hek. Die Bibli ek ſteht zur Em⸗ füen Bücher jed Tag von Morgens ckgabe eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſkkannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 em Wert. de he deſſelben entſprech 8 1 ende Summe ggen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Axhonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.„ für mhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Met. 1 lbe if ſam ge 5 W hen m welche die⸗ n. Osmond oder der Sturm der Leidenſchaft. Ein Roman frei nach dem Engliſchen von Georg Votz. Erſter Band. Zweite Auflage. Cassel, 1323. Verlag von J. J Bohn. I. E⸗ bleibt dabei, Lady Arlington,“ ſprach der Graf zu ſeiner Gattin, als er eines Abends aus einer Geſellſchaft bei einem benachbarten Edel⸗ mann, mit ihr nach Hauſe fuhr;„kehrt Osmond im Laufe dieſer Woche nicht zurück, mache ich mich ſelbſt auf den Weg, ihn zu holen.“ „Sein Ausbleiben iſt in der That ſeltſam,“ entgegnete Lady Arlington,„was kann ihn an jenem unbedeutenden Orte zurückhalten.“ „Seltſam nur wäre es,“ wiederholte der Graf,„im höchſten Grade räthſelhaft, wollen Sie ſagen. Sich lebendig ein volles halbes Jahr in einem elenden Dorfe zu begraben, wohin kein vernünftiger Menſch den Fuß ſetzt, außer viel⸗ leicht auf ein Paar Wochen zur Jagdzeit, und Dsmond. I. Band. 1 — —— —õ—õÿ—— — 2— dort trotz aller Bitten, aller Vorſtellungen, ja trotz aller Befehle zu bleiben, in der That es iſt mir unerklaͤrbar! Aber“— dies ſprach der Graf in einem ungemein beſtimmten Tone— „beantwortet er meinen letzten Brief nicht recht bald durch ſeine perſönliche Erſcheinung, ſoll ihm ein Beſuch eben nicht von erfreulicher Art zu Theil werden.“ Ein tiefer Seufzer war Lady Arlingtons einzige Antwort. Er ward gehört, und leiſe, leiſe von einem lieblichen Weſen wiederholt, wel⸗ ches, in eine Ecke des Wagens zuruͤckgelehnt, der Unterredung mit inniger Theilnahme ge⸗ horcht hatte. Sie— denn unſere freundlichen Leſer wer⸗ den nicht zweifeln, daß hier die Rede von einem Mädchen iſt— legte nun liebevoll ihre Hand auf die der Gräfin, und ſprach mit jener ein⸗ ſchmeichelnden Stimme, die ſo leicht den Zugang zu jedem Herzen ſindet:„Gewiß, gewiß, theure Lady Arlington, wir werden ihn bald wieder bei uns ſehn; und wenn auch nicht, wenn er auch * — — noch ein Weilchen ausbleiben ſollte, wir alle wiſ⸗ ſen ja, wie ſchwer es Mylord fallen würde, auf Osmond ernſtlich zu zürnen.“ „Sie irren, Lady Mary,“ verſetzte der Graf,„ich bin jetzt ſchon ernſthaft böſe auf ihn, er hat meine Erwartungen, meine Hoffnungen getäuſcht.“ „Sie beurtheilen ihn wirklich ein wenig zu ſtrenge,“ antwortete Lady Mary,„ich bin über⸗ zeugt er wird noch Ihre wärmſten Wünſche, Ihre liebſten Hoffnungen erfüllen.“ „Das wolle Gott!“ ſprach Lady Arlington mit mütterlicher Wärme,„aber er hat einen ſo ungeſtümen Sinn! Ach Mary, Mary,“ fuhr ſie dann mit ſteigender Lebhaftigkeit fort,„wie viel Angſt habe ich nicht ſchon ſeinetwegen empfunden!“ „Er wird es wieder gut machen, meine theure Freundin, ich weiß es, er wird Alles wie⸗ der gut machen,“ entgegnete Lady Mary in einem zärtlichen Tone.„Seine trefflichen Anlagen, ſeine edlen Gefüͤhle“— 1 N† — 4=— „Dieſe edlen Gefuͤhle aber,“ unterbrach ſie Lady Arlington,„ſind mit anderen gemiſcht, die mich oft für ſein Glück zittern laſſen.“ „Ach nur zu wahr,“ ſprach Lady Mary vor ſich hin, mit einem tiefen Seufzer. „Den ganzen Sommer über auszubleiben!“ rief Lord Arlington aus, mehr wie es ſchien ſei⸗ nen Gedanken Worte gebend, als ſeine Rede an jemand richtend:„den ganzen Sommer! wäh⸗ rend Lord Euſtace, Herr Belford, Sir William Copeland und andere Männer von Rang und* Gewicht, deren Namen jedermann kennt, in der Nachbarſchaft waren, wo ich Gelegenheit hatte ihn vorzuſtellen, ihn zu empfehlen. Wahrlich es iſt zum raſend werden! Sprechen Sie ſelbſt, Lady Mary, iſt das nicht Grund genug, das Herz eines Vaters mit Kummer zu erfüllen?⸗ Lady Mary fühlte, daß es Dinge in der Welt gäbe, die weit leichter Gram herbeiführen„* könnten, aber ſie erwiederte dennoch mit ihrer gewohnten Milde:„Es war in der That ſchade, — 5 daß Osmonds Talente ſich nicht zeigen, nicht anerkannt werden konnten.“ „Das werden ſie nie,“ entgegnete der Graf, „ich ſehe es im voraus; ſein abſcheulicher Eigen⸗ ſinn wird überall ſeinem Fortkommen im Wege ſtehn. Wer als er würde, nach einer ſolchen Laufbahn auf der Univerſität, wo er Preiſe, Aus⸗ zeichnungen aller Art erhielt, ſich jetzt, gerade jetzt, in der wichtigſten Periode ſeines Lebens, wo er ſeinen Weg in der Welt machen ſollte, dem Hange zur Einſamkeit— dem ſtillen Landleben — und äͤhnlichen Grillen hingeben! Ich hätte vor Schaam in die Erde ſinken mögen, als Lord Euſtace heute nach ihm fragte, und ich genöthigt V war zu erwiedern, daß er ſich noch immer auf dem verwünſchten Jagdſchloſſe aufhalte. Und was macht er dort ſo lange, fragte Mylord, hat er etwa eine Liebſchaft mit der Tochter des Gehegeaufſehers oder ſonſt dergleichen.“ Zu Lady Mary's großer Freude wurden die Unmuthsäußerungen des Grafen durch das Anhalten des Wagens vor der Thür ſeines Hauſes — 3— unterbrochen. Ermüdung vorſchützend, begab ſie ſich ſogleich auf ihr Zimmer, denn ſie bedurfte der Einſamkeit. „Schon wieder ein Tag dahin, und er iſt noch nicht zurückgekehrt,“ ſprach ſie, indem ſie ſich in einen Seſſel warf.„Wohl liegt etwas Geheimnißvolles in dieſer Abweſenheit! Ach Osmond, wäre es möglich, könnten mich meine Hoffnungen getäuſcht, meine Lieblingsbilder be⸗ trogen haben?“ Sie erhob ſich von ihrem Sitze, und wan⸗ delte gedankenvoll im Zimmer auf und ab; end⸗ lich eröffnete ſie ein Käſtchen, nahm ein Minia⸗ turgemälde heraus, und betrachtete es eine Weile lang nachdenkend.„Sind das aber nicht die Züge der Jugend,“ ſprach ſie,„prägte die Natur je einem ſterblichen Antlitz einen unver⸗ kennbareren Stempel des Edelmuths auf?“ Und mit der Hingebung weiblicher Zärtlichkeit drückte ſie das Bild an ihre Lippen; aber obgleich ſie ſich ganz allein im Gemache befand, überflog dennoch eine jungfraͤuliche Schaamröthe ihre Wange, und —,— — 7— ſchnell blickte ſie um ſich, ſo, als fürchte ſie, es 3 habe jemand ihre unwillkürliche Handlung be⸗ lauſcht. Wenn übrigens ein menſchliches Auge Zeuge dieſes Erguſſes der reinſten Liebe gewe⸗ ſen wäre, die je eine weibliche Bruſt erwärmte, es würde, wenn es auf das Bild in ihren Händen geſchauet hätte, ihr Gefühl leicht begriffen haben. Es war das Portrait eines jungen Mannes, dem Anſchein nach von ungefähr zwanzig Jahren. Die Majeſtät der offenen Stirn, die Seele des danklen Auges und das leichte ausdrucksvolle Laͤcheln des Mundes, das einen ungemeinen Scharfſinn und eine Ueberzeugung von der Nich⸗ tigkeit der irdiſchen Dinge beurkundete, würden dem Antlitz vielleicht den Ausdruck eines mehr vorgerückten Alters gegeben haben, hätte nicht die blühende Farbe der Jugend auf der Wange gethront, wäre die edle Stirn, der offenbare Wohnſitz eines hellen Verſtandes, nicht noch ganz frei von den Furchen der Sorge und der Zeit geweſen. ʒ —— —— „Ach, warum muß er älter werden,“ rief endlich die Betrachtende,„ach, warum muß die Hand der Zeit dieſe ſchönen Züge entſtellen!“ Hier unterbrachen Thränen ihre Worte, ſie ſank zuruͤck auf ihren Seſſel, ihren Zähren freien Lauf zu laſſen. Ihre Gedanken kehrten zu den Mo⸗ menten eines vergangenen Glücks zurück,— eines beſeeligenden Gluͤcks— ihr, wie ſie fürch⸗ tete, auf immer entſchwunden. Ach, es waren drei volle Monate einer ununterbrochenen Wonne, denn ſie waren in Osmonds Nähe verlebt, und damals fühlte ſie zuerſt, daß die Anhänglichkeit, die ſie als ferne Anverwandte und als Mundel ſeines Vaters, für ihn empfand, zur Leiden⸗ ſchaft ward, und einem ſonſt eben nicht günſtigen Geſchicke, den letzten, tiefen Stempel aufdrückte. Lady Mary Seymour war eins von jenen Weſen, die nur geſchaffen ſcheinen, um zu zeigen, wie ſie zu dulden vermögen. Von einer mürri⸗ ſchen und gefühlloſen Mutter erzogen, wären ihre zarten Empfindungen ohne Zweifel ſchon in der Blüthe erſtickt worden, hätte die Zärtlichkeit — — eines liebevollen Vaters der finſteren Strenge ſeiner Gattin nicht das Gleichgewicht gehalten. Ihre erſte Prüfung war der Tod dieſes Vaters, der ihr in einem Augenblick entriſſen ward, wo ſie deſſen Schutz am meiſten bedurfte, um ſich den Verfolgungen eines jungen zügelloſen Edelman⸗ nes zu entziehen, der ſich zu jener Zeit um ihre Hand bewarb, und leider von ihrer Mutter be⸗ günſtigt wurde, die den Reichthum und den Rang des Freiers als eine vollkommene Entſchädigung für ſeine Fehler betrachtete, und deren ganzer Ehrgeiz darin beſtand, ihre Tochter recht früh⸗ zeitig ihrem Stande gemäß verſorgt zu wiſſen. Die Feſtigkeit der Lady Mary aber, die von einem religiöſen Gefühle aufrecht gehalten wurde, welches die Gräfin Seymour nur den Namen nach kannte, half ihr eine Menge unan⸗ genehmer Auftritte ertragen, in denen ſie die ungerechten Vorwürfe einer erzürnten Mutter zu erdulden hatte. In eben dem Moment, wo die treffliche T;ochter die Stunden der Freude und der Erholung, auf welche ihr Stand und ihre — 10— Jugend ihr Anſpruch gaben, der fortwährend kraͤnkelnden Graͤfin opferte, ließ dieſe ſelten nur eine Gelegenheit voruͤber gehn, das arme Mäd⸗ chen mit der Beſchuldigung zu quälen, ſie müſſe zur Abſicht haben, das Leben ihrer Mutter zu kür⸗ zen, indem ſie durchaus nicht in die von der Letz⸗ teren gewünſchte Verbindung willigen wolle. Endlich ſtarb die Gräfin, aber Lady Mary'’s ohnehin zarte Geſundheit war durch anhaltende Gemüthsbewegung und durch den fortwährenden Aufenthalt im Krankenzimmer ungemein geſchwächt, ſo, daß ſie jene Lebendigkeit das glückliche Eigen⸗ thum der Jugend auf immer verloren zu haben ſchien. Die erſte Blüthe derſelben war aber für ſie auch in der That vorüber; denn als ihre Mut⸗ ter ſtarb, war ſie bereits in das zwei und zwan⸗ zigſte Jahr getreten Ohne gerade Anſpruch auf Schonheit machen zu können, bewies ihr Antlitz jenen Reiz, der mehr als Schönheit gilt, weil er einen größeren Eindruck auf das Herz, als auf das Auge äußert. Sie genau zu kennen, ohne ſie zu lieben, wäre faſt unmöglich geweſen. Die Ver⸗ — — 11— wandtſchaft, welche zwiſchen den Arlingtons und den Seymours beſtand, hatte einen vertrauten Umgang beider Familien herbeigeführt. Die größte Freude der Lady Mary und die einzige Erleichterung, die ihr wäͤhrend der Lebenszeit ihrer Mutter zu Theil ward, beſtand darin, dann und wann einen Monat im Hauſe der Lady Arlington zu verleben, deren Zuſprache und Er⸗ mahnungen ſie nächſt dem Himmel den Frieden zu verdanken glaubte, der ſelbſt in ihrer trauri⸗ gen Lage nie von ihr gewichen war. Nach dem Tode ihrer Mutter ſchlug ſie auf eine Weile ihren Wohnſitz bei dieſer theuern Freundin auf; aber Lord Arlingtons heftige und ungeduldige Ge⸗ muthsart war nicht geeignet, ſein Haus zu einem angenehmen Aufenthalt zu machen. Ihre zarte Geſundheit und die ſtille Lebensweiſe, an die ſie gewohnt war, verbunden mit der Betrachtung, daß ihr Vermögen in Vergleich zu ihrem Range nur gering genannt werden konnte,— denn die Hauptbeſitzungen ihres Vaters waren mit dem Titel deſſelben an einen Nebenzweig der Familie übergegangen,— bewogen ſie zu dem Ent⸗ ſchluſſe ſich an einen einſamen Ort zurückzuziehn, wo ſie nach möglichſten Kräften Gutes thun, ihren 8 Geiſt ferner ausbilden, und ſich auf jenes glück⸗ liche Land vorbereiten konnte, welches ſie, wie ihre ſchwache Geſundheit zu verkünden ſchien, bald als ihre Heimath zu betrachten haben würde. In einem reizend gelegenen Landhäuschen, —— —-— unfern Richmond, von den Armen und Leidenden beſſer gekannt als von den Reichen, die ſie für —y—— einen weiblichen Sonderling hielten, hatte Lady Mary demnach die letzten drei Jahre zugebracht, in ihrer ruhigen Lebensweiſe dadurch Abwechſe⸗ lung bringend, daß ſie während der Sommer⸗ monate mit der Familie Arlington entweder ein Bad beſuchte, oder jene Zeit mit derſelben auf ihrem in Kent gelegenen Landgute zubrachte. —yy — Eben jetzt war ſie gekommen, ihren jährli⸗ chen Beſuch auf Arlington Park abzuſtatten. Sie war voll froher Erwartungen angelangt, hoffend, 3 — eines eben ſo glücklichen Sommers, als den ver⸗ gangenen zu verleben, wo Osmond, nach Been⸗ digung ſeiner Studien, eine kurze Zeit im väter⸗ lichen Hauſe geweilt hatte, und von ihrer An⸗ muth und ihren Reizen unwiderſtehlich angezogen zu ſeyn ſchien. Dieſe ſüßen Träume aber, die ihre winterliche Einſamkeit erheiterten, und Tag und Nacht nicht aus ihrer Phantaſie gewichen wa⸗ ren, ſchienen ihr jetzt nur noch Gebilde, be⸗ ſtimmt, wie Lufthauch zu verſchwinden, nichts Wirk⸗ liches hinter ſich zurücklaſſend, als die Thränen und Seufzer, mit denen ſie ihr Entweichen be⸗ jammerte.„Aber ich kann ja nicht Osmond an⸗ klagen,“ ſprach ſie, indem ſie die Zähren trocknete, die über ihre Wangen hinabrollten,„er hat mir ja nie von Liebe geſprochen,— dieß verrätheri⸗ ſche— thörigte Herz allein hat mich betrogen! und doch hänge ich noch immer ſeiner Schwäche nach.— Wie aber ihr widerſtehen?— Ich darf dich nicht anblicken,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, in der ſie aufs Neue das Bild betrachtet hatte.—„Ich hätte nicht nach dei⸗ nem Beſitz verlangen ſollen,— du wurdeſt mein, — ———.. — — 14— durch Betrug!— Und fand ich wohl je Freude, wenn ich dich anſchauete?⸗ Der Betrug, den ſie hier eingeſtand, war von keiner gehäſſigen Art. Die Verſuchung, eine Copie von Osmond's Bild zu beſitzen, um wel⸗ ches ſie, dem Auftrag ſeiner Mutter Folge leiſtend, eine Einfaſſung beſorgt hatte, war zu ſtark ge⸗ weſen, als daß die Liebende ihr hätte widerſte⸗ hen können. Es war ihr in dieſer Abſicht im vorigen Jahre mitgegeben worden, als ſie nach Richmond zurückkehrte, nachdem ſie den früher erwähnten glücklichen Sommer verlebt hatte. Sie konnte der Wahrheit gemäß behaupten, daß der Anblick des Gemäldes ihr nur wenig Freude verurſacht habe, denn ſeitdem ſie es be⸗ ſaß, war ja Osmond fern von ihr geweſen. Statt die Bande einer Freundſchaft feſter zu knü⸗ pfen, der er ſich mit Entzücken hingab, hatte ſie ihn ſeit dem Tage, an dem ſie das Landgut verließ, nicht wieder geſehen. Zuerſt unter dem Vorwande, den Freuden der Jagd nach zu leben, dann unter dem, ſeine Studien zu vollenden, be⸗ —, *2 —— „—— — 15— grub ſich Osmond Leſſingham in ein altes, dem Grafen gehöriges Jagdſchloß, das nur ſelten von dieſem oder von einem Mitgliede ſeiner Fa⸗ milie beſucht ward, bis, wie wir unſerm Leſer bereits erzählten, der Zorn über das Ausblei⸗ ben des Sohnes ſich ſo ſehr des Vaters bemäch⸗ tigte, daß er beſchloß, ſich ſelbſt dorthin zu bege⸗ ben, um jenen zuruͤckzuholen, falls der Jüngling auch jetzt noch Anſtand nehmen ſollte, dem väter⸗ lichen Gebote zu gehorchen. Nicht ohne einigen Grund beklagte der Graf den räthſelhaften Hang zur Einſamkeit, der ſei⸗ nen zweiten Sohn, auf den er rückſichtlich der Talente und Geiſtesgaben deſſelben die gegrün⸗ detſte Hoffnung für das fernere Emporſteigen ſeiner Familie gebauet hatte, beſallen worden war. Sein älteſter Sohn, Lord Leſſingham, war in der That in Hinſicht des Verſtandes von der Natur ſo mäßig bedacht, daß man durchaus nicht die Erwartung hegen konnte, er werde ſich je in der Welt auszeichnen. Er war mit einem Hofmeiſter auf Reiſen geſandt, und von ſeinem — 16— Vater faſt ſo vergeſſen worden, als ob er nie gelebt hätte. Lord Leſſingham gab ſich aber auch wenig Mühe, ſein Andenken in den Herzen der Seinigen zu bewahren, denn er ſchrieb nie an⸗ ders, als wenn er Geld brauchte, und auch dann berichteten ſeine Briefe nur dieſen einzigen Punkt. Osmond dagegen, offen, lebhaft und liebe⸗ voll, war die Freude ſeines Vaters, das Herz⸗ blatt ſeiner Mutter. Nur wenn jene heftige Leidenſchaftlichkeit, die wir nur zu oft mit den edelſten Gaben des Himmels vereint finden, bei dem Sohne die Schranken der Mäßigung durch⸗ brach, bebte das zärtlich ſorgende Mutterherz, denn ihre Phantaſie ließ ſie den Weg Osmond's durch dieſes Leben, wie die Laufbahn eines Ko⸗ meten betrachten, der zwar glänzend und präch⸗ tig erſcheint, Alles aber, was ſeinem Einfluſſe unterthan iſt, mit Untergang und Verheerung bedroht. Innig, dankbar und vertrauensvoll hing Osmond mit unbeſchreiblicher Liebe, mit unrbegränzter Ehrerbietung an ſeine Mutter. Die nie ſich beklagende Geduld, mit der ſie die Hef⸗ —-———— tigkeit ihres Gatten ertrug, die ſanfte Bered⸗ ſamkeit, mit der ſie ſtets bemüht geweſen war, dem Herzen ihres Sohnes jene göttlichen Lehren einzuprägen, von deren Erhabenheit ſie tief, tief durchdrungen war, und nach denen ſie unabläſſig handelte, ihre nachſichtsvolle Rückſicht gegen die aus dem feurigen Temperament des Sohnes ent⸗ ſpringenden Fehler; dieß alles hatte ſie in der Liebe und in der Achtung Osmond's ſo feſt ge⸗ ſtellt, daß er ſie faſt wie eine Heilige verehrte. Deemnaͤchſt war ſeine ganze brüderliche Liebe der Lady Mary gewidmet, die er das Seiten⸗ ſtück zu ſeiner theuern Mutter zu nennen pflegte. Vier Jahre älter als er, war ſie ſeine Freundin und Rathgeberin, und nicht ſelten ſeine Beſchü⸗ zerin, wenn er als Knabe irgend eine leichtfer⸗ tige Thorheit verübt hatte. Obgleich ihr auf's Innigſte zugethan, hatte ſei⸗ ne Bruſt für ſie dennoch ein etwas anders als brü⸗ derliche Liebe empfunden, und auch ſie hatte nur als Schweſter für ihn gefühlt, als er, im achtzehnten Osmond. I. Band. 2 — 18— Jahre ihr Lebewohl ſagte, um ſich auf die Univerſi⸗ tät zu begeben. Dort verlebte er drei Jahre, nur den Stu⸗ dien gewidmet, und zeichnete ſich überall als ein Jüngling von der feinſten Bildung, von Ge⸗ ſchmack und von vorzüglichen Talenten aus. Eine Reiſe nach dem Continent und mehrere Sommer⸗ Excurſionen verhinderten ihn, Lady Mary früher als nach Beendigung ſeiner Studien wiederzuſehen, wo er ſie auf dem Landgute ſeines Vaters fand. Sie hatte ſich in dieſer Zeit nur wenig ver⸗ ändert. Dieſelben ruhigen Geſichtszüge, dieſelbe ſchöne Übereinſtimmung der Formen, dieſelbe zarte Geſundheit, daſſelbe anſpruchsloſe und doch ſo hinreißende Benehmen, ließen Osmond ſie, anfangs nur, als eine theure reizende Schweſter betrachten. Aber er war nun nicht mehr der un⸗ bedachte, leichtfertige Knabe, er hatte gerade 3 das Alter erreicht, in welchem das Herz nach einer ihm bisher unbekannten, innigeren Sympa⸗ thie verlangt; und ſo war es kaum möglich, täg⸗ lich ſich des vertrauten Umgangs der Lady Mary *—— *☛ 19— zu erfreuen, ohne wenigſtens einigermaaßen dem Eindrucke ihrer Liebenswürdigkeit nachzugeben. Welche Folgen dieſer Eindruck gehabt haben wür⸗ de, wenn ihre augenblicklichen Verhältniſſe länger gedauert hätten, iſt ſchwer zu beſtimmen, denn in eben dem Augenblicke, wo die Morgen⸗ und Abendſpaziergänge an der Seite der liebenswuͤr⸗ digen Lady Mary für Osmond einen bisher nie gekannten Reiz gewannen, bemerkte ihn ſein Va⸗ ter in einer vertrauten Unterredung, daß es ihm angenehm ſeyn würde, wenn er der Lady Mary etwas weniger, der Lady Johanna Euſtace aber etwas mehr Aufmerkſamkeit ſchenken wolle; dieſe Letztere war eine junge Dame nach der neue⸗ ſten Mode, mit der Osmond zwar dann und wann recht gern plauderte, in Rückſicht welcher er aber weit entfernt war, irgend eine ernſthafte Abſicht zu nähren. 1 So von mannigfachen Gefuhlen beſtürmt, hielt er es für das Rathſamſte, ſich der Nähe beider Mädchen zu entziehen, und unter dem Vorwande, ſich mit der Jagd zu beluſtigen, be⸗ 2* — 25— gab er ſich nach Woodhurſt, wo er noch immer weilte. Das Gefühlvolle ſeines Temperaments gab ſeinem Abſchiede von Lady Mary eine unge⸗ meine Innigkeit; er bat feierlich um ihre Freund⸗ ſchaft, als ein Gegengeſchenk für die ſeine. Zu ſeiner Ehre aber müſſen wir hier bemerken, daß er, außer von dieſer ruhigen, heiligen Empfindung, nie von einer andern geſprochen hatte. Er kannte die ehrgeizigen Ausſichten, die ſein Vater für ihn hegte, und fühlte zu gut, daß er noch zu jung ſey, um ſich ſchon unauflöslich zu feſſeln, als daß er, obgleich ihn die Trennung von Lady Mary bekümmerte, ſich dennoch nicht hätte eini⸗ germaaßen leicht fühlen ſollen, ſich ihrer ſo hin⸗ reißenden Nähe entzogen zu ſehen. So waren Osmonds Gefühle. Sollen wir zu denen des lieblichen Weſens zurüͤckkehren, von dem er ſich trennte?— Ach nein! wir haben ja geſehen, wie ſie ſein Bild mit Thränen benetzte, wir haben gehört, wie ſie mit ſchmerzerfüllter Bruſt ihn von jedem Vorwurfe freiſprach. Nur einen Blick noch wollen wir auf ſie richten, bevor —-— ſie das theure Bild wieder in das bergende Käſt⸗ chen verſchließt. Sie drückt noch einen langen, brennenden Kuß darauf, und hebt dann ihren Blick zum Himmel empor, Heil und Wohl für den Geliebten von dem zu erflehen, der mit ſei⸗ nem allſehenden Auge auf ihre Ergebung und ihre Liebe herabſchauet. II. D. folgende Tag führte auf Arlington Park einen lebhaften Auftritt herbei. Das Schreiben eines Arztes aus der Nähe von Woodhurſt ent⸗ hielt einen kummererregenden Bericht der Beweg⸗ gründe, die Osmond verhinderten, dem Befehl ſeines Vaters Folge zu leiſten. Er hatte, wie der Brief beſagte, lange an einem heftigen Fie⸗ ber krank gelegen, war zwar jetzt in der Beſſe⸗ rung, aber noch zu ſchwach, um ſelbſt ſchreiben zu können. Nur eine kurze Nachſchrift war von ſeiner zitternden Hand beigefügt; ſie war an ſeine Mutter gerichtet„ und enthielt die Beſtätigung der beruhigenden Verſicherung des Arztes, daß jetzt keine Gefahr mehr für ihn vorhanden ſey, ſo wie das Verſprechen, daß er, wenn es mög⸗ lich wäre, ſchon nach Verlauf einer Woche auf Arlington Park eintreffen würde. „Dacht' ich's dech, daß es ſo kommen würde,“ rief der Graf, nachdem er Osmonds Poſtcript geleſen hatte, welches ihn von dem Schrecken befreiete, mit dem ihn der Anfang des Briefes erfüllte.„Dacht' ich's doch, daß er auf irgend eine Weiſe in's Elend rennen würde, da droben in dem verdammten Schlupfwinkel! Das Fieber wird mit einer Auszehrung enden!“ „O! Mylord, haben Sie Mitleid,“ unter⸗ brach ihn Lady Mary, auf die von Schmerz tief⸗ bewegte Gräfin blickend.„Theure, beſte Lady Arlington!“ fuhr ſie dann zu dieſer gewandt fort, indem ſie die Hand derſelben erfaßte, und ſie innig an ihr Herz drückte, wobei ihr indeß ſelbſt der Troſt fehlte, den ſie zu ſpenden verſuchte. „Liebliche Tröſterin,“ erwiederte Lady Ar⸗ lington, während ſie ſanft durch die Thränen lä⸗ chelte, die ihre Augen füllten,„wo wäre ein Kummer ſo groß, den Ihre Theilnahme nicht zu lindern vermöchte!“„Aber Mylord,“ rief ſie darauf ihrem Gatten zu,„laſſen Sie uns keinen Augenblick verlieren; wir wollen hin zu ihm, auf — 24— der Stelle!“ ſo ſprechend ſtand ſie raſch von ihrem Sitze auf, im Begriff die Klingel zu erfaſſen. „Nein, nein,“ entgegnete der Graf, indem er ſie bei der Hand mit einer Zärtlichkeit nahm, die allerdings in ſeiner Gemüthsart lag, und die nur von der Heftigkeit derſelben zurückgedrängt ward.„Sie ſollen nicht hin, Franziska, Sie ſollen keine ſo ermüdende Reiſe unternehmen; ich ſelbſt will hin zu dem—⸗ er ſchwieg einen Augenblick, um über ein paſſendes Scheltwort nachzuſinnen. „Zu dem theuern Sohne!“ fiel Lady Ar⸗ lington ein,„denn er iſt Ihnen eben ſo theuer, als mir. Wir wollen beide, beide zu ihm!“ Sie brach auf's Neue in Thraͤnen aus. „Nicht beide!“ rief ihr Gatte gerührt, kämpfte aber dabei gegen ſeine Gemüthsbewegung an;„ich allein will hin, und ihn mit zurückbrin⸗ gen. Seyn Sie doch deshalb ruhig, ich be⸗ ſchwöre Sie. Unſere gute Lady Mary hier wird unterdeſſen Sorge für Sie tragen, und Ihnen Troſt zuſprechen, darum ruhig, ruhig, meine Theure!“ So ſprechend verließ er das Zimmer, und eilte ſchon nach einer Stunde dem nördlich gele⸗ genen Jagdſchloſſe zu, ſo ſchnell, als vier raſche Gäule ihn nur fortzuziehen vermochten. Wir uͤbergehen jetzt den Zeitraum einer Woche, deren bleierne Stunden der Lady Arling⸗ ton langſam dahinſchlichen, und ihr unerträglich geworden wären, hätten nicht die tröſtenden Worte der Freundin ſie aufrecht gehalten, welche in ihrer Gegenwart den eigenen Schmerz be⸗ kämpfte, und nur, wenn ſie ſich allein auf ihrem Zimmer befand, dem Kummer nachhing, der auf ihrer Seele laſtete. Bald langten indeß vom Lord Arlington beruhigende Briefe an, und end⸗ lich erfolgte der Eine, ſo ſehnſuchtsvoll herbei⸗ gewünſchte, in welchem der Graf berichtete, daß Osmond nun hinlänglich wieder hergeſtellt ſey, die Reiſe unternehmen zu können, und daß man Vater und Sohn vier Tage nach Abgang dieſes Schreibens zu erwarten habe. — 26—. An dem feſtgeſetzten Tage verſuchte Lady Mary vergebens, das bewegte Gemüth der Grä⸗ fin zu beruhigen, ihr eigenes Herz pochte zu mächtig, als daß ihr ein ſolches Bemühen gelingen konnte. Sie ſollte nun den Jüngling wiederſe⸗ hen, deſſen Bild ſie waͤhrend der letzten zwölf Monate, wachend oder träumend, unabläſſig geſchauet hatte. Sie malte ſich den Augenblick dieſes Zuſammentreffens aus, ach, ſie fürchtete, er werde verſchieden von dem des Abſchiedes ſeyn! Und warum ſollte er das? ſie war ja die⸗ ſelbe noch! aber Osmond? war er nicht älter ge⸗ worden, lag nicht etwas Geheimnißvolles in ſei⸗ nem Betragen? Dieſe lange— dieſe ſeltſame Abweſenheit, was konnte ſie bedeuten?— Ihre aufgeregte Phantaſte ließ ſie befürchten, daß jene mit etwas in Verbindung ſtände, das ihre Seele mit Schmerz erfüllen würde. „Ich will nicht mehr daran denken,“ ſprach ſie endlich zu ſich ſelbſt,„ich will mich nur mit dem Gedanken beſchäftigen, daß ich ihn wieder⸗ —— ſehen werde; doch thörigtes Herz, wozu kann das führen!“ Unter ſo mannigfachen Gefühlen ſchwand der Morgen und der Nachmittag dahin, und ſchon begannen bange Zweifel in dem Herzen der Mut⸗ ter und dem ihren aufzuſteigen, als plötzlich das Rollen eines nahenden Wagens Lady Arlington an das Fenſter, die zitternde Mary aber auf ihr Zimmer trieb, um von dort aus einen verſtohle⸗ nen Blick nach dem zu ſenden, dem entgegen zu treten ſie ſich nicht ſtark genug fühlte, bis ſie ſich in der Einſamkeit auf jenen erſchütternden Mo⸗ ment vorbereitet haben würde. Die Dämmerung aber war bereits herabge⸗ ſunken, und vergebens nur bemühte ſie ſich, die wohlbekannten Geſichtszuͤge zu erkennen. Der Umriß der hohen, ſchlanken Geſtalt verrieth ihr indeß den Geliebten ihres Herzens, der mit lang⸗ ſamen Schritten, auf den Arm eines Dieners ge⸗ ſtützt, den Wagen verließ, und ſich dem Hauſe näherte.„Er iſt es,“ rief ſie unwillküͤrlich aus; „dem Himmel ſey Dank fuͤr ſeine Geneſung! — 28— Wie ſchwach, wie erſchöpft er ſcheint, ach, ich darf nicht den tauſendſten Theil der Angſt aus⸗ ſprechen, die ich ſeinetwegen empfinde. Ich darf mich nicht zu dem Amt ſeiner Pflegerin erbieten, ich muß meine Geſichtszüge in die ruhige Faſſung mädchenhafter Schuchternheit zwingen.— Nur mit höflichen, freundlichen Worten, nicht mit dieſen Thränen, darf ich ihn empfangen;“ ſo ſprechend trocknete ſie ihre Augen,— ſich bemuü⸗ hend, doch ach, nur vergeblich ſich bemühend, Ruhe zu gewinnen. Mehr als eine Viertelſtunde war ſo vergan⸗ gen, als Miſſ Hopkins, ihr Kammermädchen, zu ihr ins Zimmer trat.„Ich ſoll berichten, My⸗ lady,“ begann ſie,„daß Mylord und Herr Leſ⸗ ſingham zurückgekehrt ſind, und ſich glücklich ſchaͤtzen würden, Sie zu ſehen.— Doch was fehlt Ihnen Mylady, Sie ſcheinen unwohl?“ So ſprechend machte ſie Anſtalt, unter den man⸗ nigfachen, auf der Toilette umherſtehenden Eſ⸗ ſenzen ein Fläſchchen mit nervenſtärkendem Spi⸗ ritus zu ſuchen. Lady Mary aber hielt ſie zurück. — 29— „Ich bin ganz wohl— Hopkins,“ ſprach ſie, „geh nur und ſage, daß ich unverzüglich hinab⸗ kommen würde;“ und alle ihre Faſſung zuſam⸗ mennehmend erhob ſie ſich gleich darauf, um ſich in das gemeinſchaftliche Wohnzimmer zu begeben. Die Dunkelheit des Gemachs, in welchem noch kein Licht angezündet war, begünſtigte ihren Eintritt, und verhinderte die Anweſenden, die hohe Röthe zu bemerken, die ihr blendendweißes Geſicht überflog, als Osmond ſchnell aufſprang, ihr entgegenzueilen, von Schwäche und Ermü⸗ dung aber faſt augenblicklich genöthigt ward, ſei⸗ nen Sitz wieder einzunehmen. „Theure Mary!“ war alles was er ſprach, dabei aber hielt er ihre Hand gefaßt, und zog ſie ſanft neben ſich auf das Sopha. Die Begrüßun⸗ gen des Lord Arlington, der Bericht ſeiner Reiſe, und die Freude der Gräfin, die faſt jeden Augen⸗ blick den geliebten Sohn fragte, wie er ſich nach der Ermüdung der Reiſe befände, und in ihn drang, ſich doch recht bald zur Ruhe zu begeben, machten eine Weile lang den Gegenſtand des Ge⸗ ſpraͤchs ſo ausſchließlich aus, daß Osmond auch nicht einen Moment finden konnte, ſeine Worte an Lady Mary zu richten. Endlich klingelte Lord Arlington. Es ward Thee und Licht gebracht. „Ich habe mich ſehr verändert, ſeit wir uns zum letzten Male ſahn,“ begann nun Osmond, als er die ängſtlichen Blicke gewahrte, mit denen die holde Anverwandte ſeine bleichen Geſichtszüge betrachtete,„aber ich habe ſeitdem auch viel gelitten.“ Das Wort„gelitten“ ward von ihm mit Nachdruck ausgeſprochen, ſo daß es den An⸗ ſchein hatte, als ob von mehr als bloßen körper⸗ lichen Leiden die Rede ſey. „Hier bei uns,“ erwiederte Lady Mary mit leiſer Stimme,„werden Sie hoffentlich bald Ihre Geſundheit— und Ihre Heiterkeit wieder⸗ finden.⸗ Ein tiefer Seufzer entſtieg der Bruſt des Jünglings; er ſchwieg. Die Bitte der Mutter, daß er ſich doch zur Ruhe legen möchte, ward nun auch von dem Va⸗ —.,—— — 31— ter wiederholt, und offenbar zu ſchwach, um an einer fortgeſetzten Unterredung Theil nehmen zu können, ſtand er auf, den Wunſch ſeiner Aeltern zu erfüllen. Zweimal ſchon hatte Lord Arlington nach Osmonds Entfernung gefragt, wie ſie das Außere ſeines Sohnes finde, ohne daß Lady Mary im Stande geweſen wäre, ihm darauf etwas zu er⸗ wiedern. Daß er wirklich an einem heftigen Fieber gefährlich krank gelegen, ward zwar durch den Bericht des Grafen, von dem Zuſtande, in dem er ihn gefunden, und von der Erzählung des Arztes beſtätigt, den Osmond erſt rufen ließ, als ſeine Krankheit ſchon eine Weile gedauert hatte; aber das ſcharfe Auge der weiblichen Liebe hatte ſich auf den erſten Blick uberzeugt, daß hier von einer Herzenskrankheit die Rede ſey; weit gefährlicher und ſchwerer zu heilen, als jede körperliche. Auf's Neue fand ſich alſo Lady Mary, nach⸗ dem ſie ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, — 32— den qualendſten Betrachtungen hingegeben, aber entſchloſſen, ſich denſelben nicht ganz zu über⸗ laſſen, nahm ſie das heilige Buch zur Hand, zu dem ſie, wenn Kummer ihr Herz beſtürmte, je⸗ desmal wie zu einem Freunde flüchtete. Sie fühlte ſich, nachdem ſie darin geleſen hatte, wie immer, auch heute ruhiger und gefaß⸗ ter.„O, mein Vater!“ rief ſie aus, ihre Bli⸗ cke zum Himmel emporhebend,„zu Dir wende ich mich! Nimm ſie von mir, dieſe eitlen thörig⸗ ten Hoffnungen, und laß nur die Liebe zu Dir meine Seele erfüllen! Du täuſcheſt nicht— und trügeſt nicht.— Sey Du mein Alles!⸗ * III. W. 84 hährend der acht Tage, die nun folgten, ward Osmond von ſeiner Schwäche faſt fortwäh⸗ rend an ſein Zimmer gefeſſelt; nach dieſer Zeit aber erklärte der Arzt, daß zu ſeiner völligen Wiederherſtellung nun nichts weiter nöthig wäre, als Bewegung in freier Luft und heitere Geſell⸗ ſchaft; ſo ward es ihm ſchwer, länger einen Vor⸗ wand zu finden, ſich des Umgangs ſeiner Familie zu entziehen. Dennoch aber konnten ihn nur die dringend⸗ ſten Bitten ſeiner Mutter bewegen, die Einſam⸗ keit ſeines Zimmers zu verlaſſen, und in ihre Mitte zu treten. Ein Gefuhl von Elend ſchien auf ſeinem Herzen zu laſten, und ihm jedes Zuſammentreffen mit Menſchen verhaßt zu ma⸗ achen. Jedermann hatte bisher dieſen Hang zur Zuruckgezogenheit als eine Folge ſeiner Krankheit Osmond. I. Band⸗ 3 ſer Rückſicht nicht zu täuſchen. Die Neigung, betrachtet, nur Lady Mary nicht; ſie war in die⸗ die er für ſie empfunden zu haben ſchien, glaubte ſie, ſey verſchwunden, und ihr blieb nur noch die einzige Hoffnung, daß keine unwürdige Handlung den Glanz verdunkelt haben möchte, mit dem ihre Phantaſie ſo gern den Liebling iyres Herzens ſchmückte.— „Ich könnte es tragen, auf ſeinem Grabe zu trauern,“ ſprach ſie oft zu ſich ſelbſt,„ich könnte über ſeinen Verluſt mein eignes Leben in Thränen hinweinen, denn Freude würde ſich mit meinem Jammer miſchen, wenn ich ſeines ewigen Heils gedächte, voll froher Hoffnung, ihm dort wieder zu begegnen; aber nie könnte ich erdulden, ihn als ein Opfer der Verführung fallen, dem Laſter hingegeben zu ſehen.