b Leihvibtiochet deutſche⸗ engliſcher und Afranzöſiſcher iteratur Eduard Ottmann in Gießen, ₰ , Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Teſebedingungen. 1. ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von unes en f ſ 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. 5 5 4 den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt ſh für ieehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf!1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Nr. 50 Sf. 2 Nk. Pf. u “ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkos, ſo it der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die 65 3 ſelben von mir geliehen⸗ Klich dafür zu Rehen baben. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet n 2 4 5. Auswärtige Avonnenten haben für Sin⸗ und Zuriickſendung Kenilworth. 7.. —— RNRoman nach Walter Scott von Georg L o h. Erſter Band. Zweite verbeſſerte und wohlfeilere Auflage. —— Hannover, in der Hahnſchen 9AtStuas 1 3 2 3. ——‚— —„ůãð Vorwort zur zweiten Auflage. Die allgemein anerkannten Vorzuͤge des Romans Kenilworth begruͤnden bei einer Uebertragung deſſelben die gerechteſten Anſpruͤche auf eine Sorg⸗ falt, die bei der Schnelligkeit, mit der meine Ue⸗ berſetzung erſcheinen mußte, kaum moͤglich war; und es freuet mich darum um ſo mehr, daß die Theil⸗ nahme, die der erſten Auflage geworden, eine zweite herbeifuͤhrte, die ich nun hiemit dem Publikum vor⸗ lege. Ich habe ſie von den, durch die Eile des Drucks und durch meine Enkfernung vom Druckort, ent⸗ ſtandenen Flecken gereinigt, dabei aber die wenigen, auf den Geiſt des Werks durchaus keinen Einfluß habenden und von mir, um das Ganze der deut⸗ ſchen Sprache um ſo mehr anzueignen, abſicht⸗ lich getroffenen Aenderungen, unberuͤhrt gelaſſen, wie z. B. die Benennung des Wirthshauſes von Siles Gosling, die ich nicht, wie in einem Ber⸗ liner Blatte bemerkt ſeyn ſoll, aus Irrthum, ſondern wie ich ſchon unterm 18ten April 1821 vor dem Erſcheinen meiner VBearbeitung, in den Originalien anzeigte, mit Vorbedacht waͤhlte — IV— Sollte irgend einem meiner freundlichen Le⸗ ſer daran gelegen ſeyn, uͤber den Widerſpruch auf⸗ geklaͤrt zu werden, in dem ein Paar boshafte ſtehen, mit der meiner Uebertragung in den ite⸗ raturzeitungen und anderen geachteten kritiſchen Inſtituten erwaͤhnt wurde, ſo kann derſelbe den Schluͤſſel dazu leicht in den polemiſchen Auf⸗ ſaͤtzen meiner Zeitſchrift:„Originalien“ finden, in denen das literariſche Treiben der Herausge⸗ ber jener Zeitſchriften oft partheilos, aber kraͤftig beleuchtet wird; und die daher jede Gelegenheit begierig ergreifen, durch Verunglimpfung meiner Arbeiten, ihrem Aerger Luft zu machen; ein Ver⸗ fahren, das ich mir um ſo leichter gefallen laſſen kann, da der Sonnenſchein freundlicher Theilnah⸗ me, deſſen ſich mein literariſches Streben erfreuet, und der den dunkeln Pfad meines dLebens, mit ſo mancher Troſt gewaͤhrenden Blume ſchmuͤckt, mich dieſe Muͤckenſtiche des Neides und der Scheelſucht leicht ertragen laͤßt. Hamburg, im Rovbr. 1822. Georg dotz. Ausfaͤlle einiger Tageblaͤtter zu der ehrenden Weiſe 1. Es iſt ein Privilegium der Erzaͤhler, ihre Geſchichte in einem Wirthshauſe, dem freien Rendezvous aller Reiſenden, zu eroͤffnen, wo die verſchiedenartigen Charaktere ohne Cere⸗ monie noch Zuruͤckhaltung hervortreten. Dieſes iſt beſonders annehmbar, wenn die Scene in die alten Tage des heiteren Englands verlegt wird, wo die Gaͤſte gewiſſermaßen nicht bloße Einwohner, ſondern auch Tiſchgenoſſen, und fuͤr die Zeit ihres Aufenthalts, Geſellſchafter des Gaſtwirths waren, der gewoͤhnlich das Vorrecht der Freimuͤthigkeit beſaß, immer zugegen und ſtets guter Laune war. Unter ſeinem Schutze traten die verſchiedenen Charaktere der Geſellſchaft mit ihren Widerſpruͤchen gegen einander auf, und ſelten nur wurde der ſechsmal umreifte Krug geleert, ohne daß ſie nicht alle Zuruͤckhaltung von ſich geworfen haͤtten, und vor einander und dem Wirthe mit der Freimuͤthigkeit alter Bekannte er⸗ ſchienen waͤren. Das Dorf Cumnor, ungefaͤhr drei oder vier Meilen von Orford, ruͤhmte ſich in dem achtzehnten Regierungsjahre der Koͤnigin Eliſabeth, eines trefflichen Wirthshauſes, ſo recht nach dem alten Schlage, vorgeſtanden oder vielmehr regiert von Giles Gosling, einem Manne von freundlichem Weſen, natuͤrlichem Witze, ziemlich wohlbeleibt, etwas uͤber funfzig Jahre, billig in ſeinen Rechnungen, prompt in ſeinen Zah⸗ lungen, und uͤberdem noch im Beſitz eines Kellers voll kraͤf⸗ tiger Getraͤnke und einer huͤbſchen Tochter. Seit Harry Kenilworth. 1. B. A — 2— Baillis Zeit in Southwark, hatte noch niemand Giles Gosling in der Kunſt übertroffen, Gaͤſten aller Art zu ge⸗ fallen; und ſo groß war ſein Ruf, daß man ſich der An⸗ 1 4 ſpruͤche auf den Namen eines Reiſenden verluſtig gemacht 4 haben wuͤrde, wenn man durch Cumnor gekommen waͤre, ohne einen Krug zum guten braunen Bier“ geleert 2 zu haben. Grade als ob ein Landmann aus London zuruͤck⸗ kehrte, ohne das Antlitz der Majeſtaͤt zu ſehen. Die Maͤn⸗ ner von Cumnor waren ſtolz auf ihren Wirth, und ihr Wirth war ſtolz auf ſein Haus, ſeine Getraͤnke, ſeine Toch⸗ 3 ter und auf ſich ſelbſt. 4 Es war in der Abenddaͤmmerung im Hofe des Wirths⸗ 3 hauſes, dem jener ehrliche Kerl vorſtand, als eben ein Rei⸗ ſender ſein dem Anſcheine nach von der langen Tagereiſe ermuͤdetes Pferd dem Stallknecht uͤbergab und dabei einige„ Fragen that, wo ſich folgendes Geſpräch unter den dienen⸗ den Helden„zum guten braunen Bier“ entſpann: „Holla Bierzapfer!“ 4„Was giebts William?““ fragte dieſer, ſich in offener Jacke, leinenen Beinkleidern und gruͤner Schuͤrze, halb in, halb außer einer Thür zeigend, die zu einem aͤußern Keller zu fuͤhren ſchien. „Hier iſt ein Herr, der fragt, ob du gutes Ale zapfſt?“ fuhr der Stallknecht fort.— „Der Tauſend, das will ich meinen,“ verſetzte jener, „zwiſchen uns und Orford liegen ja nur vier Meilen. Alle Wetter, wenn mein Ale den Köpfen der Studenten keine Ueberzeugung gewaͤhrte, wuͤrden ſie bald mit den zinnernen 9* Kruͤgen den Beweis gegen meinen Schaͤdel fuͤhren.“ „Nennt Ihr das Orforder Logik?“ fragte der Fremde, der nun den Zuͤgel ſeines Pferdes dem Stallknecht zugewor⸗ — — — — 5— fen hatte, und eben ſich der Thuͤr des Wirthshauſes naͤhern wollte, als ihm Giles Gosling in eigner wohlbeleibter Per⸗ ſon entgegen trat. „Sprecht Ihr da von Logik, Herr Gaſt“ ſagte de are „ei, da ig ja der folgerechte Schlußß: An die Krippe mit dem Pferd, Mit dem Weine zum Heerd!“ 4 „Amen! von ganzem Herzen, mein guter Wirth, entgegnete der Fremde, gebt mir ein Quart Eures beſten Lanapiehfttnn und helft mir treulich es leeren.“ 2 „Ei, da ſeyd Ihr ja noch bei den Anfangsgränden, bei einem ſolchen Schluͤckchen die Huͤlfe des Wirths nachzuſuchen, wenn es noch ein Anker waͤre, da koͤnntet Ihr mich nach⸗ barlich in Anſpruch nehmen und doch dabei den Ruf a ines Zechers behaupten.“” „ Seyd nicht bange, entgegnete der Gaß, ich werde mei⸗ ne Schuldigkeit ſchon thun, wie es einem Manne fuͤnf Mei⸗ len von Oxford geziemt; denn ich bin nicht vom Felde des Mars gekommen, mich in Mißeredit bei Minervens Fuͤngern zu ſetzen.“ Als der Fremde ſo ſprach, hieß der Wirth ſeinen Gaſt herzlich willkommen, und fuͤhrte ihn ſogleich in ein geraͤu⸗ miges Zimmer, wo mehrere Perſonen in verſchiedenen Grup⸗ den beiſammen ſaßen. Einige tranken, andere ſpielten Kar⸗ ten oder unterhielten ſich mit einander, und noch andere, von ihrem Geſchaͤft zum fruͤhen Aufſtehen genöthigt, endeten ihre Abendmahlzeit und beſprachen ſich dabei mit dem Auf⸗ waͤrter uͤber ihr Nachtlager. Der Eintritt des Fremden verſchaffte ihm jene allgemei⸗ ne ſorgloſe Art von Aufmerkſamkeit, welche gewoͤhnlich bei derglolchen Gelegenheiten gebraͤuchlich iſt, und die zu folgen⸗ . A 2 — 4— den Reſultaten Anlaß gab.— Der Gaſt war einer von je⸗ nen Menſchen, die mit einem gut gebauten Koͤrper, und nicht gerade unangenehmen Geſicht, dennoch vom Huͤbſchſeyn ſo weit entfernt ſind, daß ſie entweder durch den Ausdruck ihrer Geſichtszuͤge, durch den Ton ihrer Stimme, oder durch ihr Benehmen und Weſen im Ganzen eine Abneigung gegen ihre Geſellſchaft einfloͤßen. Das Auftreten des Fremden war kork ohne dabei offen zu ſeyn, und ſchien eifrig und unver⸗ zuͤglich einen Grad von Achtung und Ehrerbietung zu fordern, deſſen Verweigerung er fuͤrchten mochte, wenn er ihn nicht ſogleich, als ein ihm gebuͤhrendes Recht, in Anſpruch naͤhme. Seine Kleidung beſtand aus einem Reitmantel, welcher, wenn er von einander ſchlug, ein mit Treſſen beſetztes Wams zeigte; an einem ledernen Guͤrtel, in dem ein Amar Piſtolen ſteckten, hing ein breites Schwerdt. 3 „Ihr reiſet wohl verwahrt„ ſagte der Wirth, nach den Waffen blickend, als er den von dem Gaſt beorderten Gluͤh⸗ ſeet vor ihm auf den Liſch ſtellte. „Habt Recht,“ entgegnete der Fremde,„ich habe den Nutzen davon in Zeiten der Gefahr eingeſehen, und ich werfe nicht, wie Eure großen Herren, meine Diener von mir, ſo wie ſie mir nutzlos geworden.“ ius „Hahab' ſagte Giles Gosling,„ſo ſeyd Ihr aus den Miederlanden, dem Lande der Buͤchſen und Piken.“” „Ich bin niedrig und hoch geweſen, Freund, weit und breit, fern und nah; aber hier iſt mein Becher Sect— fuͤllt Euch auch einen, mir Beſcheid zu thun, und iſt er ge⸗ ringer als ſuperlativ, trinkt ihn, wie Ihr ihn ſelbſt gebraut.” „Geringer als ſuperlativ?“ fragte Giles Gosling, in⸗ dem er trank, und als Ausdruck hoͤchſten Wohlgeſchmacks mit den Lippen ſchnalzte—„ich weiß nichts von ſuperlativ; 4 — 5— auch giebt es keinen ſolchen Wein, ſelbſt nicht in den drei Kranichen zu London ſo viel ich weiß, wenn Ihr aber in Peres oder auf den Canarien⸗Inſeln beſſern Wein findet als den da, will ich weder Krug noch Geld in meinem Leben wieder beruͤhren. Ei, haltet nur einmal das Glas vor das Licht, da werdet Ihr ſchon die kleinen Dinger im goldenen Getraͤnk tanzen ſehen, wie den Staub im Sonnenſtrahl. Aher ich moͤchte lieber Wein zapfen fur zehn Bauern, als fuͤr einen Reiſenden— Nun, ſchmeckt der Wein?* „Er iſt gut und angenehm,“ ſagte der Fremde;„um aber gutes Getraͤnk kennen zu lernen, ſolltet Ihr den Wein einmal koſten, wo er waͤchſt. Glaubt mir, Euer Spanier iſt ein zu kluger Mann, als daß er Euch die Seele ſeiner Trau⸗ ben ſenden ſollte. Dieſer hier, den Ihr ſy hochſchaͤtt, wuͤrde zu Port St. Mary nur als ein Baſtard angeſehen werden. Ihr ſolltet reiſen, Herr Wirth! um ſo recht bis auf den Grund in das Geheimniß der Faͤſſer und Kannen einzu⸗ dringen.“— „In der That, Herr Gaſt,“ ſagte Giles Gosling,“ wenn ich nur reiſen ſoll, um mit dem unzufrieden zu werden, was ich zu Hauſe bekommen kann, wuͤrde, duͤnkt mich, meine Wanderung eine Narrenreiſe ſeyn. Ueberdem, glaubt mir's, raͤmpft wohl mancher Narr ſeine Naſe uͤber einen guten Trunk, ohne je etwas anders als den Kuͤchenrauch von Alt⸗ England gerochen zu haben, und ſo lobe ich mir denn im⸗ mer meinen eignen Heerd.“ „Das iſt nur niedere Denkungsart, Herr Wirth!“ ver⸗ ſetzte der Fremde;„ich bin uͤberzeugt, nicht alle Eure Lands⸗ leute denken ſo. Es giebt brave Kerls unter ihnen, die wohl gar eine Fahrt nach Virginia unternahmen, oder doch we⸗ nigſtens einen Streißug nach den Viederlanden machten. * daß ihm der Graf Moritz dafür im Angeſicht der ganzen Ar⸗ 6— Kommt, ſtrengt einmal Euer Gedaͤchtniß an, habt Ihr keine Freunde in der Ferne, von denen Ihr gern Nachricht haͤttet?“. „Wahrlich nein!“ erwiederte der Wirth,„ſeit Robin von Dryſandford bei der Belagerung von Biill erſchoſſen wurde— der Teufel hol' die Kugel, die ihn niederwarf, ein froͤhlicherer Burſche leerte noch nie ſein Glas. Aber der iſt todt und dahin, und ich kenne keinen Soldaten oder irgend einen Reiſenden der Art, fuͤr den ich auch nur eine Palerbſe gaͤbe. In der That, das iſt ſeltſam. Wie ſo viele unſerer braven engliſchen Herzen ſind draußen, und Ihr, der mir doch ein Mann von Bedeutung ſcheint, haͤttet keinen Freund, keinen Verwandten darunter?“— „Ja, wenn Ihr von Verwandten ſprecht,“ erwiederte mit gedehntem Ton der Wirth,„da hab' ich wohl ſo einen Taugenichts von Verwandten, d im letzten Regierungs⸗ jahre der Koͤnigin verließ, whenedelf Feſed venon als ge⸗ funden.“ „Sprecht nicht ſo, Freund, oder Ihr muͤßtet denn kuͤrz⸗ lich Boͤſes von ihm gehoͤrt haben. Wohl manches wilde Fuͤl⸗ len iſt zum guten Gaul geworden.— Wie heißt er?“ „Michael Lambourne,“ antwortete der Wirth zum braunen Gier,„der Sohn meiner Schweſter— ach, es iſt wenig Freude dabei, ſich des Namens und der Verwandt⸗ ſchaft zu erinnern.“ „Michgel Lambourne,“ ſagte d ute, indem er ſich auf etwas zu beſinnen ſchien.—„Wie, keine Verwandt⸗ ſchaft mit Michael Lambourne, dem tapferen Helden, der ſich bei der Belagerung von Venlo ſo ruhmvoll auszeichnete, —— — mee ſeinen Dank bezeigte? Die Leute ſagten: es waͤre ein engliſcher Cavalier, aber von keiner hohen Abkunft.““ „Das kann ſchwerlich mein Neffe ſeyn,“ entgegnete Gi⸗ les Gosling,„denn der hatte zu allem, was nach Gefahr roch, kaum den Muth eines Haſen.“ „O! wohl Mancher fand den Muth im Kriege,“ verſetzte der Fremde. „Kann ſeyn,“ ſagte der Gaſtwirth,„aber ich haͤtte eher geglaubt, daß unſer Michael dort noch den wenigen verloren haͤtte, den er beſaß. 4 „Der Michael Lambourne, den ich kenne,“ fuhr der Fremde fort,„war ein wackerer Geſell, ging immer fein und nett gekleidet, und hatte Habichtsaugen nach huͤbſchen Maͤdchen.“ „Unſer Michael,“ ermiedorts der Wirth,„hatte Augen wie ein Hund, der einen Knuͤttel am Halſe traͤgt, und trug ein Kleid, an dem ein Lumpen immer von dem andern Ab⸗ ſchied nahm.” „Ei, im Kriege erwiſcht man ſchon gute Kleidung,“ entgegnete der Gaſt. „Unſer Michael,“ erwiederte der Wirth,„war mehr ge⸗ eignet, ſie aus einer Troͤdelbude zu ſtehlen, wenn der Ei⸗ genthuͤmer bei Seite kuckte, und was die Habichtsaugen be⸗ trifft, von denen Ihr redet, ſo waren dieſe nur auf meine ſilbernen Loͤffel gerichtet. Er war ein Vierteljahr laug Kel⸗ lerburſche hier in meinem Ehrenhauſe; aber da war der Irr⸗ thuͤmer, der dummen Streiche und Vergehen kein Ende, baͤtte ich ihn drei Monate laͤnger behalten, ich wuͤrde genoͤ⸗ thigt worden ſeyn, mein Schild herunter zu nehmen, mein Haus zuzuſchließen, und dem Teufel die Schluͤſſel zu uͤber⸗ geben.“ A „Es wuͤrde Euch dennoch betruͤben,“ fuhr der Fremde fort,„wenn ich Euch erzaͤhlte, daß der arme Michael Lam⸗ bourne an der Spitze ſeines Regiments, bei Eroberung einer Schanze, vor Maſtricht erſchoſſen wurde.“ „Betruͤben?— es wuͤrde mir die erfreulichſte Macricht ſeyn, die mir je von ihm zu Ohren kam, denn dann wuͤßt ich doch gewiß, daß er nicht gehaͤngt worden. Aber laßt ihn ruhen, ich zweifle daran, daß ſein Ende ſeinen Verwandten oine ſolche Ehre bringen wird; waͤre es ſo, da wuͤrde ich ſprechen— bei dieſen Worten ergriff er ein friſch gefuͤlltes Glas—„Friede mit ihm, und das ſo zücht von ganzem Herzen.“— „Topp!“ rief der Fremde, mit ihm anſtoßend, ,16 ſtehe Euch dafuͤr, daß Euer Neffe noch jetzt auf Euch haͤlt, wenn es anders der Michael Lambourne iſt, den ich kannte, und den ich eben ſo ſohr als mich ſelbſt liebte. Koͤnnt Ihr mir kein Kennzeichen angeben, woraus i ähe ob es ein und derſelbe geweſen?“ „Wahrlich, mir faͤllt keins bei,“ erwiederte Giles Gos⸗ ling, vaußer daß ihm auf der linken Schulter ein Galgen ein⸗ gebrannt war, weil er zu Hogsditch der Dame Snart eine ſilberne Kanne geſtohlen.“ „Ei, da luͤgt Ihr wie ein Schelm, Oheim,“ rief der Fremde, indem er ſeine Halskrauſe aufhob und ſeines Wam⸗ ſes linken Aermel hinunterſchob.„Beim Himmel! meine Schulter iſt ſo heil als Eure eigene.“ „Was, Michael, Junge— Michael!“ ſchrie der Wirth; — biſt Dus alſo in allem Ernſt? hab' ich es doch ſchon vor einer halben Stunde gedacht, denn kein Menſch anders, wußte ich, konnte ſich ſo fuͤr Dich intereſſiren. Aber Mi⸗ chael, wenn deine Schulter heil iſt, wie Du ſagſt, ſo dankſt *. ——ÿ—————— — 9— Du's der Barmherzigkeit des Henkers, der Dich mit einem kalten Eiſen ſtempelte.“, 4 „Ruhig, Oheim, ſpart Euer Salz, und braucht es, Euer ſaures Bier zu wuͤrzen; laßt mich lieber ſehen, wie herzlich Ihr einen Verwandten willkommen heißt, der 18 Jahr lang die Welt durchſtreifte, der die Sonne untergehen ſah, da, wo ſie aufgeht, und der ſo lange reiſete, bis ihm Weſten zu Oſten ward.“ b „„Du haſt, ſehe ich wohl, eine Gabe der Reiſenden wie⸗ der mit dir zuruͤckgebracht, Michael, um deretwillen Du am wenigſten zu reiſen bedurfteſt. Unter deinen uͤbrigen Eigen⸗ ſchaften, erinnere ich mich, war auch die, daß kein tbobres Wort aus deinem Munde kam.“ „ Hier ſteht ein unglaͤubiger Heide vor euch, Ihr Her⸗ ren,“ ſprach Michael Lambourne, indem er ſich zu den Zeu⸗ gen der ſeltſamen Unterredung zwiſchen Oheim und Neffen wandte, von denen mehrere, im Dorfe geboren, ſich gar wohl ſeiner Jugendſtreiche erinnerten.„„Das heiße ich noch zu meiner Wiederkehr ein fettes Kalb ſchlachten.— Aber Oheim, ich komme nicht von den Trebern und dem Schwei⸗ netrog, und ich kuͤmmere mich den Henker darum, ob Ihr mich willkommen heißt oder nicht. Was ich mit mir fuͤhre, weiß ich, wird mir gute Aufnahme bereiten, wo immer ich will.“ munn So ſprechend zog er eine gefuͤllte Geldboͤrſe hervor, deren Anblick einen ſichtbaren Eindruck auf die Geſellſchaft machte, Einige ſchuͤttelten ihre Köpfe und fͤſterten mit einander, waͤhrend ein Paar der am wenigſten Gewiſſenhaften ſich au⸗ genblicklich ſeiner als eines alten Schulkameraden, eines Landsmannes oder dergleichen erinnerten. Zwei oder drei ernſt ausſehende Maͤnner dagegen ſchuͤttelten bedenklich ihre — 10— Koͤpfe, und verließen die Gaſtſtuhe, meinend: daß, wenn Giles Gosling das fernere Gedeihen ſeiner Wirthſchaft wuͤn⸗ ſche, er ſeinen verſchwenderiſchen gottloſen Neffen ſo ſchnell als moͤglich wieder aus dem Hauſe jagen muͤſſe. Gosling be⸗ nahm ſich, als wenn er ziemlich derſelben Meinung ſey; denn ſelbſt der Anblick des Geldes machte weniger Eindruck auf den ehrlichen Mann, als er bei andern ſeines Standes gewoͤhnlich zu thun pflegt..n „Steck' deine Boͤrſe ein, Neffe,“ ſprach er,„dem Sohn meiner Schweſter werde ich fuͤr Koſt und Wohnung in mei⸗ nem Hauſe keine Rechnung ſchreiben, und ich denke, Du wuͤnſcheſt länger an einem Orte zu bleiben, wo Du nur zu wohl bekannt biſt.“ „Daruͤber, Oheim,“ entgegnete der Reiſende,„werde ich mich mit meinen Verhaͤltniſſen berathen. unterdeſſen moͤchte ich dieſe guten Landsleute hier, die nicht zu ſtolz ſind, ſich des Kelleriungen Michael Lambourne zu erinnern, mit einem Abendeſſen und einem Schlaftrunk bewirthen. Wollt Ihr mir dieſe fuͤr mein Geld auftragen laſſen, gut; wo nicht — zum Haſen mit der Trommel iſt nur ein kurzer Weg, und unſere Nachbaren werden mir gewiß gerne dahin folgen.“ „Nein Michael!“ entgegnete der Oheim,„achtzehn Jahre ſind uͤber dein Haupt dahin gegangen, und ich hoffe, Du wirſt dich einigermaßen gebeſſert haben, Du ſollſt mein Haus nicht zu dieſer Stunde verlaſſen und Alles erhalten, was Du nur mit Billigkeit verlangen kannſt. Aber ich wollte, ich wuͤßte, daß die Boͤrſe, mit der Du prahlſt, auch eben ſo wohl erworben waͤre, als ſie wohl gefuͤllt iſt.“ „Da ſteht wieder der Unglaͤubige vor Euch, Nachbaren/ ſagte Lambourne, ſich wieder zu den Andern wendend,„er* . — — 1— will die Thorheiten, die ſein Verwandter vor zwanzig Jahren beging, auffriſchen.— Und was das Geld betrifft, Ihr Herren, ich war, wo es waͤchſt, und wo man es nur einzu⸗ ſammeln braucht. In der neuen Welt bin ich geweſen, Leute, in Eldorado, wo die Gaſſenbuben mit Diamanten, wie bei uns mit Kirſchkernen ſpielen; wo die Landmaͤdchen ſtatt Vogelbeeren, Halsbaͤnder von Nubinen tragen; wo es Dachziegel von reinem Golde und Cerzßen⸗ Steine von ge⸗ diegenem Silber giebt.“ „Bei meinem Credit, Freund Michael,“ nahm der lun⸗ ge Lorenz Goldreath, Ausſchnittkraͤmer zu Abbingdon, das Wort,„das waͤre ja ein treffliches Land, um Geſchaͤfte dort⸗ hin zu machen. Was muͤſſen Leinwand, Seide und Band nicht abwerfen, dort, wo das Gold ſo im Ueberfluſſe vor⸗ handen?“ „O! der Vortheil wuͤrde nicht zu berechnen ſeyn,“ ver⸗ ſicherte Lambourne,„beſonders wenn ein huͤbſcher junger Kaufmann ſeine Waaren ſelbſt feil boͤte; denn die Frauen⸗ zimmer in jenem Clima ſind zaͤrtlicher Natur, und fangen, da ſie ſelbſt etwas von der Sonne verbrannt ſind, beim An⸗ blick einer friſchen Geſichtsfarbe, wie die Deinige, und eines Kopfes mit roͤthlichem Haar, wie Du ihn traͤgſt, Feuer wie Zunder.“ „Ich moͤchte wohl dahin Handel treiben,“ ſagte der Kraͤmer ſchmunzelnd. G „Ei, wenn Du dazu Luſt haſt,“ fuhr Michael fort,„und nooch derſelbe muthige Burſche biſt, wie damals, als wir zu⸗ ſammen den Obſtgarten des Abtes bemauſ'ten— ſo haͤngt das nur von dem kleinen alchymiſtiſchen Prozeß ab, dein Haus und Land naͤmlich in baares Geld zu verwandeln, und die Baarſchaft dann wieder in ein großes Schiff mit Segeln, Tauwerk, Ankern und allem noͤthigen Zubehoͤr, dann packſt Du dein Wagrenlager hinein, ſtellſt funfzig raſche Kerls auf's Deck, mich als ihren Anfuͤhrer, und dann Segel auf und fort in die neue Welt!“. „Du lehreſt ihn da das Geheimniß, Neffe,“ ſagte Giles Gosling,„ſeine Pfunde in Pfennige und ſein Tuch in Fa⸗ den zu verwandeln.— Nehmt meinen Rath an, Nachbar, verſucht die See nicht, ſie verſchlingt; Eures Vaters Ballen koͤnnen noch ein oder ein Paar Jahre dauern, bevor Ihr ins Hospital kommt, die See aber hat grundloſen Appetit, ſie iſt im Stande, den Reichthum von Lombardſtreet in einem Morgen eben ſo ſchnell zu verſchlucken, als ich ein weiches Ei oder ein Glas Wein.— und was meines Neffen Eldo⸗ rado anbetrifft, ſo glaubt mir ſicherlich, er hat es nirgend geſehen, als in den Taſchen ſolcher Einfaltspinſel, wie Ihr einer ſeyd.— Aber nehmt nur keine Prieſe darauf; ſeht, da koͤmmt das Abend⸗ Eſſen, und herzlich gern biet ich es al⸗ len denen, die Theil daran nehmen wollen, zur Feier der Zuruͤckkunft meines hoffnungsvollen Neffen, und in dem Glauben, daß er als ein anderer Kerl heimgekehrt ſey.— Wahrlich, Neffe, du ſiehſt meiner armen Schweſter aͤhnlich, wie je ein Sohn ſeiner Mutter.“ „Nicht ſo dem alten Benediet Lambourne, ihrem Ehe⸗ manne, ſagte der Kraͤmer nickend und winkend.„Erinnerſt Du dich, Michael, noch was Du ſagteſt, als einmal des Schulmeiſters Zucht⸗Ruthe uͤber Dich her war, weil Du deinem Vater die Kruͤcken unter den Armen wegſchlugſt?— Das iſt ein kluges Kind, ſprachſt Du, das ſeines eigenen Vaters Schwaͤchen kennt. Doetor Brinham lachte bis er weinte, und ſein Weinen rettete Dich⸗⸗ — 13— „O! er trug es mir lange nach,“ ſagte Lambourne, „und wie gehts dem wuͤrdigen Paͤdagogen?“ „Codt!“* antwortete Giles Gosling,„ſchon ſeit lungas Zeit“* „„So iſt es, nahm der Kuͤſter des Kirchſpieles das Wort,„ich ſaß bei ſeinem Bett, als er ſelig verſchied, morior— mortuus sum vel fui— mori, dies waren ſeine letzten Worté, und er ſtarb mit dem Ausruf:„ſo iſt denn auch mein letztes verbum conjugirtnn” „ Nun, Friede ſey mit ihm, er iſt mir nichts ſchuldig geblieben.* ‧„Nein, wahrlich nicht,“ furach Goldreath, atei ſodom Hiebe, den er Dir gab, pflegte er immer zu verſichern, daß er dem Henker eine Arbeit erſparen⸗. „Man haͤtte denken ſollen, daß er ihm dann nur wenig zu thun uͤbrig gelaſſen,“ ſagte der Kuͤſter,„und dach batte der Buͤttel keine faule Tage mit ihm.“ „Voto a dios!“ rief Lambourne aus, der die Geduld zu verlieren ſchien, indem er ſeinen breiten herabgeſchlage⸗ nen Hut vom Kiſche riß und auf den Kopf warf, ſo daß nun ſein Schatten, den ſchon von Natur nicht angenehmen Augen und Geſichtszuͤgen, den finſtern Ausdruck eines ſpani⸗ ſchen Bravo verlieh.„Haltet ein! Ihr Herren, viel iſt erlaubt unter Freunden, und ich habe bereits meinem wuͤr⸗ digen Onkel hier und Euch allen geſtattet, Euch uͤber meine froͤhlichen Jugendſtreiche luſtig zu machen, aber ich fuͤhre Schwerdt und Dolch, Ihr guten Leute, und bei Gelegenheit verſtehe ich ſie trefflich zu gebrauchen. Seit ich den Spa⸗ niern diente, hab' ich gelernt, kitzlich im Punkt der Ehre zu ſeyn, und ich mochte nicht, daß Ihr mich zwaͤnget, Euch davon Beweiſe zu geben.“ * — 1ʃ½— „Nun, was wolltet Ihr denn thun?“ fragte der Kuͤſter. „Ja, was wuͤrdet Ihr thun, Herr!“ rief der Kraͤmer, indem er eilig von ſeinem Sitze an der anderen Geite des Tiſches emporſprang. „Eure Kehle aufſchlitzen und Euer Sonntagsgeplaͤrr hemmen, Herr Kuͤſter!“ entgegnete Lambourne mit In⸗ grimm,„„und Euch, mein ehrenfeſter Kraͤmer, abpruͤgeln, daß Ihr ſo muͤrbe wuͤrdet wie die Seide in Euren Ballen.“ „Kommt, kommt,“ ſprach der Wirth dazwiſchen,„ich will hier kein Geſtreite.— Du, Neffe, wuͤrdeſt gut thun, nicht alles gleich ſo hoch aufzunehmen, und Ihr da, meine Herren, ſolltet eingedenk ſeyn, daß, ſo lange Ihr Euch in einem Wirthshauſe beſindet, Ihr des Wirths Gaͤſte ſeyd, und alſo die Ehre ſeiner Familie reſpectiren muͤßt.— Euer alberner Laͤrm macht mich wahrlich eben ſo vergeſſen, als Ihr ſelbſt ſeyd; da druͤben ſitzt mein ſtummer Gaſt, wie ich ihn zu nennen pflege; ſchon zwei Tage wohnt er hier, und hat noch kein Wort geſprochen, außer wenn er Speiſe oder ſeine Rechnung verlangt— nicht mehr Umſtaͤnde macht er als ein Bauer— bezahlt aber ſeine Zeche wie ein Prinz!= ſieht nur nach der Hauptſumme, und weiß noch nicht, wann er abreiſen wird. Eine Perle von einem Gaſt, wahrhaftig! und doch, Dummkopf, der ich bin, habe ich ihn da druͤben im dunkeln Winkel allein ſitzen laſſen, ohne ihn auch nur zum Abendeſſen zu laden. Nur wohlverdienter Lohn meiner Un⸗ hoͤflichkeit waͤr's, wenn er noch vor Mitternacht einpackte, und zum Haſen mit der Trommel zoͤge.“ Eine weiße Serviette, ſtattlich uͤber den linken Arm ge⸗ legt, ſein beſtes Silberflaͤſchchen in der rechten Hand, ſchritt unſer Wirth, ſein Sammt⸗Kaͤprchen auf einen Augenblick bei Seite legend, nun hinuͤber zu dem erwaͤhnten einſamen — 125— Gaſte, und zog dabei die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf denſelben. Es war ein Mann zwiſchen fuͤnf und zwanzig und dreißig, von etwas mehr als mittelmaͤßigem Wuchs, einfach und anſtaͤndig gekleidet, dabei aber mit einem an Wuͤrde graͤnzenden Aeußern, welches vermuthen ließ, daß ſeine Klei⸗ dung unter ſeinem Range ſey. Sein Geſicht war ernſt und gedankenvoll, Haar und Augen waren ſchwarzz die letzteren flammten beim augenblicklichen Anlaß in ungewoͤhnlichem Glanze auf, nahmen aber bald wieder den Ausdruck ſinnen⸗ der Ruhe an, der uͤber alle ſeine Geſichtszuͤge verbreitet lag. Die geſchaͤftige Neugierde des kleinen Dorfes war emſig be⸗ muͤht geweſen, ſowohl ſeinen Namen und Stand, als die Geſchaͤfte, die ihn nach Cumnor gefuͤhrt hatten, zu erfahren; aber bisher waren alle Bemuͤhungen, hieruͤber etwas zu er⸗ forſchen, fruchtlos geblieben. Giles Gosling, Gemeindevor⸗ ſteher des Orts und eifriger Anhaͤnger der Koͤnigin Eliſabeth und der proteſtantiſchen Religion, war anfangs geneigt in ſeinem Gaſte einen Jeſuiten oder einen jener Prieſter zu argwohnen, welche Rom und Spanien ausſandte, um die Galgen in England zu zieren. Aber es war kaum moͤglich, ſolchem Verdachte lange Raum gegen einen Gaſt zu geben, der ſo wenig Umſtaͤnde machte, ſeine Rechnungen ordentlich bezahlte, und der dem Anſcheine nach, lange zum„guten braunen Bier' verweilen wuͤrde.. „»Papiſten, ſchloß Giles Gosling,„ſind eine erbaͤrmliche geizige Raee, und dieſer Mann wuͤrde bei dem reichen Herrn von Beſſelsley oder dem alten Ritter zu Wootton, oder bei ſonſt einem ihrer roͤmiſchen Anhaͤnger abgetreten ſeyn, ſtatt hier bei mir in meinem Wirthshauſe zu leben, wie es einem undenrlichen Menſchen und guten Chriſten geziemt. Ueber⸗ — 16— dem hielt er ſich letzten Freitag am geſalzenen Rindſleiſch und den Ruͤben, obgleich ein ſo trefflich gebratener Aal auf dem Diſche ſtand, als nur je einer aus dem Waſſer geio⸗ gen wurde.“. So beruhigt daruͤber, daß ſein Gaſt kein roͤmiſch⸗katho⸗ liſch Geſinnter ſey, erſuchte der ehrliche Eiles mit aller Höflichkeit den Fremden, ihm mit einem Zuge aus ſeinem ſilbernen Kruge Beſcheid zu thun, und durch ſeine Theil⸗ nahme ein kleines Mahl zu beehren, welches er zur Feier der Wiederkehr ſeines Neffen, und wie er hoffe, auch zu der ſeiner Beſſerung zu geben im Begriff ſtehe. Anfangs ſchuttelte der Fremde mit dem Kopfe, als wolle er die Artig⸗ keit ablehnen, aber der Wirth fuhr fort ihn zu noͤthigen und ihn mit Gruͤnden zu beſtuͤrmen, die auf den Credit ſei⸗ nes Hauſes und auf die Erinnerung daran gegruͤndet waren, was wohl die guten Leute zu Cumnor von einer ſo ungeſel⸗ ligen Laune denken wuͤrden. .„Mein Seel',“ ſagte er,„es thut meinem Ruf Scha⸗ 2— den, wenn Leute in meinem Hauſe nicht froͤhlich ſind; wir haben hier boͤſe Zungen in Cumnor— wo giebt's auch deren nicht?— die gleich Uebles von Menſchen denken, die ihren Hut uͤber die Augenbrauen ziehen, grade als wenn ſie zuruͤck nach vergangenen Tagen blickten, ſtatt ſich des Son⸗ nenſcheines zu freuen, den uns Gott in den milden Blicken unſerer Koͤnigin Eliſabeth ſchenkte, welcher Gott ein langes Leben verleihen moͤge!“ „Ei,“ entgegnete der Fremde,„es iſt ja kein Verrath, daß ein Mann ſeinen Gedanken unter dem Schatten ſeines eigenen Hutes nachhaͤngt. Ihr habt zweimal ſo lange in der Welt gelebt, als ich, und müßt wiſſen, daß es Gedanken giebt, —— ——— 17— giebt, die uns wider Willen verfolgen, und denen man ver⸗ geblich zuruft: fort mit euch und laßt mich froͤhlich ſeyn!“ „Traun,“ erwiederte Giles Gosling,„wenn ſolche truͤbe Gedanken, die Eure Seele plagen, nicht auf gut Engliſch weichen wollen, ſo wollen wir einen von Bacons Schuͤlern aus Oxford holen, der ſoll ſie auf Hebraͤiſch beſchwoͤren. Oder was meint Ihr, mein edler Gaſt, wenn wir ſie in ein praͤchtig rothes Meer von Claret untertauchten? Kommt Herr, nehmt meine Freiheit nicht uͤbel, ich bin ein alter Wirth, und mir iſt ſo ſchon eher ein Woͤrtchen erlaubt.— Dieſe verdrießliche melancholiſche Laune ſteht Euch uͤbel, ſie paßt nicht zu Euren blanken ſpaniſchen Stiefeln, dem Feder⸗ hut, dem feinen Mantel und der vollen Boͤrſe!— Fort mit dem Truͤbſinn alſo, und uͤberlaßt ihn jenen Ungluͤck⸗ lichen, die ihre Beine mit Heu bekleiden, ihren Kopf mit einer alten ſchlechten Muͤtze bedecken muͤſſen, deren arm⸗ ſelige Jacke dem Spinngewebe gleicht, und die doch mit allem Kreuz den Teufel des Unmuths nicht zu bannen ver⸗ moͤgen. Luſtig Herr! kommt, bei dieſem guten Trunk, wir wollen Euren Truͤbſinn aus den Freuden munterer Geſell⸗ ſchaft in das Nebelland der Melancholie verbannen. Hier ſind ein paar heitere Cumpane, die gern froͤhlich ſeyn wol⸗ len, ſchielt doch nicht ſo muͤrriſch zu ihnen hinuͤber, wie der Teufel uͤber Lincolm.“ „Ihr ſprecht wahr, mein wackerer Wirth,“ ſprach der Gaſt mit einem melancholiſchen Laͤcheln, das, ſo melancho⸗ liſch es auch war, dennoch ſeinem Geſicht einen gar ange⸗ nehmen Ausdruck verlieh.„Ihr habt vollkommen Recht, mein jovialer Freund, wer ſo muͤrriſch iſt, wie ich, ſollte nicht die Freude derer ſtͤren, die da gluͤcklicher ſind.— Kenilworth. 1. Bd⸗ — 18— Ich will von ganzem Herzen einen Trunk mit Euren Gaͤſten thun, auf daß ſie mich nicht einen Freudenſtoͤrer ſchelten.“ So ſprechend ſtand er auf und naͤherte ſich der Geſell⸗ ſchaft, welche durch die Aufforderung und das Beiſpiel Michael Lambournes ermuthigt, und weil ſie zum groͤßten Theil aus Perſonen beſtand, die ſehr geneigt waren, ſich auf Koſten ihres Wirths guͤtlich zu thun, bereits hie und da Einfaͤlle uͤber die Graͤnze der Maͤßigkeit gewagt hatte, welches aus dem Tone hervorging, in welchem Michael ſich nach ſeinen alten Bekannten im Dorfe erkundigte, wie auch aus dem ſchallenden Gelaͤchter, mit dem jede Antwort erwiedert wurde. Giles Gosling zeigte uͤber die laͤrmende Natur ihres Frohſeyns einigen Verdruß, beſonders da er unwillkuͤhrlich eine Art von Achtung fuͤr den unbekannten Gaſt empfand. Er hielt daher in einiger Entfernung von dem Tiſche, an dem die tobenden Nachtſchwaͤrmer ſaßen, ſeine Schritte an, und begann fuͤr ihre zuͤgelloſe Freiheit gegen den Fremden eine Art von Apologie zu halten. „Wenn man ſo dieſe Burſchen ſprechen hoͤrt,“ ſagte er, „ſo ſollte man glauben, es ſey keiner darunter, der nicht bereit ſey: Geld oder Blut! auf der Landſtraße zu rufen, und dennoch koͤnnt Ihr ſie morgen als unverdroſſene Arbei⸗ ter, Mechaniker oder Kraͤmer, wie je einer kurze Ellen maß⸗ oder leichte Kronen auf dem Ladentiſche zaͤhlte, erblicken. Der Kraͤmer dort, deſſen Hut auf einem Ohr ſein krauſes Pudelhaar nur halb bedeckt, der kaum zugeknoͤpft geht, ſei⸗ nen Mantel nur auf einer Schulter traͤgt, und ſo das An⸗ ſehen eines wilden Geſellen hat— ſteht, wenn Ihr ihn in ſeinem Laden zu Abbingdon beſucht, von ſeinem Muͤtzchen bis zu den glaͤnzenden Schuhen herab, an reſpectabler Klei⸗ dung keinem vingenntie nach. Er ſpricht da von Wild⸗ diebſtahl und Straßenraub, ſo daß man meinen ſollte, er waͤre alle Naͤchte auf der Landſtraße zwiſchen Hounstow und London zu finden, waͤhrend er ruhig in ſeinem Bette liegt, eine Kerze an der einen Seite deſſelben und eine Bibel an der andern, aus Furcht vor Geſpenſtern...) „» Und Euer Neffe, Michgel Lambourne, der Koͤnig des Feſtes, iſt er auch nur ſo ein ſcheinbar wilder Geſell wie die Uebrigen?“ „Ei, da fragt Ihr mich ſcharf,“ ſagte der Wirth. „»Mein Neffe iſt mein Neffe, und obgleich er vor Zeiten ein desperater Satan war, wird ſich mein Michael doch will's Gott gebeſſert haben, wie Andere, und Ihr werdet, denk⸗ ich, doch nicht alles fuͤr ein Evangelium nehmen, was ich vorhin von ihm ſagte.— und nun Herr, unter welchem Namen ſoll ich meinen ehrenwerthen Gaſt den Zechbruͤdern vorſtellen?“ „»Ihr moͤgt mich Treſſiltan nennen,“ entgegnete der Gaſt. „Treſſilian!⸗ wiederholte der Wirth,„ein ehrenwer⸗ ther Name, aus Cornwalliſchem Geſchlecht? ſoll ich Euch als ein ſolcher vorſtellen?“ „Sagt nicht mehr, als ich Euch kund gethan, Herr Wirth, und dann ſeyd Ihr gewiß, nicht mehr als Wahr⸗ heit zu ſprechen.“ unſer Wirth ſetzte nun ſeiner Neugierde Ziel, und ſtellte Herrn Treſſilian der Geſellſchaft ſeines Neffen vor, welche nach gegenſeitiger Begruͤßung, und nachdem auf das Wohl des neuen Cumpans getrunken worden war, die Un⸗ terredung, in der dieſer ſie begriffen fand, und die ſie mit oft wiederholten Geſundheiten wuͤrzten, fortſetzte. 3 B. 2 Nach einem kurzen Zwiſchenraume gaß der Kraͤmer der von der ſtuͤrmenden Aufforderung der Geſellſchaft begleiteten Einladung des Gaſtwirthes nach, und ergoͤtzte den Zechverein durch folgendes Geſangſtuͤck: Von allen Voͤgeln im Buſch und Hain, Lob' ich die Eule mir. Und wer will guter Zecher ſeyn, Wach wie die Eule ſchier. So wie die Sonn' in Weſten ſank, Beginnt ihr Eulenlied, 3 Sie ſtoͤhnt die ganze Nacht entlang, Bis fruͤh das Dunkel ſchied. Derum ſey dieſer Becher im Jubel der Nacht, Auf's Wohl der Eule ausgebracht. Die Lerche iſt ein faules Thier, Schlaͤft bis zum Morgen hin. Da lob' ich doch die Eule mir, Mit ihrem muntern Sinn. So greifet denn zum Becher nun, Bis Morgenroth Euch winkt! f und laßt die faulen Schlaͤfer ruh'n, Bis früh das Dunkel ſinkt. Und ſtets ſey der Becher in jubelnder Nacht, Auf's Wohl der Eule ausgebracht! „Da iſt Saft und Kraft d'rin, Kinder,“ ſagte Michael Lambourne, als der Kruͤmer ſeinen Geſang geendet dae „Etwas Gutes ſcheint doch noch unter Euch zuruͤckgeblie⸗ ben.— Welch ein Seelenmeſſen⸗ Verzeichniß aber habt Ihr mir nicht von unſeren alten Cameraden abgeleſen, 8 - a— und mit welchen boshaften Motto's habt Ihr es begleitet. Und alſo auch der wilde William von Wallingforth hat uns gute Nacht geboten?“ „Er ſtarb den Tod eines fetten Rehbocks,“ rief einer aus der Geſellſchaft,„ein Bolzen von der Armbruſt des alten Thalchmann, des Herzogs ruͤſtigen Parkaufſehers zu Donnington Caſtle, brachte ihm den Tod.“ „Ja, ja, er war immer ein großer Freund vom Wild⸗ pret,“ ſagte Michgel Lambourne,„und von einem Glaſe Claret obendrein— nun, hier eins zu ſeinem Gedaͤchtniß. Thut mir Beſcheid, Ihr Herren!“ 3 Als der Erinnerung an den wuͤrdigen Entſchlafenen ihr Recht widerfahren war, fragte Lambourne nach dem Befin⸗ den von Prance auf Pathworth. 3 „»Abmarſchirt— vor zehn Jahren ſchon unſterblich ge⸗ macht,“ entgegnete der Kraͤmer,„das Oyforder Loch, der Henkersknecht und der Zehnpfennings⸗Strick wiſſen am beſten wie.“ „Ei, ſo hoch und trocken haͤtten ſie unſern armen Prance gebettet? und alles das, weil er gern bei Mond⸗ ſchein ausging.— Ein Glas auf ſein Wohl, Ihr Herren— alle munteren Geſellen lieben den Mondſchein.— Und was iſt aus dem mit der Feder geworden? er wohnte bei Natten⸗ den— und trug immer die große Feder am Hut— kann ich doch nicht auf ſeinen Namen kommen.“ „Ei, Hal Hempſeed meint Ihr,“ rief der Kraͤmer; „Ihr werdet Euch erinnern, daß er gern den Herrn ſpielte, und ſich ſtets in Staatsgeſchaͤfte miſchte; da kam er vor zwei oder drei Jahren bei Gelegenheit der Geſchichte des Herzogs von Norfolk in die Tinte, und war genoͤthigt, ſich aus dem ——õõöä— Staube zu machen, denn die Haͤſcher ſaßen ihm auf den Hacken. Man hat ſeitdem nichts weiter von ihm gehoͤrt.“ „Nach dieſen Berichten,“ ſagte Lambourne,„brauche ich wohl kaum mich nach Tony Foſter zu erkundigen; denn wenn Stricke, Armbruſt⸗Bolzen und Haͤſcher ſo hier an der Tagesordnung ſind, iſt ihnen Tony ſicher auch nicht ent⸗ gangen.“ „Welchen Tony Foſter meinſt Du?“ fragte der Gaſt⸗ wirth. „Ei, Tony mein' ich, den wir den Feuerbrand nann⸗ ten, weil er Licht brachte, um den Scheiterhaufen rund um Latimer und Rielley anzuzuͤnden, als der Wind des Henkers Fackel ausblies, und kein Menſch ſonſt ihm weder fuͤr Geld noch gute Worte Feuer geben wollte.“ „Tony Foſter lebt und gedeiht,“ ſagte der Wirth.— „Aber Vetter, nenn' ihn nicht Feuerbrand, das heißt den Stab uͤber ihn brechen.“ 85 „Wie, ſchaͤmt er ſich jetzt deſſen?* fragte Lambourne, „ſonſt ruͤhmte er ſich dieſer That, und pflegte zu ſagen: daß er eben ſo gern einen gebratenen Ketzer als einen ge⸗ bratenen Ochſen ſaͤhe. „Vetter, das war zu Marias Zeit,“ entgegnete Giles Gosling,„als Tony's Vater Schultheiß hier beim Abt zu Ab⸗ bingdon war. Seitdem aber hat Tony eine Rechtglaͤubige geheirathet, und iſt, ich ſtehe Dir dafuͤr, ein ſo guter Pro⸗ teſtant, als irgend einer. „Und ſchauet ernſt, traͤgt ſeinen Kopf hoch und ſieht ſeine alten Cameraden uͤber die Achſel an, ſagte der Kraͤmer. „Nun, dann hat er prosperirt! bin ich gewiß,“ rief Lambourne,„denn ſo wie jemand ſelbſt zu Gelde gekommen, — 23— geht er denen aus dem Wege, deren Schatzkammer in an⸗ derer Leure Taſchen ruht. „Gewaltig prosperirt,“ verſicherte der Kraͤmer,„Erin⸗ nert Ihr euch noch des alten Herrenhauſes Cumnor⸗Place, hinter dem Kirchhofe?“ „Ei, ich habe oft da den Obſtgarten bemauſt.— Es war die Reſidenz des alten Abtes, wenn zu Abbingdon Peſt oder Krankheit wuͤthete.“ „Das iſt aber laͤngſt vorbei,“ ſagte der Wirth,„und Anthony Foſter hat ein Recht daran, und lebt dort mit Be⸗ willigung eines Großen vom Hofe, dem von der Krone die Laͤndereien der Kirche zugetheilt worden; da weilt er, und macht ſich ſo wenig mit den armen Wichten zu Cumnor zu thun, als waͤr er ein vornehmer Ritter.“ „Das ich nicht bloß Stolz von ihm,“ nahm der Kraͤmer das Wort,„eine ſchoͤne Dame haͤlt er dort im Kaͤfig, zu der Tony kaum das Tageslicht hineinſchauen laͤßt.“ 4 „Wie?“ fragt Treſſilian, der nun zum erſtenmal an threr Unterredung Theil nahm,„ ſagtet Ihr nicht, deeſer Mann ſey verheirathet?“ „Verheirathet war er, und zwar an eine ſo eifrige Pu⸗ ritanerin, als je eine Fleiſch im Lande aß; ſie ſollen aber wie Hund und Katze mit einander gelebt haben; doch ſie iſt todt, Friede ſey mit ihr! nur eine Tochter hat Tony von ihr. Da heißt's nun, daß er ſich mit der Fremden wieder verheirathen will, von der die Leute ſo viel Laͤrmen machen.“ „Wie ſo?“ fragte Treſſilian,„und warum machen die Leute ſo viel Laͤrmen von der Fremden? „Eott weiß es, ich nicht,“ ſagte der Wirth;„außer, daß die Leute ſagen, ſie ſey ſchoͤn wie ein Engel. Niemand weiß, woher ſie kam; jedermann moͤchte aber gern wiſſen, — 24— weshalb ſie ſo unter Schloß und Riegel gehalten wird. Ich fuͤr mein Theil habe ſie noch nicht geſehen— aber Ihr, Herr Goldreath, meine ich, habt— „Das hab' ich, alter Knabe,“ rief der Kraͤmer,„ſeht, ich ritt von Abbingdon hieher— da kam ich an dem Fenſter des Herrenhauſes vorbei, das nach Oſten hinausgeht, und woran allerhand alte Heiligen und Geſchichten gemalt ſind. Es war nicht der gewoͤhnliche Weg, den ich eingeſchlagen hatte; ich war durch den Park geritten, weil ich die Thuͤr nur angelehnt fand, und glaubte mich des Vorrechts eines alten Cameraden bedienen zu duͤrfen, um den Schatten unter den Baͤumen mitzunehmen, denn es war ein heißer Tag; auch wollt' ich den Staub vermeiden, denn ich trug mein pürſichfarbenes Wams mit goldener Stickerei.“ „Ei der Tauſend, welche Pracht!“ ſagte Michael Lam⸗ bourne,„Du Schelm wollteſt glaͤnzen in den Augen der ſchoͤnen Frau, kannſt du doch nimmer deine alten Nuͤcken . laſſen.“ „So war's nicht!“ entgegnete der Kraͤmer mit wohl⸗ gefaͤlligem Laͤcheln—„nicht ganz ſo— aber Du weißt, Neugierde und eine Art von Mitleid eigentlich— denn die arme junge Dame ſieht vom Morgen bis zum Abend nur den Tony Foſter, mit ſeinen ſchielenden Augen, ſeinem Stierkopf und den Saͤbelbeinen.“ „„Und da wollteſt Du ihr einmal einen flinken Geſellen zeigen, ſchlank wie eine Tanne, mit ſeidnem Wams und Corduanſtiefeln, einem runden laͤchelndem Geſicht, geſchmuͤckt mit einer Sammtmuͤtze, tuͤrkiſcher Feder und vergoldeter Spange. Nicht wahr! mein Kraͤmerchen, wer gute Waare hat, mag ſie gerne zeigen. Aber kommt Ihr Herren, ver⸗ 1 — 25— geßt die Glaͤſer nicht— es gilt den langen Sporen, den kurzen Stiefeln, vollen Muͤtzen und leeren Schaͤdeln!”— „Du biſt wohl gar eiferſuͤchtig auf mich,“ ſagte Gold⸗ reath, und doch hatte ich nicht mehr Gluͤck, als Dir oder je⸗ dem Andern haͤtte begegnen koͤnnen.“ 4 „Ueber die Unverſchaͤmtheit!“ rief Lambourne,„da will er wohl gar ſein Puddings⸗Geſicht und ſeine Ellenmanier mit einem ordentlichen Kerl und Soldaten in Vergleich ſtellen.“ „Laßt mich Euch bitten, guter Herr!“ nahm Treſſilian das Wort,„hier dieſen hoͤflichen Buͤrger nicht zu unterbre⸗ chen, mir deucht, er erzaͤhlt ſeine Geſchichte ſo gut, daß ich ihm bis Mitternacht zuhoͤren koͤnnte.“ 5 „„Eure Nachſicht iſt groͤßer als mein Verdienſt,“ antwor⸗ tete Goldreath;„weil es Euch, mein wuͤrd'ger Herr Treſſi⸗ lian, aber Vergnuͤgen gewaͤhrt, will ich fortfahren, trotz der Stichel⸗ und Spottreden des tapfern Soldaten hier, der wohl noch mehr Schlaͤge als Kronen in den Niederlanden bekommen haben mag.— Als ich nun ſo unter dem gemal⸗ ten Fenſter langſam vorbei ritt,— den Zaum ließ ich uͤber den Hals meines Schimmels herabhaͤngen, theils meiner Be⸗ quemlichkeit wegen, theils um mit mehr Muße hinaufblicken zu koͤnnen,— hoͤre ich ein Gitter oͤffnen; und da ſtand, bei meiner Treu, das ſchoͤnſte Frauenbild vor meinen Augen, was ich je geſehen habe, und glaubt mir, ich habe ſchon in meinem Leben viel huͤbſche Weiber, und mit eben ſo viol urtheilskraft, als irgend ein Anderer, erblickt.“ „ Und wie war denn ihr Aeußeres?“ fragte Treſſilian. „O!'“ erwiederte Goldreath,„ſie hatte einen gar fei⸗ nen Anzug; die Koͤnigin ſelbſt haͤtte nicht noͤthig gehabt, ſich dieſer Kleidung zu ſchaͤmen. Sie war von einem Ingwer⸗ — 26— farbenen Atlas, von dem, nach meiner Berechnung, die Yard auf 50 Schilling zu ſtehen kommen konnte. Das Fut⸗ ter war goldgelber Tafft, und zwei breite Beſetze von Gold und Silber darum. Und ihr Hut, Herr! das war ein Mo⸗ deſtuͤck, ſo ſchoͤn wie ich noch keins geſehen, von ſchwarz⸗ brauner Seide, mit einer Blumenſtickerei von venezianiſchem Golde und reichen goldenen Frangen; wahrlich, eine gar koͤſtliche herrliche Erfindung.“— „Nicht uͤber ihren Anzug befragte ich Euch,“ fiel Treſ⸗ ſilian ein, welcher waͤhrend dieſer Unterredung einige Unge⸗ duld gezeigt hatte;„uͤber ihr Geſicht, die Farbe ihrer Haare, ihre Zuͤge.“— „Was ihr Geſicht betrifft,“ entgegnete der Kraͤmer,„da bin ich meiner Sache nicht ſo ganz gewiß; aber daß ſie einen Faͤcher von Elfenbein kuͤnſtlich gusgelegt in der Hand hatte, das hab' ich deutlich geſehen, und die Farbe ihres Haares— ja, wie die eigentlich war, weiß ich nicht; ſie trug ein gruͤn⸗ſeidnes mit Gold durchwirktes Netz unter ihrem Hut.“ „Ein wahres Kraͤmer⸗Gedaͤchtniß,“ ſagte Lambourne, „der Herr fragt nach der Schoͤnheit der Lady, und er ſpricht nur von ihren ſchoͤnen Kleidern.“ „Laß Dir ſagen,“ entgegnete der Kraͤmer mit einiger Verlegenheit,„ich hatte nicht Zeit genug, ſie zu betrachten; denn eben als ich ihr meine Reverenz machen wollte, und zu dem Ende mein Geſicht zum freundlichen Laͤcheln verzogen hatte“— „Ein Affe, der die Kaſtanie angrinſet,“ murmelte Lam⸗ bourne. 1 „Stand ploͤtzlich,“ fuhr Goldreath, ohne auf die Unter⸗ brechung zu achten, fort,„Tony Foſter in eigener Perſon mit einem ungeheuren Pruͤgel vor mir.“—. — „Und ſchlug Dir den Kopf entzwei fuͤr deine Unver⸗ ſchaͤmtheit, wie ich hoffe„„ rief Lambourne. „„Das waͤr' leichter geſagt als gethan,“ entgegnete Gold⸗ reath mit einem veraͤchtlichen Blick.„Es war gar keine Rede von dergleichen— zwar hob er ſeinen Pruͤgel auf, ſprach davon, daß ich ihn fuͤhlen ſollte, und fragte: warum ich nicht auf der Landſtraße geblieben ſey, und dergleichen mehr; ich wuͤrde ihm derb dafuͤr einen uͤber den Schaͤdel verſetzt haben, haͤtte nicht die Gegenwart der Lady, und die Furcht, daß ſie in Ohnmacht fallen wuͤrde, meinen Arm zu⸗ ruͤckgehalten.⸗ „ Ei, uͤber Dich, du muthloſer Burſche,“ rief Lam⸗ bourne,„dachte wohl je ein Ritter an den Schrecken ſeiner Dame, wenn er in ihrer Gegenwart und zu ihrer Befreiung mit Rieſen, Zauberern oder Drachen kaͤmpfte? Aber wozu auch Dir von Drachen reden, Dir, den eine Fliege verjagen wuͤrde. Du haſt Dir da die ſchoͤnſte Gelegenheit entgehen laſſen.“ „Ergreife Du ſie doch, großſprecheriſcher Michgel,“ ent⸗ gegnete Goldreath.