iothe deutſcher, engliſcher und franzöſif er Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 l'hr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Wit.— Pf. 1 Met. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 „ 3„—„ 5„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— Seit der erſchütternden Scene die wir im. vorigen Abſchnitt unſern Leſern vorgeführt haben, ſahen ſich Osmond und Caroline nicht wieder, obgleich der Erſtere mehrere vergebliche Ver⸗ ſuche machte, ſich eine Unterredung mit ihr zu verſchaffen. Die Beſtimmtheit, mit der Herr Lascelles ſeine Beſuche verbeten hatte, machte es ihm durchaus unmöglich das Haus des Pach⸗ ters zu betreten; aber er ſchrieb ihr und zwar ſo oft, bis ihm, denn es war der einzige Weg ſeinen Zudringlichkeiten ein Ziel zu ſetzen, ſeine Briefe zwar höflich, aber mit der Verſicherung zurückgeſandt wurden: daß Miſſ Lascelles ab⸗ weſend ſey. Dsmond. II. Band. — 2— Dieſe Kunde ſchien nun alle jene Hoffnungen zu vernichten, die ſich— ſo wunderbar iſt der menſchliche Sinn— mit den ſteigenden Hinder⸗ niſſen in ſeiner Bruſt aufs Neue wieder be⸗ lebt hatten. Der Entſchluß Carolinen ſeine Hand zu reichen, der in den letzten Wochen ſeiner Bekanntſchaft mit ihr weniger lebhaft ge⸗ weſen war, ſtand jetzt bei ihm feſter als je, und da er glaubte, daß ihre Abneigung gegen ihn vielleicht aus einem Zweifel an ſeiner Rechtlichkeit entſtanden wäre, verlangte ihn voll Ungeduld nach einer Gelegenheit die Aufrich⸗ tigkeit ſeiner Geſinnungen an den Tag zu legen. Seine hauptſächlichſte Sorge war daher ihren jetzigen Aufenthalt auszuforſchen, falls ſie ſich wirklich vom väterlichen Hauſe wegbegeben haben ſollte, wovon er noch nicht ſo ganz überzeugt war, denn er glaubte noch immer, es ſey nur eine Ausrede ihn fern zu halten. Er hätte ſich in dieſer Rückſicht leicht Ge⸗ wißheit verſchaffen können, wenn er nehmlich den Umgang mit Alſton fortgeſetzt hätte, aber ———— —— — 3— abgeſehen davon, daß er keine Freude an ſeiner Bekanntſchaft fand, hatte auch ein Streit zwi⸗ ſchen ihnen Statt gehabt, denn Osmonds heftiger Sinn verlangte ſtets ein Opfer für den Ausbruch ſeiner leidenſchaftlichen Gefühle, und da die Lascelles ſich dem verheerenden Er⸗ guß derſelben entzogen hatten, war der arme Alſton jenen um ſo mehr ausgeſetzt. Osmonds ungerechte und ſich ſtets ſelbſt marternde Phantaſie hielt es für eine Belei⸗ digung, daß jemand, der auf ſeine Freund⸗ ſchaft Anſpruch mache, einen vertrauten Um⸗ gang mit Leuten unterhalten konnte, die ihn, ſo nannte er das Benehmen der Lascelles, unanſtaͤndig behandelt hatten. Alſton aber, obgleich er recht gern die Bekanntſchaft mit einem jungen Manne von Stande, wie Os⸗ mond war, fortgeſetzt hätte, begriff nicht warum er ſein Verhältniß mit einer Familie abbrechen ſollte, die ſich freundlich gegen ihn betrug. Sie wurden daher bald fremd gegen einander, und ſo ward das Unangenehme von Osmonds 1+ Lage noch vermehrt. Er hatte ſich nie bemuͤht es zu verbergen, daß er keinen Umgang in der Nachbarſchaft wünſche, ja er hatte dieß im Gegentheil bei allen Gelegenheiten deutlich zu erkennen gegeben, und ſo war er lange Zeit von Beſuchern ungeſtört geblieben. Ob⸗ gleich in ſeiner Leidenſchaft für Carolinen die ganze Welt keinen Werth für ihn hatte, fühlte er doch nun, als ihm ihr Umgang entzogen und er auf ſich ſelbſt beſchränkt war, wie arm und hülflos, ja wie ſo völlig unzulänglich ſich ſelbſt der geiſtreichſte Menſch arſcheint, wenn irgend ein Umſtand, zumal aber wenn eigene Schuld ihn der menſchlichen Geſellſchaft ent⸗ zieht. Aber die, welche ſich dem Joch der Leiden⸗ ſchaft unterwerfen, pflegen ſich nicht lange bei Betrachtungen aufzuhalten; ſie glauben die ganze Welt ſey nur für ſie da: die Beduͤrfniſſe, die Wünſche, die Freuden, die Schmerzen ihrer Mitmenſchen ſind ihnen nichts im Vergleich zu den Neigungen ihres unbeherſchten Gemüths. 18 4ℳ Aber die Wege der Vorſehung werden ge⸗ rechtfertigt. Einige Jahre mögen uns zwar in dem Taumel der Selbſtſucht hinſchwinden, in Vergeſſenheit der Pflichten der Menſchlich⸗ keit; die Stunde der Strafe erſcheint gewiß, unſere Suͤnde wird uns treffen. Der große Schöpfer ſchuf uns für einander— er gab uns Thränen! nicht bloß für unſere eigenen Leiden, ſondern auch fuͤr den Kummer Anderer. Er ſchenkte uns Liebe und ſanfte Gefuhle, nicht um ſie an einen einzigen unwürdigen Ge⸗ genſtand zu vergeuden, ſondern um ſie frei⸗ gebig rund um ſich her zu ſpenden;— wer gegen dieſes Gebot der Natur und der Reli⸗ gion handelt, wer es verſäumt in dem Herzen ſeiner Mitmenſchen Theilnahme für ſich zu er⸗ wecken, wird ohnfehlbar früh oder ſpät ver⸗ laſſen und allein daſtehn, eine Beute nagender Reue. Der einzige Weg der Osmond noch offen ſtand um etwas Beſtimmtes uͤber Carolinens Aufenthalt zu erfahren, war eine alte Frau — 6— zu befragen, die dann und wann in dem Hauſe der Lascelles arbeitete und deren Hütte er zuweilen mit Carolinen beſucht hatte. Er begab ſich dorthin, erreichte aber ſeine Ab⸗ ſicht nicht. „Miſſ Caroline,“ ſagte die Alte,„habe vor einigen Tagen das Haus ihrer Altern verlaſſen, niemand von dem Geſinde aber wiſſe, wohin ſie gegangen ſey, man glaube indeß, ſie habe ſich auf lange Zeit entfernt, denn die Familie hätte beim Abſchiede geweint. Es war kein Wunder;⸗ fügte ſie hinzu,„das arme Ding! ſie ſprechen davon, daß ſie ſie wohl lebend nie wiederſehen würden.“ „Lebend nicht wiederſehen,“ wiederholte er in einem furchtbaren Tone;„ſie kann nicht— nein, nein, ſie kann nicht ſo krank ſeyn! das iſt Übertreibung! ſaht Ihr ſie nicht ſelbſt noch kürzlich?— ſagtet Ihr mir nicht, daß ſie ſchön ſey wie immer?⸗ „So ſprach ich Herr,“ entgegnete die Alte, „aber wenn junge Leute erſt anfangen zu welken—“ Kie welkt nicht, ich will es nicht glauben,“ unterbrach ſie Osmond, unfähig den Gedanken den ſie ausſprach zu ertragen. Die Alte, von ſeiner Heftigkeit erſchreckt, lenkte ein und gab auf ſeine ferneren Fragen beruhigendere Antworten; er aber ſah, daß ſie ihm nur zum Munde reden wolle und unge⸗ duldig verließ er ſie daher. Er verbrachte den übrigen Theil des Tages in einem Wechſel von Hoffnungen und Be⸗ ſorgniſſen in Betreff Carolinens; er verſuchte ſich zu überreden, daß Gram, einzig nur Gram ohne Krankheit, kein Leben zerſtören könne.— „Aber der Gram, der aus Schaam— aus ver⸗ wundetem Zartgefühl— aus dem Verluſt der Ehre, der Selbſtachtung entſteht, aus dem Verluſte alles deſſen, was ein weibliches Weſen hienieden ſchmückt und heilig macht, ach, wie muß ein ſolcher Gram verzehrend ſeyn!“ dachte er dann wieder,„wo kann ein ſolcher Kummer eine Zuflucht finden als im Grabe?“ Er ſchauderte, ſuchte ſeine Gedanken von dem furchtbaren Bilde abzulenken, aber raſtlos ver⸗ folgte es ihn,— in den Augenblicken ſeines unruhigen und kurzen Schlummers trat Caro⸗ linens Geſtalt vor ihn— bleich— ſterbend, er drückte ihre kalte Hand, er ſuchte ſie an ſeinem glühenden Herzen zu erwärmen, aber die eiſige Kälte war fürchterlich— er erwachte in Todesangſt. —— II. Der Sturm der in ſeinem Inneren tobte, begann nun auch Osmonds Körper zu erſchüt⸗ tern, und in kurzer Zeit erkrankte er ſo ſehr, daß er genöthigt war, ärztliche Hülfe zu ſuchen. Es war grade zu dieſer Zeit als Lord Arling⸗ ton Briefe auf Briefe ſandte, welche Osmond endlich genöthigt war, ſeinem Arzte zur Beant⸗ wortung zu uübergeben. Die Schwermuth, welche der junge Mann bei ſeiner Ruͤckkehr zeigte und welche Lady Mary ſo ungemein beunruhigte, ward gewiß noch tie⸗ fer gefühlt, als ſie ſich zu erkennen gab. Seine Seele war nicht verhaͤrtet, ſein Gewiſſen durch den Umgang mit der großen Welt noch nicht — 10— abgeſchliffen, und er betrachtete daher ſein Verbrechen mit jener aufrichtigen Reue, die ein gefühlvolles Herz bei dem erſten Fehltritt empfin⸗ den muß. Die Natur ſcheint uns in der That vor dem erſten Angriff des Laſters in Schutz zu nehmen, wir ſchaudern bei ſeiner Annähe⸗ rung— wir zittern, und von ihm, wenn auch nur leichthin berührt, beben wir zurück und be⸗ reuen. Wer hat je dieſe geheimnißvolle, hei⸗ lige Warnung verachtet und nicht ſeinen Leicht⸗ ſinn beweint? Kein Sterblicher! Dieſer un⸗ widerlegbare Beweis, daß etwas Reines und Göttliches in uns wohnt, kann nicht ungeſtraft geleugnet werden; ohne Zweifel iſt es die Stimme eines zaͤrtlichen Vaters, bereit, das Geſchöpf, welches er ſchuf, vom Uutergange zu retten und ihm zu erkennen zu geben, daß ſein Auge Al⸗ les ſchauet.— Aber ſelbſt die beſten Gefühle des Menſchen ſind nur vorübergehend, wenn ſie nicht von der Religion geleitet werden. Die Welt mit ihren verführenden Lockungen iſt ſtets bereit, die Vernunft zu bekämpfen. — 11— Die Erinnerung an die gekränkte Caroline machte in Osmonds Seele bald weniger bitte⸗ ren Gefühlen Platz; das augenſcheinliche Über⸗ gewicht der Lady Mary, nicht nur in Rückſicht des Ranges, ſondern auch hinſichtlich ihres Ver⸗ ſtandes und ihrer Geiſtesbildung, ſchwebte ſei⸗ ner Phantaſie raſtlos vor und bildete einen auffallenden Contraſt zum Nachtheil des ein⸗ fachen Mädchens, dem er ſich ſo lange mit un⸗ endlicher Liebe hingegeben hatte. Sein Bemühen indeß, dieſer nur mit Gleich⸗ gültigkeit zu gedenken, blieb fruchtlos, und als ſeine Mutter ihm über ſein Benehmen gegen Lady Mary Vorſtellungen machte, fühlte er nur zu gut, daß er die unglückliche Caroline noch allzuſehr liebe, um ſich unauflöslich an eine Andere zu binden. Aber Lady Mary war ihm ungemein theuer, und der Gedanke, daß er ihren Frieden getrüͤbt habe, ließ ihn ernſthaft an die Möglichkeit denken, ihr den einzigen Erſatz darzubieten, den ihr zu gewähren in ſeiner Macht ſtand. Er beſchloß daher an ſie zu ſchreiben, nicht etwa daß er wegen ihres Rathes in Zweifel geweſen wäre, ſondern weil er, indem er auf⸗ richtig war, ſich gewiſſermaßen gerecht gegen ſie bezeigte. An dem Tage, an dem Lady Mary Arling⸗ tons Haus verließ, nahm er ſich vor, ſeinen Freund Greville eine Strecke nach Haſtings zu be⸗ gleiten, dann ihn aber zu verlaſſen und ſich unverzüglich nach Woodhurſt zu begeben, wo er die Rechtlichkeit ſeiner Abſicht, die Noth⸗ wendigkeit Carolinen zu ſeiner rechtmäͤßigen Gat⸗ tin zu machen, darthun wollte, um dann zu⸗ rückzukehren und von ſeiner Heirath ſeinem Freunde Greville Kunde zu geben, durch den ſie ſeine Familie erfahren ſollte. Aber die Wärme mil der er dieſen Plan ent⸗ worfen hatte, ward durch eine Unterredung ſehr abgekühlt, die er mit Greville hatte, als ſie unterweges in einem Gaſthof bei einem Glaſe Wein beiſammen ſaßen. Osmond meynte jetzt, er könne die Ausführung ſeines Entſchluſſes wohl um einige Tage verſchieben, zumal da es unhöflich ſeyn würde, Herrn Greville ſo plötz⸗ lich zu verlaſſen, ohne ihm einige Winke von der Kunde zu geben, die er ihm bald zu über⸗ bringen gedachte. Als er demnach in der Abſicht die Geſin⸗ nungen ſeines Freundes in dieſer Rückſicht ken⸗ nen zu lernen, von ſeinem Wunſche ſprach, ſich frühzeitig zu verheirathen, hörte er, was er zu hören wohl erwarten konnte, daß Greville nehmlich gegen eine frühe Heirath war, denn er rieth ihm, wenigſtens in einigen Jahren an einen ſolchen Schritt noch nicht zu denken. Da nach der Lage der Dinge, wie Greville ſte zu Arlington Park gefunden hatte, dieſer natürlich ſchließen mußte, daß wenn Osmond von dem Gluͤck der haͤuslichen Ruhe, von dem Beſitz eines geliebten Weibes ſprach, er dabei an Lady Mary Seymour denke, ging er, um Osmond zu erforſchen, tiefer in das Thema ein, indem er wie obenhin bemerkte:„Die Urſache Ihrer Sehnſucht kann mir natürlich nicht fremd ſeyn, obgleich ich derſelben nie ge⸗ gen Sie erwähnte, weil ich nicht wußte, bis wie weit die Sache gediehen ſey. Wollen Sie mir aber jetzt die Frage erlauben, ob Sie ir⸗ gend eine beſtimmte Verbindlichkeit gegen Lady Seymour eingegangen ſind?⸗ „Gegen Lady Mary?“ wiederholte Osmond mit einigem Erſtaunen; ſich aber plötzlich erin⸗ nernd, daß bei der Lage der Sachen ſein Freund nicht vermuthen könne, daß er an eine Heiratb mit einer anderen als mit Lady Mary dächte, hielt er es für rathſam, ihn für den Augenblick nicht aus dem Irrthum zu reißen, und er er⸗ wiederte: „Nein, durchaus nicht,— es wäre denn, daß die Aufmerkſamkeit, die ich ihr bewies, meine Ehre zu ſehr ins Spiel gebracht hätten.“ Er fügte dies hinzu, um aus Grevilles Ant⸗ wort zu erfahren, ob dieſer in Osmonds Be⸗ nehmen gegen Lady Mary etwas Auffallendes bemerkt habe. Herr Greville erwiederte nichts, und Os⸗ mond durch ſein Schweigen ungeduldig gemacht, fuhr mit ſteigender Lebhaftigkeit fort:„Sollte ich mich in der That auffallend gegen Lady Mary betragen haben, iſt es abſichtslos ge⸗ ſchehen, und ich habe den beſten Willen von der Welt, meinen Fehler wieder gut zu machen.“ „Junge Männer von Ihrem Alter haben immer den beſten Willen,“ erwiederte Greville mit einem Lächeln. „Ich weiß,“ entgegnete Osmond, etwas piquirt,„daß Lady Mary ſich eben nicht Ihres Beifalls erfreuet, kennten Sie ſie beſſer, Sie würden ihr mehr Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.“ Herr Greville kannte Osmonds Gemüthsart zu gut, als daß er mit etwas Anderem als mit einem Lächeln hätte antworten können. „Fort mit den Grillen,“ rief er,„füllen Sie Ihr Glas, wir wollen Lady Matys Geſund⸗ heit trinken!“ — 16— Er ſprach dies in einem ſcherzhaften Tone, der Osmond nicht gefiel, wenn von einem Ge⸗ genſtand die Rede war, für den er Intereſſe fühlte:„wir wollen von etwas Anderem reden,“ ſprach er. Herr Greville blickte einen Augenblick lang ernſthaft auf ihn, ſchnell aber wieder ſein leichtes ſorgloſes Weſen annehmend, entgegnete er:„Seyn Sie kein Thor, Osmond, Sie wiſſen ja recht gut, daß ich weder Sie noch ſonſt jemand kränken möchte.“ Osmond ſchwieg noch immer und Greville fuhr etwas ernſthafter fort: „Ich habe ſtets Theil an Ihrem Wohl ge⸗ nommen, ſtets Achtung für Sie empfunden, und nenne mich gern Ihren Freund; aber wenn Sie nicht mit Ihrer ganzen Seelenſtärke dem Hange zum Mißtrauen entgegenarbeiten, welches Sie ſelbſt gegen Ihre Freunde zu hegen nur zu ſehr geneigt ſind, werden Sie ſich ein furcht⸗ bares Loos bereiten; denn es iſt ſchrecklicher. als der Tod ohne einen Freund in der Welt dazuſtehen— ohne ein Weſen das Theil an Ihnen nimmt,— mit der Erinnerung, daß Sie einſt einen Freund beſaßen, deſſen Werth Sie nicht eher ſchätzten, als bis Sie ihn von ſich geſtoßen hatten.“ „Ach, ich bin ſehr unglücklich;“ ſeufzte Os⸗ mond, denn er kannte ſeinen Fehler nur zu gut, und oft hatte er in Stunden ruhiger Ueberlegung bedacht, daß wenn er ſeine Leidenſchaftlichkeit nicht bekämpfe, er ſich in unabſehbares Elend ſtürzen wuͤrde. Die Erinnerung an Lady Mary's nachſichtsvolle Freundſchaft linderte indeß ſeinen augenblicklichen Schmerz:„Was mir aber auch begegnen mag,“ fügte er hinzu,„ein Weſen wird mich dennoch nicht verlaſſen, eine freund⸗ ſchaftlich geſtimmte Seele mir übrig bleiben.“ „Ich kenne,“ nahm Greville wieder das Wort, „wenig junge Männer, mehr geeignet als Sie, ſich Freunde zu erwerb en; ſie ſich aber zu er⸗ halten erfordert ein Benehmen, mit dem Sie, wie ich fürchte, nicht ganz vertraut ſind.“ Oemond. II. Band. 2 ——ÿʒÿ———— —— S— —— — 18— „Allerdings ſind mir jene Kunſtgriffe fremd, die man anzuwenden pflegt um ſeine Freunde feſt zu halten,“ entgegnete Osmond mit einiger Wärme— denn in ſeiner Lebhaftigkeit legte er den Worten Grevilles einen Sinn unter, den er bei dem mindeſten Nachdenken als falſch er⸗ kannt haben würde. So aber fügte er mit etwas verächtlichem Tone hinzu:„ich bin kein Heuchler— kein Mundredner— kein Schmeichler.“ „Wären Sie das,“ erwiederte Greville ernſt, aber mit Ruhe,„ich wäre nie Ihr Freund ge⸗ worden. Sie hätten ſich überzeugt halten ſollen, daß ich von keinen ſolchen Kunſtgriffen ſprechen konnte.“ „Ich ſpielte nur auf die Gewohnheit an, ſich ſelbſt zu beherrſchen— nachzugeben, kleine Fehler zu uͤberſehen, und nur die Verdienſte und Tugenden des Characters im Auge zu be⸗ halten. Dieſe Gewohnheit, durch die Zeit zum Grundſatz geſtempelt, würde Sie beſtimmen, jeden Gedanken zu entfernen, den eine augen⸗ blickliche üble Laune zum Nachtheil Ihres Freundes r 49— in Ihnen rege machen könnte. Ohne dieſen Grundſatz kann es keine wahre Freundſchaft geben; ein vertrauliches Verhaͤltniß mag immer⸗ hin Statt ſinden, aber es kann unmöglich dauernd ſeyn, weil es von der Unbeſtändigkeit der Launen abhängt, denen jeder Sterbliche unterworfen iſt, die der Vernünftige aber zu beherrſchen ſtrebt. Osmond konnte nicht umhin den Unterſchied zu bemerken, der zwiſchen Grevilles und Lady Mary's Argumenten Statt fand, ohbgleich beide daſſelbe Ziel im Auge zu haben ſchienen. Auch ſie hatte ihn zur Nachgiebigkeit, zur Beherrſchung ſeiner Launen, zur Rückſicht gegen Andere er⸗ mahnt, nicht aber nur ſeines eigenen Nutzens wegen, ſondern weil ſie das entgegengeſetzte Be⸗ nehmen Sünde nannte. „Von oben her,“ ſprach ſie,„iſt uns geboten uns einander zu lieben— nicht zu richten— und ſo viel als möglich mit jedermann in Frieden zu leben; Anmaßung und Stolz, die Wurzel aller Sünden, ſoll man von ſich werfen, und ſich be⸗ 2* mühen dem göttlichen Vorbilde, deſſen Blut für unſere Sünden floß, ähnlich zu werden. So groß aber auch die Ehrfurcht war, die Osmond für ihre erhabenen Warnungen empfand, trug doch auch Grevilles Rede, wenn er von ernſthaften Gegenſtänden ſprach, das Gepräge der Rechtſchaffenheit und der Wahr⸗ heit.„Wie achtungswerth er iſt,“ dachte Os⸗ mond, und da bei ihm ſchnell die Gedanken in Worte uͤbergingen, hatte jener kaum ge⸗ endet, als der junge Mann ihm auch ſchon das Gefühl ausdrückte, welches er in ihm er⸗ regt hatte. „Ich habe ſtets auf Sie, als auf den be⸗ neidenswertheſten Menſchen geblickt,“ ſprach er. „Und warum?“ fragte Greville mit einem Lächeln. „Weil Sie im Stande ſind das zu thun, deſſen ich noch keinen Sterblichen fähig fand.“ „So beſäße ich ja einen Werth, den ich ſelbſt in mir nicht geſucht,“ entgegnete Gre⸗ ville.„Und worin beſteht denn mein Vorzug vor Anderen?“ 2 „In der Beherrſchung Ihrer Leidenſchaften, in dem Scharfſinn, genau Recht von Unrecht zu unterſcheiden, in dem Muthe, den Pfad des Erſteren männlich zu wandeln.— Wie glücklich wäre ich, könnte ich mir Ihre— könnte ich mir die frommen Grundſätze der Lady Mary zu eigen machen.“ „Lady Mary hat eine ernſte, feierliche Ge⸗ müthsſtimmung, nicht wahr?“ fragte Greville. „Sie iſt von der Wichtigkeit der Religion tief durchdrungen;“ erwiederte Osmond,„dieſe gilt ihr mehr als Alles, daher mag es kommen daß ſie ernſter ſcheint, als andere Frauen von ihrem Alter.“ 3 „Sie iſt etwas älter als Sie, wie ich glaube,“ fuhr Greville fort. „Nur zwei oder drei Jahre,“ antwortete Osmond;„ſie iſt recht hübſch, nicht wahr?“ „Sie hat ein angenehmes Außere,“ verſetzte Greville.. 4 1 4 — 22— Osmond war mit dieſer Antwort nicht ganz zufrieden; er vergaß daß Greville Lady Mary nicht in bewegter Gemüthsſtimmung— nicht lächelnd, nicht in Thränen geſehen hatte, und daß ſie, wenn ihre Züge ruhig waren, kein größeres Lob verdiente. Herr Greville bemerkte, daß die geäußerte Meynung Osmonds Erwartungen nicht entſpräche; er lenkte deshalb die Unterredung auf andere Gegenſtände und erweckte, indem er über Literatur und Kunſt ſprach, ſchnell wieder bei ſeinem jungen Freunde das Vergnügen, welches dieſem die Unterredungen mit ihm gewährten. Osmond fühlte ſich ſo ſehr von ſeiner Ge⸗ ſellſchaft angezogen, daß er ſich am nächſten Morgen überredete, es ſey durchaus nicht nothwendig ſich nach Woodhurſt zu begeben, um ſich vielleicht gar perſönlicher Beleidigungen auszuſetzen, er könne ja die Sache durch Briefe abmachen. Dieſen Entſchluß führte er aus, und nachdem er ſich auf die offenſte und ehren⸗ vollſte Weiſe ausgeſprochen und erklärt hatte, wie er bereit ſey, unperzüglich durch eine Hei⸗ rath das Verhältniß zu Carolinen zu heiligen, ſchloß er dies an ſie gerichtete Schreiben einen Brief an Miſſ Lascelles bei, die, wie er hoffte, jenes ſicher in die Hände ihrer Nichte gelangen laſſen würde. „Den Forderungen der Ehre habe ich hoffent⸗ lich nun Genüge geleiſtet,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, als er den Brief der Poſt übergab, nicht ganz zufrieden, indeß zu dieſem Schritt ge⸗ zwungen worden zu ſeyn. Seine Beſorgniſſe in dieſer Rückſicht aber ſollten bald gehoben werden; ſo ſchnell es nur möglich war eine Antwort zu erhalten, empfing er eine von Caro⸗ linens Tante, welche ihm ſeinen Brief an jene zurückſandte, mit der Bemerkung, daß es ihr unmöglich ſey ihn zu befördern, da ihr Caro⸗ line das Verſprechen abgedrungen habe, ſeines Namens nie wieder gegen ſie zu erwähnen; ſie wäre noch immer vom väterlichen Hauſe ab⸗ weſend, und würde auch ſobald noch nicht da⸗ hin zurückkehren, da ein ſeltſamer Widerwille mit ihrer Familie zu leben, an die Stelle ihres früheren Verlangens ſich nie von derſelben zu trennen, getreten ſey, und ſie ihren Vater um die Erlaubniß gebeten habe, noch eine Weile bei einer entfernt wohnenden Anverwandtin bleiben zu dürfen.„Sie alle wäͤren traurig und mißvergnügt,“ fuͤgte Miſſ Lascelles hinzu, „beſonders Herr Lascelles, der mit ſo unbe⸗ ſchreiblicher Liebe an Carolinen hänge. Herr Leſſingham möge die Kürze ihres Briefes ver⸗ verzeihen, da ſie aber glaube, daß eine ſchrift⸗ liche Verbindung mit ihm den Kummer der Familie nur erneuen würde, würde ſie ihm verbunden ſeyn, wenn er fortan keine Ver⸗ ſuche machen wolle, die alte Bekanntſchaft wieder anzuknüpfen.“ „Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden, Miſſ Las⸗ celles,“ ſprach der ſtolze Osmond, als er den Schluß des Briefes geleſen hatte, und das zu⸗ rückempfangene Schreiben vernichtend, fuhr er fort:„Wie hab ich mich ſelbſt erniedrigt in dem ich mich jener heftigen, unbedachten Leiden⸗ ſchaft hingab!— Aber es ſoll nun zu Ende ſeyn— die kleine, eigenſinnige—“ In dieſem Augenblick aber ward ſeyn Gedächniß von zärt⸗ lichen Erinnerungen berührt, und er ſprach das ſchmähende Wort nicht aus, das ſchon bereit war über ſeine Lippen zu ſchlüpfen. Sie war ja überdem krank— unglücklich— von der ſie liebenden Familie getrennt— und durch wen, durch wen? Wer hat in ihre Bruſt jenen Feuer⸗ brand der Reue geſchleudert, der ſo gewalt⸗ ſam darin loderte, daß die Qual, die ſi ſie empfand, ſie der friedlichen— einſt friedlichen Heimath entführte, weil ſie nicht ertragen konnte, die Zerſtörung mit anzuſchauen, die die wilde Lei⸗ denſchaft eines einzigen Mannes darin angerich⸗ tet hatte. „Großer Gott, vergieb mir!“ flehte Osmond von Entſetzen erfaßt, als ſeine geſchäftige Phantaſie das Gemälde des Unheils, deſſen Ur⸗ heber er war, vor ihm entfaltete.„Wie un⸗ ſchuldig, wie liebenswürdig war ſie, welch ein reines Kind der Natur! Ich kann es nicht er⸗ —— ——— — 255— tragen an ſie zu denken— ich muß— ich muß ſte vergeſſen, will ich leben!“— und er ſtürzte aus ſeinem Zimmer, Greville aufzuſuchen. Einige Tage reichten indeß hin, die Heftig⸗ keit ſeiner Betrachtungen zu mildern; ſie wurden ruhiger, machten anderen Platz, und nach Ver⸗ lauf einer Woche hatten ihn Geſelſſchaften, neue Pläne und der Gedanke, daß er ja alles gethan habe, was die Pflicht von ihm fordere, ihn in ſoweit getröſtet, daß er im Stande war dem Vorſchlage, den ihm Grevilles machte, den nächſten Winter mit einem ſeiner Freunde, den er ihm als Geſellſchafter empfahl, in Ita⸗ lien zuzubringen, ein bereitwilliges Ohr zu leihen. Da Osmonds Wunſch, ſich frühzeitig zu ver⸗ heirathen, ziemlich erkaltet war, war er ſehr geneigt ſich von dem Rathe ſeines Freundes leiten zu laſſen, der auch den Lord Arlington bald überredete, daß ſein Sohn ein Paar Mo⸗ nate, ja ſelbſt eine längere Zeit nicht beſſer anwenden könne, als wenn er fremde Höfe be⸗ ſuche, bevor er ſelbſt als Staatsmann in Thä⸗ tigkeit träte. Die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe waren ſchnell getroffen, ein kurzer Abſchiedsbeſuch ward zu Arlington Park gemacht; Osmond wollte anfangs auch der Lady Mary zu Richmond perſönlich Lebewohl ſagen; als er aber an das zarte Ver⸗ hältniß zwiſchen ihr und ihm dachte, zog er vor, ſchriftlich von ihr Abſchied zu nehmen. Err berührte in dieſem Schreiben die Geſchichte ſeiner Liebe zu Carolinen nur obenhin, bemer⸗ kend, daß er Lady Marys Rath auf das Ge⸗ naueſte gefolgt ſey, daß er den Schritt gethan habe, den ihm Ehre und Pflicht zu thun gebo⸗ ten hätten, daß dieſer aber erfolglos geblieben wäre, und daß er ſich nun in dieſer Ruckſicht völlig vorwurfsfrei glaube. Die Antwort auf dies Schreiben enthielt nur aufrichtige Wünſche für ſein Wohl, und die Verſicherung der innigſten Theilnahme an dem⸗ ſelben, und da alles in Bereitſchaft war, be⸗ fanden ſich Osmond und Herr Harwood, ſo nannte ſich der Freund Grevilles, nach weni⸗ gen Tagen ſchon fern von England. III. Waährend Osmond und ſein Reiſegefährte in raſcher Verfolgung der Genüſſe ſo viel Ver⸗ gnügen fanden, als Reichthum, Geſundheit und das Ausbleiben jeder äußeren Stöhrung gewäh⸗ ren können, waren die zuruͤckgeblieben, denen das Schickſal in ſeinen geheimnißvollen Walten, ein von dem ihren ungemein verſchiedenes Loos zugetheilt hatte. Lady Mary und Caroline Lascelles wurden beide vom Kummer ſchwer niedergedrückt, zumal die Letztere, deren Gram zu einer Höhe geſtie⸗ gen war, die für ihren Verſtand fürchten ließ. Ihr offenes Herz ſchauderte vor der Ver⸗ ſtellung, deren ſie ſich gegen ihren Vater und ihre Familie anklagte, und ward raſtlos durch die Aufmerkſamkeit und die Sorge verwundet, womit der zärtliche Vater ſie aufzurichten ver⸗ ſuchte; ein Beweis von Liebe, der ſie ſo gewal⸗ tig erfaßte, daß ſie oft im Begriff ſtand, ſich ihm zu Füßen zu werfen und ihm ihre Schuld zu bekennen. Der Gedanke indeß, wie ihn ein ſolches Geſtändniß erſchüttern, wie es ſie mit Schmach überhäufen wurde, hielten jedes⸗ mal ihre Zunge gefeſſelt; aber durchaus nicht im Stande, die fröhlichen Spiele ihrer Ge⸗ ſchwiſter zu theilen, ruhig und heiter zu ſcheinen, faßte ſie den Entſchluß, eine Heimath zu ver⸗ laſſen, die ihr fortan keine Freude mehr darbieten konnte, und ſo erhielt ſie, bald nach ihrem letzten Zuſammentreffen mit Osmond, die Erlaubniß ihres Vaters, ſich auf eine Zeit⸗ lang nach London, zu einer entfernten Anver⸗ wandtin ihres Vaters, einer Miſtreß Allen zu begeben, die als Wittwe in London wohnte und einer Mode Handlung vorſtand. Da der Pach⸗ ter nur unvermögend war, hatte dieſe Frau ſich längſt erboten, eine ſeiner Töchter zu ſich zu nehmen, und ſie in ihrem Gaſchäft zu un⸗ terrichten. Wäre nicht Herr Lascelles zu arg⸗ los und zu partheiiſch zu Gunſten ſeiner älteſten Tochter geſtimmt geweſen, ihre Jugend und ihre Schönheit hätten ihn abgeneigt machen müſſen, Caroline in eine ſo gefährliche Lage zu bringen, zumal da er von ſeiner Verwandtin, ſeitdem ſie ſich in der Hauptſtadt niedergelaſſen hatte, nur wenig wußte, obgleich er ſich, ſoviel er ſich von ihr erinnerte, überzeugt hielt, daß er ihr wohl ſeine Tochter anvertrauen könne. Hätte Caroline dafür Sinn gehabt, ihre Lage zu London hätte ihr höchſt angenehm erſcheinen müſſen; mit Beſchäftigung keinesweges überhäuft, hatte ſie die Wahl ſich dem munteren Kreiſe der Mädchen anzuſchließen, die, wie ſie, unter der Aufſicht ihrer Tante arbeiteten oder zum Fenſter hinaus auf eine der volkreichſten Gaſſen der Hauptſtadt zu blicken, die ihr in jeder Hin⸗ ſicht neu war. Aber weder dieſe, noch irgend eine andere Zerſtreuung konnte ſelbſt nicht auf Augenblicke ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, denn abgeſehen von der qualvollen Reue, die ſie ſeit ihrem Fehltritt unabläſſig ver⸗ folgte, eröffnete ſich ihr auch noch eine neue Ouelle des Elends, von der ſie bisher ſchau⸗ dernd ihre Gedanken abgewendet hatte, bis ſie ſich ihnen verzweiflungsvoll hinzugeben ge⸗ nöthigt war; wenn ſie daran dachte, was aus ihr werden ſollte, war ſie dem Wahnſinn nahe. Vergebens rief ſie die Schwüre Osmonds in ihr Gedächtniß zurück, vergebens blickte ſie auf den Ring der Treue, den er an ihren Finger geſteckt hatte, ach, nichts vermochte die Todes⸗ angſt zu mildern, mit der ſie der Stunde ent⸗ gegen ſah, die die rechtmäßige Gattin mit Freudenthränen erwartet, die der entehrten aber nur Schmach und Schande bringt. Sie mußte jetzt bereuen, daß ſie ſich von Osmond getrennt hatte; er war der einzige Menſch, von dem ſie in ihrer furchtbaren Lage Rath und Hülfe erwarten konnte, obgleich ihr Zartgefühl wiederſtrebte, die Anſprüche auf ſeinen Beiſtand geltend zu machen, zu denen ihr — 33— Zuſtand ſie berechtigte. Es blieb ihr indeß keine Wahl, er war ihr einziger Freund, ſie mußte ihn mit ihrer Lage bekannt machen; aber wie ſollte ſie dieſes bewerkſtelligen, wie konnte ſie an ihn ſchreiben, wo ihn ſprechen?⸗ So hin und her ſchwankend verlebte ſie die erſten beiden Monate ihres Aufenthaltes in der Hauptſtadt; verzweiflungsvoll und hoffnungslos hatte ſie keinen Troſt als den Gedanken, daß der Moment, der ſie zur gattenloſen Mutter machen, auch durch ein wohlthätiges Hinüber⸗ ſchlummern ihrem irdiſchen Leiden ein Ziel ſetzen würde. So wie aber dieſer Zeitpunkt immer näher und näher kam, beſchlichen ſüße, bisher unbekannte Gefuͤhle ihr Herz und gaben dem ernſteren Character ihres Schmerzes ein milderes Gepräge. Unwillkürlich trug ſie nun mehr Sorge für ihre Geſundheit, die ſie in ihrer Verzweiflung völlig vernachläſſigt hatte, hoffend, dadurch das Ende ihres Grams um ſo früher herbeizuführen. Sie beſchloß unverzüglich an Osmond zu ſchreiben, Osmond. II. Band⸗ 3 und obgleich ſich ihr Gefühl empörte, wenn ſie daran dachte, daß ſie nun doch genöthigt war ſeine Großmuth in Anſpruch zu nehmen und ihn zur Erfüllung ſeines Treuſchwurs aufzufordern, ſchien es ihr doch unmöglich ohne ſeinen Beiſtand aus ihrer Angſt geriſſen zu werden. Obgleich es jetzt ihr einziges Bemühen war ihren Zuſtand zu ver⸗ bergen, glaubte ſie dennoch zu bemerken, daß ihr Kummer die Aufmerkſamkeit ihrer Hausge⸗ noſſen rege gemacht habe. Ihre Tante, Miſtreß Allen, war indeß allzu⸗ ſehr beſchäftigt, als daß ihr Zeit zu ſolchen Be⸗ obachtungen übrig geblieben wäre; ſie hielt die Zurückgezogenheit ihrer Nichte für die Blödigkeit eines Landmädchens, und ſandte ſie, um ſie etwas belebter zu machen, dann und wann mit den anderen Arbeiterinnen aus, damit ſie ſich Be⸗ wegung mache und die Stadt zu ſehen be⸗ käme, eine Maaßregel, in die Caroline ſchwei⸗ gend gewilligt hatte, nur deshalb, weil ſie durch Befolgung derſelben des Widerſpruchs überhoben wurde. Jetzt aber da ihre Liebe zum Leben zurück⸗ kehrte, und da ſie meynte in der Einſamkeit beſſer darüber nachdenken zu können, wie ſie es anzufangen habe Osmond mit ihrer Lage bekannt zu machen, wurden ihr dieſe Ausgänge weniger gleichgültig, ja ſie erſuchte bald ihre Verwandte um die Erlaubniß, ſich dann und wann eine Stunde im Park ergehen zu duͤrfen. Miſtreß Allen, die ſich um keines Menſchen An⸗ gelegenheiten als um ihre eigene bekümmerte, willigte ohne Zögern ein. Caroline mußte nun zuförderſt an Osmond ſchreiben, aber wie ihm ihren Brief zukommen laſſen,— ſie wußte nicht wohin ſie ihr Schreiben ſenden ſollte, ſelbſt die Wohnung ſeines Vaters in der Stadt war ihr unbekannt. Dies Hinderniß aber war bald gehoben, denn in dem Londoner Adreß⸗ kalender las ſie, als ſie nachſchlug: Der Graf von Arlington, Arlingtonhouſe Piccadilly. Dies war ganz in ihrer Nähe, und in dem Ent⸗ zücken, welches ſie über die ſo plötzlich erhaltene Kunde empfand, war ſie faſt entſchloſſen, ſich 3* ſelbſt nach dem Hauſe des Grafen zu begeben; ſie verwarf indeß dieſen Plan wieder, nicht bloß weil ihr Zartgefühl demſelben wider⸗ ſtrebte, ſondern auch weil ſie fürchtete, von der Dienerſchaft verächtlich zurückgewieſen zu werden, wenn ſie als ein junges Mäͤdchen nach Herrn Leſſingham frage. Sie beſchloß daher ihren früheren Vorſatz, an ihn zu ſchreiben, in Ausführung zu bringen,— aber was ſollte ſie ihm ſagen? „Was ſoll ich ihm ſchreiben?“ rief ſie in Thränen ausbrechend, und verzweiflungsvoll die Feder niederlegend, fügte ſie hinzu:„o daß ich ihn doch nie, nie geſehen hätte!“ Dieſe Klagen aber kamen jetzt zu ſpät, eine ſtrenge Noth⸗ wendigkeit gebot ihr nicht zu jammern, zu handeln, und zwang ſie den Kummerſtrom zurückzudrängen, dem ſie ſo gerne freien Lauf gelaſſen hätte. Das Reſultat vieler in Unent⸗ ſchloſſenheit dahingeſchwundenen Stunden war endlich folgendes Schreiben. „Jemand, der Herrn Leſſingham einſt unend⸗ lich theuer war, iſt von Gram niedergebeugt— die näheren Umſtände können dieſem Briefe nicht anvertrauet werden. Wenn Herr Leſſingham ſich aber am Freitag um ein Uhr bei dem großen Baſſin im Park einſtellen will, wird er dort jemand finden, der ſich nach ſeinem Beiſtande, nach ſeinem Rathe ſehnt.