Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Ezdudeh Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Pfuns bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem ench 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlic 2 6 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: a Monat⸗ 4 Nt.— Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Bücher auf, ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Aurkfer endung lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 5 4 88 1 7 Kenilworth. Roman n ach Valter Scott von Georg L o tz. Zweiter Band. Zweite verbeſſerte und wohlfeilere Auflage. Hannover, in der Hahnſchen Hofbuchhandlung. 1 8. 2 5. ½ S . 41 4 . — 3 — 1. Treſſilian und ſeine Begleiter ſetzten ihren Weg raſch fort. Jener hatte den Schmidt vor der Abreiſe befragt, ob er nicht vorziehe, Berkſhire zu vermeiden, wo er eine ſo be⸗ ruͤhmte Rolle geſpielt habe. Wayland Smith aber verſicherte, daß er dieſerwegen ohne Sorgen ſey. Er hatte den kurzen Aufenthalt in Lincote Hall benutzt, ſeine Geſtalt auf eine Wunder erregende Weiſe zu verwandeln. Sein willder ſtrup⸗ piger Bart war jetzt auf einen kleinen Schnautzbart uͤber der Oberlippe beſchraͤnkt worden, auf militairiſche Weiſe nach oben gekehrt. Ein Schneider aus dem Dorfe Lincote hatte fuͤr gute Bezahlung unter der Oberaufſicht deſſen, fuͤr den er zu arbeiten beſtimmt war, ſeine kunſtgeuͤbte Hand ge⸗ braucht, Wayland Smiths aͤußern Menſchen durchaus um⸗ zuwandeln, und ihn um volle zwanzig Jahre zu verjuͤngen. Fruͤher, von Ruß und Kohlenrauch geſchwaͤrzt, mit langem Barte, und gekruͤmmt von der taͤglichen Schmiedearbeit— ſchien er, zumal da ihn ſeine garſtige phantaſtiſche Kleidung noch mehr entſtellte, ein Mann uͤber funfzig. Jetzt aber, in Treſſilians huͤbſcher Livree, ein Schwerdt an ſeiner Seite, und einen Schild uͤber der Schulter, glich er einem jungen raſchen Dienſtmann, von dreißig bis fuͤnf und dreißig, grade in der Bluͤthe des menſchlichen Lebens. Seine toͤlyiſch wil⸗ den Geberden hatten ſich ebenfalls in ein raſches gewandtes Weſen umgewandelt. Als er von Treſſilian uͤber dieſe gaͤnzliche und wunder⸗ bare Veraͤnderung befragt ward, ſang er zur Antwort eine Kenilworth. 2r Bd. A trophe aus einer damals neuen Comoͤdie, deren Verfaſſer von den Kennern jener Zeit fuͤr nicht ganz ohne Genie ge⸗ halten wurde. Wir ſind ſo gluͤcklich geweſen, dieſes Lied zu Haͤnden zu bekommen, deſſen Schluß woͤrtlich ſo lautet: Zaubre, zaubre Caliban! Mit dem Dienſt, den ich begann, Wurd' ich auch ein and'rer Mann. Obgleich ſich Treſſilian dieſer Verſe nicht grade erinnerte, fiel es ihm doch ein, daß Wayland Smith vorher Schau⸗ ſpieler geweſen ſey, ein Umſtand, der zwar an ſich ſelbſt gleichguͤltig, doch zu der Gewandtheit und Schnelle mit bei⸗ getragen haben konnte, mit der er jetzt ſein Aeußeres um⸗ zuwandeln verſtand. Der Künſtler hatte ſeine Kleidung ſo unkenntlich gemacht, oder ſeine Kleidung hatte, was wohl richtiger geſprochen iſt, ihn ſo unkenntlich gemacht, daß er bedauerte, wie ihr Weg ſie nicht an ſeinem fruͤheren Zu⸗ fluchtsorte vorbeifuͤhre. „In meiner jetzigen Kleidung und mit Eurer Erlaubniß, geſtrenger Herr!“ ſagte er,„wuͤrde ich es wagen, dem Ge⸗ richtshalter mitten in ſeiner Seſſion bei hellem lichten Tage vor die Augen zu treten. Bin ich doch recht begierig zu er⸗ fahren, was aus Dickie geworden, der, wenn er einmal ſei⸗ ner Großmutter und dem alten Domine antl if einen Teu⸗ felslaͤrm in der Welt machen wird. Ja, und meine ge⸗ ſprengte Hoͤle! haͤtte ich doch gar zu gern geſehen, wie all' das Pulver dort mit den Keſſeln und Phiolen des Doctor Demetrius Doboobie gewirthſchaftet haben mag. Ich ſteh' Euch dafuͤr, daß mein Ruhm noch lange im Thal von Whi⸗ tehorſe erſchallen wird, wenn meine Gebeine ſchon laͤngſt modern werden. Mancher noch wird ſein Roß dort anbin⸗ den, ſein Silberſtuͤck hinlegen und laut nach dem Wayland Smith pfeifen, damit er erſcheine und ſeinen Gaul be⸗ ſchlage. Aber ſein Pferd wird lahm werden, bevor ich komme.“ 4 Hierin hat ſich, ſeltſam genug, Wayland Smith als ein wahrhafter Prophet bewaͤhrt; ſo leicht pflanzen ſich der⸗ gleichen Fabeln fort, daß, noch ſelbſt bis auf den heutigen Tag, eine dunkle Sage von ſeiner unſichtbaren Schmiede im Thal von Whitehorſe erzaͤhlt wird*); ſelbſt die Erzaͤh⸗ lung von Alfreds Siegen und andern berüͤhmten Vorfaͤllen, wird in Berkſhire nicht ſorgſamer aufbewahrt, als die Le⸗ gende von Wayland Smith. Die Eile unſerer Reiſenden erlaubte ihnen nicht, anders⸗ wo Halt zu machen, als wo es noͤthig war, um ihren Gaͤu⸗ len Futter reichen zu laſſen; und da die meiſten der Orte, durch welche ſie kamen, unter dem Einfluß von Leieeſter ſelbſt⸗ oder doch unter dem ſeiner eifrigſten Anhaͤnger ſtanden, hiel⸗ ten ſie es fuͤr rathſam, ihre wahren Namen und den Zweck ihrer Reiſe zu verbergen. Bei ſolchen Gelegenheiten kamen nun die Dienſtleiſtungen Wayland Smiths ſehr zu Huͤlfe. Er ſchien in der That ein ordentliches Vergnuͤgen darin zu finden, die Geſchicklichkeit an den Tag zu legen, mit der er jede Nachforſchung zu vereiteln wußte, und machte ſich ſtets eine Freude daraus, die Neugier der Wirthe und Aufwaͤrter auf falſche Spur zu leiten. Waͤhrend der Dauer ihrer kur⸗ zen Reiſe wurden von ihm drei verſchieden lautende Geruͤchte in Umlauf geſetzt. Einmal: Treſſilian ſey der Lord Depu⸗ tirte von Irland, ineognito heruͤber gekommen, um der Koͤ⸗ nigin Willen hinſichtlich des großen Rebellen Rory Oge Mae Carthy Mae Makon zu vernehmen; dann, daß Treſſilian ein Agent von Monſieur waͤre, angelangt, um ſeine Bewer⸗ *) CGamdens Britannia,— Goughs Edition vol. 1. p. 221. — 4— bungen um Eliſabeths Hand zu unterſtuͤtzen, und endlich, daß er der Herzog von Medina ſey, welcher ſich nach Eng⸗ land begeben habe, um die uneinigkeit zwiſchen Philipp und Eliſabeth auszugleichen. Treſſilian ward verdrießlich, und zuͤrnte auf den Kuͤnſt⸗ ler, wegen der mannichfachen Unannehmlichkeiten, vorzuͤglich aber wegen der unnoͤthigen Ehrenbezeugungen, die durch ſeine Maͤhrchen fuͤr ihn herbeigefuͤhrt wurden; aber er ward(und wer haͤtte auch ſolchem Argument widerſtehen koͤnnen?) durch Waylanz's Verſicherung beruhigt, daß ſeine eigene(Treſſi⸗ lian's) Aufſehen erregende Gegenwart es noͤthig mache, ſolche gußerordentliche Gruͤnde fuͤr die Schnelligkeit und das Ge⸗ heime ſeiner Reiſe anzugeben. Endlich naͤherten ſie ſich der Hauptſtadt, wo ihr Erſchei⸗ nen wegen des groͤßeren Zuſammenfluſſes von Fremden we⸗ der Aufſehen noch Nachfrage erregte, und ſo kamen ſie in London an. Es war Treſſilians Abſicht, ſich unverzuͤglich nach Dept⸗ ford zu begeben, wo ſich Lord Suſſer aufhielt, damit er ſo nahe als moͤglich dem Hofe ſey, der damals zu Greenwich gehalten wurde, der Lieblingsreſidenz Eliſabeths, und von ihr, weil es ihr Geburtsort war, geehrt. Ein kurzer Auf⸗ enthalt in London war indeſſen nothwendig; und dieſer ward noch auf die dringenden Bitten Wayland Smiths etwas ver⸗ laͤngert, welcher um die Erlaubniß erſucht hatte, einen Gang durch die Stadt machen zu duͤrfen. 3 „So nimm Schwerdt und Schild,“ entgegnete Treſſi⸗ lian,„ich ſelbſt habe auszugehen, wir wollen beiſammen So ſprach er, weil er der Treue ſeines neuen Dieners noch nicht ſo ganz gewiß zu ſeyn glaubte, als daß er es haͤtte. wagen duͤrfen, ihn in einem Augenblicke aus den Augen zu —ÿ—η——— 3— 5— laſſen, wo die Factionen der Nebenbuhler an Eliſabeths Hofe ſo thaͤtig waren. Wayland Smith willigte ohne Be⸗ denken in dieſen Vorſchlag, deſſen Grund er errathen mochte, wobei er nur die Bedingung machte, daß ſein Herr mit ihm in die Laͤden der Chemiker oder Apotheker gehen ſolls, welche er in Fleet⸗Street bezeichnen wuͤrde, wo er einige Einkaͤufe zu machen habe. Treſſilian erklaͤrte ſich dazu bereit, und trat, dem Winke ſeines Diener folgend, nach und nach in mehr als vier oder fünf Laͤden, wo er bemerkte, daß Wayland Smith in jedem ꝛmmer nur eir Arzeneimittel, jedesmal aber in verſchiedener Quantitaͤt, kaufte. Die Medicamente welche er zuerſt for⸗ 6 derte, waren reichlich vorhanden, die aber, welche er ſyaͤter begehrte, waren es weniger; und Treſſilian bemerkte, daß Wayland mehr als einmal Wurzeln und Kraͤuter mit dem Bedeuten dem Eigenthuͤmer zuruͤckreichte, doch die aͤchte Sorte zu geben, wie auch, daß er, falls ſolches ſeiner Mei⸗ nung nach nicht geſchah, fortging, ſie anderswo zu fuchen. Eine Ingredienz aber war durchaus nicht zu bekommen. Einige Chemiker geſtanden ganz ehrlich, ſie hoͤtten derglei⸗ chen nie geſehen— Andere beſtritten die Exiſten; einer ſol⸗ chen Arzenei, und meigken, ſie koͤnne nur in dem Gehirn eines verruͤckten Alchymiſten vorhanden ſeyn— die meiſten aber glaubten den Kaͤufer zu befriedigen, wenn ſie irgend ein Surrogat dafuͤr zum Vorſchein brachten, welches ſie dann, wenn dieſer es verwarf, in noch beſſerer Qualitaͤt auf dem Lager gehabt zu haben behaupteten. Alle aber bozeigten Neu⸗ gierde uͤber den Zweck, zu dem er dieſe Arzenei verlange. Ein alter magerer Chemiker, an den ſich Wayland mit der⸗ felben Frage in Ausdruͤcken wandte, welche fruͤher geyoͤrt zu haben Treſſilian ſich nicht erinnern konnte, verſicherte zuletzt treuherzig, daß dergleichen nicht in London zu finden ſey, es N — 6— muͤſſe denn ſeyn, daß Yoglan, der Jude, etwas davon an der Hand habe. „Dacht' ich's wohl!“ ſagte Wayland, und als ſie aus dem Laden getreten waren, ſprach er zu Treſſilian:„Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr, der Muͤhe wegen, die ich Euch mache; aber kein Kuͤnſtler vermag ohne ſein Werkzeug zu arbeiten; wir muͤſſen durchaus zu dieſem Juden; aber ich ſtehe Euch dafuͤr, daß, wenn Ihyr dadurch laͤnger aufgehalten werdet, als eure Zeit es zu erlauben ſcheint, Euch dennoch durch den Gebrauch, den ich von dieſer Arzenei machen werde, reichlicher Erſatz werden wird. Vergoͤnnt mir jetzt, voran zu gehen, wir muͤſſen nun die breiten Straßen verlaſ⸗ ſen, und werden ſchneller an den Ort unſerer Beſtimmung gelangen, wenn ich euch den Weg zeige.“ Treſſilian erfuͤllte ſeinen Wunſch, und als er nun feinem Fuͤhrer folgte, welcher ihn links, eine kleine Seitengaſſe hinab, nach der Gegend der Themſe fuͤhrte, bemerkte er, daß der Schmidt mit raſchen Schritten und mit einer augenſcheinlich genauen Bekanntſchaft der Stadt durch ein Labyrinth von Durch⸗ gaͤngen und Seitenwegen eilte, bis ee endlich in der Mitte eines engen Gaͤßchens Halt machte, an deſſen Ende ein Stuͤck⸗ chen von der Themſe ſichtbar war, wo die Maſtbaͤume zweier Schiffe, welche die Fluth erwarteten, den Hintergrund bil⸗ deten. Der Laden, vor dem er ſtill ſtand, hatte nicht, der Sitte heutiger Tage gemaͤß, Fenſter von Glas— nur ein armſeliger Schirm von grober Leinwand umgab eine Art von Bude, denen gleich, in welcher jetzt die Schuhflicker ihr Handwerk zu treiben pflegen, vorn offen, ungefaͤhr wie bei den Fiſchhaͤndlern unſerer Zeit. Ein kleiner alter Mann mit einem raͤuchrichen Geſichte, uͤbrigens aber das Gegen⸗ ſtuck eines Juden, denn er hatte weiches Haar und war bartlos, erſchien, und fragte Wayland mit großer Hoͤflich⸗ keit, was ihm gefaͤllig ſey. Kaum hatte dieſer ihm kund gethan, was er wuͤnſche, als der Jude ſtutzte und erſtaunt ſchien.— „Und was wollt Ihr,“ fragte er, große Augen machend, „mit dem Artikel, iſt er doch nicht verlangt worden ſeit vier⸗ zig Jahren, daß ich hier Chemiker bin.“. „Ich habe nicht Auftrag, dieſe Frage zu beantworten,“ entgegnete Wayland,„hier iſt nur die Rede davon, ob Ihr das habt, wonach ich frage, und wenn dem ſo iſt, ob Ihr es verkaufen wollt?“ „Mein, was das Haben betrifft, und das Verkaufen, bin ich doch Chemiker und Handelsmann.“— So ſprechend, holte er ein Pulver hervor, und fuhr dann fort:„Wird aber großes Geld koſten— viel Geld— muß aufgewogen werden mit Gold— ſechsfach aufgewogen— mit purem rei⸗ nen Gold, iſt ein gar koſtbares Ding, wird hergebracht vom hohen Berg Sinai, wo uns gegeben worden ſind unſere Ge⸗ ſetze. Bluͤht nur einmal alle hundert Jahr.“) 1 „Ich weiß nicht, wie oft man's vom Berge Sinai holen kann,“ ſagte Wayland Smith, mit Verachtung auf das Pulver blickend, welches ihm der Jude darreichte, aber ich ſetze mein Schwerdt und Schild gegen Euren Ruͤhrloͤffel dort, daß das Zeug, das Ihr mir da eben ſtatt deſſen, was ich fordere, gebt, uͤberall umſonſt bei Aleppo gepfluͤckt werden kann.“ 4 „Seyd Ihr doch ein gar wilder Herr,“ entgegnete der Jude,—„hab' ich Euch doch gezeigt meinen beſten Vorrath von dem Artikel— und hab' ich beſſeren, will ich ihn doch Euch nicht verkaufen, ohne daß es verordnet der Doetor, oder daß Ihr mir ſagt, was Ihr damit wollt.“ Der Kuͤnſtler gab ihm darauf eine kurze Antwort in 8 einer Sprache, von welcher Treſſilian keine Sylbe verſtand, welche aber den Iuden in das groͤßte Erſtaunen zu verſetzen ſchien. Er ſtarrte Wayland Smith an, wie jemand, der ploͤtzlich in einem unbeachteten Fremden, einen beruͤhmten,, Helden, oder maͤchtigen Potentaten entdeckt hat.„Heiliger Elias!“ ſchrie er, ſo bald er ſich nur ein wenig von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, und indem er ſchnell von ſeinem fruͤ⸗ heren argwoͤhniſchen, finſteren Weſen zu kriechender Hoͤflich⸗ keit uͤberging, kruͤmmte er ſich faſt vor dem Schmidt, flehend, er moͤge doch eintreten in ſeine ſchlechte Behauſung und der Schwelle ſeiner Thuͤr Heil bringen, indem er uͤber ſie hin⸗ einſchritte. „Wollt Ihr nicht trinken einen Becher mit dem armen Juden Zacharias Yoglan?— Wollt Ihr trinken Tokayer— wollt ihr nicht ſchmecken meinen Laerymaͤ Chriſti— wollt Ihr nicht“—— „Ihr beleidigt mit Eurem Vorſchlag,“ erwiederte Way⸗ land,„reicht mir, was ich von Euch begehre, und vermeidet ferneres Geſchwaͤtz.“ Der ſo abgewieſene Iſraelit zog ſein Schläſſelbund hervor, und eroͤffnete mit großer Behutſamkeit ein Behaͤltniß, welches mit mehr Sorgfalt verwahrt ſchien, als die uͤbrigen Arzenei⸗ kaſten, unter denen es ſtand. Dann ſchob er ein kleines ver⸗ borgenes Schubfach heraus, hob einen Glasdeckel auf, und brachte einen kleinen Vorrath von ſchwarzem Pulver zum Vorſchein, den er Wayland mit einem Anſchein von großer Ehrerbietung uͤberreichte, obgleich dabei ein Ausdruck von Geiz und Eiferſucht in ſeinem Geſichte jeden Gran des Pul⸗ vers zu begleiten ſchien, der nun in die Haͤnde des Kaͤufers gelangen ſollte. „Habt Ihr eine Wagſchaale?“ fragte Wayland. Der Jude zeigte auf die, welche zum Gebrauch der ge⸗ woͤhnlichen Kaͤufer in ſeiner Bude bereit lag, verrieth aber dabei einen Anflug von Furcht und Verwirrung, der dem Schmidt nicht entging.„Ihr muͤßt eine andere haben, als dieſe,“ ſagte Wayland ſtreng;„wißt Ihr nicht, daß heilige Dinge auf ungerechter Wage gewogen, ihren Werth ver⸗ lieren? Der Jude hing den Kopf, hob aber aus einem mit Stahl⸗ ausgelegten Kaͤſtchen eine trefflich gearbeitete Wage heraus, und ſyrach, indem er ſie zum Gebrauch des Kuͤnſtlers ord⸗ nete:—„Gebrauche ich doch dieſe hier zu meinen eigenen Verſuchen,— wuͤrd' doch ihr Zuͤnglein bewegen ein Haar vom Bart des Propheten.“ 5 „Gut, gut!“ erwiederte der Kuͤnſtler, und wog ſich nun mit eigener Hand zwei Drachmen des ſchwarzen Pulvers, wel⸗ che er ſehr ſorgfaͤltig einwickelte und in ſeine Taſche zu den uͤbrigen Arzeneimitteln ſteckte. Darauf erkundigte er ſich bei dem Juden nach dem Preiſe; Hoglan aber ſchuͤttelte den Kopf und verbeugte ſich gewaltig tief, indem er dabei ausrief: „Mein, nichts von Geld, kein Wort davon, wollt Ihr mich kraͤnken?— Schweigt davon, ich bitte Euch.— Wollt aber doch wieder kommen zu beſuchen den armen Juden, wollt eintreten in ſein Laboratorium, wo er verrichtet mit Gottes Huͤlfe, was ihm erlauben die ſchwachen Kraͤfte— Wollt ihn dann fuͤhren mit eurer Weisheit einige Schritte weiter auf dem großen Wege“—— „Nuhig!“ gebot Wayland, ſeinen Finger geheimnißvoll auf den Mund legend,„moͤglich, daß wir uns nmal wie⸗ der begegnen; aber da muͤßt Ihr Euch denn allerdings zuvor noch manche geheime Kenntniſſe zu erwerben ſtreben.“ So ſprechend, erwiederte er die ehrfurchtsvolle Verbeu⸗ gung des Juden mit einem leichten Kopfnicken, und ſchritt dann wieder das Gaͤßchen hinauf, vor ſeinem Herrn her, deſſen erſte Bemerkung uͤber die Verhandlung, welcher er ſo — 10— eben beigewohnt hatte, die war, daß Wayland dem Juden ſein Pulver gehoͤrig haͤtte bezahlen ſollen. „Ich ihm bezahlen,“ entgegnete der Kuͤnſtler;„muͤßte mich doch der Boͤſe geplagt haben, wenn ich ihm Geld ge⸗ geben haͤtte!— Nur Euretwegen, Herr! geſchah' es nicht, weil ich nicht wußte, ob es Euch auch gefallen wuͤrde; ſonſt haͤtte der Geizhals noch mit ein Paar Unzen Gold heraus⸗ ruͤcken muͤſſen für eine gleiche Portion Ziegelmehl, welche ich ihm angeſchwatzt haben wuͤrde.“ „Ich rathe dir, ſolche Betruͤgereien nicht zu treiben, ſo lange du in meinem Dienſte biſt,“ ſagte Treſſilian. „Sagt' ich Euch denn nicht, daß ich ihn auch deßhalb verſchont haͤtte,“ erwiederte Wayland—„Betruͤgerei nennt Ihr das?— Hat das erbaͤrmliche Knochengeſtell doch Geld genug, das ganze Gaͤßchen hier mit Thalern zu pfaſtern, ohne daß er in ſeiner Eiſenkiſte einen Unterſchied ſpuͤren wuͤrde,— wollte er denn nicht einen armen Dienſtmann, fuͤr den er mich anfangs hielt, mit dem Zeuge betruͤgen, das keinen Pfennig werth war.— Liſt gegen Liſt, ſagte der Teufel einſt zum Kohlenbrenner;— war ſeine falſche Medi⸗ zin meine aͤchten Kronen werth, wiegt doch wohl mein gutes Ziegelmehl ſein aͤchtes Gold auf.“ „Es mag, wie ich mich gehoͤrt zu haben wohl erinnere,“ verſetzte Treſſilian,„ſo der Gebrauch unter Apothekern und Juden ſeyn, aber merk' es dir, ſolche Taſchenſpielerkuͤnſte, veruͤbt von jemand, der in meinem Dienſte ſteht, treten meiner Ehre zu nahe, und nimmer werde ich ſie erlauben. — Nun aber, hoffe ich, biſt du doch mit deinen Einkaͤufen fertig?“ „Ich bin es, Herr lu entgegnete Wayland;„aus dieſen Mitteln will ich noch heute das aͤchte wahre Gegengift be⸗ reiten, dieſe edle Arznei, die ſo ſelten rein und wirkſam in — 11— Europa gefunden wird, weil gewoͤhnlich dieß treffliche Pul⸗ ver fehlt, welches ich ſo eben von dem Juden erhielt.“ „Aber warum,“ fragte Treſſilian,„haſt du nicht alle deine Einkaͤufe in einem Laden gemacht? wir ſind nun uͤber eine Stunde von einer Wagſchaale zur andern gelaufen, um Wurzeln, Gummi und Kraͤuter einzuhandeln.“ „Ey, Herr!“ erwiederte Wayland,„es ſollte mir nie⸗ mand mein Geheimniß ablernen; kaufte ich alle meine Mit⸗ tel bei einem und demſelben Chemiker, wuͤrde es die laͤngſte Zeit das Meinige geweſen ſeyn.“ Sie kehrten darauf in ihren Gaſthof zuruͤck. Waͤhrend Lord Suſſer Diener die Pferde zu ihrer Reiſe anſchickte, hatte ſich Wayland von dem Koch einen Moͤrſer zu verſchaf⸗ fen gewußt, mit dem er ſich in ein Zimmer verſchloß, wo er die Arzneimittel, die er erkauft hatte, zerſtieß, und mit ein⸗ ander vermiſchte, von jedem die gehoͤrige Portion mit einer Genauigkeit und Gewandtheit, welche bewies, daß er in der Apothekerkunſt wohl geuͤbt ſey. Als er ſeine Arbeit vollendet hatte, ſtanden ſeine Pferde bereit, und der Ritt einer kurzen Stunde brachte ſie zu Lord Suſſex derzeitiger Wohnung, die aus einem alten Herren⸗ hauſe, Say's Court genannt, unfern Deptford beſtand, wel⸗ ches lange Zeit hindurch ein Eigenthum der Familie jenes Nahmens geweſen war, ſchon ſeit faſt einem Jahrhundert aber der alten ehrwuͤrdigen Familie Ewelyn zugehoͤrt hatte. Der jetzige Stammhalter dieſes Hauſes nahm lebhaften An⸗ theil an dem Grafen von Suſſex, und hatte ihn und ſein zahlreiches Gefolge mit der groͤßten Bereitwilligkeit in ſeiner gaſtfreien Wohnung aufgenommen. Say's Court ward ſpaͤ⸗ terhin die Reſidenz jenes beruͤhmten Ewelyn, deſſen„Silva“ noch jetzt das Handbuch aller Brittiſchen Gaͤrtner iſt, ſo wie ſein Leben, ſeine Sitten und Grundſaͤtze, wie ſie in ſeinen „ Memoiren aufgezeichnet ſind, das Handbuch jedes Englaͤn⸗ ders von Bildung zu ſeyn verdienen. 2. 6 (Sayys Court ward wie eine belagerte Feſtung bewacht; und ſo ſehr war der Argwohn zu jener Zeit geſtiegen, daß Treſſi⸗ lian und ſeine Begleiter, als ſie ſich dem Wohnſitz des kran⸗ ken Grafen naͤherten, oftmals von Schildwachen, ſowol zu Fuß als zu Pferde, angehalten und ausgefragt wurden. In der That machte auch der hohe Rang, den Suſſer in der Gunſt der Koͤnigin einnahm, ſo wie ſein allgemein bekann⸗ ter und offen an den Tag gelegter Kampf mit ſeinem Neben⸗ buhler, dem Grafen von Leiceſter, ſeinen Geſundheitszuſtand zu einer Sache von allgemeiner Wichtigkeit; denn zu der eit, von dey wir hier ſprechen, war jedermann zweifelhaft, ob er oder Leiceſter zuletzt den Oberrang in der Gewogenheit der Monarchin behaupten wuͤrde. 4 „Eliſabeth liebte, wie viele ihres Geſchlechts, Factionen zu beherrſchen, und hielt gerne das Intereſſe entgegengeſetz⸗ ter Partheien in ihrer Wagſchaale, um es ſich vorzubehalten, dorthin den Ausſchlag zu geben, wo es ihr fuͤr das Wohl ihres Reichs, oder auch fuͤr jhren weiblichen Eigenſinn(denn uͤber dieſe Schwaͤche war ſie keinesweges erhaben), am zu⸗ traͤglichſten zu ſeyn ſchien. Ungemeine Feinheit— die Ge⸗ ſchicklichkeit, das Spiel in ihrer Hand zu halten,— jene, ein Intereſſe dem andern entgegen zu ſetzen,— dieſe, den zu zuͤgeln, der ſich der erſte in ihrer Gunſt glaubte, indem — ——— — ——-— — 125— ſie ihn fuͤrchten ließ, von einem Andern, eben ſo ſehr Ver⸗ trauten, wenn auch weniger Geliebten, verdraͤngt zu werden, — waren die Kuͤnſte, welche ſie gebrauchte, und die ſie, trotz der Schyaͤche ſolcher Beguͤnſtigungen, in den Stand ſetzten, dieſe weniger nachtheilig fuͤr ihr Land und ihre Regierung zu machen. Die beiden Edeln, welche ſich in dieſem Augenblick den Vorrang in ihrer Gunſt ſtreitig machten, beſaßen voͤllig un⸗ gleiche Anſpruͤche darauf; man koͤnnte indeß wohl im Allge⸗ meinen daruͤber ſagen, daß Suſſer von der Koͤnigin geſchaͤtzt wurde, waͤhrend Leiceſter dem Weibe theuer war. Suſſer war im eigentlichen Sinne des Worts ein Kriegsmann, hatte an Irrland und Schottland große Dienſte geleiſtet, und ſich vorzuͤglich auch bei jenem Aufruyr im Jahre 1569, der faſt allein durch ſeine militairiſchen Talente gedaͤmpft ward, aus⸗ gezeichnet. Natuͤrlich war er alſo hauptſaͤchlich von ſolchen Leuten umgeben, die auf dem Wege der Waffen ſich aufzu⸗ ſchwingen ſtrebten. Der Graf von Suſſex war uͤberdem von einer aͤlteren und edleren Abkunft, als ſein Nebenbuhler. In ſeinem Wappen waren die beruͤhmten Zeichen der Fitz Walter mit denen der NRadeliffs vereint, waͤhrend Leiceſters Schild durch die Entſetzung ſeines Großvaters, jenes herrſch⸗ ſuͤchtigen Miniſters Heinrich VII., befleckt, und kaum durch die ſeines Vaters, des ungluͤcklichen Dudley, Herzogs von Northumberland, deſſen Kopf am 22. Auguſt 1555 unter dem Beil des Henkers ſiel, wieder zu Ehren gebracht worden war. Hinſichtlich der Perſoͤnlichkeit, der Geſichtszuͤge und des An⸗ ſtands uͤberhaupt(furchtbare Waffen unter einer weiblichen Regierung) beſaß Leieeſter aber hinreichende Vorzuͤge, um den militairiſchen Verdienſten, der hohen Abkunft und dem feinen Benehmen des Grafen von Suſſex die Wage zu hal⸗ ten; auch nahm er in den Augen des Hofes, wie des Reichs, — —— faſt einen hoͤhern Rang in der Gunſt der Koͤnigin ein, ob⸗ gleich dieſe Fuͤrſtin(denn ſo war ihre Politik) ſolche nie ſo ſehr an den Tag legte, daß er das Uebergewicht ſeines Ne⸗ benbuhlers nicht zu fuͤrchten gehabt haͤtte. Suſſex Krankheit erſchien daher fuͤr Leiceſter ſo gelegen, daß mehrere ſeltſame Vermuthungen daruͤber im Publikum entſtanden, waͤhrend die Anhaͤnger des einen Grafen mit der tiefſten Bekuͤmmer⸗ niß, die ſeines Gegners aber mit den glaͤnzendſten Hoffnun⸗ gen erfuͤllt waren. Unterdeſſen— denn zu jener Zeit hielt man es noch fuͤr moͤglich, daß dergleichen Zwiſte zuletzt durch das Schwerdt entſchieden werden koͤnnten— erſchienen die Schaaren der beiden Grafen, ſtets wohl bewaßnet ſelbſt in der Naͤhe des Hofes, oft das Ohr der Beherrſcherin, ſelbſt innerhalb des Bezirks ihres Palaſtes, durchs ihre lauten Streitigkeiten behelligend.— Dieſe vorlaͤuſige Darſtellung war nothwendig, um das Nachſtehende dem Leſer verſtaͤnd⸗ lich zu machen. Bei Treſſilians Ankunft zu Say's Court fand er den Platz mit Anhaͤngern des Grafen von Suſſer und mit Cava⸗ lieren angefuͤllt, welche herbeigeeilt waren, ihrem Beſchuͤtzer in ſeiner Krankheit ihren Beiſtand anzubieten. Waffen be⸗ fanden ſich in jeder Hand, und ein tiefer Ernſt ſprach aus allen Geſichtern, gleich als ob man einen ploͤtzlichen und heftigen Angriff von Seiten der entgegengeſetzten Parthei er⸗ warte. In dem Vorſaale, in den Treſſilian von einem Die⸗ ner des Grafen gefuͤhrt ward, waͤhrend ein anderer gegangen war, ſeinem Herrn die Ankunft deſſelben zu berichten, fand dieſer nur zwei Cavaliere Wache haltend. Ein auffallender Contraſt fand zwiſchen ihrem Aeußern, ihrer Kleidung und ihrem Benehmen ſtatt. Der Anzug des aͤltern, eines Man⸗ nes dem Anſchein nach von Stande und in den beſten Jah⸗ ren, war einfach und militairiſch, ſein Koͤrperbau war un⸗ — 15— terſetzt, und ſeine Geſichtszuͤge verkuͤndeten graden geſunden Verſtand, ohne dabei aber auch nur einen Gran von Leb⸗ haftigkeit und Phantaſie zu verrathen. Der juͤngere, welcher ungefaͤhr zwanzig Jahre oder etwas daruͤber ſchien, war auf die galante Weiſe gekleidet, die zu jener Zeit unter jungen Leuten von Stande Sitte war. Er trug einen Mantel von carmoiſinrothem Sammet, reich mit Treſſen und Stickereien verziert; eine Muͤtze von demſelben koͤſtlichen Zeuge, und um dieſe eine ſchwere goldene Kette dreifach gewunden, und durch eine Schaumuͤnze zuſammen gehalten. Sein Haar war in die Hoͤhe gekaͤmmt, ungefaͤhr wie es heut zu Tage unſere jangen Herren zu tragen pflegen, und in den Ohren glaͤnzten ſilberne Ringe, jeder mit einer Perle von ziemlich bedeutender Groͤße geſchmuͤckt. Das Geſicht dieſes Juͤnglings, von regelmaͤßiger Schoͤnheit mit einer einnehmenden Geſtalt verbunden, war zugleich ſo belebt und entſchloſſen, daß der Ausdruck der Feſtigkeit eines beſtimmten Charakters, die Phantaſie eines feurigen Gemuͤths, die Kraft der Reflexion, und die Raſchheit des Entſchluſſes unverkennbar aus dem⸗ ſelben hervorleuchteten. Beide Cavaliere ſaßen faſt in gleicher Stellung auf Baͤnken unfern von einander; jeder aber ſchien auf ſeine Weiſe in Nachdenken verſunken, und blickte ſtarr nach der Wand gegenuͤber, ohne ſich mit dem Andern zu unterhalten. Die Blicke des Aeltern waren von ſolcher Art, daß ſie dem Bemerker die Ueberzeugung gewaͤhrten, er ſchaue an jener Wand nichts weiter, als die Seite einer alten Halle, mit Maͤnteln, Hirſchgeweihen, Schilden, alten Waffen, Partiſanen, und mehr dergleichen Gegenſtaͤnden, mit denen ſolch ein Vor⸗ ſaal geſchmuͤckt zu ſeyn pflegt, rund umher behaͤngt. Die Blicke des Juͤnglings dagegen hatten einen ſeltſam wundervollen Ausdruck. Er ſchien in Traͤumereien verſunken, und der leere „* — 16— Raum zwiſchen ihm und der Wand ihm nur eine Buͤhne zu ſeyn, auf der ſeine Phantaſie ſeine eigenen dramatiſchen Per⸗ ſonen muſterte, und ihn mit Erſcheinungen ganz anderer Art unterhielt, als ſein Erwachen ibm zu bieten im Stande geweſen waͤre.. Als Treſſilian eintrat, wurden Beide aus ihrem Nach⸗ denken erweckt, hießen ihn aber ſogleich willkommen, vor⸗ zuͤglich der Juͤngere mit einem Anſchein von ungemeiner Herzlichkeit. „Sey gegruͤßt, Treſſilian!“ rief er aus; deine Philoſo⸗ phie raubte dich uns, als in dieſem Hauſe Hoffnungen fuͤr den Ehrgeiz waren— wahrlich, eine ehrliche, wackere Phi⸗ loſophie, ſie fuͤhrt dich zu uns zuruͤck, jetzt, wo es hier nur Gefahren zu theilen giebt. „Iſt denn Mylord wirklich ſo gefaͤhrlich krank?“ fragte Treſſilian. „Wir fuͤrchten das Allerſchlimmſte,“ entgegnete der altere Cavalier,„und die ſchaͤndlichſte Veranlaſſung.“ „Schaͤmt Euch,“ erwiederte Treſſilian,„Mylord Leice⸗ ſter iſt ein Mann von Ehre.“ „Was thut er denn mit ſolchen Dienern, wie die, welche ihn umgeben?“ ſagte der Juͤngling.„Wer den Teufel her⸗ auf beſchwoͤrt, mag immerhin ehrlich ſeyn, dennoch bleibt er verantwortlich fuͤr das Unheil, was der Boͤſe ſtiftet.“ „Aber ſeyd Ihr es denn allein von unſeren Genoſſen,“ ſagte Treſſilian,„welche Mylord in dieſer Noth umgeben.“ „Nein, nein!“ entgegnete der Aeltere,„Traey, Mark⸗ ham und mehrere Andere noch ſind auch zugegen; wir aber halten hier Wache, zwei zur Zeit, einige ſind ermuͤdet, und ſchlafen oben in der Gallerie.“ „Und einige,“ fuhr der Juͤngling fort,„ſind hinunter nach dem Werft gegangen, druͤben ach Deptford, um ſich * nach AA nach irgend einem alten Schiffe umzuſehen, was ſie von den Ueberreſten ihres Vermoͤgens zu kaufen im Stande waͤren; und wenn denn hier erſt alles vorbei ſeyn wird, da wollen wir unſern edlen Lord in ein friſches, gruͤnes Grab legen; weenn's die(Gelegenheit will, uns an die machen, die ihn ſo ſchnell dahin ſandten, und dann nach Indien ſegeln, mit Herzen, eben ſo leicht, wie unſere Boͤrſen.“ „So ſey es,“ ſprach Treſſilian,„auch ich werde ein FGleiches thun, ſobald ich nur zuvor einige Geſchaͤfte bei Hofe abgemacht habe!“ „Wie? Du Geſchaͤfte am Hofe?“ riefen beide zugleich, „Du, Du willſt mit nach Indien gehen!“ 8„Sprich Treſſilian,“ fuhr dann der Juͤngere fort, biſt Du nicht verlobt, und uͤber die Stuͤrme hinweg, die einen andern ehrlichen Kerl hinaus auf die See treiben koͤnnen? — Was macht Deine ſchoͤne Emmy?“ „Nichts von ihr,“ erwiederte Treſſilian, fein Geſicht abwendend. 1„Ey, ſteht es ſo mit Euch!“ ſprach der Juͤngling, ſeine Hand theilnehmend erfaſſend,„dann ſey unbeſorgt, ich werde dieſe friſche Wunde nicht wieder beruͤhren,— aber die Kunde itt mir eben ſo ſeltſam, als traurig.— Soll denn keiner von uns froͤhlichen Geſellen dem Schiffbruch ſeines Gluͤcks in dieſem Sturme entgehen? ich hoffte Dich ſchon in dem ſicheren Hafen, mein Edmund.— Aber ein anderer theuerer Freund Deines Namens*) ſpricht wahr, wenn er ſingt: Wer ſah' wohl je das maͤcht'ge Rad ſich dreh'n, Das wechſelvoll des Zufalls Hand bewegt, — Und fuͤhlte den Gedanken nicht erſtehn, Wie Wankelmuth ſo tiefe Wunden ſchlaͤt. —— *) Der beruͤhmte Edmund Spencer. Kenilworth. 2r Bd. B — 18— 8 8 Der aͤltere Cavalier war unterdeſſen von ſeiner Bank aufgeſtanden, und in der Kalle mit großen Schritten auf und abgegangen, wobei er einige Ungeduld zeigte, waͤhrend der Juͤngling mit Ernſt und Gefuͤhl die Verſe rezitirte. Als er geendet hatte, huͤllte ſich jener wieder in ſeinen Man⸗ tel, nahm ſeinen Platz von vorhin wieder ein, und ſprach: „Ich wundere mich, Treſſilian, wie Du dem albernen Zeuge des Burſchen zuhoͤren magſt. Was ſoll man wohl von My⸗ lords ehrenwerther Umgebung denken, wenn man ſolch ſchwaͤch⸗ lich, jaͤmmerlich, kindiſches Weſen von Poeſie darunter trifft, das mit Herrn Walter Witzbold und ſeinen Cameraden hier eingezogen iſt, und das in allerhand ſeltſam verworrene Re⸗ den unſere reinen alt engliſchen Phraſen umwandelt, die uns Gott gab, um auszuſprechen, was wir meinten.“ „Blount meint,“ ſagte ſein Camerad lachend, ue Teufel habe Eva in Verſen verfuͤhrt, und die myſtiſche Be⸗ deutung vom Baum der Erkenntniß beſtehe allein in der Kunſt, Reime zu ſchmieden und Hexameter auszumeſſen.“ In dieſem Augenblick trat des Grafen Kaͤmmerer herein, und berichtete Treſſilian, daß ſein Herr mit ihm zu ſprechen wuͤnſche. Treſſilian fand den Lord Suſſey nur nachlaͤſſig angeklei⸗ det, auf ſeinem Ruhebette liegend, und erſchrak uͤber den Einſluß, welchen ſeine Krankheit auf ſein Aeußeres gehabt hatte. Der Graf empfing ihn mit der freundlichſten Herz⸗ lichkeit, und befragte ihn ſogleich nach ſeinen Herzensange⸗ legenheiten. Treſſilian vermied vor der Hand hierauf Ant⸗ wort zu geben, und bemerkte, als er die Unterredung auf den Geſundheitszuſtand des Kranken lenkte, mit Erſtaunen, daß alle Symptome ſeines Uebels voͤllig mit denen uͤberein⸗ ſtimmten, welche Wayland Smith in dieſer Ruͤckſicht ange⸗ geben hatte. Er zoͤgerte daher nicht, den Lord unverzuͤglich — 19— mit der Geſchichte ſeines Begleiters bekannt zu machen, ſo wie mit deſſen Ueberzeugung, die Krankheit heilen zu kön⸗ nen, an der er leide. Der Graf horchte mit unglaͤubiger Aufmerkfamkeit, bis der Nahme Demetrius ausgeſprochen wurde, und rief dann ploͤtzlich ſeinen Seeretair, dem er gebot, ein Kaͤſtchen zu brin⸗ gen, welches Papiere von großer Wichtigkeit enthalte. „Nimm die Erklaͤrung des Schurken von Koch heraus, den wir verhoͤren ließen,“ ſprach er dann,„und ſieh' ſorg⸗ faͤltig zu, ob nicht der Name Demetrius darin erwaͤhnt wurde.“. Der Seeretair fand ſogleich die Stelle, und las:„Wei⸗ ter geſteht Declarant, wie er ſich erinnere, die Sauce zu dem beſagten Stoͤr zubereitet zu haben, nach deren, Genuß der beſagte edle Lord ſich krank fuͤhlte; auch habe er die gehoͤ⸗ rigen Ingredienzien und Gewuͤrze dazu genommen, nem⸗ lich⸗——— „Schlag' das uͤber,“ unterbrach ihn der Graf,„und ſiehe nach, ob er die Sachen nicht von einem K Kraͤuterhaͤndler, Namens Demetrius, kaufte.“ „So iſt es,“ erwiederte der Seeretair,„auch fuͤgte er hinzu, daß er jenen Demetrius ſeitdem nitht wieder geſehen habe.“ „Das ſtimmt mit der Geſchichte Deines Begleiters uͤber⸗ ein, Treſſilian!“ ſagte der Graf, rufe ihn doch herbei.“ Als Wayland Smith erſchien, erzaͤhlte er ſeine Begeben⸗ heiten, wie fruͤher, mit Feſtigkeit und Ruhe. „Es waͤre moͤlich,“ ſprach der Graf,„daß Du, um die⸗ ſes Werk zu vollenden, von denen geſandt waͤreſt, die es be⸗ —— gonnen; aber bedenke: faͤllt Deine Kur ſchlecht aus, wirſt Du es ſchwer buͤßen.“ 1 B 2 — 20— „Eine ſtrenge Maaßregel, fuͤrwahr,“ erwiederte Way⸗ kand Smith,„denn der Erfolg von Heilmitteln und das Ende des menſchlichen Lebens ſtehen in Gottes Hand. Aber ich will's darauf wagen, habe ich doch zu lange unter der Erde gewohnt, um mich vor dem Grabe zu fuͤrchten.“ „Biſt Du Deiner Sache ſo gewiß,“ entgegnete der Graf, „gut, ſo will auch ich es darauf wagen, die Kunſt der Aerzte iſt ohnehin erſchoͤpft; ſprich, wie ſoll ich Dein Mittel gebrauchen?“ „Sogleich werde ich es Euch verkuͤnden, Hert!“ ſagte Wayland Smith;„aber erlaubt mir eine Bedingung; da ich allein alle Gefahr auf mich nehme, darf ſich auch kein anderer Arzt in meine Kur miſchen.“— „Das iſt nur billig,“ antwortete der Graf, nun aber bereite Deine Arzenei.“ Waͤhrend Wayland dem Befehle des Grafen nachkam, entkleideten die Diener, des Kuͤnſtlers Anweiſung zufolge, ihren Herrn, und brachten ihn zu Bett. „Ich bemerke Euch,“ ſprach Wayland dann,„daß die erſte Wirkung dieſes Mittels ein feſter Schlaf ſeyn wird; waͤhrend deſſen im Zimmer keine Stoͤrung vorfallen darf, ſollen die Folgen nicht ſchaͤblich ſeyn.— Ich ſelbſt will bei dem Grafen wachen mit einem dieſer Herren.“ „Laßt alle hinaustreten, Stanley und dieſen ehrlichen Burſchen ausgenommen,“ ſprach der Lord. „Und mich,“ fiel Treſſilian ein,„auch ich habe großes Intereſſe, dem Erfolge dieſer Arzenei beizuwohnen.“ So ſey es mein Freund,“ erwiederte der Graf,„und nun zum Werk; zuvor aber ruft mir noch meinen Seeretair und meinen Kaͤmmerer.“ „Seyd Zeugen,“ fuhr er fort, als dieſe beiden Offieian⸗ en erſchienen waren,„daß hier unſer guter Freund Treſſi⸗ — Wache zu halten, niemand aber blieb im Zimmer des kran⸗ — 21— lian auf keine Weiſe fuͤr die Wirkung verantwortlich iſt, die dieſe Arzenei auf mich machen wird; ich nehme ſie aus ei⸗ genem freien Willen, weil ich glaube, daß mir Gott dieſes Heilmittel ganz unerwartet ſandte, um mir von meiner Krankheit zu helfen.— Ueberbringt meiner Koͤniglichen Gebieterin die Verſicherung meiner Ergebenheit, berichtet ihr, daß ich als ihr treuer Diener lebe und ſterbe, und daß ich Allen, die ihren Thron umgeben, mein ehrliches Herz und meinen guten Willen, aber mit mehr Talent, als dem armen Thomas Radeliff verliehen worden war, verbunden wuͤnſche.“ Darauf faltete er ſeine Haͤnde, und ſchien ein oder zwei Seeunden lang in andaͤchtigem Gebet verſunken, dann faßte er den Trank, und richtete dabei einen durchdringenden Blick auf Wayland, als wolle er das Innerſte ſeiner Seele durch⸗ ſchauen, welcher aber weder in den Geſichtszuͤgen noch im Benehmen des Kuͤnſtlers die geringſte Veraͤnderung hervor⸗ brachte. „Hier iſt nichts zu fuͤrchten,“ ſagte Suſſex zu Treſſilian, und leerte die Schale ohne weiteres Bedenken. „Jetzt muß ich Eure Herrlichkeit erſuchen,“ nahm Way⸗ land das Wort,„Euch zum Schlummer zurecht zu legen, auf ſo begueme Weiſe, als Ihr es nur immer zu thun im Stande ſeyd; und Euch, Ihr Herren, muß ich bitten, Euch ſo ſtill und ruhig zu verhalten, als weiltet Ihr bei dem Sterbebette Eurer Mutter.“ Der Seeretair und der Kaͤmmerer entfernten ſich darauf, und ertheilten den Befehl, daß alle Thuͤren im Hauſe ge⸗ ſchloſſen, und jedes Geraͤuſch durchaus vermieden werden folle. Mehrere Cavaliere erboten ſich, unten in der Halle — 22— ken Grafen zuruͤck, als ſein Kammerdiener Stanley, der Schmidt und Treſſilian. Wayland Smith's Prophezeihung ging ohne Verzug in Erfuͤllung, der Schlaf ſenkte ſich ſo feſt und ſchwer auf den Grafen, daß die, welche an ſeinem Lager weilten, befuͤrchte⸗ ten, er moͤchte bei ſeiner Koͤrperſchwaͤche hinuͤbergehen, ohne wieder aus ſeiner Starrſucht zu erwachen. Wayland Smith ſelbſt ſchien nicht frei von Beſorgniß, und beruͤhrte von Zeit zu Zeit mit leichter Hand die Schlafe des Grafen, wobei er ſeine vorzuͤgliche Aufmerkſamkeit auf das Athemholen deſſel⸗ ben richtete, welches voll und tief, zu gleicher Zeit aber doch leicht und ununterbrochen fortdauerte. Es giebt keinen Augenblick, wo ein Menſch dem andern unangenehmer vorkommt, oder wo man ſich unbehaglicher fuͤhlt, als wenn der erſte Strahl des Tageslicht's Mehrere nach durchwachter Nacht bei einander findet. Selbſt eine Schoͤnheit vom erſten Range wird wohl thun, ſich dem An⸗ blick ihrer Bewunderer zu entziehen, bevor der erſte Schein der Morgenroͤthe in den Ballſaal dringt. So wirkte jetzt auch das bleiche unvortheilhafte Licht, welches zu daͤmmern begann, auf die, welche die ganze Nacht hindurch in der Halle von Say's Court Wache gehalten hatten, indem es ſeinen kalten blaͤulichen Schimmer mit dem roͤthlich gelben Schein der nach und nach erloͤſchenden Lampen und Kerzen vermengte.. 3 Der junge galante Eavalier, deſſen wir im vorigen Ca⸗ pitel erwaͤhnt haben, hatte vor wenigen Augenblicken den 25— Saal verlaſſen, um die Urſache eines Klopfens zu erfahren, welches man vom aͤußeren Thor her vernommen hatte, und war nun bei ſeiner Ruͤckkehr uͤber den todtenbleichen, geiſter⸗ aͤhnlichen Anblick, den ſeine Gefaͤhrten darboten, dergeſtalt beſtuͤrzt, daß er ausrief:„aber um Gott, Ihr Herren, ſeht Ihr doch aus wie leibhaftige Eulen! Traun! kommt mir's doch vor, als muͤßtet Ihr, ſo wie die Sonne zum Vorſchein kommt, fortflattern, und Euch in ein Epheugeſtraͤuch oder in irgend ein altes Gemaͤuer verbergen, auf daß Eure Augen nicht geblendet werden.“ „Schweig doch, Du faſelnder Geck,“ entgegnete Blount, „iſt's jetzt Zeit Narrenspoſſen zu treiben, wo England's Maͤnnerkraft, nur durch eine Wand von Dir getrennt, viel⸗ leicht mit dem Tode ringt?“ „Hoͤre Blount,“ erwiederte der Juͤngling,„ich liebe und ehre gewiß Mylord eben ſo ſehr, als einer von Euch, aber dennoch behaupt' ich, daß wenn ihn der Himmel von uns nehmen ſollte, Englands Maͤnnerkraft, wie Du ſagſt, doch nicht mit ihm ausſterben wuͤrde.“ 1 „Haſt recht,“ ſagte Blount ſpoͤttiſch,„bei Dir wuͤrde eine tuͤchtige Portion davon uͤbrig bleiben.“ „Und bei Dir, Blount,“ verſetzte der Jüngling ernſt, „und bei dem ruͤſtigen Markham, hier bei Tracy und bei einem jeden von uns; aber ich werde das Pfund am beſten wuchern laſſen, welches Gott uns allen verliehen.“ „Wie, Du?“ fragte Blount ſpoͤttiſch,„ey, ſo lehre uns doch das Geheimniß deines Multiplieirens.“ „Ihr gleicht,“ erwiederte der Juͤngling,„dem guten Boden, der aber keine Aehren traͤgt, weil ihm der Duͤnger fehlt; ich aber fuͤhle den aufſtrebenden Geiſt in mir, der meine geringen Faͤhigkeiten antreiben wird, Schritt mit ihm — 24— zu halten. Mein Ehrgeiz wird, ich ſtehe Euch dafuͤr, mei⸗ nem Gehirn zu thun geben.“ „Gott mag geben, daß er es nicht verruͤckt mache,“ ſagte Blount;„was mich betrifft, verlieren wir unſern edlen Lord, verlaß ich Hof und Lager. Ich habe ein kleines Stuͤck Land in Norfolk; dort zieh' ich hin, und vertauſche meine Hofſchuhe gegen tuͤchtige Landſtiefeln.“ „O! des veraͤchtlichen Tauſches, rief ſein Gegner; aber wahrlich, Du haſt ſchon recht das baͤuriſche Weſen— kruͤmmt ſich doch Dein Ruͤcken, als fuͤhrten Deine Haͤnde den Pflug, und verbreiteſt Du doch einen Erdgeruch um Dich her, ſtatt mit wohlriechenden Waſſern parfuͤmirt zu ſeyn, wie es einem Hoͤfling geziemt. Pfui, ſchaͤme Dich, Dich auf einem Heu⸗ ſchober waͤlzen zu wollen, traun! keine Entſchuldigung recht⸗ fertigt ſolchen Entſchluß, es waͤre denn, Du koͤnnteſt bei Dei⸗ nem Schwerdte ſchwoͤren, zu ſolchem Schritte durch die huͤb⸗ ſche Tochter Deines Pachters verleitet worden zu ſeyn.“ „Ich bitte Dich Walter,“ ſprach ein Dritter aus der Ge⸗ ſellſchaft,„laß jetzt Deine Neckereien, die weder fuͤr Zeit noch Ort paſſen, und berichte uns lieber, wer jetzt eben drau⸗ ßen am Thore war.“ „Doetor Maſters, der Leibarzt der Koͤnigin, auf ihren beſonderen Befehl hieher geſandt, um ſich nach der Geſund⸗ heit des Grafen zu erkundigen,“ antwortete Walter. „Wie, was?“ rief Traey,„kein kleiner Beweis ihrer Huld; fuͤrwahr, kommt unſer Lord nur durch, wird er dem Leiceſter ſchon die Stange halten.— Iſt Maſters jetzt bei dem Grafen?“ „Ey, bewahre,“ entgegnete Walter,„er iſt halbwegs ſchon nach Greenwich zuruͤck, und das mit einem tuͤchtigen Groll jm Leibe.“ 5 — 25— „Wie, Du verweigerteſt ihm doch nicht den Einlaß?⸗ fragte Traey.* „So toll wirſt Du doch nicht geweſen ſeyn!“ rief Blount zugleich. „Ich ſchlug ihm eben ſo ſchlank weg den Einlaß ab, Blount, als Du einem blinden Bettler einen Pfenning ab⸗ ſchlagen wuͤrdeſt, und blieb eben ſo hartnaͤckig wie Du, Traey, wenn Du Deinen Mahnern den Eintritt verweigerſt.“— „Warum auch, in des Teufels Namen! vertrauteſt Du ihm den Gang zum Thore?“ ſagte Blount, zu Tracy gewandt. „Er paßte beſſer fuͤr ſeine Jahre als fuͤr die meinen,“ erwiederte Traey,„jetzt hat er uns aber alle zu Grunde gerichtet. Mylord mag leben oder ſterben, nie wird er ſich wieder eines huldreichen Blicks der Koͤn nigin zu ruͤhmen haben.“ „Noch das Gluͤck ſeiner Anhaͤnger befoͤrdern koͤnnen,“ ſetzte der Juͤngling mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln hinzu.— „Da ſteckt der Knoten, Ihr guten Herren! zwar habe ich meine Klagen uͤber Mylords Zuſtand vie lleicht weniger laut an⸗ geſtimmt als einer von Euch, kommt es aber darauf an, ihm wirklich Dienſte zu leiſten, da werde ich hinter keinem von Euch zuruͤckſtehen. Haͤtte ich den gelehrten Herrn Doetor eingelaſ⸗ ſen, waͤre ja zwiſchen ihm und Treſſilians Wundermann ein Gelaͤrm entſtanden, daß nicht allein der ſchlummernde Kranke, ſondern ein Todter ſelbſt haͤtte erweckt werden muͤſſen; kenne ich doch den Speetakel, wenn Aerzte uneinig ſind.“ „Und wer wird die Folgen auf ſich nehmen, ſich dem Befehle der Koͤnigin widerſetzt zu haben,“ entgegnete Tracy; „kam Doetor Maſters doch unfehlbar auf ihr ausdruͤckliches Gebot, um den Grafen zu heilen.“ „Ich, der die Veranlaſſung war, will auch die Folgen tragen,“ erwiederte Walter. — 26— „Dann iſt's aus mit Deinen Traͤumen von Hofgunſt,“ ſagte Blount,„trotz Deines Ehrgeizes und Deiner ſchoͤnen Kuͤnſte, wirſt Du fortan zu Devonſhire die glaͤnzende Rolle eines jüͤngeren Bruders ſpielen, unten am Liſche ſitzen, mit dem Caplan ſchwatzen, Acht haben, daß die Hunde gefuͤttert werden, und zuſchauen, ob auch der Sattelgurt feſt gezogen, wenn der Squire auf die Jagd geht.“ „Nimmermehr,“ rief der Juͤngling, und die Roͤthe des Zorns uͤberflog ſeine Wangen,„nimmermehr, ſo lange es noch Krieg in Irland und den Niederlanden giebt, ſo lange die See noch ihre maͤchtigen Wogen hebt. Im reichen We⸗ ſten liegen Laͤnder, von denen man noch kaum zu traͤumen wagte, und England zaͤhlt kuͤhne Herzen genug, um auf ihre Entdeckung auszuziehen!— Auf Wiederſehen jetzt, Ihr Herren, ich gehe in den Hof, um nach den Schildwachen zu ſchauen. „Der Burſche hat Queckſilber in ſeinen Adern, das muß wahr ſeyn,“ ſagte Blount zu Markham gewandt. „In ſeinem Blut wie in ſeinem Gehirn,“ entgegnete dieſer.„Indem er Maſters den Eingang verſagte, hat er aber Mylord offenbar einen trefflichen Dienſt geleiſtet; Treſ⸗ ſilians Begleiter hat beſtimmt erklaͤrt, daß ein Erwecken dem Grafen den Tod bringen wuͤrde, und Maſters wuͤrde ſelbſt einen Siebenſchlaͤfer aufſchreien, wenn er nach ſeiner Mei⸗ nung nicht nach den Regeln der Arzeneikunſt eingeſchlafen waͤre.“— Der Morgen war ſchon ſeit geraumer Zeit angebrochen, als Treſſilian ermuͤdet und vom Wachen erſchoͤpft, mit der froͤhlichen Bothſchaft in die Halle trat, daß der Graf von ſelbſt erwacht ſey, ſeine inneren Schmerzen gemindert fuͤhle, und mit einer Heiterkeit und Lebhaftigkeit ſpreche und um ſich blicke, welche von einer bedeutenden und guͤnſtigen, mit — 27— ihm vorgegangenen Veraͤnderung zeugten. Treſſilian aͤußerte zugleich ſein Begehren, daß einer oder zwei der Cavaliere ſich in das Zimmer des Grafen begeben moͤchten, um dieſem zu berichten, was in der Nacht etwa vorgefallen ſey, wie auch die, welche die Nacht uͤber bei demſelben zubrachten, abzuloͤſen. Als die Nachricht von der Botſchaft der Koͤnigin dem Grafen von Suſſex mitgetheilt worden war, laͤchelte dieſer zuerſt uͤber die Abweiſung, welche der Arzt von Seiten des eifrigen, beſorgten Juͤnglings erfahren hatte, ſchnell ſich aber beſinnend, rief er dann ſogleich Blount, ſeinen Stallmeiſter, und gebot ihm, auf der Stelle ein Boot zu nehmen und ſich den Fluß hinab nach dem Pallaſt von Greenwich zu begeben, den jungen Walter und Traey mit ſich zu nehmen, und der Koͤnigin die Verſicherung ſeiner Ehrerbietung zu uͤberbrin⸗ gen, wie die ſeines Dankes, fuͤr den neuen Beweis ihrer Huld und Gnade; zugleich ihr aber auch die Urſache mitzu⸗ theilen, weshalb es ihm unmoͤglich geweſen ſey, von der Kunſt und den Talenten des gelehrten Doctor Maſters Ge⸗ brauch zu machen. „Hol's der Teufel,“ ſagte Blount, als er die Teype hinabſtieg;„haͤtte er mich zum Leiceſter geſandt, mit einer Herausforderung, ich wuͤrde mich ſeines Auftrages ſchon auf ordentliche Weiſe zu entledigen gewußt haben; aber vor un⸗ ſerer gnaͤdigſten Koͤnigin zu reden, vor der alle Worte uͤber⸗ zuckert erſcheinen muͤſſen, iſt eine Zuckerbaͤcker Arbeit, zu der mein alt Engliſches Gehirn keine taugliche Werkſtatt abgiebt. — Kommt nur mit mir Tracy, und Ihr dazu Herr Walter Witzbold, der die Urſache von aller dieſer Muͤhe iſt.— Laß 6 uns jetzt ſehen, ob dein ſauberes Gehirn, daß ſo manches flackernde Feuerwerk ausſprühte, auch im Stande iſt, mit fei⸗ nen Redensarten einem einfachen Kerl beizuſpringen! . verſetzte Blount,„gern wuͤrde ich der Sonne und der Themfe — 26— „Seyd ohne Sorgen,“ erwiederte der Juͤngling,„ich werde Euch ſchon durchhelfen— laßt mich nur zuvor meinen Mantel nehmen.“ „Ey! Du haſt ihn ja uͤber der Schulter,“ entgegnete Blount,„iſt der Burſche doch wirklich nicht recht bei Troſt.“ „Nein, dieß iſt Traey's alter Mantel,“ erwiederte Wal⸗ ter,„ich gehe nur nach Hofe, wie es einem Cavalier ge⸗ ziemt.“ „Iſt doch,“ lachte Blount,„die Pracht Deiner Klei⸗ dungsſtücke hoͤchſtens geeignet, die Augen eines Reitknechts oder eines Thuͤrſtehers zu blenden.“ „Das weiß ich,“ ſagte der Jüngling,„aber ich bin den⸗ noch entſchloſſen, meinen eigenen Mantel zu nehmen, und Wamms und Stiefeln zu huͤrſten, bevor ich mich mit Euch auf den Weg mache.“ „Gut, gut,“ entgegnete Blount,„ſo nimm Deinen Mantel und ſoute Dich.“ Bald wurden ſie nun gewiegt auf dem koͤniglichen Schooße der breiten Themſe, auf welche jetzt die Sonne in ihrem ganzen Strahlenglanz herabſchien. Es giebt zwei Dinge, welche im Univerſum ſchwerlich ihres Gleichen finden, rief Walter voll Entzuͤcken aus,— die Sonne am Himmel und die Chemſe auf der Erde. „Die eine wird uns nach Greenwich leuchten,“ entgeg⸗ nete Blount,„und die andere wuͤrde uns etwas ſchneller hinbringen, wenn jetzt Ebbe waͤre.“ Und das iſt alles, warum Du den Koͤnig der Elemente und den Koͤnig der Fluͤſſe ehreſt? weil Beide drei erbaͤrm⸗ lichen Geſellen, wie Du, ich und Travy zu einer eiteln Fahrr e hoͤſiſcher Ceremonie behuͤlflich ſind!. „Traun! es iſt kein Geſchaͤft, nach dem mich getlangt, — 29— die Muͤhe erſyaren mich dorthin zu bringen, wohin ich mich zu begeben eben keine große Neigung verſpüre, und wo mich doch nur Hundelohn fuͤr meine Arbeit erwartet.“— „Aber ich glaube bei meiner Seele,“ fuhr er fort, in⸗ dem er zum Boot hinausblickte,„daß unſere Reiſe noch dazu vergeblich ſeyn wird; ſeht doch! da liegt die Barke der Koͤ⸗ nigin an der Treppe, als ob die Majeſtaͤt auszufahren im Begriff ſtaͤnde.“ 84 So war es in der That. Die koͤnigliche Barke, bemannt mit den Bootsleuten der Koͤnigin, ſaͤmmtlich in reicher Staatslivreag lag wirklich, die Flagge Englands entfaltet, vor der großen Stiege, welche vom Ufer herab fuͤhrte, mit noch einigen anderen Boͤten daneben, beſtimmt, den Theil der Begleitung aufzunehmen, welche nicht zu der unmittel⸗ baren Umgebung der Monarchin gehoͤrte. Die Trabanten der Garde, die groͤßten und ſchoͤnſten Leute, welche England nur hervorzubringen im Stande war, hatten, mit ihren Hel⸗ lebarden bewaffnet, vom Schloßthor bis zum Ufer ein Spa⸗ lier gezogen, und alles ſchien, obgleich es noch fruͤh am Tage war, die augenblickliche Ankunft der Koͤnigin zu verkuͤnden. „Mein Seel!“ ſagte Blount,„das bedeutet uns nichts gutes, arge Dinge muͤſſen es ſeyn, welche die Majeſtaͤt ſo ploͤtzlich in Bewegung ſetzen.— Wir thun, denk ich, am beſten, umzukehren, und dem Grafen von dem zu unterrich⸗ ten, was wir geſehen haben.“ „Was wir geſehen haben?“ entgegnete Walter,„nun, was haben wir denn geſehen? nichts als ein Boot, und Men⸗ ſchen mit rothen Waͤmſern; und Hellebarden in den Haͤn⸗ den.— Laßt uns zuvor ſeinen Auftrag ausrichten, und ihm dann erzaͤhlen, was die Koͤnigin darauf erwiederte.