͤckliche Tochter, war in dieſem Augenblicke nicht daheim, ſie war aus⸗ gegangen, um eine Freundin zu beſuchen, aber die Schreckenskunde, daß ihr Bruder und ihr Gelieb⸗ ter von den Franzoſen gefangen genommen und in die Stadt geſchleppt waͤren, um hingerichtet zu werden, erreichte bald ihr Ohr. Nach dem erſten heftigſten Schmerze, gab ſie ſich indeß der Hoff⸗ nung hin, daß es ihr vielleicht gelingen werde, das Herz des grauſamen Dunier zum Mitleid zu be⸗ wegen.“ „ Sie ſtuͤrzte ſofort nach Hauſe zuruͤck, um mich um die Erlaubniß zu bitten, ſich dem fraͤn⸗ kiſchen Befehlshaber zu Fuͤßen werfen zu duͤrfen; da ich aber noch immer in einem bewußtloſen Zuſtande dalag, beſchloß ſie, dieſen Schritt ohne Weiteres zu thun, nachdem ſie indeß zuvor dazu die Einwilligung ihrer tief bekuͤmmerten Mutter erhalten hatte. Von einer Magd begleitet, begab ſie ſich ſofort nach dem Hauſe, in welchem ſich Dunier einquartiert hatte, und wo ſie auch unver⸗ zuͤglich in ſein Zimmer gefuͤhrt ward. Seine wilden — 30— Blicke aber und ſeine zuruͤckſtoßenden Geſichtszuͤge machten ihr Blut erſtarren, und ihre Hoffnung begann zu ſchwinden; dennoch aber warf ſie ſich auf ihre Kniee nieder, und gab ſich dem Wuͤthrich als Manuels Schweſter zu erkennen.“ „Ich will Ihnen, wenn ich es vermag, Alles das wiederholen, was der herzloſe Boͤſewicht mei⸗ ner Tochter antwortete. Sie werden ſich uͤberzeu⸗ gen, daß nur ein Teufel in Menſchengeſtalt faͤhig ſeyn konnte, ſeine Grauſamkeit dergeſtalt durch Hohn und Spott zu vermehren.„Was verlangſt Du, Kind?“ fragte er, als er die Knieende in ihter de⸗ muͤthigen Stellung gewahrte.“ „Dorothea, welche glaubte, daß er, weil er ſie Kind nannte, einiges Mitleid fuͤhle, ſchoͤpfte neue Hoffnung, und fand den Muth, ihre Worte anzubringen.„Wenn der Name Schweſter und Freundin der beiden ungluͤcklichen Juͤnglinge, die ſich in Ihren Haͤnden befinden,“ ſprach ſie,„nicht hinreicht, Ihnen mein Anliegen zu offenbaren, o ſo moͤgen meine Thraͤnen— meine ſch e hlüchan Thraͤnen fuͤr mich reden.“— .„Dunier entgegnete nichts, ſondern betrachtet⸗ ſie nur mit einem laͤchelnden Blick, waͤhrend die Ungluͤckliche fortfuhr, ihn anzuflehen, daß er doch die Hinrichtung verſchieben moͤge, damit ich Zeit gewoͤnne, die Gnade des Gouverneurs fuͤr einen Sohn anzuflehen, deſſen jugendliche Unerfahrenheit doch ſeinem Vergehen zur Entſchuldigung dienen muͤſſe.— Statt aber ihrer Bitte zu achten, ver⸗ ſchlang der ſchaͤndliche Dunier ſie mit ſeinen Augen, denn ſeine buͤbiſche Bruſt hatte bereits ein ganz anderes Gefuͤhl, als Mitleid, zu naͤhren begonnen; er weigerte ſich nicht nur ihr Verlangen zu erfuͤl⸗ len, ſondern behauptete ſogar, er muͤſſe ſofort die Befehle in Ausfuͤhrung bringen, die er von dem Gouverneur erhalten zu haben vorgab. Und waͤh⸗ rend ſie noch immer in ihrer knieenden Stellung beharrte, die Haͤnde flehend zu ihm empor geſtreckt, ging er, ſich an ihrer Herzensangſt weidend, gleich⸗ guͤltig im Zimmer auf und ab.“ „Plöͤtzlich hemmte er indeß ſeine Schritte, er⸗ faßte ihre Hand und ſprach:„dieſe knieende Lage, mein Kind, ziemt ſich nicht fuͤr ein ſo reizendes Geſchoͤpf, als Du biſt.— Komm, ſteh' auf, ſetz Dich hier neben mich, und laß uns mit mehr Bequemlichkeit von der Sache reden, die in der That ſchwierig zu beſeitigen iſt. Was aber koͤnnte die Schoͤnheit nicht erlangen? Sie vermag in der That Alles— Alles. Komm, trockene Deine Thraͤ⸗ nen, die Liebe mag kein weinendes Geſicht. Gieb mir dieſe kleine Hand, die es traun werth waͤre, das Scepter unſeres Kaiſers zu fuͤhren.“ „Dorothea, welche trotz ihrer Argloſigkeit den⸗ — 32— noch begriff, daß das leichte, an Unverſchaͤmtheit graͤnzende Benehmen des Franken nur ſchlecht zu der traurigen Lage paſſe, in der ſie ſich befand, entzog ihm ihre Hand und knieete neuerdings vor ihm nieder, indem ſie ihre Bitte noch dlchendee wiederholte.“ „Komm, laß das, ſteh auf und ſetze Dich neben mich,“ gebot Dunier ungeduldig,„ich liebe Dich wahrlich ſchon zu ſehr, als daß ich Dich vor mir auf den Knieen ſehen koͤnnte. Sprich auf⸗ richtig, welche Vergeltung habe ich von Dir zu erwarten, wenn ich das Leben Deines Bruders und Deines Freundes rette?“ „Reicht das Vermoͤgen meines Vaters nicht hin,“ entgegnete Dorothea,„ſo bin ich bereit, mein Leben fuͤr das ihrige zum Opfer zu bringen, wahr⸗ lich, ich wuͤrde gerne ſterben, koͤnnte ich ſie da⸗ durch vom Tode retten.“ „Bei dieſen Worten brach der Elende in ein lautes Gelaͤchter aus.„Pah, pah!“ rief er, „was fuͤr ein albernes Maͤdchen biſt Du doch. Sein Leben fuͤr Andere hingeben, wahrlich, das thut nur ein Thor. Was wuͤrdeſt Du ſagen, wenn man dieſen ſchoͤnen Hals mit einem dicken Strick umwaͤnde, und Dich zum Schaffot ſchleppte, um Dich dort aufzuhaͤngen? Und alle dieſe Qua⸗ len — 33— len wollteſt Du erdulden, um das Leben Deines Bruders zu retten?“ „O Himmel, Himinel!“ jacimerte Darethen von Schrecken erfaßt. „Beruhige Dich“ nahm Dunier wieder das Wort,„ich verlange ein ſolches Opfer nicht. Meine Forderung iſt weit geringer; glaube mir, es ſteht in Deiner Gewalt, Deinen Bruder zu retten. Deines Vaters Vermoͤgen kommt dabei nicht in Anſchlag, das gehoͤrt mir ohnehin, weil er es ſeinem Sohne geſtattet hat, ſich den Naͤu⸗ bern anzuſchließen.— Dennoch aber laͤßt ſich die Sache machen— verſteht ſich, wenn Du mein Verlangen erfuͤllſt, „Ich bin zu Allem bereit, was Sie von mir fordern koͤnnen,“ rief meine argloſe Tochter,„ich will mich, wenn es ſeyn muß, nach Frankreich ſchleppen laſſen, um mit dieſen meinen Haͤnden Ihr Land zu bebauen oder Ihre Heerden zu weiden.“ „Was faͤllt Dir ein, mein Kind?“ unter⸗ brach ſie der luͤſternde Franke,„wie wuͤrde ich es je zugeben, daß dieſe ſchoͤnen Haͤnde, dieſe reizen⸗ den Glieder ſich mit der ſchmutzigen Feldarbeit be⸗ ſchaͤftigten. Ich verlange weit weniger.“— Die ſchuldloſe Dorothea konnte noch immer ſeine Meinung nicht begreifen; als er ſich aber II. 3 — 34— nunmehr deutlicher erklaͤrte, wandelte ſich ihre Angſt ploͤtzlich in Zorn, und ſie ſchwur, lieber von ihrer eigenen Hand zu ſterben, als ſeinen ſchaͤndlichen Antraͤgen Gehoͤr zu geben.“ „Der Barbar, erzuͤrnt ob ihrer Weigerung, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, ſchwur hoch und theuer, er wolle die Raͤuber, 4 fuͤr die ſie ſich verwende, verbrennen laſſen, und verſuchte uͤberhaupt jedwedes Mittel, die Ungluͤck⸗ liche zu bewegen, ſich in ſeinen Willen zu fuͤgen. Als ihm dies aber durchaus nicht gelingen wollte, entwarf er endlich einen Plan, durch den er hoffte, ſeine verruchte Abſicht zu erreichen, ohne offenbare Gewalt zu gebrauchen, er nahm naͤmlich ſeine Zu⸗ flucht zu einer wahrhaft teufliſchen Liſt.“ „Nachdem er die Herzensangſt meiner Tochter durch die graͤßlichſten Drohungen aufs Hoͤchſte ge⸗ ſteigert hatte, hielt er inne, bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden, und verweilte eine Zeitlang in dieſer ſinnenden Stellung. Dann rief er ploͤtzlich, als bereue er, was er geſagt:„ja, ich hatte Un⸗ recht, ich bekenne es, ich bin ein Barbar— ein Ungeheuer! O ſchoͤne Dorothea, verzeihen Sie mir, hier zu Ihren Fuͤßen will ich knieen, bis Sie mir mein unwuͤrdiges Benehmen verzeihen.“„ „Dorothea ob dieſer ploͤtzlichen Veraͤnderung erſtaunt, ſprach ihre Verwunderung daruͤber aus, — 35— da aber erfaßte er ihre Hand und ſchwur wieder⸗ holt, nicht eher aufzuſtehn, als bis ſie ihm verziehen haben wuͤrde. Wobei er betheuerte, ſich fortan nur nach ihrem Willen richten zu wollen.„Nur darum flehe ich Sie an,“ fuͤgte er hinzu,„dar⸗ um bitte ich Sie, verzeihen Sie mir.“ „Ich verzeihe Ihnen— verzeihen nun aber auch Sie meinem unglücklichen Bruder,“ ſtam⸗ melte die weinende Dorothea. „Zuvor muß ich Ihrer Verzeihung gewiß ſeyn,“ entgegnete der Franke,„dann bin ich bereit alle Ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen; ich will Ihnen meine Hand reichen, Sie ſollen meine geliebte Gattin werden.“ „O Himmel!“ rief Dorothea,„was fordern Sie von mir?“ Was ich ſo eben Lhsgernehchen habe,“ ver⸗ ſebte der Franzoſe,„Obriſt Dunier iſt entſchloſſen, Ihr zaͤrtlicher Gatte zu werden, hier auf meinen Knieen trage ich Ihnen, theuere Dorothea, meine Hand an, auf keine andere Weiſe kann ich mein unverantwortliches Benehmen von vorhin wieder gut machen. Nennen Sie ſelbſt mir einen Geiſt⸗ lichen, der uns mit einander verbinden kann, ich bin ein Katholik wie Sie, und wuͤnſche vor dem Altare unſerer heiligen Kirche mit Ihnen vereinigt zu werden.“ 3* „Die aͤrgloſe Dorothea, getaͤuſcht von den heuchleriſchen Worten des verraͤtheriſchen Dunier, zweifelte nicht laͤnger an der Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen.„Wie koͤnnen Sie mein Gatte werden,“ rief ſie aus,„Sie der erk laͤrte Feind meiner ungluͤcklichen Landsleute!“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Dunker,„ich war bis jetzt ein grauſamer Gegner derſelben, von heute an werde ich aber ihr beßter Freund ſeyn. Ich will Ihnen von meiner Liebe ſo uͤberzeugende Be⸗ weiſe geben, daß jeder Argwohn aus Ihrer Seele ſchwinden ſoll. Noch heute gehe ich zu den Spa⸗ niern uͤber, und will fortan dem Lande treu blei⸗ ben, in dem Dorothes das Licht der Wele er⸗ blickte.“ „Unmoͤglich, unmäglich!“ ſtammelte meine Tochter,„ich habe einem Anderen Treue gelobt, braͤche ich mein Wort, er wuͤrde mich verachten, wuͤrde es mir nimmer verzeihen.“ „Wer iſt dieſer Andere?“ fragte Dunier. „Es iſt,“ antwortete das argloſe Maͤdchen, „Don Raimundo de Lara, der junge Offizier, der mit meinem Bruder gefangen eingebracht wurde. 7 „Dunier runzelte ſeine Stirn und ſchwieg einige Augenblicke lang. Endlich nahm er wieder das Wort:„Wohlan,“ ſprach er,„ich muß Ih⸗ nen nur reinen Wein einſchenken. Sie geben ſich r r — 37— einer thoͤrichten Hoffnung hin, wenn Sie glauben⸗ daß dieſer junge Mann noch Ihrer gedenkt; er ward von unſeren Leuten in einer Dorfkirche ge⸗ fangen genommen, grade als der Pfarrer vor dem Altare ſeine Hand in die einer Anderen legte.“ „Ewiger Gott!“ rief Dorothea,„was muß ich hoͤren! Das fehlte nur noch, um das Maaß meines Elends zu fuͤllen! Raimundo mir treu⸗ los!— unmoͤglich! unmoͤglich!“ „Bezweifeln Sie etwa die Wahrheit n meiner. Ausſage,“ ſprach Dunier,„ich kann Sie davon uͤberzeugen. Sie ſollen ſeine Gattin ſehen, die, ward ſie gleich von unſeren Soldaten zuruͤckgewieſen, ihm bis hieher folgte, und ſich in dem angränzen⸗ den Gemache befindet; ich ſelbſt will gehen und ſie hieherfuͤhren. 4 „Ho ſprechend, eilte er von dannen, die un⸗ gluͤckliche Dorothea in Thraͤnen zuruͤcklaſſend. Nach wenigen Augenblicken ſchon kehrte er wieder,„Rai⸗ mundo's Weib betet,“ ſprach er,„ich wollte ſie nicht ſtoͤren, Sie koͤnnen Sie aber durch dieſe Glas⸗ thuͤr ſehen.”“ Und Dorothea zur Thuͤr fuͤhrend, zog er einen Vorhang zuruck, ſo daß meine un⸗ gluͤckliche Tochter ein Frauenzimmer gewahren konn⸗ te, welches auf den Knieen lag, ihre Haͤnde zum Himmel emporſtreckte, und ſich im eifrigen Gehet Raimundo's Gattin nannte.“ 1 — 38— „Es war eins jener veraͤchtlichen Geſchoͤpfe, die ihre Ehre den fraͤnkiſchen Offizieren preisgege⸗ ben haben, und die von Dunier, waͤhrend ſeiner kurzen Abweſenheit, in der Rolle, die ſie ſpielen ſollte, unterrichtet worden war.„Koͤnnen Sie noch zweifeln?“ fragte der Boͤſewicht. „Dorothea ſank zuruͤck auf einen Stuhl.„Wer haͤtte das glauben koͤnnen!“ jammerte ſie. „Er iſt ein Elender!“ nahm Dunier wieder das Wort,„vergeſſen wir ihn und laſſen Sie uns nur auf die Rettung Ihres Bruders denken! Raimundo verdient den Tod, der ſeiner harrt.“ „O nein, nein!“ rief Dorothea lebhaft,„ich beſchwoͤre Sie, retten Sie auch ihn— laſſen Sie mich ſeine Treuloſigkeit durch einen Liebesdienſt vergelten! Er moͤge mir ſein Leben verdanken, und dann an der Seite einer Anderen gluͤcklich werden!“ 38 M2 „Großmuͤthiges Geſchoͤpf,“ ſprach Dunier, indem er ihre Hand an ſeine Lippen druͤckte, wie verehre ich Dich! Aber wir haben keine Zeit zu verlieren, komm laß uns vereint werden, und ich will Deinem Bruder und dem Treuloſen, der Dich einer Anderen aufopferte, die Freiheit ſchenken. Dann ſchließe ich mich Deinen Landsleuten an, um gemeinſchaftlich mit ihnen fuͤr die gerechte Sa⸗ che zu kaͤmpfen.“ „Dorothea ſtand ſchweigend und bebend da; ſie verabſcheuete die ihr vorgeſchlagene Verbindung aus dem Grunde ihres Herzens, aber ſie ſah kein anderes Mittel ihren geliebten Bruder zu retten, und ſo bat ſie denn nur um die Erlaubniß, Caͤ⸗ cilie, unſere Magd, die ſie begleitet hatte, zu uns ſenden zu duͤrfen, um unſere Einwilligung einzuholen.— „Nein, nein!“ rief der Boͤſewicht,„meine Ungeduld vermag keinen Aufſchub zu ertragen, die Freude Ihrer Aeltern wird um ſo groͤßer ſeyn, wenn ſie ſich ſo angenehm uͤberraſcht ſehen. Sie werden zum neuen Leben wieder erwachen. Wel⸗ ches Entzuͤcken fuͤr Ihren Bruder, und ſelbſt fuͤr Ihren vormaligen Geliebten, wenn ſich Beide ſo ploͤtzlich gerettet ſehn. Ich kann den Augenblick nicht erwarten, und will ſofort meinen Bedienten beauftragen, zu der Ceremonie die noͤthigen An⸗ ſtalten zu treffen.“ „So ſprechend verließ er das Gemach, in wel⸗ chem meine ungluͤckliche leichtglaͤubige Tochter zu⸗ ruͤckblieb, erſtaunt und verwirrt; ſchwankend zwi⸗ ſchen der Freude uͤber die Rettung ihres geliebten Bruders, und dem Entſetzen vor einer Verbindung, die ſie verabſcheute.) „Nach einer viertelſtuͤndigen Abweſenheit kehrte Dunier zuruͤck, von mehreren Offizieren ſeines — 40— das Leben Ihres Bruders.“ d. tans Ner e „ Da entſlog das verhaͤngnißvolle Ja den Lip⸗ pen der ungluͤcklichen Dorothea, und ſie brach in einen Strom von Thraͤnen aus.) dan in „ Mein Gluͤck iſt jetzt vollkommen,“ rief der barbariſche Franke, und nunmehr ward die Trauungs⸗ feierlichkeit beſchloſſen.“ 8 „Es war ſchon Abend geworden, als dieſe höͤl⸗ liſche Komoͤdie geendet war; der Geiſtliche ward abgefuͤhrt, die Offiziere und der Obriſt ſetzten ſich zur Abendmahlzeit nieder, an der auch Dorothea Antheil nehmen mußte. Die Letztere, welche noch immer weder ihren Bruder, noch ſonſt Jemand von ihrer Familie ſah, ſchwamm in Thraͤnen, und bat flehentlich, daß man doch die Ihrigen zu ihr — 41— kommen laſſen moͤge. Um ſie zu beruhigen, fluͤ⸗ ſterte ihr Dunier zu, daß ſie ihre Verwandten jetzt noch nicht ſprechen koͤnne, weil das Erſchei⸗ nen derſelben den Verdacht der Offiziere unfehl⸗ har erregen und ihn verhindern wuͤrde, den ge⸗ faßten Plan in ſeinem ganzen Umfange auszufuͤh⸗ ren; fruͤh am naͤchſten Morgen aber, wolle er ſie ihrer Familie und ihrem Bruder zufuͤhren.— Die Abendmahlzeit ging zu Ende, die Offiziere entfernten ſich, und meine beklagenswerthe Tochter ward darauf von zweien fraͤnkiſchen Weibern, die der Armen gefolgt waren, trotz ihrer Widerrede und ihres Straͤubens in das Schlafgemach ge⸗ fuͤhrt.— Aber ach! es genuͤgte dem Ungeheuer nicht, dergeſtalt ſeine ſchaͤndliche Leidenſchaft be⸗ friedigt zu haben—— er hatte auf noch furcht⸗ barere Grauſamkeit geſonnen.“ Hier ſchwieg der Erzaͤhler, denn Seüges und Thraͤnen erſtickten ſeine Stimme— auch meine Zaͤhren ſtroͤmten. Ungluͤckliches Maͤdchen! rief ich, welche furcht⸗ bare Pruͤfung hatte das Geſchick dir aufbewahrt! „Sie kennen noch nicht ganz die Schaͤnd⸗ lichkeit des verruchten Franken,“ nahm der be⸗ klagenswerthe Vater nach einer ſchwermuͤthigen Pauſe wieder das Wort,„kaum werden Sie das glauben, was nun erfolgte. Am naͤchſten Mor⸗ gen, nachdem der Bube meine Tochter dergeſtalt auf das Schaͤndlichſte betrogen, und dieſe jetzt G nur noch auf den einzigen Troſt, der ihr uͤbrig blieb, auf die Rettung ihres Bruders hoffte, erbot ſich der veraͤchtliche Dunier, vorgebend, er wolle die erſte Gelegenheit benutzen, um ſich von ſeinen bisherigen Kameraden zu trennen, ſie nach unſe⸗ rem Hauſe zu fuͤhren, und verſicherte die Ungluͤck⸗ liche, er habe zur Befreiung der Gefangenen be⸗ reits die noͤthigen Befehle ertheilt. Noch bevor er aber mit ihr den Marktplatz erreicht hatte, veraͤn⸗ derte er ploͤtzlich ſein Benehmen.„ Geſtern,“ ſprach G 3 er,„wagteſt Du es, Dich meinem Willen zu widerſetzen, es ſtand in meiner Macht, Dich fuͤr Deinen Eigenſinn zu beſtrafen, aber ich hatte Mitleid mit Deiner Jugend. Jetzt da wir gute Freunde ſind, ſollſt Du Deinen Bruder und Dei⸗ nen vormaligen Geliebten ſehen.“— Waͤhrend er dieſe Worte ſprach, hatten ſie den Platz erreicht, da deutete er mit dem Finger nach deſſen Mitte und fragte:„Kennſt Du ſie?“ „Ewiger Gott! da hing ihr Bruder am Gal⸗ gen, zwiſchen Raimundo und dem Geiſtlichen, wel⸗ cher das verruchte Ehebuͤndniß geſchloſſen hatte.“—— Der ungluͤckliche Erzaͤhler konnte in ſeinem ſchwermuͤthigen Berichte nicht weiter fortfahren. — Er bedeckte ſen Geſicht mit ſeinen Haͤnden und angſtvolle Seufzer entſtiegen ſeiner Bruſt. Ich ſelbſt war von Entſetzen niedergedonnert und ver⸗ mochte kein Wort uͤber die Lippen zu bringen; nach einer kurzen Pauſe nahm er indeß wieder das Wort:„Meine ungluͤckliche Tochter ſtuͤrzte bei dem furchtbaren Anblick von Verzweiflung üͤberwaͤltigt zu Boden, ſie zerſchlug ſich im Fallen das Haupt an einem Stein, und ward blutend und bewußtlos nach meinem Hauſe geſchafft.“ „Ich war noch bettlaͤgrig, hatte mich noch nicht erholt, als mein unglüͤckliches Kind mir wie⸗ dergebracht wurde, die Schreckenskunde ward mir indeß verheimlicht, welches leicht zu bewerkſtelligen war, da ich von ihrer Abweſenheit nichts wußte. Ihre Mutter aber, welche die ganze Nacht in Todesangſt zugebracht hatte, ward von der An⸗ kunft ihrer Tochter unterrichtet; als ſie aber zu ihr eilte, und das theuere Kind bewußtlos, bleich, eine Leiche und mit Blut bedeckt aus ihrem La⸗ ger gewahrte, ſank ſie ploͤtzlich, von den heftigſten Kraͤmpfen erfaßt, zu Boden, und gab nach weni⸗ gen Augenblicken ihren Geiſt auf.“ „Das Jammergeſchrei der erſchreckten Diener drang bis zu mir; ich rief nach ihnen, da aber Niemand kam, verſuchte ich es, mich, ſo ſchwach ich auch war, emporzuraffen, um mich mit mei⸗ = 44— nen eigenen Augen zu uͤberzeugen, was, ihren Klageruf herbeigefuͤhrt habe. Ich ſchleppte mich bis zur Thuͤr und fand vor derſelben einen wei⸗ nenden Diener, den ich nach der Ürſache ſeines Jammers fragte.„Ach Herr!“ entgegnete er, n„wohin wollen Sie, kehren Sie auf. Ihr Lager zuruͤck, und ich will mich bemuͤhen, Iyhnen Alles zu berichten, was vorgefallen, wenn ich anders im Stande bin, bie Schcknatzadt zu wieder⸗ holen.“ 1 Cor. Die Nachricht von dem Schickſals meines Sohnes— dem Tode meiner Gattin, meiner Tochter— waren ſchon hinreichend, mich zur Ver⸗ zweiflung zu treiben— als ich nun aber erſt er⸗ fuhr, wie ſchaͤndlich der verruchte Dunier mit mei⸗ ner ungluͤcklichen Tochter umgegangen— Cacilie hatte naͤmlich dem Bedienten Alles ausfuͤhrlich er⸗ zaͤhlt— wandelte ſich ploͤtzlich mein Schmerz in unbeſchreibbare Wuth.— Ich ſprang von meinem Lager empor, riß aus einem Wandſchranke ein dort verborgen gehaltenes Schwert, und wollte zum Hauſe hinaus, um blutige Rache an dem Buben zu nehmen. Mein treuer Domingo aber verhinderte mich daran, und trug mich beisußtlos auf mein Lager zuruͤck.“— Hier hielt der unglückliche Futeh inne; ſchweigend ſtand er da, mit geballten Faͤuſten, — 45— erampfhaft zuſammengebiſſenen Lippen und zornig flammenden, aber thraͤnenloſen Augen. Auch ich konnte nicht weinen, Entſetzen, Schrecken und Unwillen hatten ſich meiner ſo ſehr bemaͤchtigt, daß ich, um mein Herz zu erleichtern, keine Thraͤ⸗ nen finden konnte.„Ramirez,“ ſprach ich end⸗ lich, indem ich meinen Degen aus der Scheide riß,„wir ſtehen hier auf Numantia's Ruinen, unter ihnen ruht der Staub der Helden, welche fuͤr die Freiheit und Unabhaͤngigkeit ihres Vater⸗ landes ihr Leben opferten. Bei ihrem Andenken ſchwoͤre ich, Deine gemißhandelte Tochter, Deinen Sohn, Dein Weib und meinen dahingemordeten Bruder zu raͤchen! Moͤge der Gott der Gerech⸗ tigkeit, welcher dieſen meinen Eidſchwur vernimmt, meinen Arm ſtaͤhlen und ihn das Herz des Un⸗ geheuers finden laſſen, welches ſolche Miſſethaten beging.“ Ramirez blickte mich einen Augenblick lang mit einem Ausdruck von ſchmerzlicher Freude an, dann brach er in Thraͤnen aus und ſchlang ſeine Arme um mich. Ich druͤckte ihn an meine Bruſt, und nunmehr miſchten ſich unſere Thraͤnen.„Ich fuͤhle,“ ſprach Ramirez,„jetzt einen Anflug von Zufriedenheit, der mir ſeit dem Tode meiner Toch⸗ ter fremd geblieben. Indem ich Ihnen mein Elend ſchilderte, habe ich eine Laſt von meinem Herzen — 46— gewaͤlzt, die ſchwer auf demſelben laſtete. Der Ge⸗ danke, mit ihnen gemeinſchaftlich den Tod meiner Tochter zu raͤchen, gewaͤhrt mir einen Troſt, auf den ich nicht mehr gehofft hatte. Falle ich in der Schlacht, bleibt mir doch die Beruhigung, daß Sie, mein anderes Selbſt, noch uͤbrig ſind, mein geopfertes Familiengluͤck zu raͤchen.“ „Auf dieſen ruhmvollen Ruinen, wo vormals unſere Unabhaͤngigkeit erkaͤmpft worden, wiederhole ich meinen Schwur,“ rief ich lebhaft,„auch hoffe ich, der Gott der Gerechtigkeit wird Ihre Tage, ungluͤcklicher Vater, erhalten, auf daß Sie mir beiſtehen koͤnnen in dem blutigen Werke der Rache!“ So ſprechend gingen wir auseinander, denn unſere militairiſchen Pflichten riefen uns jetzt wie⸗ der auf unſere Poſten. Da unſere Abſicht dahin ging, die franzoͤſiſche Garniſon von Soria zur Uebergabe zu zwingen, ohne unſere Truppenzahl durch Gefechte oder Sturm zu vermindern, forderten wir alle Landleute ſechs Stunden in der Runde auf, ſich mit ihrem ſaͤmmt⸗ lichen Eigenthum in das Gebirge oder in ent⸗ ferntere Doͤrfer zu fluͤchten, damit der Feind, falls er einen Ausfall unternaͤhme, nirgendwo Lebens⸗ mittel faͤnde. Darauf ſtellten wir einige Poſten auf den verſchiedenen Landſtraßen auf, um zu ver⸗ hindern, daß dem Feinde Lebensmittel zugefuͤhrt wuͤrden, und uͤberfielen diejenigen Franken, welche die Stadt verließen, um zu fouragiren. Die Schwaͤche der Garniſon erlaubte ihr nicht, zum Schutze der Letzteren große Detaſchements mit⸗ zugeben, und ſo gelang es ihnen nur ſelten, unſe⸗ rer Wachſamkeit zu entgehen. Wenn wir uns Nachts der Stadt naͤherten, ward die uns umher herrſchende Stille nur durch den Ruf:„Sentinelle, prenez garde à, vous“ unterbrochen, der wie ein leiſer Donner ſtets rund um die Waͤlle der Feſte hinrollte, waͤhrend die na⸗ hen Felſen den Schall wiederholten. In ſehr dunk⸗ len Naͤchten wagten wir uns dann und wann bis auf Musketenſchußnaͤhe hinan, und feuerten auf — 48— die Schildwachen, wobei ſich mehrere von unſeren Leuten ganz beſonders auszeichneten, und große Geſchicklichkeit und Kuͤhnheit bewieſen. Zuweilen nahmen wir gegen Abend auf den An hoͤhen eine drohende Stellung ein, zuͤndeten zahl⸗ reiche Wachfeuer an und thaten, als ob wir etwas recht Wichtiges vorhaͤtten. Die Franzoſen, welche nun glaubten, daß wir uns anſchickten zu ſtuͤrmen, riefen die ganze Garniſon unter die Waffen und blieben, um unſerem Angriffe zu begegnen, die ganze Nacht wach, waͤhrend wir uns ganz ruhig zum Schlummer legten, denn wir hatten nur zur Abſicht, ſie zu ermuͤden, und ſie auf dieſe Weiſe zur Uebergabe zu zwingen. Duran, welcher jetzt die Diviſion befehligte, in der ich diente, marſchirte mit ſeinen Truppen nach Arragonien, ließ aber eine zur Fortſetzung der Belagerung von Soria hinreichende Anzahl von Leuten zuruͤck. Der Gegenſtand dieſer Expedition war, mit Mina zu cooperiren, der den Som⸗ mer mit wechſelndem Erfolge gekaͤmpft hatte. Mina marſchirte gen Averge, in der Abſicht dieſen Platz zu belagern. Als die Regierung von Saragoſſa hievon Kunde erhielt, ſandte ſie ein aus eilfhundert Mann Infanterie und achtzig Mann Cavallerie beſtehendes Corps ab, um dieſem Orte zu Huͤlfe zu kommen. Dieſe wurden von Mina 3 ange⸗ angegriffen, und trotz ihrer muthigen Gegenwehr gaͤnzlich aufgerieben. Mina's Truppen machten ſie⸗ benhundert Gefangene, die Uebrigen wurden ge⸗ toͤdtet; drei ausgenommen, die nach Saragoſſa ent⸗ kamen. Unterdeſſen belagerte die Diviſion, zu der ich gehoͤrte, Calataguz, und nahm dieſen ua in Beſitz und die Garniſon gefangen. Nach dieſem gluͤcklichen Erfolge machte umnſete Diviſion mehrere Maͤrſche und Contremaͤrſche, auf denen wir, ſowohl in Arragonien wie in Caſtilien, mehrere kleine Gefechte mit den Franzoſen hatten, dann kehrten wir nach Soria zuruͤck, um endlich bie Beſatzung dieſer Veſte zur Uebergabe zu zwingen. Es war um dieſe Zeit, daß Mina einen glaͤn⸗ enden Sieg uͤber ein ſtarkes, fraͤnkiſches Caval⸗ lerie⸗ und Infanteriecorps erfocht, welches zwoͤlf⸗ hundert ſpaniſche Gefangene nach Frankreich fuͤhren ſollte. Dieſe Letzteren wurden ſaͤmmtlich befreiet, auch machten ſeine Truppen große Beute, ohne einen bedeutenden Verluſt zu erleiden; von den Franzoſen aber gelangte kaum die Haͤlfte nach Vit⸗ toria zuruͤck. Mina, welcher die ſpaniſchen Ge⸗ fangenen nach Valencia bringen wollte, forderte uns und den Empeeinado auf, ihm dasjenige, was wir an Cavallerie und Artillerie entbehren koͤnn⸗ ten, zu ſenden, damit er ſich um ſo ſicherer laͤngs den Ufern des Ebro hinziehen koͤnne. Duran konnte II. 4 — 50— nur wenig Truppen und gar kein Geſchuͤtz entbeh⸗ ren, und auch Empecinado, welcher grade einige Unfaͤlle erduldet hatte, vermochte ſich nicht mit ihm zu vereinigen. Sechzig Dragoner waren Alles, was Duran ſenden konnte; ſie wurden unter mein Com⸗ mando geſtellt. Ramirez begleitete mich als Lieu⸗ tenant auf dieſer Expedition, und wir brachen nun⸗ mehr gen Eſtela auf, hoffend, in der Naͤhe dieſes Orts den Mina anzutreffen. Hierin taͤuſchten wir uns indeß, denn er war genoͤthigt geweſen, ſeinen Marſch zu beſchleunigen, weil er eine ihm entge⸗ gen geſandte fraͤnkiſche Truppenſchaar vermeiden wollte, welches ihm auch gelang. Auf dieſe Expedition hatte ich indeß das Ver⸗ gnuͤgen, das Hospital zu ſehen, welches er unfern Eſtela dicht an dem Abhange eines Berges, in einer ungemein ſchoͤnen Gegend hatte, und wo ſeine Leute von einigen Frauen und mehreren ge⸗ ſchickten Wundaͤrzten trefflich gepflegt wurden. Die Franzoſen hatten haͤufige Verſuche gemacht, dieſes Hospital zu uͤberfallen; Mina aber, welcher eben ſo treffliche Spaͤher hatte, als Napoleon ſelbſt, er⸗ hielt ſtets davon fruͤhzeitige Kunde, und forderte dann ſofort alle Bauern der Umgegend auf, die Kranken auf Bahren oder auf ihren Schultern in das nahe Gebirge zu tragen, wo ſie dann in voͤlliger Sicherheit blieben, bis die Franzoſen ſich — 65— wieder zuruckgezogen hatten. In dieſen Gebirgen hatte er auch eine Pulvermuͤhle errichtet, welche ihn mit dieſem ſo unentbehrlichen Kriegsbeduͤrfniſſe hinreichend verſorgte. Auf dem Nuͤckwege nach unſerer Diviſion tra⸗ fen wir unfern Arnedo Mina's Capitain der Ca⸗ vallerie, Dos Pelos, der uns berichtete, daß Mina mit den ſpaniſchen Gefangenen gluͤcklich uͤber den Ebro gelangt ſey. Dieſer Mann war ein ſehr er⸗ fahrener Krieger und fuͤhrte gemeinhin den Vortrab an. Seine Leute, ſaͤmmtlich wegen ihrer Tapfer⸗ keit beruͤhmt, waren wie Huſaren gekleidet, tru⸗ gen kurze Waͤmſe, blaue Pantalons und Sanda⸗ len, um, falls ſie genoͤthigt waͤren zu fliehen, um ſo leichter die Berge erklimmen zu koͤnnen. Nachdem wir uns von ihnen getrennt hatten, ſchlugen wir den Weg nach Proveda ein, wo wir Nachts anlangten. Die tiefſte Stille herrſchte uͤber⸗ all; wir pochten an mehrere Thuͤren, aber keine Ant⸗ wort erfolgte. Die Stadt ſchien ganz veroͤdet. Meine Leute rafften endlich etwas duͤrres Holz zu⸗ ſammen, das angezuͤndet uns als Fackeln diente, und mit dem wir nunmehr die Straßen durchzo⸗ gen. Als wir ſo durch einen entlegenen Theil der Stadt kamen, vernahmen wir ploͤtzlich ſchwere Seuf⸗ zer und dumpfe Klagetoͤne, die aus einer Kapelle zu uns her erſchallten; ich ſprang u meinem Roſſen — 52— naͤherte mich der Thuͤr, ſah durch das Schluͤſſel⸗ loch, und gewahrte bei dem Scheine der vor dem Aitare brennenden Ampel, eine Menſchenmenge auß ihren Knieen, in deren Mitte ein Prieſter ſtand. Ich pochte an und rief ihnen zu, ſie moͤchten nicht erſchrecken, wir waͤren Spanier, dennoch aber bemaͤchtigte ſich ihrer eine ſolche Verwirrung, daß es unmoͤglich war, mir Gehoͤr zu verſchaffen. End⸗ lich, nachdem wir mehrere Mal wiederholt hatten, daß wir keine Franzoſen waͤren, wurden die Pfor⸗ ten geoͤffnet, und heraus ſtroͤmten nunmehr Greiſe, Weiber und Kinder mit Angſt erfuͤllten Blicken; denn noch immer hatten ſie ſich der Ueberzeugung, daß ihnen keine Gefahr drohe, nicht hingeben koͤn⸗ nen. Als es ihnen nun aber gewiß ward, daß wir Spanier waͤren, warfen ſich Einige um mei⸗ nen Hals, waͤhrend Andere, vor Freude trunken, laut aufſchrieen, und die Kinder jubelnd,„hoch leben unſere Landsleute!