“. Sie uͤbergab den Brief der Poſt, und nicht bedenkend, daß Osmond vielleicht nicht in London ſeyn könne, zählte ſie ungeduldig die Stunden bis zum Freitage. Der erſehnte Tag erſchien endlich und Caro⸗ line flog mit klopfendem Herzen zum beſtimmten Ort. Sie kam noch vor der feſtgeſetzten Zeit, aber es verdroß ſie doch ein wenig, Osmond noch nicht dort zu finden. Vergebens wanderten ihre unruhigen Blicke nach allen Seiten hin und her, bald vor Freude funkelnd, wenn ſie in einen Nahenden ſeine Geſtalt zu erkennen glaubte, bald mit Thraͤnen gefüllt, wenn ſie ſich immer wieder und wieder getäuſcht ſah. — 35— Raſtlos umwanderte ſie das Baſſin in qual⸗ voller Erwartung, bis ihre ſchwindenden Kraͤfte ſie nöthigten, ſich auf eine Bank niederzuſetzen; hier blieb ſie bis der dunkle Decemberabend hereinbrach und die Kälte, welche ihre Glieder ſchüttelte, ſie zwang, unc St. James Street zurückzukehren. Ihre Seelenangſt überſtieg jeden körperlichen Schmerz; der Gedanke, ihre An⸗ ſprüche auf Osmonds Liebe und Freundſchaft durch ihr früheres Benehmen gegen ihn ver⸗ loren zu haben, gewann mit jedem Augenblick immer mehr und mehr Gewißheit bei ihr, und in der furchtbaren Überzeugung, als ein kaum der Kindheit entwachſenes Mäaͤdchen entehrt, hülflos und allein in der Welt dazuſtehen, über⸗ raſcht ſie ſich, als ſie am Ufer des Baſſins Os⸗ monds Ankunft vergeblich entgegenharrte, auf ſchreckliche Gedanken, die eben ſo ſehr mit der Religion als mit der Natur im Widerſpruch ſtan⸗ den. Es kam ihr in den Sinn, ihr Leiden und ihr Daſeyn in dem vernichtenden Element zu ihren Füßen zu enden. — — 39— Aber noch hatte ſie ſich der Verzweiflung nicht ſo ganz hingegeben, als daß ſie eine ſo entſetzliche Handlung hätte begehen können. Ihre Seele war ein Chaos von düſteren Bildern, in dem Schrecken und Schaam, Mittleid fuͤr ſich und für ihr Kind und zaͤrtliche Erinnerungen an ihre ferne Familie, an ihre theure Heimath, an ihren geliebten Vater, mit einander um die Oberherrſchaft rangen. Ihr Tod, ſie wußte es, wuͤrde in jedem Falle den Ihrigen unend⸗ lichen Kummer verurſachen, nun aber gar ein ſolcher Tod!„Schütze, ſchütze mich vor Ver⸗ zweiflung, ewiger Gott!“ rief ſie aus, und in ihre Erinnerung die tugendhaften Tage zurück⸗ rufend, die ihr einſt in der Mitte ihrer un⸗ ſchuldigen Geſchwiſter, an der Seite der from⸗ men Tante Catharine, ſo froh und glücklich dahingeſchwunden waren, ſank ſie nieder auf ihre Kniee, mit zum Himmel emporgehobenen Häͤnden und Thränen in den Augen, von dem Vater dort oben Verzeihung für ihre ſünd⸗ ——; ——— — 40— haften Gedanken und Muth zur Ertragung ihrer Leiden erflehend. Der nächſte Morgen fand ſie etwas ruhiger; es ſiel ihr ein, daß Osmond vielleicht nicht in London ſeyn könne; dieſen Zuſtand der Unge⸗ wißheit aber länger zu ertragen, war ihr un⸗ möglich, ihre Lage duldete keinen Aufſchub. Es war eine unangenehme Maaßregel, aber die einzige die ihr blieb jeden Zweifel zu heben: ſie mußte ſich nehmlich ſelbſt nach Arlington⸗ houſe begeben und bei dem Thürſteher nach Osmond fragen. Sie beſchloß dazu den Abend abzuwarten, denn ſie hoffte die Dämmerung werde ihr jugend⸗ liches Geſicht verbergen und ſo ihr Erſcheinen weniger auffallend machen. Unter dem Vor⸗ wand eine Kleinigkeit einzukaufen, eilte ſie, als der Abend hereinzubrechen begann, nach Picca⸗ dilly. Vor der Thur von Arlingtonhouſe hemmte ſie einige Augenblicke ihre Schritte, um den furchtbaren Kampf ihres Gemüths einigermaßen zu beruhigen, und erſt als ſie glaubte, daß ihr — 41— dies gelungen ſey, ſtieg ſie die Stufen hinan und klopfte an die Thür; aber ihre Faſſung ſchwand ſchnell dahin, als ſie die zornigen Blicke des Thürſtehers gewahrte, der ſich nur ungern von ſeinem Kamin herbewegt haben mochte. „Was giebts?“ fragte er verdrießlich. „Ich wünſche mit— mit, ich weiß nicht ob— mit“ die arme Caroline vermochte ihre Rede nicht zu enden;„zur Sache— zur Sache!“ ſprach der Thürſteher. Beſorgniß, der rohe Menſch wuͤrde die Thür vor ihr zuwerfen, bevor ſie Auskunft erhalten hätte, erfaßte ihre Seele mit Rieſengewalt, ſie trat vor um es zu verhindern und rief faſt verzweiflungsvoll:„ich kann— ich kann nicht von hinnen— bis ich nicht den Aufenthalt Osmonds erfahren habe, Herrn Leſſingham meine ich: iſt er hier— oder wo iſt er? ich bitte, ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir wo er ſich aufhält— er wird nicht zürnen, daß Sie mich einließen— er würde ſich freuen, mich wieder⸗ zuſehen— gewiß er würde ſich freuen!— „Ich bin davon nicht ſo ganz überzeugt, Schätzchen!“ entgegnete der Thuͤrſteher, durch den Ton ihrer Stimme einigermaßen beſänftigt. „Aber wenn ich Sie auch gern zu ihm bräͤchte, ich vermöchte es nicht, Herr Leſſingham iſt nicht daheim, er iſt auf Reiſen.“ 3 „Auf Reiſen!“ wiederholte Caroline,„wie, er hätte England verlaſſen?⸗ „Ja, ja,“ erwiederte der Thuͤrſteher,“ ſchon vor einem Monat, und er wird vor der Hand nicht zurüͤckkehren.“ „Wie lange wird er ausbleiben?“ fragte die Unglückliche mit ſchwacher Stimme. „Ein Paar Jahre vielleicht, auch wohl noch länger,“ war die Antwort,„doch tröſte Dich mein Kind, ſind doch noch genug junge Männer in England zurückgeblieben, ihn Dir zu erſetzen.“ Dieſer ſeltſame Troſtgrund ging indeſſen dem Ohre Carolinens verloren, die von Gram und Schrecken erfüllt, an einem Pfeiler des Hauſes gelehnt daſtand, ganz in dem Gefühl ihres Elends verſunken. Ein Herz von Stein hätte ſich ihres Kum⸗ mers erbarmen müſſen, und ſo begann der rohe Thürſteher denn auch ihr tröſtend zuzuſprechen, noch aber hatte er ſeine Rede kaum zur Hälfte vollendet, noch war Caroline nicht im Stande geweſen, einige Faſſung wieder zugewinnen, als das Geräuſch nahender Schritte ihn nöthigte, einen anderen Ton anzunehmen.„Komm', Komm', Kind, entferne Dich,“ rief er,„da kommt My⸗ lord!“ Caroline ſchauderte vor der, obgleich nur leiſen Berührung ſeiner Hand, mit der er ſie zurückſchieben wollte, und flog die Stiege hinab; unten aber angelangt ſchwanden ihre Kräfte, und ſie war genöthigt auf der un⸗ teren Stufe einige Augenblicke zu raſten. Der Spott einiger Vorübergehenden aber trieb ihre Verzweiflung aufs Höchſte; wild ſprang ſie em⸗ por und ſtürzte von dannen, unwiſſend, wohin ihr Fuß ſie trug, bis ſie ſich nehen dem Baſſin im Park wiederfand. Hier hemmte ſie ihre Schritte, nur aber um ein kurzes Gebet zum Himmel zu ſenden, ihre Blicke, ihre Hände em⸗ por zu heben,„mein Gott, mein Vater!“ aus⸗ zurufen, und dann— ſie bebte zurück— aber ſo gewiß Himmel und Erde ſind, ſie würde dennoch den furchtbarſten Vorſatz ausgeführt haben, wäre ſie nicht in dem Augenblick, eben als ſie im Begriff ſtand, ſich in die Fluth hin⸗ abzuſtürzen, von einer unſichtbaren Hand zurück⸗ gehalten worden. Eine Stimme rief:„Halt ein, Unglückliche, um Gotteswillen, halt ein!⸗ die verwirrten Ideen der Leidenden wurden bei dieſem Zuruf erſchüttert, ein ſchneller aber er⸗ greifender Gedanke, daß ſie von einem unge⸗ heuren Verbrechen abgehalten ſey, durchzuckte ihr Gehirn.„Verzeihung, Verzeihung!, jam⸗ merte ſie, kaum wiſſend was ſie ſprach, und niederſtürzte ſie auf ihre Kniee, zu den Füßen ihres Erretters. Das Licht einer unfernen Leuchte war nicht hell genug, ihre Jugend und Schönheit erblicken zu laſſen, aber eines ſolchen Antriebes bedurfte es auch nicht, um das Mitleid desjenigen rege zu machen, zu dem Sie ſprach. Der Fremde hob ſie ſanft empor, trug ſie zu einem nahen Sitz, und rieb ihr die Schläfe, um ſte dem bewußtloſen Zuſtand zu entziehen, in den ſie verſunken ſchien. Es währte einige Zeit, bevor ſein menſchen⸗ freundliches Bemühen eine Wirkung hervorbrachte, endlich ward er durch den Anblick ihrer Thrä⸗ nen belohnt, die nach einigen krampfhaften Seufzern uͤber ihre Wangen rollten.. „Dank, Dank, ach Sie ſind ſo gütig,“ ſtam⸗ melte ſie, als er mit ſeinem Tuche ihre Zähren trocknete,„Gott ſegne Sie für meine Ret⸗ tung, ach, was müſſen Sie von mir denken!“ „Machen Sie ſich darum keine Sorge,“ be⸗ ruhigte der Fremde,„ſagen Sie mir lieber worin Ihr Kummer beſteht, vielleicht fehlt es Ihnen an Geld,“ er griff nach ſeiner Börſe. „Ach nein!— nein!“ rief ſie, ſeine Hand zurückhaltend. „Was fehlt Ihnen denn ſonſt?“ fuhr er in einem ungemein ſanften Tone fort,„ ich bitte, ſprechen Sie, was fehlt Ihnen?“ Troſt— Troſt— ein Freund, ein Rath⸗ geber und aufs Neue emtſtrömten Thränen ihren Augen. „Armes Kind,“ entgegnete der Unhekannte, mit einem Tone des innigſten Mitleides,„ich will Ihr Freund ſeyn, in ſo fern ich es ver⸗ mag. Sprechen Sie, worin kann ich Ihnen dienen? Hier aber iſt nicht der Ort zu einem ſolchen Geſpräch,“ fügte er hinzu,„nennen Sie mir Ihre Wohnung, ich werde morgen zu Ih⸗ nen kommen.“ „Ich wohne bei Miſtreß Allen in St. James Street,“ ſeufzte die arme Coroline.“ „In St. James Street,“ wiederholte der Fremde etwas erſtaunt, ſo als hätte er erwar⸗ tet eine unbedeutendere Gegend der Stadt genannt zu hören.„ So werde ich mich dort einfinden,“ ſprach er,. zuvor aber müſſen Sie mir Ihr hei⸗ liges Verſprechen geben, nie den unbedachten Schritt noch einmal thun zu wollen, an den ich ſo glücklich war Sie zu verhindern.“ „Das gelobe ich Ihnen,“ betheuerte die vom Selbſtmord Gerettete—„ich will nicht— ich werde nicht— ich hätte nie dem furchtbaren Gedanken Raum gegeben— nur mein Elend— mein übergroßes Elend!“ und aufs Neue er⸗ ſtickten Thränen ihre Stimme. „Suchen Sie die Vergangenheit aus Ihrem Gedächtniß zu verbannen,“ ſprach der Fremde, ihren Arm ſanft in den ſeinen legend,„eine beſſere Zukunft wird Ihnen lächeln,“ und ſo ſte tröſtend und beruhigend, begleitete er ſie bis zum Hauſe ihrer Verwandten. „Noch einmal,“ ſprach er hier,„erinnere ich Sie an Ihr Verſprechen.“ Caroline wieder⸗ holte ihr Gelübde auf das Feierlichſte. „Wird Ihnen mei morgender Beſuch hier nicht zuwider ſeyn, oder wo kann ich ſonſt Ge⸗ legenheit finden Sie zu ſorehenee fragte der Unbekannte. „Wenn Sie ſich hierher bemühen wollten,“ entgegnete Caroline,„aber was kann ich Ihnen ſagen.—⸗ 4 — 43— „Gleichviel, was Sie mir mitzutheilen haben,“ verſetzte der Fremde,„geben Sie mir nur Mit⸗ tel an die Hand Ihnen nützlich ſeyn zu können.“ Und nachdem er ſie erſucht hatte, ihm zu ſagen unter welchem Namen er nach ihr fragen ſolle, drückte er ſanft ihre Hand, rief,„Gott ſey mit Ihnen,“ und verſchwand. IV. An dem Tage, an dem Caroline ſo unerwar⸗ tet vom Selbſtmorde gerettet worden war, hatte Greville das Mittagsmahl im Hauſe des Gra⸗ fen von Arlington eingenommen, und ſich früh entfernt, da er noch eine andere Einladung für den Abend hatte. Als er über die Flur ſchritt, ward ſeine Aufmerkſamkeit durch die Seufzer eines Frauenzimmers erregt, die ihm voran aus dem Hauſe eilte und auf der unterſten Stufe der Treppe niederſank. Seinen Mitmenſchen ſo viel Gutes und ſo wenig Böſes als möglich zu thun, darin beſtand faſt ausſchließlich das moraliſche Syſtem Gre⸗ villes; er ließ daher nur ſelten eine Gelegen⸗ heit vorbeigehen, wo er einem Nothleidenden Osmond. II. Vand.. 4. nützlich ſeyn konnte, und obgleich ſeinen Wohl⸗ thaten jene lebendige Waͤrme fehlte, die nur die Religion zu ſpenden vermag und welche die Seele bewegt, die größten Opfer in den Boden der Hoffnung auf eine ſeelige Zukunft niederzulegen, vollbrachte er doch manche ver⸗ dienſtliche Handlung, ſich in der Ausübung der Tugend ſo glücklich fühlend, als es ein Menſch werden kann, der nur deßhalb tugendhaft han⸗ delt, weil ihn die Erfahrung gelehrt hat, daß dieß das beſte Mittel iſt, ſowohl hienieden glück⸗ lich zu leben, als auch der Vernunft nach ſich Jenſeits— wenn es anders, worüber ja ſo manche Grübler, zu denen auch Greville gehörte, noch nicht mit ſich im Reinen ſind, ein Jenſeits giebt— ein erfreuliches Daſeyn zu bereiten. Dieſe Glaubenslehre hielt Greville indeß mit der größten Sorgfalt vor jedermann geheim; er gehörte nicht zu jenen Ungläubigen, welche ihre Meynung mit verabſcheuungswürdiger Keckheit verbreiten, ſondern er war, wenn ihn auch ſeine 51— Gefuhle mauchmal irre leiteten, ein Mann von ge⸗ ſundem und richtigem Verſtande, der Vernunft und Zartgefuͤhl genug hatte, ſelbſt das, was er Vor⸗ urtheile der Menſchen nannte, zu achten, ſobald dieſes Vorurtheil nehmlich durch die Meynung von Mähnnern geheiligt worden, deren über⸗ legenem Geiſte die ganze civiliſirte Welt huldigte, beſonders wenn ihre Lehren, ſie mochten nun Wahrheit enthalten oder nicht, wie die Er⸗ fahrung mehrerer Jahrhunderte bewieß, geeignet waren, die Leidenſchaften zu zügeln und die Gefühlg des Menſchen zu veredlen. Er hegte demnach fuͤr die Lehrſätze der chriſtlichen Reli⸗ gion eine faſt heilige Ehrfurcht, womit ſich nun noch ſeine natürliche Gutmüthigkeit vereinte, die jedoch von ſeiner Philoſophie beherrſcht wurde, welche alle ſeine Handlungen leitete und ihn bewog ſein Glück auf dem wohlüberdachten Wege zu ſuchen, alle lebhaften Neigungen und heftige Leidenſchaften zu vermeiden, ſich auf einfache, ruhige Freuden zu beſchränken, und ſich auf ſeinem Lebenspfade ſo viel geräuſchloſe Annehm⸗ Ar lichkeiten zu verſchaffen, als das Schickſal dem Sterblichen zu genießen erlaubt. Dieſe Weiſe zu denken und zu handeln be⸗ wog ihn der unglücklichen Caroline zu folgen, als ſie von Arlingtonhonſe an ihm vorüber dem Park zueilte. Sie einholen— ihren Arm er⸗ faſſen— und das huͤlfloſe Mädchen vom Tode retten, war faſt das Werk eines Augenblicks.— Der Gedanke an den Tod war ihm zu jeder Zeit furchtbar,— nicht daß ſein Lebenswandel ſo beſchaffen geweſen wäre, daß er die Zu⸗ kunft hätte fürchten müſſen, ſondern des⸗ halb, weil er von dieſer Zukunft nicht völlig überzeugt war— weil mit dieſem Leben viel⸗ leicht alles zu Ende ſeyn konnte, weil er durch der Tod von dieſer Welt, von ſeinen Freunden getrennt ward. Dieſer Widerwille wuchs mit den Jahren, denn Greville gehörte, wie wir bereits erzählt haben, nicht mehr der Jugend an; jetzt nun ein Mädchen zu ſehn, noch faſt ein Kind an Jahren, die dem Tode trotzen wollte, der ihn mit Entſetzen erfüllte, erſchüt⸗ terte ihn ungemein, und vielleicht hatte er noch nie eine Nacht in ſo ernſthaften Betrachtungen hingebracht, als er die verlebte, die ſeinem Zu⸗ ſammentreffen mit Carolinen folgte. 2 In die Geſellſchaft zu gehen zu der man ihn eingeladen hatte, war ihm unmöglich. Aber mit dem Morgen kehrten auch ſeine alten Gewohnheiten und ſeine ruhigeren Ent⸗ ſchlüſſe zurück. Er hatte faſt keine Luſt ſich noch ferner der Unglücklichen anzunehmen, der er am vergangenen Abend das Leben gerettet hatte, denn er fürchtete, ihre Geſchichte könne ihn in Schwierigkeiten verwickeln; auch wollte er die Bewegung in ſeinem Innern, welche ihr Erſcheinen bei ihm hervorgebracht hatte, nicht erneuern, und ſo beſchloß er, daß die Zuſam⸗ menkunft, die er ihr verſprochen hatte, ſein letztes Geſchäft in dieſer Angelegenheit ſeyn ſolle. Welches Zartgefühl die Unglückliche auch bewogen haben mochte, ſeinen pecuniären Bei⸗ ſtand zurückzuweiſen, er hielt ſich dennoch über⸗ zeugt, daß ihre augenblickliche Lage einer ſolchen Unterſtüͤtzung am meiſten beduͤrfe, und er be⸗ ſchloß daher ihr dieſe Hülfe auf eine weniger verwundende Weiſe anzubieten und ſich dann ſchnell wieder nach Hauſe zu begeben, um ſo bald als möglich zu vergeſſen, daß es auf dieſem höͤchſt angenehmen Erdenrunde etwas gäbe, was dem Elend auch nur ähnlich ſehe. Fünf Minuten, meynte er, würden hinreichen, ihr Alles zu ſagen, was er ihr zu ſagen haben könne; er hatte ſich auf tröſtende, ermahnende Worte vorbereitet, und ſo langte er vor dem Hauſe der Miſtreß Allen an. Er ward in ein Zimmer geführt und be⸗ nachrichtigt, daß Miſſ Lascelles augenblicklich bei ihm ſeyn würde. Dies„augenblicklich,“ aber währte ſo lange, daß er ſchon im Begriff ſtand die Klingel zu ziehen, als die Thür ſich öffnete und Caroline langſam zu ihm hereintrat. Jetzt wie immer die Gefühle Anderer be⸗ rückſichtigend, naherte ſich ihr Greville mit der größten Schonung, führte ſie zu einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſie, bemüht, ſie der qual⸗ 55— vollen Verwirrung zu überheben, in der ſie ſich während der gleichgültigen Fragen befand, mit denen Greville die Unterredung beginnen zu müſſen glaubte. Aber Caroline, das kunſt⸗ loſe Kind der Natur, verſtand nicht ihr Ge⸗ füͤhl, von welcher Art es auch immer ſeyn mochte, zu verbergen; Dankbarkeit gegen den, der ſie für das Leben, für ihren Vater, für die Reue, für frohere Hoffnungen, für ein ruhiges Sterbe⸗ bett erhalten hatte, erfüllte ihre Seele, und in Thränen ausbrechend, machte ſie dem gleich⸗ gültigen Geſpräch ihres Retters ein Ende und führte dieſes ſogleich zu dem Gegenſtande, der in dieſem Augenblick beide beſchäftigte. Sie erfaßte ſeine Hand, drückte ſie innig und ſtam⸗ melte kaum vernehmbar, denn ihre Lippen zit⸗ terten, die Worte:„Gott, Gott, ſegne Sie!“ „Beruhigen Sie ſich, meine Liebe,“ nahm Greville das Wort, aber während er verſuchte ihre Gemüthsbewegung zu beſänftigen, füllten ſich auch ſeine Augen mit Thränen. War er am Abend zuvor durch den tiefen Kummer und die unverkennbare Wahrheit in dem Benehmen der Dulderin angezogen wor⸗ den, mußte ſich dieſe Theilnahme noch unge⸗ mein vermehren, jetzt da er die himmliſchen Reize erblickte, die er vom Untergange ge⸗ rettet hatte. Bleich und in Thränen wie ſie vor ihm da⸗ ſaß, war ihr Geſicht dennoch von unbeſchreiblicher Schönheit; ihre goldenen Locken, von keiner Feſſel gehalten, umwallten Stirn und Nacken, Unſchuld ſprach aus ihrem ganzen Weſen, aus nichts mehr aber als aus der Aufrichtigkeit, mit der ſie, ohne Grevilles fernere Fragen abzuwarten, in abgebrochenen Worten von ihrer unglück⸗ lichen Lage zu reden begann. „Gewiß, gewiß, ich bin kein böſes Geſchöpf! glauben Sie es mir,“ erwiederte ſie auf Gre⸗ villes Bitte ſich doch zu beruhigen. „Ich bin davon überzeugt, vergeſſen Sie die Vergangenheit,⸗ unterbrach ſie Greville; als er aber bemerkte, daß ſie, indem ſie von der Urſache ihres Kummers ſprach, Erleichterung zu fühlen ſchien, ließ er ſie fortfahren, obgleich ihre abgebrochenen Worte ihren Vericht höchſt unverſtändlich machten. „Ach, ich war einſt ſo glücklich,“ rief ſie mit einem tiefen Seufzer,„als ich noch daheim war bei dem theuren Vater.“— Das Wort „Vater“ aber erregte plötzlich eine Menge zärtlicher Erinnerungen in ihrer Seele und Seufzer erſtickten ihre Stimme. Vergebens Schritt der Philoſoph im Zimmer auf und ab, vergebens ſah er auf ſeine Uhr, ſo als wolle er gehen, vergebens wiſchte er die Thränen aus ſeinen Augen, die Natur feierte ihren Sieg, und für dieſesmal gab er ſich ihr völlig hin. „Könnten Sie ſich nicht entſchließen, mich für jetzt als Ihren Vater zu betrachten?“ ſprach er, ſich aufs Neue neben ſie niederlaſſend. „Und wenn nicht— können Sie nicht Ihrem guten Vater den Gram Ihrer Bruſt entdecken?“ — 3538— „Nein, nein, nimmermehr! er würde mich verſtoßen!“ jammerte Caroline, und ihre Glieder bebten bei dem Gedanken. „Das würde er gewiß nicht,“ tröſtete Gre⸗ ville;„wie groß auch immer Ihre Verirrung ſeyn mag, Ihre aufrichtige Reue wird ihn ver⸗ ſöhnen, und eingedenk, daß ſie ſein Kind ſind, wird er Sie mit Thränen der Verzeihung an ſeine väterliche Bruſt drücken.“ „Ach, wenn ich das glauben könnte!— aber das darf ich nicht— ich darf es nicht glauben!—“ „Haben Sie denn ſonſt keinen Freund, dem Sie ſich vertrauen könnten?“ „Ich hatte einen—“ ſtammelte Caroline; aber vor dem Gedanken erbebend, daß Os⸗ monds Name auf ihren Lippen ſchwebe, brach ſie ab und theilte ihrem Retter einen Plan mit, den ſie während der vergangenen Nacht uͤberdacht hatte. „Glauben Sie mir,“ ſprach ſie,„Ihre Güte, die mich vom irrdiſchen und ewigen Tode rettete, ſoll nicht vergebens angewandt worden ſeyn,— ich habe eine Verwandte hier, bei der ich wohne— ihr will ich mein Herz eröffnen, vielleicht wird ſie Mitleid mit mir haben! denn ſie iſt ſanft und gut— und weiß, daß ich nicht bösartig bin.“ „Wollen Sie mir das Verſprechen geben,“ nahm Greville das Wort,„daß im Fall Sie eines pecuniären Beiſtandes bedürfen, Sie mich als Ihren Freund betrachten wollen?“ 3 „Ich müßte mich ja ſchämen, Ihre Güte noch mehr in Anſpruch zu nehmen,“ erwiederte Ca⸗ roline,„ich kann Ihnen ohnehin nicht vergel⸗ ten, was Sie bereits für mich gethan!“ „Gut, gut denn,“ fiel Greville ein, denn er bemerkte, daß ſein Anerbieten ihren Kummer vermehrte,„Sie ſollen mir nicht auf eine Weiſe verpflichtet werden, die Ihnen zuwider iſt. Sie ſollen mich wiederſehen oder nicht, ganz wie Sie es wünſchen,— ich werde nach Ihnen fragen, wenn mein Weg mich hier vorüberführt. Und nun, leben Sie wohl!⸗— So ſprechend reichte er ihr ſeine Hand hin, welche Caroline erfaßte: dann richtete ſte einen Blick voll inni⸗ ger Dankbarkeit auf ihn und druͤckte ſeine Hand an ihre Lippen. Leben Sie wohl, mein Ret⸗ ter, mein Wohlthaͤter— mein theurer, mein beſter Freund!“ ſprach ſie. Er aber unterbrach dieſen Ausbruch ihrer Gefuͤhle durch einen kur⸗ zen Abſchied, und gleich darauf war er ihren Blicken entſchwunden. „Das war ein ſeltſamer Morgen,“ ſprach Greville zu ſich ſelbſt, als er dem Park zu⸗ ſchritt, um die Ruhe und Faſſung wiederzuge⸗ winnen, welche das ſo eben gehabte Geſpräch mit Carolinen ſo wunderbar geſtört hatte.— Hier müſſen wir ihn verlaſſen, um zu der un⸗ glücklichen Tochter des Pachters zurückzukehren. Ihren Entſchluß, ihr Herz der Miſtreß Allen zu eröffnen, konnte ſie nicht ſogleich in Aus⸗ führung bringen. Dieſe Frau, obgleich im Gan⸗ zen gutmüthig, durfte dennoch nur in einem Augenblick guter Laune angegangen werden, wenn man etwas von ihr erlangen wollte. Ca⸗ roline glaubte, daß der unangenehmſte Theil ih⸗ — 61— rer Geſchichte für Miſtreß Allen der Umſtand ſeyn müſſe, daß Armuth und Elend die Folgen ihrer ſchrecklichen Lage ſeyn würde; aber ſie hatte keine Wahl; eine günſtige Gelegenheit, ſich ihrer Verwandten mitzutheilen, bot ſich nach ei⸗ nigen Tagen dar: mit Schaam erglüheten Wan⸗ gen entdeckte ſie ihre Lage der Miſtreß Allen, ward aber zu ihrem Erſtaunen von derſelben auch nicht im geringſten mit Vorwürfen überhäuft. Miſtreß Allen unterbrach ihre Rede, noch bevor ſie dieſelbe geendet hatte:„das wäre zwar eine böſe Geſchichte,“ ſprach ſie,„ſie hätte längſt ſchon ſo etwas geargwöhnt, aber ihre Nichte Caroline könne auf ihren Beiſtand rechnen.“ „Ich will Tag und Nacht arbeiten, um Ih⸗ nen die Unkoſten wieder einzubringen,“ ver⸗ ſicherte Caroline. „Ach deſſen bedarf es nicht,“ unterbrach ſie die Tante,„ich keune keine größere Freude auf der Welt, als meinen Freunden und Verwand⸗ ten nützlich ſeyn zu können. Du weißt ja, Ca⸗ roline, wie ich mich bemühe, alles rund um mich froh und heiter zu ſehen und zu helfen und zu dienen, wo ich es vermag.“ Durch dieſe unerwarteten Troſtgründe einiger⸗ maßen beruhigt, gab ſich die arme Caroline ei⸗ ner Freude hin, deren ſie ſich ſelbſt kaum fähig gehalten haͤtte. V. Wie nehmen jetzt auf eine kurze Zeit von Carolinen Abſchied, um zu einem nicht minder lieblichen Weſen zurückzukehren. Der Tag, an dem ſich Lady Mary von dem Gegenſtand ihrer zärtlichſten Liebe trennte, gab ſie der theuren Heimath zu Richmond wieder. WDier werde ich Ruhe finden,“ ſprach ſie, als ſie ihr freundliches Aſyl wieder betrat und manchen Gegenſtand erblickte, der ihrer Erin⸗ nerung theuer war. Feſt in ihren tugendhaften Vorſätzen, gab ſie ſich auch nicht auf einen Augenblick den ſüßen Gefühlen hin, die in ihrer Bruſt um die Ober⸗ herrſchaft kämpften. Daß alles vorüber und Osmond durch alle Bande der Pflicht und der — 64— Ehre an eine Andere gebunden ſey, war eine Betrachtung, die mit unwiderſtehlicher Kraft den Kampf gegen die täuſchenden Gebilde ihrer Phan⸗ taſie beſtand. Sie ließ ihre Haushälterin rufen, eine ält⸗ liche aber angenehme Perſon, die lange ſchon in ihrer Familie gelebt hatte und von ihr nicht wie eine Dienerin, ſondern wie eine Freundin behandelt wurde; dieſe befragte ſie nach dem Befinden ihrer Pfleglinge und wie es ihnen während ihrer Abweſenheit gegangen ſey. Darauf durchwanderte ſie ihren Garten, ſich bemühend jede Veränderung, die mit den Bäu⸗ men, Blumen und Stauden in demſelben vor⸗ gegangen war, mit Vergnügen zu betrachten. Dies Ringen nach Selbſtbeherrſchung blieb auch nicht ohne Erfolg; ohne daß ſie es ſelbſt be⸗ merkte, ward der Kampf nach und nach weni⸗ ger heftig, die Theilnahme an unbedeutenden Dingen ward ihr weniger ſchwer, zumal da das Gefühl des Rechtthuns ſtets zur Hand war, ihren etwa ſinkenden Muth neu zu beleben. „Rauh und ſchwierig iſt der Pfad der Tugend,“ ſprach ſie dann oft zu ſich ſelbſt,„kein Wunder, daß ſo Mancher vor ſeinen Mühen zurückbebt. Aber Beſchwerden und Prüfungen ſind, wie die Erfahrung lehrt, der Preis, mit dem wir die Freuden dieſer Welt, ſo vorübergehend ſie auch ſind, erkaufen müſſen; wie kann man demnach unſterbliche Glückſeeligkeit allzu theuer bezahlen? warum nicht gern für ſie den Kampf mit unſe⸗ ren Leidenſchaften wagen?“ So bemühte ſie ſich jedes leiſe Murren ihres Herzens zum Schweigen zu bringen, und den Tumult in ihrem Innern wenigſtens zu mildern, falls es ihr nicht gelingen ſollte, ihn ganz zu unterdrücken. Die erſte Stöhrung, welche die Ruhe, der ſie ſich hingeben wollte, erfuhr, ward durch Osmonds Brief hervorgebracht. Bei dem bloßen Anblick ſeiner Handſchrift beſtürmten tauſend mannig⸗ fache Gefühle ihr Herz, und der Sieg, den ſie bisher über ſich errungen hatte, ward auf einen Augenblick vernichtet. Osmond. II. Band. ☛ 66— Doch nur auf einen Augenblick! Die eitlen Hoffnungen, denen ſie ſich bei dem Gedanken, daß ſeine Hand nun wieder frei ſey, überlaſſen wollte, verbannte ſie ſchnell wieder, und ſich feſt einprägend, wie er doch auf immer für ſie verloren ſey, wandelte ſie ſogleich wieder den Pfad, den ſie ſich ſtrenge vorgeſchrieben hatte. Wie ſchwer aber auch unſere Leiden ſeyn mö⸗ gen, ſie rollen mit den Stunden dahin, und obgleich eine unglückliche Neigung dem Herzen vielleicht die tiefſte Wunde ſchlägt, wird doch auch ihr Schmerz geringer, wenn die Hand der Zeit ſie verbindet. Als der Winter vorüber war, der Fruͤhling ihm folgte und ein neuer Sommer jene Tage des Entzückens wiederbrachte, an die ſich für Lady Mary ſo ſüße Erinnerungen knüpften, herrſchte in ihrer Seele eine ſchwermüthige und doch wohlthuende Ruhe, die ſie oft dankbar mit jenen angſtvollen Momenten verglich, welche ſie ſo gern vergeſſen hätte, und die ſie doch nicht ganz aus ihrem Gedächtniß verbannen konnte. 2 — 62 So ſchwand ein volles Jahr dahin, und ſie hatte ihre Neigung nun dergeſtalt bekämpft, wenn auch nicht unterjocht, daß ſie nicht ohne Beſorgniß fuͤr den kaum gewonnenen Frieden ein Schreiben von Lady Arlington las, worin dieſe ſie von einer plötzlichen und gefäaͤhrlichen Krankheit des Grafen unterrichtete und ſie um ihren unverzüglichen Beſuch bat.„Ich habe auch meinem Sohne einen Eilboten geſand;“ fugte die Gräfin hinzu,„Osmond, der jetzt in Paris weilt, wird hoffentlich ohne Zeitverluſt zurück⸗ kehren.“ Es war ihr unmöglich ihrer achtungswerthen Freundin dieſe Bitte abzuſchlagen. Lady Mary beſchloß demnach, ſich ſogleich zu ihr zu bege⸗ ben, ſie aber um die Erlanbniß zu erſuchen, ihr Haus, ſo wie Osmond zurückkehre, wieder verlaſſen zu dürfen. Der nächſte Tag enthob ſie indeß alles fer⸗ neren Nachdenkens hieruͤber; ein Schreiben vom Bruder der Lady Arlington langte an, berich⸗ tend: daß der Graf nicht mehr unter den Le⸗ 5* 68— benden weile, ſeine Wittwe ſich nach der Woh⸗ nung des Erſteren begeben habe, wo ſie blei⸗ ben werde, bis ihr Sohn in England ange⸗ langt ſeyn würde, und daß ſie, da ihr in dem Hauſe ihres Bruders der Troſt, deſſen ſie be⸗ dürfe, zu Theil würde, ihrer jungen Freundin für jetzt den ſchwermüthigen Beſuch zu erſparen wünſche.“ So von ihrer augenblicklichen Beſorgniß be⸗ freiet, hatte Lady Mary nur noch mit den mannigfachen Gebilden zu ſchaffen, die ihr ihre Phantaſie, in Rückſicht der Veränderungen, die der Tod ſeines Vaters in Osmonds Verhält⸗ niſſen hervorbringen würde, vorführte. Lord Leſſingham, der älteſte Sohn des Ver⸗ ſtorbenen, war allerdings der Erbe ſeines Ti⸗ tels und ſeiner Beſitzungen, aber ſeine Geiſtes⸗ beſchränktheit machte ihn zu wenig mehr, als zu einem Schattenhaupte der Familie. Das wirkliche Haupt mußte Osmond werden. Wie er ſich in dieſer neuen Lage benehmen, ob er ſich nun bald verheirathen und danach trachten würde, den Glanz ſeiner Familie zu vermehren, ob er ſich als Patriot, als Staatsmann aus⸗ zeichnen würde, dies waren Betrachtungen, welche Lady Marys Seele bald erfreueten, bald beſorgt machten. Ihr erhabener Sinn machte ihre Neigung für Osmond eben ſo edel als ſie lebhaft war; ihn ausgezeichnet und be⸗ wundert zu ſehen, war jetzt noch ihr heißeſter Wunſch. Ihre Hoffnungen für den Geliebten ihres Herzens blieben nicht unerfüllt. Wir berichten nur kürzlich, daß er nach dem Tode ſeines Vaters nach England zurückkehrte, und ſeiner Mutter half, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und ſich in einer anderen Wohnung einzurichten, während ſein Bruder, der nunmehrige Lord Arlington, die Titel und die Güter des Grafen in Beſitz nahm, um varauf unverzüglich wieder nach ſeinem bis⸗ herigen Aufenthalte zuruͤckzukehren; und finden nun unſern Helden nach einer ziemlichen Zeit wieder, grade als er ſeine erſte Rede im Par⸗ lement gehalten hatte. = 70 Dieſe war mit dem allgemeinſten Beifall auf⸗ genommen worden; ſeine Lebhaftigkeit und ſeine Phantaſie hatte ihn hingeriſſen. Mit beredteter Zunge gedachte er der großen Vorfahren, die für das Vaterland bluteten, er rief ſie an, herabzuſchauen und ihren großen feurigen Geiſt den jetzt lebenden Staatsmännern einzuhauchen. Er ſchloß, den Beifall kaum bemerkend der ihn umwogte, denn er ſprach nur was er fühlte und war von dem Gegenſtande den er behan⸗ delte innig bewegt. Die Glückwünſche die ihm aber jetzt von allen Seiten entgegenſtrömten, erweckten ihn zu zwar weniger erhabenen Ge⸗ fühlen, aber dennoch zu einem entzückenden Ge⸗ nuß, zumal für einen jungen Mann von ſtolzer lebhafter Gemüthsart. Die öffentlichen Blätter waren am nächſten Tage mit ſeiner Rede angefüllt und ſprachen den ungetheilten Beifall aus, der ihr geworden war.— Verſchiedenartig war die Theilnahme, welche dieſes Lob erregte, aber vergebens nur würden wir uns bemühn, die Bewunderung und die Thränen der Freude zu beſchreiben, mit denen es von zwei Augen geleſen ward. Den ganzen Tag vermochte Lady Mary keine Ruhe zu gewinnen. 1 Es war im Grunde die erſte Kunde, welche ſie rückſichtlich Osmonds nach dem Tode ſeines Vaters empfing. Dieſe Nachricht aber ent⸗ zückte ihr Herz; ſie eilte zu ihrem Schreibtiſch⸗ ihrem Herzen durch einen an die Gräfin ge⸗ richteten ſchriftlichen Glückwunſch Luft zu machen. Ja, ſie ſann daruͤber nach, ob ſie nicht auch ihm ein ſolches Schreiben ſenden könne.„Ich weiß nicht warum ich zögere es zu thun,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„nannte er mich doch einſt ſeine theuerſte Freundin: als eine ſolde muß ich ja Theil an ſeinem Schickfale nehmen.— „Aber die Zeit und die lange Trennung von ihm,“ fügte ſie bedenklich hinzu,„haben ja den Character unſeres vertraulichen Verhält⸗ niſſes verändert.“ Osmond hatte ſeit ſeiner Rückkehr nach Eng⸗ land nur einmal an ſie geſchrieben, und dieſes — 7— Um ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, verließ ſie ihr Zimmer und ging in den Garten hinab. Der herrliche Sommerabend erweckte nun noch mehr ihre Erinnerung an Osmond, denn ach, wie oft hatte ſie ſich mit ihm dieſer balſamiſchen Kühlung erfreuet. Ihr Herz war voll von ihm, der Gedanke an ihn verfolgte ſie überall.„Vergebens nur,“ ſprach ſie,„ſuche ich meinem Kummer zu entfliehen!“ Da ward ihr Selbſtgeſpräch plötzlich durch ein Wagengeraſſel unterbrochen, welches ſich ihrem Hauſe näherte. Sie konnte zu dieſer ungewöhnlichen Stunde keinen Beſuch erwarten, und war daher nicht wenig überraſcht, als der Wagen dennoch vor ihrer Wohnung ſtille hielt. Eine freudige Ahnung durchflog ihre Seele! Kaum vernahm ſie die Worte des meldenden Dieners, ſondern an ihm vorübereilend flog ſie in das Beſuchzimmer, wo ſie in der That ihr Vorgefühl verwirklicht ſch. Es war Osmond, er war gekommen ihre Glückwünſche in Em⸗ pfang zu nehmen, der Herold ſeines eigenen — 72 war nur auf Veranlaſſung ſeiner Mutter ge⸗ ſchehen. Er theilte ihr darin einen kurzen Be⸗ richt von dem Befinden der Gräfin mit, zeigte die veränderte Wohnung derſelben an, und beklagte, daß ihn ſeine Geſchäfte verhinderten, ſeiner theuern Couſine einen Beſuch zu machen. Es war mit einem Wort ein Schreiben, welches, ohne im geringſten kalt oder unfreundlich zu ſeyn, Lady Mary dennoch ſo wenig befriedigte, daß ſie nie eine Neigung empfunden hatte, es zu beantworten. Jetzt bot dieſer Brief eine Gelegenheit dar, an Osmond zu ſchreiben, aber ihr Zartgefühl nahm immer noch Anſtand ſie zu bemntzen. „Was würde ich darum geben, ihn wiederzu⸗ fehen,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, als ſie am Abead das Blatt, welches ſein Lob enthielt, aufs Neue zur Hand nahm.