“ So ſprechend, ließ er das Boot bei einem Landungs⸗ platze in einiger Entfernung von der koͤniglichen Barke an⸗ 4 1 — 30— legen, welcher ſich in dieſem Augenblick mehr zu naͤhern, wider den Reſpeet geweſen waͤre, und ſprang ans Land, von ſeinem furchtſamen aͤngſtlichen Begleiter, obgleich wider Willen, gefolgt. Als ſie ſich dem Schloßthore naͤherten, bemerkte ihnen der Thuͤrſteher, daß ſie in dieſem Augenblicke nicht hinein⸗ gehen duͤrften, weil Ihre Majeſtaͤt im Begriff ſtehe, heraus⸗ zukommen. Sie nannten den Namen des Grafen von Suſſex; doch auch dieſes war nicht im Stande, den Bedienten anders zu ſtimmen, welcher erwiederte: daß es ihm bei Verluſt ſeiner Stelle verboten ſey, den erhaltenen Befehl auch nur im ge⸗ ringſten uͤbertreten zu laſſen. „Sagt' ich es Euch doch vorher,“ ſprach Blount,„ich bitte Euch, lieber Walter, laßt uns doch das Boot nehmen und zuruͤckkehren.“ „Nicht, bevor ich die Koͤnigin geſehen,“ entgegnete der Juͤngling ruhig.„Du biſt toll, rein toll,“ rief Blount. „Und Du biſt ploͤtzlich furchtſam geworden wie ein Haſe,“ entgegnete Walter,„hab' ich Dich doch einem Haufen kraus⸗ koͤpfiger Irlaͤnder keck ins Auge blicken ſehen, und nun willſt Du blinzeln und davon laufen, weil Du Dich vor dem Ge⸗ ſicht einer ſchoͤnen Frau ſcheu'ſt?“ In dieſem Augenblicke wurden die Thore geoͤffnet, die Ceremonienmeiſter traten heraus, vor ihnen und an beiden Seiten eine Abtheilung der vornehmſten koͤniglichen Leibgar⸗ den. Hinter ihnen, umgeben von einer Schaar Herren und Damen, dergeſtalt aber gereiht, daß ſie ſelbſt frei um ſich blicken, und auch von allen Seiten geſehen werden konnte, erſchien Eliſabeth ſelbſt; zu jener Zeit im Lenze ihrer Weib⸗ lichkeit, und in einer bluͤhenden Fuͤlle, die bei einer Fuͤrſtin Schoͤnheit war, bei jedem anderen Weibe, von noch ſo nie⸗ — 31— derem Range aber, eine edle Geſtalt genannt worden waͤre, mit der ſich eine auffallende und gebietende Geſichtsbildung verband. Sie lehnte ſich auf den Arm von Lord Hundſon, deſſen Verwandtſchaft mit ihr von muͤtterlicher Seite, ihm oft ſolche ausgezeichnete Beweiſe von Eliſabeth's Vertraulich⸗ keit verſchaffte.— Der junge Cavalier, deſſen wir ſchon oft erwaͤhnten, hatte ſich vermuthlich fruͤher noch nie ſo ſehr in der Naͤhe ſeiner Monarchin befunden; er draͤngte ſich daher, um dieſe Gelegenheit zu benutzen, ſo nahe heran, als es ihm die Tra⸗ bantenreihe nur immer erlauben wollte. Sein Gefaͤhrte da⸗ gegen bemuͤhte ſich, auf ſeine Keckheit ſcheltend, ihn zuruͤck⸗ zuhalten, bis Walter ihn endlich voll Ungeduld von ſich ſtieß, wodurch ſein Mantel von der einen Schulter etwas herab⸗ ſank; ein Zufall, welcher indeß dazu beitrug, ſeinen ſchlan⸗ ken, regelmaͤßigen Wuchs noch mehr ins Auge fallen zu ma⸗ chen. Sein Haupt zugleich entbloͤßend, ruhten ſeine Blicke jetzt feſt auf der heranſchreitenden Koͤnigin, mit einer Mi⸗ ſchung von achtungsvoller Neugier, und beſcheidener aber lebhafter Bewunderung, welche ſeinen einnehmenden Ge⸗ ſichtszuͤgen ſo wohl ſtand, daß die Trabanten, von ſeinem edlen Anſtande und ſeiner reichen Kleidung gewiſſermaßen in Reſpeet gehalten, ihm geſtatteten, dem Wege, welcher fuͤr die Koͤnigin gebahnt war, naͤher zu treten, als anderen ge⸗ woͤhnlichen Zuſchauern erlaubt war. So ſtand nun der kuͤhne Juͤngling frei vor Eliſabeths Augen da,— Augen, welche keineswegen fuͤr die Bewunderung gleichguͤltig waren, die ihre Beſitzerin verdientermaßen bei ihren Unterthanen erregte, ſo wenig als fuͤr das ſchoͤne Verhaͤltniß aͤußerer Formen, wenn ſolches hie und da einen ihrer Hofleute auszeichnete. So heftete ſie jetzt, als ſie ſich dem Platze naͤherte, wo er ſtand, einen durchdringenden Blick auf den Juͤngling, — 32— mit einem Ausdruck, in dem ein Erſtaunen uͤber ſeine Kuͤhn⸗ heit, welches indeß keinen Unwillen verrieth, ſichtbar war, als ein unbedeutender Zufall Statt hatte, welche ihre Auf⸗ merkſaenkeit noch mehr auf ihn zog. Die Nacht war regnigt geweſen, und grade da, wo der junge Cavalier ſtand, zog ſich eine feuchte Stelle am Boden uͤber den Weg der Koͤni⸗ gin hin. Als dieſe nun einen Augenblick Anſtand nahm, daruͤber hinweg zu ſchreiten, riß der Juͤngling ſchnell ſeinen Mantel herab, und bedeckte damit die naſſe Erde, ſo daß nun die Koͤnigin trocknen Fußes hinuͤber gehen konnte. Eli⸗ ſabeth blickte auf den Juͤngling, welcher dieſen galanten Hofdienſt mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung begleitete, wobei zugleich eine gluͤhende Roͤthe ſeine Wangen uͤberflog. Die Koͤnigin ſchien beſtuͤrzt, errbthete ebenfalls, dankte mit einem Kopfnicken, ſchritt eilig uͤber den Mantel hin, und beſtieg ihre Barke ohne weiter ein Wort zu ſagen. „Kommt fort, Herr Haſenfuß!“ ſagte Blount,„Euer Mantel wird heute der Buͤrſte beduͤrfen, ich ſtehe Euch da⸗ fuͤr. War's Eure Abſicht einen Fußteppich daraus zu ma⸗ chen, haͤttet Ihr lieber den alten von Traey behalten ſollen, der allen Farben Hohn ſpricht. „Dieſer Mantel,“ entgegnete der Jungling, indem er ihn aufhob und zuſammen legte,„ſoll nie wieder gebuͤrſtet werden, ſo lange ich ihn mein nenne.“ Bis dahin wird's nicht lange ſeyn,“ verſetzte Blount, wenn Ihr nicht beſſer damit umgeht, wir werden Euch, wie der Spanier ſagt, bald, in Cuerpo haben.“ Hier wurde ihre Unterredung durch einen Officier von der Koͤniglichen Leibgarde unterbrochen. „Ich ward,“ ſprach er, indem er Beide aufmerkſam be⸗ trachtete,„zu einem Capalier geſandt, welcher keinen, oder er einen beſchmutzten Mantel tragen ſoll.— Ihr, Herr! fuhr* — 35— er dann, zu dem Juͤngeren gewandt, fort,„ſcheint der zu ſeyn, welcher die Guͤte haben wird, mir zu folgen.“ „Er iſt mein Begleiter,“ nahm Blount ſchnell das Wort, ich bin der Stallmeiſter des edlen Grafen von Suſſex.“ „Mit dem habe ich kein Geſchaͤft,“ erwiederte der Bote; „meine Sendung kommt unmittelbar von Ihre Majeſtaͤt, und betrifft nur dieſen Herrn allein.“ So ſprechend kehrte er zuruͤck, von Walter gefolgt; Blount blieb allein, mit vor Erſtaunen faſt erſtarrten Augen ihnen nachblickend. Endlich brach dieſes in Worte aus: „Wer zum Teufel,“ rief er aus,„haͤtte das gedacht!“— dann ſchuͤttelte er ſeinen Kopf auf geheimnißvolle Weiſe, ſchritt langſam ſeinem Boote zu, und kehrte nach Deptford zuruͤck. Der junge Herr Walter war waͤhrend deſſen von ſeinem Begleiter nach dem ufer gefuͤhrt, und von ihm mit vorzuͤg⸗ licher Achtung behandelt worden; ein Umſtand, welcher fuͤr Perſonen in des Juͤnglings Lage von Bedeutung zu ſeyn pflegt. Sie beſtiegen eins der kleinen Boͤte, welche fuͤr das Gefolge der Koͤnigin bereit lagen, die jetzt ſchon in ihrer Barke den Fluß hinauf ſchiffte, von derſelben Fluth beguͤn⸗ ſtigt, uͤber welche Blount auf ihrer Herfahrt Klagen gefuͤhrt hatte.. Die beiden Bootsleute ſetzten dem Befehle des Offieiers gehorchend, ihre Ruder dergeſtalt in Bewegung, daß ſich das kleine Schiff bald in der Naͤhe der koͤniglichen Barke befand, auf der die Monarchin unter einem Zelte ſaß, umgeben von einigen Damen und den Edelſten aus ihrem Gefolge. Mehr als einmal blickte ſie nach dem kleinen Schiffe, welches den kuͤhnen Juͤngling heran trug, ſprach dabei mit den Umſtehenden und ſchien zu laͤcheln. Endlich gab, dem Anſcheine nach auf Befehl der Koͤnigin, einer ihrer Beglei⸗ Kenilworth. 2r Bd. C ꝑ— ter dem Boote das Zeichen, neben der Barke anzulegen, und Walter ward erſucht, ſich auf das Schiff der Koͤnigin zu be⸗ geben; ein Befehl, den er augenblicklich erfuͤllte, indem er I mit anmuthiger Koͤrpergewandtheit von der Vorderſeite des Bootes an den Bord der Barke ſorang, worauf das Schiff⸗ chen, welches ihn hieher gebracht, wieder hinter dieſelbe zu⸗ ruͤckkehrte, waͤhrend er der Koͤnigin vorgeſtellt ward. Der * Züͤngling erſchien indeß vor den Blicken der Fuͤrſtin nicht ganz ohne einen Anflug von Verlegenheit, der indeß ſeinem 3 Aeußern nicht unvortheilhaft ſtand. Der beſchmutzte Mantel hing noch uͤber ſeinem Arm, und ward jetzt der Gegenſtand, mit dem die Monarchin die Unterredung begann. „Ihr habt heute einen ſchoͤnen Mantel in unſerm Dienſte verdorben, junger Mann!“ ſprach ſie.„Wir danken Euch dafuͤr, obgleich die Art und Weiſe, wie Ihr ihn Uns dar⸗ botet, ziemlich ungewoͤhnlich und etwas kuͤhn war.“ „Im Dienſte der Monarchin,“ entgegnete der Juͤngling, „iſt Kuͤhnheit die Pflicht eines jeden Vaſallen.“ „Der Tauſend! das war wohl geſprochen, Mylord!“ wandte, welcher nicht fern von ihr ſaß, und jetzt mit einem *.... ernſten Kopfneigen ihr beizupflichten ſchien. h belohnt bleiben; meldet Euch bei unſerm Garderoben⸗Auf⸗ ſeher, er ſoll den Befehl erhalten, den Verluſt zu erſetzen, den Ihr in unſerm Dienſte erlitten. Ihr ſollt einen Anzug haben, und das nach dem neueſten Schnitt, mein Wort darauf!“. „Moͤcht' es Ew. Majeſtaͤt gefallen,“— entgegnete Wal⸗ Diener nicht zu, Ew. Hoheit bei Ihren Huldbezeugungen ſagte die Koͤnigin, indem ſie ſich zu einem alten Herrn „Brav, junger Mann, Eure Galanterie ſoll nicht un⸗ ter mit einigem Zoͤgern,—„zwar kommt es einem geringen vorzuſchreiben; wenn ich aber dennoch waͤhlen durfte, ſo“—— — 55— „Wuͤrdeſt Du ſtatt des Mantels Gold waͤblen;“ unter⸗ brach ihn lebhaft Eliſabeth.„Schaͤme Dich, junger Menſch! in unſerer Hauptſtadt, leider iſt es ſo, giebt es der Thor⸗ heiten ſo viele, und von ſo mannichfacher Art, daß der Jugend Gold in die Haͤnde geben, nichts anders heißt, als Kohlen zum Feuer tragen, als ihr die Mittel zu ihrem eigenen Verderben zu reichen. Wenn wir laͤnger leben und regieren, ſoll dieſes unchriſtliche Treiben ge⸗ hemmt werden.— Du aber biſt vielleicht arm,“ fuͤgte ſie hinzu,„oder deine Aeltern ſind's— Du ſollſt Gold haben, wenn Du willſt, aber Du ſollſt uns fuͤr den Gebraucj ver⸗ antwortlich bleiben.“ Walter harrete geduldig, bis die Koͤnigin ihre Rede geendet hatte, dann aber verſicherte er mit Beſcheidenheit, daß Gold noch weit weniger im Bereich ſeiner Wuͤnſche liege, als die Kleidung, welche ihm ihre Gnade zuvor angeboten. „Wie, junger Mann!“ ſagte die Koͤnigin,„weder Gold noch Kleider, was begehrſt Du denn ſonſt von mir?“ „Die Erlaubniß, gnaͤdigſte Frau— wenn es keine zu große Ehre gefordert iſt— die Erlaubniß, den Mantel tra⸗ gen zu duͤrfen, der Ew. Majeſtaͤt den kleinen Dienſt leiſtete.“ „Erlaubniß, deinen eigenen Mantel zu tragen, Du alberner Knabe!“ ſagte die Koͤnigin laͤchelnd. „Er iſt nicht mehr mein,“ entgegnete Walter;„ſeit dem Augenblicke, daß er von Ew. Majeſtaͤt Fuͤßen beruͤhrt wurde, verdient er einem Fuͤrſten anzugehoͤren, weil er zu koſtbar fuͤr den fruͤheren Eigenthuͤmer geworden.“ Die Koͤnigin erroͤthete auf's Neue, und bemuͤhete ſich, unter einem Laͤcheln, den Anflug einer nicht unangenehmen Ueberraſchung und Verwirrung zu verbergen. „Habt Ihr je dergleichen gehoͤrt, Mylord's,“ rief ſie aus,„der junge Mann hat zu viel Romane geleſen, ſie ha⸗ C 2 — 36— ben ſein Gehirn verwirrt; ich muß wiſſen, wer er iſt, damit ich ihn ſicher zu den Seinigen geleiten laſſen kann. Sprich, wer biſt Du?“ „Ein Cavalier aus dem Gefolge des Grafen von Suſſex, zu Ew. Majeſtaͤt Befehl,“ erwiederte Walter,„von ihm nebſt ſeinem Stallmeiſter mit einer Botſchaft an Euch ab⸗ geſandt, gnaͤdigſte Frau.“ Ploͤtzlich wandelte ſich der Ausdruck von Huld, welcher bisher in Eliſabeth's Zuͤgen ſichtbar geweſen war, in Stolt und Strenge. „Mylord von Suſſex,“ ſprach ſie,„hat durch den Werth⸗ den er auf unſere Botſchaften legt, uns gelehrt, wie wir die ſeinigen empfangen ſollen. Noch heute fruͤh ſandten wir ihm, und noch dazu zu ganz ungewoͤhnlicher Zeit, unſern eigenen Leibarzt, weil wir vernommen hatten, daß ſeine Krankheit gefaͤhrlicher ſey, als wir bisher geglaubt. An keinem Hofe von Europa gibt es einen in dieſer heiligen und nuͤtzlichen Kunſt geſchicktern Mann, als Doetor Maſters, und er kam von Uns, von Uns zu unſerem Unterthan. Richts deſto weniger fand er das Thor von Say's Court von bewaffneten Maͤnnern bewacht, als hauſe der Graf an Schottlands Graͤnze, nicht aber in der Naͤhe unſeres Hofes; und als er in unſerm Namen Einlaß begehrte, ward dieſer ihm hartnaͤckig verweigert. Fuͤr dieſe Geringſchaͤtzung unſerer Gnade, die nur zu große Herablaſſung in ſich trug, wollen wir, wenigſtens fuͤr jetzt, keine Entſchuldigung, und eine ſolche, denken wir, hatte die Botſchaft des Ginfeh zur Abſicht.“ Dieſe Worte wurden in einem Tone und mit einer Ge⸗ berde ausgeſprochen, welche die von Suſſex Freunden, die zugegen waren, zittern machten. Aber der, an den dieſe Rede gerichtet war, zitterte nicht, ſondern erwiederte, ſobald — 37— es ihm die Leidenſchaftlichkeit der Koͤnigin geſtattete, mit großer Ehrerbietung und Unterwuͤrfigkeit:—„Moͤg' es Ew. Majeſtaͤt zu vernehmen gefallen, daß ich mit keiner Ent⸗ ſchuldigung von Seiten des Grafen von Suſſer hierher ge⸗ ſandt worden bin.“ „Und womit war't Ihr denn ſonſt beauftragt?“ fragte Eliſabeth mit einer Heftigkeit, welche unter vielen edleren Eigenſchaften ihren Character ſcharf bezeichnete;„war's denn etwa mit einer Rechtfertigung, oder, Gott's Tod!*) wohl gar uns zum Trotz!“ S „Madam,“ erwiederte der Juͤngling,„Mylord von Suſſer ward die Beleidigung kund, welche einem Verrath aͤhnlich ſieht, und er beeilte ſich, um den Thaͤter zu retten, ihn den Haͤnden und der Gnade Ew. Majeſtaͤt zu uͤberliefern. Der edle Graf lag im feſten Schlafe, als Eure huldreiche Botſchaft erſchien, weil er einen Trank zu dieſem Endzweck von ſeinem Arzte bekommen hatte, und er erfuhr erſt an dieſem Morgen, bei ſeinem Erwachen, den unanſtaͤndigen Empfang, den Ew. Majeſtaͤt gnadenvolle Botſchaft erfahren hatte.“ nUnd wer von ſeinen Dienern, beim Himmel!“ fragte die Koͤnigin,„unternahm es, meine Sendung zuruͤckzuwei⸗ ſen, und meinen Arzt nicht bei ſeinem Herrn vorzulaſſen, zu deſſen Huͤlfe ich ihn ſandte?“ „Der Verbrecher ſteht vor Euch,“ entgegneke der Juͤng⸗ king, ſich tief verbeugend;„die volle und alleinige Schuld iſt mein, und Mylord hat mich hieher geſendet, fuͤr die Folgen eines Fehlers zu buͤßen, an dem er eben ſo ſchuldlos iſt, als die Traͤume eines Schlummernden an den Handlungen eines wachenden Menfchen.“ *) God's death war ein euöhuliiher 2 Ausdruck Eliſabeth's, wenn ſie beftig wurde. — 36— „Wie, Du warſt es?— Du ſelbſt, der meinen Boten und Arzt von Say's Court zuruͤckwies?“ ſagte die Koͤnigin. „Was konnte ſolche Vermeſſenheit bei jemand veranlaſſen, der ſeiner Monarchin ergeben ſcheint— ich will ſagen, deſſen aͤußerer Anſchein von Ergebenheit zeigt?“ „Ew. Majeſtaͤt,“ erwiederte der Juͤngling,— welcher des Ernſtes ungeachtet, den die Koͤnigin zeigte, doch etwas in ihren Geſichtszuͤgen zu bemerken glaubte, das nicht auf unerbittlichkeit deutete,—„in meiner Heimath gilt dds Spruͤchwort: daß der Arzt jedesmal der Lehnsherr ſeines Kranken ſey. Nun befand ſich aber mein edler Herr unter dem Befehl eines ſolchen, deſſen Rath ihm ſehr nuͤtzlich gee weſen war, und dieſer hatte erkaͤrt, daß der Graf nicht aus ſeinem Schlummer erweckt werden duͤrfe, bei Gefahr ſeines Lebens.“ „Dein Herr hat ſich einem Schurken von Quackſalber anvertraut,“ entgegnete die Koͤnigin. „Hieruͤber weiß ich nichts,“— antwortete Walter,— „doch iſt's Thatſache, daß er ſich jetzt, eben heute Morgen, nach einem erguickenden Schlafe beſſer fuͤhlt, als ſeit langer Zeit.“ Die umſtehenden Großen des Hofes blickten auf einan⸗ der, mehr aber, um den Eindruck zu beobachten, den dieſe Nachricht hervorgebracht, als aus wirklicher Theilnahme an dem Gegenſtande ſelbſt. Die Koͤnigin aber erwiederte raſch, und ohne ſich zu bemuͤhen ihre Freude zu verbergen:„Auf mein Wort, ich bin froh, daß es ſich mit ihm beſſert! Du aber war'ſt allzukuͤhn, meinen Doctor Maſters zuruͤckzuweiſen. Weißt Du nicht, was die heilige Schrift ſagt: wo viole Raͤthe ſind, iſt Heil?“ — 59— „Ew. Maſeſtaͤt zu Befehl!“ erwiederte Walter,„aber ich habe gelehrte Leute ſagen hoͤren, daß dieß verheißne Heil fuͤr die Aerzte, nicht aber fuͤr die Kranken vorhanden ſey.“ „Bei meiner Treu, Kind! Du haſt mich gut abgefer⸗ tigt!“ ſagte die Koͤnigin lachend,„mein Hebraͤiſch iſt grade nicht weit her.— Sprecht Ihr, Mylord von Lincoln, hat der junge Mann den Text richtig ausgelegt?“ „Das Wort Heil, Ew. Majeſtaͤt!“ erwiederte der Bi⸗ ſchof von Lincoln,„ſo wie es uͤberſetzt worden, mag wohl etwas übereilt angenommen worden ſeyn, im Hebraͤiſchen heißt es—— „Mylord,“ unterbrach ihn die Koͤnigin,„wir ſagten bereits, daß wir unſer Hebraͤiſch vergaßen. Du aber, junger Mann, wie heißt Du, und woher deine Abkunft?“ „Raleigh iſt mein Name, gnaͤdigſte Koͤnigin!“ erwiederte der Jungling,„ich bin der juͤngere Sohn einer zahlreichen, aber ehrenwerthen Familie aus Devonſhire.“ „Raleigh?“ wiederholte Eliſabeth, nachdem ſie ſich einen Augenblick zu beſinnen ſchien,„haben wir nicht von Euren Dienſten in Irland gehoͤrt?“ „Ich bin ſo gluͤcklich geweſen,“ antwortete Walter, „dort einige Dienſte leiſten zu koͤnnen, zu unbedeutend in⸗ deß, als daß ſie das Ohr Ew. Majeſtaͤt erreicht haben ſollten.“ „Das hoͤrt weiter, als Ihr vielleicht meint,“ erwiederte die Koͤnigin mit einem huldreichen Laͤcheln,„und hat von einem Juͤnglinge Kunde vernommen, der in Schannon eine Ueberfahrt gegen eine ganze Bande Irlaͤndiſcher Rebellen vertheidigte, bis der Strom von ihrem, und auch von ſeinem Blute gefaͤrbt war.“ „Etwas Blut mag ich wohl dabei verloren haben,“ ent⸗ gegnete der Juͤngling, mit Beſcheidenheit ſeine Blicke zu — ᷣ- —-— 40— Boden ſenkend,„boch floß es nur ſeiner Pfüicht, nemlich im Dienſt Ew. Majeſtaͤt.“ Die Koͤnigin ſchwieg einen Angendiik, dann fuhr ſie fort:„Ihr ſeyd noch ſehr jung, und fechtet ſchon ſo brav, und ſprecht ſo gut.— Aber Eurer Strafe, Maſters zuruͤck⸗ gewieſen zu haben, duͤrft Ihr nicht entgehen.— Der arme Mann hat ſich auf dem Waſſer erkaͤltet; denn unſer Befehl gelangte grade zu ihm, als er eben von ſeinen Beſuchen aus London zuruͤckgekehrt war, und er hielt es fuͤr Recht und Pflicht, ſich gleich auf den Weg zu machen.— So ver⸗ nehmt denn, Herr Raleigh, ich befehle Euch, den beſchmutz⸗ ten Mantel dort zur Buße ſo lange zu tragen, bis Euch un⸗ ſer fernerer Wille kund geworden.— Und hier,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihm ein goldenes Kleinod uͤberreichte, „tragt dieß zu meinem Andenken!“ Raleigh, den die Natur offenbar jene Hofgewandt⸗ heit gelehrt hatte, welche ſo manche Andere erſt nach lan⸗ ger Erfahrung ſich anzueignen verſtehen, kniete nieder, und kuͤßte, als er das Kleinod empfing, die Hand, welche es gab. Vielleicht verſtand er beſſer als einer der Hoͤf⸗ linge, welche ſie umgaben, die Ehrerbietung, welche man der Koͤnigin ſchuldig war, mit der ihrer perſoͤnlichen Schoͤn⸗ heit gebuͤhrenden Galanterie zu verbinden— auch gelang ihm dieſer erſte Verſuch ſo ſehr, daß er zu gleicher Zeit Eli⸗ ſabeths Eitelkeit und dem Gefuͤhle ihrer Ne ht Genuge lei⸗ ſtete. Seinem Herrn, dem Grafen von enere kam die Zu⸗ friedenheit, welche Eliſabeth bei dieſer ihrer erſten Unterre⸗ dung mit Raleigh empfand, wohl zu ſtatten. „Mylord's und Lady's,“ ſprach ſie, indem ſie in dem Cirkel um ſich blickte, der ſie umgab,„mir ſcheint es, daß wir, da wir grade auf dem Wege ſind, beſſer thun, von — — 41— unſerm Vorſatz, uns nach der Stadt zu begeben, abzuſtehen, und lieber den armen Grafen von Suſſer durch einen Be⸗ ſuch uͤberraſchen. Er iſt krank, und ohne Zweifel werden ſeine Leiden noch durch die Furcht vor unſerer Ungnade ver⸗ mehrt, von der ihn indeß das freie Geſtaͤndniß dieſes muth⸗ willigen Juͤnglings voͤllig befreiet. Was meint Ihr? Waͤre es nicht eine Handlung der Menſchlichkeit, ihm einen Troſt zu gewaͤhren, den der Dank einer Koͤnigin, ihm fuͤr ſo manche geleiſtete treue Dienſte verbunden, zu ſpenden im Stande iſt?“— 1 Es iſt leicht zu begreifen, daß keiner, an den dieſe Worte gerichtet waren, ſich ihrem Vorſchlag widerſetzte. „Ew. Majeſtaͤt ſind der Athem, der uns belebt,“ ſprach der Biſchof von Lincoln. Die Kriegsmaͤnner wollten darauf ſterben, daß das Antlitz der Monarchin ein Wetzſtein fuͤr ihre Schwerdter ſey; die Staatsmaͤnner verſicherten, daß die Koͤ⸗ nigin ihnen wie eine hellſtrahlende Sonne auf dem Pfade der Politik voranleuchte, und ſaͤmmtliche Damen ſtimmten darin uͤberein, daß kein Mann in England der Huld der koͤniglichen Gebieterin wuͤrdiger ſey, als der Graf von Suſ⸗ ſey, Lord Leiceſter ausgenommen, fuͤgten einige der gewand⸗ teſten Hofleute hyinzu; eine Bemerkung, der Eliſabeth indeß keine ſcheinbare Aufmerkſamkeit ſchenkte. Die Barke erhielt alſo Befehl, ſich ihrer koͤniglichen Fracht bei Deptfort zu entladen, dem naͤchſten und gelegenſten Landungsplatz, um nach Say'’s Court zu gelangen; damit die Monarchin im Stande ſey, ihrer koͤniglichen und muͤtterlichen Sorge Ge⸗ nuͤge zu leiſten, und ſich in Perſon nach den Geſundheits⸗ umſtaͤnden des Grafen von Suſſer zu erkundigen. Raleigh, deſſen lebendiger Geiſt aus den unbedeutendſten Umſtaͤnden die groͤßten und wichtigſten Folgen vorherſah und berechnete, verſaͤumte nicht, die Koͤnigin um die Erlaubniß — 42— zu erſuchen, in einem Bote vorauseilen zu duͤrfen, um ſeinen Herrn von dem ihm bevorſtehenden hohen Beſuch zu unterrichten, wobei er auf ſinnreiche Weiſe vorſchützte, daß ſonſt die ploͤtzliche Freude dem Geſundheitszuſtande des Kran⸗ ken nachtheilig ſeyn koͤnne, weil ſelbſt die reichſten und großmuͤthigſten Mittel denen oft ſchaͤdlich würden, welche ſich lange in einem leidenden Zuſtande befanden. Sey es nun aber, daß die Monarchin es entweder zu 1 anmaßend fand, daß der Juͤngling ſeine Meinung in dieſer Sache ſo unaufgefordet ausſprach, oder daß der Anflug eines Argwohns ſich aufs neue ihrer bemaͤchtigt hatte, welcher fruͤher durch den Bericht bei ihr erregt worden war, daß der Graf mit bewaffneter Mannſchaft umgeben ſey; genug, ſie gebot Raleigh ernſt, zu ſchweigen, bis ſein Rath ver⸗ langt werden wuͤrde, und wiederholte ihren fruͤheren Befehl, bei Deptford anzulegen, hinzufuͤgend:„Wir wollen uns doch mit eigenen Augen von dem Haushalte des Grafen von Suſ⸗ ſey uͤberzeugen.“ „Nun, Gott ſey uns gnaͤdig!“ ſprach der junge Hoͤfling zu ſich ſelbſt,„Brave Herzen hat der Graf wohl manche um ſich, aber gute Koͤpfe ſind ſelten bei uns— und er ſelbſt iſt zu krank, um die noͤthigen Befehle zu geben; Blount — wird bei ſeinem Fruͤhſtuͤck ſeyn, das nach ſeiner Narmouther Sitte aus Heering und Aale beſteht; Tracy wird bei Pud⸗ ding und Rheinwein ſitzen;— Thomaſap Rice und Evan Evans, jene Kern⸗Walliſer, werden ihre leckere Suppe ver⸗ zehren und geroͤſteten Kaͤſe dazu ſpeiſen;— ſie aber haßt, wie man ſagt, gemeine Gerichte, ſtrenge Geruͤche, und ſtarke Weine. Wenn ſie doch nur daran daͤchten, mit Ros⸗ marin in der Halle zu raͤuchern! vogue la galére, jetzt muͤſſen wir dem Zufall vertrauen. Fortuna hat mir dieſen Morgen ziemlich freundlich gelaͤchelt, ich habe meinen Man⸗ — 4— tel verdorben, aber, wie es ſcheint, Hofgluͤck gemacht.— Moͤge die wankelmuͤthige Goͤttin ſich meinem wackern Herrn eben ſo guͤnſtig zeigen! Die koͤnigliche Barke legte bald darauf bei Deptford an, und unter dem lauten Jubel des Volks, den ihre Gegenwart jedesmal erregte, ſchritt Eliſabeth unter einem Baldachin, von ihrer uUmgebung gefolgt, und von der Freude jauchzen⸗ den Menge umringt, nach Say's Court hinuͤber, wo ihre Ankunft zuerſt durch den laut vor ihr her toͤnenden Jubel verkuͤndigt ward.. Suſſer, welcher grade mit Treſſilian berathſchlagte, wie der vermeintliche Zorn der Koͤnigin zu beſaͤnftigen ſey, ge⸗ rieth in unendliches Erſtaunen, als er ihre ſo nahe Ankunft erfuhr,— nicht etwa, weil ihm der Beſuch der Monarchin, ſowohl in Krankheiten als bei voͤlligem Wohlſeyn, unge⸗ woͤhnlich geweſen waͤre; ſondern, weil ihr ploͤtzliches Er⸗ ſcheinen es durchaus unmoͤglich machte, jene Vorbereitungen zu treffen, mit welchen Eliſabeth, wie es ihm gar wohl be⸗ kannt war, ſich begruͤßt zu ſehen liebte. Ueberdem war ſeine jetzige wilde militairiſche Haushaltung, welche durch ſeine Krankheit noch mehr in Unordnung gerathen war, ſchlecht geeignet zum Enipfang einer Monarchin. In ſeinem Innern den Zufall verwuͤnſchend, der ihm dieſen gnaͤdigen Beſuch ſo unerwartet uͤber den Hals ſandte, eilte er hinab, von Treſſilian gefolgt, deſſen trauriger, aber intereſſanter Geſchichte er ſo eben ein aufmerkſames Ohr ge⸗ liehen hatte. „Auf den Beiſtand,“ ſagte der Graf,„den ich Euch, mein Freund, bei Eurer Klage gegen Varney zu leiſten im Stande bin, geben Euch Gerechtigkeit und Dankbarkeit die vollſten Anſpruche. Wir werden jetzt bald ſehen, ob ich Euch in dieſer Angelegenheit bei der Monarchin dienen kann, oder — Ab— ob, was ſehr moͤglich waͤre, meine ein miſchuns jett euch mehr ſchaͤdlich, als nuͤtzlich ſeyn wuͤrde.“ So ſprechend, warf Suſſex ſchnell einen reichen Zobel⸗ pelz um, und ordnete ſein Aeußeres ſo raſch und ſo gut, als moͤglich, um vor den Augen der Koͤnigin zu erſcheinen. Aber dieß eilige Bemuͤhen vermochte nicht, das geiſterbleiche Anſehen, welches die Folge ſeiner langen Krankheit war, auf einem Geſichte zu vertilgen, welches ſich mehr durch ſtarke, kraͤftige, als durch einnehmende Zuͤge auszeichnete. Ueberdem war er von keinem großen Wuchs, breitſchultrig, ſtark, und obgleich fuͤr den Krieg geſchaffen, doch hier in der friedlichen Halle kein Gegenſtand, wie ihn Frauen gern zu ſehen wuͤnſchen; oin porſoͤnlicher Nachtheil, welcher dem, obſchon von ſeiner Monarchin geſchaͤtzten und geehrten Grafen, dennoch im Vergleich mit Leiceſter, der ſich eben ſo ſehr durch feine Sitten, als durch Koͤrperſchoͤnheit auszeichnete, im Nangſtreit um die Gunſt der Koͤnigin ſchaͤdlich ward. Trotz der großen Eile des Lord's trat die Koͤnigin ihm doch ſchon am Eingange der Halle entgegen, und er bemerkte auf den erſten Blick, daß ihre Stirn bewoͤlkt war. Ihrem argwoͤhniſchen Auge waren die bewaffneten Anhaͤnger und Cavaliere des Grafen aufgefallen, mit denen das ganze Her⸗ renhaus angefuͤllt war, und ihre erſten Worte drückten ihre Mißbilligung in dieſor Ruͤckſicht aus.— „Iſt dieß hier eine koͤnigliche Garniſon, Mylord von Suſſex?“ ſprach ſie,„oder ſind wir vielleicht zufaͤllig Say's Court vorbeigefahren, und in unſerem Tover zu London ab⸗ getreten? Lord Suſſex beeilte ſich eine Entſchuldigung zu machen, Eliſabeth aber unterbrach ihn: „Es bedarf deſſen nicht, Mylord,“ entgegnete ſie,„wir ſind entſchloſſen, unverzuͤglich einer Uneinigkeit ein Ende zu machen, welche zwiſchen Euch und einem andern Lord unſe⸗ ——— — 25— res Hofes beſteht; wobei wir zugleich dieſe unanſtaͤndige und gefaͤhrliche Weiſe abgeſchafft wiſſen wollen: Euch nehmlich mit Bewaffneten, ja ſelbſt mit raufluſtigen Anhaͤngern zu umgeben, hier in der Naͤhe unſerer Hauptſtadt, ja ſelbſt mitten in unſerer Reſidenz, als ob Ihr jeden Augenblick be⸗ reit waͤret, buͤrgerlichen Krieg mit einander zu beginnen.— Uebrigens freuet es uns, Mylord, Euch ſo weit hergeſtellt zu ſehen, obgleich ohne den Beiſtand des gelehrten Arztes, den wir Euch ſandten. Keine Entſchuldigung,— wir wiſſen, wie die Sache zuſammenhaͤngt; auch haben wir dem wilden, jungen Raleigh ſeine Strafe dafuͤr zuerkannt. Bei dieſer Gelegenheit, Mylord, wollen wir Euer Gefolge von ſeiner Gegenwart befreien, und ihn in unſere eigenen Dienſte nehmen. Es iſt wohl etwas an ihm, das beſſer gepflegt zu werden verdient, als es unter Euren ſo niirüſchan An⸗ haͤngern der Fall ſeyn duͤrfte.“ Dieſen Vorſchlag konnte der Graf von Suſſex, obgleich er eigentlich kaum begriff, wie er herbeigefuͤhrt worden ſey, nur mit einer Verbeugung beantworten, und Gehorſam ge⸗ loben. Dann erſuchte er ſie um die Gnade, doch verweilen zu wollen, bis Erfriſchungen zubereitet ſeyn wuͤrden; hierin aber willfahrte ihm die Monarchin nicht, ſondern verließ Say's Court, nach einer kurzen weit kaͤlteren und gewoͤhn⸗ licheren Unterredung, als von dieſem perſoͤnlichen Beſuche der Koͤnigin zu erwarten geweſen waͤre, unter den Bewoh⸗ nern des Herrnhauſes Zweifel und Furcht zuruͤcklaſſend. 4. „Jo bin auf morgen an den Hof beſchieden,“ ſprach Lei⸗ ceſter zu Varney gewandt,„dort werde ich, wie es heißt, Mylord von Suſſey treffen. Die Koͤnigin will die Uneinig⸗ keit unter uns ſchlichten, ohne Zweifel eine Folge jenes Be⸗ ſuchs zu Say's Court, den Du unrecht haſt, fuͤr ſo unbedeu⸗ tend zu halten.“ „Dennoch behaupt' ich, es war nichts daran;“ entgeg⸗ nete Varney,„ja, ich weiß ſogar von einem ſichern Bericht⸗ erſtatter, der von Mehrerem, was dort geſprochen wurde, Ohrenzeuge war, daß Suſſex bei dieſem Beſuche in der Gunſt der Koͤnigin eher verloren als gewonnen hat. Als die Monarchin wieder in die Barke trat, ſoll ſie geſagt ha⸗ ben, Say's Court gleiche einem Wachthauſe, und ſein Ge⸗ ruch dem eines Hospitals. Oder dem einer Garkuͤche in Rum's Alley, hat die Graͤfin von Rutland hinzugefuͤgt, welche immer Ew. Herrlichkeit Freundin geweſen iſt. und dann hat Mylord von Lineoln ſich auf ſeine fromme Weiſe in die Sache gemiſcht, bemerkend, daß des Grafen wilde und altmodiſche Haushaltung entſchuldigt werden muͤſſe, weil er ja noch immer unvermaͤhlt ſey.“ „Und was ſagte die Koͤnigin darauf?“ fragte Leiceſter ſchnell. „Sie nahm es gar uͤbel auf,“ entgegnete Varney,„und fragte, was Mylord von Suſſex auch mit einer Frau ſolle, und wie der Lord Biſchof uͤber ſolchen Gegenſtand ſprechen koͤnne. Wenn die Ehe auch erlaubt iſt, habe ich doch nir⸗ gend geleſen, daß ſie auch geboten ward, ſoll ſie binzugefugt haben.“ — 47— „Sie liebt die Ehe nicht, noch weniger wenn Geiſtliche daruͤber ſprechen,“ erwiederte Leiceſter. „Auch nicht, wenn ſich ihre Hoͤflinge damit zu ſchaffen machen,“ fuhr Varney fort. Als er aber bemerkte, daß Leiceſters Geſicht finſter wurde, fuͤgte er ſogleich die Verſicherung hinzu, daß alle Damen, welche zugegen waren, einſtimmig die Haushaltung des Grafen von Suſſex laͤcher⸗ lich zu machen ſich bemuͤht, und die Bemerkung geaͤußert haͤtten: wie wel ſo ganz verſchieden der Empfang Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt bei dem Grafen von Leiceſter geweſen ſeyn wuͤrde. „Da habt Ihr ja recht viele Nachrichten geſammelt,“ ſagte Leiceſter,„aber die wichtigſte iſt Euch entgangen. Sie hat die Zahl jener galanten Satelliten, mit denen ſie gern ihre Perſon umgiebt, um einen vermehrt.“ „Ew. Herrlichkeit meinen jenen Raleigh,“ verſetzte Var⸗ ney, den Juͤngling aus Devonſhire, den Ritter vom Man⸗ tel, wie ſie ihn bei Hofe nennen?“ Er kann einſt leicht Ritter vom Hoſenbandorden wer⸗ den, ſo viel mir von der Geſchichte bekannt iſt,“ entgegnete Leiceſter,„der ſchreitet raſch vorwaͤrts.— Sie ſagen Verſe mit einander her, und was dergleichen Thorheiten mehr ſind. Recht gern wuͤrde ich aus eigenem freien Willen den An⸗ theil aufgeben, den ich in ihrer wankelmuͤthigen Gunſt be⸗ ſitze; aber ich will mich weder von jenem rohen Suſſex, noch von dieſem zarten Aufſchoͤßling verdraͤngen laſſen.— Auch Treſſilian, hoͤre ich, iſt beim Suſſer, und ſteht hoch bei ihm angeſchrieben;— ich wuͤrde ihn aus Ruͤckſichten ſchonen, aber er geht ſelbſt ſeinem Schickſal entgegen.— Suſſer Geſundheit uͤberdem iſt in beſſerem Zuſtande, als je.“ „Mylord,“ erwiederte Varney,„Hinderniſſe gibt es auf jedem Wege, ſelbſt auf den ebenſten, zumal wenn es bergan geht. Suſſer Krankheit war für uns ein gutes Zeichen, von 8 4 8 1 8 —— dem ich viel hoffte. Er iſt wieder hergeſtellt, ſchlimm genug, aber darum iſt er jetzt nicht furchtbarer, als vor ſeiner Krankheit, wo er mehr als eine Schlappe in dem Ringen mit Euch davon trug. Faßt nur Herz, Mylord, und alles wird gut gehen!“ „An HerR; gebrach's mir nis, a erwiederte Leiceſter ernſt. „O nein!“ verſetzte Varney,„nur hat es Euch oft be⸗ trogen. Wer ſich auf den Gipfel eines Baums ſchwingen will, muß die Zweige, nicht die Bluͤthen erfaſſen.“ „Gut, gut!“ entgegnete Leiceſter ungeduldig,„ich ver⸗ ſtehe deine Meinung.— An Herv ſoll es mir weder fehlen, noch ſoll mich das meinige irre leiten. Halte meinen Zug in Bereitſchaft,— ſorge dafuͤr, daß er glaͤnzend genug ſey, nicht allein Radeliffs wilde Geſellen, ſondern auch die um⸗ gebung eines jeden andern Hofmannes in Schatten zu ſtel⸗ len. Laß ſie alle gut bewaffnet ſeyn, aber ſo, daß ihr Aeuße⸗ res dadurch nicht furchtbar werde; ſie moͤgen ihre Waffen tragen, als geſchaͤhe es mehr der Mode als des Nutzens we⸗ gen. Du ſelbſt halte Dich in meiner Naͤhe, ich koͤnnte Ge⸗ ſchaͤfte fuͤr Dich haben.“ Die Vorbereitungen von Suſſer und ſeiner Parthei wurden mit nicht geringerer Sorgfalt, als die von Leieeſter, getroffen.— „Deine Bittſchrift, in welcher Du Varney der Verfuͤh⸗ rung anklagſt, iſt in dieſem Augenblicke ſchon in den Haͤn⸗ den der Koͤnigin,“ ſprach Suſſex zu Treſſilian,„ich habe ſie durch einen ſichern Canal befoͤrdert. Ich hoffe, deine Sache wird gelingen, denn ſie iſt auf Recht und Ehre gee⸗ gruͤndet, und Eliſabeth iſt ein Muſter von Beiden. Aber jetzt, in der frommen Friedenszeit, gilt der Zigeuner(ſo nannte Suſſer ſeinen Nebenbuhler ſpottweiſe, wegen ſeiner dunkleren Geſichtsfarbe) gar viel bei ihr.— Waͤre der Krieg vor — 6ag— vor den Thoren, da wuͤrde ich eins ihrer Schooßkinder ſeyn; den Soldaten aber geht'’s wie ihren Schilden und Klingen, ſie kommen in Friedenszeiten aus der Mode, und ſeidene Aermel und Paradedegen treten ſtatt ihrer an die Reihe.— Nun, ſo muͤſſen wir uns denn auch putzen, weil's Gebrauch. — Blount, hat auch unſer Gefolge die neue Pracht ange⸗ than?— Doch, Du verſtehſt von dergleichen Spielereien eben ſo wenig, als ich, obgleich Du jeden Augenblick bereit biſt, einen Pikenangriff zu ordnen.“ 4 „Mein guter Herr,“ erwiederte Blount,„Raleigh iſt hier geweſen, und hat dieſe Sorge uͤbernommen— Euer Zug wird glaͤnzen wie ein Maymorgen.— Der Tauſend aber, welche Koſten! Man koͤnnte ein ganzes Hospital von alten Soldaten fuͤr das Geld unterhalten, was zehn moderne Lakaien zu ſtehen kommen.“ „Wir duͤrfen jetzt keine Koſten in Anſchlag bringen, Nieolas,“ entgegnete der Graf;„dem Raleigh bin ich für ſeine Sorge verbunden— ich hoffe, er wird bedacht haben, daß ich ein alter Soldat bin, und nicht mehr von derglei⸗ chen Poſſen mag, als durchaus nothwendig iſt.“ „Zwar verſtehe ich nichts davon,“ verſetzte Blount, naber mir deucht, die Schaar Eurer braven Freunde und Verwandte wird bei Hofe eine ſo treffliche Fronte bilden, als Leiceſters Gefolge nur immer aufzuſtellen im Stande iſt.“ „Gieb Ihnen die gemeſſenſten Befehle,“ ſagte Suſſex, „jede Gelegenheit zu vermeiden, die ſie mit jenen in Streit verwickeln koͤnnte— ſie haben heißes Blut, und ich moͤchte nicht, daß Leieeſter durch ihre Unvorſichtigkeit einen Vor⸗ theil uͤber mich gewoͤnne. Der Graf von Suſſex war ſo ſehr mit dieſen Anſtalten beſchaͤftigt, daß Treſſilian nicht ohne Schwierigkeit Gelegen⸗ heit finden konnte, ihm ſein Erſtaunen daruͤber zu erkennen Kenilworth. 2r Bd. D — 30— zu geben, daß er ſeine Bittſchrift in Betreff der Angelegen⸗ heit des alten Sir Hugh Robfart der Koͤnigin bereits vor⸗ gelegt habe.—„Die Freunde der jungen Lady,“ ſprach er,„meinten, es ſey beſſer, zuvor Leiceſters Gefühl fuͤr Recht in Anſpruch zu nehmen, da die Beleidigung durch einen ſeiner Diener veruͤbt ward; ſo giaubr ich aanh Ew. Herrlichkeit bemerkt zu haben. „Das haͤtte ohne meine Vermittelung geſchehen konnen, entgegnete Suſſe; mit einigem Stolz.„Ich wenigſtens war kein ſchicklicher Rathgeber, ſobald die Rede von einer demü⸗ thigenden Bitte an Leieeſter war; und ich wundre mich ſehr, daß Ihr, Treſſilian, ein Mann von Ehre, und mein Freund, ſolch' einen erniedrigenden Weg einzuſchlagen vermeintet.“ „Mylord,“ erwiederte Treſſilian,„der Weg, den ich in meiner eigenen Sache gehen wuͤrde, iſt derſelbe, den Ew. Herrlichkeit waͤhlten; allein die Freunde jenes ungluͤck⸗ lichen Maͤdchens“—— „Was, Freunde— Freunde,“ unterbrach ihn Suſſer; „die muͤſſen uns in dieſer Angelegenheit handeln laſſen, wie wir es fuͤr gut finden. Jetzt grade iſt der rechte Zeit⸗ punkt, ſo viel Beſchwerden als moͤglich uͤber Leiceſter und ſeine Dienerſchaft aufzuthuͤrmen, und die Eure wird bei der Koͤnigin von Gewicht ſeyn.— Ueberdem iſt die Vittſchritt jetzt ſchon in ihren Haͤnden.“ Treſſilian konnte nicht den Argwohn unterdruͤcken, daß die Heftigkeit, mit welcher Lord Suſſer dieſe Sache zu be⸗ treiben ſchien, vielleicht mehr auf den Wunſch, dabei einen gehaͤſſigen Schein auf Leiceſter zu werfen, als auf die Ueber⸗ zeugung begruͤndet ſey, daß auf dieſe Weiſe der Erfolg am ſicherſten zu erlangen waͤre. Der Schritt war unterdeſſen unwiderruflich gethan, auch entging Suſſey fernerer unter⸗ redung daruͤber, indem er ſeine Umgebung mit dem Befeh — 51— entließ:„Laßt alles um eilf Uhr in Bereitſchaft ſeyn; Punkt zwoͤlf Uhr muß ich bei Hofe erſcheinen.“ Waͤhrend die beiden Nebenbuhler mit aͤngſtlicher Sorg⸗ falt ihre Anſtalten trafen, um vor den Augen ihrer Monar⸗ chin ſich einander zu begegnen, ſchwebte Eliſabeth ſelbſt eben⸗ falls in einiger Beſorgniß uͤber die Folgen, welche ein Zu⸗ ſammentreffen dieſer heftigen Gemuͤther haben koͤnnte. Beide durch eine ſtarke große Schaar von Anhaͤngern beſchuͤtzt und mehr oder weniger die Wuͤnſche und Hoffnungen der meiſten ihrer Hoͤflinge unter ſich theilend. Die koͤnigliche Leibgarde ſtand unter den Waffen, und eine Verſtaͤrkung der Traban⸗ ten war zu Waſſer von London angelangt. Eine Proelama⸗ tion war erlaſſen worden, durch welche jedem Edelmann, von welchem Range er auch immer ſeyn mochte, auf's Strengſte unterfagt wurde, ſich dem Pallaſt mit einem Ge⸗ folge zu naͤhern, deſſen Waffen in Schießgewehren, Piken oder dergleichen beſtaͤnden; und man fluͤſterte ſich ſogar ein⸗ ander zu, daß der Ober⸗Sheriff von Kent geheimen Auftrag erhalten habe, ſich auf den erſten Wink mit einem Theil der ſtreitbaren Mannſchaft bereit zu halten. Die von allen Sei⸗ ten auf ſo aͤngſtliche Weiſe vorbereitete, wichtige Stunde erſchien, und mit dem Schlage zwoͤlf trafen die beiden Lords, jeder von ſeinem glaͤnzenden Zuge gefolgt, im Hofe des Palaſtes zu Greenwich ein. „Entweder vorhergegangener Abrede zufolge, oder weil die Monarchin zu verſtehen gegeben, daß es ſo ihr Wille 4 ſey, langte Suſſex und ſein Gefolge von Deptford zu Waſ⸗ ſer an, waͤhrend Leiceſter mit dem ſeinigen zu Lande ankam, ſo daß ſie den Schloßhof zugleich von zwei entgegengeſetzten Seiten betraten. Dieſer an ſich unbedeutende Umſtand gab Leiceſter in den Augen des Volks ein gewiſſes Uebergewicht; die Ekſtheinung ſeines berietenen Gefolges war impoſanter, D 2 A ſchien zahlreicher, und erregte mehr Aufſehen, als jenes von Suſſex, welches natuͤrlich zu Fuß angelangt war. Keine Art von Begruͤßung fand unter den Grafen ſtatt, obgleich ſich Beide voll und feſt ins Auge blickten, ſo, als ob jeder von dem Andern zuerſt eine Hoͤflichkeitsbezeigung erwarte. Faſt in dem Augenblicke ihrer Ankunft hoͤrte man die Schloß⸗ Glocke laͤuten, die Thore des Palaſtes oͤffneten ſich, und die Grafen traten ein, jeder von denen ſeiner Anhaͤnger gefolgt, welche vermittelſt ihres Ranges Anſpruch auf dieſes Vorrecht beſaßen. Die Trabanten und die geringeren Diener der Lord's blieben im Hofe zuruͤck, wo ſich die Partheien der beiden Gegner gegenſeitig mit Blicken voll Haß und Zorn betrachteten, als ob ſie eine Gelegenheit mit Ungeduld er⸗ warteten, mit den Waffen in der Hand gegen einander los⸗ zubrechen. Sie wurden indeß durch die ſtrengen Befehle ihrer Anfuͤhrer, und vielleicht auch durch den Anblick einer mehr als gewoͤhnlich ſtarken und wohlbewaffneten Wache, in Ordnung gehalten. Unterdeſſen folgten die vornehmeren Cavaliere eines je⸗ den Zuges ihren Gebietern durch die hochgewoͤlbten Saͤle und Gemaͤcher des koͤniglichen Palaſtes, wie zwei Stroͤme, welche gleichen Lauf nehmen ſollen, um ſich in einen und denſel⸗ ben Canal zu ergießen; die ſich aber dennoch ſcheuen, ihre Waſſer mit einander zu vereinen. Im Vorzimmer angelangt, ordneten ſich die Partheien, wie ihrem Inſtinet folgend, an die entgegengeſetzten Seiten des Saales, gleich als waͤren ſie auf das emſigſte bemuͤht, ſchnell wieder die kurze Ver⸗ einigung zu trennen, welche das Gedraͤnge beim Eingang nothwendigerweiſe verurſachen mußte.— Einen Augenblick darauf wurden die Fluͤgelthuͤren am oberen Ende des Ge⸗ mach's geoͤffnet, und leiſe ward angekuͤndigt, daß die Mo⸗ 4 narchin ſich in dem anſtoßenden Audienzſaale befinde. Beide von Suſſex Diener den Einlaß gewaͤhrteſt dn n — 55— Lord's ſchritten nun langſam und mit Wuͤrde dem Eingange zu; Suſſex von Treſſilian, Blount und Naleigh, Leiceſter nur von Varney gefolgt.— Leiceſters Stolz mußte hier der Hofetikette weichen; indem er ernſt und foͤrmlich ſeinen Kopf neigte, war er genoͤthigt zu warten, bis ſein Neben⸗. buhler, als aͤlterer Pair, vor ihm eingetreten war. Suſſer erwiederte ſeine Verbeugung auf dieſelbe conventionelle Weiſe, und betrat den Audienzſaal. Treſſilian und Blount waren im Begriff ihm zu folgen, wurden aber nicht einge⸗ laſſen, weil der Ceremonienmeiſter, mit ſeinem ſchwarzen Stabe in der Hand, verſicherte: heute ganz beſonderen Be⸗ fehl wegen der Perſonen, welche er einlaſſen duͤrfe, erhal⸗ ten zu haben. Auch Raleigh wollte jetzt zuruͤckbleiben, zu dieſem aber ſprach er:„Euch, Sir, iſt es erlaubt, einzutre⸗ ten,“ dem gemaͤß folgte jener ſeinem Gebieter⸗ „Folge mir auf dem Fuße, Varney!“ ſprach der Graf von Leiceſter, welcher einen Augenblick ſtill geſtanden, um aus der Ferne Suſſer Empfang zu beobachten; als er nun aber auch im Begriff ſtand, einzutreten, wurde Varney, welcher, der Wichtigkeit des Tages gemaͤß, in großer Pracht gekleidet war, von dem Ceremonienmeiſter auf dieſelbe Weiſe abgewieſen, als fruͤher Treſſilian und Blount.„Was heißt das?“ fragte der Graf von Leiceſter;„wißt Ihr, wer ich bin?— das hier iſt mein Freund und Diener.“ „Ew. Herrlichkeit wollen verzeihen, “ erwiederte Bowyer feſt,„ich habe gemeſſene Befehle.“ „Du biſt ein partheiiſcher Burſche,“ entgegnete Leice⸗ ſter, indem der Zorn ſeine Wangen faͤrbte.„Warum n. dieſen Schimpf, da Du noch vor einem Augenblick Mylor⸗ —x—C—C—O————ͤ——Qm——— „Mylord,, verſetzte Bowyer,„Herr Raleigh ſteht ſeit kurzem im Dienſt Ihrer Majeſtaͤt, auf ihn ſracken ſich meine Befehle nicht.“ „Du biſt ein Bube— ein undankbarer Babe,“ ſchalt Leiceſter;„aber wer Dich erhob, kann Dich auch ſtuͤrzen.— Nicht lange mehr ſollſt Du dich mit deiner Wuͤrde bruͤſten.“ Dieſe Drohung ſprach er mit lauter Stimme aus, ganz ſeiner gewoͤhnlichen Politik und Vorſicht entgegen, dann trat er in den Audienzſaal und verbeugte ſich vor der Koͤni⸗ gin, welche, mit mehr als gewoͤhnlicher Pracht, umgeben von jenen Edeln und Staatsmaͤnnern, deren Weisheit ihre Regierung unſterblich machten, bereit ſtand, die Huldigung ihrer Unterthanen erwartend⸗ Huldreich erwiederte ſie die tiefe Verbeugung des be⸗ guͤnſtigten Lord's, blickte dann bald auf ihn, bald auf Suſſer, und ſtand im Begriff ihre Rede zu beginnen, als Bowyer, ein Mann, deſſen kraͤftiger Sinn die Beleidigung, welche ihm ſo eben in ſeinem Berufsgeſchaͤft oͤffentlich widerfahren war, nicht vergeſſen konnte, mit ſeinem ſchwarzen Stabe er⸗ ſchien, und vor Eliſabeth niederkniete. „Was ſoll das, Bowyer, und jetzt?“ fragte die aavi⸗ gin,„die Zeit iſt fuͤr dieſen Beweis deiner Ehrfurcht ſchlecht gewaͤhlt!“ „Erhabene Gebieterin,“ ſorach er, waͤhrend alle umſte⸗ henden Hoͤflinge ob ſeiner Kuͤhnheit erbebten,„ich komme nur zu fragen, ob ich in meinem Amte den Befehlen Ew. Majeſtaͤt, oder denen des Grafen von Leieeſter zu gehorchen habe, welcher mich ſo eben oͤffentlich mit ſeiner Ungnade be⸗ drohte, und mich mit unanſtaͤndigen Worten beſchimpfte, weil ich mich in Gemaͤßheit des ſtrengen Gebots Ew. Ma⸗ jeſtaͤt weigerte, einem Cavalier aus ſeinem Seolge z in den Audienzſaal treten zu laſſen/„m⸗ 4 — 35— Der Geiſt Heinrich VIII. erſtieg bei dieſer Rrde ploͤtz⸗ lich in der Bruſt ſeiner Tochter, und ſie wandte ſich zu Leiceſter mit einer Strenge, welche ihn und ſeine Anhaͤnger erheben machte. 1 „Gott's Tod, Mylord!“ rief ſie aus,„was ſoll das hei⸗ ßen? Wir hegten gute Meinung von Euch, und haben Euch in die Naͤhe unſerer Perſon gebracht, nicht aber, um un⸗ ſern andern treuen unterthanen den Schein der Sonne zu entziehen. Wer gab Euch die Erlaubniß, unſern Befehlen zu widerſtreben, unſerm Beamten zu gebieten? Hier an die⸗ ſem Hofe, in dieſem Reiche giebt es nur eine Gebieterin, und keinen Herrn. Gebt Acht, daß dem Manne dort füͤr ſeinen pflichtgemaͤßen Dienſt kein Leid widerfahre, denn, ſo wahr ich eine ehriſtliche Frau und gekroͤnte Koͤnigin bin, Euch wuͤrde ich dafuͤr aufs Strengſte zur Verantwortung ziehen!— Geh, Bowyer, du thateſt deine Pflicht als treuer Diener; hier im Pallaſt erkennen wir keinen Herrn an.“ Bowyer kuͤßte die Hand, welche ihm die Koͤnigin hin⸗ reichte, und zog ſich auf ſeinen Poſten zuruͤck, ſelbſt erſtaunt uͤber den gluͤcklichen Erfolg ſeiner Kuͤhnheit. Ein Laͤcheln des Triumphs verrieth die Anhaͤnger von Suſſer, waͤhrend jene von Leiceſter im gleichen Verhaͤltniß betroffen da ſtan⸗ den, und der Guͤnſtling ſelbſt, einen Anblick großer Demuͤ⸗ thigung zeigend, kein einziges Wort zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung hervorzubringen wagte. Er that wohl daran; denn es lag zwar in Eliſabeths Politik, ihn zu demuͤthigen, nicht aber ihn in Ungnade fallen zu laſſen, und ſo war es klug, ihr ohne Widerſtand und Erwiederung das Vergnuͤgen zu laſſen, welches ſie durch die Ausuͤbung ihrer Macht empfand. Der Wuͤrde der Koͤnigin war Genuͤge geſchehen, und bei dem Weibe begann ſchnell darauf wieder das Gefuhl fuͤr die — 356— Kraͤnkung zu erwachen, welche ſie ihrem Liebling zugefügt hatte. Ihrem ſcharfen Auge waren die Blicke der Zufrieden⸗ heit nicht entgangen, welche unter Suſſex Anhaͤngern Statt gehabt hatten, und es war, wie wir bereits ſchon fruͤher erwaͤhnt haben, gleichfalls ein Grundſatz ihrer Politik, kei⸗ nen der beiden Gegner einen entſcheidenden Triumph über ſeinen Nebenbuhler zu erlauben. „Was ich ſo eben zu Mylord von Leieeſter ſprach,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„gilt auch Euch, Graf von Suſ⸗ ſex! Es ſteht Euch nicht an, an der Spitze Eurer Jarthei in der Naͤhe meines Hofes kriegeriſch zu erſcheinen, als waͤr't Ihr ſtets bereit zu Kampf und Streit. 44 „Mein Gefolge, gnaͤdigſte Frau,“ entgegnete Suſſer, „war immer bereit zum Kampf und Streit fuͤr Euch, in Irland, Schottland, und gegen jene aufruͤhreriſchen Grafen im Norden. Ich weiß nicht, wie“—— „Woll Ihr Blicke und Worte mit mir wechſeln, My⸗ lord?“ fragte die Koͤnigin ihn unterbrechend.„Ihr koͤnn⸗ tet, duͤnkt mich, vom Grafen von Leieeſter die Beſcheiden⸗ heit lernen, bei unſeren Verweiſen ſtill zu ſchweigen. Mein Vater und Großvater, Mylord, bemerkte ich, haben in ihrer Weisheit den Edeln dieſes civiliſirten Reiches verboten, mit ſolchem kriegeriſchen Gefolge einherzuziehen. Glaubt Ihr, daß ſich, weil ich ein Weib bin, der Seepter in meiner Hand zum Spinnrocken verwandelte? Glaubt mir's, kein Koͤnig der Chriſtenheit wird ſeinen Hof weniger belaͤſtigen, ſein Volk weniger unterdruͤcken, und den Frieden des Reichs, durch die Anmaßung uͤbermuͤthiger Gewalt, weniger ſtoͤren laſſen, als wir, die wir jetzt mit Euch reden.— Mylord von Leiceſter, und Ihr, Mylord von Suſſex, ich gebiete Euch Beiden, Freunde mit einander zu ſeyn; oder, bei der — 2 — 57— Krone, die ich trage! Ihr ſollt inen Feind kennen lernen, der fuͤr Euch Beide zu maͤchtig ſeyn wird.“ „Ew. Majeſtaͤt,“ entgegnete der Graf von Leieeſter, „ſelbſt der Born der Ehre, wiſſen am beſten, was der mei⸗ nigen gebuͤhrt. Ich ſtelle ſie zu Eurer Verfuͤgung, und er⸗ laube mir nur noch die Bemerkung, daß die Verhaͤltniffe, in denen ich bisher mit Mylord von Suſſey geſtanden, nicht mein Wunſch geweſen, und daß er nie Urſache hatte, mich ſeinen Feind zu nennen, bis er mir großes Unrecht zu⸗ gefuͤgt.“— „Was mich betrifft,“ nahm der Graf von Suſſer das Wort,„ſo iſt mir der Wille Ew. Majeſtaͤt Befehl; aber es wuͤrde mir lieb ſeyn, wenn Mylord von Leieeſter ſich deut⸗ licher uͤber das Unrecht erklaͤren wollte, was ich ihm zuge⸗ fuͤgt haben ſoll; nie ging ein Wort uͤber meine Zunge, welches ich nicht bereit waͤre zu Roß oder zu Fuß zu recht⸗ fertigen.“ „Auch ich,“ ſiel Leiceſter ein,„bin— wohlverſtanden mit der Erlaubniß unſerer gnaͤdigſten Gebieterin— ſtets be⸗ reit, mit meiner Hand meine Reden zu verantworten.“ „Mylord's!“ ſprach die Koͤnigin,„das ſind unziemende Reden in unſerer Gegenwart; koͤnnt Ihr eure Gemuͤther nicht bezwingen, ſo wollen wir ſchon Mittel finden, ſie und Euch in engeren Schranken zu halten. Laßt mich Eure Haͤnde in einander ſehen, Mylord's, und vergeßt Eure Feindſchaft.“ Die beiden Nebenbuhler blickten ſich mit finſtern Augen an, und keiner ſchien bereit, den erſten Schritt zu thun, um den Willen der Monarchin in Ausführung zu bringen. —„Suſſex,“ ſagte Eiiſabeth⸗„ich bitte; Laissßeht ich gebiete.“ —— — 535— Aber dieſe Worte wurden mit einem ſolchen Tone aus⸗ geſprochen, daß die Bitte wie ein Befehl, der Befehl aber wie eine Bitte klang. Noch immer blieben die Nebenbuhler ſtumm und hartnaͤckig; da erhob endlich Eliſabeth ihre Stim⸗ me, mit einem Ausdruck, aus dem Ungeduld und gebirteri⸗ ſche Strenge ſprachen.“ „Sir Henry Lee,“ rief ſie, zu einem Ofſieier aus ihrem Gefolge gewandt,„haltet Wache in Bereitſchaft, und laßt eine Barke bemannen.— Mylord von Suſſer und von Lei⸗ eeſter, noch einmal gebiete ich Euch, Euch die Haͤnde zu reichen.— Gott's Tod! wer nicht gehorcht, ſoll mit der Luft unſers Towers Bekanntſchaft machen, bevor er unſer Antlitz wieder erblickt.— Ich will euren ſtolzen Sinn beu⸗ gen, mein koͤnigliches Wort darauf!“ „Die Gefangenſchaft waͤre zu ertragen,“ ſagte Leieeſter, „Ew. Majeſtaͤt Antlitz nicht zu ſehen aber hieße zugleich Licht und Leben verlieren.— Hier Suſſex iſt meine Hand.“ „und hier iſt die meine,“ erwiederte Suſſey,„auf Kran und Glauben; aber“— „Bei unſerer Ungnade,“ unterbrach ihn Cliſabeth, „Ihr ſollt nichts mehr hinzufuͤgen. So iſt es, wie es ſeyn ſoll,“ fuhr ſie dann fort, freundlicher auf ſie blickend,„gut wird es um die Heerde ſtehen, uͤber welche ich regiere, wenn Ihr, die Hirten, vereint ſtrebt, ſie zu beſchuͤtzen. Eure Thorheiten und Streitigkeiten, Mylord's, ich will es Euch offen geſtehen, haben zu ſeltſamen Unordnungen unter eu⸗ rer Dienerſchaft Anlaß gegeben.