“ riefen. Ihr Schrecken war durch eine fliehende, fran⸗ zoͤſiſche Colonne herbeigefuͤhrt worden, welche am vergangenen Nachmittage in die Stadt gekommen war, um von den Einwohnern eine Contribution zu erheben, und die gedroht hatte, falls das Geld nicht in einer beſtimmten Zeit gezahlt wer⸗ den wuͤrde, Alles uͤber die Klinge ſpringen zu laſ⸗ ſen. Mehrere Einwohner hatten die Flucht ergrif⸗ 3 —— — fen, die Uebrigen aber ſich in die Kapelle gefluͤch⸗ tet, wo ſie indeß mit jedem Augenblick den Tod erwarteten, denn ſie glaubten die Franzoſen noch in der Stadt. 1. Die fliehende fraͤnkiſche Colonne war bereits nach Almazan aufgebrochen, und wir ſchlugen nun ebenfalls dieſen Weg ein, uͤberzeugt, daß ſich un⸗ ſere Diviſion nur wenige Tagemaͤrſche von dem Orte befinden koͤnne. Am folgenden Tage erreich⸗ ten wir den Nachtrab der franzoͤſiſchen Diviſion, und zwei Tage lang folgten wir demſelben auf dem Fuße, wobei wir ſo viele Franzoſen, wie nur irgend moͤglich, vernichteten. s Am Morgen des dritten Tages griff ich eine kleine Anzahl Infanteriſten an, welche von dem Hauptcorps etwas abgekommen waren; aber waͤh⸗ end wir noch mit ihnen kaͤmpften, ſprengte ploͤt⸗ lich ein feindliches Cavallerie⸗Detaſchement die Anhoͤhe herab, und da ich mich nunmehr umringt ſah, befahl ich meinen Leuten, ſich zu zerſtreuen, gab ihnen aber einen Ort an, wo wir uns wie⸗ der ſammeln wollten. Dann ſprengte ich ſelbſt im vollen Galoppe davon. Nachdem ich an mehreren Kreuzwegen voruͤber gekommen war, ſchreckte ploͤtz⸗ lich mein Roß zuſammen, und gleich darauf ſah ich einige Kinder, lautaufſchreiend aus einem Dickicht konann ich hatte ſie bald eingeholt und be⸗ — 54— ruhigte ſie, denn mein Anblick hatte ſie erſchreckt, und bat ſie, mich nach der Wohnung ihrer Aeltern zu fuͤhren, denn ich war ſehr hungrig und mein Roß ungemein ermuͤdet. Sie ſagten mir, daß ſie ſeit fuͤnf Monaten in einer entlegenen Gegend am Ufer des Fluſſes lebten, wohin ſie mich bringen wollten. Ich folgte ihnen, und wir gelangten bald in ein von Felſen umſchloſſenes entzuͤckendes Thal, durch welches ſich der Duero hinſchlaͤngelte. Mit großer Schwierigkeit fuͤhrte ich mein Pferd laͤngs den ſteilen Abhaͤngen hin; unten angelangt aber, ſah ich mich ploͤtzlich von einer Anzahl Weiber und Kinder umgeben, die nur einen einzigen Mann, einen bejahrten ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, bei ſich hat⸗ en. Dieſe Menſchen lebten mit ihren Schafen, Schweinen und anderen Hausthieren in den Huͤt⸗ ten, die ſie ſich ſelbſt erbauet hatten, wenigſtens in Frieden, wenn auch nicht angenehm. Ich blieb einen Tag bei ihnen, und ſuchte mich von den ge⸗ habten Beſchwerden zu erholen. Auch mein Pferd that ſich guͤtlich; es war daſſelbe, welches ich aus der Heimath mitgenom⸗ men hatte; ein ſtolzer lebhafter Andaluſier, war es doch zugleich ſäuft, fuͤgſam und fuͤr Liebkoſun⸗ gen empfaͤnglich; ich brauchte es, wenn es ermuͤ⸗ det war, nur freundlich zu ſtreicheln, und ſofort ſchienen ſeine Kraͤfte zuruͤckzukehren; es liebte den Schall der Trompete, und wieherte vor Entzuͤcken, wenn es zur Schlacht ging. Ward ich dann und wann auf einem langen Marſche ſchlaͤfrig, maͤ⸗ ßigte es ſofort ſeine Schritte, ſo daß ich bequem im Sattel ſchlafen konnte. Ich meinerſeits aber erkannte auch ſeinen Werth, oft ging ich, war es ermuͤdet, den ganzen Tag zu Fuß, ja ich hungerte nicht ſelten, um mit ihm mein Brod zu theilen. Nachdem ich dieſen Zuſluchtsort gewiſſerma⸗ ßen nicht ohne Bedauern verlaſſen hatte, begab ich. mich nach dem von mir beſtimmten Orte, wo ich das Vergnuͤgen hatte, Ramirez mit allen unſeren Leuten wieder zu finden, welche aͤngſtlich auf mich. warteten, befuͤrchtend, daß mir ein Unfall begeg⸗ net ſey. Die franzoͤſiſche Diviſion war unterdeſſen nach Soria gelangt, waͤhrend Duran, da er ſich zu ſchwach fuͤhlte, dem fuͤnf bis ſechs tauſend Mann ſtarken Feinde die Spitze zu bieten, ſich in das Gebirge in der Richtung von Gamara zuruͤckge⸗ zogen hatte. Wir hielten uns jetzt in der Nach⸗ barſchaft von Numantia, bis die Franzoſen Soria verließen, welches ſie zwei Tage ſpaͤter thaten. Sie nahmen die Garniſon mit ſich, weil ſaͤmmt⸗ liche in der Stadt vorhandene Lebensmittel aufge⸗ zehrt waren. 5 Als wir eine Stunde nach dem Ausmarſch der Franzoſen in die Stadt einzogen, wurden wir von den wenigen halb verhungerten Einwohnern mit offenen Armen empfangen. Wir ſetzten ſofort die Civilautoritaͤten im Namen Ferdinand des Sien benten wieder ein, wie wir ſchon anderswo ge⸗ than, und wie wir immer zu thun pflegten, wenn die Franken einen Platz geraͤumt hatten. Am fol⸗ genden Tage brachen wir wieder auf und folgten den Franzoſen, welche den Weg nach Agreda ein⸗ geſchlagen hatten, und auf ihrem Marſche großen Mangel an Lebensmitteln, beſonders aber an Waſ⸗ ſer litten, denn die Bewohner der Doͤrfer hatten alle Quellen und Brunnen durch hineingeworfene Leichen und Unrath unbrauchbar gemacht. Wir verfolgten den Nachtrab dieſer Diviſion, bis ſie Agreda erreichte, die letzte Stadt Caſtiliens, an der Graͤnze von Arragonien und Navarra, vor de⸗ ren Mauern Darquier mit ſeinen Truppen Halt machte. Dies war die Stadt, in der meine Iſabella das Licht der Welt erblickt hatte.— Welche Ge⸗ fuͤhle bemaͤchtigten ſich meiner, als ich von den ſteilen Anhoͤhen des Moncayo, dem Berge, nach dem die Familie des Marquis ſich nannte, unter mir das ſchoͤne Agreda, mit ſeinen ſchattigen Spa⸗ ziergaͤngen und lieblichen Fruchtgaͤrten gewahrte, welche einen trefflichen Contraſt zu den nackten -— 57— Bergen bildeten, die wir ſo eben verlaſſen hatten. Nicht aber die veraͤnderte Landſchaft war es, was ſo ganz meine Gedanken beſchaͤftigte.— Agreda war ja, wie ich bereits geſagt habe, die Geburts⸗ ſtadt meiner Iſabella. Haͤtte ich hoffen koͤnnen ſie zu finden— ſie unveraͤndert wieder zu finden, mit welchem Entzuͤcken wuͤrde ich auf dieſen Ort geſchauet haben. Aber wie auch die Sachen ſtan⸗ den— wie manches Geruͤcht mich auch an ihrer Treue zweifeln ließ, erregte dennoch der Anblick der Gegend, in welcher ſie ihre Kindheit verlebte, einen Tumult von Gefuͤhlen in meiner Bruſt. Ich legte mir ſelbſt tauſend Fragen vor. Wo war ſie? War ſie den Gefahren entgangen, denen ſie durch ihre Jugend und Schoͤnheit ausgeſetzt war? Guter Gott, wenn ſie ein Opfer der Grauſamkeit der Franken geworden waͤre! Dieſer Gedanke erfuͤllte mich mit Schrecken. Ich konntt es nicht ertragen, ihm nachzuhaͤngen. Aber ſelbſt wenn ein ſolches Ungluͤck nicht ſtattgefunden hatte— wenn ſie noch lebte, konnte ich hoffen, daß ſie mich noch liebte? Ein glücklicherer Bewerber, der einen Namen— eine Familie beſaß, hatte den armen Fuͤndling viel⸗ leicht aus ihrem Herzen verdraͤngt. Dies war al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach der Fall, ſonſt haͤtte ich unfehlbar Kunde von ihr erhalten. Ich gab mich dieſen truͤben Betrachtungen — 58— hin, als mich ploͤtzlich eine Musketenſalve, die tief unten im Thale krachte, aus meinen Traͤu⸗ mereien weckte, und mich in das Gebiet der Wirk⸗ lichkeit zuruͤckrief. Ich ſandte zwei meiner Leute hinab, um nach der Urſache des Feuerns zu for⸗ ſchen, gleich darauf aber kam ein Bauer mit er⸗ ſchrockenem Antlitz zu uns herauf gerannt, und berichtete uns, daß der General Darquier ſeiner Grauſamkeit blutige Opfer gebracht habe. 4 Dieſer blutduͤrſtige Franke hatte, waͤhrend er mit ſeinen Truppen vor der Stadt ſtand, die Be⸗ wohner aufgefordert, ihm zehntauſend Rationen Brod, Wein und Fleiſch, nebſt einer Contribution von einer halben Million Franken, binnen andert⸗ halb Stunden zu ſenden, widrigenfalls er die vier angeſehenſten Bewohner erſchießen und die Stadt pluͤndern laſſen wolle. Zum Ungluͤck fuͤr die armen Bürger hatte eine andere franzoͤſiſche Diviſion am Tage zuvor eine aͤhnliche Contribution erhoben, ſo daß ſie jetzt außer Stande waren, das Verlangen des fraͤn⸗ kiſchen Befehlshabers in der beſtimmten Zeit zu erfuͤllen. Sie ſtellten ihm dieſes vor; ſeine einzige Antwort aber beſtand darin, daß er gebot, die vier angeſehenſten Bewohner zu ihm zu fuͤhren, wor⸗ auf er ſeine Drohung wiederholte. Drei dieſer Maͤnner waren Edelleute, und der vierte war —— — 59— einer der reichſten Eigenthuͤmer in der Provinz. Die Bewohner der Stadt hatten unterdeſſen mit un⸗ glaublicher Anſtrengung die Contribution in der feſtgeſetzten Zeit aufgetrieben, und nur zwei tau⸗ ſend Rationen Fleiſch fehlten noch; nichts deſto weniger aber gebot der blutduͤrſtige Boͤſewicht, ob⸗ gleich er, da ſeine Diviſion nur aus vier bis fuͤnf tauſend Mann beſtand, dieſer Lebensmittel wenig⸗ ſtens fuͤr den Augenblick nicht bedurfte, die un⸗ gluͤcklichen Opfer niederzuſchießen, ihre Haͤuſer aber zu pluͤndern und ſie der Erde gleich zu machen. Er hatte einen Obriſten und ein Detaſchement Sol⸗ daten beordert, dieſen grauſamen Urtheilsſpruch in Ausfuͤhrung zu bringen, waͤhrend er ſich anſchickte, mit ſeinem Corps nach Logrono zu marſchiren. Ich fragte in aͤngſtlicher Haſt den Bauer nach den Namen der gefallenen Opfer, aber er hatte ſolche nicht in Erfahrung gebracht. Entſchloſſen, an den zuruͤckgebliebenen Henkern, welche noch immer mit der Pluͤnderung der Haͤu⸗ ſer beſchaͤftigt waren, das Blut der gemordeten Patrioten zu raͤchen, eilten wir hinab in die Stadt. Als wir dort anlangten, hatten die Franken grade die Pluͤnderung eines der Gebaͤude begonnen. Wir ſaßen raſch ab, und ſtuͤrzten mit dem Saͤbel in der Hand, in das Haus. Die Franzoſen, welche ſich dergeſtalt ſo ploͤtzlich angegriffen ſahen, waren — 60— genoͤthigt, ſich zu vertheidigen. Beſtuͤrzt und uͤber unſere Anzahl ungewiß, ergriffen ſie bald die Flucht. Waͤhrend wir ſie nun ſo durch den unteren Theil des Hauſes verfolgten, glaubte ich ein dumpfes Geſchrei zu vernehmen, das nach wenigen Augen⸗ blicken lauter wiederholt ward. Ich flog die Stiege hinan, ſtuͤrzte in das Gemach, von woher der Ruf erſcholl, und ſah ein junges Maͤdchen, wel⸗ ches alle ihre Kraͤfte anſtrengte, ſich den Armen des fraͤnkiſchen Obriſten zu entwinden. So wie er mich gewahrte, ließ der Bube ſein Opfer fahren, welches nunmehr bewußtlos zu Boden ſank, und auf mich losſtuͤrzend, griff er mich mit furchtbarer Gewalt an. Nach einem kurzen, aber heftigen Kampfe gelang es mir indeſſen, ihn niederzuhauen. 6„Ich wandte mich jetzt zu der Ungluͤcklichen, welche noch immer wie leblos auf dem Boden dalag; in ihrem Falle hatte ſie ſich das Haupt zerſchlagen, und heftig ſtroͤmte das Blut aus der Wunde. Ihre Kleider waren zerriſſen, ihre Locken aufgeloͤſt, ihre Zuͤge von der gehabten Anſtrengung verzerrt, ihr Antlitz war bleich wie der Tod. Ich wand, um das Blut zu ſtillen, ſchnell mein Tuch um ihre Schlaͤfe, und flog dann wieder hinab zu meinen Leuten, welche unten im Hofe noch immer mit den Franzoſen kaͤmpften. Ich ſprang ihnen zu Huͤlfe, erhielt aber nach weni⸗ — à— gen Augenblicken eine Kopfwunde, die mich auf einen Augenblick zu Boden ſtreckte. Als ich aber mein Bewußtſeyn wieder gewann, ſah ich, daß wir voͤllig Herrn des Schlachtfeldes geblieben wa⸗ ren, nur zwei oder drei Franken hatten ſich durch die Flucht gerettet, die Uebrigen hatten die Grau⸗ ſamkeit ihres Anfuͤhrers mit dem Leben gebuͤßt. Naſch uͤber die Todten und Verwundeten hin⸗ weg eilend, flog ich nunmehr wieder die Stiege hinan in das Gemach, wo ich das ungluͤckliche Maͤdchen gelaſſen hatte. Als ich hineintrat, ſtuͤrzte mir Ramirez mit offenen Armen entgegen.„Wir ſind geraͤcht!“ rief er,„der Boͤſewicht iſt nicht mehr!— Dort ſchwimmt der ſchaͤndliche Dunier in ſeinem Blute!— Der Bube, er hat mein ganzes Lebensgluͤck gemordet!— Ich ſchwoͤre es,“ bei dieſen Worten tauchte er ſeinen Degen in das Blut des Gefallenen,„dieſes Schwert ſoll keinen Franken verſchonen, ſo lange noch einer von ihnen in dieſem beklagenswerthen Lande weilt!“ Jetzt richteten wir unſere Aufmerkſamkeit auf das arme Maͤdchen, das noch immer bewußtlos und mit Blut bedecktem Antlitz auf dem Boden da⸗ lag. Auf meine Fragen, ob ſie lebe oder todt ſey, entgegnete einer meiner Leute, daß ihr Herz noch ſchlage, und unverzuͤglich ſandte ich nun nach ei⸗ nem Arzte. Ramirez bemerkte mir indeß, daß wir — 6— beſſer thun wuͤrden, uns ohne Zeitverluſt fort zu machen, weil uns ſonſt bald die ganze fraͤnkiſche Diviſion uͤber den Hals kommen koͤnne, falls ſie von den beiden Fluͤchtlingen Kunde von dem Vor⸗ gefallenen erhalten haͤtte. Dies war allerdings wahr⸗ ſcheinlich, und es ſtand zu erwarten, daß Gene⸗ ral Darquier dann blutige Rache an uns nehmen wuͤrde. Was aber ſollten wir mit der Ungluͤckli⸗ chen beginnen, die noch immer ohnmaͤchtig vor uns dalag. Es war mir unmoͤglich, ſie in ihrer huͤlfloſen Lage zu verlaſſen, ſie neuen Schrecken preis zu geben, falls die Franzoſen zuruͤckkehrten. Nach kurzem Nachſinnen beſchloß ich endlich, ſie mitzunehmen, und ſie nach einem ſichern Orte zu bringen, bis ſie ihtan Freunden wieder gegeben werden koͤnne. Nachdem wir ſchnell durch die Stadt gezogen waren, ſchlugen wir den Weg nach dem Gipfel des Moncayo ein, und fanden uns bald von der Scene des Schreckens entfernt. Von dieſer Hoͤhe aus gewahrte ich nun deutlich, wie die Diviſion des Generals Darquier nach und nach gaͤnzlich ver⸗ ſchwand, ein Umſtand, aus dem ich den Schluß zog, daß derſelbe den Obriſten und das Detaſche⸗ ment noch nicht vermißt habe. Unterdeſſen erhielt die Ungluͤckliche, die ich vor mir auf das Pferd genommen hatte, allmaͤhlich ihr Bewußtſeyn wie⸗ 6 —- 63— der, und da wir jetzt eben in einem Doͤrfchen jenſeits des Berges anlangten, ließ ich die Geret⸗ tete in eine Huͤtte bringen, deren Bewohner uns mit der groͤßten Bereitwilligkeit jedweden Beiſtand leiſteten. ein Obgleich voll Ungeduld, meinen Weg fortzuſez⸗ zen, konnte ich dennoch dem Wunſche nicht wider⸗ ſtehen, ſo lange zu bleiben, bis ſich das junge Maͤdchen vollends erholt haben wuͤrde. Eine Zeit⸗ lang ſank ſie aus einer Ohnmacht in die andere, und noch immer befuͤrchtete ich, daß ſie in meinen Armen den Geiſt aufgeben wuͤrde. Als es mir aber endlich gelungen war, ihr einige Tropfen Wein einzufloͤßen, ſchlug ſie die Augen auf, blickte aͤngſt⸗ lich umher und fragte, wo ſie ſich befinde.„Bei Freunden,“ antwortete ich ihr. Bei dem Schall meiner Stimme wandte ſie ſich zu mir, ſo wie ſie aber meine militairiſche Kleidung gewahrte, ſchrie ſie laut auf, ſtuͤrzte vor den anweſenden Weibern auf ihre Knie nieder, und flehte um Hilfe. Ver⸗ gebens gab ich ihr die Verſicherung, daß der Bar⸗ bar, fuͤr den ſie mich halte, todt und ich ihr Be⸗ freier ſey, ſie hoͤrte mich dennoch nicht an, ſon⸗ dern fuhr fort, die Weiber zu umklammern und ſie zu beſchwoͤren, ſie doch ja nicht zu verlaſſen. Da ich ſah, daß meine Gegenwart nur dazu beitrug, ihre Gemuͤthsbewegung zu vermehren, uͤberließ ich — 64.— dringendſte anempfahl, indem ich ihre Muͤhe reiche lich zu belohnen verſprach. Darauf ſammelte ich meine Leute, deren Zazt 1 auf funfzig reduzirt war, ſechs waren in dem Kampfe mit den Franzoſen gefallen; das Schickſal der uͤbrigen vier war mir noch unbekannt. Von den Funfzigen waren mehrere bedeutend verwundet, und auch ich bemerkte jetzt, daß ich meine Wunde ſchon zu lange vernachlaͤſſigt hatte. Vom Blut⸗ verluſt und von den gehabten Anſtrengungen er⸗ ſchoͤpft, war ich kaum im Stande, meiner kleinen Truppe die noͤthigen Verhaltungsbefehle zu erthei⸗ len; ich uͤbergab demnach fuͤr den Augenblick das Commando meinem Freunde Ramirez, und blieb mit Anton allein, um von ihm meine Wunden verbinden zu laſſen. Bald aber ſchwanden meine Kraͤfte gaͤnzlich, mein Kopf begann zu ſchwindeln, und ſchon nach wenigen Augenblicken wußte ich nichts mehr von dem, was rund um mich vorging. 1 ſie der Sorge der Frauen, denen ich ſie auf's — 66— 5. Wie lange ich in meinem bewußtloſen Zuſtande blieb, weiß ich nicht. Ich erinnere mich zwar, daß ich mich in einem Augenblicke des Bewußt⸗ ſeyns in einer Huͤtte auf einem Strohlager ſah und große Schmerzen fuͤhlte; von dieſem Moment an aber fehlte mir jede Erinnerung; bis ich end⸗ lich aus einem ſanften Schlummer ohne Schmer⸗ zen, aber ungemein ſchwach erwachte. Als ich um mich blickte, fand ich mich auf einem beque⸗ men Lager, und gewahrte eine weibliche Geſtalt, welche ſich uͤber mich neigte, und ſorgſam um mich beſchaͤftigt ſchien. Das Zimmer war zu dunkel, um mehr zu ſehen, als daß ihr Geſicht den Aus⸗ druck der Schwermuth trug, dabei aber wurden ihre Zuͤge durch ein Paar ſchoͤne ſchwarze Augen belebt. Sie war in tiefe Trauer gekleidet, und rabenſchwarze Locken wallten uͤber ihre Schultern hinab. So wie ſie ſah, daß ich wach war, winkte ſie einem aͤltlichen Herrn, welcher nunmehr heran⸗ trat und mir den Puls fuͤhlte. Ich hoͤrte, wie er ihr zufluͤſterte, daß ich jetzt außer Geſahr ſey. Bei dieſer Nachricht ſchlug die Dame freudig ihre Haͤnde zuſammen, indem ſie voll Entzuͤcken aus⸗ rief:„Dem Himmel ſey Dank!“ Im naͤchſten Moment aber, gleichſam Pelocg, daß ihre Ge⸗ II. muͤthsbewegung mir ſchaden koͤnne, zog ſie die Vorhaͤnge zu und verließ das Gemach. Bald darauf kehrte ſie indeß mit einem Die⸗ ner zuruͤck, der einen Becher Chokolade und ein Glas Waſſer trug, welches Beides fuͤr mich be⸗ ſtimmt war. Ich machte einen Verſuch zu ſpre⸗ chen, fuͤhlte mich aber zu ſchwach, um mehr her⸗ auszubringen, als die Frage, wem ich eine ſo guͤtige Behandlung verdanke.„Sie ſind in Agre⸗ da,“ entgegnete ſie mit einer Stimme, welche bis in das Innerſte meines Herzens drang,„bei Freunden, welche Sie lieben, und die Ihnen nim⸗ mermehr die Dienſte vergelten koͤnnen, die Sie ihnen erwieſen haben. Bei Ihrem ſchwachen Ge⸗ ſundheitszuſtande aber,“ fuhr ſie fort,„darf ich nicht zu lange mit Ihnen reden, man hat es mir unterſagt; Ruhe iſt zu Ihrer Wiederherſtellung nothwendig, laſſen Sie uns daher jetzt nur an dieſe denken.“ Unfaͤhig, etwas zu etwiedern, etfaßte ich thte Hand und druͤckte ſie an meine Lippen, ihre we⸗ nigen Worte und der Ausdruck, mit dem ſie ge⸗ ſprochen wurden, hatten mir Alles erklaͤrt. Meine ſchoͤne Pflegerin war unfehlbar die junge Dame, welche ich gerettet hatte, ihre Geſichtszuͤge ver⸗ mochte ich noch immer nicht zu erkennen. Die Aeußerungen ihrer Dankbarkeit aber, und die un⸗ — ermudliche Pflege, welche ſie mit ſpendete, hoben eden Zweifel. Ihre Sorge fuͤr mich, ihre Aufmerkſamkeiten wurden, ich muß es geſtehen, mir mit jedem Tage lieber. Hatte ich denn Iſabella vergeſſen? O nein, nein! aber aller Wahrſcheinlichkeit nach war ſie meiner nicht mehr eingedenk.— Ihr fort⸗ waͤhrendes Schweigen— die Geruͤchte, welche mir von ihr zu Ohren gekommen waren, bewieſen mir faſt bis zur Genuͤge, daß ſie mich nicht laͤnger liebte, oder wenigſtens den Umſtaͤnden, in denen ſie ſich befand, nachgegeben hatte.— Wenn ich aber auch gleich kaum noch auf ihre Liebe hoffen konnte, war ſie mir dennoch unendlich theuer, und meinen Gedanken ſtets gegenwaͤrtig. Ich gedachte der gluͤcklichen Stunden, die wir mit einander ver⸗ lebt, der ſeligen Hoffnungen, denen wir uns hinge⸗ geben hatten, und bittere Thraͤnen entſtroͤmten dann meinen Augen. Selbſt die zarten Aufmerkſamkei⸗ ten der liebenswuͤrdigen Fremden, der ruͤhrende Ton ihrer Stimme, bezauberten mich beſonders deshalb, weil ſie mich an Iſabella erinnerten. Mit einem Worte, mein Herz ſtand dem Ein⸗ drucke einer neuen Leidenſchaft offen, aber die Er⸗ innerung an meine fruͤhere Liebe hielt daſſelbe mit ſolcher Gewalt umſchlungen, daß ich meiner ſchoͤ⸗ nen Wohlthaͤterin meine Gefuͤhle nacht zu geſtehen — 5 — 66— wagte. Meine fortwaͤhrende Gemuͤthsbewegung fuͤhrte mein Fieber zuruͤck, und ich verfiel neuer⸗ dings auf mehrere Stunden in einen Zuſtand, in dem ich meiner Sinne nicht maͤchtig war. In dieſer Bewußtloſigkeit ſprach ich, wie ich ſpaͤterhin erfuhr, meine neue Leidenſchaft ſo unverholen aus, das Niemand uͤber die Urſache meines Naſal in Ungewißheit bleiben konnte. Als ich endlich wieder ruhiger ward, ſah ich mich vergebens nach meiner reizenden Pflegerin um; ich fragte, wo ſie ſey, erhielt aber zur Ant⸗ wort, daß ſie ſich außerhalb der Stadt befinde. „Auch ſie hat mich alſo verlaſſen,“ ſeufzte ich, „liebſt Du mich noch, Iſabella, o ſo hab' ich das um Dich verdient!“ Wenige Augenblicke darauf ward indeß die Thuͤr geoͤffnet und mein Schutzengel trat herein. Ich machte einen Verſuch, mich empor zu richten, ſank aber auf mein Kiſſen zuruͤck; ſie naͤherte ſich mir, um mich zu unterſtuͤtzen, die Freude, ſie wieder zu ſehen, raubte mir faſt das Bewußtſeyn, und mehrere Augenblicke lang lag ich da, ohne ein Wort ſprechen zu koͤnnen. Ich wußte jetzt, daß ich unwillkuͤhrlich meine Gefuͤhle offenbart hatte, und ſo verſuchte ich es denn auch nicht laͤnger, ein Geheimniß aus dem zu machen, was ſo lange ſchon auf meinem Herzen laſtete. So — 69— wie ich meine Sprache wieder gewann, machte ich meiner Pflegerin in einem ſanften Tone Vorwuͤrfe, daß ſie mich verlaſſen habe, jetzt wo mir ihre Ge⸗ genwart ſo nothwendig ſey. Sie gab mir keine Antwort— zog aber die Vorhaͤnge zuruͤck— oͤff⸗ nete raſch die Fenſterladen, ſo daß das volle Ta⸗ geslicht herein zu ſcheinen vermochte, und klar und deutlich ſtand jetzt— wer ſchildert mein Entzuͤk⸗ ken!— meine theuere, meine geliebte Iſabella vor mir. Es waren in der That dieſelben himmli⸗ ſchen Geſichtszuͤge, die mich ſchon ſo oft bezaubert hatten, aber das heitere Laͤcheln, welches ihr Ant⸗ litz zu beleben pflegte, hatte einem Ausdruck von tiefer Schwermuth Platz gemacht, und ſtatt der bisherigen bluͤhenden Farbe, hielt jetzt nur Todten⸗ blaͤſſe ihr Geſicht bedeckt. In ihrem Alter konnten. doch unmoͤglich zwei Jahre eine ſolche Veraͤnde⸗ rung hervorgebracht haben, Gram und Leiden wa⸗ ren alſo ohne Zweifel ihr Loos geweſen. Waͤh⸗ rend noch Erſtaunen und Zweifel meine Zunge ge⸗ feſſelt hielten, ſprach ſie, zu mir gewandt, in einem ernſten Tone und mit Thraͤnen in den Augen: „Eſteban! ſo haſt Du mich alſo ganz ver⸗ geſſen?“ 3. Der Ton, in welchem ſie dieſe Worte ſprach, konnte nicht mißverſtanden werden, die bezaubernde Fremde und meine Iſabella waren eine und die⸗ ſelbe.— Von tauſend mannichfachen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, ſank ich zuruͤck, meine Augen auf die theuere Geſtalt gerichtet. Von meiner heftigen Gemuͤthsbewegung er⸗ ſchreckt, neigte ſich Iſabella uͤber mich; auch ge⸗. lang es ihr endlich, mich durch die zaͤrtlichſten Lieb⸗ koſungen, durch die liebevollſten Ausdruͤcke wieder ins Leben zuruͤckzurufen.—„Theuere, theuere Fſabella,“ rief ich endlich, indem ich ſie in meine Arme ſchloß,„biſt Du es wirklich? Biſt Du mir wieder gegeben?— Liebſt Du mich wirklich noch?“ „Welche Fragen egſt Du mir vor! Eſte⸗ ban,“ entgegnete ſie,„wenn ich nun aͤhnliche an Dich richten wollte?“ „Frage was Du willſt,“ erwiederte ich mit großer Lebhaftigkeit,„uͤberhaͤufe mich mit Vor⸗ wuͤrfen, aber gieb mir die Verſicherung, daß Du mich noch liebſt.“ „Es wuͤrde mir,“ antwortete ſie erroͤthend, „zu nichts helfen, wollte ich es leugnen; jetzt aber gieb Du mir Antwort, womit willſt Du die Aeuße⸗ rungen rechtfertigen, die Du noch vor wenigen Augenblicken an eine vermeintliche Fremde gerich⸗ tet?“ „Ich bekenne mich ſchuldig, theuere Iſabella,“ tief ich,„aber ich vertraue Deiner Großmuth; — 721— falſche Gerüchte— man ſagte mir, Du haͤtteſt mich vergeſſen!“— 3, „Ich Dich vergeſſen, Eſteban?“ fragte Iſa⸗ bella.„Gab ich Dir je Gelegenheit, je Urſache, mich fuͤr ſchwach zu halten? Du haͤtteſt mir ver⸗ trauen ſollen.“ 8 „Es ſchien mir anmaßend zu glauben,“ ver⸗ ſetzte ich,„daß Du jede andere Bewerbung aus Liebe zu einem namenloſen Fuͤndlinge zuruͤckgewie⸗ ſen haben wuͤrdeſt.“— „Welche ungegründete Beſorgniß,“ fiel das holde Maͤdchen ein.„Du bliebſt uns ſtets gleich theuer— mir und meinem Oheim— ach daß er doch hier waͤre!“ „Und wo iſt er denn?“ fragte ich. Sie neigte ihr Haupt hinab auf meine Schul⸗ ter, und ich fuͤhlte, wie ihre Thraͤnen meine Wange benetzten. 