„Theurer, theurer Osmond,“ fuhr ſie fort, als ſie ſeine Rede wieder und wieder durchflog,„ja, ja, ſo muß er fühlen— ſo muß er denken— was gäbe ich darum, könnte ich ihn wiederſehen!“ 2 4 — 24—— Glücks zu ſeyn, ſo deutete ſie ſein plötzliches Erſcheinen. Dies aber war nicht der einzige Beweggrund, der ihn hergeführt hatte, wie ſich Lady Mary bald überzeugte. Als die erſten Begrüßungen vorüber waren, bemerkte ſie an Osmond eine gewiſſe Verlegenheit; es ſchien als ob etwas ſeine Bruſt belaſte und als ob er nicht wiſſe, wie er es ihr mittheilen wolle. Endlich, nachdem er mehreremal im Zimmer auf und ab geſchritten war und eine ungemeine Unentſchloſſenheit gezeigt hatte, ſchien er plötz⸗ lich die Zeitung zu bemerken, die noch immer neben Lady Mary auf dem Sopha lag; er ergriff ſie und fragte leichthin, ob es das heutige Blatt ſey. Lady Mary bejahte dies und fügte mit einem freudigen Lächeln hinzu:„ich habe den Inhalt mit großer Freude geleſen; erlauben Sie mir meinen Gluückwunſch darzubringen.“ „So kalt— ſo förmlich,“ unterbrach ſie Osmond, indem er ihre Hand erfaßte und ſie —— zärtlich an ſein Herz drückte;„Fremde, Be⸗ kannte mögen immerhin auf dieſe Weiſe zu mir reden, aber Lady Mary darf nicht ſo ſprechen, es wäre denn—“ hier ließ er, da er ihr Schwei⸗ gen und ihre Verlegenheit bemerkte, ihre Hand fahren,—„es wäre denn, daß ich den Platz in ihrem Herzen nicht mehr behauptete, den ich dort einzunehmen mir einſt ſchmeichelte.“ „Ach, Osmond,“ ſprach Lady Mary mit Thränen in den Augen,„wollen Sie denn nie—“ ſie ſtockte. „Was meynen Sie,“ fragte Osmond, ihre Hand aufs Neue erfaſſend. „Iſt das freundlich, gütig von Ihnen, Os⸗ mond!“ erwiederte Lady Mary, mehr aber vermochte ſie nicht zu ſagen, ſie wandte ſich von ihm, damit ihr Geſicht die Gefühle ihres Herzens nicht verrathe. 1 Osmond aber war nicht gekommen, um nur Nahrung für ſeine Eitelkeit zu ſuchen. Seitdem der Tod ſeines Vaters es ihm freiſtellte, über ſeine Hand nach Willkühr zu ſchalten, hatte er ſtets an das liebliche Weſen gedacht, deſſen Beſitz ihm, wie er glaubte, allein das Glück gewähren könne, dem er in der großen Welt nur verge⸗ bens nachgeeilt war. Die kalten Förmlichkeiten, mit denen man ihn jetzt eben in der Stadt überhäuft hatte, trugen noch dazu bei, ihm die Leere die er empfand fühlbarer zu machen; er mußte ein theilnehmen⸗ des Herz aufſuchen, daß ſich mit ihm freuete. Lebhaft und ungeduldig, wie er in allen ſeinen Entſchlüſſen war, machte er ſich ſofort zu Lady Mary auf den Weg, in der Abſicht, ihr den Antheil an ſeinem künftigen Schickſal anzubie⸗ ten, den ſie in ſo vollkommenen Maaße ver⸗ diente. ⸗ Daß er das Fremdartige, welches eine lange Trennung hervorzubringen vermag, auch bei ihr find enwürde, hatte er nie geglaubt. Er wußte, daß ſie, ſeit er ſie zum Letztenmale ſah, in ihrer Einſamkeit gelebt hatte, fern von jedem Einfluſſe, der den Eindruck hätte vermindern kön⸗ = u nen, den er, wie er recht gut wußte, auf ihr Herz gemacht hatte. Die augenblickliche Beſtürzung über ihr Schwei⸗ gen und ihre Verlegenheit machten daher auch ſchnell einer ungemeſſenen Freude Platz, als er ihre Thranen— ihr Erröthen bemerkte, das ihm nur zu deutlich den Zuſtand ihres Herzens kund that. Wären ihm in dieſem Augenblick die Reichthümer der ganzen Welt unter der Be⸗ dingung dargeboten worden, daß er ihr entſage, er würde jene mit Verachtung zurückgewieſen haben, um frei die Gefuhle ausſprechen zu kön⸗ nen, die ſeine Bruſt erfüllten. Sie hörte ihn ſchweigend an, aber ihr Schwei⸗ gen war beredter als jede Sprache; ihre tiefen Seufzer— ihre zitternden Hände, die ſie bald faltete, bald auf ihr Herz legte, ſo als geböte ſie dieſem leiſer zu pochen— ihr abgewandtes Geſicht— alles, alles dies verkündete die Bewegung ihres Innern. „Sehen Sie mich an, theure Mary, ſprechen Sie zu mir,“ bat Osmond, ihre Hand erfaſſend. „ * — 78 „Was kann ich Ihnen ſagen 2 was ver⸗ mag ich Ihnen zu ſagen?“ erwiederte Mary, und ein Thränenſtrom gewährte ihrem Herzen einige Erleichterung. Ihrer ſelbſt nicht bewußt, weinte ſie an ſei⸗ ner Bruſt, als er ſeinen Arm um ſie ſchlang, bald ihre Hand, bald ihre thränenfeuchte bleiche Wange an ſeine Lippen druͤckend. Endlich wand ſie ſich von ihm los und bat ihn ſie zu verlaſſen; dies aber wollte, dies ver⸗ mochte er nicht, bevor er ſie noch einmal drin⸗ gend um die Erfüllung ſeines heißeſten Wun⸗ ſches gebeten hatte. Sie hörte ihn jetzt ruhiger, aber mit einer Zurüuckhaltung an, die ihn in Erſtaunen ſetzte, überzeugt wie er es war und wie er es auch nicht anders ſeyn konnte, daß ſie eine mehr als gewöhnliche Theilnahme für ihn empfinde. „Und darf ich auf die Gewährung meiner Bitte hoffen?“ fragte Osmond, als er ſeinen zaͤrtlichen Antrag geendet hatte. Sie ſeufzte, 79— bewegte verneinend ihr Haupt mit einem Aus⸗ druck von Trauer in ihrem Geſichte. „Spricht denn kein Gefühl von Zärtlichkeit, von Liebe für mich in Ihrem Herzen?⸗ fuhr Osmond mit dem Tone eines leiſen Vorwurfs fort. „Ach nur zu laut— nur zu laut!“— ſtam— melte Lady Mary. In einem Ausbruch von Dankbarkeit ſchlug er ſeine Arme um ſie, flehend, ſie möge dieſer Stimme Gehör geben. „Bedenken Sie, theure Mary, wie glücklich wir miteinander werden können— liebend und geliebt— ich, Ihr Beſchützer, Ihr zärtlicher und treuer Gatte; Sie, meine Freundin, meine ſtete Gefährtin— meine Rathgeberin hienie⸗ den, meine Führerin zu einer jenſeitigen See⸗ ligkeit.“ Er ſprach dieſe Worte nur ſtockend und ab⸗ gebrochen aus, denn ſeine Seele war unend⸗ lich gerührt von dem Gemälde des Glücks, — 80— welches ihm ſeine Phantaſie ſo bereitwillig vor⸗ führte. „Ach theurer— theurer Osmond, wenn ich nur hoffen dürfte, wenn es mir erlaubt wäre zu hoffen.—“ Sie hob ihre Blicke flehend zum Himmel empor.„O, du mein ewiger Vater!“ rief ſie aus,„leite du dein ſchwaches Geſchöyf!/ 2 Dieſer Ausruf— der ſichtbare Kampf ihres Herzens zwiſchen inniger Liebe und der Be⸗ ſorgniß, daß Nachgiebigkeit ſie in ein unnenn⸗ bares Elend ſtürzen würde, verrieth ihm das Geheimniß ihrer Gemüthsbewegung; er ſah, wie ſie zögerte, ihre jetzt nur ruhigen und friedlichen Pflichten gewidmeten Gefuhle auf ein ſo ſchwankendes, gefährliches Weſen zu übertragen. Wie theuer ihr dieſes Weſen aber war, be⸗ wieß das reizende ſinnende Lächeln, mit dem ſie unter Thränen zu ihm aufblickte— beur⸗ kundete der ſchwache Druck ihrer zitternden Hand.— Gab es überhaupt einen Augenblick in Osmonds Leben, in welchem er eine un⸗ getrübte Freude ſchmeckte, ſo war es dieſer Moment. Unwillkürlich erhob ſich ſein Herz zum Ewigen, er betete ſchweigend, flehend: Gott möge ihn der Liebe ſeiner Mary würdig machen! Sie unterbrach zuerſt die mehrere Minuten lange Pauſe.„Verlaſſen Sie mich jetzt, Os⸗ mond!“ ſprach ſie,„verlaſſen Sie mich, ich bitte Sie darum.“ „Wann, wann darf ich wiederkehren?“ fragte Osmond dringend. „Morgen gegen Abend,“ erwiederte Lady Mary,„bis dahin, ich fordere es als einen Beweis ihrer Liebe, bitte ich Sie mich unge⸗ ſtört über den Entſchluß, den ich zu faſſen habe, nachdenken zu laſſen; ich hoffe Ihnen dann denſelben mittheilen zu können.“ Einem ſo billigen Verlangen konnte Osmond nicht widerſtehen; noch einmal ſchloß er ſie in Osmond. II. Vand. 6 =—— ſeine Arme, drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen und eilte hinaus, um ihrer in der Einſamkeit zu gedenken. Die Wärme aber, die Reinheit ihrer Ge⸗ fühle, die Innigkeit ihrer Liebe und der un⸗ ſchatzbare Werth ihres Characters, hatten ſich in dieſer Unterredung im vollſten Lichte gezeigt. Selbſt das kälteſte Temperament hätte von ihrem Benehmen hingeriſſen werden müſſen, wie viel mehr alſo mußte Osmond von dem⸗ ſelben entzückt ſeyn! Es ſchien ihm als be⸗ gänne er jetzt ein neues Leben, als wären ſeine früheren Vergehungen vergeben und ver⸗ geſſen in dem Vorſatz, fortan nur den Pfad der Tugend zu wandeln. Im Beſitz der Liebe eines reizenden, vollkommenen weiblichen Ge⸗ ſchöpfs, verſprach er ſich eine überaus glück⸗ liche Zukunft; er ſah ſich ſchon als Gatte, als Vater, ſah die Heftigkeit ſeiner Leidenſchaften, ſeine ungeſtüme Gemuͤthsart von dem ſanften Sinne ſeiner Mary gemildert; den Keim der 3 — 83— religiöſen Gefuͤhle, die ſie früher ſchon in ſeine Bruſt pflanzte, heilbringend erblühen. Ja er blickte hinaus über dieſe ſublunariſche Welt, ſchon im Voraus die Freuden der Seeligen ſchmeckend. 6* VI. Dieſen Betrachtungen gab ſich Osmond hin; belauſchen wir nun die der Lady Mary. Wie verſchieden— wie ſo ganz verſchieden waren ſie von jenen! Eine bange Furcht be⸗ mächtigte ſich ihrer, wie ſie das ſinnende Gemüth, grade wenn ſeine liebſten Wünſche erfüllt ſind, gemeinhin zu empfinden pflegt. So lange man Hoffnung hegt, ſtimmt die Miſchung von Furcht, ihre ſtete Begleiterin, jedes aufwallende freudige Gefühl zu jenem Accord der Mäßigung hinunter, der der menſch⸗ lichen Natur am beſten zuſagt. Sobald aber die Erfüllung des Wunſches eintritt, erſteigen neue Beſorgniſſe, an welche wir bisher nicht dachten, unſere Freude trübend und uns daran er⸗ innernd, daß wir hienieden kein vollkommenes Glück finden ſollen. Osmonds Gattin zu werden, war einſt das heißeſte, innigſte Verlangen ihres Herzens und ſo ernſthaft ſie auch bemüht war, ihm zu ent⸗ ſagen, blieb doch von dieſem Wunſche noch immer genug übrig, ihr Gemüth von Zeit zu Zeit in tiefen Kummer zu verſenken.— Nie, ſeitdem ſie Osmond zum letztenmale ſah, hatte ſie dem Gedanken Raum gegeben, daß ſie ja die Seine werden könnte; die Furcht und die Beſorgniſſe, die ſie in Rückſicht der derein⸗ ſtigen Gattin Osmonds fühlen mußte, hatte ſie daher bis jetzt noch nie in Bezug auf ſich ſelbſt empfunden. Sie hatte derſelben zwar dann und wann gedacht, gleichſam um ſich zu tröſten, aber dies war nur mit jener nach⸗ läſſigen Gleichgültigkeit geſchehen, mit der man ſich überreden will Gründe zu haben, einem Wunſche zu entſagen, iſt man gleich feſt über⸗ zeugt, daß alle dieſe Gründe zu nichts helfen würden, ſtüͤnde die Erfüllung jenes Wunſches in unſerer Macht. Jetzt war dieſe in ihrer Macht, und die Be⸗ ſorgniſſe, welche wie ſie früher geglaubt hatte⸗ wie Schattengebilde dahin ſchwinden müßten, ſobald Osmond ihr ſeine Liebe erklärt haben würde, kehrten jetzt zurück, mit einem Stempel der Wirklichkeit verſehen, den ſie früher nie getragen hatten. Nichts iſt wahrer, als daß wir nicht wiſſen, welchen Einfluß die Verhält⸗ niſſe, in die wir uns verſetzt wünſchen, auf uns äußern werden. Wir büiccken ſehnſuchtsvoll nach dem erwünſchten Gegenſtande, ſahen ihn nicht bloß von ſeinem wirklichen Glanze um— geben. ſondern von all' der Pracht umſchim⸗ mert, mit der unſere Phantaſie ihn umkleidet. Von fern geſchauet, bietet er uns unnennbare Reize dar; aber unſerem Auge näher gebracht, gewahrt daſſelbe Mängel und Schwächen, die der früher erwähnten Schönheit unendlich nach⸗ theilig ſind. „Wache ich denn, taäuſcht mich kein lieblicher Traum?“ dachte ſie, als Osmond ihr ſeine Liebe erklärte. Mit jenem Schnellblick aber, der eine Reihe von Jahren umfaßt, überſchauete ſie zwar eine Menge glüuͤcklicher Stunden, denn Osmond lebte ja an ihrer Seite;— aber die Folgen, die ſein ungeſtümer heftiger Sinn haben konnte— haben würde, verdunkelten das Gemälde und. führten jenen Kampf der Gefühle herbei, der noch lebhafter ward, als der Geliebte ſie ver⸗ laſſen hatte. „Jetzt lebe ich in Frieden,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„zwar nicht glücklich, aber wer iſt denn glücklich! Ich bin ruhig— ich bin zufrieden, ich erwache am Morgen, zur Erfüllung meiner freundlichen ſtillen Pflichten. Der Tag ſchwin⸗ det mir ſorgenlos dahin und Abends danke ich meinem Schöpfer für das Gute, was er mir zu thun erlaubte— oder für den Schutz, den er mir für das Böſe gewährte. Kann ich ohne Wagſtück dieſem Zuſtande der Ruhe entſagen? opfere ich nicht der Stimme meines Herzens die Sprache meiner Vernunſt auf? War ich nicht oft überzeugt, daß ſo alles am beſten ſey, daß mein himmliſcher Vater, indem er den liebſten Wunſch meines Herzens nicht erfüllte, eben die⸗ ſes Herz dadurch nur näher an ſich zog— an ſich, bei dem es allein Ruhe finden kann! Und ſoll ich es nun zurück zu der Erde rufen? von dem Heiligen ablenken, um es auf— auf was zu richten? Auf ein Weſen, voll von menſchlichen Irrthümern, voll von Schwächen! Ach Osmond, Osmond, warum erſcheinſt Du?“ Und aufs Neue ſtieg ihr Gebet zum Ewigen empor, fle⸗ hend er möge ihre Zweifel heben, ihren Sinn erleuchten. 8 „Ach, wenn er ſich nur zu beherrſchen ver⸗ ſtände— wenn er nur ſeine Leidenſchaften zü⸗ geln könnte— wäre ich nur von ſeinen religiö⸗ fen Grundſätzen überzeugt.— Könnte ich hoffen, daß die Verführung der Welt keine Macht hätte, dieſe bei ihm zu erſchüttern, und daß wir Hand in Haud durch dieſes Leben wan⸗ deln würden, jenem beſſeren Daſeyn, jener ewigen Glückſeeligkeit entgegen, wo uns nichts mehr trennen wird! Ach, wann mir jemand dieſe Zuſicherung geben könnte!— Aber das vermag niemand— ich fühle daß ich alles wagen muß— ich fühle daß mein Herz die Oberhand behalten wird!“ Unter dieſen Zweifeln ſchwand die Nacht da⸗ hin; das Reſultat ihrer Betrachtungen war end⸗ lich folgender Brief: „Wäre es mir möglich, Ihnen, Osmond, den ſchmerzvollen Kampf zu ſchildern, den ihr An⸗ trag in meinem Innern angefacht hat, Ihr Stolz dürfte ſich beleidigt finden, und Sie wür⸗ den vielleicht dem weiblichen Weſen entſagen, das wie ich zögerte den Eingebungen ſeines Herzens zu folgen. Ach, theurer Osmond, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht verſchweigen, ich kann es nicht, ſelbſt wenn ich es wollte.— Daß ich Sie ſo wahr— ſo zärtlich liebe, als je ein Weib liebte, heißt Ihnen kein Geheim⸗ niß bekennen. Aber ſo ſchwach— ſo ſchwach — 90— ich Ihnen zuweilen geſchienen haben mag, indem ich meinem Herzen erlaubte meine Vernunft irre zu leiten, möchte ich mich doch gern von dieſer beſſeren Rathgeberin in einer Angelegen⸗ heit führen laſſen, von der die ganze Ruhe meines Lebens abhängt. Die Vernunft aber flüſtert mir zu: ſey auf deiner Hut. Sie ſtaunen Osmond— Zorn blitzt aus Ihren Au⸗ gen.„Kann die Liebe ſo berechnen— ſich der⸗ geſtalt bei Möglichkeiten aufhalten?“ höre ich Sie fragen.“ „Ja, Osmond, eine Liebe wie die meinige kann das— eine Liebe, die alle ihre Beſorg⸗ niſſe, alle ihre Hoffnungen nur auf Sie richten würde. Hat eine ſolche Liebe nichts zu fürch⸗ ten? nichts von der Feuerſeele zu beſorgen, an die ſie ihr Schickſal zu knüpfen gedenkt? Gönnen Sie mir noch eine längere Bedenkzeit, Osmond, überlegen auch Sie noch.“ „Ich bitte Sie in dieſem Augenblick nicht weiter in mich zu dringen— meine Geſinnun⸗ gen können ſich nicht ändern,— aber pruͤfen — — 91— auch Sie ſich noch einige Zeit, und wenn es dann der Wille des Himmels iſt, daß wir ver⸗ einigt werden ſollen, möge ſein Wille geſchehen. Mary Seymour.“ Der Abend erſchien, mit ihm der Beſuch, dem ſie entgegen ſah; kaum ihre Anrede ab⸗ wartend, aber ſichtbar von Hoffnung erfüllt, bat Osmond um ihre Entſcheidung. Lady Mary übergab ihm den Brief, den ſie. geſchrieben hatte.„Ich kehre zurück, wenn Sie dies Schreiben geleſen haben werden,“ ſprach ſie, dann entfernte ſie ſich ſchnell durch die Thür welche in den Garten führte. Erſtaunen machte Osmond einige Augenblicke lang bewegungslos.„War es möglich, daß er ſich geirrt haben konnte, als er ſich geliebt glaubte?“ fragte er ſich ſelbſt.„Aber der Brief— der Brief!“ und mit einem Gemiſch von Stolz und Beſorgniß erbrach er das Siegel. Jedes bittere Gefühl aber ſchwand ſchnell vor der Zärtlichkeit dahin, die ſich nach Leſung — 92— dieſer Zeilen ſeiner bemächtigte. So ſehr war er von dem darin geſchilderten Kampf des Her⸗ zens und der Vernunft gerührt, daß er meh⸗ rere Minuten lang in Betrachtungen darüber verſunken daſaß. Noch länger hätte er ſo ge⸗ weilt, wäre er nicht durch Marys ruͤckkehrende Schritte ſeinem Nachdenken entzogen worden. Er wandte ſich und ſah ſie auf der Schwelle der Thür ſtehen, unentſchloſſen ob ſie näͤher kommen ſolle oder nicht. Er ſtand auf, erfaßte ihre Hand und führte ſie zu einem Sitze, ſchweigend, denn er ver⸗ mochte nicht zu ſprechen. Auch ſie war nicht im Stande, ein Wort über ihre Lippen zu bringen. „Theure, treffliche Mary,“ begann Osmond endlich,„ich kann die ſüße Hoffnung nicht auf⸗ geben, Sie einſt mein zu nennen. Nehmen Sie den geringſten Antheil an meinem Schickſal, ſo fordern Sie nicht, daß ich Sie verlaſſe, be⸗ vor Sie eingewilligt haben, dieſes Schickſal zu theilen und zu lenken! Mein Lebensweg wird gefahrvoll ſeyn; wer wird mir rathen, wer für meine Ruhe wachen— wer mich den Pfad der Tugend führen?— Wer wird ſich meines Glückes freuen— wer mich warnen, wer Theil an meinem Kummer nehmen, wenn es nicht meine theuere, meine geliebte Mary thut!“ Sie ſeufzte— ſie verſuchte zu ſprechen, aber ihre Worte waren unverſtändlich. Osmond bat immer dringender um Entſcheidung.„Wenn Sie mich liebten Mary, würden Sie nicht zö⸗ gern, mein Glück auszuſprechen.“ „Wenn ich Sie liebte, Osmond,“ wiederholte Mary, und einen Augenblick lang richtete ſie einen Blick auf ihn, der bis in das Innerſte ſeines Herzens drang, dann wandte ſie ſich von ihm ab und ſchwieg, ſo als ob ſeine undankbare Außerung einen Vorwurf verdiene. „Verzeihung, Verzeihung, theure Mary,“ rief Osmond, ſie an ſein Herz drückend.„Ver⸗ — zeihung, wenn die Furcht, Sie zu verlieren, mir jene ungerechte Bemerkung erpreßte.„Aber gebieten Sie mir nicht, Ihre Nähe zu fliehn,— ſagen Sie mir, daß ich Sie beſuchen darf, daß Sie mich als Ihren Verlobten betrachten wollen, dies nur ſagen Sie mir; wenden Sie ſich nicht von mir,“ fügte er flehend hinzu; denn von ſeinen Worten erſchüttert, fühlte Lady Mary, daß ſie unfähig ſey länger zu widerſtehen, und verſuchte ſich loszuwinden. Aber vergebens, die Stunde ihres Schickſols ſchien geſchlagen zu haben,— einige Augen⸗ blicke lang ſaß ſie in ſchweigender Betrachtung da.— Osmonds Hand ruhte in der Ihren, ihr Geſicht war zum Theil von ihm abgewandt, aber der Mond, der ſanft ins Fenſter ſchien, be⸗ leuchtete es und verlieh ihren zum Himmel empor⸗ gehobenen Blicken etwas Heiliges. Endlich berührte ihre ſanfte Stimme ſein Ohr: „Ach, mein Gott—“ rief ſie,„ich bin ein armes— ſchwaches Geſchöpf, verzeihe mir wenn ich fehle. „Du willſt alſo die Meine werden, Mary!“ unterbrach ſie Osmond. Sie erwiederte nichts, aber ihr Schweigen war ihm in dieſem Augen⸗ blick die wünſchenswertheſte Antwort. VII. Osmond ward Lady Mary's Gatte und fand ſich in dieſer Verbindung, die, wie er glaubte, mehr eine gegenſeitige Achtung als eine leiden⸗ ſchaftliche Liebe herbeigeführt hatte, ein Jahr lang glͤcklich. Gegen das Ende dieſer Zeit aber begannen ſich bei ihm leiſe Neigungen zu Ver⸗ gnügungen zu regen, die mit dem Geſchmack ſeiner Gattin im Widerſpruche ſtanden. Auch mit Lady Mary ſchien eine Veränderung vor⸗ gegangen zu ſeyn, dies aber war im Grunde nichts als der Wandel von der Braut zum Weibe. Iſt es Stolz oder Eigenſinn, oder wie heißt ſonſt der Beweggrund in der menſchlichen Natur, der uns gleichgültiger gegen ein Weſen macht, das uns mit immermehr wachſender Liebe um⸗ ſchließt. Rochefaucault ſagt:„das wir weit ge⸗ — 97— neigter ſind, die zu lieben, die uns haſſen, als die, welche uns mehr lieben als wir mögen.“ So traurig auch dieſe Bemerkung iſt, ſie iſt dennoch wahr, und auch Osmonds Gefühle geben davon einen Beweis. Nicht etwa, daß er gleichgültig gegen Lady Mary geworden wäre; ſeine nähere Bekannt⸗ ſchaft mit ihren Tugenden vermehrte ſeine Ach⸗ tung, und die Bewunderung, die er für ihren ge⸗. bildeten Geiſt empfand, ſtieg mit jedem Tage, und wenn er ſie auch dann und wann etwas ge⸗ ſelliger wünſchte, dachte er doch jedesmal mit Freuden des Augenblicks, wo ſie ihn, wenn er von ſeinen Geſchäften zu London heimkehrte, mit einem herzlichen Willkommen und mit einer liebe⸗ vollen Umarmung empfing. Ihre geiſtreiche Un⸗ terhaltung ließ ihn dann die rauſchenderen Freu⸗ den nicht vermiſſen, zu deren Genuß er ſie ſchon oft, indeß faſt immer vergebens aufgefordert hatte; einigemale nur hatte ſie ſeinen Wunſch in dieſer Rückſicht erfüllt, aber es war ſtets nur ungern und mit Seufzern geſchehen. Osmond. II. Band. 7 — 98— Doch die Nothwendigkeit trat ein, ihr Ge⸗ müth von ihrer ſtillen Einſamkeit abzuziehen, denn da Lady Arlington, welche bisher das Fa⸗ milienhaus zu Piccadilly bewohnt hatte, einen anderen Wohnſitz, der ihr mehr zuſagte, zu be⸗ ziehen wünſchte, und von ihrem älteren Sohne für Osmond die Erlaubniß erhalten hatte, ſeine Reſidenz in dem erſtgenannten Hauſe aufſchla⸗ gen zu dürfen, ward es abgemacht, daß dieſer während der Sitzungen des Parlaments ganz in der Stadt wohnen ſollte. Dieſe Nachricht war die erſte trübe Wolke, welche an den bisher heiteren Eheſtandshimmel der Lady Mary emporſtieg. Vergebens nur be⸗ mühte ſich Lady Arlington, ihre Schwiegertoch⸗ ter, die ihr den Widerwillen außerte, den Sie gegen die Veränderung ihres Wohnorts empfand, zu beruhigen. „Ich ſehe die Wahrheit Ihrer Gründe voll⸗ kommen ein, meine theure Mutter,“ ſprach ſie, „aber meine Gefühle in dieſer Hinſicht ſind nicht durch Gründe zum Schweigen zu bringen, eine — 99— bange Ahnung hält mich umfangen— aber ich ſehe Sie lächeln über meine Furcht— ſo will ich denn nichts mehr ſagen.“ Ihr Widerwille, das geliebte Richmond zu ver⸗ laſſen, ſtieg immer mehr und mehr, ſo wie der Tag der Trennung von demſelben näher kam und äußerte ſich ſo deutlich, daß ihn ſo⸗ gar Osmond mißfällig bemerkte. „Es ſchmerzt mich in der That, Lady Mary,“ ſprach er, als er mit ſeiner Gattin zur Stadt fuhr,„daß ich wegen der Veränderung unſerer bisherigen Wohnung habe in Sie dringen müſſen, denn es ſcheint, daß keine Rückſicht im Stande iſt, Ihnen den Aufenthalt in der Stadt ange⸗ nehm zu machen, wie wünſchenswerth eine der⸗ ſelbe für mich auch immer ſeyn mag.“ „Glauben Sie nicht, lieber Osmond,“ ent⸗ gegnete ſie, indem ſie ſich bemühete ihre Thrä⸗ nen zu unterdruücken,„daß mir Ihr Entſchluß zuwider iſt; wenn Sie den Aufenthalt in der Stadt wünſchen, wie könnte er mir unangenehm ſeyn? Aber ich hänge ſo ſehr an Richmond— 7* — 41060— ich habe ſtets dort ſo gern geweilt— ſo manche glückliche Stunde verlebt— dort, dort ward ich die Ihre.“ Bei dieſen Worten blickte ſie ihn mit einer Zärtlichkeit an, die es ihm un⸗ möglich machte, länger zu zürnen; er küßte die Thränen weg die in ihren Augen zitterten: „Gott ſegne Sie, meine Mary,“ rief er.„Ach, es iſt mir immer, als waͤren Sie viel— viel zu gut für mich— als liebte ich Sie lange nicht genug! Aber wer lebte auch, der ſich rüh⸗ men könnte Ihren Beſitz zu verdienen— wer vermöchte—“ „Stille Osmond,“ unterbrach ihn Lady Mary, indem ſie ihre Hand ſanft auf ſeinen Mund legte.„Die Zeit für ſolche Schmeichelworte iſt vorüber— ſchon über ein Jahr ſind wir verheirathet, und die Atmosphäre in die wir uns begeben, iſt für dergleichen Zärtlichkeitser⸗ güſſe nur ſchlecht geeignet.“ „Ja, ja, Sie haben Recht,“ erwiederte Os⸗ mond,„ich muß das modiſche, ruhige Beneh⸗ men eines Ehemannes annehmen.“ Er läͤchelte — 101— bei dieſen Worten, Mary aber ſeufzte.„Im⸗ merhin,“ fuhr er dann fort,„muß auch das Außere ſich in etwas änderen, bleibt doch das Herz daſſelbe.“ „Gott gebe es,“ entgegnete Lady Mary und das Geſpräch lenkte ſich nun auf andere Gegen⸗ ſtände. Bald nach ihrer Ankunft zu London begannen indeß andere Sorgen den Geiſt und das Herz der Lady Mary zu beſchäftigen, denn der Zeit⸗ punkt näherte ſich, in dem ſie Mutter werden ſollte. Sie ſchenkte Osmond einen Sohn und die Freude beider Ältern war eine kurze Zeit grän⸗ zenlos; aber ſo wie jedes neue Glück auch neue Sorgen mit ſich bringt, damit der Menſch lerne, daß es hienieden keine vollkommene Glückſeelig⸗ keit giebt, war dies Kind, das Entzücken der Altern, zumal der Mutter, kränklich und erfor⸗ derte unendliche Pflege und Aufmerkſamkeit. Lady Mary verſah dieſe ſelbſt mit der uner⸗ müdetſten Sorgfalt, ſie wich nicht von dem 102— Lager des Kleinen und ſah auch bald ihre An⸗ ſtrengungen belohnt, denn ſchon nach drei Mo⸗ naten erkläͤrten die Arzte, daß ſie nun die beſte Hoffnung in Rückſicht des Kleinen hegten, wor⸗ uͤber die Mutter eine ſo unendliche Freude em⸗ pfand, daß Osmond, der bisher nur vergebens in ſie gedrungen hatte, ſich einige Zerſtreuungen zu gönnen, dieſe Gelegenheit benutzen zu müſſen glaubte, ſolche wiederholt anzuempfehlen. „Oberſt Howard und ſeine Gattin Lady Jo⸗ hanna haben uns auf Morgen zum Mittags⸗ eſſen eingeladen,“ ſprach er,„ich dächte wir gingen hin.“ Lady Mary aber ſchlug es ihm ab, und Os⸗ mond, nachdem er noch einigemale in ſie ge⸗ drungen hatte, verließ das Zimmer etwas un⸗ muthig, indem er leichthin bemerkte,„wohlan, wenn Sie nicht wollen, muß ich ohne Sie hingehen.“ „Muß“ wiederholte ſie leiſe für ſich, als ſich die Thür hinter ihm ſchloß, und die Noth⸗ wendigkeit wollte ihr nicht ſo recht einleuchten. Osmond hatte ſeit einiger Zeit einen ver⸗ traulichen Umgang mit Lady Johanna und ihrem Gatten angeknüpft, und hätte die Sorge für den kleinen Osmond daheim nicht ihre ganze Seele in Anſpruch genommen, ſie hätte wegen des größeren gewiß mancher Beſorgniß Raum gegeben. Lady Johanna war jetzt als Gattin noch eben ſo leichtſinnig und characterlos, wie früher als Mädchen, ihre ganze Freude ſchien noch immer darin zu beſtehen, die ernſteſten⸗ Dinge in Scherz zu verdrehen. Das Benehmen der Lady Mary in Rüäckſicht ihres Kindes war demnach oft der Gegenſtand ihres Spottes, den jene nicht beachtete, bis ſie zu bemerken glaubte, daß dieſe Sarcasmen auf Osmonds Gemüth einen unangenehmen Eindruck gemacht hatten. 3 Als ſie es abſchlug ihn zu der Geſellſchaft der Lady Johanna zu begleiten, verließ er ſie etwas unmuthig und kehrte erſt ſpät Abends wieder heim. Es war die erſte Unfreund⸗ lichkeit, die er ihr je gezeigt hatte und ihr — 404— ſanftes Herz fühlte ſich tief dadurch verwundet; noch mehr aber, als er, ihr Schweigen und den Kummer, den ſie bei den Gedanken ihn beleidigt zu haben empfand, mißdeutend, ſich auch am nächſten Tage noch kalt und empfind⸗ lich bezeigte. Sie ertrug dieſes Betragen ſo lange ſie es zu ertragen vermochte, als er aber ſich entfernen wollte, um vielleicht auch für heute nicht wiederzukehren, ſuchte ſie vergebens ihre Thränen zurückzuhalten. „Was fehlt Ihnen, Mary? iſt der Kleine etwa kränker?“ fragte Osmond. „Lady Mary ſtammelte leiſe ein Nein,“ wagte aber nicht mehr hinzuzufügen. „Woher denn dieſer Trubſinn?“ fuhr ihr Gatte fort,„Sie werden ſich doch nicht auch jenem Eigenſinn hingeben, der Ihrem Geſchlechte ſo eigenthumlich iſt? Ich glaubte, ich ſey ſo glücklich, eine Gattin zu beſitzen, die über ſolche Grillen erhaben wäre.“ Lady Mary vermochte nichts zu erwiedern; ſie war überzeugt, daß Thränen ihre Stimme erſtickt haben würden, noch bevor ſie auch nur ein einziges Wörtchen hätte ausſprechen können, und ſo ſehr ſie auch Osmond liebte, ſie wollte ihn dennoch in dieſem Augenblick den ganzen Umfang ihrer Liebe nicht zu erkennen geben, denn ſie hielt ihn für unfreundlich— ja für gefühllos. Dies war aber nicht der Fall, denn er litt faſt eben ſo ſehr als ſie, und nichts als Stolz, jener Hauptfehler ſeines Characters, hielt ihn ab, ſie mit der aufrichtigſten Liebe an ſeine Bruſt zu druͤcken. Beide thaten demnach, was manche Andere bei ähnlichen Gelegenheiten gethan haben; jeder von ihnen verkannte die Gefühle des Andern und ſo ſchieden ſie mit kalter Höflichkeit: Os⸗ mond um ſeine Geſchäfte abzumachen, bevor er der Einladung des heutigen Tages Folge leiſtete, Lady Mary um in der Nähe ihres Kindes Linderung für ihren Schmerz zu ſuchen; dieß war in der That ein ſchätzenswerther Troſt, aber er reichte dennoch nicht hin, ihren Kummer zu beſänftigen. Nie noch war ihr ein Morgen ſo ſchwer⸗ muͤthig dahin geſchwunden als der heutige; ſo als ſey es nicht genug an dem wirklichen Übel, peinigte ſie ſich noch mit tauſend Chimären. Sie gedachte des angenehmen Muthwillens, mit dem ſich Lady Johanna bemühen würde, ihren Gatten zu unterhalten und wie grell der Con⸗ traſt in den Augen des letzteren ſeyn müßte, wenn er die Heiterkeit jener mit dem Trubſinn der Gattin daheim vergliche. Sie bereuete, daß ſie erklärt habe, ihn nicht begleiten zu wollen; und wie es denen zu gehen pflegt, die ihrer Phantaſie allzu freies Spiel geſtatten, ging ſie von der Vermuthung bald zur Gewiß⸗ heit über, zur Gewißheit, die ihr Herz mit unendlichen Qualen folterte. Unterdeſſen war Osmond ebenfalls nicht in der beſten Stimmung; mehr als einmal rief ihm eine innere Stimme zu, heim zu kehren und ſich mit ſeiner Gattin auszuſöhnen. Wenn — 197— er aber daran dachte, daß er während der letzten drei Monate alle ſeine Wünſche den ihren untergeordnet hatte, konnte er nicht um⸗ hin, ſich für den beleidigten Theil zu halten. So ſchwankend zwiſchen Liebe und Stolz kehrte er Mittags heim, um ſich anzukleiden. Er hatte ſo eben ſeine Toilette geendet und ſtand nun unentſchloſſen da, ob er ſeine Gattin auf ihrem Zimmer einen Beſuch machen ſolle oder nicht; da klopfte es leiſe an ſeiner Thür und Lady Mary, die ihr Verlangen nach einer Ausſöhnung mit ihrem Gatten nicht länger zu unterdrücken vermochte, zeigte ſich ſeinen Blicken. Der Überreſt ſeines Unmuths ſchwand ſchnell dahin, als er ihre bleiche thränenfeuchte Wange gewahrte;„habe ich Sie beleidigt, Osmond, ſagen Sie mir, hab' ich Sie beleidigt?“ fragte ſie mit ſanfter Stimme. „Theuré, theure Mary!“ mehr vermochte Osmond nicht zu ſprechen, aber es wäre auch unnöthig geweſen noch etwas hinzuzufügen, denn in der verſöhnenden Umarmung, die nun — 108— Statt fand, ward alles Vergangene leicht ver⸗ geſſen. „Und nun, Osmond,“ nahm Lady Mary end⸗ lich wieder das Wort,„wenn es noch nicht zu ſpaͤt iſt, will ich Sie zu Lady Johanna be⸗ gleiten.“. „Sie thun es nicht gern, Lady Mary, blei⸗ ben Sie immerhin daheim,“ entgegnete Os⸗ mond,„ich werde gleich nach dem Mittags⸗ eſſen wiederkehren und Sie zur Oper abholen. Nicht wahr, dorthin begleiten Sie mich?“ Osmond hätte in dieſem Augenblick ſchwer⸗ lich einen Vorſchlag machen können, den ſeine Gattin nicht ſogleich bereitwillig angenommen haben würde. — 109— VIII. Nie noch kleidete ſich eine Braut ſorgfältiger, als es Lady Mary an dieſem Abend that, um ihren Gatten zu gefallen und ſeine Wahl vor den Augen der Welt zu rechtfertigen. Sie er⸗ ſchien jetzt ſeit mehreren Monaten zum erſten⸗ male wieder öffentlich, und Osmond, wußte ſie, hielt auf Glanz und Pracht. Sie hatte dem⸗ nach eine mehr als gewöhnliche Zeit auf ihre Toilette verwandt; ihre Muhe aber war nicht umſonſt geweſen, denn als Osmond erſchien ſie abzuholen, war er über ihr geſchmackvolles Außere erſtaunt. „Ich ſah Sie noch nie ſo ſchön,“ ſprach er, als er ihre Hand erfaßte, um ſie in den Wa⸗ gen zu führen; da trat ein Diener mit einem — 110— Briefe herein:„Mit der kleinen Stadtpoſt,“ ſprach er, indem er das Schreiben überreichte, welches Osmond ohne darauf zu blicken bei Seite warf, um es zu gelegenerer Zeit zu eröffnen, als plötzlich ein Gedanke ſein Gehirn durchflog und er den Brief wieder zur Hand nahm. Jetzt warf er ihn nicht wieder unbeachtet zur Seite, denn kaum hatte er das Siegel und die Aufſchrift aufmerkſam betrachtet, als ſich auch ſeine Wangen entfärbten und er ſchweigend dem Zimmer enteilen wollte. Lady Mary, über dieſen plötzlichen Wandel erſchrocken, folgte ihm bis zur Thür. „Was fehlt Ihnen, mein theurer Osmond?“ fragte ſie beſorgt,„was kann der Brief in Ih⸗ ren Händen enthalten?“ „Nichts von Bedeutung,“ erwiederte Osmond mit einem erzwungenen Lächeln, welches den Kampf, der in ihm tobte, nur ſchlecht verbarg; ich wollte nur fragen, ob etwa jemand auf Antwort warte?“ — 111— „Der Brief kam mit der Stadtpoſt,“ nahm Lady Mary wieder das Wort. Aa, ja, ich vergaß es—“ ſiel Osmond wieder ein,„der Brief iſt von keiner Bedeu⸗ tung— ich habe ihn nicht einmal geleſen— kommen Sie, laſſen Sie uns gehen!