— Unter der Eurigen, Mylord von Leieeſter, befindet ſich ein Cavalier, Namens Varney?“ „So iſt es, gnaͤdigſte Frau,“ erwiederte Leiceſter,„Ew. Majeſtaͤt erlaubten mir, ihn vor Kurzem zum Handkuß vor⸗ zuſtellen.“ „Ich erinnere mich,“ entgegnete die Koͤnigin,„ſein Aeußeres war leidlich, aber meines Beduͤnkens doch nicht huͤbſch genug, um ein Maͤdchen von gutem Stande und ehrenwerther Abkunft zu verfuͤhren, ihren Ruf aufzuopfern, und ſeine Paramour zu werden.— Ja, ja, ſo iſt's— die⸗ ſer Euer Diener hat die Tochter des Sir Hugh Robſart, eines wackern alten Ritters aus Devonſhire, verfuͤhrt, und ſie bewogen, heimlich mit ihm in der Nacht davon zu ge⸗ hen.— Mylord von Leieeſter, ſeyd Ihr krank, Ihr werdet ja bleich, wie der Tod?“ „Nein, gnaͤdigſte Frau!“ antwortete Lrieeſter, indem er alle ſeine Kraͤfte zuſammen raffen mußte, um dieſe wenigen Worte hervorzuſtammeln. „Gewiß, gewiß, Ihr ſeyd unwohl, Mylord?“ fuhr Eliſabeth fort, mit raſchen Schritten auf ihren Gunſtling zu eilend, ſo, daß man ihr großes Intereſſe fuͤr den ſelben dar⸗ aus deutlich erkennen konnte.„Man rufe Maſters— mei⸗ nen Wundarzt— was zaudern die Burſchen?— Wir ver⸗ lieren den Stolz unſeres Hofes durch ihre Nachlaͤſſigkeit.— Wie, waͤre es moͤglich, Leiceſter,“ fuhr ſie fort, ihn mit einem gar freundlichen Blick betrachtend,„konnte die Furcht, mein Mihfallen erregt zu haben, ſolchen gewaltſamen Ein⸗ druck auf Dich machen? Sey uͤberzeugt, edler Dudley, daß wir keinen Augenblick die Thorheiten deines Dieners Dir zur Laſt legen,— Dir, deſſen Gedanken wir mit einem ganz anderen Gegenſtande beſchaͤftigt wiſſen. Wer das Adlerneſt zu erklimmen geſonnen, kuͤmmert ſich nicht darum, Kanings auf ebenem Boden zu fangen.“ „Gebt Acht,“ fluͤſterte Suſſer dem Raleigh zu,„der Teufel hilft ihm! was andere zehn Klafter tief hinabſtuͤrzen wuͤrde, bringt den auf die Beine. Huͤtte das jemand aus meinem Gefolge gethan! 123en — 60— „Ruhe, guter Herr! um Gotteswillen, ruhig,“ unter⸗ brach ihn Raleigh,„wartet nur die Ebbe ab, ſie kommt.“ Dieſe ſcharfſinnige Bemerkung Raleigh's ſchien in Er⸗ fuͤllung gehen zu wollen; Leiceſter ſtand noch immer, von ſeinen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, in ſolcher Verwirrung da, daß Eliſabeth ihn mit verwunderten Augen zu betrachten begann, und als ihr auch ſo von ſeiner Seite keine aufklaͤrende Er⸗ wiederung auf die Aeußerungen voll Huld und Zuneigung ward, die ihr entſchluͤpft waren, durchkreiſete ſie mit einem fluͤchtigen Blick den Cirkel der Hofleute, in deren Mienen ſie vielleicht etwas leſen mochte, was mit ihrem eigenen, ſo eben erwachten Argwohn uͤbereinzuſtimmen ſchien.„Wie, oder waͤre mehr an der Sache, als uns vor Augen liegt,“ rief ſie ploͤtzlich;„mehr vielleicht, als Ihr wuͤnſcht, daß uns vor Augen laͤge, Mylord? Wo iſt dieſer Varney? Sah“ ihn jemand?“ „Es iſt derſelbe,“ ſyrach Bowyer, herantretend,„dem ich vor wenigen Augenblicken den Zutritt in den Audienz⸗ ſaal verweigerte; Ew. Majeſtaͤt zu Befehl.“ „Zu meinem Befehl?“ wiederholte Eliſabetb heftig, de⸗ ren Befehle in dieſem Augenblick wohl ſo leicht kein Sterb⸗ licher zu ihrer Zufriedenheit ausgefuͤhrt haben wuͤrde.„Es war mein Befehl, daß er nicht frech vor meine Augen tre⸗ ten ſollte, eben ſo wenig aber ſollteſt Du jemand abweiſen, der, um ſich von einer Anklage zu rechtfertigen, vor mir zu erſcheinen wuͤnſcht.“ 1 „Ew. Majeſtaͤt zu Befehl,“ erwiederte der beſtuͤrzte Ceremonienmeiſter,„wuͤßte ich, wie ich mich in ſolchen Faͤl⸗ len zu benehmen haͤtte, ich wuͤrde Acht haben.“—— „Ihr ſolltet das Geſuch des Mannes uns vorgetragen, und unſere Befehle entgegen genommen haben,““ unterbrach ihn Eliſabeth,„Ihr dunkt Euch wohl ein Mann von Ge⸗ unwuͤrdige Ausſage ſeines Dieners vernahm, — 6— wicht, weil wir ſo eben einem Cavalier Euretwegen einen Verweis gaben,— aber Ihr ſeyd im Grunde doch nur das Bleigewicht, die Thuͤr verſchloſſen zu halten.— Geht, ruft mir ſogleich den Varney herbei.— Auch eines Dreſſilian iſt in dieſer Bittſchrift erwaͤhnt worden,— Beide ſollen augenblicklich vor uns erſcheinen.“ Ihr Befehl ward vollzogen, und Varney und Treſſilian traten ein. Varney's erſter Blick ſiel auf Leiceſter, fein zweiter auf die Koͤnigin. Aus den Augen der Letzteren dro⸗ hete ihm ein herannahender Sturm, und in dem niederge⸗ beugten Geſicht ſeines Gebieters vermochte er nicht die Rich⸗ tung zu leſen, in welcher er ſein Schiff ſteuern muͤſſe, um jenem zu begegnen.— Da erblickte er Treſſilian, und nun ſtand ploͤtzlich das Gefaͤhrliche der Lage, in welcher er ſich befand, klar vor ihm. Varney aber beſaß eben ſo viel Frech⸗ heit, als Liſt und Verſchlagenheit, und berechnete ſchnell die Vortheile, welche fuͤr ihn daraus entſtehen wuͤrden, wenn es ihm gelingen ſollte, Leieeſter der Gefahr zu entziehen, welche ihn bedrohete, ſo wie, daß ſein eigener Untergang ohnfehlbar erfolgen muͤſſe, falls ihm dieſes zu bewerkſtelligen nicht gluͤcken ſollte. „Iſt es wahr, Bube,“ fragte die Koͤnigin mit einem jener durchdringenden Blicke, welchen zu widerſtehen nur wenige die Kuͤhnheit hatten,„iſt es wahr, daß Du ein jun⸗ ges Maͤdchen von Geburt und Erzlehung, die Tochter des Sir Hugh Robſart von Lincote⸗Hall, verfuͤhrteſt?“ Varney warf ſich zu ihren Fuͤßen nieder, und erwiederte mit dem Ausdruck hoͤchſter Zerknirſchung, daß allerdings zwiſchen ihm und Emmy Robſart ein Liebesverſtaͤndniß Statt gefunden.— Leiceſters Glieder zitterten vor Erbitterung, als er die und er ſtand aller koͤniglichen Gunſt auf immer entſagend, ſeine geheime — 62— einen Augenblick lang im Begriff, ſelbſt hervorzutreten, und, Vermaͤhlung oͤffentlich zu geſtehen. Aber er blickte auf Suſ⸗ ſer, und der Gedanke an deſſen Triumph bei ſeinem Geſtaͤnd⸗ niß, verſiegelte ſeine Lippen.„Jetzt noch nicht“ dachte er, „wenigſtens nicht in dieſer Umgebung, ſoll ihm ein ſolcher Sieg werden.“ Und feſt ſeine Lippen zuſammenpreſſend, ſtand er gefaßt und entſchloſſen da, aufmerkſam auf jedes Wort, welches Varney ſprach, mit dem Vorſatz, das Ge⸗ heimniß, von welchem ſeine Hofgunſt abzuhaͤngen ſchien, ſo lange, als nur irgend moͤglich, zu verbergen. Unterdeſſen ward von Seiten der Koͤnigin Varney's Verhoͤr fortgeſetzt. „Liebesverſtaͤndniß?“ fragte ſie, ſeine letzten Worte wie⸗ derholend,„was Verſtaͤndniß, Bube! Warum ſprachſt Du nicht um die Hand der Jungfrau bei ihrem Vater an, wenn Du es mit deiner Liebe ehrlich meinteſt?“ „Ich durfte nicht, Ew. Maieſtaͤt,“ entgegnete Varney, noch immer knieend,„ihr Vater hatte ihre Hand einem andern Cavalier von Geburt und Ehre zugeſagt— meine Pflicht iſt es, ihm dieſes Zeugniß zu geben, obgleich er Boͤ⸗ ſes gegen mich im Schilde fuͤhrt— einem gewiſſen Herrn Edmund Treſſilian, den ich jetzt hier gegenwaͤrtig erblicke.“ „Und welches Recht hattet Ihr,“ fuhr die Koͤnigin fort, „durch euer Liebesverſtaͤndniß, wie Ihr es zu nennen beliebt, das einfache Maͤdchen zu bewegen, das Wort ihres Vaters zu brechen?“ „Vergebens waͤre es, gnaͤdigſte Frau!“ verſetzte Varney, „die Sache menſchlicher Schwaͤche vor einem Richter ver⸗ theidigen zu wollen, dem dieſe unbekannt iſt, noch die der Liebe vor einer Monarchin, welche nie dieſer Leidenſchaft nachgab“— hier hielt er einen Augenblick inne, und ſetzte —— — — 65— dann mit leiſer furchtſamer Stimme hinzu:„obgleich ſie ſelbſt ſolche jedem Herzen einfloͤßt.“ Eriſabeth wollte ernſt auf ihn blicken, ein Laͤcheln wider Willen aber uͤberflog ihre Zuͤge, als ſie antwortete:„Du biſt ein frecher, unverſchaͤmter Burſche.— Biſt Du mit dem Naͤdchen verheirathet?“. Leiceſters Gefuͤhle beſtuͤrmten ihn in dieſem Augenblicke ſo gewaltig, und ſein Blut draͤngte ſich ſo maͤchtig zum Herzen, daß es ihm vorkam, als hinge ſein Leben von der Antwork Varney's ab, welcher nach einem kurzen Bedenken die Frags der Koͤnigin mit„Ja“ beantwortete. „Niedertraͤchtiger!“ rief Leieeſter, indem er von Zorn hingeriſſen auf Varney zuſtuͤrzte, durchaus aber unfaͤhig, dieſem mit ſo gewaltiger Leidenſchaft begonnenen Ausrufe auch nur eine einzige Sylbe hinzuzufuͤgen. „Mylord,“ verſetzte die Koͤnigin,„wir wollen, mit eurer Erlaubniß, zwiſchen dieſen Suͤnder und euern Zorn treten; unſer Geſchaͤft mit ihm iſt noch nicht zu Ende.— „Wußte,““ fuhr ſie, wieder zu Varney gewandt, fort,„dein Herr, der Graf von Leiceſter, um deine ſaubere Geſchichte? Sprich die Wahrheit, ich befehl' es, und werde Dich vor jeder Rache ſchuͤtzen.“ 15146 „Gnaͤdigſte Frau!“ erwiederte Varney,„die Wahrheit zu ſprechen,— Mylord war Schuld an der ganzen Sache.“ „Wie, Schurke, hintergehſt du mich?⸗ rief Leieeſter. „Sprich!“ rief die Koͤnigin heftig, indem ſich ihre Wange faͤrbte und ihr Auge gluͤhte;„ſprich, ſprich, hier gilt kein anderer Befehl, als der meine.“ „Der iſt allmaͤchtig!“ ſagte Varney;„vor Euch, gnaͤ⸗ digſte Frau, giebt es kein Geheimniß.— Aber ungern moͤcht' ich,“ fuhr er fort, indem er in dem Kreiſe umherſah,„von den Angelegenheiten meines Herrn vor fremden Obren reden.“ — 64— „Tretet zuruͤck, Mylord's!“ ſprach die Koͤnigin, zu ihrer Umgebung gewandt.„und Du, ſprich weiter.— Was hat der Graf von Leiceſter mit deiner Liebesgeſchichte zu thun? Huͤte Dich, ihn faͤlſchlich anzuklagen.“ „Fern ſey es von mir, meinen edlen Lord zu beſchul⸗ digen,“ erwiederte Varney;„aber dennoch bin ich genoͤthigt zu geſtehen, daß irgend ein tiefes, maͤchtiges, geheimes Ge⸗ fuͤhl ſeit kurzem dergeſtalt Mylords Seele beherrſcht, daß er die Oberaufſicht uͤber ſeine Dienerſchaft jetzt bei weitem nicht mehr mit der gewohnten religioͤſen Strenge führt, als ſonſt, wodurch uns denn Gelegenheit zu Thorheiten ward, deren Folgen, wie jetzt, auch auf unſern Gebieter fallen. Ohne ſeine Sorgloſigkeit wuͤrde ich weder Mittel noch Muße gehabt haben, einen Fehler zu begehen, der mir ſein Miß⸗ fallen zugezogen hatz; die haͤrteſte Strafe, die mir fuͤr mein Vergehen werden konnte,— Ew. Majeſtaͤt Zorn ausge⸗ nommen.“ „ und alſo nur in dieſem Sinne, und in keinem andern, war er Theilnehmer deiner Schuld?“ fragte Eliſabeth. „Zuverlaͤſſig, gnaͤdigſte Frau! in keinem andern,“ ver⸗ ſetzte Varney.„Seit jener Veraͤnderung aber, die mit ihm vorgegangen, iſt er nicht mehr derſelbe.— Geruhen Ihre Majeſtaͤt nur ihn anzublicken, wie ſo bleich und zitternd er daſteht— wie ſo ganz die Hoheit ſeines Anſtandes von ihm gewichen— ſeitdem er jenes Unheil ujidonde Paͤckchen empfing:“ „Welches Paͤckchen, und von wem?“ fragte die Koͤnigin heftig. „Von wem, gunaͤdigſte Frau, weiß ich nicht; doch bin 21 ich ſeiner Perſon ſo nahe, daß ich gar wohl bemerke, wie er ſeit jenem Augenblicke an einem Baͤndchen um ſeinen Nacken, nahe dem Herzen, eine Locke in einer goldenen Capſel, wie ein 4 — 65— ein Herz geformt, traͤgt.— Mit ihr ſpricht er, wenn er allein iſt,— ſelbſt wenn er ſchlaͤft, trennt er ſich nicht von ihr.— Kein Heide kann ſein Goͤtzenbild mit mehr Ehrfurcht anbeten.“ 4 „Du biſt ein vorwitziger Diener, deinen Herrn ſo zu belauſchen,“ ſagte Eliſabeth erroͤthend, aber ohne Zorn; nund ein geſchwaͤtziger Burſche dazu, ſolche Thorheiten wie⸗ der zu erzaͤhlen.— Welche Farbe hatte die Haarlocke, von der Du ſchwatzeſt!“ „Ein Dichter,“ erwiederte Varney,„würde ſie mit dem goldenen Geſpinnſt Minerpens vergleichen; mir ſchien ſie aber etwas bleicher, als das reine Gold— faſt wie der letzte ſcheidende Sonnenſtrahl eines milden Frühlingsabends.“ „Ey, ſeyd Ihr doch wahrlich ſelbſt ein Dichter, Herr Varney,“ verſetzte die Koͤnigin laͤchelnd,„ich aber beſitze den Genius nicht genug, um Euren trefflichen Bildern zu folgen.— Schaut Euch hier im Kreiſe unſerer Damen um— traͤgt eine davon“— chier hielt ſie einen Augenblick inne, ſich bemuͤhend, den Schein groͤßter Gleichguͤltigkeit anzu⸗ nehmen)— ntraͤgt eine von ihnen ſolches Haar, wie das jener Locke, deren Ihr erwaͤhnt? Ohne in Mylord's ge⸗ heime Liebesgeſchichten eindringen zu wollen, waͤre ich denn doch begierig, zu erfahren, welche Gattung von Locken mit Minervens Geſpinnſt, oder— wie war es doch— mit dem ſcheidenden Sonnenſtrahl eines Maytages verglichen werden koͤnne.“ Varney blickte im Audienzſaal umher, und ſeine Augen muſterten eine Hofdame nach der andern, bis ſie endlich mit einem Ausdruck hoͤchſter Verehrung auf der Koͤnigin ſelbſt ruhen blieben.„Ich erblicke nirgend in dieſer Verſamm⸗ lung,“ fuhr er nach einem kurzen Augenblicke fort,„ein Kenilworth. 2r Bd. E — 66— Haar, mit dem jene Locke verglichen werden koͤnnte, als dort, wohin ich zu ſchauen nicht wagen darf.“ „Was, Sir, unterfangt Ihr Euch?“ fragte die Koͤnigin ergluͤhend. 3 „Es waren die Strahlen der Maytagsſonne, gnaͤdigſte Frau,“ entgegnete Varney, ſein Geſicht mit der Hand be⸗ ſchattend,„welche meine ſchwachen Augen geblendet.“ „Schon gut, ſchon gut!“ ſagte Eliſabeth;„Du biſt ein naͤrriſcher Geſelle!“— So ſprechend wandte ſie ſich ſchnell von ihm ab, und naͤherte ſich dem Grafen von Leiceſter.— Angeſpannte Neugierde, gemiſcht mit Furcht, Hoffnung, und allen jenen mannichfachen Gefuͤhlen, welche Partheilich⸗ keit hervor ruft, hielt, waͤhrend die Monarchin mit Varney ſprach, wie der Zauber eines Talismans, alle Anweſenden im Audienzſaale gefeſſelt. Jedermann vermied jede, ſelbſt die leiſeſte Bewegung, ja, man wuͤrde das Athmen unterlaſſen haben, haͤtte die Natur eine ſolche Unterbrechung ihrer Functionen geſtattet. Dieſe Luft war anſteckend, und Lei⸗ ceſter, welcher um ſich her nur Geſichter erblickte, auf denen Wuͤnſche fuͤr ſein Wohl, oder die Hoffnung ſeines Falles ſichtbar waren, vergaß alles, was ihm vor wenigen Augen⸗ blicken die Liebe zu thun geheißen, und hatte jetzt fuͤr nichts anderes Gefuͤhl, als fuͤr Gnade oder Ungnade, welche beide von Eliſabeths Wink und von der Treue Varney's abhin⸗ gen. Schnell ſammelte er ſeine ganze Faſſung, bereit, nun auch ſeine Rolle in der Seene zu ſpielen, als er aus den Blicken, welche die Koͤnigin ihm ſandte, zu bemerken glaubte, daß Varney's Mittheilungen einen fuͤr ihn guͤnſtigen Ein⸗ druck auf die Monarchin gemacht haͤtten. Eliſabeth ließ ihn auch daruͤber nicht lange in Zweifel; denn die mehr als huldreiche Weiſe, mit der ſie ſich zu ihm wandte, entſchied ſeinen Triumph vor den Augen ſeines Nebenbuhlers, und —— vor denen des verſammelten Hofes.—„Ihr habt einen geſchwaͤtzigen Diener in dem Varney, Mylord!“ ſprach ſie, „Ihr thut wohl daran, ihm nichts anzuvertrauen, was Euch in unſerer Meinung ſchaden koͤnnte, denn, glaubt mir, er wuͤrde nicht reinen Mund halten.“ „Vor Ew. Hoheit,“ ſagte Leiceſter, ſich mit Anſtand auf ein Knie niederlaſſend,„wuͤrde es Verrath ſeyn, ſolches zu thun; wuͤnſcht' ich doch, mein Herz laͤge ſo offen vor Euch, baar und bloß, wie es die Zunge keines Dieners zu entfal⸗ ten im Stande iſt.“ „Wie, Mylord?“ fragte Eliſabeth, guͤtig auf ihn blik⸗ kend, kein Winkelchen waͤre darin, uͤber das Ihr einen Schleier zu breiten wuͤnſchtet? Aber ich ſehe, meine Frage ſetzt Euch in Verwirrung, Eure Koͤnigin ſollte nicht zu tief nach den Gruͤnden treuer Pflichterfuͤllung forſchen, will ſie nicht etwas erblicken, was ihr mißfallen koͤnnte, oder doch wenigſtens ſollte.“ Erhoben durch dieſe letzten Worte, brach Leiceſter nun in einen Strom leidenſchaftlicher Verſicherungen ſeiner An⸗ haͤnglichkeit und tiefſten Ergebenheit aus, welcher, obgleich ungeſtuͤm, doch in dieſem Augenblicke nicht ganz erkuͤnſtelt war. Seine fruͤhere ſchwankende Bewegung hatte jetzt der energiſchen Kraft Raum gemacht, mit der er entſchloſſen war, ſeinen Platz in der Gunſt der Koͤnigin zu behaupten, und nie noch war er Eliſabeth beredter, ſchoͤner und liebens⸗ wuͤrdiger erſchienen, als jetzt, wo er, vor ihr knieend, ſie beſchwor, ihn aller ſeiner Wuͤrden zu berauben, ihm aber nur den Titel ihres treuen Dieners zu laſſen.„Nehmt dem armen Dudley alles, was ihm Eure Huld verliehen,“ rief er aus,„und erlaubt ihm, das wieder zu werden, was er war, als ihn als armer Edelmann Eure Gnade zuerſt be⸗ ſchien; laßt ihm nur ſeinen Mantel und ſein Schwerdt, und 4 E 2 4. — ſſſͤͤ 1 8 — 68— nur das, was er beſitzt,— deſſen er ſich nie, weder durch Wort, noch durch That, unwuͤrdig machte,— die Lahean ſeiner angebeteten koͤniglichen Gebieterin.“ „Nein, Dudley,“ ſprach Eliſabeth, indem ſie ihn mit der einen Hand aufhob, waͤhrend ſie ihm die andere zum Kuſſe hinreichte,„Eliſabeth hat nicht vergeſſen, daß, als Ihr ein armer Edelmann war't, und Eures erblichen Ran⸗ ges beraubt, ſie als eine eben ſo arme Prinzeſſin lebte, fuͤr deren Sache Ihr Alles wagtet, was Euch Unterdruͤckung ge⸗ laſſen hatte,— Euer Leben und Eure Ehre.— Steht auf, Mylord, und laßt meine Hand!— Steht auf, ſage ich, und ſeyd, wie bisher, die Zierde unſers Hofes, ſo wie die Stuͤtze unſers Throns. Eure Koͤnigin kann gezwungen ſeyn, Euch uͤber Eure Fehler Verweiſe zu geben, ſie wird aber nie Eure Verdienſte verkennen.— Und ſo helfe mir Gott,“ fuhr ſie darauf fort, zu der Verſammlung gewandt, welche mit Ge⸗ fuͤhlen mannichfacher Art Zeuge dieſer Unterredung geweſen war;—„und ſo helfe mir Gott! wie ich glaube, daß nie einem Monarchen ein treuerer Diener geworden, als mir bier in dem edlen Grafen von Leiceſter.“ Ein Gemurmel des Beifalls wurde unter den Anhaͤn⸗ gern von Leiceſter hoͤrbar, dem ſich Suſſer Freunde nicht zu widerſetzen wagten. Dieſe hielten ihre Augen feſt auf den Boden gewurzelt, erſchrocken und gedemuͤthigt uͤber den oͤf⸗ fentlichen Triumph ihres Gegners. Leiceſters erſter Ge⸗ brauch des Vertrauens, in welches ihn die Koͤnigin durch ihre Erklaͤrung wieder eingefuͤhrt hatte, war die Einholung ihrer Befehle wegen Varney's Vergehen.„Obgleich er meinen Zorn verdient,“ ſprach er,„moͤchte ich dennoch’“— „Hatten wir doch wahrlich die Sache ganz vergeſſen,““ unterbrach ihn die Koͤnigin,„wir thaten nicht wohl daran, wir ſind unſerm niedrigſten, wie unſerm vornehmſten Unte * than Gerechtigkeit ſchuldig. Wir freuen uns, Mylord, daß Ihr uns zuerſt den Gegenſtand ins Gedaͤchtniß zurüͤckrieft.— Wo iſt Treſſilian, der Klaͤger?— Man laſſe ihn vor uns kommen.“ 3 Treſſilian erſchien, und machte geziemend eine tiefe Ver⸗ beugung. Seine Geſtalt war, wie wir bereits fruͤher er⸗ waͤhnt haben, groß und edel; ein Umſtand, welcher dem kri⸗ tiſchen Auge Eliſabeths nicht entging. Aufmerkſam blickte ſie auf ihn, als er nun vor ihr ſtand, ungebeugt, aber mit dem Ausdruck tiefſter Trauer. „Ich kann mich der Theilname an dem Kummer dieſes jungen Mannes nicht erwehren,“ ſprach ſie zu Leiceſter. „Ich habe Erkundigungen uͤber ihn eingezogen, und ſeine Perſoͤnlichkeit beſtaͤtigt, was ich hoͤrte; er ſoll in den Waf⸗ fen und Kuͤnſten wohl geuͤbt, Krieg und Wiſſeenſchaft follen ihm befreundet ſeyn. Wir Weiber, Mylord! ſind doch lau⸗ nenvoll in unſerer Wahl,— waͤre doch, nach meinem Ur⸗ theil, kein Vergleich zwiſchen Varney und dieſem Cavalier. Aber jener weiß ſeine Worte zu ſetzen, und das thut, die Wahr⸗ heit geſprochen, viel bei unſerm ſchwaͤcheren Geſchlechte.— Hoͤrt, Herr Treſſilian, weil ein Pfeil verloren ging, iſt ja der Bogen noch nicht gebrochen. Eure treue Liebe— fuͤr eine ſolche bin ich geneigt, ſie zu halten— iſt, wie es ſcheint, nur ſchlecht belohnt worden; aber I3r ſeyd ja in der Ge⸗ ſchichte bewandert, ſeit Trofa's Krieg, bis jetzt, hat es man⸗ che Helenen gegeben. Vergeßt, guter Sir, den Leichtſinn der Treuloſen,— pruͤft in der Folge den Gegenſtand eurer Neigung mit beſſerem Auge. Dieß ſagen wir Euch mehr aus gelehrten Schriften, als aus unſerm eigenen Kopfe, denn wir ſind durch Willen und Stand uͤber die Nothwen⸗ digkeit erhaben, die Erfahrung der thoͤrigten Leidenſchaft an uns ſelbſt zu machen.— Was den Vater der Dame betrifft, — 70— ſo ſteht es in unſerer Macht, ſeine Leiden zu lindern, indem wir ſeinen Eydam dergeſtalt befoͤrdern, daß er in den Stand geſetzt wird, ſeine Gattin anſtaͤndig erhalten zu koͤnnen. Auch Du ſollſt nicht vergeſſen werden, Treſſilian,— komm an unſern Hof, und Du ſollſt erfahren, daß ein ſo treuer Ritter, einigen Anſpruch auf unſere Gnade hat. Bedenke doch, was der Erzſchelm Shakespeare ſagt;— kommt mir doch ſein Zeug in den Kopf, ſelbſt wenn ich an ernſtere Sa⸗ chen denken ſollte;— wie heißt's denn gleich— ja, ja, ganz recht: Dein war Creſſides durch des Himmels Band, Es ward geloͤſ't, getrennt; und ihre Hand Mit dem, was noch von Treue vorgefunden, An Diomedes feſt gebunden. „Ihr laͤchelt, Mylord von Southampton,— mein ſchlechtes Gedaͤchtniß verdirbt vielleicht die Verſe eurer Schauſpieler, — genug alſo von dieſem naͤrriſchen Zeuge.“ Als aber Treſſilian noch immer da ſtand, in der Stel⸗ lung von jemand, der auch gehoͤrt zu werden wuͤnſcht, wel⸗ ches eine tiefe Verbeugung von ſeiner Seite ſo eben auszu⸗ ſorechen ſchien, fuhr Eliſabeth ungeduldig auf: „Was begehrt Ihr denn noch?“ fragte ſie heftig,„das Maͤdchen kann doch nicht Beide zugleich heirathen,— ſie hat ihre Wahl getroffen,— keine kluge vielleicht,— allein ſie iſt nun einmal Varney's angetrautes Weib.“ „Mein Geſchaͤft hier wuͤrde geendet ſeyn, gnaͤdigſte Frau!“ erwiederte Treſſilian,„und das meiner Nache auch, wenn dem ſo waͤre. Das Wort dieſes Varney aber halte ich fuͤr keinen guten Buͤrgen.“ „Waͤre dieſer Zweifel anderswo ausgeſprochen,“ entged 1 nete Varney,„mein Schwerdt ſollte“—-— — 71— „Dein Schwerdt!“ unterbrach ihn Treſſilian mit Ver⸗ achtung:„Mit Ew. Majeſtaͤt Erlaubniß ſoll das meine“—— „Ruhe jetzt!“ gebot die Koͤnigin;„wißt Ihr, wo Ihr ſeyd?— Das kommt von euren Streitigkeiten, Mylords,“ fuhr ſie dann fort, gegen Suſſex und Leiceſter gewandt: „Wie die Herren, ſo die Diener; gebehrden ſie ſich doch ſelbſt in meiner Gegenwart— wie Raufbolde. Aber habt Acht, Ihr Herren! wer ferner davon ſpricht, das Schwerdt in einer anderen Sache zu ziehen, als in der meinigen, oder in der meines Reiches, den will ich, bei meiner Ehre, in Eiſen ſchlagen laſſen an Haͤnden und Fuͤßen!“— Sie hielt einen Augenblick inne, dann fuhr ſie in milderem Tone fort: n„dennoch muß ich Gerechtigkeit unter den tollkuͤhnen Geſel⸗ len handhaben.— Mylord von Leiceſter, wollt Ihr mit eurer Ehre Buͤrge ſeyn,— daß nemlich, ſo viel Euch be⸗ kannt iſt,— euer Diener Varney wahr ſpricht, wenn er ausſagt: daß er mit Emmy Robſart vermaͤhlt ſey?“ Das war ein Donnerſchlag, der Leieeſter faſt ganz aus der Faſſung gebracht haͤtte. Aber er war zu weit gegangen, um zuruͤck zu kehren, und erwiederte nach kurzem Beſinnen: „Nach meinem beſten Wiſſen,— nach meiner gewiſſen Ueber⸗ zeugung,— ſie iſt ein verheirathetes Weib.“ „Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Treſſilian,„wollen mir noch er⸗ lauben zu fragen, wann und unter welchen Umſtaͤnden dieſe vorgegebene Heirath“——. „Schweig Burſche!“ rief die Koͤnigin mit großer Hef⸗ tigkeit,„vorgegebene Heirath!— Verbuͤrgt Dir nicht das Wort des wuͤrdigen Grafen hier die Wahrheit deſſen, was ſein Diener ſyrach. Aber Du biſt der verlierende Theil, oder glaubſt es wenigſtens zu ſeyn,— ich will Nachſicht mit Dir haben.— Bei mehr Muße wollen wir ſelbſt naͤher nach der Sache forſchen.— Mylord von Leiceſter, wir hoffen, — 72— Ihr werdet Euch erinnern, wie wir uns vorgenommen ha⸗ ben, uns in der naͤchſten Woche auf eurem Schloſſe Kenil⸗ worth bewirthen zu laſſen.— Wir bitten Euch, unſeren gu⸗ ten und tapferen Freund, den Grafen von Suſſey, einzula⸗ den, uns dort Geſellſaft zu leiſten.“ „Wenn der edle Graf von Suſſex,“ ſprach Leiceſter, indem er ſich mit liebenswuͤrdiger Hoͤflichkeit gegen ſeinen Nebenbuhler verbeugke,„meine ſchlechte Behauſung mit ſei⸗ ner Gegenwart beehren will, werde ich das als einen beſon⸗ dern Beweis von jenem freundlichen Verſtaͤndniſſe anſehen, welches, Ew. Majeſtaͤt Wunſch zufolge, unter uns beſtehen ſoll.“ Suſſex war verlegener.—„Meine Gegenwart wuͤrde nur eure frohen Stunden ſtoͤren, ſeit meiner letzten Krank⸗ heit“—— „Seyd Ihr denn in der That ſo krank geweſen?“ fragte Eliſabeth, freundlich auf ihn blickend,„wirklich, Ihr ſeyd angegriffen, und tief ſchmerzt es uns, dieß zu gewahren. Aber nehmt nur Theil an unſerer Freude,— wir wollen ſchon ſelbſt ein Auge auf die Geſundheit eines werthen Die⸗ ners haben, dem wir ſo viel verdanken. Maſters ſoll eure Diaͤt beſtimmen; und, auf daß wir ſelbſt ſehen, ob Ihr auch ſeinem Befehle Folge leiſtet, muͤßt Ihr uns nach Kenilworth 2 folgen.“ Dieſer Ausſpruch geſchah mit ſo vieler Beſtimmtheit, zugleich aber auch mit einer ſolchen Guͤte, daß, obgleich der Graf von Suſſer nur hoͤchſt ungern der Gaſt ſeines Neben⸗ buhlers ward, ihm doch nichts anderes uͤbrig blieb, als der Koͤnigin durch eine tiefe Verbeugung Gehorſam zu geloben, und ſeinem Gegner mit einer ungelenken Hoͤflichkeit, welche nicht frei von Verlegenheit war, die Annahme ſeiner Einla⸗ dung zuzuſichern. — 1 — 75— Waͤhrend ſo die beiden Grafen Hoͤflichkeitsbezeugungen wechſelten, ſprach die Monarchin zu ihrem Großſchatzmeiſter: „Mir deucht, Mylord! man koͤnnte die Geſichter dieſer zwei edlen Pairs mit den beiden beruͤhmten elaſſiſchen Stroͤmen vergleichen, der eine finſter und dunkel, der andere ſchoͤn und klar.— Mein alter Lehrer Aſcham wuͤrde mich geſchol⸗ ten haben, daß ich den Namen des Autors vergeſſen.— Es war Caͤſar, wenn ich nicht irre.— Seht, welche maje⸗ ſaͤtiſche Ruhe auf dem Geſichte Leiceſters, waͤhrend Suſſex in ſeiner Begruͤßung nur gezwungen unſern Willen zu er⸗ fuͤllen ſcheint.“ „Der Zweifel an der Gunſt Ew. Majeſtaͤt,“ entgegnete der Großſchatzmeiſter,„bewirkt vielleicht dieſe Verſchieden⸗ heit, welche— wie uͤberhaupt Alles— Ew. Majeſtaͤt Blik⸗ ken nicht entgeht.“ „Solche Zweifel wuͤrden uns beleidigen,“ erwiederte die Koͤnigin.„Beide ſind uns lieb und werth, und wir wollen mit Unpartheilichkeit Beide im ehrenvollen Dienſt, zum Wohl unſers Koͤnigreichs gebrauchen. Fuͤr jetzt aber wollen wir ihr weiteres Geſpraͤch unterbrechen.— Mylord von Suſſey, und von Leiceſter, noch ein Wort zu Euch,— Treſſilian und Varney gehoͤren zu eurer Umgebung,— Ihr werdet Sorge tragen, daß ſie Euch nach Kenilworth begleiten; und ſind auf dieſe Weiſe Paris und Menelaus zugegen, darf auch die ſchoͤne Helena nicht fehlen, deren Wankelmuth dieſen Zwiſt veranlaßte.— Varney, dein Weib muß auch zu Ke⸗ nilworth ſeyn, um auf meinen Befehl mir vorgeſtellt wer⸗ den zu koͤnnen.— Mylord von Leiceſter, wir bitten Euch, dafuͤr Sorge zu tragen.“ Der Graf und ſein Stallmeiſter verbeugten ſich tief, wagten aber weder die Monarchin, noch ſich einander anzu⸗ blicken; denn Beide fuͤhlten in leſel Augenblicke, daß die — 7 ⁴½— Schlingen, welche ihre Falſchheit gewebt hatte, ſie ſelbſt ein⸗ zuſchließen begannen. Die Koͤnigin bemerkte indeß ihre Ver⸗ wirrung nicht, ſondern fuhr fort: „Mylord von Suſſer und von Leiceſter, wir erbitten uns Eure Gegenwart fuͤr den Geheimen⸗Rath, den wir jetzt zu halten im Begriff ſtehen; wir haben uns uͤber Sachen von Wichtigkeit zu berathen; dann wollen wir eine Luſtfahrt auf dem Waſſer vornehmen, und Ihr, Mylord's, werdet uns begleiten.— Ach! das erinnert uns an einen Umſtand,— Ihr da, Herr Ritter vom beſchmutzten Mantel,“ rief ſie, Raleigh mit einem Laͤcheln bezeichnend,„vergeßt nicht, daß auch Ihr uns auf unſerer Reiſe zu begleiten habt. Euch ſollen hinlaͤngliche Mittel werden, eure Garderobe wieder in Stand zu ſetzen.“ So endigte dieſe Audienz, in der, wie uͤberhaupt durch ihr ganzes Leben, Eliſabeth die augenblicklichen Schwaͤchen ihres Geſchlechts mit Anſtand und geſunder Politik verband, wor⸗ in ſie nie, weder von Mann noch Weib uͤbertroffen wurde. 5. Waͤhrend des kurzen Zeitraums zwiſchen der Audienz und dem Geheimen⸗Rathe hatte Leiceſter Muße zu überdenken, daß er ſelbſt an dieſem Morgen ſein kuͤnftiges Schickſal un⸗ widerruflich feſtgeſtellt habe. Es war, ſo dachte er, fortan fuͤr ihn unmoͤglich, die Ausſage Varney's, deren Aechtheit er, obgleich mit zweideutigen Worten, im Angeſichte der edelſten Maͤnner und Frauen Englands verbürgt hatte, fuͤr unwahr und falſch zu erklaͤren, ohne nicht allein die Gunſt der Königin zu verlieren, ſondern ſich auch noch mit ihrer 1 — 75— voͤlligen Ungnade zu belaſten, mit dem Haß einer betrogenen Geliebten, ſo wie mit der Verachtung ſeines Gegners, und mit der des ganzen Hofes. Dieſe Gewißheit erſtieg ploͤtzlich in ſeiner Seele, zugleich mit dem Gedanken an alle jene Hinderniſſe, welche er zu bekaͤmpfen haben wuͤrde, um ein Geheimniß zu bewahren, welches ihm von jetzt an, zur Auf⸗ rechthaltung ſeiner Ehre, ſeiner Macht und ſeines Gluͤcks durchaus wichtig ſchien. Er ſah ſich ungefaͤhr in der Lage eines Mannes, der ſich auf dem Glatteiſe befindet, und deſ⸗ ſen einzige Rettung darin beſteht, mit feſten Schritten un⸗ aufhaltſam vorwaͤrts zu eilen. Er mußte ſich jetzt bemuͤhen, ſich in der Gunſt der Koͤnigin, welcher er, um ſie ſich zu erhalten, ſolche Opfer dargebracht hatte, auf alle nur moͤg⸗ liche Weiſe feſt zu ſtellen;— ſie war das einzige Brett, an dem er ſich in dieſem Sturme halten konnte. Sein Beſtre⸗ ben mußte alſo dahin gehen, ſich in der Partheilichkeit der Monarchin nicht nur zu behaupten, ſondern ſich derſelben immer mehr und mehr zu verſichern.— Er mußte Eliſa⸗ beths Guͤnſtling bleiben, oder er litt Schiffbruch an Ehre und Gut. Alle andern Ruͤckſichten mußten für dieſen Au⸗ genblick ſchweigen, und ſelbſt der Gedanke an Emmy, wel⸗ cher ſich in ſeiner Seele maͤchtig empor draͤngte, ward von ihm mit der Ueberzeugung niedergekaͤmpft, daß es ſpaͤter nooch Zeit genug ſey, daran zu denken, wie er ſich uͤberhaupt aus dieſem Labyrinthe ziehen wolle, indem ein Schiffer, welcher mit der Scylla kaͤmpfe, nicht an die Gefahren der weiter entlegnen Charibdis denken muͤſſe. In ſolcher Stimmung nahm der Graf von Leiceſter an dieſem Tage ſeinen Lehnſeſſel in dem Geheimen⸗Rathe Eli⸗ ſabeths ein; in ſolcher Stimmung füllte er, als die Geſchaͤfte dort beendet waren, einen Ehrenplatz neben der Koͤnigin, waͤhrend ihrer Luſtfahrt auf der Theuſe aus; und dennoch — 76— entfaltete er nie mebr, als heute, ſeine glaͤnzenden Talente als tiefer Politiker und liebenswuͤrdiger Hofmann. Der Zufall hatte gewollt, daß an dieſem Tage im Ge⸗ heimen⸗Rathe Umſtaͤnde in Betreff jener ungluͤcklichen Ma⸗ ria zur Sprache gekommen waren, von deren Gefangenſchaft in England ſchon das ſiebente Jahr ſeinen traurigen Lauf vollendete. Meinungen zu Gunſten jener beklagungswerthen Fuͤrſtin waren Eliſabeth vorgelegt und mit kraͤftigen Gruͤn⸗ den von Suſſex und Andern unterſtuͤtzt worden, welche ſich auf die Geſetze der Nationen und auf die Verletzung der Gaſtfreiheit mehr beriefen, als es Eliſabeths Ohr zu ver⸗ nehmen angenehm war. Leiceſter vertheidigte die entgegen⸗ geſetzte Meinung lebhaft und mit großer Beredſamkeit, und ſchilderte die Nothwendigkeit, Schottlands Koͤnigin laͤnger im engen Gewahrſam zu halten, als durchaus erforderlich fuͤr das Wohl des Reiches, wie auch vorzuͤglich fuͤr die ge⸗ heiligte Perſon Eliſabeths, von der, wie er behauptete, ein einziges Haar mehr Ruͤckſichten von Seiten der Lord's ver⸗ diene, als das Wohl und Wehe einer Nebenbuhlerin, welche, nachdem ſie ungerechte Anſpruͤche an den Thron von Eng⸗ land gemacht hatte, ſelbſt jetzt noch im Kerker, die Hoff⸗ nung aller Feinde Eliſabeths, ſowohl innerhalb als außer⸗ halb des Landes, ausmache. Er ſchloß mit einer Bitte um Entſchuldigung, falls ihm im Laufe ſeiner Rede etwas Be⸗ leidigendes gegen ſeine Opponenten entfallen ſeyn ſollte; das Wohl ſeiner Koͤnigin aber ſey ein Gegenſtand, welcher ihm nicht erlaubt habe, waͤhrend dieſer Debatten in den gewoͤhn⸗ lichen Graͤnzen der Maͤßigung zu bleiben. Eliſabeth machte ihm, wobei ſie es aber nicht ernſtlich meinte, Vorwurfe uͤber das Gewicht, welches er ungebüh: rend auf ihr perſoͤnliches Intereſſe lege; dennoch erklaͤre ſie, daß, da es dem Himmel gefallen habe, eben dieſes Intereſſe 4 1 mit dem Wohl ihres Reichs zu verbinden, ſie nur ihre Pflicht zu thun glaube, wenn ſie ſolche Maaßregeln zu ihrer Selbſt⸗ erhaltung ergreife, als ihr die Umſtaͤnde aufzudringen ſchie⸗ nen; und wenn es ihre Raͤthe in ihrer Weisheit für dien⸗ lich erachten ſollten, einige Einſchraͤnkung der Perſon, ihrer ungluͤcklichen Schweſter von Schottland, fortdauern zu laſ⸗ ſen, ſo hoffe ſie, man werde ſie nicht tadeln, wenn ſie ihrer⸗ ſeits die Graͤfin von Shrewsbury erſuche, jene mit ſo vieler Milde zu behandeln, als mit der Sicherheit ihrer Perſon beſtehen koͤnne. Mit dieſer Verkündigung ihres Willens ward der Geheime⸗Rath beſchloſſen. Nie war man aͤngſtlicher, als heute, beſorgt geweſen, Platz zu machen vor Mylord von Leiceſter, als dieſer durch die menſchenreichen Vorſaͤle des koͤniglichen Palaſtes ging, um die Monarchin zu ihrer Barke zu begleiten. Nie riefen die Diener lauter, als heute,„Platz, Platz fuͤr den edlen Grafen von Leiceſter!“— Nie war dieß Signal mit mehr Schnelligkeit und groͤßerer Ehrfurcht befolgt worden, und nie waren die Augen aͤngſtlicher auf ihn gerichtet, um auch nur einen Gunſt verkuͤndenden Blick von ihm zu erhaſchen. Der ganze Hof betrachtete den Erfolg der Audienz des heuti⸗ gen Tages, der man mit ſo mannichfachen Zweifeln entgegen geſehen hatte, als einen entſcheidenden Triumph Leiceſters, und war uͤberzeugt, daß fortan das Geſtirn ſeines Neben⸗ buhlers, wenn auch durch ſeinen Glanz nicht ganz verdun⸗ kelt, doch nur einen ſchwachen Schimmer in entfernterer Sphaͤre verbreiten wuͤrde. So dachte der Hof und die Hoͤf⸗ linge vom hoͤchſten bis zum niedrigſten, und dem gemaͤß richteten ſie ihr Betragen ein. Von der anderen Seite erwiederte Leiceſter die allgemei⸗ nen Ehrfurchtsbezeugungen nie mit mehr Herablaſſung und Hoͤflichkeit, noch war er je emſiger bemuͤht geweſen,(um mit — I— 73— den Worten eines Mannes zu reden, welcher damals in kei⸗ ner großen Entfernung von ihm ſtand) goldene Meinung von allen Gattungen von Menſchen einzuſammeln. . Fuͤr Jeden hatte der beguͤnſtigte Graf eine Verbeugung, wenigſtens ein Laͤcheln, ja ſelbſt oft ein freundliches Wort in Bereitſchaft. Die meiſten davon waren an Hoͤflinge ge⸗ . richtet, deren Namen laͤngſt in dem Strome der Vergeſſen⸗ heit untergegangen ſind, einige aber ſprach er zu Perſonen, deren Namen unſerm Ohre ſeltſam erklingen, wenn ſie in 1 Gemeinſchaft mit den gewoͤhnlichen Begebenheiten des Le⸗ bens ausgeſprochen werden, uͤber welche ſie die Dankbarkeit der Nachwelt laͤngſt emporhob. „Guten Morgen Poynings,“ ſagte er unter andern, „wie geht's eurer Frau und eurer hübſchen Tochter? War⸗ um kommen ſie nicht an den Hof?— Adams, mit eurem Anſuchen geht's nicht, die Koͤnigin will keine Monopolia mehr,— aber ich werde ſchon Gelegenheit finden, Euch auf andere Weiſe nuͤtzlich zu ſeyn.— Gruͤß Euch Gott, guter Alderman Aylford, die Bittſchrift der City werde ich nach meinen beſten Kraͤften unterſtuͤtzen;— Herr Edmund Spen⸗ cer, was eure Irlaͤndiſche Supplik betrifft, ſo haͤtte ich Euch 3 gern geholfen, aus Liebe zu den Muſen; aber Ihr habt auf den Lord Schatzmeiſter geſtichelt.“ „Sey es mir erlaubt, Mylord! zu bemerken“—— er⸗ wiederte der Poet. „Kommt in meine Wohnung, Edmund!“ unterbrach ihn der Graf,„nur nicht morgen, noch uͤbermorgen, aber bald.— Ha, William Shakespeare— Du Wildfang, haſt meinem Neffen Philipp Sidney Liebespulver gegeben— er kann nicht ſchlafen, ohne Venus und Adonis unter dem V Kopfkiſſen zu haben! Wir wollen Dich haͤngen laſſen als den groͤßten Zauberer in Europa. Hoͤre, Tollkopf, ich habe N — p deine Sache, das Patent und die Baͤren betreffend, keines⸗ weges vergeſſen.“ 7 Der Schauſpieler verbeugte ſich, und der Graf nickte ihm einen Gruß zu, und ſchritt wei⸗ ter;— ſo wuͤrde man in jenem Zeitalter geſprochen haben; in dem unſrigen koͤnnte man vielleicht ſagen: der un ſterb⸗ liche habe dem Sterblichen ſeine Ehrerbietung bezeigt.— Der naͤchſte, an den ſich der Graf darauf wandte, war einer ſeiner eifrigſten Anhaͤnger. „Wie nun, Herr Francis Denning,“ fuͤſterte er ihm als Erwiederung ſeiner frohlockenden Ehrfurchtsbezeugung zu, „dein Laͤcheln macht dein Geſicht um ein Drittheil kuͤrzer, als heute fruͤh.— Wie, Herr Bowyer, tretet Ihr zuruͤck? glaubt Ihr, ich trage nach? Ihr thatet heute Morgen nur eure Pflicht; und wenn ich mich je dieſes Vorfalls erinnere, ſo ſoll es zu Euren Gunſten ſeyn.“ Darauf ward der Graf auf phantaſtiſche Weiſe von einem Manne begrüßt, deſſen ſaubere Kleidung aus einem Wamms von ſchwarzem Sammet beſtand, auf ſeltſame Weiſe mit carmoiſinrothem Atlaß aufgeſchlitzt, und verziert. Eine lange Hahnenfeder auf dem Sammetbarett, welches er in der Hand hielt, und ein ungeheurer Kragen, bis zum Uebermaaß nach dem albernen Geſchmack jener Zeit geſteift, ſchienen, ver⸗ bunden mit einem ſcharfen, lebendigen Ausdruck voll Eigen⸗ duͤnkel im Geſicht, einen eitlen leichtſinnigen Gecken zu ver⸗ kuͤnden, waͤhrend ihm ein Stab in ſeiner Hand und ein ge⸗ wiſſes foͤrmliches Weſen einen Anſtrich von officieller Be⸗ deutung verliehen. Ein immerwaͤhrendes Roth, welches ſich aber mehr mit der ſcharfen Naſe, als mit der duͤrren Wange des Eigenthuͤmers zu beſchaͤftigen ſchien, deutete mehr auf luſtiges Leben, als auf Maͤbigkeit, eine Vermuthung, in ————ᷓ˖ᷓ— — 80— welcher man durch die Art und Weiſe, wie er ſich dem Gra⸗ fen naͤherte, beſtaͤtigt ward. „Danke, danke, Robert Laneham, ſagte der Graf, und ſchien den Wunſch zu hegen, ohne weitere Unterredung voruͤber zu gehen⸗ 4. „Ich habe ein Anliegen an Ew. Herrlichkeit,“ ſprach die Figur, indem ſie ihm auf kecke Weiſe folgte. „Was giebt's denn, Herr Thuͤrſteher des Geheimen⸗ Rath⸗Saals?“ fragte Leieeſter. „Aufſeher an der Thuͤr des Geheimen„Rath⸗Saals,“ entgegnete Robert mit Emphaſe, den Ausdruck des Grafen verbeſſernd. „Gut, gut, nenne deinen Dienſt, wie Du willſt,“ ent⸗ gegnete der Lord,„was willſt Du von mir?“ „Nichts weiter, antwortete Laneham, als daß Ew. Herr⸗ lichkeit, wie bisher, mein guter Lord bleiben, und mir die Erlaubniß ertheilen wollen, die Sommerreiſe nach Eurer Herrlichkeit ſchoͤnem und ganz unvergleichbarem Schloſſe Kenilworth mit antreten zu duͤrfen.“ „Zu welchem Endzweck, guter Laneham?“ fragte Leice⸗ ſter;„bedenkt, daß meine Gaͤſte ſchon ohnehin zahlreich ſeyn werden.“ 3 „Doch nicht ſo zahlreich,“ verſetzte der Bittende,„als daß Ew. Herrlichkeit nicht noch ein Blaͤtzchen fuͤr Ihren treuen Diener uͤbrig haͤtten. Bedenkt doch, Mylord, wie noͤthig dort mein Stab ſeyn wird, um vom Geheimen⸗Rath alle Lauſcher abzuwehren, welche gar zu gern Horchen ſpie⸗ len, und ſich eifrig nach den Schluͤſſelloͤhern und Thuͤr⸗ ritzen umſchauen, ſo daß mein Stab ſo nothwendig wird, wie eine Fliegenklappe in einem Schlachterladen.“ „Ihr ſtellt da einen unpaſſenden Vergleich auf, Hert Lanebam,“ ſagte der Graf,„aber laßt es nur gut ſeyn kommt 3 — 81— kommt immer mit nach Kenilworth, es wird dort Narren die Fuͤlle geben, und da ſeyd Ihr dann an eurer Stelle.“ „Wird's Narren dort geben?“ fragte Laneham mit großer Freude,“nun, da will ich tuͤchtige Hetze unter ihnen anſtellen; kein Windhund kann mehr auf die Jagd eines Haaſen erpicht ſeyn, als ich auf die eines Narren. Aber ich habe noch ein anderes ſeltſames Anliegen, Mylord!“ „So ſprich, und halte mich nicht auf,“ ſagte der Graf, „die Koͤnigin muß jeden Augenblick erſcheinen.“ „Ich moͤchte gern noch einen Geſellſchafter mitbringen, Mylord,“ erwiederte Laneham. „Unverſchaͤmter Burſche,“ rief Leiceſter. „Ey, Mylord,“ entgegnete der nimmer, oder vielmehr immer erroͤthende Bitter,„mein Geſuch iſt ganz in der Re⸗ gel. Ich habe ein Weib, ſo neugierig wie jene Stamm⸗ mutter, die einſt den Apfel ſpeiſ'te.— So mit mir nehmen mag ich ſie nun nicht, weil Ew. Majeſtaͤt ſtreng verboten haben, ihren Hof mit Weibern anzufuͤllen, zumal auf Rei⸗ ſen, und da wollt' ich nun Ew. Herrlichkeit bitten, auf Mittel zu denken, wie ich ſie vermummt, oder unter irgend einer Verkleidung, etwa wie zu den dort aufzufuͤhrenden Spielen gehoͤrend, mit mir nehmen koͤnnte, ohne daß es jemand erfuͤhre, daß es mein Weib ſey, und ich nicht in Strafe kaͤme.““ „Der Teufel hole euch Beide,“ rief Leiceſter voll hoͤch⸗ ſter Ungeduld; denn dieſe Rede erweckte eine ſchreckenvolle Erinnerung bei ihm,„was haͤlt'ſt Du mich auf mit ſolchen Narrheiten!“. Dem erſchrockenen Aufſeher der Thuͤr des Geheimen⸗ Nath⸗Saales, erſtaunt uͤber den Ausbruch von Heftigkeit, den er, ohne daran zu denken, hervorgerufen hatte, fiel ſein Amtsſtab aus der Hand, und er blickte auf den erzuͤrnten Kenilworth. 2r Bd.. FK§ —— — 82— Grafen mit einem albernen Ausdruck von Verwunderung und Schrecken, welcher augenblicklich dem Lord ſeine Faſſung wieder gab. 8 3 „Ich wollte Dich nur auf die Probe ſtellen,“ ſprach er ſchnell,“und ſehen, ob Du auch die zu deinem Dienſte er⸗ forderliche Kuͤhnheit beſaͤßeſt.— Komm nach Kenilworth, und bringe meinetwegen den Teufel mit, wenn Du willſt.“ „Mein Weib hat ſchon eher die Rolle des Satans ge⸗ ſpielt, Mylord!“ verſetzte Laneham,„fruͤher ſchon einmal zu den Zeiten der Koͤnigin Marig.— Aber es wird uns noch an manchem Nothwendigen fehlen.“ „Hier haſt Du ein Stuͤck Geld,“ ſagte Leieeſter,„und nun halte mich nicht laͤnger auf,— die große Glocke laͤutet ſchon.“ Robert Laneham ſtand noch einen Augenblick in Erſtau⸗ nen da, uͤber die Heftigkeit, deren Urſache er geweſen war; dann hob er langſam ſeinen Amtsſtab auf, und ſprach dabei zu ſich ſelbſt:„Der edle Graf war heute bei gar boͤſer Laune; wer nur Geld giebt, glaubt von unſer einem leicht Nachſicht fuͤr ſein auffahrendes Weſen verlangen zu koͤnnen. Aber bezahlten auch ſolche Herren nicht wenigſtens unſere Geduld, wir wuͤrden es ihnen ſchon zeigen.“ Leiceſter ging raſch weiter, jetzt die Hoͤflichkeitsbezeigun⸗ gen vernachlaͤſſigend, welche er bisher ſo freigebig geſpendet hatte, und eilte durch die Menge von Hofleuten, bis er ein kleines Nebenzimmer erreichte, welches er raſch betrat, um hier einen Augenblick unbemerkt und allein Athem zu ſchoͤpfen. „Wer bin ich nun,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ich, den die albernen Worte jenes alten erbaͤrmlichen Thoren mit Angſt erfuͤllen koͤnnen.— Gewiſſen, du biſt ein Ungeheuer, das eben ſo leicht mit furchtbarem Gebeul aus ſeinem Schlummer erwaͤcht, bei dem leiſen Geraͤuſch einer Maus, als bei dem Tritt eines Loͤwen.— Kann ich mich denn nicht ſelbſt, durch einen einzigen kuͤhnen Streich, aus dieſer ſchrek⸗ kenvollen entehrenden Lage reißen? Wie, wenn ich mich Eliſabeth zu Fuͤßen wuͤrfe, ihr alles geſtaͤnde, und ihre Gnade anflehete?“ Als er dieſem Gedanken nachhing, oͤffnete ſich die Thuͤr des Zimmers, und Varney trat herein. „Gott ſey Dank, Mylord!“ rief er aus,„daß ich Euch endlich gefunden!“ „Dem Teufel Dank, deſſen Agent Du biſt!“ war des Grafen Antwort. „Dankt, wem Ihr wollt, gnaͤd'ger Herr!“ entgegnete Varney,„aber macht nur, daß Ihr an's Ufer kommt, die Koͤnigin iſt ſchon am Bord und fragt nach Euch.“ „Geh, ſprich, mir ſey ploͤtzlich unwohl geworden,“ ant⸗ wortete Leiceſter;„denn, bei Gott, mein Gehirn kann die⸗ ſen Zuſtand nicht laͤnger ertragen.“ „Gern will ich Euren Befehl ausrichten,“ verſetzte Varney mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln.„Euer Platz und der mei⸗ nige, Eures Stallmeiſters, ſind ohnehin ſchon in der Barke der Koͤnigin ausgefuͤllt. Der neue Minjon, Walter Raleigh, und unſer alter Bekannte, Treſſilian, wurden grade geru⸗ fen, als ich forteilte, Euch aufzuſuchen.“ „ Du biſt ein Teufel, Varney!“ ſagte Leiceſter ſchnell,— aber fuͤr jetzt haſt Du die Herrſchaft— ich folge Dir.“ Varney erwiederte nichts, ſchritt aber voran, aus dem Pallaſt dem ufer zu, waͤhrend ihm ſein Herr gleichſam me⸗ chaniſch folgte; kurz darauf blickte er ſich um, und ſagte in einem Tone, der, wenn auch nicht grade von Uebergewicht, doch von Familiaritaͤt zeigte:„Was iſt das, Mylord, Euer 3 2. — 32— Mantel haͤngt nur auf einer Schulter— Eure Kleidung iſt in Unordnung— erlaubt mir“—— „Du biſt ein Narr und ein Schelm!“ ſprach der Graf⸗ ihn zuruͤckſtoßend und ſeine Dienſtleiſtung abwehrend;— nes iſt gut ſo; wenn wir eure Dienſte fuͤr unſere Perſon verlangen, iſt es ein anderes⸗ jetzt aber beduͤrfen wir Eurer nicht.“ So ſprechend, nahm Leieeſter ſeinen gebieteriſchen An⸗ ſtand wieder an, und mit dieſem kehrte auch ſeine Faſſung zuruͤck; ſchnell warf er ſeine Kleider in noch groͤßere Unord⸗ nung, trat dann voran mit der Wuͤrde eines Herrn und Gebieters, und ſchlug den Weg nach dem ufer ein. Die koͤnigliche Barke war eben im Begriff abzufahren, und der fuͤr Leiceſter beſtimmte Platz, ſo wie der ſeines Stall⸗ meiſters, bereis beſetzt. Durch des Grafen Annaͤherung aber entſtand eine Pauſe, als ob die Mannſchaft der Barke eine Abaͤnderung ihrer Befehle erwarte. Ein Anflug von Ver⸗ druß war auf dem Antlitze der Koͤnigin bemerkbar, ſo wie in dem kalten Tone, unter dem Vornehme ihre innere Be⸗ wegung oft dann zu verbergen ſuchen, wenn ſie der Mei⸗ nung ſind, daß es ihnen nicht wohl anſtaͤndig ſey, ſolche zu zeigen.„Wir haben gewartet, Mylord von Leiceſter!“ ſprach ſie.* „Gnaͤdigſte Frau und Gebieterin,“ entgegnete Leieeſter, „Ihr, deren Huld ſo manche Schwaͤchen verzeiht, welche Eurem eigenen Herzen fremd ſind, werdet euer Mitleid der Gemuͤthsbewegung nicht verſagen, die fuͤr einen Augenblick Geiſt und Koͤrper gewaltſam ergriff.— Ich ſtand vor Euch heute, ein angeklagter Unterthan, Euer Scharfblick drang⸗ einer Sonne gleich, durch die Nebelwolke der Verlaͤumdung, Eure Gnade ſchenkte mir meine Ehre, und, was noch mehr iſt, eure Huld wieder.— Iſt es wohl ein Wunder, wenn — 35— mein Stallmeiſter mich in einem Zuſtande fand, welcher mir kaum erlaubte, mich hierher zu begeben? oder kann es Erſtaunen erregen, wenn ein einziger, obgleich ungnaͤdiger Blick Ew. Majeſtaͤt eine ſo wohlthaͤtige Wirkung auf mich hatte, als ſelbſt Aefeulap nicht hervorzubringen im Stande geweſen waͤre?“ „Wie?“ fragte Eliſabeth ſchnell, ſich zu Varney wen⸗ dend,„war eurem Lord nicht wohl?“ „Ein Anfall von einer Ohnmacht,“ erwiederte Varney, dem es nie an Geiſtesgegenwart gebracht wie Ew. Majeſtaͤt aus dem Zuſtande meines Herrn noch jetzt abnehmen koͤn⸗ — nen. Mylord's Eile wollte mir ſelbſt nicht einmal geſtatten, ſeine Kleider in Ordnung zu bringen.“ „Das bedarf keiner Entſchuldigung,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie in das edle Geſicht und auf die herrliche Geſtalt Leieeſters blickte, dem ſelbſt die Miſchung von Leidenſchaften, welche ihn beſtuͤrmt hatten, noch mehr Intereſſe verlieh. „Man mache Platz fuͤr den edlen Lord!— der Eurige, Herr Varney, iſt bereits beſetzt, Ihr muͤßt Euch einen Sitz in einer andern Barke nehmen.“ Varney machte eine Verbeugung und zog ſich zuruͤck. „und Ihr auch, junger Herr Ritter vom Mantel,“ fuhr ſie fort, zu Raleigh gewandt,„muͤßt fuͤr heute Euren Platz in der Barke unſerer Hofdamen nehmen; Treſſilian hat ſchon zu ſehr durch die Laune eines Weibes gelitten, als daß ich durch die Abaͤnderung meines Plans, in ſo weit dieſe ihn betrifft, ſeinen Kummer vermehren ſollte.“ ceieeſter nahm darauf ſeinen Platz in der Barke, ganz in der Naͤhe der Koͤnigin, ein; Raleigh ſtand auf, um ſich zuruͤck zu ziehen, und Treſſilian, ungeuͤbt in Hofſitte, war eben im Begriff, ſeinen eigenen Platz dem Freunde anzubie⸗ 4 ten, als ihn ein bedeutungsvoller Blick Raleighs, welcher — 36— ſich jetzt ganz in ſeinem Elemente befand, daran erinnerte, daß eine ſolche Verſchmaͤhung koͤniglicher Gunſt ihm uͤbel ausgelegt werden koͤnne. Er behielt daher ſeinen Sitz, waͤh⸗ rend Naleigh mit einer tiefen Verbeugung und einem Blicke, aus dem das Gefuͤhl großer Kraͤnkung ſprach, den ſeinigen zu verlaſſen ſich anſchickte. Ein anderer Hofmann, der ga⸗ lante Lord Willoughby, glaubte in dieſem Augenblicke einen Ausdruck von Mitleid uͤber Raleigh's wirklichen oder ſchein⸗ baren Kummer im Geſicht der Koͤnigin zu leſen. „Es ſteht uns alten Hofleuten nicht an,“ ſprach er, „den juͤngern den Glanz der Sonne zu rauben. Ich will, mit Ew. Majeſtaͤt Erlaubniß, dem Gluͤck, worauf Eure Un⸗ terthanen mit Recht den hoͤchüen Werth legen, dem Gluͤck Eurer koͤniglichen Naͤhe, auf einige Stunden entſagen, und zu meiner eigenen Strafe unter den Sternen wandeln, weil ich mich auf einige Zeit Dianens Strahlen entziehe. Ich werde mich in das Boot zu den Hofdamen begeben, und dieſem jungen Cavalier die Stunde gehoffter Gluͤckſeligkeit vergoͤnnen.“ Die Koͤnigin antwortete mit einer Miſchung von Scheri und Ernſt:„Wenn Ihr ſo bereit ſeyd, unſere Gegenwart zu meiden, Mylord! ſo ſind wir nicht an Euren Leiden ſchuld.— Aber mit Gunſt, ſo alt und erfahren Ihr euch auch glauben moͤgt, vertrauen wir Euch doch nicht unſere jungen Ehrendamen an. Euer ehrwuͤrdiges Alter, Mylord!“ fuhr ſie laͤchelnd fort,„wird beſſer zu den Jahren unſers Großſchatzmeiſters paſſen, welcher im dritten Boote folgt, und aus deſſen Erfahrung ſelbſt noch die Eure, Lord Wil⸗ loughby, Vortheil ziehen kann.“ 3. Lord Willoughby verbarg ſein Mißvergnuͤgen unter einem Laͤcheln, ſchien verwirrt, machte eine tiefe Verbeugung⸗ und verließ die Barke, um ſich in das Boot des Lord Bur⸗ —ᷣᷣᷣᷣ— * leigh zu begeben. Der Graf von Leiceſter, welcher ſich be⸗ muͤhete, durch eine angeſtrengte Aufmerkſamkeit auf alles, was um ihn her vorging, ſeine Gedanken von ſich ſeibſt ab⸗ zuziehen, hatte auch dieſen Vorfall nicht außer Acht gelaſ⸗ ſen. Und als darauf die Barke vom Lande abſtieß,— eine harmoniereiche Muſik aus einem Boote zu ertoͤnen begann, welches ſie begleitete,— der Jubelruf des Volkes vom Ufer her gehoͤrt ward, und alles ihn ſo auf's neue an die Lage erinnerte, in welche er geſtellt war, zog er noch mehr, als vorher, mit gewaltiger Kraft ſeine Gedanken von jedem andern Gegenſtande, außer von der Nothwendigkeit ab, ſich in der Gunſt der Monarchin immer feſter und feſter zu ſtel⸗ len, und entfaltete ſein Talent, ſich angenehm zu machen, mit einer ſolchen Geſchicklichkeit, daß die Monarchin, bald von ſeiner Liebenswuͤrdigkeit entzuͤckt, bald uͤber ſeinen Ge⸗ ſundheitszuſtand beunruhigt, ihm endlich, mit lieblicher aber aͤngſtlicher Sorge, ein kurzes Schweigen auferlegte, meinend, der Strom ſeines Geiſtes moͤchte ſonſt zu ſehr ſeinen Koͤrper ermatten. „Mylord's,“ ſprach ſie,„da wir auf kurze Zeit ein Ediet des Schweigens, in Betreff unſers guten Grafen von Leiceſter, erlaſſen haben, wollen wir Euch uͤber einen ſcherz⸗ haften Gegenſtand zu Nathe ziehen, mehr geeignet unter Frohſinn und Muſik verhandelt zu werden, als in der Mitte unſerer gewoͤhnlichen ernſten Berathungen.