— Druͤben, das bezauberte Schloß, der Drache und die Dame, ſie ſind ſaͤmmtlich zu deinen Dien⸗ ſten, wenn Du dich daran verſuchen willſt.⸗ „Das wuͤrde ich, fuͤr ein Quart Seet,“ ſagte der Sol⸗ dat—„oder halt einmal, ich bin gerade von Leinen⸗Zeug entbloͤßt, willſt Du ein Stuͤck hollaͤndiſch Leinen gegen dieſe fuͤnf Engel*) ſetzen, daß ich morgen nach der Halle hinauf⸗ gehe, und Kony Foſter zwinge, mich bei ſeinem ſchoͤnen Gaſte einzufuͤhren?“ *) Eine damals in England gangbare Muͤnze, o Mark Hamb. werth. 4 — 28— „Topp! die Wette gilt,“ rief der Kraͤmer,„ich hoffe diesmal zu gewinnen, waͤreſt Du auch ſo froch als der Teufel ſelbſt. Unſer Wirth hier iſt Zeuge, und ich will bei ihm den Betrag in Geld niederlegen, bis ich Leinwand dafuͤr ſende.“ „Ich habe nichts damit zu thun,“ ſagte Giles Gosling; „trink' Du deinen Wein in Ruhe, Vetter, und laß ſolche Wetten bleiben. Ich ſtehe Dir dafuͤr, Tony Foſter hat Ge⸗ walt genug, Dich in Oxford Caſtle einſperren zu laſſen, oder deine Fuͤße mit den Fußeiſen bekannt zu machen.“ „„Das hieße nur eine alte Bekanntſchaft erneuern, ſagte der Kraͤmer,„Michaels Schienbeine und die Fußeiſen in der Stadt, ſind ſchon vor langer Zeit gute Bekannte geweſen; aber er muß die Wette halten, oder Abſtand bezahlen.“ „ Abſtand,“ rief Lambourne,„ich lache dazu, und achte Tony Foſters Zorn nicht ſo viel, als eine Palerbſe. Beim heiligen Georg, ich will ſeine Duleinea beſuchen, er mag wollen oder nicht.“ „Ich wollte gern die Haͤlfte Eurer Wette zahlen, wenn es mir erlaubt waͤre, Euch bei dem Abentheuer zu begleiten,“ ſagte Treſſilian. „Und welchen Vortheil wuͤrde Euch das bringen, Herr!“ fragte Lambourne. „Keinen andern,“ entgegnete Treſſilian,„als den, —— Zeuge Eurer Geſchicklichkeit und Eures Muthes zu ſeyn. Ich bin ein Reiſender, den eben ſo ſehr nach ſeltſamen Vorfaͤl⸗ len und ungewoͤhnlichen Begebenheiten verlangt, als den Rittern der Vorzeit nach Abentheuern und Waffenthaten.“ „Wenn es Euch Spaß macht, einen Philiſter prellen zu ſehen,“ erwiederte Lambourne,„meinetwegen, mir gilt es gleich, wer meine Geſchicklichkeit bewundert. Alſo hier dies Glas, auf den gluͤcklichen Erfolg, und wer mir nicht Boſchei 8 — 29— auf ſeinen Knieen thut, iſt ein Hundsfott, und ich werde ihm die Beine bis zum Strumpfband abſchneiden.“ Der Zug, den Michael Lambourne bei dieſer Gelegen⸗ heit that, war ein Nachfolger ſo vieler anderer, daß ſeine Vernunft auf ihrem Thron zu wanken begann. Er ſtieß ei⸗ nige unverſtaͤndliche Fluͤche gegen den Kraͤmer heraus, wel⸗ cher ſich natuͤrlicherweiſe weigerte, auf den Verluſt ſeiner Wette zu trinken. 8. 3 „ Willſt Du mit mir Haͤndel anfangen,“ rief Lambourne, du Wicht, deſſen Kopf ſo gehirnleer iſt als eine Hand voll gerupfter Seide? Beim Teufel, ich will Dich zu funfzig Yard gallonirter Treſſen zuſammen hauen!“ 8 Als Michael Lambourne nun aber ſein Schwerdt in die⸗ ſer frechen Abſicht zog, ward er von dem Bierzapfer und dem Aufwaͤrter ergriffen und auf ſeine Kammer gefuͤhrt, um dort ſich mit aller Muße nuͤchtern zu ſchlafen. Die Geſellſchaft brach nun auf und die Gaͤſte gingen aus einander; weit mehr zur Freude des Wirths, als der ihrigen, weil ſie ſich nur ungern von einem guten Trunke trennten, wenn ſie, wie hier, freie Zeche hatten.. „ Bei meiner Treu,“ ſagte Giles Gosling zu Treſſtlian, als dieſe ſich nur noch allein in dem leeren Zimmer befan⸗ den,„ich begreife nicht, wie die vornehmen Leute daran Vergnuͤgen ſinden koͤnnen, Gelage zu geben und den Gaſt⸗ wirth zu ſpielen, ohne Rechnung dafuͤr auszuſchreiben. Ich meinerſeits thue es nur ſelten, und wenn's einmal geſchieht, verdrießt's mich immer nachher. Aus jedem der Kruͤge dort, die mein Neffe und ſeine betrunkenen Cameraden hinunter⸗ gegoſſen, haͤtte jeder andere Gaſtwirth Nutzen zu ziehen ge⸗ wußt, und ich muß ſte nun als rein verloren anſehen. Nim⸗ mermehr kann ich begreifen, wie es moͤglich iſt, an Specta⸗ — 30— kel, dummen Zeug, trunkenen Reden, Streit, Fluͤchen und dergleichen Spaß zu finden, wenn der Menſch Geld dabei zuſetzt, ſtatt welches zu verdienen. Und doch iſt bei ſolchem nutzloſen Wandel manches Rittergut uͤber Bord gegangen, und das hat viel zum Sinken des Buͤrgerſtandes beigetragen. Wer Teufel glaubt Ihr wohl, wird zum braunen Bier ſeinen Trunk bezahlen wollen, wenn er ihn bei den Lord's oder vornehmen Herren umſonſt haben kann?“ Treſſilian bemerkte, daß der Wein ſelbſt auf das beſon⸗ nene Gehirn des Wirths einigen Eindruck gemacht hatte, welches vorzuͤglich aus ſeiner Declamation gegen die Trun⸗ kenheit hervorzugehen ſchien. Da er ſich ſeinerſeits ſorgfaͤl⸗ tig vor einem Rauſch in Acht genommen hatte, haͤtte er jetzt gern die Offenherzigkeit des Augenblicks benutzt, um von dem Wirthe etwas Naͤheres uͤber Anthony Foſter und die Lady, welche der Kraͤmer in dem Herrenhauſe geſehen hatte, herauszubringen; allein ſeine Fragen fuͤhrten den geſchwaͤtzi⸗ gen Wirth nur zu einem neuen Deelamationsthema gegen das ſchoͤne Geſchlecht, in das er alle Weisheit Salomons leg⸗ te, um dadurch ſeiner eigenen zu Huͤlfe zu kommen. End⸗ lich richtete ſich ſein Ermahnunsseifer, mit Scheltworten und Verweiſen gemiſcht, an ſeine Bierzapfer und Aufwaͤrter, welche beſchaͤftigt waren, die Reliquien der Abendmahlzeit wegzuraͤumen, und das Zimmer wieder in Ordnung zu brin⸗ gen. Und als er zuletzt, ob zwar nicht mit gutem Erfolg, ſeine Lehre mit einem Beiſpiel zu belegen, im Begriff ſtand, warf er einen Praͤſentirteller mit einem halben Dutzend Glaͤ⸗ ſer vom Tiſch herab, indem er zeigen wollte, wie nian in den drei Kranichen, dem angeſehenſten Wirthshauſe zu oondon, dergleichen Geſchaͤfte zu verrichten pflege. Dieſer letzte Vorfall brachte ihn in ſoweit zu ſeinem beſſeren Selbſt — 31— zuruͤck, daß or ſich unverzuͤglich zu Bette begab, ſanft ein⸗ ſchlief und am andern Morgen wie ein neuer Menſch er⸗ wachte. 3. „Und wie geht’s Eurem Vetter,“ fragte Treſſilian,„als am Morgen nach dem Gelage, welches wir in dem letzten Capitel beſchrieben haben, Giles Gosling zuerſt in die Gaſt⸗ ſtube trat;„iſt ihm wohl, und beharrt er auf ſeine Wette?“ „Ganz wohl, lieber Herr! er iſt ſeit zwei Stunden auf, und hat ſchon, Gott weiß wen Alles? von ſeinen alten Be⸗ kannten beſucht; eben erſt iſt er zuruͤckgekehrt, und haͤlt ſein Fruͤhſtuͤck von friſchen Eiern und Muskateller; aber was ſeine Wette betrifft, ſo rath' ich Euch als Freund, bleibt davon, und uͤberhaupt von Allem, was Michael unternimmt. Statt deſſen nehmt ein warmes Fruͤhſtuͤck ein, den Magen neu zu beleben; und laßt den Kraͤmer Goldreath und meinen Neffen ſich mit ihrer Wette breit machen, ſo viel ſie wollen.“— „Es ſcheint mir, ſagte Treſſilian, daß Ihr ſelbſt ſo recht nicht wißt, was Ihr von dieſem Euren Vetter ſagen ſollt, und daß Ihr ihn weder loben noch tadeln koͤnnt, ohne daß Euer Gewiſſen etwas dagegen einzuwenden haͤtte.“ „Ihr habt wahrhaftig Recht, Herr Treſſilian,“ erwie⸗ derte Giles Gosling;„„da fuuͤſtert mir die Verwandtenliebe ins eine Ohr;„Giles, Giles! willſt du den guten Namen deines eigenen Neffen ſchaͤnden? willſt du deiner Schweſter Sohn uͤbel nachreden, Giles Gosling? willſt du dein eigenes MNeſt beſchmutzen, entehren dein eigenes Blut?“ Dann aber raunt mir die Gerechtigkeit ins andere Ohr hinein:„da ſteht ein werther Gaſt vor dir, wie noch kein beſſerer zum guten 2. — 52— braunen Bier einkehrte, der ſich noch nie uͤber die Rech⸗ nung beklagte,(wie ich denn Euch, Herr Treſſilian, ins Ge⸗ ſicht ſagen muß, daß Ihr, obgleich Ihr auch keine Urſache dazu hattet— dergleichen noch nie gethan), ein Mann, der, ſo viel dir bekannt iſt, nicht weiß, wie lange er bei dir ver⸗ weilen wird; und du nun ſchon dreißig Jahr Schenkwirth in Cumnor, der ſeine Steuern ordentlich bezahlt, zur Zeit Ge⸗ meindevorſteher allhier, wie? du wollteſt dulden, daß dieſer Gaſt aller Gaͤſte, dieſer Ehrenmann, dieſer ſechsmal umreifte Krug von einem Reiſenden(wenn ich anders ſo ſagen darf) in das Netz deines Neffen geriethe, der als ein Raufbold und Eiſenfreſſer, als ein Spieler, Taugenichts und als Pro⸗ feſſor der ſieben verfluchten Kuͤnſte, wenn man anders darin einen Gradus bekommen kann, bekannt iſt?“ Nein, beim Himmel, ich muß Euch einen Wink geben; ſolch einen But⸗ tervogel als den Goldreath, kann ich ihn allenfalls fangen laſſen; aber Ihr, wein werther Gaſt, ſollt gewarnt und da⸗ gegen gewaffnet werden, wenn Ihr anders nur Euren ehrli⸗ chen Wirth hoͤren wollt.“ 3 „Ihyr ſollt nicht tauben Ohren predigen, mein guter Giles, erwiederte Treſſilian, aber meinen Theil muß ich an der Wette nehmen, hab' ich doch mein Wort darauf ge⸗ geben.— Kommt Ihr mir aber mit Eurem Rath zu Huͤlfe. — Dieſer Foſter— wer iſt er, und warum haͤlt er ſeinen weiblichen Gaſt ſo geheim?“ „Meiner Treu,“ ſagte Giles Gosling,„ich kann Euch nicht viel mehr davon ſagen, als Ihr ſchon geſtern Abend gehoͤrt habt. Er war ein Papiſt unter der Koͤnigin Maria, und iſt nun ein Proteſtant der Koͤnigin Eliſabeth; er war ein Anhaͤnger des Abtes von Abbingdon, und lebt jetzt als Cavalier im Herrenhauſe; kurz, er war arm, und iſt reich. . Die 1— 35— Die Leute ſprechen von beſonderen Gemaͤchern in⸗ ſeinem al⸗ ten großen Hauſe, reich genug ausgeſchmuͤckt, ſelbſt die Koͤ⸗ nigin, Gott ſegne ſie! zu beherbergen. Einige glauben, er habe im Garten einen Schatz gefunden; andere, er habe dem Teufel ſeine Seele füͤr Gold verkauft; und noch andere mei⸗ nen, daß er den Abt um das ſilberne Kirchengeraͤth betrog, welches waͤhrend der Reformation dort im alten Herrenhauſe verſteckt war. Reich iſt er uͤbrigens; aber nur Gott und ſein Gewiſſen und der Teufel vielleicht wiſſen, wie er es gewor⸗ den. Dabei iſt er verdrießlicher Laune, und hat jeden um⸗ gang hier im Orte abgebrochen, als haͤtte er irgend ein Ge⸗ heimniß zu bewahren, oder als waͤre er aus anderem Teige geknetet als wir. Mein Neffe und er werden gewiß in Streit gerathen, wenn Michgel ſich bei ihm eindraͤngen will, und daher thut es mir leid, daß Ihr, mein werther Herr Treſ⸗ ſilian, noch darauf beſteht, ihm Geſellſchaft zu leiſten.” Treſſilian verſprach ihm darauf, daß er mit großer Vor⸗ ſicht zu Werke gehen wuͤrde; bat ihn, ſich ſeinetwegen keine Sorge zu machen; und gab ihm jene Verſicherungen, mit denen Leute, welche zu einer raſchen Handlung entſchloſſen ſind, die Einwendungen ihrer Freunde abzuwehren pflegen. Indeſſen hatte der Reiſende die Einladung ſeines Wir⸗ thes angenommen, und eben das treffliche Fruͤhſtuͤck verzehrt, welches ihm und Gosling von der huͤbſchen Cecilie, der Schoͤnheit des Ortes, aufgetragen worden war, als der Held der vorigen Nacht, Michael Lambourne, in's Zimmer trat. Seine Toilette hatte ihm dem Anſcheine nach viel Arbeit ge⸗ koſtet; denn ſeine Kleidung„ von der, welche er auf der Neiſe getragen hatte, voͤllig verſchieden„ war nach der neue⸗ alt ſo viel als moͤglich herauszuheben. ſten Mode und mit großer Sorgfalt angelegt, um ſeine Ge⸗ 4. Kenilworth. 1. Bd. E — à4— „Bei meiner Treu, Oheim! rief der Geputzte, Ihr mach⸗ tet eine naſſe Nacht daraus, und ein trockner Morgen iſt ihr gefolgt; gern werd' ich Euch mit einem Glaſe von Eurem Baſtard Beſcheid thun.— Sieh da, mein huͤbſches Couſin⸗ chen! Ei, ich verließ Dich als ein Kind in der Wiege, und nun ſtehſt Du da in deinem Sammtjaͤckchen, als das ſchoͤnſte Maͤdchen, das je Englands Sonne beſchienen. Erkenn' doch deinen Freund und Vetter, Kind! und komm her zu mir, damit ich Dich kuͤſſen und Dir meinen Segen geben kann. „Kuͤmmert Euch nicht um Ceeilie, Vetter!!“⸗ ſagte Giles Gosling, laßt ſie in Gottes Namen ihren Weg gehen; wenn gleich Eure Mutter ihres Vaters Schweſter war, ſo ſollt Ihr dennoch keine Vetterſchaft zuſammen treiben.“ „und warum nicht, Oheim!“ erwiederte Lambourne, „glaubſt Du, daß ich ein Heide bin, und meinem eigenen Geſchlecht Leid's zufugen wuͤrde?“ „Es iſt hier gerade nicht von Leid die Rede, Michael,““ verſetzte der Wirth; bloß eine kleine Vorſichtslaune, die mir oft einfaͤllt. Traun, Du biſt glatt und glaͤnzend wie die Schlange, wenn ſie im Fruͤhling ihre alte Haut von ſich wirft; aber trotz alle dem ſollſt Du nicht in mein Eden krie⸗ chen; ich werde ſchon auf meine Eva Acht haben, Michael, und damit genug.— Wie praͤchtig Du aber geputzt biß, Junge! Wer wuͤrde nicht, wenn er Dich ſo ſaͤhe, und hier, den Treſſilian dagegen in ſeinem dunkeln Reitanzuge, dig fuͤr den Cavalier, und ihn fuͤr den Kellerburſchen halten?: „Glaubt mir, Oheim, entgegnete Lambourne,„us wuͤrde niemand, es muͤßte denn etwa Euer Bauervolk ſeyn. was dergleichen nicht beſſer verſteht. Gern geſtehe ich's laut und kümmere mich nicht darum, wer es hoͤrt, die wirt Vornehmen haben ſo eiten gewiſſen Anſtrich, in deſſen E — 355— heimniß nur wenige eindringen, die nicht in ſolchem Stande geboren und erzogen wurden. Gott weiß, woran's liegt. Mag ich doch mit noch ſo großer Dreiſtigkeit in eine Gaſtſtube tre⸗ ten, die Jungen und Aufwaͤrter herunterreißen ſo viel ich will, trinken und ſchwoͤren wie einer, und mein(geld mit eben ſo freigebigen Haͤnden wegwerfen, als irgend einer der klirrenden Sporn⸗ und weißen Federhelden rund um mich her,— kann ich doch, hol“ mich der Henker, nie den rech⸗ ten Takt wegkriegen, ob ich es gleich hundert Mal verſuchte. Der Herr vom Hauſe weiſt mir doch ſtets den unterſten Platz am Tiſche an, bedient mich zuletzt, und der Aufwaͤrter ruft mir zu:„Kommt Freund!*“ ohne mir ſonſt ſeinen Reſpect zu beweiſen. Aber ich ſcher“ mich den Teufel darum, habe ich doch ſo viel Anſtand als noͤthig iſt, zum Streich gegen Tony Feuerbrand, und das iſt vor der Hand genug.“ „Ihr beharrt alſo auf Euren Vorſatz, Euren alten Be⸗ kannten zu beſuchen?“ fragte Treſſilian den Abentheurer. „ Li,“ rief Lambourne,„wenn das Geld ausgeſetzt iſt, muß das Spiel geſpielt werden, das iſt Spielergeſetz in der ganzen Welt. Und Ihr, Herr! wenn ich mich anders nicht irre, denn ich hatte etwas zu tief in die Seetflaſche gekuckt, wolltet ja Theil an meiner Wette nehmen.“ „Ich bin bereit, Euch auf Euer Abentheuer zu begleiten, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt, es mir zu erlauben,“ ſagte Treſſilian;„meinen Antheil an den Satz habe ich in die Haͤnde unſers wackeren Wirthes niedergelegt.“ „Das iſt geſchehen,“ verſicherte Giles Gosling,„und zwar in ſo blanken Goldſtuͤcken, als je welche in Seet ver⸗ wandelt wurden. Gluͤck denn zu Eurem Unternehmen, wenn Ihr euch durchaus an Tony Foſter verſuchen wollt; aber mei⸗ ner Treu! Ihr wuͤrdet aut thun, Euch hier vorher noch durch C 2 - 56— ein Paar tüchtige Zuͤge zu ſtaͤrken; denn Euer Willkommen in der Halle druͤben duͤrfte von etwas trockener Art ſeyn. Kommt Ihr aber in Gefahr, ſo greift nicht zu den Waffen, ſondern ſendet nach mir, Giles Gosling, dem Gemeinde⸗ Vorſteher; ſo ſtolz Tony iſt, werd' ich ſezane mit zihn fertig werden. Der Neffe folgte geßotfam dem Winke ſeines Oheims, indem er einen zweiten und groͤßeren Zug aus dem Kruge that, wobei er bemerkte,„daß ihm ſein Witz nie mehr zu Gebote ſtaͤnde, als wenn er ſein Gehirn vorher durch einen guten Morgentrunk gewaſchen haͤtte; darauf machten ſie ſich beide auf den Weg, nach Tony Foſters Behauſung. Das Dorf Cumnor liegt angenehm an einem freundli⸗ chen Huͤgel; und in einem gleich daranſtoßenden waldigen Park ſtand das alte Herrenhaus, welches damals Tony Foſter bewohnte, und von dem noch jetzt einige Ruinen vorhanden ſind. Der Park war reich an ſtarken großen Baͤumen, vor⸗ zuͤglich aber an alten maͤchtigen Eichen, welche ihre Rieſen⸗ arme uͤber die hohen Mauern, die das Schloß umgaben, aus⸗ ſtreckten, und dieſem das melancholiſch⸗einſame Aeußere ei⸗ nes Kloſters verliehen. Der Eingang in den Park fuͤhrte durch einen altmodiſchen Thorweg in der aͤußeren Mauer, deſſen Pforte aus zwei ungeheuren eichenen, mit Naͤgeln dicht beſchlagenen Fluͤgeln beſtand, und mit dem Thor einer alten Stadt Aehnlichkeit hatte. „Wir werden hier uͤbel ankommen,“ ſagte Michael Lambourne, nach dem Thorweg und der Pforte blickend, „wenn es der argwoͤhniſchen Laune des Burſchen hier gefal⸗ len ſollte, uns den Einlaß durchaus zu verweigern, wie es leicht der Fall ſeyn koͤnnte, wenn ihn der Beſuch der kame⸗ lottenen Kraͤmerſeele auf ſeinem Grund und Boden unruhig — 37— gemacht hat. Aber nein!“ fuhr er fort, indem er gegen das Thor ſtieß, welches nachgab,„die Chuͤr ſteht einladend of⸗ fen, und hier ſtehen wir auf dem verbotenen Grunde, ohne anderes Hinderniß, als den paſſiven Widerſtand eines ſchwe⸗ ren, ſich in rußigen Angeln bewegenden eichenen Thores.“ Sie ſtanden nun in einer Allee von ſolchen alten Baͤu⸗ men uͤberſchattet, wie wir beſchrieben haben, um welche in fruͤherer Zeit hohe Taxus⸗ und Dornen Hecken gezogen waren. Dieſe aber, ſeit vielen Jahren unbeſchnitten, zu ge⸗ waltigen Buͤſchen und Zwergbaͤumen aufgeſchoſſen, ſtreckten ihre dunkeln melancholiſchen Zweige uͤber den Weg, den ſie einſt beſchirmten. Die Allee ſelbſt war mit Gras uͤberwach⸗ ſen, und an einigen Strllen trockne Reiſer aufgehaͤuft, wel⸗ che von den in den benachbarten Park gefaͤllten Baͤumen, um auszutrocknen, hieher gebracht worden waren. Kleinere Pfade und Alleen, welche an verſchiedenen Punkten den Hauptweg durchkreuzten, waren ebenfalls hie und da durch aufgehaͤuftes Gebuͤſch oder durch dichtverwachſene Brombeerbuͤſche beengt Ueberdem verbreitete dieſe Verwuͤſtung, die immer einen ſo karken Eindruck auf uns macht, wenn wir das, was die Menſchen durch Kunſtfleiß hervorbrachten, durch Nachlaͤſſig⸗ keit wieder verfallen, und die Merkmale des geſellſchaftlichen Lebens nach und nach wieder durch die Gewalt der Vegeta⸗ tion, den ungeheuren Umfang der Baͤume und das allzugroße Ausbreiten ihrer Aeſte verſchwinden ſehen, ſelbſt wenn die Sonne am hoͤchſten ſtand, eine feierliche Daͤmmerung uͤber dieſe Scene und wirkte auf gleiche Weiſe auf die Seele de⸗ rer, die dieſe Gegend beſuchten. Dies ward ſelbſt von Mi⸗ chael Lambourne gefühlt, ſo wenig es auch ſonſt ſeine Ge⸗ wohnheit war, fuͤr andere Eindruͤcke empfaͤnglich zu ſeyn, als — 38— fuͤr ſalhe welche unmittelbar auf ſeins Leldenſiaftrn Bezug hatten. „ Der aguärke hier iſt 3 dunkel⸗ wie eim Seulfarachene ſprach er zu Treſſilian, als ſie langſam auf dem oft gehemm⸗ ten einſamen Pfade fortſchritten, und eben die einem Kloſter aͤhnliche Vorderſeite des alten Herrenhauſes erblickten, mit hohen Fenſtern und der von⸗ Epheu und rankendem Geſtraͤuch uͤberwachſenen Ziegelmauer, uͤber der ſich ungeheure Schorn⸗ ſteine aus ſchwerem Steinwerk erhoben.„Und doch fuhr Lambourne fort, iſr's klug gethan von Tony Foſter, da er keine Beſucher liebt, ſeine Beſitzung in einem Zuſtande zu erhalten, der nur Wenige einladen wird, ſeine Graͤnze zu uͤberſchreiten. Waͤre er aber noch der alte Tony Foſter, den ich kannte, ſo waͤren dieſe halsſtarrigen Eichen hier, laͤngſt das Eigenthum ehrlicher Holzhaͤndler, dort die Burg wuͤrde um Nitternacht freundlicher als am hellen Mittage ausſehen, und um den Werth haͤtte Tony laͤngſt in irgend einem ver⸗ borgenen Winkel Londons geſyielt” i⸗ „War er denn ſolch ein Berſchwender, fragte greffilan. „Er war,“ entgegnete Lambourne,„wie wir alle, kein Heiliger. Was mir aber am wonigſten an Tony Foſter gefiel, war, daß er ſeinen Vergnuͤgungen immer allein nachging, und ſich uͤber jeden Tropfen Waſſer aͤrgerte, der ſeiner Muͤhle vorbeilief Ich ſah ihn oft ganz auf ſeine eigene Hand eine Maſſe Wein zu ſich nehmen, mit der ich mir kaum getrauet haͤtte, ſelbſt mit der Huͤlfe des beſten Zechers von Berkſhire, fertig zu werden.— Das, und Hang zum Aberglauben, der in ſeinem Charaeter lag, machten ihn der Geſellſchaft ordent⸗ licher Burſche unwerth. Nun hat er ſich hier einen Bau gegraben, der grade fuͤr ſolchen ſchiauan Fuchs, wie er einer iſt, taugt. 9s 77 „ Aber ſagt mir r doch, nahm Treſſilian das Wort,„da der Charaeter Eures alten Cameraden ſo wenig mit dem Eu⸗ ren uͤbereinſtimmt, warum ſeyd Ihr begierig, die alte Be⸗ kanntſchaft mit ihm zu erneuern?“ „„Aber ſagt Ihr mir doch, geſtrenger Herr Treſſtlian,“ erwiederte Lambourne,„warum Ihr euch ſo bereit zeigtet, mich auf dieſom Zuge zu begleiten?n „Ich nannte Euch meinen Grund, als ich Theil an Eu⸗ rer Wette nahm, entgegnete Euſtliar— Nur Neugierde wars“* „Da ſeht Ihrs nun!“ verſetzte Lambourne,„wie Ihr hoͤflichen und disereten Cavaliere uns, die wir von der freien Ausuͤbung unſers Witzes leben, zu gebrauchen meint. Haͤtte ich Euch auf Eure Frage die Antwort gegeben, daß es bloße Neugierde ſey, warum ich meinen alten Cameraden, Tony Foſter, beſuchen wollte, Ihr haͤttet es fuͤr einen Kniff, fuͤr eine Verleugnung meines Gewerbes gehalten; ich aber, meint Ihr, muß ſchon mit jeder Antwort zufrieden ſeyn.“ „Und warum,“ fragte Treſſilian,„ſollte nicht bloße Neugierde ein hinreichender Grund fuͤr meine eVagleltun ſeyn? „O! ſeyd nur ruhig, Herrt 5*„eutgognete Lambourne,„ich laſſe mir nicht ſo leicht eine Naſe drehen, als Ihr denkt; zu lange habe ich unter den rebelliſchen Gemuͤthern unſerer Zeit gelebt, als daß ich ſo leicht Stroh ſtatt Korn verſchluk⸗ ken ſollte. Ihr ſeyd ein Cavalier pon Geburt und Herkunft — Euer Weſen bezeugt's;— von feinen Sitten und gutem Nufe— das geht aus Eurem Betragen hervor, und auch mein Onkel beſtaͤtigt es, und doch ſchließt Ihr euch an einen Naufbold an, wie mich die Leute nennen; und obgleich ich Su als ſolcher bekannt, macht Ihr euch zu meinem Geel. haftsk, umn einen Mann zu beſuchen, der Euch voͤllig fremd iſt, und das alles aus bloßer Neugierde, wie? Dieſer Ent⸗ ſchuldigung, genau gewogen, wuͤrden mehni Gran an gu⸗ tem Gewicht fehlen. 1s ainn „Wenn Euer Argwohn auh gegruͤndet waͤre,“ erwieder⸗ te Treſſilian, ſo habt Ihr mir ja noch kein Vertrauen ge⸗ zeigt, wodurch ich zur Erwiederung aufgefordert waͤre, oder wodurch Ihr das Meine verdient haͤttet.“ „Ei, wenn das alles iſt ſagte Lambourne,„mein Be⸗ wegungsgrund liegt nicht tief.— Hier dieſe meine letzten Goldſtücke,— bei dieſen Worten zeg er ſeine Boͤrſe hervor, warf ſie in die Luft, und fing ſie wieder—„ſollen mir Vergnuͤgen ſchaffen, und ſind ſie fort, muß ich mehr ha⸗ ben.— Iſt nun dieſe geheimnißvolle Dame hier im Her⸗ renhauſe— dieſe ſchoͤne Duleinea— vom Tony Foſter Feuerbrand, wirklich ein ſo bewundrungswuͤrdiges Stuͤck, als die Leute ſagen, ei, da iſt darauf zu wetten, daß ſie mir be⸗ huͤlfiich ſeyn wird, meine Roſe⸗Nobles in Pfennige zu ver⸗ wandeln; und wenn dagegen Tony wirklich ein ſo reicher Geſell iſt, als ihn der Ruf macht, ſo ſoll er mit dem Stein der Weiſen bei mir die Probe, und meine Pfennige wieder zu Roſe⸗Nobles machen.”“ „Ein ganz behaglicher Vorſatz 5 fagte Treſſilian,„aber noch ſehe ich nicht ein, wie er in Erfuͤllung treten ſoll.“ Nicht etwa heute oder morgen,“ antwortete Lambourne; „ich denke nicht eher den Vogel zu fangen, bis ich mein Netz ausgeſtellt habe. Aber ich weiß heute Morgen etwas mehr von der Geſchichte, als dieſe Nacht, und will meine Wiftnſchaf ſchon ſb dnthes, daß er glauben ſoll, ich 4 — 41— 4 Schritt nach dieſem Herrenhauſe gethan, das glaubt mir; denn ich geſteh' Euch, ich halte unſern Beſuch nicht fuͤr⸗ganz gefahrlos. Nun ſind wir aber Enitate hier und maſſ en ſehen, wie wir fertig werden.⸗) Indem er dieſes ſagte, waren ſie in einen großen Obſ⸗ garten getreten, der das Haus an beiden Seiten umgab, deſſen Baͤume aber, die Pflege der Menſchen entbehrend, uͤbermooſ't und verwachſen da ſtanden, und nur wenig Fruͤchte zu tragen ſchienen. Die, welche fruͤher am Spalier gezogen worden, waren nun zu der natuͤrlichen Art ihres Wachsthums zuruͤckgekehrt und bildeten groteske Geſtalten, in denen noch die Form, in die man ſie einſt gezwaͤngt hatte, zu erkennen war. Der uͤbrige Theil des Gartens, der einſt aus Terraſſen und Blumenbeeten beſtand, lag jetzt ebenfalls verwildert da, bis auf einige wenige Stellen, welche umgegraben und mit gewoͤhnlichen Kuͤchengewaͤchſen bepflanzt waren. Einige Statuen, welche den Garten in den Tagen ſeines Glanzes geziert hatten, jetzt von ihren Fußgeſtellen herabgeworfen, lagen zertruͤmmert da; und ein großes Luſthaus, mit einer gewichtigen ſteinernen Fronte, in welcher das Leben und die Thaten Simſons ausgehauen waren, befand ſich in demſelben verfallenen Zuſtande. Sie hatten eben dieſe Garten⸗Wuͤſte durchſchritten, und waren nur noch einige Schritte vom Herrenhauſe entfernt, als Lambourne zu ſprechen aufgehoͤrt hatte; ein Umſtand, welcher ſehr angenehm fuͤr Treſſilian war, da er ihn der unannehmlichkeit uͤberhob, das Geſtaͤndniß, welches ihm ſein Begleiter uͤber die Abſichten, die ihn hieher fuͤhrten, auf ſo offenherzige Weiſe abgelegt hatte, zu commentiren oder zu erwiedern. Lambourne klopfte raſch und unerſchrocken an die gowaltige Thur des Herrenhauſes, na er bemerkte, daß er ſelbſt in Gefaͤngniſſen wohl ſchwaͤchere geſehen habe. Sie hatten kaum einmal angeklopft, als auch ſchon ein alter Diener, mit einem ſauertoͤpſigen Geſicht, hinter einem klei⸗ nen viereckigten, mit ſtarken Eiſengittern verſehenen Loche in der Thuͤre, zum Vorſchein kam, und ſie fragte, was ihr Begehr ſey.„»Augenblicklich mit Herrn Foſter zu ſprechen, in dringenden Geſchaͤften,“ war die Antwort, welche Lam⸗ bourne in Bereitſchaft hatte. gun 1 3 Es wird Euch ſchwer falen damit. durchzufommen, fluͤſterte Treſſilian ſeinem Begleiter zu, waͤhrend der Diener weggegangen war, ſeinunn Herrn die Botſchatt zu uͤber⸗ bringen. „Stillt tfef der Ahnthcgrer,„Rine Soldat würde einhauen, wollte er jedesmal bedenken, wie er wieder heraus⸗ kaͤme. Laßt uns nur erſt Einlaß gewinnen, lamd alles wird gut gehen.“ Nach wenigen Augenblicken Lehrte der Diener wieder, ſchob unter gewaltigem Geraſſel Balken und Riegel zuruck⸗ und oͤffnete das Thor, durch welches ſie unter einem Bogen⸗ gange in einen viereckten, von Gebaͤuden umgebenen Hof gelangten. Dem Eingange gegenuͤber befand ſich eine an⸗ dere Thuͤr, welche der Diener auf gleiche Weiſe aufſchloß, und durch welche ſie nun in ein Gemach traten, deſſen Fuß⸗ boden mit Flieſen ausgelegt war, und in welchem ſie nur wenig Geraͤth der aͤlteſten Form erblickten. Die Fenſter, ſchmal und hoch, reichten faſt bis an die Decke des Sim⸗ mers, die aus geſchwaͤrztem Eichenholz geformt war. Die, welche nach dem Hofe hinausgingen, wurden durch die Hö der in demſelben befindlichen Gebaͤnde verfinſtert, und ließen, da ihr Kreuz aus maſſivem Steinwerk beſtand, und die Scheiben alle mit Heiligen⸗Bildern und Spruͤchen aus i 3 —--— — 45— Bibel bemalt waren, bei weitem nicht ſo viel Licht herein, als ihre Groͤße zu erwarten berechtigte; und das wenige, welches wirklich durch ſie eindrang, hatte den finſtern feier⸗ lichen Schein des gefaͤrbten Glaſes angenommen. Treſſilian und ſein Begleiter hatten Muße genug, al⸗ les dieſes genau in Augenſchein zu nehmen; denn es waͤhrte einige Zeit, bis der jetzige Beſitzer des Herrenhauſes ſich ih⸗ nen zeigte. Ob gleich vorbereitet auf den Anblick einer wi⸗ derlichen unanſehnlichen Figur, uͤbertraf dennoch Tony Foſters Haͤßlichkeit, bei weitem Treſſilians Vorſtellungen. Er war von mittlerer Statur, ſtark gebaut, aber dabei ſo plump, daß es an unfoͤrmlichkeit graͤhzte, und allen ſoinen Bewegungen eine linkiſche Unbehuͤlflichkeit gab. Das Haar, auf welches die Maͤnner zu jener Zeit mehr Aufmerkſamkeit verwandten, als man jetzt zu thun pflegt, war weder glatt gekaͤmmt, noch in kleinen Locken gekraͤuſelt oder auffriſirt, wie man es wohl auf alten Bildern ſieht, und wie es ungefaͤhr noch heut zu Tage unſere feinen Herren tragen, ſondern hing nachlaͤſſig, dem Kamm laͤngſt entfremdet, uͤber ſeine ſtruppigen Augen⸗ braunen und ſein ſeltſam widerliches Geſicht herab. Seine durchdringenden ſchwarzen Augen lagen tief unter den bu⸗ ſchigten Brauen verſteckt, und ſchienen, da ſie ſich immer zur Erde ſenkten, ſich ihres eigenen natuͤrlichen Ausdrucks zu ſchaͤmen, und ſich der Aufmerkſamkeit der Menſchen ent⸗ ziehen zu wollen. Zuweilen aber, wenn ihr Beſitzer die Ab⸗ ſicht hegte, Andere zu beobachten, erhob er ſie ploͤtzlich, und heſtete ſie durchdringend auf den, mit dem er ſprach, und dann ſchienen ſie zugleich wilde Leidenſchaft, und jene See⸗ lenkraft auszudruͤcken, welche die innern Gefuͤhle nach Ge⸗ fallen zu uhterdruͤcken oder zu verbergen im Stande iſt. „Seine Geſichtszuge, welche mit dieſen Augen und dieſer — 444.— Geſtalt uͤbereinſtimmten, waren unregelmaͤßig und ſo aus⸗ gezeichnet, daß ſie nie wieder im Gedaͤchtniß desjenigen er⸗ loſchen, der ſie einmal ſah. Kurz, der Anthony Foſter, der jetzt vor ihnen ſtand, war, wie es ſich Treſſilian ins Geheim ſelbſt geſtehen mußte, dem Aeußern nach gerade am Aller⸗ wenigſten der Mann, den man gewaͤhlt haben wuͤrde, um ih einen unerwarteten und unerwuͤnſchten Beſuch abzuſtat⸗ Seine Kleidung beſtand aus einem Wams von roth⸗ . uaunen Leder, wie es damals die hoͤhere Claſſe der Land⸗ leute trug, durch einen Guͤrtel zuſammen gehalten, indem auf der rechten Seite ein langes Meſſer und auf der linken ein kurzer breiter Saͤbel ſteckte. Er erhob ſeine Augen, als er ins Gemach trat, und richtete einen durchdringenden Blick auf ſeine Beſucher, darauf ſenkte er ſie wieder, als ob er ſeine Schritte laͤhle, waͤhrend er langſam bis in die Mitte des Virimersn ging, und ltan dann unft keiſer ge⸗ daͤmpfter Stimme: E n „Seyd ſo gut, Ihr Herren, mir die urſach Eures Be⸗ ſuches mitzutheilen.“ Er ſah dabei auf, als ob er Treſſilians Antwort er⸗ warte; ſo richtig war Lambournes Bemerkung, daß hoͤherer Stand und Geburt ſelbſt aus niederer Kleidung hervor⸗ ſcheint. Aber Michael war es, der ihm im Ton eines alten Bekannten, und auf eine Weiſe antwortete, aus der die Ueberzeugung der herzlichſten Aufnahme hervorging. „Gruͤß Dich Gott, alter Freund!“ rief er aus, indem er Tony Foſters widerſtrebende Hand ergriff und ſie mit freundſchaftlicher Heftigkeit ſchuͤttelte.„Wie iſt Dir's denn die vielen Jahre ergangen,— kennſt Du mich nicht, deinen 1 Spielgeſellen nicht, Michael Lambourne?“. — 45— „ Michael Lambourne!“ wiederholte Foſter, einen Augen⸗ blick auf ihn blickend, dann ſenkte er die Augen wieder, und indem er ohne große Umſtaͤnde ſeine Hand zuruͤckzog, fragte er nochmals:„Ihr ſeyd Michael Lambourne? „Ei, ſo gewiß als Ihr Tony Foſter ſeyd,“ entgegnete Lambourne. „Gut denn!“ verſetzte ſein murriſcher Wirth,„und was erwartet Michgel Lambourne von ſeinem Veſuche bei mir?25 „Voto a dios1 rief Lambourne,„ich erwartete eine freundlichere Aufnahme, als mir dem Anſcheine nach be⸗ gegnen wird.“ 3 „Wie, du Galgenvogel— du Kerkerratte— du Biſſen fuͤr den Henker und ſeine Geſellen,“ entgegnete Foſter,„„kannſt Du gute Aufnahme von irgend jemand er⸗ warten, deſſen Hals nicht dem Strick verfallen iſt.“ „Magſt Recht haben,“ entgegnete Lambourne,„aber ſelbſt wenn ich das aus Urſachen eingeſtaͤnde, waͤre meine Geſellſchaft doch gut genug fuͤr meinen alten Freund, Tony Foſter Feuerbrand, obgleich er jetzt neben noch andern gehei⸗ men Titeln, Herr von Cumnor⸗Place genannt wird.“ „Hoͤrt, Michael Lambourne! Ihr ſeyd jetzt ein Spieler und wagt's auf den Zufall.— Was wollt Ihr wetten, daß ich Euch jetzt hier gleich aus dem Fenſter in den Teich ſtuͤrze!“⸗ „Zwanzig gegen eins! daß Ihr es nicht thut,“ ent⸗ gegnete der hartnaͤckige Beſucher. „»Und warum nicht?“ fragte Anthony Foſter, indem er die Lippen zuſammenbiß, wie Jemand, der ſich be⸗ muͤht, eine heftige innere Gemuͤths⸗ Bamweaung zu unter⸗ druͤcken.“ — 46— „Weil Ihr,“ erwiederte Lambourne mit Kaͤlte,„es bei Eurem Leben nicht wagen duͤrft, Hand an mich zu legen. Ich bin juͤnger und ſtaͤrker als Ihr, und ſchlage mich wie der Teufel, ob ich gleich von ſeinen geheimen Kunſtſtuͤcken, als zum Beiſpiel: Stricke unter die Kopfküſſen der Leute zu legen, oder Nattenpulver in ihre Suppen zu ſtreuen, nichts verſtehe.“ Wrr: „Foſter blickte ernſt auf ihn; darauf wandte er ſich ab, ging zweimal im Zimmer auf und nieder mit denſelben be⸗ daͤchtigen langſamen Schritten, mit denen er herein getreten war, dann kehrte er ploͤtzlich zuruͤck und reichte Michael Lambourne ſeine Hand hin, indem er ſprach:„Sey nicht boͤſe auf mich, guter Michael! ich wollte nur ſehen, ob Du auch etwas von deiner alten wuͤrdigen Offenherzigkeit ver⸗ loren haͤtteſt, die von deinen Neidern und Verlaͤumdern Unverſchaͤmtheit geſcholten wurde.“ 3 „Moͤgen ſie es doch nennen wie ſie wollen,“ entgegnete Michael Lambourne,„es bleibt doch die Waare, die wir in der Welt mit uns fuͤhren muͤſſen.— Kannſt mir glau⸗ ben Alter! mein eigener Vorrath von Keckheit war zu klein, um damit Handel zu treiben; in jedem Hafen, wo ich auf der Reiſe durchs Leben einlief, war ich gendthigt, davon ein Paar Tonnen mehr an Bord zu nehmen; und dann warf ich meine letzten Ueberreſte von Beſcheidenheit und Scerupeln über Botd, um der neuen Waare Raum zu geben.“ „Ei was; Beſcheidenheit und Ceruhell“ eriedets Tony Foſter,„was ſie betrifft, ſo ſegelteſt Du ja mit Bal⸗ laſt von hier.— Aber wer iſt denn der ſtattliche Geſell dort, wackerer Michael! iſt das auch ein ſo luſtiger Burſche, ſo ein Kutter wie Du? — 47— „In ihm ſtelle ich dir den Herrn Treſſilian vor, graͤm⸗ licher Foſter!“ entgegnete Lambourne;„lerne ihn kennen und verehren; er iſt ein Cavalier von vorzuͤglichen Eigen⸗ ſchaften; und wenn er gleich, ſo viel ich weiß, nicht mit meinen Artikeln Geſchaͤfte treibt, achtet und bewundert er doch nichts deſto weniger Kuͤnſtler unſerer Art. Es wird mit der Zeit ſchon etwas aus ihm werden; bis jetzt aber iſt er nur noch ein Neuling, ein Proſelyt, der die Fechtſchule nur darum beſucht, um zu ſehen, wie die alten Meiſter mit den Rapieren umgehen.“ „Wenn's ſo iſt, ehrlicher Michael,“ entgegnete Foſter, „da muß ich Dich bitten, mir in ein anderes Zimmer zu folgen; denn was ich Dir zu ſagen habe, iſt nur fuͤr dein Ohr.— Indeſſen bitte ich Euch, mein Herr, uns hier in dieſem Gemache zu ermarten, und es nicht zu verlaſſen;— es giebt Leute hier im Hauſe, die der Anblick eines Frem⸗ den erſchrecken wuͤrde.“ Treſſilian willigte ein, und die beiden Ehren maͤnner verließen das Gemach, in welchem er nun allein blieb, um ihre Zuruͤckkunft zu erwarten. t. Das Zimmer, in welches der Beſitzer von Cumnor⸗Place ſeinen wuͤrdigen Gaſt fuͤhrte, war geraͤumiger als daszenige, in welchem ihre erſte Unterredung ſtatt gehabt hatte, trug aber noch mehr das Gepraͤge der Verwuͤſtung. Große eichene Schraͤnke, mit Faͤchern aus demſelben Holz, fuͤllten die Waͤn⸗ de des Gemachs, und hatten in fruͤheren Zeiten zur Aufbe⸗ wahrung einer bedeutenden Sammlung von Buͤchern gedient, von denen noch viele vorhanden waren, die aber jetzt, zum — 48— Theil zerriſſen und mit Staub bedeckt, ihrer prachtvollen Spangen und Baͤnde beraubt, in Haufen in den Faͤchern auf einander gethuͤrmt dalagen, wie Dinge, auf welche man durchaus keinen Werth ſetzt und die man jedem Raube Preis giebt. Die Schraͤnke ſelbſt, ſchienen ebenfalls den Unmuth je⸗ ner Feinde der Gelehrſamkeit empfunden zu haben, welche die Buͤcher, denen ſie einſt Obdach gaben, zerſtoͤrten. An verſchiedenen Orten waren ſie ihrer Borte beraubt, beſchaͤ⸗ digt oder zerbrochen und uͤherdem mit Spiun Geweben und Staub ganz bedeckt. „Die Leute, welche dieſe Buͤcher ſGriusone ſagte Lam⸗ bourne umherblickend,„haben wohl nicht gedacht, daß ihre Werke ſo aufbewahrt werden wuͤrden.“ „Noch, welche Dienſte ſie mir leiſten ſollten, ſetzte To⸗ ny Foſter hinzu;—„der Koch hat ſie gebraucht, ſein Zinn zu ſcheuern, und mein Burſche hat ſtit Monaten meine Stiefeln damit geputzt.“ „Und doch,“ ſagte Lambourne,„bin ich Staͤdten gewe⸗ ſen, wo dergleichen gelehrte Waare zu gut fuͤr ſolchen Ge⸗ brauch gehalten wurde.“ „Pah!“ rief Foſter,„es iſt Päbftlicher Unrath,— al⸗ les Privat⸗Studien des alten Abtes von Abingdon. Der zwanzigſte Theil einer einzigen reinen evangeliſchen Predigt iſt mehr werth, als ein ganzer Karren voll von ſolchem Roͤ⸗ miſchen Unſinn.“ „Gott vergelts, Tony Foſter Feuerbrand,“ erwicherfe Lambourne. 3 Foſter ſchielte bei dieſen Worten finſter nach iym hin⸗ uͤber:„hoͤrt, Freund Michael! ſagte er, vergeßt den Beina⸗ men und die Gelegenheit, die zu ihm Anlaß gab, wenn Ihr anicht — 49— nicht wollt, daß unſere neu erwachte Cameradſchaft ploͤtzllich wieder eines ſchnellen Todes ſterben ſoll.“ 5 „Wie!“ rief Michael Lambourne,„Ihr ruͤhmtet Euch ja ſonſt des Antheils, den Ihr am Tode der beiden alten ketzeriſchen Biſchoͤfe nahmt.“ „ Das war,“ entgegnete ſein Camerad, als ich noch in den Banden des Unglaubens und der Suͤnde verftrickt war, kann jetzt aber, da ich zu den Berufenen gehoͤre, mir nicht mehr zur Laſt gelegt werden. Der fromme Herr Melchior Maultext vergleicht mein Ungluͤck bei jener Gelegenheit mit dem des Apoſtel Paulus, der die Kleider der Zeugen behielt, die den heiligen Stephanus ſteinigten. Er ſprach daruͤber drei Sonntage hinter einander, und belegte ſeine Worte mit dem Beiſpiel eines wuͤrdigen Mannes aus der Gemeinde— damit meinte er mich.“ „Ich bitte Dich, halt ein! Foſter!“ ſagte Lambourne, „ denn ich weiß nicht, die Gaͤnſehaut uͤberlaͤuft mich, wenn ich den Teufel die heilige Schrift deuten hoͤre; aber Alter! wie hatteſt Du das Herz, die bequeme Religion zu verlaſſen, die Du eben ſo leicht aus⸗ und anziehen konnteſt, als deine Handſchuhe. Weiß ich doch noch recht gut, wie Du gewoͤhnt warſt, regelmaͤßig alle Monate dein Gewiſſen in die Beichte zu treiben! Und wenn Du es dann rein und weiß gewaſchen wieder vom Prieſter zuruͤck bekamſt, warſt Du gleich wieder bereit zu jedem loſen Streich, wie ein Kind, das augenblick⸗ lich wieder in den Schmutz watet, ſo wie ihm ſeine Sonn⸗ tagskleider angezogen werden.“ „Kuͤmmere Dich nicht um mein Gewiſſen; das iſt ein Ding, wovon Du nichts verſtehen kannſt, da Du ſelbſt nie wins beſaßeſt. Laß uns lieber zur Sache kommen und ſage Kenilworth. 1. Bd. D mir kurz und gut, was iſt dein Geſchaͤft mit mir, und welche Hoffnung hat Dich hieher gefuͤhrt?“ „Was anders, als die Hoffnung, mich zu verbeſſern,“ entgegnete Lambourne.„Sieh' hier! dieſe Boͤrſe iſt alles, was von einer ſo runden Summe noch uͤbrig, als je eine die Taſche eines Mannes fuͤllte. Du biſt hier dem Anſchein nach gut geſtellt, und wie ich denke, auch gut befreundet. Denn wie die Leute ſagen, ſtehſt Du unter ſo einer beſon⸗ dern Protection. Solcher Schutz aber wird, weiß ich, nicht umſonſt ertheilt. Du mußt ohne Zweifel Dienſte dafuͤr lei⸗ ſten, und bei dieſen biete ich Dir meine Huͤlfe an.“ „Wie aber nun, wenn ich keinen Beiſtand von Dir verlangte, Michael! mir deucht, deine Beſcheidenheit haͤtte dieſen Fall als moͤglich denken ſollen.“ 4 „Soll heißen, daß Du lieber das ganze Werk allein be⸗ treiben, als den Lohn dafuͤr theilen willſt,— ſey aber nicht allzu gierig, Anthony. Dem Geizhals reißt oft der Sack und her verliert das Korn.— Sieh', wenn der Jaͤger auszieht, den Hirſch zu erjagen, da nimmt er mehr als einen Hund mit. Er hat den Spuͤrhund, um das Wild uͤber Berg und Thal zu verfolgen, aber er nimmt auch das flinke Windſpiel mit, den Bock zu faſſen, wenn er ihn erblickt. Du biſt der Spuͤrhund, ich das Windſpiel. Dein Patron wird die Hülfe beider gebrauchen, und hat Mittel genug, ſie zu vergelten. Du haſt von der Natur mehr Schlauheit, unbiegſameren Willen, mehr ſtandhafte Bosheit als ich empfangen. Ich aber bin der Kuͤhnere, der Geſchwindere. Getheilt, gebricht unſern Eigenſchaften Vollkommenheit, aber vereint treiben wir die Welt vor uns her. Was meinſt Du, wollen wir in einer Koppel jagen?“ 4 — 51— „Fuͤrwahr, ein huͤndiſches Unternehmen,“ entgegnete Foſter,„ſo ſich in meine Privat⸗Angelegenheiten eindraͤn⸗ gen zu wollen; aber Du warſt immer ein ſchlecht erzogener Hund!“ „Du ſollſt keine Urſache haben, mich ſo zu nennen, wenn Du anders nicht mein hoͤfliches Anerbieten verwirfſt,“ ſagte Michael Lambourne,„aber waͤre das, dann nimm Dich vor mir in Acht, Herr Ritter, wie's im Liede heißt. Ich will entweder Theil an Deiner Rechnung nehmen, oder einen Strich dadurch iehen; denn ich bin hieher gekommen, um entweder fuͤr oder gegen Dich geſchaͤftig zu ſeyn.“ „Wohl,“ ſagte Anthony Foſter,„da Du mir eine ſolche Wahl ſtellſt, will ich Dich lieber zum Freunde als zum Feinde haben. Du haſt Recht, ich kann Dich in die Dienſte meines Patrons befoͤrdern, der Mittel genug beſitzt, Dich und mich und noch hundert Andere auf die Beine zu helfen. Und die Wahrheit zu geſtehen, Du taugſt fuͤr ſeinen Dienſt. Kuͤhnheit und Geſchwindigkeit verlangt er,— die Buͤcher der Juſtiz koͤnnen fuͤr Dich reden— ſein Dienſt kennt keine Serupel— nun, wer haͤtte in Dir auch je ein Gewiſſen ge⸗ argwohnt?— Verſtellung iſt dem Diener eines Hofmannes noͤthig— Deine Mienen gleichen an Undurchdringlichkeit einer Mailaͤndiſchen Larve. Eins nur wuͤnſcht' ich noch in Dir verbeſſert zu ſehen.“ „Und was waͤre das, mein koſtbarer Freund?“ erwiederte Lambourne,„ich ſchwoͤre Dir beim Bett der Siebenſchlaͤfer, ich will nicht faul ſeyn, mich zu verbeſſern.“ „Du giebſt jetzt eben ein Beiſpiel davon,“ ſagte Foſter. »Deine Rede klingt zu ſehr nach dem alten Schlage, und Du mengſt immer und ewig Schwüre darin, die nach dem Pabſtthum riechen. Ueberdem iſt dein Aeußeres viel zu aus⸗ 4. d 2 — — 52— ſchweifend und locker fuͤr einen Diener ſeiner Herrlichkeit; denn er hat ſeinen Ruf vor den Augen der Welt zu behaup⸗ ten. Du mußt deinen Anzug etwas modeſter und ernſthaf⸗ ter einrichten; deinen Mantel auf beiden Schultern tra⸗ gen, und deine Halskrauſe muß unzerdruͤckt und wohl ge⸗ ſteift ſeyn.— Du mußt den Rand deines Kaſtorhutes ver⸗ groͤßern, und den Ueberfluß deiner Pluderhoſen verringern,— in die Kirche gehen,— und nur auf Ehre und Gewiſſen be⸗ theuern,— deinen wilden Blick mildern, und nie die Hand an den Griff deines Schwerdtes legen, als wenn Du die Waffe in gutem Ernſt ziehen willſt.“ „Beim Henker, Tony! Du biſt toll!“ erwiederte Lam⸗ bourne,„Du beſchreibſt mir da weit eher den Ceremonien⸗ meiſter eines Puritaniſchen Weibes, als den Diener eines ehrgeizigen Hofmannes. Ein Ding, wie Du aus mir machen willſt, ſollte ſtatt eines Dolches ein Buch in ſeinem Guͤrte tragen, und vraucht nicht mehr Muth zu beſitzen, als etwa eine Dame zum Gebet nach St. Antonie zu begleiten, um mit irgend einem Haſenfuß, der ihren Schleier aufheben wollte, Streit anzufangen. Wer in Geſchaͤften eines Edel⸗ mannes zu Hofe gehen will, muß anders auftreten.“ „Ol beruhige Dich nur,“ ſagte Foſter; in der Engliſchen Welt hat ſich vieles veraͤndert ſeit Du ſie geſehen. Es giebt b Leute, die die kuͤhnſten und geheimſten Dinge thun, und doch kommen weder wilde Worte noch Schwuͤre in ihren Re⸗ den vor.“ „Das heißt,“ fiel Lambourne ein, ſie haben eine fülle Compagnieſchaft etablirt, des Teufels Geſchaͤfte zu beſorgen, ohne ſeinen Namen in der Firma erſcheinen zu laſſen. Nun, ich will mein Beſtes thun, dem nachzukommen, um den Grund in dieſer neuen Welt nicht zu verlieren, die da * 3 3 — 35— mir ſo puͤnktlich ſchilderſt. Aber Anthony, wie heißt der Edel⸗ mann, in deſſen Dienſt ich ein Scheinheiliger werden ſoll?“ „Ei, Meiſter Michael! wollt Ihr da hinaus,“ ſagte Fo⸗ ſter, mit einem boshaften Laͤcheln;„iſt es das, was Ihr von meinen Verhaͤltniſſen wollt. Woher wißt Ihr, daß es ſolche Perſon in rerum natura giebt, und daß 1 Euch nicht ein bloßes Maͤhrchen aufheftete?“ „Du mir ein Maͤhrchen aufheſten, gehirnloſee Einfalts⸗ pinſel!“ entgegnete Michael Lambourne, ohne ſich irre ma⸗ chen zu laſſen,„ſo dunkel und verborgen Du dich auch glaubſt, wollt ich mich doch verpflichten, im Zeitraume eines Tages, eben ſo hell und klar durch Dich und deine Verhaͤlt⸗ niſſe, wie Du ſie nennſt, zu blicken, als durch das ſchmutzige Horn einer alten Stall⸗Laterne.“ 3 In dieſem Augenblicke ward ihre Unterredung durch ein Geſchrei, welches aus dem naͤchſten Zimmer hertoͤnte, unter⸗ brochen. „Beim heiligen Kreuz von Abingdon!“ rief Tony Foſter, uͤber den Schreck ſeinen Proteſtantismus vergeſſend,„ich bin ein verlorner Mann!“ Bei dieſen Worten ſtuͤrzte er ins Nebenzimmer, von Michael Lambourne gefolgt.— Aber um zu erzaͤhlen, woher die Toͤne kamen, die ihre Unterredung unterbrachen, iſt es nothwendig, etwas in unſerer Erzaͤhlung zuruͤck zu gehen. Es iſt ſchon bemerkt worden, daß, als Lambourne den Tony Foſter in das Buͤcherzimmer begleitete, Treſſilian allein in dem alten Gemache zuruͤck blieb. Sein dunkles Auge ſolgte ihnen bis zum Zimmer hinaus, mit einem Blicke voll Verachtung, ein Gefuͤhl, das ſich plötzlich ſeiner Seele bei dem Gedanken bemeiſterte„ ſich auch nur einen Augenblick zu ihrem Geſellſchafter erniedrigt zu haben. 54— „Dies ſind alſo die Genoſſen,“ begann er zu ſich ſelbſt, „zu denen dein grauſamer Leichtſinn, Emmy, deine unbe⸗ dachtſame Treuloſigkeit den verdammten, von dem ſeine Freunde einſt groͤßere Hoffnungen hegten, und der ſich jetzt ſelbſt verachtet, wie ihn andere verachten werden, der Er⸗ niedrigung wegen, zu der er aus Liebe zu dir hinabſteigt! Aber ich will das Forſchen nicht aufgeben, nach dir, einſt der Gegenſtand meiner reinſten und zaͤrtlichen Liebe, obgleich du mir fortan nichts mehr ſeyn kannſt, als ein Weſen, werth meiner Thraͤnen— ich will dich vor deinem Betruͤger, vor dir ſelbſt ſchuͤtzen— ich will dich deinem Vater wieder⸗ geben, deinem Gott. Nicht vermag ich, den Stern wieder in der Sphaͤre funkeln zu heißen, aus der er hinabftuͤrzte, aber——— Ein leichtes Geraͤuſch im Zimmer unterbrach ſeine Traͤu⸗ mereien; er blickte auf und erkannte, in der ſo eben durch eine Seitenthuͤr hereintretenden ſchoͤnen und reichgekleideten weiblichen Geſtalt— den Gegenſtand ſeiner Nachforſchungen. Der erſte Eindruck dieſer Entdeckung trieb ihn an, ſein Ge⸗ ſicht in den Kragen ſeines Mantels zu verbergen, bis ſich ein guͤnſtiger Augenblick darbieten wuͤrde, ſich zu erkennen zu geben; allein ſeine Abſicht ward durch die junge Dame (ſie war noch nicht uͤber 18 Jahr alt) vereitelt, die freudig auf ihn zu eilte, ihn beim Mantel faßte, und ausrief: „Nein, mein ſuͤßer Freund! nachdem ich ſchon ſo lan⸗ ge deiner harrte, kamſt Du nicht in meinen Kerker, um den Verlaryten zu ſpielen.