“ Und offenbar ängſtlich bemüht, ihre Aufmerkſamkeit von dem Schreiben abzulenken, führte er ſie zum Wagen. Beide aber waren wie durch einen Zauberſchlag der Heiterkeit beraubt, der ſie ſich noch vor wenig Augenblicken erfreuet hatten. Die erzwungene Fröhlichkeit Osmonds trug nur da⸗ zu bei, die Beſorgniß ſeiner Gattin zu vermehren. Ihr Verlangen, etwas von dem Inhalt des Briefes zu erfahren, ſtieg ſo ſehr, daß ſie un⸗ terweges mehreremale im Begriff ſtand, Osmond zu bitten, bei dem Schein der Leuchten ihres Wagens das Schreiben zu leſen, aber ihr Zart⸗ gefühl verhinderte ſie daran, ſie wollte ſich nicht— in ſein Vertrauen drängen, und ſo ward ſie, im höchſten Grade zerſtreut, von Osmond in die Loge der Lady Johanna geführt. — 1½4 Sie fand dieſe in der fröhlichſten Laune mit einem Herrn, den Lady Mary nicht kannte, lachend und ſcherzend, während ihr Gatte, der Oberſt, durch ſeine Lorgnette die Verſammlung muſterte. Nach einem kurzen Geſpräch verließ Osmond die Loge unter dem Vorwande, daß er jemand ſprechen müſſe, den er im Parterre gewahre. Die forſchenden Blicke ſeiner Gattin folgten ihm, ſie war überzeugt daß er ſich nur entfernt habe, um den geheimnißvollen Brief zu leſen. Ihr Gemüthszuſtand machte es ihr unmöglich, an dem Geſchwätz der Lady Johanna Antheil zu nehmen; um ſchweigend nachdenken zu kön⸗ nen, gab ſie vor, daß die Muſik in dieſem Augenblick ihre Aufmerkſamkeit ausſchließlich in Anſpruch nehme; aber ſelbſt Mozarts göttliche Melodieen vermochten ihre Gedanken nicht von dem Zweifel abzuziehen, der ſie quälte. Osmonds Abweſenheit ſchien ihr eine Ewig⸗ keit! Und in der That blieb er auch ungemein lange aus, denn die Oper endete, ja der erſte — 113— Act des Ballets war ſchon vorüber und er kehrte noch immer nicht wieder. Sie fürchtete jeden Augenblick von Lady Johanna eine Bemerkung über ſein langes Ausbleiben zu hören; aber dieſe war ſo ſehr mit ihrem Geſellſchafter be⸗ ſchäftigt, daß ſie Osmonds Abweſenheit ſelbſt nicht einmal bemerkt zu haben ſchien, bis der Oberſt mit jenem Fremden auf einen Augenblick die Loge verließ, wo die geſchwätzige Johanna ſich denn ſofort zur Lady Mary wandte. 5 „Ich freue mich in der That recht ſehr,“ ſprach ſie, ſo als habe ſie Osmonds Gattin erſt jetzt erblickt,„Sie wieder außer Ihrem Hauſe zu ſehen! Leſſingham jammerte darüber daß Sie ſich mit ihrem Kinde ſo ganz in der Einſamkeit begraben— aber da kommt er ja, der Beſie⸗ ger Ihres Herzens,“ fügte ſie hinzu, als ſie die Freude gewahrte die aus Mary's Blicken leuchtete, denn die Thür der Loge öffnete üh und Osmond trat herein. „Wo ſteckten Sie denn?“ rief ihm Lady Jo⸗ bhanna zu; und den ungewöhnlichen Ernſt in Osmond. II. Band 8 — 114— ſeinen Blicken bemerkend, fuhr ſie fort:„Sie ſehen ja ungemein feierlich aus!“ Osmond verſuchte dieſe Anrede mit einem Scherze zu erwiedern, aber ſelbſt Lady Johanna bemerkte, daß er dieſes nur verſuchte. In dieſem Augen⸗ blick kehrte der Oberſt zu ſeiner Gattin zurück, und Osmond wandte ſich zu der ſeinen mit der Bemerkung:„Der Wagen harr't— Mary, ſo bald Sie wünſchen ſich nach Hauſe zu bege⸗ ben.—“ Dies war eine freudige Nachricht für Lady). Mary; ſie erhob ſich, nahm Abſchied von Lady Johanna und entfernte ſich mit Osmond. Jetzt verſuchte dieſer nicht mehr ſich heiter zu ſtellen, er hob ſeine Gemahlin ſchweigend in den Wagen, ſetzte ſich neben ſie und be⸗ deckte ſein Geſicht mit den Händen, dem An⸗ ſchein nach in ſchwermüthiges Nachdenken ver⸗ ſunken. . So ſehr es auch ihrem Zartgefühl wieder⸗ ſtand, ſich in das Vertrauen ihres Gatten zu drängen, war doch dieſesmal die Verſuchung — 145— zu ſtark, als daß ſie ihr hätte widerſtehen können. Als ſie ſich, zu Hauſe angelangt, auf ihr Zimmer begeben hatte, welches über dem Seinigen lag, vernahm ſie wie er unten auf⸗ und abſchritt, wobei er, wie ſie zu hören glaubte, ſein Loos bejammerte und beklagte; da trieb es ſie fort aus ihrer Einſamkeit und ſie eilte hinab, ihm den Troſt darzubieten, den ihre Liebe ihm zu gewähren vermochte. Es war heute das zweitemal, daß ſie ſich in ſeine Nähe drängte und die Beſorgniß wie ſie em⸗ pfangen werden würde, ließ ſie, bevor ſie an die Thür klopfte, einen Augenblick lang ihre Schritte hemmen. Da vernahm ſie deutlich klagende Töne und keinen Moment zögerte ſie länger einzutreten. In dem Eifer, ihn zu be⸗ ruhigen, hatte ſie vergeſſen anzupochen und Osmond, erzürnt uͤber die Störung, ſprang auf (denn ſie bemerkte, daß er gekniet hatte) und rief der Eintretenden, die er in dem erſten Augenblick ſeiner Leidenſchaftlichkeit nicht er⸗ kannte, mit großer Heftigkeit:„fort, fort,“ 2 8 N* — 116— entgegen. So wie er aber gewahrte, wer ſich ihm nahe, ward ſein Ton milder. „Sind Sie es Mary?“ fragte er,„und weshalb kommen Sie? Warum,—“ er zö⸗ gerte,„warum verfolgen Sie mich ſo?“ „Ich komme Sie zu tröſten, Osmond,“ ent⸗ gegnete Lady Mary, ddenn ich weiß, Sie ſind bekümmert. Wenden Sie ſich nicht von mir, mein theurer Gatte— kann ich Ihnen auch nicht helfen, kann ich doch mit Ihnen weinen.“ „Ewiger Gott!“ rief Osmond,„habe ich eine ſolche Milde verdient? bin ich der Liebe dieſes trefflichen Weibes werth?“ Und ſein Geſicht zu ihr wendend, in welchem ein furcht⸗ barer Kampf ſichtbar war, während aus ſeinen Blicken Zärtlichkeit und Bewunderung leuchte⸗ ten, fuhr er fort:„Meine geliebte Mary, Du mein treues Weib, vertraue mir— vertraue meiner fortwährenden Liebe und vergiß, daß ich irgend einen Gedanken habe, den ich Dir nicht bekannte.— Du mußt nicht fragen was mich quält, es wird vorübergehen, gewiß es — 117— wird vorübergehen.—“ So ſprechend ver⸗ ſuchte er zu lächeln, dies Lächeln aber ſchmerzte Lady Mary mehr als ſeine Thränen. Sie ſchwieg, und Osmond, der offenbar ihre Entfernung wünſchte, fuhr ernſthafter fort: „Iſt Ihnen mein Frieden werth— ja, iſt es Ihnen der Ihre, ſo vergeſſen Sie die Bege⸗ benheit dieſes Abends— ich wiederhole Ihnen, wie jene dem Anſchein nach meine Ruhe ge⸗ ſtört haben mag, es iſt nur vorübergehend.— Morgen ſchon ſollen Sie mich froh und heiter finden, bis morgen alſo vergeſſen Sie mich!“ „Sie vergeſſen, Osmond!“ wiederholte Lady Mary, ihn halb zärtlich, halb vorwurfsvoll anblickend. Aber hoffend, daß ihre Entfernung ihm viel⸗ leicht Erleichterung gewähren könne, nahm ſie liebevoll Abſchied von ihm und begab ſich trazrii hinweg. IX. Me einem bangen Vorgefühl erhob ſich am anderen Morgen Lady Mary von ihrem Lager; ſtatt daß Osmond, wie er ihr am geſtrigen Abend verſprochen hatte, heute froh und heiter er⸗ ſcheinen würde, trug ſein bleiches Geſicht, als ſie ihn auf einen Augenblick beim Fruͤhſtück ſah, jetzt faſt noch mehr das Gepräge eines tiefen Kummers, der heftigſten Gemüthsbewegung, und die bange Beſorgniß ſeiner Gattin ſtieg. Sie blickte ihn mit einem ängſtlichen Erſtaunen an, er begegnete ihrem ernſten Blick und wandte ſein Geſicht unmuthig von ihr ab. „Ich beſinde mich nicht ganz wohl,“ ſprach er, ihrer Frage zuvorkommend,„ich weiß ſelbſt nicht, was mir fehlt, meine Nerven ſind angegriffen, es wird voruͤbergehen.“ — 119— „Ich mag nicht darüber befragt werden—“ fuhr er dann ungeduldiger fort,„ich ſage Ihnen ja, ich bin nicht wohl, ich bin ſo reizbar,— ich kann es nicht ertragen wenn man mich mit Fragen quält, die ich nicht zu beantworten ver⸗ mag, ich weiß nicht was mir fehlt!— Nun ſind Sie beleidigt, nicht wahr?“. „Beleidigt— o mein Osmond!“ entgegnete Lady Mary und ſie trat ans Fenſter, um ihre Thränen zu verbergen.. „In der That, Mary, ich begreife nicht, wie Sie ſolchen Thorheiten nachhängen können,“ nahm Osmond unmuthig das Wort; als er aber ihre Zähren bemerkte, ergriff es ihn mächtig und er ſtürzte zum Zimmer hinaus mit einer Verwünſchung gegen ſich ſelbſt, die Marys Herz bis in das Innerſte durchſchnitt. Um Troſt zu ſuchen, begab ſie ſich zu ihrem Kinde.— Der gute Menſch wird in der Er⸗ füllung ſeiner Pflichten ſtets Linderung für ſeine Leiden finden; ſo auch Lady Mary, denn nach⸗ dem ſie einige Stunden mit der Pflege des — 1²⁰0— Kleinen verbracht hatte, war ſie etwas ruhiger und im Stande, Lady Johanna, der ſie geſtern auf ihre dringende Bitte eine Spazierfahrt ver⸗ ſprochen hatte, mit der nöthigen Faſſung zu empfangen. Lady Mary wäre gern daheim geblieben, aber ſie hatte einmal ihr Wort gegeben und wollte das Geſchwätz über ihren Hang zur Ein⸗ ſamkeit nicht vermehren; ſie fuhr demnach mit, an dem frivolen Geſpräch ihrer Begleiterin nur ſo viel Antheil nehmend, als es der Anſtand erforderte. „Haben Sie denn auch ſchon von dem Wun⸗ der von Schönheit im Laden der Allens ge⸗ hört?“ nahm Lady Johanna unter Anderm das Wort,„der Oberſt erzählte mir davon, er be⸗ hauptete, es ſey das lieblichſte Geſchöpf, das je ſeine Augen geſchauet— ſie ſoll ſo etwas Magdalenenartiges an ſich haben, ſo etwas Buͤßendes?“ Lady Mary verneinte es; ſie fuhren nun durch Hampſtead und hatten eben den am - 121— äußeren Ende gelegenen Gaſthof zu Geſicht bekommen, als Lady Mary, die zufällig hin⸗ blickte, zu ihrem Erſtaunen Osmonds Reit⸗ knecht erkannte, der aus der Thuͤr des Wirths⸗ hauſes trat. In der Nähe ſtanden zwei Pferde, eines davon dasjenige, welches Osmond ge⸗ wöhnlich zu reiten pflegte. Es war nicht auffallend, daß Osmond des Morgens einen Spatzierritt machte, daß aber ſeine Pferde und ſein Reitknecht ſeiner vor dieſem abgelegenen Gaſthauſe harreten, ſchien ihr ſeltſam. Dieſe Gedanken durchkreuzten noch ihr Gehirn, als ſie, nachdem der Wagen um eine Ecke gebogen war, Osmond erblickte, der langſam und in tiefen Gedanken verſunken daherſchritt, denn der Wagen rollte an ihm vorüber, ohne daß er ihn bemerkte. Lady Mary's Erſtaunen hätte ſie faſt be⸗ wogen, ſeinen Namen laut auszurufen, aber der Wagen rollte ſo ſchnell vorüber, daß ſie Osmond ſchon weit hinter ſich gelaſſen hatten, als ſie ſich von ihrer Beſtürzung wieder erholte. — 422— Endlich hielten ſie vor einem niederen Häus⸗ chen an; die elegante Lady Johanna, die ſich unmöglich mit der Pflege ihrer Kinder be⸗ ſchäftigen konnte, hatte der Beſitzerin deſſelben ihren jüngſten Knaben übergeben, um hier die erſte Nahrung zu empfangen. Sie hatte mit der Wärterin etwas abzureden und Lady Mary ſchritt unterdeſſen in den Garten, wo ſie ſich, aber nur vergebens bemühte, den durch den Anblick Osmonds aufs Neue in ihrem Innern erregten Tumult zum Schweigen zu bringen. Sie ſchämte ſich der Beſorgniß, die in ihrer Bruſt rege geworden war; es war ein An⸗ flug von Eiferſucht.„Nein, nein,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„ich will mich keinem ſo er⸗ niedrigenden Argwohn hingeben.— Welche Ur⸗ ſache— welchen Grund habe ich, ihm nicht zu trauen? ich will nicht an ihm zweifeln.—“ So ſprechend war ſie zu einer Stelle des Gartens gekommen, wo eine Frau knieete und Kräuter pflückte, ein kleines Kind ſaß am Boden neben ihr. —— —— — 123— Als Lady Mary näher kam, ward ſie von der Knieenden bemerkt; dieſe ſtand ſchnell auf, machte eine tiefe Verbeugung und wollte ſich mit dem Kinde, welches ſich an ihre Schürze hing, entfernen. So wie Lady Mary aber dieſes Letztere einige Augenblicke lang mit Bewunderung be⸗ trachtet hatte, bemächtigte ſich ihrer ein un⸗ endliches Erſtaunen, denn ſie gewahrte eine Ähnlichkeit, die nicht zu verkennen war. So jung auch der Knabe war, denn er mochte höchſtens zwei Jahre zählen, war er doch das lebende Ebenbild Osmonds. Sein dunkles Auge, die langen Brauen, ſeine ſchön geformte Naſe, der Mund, der Umriß des Geſichts, alles wie bei Jenem, Zug für Zug. „Wem gehört dies Kind,“ war Osmonds Gattin ſchon im Begriff auszurufen, ſchnell aber ſich beſinnend, ſtellte ſie ihre Worte gleichgul⸗ tiger:„Iſt das Euer Kind?“ fragte ſie. „Nein, Mylady,“ war die Antwort, mit der ſich die Frau aufs Neue zu entfernen verſuchte. — 124— Lady Mary aber winkte ihr zu bleiben, nahm den Kleinen auf ihren Arm, ſtrich ihm das ſchöne Haar von der Stirn und ſuchte ihn durch Liebkoſungen zum Bleiben zu bewegen. „Das arme, kleine Ding,“ ſprach die Frau, er iſt ſo zu mir gewöhnt— er mag zu nie⸗ mand hin. Ich weiß noch nicht wie er heute gegen den fremden Herrn ſo freundlich war— es war als wußte er, daß es ſein Vater war— der arme Wurm, und hat ihn doch in ſeinem Leben nicht geſehen.“ Lady Mary's Herz brach faſt, ein Schrecken durchzuckte ihre Glieder— ihre Wange ward todtenbleich. „Iſt Ihnen nicht wohl, Mylady?“ fragte die Frau,„ſoll ich—“„Nein, nein, es iſt ſchon wieder vorüber,“ ſtammelte Lady Mary und die ganze Stärke ihrer Seele zuſammennehmend, fragte ſie in einem ſcheinbar gleichgültigem Tone: „wie heißt der Knabe?⸗ „Er hat einen hübſchen Namen, der arme Junge,“ entgegnete die Wärterin,„ſie haben ihn Osmond genannt.— Aber, Mylady, Sie werden ja ohnmächtig—“ Lady Mary war in der That genöthigt, ſich auf einen unfernen Raſenſitz niederzulaſſen; ſie geſtand, daß ihr nicht wohl ſey,„aber ruft niemand herbei,“ ſprach ſie,„ich bin derglei⸗ chen Zufällen unterworfen— es wird ſchon vorübergehen. Ich fühle mich jetzt ſchon beſſer,“ fügte ſie nach einer Weile hinzu, als die Wär⸗ terin ihr ein Glas Waſſer geholt hatte,„ich bin weit beſſer—“ und ſie war es in der That, denn ihre Seelenſtärke war ihr zur Hülfe ge⸗ kommen. h. „Ihr wohnt hier?“ fragte ſie. „Ja, Mylady,“ war die Antwort,„ich ge⸗ höre in das Häuschen dort. Wir ernähren uns indem wir kleine Kinder in die Pflege nehmen.“ „Der Knabe hier iſt Euch alſo auch überge⸗ ben, oder ſorgt ſeine Mutter ſelbſt für ihn?— wohnt ſie hier?“ Lady Mary erröthete über das Zittern ihrer Stimme bei dieſer Frage. — 126— „Nein, Mylady,“ erwiederte die Wärterin, „die Mutter wohnt in London; aber ſie wird es nicht mehr lange machen, das arme Ding!“ „Iſt ſie denn krank?⸗ „Ja, Mylady— ach das iſt eine traurige Geſchichte!“ ¹ Die Erinnerung an ſo manche frühere Auße⸗ rung Osmonds, an ſein geſtriges, an ſein heu⸗ tiges Benehmen, alles ſchien der Seele ſeiner Gattin eine ſchreckenvolle Gewißheit aufzudrin⸗ gen. Eine peinigende Neugier trieb ſie an, noch mehr Fragen zu thun, die ausweichenden Antworten der Wärterin aber, ließen ſie be⸗ merken, daß ſie die Gränzen der Vorſicht uͤber⸗ ſchritten habe. „Ihr müßt mir meine Neugier verzeihen,“ ſprach ſie,„es iſt eigentlich eine Sache—“ ſie ſtockte, denn ſie vermochte nicht hinzuzufügen, „an der ich keinen Antheil nehme.“ „Ach, Mylady,“ entgegnete die Frau, der die Herablaſſung der vornehmen Dame zu ſchmei⸗ cheln ſchien—„ich würde Ihnen gern ſagen 3 wo die Mutter des Kleinen in London wohnt— wüßte ich es nur ſelbſt, aber ich weiß es nicht— ſie kommt jede Woche nur einmal hieher, des Sontags gewöhnlich, und da ſchließe ich denn, daß ſie wahrend den üͤbrigen Tagen Arbeit hat.“ „Und der Vater?“ fragte Lady Mary mit ſichtbarer Gemüthsbewegung. „Von dem weiß ich eben ſo wenig als Sie, Mylady, denn ſo lange ich das Kind in der Pflege habe, hörte ich ſeines Vaters nie er⸗ wähnen, bis heute. Dieſen Morgen kam ein feiner, vornehmer Herr, der begehrte das Kind zu ſehen, welches mir unter dem Namen Os⸗ mond Lascelles anvertraut worden ſey.“ „Unter welchem Namen?“ fragte Lady Mary mit ſchwacher Stimme, während ſie ihre Hand auf ihr Herz legte, um das laute Pochen deſſel⸗ ben zu hemmen. Die Wärterin ſprach den Namen noch ein⸗ mal aus,„und als ich ihm das Kind brachte,“ fuhr ſie fort,„nahm er es auf ſeinen Arm und küßte es und druckte es, und bat mich, ihn — 4123— mit dem Knaben allein zu laſſen; der aber wollte nicht ohne mich bleiben, und ſo blieb ich denn auch.— Ach, wenn Sie geſehen hätten, Mylady, wie er endlich aufſtand und ging, und ſich die Thränen trocknete. Ich ſelbſt mußte weinen, als er den Kleinen einmal über das andere ſein liebes verlaſſenes Kind nannte. Lady Mary ſeufzte tief.„Seit wie lange iſt er fort?“ fragte ſie nach einer kurzen Pauſe. „Seit einer halben Stunde,“ war die Antwort. In dieſem Augenblick rief die rauhe Stimme ihres Mannes die Frau zum Mittagseſſen. Sie wollte forteilen, Lady Mary aber hielt ſie noch zurück; ſie nahm das Kind noch einmal auf ih⸗ ren Arm, und drückte einen Kuß auf ſeine Wange:„armer, armer Knabe,“ ſprach ſie, in⸗ dem ſie es der Wärterin hinreichte, und ihr mit der Hand ein Zeichen gab, ſich zu entfer⸗ nen; die Frau gehorchte. So ſich nun ſelbſt überlaſſen, hätte ſich Lady Mary gern ihrem Schmerze hingegeben! aber ihre augenblickliche Lage erlaubte ihr dieſen Troſt nicht. Lady Johanna konnte ſie jeden Augen⸗ blick abrufen; ſie fühlte demnach, daß ſie den Sturm in ihrem Inneren durchaus beſchwichti⸗ gen müſſe, denn in der Mitte ihres Kummers machte die Zärtlichkeit und Achtung, die ſie für Osmond hegte, ſie vor dem Gedanken zuruck⸗ beben, daß ihre leichtfertige Begleiterin die Urſache ihres Schmerzes errathen möchte. „Ich werde noch Zeit genug haben, mein Elend zu beweinen,“ ſprach ſie, indem ſie mit ungleichen Schritten dem Hauſe zuſchwankte. „So von ihm behandelt zu werden! aber ich darf nicht daran denken— nein, nein ich darf nicht daran denken!— Nur ein Stündchen noch Faſſung— und ich kann ungeſtört weinen!“— Dann aber ſenkte die Hoffnung einen Strahl in ihre Bruſt.„War es denn auch gewiß Os⸗ monds Kind? war ihm nicht vielleicht ſelbſt das Daſeyn deſſelben unbekannt? welche Beweiſe hatte ſie?“— Ach dieſe ſchmeichelnde Selbſt⸗ täuſchung ſchwand nur zu ſchnell wieder dahin; eine Reihe von Zufällen hatte ſie geheimnißvoll Oomond. II. Vand. 9 — 130— zu der Kenntniß deſſen geführt, was ihr, ihr ganzes zukünftiges Leben verbittern mußte. Noch vor wenigen Tagen war Sie ein glückli⸗ ches Weib— eine glückliche Mutter! Mutter? ach mit welchem Schmerze ſprach ſie jetzt dieſes Wort aus.— Ihr Kind— ihr ſo theuer— beſaß die Liebe des Vaters nicht ungetheilt. Seine Rechte auf die ganze Zärtlichkeit deſſel⸗ ben wurden durch andere Anſprüche beſtritten, die zwar weniger geſetzmäßig— dem Vater aber eben ſo theuer, ja vielleicht theurer waren!“ In dieſem Sturm ihres Inneren unterbrach ſie Lady Johannas Diener mit der Nachricht, daß ſeine Gebieterin zur Rückkehr bereit ſey, und ſo befand ſich Lady Mary ſchon nach we⸗ nigen Augenblicken auf dem Wege nach London in einem furchtbaren Gemüthszuſtande, der ihr um ſo unerträͤglicher wurde, da ſie genöthigt war ihn vor ihrer Begleiterin zu verbergen. So langte ſie zu Hauſe an. 3 Der Zeitpunkt war jetzt da, jener in der Ehe ſo furchtbare Zeitpunkt, wo jeder Theil — 131— die Abweſenheit des Anderen wünſcht, wo es jedem Troſt gewährt, den Andern fern zu wiſſen. Die einzige Erleichterung, die ihr bei ihrer Rückkehr nach Hauſe ward, war der Gedanke, daß Osmond eine Einladung für den heutigen Tag angenommen habe und nicht zum Mittags⸗ eſſen kommen würde, ſo daß ſie Zeit gewänne, über ihr künftiges Betragen gegen ihn nach⸗ zudenken. Wie aber ſollte ſie ſich benehmen?— Über das ihr zugefügte Unrecht erzürnt erſcheinen? ach, das verſtand ſie ſo wenig! ihre Liebe für Osmond uͤberwog jedes andere Gefühl! Vielleicht hatte er ja auch ſeinen Fehltritt längſt bereuet,— vielleicht war der Beſuch bei ſeinem Kinde nur eine Handlung der Menſch⸗ lichkeit— eher des Lobes als des Tadels werth, ja, ja gewiß ſo war es! Und ſie ſchwieg um ihr Unglück aus dieſem Geſichtspunkte zu betrachten, ſich bemühend, aus jedem Umſtande, deſſen ſie ſich erinnerte, Troſt zu ſammeln. 9* — 132.— Daß er nie zuvor dort— daß das Kind ihm fremd war; ein Umſtand, der ſchwerlich Statt gehabt haben würde, hätte er ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit der Mutter des Knaben fortgeſetzt; das Alter des Kleinen—„ach ich war zu raſch, zu raſch!“ rief ſie,„ich habe ihn zu ſchnell ver⸗ dammt!“ Und in der Rückkehr ihres Ver⸗ trauens wünſchte ſie faſt ſeine Nähe, um ſich ihm in die Arme zu werfen und ihm den Arg⸗ wohn zu bekennen, den ſie in Rückſicht ſeiner genährt habe; dann würde er ſie beruhigen und ſein Herz durch Mittheilung erleichtern— aber ach, würde er es auch— würde er ihr auch ſein Geheimniß entſchleiern? und neue Zweifel erfüllten ihre Bruſt. „Daß er mir vertraue,“ ſprach ſie,„daß muß ich meiner künftigen Ruhe wegen zu erringen ſuchen. Ohne ſein Vertrauen iſt alles verloren— unſere Freude an einander auf immer dahin! unſere Ausſichten auf Glück ſind verſchwunden! O, mein Gott, erſpare mir — 133— dieſe furchtbare Prüfung— laß mich nicht Os⸗ monds Liebe verlieren!“ Und auf ihre Kniee niederſinkend, ſprachen ihre zum Himmel emporgehobenen Blicke und Hände, deutlicher als Worte, ein inniges from⸗ mes Gebet aus. Der Abend erſchien und fand ſie ruhiger; ſie hatte alles ſorgſam überdacht, und das Re⸗ ſultat ihres Nachdenkens war die Uberzeugung, daß, wie auch immer Osmonds Betragen ge⸗ weſen ſeyn mochte, die Niedergeſchlagenheit ſeines ganzen Weſens von der aufrichtigſten Reue zeuge; und daß ſie demnach durchaus keine Strenge gegen ihn beobachten, ſondern ſich be⸗ mühen müſſe, ſeine Liebe zu bewahren, ruhig erwartend, bis er ihr ſelbſt das Geſtändniß ſeines Fehltritts ablegen würde, ohne ihm auch nur durch eine Anſpielung zu verrathen, daß ſie um daſſelbe wiſſe. X. Wenige Menſchen waren, wie wir es auch ſchon früher bemerkt haben, in der Ausführung ihrer Entſchlüſſe ſtandhafter, als Lady Mary; aber ſie war jetzt zu einer Prüfung berufen, weit ernſter als ſie je zuvor eine erfahren hatte, denn ſie war beſtimmt zu empfinden, wie furchtbar der Kampf ſelbſt in dem fromm⸗ ſten Gemüthe tobt, wenn es mit der ſtärkſten Leidenſchaft der menſchlichen Bruſt zu ſtreiten hat. Ein Monat ſchwand dahin, ohne daß ihr Osmond das gewünſchte Vertrauen ſchenkte; er war zwar im allgemeinen freundlich gegen ſie, aber ſie ſah ihn nicht oft, denn er war nur ſelten zu Hauſe. Ihr Bemuͤhen, ſich ſo gegen ihn zu beneh⸗ men, als ob ſie nicht das Geringſte von ſeinem 8 — 135— Geheimniß wiſſe, ſchien indeß nicht fruchtlos bleiben zu wollen. Ihre natürliche Seelen⸗ ſtärke, unterſtützt von ihrem ungemein religiöſen Sinn, ſetzte ſie in den Stand, jedes leiden⸗ ſchaftliche Gefühl mit großem Heldenmuthe zu bekämpfen. Nur einſam bei der Wiege ihres Kindes erlaubte ſie ihren Thränen zu fließen. Eines Abends, nachdem ſie ſchwermüthig den Kleinen zur Ruhe gebracht hatte, begab ſte ſich, da ſie ohnehin Osmond noch im Parla⸗ mente beſchäftigt glaubte, in das Bücherzimmer der Familie; um ihren Geiſt von den trüb⸗ ſinnigen Betrachtungen, die ihn umfangen hiel⸗ ten, abzuziehn, nahm ſie ein Buch zur Hand, aber es half zu nichts, ihre Schwermuth war heute nicht zu beſiegen. 5 „Mein Glück iſt dahin— auf immer dahin,“ war der einzige Gedanke, dem ſie Raum zu geben vermochte. Das Buch entſank ihrer Hand— unwillkuͤhrlich neigte ſie ihr Haupt in dieſelbe und ihre Thränen floſſen, bis der Gott des Schlummers Mitleid mit ihr empfand und ſie ihres Kummers auf Augenblicke enthob. In dieſem Zuſtande der Vergeſſenheit fand ſie Osmond, der das Parlament ſo früh als möglich verlaſſen hatte, um zu einer Zuſam⸗ menkunft mit jemand zu eilen, der ſeinem Auge längſt fremd geworden, ſeinem Herzen aber noch immer theuer war. Als er, bevor er das Haus verließ, durch das Bücherzimmer ſchritt, war er nicht wenig erſtaunt, hier ſeine Gattin zu erblicken. Die bang durchwachten Nächte, der Kummer, der ſie am Tage verzehrte, hatten ihre Kräfte ſo ſehr erſchöpft, daß der Schlaf, der die Herr⸗ ſchaft über ſie gewonnen hatte, ſie mit bleiernen Armen umfangen hielt, ſo daß ſelbſt Osmonds geräuſchvolles Eintreten ſie nicht erweckte. Erſtaunt, daß ſie keine Notiz von ihm nahm, trat er näher und nannte ihren Namen, ſie aber erwiederte nichts, denn ſie ſchlief noch immer. Er bemerkte dies endlich; aber ſo ſanft, ſo ruhig, ſo leidend war der Character — 437— ihres Schlummers, daß er einige Augenblicke daſtand, ſie mit Liebe und Bewunderung be⸗ trachtend. Ihr bleiches Geſicht ruhte auf ihren blen⸗ dend weißen Arm und über ihre Wange rollten noch immer einzelne Thränen herab, wenn ſchon die Augen, denen ſie entperlten, geſchloſſen waren. Aber obgleich ſie weinte, hielt dennoch ein himmliſches Lächeln ihren Mund umzogen, ein Lacheln, welches eine Hoffnung auf eine beſſere Welt verkuͤndete. Sie duldete, aber ſie duldete wie eine Heilige! Osmond neigte ſich immer näher und näher zu ihr hinab— dann trat er wieder einige Schritte zurück, um ſie aus der Ferne zu betrachten, bald wandte er ſein Ge⸗ ſicht mit einem tiefen Seufzer von ihr ab, bald ſchauete er wieder mit inniger Theilnahme auf ſie hin. 1 „Liebenswürdigſte, beſte deines Geſchlechts,“ ſprach er,„wäre ich Deiner doch würdiger,— oder hätten wir uns nie geſehen.— Und ſo ſprechend berührte er leiſe ihre Wange mit ſeinen Lippen, aber ſo leicht auch die Lieb⸗ koſung war, ſie ſchien dennoch bis in ihr Herz zu dringen, ſie murmelte einige unverſtänd⸗ liche Worte, fuhr dann plötzlich aus ihrem Schlummer empor und rief, als ſie Osmond erblickte, mit freudigem Erſtaunen:„Ach Sie ſind es, mein theurer Gemahl!“ Sie reichte ihm freundlich ihre Hand hin. Er erfaßte ſie und begann darüber zu ſcher⸗ zen, daß er ſie hier ſchlummernd gefunden habe,— ſeine erzwungene Heiterkeit aber ſchwand ſchnell wieder dahin und er machte An⸗ ſtalt ſich zu entfernen. Die plötzliche Freude welche Lady Mary über das unerwartete Erſcheinen ihres Gatten empfun⸗ den hatte ging ebenfalls ſchnell wieder vorüber, ſo wie ſie den Ernſt und den Trübſinn in ſei⸗ nem Geſichte bemerkte, die heute eine noch dunklere Farbe zu tragen ſchienen als gewöhnlich. Und dies war in der That auch der Fall, denn Reue und Unentſchloſſenheit peinigten ſeine 4 — 139— Seele. Er fuͤhlte, daß er an einem Abgrunde ſtehe, in den er zwar noch nicht herabgeſtürzt ſey, der ihn aber in dem nächſten Moment ver⸗ ſchlingen könne. In dieſem geiſtigen Labyrinth kehrte die un⸗ glückliche Leidenſchaftlichkeit ſeines Gemüths zu⸗ rück, um ihn ſeinem Untergange entgegen zu führen. Im ewigen Kampf mit ſich ſelbſt, und überzeugt, daß der Streit ſeiner Gefühle auf ſeinem Geſichte zu leſen ſeyn möchte, konnte er. den forſchenden Blick nicht ertragen, mit dem Lady Mary ihn ſchweigend betrachtete. Es war in der That ein durchdringender Blick— ein Blick vor dem ſein Gewiſſen er⸗ bebte:— er war nicht ſtrenge, nicht vorwurfs⸗ voll— er war ernſt und warnend, er ſprach deutlicher als die lauteſte Sprache:„Osmond, Osmond, Du täuſcheſt mich— Du ſpielſt mit meiner Liebe— Du bedeckſt Dich und mich mit Schande— Du ſtürzeſt uns Beide ins Elend!— Etwas Ahnliches hatten ihre Blicke ſchon in der letzten Zeit ausgeſprochen, aber ſein Stolz — 140— hatte ihn abgehalten über die Bedeutung der⸗ ſelben nachzudenken, denn er meynte, er ver⸗ diene bis jetzt kein Mißtrauen. Nun aber ſtand er in Gefahr ſich deſſen bald nicht mehr rühmen zu können, und deshalb eben durchdrang ihn der Blick ſeiner Gattin mit ungewöhnlicher Macht. Aber der Gedanke, daß ihn das Auge eines Weibes ſchrecken könne, obſchon dieſes Weib ſeine zärtliche, geliebte Gattin war, empörte ſeinen Stolz.„Beſſer ich werde, wozu mich das Schickſal beſtimmt,“ ſprach er mit verzweif⸗ lungsvoller Ungeduld zu ſich ſelbſt,“ ein Böſe⸗ wicht— ein Elender— ols daß ich dergeſtalt ſchwanke.“ Und als dieſer Gedanke ſeine Seele durchkreuzte, warf er ſeinen Mantel um, und mit dem Zuruf:„gute Nacht, Mary!“ wollte er von dannen; ſie aber hielt ihn zurück. Sie hatte ihn nicht umſonſt ſo ſcharf beob⸗ achtet— es war ihr nicht entgangen, daß et⸗ was ganz Ungewöhnliches ihn ſo ſtark bewege,— irgend eine Verſuchung— irgend ein gewalti⸗ — 141— ger Einfluß mußte obwalten. Ihre Hand er⸗ faßte krampfhaft die ſeine, ſie vermochte keine Worte über ihre Lippen zu bringen als: Os⸗ mond, mein theurer Osmond!“ von Gefühlen uͤberwältigt, verbarg ſie ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. „Um Gotteswillen Mary, was fehlt Ihnen?“ fragte Osmond, von dem Ausbruch eines Gra⸗ mes überraſcht, den er, falls ſeine Gattin nicht ſeine Gedanken errathen konnte, nicht zu ent⸗ räthſeln wußte.„Was fehlt Ihnen denn?“ wiederholte er in einem etwas ſchärferem Tone, denn der Gedanke, daß auch ſie von weiblicher Laune und von Eiferſucht nicht ganz frei ſey, durchfuhr ſeinen Sinn. Dieſer Ton ſtimmte mit den Gefühlen, die ſie beſtürmten, nur ſchlecht überein. Wäre ſeine Frage ſanfter, zärtlicher ausgeſprochen worden, ſie hatte Muth faſſen, ihm ihr volles Herz ausſchütten, ihn um ſein Vertrauen bitten können. Seine Kaͤlte aber machte ſie er⸗ — 142— ſtarren, ſie richtete ſich auf und wandte ſich von ihm. 4 Osmond ſtand noch einige Augenblicke in ei⸗ nem furchtbaren Kampfe da; er ſchämte ſich des Mangels an Theilnahme, den er an den Tag legte, er zuͤrnte auf ſeine Gattin, daß ſie ſich unglücklich fühle,— er zuürnte auf ſich ſelbſt, daß er ſie unglücklich mache— er war über alle Beſchreibung elend. Während er noch ſo da ſtand, unentſchloſſen, ob er gehen, ob er bleiben ſollte, bemühte ſich Lady Mary hinlängliche Faſſung zu gewinnen, um mit Ruhe ſprechen zu können. Er beobachtete ſie mit verſtohlenen Blicken, denn es ſchien als wage er weder ihren Worten noch ihren Augen zu begegnen, aber offenbar erwartete er ihre Anrede, denn ſo wie ſie zu ſprechen begann, wandte er ſich ſchnell zu ihr. „Was mir fehlt, fragten Sie, Osmond,“ ſprach Lady Mary,„können Sie das noch fra⸗ gen,— können Sie.—“ Sie vermochte nicht fortzufahren. — 143— In ſichtbarer Bekümmerniß ſchritt Osmond im Zimmer auf und ab.„Einſt war ich glück⸗ lich!—“ fuhr die leidende Gattin fort, aber unfähig weiter zu ſprechen, ſank ſie zuruͤck auf ihren Sitz.„Gehen Sie— gehen Sie,“ ſtam⸗ melte ſie,„wohin ihr Herz Sie ruft, und ſeyn Sie glücklich, wenn Sie können.“ Dieſe letzten Worte ſprach ſie mit einer un⸗ gewöhnlichen Heftigkeit aus, welche Osmond neu war und ihm mißfiel. Er blickte einige Augenblicke ſchweigend auf ſie, ſo als wolle er ihre innerſten Gedanken erforſchen; mehr als einmal ſchien er etwas ſagen zu wollen, aber die Worte erſtarben ihm ſtets wieder auf den Lippen. Endlich, ſo als ſtehe nun ſein Ent⸗ ſchluß feſt, ſtürzte er zum Zimmer hinaus. Kaum war er fort, als ſich auch ſchon Lady Mary die bitterſten Vorwürfe über ihre Hef⸗ tigkeit machte; wäre ſie ſanfter geweſen, er wäre vielleicht geblieben. Aber ſie hatte es ja verſucht. Sie hatte ſich ja bemüht, ihn durch Liebkoſungen, durch Thränen, zurückzuhalten,— — 144— er hatte ja nicht darauf geachtet— und wenn ſie auch einen leichten Unmuth zeigte, ver⸗ diente dieſer eine ſolche Behandlung!— Unter dieſen Wechſel von Gefühlen ſchwand ihr ſo die Nacht dahin. Als der Morgen dämmerte, ſtieg ihre Un⸗ ruhe: Osmond war noch nicht zurückgekehrt. Seitdem ſie mit ihm verheirathet war, war er noch nie ſo lange ausgeblieben. Die Phan⸗ taſie, dieſe der Ruhe ſo gefährliche Feindin, ſchuf ihr eine Menge von Schrecken, die dieſer erſte Schritt zur Folge haben könnte. Die Strahlen der aufgehenden Sonne ver⸗ ſcheuchten die Dämmerung; es war ein milder Sommermorgen und Lady Mary erhob ſich von ihrem Lager, auf dem ſie keinen Schlummer gefunden hatte und ſetzte ſich ans Fenſter, um Osmonds Rückkehr zu erwarten. Sie öffnete das Fenſter, der friſche Morgen⸗ hauch ſchien wohlthätig auf ſie zu wirken,— ſie hatte von ihrem Zimmer aus die Ausſicht auf den Park, wo jeder Baum, jedes grüne Plätzchen in dem Glanz der Morgenſonne neu belebt er⸗ ſchien; junge Vögel hüpften fröhlich in den Zwei⸗ gen und Balſendüfte füllten die Luft. „Ach wäre ich doch noch in meiner friedlichen Wohnung, die ich, wie ich ſchon damals fühlte, nie hätte verlaſſen ſollen,“ ſprach ſie gedanken⸗ voll.„Ich wußte, daß dieſe Stadt der Verſuchung und der Gefahr, das Grab meines Glüͤcks ſeyn würde! Warum gab ich meinem Herzen nach, warum hörte ich nicht die Stimme der Ver⸗ nunft?“ Ihre ſchwermüthigen Betrachtungen wurden nur von dem Schall der unfernen Thurmglocke unterbrochen, die in abgemeſſenen Zeiträumen ihre Viertelſtunden verkundete, nicht achtend, ob ſie der leidenden Mary ſchnell oder langſam da⸗ hinſchwanden.. Ihre Angſt ſtieg aufs Höchſte, als es ſechs, ſieben, acht Uhr ſchlug und Osmond noch immer nicht wiederkehrte. Sie ſchuf ſich Gefahren über Gefahren, in die er gerathen ſeyn könne. Schon war die neunte Stunde vorüber und in großer Osmond. II. Band. 10 Angſt ſchritt ſie in ihrem Zimmer auf und ab, als plötzlich an das Haus gepocht ward. Sie flog zur Gallerie und blickte hinunter; es war Osmond der eintrat. Sie wollte ihm freudig entgegeneilen, als ſie aber bemerkte, daß er die Treppe heraufkam, begab ſie ſich in ihr Gemach zurück. Sie hörte wie er in das Bücherzimmer ging und die Thür hinter ſich ſorgfältig verſchloß, ſo als fürchte er geſtört zu werden. Dies Betragen ſchnitt tief in Lady Marys Herz, denn ſie meynte, es zeige nicht bloß von Osmonds fortdauerndem Unmuthe gegen ſie, ſondern von ſeiner Gleichgültigkeit in Ruͤckſicht der Beſorgniß, die, wie er wohl wiſſen mußte, ſein langes Ausbleiben bei ihr erregt haben wurde. Der ganze Morgen verging, ohne daß Osmond das Bücherzimmer verließ und Lady Mary be⸗ mühte ſich nur einige Ruhe in den Gedanken zu finden, daß ſie an der obwaltenden Uneinigkeit mit ihrem Gatten ſchuldlos ſey; aber ihr Elend war darum nicht geringer.„Ja, die ſchwarze Stunde iſt gekommen,“ ſprach ſie in Thränen ausbrechend,„ich habe ſeine Liebe verloren! Meine Tage werden fortan in Zweifel und Miß⸗ trauen dahinſchleichen; ich bin die Beleidigte, aber ich muß ſchweigen!“ Noch war ihre Wange von Thraͤnen feucht, da trat Osmond zu ihr ins Zimmer.— Statt ſich ihr aber freundlich und zuvorkommend zu nähern, wünſchte er ihr nur gleichgültig einen guten Morgen und fragte, ob ſie nicht heute zum Mittagseſſen bei der Lady Johanna verſagt waͤren. Lady Mary bemühte ſich die Thränen zu unter⸗ drücken, die ihren Augen entquillen wollten und erwiederte:„ich glaube ja— doch werden Sie wohl allein—“ „Sie wollen nicht mit?