4 „ Ich ahne es Iſabella,“ ſtammelte ich,„er war Einer der Ungluͤcklichen, die als Opfer der Grauſamkeit des blutduͤrſtigen Darquier fielen. Gott der Gerechtigkeit! gieb mir Kraft, auch ſei⸗ nen Tod zu raͤchen!“ „Auch ſeinen Tod?“ fragte Iſabella, indem ſie mich mit einem ernſten Blicke betrachtete. „Ja,“ antwortete ich,„wiſſe: Raimundo, mein Bruder, iſt nicht mehr! Auch er fiel als 8 — 72— Opfer fraͤnkiſcher Grauſamkeit. Der Boͤſewicht aber, der ihn mordete, hat fuͤr ſeine Schandthat bereits mit ſeinem Leben gebuͤßt. Mein Schwert hat die Welt von dem Ungeheuer befreiet.“ „Armer Raimundo,“ klagte Iſabella,„ ach wann werden unſere Leiden enden!“ „Wenn das buͤbiſche Geſchlecht, das jetzt un⸗ ſer Vaterland verwuͤſtet, bis auf den letzten Mann vertilgt worden,“ verſetzte ich;„doch ſprich, lebt unſer theurer Marquis in der That nicht mehr?“ „Ich fuͤrchte, nein,“ erwiederte ſie,„er ward zu dem Richtplatze gefuͤhrt mit den uͤbrigen drei Ungluͤcklichen; aber wenn auch nur die Leichname der Letzteren gefunden wurden, weiß man doch durchaus nicht, was aus ihm geworden. Von die⸗ ſen Ungeheuern iſt keine Menſchlichkeit zu hoffen, aller Wahrſcheinlichkeit nach ſchleppten ſie ihn nur mit hinweg, um ihn noch einen grauſameren Tod ſterben zu laſſen. Ach,“ fuͤgte ſie mit einem Tone des tiefſten Schmerzes hinzu,„ich werde ihn nimmer, nimmer wieder ſehn!“ „Theuere Iſabellg," ſprach ich troͤſtend, wollte mir gleich ihr Gram das Herz zerreißen,„theuere Iſabella, beruhige Dich, haͤtten ſie ihn ermorden wollen, ſie haͤtten ihn auf der Stelle geopfert; es iſt wahrſcheinlicher, daß ſie ihn als Galähhehen mit ſich hinweg fuͤhrten.“ — 13— Ein Strahl der Hoffnung uͤberflog ihr Antlitz, „glaubſt du wirklich?“ fragte ſie, indem ſie mir zaͤrtlich die Hand druͤckte.— In dieſem Augen⸗ blicke ward ein großer Laͤrm im Hofe vernehmbar, und Iſabella wurde hinausgerufen. Sie verließ mich, nachdem ſie meinen Anton beauftragt hatte, ihr Nachricht zu geben, ſo wie mein Zuſtand ihre Gegenwart erfordere. „Herr!“ ſprach Anton, als ſie ſich entfernt hatte,„wenn ich nicht irre, ſo iſt das dieſelbe junge Dame, die Nichte des Marquis, die ich, oder vielmehr meine Maulthiere, von Valladolid nach Madrid brachten. Was ſich doch Alles in die⸗ ſer naͤrriſchen Welt zutraͤgt, wie die Menſchen wieder zuſammenkommen! Als ſie uͤber den So⸗ moſierra zog und nach Ihnen ſchmachtete und ſeufzte, dachte ſie wohl nicht daran, daß Sie eines Tages nach Agreda kommen wuͤrden, um ſie den Klauen des Boͤſewichts zu entreißen, den Sie zur Hoͤlle ſandten, um dort zum General⸗Major des Satans befoͤrdert zu werden, des naͤmlichen Bu⸗ ben, der Ihren Bruder mordete, und der nahe daran war, auch mich zu expediren, als ich am zweiten Mai durch Madrid rannte, und mit mei⸗ nem Stilet Franzoſen in die andere Welt ſchickte.“ „Wie, Anton, Du ſagteſt mir ja noch nie, daß Du bei dieſer Affaire zugegen warſt?“ — 174— „Meine uͤbergroße Beſcheidenheit verhindert mich, mit meinen Heldenthaten zu prahlen,“ ver⸗ ſetzte er;„bei jener Gelegenheit aber war ich es, der die meiſten Franzoſen todtſchlug. Ich war indeß, die Wahrheit zu ſagen, nahe daran, ſchwer dafuͤr zu buͤßen, denn ich ward zuletzt gefangen genommen, gebunden und nach dem Prado ge⸗ ſchleppt. Das war eine furchtbare Nacht! Zehn⸗ tauſend Franzoſen waren in den dunkeln Gaͤngen aufgeſtellt, in welchen ich fruͤher ganze Abende an der Seite meines Liebchens zubrachte. Es waͤre ohne Zweifel um mich geſchehen geweſen, haͤtte ich nicht unbemerkt meine Bande geloͤſt, und waͤre ich darauf nicht unter den Beinen eines ganzen Regiments franzoͤſiſcher Grenadiere weggekrochen, indem ich mit klagender Stimme jammerte:„Ca- marade, ah, je suis blessé!“ ein Ausruf, den ich von den Franzoſen gelernt hatte, die unter meinem Dolche gefallen waren. Zum Gluͤck war die Nacht ſehr finſter, und nur wenige Fackeln be⸗ leuchteten die Schreckensſcene, in welcher mehr als vierhundert unſerer ungluͤcklichen Landsleute mit kaltem Blute getoͤdtet wurden. Am naͤchſten Tage aber ward ich in einer Schmiedewerkſtatt von dem Buben gefunden, dem Sie das Lebenslicht aus⸗ geblaſen haben; er wollte mich mit Teufelsgewalt haͤngen laſſen, hatte ich gleich gegen ein ſolches Verfahren mancherlei einzuwenden. Grade aber, als man mich zum Richtplatz fuͤhren wollte, ward zu meinem Gluͤck ploͤtzlich die Trommel geruͤhrt und„zu den Waffen!“ gerufen, worauf die Fran⸗ zoſen ſaͤmmtlich davon liefen, ſo als ob der Sa⸗ tan hinter ihnen drein waͤre. Zum Abſchiedsgruß fuͤhrte zwar der Herr Obriſt noch einen furchtba⸗ ren Saͤbelhieb nach mir, ich wich indeß demſelben aus, indem ich mich zu Boden warf und ausrief: „Großer Gott, ich bin todt!“ „Gelang es,“ fragte ich nach einer Pauſe, „den Franzoſen, welche bei unſerer Ankunft hier entflohen, ihre Diviſion zu erreichen? Und wur⸗ den diejenigen von unſeren Leuten, die wir ver⸗ mißten, gefunden?“ „Beim St. Johannes!“ rief Anton,„die Bewohner von Agreda hatten keine Luſt, die Paar Franzoſen durch die Stadt laufen zu laſſen, ohne die von ihnen empfangene Freundlichkeit zu erwie⸗ dern. Sie fielen uͤber ſie her, und geſtatteten es keinem zu der Diviſion zu gelangen, um zu be⸗ richten, was vorgefallen. Die vier Unſrigen aber, die vermißt wurden, fanden ſich bald wieder ein, und begaben ſich, wie Sie es befohlen hatten, zum Lieutenant Ramirez; zehn von unſeren Leuten be⸗ finden ſich indeß, noch ſchwer verwundet, in dem hieſigen Hospital.“ — 76— Bald darauf trat Iſabella wieder herein.„Ich weiß nicht,“ ſprach ſie, als wir uns allein be⸗ fanden,„ob ich mich der Kunde, die ich uͤber⸗ bringe, freuen ſoll oder nicht. Der Laͤrm, den wir vor wenigen Augenblicken vernahmen, ward durch Don Facundo's Ankunft veranlaßt. Er hat, ich weiß nicht wie, von dem Tode meines Oheims Kunde erhalten, und kommt jetzt, die Titel und die Guͤter deſſelben in Beſitz zu neh⸗ men. Er ſcheint vom Gram niedergebeugt, ſein Betragen aber war ſtets ſo zweideutig, daß ich auch jetzt an der Aufrichtigkeit deſſelben zweifle. Du weißt, daß er den Koͤnig Ferdinand nach Bayonne begleitete. Dort ergriff er die Sache der Franzoſen und ward, mit Joſeph nach M⸗ drid zuruͤckgekehrt, zur Belohnung der Dienſte, welche er dieſem geleiſtet, in den Grafenſtand er hoben und zum Oberkammerherrn ernannt. Waͤh⸗ rend er dieſem letzten Amte vorſtand, ſchrieb er mehrere Briefe an den Marquis, und ſuchte den⸗ ſelben fuͤr ſeine Parthei zu gewinnen; als aber Joſeph nach Valenzia entfloh, verließ er ihn, und jetzt behauptet er, daß er von den Franzoſen ge⸗ zwungen worden ſey, in ihre Dienſte zu treten. Wie kann ich ihn nach einem ſolchen Benehmen fuͤr aufrichtig halten? Dennoch aber betheuert er, daß er zu mir wie ein Vater komme, und bereit — 17— 3 ſey, mich in meiner huͤlfloſen Lage zu beſchuͤtzen und zu troͤſten.— Ich wuͤnſchte ſeinen Worten trauen zu koͤnnen, wuͤnſche ihn ſo zu finden, wie es mein Herz verlangt, kann er mir gleich nie meinen theueren Oheim erſetzen.— Er ſehnt ſich danach, wie er ſagt,“ fuͤgte ſie darauf hinzu, „den Retter ſeiner Nichte, den Raͤcher ſeines Bru⸗ ders zu umarmen; bevor ich ihn aber zu Dir fuͤhre, mußte ich wiſſen, ob es Dir auch angenehm ſeyn wuͤrde.“ „Iſabella,“ antgegiete ich,„ich moͤchte eher das Ungeheuer Darquier, als dieſen Don Facundo in meine Arme ſchließen, von dem Erſteren hat⸗ ten wir nur Feindſeligkeiten zu erwarten, von dem Letzteren aber koͤnnten wir mit Recht ein anderes Betragen verlangen. Ja, ich geſtehe es Dir auf⸗ richtig, ich kann nicht unter einem Dache mit einem Manne bleiben, der ſein Vaterland ſo ſchaͤnd⸗ lich verrathen hat. Anton ſoll mich nach dem Hospital ſchaffen.“ „Nach dem Hospital?“ wiederholte Ifabella, und ihre Wange erblaßte, und ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. „Weshalb erſchrickſt Du ſo, Geliebte?“ fragte ich,„ich werde dort gute Pflege finden, auch iſt es ganz in der Naͤhe, und ſo kann ich leicht hingeſchafft werden.“— — 78— „O nein, nein!“ flehte Iſabella,„gieb kei⸗ nem ſolchen Gedanken Raum.— Ein ſolcher Schritt wuͤrde uͤberdem den Don Facundo ſchwet beleidigen.“— „Sprich den Namen dieſes Verraͤthers nicht aus!“ rief ich lebhaft. „Eſteban!“ fuhr ſie fort,„vergiß nicht, daß ich gaͤnzlich von ihm abhaͤnge, daß eine Uneinig⸗ keit zwiſchen Euch beiden uns vielleicht auf immer⸗ dar trennen, oder mich wenigſtens großer Unan⸗ nehmlichkeit⸗ ausſetzen wuͤrde.— Ich beſchwoͤre Dich daher, ſey ruhiger, willſt Du mich nicht ganz elend machen.— Der Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach durchſchnitt mir das Herz.„Ich vermag Deine Thraͤnen nicht zu ſehen,“ dief ich,„ſprich, was ſoll ich thun?“ „Don Faeundo's Beſuch nur dies eine NMat annehmen,“ entgegnete Iſabella,„er wird Dich nicht oͤfter belaͤſtigen, denn er reiſt ſchon Morgen wieder ab. Dann kannſt Du, bis zu Deiner voͤlligen Geneſung, hier bei meiner Tante bleiben, die in einigen Tagen eintreffen wird. Gehoͤrte Don Facundo noch der franzoͤſiſchen Parthei an, wuͤrde ich dies gar nicht von Dir verlangen, unter den obwaltenden Umſtaͤnden aber, kann Dein laͤn⸗ — — 79— 1 geres Verweilen hier Dich weder compromittiren, noch Dir irgend eine Verpflichtung aufbuͤrden. Ich weiß, wie unangenehm Dir ein ſolches Zu⸗ ſammentreffen ſeyn muß, aber glaubſt Du denn, es wuͤrde mir weniger ſchmerzhaft ſeyn, Dich frem⸗ der Pflege uͤberlaſſen zu muͤſſen, ohne daß ich vielleicht im Stande waͤre, mich nach Dir umzu⸗ ſehn? Theurer Eſteban, ich beſchwoͤre Dich da⸗ her, geſtatte es mir, Don Fetundo zu Dir zu fuͤhren.“ Ich konnte ihren Bitten nicht laͤnger idesſte hen, ja ich machte mir Vorwurfe, denſelben ſo lange widerſtanden zu haben, und ſo ward denn verabredet, daß Don Facundo mit am naͤchſtet Tage votgeſtellt werden ſollte. Ich hatte mich zum Erſtenmal von meinem Lager erhoben, und ſaß in einem Armſeſſel, als er eintrat; er naͤherte ſich mir mit dem Anſchein gro⸗ ßer Theilnahme, und ſchickte ſich an, mich zu um⸗ armen;— ich aber bebte zuruͤck. Taͤuſchten mich— meine Augen? War es moͤglich? Don Facundo war eben derſelbe Mann, der, als ich von den Franzoſen gefangen genommen worden, in jener Pfarrwöhnung ſo grauſamer Weiſe auf meinen Tod gedrungen hatte.—„Mich verlangt ſehn⸗ lichſt danach,“ ſprach er in einem einſchmeicheln⸗ — 8do— den Tone, indem er mir freundlich die Hand hin⸗ ſtreckte,„den Retter meiner Nichte, den Raͤcher meines ungluͤcklichen Bruders in meine Arme zu ſchließen.“ Hi e Seine Stimme beſtaͤtigte meine graͤßliche Ver⸗ muthung; ich konnte nicht laͤnger zweifeln. Hatte ich ihn gleich nur in der Daͤmmerung und in ganz anderer Kleidung geſchauet, konnten mich auch ſeine Geſichtszuͤge taͤuſchen, ſo hatte ſeine Stimme doch einen zu tiefen Eindruck auf mich gemacht, als daß ich den Ton derſelben je haͤtte vergeſſen koͤn⸗ nen; denn ſeine Worte geboten meinen Tod! „Ich bin gluͤcklich,“ entgegnete ich kalt, indem ich meine Hand zuruͤckzog,„daß es mir vergönnt ward, ſo wahren Freunden, wie Ihrem Bruder und Ihrer Nichte, einige Dienſte zu leiſten; was aber Sie betrifft, Don Facundo, ſo ſind Sie mir keinen Dank ſchuldig; verzeihen Sie es uͤbrigens, wenn ich Ihnen meine Hand nicht reiche, ich habe unſer Zuſammentreffen in jenem Doͤrſch3en in der Somoſierra noch nicht vergeſſen.“ b „In der Somoſierra,“ wiederholte Don Fa⸗ cundo,„mit wem ſpreche ich denn?“ „ Mit Don Eſteban Lara,“ verſetzte ich,„mit 3 dem Abkoͤmmling jener verwuͤnſchten Raſſe, die da gaͤnzlich vertilgt werden muß!“ V 3 Iſabele⸗ 4 Iſabellens Oheim war ſichtlich erſchrocken und erſtaunt, er faßte ſich indeſſen mit bewundernswuͤr⸗ diger Schnelligkeit, und rief mit ſcheinbarem Ent⸗ zuͤcken:„Wie, Don Eſteban Lara! der Sohn meines beßten Freundes! Er iſt in Sicherheit und hier in meinem Hauſe? Dem Himmel ſey Dank! O waͤre doch auch Ihr Vater zugegen, der treffliche Mann, er iſt mein Jugendfreund, und mir um ſo ſchaͤtzenswerther, weil er meinem ungluͤcklichen Bruder ſo weſentliche Dieuſſe gelei⸗ ſtet hat.“ Bei dieſen Worten fuhr er ſich mit dem Tuche uͤber die Augen, ſo, als wolle er ſeine Thraͤnen trocknen; ich ſaß da, ſtumm vor Erſtau⸗ nen uͤber ſeine freche Heuchelei.„Ich ſehe,“ nahm Don Facundo wieder das Wort,„daß Sie, gleich mehreren anderen meiner Freunde, ſich durch den Schein haben taͤuſchen laſſen, und mich fuͤr einen Vaterlandsverraͤther halten, waͤhrend ich mei⸗ nem geliebten Spanien die groͤßten Opfer brachte. Ich danke Gott, daß ich dieſe Gelegenheit gefun⸗ den, mich vor Ihnen, mein junger Freund, und durch Sie vor Ihrem wuͤrdigen Vater zu recht⸗ fertigen.“ Hierauf ſuchte er nunmehr mit kuͤnſtlich ge⸗ ſtellten Worten ſein bisheriges Benehmen, zumal aber ſein Betragen gegen mich in der Somoſierra 6 — 82— zu entſchuldigen, wobei es ihm ſo wenig an Scheingruͤnden fehlte, daß ein Fremder ihn unfehl⸗ bar als einen Mann betrachtet haben wuͤrde, der ſich als ein Maͤrtyrer fuͤr ſein Vaterland geopfert hatte. Ich aber, welcher ihm mehr in die Karte ge⸗ ſchauet hatte als er glaubte, konnte kaum meinen Unwillen unterdruͤcken, und mehrere Mal war der⸗ ſelbe im Begriff, hervorzubrechen; die flehenden Blicke und die Todtenblaͤſſe Iſabellens aber ver⸗ ſchloſſen mir immer wieder die Lippen. Haͤtte ich meine Gefuͤhle ausgeſprochen, ſo mußte zwiſchen Don Facundo und mir ein gänzlicher Bruch erfolgen, und dann waren Iſabella und ich auf immerdar getrennt. Ich beſchloß demnach, meine Empfin⸗ dungen niederzukaͤmpfen, und ſammelte, waͤhrend er ſprach, hinlaͤngliche Faſſung, ihm, als er geen⸗ det hatte, eine ziemliche hoͤfliche Antwort zu geben. Als er ſich darauf entfernt hatte, ſprach ich, zu Iſabella gewandt:„ich habe Dein Verlangen erfuͤllt, Iſabella, aber ſetze mich nicht auf eine zweite Probe; Du weißt nicht, was es mich ge⸗ koſtet hat, dem Heuchler ein aufmerkſames Ohr zu leihen, ich fuͤhle mich aber außer Stande, mich in ſeiner Gegenwart noch einmal zu beherrſchen; auch darfſt Du, meine theuere Iſabella, einer ſol⸗ chen Scene fuͤrder nicht ausgeſetzt ſeyn.“ 4 8 V 1— 33— 4 1 r„Du ſollſt nicht von hier fort,“ bat das liebe 4 liche Maͤdchen,„Don Facundo verlaͤßt Agreda⸗ noch heute, ſo eben begiebt er ſich auf ein ſechs Stunden von der Stadt gelegenes Landhaus. Seine Gattin, von der er Jahrelang getrennt ge⸗ weſen, die treueſte Freundin, die mir hienieden lebt, kommt in dieſen Tagen hieher, und dann wird Dir hoffentlich dieſes Haus angenchmer werden.“ Und wirklich trat noch an demſelben Abend, als ich eben in der Zeitung den Bericht von der 8 Schlacht bei Salamanca las, Iſabella herein, an der Hand einer Dame von freundlichem Aeußeren und mittlerem Alter, welche ſie mir als ihre Tante vorſtellte. Donna Coleſtina beklagte mit vieler Guͤte, daß ihre Abweſenheit ſie verhindert habe, mir fruͤher ihre Pflege zu ſpenden.„Wir haben,“* des hinn⸗„Ihnen eine große Schuld der Dankbarkeit abzutragen;“ und nun⸗ mehr bat ſie mich, doch ja in ihrem Hauſe zu bleiben, eine Bitte, der ich um ſo weniger zu widerſtehen vermochte, da ſie von Jſabellens fle⸗ henden Blicken unterſtuͤtzt wurde. Ich bekam nun ſchnell meine Kraͤfte wieder, und war ſchon nach zehn Tagen im Stande, mein Zimmer zu verlaſſen. So wie ich mich wohl ge⸗ nug befand, mich der Familie anzuſchließen, beeil⸗ . 6 1” 4— 84— ten ſich die angeſehenſten Bewohner ber Stadt, mir fuͤr den ihnen geleiſteten Dienſt zu danken. Unter den Perſonen, die mich zu beſuchen ka⸗ men, befand ſich auch die Wittwe eines der von dem grauſamen Darquier geopferten Unglucklichen. Sie brachte ihren einzigen Sohn mit ſich, einen lieblichen Knaben, der mir dafuͤr danken ſollte, daß ich ſeinen Vater geraͤcht hatte. Bei der Er⸗ waͤhnung ihres Gatten, an dem ſie mit ganzer Seele gehangen hatte, ſank ſie faſt ohnmaͤchtig zuſammen, ſchnell aber ihre Faſſung wiederſuchend, legte ſie ihre Hand auf das Haupt ihres Kindes, — indem ſie ausrief:„Es ſoll fortan meine Pflicht — fe dieſem meinem theuern Sohne das Beiſpiel ſeines Vaters ſtets vor Augen zu fuͤhren; tritt er in deſſen Fußtapfen, ſo koͤnnen mir in dieſem Thale der Thraͤnen doch vielleicht noch einige Freudenbluͤthen ſproſſen.“ Der wuͤrdevolle Gram v. tugendhaften Frau war in der That ungemein ruͤhrend, auch ver⸗ mehrte Alles, was ich ſpaͤterhin von ihr ſah und hoͤrte, die Ehrfurcht und die Achtung, die mir ihr erſter Anblick eingefloͤßt hatte. * * — ——. Sechs Wochen lang hatte ich nun 4 712 cher Gefangener, das Haus gehuͤtet; nach dieſer Zeit fing ich an kleine Spaziergaͤnge zu wagen, auf denen Iſabella meine Fuͤhrerin war.„Welche ſelige, entzuͤckende Wanderungen waren das, als ich auf ihren Arm geſtüͤtzt, und ihren zaͤrtlichen Aeußerungen horchend, an ihrer Seite dahin ſchlen⸗ derte!— Bald ward indeß jedes Antlitz im Hauſe durch die Kunde von Don Faeundo's baldige Ruͤck⸗ kehr verduͤſtert, und ich beſchloß nunmehr unver⸗ zuͤglich das Haus zu verlaſſen, war gleich die Wunde an meinem linken Arme noch nicht gaͤnzlich ge⸗ heilt. Unter dieſen Umſtaͤnden nahm ich mit Freu⸗ den das guͤtige Anerbieten der im vorigen Abſchnitte erwaͤhnten Wittwe an, welche darauf beſtand, daß ich, bis cch im h. un un„ wieder zur Armee zu gehen, ihr Haus als das meinige be⸗ trachten ſolle. ianemn nsid M 1 7 Sie war Iſabellens Freundin, nahm mich mit großer Guͤte auf, und unterhielt ſich mit mir, denn ſie war die Vertrauete unſerer Liebe, oft uͤber den theueren Gegenſtand meiner Neigung. Sie aͤußerte dabei ihre Beſorgniß, daß mein Bruch mit Don Facundo ernſthafte Folgen nach ſich ziehen wuͤrde, denn ſie ſchilderte ihn mir als einen Mann von mehr, ein gluͤckli⸗ — 86— dem hoffaͤhrtigſten und rachſuͤchtigſten Charakter. Sie durch meine Entfernung beleidigt worden„ſich jetzt unfehlbar unſeren Wuͤnſchen auf das kraͤftigſte wider⸗ ſetzen werde, und daß wir demnach von ſeiner Argliſt Alles zu fuͤrchten haͤtten. Sie rieth mir, ihn waͤh⸗ rend meiner Anweſenheit in Agreda zu vermeiden, denn er ſey ein koßer Heuchler, und koͤnne icht eine Gelegenheit ſuchen, mich ſeinem Haſſe zu opfern. Er hatte auch einen Sohn, det das vollkommene Ebenbild ſeines Vaters war, und ſich bei der Armee befand, von dieſem aber hatte ich, ruͤckſichtlich meiner Abſichten auf Iſabella, nichts zu beſorgen, denn ſein ehrgeiziger und habfuͤchti⸗ ger Vater hatte ihn bereits mit einem reichen Frauenzimmer zu Agreda verlobt: ihre Verheira⸗ chung war nur aufgeſchoben worden, weil der Braͤu⸗ rigam ſich ploͤtzlich zu ſainem Negimente hatte be⸗ geben muͤſſen. In dem Hauſe dieſer wuͤrdigen, theilnehmen⸗ den Frau hatte ich haͤufige Zuſammenkuͤnfte mit Iſabellen, welche ihre aufrichtige Liebe fuͤr mich immer deutlicher an den Tag legte.— Da wir zu Agreda ganz nach der gewoͤhnlichen ſpaniſchen Sitte lebten, duͤrfte eine kurze Schilderung unſe⸗ rer Lebensweiſe hier vielleicht an der rechten Stelle ſeyn. In glert Tn d2r4l46 an, netns V ſagte, ſie ſey uͤberzeugt, daß er, nachdem er deeſae —— — 87— Zwiſchen ſieben und acht Uhr Morgens traten unſere Diener in das Zimmer, ſchoben die Fen⸗ ſtervorhaͤnge zuruͤck und ſervirten die Chocolade, welche die aͤlteren Mitglieder der Familie gemein⸗ hin im Bette zu ſich zu nehmen pflegten; den Herren wird dabei zu gleicher Zeit, um ihre Ci⸗ garren anzuzuͤnden, auf einem kleinen ſilbernen Teller eine gluͤhende Kohle So kommt die achte Stunde heran, um eit man ge⸗ woͤhnlich aufſteht. Diejenigen welche an Reli⸗ gionsuͤbungen haͤngen, begeben ſich nun ſofort in die Kirche, um die Meſſe zu hoͤren. Nach Hauſe zuruͤckgekehrt, ſetzen ſie ſich zum Fruͤhſtuͤck, wel⸗ ches gemeinhin aus Eiern, Schinken oder aus einer Knoblauchſuppe beſteht. Die jungen Maͤdchen begleiten dann und wann ihre Muͤtter nach der Kirche; dieß geſchieht indeß nicht immer, und nur Sonntags wuͤrde ihr Da⸗ heimbleiben ihnen 3 großen Suͤnde angerechnet werden. Wenn ſie nicht in Geſellſchaft ihrer Ael⸗ tern oder Bruͤder in die Kirche gehn, laſſen ſie ſich ſtets von einem Diener begleiten, denn allein gehen ſie nie aus. Gegen Mittag findet man die Damen zu Hauſe mit Handarbeiten beſchaͤftigt, wobei ich den ſpa⸗ niſchen Frauenzimmern die Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen muß, zu bemerken, daß man ſie im — 88— G auffallenden Contraſt zu den Maͤnnern nur ſelten muͤßig findet, denn ſelbſt wenn ſie zu ihren Freun- dinnen gehen, nehmen ſie ihre Handarbeit mit ſich. Da dieß die Zeit iſt, in der man Beſuche annimmt, erſcheinen nunmehr die Herren, um die Damen zu unterhalten. Die Leichtigkeit, mit welcher ein Fremder Zutritt in einem Hauſe erhalten kann, macht den ge i mannichfaltig und ange⸗ nehm; wird em Freunde vorgeſtellt, kann er wiederkehren, ſo bald es ihm gefaͤllt. Deer Schall des Metallmoͤrſers, in welchem die verſchiedenen Kraͤuter. zu den Saucen geſtoßen wer⸗ den, verkuͤndet darauf, daß die Mittagsſtunde naht, und nunmehr greifen die Beſucher nach ihren Huͤ⸗ ten und wuͤnſchen den Damen guten Appetit. Ge⸗ woͤhnlich wird um eins, in manchen Haͤuſern aber auch ſonſt um zwei oder drei Uhr zu Mittag ge⸗ ſpeißt. Gleich nach beendigtem Mahle zieht ſich Jedermann auf ſein Zimmer zuruͤck, um die Sieſta oder Mittagsruhe zu halten, eine Sitte, die ich indeß noch nicht mitgemacht hatte, außer an den heißeſten Sommertagen, wo die druͤckende Hitze eine unwiderſtehliche Schlaͤfrigkeit herbeifuͤhrt. Nachmittags gegen Sonnenuntergang, im Win⸗ ter aber um drei Uhr, begeben ſich die Damen und Herren entweder nach den Alamedas oder ſchat⸗ tigen Spaziergaͤngen, die ſich gemeinhin laͤngs dem — 89— Ufer eines Fluſſes hindehnen, oder nach den Ta⸗ pias oder Spaziergaͤngen laͤngs der Stadtmauer, wo man vor dem kalten Winde geſchuͤtzt iſt, und ſich dabei des Sonnenſcheins erfreuet. Nach be⸗ endigtem Spaziergange begiebt ſich Alles in eine Bo⸗ tillera(Haͤuſer, wo Eis verkauft wird), um Eis zu genießen, oder man kehrt auch nach Hauſe zu⸗ ruͤck, um Chocolade zu lbends geht man dann entweder in ein Th r in eine Ter⸗ tulia. Die Tertulia der gaſtfreien Frau, in deren Hauſe ich mich befand, und die ſich Donna Lucia nannte, war hoͤchſt angenehm und frei von je⸗ dem Zwange. Was nur zur guten Geſellſchaft Agreda's gehoͤrte, war in ihrem Hauſe anzutref⸗ fen, und grade waͤhrend meines Aufenthaltes war die Stadt beſuchter als gewoͤhnlich; denn viele Familien, welche dieſelbe verlaſſen hatten, kehrten jetzt zuruͤck, begleitet von Anderen, die ſich auf dem Wege nach ihrer Heimath befanden, weil durch Marmont's Ruͤckzug nach Burdos ihre Hoffnun⸗ gen belebt worden waren. Da es in dieſen kleinen S Städten nur wenige Waͤgen gibt, laſſen ſich die Damen, wenn ſie aus der Tertulia nach Hauſe zuruͤckkehren, von einem Diener begleiten, welcher ihnen entweder mit einer Laterne oder mit einer Fackel vorleuchtet; die Her⸗ — 90— ren dagegen gehen gewoͤhnlich allein, welches ihnen indeß oft Gefahr bringt.— Mittagsgeſellſchaften ſind in Spanien nicht gebraͤuchlich, außer bei großen Feſtlichkeiten, wie zum Beiſpiel am Namenstage des Herrn oder der Frau vom Hauſe, oder bei Vermaͤhlungen und dergleichen. Die Dias de Campo, oder Mittags⸗ mahlzeiten auf erſten Bande ein eſch reibung gegeben habe, ſind haͤufi iger. Waͤhrend meines Aufenthalts im Hauſe der Donna Lucia, fiel gerade der Namenstag ihres. Heiligen, bei welcher Gelegenheit ſie von allen Freunden und Bekannten Beſuche empfing. In ihrem Hauſe herrſchte an dieſem Tage die groͤßte Pracht; die beßten Zimmer wurden geoͤffnet, und die mit reichem Damaſt uͤberzogenen Sophas und Seſſel enthuͤllt. Sie ſelbſt ſaß unter dem Bilde der heiligen Jungfrau, auf einem Sopha in der Mitte des Saales, in einem weißen, von ihr ſelbſt ſorgſam geſtickten Kleide. Ein großer Blumenſtrauß, den ich ihr zum Geſchenk gemacht hatte, prangte an ihrer Bruſt; ihr Haar ſtrahlte von Diamanten, und in ihrer Hand hielt ſie einen koſtbaren Faͤcher. Zuckerwerk, Liqueurs, verſchiedene Sorten Weine und aͤhnliche Erfriſchungen wurden in reichen Ge⸗ ſchirren umher gereicht. Unfern der Thuͤr waren Felde, von denen ich im 44 ——-— — 91— auf einem Tiſche, Federn, Dinte und Papier vorhanden, damit die Beſucher ihre Namen auf⸗ zeichnen konnten, welche Liſte dann ſpaͤter in dem Familienarchive beigelegt wurde. Von acht bis zehn Uhr Vormittags, ja ſelbſt ſchon am Abend zuvor, wurden der Gefeierten zahlloſe Geſchenke an Zuckerwerk u. ſ. w. geſandt, welche ihr indeß, da ſie dem Ueberbringer ſtets ein reichliches Trinkgeld ſpenden mn naße. theuer zu ſte⸗ ven kanan.— Als ich eines Tages im Hauſe der Donna Lucia neben Iſabella ſaß, und ihrer melodienreichen Stim⸗ me horchte, die ſie mit der Guitarre enhelat. bat ich ſe, düss uiue Lied, zu bagi. es vivir 43 Sos Ie Patria E Wn An ce es morir. „Unter einer Bedingung,“ entgegnete ſte la. chelnd,„bin ich bereit, Deinen Wunſch zu er⸗ fuuen 7 „Ich bewillige ſie, ſie mag anich lauten wie ſie wolle!“ rief ich.„Du kannſt unmoͤglich etwas von mir begehren, was ich nicht bereit waͤre zu thun. Sprich, was verlangſt Du?“ „Die Mittheilung der Geſchichte Deines Le⸗ bens vor unſerer Bekanntſchaft,“ Berſebte Iſa⸗ bella. „Meine fruͤheren Begebenheiten durften Dich nur wenig intereſſiren,“ erwiederte ich,„waren es doch faſt nur die eines jeden ſpaniſchen Knaben!“ „Dennoch moͤchte ich etwas davon hoͤren,“ antwortete meine Geliebte,„etwas von dem Prie⸗ ſter, Pater Mantilla, von Deinem Ausfluge nach gung zum geiſtlichen Stande z2 — 98— La Marqueſa und von andeten Vorfällen Deiner Jugend.“ Ich erfuͤllte ihr Begehren und begann wie folgt: n Waͤhrend der erſten Jahre meiner Kindheit, kli dete mich meine Mutter, welche in mir eine Nei⸗ gewahren glaubte, in die Tracht eines Kardinal Naimundo aber, der fruͤh ſchon Luſt zum Soldatenſtande zeigte, in eine Huſarenuniform.