— Du biſt des Verraths an treuer Liebe und heißer Zaͤrtlichkeit angeklagt, Du mußt vor den Schranken erſcheinen, und unverhuͤllt deine Antwort ge⸗ ben— wie heißt ſie, ſchuldig oder nicht?“ — — 35— „Ach, Emmy!“ ſprach Treſſilian mit leiſem melancho⸗ liſchen Tone, indem er geſtattete, daß ſie den Mantel von ſeinem Geſichte zog. Der Ton ſeiner Stimme, und noch mehr, der unerwartete Anblick ſeines Geſichtes verwandelte ploͤtzlich die ſcherzhafte Laune der jungen Dame. Sie bebte zuruͤck, ward bleich wie der Tod, und bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden. Treſſilian hatte ſelbſt auf einen Augenblick die Faſſung verloren, ſchien aber ſchnell ſich zu erinnern, daß er eine Gelegenheit benutzen muͤſſe, die ſich ſo leicht nicht wieder darbieten moͤchte, und ſprach mit weicher Stimme: „Emmy! fuͤrchte mich nicht!“ 4 „Warum ſollte ich Euch fuͤrchten, ſagte die Lady, die Haͤnde von den ſchoͤnen Geſicht zuruͤckziehend, welches nun mit Purpurroͤthe uͤbergoſſen war.„Warum ſollte ich Euch fuͤrchten, Herr Treſſilian— und warum ſeyd Ihr in meine Wohnung eingedrungen, unaufgefordert, und gegen meinen Wunſch?“ „Eure Wohnung, Emmy?“ wiederholte Treſſilian.„Iſt ein Gefaͤngniß Eure Wohnung?— Ein Gefaͤngniß, gehuͤtet von einem Menſchen— der Veraͤchtlichſte ſeines Gleichen, aber dennoch kein groͤßerer Bbſobiche, als der, in deſſen Dienſt er ſteht.“ „Dies Haus iſt mein,“ entzegne Emmy,„mein, weil ich es zu meinem Aufenthalte waͤhlte.— Wenn es mir Ver⸗ gnuͤgen macht, in der Verborgenheit zu leben, wer will mich daran hindern?“ „Euer Vater,“ antwortete Treſſilian,„Euer ungluͤckli⸗ cher, gebeugter Pater, der mich ausſandte, Euch aufzuſuchen, mit aller Vollmacht, die er perſoͤnlich auszuuͤben nicht im Stande iſt. Hier iſt ſein Brief, geſchriehen, indem er ſeine — 36— Koͤrperſchmerzen ſegnete, weil ſie ſeine Seelen⸗Quaal in et⸗ was betaͤubten.“ 1 „Wie,— iſt mein Vater krank?“ fragte die Lady. „So krank,“ entgegnete Treſſilian,„daß ſelbſt Eure groͤßte Eile ihm vielleicht nicht das Daſeyn zu erhalten ver⸗ moͤgte; aber alles ſoll ſogleich zu Eurer Abreiſe in Bereit⸗ ſchaft ſeyn, ſo wie Ihr ſelbſt nur einwilligt.“ „Treſſilian,“ erwiederte die Lady,„unmoͤglich! Ich kann, ich darf dieſen Ort nicht verlaſſen. Kehrt zuruͤck zu meinem Vater— ſagt ihm, ich werde die Erlaubniß einho⸗ len, ihn binnen zwoͤlf Stunden zu ſehen.— Geht zuruͤck, Treſſilian!— ſagt ihm, ich ſey wohl, ich ſey gluͤcklich— gluͤcklich, wenn ich wuͤßte, daß auch er es ſey— ſagt ihm, nicht fuͤrchten ſoll er, daß ich komme— kommen werd' ich, ſo daß aller Gram, den ihm Emmy ſchuf, vergeſſen ſeyn wird— die army Emmy iſt jetzt groͤßer, als ſie es auszu⸗ ſprechen wagen darf.— Geh guter Treſſilian— auch Dich hab' ich gekraͤnkt, aber glaube mir, ich habe Macht, die ich ſchlug, zu heilen! ich entzog Euch ein kindiſches Herz, das Eurer nicht werth war, und ich kann den Verluſt durch Rang und Ehrenſtellen wieder gut machen.“ „Sagt Ihr das zu mir, Emmy?— bietet Ihr mir den eitlen Prunk des Ehrgeizes, fuͤr den ſtillen Frieden, den Ihr mir geraubt?— Und dennoch iſt es ſo!— aber ich kam ja nicht hieher, um Euch anzuklagen, nur Euch zu dienen, Euch zu befreien!— Ihyr koͤnnt mir es nicht verbergen, Ihr ſeyd eine Gefangene! Sonſt wuͤrde Euer gutes Herz— und ein gutes Herz war es einſt— ſchon jetzt zum Siechbett des Va⸗ ters getrieben haben!— Komm, armes, betrogenes, un⸗ gluͤckliches Maͤdchen!— alles ſoll vergeſſen— alles ſoll ver⸗ geben ſeyn. Fuͤrchte nicht meine Zudringlichkeit, was unſere — — 57— Verbindung betrifft,— es war ein Traum, und ich bin er⸗ wacht!— Aber komm,— noch lebt dein Vater— komm! und ein einziges Wort der Liebe, eine einzige Thraͤne der Reue, wird das Andenken an alles Vorgefallene vertilgen.“ „Habe ich nicht ſchon geſagt, Treſſilian, entgegnete ſie, daß ich gewiß zu meinem Vater kommen werde, und zwar ohne laͤngern Verzug als noͤthig iſt, mich anderer eben ſo heiliger Pflichten zu entledigen?— Geh, bring' ihm dieſe Nachricht— ich komme ſo gewiß die Sonne am Himmel glaͤnzt!— nehmlich, wenn ich Erlaubniß erhalte.“ „Erlaubniß?— Erlaubniß! Euren Vater auf ſeinem Siechbette, vielleicht auf ſeinem Sterbebette zu beſuchen,“ rief Treſſilian mit Ungeduld aus,„und Erlaubniß, von wem? Von dem Elenden, der unter der Larve der Freund⸗ ſchaft alle Pflichten der Gaſtfreiheit mit Fuͤßen trat, und Dich aus dem Hauſe deines Vaters ſtahl!“ „Läſtere nicht, Treſſilian!— der, von dem Du redeſt, traͤgt ein Schwerdt, ſcharf wie das deine— ja ſchaͤrfer, ſtol⸗ zer Mann— denn alle Thaten, die Du auch im Kriege und Frieden vollfuͤhrteſt, ſind eben ſo unwuͤrdig neben den ſeinen genannt zu werden, als dein niedrer Rang unter der Sphaͤre ſteht, in der er ſich bewegt. Verlaßt mich! richtet meinen Auftrag an meinen Vater aus, und wenn er wieder eine Sendung macht, moͤg' er einen willkommneren Boten waͤhlen.“. „ Emmy," erwiederte Dreſſilian ruhig,„deine Vorwuͤrfe koͤnnen mich nicht aus der Faſſung bringen.— Eins ſage mir, auf daß ich nur einen Strahl des Troſtes meinem alten Freunde uͤberbringe,— der hohe Rang deſſen, den Du ruͤhmſt, theilſt du ihn mit ihm, Emmy?— Steht ihm das Recht eines Gemahls uͤber deine Handlungen zu?“— .— 56— „Hemmt Eure niedrige unſittige Zunge,“ ſagte die La⸗ dy,„ich wuͤrdige keiner Frage, die meine Ehre beſieckt, eine Antwort.“ Phse „Ihr habt genug geſagt, indem Ihr die Antwort ver⸗ weigert“ erwiederte Treſſilian;„hoͤre mich Ungluͤckliche! Ich habe deines Vaters ganze Vollmacht, Dir Gehorſam zu ge⸗ bieten, und ich will Dich der Sinne und des Jammers ent⸗ reißen, ſelbſt wider deinen Willen.“ „Droht nicht mit Gewalt,“ rief die Lady, indem ſie ſich von ihm wandte, erſchreckt uͤber die Entſchloſſenheit, die 1 aus ſeinen Blicken und Geberden ſprach;„droht nicht, ich habe Mittel, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.“ „Aber hoffentlich nicht den Wunſch, ſie in einer ſo boͤ⸗ ſen Sache zu gebrauchen,“ erwiederte Treſſilian.„Mit dei⸗ nem Willen,— mit deinem einflußfreien Willen, Emmy! kannſt Du dieſen Aufenthalt der Selaverei und Entehrung nicht waͤhlen— Du biſt durch Zauber gebannt,— durch Kunſtgriffe verſtrickt— durch ein erzwungenes Geluͤbde ge⸗ feſſelt.— Aber ich loͤſe dieſen Zauber.— Emmy, im Na⸗ men deines trefflichen, tiefgebeugten Vaters, gebiete ich Dir, mir zu folgen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, ſchritt er auf ſie zu, und ſtreckte ſeinen Arm aus, als wolle er ſie ergreifen; ſie aber ſprang zuruͤck und ſtieß einen lauten Schrei aus, der, wie wir fruͤ⸗ her berichteten, Lambourne und Foſter ins Zimmer brachte. „Feuer und Brand,“ rief der Letztere, ſo wie er ins Gemach trat;„was geht hier vor;“ und nun ſich mit einem halb bittenden, halb befehlenden Tone zur Lady wendend, fuhr er fort:„Ums Himmels willen, Madam! was thun Sie außer Ihren Zimmern? Fort— fort— hier handelt ſich's um Tod und Leben.— Und Ihr Freund! wer Ihr auch ſeyn moͤgt, verlaßt dies Haus— hinaus mit Euch, be⸗ vor der Griff meines Dolches mit Eurer Bruſt Bekanntſchaft macht,— zieh Michael! und befreie uns von dem Burſchen.“ „Nicht ich, bei meiner Seele!“ entgegnete Lambourne, „er kam hieher in meiner Geſellſchaft, und er iſt der Cut⸗ ter⸗Sitte nach, ſicher vor mir, wenigſtens, bis wir uns ein⸗ wieder treffen.“— 5 „Aber hoͤrt Camerad! Ihr habt da einen garſtigen Or⸗ kan hier im Hauſe angefacht; macht, daß Ihr fortkommt, oder wir bringen Euch zum Maire von Helgaver und warten nicht, bis Dudmann und Ramhead*) zuſammenſtoßen.“ „Schweigt Elender!“ ſagte Treſſilian.—„Und Ihr, Madam, lebt wohl— der Lebensfunken, der noch in Eures Vaters Bruſt zuruͤckgeblieben, wird erloͤſchen, bei den Nach⸗ richten, deren Ueberbringer ich bin.“ Nach dieſen Worten ſtuͤrzte er hinaus, waͤhrend ihm die Lady noch mit matter Stimme nachrief:„Seyd nicht zu raſch, Treſſtlian! ich bitte Euch, denkt nichts Boͤſes von mir!“* „Sauberes Zeug, das hier,“ ſagte Foſter;„ich bitte Euch, geht auf Euer Zimmer, Mylady, und laßt uns ſehen, wie wir dem allen begegnen koͤnnen.— Nun, zoͤgert nicht.“ „ Ich weiche nicht auf Euren Befehl,“ erwiederte die Lady. „Ihr müͤßt aber doch, ſchoͤne Lady, entgegnete Foſter; „entſchuldigt meine Freiheit, aber bei Blut und Leben, hier iſt nicht Heit, Hoͤflichkeit zu ſpinnen.— Ihr muͤßt auf Eure Zimmer gehen.— Michael, folge Du dem naſeweiſen Ha⸗ ſenfuß, und wenn Dir daran gelegen iſt, deinen Weg hier *) Zwei Vorgehurge an der Kuͤſte von Cornwallis. —— — 60— 2 machen, 3 zeige ihm ſeinen Weg uͤber unſere Graͤnze, waͤh⸗ rend ich die halsſtarrige Dame hier zur Raiſon bringe.— Zieh dein Schwerdt, und lauf ihm nach!“ „Ich folge ihm,“ ſagte Michael Lambourne,„und will ihn ſchon außer Landes bringen.— Aber einem Manne Schaden zuzufuͤgen, mit dem ich meinen Morgentrunk ge⸗ than, das geht nicht an und iſt gegen mein Gewiſſen.“ Ahit dieſen Worten verließ er das Gemach. Treſſilian folgte indeß mit haſtigen Schritten den er⸗ ſten beſten Pfad, der ihn aus dem wilden, uͤberwachſenen Park, in welchem Foſters Herrenhaus gelegen war, zu fuͤh⸗ ren verſprach. Eile und Seelenſchmerz ließen ihn aber nicht auf ſeine Schritte achten, und ſtatt den Weg nach der Allee einzuſchlagen, welche zum Dorfe fuͤhrte, war er in eine an⸗ dere gerathen, die, nachdem er ſie eine Weile lang mit hef⸗ tigen Schritten raſtlos verfolgte, ihn an die entgegengeſetzte Seite der Beſitzung brachte, wo eine in der Mauer befind⸗ liche Thuͤr ins Freie fuͤhrte. Treſſilian ruhete hier einen Augenblick. Es galt ihm gleich, auf welchem Pfade er einen Ort verließ, der ſeiner Erinnerung ſo verhaßt war; aber es ſchien wahrſcheinlich, daß die Wandthuͤr verſchloſſen, und ſeln Entfernung durch ſie alſo unmoͤglich ſey. „Ich muß dennoch den Verſuch machen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Das einzige Mittel, dieſes verlorne— dieſes elende — ungluͤckliche, und dennoch hoͤchſt liebenswuͤrdige Maͤdchen, den Banden zu entreißen, welche ſie umfangen halten, beruht jetzt nur noch auf dem Beiſtand der verletzten Ge⸗ ſetze dieſes Landes; ihr Vater muß ihre Kuͤlfe auffordern — und ich eilen, ihm dieſe herzzerreißende Botſchaft zu uͤber⸗ bringen.“ — 6¹1— Als Treſſilian, ſo mit ſich ſelbſt redend, ſich der Thuͤr nahete, um ein Mittel ausfindig zu machen, ſie zu eroͤffnen oder ſie zu uͤberſteigen, bemerkte er, daß von außen ein Schluͤſſel eingeſteckt wurde. Er ward gedreht, die Angeln bewegten ſich, und der Cavalier, welcher hereintrat, ſtand in einen Reitermantel gehuͤllt, mit großem niedergeſchlagenen Hut und herabhaͤngenden Federn, plötzlich vier Schritte vor dem, der den Ausgang ſuchte. Mit einem von Zorn und Erſtaunen gemiſchten Ton riefen beide zugleich, der eine: „Varney!“ der andere:„Treſſilian!“ „Was macht Ihr hier“ war die ſtrenge Frage des Frem⸗ den an Treſſilian, als der Moment des Erſtaunens vorüber gegangen war,—„was wollt Ihr hier, wo Eure Gegen⸗ wart weder erwartet noch gewuͤnſcht wurde?“ „Und was iſt Euer Geſchaͤft hier?“ entgegnete Treſſi⸗ lian;„kommt Ihr, den Triumph zu feiern uͤber die Un⸗ ſchuld, die Ihr zerſtoͤrtet. Dem Geier gleich, der herab⸗ fliegt, ſich am Lamme zu maͤſten, dem er fruͤher die Augen aushackte?— Oder ſeyd Ihr gekommen, die verdiente Rache eines ehrlichen Mannes zu fuͤhlen?— Zieh' Elender, und vertheidige Dich.“ Treſſilian zog ſein Schwerdt, als er ſo ſprach. Varney aber legte nur ſeine Hand an den Griff des Seinigen und erwiederte:„Du biſt raſend, Treſſilian; der Schein iſt ge⸗ gen mich; allein bei allen Eiden, die nur ein Prieſter erfin⸗ den und ein Mann ſchwoͤren kann, betheuere ich dir, Emmy Fobſard hat keine Kraͤnkung von mir erfahren; und wahrlich nur ungern wuͤrde ich Dir in dieſer Sache Leid zufuͤgen.— Du weißt, ich kann fechten.“ „So hoͤrt ich Dich reden,“ antwortete Treſſilian,„aber jetzt moͤcht' ich wohl einen beſſeren Beweis dafuͤr als deine Worte.“ — 62— „Daran ſoll es nicht fehlen, wenn mir Klinge und Griff treu bleiben,“ erwiederte Varney, und indem er ſein Schwerdt mit der Rechten zog, und den Mantel uͤber ſeinen linken Arm ſchlug, griff er Treſſilian mit einer Kraft an, welche ihm einen Augenblick lang den Vortheil des Kam⸗ pfes zuzuſichern ſchien. Treſſilian verband mit einem nach Rache duͤrſtenden Muth, Hand und Auge, vorzuͤglich geſchickt zum Gebrauch des Rapiers, ſo daß Varney, der bald ſeiner⸗ ſeits hart ins Gedraͤnge kam, ſich bemuͤhte, von ſeiner groͤßeren Koͤrperſtaͤrke Nutzen zu ziehen, und ſeinem Gegner nahe zu kommen. Zu dieſem Endzweck fing er einen von Treſſilians Streichen in ſeinem Mantel auf, den er uͤber den linken Arm geſchlagen hatte, und bevor ſein Gegner die verwickelte Waffe wieder zuruͤckzuziehen vermochte, drang er auf ihn ein, bereit, ihn mit ſeinem Schwerdte zu durch⸗ ſtoßen. Aber Treſſilian war auf ſeiner Hut; raſch zog er ſeinen Dolch hervor, parirte mit der Klinge den Stoß, der ſonſt dem Gefecht ein Ende gemacht haben wuͤrde, und zeigte nun in dem Kampfe, der folgte, eine Gewandtheit, welche die Meinung zu beſtaͤtigen ſchien, daß er aus Corn⸗ wallis ſtamme, deſſen Eingeborne ſo ſehr Meiſter im Fauſt⸗ kampf ſind, daß, wenn die Spiele der Vorzeit wieder auf⸗ leben wuͤrden, ſie dreiſt ganz Europa in die Schranken for⸗ dern köͤnnten. Varney ward in ſeinem ſchlecht berechneten Angriffe durch einen Stoß dergeſtalt zu Boden geworfen, daß ſein Schwerdt mehrere Schritte von ihm weggeſchleudert wurde, und bevor er wieder auf die Beine kommen konnte, hatte ſein Gegner ſeine Waffe ihm an die Gurgel geſetzt. „Gieb mir augenblicklich die Mittel, das ungluͤckliche Oofer deiner Verraͤtherei zu befreien,“ rief Treſſilian,„oder du haſt Gottes Sonne zum letztenmal ſcheinen geſehen.“ Varney, entweder zu verwirrt oder zu verſtockt, gab keine Antwort, ſondern wagte noch einen Verſuch ſich ſeinem Gegner zu entwinden; da hob dieſer den Arm, um ſeine Drohung auszufuͤhren; allein der Stos ward von Michael Lambourne gehemmt, der von dem Laͤrm der Schwerdtſchlaͤge herbeigezogen, gerade zu rechter Zeit erſchien, um Varneys Leben zu retten.. „Kommt, kommt Camerad!“ rief er aus,„hier iſt ge⸗ nug gethan, und mehr als genug.— Steckt Euren Schlaͤ⸗ ger ein, und laßt uns gemaͤchlich nach Hauſe gehen, dort ſchaͤumt das gute braune Bier fuͤr uns.“ Fort Verworfener,“ ſagte Treſſilian, indem er ſich Lambournes Arm entwand,„was trittſt Du zwiſchen meinen Feind und mich?“ „Verworfener! Verworfener! wiederholte Michael Lam⸗ bourne,„das ſoll mit kaltem Stahl beantwortet werden, wenn zuvor eine Bowle Gluͤhſect die Erinnerung an den Morgentrunk, den wir zuſammen thaten, weggewaſchen hat. Unterdeſſen aber packt Euch, Jyr ſeht, wir ſtehen zwei gegen einen.“ Er ſprach die Wahrheit; denn Varney hatte die Gele⸗ genheit benutzt, ſeine Waffe wieder zu ergreifen, und Treſſi⸗ lian fuͤhlte, daß es Tollheit ſeyn wuͤrde, den ſo ungleichen Kampf zu beginnen. Er zog ſeine Boͤrſe hervor, nahm zwei Goldſtuͤkke heraus, und ſchleuderte ſie Lambourne hin.„Da, Niedertraͤchtiger, iſt dein Morgenlohn, Du ſollſt nicht ſagen, daß Du, mein Fuͤhrer, unbezahlt geweſen.— Varney, lebt wohl! wir werden uns wieder treffen, wo niemand zwiſchen uns treten kann.“ Bei dieſen Worten kehrte er Beiden den Nuͤcken, und entfernte ſich durch die Thuͤr in der Mauer. . Varney ſchien die Luſt und auch vielleicht die Kraft zu fehlen,(denn ſein Fall war ernſthafter Art geweſen), ſeinem zuruͤckziehenden Feinde zu folgen; aber er ſah finſter aus, als jener verſchwand, und ſprach dann zu Lambourne:„Biſt du ein Camerad Foſters, muthiger Burſche?“ „Geſchworne Freunde, eng verbunden, wie Seft und Meſſer," entgegnete Lambourne.. „Hier iſt ein Goldſtuͤck, folge mir dem Geſellen dort und ſieh, wo er bleibt, bring' mir dann Nachricht ins Herren⸗ haus. Vorſicht und Schweigen, Burſche, wenn Dir dein Hals lieb iſt.“ „Genug geſagt,“ entgegnete Lambourne,„ich wittere die Spur, wie ein Spuͤrhund.“ „Fort alſo,“ rief Varney, ſein Schwerdt in die Scheide ſteckend, indem er Lambourne den Ruͤcken wandte, und langſam dem Hauſe zuſchritt. Lambourne verweilte nur ei⸗ nen Augenblick, um die Goldſtuͤcke aufzuheben, welche ihm ſein Geſellſchafter von dieſem Morgen, auf eine ſo unhoͤfliche Weiſe zugeſchleudert hatte; und murmelte, indem er ſie zu⸗ 3 gleich mit Varneys Dankbarkeitsgabe in ſeine Boͤrſe ſteckte, vor ſich hin:„Ich ſprach zu den Einfaltspinſeln druͤben von Eldorado.— Beim heiligen Antonius, es giebt kein beſſe⸗ 1 res Eldorado fuͤr Leute unſeres Schlages, als unſer gutes Alt⸗England. Beim Himmel! hier regnet's Roſe⸗ Nobles, ſie liegen im Graſe wie Thautropfen,— man braucht ſie nur aufzuheben; und wenn ich mir nicht meinen Theil von den glaͤnzenden Tropfen naͤhme, moͤge mein Schwerdt ſchmel⸗ zen, wie ein Eiszapfen.“ Anthony Foſter war noch immer im Streit mit der rei⸗ enden Lady begriffen, welche fortwaͤhrend ſeinen Bitten, ſich zuruͤck auf ihr Zimmer zu begeben, mit Verachtung begeg⸗ nete, als von dem Vorderthor des Kuituhanſes e ein Pfeifen erſcholl. „Da wird es uns nun ſchoͤn ergehen, ſagte Foſter, das iſt des Lords Zeichen; und was nun ſagen uͤber die Unord⸗ nung, die hier im Hauſe vorgegangen; bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Haͤngt doch ſtets Unheil an den Ferſen dieſes Landſtreichers Lambourne; uͤberall iſt er dem Galgen entwiſcht, um zuruͤckzukehren zu meinem Verderben.“ „»Seyd ruhig,“ ſagte die Lady,„und oͤffnet das Thor Eurem Herrn.— Mein Lord, mein theurer Lord!“ rief ſie dann heftig bewegt, zur Thuͤr des Zimmers eilend.„Ach, es iſt nur Richard Varney“ ſetzte ſie darauf mit einer Stimme hinzu, aus der ihre getaͤuſchte Hoffnung hervorging. „Ja Madame,“ ſagte Varney, indem er hereintrat und die Lady mit großer Ehrerbietung begruͤßte, welches ſie nur mit einer Miſchung von Nachlaͤſſigkeit und Mißvergnuͤgen erwiederte,„es iſt nur Richard Varney; aber auch die erſte lichte Wolke, wenn ſie in Oſten erſteigt, ſollte willkom⸗ men ſeyn, denn ſie verkündet den Aufgang der ſegensreĩchen Sonne.“ „Wie, kommt Mylord noch heute,“ rief die Lady in freudiger Bewegung, und Tony Foſter ergriff das Wort, und wiederholte die Frage. Varney entgegnete der Lady, daß ſein Lord die Abſicht habe, ſie zu beſuchen; und haͤtte noch einige Hoͤflichkeitsverſicherungen hinzugefuͤgt, waͤre nicht die Lady ſchnell zur Thuͤr des Gemachs gerilk, mit Kenilworth. 1. Bd. E — 66— lauter Stimme rufend:„Janette, Janette! ſchnell in mein Ankleidezimmer.“ Dann wandte ſie ſich wieder zu Varney mit der Frage: ob er ihr ſonſt keinen Auftrag von dem Lord mitzutheilen habe? „Dieſen Brief, verehrte Frau,“ ſagte er, indem er aus ſeinem Buſen ein in Roſa⸗„Seide gewickeltes Paͤckchen her⸗ vorzog,„und mit ihm ein Andenken fuͤr die Koͤnigin ſeines Herzens.“ Mit eifriger Haſt ſuchte die Lady die ſeidene Schnur zu loͤſen, mit welcher das Paͤckchen umwunden war; und da ſie in der Eile den Knoten nur immer feſter zog, rief ſie aufs Neue voll Ungeduld:„Janette, Janette! bring ein Meſſer— eine Scheere oder ſonſt etwas, womit ich die⸗ ſen neidiſchen Knoten loͤſen“ 3 „Kann nicht mein ſchlechter Dolch Euch dieſen Dienſt leiſten, verehrte Frau!“ ſagte Varney, ihr ein kleines Sti⸗ let von vorzuͤglicher Arbeit auͤberreichend, welches in ſeinem dunkelblauen ſaffianenen Schwerdtguͤrtel ſteckte. „ ‚Nein Sir!“ entgegnete die Lady, das Inſtrument, welches er ihr darbot, zuruͤckweiſend,„ein Dolch ſoll nicht das Band treuer Liebe trennen.“ „ Hat er doch ſchon manches zerſchnitten,“ ſagte Antho⸗ ny Foſter halb beiſeite, mit einem Blick auf Varney. Un⸗ terdeſſen war der Knoten entwirrt, ohne andere Huͤlfe, als die der kleinen niedlichen Finger Janettens, eines einfach gekleideten huͤbſchen Maͤdchens, der Tochter Anthony Foſters, die auf den wiederholten Ruf ihrer Gebieterin erſchienen war. Ein Halsband von orientaliſchen Perlen, der Begleiter eines Ambra duftenden Schreibens, ward nun eilig aus dem Paͤckchen hervorgehoben. Die Lady uͤbergab das erſtere, nach einem fluͤchtigen Blick, der Sorge ihrer Dienerin, waͤhrend ſie den Inhalt des zweiten las, oder vielmeyr verſchlang. 2. 8 „Wahrlich! Mylady,“ ſagte Janette, indem ihre Blicke voll Verwunderung auf dem Halsband ruhten,„eine Koͤnigs⸗ tochter kann keinen ſchoͤneren Schmuck tragen, und dieſer Blumenſtrauß hier, jede Perle iſt ein Freigut werth!“ „Jedes Wort auf dieſem theuren Papier, mein Maͤd⸗ chen, iſt koſtbarer als die ganze Schnur; aber komm in mein Ankleidezimmer, wir muͤſſen eilen, Mylord kommt noch vor Abend hieher.— Er bittet mich um mein Wohlwollen fuͤr Euch, Varney! und ſein Wunſch iſt mir Befehl. Ihr ſeyd fuͤr dieſen Abend zu einer Collation in meinem Gemach ge⸗ laden; Ihr auch Herr Foſter. Gebt die noͤthigen Befehle, und laßt alles zum wuͤrdigen Empfang Mylord's vorbereiten. — Nach dieſen Worten verließ ſie das Zimmer. „Sie thut ſchon vornehm,“ ſagte Varney,„und ver⸗ theilt die Gunſt ihrer Gegenwart, als waͤre ſie bereits Theil⸗ nehmerin ſeiner Wuͤrden.— Nun wohl! es iſt gut, zum voraus die Rolle zu uͤben, welche uns zu ſpielen Fortuna be⸗ reitet— der junge Adler muß nach der Sonne blicken, bevor er ſich ihr auf ſtarken Schwingen zu nahen wagt.“ „Wenn ſie den Kopf hoch traͤgt, laͤuft ſie nicht Ge⸗ fahr geblendet zu werden,“ ſagte Foſter;„ich ſtehe Euch da⸗ für, ſie laͤßt nichts von ihrem Stolze nach. Bald, Herr Varney, wird ſie nicht mehr nach meiner Pfeife tanzen, ich verſichere Euch, ſie haͤlt mich ſchon jetzt ordentlich in Re⸗ ſpect. 1 „ Das iſt deine eigene Schuld,“ entgegnete Varney, „Du traͤger unerfinderiſcher Geſell, der Du keine andere Art von Aufſicht kennſt, als handgreiſliche brutale Gewalt.— Kannſt Du ihr nicht den Aufenthalt hier angenehm machen, durch Scherz und Muſik? Kannſt Du ihr nicht, was außer dieſer Burg vorgeht, furchtbar erſcheinen laſſen, wie Geſpen⸗ E 2 4 ſter?— Du hauſeſt hier in der Naͤhe eines Kirchhofs, und haſt nicht einmal Witz genug einen Geiſt herauf zu beſchwo⸗ ren, um deinen Weibsleuten Gehorſam beizubringen.— „Sprecht nicht ſo, Herr Varney!“ ſagte Foſter;„ die Lebenden fuͤrcht' ich nicht, aber mit meinen todten Nachba⸗ ren hier auf dem Kirchhofe treibe ich kein Kurzweil. Ich verſichere Euch, es gehoͤrt Herz dazu, ſo nahe dabei zu woh⸗ nen; der wuͤrdige Herr Holdforth, der Nachmittags⸗Vorleſer zu St. Anthony, hater große Furcht, als er mich kuͤrzlich be⸗ ſuchte.“ „Halte deine aberglaͤubiſche Zunge im Zaum,“ entgeg⸗ nete Varney;„da Du aber doch von Beſuchen ſprichſt, ſo ſag' mir, Du arger Geſell, wie kam Treſſilian zum Kinken thor?“ „Treſſilian?“ fragte Foſter,„was weiß ich von Treſſi⸗ lian,— ich habe nie dieſen Namen gehoͤrt.“ 1 „Eil ſo nennt ſich der alberne Burſche aus Cornwallis,“ entgegnete Varney, dem der alte Sir Hugh Robſart ſeine huͤbſche Emmy beſtimmte. Der Tollkopf kam hieher, um ſich nach ſeinem ſchoͤnen Fluͤchtling umzuſehen; ſeinetwegen muß man Anſtalten treffen; er glaubt ſich beleidigt, und iſt nicht der Mann, ſich dabei zu beruhigen. Gluͤcklicherweiſe weiß er nichts vom Lord, und glaubt in dieſer Sache nur mit mir zu thun zu haben. Wie aber, ins Teufels Namen, kam er hieher?“ „Je nun, mit Michael Lambourne!” antwortete Foſer.— „Und wer iſt dieſer Lambourne?“ fragte Varney. „Beitn Himmel! Du ſollteſt lieber, wie die Schenkwirthe, einen Buſch uͤber deine Thuͤr ſtecken, um jeden voruͤbereilen⸗ den Landſtreicher einzuladen, das zu beſchauen, was Du ſelbſ vor Sonne und Luft geheim halten follteſt”“ 8 richt erhalten, was zwiſchen ihnen vorging, ehrlicher Foſter?“ 69 „Wahrlich, eine recht hoͤfliche Vergeltung meiner Dien⸗ ſte fuͤr Euch, Herr Richard Varney!“ erwiederte Foſter. „Trugt Ihr mir nicht auf, Euch einen Burſchen zu ſuchen, der ein gutes Schwerdt fuͤhrte und ein weites Gewiſſen haͤt⸗ te? hatte ich doch viele Muͤhe einen ſolchen zu finden— denn, Gott ſey Dank, ich habe mit dergleichen Geſellen keine Bekanntſchaft.— Da nun, als ob es der Himmel ſo gewollt, ein ſolcher Kerl zu mir kam, ganz wie Ihr ihn gewuͤnſcht, und ſich mir mit ailer moͤglichen Unverſchaͤmtheit antrug, habe ich ihn angehoͤrt, in der Meinung, Euch gefaͤllig zu ſeyn— und das iſt nun mein Dank dafuͤr, daß ich mich her⸗ abließ, mit ihm zu reden!“* „Und er war,“ ſagte Varney,„ein Kerl wie Du, deſ⸗ ſen Scheinheiligkeit ſein ſchlechtes Herz nur ſo duͤnn uͤber⸗ tuͤncht, wie Goldfirniß das rußige Eiſen— und brachte den ſeufzenden Treſſilian in ſeinem Gefolge mit?“ „Beim Himmel! ſie kamen zuſammen, und Treſſilian, um doch die Wahrheit zu ſagen., verſchaffte ſich mit unſerem huͤbſchen Puͤppchen eine Unterredung von einigen Augenblik⸗ ken, waͤhrend ich allein mit Lambourne ſprach.“ „ Unbeſonnener Schurke,“ fuhr Varney auf,„wir ſind beide verloren! Nur zu oft hat ſie in der letzten Zeit, wenn der Lord ſie allein ließ, Ruͤckblicke nach dem vaͤterlichen Hau⸗ ſe geworfen. Sollte dieſer moraliſirende Thor ſie zuruͤck an die Leimruthe locken, es waͤr' um uns beide geſchehen.“ „ Habt keine Furcht davor,“ ſagte Tony Foſter,„ihr fehlt der Sinn fuͤr ſeine Lockſpeiſe; denn ſie ſchrie bei ſel⸗ nem Anblick, als ob ſie von einer Natter geſtochen ſeyn“ „Treffllich! kannſt Du durch deine Tochter keine Nach⸗ — 7⁰— „Ich ſag' es Euch rein heraus, Herr Varney!“ ſagte Foſter,„meine Tochter ſoll nicht in unſere Plane eingehen, noch unſere Wege wandeln. Sie moͤgen mir wohl anſtehen, da ich weiß, wie ich meine Miſſethat buͤßen kann; aber die— Seele meiner Tochter will ich nicht dem Verderben geweiht haben, weder des Lords noch Euretwegen. Mag ich immer zwiſchen Schlingen und Fallſtricken wandeln, mir iſt Vor⸗ ſicht eigen, aber mein armes Kind ſoll nicht in Verſuchung gerathen.“ „Argwoͤhniſcher Thor, rief Varney,„bin ich doch eben ſo wenig geneigt als Du, dein albernes Ding von Tochter in meine Plane eingehen, oder Arm in Arm mit ihrem Va⸗ ter zur Hoͤlle fahren zu laſſen. Doch mittelbar koͤnnteſt Du vielleicht einige Nachricht von ihr zu erhalten ſuchen.“ „So that ich bereits, Herr Varney,“ ſagte Foſter;„ſie berichtete mir, ihre Lady haͤtte laut aufgeſchrieen, bei der Nachricht von der Krankheit ihres Vaters.“ „Gut,“ ſagte Varney,„das iſt ein Wink, werth aufge⸗ faßt zu werden, ich will ihn benutzen. Aber die Gegend hier muß von dieſem Treſſilian befreit werden.— Ich wuͤrde niemand mit dieſer Sache beſchwerlich fallen; denn ich haſſe ihn wie Gift— ſeine Gegenwart iſt Schierling fuͤr mich— und heute waͤre ich von ihm auf immer befreit worden, haͤtte nicht mein Fuß geglitten; aber da kam dein Camerad mir zu Huͤlfe, und ohne ihn, die Wahrheit zu ſagen, wuͤrde ich jetzt wiſſen, ob wir beide den Weg zum Himmel oder zur Hoͤlle wandern.“ „Wie koͤnnt Ihr nun ſo verwegen ſprechen, Herr Var⸗ ney,“ ſagte Foſter,„habt Ihr doch ein gar halsſtarriges Herz,— was mich betrifft, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, noch lange Jahre zu leben, und ſo zum großen Werk der Buße Zeit zu haben; wahrlich ich wuͤrde nicht mit Euch vorwaͤrts ſchreitenx. „O, Du wirſt ſo alt werden wie Methuſalem,“ ſagte Varney,„und Neichthuͤmer haͤufen wie Salomon, und ſo fromm bereuen, daß deine Buße noch mehr Aufſehen erregen wird, als deine Schlechtigkeit— und das will viel ſagen. Vor allem aber muß ein Auge auf Treſſilian gehalten wer⸗ den; dein Camerad iſt gegangen ihm nachzuſpuͤren. Unſer Gluͤck ſteht dabei auf dem Spiele, hoͤrſt Du?“ „So gehts einem,“ ſagte Foſter muͤrriſch,„wenn man ſich mit jemand verbunden hat, der nicht einmal ſo viel von der heiligen Schrift weiß, daß der Arbeiter ſeines Lohnes werth iſt. Ich muß, wie gewoͤhnlich, alle Muͤhe und Gefahr auf mich nehmen.“ „Gefahr! und wo iſt denn da die große Gefahr d' fragte Varney.„Der Burſche wird in boͤſer Abſicht wieder auf Eure Beſitzung oder in Euer Haus kommen, und wenn Ihr ihn dann fuͤr einen Naͤuber oder Holzdieb anſeht, iſt es da nicht natuͤrlich, daß Ihr ihn mit kaltem Stahl oder heißem Blei begruͤßt? Selbſt der Kettenhund reißt den nieder, der ſeinem Hundehauſe zu nahe kommt, und wer mochte ihn darum ta⸗ deln 2.. „Ei was! ich habe Hundearbeit und Hundelohn bei Euch,“ ſagte Foſter.„Ihr habt mir, Herr Varney, dieſes alte Grundſtuͤck hier als ein huͤbſches Freigut zugeſichert, und bis jetzt habe ich nur noch eine armſelige Pachtung, die mir nach Eurer Willküͤr gekuͤndigt werden kann.“ „Du kannſt deine Pachtung leicht in ein Lehngut ver⸗ wandeln, Tony Foſter, wenn die Sache gelingt und Du gute Dienſte thuſt.— Aber gemach! guter Foſter, nicht da⸗ durch, daß Du ein oder zwei Zimmer des alten Hauſes hier fuͤr Mylords huͤbſchen Papagei einraͤumteſt, oder dadurch, daß Du deine Fenſter und Thuͤren verſchließeſt, damit er nicht wegfliege, werden ſolche Gaben verdient. Bedenke, daß die jaͤhrlichen Einkuͤnfte hier nebſt den Zehnten, neun und ſie⸗ benzig Pfund, fuͤnf Schilling, fuͤnf Pence betragen, ohne den Ertrag des Gehoͤlzes zu rechnen. Komm, komm, Du mußt billig ſeyn; große und geheime Dienſte koͤnnen dieſes, und noch weit mehr erwerben.— Nun rufe deinen Bur⸗ ſchen, mir die Stiefel auszuziehen.— Gieb mir ein Mit⸗ tagsbrodt, und ein Glas von deinem beſten Wein.“— Um zwoͤlf uhr, um welche Zeit man damals noch puͤnet⸗ lich zu Mittag ſpeiſte, trafen die beiden Ehrenmaͤnner wieder bei Tiſche zuſammen. Varney galant gekleidet wie ein Hof⸗ mann damaliger Zeit, und ſelbſt Tony Foſter in einem an⸗ ſtaͤndigen Aeußeren, in ſo weit Kleidung eine ſo haͤßliche Ge⸗ ſtalt, wie die ſeinige war, zu verbeſſern vermochte. Dieſe Veraͤnderung entging Varney nicht; und als die Mahlzeit beendet, das Tiſchzeug abgenommen war und beide ſich nun wieder allein befanden, begann er, indem er auf ſeinen Wirth blickte:—„Du biſt ja geputzt wie ein Stieg⸗ litz; ich meine immer, Du wirſt mir jedem Augenblick ein Liedchen pfeifen.— Solcher Staat aber wird Dich von den Verſammlungen der eifrigen Schlachter, der frommen We⸗ ber und der heiligen Baͤcker von Abbingdon ausſchließen, die ihre Backoͤfen kalt laſſen, waͤhrend ſie ihr Gehirn erhitzen.“ „Euch in eben dieſem Geiſte zu antworten, Herr Var⸗ ney„ ſagte Foſter,„hieße, verzeiht das Gleichniß, heilige und koſtbare Dinge vor die Schweine werfen! So will ich denn zu Euch die Sprache der Welt reden, die Ihr auf kei⸗ 1 ne gewoͤhnliche Weiſe zu benutzen verſteht.“ — — 75— „Sprich mir, wovon Du willſt, guter Tony!“ entgeg⸗ nete Varney; ſey es von deinem albernen Glauben, oder von deinem ſchlechten Thun und Treiben, ich kann in der Welt nichts tauglicher finden, meinen Becher Alikante zu wuͤrzen. Deine Unterhaltung iſt pikant und ſchmackhaft, und reizt mehr zum Trinken als Caviar, geraͤucherte Rindszun⸗ gen, oder was es ſonſt dergleichen giebt.“ „Nun, ſo fagt mir,“ nahm Foſter das Wort,„iſt denn unſers guten Lords und Herrn Vorzimmer nicht beſſer verſe⸗ hen mit anſtaͤndigen gottesfuͤrchtigen Maͤnnern, die ſeinen Willen und ihren eignen Vortheil auf ruhige Weiſe und ohne weltlichen Seandal in Acht nehmen, als daß er gendoͤ⸗ thigt waͤre, ſich von ſolchen bekannten Wuͤſtlingen und wil⸗ den Raufbolden folgen und bedienen zu laſſen, als Tidesley, Killigrey und der freche Burſche Lambourne, den ich fuͤr Euch ausſuchen mußte, und anderen ſolchen Gefellen, die den Galgen auf dem Geſicht und den Mord in ihrer rechten Hand tragen?— Ein Schrecken fuͤr alle friedliche Menſchen und eine Schande fuͤr Mylords Dienſt!“ „Beruhigt Euch nur daruͤber, frommer Foſter„“ enkgeg⸗ nete Varney.„Wer auf alle Jagden ausgeht, muß auch alle Gattungen von Falken zur Hand haben, kurz oder lang beſchwingte. Der Cours, den Mylord ſteuert, iſt kein leich⸗ ter, und er muß auf allen Puneten mit treuen Anhaͤngern verſehen ſeyn, die ihm jede Art Dienſt verrichten. Er muß ſeinen glaͤnzenden Hoͤfting haben, wie mich, an dem er im Audienz⸗Zimmer ſeine uͤble Laune guslaſſen kann, und der jeden Augenblick bereit iſt, Hand an den Griff des Schlherd⸗ tes zu legen, wenn jemand Schmaͤhungen gegen Mylords Ehre ausſtoßen ſollte.“ — 74— „ und einer ſchoͤnen Lady etwas fuͤr ihn in's Ohr zu raunen, wenn er ſich ihr ſelbſt nicht nahen mag,“ ſagte Foſter. „Dann,“ fuhr Varney fort, ohne, wie es ſchien, von der Unterbrechung Notiz zu nehmen,„muß er ſeine Geſchaͤfts⸗ traͤger haben— gewandte liſtige Geſchoͤpfe, um ſeine Con⸗ traete aller Art aufzuſetzen, und um ſo viel als moͤglich, aus den ihnen verliehenen Kirchen⸗ und Lehnguͤtern Freiheiten und Monopolien zu ziehen.— Auch muß er Aerzte haben, um die Kraftſuppe oder den Becher zu wuͤrzen.— Auch Ca⸗ baliſten, wie Dee und Allan, um den Teufel heraufzubeſchwoͤ⸗ ren; und Raufbolde, um den Teufel zu bekaͤmpfen, wenn er erſchienen.— Vor allem aber, ohne Nachtheil fuͤr die an⸗ deren ſey es geſagt, muß er ſolche gutmuͤthige, unſchuldige Puritaner⸗Seelen haben, wie die deine, ehrlicher Foſter, die den Teufel abſchwoͤren, und doch zugleich ſeine Werke thun.“ „Ihr wollt, hoff' ich, nicht ſagen, Herr Varney,“ er⸗ wiederte Foſter,„daß unſer guter Lord und Herr, den ich in allen edlen Eigenſchaften vollkommen glaube, ſich, um zu ſteigen, ſolcher niedrigen Mittel bedienen ſollte, als die, wor⸗ aauf Eure Rede hinweißt.“ „Ruhig, ruhig,“ ſagte Varney,„ſtier' mich nur nicht mit ſo finſteren Augen an,— Du üͤberliſteſt mich nicht;— auch bin ich nicht in deiner Gewalt, wie es dein ſchwaches Gehirn ſich einbilden mag, weil ich Dir ohne Hehl alle Kunſtgriffe, Springfedern, Schrauben, Geraͤthſchaften und lammern nannte, durch welche ſich große Maͤnner erhoben. — Sagſt Du, unſer guter Lord ſey vollkommen in allen ed⸗ len Eigenſchaften?— rufe ich dazu: Amen! es ſey! Er be⸗ darf um ſo mehr Leute in ſeinen Dienſt, die nicht allzu ge⸗ wiſſenhaft ſind, und die, weil ſie wiſſen, daß ſein Fall 96 mit zermalmen wuͤrde, alles wagen, um ihn aufrecht zu halten, Blut und Gehirn, Leib und Seele, und das erzaͤhl' ich Dir, weil's mir gleich gilt, wer's erfaͤhrt. „Ihr habt Recht, Herr Varney!“ ſagte Anthony Foſter; „das Haupt einer Parthei iſt nur ein Boot auf der Welle, von ſelbſt ſteigt es nicht, nur von der Waſſerwoge wird es gehoben, auf der es ſchwebt.“ „Du ſprichſt in Metaphern, guter Foſter,“ entgegnete Varney.—„Dein Sammt⸗Wams hat ein Orakel aus Dir gemacht,— wir wollen Dich nach Opford ſchicken, damit Du einen Gradus erhaͤltſt.— Haſt Du aber uͤber deine Weisheit die Sachen nicht vergeſſen, die aus London hieher geſchafft wurden, und die Zimmer nach Weſten ſo einrichten laſſen, daß Mylord damit zufrieden ſeyn wird?““ „Sie koͤnnten einem Koͤnige zu ſeinem Hochzeitstage ge⸗ nuͤgen,“ erwiederte Foſter,„und ich ſtehe Euch dafuͤr, Da⸗ me Emmy ſitzt druͤben darin, ſtolz und geputzt, wie die Koͤ⸗ nigin von Sheba.“ „Deſto beſſer Tony,“ erwiederte Varney,„wir muͤſſen unſer zukünftiges Gluͤck auf ihr freundliches Geſicht gruͤnden.“ „Dann bauen wir auf Sand,“ ſagte Anthony Foſter; „denn geſetzt auch, ſie ſegelte nach Hofe, angethan mit aller Wuͤrde und Pracht ihres Lords, wie moͤchte ſie wohl auf mich zuruͤckblicken, der ich als ihr Kerkermeiſter erſchien, und ſie als Puppe hier in den alten Mauern zuruͤckhielt, ſie, die gern ein Schmetterling in einem Hofgarten waͤre.:. *„Huͤrchte nicht ihre Ungnade,“ verſetzte Varney;„ich werde ihr ſchon beweiſen, daß alles, was Du in dieſer Sache ge⸗ than, zu Mylords und ihrem eigenen Beſten war, und wenn ſie einmal die Eierſchaale abwirft, und allein geht, ſoll ſie geſtehen, daß wir es waren, die ihre Groͤße ausbruͤteten.” — 76— „Gebt Acht, Herr Varney!“ erwiederte Foſter,„Ihr koͤnntet Eure Rechnung oͤhne den Wirth machen.— Sie empfing Euch heute fruͤh nur kalt, und ſieht, wie mich duͤnkt, ſowohl Euch als mich, mit keinen guͤnſtigen Augen an.“* „ Ihr verkennt ſie, Foſter,— Ihr verkennt ſie durch⸗ aus.— Sie iſt an mich durch alle Bande gefeſſelt, die ſie an einen Mann binden koͤnnen, der das Mittel war, zu⸗ gleich ihre Liebe und ihren Ehrgeiz zu befriedigen. Wer war es, der die unbekannte arme Emmy Robſart, die Toch⸗ ter eines unbedeutenden Ritters,— die Braut eines mond⸗ ſüchtigen, tiefſinnigen Enthuſiaſten, wie Edmund Treſſi⸗ lian,— ihrer niederen Sphaͤre enthob, und ihr eine Aus⸗ ſicht eroͤffnete, die glaͤnzendſte in England, vielleicht in Europa? Ich war es, Alter! wie ich Dir ſchon oft geſagt habe, der die Gelegenheit zu ihren geheimen Zuſammen⸗ kuͤnfton herbeizufuͤhren wußte.— Ich war Waͤchter im Walde, waͤhrend er das Wildprett erlegte,— ich bin es, den ihre Familie noch bis zum heutigen Tage als ihren Ent⸗ fuhrer anklagt— und der, waͤr' ich in ihrer Naͤhe, ein Hemd von anderm Zeuge, als dieſe hollaͤndiſche Leinwand, zu tragen verdammt ſeyn wuͤrde, wenn nicht meine Rippen gar mit ſpaniſchem G tahl Bekanntſchaft gemacht haͤtten.— Wer uͤberbrachte ihr Briefe?— ich. Wer unterhielt den Alten und Treſſilian?— ich. Wer entwarf den Plan zu ihrer Flucht?— das was ich.— Kurz, ich war's, der dieß kleine huͤbſche Bluͤmchen aus ſeinem Winkel zog, und es auf die ſtolzeſte Muͤtze Englands ſteckte.“ „Aber, Herr Varney,“ ſagte Foſter,„wenn ſie nun daͤchte, daß, wenn es an Euch gelegen, die Blume ſo ſoſe auf die Muͤtze geſteckt waͤre, daß der erſte Hauch ver⸗ wandelter Leidenſchaft ſie wieder in den Staub herabge⸗ weht haͤtte?“ „Sie muß bedenken,“ entgegnete Varney laͤchelnd,„daß die Treue, welche ich meinem Lord und Herrn ſchuldig bin, mich anfangs verhinderte zur Heirath zu rathen,— und doch rieth ich dazu, als ich gewahrte, ſie werde nicht zu⸗ frieden ſeyn, ohne— Saerament oder Ceremonie— wie nennſt du das Ding, Anthony Foſter?* „Und dennoch ſteht Ihr nicht gut bei ihr angeſchrieben,“ erwiederte Foſter;„und ich ſage es Euch, damit Ihr bey Zeiten auf Eurer Hut ſeyd.— Sie wollte nicht ihren Glanz hier in einer dunkeln Laterne eines alten Kloſter⸗ gebaͤudes verſtecken, ſondern als Graͤfin unter Graͤfinnen leuchten.“ 4 „Ganz recht, ganz natuͤrlich,“ antwortete Varney, „aber was geht das mich an?— Sie mag durch Horn oder Kryſtall ſcheinen, wie es Mylerd gefaͤllt, ich habe nichts dagegen einzuwenden.“ „Sie meint, daß Ihr in dieſer Sache das Ruder in Haͤn⸗ den habt, Herr Varney,“ ſagte Foſter,„und daß Ihr es handhaben koͤnnt, wie es Euch gefaͤllt. Mit einem Wort, ſie ſchreibt die Verborgenheit und Dunkelheit, in der ſie ge⸗ halten wird, Euren geheimen Rathſchlaͤgen, und meiner Agentſchaft zu; und ſo liebt ſie uns beide denn, wie der Ver⸗ urtheilte ſeinen Richter und ſeinen Kerkermeiſter liebt.“ „Sie muß uns beſſer lieben lernen, Anthony! bevor ſie dieſen Platz verlaͤßt,“ antwortete Varney.„Habe ich aus gewichtigen Gruͤnden gerathen, ſie eine Zeitlang hier zu laſſen, ſo kann ich auch bewirken, daß ſie in der vollen Bluͤthe ihrer Wuͤrde aus dieſem Dunkel gezogen werde. Aber ich waͤre toll, ſie ſo ſehr in Mylords Naͤhe zu bringen, 8 — 78— wenn ſie meine Feindin iſt. Gebt ihr dieſe Wahrheit zu verſtehen, Anthony, wenn ſich die Gelegenheit darbietet, und aͤberlaßt es mir, ihr von Euch ins Ohr zu fluͤttern, und Euch in ihrer Meinung zu heben.— Wie du mir, ſo ich dir, das Sprichwort gilt in der ganzen Welt.— Die Lady muß ihre Feinde kennen lernen, und erfahren, daß es in ihrer Macht ſteht, ſie in ihre Freunde zu verwan⸗ deln;— unterdeſſen bewache ſie genau, aber mit aller der Achtung, welche deine rauhe Natur zulaͤßt. Es iſt ein herrlich Ding um deinen muͤrriſchen Blick und deine Bullen⸗ beißer⸗Laune; Du haſt Gott dafuͤr zu danken, und auch Mylord kann ſich daruͤber freuen; denn wenn's etwas Hartes zu thun giebt, vollbringſt Du es, als geſchaͤhe es aus eigener huͤndiſcher Natur, und nicht auf Befehl, und ſo entgeht Mylord dem boͤſen Rufe.— Doch horch! jemand klopft an die Pforte,— ſieh zum Fenſter hinaus,— laß niemand herein,— Stoͤrung kaͤme heute Abend un⸗ gelegen.“ 7 „Es iſt der, von dem wir vor Tiſche ſprachen,“ ſagte Foſter, indem er durch das halb geoͤffnete Fenſter ſahe; „Michael Lambonrne.“ „Den laß ein, ſchnell,“ rief der Hoͤfling,„ ich erwarte ihn, er bringt mir Kunde von Treſſilian.—— es liegt uns viel daran, Nachricht von deſſen Beginnen zu erhal⸗ ten.— Laß ihn ſchnell ein, ſag' ich; aber hieher fuͤhre ihn nicht; ins Buͤcherzimmer des Abtes, dort werde ich gleich bei Euch ſeyn.“ Foſter verließ das Gemach; und der Hofmann, welcher zuruͤckblieb, ſchritt nun gedankenvoll im Zimme⸗ auf und ab, die Arme uber einander geſchlagen, bis er endlich ſeinen Betrachtungen in einzelnen abgebrochenen Worten Luft machte, die wir einigermaßen verbanden und ergaͤnzten, da⸗ mit ſein Selbſtgeſpraͤch dem Leſer verſtaͤndlich werde. „Wahrlich,“ ſagte er, indem er ploͤtzlich ſtehen blieb, und ſich mit der rechten Hand auf den Tiſch ſtuͤtzte, an dem ſie geſeſſen hatten,„dieſer elende Bauerkerl hat die ganze Tiefe meiner Furcht ergruͤndet, und ich bin unfaͤhig ge⸗ weſen, ſie ihm zu verbergen.— Sie liebt mich nicht,— ich wollte es waͤre eben ſo wahr, daß auch ich ſie nicht liebte.— Dummkopf, der ich war; fuͤr mich ſelbſt zu reden, als Klugheit gebot, nur Mylords Unterhaͤndler zu ſeyn!— Dies arge Verſehen hat mich mehr in ihre Ge⸗ walt gegeben, als es ein kluger Mann, ſelbſt bei dem beſten Stuͤck von Evas Fleiſch, zu ſeyn wuͤnſchen kann.— Seit jenem Augenblick, wo meine Politik einen ſo argen Fehlgriff machte, kann ich nicht ohne Furcht auf ſie blicken, mit der ſich Haß und Liebe auf ſo ſeltſame Weiſe vereinen⸗ daß ich nicht weiß, wenn es in meiner Wahl ſtaͤnde, ob ich ſie beſitzen oder verderben moͤchte.— Sie darf dieſe Ver⸗ borgenheit nicht verlaſſen, bevor ich genau weiß, auf wel⸗ chem Fuß wir mit einander ſtehen. Mylords Intereſſe, und in ſo weit auch mein eigenes,— denn wenn er faͤllt, be⸗ graͤbt er mich in ſeinem Sturze— verlangt Geheimhaltung ſeiner Vermaͤhlung— ich will ihr nicht meinen Arm leihen, ihren Thron zu erklimmen; ihr nicht behuͤlflich ſeyn, ihren Fuß auf meinen Nacken zu ſetzen. Ich muß ein Intereſſe bei ihr erregen, durch Liebe oder durch Furcht;— wer weiß⸗ ob ich nicht noch die ſüßeſte und beſte Rache fuͤr ihre fruͤhere Verachtung erndten kann?— Das waͤre in der That ein Meiſterſtück von Hoͤflingskunſt!— Laß mich nur erſt dein Rathgeber werden, nur ein einziges Geheimniß vertraue mir, betraͤfe es auch nur den Raub eines Haͤnfling's⸗Neſtes. — 80— und ſchoͤne Graͤin, du biſt mein!“— Schweigend ſchritt er nun wieder im Zimmer auf und ab, ſtand ſtill, ſchenkte ein, und leerte den Becher, als wolle er die Bewegung ſeiner Seele beſchwichtigen, indem er dabei vor ſich hin murmelte:„Jetzt ein verſchloſſenes Herz, und eine offene faltenloſe Stirn!“ Er verließ das Zimmer⸗ 6. Pier Gemaͤcher, welche den weſtlichen Theil des alten Vierecks van Cumnor⸗Place ausmachten, waren mit außer⸗ ordentlicher Pracht ausgeſchmuͤckt worden. Dieß war das Werk mehrerer Tage geweſen, welche dem Zeitpunete voran⸗ gingen, in welchem wir dieſe unſere Erzaͤhlung eroͤffneten. Arbeiter, von London geſandt, denen nicht erlaubt war, vor Beendigung des Werks das Herrenhaus zu verlaſſen, hatten allen Zimmern an jener Seite des Gehaͤudes, den Anſtrich verfallener Kloſterhallen genommen, und Geſellſchaftsſaͤle, eines koͤniglichen Pallaſtes wuͤrdig, daraus geſchaffen. Alle dieſe Einrichtungen waren auf geheimnißvolle Weiſe gemacht worden. Die Handwerker kamen und gingen bei Nacht, und man hatte Vorſichtsmaßregeln aller Art getroffen, zu verhindern, daß die vorwitzige Neugierde der Dorfbewohner, über die Veraͤnderungen, welche mit ihrem ſonſt Iannibe jetzt reichen Tony Foſter vorgenommen worden, weder ſpeeu⸗ liren noch kluͤgeln konnte. Demzufolge war das Geheimniß ſo gut bewahrt worden, daß nur leere und ungewiſſe Ge⸗ ruͤchte in Umlauf waren, die man anhoͤrte und wieder er⸗ zaͤhlte, ohne ihnen jedoch großen Glauben beizumeſſen. An dem Abend, von dem wir eben ſprachen, waren dieſe neuen koͤſtlich decorirten Zimmer zum erſtenmale er⸗ leuchtet, — 81— leuchtet, und zwar mit einem Glanz, der in einer Entfer⸗ nung von ſechs Meilen ſichtbar geweſen ſeyn würde, haͤtten nicht eichene, durch Riegel und Schloͤſſer wohlverwahrte Fenſterladen, die man von innen mit ſeidenen und ſammte⸗ nen, mit dicken goldenen Frangen beſetzten Vorhaͤngen be⸗ deckt hatte, verhindert, dieſe Herrlichkeit von außen zu ſchauen. Die Hauptgemaͤcher beſtanden, wie wir geſehen haben, aus vier in einander gehenden Zimmern, zu denen eine brei⸗ te Treppe von ungewoͤhnlicher Groͤße und Hoͤhe fuͤhrte, wel⸗ che an der Thuͤr eines Vorzimmers, das ungefaͤhr wie eine Gallerie ausſah, endete. Der Abt hatte dies Zimmer zuwei⸗ len zum Gerichtsſaal gebraucht; jetzt aber waren die Waͤnde koſtbar mit fremdem Holz von dunkelbrauner Farbe getaͤfelt worden, deſſen Politur von ungemeiner Schoͤnheit war, und von dem man ſagte, daß es von Weſtindien gekommen, und mit unendlichen Schwierigkeiten, und zum großen Nach⸗ theil der Geraͤthſchaften der Handwerksleute in London verar⸗ beitet ſey. Das Dunkele dieſer Farbe wurde von zahlreichen ſilbernen Armleuchtern, welche rund herum an den Waͤnden hingen, ſo wie durch ſechs große Gemaͤlde in reichen Rah⸗ men, von den vortrefflichſten Meiſtern jener Zeit, gehoben. Ein maſſiver eichener Tiſch, am unteren Ende des Zimmers, ſtand zur Bequemlichkeit derer da, die das damals gebraͤuch⸗ liche Haͤufelſpiel liebten; und am entgegengeſetzten war eine Gallerie errichtet fuͤr die Muſiker und Minneſaͤnger, welche zur Verherrlichung des Feſtes vielleicht herbeigerufen werden moͤchten. Von dieſem Vorgemach trat man in einen Banquetſaal, von mittelmaͤßiger Groͤße, aber reich genug, das Auge des Schauenden durch Glanz und Pracht zu blenden. Die Waͤn⸗ Kenilworth. 