— Wer von Euch, Mylord's, fragte ſie laͤchelnd, weiß etwas von der Bittſchrift Orſon Pinnits, des Aufſehers unſerer koͤniglichen Baͤren, wie er ſich ſelbſt zu nennen beliebt? Wer ſteht Ge⸗ vatter bei ſeinem Anliegen?“ „Ey, das thue ich, mit Ew. Gnaden Erlaubniß,“ ſagte der Graf von Suſſex;—„Orſon Pinnit war ein tuͤchtiger Soldat, bis er im Kampfe gegen den Irlaͤndiſchen Anfuͤhrer — — 36— Mae Dondugh zum Kruͤppel ward, und Ew. Majeſtaͤt, ich bin davon uͤberzeugt, werden, wie immer, auch jetzt, die gute Gebieterin ihrer guten treuen Diener ſeyn.“ 1 „Gewiß, dieß zu ſeyn, iſt unſere Abſicht,“ ſagte Eliſa⸗ beth,„und ganz vorzuͤglich fuͤr unſere armen Soldaten und Matroſen, welche ihr Leben fuͤr geringen Sold auf's Spiel ſetzen muͤſſen. Wir wollten,“ rief ſie aus, und ihre Augen leuchteten,„lieber unſern koͤniglichen Pallaſt druͤben zum Hospital fuͤr ſie hergeben, als daß ſie uns, ihre Herrin, undankbar nennen ſollten.— Aber davon iſt jetzt nicht die Rede,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Begeiſterung, in welche ſie ihr patriotiſches Gefuͤhl verſetzt hatte, wieder in den Ton froher leichter Unterhaltung lenkte,„das Anliegen dieſes DOrſon Pinnit geht etwas weiter. Er beklagt ſich naͤmlich, daß bei dem haͤufigen Beſuche der Schauſpielhaͤuſer, und vor⸗ zuͤglich bei dem großen Hinzudraͤngen der Menge zu den 3 Vorſtellungen William Shakespear's,(von dem wir alle, Mylords's, wohl ſchon etwas gehoͤrt haben,) das kraͤftige Vergnüͤgen der Baͤrenhetze ganz in Verfall geraͤth, weil die Menſchen vorziehen, die naͤrriſchen Schauſpieler ſich in Scherz toͤdten, als unſere koͤniglichen Hunde und Baͤren ſich im vollen Ernſte zerreißen zu ſehen.— Was ſagt Ihr dazu, Mylord von Suſſer?“ „Ey, gnaͤdigſte Frau,“ entgegnete Suſſer,„Ew. Maje⸗ ſtaͤt muͤſſen von einem alten Soldaten, wie ich einer bin, nicht viel zu Gunſten der ſcherzhaften Kaͤmpfe erwarten, ſo⸗ bald von einem Vergleich mit ernſthaften Kampfſpielen die Rede iſt, und doch bin ich, bei meiner Ehre, dem William Shakespeare recht geneigt. Er iſt ein ruͤſtiger Mann, geeig⸗ net die Streitkolbe und den Saͤbel zu fuͤhren, obgleich er, wie ich hoͤre, hinken ſoll, und er beſtand, wie man ſagt, ein hartes Gefecht mit den Leuten des alten Sir Thomas — 89— Lucy von Charlecot, als er in deſſen Thiergarten eingebro⸗ chen war, und die Dochter ſeines Aufſehers kuͤßte.“ „Mylord,“ unterbrach ihn Eliſabeth,„die Sache iſt vor unſerm Nathe geweſen, und wir wollen nicht, daß man das Vergehen des Schuldigen uͤbertreibe; ein Kuß iſt nicht vor⸗ gefallen, der Defenſor hat es in ſeiner Vertheidigung be⸗ ſtritten.— Aber was ſagt Ihr zu ſeinen jetzigen Darſtel⸗ lungen auf der Buͤhne, Mylord? davon iſt jetzt die Rede, und nicht von ſeinen fruͤheren Verirrungen und Thorheiten, von denen Ihr ſo eben ſpracht.“ „Wahrlich, gnaͤdigſte Frau,“ verſetzte Suſſer,„ich wuͤn⸗ ſche, wie ich ſchon vorher erwaͤhnte, dem naͤrriſchen Kerl nichts Boͤſes. Einige ſeiner Teufels⸗Poeſien(Ew. Majeſtaͤt wollen mir dieſen Ausdruck verzeihen) ſind mir durch Mark und Bein gedrungen.— Dann aber iſt das Uebrige Lappe⸗ rei und Thorheit— kein Ernſt und Gewicht darin.— Was ſind ein halbes Dutzend ſolcher Geſellen, mit roſtigen Ra⸗ pieren und leichten Schilden, mit ernſtem Gefechte bloß ihren Spott treibend, im Vergleich mit der koͤniglichen Luſt einer Baͤrenhetze, welche durch die Gegenwart Ew. Majeſtaͤt und die Ihrer glorreichen Vorfahren ſo oft verherrlicht wurde, hier in dieſem Reiche, beruͤhmt in der ganzen Chriſtenheit wegen ſeiner derben Bullenbeißer und kuͤhnen Baͤhrenfuͤhrer. Sehr iſt zu befuͤrchten, daß die Race beider in Verfall gera⸗ then wird, wenn die Menſchen ſich mehr darnach draͤngen, die Lunge eines Schauſpielers ſinnloſen Bombaſt herausſtoßen zu hoͤren, ſtatt ihre Pfenninge daran zu wenden, das treß⸗ lichſte Bild vom Kriege mit anzuſchauen, welches man nur im Frieden aufzuſtellen im Stande iſt. Da liegt der Baͤr auf der Lauer, mit ſeinem rothen blinzelnden Auge, den Angriff des Hundes erwartend, wie ein liſtiger Krieger, mit ſeiner Vertheidigung harrend, bis ein Anfall innerhalb ſei⸗ nem Bereiche erfolgt. Dann ſtuͤrzt ſich der Bullenbeißer wie ein muthiger Kaͤmpe im raſchen Zuge auf ſeinen Gegner— empfaͤngt aber von dem Braunen die Lehre, welche denen gebuͤhrt, die in ihrem Uebermuthe die Kriegsliſt bei Seite ſetzen, und wird von dieſem umarmt und an die Bruſt ge⸗ druͤckt, bis alle Rippen in ſeinem Leibe knacken wie Piſto⸗ lenſchuͤſſe. Nun aber erſcheint ein anderer Hund, eben ſo kuͤhn, aber vorſichtiger, packt den Braunen bei der Unter⸗ lefze, und haͤngt ſich feſt daran, waͤhrend ſich, ſchaͤumend und blutig, ſein Gegner vergebens bemuͤht, ihn abzuſchuͤtteln. und dann endlich“—— „Wahrlich, Mylord,“ unterbrach ihn die Koͤnigin laͤ⸗ chelnd,„Ihr habt uns da das Ganze ſo trefflich geſchildert, daß, wenn wir auch ſelbſt nie einer Baͤhrenhetze mit beige⸗ wohnt haͤtten, wie es denn doch ſchon oft geſchehen, und mit Gottes Kuͤlfe noch oͤfterer geſchehen wird, Eure Worte hinreichend ſeyn wuͤrden, uns das ganze Schauſpiel vor Au⸗ gen zu fuͤhren.— Weſſen Meinung aber werden wir jetzt vernehmen? Mylord von Leiceſter, was ſagt Ihr dazu?“ „Darf ich mich jetzt als meines Mundkorbs entledigt betrachten, gnaͤdigſte Frau?“ fragte Leiceſter. „Allerdings, Mylord,“ entgegnete Eliſabeth,„wenn Ihr euch kraͤftig genug fuͤhlt, Theil an unſerer Unterredung zu nehmen; wenn ich aber an Euer Wappen denke, mit dem Baͤren und dem Knotenſtabe, faͤllt mir ein, daß ich wohl beſſer gethan haͤtte, einen weniger partheiiſchen Redner aufzufordern.“ „Nein, auf mein Wort, gnaͤdigſte Frau,“ erwiederte Leiceſter,„obgleich mein Bruder Ambroſe von Warwick und zu erwaͤhnen geruhen, wuͤnſche ich doch ehrlich Spiel von allen Seiten, und mag es, wenn jeder ſicht, wie bei der jch ein ſolches Wappen fuͤhren, wie Ew. Mgjeſtoͤt ſo eben 4 — 91— Hetze Baͤr und Hund.— Was nun die Schauſpieler be⸗ trifft, ſo muß ich geſtehen, daß es witzige Geſellen ſind, de⸗ ren Geſchwaͤtz und Gebehrden das Volk abhalten, ſich mit Staatsangelegenheiten zu beſchaͤftigen, verraͤtheriſchen Reden das Ohr zu leihen, und eitlem Geruͤcht und boͤſem Rath zu horchen. Wenn die Menge die Darſtellungen Marlows, Shakespears und anderer Schauſpielkuͤnſtler angafft, wird der Geiſt der Zuſchauer von dem Betragen ihrer Regenten abgezogen.“ „Wir moͤchten aber nicht, Mylord, daß der Geiſt unſe⸗ rer Unterthanen von unſerm Benehmen abgezogen wuͤrde,“ entgegnete Eliſabeth,„denn je genauer es unterſucht wird, je klarer werden die Gruͤnde, welche unſer Betragen leiten, hervorgehen.“ „Ich habe uͤberdem vernommen, gnuͤdigſte Frau,“ ſagte der Dechant von St. Aſaphs, ein eifriger Puritaner,„daß dieſe Schauſpieler in ihren Darſtellungen nicht allein profane und unſittliche Ausdruͤcke gebrauchen, geeignet den Sinn zu verderben und die Ausſchweifung zu befoͤrdern, ſondern daß ſie auch Reflexionen uͤber Regierungen, uͤber deren Urſprung und Zweck verbreiten, welche Unzufriedenheit bei den Unter⸗ thanen erregen, und die Grundſaͤulen der buͤrgerlichen Ge⸗ ſellſchaft erſchuͤttern. Es ſcheint alſo, mit Ew. Majeſtaͤt Erlaubniß, gar nicht heilſam, dieſen leichtfertigen, vorwitzi⸗ gen Geſellen ferner zu erlauben, die Gottgefaͤlligen wegen ihres anſtaͤndigen Ernſtes laͤcherlich zu machen, und indem ſie den Himmel blaſphemiren, und ſeine irdiſchen Diener verunglimpfen, goͤttliche und menſchliche Geſetze zu gleicher Zeit zu uͤbertreten.“ „Koͤnnten wir glauben, Mylord, dem ſey alſo,“ ent⸗ gegnete Eliſabeth,„wir wuͤrden unyerzuͤglich fuͤr ſolche Ver⸗ gehen die ſchaͤrfſte Zuͤchtigung beſtimmen. Aber es iſt unge⸗ recht, gegen den Gebrauch einer Sache zu eifern, weil Miß⸗ vrauch damit getrieben werden kann; was dieſen Shakespear betrifft, ſo ſind wir der Meinung, daß ſeine Stuͤcke Sachen enthalten, welche mehr werth ſind, als zwanzig Baͤrenhetzen, und daß das neue Unternehmen ſeiner Chroniken, wie er ſie nennt, durch anſtaͤndigen Scherz und nuͤtzliche Belehrung nicht nur unſern Unterthanen, ſondern ſelbſt den Genera⸗ tionen, welche uns nachfolgen werden, Unterhaltung gewaͤh⸗ ren koͤnnen.“ e „Ew. Majeſtaͤt Regierung wird keiner ſolchen ſchwachen Huͤlfsmittel beduͤrfen, um ſelbſt der ſpaͤteſten Nachwelt un⸗ vergeßlich zu bleiben„u ſagte Leiceſter.„Aber Shakespeare hat doch einige Umſtaͤnde aus Ew. Majeſtaͤt glorreichen Herr⸗ ſchaft auf ſeine dichteriſche Weiſe beruͤhrt, ſo, daß dadurch dasjenige wohl aufgewogen werden kann, was Seine Hoch⸗ wuͤrden, der Dechant von St. Aſaphs, anfuͤhrte. Da ſind z. B. einige Zeilen, ich wollte mein Neffe, Philipy Sidney, waͤre hier, der fuͤhrt ſie faſt immer im Munde,— ſie ſind in einer tollen Erzaͤhlung von Zauberei, Liebes⸗Reiz, und Gott weiß, wovon noch ſonſt, enthalten; ſchoͤn aber ſind ſie, obgleich ſie in Ruͤckſicht auf den Gegenſtand, auf den ſie kuͤhn bezogen ſind, mangelhaft erſcheinen moͤgen und muͤſ⸗ ſen,— Philipp ſpricht ſie, wie ich glaube, ſelbſt in ſeinen Traͤumen her.“ „Ihr ſchafft uns Tantalus Qualen, Mylord,“ ſagte die Koͤnigin.—„Herr Philipp Sidney iſt, wie wir wiſſen, ein Schooßkind der Muſen, wir freuen uns daruͤber. Tapfer⸗ keit erſcheint nie herrlicher, als wenn ſie ſich mit der Liebe zu den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten verbunden zeigt. Aber oohne Zweifel giebt es noch unter unſeren jungen Hoͤflin⸗ gen mehrere, welche ſich der Verſe erinnern, die Euch, My⸗ lord, ernſtere Geſchaͤfte vergeſſen machten.— Herr Treſſi⸗ —— — 95— lian, Ihr ſeyd mir als ein Juͤnger Minervens geſchildert, fallen Euch dieſe Zeilen nicht bei?“ Treſſilians Herz war zu ſchwer belaſtet, ſeine Ausſichten in das Leben allzugrauſam vernichtet, als daß er die Gele⸗ genheit, welche ſich ihm darbot, die Aufmerkſamkeit der Koͤ⸗ nigin auf ſich zu ziehen, haͤtte benutzen ſollen; aber er be⸗ ſchloß, dieſen Vortheil ſeinem ehrgeizigeren Freunde zuzu⸗ wenden, und indem er ſich mit ſeinem Mangel an Gedaͤcht⸗ niß entſchuldigte, fuͤgte er hinzu: wie er glaube, jene ſchoͤ⸗ nen Verfe, deren der Graf von Leiceſter erwaͤhnte, befaͤnden ſich in Raleigh's Erinnerung. Auf Befehl der Monarchin rezitirte nun dieſer Cavalier mit Ausdruck und Innigkeit, welche noch die Schoͤnheit des Gedichtes erhoͤheten, jene be⸗ ruͤhmte Viſion Oberon's: „Da ſah' ich deutlich,(doch du ſah'ſt es nicht) Hoch ſchwebend zwiſchen Luna und der Erde Cupido lauſchend;— fern im Abend thronend War eine hehre Veſta jetzt ſein Ziel. Schnell flog der Liebespfeil von ſeinem Bogen, Als woll' er ſcharf durch tauſend Herzen dringen. Doch ſiehe, Amors feuriges Geſchoß Verloſch in Luna's ſilbergleichen Strahlen, Und ungetroffen ſchritt die Hohe weiter, Jungfraͤulich ſtol; mit leichtem, freiem Sinn.“ In Raleigh's Stimme war beim Schluß dieſer Verſe ein ſchwaches Zittern bemerkbar, ſo, als ob er ungewiß ſey, wie die Monarchin, der dieſe Huldigung geweiht war, ſie auf⸗ nehmen würde. Erkuͤnſtelte er dieſe Furcht, handelte er ga⸗ lant und klug; beſtand ſie aber wirklich, war ſie hier durch⸗ aus unnoͤthig. Ohne Zweifel waren dieſe Verſe der Koͤnigin nicht neuz denn wann waͤre wohl je eine ſolche Schmeichelei dem Ohre einer Fuͤrſtin verborgen geblieben, an welche ſie —=——VV’:::— q-çoʒs-qqqcqqccea. — 94⁴— gerichtet war; aber ſie waren darum jetzt nicht weniger willkommen, vorgetragen von Raleigh. Gleich entzuͤckt von der Sache ſelbſt, wie von der Art und Weiſe, in welcher der edle junge Sprecher, mit feurig belebten Geſichtszuͤgen, das Gedicht rezitirte, begleitete Eliſabeth alle Taete mit ihren Fingern und Blicken. Als der Redner geendet hatte, wiederholte ſie leiſe die letzten Zeilen, und bei dem Schluſſe: Jungfraͤulich ſtolz, mit leichtem, freien Sinn, warf ſie die Bittſchrift Orſon Pinnit's, Aufſehers der koͤniglichen Baͤren, in die Themſe, damit ſie ſich zu Scheernes, oder wo ſie ſonſt die Fluth hinſpuͤlen wuͤrde, eine freundlichere Aufnahme ſuchen moͤge⸗ Leiceſter ward durch den gluͤcklichen Erfolg des jungen Hoͤflings angeſpornt, gleich wie ſich ein alter Renner erhebt, wenn ein raſches Fullen uͤber ſeinen Weg ſprengt. Er lenkte die Unterhaltung auf geſellige Vergnügungen, Banquets, ſchauliche Darſtellungen und dergleichen, und auf den Cha⸗ rakter derer, die ſolche Feſte liebten. Seine ſcharfſinnigen Bemerkungen vermiſchte er mit leichter Satyre, wobei er wohl Acht hatte, ſich auf dem Mittelwege zwiſchen boshafter Verlaͤumdung und albernem Lobe zu halten. Er ahmte aufs taͤuſchendſte die Manieren der Vornehmen, wie der Geringſten im Volke nach, wodurch die ihm eigenthuͤmliche Liebenswürdigkeit um ſo glaͤnzender hervorleuchtete, wenn er zu ſeiner eigenen Perſoͤnlichkeit zuruͤckkehrte. Fremde Laͤn⸗ der— ihre Gebraͤuche und Sitten,— die Geſetze ihrer Hoͤfe,— ihre Moden, ja ſelbſt die Kleidung ihrer Frauen, gehoͤrten gleichfalls zu ſeinem Thema; und ſelten nur ſchloß er ſeine Rede uͤber einen Gegenſtand, ohne irgend eine Schmeichelei fuͤr die jungfraͤuliche Koͤnigin, ihre Regierung und ihren Hof, mit Anſtand und Beſcheidenheit hinzuzufuͤgen. Solchergeſtalt war die Unterhaltung auf dieſer Luſtfahrt, wo ſich jedermann bemuͤhete, in abwechſelnden Geſpraͤchen, gemiſcht mit Bemerkungen uͤber elaſſiſche Autoren und mo⸗ derne Schriftſteller, der Monarchin auf angenehme Weiſe die Zeit zu vertreiben; waͤhrend die Staatsmaͤnner und wei⸗ ſen Raͤthe, welche einen Theil des koͤniglichen Gefolges aus⸗ machten, mit ihren verſtaͤndigen Bemerkungen uͤber Politik und Moral der leichten Unterhaltung eines weiblichen Hofes Gewicht verliehen. Als man nach dem Pallaſt zuruͤckkehrte, nahm Eliſabeth Leiceſters Arm an, oder waͤhlte ihn vielmehr, um ſie von dem Ufer, wo ſie gelandet war, an das Palaſtthor zu fuͤh⸗ ren; ja es ſchien ihm,(welches vielleicht aber auch nur ein Spiel ſeiner ſchmeichelnden Einbildungskraft war,) als ob ſie waͤhrend dieſes kurzen Weges ſich mehr auf ihn geſtuͤtzt haͤtte, als die Schluͤpfrigkeit des Bodens erforderlich machte. Gewiß war es indeß, daß ihre Handlungen und Worte ſich vereinten, eine Gunſt auszudruͤcken, wie ihm ſolche bisher noch nie zu Theil geworden war. Zwar ward ſein Neben⸗ buhler ebenfalls mit der Aufmerkſamkeit der Koͤnigin beehrt, allein das ſchien weniger aus freiwilliger Zuneigung, als aus einer Anerkennung ſeiner Verdienſte, hervorzugehen. und in der Meiaung der erfahrnen Hoͤflinge ward alle Gunſt, welche ſie dieſem ſpendete, durch die wenigen Worte uͤber⸗ wogen, welche ſie der Lady Derby zufluͤſterte: Daß ſie nehm⸗ lich jetzt erfahre, wie Krankheit ein gar trefflicher Alchymiſt ſey, ſie habe Mylord von Suſſex Kupfernaſe in eine Gold⸗ naſe umgewandelt. Der Scherz war voruͤber, und der Graf von Leiceſter genoß ſeines Triumphes, wie Jemand, der Hofgunſt als das erſte und letzte. Motiv des Lebens betrachtet; denn in dem Rauſche des Augenblicks war die Erinnerung an ſeine eigene ſchreckenvolle Lage untergegangen. So ſeltſam es auch er⸗ — ————:,—Q—ℳ—:—:—:·—————.———. ꝛ—— —-— — ſcheinen mag, er dachte in dieſem Moment weniger uͤber die Folgen ſeiner geheimen Vermaͤhlung, als üͤber die Be⸗ weiſe von Gunſt, nach, welche Eliſabeth von Zeit zu Zeit dem jungen Raleigh ſpendete. Zwar waren dieſe nur vor⸗ übergehend, aber ſie wurden an einen Gegenſtand gerichtet, vollendek an Geiſt und Koͤrper, bewaͤhrt im Fache der Ga⸗ lanterie, der Wiſſenſchaften und der Tapferkeit. Ein Zufall fand im Laufe dieſes Abends Statt, welcher Leiceſters A f⸗ merkſamkeit auf dieſen Juͤngling neuerdings rege machte. Die Edeln und Hofleute, welche die Koͤnigin auf in Luſtfahrt begleitet hatten, wurden mit koͤniglicher Gaſtfrethel zu einem glaͤnzenden Banguet in die Halle des Palaſtos 36 laden; die Tafel ſelbſt ward nicht durch die Gegenwart der Koͤnigin verherrlicht, weil, nach ihren Begriffen von An⸗ 4 ſtaͤndigkeit und Wuͤrde, die jungfraͤuliche Koͤnigin bei ſolchen Gelegenheiten, allein, oder in Geſellſchaft einiger ihrer Lieb⸗ lingsdamen, ihr leichtes maͤßiges Mahl einzunehmen ge⸗ wohnt war. Nach einem kurzen Zwiſchenraume begab ſich der Hof wieder in die glaͤnzenden Gaͤrten des Palaſtes, wo die Koͤnigin ſich ploͤtziich an eine Hofdame,(im Raume wie in ihrer Gunſt ihr die naͤchſte,) mit der Frage wandte, was denn aus dem jungen Mantelritter geworden ſey? Lady Paget erwiederte: daß ſie noch vor wenigen Augen⸗ blicken Herrn Raleigh geſehen, wie er an dem Fenſter eines nach der Themſe hinausgehenden Pavillon geſtanden, und mit einem Diamantringe auf das Glas geſchrieben habe. „Dieſer Ring, ſprach die Koͤnigin, war ein Geſchenk von mir, zum Erſatz fuͤr den verdorbenen Mantel. Kommt Paget, laßt uns ſehen, welchen Gebrauch er davon machte; ſchon durchſchaue ich ihn, es iſt ein ſcharfer, witziger Kopf.“ Sie ſchritten nach dem Pavillon, in deſſen Naͤhe der Juͤngling noch auf der Lauer ſtand, dem Vogelſteller gleich, welcher — 97— welcher ſein Netz ausſpannt. Die Koͤnigin nahete ſich der Scheibe, in welche Raleigh mit dem von ihr empfangenen Diamantringe folgende Worte eingeſchrieben hatte:— „! drohte nicht der Fall, gern klimmt ich auf!“ Die Königin laͤchelte, und las den Vers zweimal, ein⸗ mal laut, gegen Lady Paget gewandt, das andre mal leiſe fuͤr ſich.„Es iſt ein huͤdſcher Anfang,“ ſprach ſie nach kur⸗ zem Rachdenken;„aber es kommt mir vor, als ob die Muſe den jungen Mann ſchon beim Beginnen ſeiner dichteriſchen Arbeit verlaſſen haͤtte. Es wuͤrde gutmuͤthig ſeyn,— waͤr's nicht ſo, Lady Paget?— das Diſtichon fuͤr ihn zu vollenden. Verſucht doch einmal euer poetiſches Talent.“ Lady Paget, proſaiſch von der Sohle bis zur Scheitel⸗ wie je eine Hofdame vor und nach jener Zeit, lehnte jede Moͤglichkeit von ſich ab, dem jungen Dichter nachzuhelfen.⸗ „Nun, ſo muͤſſen wir wohl ſelbſt den Muſen ein Opfer bringen!“ ſagte Eliſabeth. „Keine Vermittelung kann erfreulicher ſeyn,“ bemerkte Lady Paget.—„Große Verbindlichkeit werden Ew. Majeſtaͤt den Damen vom Parnaß“—— „Still, ſtill!“ rief die Koͤnigin,„Ihr begeht Hochver⸗ rath gegen die heiligen neun Schweſtern,— ſelbſt aber Jungfrauen, ſollten ſie ſich einer jungfraͤulichen Koͤnigin geneigt zeigen,— laßt einmal ſehen, wie war der Vers?“— „O! drohte nicht der Fall, gern klimmt' ich auf!“ „Wie, könnte da nicht, in Ermangelung einer beſſeren, ſo die Antwort lauten: Fehlt's Dir an Muth, ſo unterlaß den Lauf!“ Die Ehrendame brach in einen Strom von Bewunde⸗ rung und Entzuͤcken aus, und in der That hat auch ſchon mancher ſchlechtere Vers Beifall gefunden, ſelbſt wenn er von einem minder bedeutenden Verfaſſer war. Kenilworth. 2r Bd.* G — 9⁸— So ermuthigt zog die Koͤnigin einen Diamantring vom Finger, und ſagte:„Wir wollen den jungen Cavalier einige Urſache zum Erſtaunen geben; wenn er wiederkehrt, ſoll er ſein Werk ohne ſein Zuthun beendigt finden.“ Darauf ſchrieb ſie ihre eigene Zeile unter die des Juͤnglings. Die Koͤnigin entfernte ſich von dem Pavillon, aber nur mit langſamen Schritten, und da ſie oftmals zuruͤckblickte, bemerkte ſie, wie Raleigh mit Fluͤgelſchnelle aus dem Ge⸗ buͤſche hervor nach der Stelle eilte, wo ſie geweilt hatte⸗ Sie ſtand einen Augenblick ſtill, dann lachte ſie mit Lady Paget uͤber dieſen Vorfall, und kehrte langſam in den Pa⸗ laſt zuruͤck. Unterwegs gebot Eliſabeth ihrer Begleiterin, gegen niemand der Huͤlfe zu erwaͤhnen, welche ſie dem jun⸗ gen Dichter geleiſtet hatte, ein Befehl, welcher von der Lady Paget mit einer Verſicherung groͤßter Verſchwiegenheit beantwortet wurde. Es iſt indeß zu vermuthen, daß ſie ſich bei ſich ſelbſt eine Ausnahme zu Gunſten Leiceſters zu ma⸗ chen gelobte; denn ſie berichtete dieſem ohne Verzug jenen Vorfall, der nichts weniger als geeignet war, ihm Freude zu machen.. Raleigh ſtand indeß noch immer vor der Scheibe, las mit einem an Trunkenheit graͤnzenden Entzuͤcken die Auf⸗ munterung der Koͤnigin, ſeine ehrgeizige Laufbahn fortzu⸗ ſetzen, und kehrte dann zu Suſſer und ſeinem Gefolge, wel⸗ che ſich eben anſchickten, um auf der Themſe heimzukehren, mit klopfendem Herzen, und mit den ſtolzeſten Hoffnungen zuruͤck. 1 Die Achtung, welche man dem Grafen ſchuldig war, verhinderte jede Bemerkung über den Empfang, welcher ihm heute bei Hofe geworden war, bis man in Say's Court an⸗ langte, und ſich das Gefolge in der großen Halle verſammelt hatte, waͤhrend ſich der Graf von Suſſer, noch ſchwach von ——ʒõʒõ— ſeiner letzten Krankheit, und erſchoͤpft von den Anſtrengun⸗ gen des heutigen Tages, in ſein Zimmer zuruͤckgezogen hatte, den Beiſtand Wayland's, ſeines Arztes, verlangend. Dieſer aber war nirgends zu finden, und waͤhrend einige der Ge⸗ ſellſchaft mit militairiſcher Ungeduld ihn aufzuſuchen bemuͤht waren, und dabei derb auf ihn fluchten, umſchwaͤrmten die Uebrigen Raleigh, ihm zu ſeinen Ausſichten auf Hofgunſt Gluͤck wuͤnſchend.* Er beſaß Beſcheidenheit und Urtheilskraft genug, den Vorfall mit dem Verſe, auf den einen Reim zu finden Eli⸗ ſabeth ſich ſelbſt herabgelaſſen hatte, zu verſchweigen; viele andere Umſtaͤnde aber bezeugten ſeine Fortſchritte in der Gunſt der Koͤnigin. Alle beeilten ſich daher, ihm Gluͤck zu wuͤnſchen zu den Ausſichten, welche ſich ihm eroͤffnet hatten; Einige aus wirklicher Theilnahme, andere vielleicht in der Hoffnung, ſich auf ſeinen Fluͤgeln mit zur Sonne zu erhe⸗ ben; die Meiſten aber, weil ſie das koͤnigliche Laͤcheln, wel⸗ ches einem von ihnen geſpendet ward, als einen Triumh fuͤr Suſſer ganze Dienerſchaft anſahen. Raleigh erwiederte ihre Gluͤckwuͤnſche mit Herzlichkeit, indem er mit Beſchei⸗ denheit bemerkte, daß eine guͤnſtige Aufnahme eben ſo we⸗ nig einen Guͤnſtling, als eine Schwalbe einen Sommer mache. Als er aber bemerkte, daß Blount nicht in den all⸗ gemeinen Jubel mit einſtimmte, that ihm dieſe Unfreund⸗ lichkeit gewiſſermaßen wehe, und er fragte ihn daher grade⸗ zu um die Urſache. Blount erwiederte mit gleicher Offenherzigkeit:„Ich meinerſeits wuͤnſche Dir, mein guter Walter, eben ſo viel Gu⸗ tes, als alle jene ſchwatzhaften Geſellen dort, welche Dir ihre Gluͤckwuͤnſche ins Ohr fluͤſtern und ſchreien, weil die Sonne Dir zu leuchten ſcheint. Aber ich fuͤrchte fuͤr Dich,(hier rrocknete er ſein ehrliches Auge) ich fuͤrchte fuͤr Dich von G 2 ——— ·———ʒ—ꝛ:—— —. — — 100— zanzem Herlen. Oleſe Hofintriguen, Luftſpräͤnge und Irr⸗ lichter weiblicher Gunſt, ſind die Teufelskuͤnſte, durch wel⸗ che ſich großes Vermoͤgen in Pfenninge verwandeln, und durch welche huͤbſche Geſichter und witzige Koͤpfe zu einer Be⸗ kanntſchaft mit dem Block und dem Henkersbeil gefuͤhrt werden.““ So ſprechend, ſtand Blount auf, und verließ die Halle, waͤhrend Raleigh ihn mit einem Ernſte nachblickte, welcher auf einen Augenblick ſeine kübnan⸗ lebhaften Geſichtszuͤge umwöoͤlkte. Stanley krat in dieſem Moment herein, und ſprach iu Treſſilian:„Mylord fragt nach eurem Begleiter Wayland⸗ und dieſer, der ſo eben in einem kleinen Kahn angelangt, verlangt nach Euch, auch will er nicht iu Mylord gehen⸗ bevor er Euch geſprochen. Der Burſche ſieht aus, wie ver⸗ wirrt, ich meine, Ihr wuͤrdet wohl thun, gleich nach ihm zu ſehen.“ Treſſilian verließ augenblicklich die Halle, gebot Lichter in ein Nebenzimmer zu bringen, und fuͤhrte, als dieß ge⸗ ſchehen war, den Kuͤnſtler hinein, wo er uber die Gemuͤths⸗ bewegung, die aus deſſen Geſicht ſprach, nicht wenig in Er⸗ ſtaunen gerieth. „Was iſt Dir, Wayland?“ fragte Treſſilianz„haſt Du etwa den Teufel geſehen?“ „Etwas Schlimmeres, Herr,“ erwiederke Wayland, „etwas weit Schlimmeres, ich habe einen Baſilisken geſehen⸗ — Gott ſey Dank, daß ich ihn zuerſt erblickte, denn von mir geſehen, ohne daß er mich ſah, wird er weniger Boͤſes thun koͤnnen.“ „So ſprich doch vernuͤnftig, Wayland, damit man Dich verſtehen kann,“ rief Treſſilian,„und lage, was d meinſt.“ — 101— „Meinen alten Herrn habe ich gefehen,“ entgegneke der Kuͤnſtler.—„Geſtern Abend ging ich mit einem Freunde, mit dem ich hier bekannt geworden, um eine Palaſt⸗Uhr zu ſehen, weil er mich neugierig auf ſolche Kunſtwerke glaubte. Aln dem Fenſter eines kleinen Thuͤrmchens unfern der Uhr fah' ich meinen alten Meiſter.“ „Du haſt dich gewiß geirrt, Wayland,“ verſetzte Treſſi⸗ lian.. „Keinesweges, Herr!“ erwiederke Wayland:„wer den einmal in der Naͤbe geſehen, wuͤrde ihn unter Millionen wieder erkennen. Er war auf altvaͤteriſche Weiſe gekleidet; aber vor mir kann er ſich nicht verbergen; Gott ſey Dank, daß ich es vor ihm zu thun im Stande bin. Dennoch will ich die Vorſehung nicht verſuchen, indem ich unter ſeinen Augen bleibe. Tarleton der Schauſpieler ſelbſt koͤnnte ſich nicht ſo ſehr verkleiden, als daß ihn Doboobie nicht heraus⸗ finden ſollte. Ich muß fort, morgen; denn, wie wir Beide zufammen ſtehen, wuͤrde es mir den Tod bringen, wenn n i in ſeinem Bereich verweilte.“ „Aber der Graf von Suſſex?“ ſagte Treſſilian. „Er iſt durch meine Arzeney außer Gefahr,“ verſetzke Wayland,„zumal, wenn er fortfaͤhrt, alle Morgen beim Er⸗ wachen ſo viel, wie eine Bohne groß, von dem Gegengift zu genießen.— Doch laßt ihn ſich nur vor einem neuen Anfalle bewahren.“ „Und wie kann man ihn davor ſchuͤtzen?“ fragte Treſ⸗ ſilian. „ Nur durch Une Vorſicht, wie man ſie gegen den Teu⸗ fel anwenden wuͤrde,“ entgegnete Wayland.„Laßt das Ge⸗ fuͤgel fuͤr Mylords Tiſch von ſeinem Mundkoche eigenhaͤndig töͤdten, alle Speifen durch dieſen ſelbſt zubereiten, und keine andere Zuthat dazu nehmen, als ſolche, dis aus den ſicherſten — 102— Haͤnden kommt.— Laßt den Vorſchneider die Gerichte ſelbſt auftragen, und Mylord's Haushofmeiſter Acht haben, das Beide, ſowohl Koch als Vorſchneider, die Schuͤſſeln koſten, welche der eine bereitet, und der andere auftraͤgt.— Laßt Mylord kein anderes wohlriechendes Waſſer gebrauchen, als was er von ganz zuverlaͤſſigen Perſonen erhalten hat; keinen Balſam, keine Pomade. Laßt ihn unter keinem Vorwande mit Fremden trinken, oder Fruͤchte mit ihnen eſſen, weder Mittags, noch zu irgend einer andern Zeit. Beſonders aber laßt ihn dieſe Vorſichtsmaßregeln beobachten, wenn er nach Kenilworth geht. Mit ſeiner Krankheit und einer ihm vor⸗ geſchriebenen Diaͤt wird er ſolche Lebensweiſe genuͤgend ent⸗ ſchuldigen koͤnnen.“ „Und Du,“ fragte Treſſilian,„was denkſt Du mit dir ſelbſt zu beginnen?“ „Frankreich, Spanien, Oſt⸗ oder Weſt⸗Indien,“ ent⸗ gegnete Wayland,„ſollen meine Zuflucht ſeyn, eh⸗ ich mein Leben aufs Spiel ſetze, in der Naͤhe dieſes Doboobie, De⸗ metrius, oder wie er ſich ſonſt jetzt nennen mag.“ „Gut,“ ſagte Treſſilian,„das trifft ſich nicht unge⸗ legen,— ich habe ein Geſchaͤft fuͤr Dich in Berkſhire, aber der Graͤnze entgegengeſotzt, wo Du bekannt biſt; und bevor Dir dieſer neue Grund, Dich zu verbergen, geworden, hatte ich die Abſicht, Dich dorthin mit einem geheimen Auftrage zu ſenden.“ Der Kuͤnſtler erklaͤrte ſich willig, ſeine Befehle auszu⸗ richten, und Treſſilian, welcher wußte, daß jenem ſein Ge⸗ ſchaͤtt bei Hofe doch bereits, wenigſtens dem Umriſſe nach, bekannt war, theilte ihm nun offenherzig die ganze Sache mit, wobei er der zwiſchen ihm und Giles Gosling beſtehen⸗ den übereinkunft erwaͤhnte, und die heute im Audienzſaale von Leiceſter beſtaͤtigte Ausſage Varney's erzaͤhlte. — — 105— „Du ſiehſt,“ fuͤgte er hinzu,„daß es unter dieſen Um⸗ ſtaͤnden noͤthig iſt, ſowohl ein wachſames Auge auf die Handlungen Varney's und ſeiner ſchaͤndlichen Genoſſen, Foſter und Lambourne, als auf das Benehmen des Grafen von Leiceſter ſelbſt zu halten, welcher, wie ich argwohne, in dieſer Sache Mitbuͤrger, und nicht der Betrogene iſt. Hier, nimm dieſen Ring; fuͤr Giles Gosling ein guͤltiger Beweis, daß ich Dich ſandte,— auch iſt hier Gold, welches verdreifacht werden ſoll, dienſt Du mir treu. Fort alſo nach Cumnor, und ſchaue Dich um, was ſich dort begiebt.“ „Ich mache mich mit doppeltem guten Willen auf den Weg,“ ſagte der Kuͤnſtler,„einmal, weil ich Euch, Herr! dienen kann, Euch, der Ihr mir ſo viel Guͤte erwieſen habt, und dann, weil ich ſo meinem alten Meiſter entwiſche, der, wenn er nicht wirklich der Satan ſelbſt iſt, doch wenigſtens ſo viel Teufliſches in Wille, Wort und That unter ſeinem Menſchenfleiſche hat, als je mit demſelben vermiſcht wor⸗ den.— Aber er ſoll ſich nur vor mir in Acht nehmen;— ich entfliehe ihm zwar jetzt, wie vormals; aber werde ich, wie eine wilde Katze, durch zu oft wiederholte Verfolgungen gereizt, koͤnnte ich leicht mich umdrehen, um ihn meine Wuth und meinen Haß fuͤhlen zu laſſen.— Wollt Ihr nur dden Befehl ertheilen, daß mein Klepper geſattelt werde?— Ich will Mylord nur noch einmal Arzenei reichen, ſie in die gehoͤrigen Portionen theilen und einige Anweiſungen bei⸗ fuͤgen. Sein Wohl wird dann von der Sorge ſeiner Freunde und Diener abhaͤngen.— Von dem Geſchehenen iſt er ge⸗ rettet, laßt ihn ſich aber nur vor der Zukunft huͤten.“ 7 Wayland Smith machte dem zufolge ſeinen Abſchieds⸗ beſuch bei dem Grafen von Suſſer, wiederholte ſeine Vor⸗ ſchriften, die Diaͤt und Lebensweiſe deſſelben betreffend, und verließ Say's Court noch vor Anbruch des Tages. 6. Au Leieeſter nach einem ſo begebenheltsreichen und ermuͤ⸗ denden Tage, an dem er mehr als einen Sturm ausgeſtan⸗ den hatte, mehr als einmal auf eine Sandbank gerathen, und endlich im Triumphe mit entfalteter Flagge in den Hafen eingelaufen war, ſchien er ermattet und erſchoͤpft, wie ein Seemann nach uͤberſtandenem Orkan. Waͤhrend ſein Kaͤmmerer ihn der reichen Hoftracht entledigte, und ihm ſein mit Zobel beſetztes Nachtkleid reichte, ſprach er kein Wort, und als dieſer ihm berichtete, daß Varney mit ihm zu ſprechen wuͤnſche, antwortete er nur durch ein ſtum⸗ mes Kopfnicken. Varney betrachtete dieß Zeichen als Ein⸗ willigung, und trat herein; der Kaͤmmerer zog ſich zuruͤck. Der Graf ſaß ſchweigend und faſt bewegungslos in ſei⸗ nem Lehnſeſſel, ſeinen Koyf in die Hand gelegt, den Ell⸗ bogen auf einen Tiſch geſtuͤtzt, welcher ihm zur Seite ſtand, ohne daß es den Anſchein hatte, als habe er den Eintritt und die Gegenwart ſeines Vertrauten bemerkt. Varney wartete einige Augenblicke, bevor er zu ſprechen begann, denn er wuͤnſchte zu erfahren, welches nun endlich die vor⸗ herrſchende Stimmung eines Geiſtes ſey, den am verfloſſenen Tage die mannichfachſten Gefuͤhle ſo maͤchtig beſtuͤrmt hat⸗ ten. Aber er harrete vergebens; Leiceſter blieb fortwaͤhrend ſtumm, und der Vertraute ſah ſich endlich genoͤthigt, die Unterredung zu beginnen.„Erlaubt mir, gnaͤdiger Herr! Euch Glück zu wuͤnſchen,“ ſagte er,„zu dem wohlverdien⸗ ten Triumphe, den Ihr am heutigen Tage uͤber euren furcht⸗ daren Nebenbuhler davon krugt.“ 3 — 105— Leiceſter hod ſein Haupt empor, und erwlederte finſter⸗ ader ohne Zorn:„Du, Varney, deſſen ſtets bereite Erfin⸗ dungskraft mich in ein Gewebe von Trug und Falſchheit ver⸗ wickelte, Du weiht am beſten, wie unpaſſend jetzt ein Gluͤck⸗ wunſch iſt.“ „Wie, tadelt Ihr mich, Mylord,“ entgegnete Varney, „daß ich nicht gleich bei der erſten Gelegenheit ein Geheim⸗ niß verrieth, von dem euer Gluͤck abhaͤngt, und welches Ihr mir ſo oft und ſo ernſtlich zu verſchweigen geboten habt? Ew. Herrlichkeit waren ja ſelbſt zugegen, und haͤtten mir widerſprechen und ſich ſelbſt durch ein Geſtaͤndniß der Wahr⸗ heit zu Grunde richten koͤnnen; aber wahrlich, icht die Sa⸗ che eines treuen Dieners war es, ſo zu handeln.“ „Ich kann es nicht leugnen, Varney,“ ſagte der Graf, indem er aufſtand und mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab ging,„mein eigener Ehrgeit hat einen Verratb an meiner Liebe begangen.“ „Sagt lieber, Mylord, daß Eure Liebe Verbrecherin an Eurer Groͤße geworden, und Euch von einer Ausſicht auf Ehre und Macht ausſchloß, wie die Welt keine aͤhnliche zu bieten hat. Indem Ihr unſere gnaͤdige Lady zur Graͤfin er⸗ hobt, habt Ihr Eurerſeits darauf Verzicht geleiſtet“—— Hier ſchwieg er einen Augenblick, als fuͤrchte er, die Rede zu vollenden. „Darauf Verzicht geleiſtet? auf was?“ fragte Leiceſter ſchnell,„ſprich deine Meinung aus, Varney!“ „Koͤnig zu werden, Mylord,“ erwiederte Varney, „und zwar Koͤnig von England!— Es iſt kein Ver⸗ rath an unſerer Monarchin, ſo zu ſprechen; jenes Ziel waͤre erreicht worden, indem Eliſabeth durch die Wahl eines edeln wuͤrdigen Gemahls die Wuͤnſche aller treuen Unterthanen erfüllt häͤtte.“ — 106— „Du biſt wahnſinnig, Varney!“ rief der Graf.„Ueber⸗ dem hat unſere Zeit Schrecken genug geſehen, um bei einem Manne Widerwillen gegen eine Krone zu erregen, welche ihm von einem Weibe dargereicht wird. Jener Darnley in Schottland zum Beiſpiel.“ „Der,“ unterbrach ihn Varney,„der Einfaltspinſel, der dreifache Narr, der ſich hergab, wie die Rakete bei einem Luſtfeuer in die Luft geworfen zu werden. Waͤre Maria ſo gluͤcklich geweſen, die Gemahlin des edeln Grafen zu werden, der ihr einſt beſtimmt war, wuͤrde ſie einen Gatten von anderem Schroot und Korn kennen gelernt haben; und die⸗ ſer haͤtte ihr eine Gemahlin gefunden, gefaͤllig und lie⸗ benswürdig, wie das Weib des geringſten Landedelmanns, das ihrem Eheherrn den Zaum haͤlt, wenn er auf die Jagd reitet.“ „Moͤglich, daß es ſo gekommen waͤre, wie Du ſagſt, Varney,“ ſagte Leiceſter, indem ein kurzes ſelbſtgefaͤlliges Laͤcheln ſein ernſtes Geſicht uͤberflog.„Henry Darnley kannte die Weiber uicht,— mit Maria wuͤrde ein Mann, der ihr Geſchlecht beſſer gekannt haͤtte, dem ſeinigen vielleicht die Oberherrſchaft erhalten haben. Nicht ſo mit Eliſabeth, Varney;— Gott, glaube ich, gab ihr, als er ihr das Herz eines Weibes verlieh, den Kopf eines Mannes, um über die Thorheiten des erſteren zu wachen.— Ich kenne ſie— ſie wuͤrde Beweiſe von Liebe annehmen und erwiedern— uͤberzuckerte Sonnette in ihren Buſen ſtecken und mit glei⸗ chen vergelten— und die Galanterie bis zu dem Puncte treiben, wo ſie ſich in Liebe zu verwandeln im Begriff ſtaͤn⸗ de— dann aber nil ultra, ſie wuͤrde kein Jota ihrer Ober⸗ herrſchaft fuͤr Amor oder Hymens ganze Alphabete hingeben.“ „Deſto beſſer fuͤr Euch,“ entgegnete Varney,„(wenn wir naͤmlich ihren Charakter ſo annehmen, wie Ihr ihn be⸗ — 107—* ſchrieben,) ſeit Ihr nicht mehr Anſpruch auf ihre Hand ma⸗ chen koͤnnt. Ihr ſeyd ihr Guͤnſtling und koͤnnt es bleiben, wenn eure Lady zu Cumnor Place nicht aus ihrer jetzigen Dunkelheit tritt.“ „Arme Emmy,“ ſprach Leiceſter mit einem tiefen Seuf⸗ zer;„ſie wuͤnſcht ſo herzlich vor Gott und Menſchen als meine Gattin anerkannt zu werden!“ „Aber, Mylord,“ erwiederte Varney, iſt ihr Wunſch auch vernuͤnftig?— das iſt die Frage— ihre religioͤſen Serupel ſind gehoben, ſie iſt ein rechtmaͤßiges und geliebtes Weib— genießt die Gegenwart ihres Gemahls, ſo oft ihm feine wichtigen Pflichten Zeit dazu vergoͤnnen.— Was will ſie mehr? Ich bin uͤberzeugt, daß eine ſo gefaͤllige und lie⸗ benswuͤrdige Lady lieber einwilligen wuͤrde, ihr ganzes Leben 3 hindurch in einer Verborgenheit zu bleiben— welche im Ganzen doch nicht dunkler iſt, als ihre Lebensweiſe zu Lin⸗ cote Hall— als durch einen zu fruhzeitigen Verſuch die Ehre und Groͤße ihres Gemahls zu theilen, dieſem auch nur ein Jota derſelben zu rauben.“ „Es liegt etwas Wahres in dem, was Du ſagſt,“ ent⸗ gegnete Leiceſter,„und ihr Erſcheinen hier waͤre ſchlimm,— dennoch muß ſie nach Kenilworth; Eliſau th wird nicht ver⸗ geſſen, daß ſie es ſo geboten.“ „Laßt mich dieſen harten Punct beſchlafen,“ ſagte Var⸗ ney;„ſonſt kann ich den Anſchlag nicht vollenden, den ich auf dem Amboß habe, ein Plan iſt's, welcher, ſo hoffe ich, ſowohl die Koͤnigin als eure Gemahlin zufrieden ſtellen ſoll; fuͤr jetzt laßt dieß Geheimniß, wo es begraben liegt.— Ha⸗ ben Eure Herrlichkeit noch ſonſt Befehle fuͤr die Nacht zu ertheilen?“ — 106— „Ich whnſche allein zu bleiben,“ erwiederte Leiceſter, „ſtelle den Stahlkaſten auf den Tiſch— dann harre in der Naͤhe.“ Varney zog ſich zurück,— der Graf oͤffnete das Fenſter ſeines Gemachs, und blickte lange und mit Beſorgniß auf das glaͤnzende Sternenheer, welches klar und hell am blauen Sommerhimmel ſtrahlte:„Nie bedurfte ich, ſprach er zu ſich ſelbſt,„das Licht der Himmelskorper mehr, als jetzt, denn mein irdiſcher Pfad iſt dunkel und verſchlungen.“ Es iſt bekannt, daß jenes Zeitalter großes Vertrauen auf die grundloſen Auslegungen der Aſtrologen ſetzte, und Lei⸗ ceſter, obgleich frei vom gewoͤhnlichen Aberglauben, ſtand dennoch, was dieſen Punct anbetraf, nicht uͤber ſeinen Zeit⸗ genoſſen, ſondern war im Gegentheil beruͤhmt wegen der Unterſtuͤtzung, die er den Ausuͤbern jener vorgeblichen Wiſ⸗ ſenſchaft angedeihen ließ. Und in der That, der Wunſch, in die Zukunft zu blicken, ſo allgemein unter jeglichem Men⸗ ſchengeſchlechte, iſt vorzuͤglich bei denen herrſchend, welche ſich mit Staatsgeheimniſſen und mit gefahrvollen Hof⸗Intri⸗ guen und Hof⸗Cabalen zu ſchaffen machen⸗ Mit großer Sorgfalt unterſuchend, ob er auch in der Zeit nicht geoͤffnet, oder von ungeweihten Haͤnden beruͤhrt worden ſey, erſchloß jetzt der Graf den oben genannten Ka⸗ ſten, und hob zuerſt eine Hand voll Gold heraus, welches er in eine ſeidene Boͤrſe ſteckte! dann erfaßte er eine Perga⸗ mentrolle, auf der man die Zeichen der Planeten, Linien und Kreiſe gewahrte, wie man ſie damals bei der Stellung eines Horoſcops zu entwerfen pflegte; er entrollte ſie, und blickte, einige Minuten lang ſinnend, hinein. Endlich nahm er einen großen Schluͤſſel aus dem Behaͤltniß, und öͤffnete, indem er die Tapete aufhob, mit demſelben eine verborgene ——— — 109— Thuͤr, welche im Winkel des Gemachs angebracht war, und hinter der eine ſchmale Stiege ſichtbar ward. „Alasco!“ rief der Graf mit etwas gehobener, aber nicht lauter Stimme, damit ſein Ruf nur dem Bewohner des kleinen Thurms, zu welchem die Treppe fuͤhrte, vernehm⸗ bar würde,—„Alasco, ſteige herab!“ „Ich komme, Mylord!“ antwortete eine Stimme von oben. Der Fußtritt eines aͤltlichen Mannes ward gehoͤrt, wie er langſam die enge Stiege herabſchritt, und Alasco trat in das Gemach des Grafen. Der Aſtrolog war ein klei⸗ ner Mann, und ſchien hoch bejahrt, denn ſein Bart war lang und weiß, und hing uͤber das ſchwarie Wamms bis zu dem ſeidenen Guͤrtel hinab. Sein Haar war von derſelben ehrwuͤrdigen Farbe, aber ſeine Augenbrauen waren ſchwarz, wie die ſcharfen durchdringenden Augen, welche ſie beſchat⸗ teten, und dieſe Seltſamkeit gab der Phyſiognomie des alten Mannes ein gar wildes und wunderliches Anſehen. Seine Wangen waren noch friſch und roth, und die Augen, welche wir erwaͤhnten, an Schaͤrfe und Ingrimm denen einer Ratte nicht unaͤhnlich. Sein Benehmen war nicht ganz ohne Wuͤrde, und der Dollmetſcher der Sterne erſchien, obgleich ehrerbietig, dennoch ohne Zwang:; ja er nahm ſelbſt zuwei⸗ len einen belehrenden und gebietenden Ton gegen Eliſabetbs erſten Guͤnſtling an. „Euer Prognoſticon war falſch, Alasco,“ ſagte der Graf nach gegenſeitiger Begruͤßung.—„Er iſt wieder her⸗ geſtellt.“— „Laßt mich,““ erwiederte der Aſtrolog,„Euch erinnern, mein Sohn, daß ich keinesweges ſeinen Tod verbuͤrgte:— auch kann aus dem Stande und der Verbindung der Him⸗ melskoͤrper kein Prognoſticon gezogen werden, welches nicht — 110— dem Willen des Ewigen unterthan waͤre. Astra regunt ho- mines, sed regit astra Deus.“* „Und was nutzt denn eure Kunſt?“ fragte Leiceſter. Viel, mein Sehn,“ antwortete der alte Mann,„weil ſie den natuͤrlichen und wahrſcheinlichen Lauf der Dinge voorher zu zeigen vermag, obgleich dieſer Lauf wiederum einer hoͤheren Macht unterworfen iſt. Bei Anſchauung des Horo⸗ ſeops, welches Ew. Herrlichkeit meiner Kunſt vorlegten, wer⸗ det Ihr ſehen, daß der Stand des Saturn, welcher ſich vom Mars in retrogader Bewegung gegen den Lebensſtern zieht, nur auf eine lange und gefaͤhrliche Krankheit deuten konnte, deren Ausgang aber in Gottes Hand ſteht, obgleich der Tod mit Wahrſcheinlichkeit vorausgeſagt werden konnte.— Waͤre mir der Name deſſen bekannt, von dem die Rede iſt, wuͤrde ich ein anderes Syſtem entwerfen.“ 4 „Sein Name iſt ein Geheimniß,“ ſagte der Graf,„doch muß ich geſtehen, deine Prophezeihung hat nicht durchaus ge⸗ fehlt. Er war krank, und zwar gefaͤhrlich krank, doch ging es nicht zum Tode.— Aber haſt Du, wie ich Dir durch Varney gebieten ließ, aufs neue mein Horoſcop geſtellt, und biſt Du bereit, mir zu verkuͤnden, was die Sterne uͤber mein Schickſal ſagen?“ 3 „Meine Kunſt ſteht zu Eurem Befehl,“ erwiederte der alte Mann;„und hier, mein Sohn, iſt das Blatt eures Schickſals, ſo reich an glaͤnzenden Ausſichten, als je welche von den heiligen Strahlen verkuͤndet wurden, welche unſer Leben lenken, obgleich nicht frei von Furcht, Gefahren und Hinderniſſen.“ „Mein Loos waͤre nicht das eines Sterblichen, wenn es anders waͤre,“ entgegnete der Graf;„fahrt fort, und ſeyd verſichert, daß Ihr mit einem Manne ſprecht, bereit, ſeinem — 221— Schickſale entgegen zu gehen, wie es einem Edelmanne Englands geziemt.“ „Dein Muth zu Thaten und zu Leiden muß noch mehr geſtaͤhlt werden,“ ſprach der alte mit großem Ernſte.„Die Sterne verkuͤnden Dir einen noch erhabneren Rang, einen noch groͤßeren Titel. Deine Sache iſt es, ihre Meinung zu errathen, nicht die meinige, ſie zu nennen.“ „Sprich ſie aus, ich beſchwoͤre Dich,— nenne ſie, ich gebiete es Dir!“ rief der Graf, und ſeine Augen funkelten, als er ſprach. „Ich kann nicht, und ich will nicht!“ entgegnete der Sterndeuter.„Der Zorn der Großen gleicht der Wuth des Loͤwen; aber ſchau', und urtheile ſelbſt. Venus, aufſteigend im Verein mit der Sonne, ſtrahlt in jenem mit Gold ge⸗ miſchten Silberlichte nieder, welches Macht, Wuͤrde und Reichthum, und alle Wuͤnſche, die nur das ſtolzeſte Herz he⸗ gen kann, in einem ſolchen Ueberfluſſe verkündet, daß einſt der zukuͤnftige Auguſtus des alten maͤchtigen Roms nie wohl von groͤßerem Ruhme erzaͤhlen hoͤrte, als hier dieſer reiche Text mir von meinem geliebteſten Sohne verkuͤndet.“ „Du treibſt deinen Scherz mit mir, Vater!“ ſagte der Graf, erſtaunt uͤber den Enthuſiasmus, mit dem der Aſtrolog ſeine Prophezeihung ausſprach. „Staͤnde Scherz dem Greiſe wohl an, deſſen Blicke auf den Himmel gerichtet ſind, und der ſchon mit einem Fuße im Grabe ſteht?“ fragte der Alte mit feierlichem Tone. Der Graf ſchritt einige mal mit ausgeſtreckten Haͤnden im Zimmer auf und ab, wie jemand, der einem Geſpenſte nachſchwankt, das ihm zur Ausfuͤhrung einer großen That winkt. Als er ſich aber wandte, ſing er den auf ihn gerich⸗ teten Blick des Aſtrologen auf, der ſcharf und forſchend un⸗ ter dem Schirmdach ſeiner buſchigen Augenbrauen hervort⸗ dlitzte. Leleeſters ſtolzes, argwoͤhniſches Gemäth fing plöhz⸗ lich Feuer. Schnell ſtuͤrite er durch das geraͤumige Gemach auf den Alten zu, und machte erſt Halt, als ſeine ausge⸗ ſtreckte Hand kaum einen Fuß mehr von dem Koͤrper des Aſtrologen entfernt war⸗ „Elender,“ rief er aus,„wagſt Du es, gen, ſoll Dir die Haut bei lebendigem Leibe uͤber die Ohren gezogen werden! Beichte, Du biſt gedungen, mich zu hinter⸗ gehen, Du biſt ein Schelm, und ich deine alberne Beute.“ Der alte Mann zeigte einige innere Bewegung, aber keine groͤßere, als der wuͤthende Zorn ſeines Beſchuͤtzers ſelbſt bei dem Unſchuldigſten wuͤrde hervorgebracht haben. „Was bedeutet dieſe Heftigkeit, Mylord?“ fragte er und womit habe ich ſie verdient?“ K „Gieb mir ſogleich Beweiſe“ fuhr der Graf heftig fort⸗ „daß Du nicht mit me Spiel treibſt.“ „Mylord,“ entgegnete mich zu betruͤ⸗ der Sterndeuter mit Wuͤrde, „Ihr koͤnnt keine beſſere Beweiſe haben, als Ihr ſelbſt euch gewaͤhlt. In dieſem Thurme war ich waͤhrend der letzten vier und zwanzig Stunden eingeſchloſſen, und der Schluͤſſel un⸗ ter Eurem Gewahrſam. Die Stunden der Nacht habe ich angewandt, um mit dieſen ſchwachen Augen die Himmels⸗ korper anzuſchauen, und waͤhrend der Tageszeit mein altes Gehirn angeſtrengt, um das zu berechnen, was ich geſehen. Keine irdiſche Nahrung habe ich zu mir genommen,— keine ſterbliche Stimme hat mein Ohr gehoͤrt,— Ihr ſelbſt ſeyd Buͤrge, daß dem nicht anders ſeyn kann; und doch will ich, ich, der ich hier in Einſamkeit, nur meinem Studium lebend, eingeſchloſſen war, ich will Euch verkuͤnden, daß in eben dieſen letzten vier und zwanzig Stunden euer Stern am Horizont der herrſchende geworden iſt; entwe Him⸗ inen Feinden ein gemeinſchaftliches der das große — 113— Himmelsbuch truͤgt, oder es muß auf der Erde eine verhaͤlt⸗ nißmaͤßige Veraͤnderung fuͤr Euch eingetreten ſeyn. Hat ſich in dieſem Zeitraum nichts begeben, wodurch eure Macht ſichrer geſtellt, oder euer Wohl beſoͤrdert worden, dann, in der That, bin ich ein Betruͤger, und meine himmliſche Kunſt, welche einſt ihren urſpruͤng auf den Ebenen von Chaldaͤa fand, iſt nur eine hinterliſtige Schelmerei.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Leiceſter nach kurzem Nachdenken, „Du warſt hier eingeſchloſſen,— auch hat wirklich eine Veraͤnderung in meiner Lage Statt gefunden, welche, wie Du ſagſt, mein Horoſcop verkuͤndete.“ „Woher alſo dieſes Mißtrauen?“ fragte der Aſtrolog in einem verweiſenden Tone;„die himmliſchen Verkuͤnder dul⸗ den keinen Argwohn, ſelbſt nicht von ihren Guͤnſtlingen.“ „Verzeihe, Vater!“ erwiederte Leiceſter; nich fehlte.— Aber unter deinen glaͤnzenden Verheißungen ſprachſt Du auch von Gefahren. Vermag deine Kunſt, mir zu verkuͤn⸗ den, wann, und durch wen mir ſolche drohend erſcheinen werden??“ „Nur mit Beſchraͤnkung,“ erwiederte der Aſtrolog, nerlaubt mir meine Wiſſenſchaft, eure Frage zu beantwor⸗ ten. Ungluͤck droht Euch durch den Verrath eines Juͤnglings, und, wie ich glaube, durch einen Nebenbuhler, ob aber in Liebes⸗ oder Fuͤrſtengunſt, vermag ich nicht zu deuten, noch kann ich andere Auskunft uͤber ihn geben, als daß er von Weſten her erſcheint.“ „Von Weſten?“— rief Leiceſter,„genug, genug, von dorther kommt der Sturm!— Cornwalles oder Devon,— Raleigh oder Treſſilian,— einer von ihnen iſt gemeint,— ich muß mich vor Beiden huͤten.— Habe ich deiner Kunſt Unrecht gethan, Vater, will ich meinen Fehler auf fuͤrſtliche Weiſe wieder gut machen.“ Kenilworth. ar B. H — 114— Er zog die volle Goldboͤrſe aus dem vor ihm ſtehenden Kaſten.—„Hier,“ ſprach er,„haſt Du das Doppelte des Lohns, den Varney Dir verſprach.— Sey treu,— ſey verſchwiegen,— gehorche den Befehlen, welche Dir mein Stallmeiſter uͤberbringen wird,— und laß Dich die kurze Gefangenſchaft hier in meiner Angelegenheit nicht verdrie⸗ ßen, deine Muͤhe ſoll reichlich vergolten werden.“— Er rief nach Varney;—„fuͤhre,“ fuhr er fort,„dieſen ehr⸗ wurdigen Mann in deine eigene Wohnung,— ſorge, daß es ihm an nichts fehle, gieb aber Acht, daß er keine Ver⸗ bindung mit ſonſt jemand unterhalte.“ Varney verbeugte ſich, der Aſtrolog kuͤßte des Grafen Hand, wie um Abſchied zu nehmen, und folgte dem Stall⸗ meiſter in ein anderes Gemach, wo Wein und Erfriſchungen fuͤr ihn aufgetragen waren.— Der Sternkundige ſetzte ſich zu ſeiner Mahlzeit nieder, waͤhrend Varney mit großer Vorſicht beide Thuͤren verſchloß⸗ und die Tapete unterſuchte, ob auch nicht etwa ein Horcher hinter derſelben verborgen ſey; dann ſetzte er ſich dem Wei⸗ ſen gegenuͤber, und fragte:„Habt Ihr mein Signal unten vom Hofe herauf bemerkt?”“ „Ich habe,“ erwiederte Alaseo,„und ſein Horoſeoy dem gemaͤß geſtellt.“ „Und nahm der Graf es ohne Argwohn an?“ fuhr Varney fort. „Er nahm es an, obgleich nicht ohne Mißtrauen,“ ent⸗ gegnete der Alte;„auch warnte ich, wie wir uͤberein kamen, vor Gefahr durch Verrath, und vor einem Juͤngling aus Weſten.“. „Mylord's Furcht wird bei der erſten, und ſein Gewiſ- ſen bei der anderen., Prophezeihung Gevatter ſtehen,“¹ ſagte Varney.„Wahrlich, nie noch wagte jemand einen Lauf, wozu eure Kunſt taugt.“ — 115— wie er, ohne jene albernen Serupel von ſich zu werfen, die noch an ihm kleben. Bin ich doch gezwungen, ihn ſeines eigenen Nutzens wegen zu betruͤgen. Was aber Euch betrifft, weiſer Herr Sterudeuter, ſo kann ich allein Euch mehr uͤber euer Schickſal ſagen, als Planeten und Zeichen verkuͤnden. Ihr muͤßt auf der Stelle fort von hier.“ „Ich will nicht,“ ſagte Alasco mit feſtem Tone; nich bin in dieſer letzten Zeit zu ſehr herum gejagt worden,— eingemauert war ich Tag und Nacht in dem Thuͤrmchen dort; ich will jetzt meiner Freiheit genießen, und meinen Studien leben, welche von groͤßerer Wichtigkeit ſind, als das Schickſal funfzig ſolcher Staatsmaͤnner und Guͤnſtlinge, die ſich, wie die Seifenblaſen in der Luft, in der Atmo⸗ ſphaͤre des Hofes bewegen.“ „Nach Eurem Gefallen,“ entgegnete Varney mit einem haͤmiſchen Laͤcheln, welches durch lange Gewohnheit ſeinem Geſichte eigenthuͤmlich geworden war, und das von den Mah⸗ lern als ein Hauptzug der Charakteriſtik Satans betrachtet wird.—„Nach Eurem Gefallen; Ihr moͤgt in Freiheit Euren Studien leben, bis ſich die Dolche von Suſſex An⸗ haͤngern unter eurem Wamms eure Rippen anatomiſch zu unterſuchen bemuͤhen werden““ Der alte Mann erblaßte, und Varney fuhr fort:„Wißt Ihr nicht, daß er einen Preis auf die Auffindung des Quackſalbers und Giftverkaͤufers De⸗ metrius ſetzte, von dem ſein Koch gewiſſe koͤſtliche Spece⸗ reien erhielt?— Wie, erbleicht Ihr, alter Freund!— Seht Ihr ſchon ein Ungluͤck in eurem Lebenshauſe voraus?— Nur getroſt, Ihr ſollt nach einem andern alten Hauſe, was mir gehoͤrt, draußen auf dem Lande, dort moͤgt Ihr in Ge⸗ ſellſchaft eines baͤuriſchen Geſellen leben, den meinethalben eure Alchimie in Dukaten verwandeln kann, das Einiige, — 116— „Du luͤgſt, ſchaͤndlicher Spoͤtter!“ ſagte Alaseo, indem er vor Zorn bebte; nes iſt bekannt, daß ich dem Stein der Weiſen naͤher kam, als je ein Forſcher vor mir,— es giebt nicht ſechs Chemiker in der Welt, welche dem großen Arka⸗ num ſo nahe ſind.“— „Kommt, kommt,“ unterbrach ihn Varney,„ſagt um Gottes willen, was ſoll das heißen? Kennen wir uns etwa einander nicht? Ich halte Dich fuͤr vollkommen,— für ſo durchaus vollkommen in der Kunſt zu betruͤgen, daß, indem Du alle andere Menſchen zu taͤuſchen ſtrebteſt, Du dich zu⸗ letzt zum Theil ſelbſt hintergehſt; und daß Du, ohne dabei aufzuhoͤren andere zu betruͤgen, ſelbſt die Beute deiner Ein⸗ bildungskraft geworden biſt.