— Da ſtrich dann oft auf dem oͤffentlichen Spaziergange der Monſignor im Schar⸗ lachkleide, mit dem Hute, den Schuhen und Struͤmpfen von derſelben Farbe, Arm in Arm mit dem kleinen Huſaren umher, oder balgte ſich auch mit ihm, bis ſie Beide zu Boden fielen. Die Sitte, Kinder auf dieſe Weiſe heraus⸗ zuſtaffiren, war zu jener Zeit herrſchender als jetzt; faſt alle Knaben waren damals wie Franciskaner, Dominikaner oder Kupuzinermoͤnche gekleidet, waͤh⸗ rend die Soͤhne reicherer Aeltern, wie Biſchoͤfe, Kardinaͤle oder wohl gar wie Paͤpſte herausge⸗ putzt wurden, oder in glaͤnzenden uniformen, wie kleine Offiziere daherſchritten. Unter den mannichfachen Ehrenbezeigungen, welche mir meine Kardinalstracht verſchaffte, war die, bei der großen Prozeſſion des Corpus Christi als Engel erſcheinen zu duͤrfen, eine der vorzuͤg⸗ — 94— lichſten. An dieſem merkwuͤrdigen Tage war es meinen langen Locken, welche meine gute Mutter, um meine Beſtimmung fuͤr den geiſtlichen Stand noch naͤher zu bezeichnen, gern abgeſchnitten haͤtte, geſtattet, uͤber meine Schultern hinab zu wallen. Ein ſchoͤnes, goldgeſticktes Gewand, welches mir nur bis an die Kniee reichte, umhuͤllte mich, und ward von einer hellblau ſeidenen Schaͤrpe leicht zuſammen gehalten. Auf dem Kopfe trug ich eine glaͤnzende Krone, und an meinen Schultern prangte ein Fluͤgelpaar von koſtbaren, farbenreichen Federn. So herausgeputzt ward ich nach der Kathe⸗ drale gefuͤhrt, von wo aus die Prozeſſion ihren Weg antreten ſollte, und wo ich nunmehr nebſt drei anderen, auf aͤhnliche Weiſe gekleideten Kin⸗ dern an der Seite eines prachtvollen Tempels mei⸗ nen Platz erhielt, in deſſen Mitte, von Kerzen umſtrahlt, und Blumenguirlanden umkraͤnzt, die Hoſtie prangte. Von aller dieſer Pracht umgeben, glaubte ich indeß, nichts ſey prachtvoller, als meine eigene kleine Perſon, welcher eitelen Ueberzeugung es aber auch in der That bedurfte, um mich die Marter ertragen zu laſſen, fuͤnf lange Stunden, unbeweglich wie eine Statue, mit gefalteten, zum Himmel emporgehobenen Haͤnden, in knieender Stellung zu verharren. Die Prozeſſion trat, wie ich mich erinnere, Schlag zehn Uhr Morgens, ih⸗ — 95— ren Weg von der Kirche an. Voran kam eine Schaar Taͤnzer, auf aͤhnliche Weiſe wie ich geklei⸗ det, aber weniger glaͤnzend, und ohne Fluͤgel. Sie bewegten ſich im munteren Tanz dahin, klap⸗ perten mit ihren Caſtagnetten, und machten be⸗ wundernswuͤrdige Spruͤnge. Dieſe Taͤnzer ſind gewoͤhnlich Knaben von zehr vierzehn Jahren, die der Kathedrale angehoͤren d bei dem Got⸗ tesdienſte die unteren geiſtlichen Beſchaͤftigungen verſehen. Sie wurden von allen Moͤnchen gefolgt, deren Kloͤſter ſich zu Valladolid befanden. Dieſe ſchritten ihrem Range nach, Paarweiſe daher. Hinter ihnen wurden eine Menge Reliquien ge⸗ tragen, ſaͤmmtlich in reichen ſilbernen und golde⸗ nen Gefaͤßen; dann kamen die Bruͤderſchaften, mit ihren Bannern, und nach ihnen die Heiligen der verſchiedenen Kirchen, von ihren Prieſtern und Kaplanen begleitet. Nunmehr zeigte ſich der oben erwaͤhnte prachtvolle Tempel, der ſich auf Raͤdern dahinbewegte, ohne daß man indeß bemerken konnte, auf welche Weiſe, denn die Maͤnner, welche ihn von der Stelle ſchafften, waren unter demſelben verſteckt.— Gleich hinter der Hoſtie folgte der Biſchof, von ſeinem geiſtlichen Gefolge umgeben, dann kamen die Chorknaben, welche von einem vollen Orcheſter begleitet, Hymnen in ſpaniſcher Sprache ſangen, und endlich ward die Prozeſſion — 96— durch eine Anzahl Militair in neuer Uniform, und eine zahlloſe Menſchenmenge beſchloſſen. Die Gaſſen, durch welche ſich der Zug hinbe⸗ wegte, waren ſaͤmmtlich mit Sand, Zweigen, Lor⸗ beerblaͤttern und Blumen beſtreuet; die Haͤuſer mit weißen und buntfarbigen Teppichen umhangen, und die Balkons mit Spiegeln geſchmuͤckt, aus denen das Licht zahlloſer Kerzen wiederſtrahlte. Die Laͤ⸗ den auf der Piazza mayor, dem vorzuͤglichſten Platze der Stadt, hatte man, ſo wie die in ver⸗ ſchiedenen Straßen, in heilige Grotten umgewan⸗ delt und in einer jeden prangte ein Altar. Viele zierliche Kapellen waren auf offener Gaſſe errich⸗ tet, und alle ſchmalen Gaͤnge durch Zweige ver⸗ ſteckt, ſo daß ſie ſchattigen Laubgaͤngen glichen. So wie die Hoſtie ſich zeigte, knieete die Men⸗ ſchenmenge und das an beiden Seiten aufgeſtellte Militair andachtsvoll nieder, und beharrte in die⸗ ſer Stellung, bis die Prozeſſion voruͤber war. Was mich anbetraf, ſo ſchwebte ich bei ſolchen Gelegenheiten in nicht geringer Gefahr, unter der Menge von Blumen begraben zu werden, die mir aus den Fenſtern zugeworfen wurden. Sowohl beim Auszuge, als bei der Ruͤckkehr der Prozeſſion, ward mit allen Glocken gelaͤutet, eine treffliche militairiſche Muſik miſchte ihre rau⸗ ſchenden — 97— 2 ſchenden Toͤne mit den Hymnen der Saͤnger, und die Kanonen donnerten darein. Nach Beendigung ſaͤmmtlicher Ceremonien ward der kleine Engel von dem Geſolge des Bi⸗ ſchofs, nachdem man ihn mit Zuckerwerk beladen hatte, den anweſenden Damen uͤbergeben, die ihn dann der Reihe nach kuͤßten; und nun ward ich endlich wieder nach Hauſe zuruͤckgebracht, wo mich die Umarmung meiner Aeltern und der Freunde unſeres Hauſes erwartete, die mein Vater an die⸗ ſem feſtlichen Tage in großer Menge einzuladen pflegte. Abends folgte alsdann ein glaͤnzender Ball, wobei es mir zu meiner großen Freude ge⸗ ſtattet mar, meine Engelstracht beizubehalten. Als Raimundo und ich einige Fortſchritte im Leſen und Schreiben gemacht hatten, wurden wir in eine Schule geſchickt, die ſich unter dem Schutz der königlichen Geſellſchaft befindet, zu deren Be⸗ gruͤndern mein Vater gehoͤrte. Hieruͤber waren wir ungemein erfreuet, denn wir waren unſeres Hofmeiſters von Herzen uͤberdruͤſſig, und ſehnten uns wahrhaft nach einer oͤffentlichen Schule; zu⸗ mal aber nach einer Anſtalt, wo wir erwarten konnten mit jener Achtung behandelt zu werden, auf die, unſerer Meinung nach, die Soͤhne eines Beſchuͤtzers des Inſtituts wohlbegruͤndete Anſpruͤche hatten. Wir hatten uns hierin auch nicht ge⸗ II. 1 taͤuſcht, denn unſer Lehrer, Don Enrigue, zeichnete uns ſo ſehr aus, daß die uͤbrigen Mitſchuͤler uns zu haſſen begannen, bis ſie, nachdem wir durch unſere Fuͤrbitte Einige von ihnen von einer ver⸗ dienten Strafe befreiet hatten, nach und nach an⸗ fingen, uns wie kleine Protektoren zu betrachten. In dieſer Schule ward ich bald ein Mitbewerber um die Preiſe, welche die koͤnigliche Akademie auszuſetzen pflegte. Die Vertheilung derſelben fand auf dem Conſiſtorio ſtatt, wo bei einer ſolchen Gelegenheit alle angeſehenen Perſonen der Stadt, Herren und Damen, verſammelt waren. Die ge⸗ raͤumige Halle war dann mit Blumenkraͤnzen und Lorbeerzweigen ausgeſchmuͤckt; am Oberende derſel⸗ ben, befand ſich ein Sitz fuͤr den Praͤſidenten der koͤniglichen Akademie, und an beiden Seiten ſaßen die uͤbrigen Mitglieder. Vor ihnen lagen auf einem Tiſche die goldenen und ſilbernen Medail⸗ len, die vertheilt werden ſollten, und die dann der Praͤſident mit Baͤndern von verſchiedenen Far⸗ ben an die linke Bruſt der Kinder befeſtigte. Die verſchiedenen Arbeiten derſelben waren eben⸗ falls auf dem Tiſche zur Schau ausgebreitet, und wurden der Reihe nach in der Betſaunſn um⸗ hergezeigt. Dem Sitz des Praͤſidenten gegenuͤber waren mehrere Gallerien, eine immer hoͤher als die an⸗ —,—— — 99— dere, angebracht, auf denen die jungen Leute bei⸗ der Geſchlechter, welche Preiſe erhalten ſollten, Platz nahmen; waͤhrend der ganze uͤbrige Raum von den Aeltern und Verwandten der Kinder ein⸗ genommen war. Der Praͤſident eroͤffnete die Sitzung mit einer Rede, die eine kurze Skizze der Geſchichte des Inſtituts enthielt, und worin er die Vortheile einer ſolchen Anſtalt auseinander ſetzte. Mehrere andere Mitglieder der Geſellſchaft hielten darauf ebenfalls Reden, die die Ermuthigung der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften zum Zwecke hatten; worauf dann die Vertheilung der Preiſe erfolgte. b Nach drei Jahren erhielt ich auf einmal drei Preiſe— einen in der Geographie, den zweiten in der Geſchichte, und den dritten im Zeichnen. Es iſt mir unmoͤglich, die Freude zu ſchildern, wel⸗ che mir dieſe Auszeichnung verurſachte; die Theil⸗ nahme, welche man mir bezeigte, war ſo allge⸗ mein, daß ich im eigentlichen Sinne des Worts von dem Platze des Praͤſidenten zu meinem Sitze, unter Trompetenſchall von den Armen der anwe⸗ ſenden Herrn und Damen getragen wurde. Jetzt aber, meine theuere Iſabella, muß ich Deine Aufmerkſamkeit auf Gegenſtaͤnde lenken, un⸗ gemein verſchieden von denen, die ich ſo eben be⸗ ruͤhrte., Mein wuͤrdiger Vater, Don Ignacio, 7 deſſen religioͤſe Gefuͤhle eben ſo kraͤftig als aufrich⸗ tig waren, pflegte den geiſtigen Uebungen der ſo⸗ genannten Schule Chriſti beizuwohnen. Dieſe be⸗ ſtehen in einer Reihe von Betrachtungen uͤber ver⸗ ſchiedene religioͤſe Gegenſtaͤnde, und werden mehrere Male im Jahre von den Theilnehmern gehalten, welche dann ihre Haͤuſer verlaſſen, um fuͤr ſie beſtimmte Zimmer in dem dem Oratorio St. Phi⸗ lip Neri gehoͤrenden Gebaͤude zu bewohnen, wo ſie ſich ganz den Verordnungen des Praͤſidenten unterwerfen. Dieſer Letztere, ein Prieſter, Namens Man⸗ tilla, vereinigte mit einem kuͤhnen und unterneh⸗ menden Geiſte viel Liſt und eine tief verſteckte Heuchelei. Er beſaß die erforderliche Schlauheit, um ſich uͤber einen großen Theil der angeſehenſten Bewohner der Stadt einen ungemeinen Einfluß zu verſchaffen, und war ſchon Jahre lang Mit⸗ glied dieſes Oratorio geweſen, wo er durch die Heftigkeit ſeiner Predigten allgemeine Aufmerkſam⸗ keit erregte. Durch ſeine wilden und enthuſiaſti⸗ ſchen Beſchreibungen des Himmels und der Hoͤlle, erweckte er nach ſeiner Willkuͤhr die Hoffnungen und Beſorgniſſe ſeiner Zuhoͤrer, und ſo wie er dann gewahrte, daß er ſein Auditorium in ſeiner Gewalt hatte, ward ſeine Stimme immer lauter und lauter, ſein Ausdruck immer heftiger, bis 4 —,— — — 101— endlich ſeine Worte in Thraͤnen und Seufzer zu erſticken ſchienen, ein Verfahren, welches die Ver⸗ ſammlung unwiderſtehlich hinriß. Der Einfluß aber, den dieſer Prieſter auf die angeſehenſten Bewohner der Stadt beſaß, beſchraͤnkte ſich keineswegs auf ihre geiſtigen Angelegenheiten; er nahm auch ihre zeitlichen Angelegenheiten un⸗ ter ſeine Obhut. Er verſchafft ſich Zutritt in ih⸗ ren Haͤuſern, unter dem Vorgeben, ihnen geiſtigen Nath ertheilen zu wollen, und hat mehr als ein⸗ mal den Frieden der Familie geſtoͤrt, indem er bei dem Ehemanne Verdacht gegen ſeine Gattin erweckte, wie dieſes denn in unſerer eigenen Fa⸗ milie geſchehen. Als Beichtiger derſelben konnte er in unſer Haus kommen, wann es ihm beliebte. Bei einem ſeiner Beſuche fand er einen jungen Geiſtlichen bei uns, einen Bekannten, der in einem benachbarten Dorfe wohnte, dann und wann aber zur Stadt kam, um einige Tage bei ſeinen Freun⸗ den zuzubringen. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte er ſein Quartier bei uns aufzuſchlagen, und da er ein ungemein heiterer Geſellſchafter war, ward er von uns Allen gern geſehen. Pater Mantilla, welcher die Vorliebe gewahrte, die wir fuͤr unſe⸗ ren Freund Don Pedro mit jedem Tage immer mehr und mehr zu hegen begannen, und der auf ſeinen Einfluß eben ſo eiferſuͤchtig war, wie ein — — 102— Liebhaber auf das Herz ſeiner Geliebten, konnte dieſe Eingriffe in ſeine vermeintlichen Rechte nicht gelaſſen erdulden. Er bemuͤhete ſich demnach Ver⸗ laͤumdungen von der groͤbſten Art gegen Don Pe⸗ dro auszuſtreuen, und wirklich gelang es dem Heuch⸗ ler auch, bei meinem Vater einigen Verdacht ge⸗ gen den Erſteren zu erwecken, den der argliſtige Moͤnch zu ſteigern ſich beſtrebte, indem er denn Don Ignacio die Nothwendigkeit vorſtellte, zur Aufrechthaltung ſeines Friedens den Don Pedro von ſeinem Hauſe fern zu halten. Mein Vater konnte ſich aber zu einem ſolchen Schritte durchaus nicht beſtimmen, weshalb der Moͤnch, ungeduldig, ſeinen Zweck nicht zu errei⸗ chen, dem Don Pedro durch einen Dritten zu verſtehen geben ließ, daß ſeine Beſuche dem Don Ignacio unangenehm waͤren. Don Pedro erſchien demnach nicht mehr bei uns, ſchrieb aber an meine Aeltern einen Brief, in welchem er ſeine verletzten Gefuͤhle ausſprach. Das freundliche Verhaͤltni zwiſchen meinem Va⸗ ter und meiner Mutter ward dadurch auf eine Zeitlang getruͤbt, und faſt waͤre es dem argliſtigen Moͤnche gelungen, ſie auf immerdar zu entzweien. Bald nach dieſem Vorfalle ward Pater Man⸗ tilla zum Biſchof von Mechoacan erwaͤhlt, da er ſich aber in dieſem Welttheile zu wohl befand, wo — 103— er eine despotiſche Gewalt über eine große Anzahl reicher Leute beſaß, hielt er es fuͤr rathſam, der Mitra zu entſagen, und zog es vor, in Europa zu bleiben, ſtatt uͤber das atlantiſche Meer zu ſegeln, und ſich ungewohnten Entbehrungen aus⸗ zuſetzen; wobei er indeß nicht verabſaͤumte, ſeiner Weigerung den Anſtrich großer Demuth zu geben. Die thoͤrigte Menge erklaͤrte ihn deshalb fuͤr einen Heiligen, und veranlaßte zu ſeiner Ehre die Illu⸗ mination der ganzen Stadt; auch ward vor ſeiner Wohnung ein glaͤnzendes Feuerwerk abgebrannt, waͤhrend deſſen man ihn aufforderte, auf dem Bal⸗ kon zu erſcheinen. Seine große Beſcheidenheit aber verhinderte ihn, wie er ſagte, dieſer Auffor⸗ derung Genuͤge zu leiſten; er verließ ſeine Woh⸗ nung durch eine Hinterthuͤr, und kam zu uns, um, wie er vorgab, zwei Weſen zu verſoͤhnen, die ſich nie haͤtten entzweien ſollen, und die dennoch, wie er recht gut wußte, nur durch ſeine Raͤnke auf kurze Zeit veruneinigt worden waren. Meiner Mut⸗ ter legte er die Buſe auf, ſechs Monate lang das Gewand der heiligen Thereſia zu tragen. Daſſelbe beſtand aus einer ſchwarzen Tunika, die von einem ledernen Guͤrtel zuſammen gehalten wurde, von dem ein Roſenkranz mit einem Crucifix herab⸗ hing.— Mein Vater beſchloß dagegen, die hei⸗ lige Woche in dem Kapuziner⸗Kloſter zuzubringen, — 104— wo ſich, wie in der Schule Chriſti, oftmals an⸗ geſehene Maͤnner verſammelten, um ſich hier, von der Welt gaͤnzlich abgeſondert, frommer Andacht hinzugeben. Raimundo und ich, wir verfuͤgten uns eines Tages nach dieſem Kloſter, um unſeren Vater zu beſuchen, und wurden von den freund⸗ lichen Moͤnchen eingeladen, ein Paar Tage bei ihnen zu bleiben. Wir thaten dies mit großem Vergnuͤgen, denn es war fuͤr uns etwas Neues, und man betrug ſich ungemein guͤtig gegen uns. Ruͤckſichtlich der Eintheilung der Bußzeit ward die groͤßte Puͤnktlichkeit beobachtet. Um fuͤnf Uhr Morgens, von dem Gelaͤute der großen, dumpf⸗ ſchallenden Glocke geweckt, verſammelten ſich die Moͤnche ſofort in der Kirche, um die fuͤr den an⸗ gebrochenen Tag beſtimmten Andachtsuͤbungen zu beginnen. Bei ihren Mahlzeiten verharrten ſie im tiefen Schweigen, und nur eine Stunde Abends durfte eine Unterredung zwiſchen ihnen ſtattfinden. Wir wohnten allen Andachtsuͤbungen bei, und wurden ob der Feierlichkeit, mit der ſie begangen wurden, ob der Heiligkeit des Orts von Ehrfurcht erfaßt. Abends wurde das tiefe Schweigen, wel⸗ ches waͤhrend des ganzen Tages in dem Gebaͤude, deſſen finſtere Fluͤgel nur durch das ſchwache Licht einiger Lampen erhellt wurden, geherrſcht hatte, dann und wann von den tiefen klagenden Stim⸗ n — 105— men der Moͤnche unterbrochen, die das Miſerere ſangen. Kaum war der erſte Theil deſſelben ge⸗ endet, als auch ſofort die wenigen Lichter erlo⸗ ſchen, die Moͤnche und Buͤßenden aber ihre Ruͤk⸗ ken entbloͤßten, und die Geißelung begann. Waͤh⸗ rend derſelben wurden ihre Stimmen immer lau⸗ ter und lauter, ihre Schlaͤge immer heftiger und heftiger, bis man nach ungefaͤhr zwanzig Minu⸗ ten nichts als das Sauſen der Geißel und dum⸗ pfe Seufzer vernahm, worauf dann endlich die ganze Verſammlung aus einander ging. Nachdem wir von dieſen Bußuͤbungen Zeuge geweſen waren, kehrten wir nach Hauſe zuruͤck, die Phantaſie mit aberglaͤubiſchen Gefuͤhlen erfuͤllt. Das Beiſpiel unſerer eigenen Aeltern, die haͤufigen Beſuche der Kirchen und Kloͤſter, vor Allem aber das Leſen jener uͤberſpannten Legenden, die unter dem Titel:„Leben der Heiligen“ bekannt ſind, floͤßte meinem Bruder und mir immer mehr und mehr den Wunſch ein, dasjenige, womit ſich un⸗ ſere Einbildungskraft beſchaͤftigte, in Ausfuͤhrung zu bringen. Mein Vater hatte uns zu verſchiedenen Zeiten hoͤlzerne Heiligenbilder und aͤhnliche Dinge geſchenkt, mit welchen wir nun in einem unbewohnten Zim⸗ mer unſeres Hauſes einen Altar errichteten, vor dem wir die Andachtsuͤbungen, von denen wir in — 106— den Kirchen und Klöͤſtern Zeuge geweſen waren, wiederholten. Von dieſem Augenblicke an gaben wir alle unſere Knabenſpiele auf, und jeder Augen⸗ blick, den wir unſeren Studien entziehen konnten, ward in dieſem Gemache hingebracht, denn wir wollten mit aller Gewalt Heilige werden. Waͤhrend einer ſolchen Andachtzuͤbung machte Raimundo, welcher noch romantiſcher war als ich, . den Vorſchlag, dem Beiſpiele des heiligen Hiero⸗ nymus, oder dem eines anderen Maͤrtyrers zu fol⸗ gen, und uns in irgend eine Hoͤhle oder Wuͤſte zuruͤckzuziehen, um dort vuneſeät zu faſten und zu beten. Ein ſolches Unternehmen war zu abentheuer⸗ lich, als daß ich und zwei unſerer jungen Freun⸗ der, die an unſeren frommen Beſchaͤftigungen Theil nahmen, uns nicht ſofort dazu haͤtten entſchließen ſollen. Der Vorſchlag ward auf der Stelle gebil⸗ ligt, und wir uͤberlegten nur noch, in welche Hoͤhle oder Wuͤſte wir uns begeben wollten. Wir fan⸗ den bald einen paſſenden Ort, und ſchon am naͤch⸗ ſten Morgen begaben wir uns hin. Da wir aber dort mit tauſend Unbequemlichkeiten zu kaͤmpfen hatten, wurden wir des Dinges bald uͤberdruͤſſig⸗ und kehrten nach zweitaͤgiger Abweſenheit zu un⸗ ſeren, unſertwegen ungemein beſorgten Aeltern — — 107— zuruͤck, gaͤnzlich geheilt von der Sehnſucht, in einer Wuͤſte zu leben. Gleich darauf ereignete ſich ein Umſtand, wel⸗ cher, waͤre ich nicht ſchon des Maͤrtyrerlebens gaͤnz⸗ lich uͤberdruͤſſig geweſen, mich vielleicht beſtimmt haben wuͤrde, mich dem geiſtlichen Stande zu widmen. Unſere Familie hatte naͤmlich eine Pfruͤn⸗ de zu vergeben, und da Raimundo der Stamm⸗ halter war, hielt es Don Ignacio fuͤr gerathen, jene mir zu beſtimmen. Da er indeß, beſonders bei ſo wichtigen Angelegenheiten, ſeine vaͤterliche Gewalt nie mißbrauchte, forſchte er zuvor, ob ich auch Neigung dazu haͤtte. Von dem Gedanken geblendet, welche Ehre es fuͤr mich ſeyn wuͤrde, von dem Biſchof die Tonſur zu erhalten, konnte ich wohl einem ſolchen Antrage widerſtehene Kaum aͤußerte ſich Don Ignacio hieruͤber gegen mich, als ich mich im Geiſte ſchon als Biſchof erblickte. „Wer weiß,“ ſo ſprach ich in meinem jugendli⸗ chen Sinne zu mir ſelbſt,„ob ich, bin ich nur erſt Biſchof, ſpaͤterhin nicht gar Cardinal oder Papſt werde!“ Nachdem der Tag, an dem ich die Tonſur er⸗ halten ſollte, feſtgeſetzt und erſchienen war, begab ich mich, nur von einem genauen Freunde meines Vaters begleitet, fruͤh Morgens nach dem biſchoͤf⸗ lichen Palaſte. Mehrere Pagen des Praͤlaten, in — 108— geiſtliche Tracht gekleidet, empfingen uns an der Pforte, und fuͤhrten uns durch eine Reihe pracht⸗ voll ausgeſchmuͤckter Gemaͤcher zu einem koſtbaren, mit Glasthuͤren verſehenen Saale. Zwiſchen den Thuͤren ſtanden kleine vergoldete Tiſche, uͤber de⸗ nen ſich koͤſtliche Spiegel in ſilbernen Rahmen be⸗ fanden. Neben dieſen ſah man verſchiedene Esca- Parates oder kleine Schraͤnke mit Glasthuͤren, in denen koſtbare Steine und Reliquien aufbewahrt wurden. In dieſem Saale ſtanden viele Prieſter, deren ernſte Geſichter und feierliches Benehmen nicht geeignet waren, die Unbehaglichkeit zu heben, die ſich meiner bemaͤchtigt hatte. Der Gedanke, daß mich der Biſchof uͤber mehrere religioͤſe Ge⸗ genſtaͤnde befragen, und ich in einer ſolchen Pruͤ⸗ fung vielleicht ſchlecht beſtehen wüͤrde, machte mich faſt erbeben. Nachdem wir ungefaͤhr eine halbe Stunde lang gewartet hatten, ward es uns endlich geſtattet, uns dem Kabinette des Biſchofs zu naͤhern. Ich zitterte, als ich eintrat. Es war ein reich verzier⸗ tes Gemach, an deſſen oberem Ende der Praͤlat unter einem koſtbaren Thronhimmel in einem ſamm⸗ tenen Armſeſſel ſaß, ſeine Fuͤße ruhten auf einem großen ſammtenen Kiſſen. In der Mitte ſtand ein Tiſch, der mit einem prachtvollen Teppich be⸗ deckt war, und auf dem wir, zwiſchen zweien —, 109— Wachskerzen ein goldenes Crucifix und ein großes, glaͤnzend eingebundenes Buch gewahrten. Vor dem Tiſche lag ein Kiſſen, demjenigen aͤhnlich, auf dem die Fuͤße des geiſtlichen Herren ruhten. Nachdem ich, wie es die Sitte gebot, den Ring gekuͤßt hatte, ſtand ich nunmehr vor dem Biſchof da, um von ihm befragt zu werden. Seine erſte Frage lautete: ob ich den Glauben kenne. Ich war, denn ich hatte etwas weit ſchwereres erwartet, uͤber dieſe Anrede dergeſtalt beſtuͤrzt, daß ich mein„Ja,“ kaum vorzuſtammeln ver⸗ mochte. Nachdem ich darauf nicht ohne große Schwierigkeit, denn ich war ſehr verlegen, den Glauben und das Paternoſter hergeſagt hatte, ſchickte ſich der Biſchof an, mir die Tonſur zu ertheilen. Er erhob ſich von ſeinem Sitze und ſchritt nach dem in der Mitte des Gemachs befindlichen Tiſche, waͤh⸗ rend einer von den anweſenden Geiſtlichen mich zu dem Sammtkuͤſſen fuͤhrte, und mir niederzu⸗ knieen gebot. Ich that dieſes, und nachdem der Biſchof zuvor mehrere Gebete geſprochen, ſchnitt er mir oben vom Haupte einiges Haar ab, und gab mir ſeinen Segen. Ich kuͤßte neuerdings ſei⸗ nen Ring und verfuͤgte mich dann nach St. Philipp Neri, wo ich beichtete und zum erſten Mal in meinem Leben communicirte. Dergeſtalt eingeweiht, kehrte ich nach Hauſe — 4110— anis, wo die geiſtliche Tracht und der Barbier meiner warteten; der Letztere ſchor nunmehr mein Haupt an der von dem Biſchof bezeichneten Stelle, die indeß nur ungefaͤhr einen halben Zoll im Durch⸗ meſſer hatte. Darauf legte ich mein Prieſterge⸗ wand an, und begab mich dann in demſelben hinab⸗ 1 um mich meinen Aeltern, meinen Geſchwiſtern und den zu dieſer feierlichen Gelegenheit zuſammen be⸗ rufenen Freunden unſeres Hauſes vorzuſtellen. Da Raimundo um dieſe Zeit, um die leben⸗ den Sprachen zu lernen, die ſogenannte ſchottiſche Schule beziehen ſollte, meinte man, wir koͤnnten beide zu gleicher Zeit das vaͤterliche Haus verlaſ⸗ ſen, und da die Feigen, Roſinen und das Zucker⸗ werk, welches ich bei meinen jedesmaligen Beſu⸗ chen von den Benedictiner⸗Moͤnchen empfing, mir 3 ganz trefflich geſchmeckt hatten, war ich keines⸗ wegs abgeneigt, in das Collegium dieſes Klo⸗ V ſters zu treten, in welchem die fuͤr die Univerſitaͤt beſtimmten Knaben den erſten Unterricht erhielten, und wo ich hoffte, recht viel von den guten Din⸗ gen zu bekommen, die ich in den Schraͤnken und Kammern aufgehaͤuft geſehen hatte. Aber ach, wie ſehr truͤgen menſchliche Berechnungen! Ich er⸗ fuhr bald, daß die Lebensweiſe im Kloſter aus etwas Anderem beſtand, als aus bloßem Feigen⸗ und Roſinenſchmauſen, oder deutlicher geſprochen, die ſchoͤnen Wiſſenſchaften ſtu nugſam Latein verſtanden, um die roͤmiſchen Klaſ⸗ keit. — 111— es ward mie klar, daß das Mittagsmahl hier oft aus trockenem Brode, der Mabhuſch aber aus Schl gen beſtand. Am Tage meines Eintritts in das Collegium führten mich meine Lehrer auf mein Zimmer; eine kleine Zelle, zehn Fuß lang und ſechs Fuß breit, kaum groß genug um einem Tiſche, einem Stuhle, meinem Bette und einem Koffer Raum zu geben; hier ward ich einem Manne Namens Bautista uͤbergeben, welcher nichts Eifrigers zu thun hatte, als mich zu lehren, mein Bett zu machen, meine Kleider zu reinigen, und nicht um meine Zelle, ſondern auch den Raum vor derſelben zu kehren.„Wollen,“ ſo fragt ich mich ſelbſt, „dieſe Moͤnche dich denn zu einem Aufwaͤrter i in einem Gaſthofe erziehen?“ Die Schule beſtand aus drei Klaſſen; zu de⸗ Erſten gehoͤrten diejenigen, wche die Rhetorik und erten, und die ge⸗ Dieſe Klaſſe ſtand unter der un⸗ ufſicht des Rektors, eines trocknen finſtern Moͤne uhne ausgezeichnetes Talent, und wie ich glo roße Gelehrſam⸗ ant wweiten in diejenigen ge⸗ Cäſar, den Cicero und die da anfin⸗ ſelar zu leſen. ⁸‿ die reichſten in — 112— gen, den Horaz und den Juvenal zu verſtehen. Die dritte Klaſſe war eine Vorſchule, in der die jungen Pflanzen gezogen wurden, bis ſie kraͤftig genug waren, in die zweite verſetzt zu werden. In dieſe Letztere ward ich nun zuerſt einge⸗ fuͤhrt, da ich aber ſchon ziemlich gut Lateiniſch konnte, ward ich bald in der Zweiten aufgenom⸗ men, welche unter der Direction des Vice⸗Rek⸗ tors ſtand, eines Moͤnches von ungefähr fuͤnf und dreißig Jahren, und einem gebietenden Aeußerem. Dabei aber beſaß er ein einnehmendes Weſen und ein heiteres Temperament.— Die in dieſem Col⸗ legium herrſchende Mode, die Knaben durch Schlaͤge zum Lernen zu zwingen, hatte indeß bei mir eine entgegengeſetzte Wirkung, denn waͤhrend meines Aufenthaltes in demſelben, kam ich im Lateiniſchen mehr zuruͤck als vorwaͤrts; dagegen aber lernte ich die Meſſe bedithen Hymnen ſingen, das Kreuz tragen, und mit Weihwaſſer ſprengen und aͤhnliche Dinge, weit nothwendiger, um im geiſtlichen Stande befoͤrdert zu werden, als die beßte Aenntniß der lateiniſchen Sprache. Obgleich die Benedictiner die Vuten Din Moͤnche elleicht n wen ſie auch — eineswegs geri w Cigales, und ſo brauche ich Dir denn nichts weiter — 4113— Suppen und ſchlechtes Fleiſch machten unſer gan⸗ zes Mittagsmahl aus, und nur bei feſtlichen Gelegenheiten ward eine Schuͤſſel mit gekochtem Reis aufgetragen. Unſer Abendeſſen beſtand aus einem erbaͤrmlichen Nagout, und unſer Fruͤhſtuͤck aus einem Stuͤckchen trockenen Brod. Haͤtte un⸗ ſere Mutter nicht dann und wann gute Lebensmit⸗ tel geſandt, ich waͤre aller Wahrſcheinlichkeit nach verhungert, und dabei war der Rektor noch ſcham⸗ los genug, die Haͤlfte fuͤr ſich zu behalten. Doch wozu Dich, meine theuere Iſabella, mit dem Bericht der Entbehrungen langweilen, die ich waͤhrend meines zweijaͤhrigen Aufenthaltes in dem Collegium erduldete, es reiche hin, Dir zu bemer⸗ ken, daß ſie mir ruͤckſichtlich des geiſtlichen Stan⸗ des einen eben ſo großen Abſcheu beibrachten, als ich bis dahin eine Vorliebe fuͤr denſelben gehegt hatte; und daß ich, als ich dieſe Anſtalt verließ, feſt entſchloſſen war, eher ols alndee⸗ als eis Prieſter zu werden.. W Bald darauf kamſt Du, meine Iſabella, nuch von meinem Lebensdrama zu erzaͤhlen, in welchem Du ſeden ieiciuls ds Rolle ihsſiiſ Sad 3r 38⸗ — 1u— Osgleich ich vom Don Facundo ſeit meinem letz⸗ ten Zuſammentreffen mit demſelben nur wenig ge⸗ ſprochen, hatten mich dennoch mehrere Vorfaͤlle, welche waͤhrend meines Aufenthaltes zu Agreda ſtattfanden, uͤberzeugt, daß ich in ihm einen ge⸗ faͤhrlichen Feind hatte. Dieſe Gewißheit, vereinigt mit dem Wunſche, meine Kraͤfte bald wieder mei⸗ nem Vaterlande zu weihen, ſteigerte mein Verlan⸗ gen, Agreda zu verlaſſen und mich zu meiner Diviſion zu begeben. izses ut. Sobald ich dieß demnach ohne Nachtheil fuͤr meine Geſundheit thun konnte, verſah ich mich mit Certificaten von mehreren Aerzten der Stadt, welche die Nothwendigkeit meines Verweilens in Agreda beſcheinigten, und machte mich dann, nach einem ſchmerzvollen Abſchiede von meiner theueren Iſabella, nach meiner Diviſion auf den Weg. Viele meiner Freunde und Bekannte aus Agreda begleiteten mich eine Stunde weit, aber ich war herzlich froh, als ich mich endlich allein land. venn das Scheiden von Allem, was mir lieb war, hatte mich altzugewaltig erſchuͤttert. 