“ „Nein, ich bin nicht ganz wohl und muß Sie bitten, mich zu entſchuldigen,“ erwiederte Lady Mary mit einiger Kälte. 10* — 148— Osmond blickte einen Augenblick ernſt, ja faſt ſtrenge auf ſie. Der Gram ihrer Seele aber ſprach zu deutlich aus ihrem Geſicht, als daß er darüber hätte ſchweigen können, ſollte ſie ſein Betragen nicht für noch etwas Schlimmeres als für Gleichgültigkeit halten. „Fehlt Ihnen in der That etwas, oder—“ iſt es nur weiblicher Eigenſinn? wollte er fragen, aber er vermochte dennoch nicht, das kränkende Wort auszuſprechen. „Ich denke es ſoll nicht von Bedeutung ſeyn,“ erwiederte Lady Mary, indem ſie ſich mit weib⸗ licher Würde von ihm wandte. Osmond ſprang heftig vom Sopha auf, auf dem er neben ihr geſeſſen hatte und ſchritt der Thür zu; noch bevor er aber dieſe erreicht hatte, änderte er ſeinen Entſchluß, und ſich aufs Neue zu ſeiner Gattin wendend, ſprach er mit einem leidenſchaftlichen Tone:„ich habe Sie geliebt, Lady Mary, beim ewigen Gott! ich habe Sie geachtet und verehrt,— ich glaubte die Welt hätte nicht Ihresgleichen an Tugend 1 b — 149— und Güte. Aber meine Meynung kann ſich ändern, Ihr unwürdiger Argwohn, Ihre Laune— Ihre Kaͤlte könnten ihre Wirkung äußern! Dieſer grundloſe Unmuth!“— „Grundlos?“ wiederholte Lady Mary. „Allerdings grundlos;“ fuhr Osmond mit ſteigender Heftigkeit fort,„weſſen können Sie mich anklagen, wodurch Ihr Betragen gerecht⸗ fertigt wuͤrde?“ „Der offenbarſten Vernachläͤſſigung,“ ent⸗ gegnete Lady Mary mit ſo vieler Ruhe, als zu behaupten in ihrer Macht ſtand,„denn Sie werden ja ſelbſt fühlen, Osmond, daß Ihr langes Ansbleiben mich ängſtigen und beſorgt machen mußte, obgleich ich einzuſehn beginne,“ dies ſprach ſie mit einem Lächeln, welches aber keinesweges die Faſſung verrieth, die es beur⸗ kunden ſollte,„obgleich ich einſehe, daß es thörigt von mir war, Ihretwegen in Sorgen zu ſeyn.“ — 150— Bei dieſer Bemerkung ſtieg Osmonds Wuth aufs Höchſte, aber er zwang ſich ruhig zu bleiben. „Bevor Sie eine ſolche Anſpielung wagen, ſollten Sie den Grund prüfen, auf dem Sie wandeln,“ ſprach er,„vielleicht hätten Sie ſich Ihres Argwohns geſchämt.— Es wäre mög⸗ lich, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, daß ich die letzte Nacht in Gebet und Buße ver⸗ brachte;— in der bitterſten Reue, in der furchtbarſten Angſt,— es wäre möglich, daß ſie mir eine Nacht des Kummers war— qual⸗ voller, als ich je eine durchlebte.— Er konnte nichts mehr hinzufügen, ſondern ſtürzte in der heftigſten Gemuthsbewegung zum Zimmer hin⸗ aus, Lady Mary vor Erſtaunen ſprachlos zurück⸗ laſſend. 4 V V XI Ua Osmonds geheimnißvolles Benehmen uns erklären zu können, müſſen wir zu den Ver⸗ hältniſſen zuruͤckkehren, in welchen wir Caroline Lascelles verließen. Unſere Leſer werden ſich erinnern, daß ihre Anverwandtin, Miſtreß Allen, mit großer Bereitwilligkeit verſprach, ihr in ih⸗ rer traurigen Lage beizuſtehn. Dieſes Verſprechen erfͤllte ſie auf das Ge⸗ naueſte, denn um jeden Verdacht von Carolinen fern zu halten, brachte ſie dieſe nach einer an⸗ dern Gegend der Stadt, wo ſie ſie mit allem Möglichen zu ihrer Bequemlichkeit verſorgte. Die Unglückliche ward endlich Mutter eines Sohnes, der ihr trotz der ſchrecklichen Lage in der ſie ihn gebar, dennoch ſo theuer war, daß — 152— es der ernſteſten Vorſtellungen der Miſtreß Allen bedurfte, Caroline zu bewegen, ſich von ihm zu trennen, als ſie ſich in ſoweit herge⸗ ſtellt fühlte in das Haus ihrer Anverwandtin zurückkehren zu können. Laut weinend und mit tiefen Seufzern, ſah Caroline ihr liebes theures Kind der Sorge Anderer übergeben, nur von der Verſicherung der Miſtreß Allen, daß ſie den Kleinen ein⸗ mal die Woche beſuchen ſollte, einigermaßen getröſtet. Bei ihrer Rückkehr in das Haus ihrer Anver⸗ wandtin aber überzeugte ſie ſich bald, daß dieſe entſchloſſen ſey, ihre Nichte rückſichtlich ihres Verſprechens, die durch ihre Niederkunft herbeigeführten Koſten durch die angeſtrengteſte Arbeit wieder einzubringen, beim Wort zu faſſen. Miſtreß Allen hatte jetzt gerade ungemein viel zu thun, und Caroline mußte tüchtig Hand ans Werk legen; dieß that ſie gern, denn ihr Herz war zu ſehr von Dankbarkeit erfüllt, als daß ſie nicht freudig jede Gelegenheit, die ſich ihr — 153— darbot, haͤtte ergreifen ſollen jene an den Tag zu legen. Aber ſo ſehr ſie ſich auch der Miſtreß Allen verpflichtet fühlte, konnte ſie doch nicht umhin, oft über das räthſelhafte Betragen, welches dieſe ſonſt ſo eigennützige Frau gegen ſie beobachtete, nachzudenken. Sie war nie von ihr über den Namen ihres Verführers befragt worden, noch hatte überhaupt das Benehmen der Tante ge⸗ gen ſie, ihre Verſicherung, daß ſie nur aus Menſchenfreundlichkeit ſo handele, im geringſten Lügen geſtraft. So beruhigend dieſes auch für Caroline war, lag doch in dem ganzen Weſen der Miſtreß Allen etwas, das ſie nicht begreifen konnte; aber ſich glücklich ſchätzend eine Freundin gefun⸗ den zu haben, in einem Augenblick, wo ihr eine Freundin ſo nöthig war, verlor ſich bei ihr jedes Nachdenken darüber in den neuen Empfindungen, die bei dem jedesmaligen Beſuch bei ihrem Kinde ihre Bruſt erfüllten und ihr die Tage der Trennung von ihm erträglich machten. Mehr als ein Jahr ſchwand ſo dahin, und Carolinens Geſundheit begann unter der ange⸗ ſtrengten ſitzenden Arbeit zu leiden, als ſie in den öffentlichen Blättern die Anzeige von Os⸗ monds Vermählung las. Sie hatte ſich zwar keiner Erwartung hingegeben, daß er je bei ihr ſeinen Antrag erneuern würde,— aber eine ſchwache Hoffnung hatte ſie dennoch genährt, daß das Schickſal ſie einmal wieder zuſammen⸗ führen könne; ein Begegnen, welches ſie, wie ſie ſich überredete, nur deshalb wünſchte, um ihrem Kinde den Beſchützer zuzuſichern, auf den die Natur ihm die gerechteſten Anſprüche gege⸗ ben hatte. Jetzt aber machte dieſer Wunſch völlig ent⸗ gegengeſetzten Gefüͤhlen Platz; die Leiden, welche die Bekanntſchaft mit ihm über ſie herbeige⸗ führt hatte, mußten ſie mit Widerwillen gegen den Gedanken erfüllen, den Schutz eines Man⸗ nes aufzufordern, der ſie, wie es ſchien, völlig vergeſſen hatte. Weit lieber wollte ſie noch angeſtrengter arbeiten, um ihrem Knaben die Zuneigung und die fernere Unterſtützung ihrer Tante zu erhalten. Aber ach, ihre zarte Geſundheit nahm mit jedem Tage immer mehr und mehr ab, die Arbeit entſank oft ihrer zitternden Hand; aber ſie klagte nicht, ſie duldete ſchweigend. Ihr augenſcheinliches Dahinwelken beunruhigte end⸗ lich ihre Anverwandtin, die ihres eignen Nutzens wegen wünſchte, die Geſundheit ihrer Nichte bald wieder hergeſtellt zu ſehn und ſo machte ſie Carolinen den Vorſchlag, ſich auf einige Wochen nach Hampſtead zu ihrem Kinde zu be⸗ geben, wo die freiere Luft ihr zuträglich ſeyn dürfe. Kein Anerbieten konnte der Dulderin er⸗ freulicher ſeyn, nur ein Umſtand verhinderte ſie, es auf der Stelle dankbar anzunehmen. Dies war nehmlich die Unmöglichkeit, ſich dort ſo lange ohne die Unterſtützung der Miſtreß Allen zu erhalten, der ſie ſchon zu ſehr ver⸗ pflichtet war, als daß ſie ihre Schuld hätte vergrößern mögen. Sie lehnte daher den Vor⸗ — 156— ſchlag ab, verſichernd, ſie hoffe, ihre Geſund⸗ heit werde auch ſo wiederkehren; da aber Miſtreß Allen durchaus auf dieſe Maaßregel beſtand, war ſie endlich genöthigt zu erklären, daß ſie ſie nicht ausführen könne. „Hierauf entgegnete Miſtreß Allen, daß ſie nicht umhin könne, ſie albern zu nennen: Du brauchſt Dich ja nur an Greville zu wenden, Caroline!“ ſprach ſie. „An Greville!“ wiederholte ihre Nichte mit einem Erſtaunen, welches ihre Tante für Ver⸗ ſtellung hielt und darüber dergeſtalt in Zorn gerieth, daß ſie in ihrem Unmuthe mehr her⸗ ausſtieß, als ſie bei kälterem Blute geäußert haben würde. 1 „Ja, ja, an Herrn Greville!“ rief ſie heftig, „hielteſt Du mich denn für thörigt genug, meine erſparten Pfennige für Deine kleine Brut hin⸗ zugeben, ohne daß ich gewußt häatte, wie ſie mir wieder zu Hauſe kommen würden. „Sie haben ſich doch nicht an Herrn Gre⸗ ville gewandt?“ fragte Caroline in unbeſchreib⸗ barer Angſt,„um Gotteswillen, ſprechen Sie!—“ Die Tante ſchwieg.—„Allmächtiger Vater im Himmel, was ſoll ich beginnen,“ jammerte Caroline und in Thränen ausbrechend ſank ſie auf einen Stuhl, von Reue und Schaam über⸗ wältigt, denn der Gedanke durchflog ihr Ge⸗ hirn, daß ihr Retter vielleicht hinter ihrem Rucken, bevor er das Haus verließ, die ihr gemachten großmüthigen Anerbietungen der Tante wiederholt habe,— und daß ſie Herrn Gre⸗ ville die Unterſtützung verdanke, die ihr von jener zu Theil geworden war. Sie weinte laut uͤber ihr Elend und Miſtreß Allens Sinn ſchien ſich zu beſänftigen:„Hätte ich gewußt, Caroline, daß es Dir unangenehm ſeyn würde,“ ſprach ſie,„ich hätte Herrn Grevilles Aner⸗ bieten nicht angenommen.“ „Schweigen Sie— o ſchweigen Sie,“ flehte Caroline,„nur den Betrag meiner Schuld nennen Sie mir, ich will noch heute an meinen Vater ſchreiben.“ „Ey, warum nicht gar, albernes Ding!“ unterbrach ſie Miſtreß Allen über die vermeynt⸗ liche Verſtellung ihrer Nichte aufs Neue er⸗ zürnt,„Du wirſt mir es doch nicht einreden wollen, daß Greville ſo gehandelt hätte, wenn er nicht—“ „Ich betheuere auf das Feierlichſte, auf das Heiligſte, ſo wahr ich auf die Gnade des Ewigen hoffe,“ fiel Caroline ein,„daß ich durchaus keine Anſprüche an Grevilles Großmuth habe.“ Der Ernſt, mit dem ſie ſprach, ſetzte ihre Tante in Erſtaunen, denn die Unterſtützung, zu der ſich Greville insgeheim erboten und die er auch bereitwillig geleiſtet hatte, hatte Miſtreß Allen längſt überzeugt, daß ein vertrautes Ver⸗ hältniß zwiſchen ihm und Carolinen Statt finden müſſe, wobei ſie ſeine Bedingung, daß ſie ſeinen Namen vor Carolinen verſchweigen ſolle, für eine Grille hielt, der ſie ja leicht nachleben konnte. Jetzt, da ihr Irrthum aufgeklärt war, und Carolinens Betheuerung ihr nicht mehr erlaubte — 159— Grevilles Unterſtützungen in Anſpruch zu neh⸗ men, war ihr Betragen völlig verändert; zu⸗ mal als ſie gewahrte, daß Caroline darauf be⸗ ſtand, an ihren Vater zu ſchreiben, um Herrn Greville die gemachten Vorſchüſſe zurückzuzahlen. Eine unangehme Unterredung fand ſtatt, in welcher Miſtreß Allen ihrer Nichte der Thor⸗ heit beſchuldigte, Herrn Grevilles dargebotene Freundſchaft nicht länger benutzen zu wollen; und als alle ihre Vorſtellungen fruchtlos blie⸗ ben, und Caroline den Namen ihres Verführers, den die Tante nun durchaus zu wiſſen begehrte, nicht nennen wollte, drohete die erzuͤrnte Frau, die ganze Lage ſeiner Tochter dem zeziſchten Vater kund zu thun. Dieſe Seite ſchien von ihr nicht ohne Erfolg 5 berührt zu werden; der Gedanke an den Kum⸗ mer und an die Schmach, die durch eine ſolche Mittheilung über ihre achtungswerthe Familie kommen würden, betäubte bei Carolinen jedes andere Gefuͤhl und trotz des Widerwillens, den ſie gegen eine Frau empfand, deren verächt⸗ — 160— licher Sinn ſich in dem ſo eben ſtattgehabten Ge⸗ ſpräch im vollen Lichte zeigte, warf ſie ſich vor ihr auf die Kniee, ſie in kaum verſtändlichen Worten beſchwörend, ihre Drohung doch in Er⸗ füllung zu bringen. „Sie nicht— Sie nicht,“ ſtammelte ſie,„ich ſelbſt will ſchreiben—⸗ und in den Tumult kaum wiſſend, was ſie ſprach, fügte ſie hinzu:„nur eine Woche warten Sie noch, liebe, gute Miſtreß Allen, richten Sie mich doch nicht ſo ganz zu Grunde! Es lebt jemand, der mir Beiſtand leiſten wird— ſchmerzvoller zwar iſt es als der Tod, ſeinen Schutz in Anſpruch zu nehmen— aber ich will es dennoch thun, wenn Sie es be⸗ gehren.“ Miſtreß Allen verſprach nicht an Carolinens Vater zu ſchreiben, wenn ſie ihr ſo eben ge⸗ thanes Verſprechen in Erfüllung bringen würde. Caroline durchwachte die Nacht beim Schreiben zweier Briefe, die Reſultate kummer⸗ und angſt⸗ vollen Nachdenkens. — 461— Der eine war an Greville gerichtet, der ihr, als er ſie in dem Hauſe der Miſtreß Allen be⸗ ſuchte, ſeine Addreſſe zurückgelaſſen hatte. Ein kurzes Nachſinnen hatte ſie überzeugt, daß ihre Schuld bei dem wackeren Mann zu groß ſey, als daß ſie, ohne ihres Vaters Argwoyn zu erregen, die Bezahlung derſelben von dieſem hätte be⸗ gehren können; auch bebte ſie vor dem Gedanken zurück, ſein ohnehin kleines Einkommen derge⸗ ſtalt zu ſchmaͤlern. Sie konnte daher nur in einfacher und auf⸗ richtiger Sprache die tiefe Beſchämung aus⸗ ſprechen, die ſie in Rückſicht der freigebigen Großmuth Grevilles empfand, wobei ſie ver⸗ ſicherte, daß ihr dieſe erſt jetzt kund geworden ſey und ihn dringend beſchwor, ihr die Demüthi⸗ gung ſeiner ferneren Wohlthaten zu erſparen. Das zweite Schreiben war nicht ſo ſchnell abgefaßt.— Es ſollte in die Hände eines „Mannes gelangen, deſſen Bild die mannig⸗ fachſten Erinnerungen in Carolinens ſchmerzer⸗ füllter Seele hervorrief.— Er war es, der Osmond. II. Band. 3 11 — b — 162— zu ihren Füßen die erſten Worte der Liebe geſtammelt hatte— er hatte ihr jungfräuliches Herz gewonnen— ſie vor den Augen des Himmels ſein Weib genannt— er war es, den ſie von ſich ſtieß— deſſen ſie aber ſpäter wieder mit Liebe gedachte,— denn er war der Vater ihres Kindes, den ſie unter Thraͤnen aber vergebens aufſuchte und der ihr nun ſeiner⸗ ſeits entſagt, ja vielleicht ſelbſt ihren Namen vergeſſen.— Wie ſollte ſie ſich dieſem einſt ſo theuren, jetzt ſo fremden Mann nahen? kalt oder innig, ach! ſie wußte es nicht! Aber nahen mußte ſie ſich ihm, denn ſie hatte keinen Freund als ihn.. So ſaß ſie da und ſtarrte auf das Blatt, unfähig eine Zeile niederzuſchreiben; je mehr ſte überlegte, je verlegener, je verwirrter ward ſie, und ſo überließ ſie ſich endlich ihrem natürlichen Gefühl, welches unter ihrer Hand folgende Worte entſtehen ließ: „So manches Unglück hat mich betroffen, Osmond! ſeitdem wir uns zum letztenmal ſahen, ſo elend bin ich geworden, daß ich zögere Ih⸗ nen einen Namen zu nennen, deſſen Beſitzerin ſo wenig von dem noch iſt, was ſie war, als Sie ſie zuerſt erblickten.“ „Aber die Hand des Schickſals liegt ſchwer auf mir, ich lebe nicht in meinem kleinen Dörfchen an der Seite der Meinigen, ſon⸗ dern hier in dieſer großen fremden Stadt.— Aber ich will Ihnen nicht ſagen wo ich mich aufhalte, denn nicht für mich will ich Ihre Güte in Anſpruch nehmen, ſondern für ein Weſen von dem ich bald ſprechen werde, ob⸗ gleich ich Ihnen nie von demſelben geſprochen haben würde, wäre ich nur im Stande länger für daſſelbe zu ſorgen. Aber meine Geſundheit ſchwindet, ich weiß, ich werde nicht mehr lange zu leben haben, denn mein Herz iſt gebro⸗ chen!— Vernichtet der Gram gleich nur lang⸗ ſam, veruichtet er doch ſicher und wahrlich; wenn ich hoffen könnte Vergebung für meine Sünden zu finden, würde ich mit Freuden ſter⸗ ben, knupfte mich nicht noch ein ſo ſtarkes Band 145* — 164— an dieſe Welt! Sie werden vielleicht glauben, daß ich von meinem theuren Vater ſpreche, der ſich ſtets ſo gütig, ſo nachſichtsvoll gegen mich bewieß. Sie irren, ſo theuer er mir auch iſt, und ſo lange ich athme, es mir auch bleiben wird, giebt es doch noch ein anderes Weſen, das mir noch theurer iſt, als mein Vater.“ „Ach, Osmond, wie vermag ich es Ihnen zu ſagen!— aber ich muß es Ihnen ſagen und ich hoffe, ich vertraue, ich flehe zu Gott darum, daß auch Sie jenes Weſen lieben wer⸗ den, daß es auch Ihnen theuer ſeyn wird, denn es gehört Ihnen wie mir!— Sie ver⸗ ließen mich in einer furchtbaren Lage, Osmond, 4 aber Sie wußten es nicht und ich klage ſie deshalb auch nicht an.— „Sie würden England nicht verlaſſen haben, wenigſtens nicht bevor Sie mich geſehen und mir Ihren Rath gegeben hätten— hätten Sie gewußt, daß ich arm, elend und hülflos darin gurückblieb, in der furchtbaren Erwartung eine zattenloſe Mutter zu werden. Ich bin über⸗ .„ V — 165— zeugt, daß wenn Sie es gewußt hätten, Sie mir mit Zärtlichkeit entgegengekommen wären, ich bin davon überzeugt, mein theurer, theurer Osmond!— denn ihr Herz war gut. Aber als ich an Sie ſchrieb, Sie um eine Zuſam⸗ menkunft zu bitten— als ich ging Sie auf⸗ zuſuchen, waren Sie fern! Ach, welche Ver⸗ zweiflung erfaßte mich bei dieſer Kunde.— Aber der Allmächtige war barmherzig, er rettete mich vom Untergange, er half mir meine Leiden ertragen.“ „Jetzt ſind es mehr als zwei Jahre, ſeit⸗ dem ich Mutter des ſüßeſten Knaben ward, der je das Tageslicht ſchauete und ſeit dieſer Zeit habe ich mit unendlichen Schwierigkeiten gekämpft ihn zu erhalten. Aber es war mein Stolz und mein Troſt für ſeinen Unterhalt zu arbeiten und Niemanden dafür verpflichtet zu ſeyn.— Dies aber war vielleicht ein ſündiger Stolz, er follte mir genommen werden, davon aber kann ich jetzt nicht reden!“ — 166— „Ich fühle meine Kräfte unzureichend, mein theures Kind zu erhalten, und ſo muß ich mich Ihnen denn nähern, Osmond, wie eine Bit⸗ tende, zu ſeinen Gunſten, nicht um für mich etwas zu begehren. Denken Sie nicht an mich, vergeſſen Sie mich!— Aber wenn ich Ihnen je theuer war, ſeyn Sie gütig gegen mein Kind.— Vieleeicht wünſchten Sie es zu ſehn, es würde mir un⸗ endliche Freude machen, wenn Sie es wünſch⸗ ten, denn ich bin überzeugt, Sie könnten es nicht ſehen, ohne es zu lieben.— Sie wer⸗ den den Knaben in Hampſtead finden, bei einer Frau, Namens Smith, jederman wird Ihnen dort ihr Haus zeigen, denn ſie iſt ſehr be⸗ kannt. Fragen Sie nach Osmond Lascelles— Gott gebe, er möge Ihnen nur halb ſo theuer werden, als er es mir iſt.⸗ „Ich hoffe, Sie werden es verzeihen, daß ich meine Zuflucht zu Ihnen nehme; frellich haben ſich die Zeiten geändert, Sie haben ſich in der Welt ausgezeichnet, eine Gattin von 9 — 167— hohem Stande gewaͤhlt, ja vielleicht ſogar ver⸗ geſſen, daß Sie mich kannten. Der Himmel verhüte, daß ich je ſtörend in Ihre Verhält⸗ niſſe trete: das— ich wiederhole es Ihnen— wird nie geſchehen. Nicht um meinet⸗ nur um meines Kindes willen, Osmond, richtete ich Ihre Aufmerkſamkeit noch einmal auf die un⸗ glückliche Caroline Lascelles.“ — 168— XII. Deeſer Brief war es den Osmond erhielt, als er ſeine Gattin in die Oper führen wollte. Die Aufſchrift machte bei ihm eine Vermuthung rege, die er, als er nach dem Siegel ſah, 5 beſtätigt fand: er ſelbſt hatte den Siegelring, der auf demſelben abgedruckt war, einſt Caro⸗ linen geſchenkt und er erkannte ihn auf der Stelle. Die Gemüthsbewegung und die Reue, er nach Leſung dieſes Schreibens empfand, haben wir bereits geſchildert; auch haben wir„ erzählt, daß er keine Zeit verlor, den Wunſch ſeiner Unglücklichen, ihm aber noch immer theuren Caroline zu erfüllen und ſich hin begab ſein Kind zu ſehen. Die Frau, der der Kleine anvertraut war, hatte nicht übertrieben, als ſie von der Rüh⸗ rung ſprach, die Osmonds Erſchütterung bei dem Anblick feinnes Sohnes in ihr erregt habe.— Die Schönheit des Knaben war ſchon an ſich hinreichend, Theilnahme für ihn zu erwecken, die Erinnerungen aber, die ſich an ſein Er⸗ ſcheinen knüpften, mußten Osmonds ohnehin ſo reizbaren Sinn faſt uͤberwältigen. Thränen entſtrömten ſeinen Augen, als er der reichen Spitzen gedachte, in denen ſein zweiter Sohn daheim auf weichem Lager ſchlum⸗ mere, während die kleinen Glieder des älteren eine zwar reinliche, aber doch nur nothdürftige Kleidung bedeckte. „Mein armes, armes Kind,“ jammerte er, ” Dich nicht verlaſſen ſo lange ich at !—“ und ihn an ſeine Bruſt druͤckend, nahmen ſeine Liebkoſungen kein Ende, bis das Geſchrey des erſchreckten Kindes ihn nöthigte, es aus feiner innigen Umarmung los zu laſſen.— — 170— r des Er ſuchte ſich nun zu faſſen aud thiß de Wärterin einige Fragen über die Mut Kindes; die Frau aber konnte ihm nur wenige, über die Wohnung derſelben aber keine Aus⸗ kunft geben. Sie konnte ihm nur den Ort bezeichnen, wohin ſie, als ihr das Kind anvertrauet wor⸗ den ſey, Auftrag erhalten habe, jede etwa nöthige Mittheilung zu addreſſiren; aber ſie ſagte ihm, ſie wäre überzeugt, daß dort nicht die Mutter des Kleinen wohne. Sie tröſtete ihn indeß mit der Verſicherung, daß ein nach jenem Orte addreſſirtes Schreiben ihr richtig zu Händen kommen würde; auch be⸗ merkte ſie ihm, daß wenn er ſeinen Beſuch bei dem Kleinen am nächſten Sonntag wiederholen wolle, er aller Wahrſcheinlichkeit nach die Mutter antreffen würde, welche ſich regelmaͤßig Sonn⸗ tag Nachmittags einfände. 3 Aber dies abzuwarten, lag nicht in dem Character Osmonds, er mußte Caroline jetzt gleich ſprechen, jetzt gleich ſollte ſie ſeine Reue⸗ — ſeinen Kummer ſehen, jetzt gleich ſeinen Schwur vernehmen, den Kleinen mit Vaterliebe be⸗ ſchützen zu wollen, jetzt gleich ihm ihre Ver⸗ zeihung angedeihen laſſen.— Er wollte, er mußte ſie unverzüglich ſprechen. Mit dieſem feſten Entſchluſſe ſprengte er zurück nach der Stadt und kaum hatte er, dort angelangt, ſein Pferd dem Reitknecht übergeben, als er auch ſogleich in das Poſthaus von Bond⸗Street eilte, wo die Briefe der Wärterin unter der Addreſſe A. B. abgegeben wurden. Hier aber erhielt er nicht die mindeſte Aus⸗ kunft; man wußte nichts, als daß jene Briefe von jemand, den man nicht kannte, abgefordert wurden. Es blieb ihm jetzt nichts übrig als an Caroline zu ſchreiben, welches er auch that. In dieſem Briefe, der ganz aus ſeinem Herzen flu ſprach er mit den lebendigſten Worten der Wahrheit die Gefühle der Zärtlichkeit aus, die für ſie und für das Pfand ihrer gegen⸗ ſeitigen Liebe ſeine Bruſt erfüllten. Er über⸗ nahm es von dieſem Augenblick an für das — 4172— Letztere zu ſorgen und verſprach den Knaben oft zu beſuchen. Aber in Rückſicht ihrer war Osmonds Sprache noch beredeter; er beſchwor ſie bei der Liebe, die ſie einſt für ihn empfun⸗ den hatte, um eine Zuſammenkunft, um eine einzige, letzte Zuſammenkunft! Er verband ſich durch den heiligſten Eid keine zweite zu begehren, wenn ſie es nicht wünſche; aber ſie noch einmal zu ſehen, wäre für ſeine Ruhe durchaus nothwendig, ſie könne, ſie dürfe nicht ſo grauſam ſeyn, es ihm abzuſchlagen!— Dies Schreiben ließ er in dem Poſthauſe. Aber wenn ſie auch Neigung gehabt hätte, ſeinen Wunſch zu erfüllen, ſie hätte es nich vermocht, denn als ſie den Brief empfing hatte Carolinens Kränklichkeit ſo zugenommen, daß ſie das Bett zu hüten genöthigt war, ja erſt eine Woche nachdem ſie ihn erhielt, war ie im Stande, einige Zeilen darauf zu erwiedern und ihm die Freude auszuſprechen, welche ſeine 5 Verſicherung für das Kind ſorgen zu wollen, ihr gewährt habe. Was aber ſeine Bitte um — eine Zuſammenkunft betraf, ſo war ihre Ant⸗ wort milde, aber verneinend. Daß ſie jetzt nicht im Stande war ihr Zimmer zu verlaſſen, lieh ihr eine hinreichende Entſchuldigung. Während eines ganzen Monats, ſo lange dau⸗ erte diesmal ihr Unwohlſeyn, ſetzte Osmond ſeine ſchriftlichen Bitten fort, die er oft darauf beſchraͤnkte, daß er ſie erſuchte, ihn doch we⸗ nigſtens von ihrem Aufenthalte zu unterrichten; aber Caroline widerſtand ſeiner Zudringlichkeit, bis das Schickſal ſeinen Wunſch auf eine zu ſchwermüthige Weiſe erfüllte, als daß ihr Zu⸗ ſammentreffen etwas anders als eine Scene des tiefſten Kummers hätte werden können. Einige Geſchäfte von Wichtigkeit hatten Os⸗ mond mehr als eine Woche verhindert, ſeinen Lieblingsritt nach Hamſtead zu machen, wohin er ſich ſonſt wenigſtens wöchentlich zweimal hin⸗ zubegeben pflegte, denn ſeine Liebe für den kleinen Osmond ſtieg mit jedem Tage. So wie es ihm die Zeit erlaubte eilte er demnach dorthin, war aber nicht wenig er⸗ — 124— ſchrocken den Kleinen an den Maſern und zwar ſo gefährlich krank zu finden, daß die Wärterin ſchon im Begriff war nach der Mutter zu ſen⸗ den, ſie fuͤrchte nur, ſagte ſie, daß dieſe nicht kommen werde, da ſie zufolge der zuletzt er⸗ haltenen ſchriftlichen Nachricht von ihr zwar in der Beſſerung, aber noch nicht im Stande ſey ihr Zimmer zu verlaſſen. 3 Osmond verſprach, der Mutter von der Krankheit des Knaben Bericht zu geben, und nachdem er dem Kleinen aͤrztliche Hülfe und diejenige Erleichterung verſchafft hatte, die der Ort gewähren konnte, ſprengte er zurück nach der Stadt, wo er der armen Caroline ſofort einen ſchonenden Bericht von dem Zuſtande ihres Kindes ſandte. Er war überzeugt, daß wenn ſte es irgend vermöchte ſie ſofort hinei⸗ len würde dem kleinen Dulder ihre mütterliche Pflege zu ſpenden, und in aͤngſtlicher Erwar⸗ tung ſie dort zu finden, begab er ſich am Abend wieder nach Hampſtead.— Dieß war der Abend an dem er Lady Mary ſchlummernd im Bücher⸗ — 175— zimmer fand; unſere Leſer wiſſen was ſich hier begab, und wir erwähnen daher jenes Auftrit⸗ tes nicht weitläuftiger, ſondern eilen mit dem ungeduldigen Osmond zum Krankenbett ſeines Kindes. Die Unentſchloſſenheit, welche Reue und das Bewußtſeyn, Unrecht gegen ſeine Gattin zu handeln, über ihn herbeigefuͤhrt hatten, ſchwand ſchnell vor einem anderen Gedanken wieder da⸗ hin, vor dem Einzigen, der jetzt ſeine Phan⸗ taſie beſchaͤftigte:— er ſollte ſie jetzt viel⸗ leicht wiederſehen, ſeine längſt verlorne Caro⸗ line, den theuren Gegenſtand ſeiner erſten Liebe!— „Iſt ſte hier?“ war ſeine erſte athemloſe Frage, als er das Haus betrat, aber die Ant⸗ wort nicht erwartend, eilte er in das Zimmer, dort ſah er ſie!— Nicht mehr in jugendlicher Schöne, nicht mehr ihn, wie einſt mit vor Entzücken ſtrahlenden Blicken empfangend, ſon⸗ dern knieend, neben dem Krankenlager ihres Kindes, deſſen brennende Händchen ſie in den ihren hielt, während ihr Auge in Thränen ſchwamm. So ganz war ſie in ihren Gram vertieft, daß Osmond näher trat, ohne von ihr be⸗ merkt zu werden. Er bekaͤmpfte die Verſuchung die ihn antrieb, ſie in ſeine Arme zu ſchließen.— Ihr Kummer verlieh ihr das Anſehen einer 1 Heiligen!— Es war der Kummer um ihr ſterbendes Kind! denn als Osmond auf den kleinen Dulder blickte, überzeugte er ſich, daß dieſer bald geendet haben würde. Vergebens bob der Vater ſein Auge flehend zum Himmel empor, vergebens ſuchte er einige Hoffnung Raum zu geben, die Stunde des Knaben hatte geſchlagen, der letzte Klageton bebte ſchon auf ſeinen bleichen Lippen, der letzte Kampf durch⸗ zuckte ſeine kleine Bruſt. In dieſem furchtbaren Moment vermochte Osmond einen lauten Seufzer nicht zu unter⸗ drücken, der Name„Caroline!“ entfuhr ſeinen Lippen. — 1u Sie wandte ihr Haupt, ſie ſtreckte ihre Arme aus, denn die Natur forderte ihre Rechte.— In einem Augenblick wie der Gegenwärtige, wer konnte ihr Troſt gewähren, als Osmond, als der Vater ihres Kindes? 3 Er drückte ſie an ſeine Bruſt, ſeine Thränen miſchten ſich mit den ihrigen, aber vergebens nur bemühte er ſich zuſammenhängend zu reden. „Müſſen wir uns ſo wiederſehen, theure Caroline!“ ſprach er endlich.„Aber tröſte Dich, unſer Kind iſt weit glücklicher als wir!“ „Ich beklage mich nicht, daß Gott ihn zu ſich nimmt, Osmond,“ ſtammelte Caroline; „er geht von mir, rein und ſchuldlos wie er kam, er iſt glücklich— ich aber, ich—“ „Du biſt mein— meine geliebte Caroline!“ unterbrach ſie Osmond, ſie aufs Neue an ſeine Bruſt drückend.„Für alle Deine Leiden, für dieſen Kummer, nimm was ich Dir zum Troſte darbieten kann, nimm meine Thränen, mein Gebet, nimm die Buße meines Dir völlig hin⸗ gebenen Herzens!—“ Er konnte nicht fort⸗ Osmond. II. Band. 12 fahren, aber er brauchte es auch nicht; die Angſt, die ſeine Bruſt hob, ſprach für die Aufrichtigkeit ſeiner Reue. Sie drückte ſeine Hand an ihr Herz, wie zum Beweis ihrer Verzeihung und ihrer Liebe, und aufs Neue in Thränen ausbrechend, rich⸗ tete ſie ihre Blicke wieder auf das ſterbende Kind und bedeckte ſeinen bleichen Mund mit Küſſen. Vergebens verſuchte Osmond ſie von dem herzzerreißenden Auftritt zu entfernen. „Ich muß fuͤr ihn beten!“ rief ſie aufs Neue neben dem Lager des Kleinen auf ihre Kniee niederſinkend;„ich muß beten, damit die Sünde der Mutter nicht auf ſein ſchuldloſes Haupt komme.— Auch für mich muß ich beten, daß mir der Ewige Kraft verleiht, dieſe ſchwere Prüfung zu ertragenͤl!! Gewaltig erfaßt, ſank Osmond unwillkür⸗ lich neben ihr nieder auf die Kniee, ind wäh⸗ rend ſein Haupt auf ſeinen gefalteten Haͤnden ruhte, erflehte auch er ſchweigend den All⸗ mächtigen an, um die ewige Seeligkeit ſeines — 179— Kindes und um Verzeihung für ſeine vielfachen Sünden. Während dieſer frommen Beſchäftigung der unglücklichen AÄltern, ward das Athemholen des kleinen Dulders immer ſchwächer und ſchwäͤcher, bald hörte es gänzlich auf!— Osmond hob die weinende Caroline ſanft empor und führte ſie aus dem Zimmer; er war ſelbſt zu tief bekümmert um ſie tröſten zu kön⸗ nen; aber ſeine Zärtlichkeit, ſeine Liebe ſprach er in den rührendſten Worten mit einer Wärme aus, die der armen Caroline einige Erleichte⸗ rung in ihrem Elend zu gewähren ſchien. Un⸗ willkürlich hielt ſie ihn zurück, unwillkürlich blieb er und ſo ſchwand dieſe kummervolle Nacht unter Thränen dahin, bis die Erinnerung an ihre Verhältniſſe ſie zur Trennung zwang⸗ 12* XIII. Es war, wie Osmond gegen Lady Mary äußerte, nach einer Nacht voll Reue und Buße, daß er nach ſeinem Hauſe zurückkehrte. Die Unmöglichkeit, daß ſie die ſchwermüthige Weiſe, in der er die letzten Stunden verlebte, auch nur ahnen konnte, hätte hinreichen ſollen, ihn weniger reizbar gegen den Anſtug von Argwohn zu machen, den ſeine Gattin äußerte. Alles aber veränderte ſich unglücklicherweiſe zu jener Zeit, die unangenehme Stimmung zwiſchen ihnen immer mehr und mehr einreißen zu laſſen. Lady Mary überzeugt, daß ſie das Ver⸗ trauen ihres Gatten nicht beſaß und in dem Gefuͤhl, daß ſie Alles gethan habe, was nicht 2 — 181— nur Pflicht, ſondern die innigſte Liebe von ihr verlange, ohne daß ihr Bemühen den gewünſch⸗ ten Erfolg gehabt hatte, gab ſich einer Hoff⸗ nungsloſigkeit hin, die ſie, obgleich ihr Herz noch ganz wie vormals an Osmond hing, den⸗ noch bewog ihm ein kaltes Benehmen zu zei⸗ gen, welches aber ſo zurückſtoßend als unvor⸗ ſichtig war. Osmond wußte jetzt wo Cgroline wohnte, welche in dem Schmerz über den Verluſt ihres Kindes, ihm, was zwar unbedachtſam aber ſehr natürlich war, geſtattet hatte, ſie im Hauſe der Miſtreß Allen beſuchen zu dürfen. Die Tante, welche mehr als ahnete, daß Osmond der wirkliche Verführer ihrer Nichte ſey, hatte nichts gegen ſeine Beſuche einzuwenden, aber ſie wollte durchaus nicht zugeben, daß Caroline ihre früheren Arbeiten für ſie wieder begänne, ohne daß ſie indeß für dieſe Weigerung einen Grund anführte, denn ſie kannte ihre Nichte zu gut um nicht überzeugt zu ſeyn, daß ſie Einwendungen machen würde, wenn ſie erführe, — 182— daß Osmond insgeheim Maaßregeln getroffen habe, die ferneren Arbeiten für ihren Unter⸗ halt unnöthig zu machen. Die Schönheit Carolinens, obgleich nicht mehr ſo blühend als einſt, hatte dennoch über Osmond jetzt eine faſt noch größere Macht ge⸗ wonnen als vormals. Ihr rührender Gram über den Verluſt ihres Kindes, ihre zarte da⸗ hinwelkende Geſundheit, ihre ſinnende Zärt⸗ lichkeit, ein Gemiſch von Reue und Liebe, ver⸗ liehen ihrer natürlichen Anmuth einen unbe⸗ ſchreibbaren Zauber. Osmond, wenn er auf die Weinende blickte, gedachte oft mit Staunen, wie es ihm mög⸗ lich geweſen ſey, dies holde Weſen einſt mit ſolcher Heftigkeit zu behandeln. Jetzt, da weder ihr leichter Sinn, noch ein gefürchteter Nebenbuhler ſeine Eiferſucht weckte, war ſein Betragen gegen ſie ſtets ſanft, freund⸗ lich und rückſichtsvoll, ſo daß ſich unſere Leſer nicht wundern werden, wenn wir berichten, daß die arme Caroline, hülflos und verlaſſen, „ — 183— fern von ihrer Heimath, von jeder warnenden Stimme— mit einem Herzen volldKummer, dem nur Osmonds Naͤhe Erleichterung zu gewähren vermochte, endlich ſchwach genug war, den drin⸗ genden Vorſtellungen ihres erſten und einzigen Geliebten nachzugeben und das Haus der Miſtreß Allen zu verlaſſen, um eine Wohnung in einer anderen Gegend der Stadt zu be⸗ ziehen, wo, wie er vorgab, die Luft ihrer Geſundheit zutraͤglicher ſeyn würde. „Sollte ich nicht lieber zu meinem Vater zurückkehren, Osmond,“ ſprach ſie, ihre thrä⸗ nenerfüllten Blicke von ſeinem beredeten Ant⸗ litz abwendend.„Der Tod nahet ſich mir mit ſchnellen Schritten, ſollte ich mich nicht zu meinem Vater begeben, um in Frieden ſterben zu können.