1. Bd. F — 82— de, noch ſeit kurzem ſo nackt und finſter, waren jetzt mit Ta⸗ peten von himmelblauem Sammt mit Silber bedeckt. Die Stuͤhle waren von ſchwarzem, reich ausgelegtem Ebenholz; ihre Polſter von demſelben Zeuge wie die Tapeten, und ſtatt der ſilbernen Armleuchter, die das Vorzimmer erhellten, hing hier ein maͤchtiger Kronleuchter von demſelben koſtbaren Metall. Der Fußboden war mit einem ſpaniſchen Teppich belegt, auf welchem Blumen und Fruͤchte mit ſo taͤuſchenden und natuͤrlichen Farben dargeſtellt waren, daß man Anſtand nahm, mit den Fuͤßen ſolche ausgezeichnete Arbeit zu betre⸗ ten. Die Tafel, von alt engliſchem Eichenholz, ſtand bereit, mit dem feinſten Tafeltuch bedeckt, und ein prachtvoller gro⸗ ßer Schenktiſch hatte ſeine Fluͤgel von erhabener Arbeit ent⸗ faltet, und ließ auf ſeinem köſtlichen Geſims, Silberzeug und Porzellan in großer Menge und von vorzuͤglicher Schoͤnheit erblicken. In der Mitte des Tiſches ſtand ein Aufſatz von koſtlicher italieniſcher Arbeit, von gediegenem Silber, uͤber zwei Fuß hoch, vorſtellend den Rieſen Briareus, deſſen hun⸗ dert ſilberne Haͤnde den Gaͤſten Fruͤchte und Specereien von allen Gattungen darboten. Das dritte Gemach war das Geſellſchaftszimmer; es war mit einer reichen Tapete ausgeſchmuͤckt, Phaͤton's Fall dar⸗ ſtellend; denn die Weberſtuͤhle in Flandern beſchaͤftigten ſich damals vorzuͤglich mit klaſſiſchen Gegenſtaͤnden. Der Haupt⸗ ſitz in dieſem Zimmer war unter einem Thronhimmel, zwei Stufen von dem Fußboden erhoͤht, und beſtand aus einem fuͤr zwei Perſonen eingerichteten Canapee, deſſen Polſter, Vorhaͤnge und Fußteppich von carmoiſinrothem mit Perlen reich durch⸗ ſtickten Sammet waren. Ueber dem Canapee glänzten zwei Kronen, denen eines Grafen und einer Graͤfin gleich. Seſſel mit Sammt bezogen, und mehrere Polſter, nach Mauriſcher — 85— Sitte angebracht und mit Arabesquen verziert, waren ſtatt der Stuͤhle in dieſem Gemache vorhanden, welches auch noch muſikaliſche Inſtrumente, Stickrahmen und aͤhnliche Gegen⸗ ſaͤnde zur weiblichen Unterhaltung enthielt. Außer kleineren Lichtern ward dies Nebenzimmer noch durch vier eoloſſale Wachskerzen erhellt, von denen jede ſich in der Hand einer Statue befand, welche einen bewaffneten Mauren darſtellte, der in ſeinem linken Arm einen runden hell polirten Schild von Silber hielt, aus dem das Licht der Kerze wie aus ei⸗ nem Kryſtallſpiegel in tauſendfachem Glanze wiederſtrahlte. Das Schlafgemach, welches zu dieſer glaͤnzenden Reihe von Zimmern gehoͤrte, war in einem weniger prachtvollen, aber darum nicht weniger reichen Geſchmack decorirt, als die fruͤher hier beſchriebenen. Zwei ſilberne Lampen, mit koͤſtlich duftendem Oele gefuͤllt, verbreiteten zu gleicher Zeit einen herrlichen Wohlgeruch, und einen zauberiſchen, dem Zwielicht gleichenden Schimmer, durch das ſtille Gemach. Der Fuß⸗ boden war mit weichen Teppichen bedeckt, ſo daß man ſelbſt die ſchwerſten Tritte zu hoͤren nicht im Stande war, und uͤber dem Bette, hoch gefuͤllt mit weichen Flaumen, lag eine Ue⸗ berdecke von Seide und Gold, unter der ſich die battiſtenen Ueberzuͤge, und die Unterdecken von ſpaniſcher Lammwolle, weiß wie einſt die Laͤmmer ſelbſt, zeigten. Die Vorhaͤnge waren von blauem Sammt mit einem Futter von carmoiſin⸗ rother Seide, reich feſtonirt mit Gold und mit einer Sticke⸗ rei, Amor und Pſychens Taͤndeleien vorſtellend, geſchmuͤckt. Auf der Toilette ſtand ein ſchoͤner venetianiſcher Spiegel, in einem trefflich gearbeiteten ſilbernen Nahmen, und daneben 3 eine goldene Schale, beſtimmt, den Nachttrunk aus derſelben zu genießen. Ein Paar Piſtolen und ein Dolch, reich mit Gold ausgelegt, waren beim Kopfende des Bettes zur Schau § 2 1 — 34— geſtellt, als Waffen der Nacht, die man damals jedem ver⸗ ehrten Gaſte, wie zu vermuthen ſteht, mehr aus Ceremonie, als zur Vorbeugung wirklicher Gefahr, darbot.— Noch duͤr⸗ fen wir, zum Ruhme jener Zeit, nicht vergeſſen zu erzaͤhlen⸗ daß ſich in einer kleinen, von einer Kerze erleuchteten Ni⸗ ſche, zwei Schemel von Sammt und Gold, wie die Garni⸗ tur des Bettes, vor einem Betpult von ausgelegtem Eben⸗ holz befanden. Hier war fruͤher der Privat⸗Betſtuhl des Abtes geweſen; jetzt aber hatte man das Crucifix weggenom⸗ men, und ſtatt ſeiner zwei Gebetbuͤcher hingelegt, mit reichem Einband und ſilbernen Spangen. An dieſem einladenden Schlafgemach, welches, bis auf das Getoͤſe des Windes in den Eichen des Parks, von jedem ſeorenden Laͤrm ſo entfernt lag, daß Morpheus ſelbſt es zu ſeiner Ruheſtaͤtte gewaͤhlt ha⸗ ben moͤchte, graͤnzten zwei Ankleidezimmer, mit geſchmack⸗ vollem Geraͤth, und mit derſelben Prache, die wir bereits beſchrieben haben. Es muß noch bemerkt werden, daß der Theil des Gebaͤudes im anſtoßenden Fluͤgel fuͤr die Kuͤche und deren Zubehoͤr, und zum Aufenthalt der Begleitung des gro⸗ ßen und maͤchtigen Edelmannes beſtimmt war, iu deſſen Gebrauch man dieſe praͤchtigen Einrichtungen getroffen hatte. Die Goͤttin, fuͤr welche man dieſen Tempel ſchmuͤckte/ war wohl des Koſtenaufwandes und der Muͤhe, die man dar⸗ auf verwandt hatte, werth. Sie ſaß in dem Geſellſchaftszim⸗ mer, welches wir eben beſchrieben haben, mit dem wohlge⸗ faͤlligen Blick natuͤrlicher und unſchuldiger Eitelkeit den Glanz beſchauend, der um ſie her verbreitet war; denn, da es ihr Aufenthalt in Cumnor⸗Place war, der die geheimniß⸗ volle Weiſe herbeifuͤhrte, mit welcher man aue dieſe Vorbe⸗ reitungen ins Werk richtete, ſo hatte man Vorkehrungen getroffen, daß ſie, bevor ſie ſelbſt als Beſitzerin einzieben — 89— wuͤrde, nichts von den Anſtalten erfahren konnte, die man in dieſem Theile des alten Herrenhauſes vornahm, ſo wie man auch dafuͤr geſorgt hatte, daß ſie den Arbeitern, die bei dieſer Einrichtung angeſtellt waren, nicht zu Geſichte kam. Sie war daher erſt an dieſem Abend in den von ihr bisher noch nicht betretenen Theil des alten Gebaͤudes gefuͤhrt, der von dem Uebrigen ſo verſchieden war, daß er im Vergleich damit wie ein bezauberter Pallaſt erſchien. Und als ſie zum erſtenmal dieſe Zimmer betrat, um ſie in Beſitz zu nehmen, geſchah dies mit der lauten ungezuͤgelten Freude einer laͤnd⸗ lichen Schoͤnen, die ſich ploͤtzicch von einem Glanz umgeben ſieht, von dem ſelbſt ihre kuͤhnſte Phantaſie keine Ahnung hatte. Zugleich aber auch mit dem ſuͤßen Gefuͤhl eines zaͤrt⸗ lichen Herzens, dem es bekannt iſt, daß alle Pracht, die es umgiebt, das Werk der großen Zauberin— Liebe iſt. Die Graͤfin Emmy,— zu dieſem Range war ſie durch ihre geheime, aber feierliche Vermaͤhlung mit Englands maͤchtigſtem Grafen, erhoben worden,— flog daher eine Zeit⸗ lang von Zimmer zu Zimmer, jeden neuen Beweis von dem guten Geſchmack ihres Geliebten anſtaunend, wobei ihre Be⸗ wunderung fuͤr ihn mit jedem Augenblick durch den Gedan⸗ ken geſteigert ward, daß alle Pracht, welche ſie hier rund um ſich her erblicke, nur ein einziger fortgeſetzter Beweis ſeiner heißeſten innigſten Zaͤrtlichkeit ſey.—„Wie koͤſtlich ſind die Tapeten!— wie natuͤrlich, wie aus dem Leben dieſe Gemaͤlde.— Welcher Reichthum in jenem Silber⸗ geſchirr, von dem man denken ſollte, daß alle Gallionen Spyaniens in Bewegung geſetzt worden waͤren, es herbeizu⸗ ſchafen!— und o, Janette!“— rief ſie wiederholt der Tochter Anthony Foſters zu, welche mit gleicher Aufmerkſam⸗ keit, aber mit etwas weniger enthuſiaſtiſcher Freude, ihrer Gebieterin auf dem Fuße folgte.—„O, Janette! wie ent⸗ zuͤckend iſt es, zu denken, daß alle dieſe koſtbaren Dinge hier mir ſeine Liebe ſchuf, ſeine Liebe zu mir! und daß ich noch an dieſem Abend, der mit jedem Augenblick ſtaͤrker zu daͤm⸗ mern beginnt, ihm mehr fuͤr die Liebe, die dieſes Zauber⸗ paradies entſtehen hieß, als fuͤr alle Wunder, die es in ſich ſchließt, danken werde.“” „Dem Gott iſt zuerſt zu danken,“ ſagte die kleine nied⸗ liche Puritanerin,„der Euch, meine Lady, dieſen zaͤrtlichen gefaͤlligen Gemahl ſchenkte, deſſen Liebe ſo viel fuͤr Euch ge⸗ than.— Wenn Ihr aber ſo wild von Zimmer zu Zimmer fliegt, wird das Kunſtwerk meines Brenn⸗ und Kraͤuſeleiſens ſchnell verſchwinden, wie die Eisblumen am Feiſſa⸗ wenn die Sonne ſcheint.“ „Du haſt recht, Janette,“ entgegnete die junge reizen⸗ de Graͤfin, ſchnell den Flug ihrer begeiſterten Entzuͤckung hemmend, und beſchauete ſich dabei, vom Fuß bis zum Kopf⸗ in einem der eoloſſalen Spiegel, wie ſie ihn ſo groß noch nie geſehen, und wie er praͤchtiger wohl nicht in der Koͤni⸗ gin Pallaſt zu finden geweſen waͤre.—„Du haſt recht, Ja⸗ nette,“ ſagte ſie, als ſie nun mit verzeihlichem Wohlgefal⸗ len den koͤniglichen Spiegel Reize wiedergeben ſah, wie ſie nur ſelten ſeiner koͤſtlich polirten Oberflaͤche dargeboten ſeyn mochten.„Wahrlich, ich ſcheine mehr ein Milchmaͤdchen, als eine Graͤfin, mit dieſer gluͤhenden Noͤthe auf den Wan⸗ gen, und den braunen Locken, die Du ſo kunſtvoll geordnet, und die nun wild umherhaͤngen wie unbeſchnittene Weinran⸗ ken.— Mein Kragen iſt auch herabgefallen, und zeigt Nak⸗ ken und Buſen, mehr als beſcheiden und ſittig.— Komm, Janette, laß uns Toilette machen, mein gutes Maͤdchen! Du ſollſt dieſe rebelliſchen Locken wieder in Ordnung bringen,⸗ und den Buſen, der ſo hoch ſchlaͤgt, unter Haft von Cam⸗ brie und Spitzen legen.“ Sie gingen dem zufolge in das andere Zimmer, wo ſich die Grafin auf eins der Mauriſchen Polſter niederließ; halb ſitzend, halb ruhend, halb in ihren eigenen Gedanken ver⸗ ſunken, halb auf das Geſchwaͤtz ihrer Dienerin horchend. So in dieſer Stellung, mit einem Ausdruck, zugleich von Sorgloſigkeit und Erwartung, in ihren feinen reizenden Geſichtszuͤgen, haͤtte man alle Laͤnder durchſuchen koͤnnen, ohne auch nur eine halb ſo ausdrucksvolle liebliche Geſtalt zu finden. Die Reihen von Brillanten in den braunen Locken, verdunkelten nicht den Glanz ihrer ſchoͤnen braunen Augen, uber die ſich die gewoͤlbten Brauen von etwas lichterer Farbe zogen, und die von langen ſeidenen Wimpern beſchattet wurden. Die koͤrperliche Bewegung, der ſie ſich vor einem Augenblicke hingegeben hatte, ihre geſpannte Erwartung und befriedigte Eitelkeit, verbreiteten eine Glut uͤber ihr liebli⸗ ches Geſicht, das man fruͤher zuweilen wohl etwas zu bleich genannt hatte. Das Halsband, von milchweißen Perlen, welches ſie trug, daſſelbe, welches ſie ſo eben als ein Liebes⸗ zeichen von ihrem Gemahl erhalten hatte, ward an Weiße von ihren Zaͤhnen, und der blendenden Schoͤnheit ihrer Haut übertroffen.„Nun halte ein mit deinen geſchaͤftigen Fin⸗ gern,“ ſprach ſie zu ihrem emſigen Cammermaͤdchen, welches noch immer raſtlos bemüht war, ihre Kleidung und ihr Haar wieder in Ordnung zu bringen.—„ Genug, ſag' ich, — ich muß vor Mylords Ankunft noch deinen Vater ſprechen, und auch Herrn Richard Varney, auf den mein Gemahl große Dinge haͤlt.— Ich koͤnnte dieſem etwas von ihm er⸗ zaͤhlen, was jenen aus ſeiner Gunſt bringen wuͤrde.“ „Chut nicht alſo, gute Lady!“ entgegnete Janette; „uͤberlaßt es Gott, die Suͤnder zu ſtrafen, wenn es Seit iſt. Handelt ja nicht gegen Varneys Abſichten, denn ſo ſehr be⸗ ſitzt er Mylords Ohr, daß nur Wenige gedeihten, die ſeinem Laufe hinderlich waren.“ „Und von wem weißt Du das, meine ehrliche Janette?“* fragte die Graͤfin; und warum ſollt ich Ruͤckſichten gegen ei⸗ nen gemeinen Edelmann, wie Varney, nehmen, ic, die ich din Gemzahlin ſeines Herrn und Gebieters bin.“ Meine gnaͤdige Lady muß das beſſer verſtehen, als ich,“ erwiederte Janette Foſter.—„Aber ich hoͤrte oft meinen Vater ſagen, daß er weit eher einem hungrigen Wolfe über den Weg gehen, als gegen Varneys Plane handeln wolle. — Und er hat mich oft gewarnt, vor ihm auf meiner Hut zu ſeyn.“ 1 „Dein Vater hatte recht, was Dich betrifft,“ entgeg⸗ nete die Lady, und iſt ſein Rath gewiß immer wohl ge⸗ meint; ſchade, daß ſein Geſicht und Weſen ſo wenig mit ſei⸗ nen guten Abſichten uͤbereinſimmen,— denn ich denke, ſeine Abſichten ſind doch gut“ „Habt keinen Zweifel daran,“ antwortete Janette,— „zweifelt nicht, daß meines Vaters Abſichten gut ſind, er iſt gerade und derb, doch widerſpricht ſein Herz ſeinen muͤrri⸗ ſchen Blicken.“ „Ich will es glauben, Maͤdchen, waͤr' es auch nur um deinetwillen, und doch hat er eins von den Geſichtern, vor denen die Menſchen zuruͤckbeben, wenn ſie hineinblicken;— ſelbſt deine Mutter, Janette, denk' ich, kann nicht ohne Zittern auf ihn geſehen haben.“ — 89— „Und wenn auch, Mylady,“ entgegnete Janette Foſter, „erſchrakt und erroͤthetet Ihr nicht ebenfalls, als Euch Var⸗ ney den Brief Eures Gemahls überreichte.“ „Du ſprichſt dreiſt, Maͤdchen!“ ſagte die Graͤfin, ſich raſch von dem Polſter erhebend, auf dem ſie, halb in den Armen ihrer Dienerin ruhend, geſeſſen hatte.—„ Wiſſe, daß es Gruͤnde des Zitterns giebt, die nichts mit Furcht ge⸗ mein haben.— Aber Janette!“ fuhr ſie gleich darauf wie⸗ der in den gutmuͤthigen Ton einlenkend, der ihr eigen war, fort:„glaube mir, ich will ſo viel Gutes als moͤglich von von deinem Vater denken, und das um ſo lieber, da Du, mein Maͤdchen, ſein Kind biſt.— Ach!“ fuͤgte ſie hinzu, indem ein ploͤtzlicher Ausdruck von Truͤbſinn ihre Geſichtszuͤge überflog, und ſich ihre Augen mit Thraͤnen fuͤllten,„ ich bin um ſo mehr ſchuldig, mit deinem weichen Herzen uͤbereinzu⸗ ſtimmen, da mein eigener armer Vater uͤber mein Schickſal in Ungewißheit ſchwebt, und, wie ſie ſagen, deshalb krank darnieder liegt.— Aber ich werde ihn bald erfreuen— die Nachricht von meinem Gluͤck ſoll ihn wieder jung machen.— Damit ich ihm aber deſto eher dieſe Freude bereite”— ſie trocknete ihre Augen, indem ſie ſprach—„muß ich ſelbſt froh ſeyn.— Mein Gemahl darf mich nicht unempfindlich fuͤr ſeine Guͤte finden, oder truͤbe geſtimmt, wenn er ſeine Einſiedlerin nach ſo langer Abweſenheit auf einen kurien Au⸗ genblick beſucht.— Sey froͤhlich Janette, die Nacht bricht herein, und Mylord muß bald eintreffen.— Rufe deinen Vater hieher, und rufe auch Varney.— Ich bin boͤſe auf keinen, und wenn ich gleich einige Urſache haben mag, mich uͤber beide zu beſchweren, wird es dennoch nur ihre eigene Schuld ſeyn, wenn je durch mich irgend eine Klage über ſie zum Ohr des Grafen gelangt.— Rufe ſie hieher Janette. — 90⁰— Janette Foſter gehorchte ihrer Gebieterin; und einige Augenblicke darauf betrat Varney das Gemach, mit der an⸗ genehmen Leichtigkeit und wolkenfreien Stirn eines vollen⸗ deten Höflings, geuͤbt, unter dem Schleier aͤußerer Hoͤflich⸗ keit, ſeine eigenen Gefuͤhle zu verbergen, und in die an⸗ derer einzudringen. Anthony Foſter trat hinter ihm ſchwer⸗ fäͤllig herein; ſeine natuͤrliche finſtere Plattheit ſchien noch deutlicher hervorzutreten, durch ſein plumpes Beſtreben, die aͤngſtliche Miſchung von Furcht und Mißvergnuͤgen zu verber⸗ gen, mit der er auf diejenige blickte, uͤber welche er bisher eine ſo ſtrenge Aufſicht uͤbte, und die nun ſo prachtvoll ge⸗ kleidet vor ihm ſtand, geſchmuͤckt mit vielen reichen Pfaͤn⸗ dern von der Liebe ihres Gemahls; die alberne Verbeugung, welche er mehr von der Graͤfin ab, als gegen ſie gewandt machte, lieferte davon den Beweis. Sie glich jener Ver⸗ beugung, welche die Verbrecher gegen ihre Richter zu machen pflegen, wenn ſie ſich ſchuldig bekennen, zugleich aber um Gnade flehen, und die in demſelben Augenblicke den unverſchaͤmten, verlegenen Verſuch, ihre Schuld zu rechtfertigen oder zu verkleinern, und das Bekenntniß des Fehlers und die Bitte um Gnade in ſich faßt. Varney, der ſeinem Stande zufolge ſich vor Anthony Foſter ins Zimmer gedraͤngt hatte, wußte ſeine Rede beſſer zu ſtellen als jener, und ſprach mit mehr Zuverſicht und Anſtand. Die Graͤfin begruͤßte ihn in der That mit einem An⸗ ſchein von Herzlichkeit, die einen vollkommenen Waffenſtill⸗ ſtand aller Klagen, welche ſie bisher uͤber ihn zu fuͤhren hatte, zu beurkunden ſchien. Sie erhob ſich von ihrem Sitze, trat ihm zwei Schritte entgegen, und reichte ihm ihre Hand hin, indem ſie ſprach:„Herr Richard Varney! — 92— Ihr brachtet mir dieſen Morgen ſo willkommene Zeitung, daß ich befuͤrchte, Ueberraſchung und Freude ließen mich den Auftrag des Lords, meines Gemahls, Euch mit Auszeich⸗ nung zu empfangen, vergeſſen. Wir reichen Euch unſere Hand hier zur Suͤhne.“ „Ich bin unwuͤrdig, ſie auf andere Weiſe zu beruͤhren,“ entgegnete Varney, indem er ſich auf das Knie niederließ, „als auf die, welche zwiſchen dem Unterthan und ſeinem Fuͤrſten gebraͤuchlich iſt.“ Darauf beruͤhrte er mit ſeinen Lippen ihre kleinen weißen mit Juwelen reich geſchmuͤckten Finger; dann erhob er ſich wieder mit einnehmender Galanterie, und war im Begriff, ſie nach dem Thronſeſſel zu fuͤhren, als ſie ſagte: „Nein, guter Herr Richard Varney, ich nehme meinen Platz dort nicht ein, bis mich Mylord ſelbſt dahin geleitet. Ich will jenen Ehrenplatz nicht eher in Beſitz nehmen, bis mir der dazu das Recht ertheilt, dem ich meine Wuͤrde verdanke.“ „Ich hoffe, Mylady,“ ſagte Foſter,„indem ich Mylords, Eures Gemahles Befehle, was Eure Einſamkeit hier und dergleichen betrifft, ausrichtete, habe ich nicht Euer Mißver⸗ gnuͤgen erregt, denn ich that nur meine Pflicht gegen Euren Gebieter und den meinen; denn Gott hat, wie die heilige Schrift ſagt, dem Manne die Herrſchaft uͤber das Weib ge⸗ geben, ſo heißt der Spruch, mein' ich, oder doch aͤhnliche“ „In bin in dieſem Augenblicke auf ſo freudige Weiſe uͤberraſcht, Herr Foſter!“ erwiederte die Graͤfin,„daß ich die ſtrenge Treue gern entſchuldige, mit der mir der Zutritt in dieſe Zimmer verweigert wurde, bis ſie ſich mir in ihrer jetzigen Pracht und Herrlichkeit oͤffnen wuͤrden.“ 4 „Hat aber auch brav Kronen gekoſtet, Mylady!“ ent⸗ gegnete Foſter,„und damit nicht mehr darauf gehe als noͤthig, laſſe ich Euch bis zu Mylords Ankunft, in des guten Herrn Richard Varneys Geſellſchaft, welcher, wie ich glaube, Euch etwas von Eurem edlen Lord und Gemahl mitzutheilen hat.— Folge mir, Janette, um nachzuſehen, ob auch alles in Ordnung.“ „Nein, Herr Foſter,“ ſagte die Graͤfin,„wir wollen, Eure Tochter ſoll hier in unſerm Zimmer bleiben; ohne in⸗ deſſen Ohrenzeuge zu ſeyn, wenn mir Varney etwas von meinem Gemahl zu ſagen hat.“ Foſter machte ſeine plumpe Verbeugung, und verließ das Gemach mit einem Anſtrich von Verdruß uͤber den un⸗ geheuern Aufwand, der verſchwendet worden war, ſein nacktes, verfallenes Wohnhaus in einen Aſiatiſchen Pallaſt zu verwandeln. Als er ſich erfernt hatte, nahm ſeine Toch⸗ ter ihren Stickrahmen zur Hand, und ging, ſich im Hinter⸗ grunde des Zimmers niederzuſetzen, waͤhrend Richard Varney mit hoͤfiſcher Galanterie den niedrigſten Seſſel, den er fin⸗ den konnte, ergriff, ihn neben den Polſterſitz ruͤckte, auf dem die Graͤfin ſelbſt nun wieder Platz genommen hatte, und eine Weile ſchweigend da ſaß, die Augen gedankenvoll auf den Boden gerichtet. „Ich glaubte, Herr Richard Varney,“ nahm die Lady⸗ nachdem ſie bemerkte, daß jener ſchwerlich die Rede begin⸗ nen wuͤrde, endlich das Wort,„Ihr haͤttet mir etwas von meinem Herrn und Gemahl mitzutheilen; ſo wenigſtens ver⸗ ſtand ich Tony Foſters Rede, und darum iſt meine Dienerin bei Seite getreten; habe ich mich geirrt, ſo will ich ſie wie⸗ der hieher rufen; denn ihre Nadel iſt im Platt⸗ und Kreuz⸗ — 9³— tich noch nicht ſo vollkommen geuͤbt, als daß ſie meiner Oberaufſicht nicht beduͤrfte.“ „Mylady,“ ſagte Varney,„Foſter hat meine Abſicht zum Theil mißverſtanden. Nicht im Auftrage Eures edlen Gemahls, meines hohen Goͤnners und Beſchuͤtzers, ſondern uͤber ihn, fuͤhl' ich mich veranlaßt, ja ſelbſt verpflichtet, zu reden.“. „Das Thema iſt mir hoͤchſt willkommen,“ ſagte die Graͤfin,„ſey es das Eine oder das Andere. Aber faßt Euch kurz, denn ich erwarte ſeine Ankunft mit jedem Augen⸗ blicke.“ 3 „Kurz alſo, Mylady,“ entgegnete Varney,„und kuͤhn, denn mein Vortrag erfordert beides, Eile und Muth.— Ihr ſprachet heute mit Treſſilian.“ „So iſt es, und was nun?“ „Nichts, was mich betrifft, Mylady.— Aber glaubt Ihr, verehrte Frau, daß Mylord dieſe Nachricht mit derſel⸗ ben Gleichguͤltigkeit hoͤren wird?“ „uUnd warum ſollte er das nicht?— Nur mir allein war Treſſilians Beſuch unangenehm und ſchmerzhaft; denn er brachte mir die Kunde von meines guten Vaters Siech⸗ thum.“ „Von Eures Vaters Siechthum?“ fragte Varney; „das muß ſchnell gekommen ſeyn,— ſehr ſchnell, in der That; denn der Bote, den ich auf Mylords Befehl ab⸗ ſandte, fand den wackeren Ritter in ſeinem Jagdrevier, ſeine Hunde mit ſeinem gewohnten jovialen Jagdruf ermu⸗ thigend.— Treſſilian hat dieß Euch zu berichten wohl ver⸗ geſſen. Er hat ſeine Gruͤnde, wie Ihr wohl wißt, Euer jetziges Gluͤck zu truͤben.“ „Ihr thut ihm Unrecht, Herr Varney!“ erwiederte die Graͤfin mit Lebhaftigkeit,„Ihr thut ihm ſehr Unrecht. Er beſitzt das freieſte, offenſte, edelſte Herz, das je geſchla⸗ gen,— das meines theuren Gemahls ausgenommen. Ich kenne Niemand, dem Falſchheit verhaßter waͤre, als ſie es dem Treſſilian iſt.“ „Verzeiht, Mylady!“ ſagte Varney,„ich klage ihn keiner Ungerechtigkeit an.— Nicht wußte ich, welchen Theil Ihr an ſeiner Sache nahmt. Ein Mann darf bei gewiſſen Gelegenheiten aus edlen und guten Abſichten die Wahrheit verbergen; denn muͤßte ſie immer und in allen Fällen geſprochen werden, es waͤre nicht in dieſer Welt zu leben.“ „Ihr habt ein Hoͤflings⸗Gewiſſen, Herr Varney!* ſagte die Graͤfin,„und Eure Wahrheitsliebe wird, denke ich, Eurem Fortkommen in der Welt nicht hinderlich ſeyn.— Was aber Treſſilian betrifft, ſo muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen, weil ich ihm Unrecht gethan; wie es denn niemand beſſer weiß, als Ihr ſelbſt.— Treſſilians Gewiſſen iſt aus anderem Stoffe.— Die Welt, von der Ihr ſprecht, hat nichts, was ihn vom Pfade der Ehre und Wahrheit locken, oder ihn bewegen koͤnnte, in ihr mit einem befleckten Rufe zu leben. Eben ſo leicht koͤnnte die Taube wuͤnſchen, im Neſte des Habichts zu wohnen. Darum liebt ihn mein Vater,— darum wuͤrde ich ihn geliebt haben— wenn ich gekonnt haͤtte!— Und doch hat er nach ſeiner Meinung, unbekannt mit meiner Vermaͤhlung, mit dem Namen meines Gatten, ſo maͤchtige Beweggruͤnde, mich von dieſem Orte zu entfernen, daß ich vohl glaube, ſeine Nachricht von der Krankheit meines Vaters ſey uͤber⸗ trieben, und Eure erfreulichere Kunde die aͤchte.“ „So iſt's, Mylady,“ erwiederte Varney.„Ich mache keinesweges Anſpruch darauf, Ritter jener nackten Tugend, Wahrheit genannt, bis zum hoͤchſten Punct zu ſeyn, ich erlaube, daß ihre Reize mit einem Schleier bedeckt werden, ſey es auch nur der guten Sitte wegen. Aber Ihr muͤßtet von meinem Kopfe und Herzen eine niedrigere Meinung haben, als es von einem Manne zu hegen erlaubt iſt, den mein edler Lord ſeinen Freund nennt, wenn Ihr denken köoͤnntet, ich waͤre im Stande, Euch eine Luͤge, die ſo bald vernichtet werden koͤnnte, in einer Sache zu hinter⸗ bringen, die Euer Gluͤck betrifft.“ „Herr Varney,“ entgegnete die Graͤfin,„ich weiß, daß Euch mein Gemahl achtet, und Euch fuͤr einen treuen und ſicheren Steuermann auf jenen Seen haͤlt, auf denen er ſein hohes Segel entfaltet. Glaubt daher nicht, ich daͤchte Boͤſes von Euch, wenn ich die Wahrheit zu Treſſilians Rechtferti⸗ gung ſprach.— Ich bin, wie Ihr wißt, auf dem Lande ge⸗ boren, und halte mehr von grader, einfacher, laͤndlicher Sitte, als auf hoͤfiſche Complimente. Aber ich werde, wie ich mer⸗ ke, meine Gewohnheiten mit meiner Sphaͤre veraͤndern muͤſſen!“ „Wohl wahr, Milady, und obgleich Ihr jetzt nur im Scherz ſpracht, werden gewiß einſt Eure Worte in Erfuͤllung treten.— Eine Hofdame— ſelbſt die edelſte, die tugend⸗ hafteſte, die tadelloſeſte von Allen, welche den Thron unſerer Koͤnigin umgeben, wuͤrde, zum Beiſpiel, ſich gehuͤtet haben, die Wahrheit oder was ihr als ſolche erſchien, zum Lobe ei⸗ nes verabſchiedeten Geliebten, vor dem Anhaͤnger und Ver⸗ trauten ihres edlen Gemahls auszuſprechen.“ „»Und warum,“ fragte die Graͤfin, vor Ungeduld erroͤ⸗ thend,„ſollte jch nicht Treſſilians Werthe, vor dem Freunde — 96— meines Gakten— vor meinem Gemahl ſelbſt— ja vor der ganzen Welt Gerechtigkeit widerfahren laſſen?“ „Und mit derſelben Offenheit,“ ſagte Varney,„wollen Eure Herrlichkeit dieſen Abend Mylord, Ihrem Gemahl of⸗ fenbaren, daß Treſſilian Ihren ſo ſorgſam vor der Welt ver⸗ borgen gehaltenen Aufenthalt entdeckte, und daß er eine Unterredung mit Ihnen hatte?“ „Unbezweifelt! Es wird das Erſte ſeyn, was ich ihm er⸗ zaͤhlen werde, mit jedem Wort, welches Treſſilian ſprach, und was ich ihm darauf erwiederte. Ich werde dabei meine eige⸗ ne Schwaͤche ausſprechen; denn Treſſilians Vorwuͤrfe, obgleich weniger gerecht, als er ſie glaubte, waren doch nicht ganz unverdient.— Ich werde daher mit Schmerz reden— al⸗ lein ich werde reden.“—— „Ew. Herrlichkeiten werden handeln, wie Sie es fuͤr gut finden,“ entgegnete Varney,„ allein mir deucht, es wuͤrde, da nichts dieſes freie Geſtändniß noͤthig macht, eben ſo gut ſeyn, ſich dieſen Schmerz, Ihrem Gemahl dieſe Unruhe, und Treſſilian, da doch von ihm in der Sache die Rede ſeyn muß, die Gefahr zu erſparen, die fuͤr ihn unfehlbar daraus erwachſen wird. „Ich ſehe keine dieſer ſchrecklichen Folgen voraus,“ verſetz⸗ te die Lady mit Ruhe,„ich muͤßte denn meinem erhabenen Gemahl Gedanken zutrauen, wie ſie, ich bin deſſen gewiß⸗ nie in ſeinem edlen Herzen wohnten.“ „Fern ſey es von mir, ſolches zu denken,“ ſagte Var⸗ ney, und fuhr dann, nach einer kurzen Pauſe, mit wahrer oder erkuͤnſtelter Gradheit, voͤllig verſchieden von ſeiner ge⸗ woͤhnlichen feinen Hoͤflingsweiſe, fort:„Nun wohl, edle Frau! ich will Euch beweiſen, daß ein Hofmann die Wahr⸗ beit ſorechen kann, ſo gut als ein Anderer, wenn es das Wohl Wohl derer betrifft, die er ſchaͤtzt und verehrt, ſelbſt, wenn ihm ſeine Offenheit Gefahr braͤchte.“— Er hielt inne, als erwarte er den Befehl, oder wenigſtens die Erlaubniß, weiter zu ſprechen; als aber die Lady ſchwieg, fuhr er mit augen⸗ ſcheinlicher Behutſamkeit fort.—„Blickt um Euch her, verehrte Frau! und bemerkt die Schranken, mit denen dieſer Ort umzogen, das ausſtudirte Geheimniß, unter welchem Englands koſtbarſtes Juwel den Blicken der Bewunderung verborgen gehalten wird.— Erinnert Euch, mit welcher Strenge Eure Schritte gehemmt, Eure Handlungen beſchraͤnkt werden, auf den Wink Eures ungeſchliffenen Waͤchters. Be⸗ denkt dieß alles, und beurtheilt ſelbſt, was kann die Uͤrſache davon ſeyn.“ „Mylords Wille,“ entgegnete die Lady,„ich bin ge⸗ wohnt, nach keinem anderen Grunde zu forſchen.“ „Wohl iſt es ſein Wille,“ ſagte Varney,„ein Wille, entſprungen aus einer Liebe, des Gegenſtandes werth, der ſie einfloͤßte. Allein, wer ein Gut beſitzt, und es zu ſchaͤtzen weiß, huͤtet es oft mit einer Aengſtlichkeit, welche mit dem Werth, den er darauf ſetzt, in Verhaͤltniß ſteht.“— „Wozu nuͤtzen dieſe Reden, erwiederte die Lady,„Ihr wollt mich glauben machen, daß mein edler Gemahl eifer⸗ ſüͤchtig ſey.— Geſetzt auch, dem waͤre ſo, ich kenne ein treffliches Heilmittel gegen Eiferſucht!“ „Wirklich, Mylady?“ fragte Varney. „Es heißt,“ entgegnete ſte:„ſtets wahr ſeyn, Seele und Gedanken ihm immer wie einen reinen Spiegel zeigen, ſo, daß wenn er in mein Herz blickt, er nur immer ſeine eigenen Zuͤge darin ſchauet.“ „ Ich ſchweige, Mylady!“ verſetzte Varney,„und da ich eben keine Urſache habe, um Treſſilian Sorge zu tragen, Kenilworth. 1. Bd. G der mir gern mein Herzblut naͤhme, wenn es in ſeiner Macht ſtaͤnde, werde ich mich leicht daruͤber beruhigen, was dieſem Herrn durch Euer freies Geſtaͤndniß, daß er in Eure Verbor⸗ genheit drang, Boͤſes begegnen kann.— Ihr, die Ihr Mylord beſſer kennt, als ich, werdet zu beurtheilen wiſſen, ob er dieſe Beleidigung ungeraͤcht erdulden wird.“ „Wenn ich mich als die Urſache von Treſſilians Ungluͤck denken koͤnnte,“ ſagte die Graͤin,—„mich, die ich ihm ſchon ſo vielen Kummer ſchuf, koͤnnte ich mich zum Schwei⸗ gen bewogen fuͤhlen.— uUnd dennoch, wozu wuͤrde es helfen, da er von Foſter, und wer weiß von wem ſonſt noch geſehen wurde?— Nein, nein! Varney, ſprecht mir nicht mehr da⸗ von, ich werde Mylord den ganzen Vorfall mittheilen; und zwar mit einer ſolchen Fuͤrſprache fuͤr Treſſilians Unbedacht⸗ ſamkeit, daß das großmuͤthige Herz meines Gemahls weit eher beſtimmt werden ſoll, ihm nuͤtzlich zu werden, als ihn zu ſtrafen.“ „Eure Einſicht, Mylydy!“ erwiederte Varney,„uͤber⸗ trifft bei weitem meine eigene, zumal wenn Ihr, falls Ihr es fuͤr gut faͤndet, das Eis pruͤfen wollt, bevor Ihr es betre⸗ tet; indem Ihr Mylord Treſſilians Namen nennt, und Acht gebt, wie er ſich dabei benimmt. Foſter und ſeine Leute kennen Treſſilian nicht; und ich kann ihnen leicht, fuͤr die Erſcheinung eines unbekannten Fremden, irgend einen glaub⸗ lichen Grund zu hoͤren geben.“ 92 Die Lady ſchwieg einen Augenblick, und ſprach dann: „Wenn es wirklich Foſter noch nicht weiß, Varney, daß der Mann, den er geſehen, Treſſilian war, ſo, ich geſtehe es⸗ wuͤrde es mir unlieb ſeyn, wenn er erfuͤhre, was ihn auf keine Weiſe angeht. Er zeigt ſich jetzt ſchon muͤrriſch genug, und ich will ihn nicht zum Richter oder Vertrauten in mei⸗ nen Privatangelegenheiten.“ „Was hat auch der plumpe Geſell mit Euer Herrlichkeit Angelegenheiten zu ſchaffen?— Nicht mehr, wahrlich, als der Kettenhund, der den Hof bewacht.— Wenn er Euch im geringſten mißfäͤllig iſt, beſitze ich Macht genug, ſtatt ſeiner einen Seneſchall hier anſtellen zu laſſen, der Euch angeneh⸗ mer ſeyn wuͤrde.“ 8 „Latzt uns, Herr Varney!“ ſagte die Graͤſin,„ dieſes Thema abbrechen;— wenn ich uͤber die Dienerſchaft Klage fuͤhre, die Mylord bei mir anſtellte, ſo muß das vor meinem Gemahl ſelbſt geſchehen.— Horch! ich hoͤre das Stampfen eines Pferdes!— Er kommt, er kommt!“ rief ſie aus, in⸗ dem ſie mit frohem Jubel von ihrem Polſter emporſprang. „Ich kann nicht glauben, daß es ſchon Mylord ſey,“ ſagte Varney,„noch daß Ihr durch dieſe dicht verſchloſſenen Laͤden den Hufſchlag ſeines Roſſes hoͤren koͤnnt!“ „Haltet mich nicht auf, Varney!— Nein Ohr iſt ſchaͤrfer als das Eure.— Er iſt's!“ „Aber Mylady! aber Mylady!“ rief Varney aͤngſtlich, indem er ſich ihr noch immer in den Weg ſtellte.—„Ich hoffe, daß das, was ich aus ſchuldiger Pflicht ſprach— mir nicht zum Verderben gereichen wird;— mein treuer Rath hoffe ich, wird doch nicht zu meinem Nachtheil gedeutet wer⸗ den— ich flehe, daß“—— „Ruhig, nur ruhig!“ rief die Graͤfin voll Ungeduld, „wie wagt Ihr's, mich zuruͤckzuhalten, beruhigt Euch, nicht an Euch denke ich.“— In dieſem Augenblick flogen die Fluͤgelthuͤren weit au, und ein Maͤnn von majeſtaͤtiſchem Aeußeren, in die Falten eines langen dunklen Reitmantels gehuͤllt, trat ins Gemach. 3 3 G 2 Ein Anflug von Mißvergnuͤgen und Verwirrung, von ihren vergeblichen Bemuͤhungen, Varneys Beharrlichkeit ab⸗ zuwehren, herbeigefuͤhrt, umwoͤlkte noch das ſchoͤne Antlitz der Graͤfin, wandelte ſich aber ſchnell in den Ausdruck hoͤch⸗ ſter Freude und Liebe, als ſie ſich in die Arme des eintreten⸗ den edlen Fremden warf, ihn mit Heftigkeit an ihre Bruſt druͤckte, und ausrief:„Endlich— endlich biſt Du gekom⸗ men!“ Varney zog ſich beſcheiden zuruͤck, ſo wie ſein Lord her⸗ eintrat, und Janette ſtand im Begriff, ſeinem Beiſpiel zu folgen, als ihre Gebieterin ihr zu bleiben winkte. Sie nahm darauf ihren Platz am fernſten Ende des Zimmers, und blieb ſtehen, als zur Bedienung bereit. 3 Der Graf, denn von keinem geringeren Range war der Fremde, erwiederte die Liebkoſungen der Lady mit dem in⸗ nigſten Feuer, ſchien aber Widerſtand leiſten zu wollen, als ſie ihn des Mantels, der ihn verhüllte, zu entledigen ver⸗ ſuchte. „Aber ich will Dich von der Huͤlle befreien, rief ſie aus, ich will ſehen, ob Du Wort gehalten, und zu mir als der große Graf, wie Dich die Leute nennen, und nicht als einfacher Cavalier, wie wohl fruͤher, gekommen biſt.“ „Du biſt doch ganz wie die uͤbrige Welt,“ ſagte der Graf, indem er ihr den Sies in dem ſcherzenden Streite einraͤumte.„Juwelen, Gold und Seide, gelten ihnen mehr⸗ als der Mann, den ſie zu ſchmuͤcken beſtimmt ſind.— Man⸗ che ſchlechte Klinge birgt ſich in ſammtner Scheide.“ „ So können ja aber die Menſchen von Dir nicht reden⸗ du edler Graf!“ ſagte die Ladh, als nun der Mantel her⸗ — 101— abſank, und er vor ihr ſtand, reich wie ein Prinz gekleidet. „Du biſt der gute, wohlgepruͤfte Stahl, deſſen innerer Werth . ſeinen außeren Schmuck verdient, den er verſchmaͤht. Glaube nicht, mein Leben, Emmy koͤnne Dich mehr lieben, in die⸗ ſem Goldgewande, als fruͤher, wo ſie im Walde von Devon, dem im einfach braunen Mantel Gehuͤllten, ihr Herz gab.“ „Und auch Du,“ ſagte der Lord, indem er mit Anſtand und Majeſtaͤt ſeine ſchoͤne Graͤfin zu dem Thronſitze fuͤhrte, welcher für ſie bereitet war;„und auch Du, meine Theure, haſt eine Kleidung angelegt, die deinem Range gebuͤhrt, ob⸗ gleich ſie deine Reize nicht zu erhoͤhen vermag.— Was denkſt Du von dem Geſchmack unſeres Hofes?“ 3 Die Lady warf einen fluͤchtigen Seitenblick in den gro⸗ ßen Spiegel, an dem ſie voruͤbergingen, und erwiederte dann:„Ich kenne ihn nicht, allein ich denke nicht an mich ſelbſt, wenn ich mich in den Strahlen deines Glanzes ſonne. Setze Du dich hieher, ſprach ſie dann, als ſie vor dem Thronſitze ſtanden,„„du Gegenſtand von Verehrung und Be⸗ wunderung.“ „Gern Theure,“ ſagte der Graf,„wenn Du den Sitz mit mir theilen willſt. „Nicht alſo!“ erwiederte die Graͤfin,„ ich will mich hier auf dieſe Polſter zu deinen Fuͤßen niederlaſſen, damit ich deine Pracht ganz uͤberblicken und lernen kann, wie Prin⸗ zen gekleidet gehen.“ 1 und nun betrachtete und bewunderte ſie mit kindiſchem, ihrer Jugend und ihrer laͤndlichen Erziehung eigenthuͤmli⸗ chen und verzeihlichen Erſtaunen, welches mit einem zarten Anflug hoͤchſter ehelicher Zuneigung gemiſcht war, von der Scheitel bis zum Fuß, die edle Geſtalt und den Anzug deſſen, der die ſiolzeſte Zierde am Hofe der jungfraͤulichen Koͤnigin —-— 102— von England ausmachte; ſo beruͤhmt dieſer auch durch glaͤn⸗ zende Hofleute und weiſe Raͤthe war. Indem er ſo voll In⸗ nigkeit auf die liebliche Gemahlin ſchauete, und ſich von ih⸗ rer kindlich offenen Bewunderung geſchmeichelt fuͤhlte, druͤck⸗ ten das ſchwarze Auge und die edlen Geſichtszuͤge des Grafen Leidenſchaften aus, von milderer Art, als ſeine gebietenden, ſpaͤhenden Blicke, und ſeine erhabene Stirn ſonſt zu verkuͤn⸗ den pflegten, und er laͤchelte ob der reizenden Einfalt, mit der ſie ihn uͤber die Menge der Ehrenzeichen befragte, mit welchen er geſchmuͤckt war. „Der geſtickte Streif, wie Du ihn nennſt, hier um das Knie,“ ſagte er,„iſt das Zeichen vom Orden des Hoſenban⸗ des, ein Schmuck, den Koͤnige zu tragen ſtolz ſind. Sieh hier, dieſer Stern, gehoͤrt dazu, und hier der Diamant Georg, das Juwel des Ordens. Du weißt, wie Koͤnig Eduard und jene Graͤfin von Salesbury)“—— „Ol ich weiß,“ unterbrach ihn die Graͤfin leicht erroͤ⸗ thend,„ich weiß, wie das Strumpfband einer Dame das ſcolzeſte Zeichen von Englands Ritterſchaft wurde.“ „So iſt es,' entgegnete der Graf,„und dieſen ehren⸗ vollen Orden hatte ich das Gluͤck zu gleicher Zeit mit drei der edelſten Genoſſen, dem Herzog von Norfolk, dem Mar⸗ quis von Northampton und dem Grafen von Rutland, zu empfangen. Ich war der niedrigſte, dem Range nach, von allen vieren.— Gleichviel!— Wer eine Leiter erſteigen will, muß mit der erſten Stufe beginnen.“ „Aber dieſe andere koͤſtliche Kette, reich an Juwelen, von denen dieſe hier in der Mitte, in Geſtalt eines Schafes herabhaͤngen, was, fragte die junge Graͤfin, bedeutet dieſes Zeichen?“ — 105— „Dieſe Kette,“ erwiederte der Graf,„welche das Sinn⸗ bild traͤgt, nach dem Du fragſt⸗ i*ſt der hohe Orden vom gol⸗ denen Fließ, einſt dem Hauſe von Burgund gehoͤrend. Er verleiht große Privilegien, meine Emmy; ſelbſt der Koͤnig von Spanien, dem die Rechte und Beſitzungen Burgunds zu⸗ gefallen ſind, kann aͤber keinen Ritter vom goldenen Fließ, ohne Beiſtand oder Einwilligung des großen Ordens⸗Capitels, zu Gericht ſitzen.“ „Wie? dieſer Orden gehoͤrt dem grauſamen Koͤnige von Spanien?“ fragte die Graͤfin.—„Wie magſt Du, mein edler Lord, deine hochherzige engliſche Bruſt entehren, in⸗ dem Du ſolches Zeichen traͤgſt. Gedenke der Tage der un⸗ gluͤcklichen Koͤnigin Maria, wo eben dieſer Philipp mit ihr die Herrſchaft in England theilte; und der Scheiterhaufen, die fuͤr unſere weiſeſten, edelſten froͤmmeſten Praͤlaten und Geiſtlichen errichtet wurden.— Kannſt Du, den das Volk, das Panier des wahren proteſtantiſchen Glaubens nennt, das Zeichen und den Orden eines roͤmiſchen Tyrannen, wie es dieſer Koͤnig von Spanien iſt, tragen?“ „Beruhige Dich, CTheure,“ entgegnete der Graf,„wir, deren Segel der Hofwind ſchwellen muf, koͤnnen nicht immer die Zeichen aufſtecken, welche uns die liebſten ſind; oder zu jeder Zeit vermeiden, unter Flaggen zu ſegeln, die uns zu⸗ wider. Glaube mir, ich bin nicht weniger guter Proteſtant, weil ich aus Politik die Ehre annehmen mußte, welche mir Spanien darbot, indem es mich in dieſen ſeinen hoͤchſten Rit⸗ terorden aufnahm. Ueberdem gehoͤrt er eigentlich zu Flan⸗ dern, und Egmond, Oranien und andere ſind ſtolz darauf, ihn auf einer engliſchen Bruſt zu erblicken.“ 1 —-—- 104— „Du kennſt deinen eigenen Weg am beſten, mein theu⸗ rer Freund,“ erwiederte die Graͤin.—„Und dieſe andere Kette, welchem Lande gehoͤrt dieſes Juwel?“ „Einem ſehr armen, mein Leben!“ verſetzte der Graf, „es iſt der Orden des heiligen Andreas, erneuert vom letzten Jacob, Koͤnig von Schottland; er wurde mir damals verlie⸗ hen, als man glaubte, die junge Wittwe von Frankreich und Schottland wuͤrde ſich gern mit einem engliſchen Baron ver⸗ maͤhlen; aber eine freie Grafenkrone in England iſt mehr werth, als ein angeheiratheter Thron, beherrſcht von der Laune eines Weibes, und nur im Beſitz nordiſcher Felſen und Moraͤſte.“ Die Graͤfin ſchwieg, als ob ſeine letzten Worte eine ſchmerzhafte, aber intereſſante Gedankenreihe bei ihr erweckt haͤtten; und der Graf fuhr fort: „Und nun, du Geliebte! iſt dein Wunſch erfuͤllt. Du haſt deinen Vaſallen in einem Glanze geſehen, den ein Reit⸗ anzug nur erlaubt; denn Staatsgewaͤnder und Grafenkronen ſind nur fuͤr fuͤrſtliche Pallaͤſte.“ „Gut denn,“ ſagte die Graͤfin,„die Gewaͤhrung meines Wunſches hat, wie es denn gewoͤhnlich der Fall iſt, Veran⸗ laſſung zu einem neuen gegeben.“ „Und was gaͤbe es, das Du begehren, und ich nicht er⸗ fuͤllen koͤnnte?“ fragte der liebevolle Gatte. „Ich wuͤnſchte, daß mein Gemahl dieſen verborgenen dunkeln Kerker hier, im vollen Glanz ſeiner Herrlichkeit be⸗ ſuchen moͤchte,“ ſagte die Graͤſin,„und nun ſcheint es mir, als ſehne ich mich danach, in einer ſeiner fuͤrſtlichen Hallen zu verweilen, und ihn in ſeinem braunen Mantel hereintreten zu ſehen, wie damals, als er das Hen d der ar⸗⸗ men Emmy Robſard gewann.“ — 105— „Dein Wunſch iſt leicht gewaͤhrt,“ verſetzte der Graf, —„der dunkelbraune Mantel ſoll ſich Dir ſchon morgen zeigen!“ „So ſoll ich denn,“ rief die Lady,„Dir auf eins dei⸗ ner Schloͤſſer folgen, um zu ſehen, wie der Reichthum dei⸗ ner Wohnung ſich gegen deine einfache Kleidung ausnimmt.“ „Wie, Emmy?“ fragte der Graf, um ſich blickend, „ſind dieſe Gemaͤcher hier nicht mit hinreichender Pracht ge⸗ ſchmuͤckt? Ich gab die uneingeſchraͤnkteſten Befehle, und mir deucht, man iſt ihnen auch gebuͤhrend nachgekommen.— Kannſt Du mir aber etwas nennen, was hier noch fehlt, will ich ſogleich den Auftrag geben—— „Du ſpotteſt meiner, mein Theurer!“ entgegnete Emmy; „der Reichthum dieſer Zimmer regt meine Phantaſie eben ſo maͤchtig auf, als dieſe Einoͤde um mich her. Allein, ſoll nicht dein Weib, mein Trauter!— einſt— bald— mit jener Chre umgeben werden, die weder aus den Koſtbar⸗ keiten, die ihre Gemaͤcher bedecken, noch aus der Seide und aus den Juwelen entſpringt, mit denen deine Groß⸗ muth ſie beſchenkte, ſondern, welche mit dem Range ver⸗ bunden iſt, den ſie als Gemahlin von Englands maͤchtigſtem Lord anzunehmen beſtimmt iſt.“ „Einſt!“ ſagte ihr Gatte;„ja, einſt Emmy! ſoll das gewiß geſchehen, glaube mir, Du kannſt dieſen Tag nicht ſehnlicher als ich erwarten. Mit welchem Entzuͤcken wuͤrde ich mich von den Staatsgeſchaͤften, den Sorgen und Muͤhen des Ehrgeizes losreißen, um mein Daſeyn in Ehre und Wuͤrde, auf meinen zahlreichen Beſitzungen, mit dir, Emmy⸗ meiner theuren Gefaͤhrtin, zu verleben! Allein, Emmy, das kann jetzt noch nicht ſeyn, und dieſe mir ſo theuren, doch geheimen Zuſammenkuͤnfte, ſind alles, was ich der Lie⸗ — 10565— denswürdigſten und Reizendſten ihres Geſchlechts vor der Hand zu bieten vermag.”. „Aber, warum kann es nicht ſeyn?“ fragte die Graͤfin, im Tone ſanfter Ueberredung;—„warum kann ſie nicht auf der Stelle ins Werk gerichtet werden,— dieſe voll⸗ kommnere ununterbrochene Vereinigung, die Du, wie Du ſagſt, wuͤnſcheſt, und welche die goͤttlichen und menſchlichen Geſetze gebieten?— Ach! ſehnteſt Du dich nur halb ſo ſehr darnach, wie Du ſagſt, maͤchtig und beguͤnſtigt wie Du biſt, wer, oder was koͤnnte Dich hindern, deinen Willen zu vollbringen?“ Des Grafen Stirn umwoͤlkte ſich. „Emmy!“ ſagte er,„Du ſprichſt von Dingen, die Du nicht verſtehſt. Wir Hofleute gleichen denen, welche einen Berg von loſem Sande erklimmen;— wir duͤrfen nicht Halt machen, bis irgend ein Felsſtuͤck, welches wir ins Auge gefaßt haben, uns einen feſten ſichern Standpunkt verſchafft, — ruhen wir fruͤher, gleiten wir zuruͤck, von unſerm eigenen Gewicht niedergezogen, ein Gegenſtand allgemeinen Hohnge⸗ laͤhters.— Ich ſtehe hoch, aber ich ſtehe noch nicht ſicher genug, meiner eigenen Neigung folgen zu duͤrfen. Meine Vermaͤhlung erklaͤren, hieße, der Urheber meines eignen Verderbens werden; allein, glaube mir, ich werde den Augenblick feſthalten, ſo wie er ſich zeigt, ſobald ich deine und meine gerechten Anſpruͤche befriedigen kann. Unter⸗ deſſen truͤbe nicht das Gluͤck des gegenwaͤrtigen Augenblicks durch Wuͤnſche, die fuͤr jetzt noch nicht in Erfuͤllung gehen koͤnnen. Sage mir lieber, ob alles hier zu deiner Lufrieden⸗ heit geſchieht. Wie betraͤgt ſich Foſter gegen Dich? hoffentlich in Allem mit Achtung, ſchwer ſollte es ſonſt der Burſchs buͤßen.“ 3 — 207— „Oft werde ich hier an die Nothwendigkeit dieſer Ver⸗ borgenheit erinnert,“ entgegnete die Lady, mit einem Seufzer;„das aber heißt mich an deine Wänſche erinnern, und ſo bin ich mehr geſtimmt ihm dafuͤr zu danken, als ihn zu tadeln.“ 3 „Ich habe Dir bewieſen, wie nothwendig dieſe Einſam⸗ keit iſt,“ erwiederte der Graf.„Foſter iſt, wie ich merke, von muͤrriſcher Laune, Varney aber verbuͤrgt mir ſeine Treue und Ergebenheit in meinem Dienſte. Haſt Du dich aber nur im geringſten uͤber die Weiſe, wie er ſein Amt verwaltet, zu beſchweren, ſo ſoll er es bereuen.“ „Ach! ich habe uͤber nichts zu klagen,“ ſagte die Lady,„wenn er ſein Geſchaͤft mit Treue gegen Dich aus⸗ fuͤhrt; ſeine Tochter Janette iſt meine liebſte und beſte Gefaͤhrtin in dieſer Einſamkeit— der kleine Anſtrich von Froͤmmelei ſteht ihr ſo gut.“ „In der That?“ entgegnete der Graf;„wer zu deinem Vergnuͤgen beitraͤgt, darf nicht unbelohnt bleiben.— Tritt naͤher, Maͤdchen!“ „Janette!“ rief die Graͤfin,„komm hieher.“ Janette, welche, wie wir fruͤher erzaͤhlten, ſich beſchei⸗ den in einiger Entfernung zuruͤckgezogen hatte, damit ihre Gegenwart der Unterredung zwiſchen dem Grafen und ſeiner Gemahlin nicht hinderlich wuͤrde, trat nun heran; und als ſie ſich nach ihrer Weiſe uͤberaus hoͤflich verbeugte, konnte der Graf ein Laͤcheln nicht unterdruͤcken, uͤber den in die Augen fallenden Contraſt, den das außerordentlich Einfache ihrer Kleidung, und die ſtrenge Ehrbarkeit ihrer Blicke, zu dem ſchwarzen Augenpaar bildete, in denen, trotz der Verſuche ſeiner Gebieterin, ernſt zu ſcheinen, ein Läͤcheln ſichtbar war. 3 - 108— „Ich bin Dir verbunden, mein artiges Kind!“ ſagte der Graf,„fuͤr die treuen Dienſte, welche du dieſer Dame geleiſtet;“ bei dieſen Worten zog er einen Ring von eini⸗ gem Werthe vom Finger, und ihn Janette Foſter uͤber⸗ reichend, fuͤgte er hinzu:„trage dieß zu ihrem und meinem Andenken.“ „Ich ſchaͤtze mich gluͤcklich,“ entgegnete Janette ſittſam, „daß meine geringen Dienſte mir die Zufriedenheit meiner Lady erwarben, der ſich niemand zu nahen im Stande iſt, ohne den Wunſch zu hegen, ihr zu gefallen; aber wir Glieder aus der Gemeine des ehrwuͤrdigen Herrn Holdforth, winden nicht, wie die Toͤchter dieſer Welt, Gold um un⸗ ſere Finger, noch tragen wir koſtbare Steine um den Hals, wie die eitlen Weiber von Tyre und Sydon.“ „Ei, Du biſt ja ein ordentlicher Profeſſer der frommen Schweſterſchaft, Janette!“ ſagte der Graf;„dein Vater iſt, wie ich glaube, von derſelben treuen Gemeinde, und ihr ſeyd mir beide darum um ſo lieber; auch kannſt Du leicht den Glanz des Schmucks entbehren; denn deine Finger ſind allerliebſt, und dein Nacken iſt blendend weiß. Hier aber giebt es weder Papiſten noch Puritaner, weder Zweifter noch irgend eine andere Secte, darum nimm nur den Ring, mein Kind, und gebrauche ihn, wie es Dir Vergnuͤgen macht.“ 4 Indem er ſo ſprach, legte er noch fuͤnf gewichtige Gold⸗ ſtuͤkee mit dem Gepraͤge von Philipp und Maria in ihre Hand.. „Ich wuürde auch dies Gold nicht nehmen,“ entgegnete Janette,„hoffte ich nicht einen Gebrauch davon zu machen, 4 der uns allen Segen bringen wird.“ — 109— „Handle ganz damit nach deinem Gefallen, huͤbſche Janette, und meine Abſicht iſt erfuͤllt,“ erwiederte der Graf.—„Nun aber bitte ich, ſorge, daß die Abendmahl⸗ zeit aufgetragen werde.“ „Ich habe Varney und Foſter eingeladen, mit uns zu ſpeiſen,“ ſagte die Graͤſin, als Janette ſich entfernt hatte, um des Grafen Befehl zu vollziehen,„Du biſt doch damit zufrieden?“ „Stets bin ich das mit dem, was Du anordneſt,“ ent⸗ gegnete ihr Gemahl,„vorzuͤglich lieb aber iſt es mir, daß Du ihnen dieſe Ehre erzeigteſt; denn Varney iſt mir von ganzer Seele zugethan, und fuͤr den Augenblick muß ich auch in dieſen Tony Foſter viel Vertrauen ſetzen.“ „Ich haͤtte noch eine Bitte von Dir zu erflehen, und ein Geheimniß Dir mitzutheilen,“ ſagte die Graͤfin mit ſchwankender Stimme. „Laß es bis morgen, meine Theure!“ antwortete der Graf,„dort werden ſchon die Fluͤgelthuͤren zum Banquett⸗ Saal geoͤffnet, und da ich weit und ſchnell geritten bin, wird mir ein Becher Wein willkommen ſeyn.