— Erroͤthe nicht daruͤher, Al⸗ ter! Du biſt ein Gelehrter, und Troſt ſoll Dir auf elaſſiſche Weiſe werden:. Ne quisquam Ajacem possit superare nisi Ajax. Niemand anders, als Du ſelbſt, konnte Dich betruͤgen,— denn Du allein haſt die ganze Bruͤderſchaft der Roſenkreuzer hintergangen, von denen keiner Dir gewachſen war;— aber horch', Alter! laß mich es Dir ins Ohr fluͤſtern:— waͤre das Gewuͤrz in Suſſex Kraftbruͤhe ſtaͤrker geweſen, wuͤrde ich von deinen chemiſchen Kenntniſſen, die Du ſo hoch an⸗ ſchlaͤgſt, beſſere Meinung gehabt haben.“ „Du biſt ein verhaͤrteter Schurke,“ entgegnete Alasco; „Manche moͤgen ſolche Dinge thun, und nicht davon reden.“ „Und manche reden davon, und vollbringen ſie nicht,“ antwortete Varney;„aber blicke nicht ſo zornig auf mich, ich will nicht mit Dir ſtreiten,— thaͤte ich's, ich waͤre ge⸗ noͤrhigt einen Monat lang von Eiern zu leben, welche ich doch ohne Gefahr genießen kͤnnte.— Wie aber, ſprich, ward deine Kunſt bei dieſer wichtigen Gelegenheit zu Schan⸗ den?“ 4. 3 „Das Horoſcop des Grafen von Suſſer,“ erwiederte der Aſtrolog,„verkuͤndete, daß, wenn die aufſteigenden Zei⸗ chen in Aufruhr“—— „Weg mit deinem Geſchwaͤtz,“ unterbrach ihn Vurneyt glaubſt Du etwa mit dem Grafen zu reden?“ „Verzeiht,“ ſprach der Alte,„ich ſchwoͤre Euch bei mei⸗ ner heiligen Kunſt, es gab nur ein einziges Mittel, Suſſer Leben zu retten; da aber die Zubereitung dieſes Gegengiftes außer mir in ganz England keinem Menſchen bekannt iſt, und uͤberdem eine Ingredienz dazu gehoͤrt, welche man nur aͤußerſt ſelten und mit großer Schwierigkeit erlangen kann, ſo muß ich vermuthen, daß Suſſer Lunge und Lebenswerk⸗ zeuge von einem ganz anderen Stoffe ſeyn muͤſſen, als je die Natur in einen Erdenklos legte.“ „Es war die Rede von einem Quackſalber, der ihm Huͤlfe geleiſtet haben ſoll,“ ſprach Varney nach kurzem Nachdenken. „Seyd ihr auch gewiß, das es in England niemand giebt, der Euer Geheimniß kennt?“ „Ein Menſch lebte,“ entgegnete der Alte,„ein fruͤherer Diener von mir, der mir vielleicht dieſes, und noch einige andre Geheimniſſe meiner Kunſt abgelauſcht haben kann. Aber ſeyd ohne Sorgen, Herr Varney! es iſt nicht mein Grund⸗ ſatz, von ſolchen Zwiſchenlaͤufern eine Stoͤrung meines Ge⸗ werbes zu dulden. Der ſteckt ſeine Naſe in kein Geheimniß mehr, denn, wie ich hoffe, iſt er auf einem feurigen Dra⸗ chen gen Himmel geflogen.— Friede ſey mit ihm!— Aber kann ich in jenem alten Landhauſe, von dem Ihr ſprecht, mein Laboratorium einrichten?“ „Deine ganze Werkſtatt, Alter!“ entgegnete Varney; nein ehrwuͤrdiger Vater Abt hatte einſt ſeinen ganzen che⸗ miſchen Apparat dort, den er genoͤthigt war, ſeinem Nach⸗ folger zu uͤberlaſſen. Du kannſt es in Beſitz nehmen, und — 118— ſchmelzen, ſtoßen, blaſen, und deſtilliren, bis der gruͤne Drache zur goldenen Gans wird.“ 3 „Ihr habt Recht, Herr Varney,“ ſagte der Alchimiſt, indem er in einem widrigen Laͤcheln ſeine langen Zaͤhne zeigte,„Ihr habt dennoch Recht, bei aller Eurer Verachtung von Recht und Vernunft. Was Ihr jetzt da ſpottweiſe aͤu⸗ ßert, koͤnnte vielleicht in gutem Ernſte geſchehen, bevor wir wieder zuſammentreffen. Wenn die ehrwuͤrdigen weiſen Maͤnner der alten Zeit Wahrheit geſprochen haben,— wenn ihre Weisheit von den Gelehrten unſerer Tage richtig auf⸗ gefaßt worden iſt,— wenn ich wirklich uͤberall in Deutſch⸗ land, Polen, Italien und in der fernen Tartarei als ein Mann aufgenommen worden bin, dem die Natur ihre ver⸗ borgenſten Geheimniſſe entſchleierte, wenn ich mir in der That die geheimſten Zeichen und Worte der juͤdiſchen Cabala dergeſtalt zu eigen machte, daß ſelbſt die Alt⸗Baͤrte in der Synagoge die Treppe kehren wuͤrden, um mich einzulaſſen, — wenn dem ſo iſt, und mir nur noch ein einziger Schritt übrig bleibt— ein einziger kleiner Schritt zwiſchen meiner langen, dunkeln, unterirdiſchen Reiſe, und der Flamme des Lichts, welches mir die Natur zeigen wird, wie ſie an der Wiege ihrer Reichthuͤmer und Schaͤtze Wache haͤlt,— wenn nur noch ein Schritt uͤbrig iſt von der Abhaͤngigkeit zur Allgewalt der Oberherrſchaft— ein Schritt zwiſchen Armuth, und einer Summe reich und ungeheuer, wie ſie alle Gold⸗ minen in der alten und neuen Welt ohne dieß Geheimniß nicht aufzubringen im Stande ſind,— wenn dem allen, ſage ich, ſo iſt, muß es mir da nicht die Vernunft gebieten, ſolchem Streben mein Leben zu weihen, und mich noch durch ein kurzes angeſtrengtes Studium der Abhaͤngigkeit von Guͤnſtlingen und deren Guͤnſtlingen zu entziehen, unter deren Joche ich jetzt ſchmachte?“ — 119— „Bravo, bravo!“ rief Varney mit ſeinem gewoͤhnlichen Teufelslaͤcheln auf dem Geſichte;„aber alle dieſe Annaͤhe⸗ rungen zum Stein der Weiſen rufen keine Krone aus My⸗ lord von Leiceſter's Taſche, noch weniger aus der Richard Varney's.— Wir muͤſfen irdiſche und ſubſtantielle Dienſte ſehen, und fragen den Teufel nach deinen rhiloſophiſchen Narrensyoſſen.“ „Mein Sohn,“ erwiederte der Alte,„der unglaube haͤlt Dich wie eine Nebelwolke umzogen, und hat deine Denk⸗ kraft zu einem Stoffe umgewandelt, der fuͤr den Weiſen zu einem Stein des Anſtoßes wird, und welcher dem, der mit Demuth Erkenntniß ſucht, eine klare deutliche Warnungs⸗ lehre giebt. Meinſt Du, die Kunſt beſaͤße nicht die Mittel, dem Streben der Natur, aus unvollkommenen Stoffen edle Metalle hervorzubringen, zu Huͤlfe zu kommen, eben ſo gut, wie wir im Stande ſind, durch Ausbruͤten, Deſtillation, Gaͤhrung und mehr dergleichen gewoͤhnliche Verfahrungs⸗ arten, Leben aus einem todten Ei zu holen, Reinheit und Lebensſtoff aus modrigem Unrathe zu ziehen, oder eine todte traͤge Fluͤſſigkeit zur Lebendigkeit aufzuregen?“ „Ich habe das alles ſchon fruͤher gehoͤrt,“ entgegnete Varney,„und mein Herz iſt gepanzert gegen ſolche Gauner⸗ ſprache, ſeitdem ich einmal(es war im Noviziat meines Scharfſinns) zwanzig gute Goldſtücke an das große Geheim⸗ niß ſetzte, welche aber, wie alle Verſuche der Art, in Rauch aufgingen. Seit jenem Augenblicke fordere ich kuͤhn Aſtro⸗ logie, Chemie, und jede andere Kunſt, ſie mag ſo geheim ſeyn, wie die Hoͤlle ſel bſt, zu dem Verſuche auf, die Schleife meiner Boͤrſe zu loͤſen. Das Manna des heiligen Nicolas aber fordere ich nicht heraus, noch kann ich es entbehren.— Dein erſtes Geſchaͤft, wenn Du druͤben in meinem Hauſe angelangt ſeyn wirſt, muß ſeyn, davon eiae kleine Portion — — 120— zu bereiten, dann kannſt Du ſo viel Gold machen, wie du willſt. „Ich will nichts mehr davon bereiten,“ ſagte der Alchi⸗ miſt entſchloſſen.—. „Dann,“ verſetzte der Stallmeiſter,„ſollſt Du zum Lohn fuͤr das, was Du bisher davon angefertigt haſt, gehaͤngt werden, und ſo ginge dein großes Geheimniß auf immer verloren.— Begehe keine ſolche Ungerechtigkeit an der Menſchheit, guter Vater, ſondern ſpute Dich, daß Du zu deiner Beſtimmung gelangſt, und bereite eine oder zwei Un⸗ zen von demſelben Stoffe, hinreichend nur fuͤr einen oder zwei Menſchen, auf daß Du Lebenszeit gewinnſt, die Uni⸗ verſal⸗Medizin zu entdecken, welche auf einmal alle ſterbli⸗ chen Uebel heilt. Aber klaͤre Dich auf, du ernſter, gelehrter, melancholiſcher Grießgram! Haſt Du mir nicht geſagt, daß eine maͤßige Portion deines Giftes nur milde Wirkung aͤu⸗ ßert, keinesweges dem Leben Gefahr drohend, ſo daß der, welcher auf dieſe Weiſe davon genießt, nur eine Geiſtestraͤg⸗ heit, Kopfſchmerzen, und eine gewiſſe Unluſt ſpuͤrt, ſich aus ſeiner gewoͤhnlichen umgebung wegzubegeben? ungefaͤhr ſolch ein Zuſtand, wie der, der den Vogel zuruͤckhaͤlt, dem Kaͤ⸗ ſigt zu entfliehen, obgleich das Pfoͤrtchen offen ſteht? „So hab' ich geſagt,“ erwiederte der Alchimiſt,„dem iſt alſo; der Vogel, der in maͤßiger Portion davon bekommt, wird gedankenlos auf ſeiner Stange ſitzen, ohne ſich nach freier blauer Luft, oder nach dem gruͤnen Baume zu ſehnen, und waͤre erſtere von den Morgenſtrahlen der Sonne beleuchtet, und letzterer von dem neu erwachten Geſange ſaͤmmtlicher befiederten Waldbewohner belebt.“ 4 „Und zwar ohne daß ſein Leben dabei in Gefahr kaͤme?“ fragte Varney. — 121— „Allerdings,“ entgegnete der Chemiker,„wenn das Maaß der Portion nicht uͤberſchritten wird, und jemand, der die Natur des Mittels kennt, in der Naͤhe bleibt, um uͤber die Symptome zu wachen, und im Nothfall Huͤlfe zu leiſten.“ „Du ſollſt die Aufſicht uͤber das Ganze haben,“ ſagte Varney,„und fuͤrſtlich belohnt werden, wenn Du Wort haͤltſt, und nicht zum Nachtheil ihrer Geſundheit das Maaß auͤberſteigſt, deine Strafe wuͤrde ſonſt“—— „Zum Nachtheil ihrer Geſundheit,“ unterbrach ihn Alasco;„iſt es denn ein Weib, an dem ich meine Kunſt ausuͤben ſoll?“ „Nicht doch, Du Narr!“ erwiederte Varney;„ſagte ich denn nicht, es ſey ein Vogel, eine gezaͤhmte Droſſel, deren Schlag ſelbſt einen Habicht in ſeiner Wuth beſaͤnftigen wuͤrde?— Ich ſehe deine Augen funkeln, und ich weiß/ dein Bart iſt nicht ſo weiß, als ihn deine Kunſt ſchuf,— den wenigſtens haſt Du gewußt in Silber zu verwandeln. Aber gieb Acht, das iſt kein Biſſen fuͤr Dich; die Droſſel in dem Kaͤfigt dort iſt einem Manne theuer, welchey keinen Nebenbuhler duldet, und am wenigſten einen ſolchen, wie Du. Vor allem aber muß ihre Geſundheit geſichert bleiben. Sie wird zu jenen Feſten nach Kenilworth beordert werden, allein es iſt wuͤnſchenswerth, wichtig, ja durchaus nothwen⸗ dig, daß ſie nicht hinfliege. Es iſt nicht noͤthig, daß ſie von dieſen Nothwendigkeiten etwas erfahre, und man muß alſo darauf bedacht ſeyn, ihren eigenen Willen ſo zu lenken, daß ſie wuͤnſcht, zu Hauſe zu bleiben.“ „Das iſt begreiflich,“ ſagte der Aſtrolog mit einem ſelt⸗ ſamen Laͤcheln, welches dennoch mehr ein menſchliches Ge⸗ praͤge trug, als der ſtarre gleichguͤltige Blick, welcher bisher in ſeiner Phyſiognomie ſichtbar geweſen war, und der mehr — 122— auf eine ferne Welt, als auf die Gegenſtaͤnde um ſich her, gerichtet ſchien. „So iſt es,“ entgegnete Varney,„Ihr kennt die Weiber, obgleich es lange her ſeyn mag, ſeitdem Ihr unter ihnen lebtet.— So hoͤrt denn, ihr muß nicht widerſprochen wer⸗ den; aber man darf ihr auch nicht nachgeben. Verſteht mich recht,— eine leichte Krankheit, hinreichend, ihr den Wunſch zu benehmen, ihren Aufenhalt zu verlaſſen, bedeu⸗ tend genug fuͤr die etwa herbeigerufenen Aerzte, ein ruhiges Daheimbleiben zu gebieten, wuͤrde, mit einem Worte, als ein guter Dienſt angeſehen, und als ein ſolcher belohnt werden.“ „Man fordert alſo nichts von mir, was ihrem Leben Nachtheil bringen koͤnnte?“ ſagte der Chemiſt. „Im Gegentheil, wir wuͤrden Dich haͤngen laſſen, wenn Du dergleichen unternaͤhmeſt,“ erwiederte Varney. „Auch muß ich,“ fuhr Alasco fort,„Gelegenheit haben, mein Werk zu verrichten, ſo wie die, mich zu verbergen, oder zu entfliehen, wenn Entdeckung erfolgen ſollte.“ „Alles, alles ſoll Dir werden, Du Unglaͤubiger in allen Dingen, außer in der Alchymie.— Wofuͤr haͤltſt Du mich denn?“ Der alte Mann ſtand auf, nahm ein Licht, und ſchritt nach dem Ende des Gemachs, einer Thuͤr zu, die an ein kleines Schlafzimmer fuͤhrte, welches ihm fuͤr dieſe Nacht Herberge zu geben bereitet war.— Als er die Thuͤr erreicht hatte, wandte er ſich um, und wiederholte langſam Var⸗ ney's Frage, bevor er ſie erwiederte.„Wofuͤr ich Dich halte Richard Varney?— Fuͤr einen noch groͤßeren Teufel, als ich ſelbſt einer war; aber ich bin in Euren Klauen und muß Euch dienen, bis meine Zeit abgelaufen.“ — 123— „Guk, gut,“ erwiederte Varney ſchnell,„halte Dich mit Anbruch des Tages bereit. Es iſt moͤglich, daß wir deine Arzenei nicht gebrauchen.— Unternimm nichts, bis ich ſelbſt hinunter komme,— Michael Lambourne wird Dich an den Ort deiner Beſtimmung bringen.“ Als Varney den Goldmacher die Thuͤr von innen ver⸗ ſchließen und ſorgfaͤltig verriegeln hoͤrte, ſchlich auch er leiſe hinzu, verſchloß ſie mit gleicher Vorſicht von außen, und zog den Schluͤſſel ab, indem er dabei vor ſich hin mürmelte: „Schlimmer als du, du Giftmiſcher und Hexenkraͤmer! den nur darum der Teufel noch nicht holte, weil ihm ſolche Beute zu ſchlecht. Ich bin ein Sterblicher, und ſuche durch irdiſche Mittel meine Leidenſchaften zu befriedigen und mein Gluͤck zu machen— du aber biſt ein Vaſall der Hoͤlle.“— „Hallo, Lambourne!“ rief er dann, gegen eine andere Thuͤr gewandt, und Michael erſchien mit gluͤhendem Geſicht und unſichern Schritten. „Du biſt betrunken, Burſche!“ ſagte Varney. „Ohne Zweifel, edler Herr!“ erwiederte der ſchamloſe Michael,„wir haben tuͤchtig gezecht, auf den Ruhm des heutigen Tages und auf das Wohl des Grafen von Leiceſter und ſeines wackeren Stallmeiſters.— Betrunken!— Schwerdt und Dolch, wer an ſolchem Abend ſich weigert, ein Dutzend Geſundheiten durch die Kehle zu ſchütten, iſt ein feiger Schurke, und ſoll ſtatt des Weins ſechs Zoll von meinem Dolche verſchlucken.“ „Hoͤr', Bube!“ rief Varney;„ſey augenblicklich nuͤch⸗ tern, ich gebiete es Dir. Ich weiß, Du kannſt nach Gefal⸗ len deine trunkenen Tollheiten wie ein Narrenkleid von Dir werfen; waͤre dem nicht ſo, waͤre es deſto ſchlimmer fuͤr Dich.“ — 124— Lambourne ſenkte den Kopf, verließ das Zimmer, und kehrte nach wenigen Minuten zuruͤck, mit ruhigem Geſichte, gekaͤmmtem Haar, und geordneten Kleidern, ſo verſchieden von ſeiner erſten Srſiheinung, als 9 der ganze Menſch um⸗ gewandelt ſey. 1 „Biſt Du jetzt näͤchtern, und im Stande mich zu ver⸗ ſtehen? 2 fragte Varney mit Strenge. Lambourne verbeugte ſich beiahend. „Du ſollſt ohne Verzug nach Eumnor⸗Place, mit dem wuͤrdigem Arzte, der dort in dem kleinen gewoͤlbten Gemache ſchlaͤft. Hier iſt der Schluͤſſel, auf daß Du ihn bei Zeiten wecken kannſt. Nimm noch einen treuen Burſchen mit Dir. — Behandle ihn gut auf der Neiſe, doch laß ihn nicht ent⸗ wiſchen. Hoͤrſt Du!— ſchieß ihn nieder, wenn er es ver⸗ ſuchen wollte; ich ſtehe fuͤr alles.— Ich will Dir Briefe an Foſter mitgeben. Der Doctor ſoll die untern Zimmer 5 nach Oſten bewohnen, auch ſoll das alte Laboratorium mit den Inſtrumenten ſeinem Gebrauche uͤberlaſſen werden.— Er ſoll keinen anderen Zutritt zu der Lady haben, als den, welchen ich beſtimmen werde— es waͤre denn, daß ſie Ver⸗ gnuͤgen faͤnde, ſeine Gaucklerkünſte mit anzuſehen.— Du wirſt in Cumnor⸗Place meine weiteren Befehle erwarten: bei deinem Leben aber huͤte Dich vor der Ale⸗Bank und der Aquavit⸗Flaſche. Jeder Athemzug, in Cumnor⸗ Place ge⸗ ſchoͤpft, muß von gemeiner Luft getrennt bleiben.“ „Genug, Mylord!— geſtrenger Herr, wollt' ich ſagen. — Ihr habt mir eure Befehle ertheilt, und mir Vollmacht gegeben.— Ich werde die erſteren ausrichten, und die letz⸗ teren nicht mißbrauchen. Bei Anbruch des Tages werde ich im Sattel ſeyn.“ „Thue das, und verdiene meine Gunſt.— Halt!— bevor Du geh'ſt, fuͤlle mir einen Becher Wein! Nicht aus —-— 125— jener Flaſche, Burſche!“ fuhr er fort, als Lambourne aus der ſchenkte, welche Alaseo halb geleert zuruͤckgelaſſen hatte, „ſchaff' eine friſche herbei.“ Lampbourne gehorchte, und Varney, nachdem er ſeinen Mund vorher mit dem Getraͤnk ausgeſpuͤhlt hatte, leerte einen vollen Becher, und ſprach, als er eine Lampe faßte, um in ſein Schlafgemach zu gehen:„Seltſam— ich bin ſo frei von Einbildung, als irgend jemand, kaum aber habe ich nur einige Augenblicke mit dieſem Alasco geſprochen, ſcheint's mir gleich, als waͤren Mund und Lunge mit Arſe⸗ nikdunſt angefuͤllt.“. So ſprechend, verließ er das Zimmer. Lambourne blieb zuruͤck, um auch einen Becher aus der neugeoͤffneten Flaſche zu trinken.„Johannisberger, beim Teufel!“ ſagte er, in⸗ dem er mit dem Zuge anhielt, um den Wohlgeruch zu ge⸗ nießen!„wahrlich, ganz der aͤchte Veilchenduft; aber jetzt muß ich aufhoͤren, damit ich ihn mit der Zeit ſo recht nach meinem eigenen Gefallen trinken kann.“ Bei dieſen Worten goß er einen gefuͤllten Becher Waſſer hinunter, um das Feuer des Rheinweins zu daͤmpfen; dann ging er langſam der Thuͤr zu, ſtand dort einen Augenblick ſtill, fuͤhlte ſich zu ſchwach gegen die Verſuchung, kehrte raſch um, und that, ohne ſich dabei der Vermittlung des Bechers zu bedienen, einen zwei⸗ ten langen Zug aus der Weinflaſche.„Haͤtte ich nicht dieſe verfluchte Gewohnheit,“ ſprach er dann,„ich wuͤrde ſo hoch ſteigen, als Varney. Aber wer kann klimmen, wenn alles immer mit einem rund geht, wie der Wetterhahn auf dem Kirchthurme? Wollt' ich doch, die Entfernung zwiſchen mei⸗ nem Schlunde und der Hand waͤre groͤßer, und der Weg da⸗ hin unebner!— Aber morgen will ich nichts trinken, als Waſſer— nichts als klares, reines z Waſſert 7. Das Gaſtzimmer im Wirthshauſe„zum guten braunen Bier,“ zu welchem wir jetzt unſere Leſer zuruͤckfuͤhren, rüͤhmte ſich an dem Abend, von dem wir jetzt reden, kei⸗ ner gewoͤhnlichen Verſammlung von Gaͤſten. Es war in der Nachbarſchaft Markt geweſen, und der Ausſchnitt⸗Kraͤ⸗ mer von Abbingdon, und mehrere, unſern Leſern als Gaͤſte und Freunde von Giles Gosling bereits bekannte Perſonen, hatten ihre gewohnten Plaͤtze um das Abendfeuer eingenom⸗ men, und unterhielten ſich uͤber die Neuigkeiten des Tages⸗ Ein geſchaͤftiger, lebendiger, munterer Mann, deſſen Waarenpacken nebſt ſeiner eichenen mit meſſingenen Puͤnet⸗ chen gehoͤrig bezeichneten Elle verkuͤndeten, daß er der Pro⸗ feſſion des Autolyeus*) angehoͤre, zog einen großen Theil der Aufmerkſamkeit auf ſich, und trug viel zur froͤhlichen Unterhaltung des Abends bei. Es muß hier erinnert wer⸗ den, daß die Hauſirer zu jener Zeit Maͤnner von weit groͤ⸗ ßerer Bedeutung waren, als es die ausgearteten Tabuletkraͤ⸗ mer ſpaͤterer Tage geworden ſind. Durch dieſe peripatheti⸗ ſchen Verkaͤufer ward der Landhandel in feineren Manufae⸗ turwaaren, vorzuͤglich ſolcher, welche zur Kleidung des weib⸗ lichen Geſchlechts gehoͤrten, faſt ausſchließlich gefuͤhrt, und wenn ein ſolcher Kaufmann es erſt ſo weit gebracht hatte, daß er mit einem Packpferde reiſen konnte, war er eine Per⸗ ſon von nicht geringer Wichtigkeit, und allen ehrbaren Leu⸗ ten, welche er auf ſeinem Wege antraf, ein willkommener Geſellſchafter. *) Eine Figur aus einem Shakespear'ſchen Luſtſpiele, — — 127— Der Handelsmann, von dem wir hier erzaͤhlen, nahm daher thaͤtigen und unbeſtrittenen Antheil an der Froͤhlich⸗ keit, welcher ſich die Gaͤſte„zum guten braunen Bier“ in Eumnor uͤberließen. Er hatte ein Laͤcheln fuͤr die niedliche Cecilie, ein lautes Lachen, fuͤr den Gaſtwirth, und ſeinen Scherz mit Herrn Goldreath, welcher, ohne ſolche freundliche Abſicht von ſeiner Seite, der Geſellſchaft zur Zielſcheibe fuͤr dieſen Abend diente. Der Hauſirer und der Ausſchnittkraͤ⸗ mer waren in einen Streit uͤber den Vorzug verwickelt, welcher den ſpaniſchen Struͤmpfen vor denen aus der Gas⸗ eogne eingeraͤumt werden muͤſſe, und der Wirth hatte eben ſeinen Gaͤſten einen heimlichen Wink gegeben, welcher un⸗ gefaͤhr ſo viel bedeuten ſollte, als:„Gebt Acht, Ihr Herren, jetzt werdet Ihr einen Spaß haben, als ploͤtzlich ein Pferde⸗ getrampel im Hofe gehoͤrt ward, dem ſogleich ein Ruf nach dem Stallknechte folgte, vermiſcht, vermuthlich um ihm mehr Nachdruck zu geben, mit einigen damals gebräͤuchlichen Fluͤchen. Hinaus ſtuͤrzten Stallknecht, Bierzapfer und die ganze Miliz des Wirthshauſes, welche ſich von ihrem Poſten geſchlichen hatte, um hie und da einen Brocken von dem Jubel der Geſellſchaft aufzuſchnappen. Auch der Wirth ſelbſt eilte hinaus, ſeine neuen Gaͤſte zu bewillkkommen, kehrte aber nach einem Augenblick ins Zimmer zuruͤck, gefolgt von ſeinem ziemlich betrunkenen Neffen, Michael Lambourne, und von dem Aſtrologen, welchen dieſer eskortirte. Alaseo, obgleich auch noch jetzt ein kleiner aͤltlicher Mann, hatte durch die Vertauſchung ſeines Gewandes gegen ein Reitkleid, ſo wie durch Zurechtſtutzung ſeines Bartes und ſeiner Au⸗ genbraunen, wenigſtens zwanzig Jahre von ſeinem Alter ab⸗ geſtreift, und ſchien jetzt ein raſcher Sechziger, oder etwas daruͤber. Er trat ſehr aͤngſtlich auf, und hatte ſich lange vergebens bemuͤht, Lambourne zu bewegen, nicht in dem — 126— Gaſthofe einzukehren, ſondern ohne weiteres ihre Reiſe nach dem Orte ihrer Beſtimmung fortzuſetzen; aber Lambourne duldete keine Einreden.„Beim Krebs und Steinbock,“ rief er mit ſchwerer Zunge,„und bei allen Sternen, die ich am fuͤdlichen Himmel ſah, gegen welche unſere noͤrdlichen hier nur wie Pfennigs lichter flimmern,— ich will wegen keines Menſchen Laune unnoͤflich ſeyn, hier will ich einkeh⸗ ren, und meinen wuͤrdigen Onkel begruͤßen.—— Von eurem Beſten, Oheim! und laßt alle eure Gaͤſte rund trin⸗ ken auf's Wohl des edlen Grafen von Leieeſter!. „Recht gern!“ erwiederte Giles Gosling, welcher herz⸗ lich wuͤnſchte, ſeinen Neffen bald wieder los zu werden; kannſt Du denn aber fuͤr die ganze Zeche ſtehen?“¹ 3 Solche Frage hat ſchon manchen jovialen Zecher beſtuͤrzt gemacht, aber ſie hatte nicht den geringſten Eindruck auf. Lambournes Gemuͤth.„Nach meinen Mitteln fragt Ihr, Onkel?“ rief er aus, indem er eine Hand voll Gold⸗ und Silberſtuͤcke zum Vorſchein brachte;“fragt Peru und Mexi⸗ co— fragt die Schatzkammer der Koͤnigin— Gott ſegne die Majeſtaͤt!— ſie iſt meines guten Lords gute Gebieterin.“ „Gut, Neffe!“ erwiederte Giles Gosling,„es iſt mein Geſchaͤft, Leuten Wein zu verkaufen, die ihn bezahlen koͤn⸗ nen.— An euer Amt, Aufwaͤrter!— Aber wollt' ich doch, 1 ich wuͤßte eben ſo leicht Geld zu verdienen, als Du, Mi⸗ chel!“ „Hoͤrt, Onkel, ich will Euch das Geheimniß vertrauen,“ ſagte Michael Lambourne,—„ſeht Ihr dieſen kleinen al⸗ ten Kerl hier? alt und verwittert, wie je der Teufel einen Spahn in ſeine Hoͤllenglut warf,— hat er doch, unter uns geſagt, Oheim! ein Potoſi in ſeinem Gehirn;— Teufel noch'mal, der kann Dukaten praͤgen, ſähnenen als ich Flůͤche vom Stapel laufen laſſe. 4 „35 „Ich will kein Geld aus ſeiner Muͤnze in meine Boͤrſe,“ entgegnete Giles Gosling;„ich weiß, was darauf ſteht, wenn man falſche Muͤnze macht.“ „Ihr ſeyd ein Eſel, Oheim!“ ſagte Michael Lambvurne, „ſo alt wie Ihr auch ſeyd.— Zieht mich nicht am Mantel, Doctor, auch Ihr ſeyd ein Eſel— und da will ich euch „Beiden denn verkuͤnden, daß ich bildlich ſprach.“ „Seyd Ihr raſend!“ fluͤſterte Alasco,„habt Ihr den Teufel im Leibe?— Koͤnnt Ihr denn nicht ruhig bleiben, ohne aller Augen auf uns zu ziehen. „Haſt Du Furcht, Alter?“ ſagte Lambourne,„kein Menſch ſoll Dich anſehen, mein Wort darauf.— Wer ſich unterſteht, Ihr Herren, nach dieſem alten Manne zu blicken, beim Teufel, mit meinem Dolche hier will ich ihm die Au⸗ „gen aus dem Kopfe ſtoßen.— So ſetz' Dich, Alter, und ſey luſtig, das alles hier ſind gute Bekannte, keiner wird Dich verrathen.“ „Willſt Du nicht lieber in ein beſonderes Zimmer gehen, Neffe, fragte Giles Gosling,„Du ſprichſt ſeltſame Dinge, und Aufpaſſer giebt es uͤberall.“ „Ich frage den Teufel danach,“ entgegnete Michael Lambourne;—„Aufpaſſer, pah!— ich diene dem edlen 8 Grafen von Leiceſter.— Da kommt der Wein;— fuͤll' rund, Aufwaͤrter!— Ein Hoch! auf's Wohl von Englands Blume, dem edlen Grafen von Leiceſter! dem edlen Grafen von Leiceſter, ſag' ich! Wer mir nicht Beſcheid thut, iſt eins von Suſſex Schweinen; aber er ſoll auf den Knieen mit einſtimmen, oder ich will ihm die Schenkel abſchneiden, und ſie wie Speck raͤuchern.“ Alle Anweſenden ſtimmten in eine Geſundheit ein, wel⸗ 8 che unter ſo furchtbaren Drohungen ausgebracht worden war, und Michael Lambourne, deſſen Trunkenheit durch dieſen Kenilworth. 2r Bd. 5 —-— 150— neuen Zuguß natuͤrlich nicht vermindert wurde, ward immer wilder und tobender, wobei er ſeine alte Bekanntſchaft mit manchem der Gaͤſte erneuerte, welche ihn jetzt mit einer Art von Achtung, der eine große Portion Furcht beigemiſcht war, behandelten; denn ſelbſt der geringſte Diener des beguͤnſtigten Grafen von Leiceſter, zumal ein ſolcher wie Lambourne, war aus hinreichenden Gruͤnden eben ſowohl ein Gegenſtand der einen, wie der andern. unterdeſſen hatte der Alte, dem es klar geworden ſeyn mochte, daß ſein Begleiter keinen Einreden Gehoͤr gab, auf⸗ gehoͤrt, ihm Vorſtellungen zu machen, und ſich im dunkel⸗ ſten Winkel des Gaſtzimmers niedergelaſſen, wo er uͤber einen kleinen Becher Sekt, den er verlangt hatte, entſchlummert, oder doch wenigſtens bemuͤht ſchien, ſich auf alle moͤgliche Weiſe der allgemeinen Aufmerkſamkeit, wie der ſeines Be⸗ gleiters zu entziehen, welcher Letztere eben jetzt eine vertrau⸗ liche Unterredung mit ſeinem alten Cameraden, dem Aus⸗ ſchnittkraͤmer zu Abingdon, begonnen hatte. „Glaube mir, kuͤhner Michel,“ ſagte Goldreath,„ich freue mich ſo herzlich, Dich wieder zu ſehen, wie ich mich je uͤber das Geld eines Kunden freuete!— Nun kannſt Du bei irgend einer Feſtlichkeit oder dergleichen doch einem gu⸗ ten Freunde zu einem Platze verhelfen; ja, und wenn ein⸗ mal Mylord in dieſe Gegend kommen ſollte, da koͤnnteſt Du ſo ſeiner Herrlichkeit in's Ohr fluͤſtern, daß, falls er etwa eines neuen ſpaniſchen Kragens oder aͤhnlicher Waare beduͤr⸗ fe,— da koͤnnſteſt Du dann ſo ſagen, mein' ich: ich habe da einen guten Freund, Ew. Herrlichkeit, Laurenz Goldreath zu Abingdon, der hat ein gar treffliches Lager von feinem Battiſt, Flor und Cambrie— auch iſt er ein ſo huͤbſches Kerlchen, als nur in Berkſhire anzutreffen, und wuͤrde es ¹ — 151— fuͤr Ew. Herrlichkeit mit jedem andern von ſeinem Maaße aufnehmen; und dann kannſt Du noch hinzufuͤgen“—— „Ich kann noch tauſend ſolcher verdammten Luͤgen hin⸗ zufuͤgen, Kraͤmerchen,“ unterbrach ihn Michael Lambourne, nund warum ſollt' ich nicht; fuͤr einen Freund ſoll man die Worte nicht ſcheuen!“ „Danke, danke,“ rief Goldreath;„auf dein Wohl, Michel! und von ganzem Herzen; auch kannſt du fuͤr die neueſten Moden einſtehen.— Hier war noch ſo eben ein Schelm von Hauſirer, welcher behauptete, die alten ſpani⸗ ſchen Struͤmpfe haͤtten den Vorzug vor den franzoͤſiſchen; aber ſchau' doch einmal her, wie ſo ein Gascogner⸗Strumpf Bein und Knie formt, zumal wenn er, wie ſich's gebuͤhrt, mit geſchmackvollem Strumpfband und gehoͤriger Garnitur verſehen iſt.“ „TCrefflich, Kraͤmer, allerliebſt!“ rief Lambourne;„deine Stoͤcke von Beinen kucken unter dem feinſten Geſpinnſt her⸗ oor, wie der Spinnrocken eines alten Weibes, von dem der Flachs halb abgeſponnen.“ „Sagt' ich's nicht, ſagt' ich's nicht!“ rief Goldreath, in deſſen ſeichtem Kopfe nun auch der Uebermuth einzuzie⸗ hen begann;„wo iſt der Schurke von Hauſirer, grade eben war er noch hier, wo zum Teufel ſteckt er denn?“ „Wo jeder kluge Handelsmann ſeyn ſollte,“ entgegnete Giles Gosling;„eingeſchloſſen auf ſeinem Zimmer, wo er die Einnahme des heutigen Tages uͤberzaͤhlt, und ſich an⸗ ſchickt, ſeine Kundſchaft morgen wieder ordentlich zu bedie⸗ nen.“ „Der Deufel hole ihn!“ rief Goldreath;„ein Verdienſt waͤr's, ihm ſeine Waare abzunehmen; ſolche herumziehende Landſtreicher bringen dem etablirten Handelsmanne nur J. 2 ——-——————————— — 132— Nachtheil und Schaden.— Nun, man trifft ihn wohl ein⸗ mal auf der Landſtraße.“ „Moͤchte auf ſeiner Hut ſeyn mäſſen, wer ihn angrei⸗ fen wollte,“ lachte Giles Gosling,„er iſt ein muthiger Geſelle.“ „So, iſt er das?“ fragte Goldreath. „Ob er das iſt?“ entgegnete der Wirth,„srade ein Kerl wie jener, von dem das Lied ſagt: „Herr Robin zog ſein gutes Schwerdt, Der Kraͤmer nahm ſeines zur Hand, und hat ſich gleich jener recht tapfer gewehrt, Streckt' dieſer ihn doch in den Sand.“ „Wenn's ſo iſt, mag er laufen,“ ſagte der Kraͤmer, „bei einem ſolchen iſt wenig Ehre zu holen.— Sag mir aber doch jetzt, ehrlicher Michel, wie traͤgt ſich denn die hollaͤndiſche Leinwand, welche Du mir in jener Wette abge⸗ wannſt?“ „Gut, gut, wie Ihr ſeht, Herr Kraͤmer!“ verſetzte Lambourne;„ich will noch einen Trunk fuͤr deine gute Be⸗ dienung zum Beſten geben.— Hallo, Aufwaͤrter! fuͤlle den Krug!“ „Auf ſolche Weiſe, Freund Michel! moͤchteſt Du keine Leinwand mehr gewinnen,“ ſagte Goldreath;„denn der ver⸗ drießliche Tony Foſter ſchilt auf Dich, wie ein Raſender, und ſchwoͤrt, Du ſollſt nie wieder uͤber ſeine Thuͤrſchwelle kommen, weil deine Fluͤche allein im Stande waͤren, das Dach uͤber eine ehrliche Chriſtenſeele herabzuſtuͤrzen.“ „Sagt er das, der heuchleriſche, elende Filz?“ ſchrie Lambourne.—„Nun, dann ſoll er hieher kommen, hieher, noch an dieſem Abend, und meine Befehle in Empfang nehmen, bier unter dem Dach meines Oheims!— Und ich — 133— will ihm einen Sanctus laͤuten, daß er glauben ſoll, der Teufel halte ihn bereits beim Schopf.“ „Nun wird's allzu toll im Oberſtuͤbchen,“ rief der Kraͤ⸗ mer,„Tony Foſter, deiner Pfeife gehorchen!— geh' ſchla⸗ fen, guter Michel, geh' ſchlafen!“— „Hoͤre, Du fratzenhafter Einfaltspinſel, was ich Dir ſagen will,“ rief Michael Lambourne mit heftiger Wuth, „ich ſetze funfzig Engel gegen fuͤnf deiner Ladenfaͤcher, mit allem was darin iſt, wohlverſtanden, aufwaͤrts gezaͤhlt von der falſchen Lichtſeite, daß ich Tony Foſter hieher kommen laſſe, hieher in dieſes Wirthshaus, bevor wir dreimal rund getrunken haben.“ „Ich mag keine ſo hohe Wette halten,“ entgegnete der Kraͤmer, faſt nuͤchtern gemacht durch ein Anerbieten, wel⸗ ches eine nur allzu genaue Bekanntſchaft Lambourne's mit ſeinen Ladengeheimniſſen verrieth.„Ich mag ſo hoch nicht gehen, aber ich will, wenn Du Luſt haſt, fuͤnf Engel gegen deine fuͤnf wetten, daß Tony Foſter nach der Betſtunde in kein Wirthshaus geht, weder auf dein Verlangen, noch auf das von irgend jemand anders.“ „Topy!“ rief Michael Lambourne;„Oheim, nehmt das Geld in Empfang, und laßt eins eurer Blutfaͤßchen dort, einen eurer Kellerjungen, mein' ich, raſch hinauf traben nach dem Herrenhauſe, Tony Foſter dieſen Brief geben, und ihm ſagen, daß ich, Michael Lambourne, hier auf der Burg meines Oheims mit ihm zu ſprechen verlange, und zwar uͤber Dinge von groͤßter Wichtigkeit.— Fott, auf die Beine, Burſche! denn die Sonne neigt ſich, und der Filz geht mit den Voͤgeln zu Bette, aus Geiz, um Hammeltalg zu ſparen.“ Kurze Feit, nachdem der Pote abgeſandt war,— ein Zwiſchenraum, der mit Laͤrmen und Zechen hingehracht wur⸗ .— ————O˖QOBDBn— — 134— de,— kehrte er mit der Antwort wieder, daß Foſter augen⸗ blicklich erſcheinen wuͤrde. „Gewonnen!“ rief Lambourne, auf das eingeſetzte Geld losſchießend. „Nicht, bevor er kommt, wenn's Each gefaͤllig iſt,“ ſagte der Kraͤmer, indem er dazwiſchen ſprang. „Nun, zum Teufel! er iſt ja ſchon an der Schwelle,“ entgegnete Michael Lambourne.—„Sprich Burſche, was ſagte er Dir?“ „Er kuckte zum Fenſter heraus, eine Muskete in der Hand, Euch zu dienen,“ erwiederte der Kellerjunge,„und als ich eure Botſchaft ausrichtete, welches ich unter Furcht und Zittern that, ſagte er mit einem ſauren Geſie te, daß er Euch in die Unterwelt wuͤnſche.“ 8 „Oder in die Hoͤlle,“ rief Lambourne,—„dorthin ſen⸗ det er alle, die nicht zu ſeiner frommen Bruͤderſchaft ge⸗ hoͤren.,. nur den anderen Ausdruck der Hoͤflichkeit wegen.“ „Bravo, Burſche!“ ſagte Lambourne;„Du ſollſt mit einem Trunk dein poetiſches Genie auffriſchen.— Was aber ſagte Foſter dann?“ „Er rief mich zuruͤck,“ fuhr der Bube fort,„und gebot mir, Euch zu ſagen, daß Ihr zu ihm kommen moͤchtet, wenn Ihr mit ihm zu ſprechen haͤttet.“ „Nun, nun, und dann?“ fragte Lambourne. „Dann las er den Brief, und ſchien ſich zu beſinnen, er fragte, ob Ihr etwa beim Becher ſaͤßet,— ich ſagte, daß dem ſo ſey, und daß eure Reden einige Bekanntſchaft mit dem Canarienſekt verriethen.“ „Was unterfängſt Du dich, kleiner Bisrkrut rief Lambourne,„aber weiter, nur aeiten 2. G emunteteites „So ſprach er,“ erwiederte der Knabe,„ich brauchte 1 — 135— „Ja, da meinte er denn, ſo vor ſich hin, daß, wenn er nicht kaͤme, Ihr wohl Dinge ausplaudern koͤnntet, die beſſer geheim gehalten waͤren, und ſo nahm er ſeine flache Muͤtze, ſeinen alten kahlen blauen Mantel, und kann, wie ſchon ge⸗ ſagt, jeden Augenblick hier ſeyn.“ „Er hat nicht ſo ganz Unrecht,“ murmelte Lambourne vor ſich hin.— Mein Gehirn hat mir wieder dumme Streiche geſpielt,— aber Courage, laßt ihn nur kom⸗ men!— Habe ich mich doch nicht ſo lange in der Welt herum getrieben, um mich nuchtern oder betrunken vor Tony Foſter zu fuͤrchten.— Hallo, einen Krug kaltes Waſſer, um meinen Sekt zu taufen!“ Waͤhrend Lambourne, den Foſters Annaͤherung an ſeinen eigenen Zuſtand erinnert hatte, beſchaͤftigt war, ſich zu ſei⸗ nem Empfange vorzubereiten, ſchlich ſich Giles Gosling die Stiege hinauf, nach der Kammer des Hauſirers, den er in großer Bewegung im Zimmer auf und abgehend fand. „Ihr trenntet Euch ja ploͤtzlich von der Geſellſchaft,“ ſagte der Wirth zu ſeinem Gaſte. „Es war hohe Zeit, weil der Teufel unter Euch einzog,“ erwiederte der Handelsmann. „Es iſt nicht fein von Euch, meinen Neffen ſo zu nen⸗ nen,“ ſagte Giles Gosling, noch ſteht es mir als Verwand⸗ ten an, mit einzuſtimmen, und doch kann Michael gewiſſer⸗ maßen als ein Glied vom Satan betrachtet werden. „Ey, ich ſpreche ja nicht von dem wilden Trunkenbold,“ erwiederte der Kraͤmer,„den andern mein' ich.— Aber wo⸗ her kommen ſie? oder wohin fuͤhrt ihr Weg?“ 38 „Wahrlich, das ſind Fragen, die ich n icht beantworten kann, ſagte der Wirth.—„Aber ſchauet, Herr, Ihr habt mir da ein Zeichen vom werthen Herrn Treſſilian gebracht, — ein ſchoͤner Stein;“ Er zog den Ring hervor, betrachtete —- 136— ihn genau, und fuͤgte, als er ihn einſterkte, die Bemerkung hinzu, daß es ein zu reicher Lohn fuͤr die geringen Dienſte ſey, welche er dem wuͤrdigen Geber leiſten koͤnne. Er ſey ein oͤffentlicher Mann, ſagte er, dem es uͤbel anſtehe, nach anderer Leute Geheimniſſen zu forſchen, und habe, wie bereits ge⸗ ſagt, nichts erfahren, als daß die Lady fortwaͤhrend zu Cum⸗ nor⸗Place in groͤßter Verborgenheit lebe, und daß ſie, nach der Ausſage einiger Leute, welche ſie zufaͤllig geſehen haͤtten, traurig, und mit ihrer Einſamkeit unzufrieden ſcheine.„Jetzt aber,“ fuhr er fort,„iſt, wenn Ihr eurem Herrn zu die: nen wuͤnſcht, die beſte Gelegenheit fuͤr viele Zeit. Tony Foſter kommt her, und ich brauche Michael Lambourne nur noch eine Sektſlaſche riechen zu laſſen, und ſelbſt der Befehl der Koͤnigin braͤchte ihn nicht von der Stelle; ſo ſind ſie hier feſt, fuͤr eine Stunde oder ſo etwas.— Wollt Ihr nun euren Packen nehmen, der Euch am leichteſten Einlaß verſchaffen kann, ſo koͤnnt Ihr vielleicht das Ohr des alten Dieners gewinnen, ſo, daß er Euch waͤhrend der Abweſen⸗ heit ſeines Herrn zur Lady einlaſſe, um ihr, wie Ihr vor⸗ geben koͤnnt, eure Waaren feil zu bieten; dort, an Ort und Stelle, wird es Euch leicht ſeyn, mehr uͤber ihre Lage zu erfahren, als ich oder jeder andere Euch ſagen kann.“ „Wahr, wahr,“ entgegnete Wayland Smith, denn die⸗ ſer war es, wie unſere Leſer leicht errathen haben werden; „ein vortrefflicher Rath, aber etwas gefaͤhrlich, duͤnkt mich — denn ſagt, wenn Foſter zuruͤckkehrte?“ „Leicht moͤglich, in der That,“ entgegnete der Wirth⸗ „Oder,“ fuhr Wayland fort,„wenn mir ſchlechter Dank von der Lady fuͤr mein Unternehmen wuͤrde?“ „Wie nicht unwahrſcheinlich iſt,“ entwiederte Giles Gosling;„wundre ich mich doch ſelbſt, daß Herr Treſſilian — 137— ſolchen Antheil an einer Perſon nehmen kann, die ſich ſo gar nichts aus ihm macht.“ „In beiden Faͤllen waͤre ich verloren,“ ſagte Wayland, „und daher finde ich im Ganzen keinen großen Geſchmack an Eurem Nathe.“ „Erlaubt mir, Herr Dienſtmann,“ erwiederte der Wirth, „es iſt Eures Herrn Geſchaͤft, nicht meins; Ihr muͤßt ſelbſt am beſten wiſſen, die Gefahr zu beurtheilen, und in wie weit Ihr ihr zu trotzen Luſt habt. Aber das, was Ihr nicht ſelbſt wagen wollt, koͤnnt Ihr auch nicht von anderen ver⸗ langen.“ „Sagt mir eins,“ fragte Wayland;„geht jener alte Mann auch nach Cumnor?“— „So denke ich gewiß,“ entgegnete Giles Gosling,„ein Knecht, den ſie bei ſich haben, ſprach davon, daß ihre Sa⸗ chen dahin gebracht werden ſollten; aber auf den Alten hat der Ale⸗Krug eben ſo maͤchtig gewirkt, als die Sektflaſche auf Michael Lambourne.“ „Genug,“ ſagte Wayland, ein entſchloſſenes Weſen an⸗ nehmend.— Ich will die Plane des alten Boͤſewichts durch⸗ kreuzen,— mein Schrecken bei ſeinem furchtbaren Anblicke beginnt nachzulaſſen, und mein Haß erwacht mit neuer Ge⸗ walt.— Helft mir fort mit meinem Packen, guter Wirth.— Du aber, alter Albemazar, huͤte dich, ein böſär Stern iſt an deinem Horoſcop aufgegangen.“ So ſprechend, nahm er ſeinen Packen, und ſchlug, vom Wirth durch eine Hinterthuͤr gefuͤhrt, den naͤchſten Weg nach Cumnor⸗Place ein. 8. Bei ſeiner aͤngſtlichen Sorgfalt, den eft wiederholten Be⸗ fehlen des Grafen, Verſchwiegenheit betreffend, zu erfüllen, ſo wie bei ſeiner eigenen ungeſelligen, filzigen Lebensweiſe, ſuchte Tony Foſter ſich mehr der Aufmerkſamkeit zu entzie⸗ hen, als Neugierde rege zu machen. So war er auch, um Aufſehen zu vermeiden, darauf bedacht, ſtatt ſich in ſeinem Amte und Haushalt durch mehrere Diener helfen und be⸗ ſchuͤtzen zu laſſen, lieber ihre Anzahl ſo viel als moͤglich zu vermindern, ſo daß, ausgenommen, wenn der Graf oder Varney auf dem Herrenhauſe weilten, die ganze Diener⸗ ſchaft der Familie nur aus einem maͤnnlichen Domeſtiken und zwei alten Weibern beſtand, welche die Zimmer der Graͤfin in Ordnung halten mußten.— Eines dieſer alten Weiber oͤffnete die Thuͤr, als Wayland anklopfte, und er⸗ wiederte ſein Erſuchen, bei den Damen im Schloſſe zuge⸗ laſſen zu werden, um ſeine Waaren feil bieten zu koͤnnen, mit einem Strom von Scheltworten. Es gelang indeß Way⸗ land, dieſem Einhalt zu thun, indem er ein kleines Silber⸗ ſtück in ihre Hand gleiten ließ, und ihr Zeug zu einer neuen Mlütze verſprach, falls ihre Herrſchaft von ſeinen Waaren kaufen wuͤrde.— „Gott lohn's!“ rief die Alte mit ganz umgewandeltem Tone,„an meiner Kappe haͤngen ſo kaum noch die Fetzen zuſammen.— Scheert Euch mit eurem Pack in den Gar⸗ ten,— drinnen ſpaziert ſie herum.“ So ſprechend, ließ ſie den Handelsmann in den Garten treten, und zeigte auf den alten verfallenen Pavillon, indem ſie ausrief:„Druͤben, ſeht, da druͤben, macht Euch nur an ſie, ſie kauft gern!“ 1 „Sie uͤberlaͤßt mich meinem Schickſal,“ dachte er, als er die Hexe das Gartenthor hinter ſich ſchließen hoͤrte.„Aber ſie werden mich nicht beißen noch morden fuͤr ein ſo kleines Vergehen; Muth alſo— ein tapferer General denkt nicht an ſeinen Ruͤckzug, bis er geſchlagen worden. Dort im Pa⸗ villon ſeh' ich zwei Frauen— wie wende ich mich an ſie? Ha, Wiliam Shakespeare! ſey du mein Freund in der Noth; ich will ihnen das Liedchen aus dem Autolycus ſingen!“ Und ſo begann er mit ſeiner wohlklingenden Stimme die bekannte Strophe: „Kauft Battiſt, ſo weiß wie Schnee, Flor, ſo ſchwarz wie Sturmesſee, Handſchuh', weich wie Seidenhaaſen, Masken fuͤr Geſicht und Naſen!“ „Welche ungewohnte Erſcheinung ſendet uns dort der Himmel, Janette!“ ſagte die Lady. — 159— „Einer jener Befoͤrderer der Eitelkeit, Hauſirer ge⸗ nannt,“ erwiederte Janette ehrbar,„der ſeine kurzen Waa⸗ ren nach kurzen Ellen verkauft;— ich wundere mich, daß die alte Doreas ihn herein ließ.“ „Das iſt ein gluͤcklicher Zufall,“ fuhr die Graͤfin fort, wir fuͤhren hier ein recht trauriges Leben, Janette, er wird uns eine Stunde lang die Zeit vertreiben.“ „Ja, aber gnaͤdigſte Frau!“ ſagte Janette,„mein Vater?“ 1 „Er iſt nicht mein Vater, Janette! noch, hoffe ich, mein Gebieter,“ entgegnete die Lady.—„Rufe den Mann hieher— ich gebrauche manches.“— 2 „Eure Herrlichkeit brauchen ja nur beim naͤchſten Schrei⸗ ben zu bemerken, was Sie wuͤnſchen,“ ſagte Janetke,„und wenn England es liefern kann, wird es unfehlbar gleich herbeigeſchafft.— Es wird Unheil daraus entſtehen— ich ———;ʒ— — 140— bitte Euch, theuerſte Lady, laßt mich den Mann fort⸗ ſchicken!“ „Ich gebiete Dir, ihn herzurufen, verſetzte die Graͤfin;— oder halt, ich will ihn ſelbſt rufen, um Dir, du furchtſame Naͤrrin, einen Verweis zu erſyaren.“ „Wohl uns, theure Lady, wenn es damit abgeht,“ ſagte Janette traurig, waͤhrend ihre Gebieterin dem Hauſirer zu⸗ rief:„Kommt hieher, Freund! hieher, legt euren Packen ab,— habt Ihr gute Waare, hat Euch der Zufall zu mei⸗ ner Freude und zu eurem Vortheil hieher gefuͤhrt.“ „Was ſteht denn zu Eurem Befehl, gnaͤdigſte Frau?“ ſagte Wayland, indem er ſeinen Packen eroͤffnete, und den Inhalt mit einer Gewandtheit ausbreitete, als habe er ſein Lebelang dieß Gewerbe getrieben. Wirklich hatte er daſſelbe auch im Laufe ſeines herumſtreifenden Lebens oft zu uͤben Gelegenheit gehabt, und verſtand daher jetzt ſowohl ſeine Waaren mit der Zungengelaͤufigkeit eines Hauſirers anzubie⸗ ten, wie auch ihren Werth durch Anpreiſung zu erhoͤhen. „Was zu meinem Befehl ſteht?“ wiederholte die Lady; „ſeit ſechs langen Monaten habe ich keine Elle Battiſt, Cambrie, oder ſonſt irgend einen Putz zu meinem Gebrauche, nach meiner eigenen Wahl gekauft; meine Frage iſt beſſer, was habt Ihr Gutes zu kauf? Hier dieſen Kragen von fei⸗ nem Cambrie und jene Aermel dort legt zudoͤrderſt fuͤr mich bei Seite— und jene Goldfrangen, den Kreppflor hier.— Und dieſen kurzen Mantel von kirſchrothem Zeuge, mit gol⸗ denen Knoͤpfen und Borden;— it er nicht durchaus ge⸗ ſchmackvoll, Janette?“ „Wenn Ihr mich um meine geringe Meinung befragt gnaͤdigſte Frau! erwiederte Janette,„ſo ſcheint mir ſeine Pracht zu überladen, um hübſch zu ſeyn.“ G — 141— „Schweig' mit deinem Urtheil, Maͤdchen! wenn es nicht geſcheuter iſt,“ ſagte die Graͤfin;„zur Strafe ſollſt Du ſelbſt dieſen Mantel tragen; die goldenen Knoͤpfe ſind aͤcht; ſie werden deinen Vater beruhigen, und ihn mit dem rothen Zeuge ausſoͤhnen. Nimm Dich aber in Acht, daß er ſie Dir nicht wegſchnappt, und deinen Goldſtuͤcken zugeſellt, die in ſeinem Eiſenkaſten in der Gefangenſchaft ſchmachten.“ „Wollt Ihr nicht meinem Vater die Kraͤnkung erſparen, gnaͤdigſte Frau!“ erwiederte Janette. „Erſparen!“ rief die Lady, warum ſollte man ihm etwas erſparen, deſſen ganzes Leben und Weben ſparen heißt? Aber wieder zu unſerem Geſchaͤft.— Dieſe Garnitur noch fuͤr mich, und dieſe ſilberne Haarnadel mit der Einfaſſung von Perlen;— ſo, nun nimm noch zwei Kleider, Janette, von dem braunen Zeuge dort, fuͤr Doreas und Aliſon, da⸗ mit die armen Weiber im Winter nicht erfrieren.— Aber halt, habt Ihr keine Parfuͤmerien, Pomaden, wohlriechende Waſſer?“ „Waͤre ich im Ernſt ein Hauſirer, ich waͤre ein gemach⸗ ter Mann,“ dachte Wayland, als er ſich bemuͤhete, alle dieſe Fragen zu beantworten, die ihm mit der Heftigkeit einer jungen Dame vorgelegt wurden, welche lange des Vergnuͤ⸗ gens beraubt geweſen war, ſich mit ſo angenehmen Gegen⸗ ſtaͤnden zu beſchaͤftigen. Wie aber ſollte er es anfangen, um ſie wenigſtens auf einen Augenblick zu ernſter Ueberle⸗ gung zu fuͤhren? Zu dem Ende bemerkte er, waͤhrend er ſeinen trefflichen Vorrath von Eſſenzen und andern Parfü⸗ merien auskramte, daß alle dieſe Waaren faſt um das Dop⸗ pelte im Preiſe geſtiegen waͤren, wegen der großen Aufkaͤufe, welche davon fuͤr die Feſtlichkeiten ſtatt gehabt haͤtten, mit denen der Graf von Leiceſter die Koͤnigin auf ſeinem Schloſſe Kenilworth zu unterhalten im Begriff ſtehe. * —————— — 142— „Alſo iſt das Geruͤcht wahr, Janette!“ rief die Graͤfin mit einiger Heftigkeit. „Allerdings, gnaͤdigſte Frau!“ erwiederte Wayland; ſolltet Ihr denn nichts Naͤheres davon gehoͤrt haben? Die Koͤnigin wird eine Woche lang auf dem Schloſſe des edlen Grafen verweilen, und es giebt Leute, die da behaupten wollen, England wuͤrde einen Koͤnig, und Eliſabeth einen Gemahl haben, noch bevor jene Feſtlichkeiten zu Ende gehen.“ „Das luͤgen die Unverſchaͤmten!“ rief die Graͤfin auf⸗ fahrend. „Um Gottes willen, gnaͤdige Frau! Faſſung!“ ſagte Janette, vor Furcht zitternd;„wer wollte auch dem Ge⸗ ſchwaͤtz der Hauſirer Glauben beimeſſen.“ „Du haſt Recht, Janette,“ rief die Lady,„ſolche Ge⸗ ruͤchte zum Nachtheil des Rufs von England's edelſtem Lord koͤnnen nur unter der niedrigſten, Aenzeßen, Fähandiicgften. Volksklaſſe fuͤr wahr gehalten werden.“ 36 „Bei meinem Leben, gnaͤdige Frau!“ aatt Wayland Smith, welcher recht wohl bemerkte, daß ihre Heftigkeit ge⸗ gen ihn gerichtet war,„ich habe dieſen Ausbruch Eures Zornes nicht verſchuldet; ich wiederholte nur, was ich von vielen anderen gehoͤrt.“ Die Graͤfin hatte indeß ihre Faſſung wieder gewonnen, und bemuͤhete ſich, durch Janettens ausdrucksvolle Winke beunruhigt, jedes Zeichen von Mißvergnuͤgen ihrerſeits zu unterdruͤcken. „Es verdroß mich, guter Freund!“ ſprach ſie,„zu hoͤ⸗ ren, daß unſere Koͤnigin den Jungfrauenſtand, ihrem Volke ſo werth und theuer, veraͤndern ſollte,— denkt nicht weiter daran.“ Dann fragte ſie, als ſey ſie bemuͤht, das Geſpraͤch auf einen anderen Gegenſtand zu lenken:„was iſt denn das bier fuͤr eine Maſſe in dem Silberbuͤchschen?“ wobei ſie — 145— den Inhalt eines Kaͤſtchens unterſuchte, in welchem in ab⸗ getheilten Faͤchern verſchiedene Specereien vorhanden waren. „Es iſt ein Mittel gegen eine Krankheit, uͤber welche Ihr, gnaͤdige Frau! Euch wohl nicht zu beſchweren haben werdet. Taͤglich davon ſo viel wie eine Bohne groß eine Woche lang eingenommen, bewahrt das Herz vor jenen ſchwarzen Duͤnſten, welche Einſamkeit, Melancholie, uner⸗ wiederte Liebe und getaͤuſchte Hoffnung herbeifuͤhren.“ „Seyd Ihr bei Sinnen, Freund,“ fragte die Graͤfin mit ſcharfem Tone,„oder glaubt Ihr, mir, weil ich Euch ſo gutwillig den Kram dort fuͤr uͤbertriebenen Preis ab⸗ kaufte, ſolche Thorheiten glauben machen zu koͤnnen?— Wer hat je gehoͤrt, daß Krankheiten des Herzens durch auf den Koͤrper angewandte Mittel geheilt werden koͤnnen?“ „Mit Eurer Erlaubniß, gnaͤdige Frau! ich bin ein ehr⸗ licher Mann, und habe Euch meine Waare zu ehrlichen Preiſen uͤberlaſſen. Als ich Euch die Eigenſchaft dieſer koſt⸗ baren Arzenei pries, bat ich Euch ja nicht, ſie zu kaufen. Ich behaupte nicht, daß ſie ein eingewurzeltes Uebel des Herzens zu heilen im Stande ſey, welches nur Gott und die Zeit zu thun vermoͤgen; aber ſie vertreibt die boͤſen Duͤnſte, welche durch den Truͤbſinn des Herzens dem Koͤrper zugefuͤhrt werden. Schon Manchem habe ich damit geholfen, in der Stadt, wie auf dem Lande; noch kürzlich einem gewiſſen Herrn Edmund Treſſilian, einem achtungswerthen Edelmanne in Cornwallis, der, wie man mir erzaͤhlte, durch eine ge⸗ taͤuſchte Liebe in eine Melancholie verfallen war, welche ſeine Freunde fuͤr ſein Leben fuͤrchten ließen.“ Er hielt ein; auch die Graͤfin ſchwieg einen Augenblick; dann fragte ſie mit einer Stimme, in welche ſie ſich ver⸗ geblich bemuͤhete einen ruhigen, gleichguͤltigen Ton zu legen, —SSöSö—Iö—ö—ö—ö—öö— — 144— „iſt der Herr, von dem Ihr ſprecht, ſchon ganz wieder ber⸗ geſtellt?“ „So ziemlich, gnaͤdige Frau!“ antwortete Wayland, „wenigſtens klagt er nicht uͤber koͤrperliche Leiden.“ „Ich will doch etwas von der Arzenei kaufen, Janette!“ ſprach die Graͤfin.„Auch ich leide oft an ſchwarzer Melan⸗ cholie, welche meinen Geiſt umzieht.“ „Um Gottes willen nicht, Mylady!“ rief Janette; „wer ſteht uns denn dafuͤr, daß dieſes Mittel nicht ſchaͤd⸗ lich iſt?“ „Ich ſelbſt will meine Arzenei verbuͤrgen,“ ſagte Way⸗ land, indem er ſchnell eine Portion von derſelben verſchluckte. Die Graͤfin kaufte nun den Ueberreſt, auf deſſen Beſitz ſie durch Janettens Vorſtellungen nur noch hartnaͤckiger ward; ja, ſie nahm ſogleich eine Portion davon ein, und geſtand, daß ſie ſich wirklich leichter und kraͤftiger darnach fuͤhle; ein Erfölg, welcher jedoch, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nur in ihrer eigenen Einbildungskraft beſtand. Endlich nahm ſie alles Gekaufte zuſammen, warf Janetten ihre Boͤrſe zu, ihr gebietend, mit dem Verkaͤufer zu rechnen und zu bezahlen, waͤhrend ſie ſelbſt, als einer Unterhaltung muͤde, an welcher ſie Anfangs Vergnuͤgen gefunden hatte, dem Handelsmann einen guten Abend zunickte, und dem Hauſe langſam zu⸗ ſchritt, wodurch Wayland jeder Gelegenheit beraubt ward, ins Geheim mit ihr zu reden. Dieſer beeilte ſich daher, wenigſtens eine Erklaͤrung mit Janetten herbeizufuͤhren. „Maͤdchen,“ ſprach er,„wenn dein Geſicht nicht truͤgt, liebſt Du deine Gebieterin; ſie bedarf treuer Dienſte.“ „und verdient ſie,“ fuͤgte Janette hinzu,„aber was ſoll das?“ „Ich bin nicht ganz, was ich ſcheine,“ fuhr Wayland mit dedſim tor Stimme fort. „So — 145— „So biſt Du denn doch wohl ein ehrlicher Mann?“ frag⸗ te Janette beſtuͤrzt. „Das um ſo mehr, da ich kein Hauſirer bin,“ entgegnete Wayland. „Dann fort auf der Stelle,“ rief Janette,„oder ich rufe um Huͤlfe; mein Vater muß jetzt ſchon zuruͤck ſeyn.“ „Nicht zu raſch,“ ſprach Wayland, ſie zuruͤckhaltend, „Ihr wuͤrdet Euer Thun bereuen; ich bin ein Freund Eurer Gebieterin; ſie bedarf derer viele, darum richte die wenigen nicht zu Grunde, die ihr uͤbrig geblieben ſind.“ „Und was buͤrgt mir fuͤr Euch?“ fragte Janette. „Blicke mich an, Maͤdchen!“ ſagte Wayland,„und ſiehe, ob nicht Ehrlichkeit aus meinen Zuͤgen ſpricht!“ Und wirklich trug ſein Geſicht, obgleich es durchaus nicht huͤbſch genannt werden konnte, einen Ausdruck von erſinderiſchem Geiſte und treuherziger Rechtlichkeit, welcher, verbunden mit feurigen, lebhaften Augen, einem wohlge⸗ formten Munde und gefaͤlligem Laͤcheln, oft den unregel⸗ maͤßigſten Zügen Intereſſe und Reiz verleiht. Janette bliekte auf ihn mit der ſchlauen Einfalt ihrer Seete, und erwie⸗ derte:„Crotz deiner geruͤhmten Rechtlichkeit, Freund, und obgleich ich mich nicht darauf verſtehe, ſolche Schrift zu le⸗ ſen, wie Du meiner Pruͤfung vorgelegt haſt, deucht mir doch, in deinem Geſichte ſo etwas von einem Hauſirer, und noch etwas anderes, was einem Schelme anzugehoͤren ſcheint, zu erblicken.“ „Du waͤgſt auf einer genanen Waage, Maͤdchen,“ ent⸗ gegnete Wayland laͤchelnd.—„Aber hoͤre, noch dieſen Abend, oder morgen, wird hierher zu deinem Vater ein alter Mann kommen, welcher den ſchleichenden Gang einer Katze, den heimtuͤckiſchen Blick einer Ratte, das einſchmeichelnde Veſen des Schooßhuͤndchens mit dem Trotz des Bullenbeißers Kenilworth. 2r Bd. K ——— — 146— in ſich vereint.— Vor ihm nimm Dich und deine Gebie⸗ terin in Acht. Das Gift der Natter fuͤhrt er mit ſich, un⸗ ter dem Unſchuldsfluͤgel der Taube. Welches Unheil er jetzt gegen Euch im Schilde fuͤhrt, kann ich nicht errathen; aber Tod und Verderben ſind noch immer ſeinen Fußſtapfen ge⸗ folgt.