“ Auf alle die freudigen Erwartungen, daß die alte Vertraulichkeit, der ſo bezaubernde Tauſch der Gefühle, wiederkehren würde, der ihr den vergangenen Sommer auf goldenen Flügeln dahin⸗ ſchwinden ließ, leiſtete ſie unter tiefen Seufzern 209 Verzicht. Nicht ein einzigesmal hat Osmond mit beſonderer Auszeichnung zu ihr geſprochen, nicht ein einzigesmal ſie zu einem Morgen⸗ oder Abend⸗ ſpaziergange eingeladen, obgleich der Sommer ſeine ganze Pracht entfaltet hatte, und er oft ſtundenlang allein alle jene Lieblingsſtellen durch⸗ wanderte, die er, wie Mary glaubte, nicht be⸗ ſuchen könne, ohne der dort mit ihr verlebten Augenblicke zu gedenken.. So vergingen auf's Neue drei Wochen; und Lord Arlington überzeugt, daß ſein Sohn jetzt völlig wiederhergeſtellt ſey, begann nun deſſen Hang zur Einſamkeit als Eigenſinn zu betrachten. Die Weigerung Osmonds, mit ſeiner Familie an einer großen Feſtlichkeit im Hauſe des Lord Euſtace Theil zu nehmen, hatte den Grafen ſo ſehr erzürnt, daß zwiſchen Vater und Sohn ein heftiger Wortwechſel ſtatt fand; ſelbſt die Bitten ſeiner Mutter, ihrem Gatten nachzugeben, zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit wirkungslos. Osmond verſchloß ſich in ſein Zimmer, und der Graf und ſeine Gemahlin waren genöthigt, ſich ohne ihn zu 2* 9 36— dem Feſte zu begeben. Lady Mary's zarte Ge⸗ ſundheit lieh ihr ſtets einen gültigen Vorwand, ſich von ſo glänzenden Geſellſchaften, die ihr kein Vergnügen gewährten, fern zu halten. Sie war daher ebenfalls zu Hauſe geblieben, und weilte einſam in ihrem Gemach, wie Osmond in dem ſeinen. Sie konnte indeß den natürlichen Wunſch nicht unterdrücken, ſich in ſeine Nähe zu begeben, als ſie ihn gegen Abend aus ihrem Fenſter, ein Billdd tiefſter Schwermuth, im Park wandeln ſah; aber ihr jungfräulicher Stolz ſprach dagegen. „Ich will ihm nicht abſichtlich in den Weg treten,“ rief ſie aus,„ich bin ſchwach— ich muß auch einige Ruckſicht auf mich ſelbſt nehmen!“ Und um die Erinnerung an frühere, glücklichere Stunden zu entfernen, trat ſie zum Pianoforte, ſich bemühend, durch das Rauſchen der Saiten die Stimme in ihrem Innern zu uͤbertäuben. Aber bei jedem Tone, den ſie anſchlug, ge⸗ dachte ſie ſeiner Lieblingsmelodieen, ſeines. 2 Entzückens, wenn er ſie ſingen hörte— jeder Ton war voll von ihm. Von Gefuhlen überwältigt hörte ſie auf zu ſpielen, und, ihren Kopf in ihre Hand ſtützend, verſank ſie in tiefe Gedanken.— Da hörte ſie plötzlich unter ihrein Fenſter ihren Namen rufen. „Lady Mary!“ rief eine Stimme, die nicht zu verkennen war.— Sie flog ans Fenſter. „Wollen Sie mir nicht die Freude gewäh⸗ ren, mich auf einem kurzen Spaziergange zu be⸗ gleiten?“ fragte Osmond, denn er war es in der That. Sie zwang ſich, als Erwiederung nur ihr Haupt zu neigen, und,„mit Vergnügen!“ war alles was ſie ſprach. Er brauchte ihrer nicht lange zu harren.— Ein Schimmer von Freude ſchien, als er ſie er⸗ blickte, aus ſeinen Augen zu leuchten, er reichte ihr freundlich die Hand hin, und legte ſanft ihren Arm in den ſeinen. „Dieſer Spaziergang erinnert mich an ver⸗ gangene Zeiten, meine liebe, ſinnende Couſine,“ — 38— begann Osmond, als ſie eine Weile ſchweigend neben einander dahingewandelt waren.„Aber ich weiß nicht, ob ich Sie auch noch jetzt mit Recht ſinnend nennen darf, mir ſcheint, ich kann Ihnen zu einer größern Heiterkeit, als Sie ſonſt beſaßen, Glück wünſchen!“ Ach, die Heiterkeit, von der er ſprach, war nichts als ein Schleier, den jungfräulicher Stolz über die Gefühle ihres Herzens geworfen hatte.— Sie ſeufzte tief auf bei dieſer Bemerkung, die mit der Wirklichkeit ſo ganz im Widerſpruche ſtand. „Waͤre dem nicht ſo,“ fragte Osmond, mit inniger Theilnahme auf ſie hinabblickend. Sie wagte kaum etwas zu erwiedern; ihrer Stimme, wußte ſie, konnte ſie nicht vertrauen; ſich indeß wegwendend, damit er die Thräͤnen nicht gewahre, die ihren Augen entperlen wollten, entgegnete ſie endlich„Ich bin ſo glücklich— wie ich es zu ſeyn verdiene!“ „Dann ſind Sie in der That überglücklich!! rief Osmond mit lebhaftem Eifer. Beide ſchwiegen nun wieder einige Minu⸗ ten, eine Pauſe ungemein peinvoll, wenigſtens für Lady Mary; Osmond unterbrach ſie zuerſt⸗ und enthob ſeine Gefährtin ihrer Verlegenheit, indem er des Wortwechſels erwähnte, der an dieſem Morgen zwiſchen ihm und ſeinem Vater ſtatt gehabt hatte. Sie konnte jetzt frei den innigen Antheil ausſprechen, den ſie an ſeinem Wohl nahm, in⸗ dem ſie ihm bemerkte, daß es zu ſeinem Glück durchaus erforderlich ſey, ſich mehr in den Willen ſeines Vaters zu fügen. „Ihr Vater, Osmond,“ ſprach ſie,„hat große Abſichten mit Ihnen, Sie dürfen nicht bloß ſich ſelbſt leben, Sie gehören einer edlen Familie an, deren Gewicht und Anſehen zu vermehren in Ihrer Macht ſteht.— Ohne ungerecht gegen die Ihrigen und gegen ſich ſelbſt zu handeln, dür⸗ ſen Sie der Laune nicht nachgeben„ die Sie zu beherrſchen ſcheint. Denn was anders, als Lau⸗ ne, kann Sie bewogen haben, ſo lange von Ih⸗ rer Familie entfernt zu bleiben,— nun, da Sie — 40— wieder hergeſtellt, ihnen wiedergeſchenkt ſind, was anders als Laune kann Sie zu einem ſo unge⸗ ſelligen, Ihrem Vater ſo mißfälligen Benehmen beſtimmen? Doch verzeihen Sie mir die Offen⸗ herzigkeit dieſer Bemerkung,“ fuhr ſie fort, als ſte einen Anflug von Unmuth in Osmonds Blicken zu gewahren glaubte,„fern ſey es von mir, Ihnen meinen Rath aufdringen zu wollen,— unſere lange Freundſchaft nur—“ „Theure Mary,“ unterbrach ſie ihr Beglei⸗ ter, indem er ſchnell ihre Hand erfaßte, und aus einer tiefen ſchwermüthigen Träumerei zu erwachen ſchien;„Sie mißdeuten mein Schwei⸗ gen, Sie thun mir großes Unrecht, wenn Sie glauben, daß ich für Ihre Sorge meinetwegen, je anders als dankbar ſeyn könnte. Sie ſind ſo gütig, ſo freundlich gegen mich!— ich aber— Ein Blick von Selbſtverachtung ſchien ſeiner Ge⸗ fährtin zu verkünden, daß ſein Werth in ſeinen eige⸗ nen Augen tief, tief, unendlich tief geſunken ſey. Ein furchtbarer Schauder durchflog Lady Mary's Glieder, als ſie dieſen Blick gewahrte; — 1— kaum konnte ſie die Verſuchung unterdrücken, nach der Bedeutung deſſelben zu forſchen. Os⸗ mond fuhr unterdeſſen mit mehr Faſſung fort: „Ich fühle, Lady Mary,“ ſprach er, daß mein Benehmen in der letzten Zeit raͤthſelhaft erſchei⸗ nen muß. Mein Unglück liegt darin, daß ich es nicht erklären darf. Könnte ich gegen irgend Je⸗ mand dieſes ſchmerzvolle Geſchäft unternehmen, es würde gegen Sie geſchehn, gegen Sie, meine theuerſte Freundin!“ Er ſchwieg in ungemeiner Gemüthsbewegung.. „Nur das ſagen Sie mir Osmond,“ entgeg⸗ nete Lady Mary, von der Innigkeit des jungen Mannes tief gerührt,„nur das ſagen Sie mir, daß keine entehrende Handlung—. „Schonen Sie meiner,“ unterbrach ſie Os⸗ mond,„haben Sie Mitleid mit meinem gebro⸗ chenen Herzen!“ er ſprach dieſe Worte mit einer Angſt aus, die bis in Lady Mary's innerſte Seele drang. Kaum wiſſend, was ſie that, drückte ſie mit ihrer Hand ſanft ſeinen Arm, während die beru⸗ — 42— higenden Worte:„lieber, lieber Osmond!“ im zärtlichſten Tone ausgeſprochen, über ihre Lippen ſchlüpften. Er erwiederte ihren Druck mit Wär⸗ me:„Der Himmel vergelte Dir Deine Güte, Beſte Deines Geſchlechts,“ rief er aus.—„Wie wenig verdiene ich eine Theilnahme, wie die Deine.— Aber vergeſſen Sie mich, Mary! vergäße mich doch jedermann! ach könnte ich mich doch ſelbſt vergeſſen! „Welch ein Ausbruch der Verzweiflung iſt das,“ entgegnete Lady Mary;„welch' eine furchtbare Urſache kann ſie herbeigeführt haben! „Ich bin krank,“ erwiederte Osmond,„und meine Seele leidet; ſchreckenvolle Phantaſie⸗ gebilde erfüllen ſie— ich bin das nicht mehr, was ich war!“ „Dieß Geſtandniß wenigſtens iſt wahr,“ dachte Lady Mary,„dieſe ſchwermuthsvolle Ver⸗ ſicherung bedarf keiner Beſtätigung.“ Es ſchien, als ob ihr Gefährte ihre Gedan⸗ ken errieth, ihre Seufzer verdollmetſchte, denn mit einem trüben Lächeln auf ſie blickend, fuhr er, — —— nach einer kurzen Pauſe ſort:„laſſen Sie uns die Vergangenheit zurückrufen, theure Mary, laſſen Sie mich noch einmal wieder werden, was ich war,— glücklich, ſelig— hier auf dieſer Stelle— erinnern Sie ſich— jenes Abends im vergangenen Sommer, wo Sie mir das fromme, herzerhebende Lied ſangen.“ Die Dämmerung verbarg die Zähren, die ihm nur zu beredt verkündet haben würden, wie tief die Erinnerung an jenen Abend ihrem Ge⸗ dächtniſſe eingeprägt war. Sie erwiederte nichts, aber ſie ließ ſich ſchweigend von ihm zu einem Ra⸗ ſenſitze führen, wo Beide neben einander Platz nahmen.„Das fromme Lied, meine theure Mary,“ bat Osmond auf's Neue,„ſeine an⸗ dachtsvollen Worte, von Ihrer himmliſchen Stim⸗ me vorgetragen, werden Ruhe in mein Herz ſenken.“ Es war in der That ein zu heiligen Gefüh⸗ len geeigneter Abend; der Tag war ungemein heiß geweſen, kein Wölkchen hatte den Glanz der Sonne verdunkelt, jetzt aber war die Königin — 44— des Tages hinabgeſunken, dem ſanfteren Schim⸗ mer des Mondes Raum gewährend, der ſein milderes Licht durch die Blätter des Baumes in den Bach ſenkte, welcher zu ihren Füßen murmelte. Alles um ſie her war ſtill; die Natur ſelbſt ſchien ſich einer ruhigen Betrachtung ihrer eigenen Reize hingegeben zu haben. Noch einmal bat Osmond, und Lady Mary, unfähig ihm die Er⸗ füllung des geäußerten Wunſches zu verſagen, trug mit ihrer lieblichen Stimme, in einer einfa⸗ chen Melodie, die frommen Worte einer feierli⸗ chen Hymne vor. Kaum wiſſend, was er that, hatte Os⸗ mond, während ſie ſang, ihre Hand erfaßt; er ſchien in tiefes Sinnen verſunken, ſeine Seele mit andachtsvollen Gedanken erfüllt. Er hätte in dieſem Augenblicke ſterben,— auf immer eine Welt verlaſſen mögen, ſo wenig im Stande, die Hoffnungen zu erfüllen, die in ſeiner Bruſt auf⸗ zukeimen begannen.„Theure, theure Mary,“ rief er,„o wenn es mir doch vergönnt wäre, ſo meinen letzten Athemzug auszuhauchen!“ Sie blickte ihn einen Augenblick mit unaus⸗ ſprechlicher Zärtlichkeit an, aber ſie vermochte keine Worte über ihre Lippen zu bringen.— Der Moment war für ſie, in der That, überſchweng⸗ lich reich, aber er war vorübergehend, wie der Glanz des Regenbogens.„Er liebt mich, ja er liebt mich,“ dieſer Gedanke erſtieg in ihrer See⸗ le;„aber das furchtbare Geheimniß, welches auf ſeinem Herzen laſtete! Ach, wenn ihr dieſes nur entſchleiert wäre! Nur vergebens bemühete ſie ſich, ihn in dem ferneren Geſpräch zu jenem Gegenſtande zurück⸗ zuführen. Sie ſprach von ſeinen glänzenden Aus⸗ ſichten in die Zukunft— von den Hoffnungen ſeiner Aeltern,— ja ſie wagte es, auf die Freude hinzudeuten, die ſie uͤber ſeine künftige Wohlfarth empfinden würde. Er hörte ihr im trüben Schweigen zu, nur dann und wann ihre liebevollen Worte mit tiefen Seufzern erwiedernd. Sie wußte nicht, ob ſie fortfahren ſollte, denn ſie fühlte, daß die ver⸗ trauliche Offenheit, mit der er ſonſt alles, was 46 er wünſchte und dachte, gegen die Freundin aus⸗ ſprach, jetzt verſchwunden ſey. Ihr Wunſch, ihn zu beruhigen, wich, ſo ſtark er auch war, vor ſeinem veränderten Benehmen; ſie ſtand auf, um nach Hauſe zurückzukehren, wobei ihr die zu⸗ nehmende Dunkelheit zum Vorwand diente. Osmond erſuchte ſie, noch länger zu blei⸗ ben, aber nur obenhin, nicht dringend und feu⸗ rig, wie er es früher bei aͤhnlichen Gelegenheiten zu thun pflegte. Sie bemühete ſich indeß, ihren Kummer über dieſen neuen Beweis von der Ver⸗ änderung ſeiner Geſinnungen zu bekämpfen;„ich werde in der Einſamkeit noch Zeit genug zu Thrä⸗ nen und Seufzern haben,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „auf Freundſchaft muß ich meine Hoffnungen be⸗ ſchränken; Osmonds Freundin zu ſeyn iſt auch etwas werth!“ Von dieſem Gefühle aufrecht gehalten, be⸗ gann ſie, ihm auf's Neue freundlich zuzuſprechen: „Lord Euſtace,“ nahm ſie das Wort,„wird uns mit ſeiner Familie in der nächſten Woche beſuchen, nebſt mehreren andern Männern, denen Sie vor⸗ — 47— zuſtellen Ihr Vater ſehnſuchtsvoll verlangt. Ziehen Sie ſich nicht wieder von der Geſellſchaft zurück, erzürnen Sie nicht Ihren Vater. Und wenn es auch nur mir zu Liebe geſchähe,“ fügte ſie mit einem ſanften Lächeln hinzu,„erſcheinen Sie bei der Tafel. Seyn Sie uns der Alte wieder, froh und heiter die Talente entfaltend, die Ih⸗ nen von der Natur geſchenkt wurden, nicht um ſie in der Einſamkeit zu begraben. Nur zu leicht kann Ihr Betragen gemißdeutet werden Dieſe Bemerkung ſchien Osmonds Unmuth rege zu machen, ſeine Augen flammten, und ſeine hohe Geſtalt ſchien ſich noch mehr zu er⸗ heben.“ „Sind, fragte er,“ jene Maͤnner denn be⸗ rechtigt, mein Betragen zu meiſtern? Sie ſol⸗ len mich finden, ungebeugt von Gram, freien Herzens und feſter Seele,— nicht hier aber kann ich den Muth zeigen, der mich beſeelt. Auf dem Schlachtfelde— vor den Mündungen feind⸗ licher Kanonen— in der Mitte, meiner Rede horchender Staatsmänner!— Ach Mary, dort — 48— könnte ich hendeln, wenn mein Lebenspfad nur. gerade und offen wäre! Ich ſelbſt aber habe Dor⸗ nen hineingeworfen— ich ſelbſt habe meine Aus⸗ ſichten getrübt— ich— ich ſelbſt habe— doch genug davon!— ich will mich zwingen, der zu ſeyn, der Sie wünſchen.“— So ſprechend riß er ſich von ihrem Arme los, und eilte die Treppe des Hauſes hinan, vor der ſie ſo eben angelangt waren. Lady Mary aber, unfähig ihm zu folgen, ſah ihm lange nach, und als er ihren Blicken entſchwunden war, machte ſie durch einen Thränenſtrom ihrem tief bekümmerten Her⸗ zen Luft. 4 —. 49— IV. N.s dieſer für Lady Mary ſo anziehenden und dennoch ſo ſchwermüthigen Unterredung bemerkte ſie mit Vergnügen, daß Osmonds Vorliebe fuͤr ihre Geſellſchaft ſich zu erneuern ſchien. Er wich faſt keinen Abend von ihrer Seite, ſo, als ſey dieß der einzige Platz, wo er einigermaaßen Ruhe und Troſt finden konnte. Im Geſpräch war er jetzt gefaßter als bisher, dabei indeß noch immer tief bekümmert; nie aber lenkte er wieder die Unterredung auf die geheimnißvolle Urſache ſeines Schmerzes, und ſo ſehr Lady Mary auch wünſchte, hierüber etwas zu erfahren, bewies ſte doch zu viel Zartgefühl, als daß ſie, um ihrer eigenen Beruhigung willen, einen Gegenſtand hätte berühren mögen, deſſen Erwähnung ihm Kummer verurſachte. dsmond. I. Band. 4 — 50— Sie bemühte ſich nun, ſich zu überreden, daß ſte ihn völlig verſtehe, daß ſie auf alle jene glänzenden Erwartungen von Glückſeligkeit, die ſie fruͤher genahrt hatte, ruhig Verzicht geleiſtet hätte; und daß ſeine Achtung, ſeine Freundſchaft ihr genügen würde.„Dieſe Gefühle hegt er füͤr mich,“ ſprach ſie oft zu ſich ſelbſt,„er muß ſie hegen, und ich bin glücklich, ich muß glücklich ſeyn!—“ Thränen aber waren keine Zeichen von Freude, und Thranen rollten bei ähnlichen Selbſtgeſprächen jedesmal über ihre Wangen hinab. Der Kampf, den ihr Herz ſo in der Einſam⸗ keit beſtand, war aber dennoch nicht völlig unbe⸗ merkt geblieben; die mütterliche Zärtlichkeit der Gräfin für die liebenswürdige Anverwandte, hatte jene längſt das Geheimmß bemerken laſſen, welches Lady Mary in verſchwiegener Bruſt zu bewahren glaubte. Hätte es von der Gräfin abgehangen, ſie würde keinen größeren Wunſch gehegt haben, als ihren theuren Osmond mit ihrer jugendlichen Freundin vereint zu ſehen. Aber ſie kannte die Abſichten ihres Gatten zu gut, als daß ſie irgend einer ſolchen Hoffnung hätte Raum geben können, und obgleich ihr Herz warm für die Sache ihrer Anverwandten ſchlug, bewog ſie dennoch ihr friedfertiger Sinn und die Ruhe ihres Gemüths, ſich bei dieſer Gelegenheit völlig leidend zu verhalten. Osmond hatte Lady Mary verſprochen, an dem Tage, an dem die Familie des Lord Euſtace in Arlington Park erwartet wurde, ſich nicht von der Geſellſchaft zurückzuziehen, ſondern ſich im Gegentheil ſo heiter und munter zu zeigen, als er es nur zu thun vermöchte. Von Lord Euſtace, ſeiner Gattin und ſei⸗ nem älteſten Sohne haben wir in der That nur wenig zu berichten; es waren ganz gewöhnliche Menſchen von hohem Range, und wir wenden uns daher, wie Osmond, von ihnen ab, um ihn zu ſeinem Sitze neben der hübſchen Lady Jo⸗ hanna Euſtace zu begleiten. „Iſt es wirklich Osmond Leſſingham, den ich das Vergnügen habe, noch einmal in dieſem 4* Leben wiederzuſehn?“ rief dieſe, indem ſie ihn, als er näher kam, durch ihre Lorgnette betrach⸗ tete.„Sie ſehn ja noch ſo bleich, was haben Sie mit ſich vorgenommen?⸗ „Die Abweſenheit von Ihnen, Mylady,“ entgegnete Osmond mit einem erzwungenen Lä⸗ cheln,„wie wäre es da möglich geweſen, munter und geſund zu bleiben! „In den Waldungen von Woodhurſt leben, wie es ſcheint, auch Leute, bei denen Sie ſich in der Schmeichelei üben konnten,“ nahm Lady Johanna wieder das Wort;„doch nichts mehr davon,“ fügte ſie hinzu, als ſie die hohe Röthe gewahrte, die bei ihrem Scherze Osmonds Wange überflog, und die er, nur vergebens, wegzulaͤcheln verſuchte. Eine Glut, faſt nicht geringer als die ſeine, bedeckte Lady Mary's Geſicht, die neben Lady Johanna auf dem Sopha ſaß, und Zeuge von Osmonds Verwirrung war. Sie verſank in tiefe Gedanken, und vernahm nichts mehr von dem Geſpräch ihrer beiden Nachbaren. Da ward 3 — 53— plötzlich ihr Name genannt, ſie ſchreckte auf, und hörte, wie Lady Johanna ſie fragte:„Lady Mary, Sie werden doch mit von unſerer Parthie ſeyn?“ Sie ſchämte ſich ihrer Zerſtreuung, und ent⸗ gegnete nicht ohne Verlegenheit:„von welcher? „Von welcher?“ wiederholte ihre Nachba⸗ rin,„haben Sie denn die lange und erbauliche Geſchichte meiner Bekehrung nicht mit angehört, die ich ſo eben Herrn Leſſingham erzählte? Und doch geſchah es größtentheils, um Ihnen. Freude zu machen, daß ich ſie mittheilte; denn ich weiß, Sie gehören mit zu den Frommen.“ „Sie erzeigen mir weit mehr Ehre, als ich verdiene,“ erwiederte Lady Mary,„wenn ich Sie bitten dürfte, die Erzählung noch einmal zu wiederholen, werde ich Ihre aufmerkſame Zu⸗ hörerin ſeyn!“ „Daraus wird nichts,“ erwiederte Lady Jo⸗ hanna,„ich wiederhole nie etwas in meinem Leben, man muß ohnehin ſo manches Alberne in der Welt immer wieder und wieder thun, daß — 54— man ſich freuet, wenn man auf etwas ſtößt, wel⸗ ches man nur einmal thun und dann vergeſſen kann.“ „Aber ein ſo wichtiger Gegenſtand, als ihre Bekehrung, Mylady,“ ſprach Mary mit einem etwas ſatyriſchen Blick,„ſollte doch zu den unver⸗ geßlichſten Begebenheiten Ihres Lebens gehören.“ „Ja ja, es war in der That keine kleine Sache,“ fuhr ihre Nachbarin fort,„ich habe große Luſt, das Ganze im Druck zu geben. Wie hübſch wird es ſeyn, wenn da zu leſen ſteht:— Geſchichte der Bekehrung der Lady Johanna Euſtace, einzigen Tochter des Grafen von Euſtace, auf Euſtace Houſe in der Grafſchaft Kent, die in ihrem neunzehnten Lebensjahre— habe ich doch ganz vergeſſen, wie dergleichen Berichte zu enden pflegen.“ „Ich fürchte in der That, Sie werden bald die ganze Bekehrung vergeſſen,“ ſprach Osmond. „Immerhin,“ erwiederte Lady Johanna, „hat ſie doch eine Weile gedauert.“ „Und wie lange?“ fragte Lady Mary. „Seit letztem Montag bin ich ſo fromm als möglich geweſen,“ erwiederte die Befragte,„und am Sonntag, während der Predigt, war ich eine vollkommene Heilige. Als ich nach Hauſe kam, ſchickte ich eine fünf Pfund Note ins Kranken⸗ haus.⸗. „Ihre Bekehrung war alſo eine Folge der Beredſamkeit des Herrn R.?“ nahm Lady Mary wieder das Wort. „Allerdings,“ entgegnete ihre Nachbarin, „man ſagt, er predigt am nächſten Sonntag wie⸗ der; ich habe mir vorgenommen, keine ſeiner Reden zu verſäumen, und da mir daran gelegen iſt, nebſt der meinen auch noch ein Paar andere Seelen zu retten, ſo ſchlug ich Herrn Leſſingham vor, mich am nächſten Sonntag dorthin zu be⸗ gleiten. Ich möchte Sie gern eben ſo fromm machen, als ich ſelbſt bin,“ fuhr ſie zu Osmond gewandt fort. „Ich werde mit Freuden dieſe Gelegenheit ergreifen, an meiner Beſſerung zu arbeiten,“ erwiederte Osmond. „Und Sie, Lady Mary, werden doch hof⸗ fentlich auch von der Parthie ſeyn?— Aber ach, mein Gott, da kommt Herr Belford, der langweiligſte Menſch von der Welt, ohne Zwei⸗ fel, um mich zu Tiſche zu führen.“ „Herr Belford ſoll mich dieſes Vergnügens nicht berauben,“ unterbrach ſie Osmond, indem er ihr ſeinen Arm mit jener Anmuth darbot, die alle ſeine Bewegungen bezeichnete.„Erlau⸗ ben Sie mir Lady Mary, ſprach Belford nun zu dieſer gewandt, und ſo ward das arme Mädchen gezwungen, die Tiſchnachbarin des langweiligſten Menſchen der Welt zu werden, deſſen unange⸗ nehmer Nähe Osmonds zuvorkommende Artigkeit ſo eben Lady Johanna entriſſen hatte. Aber die feine Bildung und die natürliche Gutmüthigkeit’ der Lady Mary lehrten ſie, auf Niemand mit Ge⸗ ringſchätzung blicken, und ohngeachtet ihre Augen unwillkürlich dann und wann nach jener Seite der Tafel wanderten, an der Osmond und Lady Jo⸗ hanna ſaßen, offenbar mit der gegenſeitigen Unterhaltung vollkommen zufrieden, zwang ſie ſich dennoch, den Erzählungen ihres Tiſchnachba⸗ ren die größte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ob⸗ gleich jene in der That gedehnt und ermuͤdend waren. Endlich, nach zwei langen Stunden, mach⸗ ten die Damen Anſtalt, die Tafel zu verlaſſen; nur kurze Zeit aber blieben ſie allein, denn kaum hatten ſie in dem anſtoßenden Gemache Platz ge⸗ nommen, als auch ſchon Osmond wieder erſchien, Lady Johanna auf's Neue mit Artigkeiten überhäu⸗ fend.„Ich Thörin,“ dachte Lady Mary mit einem unmuthsvollen Gefühl,„die ich glaubte, es beduͤrfe meiner Anmahnung, ihn fröhlich zu ſtimmen. Wie ſchwach, wie unzuverläſſig iſt doch das menſchliche Herz! Wird denn dieſer peinvolle Abend nimmer enden?“ Bei dieſem Gedanken konnte ſie ihre Thränen nur mit Mühe zurückhalten. Endlich ſchlug die Stunde der Erloſung, ſie befand ſich wieder allein auf ihrem Zimmer.„Ja ja, ich fühle, ich bin nur ein ſchwaches Weib,“ rief ſie aus,„ich glaubte ſo vertrauensvoll an — 58— ſeine Liebe— jetzt ſehe ich, Alles war nur Taͤu⸗ ſchung, jede Hoffnung iſt verſchwunden! Thörin, die ich war, längſt ſchon hielt ich mich uͤberzeugt, mich in mein Schickſal ergeben zu haben: O, du wankelmüthiges Herz!“— Ein tiefer Seufzer entſtieg ihrer Bruſt, denn ihre Selbſtachtung verminderte ſich, wenn ſie daran dachte, daß ſie Sclavin einer Leidenſchaft ſey, deren Hoffnungs⸗ leſigkeit ſie nur zu gut kannte. Ihre zarte Ge⸗ ſundheit machte, daß es nicht auffiel, wenn ſie des Morgens erſt ſpät ihr Zimmer verließ; und ſo war nur noch eine Stunde bis zum Mittag⸗ eſſen, als ſie, bemüht die Gefühle, die ihre Bruſt beſtürmten, wenigſtens den Blicken Ande⸗ rer zu verbergen, mit einem himmliſchen Aus⸗ druck von ſtiller Ergebung auf dem Geſicht, hinab in den Park wandelte, damit die milde Luft eines Sommernachmittags ihre Kräfte einigermaaßen belebe. Ihre Schritte trugen ſie unwillkürlich einer Grotte zu, ihrem Lieblingsſitze, wo Osmond im vergangenen Sommer ſo oft an ihrer Seite ge⸗ * — weilt, und ihr, während ſie mit Handarbeit be⸗ ſchäftigt war, vorgeleſen hatte. „Ja damals,“ ſprach ſie,„damals war ich glücklich!“ Sie ſtützte ihr liebliches Geſicht in ihre Hand, und weilte einige Augenblicke in ſchwermüthiges Nachdenken verſunken.„Doch hier iſt nicht der Platz, mich in meinen guten Vorſätzen zu beſtärken,“ fuhr ſie fort,„zu ſüße Erinnerungen knüpfen ſich an ihn— es iſt ein gefährlicher Ort!— ich will ihn verlaſſen!“ ſie ſtand auf; noch aber hatte ſie den Eingang der Grotte nicht erreicht, als ihr Osmond entge⸗ gentrat. „Man ſagte mir, Lady Mary,“ begann er, daß Sie in den Park gegangen wären, eine Ahnung trieb mich an, Sie hier aufzuſuchen.“ Eine leiſe Empfindlichkeit, die ſie nicht zu unterdrücken vermochte, beſchränkte ihre Antwort auf ein kaltes Lächeln und auf das Wörtchen: „wirklich!“ „Ja ja, wirklich!“ entgegnete Osmond, indem er ihre Hand erfaßte und ſie ſanft drückte, „Ihr Blick und Ton würden einem Herzen, das weniger als das meine von Ihrer Freundſchaft uͤberzeugt wäre, fuͤrchten laſſen, daß dieſe Stö⸗ rung Ihrer Einſamkeit Ihnen unwillkommen ſey.“ Es war ihr ſo ganz unmöglich, auf Osmond zu zuͤrnen, daß wenn auch nicht, wie es gemein⸗ hin bei ihr der Fall zu ſeyn pflegte, ein augen⸗ blickliches Nachdenken ihren Unmuth zerſtreuet hätte, ſich auf's Neue freundlich von ihm ange⸗ redet zu hören, jedes bittere Gefühl gegen ihn auf der Stelle verdrängt haben würde. Auch ſie ſollte an dem allgemeinen Schickſal der Menſchen Theil nehmen; auch ihr ſollte dann und wann in den Leidensbecher ein Freudentropfen getraͤufelt werden! Ihr ward das Vergnügen, in einem kurzen freundlichen Geſpräch Osmond ruhiger und heiterer als bisher zu ſinden. Da aber nannte er zufällig Lady Johannas Namen, und der Gedanke, daß vielleicht dieſe jenen Sinneswandel bei ihm herbei⸗ geführt habe, erfüllte das Herz der armen Mary auf's Reue mit ſchmerzvollen Gefühlen. „Lady Johanna beſitzt in der That unendlich viel Verſtand,“ ſprach Osmond,„ſie iſt wirklich höchſt intereſſant.“ Lady Mary war nicht im Stande hierauf etwas zu erwiedern, und Osmond fuhr fort: „ich muß am Sonntag hin, ich muß den Prediger hören, der ein ſo großes Werk an ihr vollbrachte. Sie werden uns doch begleiten, Lady Mary? das iſt ja ganz etwas fuͤr Sie.“ „Das iſt nichts für mich,“ entgegnete Lady Mary mit einigem Ernſte, und als ſie gewahrte, daß Osmond erſtaunt auf ſie blickte, fügte ſie hinzu:„Es iſt nichts für mich, will ich ſagen, die Kirche wie das Schauſpielhaus zu beſuchen, der Unterhaltung wegen; ich bin nicht leichtſinnig genug, mit den wichtigſten Dingen des Lebens kalten Scherz zu treiben.“ Osmonds Heftigkeit verhinderte ihn, dieſe Bemerkung ſtillſchweigend hinzunehmen:„Viel⸗ leicht denke ich in dieſer Ruckſicht nicht leichtſinni⸗ ger als Sie, Lady Mary,“ erwiederte er em⸗ pfindlich und in einem kalten Tone, der ihr Herz tief verwundete, und ihrem Auge eine Zähre entpreßte. Osmond war noch immer zu aufge⸗ regt, als daß er es hätte bemerken können, wie ſehr ſeine Freundin von ſeinem Benehmen gekränkt worden war, und ſo gewann ſie Zeit ſich zu faſ⸗ ſen, bevor er ſeine Rede wieder an Sie richtete. Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Aber ja ja, Sie haben Recht— ich bin leichtſinnig— weit mehr als leichtſinnig! wie ſchlecht habe ich die Gaben, die mir der Himmel ſchenkte, angewandt!— wie ſo wenig die mir verliehene Vernunft ge⸗ braucht, meine Leidenſchaften zu bezähmen!“ . Er ſchwieg und druͤckte ihre Hand wie in heftiger Gemuͤthsbewegung, kaum wiſſend was er that.„Mary!“ rief er dann,„O Mary, wenn Sie wüßten— wenn es möglich wäre— wenn Sie das Elend kennten, das meine Seele verzehrt,— Sie würden mir keinen Vorwurf machen, wenn ich in den Thorheiten der Lady Johanna, oder auf irgend eine andere Weiſe, Vergeſſenheit meines Jammers ſuche.“ — — — 635— Lady Mary's jungfräuliche Schuͤchternheit vermochte nicht, den Ausbruch der Zärtlichkeit zurüͤckzuhalten, die ſich bei dem Gedanken, den Geliebten unwillkürlich ſo ſchmerzhaft verwundet zu haben, ihrer bemächtigte. Sie nahm ſeine Hand und druͤckte ſie ſanft in die ihre. Sie ver⸗ gaß Alles, Alles,— ſie ſah nur Osmond, den edlen Jüngling, den ſie ſchon als Knabe geliebt hatte,— von Seelenqual niedergebeugt, wie konnte ſie ihm ihr Mitleid, wie ihre Theilnahme verſagen?— „Theurer, theurer Osmond,“ rief ſie, „glauben Sie, ich häͤtte Ihnen Vorwürfe machen wollen? Meynen Sie, ich hätte kein Gefühl für Ihren Kummer? Sind Sie denn nicht überzeugt, daß ich ihn lindern würde, wenn es in meiner Macht ſtuͤnde?— wenn Sie ſich mir vertrauen könnten“— „Ich ſollte Ihnen die Urſache meiner Qual vertrauen!“— rief Osmond mit liebevollen Augen auf ſie blickend.— Wem moöchte ich lieber mein Herz entſchleiern, als Ihnen, der — 4— Freundin meiner Seele?— Meine Geſchichte aber iſt nicht für Ihr Ohr geeignet, meine theure Mary; dringen Sie nie in mich, ſte Ihnen zu erzählen— ein Augenblick des Wahnſinns könnte mich dazu verleiten— und ich würde dann auf ewig verabſcheuungswürdig vor Ihren Augen da ſtehen; der einzigen Theilnahme beraubt, die mir noch das Leben erträglich macht.⸗ Sie richtete einen Moment lang einen ſpre⸗ chenden Blick auf ihn, aber ſie vermochte kein Wort uͤber ihre Lippen zu bringen, ſie fürchtete, das Geheimniß ihres Herzens zu verrathen, und ſtand auf, ſich dieſer Gefahr zu entziehn. e Sie wollen mich verlaſſen, Mary?“ fragte Osmond mit dem Tone eines leiſen Vorwurfs. Sie zögerte.—„Bleiben Sie,“ fuhr er fort, „ich bin es, der gehen muß, ich muß Sie von den Ausbruchen meiner Leidenſchaftlichkeit be⸗ freien— die nur zu unpaſſend für Ihr ſanftes Gemüth ſind. Verzeihen Sie mir,— ſüße Mary, verzeihen Sie der Heftigkeit eines Ungluͤcklichen!“ Er ſchwieg und ſchien unent⸗ — ſchloſſen da zu ſtehn; endlich, nachdem er ihre ſchöne Geſtalt und ihr halb von ihm abgewand⸗ tes reizendes Geſicht einen Augenblick lang mit einem Blick betrachtet hatte, den die natürliche Wärme ſeines Herzens faſt den Ausdruck von Leidenſchaft gab, erfaßte er ihre Hand— drückte ſie an ſeine Lippen— und eilte von dannen,— grade noch zur rechten Zeit, der Lieblichen eine unendliche Verwirrung zu erſparen. Dahin waren nun alle guten Vorſätze die⸗ ſes Morgens!— Der Ton ſeiner Stimme, als er die ihr unvergeßlichen Worte:„ſüße Mary!“ ausſprach,— der Druck ſeiner Hand— ſeiner Lippen— Alles dieß, ſie fühlte es nur zu gut, konnten Jahre nicht aus ihrer Erinne⸗ rung tilgen. Osmond. I. Band. 5 V. S. ſchwanden, unter einem ewigen Wechſel von Gefuͤhlen, der armen Mary drei volle Monate dahin; gegen das Ende dieſer Zeit be⸗ gann in ihrer Bruſt Hoffnung die Oberhand zu gewinnen, denn Osmonds Benehmen gegen ſie ward gleichförmiger, mehr dem ähnlich, welches er im vergangenen Sommer beobachtet hatte. Er ſprach nicht mehr von ſeinem geheimnißvollen Leiden, ja er ſchien es faſt vergeſſen zu haben. Lady Mary freuete ſich ungemein dieſer Veraͤn⸗ derung, und glaubte ſeine lebhafte Phantaſie habe ihn früher einen leichten Tugendfehler als ein ungeheures Verbrechen betrachten laſſen, die Zeit ihn aber die wirkliche Unbedeuten⸗ heit deſſelben einſehen gelehrt. — 67— Jetzt ereignete ſich ein Vorfall, auf den Lady Mary, trotz der Vorſtellungen, die ihr ihre Vernunft über ein ſolches Gefühl machte, dennoch nicht ohne ein geheimes Vergnügen blicken konnte; dieß war die Entfernung einer Nebenbuhlerin, zwar nicht in Osmonds Liebe: denn daß er keine Leidenſchaft für Lady Jo⸗ hanna Euſtace empfand, davon war ſie über⸗ zeugt, aber ihr Geiſt, ihre Lebhaftigkeit konn⸗ ten doch vielleicht den Sohn bewegen, den Wunſch ſeines Vaters zu erfüllen und jener ſeine Hand zu reichen. Dieſe Beſorgniß war nun durch die Nachricht gehoben, daß ſich Lady Johanna, von Harry Howard, einem Oberſten der Leibgarde, habe entführen laſſen, und mit ihm nach Gretna Green entflohen ſey. Die Aeltern hatten unvorſichliger Weiſe durch un⸗ zeitige Vorwürfe die Leidenſchaft der Tochter noch mehr angefacht, und ſo das neunzehnjäh⸗ rige Mädchen bewogen, den ſanft ſich einſchmei⸗ chelnden Worten des Oberſten Gehör zu geben, A₰ der ſie beredete, durch eine geheime Heirath alle Hinderniſſe auf einmal zu beſeitigen. Die bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnliche Verwirrung folgte ihrer Flucht;— der Vater fluchte, die Mutter jammerte, der Bruder ſchwur hoch und theuer, die blutigſte Rache an dem Entführer ſeiner Schweſter zu nehmen.