“ So ſprechend, fuͤhrte er ſein geliebtes Weib in das naͤchſte Gemach, wo Varney und Foſter ſie mit tiefen Ver⸗ beugungen empfingen; der Erſtere nach der Sitte des Hofes, der Zweite auf die in ſeiner Gemeinde gebraͤuchliche Weiſe⸗ Der Graf erwiederte ihre Hoͤflichkeitsbezeigungen mit der nachlaͤſſigen Begruͤßung eines Großen, der laͤngſt an ſolche Beweiſe der Ehrerbietung gewohnt iſt; die Graͤfin aber mit einer an Aengſtlichkeit grenzenden Wuͤrde, aus der deutlich hervorging, daß ihr ein ſolcher Empfang noch nicht ſo ganz alltaͤglich geworden ſey. — 110— Das Banquett, zu dem ſich die Geſellſchaft jetzt nieder⸗ ließ, ſtand an Ueberfluß und Pracht auf keine Weiſe dem Gemache nach, in dem es aufgetragen war; allein keine Dienerſchaft war zur Aufwartung bereit; Janette allein war zu dieſem Behuf zugegen, auch war, in der That, die Tafel mit allem, was nur gewuͤnſcht werden konnte, ſo uͤberreichlich verſehen, daß wenig oder gar keine Bedienung noͤthig wurde. Der Graf und ſeine Gemahlin nahmen das Oberende der Tafel ein; Varney und Foſter aber ſaßen jenſeit des Salzfaſſes, wie es damals die Sitte den Untergebenen vorſchrieb. Der Letztere, vermuthlich verlegen, ſich in einer ihm voͤllig ungewohnten Geſellſchaft zu befinden, ſprach waͤhrend der Mahlzeit keine einzige Sylbe; waͤhrend Varney mit großer Gewandtheit und vielem Scharffinn, gra⸗ de ſo viel Theil an der Unterredung nahm, als ohne An⸗ ſchein von Zudringlichkeit, ſeinerſeits noͤthig war, um ſie zu beleben, und die gute Laune des Grafen bis zum hoͤchſten Grade zu ſteigern. Varney war in der That von der Natur mit allen Eigenſchaften begabt, welche fuͤr den Plaß erfor⸗ derlich waren, auf welchem er ſtand. Beſcheiden und vorſich⸗ tig auf der einen, ſchnell, witzig und erfinderiſch auf der an⸗ deren Seite, fuͤhlte ſelbſt die Graͤfin, ſo eingenommen ſie auch in mancher Ruͤckſicht gegen ihn war, ſich durch den Geiſt ſeiner Unterhaltung angezogen, und war mehr als bis⸗ her, geneigt, in das Lob einzuſtimmen, welches der Graf ſeinem Guͤnſtling ſpendete. Endlich erſchien die Stunde der Ruhe, der Graf und ſeine Gemahlin zogen ſich in ihr Schlaf⸗ gemach zuruͤck, und Stille herrſchte den uͤbrigen Theil der Nacht hindurch im Herrenhauſe. 1 Fruͤh, am naͤchſten Morgen, verſah Varney bei demn Grafen das Amt ſeines Kaͤmmerers, ſowohl als das ſeines — 111— Stallmeiſters, obgleich es eigentlich dieſe letztere Stelle war, welche er in der Regel in dem prachtvollen Hofſtaat des Lords bekleidete, in welchem ſich Ritter und Herren aus guter Fa⸗ milie eben ſo gern zur Dienerſchaft rechnen ließen, als es bei Edelleuten von noch hoͤherer Abkunft im Dienſte des Koͤ⸗ nigs der Fall war. Alle Pflichten dieſer Aemter waren Var⸗ ney bekannt, welcher aus einer alten, allein etwas geſunke⸗ nen Familie abſtammend, Page bei dem Grafen, waͤhrend ſeiner fruͤheren, weniger glaͤnzenden Laufbahn geweſen war, und ſich, treu ſeinem Herrn im Mißgeſchick, demſelben ſpaͤ⸗ terhin, bei ſeinem raſchen Fortſchreiten auf dem Pfade des Gluͤcks, ebenfalls auf manche Weiſe nuͤtzlich gemacht hatte. So hatte er bei jenem ein auf vergangene und gegenwaͤrtige Dienſte begruͤndetes Intereſſe erweckt, welches aus ihm einen Theilnehmer des unbegraͤnzteſten Vertrauens ſeines Gebieters machte. „Hilf mir ein einfaches Reitkleid anlegen, Varney!“ ſagte der Graf, indem er ſeinen langen weiten Morgenrock von gebluͤmter Seide ablegte, und auf die auf dem Tiſche liegenden Ehrenzeichen deutend, fuhr er fort:„bewahre auch dieſe Orden und Ketten, mein Nacken vermochte am geſtri⸗ gen Abend kaum ihr Gewicht zu tragen.— Halb bin ich entſchloſſen, ihren Druck nicht laͤnger zu dulden. Es ſind Bande, welche Schelme erfanden, Narren damit zu feſſeln; was denkſt Du davon, Varney?“ „Meiner Treu, Mylord!“ entgegnete ſein Kaͤmmerer, „ich meine, goldene Ketten ſind nicht mit andern Feſſeln zu vergleichen; je ſchwerer an Gewicht, deſto willkomm'ner.“ „ Trotz alle dem,“ erwiederte ſein Gebieter,„bin ich halb und halb entſchloſſen, mich nicht laͤnger durch ſie an den Hof binden zu laſſen. Was koͤnnen fernere Dienſte und — 112— hoͤhere Gunſt mir noch mehr geben, als den hohen Rang und die großen Beſitzungen, welche ich ſchon mein nenne?— Was fuͤhrte wohl anders meinen Vater unter des Henkers Beil, als daß er ſeine Wuͤnſche nicht nach Recht und Ver⸗ nunſt beſchraͤnkte?— Auch ich habe, wie Du weißt, ſchon manche Widerwaͤrtigkeit erfahren, und bin daher feſt ent⸗ ſchloſſen, die See nicht laͤnger zu verſuchen, ſondern mich ruhig am ufer niederzulaſſen.“ „Und mit Cupido Muſcheln zu ſuchen! Nicht wahr?“ ſagte Varney. 4 „Was meint Ihr damit, Varney?“ fragte der Graf mit einiger Heftigkeit. „Zuͤrnt mir nicht, Mylord,“ erwiederte Varney. „Wenn Ew. Herrlichkeit ſich in Geſellſchaft einer ſo liebens⸗ wuͤrdigen Lady ſo gluͤcklich ſinden, daß Sie, um ihres Umgangs mit etwas mehr Freiheit zu genießen, alles das⸗ jenige aufzuopfern bereit ſind, wofuͤr Sie bis jetzt lebten, ſo moͤgen immer einige Eurer armen Diener darunter lei⸗ den. Mich hat Eure Guͤte ſo wohl bedacht, daß ich genug haben werde zu leben, wie es dem Range gebüͤhrt, den ich in Ihrer Dienerſchaft einnahm.“ „Doch ſcheint Ihr unzufrieden, als ich vorſchlug, ein gefaͤhrliches Spiel aufzugeben, welches mit unſerm beider⸗ ſeitigen Untergange enden koͤnnte.“ „Ich, Mylord?“ fragte Varney;„wahrlich ich haͤtte nicht Urſache unzufrieden daruͤber zu ſeyn, wenn ſich Eure Herrlichkeit zuruͤckzoͤgen.— Nicht Richard Varney wuͤrde das Mißfallen der Maͤjeſtuͤt und den Spott des Hofes zu erdulden haben, wenn die herrlichſte Groͤße, die je auf Fuͤrſtengunſt gebaut wurde, wie leichter Morgenfroſt dahin ſchmilzt.— Nur wuͤnſchte ich, Mylord! daß Ihr, bevor Ihr einen — 115— einen Schritt wagt, der nie zuruͤck gethan werden kann, erſt Euch mit Euch ſelbſt uͤber den Ruhm und das Gluͤck auf der neuen Laufbahn, die Ihr vorhabt, berathen wolltet.“ „Sprich weiter, Varney!“ unterbrach ihn der Graf, „noch habe ich nichts beſtimmt, ſag' ich Dir; alle Gruͤnde fuͤr und gegen werde ich vorher reiflich uͤberlegen.“ „ Gut denn, Mylord,“ fuhr Varney fort,„wir wollen uns einmal den Schritt gethan, die Koͤnigliche Stirn in Falten gelegt, den Mund der Hoͤflinge zum ſpoͤttiſchen Läͤ⸗ cheln verzogen, und Eure Freunde traurend, denken. Ihr habt Euch zuruͤckgezogen, wollen wir annehmen, auf eins Eurer entfernteſten Schloͤſſer, ſo weit vom Hofe, daß Ihr weder die Klagen Eurer Freunde, noch das Frohlocken Eurer Feinde hoͤren konnt. Wir wollen nun noch dazu den Fall ſetzen, daß Euer dann gluͤcklicher Nebenbuhler,(was uͤbrigens ſehr zu bezweifeln) ſich damit begnuͤgen wuͤrde, die Zweige des großen Baumes, der ihn ſo lange der Sonne beraubte, zu beſchneiden, ſtatt darauf zu beſtehen, Euch mit der Wur⸗ zel auszureißen. Wohl denn, Englands erſter Guͤnſtling, Handhaber ſeines Commando⸗Stabes und Leiter ſeines Par⸗ laments, iſt nun Land⸗Baron, jagt, richtet Falken ab, trinkt Ale mit Dorf⸗Edelleuten, und muſtert ſeine Leute nach dem Commando des Sheriffs.“ „Haltet ein, Varney,“ unterbrach ihn der Graf⸗ „ Nein Mylord,“ fuhr jener fort,„Ihr muͤßt mich mein Gemaͤlde ganz ausmalen laſſen.— Suſſex regiert England — die Thronfolge ſoll feſtgeſtellt werden— ein Weg iſt dem Ehrgeize eroſfnet, glaͤnzender, als es ſich dieſer je traͤumen ließ— Ihr hoͤrt das alles, waͤhrend Ihr an Eurem Kamine ſitzt,— nun fangt Ihr an zu bedenken, welche Hoffnungen Ihr aufgegeben, welche Bedeutungsloſigkeit Ihr ergriffen Kenilworth. 1. Bd.— H — 114— und das alles, um zaͤrtlich in Eurer ſchoͤnen Gattin Augen oͤfterer als alle vierzehn Tage einmal blicken zu koͤnnen.“ „Nichts mehr davon, Varney,“ entgegnete der Graf, „ich ſagte nicht, daß dieſer Schritt, den meine eigne Ruhe und Zufriedenheit verlangen koͤnnte, ſchnell und ohne ſchul⸗ dige Ruͤckſicht auf das oͤffentliche Wohl unternommen werden ſollte. Glaube es mir, Varney! ich unterwerfe meinen Wunſch nach Zuruͤckgezogenheit, nicht, veil ich dazu vom Ehrgeiz angetrieben werde, ſondern weil ich die Stellung behaupten muß, in welcher ich zur Zeit der Noth meinem Vaterlande am nützlichſten ſeyn kann.— Beſtelle augen⸗ blieklich die Pferde— ich will, wie fruͤher, im Lioree⸗Mantel reiten— Du ſollſt f Herr ſeyn; vergiß nichts, was Verdacht entfernen nn. Wir wollen zu Roß, noch bevor es Tag wird; ſchne ile Dich, ich nehme nur von mei⸗ ner Gemahlin Abſchied und bin dann reiſefertig. Meinem armen Herzen thue i alt Am, und verwunde eins, mir noch theurer als mein rigenes. Aber vor dem Staatsdiener muß der Ehemann zuruͤcktreten.— N achdem er dieſes mit einem ſchwermuͤthigen aber ersſcloſenen Ton auzge hrochen hatte, verließ er das Ankleidezimmer. „Ich bin froh, daß du gegangen biſ, dachte Varney, ſonſt, ſo geuͤbt ich auch bin, mit den Thorheiten der Men⸗ ſchen umzugehen, haͤtte ich dir ins Geſicht lachen m d magſt dein Spielwerk, das niedliche Stuͤckchen— Fleiſch, hier putzen und ſchmuͤcken ſo viel du willſt, ich dir kein Hinderniß in den Weg legen; doch darfſt alten Puppe, Ehrgeiz genannt, nicht uͤberd denn indem du den Berg erklimmſt, Mylor chard Varney mit dir hinaufziehen; und u lungen anzutreiben, aus denen er Nugan — wird er, glaub' es ihm, weder Sporn noch Peitſche ſparen. — Und was euch betrifft, meine ſchoͤne Lady, die ihr ſo von Herzen gern Graͤfin in aller Form Rechtens ſeyn moͤchtet, ihr wuͤrdet wohl thun, meine Wege nicht zu durchkreuzen, wenn euch anders daran gelegen iſt, eine alte Schuld nicht auf neue Rechnung zu ſehen.„Du ſollſt Herr ſeyn“ ſprach er.— Meiner Treu! er ſoll erfahren, daß er wahrer geſpro⸗ chen, als er es geglaubt— er, der nach dem Urtheil vie⸗ ler der weiſeſten Maͤnner, Burleih und Walſingham in der Politik, und Suſſex im Kriege uͤbertrifft, ſoll der Muͤndel ſeines eigenen Dienſtmannes werden; und das alles eines nußbraunen Augenpaars, eines weißen und rothen Geſichtchens, und ſeines falſchen Ehrgeizes wegen. Und den⸗ noch, wenn je die Reize eines ſterblichen Weibes fuͤr die Ver⸗ irrung eines politiſchen Kopfes Entſchuldigung ſeyn koͤnnen, hatte Mylord die Seinige am geſtrigen Abend zur Hand. Wohl denn— laß die Kugel rollen wie ſie will, er ſoll mich groß, oder ich will mich ſelbſt gluͤcklich machen; und wenn dies ſanftere Werk der Schoͤpfung, ihre Unterredung mit Treſſilian verſchweigt, wie ich hoffe, daß ſie es aus Vorſicht thun wird, muß ſie mit mir, zur gegenſeitigen Aufrechthal⸗ tung, gemeinſchaftliche Sache machen, ſelbſt wider ihren Aber ich muß hinunter zu den Gaͤulen.— Heute, ordne ich den Zug; bald indeß kann die Zeit kom⸗ mein Stallmeiſter mein eignes Gefolge in Be⸗ ſtellt.“ Nach dieſen Worten verließ er das Gemach. eſſen war der Graf wieder in das Schlafgemach getreten, entſchloſſen, ſeiner liebenswuͤrdigen Gemahlin ein kurzes Lebewohl zu ſagen, und ſich faſt ſcheuend die unterre⸗ dung zu beginnen, aus Furcht, aufs neue Bitten von ihr zu vernehmen, die ihm abzuwehren ſo ſchwer wurden; ſeine ſo H 2 - 116— eden ſtatt gehabte Unterredung mit ſeinem Stallmeiſter aber hatte ihn beſtimmt, nicht nachzugeben. Er fand ſie in einem weiten Morgenmantel von Seide, mit einem reichen Futter von Zobelfell, ihre Fuͤßchen waren noch ſtrumpflos, ſchluͤpften aber eilig in die Pantoffeln, als er hereintrat; ihr Lockenhaar wogte unter der Nachthaube hervor, und kein Putz ſchmuͤckte ſie ſonſt, als ihre eigenen Reize, welche noch durch den Kummer, uͤber die bevorſtehen⸗ de Trennung, der ſich in ihren himmliſchen Zuͤgen ausſprach, erhoͤht wurden. „Nun Gott ſey mit Dir, mein theures, liebſtes Leben,“ ſagte der Graf, ſich muͤhſam aus ihren Umarmungen los windend, gleich darauf aber wieder auf ſie zu eilend, um ſie aufs neue wieder und wieder an ſeine Bruſt zu druͤcken, und ihr wieder noch einmal Lebewohl zu ſagen, ſie noch einmal zu kuͤſſen, und noch einmal in ſeine Arme zu ſchließen. „Die Sonne iſt am Rande des blauen Horizonts aufge⸗ gangen,— ich darf nicht laͤnger weilen— jetzt ſollte ich ſchon ein Paar Stunden Wegs zuruͤckgelegt haben.” Mit dieſen Worten bemuͤhte er ſich endtich den ſchmerz⸗ lichen Abſchied zu kuͤrzen. „So willſt Du denn meinen Wunſch nicht ſprach die Graͤfin;„du boͤſer Ritter! that je eine waͤhren nicht ſogleich bereit geweſen waͤre?“ „Alles Emmy, alles was du fordern kannſt, wi fuͤllen, alles, ausgenommen das, was uns Beiden den nu tergang bereiten koͤnnte.“ „Es iſt jetzt nicht die Rede von meinem Wunſch, ſagte die Lady,„in der Wuͤrde anerkannt zu werden, welche mich, 4 als Gattin des maͤchtigſten Lords, des beliebteſten, angeſehen⸗ ſten, edelſten Mannes des ganzen Reichs, zum Gegenſtand des Neides von ganz England machen wuͤrde.— Erlaube mir nur, ich bitte Dich, dies Geheimniß mit meinem theu⸗ ren Vater zu theilen!— Nur ſeinen, meiner unwuͤrdigen Irrthum, laß mich enden— ſie ſagen, er ſey krank, der gute, alte, liebevolle Mann!— „Sie ſagen?“ fragte der Graf heftig,„wer ſagt ſot erfuhr nicht dein Vater durch Varney alles, was wir ihm fuͤr jetzt, ruͤckſichtlich deines Gluͤckes und deiner Verhaͤltniſſe, mittheilen duͤrfen. Und hat er Dir nicht erzaͤhlt, daß der alte gute Herr froͤhlich und in guter Geſundheit ſeiner Lieb⸗ lingsneigung, der Jagd, oblag?„Wer hat gewagt, Dir ſo ganz andere Dinge in den Kopf zu ſetzen?“ „Ach, Niemand, Niemand! mein theurer Freund,“ ent⸗ gegnete die Graͤfin, etwas erſchrocken uͤber den Ton, in wel⸗ chem die Frage ausgeſprochen wurde.„Aber dennoch My⸗ lord, moͤchte ich mich gern durch meine Augen uͤberzeugen, daß mein Vater wirklich wohl ſey.“ „Sey ruhig, Emmy,“ erwiederte der Graf,„Du darfſt fuͤr jetzt noch keine Gemeinſchaft mit deinem Vater, oder ſeinem Hauſe haben. Abgeſehen davon, daß es eine Haupt⸗ regel der Politik iſt, kein Geheimniß mehreren anzuvertrauen, als durchaus erforderlich, ſo waͤre ſchon ein hinlaͤnglicher Grund der Geheimhaltung der Umſtand, daß jener aus Corn⸗ walles, jener Trevanier oder— Treſſilian, oder wie er ſonſt heißen mag, das Haus deines Vaters beſucht, und folglich jede dort ſtatt habende Mittheilung erfahren wuͤrde.“ „Mylord!“ entgegnete die Graͤfin,„ich bin uͤberzeugt, daß dem nicht ſo ſeyn wuͤrde. Mein Vater iſt ſeit langer Zeit, als ein wuͤrdiger, achtungswerther Mann bekannt, und was Treſſilian betrifft, will ich die Grafenkrone daran ſetzen, —-— 118— welche ich einſt mit Euch zu theilen, beſtimmt bin, daß wenn wir uns nur ſelbſt das Boͤſe vergeben koͤnnen, welches wir ihm zufuͤgten, er ſeinerſeits unfaͤhig iſt, Beleidigung mit Beleidigung zu vergelten.“ „Ich wuͤrde ihm dennoch nicht trauen,“ ſagte der Graf, „bei meiner Ehre, Emmy, ich wuͤrde ihm dennoch nicht trauen.— Ich wollte lieber den boͤſen Feind in unſer Ge⸗ heimniß ziehen, als dieſen Treſſilian.“ „Und warum, Mylord!“ fragte die Graͤfin, indem ein leichter Schauder ihre Glieder, über die Beſtimmtheit, mit welcher der Graf ſeine Verſicherung ausſprach, durchfuhr,„o ſagt mir doch, warum Ihr ſo boͤſe von Treſſilian denkt.“ „Madam!“ entgegnete der Graf,„mein Wille pflegt ein hinreichender Grund zu ſeyn; verlangt Ihr aber mehrere, ſo bedenkt, wer dieſer Treſſilian iſt, und mit wem er in Verbindung ſteht.— Er iſt hoch angeſchrieben bei jenem Suſſex, gegen den ich kaum im Stande bin, meinen Stand in der Meinung unſerer argwoͤhniſchen Gebieterin zu behaup⸗ ten; wuͤrde er den Vortheil uͤber mich gewinnen, Emmy, von unſerer Vermaͤhlung unterrichtet zu ſeyn, bevor Eliſabeth darauf vorbereitet waͤre, aus ihrer Gnade waͤre ich geſtoßen, auf immer— Gunſt und Guͤter ledig, denn ſie hat etwas vom Charakter ihres Vaters Heinrich;— ein Opfer, ein vollkommenes Opfer ihres beleidigten eiferſüchtigen Gemniiht wuͤrde ich ſeyn.“ „Aber noch einmal, Mylord!“ wiederholte die gndy, warum denkt Ihr ſo boͤſe von einem Manne, den Ihr ſo wenig kennt? Was Ihr von Treſſilian wißt, erfuhrt Ihr durch mich, und ich bin es, die Euch die Verſicherung giebt, daß er unter keinem Verhaͤltniß unſer Geheimniß verrathen wuͤrde. That ich ihm Unrecht, Euretwegen Mylord, ſon 1 6 8 — 119— mir jetzt um ſo mehr daran gelegen, daß Ihr ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren laßt.— Ihr ſeyd beleidigt, wenn ich nur von ihm ſpreche, was wuͤrdet Ihr erſt ſagen, haͤtte ich ihn wirklich geſehen?“. „Haͤttet Ihr das,“ entgegnete der Graf mit ſteigender Heftigkeit,„dann wuͤrdet Ihr wohl thun, Eure Unterredung mit ihm ſo geheim zu halten, als Worte in der Beichte ge⸗ ſprochen, verſchwiegen bleiben. Ich ſuche keines Menſchen Verderben, aber wer ſich in meine Privatverhaͤltniſſe draͤngt, wuͤrde beſſer thun, auf ſeinen kuͤnftigen Weg Acht zu geben. Der Lswe duldet nicht, daß man ſeinen furchtbaren Pfad durchkreuzt.“ 1 „Furchtbar! ja furchtbar!“ ſagte die Graͤfin erbleichend. „Du biſt unwohl, meine Theure,“ rief der Graf, ſie mit ſeinem Arm unterſtuͤtzend,„begieb Dich wieder zur Ruhe, für Dich iſt es noch zu fruͤh, das Lager zu verlaſſen.— Sprich, haſt Du ſonſt noch etwas von mir zu begeh⸗ ren?“—-— „Nichts mein Herr und Gemahl,“ erwiederte ſie mit ſchwacher Stimme,„es war etwas, das ich Euch erzaͤhlen wollte, doch Euer Zorn hat es aus meinem Gedaͤchtniß ver⸗ wiſcht.“ 1 „Bewahre es, bis zu unſerer naͤchſten Zuſammenkunft, mein Leben!“ ſprach der Graf mit Zaͤrtlichkeit, indem er ſeine Gemahlin noch einmal in ſeine Arme ſchloß,„und wenn Du mich nur nicht mit Bitten kraͤnkſt, die ich nicht gewaͤhren kann noch darf, ſo muͤßte die Erfuͤllung deiner Wuͤnſche außer der Macht Englands und ſeiner weitlaͤuftigen Beſitzungen liegen, wenn ſie nicht bis auf den letzten Buch⸗ ſtaben befriedigt werden ſollten.“ — 120— So ſprechend, nahm er zum letztenmal Abſchied. Am unte⸗ ren Ende der fruͤher erwaͤhnten breiten Treppe, empfing er aus Varneys Haͤnden einen weiten Lioreemantel, nebſt einem großen niedergeſchſagenen Hut; er huͤllte ſich ein, und be⸗ deckte mit dem letzteren ſein Geſicht, um ſowohl ſeine Ge⸗ ſtalt als ſeine Geſichtszuͤge zu verbergen. Pferde ſtanden im Hofe fuͤr ihn und Varney bereit; zwei Leute aus ſeinem Gefolge, mit dem Geheimniß in ſo weit ver⸗ traut, daß ſie wußten, oder erriethen, ihr Graf un⸗ terhalte eine Liebſchaft mit irgend einer ſchoͤnen Dame hier im Herrenhauſe, deren Namen und Stand ihnen aber unbe⸗ kannt war, waren ſchon in der Nacht voraus geſandt worden. Anthony Foſter ſelbſt hielt den Zuͤgel von dem Pferde des Grafen, eines ſtarken, raſchen Landſtraßen⸗Kleppers, waͤhrend ſein alter Diener den Zaum des anſehnlichen Roſſes gefaßt hatte, welches Richard Varney, in der Eigenſchaft als Gebjeter, beſteigen ſollte. Als der Graf ſich nahete, trat indeſſen Varney vor, ſeinem Herrn den Zuͤgel zu halten, und zu verhindern, daß Tony Foſter ein Amt bei demſelben verwalte, welches er, als ſeiner Sorge uͤbergeben, betrachtete. Tony Foſter blickte muͤrriſch ob dieſer Dazwiſchenkunft, welche die Abſicht zu ha⸗ ben ſchien, ihn zu verhindern, ſeinem Beſchuͤtzer ſeine Ehr⸗ erbietung zu bezeigen; machte aber Varney Platz. Der Graf ſchwang ſich ohne weitere Bemerkung in den Sattel, und—* ritt, uneingedenk, daß ihn ſein angenommener Charakter als Diener die Pflicht auflege, hinter ſeinem Herrn zu reiten, gedankenvoll zum Viereck hinaus, nicht, ohne wiederholt ſeine Hand gegen das Fenſter zu neigen, hinter dem die Graͤfin in ihrem Gemache ſtand, lhm in mit ihrem Schleier. bewohl zuwinkend. - 221— Waͤhrend ſo ſeine ſtattliche Geſtalt unter dem dunkeln Bogengange, Kr aus dem Viereck fuͤhrte, verſchwand, mur⸗ melte Varney vor ſich hin:„Schoͤne Ordnung das— dort reitet der Diener vor dem Herrn;“ dann groriff er, als der Graf voͤllig ihren Blicken entzogen war, den Moment, um noch ein Woͤrtchen mit Foſter zu ſprechen.„Du blickſt fin⸗ ſter auf mich, Foſter,“ ſagte er,„als haͤtte ich Dich um ei⸗ nen gnaͤdigen Abſchiedsgruß von Mylord gebracht; aber ich habe ihn bewogen, Dir ein beſſeres Andenken fuͤr deine treuen Dienſte zuruͤckzulaſſen. Sieh hier, dieſe Boͤrſe mit ſo gutem Golde gefuͤllt, aes ſich je zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger eines Geizhalſes bewegte. Ja, zaͤhle ſie nur Burſche,“ fuhr er fort, als Foſter den Schatz mit einem wi⸗ derwaͤrtigen Laͤcheln in Empfang nahm;„und lege den ſchoͤ⸗ nen Lohn dabei, welcher am geſtrigen Abend deiner Janette geworden.“ „Wie das! wie das!“ fragte Foſter heftig;„hat er mei⸗ ner Tochter Geld gegeben?“ „Nun, und warum nicht?— verdienen ihre Dienſte bei der ſchoͤnen Lady keine Belohnung?“ „Sie ſoll dafuͤr keine verlangen,“ ſagte Foſter,„ ſie ſſoll ſie zuruͤckggeben. Ich weiß, ſeine Neigungen ſind eben ſo kurz als heftig; ſein Sinn iſt wandelbar wie der Mond.“ „Wie, Foſter! biſt Du raſend, glaubſt du Thor, My⸗ lord wuͤrde ein Auge auf deine Tochter werfen?— Wer zum Teufel wollte wohl dem Schlage der Droſſel horchen, wenn die Nachtigall ſingt?“ „Nachtigall oder Droſſel, alles iſt dem Vogelſteller gleich; und Ihr, Herr Varney, verſteht die Lockpfeife meiſterlich, Voͤgel aller Art in ſein Garn zu ziehen. Ich verlange fuͤr meine Janette keine ſolche Teufelsbefoͤrderung, — 122— als Ihr ſie ſchon manchem armen Maͤdchen verſchafftet.— Wie, Ihr lacht? Ein Glied meiner Familie will ich wenig⸗ ſtens vor den Teufelskrallen bewahren, darauf koͤnnt Ihr Euch verlaſſen.— Sie ſoll das Geld zuruͤckgeben.“ „So gieb es deinem Knecht,“ entgegnete Varney, ihm wird es willkommen ſeyn. Aber ich habe uͤber Ernſteres mit Dir zu ſprechen.— Unſer Herr kehrt fuͤr uns in einer boͤſen Stimmung nach Hofe zuruͤck.“ „Wie meint Ihr das? iſt er ſchon ſeines niedlichen Spielwerks droben muͤde? Er hat es fuͤr hohen Preis er⸗ kauft, und ich wette, ſein Handel reuet ihn.“ „Fehl geſchoſſen, Tony, er iſt in ſie vernarrt, und will ihrentwegen den Hof verlaſſen.— Gute Nacht dann Hoffnung und Reichthum— die Kirchengüter werden ein⸗ gezogen, und die Verwalter haben von Gluͤck zu ſagen, werden ſie nicht noch mit Strenge angehalten, Rechnung abzulegen.“ „Das waͤre unſer Ungluͤck,“ ſagte Foſter, indem ſich ſeine Geſichtszuͤge noch mehr verfinſterten;„und alles um eines Weibes willen!— Geſchaͤhe es noch zum Heil ſeiner Seele, ſo waͤre es doch etwas; ich ſelbſt wünſche zuweilen das Weltliche abſtreifen zu koͤnnen, was noch an mir klebt, und dem aͤrmſten Gliede unſerer Kirche gleich zu ſeyn.“ „Du biſt nahe daran es zu werden, Tony!“ entgegnete Varney;„aber ich glaube, der Teufel wird Dir auf deine unfreiwillige Armuth nur wenig zu Gute thun, und ſo ver⸗ loͤrſt du zwiefach. Darum folge meinem Nath, und Cum⸗ nor⸗Place ſoll dennoch dein Lehngut werden.— Sprich nicht vom Beſuch dieſes Treſſilian.— Hoͤrſt Du, kein Wort, bis ich Dir Nachricht gebe.“ „Und marum nicht?“ fragte Foſter aronoͤhniſch. — 123— „Dumkopf!“ erwiederte Varney,„bei Mylords jetziger Laune waͤre es der geradeſte Weg ihn in ſeinem Entſchluß zu beſtimmen, wenn er erfuͤhre, daß ſeiner Geliebten in ſeiner Abweſenheit ein ſolcher Geiſt erſchienen. Ohnfehlbar wuͤrde er dann ſelbſt der Drache ſeyn wollen, ſeine goldene Frucht zu bewachen, und dann, Tony! geht's mit deinem Amte hier zu Ende. Du weißt genug, denke ich, und nun lebe wohl!— ich muß ihm nach.“ Er wandte ſein Roß, ſetzte ihm die Sporen in die Seite und ſprengte durch den Bogengang ſeinem Gebieter nach.. „Wuͤnſcht ich doch, daß es mit deinem Amte zu Ende ginge, oder daß Du den Hals braͤcheſt, verdammter Kuppler⸗ du!“ murmelte Foſter;„aber ich muß ſeinen Wink befolgen, denn ſein und mein Intereſſe ſind eins, und er kann den ſtolzen Grafen nach ſeinem Willen lenken. Janette aber ſoll mir die Goldſtuͤcke ausliefern— damit ich ſie zu irgend einem gottgefaͤlligen Werke anwende; ich werde ſie bei Seite in meine wohl verwahrte Kiſte thun, bis ſich eine ſolche paſſende Gelegenheit fuͤr ſie findet. Kein anſteckender Athem ſoll mein Kind anhauchen; ſie ſoll wie ein reiner Geiſt vor dem Herrn erſcheinen, waͤre es auch nur, um fuͤr ihren Vater zu beten. Ich bedarf ihres Gebets.— Seltſame Geruͤchte ſind uͤber meinen Lebenswandel in Umlauf, kalt blickt die Gemeinde auf mich, und als Herr Holdforth vor kurzem von der Scheinheiligkeit ſprach, und ſie mit eigem weiß uͤbertuͤnchten Grabſtein verglich, unter dem Todten⸗ gebeine ruhen, da kams mir vor, als blicke er mich an. Der roͤmiſche Glaube war bequemer, Lambourne hatte recht. Man brauchte nur den Roſenkranz zu beten,— ſeine Meſſe zu hoͤren— in die Beichte zu gehen, und die Abſolution — 124⁴— zu empfangen. Dieſe Puritaner wandeln einen rauheren Pfad; aber ich will einen Mittelweg einſchlagen— und ſtets eine Stunde lang in der Bibel leſen, beyor ich meine eiſerne Geldkiſte aufſchließe.“ Varney ſprengte unterdeſſen ſeinem Gebieter nach, den er vor jener hinteren Thuͤr des Parks, ſeiner harrend, fand. „Ihr nahmt Euch zeit, Varney!“ ſagte der Graf, „wir haben Eile, ich muß Woodſtock erreicht haben, bevor ich ſicher meine Verkleidung ablegen kann, bis dahin reiten wir nicht ohne Gefahr!“ „Reiten wir raſch, ſind wir in zwei Stunden dort,“ entgegnete Varney;„ich erneuerte nur noch jenem Foſter Eure Befehle, Sorgfalt und Verſchwiegenheit betreffend, und befragte ihn zugleich uͤber die Wohnung deſſen, den ich in die Dienſte Ew. Herrlichkeit anſtellen moͤchte. 3 „Meinſt Du, daß er fuͤr die ittaaulinie der e Darzimnmr kaugt?“ ſagte der Graf. „Er verſpricht viel, Mylord,“ erwiederte Varney; „wenn Ihr voranreiten wollt, koͤnnte ich zuruͤck nach Cumnor eilen, und ihn zu Ew. Herrlichkeit nach PardKa bringen, noch bevor Ihr aufgeſtanden.“ „Ganz recht! ich liege dort jetzt in meinem Bette, wie Du weißt,“ entgegnete der Graf;„und ich bitte Dich, deinen Gaul nicht zu ſchonen, um bei meinem Leyer gegenwaͤrtig zu ſeyn.“ So ſprechend, gab er ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte von dannen, waͤhrend Varney, den Park vermei⸗ dend, auf der gewoͤhnlichen Landſtraße nach Cumnor zuruͤck⸗ ritt. Vor der Thuͤr des Wirthshauſes:„zum guten braunen Bier,“ hielt er an, und verlangte Michgel — 125— Lambourne zu ſprechen. Dieſer Ehrenmann zöoͤgerte nicht, vor ſeinem neuen Beſchuͤtzer zu erſcheinen, aber es geſchah mit niedergeſenktem Blick. „Du haſt Treſſilians Spur verloren,“ rief ihm Varney entgegen,„dein truͤbſeliges Geſicht verkuͤndet's mir; iſt das deine Gewandtheit, unverſchaͤmter Burſche?“ „Hoͤllenelement!“ entgegnete Lambourne,„noch nie ward eine Spur beſſer verfolgt;— ich fand ihn hier bei meinem Oheim,— klebte an ihm wie Bienenwachs— ſah ihn noch bei der Abendmahlzeit,— bewachte ihn, bis er auf ſein Zimmer ging,— und preſto— heute Morgen iſt er fort, und kein Teufel weiß, wohin?““ „Das klingt, als wolle man mir ein Maͤhrchen aufbin⸗ den,“ entgegnete Varney;„waͤre dem ſo, ſchwer ſollteſt Du es bereuen.⸗ „Herr! ſelbſt der beſte Hund kann die Spur verlieren,“ erwiederte Lambvurne;„wozu würd' es mir helfen, haͤtte ich den Burſchen entwiſchen laſſen! Ihr moͤgt Giles Gosling, den Wirth hier,— die Stallknechte, Bierzapfer, Cecilie und den ganzen Hausſtand fragen, wie ich ihn bewachte, ſo lange er auf den Beinen war.— Mein Seel! man konnte nicht erwarten, daß ich ihn, als er zu Bette gegangen, auch noch wie eine Krankenwaͤrterin huͤten ſollte.“ Varney richtete in der That einige Fragen in dieſer Ruͤckſicht an die Leute im Wirthshauſe, welche ſaͤmmtlich Lambournes Ausſage beſtaͤtigten. Treſſilian, ſo ſtimmten alle uͤberein, mußte ploͤtzlich mitten in der Nacht abgereiſt ſeyn. „Aber ich will keinem Menſchen Uebels nachreden,“ ſagte Giles Gosling.„Auf dem Tiſche in ſeinem? Zimmer ließ er den vollen Betrag ſeiner Rechnung zuruͤck; nebſt Trinkgelder fuͤr die Aufwaͤrter, welches letztere um ſo weniger nothwendig ge⸗ — 126—. weſen waͤre, da er, wie es ſcheint, ſeinen Wallach ganz allein, ohne Huͤlfe des Stallknechts ſattelte.“ So von der Treue Lambourne's uͤberzeugt, begann nun Varney eine Unterredung mit ihm, uͤber ſeine Ausſichten fuͤr die Zukunft, wobei er ihm zu hoͤren gab, daß er glaube, von Foſter vernommen zu haben, wie er nicht abgeneigt ſey, in die Dienſte eines Edelmanns zu treten. „Seyd Ihr,“ fragte er,„je am Hofe geweſen?“ „Nein,“ entgegnete Lambourne,„ſeit meinem zehn⸗ ten Jahre aber, traͤumt mir faſt alle Woche einmal, ich ſey dort und mache mein Gluͤck.“ „Vielleicht liegt nur die Schuld an Euch, wenn euer Traum nicht in Erfuͤllung geht,“ ſagte Varney; ſehd Ihr arm?“ „Ey nun, ich liebe die Freuden dieſer Welt!“ ent⸗ gegnete Lambourne. „Genuͤgend geantwortet, und aufrichtig zugleich,“ erwiederte Varney.„Kennt Ihr einige jener Eigenſchaften, welche von dem Diener eines emporſtrebenden Hofmannes gefordert werden?““ 1 „Ich habe ſie mir ungefaͤhr ſo vorgeſtellt, Herr!“ ant⸗ wortete Lambourne;„zum Beiſpiel, ſchneller Blick— verſchloſſener Mund— fertige und kuͤhne Hand— ſcharfer Witz, und ein ſtumpfes Gewiſſen.“ 1„Und das Deinige, glaub' ich,“ fiel ihm Varuey in's Wort,„hat ſeine Schaͤrfen laͤngſt abgeſtoßen.“ „Ich erinnere mich nicht, Herr!“ entgegnete Lam⸗ bourne,„daß ſeine Spitzen je ſchneidend geweſen waͤren. Als junger Burſche hatte ich wohl manchmal einige ſolcher Grillen, allein ich wetzte ſie gar bald auf dem rauhen Schleifſtein des Krieges aus; und was noch ubrig bliek, 2 — 127— ſpuͤlten die breiten Wellen des Atlantiſchen Meeres von mir ab.“ „So, haſt Du in Indien gedient?“ „In beiden, Oſt⸗ und Weſt⸗Indien,“ erwiederte der Candidat fuͤr den Hofdienſt,„zur See wie zu Lande; ich habe Portugall und Spanien gedient, Holland und Frank⸗ reich, und noch uͤberdem, den Krieg fuͤr eigene Rechnung, mit einem Haufen luſtiger Geſellen gefuͤhrt.“ „Du koͤnnteſt Mylord, mir, und Dir ſelbſt gute Dienſte leiſten,“ ſagte Varney, nach einer Pauſe.„Aber gieb Acht!— ich kenne die Welt—— antworte mir aufrichtig, kannſt Du auch treu ſeyn?“ 3 „Wenn Ihr die Welt nicht kenntet,“ erwiederte Lam⸗ bourne,„muͤßte ich jetzt ohne weitere Umſtaͤnde ja ſprechen, Leib und Leben darauf verſchwoͤren, und dergleichen mehr. — Da es mir aber vorkommt, daß Ihr aufrichtige Wahr⸗ heit, hoͤflicher Falſchheit vorzieht,— entgegne ich Euch: daß ich treu ſeyn kann, bis zum Fuße des Galgens, bis zum Strick, der von ihm herabhaͤngt, wenn ich nemlich gut bezahlt werde; ſonſt nicht.“. „Zu deinen uͤbrigen Vollkommenheiten, kannſt Du, ohne Zweifel,“ ſagte Varney mit widrigem Laͤcheln,„noch die Kunſt zaͤhlen, ernſthaft und fromm zu ſcheinen, wenn es der Moment erfordert?* „Es wuͤrde mich nichts koſten, darauf ja! zu antwor⸗ ten,“ ſagte Lambourne;„um aber gerade heraus zu ſprechen, muß ich, nein, ſagen. Braucht Ihr einen Scheinheiligen, ſo muͤßt Ihr Anthony Foſter nehmen, dem von ſeiner Jugend an, eine Art von Geſpenſt, Religion genannt, erſcheint, obgleich es eigentlich nur Froͤmmelei⸗ — 126— war, deren Zweck arger Wucher iſt. Solch Gewerbe verſteh’ ich nicht.“ „Gut denn,“ ſagte Varney,„haſt Du keine Sbeinhei⸗ ligkeit, haſt Du doch vielleicht einen Klepper hier im Stalle?“ 4 „Und zwar einen,“ entgegnete Lambourne,„der es mit dem beſten von Mylords Jagdrennern aufnehmen wuͤrde. Als ich kuͤrzlich bei Shooters Hill einen Viehhaͤndler anhielt, deſſen Taſchen beſſer gefuͤllt waren als ſein Gehirnkaſten, da trug mich das gute braune Thier vogelſchnell aus dem Bereich ſeines Geſchrei's.“ „So ſattele ihn denn, und folge mir ſogleich,“ ſagte Varney;„uͤbergieb deine Kleider und Sachen der Sorge des Wirthes; ich will Dich in einen Dienſt bringen, wo es nur deine eigene Schuld ſeyn wird, wenn Du nicht dein Gluͤck machſt.“ „Trefflich, herrlich!“ rief Lamboutne,„ich bin augen⸗: blicklich bereit.—„Kerl, Stallknecht! ſattele meinen Gaul, und ſchnell, wenn Dir dein Schaͤdel lieh if.— Und hier, Oheim, die Haͤlfte meiner Boͤrſe fuͤr die huͤbſche Lerilſe, ſie uͤber meine ſchnelle Abreiſe zu troͤſten.“ „Fort damit,“ rief ihr Vater,„Ceeilie braucht kein ſolches Andenken von Dir;— Gluͤck auf den Weg, Michael! und erwirb Dir Gluͤck, wenn Du kannſt; obgleich ich glaube, Du gehſt nicht nach dem Lande, wo es gedeiht..⸗. „Laß' mich doch auch einmal deine Ceeilie ſchauen, guter Wirth!“ ſagte Varney,„ich habs viel Nüymtns von ihrer Schoͤnheit gehoͤrt.“ „Es iſt eine von der Sonne verbrannte Schoöͤnbeit, Herr!“ entgegnete Giles Gosling; z geſchaffen 4 Sturm und 8 Witten Detter zu trotzen, aber wenig geeignet, ſolchem kritiſchen Galan, wie Ihr mir zu ſeyn ſcheint, zu gefallen. Sie bleibt auf ihrem Zimmer, mein edler Gaſt, denn ſie kann den Sonnenſchein der Hoͤflingsblicke nicht ertragen.“ „Wohl denn! Friede mit ihr! mein guter Wirth,“ ent⸗ gegnete Varney; unſere Pferde werden ungeduldig.— Lebt wohl!“ „Alſo mein Neffe geht mit Euch?“ fragte Giles Gosling. „So iſt ſeine Abſicht,“ antwortete Richard Varneh, „Nun Du haſt recht,— haſt vollkommen recht, Vetter. Aber ſieh' Dich vor, Du reiteſt einen wilden Gaul, halt' ihn feſt am Strick; und ſollteſt Du ſelbſt einmal durch einen ſolchen der Unſterblichkeit zugeſchickt werden, welches durch deinen Entſchluß, dieſem Herrn zu folgen, nicht unmoͤglich wird, ſo bitte ich, ſuche Dir einen Galgen ſo weit als möͤg⸗ lich von Cumnor aus.— Und ſo uͤbergeb ich Euch euren Satteln.“—— Der Stallmeiſter und ſein neuer Begleiter verließen das Gemach, es dem Gaſtwirth uͤberlaſſend, ſein Lebewohl voll uͤbler Bedeutung fuͤr ſich allein und mit aller Muße zu be⸗ ſchließen, und ritten im raſchen Trabe davon, wodurch jede Unterredung zwiſchen ihnen verhindert ward, bis ihre An⸗ kunft vor einem ſandigen Huͤgel es ihnen erlaubte, ſie wie⸗ der aufzunehmen. „So ſeyd Ihr denn recht zufrieden, in Hofdienſte zu treten,“ fragte Varney ſeinen Begleiter. „Ei freilich, Herr!“ entgegnete dieſer,—„wenn Euch meine Bedingungen nemlich ſo gut gefallen, als mir die Eurigen.“ 3 „Und wie heißen Eure Forderungenk fragte Varney. Kenilworth. 1. Bd. J . — 130— „Soll ich ein ſchnelles Auge im Dienſte meines Herrn haben, muß er fuͤr meine Fehler mir ein nachſichtsvolles zei⸗ gen,“ ſaͤgte Lambourne. „Nun ja,“ erwiederte Varney,„„wenn ſie nemlich nicht allzu ſehr hervorſpringen, ſo daß man Gefahr liefe, daruͤber ein Bein zu brechen.“ 3 „Dann,“ fuhr Lambourne fort,„muß: mir, hube ich das Wild erlegt, der beſte Theil von den Knochen werden.“ „Nicht mehr als billig,“ entgegnete Varney. „Gut denn!“ ſagte Lambourne,„und es bleibt alſo nur noch zu bewilligen, daß, wenn die Geſetze und ich, mit ein⸗ ander lin Streit gerathen, mein Patron mich heraushilft. Das iſt ein Hauptpunkt.“ „Zugeſtanden,“ erwiederte Varney,„wenn nemlich der Streit in Eures Herrn Dienſt entſtanden.“ „Was meinen Lohn und dergleichen betrifft,“ ſagte Lambourne,„ſo ſpreche ich nicht daruͤber.“ „Seyd dieſerwegen außer Sorgen,“ antwortete Varney; „Kleider und Geld ſollt Ihr haben, um es im Verthun mit jedem Eures Gleichen aufzunehmen, denn Ihr kommt in ei⸗ nen Haushalt, wo, wie man ſagt, das Gold waͤchſt.“ „Das ſtimmt alles mit meinen Wuͤnſchen uͤberein,“ rief Lambourne;„und jetzt bleibt Euch nur noch uͤbrig, mir den Namen meines Herrn zu nennen.”— „Mein Name iſt Richard Varney,“ entgegnete dieſer. „Doch der des edlen Lords, in deſſen Dienſte Ihr mid zu bringen im Begriff ſteht?“ fragte Lambourne. „Wie, Burſche! haͤlt'ſt Du dich für zu gut, mich Herr zu nennen?“ fuhr Varney mit Heftigkeit auf;„ich wollte Dich keck gegen Andere, aber nicht unverſchaͤmt gegen mich.“ — 151— „Ihr wollt entſchuldigen, geſtrenger Herr!“ entgegnete Lambourne, Ihr ſchient mir ſo ziemlich genau bekannt, ſo vertraut mit Tony Foſter; nun, das bin ich auch.“ „Du biſt ein verſchmitzter Geſell!“ ſagte Varney.„So wiſſe denn, ich will Dich wirklich in die Dienſte eines Lords einfuͤhren, aber um meine Perſon wirſt Du beſonders be⸗ ſchaͤftigt und von meinen Blicken vorzuͤglich abhaͤngig ſeyn. — Ich bin ſein Stallmeiſter.— Bald wirſt Du ſeinen Na⸗ men erfahren,— es iſt einer, der das Staatsruder lenkt, und vor dem die Gerichtshoͤfe erzittern.“ 4 „Beim Teufel, ein herrlicher Zauberſpruch!“ ſagte Lambourne,„um verborgene Schaͤtze zu heben.“ „Mit Vorſicht gebraucht, kann er ſich als ein ſolcher be⸗ waͤhren,“ verſetzte Varney. Merk es aber wohl, auf eigene Hand von Dir zum Beſchwoͤren gebraucht, ruft er den Teu⸗ fel herbor, Dich ſelbſt in Stuͤcken zu zerreißen. 3 „Genug geſagt,“ erwiederte Lambourne,, ich werde meine Grenzen nicht uͤberſchreiten.“ Die Reiſenden nahmen nun den raſchen Ritt wieder auf, den ihre Unterredung unterbrochen hatte, und langten bald darauf bei dem koͤniglichen Park von Woodſtock an. Die⸗ ſes alte Eigenthum der Krone Englands, war jetzt ganz ver⸗ ſchieden von dem, was es einſt geweſen, als die ſchoͤne Ro⸗ ſamunde dort wohnte, und als es Zeuge der geheimen und unerlaubten Liebe Heinrichs des Zweiten war. Noch mehr aber wich ſein Anblick von dem ab, den es heut zu Tage gewaͤhrt, wenn dort die Gedaͤchtnißfeier der Siege Marlbo⸗ roughs begangen werden. Zu Eliſabeths Zeit ſtand dort ein altes Herrenhaus von ſchlechtem Anſehen, welches zum gro⸗ ßen Nachtheil des dazu gehoͤrenden Dorfes ſchon ſeit tanger Zeit aufgehoͤrt hatte, eine konigliche Reſidenz zu ſeyn. In⸗ 5 2 — 132— deſſen hatten die Einwohner mehrere Bittſchriften an die Koͤ⸗ nigin geſandt, fiehend, ſie doch dann und wann mit ihrer koͤniglichen Gegenwart zu begluͤcken; und eben dieſes Ge⸗ ſchäfts wegen hatte dem Scheine nach der edle Lord, den wir bereits bei unſern Leſern einfuͤhrten, gerade jetzt Woodſtock beſucht. Varney und Lambourne ſprengten mit Anſtand in den Hof des alten verfallenen Schloſſes, der an dieſem Morgen eine ſo geraͤuſchvoll geſchaͤftige Seene darbot, wie ſeit zwei Regierungen in demſelben nicht ſtatt gehabt hatte. Offieiere vom Hofſtaat des Grafen, Livree⸗ und andere Bediente ka⸗ men und gingen mit jenem inſolenten Laͤrm, der ihrer Pro⸗ feſſion eigenthuͤmlich iſt. Wiehern von Pferden und Bellen von Hunden ward gehoͤrt; denn Mylord hatte ſich natuͤrlich auf ſeiner Inſpectionsreiſe hieher mit den Mitteln verſehen, ſeine Jagdluſt im Gehege oder Park dieſer Beſitzung zu be⸗ friedigen, wo, wie man behauptet, das erſte Wild in Eng⸗ land eingehegt wurde, das nun hier in großer Menge vor⸗ handen war. Verſchiedene der Dorfbewohner hatten ſich in aͤngſtlicher Hoffnung eines guͤnſtigen Reſultats dieſes unge⸗ woͤhnlichen Beſuchs, im Hofe verſammelt, und erwarteten das Erſcheinen des großen Mannes. Ihre Aufmerkſamkeit ward durch die eilige Ankunft Varney's noch geſpannter. „Der Stallmeiſter des Grafen!“ fͤſterten ſie unter einander, und ſuchten dieſen zu ihrem Vortheil einzunehmen, indem ſie eilig ihre Muͤtzen vom Kopfe riſſen und ſich heran draͤng⸗ ten, dem Guͤnſtling des Lords und ſeinem Declolter i die Steigbuͤgel zu halten. 3 „Weicht etwas zuruͤck, Ihr Leuke, und laßt die Diener ihre Pflicht thun,“ ſprach Varney mit hochmuͤthigem Ton. — 155— Die gedemuͤthigten Bauern flogen bei dieſem Signal zu⸗ ruͤck, waͤhrend Lambourne, ſeine Blicke auf das Benehmen ſeines Vorgeſetzten richtend, die, welche ihm gleiche Dienſte anboten, mit noch groͤßerem Uebermuthe zuruͤckwies, indem er ausrief:„fort zum Henker mit euch, Bauern, laßt die Stallknechte ihr Geſchaͤft verrichten.“ Als ſie darauf ihre Gaͤule den Dienern uͤbergeben hatten und in das Schloß mit einem vornehmen Weſen ſchritten, welches Varney durch Geburt und Gewohnheit eigenthümlich war, und dem Lambourne, ſo gut als er es im Stande war, nachzuahmen ſich bemuͤhte, murmelten die armen Einwohner von Woodſtock unter einander:„Behuͤt uns Gott vor ſolchen uͤbermuͤthigen Gelbſchnaͤbeln! gleicht der Herr ſeinen Die⸗ nern, ſo moͤge ſie alle der Teufel holen!“ „Ruhig, Nachbaren,“ ſprach der Gemeinde⸗Voigt,„nach und nach wird uns ſchon mehr kund werden.— Aber nie wird wohl ein Lord nach Woodſtock kommen, wie einſt Koͤnig Heinrich! der ließ einmal mit ſeiner koͤniglichen Hand einem Bauer die Reitgerte fuͤhlen, warf ihm aber gleich darauf eine Hand voll Silberſtuͤcke, mit ſeinem eigenen breiten Ge⸗ ſichtsbilde zu, um den Schmerz zu ſtillen.“ 4 „Friede ſey mit ihm,“ rief ſein Auditorium;„es moͤch⸗ te lange dauern, eh' dieſe Dame Eliſabeth einem von uns die Reitpeitſche zu fuͤhlen gaͤbe.“ „Das kann man nicht wiſſen,“ entgegnete der Voigt, indeſſen faßt Geduld, gute Nachbaren, wir wollen uns da⸗ mit troͤſten, daß wir ſolcher koͤniglichen Huld wenigſtens nicht unwerth ſind.“ Unterdeſſen ſetzte Varney, von ſeinem neuen Anhaͤnger auf den Fuß gefolgt, ſeinen Weg bis zur Halle des Schloöſ⸗ ſes fort, wo Leute von hoͤherem Range und groͤßerer Bedeu⸗ tung, als jene, welche im Schloßhofe zuruͤckgeblieben waren, die Erſcheinung des Grafen, welcher noch immer in ſeinen Zimmern weilte, erwarteten. Alle bezeigten Varney ihre Ehrerbietung, mehr oder minder, ihrem Range, oder der Wichtigkeit des Geſchaͤftes nach, welches ſie zum Lever ſeines Grafen gefuͤhrt hatte. Auf die allgemeine Frage:„wann wird Mylord erſcheinen?“ erwiederte er kurzweg:„ſeht Ihr nicht meine Stiefeln? ich komme geradesweges von Orford und kann nichts daruͤber berichten;“ als aber darauf dieſelbe Frage von einem Manne von groͤßerem Anſehen an ihn ge⸗ richtet ward, antwortete er auf hoͤftichere Weiſe:„ich werde mich beim Kaͤmmerer erkundigen, Herr Thomas Copely.“ Der Kaͤmmerer, an ſeinem ſilbernen Schluͤſſel erkennbar, entgegnete, daß der Lord nur Herrn Varneys Zuruͤckkunft er⸗ warte, um herab zu kommen; daß er dieſen aber vorher in ſeinem Cabinette ſprechen wolle. Varney verbeugte ſich ge⸗ gen die Verſammlung, und eilte, den Befehl ſeines Gebie⸗ ters zu erfuͤllen. Ein Gemurmel der Erwartung durchlief nun einen Au⸗ genblick lang die verſammelte Menge, ward aber endlich durch das Eroͤffnen der Fluͤgelthuͤren am oberen Ende der vorgetreten von ſeinem Kaͤmmerer und ſeinem Haushofmei⸗ ſter, und gefolgt von Richard Varney. In ſeinen edelen Mienen und ürſüiche Zuͤgen war nichts von jener Inſolenz hervorging. Leine Höfſicheeitsbeeugungen waren zwar nach dem Range derer abgemeſſen, an welche er ſie richtete, aber ſelbſt der Niedrigſte unter den Anweſenden hatte Theil an ſeiner huldreichen Aufmerkſamkeit, Seine Fragen uͤber den Zuſtand der Herrſchaft, uͤber die Rechte der Koͤnigin ain. — 135— ſo wie uͤber die Vortheile und Nachtheile, welche mit einer temporaͤren Reſtdenz der Monarchin verbunden ſeyn wuͤrden, ſchienen zu beweiſen, daß er die Bittſchrift der Einwohner und den Gegenſtand derſelben aufs genaueſte und zwar mit dem Wunſch pruͤfte, ſich dem Intereſſe des Ortes geneigt zu erklaͤren.“ „Gott ſegne den edlen Herrn!“ ſagte der Gemeinde⸗ Voigt, der ſich in den Audienz⸗Saal gewagt hatte;„wie bleich er ausſieht; ich will darauf ſchwoͤren, daß er die ganze Nacht zubrachte, unſer pro Memoxia zu ſtudiren. Unſer Ge⸗ richtsſchreiber hat ſechs Monat darauf verwandt, es aufzuſez⸗ zen, und meinte, man muͤſſe wenigſtens eine Woche Zeit haben, es zu verſtehen; aber ich wette, der Graf brauchte keine vier und zwanzig Stunden, das Mark daraus zu ſaugen. 1. Der Lord kuͤndigte der Verſammlung darauf an, daß er ſich bemuͤhen wolle, ſeine koͤnigliche Gebieterin zu bewegen, von Zeit zu Zeit ihre Reſidenz in Woodſtock zu nehmen, auf daß dieſem Ort und deſſen umgegend von ihrer hohen Ge⸗ genwart und Gunft dieſelben Vortheile wuͤrden, als zu den Zeiten ihrer erhabenen Vorfahren. unterdeſſen ſey er erfreut, der Verkuͤnder ihrer koͤnigli⸗ chen Huld zu ſeyn, und die Anweſenden verſichern zu koͤnnen, daß Ihre Majeſtaͤt zur Belebung des Handels und zur Auf⸗ munterung der Einwohner von Woodſtock einen Wollmarkt in dieſem Orte zu halten erlaubt haͤtten. Dieſe frohe Nachricht ward nicht allein von dem beſſe⸗ ren, in den Audienzſaal zugelaſſenen Theil ſeines Audi⸗ toriums, ſondern auch von dem aͤrmeren, welcher im Hofe zuruͤckgeblieben war, mit it alggemneinem Freudenjauchzen aufge⸗ nommen. —- 136— Das Buͤrgerrecht des Orts wurde dem Grafen von den Magiſtratsperſonen, nebſt einer mit Goldſtuͤcken gefuͤllten Boͤrſe knieend uͤberreicht, welche letztere der Lord dem Var⸗ ney einhaͤndigte, der ſeinerſeits wieder einen Theil an Lam⸗ bourne, als das annehmbarſte Handgeld ſeines neuen Dien⸗ ſtes gab.* 3 Der Graf und ſein Gefolge beſtiegen bald darauf wieder ihre Pferde, um nach Hofe zuruͤckzukehren. Laut ertoͤnte der Jubelruf um ſie her:„hoch lebe Koͤnigin Eliſabeth, hoch der edle Graf von Leiceſter!“ Die Freundlichkeit und Her⸗ ablaſſung des Grafen verbreitete zugleich einen Schein von Popularitaͤt über ſeine Dienerſchaft, gleich wie ihr fruͤheres uͤbermuͤthiges Benehmen das Bild ihres Herrn gewiſſerma⸗ ßen verdunkelt hatte. Und freudig riefen die Einwohner ebenfalls:„hoch lebe der edle Graf, hoch ſein Gefolge!“ als Varney und Lambourne, jeder ſeinem Range nach, ſtolz durch die Gaſſen von Woodſtock dahinritten. 6. Es wird nothwendig, zu dem Detail jener Umſtaͤnde zu⸗ ruͤckzukehren, welche Treſſilians ploͤtzliches Verſchwinden aus dem Wirthshauſe zum guten braunen B ier in Cumnor begleiteten oder vielmehr herbeifuͤhrten. Unſere Leſer wollen bemerken, wie dieſer Cavalier ſich nach ſeinem Zuſammen⸗ treffen mit Varney, nach Giles Goslings Caravanſerey zuruͤck begab, wo er ſich in ſein Zimmer verſchloß, Tinte, Feder und Papier forderte, und fuͤr dieſen Tag ungeſtoͤrt gelaſſen zu werden, begehrte; am Abend trat er wieder ins Wirths⸗ zimmer, wo Michael Lambourne, welcher, zufolge ſeiner ge⸗ gen ſeinen Freund und Verbuͤndeten Foſter eingegangenen - 157— Verpflichtungen, ſeiner harrte, ſich bemühte, die Bekannt⸗ ſchaft mit ihm zu erneuern, hoffend, daß jener wegen des Antheils, den er an den Vorfaͤllen dieſes Morgens genom⸗ men hatte, nicht laͤnger unfreundlich gegen ihn ſeyn wuͤrde. Treſſilian aber wieß ſeine Annaͤherung ernſt, obgleich hoͤflich zuruͤck.—„Herr Lambourne,“ ſagte er,„ich glaube die Zeit, die Ihr fuͤr mich verwandtet, zu Eurer Zufrieden⸗ heit vergolten zu haben. Unter dem Anſchein von Wildheit, den Ihr zur Schau tragt, habt Ihr, ich bin davon uͤberzeugt, Verſtand genug, mich zu verſtehen, wenn ich Euch frei her⸗ aus erklaͤre, daß, da der Zweck unſerer augenblicklichen Be⸗ kanntſchaft erreicht iſt, wir fuͤr die Zukunft uns einander fremd ſeyn muͤſſen.“ „Voto!“ rief Lambourne, mit der einen Hand ſeinen Knebelbart ſtreichend, mit der andern aber den Griff ſeines Schwerdtes erfaſſend:„Koͤnnt ich denken, Ihr ſpraͤcht ſo, mich zu beleidigen.“—— „So wuͤrdet Ihr das ohne Zweifel mit Beſcheidenheit ertragen,“ entgegnete Treſſilian.„Ihr kennt zu gut die Kluft, die zwiſchen uns liegt, als daß Ihr mich auffordern ſolltet, mich deutlicher zu erklaͤren.