1ae te Ich langte bei meiner Oüiſon an, ohne daß mir irgend etwas begegnete, das des Erzaͤhlens werth geweſen waͤre, und fand, daß der Schau⸗ * —— — — 115— platz ihrer Thaten ſich laͤngs dem Ufer des Ebro, von Santo Domingo de la Calzada bis jenſeits Saragoſſa hindehnte. Hier neckten wir nun un⸗ aufhoͤrlich den Feind, indem wir die fraͤnkiſchen Garniſonen auf dieſer ganzen Linie raſtlos beſchaͤf⸗ tigten, und die Drohung ausſprachen, jeden Fran⸗ zoſen, der in unſere Haͤnde fallen wuͤrde, unver⸗ zuͤglich aufzuknuͤpfen, falls es einer von ihnen wa⸗ gen ſollte, auch nur das Geringſte von einem Spa⸗ nier zu erpreſſen. Dabei forderten wir die Bewohner der offenen Ortſchaften auf, die Franken zu ſich einzuladen, ſte in ihren Haͤuſern zu bewirthen, und uns, wenn ſie berauſcht waͤren, davon zu unterrichten. Wir konnten dann ſofort hineilen, uns ihrer Waffen bemaͤchtigen, diejenigen, welche ſich widerſetzten, nie⸗ derhauen, und die Uebrigen als Gefangene mit uns hinwegfuͤhren. Zuweilen brachten wir die Abende in den benachbarten Doͤrfern zu, in welchen die Franzoſen kleine Feſtungen aufgefuͤhrt hatten, und wo ſie, waͤhrend wir es uns wohl ſeyn ließen, genoͤthigt waren, geduldig hinter ihren Verſchan⸗ zungen dem Klange unſerer Guitarren und unſerer patriotiſchen Lieder zu horchen. Da in allen Graͤnzſtaͤdten von den Bewohnern eine genaue Liſte von allen ankommenden und ab⸗ gehenden Franken gefuͤhrt wurde, waren wir ſtets — 116— auf das Puͤnktlichſte von Allem unterrichtet und konnten unſere Operationen danach einrichten; waͤh⸗ rend die Franzoſen beim Anblick der, um ſie zu zaͤhlen, an der Graͤnze poſtirten Leute ſich im thoͤrigten Wahne des guten Geiſtes freueten, der ihrer Meinung nach in Spanien herrſchte. Kaum hatten ſie indeß eine Strecke Wegs zuruͤckgelegt, als ſie auch ſofort unwiderlegbare Beweiſe erhielten, welche Gefuͤhle die ſpaniſche Nation fuͤr ſie hegte. Als wir eines Tages bei einem kleinen, eine Stunde weit von Logrono, auf dem Wege nach Vittoria gelegenen Dorfe anlangten, forderte mich Ammor, unſer damaliger Befehlshaber, auf, mich in den Ort zu ſchleichen und mir uͤber die Zahl der Franzoſen Gewißheit zu verſchaffen, damit wir ſte, falls dieß thunlich waͤre, uͤberrumpeln koͤnn⸗ ten. Nachdem ich die Uniform abgelegt hatte, be⸗ gab ich mich in das Dorf, wo die Weiber ſpin⸗ nend vor den Thuͤren der Huͤtten ſaßen, waͤhrend die Maͤnner, in ihre weiten Maͤntel gehuͤllt und ihre Cigarren ſchmauchend, an die Mauer gelehnt daſtanden, und unter ihren breitkrempigen Huͤten hervor finſtere Blicke auf einige fraͤnkiſche Solda⸗ ten richteten, die vor der Thuͤr eines Gaſthofes einen Karren beluden. Ich ging gradezu in die Herberge, fragte den Wirth, ob er mich logiren koͤnne, ſtieg, nachdem ich eine bejahende Antwort —— —,. — 117— erhalten, eine verfallene, unter meinen Fuͤßen ſchwan⸗ kende Treppe hinan, und betrat ein langes, ſchma⸗ les, duͤſteres Gemach, in welchem ich zwei oder drei Bauerweiber ſammt dem Pfarrer des Doͤrf⸗ chens gewahrte, die ſich in eine Ecke zuruͤckgezo⸗ gen hatten, waͤhrend in der Mitte des Zimmers einige franzoͤſiſche Soldaten auf ihren Torniſtern ſaßen, und in einem anderen Winkel ein junges Frauenzimmer lehnte, welches elegant gekleidet war, denn ſie trug ein ſeidenes Gewand, und ihr Ant⸗ litz war zum Theil von einem ſchwarzen Spitzen⸗ ſchleier bedeckt. Sie hatte ihr Haupt auf ihre Hand geſtuͤtzt und ſchien tief bekuͤmmert; ihr zur Seite ſaß ein franzoͤſiſcher Offizier, welcher ihre bleichen Zuͤge betrachtete, waͤhrend ſein eignes Ge⸗ ſicht ebenfalls die tiefſte Schwermuth ausſprach. Dieſe melancholiſche Gruppe beobachtete ein tiefes Schweigen, welches nur dann und wann von Sei⸗ ten der jungen Dame von einem Seufzer unter⸗ brochen ward, welcher die Aufmerkſamkeit der An⸗ weſenden, zumal aber die der ihr gegenuͤber ſitzen⸗ 3 den Weiber, auf ſie zog. Die verſchiedenen Trup⸗ pen vor mir betrachtend, ſtand ich einen Augen⸗ blick lang da, endlich naͤherte ich mich den Sol⸗ daten.„Bon jour, Messieurs,“ rief ich;„es ſcheint, Sie haben ſich hier gut einquartiert?“ „Wir haben eben nicht Urſache, unſer Quar⸗ 2 — 118—. rier zu preiſen,“ entgegnete einer der Franzoſen, indem er ſeine Pfeife aus dem Munde nahm, „haͤtten wir nur zu trinken, ſaͤßen wir hier nicht wie Mumien in den Katakomben Egyptens.”“ „Waren Sie je in Egypten?“ fragte ich. „ Oui, parbleu! das will ich glauben,“ ent⸗ gegnete der Franke.— „Dort herrſchte eine feindſelige Stimmung ge⸗ gen Ihre Nation,“ fuhr ich fort,„ohne Zweifel gefaͤllt es Ihnen in Spanjen beſſer?“ „Morbleu! vous vous trompez,“ rief der Soldat,„dort hatten wir doch unſeren großen Napoleon bei uns, ich wuͤrde traun Alles erdul⸗ den, um nur in ſeiner Naͤhe zu ſeyn!— Folg⸗ ten uns dort auch die Beduinen wie unſere Schat⸗ ten, konnten wir doch wenigſtens mit Sicherheit abſitzen, um uns durch einen friſchen Trunk zu erquicken. Hier aber lauern nur Dolche auf uns, wir koͤnnen keinen Schritt thun, ohne auf einen 3 Moͤrder zu ſtoßen.“ In dieſem Augenbl lick fielen draußen lhnheens Schäſſe, und durch den offen ſtehenden Laden pfiff eine Kugel, die, ſeltſam genug, grade den Saͤbel traf, auf den ſich der Sprecher ſtuͤtzte.„Das iſt wieder einer von ihren Streichen!“ rief er kalt⸗ bluͤtig, indem er aufſtand und ſeine Waffen er⸗ griff. Der Pfarrer und die Bauerweiber aber eilten — ug= durch eine Seitenthuͤr von dannen. Ich folgte ihnen, und gelangte in einen hinter dem Hauſe befindlichen Hof, wo mehrere von den Unſrigen, die durch einen Landmann von der Anzahl der Franzoſen unterrichtet worden waren, den Angriff ſchon begonnen hatten, und das Dach des Hau⸗ ſes zu erklimmen bemuͤht waren. Der franzoͤſiſche Offizier, den ich bei der jungen Dame geſehen hatte, ſtuͤrzte jetzt, von ihr gefolgt, ebenfalls aus einer Seitenthuͤr, die vermittelſt einer Stiege mit dem Hofe in Verbindung ſtand; ſo wie ſie uns indeß gewahrten, flogen ſie zuruͤck und verſchwan⸗ den mit Düeegſchnslhen durch die entgegengeſetzte Thuͤr. Unterdeſſen hühten unſere Leute fort, den Gaſt⸗ hof und die angraͤnzenden Haͤuſer zu beſetzen, auch gelang es ihnen, dabei viele Franzoſen gefangen zu nehmen; der Offizier aber, welcher entkommen war, hatte indeſſen die ihm noch uͤbrigen Soldaten geſammelt und ruͤckte jetzt mit denſelben, die uns an Zahl gleich waren, gegen uns an. Da nun unſere Truppe ſich zerſtreuet hatte, waren wir ge⸗ noͤthigt, uns zuruͤckzuziehen und das Dorf zu ver⸗ laſſen. Die Franzoſen dadurch ermuthigt, verfolg⸗ ten uns und toͤdteten fuͤnf bis ſechs von unſeren Leuten. Da wir nunmehr ſahen, daß wir un⸗ — 120— fangene mit uns hinwegführten, waten wir genoͤ⸗ thigt, dieſe Letzteren niederzuſchießen, worauf wir in das Gebirge entflohen, das wir, jedoch nicht ohne bedeutenden Verluſt, auch gluͤcklich erreichten. Am folgenden Tage kamen die Bauerweiber, die ich in dem Gaſthofe geſehen hatte, zu uns, und brachten die ebenfalls erwaͤhnte junge Dame mit, deren Haͤnde gebunden waren. Die in dem Gemache herrſchende Dunkelheit hatte mich verhin⸗ dert, ihre Zuͤge genau zu unterſcheiden, wie aber vermoͤchte ich das Erſtaunen zu ſchildern, das ſich meiner bemaͤchtigte, als ich jetzt in ihr Thereſa, eine der Jugendgeſpielinnen meiner Schweſter er⸗ kannte. Auch ſie ſah ſchnell, wer ich war, und die thraͤnenſchweren Augen zu mir emporgerichtet, rief ſie in einem flehenden Tone:„Sind Sie es wirklich, Eſteban, o ſo nehmen Sie mich gegen dieſe Weiber in Schutz und haben Sie Mitleid mit mir.“ Ich ſtuͤrzte auf ſie zu, ſtieß die Weiber, wel⸗ che ſie hielten, bei Seite, loͤſte ihre Bande und verſicherte, daß ich ſie beſchuͤtzen wolle, ſo lange ich koͤnne. Die Weiber fuhren unterdeſſen fort, auf ſie zu ſchmaͤhen, nannten ſie eine Verraͤtherin, und behaupteten, ſie ſey dem fraͤnkiſchen Offizier behuͤlflich geweſen, zu entkommen, und habe ſo unſeten Verluſt veranlaßt. Unſere Leute begannen demnach laut ihren Tod zu fordern, und ſchon ſchickten ſich einige von ihnen an, ſich der Un⸗ gluͤcklichen zu bemaͤchtigen. Ich aber verhinderte ſie daran, bot meinen eigenen Koͤrper zur Schutz⸗ wehr fuͤr ſie dar, und ſchwur mit entbloͤßtem Degen, ſie bis zu meinem letzten Blutstropfen vertheidigen zu wollen. Ein Gemurmel des Un⸗ willens lief bei meiner Aeußerung durch die Trup⸗ pe; in dieſem kritiſchen Moment aber erſchien zum Gluͤck unſer Befehlshaber, er machte dem Zwiſte ſofort ein Ende, und gebot, die Gefangene vor ein Kriegsgericht zu ſtellen; ich uͤbernahm ihre Ver⸗ theidigung, und ſie gab mir nunmehr uͤber ihre Begebenheiten und ihr Benehmen gegen den fran⸗ zoͤſiſchen Offizier folgenden Bericht: „Ich wohnte,“ ſo begann ſie,„in Santo Domingo de la Calzade bei einer Verwandtin, als ein franzoͤſiſches Kavallerie⸗Detaſchement bei uns einruͤckte, und der in unſerem Hauſe einquartierte Befehlshaber deſſelben zu meinem Ungluͤcke an mir Wohlgefallen fand. Er war ein Mann von zu⸗ ruͤckſtoßendem Weſen und groben Sitten; ich ver⸗ abſcheuete ihn, und ſtellte ſeinen Aufmerkſamkei⸗ ten die denſelben gebuͤhrende Verachtung entgegen. In der Nacht vor ſeinem Ausmarſche, als wir uns ſchon ſaͤmmtlich zur Ruhe begeben hatten, wur⸗ den wir ploͤtzlich durch die Kunde geweckt, daß — 122— unſer Haus in Feuer ſtaͤnde. Ich ſprang aus dem Bette, um den Flammen zu enteilen, die be⸗ reits hereindrangen; kaum aber war ich hinaus ge⸗ langt, als ſich auch ſofort einige franzoͤſiſche Dra⸗ goner meiner bemaͤchtigten, mich in einen bedeck⸗ ten Wagen hoben, und mich zur Stadt hinaus⸗ fuͤhrten. Ich war im Nachtkleide und hatte nur einen Mantel umgeworfen. Auf dem halben Wege von St. Domingo nach Logrono, ſtieg mein verruchter Entfuͤhrer, der bei uns einquar⸗ tiert geweſene franzoͤſiſche Offizier, in den Wagen. So ſehr mich ſein Erſcheinen auch mit Schrecken erfuͤllte, beſaß ich dennoch Kraft genug, einen lau⸗ ten Schrei auszuſtoßen, der die Aufmerkſamkeit der Offiziere einer andern Kriegsſchaar rege machte, die grade in dieſem Augenblick voruͤber zog; in einem ernſten Tone begannen dieſe nunmehr mei⸗ nem Entführer uͤber ſein Betragen gegen mich heftige Vorwuͤrfe zu machen. Der Letztere, hie⸗ durch aufgebracht, forderte einen der fremden Of⸗ fiziere zum Zweikampf heraus, ſie fochten und mein Verfolger ward getoͤdtet. Der Sieger nahm mich nun unter ſeinen Schutz, und fuͤhrte mich nach Logrono, wo er mir dieſe Kleider verſchaffte, die ich jetzt trage, und mir verſprach, mich am naͤchſten Tage zuruͤck nach St. Domingo zu brin⸗ gen, wohin er ohnehin mit ſeiner Truppe beſtimmt —-·— — 123— ſey. Wir waren ſchon auf dem Wege dorthin, als er ploͤtzlich Contreordre und den Befehl erhielt, nach Vittoria zu marſchiren; da er mich nun nicht auf der Landſtraße verlaſſen konnte, ward beſchloſſen, daß er mich in dem naͤchſten Dorfe der Sorge des Pfarrers uͤbergeben ſolle. Dort angelangt aber behandelte mich der Letztere wie eine franzoͤſiſch Geſinnte, und weigerte ſich, mich in ſein Haus aufzunehmen. Dies trug ſich geſtern zu, und waͤhrend ich noch ſo mein ungluͤckliches Loos beklagte, ward der Gaſthof, in welchem wir uns befanden, von Ihren Guerillas angefallen.— Ich ſah, daß der franzoͤſiſche Offizier, welcher meine Ehre beſchuͤtzt hatte, auf dem Punkte ſtand⸗ in Ihre Haͤnde zu fallen.— Die Dankbarkeit gebot mir, ihn zu retten, ich hatte eine Nebenthuͤr bemerkt, durch dieſe gelang es ihm zu entkommen. Nachdem Ihre Guerillas ſich entfernt hatten, drang der Offizier neuerdings in den Pfarrer, mich in Schutz zu nehmen und mich nach St. Domingo zuruͤckzufuͤhren. Der Geiſtliche verſprach dieß zu thun, ſtatt aber ſein Wort zu halten, uͤhergab er mich den Weibern, die mich hieher brachten, und die von dem Augenblicke an, in welchem ich Ihnen uͤberliefert wurde, nicht aufhoͤrten mich zu miß⸗ handeln.“+ So lautete die Geſchichte der ungluͤcklichen Thereſa, die meines Dafuͤrhaltens, weit eher Lob als Strafe verdiente; unter den furchtbarſten Um⸗ ſtaͤnden ihrem Vaterhauſe entriſſen, hatte ſie den Gewaltthaͤtigkeiten eines Boͤſewichts mit wahrhaf⸗ tem Heldenmuthe Trotz geboten, und was die ge⸗ gen ſie vorgebrachte Anklage betraf, ſo hatte ſie ja nur eine edle Handlung begangen, indem ſie, von dem Gefuͤhle der Dankbarkeit beſeelt, ihr eig⸗ nes Leben wagte, um das ihres Beſchuͤtzers zu ret⸗ ten. Dieſe Thatſachen, vereinigt mit dem Inter⸗ eſſe, welches ſie bei mir erregte, indem ihr An⸗ blick in meiner Seele alle Erinnerungen meiner fruͤhen Jugend wach rief, forderten mich auf, mich nach moͤglichſten Kraͤften fuͤr ſie zu verwenden, und ich vertheidigte ſie demnach mit einer Beredtſam⸗ keit, der ich mich kaum fuͤr faͤhig gehalten hatte. Aber es war Alles vergebens! Die blinden und bigotten Vaterlandsvertheidiger, aufgeregt durch die Worte des Pfarrers, ſprachen dennoch das„Schul⸗ dig“ uͤber ſie aus, und verurtheilten die Ungluͤck⸗ liche, niedergeſchoſſen zu werden. Wie die Beklagenswerthe ſtarb, weiß ich nicht, denn nachdem ihr das Todesloos gefallen, war ich, um meine Faſſung nur einigermaßen zu erhalten, genoͤthigt, mich jeder fernern Theilnahme an dem Verfahren ruͤckſichtlich ihrer zu entziehen. Sie ſtarb indeß, und noch jetzt ſchaudere ich bei 7 — 125— der Erinnerung an dieſe grauenvolle Begebenheit maͤchtig zuſammen. Ich bedurfte einiger Zeit, um mich von dieſem entſetzlichen Vorfalle zu erholen, und ich geſtehe es, daß ich ſeitdem mehrere meiner Kameraden nur mit Abſcheu betrachten konnte. Das ungluͤck⸗ liche Schickſal der beklagenswerthen Thereſe machte einen ſo maͤchtigen Eindruck auf mich, daß ich, haͤtte mich nicht eine hoͤhere Pflicht feſtgehalten, unfehlbar auf der Stelle mein Corps verlaſſen und dem Kriegsdienſte entſagt haben wuͤrde. Ich fuͤhlte indeß, daß mein Vaterland der Anſtren⸗ gungen aller ſeiner Soͤhne beduͤrfe, und daß, ſo⸗ bald von der Befreiung deſſelben die Rede tdar, jedes andere Gefuͤhl ſchweigen muſfe S'————ꝛ::ꝛꝛjnn EEEE . 9. Ich bin jetzt in meiner Erzaͤhlung zu dem Zeit⸗ punkte gekommen, in welchem es unſeren tapferen und großmuͤthigen Verbuͤndeten gelungen war, mit den ſiegreichen Waffen in der Hand, von Liſſa⸗ bon bis zu den Pyrenaͤen vorzuruͤcken. Die Schlacht von Vittoria hatte ſie bereits mit Ruhm bedeckt; der Fall von Pampelona und von San Sebaſtian ihren Triumph gekroͤnt; die ſogenannten Enfans de la victoire zogen mit ihren, von den britti⸗ ſchen und ſpaniſchen Loͤwen auf den Tod verwun⸗ deten Adlern uͤber die Pyrenaͤen, und in unſerem verwuͤſteten Lande blieb von ihnen faſt nichts zu⸗ ruͤck, als die Gebeine ihrer Erſchlagenen, und die Trophaͤen ihres vormaligen Uebermuthes. Wenn wir an einer Stelle voruͤber kamen, wo eine Schlacht gefochten worden war, ſahen wir ganze Schaaren von Geiern, welche an den Leich⸗ namen nagten; ſie waren oft ſo gierig mit ihrer Beute beſchaͤftigt, daß wir mehrere von ihnen toͤdten mußten, bevor wir die Uebrigen bewegen konnten, von ihrem Raube abzulaſſen. Wenn ſie dann von dannen ſchwirrten, war das Geraͤuſch ihres Fluͤgelſchlages in der That furchtbar. Die Betrachtungen, welche ſich bei der Wanderung uͤber dieſe ſtummen Gefilde des Todes dem Geiſte auf⸗ — — — 127— draͤngten, waren um ſo duͤſterer, da keine augen. blickliche Gefahren die Wirkungen ſchwaͤchten. In der Hitze des Gefechts war ich oft uͤber Todte und Verwundete dahingeſprengt, hatte ich oft den Jammer und die Klagen der Sterbenden vernom⸗ men, hatte ihr Blut dahinſtroͤmen geſehn, und dennoch kein Entſetzen, ja ſelbſt nicht einmal eine ſtarke Gemuͤthsbewegung empfunden. Jetzt aber war das anders. Bei jedem Schritte bebte ich zuſammen; der Anblick dieſer verſtuͤmmelten Lei⸗ chen erfuͤllte mich mit Abſchen und Schrecken. Doch weg von dieſen truͤben Betrachtungen! Eines Tages, als ich mit einem Kavallerie⸗ Detaſchement auf's Fouragiren ausgeritten war, kam ich nach Roncesvalles, einem kleinen, in dem lieb⸗ lichen Thale del Baſtan gelegenen Dorfe, wo wir mit einer anderen ſpaniſchen Schaar zuſammentra⸗ fen, die mit uns in gleicher Abſicht dorthin ge⸗ kommen war. Waͤhrend ich in einem unfernen Hauſe einige Erfriſchungen zu mir nahm, began⸗ nen die beiden Partheien mit einander zu ſtreiten, wer am erſten bedient ſeyn ſollte, und einer mei⸗ ner Leute ſtuͤrzte zu mir herein mit der Kunde⸗ nicht Einhatt thaͤte. Ich fog mit dem Degen in der Hand zum Hauſe hinaus, und traf auf mei⸗ nem Wege den Offizier der anderen Schaar, wel⸗ 428— cher ſich ebenfalls dorthin begeben wollte, wo der Streit ſtatt fand. Wer aber vermag das von Entſetzen und Erſtaunen gemiſchte Gefuͤhl zu be⸗ ſchreiben, das ſich meiner bemaͤchtigte, als ich, ſo wie er mir naͤher kam, in ihm meinen todt ge⸗ gkaubten, betrauerten Bruder— Raimundo er⸗ kannte. Ich eilte auf ihn zu, wollte mich ihm in die Arme ſtuͤrzen, aber einer ſeiner Leute, wel⸗ cher meine Bewegung mißverſtand, und der Mei⸗ nung war, ich wollte ſeinen Befehlshaber ergreifen, fuͤhrte einen Saͤbelſtoß nach mir, ſo daß ich in Raimundo's Arme ſank. 1 Der Kummer meines Bruders ob dieſes Vor⸗ 3 falls hemmte ſofort jede Feindſeligkeit. Der Sol⸗ dat, welcher auf ſo thaͤtige Weiſe ſeine Liebe fuͤr ſeinen Anfuͤhrer an den Tag gelegt hatte, war tief bekuͤmmert, ſeine Beſorgniß ſollte indeß bald gehoben werden, denn ich war nur leicht verwun⸗ det, der Stoß und meine eigene Gemuͤthsbewe⸗ gung, waren die hauptſaͤchlichſten Urſachen meines Falles geweſen. Nach dem erſten Entzuͤcken ob dieſes unerwarteten Zuſammentreffens, verlangte mich ſehnſuchtsvoll danach zu erfahren, wie Rai⸗ mundo dem Tode entgangen.— „ Obgleich wir uns,“ ſprach er laͤchelnd, nmauf einer Stelle befinden, eben ſo beruͤhmt, wegen glorreicher Erinnerungen, als fabelhafter Wunder, wo . — 429— wo Roklando, Amadis und andere Ritter große Heldenthaten vollbrachten, ſind doch leider jetzt die Tage der Wunder dahin, und ich muß mich dem⸗ nach bemuͤhn, Dir zu beweiſen, daß mein Wieder⸗ erſcheinen in dieſer Welt durch keine uͤbernatuͤr⸗ liche Kraft herbeigefuͤhrt worden. Ich werde mich indeſſen kurz faſſen, denn ich muß meine Gähnar an ihren Beſtimmungsort fuͤhren. Nachdem wir uns getrennt hatten, ſann ch dar⸗ uͤber nach, was ich eigentlich thun ſolle, ich hatte, wie Du weißt, ein Lieutenants⸗Patent, um unter Baleſteros zu dienen, welcher zu jener Zeit in der Naͤhe von Cadiz ſtand. Damals wimmelte die ganze Gegend von Franzoſen, und es war alle Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden, daß ich, falls ich mich zu mei⸗ nem Corps begaͤbe, in ihre Haͤnde fallen wuͤrde, Ueberdem waren die Nachrichten, welche wir taͤg⸗ lich von den Operationen unſerer regelmaͤßigen Truppen empfingen, ſo entmuthigend, daß ich es am rathſamſten hielt, mich der erſten Guerilla, auf die ich ſtoßen wuͤrde, anzuſchließen. Ich that dieß, und ihr Anfuͤhrer war zum Gluͤck der Em⸗ pecinado. Nachdem ich mich ihm vorgeſtellt und ihm den Wunſch geaͤußert hatte, unter ihm zu fechten, nahm mich dieſer kuͤhne freimuͤthige Pa⸗ triot mit Freuden in ſeine Truppe auf, und ver⸗ trauete mir bald darauf das Commando eines II. 9 — 130— kloinen Cavallerie⸗Detaſchements an. Ich will Dir jetzt nicht unſere Kriegsthaten herzaͤhlen, ſon⸗ dern mich begnuͤgen zu berichten, daß wir die Franzoſen auf der ganzen Linie von Segovia bis Madrid ſo unaufhoͤrlich neckten, daß ſie, um uns zu vertilgen, mehrere Plaͤne entüöneſes. von demen indeß keiner gelang. Da unſere Abſicht war, unſers Anzag 5 viel als moͤglich zu vermehren, begaben wir uns oft in die verſchiedenen Ortſchaften, um die jun⸗ gen Leute zu ſammeln, die da Luſt hatten, ſich uns anzuſchließen; ſo kam ich auch eines Tages nach Villa Caſtin, und als ich dort am Hauſe des Don Euſebio Ramirez voruͤberritt, gewahrte ich auf dem Balkon eine reizende weibliche Ge⸗ ſtalt, die mit Handarbeit beſchaͤftigt war. Ich bat den Alkalden, mich in dieſem Hauſe einzu⸗ quartieren, und ward von der Familie auf das Freundlichſte aufgenommen. Es war fuͤr einen Juͤngling von Gefuͤhl durchaus unmoͤglich, lange in der Naͤhe der lieblichen Dorothea zu verweilen, ohne innige Liebe fuͤr ſie zu empfinden; ich fuͤhlte mich auf das Leidenſchaftlichſte zu ihr hingezogen, und verlor keinen Augenblick, ihr und ihren wuͤr⸗ digen Vater meine Neigung fuͤr ſie zu bekennen. Sie waren meinen Wuͤnſchen geneigt, und wenn gleich die Zeitumſtaͤnde unſere ſchleunige Verbin⸗ —y— — 131— dung unmoͤglich machten, machte mich dennoch die Ueberzeugung, von Dorotheen wiedergeliebt zu wer⸗ den, unbeſchreiblich gluͤcklich. Ach nur zu bald ſollten meine Hoffnungen zertruͤmmert werden!— Nachdem ich Ramirez bewogen hatte, ſeinen Sohn, einen Juͤngling von funfzehn Jahren', der von ſeiner Schweſter ungemein geliebt ward, in un⸗ ſer Corps treten zu laſſen, nahm ich von ihr Ab⸗ ſchied— Abſchied, o Gott, auf immer! Einen Monat nach unſerer Trennung, nach⸗ dem ich den Obriſten, in deſſen Haͤnde ich ſpaͤ⸗ terhin fiel, eine Zeitlang verfolgt hatte, durchſtrich ich mit dem jungen Ramirez eine unfern St. Ma⸗ ria de la Nieve befindliche Waldung, um uns bei einem dort wohnenden Pfarrer von den ge⸗ habten Strapazen auszuruhen. Kaum aber hat⸗ ten wir das Haus deſſelben betreten, als ich auch ſofort von mehreren franzoͤſiſchen Soldaten uͤber⸗ fallen, und mit meinem Gefaͤhrten und dem Geiſt⸗ lichen nach einem benachbarten Dorfe geſchleppt wurde, wo ſich Dunier mit ſeinen Leuten befand. „Je vous tiens, brigands, je vous tiens!“⁵ rief der Wuͤthrich, als wir vor ihn gebracht wur⸗ den.„Ihr ſollt mir eure Miſſethaten mit eurem Kopfe bezahlen;“ und ſo ſprechend ſchaͤmte ſich der Boͤſewicht nicht, ſeine gebundenen Gefangenen mit ſeiner Reitpeitſche zu hlager Damit aber —-— 132— begnuͤgte er ſich nicht, der blutduͤrſtige Schurke war noch groͤßerer Schandthaten faͤhig. Nicht zu⸗ frieden, uns einem ſchmachvollen Tode zu weihen, ſchleppte er uns nach Villa Caſtin, um uns dort auf dem Schaffotte vor den Augen unſerer Theuren ſterben zu laſſen. Du weißt, was ſich dort zugetragen, Du kennſt die grauſame Miſſethat des Ungeheuers gegen die ungluͤckliche Dorothea. Unterdeſſen aber hatten meine Leute, welche von meiner Gefangennahme Kunde erhielten, beſchloſſen, uns, es koſte was es wolle, Dunier's Haͤnden zu entreißen; auch lang ten ſie wenige Augenblicke nach unſerer Hinrich⸗ tung zu Villa Caſtin an. Als ſie vernahmen, was vorgefallen, kannte ihre Wuth keine Graͤn⸗ zen; ruͤckſichtslos gegen die groͤßere Anzahl der Feinde, ſtuͤrzten ſie ſich auf dieſelben und trie⸗ ben ſie zur Stadt hinaus. Wir wurden unterdeſ⸗ ſen von dem Schaffotte weg nach einem unſerer Schlupfwinkel gebracht, wo unſere Verwundeten gemeinhin gepflegt wurden. Hier that man nun alles Moͤgliche, um uns ins Leben zuruͤckzurufen, von uns Dreien aber war ich der Einzige, der wieder zum Daſeyn erwachte. Es iſt unmoͤglich, Dir die Freude zu ſchildern, die meine Wiederbelebung bei unſeren Leuten erregte. Von dieſem Augenblicke an betrachteten ſie mich als einen Guͤnſtling des Himmels, und wenn ſie mich auch nicht fuͤr un⸗ verwundbar hielten, glaubten ſie doch wenigſtens, daß ich nie von fraͤnkiſcher Hand ſterben wuͤrde. Du kannſt Dir denken, daß ich dieſe ihre Stimmung benutzte, um Dorothea's Tod zu raͤ⸗ chen. Ich fuͤhrte meine Leute bis zu den Thoren von Madrid, und ſchleppte oft im Angeſicht der Franken die Schildwachen davon. Eines Tages wagten wir uns ſogar bis in den Prado, wo Jo⸗ ſeph oft ſeine, dem Vergnuͤgen gewidmeten Stun⸗ den in den Armen itgend eine unſerer treuloſen Landsmaͤnninnen zu verſchwelgen pflegte. Es ſchien, als ob ſich hier Alles der Wolluſt hingegeben haͤtte, die Garden hatten ſogar ihre Buhldirnen bei ſich, und ſo gelang es uns denn ohne große Schwie⸗ rigkeit, bis in das Innere dieſer koͤniglichen Be⸗ ſitzung zu dringen. Die Flucht des Koͤnigs und ſeines Gefolges war ſo uͤbereilt, die Niederlage der wenigen Soldaten, die Widerſtand leiſteten, ſo vollkommen, daß wir uns ruhig niederlaſſen konnten, um das fuͤr Joſeph bereitete Mahl einzunehmen, worauf wir viel koſtbares Geraͤth, das ſich in dem Palaſte befand, mit uns hinweg⸗ ſchleppten. Endlich als Napoleon ſeine Legionen aus. Spa⸗ nien zuruͤckrief, um ſie den heranruͤckenden Ruſſen entgegenzuwerfen, und ſein Bruder Joſeph, deſ⸗ — 134— ſen ſchwankender Thron jetzt nicht mehr von fran⸗ zoͤſiſchen Bajonetten aufrecht gehalten wurde, ſeine Flucht nach den Pyrenaͤen antrat— war ich der Erſte, der mit ſpaniſchen Truppen in Madrid ein⸗ zog, um dort die von dem Congreß zu Cadix ent⸗ worfene Conſtitution zu proklamiren. tah Es iſt umoͤglich die Freude zu ſchildern, welche die Einwohner bei dem Anblick ihrer Befreier em⸗ pfanden. Noch war der Nachtrab des franzoͤſiſchen Heeres in den Straßen ſichtbar, und ſchon waren in denſelben Gaſſen die Balkons mit Menſchen angefuͤllt, die da mit Tuͤchern wehten und mit lauten, weithinſchallenden Stimmen:„Hoch lebe Ferdinand! Hoch die Conſtitution! Hoch unſere Befreier!