— Aber wie gewöhnlich äußerte auch hier die Zeit ihre verſöhnende Kraft, und den Entflohenen wurde bald jene mürriſche Verzeihung zu Theil, die man fuͤr Vergehen zu ſpenden pflegt, deren Folgen nicht mehr abzuändern ſind. Man entdeckte nun Vorzüge an dem Ober⸗ ſten, die man früher nie an ihm bemerkt hatte, und tröſtete ſich damit, daß er Oberſt ſey und eine Einnahme von drei Tauſend Pfund beſitze. So war dieſe Begebenheit denn auch ſchon nach vierzehn Tagen vergeſſen, und Lady Mary, ſich nun ganz des ungeſtörten Umgangs mit Osmond erfreuend, begann ſchon zu fuͤrchten, daß ſie faſt zu glücklich ſey, als plötzlich ein Gaſt auf Arlington Park einſprach, deſſen Os⸗ ——— — — 7 — 60— mond früher ſchon oft mit der größten Achtung erwähnt hatte. Der Ankömmling nannte ſich Greville, und war ein Mann, deſſen natürlicher Character ſchwer zu entziffern war, denn Erziehung und Bildung hatten ihre künſtliche Hand daran ge⸗ legt. Er war mit Osmond zu Orfort bekannt geworden, und hatte, obgleich ihm in Jahren weit voraus, dennoch von den Talenten und vor⸗ zuͤglichen Eigenſchaften des Jünglings angezogen, eine enge, vertraute Freundſchaft mit demſel⸗ ben geſchloſſen. Herr Greville war ein Mann von Ver⸗ mögen und guter Familie; er beſaß recht viel Verſtand und ſein Betragen war vorwurfsfrei; dabei war ſein Benehmen ungemein anziehend und ſein Geiſt außerordentlich gebildet. So ſchätzbar auch dieſe empfehlenden Ei⸗ genſchaften waren, verdankte er doch nicht ih⸗ nen allein die Bewunderung, die Osmond für ihn empfand. Dieſer hatte, wie die meiſten jungen Leute ſeines Alters, einen größeren Hang — 70— ſich den Lehren der Philoſophie hinzugeben, als nach den religiöſen Grundſätzen der Lady Mary erlaubt war, und in dem Umgang mit Greville konnte er dieſe Neigung nähren. Die Theil⸗ nahme, die ihm dieſer auf mannigfache Weiſe bewies, die kleinen Gefälligkeiten, die er ihm mit großer Zuvorkommenheit erzeigte, hatten Osmond mit der größten Dankbarkeit gegen ihn erfüllt. Dieß Gefühl ward noch durch die Milde vermehrt, mit der Greville ihn ſanft und ſchonend von einigen Jugendunvorſichtig⸗ keiten, die er begangen hatte, auf den rechten Weg zurückführte. Als Osmond die Univerſität verließ, hatte er ſehnſuchtsvoll gewünſcht, dieſe freundſchaftliche Verbindung zu unterhalten, und Greville oft zu einem Beſuche in das Haus ſeines Vaters eingeladen. Verſchiedene Umſtände aber hiel⸗ ten jenen bisher ab, dieſe Bitte zu erfüllen; ſeinen Grundſätzen zufolge ſchien es ihm in⸗ deß wünſchenswerth, ſeinen jungen Freund fort⸗ an ſtets im Auge zu behalten, obgleich er jetzt. —— — 271— nur durch einen Briefwechſel die Bekanntſchaft mit demſelben fortſetzen konnte. Bald uͤberzeugte er ſich aber von der Un⸗ zulänglichkeit dieſer gegenſeitigen Mittheilungen. Osmond, dem es während ſeines geheimnißvol⸗ len Aufenthalts zu Woodhurſt an Zeit und Nei⸗ gung zum Schreiben fehlte, hatte ſeinem Freunde Greville ſelten und auch dann nur kurze Briefe geſandt; nicht, wie der Letztere zu bemerken glaubte, aus Unbeſtändigkeit in ſeiner freund⸗ ſchaftlichen Geſinnung, ſondern weil ihn ein anderer Gegenſtand ausſchließlich beſchäftigte. Da aber Greville wie ein Mann, der nicht leicht ſeine Abſichten aufgiebt, den Vortheil eingeſehen hatte, den ihm eine fortgeſetzte Be⸗ kanntſchaft mit Osmond bringen würde, ent⸗ ſchloß er ſich der Einladung nach Arlington Park endlich Folge zu leiſten. Schon hatte er hier eine Woche geweilt, zur Freude aller Bewohner des Hauſes, mit Ausnahme der Lady Seymour indeß, welche, da ſie bemerkte, daß ſeine Gegenwart Osmonds — 222— ganze Zeit in Anſpruch nahm, ſich jener eben nicht freuen konnte. Das eiferſuͤchtige Auge der Liebe entdeckte, oder glaubte zu entdecken, daß Osmond froh darüber war, durch die An⸗ weſenheit ſeines Freundes eine Entſchuldigung für ſein verändertes Benehmen gegen ſie zu haben; denn ſeit Grevilles Ankunft auf Arling⸗ ton Park hatte er Lady Mary auch nicht ein einzigesmal zu einem jener vertraulichen Spa⸗ ziergänge eingeladen, die ihr früher ſo manche ſchmerzlich ſüße Stunde bereiteten. Sie fühlte ſich demnach aufs Neue unzu⸗ frieden und unglücklich; unzufrieden, weil ihre Vernunft im heftigen Kampfe mit ihren Gefüh⸗ len begriffen war, unglücklich, weil ſie das Opfer nicht bringen konnte, welches jene von ihr ver⸗ langten. „Ich muß dieſes Haus verlaſſen, in meine Einſamkeit zurückkehren,“ ſprach ſie oft zu ſich ſelbſt;„die Rolle die ich hier ſpiele iſt meiner nicht würdig— ich gebe einer Leidenſchaft 73— nach, die mich zu ihrer Sclavin macht, ich will, ich muß zurückkehren!“ In einem ähnlichen traurigen Selbſtge⸗ ſpräch ward ſie, als ſie ſich eines Morgens in der Bibliothek befand, durch Osmond und Gre⸗ ville unterbrochen, welche zu ihr hereintraten, gekleidet wie es ſchien um auszureiten. Bei den Gefühlen, die in ihrer Bruſt wogten, konnte ſie den Letzteren nur mit Kälte empfangen, und er entfernte ſich daher auch bald wieder, ſeinen jungen Freund, welcher zurückblieb, daran erinnernd, daß Lord Arlington ihrer harre, und daß er ſie Beide nicht zu lange warten laſſen möchte. „Ich hoffte,“ nahm Osmond, als jener das Zimmer verlaſſen hatte, das Wort,„mein Freund würde mehr Ihren Beifall haben, als es der Fall zu ſeyn ſcheint.“ „Ich weiß ja wenig oder nichts von ihm,“ erwiederte Lady Mary,„und ſo darf es Sie nicht wundern, Osmond, wenn ich keine große — 74— Bewunderung für Verdienſte hege, die mir fremd ſind.“ 3 „Wie hätten Sie dieſe auch kennen lernen können,“ entgegnete Osmond,„Sie ſind ſo kalt und zurückſtoßend gegen ihn; ſeine Naͤhe ſcheint Ihnen zuwider.“ „Ich hege durchaus kein Vorurtheil gegen Ihren Freund,“ verſetzte Lady Mary, und eine hohe Glut uͤberflog bei dieſer kleinen Unwahr⸗ heit ihre Wange;„er ſcheint mir ein feiner gebildeter Mann.“„Mir,“ fiel ihr Osmond mit Wärme in die Rede,„mir ſcheint er einer der beneidenswertheſten Menſchen.⸗ „Das heißt viel zu ſeinen Gunſten geſagt,“ erwiederte ſie mit einem Lächeln. „Seine Seloſtbeherrſchung— ſeine Guͤte, ſein klarer, heller Verſtand, ſein achtungs⸗ werther Character— ſind das nicht beneidens⸗ werthe Vorzüge?⸗ Lady Mary ſchwieg. „Sind Sie ticht meiner Meinung?“ fragte Osmond. — 75— „Es ſind lobenswerthe Eigenſchaften,“ bemerkte ſie. „Einen Mann von ſtrengerer Moral giebt es nicht,“ nahm Osmond wieder das Wort. „Ich möchte Ihnen dennoch nicht rathen⸗ ſein Syſtem zu dem Ihrigen zu machen.“ „Und weßhalb nicht?“ fragte der junge Mann,„die Befolgung deſſelben macht ihn ge⸗ achtet und glücklich.“ „Glücklich?“ wiederholte Mary;„wie kön⸗ nen Sie es wagen, dieß zu behaupten? Wie können Sie es glauben, daß irgend eine Mo⸗ ral, der nicht die wahre Religion zur Grrnd⸗ lage dient, zur Glückſeligkeit führen kann?— Obgleich ich Ihren Freund nur wenig und nur ſeit kurzer Zeit kenne, nehme ich doch kenen Anſtand zu behaupten, daß ſeine Moral, von welcher Art ſie auch ſeyn mag, ihren Urſpung nicht dem Buche des Lebens verdankt. Seine leichtfertige Außerungen über heilige Dinge he⸗ ben in dieſer Rückſicht jeden Zweifel. Und dann, erinnern Sie ſich, Osmond, des unnill⸗ — 76— kürlichen Schauders, der ihn befiel, als Lord Arlington vor einigen Tagen eines Mannes verwaͤhnte, der plötzlich vom Tode hinweggerafft worden war.“„Der Tod, ja ja, wenn der Tod nicht wäre,“„murmelte er vor ſich hin.“ Osmond erinnerte ſich dieſes Umſtandes, und mußte den Scharfſinn bewundern, mit dem Lady Mary dieſen kleinen Zug aufgefaßt hatte. Er hatte in der That oft bemerkt, daß Greville einen ungemeinen Widerwillen gegen das Alt⸗ werden und gegen den Tod äußerte, obgleich er ſich nur ſelten oder unwillkuͤrlich daruͤber ausſprach. 4 „Und iſt es Ihnen nicht aufgefallen, fulr Lady Mary fort,„wie er jede Erinnerung au das vorrückenve Alter zu unterdruͤcken ſtrebt? wechen Werth er auf die Freuden dieſer Welt, auf Bekanntſchaften, auf Verbindungen legt? wit ernſthaft er von der Nothwendigkeit ſpricht, ſich die Letzteren zu verſchaffen?“ „Das iſt begreiflich bei einem Manne, — — 2,— der allein ſteht und nicht mehr jung iſt; ich halte dieß Verlangen fur höchſt unſchuldig.“ „Es iſt unſchuldig, natuͤrlich und lobens⸗ werth,“ verſetzte Lady Mary,„daß man ſich ſo viel Freunde als möglich zu erwerben und zu erhalten ſucht, zumal wenn die Jahre ern⸗ ſter werden und wir auf die Güte Anderer rechnen müſſen, um Freude und Troſt zu finden. Das innere Glück des wahren Chriſten aber darf nicht von Außendingen abhängen; weit entfernt mit dem ſteigenden Alter abzunehmen, erreicht es im Gegentheil, ſo wie ſich der, der es beſitzt, dem Grabe naͤhert, ſeine höͤchſte Stufe; ein ſolcher ſchaudert nicht vor dem Ge⸗ danken an die letzte Stunde: denn Er, der nie⸗ mand taͤuſcht, hat verſprochen, mit den Seinen zu ſeyn hier und jenſeits. Und auf dieſes Jenſeits blicken dieſe mit demuthsvoller Hoff⸗ nung und mit heiliger Freude.“ Sie ſchwieg; ihre ſanften, von Frömmig⸗ keit leuchtenden Augen waren zum Himmel em⸗ porgehoben, die Wahrheit deſſen beurkun⸗ — 78— dend, was ihre Lippen ausgeſprochen hatten. Nach einer kurzen Pauſe aber fuhr ſie fort: „Laſſen Sie uns nicht mehr über Herrn Greville ſprechen, Osmond, er iſt Ihr Freund und Sie ſind ihm Dankbarkeit ſchuldig; die aber verlangt nicht, daß ſie ihn als die einzige Richtſchnur von dem, was recht und gut iſt, betrachten.“ „Dieſe Richtſchnur ſind nur Sie mir, theure Mary,“ unterbrach ſie Osmond, von ihrem Enthuſiasmus ergriffen.„Ach wären Sie doch meine Schweſter, wären Sie doch ſtets, ſtets in meiner Nähe!—“ In dieſem Augen⸗ blick trat ein Diener herein und meldete, daß Herr Greville und ſein Vater ſeiner harrten. Er eilte hinaus. „Ach wären Sie doch meine Schweſter!“ hallte es noch lange in Mary's Seele nach.— „Schweſter— und warum immer nur Schwe⸗ ſter,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Wie oft muß ich dieſes Wort von ihm hören! welche Mühe giebt er ſich, mir das, was er für mich empfin⸗ det, in dem rechten Lichte zu zeigen!“ Sie ſann —— — 79— eine Weile nach, endlich kam ſie zu einem herzzerreißenden Entſchluß.„Er kennt meine Schwäche,“ dachte ſie,„er will mich in keiner Täuſchung laſſen. Ach Osmond, wie veraͤcht⸗ lich muß ich in deinen Augen erſcheinen!“ Sie bedeckte ihr brennendes Geſicht mit beiden Häͤnden, bis in das Innerſte ihrer Seele gedemüthigt. Sie hatte lange in dieſer Stel⸗ lung geweilt, da fühlte ſie ſanft ihre Schulter berührt; ſie wandte ſich und gewahrte Lady Arlington, die durch eine Nebenthür unbemerkt eingetreten und mehrere Augenblicke lang Zeuge der ſtummen und ſchmerzvollen Träumerei ihrer jungen Freundin geweſen war. „Und was für ein wichtiger Gegenſtand nimmt die Gedanken meiner theuren Mary ſo ganz in Anſpruch?“ fragte die Gräfin. Lady Mary verſuchte zu antworten, aber ſie vermochte es nicht, denn ihre Seele war ein Chaos. Endlich faßte ſie ſich, und entgeg⸗ nete auf die fortwährend dringende Bitte der Gräfin, ihr doch die Urſache dieſer Zerſtreuung 6„ mitzutheilen, daß ſie uͤber ihre lange Abweſen⸗ heit vom Hauſe, und von den Armen, die ihrer Wohlthat lebten, nachgedacht, und ſich, ſo gern ſie auch noch länger auf Arlington Park bliebe, entſchloſſen habe, unverzüglich zurückzukehren: „Morgen ſchon, theure Lady Arlington,“ ſprach Arlington eben im Begriff zu fragen, als eine ſie,„morgen ſchon will ich mich nach Richmond auf den Weg machen.⸗ „Morgen ſchon? das kann unmöglich Ihr Ernſt ſeyn,“ entgegnete die Gräfin, in einem Tone des leichten Vorwurfs. „Ich glaube wirklich, es wäͤre beſſer,“ er⸗ wiederte Lady Mary, aber ihre Stimme zitterte, als ſie dieſe Worte ſprach. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ war Lady heftige Thränenfluth den Augen ihrer jungen Freundin entſtrömte, und ihr den Zuſtand ihrer Seele nur zu deutlich verrieth. Sie bemühte ſich, die Weinende, die forteilen wollte, zurück⸗ zuhalten und zu beruhigen:„Aber doch morgen noch nicht, nicht ſo bald?“ 1 3 * 5 „Ja ja morgen!“ rief Lady Mary mit Hef⸗ tigkeit,„morgen mit dem Fruͤheſten!“ „Wenn es denn ſeyn muß,“ erwiederte die Gräfin mit einem Seufzer. Lady Mary, die ſchon der Thüre nah, bereit war das Zimmer zu verlaſſen, wandte ſich bei dieſen Worten, und ſich mit eiligen Schritten ihrer mütterlichen Freun⸗ din nähernd, erfaßte ſie die Hand derſelben, in⸗ dem ſie lebhaft ausrief:„Ach theure, theure Freundin, zürnen Sie nicht auf mich, verbinden Sie ſich nicht mit mir gegen mich ſelbſt, wenn Sie wüßten— wenn Sie den Kampf begreifen könnten, der in meinem Innern tobt, um mei⸗ nen Entſchluß wankend zu machen; mein Herz will mich hier zurück halten, aber ich darf ſei⸗ nen Eingebungen nicht folgen.* 2„Nur das einzige ſagen Sie mir„„theure Mary,“ fragte die Gräfin tiefbewegt,„hat Osmond etwa, hat ſeine Heftigkeit Sie viel⸗ leicht beleidigt?“ „O, nein— nein!“ rief Mary, ungedul⸗ dig jeden falſchen Verdacht von dem Liebling Osmond. I. Band. 6 — 82— ihres Herzens zu entfernen, er iſt edel— gut— denken Sie nichts Böſes von ihm— noch von mir. Wenn dieſe Schwäche nur erſt beſiegt ſeyn wird— es hat nichts damit zu ſagen— gewiß nicht.“ Sie verſuchte zu lächeln, aber vergebens. Der zärtliche theilneh⸗ mende Blick der Gräfin drang bis in das In⸗ nerſte ihres Herzens und rief auf’'s Neue ihre Thraͤnen hervor, ſie warf ſich laut ſchluchzend an die Bruſt ihrer Freundin. „O meine Mutter— meine theure Mut⸗ ter— mir mehr als Mutter!⸗ rief ſie, als Lady Arlington, tief bewegt, ſie durch abgebro⸗ chene Aeußerungen zu beruhigen ſuchte, die mit ihren eigenen Wünſchen nur zu ſehr uͤbereinſtimm⸗ ten:„Ihr werdet gewiß noch einmal vereint werden. Osmond kann gegen Ihren Vor⸗ zug nicht unempfindlich ſeyn. Er iſt es nicht— ich bin überzeugt, er iſt es nicht!“ waren Worte, zu lieblich klingend, als daß Lady Mary ſie mit Gleichgültigkeit hätte anhören können. Aber die Stunde der Pflichterfüllung hatte geſchlagen, ihre ———— Vernunft zu laut zu ihrem Herzen geredet, und einmal von der Wahrheit ihrer Stimme feſt überzeugt, gab es kein Weſen in der Welt, das in ſeinem Entſchluſſe feſter geweſen wäre, als Lady Mary Seymour. Sie entwand ſich auf's Neue den Armen der Gräfin:„Sie ſind Zeuge meiner Schwäche geweſen, Lady Arlington!“ ſprach ſie,„es iſt billig, daß ſie ſich nun auch von meiner Stärke überzeugen. Ja, ich liebe Osmond— wie wahr und innig weiß nur Gott und mein Herz; er aber liebt mich nicht.“ „Ich bin davon nicht überzeugt,“ fiel die Grä⸗ fin ein, im Begriff noch mehr beruhigende Worte hinzuzufügen. Lady Mary aber verhinderte ſie weiter zu ſprechen:„ich bin es!“ rief ſie,„zu lange nur habe ich mich der Täuſchung verräthe⸗ riſcher Gefühle hingegeben, es iſt Zeit dieſe trügeriſchen Phantaſiegebilde zu verbannen,— ich muß in meine Einſamkeit zurück, die mir oblie⸗ genden Pflichten der Wohlthätigkeit erfüllen, dann werde ich wieder glücklich ſeyn. Ja, Lady Arling⸗ ton, ich werde noch glücklich ſeyn, wenn auch 6* nicht hienieden.“„Kümmern Sie ſich nicht um mich, meine theure Freundin,“ fügte ſie hinzu, als ſie gewahrte, daß Lady Arlington kaum ihre Thränen zurückhalten konnte,„gewiß, Ihre Mary wird noch glücklich werden.“ „Gott gebe es,“ ſprach die Grafin, indem ſie die liebliche Dulderin zärtlich an ihre Bruſt drückte. „Ich vertraue ihm, der das Schickſal aller Sterblichen lenkt,⸗ entgegnete Lady Mary, mit leuchtenden Augen:„ich ergebe mich demuthsvoll in ſeinem Willen, er, der Ewige, wird Alles zu meinem Beſten fügen. Nicht ohne Gebet und Thränen zwar ſcheide ich von meinen liebſten Hoffnungen, denn ich bin ein ſchwaches Kind des Staubes;— aber es muß ſeyn, die Leiden⸗ ſchaft, die meine Bruſt erfüllt, muß bekaͤmpft werden; aber ich verliere meine Zeit in Worten, wo es zu handeln gilt. Laſſen Sie uns ſeiner nicht mehr erwähnen, meine theure Freundin, bemühen Sie ſich nicht mich hier zurückzuhalten. Morgen ſchon will ich fort; wenn wir uns wie⸗ derſehen, werden Sie mich heiter— und glück⸗ lich ſehen,“ wollte ſie ſagen, aber Thränen er⸗ ſtickten ihre Stimme, ſie konnte dieſe letzten Worte nicht über ihre Lippen bringen; ſie eilte hinaus auf ihr Zimmer, wo wir ſie nun kurze Zeit allein laſſen müſſen, nicht ſchwach und un⸗ entſchloſſen, ſondern muthig und durch⸗ den Glauben an eine Vorſehung geſtärkt, die Ge⸗ fuͤhle unterdrückend, die ſie bekämpfen zu müſſen glaubte. Lady Arlington war nicht völlig zufrieden mit dem Benehmen ihres Sohnes, obgleich Mary dieſen von jeder Schuld freiſprach. Tief bewegt von dem Auftritte, der ſo eben ſtatt gehabt hatte, und weil ſie es wünſchte, auch überzeugt, daß Osmond Neigung fuüͤr ſeine rei⸗ zende Couſine empfinde, beſchloß ſie eine Gele⸗ genheit wahrzunehmen, mit ihm über dieſen Ge⸗ genſtand zu ſprechen. Eine ſolche bot ſich ihr faſt früher dar als ſie es erwartet oder gewünſcht hatte, denn ſie hätte vorgezogen, zu dieſer Unterredung eine Zeit ab⸗ zuwarten, wo ihre Gefühle ruhiger waren, als ſie nach der Scene mit ihrer jungen Freundin ſeyn konnten. Kaum aber war ſie in den Garten hinabge⸗ ſchritten, kaum dort einigemal gedankenvoll auf und abgewandelt, als auch ſchon Osmond, von ſeinem Ritte zurückgekehrt, ihr entgegentrat; mit einem ſo heitern zufriedenen Geſicht, mit ei⸗ ner ſolchen Anmuth in ſeinem Benehmen, daß der mütterliche Stolz der Gräfin in dem erſten Augenblick jede andere Empfindung unterdrückte, und ſie nicht umhin konnte, ihm freundlich ent⸗ gegen zu lächeln, und den Arm zu nehmen, den er ihr zum ferneren Spaziergange darbot.„Aber wo weilt Lady Mary?“ fragte er, ſich hoffte ſie in Ihrer Geſellſchaft zu ſinden, und wollte Sie beide erſuchen, ſich mit uns zur Ausfuhrung eines Planes zu verbinden, den wir ſo eben auf unſerem Ritte entwarfen.“ Die Grafin fragte, von welchem Plane er ſpräche. „Greville,“ fuhr Osmond fort,„hat Luſt ein Paar Wochen zu Haſtings zuzubringen, ich will mit dort hin, und da möchte ich Sie überreden, uns zu begleiten, wenn gleich der Vater zurück⸗ bleibt. Morgen ſchon machen wir uns auf den Weg und“— Der Plan wäre ſo uübel nicht,“ unterbrach ihn Lady Arlington,„doch zeigen ſich einige Hinder⸗ niſſe: ich würde ohne Deinen Vater nicht mitge⸗ hen, und Lady Mary hat auf Morgen ihre Rück⸗ kehr nach Richmond feſtgeſetzt.“ „Auf morgen ſchon?⸗ fragte Osmond er⸗ ſtaunt,„ſie ſprach ja kein Wort davon.“ „Sie ſcheint ſich plötzlich dazu entſchloſſen zu haben,“ erwiederte die Gräfin. Osmond ſchwieg verwundert einen Augenblick lang, dann fragte er:„Wiſſen Sie vielleicht, meine Mutter, was dieſen ſchnellen Vorſatz herbeiführte?“ Eine bejahende Antwort war ſchon im Begriff den Lippen der Gräͤfin zu ent⸗ ſchlüpfen, aber ihr eigenes Zartgefühl und die Rückſicht, die ſie ihrer jugendlichen Freundin ſchuldig zu ſeyn glaubte, bewogen ſte nur im allgemeinen zu entgegnen:„daß Lady Mary jetzt ſchon länger als ſie ſonſt zu thun pflegte, bei ih⸗ nen geweilt hätte, und daß ſie ſehnlich wünſche, nach Hauſe zurückzukehren, um die Pflichten zu erfüllen, die dort ihrer harrten.„Du haſt alſo, 8 — —— — 839— wie Du ſiehſt, Osmond,“ fuhr ſie fort,„einen recht guten Plan entworfen, denn ich glaube un⸗ ſer Haus möchte Dir nur wenig Freude darbieten, wenn ſich die theure Lady Mary entfernt haben wird,“ ſie ſah auf ihn mit einem forſchenden Blick. „Lady Mary's Geſellſchaft kann mir aller⸗ dings nicht anders als ſehr angenehm ſeyn,“ er⸗ wiederte Osmond,“ und eine hohe Röthe über⸗ flog ſeine Wangen. „Nur ſehr angenehm? etwas mehr dächte ich, Osmond, ſiel Lady Arlington ein,„wenn ich nach dem Eifer ſchließen ſoll, mit dem Du ihren Umgang aufzuſuchen bemüht warſt.“ „Ich hoffe doch, daß dieſer Eifer nicht auf⸗ fallend war,“ bemerkte Osmond mit einigem Zögern.„Das kommt auf Deine Ab ſichten an,“ entgegnete die Gräfin.„Auf meine Abſichten?“ wiederholte Osmond,„ich verſtehe Sie nicht, Mutter, ich bitte Sie, ſich deutlicher zu erklären. Lady Mary kann über mein Betragen gegen ſie nie zweifelhaft geweſen ſeyn.“ Er ſprach dieſe Worte mit großem Ernſte. — 90— Eben ſo ernſthaft aber erwiederte Lady Ar⸗ lington:„Ich habe nicht den mindeſten Grund zu vermuthen, daß Lady Mary durch Dein Betragen getäuſcht ward, denn ich habe ſie von Dir nie anders als mit der größten Achtung ſprechen hö⸗ ren. War es aber nur einer augenblicklichen Un⸗ terhaltung wegen, daß Du ihr nicht bloß jetzt, ſondern auch ſchon im vergangenen Sommer eine ſo ungetheilte Aufmerkſamkeit bezeigteſt, dann Osmond, ich muß es Dir aufrichtig geſtehen. haſt Du miich getäuſcht.“ Der junge Mann ſchien über dieſe Rede ſo ſehr erſtaunt, daß er anfangs keine Sylbe zu er⸗ wiedern vermochte; ein Schweigen, welches La⸗ dy Arlington nicht unterbrach, denn ſie hoffte die Verwirrung und Reue, die, wie ſie glaubte, jenes veranlaßt hätten, würden eine günſtige Er⸗ klärung ſeinerſeits herbeiführen. Endlich brachen Osmonds Gefühle in Worte aus. Aber er äußerte ſich nicht ſo, wie es die Gräfin gewünſcht hatte, ſondern wie es die Männer bei ſolchen Gelegenheiten zu thun pfle⸗ ———ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—Fñ·—— — 91— gen; er beklagte ſich bitter über ſein unglückliches Geſchick.„Ich liebe die Geſellſchaft der Gebilde⸗ ten Ihres Geſchlechts;“ ſprach er,„von dem Schickſal in die Näͤhe einer liebenswuͤrdigen, ge⸗ fühlvollen Verwandten geführt, darf ich ſelbſt nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit üben— „Höflichkeit ſo viel Du willſt,“ unterbrach ihn die Gräfin, mit einem Läͤcheln. Aber von der Freundſchaft, von der Ach⸗ tung, die ich für ſie hege, darf ich nicht ſprechen,“ fuhr Osmond fort.„Ich darf dem unſchuldigen Vergnügen, welches mir ihr Umgang gewährt, nicht nachleben, ſonſt iſt gleich von einer Abſicht die Rede— wie thörigt und lächerlich eine ſol⸗ che auch immer wäre.“ Osmond hatte ſich durch dieſe lebhaft aus⸗ geſprochenen Worte in eine ungemeine Leiden⸗ ſchaftlichkeit verſetzt. Nicht etwa, daß er ſich durch einen falſchen Verdacht gekränkt füͤhlte, ſondern weil er, da er ihn gewiſſermaßen zu verdienen ſich bewußt war, fürchtete, Andere möchten von der Gründlichkeit deſſelben eben ſo überzeugt werden, als er es ſelbſt war. „Es ſchmerzt mich, Osmond,“ nahm die Gräfin nach einer kurzen Pauſe das Wort,„aus Deinem Munde eine ſo unwürdige Entſchuldigung für eine Betrogene zu hören, welche, wie Du ſelbſt fühlen mußt, einer Erklärung bedurfte.“ „Glauben Sie, daß Lady Mary eine ſolche wünſcht?“ fragte Osmond lebhaft. „Keinesweges,“ erwiederte Lady Arlington mit großer Ruhe; ſie ſprach, wie ich Dir noch eben bemerkte, von Dir nie anders als mit der größten Achtung. Aber was beweiſt das, Os⸗ mond? Kannſt Du, kann ich ihre Gedanken er⸗ rathen? Du aber weißt ſo gut wie ich, was die natürlichen Wünſche und Erwartungen eines je⸗ den jungen Mädchens ſind und ſeyn müſſen; kennſt aber vielleicht nicht ſo gut die Zärt⸗ lichkeit, die Wärme, mit der ein gefühlvolles weibliches Herz die Hoffnungen nährt, die Ihr Männer nur zu leicht hineinpflanzt, und die nur zu oft getäuſcht werden, Eurer Eitelkeit zum ———᷑—᷑—ÿ—ꝭQ—˖˖— —, 93= Spiel dienend, wo dann Thränen und Seuf⸗ zer— vernichtete Geſundheit und Elend die Folgen ſind, die der Herr der Schöpfung noch obendrein nicht ſelten zu verſpotten pflegt.“ „Großer Gott, Mutter!“ rief Osmond heftig,„ſoll das mein Bild ſeyn, werfen Sie mich zu jenen verächtlichen Geſchöpfen, die von der Menſchheit nichts als den Stempel tragen?“ „Ruhig, Osmeond,“ erwiederte die Gräfin, „mit Heftigkeit einer Anklage begegnen, wenn anders, was hier nicht der Fall iſt, eine ſolche ſtatt findet, heißt nicht ſie widerlegen; manche jener verächtlichen Geſchöpfe, deren Du erwähnſt, dürften, wenn man Beſchwerde gegen ſie führte, mit gleicher Lebhaftigkeit aufbrauſen.“ „Nur das frag' ich Sie“— fiel Osmond ein, ſchnell ſich indeß beſinnend, fuhr er fort: „Aber es wäre unnütz Ihnen die Frage zu thun, Sie ſind ſo eben der Antwort ausgewichen. Ich will— ja ich will mein Herz der Lady Mary eröffnen— ſie verdient mein Ver⸗ trauen— ich will ihr ſagen, was meine Seele — 94— nun ſchon ſo lange belaſtet, ſie wird mich nicht verdammen!! 1 So ſprechend, verließ er ſeine Mutter und eilte auf ſein Zimmer, wo er nach kurzem Nach⸗ denken beſchloß, ſich der Lady Mary ſchriftlich mitzutheilen, ein Entſchluß, den er unvorzüglich in Ausführung zu bringen verſuchte. „Aber erſt nachdem er mehrere Briefe angefangen und wieder zerriſſen hatte, gelang es ihm ein Schreiben zu vollenden, welches er ſeiner Freundin im Laufe des Tages übergeben wollte. Er fuhlte, das ſein Vorhaben ſeltſam ſey, und was es eigentlich bewirken ſollte wußte er ſelbſt nicht. Sein Wunſch aber ſich in den Au⸗ gen der Lady Mary zu rechtfertigen, beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatze, und als er ſie Abends ſah— ſie war zum Mittagseſſen nicht erſchie⸗ nen— wollte er ſich ihr nähern um ihr ſein Schreiben zu überreichen. Keine Gelegenheit aber ſchien dazu vorhanden, denn die Unterre⸗ dung war zu allgemein, und der Kreis der Ge⸗ — — 95— ſellſchaft zu beſchränkt, als daß er ihre beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit hätte in Anſpruch nehmen können. Schon fürchtete er genöthigt zu ſeyn, ſein Vorhaben wenigſtens für dieſen Abend aufzuge⸗ ben, als Lady Mary plötzlich, ein Unwohlſeyn vorgebend, aufſtand und das Gemach verließ. Osmond eilte ihr nach und holte ſie vor der Thur des Bücherzimmers ein. Als ſie raſche Schritte hinter ſich vernahm, wandte ſie ſich, und Osmond erkennend lächelte ſie und wünſchte ihm eine gute Nacht, denn ſie glaubte er wolle ſich auf ſein Zimmer begeben. Osmond aber erfaßte bewegt ihre Hand und zog ſie ſanft in die Bibliothek. Vergebens nur rief die arme Mary ihrem laut pochendem Herzen zu, doch ruhig zu ſeyn. Nur ein— nur ein einziger entzückender Gedanke erfüllte es, daß der ſo lange her erſehnte Augenblick, der wichtige Augenblick, der ihrem irdiſchen Leben eine überirdiſche Seelig⸗ keit verſprechen ſollte, endlich, endlich gekommen 4* ſey, war alles, was ihre Phantaſie ihr zu den⸗ ken erlaubte. „Ich— ich wünſche mit Ihnen einige Worte zu reden, Lady Mary,“ begann endlich Osmond, als Beide in namenloſer Verlegen⸗ heit einige Augenblicke ſchweigend einander ge⸗ genüber geſtanden hatten.„Meine Mutter ſagt mir, daß Sie uns ſchon morgen verlaſſen wollen.“ Mary neigte bejahend ihr Haupt, ſie wag⸗ te nicht etwas zu erwiedern. 3 „So erlauben Sie mir“ fuhr er fort, in⸗ dem er das Schreiben hervorzog,„Sie zu er⸗ ſuchen, dieſe ſchriftliche Mittheilung zu leſen. Ich fühle, daß es nicht das enthält, was ich Ih⸗ nen zum Abſchiede hätte ſagen ſollen, aber,“— dies ſprach er mit ungemein zitternder Stimme, „es iſt Alles, was ich Ihnen ſagen darf.“ Bei dieſen letzten Worten ergriff er aufs Neue ihre Hand, und ſchon hatte er ſie faſt bis an ſeine Lippen gebracht, als er ſie plötzlich mit einem tiefen Seufzer wieder fahren ließ und zum Zimmer hinauseilte. — 97— Die ſchmeichelnde Täuſchung, in welche der Anfang ſeiner Rede die arme Mary verſetzt hatte, war von ſeinen letzten Worten auf das Grauſamſte wieder zerſtört worden. Eine furcht⸗ bare Ahnung ließ ſie ihrem Gemache nur lang⸗ ſam zuſchreiten, und bewog ſie, das Schreiben auf den Tiſch zu legen, und ſich, bevor ſie es öffnete, einige Minuten lang zu bemühen, die trügeriſchen Hoffnungsflammen, die noch immer in ihrer Bruſt auflodern wollten, zur Ruhe zu bringen. Endlich faßte ſie den Brief, löſte das Sie⸗ gel mit verzweiflungsvoller Haſt, und las wie folgt: „Meine theure Mary! Mit einigem Erſtaunen und mit großer Be⸗ küͤmmerniß erfuhr ich an dieſem Morgen von meiner Mutter, daß Sie geſonnen ſind, uns ſo bald zu verlaſſen.“ „Wie mich die Trennung von Ihnen ſchmerzt, vermag der nicht zu beſchreiben, dem ſo man⸗ che troſtreiche Stunde in Ihrer gemüth⸗ und Osmond. I. Band. 7 1 — 98— geiſtvollen Nähe ward. Wie verlangte mich ſtets nach Ihrer Gegenwart! aber ich muß aufrichtig ſeyn.— Abgeſehen von den Freund⸗ ſchaftsgefühlen, die Sie mir zu nähren erlaub⸗ ten, hatte ich noch einen andern Beweggrund, der mich antrieb, Ihren Umgang zu ſuchen. Einen eigennutzigen in der That! Ich wollte Ihren Rath, Mary, in einer Angelegen⸗ heit, die mich in eine unbeſchreibbare Verlegen⸗ heit geſtürzt hat. Jene aber war von einer ſolchen Art, daß es mir, oft im Begriff mich darüber gegen Sie auszuſprechen, dennoch im⸗ mer wieder unmöglich ward, Ihnen mein Ge⸗ heimniß zu entdecken, auch vermag ich, ſelbſt in dieſem Augenblick, deſſelben nur obenhin zu erwähnen.“ „Während meines Aufenthaltes zu Woodhorſt machte ich die Bekanntſchaft eines jungen, aber ſehr liebenswürdigen Mädchens. Ich hing bald mit Leidenſchaft an ihr, und hatte nur zu ge⸗ gründete Urſache zu glauben, daß meine Liebe erwiedert ward.“ — 909— „Ihre Familie iſt achtungswerth, aber von einem Stande, niedriger als der, in welchem ich der geſelligen Ordnung zufolge meine künf⸗ tige Lebensgefährtin ſuchen darf. Dieſe Be⸗ trachtung erſtieg indeß erſt dann in meiner Seele, als— doch theure Mary, ich vermag es nicht auszuſprechen. Denken Sie mich durch meine eigne Leidenſchaft in eine Lage geſtürzt, die entweder auf dieſer oder jener Seite ein Opfer von mir verlangt. Ich habe das unſchuldige Herz der Liebevollſten, Reizendſten ihres Geſchlechts gewonnen; durch unermüdete Aufmerkſamkeit, durch gränzenloſe Liebe, durch alle Mittel der Verführung, die einem Manne zu Gebote ſtehen, habe ich es mir zu eigen gemacht. Aber die Welt, Mary! mein Vater, meine Familie! was würden ſie zu einer ſol⸗ chen Verbindung ſagen? Selbſt meinem eige⸗ nen Stolze, darf ich ihm trauen? Ich fürchte mich rechtlich— ja ich könnte ſagen, menſch⸗ lich zu handeln. Schande, Schande über den Feigherzigen. Aber ich kann nicht weiter.— — X 7 4 — 190— Der Kampf, den die Zeit in etwas beruhigt hatte, iſt wieder in mir erwacht, und mein Gewiſſen erhebt ſich, mich auf's Neue zu ver⸗ folgen.“ „Theure, theure Mary! Sie ſind ſo oft meine Rathgeberin geweſen, zeigen Sie mir einen Ausweg aus dieſem Labyrinth. Verzei⸗ hen Sie die Freiheit dieſer Bitte, und beru⸗ higen Sie durch einige tröſtende Worte Ihren unglücklichen Osmond.“ Als Lady Mary das Schreiben zu Ende ge⸗ leſen hatte, entſank es ihrer Hand. Brauchen wir unſere theilnehmenden Leſer noch die Schwäche ihres Herzens zu bekennen? Haben wir nöthig, zu verſichern, daß eine Thränen⸗ fluth den Augen des liebenden Mädchens ent⸗ ſtrömte? Lange, lange hing ſie den ſchmerzvol⸗ len Empfindungen nach, welche die Ueberzeu⸗ gung von der völligen Vernichtung ihres Glücks über ſie herbeifuhrte. „Alles iſt nun dahin,“ ſprach ſie endlich, als 101— ihr Schmerz wieder Worte finden konnte, in⸗ dem ſie den Brief vom Boden aufnahm;„das Geheimniß iſt nun entſchleiert! Mein Entſchluß war ja gefaßt— dies kommt gelegen mich darin zu beſtärken. Sey ruhig, ſey ruhig mein Herz!— gieb mir Zeit zur Beſtimmung,“ bat ſie dann ſchweigend, während ſie den Be⸗ richt von ſeiner Liebe noch einmal las oder wenigſtens zu leſen verſuchte. Aber es war zu viel, zu viel. Sie konnte den Gedanken er⸗ tragen, von ihm nicht geliebt zu werden; die Ueberzeugung aber, daß er leidenſchaftlich einer Andern hingegeben war, ſchnitt tief, tief in ihr Herz.„O Natur! arme, ſchwache, menſch⸗ liche Natur!“ rief ſie,„bedurfte es einer ſol⸗ chen Lehre, um mir von Deiner Schwäche ei⸗ nen Beweis zu geben?— Dies Gefühl der Demüthigung aber wird ſchwinden, nicht immer wird es mir an Stärke fehlen.“ So ſprechend ſchritt ſie raſch einigemale im Zimmer auf und ab, bemüht den Sturm, der im Innern wogte, zu beſchwichtigen.„So giebt es doch hienie⸗ den,“ ſprach ſie endlich,„noch eine Andere, die wie ich leidet!— wie ich!— Großer Gott, was ſprach er von ihr!“ ein Schauder durchflog ihre Glieder. Bebend und kaum im Stande, durch die Thränen zu blicken, die ihre Augen füllten, nahm ſie den furchtbaren Brief wieder zur Hand,„durch alle Mittel der Verfuhrung, die einem Manne zu Gebote ſtehen,“ wiederholte ſte mit zitternder Stimme; ſie verweilte mit Todesangſt bei dieſen Worten. Der jammer⸗ volle Zuſtand, in dem er zurückgekehrt war, die Reue und Schaam, mit der er eines Verbrechens zu gedenken ſchien, alles, alles ſprach nur zu deutlich.„Das arme, unglückliche Mädchen! Osmond! Osmond!“ rief ſie und ein tiefer Seuf⸗ zer entſtieg ihrer Bruſt bei dem Gedanken, daß er, den ſie geliebt hatte, den ſie noch liebte, ſich und ein unſchuldiges Geſchöpf in Elend und Schande geſtürzt habe. 3 „Was ich nun aber zu thun habe, iſt klar wie der Tag! ich habe nur einen einzigen Rath zu — 103— geben.“ So ſprechend trat ſie raſch an ihren Schreibtiſch, beſorgt, eine Rückkehr ihrer weib⸗ lichen Schwäche möchte ſie in ihrem muthigen Entſchluſſe wankend machen. Sich aber ſo ganz in ihm getäuſcht zu haben! Die Feder entſank ihrer Hand, noch bevor ſie es vermocht hatte auch nur einen einzigen Buch⸗ ſtaben hinzuzeichnen.„Vergieb mir, o Vater im Himmel, dieſe neue Schwäche!“ ſpäterhin mit emporgehobenen Blicken, ANehre Du mich Ergebung! ſtärke, o ſtärke mich dieſen quälenden, ſelbſtſüchtigen Gedanken zu widerſtehen!! Sie erfaßte muthig die Feder wieder und ſchrieb an Osmond folgenden Brief: „Sie haben mir unendlichen Kummer verur⸗ ſacht, Osmond, nicht nur durch das Bekennt⸗ niß einer großen Schuld, ſondern auch durch die Ueberzeugung die mir Ihr Schreiben gewährt, daß Sie auch nur einen Augenblick Anſtand neh⸗ men, den Schritt zu thun, den Ihnen Ehre und Menſchlichkeit gebieten. Ich kann nicht ſo arg von Ihnen denken, als zu glauben, daß Sie — 104— wirklich üͤber das, was Sie zu thun haben, zwei⸗ felhaft ſind, oder daß Sie ihre Pflichten gegen Gott und gegen die Menſchen auf derſelben Waage wägen wollen. Wenn dieſes aber der Fall ſeyn ſollte, o da beſchwöre ich Sie, nicht länger zu überlegen, ſondern unverzüglich zu thun, was Tugend von Ihnen fordert. Es iſt Ihres ewigen Friedens, Ihrer innern Ruhe we⸗ gen, die Glückſeligkeit des von Ihnen gekränk⸗ ten Geſchöpfes verlangt es; ein ſolcher Schritt wird, wenn dies anders einen Werth für Sie hat, Ihnen auch meine fernere Achtung zuſichern. Ihre Freundin Mary Seymour.