— Gute Nacht alſo!* So ſprechend, wandte er ſeinem Gefaͤhrten von dieſem Morgen den Ruͤcken, und begann eine Unterredung mit dem Gaſtwirthe. Michael Lambourne fuͤhlte ſich ſehr geſtimmt, Laͤrm anzufangen; aber ſein Zorn erſtarb unter etlichen un⸗ zuſammenhaͤngenden Fluͤchen, und ſank voͤllig unter dem Ue⸗ bergewicht dahin, welches Maͤnner von edlen Sitten uͤber Leute ſeines Gleichen beſitzen. Muͤrriſch und ſchweigend ſetzte er ſich in einen Winkel des Zimmers, die augenſcheinlichſte Aufmerkſamkeit auf alle Bewegungen ſeines fruͤheren Be⸗ gleiters richtend, gegen den er nun fuͤr ſeine eigene Rech⸗ — 138— nung einen Groll zu naͤhren begann, welchen er durch Aus⸗ richtung von Varneys Befehlen zu befriedigen hoffte. Die Stunde der Abendmahlzeit erſchien, wie die der Ruhe, und Treſſilian begab ſich, wie die uͤbrigen, auf ſein Zimmer. Noch hatte er nicht lange in ſeinem Bette geruht, als die ſchwermuͤthigen Traͤume, welche ſich ſtatt des erquickenden Schlummers ſeiner Sinne bemaͤchtigt hatten, von dem Ge⸗ raͤuſch ſeiner ſich in ihren Angeln bewegenden Thuͤr ploͤt⸗ lich unterbrochen wurden, und ein Lichtſchimmer in ſein Zimmer drang. Treſſtlian, brab wie Stahl, ſprang ſogleich von ſeinem Lager empor, und hatte eben die Hand an ſein Schwerdt gelegt, als er, durch den Ton einer wohlbekannten Stimme es zu ziehen verhindert ward.„Seyd nicht ſo raſch mit Eurem Schlaͤger, Herr Treſſilzan“— rief es,„ ich bins, Euer Wirth, Giles Gosling.“ Und zu gleicher Zeit zeigte die frei hingehaltene Laterne, welche bisher nur einen dunkeln Schimmer verbreitet hatte, dem erſtaunten Gaſte die ehrliche Geſtalt des wackeren Wir⸗ thes zum guten braunen Bier. „ Was ſoll dieſer ſpaͤte Beſuch, Herr Wirth,“ fragte Treſſilian.„Habt Ihr euch etwa heute beim Abendeſſen wieder ſo guͤtlich gethan als geſtern und euer Zimmer ver⸗ fehlt? oder iſt's bei Euch Brauch, um Mitternacht bei euren Gaͤſten Maskerade zu ſpielen?“ „ Herr Treſſilian, entgegnete der Wirth,„ich kenne Plaß und Zeit ſo gut, als irgend ein Gaſtwirth in Alt⸗Eng⸗ land. Aber da hat Euch hier, mein Hundsfott von Neffe, ſo genau bewacht, wie die Katze die Maus, und Ihr habt dort geſtritten oder gar gefochten, mit ihm oder mit ſonſt ir⸗ gend Jemand, da fuͤrchte ich nun unheil!“ 159— „Du biſt ein Thor, Alter!“ erwiederte Treſſilian,„dein Neffe iſt unter meinem Zorn; und uͤberdem, woher glaubſt Du, daß ich mit irgend Jemand Streit gehabt habe?“ „Ach, Herr! ich ſah einen rothen Fleck an eurem Kinn⸗ backen, der ſo gewiß von einem eben vorgefallenen Handge⸗ menge zeigt, als die Vereinigung von Mars und Saturnus auf Mißgeſchick deutet;— und als Ihr zuruͤckkehrtet, ſaß die Schnalle eures Guͤrtels vorn, euer Gang war raſch und heftig, und alles zeigte, daß eure Hand und euer Schwerdt⸗ griff kuͤrzlich ihre Bekanntſchaft erneuert hatten.“ F „Und wenn ich nun auch, mein guter Wirth!“ entgeg⸗ nete Treſſilian,„genoͤthigt worden waͤre, mein Schwerdt zu ziehen, warum ließ denn dieſer Umſtand Dich zur Nachtzeit dein warmes Bett verlaſſen? Du ſiehſt, die Gefahr iſt voruͤbern „Das iſt es eben, woran ich zweifle. Anthony Foſter iſt ein gefaͤhrlicher Mann; hohe Beſchuͤtzer hat er am Hofe, die ihn oft ſchon aus verwickelten Sachen zogen. Und mein Neffe hier,— nun, ich ſagte Euch ja, was an ihm ſey;— haben nun dieſe alten Schelmgefaͤhrten ihre alte Bekanntſchaft er⸗ neuert, da moͤcht' ich denn nicht, mein guter Gaſt, daß das auf eure Rechnung geſchehen ſollte. Michael Lambourne hat ſich genau beim Stallknecht erkundigt, wann und welchen Weg Ihr reiten wuͤrdet. Da wollt ich nun nicht, daß ſie Euch unterwegs etwa aufauern ſollten, um Euch Schaden zuzufuͤgen.. „Du biſt ein ehrlicher Mann, mein guter Wirth,“ ſagte Treſſilian nach kurzem Bedenken,„und ich will frei zu Dir herausſprechen. Wenn die Bosheit dieſer Motſchen gegen mich gerichtet iſt— wie ich es allerdings wohl glau⸗ — 140— ben will— ſo iſt das, weil ſie die Werkzeuge eines maͤchti⸗ geren Schurken ſind.“. „Ihr meint Herrn Richard Varney, nicht wahr?“ fragte Giles Gosling;„er war geſtern in Cumnor⸗Place und kam nicht geheim genug, um nicht geſehen zu werden.“ „Eben der iſt es, den ich meine, mein guter Wirth.“ „Dann, um GCotteswillen, werther Herr Treſſilian, ſeyd auf Eurer Hut,“ ſagte der ehrliche Gosling.„Dieſer Varney iſt Anthony Foſters Beſchützer, welcher von ihm, oder durch ſeine Vermittelung, die Pachtung des Herrenhauſes und des Parks erhalten hat. Varney bekam einen großen Theil der Laͤndereien, welche einſt zur Abtei von Abbingdon gehoͤrten, und auch unter anderen Cumnor⸗Place, von ſei⸗ nem Herrn, dem Grafen von Leieeſter. Die Leute ſagen, dieſer koͤnne ihn zu allem gebrauchen; aber ich halte den Lord fuͤr zu ehrenwerth, als daß ich glauben ſollte, er benuz⸗ ze ihn zu ſo argen Dingen, wie manche behaupten.— Und der Graf kann alles, verſteht ſich, was ſich mit Recht und Wohlanſtaͤndigkeit vertraͤgt, mit der Konigin thun; Gott ſegne ſie! Da ſeht Ihr nun, was Ihr euch fuͤr einen Feind gemacht habt.“ „Es iſt geſchehen und nicht mehr zu ündern⸗— erwie⸗ derte Treſſtlian. „Muß dennoch geaͤndert werden,“ ſagte der Wirth. „Wie, Richard Varney Euer Feind!— er, deſſen Namen hier die Leute kaum auszuſprechen wagen, viel weniger es unternehmen, ſich ihm in den Weg zu ſtellen. Urtheilt ſelbſt nach unſerer Unterredung am geſtrigen Abend. Nach Belie⸗ ben ſprach man von Tony Foſter, aber kein Wort von Var⸗ ney, obgleich jedermann glaubt, daß hauptſachlich er bei dem Geheimniß mit der huͤbſchen Dirne im Spiele ſey. Vielleicht — 141— wißt Ihr aber von dieſer Sache mehr als ich; denn ſchoͤne Weiber, obgleich ſie ſelbſt keine Schwerdter tragen, haben doch ſchon manchen Klingenwechſel herbeigeführt.“ „Wohl weiß ich mehr von dieſer armen ungluͤcklichen Lady, als Du mein theilnehmender Wirth; und ſo arm bin ich in dieſem Augenblick an Freunden und gutem Rath, daß ich Dich zu meinem Vertrauten machen und Dir den Her⸗ gang der ganzen Sache erzaͤhlen will, zumal da ich von Dir eine Gunſt zu erbitten habe, ſobald meine Erzaͤhlung geendet ſeyn wird.“ „Gut, Herr Treſſilian,“ ſagte Giles Gosling,„ich bin nur ein armer Wirth, wenig geſchickt, ſolch' einen Gaſt, wie Ihr ſeyd, mit gutem Nath beizuſtehen. Aber ſo gewiß mich mein richtiges Maaß und meine billigen Rechnungen gut durch die Welt geholfen haben, ſo gewiß bin ich ein ehrli⸗ cher Mann, und wenn auch nicht im Stande, Euch zu die⸗ nen, ſo bin ich doch als ſolcher nicht faͤhig, Euer Vertrauen zu mißbrauchen. Redet daher frei heraus gegen mich, als ſpraͤchet Ihr zu eurem Vater, und ſeyd uͤberzeugt, daß meine Neugier,(denn die, welche meinem Stande anhaͤngt, will ich keinesweges ableugnen), von meiner Beſcheidenheit im Zaum gehalten werden ſoll.“ „Ich zweifele nicht daran, mein guter Wirth!“ entgeg⸗ nete Treſſilian, und uͤberlegte, indem ſein Zuhoͤrer in ge⸗ ſpannter Erwartung da ſtand, einen Augenblick lang, auf welche Weiſe er ſeine Erzaͤhlung beginnen ſollte.„Ich muß,“ ſprach er endlich,„um ganz verſtaͤndlich zu werden, in mei⸗ ner Geſchichte etwas zuruͤckgehen.— Ihr werdet, mein gu⸗ ter Wirth! von der Schlacht von Stoke gehoͤrt haben, und dielleicht auch von dem alten Sir Robert Robſart, der an jenem Gefecht, unter Heinrich VII., Großvater unſerer Koͤnigin, -— 142— tapferen Antheil nahm, und die Schaaren des Grafen Lin⸗ colm, ſo wie den Lord Geraldin mit ſeinen wilden Irlaͤn⸗ dern und die Flammlaͤnder zerſtreuete, welche die Herzogin von Burgund zu dem Streit fuͤr Lambet Simnel heruͤberge⸗ ſandt hatte?”“ „Ich erinnere mich des einen, wie des anderen,“ ſagte Giles Gosling;„die Geſchichte wird alle Woche ein Dutzend⸗ mal unten auf meiner Bierbank abgeſungen— Sir Robert Robſart von Devon— ja, ja!— er iſt es, von dem die Minneſaͤnger noch heut zu Tage ſingen. Auch Martin Swart war dabei; oft erzaͤhlte mein Größvater von ihm, und von ſeinen huͤbſchen Allemannen, denen er gebot, mit ihren auf⸗ geſchlitzten Waͤmſern und ſauberen Beinkleidern, zierlich am Knie mit Baͤndern beſetzt. O! ich weiß auch ein Lied von Martin Swart, kennt Ihr es nicht, hoͤrt doch: Martin Swart und ſeine Leute Zogen müthig hin zum Streite, Martin Swart und ſeine Schaar, Waren Sieger immerdar.“ „Gerviß kenn' ich es,“ ſagte Treſſilian;„wenn Ihr aber ſo laut ſingen wollt, werdet Ihr mehr Zuhoͤrer erwel⸗ ben, als ich fuͤr meine Mittheilung wuͤnſche.“ „ Ich bitt' Euch um Verzeihung, mein verehrter Gaſt!“ erwiederte der Gaſtwirth,„ich vergaß mich. Wenn ſo ein altes Lied uͤber uns alte Ritter vom Schenktiſch kommt, laͤuft es mit unſeter Vorſicht davon.“ „Mein Großvater,“ fuhr Treſſilian nach einer kurzen Pauſe foört,„bewahrte, wie mehrere andere Edelleute aus Cornwallis, eine warme Anhaͤnglichkeit für das Haus von 3 York, und nahm daher Antheil in dem Streit dieſes Simnel⸗ Er ſtieß zu deſſen Fahnen, und gerieth in der Schlas — 145— Stoke, nach verzweiflungsvoller Gegenwehr, in Gefangen⸗ ſchaft, wo viele Anfuͤhrer jener ungluͤcklichen Armee in ihren Harniſchen erſchlagen wurden. Der edle Ritter, dem er ſich ergab, Sir Robert Robſart, nahm ihn gegen die unmittel⸗ bare Nache des Koͤnigs in Schutz, und entließ ihn ohne Loͤ⸗ ſegeld. Aber er war nicht im Stande, eine andere Strafe ſeiner Unbeſonnenheit von ihm abzuwenden, welche in dem ſchweren Bußgelde beſtand, durch welches Heinrich ſeine Feinde zu ſchwaͤchen ſuchte, und durch deſſen Zahlung er in Armuth gerieth. Der gute Ritter that, was in ſeiner Macht ſtand, die Leiden meines Vorfahr zu mildern, und ihre Freundſchaft wurde dadurch ſo feſt, daß mein Vater als ver⸗ trauteſter Gefaͤhrte des jetzigen Sir Hugh Robſart auferzogen wurde, des einzigen Sohnes von Sir Robert, Erbe ſeines großmuͤthigen, ehrlichen und gaſtfreien Gemuͤths, wenn ihm auch nicht gleich an kriegeriſchen Talenten.“ „Ich habe vom alten Sir Hugh ſprechen hoͤren, und zwar oft,“ ſagte Giles Gosling.„William Badger, ſein Jaͤ⸗ gerburſche, hat mir mehr als hundertmal hier in meinem Hauſe von ihm erzaͤhlt— ein jovialer Herr ſoll es ſeyn, der die Gaſtfreiheit liebt, mehr als heut' zu Tage Sitte, wo man ſo viel goldene Treſſen auf ein Wams legt, daß man ein Jahr hindurch dafuͤr zwoͤlf ſtarke Burſche mit Rindfleiſch ſatt machen, und ſie uͤberdem die Woche einmal in s Bier⸗ haus ſenden koͤnnte, um Geld unter die Leute zu bringen.“ „Wenn Ihr William Badger kennt, Herr Wirth!“* ſagte Treſſilian, ſo habt Ihr ohne Zweifel genug von Sir Hugh gehoͤrt; und ich will daher nur hinzufuͤgen, daß eben iene Gaſtfreiheit, welche Ihr tuͤhmt, ſeinen Vermoͤgensum⸗ ſͤnden einigermaßen nachtheilig geweſen iſt, welches indeß nicht viel ausmachen wuͤrde, da er nur eine einzige Tochtet —-— 144— beſitzt; bei dieſer beginnt mein Antheil an der Geſchichte. Nach dem Tode meines Vaters, welcher vor mehreren Jahren ſtatt hatte, wuͤnſchte Sir Hugh mich zu ſeinem beſtaͤndigen Gefaͤhrten zu machen; zuweilen ſiel es mir ein, daß die Vor⸗ Uebe des Ritters fuͤr koͤrperliche Uebungen mich von meinen Studien abhalten wuͤrde, die ich zu vernachlaͤſſigen nicht wuͤnſchte. Bald aber hoͤrte ich auf, die Stunden zu bekla⸗ gen, welche Dankbarkeit und ererbte Freundſchaft mich be⸗ wogen, dem wackern Manne zu opfern; ſeiner Tochter Em⸗ my's blendende, mit jedem Tage zunehmende Schoͤnheit konnte demjenigen nicht entgehen, der faſt immer in ihrer Geſellſchaft war— nach kurzer Zeit liebte ich ſie, und ihr Vater bemerkte es.“ „Und hatte ohne Zweifel etwas gegen Eure treue e Liebe einzuwenden, nicht wahr?“ fragte Giles Gosling;„ſo gehts gewoͤhnlich in dergleichen Faͤllen, und ich ſchließe aus dem tiefen Seußzer, den Ihr ſo eben ausſtießt, daß es Euch eben ſo ergangen.“ „Hier war es ganz anders! mein guter Wirth,“ ent⸗ gegnete Treſſilian;„der großmuthige Ritter zeigte ſich mei⸗ nen Waͤnſchen geneigt, nur ſeine Tochter blieb kalt bei mei⸗ ner Leidenſchaft.“ „Sie war von Beiden Euch der gefaͤhrlichſte Feind,“ be⸗ merkte Giles Gosling. „Sie ſchenkte mir indeß ihre Achtung„ fuhr Treſſilian fort,„und ſchien uͤber meine Hoffnung, daß dieſe ſich einſt in ein waͤrmeres Gefuͤhl verwandeln wuͤrde, nicht zu zuͤrnen. Auf ihres Vaters dringendes Verlangen ward ein Ehe⸗Con⸗ traet zwiſchen uns aufgeſetzt, die Erfuͤllung auf ihre aͤngſtli⸗ chen Bitten aber auf ein Jahr weiter hinausgeſchoben. Waͤh⸗ rend dieſer dei kam Richard Varney in unſere Gegend, und 3 veiſehte — 145— verlebte, ſich auf eine weitlaͤuftige Verwandtſchaft berufend, den meiſten Theil ſeiner Zeit im Hauſe des Sir Hugh Rob⸗ ſart, ja ſchien bald ganz zur Familie zu gehoͤren.“ „Seine Gegenwart war gewiß dem Hauſe nicht heil⸗ bringend,“ ſagte Giles Gosling. „Nein, beim Himmel, das war ſie nicht!“ rief Treſſi⸗ lian.„Mißverſtaͤndniſſe und Elend folgten ihm auf den Fuß, und zwar auf ſo ſeltſame Weiſe, daß ich noch in Verlegen⸗ heit bin, Euch die Reihefolge ſeiner Eingriffe in eine bisher ſo gluͤckliche Familie zu zeichnen. Eine Zeitlang nahm Em⸗ my Robſart die Aufmerkſamkeitsbezeugungen dieſes Mannes mit der Gleichguͤltigkeit conventioneller Hoͤflichkeit aufs dann folgte eine Periode, in welcher ſie ihn mit Mißvergnuͤgen, ja ſelbſt mit Abſcheu zu betrachten ſchien; endlich aber war es, als ob ſich eine genaue Bekanntſchaft unter ihnen an⸗ ſpinne. Varney ließ in ſeinem fruͤhern anſpruchsvollen ga⸗ lanten Weſen nach, und Emmy ſchien dagegen den ſchlecht⸗ verhehlten Verdruß abzulegen, mit dem ſie auf ihn geblickt hatte. Vertrauen ſchien unter beiden Platz zu nehmen, mehr als mir angenehm ſeyn konnte, und ich begann, geheime Zuſammenkuͤnfte zu argwoͤhnen, wo ſie ſich freier, als in unſerer Gegenwart ſprechen konnten. Manche Umſtaͤnde noch, welche mir damals nicht auffielen,— denn ich hielt ihr Herz fuͤr ſo offen, als es ihr himmliſches Antlitz war,— welche aber ſpaͤter wieder in meinem Gedaͤchtniß erſtiegen, haben mich von ihrem Einverſtaͤndniß aͤberzeugt. Aber ich brauche ſie nicht auseinander zu ſetzen, die That ſpricht laut genug fuͤr ſich ſelbſt. Sie verſchwand aus ihres Vaters Hauſe— Varney ward zur ſelben Zeit unſichtbar,— und heute, heute Alter! habe ich ſie als ſeine Buhlerin dort im Herrenhauſe geeſehen, bewacht vom veraͤchtlichen Tony Foſter; und ihn ge⸗ Kenilworth. 1. Bd⸗ K —-— 146— ſehen, wie er zu ihr ſchlich, verhuͤllt, durch einen geheimen Eingang!“ 3 „ und da fand alſo Euer Kampf ſtatt? Mir deucht, Ihr haͤttet uͤberzeugt ſeyn ſollen, daß die ſchoͤne Dame eure Huͤlfe weder bedurfte noch verlangte.“ „Mein Vater, denn ſo muß ich Sir Hugh Robſart nen⸗ nen,“ antwortete Treſſilian,„ſitzt daheim, und vergeht vor Kummer; vergebens ſuchte er in der Jagd, ſeiner Lieblings⸗ beſchaͤftigung, zu vergeſſen, daß er einſt eine Tochter hatte — eine Erinnerung, die ſich immer mit Schreckensgewalt bei ihm erneuert. Nicht konnte ich den Gedanken ertragen, ihn ſo im Jammer, und Emmy in der Suͤnde leben zu ſe⸗ hen; daher bemuͤhete ich mich, ſie aufzuſuchen, in der Hoff⸗ nung, ſie zu bewegen, zu ihrer Familie zuruͤckzukehren. Ich habe ſie gefunden, und wenn ich nun meinen Plan ausge⸗ fuͤhrt, oder die Unmoͤglichkeit deſſelben eingeſehen habe, geht meine Abſicht dahin, mich nach Virginien einzuſchiffen. „Seyd nicht zu raſch, guter Herr!“ erwiederte Giles Gos⸗ ling,„und werft Euch ſelbſt nicht weg, denn ein Weib iſt, kurz und gut, doch immer nur ein Weib, und wechſelt die Lieb⸗ haber wie ihre Baͤnder, aus keinem andern Grunde, als aus eitler Laune. Eh' wir aber weiter in der Sache gehen, laft mich Euch fragen: welcher Argwohn leitete Euch ſo getreu hieher zum Aufenthaltsort der Lady?““ 6 „Die Nachricht,“ entgegnete Treſſilian,„daß dem Var⸗ ney große, fruͤher den Moͤnchen zu Abbingdon zugehoͤrende Laͤndereien verliehen worden, fuͤhrte mich ich dieſe Gegend; und eures Neffen Beſuch bei Anthony Foſter Gap mir voͤllige Gewißheit.“ „Und was iſt nun eure Abſicht? werther Herr!— ver⸗ zeiht, daß ich Euch dieſe Fra⸗ geradezu vorlege. — 147— „Ich habe mir vorgenommen,“ ſagte Treſſilian,„mor⸗ gen meinen Beſuch im Herrenhauſe zu wiederholen, und wo moͤglich eine ausfuͤhrlichere Unterredung, als heute, mit ihr zu haben. Sie muͤßte in der That jetzt ganz verſchieden von dem ſeyn, was ſie einſt war, wenn meine Worte keinen Eindruck auf ſie machen ſollten.“ „Mit Gunſt, Herr Treſſilian,“ entgegnete der Wirth, „ſolchen Cours duͤrft ihr nicht ſteuern. Jene Lady, wenn ich Euch recht verſtand, hat ja ſchon euren Beiſtand in die⸗ ſer Sache abgewieſen.“ „Es iſt nur zu wahr,“ erwiederte Treſſilian,„ i bann es nicht leugnen.⸗“ „Nun denn, mit welchem Recht und aus elchem In⸗ tereſſe fahrt Ihr fort, eure Huͤlfsleiſtung ihr wider ihren Willen aufzudringen? Truͤgt mich nicht mein urtheil, ſo werden die, unter deren Schutz ſie ſich begeben hat, wenig Anſtand nehmen, ſich eure Einmiſchung in dieſer Sache zu verbitten, ſelbſt dann, wenn Ihr Vater oder Bruder der ſchoͤnen Dame waͤret; als verſchmaͤheter Liebhaber aber wird man Euch mit ſtarker Hand und Hohngelaͤchter zum Hauſe hinaus werfen. Ihr koͤnnt von keiner Magiſtratsperſon Huͤlfe erwarten, und jagt alſo nach einem Schatten, den Ihr trotz eures eifrigſten Bemuͤhens doch nicht zu erfaſſen im Stan⸗ de ſeyd.“ „Ich werde mich bei dem Grafen von Leieeſter uͤber die Niedertraͤchtigkeit ſeines Guͤnſtlings beſchweren,“ ſagte Treſ⸗ ſilian.—„Er beguͤnſtigt die ſtrenge Secte der Puritaner— er darf, ſeines eigenen Charakters wegen, meine Klage nicht zuruͤckweiſen, ſelbſt wenn ihm jene Grundſaͤtze von Ehre und Edelmuth nicht eigen waͤren, welche ihm der Ruf beilegt. — Oder ich wende mich auch an die Koͤnigin ſelbſt.“ K 2 —-— 148— „Wenn wirklich„ entgegnete der Wirth,„Leieeſter ge⸗ neigt waͤre, ſeinen Guͤnſtling in Schutz zu nehmen,(wie denn ſo die Rede geht, daß er große Dinge auf ihn haͤlt), die Klage an die Koͤnigin gerichtet, koͤnnte ſie beide zur Vernunft bringen. Die Majeſtaͤt iſt ſtrenge in ſolchen Din⸗ gen, und wuͤrde(waͤr's nicht Hochverrath, ſo zu reden) weit eher, wie man behauptet, einem Dutzend Hofleuten verzei⸗ hen, die ſich in ſie ſelbſt verliebten, als einem einzigen ver⸗ geben, der ein anderes Weib vorzoͤge. Muth alſo, mein ed⸗ ler Graf! denn wenn Ihr Sir Hugh's Bittſchrift an die Stufen des Thrones niederlegt, und ſie mit der Geſchichte des Euch widerfahrenen Unrechts verſtaͤrkt, der edle Graf wuͤrde eher in die Themſe laufen, wo ſie am tiefſten iſt, als ſich ſeines Guͤnſtlings in einer Sache dieſes Schlages anzu⸗ nehmen. Um das aber mit Hoffnung eines guten Erfolgs zu thun, muͤßt Ihr vernuͤnftig zu Werke gehen, und ſtatt hier mit dem Stallmeiſter Streit anzufangen, und Euch ſeinem oder ſeiner Gehuͤlfen Dolchen auszuſetzen, ſo ſchnell als moͤg⸗ ich nach Debonſhire eilen, dort eine Bittſchrift in Sir Hugh Robſarts Namen aufſetzen laſſen, und ſo viel Freunde als moͤglich anwerben, um eure Sache bei Hofe zu unterſtuͤtzen.“ „Ihr habt wohl geſprochen, Herr Wirth!“ ſagte Treſ⸗ ſilian,»„ich werde euren Rath benutzen, und Enihß morgen in aller Frühe verlaſſen.“ „Nein, nein, verlaßt mich noch dieſe Nacht, noch ey der Morgen graut,“ rief Giles Gosling, ich habe mich noch nie nach der Ankunft eines Gaſtes ſo ſehr geſehnt, als mich . nach eurer Abreiſe verlangt. Meines Vetters Beſtimmung iſt zwar der Strang, aber ich moͤchte doch nicht, daß er ihm wegen der Ermordung eines meiner ehrenwerthen Gaͤſte um den Hals Heſchlungen würde Brſſar 15 bei Pachnzeit näiten, 3 — 149— ſagt das Spruͤchwort, als bei Tag' mit Moͤrdern ſtreiten⸗ Kommt, kommt, Herr! ich bring' Euch, Eurer ſelbſt wegen, auf die Beine, euer Pferd ſteht bereit, und bhier iſt eure Rechnung.“ „Sie betraͤgt nicht ganz einen Roſe⸗ noble,“ ſagte Treſ⸗ ſillan, indem er ein ſolches Goldſtuͤck dem Wirth uͤberreichte, „gebt den Ueberſchuß eurer niedlichen Tochter Eeeilie und den Leuten im Hauſe.“ „Sie ſollen eurer Guͤte theilhaftig werden, Herr!' ſag⸗ te Giles Gosling,„und Ihr ſolltet als Beweis dankbarer Erkenntlichkeit meiner Tochter Lippen koſten, aber zu dieſer Stunde duͤrfen ſie nicht bei eurer Abreiſe gegenwaͤrtig ſeyn. — Kann ich Euch uͤbrigens noch ſonſt dienen?“ „Seyd ſo gut,“ ſagte Treſſilian,„ ein wachſames Auge auf den Gang der Sachen hier in Cumnor zu halten, wel⸗ ches Ihr, ohne Verdacht zu erregen, bewerkſtelligen koͤnnt, da doch jede Neuigkeit zu eurer Bierbank gelangt; und er⸗ zeigt mir den Dienſt, mir dasjenige, was Ihr erfahrt, ſchrift⸗ lich oder durch keinen andern als durch denjenigen mitzuthei⸗ len, der Euch dieſen Ring als ein Kennzeichen uͤberbringen wird; betrachtet ihn, er iſt von Werth— und alsdann euer Eigenthum.“ „Nein Herr!“ entgegnete der Wirth, ich verlange keine Belohnung,— aber ich fuͤhle mich faſt wider Willen bewo⸗ gen, Theil in dieſer dunkelen, gefahrvollen Sache zu neh⸗ men, ob ich gleich kein Intereſſe darin habe.“ „Ihr und jeder Vater, der ſeine Tochter mit Schaudern in den Schlingen der Sünde, des Elends und der Schande erblicken wuͤrde, hat ein Intereſſe daran.“ „ Habt recht,“ erwiederte Giles Gosling,„ſprecht wahre Worte, und mir thut der alte Herr ſo recht im Herzen leid, der ſeinen Guͤtern ſchadete, aus Gaſtfreiheit, des allgemeinen Wohls wegen und zur Ehre von Alt⸗England, und der nun zum Dank dafuͤr durch einen Habicht, wie Varney, ſeiner Tochter, die die Stuͤtze ſeines Alters ſeyn ſollte, beraubt wurde. Und obgleich euer Antheil in dieſer Sache etwas ungeſtuͤm iſt, will ich doch Euch zur Geſellſchaft ein Tollkopf mit ſeyn, und Euch in eurem ehrlichen Vorhaben, dem Vater ſein Kind wiederzugeben, beiſtehen, in ſo weit ich als treuer Berichterſtatter dazu beitragen kann. Da bitte ich Euch denn aber auch, treu gegen mich zu ſeyn und mein Geheimniß zu bewahren; denn es wuͤrde fuͤr den Ruf meines Wirthshauſes zum guten braunen Bier hier nachtheilig ſeyn, wenn es hieße: der Wirth giebt ſich mit ſolchen Dingen ab. Varney haͤtte Einfluß genug, durch die Haͤſcher mein achtungswerthes Schild von der Thuͤr herab, wo es doch ſo herrlich prangt, weg, mir mein Schenkrecht nehmen zu laſ⸗ ſen, und mich vom Boden bis zum Keller ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen. „Zweifele nicht an meiner Verſchwiegenheit, mein ehr⸗ licher Wirth,“ entgegnete Treſſilian;„ich werde die dankbar⸗ ſte Erinnerung fuͤr deine Dienſte bewahren, fuͤr die Gefahr, der Du dich ausſetzeſt,— vergiß nicht, dieſer Ring iſt mein ſicheres Zeichen.— Und nun leb' wohl; dein Rath, dieſen Ort ſo ſchnell als moͤglich zu verlaſſen, war weiſe und gut.“ 3„So folgt mir denn, Herr Gaſt,“ ſagte Giles Gosling, „und tretet leiſe auf, als ob ſtatt Dielen Eier unter euren Fuͤßen laͤgen.— Niemand muß erfahren, wie und auf wel⸗ che Weiſe Ihr fortgereiſt ſeyd.“ Mit Huͤlfe ſeiner dunkeln Laterne fuͤhrte er darauf Treſe ſilian, nachdem ſich dieſer raſch zur Reiſe fertig gemacht hatte, durch mehrans icmae Gaͤnge, welche auf einen uu drohte, falls ſein Gaul lahm werden ſollte. Die Wohnung — 151— ßeren Hof fuͤhrten, und von da zu einem abgelegenen Stall, wohin er ſchon fruͤher das Pferd ſeines Gaſtes gebracht hatte. Dann half er ihm den kleinen Mantelſack, der ſeine Reiſe⸗ beduͤrfniſſe enthielt, auf dem Sattel befeſtigen, oͤffnete eine Hinterthuͤr, und uͤberließ dann, nach einem herzlichen Haͤn⸗ dedruck und nach dem wiederholten Verſprechen, Acht auf die Vorfaͤlle zu Cumnor⸗Place zu haben, ſeinen Gaſt der Ein⸗ ſamkeit ſeiner naͤchtlichen Reiſe.— 9. Da es ſowohl von unſerem Reiſenden ſelbſt, als auch von Gosling fuͤr rathſam erachtet worden war, daß Treſſi⸗ lian vermeiden ſollte, in der Nachbarſchaft von Cumnor von denen geſehen zu werden, welche vielleicht fruͤh ſchon auf den Beinen ſeyn moͤchten, hatte ihm der Gaſtwirth einen Pfad bezeichnet, welcher ihn auf unbegangenen Nebenwegen, endlich wieder zur Landſtraße nach Marlborough fuͤhren ſollte. Allein, wie es denn uͤberhaupt bei jedem Rath zu gehen pflegt, ein Weg iſt leichter bezeichnet als gefolgt; und ſo mag es nun die Verwickelung der Pfade, die Dunkelheit der Nacht, oder Treſſilians voͤllige Unbekanntſchaft mit der Ge⸗ gend geweſen ſeyn, oder waren es vieleicht die truͤben Ge⸗ danken, in denen er verſunken dahin ritt, genug, ſeine Reiſe ging ſo langſam von Statten, daß die Morgenſonne ihn erſt in dem Thale von Whitehorſe fand, beruͤhmt wegen der Niederlage, welche die Daͤnen dort in fruͤheren Tagen erlitten. Dort bemerkte er zu ſeinem Mißvergnügen, daß ſein Pferd ein Eiſen am Vorderfuße verloren hatte, ein Umſtand, welcher ſeine Reiſe mit einer Unterbrechung be⸗ — 152— eines Schmidts ward nun ſogleich der Gegenſtand ſeiner Er⸗ kundigungen, auf welche er aber von der ſchlaͤfrigen Stumpf⸗ heit einiger, fruͤh an ihr Tagewerk gegangenen Bauern, die er deshalb befragte, nur eine wenig befriedigende Ant⸗ wort erhielt. Beſorgt, daß der Gefaͤhrte ſeiner Reiſe ſo we⸗ nig als moͤglich von dieſem Unfall leiden moͤge, ſtieg Treſ⸗ ſilian von ſeinem Pferde, und ſchritt, daſſelbe am Zuͤgel führend, einem unfernen Doͤrfchen zu, wo er einen Kuͤnſt⸗ ler, wie er ihn fuͤr dieſen Augenblick gebrauchte, zu finden, oder doch wenigſtens Nachricht von einem ſolchen zu bekom⸗ men hoffte. Auf einem tiefen moraſtigen Nebenwege ge⸗ langte er endlich in das Dorf, welches nur aus fuͤnf oder ſechs elenden Huͤtten beſtand, vor deren Thuͤren einige Be⸗ wohner derſelben, in einem eben ſo armſeligen Aeußeren als ihre Behauſungen, die Arbeit des Tages zu verrichten be⸗ gannen. Eine dieſer Huͤtten ſchien indeß anſehnlicher als die übrigen, und das Weib, welches vor derſelben die Thuͤt⸗ ſchwelle zu kehren beſchaͤftigt war, zeigte auch etwas weniger Armſeligkeit, als ihre Nachbaren. An ſie richtete Treſſilian daher die oft wiederholte Frage: ob es hier in der Nachbar⸗ ſchaft keinen Schmidt, oder wenigſtens einen Ort gaͤbe, wo er ſeinem drmuͤdeten Gaul einige Labung reichen laſſen koͤnne? Die Alte blickte ihn mit einem ſeltſamen Geſichte an, und erwiederte:„'nen Schmidt, nun freilich giebt's 'nen Schmidt hier— und was ſoll's bei dem 9 „Er ſoll meinen Gaul beſchlagen, gute Frau ent⸗ gegnete Treſſilian;„hier am Vorderfuß iſt, wie Ihr ſeht, ein Eiſen verloren gegangen.“ „Meiſter Holyday!“ rief die Alte, ohne ſich mit einer Antwort an Treſſilian zu wenden.—„Meiſter Erasmus —-— 153— Holyday, kommt doch'mal geſchwinde heraus, und ſprecht mit dem fremden Herrn hier.“ „Fave tu Linguis!“ erwiederte eine Stimme aus der Huͤtte,„ich kann jetzt nicht heraus, Alte! ſintemal ich mich bei dem ſuͤßeſten Biſſen meines Morgenſtudiums befinde.“ „Ey, kommt immer Meiſter Holyday! thut's doch, hier der Herr fragt nach Wayland, dem Schmidt,— ich mag ihm nicht den Weg zum Teufel zeigen;— ſein Pferd hat ein Eiſen verloren.“. „Quid mihi cum caballo“ erwiederte der Gelehrte von innen,„hier im Gau giebts nur einen Weiſen, und ohne ihn koͤnnen ſie ſelbſt kein Pferd beſchlagen.“ und hervor trat der ehrliche Paͤdagog, denn als einen ſolchen bezeichnete ihn ſeine Kleidung. Eine lange, hagere, gekruͤmmte Geſtalt, deren Kopf mit ſchwarzem Haar bedeckt war, welches hie und da ſchon grau zu werden begann. Seeine Geſichtszuͤge trugen das durch lange Gewohnheit ihnen eigenthuͤmlich gewordene Gepraͤge jener Autoritaͤt, welche, wie ich vermuthe, Dionyſius einſt von ſeinem Throne zum Pult des Schulmeiſters uͤbertrug, und als ein Erbtheil allen ſeinen Nachfolgern in dieſer Profeſſion hinterließ. Um ein langes ſchwarzes Gewand, wie es die Geiſtlichen zu tragen pflegen, war ein Guͤrtel gewunden, in dem, ſtatt eines Meſſers oder einer ſonſtigen Waffe, nur ein ledernes Behaͤltniß fuͤr Tinte und Feder hing. Seine Zuchtruthe ſteckte, wie Harlekins hoͤlzernes Schwerdt, an der anderen Seite, und in ſeiner Hand hielt er ein halb zerriſſenes Buch, mit deſſen Inhalt er ſo eben emſig beſchaͤftigt gewe⸗ ſen zu ſeyn ſchien. Als er einen Fremden von Treſſilians Aeußerem er⸗ blickte, den er zu wuͤrdigen mehr, als ſeine Nachbaren, im —- 154— Stande war, zog der Schulmeiſter ſeine Muͤtze herab, und redete ihn folgendermaßen an:„Salve domine. Intelligisne linguam latinam?“ 3 Treſſilian ſammelte ſeine ganze Gelehrſamkeit, um zu erwiedern:„linguae latinae haud penitus ignarus, venia tua, domine eruditissime, vernaculum libentius loquor.“ Dieſe lateiniſche Antwort machte auf den Schulmeiſter ungefaͤhr den Eindruck, den das Freimaurerzeichen unter den Bruͤdern dieſes Ordens aͤußern ſoll. Er intereſſirte ſich ſogleĩch fuͤr den gelehrten Reiſenden, hoͤrte mit großer Graritaͤt auf die Erzaͤhlung von dem ermuͤdeten Pferde und dem verlornen Hufeiſen, und erwiederte dann mit feierlichem Tone:„Ihr moͤgt es, mein Ehrenwerther! fuͤr leicht halten, Euch zu verkuͤnden, daß eine kleine Meile von dieſem taguria, der beſte faber ferrarius weilt, ein Grobſchmidt, ſo trefflich als je einer den Huf eines Pferdes mit Eiſen beſchlug; und wenn ich ſo ſpraͤche, wuͤrdet Ihr euch, ich bin uͤberzeugt, compos voti oder wie der Ungelehrte ſpricht, aus der Malh geholfen glauben.“ 4 „Mir ſollte, ſo deucht mir,“ entgegnete Treſſilian, „auf meine einfache Frage auch eine einfache Antwort wer⸗ den, welche hier zu Lande aber dem Anſchein nach ſchwer zu erhalten iſt.“ „Eine lebendige Creatur nach dem Schmidt da druͤben ſenden,“ nahm die Alte wieder das Wort,„hieße eine arme Seele dem Boͤſen ſchicken.“„ „Ruhig Alte!“ ſagte der Paͤdagog,„pauca verba, Alte; ſchau nach deinem Weizenbrei, Alte; curetur jentacu- lum, Alte; der Herr hier gehoͤrt nicht zu deiner Gevatter⸗ ſchaft.) Dann wandte er ſich wieder zu Treſſilian, und —-— 155— fuhr in ſeinem vorigen Tone fort:„So wuͤrdet Ihr euch alſo, Verehrteſter! wirklich fuͤr felix bis terque halten, wenn ich Euch die Behauſung jenes Schmidt zu erkennen gaͤbe?“ „ Das waͤre vor der Hand alles, was ich beduͤrfte,“ er⸗ wiederte Treſſilian,—„ein Pferd, mich ſchnell von hinnen zu tragen,— aus dem Bereich eurer Gelehrſamkeit,“— ſetzte er leiſe, von dem Schulmeiſter ungehoͤrt, hinzu. „O caeca mens inortalium!“ rief der gelehrte Mann, recht hatte Junius Juvenalis, wenn er ſang: numinibus vota exaudita malignis.“ „Hochgelahrter Magiſter,“ unterbrach ihn Treſſilian, „eure Gelehrſamkeit uͤberſteigt mein geringes Wiſſen ſo ſehr, daß Ihr mich entſchuldigen müßt, wenn ich anderswo Er⸗ kundigungen einzuziehen ſuche, welche ich beſſer zu verſtehen im Stande bin.“ „Da haben wir's wieder,“ erwiederte der Paͤdagog, „wie eilig Ihr bemuͤht ſeyd, dem zu entſliehen, der Euch zu belehren bereit! Quintilian ſpricht“——— „Ich bitte Euch, Herr!“ unterbrach ihn Treſſilian un⸗ geduldig,„laßt den Quintilian jetzt bei Seite, und ſagt mir kurz und einfach, auf gut Engliſch, wenn ſich anders eure Gelehrſamkeit ſo weit herabzuſteigen nicht ſchaͤmt, ob hier kein Ort iſt, wo ich meinem Pferde etwas Nahrung reichen laſſen kann, bis ihm ein neues Eiſen aufgelegt worden?“ „Wie Ihr befehlt, Herr!“ verſetzte der Schulmeiſter, „ſo berichte ich Euch denn, daß, obgleich es hier in unſerem Doͤrſchen, intra paupera regna, keinen ordentlichen Gaſthof giebt, ich mich dennoch, ruͤckſichtlich eures Anſtrichs von Ge⸗ lahrtheit, gemeinſchaftlich mit dieſer Alten fuͤr Euch intereſ⸗ — 2156— ſiren, und Euch eine Schuͤſſel Weizenbrei vorſetzen werde, welches eine geſunde Speiſe iſt, obgleich ich fuͤr ſie bis dato keinen lateiniſchen Namen herauszufinden vermochte.— Eurem Roß ſoll ein Plaͤtzchen im Kuhſtall angewieſen wer⸗ den, und ſoll daſſelbe ein Bündel ſußes Heu empfangen, von dem meine Alte hier einen ſolchen großen Vorrath be⸗ ſitzt, daß man von ihrer Kuh mit Recht ſagen kann: fae⸗ num habet in cornu; wollt Ihr mir nun die Ehre eurer Geſellſchaft ſchenken, ſo ſollen Euch dieſe Mahlzeiten ne semissem quidem koſten, denn ſolche mir zu reichen, iſt die Alte verbunden, wegen der unendlichen Muͤhe, die ich geiſtig und koͤrperlich auf die Cultur ihres hoffnungsvollen Erben und Enkels verwende, um ihm die Anfangsgruͤnde der latei⸗ niſchen Sprache beizubringen.“ „Gott vergelt's Euch, Meiſter Erasmus, und ſchenke Eurem Bemuͤhen ſeinen Segen,“ ſagte die Alte.—„Und was das Uebrige betrifft, hat der Herr Luſt einzutreten, ſo ſoll's Fruͤhſtuͤck fertig ſtehen, noch bevor man das Tiſchtuch umdrehen kann, und fuͤr das, was Menſch und Vieh ge⸗ nießen, laß ich mir keinen Pfennig bezahlen.“ Den Zuſtand ſeines Pferdes in Betracht ziehend, fand Treſſilian, daß fuͤr dieſen Augenblick nichts beſſeres zu thun ſey, als die ſo gelehrt begonnene, und ſo gaſtfrei beſtaͤtigte Einladung anzunehmen, hoffend, daß wenn der Paͤdagog ſeine Gelehrſamkeit erſchoͤpft haben wuͤrde, es ihm moͤgli⸗ cherweiſe dann gefallen moͤchte, ihm endlich den vielbeſpro⸗ chenen Schmidt zu nennen. Er trat demnach in die Huͤtte, ſetzte ſich dem gelehrten Magiſter Holyday zur Seite, nahm an ſeinem Weizenbrei Theil, und horchte faſt eine halbe Stunde geduldig den gelehrten Reden deſſelben, bevor er ihn auf ein anderes Capitel zu bringen im Stande war. 8 - 157— unſere Leſer werden gern entſchuldigen, wenn wir dem ge⸗ lehrten Manne nicht in alle Details folgen, mit welchen er Treſſilian bewirthete, und ähnan nur nachſtehende Skizze niederzeichnen. unſer Paͤdagog war zu Hogsnorten geboren, wo, wie der gemeine Mann zu ſagen pflegt, die Schweine auf der Orgel ſpielen, ein Sprichwort, welches er allegoriſch deutete, behauptend, es habe Bezug auf die Heerde des Epicurs, von der ſelbſt Horaz ein Mitglied zu ſeyn, ſich bekannte. Seinen Vornamen Erasmus verdankte er zum Theil ſeinem Vater, dem Sohne einer beruͤhmten Waͤſcherin, die jenen großen Gelehrten gleiches Namens, waͤhrend der ganzen Zeit ſeines Aufenthaltes zu Oxford, mit reiner Waͤſche verſorgt hatte; ein Unternehmen von einiger Schwierigkeit, da er im ganzen nur zwei Hemden beſaß, eins, wie ſie ſich aus⸗ zudruͤcken pflegte, um das andere damit zu waſchen. Die Spuren eins dieſer Camiciae befanden ſich, wie ſich Meiſter Holyday ruͤhmte, noch jetzt in ſeinen Haͤnden, indem es gluͤcklicherweiſe von ſeiner Großmutter zur Ausgleichung ihrer Rechnung zuruͤckbehalten worden war. In ſeinen Gedanken aber war er jedoch uͤberzeugt, daß er den Namen Erasmus einem erhabeneren und wichtigeren Umſtand zu verdan⸗ ken habe; nemlich dem, daß ſeine Mutter die geheime Ah⸗ nung hatte, dieſer Taufname wuͤrde, wie ein heilbringender Genius, ihr Soͤhnlein zu eben ſolchem Ruhme verhelfen, als ſich jener beruͤhmte Gelehrte von Amſterdam erworben hatte. Der Zuname des Schulmeiſters gab ihm Veranlaſ⸗ ſung zu einer eben ſo gruͤndlichen Unterſuchung, als ſein SToaufname. Er war geneigt zu glauben, daß er den Namen Holyday(Feiertag) quasi lucus a non lucendo, truͤge, weil er naͤmlich in ſeiner Schule nur wenig Feiertage geſtatte. 1 — 1586— Anderswo, ſagte er, werden die Schullehrer Ludi Magister genannt, weil ſie die Spiele der Schuljugend nicht dulden. Dann pflegte er aber auch wieder ſeinen Namen auf ganz entgegengeſetzte Weiſe zu deuten und denſelben auf ſein großes Talent zu beziehen, Vorſtellungen, Maitaͤnze, Erndte⸗ feſte und andere an Feiertagen uͤbliche Ergoͤtzlichkeiten aufzufuͤhren und einzurichten, fuͤr welche er, wie er Treſſii⸗ lian verſicherte, das erfindungsreichſte Gehirn in ganz England beſaͤße; ja, daß ſein Genie, ſolche Vergnuͤgungen anzuord⸗ nen, ihn ſchon vielen ehrenwerthen Maͤnnern, ſowohl im Innern des Landes als bei Hofe, ja ſelbſt dem edlen Grafen von Leieeſter bekannt gemacht habe.— Und wenn es nun gleich ſcheinen mag, fuhr er lebhafter fort, als habe er meiner uͤber ſeine vielen Staatsgeſchaͤfte vergeſſen, ſo bin ich dennoch uͤberzeugt, daß wenn er irgend einen huͤbſchen Zeitvertreib zur Unterhaltung der Koͤnigin zu erſinnen haͤtte, Pferde und Menſchen auf die Beine muͤßten, um Erasmus Holydays Huͤtte aufzuſuchen. Parvo contentas, ich lehre un⸗ terdeſſen meine Schuͤler hier deeliniren und eonjugiren, und vertreibe mir die Zeit mit den Muſen. Auch fuͤgte er hinzu, habe ich mich ſtets in meinem Briefwechſel mit fremden Gelehrten, Erasmus ab Die fausto unterſchrieben, und die Auszeichnung genoſſen, welche mit dieſem Titel verbunden iſt; ſo hat mir zum Beiſpiel der beruͤhmte Gelehrte Die⸗ trichus Buckerſchockius ſein treffliches Werk dedieirt, kurz, mein Verehrungswertheſter! ich bin ein gluͤcklicher, ausge⸗ zeichneter Mann.“ „Moͤg' es Euch noch lange ſo wohl ergehen, Heitt Schulmeiſter,“ ſagte der Reiſende;„aber erlaubt mir nun auch eine Frage, auf eure eigene gelehrte Weiſe: Quid hoc ad * — 159— Iphyeli boves, was hat alles das mit dem Beſchlagen mei⸗ nes armen Gauls zu thun?“ „Festina lente,“ entgegnete der Gelehrte,„wir werden bald zu dieſem Punete gelangen, Ihr ſollt erfahren, daß vor ungefaͤhr zwei oder drei Jahren ein Mann hier in unſere Gegend kam, welcher ſich Doctor Doboobie nannte, obgleich er ſich eigentlich wohl nicht Magister artium ſchrieb, es muͤßte denn zu Gunſten ſeines hungrigen Magens geweſen ſeyn; oder wenn er wirklich einen gradus beſaß, mußte er damit vom Satan, Gott ſey bei uns! belohnt ſeyn; denn er war das, was die Ungelahrten Zauberer, Hexenmeiſter oder ſonſt dergleichen zu nennen pflegen.— Ich bemerke, Ihr werdet ungeduldig, mein guter Herr! Kann aber ein Mann bei Erzaͤhlung ſeiner Geſchichte nicht ſeinen eigenen Weg gehen, wer ſteht Euch denn dafuͤr, daß er den Eurigen treffe 5 „Nun ſo geht denn euren Weg,“ entgegnete Treſſilian ungeduldig,„aber laßt uns etwas ſchaͤrfer zuſchreiten, denn meine Zeit iſt mir kurz zugemeſſen.“ „Nun wohl denn, mein Werther!“ fuhr Erasmus Ho⸗ lyday mit großer Gelaſſenheit fort. Ich will nicht gradezu behaupten, daß jener Demetrius, denn ſo nannte er ſich, wenn er in fremden Laͤndern war, ein wirklicher Teufelsbe⸗ ſchwoͤrer geweſen ſey; aber gewiß iſt, daß er ein Mitglied des myſtiſchen Ordens der Roſen⸗Kreuzer, ein Schuͤler Ge⸗ bers war,(ex nomine cujus venit verbum verbaculum, gib- berish). Er heilte Wunden, indem er ſtatt der Wunde die Waffe ſalbte, welche ſie ſchlug— prophezeite Gluͤck oder Ungluͤck aus der Hand— entdeckte geſtohlnes Gut— ver⸗ ſtand ſich unſichtbar zu machen, behauptete ein Univerſal⸗ Elixir erfunden zu haben, und verwandelte gutes Blei in ſchlechtes Silber.“ — 160— „Er war alſv, mit einem Wort ein Quackſalber, ein gemeiner Betruͤger,“ unterbrach ihn Treſſilian;„was aber, ich bitte Euch, hat dies alles mit meinem Gaul zn ſchaffen, und mit ſeinem verlornen Hufeiſen?“ „Mit Eurer geneigten Erlaubniß,“ entgegnete der um⸗ ſeaͤndliche Gelehrte,„Ihr werdet mich ſogleich verſtehen, pa⸗ tientia alſo, Hochgeſchaͤtzter! dieſes Woͤrtchen iſt nach unſerem Mareus Tullius: difficilium rerum diurna perpessio. Dieſer Demetrius Doboobie, von dem Euch mein Mund ſo eben er⸗ zaͤhlte, begann alſo, nachdem er ſeine Kuͤnſte auf dem Lan⸗ de ausgeuͤbt hatte, einen Ruf inter magnates unter den er⸗ ſten des Reiches zu bekommen, und waͤre ohne Zweifel zu hohen Ehren geſtiegen, haͤtte nicht, wie das gemeine Volk behauptet, der Teufel einſt in einer dunkeln Nacht ſein Recht geltend gemacht, indem er mit dem Demetrius davon gepflo⸗ gen, von welchem man ſeitdem kein Woͤrtchen mehr vernom⸗ men. Jetzt aber kommt die medulla, das wirkliche Mark meiner Erzaͤhlung. Dieſer Doctor Demetrius hatte einen Diener, einen armen Teufel, den er gebrauchte, ſeine Zau⸗ berkeſſel rein zu machen, ſie auf die gehoͤrige Weiſe zu fuͤl len— Salben und Traͤnke zu ruͤhren,— den Zauberkreis zu ziehen— ſeine Kranken zu beſchwichtigen et sie de caete- ris.— Wohl denn, Hochgeſchaͤtzter! als nun ſo der Doetor ſeltſam, und auf eine Weiſe verſchwunden war, welche das ganze Land mit Entſetzen erfuͤllte, dachte eben dieſer Diener, deſſen ich Euch ſo eben erwaͤhnte, mit Maro: Uno avulso non deficit alter; und gleichwie der Lehrling des Kraͤmers ſich in dem Laden ſeines Herrn niederlaͤßt, wenn dieſer mit Tode abgegangen, oder ſich von den Geſchaͤften zuruͤckzuziehen für gut befunden, alſo ſetzte auch dieſer Wayland das ge⸗ fahrvolle Geſchaͤft ſeines verſchwundenen Meiſters fort. d gleich — 161— gleich aber, mein Verehrter! die Welt immer geneigt iſt, den Lehren ſolcher Unwuͤrdigen zu horchen, welche im Grunde nur saltim banqui, und Charlatani ſind, obſchon ſie das Aeu⸗ ßere und die Geſchicklichkeit eines Doctor medicinae uſurpi⸗ ren, waren doch die Anſpruͤche dieſes armſeligen Wayland zu ſtark, als daß man uͤber ſie haͤtte hinwegſehen koͤnnen, auch gab es keinen noch ſo toͤlpiſchen Bauer, welcher nicht bereit geweſen waͤre, ihn im Geiſte des Perſius, obgleich mit ſeinen eigenen baͤuriſchen Worten anzureden: Dilius Helleborum, certo compescere puncto Nescius Examen? vetat hoc natura medendi. Ueberdem hielt der boͤſe Ruf des Meiſters, ſein ſeltſam wun⸗ derbares Ende, oder vielmehr ploͤtzliches Verſchwinden, mit Ausnahme einiger Waghaͤlſe, jedermann ab, irgend einen Rath oder Huͤlfe von zenem Diener zu begehren, weshalb der arme Wurm anfangs beinahe vor Hunger geſtorben waͤre. Allein der Boͤſe, welcher ſeit des Demetrius Tode in ſeinen Dienſten iſt, gab ihm bald neue Mittel zu ſeiner Erhaltung an die Hand. Dieſer Kerl beſchlaͤgt, ſey es nun auf Einge⸗ bung des Teufels, oder weil er dieſem Handwerk ſchon fruͤ⸗ her oblag, Pferde beſſer, als irgend ein Schmidt in Alt⸗Eng⸗ land; und er gab daher ſeine Behandlung jener zweibeinigen unbefiederten Weſen, Menſchen genannt, auf, ſich gaͤnzlich dem Beſchlagen der Gaͤule widmend.“ „Wirklich, und wo wohnt er,“ fragte Treſſilian,„legt er in der That ſo treffliche Eiſen auf? zeigt mir doch augen⸗ blicklich ſeine Behauſung.“ Dieſe Unterbrechung gefiel dem Magiſter keinesweges, und er rief aus:„O caeca mens hominum! obgleich ich mich bei einer Gelegenheit dieſes Ausdrucks ſchon fruͤher bediente. Aber ich wuͤnſchte, die Klaſſiker koͤnnten mir eine Sentenz Kenilworth. 1. Bd. L —- 162— leihen, kraͤftig genug, dieienigen zuruͤckzuhalten, welche in ihr eigen Verderben zu rennen im Begriff ſtehen.— Hoͤrt enur zuvor, die Bedingungen dieſes Menſchen, fuhr er fort, bevor Ihr euch ſo bereitwillig in Gefahr ſtuͤrzt.“ „Er laͤßt ſich keinen Heller fuͤr ſeine Arbeit zahlen,“ fiel die Alte ein, welche daneben ſtand, hochentzuͤckt, wie es ſchien, uͤber die gelehrten Phraſen und Saͤtze, welche den Lippen ihres Meiſters Holyday entſtroͤmten. Aoer auch dieſe unterbrechung behagte dem Magiſter eben ſo wenig als jene von Seite Treſſilians. „Ruhe Alte!“ gebot er;„bleibt wo Ihr hingehoͤrt, Al⸗ te; Suflamina, Alte; und erlaubt mir, dieſe Materie vor un⸗ ſerm verehrten Gaſte zu Ende zu ſpinnen. Werther Herr! fuhr er dann fort, ſich wieder gegen Treſſilian wendend, die⸗ ſe alte Frau ſprach die Wahrheit, obgleich auf ihre gewohn⸗ te baͤueriſche Weiſe; denn, in der That, dieſer faber ferra- rius oder Hufſchmidt, nimmt von keinem Menſchen Geld an. 2 „Ein ſicheres Zeichen, daß er mit dem Satan zu ſchaffen hat,“ ſagte die Alte;„keine ehrliche Chriſtenſeele wuͤrde den Lohn ihrer Arbeit zuruͤckweiſen.“ „Die alte Frau hat hinwiederum recht,“ ſprach der Schulmeiſter,„rem acu tetigit— ſie hat, wie man zu ſa⸗ gen pflegt, den Nagel auf den Kopf getroffen.— Dieſer Wayland nimmt von niemand Geld und laͤßt ſich auch vot niemand blicken.“ „ und wie kann dieſer Verruͤckte, denn fuͤr einen ſolchen muß ich ihn halten, geſchickt in ſeiner Arbeit ſeyn?“ fragte 3 der Reiſende.„ „O Herr! hierin muß man auch dem Teufel ſein Recht wiederfahren laſſen,“ entgegnete Meiſter Holyday—„ Vul canius ſelbſt mit allen ſeinen Cyelopen würde ihn chwerii 1 —- 165— uͤbertreffen. Aber wahrlich, wenige Weisheit liegt darin, Huͤlfe und Rath von jemand zu begehren, welcher offenbar mit dem Urheber des Boͤſen in Verbindung ſteht.“⸗ „Ich muß es dennoch darauf wagen, Meiſter Holiday!“ entgegnete Treſſilian,„und da jetzt wohl mein Pferd ſein Futter verzehrt haben wird, danke ich Euch fuͤr eure gute Aufnahme und bitte Euch, mir die Wohnung jenes Mannes zu bezeichnen, damit ich in den Stand geſetzt werde, meine Reiſe fortzuſetzen.“ „Ei, Ei, ſo zeigt's ihm doch nur, Meiſter Holiday,“ ſagte die Alte, welche vielleicht wuͤnſchte, ihr Haͤuschen von der Gegenwart des Gaſtes befreit zu ſehen;„wenn der Teu⸗ fel treibt, hilft kein Halten.“ „Do Manus’' verſetzte der Magiſter—„ich rufe die Welt zum Zeugen, daß ich dieſen Herrn hier mit dem un⸗ heil bekannt machte, welches ſeiner Seele droht, wenn er jenem Geſellen Satans ins Netz laͤuft; auch werde ich mich nicht ſelbſt mit unſerm Gaſte hinbegeben, ſondern vielmehr ihn durch meinen Schuͤler geleiten laſſen. Ricarde! adsis, ne⸗ bulo.“* „Mit Gunſt, daraus wird nichts,“ ſiel die Alte ein, „wagt eure eigene Seele, wenns Euch geluͤſtet; mein armer Junge aber ſoll die ſeine nicht in Gefahr bringen, und ich wundere mich ſehr uͤber Euch Domine Doetor; daß Ihr von meinem kleinen Dickie ſolchen Dienſt verlangt.“ „Ei gute Alte,“ entgegnete der Magiſter,„Rieardo ſoll nur bis zum Huͤgel mitgehen, und dem fremden Herrn die Behauſung des Schmidts mit ſeinem Finger andeuten. Glaubt a nicht, daß ihm ein Ungluͤck begegnen kann, denn er hat dieſen Morgen ſchon ſen Capitel in der heiligen Schairte geleſen.“ 9 2 - 164— „Und ich,“ fuhr die Alte fort,„habe den Zweig einer Eſche in das Futter ſeines Wamſes genaͤht, ſeitdem der feule Dieb druͤben ſeine Kunſt an Menſchen und Vieh hier im Lande ausuͤbt.“ „Und da er, wie ich hoͤchlich argwoͤhne, ſeines eigenen Zeitvertreibes wegen oft nach der Wohnung jenes Zauberers hinſchleicht, mag er dieſesmal hingehen, um dem fremden Herrn gefaͤllig zu ſeyn. Ergo, heus Ricarde! adsis quaeso, mi didascule.“ Der auf ſo liebreiche Weiſe herbeigerufene Zoͤgling kam endlich ins Zimmer geſtolpert; ein breitbeiniger unanſehnli⸗ cher Zwerg, der ſeiner kurzen Geſtalt nach zwoͤlf oder dreizehn Jahr alt zu ſeyn ſchien, obgleich er wirklich um einige Jah⸗ re aͤlter war; brennend rothes Haar hing ſtruppig uͤber ſein von der Sonne verbranntes Geſicht herab, in welchem eine breitgedruͤckte Naſe und zwei argwoͤhniſch graue Augen ſicht⸗ bar waren, die eine ſchiefe Richtung zu ſehen angenommen hatten, obgleich es eigentlich kein Schielen genannt werden konnte. Es war unmoͤglich, dieſen kleinen Kerl anzublicken, ohne ſich zum Lachen gereizt zu fuͤhlen, vorzuͤglich, wenn ihn die Alte, trotz ſeines Straͤubens und Abwehrens, mit groß⸗ muͤtterlicher Jaͤrtlichkeit an ihre Bruſt druͤckte, ihn kuͤßte, und 3 ihn„koſtbare Perle der Schoͤnheit“ nannte. „Rieardo!