“ Von Osmonds Gegengründen möllen wir keinen weitläuftigen Bericht erſtatten; denn wir möchten ohnehin gern dieſen Theil unſerer Ge⸗ ſchichte ſchnell übergehen, weil die Erzählung des Rüuckfalls von tugendhaften Entſchlüſſen kein angenehmes Geſchäft iſt, weil wir nur mit Schmerz berichten können, wie Osmonds heftiger Sinn, im Gefühl ſeines Unrechts ihn antrieb, fern von Carolinen gegen ſeine Gattin ein ernſtes, kaltes, zurückſtoßendes Benehmen zu zeigen. Nirgends aber konnte er Ruhe finden, denn nirgend konnte er dem Mahner in ſeiner Bruſt entſliehen. Sein Umgang mit ſeiner Gattin war zu einer kalten Höflichkeit hinabgeſunken. Lady Mary, obgleich ihr eine innere Angſt faſt das Herz verzehrte, zeigte dabei eine Ruhe, die Osmonds heftigen Sinn noch mehr reizte. Sie zwang ſich jetzt an öffentlichen Unterhal⸗ tungen und Geſellſchaften Theil zu nehmen; hier traf ſie oft mit ihrem Gatten zuſammen und kein Fremder gewahrte den Wurm, der an ihrem häuslichen Glücke nagte. So ſchwanden mehrere Wochen dahin und der Zeitpunkt erſchien, in dem Lady Arlington zur Stadt zurückzukehren pflegte. Um dieſe Zeit ward auch Greville, der ebenfalls wieder nach London gekommen war, ein faſt täglicher Gaſt in Osmonds Hauſe. Es war dem ſich fremd gewordenen Ehepaar leicht, die große Welt zu taͤuſchen, ſchwerer aber war es ſo ſcharfſichtige Beobachter, wie Lady Arlington und Greville, irre zu führen. Der Letztere bemerkte zuerſt, daß irgend eine geheime Quelle der Unzufriedenheit Osmonds Heiterkeit trübe und ſeine Kraft lähme, denn in dem ewigen Unmuth dem er ſich hingab, war er auch gegen die öffentlichen Angelegen⸗ heiten gleichgültiger geworden. Zu zartfühlend indeß mit zu rauher Hand in das Geheimniß ſeines Freundes zu greifen, begnügte er ſich eine Zeitlang, ſchweigender Beobachter zu blei⸗ ben und ſo gelang es ihm bald der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Er ſah deutlich, daß Osmond gleichgültig gegen ſeinen öffentlichen Ruhm, gegen die Freuden der Häuslichkeit, ſich einer unwürdigen Neigung hingab, die, wie er ſich uͤberzeugt — 186— hielt, den Frieden ſeines Freundes zerſtören mußte. Er wartete nur auf eine Gelegenheit, um ſeine Beſorgniſſe auszuſprechen, um zu bitten, um zu warnen; denn zu glänzend war ſeiner Meynung nach Osmonds Lage, als daß dieſer ſchon ſtillſtehen und nicht nach einem noch aus⸗ gezeichneteren Ruhme verlangen ſollte. Dieſe Gelegenheit zeigte ſich bald, obgleich nicht ſo ganz wie ſie Greville gewünſcht hatte; er empfing eines Morgens einige Zeilen von Lady Arlington, worin ſie ihn um eine Unter⸗ redung in ihrem Hauſe bat, indem ſie ſich ins⸗ geheim mit ihm über ihren Sohn Osmond be⸗ ſprechen möchte. Um dies Benehmen der Lady Arlington zu erklären, müſſen wir berichten, daß auch ſie bemerkt hatte, wie es zwiſchen ihrem Sohne und ſeiner Gattin nicht ſo ſtehe wie es ſolle, und daß auch ſie bemüht geweſen war die Quelle dieſer Uneinigkeit zu erforſchen, die ein Glück — 187— trüͤbte, von dem auch das Glück ihres eigenen Lebens abhing. Eines Morgens machte ſie ihrer Schwieger⸗ tochter früher als gewöhnlich einen Beſuch; ſie fand dieſe in Thränen, ſo daß die Gräfin nicht umhin konnte, nach der Urſache derſelben zu fra⸗ gen. Lady Mary bemühete ſich ihren Kummer zu verbergen, und ſo ſehr war es ihr gelungen ihre Gemüthsbewegung zu beherrſchen, daß ſie mit einer Anſtrengung, welche die Gräfin in Er⸗ ſtaunen ſetzte, ſchon nach wenigen Minuten vollkommen ruhig ſchien, indem ſie die trau⸗ rige Stimmung, in der Lady Arlington ſie ge⸗ funden hatte, der Reizbaffeit ihrer Nerven Schuld gab. Dieſe Zurückhaltung kraͤnkte die Gräfin eini⸗ germaßen, ſie ließ die Hand der Tochter los, die ſie theilnehmend erfaßt hatte, nahm ſich einen Stuhl und begann ruhig von anderen Gegenſtänden zu ſprechen. Lady Mary bemerkte die Empfindlichkeit der Mutter und es ſchmerzte ſie ihr weh gethan zu haben; aber ſelbſt die Reichthümer der Welt hätten ſie nicht bewegen können, der Gräfin zu geſtehen, daß ſie geweint habe, weil Os⸗ mond ſchon wieder eine Nacht außer ſeinem Hauſe zugebracht hatte. Bei dieſer gegenſeitigen Gemüthsſtimmung konnte das Geſpräch zwiſchen ihr und der Gräͤ⸗ fin nicht anders als einſylbig ſeyn, und um die mit jedem Augenblick immer mehr zunehmende Verlegenheit zu heben, ſchlug Lady Mary vor, eine Spatzierfahrt im Park zu machen. Lady Arlington willigte ein, bemerkend daß ihr Wa⸗ gen ohnehin noch vor der Thür halte;„aber,“ fügte ſie hiuzu,„es iſt faſt noch zu früh in den Park, ich möchte überdem auf einige Augen⸗ blicke zur Allens, wie wärs wenn wir zuvor dorthin führen.“ Lady Mary hatte nichts dagegen und ſo be⸗ fanden ſie ſich nach wenigen Minuten nahe bei dem Hauſe der Modehändlerin. Der Wagen der Gräfin konnte indeß nicht ſogleich vor die — — 189— Thür fahren, denn eine Miethkutſche hielt vor derſelben. Dieſer Umſtand würde durchaus nicht die Aufmerkſamkeit der Lady Mary rege gemacht haben, wären nicht, als der Wagentritt nieder⸗ geſchlagen und die Hausthür geöffnet ward, zwei Perſonen, ein Herr und eine Dame dem Wagen entſtiegen, welche die Treppe hinan und in das Haus eilten, ſo als wünſchten ſie ſich jedem beobachtenden Auge zu entziehen. Dies aber ward dennoch nicht ſo raſch bewerkſtelligt, als daß Beide, Lady Mary und die Gräfin die Letztere nicht mit einem an Schrecken grän⸗ zenden Staunen, in dem ſchlanken Wuchs des Cavaliers nicht eine Geſtalt erkannt hätten, zu⸗ der nur der Name Osmond Leſſingham paßte. Lady Mary hatte in dieſem Augenblick nur einen Gedanken; ſie erinnerte ſich, daß ihr Lady Johanna von einer Schönheit geſprochen habe, die ſich bei der Miſtreß Allen aufhalten ſolle, und ſie war nun feſt überzeugt, daß das — 490— Haus derſelben, das Grab ihres häuslichen Glückes ſey. Sie ſprach nicht, ſie ſeufzte nur und legte ihre Hand an ihre brennende Stirn. Unter⸗ deſſen fuhr ihr Wagen vor, die Graͤfin ſtarrte auf das Haus, ſo als wolle ſie durch die Mau⸗ ern deſſelben ſchauen, dann blickte ſie auf ihre Begleiterin, die noch immer ſchweigend daſaß. Der Bediente hatte indeſſen die Wagenthür geöffnet, den Tritt hinab gelaſſen und ſtand nun da, erwartend daß die Damen den Wagen verlaſſen würden. Lady Mary aber ſaß noch immer in einem an Geiſtesabweſenheit gränzen⸗ den Zuſtande da, die Gräfin erfaßte ihre Hand: „wollen ſie nicht ausſteigen meine Tochter,⸗ ſprach ſie. Bei dieſen Worten erhob jene ihr Haupt, und blickte die Gräͤfin an mit einem bejahen⸗ den, aber furchtbaren Läͤcheln. „In den Park— in den Park,“ rief die erſchrockene Mutter dem Diener zu, und als dieſer die Thür zugeworfen hatte, ſchlug ſie — 191— ihre Arme um die unglückliche Mary, zog ſie an ihre Bruſt und brach in Thränen aus. Dieſe Thränen waren für ſie eben ſo wohlthä⸗ tig als für Osmonds Gattin, denn dieſe Letz⸗ tere ward durch den Anblick der weinenden Mutter dergeſtalt bewegt, daß nun auch ihren Augen eine Thränenfluth entſtrömte.“ „Laſſen Sie uns nach Hauſe zurückkehren,“ ſtammelte ſie in einem flehenden Tone,„ich kann— ich kann nicht—“ ſie ſank in einer krampfhaften Bewegung zurück. „Sie ſollen ja auch nicht von ihm reden, meine Tochter?“ beruhigte die Gräfin;„er iſt Ihrer nicht werth!“ 3 „Halten Sie ein, um Gotteswillen halten Sie ein,“ bat die Unglückliche, mehr aber ver⸗ mochte ſie nicht zu ſprechen. Die Gräfin hielt mit zärtlicher, obgleich ſchweigender Theilnahme die Hand des armen Weibes in der ihrigen, und drückte ſie immer wieder und wieder an ihre Lippen; ſo langten ſie zu Hauſe an. — 192— Mit der mütterlichſten Sorgfalt weigerte ſich die Gräfin den ſo flehend ausgeſprochenen Wunſch ihrer Tochter, allein gelaſſen zu werden, zu erfüllen, bis dieſe wenigſtens einigermaßen ru⸗ higer ſeyn würde. Lady Mary's Bemühen einige Faſſung zu gewinnen, blieb auch nicht fruchtlos. Das krampfhafte Schluchzen welches ihr die Bruſt zuſammengeſchnürt hatte, milderte ſich zu lan⸗ gen, tiefen Seufzern, und nach und nach ge⸗ wann ſie die Kraft wieder, über das nachzu⸗ denken, was in ihrer bejammernswerthen Lage zu beginnen am rathſamſten ſey. Was ſie in dieſer Rückſicht beſchloß, ſprach ſie, ſobald ſie derſelben wieder mächtig war, in Worten aus, mit einer Kraft, die zu feierlich, zu rührend war, als daß die Gräfin auch nur einen Augenblick lang hätte zweifeln können, daß die Sprecherin unwiderruflich beſchloſſen hatte, zu dulden und zu ſchweigen. Dieſe er⸗ hob ſich von ihrem Sitze und mit halbabge⸗ wandtem Geſicht, damit der Ausdruck mütter⸗ — 193— licher Zaͤrtlichkeit in den Blicken der Lady Ar⸗ lington ſie in ihrem Entſchluſſe nicht wankend mache, ſprach ſie: „Ihr Argwohn iſt rege geworden, meine Mutter, daß—“ ſie ſchwieg einen Augenblick, dann aber fuhr ſie fort:„daß mein Gatte treu⸗ los an mir handelt und daß ich mich verlaſſen und unglücklich fühle, ich aber will nicht mur⸗ ren uͤber ihn, ich habe vor dem Altar geſchwo⸗ ren ihn zu lieben und hätte ich dieſen Schwur auch nicht gethan— ihn zu lieben dazu war ich dennoch vom Geſchick beſtimmt!“— Sie be⸗ deckte ihr Geſicht mit ihrem Tuche. Die Gräfin wollte ihr tröſtende Worte zu⸗ ſprechen, Lady Mary aber machte ein Zeichen mit der Hand, ſo als flehe ſie um die Erlaub⸗ niß weiter ſprechen zu durfen; Lady Arlington ſchwieg und ſie fuhr folgendermaßen fort: „Ich fühle, daß ich Ihnen nicht alles auszu⸗ drücken vermag, was mein Herz bewegt! Ich kann Ihnen nicht ſchildern, wie theuer er mir war, wie theuer er mir ſelbſt in ſeinen Ver⸗ Osmond. II. Vand. 13 — 194— irrungen iſt. Vielleicht würde ich in Ihrer Achtung ſinken, wenn Sie die Schwäche meiner Liebe kennten und daher iſt es beſſer wenn ich ſchweige, aber glauben Sie mir ich rede die Wahrheit und deshalb ſchonen Sie meiner. Sie vermögen mich nicht zu tröſten, ſo gütig, ſo ſanft Sie auch ſind, kein ſterbliches Weſen ver⸗ mag das, aber ich bin dennoch nicht troſtlos!“ und ſie erhob ihre Blicke mit einer faſt himm⸗ liſchen Zuverſicht;„ich bin nicht troſtlos,“ wie⸗ derholte ſie,„daran denken Sie, und weinen Sie nicht über mich!“ Sie war verſchwunden, noch bevor Lady Ar⸗ lington im Stande war auch nur eine Sylbe zu erwiedern; dieſe ſtreckte ihre Hand nach der Forteilenden aus, da ſie ſich aber überzeugte, daß es nur vergebens ſeyn würde, ſie zurück⸗ zuhalten, ſank ſie auf einen Stuhl, eine Beute namenloſer Qualen. Gram über die ſchlecht belohnte Liebe des trefflichſten Weibes, Gram über die nun getäuſchten Hoffnungen, mit de⸗ nen ſie einſt auf ihren Sohn geblickt, belaſtete ihr Herz. Zu Hauſe angelangt, wich endlich dieſer Kum⸗ mer einigermaßen dem Verlangen, etwas in dieſer Sache zu thun, und dem Sohne die Au⸗ gen über ſein grauſames Betragen zu öffnen; aber ſie glaubte nicht ſelbſt mit ihm darüber ſprechen zu können, da fiel es ihr plötzlich ein, daß ja Greville glücklicherweiſe in der Stadt ſey, auf ſeinen Einfluß auf Osmond, bauete ſie die freudigſte Hoffnung, und ſo beſchloß ſie ſich unverzüglich an ihn zu wenden. Dieſer Entſchluß hatte den Brief an Gre⸗ ville zur Folge, deſſen wir bereits erwähnten. 13* — 196— IV. Wir wollen der Unterredung, welche zwiſchen Lady Arlington und Greville Statt fand, nicht ausführlich erwähnen. Das Reſultat derſelben war, daß der Letztere unverzüglich Osmond aufſuchte und ihn bat, ihm auf einige Augen⸗ blicke Gehör zu geben. Nachdem Greville mit der einfachen Aufrich⸗ tigkeit, welche ſein ganzes Benehmen bezeich⸗ nete, von Osmonds verändertem Weſen ge⸗ ſprochen hatte, dem eine geheimnißvolle Ur⸗ ſache zum Grunde liegen müſſe, erklärte er ſeinem juͤngeren Freunde frei heraus, daß ihn der Zufall mit jener Quelle einigermaßen be⸗ kannt gemacht habe.. Anfangs brach Osmonds leidenſchaftlicher Sinn, wie Greville es vermuthet hatte, in — heftige Worte aus; er meynte, man habe ihn verläumdet, er ſey niemand von ſeinen Hand⸗ lungen Rechenſchaſt ſchuldig und was dergleichen mehr war.— Nachdem aber ſein Zorn aus⸗ geſprudelt hatte und als Greville ſich entfernen wollte, um wie er ſagte, eine ruhigere Stunde abzuwarten, ſah er das Unanſtändige des Be⸗ tragens ein, welches er gegen ſeinen theilneh⸗ 8 menden aufrichtigen Freund beobachtet hatte. Er trat den Forteilenden in den Weg und die Hand auf deſſen Arm legend, ſprach er:„Ver⸗ laſſen Sie mich nicht, verzeihen Sie mir, Gre⸗ ville, ich bin ein Unglücklicher!—“ und tief bewegt wandte er ſich einige Augenblicke lang von ihm ab. „Ich verzeihe Ihnen,“ entgegnete Greville, ihm ſeine Hand hinreichend,„und ich beklage Sie von ganzem Herzen!“ „Gott weiß es,“ jammerte Osmond nach einer furchtbaren Pauſe,„ich möchte alles thun, um mein Herz von den qualvollen Gewiſſens⸗ biſſen zu befreien, die es verzehren! Ja ja, Greville, ich richte mein edles Weib zu Grunde, ich breche das Herz dieſes himmliſchen Weſens!“ Er ſchwieg und Grevillle ſchritt gedanken⸗ voll einigemal im Zimmer auf und ab, bis ſich der Sturm in Osmonds Bruſt einiger⸗ maßen gelegt haben und dieſer im Stande ſeyn würde, ſeinen ruhigen Vorſtellungen Gehör zu geben; dann wandte er ſich wieder zu ſeinem Freunde. Er zeigte ihm, daß wenn er ſein Vergehen aufrichtig bereue und ſeine Gattin wirklich ſo achte und ſchätze, wie er es zu thun vorgebe, der Weg den er zu wandeln habe, klar und offen vor ihm daläge. Osmond hörte ihn in ſtummer Trauer an und Greville ſuchte nun ihn bei ſeinem Stolze, bei ſeinem Ehrgeize zu faſſen. Er rief in ſeiner Erinnerung jene glänzenden Momente wach, die ſein erſtes Auftreten im Parlament bezeichneten, er machte ihn aufmerkſam auf die Talente, die ihm die Natur verliehen hatte.„Verdienen die Vortheile, die ihnen dieſe gewähren können,“ ſprach er,„nicht das Opfer einer elenden Luſt, — 199— die Sie nicht einmal glücklich macht, Sie ſelbſt geſtehen ja, daß Sie ſich elend fühlen. „Ja, ich bin elend, unbeſchreiblich elend!“ erwiederte Osmond mit einem ſchweren Seufzer, indem er ſein Geſicht mit den Händen bedeckte. Er hatte mehr geſprochen, denn nachdem die erſten Augenblicke ihrer erneueten Liebe vor⸗ uͤber waren, kehrte bei ihm, wie bei Carolinen, bittere Reue zurück, die auf Osmonds Sinn bald wieder einen furchtbaren Einfluß äußerte, ſo daß ſeine Nähe dem Opfer ſeiner Leiden⸗ ſchaft aufs Neue qualvoll und marternd ward. Zu ihrer früheren Beſchäftigung zuruͤckzu⸗ kehren, war jetzt noch ſchwieriger als zuvor, denn Carolinens Geſundheit nahm mit jedem Tage immer mehr und mehr ab. „Ach wäre ich doch in meiner theuren Hei⸗ math geblieben, jammerte ſie oft, und von den bitterſten Gefühlen gemartert, ſann ſie nicht ſelten über die Möglichkeit nach, insgeheim zu eutfliehen und zu dem geliebten Vaterhauſe zurück⸗ zukehren, welches ſie nie hätte verlaſſen ſollen. — 200— 8. Aber ſie liebte Osmond noch immer, er war ihr einziger Freund, auch bebte ſie vor dem Gedanken zurück, ihre befleckte Nähe in den Schooß der Unſchuld und des Friedens zu brin⸗ gen, und ſo überhörte ſie die Stimme der Vernunft und blieb. „Ach es giebt hienieden kein Gluͤck mehr für mich!“ ſprach Osmond mit kummererfullten Blicken auf Greville ſchauend,„ich mag thun was ich will, ich kann dennoch nur als Böſe⸗ wicht handeln, verlaſſe ich das arme Geſchöpf—“ „Würden Sie grauſam handeln, wollen Sie ſagen,“ unterbrach ihn Greville.„Aber han⸗ deln Sie jetzt weniger grauſam gegen ihre Gattin, die doch wohl gerechtere Anſprüche auf Sie hat, als jene? Die erſte Pflicht des Mannes, der die Achtung der Welt verdienen will, iſt Rechtlichkeit. Ihr Betragen gegen Lady Marvy iſt ungerecht, Sie können Ihr Ver⸗ gehen nicht wieder gut machen, ohne ungerecht gegen eine Andere zu handeln. Das iſt aller⸗ dings ſehr hart, aber in einem Fall, wie der — 201— Gegenwärtige, kann nie die Frage ſeyn, was Sie zu thun haben. Sie können ungewiß ſeyn, ob Sie Kraft genug haben werden, dieſer zweiten Neigung zu entſagen, aber daran können Sie nicht zweifeln, daß Sie ihr entſagen muͤſſen.“ Osmond ſprang von ſeinem Sitze auf und ging unentſchloſſen mit heftigen Schritten auf und ab; daun warf er ſich wieder auf einen Stuhl und Gre⸗ ville fuhr fort:„Was übrigens den Gegenſtand Ihrer tadelnswerthen Neigung betrifft, ſo wird ſie, falls ſie auch nur das geringſte Zartgefühl be⸗ ſitzt, ſo ſehr es ſie auch ſchmerzen mag, den⸗ noch fühlen, daß Sie ſich von ihr trennen müſſen und ohne Widerſtand in eine ſolche Maaßregel willigen. Wäre ſie aber niedrig⸗ und unwürdig genug—“ „Nein, nein, ſie iſt kein niedriges unwür⸗ diges Geſchöpf,“ rief Osmond mit großer Leb⸗ haftigkeit,„ſie iſt ein Engel, hätte ſie nur den zehnten Theil von dem gehört, was Sie ſprechen, ſie wuͤrde meine Nähe fliehen, mir — 202— entſagen auf immer. Sie niedrig, unwürdig! ach mein armes, armes Mädchen!—“ Thränen erſtickten ſeine Stimme. „Ich wollte Sie nicht beleidigen,“ nahm Greville, von Mitleid tief bewegt, wieder das Wort;„gewiß ich wollte Sie nicht beleidigen!“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ entgegnete Osmond,„aber haben Sie nur ein wenig Ge⸗ duld mit mir; ach, ich möchte ſo gerne recht thun, wenn es nur möglich wäre!“ „Es iſt möglich, gewiß es iſt möglich!“ fiel Greville ein,„aber nicht bruͤten müſſen Sie darüber, Sie müſſen handeln— handeln! Sie dürfen ſie nicht wiederſehn, Sie müſſen ſchrift⸗ lich von ihr Abſchied nehmen,“ fügte er hinzu; „da, hier iſt Dinte und Papier, ſchreiben Sie jetzt gleich auf der Stelle, friſch, Muth ge⸗ faßt, ans Werk! Ich ſelbſt will den Brief überbringen.“ 1 Aber vergebens nahm Osmond die Feder zur Hand— vergebens verſuchte er zu ſchreiben; „ich kann es nicht— nein, nein, ich kann es — 2035— nicht,“ rief er,„ich kann meine eigene Schande nicht unterzeichnen und beſiegeln!— Als er aber auf Greville blickte und auf ſeinem Ge⸗ ſicht einen Anflug von Verachtung zu bemerken glaubte, fügte er hinzu:„Aber ich will Ihnen den Auftrag geben, Sie, mein beſter, theu⸗ erſter Freund, ſollen hin zu ihr, ihr zu ſagen, was Sie für gut finden.— Bieten Sie ihr jede nur erdenkliche Entſchädigung, aber ich bitte Sie, ſeyn Sie ſanft und gütig gegen ſie.—“ Er ſchwieg und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. Ich will mit ihr ſprechen wie ein Vater,“ tröſtete Greville,„geben Sie mir ihre Adreſſe. Osmond ſchrieb: Miſtreß Leſſingham Nr. 12 Brompton Rou. Verzeihe mir, Ewiger!“ rief er, indem er die Feder von ſich ſchleuderte und in Todesangſt zurück auf den Stuhl ſank. Mehreremal kehrte Greville von der Thuͤr zurück, um ſeinem Freunde tröſtende Worte zu⸗ zuſprechen, dann verließ er raſch das Zimmer um ſich nach Brompton zu begeben. — 204— Caroline hatte an dieſem Morgen gerade ei⸗ nen Brief empfangen, der für ſte an Miſtreß Allen adreſſirt worden war. Es war ein Schrei⸗ ben ihres Vaters, der nur ſelten ſchrieb, weil die Feder zu führen eben nicht ſeine Sache war; und ſo war dies erſt der dritte Brief den Caroline von ihm empfing, ſeitdem ſie das väterliche Haus verlaſſen hatte. 3 Der Anblick ſeiner Handſchrift traf ſie jetzt wie ein Dolchſtoß, nach einer Pauſe erſt brach ſie das Siegel und las wie folgt: „Mein theures Kind! Wir ſind jetzt ſchon ſo lange von einander getrennt, und mich verlangt recht innig danach, Dich einmal wieder in meine Arme zu ſchließen. Ich wünſche dies um ſo mehr, da ich mich nicht ganz wohl befinde, und mich dem Zeitpunkt nähere wo die Geſundheit zu ſchwanken beginnt und wo ein Vater ſeine gute Kinder— und deren erfreue ich mich ja, gern um ſich weiß. Deine gute Mutter iſt fortwährend kraͤnklich, — 205— und meine Pachtung war in den letzten Jahren nicht ſo einträglich wie ich wohl gewünſcht hätte. Da kannſt Du dir denn denken, meine Tochter, daß wir manche Unannehmlichkeiten hatten, wozu nun noch kam, daß wir nur ſelten von Dir etwas hörten, auch war in Deinen Brie⸗ fen, wenn Du gleich nicht klagteſt, ein Ton, der mir nicht gefiel; ich wünſche alſo herzlich, daß Du zurückkehſt, wenn anders Miſtreß Allen Dich entbehren kann. Ich denke, wenn wir unſere liebe Caroline erſt wieder haben, werden wir alle wieder froh und heiter werden; Niemand aber wird ſich dann glücklicher fühlen, als Dein treuer Vater C. Lascelles.“ „P. S. Wenn Du ſchreiben und den Tag Deiner Abreiſe beſtimmen willſt, ſoll Charles Dir bis D. entgegen kommen, und Du wirſt erſtaunen, wie groß er geworden iſt; er freuet ſich ſchon im Voraus, der Begleiter ſeiner Schweſter zu werden.“ —— ö——OOQ— —— —— 8 — 206— Dieſen Brief, der einen unbeſchreibbaren Ein⸗ druck auf Caroline machte, hielt die Un⸗ glückliche noch in ihrer Hand, als Greville un⸗ angemeldet in das ihm von einer Dienerin bezeichnete Zimmer trat. Kein anderer Beſucher als Osmond ſtörte ſie je in ihrer ſündigen Einſamkeit. Sein Erſchei⸗ nen in dieſem Augenblick, vermehrte ihre Angſt und ihren Gram. Sie hörte, denn ſie glaubte er ſey es, wie er eintrat, wie die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, aber ſich von der knieenden Stellung, in die ſie nach Leſung des Briefes geſunken war, emporzurichten, ihre Blicke zu ihm emporzuheben, dies war ihr mehrere Au⸗ genblicke lang unmöglich. Endlich ſchluͤpften die von Seufzern unterbrochenen Worte:„wir müſ⸗ ſen uns trennen, Osmond— wir müſſen uns trennen, auf immer!“ zwar kaum vernehmbar üͤber ihre Lippen, aber ſie drangen dennoch bis in das Herz Grevilles. Er glaubte, er habe dieſe Stimme ſchon früher gehört, damals wie jetzt von Kummer — 207— gepreßt; ſchon früher meynte er dieſe halbabge⸗ wandten ſchönen Zuͤge geſchauet zu haben, die blonden Locken, die den blendend weißen Nacken umwallten, ſah er jetzt nicht zum erſten⸗ mal. Der Name mit dem dieſe Erinnerungen in Verbindung ſtanden, flog über ſeine Lippen. „Miſſ Lascelles!“ rief er mit einem Ton des Erſtaunens. Schrecken erfaßte die arme Caroline, denn dieß war ja nicht Osmonds Stimme; mit ei⸗ nem Schrei ſprang ſie von ihrer knieenden Stellung auf, ſich zu dem Stöhrer ihrer kum⸗ mervollen Einſamkeit wendend. „Herr Greville!“ rief ſie, mehr vermochte ſie nicht zu ſagen, ſie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſchluchzte laut. Greville brach zuerſt das Schweigen:„Sie ſehen mich erſtaunt, Miſſ Lascelles— in der That ich begreife nicht— oder fände Ihre Bekanntſchaft mit Herrn Leſſingham nicht erſt ſeit kurzem ſtatt?⸗ — 208— „Ewiger Gott!“ jammerte Caroline,„Os⸗ mond hat mich alſo verrathen,— grauſamer Osmond, war das nothwendig?“ fügte ſie in einem leiſeren Tone hinzu, und die Röthe der Scham überflog ihre bleiche Wange. „Er wußte, als er ſich mit mir berieth, ſo we⸗ nig als ich,“ erwiederte Greville in einem be⸗ ruhigenden Tone, daß mir der Gegenſtand ſei⸗ ner Neigung bekannt ſey. Hätte ich es ge⸗ wußt,“ fuhr er mit einer etwas zitternden Stimme fort,„ich hätte ihm mit meinem Rathe früͤher beigeſtanden, um Ihret wie um ſeinet⸗ willen, denn der Zufall machte mir Ihr Inte⸗ reſſe theuer.“ „Ach Sir, Sie ſind viel zu gut gegen mich,“ ſtammelte Caroline,„ich bin ein elendes— ein verlornes Geſchöpf; aber ich bin dennoch nicht ſo verächtlich als ich ſcheine. Nur einen habe ich geliebt— ihm habe ich alles geopfert!— Un ſeinetwillen dulde ich— zwar nicht mehr als ich verdiene, aber doch den bitterſten Kum⸗ mer, den je ein Sterblicher erdulden kann, die — 209— Vorwürfe eines ſchuldbefleckten Gewiſſens. Zum Dank dafur hat er mich jetzt verrathen— aber ich verdiene es— ich verdiene eine zehnfach härtere Strafe— ja, ja ich verdiene ſeine Verachtung, aber ſie iſt zu ſchwer zu tragen.“ Vergebens waren die Verſuche Grevilles, die⸗ ſen Ausbruch ihres Kummers zu unterbrechen. Sein Erſcheinen, er war davon üͤberzeugt, ließ ſie glauben, daß Osmond ihre Schwäche, ge⸗ gen ihn, einem Anderen, verrathen habe. Das Zuſammentreffen der Umſtände war allerdings höchſt ſeltſam, aber es gelang dem klaren Ver⸗ ſtande Grevilles, die Unglückliche zu überzeu⸗ gen, daß nur ein ſolches ihn hieher geführt habe. Er erzählte ihr ſeine frühere Bekanntſchaft mit Osmond, ſprach von dem Antheil den er ſtets an dem Wohl ſeines jungen Freundes ge⸗ nommen habe, und theilte ihr den Inhalt des zuletzt mit ihm gehabten Geſpräches mit. Er verweilte mit beſonderem Nachdruck bei dem Schmerze mit dem ſich Osmond anfangs ge⸗ weigert hatte, ſeinem Rathe Gehör zu gebenz Osmond. II. Band⸗ 8 14 — 2410— denn er hoffte dadurch ihre bitteren Gefuͤhle am leichteſten zu beſaͤnftigen; er hatte ſich nicht geirrt, denn das arme Mädchen ward etwas ruhiger, und war bald im Stande in zuſam⸗ menhängenden Worten zu ihm zu reden. Ihre Hauptſorge ſchien jetzt, ſich in den Augen ihres Erretters in ſo weit zu rechtfertigen, als es möglich war; in kunſtloſer, aufrichtiger Rede ſprach ſie von ihrer erſten Bekanntſchaft mit Osmond, wo ſie noch im Hauſe ihres Vaters lebte; erzählte, wie ihre Tugend ihrer Liebe unterlag und wie ſie ihre Heimath ver⸗ ließ. Sie ſchilderte die Todesangſt die ſich ih⸗ rer bemächtigte, als ſie erfuhr daß Osmond fern von England ſey; die Verzweiflung die ſie erfaßte— ihre Rettung durch ihn.— Hier aber ward ihre Gemüthsbewegung ſo gewaltig, ihre Stimme ſo zitternd, daß ihr Zuhörer ſie bat, nicht weiter fortzufahren. Ich weiß nun genug,“ ſprach er,„halten Sie ein, ich vermag es nicht zu ertragen;“ und er trat ans Fenſter, um eine Erſchütte⸗ — 211— rung zu verbergen, deren ſich ſein philoſophi⸗ ſcher Sinn faſt ſchämte. Aber Caroline konnte nicht inne halten⸗ ihr Herz war zu voll, ſie mußte ſich mittheilen. Es ſchien als ſey ſie überzeugt, jetzt erſt einen wahren Freund gefunden zu haben, als ſtände ihr Vater ihr zur Seite. 3 „Aber das arme Kind?“ unterbrach ſie Gre⸗ ville, als ſie nicht aufhörte ſeine Wohlthaten zu preiſen. „Es iſt todt,“ erwiederte Caroline, aufs Neue in Thränen ausbrechend,„ach ſein Tod führte mich und Osmond wieder zuſammen, aber wir waren nie glücklich— ach nein, wir waren nie glücklich!“ „Sie ſehen,“ nahm Greville das Wort, in⸗ dem er ſich neben ſie ſetzte und ihre Hand er⸗ faßte,„Sie ſehen, denn die Erfahrung hat Sie belehrt, daß man in einem ſündigen Verhält⸗ niß nur vergebens das Gluͤck ſucht. Osmond nennt ſich ebenfalls elend, und elend iſt er in der That. Gäbe es auch keinen anderen Grund 14* — 242— daß Sie ſich trennen muſſen, dieſer würde hin⸗ reichen; aber es giebt auch noch andere.“ „Sie ſind unnöthig,“ unterbrach ihn Caroline. „Glauben Sie nicht, daß ich verächtlich genug bin, um nicht in Osmonds Entſagung zu wil⸗ ligen; er muß es mir bezeugen, daß mich ſelbſt in unſeren glücklichſten, was ſage ich, in. un⸗ ſeren elendeſten Momenten die Reue ver⸗ zehrte.— Ach, es war ein ſündhaftes Ver⸗ hältniß,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, in der ſie ſich bemüht hatte Ruhe zu gewin⸗ nen:„der Zorn des Himmels laſtete auf uns Beiden.“ „Aber aufrichtige Reue,“ ſprach Greville, „die Sie durch eine unverzügliche Rückkehr zu den Ihrigen am beſten an den Tag legen kön⸗ nen, wird Ihren Schmerz lindern und Sie werden Ruhe finden!“ „Ja, ja, ich werde Ruhe finden, ich werde bald, recht bald Ruhe finden!“ ſie ſprach dieſe Worte in einem ernſten, feierlichen Tone; „mein Herz iſt gebrochen.“ Greville war aufs tiefſte bewegt und ge⸗ nöthigt ſein Geſicht abzuwenden, um die Thrä⸗ nen zu verbergen, die ſeinen Augen entperlten. „Da Sie den tugendhaften Entſchluß gefaßt haben, dieſer ſündigen Liebe zu entſagen,“ be⸗ gann er nach einer Pauſe,„ſo waͤre eine ſchnelle Rückkehr zu den Ihrigen, Ihrem Wohl gewiß am zuträglichſten. Noch heute—“ „Noch heute, ja, ja noch heute, in dieſer Stunde, in dieſem Augenblick!“ rief Caroline lebhaft.„O, glauben Sie ja nicht, daß ich mich anders beſinnen könnte, Sie ſelbſt ſollen Zeuge meiner Abreiſe ſeyn, Sie ſelbſt ſollen Osmond verkünden, wie Sie mit ihren eigenen Augen ſahen, daß ich die Wohnung der Sünde verließ.— Ich will fort, fort auf der Stelle!“ und mit ſtürmiſcher Ungeduld ſprang ſie von ihrem Sitze empor; aber Greville, ſo lieb ihm auch ihr Entſchluß war, wollte dennoch nicht, daß ſie ſich durch eine allzuraſche Handlung in irgend eine unangenehme Lage bringen möchte:„Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ ſprach er, ſie zu⸗ rückhaltend,„wir müſſen ja zuvor noch uͤber Manches Abrede nehmen. Wohin wollen Sie ſich begeben?“ „Nach Woodhurſt,“ entgegnete die Unglück⸗ liche,„nach Woodhurſt, in meine theure Hei⸗ math, zu meinem geliebten, ach ſo ſchwer von mir beleidigten Vater; er wird mich mit Freuden aufnehmen, ſo elend ich auch bin, ſeine Arme werden ſich mir dennoch eröffnen! Gott ſegne ihn!“ rief ſie, den Brief, der bei Grevilles Ein⸗ tritt ihrer Hand entſunken war, vom Boden wieder aufhebend und ihn an ihre Lippen drückend. „Aber bevor Sie London verlaſſen,“ nahm Greville wieder das Wort,„müſſen Sie mir, als dem Freunde Leſſinghams ſagen, auf welche Weiſe er Ihnen einigen Erſatz—“ „Sagen Sie ihm,“ unterbrach ihn Caroline lebhaft,„daß er ſelbſt damals, als er mir ſein Herz gab,— als er mir ſagte, daß ich ihm theurer ſey als die ganze Welt, als er mein Kind liebte und es vor Mangel ſchützte,— als er mein Troſt, mein einziger Freund war, daß — 215— er mir ſelbſt damals keinen Erſatz für die Reue gewaͤhrte, die er über mich gebracht hatte.— Und glaubt er jetzt, daß Geld, daß Geld, glaubt er, daß er mein Elend bezahlen kann— ach, Osmond, dieſe Kränkung ſchmerzt!“ „Sie irren, Sie verſtehn mich nicht,“ be⸗ ruhigte Greville. Aber eben ſo gut hätte er verſuchen können, die tobende See zu be⸗ ſchwören. Endlich waren ihre Kräfte erſchöpft, ſie faßte Grevilles Hand:„wie ich aber auch fortan über ihn denken mag,“ ſprach ſie,„gegen Sie kann ich nie andere Gefuͤhle, als die der Dankbarkeit und der Achtung hegen. Zweimal haben Sie mich vom Verderben gerettet!“ „Alſo Sie wollen in der That ſchon heute fort,“ unterbrach ſie Greville. „Jetzt gleich auf der Stelle!“ „Aber Sie müſſen doch zuvor Anſtalten treffen, Ihre Sachen, Ihre Kleider—“ „Ich habe nichts, nichts was mir gehört,“ entgegnete Caroline;„arm verließ ich meines Vaters Haus, arm will ich in daſſelbe zurück⸗ kehren. Nur mein reuiges Herz will ich dort mit hinnehmen. Sie ſollen Zeuge meiner Ab⸗ reiſe ſeyn, daß heißt— wenn Sie es wollen, denn ich habe keinen Freund hier und weiß nicht, wie ich mich zu benehmen habe.“ Greville übernahm es, Miſtreß Allen von der ſchnellen Abreiſe ihrer Nichte zu benach⸗ richtigen; der ſo eben von dem Vater Carp⸗ linens eingegangene Brief ſollte für jene zum . Grunde dienen. Dann verließ er das arme Mädchen auf kurze Zeit, um die nöthigen An⸗ ſtalten zu treffen und fand ſie als er zurück⸗ kehrte, in der That ſchon reiſefertig und bereit ihm zu einem Gaſthofe zu folgen, wo in einer Stunde eine Poſtkutſche abgehen ſollte, die am nächſten Tage Woodhurſt zu paſſiren hatte. Schweigend fuhren ſie nach dem Gaſthofe, wo Greville mit väterlicher Sorge alles zu ihrer Bequemlichkeit ordnete, dann zog er ſie einen Augenblick vor dem Einſteigen bei Seite.„Un⸗ ſere Bekanntſchaft,“ ſprach er,„war keine ge⸗ wöhnliche, ich werde ſtets an Ihrem Schickſal den innigſten Antheil nehmen;—“ ſeine Stimme zitterte,„wenn Sie eines Freundes bedürfen, wenden Sie ſich an mich.“ Er drückte ihre Hand, Caroline erwiederte daukbar den Druck derſelben; er preßte die Thräne zurück, die ſeinen Augen entquillen wollte, hob die Un⸗ glückliche raſch in den Wagen und eilte von dannen. Caroline blickte ihm nach ſo lange ſie konnte, dann überließ ſie ſich ihren ſchwermüthigen Ge⸗ fühlen, während der Wagen raſch mit ihr von dannen rollte. XV. Greville hielt es nicht für nöthig, ja nicht einmal für rathſam, Osmond von dem Inhalt ſeiner Unterredung mit Carolinen ausführlich zu unterrichten, oder ihm zu ſagen, daß er ſie ſchon früher gekannt habe. Er erzählte ihm nur daß ſie bereit geweſen ſey, ja daß ſie ſelbſt gewünſcht habe, das ſuͤndige Verhältniß aufzu⸗ heben und London unverzüglich zu verlaſſen. Er ſelbſt, fügte er hinzu, habe ſie zur Poſt⸗ kutſche begleitet und ſie ſey vor ſeinen Augen abgereiſt. Sie war nun fort, und ſo, wie Lady Ar⸗ lington und Greville glaubten, das wichtigſte Hinderniß, welches Osmonds Rückkehr zu ſei⸗ ner Pflicht in dem Wege ſtand, gehoben; aber — in dem Betragen des Letzteren, ſo wie in dem der Lady Mary, fand dennoch keine Veränderung Statt. Sie ſchwieg noch immer— aber ſie dul⸗ dete ſichtbar; noch mehr als früher, war er jetzt abweſend vom Hauſe und von ſeinem Amte; er war nicht kalt, nicht gleichgültig gegen ſeine Freunde, aber er war ſchlimmer als das: er war über alle Begriffe reizbar, das ge⸗ ringſte Wort beleidigte ihn; er war ſtolz, unfreund⸗ lich, kurz Alles verkͤndete, daß er mit der ganzen Welt und mit ſich ſelbſt in Feind⸗ ſchaft lebe. Die Bemühungen Grevilles, ſeinen früheren Einfluß auch jetzt geltend zu machen, blieben fruchtlos, Osmond wollte ihm durchaus keine Rede ſtehen, ja er ſchien ſich abſichtlich un⸗ muthig gegen ihn zu ſtimmen, indem er ſich zu überreden ſuchte, daß Greville, dadurch, daß er ihn von Carolinen trennte, ſein Elend noch vermehrt habe. In dieſem beklagenswerthen Seelenzuſtande gab er ſich jeder nur erdenklichen Zerſtreuung 5 hin und da Greville das Nutzloſe ſeines Be⸗ ſtrebens, jetzt auf ihn einzuwürken, einſah, ſchied er, als der Sommer kam, ohne von Osmond, deſſen Betragen er faſt mit Verachtung zu be⸗ trachten begann, einen anderen Abſchied als den zu nehmen, den folgende Zeilen ent⸗ hielten. „Ich gehe wie gewöhnlich für den Sommer aufs Land; eine Abſchiedsunterredung zwiſchen uns, würde für den jetzigen Augenblick nichts Gutes ſtiften.