“ So rein, ſo beſeligend iſt das Gefuhl er⸗ füllter Pflicht, daß es die Frage geweſen wäre: ob Lady Mary, wenn ſie ſtatt dieſes Briefes die Beantwortung einer Liebeserklärung Osmonds verſiegelt hätte, ſich zufriedener gefühlt haben würde, als es jetzt der Fall war. Sie hatte eben die Aufſchrift des Schreibens vollendet, als ein leiſes Pochen an ihre Thür ihr einen Beſuch verkündigte. Es war ihr ge⸗ — 105— rade nicht unangenehm, aber es machte ſie doch ein wenig beſtürzt, als ſie gewahrte, daß Lady Arlington, denn dieſe trat herein, gerade jetzt erſchien. „Ich weiß, Osmond hat mit Ihnen geſpro⸗ chen,“ begann die Gräfin. Lady Mary aber unterbrach ſie. 3 Es iſt alles vorüber, meine theure mütter⸗ liche Freundin!“ ſprach ſie.„Osmond hat ſich gegen mich erklärt; ich habe ihm nichts vorzu⸗ werfen, aber ich bitte Sie, erſparen Sie mir weitere Auseinanderſetzung.— Ich habe alle Anſtalten zu meiner morgenden Abreiſe getrof⸗ fen, und will ſo früh als möglich fort. Erlau⸗ ben Sie mir jetzt Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ So ſprechend warf ſie ſich an die Bruſt der Gräfin, küßte ihre Wange, wand ſich dann von ihr los, und bat ſie, ſie allein zu laſſen. „Böſe, böſe Mary!“ rief die Gräfin, als ſie aber noch einen Blick auf die Dulderin richtete, und den innern Kampf gewahrte, von dem ihr Geſicht zengte, fuhr ſie, indem ſie die Leidende — 106— innig an ihre Bruſt drückte, mit großer Zaͤrtlich⸗ keit fort.„So lebe dann wohl, Du theures Mädchen, Gott ſegne Dich!“ mit dieſen Wor⸗ ten verließ ſie das Gemach. „Die Prüfung iſt geendet,“ ſprach Lady Mary,„am morgenden Abend ſchon, wird mich fern von dieſem gefährlichen Orte meine fried⸗ liche Wohnung umſchließen.“ Aber noch nicht ganz war die Prüfung über⸗ ſtanden, noch ein Auftritt harrte ihrer, den ſie durch ihre frühere Abreiſe zu vermeiden gehofft hatte: ſie ſollte Osmond noch einmal ſehen. Ihre Abſicht ahnend ſchritt er in der Halle auf und ab, als Lady Marxy mit ihrem Kammer⸗ maädchen die Treppe herabkam, um in den Wa⸗ gen zu ſteigen. Sie fuhr zuſammen, als ſie ihn erblickte, ſuchte ſich aber zu faſſen, und nahm den Arm, den er ihr darbot, ohne ihm indeß, wie er es wünſchte, in die Bibliothek zu folgen. „Wollen Sie denn nicht zuvor frühſtücken?“ fragte er. Sie ſtammelte ein ſchwaches aber beſtimmtes — 197— „Nein“ hervor, und übergab ihm den Brief, den ſie geſchrieben hatte, und den ſie ihm erſt von der nächſten Poſt zukommen laſſen wollte. „Ich habe Ihnen meinen Rath gegeben, weil Sie ihn verlangten,“ ſprach ſie, ⸗nicht weil ich glaubte, daß Sie deſſelben bedürften. Es würde mir Ihretwegen leid thun, wenn Sie bei einer ſo einfachen Sache auch nur im geringſten zwei⸗ felhaft wären.“ Osmond erröthete, als er den Brief nahm. Da er aber bemerkte, daß ſie gleich darauf wei⸗ ter ſchritt, ſteckte er das Schreiben ſchnell zu ſich und reichte ihr ſeinen Arm, um ſie zum Wa⸗ gen zu führen. „Vielleicht erlauben Sie mir, Ihnen den Ver⸗ folg dieſer— ſtammelte er verlegen. „Ich werde ſtets mit Theilnahme Nachrichten von Ihnen empfangen,“ unterbrach ihn Lady Mary und ihre Hand ſchnell aus der ſeinen zie⸗ hend, eilte ſie in den Wagen. „Nur einen Augenblick noch,“ rief Osmond, im Begriff dem Diener, der die Wagenthüre 2— 105— ſchließen wollte, in den Weg zu treten;— als er aber auf die ſcheidende Freundin blickte, ſah er, daß ſie ihr Tuch vor dem Geſichte hielt, und auf ihren Sitz zurückgeſunken, ihm mit der Hand winkte, ſo, als geböte ſie ihm, ſie nicht länger aufzuhalten. Err gab dem Diener ein Zeichen ſeine Pflicht zu thun, und nach einem letzten, von beiden Seiten leiſe ausgeſprochenen„Leben Sie wohl!“ rollte der Wagen von dannen. Erſt nach einer Weile war Osmond im Stande den Brief zu öffnen, den ihm Lady Mary über⸗ gab, ihre Wocte hatten ihn auf den Inhalt des⸗ ſelben vorbereitet. Endlich aber lößte er das Siegel, und der Entſchluß dem Gebot der Pflicht und der Ehre zu folgen, ſtand nun unwandel⸗ bar feſt in ſeinem Herzen. „Ja, ich will Dir gehorchen, Du reine Seelel“ rief er aus,„ich will edel handeln!— edele arme Karoline, recht iſt das richtigere Wort!“ — 109— VII. Es dürfte jetzt nothwendig ſeyn, unſern freund⸗ lichen Leſer mit dem weiblichen Weſen bekannt zu machen, zu dem Osmond im Geiſte die am Schluſſe des letzten Abſchnitts erwähnten Worte ausſprach, zu welchem Ende wir die Begebenhei⸗ ten erzählen müſſen, die während ſeines langen, geheimnißvollen Aufenthaltes zu Woodhorſt ſtatt fanden. Den Beweggrund, der ihn auf jenes Jagd⸗ ſchloß führte, haben wir ſchon berichtet; aber wenn auch derſelbe ſtark genug war, um ſich auf eine Zeitlang dorthin zu verbannen, würde ihn doch der einſam gelegene Ort gewiß nicht lange gefeſſelt haben, hätte der Zufall ihm nicht einen mächtigen Magnet in den Weg geführt. 8 — 110— Kaum war es in der Gegend bekannt gewor⸗ den, daß er ſich dort aufhalte, als er auch von allen bedeutenden Perſonen der Nachbarſchaft, die er ſämmtlich von der Jagdzeit her kannte, Beſuche erhielt. Da er aber glaubte, daß ſein Aufenthalt nur von kurzer Dauer ſeyn würde, nahm er eben nicht viel Notiz von ihnen, und durchſtrich am Morgen die Flur, ſeine Jagdflinte auf dem Rücken, und verbrachte den Abend mit ſeinen Büchern, alle Einladungen ablehnend. So war faſt ein Monat vergangen und ſchon dachte er daran, nach der Hauptſtadt zurückzu⸗ kehren, als er eines Tages beſchäftigt die Karten durchzuſehen, die bei ihm abgereicht worden wa⸗ ren, einen Namen fand, der ihm völlig unbe⸗ . kannt war.„Herr Elton, auf Primroſe Cottage,“ wiederholte er, auf die Karte blickend, und ver⸗ gebens darüber nachſinnend, wer Herr Elton ſeyn könne. Er zog die Klingel und erfuhr auf ſeine Nach⸗ frage, daß die Karte geſtern abgegeben worden ſey und daß Heer Elton ſich erſt vor kurzem in ——— dieſer Gegend niedergelaſſen, und eine Miſſ Smith aus der benachbarten Stadt geheirathet habe. Der Name Smith rief in Osmonds Seele eine Reihe komiſcher Erinnerungen wach, denn er hatte vor einem Jahre auf einem Balle in jenem Städtchen die erwähnte Miſſ Smith kennen ge⸗ lernt, die damals ſein galantes Benehmen gegen ſie für eine Liebeserklärung nahm, wodurch meh⸗ rere lächerliche Auftritte herbeigeführt wurden. Die Höflichkeit erforderte indeß, bevor er nach London zurückkehrte, eine Erwiederung dieſes Beſuchs. Soviel er ſich erinnern konnte, war die jetzige Miſtreß Elton damals ein gutmüthiges Mädchen, recht niedlich, aber ohne beſondere Reize, ſcharf und raſch in ihren Beobachtungen, aber ohne Geſchmack und affectirt; dies Letztere indeß offenbar mehr, weil ſie nicht wußte, wie ſie ſich geltend machen ſollte, als aus Mangel an Verſtand. Da Osmond neben anderen eben nicht lobens⸗ werthen Neigungen auch einen großen Hang be⸗ — 142— ſaß, ſich uͤber Andere luſtig zu machen, machte er ſich nach Primroſe Cottage auf den Weg, in der Hoffnung, die Erneuerung dieſer alten Bekannt⸗ ſchaft werde ihm einige unterhaltende Stunden gewähren. Schon hatte er eine bedeutende Strecke nach der ihm bezeichneten Richtung hin zurückgelegt und er glaubte nun bald an Ort und Stelle ſeyn zu müſſen. Er blickte nach allen Seiten, aber er ſah keinen Gegenſtand, der dem Begriffe, den er ſich von Primroſe Cottage gemacht hatte, entſprach. Endlich erblickte er, ein mit grellen Farben angeſtrichenes Häuschen rechts am Wege, und wenn er des geſchmackloſen. Ballanzuges der Miſſ Smith gedacht, konnte er nicht länger zweifeln, daß dieſes ihre Woh⸗ nung ſey.— Er fragte und erfuhr, daß er ſich nicht ge⸗ irrt hatte, denn ein kleines ſchmutziges Mädchen, welches die Schwelle kehrte, ſprang ihm voran und deutete auf die Thür eines Zimmers, in⸗ dem ſie dabei ausrief:„nur da hinein.“ So zu der Ueberzeugung geführt, daß hier eben keine Foͤrmlichkeiten nöthig wären, folgte Osmond dem Wink der Landnimpfe, und klopfte leiſe an die ihm bezeichnete Thür. Eine weit angenehmere Stimme, als, ſoviel er ſich erin⸗ nern konnte, die vormalige Miſſ Smith beſaß, rief ein freundliches„Herein!“ Er öffnete die Thuür, trat ins Gemach und erblickte— nicht Miſtreß Elton, ſondern das reizendſte Mädchen, welches je ſeine Augen ſchauten, am Boden ſitzend und mit ein Paar Kindern von vier bis fünf Jahren ſpielend. Sie ſprang bei dem Ein⸗ tritt eines Fremden in großer Verwirrung em⸗ por, verſicherte, ſie würde Miſtreß Elton ſo⸗ gleich herbeirufen und eilte von dannen. Die Kleinen blickten den Stöhrer ihres Spiels einen Augenblick lang ſchweigend an, endlich aber ſchien ihnen die Zeit lang zu werden, und das kleine Mäͤdchen rief:„Schweſter! Schweſter!“ „War das Deine Schweſter, die eben hinaus ging, Du Kleine?“ fragte Osmond. „Unſere Schweſter, ja ja!“ antwortete der Knabe. Oemond. I. Vand. 8 — 414— »Und wie heißt Du kleiner Bube?“ „Fritz Lascelles,“ war die Antwort,„und das da iſt Käthe,“ hier deutete er auf das kleine Maͤdchen. Es waren ein Paar liebliche Kinder, und ſo kurz auch nur der Blick geweſen war, mit dem Osmond die Herausgeeilte betrachtet hatte, glaubte er doch in ihrem reizenden Geſicht eine Ahnlichkeit zwiſchen ihr und den Kleinen bemerkt zu haben. Er harrte ungeduldig ihrer Rückkehr, denn er wünſchte ſich zu überzeugen, ob ihn ſeine Au⸗ gen getäuſcht hätten, oder ob er wirklich eine Schönheit geſchaut habe, wie er ſie fruͤher noch nie erblickte. Endlich hörte er eine Stimme draußen, welche die Magd ſchalt, daß ſie ihr Reinigungsgeſchäft nicht früher verrichtet habe, und gleich darauf trat Miſtreß Elton ins Zimmer, von der anmu⸗ thigen Erſcheinung begleitet, die ſo ſchnell wieder vor Osmonds Augen verſchwunden war. Os⸗ mond erwiederte den herzlichen Händedruck der Miſtreß Elton, ſeine Blicke aber waren dabei auf ihre Gefährtin gerichtet, welche jene ihm leichthin als Miſſ Lascelles vorſtellte. Dieſer zweite Blick war entſcheidend, denn er beſtärkte ihn in der Ueberzeugung, daß das rei⸗ zende Weſen, welches er je geſehen hatte, vor ihm ſtehe. 5 Ihre Geſtalt war leicht und zart, aber unge⸗ mein regelmäßig geformt; ein Bildhauer hätte kein vollkommneres Modell, ein Maler kein ſchö⸗ neres Geſicht wünſchen können. Kein Ueberfluß ſteif gekräuſelter Locken verbarg auch nur einen einzigen der himmliſchen Züge deſſelben, keine Kunſt, kein Studium war ſichtbar, natürlich wog⸗ ten die leichtbeweglichen Löckchen um Stirn und Hals; dennoch ſchien ein ſchlaues Lächeln, wel⸗ ches den kleinen Mund umzogen hielt, und ein verſtohlner Blick ein ganz klein wenig Koketterie zu verrathen. Es waren die ſiebzehn Jahr in ihrer vollen Bluͤthe, denn höchſtens dieſes Alter ſchien die Herrliche erreicht zu haben. Vergebens bemühte ſich Miſtreß Elton, Os⸗ S* — 11416— monds Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und eine Unterredung zu beginnen, er ſtand da wie ein Träumender, und ſchien nur Augen für ihre liebliche Begleiterin zu haben, welche zu ſeinem großen Mißvergnügen bemerkte, daß ſie nun nach Hauſe müſſe. „Aber Sie haben ja meinen Mann noch nicht geſprochen,“ nahm die Frau vom Hauſe ernſthaft das Wort,„er wünſcht mit Ihnen zu reden, um Ihnen ein Buch zu empfehlen, welches Sie, wie er meynt, leſen ſollten.“ „Ach, er leiht mir ja ohnehin alberne Bücher genug,“ entgegnete lachend die Liebliche. „Alberne Bücher!“ wiederholte Miſtreß Elton in einem etwas unmuthigen Tone. „Ach, nein nein, nicht alberne,“ erwiederte Miſſ Lascelles, ſo als wollte ſie ihre fruhere Bemerkung verbeſſern;„nicht die Bücher ſind albern, ich bin es, ich kann von den alten rö⸗ miſchen Kaiſern kein Wörtchen, nicht einmal von einem Tage auf den andern behalten. 6 Osmond lächelte über das Naive der Antwort. —— — — 112— In dieſem Augenblick begegneten ſeine Blicke den ihren, und auch die Holde lächelte; ſchnell aber ſich beſinnend bemühete ſie ſich wieder etwas ernſthafter auszuſehn. „Welch ein bezauberndes Geſchöpf!“ dachte Os⸗ mond,„wie glücklich wäre ich, könnte ich ſie nach Hauſe begleiten!? Während er aber noch üͤber die Möglichkeit eines ſolchen Vorhabens nachdachte, hatte ſie das Kegelſpiel des Knaben bereits in ein Käſt⸗ chen geräumt, ihr eignes Hütchen und das des kleinen Mädchens zurecht geſetzt, der Miſtreß Elton freundlich die Hand gereicht, den beiden Kindern,„kommt, kommt!“ zugerufen, ſich leicht gegen Osmond verneigt, und fort war ſie mit der Schnelligkeit eines Vogels, den jungen Mann ſo beſtürzt zurücklaſſend, daß er kaum im Stande war, auf Miſtreß Eltons Klage, daß ihr theurer James nicht zu Hauſe ſey, etwas zu erwiedern. „Ich würde mich ſo ſehr gefreut haben, Sie einander vorzuſtellen,“ ſprach ſie. „Welche liebliche Geſtalt,“ rief Osmond, in⸗ — 1418— dem er durch das Fenſter mit ſeinen Blicken der Forteilenden folgte. „Wer?“ fragte die Hausfrau, indem Sie ſich umſah.„Ach, Miſſ Lascelles, ja ſie iſt ganz hübſch, nur gar zu ſchlecht erzogen, das arme Ding!— Herr Elton giebt ſich viele Mühe mit ihr, aber ſie iſt ſo leichtſinnig, daß man ihre Gedanken auch nicht auf eine Stunde feſthalten kann, ſonſt fehlt es ihr nicht an Verſtand.⸗ „Ich ſah nie ein geiſtreicheres, lebhafteres Ge⸗ ſicht!“ rief Osmond. „Lebhaft genug,“ erwiederte Miſtreß Elton mit einem Lächeln,„nur allzu lebhaft, ich fürchte dieſe lachenden Augen werden früh oder ſpät noch manche Thränen vergießen.“ „Und auf welchen Grund bauen Sie dieſe ſchwermüthige Prophezeihung?⸗ „Ich kenne ihren Charakter,“ entgegnete die Hausfrau ernſthaft.„Ihren Charakter?“ wieder⸗ holte Osmond mit einigem Erſtaunen und nicht ohne Beſorgniß; denn es würde ihn unendlich geſchmerzt haben, hätte er in Rückſicht des lie⸗ — 119— benswürdigen Geſchöpfes auch nur dem minde⸗ ſten Verdacht Raum geben müſſen.„Glauben Sie ja nicht, Herr Leſſingham,“ fuhr Miſtreß Elton fort,„daß ich wegen ihres ſittlichen Be⸗ tragens auch nur das mindeſte zu bemerken hätte.“ Osmond athmete auf's Neue.„Sie iſt das ſanftmüthigſte Mädchen, das je lebte, und ſo liebevoll. Aber dabei ſo kindiſch, ſo unbeſonnen, immer lachend, nie ernſthaft.— Ein Mädchen von ſiebzehn Jahren ſpielt noch mit den Kindern am Boden herum!“ „Jede Lage, jede Stellung kann nur ihre Reize erhöhen,“ entgegnete Osmond mit lebhaf⸗ tem Eifer. „Ich glaube wirklich, Sie heben ihr ein wenig zu tief ins Auge geguckt?“ rief die Hausfrau. „O nein, erwiederte Osmond mit einiger Ver⸗ legenheit.„Aber Sie haben meine Neugier rege gemacht, ich möchte wohl etwas Näheres über Miſſ Lascelles erfahren.“ „Ach, ihre Geſchichte iſt bald erzählt,“ nahm Miſtreß Elton das Wort.„Ihr Vater iſt nichts — 120— mehr und nichts weniger als ein achtungswerther Pächter hier im Dorfe, ein Mann, der über ſei⸗ nem Stande ſteht, ſonſt würde, wie Sie leicht denken können, Herr Elton keinen Umgang mit ihm und den Seinen unterhalten.“ Osmond verbeugte ſich, als leuchte ihm dieſes ein, obgleich er, nachdem was er um ſich her ſah, nicht wie Herr Elton ſich entehrt halten könnte, mit irgend einem ſeiner Nachbarn umzu⸗ gehen. „Die Mutter des Mädchens„“ fuhr die Haus⸗ frau fort,„iſt von gutem Herkommen, die Toch⸗ ter eines bedeutenden und reichen Mannes, lei⸗ der aber erzürnte ſie ihren Vater durch ihre Hei⸗ rath, und er enterbte ſie. Da ihr Gatte nur wenig Vermögen beſaß, ſo haben ſie in ihrem Eheſtande ſtets mit Boſchwerden zu käm fen ge⸗ habt, und da ſie eben nicht von guter Gemüths⸗ att iſt, ward ſie ihrem Gatten und ihrer Familie weitmehr eine Quelle der Uneinigkeit, als des Troſtes. Sie geht nur ſelten aus, denn ſie be⸗ klagt ſich immer, daß ſie ſich nicht wohl befinde, — 121— obgleich man uͤberall glaubt, ſie ſchütze nur Krank⸗ lichkeit vor, um ihre üble Laune zu entſchuldigen.“ „Und Herr Lascelles?“ „Das iſt ein trefflicher, ein recht gefühlvoller Mann,“ entgegnete Miſtreß Elton,„der beſte Gatte und Vater, nachſichtsvoll gegen die Gril⸗ len ſeiner Frau, von ſeinen Kindern angebetet; aber zu ſchwach gegen ſie, denn er läßt ihnen mehr ihren Willen, als er es thun ſollte. Herr Elton hält viel auf Caroline, und giebt ſich große Mühe ihren Geſchmack zu bilden, indem er ihr Bücher leiht und“— „Iſt Caroline das älteſte der Kinder?“ unter⸗ brach ſie Osmond, der lieber von jener als von ihrem Lehrer ſprechen hörte. „Das iſt ſie,“ antwortete die Hausfrau.„Es ſind ihrer ſechs: zwei Knaben gehen in die Schule, und außer den beiden Kleinen, die Sie hier geſehen haben, iſt noch ein jüngeres zu Hauſe. Aber, da kommt mein Gatte,“ rief ſie, indem ſie plötzlich von ihrem Sitze aufſprang. Die Thüre öffnete ſich und ein bleicher Mann — 12— mit weißen Haaren, kleinen lauernden Augen und aufgeworfener Naſe trat herein. Die Hausfrau ſtellte den Freunden ihren Gat⸗ ten vor, Osmond verbeugte ſich ſchweigend, bei den Verſicherungen von„Glück und Ehre,“ mit denen Herr Elton ihn überſchüttete. „Miſſ Lascelles iſt hier geweſen,“ nahm die Gattin des Letztern endlich wieder das Wort, „und hier Herr Leſſingham hat ſich faſt in Sie verliebt; ich habe ihm ihre ganze Geſchichte er⸗ zählen müſſen.“ „Und was haſt Du denn erzählt?⸗ fragte Herr Elton, mit einem übermüthigen Lächeln. „Von Deiner Güte gegen ſie, habe ich geſpro⸗ chen, mein Männchen,“ erwiederte ſeine Ehe⸗ hälfte, mit einem ſchmachtenden Blick, indem ſie ihre Hand auf ſeine Schulter legte, und ihn mit einem Entzücken betrachtete, welches Osmond durchaus für Verſtellung halten mußte. „Sie ſind in der That ein glücklicher Mann,. eine ſo reizende Schülerin zu beſitzen,“ meynte der Letztere nach einer kurzen Pauſe. — 123— „Ich konnte ja,“ entgegnete Herr Elton leicht⸗ hin, aber mit einem ſelbſtgefälligen Weſen,„das arme Mädchen nicht ſo in ihr Unglück rennen laſſen. Es iſt wahr, ich habe mich ihr bei mehr als einer Gelegenheit als Freund gezeigt.— Du aber Janny hätteſt nicht davon ſprechen ſollen.“ „So ſucht er immer ſeine Verdienſte zu ver⸗ kleinern,“ ſchmeichelte Miſtreß Elton, noch im⸗ mer ſchmachtend auf die Schulter ihres Mannes gelehnt. „Nun das wird arg,“ dachte Osmond, und ſtand auf, um das zärtliche Paar zu verlaſſen; Herr Elton aber bat ihn dringend zu bleiben, und ſeine Felder und Fluren in Augenſchein zu nehmen. Da Osmond glaubte, dies würde nicht viel Zeit koſten, erklärte er ſich dazu bereit; Miſtreß Elton wollte die beiden Männer begleiten:„ich habe Dich ſeit heute Morgen entbehren müſſen,“ ſprach ſie, indem ſie den Arm ihres Gatten nahm, „heute ſollſt Du mir nun nicht wieder entwiſchen.“ „Ach Sie glauben nicht Herr Leſſingham, ich mum habe ihn oft den ganzen Tag nicht, und wenn er auch dann und wann in mein Zimmer guckt, iſt es nur immer auf einige Minuten.“ „Wir Engel kommen und verſchwinden,“meynte Osmond. Sie lächelte ſo, als finde ſie dieſen Vergleich vollkommen richtig; Herr Elton aber richtete auf ſeinen Gaſt einen etwas mißtrauiſchen Blick, ward indeß bald wieder durch den Wunſch, jenen ſeine Felder zu zeigen, affa andere Gedan⸗ ken gebracht. Er fuhr dennoch fort, von den Verbeſſerungen zu ſprechen, die er hier und dort anlegen wollte, überzeugt, wie es ſchien, daß ſeine Unterhaltung dem jungen Manne eben ſo viel Freude als ihm gewähre. Die Geduld, welche Osmond bei dieſer Ge⸗ legenheit bezeigte, wurde mit der Einladung auf ein Mittagsmahl in der nächſten Woche belohnt, welche unſer Held abgelehnt haben würde, hätte er nicht die leiſe Hoffnung gewährt, dann viel⸗ leicht die reizende Caroline wieder zu erblicken. VIII. Osmond lächelte über ſeine eigene Eitelkeit, als er die Sorgfalt bemerkte, mit der er unwill⸗ kührlich ſeine Toilette ordnete, um an dem feſt⸗ geſetzten Tage der Einladung des Herrn Elton Folge zu leiſten, und 9 er endlich dort an⸗ langte, war ſeine Mühe dennoch vergebens ge⸗ weſen, denn Caroline war nicht zugegen. „Ich hätte mir die Arbeit erſparen können,“ dachte er, beſchloß indeß ſich des Guten zu er⸗ freuen, das ihm die Götter geſchenkt hatten, und begann gegen ein Paar hübſche Mädchen, zwi⸗ ſchen denen er ſaß, den Angenehmen zu ſpielen; eine Aufmerkſamkeit, welche, wie es ſchien, recht gut aufgenommen wurde. So war Osmond hei⸗ ter und fröhlich, ja ausgelaſſen; endlich gegen das — 126— Ende der Tafel fragte er, unbeachtend, ob eine ſolche Erkundigung auch hier am rechten Platze ſey, zu der Hausfrau gewandt:„ob ſie Miſſ Lascelles ſeit kurzem geſehen habe.“ Er lächelte bei dieſer Frage; Miſtreß Elton erröthete, und ſchien verwirrt, wie man es wohl zu werden pflegt, wenn etwas Unpaſſendes zur Sprache kommt; ſie flüſterte ihm ein„Nein“ zu und bemühte ſich das Geſpräch auf andere Ge⸗ genſtände zu lenken; die ältere Miſſ Burton aber, eine von Osmonds Nachbarinnen, fragte nach dem Namen der Dame, nach der jener ſich er⸗ kundigt habe. 4 „Es iſt von keiner Perſon von Bedeutung die Rede,“ erwiederte die Hausfrau,„Herr Leſſing⸗ ham fragte nach einem Mädchen, welches er vor kurzem zufalligerweiſe bei uns antraf.“ „Das reizendſte Geſchöpf, welches je meine Augen erblickten,“ bemerkte Osmond etwas bos⸗ haft, denn er wünſchte den Hochmuth zu demü⸗ thigen, der, wie er glaubte, Miſtreß Eltons Ver⸗ wirrung herbeigefuhrt hatte. 7— ℳ „Wer war es denn?“ fragte Miſſ Burton wie⸗ derholt.„Ja ja, wer war es?“ rief ihre Schwe⸗ ſter,„Sie müſſen durchaus unſere Neugier be⸗ friedigen.“ „Ich habe keine Urſache, Miſſ Lascelles Namen zu verſchweigen,“ erwiederte Osmond. „Lascelles?“ fragte Herr Burton, ein Geiſt⸗ licher, der gern mit vieler Wichtigkeit von ſeiner Pfarre ſprach,„war es etwa die niedliche Toch⸗ ter des Pachters?“ „Eben die,“ entgegnete Herr Elton,„wir ken⸗ nen ſie nur wenig.— Die Flaſche ſteht bei Ih⸗ nen, Herr Leſſingham, bedienen Sie ſich doch.“ „Sie kennen ſie nur wenig,“ wiederholte Os⸗ mond,„Sie irren ſich, es iſt ja Ihre Schülerin, Sie haben ihr ja die Geſchichte der römiſchen Kaiſer zu leſen gegeben, die ſie, wie das niedliche Mädchen naiv genug eingeſtand, nicht einmal von einem Tage auf den andern behalten kann.“ „Sie kennen Sie nur wenig, o ſeyn Sie doch nicht undankbar: wollte Gott ich kennte ſie nur — 128 halb ſo gut als Sie; möchte ſie mich doch zu ih⸗ rem Leſer erwählen.“ Osmond bemühte ſich dieſe Worte wie im Scherze auszuſprechen; aber er konnte kaum die Verachtung verbergen, die er rückſichtlich des kleinlichen Benehmens des Herrn Elton und ſ einer Gattin empfand. „Miſſ Lascelles ſcheint in der That einen tie⸗ fen Eindruck auf Sie gemacht zu haben, Herr Leſſingham,“ entgegnete der Hausherr, nicht ohne einigen Verdruß auf dem Geſichte, den er indeß unter einem Lächeln zu ſtecken ſuchte.„Wer iſt die Perſon?“ fragte die Gattin des Geiſtli⸗ chen:„ich erinnere mich nicht von ihr gehört zu haben.“ „Miſſ Lascelles! Miſſ Lascelles! riefen zu gleicher Zeit die beiden Nachbarinnen Osmonds, „das unbedeutende kleine Ding, das in der Kirche neben uns ſitzt! Das wäre die Schön⸗ heit, von der Herr eſſigham ſo viel Weſens macht?⸗ — —-—— — — 129— „Dieſelbe, dieſelbe iſt es,“ erwiederte die Hausfrau. „Ein niedliches kleines Ding,“ bemerkte die aͤltere Miſſ Burton,„aber noch ein wahres Kind, höchſtens vierzehn Jahre alt.“ „Sie iſt ſiebzehn,“ verſetzte Miſtreß Eltou, „aber wie es mir ſcheint, nicht werth, daß wir ſo viel Aufhebens von ihr machen.“ Wu hrend dieſes Geſpraͤchs gewahrte Osmond, daß ein junger Mann, Namens Sackville, der ebenfalls zur Geſellſchaft gehörte und mit dem Osmond ſchon früher zu Woodhorſt Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte, ſchweigend daſaß, nicht in⸗ deß ohne der Unterhaltung ſeine Theilnahme zu ſchenken; denn ſeine Geſichtszüge verriethen, daß er mit Aufmerkſamkeit zuhörte. Dieſe Be⸗ merkung beſtätigte ſich, denn als der weibliche Theil der Geſellſchaft ſich vom Tiſche entfernt und nun die Unterredung ſich auf Ackerbau und Jagd lenkte, benutzte er einen Augenblick, in welchem die Uebrigen lebhaft ſprachen, und zu Osmond gewandt, begann er:„Wenn Sie mir Osmond. I. Band. 9 — 130— die Ehre erzeigen und morgen ein Frühſtuͤck mit mir einnehmen wollen, Sir, bin ich bereit Sie mit Herrn Lascelles bekannt zu machen, auf deſſen Feldern ſich ein treffliches Jagdrevier beſindet.“ Unſere Leſer werden leicht begreifen, daß Osmond dieſen Vorſchlag mit Freuden annahm. Sobald es mit Anſtand geſchehen konnte, ſagte er Herrn Elton und ſeiner Gattin Lebewohl. Sackville folgte ſeinem Beiſpiel, und da ihr Weg eine Strecke lang derſelbe war, nahm Osmond nach einer Weile Gelegenheit, ſich noch genauer nach den Lascelles zu erkundigen, wobei er ſein Erſtaunen äußerte, daß der Pachter, den er als einen Mann von Verſtand habe rühmen hören, dem albernen Elton einen Theil der Erziehung ſeiner Tochter überlaſſen könne. Herr Sackville lachte uͤber dieſe Bemerkung ſo herzlich, daß einige Augenblicke vergingen, ehe er eine Antwort hervorbringen konnte:„Ich ſehe,“ erwiederte er endlich,„daß Sie den Herrn, der uns heute bewirthete, nicht genau kennen: einen größern Lügner als er giebt es nicht; wie manche — 131— Menſchen ſeiner Gattung aber, miſcht er ſeiner Lüge ſtets ſo viel Wahrheit bei, daß es ſchwer wird, das Achte vom Falſchen zu unterſcheiden. Er ſollte Carolinens Erziehung lenken? Eines Mädchens, das trotz ihrer jugendlichen Unbedacht⸗ ſamkeit, trotz der einfachen Bildung einer Pach⸗ ters⸗Tochter, einen Scharffinn beſitzt, der ſeine Geiſteskräfte weit übertrifft. Es iſt wahr, daß er ihr ein Paar trockne alte Bücher zu leſen ge⸗ geben hat, von denen er ſelbſt nichts als den Ti⸗ tel kennt; das aber that er nur, um ſich eine Art von Wichtigkeit zu verſchaffen.“ „Der alte Lascelles ſteht alſo wirklich über ſeinem Stande?“ fragte Osmond. „Wenn Rechtlichkeit, Einfachheit, Herzensguͤte und ein geſunder heller Verſtand ein ſolches Ue⸗ bergewicht verleihen, allerdings,“ war Sackvilles Antwort.„Dieſe Eigenſchaften hat er ſich, trotz mancher Unannehmlichkeit, ſtets rein erhalten.“ „Er war unglücklich in ſeiner Heirath, ſo er⸗ zählte mir Miſtreß Elton.“ „Er war ſo unglücklich, ſich mit einer Dame 9* 32— von Stande zu verbinden, die ſich bis zum Ra⸗ ſendwerden in ihn verliebte,“ entgegnete Sack⸗ ville.„Sie brachte ihm keine Mitgift als ihre „Schönheit, ein Schock Grillen und Launen, und die Kleider, die ſie trug, als ſie mit ihm davon⸗ lief. Ihr Vater ſtarb plötzlich, ohne das Te⸗ ſtament, welches er in der erſten Hitze ſeines Zornes entworfen hatte, zu widerrufen, ſo daß ſeine Tochter und ihr Gatte, deren Familie ſich immer mehr und mehr vergrößerte, in eine hülfloſe Lage verſetzt wurden. Zu ſtolz indeß, die Unterſtützung der Erben ſeines Schwieger⸗ vaters anzurufen, beſchloß Herr Lascelles die Hinderniſſe, die ſich ihm entgegenſtellten, durch Geduld und Fleiß zu beſiegen.“ „ Und die Mutter, wie erträgt ſie ihr Schick⸗ ſal?“ unterbrach ihn Osmond. „Die klagt fortwährend über ihr hartes Ge⸗ ſchick, iſt mit nichts zufrieden, jammert über ihre Kränklichkeit, oder lieſt Romane.“ „Und wer ſteht dem Haushalt vor?“ nahm — — 133 Osmond wieder das Wort, die hübſche Caro⸗ line ſcheint mir noch zu jung dazu.“ „Eine unverheirathete ältere Schweſter des Pachters beſorgt dies Geſchäft,“ antwortete der Befragte,„ein treffliches Frauenzimmer in der That. Aber es iſt gut, daß wir mit den Fa⸗ milienverhältniſſen des Herrn Lascelles zu Ende ſind, denn hier trennen ſich unſere Wege.“ Und ſeinen Gefährten noch einmal daran er⸗ innernd, ſich morgen frühzeitig mit der Jagd⸗ flinte einzuſtellen, ſagte er ihm Lebewohl. Als Osmond am nächſten Morgen an dem be⸗ ſtimmten Orte eintraf, fand er Herrn Lascelles ſchon dort. Hätte man ihm nicht geſagt, daß jener über ſeinem Stande ſtehe, würde er dieſes doch ſogleich aus dem Außeren deſſelben ge⸗ ſchloſſen haben. Er war dem Augenſchein na 9 gegen funfzig Jahre alt, aber die Ueberreſte einer männlichen Schönheit und eine ungemeine Anmuth in ſeinem Benehmen ſprachen entſchul⸗ digend für die Liebe, mit der ſich ſeine Gattin ihm einſt hingegeben hatte. — 134 Das Geſpräch gewann bald eine Art von Ver⸗ traulichkeit, die unſerem Helden beſſer zuſagte als das, obgleich höfliche, doch etwas zurückhal⸗ tende Weſen, mit welchem er zuerſt von Las⸗ celles empfangen worden war. Osmonds gerader und offener Charakter über⸗ zeugte den Pachter bald, daß er nicht nöthig habe ſich gegen den Hochmuth eines Vornehme⸗ ren zu waffnen. Endlich nach Beendigung ihrer Jagd, befanden ſie ſich ſo nahe bei dem Hauſe des Herrn Lascelles, daß Osmond und Sack⸗ ville keinen Anſtand nahmen ſeiner Einladung, das Mittagsmahl bei ihm zu verzehren, Folge zu leiſten. Als ſie in einen kleinen, mit Blumen und Pflanzen aller Art mannigfach geſchmückten Gar⸗ ten traten, bemerkte Osmond auf der Schwelle der Thür, ſo als harre ſie der Ankunft ihres Vaters, daſſelbe liebliche Mädchen, das einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Endlich, endlich!“ rief ſie, ihrem Vater entgegenſpringend; als ſie aber den Fremden —, — 135— in ſeiner Geſellſchaft erblickte, hemmte ſie plötz⸗ lich ihre Schritte, verbeugte ſich leicht und höf⸗ lich gegen Sackville, und blickte dann auf Osmond mit derſelben ſchlauen Liebenswür⸗ digkeit, die ihn ſchon früher ſo ungemein be⸗ zauberte. „Meine Tochter,“ ſprach Herr Lascelles, in⸗ dem er ſie leichthin ſeinem neuen Gaſte vor⸗ ſtellte; dann wollte er ſein früheres Geſpräch fortſetzen, aber an der wenigen Aufmerkſamkeit, welches er demſelben ſchenkte, war die Freude leicht zu erkennen, die der Vater empfand, als ſich Caroline nun an ſeinen Arm hing und ihn mit zärtlichen Blicken betrachtete. So wie man ſich dem Hauſe näherte, kamen auch die beiden Kleinen, die Osmond im Hauſe des Herrn Elton geſehen hatte, dahergerannt, den Vater zu begrüßen. Der Knabe ward durch Carolinens Vorſtellungen zur Orduung gebracht und ſchritt nun ruhig an ihrer Seite hin, dabei aber raſtlos fragend, wie viel Rebhühner deun der Vater geſchoſſen habe. Das kleine Mäͤd⸗ 136— 1 chen aber war nicht zu beruhigen, bis ſie der Pachter auf den Arm nahm. „Du fängſt früh an Deinen weiblichen Eigen⸗ ſinn zu zeigen,“ ſprach Herr Lascelles,„der küͤrzeſte Weg mit eurem Geſchlecht fertig zu werden, iſt euren Willen zu thun.“ Osmond ſah mit Bewunderung auf die reizende Gruppe,„blickt herab von euren Thronen, Ihr Monarchen,“ dachte er,„und beneidet dieſen armen aber glücklichen Mann!⸗ „Ich will voran und die Mutter auf den Beſuch vorbereiten!“ rief Caroline, und ſprang voraus, als man ſich der Hausthür näherte. Osmond glaubte, nachdem was er von der Mutter gehört hatte, eine Wolke werde jetzt das heitere Familien⸗Gemälde trüben, aber NMiſtreß Lascelles bewahrte, wie Weiber ihrer Art zu thun pflegen, ihre böſe Laune für jene Augenblicke auf, wo ſie ſich mit ihrem Gatten und den Ihrigen allein befand, und empfing die Fremden ungemein höflich und mit einem An⸗ ſtande, der eine Dame von Geburt und Erzie⸗ — 137— hung bezeichnete. Sie war noch immer außer⸗ ordentlich ſchön, und erſchien noch reizender durch den Kummer und die Schwermuth, die aus ihrem Geſichte ſprachen. Osmond begriff leicht, wie trotz ihrer Launen und Grillen ihr Mann mit unendlicher Liebe an ihr hängen konnte, zumal da ſie ihn zum Vater ſolcher Kinder gemacht hatte; denn außer denen, die mit eingetreten waren, ſpielte noch ein vier⸗ tes kleines Geſchöpf, kaum zwei Jahre alt, neben der Mutter auf dem Sopha, und ſtimmte, als es den Vater erblickte, laut in den Jubel der Übrigen ein. Auf Befehl ihrer Mutter führte Caroline die Kleinen endlich in ein anderes Zimmer. Eine bleiche Geſtalt von ſanftem Außeren trat nun in das Gemach, in der Osmond, ſelbſt wenn ſie ihm Herr Lascelles nicht als ſeine Schwe⸗ ſter vorgeſtellt hätte, dennoch ſogleich die wür⸗ dige Tante erkannt haben würde, die nur für den ſchönen Zweck lebte, ſich in dem Hauſe ihres Bruders ſo nützlich als möglich zu machen. * — 138— Das Mittagsmahl war einfach, aber trefflich in ſeiner Art, und ward mit Ordnung und Ge⸗ ſchmack aufgetragen. Osmond ſaß bei Tiſche ne⸗ ben Carolinen und er ließ dieſe Gelegenheit nicht unbenutzt, näher mit ihr bekannt zu werden. Dies war nicht ſchwer. Freimüthigkeit und Of⸗ fenheit waren die Hauptzüge in dem Charakter dieſer fröhlichen Tochter der Liebe; denn ihre Schönheit, ihre Jugend, ihre unwiderſtehliche Anmuth gaben ihr auf dieſen Namen die gerechte⸗ ſten Anſprüche. Hätte die Natur ihr auch nur einen Gran Verſtellung gegeben, ſie wäre die größte Kokette der Welt geweſen. Aber die Wahrheit hatte ſie zu ihrem Eigenthum erkohren; in ihrem einſchmeichelnſten Lächeln, in dem liebe⸗ vollſten Blick lag nichts Verſtecktes, nichts was 1. nicht die ganze Welt leſen, und als ein Bewußt⸗ ſeyn der Schönheit, als einen Wunſch, dieſe be⸗ wundert zu ſehen, hätte auslegen können. „Iſt es möglich,“ dachte Osmond, als er ſich ſo ſinnend betrachtete und nun ihr freundliches Auge dem ſeinen begegnete, iſt es möglich, daß *— — 139— der Eindruck, den Lady Mary auf mein Herz machte, ſo ſchnell verſchwunden ſeyn kann? und noch dazu verſchwunden vor den Reizen eines ſolchen Kindes!