— Erwaͤhne nichts davon gegen deine Gebieterin— in ihrer Lage wuͤrde die Furcht vor dem übel ihr eben ſo gefaͤhrlich ſeyn, als deſſen Wirkung.— Aber halte darauf, daß ſie mein Mittel gebrauche;“— hier daͤmpfte er ſeine Stimme und fuͤſterte ihr leiſe aber dringend in's Ohr:— „es iſt ein Gegengift.— Doch ſtill, man kommt in den Garten!“ 5 Wirklich ward in dieſem Augenblicke ein lautes Gelaͤrm und Gerede gehoͤrt, durch welches erſchreckt, Wayland, um ſich zu verbergen, ſchnell in die Mitte eines dichten Gebuͤſches ſprang, waͤhrend ſich Janette nach dem Gartenhauſe zuruͤck⸗ zog, um durch ihre Anweſenheit keine Aufmerkſamkeit zu erregen, und um wenigſtens fuͤr den Augenblick die von dem vermeintlichen Hauſirer gemachten Einkaͤufe zu verber⸗ gen, welche zum Theil noch zerſtreut im Pavillon umher lagen. Janette hatte uͤbrigens keine Urſache beſorgt zu ſeyn. Ihr Vater, ſein alter Knecht, Lord Leiceſters Diener und der Aſtrolog ſtuͤrmten mit großer Beſtuͤrzung in den Garten, ſaͤmmtlich bemuͤht, Lambourne zu beruhigen, deſſen Gehirn nun voͤllig eine Beute geiſtiger Getraͤnke geworden war, und der zu jenen ungluͤcklichen Menſchen gehoͤrte, die, wenn ſie vom Weingeiſte ergriffen ſind, nicht etwa wie andere Trun⸗ kenbolde in den Schlaf fallen, ſondern, welche lange in ihrem Rauſche wach bleiben, und durch fortgeſetztes Trinken endlich in einen dem Wahnſinn aͤhnlichen Zuſtand gerathen. Wie manche Betrunkene dieſer Art, ſo hatte nun auch Lambourne — 14— weder die Macht ſich zu bewegen, die Kraft zu ſprechen, noch die ſich auszudrücken verloren; er ſprach im Gegentheil laut und mit großer Beredſamkeit, und erzaͤhlte alles, was er zu jeder andern Zeit mit großer Sorgfalt verſchwiegen haben wuͤrde. „Was,“ ſchrie er ſo laut, als es ſeine Stimme zuließ, trinken ſoll ich nicht— kein Saufgelag haben, ich, der ich hier Eurem verfallenen Hundeloche Gluͤck bringe, in einem Kerl aus Satans Fabrik, der Pfennige in ſpaniſche Thaler verwandeln kann?— Du, Tony Foſter Feuerbrand, Papiſt, Puritaner, Scheinheiliger, Geizhalz, Laſterbube, Teufel, zu⸗ ſammengeſetzt aus den Suͤnden aller Menſchen, hier kniee nieder und verehre den, der deinem Hauſe den Mammon bringt, den Du anbeteſt.“ *„um Gotteswillen,“ ſagte Foſter,„ſprich leiſe— komm ins Haus— Du ſollſt Wein haben, oder was Du ſonſt nur willſt. „Nein, du Hundsfott, ich will ihn hier heraus gebracht haben,“ rief der trunkene Raufbold;—„hier, al freſeo wie der Italiener ſpricht,— ich will nicht hinter verſchloſſe⸗ nen Thuͤren mit dem vergiftenden Teufel da trinken, nicht Arſenieum⸗Duͤnſte in den Hals ziehen, der Schurke von Varney hat mich gelehrt, mich davor in Acht zu nehmen.“ „So gebt ihm doch nur Wein, in des Teuſels Namen!“ ſagte der Alchymiſt. „Damit Du deine Gewuͤrze hinein ſtreuen kannſt, alter ehrlicher Mann— nicht wahr?“ ſchrie Lambourne.„Bald wuͤrde Gruͤnſpan, Nieswurz, Vitriol, Scheidewaſſer und noch tauſend andere ſolcher Hoͤllendinge in meinem Gehirn den Teufel herauf beſchwoͤren, wie der Zaubertrank in einem Hexenkeſſel. Gieb Du mir ſelbſt den Wein, alter Tony Feuerbrand,— aber kalten— ich will keinen Gluͤhwein, K 2 1 . — 148— heiß gemacht bei den Scheiterhaufen der verbrannten Bi⸗ ſchoͤfe. Wartet, wartet, laßt nur erſt den Leiceſter Koͤnig ſeyn, wenn er anders Luſt dazu hat— und Varney, den Hunds⸗ fott, Großvezier— trefflich— trefflich,— und was werde ich dann ſeyn?— Hol's der Teufel Kaiſer!— Kaiſer Mi⸗ chael Lambourne.— Jetzt aber will ich das Schoͤnheitsſtuͤck ſehen, das Sie hier zu ihrem Privat⸗Vergnuͤgen verſchloſſen halten,— ſie ſoll mir dieſen Abend noch den Becher kre⸗ denzen und die Nachtmuͤtze aufſetzen.— Was will der Kerl mit zwei Weibern, und waͤre er zwanzigmal ein Graf?— Gieb Antwort, Foſter, du ſcheinheiliger Hund, den Gott aus dem Buche des Lebens ſtrich, ihm dabei aber den ewigen Wunſch ließ, wieder hinein geſchrieben zu werden— Du alte Biſchofsfackel, vermaledeieter Fanatiker! gieb mir Ant⸗ wort.“ „Ich will ihm mein Meſſer bis an das Heft in den Leib ſtoßen,“ ſagte Foſter mit leiſem, aber vor Zorn beben⸗ den Tone. „Um Gottes Willen keinen Laͤrm, keine Gewaltthaͤtig⸗ keit,“ rief der Aſtrolog.—„Das kann nicht eng genug ein⸗ geſchloſſen werden.— Kommt, ehrlicher Lambourne, thut mir auf das Wohl des Grafen von Leießkon und des Herrn Varney Beſcheid!“ „Das will ich, alter Albumazar Du— das will ich, Du Nattengift⸗Verkaͤufer.— Ich moͤchte Dich kuͤſſen, Du Einbrecher ins Lex Julia, wie ſie das Ding zu Leyden nennen, ſtaͤnkſt Du nicht ſo verdammt nach Schwefel, oder nach aͤhnlichem verfluchten Apothekerzeuge.— Aufs Wohl denn von Varney und Leiceſter!— den beiden hochfliegen⸗ den, ehrgeizigen, boshaften, ausgearteten Geſchoͤpfen! Genug geſagt; aber meinen Dolch will ich auf den Nippen — 149— deſſen wetzen, der mir nicht auf dieſe Geſundheit Beſcheid thut! Nun alſo ihr Herren.“—— Bei dieſen Worten ſtuͤrzte Lambourne den ihm von dem Aſtrologen gereichten Becher hinunter, welcher aber keinen Wein, ſondern deſtillirten Spiritus enthielt. Er ſtieß einen halben Fluch aus, ließ den leeren Becher aus ſeiner Hand fallen, verſuchte vergeblich mit kraftloſem Arm ſein Schwerdt zu ziehen, wankte und ſiel beſinnungslos den beiden Dienern in die Arme, welche ihn ins Haus und zu Bette brachten. In der allgemeinen Verwirrung gelangte Janette unbe⸗ merkt in das Zimmer ihrer Gebieterin, zitternd und fliegend wie Espenlaub, aber entſchloſſen, vor der Graͤfin den ſchreck⸗ lichen Argwohn verborgen zu halten, welchem ſie, da ſie Lambournes trunkene Reden mit angehoͤrt hatre, nicht um⸗ hin konnte, Raum zu geben. Ihre Furcht, obgleich ſolche keine beſtimmte Geſtalt angenommen hatte, hielt indeß mit den Warnungen des Hauſirers gleichen Schritt, und ſie be⸗ ſtaͤtigte ihre Gebieterin in dem Entſchluſſe, die Arzenei des Kraͤmers zu gebrauchen, von welcher ſie ſonſt wahrſcheinlich verſucht haben wuͤrde, ſie zuruͤck zu halten. Eben ſo wenig waren Lambournes Worte dem Ohre Wayland's entgangen, welcher weit beſſer ſie zu deuten verſtand. Er fuͤhlte inniges Mitleid, ein ſo liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf, als die Graͤfin, welche er fruͤher im Kreiſe haͤuslichen Gluͤcks erblickt hatte, jetzt als die Beute einer ſolchen Bande von Schurken zu ſehen. Auch war ſein Gemuͤth ſtark aufgeregt worden, als er die Stimme ſeines alten Herrn vernahm, den er in glei⸗ chem Grade haßte und fuͤrchtete; und ſo gefahrvoll auch das Unternehmen war, faßte er doch noch in dieſer Nacht den Entſchluß, das Geheimniß bis auf den Grund zu erforſchen, und die ungluͤckliche Lady zu retten, wenn es noch moͤglich ſey. Aus einigen Worten, welche Lambourne herausgeſtoßen — 150— hatte, erſtieg jetzt bei Wayland zum erſten mal der Zweifel, ob auch Varney in dieſer Sache fuͤr ſeine Rechnung ganz allein gehandelt habe. Das Geruͤcht ſagte uͤberdem, daß dieſer trene Diener ſeinem Herrn ſchon fruͤher bei Lieb⸗ ſchaften huͤlfreiche Hand leiſtete, und ſo begann Wayland zu vermuthen, daß der Graf von Leiceſter die Hauptperſon in dieſer Geſchichte ſey. Auf Emmy's Verheirathung mit dem Grafen ſiel er zwar noch nicht, aber ſelbſt die Entdek⸗ kung einer voruͤbergehenden Liebſchaft mit einer Dame von Lady Robſarts Rang war ſchon an ſich ein Geheimniß von der groͤßten Wichtigkeit fuͤr die Nebenbuhler um Eliſabeth's Gunſt.„Sollte Leiceſter Anſtand nehmen, ſolch' ein Geruͤcht durch außerordentliche Mittel zu unterdruͤcken,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſo hat er Leute genug um ſich, welche ihm den Gefallen thun werden, ohne ſeine Einwilligung abzu⸗ warten. Will ich mich in dieſe Sache miſchen, ſo muß es geſchehen, wie mein alter Meiſter ſein Manna zu bereiten pflegt, mit dicht verſchloſſener Maske vor dem Geſicht. Schon morgen will ich Giles Gosling verlaſſen, und meinen Weg und Aufenthalt ſo oft veraͤndern, wie ein gehetzter Fuchs, aber noch einmal moͤcht' ich die kleine Puritanerin ſprechen. Sie ſieht zu huͤbſch und ehrlich aus, um von ſol⸗ chem ſchlechten Kerl, als Tony Foſter Feuerbrand, abzu⸗ ſtammen.“ Giles Gosling nahm faſt freudig von Wayland Abſchied⸗ Der ehrliche Gaſtwirth ſah ſo viel Gefahr dabei voraus, die Wege des Grafen von Leiceſter zu durchkreuzen, daß ſeine Tugend kaum im Stande geweſen war, ihn zur Uebernahme eines ſolchen Geſchaͤfts zu bewegen, von dem er alſo um ſo lieber ſeine Schultern befreit ſah; nichts deſto weniger ver⸗ ſprach er, es nicht an gutem Willen fehlen zu laſſen/ Herrn Treſſilian und ſeinen Botſchaftern im Rothſalt; zu dienen — 151— en ſo fern er dieſes, ſeinem Charakter als Gaſtwirth unbe⸗ ſchadet zu thun im Stande ſey. 9. Der Glanz der bevorſtehenden Feſte zu Kenilworth war jetzt ein Gegenſtand der allgemeinen Unterhaltung England's, und von nahe und fern wurde mit emſiger Sorgfalt alles herbei gefuͤhrt, um den Empfang Eliſabeth's in dem Hauſe ihres ausgezeichnetſten Guͤnſtlings ſo praͤchtig als moͤglich zu machen. Unterdeſſen ſchien Leiceſter taͤglich in der Gunſt der Koͤnigin zu ſteigen; im Geheimen⸗Rathe ſaß er ihr beſtaͤndig zur Seite— bei den Vergnuͤgungen des Hofes gab ſie gern ſeinen Wuͤnſchen Gehor— ja beguͤnſtigte ihn ſogar mit Zeichen familiaͤren Vertrauens— alle blickten auf ihn, wel⸗ che ihre Hoffnungen auf den Hof geſtellt hatten— und die fremden Miniſter bewieſen, unter den ſchmeichelhafteſten Verſicherungen der Hochachtung ihrer reſpectiven Monarchen, ihm ihre Ehrerbietung, als dem anderen Ich Eliſabeths, welche, wie man jetzt allgemein glaubte, nur auf Zeit und Gelegenheit warte, ihn, indem ſie ihm ihre Hand reichte, mit in ihre koͤnigliche Gewalt einzuſetzen. Unter dieſer Fuͤlle des Wohlergehens war indeß dieſes Schooßkind des Gluͤcks und der Gunſt der K Koͤnigin, vielleicht das ungluͤcklichſte Weſen in dem ganzen Reiche, welches ihm unterthan zu ſeyn ſchien. Da er hoͤher ſtand, als alle ſeine Freunde und Anhaͤnger, ſah er auch mehr, als ſie. Der arakter ſeiner Gebieterin war ihm auf's genaueſte bekannt; d dieſe Bekanntſchaft, ſowohl mit ihren Launen, wie mit hren edeln Eigenſchaften, war es eben, welche, im Verein — 152— mit ſeinen geiſtigen und koͤrperlichen Vorzuͤgen, ihn ſo hoch in der Gunſt der Koͤnigin erhoben hatte; und auch dieſe ge⸗ naue Kenntniß ihres Charakters war es, welche ihn faſt mit jedem Augenblicke eine ploͤtzliche Veraͤnderung ihrer Geſin⸗ nungen fuͤrchten ließ. Leieeſter glich einem Schiffer, der ſich im Beſitz einer Seekarte befindet, die ihm zwar alle Ge⸗ fahren ſeiner Reiſe angiebt, dabei aber eine ſolche Menge von Kliypen, Sandbaͤnken und Brandungen zeigt, daß ſein aͤngſtliches Auge aus ihrer Betrachtung wenig mehr als die Ueberzeugung gewinnt, wie nur ein Wunder ihn aus dieſen Schreckniſſen zu retten im Stande ſey. In der That beſaß auch die Koͤniain Eliſabeth einen Charakter, ſeltſam gemiſcht aus den kraͤſtigſten maͤnnlichen Eigenſchaften und jenen Schwaͤchen, welche gewoͤhnlich als ein Eigenthum des weiblichen Geſchlechts angeſehen werden. Ihre Unterthanen hatten den vollen Genuß ihrer Tugenden, welche ihre Fehler bei weitem uͤberwogen; allein ihre Hoͤf⸗ linge und ſolche Perſonen, welche in ihrer Naͤhe waren, mußten oft ihren Eigenſinn und die Ausbruͤche eines eifer⸗ ſuͤchtigen und despotiſchen Temperaments ertragen. Sie war die Pflegemutter ihres Volks, zugleich aber auch die wahre Tochter Heinrich VIII., und obgleich fruͤhere Leiden und eine vortreffliche Erziehung eine Milderung herbeige⸗ fuͤhrt hatten, waren ſie doch nicht im Stande, das ererbte 1 Temperament dieſes ſtrenge regierenden Koͤnigs durchaus zu vertilgen. „Ihr Geiſt,“ ſagte der witzige Sir John Harrington, der ſowohl von dem Laͤcheln als von dem Mißfallen, welches er beſchreibt, Erfahrungen gemacht hatte,„konnte oft mit einem Lufthauch verglichen werden, der an einem Sommer⸗ morgen von Weſten heruͤber faͤchelt, uͤberall milde Kuͤhlung verbreitend. Ihre Rede gewann alle Herzen, und doch konnte — 155— ſie, wenn ſie Gehorſam forderte, ein Weſen annehmen, daß keinen Zweifel uͤbrig ließ, weſſen LTochter ſie ſey. Ihr Laͤcheln war ein Sonnenſchein, an dem ſich jeder zu waͤrmen wünſchte, dem es erlaubt war; aber ploͤtliich trieb der Sturm Wolken zuſammen, und der Blitz traf auf wun⸗ dervolle Weiſe ihre ganze Umgebung.“ Dieſe Wandelbarkeit des Sinnes war, wie Leiceſter wohl wußte, vorzuͤglich denen furchtbar, welche mit der Huld der Koͤnigin beehrt wurden, und ſolche mehr ihrer Perſoͤnlich⸗ keit als den Dienſten verdankten, welche ſie dem Reiche und der Krone zu leiſten im Stande waren. Die Gunſt, welche ein Burleigh oder Walſingham beſaß, war, obgleich weit weniger in die Augen fallend, als diejenige, welche Leieeſter zu Theil geworden war, wie dieſer recht gut wußte, auf Eliſabeth's ſcharfes Urtheil, und nicht auf ihre Partheilich⸗ keit gegruͤndet, und alſo weit weniger einer Wandelbarkeit unterworfen, als eine Huld, welche hauptſaͤchlich ihr Daſeyn perſoͤnlichen Vorzuͤgen und weiblicher Vorliebe verdankte. Dieſe großen und weiſen Staatsmaͤnner wurden von der Monarchin nur mit Ruͤckſicht auf die Maaßregeln, welche ſie ergriffen, oder nach den Gruͤnden, welche ſie im Rathe vor⸗ legten, beurtheilt, waͤhrend Leiceſters Gluͤck von allen jenen wandelbaren Grillen des Eigenſinns und der Laune abhing, welche die Fortſchritte eines Liebhabers bei ſeiner Geliebten hindern und foͤrdern,— und welcher Geliebten! ewig und immer fuͤrchtend ihre Wuͤrde zu vergeſſen, und ihrer Autori⸗ taͤt etwas zu vergeben, indem ſie die Neigungen eines Wei⸗ bes blicken ließ.— Von den Schwierigkeiten, welche ihn umgaben, ſo voͤllig uͤberzeugt, blickte Leiceſter oft aͤngſtlich nach einer Rettungsleiter, auf welcher er mit heiler Haut hinabzuſteigen im Stande ſey, doch blieb ihm nur wenig Hoffnung fuͤr ſein Heil. In ſolchen Augenblicken weilten — 154— ſeine Gedanken oft auf ſeiner geheimen Vermaͤhlung und ihren Folgen; dann ſchrieb er mit einer Bitterkeit, welche, wenn auch nicht gegen ſeine ungluͤckliche Gemahlin, doch gegen ſich ſelbſt gerichtet war, dem allzu raſchen Schritt, wie er jetzt ſeine Verbindung mit Emmy nannte, ſowohl die Unmoͤglichkeit, ſeine Macht auf feſten Grund zu ſtellen, wie auch die furchtbare Angſt zu, in der er ſchwebte, ſein Gluͤcks⸗ gebaͤude ploͤtzlich in Truͤmmer zuſammen ſtuͤrzen zu ſehen. „Die Menge behauptet,“ ſo dachte er in ſolchen angſt⸗ vollen bereuenden Momenten,„Eliſabeth wuͤrde ſich mit mir vermaͤhlen, ich Koͤnig von England werden. Alles ſtimmt darin uͤberein.— Dieſe Heirath wird in Balladen geſungen, waͤhrend das Volk mit entbloͤßtem Haupte zu⸗ horcht,— auf den Schulen beſprochen— im Audienzſaal gefluͤſtert— von den Kanzeln empfohlen— draußen in den calviniſtiſchen Kirchen wird dafuͤr gebetet— ja ſie wird ſelbſt von den Staatsmaͤnnern im Rathe beruͤhrt.— Dieſe Anſpielungen ſind weder durch Verweiſe, Zorn, noch Zeichen von Ungnade, ja kaum durch ihre gewoͤhnliche Verſicherung, daß ſie als jungfraͤuliche Fuͤrſtin leben und ſterben wolle, widerſprochen worden.— Ihre Worte ſind freundlicher, als je, obgleich ſie weiß, daß ſolche Geruͤchte im Umlauf ſind.— Ihr Benehmen iſt guͤtiger,— ihre Blicke ſind huldreicher.— Nichts weiter, ſcheint es, hab' ich zu thun, um Koͤnig von England zu werden, und mich uͤber die Stuͤrme der Hofgunſt zu erheben, als meine Hand nach einer Krone auszuſtrecken, welche der Stolz des Univerſums iſt! Will ich aber kuhn danach greifen, fühle ich meine Hand durch ein geheimes unaufloͤsliches Band gefeſſelt.—„Hier ſind Emmys Briefe,“ fuhr er in ſeiner Gedankenreihe fort,„mit welchen ſie mich guäͤlt, ſie zu ihrer und meiner Rechtfertigung oͤffentlich an⸗ zuerkennen. Habe ich doch in dieſer Sache ſchon weit we⸗ — 155— niger als gerecht gegen mich ſelbſt gehandelt. Und ſie ſpricht, als ob Eliſabeth die Nachricht unſerer Verbindung wie eine Mutter aufnehmen wuͤrde, die das Gluͤck eines hoffnungsvol⸗ len Sohnes begruͤndet ſieht!— Sie, die Tochter Heinrichs, der in ſeinem Zorne keinen Mann, und in ſeiner Leiden⸗ ſchaft kein Weib ſchonte,— ſie ſich betrogen ſehen, auf den Moment gefuͤhrt, ihre Neigung fuͤr einen ihrer Unterthanen oͤffentlich zu erklaͤren, und eben dieſer Unterthan bereits ver⸗ maͤhlt!— Eliſabeth ſollte erfahren, daß mit ihr ein Spiel geſpielt worden, wie es wohl ein luſtiger Hoͤfling mit irgend einem Landmaͤdchen treibt.— Wir wuͤrden dann die Wuth eines Weibes erfahren.“— Dann rief er Varney, zu deſſen Rath er jetzt mehr, als je, ſeine Zuflucht nahm, weil ſich der Graf gar wohl entſann, welche Vorſtellungen dieſer ge⸗ gen ſeine geheime Verbindung gemacht hatte, wo denn ihre Unterhaltung faſt immer mit aͤngſtlichen Berathſchlagungen uͤber die Art und Weiſe endeten, wie man die Graͤfin in Kenilworth auffuͤhren wolle. Dieſe Mittheilungen hatten einige Zeit hindurch nur die Verzoͤgerung jener Feſte zur Folge gehabt; endlich aber ward es durchaus nothwendig, einen feſten Entſchluß zu faſſen. 3 „Eliſabeth wird beſtimmt auf ihre Gegenwart dringen,“ ſagte der Graf;„ob ſich irgend ein Argwohn ihr aufgedrun⸗ gen, wie ich befuͤrchte, oder ob Treſſilians Anſuchen durch Suſſex, oder durch ſonſt einen meiner geheimen Feinde in ihrer Erinnerung erneuert wird, weiß ich nicht; aber bei allen Huldbezeigungen, welche ſie mir ſpendet, kehrt ſie im⸗ mer auf die Geſchichte Emmy Robſarts zuruͤck. Emmy ſcheint mir ein Hinderniß vor meinem Triumphwagen, dort hinge⸗ ſtellt von meinem boͤſen Daͤmon, um meinen Siegeszug ſcheitern zu machen in dem Augenblicke meines Triumphs. Zeige mir einen Ausweg, Varney! aus dieſem Labyrinth. — 156— Ich habe dieſen verwünſchten Feßllichkeiten ſo viele Hinder⸗ niſſe in den Weg geworfen, als nur mit Anſtand geſchehen konnte; aber meine heutige Unterredung mit ihr, hat alle Verſuche zu Schanden gemacht.„Wir wollen Euch, My⸗ lord!“ ſprach ſie freundlich, aber beſtimmt,„keine laͤngere Zeit zu Euren Vorbereitungen laſſen, ſonſt wuͤrdet Ihr Euch voͤllig zu Grunde richten; am Sonnabend, den gten Julii, wollen wir in Kenilworth eintreffen.— Wir bitten Euch, keinen der von uns gewuͤnſchten Gaͤſte zuruͤck zu laſſen, vor allen nicht jene wankelmuͤthige Emmy Robſart; denn wir ſind wahrlich begierig, die Dame kennen zu lernen, welche Eurem Varney jenem poetiſchen Cavalier Treſſilian vorziehen konnte.— „Jetzt, Varney, ſtrenge deine Erfindungskraft an, deren Schmiede uns ſo oft aus der Noth riß; denn, ſo wahr ich Dudley heiße, die Gefahr, welche mein Horoſeop verkuͤndete, beginnt meinen Pfad mit Dunkel zu umziehen.“ „Kann Mylady,“ ſagte Varney nach kurzem Bedenken, „auf keine Weiſe beſtimmt werden, fuͤr kurze Zeit den ge⸗ ringen Charaktor anzunehmen, den ihr die Umſtaͤnde auf⸗ dringen?“—-— „Wie!,, unterbrach ihn der Graf,„meine Gemaylin ſollte ſich dein Weib nennen? das kann weder mit meiner, noch mit ihrer Ehre beſtehen.“ „und dennoch, Mylord!“ entgegnete Varney,„haͤlt Eliſabeth ſie jetzt dafuͤr; dieſer ihrer Meinung zu wider⸗ ſprechen, hieße alles entdecken.“. „Denk an ein anderes Mittel, Varney!“ ſagte der Graf in heftiger Bewegung;„dieſes hier taugt nichts— wenn ich auch wollte, ſie wuͤrde dennoch nie einwilligen; denn ich ſage es Dir, Varney, falls Du es noch nicht weißt, ſelbſt Eliſabeth auf ihrem Throne beſitzt nicht mehr Stolz, — 157— als dieſe Tochter eines armen Edelmanns aus Devon. Sie iſt biegſam in manchen Dingen, wenn ſie aber ihre Ehre aufs Spiel geſetzt glaubt, wirken Sinn und Gemuͤth bei ihr furchtbar und ſchneh wie der Blitz.“ 3 „Wir haben das erfahren, Mylord!“ antwortete Varney, „ſonſt waͤren wir jetzt nicht in dieſer Lage.— Aber welches Mittel ſonſt zu ergreifen, weiß ich nicht— mich duͤnkt, ſie, die die Urſache der Gefahr iſt, ſollte wenigſtens etwas thun, ſie abzuwenden.“ „unmoͤglich, unmoͤglich!“ ſagte der Graf;„weder Be⸗ fehl noch Bitten, weiß ich, wuͤrden ſie bewegen, Deinen Nahmen auch nur fuͤr eine Stunde anzunehmen.“ „Es iſt auch etwas viel verlangt,“ entgegnete Varney mit einem trocknen Tone;„geſetzt aber, man faͤnde ein Frauenzimmer, das man fuͤr ſie ausgeben koͤnnte? ſolche Taͤuſchungen haben vor den Augen eben ſo ſcharfſichtiger Monarchen, als Eliſabeth, ſtatt gefunden. „Andere Tollheit!“ rief der Graf,„die Stellvertreterin wuͤrde Treſſilian gegenuͤber geſtellt werden, und alles waͤre verrathen.“ „Treſſilian muͤßte vom Hofe entfernt werden,“ erwie⸗ derte Varney ohne Zoͤgern. „Und auf welche Weiſe?“ „Es giebt mehrere Mittel,“ entgegnete Varney,„durch welche ein Staatsmann in Eurer Lage, Mylord! jemand von dem Schauplatze wegſchaffen kann, der ſich in Eure Ge⸗ ſchaͤfte miſcht, und als Euer Gegner auftritt.“ „Keinen ſolchen Rath,“ rief der Graf ſchnell;„hier wuͤrden ſolche Kuͤnſte ohnehin nichts helfen; viele Andere (mag es noch außer ihm hei Hofe geben, welchen Emmy bekannt iſt; uͤberdem wuͤrden bei Treſſilians Abweſenheit 8 — 158— ihr Vater oder ihre Freunde nach Hofe entboten werden.— Gebrauche deine Erfindungskraft beſſer.“ „Mylord, ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll!“ erwie⸗ derte Varney;„befaͤnde ich mich aber in ſolcher Verlegen⸗ heit, ich wuͤrde mit verhaͤngtem Zuͤgel nach Cumnor Place ſprengen, und mein Weib bewegen, ihre Einwilligung zu Maaßregeln zu geben, welche zu ihrer und meiner Sicher⸗ heit nothwendig waͤren.“ „Varney,“ ſagte Leiceſter,„ich vermag nicht, ſie zu etwas aufzufordern, was ihrem edeln Charakter ſo ganz enkgegen iſt, wie es eine Theilnahme an unſerem Betruge ſeyn wuͤrde— es wuͤrde eine ſchlechte Vergeltung ihrer Liebe ſeyn.“ „Wohl, Mylord!“ antwortete Varney;„Ihr ſeyd ein weiſer und ehrenfeſter Herr, und durchaus mit jenen ro⸗ mantiſchen Scrupeln bekannt, welche, wie Euer Neſſe Phi⸗ lipd Sidney ſagt, in Arkadien zu Hauſe ſind.— Ich aber, Euer gehort ſamer Diener, bin ein Mann von dieſer Welt, und ſchaͤtze mich gluͤcklich, daß meine Kenntniß von ihr, und ihren Wegen, von ſolcher Art iſt, daß Ew. Herrlichkeit oft nicht verſchmaͤhten, ſich ihrer zu bedienen. Nun frage ich, wer hat bei Eurer gluͤcklichen ehelichen Verbindung ein Opfer gebracht, Ihr, oder Eure Gemahlin, und wem liegt alſo am meiſten die Pflicht ob, ſich gefaͤllig zu zeigen, und die Wuͤnſche des Andern zu erfuͤllen, zumal wenn deſſen Wohl und Sicherheit davon abhaͤngen? „Ich ſage Dir, Varney, daß alles, was in meiner Macht ſtand ihr zu bieten, nicht nur von ihr reichlich ver⸗ golten, ſondern durch ihre Tugend und Schoͤnheit tauſendfach uͤbertroffen worden iſt; nie noch ſenkte ſich Erdengroͤße auf ein Weſen herab, das mehr als ſie von der Natur be⸗ ſtimmt geweſen waͤre, dem Glanze Reiz zu berleihen.“ — 159— „Wohl Euch, Mylord! daß Ihr ſo befriedigt ſeyd,“ erwiederte Varney mit ſeinem gewoͤhnlichen teufliſchen Laͤ⸗ cheln, welches er ſelbſt in Gegenwart ſeines Gebieters nicht ganz zu unterdruͤcken vermochte.—„Ihr werdet Zeit genug haben, den Umgang einer ſolchen tugendhaften Schoͤnheit ungeſtoͤrt zu genießen,— ſobald naͤmlich die Zeit der Ge⸗ fangenſchaft im Tower voruͤber ſeyn wird, welche dem zuer⸗ kannt werden moͤchte, der Eliſabeth's Neigung betrog.— Wohlfeileren Kauf's, hoffe ich, denkt Ihr doch nicht davon zu kommen?“ 3 „Boshafter Satan!“ rief der Graf,„Du ſpotteſt meiner noch in dieſer Verlegenheit?— Leite es, wie Du willſt.“ „Wenn das Euer Ernſt iſt, Mylord!“ entgegnete Var⸗ ney,„muͤßt Ihr augenblicklich zu Pierde und nach Llunnor⸗ Place.“ „Mache Du dich dahin auf den Wes,“ ſagte Leiceſter; g„der Teufel hat Dir jene Art von Beredſamkeit gegeben, welche in ſuͤndigen Sachen am kraͤftigſten wirkt. Ich wuͤrde, wollte ich einen ſolchen Betrug begehren, daſtehen, wie ein uͤberwieſener Verbrecher.— Fort, ſage ich.— Muß ich Dich noch zu meiner eigenen Entehrung antreiben?“ „Nein, Mylord!“ ſagte Varney;—„wenn es Euch aber Ernſt iſt, mir dieſes hoͤchſt wichtige Geſchaͤft zu uͤber⸗ tragen, ſo muͤßt Ihr mich mit einem Briefe an Eure Ge⸗ mahlin verſehen, durch den meine Sendung beglaubigt wird, und mir es uͤberlaſſen, deren Zweck mit aller Macht, die in meiner Gewalt ſteht, zu unterſtuͤtzen. Und ſo hoch ſteht meine Meinung von der Liebe Eurer Gemahlin zu Euch, und von ihrer Bereitwilligkeit, alles zu thun, was zu Eurem Wohl und Eurer Fufriedenheit dienen kann, daß ich uͤber⸗ zeugt bin, ſie wird einwilligen, fuͤr wenige Tage den Namen eines ſo geringen Mannes, als ich bin, zu tragen, zumal, — 460— da derſelbe hinter dem ihres eignen Hauſes auf keine Weiſe zuruͤckſteht.“ Leiceſter ergriff die Feder, und fing mehrere Male an, einen Brief an ſeine Gemahlin zu ſchreiben, den er aber immer gleich wieder in Stuͤcke zerriß. Endlich brachte er einige abgebrochene Zeilen zu Stande, in welchen er ſie be⸗ ſchwor, dringender, ſein Leben und ſeine Ehre betreffender Urſachen wegen, auf kurze Zeit nur, waͤhrend der Feſte zu Kenilworth, Varney's Namen zu tragen. Dieſer, fuͤgte er hinzu, wuͤrde ihr alle Gruͤnde, welche dieß unumgaͤnglich noͤthig machten, mittheilen.— Nachdem er dies Beglaubi⸗ guͤngsſchreiben gefalzt und geſiegelt hatte, ſchleuderte er es uͤber den Tiſch hin, Varney zu, indem er ihm mit einer Bewegung der Hand gebot, auf der Stelle abzureiſen; ein Befehl, der von dieſem verſtanden und ſchnell befolgt wurde. Leieeſter blieb in ſeelenloſer Betaͤubung zuruͤck, und er⸗ wachte erſt aus derſelben, als er ein Pferdegetrappel ver⸗ nahm; Varney hatte ſich nicht einmal die Zeit genommen, ſeine Kleider zu wechſeln, ſondern ſich, wie er ging und ſtand, in den Sattel geworfen, und nur von einem einzigen Diener gefolgt, die Straße nach Berkſhire eingeſchlagen. Bei dieſem Geraͤuſch ſprang der Graf von ſeinem Seſſel empor, und flog zum Fenſter, mit dem augenblicklichen Vor⸗ ſatze, die unwuͤrdige Sendung zuruͤck zu rufen, welche er einem Menſchen uͤbertragen hatte, an dem er, wie er ſelbſt zu ſa⸗ gen pflegte, außer der Anhaͤnglichkeit fuͤr ſeinen Herrn, keine Tugend kannte. Aber Varney war ſchon zu weit, um ſeinen Ruf zu vernehmen, und das hellſtrahlende Sternenzelt, von jenem Zeitalter als ein Buch des Schickſals betrachtet, welches vor ſeinen Blicken da lag, als er die Fenſterladen aufſtieß, wandelte ploͤtzlich ſeinen maͤnnlichen beſſern Ent⸗ „Dort — 161— „Dort wandeln ſie ihren ſtummen, aber maͤchtigen Lauf,“ ſagte der Graf um ſich blickend;„keine Stimme toͤnt von ihnen heruͤber zu unſern Ohren, doch allgewaltig lenken ſie die Schickſale der Bewohner dieſes armſeligen Planeten. Jetzt, wenn die Aſtrologen nicht luͤgen, naht die Criſis meines Geſchicks;— die Stunde naht, vor der ich ge⸗ warnt, wie die, auf welche ich zu hoffen berechtiget ward.— Koͤnig, ſo lautete der Ausſpruch;— aber wie? durch Ver⸗ maͤhlung;— alle Hoffnungen darauf ſind entflohen,— moͤgen ſie ſchwinden.— Die reichen Niederlande haben mich zu ihrem Anfuͤhrer begehrt, und wuͤrden mir, ſollte Eliſabeth einwilligen, ihre Krone reichen.— Und hab ich nicht ſelbſt in dieſem Reiche ſolche Anſpruͤche? Jene von York, dem Hauſe Huntingdon von George von Clarence zugefallen, welche, falls die Koͤnigin ſtuͤrbe, leicht gutes Spiel haben koͤnnten;— Huntingdon gehoͤrt zu meiner Familie.— Aber ich will nicht tiefer in dies erhabene Geheimniß dringen. Mag ich doch immerhin noch eine Weile, dem unterirdiſchen Fluſſe gleich, meinen Lauf in dunkler, ſchweigender Ver⸗ borgenheit fortſetzen.— Die Zeit wird kommen, wo mein Strom durchbrechen, und alle Hinderniſſe leicht hinweg waͤl⸗ ien wird.“. 8 Waͤhrend Leieeſter auf dieſe Weiſe bemuͤht war, die Anmahnungen ſeines Gewiſſens zu betaͤuben, indem er zu ſeiner eigenen Entſchuldigung das Gebot der Politik vor⸗ ſchuͤtzte, oder ſich in die wildeſten Traͤume des Ehrgeizes verſenkte, ließ ſein Geſandter auf ſeiner Reiſe nach Berkſhire eine Meile nach der andern hinter ſich. Auch dieſer naͤhrte große Hoffnungen; er hatte Leieeſter auf den von ihm ſehn⸗ lichſt gewuͤnſchten Punkt gebracht, naͤmlich dahin, ihm die geheimſten Empfindungen ſeiner Bruſt kund zu thun, und ihn als Vermittler ſeiner vertrauteſten Unterhandlungen mit Kenilworth. 2r Bo. 3 — 162— S ſeiner Gemahlin zu gebrauchen. Von nun an, ſo ſah er deutlich voraus, war es faſt unmoͤglich, daß ſein Gebieter je ſeiner Dienſte entbehren, oder ihm die Erfuͤllung, ſelbſt unbilliger Wuͤnſche, verweigern konnte. Und wenn dieſe ſtolze Dame, wie er ſie nannte, in die Bitte ihres Gemahls willigen ſollte, dann muͤßte begreiflicher Weiſe Varney, ihr vorgeblicher Gatte, mit ihr in Verhaͤltniſſe kommen, ſo⸗ daß man kaum die Grenze ziehen konnte, wo ſeine Kuͤhnheit ſich ein Ziel ſetzten wuͤrde; ja vielleicht koͤnnten die Umſtaͤnde einen Triumph herbeiführen, an den er mit einer Miſchung teufliſcher Gefuͤhle dachte, unter welchen Rache fuͤr die ihm bisher bewieſene Verachtung vorherrſchend war. Daun be⸗ rechnete er wieder die Moͤglichkeit, Emmy durchaus unbieg⸗ ſam und entſchloſſen zu ſinden, die ihr zugetheilte Rolle in Kenilworth nicht zu ſpielen. „Dann muß Alaseo ſein Werk verrichten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„Krankheit ſoll bei der Monarchin als Entſchul⸗ digung fuͤr das Nichterſcheinen der Miſtriß Varney gelten,— und eine ernſte, verheerende Krankheit muß Statt haben, falls Eliſabeth den Grafen mit noch guͤnſtigern Augen be⸗ trachten ſollte. Ich will, aus Mangel an kraͤftigen Maaß⸗ regeln, falls ſie noͤthig ſeyn ſollten, mir nicht die Gelegen⸗ heit entgehen laſſen, Guͤnſtling eines Monarchen zu wer⸗ den.— Vorwaͤrts, mein gutes Pferd, vorwaͤrts!— Ehr⸗ geiz und ſtolze Hoffnungen auf Macht, Vergnügen und Rache bohren eben ſo tief ihre Stachel in meine Bruſ, als ich meine Sporn in deine Seiten;— fort, fort, mein Gaul,— der Teufel treibt uns Beide vorwaͤrts!“ 10. Die Fragon nach der jetzigen Mode, ſo wie uͤberhaupt jeder Zeit, haͤtten eingeſtohen muͤſſen, daß die junge liebens⸗ wuͤrdige Graͤfin von Leiceſter, außer ihrer Jugend und Schoͤnheit, noch zwei Eigenſchaften beſaß, welche ſie eines Platzes unter den Frauen von Rang und Auszeichnung werth machten. Sie legte, wie wir in ihrer Unterredung mit dem Hauſirer geſehen haben, eine freigebige Bereitwilligkeit an den Tag, unnoͤthige Einkaͤufe zu machen, bloß des Ver⸗ gnuͤgens wegen unnuͤtze und ſchimmernde Dinge zu erhan⸗ deln, welche, ſobald ſie in ihrem Beſitze waren, aufhoͤrten, ihr zu gefallen; uͤberdem war ſie vorzuͤglich geſchickt, eine bedeutende Zeit jedes Tages mit dem Putze ihres Koͤrpers hinzubringen, obgleich der Glanz ihrer Kleidung nur ein halb ſatyriſches Lob der ſtrengen Janette, oder ſelbſtgefaͤllige Blicke hervorzurufen vermochte, welche ihr aus ihren eigenen Augen triumphirend aus dem Spiegel entgegen laͤchelten. Die Graͤfin Emmy konnte indeß wegen dieſer leichtferti⸗ gen Denkweiſe gerechten Anſpruch auf Nachſicht machen, weil die Erziehung wenig oder nichts fuͤr ihren ohnehin leichten, und fuͤr Studien eben nicht geneigten Sinn gethan hatte. Haͤtte ſie keine Freude an Putz gefunden, würde ſie Teppiche gewebt oder Stickerei geuͤbt haben, bis die Arbeit ihrer Haͤnde alle Waͤnde und Fußboͤden in Lincote Hail ge⸗ ſchmuͤckt haͤtte, oder ſie wuͤrde auch zur Abwechſelung einen trefflichen Pudding angeſertigt haben, welchen ſie dann be⸗ reit gehalten haͤtte, wenn Sir Hugh Robſart aus der gruͤnen Waldung heimgekehrt waͤre. Emmy hatte aber keinen Sinn neder fuͤr den Webeſtuhl, noch fuͤr die Nadel dder das .* „ — 164— Kochbuch. Ihre Mutter war geſtorben, als Emmy noch ein Kind war; ihr Vater hatte ihr in nichts widerſprochen; und Treſſilian, der Einzige ihrer Umgebung, der faͤhig, und dem es Ernſt war, ihren Geiſt zu bilden, hatte ſeinem In⸗ tereſſe bei ihr dadurch geſchadet, daß er zu eifrig den Ton eines Lehrers annahm, ſo daß das lebhafte, verzogene, eitle Maͤdchen zwar mit großer Achtung und nicht ohne Furcht auf ihn blickte, aber wenig oder nichts von dem ſüßen Ge⸗ fuhl an den Tag legte, welches er ihr ſo gern eingefloͤßt haͤtte. So wurden ihr Herz und ihre Phantaſie leicht die Beute des wuͤrdevollen Aeußern und der Ohr betaͤubenden Schmeicheleien Leiceſters, ſelbſt, bevor ſie in dieſem den Guͤnſtling des Reichthums und der Macht erkannte. Die haͤufigen Beſuche des Grafen von Cumnor, im Anfange ihrer Verbindung, hatten Emmy mit der Einſam⸗ keit und der verborgenen Stille ausgeſoͤhnt, zu welcher ſie verurtheilt war; als aber ſeine Beſuche ſeltener und ſeltener zu werden begannen, und ſtatt ihrer Entſchuldigungs⸗Briefe, nicht immer in den waͤrmſten Ausdruͤcken, und nur kurz und in der Eile abgefaßt, eintrafen, zogen Mißvergnuͤgen und Argwohn in die glaͤnzenden Gemaͤcher ein, welche die Liebe fuͤr die Schoͤnheit geſchmuͤckt hatte. Ihre Antworten an Leiceſter legten dieſe Gefuͤhle deutlich an den Tag, und druͤckten, mehr natuͤrlich als vorſichtig, die Sehnſucht aus, aus dieſer dunkeln Verborgenheit erloͤſt, und durch eine oͤffentliche Anerkennung ſeinerſeits in den Glanz, der ihr gebuͤhre, eingefuͤhrt zu werden; und indem ſie alle Gruͤnde dafür mit aller Geſchicklichkeit ordnete, die ihr zu Gebote ſtand, rechnete ſie hauptſaͤchlich auf den ſchwaͤrmeriſchen Ei⸗ fer, mit dem ſie ihre Wünſche ausſprach. Zuweilen wagte ſie ſelbſt Vorwuͤrfe, uͤber welche Leiceſter glaubte ſich nit Recht lelagen zu koͤnnen. — 165— „Ich habe ſie zur Graͤfin erhoben,“ ſprach er zu Par⸗ ney,„ſie ſollte warten bis es mir gefaͤllt, ihrad die Grafen⸗ krone aufzuſetzen.“ Die Graͤfin Emmy betrachtete dies aus einem entgegen⸗ geſetzten Geſichtspunkte. Was hilft es mir,“ ſprach ſie, Rang und Ehre wirklich zu beſitzen, wenn ich, wie eine verborgene Gefangene, ohne Geſellſchaft noch Bedienung leben muß, wie jemand von zweifelhaftem oder verlornem Ruf? Wenig nur kuͤmmere ich mich um alle dieſe reichen Perlenſchnuͤre, mit denen Du mein Haar durchflichtſt, Ja⸗ nette!— Wenn ich zu Lincote Hall eine einzige aufgebluͤhte RNoſe pfluͤckte und ſie mir an die Bruſt ſteckte, rief mich mein Vater zu ſich heran, um ſo recht in der Naͤhe zu ſehen, wie ſie mir ſtaͤnde; und der alte freundliche Pfarrer laͤchelte, und Meiſter Mumblazen ſprach von den Roſen auf den Wappenſchildern der Ritter; und nun weile ich hier allein, ausgeſchmuͤckt wie ein Bild mit Gold und Steinen, und kein Menſch ſieht meine Pracht, als Du, Janette. Auch der arme Treſſilian war dort— doch wozu von ihm reden.“ „Wahrlich, Mylaby:“ erwiederte ihre Dienerin,„ich wuͤnſche, Ihr ſpraͤchet weniger und mit nicht ſo großem Eifer von ihm.“ „Dein Warnen hilft hier zu nichts, Janette!“ ſagte die Graͤfin;—„ich bin frei geboren, obgleich ich jetzt, die Gemahlin von Englands reichſtem Lord, hier eingeſchloſſen bin wie eine gemeine Selavin. Ich ertrug alles dieſes mit Freuden, ſo lange ich ſeiner Liebe gewiß war; jetzt aber ſollen wenigſtens Herz und Zunge frei ſeyn, wenn ſie gleich meine Glieder in Feſſeln legen.— Ich ſage Dir, Janette, ich liebe meinen Gemahl— bis zu meinem letzten Athem⸗ uge werde ich ihn lieben,— ich koͤnnte nicht aufhoͤren, ihn — 166— eu lieben, ſelbſt wenn ich wollte,— oder wenn er— was Gott verhüten mag— aufhoͤren ſollte, mich zu lieben. Aber laut will ich es geſtehen, gluͤcklicher waͤre ich geweſen, als ich es jetzt vin, wenn ich in Lincote Hall geblieben waͤre, ſelbſt dann, wenn ich den armen Treſſilian haͤtte heirathen muͤſſen, mit dem melancholiſchen Blicke und dem Kopfe voll Gelehrſamkeit, um den ich mich ſonſt nur wenig kuͤmmerte. Wenn ich nur verſuchen wuͤrde in ſeinen Lieblingsbuͤchern zu leſen, ſprach er oft, ſo wuͤrde gewiß einmal eine Zeit kom⸗ men, wo ich es mit Freuden thun wuͤrde. Dieſer Augenblick, er iſt da— wie mir ſcheint.“ „Ich kaufte einige Buͤcher fuͤr Euch, gnaͤdige Frau,“ ſagte Janette,„kuͤrzlich auf dem letzten Markte, von einem lahmen Kerl, der mir dabei gar dreiſt in die Augen kuckte.“ „Zeige ſie mir doch, Janette!“ ſprach die Graͤfin;„laß es aber nur keine von deiner eigenen ſtrengen Seete ſeyn.— Was ſind denn das fuͤr ſonderbare Titel, du ehrbare Donna!— Lichtputze fuͤr den goldenen Altar⸗ leuchter— Myrrhen und Kraͤuter zur Reini⸗ gung kranker Seelen— Ein Schluck Waſſer gaus dem Thale von Baca— Fuͤchſe und Feuer⸗ braͤnde.— Was bringſt Du mir da fuͤr Zeug, Maͤdchen?“ „Es ſchien mir geziemend, Froͤmmigkeit auf Euren Weg zu ſtreuen, gnaͤdige Frau!“ entgegnete Janette;„wollt Ihr aber keins davon, ſo liegen hier, wie ich glaube, Lieder und Geſchichtsbuͤcher.“ 3 Ddie Graͤfin fuhr theilnahmlos fort, eine Anzahl ſeltener Buͤcher durchzublaͤttern, deren Beſitz zwanzig Antiquare unſerer Zeit zu reichen Maͤnnern gemacht haben wuͤrde. Aber auch ihr mannichfacher Inhalt war nicht nach der Graͤfin Geſchmack, und eilig ſprang ſie von ihrer ſeelenloſen Beſchaͤftigung empor, und freudig ſchleuderte ſie das Buch, — 167— 5 welches ſie in der Hand hielt, weit uͤber den Boden hin, als ihr Ohr ploͤtzlich den raſchen Hufſchlag von Pferden ver⸗ nahm;„das iſt Leieeſter!“— rief ſie aus,„mein edler Gemahl!— mein theurer Dudley! Jeder Hufſchlag ſeines Pferdes ertoͤnt mir wie himmliſche Muſik!“ Ein kurzes Geraͤuſch ward vom Hofe her hoͤrbar, und Foſter trat mit ſeinem niedergeſenkten Blick und plumpem Weſen herein, berichtend:„Daß Herr Richard Varney als Botſchafter von Mylord angelangt ſey; er ſey die ganze Nacht durch geritten, und wuͤnſche vorzuͤglich mit der Graͤfin zu ſprechen.“ „Varney?— mit mir ſprechen?“ fragte die e Grißi mit gedehntem Tone.—„Doch er kommt ja mit Nachrichten von Leiceſter, laßt ihn augenblicklich herein.“ Varney trat in das Zimmer, wo die Graͤfin geſchmuͤckt ſaß, mit ihrer natuͤrlichen Lieblichkeit, verſchoͤnt von Janet⸗ tens kunſtgeuͤbter Hand. Aber der ſchoͤnſte Theil ihres Schmucks beſtand in dem Neichthum ihrer lichtbraunen Lok⸗ ken, welche in uͤppiger Fuͤlle uͤber ihren Schwanenhals und uͤber den von aͤngſtlicher Erwartung gehobenen Buſen her⸗ abwallten, der ſeine Glut durch einen Anflug von Roͤthe ihren himmliſchen Geſichtszuͤgen müttheilte. Varney trat ins Gemach, in derſelben Kleidung, in welcher er am vorigen Tage ſeinem Gebieter an den Hof geſolgt war, deren Glanz zu der Unordnung, in welche ſie durch ſeinen naͤchtlichen Ritt gerathen war, einen ſeltſamen Contraſt bildete. Auf ſeinem Geſichte war jener Ausdruck eilender Angſt ſichtbar, den man bei Leuten zu bemerken pflegt, welche eine Botſchaft zu uͤberbringen haben, fuͤr welche ſie eine unfreundliche Aufnahme fuͤrchten, und welche doch von der Nothwendigkeit, ſie mitzutheilen, uͤberzeugt ſind. Der Graͤfin Her; erfuͤllte ſich bei ſeinem Anblicke mit großer — 166— Angſt.„Ihr bringt Nachrichten von Mylord?“— rief ſie aus,„ſprecht, um des Allmaͤchtigen willen, iſt er krank?“ „Gottlob nein, gnaͤdige Frau!“ erwiederte Varney; „beruhigt Euch, und erlaubt mir, Athem zu ſchoͤpfen, be⸗ vor ich Euch den Inhalt meiner Sendung mittheile.“ „Athmen ſchoͤpfen?“ rief die Graͤfin, ungeduldig;„nein nein, Herr Varney, ich kenne Eure Kunſtgriffe. Reichte Euer Athem aus, Euch hieher zu bringen, werdet Ihr auch noch genug davon uͤbrig haben, mir Eure Nachrichten mit⸗ zutheilen; wenigſtens in der Kuͤrze, und was die Hauptſache anbetrifft.“ „Gnaͤdige Frau!“ ſagte Varney,„wir ſind nicht allein, und Mylords Botſchaft iſt nur fuͤr Euer Ohr beſtimmt.“ „Verlaßt uns,“ ſprach die Graͤfin zu Foſter und ſeiner Tochter;„bleibt aber im Nebenzimmer, und ſo, daß ich rufen kann.“ 1 Foſter und Janette gehorchten ihrem Befehl, und zogen ſich in das anſtoßende Gemach zuruͤck. Die Thuͤr, welche vom Schlafzimmer dahin fuͤhrte, ward nun ſorgfaͤltig ver⸗ ſchloſſen und verriegelt, und Vater und Tochter harrten in aͤngſtlicher Erwartung, der erſtere mit einem Argwohn ver⸗ kuͤndenden Geſicht, Janette aber mit gefalteten Haͤnden, und mit Blicken, aus denen der Wunſch ſprach, zu erfahren, was ſich neues in dem Schickſal ihrer Gebieterin begeben habe, ſo wie darin ein inniges Gebet zu Gott, fuͤr das Wohl derſelben, erkennbar war. Tony Foſter ſchien einiger⸗ maßen zu begreifen, was in der Seele ſeiner Tochter vor⸗ ging; denn als er einige Mal im Zimmer auf und ab ge⸗ ſchritten war, faßte er aͤngſtlich Janettens Hand, und ſagte: „So recht, Janette, bete— bete, wir beduͤrfen alle des Ge⸗ betes— Einige aber mehr, als Andere. Bete, Janette— auch ich werde beten, doch muß ich zuvor horchen, was da — 169— drinnen vorgeht.— übles iſt gebrauet worden, mein Kind — doͤſe Dinge gehen vor. Gott vergebe ihnen ihre Suͤn⸗ den.— Aber Varneys ploͤtzliche und ſeltſame Ankunft hier bedeutet nichts gutes.“ Janette war bisher nie von ihrem Vater aufgefordert worden, noch hatte er es ihr erlaubt, an den Vorfaͤllen in ſeinem geheimnißvollen Hauſe Antheil zu nehmen. Seine Stimme aber, welche ihr jetzt ins Ohr fluͤſterte, ertoͤnte ihr in dieſem Augenblicke— ſie wußte ſelbſt nicht warum— wie ein Eulengeſchrei, welches Weh und Unheil verkündet. Furchtſam richtete ſie ihre Blicke auf die verſchloſſene Thuͤr, gleich als ob ihr von dorther ein Schrei des Entſetzens er⸗ ſchallen, oder ein Anblick des Schreckens erſcheinen muͤſſe. Alles aber war drinnen ſtille, wie im Grabe; denn die Stimmen der Sprechenden im Ankleidezimmer wurden mit Sorgfalt ſo gedaͤmpft, daß ſie uͤber das Schlafzimmer her⸗ uͤber ungehoͤrt verklangen. Ploͤtzlich aber begann man lau⸗ ter und ſchneller zu reden, und gleich darauf vernahm man die Stimme der Graͤfin, welche im hoͤchſten Ausdrucke von Zorn und Verachtung ausrief:„Oeffnet die Thuͤr,— oͤffnet die Thuͤr, ich befehle es Euch, augenblicklich!— ich will nichts weiter hoͤren!“ fuhr ſie fort, indem in ihrer Heftig⸗ keit die Worte erſtarben, welche Varney mit leiſer gedaͤmpf⸗ ter Stimme zu erwiedern ſchien.„Hinaus mit Euch! Ja⸗ nette, Foſter! erbrecht die Thuͤr,— ruft das Haus zuſam⸗ men— ein Verraͤther haͤlt mich hier zuruͤck.— Holt Axt und Beil, Foſter! ich ſtehe fuͤr alles!“ „Die Muͤhe will ich ihm erſparen, gnaͤdige Frau,“ hoͤrte man endlich Varney deutlich ſagen;„iſt es Euch gefaͤllig, Eure und Mylords Angelegenheiten vor jedermanns Ohr zu bringen, will ich Euch nicht daran verhindern.“ — 170— Die Thuͤr ward eroͤffnet und aufgeſtoßen, und Janette und ihr Vater ſtuͤrzten hinein, aͤngſtlich beſorgt, die Urſache dieſes Huͤlfsgeſchrei's zu erfahren. Als ſie in das Zimmer traten, ſtand Varney an der Chuͤr mit feſt zuſammen gebiſſenen Zaͤhnen, und einem Aus⸗ druck im Geſicht, in dem ſich Wuth, Schaam und Furcht zu theilen ſchienen. Die Graͤfin ſtand in der Mitte des Ge⸗ mach's wie eine jugendliche Pythia, in dem Moment der Begeiſterung. Die Adern an ihrer ſchoͤnen Stirn waren durch die heftige Cireulation ihres Blutes zu blauen Linien aufgetrieben worden— Wangen und Hals glichen dem Scharlach— und ihre Augen ſpruͤhten Feuer, wie die eines gefangenen Adlers, welcher flammende Blicke auf die Beute ſendet, die er zu erreichen nicht im Stande iſt. Koͤnnte je eine Grazie zur Furie entflammt werden, aus ihrem Antlitz wuͤrde nicht mehr Schoͤnheit, verbunden mit mehr Verach⸗ tung, Zorn und Trotz, leuchten koͤnnen. Ihre Stellung und Geberden ſtimmten mit ihren Geſichtszuͤgen uͤberein, und gewaͤhrten, im Verein mit dieſen, einen eben ſo ſchoͤnen als furchtbaren Anblick; ſo ſehr hatte ſich energiſche Leiden⸗ ſchaft mit der natuͤrlichen Liebenswuͤrdigkeit der Graͤfin ge⸗ miſcht. Sobald die Thuͤr geoͤffnet war, eilte Janette zu ihrer Gebieterin; waͤhrend ſich Tony Foſter, zwar langſamer als ſeine Tochter, aber doch mit ſchnelleren Schritten als gewoͤhnlich, dem Stallmeiſter naͤherte. „Um des Allmaͤchtigen Willen, was giebts? gnaͤdige Frau!“ fragte jene. „ Was in des Teufels Namen habt t Ihr gethan?“ fragte dieſer. „Wer, ich?— nichts in der Welt!“ erwisdorte Varney mit geſenktem Blick und muͤrriſchem Tone;„nichts, als ihr die Befehle Mylords mitgetheilt, deren Nichtbefolgung — 171— die gnaͤdige Frau, falls ſie darauf beſteht, beſſer verantwor⸗ ten wird, als ich es zu thun im Stande bin.“ Beim Himmel, Janette!“ rief die Graͤfin, der Ver⸗ raͤther luͤgt! Er muß luͤgen, denn ſeine Worte entehren meinen edlen Gemahl— nothwendigerweiſe luͤgen, denn er ſpricht fuͤr ſeinen eigenen Vortheil, eine Abſicht, eben ſo unerreichbar, als ſchaͤndlich!“ „Ihr habt mich mißverſtanden, gnaͤdige Frau!“ erwie⸗ derte Varney mit einer Miſchung von Unterwuͤrſigkeit und Entſchuldigung;„laßt die Sache bis Ihr ruhiger ſeyn wer⸗ det, und ich will Euch alles deutlich erklaͤren.“ „Ich werde Dir ſchon die Gelegenheit dazu benehmen,“ rief die Graͤfin.— Sieh' ihn an, Janette; er hat ſich ſchoͤn gekleidet, gleicht dem aͤußern nach einem Cavalier, und koͤmmt hieher, mir glauben zu machen, es ſey Mylords Wunſch— was ſag ich— weit mehr, des Grafen Befehl,— daß ich mich mit ihm nach Kenilworth begeben ſoll, um vor der Koͤnigin, dem ganzen Hofe, ja ſelbſt in Gegenwart mei⸗ nes eigenen mir angetrauten Gemahls, ihn, ihn dort— den Ritter von der Kleider⸗ und Schuhhuͤrſte— ihn, ihn, Mylord's Lakay, ihn als meinen Herrn und ehelichen Gat⸗ ten oͤffentlich anzuerkennen; mich ſelbſt an den Schandpfahl ſtellen, Allmaͤchtiger Gott! Wenn ich einſt meine Anſyruͤche auf Nang und Titel geltend machen werde, wuͤrde ſolche entehrende Handlung meine Rechte bis auf die Wurzel ver⸗ tilgen, und mich auf ewig meines Platzes unter Englands edelſten Frauen unwuͤrdig machen!“ „Hier hoͤrt Ihr's, Foſter! und Du auch, Maͤdchen,“ ſagte Varney, indem er die Pauſe benutzte, welche die Graͤ⸗ fin, mehr aus Mangel an Athem, als weil ihr der Stoff fehlte, zu machen genoͤthigt war.„Hier hoͤrt Ihr es nun ſelbſt, wie die gnaͤdige Frau in ihrem Zorn in Maaßregeln nicht einwilligen will, welche Mylord, um gewiſſe Dinge noch geheim zu halten, fuͤr nothwendig erachtet, und die er felbſt in jenem Briefe, den Ihr in ihren Haͤnden ſeht, aus⸗ ſpricht.“ 5 Jetzt verſuchte Foſter ſich einen Anſtrich von Autoritaͤt zu geben, welche, wie er glaubte, ſeinem Amte zuſtehe. „Ihr ereifert Euch auch allzuſehr, Mylady!“ ſprach er.— „Solche Taͤuſchung kann nicht verdammt werden, wenn ſie in guter Abſicht geſchieht; ſelbſt der Patriarch Abraham gab Sarah fuͤr ſeine Schweſter aus, als ſie nach Egypten zogen.“ „Aber Gott ſtrafte dieſen Betrug ſelbſt an dem Stamm⸗ vater ſeines geliebten Volks durch den Mund des Heiden Pharao. Schweigt Ihr, der Ihr aus der heiligen Schrift nur Stellen habt, die uns dort als Warnungszeichen, nicht aber als Muſter aufgeſtellt worden!“. „Aber Sarah, mit Eurer Erlaubniß, fuͤgte ſich in den Willen ihres Eheherrn,“ erwiederte Foſter,„und nannte ſich ſeine Schweſter, wie er gebot. „Vergebe mir Gott meinen Zorn,“ ſagte die Graͤfin; „Du biſt ein eben ſo frecher Heuchler, ats jener Burſche dort ein unverſchaͤmter Betruͤger. Nie werde ich glauben, daß der edle Dudley ſolchem feigen entehrenden Plane ſein Ohr lieh. So verfahre ich mit ſeinem ſchaͤndlichen Antrage, wenn es wirklich der Seinige iſt, und ſo vertilge ich ihn auf immer.“ So ſprechend zerriß ſie Leiceſters Schreiben, und trat auf den auf den Fußboden geworfenen Stuͤckchen mit einer heftigen Ungeduld herum, als wolle ſie die Fragmente, in welche ihr Zorn den Brief verwandelt hatte, zu Staub zer⸗ malmen. „Ihr ſeyd Zeugen,“ ſagte Varney, mit etwas mehr Faſſung;„ſie hat Mylord's Brief zerriſſen, um den An⸗ 8— 1735— trag, den er enthielt, fuͤr mein Werk auszugeben, als ſuche nur ich meinen Vortheil darunter, und doch habe ich nichts als Muͤhe und Gefahr davon.“ „Du luͤgſt, ſchamloſer Selave!“ rief die Graͤfin, trotz Janettens Bemuͤhungen, ſie zum Schweigen zu bewegen, welche nur zu wohl vorausſah, daß ſie durch ihre Heftigkeit nur Waffen gegen ſich ſelbſt ſchmieden wuͤrde.„Du luͤgſt!“ fuhr ſie fort.—„Laß mich, Janette— und waͤre es das letzte Wort, welches ich in dieſem Leben auszuſprechen haͤtte, er luͤgt!— nur ſeine eigene ſchaͤndliche Abſicht hat er vor Augen, und deutlicher wuͤrde er ſich erklaͤrt haben, haͤtte mir meine Heftigkeit geſtattet, laͤnger in einem Schweigen zu beharren, welches ihn anfangs ermuthigte, ſein verachtungs⸗ werthes Vorhaben zu enthuͤllen.“ „Gnaͤdige Frau! ich bitte Euch zu glauben, daß Ih. Euch irrtet,“ ſagte Varney. „Eben ſo leicht wuͤrde ich mich uͤberzeugen, daß Licht, Finſterniß ſey,“ entgegnete die Graͤfin.—„Meinſt Du etwa, ich haͤtte aus dem Lethe getrunken? Wie!— Erinnere ich mich nicht fruͤherer Antraͤge, welche, wenn ſie Leieeſter er⸗ fahren haͤtte, Dich an den Galgen, ſtatt in ſeine Gunſt be⸗ foͤrdert haben wuͤrden.— Ich wollte, ich waͤre ein Mann, wenn auch nur auf kurze Minuten!— Es waͤre Zeit genug, einen Schurken, wie Du, zum Geſtaͤndniß ſeiner Niedertraͤch⸗ tigkeit zu zwingen. Fort, fort auf der Stelle!— Sage dei⸗ nem Herrn, daß, wenn ich den ſchlechten Weg einſchlagen wollte, zu welchem ein folcher Betrug, wie Du ihm gerathen, mich nothwendiger Weiſe fuͤhren muͤſſe, ich ihm einen Ne⸗ benbuhler geben wuͤrde, des Namens wuͤrdig. Seine Stelle ſoll nicht durch einen erbaͤrmlichen Lakay erſetzt werden, deſ⸗ ſen beſte Einkuͤnfte darin beſtehen, die abgelegten Kleider ſeines Herrn zu erbaſchen, und der hoͤchſtens im Stande iſt ————J——ÿ———————— — 174— die Augen einer Dienſtmagd zu blenden, indem er ſeines Herrn abgetragene Schuhe mit neuen Bandſchleifen ſchmuͤckt. — Fort, fort!— Ich verachte Euch ſo ſehr, daß ich mich ſchaͤme, in Zorn gegen Euch gerathen zu ſeyn.“ Varney verließ das Zimmer in ſtummer Wuth, von Foſter gefolgt, deſſen von Natur nur traͤge Begriffe von der Gewalt des Zorns und den Ausbruͤchen von Verachtung uͤberwaͤltigt waren, die er jetzt zum erſtenmal von den Lip⸗ pen einen Weſens vernommen hatte, das ihm bisher, ſelbſt auch nur fuͤr einen zornigen Gedanken oder unwilligen Aus⸗ druck, zu ſanft und nachgiebig erſchienen war. Foſter folgte daher Varney auf dem Fuße, ihn mit Fragen beſtuͤrmend, auf welche dieſer aber nichts erwiederte, bis ſie an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Vlerecks in dem alten Buͤcherzim⸗ mer anlangten, mit dem wir unſern Leſer ſchon fruͤher be⸗ kannt gemacht haben. Hier wandte er ſich zu ſeinem hart⸗ naͤckigen Verfolger, und redete ihn in einem ziemlich ruhigen Tone an; denn der kurze Gang war hinreichend geweſen, einem in der Verſtellungskunſt ſo geuͤbten Hoͤfling Zeit zu geben, ſich zu faſſen, und ſeine Geiſtesgegenwart wieder zu gewinnen. „Cony,“ ſagte er mit dem ihm eigenthümlichen bos⸗ haften Laͤcheln,„wozu es leugnen; das Weib und der Teu⸗ fel, welche, wie Dir dein Orakel, der Pfarrherr, verkuͤndet haben wird, den Mann ſchon bei Erſchaffung der Welt be⸗ trogen, haben ſich heute maͤchtiger bewieſen, als meine Klug⸗ heit. Jener kleine Teufel ſah ſo verfuͤhreriſch aus, und ver⸗ bielt ſich, waͤhrend ich Mylords Botſchaft berichtete, ſo ruhig, daß ich, meiner Treu, glaubte, auch etwas fuͤr mich ſelbſt reden zu koͤnnen. Jetzt denkt ſie meinen Kopf in der Schlinge zu halten, aber ſie irrt ſich.