— Die Zeit wird vielleicht kom⸗ men, in der Sie wünſchen werden, meinem gutgemeinten Rathe gefolgt zu ſeyn. Sollte je ein ſolcher Wunſch bei Ihnen rege werden, wird es, hoffe ich, noch nicht zu ſpät für Sie ſeyn, ſich zu erinnern, daß Ihnen noch immer ein treuer Freund lebt in Ihrem Greville. Dies war der Abſchied Grevilles. Der der Lady Arlitigton war noch unfreundlicher; auch ſie war im Begriff ſich aufs Land zu begeben, aber ob Sie gleich mit ungemeiner Zaͤrtlichkeit ihrer Schwiegertochter und ihrem Enkel Lebe⸗ wohl ſagte, ward der Name Osmonds ſelbſt nicht einmal von ihr ausgeſprochen. Ihre Ver⸗ achtung ſeines Betragens war eben ſo groß als ihr Mißvergnügen darüber und ſie war feſt entſchloſſen, ihn, bis er ſein Betragen ge⸗ ändert haben würde, nicht mehr ihren Sohn zu nennen. So ſtieß Osmond alle ſeine Freunde von ſich, einer war ihm indeß geblieben; dies war das ſchätzenswerthe Weib, welches ſelbſt in dem Schiffbruch ihrer Hoffnungen mit ver⸗ zweiflungsvoller Feſtigkeit an ihm hing; denn die heiligen Bande der Ehe, vereint mit den noch ſtärkeren Banden der Zärtlichkeit geboten ihr, ihn nicht zu verlaſſen. Nichts als dieſe Seelenſtärke konnte ihr Kraft verleihn, Osmonds kaltes ja un⸗ freundliches Benehmen zu erdulden. Er hielt den ſtummen Schmerz ſeiner Gattin für eine Geringſchäͤtzung, die er, wenn auch überzeugt ſie zu verdienen, dennoch nicht zu ertragen vermochte und ſo floh er ihre Näaͤhe wie die ſeines bitterſten Feindes. Der Zeitpunkt, in dem ſie ſich gewöhnlich aufs Land begaben, war längſt vorüber und Lady Mary's bekümmertes Gemüth ſehnte ſich nach der friedlichen Stille ihrer Wohnung zu Richmond. Oft hatte ſie ſchon den Entſchluß gefaßt, ihren Gatten den Vorſchlag zu machen, ſich dort hinzubegeben, aber ſie verſchob die Ausführung deſſelben noch immer, weil ſie fürchtete, die Außerung dieſes Wunſches möchte ihrem Gatten mißfallen. Dieſer Unentſchloſſenheit ſollte ſie indeß bald entriſſen werden; eines Morgens nach dem Frühſtück blieb Osmond etwas länger in ihrer Geſellſchaft als gewöhnlich; endlich nahm er den Hut um zu gehen, indem er ſagte:„die Hitze der Stadt fäͤngt in der That an, mir unertraͤglich zu werden, ich muß ſo bald als möglich hinaus.“ — 223— „Ich bin jeden Augenblick dazu bereit,“ ver⸗ ſetzte Lady Mary. Er ſchwieg einige Augenblicke und legte ſeinen Hut wieder aus den Händen:„und wohin wollen Sie? nach Richmond ohne Zweifel, nach dem lieben, ewigen Einerlei.“ 1 „Wenn Sie einen anderen Ort vorziehen,“ er⸗ wiederte die duldende Gattin,„ſo brauchen Sie ihn ja nur zu nennen.“ „Ich bin uͤberzeugt,“ fuhr Osmond fort, „daß der Ort den ich vorziehe, Ihren Beifall nicht haben würde; Sie würden gewiß nicht gern mit nach Genf gehen!“ Lady Mary ſchwieg einen Augenblick, denn ſie gedachte ihres Kindes, dann erwiederte ſie: „ich möchte mich nicht gern von unſerm Knaben trennen, doch wenn Sie es wünſchen—“ Osmond unterbrach ſie, offenbar daruber erfreuet, daß ſie an der Reiſe keinen Gefallen zu finden ſchien:„Nein, nein, daß würde Un⸗ recht ſeyn!“ rief er,„ich bin weit entfernt deshalb in Sie zu dringen, ich aber denke mich mit dem Oberſten Howard und ſeiner Gattin auf ein Paar Monate dorthin zu begeben.“ „Ein Paar Monate? wiederholte Lady Mary erſchrocken,„der Oberſt Howard meynte kürz⸗ lich, ſein Aufenthalt dort könne wohl ſechs Monate währen.“ „Leicht möglich,“ entgegnete Osmond,„ich aber bin ja nicht an ihre Zeit gebunden; ich werde ſo lange dort bleiben, wie es mir ge⸗ fällt.“ Er ſprach dieſes in einem heftigen Tone.. „Ohne Zweifel,“ erwiederte Lady Mary mit einer erzwungenen Ruhe, die Osmond für Gleichgültigkeit hielt. „So habe ich alſo ihre Erlaubniß,“ esigegnete Osmond mit einer ſpöͤttiſchen Verbeugung,„meine Gattin iſt ſo artig ihrem Gemahl zu erlauben zu thun wie es ihm beliebt. Ich werde ihre Nachſicht benutzen;—“ mit dieſen Worten woollte er das Zimmer verlaſſen, ſie aber ver⸗ hinderte ihn daran. Mit ihrer einen Hand er⸗ faßte ſie die ſeine, die andere legte ſie auf — 225— ihr pochendes Herz; dabei erhob ſie ihre Blicke, ſo als ob nun die Stunde der Prüfung ge⸗ kommen ſey und als ob ſie den Beiſtand des Höchſten anrufe:„Osmond,“ ſprach ſie dann, „daß ich Sie einſt liebte, daß ich Sie noch liebe, nicht mit mädchenhafter, vorübergehender Leidenſchaft, ſondern mit der ganzen Treue eines beſtändigen Characters,— gereicht mir jetzt faſt mehr zum Vorwurf als zum Lobe.— Hören Sie mich an, ich habe Ihnen nur wenig zu ſagen,“ fuhr ſie fort, als ſie die Ungeduld in Osmonds Blicken bemerkte, dies wenige aber iſt von Wichtigkeit. Seit Monaten ſchon kenne ich Ihr Unrecht gegen mich.—“ Osmond unterdrückte das Erſtaunen, daß ſich bei dieſen Worten ſeiner bemächtigte:„Sie haben ſich alſo erniedrigt meine Wege auszu⸗ ſpähen, Lady Mary 4 ſprach er mit einiger Verlegenheit. „Ich habe nichts gethan, wofür ich zu er⸗ röthen brauchte,“ entgegnete die ungluͤckliche Gattin mit weiblicher Wuͤrde;„hätten Sie meine Hemond. II. Band. 15 Liebe zu würdigen gewußt, Sie wuͤrden ſich überzeugt gehalten haben, daß ich in Ihrer Rückſicht keines Argwohns fähig war, bis mir der Zufall unwlderlegbare Beweiſe gab.“ Os⸗ mond ſeufzte tief, aber das Schweigen welches er fortwährend behauptete, beſtärkte Lady Mary in ihren Entſchluß, ſie fuhr fort:„So lange ich glauben konnte, daß Sie auch nur noch die mindeſte Achtung für mich hegten,— ſo lange Sie nur noch den Anſtand gegen mich beobach⸗ teten, gebot mir, ſo beklagenswerth auch unſer Verhältniß iſt, dennoch die Theilnahme, die ich für Sie empfand, mich nicht von Ihnen zu trennen; aber der Schwäche meines Herzens darf ich die Achtung, die ich mir ſelbſt ſchuldig bin, nicht zum Opfer bringen. Es iſt keine Ueber⸗ treibung, keine bloße Redensart, wenn ich Sie verſichere, daß es einen Zeitpunkt in unſerer Ehe gab, wo ich es vorgezogen haben wuͤrde, den grauſamſten Tod zu ſterben, als getrennt von Ihnen zu leben.—“ Sie ſchwieg einen Augenblick, ſo als ſuche ſie ihr Herz zu be⸗ kämpfen, dann ſprach ſie weiter:„Urtheilen Sie alſo, Osmond, wie vollkommen meine Ueberzeugung, wie furchtbar die Angſt meiner Seele ſeyn muß, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich bereit bin in eine ſolche Maaßregel zu wil⸗ ligen, wenn, wie ich zu vermuthen nur zu ge⸗ gründete Urſache habe, dieſer Schritt zu Ihrem Glücke beitragen kann.. „Zu meinem Glücke beitragen!“ murmelte Osmond vor ſich hin. 3 „Wenn er Ihr Elend vermindern kann, haͤtte ich vielleicht ſagen ſollen,“ nahm Lady Mary wieder das Wort.„Ich übergebe daher dieſen Vorſchlag Ihrem Bedenken,— kann ich nichts mehr für ihr Glück thun, will ich wenigſtens Ihre Leiden nicht vermehren; nicht an meinem guten Willen, Gott iſt mein Zeuge, nur an meiner Fähigkeit dazu, hat es gelegen, daß ich Ihnen nicht mehr gefallen konnte—“ „Nichts mehr, nichts mehr davon!“ rief Os⸗ mond, heftig von ſeinem Sitz emporſpringend, „um Gotteswillen! kein Wort mehr, wenn Sie 15* — 228— mich nicht wahnſinnig machen wollen.“— Und einen Augenblick lang mit einem tiefen, rüh⸗ renden Ernſte auf ſie blickend, fuhr er fort: „Ach Mary, in einer böſen Stunde haben Sie ihr Schickſal an das meine geknüpft! Flehen Sie Gott an, daß Sie mich nie wieder ſehen, daß wir uns nie wieder begegnen!“— Und mit einer an Wahnſinn gränzenden Hef⸗ tigkeit uuſchlang er ſie mit ſeinen Armen, drückte ſeine Lippen auf die ihrigen und ſtürzte hinaus. „Was habe ich gethan!— ewiger Gott, was habe ich gethan!“ jammerte das unglück⸗ liche Weib und in dem erſten Augenblick ihres Schmerzes hätte ſie dem noch immer Geliebten nacheilen mögen, ihr Wort zu wiederrufen; als aber eine ruhigere Überlegung bei ihr wieder⸗ kehrte, ſprachen ihr eigenes Bewußtſeyn und ihr Verſtand ihr einen, wenn auch nur kalten Troſt zu, ſie fühlte, ſie hatte Recht gehandelt. So ſchwand der Tag dahin, der Abend er⸗ ſchien, Osmond kehrte aber noch immer nicht zuruck. Lady Mary's Angſt ſtieg mit jedem — 229— Augenblick, alle ihre Zweifel wurden indeß bald durch folgenden Brief gehoben, der im Grunde kein Brief genannt werden konnte, denn die Schriftzüge, die das ihr überbrachte Schreiben enthielt und der ganze Inhalt deſſelben, be⸗ wieſen, daß der, der ſie niederſchrieb, wie er es auch ſelbſt geſtand, ſich in einem Seelen⸗ zuſtande befunden haben mußte, der ſich nur dadurch vom Wahnſinn unterſchied, daß der Leidende das Elend kannte, welches auf ihm laſtete. „Wenn Sie dieſes leſen werden, Mary, bin ich ſchon weit von Ihnen entfernt; ich kann nicht länger in der Nähe der Trefflichen leben⸗ die ich ſo ſchwer beleidigte und kränkte.— Theures, theures Weib, warum gabſt Du Dich in die Hände eines Elenden wie ich bin?— ich war nie— nie Deiner werth,— ich bin nur dem ewigen Verderben geweiht und es wird mich ereilen.— Du aber ſollſt mein ſchreckliches Loos nicht theilen, nicht meinet⸗ wegen ſollſt Du dulden, Du wirſt denken ich —— raſe und in der That mein Sinn iſt verwirrt, aber die Segnung des Wahnſinns iſt mir nicht zu Theil geworden, denn ich fühle mein Elend.— Ich ſetzte mich nieder an Dich zu ſchreiben, ich glaubte ich hätte Dir etwas zu ſagen, nicht zu meiner Rechtfertigung, wohl aber Dein Mitleid für mich rege zu machen, aber ich vermag es nicht, ich weiß nicht mehr was ich Dir ſagen wollte!— Ich eile fort von hier, Mary, in ein fernes Land, ich bitte Dich nicht mir zu ſchreiben, aber gieb ſonſt jemand Auf⸗ trag, meine Einwilligung zu unſerer Trennung einzuholen, wenn Du ſie verlangſt.— Von der Poſt zu Calais werden mir ſolihe Nach⸗ richten zukommen.“ „Lebt wohl, Du Mary, Du mein Kind. Lebt wohl!“ Über dieſen Brief vergoß Lady Mary keine Thräne, keine Klage, kein Seufzer entſtieg ihrer Bruſt.— In ſprachloſer Verzweiflung ſaß ſie mehrere Stunden da, bis, als die Nacht immer mehr und mehr hereinbrach, ihre treue — 231— Dienerin eintrat, ſich nach ihrer Gebieterin unmzuſehn. „Was fehlt Ihnen, Mylady,“ fragte die ehrliche Hopkins,„haben Sie etwa keine gute Nachrichten von Herrn Leſſingham erhalten?“ Lady Mary bebte bei dem Namen ihres Gatten, ſie hob den Brief vom Boden auf und gab der Dienerin mit der Hand ein Zei⸗ chen, daß ſie allein zu bleiben wünſche. Aber ihr ſanftes, freundliches Weſen hatte ſie der ganzen Dienerſchaft und zumal der wacke⸗ ren Hopkins ſo theuer gemacht, daß ſie dem ſchweigenden Gebot ihrer leidenden Herrin durch⸗ aus nicht Folge leiſten konnte. „Ich kann Sie jetzt nicht verlaſſen, My⸗ lady,—“ ſprach ſie,„wahrlich ich kann es nicht!—“ und ſich ſchnell auf einen Gegen⸗ ſtand beſinnend der ihre Gebieterin auf andere Gedanken brächte, fügte ſie hinzu: eder Kleine iſt wach, Mylady!“ Dies war die beſte Saite die ſie in dieſem Augenblick berühren konnte.„Bring ihn her zu mir,“ erwiederte Lady Mary, kaum im Stande dieſe Worte auszuſprechen, denn die Erinne⸗ rung an ihr Kind rief einen wohlthaͤtigen Thrä⸗ nenſtrom aus ihren Augen. Krampfhaft druͤckte ſie den Kleinen an ihre Bruſt; er war das Einzige was ſie aus dem Schiffbruch ihres Glücks gerettet hatte. Seine Küſſe— ſeine Liebkoſungen gewährten ihr Troſt. In der Erfullung ihrer mütterlichen Pflichten, minderte ſich die Angſt die ſie verzehrte, ihr Schmerz ward ruhiger; aber erſt nach einer Woche, nachdem ſie wieder in ihrem ſtillem Richmond angelangt war, war ſie im Stande folgenden Brief an ihren Gatten zu ſchreiben. „Ich ſagte Ihnen, Osmond, in unſerer letz⸗ ten Unterredung, daß ich überzeugt ſey, nichts mehr zu ihrem Glücke beitragen zu können— aber ich möchte auch nicht gern ihr Elend ver⸗ mehren— deshalb ſpreche ich jetzt auch nicht von mir. Die Maaßregel die Sie ergriffen, habe ich vorgeſchlagen, wenn ich daher leide, leide ich vielleicht mit Recht. Des Gegen⸗ ——— ——— ſtandes, über den Sie von mir etwas zu hören wünſchen, kann ich nur mit unendlicher Qual erwähnen— da Sie es aber verlangen ſo ſteht hier meine Antwort— die einzige Antwort, die ich jetzt und je geben kann. Alles was mir mein Daſeyn werth machen konnte, iſt mit Ih⸗ rer Liebe verſchwunden, ich will keinen Erſatz für dieſen Verluſt. Ich habe mich mit meinem Kinde nach Richmond begeben, dort wollen wir leben, abhängig von Ihrem Willen— abhängig von— Osmond; ich kann nicht über dieſes Thema ſprechen, verlangen Sie es nicht von mir, nur darum beſchwöre ich Sie, unſere Wiedervereinigung nicht auf ewig unmöglich zu machen. Dieſer Wunſch zeigt von neiner Schwäche— aber verzeihen Sie mir, ich bin ja nur ſchwach— ich wollte ja nicht von mir ſelbſt ſprechen, und doch ſprach ich bisher nur von mir. Aber obgleich ich ſelbſtſüchtig ſcheine, glauben Sie mir, Osmond, giebt es doch noch ein Weſen an deſſen Schickſal ich weit innigeren Antheil nehme, als an dem meinen; denn das —— — 234— meine iſt feſtgeſtellt:— Aber das Ihre, mein Gemahl, ach mein theurer Osmond, wenn ich Sie auch in dieſer Welt nicht wieder ſehen ſoll, rauben Sie mir wenigſtens die Hoffnung nicht, ddi ich ſo gern bis zum letzten Augenblick mei⸗ nes Lebens nähren möchte, die Hoffnung dort wieder mit Ihnen vereint zu werden, dort wo es keine irdiſchen Verſuchungen mehr giebt. Ach, mein Gemahl, dorthin blicken Sie nach je⸗ nem beſſeren Aufenthalte, verachten Sie die armſeeligen Freuden dieſer Welt!— Aber ach, ich kann nicht mehr, indem ich Ihnen jenen Rath gebe, iſt es mir, als rufe ich Ihnen ein ewiges Lebewohl zu, das vermöchte ich nie zu thun und dennoch zu leben. Aber ich ſpreche ja ſchon wieder von mir und das wollte ich nicht!— Denken Sie nicht an mich, Osmond, denken Sie nur an ſich und an ihre unſterb⸗ liche Seele!— Ich fühle, ich hätte Ihnen noch ſo viel über dieſes Thema zu ſagen, aber die Seder entſinkt meiner Hand, ich vermag nicht mehr. — 235— XVI. Es ſey uns jetzt erlaubt, über das nächſte Jahr in Osmonds Leben einen Schleier zu werfen. Ein Jahr! welch ein langer Zeitraum um Gutes zu wirken, um das Pfund wuchern zu laſſen das uns der Himmel verlieh! Osmond aber, der ſeines Herren Willen wußte und ihn dennoch nicht that, vergeudete dieſes Pfund in Ausſchweifungen und ſündigen Lüſten. Er kam zurück in ſein Vaterland mit zerſtörter Geſundheit, mit zerrüttetem Vermö⸗ gen! Er kehrte zurück, um, wie er glaubte zu ſterben, aber keine Hand winkte ihm ein freund⸗ liches Willkommen entgegen; er wußte nichts, weder von ſeiner Mutter, ſeiner Gattin, noch von ſeinem Kinde, er hatte einen Lebenswandel 1 — geführt, in dem er nicht nur jedes tugendhafte, ſondern auch jedes menſchliche Gefuhl verloren hatte. Er erwachte aus dieſem Taumel, als er fühlte, daß ſein Geſundheitszuſtand ſich mit je⸗ dem Tage verſchlimmerte, und er in der Ferne ſchon, das furchtbare Geſpenſt erblickend, wel⸗ ches der Menſch dem natürlichen Inſtinkte zu⸗ folge nur mit Schaudern betrachtet, ſich nach einem ſchutzgewährendem Aſyle umſah. In dem Vaterlande wohnte ihm ein tröſtender Genius, an den aber wagte er kaum zu denken, den⸗ noch dachte er ſo oft an ihn; wenn er ſich ihr nur wieder nahen konnte, welcher Troſt lag ſchon in dem Gedanken! Es war gegen Ende des Sommers, als Os⸗ mond, ſeelen⸗ und körperkrank, zu Brighton lan⸗ 1 dete. Er war überzeugt, daß er nicht mit der beleidigten Gattin zuſammentreffen würde, ſelbſt wenn er ſich unverzüglich in ſein Haus in der Stadt begäbe, denn abgeſehen davon, daß die Jahreszeit ſie gewiß noch auf ihrem Landſitze hielt, mußte ihr der Aufenthalt in der Haupt⸗ -— 237— ſtadt aus mehr als einem Grunde zuwider ſeyn. Aber Scham, gemeinhin die ernſte Begleiterin eines ſittenloſen Betragens, machte es ihm un⸗ möglich ſich dem Theil der Dienerſchaft zu zei⸗ gen, der in der Stadt zurückgeblieben war, und ſo beſchloß er, wenigſtens vor der Hand, in Brighton zu bleiben. 3 Er begann wohl zwanzig Briefe, bald an ſeine Mutter, bald an ſeine Gattin. Was aber konnte er ſagen, das ihnen keinen Kum⸗ mer machte? Warum ſollte er ihnen uͤber⸗ haupt ſchreiben, warum konnte er nicht ſterben ohne ihnen neuen Schmerz zu verurſachen? Ach, es iſt eine furchtbare Sache um das Sterben, furchtbar ſelbſt für den Tugendhaf⸗ ten, fur den Böſen aber!— dem bebt die Seele zurück, ſo wie der ſchreckenvolle Moment naht, immer feſter und feſter den dahinſinken⸗ den Körper umklammernd. War das Maaß der Leiden Osmonds noch nicht gefüllt, belebte ein unerwartetes Ereigniß bei ihm am nächſten Tage Erinnerungen, die ſein Elend vollkommen machten. Er begegnete zufällig Sackville auf der Straße. Einen Au⸗ genblick ſtutzten Beide, aber ſo als beſinne er ſich, ſchritt Sackville gleich darauf nach einer kalten Verbeugung weiter. Die bitterſten Vor⸗ würfe würden Osmond nicht ſo ſehr geſchmerzt haben, als dieſe Kälte. Anfangs regte ſich ſein Stolz, und ſeinen früheren Bekannten ebenfalls nur eines gleichgültigen Blickes würdigend, ſetzte auch er ſeinen Weg fort. Aber das Bewußtſeyn Sackvilles Gering⸗ ſchätzung verdient zu haben, war zu mächtig, als daß er ſich hinter einen Stolz hätte ver⸗ bergen können, der eine ſo denſeaühe Grund⸗ lage hatte.. Er rief ſich die Umſtände in ſein Gedächtniß zuruͤck, unter denen er und Sackville ſich zuletzt begegneten, die Verachtung mit der ihn der Letztere behandelte, ſchien ihm gerechtfertigt. Dieſe Überzeugung, vereint mit dem Wunſche, einige Nachricht von der zu empfangen, an die er nie ohne den furchtbarſten Seelenſchmerz — 239— 1 denken konnte, trieb ihn eine Stunde lang un⸗ ſtät in der Gegend umher, wo er Sackville geſehen hatte, denn er hoffte, ihm noch ein⸗ mal zu begegnen, in welchem Fall er glaubte ſeinen Stolz beſiegen zu können und im Stande zu ſeyn, den früheren Bekannten um Nachrich⸗ ten von der unglücklichen Caroline zu befragen. Sein Wunſch aber ward nicht erfüllt, Sack⸗ ville ließ ſich an dieſem Tage nicht wieder ſe⸗ hen; nach einer Woche endlich, als Osmond eines Abends am Uler umherſtrich, gewahrte er einen einſamen Wanderer, der wie er die geräuſchvolle Menſchennähe zu fliehen ſchien; es war Sackville, der wie ſchon einmal mit einer leichten Verbeugung an ihm vorüber wollte. Osmond aber, deſſen Verlangen, Kunde von Carolinen zu erhalten, mit jeder Stunde ſtieg, redete ihn an und begann von gleichgültigen Dingen— von der Schönheit des Abends und von der herrlichen Gegend zu ſprechen. Sackville hatte jetzt zum erſtenmal eine Ge⸗ legenheit die auffallende Veränderung die ein G — 240— ausſchweifendes Leben in Osmonds Zügen her⸗ vorgebracht hatte, genau zu beobachten; ſo un⸗ günſtig er auch von ihm dachte, er konnte dem Unglücklichen dennoch ſeine Theilnahme nicht verſagen, und ſo entſchlüpfte ihm faſt unwill⸗ kürlich die Bemerkung, daß Herr Leſſingham krank ſcheine. 3 „Ich bin in der That ſehr unwohl, aer⸗ wiederte Osmond. Sackville fragte nun leicht⸗ hin, was ihm fehle.„Meine Krankheit liegt hier— hier,“ entgegnete der Unglückliche, in⸗ dem er ſeine Hand auf ſein Herz legte. Es lag in dieſer Geberde und in Osmonds ganzem Weſen etwas ſo ſchwermüthiges, daß Sackville glaubte es ſey unmenſchlich, den Wunſch des Leidenden, ein Geſpräch mit ihm zu beginnen, nicht zu erfüllen. „Als wir uns zum Letztenmale ſahen, Here Sackville“— nahm Osmond, als er nun mit je⸗ nem der Stadt wieder zuſchritt, nach einer kurzen Pauſe das Wort.— Er ſchwieg, und. auch Sackville erwiederte anfangs nichts, denn — 241— er konnte nicht begreifen, wie Osmond es wa⸗ gen mochte jenes furchtbaren Moments zu er⸗ wähnen, den er, ſeiner Meinung nach, in die tiefſte Vergeſſenheit hätte begraben ſollen. Die Theilnahme, die Osmonds Außeres bei ihm er⸗ regt hatte, ſchwand auf einen Augenblick wie⸗ der dahin, er ſah' in ihm nur den Zerſtöhrer häuslichen Gluͤcks, und mit einer Kälte, die den Unmuth ſeines Herzens verkündete, ent⸗ gegnete er endlich: „Ich meynte, Sie würden wohl thun, die⸗ ſer letzten Zuſammenkunft nicht zu gedenken, Herr Leſſingham.“ 1— Osmond aber hatte jetzt die Schranken der Zurückhaltung durchbrochen, er hatte beſchloſſen, ſich um jeden Preis Kunde von Carolinen zu verſchaffen, und keine Kälte, ja keine Verach⸗ tung war im Stande, ihn zurückzuſchrecken. „Ich kann ſie nicht vergeſſen“— rief er, „ich will ſie nicht vergeſſen— ich verſuche es auch nicht ſie zu vergeſſen.— Ich denke nur Osmond. II. Band. 16 — 22= an Caroline— ſagen Sie mir, Herr Sackville, wo lebt ſie— wie geht es ihr?“ „Sie lebt!“ erwiederte Sackville ruhig, dann ſchwieg er wieder, obgleich Osmonds Züge deutlich die Ungeduld verkündeten, mit der er die Antwort auf ſeine Frage erwartete. Os⸗ mond wandte ſich einen Augenblick lang unmu⸗ thig von ihm ab, dann aber nahm er unver⸗ zuͤglich das Geſpräch wieder auf. „Ich weiß, daß ich Ihnen verachtungswerth erſcheine,“ ſprach er,„verabſcheue ich mich doch ſelbſt!— Aber haben Sie Mitleid mit mir— ich bin der Verzweiflung nahe.— Spre⸗ chen Sie aus, um des Erbarmens Willen, wo lebt ſie?“ 3 3 Sackville ſchwieg noch immer; und ſchon be⸗ gann Osmond ſeine Ungeduld in heftigen Wor⸗ ten zu äußern, ſein Begleiter aber fiel ihm ſchnell in die Rede. „Ich brauche jetzt nicht erſt zu erfahren, Herr Leſſingham,“ ſprach er,„daß Sie gewohnt ſind, ſich die ſchnelle Erfüllung Ihrer Wünſche zu — 243— verſchaffen; aber es iſt vielleicht nicht unnöthig, wenn ich Ihnen bemerke, daß ich nur wenig geneigt ſeyn dürfte, dasjenige Ihrer Heftigkeit zu bewilligen, was ich, weil es mir Vorſicht gebot, ſelbſt Ihren gemäßigten Außerungen verſagte.“ „Wenn Sie auch nur das geringſte Mitleid. mit meinem Elende empfinden,“ fuhr Osmond nun wieder flehend fort,„o, ſo ſagen Sie mir, wie geht es der armen Caroline?“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ſie lebt,“ erwiederte Sackville,„und wenn ich das be⸗ hauptete, ſagte ich vielleicht mehr als die Wahrheit.“ Osmond bebte zuſammen; Sackville bemerkte es und fuhr fort: „Ich ſehe, daß dieſe Nachricht Sie beküm⸗ mert, aber verzeihen Sie mir, Herr Leſſing⸗ ham, wenn ich Ihnen bemerke, daß ihr Tod noch das leichteſte Übel iſt, welches Sie als die Folge ihrer unglücklichen Neigung für Sie zu fürchten haͤtte.“ 16* ——— Osmond erwiederte nichts, aber ein tiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt. „Der Tod des Körpers iſt nur ein kleines Übel,“ nahm Sackville wieder das Wort,„wenn man ihn mit dem Tode alles deſſen, was das Leben ſchätzenswerth macht, mit dem Tode der Unſchuld, der Hoffnung, der Glüͤckſeeligkeit und der Selbſtachtung vergleicht! Ach, Herr Leſſingham, welche Verantwortung laſtet auf dem, der einen ſolchen Mord begeht?“ Osmond bedeckte ſein Geſicht mit den Hän⸗ den.„Halten Sie ein, halten Sie ein,“ rief er,„ich vermag nicht mehr zu hören! Wahrlich, es bedarf Ihrer Erinnerung nicht, mich zu überzeugen, daß ich ein Verworfener bin! aber ich bin elend, unbeſchreiblich elend!—“ er ſchwieg, denn er vermochte nicht weiter zu ſprechen, ſein Seelenſchmerz war ſo groß, daß Sackville faſt die Strenge ſeiner Worte bereuete. Er war deshalb eben im Begriff dem Dul⸗ der etwas Beruhigendes zu ſogen⸗ Osmond aber unterbrach ihn. — 245— „Sie glauben, daß ſie noch lebt!“ rief er. „Sie lebte, der Nachricht zufolge, die ich vor einigen Tagen von Woodhurſt empfing.“ „Ich will ſie ſehen, bevor ſie ſtirbt.— Ich will ihre Verzeihung erflehen.— Ach, daß ich doch ſtatt ihrer ſterben könnte! zu ihren Füßen will ich bereuen!— ich will, ich muß hin zu ihr!“— mit dieſen Worten erfaßte er noch einmal Sackvilles Hand, drückte ſie heftig, floh in ſeine Wohnung und eilte ſchon nach einer Stunde auf dem Wege nach Woodhurſt dahin. —— —-—— 1 — 246— XVII. Auf dem Wege nach Woodhurſt aber kühlte ſich Osmonds Verlangen, in Carolinens Nähe zu eilen, in ſoweit ab, daß er den Anfangs gefaßten Entſchluß, ohne weiteres vor ihr zu erſcheinen, aufgab und darüber nachſann, wie er ſeinen Plan auf ruhigere Weiſe in Ausfüh⸗ rung bringen könne. Da fiel es ihm ein, daß er dieß vielleicht durch jene Alte, deren Hütte er fruͤher oft mit Carolinen beſuchte, bewerk⸗ ſtelligen könne. Am erſten Abend ſeiner An⸗ kunft zu Woodhurſt eilte er deshalb zu ihr. Ddie Alte zeigte bei ſeinem Anblick Erſtau⸗ nen und große Freude, ober ſchnell ſchwand dieſe dahin als er nach Carolinen fragte; ſie 247— ſchwieg und ein tiefer Kummer ſprach nur aus ihrem Geſichte. „Um Gotteswillen, ſprich es aus, iſt ſie todt?“ fragte Osmond. Die Alte ſchüttelte mit dem Kopfe.„Noch nicht, Sir!“ entgeg⸗ nete ſie,„aber—“ „Gott ſey Dank!“ rief der Unglückliche. „Ach, da iſt nicht viel zu danken,“ meynte die Alte,„die arme Caroline wird es nur noch wenige Tage machen.— Aber darum laſſen Sie noch nicht den Muth ſinken, Herr Leſſingham,“ fuhr Sie fort, als ſie die Verzweiflung be⸗ merkte, die bei ihren Worten aus Osmonds Zügen ſprach;„ſo lange noch Leben da iſt, iſt auch noch Hoffnung da. Glaubten wir doch ſeit den letzten drei Monaten ſchon immer, ſie werde kaum die nächſte Woche erleben. Das arme Ding, ich glaube, wenn Sie ſo vor ſie trä⸗ ten, Herr Leſſingham, das würde ihr mehr helfen als alle Arzenei. Ich gehe jetzt gleich zu ihr, denn ich wechſele in der Nachtwache an ihrem Krankenbette mit der Tante ab, — 248— was meynen Sie, ſoll ich ihr ſagen, daß Sie—⸗ „Um Gotteswillen nicht!“ rief Osmond, von dem Gedanken erſchreckt, daß die Kunde ſeines Hierſeyns der Kranken den Tod geben könne;— hörteſt du je, hat ſie jemals meinen Namen genannt,?“ fragte er dann mit zittern⸗ der Stimme. „Sie denkt recht oft an Sie,“ ſchwatzte die Alte,„davon bin ich überzeugt; noch in der vorletzten Nacht, als ſie ſo ſchlaflos dalag, hörte ich ſie ſeufzen, ich ſah mich nach ihr um, ihre Augen waren geſchloſſen, ihre Hände gefaltet, ſie ſchien zu beten, denn ihre Lippen bewegten ſich, und ich hörte deutlich wie ſie den Namen Osmond ausſprach!“ Osmond verſank in ein ſchmerzvolles Nach⸗ denken; aber ſeine Seele ſchien ſich an die Hoſffnung zu klammern, ſie noch einmal zu ſe⸗ hen.„Sage ihr— doch ja ſo behutſam als möglich,“ ſprach er endlich,„doch nein!— ich — 20— will an ſie ſchreiben, aber ſey ja vorſichtig wenn Du ihr meinen Brief übergiebſt!“ Sie verſprach die größte Behutſamkeit bei Überreichung der folgenden Zeilen anzuwenden, die er, kaum lesbar, mit ſeinem Bleiſtift auf ein Blatt hinwarf. „Ich komme nicht, meine Theuerſte, Stö⸗ rung zu veranlaſſen, nur Deine Verzeihung will ich erflehen!— Nur einmal, einmal nur noch, meine Caroline, richte Dein Auge auf mich.— Ich bin von Kummer niedergebeugt,— ſchlage dieſe letzte Bitte nicht ab, Deinem unglücklichen Osmond. Die Alte nahm das Blatt und verſprach, ſo⸗ bald als möglich Antwort zu bringen. Die Gefühle, die während ihrer Abweſen⸗ heit ſeine Bruſt beſtürmten, können wohl ge⸗ dacht werden, aber ſelbſt die treffliche Feder eines Scott würde ſich vergeblich bemühen, ſie zu beſchreiben. Als er ſie endlich wiederkeh⸗ ren und in das Zimmer treten ſah, hatte er nicht die Kraft nach der Botſchaft zu fragen — 250— deren Überbringerin ſie ſey. Das Geſicht der Alten aber verkündete ihm, auch ohne Worte, daß ihre Sendung einen günſtigen Erfolg ge⸗ habt habe. „Miſſ Caroline will Sie ſehen, Herr Os⸗ mond,“ rief ſie als ſie Athem geſchöpft hatte, „ich wußte, daß ſie zuletzt einwilligen wuͤrde!“ „War ſie denn Anfangs dagegen?“ fragte Osmond. „Es kam ihr unerwartet,“ entgegnete die Alte,„ſie rang die Hände, was vermag ich zu thun, rief ſie, und dabei weinte ſie ſo heftig, daß mir das Herz brach, und ich faſt bereuete, den Auftrag übernommen zu haben. Endlich aber ſchien ſie etwas ruhiger zu wer⸗ den, und eine Weile nachzudenken, dann ſprach ſie: geh' rufe meinen Vater, ich wünſche mit ihm zu reden. Ich that wie ſie gebot, er kam, und ſie hatten eine lange Unterredung zuſam⸗ men. Ich wartete im Nebenzimmer, und da hörte ich Miſſ Caroline ſagen:„Ich wünſche mit jederman im Frieden zu ſterben, wir trenn⸗ ten uns unfreundlich— ich glaube es wuͤrde mir Troſt gewaͤhren, ihn zu ſehen!— Da ſprach denn der Vater: thue mein liebes Kind, was Du fuͤr Deinen Frieden dienlich hältſt— ich aber kann ſeinen Anblick nicht ertragen!— Nein, nein, ſagte die Tochter, ich nur will ihn ſehen!— Und ſo gebot ſie mir Ihnen zu ſagen, daß ſie Sie morgen Abend um ſieben Uhr erwarten würde.“ 2 Der morgende Abend und die ſiebente Stunde erſchien; Osmond, dem die Nacht und der Tag, der ihr folgte, unter furchtbaren Gefüh⸗ len dahingeſchlichen waren, ſchritt mit der Al⸗ ten dem Hauſe des Pachters zu. Mehreremal, wenn er an den ihm wohlbe⸗ kannten Stellen, wo er einſt mit der damals ſchuldloſen Caroline wandelte, vorüber kam, war er genöthigt ſtill zu ſtehn, um ſeine Ge⸗ müthsbewegung einigermaßen niederzukämpfen. Als er aber das Haus erblickte, und nun in die Pforte trat, während die Alte voran ſchritt ihn anzumelden, fuͤhlte er ſich dergeſtalt erſchüt⸗ — 4 1 1 6 4 — 252— tert, daß er faſt im Begriff ſtand, zurückzu⸗ eilen. In dieſen Augenblick aber kehrte ſeine Führerin wieder. Sie ſprach etwas, er aber hörte nicht dar⸗ auf, ſondern folgte ſchweigend. Er trat in das Zimmer, er hörte wie die Thür hinter ihm zugemacht ward— er ſah eine weiß geklei⸗ dete Geſtalt— er ſtürzte vor ihr nieder auf die Knie, er bedeckte ihre brennenden Hände mit ſeinen Küſſen, er ſprach den Namen„Caroline“ aus, aber bis ein Thränenſtrom ſeine Bruſt erleichtert hatte, war er nicht im Stande, auch nur ein einziges Wörtchen mehr herauszubringen. Endlich erhob er ſein Haupt, rang ſeine Hände, und flehte ſie mit innigen Worten an, ihm zu verzeihen. „Ich verzeihe Dir, Osmond,“ ſprach ſie, „ja, ja, ich verzeihe Dir!“ und ihre Lippen berührten ſeine mit Angſtperlen bedeckte Stirn. „Dank, Dank!“ wollte er ſtammeln, aber er vermochte es nicht, die Angſt ſeiner Seele verhinderte ihn daran. Er erhob ſich von ſeiner knienden Stellung, und ſank auf einen Stuhl neben ihrem Ruhe⸗ bette; erſchöpft bis auf das Außerſte konnte er ſeinen Gefühlen keine Worte geben. Aber er war in ihrer Nähe, er drückte ſie an ſein Herz, er küßte ihre Thränen von den bleichen Wangen, er fühlte ſich in dieſem Augenblick den Leiden der Welt enthoben. Erſt als er den Schatten genauer betrach⸗ tete, den ſeine Arme umſchloſſen, ſchwand die Wonne, der er ſich hingegeben hatte; er er⸗ innerte ſich, was ihm hergeführt habe. Es war nicht die reizende Caroline, blühend in Jugend und Geſundheit, die er zu ſchauen ge⸗ kommen war;— nur eine arme Büßende war es, eine Dahinwelkende, eine Sterbende! Ja, eine Sterbende, aber noch nie näherte ſich der Tod ſanfter ſeinem Opfer; nur berührt, nicht verwiſcht, waren ihre himmliſchen Reize, dieſe empfingen im Gegentheil von den Leiden der Dul⸗ derin einen uͤberirdiſchen Zauber, der ſie Osmonds Phantaſie ſchöner erſcheinen ließ, als je zuvor. — 254— Ihr himmliſches Geſicht war bleich, kein An⸗ flug von Farbe in der Lilienweiße deſſelben zu gewahren. Aber ihr Auge, ihr liebliches blaues Auge! kein Kummer hatte die Macht gehabt, ihm ihre Schönheit zu rauben. Ein⸗ mal flammten ſie auf, gleichſam als wollten ſie Osmond verkünden, was ihre Beſttzerin einſt für ihn empfand; denn eben ſenkten ſich die ſchweren Augenlieder wieder auf ſie herab, und ſie waren fortan nur noch halb ſichtbar. „Du ſiehſt mich, Osmond,“ ſprach ſie,„wie jedes Sterbliche mehr oder weniger, am Ende ſeiner Tage geſehen werden ſollte, von dem Gefühl der Schuld niedergedrückt, und nur von der Hoffnung auf jene Barmherzigkeit auf⸗ recht gehalten, die der Ewige dem Bereuenden verſpricht.“ Sie ſchwieg einige Augenblicke um Kräfte zu ſammeln, denn ſie fühlte, daß dieſe ihr bald auf immer ſchwinden würden; beſorgt flehete Osmond, ſie möchte ſich nicht durch Reden ermatten. 3 —— — 255 Ich habe Dich wieder geſehen, mein theu⸗ res Leben,“ ſprach er,„ Du haſt mir verzie⸗ hen, das iſt genug, jetzt ſchone Deiner!“ „Ich muß— ich habe,“ fuhr Caroline im⸗ mer ſchwächer werdend fort,„ich habe Dir noch ſo viel zu ſagen— und ich fühle, meine Kraͤfte wollen mich verlaſſen. Höre mich, Os⸗ mond, blicke auf dieſen Ring!“— Es war derſelbe, den er einſt an ihren Fin⸗ ger geſteckt hatte. „Seit dem Tage, an dem ich ihn von Dir empfing,“ fuhr ſie fort„iſt er nicht von mei⸗ ner Hand gekommen; jetzt aber gebe ich ihn Dir zurück,—“ ſo ſprechend zog ſie den Ring von ihrem Finger und reichte ihn Osmond hin. „Ich gebe ihn Dir zurück,“ ſprach ſie dann, „als ein Zeichen meiner Verzeihung und mei⸗ ner Liebe. Denn Du warſt meine erſte und meine einzige Liebe!“ Sie blickte wehmüthig zu ihm auf;„die Welt iſt unfreundlich mit Dir umgegangen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort. — 1 — — 256— sEr vermochte nichts zu erwiedern, aber ſeine tiefen Seufzer beſtätigten ihre ſchmerzvolle Vermuthung. „Armer, armer Osmond,“ wiederholte ſie mehreremale mit einem Tone, der die innigſte Theilnahme beurkundete:„Du haſt Dich ſehr verändert, ſeitdem wir uns zum letztenmale ſahen. Iſt Dir denn keine Quelle des Tro⸗ ſtes übrig geblieben, kein häusliches Glück? keine, keine Freude!—“* „Keine— keine!“ ſtammelte Osmond, aber nicht von mir, von Dir laß uns ſprechen, meine theure Caroline, ſage mir, daß Du ru⸗ hig biſt, und Du gewährſt mir den einzigen Troſt, der mir hienieden noch werden kann.“ „Ich bin jetzt ruhig, Osmond,“ erwiederte Caroline,„ach wenn ich nur mit der Hoffnung ſterben könnte, daß auch Du in Demuth und Frieden hinübergehen wirſt, damit wir uns jenſeits wiederſehen, wo keine ſtürmiſche Lei⸗ denſchaft, keine menſchliche Schwäche uns mehr zu trennen vermag.„Darum bete zu Gott, mein theurer Osmond, daß er Dich vor Ver⸗ ſuchung bewahre,— bete um Vergebung Dei⸗ ner Sünden.