“ Ach, er fühlte nur zu gut, daß kein Kind, ſondern ein weibliches Weſen, wel⸗ ches ſeiner Ruhe nur allzu gefährlich war, ihm zur Seite ſaß. Er ſeufzte, wenn er über die Lage nachdachte, in die ihn der Zufall geführt hatte; aber nicht ſtark genug der Verſuchung zu entfliehen, ſo wie er ſie bemerkte, gab er dem Rauſche ſich hin, der ſeine Sinne gefangen hielt, und noch bevor er ſich von dem reizenden Mädchen trennte, hatte ihm ſeine geſchäftige Phantaſie mit zauberiſchen Farben das Bild der Glüͤckſeligkeit vorgeführt, die ihm an Carolinens Seite zu Theil werden müßte. Miſtreß Lascelles, deren Gunſt ſich Osmond, der ſich eine ganze Weile mit ihr von ihrer Kränklichkeit unterhielt, erworben hatte, bat ihn beim Abſchiede, recht bald wiederzulehren. Da er nun auch mit Carolinen ziemlich vertraut — 140— geworden war, wagte er, als er fortgehen wollte, Sackvilles Beiſpiel zu folgen und Carolinens 3 Hand zu nehmen. Sie dankte ihm weniger leb⸗ haft als ſeinem Begleiter, lächelte ihm aber, wie Osmond zu bemerken glaubte, freundlicher zu, als jenem.. Sein Herz war zu voll von einem einzigen Gegenſtande, als daß er auf dem Heimwege zu ſeinem Gefährten von etwas Anderem hätte ſpre⸗ chen können. „Ja ja, es iſt ein liebes Geſchöpf,“ erwie⸗ derte Sackville auf Osmonds lebhafte Außerun⸗ gen des Entzückens und der Bewunderung. „Wahrlich, ich glaube, ich ſelbſt könnte mich in ſie verlieben, wenn ich nichts anderes zu thun hätte, aber das Studium der Theologie iſt ein treffli⸗ ches Mittel gegen alle ſolche eitlen Verſuchungen.⸗ Osmond mußte das ruhige Temperament be⸗ neiden und bewundern, welches ſich ſo willig ſei⸗ nen Lebenspflichten hingab, und das nur dann zu lieben beſchloß, wenn es ſonſt nichts Wichtigeres zu thun hatte. — 141— IX. Von dem Augenblick ſeiner näheren Bekannt⸗ ſchaft mit Carolinen an, dachte Osmond nur an ſie; nur ihr Bild ſchwebte vor ſeiner Seele. 1 Weder der Gedanke zu ſeiner Familie zurückzu⸗ kehren, noch die Befehle ſeines Vaters, noch die Ueberzeugung, daß dieſer nie ſeine Einwilligung zu einer in Rückſicht des Standes ſo unpaſſenden Verbindung geben würde, ſtörten ſeine Ruhe; der Zweifel allein, ob er auch von dem reizenden Gegenſtande ſeiner Leidenſchaft wiedergeliebt ſey, erfüllte ihn mit Beſorgniß. So ſchwand mehr als ein Monat dahin, wäh⸗ rend welcher Zeit er ſich, unter dem Vorwande der Jagd, faſt täglich in dem Hanſe des Herrn Lascelles einfand. Dies war nur eine halbe — 142— Meile von Woodhorſt entfernt, und da Os⸗ monds freundliches herablaſſendes Betragen dem Pachter ungemein wohlgeſiel, blieb jener faſt alle Abend dort. 3 Wenn auch Sackoille erſchien, ward ein Spiel⸗ chen gemacht; gewöhnlich aber ſchwatzte Osmond mit dem Vater und blickte dabei auf die liebens⸗ würdige Tochter deſſelben. So ward er der Freund der ganzen Familie; und ſelbſt die Klei⸗ nen, denen er ſtets Kuchen und Leckerbiſſen mit⸗ brachte, ſprangen ihm, wenn ſie ihn auch nur in der Ferne erſpähten, ſchon von weitem freudig entgegen. Nur über die Meynung einer Bewohnerin des Hauſes, in Rückſicht ſeiner, war Osmond noch zweifelhaft, und es war gerade die, an deren Gunſt ihm am meiſten gelegen war. „Zu eben der Zeit, wo die brauſende Lebhaf⸗ tigkeit Carolinens den Beweis zu führen ſchien, daß ihr Herz noch ungerührt von der Leidenſchaft ſey, die das ſeinige bewegte, glaubte Osmond in ihrem Benehmen gegen ihn nicht ſelten einen — 143— Anflug von Empfindlichkeit zu bemerken, den ſie ſonſt gegen niemand zu äußern pflegte, und den Osmend als ein Zeichen, daß er nicht in ihrer Gunſt ſtehe, betrachtet haben würde, hätten ihn nicht ihr Lächeln und ihr Erröthen, wenn er er⸗. ſchien, überzeugt, daß ſeine Gegenwart ihr we⸗ nigſtens eben ſo willkommen ſey als den Übrigen. Er war nun nach und nach ſo vertraut im Hauſe geworden, daß er geradezu wie ein Mit⸗ glied der Familie einzutreten pflegte, und als er ſo eines Nachmittags erſchien, fand er das Spei⸗ ſezimmer leer, die fröhlichen Stimmen der Kin⸗ der riefen ihn aber in ein Nebengemach, wo dieſe gewöhnlich ihr Mahl zu halten pflegten. Er klopfte leiſe an die Thüre, da aber kein Ruf erfolgte, öffnete er ſie, trat hinein, und er⸗ blickte Carolinen am Theetiſch von den Kindern umgeben. „Sie dürfen hier nicht herein, Herr Leſſing⸗ ham!“ rief ſie ihm entgegen,„ich kann ſo kaum . ‿̈ Ruhe halten, und wenn nun gar Sie kommen“— „Sie werden doch nicht ſo grauſam ſeyn, mich anders als mit einem freundlichen Willkom⸗ men zu empfangen,“ unterbrach ſie Osmond, in⸗ dem er ſich neben ſie ſetzte. Sie verſuchte et⸗ was Scherzhaftes darauf zu erwiedern, aber ſie kam damit nicht zu Stande; und da Miſtreß Las⸗ celles bekanntlich nicht ſelten übler Laune war, was auch heute der Fall geweſen ſeyn mochte, glaubte Osmond, es ſey etwas vorgefallen, was die rei⸗ zende Caroline einigermaßen außer Faſſung ge⸗ bracht habe; er wollte ihr dennoch Zeit laſſen, ihre Heiterkeit wieder zu gewinnen, und beſchaͤf⸗ tigte ſich mit den Kleinen, über deren Spiele und Späße er laut auflachte. „Ich begreife doch wahrlich nicht, wie Sie über das dumme Zeug lachen können,“ ſiel Caro⸗ line in ihrem Mißmuthe ein; dobei aber ſah ſte ſo reizend aus, daß Osmond kaum die Verſu⸗ chung unterdrücken konnte, ihre Hand zu erfaſſen und ſie mit Küſſen zu bedecken. „Hört nun auf zu ſpielen, ihr müßt zu Bette,“ fuhr ſie, zu den Kindern gewandt, fort. „Du biſt auch heute gar zu böſe, Schweſter!“ = 145— nahm der Kleine das Wort und ſich zu Osmond wendend, ſo, als fordere er ihn zu ſeinem Bei⸗ ſtand auf, fügte er hinzu:„nicht war Herr Leſ⸗ ſingham?“ „Charles, was ſoll nun wieder das dumme Zeug!“ rief Carolin e. Ihre Stimme aber zit⸗ terte; Osmond betrachtete ſie mit noch größerer Aufmerkſamkeit und bemerkte mit Erſtaunen, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren. Er faßte ihre Hand.„Ich fürchte Sie ſind krank,“ ſprach er. Sie zog ihre Hand zurück, lächelte aber dabei und verſicherte ihn mit einem ſanften Tone, daß ſie ſich vollkommen wohl be⸗ finde.„Aber die Sorge für den Haushalt hat mich heute etwas mitgenommen, die Mutter iſt wieder ſehr unwohl und hat den ganzen Tag ihr Zimmer gehütet; der Vater und die Tante ſind nach C.. gegangen, dort ein Paar Tage bei unſeren Verwandten zuzubringen und— und— und man hat nicht immer dieſelbe Laune.“ Sie ſchwieg, ſo, als erwarte ſie, Ozmond werde nun etwas ſagen oder wenigſtens aufhören, 10 Osmond. I. Band. ſie ſo forſchend zu betrachten, endlich aber riß ihre Geduld, denn er fuhr fort auf ſie wie auf ein Räthſel ſinnende Blicke zu richten:„Nun ſo ſprechen Sie doch!“ rief ſie,„oder wollen Sie nicht? Wollen Sie mich betrachten wie Werther die intereſſante Charlotte betrachtete, als ſie den Kindern am Theetiſch Butterbrödte ſchnitt?“ „Könnten Sie in mir Werthern erblicken?“ fragte er mit ſo viel Bedeutung, als er in dieſe einfache Rede legen konnte. Sie erröthete und erwiederte:„Ich wüßte nicht, was ich thun könnte, wenn ich Zeit hätte, jetzt aber muß ich die Klei⸗ nen hier zu Bette bringen, Sie werden mir alſo erlauben, darüber nachzudenken, in wie weit ſte dem trefflichen Werther gleichen.“ 1 Sie kommen doch wieder?⸗ fragte Osmond, bemüht ſie zurückzuhalten, als ſie mit der kleinen Schaar forteilen wollte. „Charles und Eduard wollen zurückbleiben, mit Ihnen zu plandern,“ entgegnete ſie und ver⸗ ſchwand. Die beiden älteſten Knaben blieben im Zimmer, Osmond aber war ſo wenig geſtimmt mit ihnen zu ſcherzen, daß Charles mebr als ein⸗ mal klagte,„Herr Leſſingham ſey heute ſo mür⸗ riſch wie die Schweſter, er wüßte nicht, was den beiden begegnet ſey.“ Die Langeweile, die ihnen Osmonds Schweigen verurſachte, trieb ſie auch bald an, dem Gemach zu enteilen und an⸗ derswo eine beſſere Unterhaltung zu ſuchen. Noch immer zürnte Osmond auf Carolinen we⸗ gen iyrer Entfernung, als ſich plötzlich die Thür ein wenig öffnete und ihr liebliches Geſicht herein⸗ guckte:„Sind die Knaben nicht hier?“ rief ſte und auf's Neue war ſie vor ſeinen Blicken ver⸗ ſchwunden. Osmond aber ließ ſich ſo nicht abſinden; er hatte beſchloſſen, ſie ſolle ihm Geſellſchaft lei⸗ ſten; er flog ihr nach, und erreichte ſie eben, als ſie im Begriff war, die Treppe hinan zu eilen. Sie ſchien ungemein böſe über die Freiheit, die er ſich nahm, ſie zuruͤckzuhalten; gab aber dennoch ſeiner Bitte nach und folgte ihm in das untere Zimmer. Als er ſich hier neben ihr ge⸗ ſetzt hatte, begann er:„Sagen Sie mir, Caro⸗ 10* — 148— line, woher dieſer Widerwille, mir Geſellſchaft zu leiſten? Sie ſind ſo gütig und freundlich ge⸗ gen jedermann, nur gegen mich nicht.“— Er ſprach dieſe Worte, ſo, als fühle er ſich tief ge⸗ kränkt. Sie nahm nach dieſer Anrede ein ernſthafteres Weſen an.„Ich hatte nie zur Abſicht, Sie zu beleidigen, Herr Leſſingham, aber in der That ich“— ſie ſtockte. „Was wollen Sie ſagen, Caroline?⸗ fragte Osmond lebhaft,„Ach gar nichts,“ ſprach ſie ver⸗ legen und verwirrt. Osmond ward ungemein bewegt, und konnte ſich kaum enthalten die Lieb⸗ liche an ſeine Bruſt zu drücken, ſo überzeugt war er, daß ihre Verwirrung die Macht beurkunde, die er über ihren Frieden beſitze. Er beſchränkte ſich indeß darauf ihre Hand zu erfaſſen. Sie bemühte ſich ſie zurückzuziehen; beleidigt ließ er ſie fahren:„wenn eine ſo beſcheidene Freiheit Ihr Mißfallen ſchon erregt,“ ſprach er. Ihre Lippen zitterten.„Was habe ich denn gethan?“ ſtammelte ſie. — 449— Mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit nahm Osmond nun ihre Hand aufs Neue; ſie zog dieſe nicht mehr zurück, blickte aber verlegen bald hier bald dorthin, ſo als wolle ſie ihr glü⸗ hendes Geſicht ſeinem Blicke entziehen.„Sie quälen mich auch gar zu ſehr,“ ſprach ſie. „OQuälen?“ wiederholte Osmond mit ungemei⸗ ner Innigkeit,„ich Sie quälen— Sie, die Ge⸗ liebte meines Herzens!“ Das Wort war ausgeſprochen; und nichts blieb nun zu thun übrig, als den Zorn zu beſänf⸗ tigen, den eine ſo anmaßende Benennung hervor⸗ gerufen haben würde, hätte ſie nicht eben ſo auf⸗ richtig als leidenſchaftlich ſtatt gefunden. „Ja, die Geliebte meines Herzens!“ fuhr er fort, indem er ihre Schwanenhand bald an ſein Herz, bald an ſeine brennenden Lippen drückte,„erlauben Sie mir, Sie ſo zu nennen. Wollen Sie Caroline? Wenden Sie ſich nicht von mir— ein einziges Lächeln— nur ein ein⸗ ziges, einziges Lächeln’“— Und ſauft zog er die Hand hinweg, die ihm das Engelsgeſicht ver⸗ — 150— barg. Wie vom Thau benetzte Veilchen glänz⸗ ten ihm nun ein Paar Thränen befeuchtete dunkelblaue Augen entgegen, und das erflehte Lächeln ward ihm geſchenkt; beſchämt über das Geſtändniß, welches es enthielt, ſenkte die rei⸗ zende Jungfrau ihr Haupt und barg ihr beredtes Geſicht an der Bruſt des Geliebten. Er ſchloß ſie als die Seine in ſeine Arme. X. Ven dieſem Augenblick hatte Osmond an eine Heirath mit der reizenden Caroline noch eben nicht gedacht. Ihre Unſchuld aber, ihre Ein⸗ falt, ihre achtungswerthen Verhältniſſe, der Schutz ihres Vaters, und der Abſcheu, den er ſchon bei dem Gedanken empfand, ihren Unter⸗ gang herbeizuführen, überzeugten ihn, daß er ſich ihr nur mit der ehrenwertheſten Abſicht na⸗ hen könnte. Die Einwilligung ihres Vaters war dennoch das, was vor der Hand erlangt werden mußte. Herr Lascelles aber ſchien Osmonds Auße⸗ rung über ſeine Leidenſchaft für Caroline mehr als Scherz zu betrachten.„Carolins ſey noch an Jahren und in ihrem Benehmen ſo jung, daß — 4152— er ſie ohne Lächeln nicht als den Gegenſtand der renſten Neigung eines Mannes betrachten könne. Osmond ſprach dagegen von der Redlichkeit ſei⸗ ner Abſicht, von der Stärke und Unwandelbarkeit ſeiner Liebe und von Allem, wovon Liebhaber bei ſolchen Gelegenheiten zu ſprechen pflegen. Herr Lascelles aber blieb bei ſeinem Satze, daß ſie noch viel zu jung und kindiſch ſey, als daß er für ſie an eine Heirath denken könne, und bat Osmond, ihr ja nicht Dinge in den Kopf zu ſetzen, die ſie auch nach einigen Jahren noch ſenh genug erfahren würde. Da ihm indeß erlaubt war, ſeine Beſuche wie bisher fortzuſetzen, erweckten ſeine Aufmerkſam⸗ keiten bald eine ſolche Liebe für ihn in Carolinens Herzen, daß ſie ſich ſelbſt mit ihm verband 2 ih⸗ ren Vater mit Bitten zu beſtürmen. Ihr Glück ſtehe auf dem Spiele, verſicherte ſie mit Thrä⸗ nen in den Augen.—— Die Zärtlichkeit des Vaters ſiegte über die Klugheit des Mannes, und er willigte endlich in ihre Verbindung, wobei er indeß die Bedingung 8. machte, daß die Liebenden ſie jetzt nur noch als eine Sache, die geſchehen könne, nicht aber als eine gegenſeitige unauflösliche Verpflichtung betrachten ſollten, bis die Zeit die Beſtändigkeit von Os⸗ monds Liebe dargethan und ihn in den Stand geſetzt haben würde, in einer ſo wichtigen Angelegenheit einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen. Beide erklärten ſich zufrieden, glücklich, fortan einer des andern Umgang ohne Zurückhaltung genießen zu können. Eine Zeit, aber ach! nur eine kurze Zeit fand Osmond dies Verhältniß unausſprechlich beſeli⸗ gend, denn Carolinens Liebe zeigte ſich mit jedem Tage wärmer und inniger. Wie ſie liebte, hieß wirklich lieben. Kein Zweifel, kein Mißtrauen, nichts was auch nur im mindeſten einen Anklang von Eiferſucht gehabt hätte, trübte die reine Quelle ihres Glücks. Wie ganz anders aber war es mit Osmond! Bei ihm hieß lieben nicht, ſich nur einer einzigen Leidenſchaft hingeben; mmannichfache, eine tobender als die andere, be⸗ füͤrmiten ſein Gemüth. Eiferſucht, Furcht, Haß⸗ — 154— Rache gewannen nicht ſelten die Herrſchaft über ihn. Ach wie recht hat Rochefaucault, wenn er ſagt:„wenn man die Liebe nach ihren Wirkun⸗ gen beurtheilt, gleicht ſie mehr dem Haſſe als der Liebe.“ Es war eine Wildheit in ſeinem Benehmen, welche ſich die fröhliche Caroline durchaus nicht erklären konnte. Obgleich er fühlte, daß er ihr ſein Leben zum Opfer bringen könne, daß er eigentlich nur in ihrer Nähe athme und lebe, war er, wenn er ſich bei ihr befand, doch nie lange ruhig und zufrieden. Wie von einem in⸗ neren Dämon angetrieben, lauerte er ſtets auf Gelegenheit, Urſache zum Streite mit ihr zu fin⸗ den. Wie kann in der menſchlichen Natur dieſer Hang beſtehen, den Frieden derer zu trü⸗ ben, die wir lieben, und die, wie wir uns über⸗ zeugt halten können, mit inniger Liebe an uns hängen? Wenn Caroline ſtill und ruhig war, glaubte Osmond, ſie liebe ihn nicht. Er wollte, ſie ſollte ſtets voll Enthuſiasmus ſeyn, nur an ihn denken, nur für ihn leben. Er war über — 155— alle Beſchreibung entzückt, wenn ſie ihren fröhli⸗ chen Sinn aufbot, ihn zu unterhalten; aber eine innere Qual verzehrte ihn, wenn ſie irgend einem Anderen auch nur ein freundliches Geſicht zeigte. Er konnte es kaum verbergen, daß ſie Sackville die gewöhnliche Höflichkeit bezeigte, und wenn ſie mit ihm lachte oder ſcherzte, hielt er dies für ein unverzeihliches Verbrechen. Bei einer jeden ähnlichen Gelegenheit brütete er über das Unrecht, welches ihm, wie er ſich einbildete, zugefügt ward, bis er ſich ſelbſt uͤber⸗ redete, daß er von Carolinen unfreundlich, kalt und grauſam behandelt würde; er meynte, ſie ſey zu leichtſinnig, zu kokett um den Werth ſeiner Liebe zu erkennen; er nannte ſie die un⸗ würdige Quelle ſeines unbeſchreibbaren Elends und glaubte er würde wohl thun, ihr auf im⸗ mer zu entſagen. Kurz, er bearbeitete ſein feuriges, lebhaftes Temperament dann und wann ſo ſehr, daß er für das unſchuldige Mäd⸗ chen ein Gefühl, dem Haſſe ähnlich, empfand, oder doch wenigſtens zu empfinden meynte.— Aber die Augenblicke der Verſöhnung, wenn ſie ihren Lilien⸗Arm um ſeinen Nacken ſchlug und ihre Roſenlippe ſeine Wangen berührten, machten al⸗ les wieder gut; o, dann waren alle jene furcht⸗ baren Momente vergeſſen, und die Welt mit ihren Schätzen ſchien ihm nichts im Vergleich zu Carolinens Liebe. 1 Unter einem ſolchen Wechſel von Gefühlen ſchwand ihm der Winter dahin, und da Osmonds Zeit und Gedanken nur der Leidenſchaft, die ihn verzehrte, zum Opfer dargebracht wurden, entzog er ſich ſo viel als möglich jedem Umgange, außer dem der Lascelles. Er hatte indeß einen Bekannten in der Nähe, deſſen Beobachtungen er gern entgangen wäre, wenn er dies hätte können möglich machen; da derſelbe ſich aber eines freundſchaftlichen Um⸗ gangs in dem Hauſe der Lascelles erfreute und Osmond oft mit ihm zuſammen traf, konnte er ſich nicht gut den Höflichkeiten entziehen, mit denen ihn ein junger Mann, Namens Alston, überhäufte, den er auf der Univerſität kennen gelernt und der nun eine kleine Unterpfarre auf einem in der Nachbarſchaft von Woodhurſt gelegenen Dorfe erhalten hatte. Das Erſchei⸗ nen dieſes jungen Mannes in dem Hauſe der Lascelles, hatte indeß auch einen Vortheil für Osmond; er war nehmlich ein guter und ſtets bereitwilliger Whiſtſpieler, ſo daß er beim Spiele oft Osmonds Stelle vertrat, und dieſem nun ſo manche Gelegenheit verſchafte, ſich mit ſeiner Caroline unterhalten zu können. Vierzehn Tage waren vergangen, ohne daß Osmond ſeine gewöhnliche üble Laune gezeigt hatte; gegen das Ende dieſer Zeit begab er ſich eines Morgens zu ihr um ihr ein neues Buch zu bringen, denn ſchon längſt war es ſeine Sorge geweſen, ſie der bildenden Hand des Herrn Elton zu entziehen, und ihr ſtatt der rö⸗ miſchen Kaiſer eine andere Lectüre in die Hände zu geben, beſſer geeignet ihren Geſchmack zu bilden. Sie beſaß einen ungemein ſcharfen und leicht auffaſſenden Verſtand. Lebhaftigkeit und Geiſt — 4158— waren die Hauptzüge ihres Charakters, Witz und geiſtreiche Bemerkungen waren ihres beifäl⸗ ligen Lächelns eben ſo gewiß, als rührende Stel⸗ len ihrer Seufzer. Lächeln und Seufzen aber waren bei ihr ſo leicht, ſo vorübergehend, ſo ganz in den erſten beſten nächſten Eindruck ver⸗ ſchwindend, daß Osmond über ihre Wandelbar⸗ keit erzürnt, oft das Buch verzweiflungsvoll zu⸗ ſchlug und ſich dem größten Unmuthe hingab. An dem erwähnten Morgen fand er ſie in der fröhlichſten Stimmung, mit einem Brieſchen in ihrer Hand, welches ſie von einer ihrer An⸗ verwandten, Miſtreß Milner, die erſt kürzlich verheirathet, in C., einem kaum ſechs Meilen entfernt liegenden Dorfe, wohnte, erhalten hatte. „Wiſſen ſie ſchon!“ rief ſie Osmond mit ih⸗ rer gewohnten lebhaften Weiſe zu,„Eliſabeth läßt in der nächſten Woche ihr Kind taufen, und hat ihren Gatten beredet dabei einen fröh⸗ lichen Tanz zu veranſtalten.“ „Nun, und was dann?“ „Was dann?“ wiederholte Caroline,„wer⸗ — 159— den Sie denn nicht mitgehen? mögen Sie denn nicht tanzen?“ „Ich gebe nicht viel darum,“ entgegnete Os⸗ mond; denn der Gedanke, ſie im Tanze von einem Anderen als von ihm umſchlungen zu ſehen, erfaßte ſeine Seele mit Grauen. Aber er konnte den Anblick des Kummers nicht ertragen, der ſich bei ſeiner Antwort über Carolinens Geſicht ver⸗ breitete; er verſprach ihr dennoch ſie zu jenem Feſte begleiten zu wollen, und nachdem er noch ein wenig mit ihr über dieſen Gegenſtand geſpro⸗ chen hatte, fragte er ſie: ob ſie Luſt habe, et⸗ was aus einem neuen intereſſanten Buche zu hö⸗ ren, woraus er ihr vorleſen wollte. Er zog den Band hervor. Sie nahm ihre Arbeit zur Hand und ſetzte ſich ſo, als ſey ſie bereit, dem Vorleſen ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken; aber er gewahrte, daß ſie dieſes nur gezwungen that und daß ihre Gedanken ſchon bei dem Tanze waren. Er bemühte ſich, ſie davon durch treffende Bemerkungen über das Werk, welches er las, abzuziehen, ſie aber ſchien fortwaͤhrend zerſtreut, und Osmond fühlte, daß er und ſein Buch in dieſem Augenblick kein Intereſſe für ſie hätten. Es bedurfte nur eines kleinen Anlaſſes ihn zu bewegen, das Buch bei Seite zu werfen, und dieſer fand bald ſtatt, denn als er eine kleine Pauſe machte, um ihre Aufmerkſamkeit auf eine vortreffliche Stelle des Buchs zu lenken, rief ſie plötzlich:„Ich weiß gar nicht, Osmond, woher Eliſabeth die Tänzer zum Ball hernehmen will, ihr Gatte müßte denn einige Officiere aus der Garniſon von D. kennen— ja das, glaube ich, iſt der Fall, und wenn das iſt— Aber Os⸗ mond, was iſt Ihnen denn?“ fügte ſie erſchrok⸗ ken hinzu, als dieſer das Buch heftig auf den Tiſch ſchleuderte. Aber ſie kannte ſeinen Sinn zu gut, als daß ſie nicht ſogleich hätte bemerken ſollen, daß ſie ihn beleidigt haben müſſe, und ſo bat ſie ihn freundlich und einſchmeichelnd fortzufahren, ge⸗ lobend, ſie wolle fortan aufmerkſamer ſeyn. „Nein, nein Caroline!“ entgegnete Osmond — 161— mit großer Lebhaftigkeit:„Solche Verſprechun⸗ gen nützen zu nichts; wenn Ihre Aufmerkſam⸗ keit nicht unwillkuͤhrlich von einem Werke wie dies hier feſtgehalten wird, wäre es eine ver⸗ gebliche Mühe Sie feſſeln zu wollen.“ Caroline ſchien beſchämt und verwirrt, aber ſie erwiederte nichts, während Osmond das Buch wieder zur Hand nahm, und ſchweigend darin las oder wenigſtens zu leſen ſchien; ſie fuhr unterdeſſen in ihrer Handarbeit fort, ſo als warte ſie die Rückkehr ſeiner beſſern Stim⸗ mung ab. Ein ſolcher Vorfall war bei ihren Morgenſtudien nichts ſeltenes, diesmal aber ward Osmonds Unmuth noch durch die Eifer⸗ ſucht vermehrt, die ſich ſeiner bemächtigte, wenn er des bevorſtehenden Balles gedachte. Vergebens bemühte er ſich zu leſen, ſeine Ge⸗ danken durchkreuzten ſich:„Und welche Offi⸗ ciere kennt Herr Milner,“ fragte er endlich, ſeine Blicke von dem Buche zu Carolinen er⸗ hebend. 1 „Ich glaube Capitain Smith iſt einer ſeiner Osmond. I. Band. 11 162— Bekannten,“ entgegnete dieſe, ſonſt hörte ich von keinem.“ „Wie ſchade!“ erwiederte Osmond mit ei⸗ nem ſpöttiſchen Lächeln,„ja, ja, ein ſolches Un⸗ glück iſt allerdings geeignet, Sie zerſtreut zu machen und Ihre Aufmerkſamkeit von jedem andern Gegenſtande abzuziehen.“— Durch je⸗ des Wort, welches er ſprach, reizte er, wie es bei heftigen Perſonen oft der Fall zu ſeyn pflegt, ſeinen Unmuth noch mehr an, und ſo fuhr er fort, ſeinem Verdruſſe durch Spötte⸗ reien Luft zu machen, bis Carolinens zarter Sinn es nicht länger ertragen konnte, und die Thraͤnen, welche lange ſchon in ihren Augen gezittert hatten, über ihre Wangen hinabroll⸗ ten. Dieſer Anblick entwaffnete ſeinen Zorn, und ließ ihn ſich ſelbſt, als die Urſache von Carolinens Kummer, haſſenswerth erſcheinen. Oft ſchon hatte er ſich bemüht die furchtbare Heftigkeit zu bekämpfen, mit der er ſo oft den Frieden des lieblichen Mädchens ſtörte; oft hatte er gelobt, jede Leidenſchaftlichkeit zügeln 163 zu wollen. Oft ſchon hatte er ſich zu ihren Füßen geworfen und ihre Verzeihung erfleht.— Er that es auch jetzt und ſie vergab ihm au⸗ genblicklich und bereitwillig. Osmond, um ſein Unrecht wieder gut zu machen, ſprach nun ſelbſt von den Freuden, welche die bevorſtehende Feſtlichkeit ihnen verſpräche, wobei er indeß in in ſeinem Innern recht herzlich wünſchte, Herr Milner möchte bei ſeiner Einladung der Offi⸗ ciere aus der Garniſon von D. auf recht viele, unüberſteigbare Hinderniſſe ſtoßen. XI. Uaſere freundlichen Leſer werden leicht be⸗ greifen, daß Carolinens künftige Verbindung mit einem ihr an Geburt und Reichthum ſo ſehr überlegenen jungen Manne, ihre ganze Familie, ſelbſt die entfernteſten Verwandten, mit Freude erfüllte. Die Milners, welche Caroline ungemein lieb hatten, ihr gern ein Vergnügen machten, und ſich nicht wenig darauf einbildeten, Osmond zu ihren Gäſten zu zählen, hatten beide jungen Leute eingeladen, noch einige Tage nach der Feſtlichkeit bei ihnen zu bleiben. Osmond, der zu weit gegangen war, um ſich einem Um⸗ gange zu entziehen, den er, in jedem andern Verhältniß, als unter ſeinem Range betrachtet haben würde, verſprach ſich einzufinden. We⸗ der Herr Lascelles noch ſeine Gattin waren von der Parthie, und ſo fuhr Osmond die rei⸗ zende Caroline in ſeinem Cabriolet dorthin. „Dieſe Sache gefällt mir doch nicht ſo ganz,“ ſprach der ehrliche Pachter, nachdem er von Carolinen Abſchied genommen hatte und ſie nun raſch mit ihrem Geliebten dahin rollte. „Ich bin faſt entſchloſſen—“ „Ich weiß ſchon wozu,“ unterbrach ihn ſeine Ehehälfte,„daraus aber ſoll nichts werden, ſo. lange ich hier noch ein Wort mitzureden habe. Welchen Nutzen könnte es bringen, wenn Du Lord Arlington mit der Sache bekannt mach⸗ teſt?“ „Ich würde dann offen und ehrlich handeln,“ erwiederte ihr Gatte. „Und weißt Du auch, wie ſeine Antwort lauten würde?“ fragte Miſtreß Lascelles. „Die, meyne ich, wäre leicht zu errathen.“ „Und dann bräche das Herz der armen Ca⸗ roline, und Osmond und ſein Vater würden — 166— unverſöhnliche Feinde, und das alles, weil wir nicht ſchweigen konnten.⸗ „Nun, nun, wir wollen wenigſtens jetzt ſchweigen,“ ſprach Herr Lascelles, der ſtets eifrig bemüht war, jedem Wortwechſel mit ſei⸗ ner Frau vorzubeugen, weshalb er denn auch aus allzu großer Nachgiebigkeit einen Schritt unterließ, den er recht gern gethan haben würde, wenn er nur nicht nöthig gehabt hätte, ſich darüber mit ſeiner Frau zu ſtreiten. Nicht auf die Feſtlichkeit freute ſich Osmond, ſondern auf die Tage, die ihr folgen würden, denn er fühlte, daß ſeine Selbſtqual ihn ver⸗ hindern werde, an der allgemeinen Freude Theil zu nehmen; wenn aber erſt dieſer gefürch⸗ tete Ball vorüber ſeyn würde, verſprach er ſich ein mehr als gewöhnliches Vergnügen. Es war gerade die blühende Jahreszeit, in welcher die Luft ſanft und angenehm faͤchelt, und in der es eine Beleidigung gegen die Natur iſt, nicht hin⸗ auszuwandeln und ſich ihrer Schätze, ihrer Herr⸗ lichkeiten zu erfreuen. Der Gedanke, dieſe Reize nun ungeſtört an der Seite des geliebten Mäd⸗ chens genießen zu können, erfüllte Osmond mit Entzucken. Ach nur zu bald ſollte die Wonne getrübt werden, er ſelbſt ſollte die Glückſeelig⸗ keit zertrümmern, die er von der Zukunft hoffte! Wir nahen uns jetzt dem Theile ſeiner Ge⸗ ſchichte, den wir gern, gern übergehen möchten, der Periode, in der er, alle edlen Gefühle vergeſ⸗ ſend, ſich in Schande und Elend ſtuͤrzte, und ach! nicht allein ſank er in dieſen Abgrund der Schmach, aus dem der Mann ſich nur zu oft dem Anſcheine nach ſicher und ungefährdet wieder em⸗ por hebt, während das Opfer ſeiner Leidenſchaft tief unten von den Schlangenbiſſen der Verach⸗ tung verzehrt wird.— Der Tag der Feſtlichkeit brachte ihm, wie er es erwartet hatte, häufige Gelegenheit ſich jene Selbſtfolter anzulegen, die ſeine Phantaſie ſo trefflich zu regieren wußte. Die Geſellſchaft beim Mittagsmahl beſtand nur aus den Mitgliedern der Familie— offene gutmüthige Menſchen, nicht im Stande Osmonds — — 168— üble Laune auf irgend eine Weiſe rege zu ma⸗ chen. Aber am Abend vergrößerte ſich der Kreis, und zum großen Mißvergnügen unſeres Helden erſchienen auch zwei Officiere, die ſeine geſchäf⸗ tige Einbildungskraft mit all' dem blendenden Glanze bekleidete, der an einer Uniform nur zu oft Eindruck auf Weiberherzen macht, und der, wie der mißtrauiſche Osmond ſich überzeugt hielt, dieſen auch nicht bei Carolinen verfehlen wuürde. Er fühlte ſein Herz pochen, als Miſtreß Mil⸗ ner ihn die beiden militäriſchen Gäſte vorſtellte, und er bewachte ängſtlich Carolinens Blicke ſo, als wolle er erforſchen, ob er in ihren Augen nicht eine beſondere Freude über dieſen Zuwachs der Geſellſchaft erſpaͤhen könne. Der eine von ihnen, Capitain Smith, nahm einen Stuhl, fetzte ſich neben ſie, betrachtete ſie raſtlos mit Blicken voll Erſtaunen und Bewunderung und begann ſich angelegentlich mit ihr zu unterhalten. Sein Gefaͤhrte ſchien ein alberner modiſcher Geck, der, als er ſah, daß der Capitain das hübſche⸗ ſte Mädchen der Geſellſchaft für ſich in Beſchlag — 160— genommen hatte, gedankenlos umherſchlenderte, bis Smith ſeine Attacke aufgegeben haben würde. Dieß aber ſchien bis zum Abend nicht der Fall werden zu wollen, denn Caroline, mit ihrer Leb⸗ haftigkeit und mit der natürlichen Eitelkeit ihres Geſchlechts, fühlte ſich durch die Bewunderung, die ihr gezollt ward, ungemein geſchmeichelt und wurde noch heiterer und fröhlicher als zuvor. Der Capitain bezeigte ihr immer mehr und mehr Aufmerkſamkeit, und mit jedem Augenblick vermehr⸗ te ſich Osmonds Seelenqual, denn mehr als eine halbe Stunde, ſo lange währte dieſer Auftritt ſchon, ſtand er in einem fernen Winkel des Ge⸗ machs, die fröhliche Gruppe mit finſteren Blicken betrachtend und ſein eigenes Mißgeſchick bitter beklagend. Noch länger hätte er ſo vielleicht über ſein Elend gebrütet, hätte nicht eine allge⸗ meine Bewegung verkündet, daß der Tanz begin⸗ nen würde. Es war längſt ausgemacht, daß er die beiden erſten Tänze mit Carolinen tanzen ſolle, aber, und hätte es ein Königreich gegolten, er wäre jetzt nicht im Stande geweſen, ſie dazu aufzu⸗ fordern. Er ſtand noch immer ſchweigend mit verach⸗ tungsvollem Lächeln da, erwartend, daß ſie ſich ſeiner erinnern wurde. So wie die Muſik er⸗ klang, war dies auch wirklich der Fall; ſie brach ſchnell ihr Geſpräch mit dem Capitain ab und eilte auf Osmond zu, ſo reizend, ſo lieblich, ſo liebenswürdig, daß nur der Dämon der Eifer⸗ ſucht, der ſich ſeiner bemächtigt hatte, ihr zu wi⸗ derſtehen vermochte. 4 „Kommen Sie, lieber Osmond!“ rief ſie.— Mehr aber ſprach ſie nicht, denn ſeine finſteren Blicke machten ihr Herz und ihre Zunge erſtarren. „Der Tanz beginnt, wollen wir nicht eintre⸗ ten?“ fragte ſie endlich mit furchtſamer Stimme. „Ihr Freund, Capitain Smith möchte eifer⸗ ſuchtig werden,“ entgegnete Osmond mit jenem bittern Lächeln, welches eine der furchtbarſten Außerungen der Eiferſucht iſt. „O Thorheit, Thorheit ſeyn Sie doch ver⸗ nünftig, Osmond,“ ſprach ſie und Thränen woll⸗ ten dabei ihren Augen entperlen. Sein Herz gab nach, er blickte etwas freundlicher auf ſie; ſie merkte es und auf ihre Wange kehrte das Lä⸗ cheln zurück. In dieſem Augenblick aber näherte ſich der verhaßte Capitain Smith:„Miſſ Lascelles!“ ſprach er,„wir erwarten Sie. Wer iſt der Ge⸗ fühlloſe, den Sie zum Tänzer erwählten? Ich habe große Luſt auf die Gefahr hin, von ihm herausgefordert und in die andere Welt geſchickt zu werden, mich Ihnen als ſeinen Stellvertreter anzubieten.“— So ſprechend nahm er ihre Hand, ſo als wolle er ſie zu Tanze führen. Osmond mußte alle ſeine Faſſung zuſammen nehmen, um den Unverſchämten nicht zurechtzuweiſen; wäh⸗ rend Caroline fremd und kalt dem Capitain ihre Hand entzog, und ernſt erwiederte:„Ich bin mit dieſem Herrn engagirt, Sir, wir werden ſogleich eintreten. So beſänftigte ſie den Sturm, der in Osmonds Innern wohnte, wenigſtens in ſo weit, daß ſie ihn bewog, ſie zu den übcigen Tän⸗ zern zu führen. 7 — 12— Noch hatten dieſe ſich nicht aufgeſtellt, ſondern ſtanden in Gruppen umher, und Osmond hatte aufs neue Luſt Halt zu machen. „Was fehlt Ihnen denn, Osmond? fragte Ga⸗ roline, denn ſie hörte, daß er tief aufſeufzte. „Wie konnten Sie mich ſo quälen, Caroline?⸗ erwiederte er.„Sie, die Sie wiſſen, wie unend⸗ lich mich Eiferſucht verzehrt.“„Ich Sie quälen, Osmond? wie— wann?“ „Wenn Sie fühlten wie ich,“ fuhr ihr Gelieb⸗ ter fort,„würden Sie dieſe Frage zu thun nicht für nöthig finden.“ „Zuürnen Sie etwa, weil ich mit dem Capitain ein wenig ſchwazte?⸗ „Ein wenig ſchwazte?“ wiederholte Osmond verächtlich.„Kommen Sie, kommen Sie Os⸗ mond,“ fiel Caroline ein,„verbannen Sie dieſe thörigten Grillen, ſtören Sie doch die Freude des Abends nicht, kommen Sie, laſſen Sie uns eintreten.“ Aber zu tanzen, ſich froh und freudig zu ſtel⸗ len, während in ſeiner Bruſt die wildeſten Ge⸗ 4 V — 173— fühle tobten, war mehr als er vermochte.„Tan⸗ zen Sie immer hin, Caroline, ſprach er,„ich vermag es nicht.“ „Was ſoll ich dann aber machen?“ fragte ſie in großer Verlegenheit,„wie kann ich es denn vermeiden, mit dem Capitain zu tanzen? Ach! da kommt er ſchon, Osmond, was ſoll ich thun, was ihm ſagen?