Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 1 4 von.. Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. 1. Oitensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jidein Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſpo wird. 4 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3— 5. für aechenrlich 26 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 4 N Sf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersâtz. 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Auf den Zinnen waren gigantiſche Krieger aufgeſtellt, mit Kolben, Streit⸗ äxten und andern Kriegswerkzeugen der alten Zeit bewaff⸗ net, beſtimmt, Kämpen des Königs Arthur vorzuſtellen; romantiſcher Sage nach, die erſten Britten, welche in die⸗ ſem Schloſſe hauſeten, obgleich die Geſchichte ſein Alter nur in die Zeiten der Heptarchie verlegt. Einige dieſer furchtbaren Figuren waren wirkliche Menſchen, verlarvt und romantiſch gekleidet; andere aber nur aus Leinwand und anderm Stoffe geformte Puppen, welche indeß, wenn man von unten zu ihnen hinauf blickte, einen faſt noch furchtbareren Anblick gewährten. Der gigantiſche Thür⸗ ſteher aber, welcher unten am Portal Wache hielt, jetzt das Amt jener Krieger verſehend, verdankte ſein Schrecken einflößendes Außere keinen täuſchenden Mitteln. Sein coloſſaler Körperbau, an dem alle Gliedmaßen ein gleich rieſiges Verhältniß zeigten, hätte ihn geſchickt gemacht, ei⸗ nen Colbrand, Aſcapart oder ſonſt irgend einen Giganten aus der alten Romantik darzuſtellen, ohne daß er nöthig gehabt hätte, dem Himmel ſich auch nur um einen Zoll 8 mehr zu nähern. Beine und K Kniee dieſes Anackſohnes wa⸗⸗ B A* — 4— unter der Schulter; an ſeinen Füßen trug er Sandalen, mit Streifen von ſcharlachrothem Leder, an denen metal⸗ lene Knöpfe glänzte u, kreuzweis aufgebunden; ein eng an⸗ ſchließendes Wamms von ſcharlachrothem Sammt, reich mit Gold beſetzt, und t8 eäazt Beinkleider von demſelben koſt⸗ baren Zeuge, bedeckten den obern Theil ſeines Körpers und ſeine Schenke 1, während er lae eines Mantels ein ſchwarzes Bärenfell über den Schultern trug. Der Kopf ieſer furchtbaren Geſtalt hatte keine andere Bebeckung, als die ſeines ſtrußpigen, ſchwarzen Haars, welches an beiden Seiten über ein Geſicht von jenem ſchwerfälligen, plumpen Ausdruek h herabhing, den man oft bei Menſchen von Eesnsze hee Größe antrifft, und der, allerdings mit Ausnahme, die Urſache des allgemeinen Vorurtheils gegen Rieſen iſt, welche man gewöhnlich für einfältige ger war, ſeinem übrigen Aeußern gemäß, mit einer un⸗ geheuern, mit Stahl beſchlagenen Keule bewaffnet, und ſtellte, mit einem Wort, ganz einen jener oft in Volks⸗ ſagen und Rittergeſchichten erwähnten Rieſen dar. Das Benehmen dieſes Giganten ſchien, als Way⸗ land Smith ſeine Aufmerkſamkeit auf ihn richtete, ein Gepräge von Verlegenheit und Unruhe zu tragen; bald I faß er einen Augenblick auf einer Bank von maſſivem 5 Steinwerk, welche zu ſeiner Bequemlichkeit am Eingange der Pforte errichtet zu ſeyn ſchien; dann ſprang er plötz⸗ lich auf, kratzte mit ſeinen mächtigen Fäuſten in den buſchigen Haaren, und ſchritt auf ſeinem Poſten auf und nieder, woie von Ungeduld und Angſt getrieben. Während nun ſo der Thorwüchter mit mächtigen Schrit ten auf und ab ging, wollte Wayland mit Beſcheiden⸗ . N ren entblößt, ſo auch ſeine Aeme bis auf eine Handbreit und ungeſittete Menſchen hält. Dieſer furchtbare Krie⸗ — 5 heit, aber doch ſo, als ob es ſich von ſelbſt verſtehe, mit ſeiner Begleiterin an ihm vorüber in das Thor hin⸗ ein reiten. Aber der Wächter rief mit furchtbavem „zurück!““ und ſtieß dabei mit ſeiner K ſolchen gehpaß dicht vor Waylands Gau den, daß helle Funken aus den Steiner die Wölhung des Thorweges von dem Schalle erdröhnte. Wayland benutzte Dickies Wink, und gab vor, daß er zu einer Truppe Schauſpieler gehöre, bei der ſeine Ge⸗ genwa art durchaus erforderlich ſey, daß er verhindert wor⸗ den, jener früher zu folgen, und was dergleichen mehr war. Aber der Wächter war unerbittlich, und brummte unaufhörlich etwas vor ſich hin, von dem Wayland nichts weiter verſtand, als hie und da die in nur zu deutlichen Ausdrücken kund gegebene Weigerung, ihn einzulaſſen, mit der ſein Gemurmel gemiſcht war. Ein Bruchſtück ſeiner Rede mochte ungefähr ſo lauten:— „Nun, was ſoll's noch?(zu ſich) Hier iſt Freude— hier iſt Jubel—(zu Wayland) du biſt ein fauler Bur⸗ ſche, und ſollſt nicht hinein.(zu ſich)— Welch ein Trei⸗ ben— welch ein Lermen.— Wie ſoll ich damit durch⸗ kommen?—(zu Wayland)— weg von der Pforke, oder ich ſchlage dir den Schädel ein!—(wieder zu ſich) Glaubt ihr— nein, nein, ich komme nicht damit durch.“ „Warte,“ flüſterte Dickie dem Wayland ins Ohr, „ich weiß, wo ihn der Schuh drückt, und will ihn ſchon zahm machen.“ Er ſprang von Wayland's Gaul herab, zum Rieſen hin, und zupfte an deſſen Bärenfell, als wolle er ihm bedeuten, daß er ſein ungeheures Haupt zu ihm herab⸗ neigen ſolle; dann flüſterte er ihm etwas in's Ohr. Wie auf das Gebot eines Zauberſchlages ſchwand, ſo wie er & Tone: Dickies Worte vernahm, das Furchtbare in den Blicken des gigantiſchen Thorwächters von Kenilworth. Er ließ ſeine Keule aus der Hand ſinken, und hob Dickie ſo hoch zu ſich hinauf, daß ein gefährlicher Sturz erfolgt wäre, hätte er ihn fallen laſſen. „So iſt's recht, ſo iſt's recht!“ rief er voll Jubel mmit oonnernder Stimme,—„wahrhaftig, ſo iſt's recht, du Herzensjunge!— aber woher zum Teufel! weißt du das?“ 8„Amee dich nicht darum,“ ſagte Dickie,„ſon⸗ —— hier blickte er auf Wayland und auf die ichter wurde, da ihn der Rieſe dicht vor ſeinem hielt. Der Thürſteher gab ihm darauf einen der⸗ ben Kuß, und ſetzte ihn ſorgſam, wie eine Hausfrau ihre Porzellantaſſe auf den Tiſch, wieder auf die Erde nieder, indem er Wayland und der Lady zurief:„hinein mit Euch, hinein, und nehmt Euch in Acht, ein ander⸗ mal nicht wieder zu ſpät zu kommen, wenn ich hier nicht mehr Thorwäͤchter ſeyn ſollte.“ „Nun hinein mit Euch, hinein!“ fügte Dickie hinzu,„ich muß hier noch einen Augenblick bei meinem ehrlichen Goliath zurück bleiben; bald aber werde ich wieder bei Euch, und im Beſitz aller Eurer Geheimniſſe ſeyn, und wären ſie ſo dunkel, wie der tiefſte Kerker dieſes Schloſſes.“ „Wahrlich, ich glaub' es dir,“ ſagte Wayland; „bald aber, hoffe ich, wird mir die Sorge für das Ge⸗ heimniß abgenommen werden, und dann kümmere ich mich nicht darum, wer es erfährt.“ durch folgenden Umſtand den Namen Galleriethurm er⸗ d begann dann wieder zu flüſtern, welches ihm Sie ritten nun durch den Eingangsthurm, welcher — Wayland ſeinen Gaul an, und blickte auf die Gräfin, 5 halten hatte:— Die ganze Brücke vom Eingangsthurme bis zu einem andern, Mortimersthurm genannt, jenſeit des Sees, hundert dreißig Yards lang, und zehn breit, war zu einem vollkommenen Turnierplatze eingerichtet, mit dem feinſten Sande beſtreut, und an beiden Seiten durch ſtarke, hohe Palliſaden beſchützt. Die ſchöne und breite Gallerie, beſtimmt, den Damen Raum zu geben, welche den Kampfſpielen jener ritterlichen Zeit beiwohn⸗ ten, war an der nördlichen Seite des äußern Thurms errichtet worden, und hatte dieſem den Namen Gallerie⸗ thurm gegeben.