“ riefen. So wie die Franken zur Stadt hinaus waren, wurden alle Thuͤren geoͤffnet, und die Einwohner ſtuͤrzten heraus, um uns zu umar⸗ men und zu ſich einzuladen, damit wir der Ruhe genoͤſſen und Erfriſchungen zu uns naͤhmen. Sie betrachteten uns wie Freunde, deren Tod ſie laͤngſt beweint hatten. Es war uns unmoͤglich, uns den ſtets wiederholten Umarmungen der Menge zu ent⸗ winden, und ſo konnten wir erſt, als die Kunde von der Annaͤherung engliſcher Truppen anlangte, unſern Weg fortſetzen. Endlich kam Joſeph zu Vittoria an, und Wel⸗ lington folgte ihm auf den Ferſen. Das fraͤnkiſche — 135— Heer focht zum Letztenmal auf ſpaniſchem Boden, dieſes Heer aber war weder friſch noch kraͤftig mehr. Die Hoffnungen und Taͤuſchungen, die es vorwaͤrts getrieben hatten, waren verſchwunden, und auf ſeiner Flucht ſchleppte es jetzt einen Fuͤrſten, einen Hof und eine Parthei mit ſich fort, die in dem Lande, aus dem ſie entflohen waren, ver⸗ wuͤnſcht wurden. Nachdem die Schlacht von Vittoria geſchla⸗ gen worden, und die Straße von Vittoria nach Bayonne mit engliſchen und franzoͤſiſchen Truppen bedeckt war, warf ſich ein Theil der Letztern durch das Gebirge auf die Straße nach Pampelona. Die Verwirrung war allgemein und ungeheuer Infanterie, Cavallerie und Artillerie machten ſich Engpaͤſſe ſtreitig, die bereits mit militairiſchen Waͤ⸗ gen, Kanonen, Karren und todten Pferden ange⸗ fuͤllt waren. In der Mitte dieſer Schreckensſce⸗ nen, welche mehr oder weniger bei jeder Nieder⸗ lage ſtatt finden, bot ſich nun noch ein Schau⸗ ſpiel dar, das nur dem Buͤrgerkriege angehoͤrt. Eine große Anzahl angeſehener Perſonen, groͤßten⸗ theils indeß aus Greiſen, Weibern und Kindern beſtehend, Opfer ihrer Anhaͤnglichkeit an Joſeph, ſtrebten, ſich durch die Truppen⸗Colonnen Platz zu machen. Die vielen prachtvollen, mit Wappen ge⸗ ſchmuͤckten Equipagen, die zahlreichen, mit koſtba⸗ — 4436— rem Gepaͤck beladenen Maulthiere, wuͤtden dieſer Flucht das Anſehen eines fuͤrſtlichen Neiſezuges gegeben haben, waͤre nicht Tod und Verzweiflung auf allen Seiten ſichtbar geweſen. Viele der glaͤn⸗ zenden Waͤgen wurden von dem Geſchuͤtz zerſchmet⸗ tert, oder von den franzoͤſiſchen Soldaten in Graͤ⸗ ben geſtuͤrzt; waͤhrend andere von den ſcheugewor⸗ denen Roſſen mitten in die Reihen der fliehenden Infanterie geriſſen und dort zertruͤmmert wurden. In dieſer allgemeinen Verwirrung waren meh⸗ rere Granden, Praͤlaten und geputzte Damen ge⸗ noͤthigt, ihre geſtickten Kleider und erſchoͤpften Gliede⸗ maßen durch Staub und Blut dahin zu ſchleppen. Kiſten mit Gold und Koſtbarkeiten bedeckten die Straße, keiner der Fluͤchtlinge aber dachte daran, ſich davon etwas zu eigen zu machen. Die Pferde, welche ſich losgeriſſen hatten, zertraten die von ihren Muͤttern an der Hand gefuͤhrten Kinder, uͤberall herrſchten Tod und Verwirrung. Mitten in dieſer Scene der Graͤuel und Schrecken ſah man aber auch hie und da Beiſpiele von Menſch⸗ lichkeit. Einige wenige fraͤnkiſche Soldaten ſuch⸗ ten mit eigener Lebensgefahr einen Theil derjeni⸗ gen zu beſchuͤtzen, die durch ſie ins Elend geſtuͤrzt worden warenz; ſie bildeten mit ihren Koͤrpern und eihren Bajonette und um ſie einen Wall, den wuͤthend herandringenden Spaniern entgegen. — 137— Mein Herz wollte brechen, ob deſſen, was ich ſah und hoͤrte, und eilig lenkte ich mein Roß ab, um die Landſtraße zu gewinnen. Als ich zu dem Ende uͤber einen breiten Graben ſetzte, gewahrte ich ploͤtzlich eine junge Dame, welche knieend ihr Gewand zerriß, um damit die Wunden eines auf dem Boden ausgeſtreckt liegenden Mannes zu ver⸗ binden. Als ſie den Hufſchlag meines Gauls ver⸗ nahm, ſchrie ſie laut auf und warf ſich auf den Verwundeten, welcher einen Verſuch machte, ſich emporzuraffen. Ich wehte ſofort mit meinem Ta⸗ ſchentuche, um ſie zu beruhigen, und ſprengte dar⸗ auf naͤher hinan.— Wie aber vermoͤchte ich Dir das graͤnzenloſe Erſtaunen zu ſchildern, das ſich meiner bemaͤchtigte, als die junge Dame jetzt mit einem Freudengeſchrei auf mich losſtuͤrzte, und ich in demſelben Moment in ihr meine geliebte Schwe⸗ ſter Mariane, in dem zu meinen Fuͤßen liegenden Verwundeten aber meinen theuren Vater erkannte. Ich ſprang von meinem Roſſe und warf mich auf ſeinen blutenden Koͤrper. Meine Thraͤnen miſchten ſich mit den ſeinigen; mein Vater wollte ſprechen, ich aber verhinderte ihn daran.„Erſchoͤpfen ſie nicht ihre wenige Kraͤfte, mein theurer Va⸗ ter,“ bat ichz„die Nacht bricht herein, geſtat⸗ ten ſie mir, ſie auf mein Roß zu heben, und ſie irgendwo hinzubringen, wo ſie die ihnen ſo noͤ⸗ — 138— thige Pflege finden koͤnnen.“ Darauf gebot ich einem meiner Leute, der mir gefolgt war, meine Schweſter vor ſich auf das Pferd zu nehmen, ich fuͤhrte das Meinige beim Zuͤgel, bis wir ein klei⸗ nes, rechts von Vittoria gelegenes Doͤrfchen er⸗ reichten, wo die Wunde meines Vaters unterſucht und fuͤr nicht gefaͤhrlich befunden wurde. Nach⸗ dem der Verwundete die Nacht geſchlafen hatte, fuͤhlte er ſich am anderen Morgen etwas beſſer; mich verlangte ſehnſuchtsvoll danach zu erfahren, wie er in dieſe traurige Lage verſetzt worden, aber ich wollte keine ſchwermuͤthigen Erinnerungen bei ihm wecken, und ſo ließ ich noch einen, Tag voruͤbergehen, bis er, da er ſich immer kraͤftiger fuͤhlte, den Entſchluß aͤußerte, ſich in einigen Ta⸗ gen nach Viana zu einem Freunde begeben zu wollen, und er mir nun aus eigenem Antriebe das, was ihm in der letzten Zeit begegnet war, in der Kuͤrze und ungefaͤhr mit folgenden Worten er⸗ zaͤhlte:„Einige Monate, nachdem du uns ver⸗ laſſen hatteſt, empfing ich Briefe von einem Freunde aus Madrid, welcher mir berichtete, daß ein be⸗ deutender Mann am Hofe Joſephs, von dem er nicht wiſſe, ob er ihn Freund oder Feind nennen folle, ſeinen ganzen Einfluß verwende, um mich zum Praͤſidenten des Criminalgerichts von Valla⸗ dolid ernennen zu laſſen; eine Stelle, die mir nur — 139— angetragen werden konnte, um meinen Charakter als Patriot in einem verdaͤchtigen Lichte zu zeigen. Wirklich erhielt ich auch bald darauf von dem IJuſtiz⸗Miniſter des Koͤnigs Joſeph ein Schreiben, worin mir das Praͤſidiat uͤbertragen und ich auf⸗ gefordert ward, daſſelbe ſofort anzutreten; wobei mir angedeutet ward, daß ich, falls ich mich weigern wuͤrde, das Amt zu uͤbernehmen, als Ge⸗ fangener nach Frankreich abgefuͤhrt werden ſolle. Dennoch aber nahm ich keinen Augenblick Anſtand, das mir angetragene Praͤſidiat abzulehnen; die Ant⸗ wort darauf war das Erſcheinen eines franzoͤſiſchen Offiziers, der um Mitternacht in mein Haus drang, und trotz des Flehens und der Vorſtellun⸗ gen Deiner Mutter und Schweſtern mich aus meinem Bette zerrte, um mich mit einer marſch⸗ fertigen Escorte auf der Stelle nach Frankreich zu bringen. Meine Papiere wurden darauf ſaͤmmt⸗ lich verſiegelt, und alle meine Guͤter mit Beſchlag belegt. Nachdem ich unter mannichfachen Entbeh⸗ rungen und Kraͤnkungen Burgos erreicht hatte, ward ich in einen Kerker geworfen und mit Ket⸗ ten belaſtet. Dort blieb ich einen Monat lang, bis endlich der gaͤnzliche Mangel an guter Nah⸗ rung und die Feuchtigkeit meines Aufenthaltes eine gefaͤhrliche Krankheit uͤber mich herbeizogen. Um dieſe Zeit erhielt ich von mehreren Freunden — 140— aus Valladolid Briefe, welche mir die Lage mei⸗ ner Familie als hoͤchſt ungluͤcklich ſchilderten, und mich beſchworen, doch unverzuͤglich die Praͤſiden⸗ tenſtelle anzunehmen, weil dieß das einzige Mittel ſey, die Meinigen vom gaͤnzlichen Untergange zu retten. Zu gleicher Zeit ſtellten mir meine Freunde vor, daß ich, ſtatt durch ſolch einen Schritt der Sache unſeres Vaterlandes zu ſchaden, im Ge⸗ gentheil mannichfache Gelegenheit finden wuͤrde, dem⸗ ſelben zu nuͤtzen, indem ich in den Stand geſetzt werden wuͤrde, die ſtrengen Maaßregeln der Fran⸗ zoſen zu mildern, und manchen Schuldloſen dem Tode zu entreißen. Alle dieſe Gruͤnde genuͤgten mir zwar keineswegs; ich haßte, wie es Dir ja bekannt iſt, jeden Schein von Doppelzuͤngigkeit; aber der Gedanke, daß meine beklagenswerthe Fa⸗ milie ſich im Elend befand, und daß ich als ein huͤlfloſer Gefangener durchaus kein Mittel hatte, ihnen beizuſtehn, bewog mich endlich nachzugeben.“ „Nach einem ſchweren Kampfe mit mir ſelbſt, machte ich den franzoͤſiſchen Gouverneur von Bur⸗ gos mit meinem Entſchluſſe bekannt; ſo ſeltſam es auch erſcheinen mag, faſt hoffte ich, von ihm die Antwort zu erhalten, daß meine Erklaͤrung jetzt zu ſpaͤt komme und daß ich nach Frankreich ab⸗ gefuͤhrt werden muͤſſe; kaum aber hatte er dieſe erfahren, als er auch ſofort hinab in meinen Ker⸗ — 141— ker eilte, mit eigenen Haͤnden meine Bande loͤſte, und mich mit ſcheinbarer Freundlichkeit in ſeine Arme ſchloß. Seine Umarmung war fuͤr mich das Umklammern einer Schlange; ich war faſt auf dem Punkte die von mir gegebene Erklaͤrung wieder zu⸗ ruͤckzunehmen, aber ich bedachte, daß es dem Manne gezieme, ſelbſt in femner Schwäche conſequent zu handeln.“ „Da mir nunmehr jedweder Beiſtand geleiſtet wurde, genaß ich bald, und konnte nach kurzer Zeit nach Valladolid zuruͤckkehren. Als ich dort anlangte, war der auf mein Eigenthum gelegte Be⸗ ſchlag bereits aufgehoben worden, von dem Elende aber, welches mein ungluͤckliches Weib und meine Kinder erduldet hatten, trugen ihre Geſichter noch die Spuren; zu ſtolz, um von irgend Jemand eine Wohlthat anzunehmen, hatten ſie es vorgezogen, ſich durch muͤhſame Handarbeit ihren ſharlichen Lebensunterhalt zu erwerben.“ „Nachdem ich darauf mein Amt ahagetrekem hatte, ließ ich keine Gelegenheit unbenutzt, diejeni⸗ gen unter meinen Schutz zu nehmen, die von un⸗ ſeren Unterdruͤckern als Hochverraͤther angeklagt wurden. Die franzoͤſiſchen Dekrete welche nur Tod und Gefangenſchaft athmeten, wurden in mei⸗ ner Hand unſchaͤdliche Waffen, und meine Mit⸗ buͤrger wuͤnſchten ſich Gluͤck, einen Praͤſidenten zu 1 — 142— beſitzen, der, ſtatt ihnen Schrecken einzufloͤßen, ihr Beſchuͤtzer war. Mein Benehmen aber war kei⸗ neswegs gefahrlos; taͤglich ward ich von den fran⸗ zoͤſiſchen Autoritaͤten mit Drohungen und Vorwuͤr⸗ fen uͤberhaͤuft, aber ih lies mich datetch aicht ein⸗ ſchuͤchtern.”“ „Endlich trat Joſeph ſeine Flucht an an, und auch Valladolid ſollte von den Franken geraͤumt werden. Ich war von unſeren Bedruͤckern ange⸗ ſtellt worden— die Umſtaͤnde hatten mich dazu gezwungen— aber ich wuͤrde mich fuͤr hoͤchſt tu⸗ delnswerth gehalten haben„haͤtte ich mein Amt aufgegeben, ſo lange ich durch die Verwaltung deſſelben noch irgend einem meiner Landsleute nuz⸗ zen konnte. Ich beſchloß demnach das ſchwerſte Opfer zu bringen, und mich vor der Hand von meiner Familie, ja ſelbſt, wenn es ſeyn muͤßte, von meinem Vaterlande zu trennen, um auf dem Ruͤck⸗ zuge der Franzoſen meine ungluͤcklichen Landsleute nach moͤglichſten Kraͤften in Schutz nehmen zu koͤnnen. Trotz der Bitten und Vorſtellungen mei⸗ ner Freunde, ſchloß ich mich demnach dem Gefolge Joſephs an, und verließ Valladolid, entſchloſſen meine Pflicht zu erfuͤllen, und bei den Franken der Schutzengel der Spanier wenigſtens ſo lange zu bleiben, als ſich dieſe noch in unſerem Vater⸗ lande befinden wuͤrden.“ — 143— „Die ſo eben gefochtene Schlacht hat indeß der fraͤnkiſchen Herrſchaft in Spanien auf immerdar ein Ziel geſteckt, meine Pflicht iſt erfuͤllt, und ſo bin ich denn entſchloſſen, in den Schooß der WMes nigen zuruͤckzukehren.“ Nachdem mein Vater dieſen ſeinen Beicht ge⸗ endet hatte, ſtuͤrzte ich mich in ſeine Arme und benetzte ſeine Wange mit meinen Thraͤnen. Nie in meinem Leben hatte ich ihn mit groͤßerer Ehrfurcht betrachtet als jetzt, wo er auf dem armſeligen Strohlager vor mir dalag. Ich begleitete ihn und meine Schweſter Mariane, welche ſich nicht von ihm hatte trennen wollen, und ihm von Valla⸗ dolid gefolgt war, nach Viana, wo ich, als ich ihn in dem Hauſe ſeines Freundes gut unterge⸗ bracht wußte, neuerdings von ihm Abſchied nahm, und worauf ich mich meiner Guerilla wieder an⸗ ſchloß, bis mich jetzt das Schickſal in Deine Arme fuͤhrte.— Nachdem er dergeſtalt ſeine Erzaͤhlung geendet hatte, ertheilte Raimundo ſeinen Leuten einige Be⸗ fehle, und machte ſich dann mit mir auf den Weg, um unſeren Kameraden und Freund Ramirez zu umarmen, welcher eine Stunde weit von Roncesval⸗ les, unfern der nach Frankreich fuͤhrenden Land⸗ ſtraße, poſtirt war. Ihr Zuſammentreffen war eben ſo ruͤhrend, als die Erinnerung an ihren Verluſt — 144— lebhaft.„Ich bin,“ ſprach Ramirez zu Raimundo gewandt,„ein einſamer Pilger auf dieſer Erden⸗ wallfahrt, aber mein Geſchaͤft iſt bald abgethan.— Sobald der letzte dieſer Buben von dem ſpaniſchen Boden vertrieben worden, bin ich bereit, denen zu folgen, die mir vorangegangen!“ Die Gemuͤthsbewegung des ungluͤcklichen Va⸗ ters waͤhrte, ſo lange Raimundo bei uns blieb, und erſt als ſich derſelbe nach einem zweiſtuͤndigen Aufenthalte bei uns entfernt hatte, verſank der beklagenswerthe Ramirez wieder in ſeine Demöhn⸗ lihe Kuam. Sehreeeae 2 nham 1 10. — 145— 10. Zwei Monate nach dieſem Zuſammentreffen mit Raimundo, als die Feindſeligkeiten in Spanien gaͤnzlich aufgehoͤrt hatten, und ich demnach auf die bisherige Weiſe meinem Vaterlande keinen Nutzen mehr leiſten konnte, forderte und er⸗ hielt ich Urlaub; mein Bruder, welcher ſich in der Zahl der Spanier befand, die mit Lord Wel⸗ lington nach dem ſuͤdlichen Frankreich marſchinte war noch nicht zuruͤckgekehrt. Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß in auf meinem Heimwege nach Agreda flog mit der ganzen Sehnſucht eines Liebenden, der lange Zeit getrennt von ſeiner Geliebten geweſen. Bei mei⸗ ner Ankunft dort begab ich mich ſofort zu meiner guͤtigen Freundin Donna Lucia, die mich mit Freu⸗ denthraͤnen empfing. Von ihr erfuhr ich, daß ruͤck⸗ ſichtlich des Don Lorenzo beruhigende Kunde ein⸗ gegangen waͤre, und daß man ihn ſtuͤndlich er⸗ warte. Was Don Facundo betraf, ſo hatte er Agreda verlaſſen, um ſich nach Madrid zu bege⸗ ben, wo er ſeine Stelle als Kammerherr neuerdings angetreten, dieſelbe aber, als der franzoͤſiſche Prinz ſeine Flucht nach Frankreich antrat, wieder auf⸗ gegeben hatte. Dieſe Nachricht hatte Donna Lu⸗ cia von Don Facundos Sohne erhalten, den ſie auf II. 10 —— einem nahe bei der Stadt gelegenen Landhauſe geſprochen hatte. Waͤhrend wir uns noch mit einander beſpra⸗ cchen, trat Jſabella herein, nach der ſie geſandt hatten, die aber von meiner Ankunft noch nichts wußte. Ihre Ueberraſchung und Freude war graͤn⸗ zenlos. Sie veraͤnderte ihre Farbe und waͤre zu Boden geſunken, haͤtte ich ſie nicht in meinen Armen aufgefangen. Mit den zaͤrtlichſten Aus⸗ druͤcken rief ich die Ohnmaͤchtige wieder ins Leben zuruͤck; ihre großen dunklen Augen richteten ſich neuerdings auf mich, mit dem Ausdruck innigſter Liebe; die Freudenthraͤnen, die uͤber ihre Wangen 4 hinabrollten, gewaͤhrten mir die frohe Ueberzeugung, daß die lange Abweſenheit ihre Gefüͤhle fegen mich weder geſchwaͤcht noch veraͤndert hatte. 3 Nach einigen zu Agreda verlebten aliclichen Tagen ſetzte ich nunmehr unter mannichfachen Be⸗ trachtungen meinen Heimweg fort, bis die Thuͤrme, von denen ich in meiner Kindheit ſo oft die um⸗ liegende Gegend beſchauete, in grauer Ferne vor meinen Blicken erſtiegen. Die goldene Zeit meiner ffruͤhen Jugend trat mit ihren Zaubergebilden jetzt wieder lebendig vor meine Seele. In jenen Ge⸗ genden hatte ich meine froheſten und utnetnitbee kh Stunden verlebt. Als ſich endlich die weiten Ebenen wwiche — 4⁴7— Burgos und Valladolid hinter mir befanden, ver⸗ zehrte mich die Sehnſucht, nach Cigales zu gelan⸗ gen, und ungeduldig ſpornte ich mein Roß, um recht bald den Ork zu erreichen, wo mir die ſelig⸗ ſten Augenblicke meines Lebens dahin ſchwanden. Ich kam dort an, aber o Gott! die Wuth des Krieges hatte die Mauern unſeres Hauſes nieder⸗ geriſſen, die Zimmer waren verwuͤſtet und men⸗ ſchenleer, das Dach war eingeſtuͤrzt und verfallen. Die Baͤume, mit mir aufgewachſen, waren ver⸗ dorrt oder niedergehauen und verbrannt. Nur ein alter Stamm, der im Winkel des Hofes ſtand, war der allgemeinen Verwuͤſtung entgangen, aber rund um denſelben begann das Unkraut empor zu ſchießen. Ich gebot Anton aus dem im Hofe be⸗ fi ndlichen, ebenfalls halb verfallenen Brunnen Waſ⸗ ſer zu ziehen, hieb mit meinem Saͤbel das wilde Geſtraͤuch hinweg, und erquickte die durſtige, faſt verdorrte Wurzel mit. friſchem Waſſer.— Nachdem ich dergeſtalt das Daſeyn des einzſt gen Zeugen meiner Kindheit verlaͤngert hatte, machte. ich mich nach Valladolid auf den Weg; als ich aber durch das Dorf ritt, ward ich von mehreren Bewohnern erkannt, die Nachricht von meiner An⸗ kunft verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle durch den ganzen Ort, und Alles ſtroͤmte nun herbei und drängte ſich um mich, mich Tiſwemrnen zu heißen. 10 — 148— Nur mit Muͤhe machte ich mich von ihnen los, um meinen Weg nach Valladolid fortzuſetzen, wo ich bald nach Anton anlangte, den ich voraus ge⸗ ſandt hatte, um meine Familie von meiner Zu⸗ ruͤckkunft zu benachrichtigen. So wie ich naͤher kam, gewahrte ich zwei meiner Schweſtern auf dem Balkon, welche mich kaum erblickt hatten, als ſie ſich auch ſofort beeilten, den Uebrigen die Kunde von meiner Ankunft zu uͤberbringen, worauf Alles die Stiege hinabflog mich zu empfangen. Ich ſprang von meinem Roſſe und fuͤhlte mich in dem naͤch⸗ ſten Moment von den Armen der Meinigen um⸗ ſchlungen. Wie aber vermoͤchte ich die Freude zu beſchrei⸗ ben die ich empfand, als ich meine guͤtigen Pfle⸗ geaͤltern nun endlich in die Arme ſchloß; als ich ihr Entzuͤcken uͤber meine Heimkehr bemerkte— die Sprache reicht nicht hin, ein ſolches Gefuͤhl zu beſchreiben— meine Freudenthraͤnen a men ůber meine Wange herab. Drei Jahre der Abweſenheit und der Gefah ren, hatten begreiflicherweiſe ruͤckſichtlich meines Schickſals die groͤßte Beſorgniß erregt, denn ich war waͤhrend dieſer ganzen Zeit außer Stande ge⸗ weſen, den Meinigen Nachricht von mir zu ge⸗ ben— meine Gegenwart aber hob jetzt jede Furcht, und die Kunde, die ich von Raimunde brachte, vermehrte noch ihre Freude. Sobald meine Ankunft in der Stadt bekannt geworden war, eilten alle Freunde unſeres Hauſes herbei, um mir Gluͤck zu wuͤnſchen und mich zu bewillkommnen; auch beſchloſſen meine guͤtigen Pflegeaͤltern ſofort, meine Ruͤckkehr durch Baͤlle und Feſtlichkeiten zu feiern; Raimundo, ſo hoff⸗ ten wir, wuͤrde bis dahin auch eintreffen. Zwei Tage nach meiner Ankunft empfing Don Ignacio ein Schreiben von Don Lorenzo, aus Madrid vom 16ten Mai datirt, deſſen Inhalt ich hier dem freundlichen Leſer mittheilen will, weil es die wichtigen Begebenheiten ſchildert, die ſeit der Ruͤckkehr des Koͤnigs nach Spanien bis zu ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt ſtattfanden. Zu⸗ vor aber muͤſſen wir einen Blick auf die politiſchen Verhaͤltniſſe werfen, welche vor jenem Ereigniſſe beſtanden, Die zu Cadix, trotz dem Donner fraͤnkiſcher Kanonen, entworfene Conſtitution ward in jenem Heiligthume ſpaniſcher Unabhaͤngigkeit im Jahre 1812, an dem Jahrestage der Thronbeſteigung Fer⸗ dinands, proklamirt. Es gab auf der ganzen Isla keinen Praͤlaten, keinen General, keinen Staats⸗ mann, keinen Ritter der vier Orden, kein Mit⸗ — 150— glied der koͤniglichen Regierung, ja ſelbſt keinen Inquiſitor, der ſich nicht beeilt haͤtte, vor dem verſammelten Congreß den Eid der Treue zu lei⸗ ſten. Der Herzog del Infantado bat um die Er⸗ laubniß, vor den Schranken erſcheinen zu duͤrfen, um vor den Repraͤſentanten der Nation die Sou⸗ verainitaͤt des Volks anzuerkennen; dieß thaten auch alle Edelleute, welche ſich zu jener Zeit in Cadix befanden, und ſelbſt die Mitglieder der Re⸗ gentſchaft nahmen keinen Anſtand, dieſem Bei⸗ ſpiele zu folgen. Als die fraͤnkiſchen Soldaten darauf unſere Provinzen raͤumten, zeigten alle Staͤdte, Doͤrfer und Ortſchaften mit ihren Magi⸗ ſtratsperſonen, Corporationen und Bruͤderſchaften denſelben feurigen Eifer, eine Conſtitution zu pro⸗ klamiren, die der Lohn der erduldeten Drangſale war, und der Wunſch jedes Herzens zu ſeyn ſchien. Von dieſem Augenblicke an wetteiferten alle großen Continentalmaͤchte, das Kabinet von St. James, das Haus Braganza, ja ſelbſt die Jeſui⸗ ten auf Palermo mit einander im Lobe unſerer Nation, und ſchloſſen mit Spanien eine noch en⸗ gere Allianz. Alle von ihnen unterzeichneten Trac⸗ tate enthielten die Clauſul: daß ſie die außeror⸗ dentliche Verſammlung der Cortes und die von denſelben entworfene Conſtitution als geſetzlich an⸗ erkennten. — 151— Der Selbſtherrſcher aller Reußen, dem die Re⸗ gentſchaft eine Abſchrift unſerer Conſtitution uͤber⸗ ſandt, und der damals Napoleon in ſeinem Lande hatte, antwortete:„Er habe den neuen Beweis von den guͤnſtigen Geſinnungen der ſpaniſchen Na⸗ tion fuͤr ihn mit um ſo groͤßerer Freude empfan⸗ gen, da ein ſolcher feierlicher Act zur Wohlfahrt einer ſo edlen und großmuͤthigen Nation gewiß beitragen wuͤrde.“— Das Haus Braganza, die Bourbons der beiden Sicilien und die Infantin Donna Joaquina, die jetzige Koͤnigin von Portu⸗ gal, ſchrieben an die Regierung und aͤußerten der⸗ ſelben im Namen ihrer gefangenen Verwandten ihre Dankbarkeit. Einige Zeit ſpaͤter brachte Ge⸗ neral Zayas von Valency die Nachricht, daß un⸗ ſer junger Monarch dem von dem Volke einſtim⸗ mig ausgeſprochenen Wunſche beipflichte, und ſo ward alſo unſere Conſtitution von jeder Macht genehmigt, und unſere Unabhaͤngigkeit von jedem gekroͤnten Haupte gebilligt. Nur ein einziger Mann viderſetzte ſich derſelben, derſelbe aber hat bereits, angeſchmiedet an einen Felſen, ſeine Verbrechen gebuͤßt!—. Waͤhrend nun unſere Armeen und die unſerer brittiſchen Verbuͤndeten bemuͤht waren, Spanien von ſeinen Bedruͤckern zu reinigen, beſchaͤftigten — 152— ſich die Cortes waͤhrend ihrer dreijaͤhrigen Sitzung fortwaͤhrend mit zum Wohl des Vaterlandes nicht weniger nothwendigen Dingen, ſie eigneten naͤm⸗ lich unſere alte Conſtitution den jetzigen Sitten des Volks an, und ſchafften die uͤberall eingeriſſenen Mißbraͤuche ab. Als ſie zuerſt in ihr Amt traten, war die ganze Halbinſel mit Franken uͤberſchwemmt, und Spanien hatte weder eine Regierung, ein Heer, weder Geld noch Credit; das Syſtem der Geſetzgebung war verwirrt und barbariſch, der Rath von Caſtilien und die Inquiſition uͤbten willkuͤhr⸗ liche Gewalt aus, kurz Spanien befand ſich in einem Zuſtande voͤlliger Anarchie. Als ſie aber am 14ten September 1814 ihre Stellen nieder⸗ legten, hinterließen ſie ihrem Vaterlande eine ſieg⸗ reiche Armee, einen wohlbegruͤndeten Credit und eine gepruͤfte Regierung, Nachdem Spanien dergeſtalt ſeinen Rang unter den civiliſirten Nationen wieder eingenommen hatte, ſtand eine frohe Zukunft zu hoffen, ſtand zu er⸗ warten, daß der Einfluß einer reformirten Conſti⸗ tution und die Verminderung der Kloͤſter und Ma⸗ joracos den Handel, die Kuͤnſte und die Wiſſen⸗ ſchaften ermuthigen wuͤrden, die ein Land ſchmuͤk⸗ ken und bereichern, die aber eine despotiſche Re⸗ gierungs⸗Verfaſſung faſt gaͤnzlich vernichtet hatte. — 153— ⸗. 2 Sind dieſe Hoffnungen auch nicht ganz in Erfuͤl⸗ lung gegangen, iſt doch das Beſtreben der Cortes darum nicht weniger ruhmwuͤrdig. Was ſie ge⸗ than haben, wird nimmer vergeſſen werden, und eine Stelle in den Buͤchern der Geſchichte ein: ³ N 6— t 1 nehmen. 4 Sro) 11. 8 Ich will jetzt den freundlichen Leſer mit dem Briefe des Marquis an Don Ingnacio bekannt machen. Derſelbe giebt von jener Kriſis ein ge⸗ treueres Bild, als ich es zu entwerfen vermoͤchte, und ſpricht zugleich die Gefuͤhle eines humanen und aufgeklaͤrten Mannes aus. „Mein theurer Freund!“ „Nach der ruhmvollen Beendigung unſeres ſchmerzvollen Kampfes, in welchem jeder Spanier mehr oder weniger gelitten hat, ergreife ich jetzt wieder die Feder, um Ihnen von meinen Schickſa⸗ len Kunde zu geben.— Sie werden jetzt ſchon von dem barbariſchen Verfahren der Franzoſen zu Agreda unterrichtet ſeyn; gluͤcklicher indeß, als meine beklagenswerthen Landsleute, die an meiner Seite niedergeſchoſſen wurden, ward ich von dem wuͤthenden Darquier verſchont, denn derſelbe hoffte ein bedeutendes Loͤſegeld fuͤr mich zu erhalten; da dieſes Ungeheuer indeß bald darauf den Tod ge⸗ funden, ward ich als Kriegsgefangener zuerſt nach Vittoria, und dann nach Frankreich geſandt, wo ich in einem der Depots blieb, bis die Beendigung des Krieges mir es geſtattete, nach dieſer Haupt⸗ ſtadt zuruͤckzukehren, wohin mich ſehnſuchtsvoll ver⸗ langte, um mit meinen eigenen Augen die Wie⸗ dergeburt der ſpaniſchen Nation anzuſchauen. Ach, wie ſehr ward ich in meinen Hoffnungen getaͤuſcht! — Wie ward mein Schmerz noch dadurch ver⸗ mehrt, daß ich meinen unwuͤrdigen Bruder Don Facundo an der Spitze jener Demagogen fand, die durch jedes nur erdenkliche Verbrechen ihr Vater⸗ land ins Elend geſtuͤrzt haben!— Ich mag nicht bei den mannichfachen Rollen verweilen, die er geſpielt hat, obgleich ſie mir leider ſaͤmmtlich nur zu gut bekannt geworden. Ein ſolches De⸗ tail wuͤrde fuͤr Sie eben ſo ſchmerzvoll ſeyn, wie fuͤr mich; und ſo reiche es demnach hin zu be⸗ merken, daß er der Anſtifter oder wenigſtens der Theilnehmer jedes Aufruhrs geweſen.“ „Ich langte zu Madrid, kurze Zeit nach jener Periode an, in welcher die Cortes ihre Sitzung begannen; die Regentſchaft war ihnen gefolgt. Die kunſtfleißigen und reichen Bewohner von Cadix liebten die unter dem Schutz ihrer Waͤlle entwor⸗ fene Conſtitution, und beſorgten nicht ohne Grund, daß die traͤge Bevoͤlkerung Madrids jene nicht ver⸗ ſtehen, und Vorurtheile gegen dieſelbe hegen wuͤrde. Dieſe Beſorgniß ſchwand indeß, als die Einwoh⸗ ner der Hauptſtadt den Geſetzgebern entgegenſtuͤrm⸗ ten, und ſie mit lautem Jubelgeſchrei empfingen. Palmenzweige wurden vor ihnen hergetragen, man — 156— ſpannte ihre Pferde aus, und zog die rets im Triumph in die Stadt.“ „Dieſe auf ſo unverholene Weiſe ausgeſpro⸗ chene Ehrerbietung vieler angeſehener Perſonen, ſo wie der Kaufleute, Handwerker und anderer Staͤnde, entmuthigte die geiſtliche Parthei, die demnach ein finſteres muͤrriſches Schweigen behauptete. Aber es lag nicht in ihrem Charakter, ihre Plaͤne auf⸗ zugeben, ſie wußte ſehr wohl, daß Einrichtun⸗ gen laͤnger als Menſchen dauern; und ihre Theil⸗ nehmer begannen demnach ſich in den Kloͤſtern der Bettelmoͤnche zu verſammeln, wo ſie nunmehr ihre Complotte ſchmiedeten. Ein Heer von Moͤnchen griff jetzt die conſtitutionellen Meinungen auf jede nur erdenkliche Weiſe an. Anonyme Pamphlete, Schmaͤhſchriften und eifernde Predigten, waren die Mittel, zu denen ſie griffen; ſie verabſaͤumten keines, um ihren Zweck zu erreichen.“ „Bald nach meiner Ankunft im Monat Ja⸗ nuar, ward einer der Maͤrkte gehalten, von denen zu Madrid jaͤhrlich viere ſtatt finden, und die, wenn gleich nur jaͤmmerliche Dinge zum Verkauf dargeboten werden, dennoch ſtets eine große Men⸗ ſchenmenge in die Hauptſtadt ziehen. Dieſe Ge⸗. legenheit benutzte die Geiſtlichkeit, um den Geiſt der in großer Anzahl verſammelten Landleute zu entflammen; denn durch dieſe hofften ſie ihre Ab⸗ 7. 