“ „Tanzen Sie mit ihm, Miſſ Lascelles, tan⸗ zen Sie doch,“ entgegnete der Eiferſüchtige, und ſo ſprechend machte er ſich von ihr los, eilte zum Zimmer hinaus, und ſtrich umher ohne zu wiſ⸗ ſen wo, bis er ſich endlich in einem Laubengange des Gartens wieder fand. Es ſchien als wolle er ſich ſelbſt, als ſeinem bitterſten Feinde entfliehen. Und wo gäbe es auch boshaftere Widerſacher, mehr geeignet un⸗ ſern Untergang herbeizuführen und uns in un⸗ nennbares Elend zu ſtürzen, als wilde tobende Leidenſchaften in der eignen Bruſt. Osmond ſank auf eine Raſenbank nieder, ſich der Reue und der Schaam hingebend. Wohin 7 — 174— er auch ſeine Gedanken richtete, uüberall erblickte er für ſich nichts als Kummer, gegenwärtige und zukünftige Leiden.* „Iſt dies das Schickſal der Menſchen,“ ſprach er vor ſich hin,„giebt es keinen Troſt für den Unglücklichene O Mary, Mary, meine Rath⸗ geberin, meine Freundin! warum biſt Du nicht hier, mich Elenden vor mir ſelbſt zu retten!— Aber ach! von Dir hab' ich mich losgeriſſen!“ Seine Gemüthsbewegung ward ungemein hef⸗ tig, ſeine Bruſt wogte. Endlich ward er durch das Schweigen der Muſik, welche bisher aus den offenſtehenden Fenſtern des Hauſes zu ihm herge⸗ tönt hatte, dem Bewußtſeyn wiedergegeben. Er ſchloß aus der Pauſe, die nun eintrat, daß die Geſellſchaft ſich zu Tiſche geſetzt haben müſſe, obgleich er ſich kaum überreden konnte, ſo lange bewußtlos umhergeſtrichen zu ſeyn. Was hatte Caroline in dieſer Zeit angefangen?— Sich trefflich unterhalten, ohne Zweifel. Er wußte nicht, ob er ſich ihr an dieſem Abend noch zeigen ſollte oder nicht. Da er fühlte, das er ſich durchaus nicht beherrſchen konnte, ja daß er, wenn ſeine Leidenſchaftlichkeit rege ge⸗ macht worden war, nicht einmal die gewöhnlichen Geſetze des Anſtandes zu beobachten vermochte, wäre es vernünftig geweſen, wenn er ſich auf ſein Zimmer zurückgezogen hätte, und dort den übrigen Theil des Abends geblieben wäre. Aber er verwarf dieſe Eingebungen der Ver⸗ nunft, beſchloß in das Haus zurückzukehren und Carolinens Herz, wenn ſie anders noch ein Herz hätte, durch den Anblick des Kummers zu bewe⸗ gen, den, wie er ſich überzeugt hielt, ſein Ge⸗ ſicht deutlich ausſprechen mußte. Wie er es erwartet hatte, ſaß die Geſell⸗ ſchaft beim Abendeſſen, und war ſo beſchäftigt, daß man ſeine Ankunft anfangs nicht bemerkte, Herr Milner ward ſeiner zuerſt gewahr, und in⸗ dem er ihm einen Sitz neben ſich anbot, fragte er, was ſeine Abweſenheit veranlaßt habe. Os⸗ mond ſchützte ein Unwohlſeyn vor, welches ihm die Hitze im Zimmer unertraͤglich gemacht hätte, eine Entſchuldigung, die fuͤr gültig angenommen — 176— wurde, obgleich Carolinens Verwandte den wah⸗ ren Grund wohl ahnen mochten. Osmonds Blicke ſuchten nun unverzüglich die Geliebte; ſie ſaß obenan, der Capitain Smith ihr zur Seite, welcher ihr etwas zuflüſterte, worüber das holde Mädchen leichthin lächelte, aber ungemein erröthete. Sie lehnte, wie Osmond zu bemerken glaubte, etwas von ſich ab, wodurch ſich ihre Eitelkeit aber dennoch geſchmeichelt fühlte. „Verachtungswürdige Kokette!“ dieſe Worte zitterten auf Osmonds Lippen, in dieſem Mo⸗ ment begegnete ihr Blick dem ſeinen, und freundlich lächelte ſie ihm zu, indem ſie ihr Glas ergriff und es emporhielt, ſo als fordere ſie ihn auf ihr Beſcheid zu thun. Seiner aufgeregten Phantaſie ſchien dies eine neue Beleidigung und er ſah verächtlich von ihr weg.„Sie hat kein Herz, kein Gemuth,“ dachte er,„wie konnte ſie ſonſt glauben, daß ich freundlich ſehen und lächeln würde, nachdem ſie mich faſt bis zum Wahnſinn getrieben hat.“ — Seine Blicke ſprachen deutlich die Leidenſchaft⸗ lichkeit aus, die in ſeinem Innern tobte, und diejenigen der Gäſte, welche in ſeiner Nähe ſaßen, betrachteten ihn nicht ohne Erſtaunen und Beſorgniß. Als das Mahl vorüber war, machte man An⸗ ſtalt den Tanz wieder zu beginnen. Osmond folgte den Übrigen in das angrenzende Gemach und ſetzte ſich allein in einen Winkel deſſelben, wo er hoffte, daß ihn Caroline aufſuchen würde. „Das kann ich mit Recht erwarten,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, aber er hatte ſich getäuſcht, denn Caroline, weit davon entfernt, ſich ihm zu nä⸗ hern, war im Begriff mit dem Capitain einen neuen Tanz zu beginnen. Osmonds Blut kochte. Er ſprang von ſeinem Sitze auf— er fuͤhlte, daß er fähig ſey, eine allzu raſche That zu begehen— er ſprach ſich ſelbſt Ruhe zu— er meynte, er würde wohl thun, das Zimmer zu verlaſſen. Vergebens, mit ſchnellen Schritten trat er auf Carolinen zu. Sie bemerkte ihn erſt, als ſie ſeine Stimme Osmond. I. Band. 12 — 178— vernahm; der Ton derſelben erſchreckte ſie, ſie wandte ſich zu ihm:„Endlich kommen Sie,⸗ ſprach ſie mit einem erzwungenen Lächeln, ‚„mich zum Tanz aufzufordern. Da müſſen Sie ent⸗ ſchuldigen,“ fuhr ſie mit einer höflichen Vernei⸗ gung gegen den Capitain fort,„ich ſagte mich Ihnen nur bedingungsweiſe zu.“ Der Capitain war eben im Begriff einige höf⸗ liche Worte zu erwiedern, als ihn Osmond plötz⸗ lich mit großer Heftigkeit unterbrach. „Ich bitte Sie, behalten Sie Ihre Dame,“ rief er,„ich wünſche kein Störer Ihres beiderſei⸗ tigen Vergnügens zu ſeyn, oder wenn Sie deſſel⸗ ben müde ſind, wählen Sie ſich einen tauglichen Stellvertreter. Jeden Andern dürfte Ihre Tän⸗ zerin lieber wählen als mich.“ Capitain Smith, der Osmond nur wenig kannte, gerieth über dieſe Rede in nicht geringes Erſtaunen, während Caroline, nachdem ſie auf ihren Geliebten einen vorwurfsvollen Blicke ge⸗ richtet hatte, ſich ſchnell entfernte. „In der That, Sir—“ begann Capitain 179 Smith. Osmond ſtand da mit ſtolzen heraus⸗ fordernden Blicken, hoffend, der Capitain würde irgend etwas äußern, das ihn berechtigen koönnte, in Zorn auszubrechen, da jener aber nicht fort⸗ fuhr, fragte er:„Nun, Sir?—“ „Ich weiß in der That nicht—“ nahm Smith aufs neue das Wort; in dieſem Augenblick aber trat die Hausfrau herein, die von Caroli⸗ nen, welche einen Streit zwiſchen den beiden Männern befürchtete, zu ihnen geſandt worden war; ſie gab vor, ſie wünſche ein Paar Worte mit Osmond allein zu ſprechen und führte ihn in ein anſtoßendes Gemach, wo ſie in ihn drang, ihr doch mitzutheilen, was ihn ſo gänzlich außer Faſſung gebracht habe. Sie war eine ehrliche, gutherzige Frau, keinesweges aber geeignet, das Vertrauen Osmonds zu gewinnen, und ſo erwie⸗ derte er ihr auch nur, was er ſchon früher vorge⸗ ſchützt hatte, daß er ſich nehmlich nicht wohl be⸗ finde und durchaus unfähig ſey an den Freuden des Tages Theil zu nehmen. Er dat um die Erlaubniß, in dieſem Gemach bleiben zu dürfen, 12* — 180— bis ſich die Geſellſchaft entfernt haben würde, welches die Hausfrau ihm gern bewilligte und ſich dann entfernte, den Leidenſchaftlichbewegten aufs neue einer furchtbaren Einſamkeit überlaſſend. Bitter und qualvoll waren die Vorwürfe, mit denen Osmond ſich jetzt wieder überhäufte; er ſchalt ſich grauſam unmännlich, daß er ein junges liebenswürdiges Mädchen, deren Geſchlecht ſie allein ſchon vor Kränkungen ſchützen ſollte, in Ge⸗ genwart eines Fremden beleidigt habe. Als er ſo über ſich nachdachte, ſchien der Sturm in ſei⸗ nem Innern nachzulaſſen und freundlicheren Ge⸗ fühlen Raum zu geben. Ihn verlangte aufs neue nach Carolinens Anblick: ſein volles Herz ſehnte ſich nach einer Gelegenheit ſeine Irrthümer bekennen und ihre Verzeihung erflehen zu können. Er harrte ungeduldig auf ein Zeichen, daß die Geſellſchaft ſich entfernte, denn bis dahin konnte er auf keine Unterredung mit der Geliebten hof⸗ fen. Endlich hörte er den für ihn ſo freudigen Ausruf:„gute Nacht, gute Nacht⸗ ſo oft wie⸗ 1 — 181— derholen, daß er an einem allgemeinen Aufbruch der Gäſte nicht mehr zweifeln konnte. Als ihn nun auch die Stille, die jetzt eintrat, überzeugte, daß er ſich nicht geirrt hatte, eilte er in das Zimmer, in welchem er Carolinen zu finden hoffte; eben als er aber die Thüre offnete,— ſah er, daß ſie zur andern hinausgehen wollte; ſie ſchien geweint zu haben. So wie ſie ihn erblickte, wollte ſie ihre Schritte beſchleunigen. Osmond aber erfaßte ihre Hand und zog ſie ſanft zurück in das Ge⸗ mach, nicht indeß ohne einigen Widerſtand von ihrer Seite. Er bat ſie, ihm Gehör zu geben, wenn auch nur auf einige Augenblicke. „Es iſt vergebens, Osmond,“ ſprach ſie,„ver⸗ gebens nur ſuche ich Ihren Wünſchen nachzu⸗ leben!“ ihre Stimme zitterte und ſchmerzbewegt ſank ſie auf einen Stuhl. „Theure, theure Caroline!“ rief Osmond, „wenn Sie auch nur des geringſten Mitleids fä⸗ hig ſind, hören Sie mich an, wenn Sie mich vor Verzweiflung ſchützen wollen.“ Er warf ſich zu ihren Füßen, und das Gefuhl ſeiner Reue machte ſich durch Thränen Luft. Die Erinnerung an ſein grauſames Beneh⸗ men aber, war noch zu lebhaft in Carolinens Seele. 4 „Wie war es möglich— daß Sie mich ſo behandelten!— wie konnten Sie,—“ Thrä⸗ nen erſtickten ihre Stimme. Tief fühlte Osmond ihren Schmerz, und in rührenden Worten ſprach er ſeine Reue aus. Es lag nicht in Carolinens ſanftem Gemüthe lange unerbittlich zu bleiben; der Ernſt ſeines Kummers ſprach mit zu beredeter Zunge; ſie reichte ihm ihre Hand hin. Er drückte ſie mit Innigkeit an ſeine Lippen. „Konnten Sie je an meiner Liebe zweifeln?“ fragte ſie,„konnten Sie glauben, daß je ein Anderer mir das ſeyn könnte, was Sie mir waren,“— ſie ſchwieg einen Augenblick, dann — 183— drückte ſie ſanft ſeine Hand und betrachtete ihn mit einem Blick voll unendlicher Zärtlichkeit,— „und was Sie mir noch ſind?“ fügte ſie hinzu. Osmond drückte ſie an ſeine Bruſt; ſeine Liebe, ſeine Dankbarkeit konnte keine Worte finden. 3 XII. Die Liebenden blieben noch eine Weile bei den Milners, während welcher Zeit Osmond kein Mittel der Überredung unverſucht ließ, Ca⸗ rolinen zu bewegen in eine Maaßregel zu wil⸗ ligen, zu der er feſt entſchloſſen war. 4 Er hatte ſich ſeiner Leidenſchaft ſo ganz hin⸗ gegeben, war ſo ganz ihr Sclave geworden, daß er an keine Folgen und an keine Zukunft dachte; Caroline Lascelles war der einzige Ge⸗ genſtand ſeiner Gedanken. Je näher er ſie und ihre tugendhafte Familie kennen lernte, je mehr ward er überzeugt, daß eine Verbindung mit derſelben ihm keine Schande bringen würde, und da ihm zu einer ſolchen nur ein einziger Weg offen ſtand, ſehnte er ſich — 185— ungeduldsvoll nach dem Augenblick der ihn auf immer mit der Geliebten verbände. Zu einem ſolchen Schritt hatte Herr Lascel⸗ les ſeine Einwilligung durchaus nicht geben wol⸗ len, und da Osmond nicht ohne Grund fürchtete, daß Lord Arlington, wenn ihm von dem ver⸗ trauten Umgang ſeines Sohnes in dem Hauſe der Lascelles Kunde werden ſollte, kräftige Mittel ergreifen würde, dieſe Verbindung auf immer zu trennen, ſuchte er, dem Anſchein nach mit beſſerem Erfolg, auf das Herz der Gelieb⸗ ten einzuwirken. Da dieſe mit unendlicher Liebe an ihm hing, machten ſeine dringende Bitten, ſich insgeheim mit ihm zu verheirathen, auf Caroline bei wei⸗ tem mehr Eindruck als auf ihren Vater, der ſie ſtets nur ſcherzend aber mit einer Weiſe aufnahm, die jede ernſthafte Erneuerung der⸗ ſelben zu unterſagen ſchien. Die Gelegenheit war jetzt ſo günſtig und Os⸗ monds Vorſtellungen wurden ſo dringand, daß ſie bald ohne Widerwillen daran dachte, ſich mit ihm — 186— insgeheim nach Gretna⸗Green zu begeben. Sie überlegten oft, wie dieß zu bewerkſtelligen ſey, ohne daß ihr Vater etwas davon erfahre, über⸗ zeugten ſich indeß, daß die Milners darum wiſ⸗ ſen mußten, auf deren Beiſtand aber ſchwerlich zu rechnen war. Der Erfolg dieſer Betrach⸗ tungen war demnach, daß Osmond in dem ein⸗ fachen, offenen Gemüth Carolinens eine ſo große Abneigung gegen die Liſt und die Ver⸗ ſtellung fand, die zur Ausführung des beabſich⸗ tigten Unternehmens nothwendig waren, daß er es aufgeben zu müſſen glaubte.— Oft wünſchte er ſpäterhin die ſündigen Ge⸗ danken bekämpft zu haben, die damals ſeine Seele erfüllten. Oft beklagte er, daß er nicht geſtorben ſey, ehe er jenen Worte gegeben hätte, zu beredet, um nicht den Sinn eines unſchuldigen Mädchens zu beſtricken. Wie oft bejammerte er ſpäter die Leidenſchaft, die ihn bewog der Majeſtät des Himmels zu ſpotten, den er als Zeuge anrief, daß die Gründe, die er anführte, Caroline zu überzeugen, daß wenn 3 — 17— ſich zwei Herzen verbunden hätten, jede andere Förmlichkeit überflüſſig ſey, recht und wahr wä⸗ ren, und daß er ſelbſt an ſie glaube. Aber ein ſchmerzvolles und unermüdendes Geſchäft würde es ſeyn, wollten wir die ta⸗ delnswerthen Sophiſtereien wiederholen, durch welche es ihm endlich gelang, ihre Vernunft zu übertäuben— ihren Verſtand zu blenden— und— wir ſind leider zu dem Bekenntniß ge⸗ nöthigt— ihr ihre Unſchuld zu rauben. Er ſteckte einen Ring an ihren Finger; ſie ſchwuren ſich gegenſeitige Treue, und wohl zehn⸗ mal täglich wiederholte er ihr, daß ihr Bund eben ſo feſt und unauflöslich ſey, als ob ein Die⸗ ner des Herrn ſie vor dem Altare vereinigt hätte. Dieſe beruhigenden Worte verfehlten indeß bald ihre Wirkung; nach einem kurzen Taumel ſchien Carolinens Friede auf immer dahin geſchwunden, ihre Heiterkeit, ihr Frohſinn waren von ihr ge⸗ wichen. Osmond brachte ſie zurück in das Haus ihres Vaters,— aber es war nicht mehr die heitere gluͤckliche Caroline, die er hinweggeführt hatte, nur ein verlornes geopfertes Geſchoͤpf gab er den Aeltern wieder. Wie gerecht, wie herrlich hat der göttliche Schöpfer aller Dinge die Glückſeeligkeit der Men⸗ ſchen mit ihrem eigenen Thun in Verbindung ge⸗ bracht!„Ich beging nie einen Fehler,“ ſagt die trefflichſte Schriftſtellerin unſerer Zeit*)„der nicht auch ein Mißgeſchick über mich herbeigefüͤhrt haͤtte.“ 1 Vergebens war fortan Osmonds Streben nach Glück! ſelbſt der kleine Theil, den ihm ſein un⸗ glückliches heftiges Temperament zu genießen er⸗ laubt, war ihm nun auf immer entriſſen, auf im⸗ mer waren jene entzückenden Träume dahin, die dann und wann ſeine Seele aus ihrem Kerker hinauf zu beſſeren Sphären trugen. Nicht län⸗ ger freueten ihm die Reize der Natur, die Abend⸗ ſpaziergänge hatten die ſtille Wonne verloren, die ſie ihm einſt gewährten. Die liebeflötenden Stimmen der Nachtigal— die fröhlichen Ge⸗ ſichter der von dem Tagewerk heimkehrenden *) Frau von Stael. 4 — 189— Landleute— der ſanfte mit Balſamduͤften ge⸗ ſchwämgerte Sommerhauch— alles, alles war für ihn todt und dahin! Sie durchwanderten die herrliche Landſchaft, wie das ſchuldige Paar das Paradies, von qualvollen Gedanken gefoltert. Denn obgleich ihm Caroline einen unwiderlegli⸗ chen Beweis ihrer Liebe gegeben hatte, waren dennoch Osmonds Zweifel an ihrer Beſtändigkeit keinesweges verſchwunden; jener hatte vielmehr gedient, ſie zehnfach zu vermehren. Sie war jetzt ſein Eigenthum, durch die Bande der Na⸗ tur auf das feſteſte an ihn gebunden, und wenn er ſchon früher nicht leiden konnte, daß ſie gegen irgend einen Andern freundlich und höflich war, behandelte er ſie jetzt noch weit tyranniſcher. Ar⸗ mes unglückliches Mädchen! ach, er hatte nur zu ſelten Gelegenheit über dein Lächeln zu zürnen! Dann und wann brach zwar ein Strahl ihrer frü⸗ heren Lebhaftigkeit hervor, aber ſeine wild⸗ auflodernde Eiferſucht, der verzweiflungsvolle, quälende Gedanke, daß ihr Betragen nie ſeinen Beifall erringen würde,— die Erinnerung an 5 A 4 das Opfer, welches ſie ihm gebracht hatte, ga⸗ ben ihrem ganzen Weſen bald einen Anſtrich von Schwermuth, ſo ganz ihrer früheren Sinnesart entgegengeſetzt, daß ſelbſt der argloſe, ruhige Lascelles dieſen Wandel bemerken mußte. Obgleich der Vater noch immer ſchwieg, ge⸗ wahrte Osmond dennoch, daß der Zuſtand der Tochter ihm Sorge mache. Oft betrachtete er ſie mit ängſtlicher Zärtlichkeit, dann richtete er ſeine Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Argwohn und Mißvergnügen. Herr Lascelles hatte ſich überzeugt, daß Osmonds Abſicht recht⸗ lich war, und abgeſehen von dem Vortheil dieſer Verbindung, geſiel ihm auch noch manches in Os⸗ monds Charakter, dem er nur allzu ſehr traute. Seine Gattin überdem half ſeinem natürlichen Hange, unthätig bei der Sache zu bleiben, noch nach, und ſo gab er ihren Vorſtellungen Gehör, dem Dinge nur ſeinen Lauf zu laſſen, wo denn ſchon alles nach Wunſch gehen würde. Endlich aber ſchien er doch aus ſeinem Schlum⸗ mer zu einiger Thätigkeit zu erwachen. 3 *. 44. 3 — 191— Nachdem ein Monat, ein jammervoller Monat nach der Rückkehr von den Milners vergangen war, ſchritt Osmond eines Tages dem Hauſe der Lascelles zu. Er hatte ſich am Abend zuvor mit ſchmerzvollen Gefühlen von der Geliebten ge⸗ trennt.„Du haſſeſt, Du verabſcheueſt mich, Ca⸗ roline,“ hatte er ihr zugerufen;„Du thuſt wahr⸗ lich alles, Osmond, mich dazu zu zwingen—“ ſtammelte die Gequälte endlich,„und ich fürchte, fürchte—“ ſie ſchwieg und ſeufzte tief. „Daß es dazu kommt, nicht wahr,“ rief Os⸗ mond mit großer Heftigkeit. Caroline aber von der Wildheit ſeines Be⸗ nehmens empört, riß ſich von ihm los, und zeigte ihm zum erſtenmal die Lebhaftigkeit eines erzürnten Gemüths; die Undankbarkeit ſeines Benehmens drohete in der That ihre Geduld, ihre Liebe zu beſiegen. Als Osmond ſie darauf an dem erwähnten Nachmittag beſuchen wollte, begegnete er zufäl⸗ lig Alſton, der ſich ihm zum Begleiter anbot. „Ich ſah Sackville hingeben,“ bemerkte er,„da 8½ * — 1902— können wir ein Spielchen machen, und Sie ha⸗ ben unterdeſſen Gelegenheit mit Ihrem Mäd⸗ chen zu ſchwatzen.“ Osmond gab hierauf keine Antwort, und Alſton fuhr nach einer kurzen Pauſe fort:„Hören Sie, Herr Leſſingham, Sie müſſen Acht geben, der Sackville hat ein Auge auf Ihre Caroline!“ dieſe hingeworfene Bemerkung ſchnitt tief ein in das, ſich ohnehin ſo leicht dem Argwohn hingebende Herz Osmonds, und er beſtürmte ſeinen Begleiter nun mit Fragen und Forſchun⸗ gen, nach dem was er geſehen und bemerkt hätte. Alles aber was er erfuhr, war ſoviel als nichts; Alſton hatte nicht mehr geſehen, als Osmond und ihre Familie geſehen hatte, nichts mehr als was die ganze Welt hätte ſehen können, nehm⸗ lich daß Sackville ein inniges Intereſſe an den Lascelles und beſonders an Carolinen nahm, als an einem munteren liebenswürdigen Mäd⸗ chen, das er noch vor ein Paar Jahren als Kind gekannt hatte. Osmonds Seele aber war ein fruchtbarer Boden, in dem der Keim des Argwohns nur allzuſchnell Wurzel faßte. 4 Er horchte begierig jeden argloſen Worte Alſtons, ſo als gehe es aus dem Munde eines Orakels hervor, bei jeder anderen Gelegenheit im Leben, würde er der Rede ſeines Begleiters nur wenig Aufmerkſamkeit gezollt haben, denn er wußte, daß derſelbe nicht viel Scharfſinn beſaß; die Leidenſchaft aber iſt ein mächtiger Zauberer, ſie verwandelte den unbedeutenden Menſchen, in Osmonds Augen ſchnell zu einem Mann von großem Verſtande. Hätte Alſton auch nur den geringſten Beobachtungsgeiſt be⸗ ſeſſen, er würde bemerkt haben, welches Un⸗ heil ſeine argloſe Geſchwätzigkeit anrichtete. Endlich ſchien er indeß doch zu gewahren, daß er wohl zu viel geſagt habe, denn als ſie das Haus zu Geſicht bekamen, und er das Geſpräch auf einen anderen Gegenſtand lenken wollte, hemmte Osmond ſeine Schritte, und beſchwor ihn als ſeinen beſten Freund dos Benehmen Carolinens und Sackvilles bewachen. Alſton zu Osmond. I. Pand. 13 — 194— ſchien erſtaunt und bat ſeinen Begleiter, das was er geſagt habe, doch ja nicht ernſthaft zu betrachten. „Hätte ich denken können,“ ſprach er,„daß meine Rede Ihnen auch nur auf Augenblicke Kummer verurſachen könne, ich würde den Na⸗ men Sackoilles nicht ausgeſprochen haben. Meine Vermuthung verdient durchaus nicht von Ihnen beachtet zu werden, und ohnehin iſt es ja nichts als bloße Vermuthung.“ „Sie ſtimmt aber mit der einigen vollkom⸗ men überein,“ rief Osmond,„ich habe ſchon immer geglaubt, daß Sackvilles eine Neigung fuͤr ſie empfindet, und ich bin, wie Sie, über⸗ zeugt, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeiten er⸗ wiedert.“ „Ich erinnere mich nicht dergleichen behauptet zu haben,“ entgegnete Alſton. Und in der That hatte auc nur Domonds Eiferſucht den Worten ſeines Begleiters dieſen Sinn untergelegt. ¹ ——— „Sagten Sie nicht,“ fuhr Osmond heftig fort,„daß Sie ihn, als Sie geſtern Abend die Lascelles beſuchten, dort fanden, daß er viel mit Carolinen flüſterte und daß—“ „Daß ſie viel mit einander flüſterten, habe ich nicht geſagt,“ unterbrach ihn Alſton,„ich meynte nur, er hätte leiſe zu ihr geſprochen, und glaubte aus einzelnen abgebrochenen Wor⸗ ten, die ich vernahm, bemerkt zu haben, daß er eine große Beſorgniß über ihr verändertes Ausſehen und über ihren Truͤbſinn äußerte. Sie ſah aber auch in der letzten Zeit recht bleich aus, fanden Sie das nicht?“ Osmond vermied die Beantwortung dieſer Frage, und ſuchte von ſeinem Begleiter noch mehr von dem zu erfahren, was er am ver⸗ gangenen Abend von dem Geſpräch zwiſchen Carolinen und Sackvilles etwa erlauſcht haben mochte. Alſton aber, dem Osmonds Stimmung klar zu werden begann, war zu keiger weiteren Auskunft zu bewegen. 13 196 Er hatte indeß genug geſagt, um Osmond mit einer furchtbaren Laune in Carolinens Nähe zu bringen. Dieſer fuͤhlte dies und verweilte, nachdem Alſton ſchon in das Haus getreten war, noch einige Augenblicke in dem Garten, um ſich wo möglich in eine beſſere Stimmung zu ver⸗ ſetzen.— Er ſuchte ſich zu überreden, daß alles was er gehört habe, ja durchaus von keiner Be⸗ deutung ſey. Es war ſo unwahrſcheinlich, daß Caroline, nachdem ſie ſich ſo ganz in ſeine Ge⸗ walt begeben hatte, es wagen ſollte ihn zu hintergehen. Es konnte, es konnte nicht ſeyn! Und auf kurze Zeit getröſtet und beruhigt, athmete ſeine Bruſt etwas freier. Aber Hoffnung und jede freudige Empfindung ward ſchnell wieder aus ſeiner Bruſt von den furchtbarſten Gefühlen verdraͤngt, als er, ſo wie er in das Zimmer trat, mit eiferſüchtigen Blicken bemerkte, daß Caroline und Sackvilles, wie es ſchien, in einem ernſthaften Geſpraͤche vertieft in einem Fenſter beiſammen ſaßen. — 197— Da er die Thür leiſe geöffnet hatte, und die ſpielenden Kinder umhertobten, vergingen mehrere Augenblicke, ehe man ſeiner gewahr wurde. Caroline ſah ihn zuerſt, und erſchrak ſichtbar bei ſeinem Anblick. Ach, ſeine Gegen⸗ wart hatte ihr in der letzten Zeit ſo viel Angſt und Kummer gebracht, daß ſie ſich derſelben unmöglich freuen konnte. Vergebens nur ver⸗ ſuchte ihr erzwungenes Lacheln die Furcht zu verbergen, die ſie vor ihm empfand,— Furcht füͤhrte ja zur Abneigung und Abneigung zum Haß— und ſo hielt ſich Osmond in ſeinem aufgeregten Sinn feſt überzeugt, daß er von Carolinen gehaßt werde. Dieſer Gedanke war ſo furchtbar, daß Osmond unfehlbar eine neue Unbeſonnenheit begangen haben würde, hätte die Gegenwart des Herrn Lascelles ihn nicht einigermaßen in Schranken gehalten und ihn be⸗ wogen den Sturm in ſeinem Innern wenigſtens nicht laut werden zu laſſen. Er ſaß daher da in tiefe Träumereien verſunken, wie des ſchien von niemand beachtet, außer von Herrn Las⸗ celles, der dann und wann einen ernſten Blick auf ihn richtete. Der Thee war getrunken, und nachdem man ſich zu dem gewöhnlichen Spielchen geſetzt hatte, war nur noch die Tante Catharine übrig, die einem Zwiegeſpräch der beiden Liebenden in dem Wege ſtand. Außer der erſten kurzen Begrüßung hatten dieſe bis jetzt noch keine Sylbe mit einander gewechſelt. Osmond glaubte zu bemerken, daß Caroline vor einer Unterredung mit ihm zurück⸗ ſchaudere, und wenn er ſich ſeines unfreund⸗ lichen Benehmens gegen ſie am vergangenen Abend erinnerte, konnte er ſich darüber nicht wundern. Sein Stolz verhinderte ihn indeß irgend einen Schritt zur Verſöhnung zu thun und ſo blieb er auf ſeinem Sitze, jede ihrer Bewegungen auf das Genaueſte beobachtend. Sie ſchien in einem ernſthaften Geſpräch mit ihrer Tante vertieft, und obgleich ſie ſo leiſe ſprachen, daß er kein Wort verſtehen konnte, war Osmond doch überzeugt, daß er der Ge⸗ — 199— genſtand ihrer Unterhaltung ſey. Dieſe Ver⸗ muthung ward beſtätigt, denn nachdem Caroline ſich entfernt hatte, kam die Tante zu ihm, und bat ihn um eine kurze Unterredung in dem Nebengemach. Miſſ Lascelles war von einer ſo ruhigen Gemüthsart, ſo ganz nur mit der Erfüllung ihrer eigenen Pflichten beſchäftigt, daß Caroline ſich ungemein bei ihr beklagt haben mußte, wenn ſie, wie Osmond vermuthete, den Entſchluß gefaßt hatte, ihn über ſein Be⸗ tragen gegen ihre Nichte Vorſtellungen zu machen. Ein ſolcher Gedanke war nicht geeignet die bitteren Gefühle, die ihn beſtürmten, zu mil⸗ dern, und obgleich er ihr ins nächſte Zimmer folgte, war er doch nur wenig geſtimmt ihrem Rathe Gehör zu geben. Wie er erwartet hatte, begann ſie ſogleich mit ihm von Carolinen zu reden. Sie hätte, ſprach ſie, ſchon ſeit mehreren Wochen mit Kummer bemerkt, daß er und Caroline nicht glücklich ſchienen. Sie verſicherte ferner, daß — 260— ſie ſich nicht in die Sache gemiſcht haben wuͤrde, wenn dieſe nicht mit jedem Tage ein ernſt⸗ hafteres Anſehen gewönne; aber Carolinens verſtörtes Weſen und ihre überhand nehmende Schwermuth hätten ſie ungemein bekümmert, und ſte hätte Caroline über die Urſache befragt.—“ „Und da hat ſie Ihnen denn ohne Zweifel einen recht ausführlichen, glaubwürdigen Be⸗ richt von meinem tadelnswerthen Betragen ge⸗ geben,“ ſiel Osmond ihr in die Rede, mit einer Heftigkeit, uͤber die er ſich ſelbſt Vor⸗ würfe machte. Aber wo giebt es auf Erden ein wilderes Thier, als den Mann, den eine ungezuͤgelte Leidenſchaft hinreißt.— Ach, Ver⸗ nunft— Verſtand— Selbſtbeherrſchung, oder wie wir dich auch immer nennen mögen, du allein biſt ein wünſchenswerthes Gut! Wir verlangen nach Reichthum, Macht, Vergnügen und Glück, dies alles aber gleicht nur dem Spielwerk in der Hand eines Kindes, ohne jenem göttlichen Attribut, der uns zum Herrn unſerer ſelbſt macht. — 201— „Ich habe nichts dergleichen von ihr gehört,“ erwiederte die Tante, ſanft und begütigend, „nichts von ihr herausbringen können als das Geſtändniß, daß ſie ſich ſehr unglücklich fühlt, dies mir zu verbergen, würde ſie in der That vergebens verſuchen. Ach, Herr Leſſingham, fuhr ſie mit thränerfüllten Blicken ſort,“ Sie ſelbſt müſſen ja ſehen, wie ſehr ſie verändert iſt. Als Sie ſie zuerſt kennen lernten, war ſie unſer aller Freude: ſtets lächelnd— ſtets fröh⸗ lich.— Jetzt aber!— kaum iſt ſie noch im Stande, dann und wann ein Wort hervorzu⸗ bringen,— tiefer Trübſinn hält ſie umfan⸗ gen— ja ſelbſt die Kleinen haben die mit ihr vorgegangene Veränderung bemerkt! „Ach, theuere Miſſ Lascelles,“ unterbrach ſie Osmond, von dem rührenden Ton ihrer von Thränen faſt erſtickten Stimme ungemein bewegt,„ich bekenne, ja ich bekenne die Grau⸗ ſamkeit, die Barbarei, mit der ich in meinem heftigen Sinne nur zu oft ein Weſen behan⸗ delt habe, das ich bis zum Wahnſinn liebe— — 202— ja ja, bis zum Wahnſinn in der That! Gott iſt mein Zeuge, wie bereitwillig ich mein Leben für ſie hingeben würde!— Sie aber liebt mich nicht— ihre Neigung zu mir iſt verſchwunden— ſie haßt mich.—“ Hier ward die Bewegung ſeines Gemuͤths ſo ſtark, daß er genöthigt war, ſein Geſicht mit den Händen zu bedecken. Als er wieder im Stande war aufzublicken, ſah er, daß Miſſ Lascelles ihn mit einem Ge⸗ miſch von Schrecken und Mitleid betrachtete. Sie ſchien zu ihm ſprechen zu wollen, doch fürchtete ſie ſich offenbar ihre Rede zu begin⸗ nen; endlich nahm ſie mit leiſer zitternder Stimme das Wort. „Es ſchmerzt mich bis in das Innerſte meiner Seele,“ ſprach ſie,„Zeuge Ihres Unglücks zu ſeyn; ich hoffe indeß, daß es wenigſtens nur in Ihrer Einbildung beſteht; ich kann nicht anders als überzeugt ſeyn, daß Caroline Sie aufrichtig liebt— liebte—“ fügte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu. — 203— „Ja, ja, liebte!“ rief Osmond,„ einſt— einſt, ja da liebte ſie mich!—“ und grauſam führte die Erinnerung die erſte glückliche Zeit ſeiner Bekanntſchaft mit Carolinen in ſein Ge⸗ dächtniß zuruck.—„Ja ja, ich glaube, daß ſie mich einſt liebte,“ fuhr er fort,—„ nicht wahr ſie liebte mich, glauben Sie es nicht auch?“ „Allerdings,“ entgegnete die ſanfte Catha⸗ rine,„und ich müßte unſere Caroline nur ſchlecht kennen, wäre ich nicht überzeugt, daß wenn ſie einmal für einen Mann Liebe fühlte, ſie dieſe Geſinnung unverändert bewahren würde, es wäre denn—“ „Daß unfreundliche Behandlung einen Wandel derſelben hervorbrächte, wollen Sie ſagen, nicht wahr?“ unterbrach ſie Osmond. „Vielleicht war dieſes meine Meynung,“ er⸗ wiederte die Tante, aber ich ſagte Ihnen die Wahrheit, Herr Leſſingham, als ich Sie ver⸗ ſicherte, daß Caroline ſich gegen wich durchaus nicht über Sie beklagt habe. Noch that ſie — 204— es nicht— aber glauben Sie, weil ich im allgemeinen nur ſtill und wenig geſprächig bin, daß ich darum nicht auch meine Beobachtungen anſtelle? Meynten Sie es wäre nöthig, daß ſie ſpräche, wo Ihre Blicke, Ihre Worte laut genug reden?“. „Ach!“ jammerte Osmond,„ich ward geboren, mich und alles, was mich umgiebt, zu zerſtören, Gott helfe mir!“— Nie entſtieg noch einem ſünd⸗ haften Gemüth ein aufrichtigeres Gebet!— Die⸗ gute Tante Catharine war ſichtbar bewegt. 3 „Ich hoffe, Er wird Ihnen helfen,⸗ ſprach ſie,„Ihre Lage bedarf in der That der göttlichen Hülfe! Flehen Sie raſtlos und innig darum, das ſchon wird Ihnen beſſere Gedanken und ſanf⸗ tere Gefühle verleihen. Verſuchen Sie es nur, und Sie werden glücklich ſeyn.— Sie werden die gute Caroline glücklich machen, das arme, liebe Kind!— Ich kann es nicht begreifen, wie es möglich iſt, einem ſo jungen liebenswürdigen Geſchöpf Kummer zu machen.— Lieber, lieber Herr Leſſingham bedenken Sie, ſie iſt ja noch 295— ein Kind. Schuͤtteln Sie doch dieſen Unmuth von ſich ab, und werden Sie wieder was Sie waren, als Sie zuerſt unſer Haus betraten, da⸗ mals waren Sie unſer aller Freude. Seit kur⸗ zem aber ſehe ich Ihrer Ankunft mit Furcht entgegen— woher dieſer Wandel?“— Osmond ſeufzte tief. Er fühlte nur zu gut die furchtbare Urſache der Veränderung, von der ſie ſprach— zu gut wußte er daß ſeine Nähe fortan keinem Mitgliede der Familie Freude bringen konnte, und ſo gewaltig war die Angſt mit der ihn dieſe Überzeugung erfüllte, daß er faſt im Begriff ſtand, vor der würdigen Catha⸗ rine ſein ſchulderfülltes Herz auszuſchütten, und ſie mit der ganzen Fülle des Elends bekannt zu machen, in welches ſeine Leidenſchaft die un⸗ glückliche Caroline geſtürzt hatte. Schnell aber verwarf er dieſen Gedanken wieder— und zu der ihm durch ſeine Schuld aufgedrungenen Verſtellung zurückkehrend, ver⸗ ſprach er, ſich zu bemühen fortan heiterer und zufriedener zu ſeyn, worauf die Tante, nach⸗ — 206— dem ſie ihm noch einige wahrhaft mütterliche Ermahnungen geſpendet hatte, unter dem Vor⸗ wande häuslicher Geſchäfte das Zimmer verließ. Obgleich durch den Zuſpruch Catharinens durch⸗ aus nicht beruhigt, hatte derſelbe bei ihm doch wenigſtens den Entſchluß zur Folge, unverzüg⸗ lich nach Hauſe zurückzukehren, und ſo die Mög⸗ lichkeit, ja er hätte kühn ſagen können die Ge⸗ wißheit zu vermeiden, die arme Caroline aufs Neue zu kränken. Er verließ demnach das Haus und ſchlug den Weg nach ſeiner Wohnung ein; bald kehrte er um, bald ſetzte er ſeinen Weg wieder fort, ſo wie die Leidenſchaft oder Vernunft abwechſelnd die Oberhand behielten.„Du überläßt ſie den Zudringlichkeiten Sackvilles, Du verſaͤumſt die Gelegenheit Dein Betragen von geſtern wieder gut zu machen— ſie zu verſöhnen, ihre Liebe, ihre Zaͤrtlichkeit wieder zu gewinnen,“— ſo ſprach die Leidenſchaft.