— Unſere Reiſenden ritten langſam über die Brücke, und erreichten den Mortimersthurm, welcher zu dem äußern Schloßhofe führte. An dem Mortimersthurme prangte das Wappen jenes ſtolzen Grafen gleiches Namens, deſſen Ehrgeiz Eduard des Zweiten Thron umſtürzte. Die Pforte, welche ſich an dieſem Denkmahl der Schande befand, ward von vielen Dienern in reicher Livree bewacht, die ſich indeß dem Einlaß der Gräſin und ihres Begleiters nicht widerſetz⸗ ten, welche von ihnen, da ſie der Hauptthoxwächter am Galleriethurm hatte paſſiren laſſen, als weiter keiner Unterſuchung nöthig erachtet werden mochten. Sie rit⸗ ten demnach ſchweigend in den großen Schloßhof hinein, und hatten nun auf einmal die ungeheure Gebäudemaſſe vor ſich, mit weit geöffneten Thoren, als ein Zeichen unbegränzter Gaſtfreiheit, und mit von edlen Gäſten aller Art angefüllten Gemächern, ſo wie von Hunderten von Dienern, Künſtlern und Menſchen aller Gartungen, welche herbeigeſtrömt waren, zur allgemeinen Freude bei⸗ zutragen, durch⸗ und umwimmelt. Vor dieſer geſchäftigen, lärmenden Scene hielt als wolle er fragen, was ſie jetzt zu beginnen gedenke, da ſie wohlbehalten den Ort ihrer Zuflucht erreicht habe. Als ſie ſtumm blieb, fragte Wayland ſie, nach einem Augenblicke vergeblichen Harrens, gradezu nach ihren Befehlen. Sie legte ihre Hand an die Stirn, als ſey ſie bemüht, ihre Gedanken zu ſammeln, während ſie mit dem leiſen kaum verſtändlichen Tone eines Träumenden ſagte:—„Befehle? wohl hätte ich das Recht, hier ſolche zu geben, aber wer wird ihnen gehorchen?“ Dann hob ſie plötzlich ihr Haupt, wie jemand, der einen beſtimmten Entſchluß gefaßt hat, und rief einem prächtig gekleideten, mit wichtiger Geſchäftigkeit über den Hof eilenden Diener zu:„Halt da, guter Freund! ich wünſche mit dem Grafen von Leiceſter zu ſprechen.“ „Mit wem?“ fragte der über dieſe Frage erſtaunte Diener, und fuhr dann, als er den armſeligen Aufzug der Fremden, die ihn auf ſo befehlende Weiſe anredete, mit verächtlichen Blicken gemeſſen hatte, mit inſolentem Tone fort:„welch ein Collhaus⸗Stückchen, Mylord am heutigen Tage ſprechen zu wollen!“ „Seyd nicht unverſchämt,“ ſagte die Gräfin,— „mein Geſchäft bei dem Grafen iſt von äußerſter Wich⸗ tigkeit.“— „Ihr müßt es durch einen Andern beſorgen laſſen, und wäre es dreimal ſo wichtig,“ ſagte der Kerl.— „Wollt' ich jetzt Mylord rufen, Eure Geſchäfte zu ver⸗ richten, er würde es mir mit der Reitpeitſche danken.— Wundere ich mich doch, daß unſer Thorwärter ſolche Waare nicht mit ſeiner Kolbe gemeſſen hat, ſtatt ſie einzulaſſen; aber ſeine Rede hat ihm das Gehirn verrückt.“ Zwei oder drei andere Männer kamen jetzt näher, von dem lauten Geſpött des Dieners herbei gezogen, 5 3 * 8 und Wayland, welcher für ſich und die Gräfin zu fürch⸗ ten begann, wandte ſich ſchnell an einen derſelben, wel⸗ cher ihm noch der Beſcheidenſte ſchien, drückte ihm ein Geldſtück in die Hand, und beſprach ſich mit ihm leiſe in kurzen Worten über die Art und Weiſe, ſeine Beglei⸗ terin für den Augenblick unterzubringen. Dieſer, wel⸗ cher ein Uebergewicht über die Andern zu haben ſchien, machte ihnen Vorwürfe über ihre Unhöflichkeit, befahl einem Knechte, für die Pferde der Fremden zu forgen, und bat dieſe, ihm zu folgen. Ddie Geäſin hatte Gegenwart des Geiſtes genug, um einzuſehen, daß es durchaus nothwendig ſey, dieſer Auf⸗ forderung nachzugeben, und indem ſie alſo dem rohen Geſpött den Rücken wandte, folgte ſie mit Wayland dem Fremden, der ſich ihnen als Führer angeboten hatte. S ieEe gelangten nun in den innern Schloßhof, inder ſie durch die große Pforte ſchritten, welche ſich zwiſchen dem früher erwähnten Cäſarthurm und einem andern ſtattlichen Theile des Gebäudes befand, welcher den Na⸗ men„König Heinrich's Wohnung“ führte, und ſo ſtan⸗ den ſie denn jetzt in der Mitte dieſer herrlichen Stein⸗ Maſſe, wo ſich ihnen von allen Seiten her die trefflich⸗ ſten Werke der Baukunſt aus den verſchiedenſten Zeiten, mit den Wappen ihrer Erbauer geſchmückt, zeigten. Durch dieſen Hof brachte ſie jetzt ihr Führer zu einem kleinen, aber ſtarken Thurm, im nordöſtlichen Winkel des Schloſſes, welcher neben der großen Halle lag, und den Raum zwiſchen dieſer und der zahlloſen Reihe von Küchen füllte. Der untere Theil dieſes Thurmes war, wegen der Nähe des Orts mit denen, wohin ſie ihre Ge⸗ ſchäfte riefen, einem Theile von Leiceſters Dienerſchaft eingeräumt worden; in dem obern Theile aber, wohin — 40— man vermittelſt einer ſchmalen Wendeltreppe gelangte, befand ſich ein kleines Gemach, welches man bei der Menge von Fremden ebenfalls zur Aufnahme von Gäſten in Bereitſchaft geſetzt hatte, obgleich es, wie man all⸗ gemein behauptete, einſt das Gefängniß eines Unglückli⸗ chen geweſen war, welcher dort gemordet ſeyn ſollte. Die Sage nannte dieſen Gefangenen Mervyn, und legte auch dem Thurme dieſen Namen bei. Daß derſelbe frü⸗ her als Gefängniß gedient hatte, war nicht unwahr⸗ ſcheinlich; denn die Gemächer waren gewölbt, die Mau⸗ ern von ungeheurer Dicke, und das Zimmer nahm kaum einen Flächenraum von Funfzehn Fuß in Viereck ein. Das Fenſter hatte indeß, obgleich es nur klein war, eine herrliche Ausſicht auf einen mit Trophäen, Triumph⸗ bogen, Fontainen und andern architektoniſchen Kunſtwer⸗ ken angefüllten Platz, welcher aus dem Schloſſe ſelbſt in den Garten führte.— In dem Gemache war ein Bette und anderes Geräth, zur Aufnahme eines Gaſtes vorhanden, Gegenſtände, denen die Gräſin aber nur we⸗ nig Aufmerkſamkeit ſchenkte, weil die ihrige ſich ſogleich ausſchließlich mir den auf dem Tiſche befindlichen Schreib⸗ Materialien beſchäftigte, Dinge, welche man zu jener Zeit nur ſelten in den Schlafzimmern antraf. Der Gedanke, auf der Stelle an ihren Gemahl zu ſchreiben, und hier bis zum Empfang ſeiner Antwort verborgen zu bleiben, erſtieg plötlic in ihrer Seele. 