5 ſicht zu erreichen. Ostolaza, Martinez, Velez und andere mißvergnuͤgte Prieſter ſchlichen umher, und reizten die Bewohner verſchiedener Provinzen zum Aufruhr an, indem ſie ſie aufforderten, die Waffen zu ergreifen, um ihren Koͤnig und ihre Religion zu vertheidigen.“ „Der Koͤnig, unſer Herr,“ ſprachen ſie,„wird bald wieder auf dieſem ſeinem Throne ſitzen, und erſt dann werden auch wir in der Kirche Chriſti unſeren Platz wiederfinden— dann erſt wird Spa⸗ nien aufhoͤren eine Hoͤhle der Ketzerei zu ſeyn. Wir werden den paͤpſtlichen Nuntius wieder bei uns ſehen, und nach wie vor von dem heiligen Vater Ablaß fuͤr unſere vergangene und zukuͤnf⸗ tige Suͤnden erhalten. Die Vernuͤnftler, welche die Frechheit gehabt haben, das heilige Tribunal des Glaubens abzuſchaffen, ihren Gott zu laͤug⸗ nen, oder Miſſethaͤter, gleich Judas Iſcharioth zu werden, ſollen beſtraft und excommunicirt, die Schaͤtze aber, die ſie zuſammengerafft haben, unter Euch vertheilt werden, die Ihr allein der Segnungen des Himmels und der Erde wuͤrdig ſeyd.“ „Den Soldaten wurden aͤhnliche Reden gehal⸗ ten, worin ſie auf die Vorrechte aufmerkſam ge⸗ macht wurden, welche die Conſtitution den Buͤr⸗ gern vor dem Militairſtande einraͤume. Die Trup⸗ pen vergaßen nur zu leicht die Vortheile, welche — 158— ſie durch die Cortes erlangt hatten, und wieder⸗ holten die Schmäͤhungen jener oͤffentlichen Ruhe⸗ ſtoͤrer. Einige von ihnen ſah man vor den Wein⸗ haͤuſern ſtehn, wo ſie, die Cigarre im Munde, jeden Voruͤbergehenden, den ſie fuͤr einen Anhaͤn⸗ ger der Cortes hielten, mit Schimpfworten uͤber⸗ haͤuften, den Soldaten die Haͤnde druͤckten, und Tabak und Geld unter ihnen vertheilten. Viele Bettler, Kruͤppel, Lahme und Blinde empfingen von ihnen aͤhnliche Gaben, eine Handvoll Kaſta⸗ nien der Eine, ein Glas Wein der Andere, und fuͤr die Wortführer des Poͤbels, eine Einla⸗ dung zu einem Mittagsmahle in irgend einem Speifehauſe; das waren die Mittel, wodurch die Aufwiegler ihre Parthei vermehrten. Einige Moͤn⸗ che fuͤhrten darauf dieſe Rekruten auf die Galle⸗ rieen der Cortes, von wo ſie ihre Dolche gegen diejenigen Deputirten ſchwangen, die von Abſchaf⸗ fung der Mißbraͤuche ſprachen; jene aber, uͤber⸗ zeugt von der Gerechtigkeit ihrer Sache, ſetzten ihre Debatten fort, ohne ſich von den Drohungen dieſer analchiſchen Demndegen einſchuͤchtern zu laſſen. 4 „Um dieſe Zcit langte der Herzog von San Carlos, der ſich bei Ferdinand zu Valencey befun⸗ den hatte, zu Madrid an, und uͤberbrachte den von dem Koͤnige, ſeinem Herrn, unterzeichneten — 450— Tractat, den derſelbe am 11ten December mit Napoleon abgeſchloſſen hatte, und von dem Se. Majeſtaͤt in ihrem Briefe an die Regentſchaft ſag⸗ ten, daß er vortheilhafter ſey, als ihn die Cortes trotz ihrer zahlreichen Siege je erhalten haben wuͤr⸗ den. Die Bedingungen dieſes Vertrags waren, daß Ferdinand ſich von dem Buͤndniß mit den uͤbrigen Monarchen, zumal aber von dem mit Groß⸗Britannien zuruͤckziehen, und dieſe Macht auffordern ſolle, die Stellung, welche ihre Armeen in den Pyrenaͤen inne hatten, aufzugeben. Ueber⸗ dem verpflichtete ſich der Koͤnig in dieſem ſeltſa⸗ men Tractat, nicht nur Napoleon gegen die ihn bedraͤngenden zahlreichen Feinde Beiſtand zu leiſten, ſondern auch alle Anhaͤnger der Franzoſen— Maͤnner, die ſich durch ihr Betragen die oͤffent⸗ liche Verachtung zugezogen hatten, in ihre Aemter und Wuͤrden wieder einzuſetzen. Dieſe beiden Be⸗ dingungen verletzten die Gefuͤhle der Nation, die Cortes verwarfen ſie einſtimmig, und der Herzog von San Carlos war demnach genoͤthigt, unver⸗ richteter Sache zu ſeinem Herrn zuruͤckzukehren.“ Am aaſten Maͤrz 1814 kehrten endlich, wie bekannt, Koͤnig Ferdinand und die Infanten nach Spanien zuruͤck, unter dem Jubelgeſchrei der Na⸗ tion, die ſtolz und gluͤcklich durch ihre Tapferkeit ihren Monarchen zuruͤckgefuͤhrt zu haben, ſich der — 460— Hoffnung hingab, die oͤffentliche Wohlfahrt auf eine dauernde Baſis begruͤndet zu ſehen. Unterdeſ⸗ ſen aber waren die royaliſtiſch Geſinnten bemuͤht, eine Machination zu weben, die eben ſo denkwuͤr⸗ dig bleiben wird als das Elend, welches ihr folgte. Der Geiſt des Volks ſchwebte nun in einer qual⸗ vollen Ungewißheit. Despotismus oder Freiheit, Buͤrgerkrieg oder Anarchie lagen vor uns da, und das hoͤchſte Intereſſe der Nation hing von dem Ausgange ab. Inzwiſchen ließ der Koͤnig auf ſei⸗ ner Reiſe, die ſehr langſam von ſtatten ging, und etwas Duͤſteres in ſich hatte, kein Wort fallen, das entweder das Volk haͤtte beruhigen, oder ſeine Beſorgniſſe haͤtte beſtaͤtigen koͤnnen. Sein Schwei⸗ gen nur verrieth, was er dachte. Viele Granden, der Herzog von Infantado an ihrer Spitze, und eine große Menge von Praͤlaten und angeſehenen Geiſtlichen zogen ihm entgegen; der Cardinal Bour⸗ bon, der Chef der Regierung aber, ward von den Cortes und der Regentſchaft oeſandeen den Mo⸗ narchen zu begruͤßen.”“ „Da ich dieſe Perſonen nicht nach Valeneia begleiten wollte, kann ich nicht ſagen, was ſich bei ihrer Ankunft dort begab; alles aber, was ich erfahren habe, ſtimmt indeſſen dahin uͤberein, daß der Cardinal ſowohl von der Umgebung des Koͤ⸗ nigs, — 161— nigs, wie von dem Koͤnige ſelbſt, auf das Unan⸗ ſtaͤndigſte behandelt wurde.“ „Endlich ward das fuͤr immer denkwuͤrdige Dekret vom 4ten Mai unterzeichnet, welches in einem Moment alle neu getroffenen Einrichtungen vernichtete, und die zu Cadix proklamirte Conſti⸗ tution fuͤr eine majeſtaͤtsverbrecheriſche Handlung erklaͤrte, wobei aber verſprochen wurde, die Rechte der Nation aufrecht zu erhalten.“ „Jetzt verbreitete ſich in der Hauptſtadt das Geruͤcht, daß die von dem alten General Eguia, einem Mitgliede des Congreſſes und einem eifri⸗ gen Anhaͤnger der Conſtitution, befehligten Trup⸗ pen gegen Madrid marſchirten; und ſofort wurden nun bei dem Koͤnige Adreſſen eingereicht, worin er dringend erſucht ward, den oͤffentlichen Unru⸗ hen doch ſofort Einhalt zu thun, wozu, wie man verſicherte, die Annahme der Conſtitution das ein⸗ zige Mittel ſey.“ „Auf dieſe Adreſſen gab der Monarch indeſſen keine Antwort, und ſo war denn Jedermann uͤber⸗ zeugt, daß jetzt ein entſcheidender Schlag erfolgen wuͤrde. Endlich brach er aus, von den furchtbar⸗ ſten Geruͤchten begleitet, denn man ſprach von nichts als von Gefangennehmungen, blutigen Hin⸗ richtungen und politiſchen Auto-da- fe's. Madrid hatte ſich nunmehr fuͤnf lange Wochen II. 11 — 162— in der qualvollſten Erwartung befunden; tauſend gegruͤndete Beſorgniſſe ſchwaͤchten die Freude, wel⸗ che faſt jeder Spanier daruͤber empfand, daß es ihm endlich geſtattet worden, ſeinen Monarchen wieder zu ſchauen. Die Regentſchaft, die De⸗ putirten, die Oberhaͤupter der conſtitutionellen Parthei ſahen jetzt den Sturm uͤber ſich herein⸗ brechen, und ſofort kamen ſie zuſammen, um uͤber die Gefahr, von der ſie und das Vaterland bedroht wurden, zu berathſchlagen. Mehrere be⸗ ruͤhmte Generaͤle, einige angeſehene Maͤnner Ca⸗ ſtiliens, ja ſelbſt mehrere Granden verlangten oͤf⸗ fentlich, daß im Nothfalle das Land ſeine Geſetze vertheidigen ſolle. Faſt alle Truppen waren auf der Seite der Conſtitution; ganz Europa hatte die Rechte der Nation anerkannt und ſie beſtaͤtigt, und ſo ſtand es jener demnach zu, ſich mit een Waffen zu vertheidigen. Eine Maͤßigung zur un⸗ rechten Zeit aber, und der falſche Glaube, daß die Reinheit der Abſicht des conſtitutionellen Syſtems allein hinreiche, einen guten Erfolg zu ſichern, bewog mehrere Deputirte, gegen die Aufrechthal⸗ tung der Rechte der Nation mit bewaffneter Hand zu ſprechen:„Kein Blutstropfen,“ rief einer von ihnen,„darf vergoſſen werden,“ es waͤre denn, daß das Unſrige auf dem Schaffotte dahinſtroͤmte.“— Dieſe Rede, unfehlbar das Reſultat eines ed⸗ = 163— len Gefuͤhls„ fand allgemeinen Beifall, der Geiſt dieſer Worte ward aufgefaßt, und demgemaͤß wurde nunmehr gehandelt. Zu jener Zeit war dieſe er⸗ gebungsvolle Maͤßigung ganz am unrechten Platze; der Drang des Augenblicks erforderte entſcheidende Schritte, um die ſo theuer erkauften Vortheile nicht wieder zu verlieren.“ „Gegen Abend verbreitete ſich das Geruͤcht, daß Eguia's Avantgarde ſich nur noch einige Mei⸗ len von Madrid befinde; die durch dieſen ſtillen Marſch ſelbſt in den vertrauensvollſten Gemuͤthern erregten Beſorgniſſe, waren nur zu gut begruͤn⸗ det.— Am 10ten Mai beſchien die Sonne zuletzt das conſtitutionelle Spanien!— An jenem denkwuͤrdigen Tage fluthete der von den Moͤnchen aufgeregte Poͤbel durch die Gaſſen, mit lauter Stimme den Tod der Verraͤther und Ketzer begeh⸗ rend. Die Waſſertraͤger, die Maulthiertreiber und die Bettler, ſtets zur Pluͤnderung und zum Morde bereit, ſchrieen:„Hoch lebe der unumſchraͤnkte Koͤnig! Tod der Nation!“ Ein Ausruf, der Al⸗ les mit Schrecken und Entſetzen erfuͤllte. Unter dem Vorwande, daß man die Feinde Gottes und der Kirche aufſuchen wolle, wurden die Haͤuſer ge⸗ ſtuͤrmt, und die achtungswuͤrdigſten Bewohner ſa⸗ hen ſich der Wuth des tobenden Poͤbels preisgege⸗ ben. Man drang in die Halle der Cortes, und in 11* — 164— wenigen Augenblicken waren die dort befindlichen Statuen, der Maͤßigung, der Wahrheit und der Staͤrke niedergeriſſen und in Stuͤcke zerſchlagen. Die Bildſaͤule der Nation*) aber ward von der wuͤ⸗ thenden Menge mit Stricken umwunden, und un⸗ ter Fluͤchen und Verwuͤnſchungen nach dem Platze der oͤffentlichen Hinrichtungen geſchleppt; hier er⸗ richtete man ein Schaffott, und auf demſelben ward nunmehr die Figur enthauptet; dieſe empoͤ⸗ rende Farce wurde von Prieſtern, Moͤnchen, wuͤ⸗ thenden Weibern und armſeligen Bettlern aufge⸗ fuͤhrt. Damit aber war die Sache noch nicht ab⸗ gethan, die Nation hatte nur ihr Haupt verloren; der Koͤrper ward jetzt durch den Koth nach der Plaza Mayor geſchleppt, wo in aller Eile ein Holz⸗ ſtoß errichtet wurde. Nachdem die Statue auf demſelben angebunden worden war, befand ſie ſich nach wenigen Augenblicken von Flammen umge⸗ ben, zur großen Freude der anweſenden Moͤnche und Prieſter.“ Die Maͤnner, welche im Namen des Koͤnigs die Zuͤgel der Regierung fuͤhrten, die Mitglieder der Cortes und der oberen Gerichtshoͤfe, ſahen ſich ploͤtzlich mit Feſſeln belaſtet. Eguia erfuͤllte ge⸗ *) Sie war dargeſtellt durch eine weibliche Geſtalt, die auf dem ſpaniſchen Loͤwen ſaß, der die Welt⸗ kugel zwiſchen ſeinen Klauen hielt. — — 165— treulich ſein Geſchaͤft; er diente als Werkzeug, die Einrichtungen wieder umzuſtuͤrzen, die er gebilligt und beſchworen hatte. Seine Truppen warfen die Geſetze ihres Vaterlandes uͤber den Haufen, und brachen die Gefaͤngniſſe auf, um die verbrecheriſchen Bewohner derſelben zu ihrem Beiſtande heraus⸗ zuholen.“ „Drei lange Tage vergingen in dieſem Zuſtande qualvoller Beſorgniſſe; die Zeitungen der royali⸗ ſtiſch geſinnten Parthei waren taͤglich mit den ſchaͤnd⸗ lichſten Verlaͤumdungen gegen die Conſtitutionellen, und mit Verbrechen, welche ſie dem Vorgeben nach haͤtten begehen wollen, angefuͤllt. Nie oͤffnete die Behauſung fuͤr Miſſethaͤter ihre Pforte edleren Gaͤſten; damit aber war der Hof noch nicht zu⸗ frieden, er dekretirte auch die Verbannung des Car⸗ dinals Bourbon. Unterdeſſen ſetzte der Koͤnig ſeine Reiſe fort, umgeben von allen fremden Geſandten, und am 14ten Mai zog er endlich in die Haupt⸗ ſtadt ein, umſchanzt von Elios Bajonnetten.„Tod den Liberalen! Hoch die unumſchraͤnkte Gewalt! Fluch der Nation und den Cortes!“ das war das Geſchrei, unter welchem ſich der entzuͤckte Monarch nach ſeinem Palaſte hin bewegte. Nichts deſto we⸗ niger aber ſegneten die wackeren Buͤrger ſeine An⸗ kunft, gleich als ob es die des Heilands geweſen ſey. Sie hofften, daß die Schrecken, denen ſie bis⸗ — 166— her ausgeſetzt waren, jetzt ein Ende nehmen, und daß das im Dekret vom 4ten enthaltene Verſpre⸗ chen in ſeinem vollen Umfange erfuͤllt, und die Ordnung demnach ooͤllig wiederhergeſtellt werden uͤrde. Ja Einige waren ſogar leichtglaͤubig ge⸗ nug, ſich der Hoffnung hinzugeben, daß man un⸗ ter der Regierung eines ſolchen großen und treff⸗ lichen Fuͤrſten den Verluſt der, ihre Rechte und Frei⸗ heit ſichernden Conſtitution leicht vergeſſen koͤnnte!“ „Dies waren die ſchwermuͤthigen Begebenheiten, die ſich meinem beobachtenden Blicke darboten, ſtatt daß ich gehofft hatte, unſere neuen Einrichtungen beſtaͤtigt zu ſehen. Aber ach! wer haͤtte auch glau⸗ ben koͤnnen, daß Ferdinand, deſſen Ketten ſo eben auf Koſten ſo vieler Menſchen Leben geſprengt worden waren, mit einem einzigen Schlage alles dasjenige vernichten wuͤrde, was ihn wieder zu ſei⸗ nem Throne verholfen hatte.“ „Welcher wackere und aufgeklaͤrte Mann kann jetzt noch wuͤnſchen, laͤnger in dieſem ungluͤcklichen Lande zu leben! Wohin aber ſoll er entfliehen— wo ſich verbergen, ohne Beſorgniß zuruͤckgeſchleppt zu werden, um ſeine Tage in einem Kerker zu verſchmachten, oder ſein Leben auf dem Schaffotte auszuhauchen!“ „Was uns betrifft, mein theurer Ignacio, ſo koͤnnen wir uns gluͤcklich ſchaͤtzen, gelingt es uns, 82 — 167— vor dem ſtuͤrmenden Gewitter unter einem niede⸗ ren Obdache Schutz zu finden, wo wir in der Ein⸗ ſamkeit das Ungluͤck, das unſer Vaterland betrof⸗ fen, beweinen koͤnnen.“ „Aehnliche Scenen, die zu gleicher Zeit in den vorzuͤglichſten Staͤdten Spaniens vorfielen, ver⸗ buͤrgten die Treue des von dem Marquis entwor⸗ fenen Gemaͤldes. Ueberall wurden Hunderte der angeſehenſten Einwohner in Gefaͤngniſſe geworfen, und wo man ſich zu widerſetzen wagte, da ſchwang der Schrecken ſeinen blutigen Scepter, und Unter⸗ jochung erfolgte.“ 3 Jett will ich den freundlichen Leſer wieder zu unſerem Famillienkreiſe zuruͤckfuͤhren. Da der zur Feier meiner Ruͤckkehr beſtimmte Tag erſchienen war, Raimundo aber geſchrieben hatte, daß ſeine Pflicht ihn noch einen Monat lang vom Pater⸗ hauſe fern halten wuͤrde, ward beſchloſſen, die Feſtlichkeit nicht laͤnger zu verſchieben. Demzu⸗ folge wurden die Freunde unſeres Hauſes zu einem Refreseo eingeladen, dem ein Ball folgen ſollte. Die Geſellſchaft fand ſich ein.— Die Da⸗ men, geſchmuͤckt mit Allem, was die Kunſt beſitzt, um die Natur zu verſchoͤnern, die Herren nicht weniger prachtvoll gekleidet. Die Erſteren nahmen wie gewoͤhnlich Platz auf den rund herum an den Waͤnden gereiheten Sopha's und Seſſeln, waͤhrend die Letzteren in der Mitte des Saales auf⸗ und abgingen; die Bedienten aber Erfriſchungen um⸗ herreichten. Endlich ward der Ball eroͤffnet, und wenn ich gleich nicht vergeſſen konnte, daß unter den Da⸗ men eine fehlte, mein Gluͤck vollkommen zu machen, waͤre es dennoch unverzeihlich geweſen, haͤtte ich mich bei dieſer Gelegenheit ſchwermuͤthig bezeigen wollen. Ich bot demnach einer jungen Dame die Hand, und war im Begriff den Tanz —j— —j— — 169— mit ihr zu beginnen— aber ach! der boͤſe Ge⸗ nius unſeres Vaterlandes ſchwebte noch uͤber un⸗ ſeren Haͤuptern und ſchien uns zuzurufen, daß man ſich in dem bedruͤckten Spanien nicht der Freude hingeben duͤrfel— Grade als ich mit meiner Taͤnzerin den Ball eroͤffnen wollte, gewahrte ich einen Diener, der ſich meinem Vater naͤherte und ihm etwas zufluͤſterte, woruͤber er zu erſchrecken ſchien. Da ich die Ge⸗ fahr kannte, welche jedweden Ehrenmann, durch das ganze Reich hin, bedrohte, und ein boͤſes Er⸗ eigniß fuͤrchtete, benutzte ich die erſte Gelegenheit aus dem Tanze zu treten, und ihnen aus dem Ballſaale zu folgen. Don Ignacio hatte ſich in ein kleines Zimmer begeben, deſſen Thuͤr er grade verſchloß, als ich erſchien und um Einlaß bat. Derſelbe ward mir geſtattet, und— wer ſchildert mein Erſtaunen! als ich bei meinem Eintreten den ſo eben angelangten Marquis in Poſtillons⸗ tracht verkleidet gewahrte.„Sie ſehen mich,“ ſprach er, indem er meinen Vater mit ſeinen Ar⸗ men umſchlungen hielt,„in dieſer Kleidung, weil ich nur dieſes Mittel wußte, unerkannt zur Ret⸗ tung meines Freundes hieher zu eilen. In zwei oder drei Tagen wird ein Dekret erſcheinen, wel⸗ ches zahlloſe Familien ihrer Guͤter beraubt. Das aber iſt noch nicht Alles,“ fuhr er fort, indem 4 8 — 170— er ſich bemuͤhte, ſeine Thraͤnen zu verbergen,„die Nachricht, die ich Ihnen, mein theurer Freund, mitzutheilen habe, erfordert Ihre ganze Seelen⸗ ſtaͤrke. Da es aber der Wille der Vorſehung iſt, muͤſſen wir uns demſelben unterwerfen, und neuer⸗ dings jene Ergebung an den Tag legen, die wir ſchon bei fruͤheren Gelegenheiten gezeigt haben.“ Mein Vater lieh dieſer Unheil verkuͤndenden Vorrede ein ruhiges Ohr; ich aber, weniger ge⸗ faßt als er, vermochte meine Ungeduld nicht laͤn⸗ ger zu zaͤhmen.„Um des Himmels Willen, Herr Marquis,“ flehte ich,„ſagen Sie ungen was vor⸗ gegangen iſt.“ „Ruhig, mein Sohn!“ gebot mein Vater, „wir werden es bald erfahren.“ „Theurer Freund!“ nahm Don Lorenzg wle⸗ der das Wort, indem er meinen Vater aufs Neue in ſeine Arme ſchloß,„Sie muͤſſen fort, fort auf der Stelle— Sie haben keinen Augenblick zu verlieren— der Koͤnig hat— er hat bereits— Ihr Todesurtheil unterzeichnet. Fliehen Sie, um Gotteswillen, fliehen Sie ſchnell, wollen Sie Ihr Leben retten— wollen Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden das Entſetzen erſparen, Sie in einen Kerker ſchleppen, Sie auf dem Hochge⸗ richte ſterben zu ſehn! Ein Pferd fuͤr Sie ſteht bereit— folgen Sie meinem Rathe, verlieren Sie . —— — 171— keinen Augenblick, und ſprengen Sie von dannen, ohne von irgend Jemand Abſchied zu nehmen.“ „Welches Verbrechen habe ich denn begangen?“ fragte mein Vater in einem feſten Ton,„wes⸗ halb ſoll ich entfliehen? Hab' ich meinem Koͤnige und meinem Vaterlande nicht treu gedient? Habe ich nicht mein Eigenthum hingegeben, um unſere Unabhaͤngigkeit vertheidigen zu helfen, um Ferdi⸗ nand zuruͤck auf den Thron zu fuͤhren? Sind meine Haͤuſer nicht gepluͤndert und niedergebrannt worden? Wurden meine Guͤter nicht verheert und verwuͤſtet? Ward nicht wegen meiner An⸗ haͤnglichkeit an den Koͤnig meine Familie der Armuth und dem Elende preisgegeben? Und als ich gezwungen ward, von dem Feinde ein Amt zu uͤbernehmen, that ich damals fuͤr mein Vaterland nicht Alles, was in meinen Kraͤften ſtand? Gab ich meine Kinder nicht zur Vertheidigung Spa⸗ niens hin, als ſie kaum ein Schwert zu fuͤhren vermochten? Koͤnnen dieſe Thatſachen gelaͤugnet werden? Und ſoll ich jetzt entfliehen, wie ein Verbrecher, der die verdiente Strafe fuͤrchtet? Nein, nein! nimmermehr! Das Bewußtſeyn mei⸗ ner Unſchuld iſt mein Schild!“ „Eben was Sie gethan, was Sie ſo eben erwaͤhnen, rechnet man Ihnen zum Verbrechen an,“ verſetzte der Marquis,„Patriotismus und 8— 172— Tugend ſind die gefuͤrchteteſten Feinde; vergebens alſo hoffen Sie, daß jene Sie beſchuͤtzen werden. — Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben keinen Augenblick zu verlieren— Sie ſind verpflichtet Ihr Leben zu retten— Ihre Familie— Ihre Freunde, Ihr Vaterland haben heilige Rechte dar⸗ an!— Entfliehen Sie, entfliehen Sie auf der Stelle!“ 4 „Vater, theurer Vater!“ flehte ich, indem ich in Thraͤnen ausbrach,„o geben Sie den Vor⸗ ſtellungen des Don Lorenzo Gehoͤr! Laſſen Sie mich Sie hinausfuͤhren aus dieſem ungluͤckſel'gen Lande, das Ihr Tod nicht zu retten vermag. Schon genug der Opfer ſind gefallen! Denken Sie an Ihre geliebten Toͤchter— mit Ihnen waͤre dieſen jedweder Schutz geraubt, denn Ihre Soͤhne wuͤrden den Tod finden, indem ſie bemuͤht waͤren, ihren Vater zu raͤchen.“— Der ungluͤckliche Don Ignacio verſank auf einige Augenblicke in ein ſinnendes Schweigen, dann fiel er auf ſeine Kniee, richtete ſeine Blicke zum Himmel empor und faltete ſeine Haͤnde zum kurzen, aber inbruͤnſtigen Gebet, nach deſſen Been⸗ digung er ſich wieder erhob, und ſich in einem ruhigen ergebungsvollen Tone zu uns wandte.— „Ich bin bereit,“ ſprach er,„bringt mich, wohin Ihr wollt.“— — ——— — 173— d Don Lorenzo druͤckte ſeine Hand, und fuͤhrte ihn durch eine Hinterthuͤr dorthin, wo ein Pferd fuͤr ihn in Bereitſchaft gehalten wurde. Ich ſollte folgen, ſo wie mein Roß geſattelt worden. Als ich durch den Ballſaal eilte, in welchem ſich meine beklagenswerthe Mutter mit ihren Toͤchtern be⸗ muͤhte, die Gaͤſte zu unterhalten, ohne daß ſie von dem Schickſale meines Vaters auch nur das Ge⸗ ringſte ahneten, konnte ich meine Thraͤnen kaum zuruͤckhalten. Ich befluͤgelte meine Schritte; meine Lieblingsſchweſter aber eilte mir nach und machte mir Vorwuͤrfe, daß ich mich hinwegbegaͤbe. Ich ſchlang meinen Arm um ſie, druͤckte ſie innig an meine Bruſt und verſprach bald zuruͤckzukehren. Sie laͤchelte und ſchien zufrieden; ich aber flog nunmehr hinab nach dem Stalle, ſattelte mein Pferd und verließ neuerdings das Vaterhaus, nach welchem ich erſt vor kurzer Zeit mit ſo freudigen Ausſichten zuruͤckgekehrt war. An dem mir bezeichneten Orte angelangt, ſag⸗ ten wir dem wackeren Marquis ein herzliches Le⸗ bewohl, und empfingen ſein feierliches Verſprechen, daß er Vaterſtelle bei meinen Schweſtern vertre⸗ ten, und ſie und ihre Mutter nach moͤglichſten Kraͤften beſchuͤtzen wolle— darauf ritten wir von dannen, ſo ſchnell als es uns die Dunkelheit er⸗ laubte, und langten nach einigen Stunden bei — 174— einer kleinen Huͤtte an, die uns aus fruͤheren gluͤcklicheren Zeiten wohlbekannt war; denn dort hatten wir oft auf unſeren Streifereien ein laͤnd⸗ liches Mahl eingenommen. Da der Eigenthuͤmer der Huͤtte, ein wackerer Greis, uns von Herzen zugethan war, beſchloß mein Vater, hier ein we⸗ nig zu raſten. Der gute alte Mann war ob un⸗ ſeres Beſuchs zu ſo ſpaͤter Stunde nicht wenig erſtaunt; aber er verrieth keine unzeitige Neugier, ſondern hieß uns freundlich willkommen, und war nur darauf bedacht, uns den Aufenthalt in ſeiner armſeligen Huͤtte ſo angenehm wie moͤglich zu machen, zu welchem Ende er meinem Vater ſein eignes Lager anbot, und die einzige Lampe anzuͤn⸗ dete, die er beſaß. Nachdem wir einige Stunden geraſtet hatten, erhoben wir uns neugeſtaͤrkt, ver⸗ galten unſerem Wirthe die ihm verurſachte Un⸗ ruhe, und ſetzten unſeren Weg fort. Der Tag war jetzt angebrochen, und als wir nun ſo dahinritten, erkannten wir ſo manche Ge⸗ genden, in denen wir mit unſerer Familie und unſeren Freunden gluͤckliche Tage verlebt hatten. Jetzt zogen wir durch ſie als Fluͤchtlinge hin, viel⸗ leicht um nie wieder zuruͤckzukehren.„Und was waren unſere Verbrechen? Die ſchwerſten Opfer fuͤr die Vertheidigung unſeres Vaterlandes, fuͤr die Wiedereinſetzung unſeres Koͤnigs, der uns jetzt auf dieſe Weiſe belohnte. Wenn mein ungluͤckli⸗ cher Vater die Gegend rund um ſich beſchauete, entſtieg dann und wann ein Seufzer ſeiner gepreß⸗ ten Bruſt; er bemuͤhte ſich die Zaͤhren, die in ſei⸗ nen Augen perlten, vor mir zu verbergen, wenn ſich aber unſere Blicke begegneten, floſſen unſere Thraͤnen gemeinſchaftlich. Wenige nur kennen die Qualen desjenigen, der ſich der Wuth ſeiner Verfolger preisgegeben ſieht, in Jedem der ihm be⸗ gegnet, glaubt er einen Feind, einen Haͤſcher zu erkennen. Mein Herz empoͤrte ſich gegen die Noth⸗ wendigkeit, uͤberall in Furcht zu ſchweben; voll Ju⸗ gend und Kraft haͤtte ich der uns drohenden Ge⸗ fahr trotzen moͤgen. Genoͤthigt, die großen Staͤdte ſo viel wie moͤg⸗ lich zu vermeiden, ließen wir Burgos links liegen, dieſen Geburtsplatz unſeres beruͤhmten Capitains, Ferdinand Gonzales, zu deſſen Andenken zu den Zeiten Carl V. ein Triumphbogen errichtet ward, der noch jetzt zu ſchauen iſt. Etwas unterhalb Miranda, auf dem Wege nach Vittoria, ſteht eine marmorne Saͤule, die fuͤr ihren Zweck faſt zu ſchoͤn genannt werden kann; denn die darauf befindliche Inſchrift bezeichnet nur die Graͤnze zwiſchen Caſtilien und den Pro⸗ vinzen Alava und Biscayen. Wir kamen nun links von Vittoria uͤber den Fluß Arriaza, über — 176— den hier eine ſteinerne Bruͤcke fuͤhrt, und ſetzten, ohne jene Stadt zu betreten, unſeren Weg fort. Die Gegend, durch die wir jetzt dahinritten, iſt die am beßten angebaute in Spanien. Die drei Provinzen, Alava, Guipuzcoa und Biscaya, die zuſammen Biscayen genannt werden, verdan⸗ ken der Natur eben keinen fruchtbaren Boden, aber ſie waren ſtets das Aſyl des Kunſtfleißes und der Freiheit, der beiden unzertrennlichen Gefaͤhrten der Wohlfahrt. Dreißig Stunden weit von Vit⸗ toria nach der Bidaſſoa, beleben neue Doͤrfer und Landhaͤuſer die mannichfaltige Landſchaft, de⸗ ren Huͤgel und Thaͤler die erſprießlichen Folgen eines fleißigen Ackerbaus zeigen. Ich war ſchon fruͤher in dieſen Gegenden ge⸗ weſen, damals aber wuͤthete der Krieg, damals hielt die Hand ſtatt den Pflug und die Sichel zu fuͤhren, nur das Verderben bringende Schwert gefaßt. Aber ſelbſt damals ließen die fleißigen Biscayerinnen den Boden nicht unangebauet lie⸗ gen; ſie legten ſelbſt Hand ans Werk, um ihm den moͤglichſten Ertrag abzugewinnen. Jetzt, wo der Friede die Hoffnungen des Landmannes belebte, hatte Alles eine freundlichere Anſicht erhalten, und ich konnte nicht aufhoͤren, den Kunſtfleiß dieſes Volks zu bewundern. Eine jede der drei Provinzen hat ihre beſon⸗ dere — 177— dere Regierung, und in Biscaya und Guipuzcya koͤnnen die Befehle des Koͤnigs nur dann in Aus⸗ fuͤhrung gebracht werden, wenn ſie von der Pro⸗ vinzial⸗Regierung gebilligt worden. So eiferſuͤch⸗ tig aber auch die Biscayer auf ihre Freiheit ſind, ſo haͤngen ſie dennoch ungemein an der ſpaniſchen Monarchie, deren Unabhaͤngigkeit ſie ſtets nach ihren beſten Kraͤften vertheidigen halfen. Es iſt ſeltſam, daß die Sitten der Bewohner dieſer Provinzen ſich, wie ihre Sprache, in ihrer urſpruͤnglichen Reinheit erhalten haben, welche letz⸗ tere durchaus keine Aehnlichkeit mit den anderen Idiomen hat, und wie die Biscayer verſichern, ſo alt wie ihre Berge iſt. Sie haben eine große Ehrfurcht vor den Gebraͤuchen ihrer Vorfahren, und ihr offenes Geſicht, ihr ſtarker geſunder Koͤr⸗ perbau, und ihre Freundlichkeit und Gaſtfreiheit, machen ſie fuͤr jeden eſaden zum Gegenſtänd der Bewunderung. Die natuͤrliche Schänheit der Weiber wird nos durch ihre Reinlichkeit erhoͤht; man ſieht die jun⸗ gen Maͤdchen mit nackten Fuͤßen, ihre Schuhe unter dem Arm, und eine ſchwere Laſt auf dem Haupte tragend, ſich leicht wie Gemſen uͤber die ſteilſten Pfade dahin bewegen. Bevor ſie eine II. 12 — 178— Stadt oder auch nur ein Dorf betreten, verabſaͤu⸗ men ſie nie, zuvor in irgend einem Brunnen oder „Bache ihre Fuͤße zu waſchen und ihre Schuhe anzuziehen. Ihre Kleidung iſt ſauber und zier⸗ lich, und ihr langes Haar haͤngt ihnen ein zwei ſorgſam gewundenen Feechten uͤber die Schultern herab. 