— Wo iſt Doctor Aldseo?e —-— 175— „In ſeinem Laboratorium,“ erwiederke Foſter;„jetzt iſt die Stunde, wo er ſich von niemand ſprechen laͤßt,— wir muͤſſen warten, bis Mittag voruͤber, oder wir wuͤrden ſeine wichtigen— was ſag' ich wichtigen— ſeine goͤttlichen Stu⸗ dien unterbrechen.“ „Der ſtudiert die Goͤttlichkeit des Teufels,“ ſagte Var⸗ ney;—„aber wenn ich mit ihm zu reden habe, muß eine Stunde ſeyn wie die andere.— Zeige mir den Weg zu ſei⸗ ner Werkſtatt.“ So ſprach Varney, und folate dann Foſter mit raſchen unruhigen Schritten, welcher ihn durch geheime, mitunter ziemlich verfallene Gaͤnge nach einer anderen Seite des Vier⸗ ecks fuͤhrte, wo in einem unterirdiſchen Gemach, in wel⸗ chem jetzt der Chemiker Alaseo hauſete, vor Zeiten einer der Aebte von Abingdon, dem ein Hang⸗ zu geheimen Wiſſen⸗ ſchaften eigen war, zur Schande ſeines Convents, ein La⸗ boratorium errichtet hatte, in welchem er, gleich vielen Nar⸗ ren ſeines Zeitalters, viel koſtbare Zeit und große Summen in nutzloſen Verſuchen, Gold zu machen, vergeudete. Anthony Foſter blieb vor der ſorgfaͤltig von innen ver⸗ ſchloſſenen und verriegelten Thuͤr ſtehen, und ſchien merk⸗ lichen Anſtand zu nehmen, den Weiſen in ſeinen Arbeiten zu ſtoͤren. Aber Varney, weniger gewiſſenhaft, klopfte mit Heftigkeit, und rief dabei mit lauter Stimme, bis der Be⸗ wohner des Gemachs endlich langſam und mit Widerwillen aufſchloß. Der Alchymiſt zeigte ſich nun mit von Hitze und Dampf getruͤbten Augen, und das Innere ſeiner Zelle bot einen Anblick mancher heterogener, zu ſeiner Arheit noͤthi⸗ gen Gegenſtaͤnde dar. „Soll ich denn immer und ewig,“ murmelte der Alte mit verachtungsvoller Ungeduld,„von meinem goͤttlichen Geſchäfte zu irdiſchen Dingen zuruͤckgerufen werden?“ — 176— „Sage vom Geſchaͤft der Hoͤlle!“ entgegnete Varney, „ſie iſt dein Element.— Foſter, wir beduͤrfen Deiner bei unſerer Unterredung.“ Foſter trat langſam ins Zimmer; Varney folgte, und verriegelte die Thuͤr, und ſie ſetzten ſich nun nieder zum geheimen Rath. Unterdeſſen ſchritt die Graͤfin in ihrem Zimmer auf und ab mit von Verdruß und Zorn geroͤtheten Wangen. „Der Boͤſewicht,“ rief ſie;„der kaltbluͤtig berechnende Schurke!— Aber ich habe ihn entlarvt, Janette.— Ich zwang die Schlange, ihre glatte Haut von ſich zu werfen, und ſich mir in ihrer ganzen Schaͤndlichkeit zu zeigen.— Ich hielt meinen Zorn zuruͤck, in Gefahr, von ſeiner Ge⸗ walt erdruͤckt zu werden, bis der Bube mir ein Herz entfal⸗ tete, ſchwarz, wie die dunkelſten Winkel der Hoͤlle.— Aber Leieeſter! wie war es moͤglich, daß du auch nur auf einen Augenblick von mir verlangen konnteſt, meine ehelichen Rechte zu verleugnen, wie konnteſt du ſie auf einen Andern uͤbertragen? Nein, nein! es iſt unmoͤglich, der Schurke hat in Allem gelogen!— Ich will hier nicht laͤnger bleiben, Janette— ich fuͤrchte Varney— ich fuͤrchte deinen Vater— tief ſchmerzt es mich, Dir es ſagen zu muͤſſen; aber ich fuͤrchte deinen Vater, vor allen aber, den verhaßten Varney — ich muß, ich muß aus Cumnor entfliehen. „Aber um Gottes willen, theure Gebieterin, wohin wolltet Ihr fluͤchten, und wie aus dieſen Mauern entkom⸗ men. „Ich weiß es nicht, Janette!“ ſagte die unglicküiche Lady, zum Himmel aufblickend und ihre Haͤnde ringend; „noch weiß ich nicht, wohin ich fliehen ſoll, und wie; aber ich lebe in der Ueberzeugung, daß der Gott, dem ich diente, — 177— nnich in dieſer ſchreckenvollen Noth nicht verlaſſen wird; enn ich bin in den Haͤnden von Boͤſewichten.“ „Glaubt das nicht, Mylady!“ ſagte Janette;„mein Dater iſt von ernſtem, ſtrengen Gemuͤth, treu ſeinem Glau⸗ ben; aber“—— In dieſem Augenblicke trat Anthony Foſter in's Zim⸗ mer, in ſeiner Hand einen Becher von Glas und ein Flaͤſch⸗ chen haltend. Sein Benehmen war ſeltſam; denn er naͤ⸗ herte ſich der Graͤfin mit einer ihrem Range ſchuldigen Ehr⸗ erbietung, welche er bisher noch nicht in dem Grade gezeigt hatte, weil es ihm unendlich ſchwer ſtel, der ihm eigenthuͤm⸗ lichen Plumpheit des Charakters Gewalt anzuthun. Jetzt aber zeigte er nichts von jener groben Anmaßung, welche er gewohnt war unter einer plumpen Huͤlle von Hoͤflichkeit und Achtung zu verbergen, gleichwie ein Moͤrder ſeinen Dolch und ſeine Piſtolen unter einen ſchlechten Mantel ver⸗ ſteckt. Dabei ſchien ſein Laͤcheln mehr Furcht als Freund⸗ lichkeit zu verrathen, und indem er die Graͤfin erſuchte, die teeffliche Herzſtaͤrkung, deren Ueberbringer er ſey, als ein Mittel gegen den gchalten Schreck zu ſich zu nehmen, ſchien er uͤber irgend einen boͤſen Anſchlage zu bruͤten. Seine Hand zitterte, ſeine Stimme bebte, und ſein Aeußeres war in einem ſolchen Grade Argwohn erregend, daß ſeine Toch⸗ ter, nachdem ſie einige Momente lang voll Erſtaunen auf ihn geblickt hatte, ploͤtzlich ſich zuſammen zu nehmen ihien. um irgend einen raſchen Entſchluß auszufuͤhren. chnell erhob ſie ihr Haupt, nahm eine feſte und enntehde Stel⸗ lung an, und indem ſie raſch zwiſchen ihre Gebieterin und ihren Vater trat, nahm ſie den Becher aus ſeinen Haͤnden, und ſorach mit leiſem aber ausdeucksvollem Tone:„Ich will meiner Herrin den aiher kdenaan, wenn ſie es er⸗ laubt.”“ 91 12S. Henitwortb. 2r r b. R ————— — 178— „Du, mein Kind!“ rief Foſter aͤngſtlich;„nein, nein! Du nicht— Du ſollſt ihr dieſen Dienſt nicht leiſten.“ „Und warum nicht?“ fragte Janette. „Weil,— weil,“— entgegnete der Mundſchenk in Zorn ausbrechend, als ſeiner Meinung nach das beſte Mit⸗ tel, um ſeinen Mangel an Gruͤnden zu bedecken,—„weil ich es nicht will,— mache nur, daß Du fortkommſt zum Abendgebet.“ „So gewiß ich noch oͤfterer zu beten hoffe, gehe ich nicht in die Betſtunde, bevor ich nicht hinſichtlich meiner Gebieterin beruhigter bin. Gebt mir das Flaͤſchchen, Va⸗ ter!“— Bei dieſen Worten nahm ſie es aus ſeiner Hand, trotz dem Widerſtande, den er mit klopfendem Herzen zu leiſten ſchien,„und nun, Vater!“ fuhr ſie fort,„was meiner Graͤfin gut thun ſoll, kann mir nicht Nachthril bringen.— Auf Euer Wohl, Vater!“ Foſter ſtuͤrzte, ohne ein Wort zu ſprechen, auf ſeine Tochter zu, riß ihr das Flaͤſchchen aus der Hand, und blieb in groͤßter Verlegenheit uͤber das, was er gethan, ſo wie uͤber das, was jetzt zu thun ſey, wie an den Boden gefeſſelt, ſtehen, auf ſeine Tochter mit einem Geſicht blickend, in welchem Furcht, Wuth und uͤberfuͤhrte Bosheit eine ſchrek⸗ kenvolle Miſchung darboten. „Das iſt ſeltſam, Vater!“ ſagte Janette, indem ſie ihn mit durchbohrenden Blicken betrachtete, ſcharf, wie die Waͤchter der Geiſteskranken ihre ungluͤcklichen Pfleglinge in Furcht zu erhalten pflegen;„wollt Ihr mich nicht meine Lady bedienen laſſen, ſoll ich ihr nicht zutrinken?“ Der Muth der Graͤfin verließ ſie waͤhrend dieſes furcht⸗ baren Auftritts nicht. Sie beyielt die raſche Sorgloſigkeit ihres Gemuͤths, und obgleich ihre Wange anfangs erblichen war, ſprach dennoch aus ihren Augen Ruhe, ja ſelbſt Ver⸗ achtung.„Wollt Ihr denn etwa ſelbſt mir dieſe treffliche Herzſtaͤrkung zutrinken, Herr Foſter?“ fragte ſie,„vielleicht wollt Ihr Euch dieſe Ehre vorbehalten, Herr Foſter, trinkt denn, trinkt!“— „Ich will nicht!,, entgegnete Foſter. „Und wer, meint Ihr, ſoll denn dieß koſtbare Getraͤnk zu ſich nehmen?“ fuhr die Graͤfin fort. „Der Teufel, der es gebrauet hat;“ erwiederte Foſter, wandte ſich raſch, und verließ das Zimmer. Janette ſah auf die Graͤfin mit einem Blick voll Schaam, Angſt und Kummer. „Weine nicht um mich!“ ſprach die Graͤfin freundlich. „Nicht um Euch weine ich jetzt, theuerſte Gebieterin!“ erwiederte Janette mit einem tiefen Seuſzer;„nur mir ſelbſt gelten dieſe Thraͤnen, und meinem ungluͤcklichen Va⸗ ter.— Nur wer vor Gott und Menſchen zu Schanden ge⸗ worden iſt, verdient beklagt zu werden— nicht der Schuld⸗ loſe.— Gott ſey mit Euch, gnaͤdige Frau!“ rief ſie dann ſchnell, indem ſie den Mantel nahm, in welchem ſie ge⸗ woͤhnlich auszugehen pflegte;„ich muß jetzt von Euch gehen.“ „Wie, Du verlaͤßt mich, Janette?“ fragte ihre Ge⸗ bieterin;—„jetzt in dieſer Angſt und Noth!“— „Euch verlaſſen!“ rief Janette, indem ſie von der Thuͤr zuruͤck nach der Graͤfin eilte, und ihre Haͤnde mit Kuͤſſen bedeckte;—„Euch verlaſſen!— eben ſo leicht koͤnnte meine Hoffnung auf eine ewige Seligkeit von mir weichen!— Nie, nie, nimmermehr! Der Gott, dem ich diente, wird mich aus dieſer Noth erretten, ſpracht Ihr; Ihr hattet recht; es ſteht ein Weg zu Eurer Flucht offen. Tag und Nacht habe ich zu Gott gefleht um Licht, damit ich ſehen koͤnne, wie ich in dem Streit meiner Pflichten gegen meinen ungluͤcklichen Vater und gegen Euch handeln muͤſſe. Ernſt M 2 — 480— und furchtbar iſt es mir jetzt erſchienen, und ich darf das Rettungsthor nicht verſchließen, das Gott uns ſelbſt aufge⸗ than hat;— fragt mich nicht mehr, ich kehre ſchnell zuruͤck.“ So ſprechend huͤllte ſie ſich in ihren Mantel, und nach⸗ dem ſie einer der alten Dienerinnen, welche ſie im Vorſaale fand, zugerufen hatte, daß ſie zum Abendgebet eile, verließ ſie ſchnell das Haus.. Unterdeſſen war ihr Vater neuerdings im Laboratorium angelangt, wo er ſeine Spießgeſellen vorfand⸗ „Hat die Droſſel genippt?,, fragte Varney, waͤhrend die Augen des ſchweigenden Aſtrologen dieſelbe Erkundigung einzogen. „Sie hat nicht, und ſie ſoll nicht, wentgſtens nicht aus meiner Hand,“ entgegnete Foſter muͤrriſch.—„Wollt Ihr mich in Gegenwart meiner Tochter zum Moͤrder machen?“ „Ward Dir denn nicht geſagt, du heuchleriſcher, feig⸗ herziger Schelm,“ ſagte Varney mit bitterem Hohne,„daß von keinem Morde, wie Du das Ding da mit deinen ſtarren Blicken und bebenden Gliedern nennſt, die Rede iſt? Hoͤr⸗ teſt Du denn nicht, daß es nur auf ein Unwohlſeyn, auf eine Luſt, ihr Nachtzeug am hellen Mittag zu tragen, abge⸗ ſehen war? Der gelehrte Mann hier wird Dir das beim Stein der Weiſen beſchwoͤren.“ 3 „Ich betheuere,“ nahm Alased das Wort,„daß der Trank, den Du dort in dem Flaͤſchchen haͤltſt, dem Leben keine Gefahr bringt. Dieß ſchwore ich bei der unſterblichen unzerſtoͤrbaren Quinteſſenz des Goldes, welche alle Weſen der Natur durchdringk, obgleich nur der geheime Schließer der Cabbala ſie zu Tage zu ſoͤrdern im Stande iſt.“ „Ein Schwur von Gewicht,“ ſagte Varney; Du waͤreſt ſchlimmer als ein Heide, wollteſt du noch laͤnger zweifeln. Ueberdem glaube mir, mir, der ich bei nichts ſchwoͤre, als — 481— bei meinem eigenen Worke, daß, wenn Du dich nicht will⸗ faͤhrig zeigſt, jede Hoffnung auf das Freigut hier verloren iſt. Alaseo wird dein altes Zinn unverwandelt laſſen, und Du, ehrlicher Foſter, wirſt fortan und ewig hieren Ain m mein Piißtet bleiben.“. *„Ich weiß nicht, ihr Herren! wohin eure ASt geht,“ ſagtt Foſter,“ aber zu Etwas bin ich verpflichtet;— es mag gehen wie es will, ich muß hier im Hauſe ein Weſen haben, das fuͤr mich betet, und das foöll meine Tochter ſeyn. Ich habe boͤſes Leben gefuͤhrt, und das Weltliche immer gar hoch geſchäͤtzt, ſie aber iſt ſo unſchuldig, als ein Kind im Schooße ſeiner Mutter, und ſie wenigſtens ſoll ihren Antheil an jener gluͤcklichen Stadt nicht verlieren, wo die Mauern von gediegenem Golde ſind, und reich mit koſtbaren Stei⸗ nen geſchmuͤckt.“ „Das waͤre ein Paradies, ſo recht nach dem Wunſche deines Herzens, Foſter, nicht wahr?“ ſagte Varney.— „Beſprecht die Sache mit ihm, Alaseo, ich bin ſaoleich wie⸗ der bei euch.“ So fprechend, ſtand er auf, nahm das Fläͤſchchen vom Tiſche, und verließ das Gemach. 4 „Ich ſage Dir, mein Sohn!“ ſagte Alaseo zu Foſter, als Varney ſie allein gelaſſen hatte,„wie auch jener freche übermuͤthige Witzting uͤber die hohe Wi ſſenſchaft ſpotten mag, in welche ich, mit Gottes Hulfd, ſo weit eingedrun⸗ gen vin, daß ich ſolbſt nicht den weiſeſten der jetzt lebenden Forſcher meinen Meiſter oder meinen Lehrer nennen moͤch⸗ te,— obgleich, ſage ich, jener Spoͤtter eine Lehre verwirft, zu heilig, um von nur fleiſch⸗ und weltlich geſinnten Men⸗ ſchen begriffen zu werden, beſteht dennoch jene Stadt, welche St. Johannes in ſeiner Offenbarung verkaͤndete; dieſes neue Jeruſalem, deſſen alle Chriſtenſeelen theilhaftig zu werden — 182— hoffen, vorausgeſetzt, daß das große Geheimniß entdeckt wird, durch welches die koſtbarſten Produete der Natur aus ihren unreinen Stoffen gezogen werden, gleichwie die Strah⸗ len der Sonne den Schmetterling aus der unſcheinbaren Puppe hervorrufen.“ „Se. Ehrwuͤrden, unſer Pfarrherr, ſpricht nichts von dieſen Verheißungen,“ ſagte Foſter zweifelhaft;„und uͤber⸗ dem verkuͤndet die heilige Schrift, daß jene Koſtbarkeiten keineswegs fuͤr ſolche beſtimmt ſind, die auf der Erde ſuͤndi⸗ gem Werke oblagen, oder boͤſen Leumund ſprachen.“ „Gut, mein Sohn!“ erwiederte Alasco; nund welchen Schluß ziehſt Du daraus?“ „Daß die,“ ſagte Foſter,„welche ins geheim Gift be⸗ reiten, und die, welche es vertheilen, keinen Anſpruch auf jene unſchaͤtzbaren Reichthuͤmer machen koͤnnen.“ „Du mußt,“ entgegnete der Alchymiſt,„zwiſchen dem Uebel, welches boͤſe Folgen traͤgt, und zwiſchen dem, welches guten Zweck beabſichtigt, unterſcheiden lernen, mein Sohn.— Wenn durch den Tod eines Menſchen die glückliche Periode uns naͤher gebracht werden kann, in welcher man nur zu wuͤnſchen braucht, um alles Gute zu bekommen, alles Uebel zu entfernen— in welcher Schmerz, Krankheiten und Trauer menſchlicher Weisheit unterthan ſeyn, und auf den leiſeſten Wink des Weiſen entfliehen werden,— in welcher das, was wir jetzt das ſeltenſte und reichſte nennen, im Bereich eines Jeden liegen wird, welcher der Stimme der Weisheit Gehoͤr giebt,— wenn die Heilkunſt verloren, oder vielmehr in die einzige Univerſal⸗Arzenei eonzentrirt ſeyn wird,— wenn die Weiſen Monarchen dieſer Erde ſeyn werden, vor deren Kronen ſelbſt der Tod Ehrfurcht haben wird,— wenn, ſage ich, ſolche geſegnete Vervollkommnung aller Dinge durch den unbedeutenden umſtand beſchleunigt werden kann, das — 165— ein ſterblicher, irdiſcher Koͤrper, ohnehin dem Grabe ver⸗ fallen, einige Augenblicke fruͤher dahin befoͤrdert wird, als es nach dem gewoͤhnlichen Gange der Dinge geſchehen wuͤrde, kann dann wohl ſolch ein Opfer gegen die Wohlthat ſolcher goldenen Zeit in Erwaͤgung kommen?“ „Goldene Zeit?“ fragte Foſter zweifelhaft, ſeine niedergeſenkten Blicke auf den Doctor richtend.„Ich habe neulich mit Sr. Ehrwuͤrden, Herrn Holdfort, uͤber eure Lehre geſprochen, welcher aber meinte, euer Satz ſey hetero⸗ dox, und eure Auslegung falſch und gotteslaͤſterlich.“ „Er liegt in den Banden der Unwiſſenheit, mein Sohn,“ verſetzte Alasco,„und wandelt in den Finſterniſſen Egyptens; Du aber hatteſt unrecht, mit einem ſolchen Manne von ſo erhabenen Dingen zu reden; aber bald werde ich Dir Beweiſe geben, die jener einfaͤltige Froͤmmler vergeblich bemuͤht ſeyn wird, zu widerlegen, und wenn er mit mir Fehde fuͤhren wollte, wie die Zauberer mit Moſes vor Pharao. Ich will Wuͤnder verrichten in deiner Gegenwart— und deine eige⸗ nen Augen, mein Sohn! ſollen Zeuge ſeyn.“ „Bleib' dabei, weiſer Mann,“ ſagte Varney, welcher dieſen Augenblick in das Gemach trat,„trauet er dem Zeug⸗ niß deiner Zunge nicht, wird er doch ſeinen eigenen Augen Glauben beimeſſen.“ .„Varney, wie! ſchon zuruͤck?“ rief der Goldmacher, „habt Ihr?— hier hielt er inne. „Habt Ihr ſchon euer Geſchaͤft vollbracht? wolltet Ihr fragen,“ ſagte Varney;—„ich habe!— Aber Du,“ fuhr er mit einem Tone fort, welcher mehr Intereſſe verrieth, als er bisher gezeigt hatte,„biſt Du auch ganz gewiß, we⸗ der weniger noch mehr, als das rechte Maaß, von deiner Arzenei gebrauet zu haben?“ 3 1 — 134— „So gewiß, als ein Menſch es hierin ſeyn kann,“ er⸗ wiederke der Aichymiſt. „Dann fuͤrchte ich nichts,“ ſagte Varney.„Ich weiß, Du wirſt dich dem Teufel um keinen Schritt mehr naͤhern, als wofuͤr Du Belohnung zu hoffen haſt. Du wardſt be⸗ zahlt, Krankheit zu ſchaffen, und wuͤrdeſt es fuͤr Verſchwen⸗ dung halten, Mord zu demſelben Preiſe zu geben.— Fort ietzt! jeder auf ſein Zimmer!— morgen werden wir den Erfolg ſehen. „Was thatet Ihr, um ſie zum Hinunterſchlucken zu be⸗ wegen?“ fragte Foſter ſchaudernd. „Nichts;“ entgegnete Varney;„ich heftete nur Blièke auf ſie, wie die, mit denen man Weiber, Kinder und Narren regiert. Sie ſagten mir im St. Lucas Hospital, daß mir grade ein Blick eigen, hundert ſolcher Kranken in Furcht zu erhalten. Der Auffeher machte mir ſein Comyli⸗ ment daruͤber, und ſo weiß ich mein Brod zu verdienen, wenn mir die Hofgunſt einmal den Ruͤcken kehren ſollte.“ „Und fuͤrchtet Ihr euch nicht, falls die Portion zu ſtark waͤre?“ fragte Foſter... „Dann wuͤrde ſie nur um ſo ſanſter ſchlafen,“ ſagte Varney;„die Angſt davor ſoll mir meine Ruhe nicht rau⸗ ben.— Gute Nacht, Ihr Herren!“ Anthony Foſter ſeufzte tief auf, und hob ſeine Augen und Haͤnde zum Himmel empor. Der Alchymiſt erklaͤrte ſeinen Entſchluß, den groͤßten Theil der Nacht mit wichtigen Experimenten zuzubringen, worauf die beiden Ehrenmaͤnner von ihrem Genoſſen Abſchied nahmen, und ſich zur Ruhe begaben. 11. Die Stunde des Abendgebets war voruͤber, und Janette, berechnend, daß ein laͤngeres Außenbleiben Verdacht und Nachfragen in dieſem Hauſe des Argwohns erkegen würde, kehrte nach Cumnor⸗Place zuruͤck, und eilte zu dem Gemach, in welchem ſie ihre Gebiekerin verlaſſen hatte. Sie fand dieſe, die Arme auf dem Tiſche reuzweis uͤber einander ge⸗ ſchlagen, auf denen ihr Haupt ruhte. Sie blickte nicht auf, als Janette eintrat, ſondern blieh bewpegungelös in ihtes Stellung. Die treus Dienerin flog mit Blit gesſchnelle auf ihre Herrin zu, und indem ſie das Haupt der Graͤfin mit der Hand emporhob, flehete ſie dringend, doch aufzu blicken, und ihr mitzutheilen, was die urſache eines ſo ſeltſamen Zuſtan⸗ des ſey. Die ungluͤckliche Lady ſah ſie mit einem geiſter⸗ aͤhnlichen, todtenbleichen Antlitz an;„Janette!“ ſprach ſie mit furchtbarem Tone,„ich habe getrunken!“— „Gott ſey gelobt!“ rief Janette frendenvoll,——„Gokt ſey gelobt, daß Euch nichts ſchlimmeres begegnete; was Ihr davon genoſſen habt, wird Euch keinen Schaden thun.— Richtet Euch auf, theure Gebieterin, ſchuͤttelt dieſe Starr⸗ ſucht von Euren Gliedern, dieſe Verzweiflung von Eurem Geiſte!“ „Janette,“ wiederholte die Graͤſin,„ſtoͤre mich nicht,— laß meinen Lebensſtoff ruhig entſchwinden— ich bin ver⸗ geiftet!“ „Ihr ſeyd es nicht“ rief das Maͤdchen freudig,— „was Ihr zu Euch nahmt, kann Euch nicht ſchaden, unn — 236— ich eilte hierher, Euch zu berichten, daß der Weg zu Eurer Flucht offen ſtehe.“ „Flucht!“ rief die Lady,„raſch ſich aus ihrem Lehn⸗ ſeſſel erhebend, waͤhrend Leben in ihre Augen und Feuer auf ihre Wangen wiederkehrten;„aber ach, Janette! die Ret⸗ tung kommt zu ſpaͤt!“ „Nicht doch, nicht doch! theure Gebieterin!“ entgegnete Janette;„kommt, faßt Muth, ſruͤtzt Euch auf meinen Arm; kommt, geht mit mir im Zimmer auf und ab.— Laßt nicht Eure Phantaſie ſchaͤdlicher wirken, als Gift!— ſo, theure Graͤfin!— Habt Ihr nicht den vollkommenen Gebrauch Eurer Glieder?“ „Meine Starrſucht ſcheint nachzulaſſen,“ ſagte die Graͤfin, als ſie, auf Janettens Arm gelehnt, im Zimmer auf und ab ſchritt;„aber iſt dem wirklich auch ſo, habe ich denn nicht den toͤdtenden Trank verſchluckt? Varney war in deiner Abweſenheit hier, und gebot mir mit Blicken, in denen ich nur zu gut mein Schickſal las, den furchtbaren Becher zu leeren. Janette, was er enthielt, muß Schrecken bringen, denn noch nie ward ein harmloſer Trank von ſolch einem Mundſchenk kredenzt.“ „Auch hielt er es nicht fuͤr unſchaͤdlich,“ erwiederte Janette;„aber Gott macht die Verſuche der Boͤſen zu Schanden. Glaubt mir, ſeht, ich betheure es Euch bei den heiligen Evangelium, Euer Leben iſt außer Gefahr.— Aber leiſtetet Ihr ihm denn keinen Widerſtand?“ „Codtenſtille herrſchte im Hauſe,“ ſagte die Lady;„Du warſt fern— niemand im Zimmer, als ich und er, der je⸗ des Verbr echens faͤhig iſt. Ich beſtand nur darauf, daß er mich von ſeiner verhaßten Gegenwart befreien ſollte, und ich trank, was er gebot.— Du aber ſprachſt von Fluchi, Janette! wars nicht ſo?“ * — 187— „Fuͤhlt Ihr euch ſchon ſtark genug, den Bericht dar⸗ uͤber zu hoͤren, und kraͤftig, ſie zu unternehmen?“ „Stark genug!“ antwortete die Graͤfin,—„frage das kluͤchtige Reh, wenn der Windhund im Begriff ſteht, es zu erfaſſen, ob es ſich auch ſtark genug fuͤhle, die vor ihm lie⸗ gende Kluft zu uͤberſpringen; ich bin jeder Anſtrengung faͤ⸗ hig, welche mich von dieſem Orte wegtubeingen im Stande iſ. 74 „So hoͤrt denn,“ ſagte Janette;„Jemand, den ich fuͤr einen Eurer treueſten Freunde halte, hat ſich mir unter ab⸗ wechſelnder Verkleidung gezeigt, und mit mir uͤber Dinge zu ſprechen geſucht, welche bis heute noch nicht ganz klar vor meiner Seele ſtanden,— immer wich ich aus. Er war es, jener Hauſirer, von dem Ihr den Putz kauftet, jener lahme Handelsmann, von dem ich die Buͤcher erhandelte; ſo wie ich mich nur außer dem Hauſe blicken ließ, war ich ſicher, auf ihn zu ſtoßen; die Begebenheiten dieſes Abends beſtimmten mich, mit ihm zu reden. Eben jetzt harrt er an der Hinterthuͤr des Parks, mit Mitteln zu Eurer Flucht;— fuͤhlt Ihr aber auch Koͤrperſtaͤrke genug? Fehlt es Euch auch nicht an Seelenmuth?— Wollt Ihr das Unternehmen be⸗ ginnen?“ „Wer dem Tode enteilen will, findet Koͤrperſtaͤrke,“ entgegnete die Lady;„wer entſchloſſen iſt, der Schande zu entgehen, dem gebricht es nicht an Seelenkraft. Der Ge⸗ danke, aus dem Bereich deſſen zu entfliehen, der mein Leben und meine Ehre in gleichem Maaße bedroht, wuͤrde mir Kraft verleihen, mich ſelbſt von dem Sterbelager zu erheben.“ „In Gottes Namen denn, theure Graͤfin!“ ſagte Ja⸗ nette;„ich muß Euch Lebewohl ſagen, und Euch dem Schutze des Aumaͤchtigen uͤbergeben.“ — 188— „So willſt Du nicht mit mir entſtiehen? fragte die Graͤfin aͤngſtlich.—„Willſt Du mich 3eshdits— Sind das deine treuen Dienſte?““* „Ich wuͤrde mit Euch entſliehen, Fhrure Graͤin, ſo froͤhlich, als je ein Vogel ſeinem Kaͤfigt entfloh,“ erwiederte Janette; naber das wuͤrde Anlaß zur Entdeckung und zur Verfolgung gehen;, ich muß bleiben, und auf Mittel ſin⸗ nen, Eure Flucht auf einige Zeit verborgen zu halten. f Moͤge der Himmel mir meinen Betrug vergehen, der Notl⸗ wendigkeit wegen!““. 4„Soll ich denn allein mit dem Fremden reiſen? Be⸗ denke Janette, koͤnnte das nicht ein neuer boshafter Ver⸗ ſuch ſeyn, mich von Dir, meiner einzigen Freundin, zu trennen? 27 4„Glaubt das nicht, theure Lady!“ ſagte Janette;„der Fremde meint es gewiß ehrlich mit Euch; er iſt ein Vertrau⸗ ter des Herrn Treſſil ian, und von dieſem hieher geſandt.“ „Wenn er ein Freund von Kreſſilian iſt,“ ſagte die Graͤfin„„iſo will ich mich ſeinem Schutze uͤbergeben, wie dem eines Engels, vom Himmel zu meiner Rettung herabgeſandt; nie kannte jemand weniger als Treſſilian Falſchheit oder Eigennutz. Stets vergaß er ſich ſelbſt, wenn er Andern nuͤtz⸗ lich ſeyn konnte— aber ach! wie wurde ihm vergolten!“ Mit eiliger Haſt rafften ſie nun die wenigen Sachen zu⸗ ſammen, welche die Graͤfin mitnehmen ſollte, und die Ja⸗ nette, ſo ſchnell als moͤglich, in ein kleines Buͤndel zuſam⸗ men packte, in welches ſie auch noch dasjenige von den Koſt⸗ barkeiten legte, was ihr gerade in die Haͤnde fiel, unter denen ſich auch ein Kaͤſtchen mit Edelſteinen befand, welches, wie ſie kluger Weiſe berechnete, im Nothfall treffliche Dienſte leiſten koͤnnte. Die Graͤfin von Leiceſter vertauſchte darauf ihre Kleidung gegen eine andere, welche Janctte auf etwa⸗ — 189— nigen kleiuen Reiſen zu tragen pflegte; denn ſie hielten es fuͤr rathſam, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen, jeden aͤußeren Glanz zu vermeiden. Noch bevor dieſe Anſtalten voͤllig vollendet waren, war der Mond am Sommerhimmel aaufgegangen, und alle Bewohner des einſam gelegenen Her⸗ renhauſes hatten ſich zur Ruhe, oder wenigſtens in ihre Zim⸗ mer begeben. Es war bei der Flucht keine Schwierigkeit vorauszuſehen, weder im Hauſe, noch in dem Garten, ſobald es ihnen nur gelang, unbemerkt zu bleiben. Antony Foſter war gewohnt, ſeine Tochter zu betrachten, wie ein Suͤnder den Schutzengel, der, trotz ſeiner Schuld, ſchuͤtzend uͤber ihm ſchwebt, und ſein Vertrauen kannte daher keine Grenzen. Janette war den ganzen Tag uͤber Herr ihrer Handlungen, und hatte einen Hauptſchluͤſſel, mit dem ſie auch die hintere Thuͤr oͤffnen konnte, durch welche ſie oft, entweder zum Bethaus ihrer Gemeinde, oder zum Dorfe ging, um die, fuͤr den ganz ihrer Sorge uͤbertragenen Haushalt, erforderlichen Dinge einzukaufen. Zwar waren ihr alee dieſe Freiheiten nur unter der Bedingung eingeraͤumt, dieſe Vorrechte nicht zum Nachtheil der Sicherhaltung der Glaͤfin zu miß⸗ brauchen;— ſo hatte man zu Cumnor⸗Place ihre Reſidenz genannt, ſeitdem ſie angefangen hatte, Unzufriedenheit mit der Einſchraͤnkung zu zeigen, der ſie unterworfen war. Auch war nicht zu vermuthen, daß der Argwohn, den Janette gegen ihren Vater bei jener furchtbaren Seene hatte blicken laſſen, dieſen bewogen haben koͤnnte, zu glauben, Janette koͤnne ihr Wort brechen, und ſein Vertrauen taͤuſchen. Dieſe aber fuͤhlte nach dem, was ihre Augen geſehen hatten, ſich jetzt nicht allein von jedem Vorwurfe frei, ſondern ſich ſogar be⸗ rufen, das Wohl ihrer Gebieterin zum alleinigen Gegen⸗ ſtande ihrer Sorge zu machen, alle anderen Nebenruͤckſichten aber bei Seite zu ſetzen. Die fluͤchtende Graͤfin und ihre Begleiterin eilten mit raſchen Schritten durch den Garten, den unebenen oft ge⸗ hemmten Pfad hinab, welcher einſt eine Allee geweſen, jetzt aber durch die wild in einander verwachſenen Aeſte der Baͤume voͤllig verfinſtert, und nur hie und da durch das ſchwache taͤuſchende Licht des Mondes erhellt war, welches an einigen Stellen durch Oeffnungen drang, die der Holz⸗ art ihr Daſeyn verdankten. Oft wurden ihre Schritte von gefaͤllten Baͤumen, welche im Wege lagen, oder von großen Aeſten, zuruͤckgehalten, die man hier noch hatte liegen laſſen, weil es an Zeit fehlte, ſie zu zerhauen. Das Unangenehme und die Schwierigkeiten ſolcher Unterbrechungen, ihre Eile, in der ſie ſich kaum Athem zu ſchoͤpfen erlaubten, und die Gefuͤhle von Furcht und Hoffnung, welche die Graͤfin be⸗ ſtuͤrmten, hatten dieſe, als kaum die erſte Haͤlfte ihres We⸗ ges zuruͤckgelegt war, ſo erſchoͤpft, daß Janette ſich zu demn Vorſchlage gezwungen ſah, ſich einen Augenblick lang Ruhe zu goͤnnen. Beide ſtanden daher unter dem Schatten einer ungeheuren alten Eiche ſtill, und blickten nun von einem natuͤrlichen Gefuͤhl geleitet nach dem alten Herrenhauſe, welches ſie hinter ſich gelaſſen hatten, deſſen lange, dunkle Fronte mit den eoloſſalen Rauchfaͤngen und Thuͤrmen, welche ſich wie ſchwarze Rieſen in die blaue Sommernacht hinauf hoben, in feierlicher Ferne ſichtbar war. Ein einzi⸗ ger Lichtſchimmer nur flimmerte von der dunklen Maſſe her⸗ uͤber, aber niedrig, ſo daß ſein Schein eher von der Erd⸗ flaͤche vor dem Herrenhauſe, als aus einem der Fenſter deſ⸗ ſelben zu kommen ſchien. Die Angſt der Graͤſin erwachte aufs neue.—„Dort kommen ſie, unſre Verfolger!“ rief ſie, indem ſie mit der Hand nach dem Lichte zeigte. Ja⸗ — 191— nette aber, ruhiger als ihre Gebieterin, bemerkte ſogleich, daß ſich das Flaͤmmchen nicht von der Stelle bewege, und flüſterte der Graͤfin daher troͤſtend zu, daß jenes Licht aus der einſamen Zelle heruͤber ſcheine, in welcher der Alchymiſt ſeinen Experimenten obliege.—„Der iſt von denen,“ fuͤgte ſie hinzu,„welche bei naͤchtlicher Weile wachen, und uͤber Boͤſes ſinnen. Unheilbringend war der Zufall, der einen Mann hierher brachte, deſſen von irdiſchem Reichthum und uͤberirdiſchen Dingen gemiſchte Reden den Sinn meines armen Vaters ſo maͤchtig gefangen halten. Trefflich hat der ehrwuͤrdige Herr Holdfort geſprochen, und wie mirs ſchien, nicht ohne Abſicht, daß einer oder der andere aus unſerem Hauſe daran Beiſpiel nehmen ſollte. Es giebt de⸗ ren, ſorach er, und ihre Zahl iſt Legion, welche da vorzie⸗ hen, gleich dem boͤſen Ahab, den Traͤumen des falſchen Propheten Zedechias zu horchen, als auf die Worte, welche der Herr zu ihnen geſprochen.— Ach, meine Bruͤder, fuhr er dann fort, es giebt noch manchen Zedechias unter Euch,— Menſchen, welche Euch ſinnliches Licht verſprechen, und Euch des himmliſchen berauben; und dann fuͤgt er noch hin⸗ zu:—— 3 Es iſt ungewiß, wie lange noch das Gedaͤchtniß der ſchoͤnen Puritanerin, ihr in Wiederholung der Rede des wuͤrdigen Herrn Holdfort treu geblieben waͤre, denn ſie ward von der Graͤfin mit der Verſichrung unterbrochen, daß dieſe ſich nun neu geſtaͤrkt und im Stande fuͤhle, die Pforte zu erreichen, ohne eines zweiten Ruhepunets zu beduͤrfen. Sie machten ſich nun wieder auf den Weg, und legten die letzte Haͤlfte, durch mancherlei Geſpraͤch gekürzt, mit mehr Leichtigkeit, als die erſte, zurück. Janette fragte jetzt zum erſtenmal die Graͤfin, wohin ſie ihre Flucht zu nehmen gedenke?— und als nicht ſogleich eine Antwort erfolgte,— vielleicht, weil in dem Aufruhr ihrer Seele die Graͤfin ſelbſt bisher nicht daran gedacht hatte,— wagte Janette hinzuzu⸗ fuͤgen:„ohne Zweifel nach der Behauſung Eures Vaters, wo Euch Sicherheit und Schutz erwarten.“ „Ach, Janette!“ entgegnete die Graͤfin traurig„ich verließ Lincote Hall mit leichtem Herzen und ehrenwerthem Namen, und ich will nicht dahin zuruͤckkehren, bis Mylords öffentliche Anerkennung meiner ehelichen Rechte mich mit wiederhergeſtelltem Rufe in mein Vaterhaus zuruͤckfuͤhrt.“ „Und wohin ſonſt gedenkt Ihr Euren Weg zu nehmen, gnaͤdige Frau?“ fragte Janekte. „Nach Kenilworth, Maͤdchen!“ erwiederte die Graͤfin kuͤhn und offen.„Ich will dieſe Feſte ſehen— dieſe fuͤrſt⸗ lichen Feſte,— von denen England von einer Kuͤſte zur andern wiederhallt. Wenn die Monarchin in den Hallen meines Gemahls bewirthet wird, ſcheint mir deſſen Gattin kein ungeziemender Gaſt.“ 3 „Gott gebe, daß Ihr dort auch ein willkommner ſeyn moͤget!“ ſagte Janette ſchnell. „Du mißbrauchſt meine Lage, und vergißt die deine, Janette!“ ſagte die Graͤfin mit einiger Heftigkeit. „Gewiß nicht, theure Gebieterin!“ erwiederte Janette mit betruͤbtem Tone;„aber habt Ihr denn vergeſſen, daß der edle Graf grade ſo ſtrenge Maaßregeln gebrauchte, ſeine Heirath geheim zu halten, um ſeine Gunſt bei Hofe nicht einzubuͤßen? und meint Ihr, daß Eure Ankunſt auf ſeinem Schloſſe, zu ſolcher Zeit und unter nodchen Umfeänpan. ihm angenehm ſeyn wuͤrde?“ „Du meinſt, ich wuͤrde ihm Unehre bringen?“7 ief die Graͤfn;— laß meinen Arm los, ich kann ohne Stühs Gehemn wie ohne Anderer Rath handeln.“— 22111339 — 193— „Huͤrnt nicht auf mich,“ ſprach Janette mit ſanfter Stimme,„nehmt ferner meinen Arm; der Weg iſt rauh, und Ihr ſeyd nicht gewohnt im Finſtern zu wandeln.“ „Glaubſt Du mich nicht zu gering, ſo daß meine Naͤhe Mylord Schande braͤchte,“ entgegnete Emmy noch immer mit heftigem Tone,„ſo haͤlſt Du Mylord von Leleeſter einer ſchlechten Handlung faͤhig, und meinſt etwa, er werde dieß verruchte Verfahren deines Vaters und Varneys billigen, deren Thaten ich ſchon dem Grafen ruͤhmen werde.“ „um Gottes willen, gnaͤdige Frau!“ bat Ianette, „ſchont meines Vaters in eurem Bericht. Laßt meine Dien⸗ ſte, ſo gering ſie auch ſeyn moͤgen, ſein Vergehen wenigſtens einigermaßen ſuͤhnen!“ „Ich wuͤrde ſehr ungerecht ſeyn, wollte ich anders han⸗ deln, gute Janette!“ ſagte die Graͤfin, wieder ihren ge⸗ wohnten freundlichen Ton gegen die treue Dienerin anneh⸗ mend;„fkein Wort ſoll zum Nachtheil deines Vaters uͤber meine Lippen kommen. Ich habe keinen andern Wunſch, als mich in die ſchuͤtzenden Arme meines Gatten zu werfen. Aus der Verborgenheit, welche er mir anwies, bin ich getreten, weil ich von Boͤſewichtern umgeben war. In keinem andern Falle aber werde ich mich ſeinen Befehlen ungehorſam zei⸗ gen. Ich werde mich allein an ihn wenden,— von ihm allein Schutz verlangen.— Gegen niemand will ich ohne ſeine Bewilligung die Verbindung bekennen, welche ins ge⸗ heim unſere Herzen und unſere Schickſale vereint. Ich will ihn ſehen, von ſeinen Lippen hoͤren, wie ich mein kuͤnftiges Betragen einzurichten habe. Suche mich nicht in meinem Entſchluſſe wankend zu machen, Du wuͤrdeſt mich nur darin beſtaͤrken. Sieh', Janette, ich will mein Schickſal auf ein⸗ mal, und aus meines Gatten Munde erfahren; und ihn in Kenilworth. 2r Bd. N — 194— Kenilworth aufzuſuchen, iſt das ſicherſte Mittel, meinen Zweck zu erreichen. Indem Janette nun in der eile alle Schwierigkeiten und Umſtaͤnde in den Verhaͤltniſſen der Graͤfin erwog, be⸗ gann ſie ihre erſte Anſicht zu aͤndern, und es ſchien ihr recht, daß, da ihre Gebieterin ſich dem ihr von ihrem Ge⸗ mahl angewieſenen Aufenthalte eigenmaͤchtig entzogen hatte, es jetzt ihre erſte Pflicht ſey, zu ihm zu eilen, und ihn von den Gründen zu unterrichten, welche ſie zu dieſem Schritte bewogen hatten. Sie wußte, welches Gewicht der Graf auf die Geheimhaltung ſeiner Verbindung mit Emmy legte, und mußte geſtehen, daß jeder Verſuch ſeiner Gemahlin, dieſe ohne ſeine Einwilligung bekannt zu machen, ſie der Unzufriedenheit ihres Gatten im hohen Grade ausſetzen wuͤrde. Wollte ſie in das Haus ihres Vaters zuruͤckkehren, ohne ihre Verbindung mit Leiceſter zu geſtehen, wuͤrde man dort uͤberall mit Schimpf und Hohn auf ſie blicken, und gaͤbe ſie dieß Geheimniß preis, waͤre ein Bruch mit ihrem Ge⸗ mayl faſt unvermeidlich. In Kenilworth dagegen konnte ſie ſich uͤber ihre Angelegenheiten mit dem Grafen berathen, den Janette, obgleich ſie kein ſo großes Vertrauen in ihn ſetzte, als die Graͤfin, dennech unfaͤhig hielt, zu ſolchen Gewalt⸗ thaͤtigkeiten zu greifen, wie ſie ſeine Diener, aus deren Haͤnden ſie ſo eben geflohen war, moͤglicherweiſe angewandt haben wuͤrden, um dem Opfer ihrer Bosheit ein ewiges Schweigen aufzulegen. Selbſt aber im ſchlimmſten Falle, wenn der Graf naͤmlich ſeiner Gemahlin Gerechtigkeit ver⸗ weigern ſollte, konnte dieſe, falls ſie ihre Rechte oͤffentlich reclamiren wollte, Treſſtlian als Vertheidiger, und die Ko⸗ nigin als Richterin auffordern; alle dieſe Verhaͤltniſſe hatte Janette in ihren kurzen Unterredungen mit Wayland erfah⸗: ren. Sie ſtimmte daher jetzt im Ganzen mit dem Entſchluſſe — 195— ihrer Gebieterin, ſich nach Kenilworth zu begeben, uͤberein, bat dieſe aber, die moͤglichſte Vorſicht zu beobachten, wenn ſie dort von ihrer Ankunft ihrem Gemahl Kunde geben wuͤrde. „Aber biſt auch Du vorſichtig geweſen, Janette?“ fragte die Graͤfin, und haſt Du meinem kuͤnftigen Begleiter das Geheimniß meines Standes verſchwiegen?“ „Von mir hat er nichts erfahren,“ erwiederte Janette; „auch glaube ich nicht, daß er mehr von euren Verhaͤltniſ⸗ ſen weiß, als im Allgemeinen davon bekannt iſt.“ nund was iſt im Allgemeinen bekannt?“ fragte Emmy, „Daß Ihr eures Vaters Haus verlaſſen habt,“ entgeg⸗ nete Janette;—„aber Ihr werdet wieder zuͤrnen, wenn ich weiter rede,“ fuhr ſie dann fort, ſich ſelbſt unterbrechend. „Sprich nur, ſprich!“ ſagte die Graͤfin;„ich muß den boͤſen Ruf ertragen lernen, den mein Leichtſinn veranlaßte. Ohne Zweifel glaubt man, ich ſey dem? Vaterhauſe entflohen, um geſetzloſen Freuden nachzuleben;— ein Irrthum, der bald gehoben ſeyn wird, er ſoll gehoben werden; denn ich will mit unbeflecktem Rufe leben, oder zu leben aufhoͤren.— Man nennt mich alſo Leiceſters Buhlerin?“ „Die groͤßte Zahl,“ erwiederte Janette,„haͤlt Euch fuͤr Varneys Geliebte; einige aber ſehen nur in ihm den Deck⸗ mantel von Mylord's Liebſchaften; denn Geruͤchte ſind im Umlauf uͤber jene koͤſtlich ausgeſchmuͤckten Zimmer, deren Reichthum Varney's Einkuͤnfte weit uͤberſteigt. Aber dieſe letzte Meinung wird nur ſelten ausgeſprochen, weil es Ge⸗ fahr bringen koͤnnte, ſelbſt auch nur Argwohn gegen den ver⸗ ehrten Namen Leiceſter an den Tag zu legen.“ „Man thut wohl daran,“ ſagte die Graͤfin,„wer koͤnnte ſich auch eine Gemeinſchaft zwiſchen dem edlen Dudley und jenem veraͤchtlichen Varney denken?— Hier aber ſind wir 1 R 2 — 196— an der Pforte— jetzt muß ich Dir Lebewobl ſagen, Janette, Weine nicht, mein gutes Maͤdchen!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich bemuͤhete den eigenen Kummer uͤber die Trennung von ihrer treuen Dienerin unter einem Anſchein von Heiter⸗ keit zu verbergen.„Einſt ſehen wir uns wieder; aber dann, Janette, laß mich Dich, ſtatt mit dieſem hohen einfachen Halstuche, mit einem huͤbſchen offenen Spitzenkragen wieder⸗ finden, damit man doch deinen weißen Hals ſehen kann, und ſtatt in deinem wollenen Mieder in einem goldgeſtick⸗ ten Sammtgewande. Du wirſt in meinen Zimmern reichlich von allem finden, und alles uͤberlaſſe ich Dir mit Freuden. Du mußt geſchmuͤckt ſeyn, Janette; obgleich Du bis jetzt nur die Dienerin einer armen Lady ohne Ruf und Namen warſt, mußt Du doch, wenn wir uns wiederſehen werden, wie eine Dame gekleidet ſeyn, der erſten Graͤfin Englands zunaͤchſt in der Liebe wie in dem Dienſte.“— „Gott gebe es, theure Gebieterin! nicht etwa, daß ich geſchmuͤckter erſcheine, ſondern daß wir beiderſeits unſere Kleider uͤber leichteren Herzen tragen.“ Waͤhrend dieſer letzten Worte hatte das Schloß an der Pforte nach einigem Widerſtande dem Hauptſchluͤſſel nachge⸗ geben, und die Graͤfin ſah ſich nun, nicht ohne innere Furcht, außer dem Bereich der Mauern, welche ihr Gemahl ihr als die Graͤnze ihrer Schritte angewieſen hatte. Ihrem Erſchei⸗ nen mit großer Ungeduld entgegen harrend, ſtand Wayland Smith in einiger Entfernung, hinter der Hecke an der Land⸗ ſtraße, verborgen. „Iſt alles bereit?“ fragte Janette, als er ſich ihnen be⸗ b hutſam naͤherte. „„Alles,“ entgegnete Wayland;„aber ich bin nicht im Stande geweſen ein Pferd fuͤr Mylady anzuſchaffen. Giles Gosling, der feighertige Kerl, wollte mir um keinen Preis — 197— eins uͤberlaſſen; aber thut nichts— ſie muß meinen Kleyper reiten, und ich ihr zur Seite gehen, bis ich ein zweites Pferd bekommen kann. Wir haben nichts von Verfolgung zu fuͤrchten, wenn Ihr, huͤbſche Janette, meine Lehren niiht vergeßt.“ „Das werde ich eben ſo wenig, als die weiſe Wittwe von Tekoa die Worte vergaß, welche Joab ihr in den Mund legte,“ entgegnete Janette.„Morgen gebe ich vor, Mylady ſey nicht im Stande, ihr Bett zu verlaſſen.“ „Recht, recht,“ und habe K Kopfſchmerz und Herzklopfen, und wolle nicht geſtoͤrt ſeyn.— Fuͤrchte nicht, von ihnen mit Fragen gequaͤlt zu werden, ſie kennen dieſe Symptome ſchon.“ „Aber,“ ſiel die Lady ein,„meine Flucht wird dennoch bald entdeckt werden, und Janette wird als Opfer ihrer Rache fallen.— Lieber wil ich zuruͤckkehren, als ſie ſolcher Gefahr ausſetzen.“ „Seyd meinetwegen unbeſorgt,“ ſagte Janette,„wuͤnſchte ich doch, daß Ihr der guten Aufnahme dort, wohin Ihr eilt, eben ſo gewiß waͤret, als ich uͤberzeugt bin, daß mein Va⸗ ter, obgleich aufgebracht, dennoch nicht leiden wird, daß man mir Leid zufuͤge.“ Die Graͤfin ward nun von Wayland auf das Pferd ge⸗ hoben, auf deſſen Sattel er ſeinen Mantel ausgebreitet hatte, um ihr einen bequemen Sitz zu verſchaffen. „Lebt wohl, lebt wohl, Gottes Segen mit Euch, rief Janette, die Hand ihrer Gebieterin mit Kuͤſſen bedeckend; freundlich erwiederte dieſe ihre Liebkoſungen. Dann trat Janette zuruͤck, und ſorach zu Wayland:„Moͤge Gott Euch einſt in der Noth beiſtehen oder verlaſſen, gleich wie Ihr jetzt an meiner huͤlfloſen Gebieterin treu oder falſch han⸗ delt!“ — 193— „Amen,“ ſagte Wayland;—„ich werde mich meines Geſchaͤftes ſo entledigen, daß Ihr mich, huͤbſche Janette, mit recht freundlichen Augen betrachten werdet, wenn wir uns einmal wieder begegnen.“ Den letzteren Theil dieſes Abſchiedes fluͤſterte Wayland Janetten ins Ohr; und obgleich ſie nicht gradezu eine Ant⸗ wort darauf gab, zeigte doch die Weiſe, wie ſie dieſe Worte aufnahm, keinesweges die Abſicht, die Hoffnungen, welche aus Wayland's Rede hervorgingen, zu entmuthigen; viel⸗ leicht auch ſchon deshalb nicht, weil ſie fuͤrchten mochte, er wuͤrde dann weniger thaͤtig fuͤr das Wohl ihrer Gebiete⸗ rin ſeyn. Sie kehrte nun in den Garten zuruͤck, und ver⸗ ſchloß die Pforte, waͤhrend Wayland den Zaum ſeines Pfer⸗ des erfaßte, neben demſelben ſorgſam einherſchritt, und ſo mit ſeiner ſchoͤnen Schutzbefohlnen die Reiſe bei hellem Mondſchein begann. Obgleich aber Wayland Smith mit groͤßter Eile vor⸗ waͤrts ſtrebte, ging dennoch dieſe Art zu reiſen ſchon ihrer Natur nach ſo langſam von Statten, daß ſie, als der Mor⸗ gen zu daͤmmern begann, erſt zehn engliſche Meilen von Cumnor entfernt waren.„Hol' der Henker alle glattzuͤngi⸗ gen Gaſtwirthe!“ ſagte Wayland, unfaͤhig ſeinen Verdruß und Aerger laͤnger zu verbergen;„haͤtte Giles Gosling, der falſche Burſche, mir nur ein Paar Tage fruͤher geſagt, daß ich nicht auf ihn rechnen koͤnne, ich wuͤrde mir ſelbſt ſchon zu helfen gewußt haben. Dieſe Kerle ſind ſo in der Ge⸗ wohnheit, alles zu verſprechen, was man verlangt, daß man erſt, wenn der Gaul beſchlagen werden ſoll, bemerkt, daß es ihnen an Eiſen fehlt. Haͤtte ich es nur gewußt, ich wuͤrde tauſend Auswege gefunden haben fuͤr einen ſolchen guten Zweck; haͤtte ich irgend einen Klepper von der erſten beſten Gemeinde⸗Wieſe geholt, man haͤtte ihn ja, um ehrlich zu ſeyn, nur zuruͤck zu ſenden gebraucht.“ Die Graͤfin bemuͤhete ſich, ihren Begleiter zu beruhigen, indem ſie ihm bemerkbar machte, daß ſie nach Anbruch des Tages auch ſchneller fortkommen würden. „Recht, Madam!“ entgegnete Wayland;„aber dann werden uns auch Andere leichter bemerken koͤnnen; ein recht boͤſes Ding, in der That! Seht, ich wuͤrde mir nicht viel daraus machen, wenn wir ſchon weiter waͤren; aber hier in Berkſhire haben, ſo lange ich zu densen weiß, immer bos⸗ hafte Geiſter geſpukt, welche ſich ſpaͤt zur Ruhe begeben, und fruͤh ſchon wieder auf den Beinen ſind, um ſich in an⸗ derer Leute Geſchaͤfte zu miſchen. Oft ſchon haben ſie mir Gefahr zu bringen gedroht; doch fuͤrchtet Euch nur nicht, gnaͤdige Frau!— Klugheit und Gluͤck werden immer eine Salbe fuͤr jede Wunde finden.“ Die Furcht ihres Begleiters machte mehr Eindruck auf das Gemuͤth der Graͤfin, als die Troſtworte, welche er fuͤr gut gefunden hatte hinzu zu fuͤgen. Aengſtlich blickte ſie um ſich; und als nun die Schatten der Nacht entſchwanden, und eine lichte Wolke fern in Oſten den Aufgang der Sonne ver⸗ kuͤndete, fuͤrchtete ſie in jedem Augenblick von dem herauf⸗ ſteigenden Tageslicht ihren Verfolgern gezeigt zu werden, oder ploͤtzlich irgend ein unuͤberſteigbares Hinderniß ihrer weiteren Reiſe zu entdecken. Wayland Smith bemerkte ihre Unruhe, und indem er ſich Vorwuͤrſe machte, ſolche veran⸗ laßt zu haben, nahm er ſich zuſammen, um heiter und mu⸗ thig zu erſcheinen. Bald ſprach er zu ſeinem Gaul, bald ſummte er ein munteres Lied vor ſich hin, bald bat er die Graͤfin, getroſt zu ſeyn, und ſich ja nicht zu fuͤrchten; dabei blickte er aber immer mit ſcharfem Auge ſpuͤhend umher, um zu erforſchen, ob ſich auch nicht etwas zeige, was ſeine troͤſtenden Worke Luͤgen ſtrafe, waͤhrend ſie noch uͤber ſeine Lippen glitten. So ſetzten ſie ihre Reiſe fort, bis ein un⸗ erwarteter Vorfall ihnen die Mittel gab, ſchneller von dan⸗ nen zu kommen. 1 12. Unſere Reiſenden kamen eben an einem kleinen, dichten, gleich an der Landſtraße gelegenen Gebuͤſch vorüber, als ſie, ſeitdem ſie Cumnor verlaſſen hatten, zum erſtenmal wieder ein lebendes Weſen erblickten. Es war dem Anſchein nach ein toͤlpiſcher Bauerjunge, in einer grauen Jacke, mit ſtrup⸗ pigem Haar und bis zu den Hacken herabhaͤngenden Struͤm⸗ pfen. An einem Zaume aber hielt er— was ſie in dieſem Augenblicke faſt von allen Dingen in der Welt am meiſten bedurften— ein ſtattliches Roß naͤmlich, mit einem Queer⸗ ſattel, und vollſtaͤndigem fuͤr eine Dame eingerichteten Reit⸗ zeuge.„Seyd Ihr der rechte?“ rief er Wayland zu. „Allerdings bin ich das!“ entgegnete Wayland ohne Zoͤgern; und man muß geſtehen, daß wohl manche andere Gewiſſen, in einer ſtrengeren moraliſchen Schule erzogen, ſolcher Verſuchung nicht widerſtanden haͤtten. Noch waͤhrend er des Burſchen Frage erwiederte, nahm er den Zaum aus deſſen Hand, hob faſt in demſelben Augenblicke die Graͤfin von ſeinem Klepper herab, und war ihr behuͤlflich, den Gaul zu beſteigen, den ihnen der Zufall auf ſo guͤnſtige Weiſe zu⸗ gefuͤhrt hatte. Dieß alles ging in der That ſo natuͤrlich von Statten, daß die Graͤfin, wie ſich ſpaͤterhin ergab, nicht anders glau⸗ ben konnte, als daß dieſes Pferd von ihrem Begleiter ſelbſt, — 201— oder von einem ſeiner Freunde, bier fuͤr ſie bereit geſalten worden ſey. Der Burſche aber, der auf ſo eilige Weiſe ſeiner Sorge fuͤr den Gaul entledigt worden war, machte ein daͤmiſches Geſicht, und kratzte ſich hinter den Ohren, als ob er ſich Vorwuͤrfe mache, den Gaul auf eine ſo wortarme Erklaͤrung hin uͤberliefert zu haben.„Ich glaube wohl, daß Ihr der Rechte ſeyd,“ brummte der Burſche halb laut, warum aber gebt Ihr mir nicht das Paßwort, Bohnen heißt's. u „Recht, recht!“ erwiederte Wayland auf gut Glud; nund deine Antwort haͤtte Sp eck ſeyn müſſen.“ „Speck, Speck?— wart' er doch einmal, ich verſah mich, nicht Bohnen, Erbſen war das Paßwort.“ „Gut, gut,“ ſagte Wayland,„Erbſen oder Bohnen, gleichviel.“— Und da er ſich waͤhrend dieſer Worte auf ſeinen Klepyper geſchwungen hatte, faßte er ohne weiteres den Zaum vom Pferde der Graͤfin, warf dem Burſchen eine kleine Silbermuͤnze zu, und trabte im raſchen Fluge von dannen. Der Burſche war von dem Huͤgel her, den ſie hin⸗ an ritten, noch lange ſichtbar, und Wayland bemerkte, als. er ſich nach ihm umſah, wie er ſich den Kopf kratzte, und ihnen bewegungslos mit ſtarren Blicken nachſah. Endlich, grade als ſie den Gipfel des Huͤgels erreicht hatten, ſah er, wie ſich der Burſche buͤckte, ohne Zweifel, um das Silber⸗ ſtuͤck aufzuheben, welches ihm Waylands Großmuth geſpen⸗ det hatte. „Nun, das heiße ich von Gott geſandt,“ ſagte Way⸗ land:„wahrhaftig, ein raſches, gut zugerittenes Thierchen, mit dem werden wir ſchon fortkommen, bis wir einen an⸗ deren Gaul fuͤr Euch finden; dann ſchicken wir ihn zuruͤck, um den Nachſchreiern den Mund zu ſtopfen.“ — 202— Aber er ward in ſeiner Erwartung betrogen, und das Geſchick, welches ſich ihm anfangs ſo guͤnſtig gezeigt hatte, ſchien ploͤtzlich den Zufall, den er ſo eben geprieſen, in eine Urſache zu ihrem voͤlligen Untergange verwandeln zu wollen. Noch waren ſie kaum eine kleine Meile von dem Platze ifernt wo ſie den Burſchen getroffen hatten, als ſie hin⸗ ter ſich eine Mannsſtimme durch die Luft erſchallen hoͤrten. „„Diebe, Diebe!“ rief es,„haltet den Dieb!“ und aonliche Ausrufungen folgten, welche Waylands Gewiſſen die ueberzeugung gaben, daß hier von ſeiner ſo eben ver⸗ uͤbten Handlung die Rede ſey. „Wollte ich doch, ich waͤre mein Lebelang zu Fuße ge⸗ gangen,“ ſagte Wayland in großer Angſt,„ſetzt bin ich ein verlorner Mann!— Pferdefleiſch wuͤrde mein Tod ſeyn, ſprach mein Vater oft, wenn ich mich unter den Gaͤulen herumtrieb. Seine Prophezeihung ſcheint eintreffen zu wol⸗ len;— komm' ich aber dieſesmal gluͤcklich davon, ſoll mich kein Teufel dazu bringen, mich auf dieſe Weiſe wieder mit Cavalieren, Pferden oder Weibern abzugeben.“ Unter ſolchen trauervollen Betrachtungen wandte er ſei⸗ nen Kopf, um zu ſehen, wer ſie verfolge, und Troſt ergoß ſich in ſeine Seele, als er nur einen einzelnen Reiter ge⸗ wahrte, welcher aber gut beritten ſchien, und mit ſolcher Haſt auf ſie zuſprengte, daß an kein Entkommen zu denken war, ſelbſt wenn die Kraͤfte der Graͤfin erlaubt haͤtten, ſo raſchen Zuges davon zu eilen, als ihr Gaul zu laufen im Stande geweſen waͤre. „Alſo nur Mann gegen Mann,“ dachte Wayland,„und der Kerl auf ſeinem Pferde gleicht noch dazu mehr einem Affen, als einem Cavalier; nicht ſchwer wird es halten, ihn im ſchlimmſten Falle aus dem Sattel zu werfen. Halt' ein⸗ mal, mir ſcheint's, als fuͤhre ſein Pferd das Regiment; — 205— wahrhaftig, das iſt kein Menſch anders, als das Kräͤnanchen von Abingdon.“ Es war wirklich ſo, wie Waylands ſcharfes Auge in der Entfernung geſehen hatte. Denn der Gaul des muthigen Kraͤmers, ein lebhaftes Thier, ſprengte, anfangs von ſei⸗ nem Reuter uͤbermaͤßig angetrieben, jetzt, da er zwei andere Pferde raſch vor ſich her traben ſah, mit ſolcher Blitzes⸗ ſchnelle einher, daß ſein Reiter buͤgellos wurde, und nicht allein bis zu den Verfolgten, ſondern im vollen Galopo eine Strecke uͤber ſie hinaus gebracht wurde, obgleich er ſein Pferd mit aller Macht zuruͤckhielt, und einmal uͤber das andere„halt, halt!“ ausrief; eine Aeußerung, welche mehr ſeinem Pferde, als unſern Reiſenden zu gelten ſchien. End⸗ lich gelang es ihm, ſein Roß wieder in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen; er wandte es, und ritt nun zu den Fluͤchtlingen zuruͤck, indem er ſich wieder feſter in den Sattel ſetzte, ſeine Kleider ſo gut als moͤglich in Ordnung brachte, und den Ausdruck von Furcht und Angſt, der als Folge ſeiner unwill⸗ kuͤrlichen Eile aus ſeinen Geſichtszuͤgen ſprach, in eine mu⸗ thige, entſchloſſene Miene umzuwandeln bemuͤht war. Wayland hatte eben noch Zeit genug, die Graͤfin zu be⸗ ruhigen, indem er ihr zufluͤſterte:„Seyd ohne Sorge, der Kerl iſt ein Narr, leicht werde ich mit ihm fertig werden.“ Als der Kraͤmer Athem und hinreichenden Muth gewon⸗ nen hatte, gebot er Wayland im befehlenden Tone, augen⸗ blicklich ſeinen Gaul herauszugeben. „Wie?“ rief Wayland,„heißt's hier etwa Pferd oder Blut? Mir ſchon recht, unſere Schwerdter moͤgen ent⸗ ſcheiden!