3 Ihr Führer, dem Beweiſe von Waylands Großmuth geworden waren, fragte dieſen jetzt mit Höflichkeit, ob noch ſonſt etwas zu ſeinen Dienſten ſtände; und kaum hatte ihm Wayland zu verſtehen gegeben, daß einige Erfriſchungen nicht unwillkommen ſeyn würden, als er ihn auch unverzüglich in eine Art von Speiſegewölbe — 11— führte, wo zubereitete Nahrungsmittel aller Art mit frei⸗ gebiger Hand jedem dargereicht wurden, der davon ver⸗ langte. Wayland verſah ſich eilig mit einigen leichten Speiſen, wie er glaubte, daß ſolche dem ſchwachen Ap⸗ petit ſeiner Reiſegefährtin zuſagen dürften, und verſäumte dabei die Gelegenheit nicht, für ſeine eigene Perſon eine kurze aber kräftige Mahlzeit aus einigen Schüſſeln von derberem Inhalte zu thun; dann kehrte er in das Zim⸗ mer der Gräfin zurück, welche ſo eben ihren Brief an Leiceſter geendet, und ihn, in Ermangelung eines Sie⸗ gels und einer ſeidenen Schnur, mit einem Liebesknoten von einer Flechte ihres eigenen, ſchönen Haares geſchlun⸗ gen, verſchloſſen hatte. „Treuer Freund,“ ſprach ſie,„du, den mir Gott in meiner größten Noth ſandte, ich beſchwöre dich,— es iſt die letzte Mühe, welche ich dir verurſachen will, dieſes Schreiben dem Grafen von Leiceſter einzuhändi⸗ gen. Möge es aufgenommen werden, wie es immer wolle,“ fuhr ſie fort, mit Zügen, aus denen Furcht und Hoffnung ſprach,„dir, du ehrlicher Mann! will ich nicht länger zur Laſt fallen. Aber ich hoffe das Beſte, und kehren je beſſere Tage für mich zurück, ſoll dir rei⸗ cher Lohn für deine treuen Dienſte werden.— Ueber⸗ gieb dieſen Brief, ich bitte dich, in Leiceſters eigene Hand, hörſt du! und gieb auf ſeine Mienen Acht, wenn er ihn lieſit.“— Wayland übernahm ſeinerſeits willig den Auftrag, bat aber die Lady dagegen dringend, doch jetzt auch einige Nahrung zu ſich zu nehmen, einen Wunſch, den ſie auch zuletzt erfüllte, mehr um ihn deſto ſchneller ſein Geſchäft beginnen zu ſehen, als aus wirklichem Verlangen etwas zu genießen. Darauf verließ er ſie, nachdem er ſie zu⸗ uvor erſucht hatte, das Zimmer ven innen zu verſchließen, und es nicht zu verlaſſen,— und ging dann, um eine Gelegenheit zu ſuchen, ſowohl um den ihm gewordenen Auftrag zu vollziehen, wie auch einen von ihm ſelbſt entworfenen und durch die Umſtände herbaigeführten Plan auszuführen. — Das Betragen der Gräfin während der ganzen Reiſe — ihr oft lang anhaltendes tieſes Schweigen— die Ungewißheit und Unſchlüſſigkeit aller ihrer Bewegungen, und die völlige Unfähigkeit, ſelbſt zu denken und zu han⸗ deln, hatten bei Wayland den nicht unwahrſcheinlichen Gedanken erregt, daß das Traurige ihrer Lage gewiſſer⸗ maßen ihren Verſtand zerrüttet habe. Als ſie aus Cumnor⸗Place, und der Gefahr, von welcher ſie dort bedroht ward, entflohen war, wäre dem Anſcheine nach die vernünftigſte Parthie, welche ſie hätte ergreifen können, die geweſen, ſich auf der Stelle zu ih⸗ rem Vater, oder ſonſt irgendwo hin zu begeben, wo ſie entfernt von denen geweſen wäre, welche dieſe Gefahren ſchufen. Wenn ſie, ſtatt ſo zu handeln, verlangte, nach Kenilworth geführt zu werden, konnte Wayland nichts anders glauben, als daß ſie die Abſicht habe, ſich unter den Schutz Treſſilians zu ſtellen, oder wohl gar die Hülfe der Königin in Anſpruch zu nehmen. Jetzt aber ſchrieb ſie, ſtatt dieſen natürlichen Weg einzuſchlagen, einen Brief an Leiceſter, an Varney's Gönner, unter deſſen Gerichtsbarkeit, wenn auch grade nicht mit ſeiner Bewilligung, alles Böſe ſtatt gehabt hatte, welches ihr bisher zugefügt worden war. Dieß ſchien Wahland eine unvernünftige verzweif⸗ lungsvolle Maaßregel, und er ſcheuete ſich, ſowohl in Rückſicht auf ſeine eigene Sicherheit, als auf die der * 1 15 Gräfin, dieſen Auftrag auszuführen, bevor er ſich eines Beſchützers verſichert haben würde. Daher beſchloß er, vor Uebergabe des Schreibens an Leiceſter, Treſſilian aufzuſuchen, ihm die Ankunft der Lady zu Kenilworth mitzutheilen, ſich von aller ferneren Verantwortlichkeit frei zu machen, und das Geſchäft, die unglückliche Lady zu ſchützen und zu leßten dem zu übergeben, der ſeine Dienſte zuerſt für ſie in Anſpruch genommen hatte. „Er wird beſſer r urtheilen können, als ich, ob ſie in dem Entſchluſſe beſtärkt werden muß, ſich an Leiceſter zu wenden,“ ſagte Wayland zu ſich ſelbſt,, mir ſcheint's eine wahnſinnige Handlung; daher will ich ihm den Brief übergeben, in Empfang nehmen, was er mir als Lohn reichen wird, und dann mit leichtem Herzen dem Schloſſe Kenilworth den Rücken kehren; denn nach dem Geſchäft, in welchem ich verwickelt bin, iſt es für mich weder ein ſicherer, noch ein geſunder Aufenthaltsort, und ich will lieber die armſeligſten Bauer⸗Kracken in Englands ſchlechteſtem Dorfe beſchlagen, als Theil an dieſen Feſten nehmen. 2. In der ungeheuren Menſchenmenge, welche das Schloß und ſeine Umgegend füllte, war es keine leichte Sache, dieſes oder jenes— unm herauszufinden, und Way⸗ land hatte um ſo ſchwereres Spiel, Treſſilian aufzuſu⸗ chen, da er, icht 1 der Verhäitniſſe, in denen er ſich befand, es, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, Auf⸗ merkſamkeit zu err en durfte, gradezu egen, — wage 8 ienern zu fragen. Auf nach demſelben bei Leiceſters 2 — 14— indirectem Wege erfuhr er indeß, daß ſich Treſſilian al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach unter einem großen Schwarm von Cavalieren befände, welche im Gefolge des Grafen von Suſſex in Kenilworth angelangt wären, wo Leice⸗ ſter ſie mit Beweiſen von großer Achtung und Auszeich⸗ nung empfangen habe. Ferner hörte er, daß ſich beide Grafen mit ihrem Gefolge und einer großen Anzahl an⸗ derer Ritter und Herren, zu Pferde nach Warwick be⸗ geben hätten, in der Abſicht, der Königin auf ihrer Reiſe von dort nach Kenilworth als Eſcorte zu dienen. Die Ankunft der Monarchin hatte ſich nämlich, wie oft ähnliche große Begebenheiten, von Stunde zu Stunde verzögert, und ein athemloſer Bote die Nach⸗ richt gebracht, daß Ihre Majeſtät, von dem Wunſche be⸗ ſeelt, die Huldigung ihrer Vaſallen, welche ſich deßhalb nach Warwick begeben hatten, in Empfang zu nehmen, erſt mit der Dämmerung in Kenilworth eintreffen wür⸗ den. Dieſe Kunde löſete auf einige Augenblicke diejeni⸗ gen von ihren Poſten ab, welche zum unmittelbaren Empfange der Königin dahin geſtellt, und beſtimmt wa⸗ ren, zu den Feſtlichkeiten mit beizutragen, unter denen ſie einziehen ſollte; woraus Wayland, welcher verſchie⸗ dene Reiter in das Schloß zurückkehren ſah, die Hoff⸗ nung zu ſchöpfen begann, daß ſich auch Treſſilian unter dieſer Zahl befinden könne. Um nun dieſe Gelegenheit, ſeinen Beſchützer aufzufinden, nicht zu verlieren, ſtellte ſich Wayland auf dem äußern Schloßhofe neben den Mor⸗ timersthurm, ſorgfältig jedermann beobachtend, welcher über die Brücke, an deren Ende jener Thurm gelegen war, ging oder kam. Von hier aus konnte alſo, ohne von ihm bemerkt zu werden, niemand weder das Schloß verlaſſen, noch in daſſelbe hinein reiren; denn mit ſchar⸗ — 15— fem Auge durchſpähete er die Reitermaſſe, welche ſich auf der Brücke bald langſam, bald ſchnell, raſtlos hin und her bewegte. 5 Während Wayland auf dieſe Weiſe ſorgſam bemüht war, den auszuſpähen, den er nicht ſah, fühlte er ſich plötzlich von jemand am Mantel gezogen, von dem er ſeinerſeits recht gern ungeſehen geblieben wäre. Es war Dickie Springkobold, welcher immer dort zu ſeyn pflegte, wo man am wenigſten an ihn dachte. — Von welcher Art nun aber Waylands innere Gefühle bei ſeinem Anblicke auch ſeyn mochten, hielt er es doch für nöthig, über dieſes unverhoffte Zuſammentreffen ſeine Freude zu äußern. „Ey, biſt du's doch, Springkobold, du Ueberall und Nirgends, du meine allerwelts Maus!