„Nein, Du handelſt recht— ſey ruhig— ſey gelaſſen“— wider⸗ legte die Vernunft. Aber vergebens nur wür⸗ — 2907— den wir uns bemühen, durch Worte den Kampf beſchreiben zu wollen, der in ſeinem Innern tobte. Er warf ſich auf eine Raſenbank, die am Wege ſtand; unfähig zurückzukehren, unfähig ſeinen Weg fortzuſetzen. Endlich trug die Lei⸗ denſchaft den Sieg davon, und ſich ſelbſt, ſei⸗ ner Schwäche wegen verachtend, richtete er ſeine Schritte wieder nach der Wohnung des Pach⸗ ters. Er beſchloß ſogleich eine Unterredung mit Carolinen zu ſuchen— ihre Verzeihung für das Vergangene zu erflehen, und ihr für die Zu⸗ kunft auf das Feierlichſte Beſſerung zu verſpre⸗ chen. So einigermaßen beruhigt, trat er wie⸗ der ins Zimmer, Caroline ſaß neben ihrem Va⸗ ter, der noch immer bei ſeinem Spielchen weilte. Herr Lascelles war der einzige der ihn zu bemerken ſchien, er fragte wo er geweſen ſey. Osmond erwiederte daß er einen Spatziergang gemacht habe, und trat dem Stuhle des Herrn Lascelles näher um mit Carolinen zu roden, ward aber durch ihr Schweigen und durch ihr ernſt⸗ — 208— haftes Weſehn zurückgeſchreckt. Es war das er⸗ ſtemal, daß ſie ſo lange zürnte, und wenn er auch das Gerechte dieſes Benehmens fühlte, machte ihn doch ſein Stolz zu geneigt, daſſelbe als eine Beleidigung zu betrachten. Er mußte ſich über die Kühnheit wundern, mit der ſie es wagte ihn ſo zu behandeln, denn er fühlte nur allzu lebhaft den Vortheil den er in einem un⸗ bedachten Augenblick über ſie gewonnen hatte. Überzeugt endlich, daß Caroline entſchloſſen ſey, ihn nicht zuerſt anzureden, neigte ſich Os⸗ mond über ihren Stuhl und bat ſie um eine kurze Unterredung. Sie zögerte einen Augenblick, dann aber er⸗ wiederte ſie: daß ſie hoffe er werde ſie ent⸗ ſchuldigen,„ich fühle mich dieſen Abend nicht dazu geſtimmt,“ ſprach ſie und ſeufzte. Os⸗ monds Heftigkeit regte ſich aufs Neue.„Habe ich mich denn ihr ſo verhaßt gemacht,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„daß ſie vor meiner Nähe zu⸗ rückbebt.“ Mit Unmuth im Blick wandte er ſich von ihr. 3 — 209— Ein an ſich unbedeutender Umſtand, ſtark ge⸗ nug aber, um auf ein ſo heftiges Gemüth als das ſeine einzuwirken, kam nun noch dazu, ſeine frühere, furchtbare Stimmung völlig wieder zu erwecken. Eins von den Kleinen ward von dem Kindermädchen gerufen um zu Bette gebracht zu werden, und machte, wie es Kinder zu thun pflegen, die Runde, um jedermann einen Kuß zu geben und gute Nacht zu wünſchen. Das kleine Mädchen war eben bei Sackvilles geweſen und ging von ihm zu ihrer Schweſter. In dieſem Augenblick ſprach der erſtere ein Paar Worte zu Carolinen, die Osmonds Eiferſucht ſchnell ſo deutete, als habe er darauf anſpielen wollen, daß das Kleine ihn ſeinen Kuß überbrächte; zumal da ein leichtes Lächeln Carolinens Wange überflog. Dieſes aber verſchwand mit Blitzes⸗ ſchnelle als ſie, ihren Blick auf Osmond rich⸗ tend, den Unmuth gewahrte, der auf ſeinem Geſichte Platz genommen hatte. Sie ſchauderte ſichtbar und bedeckte ihr Auge mit Ihrer Hand⸗ Osmond. I. Vand. 14 — 210— waͤhrend ſte den Kopf auf den Stuhl des Va⸗ ters ſtützte. „Sie verabſcheuet mich, ihr Haß iſt unver⸗ ſöhnlich!“ dachte Osmond, indem er ans Fen⸗ ſter trat. Caroline blieb noch eine Weile in ihrer ſchwermüthigen Stellung, welche endlich die Aufmerkſamkeit des Herrn Lascelles auf ſich zog. Nachdem er ſie einige Augenblicke lang mit inniger Theilnahme betrachtet hatte, ſchlug er den Arm um ſie und fragte:„iſt Dir nicht wohl, meine Caroline?“ Nur mit unendlicher Mühe gelang es ihr die Bewegung ihres Innern zu unterdrücken, und die Antwort: daß ſie Kopfſchmerzen habe, her⸗ vorzubringen. „Ich dächte,“ fuhr Herr Lascelles fort,„Du würdeſt wohlthun, das Anerbieten unſeres Freun⸗ des Sackvilles anzunehmen und dann und wann ſein Reitpferd zu benutzen. Du ſtiehſt ſeit kurzem ſo bleich, eine ſolche Körperübung würde wohlthätig auf Dich wirken.⸗ 211— „Und die Geſellſchaft des Herrn Sackvilles während des Ritts würde auch das ihrige zu Ihrer Erheiterung beitragen,“ fiel Osmond in einem faſt wüthenden Tone ein, indem er näher trat. Sie richtete einen Blick voll Angſt auf ihn, aber ſie erwiederte nichts. Nicht ſo Herr Las⸗ celles, ein Unmuth flammte aus ſeinen Blicken, deſſen Osmond ihn nie fähig gehalten hätte. „Was ſoll das bedeuten, ich verſtehe Sie nicht, Herr Leſſingham,“ ſprach er.— Wenn Sie aber glauben—“ „Lieber, lieber Vater— Osmond— hören Sie,“ unterbrach ihn angſtvoll Caroline, und heftig bewegt, ſprang ſie von ihrem Sitze empor und bat Osmond ihr in das anſtoßende Zimmer zu folgen; er gehorchte. Wer aber vermöchte die Angſt ſeiner Seele zu beſchreiben, als die Unglückliche ſo wie er die Thür hinter ſich zugemacht hatte, unter Thränen und Seufzern mit faſt erſtickter Stimme vor ihm auf die Knie niederſtürzte und krampf⸗ 14* — 2122— haft ſeine Hand erfaſſend die Worte heraus⸗ ſtieß:„Mitleid— Mitleid! um Gotteswillen Barmherzigkeit!“ Er ſchlug ſeine Arme um ſie und hob ſie zu ſich empor. Seine Thränen miſchten ſich mit den ihren, und ſo gelang es ihm, ſie nach und nach einigermaßen zu beruhigen. Aber weder die heiligſten Verſicherungen ſeiner un⸗ unveränderten Zärtlichkeit— noch das feier⸗ lichſte Verſprechen ſeinen Sinn andern zu wollen, vermochten jenes ſanfte Lächeln auf ihre Wange hervorzurufen, mit dem ſie früher ſo bereit⸗ willig ihre Verzeihung auszuſprechen pflegte. Sie horchte ſeinen Worten, aber nur mit Thränen und Seufzern.— Endlich ſprach ſie aber, es geſchah nur, um über ihr Elend ihr Verbrechen zu jammern. „O, Du ewiger allmächtiger Gott,“ rief ſie aus, indem ſie mit Thränen zum Himmel blickte,„habe Gnade und Barmherzigkeit und nimm mich zu Dir!“ „Theure, theure Caroline,“ unterbrach ſie Osmond, indem er ſie innig an ſeine Bruſt drückte, und ſich bemühte durch die Aeußerungen zartlichſter Liebe die Reue zu mildern, die ihr Herz folterte. Vergebens, jene hielt wie mit eiſernen Klammern ihre Seele umfangen.„Was ſoll ich thun— was ſoll ich thun?“ rief er endlich;„ſprich Caroline, was wünſcheſt Du das ich thun ſoll. Soll ich Deinen Vater um eine Unterredung bitten, ſoll ich mich in ſeine Arme werfen, ihm unſer Verhältniß vertrauen, ihn um ſeine Einwilligung zu unſerer augen⸗ blicklichen Verbindung beſchwören!“ „Nein— nein Osmond— ich könnte es nicht tragen— überlaß mich meinem Elende— wir werden nimmer glücklich ſeyn!— „Ich, Dich verlaſſen!“ unterbrach ſie Os⸗ mond,“ auf immer, Caroline— wie auf immer! ſo leicht alſo giebſt Du mich auf?⸗ Hier richtete er einen vorwurſsvollen Blick auf ſie. — 214— „Ewiger Gott! was ſoll aus mir werden?“ jammerte Caroline. Wenn Du mich nur freund⸗ licher behandeln wollteſt, Osmond,“ und noch einmal ſah ſie zu ihm auf, ſo als wolle ſie in ſeinen Blicken leſen, ob ſie ſich der Hoffnung, daß er ſeinen Sinn ändern werde, hingeben dürfe, oder nicht.— Die lebhafteſten Schwuͤre der Liebe und Treue, und das feierlichſte Verſprechen milder zu werden, entſtrömten ſeinen Lippen.„Ver⸗ traue mir nur noch ein einzigesmal,“ rief er aus,„ſieh' der furchtbarſte Eid—⸗ „uUm Gotteswillen halt ein,“ unterbrach ihn die Leidende,„laß mich nicht die unſchuldige Urſache ſeyn, daß Du eine neue Schuld auf Deine Seele ladeſt. Tauſendmal ſchon ſchwurſt Du, und was half es?⸗ Ihre Ueberzeugung, daß er ſeinen Sinn nicht aͤndern könne, ergriff ihn auf das Ge⸗ waltigſte und er wußte ſich ihr Benehmen nicht zu deuten; ſein ganzer Stolz ward rege, und ſchien von ihm zu fordern, daß er ihren Wunſch erfülle und ſeine Verbindung mit ihr abbräche. „Konnte ſie dieſes aber in der That wün⸗ ſchen? konnte ſie ſo ganz alles Zartgefühl bei Seite ſetzen?“ fragte er ſich ſelbſt. Das ſchien unmöglich,— aber eben ſo unmöglich ſchien es, daß ſie mit einem ſo natürlichen Verlangen nach Glück, kaum ſiebzehn Jahr alt, ſich dem Gefuͤhle ihres Elends ſo völlig hingeben ſollte, durchaus unempfindlich gegen alle Hoffnungen der Jugend. Es war ihm weit ſchwerer, dieß Letztere zu glauben, als ſich dem Gedanken zu überlaſſen, 3 daß Caroline, von ſeinem heftigen Sinn zurück⸗ geſchreckt, ihn nicht mehr liebe, und den Auf⸗ merkſamkeiten Sackvilles ihr Ohr geliehen habe. Die Thränen und die Seufzer, die er für einen Ausbruch von Reue gehalten hatte, ſchienen ihm jetzt nur noch der Erguß ihres Kummers, ſo eng an ihm gefeſſelt zu ſeyn. Dieſe Betrachtung durchzuckte ſein Gehirn mit der Schnelligkeit des Blitzes, und gleich darauf brach ſie in Wor⸗ ten aus. — 216— „Es faͤllt mir,“ ſprach er, mit ſcheinbarer Ruhe nicht ſchwer Caroline,„oder Miſſ Las⸗ celles; denn, bei dem nahen Ende unſeres Ver⸗ hältniſſes, darf ich mir jene vertrauliche Benen⸗ nung kaum mehr erlauben, es fällt mir nicht ſchwer, wollte ich ſagen, die Urſache Ihrer Ab⸗ neigung— Ihres Mißtrauens— Ihres Haſſes gegen mich zu errathen.“ Er ſchwieg— er be⸗ mühte ſich Ruhe zu gewinnen, bis große Schweiß⸗ tropfen ſeine Stirn bedeckten. Vergebens ver⸗ ſuchte er zuſammenhängend zu ſprechen, er ver⸗ mochte nur noch die Worte hervorzuſtammeln: „Ich entlaſſe Sie Ihres Wortes— ich gebe Ihnen Ihre Freiheit wieder— ſeyn Sie glück⸗ lich— glücklich in den Armen eines Anderen!“ Üüberwältigt von dem Sturm der in ihm tobte, ſtürzte er bei dieſen Worten zum Zimmer hinaus und eilte von dannen. XIII. Nicht einen Augenblick ruhte Osmond, bis er ſeine Wohnung erreicht hatte; er eilte von dan⸗ nen, ſo als ob eine dämoniſche Gewalt ihn forttreibe. Die Marter die ihn verzehrte, lies ihn auf Mittel ſinnen, ſie zu enden, er dachte an den Tod, er meinte er könne ſich ihm dank⸗ bar in die Arme werfen. Mit raſchen Schritten ging er in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab, ſeufzend unter der Laſt ſei⸗ ner Herzensangſt, er ſtieß ein Fenſter auf und blickte auf die friedliche Scene rund um ſich her. Es war eine milde Junynacht, und alles ſchlummerte, nur die Nachtigall nicht, die ihre ſüßen Melodieen in die Nacht hineinſang. Der Mond war in ſeinem vollen Glanze am blauen, — 218— mit diamantenen Sternen geſtickten Himmelszelte aufgegangen; Osmond blickte hinauf, bis ſein Sinn ruhiger ward, und ein inniges Gebet ſei⸗ ner Bruſt entſtieg. Er flehte zu dem Vater dort oben, daß er mit Barmherzigkeit auf ihn herabſchauen, und ihm helfen möge den furcht⸗ baren Kampf mit ſeinem Herzen zu beſtehn. Da ward nach und nach ſeine Seelenlaſt leich⸗ ter und leichter, bis endlich die Natur ihre Rechte behauptete und ihn ein betäubender Schlummer ſeine Leiden auf kurze Zeit vergeſ⸗ ſen lies. Als er erwachte war ſein erſter Gedanke, die Art und Weiſe mit der er ſich am geſtrigen Abend von Caroline getrennt hatte. Er hatte ihr ihre Freiheit wiedergegeben, und er konnte nicht ohne die größte Inconſequenz, ohne erbärm⸗ lich in ihren Augen zu erſcheinen, ihre Gunſt, ihre Liebe aufs Neue erflehen. Um ſich gegen den Eindruck ſanfterer Gefühle, die ſich ſeiner bemächtigen wollten, zu ſtählen, bemühte er ſich nur den Eingebungen ſeines — 249.— Stolzes Gehör zu geben, der ihm ehr zu ſter⸗ ben gebot, als einen Schritt zu thun, die Liebe eines Weibes wieder zu gewinnen, die ſeiner Meinung nach durchaus kein Zartgefühl haben konnte, da ſie einem Manne entſagte, dem ſie ihre Tugend geopfert hatte. In dieſen Betrachtungen uͤberraſchte ihn der Beſuch des Herrn Lascelles; ſo wie Osmond ihn erblickte, glaubte er auch ſchon zu errathen, was jener ihm zu ſagen habe, denn das Geſicht des ehrlichen Pachters ſprach ſtets das aus, was in ſeinem Herzen vorging. „Ich kam hieher, Herr Leſſingham,“ begann er,„Ihnen offen und unverholen zu geſtehn, daß ich, nachdem ich über Ihre Verbindung mit mei⸗ ner Tochter nun recht ernſthaft nachgedacht habe, mich völlig überzeugt halte, daß eine ſolche weder Ihr noch Carolinens Glück begründen würde. Ich habe mir ſelbſt Vorwürfe zu machen, daß ich Ihnen hierüber meine Meinung nicht früher ſagte.“ — 220— „Dieſe Außerung iſt in der That höchſt ſchmei⸗ chelhaft für mich,“ unterbrach ihn Osmond, der zu dieſer demüthigen Anrede unmöglich ſchweigen konnte. Herr Lascelles aber fuhr mit großer Ruhe und Kälte fort: b 1 „Ich muß Sie um die Erlaubniß bitten, zu Ende reden zu dürfen— ich habe Ihnen nicht viel zu ſagen, denn mein Entſchluß ſteht feſt. Ich wünſche, daß das Verhältniß zwiſchen Ihnen und meiner Tochter aufhöre— Sie verſtehen mich— ich verbiete die Fortdauer deſſelben.“ „Vor dieſem Verbot Ihrerſeits, Sir,“ ent⸗ gegnete Osmond ſtolz,„hatte ich ſchon der Ver⸗ bindung mit Ihrer Tochter entſagt; ſchon geſtern Abend gab ich Ihrer Tochter ihre Freiheit wieder, und entließ ſie aller ihrer gegen mich eingegan⸗ genen Verpflichtungen.“ Der Pachter ſchien erſtaunt und betrachtete den jungen Mann mit ungläubigen Blicken:„So werden Sie,“ ſprach er endlich,„um ſo weniger — 221— Anſtand nehmen, den von mir ausgeſprochenen Wunſch zu erfüllen.“ Osmond ſah jetzt den Abgrund in den er ſich durch ſein unnöthiges Geſtändniß geſtürzt hatte; aber jetzt war nichts weiter zu thun, als die von Herrn Lascelles verlangte Einwilligung zu geben, und obgleich mit ſchmerzerfüllter Bruſt, gab er dennoch, dem Anſchein nach bereitwillig, das begehrte Verſprechen. Als ſich aber Lascelles hinwegbegeben wollte, konnte er dennoch nicht umhin zu fragen:„Ob Caroline um dieſen Beſuch wiſſe, und ob auch ſie die Trennung von ihm wünſche?“ „Nachdem was Sie mir ſo eben mitgetheilt haben,“ entgegnete der Pachter,„können Sie über die Gefühle meiner Tochter in Rückſicht Ihrer nicht ungewiß ſeyn. Sie muſſen ja wiſſen, was geſtern Abend zwiſchen Ihnen vorſiel, als ſie ihr ihre Freiheit wieder gaben, und ſie ihrer Verſprechungen entließen.“ 2 ————— — 222— Es war jetzt nicht der Augenblick, in welchem Osmond die heftige Gemüthsbewegung bekennen konnte, die ihn aus Carolinens Nähe forttrieb, noch bevor er ſich überzeugte, wie ſeine Ent⸗ ſagung von ihr aufgenommen war. Er erwie⸗ derte dennoch nur, daß ſie ihm ſchweigend ange⸗ hört habe. „Schweigend,“ erwiederte Herr Lascelles ernſt,„hörte ſie mich heute früh meinen Entſchluß ausſprechen; aber ihr Benehmen verkündete, daß ſie ſich demſelben nicht widerſetze; hätte ſie es aber auch verſucht, es wuͤrde ihr zu nichts geholfen haben; Caroline hat bewieſen, daß ſie noch zu jung iſt, um in einer ſo wichtigen Sache für ſich ſelbſt zu entſcheiden. Dieß geheime Verhältniß, hinter dem Rücken Ihres Vaters, hätte ich nie dulden ſollen— aber ich will Sie nicht kränken, Ihnen nicht wehe thun, Herr Leſſingham! ich wünſche Ihnen im Gegentheil alles mögliche Wohl!— für jetzt aber dürfte es fuͤr beide Theile gut ſeyn, ſich nicht zu begegnen— es ſteht ohne Zweifel in Ihrer Macht, Ihren Au⸗ fenthalt hier zu verkürzen, ſobald er Ihnen un⸗ angenehm werden ſollte.“ „Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihnen zu be⸗ merken,“ unterbrach ihn Osmond,„daß Sie, indem Sie mir Ihren Willen rückſichtlich meines Verhältniſſes zu Ihrer Tochter mittheilten, Ihre Pflicht zur Genüge erfüllten: was meinen Aufent⸗ halt hier betrifft, ſo haben Sie mir darüber keine Befehle zu ertheilen.“ „Befehle, o nein!“ entgegnete der Pachter mit einem Lächeln, welches Osmond faſt bis zum Wahnſinn trieb,„nur meinen gutgemeinten Rath wollte ich Ihnen geben, da Sie aber kein Ohr dafür zu haben ſcheinen, kann ich Ihnen nur meine freundlichen Wünſche zuruͤcklaſſen und Ihnen Lebewohl ſagen.“— So ſprechend reichte er dem Jüngling die Hand hin— Osmond aber wandte ſich zornig von ihm ab,— Herr Las⸗ celles ſeufzte tief und verließ das Zimmer, ohne noch ein Wort zu ſprechen. Osmond war auf dieſen Auftritt. nicht ganz unvorbereitet geweſen, denn ſein Talent die Gedanken Anderer zu er⸗ rathen, hatte ihn ANängſt überzeugt, daß Herr Lascelles, ein zwar ſchweigender, aber dennoch aufmerkſamer Beobachter ſeines Betragens gegen Caroline ſey, und dieſes in der letzten Zeit mit mißfälligen Blicken betrachtet habe. Wie ſeltſam aber täuſcht ſich das menſchliche Herz, wie ver⸗ ſchlungen ſind die Windungen deſſelben, zumal wenn es von der Leidenſchaft bewegt wird. Einen Augenblick vor dem Beſuch des Herrn Lascelles, hatte ſich Osmond noch überzeugt gehalten, daß wenn Caroline ihn wirklich ſo leicht aufgeben könne, er einen Widerwillen gegen ſie empfinden müſſe, der ſeine Liebe zu ihr mit Blitzesſchnelle vertilgen würde. Aber die Wandelbarkeit der menſchlichen Geſinnungen behauptete auch ihr Recht über ihn, und ſo wie ein, dem Anſchein nach, unüberſteigbares Hin⸗ derniß ſeiner leidenſchaftsvollen Liebe in den Weg geworfen ward, kehrte dieſe auch in ihrer ganzen Stärke zurück. Er dachte an Carolinens Schänheit— an die Neigung die ſie einſt für ihn empfunden — 225— hatte— an die Bande der Ehre die ſie an ihm feſſelten,— an den feierlichen Schwur mit dem er vor den Augen des Himmels gelobt hatte, ſie fortan als ſein rechtmäßiges Weib zu betrachten,— und an den Troſt den ihr dieſe Verſicherung gewährt hatte. Er ſann hieruͤber nach, bis der Gedanke an die Trennung von ihr, an die Leere, die ihm dann die Welt nur noch darbieten würde, ſeine Seele gewaltig erfaßte, und ſeinen Lippen einen heiligen Eid entpreßte, nie, nie in die Trennung von ihr zu willigen, ſondern ſie mit Zudringlichkeiten zu verfolgen, bis ſie ihn wieder in ihre Gunſt aufgenommen haben würde. Dieſer Vorſatz ward ſogleich in Ausführung gebracht; er ſchrieb ihr, und bat ſie, ihm um acht Uhr Abends eine Unterredung in einem dem Hauſe ihres Vaters nahegelegenen Wäld⸗ chen zu geſtatten, wobei er ſie verſicherte, daß ſie ihm dieſe Bitte nur vergebens abſchlagen wuͤrde, denn er wäre feſt entſchlöſſen, das Dͤmond. †⸗ Vand⸗ 15 — 226— Trennungswort aus keinem anderen Munde, als aus dem Ihren, zu empfangen. Er verbrachte den übrigen Theil des Tages in Nachſinnen über das Seltſame ihres Beneh⸗ mens; jemehr er aber darüber nachdachte, je überzeugter ward er, daß ſie ihre Neigung auf einen Anderen übertragen haben müſſe. Es ſchien ihm ganz unmöglich, daß ſie, wenn ſie auch nur noch die mindeſte Liebe für ihn empfände, es wagen würde, ſo mit einem Manne zu ſpie⸗ len, der ihren Ruf in Händen hatte; nur eine Leidenſchaft für einen Anderen— für Sackvil⸗ les, davon war er überzeugt, konnte ſie ſo un⸗ vorſichtig, ſo thörigt handeln laſſen. Anders aber ſchlichen Carolinens ſchwermüthige Stunden dahin; auch ſie ſann nach, aber ſie bemühte ſich, ihre Seele zu einem edlen großen Entſchluſſe zu erheben. Seit dem Augenblick, in welchem Osmond ſie der Tugend entfuͤhrt hatte, war ſie eine Beute der qualvollſten Reue. Gedemüthigt von dem Bewußtſeyn ihrer Schwä⸗ che, verwunderte es ſie nicht, daß ihr Geliebter nur ſelten und leichthin einer baldigen Heirath gedachte. Zwar liebte Osmond ſie jetzt nicht weniger als vormals, aber ſeine Leidenſchaft zu ihr hatte, wie ſie mit Schaudern bemerkte, ih⸗ ren früheren ehrenwerthen Karakter verloren. Seine heftige Sinnesart beunruhigte ſie, und auch der Stand, den er in der Welt behauptete, auf den ſie früher mit Stolz geblickt hatte, ver⸗ mehrte ihre Herzensangſt, wenn ſie einer Ver⸗ bindung mit ihm gedachte. Seine Familie, da⸗ von war ſie überzeugt, würde ſie mit Verach⸗ tung behandelt haben, ſelbſt wenn ſie in dem vollen Schmuck ihrer Unſchuld und Tugend ſich ihr genaht hätte. Osmond ſelbſt hätte in jenem Falle vielleicht, wenn die Wärme der erſten Liebe vorüber, den Schritt bereut, zu dem ihm ſeine Leidenſchaft geführt hatte. Jetzt aber— wie gefährlich war es nun der Fortdauer ſeiner Liebe zu vertrauen! Wenn er auch ſeinen Treuſchwur in Erfüllung bringen ſollte, wer ſtand ihr dafür, daß er ſie in der Folge in ſeinen heftigen Sinn nicht mit Vor⸗ 45* 6 1 8 1 4 — 228— würfen überhäufen, ſie das Hinderniß ſeines Glücks— die Quelle der Zwietracht zwiſchen ſich und ſeinen Ältern nennen würde? „Nein, nein, das ſoll er nicht!“ rief ſie voll Herzensangſt aus, wenn dieſer Gedanke ihre Seele erfaßte,„ich ſelbſt will dieß ent⸗ ehrende Verhältniß abbrechen— ich will ihm nie dafür zu danken haben, daß er mein Glück zerſtörte— ſie brach in Thränen aus, aber ſie weinte nicht lange, denn ihr weiblicher Stolz hielt ſie aufrecht. Nicht aber dieſer mächtige Beiſtand allein kam ihr zu Hülfe. Sie war in der Tugend und in dem Schooße einer ſanften glucklichen Familie erzogen wor⸗ den; bis Osmond erſchien, hatten nur Freude und Scherz in ihrer Wohnung gethront, und ihr Herz, der Sitz des Friedens, bebte, ob⸗ gleich ſie an Osmond mit unendlicher Liebe hing, dennoch vor ſeinem heftigen Sinn mit Entſetzen zuruͤck. Schon betrachtete ſie ſein Kom⸗ men jedesmal als den Verboten eines neuen Kummers— was ſollte daraus werden, wenn — 229— dieß bittere Gefühl ſich dereinſt vermehrte? Konnte es ſich mit Liebe, mit Achtung, mit Zärtlichkeit vertragen?„Ach, wir werden nie, nie glücklich zuſammen ſeyn!“ rief ſie aus. Jeder tugendhafte Grundſatz in mir ruft mir zu, ihm zu entſagen, und ich will— ich will!“ Mit dieſem Entſchluß bewaffnet, be⸗ ſchloß ſie ihm die verlangte Unterredung zu bewilligen. XIV. Osmond harrete nicht lange vergebens; Caro⸗ line war ſo pünktlich, daß er es als ein gün⸗ ſtiges Zeichen betrachtete und ſich in ſeinem lebhaften Sinn ſchon den ſuͤßeſten Hoffnungen hingab. Aber ihr bleiches Geſicht— ihr ſchwankender langſamer Schritt— ihr Schweigen— ihre Thränen überzeugten ihn bald, daß er ſich ge⸗ täuſcht hatte. Er redete ſie mit den zärtlich⸗ ſten Worten an, er wollte ihre Hand erfaſſen, aber ſie zog ſie entſchloſſen zurück. Er glaubte nun, ſchnell wieder von einem Extreme zum anderen übergehend, daß ſie nur gekommen ſey, ihn zu überzeugen, wie vollkommen ihr Wille mit dem ihres Vaters übereinſtimme. „Es iſt alſo wirklich wahr, Caroline,“ ſprach er,„Sie geben mich auf, Sie kommen hieher mir zu ſagen, daß Sie es mit Freuden thun?“ „Mit Freuden!“ wiederholte ſie, in einem unbeſchreiblich wehmüthigen Ton,„wie können Sie das Wort Freude nennen, wenn von mir die Rede iſt!—“ Sie ſchwieg einige Augen⸗ blicke, dann rang ſie ihre Hände indem ſie aus⸗ rief:„O, daß ich Sie nie— nie geſehen hätte!“ Dieß war faſt zuviel, als daß Osmond da⸗ bei hätte geduldig bleiben könnnen:„Mein An⸗ blick ſoll Ihnen bald nicht mehr beſchwerlich fallen,“ entgegnete er mit Bitterkeit,„Sie ſollen frei ſeyn— fürchten Sie nichts— Ihre koſtbare Freiheit ſoll Ihnen bald wieder zu Theil werden.“ „Das ſagten Sie mir ſchon geſtern Abend,“ unterbrach ihn Caroline,„welchen Glauben aber verdienen ihre Worte? warum verlaſſen Sie mich nicht? Gehen Sie— gehen Sie und über⸗ laſſen Sie mich meinem gebrochenen Derzen!“ —-—³——,— Ihre Gemüthsbewegung rührte ihn ungemein; gern hätte er ihre Hand erfaßt und ſie zärt⸗ lich an ſeine Bruſt gedrückt.„Wie kannſt Du mir gebieten, Caroline, Dich zu verlaſſen,“ ſprach er,„iſt es wirklich möglich, daß Du mich haſſen kannſt?“ 8 Sie zitterte— ſie verſuchte zu ſprechen, aber ſie vermochte es nicht; ihr Schweigen machte einen furchtbaren Eindruck auf ihn. Der Gedanke, daß ſeine Heftigkeit die Liebe ver⸗ drängt habe, die ſie einſt für ihn empfand, trieb ihn faſt bis zum Wahnſinn. Er warf ſich zu ihren Fuͤßen, und ihre Kniee umklam⸗ mernd rief er aus:„liebteſt Du mich denn nicht einſt? Bei dem ewigen Gott der mich ſchuf, ich will die Wahrheit wiſſen. Sprich, liebteſt Du mich, oder erſchien ich Dir ſtets ſo haſſens⸗ ſo verabſcheuungswerth als jetzt?⸗ „Höre auf, Osmond, um Gotteswillen, Du treibſt mich zur Verzweiflung,“ jammerte Caro⸗ line und rang ihre Hände, nicht wiſſend was ſie thun, was ſie laſſen ſollte. — 233— Er richtete ſich vom Boden wieder auf, zog Caroline auf einen Raſenſitz neben ſich und ſaß einige Augenblicke lang ſchweigend da, dann bat er noch einmal, aber in einem gemäßigteren Tone, Caroline möchte ihm ſagen, wodurch er ihre Liebe verloren habe, oder erklären, daß er ſich getäuſcht habe, als er glaubte von ihr geliebt zu ſeyn. Sie weinte, und tiefe Seußzer entſtiegen ihrer Bruſt, aber ſie vermochte nichts zu er⸗ wiedern; er ward aufs Neue ungeduldig und wollte mit der fruͤheren Heftigkeit in ſie drin⸗ gen, Caroline aber unterbrach ihn:„Ich will— ich will ja zu Ihnen reden, Osmond,— nur, ich beſchwöre Sie darum, erſchrecken Sie mich nicht ſo!“ Und wieder ſchwieg ſie einige Augenblicke, ſo als ſammele ſie Muth ihre Gefühle mitzutheilen:„Ich liebte Sie,“ ſprach ſie endlich,„wie wahr und innig, wiſſen Sie, Osmond, nur zu gut, aber Sie waren ſtets ſo— ſo unfreundlich gegen mich,“— ſie hätte gern einen härteren Ausdruck gewählt, aber ſie * — 2344— fürchtete ſeine Heftigkeit aufs Neue zu reizen:— „daß ich,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort,„daß ich fürchte— mein Schickſal an das—“ hier ſtockte ſie, ſchnell aber ihren ganzen Muth zuſammen nehmend, fuͤgte ſie ent⸗ ſchloſſen hinzu,„an das eines ſo heftigen Menſchen zu knüpfen.“ Was ſein Ohr vernahm, war nicht mehr als er zu hören erwartet hatte, kein Wort davon konnte ihn in Erſtaunen ſetzen; er bemühte ſich ſie auch jetzt zu überreden, daß die Heſtigkeit, die ſie fürchte, nichts als Liebe— als innige Liebe in einer ihrer mannigfachen Geſtalten ſey. Er bat ſie, er beſchwor ſie, ihm nur dieſes⸗ mal zu glauben, und wiederholte den ſchon ſo oft abgelegten und ſchon ſo oft gebrachenen feierlichen Schwur, ſein Betragen ändern zu wollen. Aber Caroline konnte jetzt nicht mehr dadurch getäuſcht werden; trotz ihrer Lebhaftigkeit war dennoch ein Theil von dem hellen und klaren Verſtande ihres Vaters auf ſie übergegangen; . — 235 ſie zögerte ſelbſt nicht einmal mit ihrer Antwort: „Nein, nein Osmond!“ rief ſie aus,„das hilft zu nichts,— es iſt Zeit unſer ſündhaftes Verhältniß aufzuheben. Hören Sie mich,“ fuhr ſie fort, als ſie bemerkte daß er ſie unterbre⸗ chen wollte,„ich will Muth faſſen, ich will mich nicht vor Ihrer Heftigkeit fürchten, ich will— ich muß Ihnen alles ſagen, was längſt ſchon auf meinem Herzen laſtet. Sie haben mich zu Grunde gerichtet— Sie haben mich zu den Verächtlichſten meines Geſchlechts hinabge⸗ ſtürzt— zu unendlicher, qualvoller Reue ver⸗ dammt!—“ Sie ſchwieg, ihre Thränen er⸗ ſtickten ihre Stimme, er verſuchte ſie zu be⸗ ruhigen, aber ſie wollte nicht beruhigt werden. Sie gutfernte ſich einige Schritte von ihm, um ihre Herzensangſt zu verbergen, oder vielmehr um ſich zu ſammeln, dann trat ſie ihm wie⸗ der näher:„Ich bin ruhiger,“ ſprach ſie, „ich darf mich über den Kummer nicht be⸗ klagen, den Sie über mich herbeiführten, mein Jammer iſt nur zu gerecht, er muß — 236— mir heilig ſeyn. Ich will Ihnen nur noch ſagen, daß wir uns trennen müſſen,— obgleich ich fühle— daß ich, indem ich Ihnen dieß erkläre, Ihr Erſtaunen— Ihre Ver⸗ achtung erwecken muß.“ „Mein Erſtaunen in der That,“ entgegnete Osmond. „Immerhin,“ fuhr die Leidende fort,„ach, welche Buße wäre ſo ſchmerzvoll und demüthi⸗ gend, daß ich ſie nicht verdiente; ich, die ich unnennbare Schande brachte über mich— und meinen würdigen Vater!— Ach das— das eben iſt es—“ fügte ſie hinzu, und aufs Neue erſtickte eine Fluth von Thränen ihre Worte. „Aber weßhalb dieſer Kummer?“ tröſtete Osmond,„laß uns jetzt— jetzt auf der Stelle hin— zu Deinem Vater—“ „Nimmermehr“— unterbrach ihn Caroline, vor dem Gedanken den er ausſprach zurückbebend. „Was ſoll ich aber thun, Deine Angſt zu mindern, Dich dem Glücke wiederzugeben?“ 927 — 237— „Nichts, nichts! ich kann nie mehr glüͤcklich werden!“ jammerte Caroline. „Der Ruhe— dem Frieden,“ fuhr Osmond fort,„ſprich was kann ich thun?“ „Mich verlaſſen, mir entſagen!“ erwiederte die Unglückliche. „So iſt es denn klar, daß Du mich nie lieb⸗ teſt, nein, nein, Du liebteſt mich nie! Treu⸗ loſe, Treuloſe!“— aber Zorn und Verachtung erſtickten ſeine Stimme, er wandte ſich von ihr. Sie ſchwieg einige Augenblicke; dann aber begann ſie wieder mit einem Ernſt, mit einer Feierlichkeit, welche jedem ihrer Worte den Stempel der Wahrheit aufdrückten.. „Ich kann bei dem Ewigen Herheuren⸗ bah ſie, ihr ſchönes Auge zum Hi hoben,„daß nie ein Weib inniger be fühlte, als ich für Sie.— Hätten Sie mich nur mit gewöhnlicher Menſchlichkeit behandelt,— wie bitter auch meine Reue geweſen wäre,— ich würde Ihnen dennoch freudig, ja dankbar meine Hand gereicht haben. Mich aber mit einem 1 a2 238— ſo heftigen Manne zu verbinden, deſſen ſchran⸗ kenloſe Leidenſchaften mir ſchon ſo vielen Kum⸗ mer verurſachten, und jedem, der ſich ihnen naht, Zerſtörung drohn,— das kann ich— das darf ich nicht!— Mein Herz iſt ge⸗ brochen, ich bedarf nichts als Einſamkeit— wo ich meine Fehler beweinen,— wo ich beten kann.“ Sie ſchwieg und bedeckte ihr Geſicht mit ei⸗ nem Tuche. Osmond hatte ihr mit großer Auf⸗ merkſamkeit zugehört, in dem einen Augenblick hielt er ſie für aufrichtig, in dem nächſten glaubte er ſie taͤuſche ihn und wolle ſeiner nur los werden, um ihre Neigung ungehindert auf einen Anderen übertragen zu können. Aber ihre Ge⸗ m Schluß ihrer Rede war zu innig, er an der Wahrheit ihrer Worte noch länger hätte zweiflen können. Im erſten müthsbewegu Moment war er ungemein ergriffen und unfähig etwas zu erwiedern.„Ich weiß, Caroline,“ ſprach er endlich,„daß ich zu oft die heiligſten Schwüre brach, als daß Du meinen Worten jetzt noch — 239— Glauben ſchenken könnteſt. Aber Du mußt der Heftigkeit meiner Liebe manches zu Gute hal⸗ ten— Du kannſt nicht— nein, nein, Du kannſt nicht zweifeln, daß ich mit einer Innigkeit an Dir hänge, die mich meiner Sinne beraubt und mich faſt bis zum Wahnſinn treibt.“ Er. konnte nicht weiter ſprechen, er ſchämte ſich der Thränen, die ihn daran verhinderten, aber er vermochte ſie nicht zu unterdrücken. Caroline war augenſcheinlich gerührt und ſchien ſchon halb geneigt, ſich ihm aufs Neue mit Liebe hinzugeben, aber ſie bekämpfte dieß Ge⸗ fühl.„Ach,“ ſprach ſie,„wie oft habe ich ſolche Worte ſchon von Ihnen gehört! Von welchem Werthe iſt eine Neigung, die ſich auf dieſe Weiſe äußert. Das iſt keine Liebe— das kann nicht Liebe ſeyn! Würde Liebe wohl den geliebten Gegenſtand elend machen? Würde ſie das Glück des Weſens zertrümmern, das ſich ihr hingegeben. Ach, Osmond, Sie täu⸗ ſchen ſich ſelbſt, Sie lieben mich nicht!“ 3 1 6 — 240— So verſtäͤndig und wahr auch dieſe Bemer⸗ kungen waren, ſie trieben dennoch Osmond faſt bis zur Wuth und er überhäufte ſich ſelbſt mit Vorwürfen, daß er ſie einer Leidenſchaft fähig gehalten habe, die ſie ſelbſt nicht einmal zu be⸗ greifen im Stande wäre. Seine Ungeduld trieb ihn an, ihr Begehren zu erfuͤllen und ihr auf immer zu entſagen. Aber ſie in Frieden ziehn zu laſſen, war mehr als das bittere Gefühl in ſeinem Inneren ihm zu thun erlaubte. Er wandte ſich zu ihr mit einem Lächeln, daß ihn ihr noch furchtbarer machte als der Zorn, der ſie ſo oft mit Schrecken erfüllt hatte. „Sie haben,“ ſprach er,„alles gethan, was in ihren Kräſten ſtand, mich von ſich zurückzu⸗ ſtoßen und ſich ſelbſt von den Feſſeln einer ver⸗ haßten Verbindung zu befreien. Sie haben mir klar und deutlich den Abſcheu gezeigt, der Ihr Herz gegen mich erfüllt. Jetzt möchten Sie mich nun noch überzeugen, daß ich aͤhnliche Gefühle in Rückſicht Ihrer hege. Ich geſtehe, daß dem — 241— ſo ſeyn ſollte— ja, ja, wiederholte er mit einem noch bitterern Lächeln, ich geſtehe, daß dem ſo ſeyn ſollte.— Aber Verachtung dem Manne,⸗ der ein anderes Gefühl als Verachtung gegen ein Weib empfinden kann, das ihm war, was Sie mir geweſen,— und das ihm dennoch ent⸗ ſagen— freudig und dankbar entſagen kann— unter der Larve der Reue eine verbrecheriſche Neigung gegen einen Anderen verbergend.“ „Was ſoll das heißen? was meynen Sie da⸗ mit,“ unterbrach ihn Caroline, mit einem Blick voll Unwillen und Verachtung. „Ich glaube, daß Sie meiner um Sackvilles willen entſagen,“ entgegnete Osmond. „Um Sackvilles willen?“ wiederhohlte Caro⸗ line; ſie ſchwieg einige Augenblicke, offenbar, weil ſie vor Erſtaunen keine Worte finden konnte. Schnell aber ſich über die niedrige Anklage er⸗ hebend, richtete ſie ihre Augen zum Himmel empor, der ſchon begonnen hatte ſie durch Os⸗ mond für die Sünde zu züchtigen, Die ſie be⸗ gangen.„Wie gerecht iſt dieſe Demüthigung,“ domond. I. Vand. 16 — 42— ſprach ſie,„wie gerecht. Und halten ſie mich,⸗ fuhr ſte, mit einem verachtungsvollen Blick zu Osmond gewandt, fort,„halten Sie mich in der That für ein ſo elendes laſterhaftes Ge⸗ ſchöpf?“ Es wäre gut geweſen, hätte ſie hier ihre Rede geſchloſſen, aber Osmonds bitterſte Gefüͤhle wurden rege als ſie fortfuhr:„konn⸗ ten Sie wirklich einem ſolchen Gedanken auch nur auf einen Augenblick Raum geben? Nein Sir,“ dies ſprach ſie mit einer Heftigkeit, der ſie ſich kaum ſelbſt fähig gehalten hatte,„ich habe zu viel Achtung für Herrn Sackvilles— ich ſchätze ſeine Tugend, ſeine Verdienſte zu hoch, als daß ich ihn zu einer Verbindung ver⸗ anlaſſen möchte, mit einem Geſchöpfe, daß ſei⸗ ner ſo ganz unwürdig iſt— das Sie, Sie der Schande dergeſtalt preisgaben, daß es er⸗ röthen muß, wenn es der Achtung und Freund⸗ ſchaft gedenkt, mit denen es von jenem edlen Manne behandelt wird.“ „Sie ſind auch gar zu zartfühlend,“ entgeg⸗ nete Osmond mit bitterem Spotte,„ich errieth — 243— alſo ſo ziemlich die Wahrheit— ein kleiner Kampf mit Ihrem Zartgefühl, meynte ich, läge nur noch Ihrer neuen Neigung im Wege. Damit aber werden Sie ſchon fertig werden.“ „Ewiger Gott, das iſt zu viel—“ jammerte Caroline, ihre Hände ringend.„Aber verleihe mir Geduld!