“ ſprach der Magiſter;„Du ſollſt mit fort, fort bis zum Huͤgel, um dieſen ehrenwerthen Herrn hier, die Werkſtatt des Schmidts zu zeigen.“. ein trefſüches Geſchäft an ſo frühem Morgen“ ſagts der Knabe, in beſſerem Engliſch, als Treſſilian erwartet hatte,„wer weiß, ob nicht der Teufel mit mir davon fliegt, ehe ich zuruͤckkehre.“. —-— 165— p„ Gott ſteh' mir bei,“ rief die Alte,„weiß ich doch nicht, Meiſter Domine, wie es Euch einfallen kann, meinen lieben Jungen ſolch Amt zu uͤbertragen, nicht darum, daß Ihr's wißt, füll' ich euren Magen, und bekleide eure Ge⸗ beine.“ „Ich ſteh Euch dafur, gute Alte,“ entgegnete Magiſter Holiday,„daß Satan, wenn anders Satan da mit im Spiele iſt, eurem Soͤhnlein kein Haar kruͤmmen ſoll, denn Dickie kann ſein pater wie der beſte, und verſteht den boͤſen Feind abzuwehren— Eumenides Stygiumque nefas." „Ei was,“ rief die Alte,„ich habe, wie geſagt, den Zweig eingenaͤht, das hilft mehr als eure Gelehrſamkeit; aber trotz alle dem iſt es ein boͤſes Ding, den Teufel oder ſeinen Gehuͤlfen aufzuſuchen.“ 3„Mein guter Kleiner,“ ſprach Treſſilian, welcher an ei⸗ nem grotesk⸗laͤchelnden Zug im Geſicht des Knaben zu be⸗ merken glaubte, daß er mehr nach ſeinem eigenen Sinn, als nach den ihm ſo eben ertheilten Vorſchriften zu handeln ge⸗ ſimmt ſey;„ich will Dir ein Silberſtuͤck geben, wenn Du mich zur Schmiede jenes Mannes fuͤhrſt. Der Burſche nickte ihm von der Seite auf eine Weiſe zu, welche ihm Gewaͤhrung verhieß, waͤhrend er zu gleicher Zeit ausrief:„Ich Euer Begleiter zu Wayland dem Schmidt? ſagte ich Euch denn nicht, daß der Teufel mit mir davon ſüegen koͤnnte, wie der Habicht hier(er ſah zum Fenſter hin⸗ aus) mit dem Kuͤchlein der Mutter.“ „Ein Habicht, ein Habicht!” ſchrie die Alte, alles Ue⸗ brige vergeſſend, indem ſie zur Rettung ihres Huhnes ſo ſchnell hinausſtuͤrzte, als es ihr altes morſches Untergeſtell erlaubte.“ „„ Vorwaͤrts nun,“ rief der Zwerg zu Treſſilian,„faßt euren Hut, heraus mit dem Pferde, gedenit aber auch des verſprochenen Silberſtuͤcks.“ „Geduld, Geduld!“ ſagte der Meißer, Snſamniga, Ri- carde.“ 8 Geduld fuͤr Euch,“ entgegnete Dickie,„„beſinnt Euch nur auf eine Entſchuldigung fuͤr die Großmutter, daß Ihr mich ſo dem Teufel zuſchickt,“ Der Lehrer, ploͤtzlich eingedenk der großen Verantwort⸗ lichkeit, die er auf ſich lade, ſprang ſchnell von ſeinem Sitze empor, um ſeinen Zoͤgling zu ergreifen und deſſen Fortgehen zu hindern. Allein Dickie entſchluͤpfte ihm unter den Haͤn⸗ den, floh zur Huͤtte hinaus, und eilte auf eine Anhoͤhe auf des Nachbars Grund, waͤhrend ſein Praͤceptor, aus oͤfterer Erfahrung wohl wiſſend, daß er es an Schnelligkeit der Fuͤße ſeinem Zoͤgling nicht gleich zu thun im Stande ſey, alle moͤlichen lateiniſchen Redensarten erſchoͤpfte, um jenen durch Beredſamkeit zuruͤckzulocken. Aber ſein mi anime corculum meum, und aͤhnliche elaſſiſche Reizmittel, fielen nur in ein taubes Ohr; denn Dickie huͤpfte auf ſeiner Anhoͤhe herum, wie ein Kobold im Mondſcheine, und winkte dabei furtuihe. rend Treſſilian, ihm zu folgen. 1 Unſer Reiſende verlor keine Zeit, ſein Pferd aus dem Kuhſtall zu ziehen und zu ſeinem ſeltſamen Fuͤhrer zu ſtoßen, nachdem er vorher dem verzweiflungsvollen Magiſter einen kleinen Beweis ſeiner Dankbarkeit fuͤr die Unterhaltung, welche er ihm gewaͤhrte, aufgedrungen hatte, wodurch die Angſt, in welcher der Gelehrte vor der Zuruͤckkunft der Alten ſchwebte, in etwas gemindert ward. Wahrſcheinlich hatte dieſe bald nach Treſſilians Abreiſe Statt; denn noch befand er ſich mit ſeinem Fuͤhrer unfern des Doͤrſchens, als ihnen von dorther eine kreiſchende Weiberſtimme mit elaſſiſchen Beru⸗ higungsworten untermiſcht ertoͤnte. Dickie aber, eben ſo taub fuͤr die Aeußerungen großmuͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, als fuͤr die ſchulmeiſterlicher Strenge, huͤpfte luſtig vor Treſſilian her, indem er ausrief:„Schreit Euch heiſer ſo viel Ihr wollt, doch denkt nicht daran, mit Honig euren Hals zu laben, unſern Vorrath davon habe ich ſchon geſtern zu mir genommen. 10. „ Haben wir noch weit bis zur Wohnung des Schmidts, mein huͤbſcher Burſche?“ rief Treſſilian ſeinem jungen Fuͤh⸗ rer zu. „Wie nennt Ihr mich?“ fragte dieſer, indem er ihn voon der Seite anblickte. „Ich nannte Dich meinen huͤbſchen Jungen— liegt etwa eine Beleidigung darin?“ „Ei das nicht,“ entgegnete Dickie;„allein, wenn Ihr jetzt mit der Großmutter und dem Domine Holyday zuſam⸗ men waͤret, da koͤnntet Ihr gemeinſchaftlich das alte Lied anſtimmen: Luſtig, luſtig, allen drei. Ging uns der Verſtand vorbei.“ „Und warum? kleiner Mann!“ antwortete Treſſilian. „Weil,“ erwiederte der haͤßliche Zwerg,„Ihr drei die einzigen Menſchen ſeyd, welche mich je einen huͤbſchen Jun⸗ gen nannten.— Nun, die Großmutter thuts, weil ſie halb blind vor Alter und ſtockblind vor Zaͤrtlichkeit iſt,— und der arme Magiſter ſpricht ſo, um ſich in Gunſt zu ſetzen, und um die vollſte Schuͤſſel Weizenbrei und den wärmſten Sis — 1686— 1 beim Feuer zu haben.— Warum aber Ihr mich einen huͤdb⸗ ſchen Jungen nennt, wahrlich, das muͤßt Ihr ſelbſt am be⸗ ſten wiſſen.“— „So biſt Du, wenn auch kein huͤbſcher Junge, doch ein verſchlagener Schalk,» entgegnete Treſſilian.„Wie aber heißen Dich deine Spielkameraden?“ „Springkobold, nennen ſie mich,“ erwiederte der Burſche raſch;„aber ich will doch lieber mein haͤßliches Geſicht haben, als einen Schaafskopf wie ſie, worin nicht mehr Gehirn vorhanden, als in einem Backſteine.“ „Du fuͤrchteſt Dich alſo nicht vor dem Schmidt, zu dem Du mich fuͤhrſt?“ 1 „Ich ihn fürchten,“ antwortete der Knabe,„und waͤre er wirklich der Teufel ſelbſt, wie die Leute es glauben, ich wuͤrde mich doch nicht vor ihm fuͤrchten; aber obgleich es mit ihm eine beſondere Bewandniß hat, iſt er doch eben ſo wenig ein Teufel, als Ihr ſelbſt; das aber moͤchte ich nicht einem jeden zu wiſſen thun.“ »Und warum ſagſt Du es denn mir?“ fragte Treſſilian. „Weil Ihr ein Herr von anderem Schlage ſeyd, als die Leute, welche wir hier taͤglich ſehen,“ entgegnete Dickie, „ und weil ich, ob ich gleich ſo haͤßlich bin wie die Suͤnde, doch nicht moͤchte, daß Ihr mich fuͤr einen Eſel hieltet, und zwar um ſo weniger, da ich vielleicht einſt ein Geſuch an Euch zu richten haben koͤnnte.“ „Und was waͤre das, mein Junge, den ich nicht huͤbſch nennen ſoll?“ fragte Treſſilian. 8 „Ei, wenn ich es jetzt von Euch begehrte,“ ſagte der Knabe,„ſo wuͤrdet Ihr es mir gewiß abſchlagen,— ich will damit warten, bis wir uns bei Hofe treffen. — — 169— „Bei Hofe, biſt Du denn fuͤr den Hof beſtimmt?““ fragte Treſſilian laͤchelnd. „Ei, ei! ſeyd Ihr doch grade wie die Uebrigen!“ lachte der Bube;„wette ich doch, Ihr denkt: was ſoll denn der garſtige Zwerg bei Hofe? Aber laßt den Richard nur machen. Scharfer Witz ſoll dem haͤßlichen Geſicht ſchon nach⸗ helfen?“ „Was aber wird deine Großmutter und Meiſter Holy⸗ day dazu ſagen?“ „Was ihnen gefäͤllt,“ entgegnete der Burſche;„ſie hat ihre Huͤhner zu zaͤhlen, er ſeine Schuljungen zu peit⸗ ſchen; längſt ſchon haͤtte ich ihnen ein Licht angeſteckt und dem ſaubern Doͤrſchen ein Paar treffliche Hacken gewieſen, haͤtte nicht Meiſter Holyday mir verſprochen, mich mit zu den bevorſtehenden Feſtlichkeiten zu nehmen; man ſagt, es werden bald ſolche Statt haben.“ „Und in welcher Gegend wird dies geſchehen; mein kleiner Freund?“ fragte Treſſilian. „O! auf irgend einem Schloſſe, weit dort nach Norden zu, entgegnete ſein Fuͤhrer. Aber unſer alter Domine haͤlt dafuͤr, daß ſie dort nicht ohne ihn fertig werden koͤnnen; auch hat er vielleicht recht, denn er hat ſchon manches ſchoͤne Spiel angeordnet. Er iſt lange nicht ſo naͤrriſch, als Ihr ihn glauben moͤgt, legt er nemlich Hand an Dinge, die er verſteht; denn ob er gleich Verſe deelamiren kann, gleich dem beſten Schauſpieler, wuͤrde er doch, kaͤm's auch nur darauf an, Gaͤnſe⸗Eier zu ſtehlen, vor dem Gaͤnſerich davon laufen.“ „und Du ſollſt alſo Theil an ſeiner naͤchſten Vorſtellung nehmen?“ fragte Treſſilian mit einigem Intereſſe, welches — 470o— ihm die kecke Unterhaltung des Burſchen und ſeine anſchei⸗ nende Charakter⸗Feſtigkeit eingefloͤßt hatte. 3 „Mein Seel', er hat's mir ſo verſprochen,“ antwortete Dickie,„haͤlt er ſein Wort nicht, wuͤrde es deſto ſchlimmer für ihn ſeyn. Spaßen, Herr, laß ich nicht mit mir; aber Leid's moͤcht ich ihm denn doch nicht gern zufügen; hat ſich doch der langweilige alte Narr alle Muͤhe gegeben, mir glles zu lehren, was er ſelbſt wußte.— Aber genug da⸗ von— hier ſind wir vor der Schmiedethuͤr von Wayland, dem Schmidt.“. „ Du haſt mich zum Beſten,“ ſagte Treſſilian,„hier ſehe ich ja weiter nichts als Moraſt und den Kreis von Steinen da, und einen groͤßeren dort in der Mitte, einem Grabhuͤgel gleich.“ „Ei,“ rief der Burſche,„jener große flache Stein, welcher platt uͤber den andern liegt, iſt Wayland's Zahl⸗ brett, dort muͤßt ihr das Geld hinzaͤhlen.“ „Was ſollen die Narrenspoſſen?“ fragte der Reiſende, welcher uͤber die Keckheit des Burſchen, und weil er einem folchen Führer vertraut, auch uͤber ſich ſelbſt verdrießlich zu werden begann. 3— „Ei nun,“ antwortete Dickie, ihn angrinſend,„Ihr muͤßt euer Pferd an jenen Stein binden, der dort aufrecht ſteht, mit dem Ringe d'rin, dann dreimal pfeifen, euer Silberſtuͤcs auf jenen flachen Stein legen, aus dem Kreiſe treten, und Euch dort an der Weſtſeite bei dem kleinen Ge⸗ buͤſch niederſetzen, aber nicht aufblicken, weder rechts noch lints, jehn Minuten lang, ſo lange Ihr Hammerſchlaͤge vernehmt, und hoͤren die auf, dann betet, ſo lange wie man bundert zaͤhlen kann, oder zaͤhlt auch nur hundert ſchlecht weg, das thut dieſelben Dienſte.— Darauf tretet getroſt wieder in den Kreis, euer Geld wird fort und euer Pferd beſchlagen ſeyn.“ „Mein Geld fort, wohl glaub ich's,“ rief Treſſilian, „aber mein Gaul—— Hoͤre Burſche, ich bin zwar nicht dein Schulmeiſter, willſt Du aber deinen Spaß mit mir treiben, ſo werde ich ihm einen Theil ſeiner Arbeit abneh⸗ men, und Dich zuͤchtigen.“ „Ja, wenn Ihr mich erwiſchen koͤnnt,“ lachte der Bube, mit einer ſolchen Schnelligkeit ſich auf die Beine machend, daß jeder Verſuch Treſſilians, ihn einzuholen, durch ſeine ſchweren Stiefel unmoͤglich gemacht wurde. Dennoch ſtrengte der Zwerg nicht etwa ſeine Kraͤfte auf eine Weiſe an, als ob er in Gefahr ſey, oder ſich fuͤrchte, ſondern hielt ſich immer nur in einer gewiſſen Entfernung, um Treſſilian zu ermuthigen, ſeine Verfolgung fortzuſetzen, ſchnell aber, mit der Geſchwindigkeit des Windes, flog er wieder von dannen, wenn ihn Treſſilian ſchon erreicht zu haben glaubte, ſich dergeſtalt drehend und wendend, daß er immer wieder auf die Stelle zuruͤckkam, von der er ausgelaufen war. Dieß waͤhrte ſo lange, bis Treſſilian endlich vor wirk⸗ licher Muͤdigkeit ſtill und im Begriff ſtand, mit einem der⸗ hen Fluche die Verfolgung des garſtigen Zwerges aufzugeben, der ihn zu dieſer laͤcherlichen Koͤrperuͤbung gebracht hatte. Da begann ploͤtzlich der Burſche, welcher einen Huͤgel ihm gerade gegenuͤber erklimmt hatte, mit ſeinen duͤrren lang⸗ pefingerten Haͤnden zu klatſchen, und ſeine widerlichen Ge⸗ ſichtszuͤge zu einem ſo garſtigen Geiauchze und Gelache zu verziehen, daß Treſſilian beinahe mit ſich uneins zu werden begann, ob nicht vielleicht ein wirklicher Kobold dort vor ihm herum tanze. Aufgebracht, zugleich aber doch uͤber Dickies hoͤchſt poſ⸗ ſterliche Gebehrden und Spruͤnge faſt unwiderſtehlich zum Lachen gereizt, ging er zu ſeinem Pferde zuruͤck, und ſchwang ſich hinauf, um den Burſchen mit groͤßerem Vortheile ver⸗ folgen zu koͤnnen. Der Bube ſah ihn kaum ſeinen Gaul befrtgen, als er ihm auch ſogleich zurief: daß, eh' er ſein armes Pferd an⸗ greifen ſolle, er lieber herabkommen wolle, wenn Treſſilian verſpraͤche, nicht Hand an ihn zu legen. „Ich will mich auf keinen Vergleich mit Dir einlaſſen, du heilloſer Geſell,“ ſagte Treſſilian,„gleich werde ich Dich in meiner Gewalt haben.“ „Iſt's ſo gemeint, Herr Reiſender,“ hohnlachte der Bube,„da iſt ein Moraſt hier neben uns, tief genug, alle Pferde der koͤniglichen Staͤlle zu verſchlingen— ſchnell ſchwing' ich mich hinein, und dann wollen wir ſehen,— euer Gaul und Ihr werdet verſinken, ehe Ihr mich, ohne meinen Willen, erwiſcht.“ . Treſſilian blickte umher, und es ſchien ihm, daß nach der Farbe des Bodens neben dem Huͤgel zu urtheilen, der Burſche wahr rede. Er beſchloß daher mit dem leichtfuͤßi⸗ gen, ſchlauen Buben Frieden zu ſchließen.— „Komm nur herab, du LTeufelsbrut,“ rief er aus; „laß dein Geſchrei und Geſpringe, ich will Dir nichts Boͤſes thun, mein Wort darauf.“ 3 Der Burſche kam ſeiner Einladung mit dem groͤßten Vertrauen entgegen und tanzte in luſtigen Spruͤngen von ſeiner Anhoͤhe hinunter, ſeine Blicke auf Treſſilian gerichtet, welcher von ſeinem Gaul wieder herabgeſtiegen, neben dem⸗ ſelben ſtand, den Zuͤgel in der Hand haltend, athemlos und faſt erſchoͤpft von ſeinem nutzloſen Exercitium, waͤhrend kein — 175— Troͤpſchen Schweiß auf der von der Sonne verbrannten Stirn Dickies ſichtber war.„Sprich jetzt, warum Du ſo mit mir verfaͤhrſt, du heilloſer Satan?“ ſagte Treſſilian, „und warum Du mir ein ſo albernes Maͤhrchen erjzaͤhlteſt. Oder zeige mir lieber, aber in gutem Ernſt, die Wohnung des Schmidts, und ich will Dir Geld ſchenken, hinreichend, Dir Aepfel fuͤr den ganzen Winter zu kaufen.“ „Und wenn Ihr mir einen ganzen Obſtgarten voll Aepfel gebt, kann ich Euch doch nicht beſſer fuͤhren, als ich gethan,“ entgegnete der Zwerg.„Legt euer Silberſtuͤck nur auf den Stein dort,— pfeift dreimal— und ſetzt Euch an der Weſtſeite nieder, ich will mich neben Euch ſetzen und Ihr ſollt mir den Kopf abreißen, wenn Ihr nicht die Hammer⸗ ſchläge des Schmidts vernehmt, noch bevor zwei Minuten vergehen.“ „Ich koͤnnte wahrlich verſucht werden, Dich beim Wort zu nehmen,“ ſagte Treſſilian,„und triebſt Du auch nur wieder heilloſen Spaß mit mir— ſo laß uns denn deinen Zauber erproben.— Hier binde ich mein Pferd an den aufrecht ſtehenden Stein— das Silberſtuͤck ſoll ich dort hin⸗ legen, und dreimal pfeifen, war's nicht ſo?“ 3 „Allerdings, aber laut muͤßt Ihr pfeifen, recht laut, nicht wie eine unbefiederte Amſel,“ rief der Zwerg, als Treſſilian, halb beſchaͤmt uͤber die Thorheit, welche er zu begehen im Begriff ſtand, das Geld niedergelegt, und leiſe gepfiffen hatte.„Lauter, weit lauter, denn wer weiß, wo der Schmidt weilt, den Ihr verlangt?— Vielleicht hat er jetzt grade im Stall des Koͤnigs von Frankreich, oder ſonſt irgendwo fern von hier zu thun.“ „Sagteſt du denn nicht erſt ſelbſt, er ſey kein Teufel,“ erwiederte Treſſilian. — 174— „Menſch oder Teufel, gleichviel!“ rief Dickie,„ich ſehe ſchon, ich muß ihn fuͤr Euch rufen,“ und ſchnell pfiff er laut und ſchaͤrf, mit einem ſchneidenden Ton, der Treſſi⸗ lian durch Mark und Bein drang. „Das heiß' ich pfeifen!“ ſprach er, als er ſein Signal dreimal wiederholt hatte,„und nun fort, fortr oder euer Gaul wird heute nicht beſchlagen.“ Treſſilian begierig, wie dieſes Poſſenſpiel enden wuͤrde, durch das Vertrauen, mit dem ſich der Burſche in ſeine Gewalt gegeben hatte, aber uͤberzeugt, daß der Ausgang ihm Genuͤge leiſten wuͤrde, ließ ſich von dieſem zu dem klei⸗ nen Gebuͤſch an der Weſtſeite fuͤhren, wo er ſich niederließ, und weil es ihm doch einfiel, daß das alles nur ein Streich ſeyn koͤnne, um ſein Pferd zu ſtehlen, den Burſchen beim Kragen faßte, um ihn als Unterpfand feſtzuhalten. „ Still nun und horcht,“ fuuͤſterte Dickie,„bald werdet Ihr die Schlaͤge eines Hammers hoͤren, der nicht von irdi⸗ ſchem Eiſen geſchmiedet ward; das Metall, aus dem er ge⸗ macht wurde, iſt vom Mond herabgefallen.“— Und in der That vernahm Treſſilian einige Augenblicke darauf Hammer⸗ ſchlaͤge, als ob ein Hufſchmidt arbeite. Das Seltſame dieſes Tones in einer ſolchen oͤden Gegend machte ihn unwillkuͤhr⸗ lich ſchaudern; als er aber auf den Knaben blickte, und aus deſſen boshaftem Laͤcheln zu bemerken glaubte, daß ſein An⸗ ſlug von Furcht den Burſchen ergoͤtze, war er ſogleich uͤber⸗ zeugt, daß dieſes alles verabredete Karte ſey, und auf der Stelle entſchloſſen, zu erfahren, von wem und zu welchem Entzweck dies Spiel getrieben werde. Demzufolge verhielt er ſich vollkommen ruhig, waͤhrend die Hammerſchlaͤge fortdauerten, welche raſtlos ſo lange er⸗ toͤnten, als noͤthig ſeyn mochte, ein Pferd zu beſchlagen. 8¼ — 175— In dem Augenblicke aber, wo ſie aufhoͤrten, ſprang Treſſi⸗ lian, ſtatt die Zeit abzuwarten, welche ihm von ſeinem Fuͤh⸗ rer vorgeſchrieben war, ſein Schwerdt in der Hand, raſch empor; ſtuͤrzte hinter dem Gebuͤſch hervor, und erblickte ei⸗ nen Mann mit einer ledernen Schmiedeſchuͤrze, im uͤbrigen aber phantaſtiſch angethan, in einer Kleidung aus Baͤren⸗ fell, und eine Muͤtze von demſelben Rauchwerk, welche die rußigen Geſichtszuͤge deſſen, der ſie trug, faſt voͤllig bedeckte. —„Zuruͤck, zuruͤck,“ ſchrie der Burſche Treſſilian zu,„er zerreißt Euch in Stuͤcke, noch lebte niemand, der ihn er⸗ blickte.“— Der unſichtbare, jetzt aber voͤllig ſichtbare Schmidt hob in der That ſeinen Hammer, wie zum Angriff bereit. Als aber der Knabe bemerkte, daß weder ſein eigener Zuruf, noch die drohende Stellung des Schmidts, Treſſilian zu ſchrecken ſcheine, ſondern daß dieſer im Gegentheil mit gezogenem Schwerdte dem gehobenen Hammer zu begegnen im Begrlff ſtand, rief er haſtig dem Schmidt zu:„ſchlagt nicht zu, Wayland, Ihr wuͤrdet zu Schaden kommen.— Der Herr ifl ein Edelmann, und hat Muth.“ „So haſt Du mich alſo betrogen Tingte rief der Schmidt, das ſoll Dir uͤbel bekommen.“ „Wer Du auch ſeyn magſt,“ ſprach Treſſilian,„Du haſt nichts von mir zu fuͤrchten, wenn Du mir die Urſache dieſes Poſſenſpieles kund thuſt, und mir ſagſt, warum Du dein Handwerk auf ſo geheimnißvolle Weiſe treibſt.“ Der Schmidt aber blickte zornig auf Treſſilian, und fragte mit drohender Stimme:„Wer ſpricht ſo zum Huͤter des kryſtallnen Lichtſchloſſes, zum Herrn des gruͤnen Loͤwen, zum Ritter des rothen Drachen?— fort!— eh' ich Talpack mit dem feurigen Speer heraufbeſchwoͤre, Schierz, Tod und — 176— 4 Vernichtung zu bringen.“ So ſprechend machte er furchtbare Gebehrden und ſchwang ſeinen Hammer. „Schweig, erbaͤrmlicher Betruͤger, mit deinem Zigeu⸗ ner⸗Gewaͤſch,“ ſprach Treſſilian veraͤchtlich,„fort mit mir auf der Stelle zur naͤchſten Obrigkeit, oder mein Schwerdt ſoll deinen Hirnſchaͤdel treffen.“ „Haltet Frieden, guter Wayland, ich bitte Euch,“ ſagte Dickie,„hier hilft kein Großthun, Ihr muͤßt doch klein bei⸗ geben.“ „Ich meinte, werther Herr,“ nahm jetzt nach einer kur⸗ zen Pauſe der Schmidt das Wort, indem er ſeinen gehobe⸗ nen Hammer ſinken ließ, und einen milden, unterwuͤrfige⸗ ren Ton anſtimmte,„daß, wenn ſo ein armer Kerl, als ich, ſein Tagewerk nur ordentlich thut, es ihm erlaubt ſeyn muß, es zu verrichten, wie er es fuͤr gut findet. Euer Pferd iſt beſchlagen, der Schmidt bezahlt,— und ich ſehe alſo nicht ein, was Ihr hier weiter zu thun habt, als aufzuſtei⸗ gen und eure Reiſe fortzuſetzen.“ „Ihr irrt Euch, Freund,“ entgegnete Treſſilian;— „jedermann hat das Recht, einem Betruͤger oder Gaukler ſeine Larve abzuziehen, und eure Art und Weiſe zu leben, erregt den Verdacht, daß Ihr beides ſeyd. „Redet Ihr ſo entſchieden,“ erwiederte der Schmidt, „ſo kann ich mir nicht anders als durch Gewalt helfen, die moͤchte ich aber ungern gegen Euch gebrauchen, Herr Treſſi⸗ lian;— nicht etwa, weil ich eure Waffe füͤrchte, ſondern weil ich weiß, daß Ihr ein wackerer, lieber, ehrenwerther Herr ſeyd, der einem armen Manne in der Noth lieber hel⸗ fen als ſchaden moͤchte.“ „Wohl geſprochen, Wayland!“ ſagts der Knabe, wel⸗ ter aͤngſtlich auf den Erfolg ihrer Unterredung horchte;„aber 4 6 ſo — 177— ſo fuͤhre uns doch in deine Hoͤhle, deiner Siheiheſt ſchadet's, ſo lange draußen zu bleiben. 1.„Du haſt recht, Springkobold,“ erwiederte Wayland; und indem er an ein kleines Gebüſch trat, dicht neben den Steinen, dem Platze gegenuͤber, wo Treſſilian, ihm den Ruͤcken zugekehrt, geſeſſen hatte, zeigte ſich eine verborgene Fallthuͤr, die er aufhob, hinabſtieg, und vor ihren Augen verſchwand. Treſſtlians Neugierde ungeachtet, trug er doch einiges Bedenken, dem Kerl an einen Ort zu folgen, der leicht eine Naͤuberhoͤle ſeyn konnte, zumal, als er des Schmidts Stimme aus der Tiefe herauf erſchallen hoͤrte: „ſteige Du zuletzt herab, Dickie, hoͤrſt Du, und vergiß nicht, die Fallthuͤr zu ſchließen.“ „Habt Ihr nun genug von Wayland, dem Schmidt, ge⸗ ſehen,“ fluͤſterte der Zwerg zu Treſſilian mit argliſtigem Laͤ⸗ cheln, als ob er die Unentſchloſſenheit ſeines Gefaͤhrten be⸗ merke. „Noch nicht,“ rief Treſſilian im feſten Ton, und den Anflug von Unſchluͤſſigkeit abſchüͤttelnd, ſtieg er die ſchmale Treppe hinab, von Dickie gefolgt, welcher die Fallthuͤr hin⸗ ter ihnen verſchloß, ſo daß kein Tageslicht mehr hineinzu⸗ dringen im Stande war. Die Stiege beſtand indeß nur aus einigen Stufen, und fuͤhrte zu einem ebenen Gang, welcher nur einige Schritte lang war, an deſſen Ende ſich der Wie⸗ derſchein eines duͤſteren roͤthlichen Lichtes zeigte. Dort ange⸗ langt, das bloße Schwerdt in der Hand, bemerkte Treſſilian, als er ſich etwas zur Linken wandte, daß er und Dickie, wel⸗ cher ihm auf dem Fuße folgte, ſich in einem kleinen Gewoͤlbe befaͤnden, wo eine Schmiede angelegt war, in der Holzkoh⸗ len gluͤhten, welche den kleinen Raum mit einem druͤckenden Dunſt anfuͤllten, der zum Erſticken geweſen ſeyn wuͤrde, haͤt⸗ Kenilworth. 1. Bd. M — 178— te nicht ein verborgenes Luftloch die Hoͤhle mit der aͤußeren Luft in Verbindung geſetzt. Das Licht, welches die rothe Kohlenglut, ſo wie eine, an einer eiſernen Kette haͤngende Lampe verbreitete, ließ, außer dem Ambos, dem Blaſebalg, den Zangen und Hammern, noch eine Menge Hufeiſen und aͤhnliche Schmiedearbeiten und Werkzeuge erblicken; außer⸗ dem aber waren noch Schmelztiegel, Feuerfaͤſſer und anderes, zur Ausuͤbung der Alchymie noͤthiges Geraͤth vorhanden. Die groteske Figur des Schmidts und die garſtige kleine Geſtalt Dickies, ſtimmten, von der duͤſteren truͤben Kohlenglut und dem Lichte der halb erloſchenen Lampe beleuchtet, mit den ſie umgebenden Gegenſtaͤnden auf furchtbare Weiſe uͤberein, und wuͤrden in jenem Zeitalter des Aberglaubens ohne Zwei⸗ fel ſchreckenvollen Eindruck auf den Muth der meiſten Men⸗ ſchen gemacht haben. Treſſilian aber war von der Natur mit einem ſtarken Nervenſyſtem begabt worden, und ſeine Erziehung zu ſorgfaͤltig geweſen, als daß er der Furcht vor eingebildeten Gefahren auch nur auf einen Augenblick Ein⸗ gang bei ſich erlaubt haͤtte; kaum hatte er alſo die Gegen⸗ ſtaͤnde um ſich her mit einem fluͤchtigen Blick betrachtet, als er auch die Frage an den Schmidt wiederholte:„wer er ſey, und wie er dazu kaͤme, ihn zu kennen, und ihn bei ſeinem Namen zu nennen?n 4 „Koͤnnt Ihr euch, geſtrenger Herr! wohl erinnern,“ ſagte Wayland,„wie vor ungefaͤhr drei Jahren am St. Lu⸗ eien⸗Tage ein herumreiſender Gaukler auf einem gewiſſen Landſitze in Devonſhire einkehrte und ſeine Kuͤnſte vor einem alten wuͤrdigen Ritter und ſeiner reſpeetablen Geſellſchaft zeigre?— Euer Geſicht— finſter wie dieſer Ort hier—„üt mir, daß ich mich nicht geirrt.“ — 179— »Du haſt genug geſagt,“ entgegnete Treſſtlian, ſich ab⸗ wendend, als wolle er vor dem Redner die ſchmerzlichen Erin⸗ nerungen verbergen, welche ſeine Worte in ihm erweckt hatten. „»Der Gaukler,“ fuhr der Schmidt fort,„machte ſeine Sachen ſo gut, daß faſt alle Anweſende ſeine Kunſt beinahe fuͤr Zauberei hielten; ein Maͤdchen von ungefaͤhr funfzehn Jahren, mit dem ſchoͤnſten Geſicht, das ich je geſehen, fuͤhl⸗ te ſich vorzuͤglich ergriffen. Die roſigen Wangen wurden bleich und ihr großes braunes Auge erſtarrte, ob der Wun⸗ der, die ſich ihr zeigten.“ „Halte ein,“ rief Taeſſiltan„ iih gebiete es Dir⸗ hal⸗ te ein!“ „Meine Abſicht iſt nicht, Euch zu beleidigen, werther Herr,“ entgegnete der Schmidt;„nur erinnern wollt' ich Euch, wie Ihr, um die reizende Maid zu beruhigen, Euch herabließt, die Art und Weiſe zu erklaͤren, auf welche ſolche Kuͤnſte ausgeuͤbt werden, und wie Ihr ſo den armen Gauk⸗ ler beſchaͤmtet, als Ihr ſein Geheimniß baar und bloß zu deuten verſtandet, ſo geſchickt, als waͤret Ihr einer ſeiner Kunſtbruͤder.— Es was aber auch in der That ein ſo ſchoͤ⸗ nes Maͤdchen, daß, um ein einziges Laͤcheln von ihr zu ge⸗ winnen, man leicht— „ Kein Wort mehr von ihr! rief Treſſilian,— wohl er⸗ innere ich mich jenes Abends, von dem Du redeſt,— es war einer von den wenigen gluͤcklichen meines Lebens.“ „ Sie iſt alſo hinuͤbergegangen!“ ſagte der Schmidt, in⸗ dem er auf ſolche Weiſe den Seuftzer auslegte, mit welchem Treſſtlian ſeine ſo eben ausgeſprochenen Worte begleitet hatte,„todt alſo, ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo liebenswerth!— Verzeiht, geſtrenger Herr!— wollte ich doch, ich haͤtt' ein anderes Then gehammert, der Nagel paßte nicht.“ M 2 — 180— Dieſe Worte wurden mit einer Miſchung von nakürli⸗ 1 chem Gefuͤhl ausgeſprochen, welche Treſſilian zu Gunſten des armen Handwerkers ſtimmten, von dem er bis jetzt keinen allzu vortheilhaften Begriff gehegt hatte. Nichts vermag ungluͤckliche leichter einzunehmen, als wirkliche oder ſchein⸗ bare Theilnahme an ihren Leiden. 1 „Warſt Du doch damals, wenn ich mich recht erinnere,“ fuhr Treſſilian nach einer kurzen gedankenvollen Pauſe fort, „ein luſtiger, heiterer Geſell, der eine Geſellſchaft eben ſo gut durch Spiel, Maͤhrchen und Geſang, als durch ſeine Ta⸗ ſchenſpielerkuͤnſte zu unterhalten verſtand.— Wie kommt es denn, daß ich Dich jetzt hier als ſleißigen Handwerker wie⸗ der finde, dein Werk in einer ſo melancholiſchen Behauſung verrichtend, und auf ſo ſeltſam wunderbare Weiſe?““ „Meine Geſchichte iſt nicht lang,“ entgegnete der Schmidt, „Ihr ſolltet Euch aber niederlaſſen, waͤhrend ich ſie Euch erzaͤhle.“ So ſprechend ruͤckte er einen dreibeinigen Stuhl fu Treſſilian neben das Feuer, nahm einen gleichen für ſich, waͤhrend Dickie ſich auf einen Schemel zu ſeinen Fuͤßen ſetzte, und mit einem Geſicht zu ihm hinaufblickte, in deſſen von der Kohlenglut beleuchteten Zuͤgen die außerordentlichſte Neu⸗ gierde erkennbar war.—„Auch Du,“ ſprach der Schmidt zu ihm,„ſollſt jetzt die kurze Geſchichte meines Lebens hoͤren, leben ſo gut iſt es, ſie Dir zu erzaͤhlen, als Dir es zu uͤber⸗ laſſen, ſie auszuforſchen; denn nie verſchloß noch die Natut ſchaͤrferen Witz in ein unfoͤrmlicheres Behaͤltniß, als bei Dir. — Wohlan denn, Herr! wollt Ihr nun meine kleine Ge⸗ ſchichte wiſſen, ſo iſt ſie zu eurem Befehl.— Waͤr't Ihr aber nicht geneigt, vorher einen Trunk zu Euch zu nehmen? — 181— ſo klein und arm auch dieſe Zelle, bin ich doch im Stande⸗ Euch einige Erfriſchung zu bieten.“ „Sprich davon nicht,“ entgegnete Treſſtlian,„ſondern beginne mit deiner Erzaͤhlung, denn meine Zeit iſt kurz.“ „Ihr ſollt keine Urſache haben, euren Verzug zu be⸗ reuen,“ erwiederte der Schmidt,„denn euer Gaul ſoll un⸗ terdeſſen beſſeres Futter empfangen, als es heute fruͤh der Fall geweſen, und wird Euch dann um ſo ſchneller weiter tragen.“ Mit dieſen Worten verließ Wayland die Hoͤhle, kehrte aber nach einigen Augenblicken zuruͤck. Wir aber brechen hier ab, damit ſeine Erzaͤhlung mit einem neuen Capitel beginnen koͤnne. 11. Der Schmidt Wayland hebaun ſeine Erzaͤhlung mit folgenden Worten: „Ich ward zum Hufſchmidt erzogen, und verſtand mein Handwerk ſo gut, als je irgend ein ſchwarzbefaͤuſteter, le⸗ dern⸗geſchuͤtzter Burſche dieſer alten Kunſt. Bald aber ward ich es uͤberdruͤſſig, meinen Hammer auf dem Ambos ertoͤnen zu laſſen, als ich zufaͤlligerweiſe die Bekanntſchaft eines be⸗ ruͤhmten Gauklers machte, deſſen Finger fuͤr die Taſchen⸗ ſpielerkuͤnſte faſt zu ſteif geworden waren, und der ſich daher einen Lehrling bei ſeinem edlen Gewerbe wuͤnſchte. Sechs Jahre lang diente ich ihm, bis ich Meiſter meiner Kunſt ward — ich berufe mich in dieſer Hinſicht auf Euch, mein guter Herr, und frage Euch, deſſen urtheil nicht in Zweifel gezo⸗ gen werden kann, ob ich nicht meine Sachen treffllich zu machen verſtehe?“. faßt Euch kurz.“ „Kurze Zeit nachdem ich in eurer Gegenwart, geſtren⸗ ger Herr! vor Sir Hugh Robſart und ſeiner Geſellſchaft meine Kuͤnſte gezeigt hatte, betrat ich als Schauſpieler die Buͤhne und habe mit den beſten unter ihnen gewetteifert, ſowohl zum ſchwarzen Ochſen, als zum Handſchuh oder zum Baͤrenz allein ich weiß nicht, wie es kam, daß die Aepfel in jenem Jahre grade ſo wohlfeil waren, ſo daß die Buben auf dem zwei Pfennigs⸗Platze immer nur einen Biß hineinthaten, und dann ſie weg, und mir zu auf die Buͤhne warfen; ſo ward ich des Dings muͤde— ſchenkte der Geſellſchaft meinen halben Antheil— meinen Putz, meinen Camraden— meine Halbſtiefeln der Garderobe, und kehrte der Buͤhne auf immer den Ruͤcken.“ „Gut, gut!“ rief Treſſtlian, und was war nun euer Behelf?“. „Ich ward,“ entgegnete der Schmidt,„halb Geſchaͤfts⸗ theilnehmer, halb Diener eines Mannes von großer Ge⸗ ſchicklichkeit und kleinem Vermoͤgen, welcher das Gewerbe ei⸗ nes Arztes trieb. „Kurz, Ihr wurdet der Hanswurſt eines Quackſalbers,“ unterbrach ihn Treſſilian. „Ekwas mehr, will ich hoffen, mein guter Herr Treſſi⸗ lian,“ erwiederte der Kuͤnſtler,„obgleich wir, die Wahrheit zu geſtehen, auf abentheuerliche Weiſe auftraten; denn die Heilkunſt, welche ich ruͤckſichtlich der Behandlung von Pfer⸗ den erlernte, ward jetzt auch oft von uns bei unſern menſch⸗ lichen Kranken in Anwendung gebracht; allein alle Krankhei⸗ ten ſind ſich gleich; und wenn Terpentin, Theer, Pech und Rindstalg, mit Zwiebeln, Gummi Maſtick oder dergleichen 4 „ Ganz vortrefflich!“ ſagte Treſſilian,„aber ich bitte, — 163— vermiſcht, ein Pferd heilen koͤnnen, das von einem Nagel verletzt wurde, ſo wuͤßte ich doch nicht, warum dieſe Mittel nicht eben ſo gut einem Menſchen helfen ſollten, den ein Schwerdt oder ein Dolch ritzte. Meines Meiſters Kenntniß und Geſchicklichkeit aber, uͤbertrafen die meinige bei weitem, und er machte ſich mit weit gefaͤhrlicheren Dingen zu thun. Er war nicht bloß ein kuͤhner Abentheurer in der Arzneikunſt, ſondern auch in geheimen Kuͤnſten eingeweiht, las in den Sternen, und deutete das Schickſal der Menſchen. Er ver⸗ ſtand meiſterhaft Kraͤuter auszukochen, war ein gelehrter Chemiſt, hatte verſchiedene Verſuche gemacht, die Bewegung des Queckſilbers zu hemmen, und auch einige, den Stein der Weiſen zu ſinden; welche, wie er ſagte, keinesweges un⸗ gluͤcklich ausgefallen waren. Ich beſitze hier uͤber dieſen Ge⸗ genſtand noch ein Program von ihm, von dem Ihr, mein guter Herr, falls Ihr es verſteht, das beſte haben werdet von allen denen, die es laſen, ja von dem ſogar, der es ſchrieb. Er haͤndigte bei dieſen Worten Treſſilian eine Perga⸗ ment⸗Rolle ein, auf der ſich oben und unten, ſo wie am Rande, die Zeichen der ſteben Planeten, mit Zauberfiguren und griechiſchen und hebraͤiſchen Brocken, ſeltſam durch ein⸗ ander geworfen, befanden. In der Mitte ſtanden einige la⸗ teiniſche Verſe von irgend einem cabaliſtiſchen Autor, ſo ſchoͤn und deutlich geſchrieben, daß ſelbſt die Dunkelheit des Orts Treſſilian nicht verhinderte, ſie zu leſen. Ihr Inhalt war folgender: 4 Si fixum solvas, faciasque volare solutum, Et volucrem figas, facient te vivere tutum, Si pariat ventum, valet aure pondere centum Ventus ubi vult spirat.— Capiat qui capete potest. — 484— „Alles, was ich daraus verſtehen kann,“ ſagte Treſſilian, „iſt, daß die Meinung der letzten Worte dieſe zu ſeyn ſcheint: Faſſe, was du erwiſchen kannſt.“ „»Das,“ entgegnete der Schmidt,„war der Grundſatz, nach dem mein wuͤrdiger Freund und Meiſter, Doctor Do⸗ boobie, ſtets zu handeln pflegte; bis er, von ſeiner eigenen Einbildungskraft bethoͤrt, und von einer zu großen Meinung ſeiner alchymiſtiſchen Kenntniſſe hingeriſſen, ſein Geld weg⸗ zuwerfen begann, indem er jetzt ſich ſelbſt betrog, wie er fruͤher andere hintergangen hatte. So entdeckte oder errichte⸗ te er denn dieß geheime Laboratorium hier,(mir iſt ſelbſt nicht bekannt, wie es entſtanden,) in welchem er ſich vor ſei⸗ nen Kranken und Schuͤlern verſchloß, die alsdann ſeine oͤfte⸗ re Abweſenheit von ſeiner Wohnung zu Farringdon, ſeinen Fortſchritten in den geheimen Wiſſenſchaften und ſeinem Umgange mit der Geiſterwelt zuſchrieben. Auch mich ſuchte er zu taͤuſchen; obgleich ich ihm nicht entgegenhandelte, ſah er doch, daß ich zu viel von ſeinen Geheimniſſen wußte, um laͤnger ſein zuverlaͤſſiger Gefaͤhrte zu ſeyn. So ward ſein Name beruͤhmt, oder ſo zu ſagen beruͤchtigt; denn ein gro⸗ ßer Theil derer, die ſich an ihn wandten, thaten es in der Meinung, daß er ein Zauberer ſey. Und ſelbſt Maͤnner, zu maͤchtig, um genannt zu werden, nahmen fuͤr Zwecke, zu furchtbar, als daß ich ſie erwaͤhnen duͤrfte, ſeine vermeintli⸗ chen K Kenntniſſe in den geheimen Wiſſenſchaften in Anſpruch. Das Volk fluchte und verwuͤnſchte ihn, und belegte mich, ſeinen unſchuldigen Gehuͤlfen, mit dem Schimpfnamen Teu⸗ fels⸗Bote, der mir einen Hagel von Steinen zuzog, ſobald ich nich nur im Dorfe blicken ließ.“. — 1385— „Endlich verſchwand mein Meiſter ploͤtzlich, vorgebend, er wolle dieß Laboratorium hier beſuchen, wobei er mir ge⸗ bot, ihn, bevor zwei Tage vergangen ſeyn wuͤrden, nicht zu ſtoͤren. Als dieſe Zeit verfloſſen war, wurde ich bange, und eilte in dieſe Hoͤhle, wo ich das Feuer erloſchen, und alle Geraͤthſchaften in Unordnung fand, nebſt einem Zettel von der Hand des gelehrten Doboobius, wie er ſich zu nennen pflegte, durch welchen er mir kund that, daß wir uns nie wieder ſehen wuͤrden, und wodurch er mich zum Erben ſeiner chemiſchen Ayparate und der Pergament⸗Rolle einſetzte, wel⸗ che ich Euch ſo eben zeigte, mit dem Bedeuten, ſein Ge⸗ heimniß raſtlos zu verfolgen, weil ich unfehlbar dadurch einſt den Stein der Weiſen finden wuͤrde.“ „Und folgteſt Du dieſem weiſen Rathe?““ fragte Treſ⸗ ſilian. „Nein, werther Herr!“ entgegnete der Schmidt;„von Natur vorſichtig und argwoͤhniſch, zumal, da ich meinen Mann kannte, ſtellte ich, noch bevor ich nur Feuer anzuzuͤn⸗ den wagte, die genaueſte Unterſuchung an, und entdeckte auch bald ein kleines Faͤßchen mit Schießyulver, welches auf dem Heerde verborgen lag, ohne Zweifel, um, ſobald ich das große Werk beginnen wuͤrde, augenblicklich eine Exploſion hervorzubringen, und dieſe Hoͤhle und alles, was darin iſt, in Truͤmmer aus einander zu ſprengen, welche dann zugleich mein Grab geweſen ſeyn wuͤrde. Hiedurch ward ich nun voͤlig von der Alchymie geheilt, und gern waͤre ich zum Hammer oder Amboß zuruͤckgekehrt; wer aber wollte wohl ſein Pferd vom Teufelsboten beſchlagen laſſen. Unterdeſſen war ich mit dem Dickie hier bekannt geworden, dem ich, als ich ihn einſt mit ſeinem Lehrer, dem gelehrten Erasmus Holyday zu Farringdon traf, einige Kunſtſtuͤck⸗ chen lehrte, woran die Jugend Spaß findet; ſpaͤterhin wur⸗ den wir einig, daß, da ich auf dem gewoͤhnlichen Wege kei⸗ ne Kundſchaft bekommen konnte, verſucht werden muͤßte, ſol⸗ che auf andere Weiſe von dem aberglaͤubiſchen Volke zu er⸗ halten; und Dank ſey es dem Burſchen hier, der meinen Ruf herumpoſaunte; bis jetzt hat es mir an Arbeit nicht ge⸗ fehlt. Aber es iſt doch zu viel Gefahr dabei, und ich fuͤrchte immer, einmal als Hexenmeiſter aufgehoben zu werden; ſo daß ich nur auf eine Gelegenheit harre, dieſe Hoͤhle unter dem Schutze einer ehrenwerthen Perſon zu verlaſſen, welche mich gegen die Wuth des Volks, wenn es mich erkennen ſollte, zu beſchuͤtzen im Stande waͤre.? „Und ſind Dir,“ fragte Treſſilian,„alle Wege hier in dieſer Gegend genau bekannt?“ „Allenthalben wuͤrde ich, ſelbſt um Mitternacht, zu rei⸗ ten wiſſen,“ entgegnete Wayland Smith, tieſen Namen hatte der Hufſchmidt angenommen. „Du haſt ja aber kein Pferd, darauf zu reiten,“ erwie⸗ derte Treſſilian. „Verzeiht antwortete Wayland,„ich habe ſo gut ei⸗ nen Klepper als einer; es war das beſte Stuͤck vom Erbtheil des Doctors, bis auf ein Paar ſeiner mediziniſchen Geheim⸗ niſſe, die ich mir ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen verſchaffte.“ „Nun ſo waſche Dich, und ſcheere deinen Bart,“ rief Treſſilian,„aͤndere deine Kleidung, ſo gut Du kannſt, und wirf die grotesken Lumpen weg; willſt Du treu und ver⸗ ſchwiegen ſeyn, ſollſt Du mir eine Zeitlang folgen, bis dei⸗ ne Schelmereien hier vergeſſen ſind. Du beſitzeſt, wie ich denke, Klugheit und Muth, und ich habe ein Geſchaft, wo 1 beide erforderlich ſind.“ —— 187— Wayland Smith nahm dieſen Vorſchlag begierig an, ſeinem neuen Herrn ſeine Ergebenheit betheurend. Nach wenigen Minuten ſchon hatte er durch Veraͤnderung ſeiner Kleidung und Fortſchaffung ſeines Bartes ſeine bisherige Ge⸗ ſtalt ſo ſehr umgewandelt, daß ſich Treſſilian die Bemerkung aufdrang, wie er glaube, daß ihm ein Beſchuͤtzer faſt uͤber⸗ fuuͤſſig ſey, da keiner ſeiner Bekannten ihn ſo wieder zu er⸗ kennen im Stande ſeyn wuͤrde. „Meine Schuldner wuͤrden mir kein Geld zahlen,“ ent⸗ gegnete Wayland, mit dem Kopf ſchüͤttelnd,„meine Glaͤu⸗ biger aber wuͤrden mich dennoch wieder erkennen; uͤberhaupt halte ich mich, die Wahrheit zu ſagen, nicht ſicher, als un⸗ ter dem Schutze eines Edelmannes von Geburt und Stande, wie Ihr, geſtrenger Herr.“ 3 4 So ſprechend, ſchritt er voran zur Hoͤhle hinaus, und rief den Zwerg, welcher auch nach kurzem Zaudern mit Sat⸗ tel und Zaum herbei kam, waͤhrend Wayland ſorgfaͤltig die Fallthuͤr verſchloß und bedeckte, um, wie er ſagte, hier in der Noth einen Zufluchtsort zu finden, und weil die darin befindlichen Geraͤthſchaften doch einigen Werth haͤtten. Ein Pfeifen des Schmidts rief einen Klepper an ſeine Seite, der in einiger Entfernung ruhig ſein Futter ſuchte, ſich aber ſo⸗ gleich auf das ihm wohlbekannte Signal einſtellte. Waͤhrend Wayland ihn aufzaͤunte, zog Treſſilian den Guͤrtel ſeines Sattels feſter, und in wenigen Minuten waren Beide zur Abreiſe fertig, In dieſem Augenblicke trat Dickie heran, von ihnen Ab⸗ ſchied zu nehmen. „So willſt Du mich alſo verlaſſen, alter Spielgefaͤhrte,“ ſprach der Knabe,„und vorbei iſt's hier mit unſerm Ver⸗ ſteckſpielen mit den furchtſamen Haſen, die ich her brachte, — 158— ihre breithufigen Gaͤule vom Teufel und ſeinen Gehuͤlfen be⸗ ſchuhen zu laſſen.“ „So iſt's nun einmal in der Welt, Dickie,“ entgegnete Wayland Smith,„ſelbſt die beſten Freunde muͤſſen ſich tren⸗ nen; Du aber, mein ehrlicher Junge, biſt von Allen hier im Thale der Einzige, den ich ungern zuruͤcklaſſe.“ „Nun, ich ſage Dir noch nicht Lebewohl,“ rief der Zwerg;„Du wirſt, denk' ich, bei jenen Feſtlichkeiten zuge⸗ gegen ſeyn, und ich auch; denn naͤhme mich Domine Holi⸗ day nicht mit; beim Tageslicht, das wir drunten in der Hoͤhle nicht ſchauten! mache ich mich auf eigene Hand dahin auf den Weg. 21 „Zu rechter Zeit, Dickie,“ entgegnete Wayland„„ſey aber, ich bitte Dich, nicht zu raſch.⸗ „Wollt Ihr mich nun wohl gar wie ein Kind behan⸗ deln?“ fragte Dickie,„wie ein gewoͤhnliches Kind, das nicht ohne Gaͤngelband gehen kann? Noch bevor Ihr eine Meile weit von dieſen Steinen ſeyn werdet, ſollt Ihr den ſichern Beweis erhalten, daß ich mehr vom Springkobold be⸗ ſitze, als Ihr glaubt. Und ich werde es noch obenein ſo ein⸗ richten, daß, wenn Ihr euren Vortheil kennt, Ihr noch da⸗ zu aus meiner Schelmerei Nutzen ziehen koͤnnt.“ „Was willſt Du damit ſagen? Burſche,“ fragte Treſſi⸗ lian; Dickie aber antwortete nur durch ſchelmiſches Grinſen und groteske Spruͤnge, und indem er Beiden ein Lebewohl bot, rief er ihnen noch zu, raſch ihren Weg fortzuſetzen, und belegte zugleich ſeine Worte mit ſeinem eigenen Bei⸗ ſpiel, indem er heimwaͤrts rann, auf dieſelbe pofſierliche Wei⸗ ſe, mit der er Treſſilians fruͤheren Verſuch, ihn einzuholen, zu vereiteln Lemußt hatte. — 169— „Vergebens waͤr's, ihn erjagen zu wollen,“ ſagte Way⸗ land Smith.„Wer den einholen will, muß Lerchen zu haſchen verſtehen. Beſſer iſt es auch, uns auf den Weg zu machen, wie er es uns gerathen.“ Dem zufolge beſtiegen ſie ihre Gaͤule und ritten, ſobald Treſſilian ſeinem Fuͤhrer kund gethan hatte, welchen Weg er zu nehmen wuͤnſche, im raſchen Trabe dahin. Nachdem ſie ſo ungefaͤhr eine Meile zuruͤrkgelegt hatten, bemerkte Treſſilian ſeinem Begleiter, wie er gewahre, daß ſein Pferd jetzt weit kraͤftiger und munterer unter ihm ſeh, als ſelbſt am heutigen Morgen. „Merkt Ihr das wirklich,“ entgegnete Wayland Smith laͤchelnd,„„das iſt der Erfolg eines meiner kleinen geheimen Mittel; ich miſchte es unter eine Hand voll Hafer, und euren Hacken, geſtrenger Herr, wird wenigſtens auf ſechs Stunden lang dadurch die Muͤhe erſpart, euren Gaul zu ſvornen. Ei, ich habe nicht die Arzeneikunſt umſonſt ſtudirt.“ „Hoffentlich,“ erwiederte Treſſilian,„wird euer Mit⸗ tel meinem Pferde nicht ſchaden.“ „Nicht mehr, als die Stutenmilch, die es ſog,“ ent⸗ gegnete Wayland Smith, und war eben im Begriff, ſich noch ausfuͤhrlicher uͤber die Vortrefflichkeit ſeines Remebiums auszubreiten, als ſeine Rede ploͤtzlich von einem Donnerknall unterbrochen ward, dem einer Pulvermine aͤhnlich, die an⸗ gelegt zu werden pflegt, um die Waͤlle einer belagerten Stadt in die Luft zu ſprengen. Die Gaͤule ſchreckten zuſam⸗ men, und ihre Reuter waren nicht minder erſtaunt. Sie wandten ſich, und blickten nach der Gegend, woher der Knall gekommen; da ſahen ſie grade uͤber dem Thal, wel⸗ ches ſie ſo raſch verlaſſen hatten, eine ſchwarze, dicke, unge⸗ heure Nauchſaͤule hoch in die blaue, klare Luft hinaufſteigen. — 19— „Meine Höoͤhle liegt in Truͤmmern,“ rief Wayland, welcher nun augenblicklich die Urſache jener Exploſion er⸗ rieth.—„Ein Thor war ich, des Doetors freundliche Ge⸗ ſinnung gegen mich und meine Behauſung vor jenem heil⸗ loſen Buben kund zu thun,— ich haͤtte denken koͤnnen, daß ihn verlangen wuͤrde, einen ſo trefflichen Streich in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen.— Aber laßt uns machen, damit wir fortkommen, denn der Laͤrm wird Leute herbeifuͤhren. ⸗ So ſprechend, gab er ſeinem Pferde die Sporen; Treſ⸗ ſilian munterte ſeinen Gaul auf, und beide trabten darauf raſch weiter.. „Das alſo war das Schelmenzeichen, walches uns der Zwerg verſprach,“ ſagte Treſſilian nach einer Weile;„haͤt⸗ ten wir gezaudert, waͤre es uns ein Liebeszeichen geworden, mit der Inſchrift: Rache!“ „Er wuͤrde uns eine Warnung gegeben haben,“ ent⸗ gegnete der Schmidt;„mehr als einmal blickte er zuruͤck, wahr⸗ ſcheinlich um zu ſehen, ob wir auch fort waͤren.— Ein wahrer Satan iſt er fuͤr Schelmerei, aber dennoch kein boͤs⸗ artiger Teufel. Viel wuͤrd' ich zu thun haben, Herr! wollt' ich Euch erzaͤhlen, wie ich zuerſt mit ihm bekannt wurde, und welche Streiche er mir ſpielte. Aber auch manches Gute hat er mir gethan, zumal was die Kunden betrifft, die er mir brachte; denn ſein groͤßtes Vergnuͤgen war's, ſie ſo zitternd und bebend hinter dem Buſche ſitzen zu ſehen, wenn die Schlaͤge meines Hammers erklangen. Wahrlich, ich glaube, Frau Natur hat, als ſie eine doppelte Portion Gehirn in ſeinen mißgeſtalteten Schaͤdel legte, ihm auch den Muthwillen verliehen, ſich an der Verlegenheit Anderer zu weiden, gleichwie ſie jenen das Vergnuͤgen verſchaffte, uͤber ſeine Mißgeſtalt zu lachen.“ — 191— „Leicht moͤglich,“ verſetzte Treſſilian.„Menſchen, welche durch auffallende Haͤßlichkeit von den uͤbrigen gewiſſer⸗ maßen getrennt wurden, ſind, wenn ſie dieſe nicht etwa gar mit Haß verfolgen, doch wenigſtens geneigt, ſich über ihr Ungluͤck und Mißgeſchick zu freuen.“ 3 „Dickie aber,“ erwiederte Wayland Smith, dabei eine vortreffliche Eigenſchaft, die ſeinen Schel den boͤsartigen Anſtrich nimmt; er iſt eben ſo treu erg gegen ſeine Freunde, als boshaft gegen Fremde; wie ich Euch bereits vorhin ſagte, ich habe Grund, ſo zu ſprechen.“ Treſſilian fuͤhrte dieſe Unterredung nicht weiter, und ſie ſetzten ihre Reiſe ohne fernere Abentheuer fort, bis ſie in ein Wirthshaus zu Marlborough gelangten; ein Ort, be⸗ ruͤhmt, weil er einſt einem der groͤßten Feldherrn Englands den Namen gab. Hier ward unſeren Reiſenden faſt zu glei⸗ cher Zeit die Wahrheit zweier alter Spruͤchwoͤrter kund, daß „boͤſe Kunde ſchnelle Beine hat,“ und,„daß der Horcher oft ſeine eigene Schande erfaͤhrt.“ Der Hof des Wirthshauſes befand ſich, als ſie hinein ritten, gewiſſermaßen in Aufruhr, und zwar ſo ſehr, daß ſie faſt keines Stallknechts oder Burſchen habhaft werden konn⸗ ten, um fuͤr ihre Pferde Sorge zu tragen; ſo war das ganze Haus von einer Neuigkeit erfuͤllt, die dergeſtalt ſchnell von Zunge zu Zunge flog, daß es ihnen eine Zeitlang unmoglich war, ihren Inhalt zu erfahren. Endlich aber ward ihnen kund, daß dieſe Nachricht einen Gegenſtand betreffe, der ſie nahe anging.. „Was es giebt, Herr!“ entgegnete der Oberſtallknecht auf Treſſilians wiederholte Frage,„ein Reiter kam hier ſo eben durch und erzaͤhlte, daß der Teufel mit Wayland Smith davon gefahren ſey; heute fruͤh, drei Meilen von —-— 192— hier, im Thal von Whitehorſe, hat er ihn mit Donner und Blitz geholt, und ſeine Behauſung zertrümmert, rein vom Grunde aus.“ „ Schade d'rum,“ ſagte ein alter Pachter,„Wayland 1 ins. er mag des Teufels Gehuͤlfe geweſen ſeyn oder nicht, ſchere mich nicht darum, war ein gar guter Rofarzt. ferdeſeuche wird nun um ſich greifen, und leider blieb beine Zeit, uns ſein Geheimniß zuruͤckzulaſſen.“ „Habt recht, Gaffer Grimesby,“ verſetzte der Stall⸗ knecht,„ich ſelbſt bin mit meinem kranken Pferde zu Way⸗ land Smith geritten, denn er uͤbertraf alle Hufſchmiede ringsum im ganzen Lande.