“ rief er mit erkünſteltem Frohſinn. „Maus!“ entgegnete Dickie.„Ey nun ja, eine Maus, wie jene, welche das Netz zernagte, grade als der Löwe, den es gefangen hielt, ein Geſicht zu ziehen begann, dumm und einfältig, wie ein Eſel.“ „Du biſt dieſen Nachmittag bei ſcharfer Laune,“ ſagte Wayland;„aber ſpare jetzt deinen Witz, und ſage mir lieher, wie du mit dem dickköpfigen Rieſen drüben am Thurme fertig geworden biſt?— War ich doch be⸗ ſorgt, er würde dir die Kleider abſtreifen, und bich n wie ein Ei verſchlucken.“ „Hätte er das gethan,“ erwiederte Dickie,„wäre ſein Magen gehirnvoller geworden, als ſein Kopf; aber der Rieſe dort iſt ein höflicher Mann, und dankbarer, als mancher Andere, dem ich aus der Noth half; ver⸗ 44 ſteht Ihr mich, Herr Wayland Smith?“ „Deine Zunge iſt ſcharf, wie eine Sheffielder — 16— Klinge,“ ſagte Wayland;„aber ich bin in der That begierig, zu erfahren, wie du es anfingſt, den rieſigen Bären dort zu zähmen.“ „Ich machte es auf deine Weiſe,“ antwortete Dickie;„bei dir ſollen ſchöne Worte ſtets die Stelle von Thaten vertreten; was aber jenen ehrlichen Wächter be⸗ trifft, ſo ſollſt du wiſſen, daß er ſich, eben als loir drü⸗ ben bei dem Thurme anlangten, den Kopf mit einer Rede zerbrach, welche für ihn zum heutigen Tage ver⸗ fertigt worden, und die zu behalten ſeinem Rieſenſchädel zu ſchwer fiel. Dieſer Sermon war, wie mehrere an⸗ dere, ein Machwerk meines gelehrten Magiſters Holiday, und ſo hatte ich ihn oft genug gehört, um jede Zeile auswendig zu wiſſen. So wie er alſo auch nur einige Worte hermurmelte, wußte ich, wo ihn der Schuh drückte, und half ihm ein; als er mich darauf voll Freude zu ſich hinauf hob, verſprach ich ihm, unter der Bedin⸗ gung, daß er Euch einlaſſen möchte, mich unter ſeinem Bärenfelle verbergen und ihm in der Zeit der Noth ein⸗ blaſen zu wollen. Jetzt eben habe ich nur einen Sprung in's Schloß gethan, um einige Nahrung zu mir zu neh⸗ men, und ſtehe nun im Begriff, zu ihm zurück zu keh⸗ ren, um mein Verſprechen zu löſen.“ „Recht, recht! Dickie, eile!“ rief Wayland,„der arme Rieſe dort würde über das Ausbleiben ſeines zwerg⸗ haften Hülfscorps untröſtlich ſeyn,— um Gottes wil⸗ len, ſpute dich, mach', daß du fortkommſt, Dickie!“ „Fort mit dir, Dickie, mach', daß du fortkommſt! ganz recht!“ wiederholte der Zwerg;„wir haben dich ja gebraucht, wozu du gut warſt; fort mit dir!— Ein ſchoner Dank, in der That;— alſo ſoll ich die Ge⸗ ſchichte — 1, ſchichte jener Lady nicht erfahren, welche eben ſo wenig deine Schweſter iſt, als ich es bin.“ „Was würde es dir nutzen, du Springkobold?“ fragte Wayland ausweichend. „Gut, gut! ſtehen wir ſo mit einander?“ entgeg⸗ nete der Burſche;„mir ſchon recht; es liegt mir ohne⸗ hin nicht viel daran; wenn ich aber ein Geheimniß wit⸗ tere, bin ich entweder auf der einen oder auf der andern Seite, verſteht Ihr mich?— Nun, gute Nacht alſo!“ „Höre doch, Dickie, höre!“ rief Wayland, dem des Burſchen intriganter Geiſt zu wohl bekannt war, um nicht ſeine Feindſchaft zu fürchten,„bleibe noch, gu⸗ ter Dickie, und trenne dich nicht ſo ſchnell von deinem alten Freunde!— Sieh', ich verſpreche dir, du follſt alles, was ich von der Lady weiß, bald erfahren.“ „Bald, bald!“ wiederholte Dickie,„das bald dürfte vielleicht am jüngſten Tage eintreffen,— darum lebt wohl, Wayland, ich will zu meinem Rieſen drüben am Thurm, der, wenn er auch weniger Klugheit, doch we⸗ nigſtens für geleiſtete Dienſte mehr Dankbarkeit beſitzt, als mancher Andere.— Und ſo noch einmal, Wayland, gute Nacht!“ So ſprechend, machte er einen Luftſprung durch die Pforte, und rann mit der ihm eigenthümlichen Blitzes⸗ ſchnelle dahin, dem Galleriethurm zu, wo er in einem Augenblicke Waylands nachſtarrenden Blicken entſchwand. „Wollte Gott, ich wäre erſt mit heiler Haut wie⸗ der aus dem Schloſſe heraus!“ dachte Wayland; denn fängt erſt dieſer Satansjunge an, mit in dem Brei herum zu rühren, muß es unumgänglich ein Gericht für den Teufel werden. Wenn doch Treſſilian nur erſt zum Vor⸗ ſchein käme.“ Kenilworth. Zter Bd.. B — 18— Treſſilian aber, deſſen Ankunft er ſo ängſtlich ent⸗ gegen ſah, war durch einen anderen Eingang in das Schloß zurückgekehrt. Zwar hatte er, wie Wayland rich⸗ tig genug vermuthete, die Grafen auf ihrem Ritte nach Warwick begleitet, nicht ohne Hoffnung, daß er in jener Stadt irgend eine Nachricht von ſeinem Boten erhalten würde. Als er ſich aber hierin getäuſcht ſah, und in Leiceſters Gefolge Varney bemerkte, welcher die Abſicht zu haben ſchien, ihn anzureden und ſich ihm zu nähern, hielt er es bei der jetzigen Lage der Sache für das Beſte, jede Gelegenheit dazu zu vermeiden. Er verließ daher den Audienzſaal in dem Augenblick, wo der Ober⸗Sheriff der Grafſchaft ſich mitten in einer Rede befand, welche er an die Königin richtete, beſtieg ſein Roß, und ritt 4 nach Kenilworth auf einem Nebenwege zurück, der ihn zu einer kleinen Pforte an der Weſtſeite der Mauer führte, durch welche man ihn, als einen Ritter aus dem Gefolge des Grafen von Suſſex, für deſſen Begleiter Lord Leiceſter ſeinen Leuten die größte Aufmerkſamkeit anempfohlen hatte, unbedenklich einließ. So traf es ſich, daß er von Wayland nicht bemerkt wurde, den er ſeinerſeits eben ſo gern geſehen haben würde. Nachdem er ſein Pferd der Sorge ſeines Dieners übergeben hatte, ſchritt er eine Weile in dem Garten und auf jenem Platze auf und nieder,— auf dem, wie wir früher erwähnt haben, Triumphbogen, Trophäen, Statuen und mehr dergleichen architektoniſche Kunſtwerke errichtet waren,— mehr, um ungeſtört ſeinen Gedanken nachzuhängen, als um die Schöpfungen der Natur und der Kunſt zu bewundern, welche der Graf von Leiceſter mit verſchwenderiſcher Pracht hier aufgehäuft hatte. Faſt alle Gäſte von Rang und Auszeichnung hatten das Schloß — —— verlaſſen, um die beiden Grafen auf ihrem Ritte nach Warwick zu begleiten; andere, welche noch zugegen wa⸗ ren, hatten die Zinnen, Thürme und Mauern erſtiegen, um von da aus den Einzug der Königin um ſo beſſer mit anſchauen zu können. Der Garten war daher, wäh⸗ rend im Schloſſe überall jubelnde Menſchenſtimmen er⸗ tönten, einſam und ſlille, und nur das Geſäuſel in den Blättern, das Gezwitſcher der Bewohner eines großen Vogelhauſes, oder das ihrer glücklichern, frei ſich in der Luft bewegenden Brüder, unterbrachen das tiefe Schwei⸗ gen, im Verein mit dem Geräuſch der Waſſerſäulen, welche aus fantaſtiſch grotesken Figuren, durch die Kunſt hoch hinauf in die Luft getrieben, plätſchernd wieder in ungeheure, aus italieniſchem Marmor kunſtvoll geformte Waſſerbehälter zurück ſanken. rAhin Treſſilians melancholiſche Gedanſen liehen aller Pracht, welche ihn umgab, ein finſteres feierliches Weſen; er ſtellte Vergleiche an zwiſchen den Herrlichkeiten, in deren Mitte er ſich befand, und der waldungsreichen Ge⸗ gend um Lincote Hall, und auf jeder Landſchaft, welche ſich vor ſeiner Erinnerung entfaltete, zeigte ſich ihm, wie ein Geiſt aus beſſerer Zeit, Emmy Robſarts Bild, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen.— Nichts iſt vielleicht gefährlicher für Menſchen, welche gern tief nach⸗ denken und zurückgezogen leben, als einer frühern un⸗ glücklichen Liebe nachzuhängen. Eine ſolche prägt ſich nich ſelten ſo tief in ihre Seele ein, daß ſie in der Nacht ein Gegenſtand ihrer Träume, und zu einer Vi⸗ ſion für ſie bei hellem Tage wird, trübt jede Quelle ihrer Unterhaltung und Freuden, und wenn dieß Bild endlich von der Hand getäuſchter Hoffnung gebleicht wird, ver⸗ trocknen auch alle Quellen ihres Lebens mit ihm. Dieſe B** — 26— Leiden des Herzens, dieſe Sehnſucht nach einem Schat⸗ tenbilde, dieß Verweilen bei der Erinnerung eines Trau⸗ mes, aus dem man auf rauhe Weiſe erweckt ward, ſind Schwächen eines edlen, großmüthigen Herzens; und nch Treſſilian gab ihnen Raum. Endlich fühlte er indeß die Nothwendigkeit, ſeine Seele mit andern Gegenſtänden zu beſchäftigen, und da⸗ her verließ er den Garten, um ſich unter den Schwarm der übrigen Gäſte auf der Mauer zu miſchen, und den Anſtalten zu den Feſtlichkeiten zuzuſehen. Als er aber aus dem Garten trat, und den lauten Jubel, die Muſik und das Freudengeſchrei rund um ſich her erſchallen hörte, fühlte er einen ſolchen Widerwillen unter Menſchen zu treten, deren Gefühle in ſo völligem Widerſpruche mit den Seinigen ſtanden, daß er beſchloß, ſich auf das ihm angewieſene Zimmer zurückzuziehen, und ſich dort mit Leſen zu beſchäftigen, bis das Geläute der großen Glocke Eliſabeths Ankunft verkünden würde. Dem zufolge ſchritt er durch den zwiſchen den Kü⸗ chen und der großen Halle befindlichen Raum, ſtieg in dem Mervyn'sthurme die Wendeltreppe hinan, und er⸗ ſtaunte nicht wenig, als er das kleine, ihm dort ange⸗ wieſene Zimmer verſchloſſen fand. Schnell erinnerte er ſich indeß, daß ihm der Kämmerer einen Hauptſchlüſſel eingehändigt habe, mit dem Bedeuten, bei dem großen Gedränge im Schloſſe ſeine Thür, ſo viel als möglich, verſchloſſen zu halten. Er verſuchte den Schlüſſel, das Schloß gab nach, er trat hinein, und erblickte eine weib: liche Geſtalt in ſitzender Stellung, in der er Emmy Rob⸗ ſarts reizende Formen erkannte. Anfangs glaubte er, ſeine erhitzte Phantaſie zaubere ihm auch hier das Bild ſeiner Träumereien vor; dann war er einen Augenblick ,——“ ‧ — 21— zweifelhaft, ob nicht eine Erſcheinung aus der Geiſter⸗ welt vor ihm aufgeſtiegen wäre. Bald aber ward ihm die Ueberzeugung, daß es Emmy ſelbſt ſey, zwar bleicher und abgezehrter, als einſt in den Tagen ſorgenloſen Glücks, wo ſie das raſche Weſen einer Waldnymphe mit der Schönheit einer Sylphe verband; aber dennoch im⸗ mer noch Emmy, unerreicht an Liebenswürdigkeit von Allem, was je ſein Auge ſah. Das Erſtaunen der Gräfin glich dem Treſſilians, doch war es von kürzerer Dauer, weil ſie von Wayland erfahren hatte, daß er im Schloſſe gegenwärtig ſey. Sie war bei ſeinem Eintritte aufgeſprungen, ſchauete auf ihn, und hohe Röthe trat an die Stelle der Todtenbläſſe auf ihren Wangen.„Wie kommt Ihr hieher, Treſſilian?“ fragte ſie endlich. „Laßt mich dieſe Frage an euch thun,“ unterbrach ſie dieſer,„um Gottes willen, Emmy, ſprecht, wie kamt Ihr hieher? Wollt Ihr endlich jene Hülfe anneh⸗ men, welche, ſo weit das Herz und der Arm eines Man⸗ nes zu reichen vermögen, Euch augenblicklich geleiſiet wer⸗ den ſoll?“ Sie ſchwieg einen Augenblick, und ſprach dann mehr mit kummervollem als zornigem Tone:—„Ich begehre keine Hülfe, Treſſilian, jede, welche mir Eure Freundlichkeit darbieten könnte, würde mir mehr Nach⸗ theil, als Nutzen bringen. Glaubt mir, ich bin in der Nähe eines Mannes, dem Liebe und Pflicht gebieten, mich zu beſchützen. „So hat alſo,“ fragte Treſſilian,„ber Böſewicht Euch wenigſtens die armſelige Genugthuung gegeben, die er zu bieten im Stande warz und vor mir ſehe ich Var⸗ ney’s Gattin.“ — 22— „Varney's Weib!“ rief Emmy mit dem Ausdruck höchſter Verachtung,„mit welchem entehrenden Namen wagt Ihr, mich zu bezeichnen, mich, die— die—“ Sie zögerte, blickte vor ſich nieder, ſchien verwirrt, und ſchwieg; den ſie bedachte, welche böſe Folgen es ha⸗ ben könnte, wenn ſie ihre Rede mit den Worten„mich, die Gemahlin Leiceſters,“ endigen würde. Es hieße das, ihr von ihrem Gemahl, als eine Sache, auf deren Ge⸗ heimhaltung ſein Wohl und Weh beruhe, anvertrauete Geheimniß, Treſſilian, Suſſer, der Königin und dem ganzen verſammelten Hofe verrathen.„Nie,“ dachte ſie, „will ich das Schweigen brechen, das ich gelobte; lieber will ich mich dem entehrendſten Verdachte preis geben.“ Thränen trübten den Glanz ihrer Augen, als ſie ſo ſchweigend vor Treſſilian ſtand, welcher, mit Kummer und Mitleid auf ſie blickend, zu ihr ſprach:„Ach Em⸗ my, Eure Augen widerſprechen Eurer Zunge. Dieſe erwähnt eines Beſchützers, bereit und mächtig genug über Euch zu wachen, während jene verkünden, daß Ihr von dem Schurken, dem Ihr Euch hingabt, zu Grunde gerichtet ſeyd.“ Sie blickte auf ihn mit Augen, in welchen Zorn durch die Thränen blitzte, die ſie füllten, und wiederholte das von Treſſilian ausgeſprochene Wort„ Schurke mit einem Ausdruck voll Verachtung. „So ſprach ich,“ ſagte Treſſilian;„wäre es nicht, wie kämt Ihr hieher; und wie fände ich Euch hier und allein in meinem Zimmer?— Warum wurden nicht für Euch Anſtalten zu einer ehrenvollen Aufnahme getroffen? 4 „In Eurem Zimmer?“ wiederholte Emmy,„dieß Euer Zimmer?— Es ſoll ſogleich von meiner Gegen⸗ wart befreiet werden.“ Sie eilte zur Thür. Die trau⸗ 1 rige Erinnerung an ihre verlaſſene Lage aber erſtieg plötz⸗— lich in ihrer Seele; fie ſtand vor der Schwelle ſtill, und rief mit einem Tone voll unbeſchreiblicher Wehmuth: „aber, allmächtiger Gott! wohin?“— „Deutlich ſehe ich es,“ rief Treſſilian, indem er ihr zu Hülfe eilte, und ſie wieder nach ihrem Sitze zurückführte, auf den ſie niederſank—„Ihr bedürft der Hülfe, Ihr bedürft des Schutzes, obgleich Ihr es nicht eingeſtehen wollt. Aber beides ſoll Euch werden. Gelehnt auf meinen Arm, von mir geführt, der ich als Repräſentant Eures trefflichen, tiefgebeuten Vaters erſcheine, ſollt Ihr an der Schwelle dieſes Schloſſes vor Eliſabeth treten, damit ihr erſtes Geſchäft in dieſen Hallen eine Handlung der Gerechtig⸗ keit gegen ihr Geſchlecht und gegen ihre Unterthanen ſey. Stark durch meine gerechte Sache, und durch das Vertrauen auf die Königin, ſoll mich die Macht ihres Günſtlings nicht ſchrecken. Ich eile, Suſſer aufzufuchen.“ „Ums Himmels Willen, thut das nicht!