1 Ball geſpielt wird; in welchem Zatrektnbe die Bewohner dieſer Provinzen große Geſchicklichkeit beſitzen.— Als wir uns an einem Sonntag Nach⸗ mittag Ernano naͤherten, begegneten wir einer gro⸗ ßen Anzahl junger Burſche, welche mit ihren dik⸗ ken Kolben bewaffnet, von einem Ballſpiele heim⸗ kehrten, das in einem nahen Dorfe ſtatt gefun⸗ den. Sie zogen raſchen Schritts an uns vor⸗ aͤber, und ſangen ein Lied in dem Dialect ihres Landes. 3 Wir näherten uns jebt jenen maͤchtigen Wal⸗ len, welche Spanien von Frankreich trennen, und auf deren erhabene Schoͤnheit wir jetzt mit einem ſchwermuͤthigen Vergnuͤgen ſchaueten. Die Gipfel der den Ocean begraͤnzenden Pyrenaͤen ſind nicht mit ewigem Schnee bedeckt, auch findet man hier nicht jene hohen Felſen, mit den furchtbaren Wald⸗ ſtroͤmen, Waſſerfaͤllen und endloſen Abgruͤnden, — 179— welche an anderen Stellen der Pyrenaͤen zu ſchauen. Im Gegentheil, Fruchtgaͤrten und treffliche Wei⸗ den ſchmuͤcken die Abhaͤnge dieſer Berge, deren Gipfel mit zahlreichen Anpflanzungen gekroͤnt ſind, die eine gruͤne liebliche Kette bilden. Nur einige Klippen, welche ſich in den Wolken zu verlieren ſcheinen, ſind von der befruchteten Hand des Men⸗ ſchen unberuͤhrt geblieben, und nur die Hoͤhen lie⸗ bende Ziege iſt dann und wann an ihren Abhaͤn⸗ gen zu ſchauen. So wie man nun weiter kommt, erſchließen ſich dem Auge fruchtbare Thaͤler, welche ſich bei jedem Schritte immer mehr und mehr ausdehnen und die trefflichſte Ausſicht darbieten. Hier guckt zwiſchen den Kaſtanienbaͤumen eine Kirche mit ihrem Thuͤrmchen hervor, weiterhin bilden zahlloſe zuſammenſtroͤmende kleine Baͤche eine breite Waſ⸗ ſerflaͤche, die ſich nunmehr langſam hindehnt, und uͤberall Fruchtbarkeit ſpendet; an beiden Seiten ſchmuͤcken elegante Villen von einfacher, aber ma⸗ jeſtaͤtiſcher Bauart, und pitoreske Schaͤferhuͤtten die treffliche Landſchaft. Die Biscayer ſind in der That ſtolz darauf, huͤbſche Wohnungen zu beſtiz⸗ zen; oft verwenden ſie alles Geld, was ſie waͤh⸗ rend einer langjaͤhrigen Abweſenheit von der Hei⸗ math muͤhſam erwarben, zur Erbauung eines freund⸗ 12* — 180— lichen Gebaͤudes, und wenn ihre Baarſchaft dazu nicht hinreicht, verlaſſen ſie ihr Vaterland nicht ſelten auf's Neue, um erſt dann wieder in daſſelbe zuruͤckzukehren, wenn es ihnen gelungen iſt, die zur Erreichung ihres Lieblingswunſches erforderliche Summe zuſammen gebracht zu haben. — 181— 13. Auf dem Gipfel jener langen Bergkette angelangt, die auf der einen Seite die Pyrenaͤen vereinigt, und auf der anderen einen Damm gegen die Wo⸗ gen des Oceans bildet, ſahen wir tief unter uns ein weites Thal, durch welches mehrere Arme der Bidaſſoa hinſtroͤmten. Etwas rechts von uns, auf dem Gipfel eines Berges, gewahrten wir die Eremitage des heiligen Martial, die da be⸗ ruͤhmt geworden, weil hier die franzoͤſiſchen Adler zum letztenmal Stand gehalten. Ein viereckiger Thurm, von einer Anzahl Haͤuſern umgeben, war in der Mitte des Thales zu ſchauen, etwas links am Seeufer lag Irun, und weiterhin Fontarrabia, waͤhrend der kleine Ort Anday an dem Abhange der Frankreich begraͤnzenden Berge zu ſehen war. Die Majeſtaͤt dieſer Felſen, die reiche Frucht⸗ barkeit des Thales, die Mannichfaltigkeit der Ge⸗ gend und der unermeßliche, ſich vor dem Auge entrollende Ocean bilden eine, zur Graͤnze zweier großen Reiche trefflich geeignete Landſchaft. Nachdem wir bis an die franzoͤſiſche Graͤnze einen Fuͤhrer mitgenommen hatten, langten wir bei der Bruͤcke von Oholdizum an. Dieſer kleine Strom, ſprach unſer Fuͤhrer, bildet die Graͤnze von Spanien und Frankreich— nichts kann ſchoͤ⸗ — 182— ner ſeyn als die Gegend jenſeits jener Berge, Sie werden ſie mit Entzuͤcken betrachten. Ach er wußte nicht, daß er zu Vabannten ſprach! Von ſeinen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, ſank mein Vater vor einem kleinen, auf der Bruͤcke befindlichen ſteinernen Kreuze auf ſeine Kniee nie⸗ der, faltete ſeine Haͤnde und verblieb einige Au⸗ genblicke lang in dieſer andachtsvollen Stellung. Ich ſtuͤtzte mich auf das Gelaͤnder und ſuchte die Thraͤnen zu verbergen, die meinen Augen entroll⸗ ten, waͤhrend unſer Fuͤhrer meinen Vater mit einem Gemiſch von Erſtaunen und Ehrfurcht be⸗ trachtete. Wenn der Menſch ſo aus ſeinem Vaterlande vertrieben iſt, und ſich nunmehr zwiſchen ihm und der Heimath ſeiner Vorfahren eine unuͤberſteigbare Schranke erhebt, ſcheint es ihm, als ob er aus der Welt geſtoßen worden. Berge, Thaͤler und Fluͤſſe trennen ihn von allem, was ihm theuer iſt. Jedweder Gegenſtand, der ihn an dahingeſchwun⸗ dene frohe gluͤckliche Stunden erinnert, Alles, Alles iſt jenſeits geblieben, und auf dieſer Seite tritt ihm das Leben nur kalt und theilnahmlos entge⸗ gen. Als ich ſo uͤber die mannichfachen Dienſte nachdachte, welche Don Ignacio ſeinem Vaterlande geleiſtet hatte, ſchauderte ich bei dem Gedanken an die Belohnung, welche ihm dafuͤr zu Theil ge⸗ — 183— worden; eine ungerechte Verfotgung raubte ihn den Seinigen in einem Augenblicke, in welchem ihnen ſeine Gegenwart gerade am nothwendigſten war. Er war gezwungen, von ſeinem Vaterlande viel⸗ leicht auf immer Abſchied zu nehmen!— Dieſe und aͤhnliche Gefuͤhle preßten meine Bruſt zuſam⸗ men, und ich konnte meine Seufzer kaum unter⸗ druͤcken— aber ich ſah meinen Vater weinen, und vergaß meinen Gram uber dem Seinigen. Die Thraͤnen eines alten ehrwuͤrdigen Mannes haben etwas ungemein Nuͤhrendes, daß ſelbſt der kalther⸗ zigſte Menſch ihnen ihre Theilnahme nicht verſa⸗ gen kann. Ich meinerſeits konnte es kaum ertra⸗ gen, meinen bekuͤmmerten Vater zu betrachten, der ſchon zu alt geworden war, als daß die leichten Hoffnungen der Jugend noch in ſeiner Bruſt em⸗ porkeimen konnten. „Ohne Zweifel,“ ſprach er endlich, indem er 6 ch aus ſeiner knieenden Stellung erhob,„ohne Zwei⸗ fel ward dieſes Kreuz hier errichtet, um ungluͤckliche Verbannte daran zu erinnern, daß es fuͤr ſie an⸗ derswo noch eine gluͤcklichere Heimath giebt, aus der die Ungerechtigkeit der Menſchen ſie nicht zu vertreiben vermag.“ Theurer Vater, troͤſtete ich, wird gleich Man⸗ cher, der nur gelebt hat, um ſeinen Nebenmen⸗ ſchen zu dienen, aus ſeinem Vaterlande verſtoßen, — 484— giebt es doch einen gerechten Gott, der ihn raͤchen wird. Der Tag Ihrer Nuͤckkehr, mein Vater— der Tag der Strafe Ihrer Feinde, kann nicht mehr fern ſeyn. Ach! ſeufzte er, es iſt hart, im ſechs und ſechzigſten Jahre ſeiner Heimath den Ruͤcken keh⸗ ren zu muͤſſen— nur mit dem Grabe wird mein Ungluͤck enden! Ich fuͤhlte mein Herz von dieſen gerechren Klagen zerriſſen. Geh, nahm mein beklagenswer⸗ ther Vater wieder das Wort, geh an das ſpani⸗ ſche Ufer und fuͤlle unſeren Reiſebecher, ich fuͤhle einen Durſt, den nur Waſſer von jener Seite zu loͤſchen vermag! . Ich nahm den Becher und eilte ihn zu fuͤllen; denn ich fuͤhlte, daß es im Leben Momente giebt, in welchen man ſelbſt die Schwaͤchen der Menſchen gleich Tugenden ehren muß. Wir ſetzten nunmehr unſeren Weg fort, und nachdem wir gegen Abend ein kleines Dorf rechts vor St. Jean de Luz erreicht hatten, beſchloſſen wir dort zu uͤbernachten. Fruͤh am naͤchſten Mor⸗ gen erhob ich mich von meinem Lager, und da ich wuͤnſchte, mein Spanien noch einmal zu ſe⸗ hen, eilte ich hinaus auf einen nahgelegenen Berg. Hinter den gegenuͤberliegenden Gipfeln ſtieg die Sonne langſam empor, und nach und nach beleuch⸗ —. tete ihr Licht die herrliche Gegend. Ein leichter Morgenwind erfriſchte die Luft, ich hoͤrte, wie ſich die Wellen am Ufer brachen, und wie die fernen Stimmen der Fiſcher vom Meere her erſchallten. Der Himmel, die Erde und der Ocean, Alles, Al⸗ les war eben ſo heiter, als mein Herz tief be⸗ kuͤmmert.— Der Wunſch, daß ſelbſt die Natur an unſerm Grame Theil nehmen moͤchte, iſt dem Menſchen ſo angeboren, daß es mir faſt wehe that, das Vaterland, aus dem ich verſtoßen wor⸗ den, vom Glanze der Morgenſonne ſo freundlich beleuchtet zu ſehen. Ich weinte ſchmerzlich, konnte aber dennoch meine Blicke nicht von der geliebten Heimath abwenden. Endlich ſchritt ich langſam wieder in das Dorf zuruͤck.. Bei meiner Ankunft im Wirthshauſe fand ich meinen Vater nicht, erfuhr aber von der leb⸗ haften ſchwarzaͤugigen Magd, daß ſie den alten traurigen Herrn habe in die Kirche gehen ſehen, wo ich ihn unfehlbar antreffen wuͤrde. Ich begab mich dorthin, und fand ihn auch wirklich auf den Knieen und in einem andaͤchtigen Gebete verſun⸗ ken. Nach Beendigung deſſelben ſchien er unge⸗ mein getroͤſtet, und etwas weniger ſchwermuͤthig als bisher, ſetzten wir unſeren Weg fort. In Bayonne angelangt, beſchloſſen wir dort zu bleiben, bis wir Nachricht von unſerer Familie — 186— erhalten haben wuͤrden, welche wir denn auch end⸗ lich, und zwar auf ganz unerwartete Weiſe, durch Raimundo empfingen. Er war einen Monat nach unſerer Flucht nach Hauſe zuruͤckgekehrt, und uͤber⸗ brachte uns jetzt die ſchmerzvolle Kunde, daß das ganze Eigenthum meines Vaters confiscirt worden ſey, und daß ſeine Gattin und Toͤchter genoͤthigt worden waͤren, das verfallene Haus zu Cigales zu ihrem Aufenthalte zu waͤhlen. Empoͤrt ob des Verfahrens gegen die Seinigen, waren Raimundo heftige Ausdruͤcke entſchluͤpft, weshalb er ſofort vor jene geheime Commiſſion gefordert ward, die von Ferdinand eingeſetzt worden war, um uͤber politiſche Vergehungen zu urtheilen. Raimundo verlangte vor einen oͤffentlichen Gerichtshof geſtellt zu werden, ſein Begehren aber ward nicht nur nicht geſtattet, ſondern es ward ihm auch bei To⸗ desſtrafe anbefohlen, das Koͤnigreich binnen 14 Ta⸗ gen zu verlaſſen. So belohnte Ferdinand die Dienſte treuer Patrioten! gat nt Don Ignacio, welcher ſicher darauf gebauet hatte, daß Raimundo ſeine Familie daheim be⸗ ſchuͤtzen werde, gerieth jetzt ob des Schickſals der Seinen in die groͤßte Beſorgniß, weshalb ich, der ich eigentlich nicht mit verbannt worden war, mich bereit erklaͤrte, nach Hauſe zuruͤckzukehren, um die verlaſſenen Frauen zu beſchuͤtzen. —.,.,— — 187— Mein Vater billigte meinen Entſchluß, und nachdem ich ihn innig in meine Arme geſchloſſen und von ihm Abſchied genommen hatte, kehrte ich nach der ſpaniſchen Graͤnze zuruͤck, von Raimundo bis St. Jean de Luz begleitet, wo wir uns trenn⸗ ten, er, um unſerem verbannten Vater nach Frankreich zu folgen, ich, um mich in unſer Va⸗ terland zuruͤck zu begeben, und dort der Beſchuͤz⸗ zer meiner verlaſſenen Familie zu werden. Hier findet in dem Berichte des Spaniers, deſſen Begebenheiten ſich hoffentlich die Theilnah⸗ me der freundlichen Leſer erworben haben werden, eine Luͤcke ſtatt, die wir, bis er am Schluſſe dieſer Geſchichte die Feder ſelbſt wieder zur Hand nimmt, mit folgendem kurzen, theils aus ſeinen Papieren, theils aus muͤndlichen Mittheilungen entnommenen Abriß der, in jenem Zeitraum ſeines Lebens ſtattgefundenen Vorfaͤlle zu fuͤllen genoͤ⸗ thigt ſind. Nachdem Don Eſteban von ſeinem Vater und ſeinem Bruder zaͤrtlichen Abſchied genommen hatte, kehrte er, wie w hen haben, nach Spanien zuruͤck. Zu Cigales angelangt, fand er ſeine Mut⸗ ter und Schweſtern dort im wahren Sinne des Worts zwiſchen Ruinen wohnend, denn das Haus — 188— ſeines Vaters, vormals der Aufenthalt des Froh⸗ ſinns und des Scherzes, war von den Kriegern zer⸗ ſtoͤrt und noch nicht wieder aufgebauet worden. Er hielt es fuͤr gerathen, die theuern Seinen von die⸗ ſer Scene truͤber Erinnerungen ſo ſchnell als moͤg⸗ lich zu entfernen, und wirklich gelang es ihm auch, fuͤr ſie eine paſſende Wohnung zu Valladolid zu finden, wo er nach kurzer Zeit die Freude hatte, ſeine theure Iſabella eintreffen zu ſehn, welche mit ihrer Tante, Donna Celeſtina, einige Monate zu Valladolid zu bleiben gedachte, indem der Mar⸗ quis ſeine Beſitzungen bereiſ'te, um den durch den Krieg dort herbeigefuͤhrten Schaden zu unterſuchen, und demſelben ſe gut als moͤglich abzuhelfen. So verlebte Don Eſteban nunmehr einige Zeit in der Mitte der Seinigen, da aber erhielt er eines Tages ſichere Nachricht, daß er auf Veran⸗ ſtaltung des Don Facundo, welcher von ſeinem Aufenthalt in Valladolid Kunde erhalten und um ſeine Liebe fuͤr Iſabella wußte, in der naͤchſten Nacht von der Inquiſition gefaͤnglich eingezogen werden ſolle. War er einmal in ihren Haͤnden, ſo war ſein Untergang unver konnte er ſich anfangs durchaus nicht entſchließen, Iſabella und die Seinigen neuerdin ings zu verlaſſen; endlich gelang es indeß den vereinten Vorſtellungen jener Theuren, ihn zu dem Entſchluſſe zu bewe⸗ meidlich, dennoch aber — 189— gen, ſich der ihm drohenden Gefahr durch eine ſchleunige Flucht zu entziehen. Er rief Iſabellen und ſeiner Familie ein kurzes, ſchmerzvolles Lebe⸗ wohl zu, und ſchlug, Valladolid neuerdings den Ruͤcken wendend, noch bevor der Abend mit ſei⸗ nen Schatten herabſank, ſchwermuͤthigen Gefuͤh⸗ len preis gegeben, den Weg nach Spaniens Haupt⸗ ſtadt ein. Er lenkte dorthin ſeine Schritte, weil er erfah⸗ ren hatte, daß der Pater Martinez, der Freund ſeines Vaters und ſeiner Familie, welcher beſon⸗ ders viel auf ihn gehalten, und ihn als Kind oft auf ſeinen Armen getragen hatte, jetzt zu Madrid lebe und Beichtvater des Koͤnigs geworden ſey. Bei ihm hoffte er Schutz vor der Verfolgung der Inquiſition zu finden, und hierin ſah er ſich nicht nur nicht getaͤuſcht, ſondern Pater Martinez, wel⸗ cher ihn mit der groͤßten Freundlichkeit aufnahm, erbot ſich auch, ihm zu ſeinem ferneren Fortkom⸗ men behuͤlflich zu ſeyn, und ihm eine Anſtellung in der Garde des Koͤnigs zu verſchaffen. Obgleich ſich der patriotiſche Eſteban keines⸗ wegs geneigt fuͤhlte, in die Dienſte eines Monar⸗ chen zu treten, deſſen Geſinnungen er mit den ſeinigen durchaus nicht in Einklang zu bringen vermochte, hielt er es denn doch fuͤr rathſam, ſich fuͤr jetzt in die Umſtaͤnde zu fuͤgen, hoffend auf — 190— dieſe Weiſe ſeiner Familie und ſeinen Freunden am nuͤtzlichſten werden zu koͤnnen, und darin hatte er ſich nicht geirrt, denn kaum hatte er ſeine Stelle angetreten, als er auch durch den Pater Martinez erfuhr, wie der boshafte Don Facundo aufs Neue verraͤtheriſche Anſchlaͤge gegen die Si⸗ cherheit und das Leben ſeines jetzt ebenfalls zu Valladolid angelangten Bruders, des Marquis, ſchmiede. Don Eſteban beeilte ſich, ſeiner Ge⸗ liebten Kunde davon zu geben, und ſofort entſchloß ſich der Marquis, Spanien zu verlaſſen und ſich mit Iſabellen nach Frankreich zu begeben, um dort Don Ignacio's Verbannung zu theilen. So blieb die Lage der Sache, bis der Koͤnig von Spanien die zu Cadix entworfene Conſtitu⸗ tion beſchwor, und von nun an nimmt Don Eſte⸗ ban ſelbſt wieder die Feder, um dem Leſer die ferneren Begebenheiten ſeines Lebens vorzufuͤhren. 1 136 Bis zu dieſem Augenblick, ſo faͤhrt Don Eſte⸗ ban in ſeiner Erzaͤhlung fort, war ich dem Eide treu geblieben, den ich bei meinem Eintritt in die Garde geſchworen hatte; jetzt aber, als ich das Oberhaupt der Nation vor Gott und dem Volke die Conſtitution beſchwoͤren ſah, welche uns unſere Rechte ſichern ſollte, erfaßte ich unſere Standarte, — 491— und begab mich von mehreren meiner Cameraden gefolgt, in unſere Barracken, um die Conſtitution zu beſchwoͤren. Noch immer aber herrſchte unter den Puppen ein großer Zwieſpalt; Einige riefen:„es lebe die Conſtitution!“ Andere:„es lebe der ſouveraine Koͤnig!“ kurz man ſchien nahe daran, an einan⸗ der zu gerathen. Gegen Mitternacht aber langte endlich von dem Palaſte an alle Brigaden der Be⸗ fehl an, der Conſtitution den Treuſchwur zu lei⸗ ſten, und nunmehr bedahen 4 wir uns fämmtiich in unſere Quartiere. Am folgenden Morgen um neun Uhr ſaßen wir wieder auf und verfuͤgten uns nach dem Prado, wo auch bald nach uns ſaͤmmtliche in der Haupt⸗ ſtadt befindliche Truppen eintrafen. In der Mitte des Prado ſtand ein Tiſch, auf dem das Evange⸗ lium lag, und vor demſelben legten nunmehr die An⸗ fuͤhrer der anweſenden Truppen den Eid der Treue ab; worauf wir ſaͤmmtlich unter lautem Jubel der uns umgebenden Menge unter den Fenſtern des Pa⸗ laſtes voruͤberzogen, wo jetzt der Koͤnig ebenfalls in Gegenwart der Miniſter und oͤffentlichen Beamten den Eid ablegte. Am Abend war die ganze Stadt erleuchtet, und die Nacht verging unter Jubel und Luſtbarkeit, Buͤrger und Soldaten umarmten ſich einander, und wuͤnſchten ſich gegenſeitig Gluͤck. — 192— Dieſe frohe Begebenheit aber hatte auch noch die erfreulichſten Folgen. Spanien oͤffnete jetzt wieder ſeine Arme den Tauſenden von Ungluͤckli⸗ chen, welche aus ihrem Vaterlande verbannt, ſeit mehreren Jahren huͤlflos und verlaſſen im frem⸗ den Lande ſchmachteten; ſie kehrten nunmehr zu⸗ rüͤck, um ſich wieder der Freuden des eigenen Heer⸗ des und der Umarmungen der Ihrigen zu erfreuen. Es waͤhrte nicht lange und ich erhielt ein Schrei⸗ ben des Don Ignacio, welcher mir berichtete, daß er mit dem Marquis und Iſabella bereits zu Val⸗ ladolid eingetroffen, und ſeinen und ihren Wunſch ausſprach, mich recht bald dort zu ſehen. Dieſer Aufforderung folgte ich begreiflicherweiſe mit gro⸗ ßer Freude, und da ich jetzt keinen Grund mehr hatte, in der Garde zu bleiben, vertauſchte ich meinen Platz in derſelben gegen eine Offizierſtelle in einem in Valladolid garniſonirenden Cavallerie⸗ Regimente, und machte mich ſofort, von Anton begleitet, in einer Coche de Colleras hai hir auf den Weg. Als wir in Olmedo aniangten, verkändete ein fernher ertoͤnender Trompetenſchall die Annaͤherung irgend eines Cavalletiecorps; die Einwohner kamen aus ihren Haͤuſern, um die anlangenden Truppen mit dem Jubelgeſchrei:„Es lebe die Conſtitution! Es lebe der conſtitutionelle Koͤnig!“ zu empfan⸗ 3 gen. — 193— gen. Wie groß aber war mein Erſtaunen und meine Freude, als ich, ſo wie die Reuter naͤher heran⸗ ſprengten, in ihrem Befehlshaber meinen theueren Raimundo erkannte. So wie er mich gewahrte, ſprang er von ſeinem Pferde, ſchloß mich in ſeine Arme, und nachdem unſer erſter Freudenrauſch voruͤber war, erfuhr ich von ihm, daß er, ſo wie er von den Vorfaͤllen in Cadix Kunde erhalten, ſofort Frankreich verlaſſen, mit mehreren Freun⸗ den in Arragonien eine conſtitutionelle Guerilla gebildet, und ſich endlich mit Mina vereinigt habe. „Bald,“ fuͤgte er hinzu,„hatte ich auch die Freude, zu Valkadolid unſere theuere Mutter und unſere Schweſtern zu umarmen, eine Freude, wel⸗ che noch durch die bald darauf erfolgte Ankunft unſeres geliebten Vaters erhoͤht wurde. Dieſer gelangte nunmehr wieder zu dem freien Beſitze ſei⸗ nes Vermoͤgens; ſein Haus in der Stadt aber hatte ſo ſehr gelitten, daß es faſt unbewohnbar war. Wir waren daher genoͤthigt, uns einſtwei⸗ len nach Cigales zu begeben, wo ſich gleich dar⸗ auf alle unſere Freunde und Bekannte einfanden, meinem Vater zu ſeiner Ruͤckkehr Gluͤck zu wuͤn⸗ ſchen. Bei unſerer Ruͤckkehr nach Valladolid ward mir der Befehl uͤber dieſes Truppencorps anver⸗ trauet, ich erhielt den Auftrag, zu unterſuchen, ob auch die Conſtitution uͤberall gehoͤrig beobach⸗ II. 13 — 194— tet wuͤrde, und kam in dieſer Abſicht auch hie⸗ her.“ Da unterdeſſen die Poſtkutſche wieder zur Ab⸗ fahrt bereit ſtand, ſchloß ich, nachdem Raimundo ſeinen Bericht geendet hatte, ihn noch einmal mit inniger Liebe in meine Arme, und ſetzte dann mei⸗ nen Weg nach Valladolid fort, wo ich auch noch am Abend deſſelben Tages anlangte. Ich ſandte Anton voraus, um die Meinigen von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und fand ſie demnach ſaͤmmtlich vor der Thuͤr des Hauſes meiner harrend. Meine Augen erſchaueten jetzt Alles wieder, was mir theuer und lieb war, ich fuͤhlte mich bald von allen Seiten umſchlungen, und konnte anfangs keine Worte finden, mein Ent⸗ zuͤcken auszuſprechen. Erſt als ich mich am naͤch⸗ ſten Tage mit meiner theuern Iſabella allein be⸗ fand, vermochte ich meinen Gefuͤhlen nicht laͤnger zu gebieten; von ihnen uͤberwaͤltigt, ſank ich zu den Fuͤßen meiner Geliebten nieder, erfaßte ihre Hand und wollte ſie an meine Lippen druͤcken: da aber fuͤhlte ich ploͤtzlich leiſe meine Schulter beruͤhrt, ich fuhr empor und meine Augen begegneten de⸗ nen des Marquis.„Giebt es,“ fragte Don Lo⸗ renzo, mit einem Laͤcheln, welches mich alſobald beruhigte,„giebt es denn keinen anderen Altar, — 195—. vor dem Sie den Schwur Ihrer Treue und Liebe ablegen koͤnnen?“ „Das fuͤrchte ich, wird mir leider nie geſtat⸗ tet werden,“ entgegnete ich,„unuͤberſteigbare Hin⸗ derniſſe thuͤrmen ſich der Erfuͤllung meines heiße⸗ ſten Wunſches entgegen, ach, Don Lorenzo, Sie wiſſen nicht—— „Ich weiß Alles,“ unterbrach mich der Mar⸗ quis,„aber ich bin entſchloſſen, mich uͤber jed⸗ wedes Vorurtheil hinweg zu ſetzen. Sie haben Ihrem Vaterlande wie ein Ehrenmann gedient, koͤnnen Sie auch keine Liſte zahlreicher Ahnen auf⸗ weiſen, gewaͤhren mir dennoch Ihr Ehrgefühl und Ihre Herzensguͤte reichlichen Erſatz dafuͤr. Die Dienſte aber, die Sie mir und Jſabellen geleiſtet haben, verlangen noch ganz beſonders unſere Dank⸗ barkeit, und ich lege demnach mit Freuden ihre Hand in die Ihrige.“ Waͤhrend er dieſe letzten Worte ſprach, klopfte mein Herz vor Entzuͤcken; aber ich zitterte un⸗ willkuͤrlich, als ich nun meine Blicke nach Iſabel⸗ len lenkte. Sie theilte offenbar meine Gemuͤths⸗ bewegung, ſtreckte mir aber liebevoll ihre Hand entgegen,„ja,“ ſprach ſie, mit einem himmliſchen Laͤcheln,„ja Eſteban, ich bin die Deine!“— Ich ſtuͤrzte mich in ihre Arme, und hielt ſie lange, lange innig umſchlungen.— Der Tag unſerer 13 — 196— Vermaͤhlung ward feſtgeſetzt, und an dieſem gluͤck⸗ lichen Tage war in unſerm Hauſe Alles Freude und Wonne, und ſchon war ich im Begriff, die geliebte Braut zum Traualtar zu fuͤhren, als ploͤtz⸗ lich ein, von dem Pater Martinez abgeſandter Eilbote mit der Kunde von dem Ableben des Don Facundo anlangte. In allen ſeinen ehrgeizigen Plaͤnen und Erwartungen getaͤuſcht, von Jedermann gehaßt und verachtet, hatte dieſer ſchaͤndliche Boͤ⸗ ſewicht ſeinem Erdendaſeyn durch Gift ein Ziel geſteckt; vor ſeinem Tode aber noch eine ſchrift⸗ liche Erklaͤrung von ſich gegeben, welche jetzt der Eilbote uͤberbrachte, und die folgendermaßen lau⸗ tete: 3 „Auf dem Punkte vor dem Throne des all⸗ maͤchtigen Gottes zu erſcheinen, habe ich mich ent⸗ ſchloſſen, Folgendes zu bekennen, in der Hoffnung, dadurch die Verzeihung derjenigen zu erhalten, wel⸗ che ich bisher mit unverſoͤhnlichem Haſſe verfolgte. Ehrgeiz, jener boͤſe Daͤmon, war ſtets der Abgott meiner Seele, ihm opferte ich die Marquiſe von Moncayo, und ihr noch ungebornes Kind, ihm gedachte ich auch Don Lorenzo's aͤlteſten Sohn zum Opfer zu bringen. Die Vorſehung aber ver⸗ eitelte meine ſchaͤndliche Abſicht, ſein Leben ward von demjenigen verſchont, dem ich den Auftrag gegeben hatte, ihn zu toͤdten, und der Knahe — 197— kam darauf in den Schutz des Don Ignacio de Lara. Unter dem Namen Don Eſteban de Larg, iſt er, ſeit ich erfuhr, daß er noch am Leben ſey, der Gegenſtand meiner Verfolgung und meines Haſſes geweſen. Als ein Sterbender aber, erflehe ich jetzt ſeine Vergebung, und erklaͤre zugleich auf das Feierlichſte, daß er der Sohn und rechtmaͤßige Erbe meines, von mir ſchwer beleidigten Bruders iſt. Dies iſt die einzige Genugthuung, die ich zu geben vermag, der Himmel ſey meiner armen ſuͤnd⸗ haften Seele gnaͤdig und barmherzig!“— Facundo Torealva. Nach Leſung dieſes wichtigen Papiers ſtanden wir ſaͤmmtlich einen Augenblick lang bewegungslos da. Endlich warf ich mich in die Arme des Don Lorenzo, und gab mich ganz dem Entzuͤcken und der Wonne hin, in dem theueren Marquis mei⸗ nen Vater gefunden zu haben. Nach dem erſten Erguß unſerer Gefuͤhle, rich⸗ tete ich meine Blicke auf Iſabella, deren Antlitz mir verkuͤndete, daß ſie meine Empfindungen theilte. Unſere nahe Verwandtſchaft mußte indeſſen unſere Verbindung ſo lange verzoͤgern, bis wir zu derſel⸗ ben die Dispenſation des heiligen Vaters erhalten konnten. — 195— Nach einigen Monaten ſchon langte dieſelbe an, und nunmehr empfing ich aus der Hand mei⸗ nes theueren Vaters die ſchoͤnſte und reichſte Gabe, die er mir zu geben vermochte, die Hand meiner geliebten Iſabella, ein Geſchenk, deſſen unſchaͤtz⸗ baren Werth ich erſt ſpaͤterhin in ſeinem ganzen Umfange kennen lernte. En deW.. f n — Roman e, welche im Verlage von F. Rubach in Magde⸗ burg Sliene und durch alle Buchhandlanaen zu beziehen ſind. Albina, Gemaͤlde aus dem Gebiete des Lebens und der Dichtung. 8. 1819. Schreibpapier, herabge⸗ ſſetzter Preis von 1 Rthlr. 18 Gr. auf 18 Gr. oder 22 ⅞ Sgr. 4* Burchhardt, J. H., Die Penaten. Eine Sammlung von Erzaͤhlungen, Gedichten, Raͤthſeln ꝛc. 8. 1822. 20 Gr. oder 25 Sgr. Buͤſchenthal, L. M., Erzaͤhlungen. Neue wohlfeile Auflage. 8. 1825. 1 Rthlr. Ernſt, Fr., ulrich von Wildenfels. Ein Gemaͤlde aus den Ritterzeiten. Der Raubritter. Eine Erzaͤhlung aus dem Anfange des 17ten Jahrhunderts. 8. 1825. 16 Gr. oder 20 Sgr. Ebers, K. F., Die Brieftaſche, oder Fresko⸗Gemaͤlde aus dem Leben gegriffen, launigen, ſatyriſchen und ſentimentalen Inhalts. 8. 1819. Herabgeſetzter Preis e von 1 Rthlr. 8 Gr. auf 16 Gr. oder 20 Sgr. Gleich, Fr., Die Thuͤrme von Wuͤflans, der Hiſto⸗ riker und noch einige Kleinigkeiten. 8. 1825. 1 Rthlr. 6 Gr. oder 1 Rthlr. 7 ½ Sgr. Gottſchalk's, Fuͤrſten der Obotriten, Mord am Hoch⸗ altar. Hiſtoriſche Zeichnung aus dem 11ten Saͤ⸗ 4 culo. 2 Baͤnde. 8. 1827. Ida von Athen. Nach dem Engliſchen von Leopold von Wedell. 2 Baͤnde. 8. 1820. 2 Rthlr. Lindau, Leopold, Boris Gudenow, oder der Sturz vom Czaarenthrone. 2 Baͤnde. 8. 1827. Picard, L. B., Der Gilblas der Revolution. Ge⸗ ſchichte des Abentheurers Lorenz Giffard, deutſch bearbeitet von Fr. Gleich. 2 Baͤnde. 8. 1825. 1 Rthlr. 21 Gr. oder 1 Rthlr. 26 ¾ Sgr. Roſenlaunen. Drei Erzaͤhlungen von Carl Nikolai. 8. 1819. Herabgeſetzter Preis von 1 Rthlr. 6 Gr. auf 15 Gr, oder 18 Sgr, nnnnſnmnſnYmVnnnſſſſſhniſſſſſſſinſſinſſſüiſſſſſ 8 1 12 1 14 15 1 17 18 9 1 3 6