“ Sie holte tief Athem, ſie ſchien unter der Heftigkeit ihrer Gemüthsbewegung erliegen zu wollen, plötzlich fuhr ſie auf, und Osmonds Hand mit den Gebehrden einer Wahnſinnigen an⸗ faſſend, rief ſie:„Menſch— Menſch! ge⸗ ſchaffen mich zu vernichten! was haſt Du mir noch zu ſagen? welche Kränkung noch hinzuzu⸗ fügen?“— Sie brach in ein krampfhaftes Lachen aus, bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen, und ſtürzte, noch bevor er ſte zuruͤckzuhalten ver⸗ mochte von ihm fort, dem väterlichen Hauſe zu. Er folgte ihr mit ſeinen Blicken, aber das Bewußtſeyn und die Kraft ſich bewegen zu können, ſchienen von ihm gewichen. Er ſtand auf der Stelle wo ſie ihn verlaſſen hatte, als wäre er 16* 1 6 244— vom Schlage getroffen; als aber der Gedanke ſeine Seele packte, daß er die Unglückliche in einem Zuſtande von Wahnſinn von ſich fortge⸗ trieben habe, bemächtigte ſich ſeiner ein Ent⸗ ſetzen, wie es nur ein Mörder nach einer blutigen That empfinden kann. Er ſtürzte vorwärts, ohne zu wiſſen was er beginnen wollte, auf jeden Fall aber entſchloſſen, dem vorzubeugen, was ihn ſeine Phantaſte fürchten ließ; denn er ſah Caro⸗ linen ſchon wahnſinnig in das Zimmer ihres Vaters ſtürzen. Er verwünſchte ſeine Heftigkeit, er verfluchte ſein Daſeyn. Er rief ſein theures Mädchen mit den zärtlichſten Namen, und ſo gelangte er, ohne zu wiſſen wie, an die Pforte, die zu dem Hauſe des Herrn Lascelles führte. Hier hemmte er ſeine Schritte und lehnte ſich an einsn Baum, um ſich zu erholen, denn alle ſeine Glſeder zitterten. Er bemerkte durch die genſier⸗ daß im Hauſe Lichter hin und hergetragen wurden, ſo, als ob dort etwas Ungewöhnliches vorgehe. Mehrere⸗ — 245— mal war er ſchon im Begriff hineinzuſtürzen, ge⸗ waltſam bis in Carolinens Nähe zu dringen, ſich ihr zu Füßen zu werfen und ihre Verge⸗ bung zu erſlehn. Nichts als die Gewißheit, daß Herr Lascelles ihm den Zutritt zu ihr verſagen würde, hielt ihn zurück. Unfähig dieſen Zuſtand länger ertragen zu können, eilte er zur Hinterthür, in der Hoff⸗ nung, dort irgend jemand zu finden, der ihm uͤber Caroline Auskunft geben könne. Kachdem er hier eine Weile gewartet hatte, erſchien eine Magd, er trat zu ihr und be⸗ fragte ſie dringend. Das Moͤdchen erwiederte mit bewegter Stimme, daß die arme junge Miſſ recht krank ſey, und daß Herr Lascelles und die Tante bei ihr wären.— Vergebens alſo war die Hoffnung geweſen ſie zu ſehen, und mit tief bekuͤm⸗ mertem Herzen wandte ſich Osmond ab. Den größten Theil der Nacht aber brachte er damit zu, das Haus zu umwandern, ſich — 246— bemuͤhend das Gefühl ſeines Elends durch den Gedanken zu mildern, daß er ſich in Caro⸗ linens Nähe befinde, und erſt als der Tag anbrach und es lebhafter in der Gegend ward, lenkte er die Schritte ſeiner Wohnung zu. XV. Osmond befand ſich mehrere Stunden in einem furchtbaren Zuſtande, ſelbſt nicht auf Momente durch einen Vergeſſenheit ſpendenden Schlum⸗ mer der Erinnerung ſeiner ſchreckenvollen Lage enthoben; die Furien ſeines Gewiſſens waren nicht zum Schweigen zu bringen; von ihnen gepeitſcht ſchritt er in ſeinem Zimmer auf und ab, bis der Mittag erſchien. Um ſich wo mög⸗ lich ſelbſt zu entfliehen, war er eben im Begriff ſich nach Alſtons Wohnung zu begeben, als ihm plötzlich ein unerwarteter Beſuch in der Perſon von Carolinens Tante angemeldet ward. Das ganze Weſen der achtungswerthen Miſſ Lascelles verkündete einen tiefen Kummer; ſie nahm auf Osmonds Bitte Platz, aber ſie war —-——,— * 248 aufangs nicht im Stande zu reden. Osmond fürchtete, daß Caroline in ihrem verzweiflungs⸗ vollen Wahnſinn ihn und ſich ſelbſt verrathen haben möchte, und ein Gefühl von Schuld und Schaam überwältigte ihn ſo ſehr, daß auch er nicht ſprechen konnte; aber ſchon ihre erſten Worte überzeugten ihn, daß er ſich geirrt hatte. „Ich komme von der armen Caroline⸗ Herr Leſſingham,“ begann ſie,„ſie hat mich gebeten Ihnen dieſen Brief zu überbringen, und mich mit dem Inhalt deſſelben bekannt gemacht; er enthält ihre Bitte, der Verbindung mit ihr entſagen zu wollen.“ „Miſſ Lascelles hat alſo—“ begann Osmond in einem bitteren Tone, die Tante aber unter⸗ brach ihn. „Ich bitte Sie jede Heftigkeit zu unter⸗ drücken,“ rief ſie,„ich waͤre nicht im Stande ſte zu ertragen. Ach! Herr Leſſingham, wenn Sie, wie ich, bei dem Auftritte geſtern Abend zugegen geweſen wären, Sie würden— Sie — 249— müßten Mitleid mit dem armen Mäͤdchen— ja mit uns allen empfunden haben.“ Sie ſchwieg einen Augenblick.—„Wir mach⸗ ten einſt eine ſo glückliche Familie aus—“ fuhr ſie darauf fort, jetzt aber!—⸗ ſie vermochte nicht weiter zu reden. Sie wandte ſich von ihm und verbarg ihr Geſicht mit ihrem Tuche. Osmond war ungemein erſchüttert; in der Zerknirſchung ſeines Herzens verſprach er alles zu thun, was man von ihm verlangen würde; es drängte ihn, etwas von Carolinen zu er⸗ fahren:„Wie geht es ihr?“ fragte er. Die Tante ſchüttelte den Kopf. Caroline ſey ſehr krank, war ihre Antwort, wolle er aber ihre Wünſche erfüllen, würde ſie hoffent⸗ lich bald ruhiger werden. Der Sinn dieſer Worte war für Osmond furchtbar, er erkannte darin ihren Abſcheu, ihr Entſetzen und ſchritt im Zimmer wie ein Wahn⸗ ſinniger auf und ab. Miſſ Lascelles bat ihn ſich zu ſaſen. „Nicht wahr, ſie haßt mich!“ rief er wild, ihre Hand ergreifend;„ſprechen Sie es aus, ſie haßt, ſie verabſcheuet mich!“ Ein Thränen⸗ ſtrom entſtürzte ſeinen Augen, dieſer machte ſeinem Herzen Luft, und die Frage ward nun von ihm mit etwas weniger Heftigkeit wieder⸗ holt. „Nicht wahr, Sie glauben daß ſie mich haßt, nicht wahr, Miſſ Lascelles?“ „Nein, nein, ich glaube das nicht,“ erwiederte die Tante;„ich glaube es nicht, trotz ihrem Entſchluſſe ſich von Ihnen zu trennen. Aber ſie fühlt, daß ihr eine Verbindung mit Ihnen nie Ruhe gewähren kann; Ihre Familie würde ſie verachten; Sie ſelbſt würden es vielleicht mit der Zeit— und wenn auch nicht— nehmen Sie es mir nicht übel,— Ihre Hef⸗ tigkeit— Ihre unglückliche Gemüthsart! Ach, Herr Leſſingham, welcher böſe Geiſt, trieb ſie an, ein Sie liebendes Mädchen ſo zu behan⸗ deln, ſie faſt bis zum Wahnſinn zu quälen. Sie war ihrer ſelbſt kaum mächtig, als ſie 2541— geſtern von der Unterredung mit Ihnen heim⸗ kehrte.“ „Sprach ſie nicht— ſprach ſie nicht!“ rief Osmond, die Hand der Tante aufs Neue er⸗ faſſend. Was aber konnte er fragen, was erfahren, nichts als einen Bericht des Elends, das er ſelbſt herbeigeführt hatte, und ſo ſchnell als er die Hand genommen hatte, ließ er ſie auch wieder fahren und ſchritt ungeſtüm im Zimmer auf und ab. Aber die Ungewißheit in der er ſchwebte war furchtbar; er mußte alles wiſſen, und ſo ſtieß er abgebrochene Fragen hervor, welche die Tante ebenſo und unter häufigen Thränen beantwortete, weshalb wir genöthigt ſind in einer mehr zuſammenhängenden Form, die Um⸗ ſtände zu berichten, die Osmond zu erfahren ſo begierig war. So wie ſie ihn verließ, ſtürzte Caroline nach Hauſe. Die Tante, die am Fenſter ſtand, ſah ſie mit Todesbläſſe, mit einer an Wahnſinn gränzenden Verzweiflung nahen. Erſchrocken, denn ſie fürchtete, es ſey dem lieben Mädchen etwas Entſetzliches begegnet, eilte ſie ihr ent⸗ gegen und drang mit Fragen in ſie. Caro⸗ line aber war zu keiner Antwort zu bewegen. Alle Verſuche der Tante ſie zu beruhigen, waren fruchtlos:„ich habe einen Vater! ich habe einen Vater!“ rief ſie immer wieder und wieder. „Er wird mich beſchützen, er wird mich retten!“ So im Hauſe angelangt, brach ſie in eine Thränenfluth aus, die ihr Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen ſchien; niemand war zugegen als ihre Tante, denn der Vater war abweſend und die Mutter, welche ſich nicht wohl befand, hatte ſich zu Bette gelegt. Carolinens Gemüthsbewegung dauerte indeß noch immer fort, die Tante fragte vergebens nach der Urſache; endlich ſprang Caroline unge⸗ duldig von ihrem Sitze auf und eilte auf ihr Zimmer, wo ſie auf ihr Lager niederſank. In dieſem Augenblick kehrte Herr Lascelles zurück und ward, von ſeiner in unnennbarer Angſt ſchwebenden Schweſter, zu der Tochter geführt. Er näherte ſich ihr mit der innigſten Zaäͤrt⸗ lichkeit, aber ſo wie Caroline ihren Vater er⸗ blickte, erfaßte das Gefühl ihres Elends ſie mit neuer Gewalt und ſie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Er ſchloß ſie in ſeine Arme, hob ſie ſanft von dem Lager empor, und ſprach zu ihr mit den liebevollſten Worten.„Mein theures, theu⸗ res Kind,“ fragte er,„was iſt Dir begegnet? Sprich, ſprich, mein ſüßes Kind, ängſtige doch Deinen Vater nicht ſo ſehr!“ „Ich ängſtigen!— meinen guten Vater!“ ſprach Caroline, indem ſie ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlang— ſchnell aber, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, wand ſie ſich wie⸗ der von ihm los, ſtürzte vor ihm nieder auf ihre Kniee und faltete flehend die Hände: „Vater, Vater!“ jammerte ſie, ⸗ſchützen Sie mich vor Osmond— er iſt ſo grauſam, ſo furchtbar— retten, retten Sie mich!—“ 254— „Was meynt ſie?— was kann ſie meynen?“ fragte Herr Lascelles, zu ſeiner Schweſter ge⸗ wandt,„war Leſſingham hier?“ „Nein— nein,“ unterbrach ihn Caroline, „aber ich habe ihn geſehen!— Schützen Sie mich, daß ich ihn nie, nie wieder ſehe, theurer, theurer Vater!— verbieten Sie ihm mich fer⸗ ner zu quälen. Ich will ihm auf das Heiligſte, auf das Feierlichſte geloben, nie die Gattin eines Anderen zu werden— die Seinige aber werde ich nie— nein, nein, nimmermehr!,“ „Das ſollſt Du nicht, mein gutes, liebes Kind,“ entgegnete Herr Lascelles.„Wie, ich ſollte meine theure Caroline, den Stolz und die Freude meines Lebens, einem ſo heftigen Menſchen— einem Barbaren in die Haͤnde liefern? Ich will zu ihm, jetzt auf der Stelle!“ „Nie noch,“ bemerkte Miſſ Lascelles,„ſah ich meinen Bruder ſo erzürnt, als in jenem Au⸗ genblick. Ohne Zweifel hätte er ſeinen Vorſatz unvorzüglich in Ausführung gebracht, häͤtte ihn nicht Caroline, welche die Folgen ſeines Zornes fürchtete, zurück gehalten. „Nein, nein,— nicht jetzt!“ bat ſie, nicht im Zorn!— ich möchte gern in Frieden von ihm ſcheiden: Gott weiß es, ich hätte gern in Frieden mit ihm gelebt— hätte er es nur gewollt!— Aber heute— heute hatte ich vielleicht Unrecht— ich berückſichtigte ſeinen hef⸗ tigen Sinn nicht genug— ja, ja, gewiß ich hatte Unrecht, mein Vater 15 Herr Laͤscelles erſchrack über dies veränderte Benehmen, denn er glaubte es beurkunde einen Widerwillen mit Osmond zu brechen.„Erinnere Dich, was Du ſo eben ſagteſt, Caroline!“ ſprach er,„und höre nun was auch ich Dir zu ſagen habe. Ich werde nie in eine Heirath mit Leſſingham willigen, ich wollte Dir lieber zu Grabe folgen, als Dich in ſeine Arme führen. Ich ſelbſt will ihn nicht wiederſehen,“ fuhr er fort,„ich bin ſo erzürnt auf ihn, daß ich nicht weiß, wohin mich mein Unwille führen könnte. Ich will ihm meinen letzten Entſchluß ſchriftlich — 256— mittheilen, und dann wollen wir ihn ſämmtlich vergeſſen!“ Caroline ſeufzte ſchwer, ihr Vater bemerkte es und zog ſie liebevoll an ſeine Bruſt;„ja wir wollen ihn vergeſſen, mein Mädchen“ ſprach er,„und wieder ſo glüͤcklich ſeyn als zuvor.“ Er drückte einen Kuß auf ihre Lippen.„Denke nicht mehr an ihn, meine Caroline,“ fuhr er fort,„er iſt Deiner nicht werth, nur daran denke, Deine eigne Ruhe wieder zu gewinnen— denke an alles was Dir bleibt: an Deinen Va⸗ ter— Deine Mutter— die Tante— an Deine Brüder und Schweſtern! Was bleibt Dir denn noch zu wünſchen übrig? Lieben wir Dich nicht Alle mehr als dieſer?—“ „Ach ſchonen ſie— ſchonen ſie ſeiner!- un⸗ terbrach ihn Caroline, die Hand ihres Vaters mit den beiden ihrigen erfaſſend,„ach er iſt ſo unendlich zu beklagen! Trotz meines Unwillens kann ich ihm dennoch mein Mitleid nicht verſa⸗ gen. Laſſen Sie uns Gott danken, mein Vater, daß er uns nicht einen ſo heftigen leidenſchaft⸗ 8 2 — 257— lichen Sinn gegeben; wir wollen fuͤr den armen Osmond beten— ja, ja, ich bete für ihn!—⸗ fuhr ſie fort, ihre Hände mit Innigkeit fal⸗ tend—„ich verzeihe ihm— ich erflehe Got⸗ tes Gnade für ihn— aber ich will nicht die Seinige werden, nein, nein! nimmermehr!“ „Gott ſegne Dich, meine Tochter, für dieſe Zuſicherung;“ ſprach Herr Lascelles,„ſie trö⸗ ſtet mich.“— 7„Wollte Gott, ich könnte Ihnen Troſt ge⸗ währen, mein theurer, theurer Vater!“ rief Caroline, ihr Geſicht an ſeine Bruſt verbergend.“ Als die Tante dies erzählte, war Osmonds Schmerz gränzenios, er war unfähig ſie darum zu bitten, aber ſeine Geberden verriethen, daß er wünſche ſie möge fortfahren; ſie that es. „Mein armer Bruder,“ ſprach ſie,„war zu tief bewegt um länger in Carolinens Nähe zu bleiben, er übergab ſie meiner Sorge und bat mich mein Möglichſtes zu thun, ſie zu be⸗ ruhigen, dann entfernte er ſich ſchnell. Ich erſuchte das liebe Mädchen ſich zu faſſen, ſich Osmond. I. Band⸗ 17 —ÿy — — 258— zu ſammeln, vergebens aber nur bemühte ſie ſich meinen Wunſch zu erfüllen; endlich bat ſie mich ſo dringend ſie allein zu laſſen, daß ich es für rathſam hielt, mich zu entfernen.“ „Ich will,“ ſprach ſie,„zu dem Ewigen flehen, daß er barmherzig auf mich niederſchaue und mich erleuchte, denn ich weiß nicht was ich thun ſoll— ach ich weiß ja nicht was ich thun ſoll!—“ Sie ſah mit Thränen in den Augen zum Himmel empor.„Verlaſſen Sie mich, theure Tante, verlaſſen Sie mich!“ fuhr ſie dann fort,„morgen ſollen Sie mich ruhiger, gefaßter finden. Und ihre Lippen auf meine Wange drückend führte ſie mich ſanft zur Thür, wo ich ſie noch einmal in meine Arme ſchloß und mich dann entfernte.“ „Mit Tagesanbruch heute früh begab ich mich wieder zu ihr; ich fand ſie außer dem Bett und ſchreibend; ſie ſagte mir, der Brief ſey an Sie gerichtet, ſie machte mich mit dem In⸗ halt deſſelben bekannt.„Übergeben Sie, theure Tante, ihm dies Schreiben,“ ſprach ſie dann, „und beſchwören Sie ihn, wenn er anders — — 259— noch des Mitleids fähig iſt, meinen Wunſch zu erfüllen. Er kränkte mich geſtern durch einen unwürdigen Verdacht— er kann ihn nicht für gerecht halten— er kann es nicht— aber wäre es— o, da geloben Sie ihm in meinem Namen auf das Feierlichſte, auf das Heiligſte, ſo wahr ich auf die Barmherzigkeit des Himmels hoffe— daß ich nie die Gattin eines Anderen ſeyn werde!“ „In ihrem Namen, alſo, Herr Leſſingham,“ fuhr die Tante fort,„gebe ich Ihnen dieſe Ver⸗ ſicherung,— ich halte es für ein unvorſichtiges Verſprechen und geſtehe Ihnen unverholen, daß ich mein möglichſtes that, ſie daran zu verhin⸗ dern. Aber meine Meynung thut hier nichts zur Sache, ich habe meinen Auftrag ausgerichtet, und hoffe, daß Sie, Herr Leſſingham, meine Mühe nicht durch die Ueberzeugung lohnen wer⸗ den, daß ſie fruchtlos war.“ Bei dieſen Worten machte ſie eine Bewegung nach der Thür, ſo als wolle ſie ſich dntfernen. Osmond hielt ſie zurück und bat um die Erlaub⸗ 47* — 260— niß ſich nach Carolinens Befinden erkundigen zu dürfen. Die Tante meynte es wäre beſſer, wenn er es unterließe, wenigſtens könne ſie ihm darüber in dieſem Augenblick keine befriedigende Antwort geben.„Gott ſchenke Ihnen eine mildere Sin⸗ nesart,“ ſprach ſie dann und verließ das Zimmer. Nicht mit Ungeduld öffnete Osmond den Brief, den ſie in ſeiner Hand zurückgelaſſen hatte,— er wußte, daß er keine Hoffnung darin finden würde, und ſo ſchlug er das Blatt nur langſam und mit einer Miſchung von Verdruß und Kum⸗ mer auseinander. Jedes bittere Gefühl aber ſchwand ſchnell dahin, als er folgende Zeilen las: „Mein theurer Osmond!— So nenne ich Sie noch immer, denn ſo grauſam ſie mich auch behandelten, ſteht es doch noch in Ihrer Macht, fortwährend von mir geliebt zu werden. Ich beſchwöre Sie mir zu entſagen, nicht zu Gun⸗ ſten eines Andern, wie ihr kränkender Ver⸗ dacht argwöhnte, ich bin kein ſo niedriges Geſchöpf,— Sie hätten mich keines ſolchen Schrittes fähig halten ſollen. Es iſt wahr, ich habe mich ſelbſt in Ihren Augen entwürdigt; Sie aber ſollten der Letzte ſeyn, der mir dar⸗ über Vorwürfe macht,— auch glaube ich Ihnen nie Anlaß gegeben zu haben, ſo verächtlich von mir zu denken!— Wich' ich von dem Wege der Tugend ab, war es die Liebe zu Ihnen, die mich irre leitete— Sie ſelbſt wiſſen am beſten, welche Mühe ſie ſich gaben, welche Scheingründe ſie gebrauchten, meine Vernunft zu übertäuben.“ „Ach Osmond, in welches Elend haben Sie mich geſtürzt; mich, die einſt ſo glücklich war und die nun nie wieder glücklich werden kann. Ich vermag nicht mehr Theil zu nehmen an dem Jubel meiner Geſchwiſter, denn ich glaube immer, ich habe kein Recht wie ſie zu lachen und zu ſcherzen, weil ich nicht unſchuldig bin wie ſie. Ich kann mich nicht der Liebe und Güte des beſten Vaters freuen, denn ich fühle, er würde mich von ſich ſtoßen, kennte er meine Schuld. Ach ich bin ſo elend— ſo unausſprech⸗ lich elend— ich kann nichts, nichts als beten, — 262— das allein gewahrt mir noch einigen Troſt,— dar⸗ um will ich fortfahren zu Gott zu flehen, vielleicht daß er meine Bitte erhört und mich aus einer Welt nimmt, die mir durch Ihre Schuld nur Qual und Leiden darbietet. Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, Osmond— ich beklage Sie— ach, ich hätte Sie ſo wahr⸗ haft lieben können— ich liebte Sie einſt— ja ja, damals waren wir glücklich;— aber wir waren damals auch noch ſchuldlos,— ſpäterhin laͤchelte uns das Glück nie wieder,— nein, nein, nie wieder!! „So erfahren Sie denn nun, was ich zu thun beſchloſſen habe:— ich will der Welt mit allen ihren Hoffnungen und Bekümmerniſſen entſagen,— in der Einſamkeit will ich leben— meine Tage der Reue und dem Gebet wid⸗ men. Auch für Sie will ich beten, Os⸗ mond— oft, recht oft— denn ich kann Sie nicht vergeſſen, ob Sie gleich grauſam gegen mich verfuhren; eine ſchrankenloſe Leiden⸗ ſchaftlichkeit verhärtete ihr Herz. Ach, Os⸗ — 263— mond, flehen Sie den Himmel um Kraft an, dieſe Heftigkeit zu bezähmen, ſonſt wird ſie Ihren Untergang herbeiführen, wie ſie den meinen bereitete— denn mein Herz iſt ge⸗ brochen! Aber ich wollte Ihnen ja keine Vorwürfe machen,— ich will Ihnen alles vergeben, wenn Sie mir nur entſagen wollen— theurer, theurer, Osmond, erfuͤllen Sie mein Flehen— entſagen, entſagen Sie mir!— Ich kann nie Ihre Gattin werden— nie, ich kann es nicht— aber ich gebe Ihnen das heiligſte Verſprechen, nie das Weib eines Andern werden zu wollen, die Gluth der Schaam färbt meine Wangen bei dem bloßen Gedanken, daß Sie mich einer ſolchen Hand⸗ lung fähig halten konnten;— aber ich über⸗ rede mich, daß Sie nur in einem Moment des Wahnſinns einem ſolchen Verdachte Raum ga⸗ ben.— Wenn gleich gefallen, iſt einer ſolchen Niedrigkeit nicht fähig die unglückliche Karoline. -— 264— Osmond legte dies Schreiben vor ſich auf den Tiſch— er nahm es wieder zur Hand,— wollte es noch einmal leſen, aber er vermochte es nicht— und den Kopf in die Hand geſtützt, ſtand er da eine Beute unendlicher Qualen. „Verächtliche Philoſophie,“ ſprach er endlich, „welchen Werth haſt Du für einen Elenden wie ich bin. Was kannſt Du mich lehren den Sturm zu beſchwichtigen, der in meinem In⸗ nern wohnt?— Allmächtiger! Ewiger!“ rief er, und niederſtürzte er auf ſeine Knie,„ſieh gnädig herab auf dein Geſchöpf und hilf mir in dieſem Kampf— rette, rette mich vor mir ſelbſt!“ Er betete lange und mit Innigkeit und erhob ſich dann mit etwas mehr Faſſung. Er nahm die heilige Schrift zur Hand, die lange Zeit für ihn nur ein verſchloſſenes Buch geweſen war, er las darin mit großer Aufmerkſamkeit; die Erhabenheit ihrer Lehren machte einen tiefen Eindruck auf ihn. — 265— „Geſegnet ſind die, die da reines Herzens ſind,“ las er, der Contraſt war zu furchtbar, als daß er ſein Gemüth nicht hätte gewaltig er⸗ faſſen ſollen. Schande und Schmach— Ver⸗ zweiflung, ja faſt Wahnſinn waren die Folgen ſeiner Leidenſchaftlichkeit. Mit Recht konnte er ſich in dieſem Augenblick zurufen:„meine Sünden ſind dergeſtalt meiner Herr geworden, daß ich nicht wage aufzublicken. Reue— ernſthafte, innige Reue ſchien zum erſtenmal tiefe Wurzel bei ihm gefaßt zu haben, und der Sturm ſeiner Heftigkeit auf eine Zeit⸗ lang beſänftigt. Dieſe Stimmung währte nur kurze Zeit, aber ſie währte doch, und zwar zum Heil ſeiner Seele. Er hatte den Gedanken Alſton zu beſuchen völlig aufgegeben, und ſo eben ſein einſames Mahl beendigt, als ein leiſes Klopfen an die Thur ihn glauben ließ, daß jener vielleicht zu ihm käme. Faſt unmuthig ſtand er auf, ihn zu Hbegruͤßen, erſtaunte aber nicht wenig, als nicht Alſton, ſon⸗ — — — —— — 2656— dern Eduard, der zweite Sohn des Herrn Las⸗ celles ins Zimmer trat; ein lieblicher Knabe von zehn Jahren, auf den Osmond ungemein viel hielt, zumal da er Carolinen ſo ahnlich ſah. Der Kleine trat mit Verlegenheit näher, offenbar weil er nicht wußte, wie er es an⸗ fangen ſollte, kalt und fremd gegen Osmond zu thun, denn ſein Vater hatte ihn beauftragt, den Brief, deſſen Überbringer er war, abzu⸗ geben und ſich dann ſogleich zu entfernen, ohne ſich in eine Unterredung mit dem Em⸗ pfänger einzulaſſen. Auf Osmonds Fragen nach Carolinens Be⸗ finden, erwiederte er nur kurz weg, daß die Schweſter ſehr krank ſey. Dann wollte er unverzüglich wieder von dan⸗ nen, Osmond aber konnte ſich von ſeinem kleinen Freunde ſo ſchnell nicht trennen. „Komm her Eduard,“ ſprach er,„ruhe Dich aus, trink ein Gläschen Wein, iß ein Paar Früchte. —— — 267— Der Knabe ſtand offenbar unentſchloſſen da, auf Osmonds wiederholte Einladung aber wei⸗ gerte er ſich etwas zu genießen.„Ich danke,“ erwiederte er,„der Vater gebot mir, mich nicht aufzuhalten.“ „Nun ſo will ich Dich nicht zum Ungehorſam verleiten, aber die Hand kannſt Du mir doch reichen, das hat der Vater Dir doch gewiß nicht verboten,— komm her und gieb mir die Hand!“ Das Herz des Kleinen das ſo ganz an Os⸗ mond hing, war übervoll und ergoß ſich in Thränen. Osmond war von dieſem Beweiſe kindlicher Zärtlichkeit ungemein gerührt, er nahm den Kleinen bei der Hand und unfähig ein Wort zu ſprechen, führte er ihn ſanft zur Thür, druckte ihn zärtlich an ſeine Bruſt und war froh als er ihn forteilen ſah, weil er ſich nun allein befand, und ſich der Rührung hin⸗ geben konnte, die das kunſtloſe Gefühl des Kleinen in ihm erweckt hatte. Den Inhalt des Schreibens glaubte er errathen zu können, 268— und ihn verlangte eben nicht ſehr danach, es zu eröffnen; er meynte es würde eine Menge bitterer Vorwürfe enthalten; aber er hatte ſich in dem gefühlvollen und dennoch verſtändigen Sinn des Pachters geirrt. Der Brief war kurz und einfach und lautete wie folgt: „Ich halte mich überzeugt, Sir, daß Sie als ein verſtändiger Mann nicht wünſchen kön⸗ nen, Ihr Verhältniß mit meiner Tochter gegen meinen und ihren Willen fortzuſetzen, ſondern daß Sie unſern gemeinſchaftlichen Wunſch er⸗ füllen und es aufheben werden. Sie allein nur kann über ihre Gefühle urtheilen, und ſie hat mir auf das Beſtimmteſte erklärt, daß dieſe einer Verbindung mit Ihnen völlig entgegen ſind. Ich habe ihr verſprochen, ſie vor jeder ferneren Zudringlichkeit zu ſchützen, und muß mir daher die Freiheit nehmen, Ihnen zu be⸗ merken, daß wenn Caroline die Urſache Ihres ferneren Aufenthalts zu Woodhurſt iſt, ſie nach einem täuſchenden Beweggrund handeln. Ich habe die Ehre u. ſ. w. C. Lascelles.“ — — 269— Die tugendhaften Eingebungen vom Morgen her behaupteten auf Osmond noch ihr Recht; ihr Einfluß war ſchuld daran, daß der Brief auf ihn nicht den Eindruck machte, den er ſonſt hervorgebracht haben wuͤrde. „Daß Sie als ein verſtändiger Mann nicht wünſchen können, Ihr Verhältniß mit meiner Tochter gegen ihren und meinen Willen fort⸗ zuſetzen,“ waren Worte, denen er nichts zu entgegnen wußte. Aber konnten ihre Wünſche ſo ganz den ſeinen zuwider ſeyn?— ſie hatte ihn doch einſt geliebt!— Und zͤrtliche Er⸗ innerungen füllten ſein Gedächtniß. Er ſah den Baum— den Raſenſitz wieder, wo ſie ihm ſo oft ihre Liebe bekannte— ſeine Lippe berührte ihre ſanft erröthende Wange,— er ſah ihr Lächeln. Süße, ſüße Momente; ach nur zu bald verſchwunden, um nie wiederzu⸗ kehren! XVI. Fur den nächſten Mittag nahm Osmond eine Einladung Alſtons an; obgleich nur ſchlecht ge⸗ ſtimmt, ſich den Genüſſen hinzugeben in denen der Letztere ſeine Unterhaltung zu finden pflegte. Aber in dieſem Augenblick war ihm jede Geſell⸗ ſchaft lieber als die ſeinige, und ſo ſtellte er ſich zur beſtimmten Zeit bei Alſton ein. Er fand dieſen froh gelaunt, bereit über alles, aber über nichts ſo ſehr zu lachen als uͤber„die Trauerwüſte“, wie er Osmonds Geſicht nannte. Bei Alſton war alles Scherz, alles in der Welt nur des Lachens werth; eine treffliche Geſundheit, und eine völlige Unfähigkeit nach⸗ — 241— zudenken, ließen ihn ſtets ſeine Heiterkeit be⸗ halten. Osmond war nicht taub gegen ſeine Auffor⸗ derung, die Sorge die ſein Herz drücke durch ein Glas Wein zu vertreiben; er trank mehr als er hätte trinken ſollen, und von Wein und Leidenſchaft erhitzt, erzählte er ſeinem nach Mittheilung verlangenden Wirthe, daß ſeine Verbindung mit Carolinen abgebrochen ſey. Al⸗ ſton rieth die Letztere beim Wort zu faſſen, und ſich nicht länger um ſie zu kümmern, wobei er ſeinem Rathe eine Bemerkung hinzufügte, die wie ein Funken in einer Pulvertonne in Os⸗ monds Herzen zündete. Er wäre überzeugt, ſagte er, daß ein Mädchen nie ſo albern ſeyn könne, einem Mann wie Osmond auszuſchlagen, wenn ſie nicht ſchon einen Andern liebe. Obgleich Osmond in dieſem Augenblick ihren Brief in der Taſche hatte, deſſen wahrhaft rüh⸗ rende Betheurungen jedem Verdacht Schweigen geboten, waren denn doch Alſtons Worte hin⸗ länglich ſeinen Argwohn aufs Neue zu erwecken. „Wen anders als Sackvilles könnte ſie lieben?“ rief er aus,„ja ja, ſie liebt ihn, ich bin davon überzeugt.“. „Ich weiß in der That nicht was ich dazu ſagen ſoll,“ entgegnete Alſton; wenn dem aber auch ſo wäre, was thuts? er nehme ſie hin, und Glück damit, ſie eignet ſich beſſer für ihn als für Sie, denken Sie nicht mehr daran.“ Osmond wünſchte von ganzem Herzen diefem Rathe folgen zu können; jeder ſeiner Gedanken aber war nur Caroline, nur ihrer gedachte er. lieb⸗ oder verzweiflungsvoll. Vergebens be⸗ mühete er ſich zu lächeln, vergebens verſuchte er Alſtons Bemerkungen bereitwillig beizupflich⸗ ten oder zu einem anderen Thema überzugehn. Alles, was nicht auf Caroline Bezug hatte, erſchien ihm leer und ſchaal, und wenn er auch, wenn er von ihrer Liebe zu einem Andern ſprach, jedesmal einen Dolch in ſeine Bruſ ſenkte, zog er dieſes doch dem gänzlichen Schwei⸗ gen über ſie vor. Es war ſpät Abends, als er nach Hauſe zurückkehrte; aber dennoch war — 273— die Dämmerung kaum hereingebrochen, weil die Tage ſehr lang waren, und ſo konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, unfern Lascelles Haus vorüber zu gehn, in der Hoffnung Ca⸗ rolinen, wenn auch nur in der Ferne, zu erblicken. Sein Herz klopfte hörbar, als er die weißen Schornſteine ſich über die Bäume, welche das 1 Haus umgaben, erheben ſah. Jeder Baum— jeder Strauch— ja der Zaun, der den Garten einſchloß, war ihm theuer. Er trat an die Pforte, und das Haus, einſt die Wohnung des Friedens und der Unſchuld, lag nun vor ihm da. Wie anders war es jetzt; wer hatte dieſen Wandel herbeigeführt? wer den Frieden zerſtört? wer war wie ein Dämon in die Mitte dieſer guten Menſchen getreten? wer hatte ihre Ruhe ver⸗ nichtet? Er wanderte eine Zeitlang auf und ab und war eben im Begriff ſich fortzubegeben, als er, wer malt die Gefühle, die bei dieſem An⸗ blick ſeine Bruſt erfüllten, Carolinen erſchauete, Hemond. I. Band. 18 ———— — 24— die ſchwach und langſam aus dem Hauſe trat, allem Vermuthen nach, damit die kuͤhle Abend⸗ luft ihre erſchöpfte Kräfte belebe. Sie ſchritt gedankenvoll einigemal vor dem Hauſe auf und ab, und ſchon war Osmond faſt entſchloſſen zu ihr hin zu eilen, zu ihren Füßen zu ſtürzen und ſie um eine kurze Unterredung zu beſchwören. Da öffnete ſich plötzlich eine zweite Gartenpforte, Sackvilles trat ein und Caroline blieb ſtehen ihn zu empfangen. Osmond ſtand da wie eingewurzelt, mit ſei⸗ nen Augen jede ihrer Bewegungen verſchlingend und die ſeltſamſten Ideen in ſeinem Gehirn ver⸗ arbeitend. Sie lächelte dem Ankömmling entgegen, zwar nur ſchwach, aber ſie lächelte doch. Daß ſie irgend einem Anderen als ihm auch nur ein freundliches Geſicht zeigen konnte, hatte ihn von jeher zum Unwillen gereitzt, in dieſem Augen⸗ blick zerſchnitt es ihm faſt das Herz. Herr Sackvilles ſprach einige Augenblicke lang ernſthaft mit ihr, ſie ſchien in das Haus zurück⸗ kehren zu wollen, er aber nöthigte ſie zu blei⸗ ben, denn er faßte ihre Hand. Osmonds Glieder zitterten, aber er unter⸗ drückte die Verſuchung hinzuſtürzen und dem vermeintlichen Nebenbuhler die theure Hand zu entreißen. Er trocknete die großen Schweiß⸗ tropfen von ſeiner Stirn und bedeckte einen Augenblick lang ſein Geſicht mit den Händen, damit er die Scene nicht ſchaue, die ihn zur Wuth entflammte. Aber ſeine Phantaſie quälte ihn noch weit mehr als die Wirklichkeit, er blickte aufs Neue hin. 1 Nach einem kurzen Widerſtande von Seiten Carolinens, bewog Sackvilles ſie endlich zu blei⸗ ben, er legte ihren Arm in den ſeinen und ſchritt mit ihr dem Laubengange zu, der an der Stelle vorüber führte, an der Osmond ſtand. Obgleich die Sträuche und Bäume Reſen zum Theil verbargen, war es doch ſehr wahrſchein⸗ 18*½ — 276 lich, daß man ihn bemerken würde, und er mußte, wollte er dies vermeiden, ſich ſchnell entfernen. Noch ſtand er unentſchloſſen da, als er ihre Schritte nahen hörte, ja er vernahm ſchon Sack⸗ pilles Stimme, konnte aber nicht verſtehen was dieſer ſprach; er ſtand nun wieder feſt gebannt, verbarg ſich ſo gut er konnte hinter das Ge⸗ büſch, und harrete, daß ſie an ihm vorüber⸗ kämen. Da ſie ſehr langſam gingen, denn Caroline ſchien ſchwach und krank, konnte er ſie einige Augenblicke lang mit Muße betrachten,— nie in ſeinem Leben hatte er eine größere Qual erduldet. Sackvilles ſprach zu ihr mit großem Eifer und nahm ihre Hand ſo, als wolle er das be⸗ kräftigen was er ſagte— ja Osmond ſah, daß er ſie mit Innigkeit druͤckte. Sie kamen naͤher und näher, Sackvilles Worte wurden ihm deut⸗ licher— bald verſtand er ſie ganz. — 2— „Meine gute Caroline,“ ſprach er,„um Ih⸗ res Vaters, um Ihrer ſelbſt, ja um unſerer Aler willen, Sie müſſen ſich nicht ſo ganz dem Kummer hingeben! Faſſen Sie Muth, liebes Mädchen, und beruhigen Sie ſich,“ wollte er hinzufuͤgen; in dieſem Augenblick aber ſtürzte Osmond, der ſich nicht länger zu halten ver⸗ mochte, hinter der Hecke hervor, erfaßte trotz ihrem Geſchrei die halbohnmächtige Caroline, um⸗ ſchlang ſie mit ſeinen Armen und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, waͤhrend er dem erſtaunten Sackvilles wüthend zurief:„Fort, fort, aus meinen Augen, was ſtellen Sie ſich zwiſchen mein Weib und mich?“ „Ihr Weib?“ wiederholte Sackvilles. „Ja, mein Weib, vor Gottes Angeſicht,“ fuhr Osmond fort,„nie, nie werde ich ihr entſagen! Fort alſo mit Ihnen und Ihrem Rathe!— Theure, theure Caroline, verachte, haſſe mich nicht— ſprich nur ein Wort zu meinem Troſte!⸗ — 278 „Ach, ſie vermag ja nicht zu ſprechen,“ nahm Sackvilles das Wort,„der Schrecken hat ihr die Beſinnung geraubt, um Gotteswillen, Herr Leſſingham, entfernen Sie ſich, oder ſeyn⸗ Sie wenigſtens ruhiger!“ Die fortwährenden Seufzer Carolinens, die noch immer bewußtlos in ſeinen Armen lag, waren alles was Osmond zu hören vermochte. Er wußte nicht ob Sackvilles fortgeeilt war, den Vater der Unglücklichen herbeizuholen, oder ob der Zufall dieſen hergeführt hatte. Als er aber noch immer da ſtand, verſunken in dem Anblick der bleichen, aber noch immer ſchönen Züge des reizenden Mädchens, fühlte er ſie plötzlich gewaltſam ſeinen Armen entzogen, und erblickte, als er ſeine Augen hob, nicht Sack⸗ villes, ſondern ihren ſchwer beleidigten Vater, der gekommen war die Tochter zu beſchützen. „Was ſoll dieſe Zudringligkeit,“ fragte Las⸗ celles,„haben Sie ihr nicht ſchon Kummer ge⸗ nug verurſacht? Kann denn nichts Ihre wilden Gefühle menſchlicher machen?“ —— — 25°— „Ich bin nicht wild— wahrlich; ich bin nicht wild,“ rief Osmond in Thränen ausbrechend, „mein Elend hat mich nur zur Verzweiflung ge⸗ trieben; aber ich will fort; fort!“ und ohne es zu wagen, noch einen Blic auf Carolinen zu richten, die nun der Vater in ſeinen Armen hielt, ſtürzte er von dannen, den furchtbarſten Gefühlen Preis gegeben. Ende des erſten Bandes. 1 4 . eeeͤ fninpmmnnmninſſſſſſſiſſſſſſſtſiſinſfiiiſiſſſtiſſſiifiiſſ 9 10 11 12 13 14 15 8 2 3