“ „Haſt Du ihn denn geſehen,“ fragte Frau eliſabet Kranich, die Eigenthuͤmerin des Wirthshauſes hier gleiches Zeichens, welche einen kleinen unbedeutenden Hinkebock mit der Benennung Ehemann beehrte, deſſen laͤcherliche, lang⸗ halſige einbeinige Geſtalt zu dem alten bekannten Engliſchen Volksliede: Munter, ſchaut Ihr Herrn und Damet, Meinen Mann, Hier den kleinen, zahmen, lahmen Kranich an. Veranlaſſung gegeben haben koͤnnte. Jetzt wiederholte dieſer mit zwitſcherndem Tune die Frage ſeiner Frau:„Haſt du den Teufel geſehen? ſo ſyrich doch, Jack.“ „Was werde ich ihn denn geſehen haben,“ entgegnete dieſer muͤrriſch,— denn er war gleich dem uͤbrigen Haus⸗ halt gewohnt, ſeinem Herrn eben ſo wenig Achtung zu be⸗ weiſen, als dieſem ſeine Frau bezeigte.— „Haͤtteſt „Haͤtteſt Du ihn etwa geſehen,“ erwiederte geduldig der Gaſtwirth,„da moͤchte ich denn nur gerne wiſſen, ob er wohl ausſaͤhe wie unſer einer.“ „Eil Du wirſt das ſeiner Zeit ſchon erfahren,“ verſetzte ſeine Ehehaͤlfte,„und ihr da vergeßt die Arbeit nicht über das Geſchwaͤtz.— Aber wiſſen moͤcht' ich doch ſelbſt, wie er ausgeſehen, Jack,“ fuhr ſie dann wieder zum Stallknecht gewandt fort. „Kann Euch wirklich damit nicht dienen, Frau,“ ent⸗ gegnete dieſer mit mehr Achtung;„wie er ausſah, kann ich nicht ſagen; weder ich, noch ſonſt irgend jemand, haben ihn je geſehen.“— „Wie aber bekamſt Du dein Pferd geheilt, wenn Du ihn nicht ſah'ſt?“ fragte der Pachter. „Ei! ich ließ die Krankheit meines Gauls vom Schul⸗ meiſter niederſchreiben, und ein Junge, haͤßlich wie die Suͤnde, war mein Fuͤhrer.“ „„Und was war's, worin beſtand ſein Mittel?— Half es?“— fragten und wiederholten alle Umſtehenden. „Ja, was es war, weiß ich nicht,“ verſetzte der Stall⸗ knecht;„ein Stuͤckchen davon, das ich den Muth hatte, in den Mund zu ſtecken, ſchmeckte wie Hirſchhorn und Eſſig— aber geholfen hat's, trefflich geholfen,— und wenn den Wayland wirklich der Teufel geholt hat, wird's ſchlimm hier zu Lande um Pferde und Rindvieh ſtehen.“ Der Kuͤnſtlerſtolz, welcher ſich gewiß wenigſtens eben ſo ſtark aͤußert, als jeder andere, wirkte auch hier in ſo weit auf Wayland Smith, daß er, uneingedenk der Gefahr, welcher er ſich ausſetze, wenn er erkannt werden ſollte, ſich nicht enthalten konnte, Treſſilian bei dem Lobe ſeiner aͤrzt⸗ lichen Geſchicklichkeit zuzuwinken, und uͤber dieſen unleug⸗ Kenilworth. 1. Bd. N — 194— baren Beweis ſeiner medieiniſchen Kenntniſſe ſelbſtgefaͤllig zu laͤcheln. Unteideſſen aber waͤhrte jene Unterredung fort. „Mag es denn ſo ſeyn,“ ſprach ein ſchwarzgekleideter Mann, der Gefaͤhrte des Pachters,„moͤgen wir immer un⸗ ter dem Uebel erliegen, welches uns Gott auferlegt, beſſer iſt's, als den Teufel zum Doctor zu haben.“ „Gewiß,“ verſetzte Frau Kranich,„und ich wundere mich auͤber Jack, der ſeine arme Seele daran wagte, um die Beu⸗ len ſeines Gaules zu heilen.“ „Ei!“ entgegnete der Stallknecht, es war meines da⸗ maligen Herrn Klepper, waͤr's der Eurige geweſen, Ihr wuͤrdet auch ſcheel dazu geſehen haben, haͤtte ich mich vor dem Teufel gefuͤrchtet, und das arme Thier in dem elenden Zuſtande liegen laſſen.— Ueberdem mag ſich doch die Geiſtlichkeit darum bekuͤmmern. Schuſter bleib beim Leiſten, ſagt's Spruͤchwort; der Prieſter beim Gebetbuch, der Stall⸗ knecht beim Striegele“ „Wirklich,“ ſagte Frau Kranich,„der Jack ſpricht als guter Chriſt und treuer Diener, der, ich wette d'rauf, Leib und Seel' fuͤr ſeinen Herrn d'ran ſetzen wuͤrde. Unterdeſſen hat der Teufel den Wayland zur rechten Zeit geholt, denn der Conſtable aus dieſem Gau war heute fruͤh hier, den alten Hexendruͤfer Pinnewinks zu holen, um mit ihm nach Whitehorſe zu gehen, den Schmidt dort auf die Probe zu ſtellen. Ich ſelbſt half jenem noch ſeine Panban und Pfrie⸗ men ſchaͤrfen.“ „Pah, pah!“ rief Frau Crank, eine alte daviſtiſche Waͤſcherin,„der Teufel wuͤrde ſie doch nur ausgelacht ha⸗ ben, den Conſtable ſowohl, als den Hexenpruͤfer.— Way⸗ land Smiths Fleiſch wuͤrde die Zangen und Pfriemen nicht mehr gefuͤrchtet haben, als eine battiſtene Halskrauſe mein — 195— heißes Eiſen. Sagt mir nun aber doch ihr guten Leute, hat je der Teufel eure Schmiede und Handwerker Euch ſo vor der Naſe weggeholt, damals, als es noch einen Abt von Abbingdon gab? Bei Unſerer Jungfrau, nein!— Sie hat⸗ ten ihr Weihwaſſer und ihre Kerzen, ihre Reliquien und dergleichen heilige Dinge mehr, um den boͤſen Feind zu bannen.— Laßt mal eure Ketzer ſelche Wunder verrichten, — da lob' ich mir doch unſere Leute!— die waren gar fromm und leutſelig!“ „Ihr habt Recht, Frau Crank,“ verſetzte Jack, der Stallknecht,„ſo ſptach Simpkin von Simonburn auch, als er ſah, daß der Pfaffe ſein Weib kuͤßte, es iſt ein gar from⸗ mer, leutſeliger Herr, rief er aus.“ „Schweig, du Großmaul,“ entgegnete Frau Crank, „ſchickt ſich's wohl fuͤr einen ketzeriſchen Pferdejungen wie Du, über einen ſo wichtigen Gegenſtand, wie die katholiſche Geiſtlichkeit iſt, mit einzureden?“ „Wahrlich nein,“ verſetzte der Mann vom Hafer, „und da Ihr jetzt ſelbſt kein Gegenſtand mehr fuͤr die Geiſt⸗ lichkeit ſeyd, wie es wohl in euren fruͤheren Tagen der Fall geweſen ſeyn mag, ſo thun wir eben ſo gut, nicht weiter davon zu reden.“ Ddieſer ſarkaſtiſche Ausfall ſetzte Frau Cranks Zunge ge⸗ gen den Stallknecht in gewaltige Bewegung, und Treſſilian und ſein Begleiter eilten, um nicht Zeugen ihres Zorner⸗ guſſes zu ſeyn, in das Haus. Kaum waren ſie dort in ein beſonderes Zimmer getreten, zu welchem ſie zu fuͤhren der kleine Wirth ſich ſelbſt herabgelaſſen hatte, kaum hatten ſie den wuͤrdigen geſchaͤftigen Mann fortgeſandt, Wein und Erfriſchungen herbeizuſchafeen, als auch Wayland Smith ſeinem Selbſtgefuͤhl ſogleich freien Spielraum gewaͤhrte. . N 2 — 196— „Ihr habt geſehen,“ ſprach er zu Treſſilian,„daß ich nicht log, als ich Euch verſicherte, daß ich die wichtige Kunſt eines Hufſchmidts bis auf den Grund verſtaͤnde. Die Stall⸗ knechte, welche in dieſem Falle die beſten Richter ſind, wiſe ſen, welches Lob meine Heilmittel verdienen. Ich nehme Euch zum Zeugen, mein werther Herr Treſſilian, daß nur boshafte Verlaͤumdung im Stande war, mich einem eben ſo nuͤtzlichen als ehrenvollen Stande zu entreißen.“ „ Gut, gut!* unterbrach ihn Treſſilian,„laß uns aber zu gelegnerer Zeit davon ſprechen, willſt du nicht, gleich deiner Behauſung, in Feuer und Flammen aufgehen. Selbſt deine Freunde hier, halten Dich, wie Du hoͤrteſt, fuͤr einen Zauberer.“ 29 „Nun der Himmel vergebe es denen,“ ſagte der Kuͤnſtler, „die erlaubte Geſchicklichkeit mit unerlaubter Hexerei ver⸗ tauſchen! Weil ein Mann etwas mehr verſteht, als ein an⸗ derer, iſt er darum doch noch kein Zauberer.“ „Schweig!“ rief Treſſilian,„dort kommt der Wirth.“ Jedermann im Gaſthofe, Frau Crank nicht ausgenommen, waren von der Nachricht, Wayland Smith betreffend und von den verſchiedenartigſten Berichten, welche von allen Sei⸗ ten her uͤber dieſen Vorfall eingingen, ſo ſehr erfuͤllt, daß der arme Wirth in ſeinem Vorhaben, ſeine Gaͤſte zu bewir⸗ then, von keiner Seele Beiſtand erhalten konnte, als von einem zwoͤlflährigen Knaben, einem angehenden Bierzapfer, ¹ Sampſon genannt, welcher jetzt mit ihm zu den Reiſenden eintrat. „Ich wollte,“ ſagte er, ſich zu ſeinen Gaͤſten wendend, indem er eine Flaſche Sect auf den Tiſch ſtellte, und die baldige Ankunft einiger Speiſen gelobte,—„ich wollte, der Teufel haͤtte mein Weib, und alle meine Leute, ſtatt jenes Wayland Smith geholt, der im Ganzen wohl weit weniger jener Ehre werth war, die ihm der Satan erzeigte.“ „Ich pflichte Euch bei,“ erwiederte Wayland Smith, „kommt, laßt uns darauf anſtoßen.“ „Nicht etwa,“ ſagte der Wirth, nachdem er Wayland mit einem tuͤchtigen Zuge Seect Beſcheid gethan hatte,„als ob ich die Parthie eines Menſchen nehmen wollte, der es mit dem Teufel hielt, ich meine nur— Aber ſprecht: Habt Ihr Herren ſchon je einen beſſeren Sect getrunken?— ja, ich meine nur, daß man eher mit einem Dutzend ſolcher Satanskerls fertig werden kann, wie dieſer Wayland Smith einer war, als mit einem einzigen Hoͤllenbrand, der von Haus und Hof, Bett und Tiſch Beſitz genommen hat. Das Detail der Leiden des armen Wirthes ward ploͤtzlich durch die gellende Stimme ſeiner Ehehaͤlfte, welche von der Kuͤche her ertoͤnte, unterbrochen, wohin der Dulder auch un⸗ verzuͤglich zu hinken bemuͤht war, nachdem er ſeine Gaͤſte vorher um Entſchuldigung wegen ſeiner ploͤtzlichen Entfer⸗ nung gebeten hatte. Kaum hatte er das Gemach verlaſſen, als Wayland Smith in den ſchaͤrfſten Ausdruͤcken ſeine Ver⸗ achtung ausſprach, die er fuͤr einen ſolchen Pantoffelhelden empfand, der ſeinen Kopf ſo bereitwillig unter das eheliche Joch beugte; wobei er bemerkte, daß, waͤre es nicht wegen der Pferde, welche beides, Ruhe und Futter beduͤrften, er ſeinen Herrn erſuchen wuͤrde, lieber bis zum naͤchſten Wirths⸗ hauſe zu reiten, als einem ſolchen Schuafskopfe, wie dieſer Kranich ſey, eine Zeche zu bezahlen. Die Erſcheinung einer tuͤchtigen Schuͤſſel Fleiſch beru⸗ higte indeß den Kuͤnſtler einigermaßen, und ſein Zorn ver⸗ ſchwand gaͤnzlich, als ein coloſſaler Kapaun erſchien, ſo treff⸗ lich gebraten, daß, wie Wayland ſich ausdruͤckte, der Speck auf dem Wunderthiere perlte, wie Thau auf den Blumen; und beide, Gevatter Kranich und ſeine Ehehaͤlfte, geſtalte⸗ ten ſich nun in ſeinen Augen gls recht freundliche liebe Menſchen. Den Sitten jener Zeit gemaͤß, nahmen Herr und Die⸗ ner darauf an demſelben Tiſche Platz; nur bemerkte der Letz⸗ tere mit Schmerz, welch geringes Intereſſe Treſſilian fuͤr die Mahlzeit zeigte. Zwar ſiel es ihm ein, welchen kummervol⸗ len Eindruck die Erinnerung an jenes reizende Maͤdchen, in deſſen Geſellſchaft er ſeinen Herrn zum erſtenmal ſah, auf denſelben gehabt hatte; indeß glaubte er, ſeine jetzige Ent⸗ haltſamkeit einem andern Umſtande zuſchreiben zu muͤſſen. „Dieſe Speiſe ſchmeckt Euch wohl nicht, geſtrenger Herr,“ ſprach er zu Treſſilian, waͤhrend der Kapaun unter ſeiner Arbeit in Truͤmmer zerſiel; haͤttet Ihr aber ſo lange Zeit als ich, drunten in dem dunklen Neſt gewohnt, welches Dickie nun in hoͤhere Regionen verſetzt hat, wuͤrde Euch ſolch ein Kapaun als ein gar koͤſtlicher Biſſen erſcheinen.“ „Wenn'’s Dir ſchmeckt, freut's mich, entgegnete Treſ ſilian.„Nichts deſto weniger aber ſpute Dich, ſoviel Du nur jmmer kannſt; dieſer Ort hier iſt fuͤr deine Sicherheit eben nicht geeignet, und meine Reiſe erfordert Eile.“ Nachdem ſie alſo ihren Pferden nicht mehr Raſt erlaubt hatten, als durchaus erforderlich war, machten ſie ſich wie der auf den Weg, und ritten in raſchem Trabe bis Bradford, wo ſie die Nacht uͤber ruhten. Der naͤchſte Morgen fand ſie ſchon wieder fruͤh auf den Beinen; und um nicht unſere Leſer durch unnoͤthige Weit⸗ laͤuftigkeit zu ermuͤden, wollen wir nur erzaͤhlen, daß unſere Reiſenden, nachdem ſie ohne weiteres Abentheuer die Graf⸗ ſchaften von Wiltſhire und Somerſet darchfrichen hatten, end⸗ 199 lich gegen Mittag, am dritten Tage nach Treſſilians Abreiſe von Cumnor, auf Sir Hugh Robſarts Landſitz, Lineote Hall genannt, an der Graͤnze von Devonſhire anlangten. . 12, Der alte Landſitz Lineote Hall lag nicht fern von dem Dorfe gleiches Namens, und graͤnzte an den wilden, weit⸗ laͤuftigen Wald von Exmoor, der mit zahlreichem Wildyrett angefüllt war, und wo alte, der Famile Robſart zuſtehende Rechte, dem Sir Hugh das Vergnuͤgen gewaͤhrten, ſeiner Lieblingsneigung, der Jagd, ſo recht nach ſeinem Wunſche nachzuleben. Das alte Herrenhaus war ein niederes ehrwuͤr⸗ diges Gebaͤude, welches einen großen Flaͤchenraum einnahm, und von einem tiefen Graben umgeben war. Eingang und Zugbruͤcke wurden von einem achteckigen Thurm aus altem Steinwerk beſchuͤtzt, welcher aber ſo mit Epheu und Moos bewachſen war, daß es ſchwer wurde, zu unterſcheiden, aus aus welchem Material er einſt gebauet worden. Die acht Ek⸗ ken dieſes Thurmes waren jede wieder mit einem Thuͤrmchen geziert, von ſeltſamer Pauart, einer verſchieden von dem anderen, und ſo jenen einfoͤrmigen Pfefferbuͤchſen, welche in der modernen gothiſchen Baukunſt zu gleichem Zweck an⸗ gewandt werden, durchaus unaͤhnlich. Eins dieſer Thuͤrm⸗ chen war viereckig, und eine große Uhr in demſelben ange⸗ bracht. Dieſe aber ſtand jetzt ſtill; ein Umſtand, der Treſſi⸗ lian als ein boͤſes Zeichen erſchien; denn dem guten alten Ritter war unter andern harmloſen Eigenheiten, auch eine gewiſſe, an Unruhe graͤnzende aͤngſtliche Stunden⸗Puͤnktlich⸗ keit eigen, oft bei Leuten bemerkbar, welche viel Zeit uͤbrig haben, und ſolche ſchwer auf ſich laſten fuͤhlen,— gerade wie die Kraͤmer das Verzeichniß ihrer Waaren aufnehmen, wenn die wenigſte Frage danach vorhanden. — 260— Der Eingang zum Hofe des alten Herrenhauſes fuͤhrte durch einen Bogengang, uͤber dem ſich jener Thurm befand; allein die Zugbruͤcke war herabgelaſſen, und ein Fluͤgel des mit Eiſen beſchlagenen Thores, ſtand ſorglos offen. Treſſilian ſprengte raſch uͤber die Zugbruͤcke in den Hof hinein, laut die Diener bei ihren Namen rufend. Eine geraume Zeit antwor⸗ tete ihm nur das Echo und das Gebell der Hunde, deren Stall nicht weit dem Herrenhauſe entfernt lag, und noch von dem Graben umſchloſſen ward. Endlich erſchien William Badger, jener fruͤher erwaͤhnte alte Lieblingsdiener des Ritters, der auch zugleich Ober⸗Intendant ſeiner Vergnuͤgungen war. Der ruͤſtige alte Jaͤger bezeigte große Freude, als er Treſſi⸗ lign erkannte, „Gott ſey Dank, Herr Edmund! ſo ſeyd Ihr's mit Leid und Seele?“ rief er aus,„Ihr kommt zur rechten Zeit fuͤr unſern alten Herrn, denn mit ihm gehts uͤber Menſchenver⸗ ſtand, naͤmlich uͤber den meinen, des Pfarrers, und den von Meiſter Mumblaze.“ „Iſt es denn mit Sir Hugh ſchlimmer gewuedehn, ſeit ich fort war, William?“ fragte Treſſilian. „Dem Koͤrper nach, nein!“ antwortete der Diener; „der iſt im Gegentheil beſſer, doch ſein Geiſt verwirrt— er ißt und trinkt wie immer— aber er ſchlaͤft nicht, oder viel⸗ mehr er wacht nicht, denn er befindet ſich ſo zu ſagen in einer Art von Zwielicht, das weder ſchlafen noch wachen ge⸗ nannt werden kann. Frau Swineford meinte, es ſey ein Schlagfluß, doch ich erwiederte; nein, es iſt das Hetz, das Herz!“ „Konntet Ihr ihn denn nicht zu irgend einem Feitver⸗ treib bewegen?“ fragte Treſſilian. 1 — 201.— „Er iſt rein aus ſeinen Beluſtigungen herausgekommen,“ entgegnete William;„hat weder Tricktrack, noch Haͤufelſpiel angerührt,— auch nicht in das dicke Buch uͤber die Abrich⸗ tung der Falken, mit Meiſter Mumblazen gekuckt. Die Uhr da ließ ich ablaufen; denn ich hoffte, es wuͤrde ihn aufruͤt⸗ teln, wenn er ihren Klang nicht vernaͤhme. Ihr kennt ja ſeine Punktlichkeit in Zeit und Stunde, Herr Treſſilian!— Aber er ſprach kein Wort daruͤber, und ſo kann ich denn im⸗ merhin das alte Glockenſpiel wieder in Bewegung bringen, — auch ſetzt ich einmal ſeinem Lieblingshunde derb zu; Ihr wißt, wie ſchlecht mir das ſonſt bekommen waͤre; jetzt aber bekuͤmmert er ſich nicht mehr um ſein Gejammer, als um das Geheul einer Nachteule im Schornſtein;— ſo geht denn das Ding uͤber meinen Verſtand.“ „Du ſollſt mir das Uebrige drinnen erzaͤhlen; reich in⸗ deß dieſem Manne Speiſe und Trank, und ſorge, daß er gut behandelt werde.— Es iſt ein Mann von der Kunſt.“ „Gleichviel von der weißen oder der ſchwarzen,“ erwie⸗ derte William,— ich wollte, er beſaͤße die Kunſt, uns zu helfen.— Hier! Thomas, nimm Dich des Künſtlers an— und gieb Acht, daß er deine Loͤffel nicht ſtiehlt, fͤſterte er jenem dann leiſe zu, welcher ſich an einem unteren Fenſter zeigte; ich habe Kerls mit gar ehrlichen Geſichtern gekannt, welche die Kunſt zu dergleichen beſaßen.“ Darauf fuͤhrte er Treſſilian in ein niederes Gemach, und ging, deſſen Wunſche zufolge, nach dem Zuſtand ſeines Herrn zu forſchen, damit nicht die ploͤtzliche Ruͤckkehr ſeines geliebten Zoͤglings und gehofften Eidam's ihn allzuſehr er⸗ greifen moͤchte. Schnell kehrte er zuruͤck, berichtend, Sir Hugh ware auf ſeinem Lehnſeſſel in Schlummer geſunken, — 202— ſobald er aber erwache, wuͤrde Meiſter Mumblaze es Treſſi⸗ lian wiſſen laſſen. „Wundern ſoll's mich, ob er Euch kennen wird, ſagte der Jaͤger;„kaum glaub ich's, kannt' er doch ſelbſt keinen einzigen Hund aus der ganzen Koppel. Vor ungefaͤhr acht Tagen glaubte ich zu bemerken, daß es eine guͤnſtige Wen⸗ dung mit ihm naͤhme:— Sattle mir meinen Hengſt, rief er ploͤtzlich, nachdem er wie gewoͤhnlich ſeinen Nachttrunk aus der ſilbernen Schale zu ſich genommen, und halte die Hunde auf morgen bereit.“— Gluͤckliche Menſchen waren wir Alle; am andern Morgen kriegten wir ihn auch heraus, und er ritt wie gewoͤhnlich ſeines Weg's, ohne weiter etwas zu ſprechen, als: der Wind iſt Süden, dort liegt die Spur oder dergleichen. Noch bevor wir aber die Hunde entkoppelt hatten, begann er ploͤtzlich um ſich zu ſchauen, wie jemand, der aus einem ſchweren Traume erwacht,— wandte ſeinen Gaul, ritt nach der alten Halle zuruͤck, und uͤberließ uns die Jagd allein, falls wir Luſt dazu gehabt haͤtten.“ „Du erzaͤhlſt mir truͤbe Kunde, William!“ ſprach Treſ⸗ ſilian;„hier kann Gott nur helfen, wir ſchwache Menſchen nicht.” „So bringt Ihr alſo keine Nachricht von unſerer jun⸗ gen Miſtreß?— doch warum frag ich noch— ſteht doch die Trauerbotſchaft auf eurer Stirn geſchrieben. Stets hoffte ich noch, daß, wenn es irgend Jemand im Stande wpaͤre, Ihr ſie zuruͤckfuͤhren wuͤrdet. Alſo alles vorbei und dahin! Aber kommt mir je dieſer Varney auf Schußweite, will ich meiner ihm, bei armen Seele, einen Pfeil ſchicken, ſchatf und ſpitz wie je einer geſchmiedet.“ 3 Waͤhrend er noch ſo ſprach, ward die Thuͤr gedffnet, und Neiſter Mumblaze erſchien in derſelben. Ein aͤltlicher Mann⸗ — 203— mit Furchen in den Wangen, deſſen ſchon ergrautes Haar zum Theil durch einen hohen ſchmalen Hut bedeckt ward, der wie ein Kegel, oder vielmehr, wie einer von jenen Koͤr⸗ ben geformt war, in welchen die Fruchthaͤndler zu London ihre Erdbeeren an den Fenſtern auszuſtellen pflegen. Zu ernſt, ſeine Worte in leeren Begruͤßungen zu verſchwenden, forderte er, nachdem er Treſſilian mit einem Haͤndedruck willkommen geheißen hatte, denſelben auf, ihn zu Sir Hugh's großem Gemache, welches der alte Herr gewoͤhnlich zu bewohnen pflegte, zu begleiten. William Badger folgte aͤngſtlich, be⸗ ſorgt, zu erfahren, ob ſein Herr nicht vielleicht aus ſeiner Geiſteslaͤhmung, durch die ploͤtzliche Erſcheinung Treſſilians, erweckt werden wuͤrde. In einem langen Zimmer, reichlich mit Jagdgeraͤth und Waldtrophaͤen ausgeſchmuͤckt, neben einem Kamin aus maſ⸗ ſivem Steinwerk, uͤber dem ein Schwerdt und eine alte Nuͤ⸗ ſtung hing, deren Politur aber vernachlaͤſſiget ſchien, ſaß in einem Lehnſeſſel Sir Hugh Robſart von Lineote, ein wohl⸗ beleibter Mann, deſſen Umfang nur ſtarke koͤrperliche Bewe⸗ gung in maͤßigen Schranken zu halten vermocht hatte. Es kam Kreſſilian vor, als ob die Erſchlaffung, in wel⸗ che ſein alter Freund verſunken war, ſelbſt ſeit den wenigen Wochen, daß er ihn nicht geſehen, zur Vergroͤßerung ſeiner Koͤrpermaſſe beigetragen habe; eben ſo hatte ſie offenbar das Feuer ſeiner Augen gedaͤmpft, welche, als ſie eintraten, zu⸗ voͤrderſt jangſam Meiſter Mumblaze zu einem Pulte von Ei⸗ chenholz folgten, auf dem ein dickes Buch aufgeſchlagen lag; und dann, wie ungewiß, auf dem Fremden, der mit ihm gekommen war, ruhen blieben. Der Pfarrer, ein Mann mit grauem Haar, ſaß, ein Buch in der Hand, in einem andern Winkel des Gemachs. Auch er begruͤßte Treſſilian mit ern⸗ — 204— ſten Blicken, und legte ſein Buch zur Seite, um den Ein⸗ druck zu beobachten, den deſſen Anblick auf den armen alten Mann machen wuͤrde. Als Treſſilian nun mit Thraͤnen in den Augen dem Va⸗ ter ſeiner verlobten Braut naͤher trat, ſchien Sir Hughs Denkkraft wieder aufzuleben. Er ſeufzte tief auf, wie jemand, der aus der Starrſucht erwacht; ein leiſes Zucken uͤberflog ſeine Zuͤge; ohne ein einziges Wort zu ſprechen, breitete er ſeine Arme aus, und als Treſſilian weinend hineinſank, druͤckt er ihn feſt und innig an ſeine Bruſt. „Etwas giebt es alſo doch noch, das des Lebens werth iſt,“ waren die erſten Worte, die er ausſprach; wobei er ſei⸗ nen Gefuͤhlen in einem Thraͤnenſtrome freien Raum gewaͤhr⸗ te, der in großen Perlen uͤber ſeine von der Sonne ver⸗ brannten Wangen und ſeinen grauen Bart herabrollte. „Haͤtte ich doch nie gedacht, Gott dafuͤr danken zu muͤſ⸗ ſen, wenn mein alter Herr weinen wuͤrde,“ ſagte William Badger,„aber heute thu' ichs und habe große Luſt mit zu weinen.“ „Ich will keine Frage an Dich thun,“ ſprach der alte Ritter,„keine— keine— Edmund! Du haſt ſie nicht ge⸗ funden— oder ſie ſo gefunden, daß es beſſer waͤre, wir haͤt⸗ ten ſie auf ewig verloren.“ Treſſilian war unfaͤhig zu antworten; er bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden. „Genug, es iſt genug!— Aber Du fouſ nicht uͤber ſie weinen, Edmund!— ich allein habe Urſache, Thraͤnen zu vergießen, denn ſie war meine Tochter!— Du haſt Grund, Dich zu freuen, daß ſie nicht dein Weib geworden.— Gro⸗ ßer Gott, du weißt am beſten, was uns frommt,— es war mein ſtetes Gebet, Edmund und Emmy vereint zu ſehen,— — 205— waͤre es mir gewaͤhrt worden, mein Kummer wuͤrde jetzt noch groͤßer ſeyn.* „Seyd getroſt, mein wuͤrdiger Freund,“ ſprach der Pfar⸗ rer, ſich zu Sir Hugh wendend,„nicht moͤglich iſt es, daß die Tochter unſrer Hoffnung und Liebe zu einem ſo elenden Geſchoͤpf herabſinken konnte, als ihr vermeint.“ „Ja, ja,“ entgegnete Sir Hugh,„ich wuͤrde Unrecht haben, ihren verachtungswuͤrdigen Stand kurz weg zu benen⸗ nen,— es giebt irgend eine Hof⸗Benennung dafuͤr, wie ich mich erinnere; iſt es doch noch Ehre genug für die Toch⸗ ter eines alten Edelmannes aus Devonſhire, das Liebchen ei⸗ nes Hoͤflings zu ſeyn— eines Varney— eines Varney, deſſen Großvater mein Vater beiſtand, als das Gluͤck von ihm wich in der Schlacht von— von— wo Richard erſchlagen wurde— fort aus meinem Gedaͤchtniß— will denn keiner von Euch meiner Erinnerung zu Huͤlfe kommen?“ „Die Schlacht von Bosworth, meint Ihr,“ ſagte Mum⸗ blaee,„geſchlagen zwiſchen Richard und Henry Tudor, Großvater der jetzigen Koͤniginn, Primo Henrici Septimi, und in dem Jahr ein Tauſend, vier Hundert, fuͤnf und Achtzig, post Christum natum.“— „Ja, ja, ſo iſt's,“ erwiederte der alte Ritter,„jedes Kind weiß es— aber mein armer alter Kopf vergißt alles, was er behalten ſollte, und behaͤlt nur, was er doch ſo gern vergaͤße. Mein Gehirn iſt ſchwach geworden, Treſſilian, ſeit⸗ dem Du fern warſt— und eben jetzt wieder.“— » Ihr wuͤrdet wohl thun, geſtrenger Herr,“ ſagte der Geiſtliche, Euch auf eurer Zimmer zu begeben, und zu ver⸗ ſuchen, ob Ihr nicht ein wenig ſchlafen koͤnnt.— Der Arzt hat einen beruhigenden Trank verordnet,— und der große Arzt droben, hat uns befohlen, die irdiſchen Mittel zu ge⸗ —-— 206— brauchen, um Kraͤfte fuͤr die Pruͤfungen zu ſammeln, welche zer uns auferlegt.“ „Recht, recht! alter Freund,“ entgegnete Sir Hugh, „wir wollen unſere Pruͤfungen maͤnnlich ertragen— haben wir doch nur ein Weib verloren.— Sieh' Treſſilian,— hier zog er eine lange Haarlocke aus ſeinem Buſen— ſieh' hier dieſe Locke!— Laß Dir nun erzaͤhlen, Edmund, wie ich dazu kam. In der Nacht, wo ſie verſchwand, hing ſie, als ſie mir, wie gewoͤhnlich, gute Nacht wuͤnſchte, an mei⸗ nem Halſe, inniger als ſonſt; ich alter Thor faßte dieſe Locke, bis ſie die Scheere hervorzog, ſie von ihrem Haupte trennte und in meiner Hand zuruͤckließ,— als Dns Einigs was ich je von ihr wiederſehen ſollte.“. Treſſilian war nicht im Stande, auch nur ein Wort zu erwiedern; aber lebendig ſtanden vor ſeiner Seele die Ge⸗ fuͤhle, welche in jenem Augenblicke den Buſen der fliehenden Tochter durchkreuzt haben mochten⸗ „,Ja, ja, ich weiß ſchon was Ihr ſagen wollt, Hert Pfarrer!— fuhr der Kranke fort;„was iſt's denn nun weiter als die Locke eines Weibes— und durch das Weib kam ja die Suͤnde in die unſchuldige Welt.— Auch der ge⸗ lehrte Meiſter Mumblaze dort, weiß mir viele ſcholaſtiſche Dinge uͤber ihre Unbedeutſamkeit zu ſagen. 2 3 C'est Phomme,“ ſagte Meiſter Mumblaze,, qui Se bast et qui conseille.“ „ Wahr!“ erwiederte Sir Hugh,„und wir wollen uns daher betragen wie Maͤnner, die beides, Muth und Weis⸗ heit beſitzen;— Treſſilian, Du biſt mir eben ſo willkom⸗ men, als ob Du mir beſſere Kunde gebracht haͤtteſt: Aber wir haben hier zu lange mit trockenem Munde geſprochen, — Emmy, Emmy! reiche dem Edmund doch einen Becher - 207— Wein, und auch mir einen.“ Dann ſich aber beſinnend, daß er die rufe, die ihn zu hoͤren nicht im Stande ſey, ſchuͤttelte er ſein Haupt, und ſprach zu dem Geiſtlichen gewandt:„die⸗ ſer Kummer iſt meinem verwirrten Geiſte, was die Kirche von Lineote unſerem Park; moͤgen wit uns immerhin auf kurze Zeit im Gebuͤſch und Geſtraͤuch vertiefen, ſehen wir doch ſtets am Ende jedes Ganges die grau⸗bemooſte Thurm⸗ ſpitze wieder, und den Ort, wo unſere Vaͤter ruhen. Wollt' ich doch, ich traͤte den Gang zu ihnen ſchon morgen an.“ Treſſilian und der Pfarrer drangen vereint in den er⸗ ſchoͤpften Greis, ſich zur Ruhe zu begeben, wozu ſie ihn auch endlich bewogen. Treſſilian blieb an ſeinem Lager, bis er gewahrte, daß ſich der Schlummer auf den Dulder nieder⸗ ſenkte, dann kehrte er zuruͤck, um ſich mit dem Pfarrer zu berathen, welche Schritte wohl in dieſer ungluͤcklichen Sache zu thun waͤren. Es war nicht moͤglich, Meiſter Mumblaze von dieſer Unterredung auszuſchließen; auch ließen ſie ihn um ſo bereit⸗ williger Theil daran nehmen, da ſie, außer dem Nutzen, den ſie ſich von ſeinem Scharfſinne verſprachen, auch von ſeiner Verſchwiegenheit voͤllig uͤberzeugt waren. Ein alter Hageſtolz von guter Familie, aber kleinem Vermoͤgen, war er auf entfernte Weiſe mit der Familie Robſart verwandt, und in Folge deſſen Lineote Hall, waͤhrend der letzten zwaͤn⸗ zig Jahre, ununterbrochen durch ſeine Gegenwart beehrt worden. Seine Geſellſchaft war dem Sir Hugh ſehr ange⸗ nehm, beſonders ruͤckſichtlich ſeiner großen Gelehrſamkeit, welche, obgleich ſie hauptſaͤchlich das Gebiet der Heraldik und Geneglogie, mit einigen dahin gehoͤrenden Brocken aus der Geſchichte gemiſcht, umfaßte, grade von einer Art war, — die den guten alten Nitter anſprach. Ueberdem fand dieſer eine Annehmlichkeit darin, immer einen Freund um ſich zu haben, an den er ſich wenden konnte, wenn ihm, was oft der Fall war, ſein eignes Gedaͤchtniß untreu ward, und ihm falſche Namen oder unrichtige Jahreszahlen unterſchob; Dinge, in welchen ihm dann Michael Mumblaze ſchnell und mit Beſcheidenheit zu Huͤlfe kam. Auch gab dieſer, f in Gegenſtaͤnden, die moderne Welt betreffend, auf ſeine ihm eigenthuͤmlich heraldiſche Weiſe, oft Rathſchläge, welche wohl beachtet zu werden verdienten, und welche, mit William Badger zu ſprechen, das Wild trafen, waͤhrend Andere nur die Buͤſche ſchlugen. „Wir haben eine truͤbe Zeit gehabt, Herr Treſſilian,“ ſagte der Pfarrer;„ſo viel Leiden habe ich nicht erlebt, als ich von meiner lieben Heerde getrennt, und genoͤthigt wurde, ſie den Roͤmiſchen Woͤlfen zu uͤberlaſſen.“ „Das war in Tertio Mariae,“ ſagte Meiſter Mumblaze⸗ „Um Gotteswillen ſprecht,“ fuhr der Pfarrer fort,„trug A eure Zeit nicht mehr Fruͤchte als die unſre? Bringt Ihr keine Kunde von dem ungluͤcklichen Maͤdchen, die ſo lange die Freude und Zierde dieſes nun gebeugten Hauſes war; iſt denn unſer groͤßtes Ungluͤck klar? Habt Ihr denn nicht we⸗ l nigſtens ihren Aufenthalt entdeckt?“ 2 „Ich habe,“ entgegnete Treſſilian.„Iſt Euch Cum⸗ nor⸗Plaee unfern Oxford bekannt?“ „Allerdings,“ erwiederte der Geiſtliche; es war der Su⸗ fluchtsort fuͤr die Moͤnche von Abingdon.“ „Dort, fuhr Treſſilian fort,„lebt die Ungluͤckliche mit dem ſchaͤndlichen Varney. Ohne eine ſeltſames Mißgeſchick haͤtte jetzt mein Schwerdt an dem Nichtswuͤrdigen unſi und ihre Lhr geraͤcht⸗* 3 „Danke — 209— „Dankt Gott, raſcher junger Mann! der eure Hand rein vom Blutvergießen erhielt,“ verſetzte der Geiſtliche;„die Rache iſt mein, ich will vergelten, ſpricht der Herr!— Beſſer waͤr' es, daran zu denken, ſie aus dem Netze des Elenden zu befreien.“ „Solche werden in der Heraldik laquae amoris oder lacs d'amour genannt,“ ſagte Meiſter Mumblaze. „Das iſt es, wozu ich euren Beiſtand in Anſpruch nehme, meine Freunde!“ entgegnete Treſſilian;„ich bin entſchloſſen, den Nichtswuͤrdigen vor dem Throne, des Be⸗ trugs, der Verführung, des Bruchs der Geſetze der Gaſt⸗ freiheit anzuklagen. Die Koͤnigin ſoll mich hoͤren, ſiaͤnde ſelbſt der Graf von Leireſter, der Beſchuͤtzer des Elenden, zu ihrer Rechten.“ Unſere koͤnigliche Majeſtaͤt,“ ſagte der Pfarrer,„hat ihren Unterthanen ein ſo treffliches Beiſpiel von Enthaltſamkeit gegeben, und wird ohne Zweifel Euch Gerechtigkeit gegen jenen ſchaͤndlichen Raͤuber widerfahren laſſen. Wuͤrdet Ihr aber nicht beſſer thun, Euch zuvor an den Grafen von Leiceſter zu wenden, um deſſen Schutz gegen ſeinen Diener in Anſpruch zu nehmen. Giebt er Euch Gehoͤr, ſo entgeht Ihr der Gefahr, Euch einen maͤchtigen Feind zu machen, welches ohnfehlbar der Fall ſeyn wuͤrde, wenn Ihr ſeinen Stallmeiſter und Guͤnſtling Vleich in erſter Inſtanz bei der Koͤnigin verklagt.“ „Mein Gefuͤhl empoͤrt ſich gegen euren Raty,“ ent⸗ gegnete Treſſilian.„Ich kann mich nicht entſchließen, die Sache meines edlen Wohlthaͤters— die Sache der ungluͤck⸗ lichen Emmy— vor irgend einem andern Richter zu fuͤh⸗ ren, als vor meiner erhabenen Monarchin. Leiceſter, werdet Ihr ſagen, iſt von hohem Anſehen— mag ſeyn— allein Kenilworth. 1. Bd. O — - 210— er iſt ein Unterthan wie wir, und ich will nicht vor ihm klagen, wenn ich beſſer thun kann.— Dennoch werde ich in Ueberlegung ziehen, was Ihr ſpracht; allein ich bedarf eures Beiſtandes, um den guten Sir Hugh zu bewegen, mich zu ſeinem Geſchaͤftsfuͤhrer und Anwald in dieſer Sache zu ernennen; denn nur in ſeinem Namen darf ich auftreten, nicht in dem meinen. Da ſie nun einmal an dieſem Schur⸗ ken haͤngt, ſoll er ihr wenigſtens die Rechte geben, welche ihr einzuraͤumen, in ſeiner Macht ſteht.“ „Beſſer, ſie ſtuͤrbe caelebes und sine prole,“ ſagte Meiſter Mumblaze mit mehr Lebhaftigkeit, als gewoͤhnlich an ihm bemerkbar war,„als das ehrliche Wapdenſchild Rob⸗ ſarts mit dem jenes Varney zu vereinen.“ „Wenn es eure Abſicht iſt,“ ſagte der Geiſtliche,„ſo viel als moͤglich die Ehre der Ungluͤcklichen zu retten, ſo wiederhole ich meinen Rath, zuerſt den Beiſtand des Grafen von Leiceſter anzurufen. Er iſt ſouverain in ſeinem Hauſe, wie die Koͤnigin in ihrem Reiche, und wenn er zu Varney ſpricht: ſo will ich's, wird die Verletzung ihrer Ehre weni⸗ ger oͤffentlich.“ „Wahr, wahr!“ rief Treſſilian eifrig,„und ich danke Euch, daß Ihr mich auf etwas aufmerkſam machtet, was ich in der Eile uͤberſah. Hab' ich doch nie gedacht, je in den Fall zu kommen, Leieeſter um etwas bitten zu muͤſſen; aber ich würde zu den Fuͤßen dieſes ſtolzen Dudley knieen, koͤnnte ich dadurch auch nur einen einzigen Schatten aus der Nacht der Schande jener Ungluͤcklichen tilgen.“ Der Pfarrer verſprach ihm ſeinen Beiſand, und der Wappenkundige nickte Gewaͤhrung. „Zuvoͤrderſt muͤßt Ihr,“ ſagte dieſer,„Euch bereit halten, die gutmuͤthige Gaſtfreiheit, mit der der gute alte Ritter —- 211— jenen Betrüger aufnahm, klar darzulegen, ſo wie die Kün⸗ ſte, welche dieſer anwandte, ſeine unſchuldiue Tochter zu verfuͤhren.“ „„Anfangs,“ bemerkte der Pfarrer,„ſchien es mir, als od ſie ſich nicht viel aus ſeiner Geſellſchaft mache, ſpaͤterhin waren ſie oft beiſammen.“ „ Seant im Gemach,“ entgegnete Mumblaze, oder pas- sant im Garten.“ „Zufaͤllig begegnete ich ſie einſt,“ ſprach der Geiſliche, „an einem Fruͤhlingsabend im Walde gegen Süden.— Varney war in einen braunen Mantel gehuͤllt, ſo daß ich ſein Geſicht nicht ſehen konnte,— ſie trennten ſich ſchnell, als ſie ein Geraͤuſch im Gebuͤſch vernahmen, und ich be⸗ merkte, daß ſte ſich wandte, und ihm lange nachblickte. „ Und am Tage ihrer Flucht,“ ſagte der Heraldiker, „ſah ich Varney's Reitknecht in ſeine Livree gekleidet, das Pferd ſeines Herrn, und Emmys Zelter haltend, beide gezaͤumt und geſattelt, proper hinter dem Kirchhofe.“ „Und der geheime Aufenthalt der Ungluͤcklichen iſt jetzt entdeckt,“ ſiel Treſſilian ein;„alle Beweiſe ſind vorhanden, ich treffe ſogleich Anſtalt zu meiner Abreiſe. Sorgt Ihr indeß, mir von unſerem alten Ritter ſolche Vollmacht zu verſchaffen, als erforderlich iſt, um in ſeinem Namen izu handeln.“ 4 So ſprechend, verließ Treſſilian das Zimmer. „Er iſt zu lebhaft,“ ſprach der Pfarrer;„ich bete zu Gott, daß er ihm Geduld zu ſeinem Thun gegen Varney verleihen moͤge.“ „Geduld und Varney!“ entgegnete der Wappenkundige; „der iſt falſcher als eine Syrene, raubgieriger als ein O 2. Greif, giftiger als eine Vyper, und unzuſamer als ein aufrechtſtehender Loͤwe.“ „Dennoch hege ich einigen Zweifel,“ ſdrach der Pfar⸗ rer,„ob wir auch mit Recht vom alten Sir Hugh, bei ſeinem jetzigen Gemuͤthszuſtande, irgend eine Uebertragung ſeiner vaͤterlichen Rechte, zu weſſen Gunſten es auch ſey, verlangen koͤnnen.“— „Euer Wuͤrden brauchen nicht daran zu wweifein, ſagte William Badger, welcher waͤhrend dieſer letzten Rede herein⸗ getreten war.„Meinen Kopf will ich wetten, daß wenn er erwacht, er ein ganz anderer Mann ſeyn wird.“ „Haſt Du denn ſolch großes Vertrauen in Doetor Diddleums Trank? William,“ fragte der Geiflliche. „Nicht das allermindeſte,“ entgegnete William,„zumal da der alte Herr keinen Tropfen davon zu ſich nehmen konnte, weil naͤmlich die alte Magd die Schale zuvor geleert hatte. Aber da iſt ein Mann mit Herrn Treſſilian gekom⸗ men, der hat unſerm alten Ritter einen Trank gegeben, zwanzigmal mehr werth, als jener. Ich habe ihn ein wenig ausgefragt, aber noch iſt mir keiner vorgekommen, der ſich beſſer als er auf Pferde⸗ und Hundekrankheiten verſtaͤnde, von ſolch einem koͤnnen auch nur Menſchen gut haben.“ „Ein Vieharzt! biſt Du bei Sinnen, William!“ rief der Pfarrer, indem er voll Erſtaunen und Entſetzen auf⸗ ſprang;„und wer huͤrgt uns fuͤr den Fremden?“ „Ei“ erwiederte William,„bin ich doch ſchon fuͤnf und zwanzig Jahre Diener hier im Hauſe, und alſo doch wol im Stande, Buͤrge zu ſeyn fuͤr das, was Menſchen und Vieh an Arzenei genießen.— Ich, der im Nothfall mein eigener Doetor ſeyn und mich ſelbſt zur Ader laſſen koͤnnte.“— ———— ——— ——— —— —— ——= — 215— Die Nathgeber des Hauſes Robſart hielten es fuͤr noͤthig, dieſe Nachricht ſogleich Treſſilian zu hinterbringen, welcher auch unverzüglich Wayland Smith rufen ließ, und ihn, je⸗ doch ins Geheim, befragte, wer ihm ein Recht gegeben habs, dem alten Ritter Arzenei zu reichen. „Ihr werdet, geſtrenger Herr, nicht vergeſſen haben,“ erwiederte der Kuͤnſtler,„wie ich Euch erzaͤhlte, daß ich tiefer in die Geheimniſſe meines Meiſters, des Doetor Do⸗ boobie, eingedrungen, als ſeine Abſicht geweſen; auch kam die Haͤlfte ſeiner Bosheit gegen mich daher, daß ich mehr, als er gewuͤnſcht, von ſeiner Kunſt erforſchte, ſo daß mehrere ſeiner bedeutenden Kunden, worunter auch vorzuͤglich eine verliebte junge Wittwe zu Abingdon, ſich lieber von mir, als von ihm behandeln ließen.“ „Keine Spaͤße jetzt, unterbrach ihn Treſſilian ernſt; haſt Du uns gefoppt, oder was noch ſchlimmer waͤre, haſt Du nachtheilig auf Sir Hughs Geſundheit gewirkt, ſollſt Du meinen Zorn fuͤhlen.“ „Zwar verſteh' ich mich nicht auf's Goldmachen, Herr Treſſilian,“ entgegnete Wayland mit feſtem Tone;„als mir aber William Badger den Zuſtand des guten alten Herrn beſchrieb, hab' ich ihm einen Trank bereitet, der, wie ich hoffe, nach einem erquickenden Schlaf hinreichen wird, Sir Hugh's verwirrtes Gehirn zu beruhigen.“ „Ich hoffe, Du gehſt ehrlich mit mir zu Werke, Way⸗ land,“ ſagte Treſſilian. „Ehrlich und treu, wie es der Erfolg beweiſen wird,“ erwiederte der Kuͤnſtler;„welchen Nutzen haͤtte ich auch wohl, dem alten Herrn Leid zuzufuͤgen, dem Ihr ſo zuge⸗ than ſeyd. Ihr, dem ich es verdanke, daß Pinnewink jetzt nicht mit ſeinen verwuͤnſchten Zangen und Pfriemen mein — — 214— Fleiſch erprobt; ein Hundsfott waͤre ich, koͤnnt' ich den Dienſt vergeſſen. Nein, Herr! ich betrachte mich, als Euch angehoͤrig, und Ihr werdet, wenn der alte Herr erwacht, gewiß mit mir zufrieden ſeyn.“ Wayland Smith hatte Recht in ſeiner Prophezeihung; der Trank, den ſeine Geſchicklichkeit bereitet, und den Wil⸗ liam Badger vertrauensvoll dem Ritter eingegeben, hatte den gluͤcklichſten Erfolg. Der Schlaf des Kranken war lang und erquickend, und der alte Ritter erwachte, zwar noch ſchwach, aber doch weit mehr Herr ſeines Bewußtſeyns, als er es ſeit langer Zeit geweſen war. Eine Weile widerſtand er dem Vorſchlage ſeiner Freunde, daß Treſſi lian nach Hofe gehen ſolle, um die Ehre ſeiner Tochter wieder herzuſtellen, in ſo weit dieſes moͤglich ſey. „Laßt ſie nur, ſprach er, ſie iſt ein widerſpenſtiger Falke, des Pfeifens nicht werth, um ſie zuruͤck zu rufen.“— Ob⸗ gleich er aber noch eine Zeitlang auf dieſem Vorſatz be⸗ barrte, ward er doch endlich uͤberzeugt, daß es ſeine Pflicht ſey, die Parthie zu ergreifen, zu der ihn ſein Vatergefuͤhl antrieb, und darin zu willigen daß Treſſilian zum Beſten ſeiner Tochter die noͤthigen Schritte unternaͤhme. Er unter⸗ ſchrieb daher eine Vollmacht, welche ihm die Geſchicklichkeit des Pfarrers aufzuſetzen behuͤlflich war; denn zu jener ein⸗ fachen Zeit leiſteten die Geiſtlichen ihrer Gemeinde eben ſo gut Beiſtand in Rechts⸗, als in Kirchenſachen. Alle Anſtalten waren jetzt bereits zu Treſſilians zweiter Reiſe getroffen, obgleich noch keine vier und zwanzig Stun⸗ den ſeit ſeiner Nuͤckkehr verſtrichen waren; nur ein wichtiger uUmſtand war vergeſſen worden, an den aber nun Meiſter Mumblaze Treſſilian erinnerte. — 215— „Ihr geht nach Hofe, Herr Treſſilian,“ ſprach er, „und wollt eingedenk ſeyn, daß dort euer Wappenſchild argent und or ſeyn muß, ohne ſolche Felder gelangt man nicht zum Ziel.“ Dieſe Bemerkung wurde eben ſo richtig befunden„ als ſte allgemeine Verlegenheit erregte; denn um etwas bei Hofe zu erreichen, war durchaus Geld erforderlich; und zwar in jenem goldenen Zeitalter Eliſabeths eben ſo ſehr, als in allen ſpaͤtern Tagen; zugleich aber war es auch ein Gegen⸗ ſtand, uͤber den die Bewohner von Lidcote⸗ Hall nur wenig zu gebieten hatten. Treſſilian war arm; die Einkuͤnfte des alten Ritters ſelbſt in voraus verzehrt, eine Folge ſeiner allzugaſtfreien Denkungsart; und ſo ward es denn noͤthig, daß der, welcher den Zweifel aufgeworfen hatte, ihn nun auch loͤſen mußte. Meiſter Mumblaze that es denn auch wirklich, indem er einen Beutel zum Vorſchein brachte, welcher an dreihundert Pfund in verſchiedenen Muͤnzſorten enthielt; ſeine Erſpar⸗ niſſe ſeit zwanzig Jahren, die er nun, ohne ein Wort daruͤber zu ſprechen, zum Dienſt ſelnes Beſchuͤtzers, durch deſſen Großmuth er in den Stand geſetzt worden war, dieſe kleine Summe zu ſammeln, darbot. Treſſilian nahm das Gild an, ohne ſich einen Augenblick zu bedenken; ein ſchwei⸗ gender Haͤndedruck zeugte allein von der Freude, welche der eine fuͤhlte, ſein Alles fuͤr einen ſolchen Zweck hinzugeben, ſo wie von der, die der andere daruͤber empfand, ein ſo maͤchtiges Hinderniß ſo ploͤtzlich gehoben zu ſehen. Als ſich darauf Treſſilian ganz fruͤh am naͤchſten Morgen zu ſeiner Abreiſe bereit machte, trat Wayland Smith zu ihm herein, den Wunſch aͤußernd, daß, da er doch nun hoffentlich mit ſeiner Behandlung des alten Herrn zufrieden —-— 216— ſey, er ihm jetzt auch erlauben moͤge, ihm nach Hofe zu folgen. Treſſilian hatte hieran in der That ſelbſt ſchon ge⸗ dacht; denn die ſchlaue Gewandtheit und die mannichfachen Kenntniſſe, welche der kluge Kerl ſeit ſeiner Bekanntſchaft an den Tag gelegt hatte, uͤberzeugten ihn, daß ſein Bei⸗ ſtand ihm von Nutzen ſeyn koͤnne. Wayland aber war vor der Juſtiz nicht ganz ſicher, und hieran erinnerte ihn jetzt Treſſilian, indem er ihn Pinnewinks Zangen und Pfriemen ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Wayland Smith aber lachte dazu. „Seht Herr,“ ſprach er,„die Kleidung eines Schmidts habe ich bereits in die eines Dienſtmannes verwandelt; nun brauche ich nur meinen Schnauzbart, der jetzt herabhaͤngt, ſo hinaufzuziehen, und ihn mit einer gewiſſen mir bekann⸗ ten Tinktur zu faͤrben, der Teufel ſelbſt ſoll mich dann nicht wieder erkennen.“ Dieſe Worte begleitete er mit der dazu gebzeenden Handlung; und in weniger als einer Minute ſtand er, ver⸗ mittelſt einiger mit ſeinem Haar und Bart vorgenommenen Veraͤnderungen, wie ein fremder ganz unbekannter Mann vor Treſſilian. Nichts deſto weniger aber nahm dieſer dennoch Anſtand, ihn mit ſich zu nehmen, und der Kuͤnſtler ward um ſo dringender. „Ich dank Euch Leib und Lohen, Herr!“ rief er aus, „und ich moͤchte Euch gern einen Theil meiner Schuld ab⸗ tragen, zumal da ich durch William Badger erfahren habe, auf welche gefaͤhrliche Arbeit Ihr auszieht. Zwar mache ich keinen Anſpruch darauf, ein Raufbold zu ſeyn, der die Sache ſeines Herrn ſtets mit Schwerdt und Schild zu ver⸗ theidigen bereit iſt; ich gehoͤre im Gegentheil zu jenen, die lieber dem Ende einer Mahlieit, als dem Anfange eines —— — 217— Streites beiwohnen. Aber ich weiß, geſtrenger Herr! daß ich Euch in Angelegenheiten, wie die Eure, ungleich beſſer zu dienen im Stande bin, als alle dieſe Schwerdt⸗ und Dolch⸗Maͤnner, und daß mein Kopf Euch mehr menh ſeyn wird, als hundert ihrer Haͤnde.“ Noch immer zoͤgerte Treſſillan. Nur wenig wußte er von dem Burſchen, und war zweifelhaft, in wie fern er in ihn ein Vertrauen ſetzen duͤrfe, wie es ſein Begleiter bei dieſem gefahrvollen Unternehmen beſitzen mußte. Noch be⸗ vor er in dieſer Ruͤckſicht zu einem Entſchluß gekommen war, ward ein Pferdegetrampel im Hofe gehoͤrt; gleich darauf traten Meigter Mumblaze und William Badger eilig ins Gemach, faſt beide zu gleicher Zeit ſprechend: „ Ein Reiter iſt angelangt,“ rief William Badger,„auf einem kleinen Grauſchimmel, ſo flink, als ich noch keinen ge⸗ ſehen.“ „Er traͤgt ein ſilbernes Schild auf dem Arme ,“ ſagte Meiſter Mumblaze,„worauf unter einer Grafenkrone ein feuriger Drache, der einen Ziegelſtein im Munde traͤgt; auch brachte er einen Brief mit demſelben Wappen ge⸗ ſiegelt.“ Treſſilian nahm das Schreiben, von dem die Aufſchrift ſo lautete:„Dem ehrenwerthen Herrn Treſſilian, unſerm geliebten Verwandten,— und als Weiſung fuͤr den Boten nach dem Gebrauch damaliger Zeit weiter unten; Reite, reite, reite, ſo ſchnell als dein Gaul dich von dannen traͤgt.“ Treſſilian oͤffnete den Brief, und las den Inhalt wie folgt: — 218— Hermn Treſſilian, unſerm guten Freunde und Vetter! „Wir ſind in dieſem Augenblicke ſo ſchlimm daran und befinden uns in einer ſo traurigen Lage, daß wir wuͤn⸗ ſchen, die von unſeren Freunden, in deren Anhaͤnglichkeit wir unſer volles Vertrauen ſetzen koͤnnen, um uns zu haben. Unter dieſen Umſtaͤnden halten wir unſern guten Herr Treſ⸗ ſtlian fuͤr einen der naͤchſten und beſten, ſowohl ruͤckſichtlich ſeines guten Willens als ſeiner Tauglichkeit. Wir erſuchen Euch daher, Euch in moͤglichſter Eile zu uns in unſere ſchlechte Behauſung zu Say's Court, unfern Deptford zu begeben, wo wir uns weiter mit Euch uͤber Gegenſtaͤnde be⸗ ſprechen wollen, welche wir nicht fuͤr rathſam hielten, dem Schreiben auzuvertrauen.— Womit wir Euch denn ein herz⸗ liches Lebewohl bieten, und verbleiben Euer treuer Vetter Rateliffe, Graf von Suſſex.“ „Schnell rufe mir den Boten herauf, William Badger!“ ſprach Treſſilian; und als der Mann hereintrat, rief er aus: „ Sieh da, Steffens, biſt Du's! wie geht's denn dem guten Lord?“ „Schlecht, Herr Treſſtlian,“ war des Boten Antwort; „ und daher hat er es um ſo mehr noͤthig, gute Freunde um ſich zu haben.“ „Welche Krankheit hat denn aber Mylord befallen,“ fragte Treſſilian beſorgt;„mir war's unbekannt, daß er un⸗ wohl ſey.“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete der Bote, aber er iſt recht ſchlimm daran. Die Aerzte verlaſſen ihn nicht, und mancher ſeiner Diener argwohnt Boͤſes, als Zauberei oder noch Schlimmeres.“ — 219— „Welche Symptome zeigen ſich denn?“ fragte Wayland Smith vortretend. „Wie?“ entgegnete der Bote, der jenen Ausdruck nicht zu verſtehen ſchien. „Ich meine, wodurch ſich die Krankheit zeigt, wo ſie eigentlich ſitzt.“ Der Bote ſah Treſſilian an, ſo, als wünſche er zu er⸗ fahren, ob er dieſe von einem Fremden an ihn gerichtete Fra⸗ ge auch beantworten duͤrfe, und erhielt von dieſem ein be⸗ jahendes Zeichen. Steffens erzaͤhlte nun, daß nach und nach die Kraͤfte ge⸗ ſchwunden, daß ſich zur Nachtzeit ein heftiger Schweiß ein⸗ geſtellt habe, der Appetit vergangen ſey, und daß ſich Ohn⸗ machten gezeigt haͤtten. „Mit einem Druck im Magen, und leichtem Fieber ver⸗ bunden,“ fiel Wayland ihm in die Rede. „Ja, ja, ſo iſts,“ entgegnete der Bote mit einigem Erſtaunen. „Ich weiß, woher dieſe Krankheit entſtanden,“ erwie⸗ derte Wayland Smith,„ich kenne die Urſache. Euer Herr hat vom Manna des heiligen Nicolas gegeſſen; ich weiß auch, wie dies Uebel zu heilen— mein Meiſter ſoll nicht ſagen, daß ich umſonſt in ſeinem Laboratorium ſtudirte.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Treſſilian mit gerunzel⸗ ter Stirn;„hier iſt von einem der erſten Maͤnner England's die Rede,— vergiß nicht, daß Scherz hier uͤbel angebracht waͤre.“— „Gott bewahre mich auch davor!”“ ſagte Wayland Smith;„ich ſage ja nur; daß ich ſein Uebel kenne und es heilen kann; erinnert Euch, was ich fuͤr Sir Hugh Robſart gethan!“ —-— 220— „Wir muͤſſen augenblicklich fort.— Die Pflicht ruft uns,“ ſprach Treſſilian. Demzufolge nahm er, nachdem er zuvor den neuen Be⸗ weggrund ſeiner augenblicklichen Abreiſe, ohne dabei indeß weder Steffens Argwohn, noch Wayland Smiths Zuſicherung zu erwaͤhnen, dem alten Ritter und ſeinen Freunden kund gethan hatte, eiligen aber herzlichen Abſchied von den wak⸗ kern Maͤnnern, welche ihn unter Segen und Gebet entlie⸗ ßen, und ſprengte darauf von Wayland Smith und dem Boten des Grafen von Suſſex gefolgt, im raſchen Zuge auf dem Wege nach London dahin. Ende des erſten Bandes. —————— ſſſnnſſſnſſſſt 9 10 11 7 8