“ rief die Gräfin von Schrecken erfüllt, die Nothwendigkeit begrei⸗ fend, wenigſtens Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen. „Ihr habt Euch immer großmüthig bewieſen, Treſſilian, — gewährt mir eine Bitte; glaubt mir, wenn es Euer Wunſch iſt, mich vor Wahnſinn und Elend zu ſchützen,— das Verſprechen, meinen Wunſch zu erfüllen, wird mir nützlicher ſeyn, als alles, was Elifabeth mit ihrer Macht zu thun im Stande wäre.“ „Sprecht jeden Wunſch aus, der ſich auf Vernunft gründet,“ ſagte Treſſilian,„aber fordert nicht von mir“—— G „Keine Bedingung, theurer Edmund! unterbrach ihn die Gräfin,—„einſt wünſchtet Ihr ſo von mir genannt zu werden,— macht nicht Vernunft zur Be⸗ — 24— dingung der Gewährung Eurer Bitte, mein Zuſtand iſt Wahnſinn, und nur Raſerei kann mir Nathſchläge ge⸗ ben, die mir helfen können.“ „Wenn Ihr ſolche Reden führt,“ ſagte Treſſilian, indem Erſtaunen aufs Neue ſeinen Kummer und ſeine Entſchloſſenbeit überwältigte,„dann muß ich Euch in der That für unfähig halten, für Euch ſelbſt zu denken und zu handeln.“ „Nein, nein!“ rief ſie aus, indem ſie vor ihm auf die Knie niederſank,„nein, ich bin nicht wahnſin⸗ nig— nur ein unglückliches, beklagenswerthes Geſchöpf bin ich, durch eine Verkettung der allerſeltſamſten Um⸗ ſtände von dem Arme deſſen, der mich zu beſchützen wünſcht, an einen Abgrund geſchleppt— von Euch, reſſiltan— von Euch, den ich ſtets ehrte, achtete— ja, den ich liebte— nur nicht ſo liebte, wie es Euer Wunſch war.“ Es lag eine Kraft— eine Selbſtſtändigkeit— eine Reſignation in ihrer Stimme und in ihrem Weſen— eine ſo gänzliche Ergebung in ſeine Großmuth, welche ihn, im Verein mit den zärtlichen an ihn gerichteten Ausdrücken, aufts tiefſte bewegten. Er hob ſie auf, und beſchwor ſie in abgebrochenen Worten, ſich zu beruhigen. „Ich kann nicht,“ ſprach ſie,„ich will nicht ruhig ſeyn, bis Ihr mir verſprecht, meine Bitte zu erfällen. — Ich will ſo deutlich ſeyn, als ich darf— ich erwarte jetzt eben die Befehle eines Mannes, dem das Recht zuſteht, ſie zu ertheilen.— Das Dazwiſchentreten ei⸗ nes Dritten, und zumal das Eurige, Treſſilian,— würde mich gänzlich zu Grunde richten.— Wartet nur noch vier und zwanzig Stunden, leicht iſt es möglich, daß die arme Emmy alsdann ſchon Mittel in Händen hat, Euch zu beweiſen, daß ſie Eure uneigennütziige Freund⸗ 4 — 25— ſchaft zu ſchätzen und zu belohnen weiß,— möglich, daß ſie dann ſchon ſelbſt glücklich iſt, und im Stande, auch Euch glücklich zu machen;— ſeht, das Alles iſt doch wohl einer ſo kurzen Geduld werth!“ Treſſilian ſchwieg, und erwog in ſeiner Seele die verſchiedenen Möglichkeiten, durch welche eine gewalt⸗ ſame Einmiſchung ſeinerſeits in dieſe Sache ſowohl dem Rufe als dem Glück ſeiner frühern Geliebten Nachtheil bringen könnte; und berechnend, daß ſie ſich ja in den Mauern von Kenilworth befaͤnde, wo ihr, als in einem von der Gegenwart der Königin beehrten und von ih⸗ ren Garden und ihrem Gefolge bewachten und angefüll⸗ ten Orte, eben kein Leid begegnen könne,— begriff er, daß es ihr im Ganzen mehr Schaden als Nutzen brin⸗ gen würde, wenn er, wider ihren Willen, Eliſabeth's Schutz fär ſie in Anſpruch nähme. Er ſprach indeß die⸗ ſen Entſchluß nur mit Vorſicht aus, weil er natürlicher⸗ weiſe noch immer in Zweifel war, ob nicht Emmy's Hoffnung auf eine glückliche Umwandelung ihrer Lage, auf ihre blinde Anhänglichkeit an Varney gegründet ſey, den er für ihren Verführer hielt. „Emmy,“ ſprach er, indem er ſeine ernſten, aus⸗ drucksvollen Augen auf die ihrigen richtete, mit denen ſie jetzt voll Zweifel, Angſt und Furcht zu ihm hinauf⸗ ſchaute,„oft bemerkte ich, wenn Andere dich wild und ausgelaſſen nannten, daß unter dem dünnen Schleier von Leichtſinn und Thorheit tieferes Gefühl und Verſtand verborgen lag; dem will ich vertrauen, und während der nächſten vier und zwanzig Stunden weder durch Wort noch That in dein Schickſal greifen.“ „Verſprichſt Du mir das Treſſilian?“ fragte die Gräfin;„iſt es möglich, daß Du noch jetzt ein ſolches „ — 26— Vertrauen in mich ſetzen kannſt? Verſprichſt Du mir als Mann von Ehre, Dich während dieſer Zeit nicht in meine Angelegenheiten zu miſchen, weder durch Wort noch That, was Du auch ſehen oder hören magſt, das dein Dazwiſchentreten dem Anſcheine nach fordern könnte?“—. „Ich verſpreche es Dir bei meiner Ehre!“ ſagte Treſſilian,„wenn aber dieſe Zeit verſtriche“—— „Dann,“ unterbrach ihn die Gräfin,„ſollt Ihr frei nach Eurer Ueberzeugung handeln können.“ „Kann ich ſonſt nichts für Euch thun, Emmy?“ fragte Treſſilian. „Nichts!“ erwiederte Emmy,„als mich verlaſſen, falls Ihr nämlich,— wie ich denn erröthend meine Hülfloſigkeit eingeſtehen muß— mir dieß Zimmer hier für die nächſten vier und zwanzig Stunden abtreten könnt.“ „Seltfam,“ ſagte Treſſtlian,„welche Hoffnungen könnt Ihr in einem Schloſſe hegen, wo Ihr ſelbſt nicht einmal über ein Gemach zu gebieten habt?“ „Fragt nicht,“ ſprach die Gräfin, und als ſich Treſ⸗ ſilian langſam und faſt unwillig zurückzog, fügte ſie hinzu:„Großmüthiger Edmund, die Zeit wird kommen, wo Emmy Dir wird beweiſen können, daß ſie deinen Edelmuth verdiente.“ 3. . Treſſilian war in ſeltſamer Gemüthsbewegung auf der Wendeltreppe kaum einige Stufen hinabgeſtiegen, als er zu ſeinem Erſtaunen und großem Mißvergnügen Mi⸗ — 27— chael Lambourne begegnete, der ihn mit einer unverſchäm⸗ ten Familiarität angaffte, für welche Treſſilian ſich ge⸗ neigt fühlte, ihn die Treppe hinab zu werfen, bis es ihm einfiel, daß eine ſolche Gewaltthat jetzt, und an dieſem Orte, dem Gegenſtand ſeiner Sorge und ſei⸗ nes Kummers Nachtheil bringen könne. Er begnügte ſich daher, gleichgültig auf ihn zu blicken, wie auf jemand, den er ſeiner Aufmerkſamkeit unwerth hielt, und verſuchte auf der Treppe an ihm vorüber zu ſchreiten, ohne durch irgend etwas zu verra⸗ then, daß er ihn erkannt habe. Lambourne indeß, wel⸗ cher von dem Ueberfluſſe des heutigen Tages reichlich zu ſich genommen hatte, obgleich er nicht gradezu betrun⸗ ken war, war nicht in der Laune, ſich irgend Jemandes Blicken zu entziehen. Er hielt daher Treſſilian auf der Treppe an, ohne auch nur im geringſten Schaam oder Verlegenheit zu zeigen, und ſagte im vertraulichen Tone eines alten Bekannten:—„Ey, ſieh' da, Herr Treſ⸗ ſilian! nun, ich hoffe, Ihr hegt keinen Groll mehr, der alten Geſchichte wegen— ich meinerſeits erinnere mich früherer Freundſchaft lieber, als ſpäterer Fehde.— Kommt, ich will Euch überzeugen, daß ich es ehrlich und gut mit Euch meine, und freundlich dazu.“ „Ich verlange keine Gemeinſchaft mit Euch,“ ent⸗ gegnete Treſſilian, haltet Euch zu Eures Gleichen.“ „Ey, wie ſtolz!