— Denlke an meine letzte Bitte, kehre zurück von Deinen Irrthümern—. kehre zurück, mein theurer— mein geliebter Os⸗ mond!“— Hier erſtickten Thränen ihre Stimme. „Vater der Allmacht,“ betete Osmond, „nimm mich zu Dir— laß mich mit meiner Caroline ſterben!“ „Vertraue auf Ihn,“ tröſtete Caroline, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin;— auch ich konnte nicht Ruhe ſinden, ſo lange das Geheimniß meiner Sünde noch auf meinem Herzen laſtete— ſo lange ich fühlte, daß ich meinen liebevollen, zartlichen Vater täuſchte. Da beſchloß ich, mich ihm zu entdecken, denn ich fühlte— ich würde bald ſterben— und ich wollte nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen! Ich nahm das heilige Buch zur Hand— das mir in der letzten Zeit ſo man⸗ chen Troſt gewährte— ich las die Geſchichte von dem verlornen Sohne,— und flehete um Domond. II. Band. 47 — 258— Stärke, meinen guten Vorſatz auszuführen. Aber immer fehlte mir dennoch der Muth. Da betete ich und weinte und weinte und be⸗ tete— und konnte den furchtbaren Schritt nicht ausführen!— und wer weiß, ob ich ihn je gethan hätte, hätte der Herr der Gnade und der Barmherzigkeit Dich nicht hergeſandt— Dank— Dank, daß Du erſchienſt, mein Os⸗ mond!“ und ſie drückte ihre Lippen auf ſeine Wange. Osmond zog ſie an ſeine Bruſt. Ihr Haupt ruhete einige Augenblicke auf ſeiner Schulter, denn das Reden hatte ſie ermattet; aber ob⸗ gleich ſie ſchwieg, ſprachen dennoch ihre Blicke beredet, und ein Lächeln himmliſcher Ruhe hielt ihr Geſicht umzogen. Als ſie etwas Kräfte wiedergewonnen hatte, nahm ſie aufs Neue das Thema auf, mit dem ihre ganze Seele beſchäftigt ſchin. „Am geſtrigen Abend,“ fuhr ſie fort,„als ich Deine Zeilen geleſen hatte, Osmond, die ich als die letzte Mahnung des Himmels be⸗ 6 — 259— trachtete, dachte ich, jetzt iſt es Zeit zu ſpre⸗ chen,— ich will dieſe Gelegenheit nicht unge⸗ nutzt vorübergehen laſſen;— ich will meine Seele erleichtern, indem ich meinem Vater ein treues Bekenntniß meiner Schuld ablege.— Ich beſchloß es zu thun, Osmond, und ich that es.“ 8 „Wie? Du thateſt es, Caroline?“ „Ja, ich that es— ich ſank auf meine Kniee und flehete den Vater im Himmel um Muth dazu an.— Geſegnet ſey ſein Name, er erhörte mein Gebet— denn ich erhob mich beruhigt von meinen Knieen.“ „Ewiger Gott,“ rief Osmond,„ſprichſt Du vielleicht zu mir durch den Mund dieſes Dei⸗ nes Geſchöpfes? Kannſt Du mich nicht lehren wo ich dieſe himmliſche Ruhe finden kann? Bete auch für mich!“ Sie drückte ſeine Hand an ihr Herz und hob ihre Blicke zum Vater aller Gnade em⸗ por; aber ſie vermochte nicht zu ſprechen. „ 17—* „Und Dein Vater?“ nahm Osmond nach einer feierlichen Pauſe wieder das Wort. 4 „Er trat in mein Zimmer,“ erwiederte Ca⸗ roline,—„ich hatte mich ſo eben von meiner knieenden Stellung erhoben, aber meine Wan⸗ gen trugen noch die Spuren meiner Thränen. Er glaubte, der Gedanke an eine Zuſammen⸗ kunft mit Dir berunuhige mich, und er bemühete ſich, mich davon zuruckzuhalten; aber ich ver⸗ ſicherte ihn, daß er ſich irre.“ „Was bekummert Dich denn ſonſt, meine gute Caroline?“ fragte er,„ſage mir meine Tochter, kann Dein Vater Dein Leiden viel⸗ leicht in etwas mindern?“ So ſprechend drückte er mich an ſein Herz. Ach, Osmond, was ich in jenem Augenblicke fühlte, ich vermag es nicht zu ſchildern. Ich ſeufzte, ſo, als wollte mein Herz brechen— aber noch einmal flehete ich zu Gott um Muth— und dann ſank ich zu den Fuͤßen meines Vaters— und bekannte ihm Alles— Alles!“— „Und er fluchte dem Elenden!— der“— „Er fühlte tief, wie ein Vater,“ unterbrach ihn Caroline,„aber er verwünſchte keinen von uns Beiden. Zwar richtete er einen vor⸗ wurfsvollen Blick auf mich, dieſer währte aber nur einen Augenblick.„Das habe ich nicht er⸗ wartet— ſprach er— das Schickſal hat mir harte Prüfungen geſandt, und ich habe mich bemüht, ſie mit Geduld zu ertragen— das aber habe ich nicht erwartet!“— Mit dieſen Worten wollte er ſich von mir wenden, ich aber hielt ihn feſt umklammert— ich hing mich an ihm— ich bedeckte ſeine Hand mit meinen Küſſen— ich wollte nicht von ihm verſto⸗ ßen ſeyn— nein, nein, Osmond! ich wollte nicht von ihm verſtoßen ſeyn!“ „Und war es möglich, daß er unerbittlich blieb?— konnte er Dir ſeine Vergebung verſagen?“ rief Osmond, als er auf die Lei⸗ dende niederſchauete, und den himmliſchen Aus⸗ druck in ihren Zügen gewahrte. „Nein, nein, nicht lange konnte er es,“ er⸗ wiederte ſie,„nicht lange ſtand er da— von ———y— — mir abgewandt. Ich verlaſſe Sie bald— mein Vater!— ein Tag— eine Stunde viel⸗ leicht ſchon kann uns trennen!— Sehen Sie dieſe Hände— dieſe Geſtalt— wie ſie da⸗ hingewelkt ſind.— Blicken Sie doch auf mich, mein theurer Vater— auf Ihre arme— ſter⸗ bende Caroline! Und er blickte mich an, Os⸗ mond,— ſchloß mich in ſeine Arme— und dann brach er in Thränen aus— und auch ich weinte— und wir weinten zuſammen eine lange— lange Zeit!“ Osmond war von dieſer einfachen Erzäͤhlung auf das Gewaltigſte erſchüttert— Caroline war ungemein erſchöpft.„ Bald— bald wird es mit mir beſſer ſeyn!“ ſtammelte ſie, auf Osmonds beſorgte Außerungen,—„ich habe geſagt, was ich zu ſagen hatte, jetzt kann ich in Frieden ſterben.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber ihre Anſtrengungen waren vergebens, nur mit der größten Mühe konnte ſie noch Luft ſchöpfen. — 263— Osmond ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, ſie aber lächelte. In dieſem Augenblick ward die Thür leiſe geöffnet; Osmond ſah nicht wer eintrat, denn ſeine Blicke ruhten auf der Sterbenden, die plötzlich neue Lebenskraft zu fühlen ſchien.„Er kommt, er kommt,“ rief ſie,„ich wußte wohl, 3 daß er kommen würde, mich zu ſegnen und meinen letzten Wunſch zu erfüllen!“— Os⸗ mond ſah ſich um, Herr Lascelles ſtand ihm zur Seite. „Verzeihen Sie ihm, mein Vater,“— ſtam⸗ melte Caroline,—„laſſen Sie mich hören— daß Sie ihm verzeihen!“— Osmond hielt ſie in ſeinen Armen; dabei aber ruhete ſein flehender Blick auf dem Va⸗ ter ſeines Opfers— der einen Moment lang ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, ſo, als könne er Osmonds Anblick nicht ertragen. „Um Ihret— um der Theuern Willen,“ bat dieſer. 1 1 4 1 5 b 1 1 Herr Lascelles reichte ihm die Hand hin— er verſuchte zu ſprechen, aber er vermochte es nicht. Osmond hielt die Hand des gekränkten Va⸗ ters gefaßt— er ſank auf ſeine Kniee.„ Um Ihret⸗ um der Theuern⸗— nicht um meinet⸗ willen,“ wiederholte er, ſprechen Sie das ein⸗ zige Wort Verzeihung aus. „Ich verzeihe Ihnen!“ ſprach Herr Lascelles endlich mit gepreßter Stimme,„auch Gott wird, denke ich, Ihnen— und uns Allen verzeihen!“ Osmond preßte ſeine Hand an ſeine Lippen. Die Sterbende aber drückte den Pater innig an ihr Herz.„Dank— Dank,“ ſtammelte ſie, „Dank Ewiger! und ſie ſank zuruck auf ihr Ruhebett. Osmond ſprang zu ihrem Beiſtande auf— ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt. Herr Lascelles hielt ihre Hand und betrachtete ſie mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes. Dann küßte er ihre bleiche Wange. Ein himmliſches Lächeln umzog ihr Geſicht. Sie richtete noch einen Blick voll unendlicher Liebe — — 265— auf Osmond.„Lebt wohl— Geliebte— Beide,“— ſprach ſie mit ſchwacher, kaum hör⸗ barer Stimme— dann ſank ihr Haupt wieder auf Osmonds Bruſt. Er fuͤhlte es ſchwe⸗ rer und ſchwerer werden— ſeine Hand ward krampfhaft gefaßt— ſie ſeufzte tief— ihre Augen ſchloſſen ſich!— Er hörte den Schrei des Vaters— dann hörte und ſah er nichts mehr— denn er war genöthigt, aus dem Zim⸗ mer zu ſtürzen, um nicht ſelbſt ohnmächtig nie⸗ derzuſinken. ——— — 1 — 266— XVIII. Am nächſten Tage erſchien die Alte bei Os⸗ mond mit trauriger Kunde. Caroline war in derſelben Nacht hinübergegangen— ihre letzten Worte waren an ihn gerichtet geweſen;— denn oobgleich ſie, nachdem ſie in ſeinen Armen ohn⸗ mächtig ward, noch einige Stunden lang lebte, war ſie doch der Sprache nicht mehr mächtig geworden. Mehr als vierzehn Tage nach dieſer ſchwer⸗ müthigen Begebenheit kam Osmond nicht aus ſeinem Zimmer, ja kaum aus ſeinem Bette. Der Sturm in ſeinem Innern wüthete derge⸗ ſtalt auf ſeine ohnehin geſchwächte Geſundheit, daß ſich bald ein heftiges Fieber zeigte, wel⸗ ches ihm in den Momenten des Bewußtſeyns — 267— die tröſtende Hoffnung nähren ließ, er werde bald der armen Caroline in das Grab folgen. Als aber die Krankheit nachließ, begannen auch die frommen Worte der ſterbenden Caro⸗ line und das Erſchuͤtternde der Trauerſcene einen heilſamen Einfluß auf ihn zu äußern. Der Gedanke, daß er noch nicht zum Tode vorbereitet ſey, erfaßte ihn mit furchtbarer Angſt, er gedachte der letzten Bitte der armen Dulderin und der Warnung ſeiner Gattin: doch ja ſeine unſterbliche Seele zu retten.„Was kann ich thun, für mein ewiges Heil?“ fragte der Unglückliche ſich mit reuigem Herzen.— Der Gedanke an Lady Mary war ihm ein Ge⸗ danke des Friedens— und wieder gab er der Hoffnung Raum, daß ihre Nähe allein die Angſt ſeiner Seele zu mindern vermöchte. Aber vergebens nur verſuchte er an ſie zu ſchreiben— die Feder entſank jedesmal ſeiner Hand.„Nein, ich vermag es nicht zu ſchrei⸗ ben,“ rief er aus,—„ich will hin zu ihr— und wenn ſie mich mit Verachtung von ſich — 2638— ſtößt, will ich nicht murren— ſondern ihren Zorn fuür gerecht halten— und irgend eine einſame Hütte aufſuchen, wo ich bereuen und ſterben kann.“ Er verließ Woodhurſt und kehrte nach Lon⸗ don zurück; noch am Abend ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt eilte er nach Richmond. Er zeigte ſich indeß der Lady Mary nicht ſogleich, ſondern ſchlich ſich, die Dämmerung des Herbſt⸗ abends benutzend, aus dem Gaſthofe, in dem er abgetreten war, um ſich ihrer Wohnung un⸗ geſehen zu naͤhern.. Dieſe lag bald vor ihm da!— da ſtand das Luſthäuschen, in dem ſie, von Roſen und Jasminen umduftet, ihre Sommerabende zu verleben pflegte. Lange ſtand er ſchweigend da an der Pforte des Gartens, mit mehr ſinnenden als ſchwer⸗ müthigen Gefühlen. Es ſchien, als ob Lady Marp's Frömmigkeit auf Alles, was ſich ihr näherte, beruhigend wirke. Da toͤnte plötz⸗ lich Muſik zu ihm her, die Nacht war jetzt 269— völlig herabgeſunken, vom Himmel ſenkte der Septembermond ſeine freundlichen Strahlen. Er horchte den Tönen, die mehr für das Herz als für die Sinne geſchaffen ſchienen; zwar war er zu weit entfernt, um die Worte des Liedes, welches geſungen ward, zu verſte⸗ hen; aber die Melodie, ſo einfach, ſo fromm, konnte er ſie je vergeſſen? Konnte er je ver⸗ geſſen, wie oft die liebevolle Gattin ihm in ähnlicher Stunde dieſe Abendhymne ſang, de⸗ ren erhabene Gedanken oft ſeine Seele von der Erdenwelt hinauf zu dem Ewigen trugen? Heilige Momente! obgleich längſt entſchwun⸗ den, lebten ſie dennoch in ſeiner Erinnerung, ſie hatten nur geſchlummert, jetzt erwachten ſie— die Stimme ſeines Weibes hatte ſie er⸗ weckt. Er ſuchte die Sehnſucht nicht zu bekämpfen, die ihn antrieb, ſich der frommen Sängerin immer mehr und mehr zu nähern. Mit leiſen Schritten und zurückgehaltenem Athem, weni⸗ ger weil er fürchtete entdeckt zu werden als weil er wünſchte keinen der Himmelstöne zu verlieren, trat er in den Garten— er näͤ⸗ herte ſich dem Luſthäuschen— er war nur noch wenige Schritte von demſelben entfernt,— er konnte die Worte, die ſie ſang, verſtehen, denn das Fenſter ſtand offen. Er trat noch einen Schritt näher— da erſchauten ſeine Blicke die fromme Sängerin, der Schein des Lichtes, welches ihm ihre Geſtalt zeigte, machte, daß ſie ihn nicht bemerken konnte, und ſo blickte er ſie denn an, mit der heiligen Ehr⸗ furcht, mit der er einen Engel betrachtet ha⸗ ben würde. Sie ſaß am Pianoforte, ihre Stimme durch liebliche Accorde begleitend. Ihre Blicke waren zum Himmel emporgehoben, ein himmliſches Lächeln hielt ihren Mund um⸗ zogen— der fromme Ausdruck in ihrem Ge⸗ ſicht hatte etwas Überirdiſches. Nur mit Mühe konnte Osmond der Verſu⸗ chung widerſtehen, hineinzuſtürzen, ſich zu ih⸗ ren Füßen niederzuwerfen, und ſie anzuflehn, auch für ihn zu beten.— — 2421— Endlich ſchwieg ihr Geſang— aber die Töͤne zitterten noch in Osmonds Herzen nach; und noch immer ſtand er da, ehrfurchtsvoll auf ſie blickend. Er machte keinen Verſuch ſich hin⸗ weg zu begeben, er ſchien vergeſſen zu haben, weshalb er gekommen ſey, ob er gehn, ob er bleiben ſolle, alles war untergegangen in dem Enthuſiasmus, den ſie ihm eingeflößt hatte. Ihn verlangte dennoch mit ihr zu reden; er konnte es nicht— er wollte es nicht glau⸗ ben, daß ein ſo frommes, ein ſo heiliges Ge⸗ müth als das Ihre— ſo verbrecheriſch er auch gegen ſie gehandelt hatte— ihn haſſen, ihm zürnen könne. Er war ihres Mitleids gewiß— und nur ihr Mitleid wollte er in Anſpruch neh⸗ men. 3 Aber wie ſollte er vor ihr erſcheinen, ohne ſie zu erſchrecken? es ſchien ihm ein Verbre⸗ chen, ihre an Heiterkeit gränzende heilige Ruhe zu ſtören.— Dann und wann umwölkte zwar ihr Geſicht ein Schatten von Schwermuth, ſie ſeufzte tief— ſie ſtützte ihr Haupt in ihre 1 ————————JJ;J— Hand, und einige Augenblicke lang ſchienen in ihrer Seele irdiſche Gedanken mit überirdiſchen um die Oberherrſchaft zu kaͤmpfen. Hand wegnahm, die ihr ſchwermüthig lächelndes Geſicht verbarg,—„ja, es war ein Abend wie dieſer!“— Und in ihre vorige Stellung zurückſinkend, ſchwieg ſie wieder.— Als ſie einige Minuten ſo, früheren Erinnerungen hin⸗ gegeben, dageſeſſen hatte, erhob ſie ſich plötz⸗ lich von ihrem Sitze, ſo, als wolle ſie ihren Gedanken eine andere Richtung geben,— ſie zog die Klingel, und gleich darauf erſchienen ihre Dienerinnen, als hätten ſie ſchon dieſes Winkes geharrt. Die eine von ihnen legte vor ihrer Gebieterin eine Bibel hin, dann nahm ſie nebſt den Übrigen in einer kleinen Entſernung Platz, und Lady Mary begann nun, ihnen aus der heiligen Schrift vorzuleſen. Es lag in dieſer ganzen Scene etwas ſo Frommes, ſo Erhebendes, daß Osmonds Bruſt „Ja,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie die Gefühle erfüllten, ruhiger, als er ſie je zuvor empfunden hatte. G Der beredte Zauber, der Mary's Stimme eigenthümlich war, zumal wenn die Worte des Lebens von ihren Lippen tönten, erfriſchte Os⸗ monds niedergebeugtes Herz ſo, als habe es der Thau des Himmels erquickt.— So ſuͤn⸗ dig er auch war, keimte dennoch eine heilige Hoffnung in ihm auf, als er nun die fromme Dulderin, die mit Leſen aufgehört hatte, zum Gebete niederknieen ſah. Ach, ſie wußte nicht wer jetzt ſein Flehen mit dem ihrigen vereinte, ſie hatte keine Ah⸗ nung davon, daß, als ſie den Ewigen bat, doch das verirrte Schaaf zu ſeiner Heerde zu⸗ rückzuführen, eben der, für den ſie ihre from⸗ men Worte zum Himmel hinauf ſandte, nur wenige Schritte entfernt von ihr, in gleicher Andacht weile. Noch immer lag Osmond auf ſeinen Knieen da, kaum wiſſend, daß es ſtille geworden war, und daß ſich die Dienerinnen entfernt hatten. Osmond. II. Vand. 18 — 274— Da ward das Fenſter zugemacht, ein Geräuſch, welches ihn aufſchreckte und ihn mit Beſorgniß erfüllte, denn er fürchtete jetzt, ſich unbemerkt entfernen und wegbegeben zu müſſen, ohne ſie geſprochen zu haben. Jetzt, da ſich ihre Her⸗ zen, zwar ohne daß ſie es wußte, zu einem und demſelben frommen Geſchäft vereint hat⸗ ten, ſchien ihm unmöglich. Lady Mary hatte unterdeſſen das Fenſter nur erſt halb geſchloſſen— noch immer ſtand ſie da— zögernd, ihre ſanften Augen zum Himmel emporgehoben, in den vollen Mond ſchauend, ſo, als zeige ihr ſein mildes Licht die Bilder ihres längſt entſchwundenen Glücks. Als ſie ſo hinaufblickte ſprach ſie:„ja, ja,“ ſie ſprach ſeinen Namen aus.— „Osmond!“ ſo höͤrte er ſie deutlich ſagen. „Wie wahrhaft hätte ich ihn lieben können! wie wahrhaft!“— ſie ſeufzte tief. Jetzt vermochte Osmond den Ausbruch ſei⸗ ner Gefühle nicht mehr zu unterdrücken— auch ſeiner Bruſt entſtieg ein ſchwerer Seufzer— ſie hörte es, ſchien zu erſchrecken, und wollte ſich fortbegeben.— Aber noch bevor ſie das Fenſter zu ſchließen vermochte, hatte er ihren Namen gerufen— war aus dem Gebüſch, wel⸗ ches ihn verbarg, hervor, in den Pavillon und nieder auf ſeine Knie geſturzt. Erſtaunen raubte dem frommen Weibe faſt die Beſinnung.„Nur ein Wort— nur ein einziges Wort— meine geliebte Mary!“ fle⸗ hete der Unglückliche, während ſie, von mannig⸗ fachen Gefühlen uͤberwältigt, kaum vermochte, mit der Hand ein Zeichen zu geben, daß ſie nicht im Stande ſey, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Osmond mißdeutete dieſe Gebehrde— er glaubte ſie zürne und deute ihm an, er ſolle ſie verlaſſen. „Ich kann— ich kann nicht fort, Mary!“ rief er,„ich kam um Troſt bei Dir zu ſinden— ſtoße mich nicht von Dir!“— Mehr vermochte er nicht zu ſagen— er verbarg ſein Geſicht in ihre Hand, die er gefaßt hatte. 18* — 276— „Ich Dich von mir ſtoßen?“ ſprach endlich Mary nach unendlicher Anſtrengung— und bei dem bloßen Gedanken brach ihre Seelen⸗ angſt in Thränen aus. Sie hob ihn ſanft zu ſich empor, und, wie von einem Gefühle be⸗ ſeelt, ſtürzten ſie einander in die Arme. Dieſe Umarmung der Verſöhnung ließ der ſanften Dulderin alle ihre früheren Leiden vergeſſen.— „Ich Dich von mir ſtoßen?“ wiederholte ſie, ſo wie ſie ihrer Sprache wieder mächtig war— „jetzt da die Stunde gekommen iſt, um die ich Tag und Nacht ſo ſehnlichſt flehte?“— Noch aber war ihr Bemühn, zuſammenhängend zu ſprechen, vergebens, ihre Thränen, ihre Seuf⸗ zer erſtickten ihre Stimme; ſie drückte ſeine brennende Hand bald an ihre Bruſt, bald an ihre Lippen, und leitete den Seelen⸗ und Kör⸗ perkranken, ſank zum Sopha, auf welches der Erſchöpfte mit einem ſchmerzlichen Lächeln nie⸗ derſank. Sie ſetzte ſich ihm zur Seite, zwar ſchweigend, aber dieß Schweigen, wie beredt war es!! Keine Worte hätten dem reuigen Gatten deutlicher ihre Verzeihung, ihre Freude, ihn wieder zu haben, ausſprechen koͤnnen. „Ach, theures Weib!“ begann Osmond, als er ſich einigermaßen wieder erholt hatte und die Wonne bemerkte, der ſie ſich hingab,„ich kehre nur zuruͤck, Dir neuen Kummer zu bringen!— Sieh mich an Mary,“— ſo ſprechend ſtrich er die wilden Locken aus ſeinem bleichen Geſicht— „ja, erſchrecken mußt Du nicht,“ ſprach er, als Lady Mary, die ihn nun genauer betrachtete, und den furchtbaren Wandel bemerkte, der mit ihm vorgegangen war, zuſammenbebte. Sie faßte ſich indeß.„Du ſcheinſt ſehr krank,“ ſprach ſie mit zitternder Stimme. „Ich war ſehr krank,“ erwiederte Osmond, ajetzt fühle ich mich beſſer.“ „Du fuͤhlſt Dich beſſer— Gott ſey Dank,“ rief Lady Mary freudenvoll, einer Hoffnung Raum gebend, die ſeine Worte auszuſprechen ſchienen.„Ja, ja, Du biſt beſſer, Deine Ge⸗ ſundheit wird mit jedem Tage beſſer werden. — 228 Ich werde Dir ſtets zur Seite ſeyn— ich werde Dich pflegen— unſer Knabe wird um Dich ſeyn, und den Stolz Deines Herzens ausmachen. Du wirſt ihn lieben, Osmond, denn er iſt Deiner Liebe werth!“ „Er beſitzt ſchon meine Liebe, meine innigſte Liebe!“ entgegnete ihr Gatte tief gerührt,„doch werde ich nicht lange mehr bei ihm ſeyn!— Tauſche Dich nicht, mein treues Weib— ſieh her, dieſe bebenden Glieder— dieſe zittern⸗ den Hände— glaube mir— ich bin dem Tode nahe!“ „Das verhüte Gott!“ rief Lady Mary, ihre frommen Blicke zum Himmel emporhebend, „aber wenn auch,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe, in der ſie bemüht geweſen war, ihren Seelenſchmerz zu bekämpfen, mit einem Tone voll Innigkeit fort,—„aber wenn auch, der Tod iſt kein Übel, mein guter, mein bereuen⸗ der Osmond! Deine Rückkehr hat neue Hoff⸗ nung für Dein Seelenheil in meine Bruſt ge⸗ ſenkt.— So laß uns denn nicht verzweifeln, mein theurer Gatte, ſondern hoffen und gluͤck⸗ lich ſeyn!“— Und ihn mit ihren Armen um⸗ fangend, barg ſie ihr Geſicht an ſeine Bruſt.— „Der Himmel gebe mir Kraft dazu,“ ſprach DOsmond, ſie an ſein Herz druͤckend,„aber er wird mir beiſtehen, er hat mir ja ſchon bei⸗ geſtanden!“— Und ſchaudernd gedachte er des Laſterabgrundes, in dem er verſunken ge⸗ weſen, und von dem er, zwar ſpät erſt, aber dennoch zurückgekehrt war.„Ich will hoffen, meine Mary,“ fuͤgte er hinzu,„ja, ich will hoffen! Du wirſt Frieden in meine Seele ſen⸗ ken, und ich werde getröſtet hinübergehn!“ XIX. Der erſte Beweis, den Osmond von der Aufrichtigkeit ſeiner Reue gab, war das offene Bekenntniß, welches er ſeiner Gattin von ſei⸗ nem unglücklichen Verhältniß zu Carolinen ab⸗ legte, ſobald das Unwohlſeyn, welches ihn nach ſeiner Rückkehr mehrere Tage an das Bett feſ⸗ ſelte, einigermaßen nachgelaſſen hatte. Zu berichten, daß Lady Mary ihm ihre völ⸗ lige Verzeihung angedeihen ließ, hieße viel zu wenig ſagen. Die innige Theilnahme, welche ſie ihm unter Thränen und Seufzern ſpendete, ſchnitt ihm tief— tief in das Herz. Ihn verlangte auch darnach, ſeine Mutter wiederzuſehen; denn, noch bevor er jenes fer⸗ ne Land betreten wuͤrde, wohin er, wie er — 281— wohl fühlte, bald gelangen mußte, wünſchte er ſehnſuchtsvoll die Verzeihung aller derer zu er⸗ halten, denen ſeine Vergehungen Kummer ver⸗ urſacht hatten. „Ach, könnte ich ſie doch nur noch einmal vor meinem Tode wiederſehen!“ ſprach er eines Abends zu ſeiner Gattin,„die theure, ſo ſchwer von mir beleidigte Mutter!“— Dieſe hatte ihrer Geſundheit wegen eine Reiſe nach Italien und Frankreich unternommen, ohne daß ſie wußte, daß ihr Sohn nach England zurück⸗ gekehrt ſey.. „Du wirſt noch bei uns bleiben, mein Os⸗ mond,“ ſprach Lady Mary mit einem Blick, in dem Hoffnung und Hoffnungsloſigkeit mit einander zu kämpfen ſchienen.„Und warum wollten wir ihr nicht nach Italien folgen?“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„die Ärzte meynen ja ohnehin, daß ein warmes Clima wohlthätig auf Dich wuͤrken würde.“ Sobald er ſich etwas beſſer fühlte, ward die Reiſe nach Italien ernſthaft beſprochen; — 282— Greville, der bei der Nachricht von der Rück⸗ kehr und von der Krankheit ſeines Freundes, alles, nur nicht ſeine frühere Theilnahme für ihn vergeſſen hatte, und nach Richmond ge⸗ kommen war, unterſtützte die Meynung der Arzte, und rieth, den Winter im ſüdlichen Frankreich zuzubringen, wo Osmond hoffentlich auch ſeine Mutter finden würde. Ja, er er⸗ bot ſich, das Ehepaar dorthin zu begleiten. Die Spannung, die eine tägliche Verände⸗ rung des Orts hervorzubringen pflegt, und das raſtloſe Bemühen ſeiner Reiſegefährten ihn aufzuheitern, ließen den Kranken Montpellier erreichen, ohne daß ſich ſeine Geſundheit ver⸗ ſchlimmert hätte, daß es aber beſſer mit der⸗ ſelben gehe, dieſes ſuchte ſich Lady Mary nur vergebens zu überreden, denn kaum war er angelangt, als ſich auch ſeine Krankheit hefti⸗ ger äͤußerte, als je zuvor. Ich wünſchte ſo ſehr, meine Mutter wie⸗ derzuſehen,“ ſprach er eines Abends zu Lady Mary. — „Ich habe ihr geſchrieben, mein Gemahl,“ erwiederte dieſe,„ich denke, ſie wird gegen das Ende dieſer Woche hier eintreffen.“ „Gegen das Ende der Woche erſt?“ wie⸗ derholte Osmond mit einem ſchmerzlichen Lä⸗ cheln, und mit einem Tone, der das Herz ſei⸗ ner Gattin unbeſchreiblich bekümmerte. Über die Möglichkeit, ihn durch den Tod zu verlieren, hatte ſie zwar dann und wann, aber doch immer nur mit jener Leichtigkeit nachge⸗ dacht, mit der der menſchliche Sinn ſchrecken⸗ volle Ereigniſſe als fern zu betrachten nur zu geneigt iſt; aber als ihr Osmonds Worte dieſe Möglichkeit um ſo nahe brachten, wie etwas, das ſich bald— ja noch vor Ablauf dieſer Woche zutragen könne, ſchauderte ſie furchtbar zuſammen; ſie war genöͤthigt, ſich zu entfernen, und um ſich einigermaßen zu beruhigen, ihre Zuflucht zum Gebet zu nehmen. Geſtärkt zu der Prüfung, die ihr bevorſtand, kehrte ſie zu ihrem Gatten zurück; er empfing ſie wie eine Botin des Friedens; er reichte ihr die Hand hin und zog ſie zu ſich; ſie ſchwie⸗ gen Beide— aber ein himmliſcher Verein ſchien ihre Seelen umfangen zu halten Wie ſie, hatte auch er gebetet. Der Abend war ſtill und heiter, und Os⸗ mond wünſchte an das Fenſter gebracht zu wer⸗ den, um ſeine Blicke an der herrlichen Natur weiden zu können. Hier ſaßen ſie eine Weile ſchweigend neben einander, ihre Hand ruhte in der ſeinen. Endlich ſprach er:„Jene herrli⸗ chen Werke des Schöpfers, Mary, den Mond dort— und das prachtvolle Sternenheer, habe ich ſtets mit Entzücken betrachtet.— In die⸗ ſer Stunde aber ſpenden ſie mir ganz vor⸗ züglichen Troſt. Dieſe Zeichen der Allmacht Gottes ſind zwar ſprachlos, aber eine Stimme tönt dennoch von ihnen zu uns herab.“ „Das iſt die Stimme der Wahrheit!“ ent⸗ gegnete Lady Mary mit einem feierlichen Tone, „es iſt die Stimme des Herrn der Welt und des Lebens!“ „Ich fühle ihre tröſtende Zuſprache, mein 3 — 285— theures Weib!“ fuhr Osmond fort, die Hand ſeiner Gattin drückend, und beide ſchwiegen. Da trat Greville herein, der, um einen Freund in der Nachbarſchaft zu beſuchen, einige Tage von ihnen entfernt geweſen war; er ſchien über die Veränderung in Osmonds Auße⸗ rem zu erſchrecken, und verließ nach einem kur⸗ zen Geſpräch das Zimmer; Lady Mary folgte ihm unverzüglich. „Finden Sie wirklich, daß ſich der Zuſtand meines Gatten ſo ſehr verſchlimmerte?“ wollt ſie fragen, aber ſie vermochte nur die erſten Worte herauszubringen, denn Thränen hemm⸗ ten ihr die Sprache. „Iſt nach Lady Arlington geſandt worden?“ fragte Greville nach einer ſchwermüthigen Pauſe mit leiſer zitternder Stimme. Dieſe Frage beantwortete die ihrige nur zu gut. Lady Mary ſchluchzte laut, und eilte aufe ihr Zimmer, um dort ihrem Schmerze freien Lauf zu laſſen. XX. Lady Arlington langte, wie man erwartet hatte, gegen das Ende der Woche an, aber ach! ſie kam zu ſpät. Von Osmond, ihrem einſt zart⸗ lich geliebten Sohne, war nichts mehr übrig, als das Andenken. Er war immer ſchwächer geworden, und in den letzten Tagen nicht mehr im Stande geweſen, ſich von ſeinem Lager zu erheben; am Abend vor ſeinem Tode aber bat er ſo dringend, man möge ihm doch geſtatten, ſein Bett zu verlaſſen, daß man es ihm un⸗ möglich abſchlagen konnte. Lady Mary, die nicht von ihm wich, ſetzte ſich ihm zur Seite; Greville ſtand unfern, ſchwermuthig in ein Fen⸗ ſter gelehnt. Osmond tröſtete die weinende Gattin ine 8 — 281— Stimme war ſchwach, aber ſein Ton verkündete. ein Beſtreben heiter zu erſcheinen. Er fragte nach ſeinem Kinde, und obgleich man ihm ſagte, daß es bereits ſchlummere, verlangte er doch, daß es ihm gebracht und neben ihn auf das Sopha gelegt würde. Lady Mary eil⸗ te, dieſen Wunſch zu erfüllen, und Osmond hetrachtete nun den ſchlummernden Knaben mit dem rührenden Lächeln väterlicher Liebe. Dann wandte er ſich plötzlich zu Greville:„Seyn Sie der Freund meines Kindes,“ ſprach er, und ſchenken Sie ihm Ihre Liebe. Aber leh⸗ ren Sie ihm keine Philoſophie— ſie hilft nichts in einer Stunde— wie dieſe.“ Er drückte die Hand ſeiner Gattin:„Du arme Dulderin haſt mehr für mich gethan!“ er ſenkte ſein Haupt auf ihre Schulter. Greville war tief erſchuͤttert, er bat ſeinen Freund, ſich recht ruhig zu halten. „Bald— bald werde ich ja ohnehin recht ruhig ſeyn!“ entgegnete Osmond,„bald iſt Alles vorüber!“ Osmond. II. Band⸗ 19 — 285— Herr Greville erfaßte die bleiche Hand des Sterbenden.„Geben wir die Hoffnung nicht auf,“ ſprach er,„ich hoffe noch immer!“ „So hoffen Sie, daß mir dort vergeben werde,“ rief Osmond, ſeine Blicke zum Him⸗ mel emporhebend,„denn irdiſche Hoffnung iſt für mich nicht mehr vorhanden!“ Lady Mary bat ihn unter vielen Thrärde, ſich doch zur Ruhe zu legen. „Ich gehe ja ſchon zur Ruhe!“ entgegnete er ſanft lächelnd,„mein Leben voll Sturm und Unwetter neigt ſich zu Ende— meine Leiden⸗ ſchaften ſterben mit mir dahin!— Aber wird der Ewige mir auch barmherzig ſeyn?“ und zitternd erfaßte er ihre Hand.„Meine Sinne ſchwinden— ich kann nicht beten— bete Du— Du fuͤr mich, meine Mary!“— Das arme Weib unterlag faſt unter ihrem Schmerze,— ſie blickte auf Greville— wie aus⸗ drucksvoll war ihr bleiches Geſicht!— Ohne zu ſprechen verſank Greville in eine hetende Stellung.. — — 289— O, du geheimnißvolle Stunde, in der ſich die Seele von ihren irdiſchen Banden loswin⸗ det! wie unwillkürlich erkennt in dir der Menſch jene Gottheit an, deren Macht er vielleicht bisher verſpottete,— er zittert— er betet! Lady Mary weinte noch immer— ihre Glie⸗ der bebten— aber ſie mahnte ſich an ihre Pflicht, und ſammelte ihre Kräfte zu dem ern⸗ ſten Geſchäft. „Soll dieſer Kelch nicht an mir vorüberge⸗ hen,“ ſprach ſie,„Herr, ſo gieb Du mir Kraft, ihn zu leeren!“— Sie blickte wieder auf Os⸗ mond, ſein Zuſtand hatte ſich in den letzten Minuten merklich verſchlimmert— es⸗ war keine Hoffnung mehr! „Meine Augenblicke ſind gezählt, Mary⸗— ſtammelte er,„ich möchte gern— Deine ſüße Stimme— fuͤr mich beten hören— Deine liebe— liebe Stimme— die mir ſo oft— Frieden gab, bete— bete für mich!“ Sie nahm ſeine bleiche Hand, und faltete die ihrigen uͤber ſie, und an ſeiner Seite knie⸗ A ———— —— —— — 295— 9 end, neigte ſie ihr Haupt:„Vater im Him⸗ mel!“ ſprach ſie,„iſt es Dein heiliger Wille, dieß Schmerzenskind zu Dir in Dein Reich zu nehmen,— ſo ſey ihm gnädig und barmherzig um Jeſus Chriſtus, Deines Sohnes willen, der zur Vergebung unſerer Sünde ſein Blut vergoß.“ Ihre Worte verhallten nach und nach in tie⸗ fen Seufzern, und nur ſchweigend mit empor⸗ gehobenen Händen vermochte ſie ihr Gebet fortzuſetzen. So fand eine minutenlange feierliche Pauſe ³ ſtatt. „Ach, mein Kopf— mein Kopf! Mary!⸗ ſtammelte Osmond. Sie lehnte ſein Haupt ſanft an ihre Bruſt— ſchwach reichte er ſeine Hand dem Freunde hin. Greville erfaßte ſie und drückte ſie an ſein Herz. Wo iſt mein Kind— ich kann es nicht mehr erkennen!“ fuhr der Sterbende immer ſchwächer und ſchwächer werdend fort. Lady — 291— Mary führte ſeine Hand zu der Wange des Kleinen. „Heißt das— ſterben?“ ſprach er, liebe⸗ voll auf ſeine Gattin blickend,„o, dann— iſt der Tod— ja ſuͤß!“ Hierauf ſchwieg er mehrere Minuten lang— dann verſuchte er noch einmal etwas zu ſagen— es war nur ein Name, den er ausſprach— es war der Name Caroline. Ein kurzer Todeskampf erfolgte— Osmond war nicht mehr. Ende.. 1 4 1 4 4 * b Druck u. Papier v. H. Wiimans u. Naumann in Frkf. a. M. 1 Bei demſelben Verleger erſchien: Blumauer, K., Erichs Erzaͤhlungen im geſelli⸗ gen Abendkreiſe. 8. 1823. Egloffſtein, H. G. von, die Bruͤder⸗Verſoöh⸗ nung, oder Ludwig und Heinrich, Landgrafen zu Heſſen. Ein hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde der Vorzeit. m. 1 Kpf. 1822. 1 Rthlr. ——— kleine Romane, Gedichte und Erzaͤh⸗ lungen. m. 1 Steindruck. 1822. 1 Rthlr. 8 gr. Ohlenſchlaͤger, Tordenſkiold. Drama mit Ge⸗ ſaͤngen, bearbeitet von G. Lotz. 1823. 16 gr. Schmieder, Dr. K. G., Mythologie der Grie⸗ chen und Römer, fuͤr Freunde und Freundinnen der ſchönen Kuͤnſte. Mit 33 Kpfr., 1 Attributen⸗ tafel und 2 Chaͤrtchen von Griechenland u. Rom. 8. 1821. 1 Rthlr. 4 gr. Mehrere kritiſche Blätter haben dieſes Werk auf das vortheilhafteſte ſchon erwähnt. Es eignet ſich auch insbe⸗ ſondere, der zarten Behandlung des Gegenſtandes wegen, für das ſchöne Geſchlecht, indem es zugleich unterrichtend, ſich wie die beſte Unterhaltungsſchrift lieſt. Schmieder, Dr. K. G., Frau Holle. Ein Volks⸗ mährchen. 8. 1819. 8 gr. Schönwerk, H., Denk an mich! Kraͤnze, der Lie⸗ be und Freundſchaft gewidmet. Stammbuchsauf⸗ ſaͤtze aus den vorzuͤgl. Schriften der beſten Klaſ⸗ ſiker. m. 1 Kpfr. 12. 1823. auf gut Papier. 16 gr. Daſſelbe auf ordinaͤr Papier. 12 gr. Wilhelmi, P., Ausflüge nach dem Rhein, dem Main, der Weſer, Holland und dem Harz. Mit einer Vorrede von Dr. K. Ch. Schmieder. 8. 1823. 5 ————— A* Driginalicn aus dem Gebiete der Wahrheit, Kunſt, Laune und Phantaſie. Von dieſer wöchentlich dreimal erſcheinenden, und nur bisher ungedruckte Aufſätze liefernden Zeitſchrift, deren Tendenz der Titel ausſpricht, begann mit 1823 der ſiebente Jahrgang. Der Unterzeichnete, den das Unglück traf, im 30 ſten Jahre unheilbar zu erblinden, erfreut ſich bei dieſem Unternehmen der allgemeinen Theilnahme des deutſchen Publikums, und der Mitwürkung vieler ausgezeichneten Dichter und Schriftſteller des Vaterlandes, wovon die be⸗ reits erſchienenen Jahrgänge den Beweis liefern. Ein durch alle Stücke fortlaufender Artikel, hamburgiſche Thea⸗ terzeitung, iſt mehreren einſichtspollen Dramaturgen übertragen, und es werden überhaupt weder Koſten noch Mühe geſcheuet, dem Ganzen ein immer mannichfacheres Intereſſe zu verleihn. Das vierteljährliche Abonnement bei dem Unterzeichneten iſt 3 Mk. 12 ßl. Court.(oder circa 1 Rthlr. 12 gr. kächſiſch), wofür das Blatt den hieſigen In⸗ tereſſenten wöchentlich dreimal koſtenfrei zugeſandt wird. Auswärtige, welche dieſe Zeitſchrift ebenfalls wöchentlich, poſttäglich oder in monatlichen Heften, wie es verlangt wird, empfangen können, wollen ſich gefälligſt an die reſp. Poſtämter oder jede ihnen zunächſt gelegene Buchhandlung, Letztere aber an die Heroldſche Buchhandlung hieſelbſt wenden. Hamburg, im Mai 1823. r Georg Lotz, Gänſemarkt Nr. 149. 3 6 ¹ 4 6 8 enanmnſint 6 17 „——