“ „Aber das Pferd iſt mein, zechtmihio mein,“ erwiederte der Kraͤmer. — 204— „Mag ſeyn,“ ſagte Wayland;„aber ich will mein Ver⸗ fahren durchfuͤhren, und grinſete mir der Tod drohend ent⸗ gegen. Darum erfahre, du Held von der kurzen Elle, daß ich, ich, den Du hier vor Dir ſiehſt, eben der Hauſirer bin, dem Du, wie Du dich zu Cumnor ruͤhmteſt, falls Du ihn einmal auf der Landſtraße traͤfeſt, ſeine Waare abnehmen wollteſt. Heraus alſo jetzt mit deiner Waff⸗ wir ſtehen hier Mann gegen Mann!“ „Ey, ich ſprach damals ja nur im Scherz, ¹I ſagte Gold⸗ reath,„ich bin ein ehrlicher Buͤrger und Handelsmann, und kein Straßenraͤuber.“ „Dann, ehrbarer Kraͤmer!“ ſagte Wayland,„thut mir mein Geluͤbde leid; denn ich ſchwur, wo ich Dich auch treffen wuͤrde, Dir deinen Gaul abzunehmen, und ihn mein zu nennen, bis Du ihn durch die Macht deiner Waffe Dir wieder erkaͤmpft haben wuͤrdeſt. Das Geluͤbde iſt einmal abgelegt und beſchworen, und alles was ich jetzt fuͤr Dich thun kann, beſteht in dem Verſprechen, dein Pferd in Don⸗ nington im naͤchſten Gaſthofe abzugeben. „Aber ich ſage Dir, Freund,“ entgegnete Goldreath, auf dem Pferde da wollte ich eben heute die liebenswuͤrdige Jane Thackham von Schottesbrock druͤben nach der Kirche führen, um ſie zur Frau Goldreath zu machen. Sie iſt dem alten Thackham heimlich aus dem Fenſter entſprungen, und ſteht nun da, wo ſie den Klepper zu finden hoffte, in ihrem camlottenen Reitmantel, mit der Reitpeitſche mit elfenbei⸗ nernem Griff, ſtarr und bewegungslos, wie Lots Weib; da⸗ her bitte ich Dich nochmals, gieb mir meinen Gaul gutwillig zaruͤck. 44 3 „Thut mir leid,“ ſagte Wayland,„ſowohl deiner ſchd⸗ nen Donna, als deinetwegen, du Ritter von Muſſelin, aber ein Geluͤbde darf man nicht brechen;— im Gaſthofe zum 4 — 205— Engel zu Donnington ſollſt Du deinen Gaul wieder finden, das iſt alles, was mir mein Gewiſſen erlaubt, fuͤr Dich zu thun.“ „Zum Teufel mit deinem Gewiſſen!“ rief Goldreath; „ſie kann doch den weiten Weg zur Kirche nicht zu Fuße machen.“ „Ihr moͤget ſie mit auf euer Pferd nehmen, Herr Gold⸗ reath!“ entgegnete Wayland;„die doppelte Laſt wird euren Gaul zahm machen.“ „Und wie, wenn Ihr nun vergaͤßet mein Pferd abzuge⸗ ben, wie Ihr verſprecht?“ fragte Goldreath nicht ohne Zoͤ⸗ gern, denn Furcht hielt ſeine Seele gefangen. „Mein Waarenpacken ſoll Dir Buͤrge ſeyn,— in Cum⸗ nor liegt er beim Giles Gosling— vollgepfropft mit Atlas, Tafft, Sammet, Mouſſelin, Cambrie, Battiſt“—— „Halt, halt!“ rief der Kraͤmer;„wenn auch nur halb ſo viel Waaren darin ſind, bin ich ruhig.“ „Das koͤnnt Ihr auch,“ ſagte Wayland,„und ſo lebt wohl!“ mit dieſen Worten gab er ſeinem Klepper die Spo⸗ ren und ritt froͤhlich mit der Graͤfin davon, waͤhrend der Kraͤmer betruͤbt und langſam den Ruͤckweg einſchlug, ſich beſinnend, welche Entſchuldigung er gegen ſeine Braut her⸗ vorbringen wolle, die mitten auf der Landſtraße ſtand, die Nuͤckkehr ihres Galans erwartend. „Mir kam es vor,“ ſprach die Graͤfin zu ihrem Beglei⸗ ter, als ſie nun im raſchen Trabe ihren Weg fortſetzten, nals ſtarrte der Narr mich an, ſo, als ob er ſich erinnere, mich ſchon ſonſt irgendwo geſehen zu haben; und doch ver⸗ huͤllte ich mein Geſicht ſo gut als moͤglich.“ „Koͤnnt' ich das denken,“ erwiederte Wayland,„ſo wuͤrde ich zuruͤckſprengen, und ihm eins uͤber den Schaͤdel verſetzen; ſein Gehirn wuͤrde dabei keinen Schaden leiden⸗ 3— 206— Jetzk aber muͤſſen wir uns ſputen; in Donnington wollen wir den Gaul zuruͤcklaſſen, damit der Burſche nicht in Ver⸗ ſuchung geraͤth, uns weiter zu verfolgen. Auch muͤſſen wir unſere Geſtalten, ſo viel als moͤglich, veraͤndern, um ſeine etwanigen Nachforſchungen zu vereiteln.“ Sie langten darauf ohne weiteres Hinderniß in Don⸗ nington an, wo die Graͤfin durchaus einige Stunden Ruhe genießen mußte, waͤhrend Wayland ſich anſchickte, mit eben ſo großer Eile als Gewandtheit ſolche Maaßregeln zu treffen, wie ſie ihm, um ihre Reiſe ohne Gefahr fortſetzen zu koͤn⸗ nen, noͤthig ſchienen. Demnach vertauſchte er ſeine Hauſi⸗ rertracht gegen eine andere Kleidung, und fuͤhrte den Gaul in den Gaſthof zum Engel, an der entgegengeſetzten Seite des Dorfes,⸗zwo er im Laufe des Vormittags, als er in ſei⸗ nen Geſchaͤften hin und herging, gewahrte, wie das Pferd aus dem Stalle gezogen, und dem Kraͤmer ſelbſt uͤbergeben ward, welcher an der Spitze eines bewaffneten Haufens er⸗ ſchienen war, um das mit Gewalt wiederzunehmen, was ihm, außer der Bezahlung einer ungeheuren Portion Ale, welche ſeine Begleiter auf ſeine Rechnung ausgetrunken hat⸗ ten, ohne weiteres Löſegeld verabfolgt wurde. Nach dieſer Handlung der Vorſicht und der Redlichkeit beſorgte Wayland Kleider, ſowohl fuͤr die Graͤfin, als fuͤr ſich, in welchen ſie Landleute von der beſſeren Claſſe zu ſeyn ſchienen; dann ward beſchloſſen, daß ſie, um deſto weniger Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, fuͤr die Schweſter ihres Begleiters gelten ſolle; der Einkauf eines guten, aber kei⸗ nesweges ſchoͤnen Pferdes, dem ſeinigen an Werth gleich, vollendeten dieſe Anſtalten, welche Wayland durch das von Treſſilian erhaltene Geld zu bewirken in den Stand geſetzt war, und ſo machten ſie ſich Nachmittags, nachdem ſich die Graͤfin durch einen wohlthaͤtigen Schlummer geſtaͤrkt fuͤhlte, wieder auf den Weg, mit dem Entſchluß, ihre Flucht nach Kenilworth uͤber Coventry und Warwick fortzuſetzen. Sie ſchienen indeſſen nicht beſtimmt zu ſeyn, ihre Reiſe ohne neuen Anlaß zur Furcht zu vollenden. Es iſt nothwendig zu bemerken, daß der Gaſtwirth ihnen erzaͤhlt hatte, wie eine muntere Truppe, entſchloſſen, in Masken und Verkleidungen mit zu den Beluſtigungen beizu⸗ tragen, mit denen die Koͤnigin gewoͤhnlich auf ſolchen Luſt⸗ reiſen empfangen wurde, das Dorf Donnington, einige Stun⸗ den vor ihnen, in der Abſicht, ſich nach Kenilwortb zu bege⸗ ben, verlaſſen habe. Nun ſchien es Wayland klar, daß, wenn er ſich mit der Graͤfin dieſer Truppe, ſobald ſie die⸗ ſelbe eingeholt haben wuͤrden, anſchloͤſſe, er und ſeine Schutz⸗ befohlne weniger die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen wuͤrden, als wenn ſie ihre Reiſe allein fortſetzten. Er theilte der Graͤfin dieſen Plan mit, welche, nur von dem Wunſch be⸗ ſeelt, ſchnell und ohne ferneres Hinderniß nach Kenilworth zu gelangen, es ihm frei ſtellte, hierin ganz nach ſeinem Gutduͤnken zu handeln. Sie trieben daher ihre Pferde an, um jene Geſellſchaft ſo bald als moͤglich zu erreichen. Grade aber hatten ſie die kleine, theils aus Reitern, theils aus Fußgaͤngern beſtehende Truppe erblickt, eben als dieſe die Anhoͤhe eines ungefaͤhr eine halbe Meile vor ihnen liegen⸗ den Huͤgels erreicht hatte, und kaum war ſie dort hinter demſelben ihren Augen entſchwunden, als Wayland, deſſen Blicke ſtets nach allen Seiten hin ſpaͤhend ausgeſandt wur⸗ den, einen Reiter hinter ſich erblickte, von einem Diener gefolgt, welcher, obgleich er ſeinen Gaul in vollen Galopp geſetzt hatte, dennoch kaum im Stande war, mit dem Paß⸗ gaͤnger ſeines Herrn gleichen Schritt zu halken. Wayland ſah mit Furcht auf den Reiter, er blickte nochmals hin, und ſeine Angſt ſtieg mit Rieſengewalt, waͤhrend er bleich, wie — 208— der Tod, zu der Graͤfin ſprach:—„Das iſt Richard Var⸗ ney's Paßgaͤnger, unter Tauſenden wuͤrde ich ihn erken⸗ nen.— Jetzt ſteht die Sache ſchlimmer, als vorhin mit dem Kraͤmer.“. 1 „Zieht euer Schwerdt,“ rief die Graͤfin,„und durch⸗ bohrt meine Bruſt; eher ſterben, als in ſeine Gewalt fal⸗ len!“— „Eher wollt' ich es in ſeinem, oder auch in meinem Blute baden,“ entgegnete Wayland.„Aber aufrichtig ge⸗ ſprochen, fechten gehoͤrt eben nicht zu meinen beſten Talen⸗ ten, obgleich ich, will's die Noth, den kalten Stahl eben ſo kuͤhn ins Auge faſſen kann, wie jeder Andere; und was mein Schwerdt betrifft— ſeht, das iſt nur ein erbaͤrmliches Ding, er aber, ich ſtehe Euch dafuͤr, fuͤhrt eine ſpaniſche Klinge. Auch hat er einen Dienſtmann bei ſich, ja, und wenn ich nicht irre, iſt es Lambourne, der Raufbold,— um Gottes willen, fort, fort, laßt uns eilen,— der Kerl ſoll ſchon Raub und Mord vollbracht haben. Nicht etwa, daß ich ihn oder Varney in einer gerechten Sache fuͤrchten ſollte, — Euer Gaul, gnaͤdige Frau, wuͤrde noch raſcher gehen, wenn Ihr ihn mehr antreiben wolltet; aber ſo nicht, ſetzt ihn nicht in Galopp, ſie moͤchten ſonſt glauben, wir fuͤrchte⸗ ten ſie, und Jagd auf uns machen— bleibt ja im Trabe! — Obgleich ich ſie aber nicht fuͤrchte, wuͤnſchte ich doch, wir waͤren ſie los, und das lieber mit Hoͤflichkeit, als mit Gewalt. Koͤnnen wir nur den Trupp vor uns erreichen, und uns ihm anſchließen, ſo wuͤrden wir ſeiner Aufmerkſamkeit entgehen, falls er nicht etwa von eurer Flucht weiß, und uns einzuholen ausgeritten iſt.“ So ſprechend, trieb er bald ſein Pferd an, bald hielt er es zuruͤck, beabſichtigend, ſo ſchnell fortzukommen, als moͤg⸗ lich, ohne daß ſeine Eile den Anſchein einer Flucht gewoͤnne. So 2— 209— So erreichten ſie die Hoͤhe des kleinen Huͤgels, auf wel⸗ chem ſie fruͤher den Trupp erblickt hatten, und bemerkten mit Vergnuͤgen, daß ſich die Geſellſchaft in dem unten lie⸗ genden Thale befand, wo die Landſtraße von einem Fluͤßchen durchſchnitten ward, an deſſen Ufer einige Huͤtten lagen. Die Truppe ſchien dort Halt gemacht zu haben; ein Umſtand, welcher Wayland hoffen ließ, daß es ihnen jetzt leichter gelingen wuͤrde, ſie zu erreichen, und ſich ihr anzu⸗ ſchließen, bevor Varney ſie einholen wurde. Er ward um ſo beſorgter, da ſeine Reiſegefaͤhrtin, obgleich keine Klage uͤber ihre Lippe kam, ſo bleich zu werden begann, daß er jeden Augenblick befuͤrchtete, ſie von ihrem Pferde herab⸗ fallen zu ſehen. Trotz dieſer augenſcheinlichen Schwaͤche aber hoͤrte ſie nicht auf, ihr Pferd anzutreiben, ſo, daß ſie und ihr Begleiter wirklich die Truppe erreichten, noch bevor Varney auf der Hoͤhe des Huͤgels ſichtbar wurde. Sie fanden die Geſellſchaft, welcher ſie ſich anzuſchließen wuͤnſchten, in großer Unordnung. Die Weiber liefen mit bedeutenden Blicken in eine der Huͤtten aus und ein, waͤh⸗ rend die Maͤnner umherſtanden, und die Pferde hielten, mit albernen Geſichtern, wie Menſchrn wohl bei Gelegenheiten zu thun pflegen, wo ihr Beiſtand nicht gefordert wird. Die Graͤfin und ihr Begleiter hielten an, wie aus Neu⸗ gierde; dann aber miſchten ſie ſich, ohne zu fragen noch ge⸗ fragt zu werden, unter die Uebrigen, als ob ſie zur Geſell⸗ ſchaft gehoͤrten. Noch hatten ſie keine fuͤnf Minuten ſo ge⸗ ſtanden, ſorgfaͤltig von der Landſtraße abgekehrt, ſo, daß ſich ein Theil der Truppe zwiſchen ihnen und Varney befand, als auch ſchon der Stallmeiſter des Graͤfen von Leiceſter, von Lambourne gefolgt, den Huͤgel mit einer Eile herab⸗ ſprengte, von der ſowohl die Seiten der Pferde, wie die Sporen der Reiter blutige Zeichen trugen.— Das Aeußere Kenilworth. 2r Bd⸗ 9 8 — 210—* ſeeniſchen Anſtalten beladenen Karren, und manchen anderen phantaſtiſchen Dingen, machten die Reiter bald mit ihrem Charaeter und der Abſicht der Geſellſchaft bekannt. „Ihr geht nach Kenilworth, zu den Feſlichkeiten?“ fragte Varney. „Récte quidem, Domine spectatissime,“ antwortete einer von der Geſellſchaft. „Und warum, zum Teufel! macht Ihr Burſche nicht, daß Ihr hinkommt?“ ſagte Varney.„Ihr habt die hoͤchſte Eile, wollt Ihr euren Zweck erreichen; die Koͤnigin ſpeiſt ſchon morgen Mittag zu Warwick, und Ihr zoͤgert hier!“ „Ihr habt Recht, Herr!“ ſagte ein kleiner Zwerg, der eine Larve vor dem Geſichte, und ein paar Hoͤrner am Kopfe trug, waͤhrend ſein Koͤrper in ein ſchwarz ſeidenes Wamms eng eingeſchnuͤrt war; ſeine Beine ſteckten in ro⸗ then Struͤmpfen, und ſeine Schuhe hatten die Form von Pferdefuͤßen.„Ihr habt recht, Herr! ganz recht, der Teu⸗ fel, mein Vater, traͤgt die Schuld unſerer Verzoͤgerung; er hat unpaſſender Weiſe einen Soryling auf den Baum un⸗ ſerer Geſellſchaft gepflanzt.“ „Der Teufel hat alſo hier ſein Spiel?“ entgegnete Var⸗ ney, welcher uͤber des Burſchen drollige Antwort gelacht ha⸗ ben wuͤrde, haͤtte ſich ſein Geſicht zu mehr als zu ſeinem gewoͤhnlichen boshaften Laͤcheln verziehen koͤnnen.“ „Es iſt, wie der Kleine Euch verkuͤndigt,“ nahm die Maske von vorher wieder das Wort,„unſer Teufel Major⸗ dieſer hier iſt nur Minor, iſt eben in dieſem Augenblick in jener Tugurium beſchaͤftigt, das Werk der Lueina zu ver⸗ richten.“ „Beim heiligen Georg, oder vielmehr beim Drachen, der ſich wohl beſſer zum Verwandten des Satans ſchicken dieſer die Huͤtte umgebenden Truppe, mit ihren leichten mit 1 mag,“ ſagte Varney,„das iſt ein naͤrriſcher Fall.— Was meinſt Du, Lambourne, haſt Du Luſt Gevatter zu ſtehen?— ſollte der Teufel die Pathen ausſuchen, koͤnnte er keinen tauglichern, als Dich, finden.“ 3 „Mit Ausnahme derer, die mich an Tuͤchtigkeit uͤber⸗ treffen,“ entgegnete Lambourne mit der hoͤflichen Unver⸗ ſchaͤmtheit eines Untergebenen, welcher weiß, daß ſeine Dienſte unentbehrlich, und ihm ſolche Freiheiten erlaubt ſind. „Und wie heißt der Teufel und die Teufelin, die ihre Zeit ſo ſchlecht gewaͤhlt haben?“ fragte Varney;„wir koͤn⸗ naen jetzt keinen der Schauſvieler zu Kenilworth entbehren.“ „Gaudet nominis Sybillae,“ ſagte die erſte Maske, „ſie heißt Sybilla Laneham, Ehefrau des Herrn Richard Laneham.“ „Des Thuͤrſtehers am Geheimenraths⸗Saal?“ fiel Var⸗ ney ein;„ſie iſt nicht zu entſchuldigen, denn es fehlt ihr ja nicht an Erfahrung in ſolchen Dingen.— Wer aber waren die Beiden, ein Mann und ein Frauenzimmer, wenn ich nicht irre, die vor uns ſo ſchnell den Huͤgel hinan trabten, gehoͤren ſie auch zu eurer Geſellſchaft?“ Wayland war ſchon im Begriff auf dieſe Furcht erre⸗ gende Frage eine Antwort zu wagen, als der kleine Teufel ſich ploͤtzlich dicht an Varney draͤngte, und ihm zurief:„das war eben unſer Satan Major, und das Weib war die Heb⸗ amme, deren Beiſtand unſerer leidenden Gefaͤhrtin durchaus nothwendig war.“ 1 „Alſo eine ſolche weiſe Frau iſt auch zugegen, ſagte Varney;„nun beim Teufel, ſie ritt auch, wie jemand, deſ⸗ ſen Gegenwart Noth thut;— trefflich, da habt Ihr ja wohl gleich eine Stellvertreterin fuͤr Lanehams Weib?“ „An Teufel und Teufelinnen fehlt es in unſerer Geſell⸗. ſchaft nicht,“ erwiederte der Zwerg,„ſie ſind in der Welt 3 O 2 —— — 212— nicht ſo rar, wie es eure Tugend, geſtrenger Herr, zu glau⸗ ben ſcheint; auch verſtehen wir unſer Handwerk aus dem Grunde.— Der Oberteufel, zum Beiſpiel, ſpruͤht Feuer aus ſeinem Schlunde, und blaͤſt den Rauch von ſich, daß man glauben ſollte, er habe einen Aetng im Leibe; wenn Ihr befehlt, ſoll er jetzt gleich vor Euch eine Probe ſeiner Kunſt ablegen.“ „Es fehlt mir, du Poffnungsvlle Sproͤßling der Fin⸗ ſterniß, jetzt an Zeit, eure Talente zu bewundern,“— ſagte Varney.„Hier aber iſt etwas fuͤr Euch alle, um aufs Wohl der gluͤcklichen Stunde zu trinken, und ſo Gott mit Euch!“ So ſprechend, gab er ſeinem Gaul die Sporen, und ritt ſeines Weges dahin. Lambourne weilte einige Augenblicke laͤnger, als ſein Herr, um ſeine Taſche um ein Eilberſtuͤck leichter zu machen, welches er dem kleinen hoffnungsvollen Teufelsjuͤnger als eine Aufmunterung zuwarf, auf ſeinem Pfade zu den hoͤlliſchen Regionen raſch vorwaͤrts zu ſchreiten, von denen er, wie er ſagte, bereits einige Blitze aus ſeinem Benehmen habe leuchten ſehen. Dann ſpornte auch er, nach⸗ dem ihm der Dank des Kleinen fuͤr ſeine Großmuth geworden war, ſeinen Klepper, und flog, ſchnell wie die Kugel aus der Buͤchſe, ſeinem Gebieter nach. „und nun,“ rief der liſtige Zwerg, indem er ſich mit einem Luftſprunge, der ſeine Verwandtſchaft mit dem Satan zu beurkunden ſchien, zu Wayland kehrte,„ich hab' ihnen geſagt, wer Ihr ſeyd; ſagt Ihr mir nun auch jetzt, wer ich bin?“ „Entweder Dickie Springkobold, oder in allem Ernſt ein Stuͤckchen vom Teufel,“ entgegnete Wayland Smith. „Gerathen!“ rief Dickie;„ich, der Springkobold in eigner Perſon, habe mich, wie ich es Dir vorher ſagte, mit meinem alten gelehrten Praͤceptor auf die Beine gemacht.— — 213— Wer aber iſt die Dame, die mit Dir kam? ich ſah Dich in Verlegenheit, als jener die Frage that, und zog zu deinem Beiſtande aus.— Aber jetzt, lieber Wayland, muß ich wiſ⸗ ſen, wer ſie iſt.“ „Du ſollſt noch funfzig beſſere Dinge erfahren, mein Junge!“ ſagte Wayland;„aber für jetzt halte mit deinen Fragen ein.— Ihr geht nach Kenilworth; wir wollen auch dahin, deines huͤbſchen Geſichts und deiner zuſterliche Ge⸗ ſellſchaft wegen.“ „Du haͤtteſt ſagen ſollen, wegen mefnes poſſierlichen Geſichts und meiner huͤbſchen Geſellſchaft,“ ſagte Dickie,— „wie aber wollt Ihr mit uns reiſen, ich meine, unter wel⸗ chem Character?“ „Unter dem, den Du ſelbſt mir angewieſen,“ erwiederte Wayland,„als Gaukler; Du weißt, ich habe Talent dazu.“ „Aber die Lady, die Lady,“ fuhr Dickie fort,„glaube mir, es iſt eine ſolche, und Du biſt jetzt in einem Meere von Unruhe ihretwegen, dein ganzes Weſen verkuͤndet's mir deutlich.“ „Du biſt ein Thor,“ ſagte Wayland,„meine Schweſter iſt's— ſie hat Talente, ſpielt meiſterhaft die Laute, ihr Ge⸗ ſang wuͤrde ſelbſt die Fiſche aus dem Waſſer locken.“ „O, laß ſie doch gleich einmal ſpielen; ich liebe die Laute uͤber alles, obgleich ich ſie noch niemals ſpielen hoͤrte.“ „Und wie kannſt Du ſie denn gern haben, wenn Du ſie nicht hoͤrteſt, Springkobold?“ fragte Wayland. „Wie die Ritter ihre Damen in den alten Geſchichten, — vom Hoͤrenſagen,“ erwiederte Dickie. „Dann liebe ſie noch ein Weilchen laͤnger vom Hoͤren⸗ ſagen,“ ſagte Wayland,„bis meine Schweſter ſich von der Reiſe erholt haben wird.— Hol⸗ der Teufel die Neugier ſeines Sproͤßlings,“ murmelte er dann vor ſich hin.— — 214— „Ich muß ihn aber zum Freunde erhalten, ſonſt wuͤrde es ſchlimm um uns ſtehen!“— Er ſtellte ſich nun dem gelehrten Herrn Holyday als Gaukler, ſeine Schweſter aber als Muſikerin vor, und legte einige Proben ſeines Talents, welche man verlangte, mit einer ſolchen Geſchicklichkeit ab, daß ſich die Geſellſchaft zum Beitritt ihres neuen Mitgliedes Gluͤck wuͤnſchte, und ihm gern Aufſchub geſtattete, als man auch eine Probe von dem Talent ſeiner Schweſter begehrte⸗ Die Neuangekommenen wurden nun erſucht, Theil an den Erfriſchungen zu nehmen, mit denen ſich die Truppe verſehen hatte, und nicht ohne Schwierigkeit gelang es Way⸗ land, ſich waͤhrend des Mahles mit ſeiner vorgeblichen Schwe⸗ ſter allein zu unterhalten, einen Moment, welchen er be⸗ nutzte, um ſie zu beſchwoͤren, fuͤr jetzt ihren Nang wie ihren Kummer zu vergeſſen, und ihr Moͤglichſtes zu thun, um von gleichem Stande, wie die Glieder dieſer Geſellſchaft, zu er⸗ ſcheinen; ihre eigene Sicherheit, fuͤgte er hinzu, beruhe gaͤnzlich darauf. Die Graͤfin ſah die Nothwendigkeit eines ſolchen Betra⸗ gens eins, und wandte ſich, als man ſich wieder auf den Weg gemacht hatte, dem gemaͤß an ein weibliches Mitglied der Truppe, das ihr zunaͤchſt ritt, indem ſie an ſolche einige Fragen uͤber den Zuſtand des armen Weibes that, welches man zuruͤck zu laſſen ſich gezwungen ſah. „Ey, die iſt gut aufgehoben,“ entgegnete die Gefragte mit einem ziemlich frechen Weſen,„Gevatter Laneham denkt eicht daruͤber. Nach neun Tagen ſchon werden wir ſie, wenn die Feſte ſo lange dauern, in Kenilworth bei uns ſehen; ſie wird ſich dahin auf den Weg machen, ſollte ſie auch ihren Balg auf dem Ruͤcken ſchleppen muͤſſen.“ Hams — — 215— Es war etwas in dieſer Rede, welches der Graͤfin von Leiceſter jede Luſt benahm, die Unterhaltung fortzuſetzen; da ſie aber einmal die Schranken des Schweigens gebrochen hatte, wußte ihre Reiſegefaͤhrtin, welche von geſpraͤchiger Gemuͤthsart war, ſchon dafuͤr zu ſorgen, daß ferner keine Pauſe eintrat; denn ſie beſchrieb ihr mit gelaͤufiger Zunge alle ſeit Jahrhunderten in England ſtatt gehabten Feſte, nannte die Namen aller Theilnehmer daran, und ſchloß dann jedesmal die Erzaͤhlung einer ſolchen Feierlichkeit mit der Verſicherung, daß alle dieſe Pracht und Herrlichkeit nichts in Vergleich der Luſtbarkeiten waͤren, welche jetzt in Kenil⸗ worth Statt finden wuͤrden. „Und wann werden wir in Kenilworth anlangen?“ fragte die Graͤfin mit einer Gemuͤthsbewegung, welche ſie vergebens zu verbergen ſtrebte.. „Wir, die wir Pferde haben,“ war die Antwort,„koͤn⸗ nen heute Abend zu Warwick eintreffen, und dann ſind noch vier oder fuͤnf Meilen bis Kenilworth;— in Warwick aber muͤſſen wir warten, bis unſere Fußgaͤnger nachkommen; es waͤre denn, daß Mylord von Leiceſter uns Wagen und Pferde entgegengeſandt haͤtte, damit die Taͤnzer und Springer nicht ermüdet ankommen. Ja, einſt machte ich mir auch aus den Maͤrſchen nichts, zehn Meilen konnte ich laufen, und mich doch noch den ganzen Abend auf meinen Abſaͤtzen herumdre⸗ hen, wie der zinnerne Teller auf der Degenſpitze der Gaukler; aber das Alter hat, wie es im Liede heißt, auh mich in ſeine Klauen gevackt, obgleich ich es noch jetzt, wenn mir anders die Muſik und meine Taͤnzer gefallen, mit jeder Taͤnzerin in England aufnehmen will.“ War die Graͤfin von der Geſchwaͤtzigkeit ihrer Gefaͤhrtin faſt uͤbertaͤubt, hatte. Wayland Smith dagegen genug zu thun, den neugierigen Fragen auszuweichen, mit welchen ſein alter — 216— Bekannter, Dickie, in ihn drang. Die Natur hatte dieſem Erzſchelm einen ſcharfen Blick und ungemein viel Witz ver⸗ liehen; mit dem erſten erforſchte er ſchnell die Geheimniſſe Anderer, waͤhrend ihn der letzte bewog, ſich dann in Sachen, welche ihn nichts angingen, zu miſchen. Er richtete im Laufe des Tages fortwaͤhrend ſeine Blicke auf die verkleidete Graͤ⸗ fin; was er aber gewahrte, ſchien nur ſeine Neugfer immer mehr zu reizen. „Eure Schweſter, Wayland!“ ſagte er,„hat in der That einen Hals,weiß und ſchoͤn, als waͤre ſie in der Schmiede geboren, und ein Haͤndchen, ſo recht tauglich, die Spindel zu drehen,— traun, ich will an eure Verwandtſchaft glau⸗ ben, wenn ich einmal einen Schwan aus einem Kraͤhenei kriechen ſehe.“ „Gey, geh,“ erwiederte Wayland,„Du biſt ein ge⸗ ſchwaͤtziger Burſche, und ſollteſt fuͤr deine Anmaßung gesüch⸗ tigt werden.“ „Gut, gut,“ entgegnete der Kleine, indem er ſich von Wayland entfernte,—„ſey aber eingedenk, daß Du mir ein Geheimniß vorenthaͤltſt; kriege ich es nicht heraus, will ich nicht Dickie heißen.“ Dieſe Drohung, und die Entfernung, in welcher ſich der Zwerg von nun an waͤhrend des uͤbrigen Theils der Reiſe von ihm hielt, erregten bei Wayland große Furcht, und er bat daher ſeine vermeintliche Schweſter, unter dem Vorwande allzugroßer Ermuͤdung, den Wunſch zu aͤußern, zwei oder drei Meilen vor Warwick auszuruhen, mit dem Verſprechen, ſich der Truppe am andern Morgen wieder an⸗ ſchließen zu wollen. Eine kleine Dorfſchenke bot ihnen einen ſolchen Ruhepunkt dar, und Wayland ſah mit inniger ſchloſſen. Freude die ganze Geſellſchaft fortziehen, Dickie mit einge⸗ — 217— „Morgen, Mylady!“ ſprach er zu ſeiner Reiſegefaͤhrtin, „wollen wir uns, wenn es Euch gefaͤllt, fruͤh wieder auf den Weg machen, um Kenilworth zu erreichen, noch bevor ſich Alles dort verſammelt.“ Die Graͤfin pflichtete dem Vorſchlage ihres treuen Be⸗ gleiters bei, ſprach aber, was einigermaßen ſein Erſtaunen erregte, nicht weiter uͤber dieſen Gegenſtand, welches Way⸗ land in die unangenehme Ungewihheit ſetzte, ob ſie uͤber ihr kuͤnftiges Benehmen dort einen Entſchluß gefaßt habe, oder nicht; denn obgleich er nicht genau mit ihren Verhaͤltniſſen bekannt war, wußte er doch genug davon, um üuͤberzeugt zu ſeyn, daß Vorſicht auf alle Weiſe beobachtet werden muͤſſe. Berechnend indeß, daß ſie zu Kenilworth auf jeden Fall Freunde finden wuͤrde, auf deren Beiſtand und Schutz ſie mit Zuverſicht rechnen konnte, hielt er es fuͤr die beſte Er⸗ fuͤllung der uͤbernommenen Pflccht, ſie, ihrem ſtets geaͤußer⸗ ten Wunſche gemaͤß, dorthin ſo ſchnell und ſicher als moͤg⸗ lich zu bringen. 13. Die ungluͤckliche Graͤfin von Leiceſter war von Kindheit an von ihrer Umgebung mit einer eben ſo unbegraͤnzten als un⸗ weiſen Nachſicht behandelt worden. Ihre natuͤrliche Sanft⸗ muth hatte ſie zwar vor einem noch boͤſeren Einfluſſe derſel⸗ ben bewahrt; aber jene Laune, mit welcher ſie dem ſchoͤnen, einſchmeichelnden Leiceſter den Vorzug vor Treſſilian gab,— von deſſen Begriffen von Ehre und Liebe fuͤr ſie, ſie ſelbſt die hoͤchſte Meinung hegte,— dieſer unſelige Irrthum, wel⸗ cher ihr ganzes Lebensgluͤck zerſtoͤrte, hatte ſeinen Urſprung — 218— in der uͤbel angebrachten Zaͤrtlichkeit, mit welcher man ihrer 4 Jugend die unangenehme, aber hoͤchſt nutzliche Lehre von Selbſtbeherrſchung und Gehorſam erſparte. Dieſe Nachſicht hatte auch zur Folge gehabt, daß ſie nur gewohnt war, Wuͤnſche zu faſſen und ſie auszuſprechen, Andern die Erful⸗ lung derſelben uͤberlaſſend; und ſo war ſie alſo jetzt, in dem wichtigſten Augenblicke ihres Lebens, durchaus ohne Geiſtes⸗ gegenwart und unfaͤhig, irgend einen vernuͤnftigen ernſten Plan fuͤr ihr ferneres Betragen zu entwerfen. Dieſe Schwierigkeiten traten der ungluͤcklichen Graͤfin an dem Morgen des Tages uͤberwaͤltigend entgegen, an welchem, dem Anſcheine nach, ihr Schickſal entſchieden werden ſollte. Keinem andern Gedanken Raum gebend, hatte ſie nur ge⸗ wuͤnſcht, Kenilworth und die Naͤhe ihres Gemahls zu errei⸗ chen. Jetzt aber, wo ſie ihrem Ziele ſo nahe war, erſtiegen tauſend Beſorgniſſe in ihrer Seele, theils gegruͤndete, theils eingebildete, alle aber durch ihre huͤlfloſe, von Beiſtand und Rath durchaus entbloͤſte Lage furchtbar geſteigert. Nach einer ſchlafloſen Nacht fuͤhlte ſie ſich ſo kraftlos, daß es ihr unmoͤglich war, Waylands fruͤhem Rufe Folge zu leiſten. Ihr treuer Fuͤhrer ward ſehr beſorgt, ſowohl ihret⸗ als auch ſeinetwegen, und ſchon ſtand er im Begriff, ſich alllin nach Kenilworth auf den Weg zu machen, um Treſſilian dort aufzuſuchen, als ihn die Graͤfin gegen neun Uhr des Mor⸗ gens zu ſich rufen ließ. Er fand ſie angekleidet und zu ihrer Abreiſe bereit, aber mit einer Todtenblaͤſſe in dem Geſichte, welche ihn fuͤr ihre Geſundheit fuͤrchten ließ. Sie wiederholte ihren Befehl, die Pferde auf der Stelle zur Reiſe fertig zu halten, den Vorſtellungen ihres Fuͤhrers, doch vorher einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, mit Un⸗ geduld widerſtrebend.„Ich habe ein Glas Waſſer getrun⸗ ken,“ ſprach ſie;„der Elende, den man zum Hochgericht 3 — 219— ſchleppt, bedarf nichts mehr;— thut, wie ich Euch befoh⸗ len.“ Wayland Smith zoͤgerte noch immer.„Was wollt Ihr noch,“ fuhr ſie fort,„waren meine Worte nicht deutlich?“ „Allerdings, Mylady!“ ſagte Wayland;„aber darf ich Euch nicht fragen, was Ihr jetzt zu thun beſchloſſen habt?— Ich wuͤnſche nur damit bekannt zu ſeyn, um Euch nach eu⸗ rem Willen zu fuͤhren. Das ganze Land iſt in Bewegung, und fluthet in Stroͤmen nach Kenilworth; ſelbſt wenn wir die noͤthigen Paͤſſe und die Erlaubniß, dort eingelaſſen zu werden, mit uns fuͤhrten, wuͤrden wir auf Schwierigkeiten ſtoßen; in unſerer Lage kann uns daher um ſo leichter Un⸗ heil begegnen.— Verzeiht mir, wenn ich Euch meine Mei⸗ nung kund thuez waͤre es vielleicht nicht beſſer, wenn wir uns der Truppe wieder anſchloͤſſen, welche geſtern vorausging?“ Die Graͤfin machte mit ihrem Kopfe eine verneinende Bewegung, und ihr Fuͤhrer fuhr fort:„Dann ſehe ich nur einen Ausweg.“ „Sorich ihn aus!“ ſagte Emmy mit nicht unfreund⸗ lichem Tone, hoffend, viglleicht von ihm einen Rath zu er⸗ halten, den ſie zu begehren ſich ſchaͤmte.„Ich traue Dir, ehrlicher Mann!— was meinſt Du, was ich thun ſoll?“ „Ich muͤßte, meine ich, Herrn Treſſilian von eurem Hierſeyn unterrichten,“ erwiederte Wayland;„ich bin uͤber⸗ zeugt, er wuͤrde mit einigen zuverlaͤſſigen Maͤnnern aus Lord Suſſer Gefolge aufſitzen, um eure perſoͤnliche Sicher⸗ heit zu bewahren.“ „Mir giebſt Du den Rath, mich in den Schutz von Suſſer zu begeben, des unwuͤrdigen Nebenbuhlers von Lei⸗ ceſter?“ fragte die Graͤfin lebhaft. Dann aber, beſorgt, ihr Intereſſe fuͤr den letzteren zu deutlich an den Tag gelegt zu haben, fuhr ſie, als ſie bemerkte, wie Wayland ſie mit Erſtaunen anblickte, ſich verbeſſernd fort:„Was Treſſilian — 5 832 — 220— betrifft— ſo darf er mein Hierſeyn nicht erfahren; es wuͤrde ihn in Gefahren verwickeln, aus denen ich ihn nicht zu ret⸗ ten vermoͤchte.“— Sie ſchwieg; als ſie aber gewahrte, daß Wayland fortfuhr ſie mit aͤngſtlichen und ungewiſſen Blicken zu betrachten, ſo, als ob er zweifelhaft ſey, ob ſie auch mit vollem geſunden Bewußtſeyn rede, bemuͤhte ſie ſich, einen Anſchein von Ruhe anzunehmen, und ſagte:„Fuͤhre Du mich nur nach Kenilworth, guter Menſch! und dein Geſchaͤft iſt vollendet; dann werde ich beſtimmen, was weiter zu thun iſt. Du haſt dich mir bisher treu bewieſen,— hier nimm dieſe reiche Vergeltung.“ Sie bot dem Kuͤnſtler einen Ring mit einem Stein von großem Werthe. Wayland betrachtete ihn, zoͤgerte einen Augenblick, und gab ihn zuruͤck.„Nicht etwa,“ ſprach er, „daß ich zu ſtolz waͤre, eure Guͤte anzunehmen; ich bin nur ein armer Kerl, und oft gezwungen geweſen von weit gerin⸗ geren Gaben zu leben, als mir jetzt eure Großmuth ſpendet. Aber der Hufſchmidt, mein alter Lehtherr, pflegte immer zu ſagen: Haſt Du den Gaul niht azun eurirt, Bleib' auch der Lohn von dir unberuͤhrt. Noch ſind wir nicht in Kenilworth, und erſt wenn Ihr dort euren Reiſemantel, ablegt, iſt es Zeit genug, euren Fuͤhrer abzulohnen. Ich hoffe zu Gott, daß Ihr eben ſo ge⸗ wiß uͤberzeugt ſeyd, dort guten Empfang zu finden, als ich es mein eifrigſtes Beſtreben ſeyn laſſen werde, Euch ſicher dahin zu geleiten. Ich gehe, die Pferde zu beſorgen; noch einmal aber laßt mich als euer Arzt und Fuͤhrer die Bitte wiederholen, doch vorher noch tiniye Nahrung zu Euch zu nehmen.“ „Ich will— ich will,“ ſagte die Graͤfin,„macht nur, daß wir fortkommen!“— und als Wayland das Zimmer — 221— verlaſſen hatte, ſprach ſie zu ſich ſelbſt:„Vergeblich iſt mein Bemuͤhen, Ruhe zu erkuͤnſteln, ſelbſt dieſen armſeligen Bur⸗ ſchen taͤuſcht mein verſtellter Muth nicht, und leicht gewahrt er die Angſt, die mich verzehrt.“ Sie verſuchte nun, dem Rathe ihres Fuͤhrers zufolge, einige Nahrungsmittel zu ſich zu nehmen, war aber gendͤ⸗ thigt, ihr Vorhaben aufzugeben, denn ſie fuͤhlte ſich, ſobald ſie auch nur das geringſte genoß, unwohl bis zum Erficken. Einen Augenblick darauf erſchienen die Pferde, und die Graͤfin empfand, als ſie das ihrige beſtieg, jene Erquickung, welche freie Luft und Abwechſelung des Orts in ſolchen Faͤl⸗ len zu gewaͤhren pflegen. Es traf ſich fuͤr die Abſicht der Graͤfin gluͤcklich, daß Waylands fruͤhere herumſtreifende Lebensweiſe ihn mit allen Haupt⸗ und Nebenwegen von ganz England, und alſo auch mit denen der ſchoͤnen Grafſchaft Warwick bekannt gemacht hatte. Denn ſo groß war der Schwarm, welcher von allen Seiten herbeiſtroͤmte, dem Einzuge der Monarchin in die brachtvolle Behauſung ihres Guͤnſtlings beizuwohnen, daß alle Hauptſtraßen von der Menſchenmaſſe gehemmt waren, und die Reiſenden nur auf Nebenwegen, welche weit um⸗ führten, dahin gelangen konnten. Die Hoffouriere waren der Koͤnigin vorangegangen, um auf den Pachthoͤfen und in den Doͤrfern alles zuſammen zu treiben, was zum Unterhalte der Majeſtaͤt und ihres Gefolges erforderlich war; wofuͤr die Eigenthuͤmer dann ſpaͤterhin erſt eine ſaumſelige Zahlung von dem gruͤntuchenen Tiſche erhielten⸗ Die Haushofmeiſter des Grafen von Leieeſter hatten zu dem⸗ ſelben Endzwecke die Gegend durchkreuzt, obgleich viele ſeiner Freunde und Anhaͤnger dieſe Gelegenheit benutzten, ſich bei ihm beliebt zu machen, indem ſie von nah und fern unge⸗ heure Vorraͤthe von Wildprett, Getraͤnken und Delikateſſen ·y— —— — 224— aller Art herbeizuſchaffen bemuͤht geweſen waren. Die Land⸗ ſtraßen waren alſo mit Heerden von Ochſen, Schafen und Kaͤlbern, ſo wie mit beladenen Wagen, deren Axen unter dem Gewichte von ungeheuren Weinkiſten und Alefaͤſſern krachten, wie auch mit großen Transporten von Wildprett, geſalzenem Fleiſche und feinem Weizenmehl angefuͤllt. Große Unordnung fand alſo Statt, wenn die Wagen in einander fuhren, und die Fuͤhrer mit ihren Peitſchen, oder wohl gar mit ihren Wagenrungen, ihre vermeinten Rechte zu verthei⸗ digen bemuͤht waren, bis dann etwa die Fouriere, Einkaͤufer oder ſonſtige Aufſeher, durch auf die Schaͤdel der Streiten⸗ den applieirte Vernunftgruͤnde, den Straßenfrieden einiger⸗ maßen wieder herſtellten. Ueberdem ſtroͤmten Schauſpieler, Masken, Gaukler und Kuͤnſtler aller Art und von allen Seiten herbei, zu dem b Palaſt fürſtlicher Luſt; denn ſo hatten die Minneſaͤnger Kenilworth in den Liedern genannt, welche uͤber die Feſte, die dort Statt haben ſollten, ſchon in voraus erſchienen waren. In der Mitte dieſes verſchwenderiſchen Ueberfluſſes trugen denn auch Bettler ihr wirkliches oder vorgegebenes Elend zur Schau, wodurch ein ſeltſamer, und doch gewoͤhn⸗ licher Contraſt von der Eitelkeit und der Noth des menſch; lichen Lebens entſtand. Alle dieſe Schaaren draͤngten ſich nun fort mit dem Strom derer, welche bloße Neugierde auf die Beine gebracht hatte. Mannichfaltig waren die Geſtalten. dieſer letzteren. Hier machte ein vierſchroͤtiger Handwerks⸗ mann mit der ledernen Schuͤrze, ſein Schaͤtzchen am Arm ſich mit den Elbogen unter der Menge Platz; dort traten Bauernkerle mit ihren mit Naͤgeln beſchlagenen Schuhen auf die Hacken gar ſittig gekleideter Buͤrger, waͤhrend hie und da eine Viehmagd, kraͤftig einherſchreitend mit ihren dicken, rothen Armen, durch den Schwarm aufgeputzter Staͤdterin⸗ nen — 225— nen ruderte, welche, von Rittern und Cavalieren gefuͤhrt, zierlich einher trippelten. Dieſe Unordnung trug indeß ein frohes, heiteres Ge⸗ praͤge. Alles kam, um zu ſehen und ſich zu freuen, und Alle lachten uͤber die Schwierigkeiten, welche ſich ihnen ent⸗ gegen ſtellten, und die zu jeder andern Zeit Verdruß erregt haben wuͤrden. Mit Ausnahme jener Streitigkeiten und Schlaͤgereien zwiſchen den Steuermaͤnnern der beladenen Karren, von welchen weiter oben die Rede geweſen iſt, tru⸗ gen die vereinten Stimmen der ungeheuren Menge den Stempel des Jubels und der Heiterkeit. Die Muſiker praͤ⸗ ludirten auf ihren Inſtrumenten, die Minneſaͤnger deklamir⸗ ten Bruchſtuͤcke aus ihren Geſaͤngen,— die Poſſenreißer ſchwenkten ihre Narrenkappen mit einem zwiſchen Tollheit und Frohſinn ſchwebenden Jubel,— die Mohrentaͤnzer klin⸗ gelten mit ihren Schellen, die Landleute jauchzten, oder pfiffen froͤhlich ein Liedchen,— Maͤnner lachten, Maͤdchen kicherten, Ochſen bruͤllten, Schafe bloͤckten, und die Fuͤhrer fluchten. Nichts macht auf eine Seele, welche der Truͤbſinn um⸗ flort, einen unangenehmeren Eindruck, als wenn ſie ploͤtzlich in eine Seene verſetzt wird, wo Freude und Scherz ihren Thron errichtet haben; Gefuͤhle, welche mit ihren eigenen in ſo voͤlligem Widerſpruche ſtehen. Das Gemuͤth der Graͤfin von Leieeſter war indeß von dem Tumult und Laͤrm dieſer Seene, von ſeinem eigenen Kummer einigermaßen abgezo⸗ gen, und ſo ihr die Moͤglichkeit benommen, uͤber ihr Elend zu bruten, oder ſich mit der Furcht vor den ihr bevorſtehen⸗ den neuen Gefahren zu quaͤlen. Sie ſetzte ihren Weg wie eine Traͤumende fort, blindlings Waylands Fuͤhrung folgend, welcher mit großer Geſchicklichkeit bald ſich einen Weg durch die Menge zu bahnen, bald wieder Halt zu machen, und he Gelegenheit abzuwarten verſtand, den Weg mit neuem glücklichen Erfolge fortzuſetzen, wobei er Sorge trug, alle Nebenwege zu benutzen, welche ſie dann, menſchenleerer wie ſie waren, nach einer Weile wieder auf die Hauptſtraße fuͤhrten, und ihnen ſo einen Vorſprung vor der uͤbrigen Menge gewaͤhrten. Kenilworth. 21r Bd⸗„ — 226— Auf dieſe Weiſe hatte er Warwick vermieden, in deſſen Schloſſe,(dem ſchoͤnſten Denkmal alten und ritterlichen Glanzes, welches noch bis auf den heutigen Tag vom Zahn der Zeit unangetaſtet blieb), Eliſabeth uͤbernachtet hatte, und von wo aus ſie, nachdem ſie dort zu Mittag geſpeiſt haben wuͤrde, welche Mahlzeit auch damals wirklich in ganz England zu Mittag Statt fand, ſich nach Kenilworth be⸗ geben wollte. Unterdeſſen hatte faſt jede Gruppe, welche einherzog, jede auf ihre Weiſe, etwas zum Lobe der Mo⸗ narchin zu ſagen, in welchen Unterredungen es indeß auch an jenem Anfluge von Satyre nicht zu fehlen pflegte, welcher einen Zug in dem Charakter der Englaͤnder ausmacht. „Habt Ihr nicht gehoͤrt,“ ſprach einer,„wie freundlich ſie war, als der Ortsvoigt und Gerichtsſchreiber und der Prediger vor ihrem Wagen knieten? Ja, und wie ſie ſo klug und gewandt auf ihre Rede antwortete; man hat mir geſagt, meine Herren, ſprach ſie, meine Gegenwart wuͤrde Furcht bei Euch erregen, aber wahrlich, Ihr zaͤhlt mir ſo viele erhabene Fuͤrſtentugenden her, daß ich mich faſt vor Euch fuͤrchten moͤchte.— Und mit welchem Anſtande nahm ſie nicht den ſchoͤn gearbeiteten Beutel mit den zwanzig Gold⸗ ſtuͤcken; anfangs ließ es wohl, als zoͤgere ſie, aber ſie nahm ihn doch.“ „Schiens mir doch,“ rief ein Anderer, als ob ſich ihre Finger recht gern darnach bewegt haͤtten; ja ich glaube ſelbſt, ſie wog den Beutel einen Augenblick lang in ihrer Hand, als ob ſie ſagen wollte: ich hoffe auch, daß ihr von Gewicht ſeyd.“ „Sie haͤtte das nicht noͤthig gehabt,“ bemerkte ein Dritter,„nur ſo ein armer Teufel von Handwerker, wie unſer einer, hat ſich vor leichtem Gelde in Acht zu nehmen, wenn ihm die Gemeindevorſteher die Rechnungen bezahlen.“ „Kommt, kommt,“ ſagte der Erſte;„ſeyd kein NReß bart, ſie iſt eine gute Koͤnigin und großmuͤthig.— Sie gab den Beutel dem Grafen von Leiceſter.“ „Dem Grafen von Leiceſter?“ ſagte der Handwerker; 8 3 dem wird ſie jetzt wohl alles ſchentan, vielleicht ſich e 3 — 227— „Ihr ſeyd unwohl,“ ſagte Wayland zu der Graͤfin, welche mit ihrem Begleiter in der Naͤhe der Sprechenden ritt;„wollt Ihr nicht einen Augenblick ruhen, bis are Kraͤfte wiederkehren? Die Gefuͤhle, welche dieſe und ahn⸗ liche Unterredungen, von denen ſie auf der Reiſe noch oͤfterer Ohrenzeuge war, bei ihr erregten, indeß gewaltſam unter⸗ druͤckend, fuhr ſie fort, ihrem Begleiter raſtlos die groͤßte Eile anzuempfehlen, um Kenilworth, trotz der Schwierig⸗ keiten, mit welchen ſie zu kaͤmpfen hatten, recht bald zu er⸗ reichen. Waͤhrend Waylands Beſorgniß ſowohl fuͤr ihren koͤrperlichen als geiſtigen Zuſtand mit jedem Augenblicke in einem ſolchen Grade wuchs, daß er mit unendlicher Sehn⸗ ſucht dem Momente entgegen ſah, wo er ſie ſicher und wohl⸗ behalten in dem Schloſſe abgeliefert haben wuͤrde, in welchem ſie, wie er hoffte, eines guten Empfangs gewiß war, obgleich ſie den Namen deſſen, auf den ſtie dort ihre Hoffnung ſetzte⸗ ſorgfaͤltig zu verſchweigen bemüht ſchien. „Dann waͤre ich doch außer Gefahr,“ dachte er,„und wer mich je wieder als ſchutzenden Ritter einer fahrenden Dame trifft, dem ſoll die Erlaubniß frei ſtehen, mir meinen Gehirnkaſten mit meinem eigenen Schmiedehammer zu zer⸗ malmen.“ Endlich zeigte ſich das faͤrſtliche Schloß, auf deſſen Ver⸗ beſſerung, ſo wie auf die dazu gehoͤrenden Domainen, der Graf von Leiceſter, der Angabe nach, Sechzigtauſend Pfund Sterling verwandt hatte, eine Summe, einer halben Mil⸗ lion von unſerem jetzigen Gelde gleich. Die aͤußere Mauer dieſes gigantiſchen und glaͤnzenden Gebaͤudes ſchloß einen Flaͤchenraum von ſieben Morgen Lan⸗ des ein, von denen ein bedeutender Theil mit geraͤumigen Staͤllen bebauet, ein anderer zum Garten mit zierlich zuge⸗ zutzten Baͤumen und reichen Blumenbeeten eingerichtet war, waͤhrend der uͤbrige Raum zum Viehhof und Schloßplatz diente. Das herrliche Schloß ſelbſt, welches faſt grade in der Mitte dieſes geraͤumigen Platzes lag, beſtand aus einer Menge trefflicher Gebaͤude, dem Anſcheine nach faſt ſaͤmmt⸗ lich zu verſchiedenen Zeiten aufgefuͤhrt; ſie umgaben einen inneren Hof, und wurden durch die Benennungen, welche P 2 — 228— jedem einzelnen Theile beigelegt waren, ſo wie durch die Wapven und Schilder, die an ihnen prangten, zu Denk⸗ maͤmnern mancher maͤchtigen Haͤuptlinge, welche laͤngſt hin⸗ uͤbergegangen waren, und deren Geſchichte, falls der Ehr⸗ geiz ein Ohr dafuͤr gehabt haͤtte, dem ſtolzen Guͤnſtlinge, dem jetzigen Beſitzer dieſes prachtvollen Eigenthums, als trefflicher Warnungsſpiegel haͤtte dienen koͤnnen. Ein großes, maſſives, kerkeraͤhnliches Gebaͤude, die Citadelle des Schloſ⸗ ſes bildend, war von hohem, aber unbeſtimmten Alter; es trug den Namen Caͤfar, vermuthlich der Aehnlichkeit wegen, welche es mit einem Gefaͤngniß gleiches Namens in dem Tower von London hatte. Einige Alterthumsforſcher verleg⸗ ten ſeine Erbauung in die Zeiten Kenelphs, eines ſaͤchſi⸗ ſchen Koͤnigs, von dem das Schloß ſeinen Namen hatte; andere aber in eine fruͤhere Epoche, nach dem Kriege der Normannen. An der aͤußern Mauer prangten die Wappen der Clintons, ſo wie das des noch mehr gefuͤrchteten Simon von Montfort, welcher waͤhrend der Kriege der Barone, Kenilworth lange Zeit gegen Heinrich den Dritten verthei⸗ digte. Hier hatte einſt der Graf Mortimer, in der Geſchichte bekannt wegen ſeines Emporkommens, ſo wie wegen ſeines Falles, froͤhliche Feſte gegeben, waͤhrend ſein Souverain Eduard II. in ſeinem dunklen Kerker ſchmachtete. Der alte John von Gaunt hatte das Schloß bedeutend vergroͤßert, und jenen Theil angebaut, der noch jetzt Laneaſters Gebaͤude ge⸗ nannt wird; Leieeſter aber hatte ſeine Vorgaͤnger, ſo fuͤrſt⸗ lich und prachtvoll auch ihre Anſtrengungen geweſen waren, dennoch uͤbertroffen, indem er noch einen großen Theil an⸗ bauen ließ, welcher aber jetzt in Truͤmmern zuſammengeſtuͤrzt daliegt, als ein Denkmal von dem Ehrgeitze ſeines Erbau⸗ ers.— Die aͤußere Mauer dieſes koͤniglichen Schloſſes wa an der Suͤd⸗ und Weſtſeite von einem See umſchloſſen, uͤbaͤ, den Leiceſter eine koͤſtliche Bruͤcke hatte ſchlagen laſſen, da⸗ mit Eliſabeth auf einem neuen bisher unbetretenen Wege in ſein Schloß einziehen konnte, und nicht den gewoͤhnlichen Eingang zu benutzen brauchte, welcher an der Nordſeite ge⸗ legen war, und uͤber den er einen Wachtthurm hatte errich⸗ ten laſſen, welcher noch jetzt vorhan den iſt, und an Groͤße und ſchoͤner Bauart vielleicht das Schloß manches noͤrdlichen Barons uͤbertrifft. An der andern Seite des Sees lag ein Gehege, mit dem koͤſtlichſten Rothwild von allen Gattungen angefuͤllt, und voll ſchattiger Baͤume, uͤber welche ſich die maſſiven Mauern und Thuͤrme des prachtvollen Schloſſes majeſtaͤtiſch erhoben.— Noch müͤſſen wir hinzufuͤgen, daß von dieſem herrlichen Pallaſte, wo Fuͤrſten Feſte begingen, und Helden fochten, bald im blutigen Ernſte des Sturms und der Belagerung, bald im ſcherzhaften Ritterſpiel, wo Schoͤnheit den Preis austheilte, den Tapferkeit gewann, alles nun verwuͤſtet daliegt. Das Bett des Sees iſt jetzt ein mo⸗ driger Sumpf; die Ruinen des Schloſſes laſſen nur noch Fie Pracht ahnen, welche hier einſt herrſchte, und dienen nur dazu, dem ernſten Beſchauer das Vergaͤngliche aller irdiſchen Dinge vor Augen zu ſtellen, ſo wie denen, die ihr maͤßiges Loos mit tugendhafter Zufriedenheit genießen, ihr Gluͤck fuͤhlbar zu machen. Rn 0 8 Ganz anders waren die Empfindungen, mit denen die ungluͤckliche Graͤfin von Leieeſter jetzt auf dieſe maͤchtigen Thürme blickte, als ſie nun zum erſtenmal uͤber die Wal⸗ dung vor ihren Augen emporſtiegen. Sie, das rechtmaͤßige Weib von Englands maͤchtigem Grafen, von Eliſabeths Guͤnſtling, nahete ſich ihrem Gemahl und deſſen Monarchin, mehr unter dem Schutze, als in der Begleitung eines Gauk⸗ lers! und obgleich unbezweifelte Gebieterin jenes Schloſſes, deſſen Pforten auf ihren leiſeſten Wink ihre Thore haͤtten aufthun ſollen, bereit ſie aufzunehmen, leuchteten ihr doch furchtbar die Schwierigkeiten ein, welche ſie zu beſiegen ha⸗ ben wuͤrde, um in ihrem eigenen Hauſe eingelaſſen zu werden. Gefahren und Hinderniſſe ſchienen in der That mit je⸗ dem Augenblick zu⸗ ſteigen, und endlich ſogar ihre weiteren Schritte durchaus hemmen zu wollen, als ſie ihr Weg an ein großes Gitterthor fuͤhrte, durch welches der Eingang zu einer breiten Straße verwahrt war, die auf eine Strecke von zwei Meilen das Gehege durchſchnitt, von mehreren Seiten die herrlichſten Ausſichten auf das Schloß und den See dar⸗ bot, und ſich jener neu erbaueten Bruͤcke anſchloß, welche — 230— an dieſem merkwuͤrdigen Tage fuͤr den Eingang der Koͤnigin beſtimmt war, 2 3 3 Hier fanden die Graͤfin und Wayland das Thor, welches von der Warwicker Landſtraße hineinfuͤhrte, durch einen Trupp berittener Trabanten von der Leibgarde der Koͤnigin bewacht; ſie trugen vergoldete Bruſtharniſche, Sturmhauben ſtatt ihren gewoͤhnlichen Muͤtzen, und hielten ihre Carabiner auf den Schenkel geſtemmt. Dieſe Garden, welche immer Dienſte thaten, wenn die Koͤnigin in Perſon zugegen war, ſtanden hier unter dem Befehle eines Marſchalls, auf deſſen Arm ein Baͤr und ein Knotenſtab, Leiceſters Wappen, ſicht⸗ bar war, und wieſen jedermann zuruͤck, mit Ausnahme der eingeladenen Gaͤſte und ſolcher Perſonen, welche anlangten, um zu den Luſtbarkeiten mit beizutragen. Das Gedraͤnge am Eingange war daher außerordentlich groß, und Menſchen von allen Gattungen brachten die ver⸗ ſchiedenartigſten Ausfluͤchte zum Vorſchein, um eingelaſſen zu werden, fuͤr welche aber die Wache ein unzugaͤngliches Ohr zeigte, ſich auf den Befehl der Koͤnigin und auf ihren bekannten Widerwillen gegen ein allzugroßes Gedraͤnge beru⸗ fend. Mit denen, welchen ſolche Antwort nicht genuͤgte, machten ſie wenig Umſtaͤnde, und draͤngten ſie entweder ver⸗ mittelſt ihrer Pferde zuruͤck, oder lehrten ſie Vernunft mit den Ladeſtoͤcken ihrer Carabiner. Dieſe letzte Verfahrungs⸗ weiſe brachte unter der Menſchenmaſſe ein Hin⸗ und Her⸗ wogen hervor, welches Wayland fuͤrchten ließ, von ſeiner Reiſegefaͤhrtin gewaltſam getrennt zu werden; auch wußte er nicht, welches Vorwandes er ſich bedienen ſollte, um Einlaß zu erhalten, und ſuchte eben in ſeinem Gehirne nach einem ſcheinbaren Grunde, als der Marſchall des Grafen, welcher ihn ins Auge gefaßt hatte, ploͤtzlich zu Wayland's nicht ge⸗ ringem Erſtaunen ausrief:„Macht Platz, ihr Garden! Platz für den Burſchen dort im gelben Mantel!— Kommt nur heran, und ſputet Euch! Nur heran, Herr Haaſenfuß, mit euerm Weiberzeug!“ Als Wayland von dem Marſchall dieſe dringende, aber nicht ſehr hoͤfliche Einladung empfing, ſtand er einen Augen⸗ blick ſinnend, ob auch wirklich dieſe Rede an ihn gerichtet — —— — 231— ſey, waͤhrend die Wache fuͤr ihn Platz zu machen bemüht war. Schnell aber faßte er ſich, bat die Graͤfin, ihr Geſicht ſorgſam bedeckt zu halten, und ritt durch den Eingang, den Zaum von dem Pferde der Graͤfin in der Hand haltend, aber mit niedergeſchlagenen Blicken und mit einem ſolchen Aus⸗ druck von Furcht und Angſt, daß ein Hohngelaͤchter der uͤber den ihnen eingeraͤumten Vorzug ohnehin erzuͤrnten Menge, laut hinter ihnen her erſchallte. 1 So in das Gehege, obgleich eben nicht mit freundlichen Ausdruͤcken, eingelaſſen, ſetzten die Graͤfin und ihr Begleiter ihren Weg fort, uͤberdenkend, welche neue Hinderniſſe ſich ihnen wohl jetzt wieder entgegen ſtellen duͤrften. In der Allee, welche ſie nun entlang ritten, war an jeder Seite eine Reihe von Leieeſters Dienern, reich gekleidet, mit Schwerd⸗ tern und Partiſanen bewaffnet, und mit dem Wappen des Grafen geſchmuͤckt, aufgeſtellt, einer immer drei Schritte von dem andern, ſo daß die Linie vom Gitterthore bis zu der Bruͤcke ununterbrochen fortlief. Und als nun die Graͤfin das koͤnigliche Schloß ſo in ſeiner ganzen Majeſtaͤt vor ſich er⸗ blickte, mit ſeinen hohen Mauern, Außenwerken und ſtolzen Thuͤrmen, auf denen, Freude verkuͤndend, bunte Fahnen wehten und zahlloſe Federbuͤſche wogten, und alles um ſie her Jubel und Luſt zu verkuͤnden ſchien, fuͤhlte ſich ihr an ſolchen Glanz nicht gewoͤhnter Sinn ſeltſam bewegt, und ſie konnte die an ſich ſelbſt gerichtete Frage nicht unterdruͤcken, welches Opfer ſie denn dem Grafen gebracht habe, um Theil⸗ nehmerin ſolcher Pracht zu werden. Aber ihr Stolz und ihr von Natur edles Gemuͤth ſprachen ihr wieder Hoffnun⸗ gen ein. „Ich habe ihm alles gegeben, was nur ein Weib zu geben im Stande iſt, Ehre und Ruf,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„Herz und Hand habe ich dem Herrn aller dieſer Pracht vor dem Altare gereicht; ſelbſt England's Koͤnigin haͤtte ihm nicht mehr geben koͤnnen. Er iſt mein Gatte— ich bin ſein Weib.— Was Gott zuſammengefuͤgt hat, koͤn⸗ nen Menſchen nicht trennen. Ich will muthig mein Recht vertheidigen, um ſo muthiger, da ich ſo unerwartet und ſo verlaſſen komme.— Ich kenne das Herz meines edlen Dudley, A — 232— er wird anfangs ob meines Ungehorſams zuͤrnen, aber Emmy wird weinen, und Dudley wird verzeihen.“ Dieſe Gedankenreihe ward durch einen Schrei der Ueber⸗ raſchung unterbrochen, den Wayland ausſtieß, als er ſich ploͤtzlich von hinten von zwei langen duͤnnen ſchwarzen Ar⸗ men umfangen fuͤhlte, deren Eigenthuͤmer ſich unter dem lauten Gelaͤchter der Wachen von einer Eiche herab auf ſei⸗ nen Sattel geſchwungen hatte. „Das iſt der Teufel ſelbſt, oder Dickie Springkobold 1 ſprach Wayland, nach vergeblichem Bemuͤhen ſich loszuwin⸗ den, und den Zwerg abzuſchuͤtteln, der ihn umklammert hielt;„tragen denn die Eichbaͤume zu Kenilworth ſolche Eicheln?“ 4 „Allerdings thun ſie das, Herr Wayland!“ entgegnete ſein unberufener Reiſegeſellſchafter,„und noch manche an⸗ dere Nuͤſſe, welche ohne meinen Beiſtand eure Zaͤhne nicht knacken wuͤrden, ſo alt Ihr auch ſeyn moͤgt. Wie waͤret Ihr zum Beiſpiel wohl von jenem Marſchall dort unten ein⸗ gelaſſen worden, haͤtte ich nicht zuvor geſagt, daß das Haupt unſerer Gauklergeſellſchaft noch nachfolge. Hier bin ich in den Baum geklettert, um Euch zu erwarten, obgleich die andern uͤber mein Ausbleiben raſend ſeyn werden.“ Wahrlich, Du biſt im Ernſt ein Stuͤck vom Teufel!“ ſagte Wayland;„nun, ich will mich deiner Fuͤhrung uber⸗ laſſen! biſt Du aber maͤchtig, ſo ſey auch gnaͤdig.“ So ſprechend, naͤherten ſie ſich einem ſiarken Thurm, welcher ſich an dem ſuͤdlichen Ende der oben beſchriebenen Bruͤcke befand. Unter ſolchen widrigen Umſtaͤnden und in einer ſo ſelt⸗ ſamen Begleitung nahete ſich alſo die ungluͤckliche Graͤfin von Leiceſter jetzt zum erſtenmal dem prachtvollen Wohnſitze ihres faſt fuͤrſtlichen Gemahls. Ende des zweiten Bandes⸗ —— ſſſſfffnſſſſſiſi ſſ ſſnſf 15 1 17 6 6 7 8 9 10 11 12 13 14