“ rief Lambourne,“ wie doch der Herr vom Stande, vermuthlich weil er glaubt, er ſey aus Porzellanerde gebacken, ſo vornehm auf den armen Michael Lambourne herabſchauet! Sollte man Euch doch, wenn man Euch ſo betrachtet, für den ſittlichſten, or⸗ dentlichſten Cavalier von ganz Alt⸗England, für einen Herrn halten, der die Liebe höchſtens im Geſellſchafts⸗ ſaal ſpinnt, bei hellen Wachskerzen; und doch hat der Schmauſer, zur Schande für Mylord's Schloß, eine weibliche Bequemlichkeit zur Hand, und noch dazu hier auf ſeinem Schlafzimmer!— Nun, traf's Herr Treſ⸗ ſilian?“ „Ich weiß nicht, was Ihr meint,“ ſagte dieſer ein⸗ lenkend, denn er war überzeugt, daß dem Raufbold Emmy's Aufenthalt in ſeinem Gemach bekannt ſey; „ſeyd Ihr aber Aufſeher der Zimmer hier,“ fuhr er fort,„und verlangt Ihr Lohn dafür, ſo nehmt dieß, um das Meinige unangetaſtet zu laſſen.“ Lambourne nahm das ihm von Treſſilian dargebo⸗ tene Goldſtück, ſah es an, und ſteckte es in die Taſche, indem er ſagte:„Weiß ich doch nicht, ob nicht ein höf⸗ liches Wort von Euch mehr ausgerichtet haben würde,“ als hier die glänzende Fratze;— aber gleichviel, wer mit Golde zahlt, zahlt immer gut!— und Michael Lambourne war noch nie ein Freudenſtöhrer, noch ein Spielverderber;— leben und leben laſſen, heißt mein Wahlſpruch,— nur mag ich's nicht, wenn die Leute auf mich blicken, als wären ſie von Silber, und ich von Zinn.— Wenn ich alſo Euer Geheimniß verſchwei⸗ gen ſoll, Herr Treſſilian, ſo mögt Ihr mich ein ander⸗ mal wenigſtens ein bischen holdſeliger anſchauen; denn wir ſind, wie Ihr ſeht, allzumal arme Sünder; übri⸗ gens macht mit Eurem Zimmer, und mit dem Vogel, der darin herum fliegt, was Ihr wollt; dem Michael Lam⸗ bourne kann's gleich viel gelten.“ „Macht Platz jetzt!“ ſagte Treſſilian, unfähig ſei⸗ nen Zorn länger zu verbergen,„Ihr haht ja Euren Lohn!“ 15 Lambourne trat bei Seite, doch nicht ohne Treſ⸗ ſilians Worte murmelnd zu wiederholen;„Ihr habt Euren Lohn!— macht Platz!“— Hm, Hm! aber thut nichts, ich bin, wie geſagt, kein Spielverderber.*n So wie Treſſilian, deſſen Uebergewicht er fühlte, ſich entfernte, begann er indeß immer lauter und lauter zu ſprechen:„nein, nein! ich bin kein Spielverderber, — aber ich mag auch kein bloßer Zuſchauer ſeyn,— ich will meinen Theil von dem hübſchen Biſſen, den Ihr da droben in das alte Geiſterloch einquartirt habt, aus Furcht vor Geſpenſtern vielleicht, um nicht allein zu ſchlafen. Hätte ich dergleichen gethan, würde es gehei⸗ ßen haben: haut dem Burſchen die Jacke voll,— und, hinaus mit ihm vor die Thür!— Aber die tugendhaft ten Herren Cavaliere haben Vorrechte vor uns anderen armen Teufeln, die wir doch auch Fleiſch und Blut haben. Nun, gleichviel!— Treſſilian habe ich ſeit die⸗ ſer unglücklichen Entdeckung in der Taſche, das iſt ein Punkt; Uind de ich ſeine Duleinea ſehen muß, iſt ein anderer.“— 4. Treſſilian begab ſich in den äußern Schloßhof, mit ſich uneins, was er eigentlich von ſeiner ſeltſamen und un⸗ erwarteten Zuſammenkunft mit Emmy Robſart denken ſolle, und ungewiß, ob er, als Repräſentant ihres un⸗ glücklichen Vaters, auch recht gethan habe, ſein Ehren⸗ wort zu geben, ſie während ſo vieler Stunden ſich ſelbſt zu überlaſſen. Wie hätte er ihr aber dieſe Bitte abſchla⸗ gen können,— da ſie ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach — 30— nur zu abhängig von Varney gemacht hatte? Das Glück ihres künftigen Lebens ſchien darauf zu beru⸗ hen, daß die Sache durch ihn nicht aufs Aeußerſte ge⸗ trieben ward; und da nun einmal Treſſilian nicht im Stande war, ſie Varney's Händen zu entreißen, wel⸗ ches Recht hatte er, wenn dieſer wirklich entſchloſſen war, Emmy als ſein rechtmäßiges Weib anzuerkennen, den häuslichen Frieden, den ſich Emmy noch immer von dieſer Verbindung zu verſprechen ſchien, zu ſtören? Treſ⸗ ſilian beſchloß daher, ſein gegebenes Ehrenwort treu zu halten, einmal, weil er es gegeben hatte, und dann, weil er, wie er auch ſeine letzte Unterredung mit Emmy überdachte, überzeugt war, daß er es ihr gerechterweiſe nicht hätte verweigern können. In einer Rückſicht hatte er viel für die Sicherheit der noch immer Geliebten gewonnen. Emmy war nicht länger in einem fernen, verborgenen, durch Menſchen von zweifelhaftem Rufe bewachten Orte eingeſchloſſen. Sie befand ſich in dem Schloſſe Kenilworth, für dieſen Augenblick die Reſidenz der Königin, und war demnach vor jeder Gewaltthätigkeit geſchützt, und zur Hand, vor⸗ geſtellt zu werden, ſo bald die Monarchin es verlangen ſollte; Umſtände, welche nicht wenig dazu beitragen konn⸗ ten, ſeine etwaigen Bemühungen ihretwegen zu unter⸗ ſtützen. Während er ſo die Vortheile unh Nachtheil e gegen einander abwog, welche ihre unerwartete Ankunft zu Kenilworth zur Folge haben könnte, ward er ängſtlich und eilig von Wayland angerufen, der ihm nach dem lauten Ausrufe:„Gott ſey Dank, daß ich Euch endlich gefunden!“— ins Ohr flüſterte, daß die Lady von Cumnor entflohen ſey. — 31— „Sie iſt jetzt hier in dieſem Schloſſe,“ ſagte Treſ⸗ ſilian,„ich weiß es, und habe ſie geſehen.— War es ihr eigener Wille, Zuflucht auf meinem Zimmer zu ſu⸗ chen?“ 4 „Nein, Herr!“ erwiederte Wayland;„ich wußte ſie ſonſt nirgend ſicher unterzubringen, und ſchätzte mich glücklich, als mich der Zimmer⸗Aufſeher für Geld und gute Worte nach Eurem Gemach wies;— eine herr⸗ liche Lage, in der That; an der einen Seite die Küche, an der andern die Halle.“.453 „Ruhig,“ entgegnete Treſſilian,„jetzt iſt keine Zeit zum Spaßen.“. d* 28c 1 „Ach, ich weiß es nur zu gut,“ fagte Wayland, „war's mir ſeit den letzten drei Tagen doch, als hätte ich einen Strick um den Hals. Die Lady weiß ſelbſt nicht, was ſie will,— will Eure Hülfe nicht— will Euch nicht genannt ſeyn, ſondern ſich unter Mylord von Leiceſters Schutz begeben. Nie hätte ich ſie in Euer Ge⸗ mach gebracht, hätte ſie den Namen des Eigenthümers gewußt.”“ 4 „Iſt es möglich?“ fragte Treſſilian!„ſie hofft vielleicht, Mylord würde ſeinen Einfluß zu ihren Gun⸗ ſten auf ſeinen verächtlichen Diener geltend machen.“ „Davon weiß ich nichts,“ antwortete Wayland,— „aber ich glaube, wenn ſie ſich mit Leiceſter oder Var⸗ ney wieder ausſöhnt, wird die Außenſeite des Schloſſes Kenilworth wohl für uns die ſicherſte ſeyn. Nicht ei⸗ nen Augenblick werde ich hier länger verweilen, ſo bald ich den Brief der Lady an Leiceſter übergeben haben werde; nur auf Eure Erlaubniß wartet er, langen. Seht, hier iſt Henker, um an ihn zu ge⸗ er— aber nein— hob's der ich muß ihn in meinem Hundeloche haben lie⸗ — 32— gen laſſen, auf dem Hänboden deübenn wo ich ſchlafen ſoll. 24 iint cht. 1 „Tob und Hô ile1“ tief preſſil ian, ganz ſeiner Ge⸗ wohnheit entgegen, in die höchſte Ungeduld ausbrechend, „Du haſt doch nicht den Brief verloren, deſſen Inhalt wichtiger iſt, als taufend ſolcher Leben, wie deines?’"¹4) „Verloren!“ erwiederte Wayland,„das wär' ein dummer Spaß. Nein; Herr! ich hab' ihn forgfältig bei meinen andern Sachen anföewahet— ſhie hole ich ihn herbei.“ „Fort, fort!“ eief Treſſiian,„dienſt Du mir treu, harrt deiner reicher Lohn; hintergehſt Du mich aber, wäre ein todter Hund glücklicher, als Du.“*. Wayland machte eine Verbeugung, und eilte, dem Anſcheine nach, mit Vertrauen und Zuverſicht davon, in ſeinem Innern aber wogten Angſt und Furcht. Der Brief war verloren, nichts war gewiſſer, denn jene gegen Treſſilian ausgeſprochene Entſchuldigung war nur ein Vorwand, um dem Zornerguſſe deſſelben für den Augen⸗ blick zu entgehen. Der Brief war fort— konnte in unrechte Hände fallen, und ſo war das ganze Geheim⸗ niß, in welches er verwickelt war, entdeckt. Wenig Wahrſcheinlichkeit nur war vorhanden, daß es anders kommen wuͤrde; auch fühlte ſich Wayland durch Treſſi⸗ lians heftige Aeußerung gegen ihn gekränkt. „Soll ich mit ſolcher Münze bezahlt werden, für Dienſte, wobei mein Hals auf dem Spiele ſteht,“ ſagte er zu ſich,„dann, in der That, wird es Zeit, an ſich zu denken. Hier habe ich, ſo viel ich davon weiß, den Schloßherrn bis auf den Tod beleidigt, deſſen bloßes Wort eben ſo leicht mein Lebenslicht ausblaſen kann, als ſein Athem eine Pfennigskerze. Und das alles für eine — 55— eine halb verrückte Lady und ihren ſchwermüthigen Lieb⸗ haber, der, weil ein viereckigtes Stück Papier verlo⸗ ren ging, gleich zum Dolche greifen will, und Tod und Hölle ſchwört!— Dann iſt auch noch der Doctor und Varney;— rathſam iſt es, ſich der ganzen Geſchichte auf einmal zu entziehen.— Leben iſt mehr werth, als Gold.— Gleich jetzt will ich mich aus dem Staube machen, obſchon mein Lohn zurück bleibt⸗“ Dieſe Betrachtungen drängten ſich ganz natürlich der Seele Waylands auf, welcher ſich weit tiefer, als er erwartet hatte, in ein Gewebe geheimnißvoller und gefährlicher Intriguen verwickelt fand; und doch ward, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſeine Furcht durch ſein Mitleid für die unglückliche Lady gewiſſerma⸗ ßen aufgewogen. „Ich kümmere mich den Henker um Treſſilian,“ ſagte er;„habe ich doch das Meinige für ihn gethan, und ſein Schätzchen in ſeine Nähe gebracht, ſo, daß er nun ſelbſt ein Auge auf ſie haben kann; aber das arme Ding thut mir leid, fürcht' ich doch, ſee ſchwebt in gro⸗ ßer Gefahr unter allen dieſen wilden Gemüthern. Ich will hin auf ihr Zimmer, und ihr die Geſchichte mit dem Briefe erzählen, damit ſie einen andern ſchreiben kann, falls ſie Luſt dazu hat. Ein Bote, den Brief an Mylord zu überbringen, wird ihr nicht fehlen, hier, wo es ſo viele Lakayen giebt.— Auch daß ich das Schloß verlaſſe, will ich ihr ſagen, und ſie dann Gottes und Herrn Treſ⸗ ſilians Schutz überlaſſen.— Vielleicht erinnert ſie ſich des Ringes, den ſie mir anbot,— er wäre wohl ver⸗ dient, meine ich. Aber wenn auch nicht, gleichviel!— ſie iſt ein gar liebes Geſchöpf;— und wenn ich wegen meines guten Willens für ſie in dieſer Welt zu Scha⸗ Kenilworth. 3ter Bd. C — 34— 4 den komme, ſo wird es mir dafür in jener deſto beſſer ergehen.— Raſch alſo jetzt zu ihr, und dann hinaus ins Freie.“ Mit den ſchleichenden Schritten und ſpähenden Augen einer Katze ſchlug Wayland Smith den Weg nach dem Zimmer der Lady ein, furchtſam ſich immer an der Mauer wegdrängend, und bemüht, alles um ſich her zu beobachten, ſeinerſeits aber unbemerkt zu bleiben. So gelangte er durch den äußern und innern Schloßhof in 4 den Raum zwiſchen den Küchen und der Halle, wo die Wendeltreppe zum Mervynsthurme hinaufführte. Schon wünſchte er ſich Glück, bis hieher gelangt zu ſeyn, und ſtand eben im Begriff, die Stiege hinan zu eilen, zwei Stufen immer auf einmal, als er be⸗ merkte, daß der von einer nur halb offen ſtehenden Thür geworfene Schatten eines Mannes die gegenüberſtehende Treppenwand verdunkelte. Wayland zog ſich behutſam nach dem innern Hofe zurück, ſchlich auf demſelben eine Viertelſtunde lang umher, eine Zeit, welche ihm ſaſt viermal ſo lang ſchien, und ging dann wieder zu der Treppe, hoffend, der Lauſcher würde ſich entfernt haben. Er ſtieg hinan, bis zu der gefürchteten Stelle,— kein Schatten war ſichtbar,— leiſe ſchritt er nun noch einige Stufen höher hinauf,— die Thür ſtand noch immer halb offen; noch war er zweifelhaft, ob er weiter gehen, oder zurückkehren ſolle, als plötzlich die Thür weit auf⸗ geriſſen ward, und Michael Lambourne auf den erſtaun⸗ ten Künſtler losſtürzte.„Wer zum Teufel biſt Du?“ rief der Raufbold,„und was ſuchſt Du hier in dieſem Theil des Schloſſes? Marſch hinein in bies Annmner da⸗ mit wir ſehen, was an dir iſt.“ „Ich tanze nicht nach Jedermanns Pfeife,“ ent⸗ 365— gegnete Wayland, einen Muth erkünſtelnd, den das Zit⸗ tern in ſeiner Stimme Lügen ſtrafte. „Iſt's ſo gemeint,“ ſagte Lambourne;„komm doch einmal heraus, Lawrence!“ Ein vierſchrötiger Kerl, von furchtbarem Aeußeren, über fechs Fuß hoch, trat in die Thür, und Michael fuͤhr fort:„Haſt Du dieſen Thurm wirklich ſo lieb, Burſche?— Du ſollſt ihn bis auf den Grund ſehen; zwölf Fuß unter der Oberfläche des Sees, Kröten und Schlangen tanzen dort luſtig herum, eine ſchöne Geſell⸗ ſchaft, was meinſt Du? Daher frage ich Dich noch ein⸗ mal in allem Ernſte, wer biſt Du, und was ſuchſt Du hier?“. Klappt erſt die Kerkerthür hinter mir zu, bin ich ein verlorner Mann, dachte Wayland, und erwiederte daher mit Unterwürfigkeit,„daß er einer jener armen Gaukler ſey, an denen der geſtrenge Herr geſtern im Thale vorübergeritten wäre.“ „Und was für einen Gauklerſtreich haſt Du hier im Thurme vor?“ fragte Lambourne,„deine Bande liegt drüben im Clintons Gebäude.“ „Ich kam, um meine Schweſter zu ſehen,“ erwie⸗ derte der Gaukler,„ſie iſt oben in Herrn Treſſilians Zimmer.“ „So,“ ſo, ſagte Lambourne lachend;„ja, ja, der Herr Treſſilian macht ſich's hier bei uns beguem, und verſorgt ſein Gemach mit allerhand nützlichem Geräth.— Ein Heiliger, ſeltſamer Art, hols der Teufel! eine herr⸗ liche Geſchichte, gewiſſen Leuten aber ſo willkommen, als mir eine volle Goldbörſe.— Du aber, Burſche, ſollſt ihr keinen Wink geben, ſich davon zu machen,— wir wollen den Vogel in ſeinem Käfig fangen. Fort C* alſo mit deinem Schaafsgeſicht, oder ich ſtürze Dich zum Fenſter hinab, und verſuche, ob deine Gauklerkünſte deine Knochen ſchützen können.“ „Ich hoffe, Ihr werdet nicht ſo hartherzig ſeyn, geſtrenger Herr!“ ſagte Wayland;„arme Leute wollen auch leben; laßt mich doch mit meiner Schweſter ſpre⸗ chen.“ „Schweſter, Schweſter!“ lachte Lambourne,„von Adam her vielleicht. Doch Schweſter, oder nicht, gleich⸗ viel, ich breche Dir den Hals, kommſt Du wieder hie⸗ her.— Auch ſollſt Du überhaupt zum Schloſſe hinaus; hier gilts wichtigeren Dingen, als deinen Gaukeleien.“ „Aber bedenkt, geſtrenger Herr!“ ſagte Wayland, „ich ſoll ja heute Abend bei den Vorſtellungen auf dem See den Arion darſtellen.“ „Ich will die Rolle ſtatt deiner ſpielen,“ entgeg⸗ nete Lambourne.—„Orion heißt der Kerl?— ich will den Orion und das ganze Siebengeſtirn vorſtellen. Komm mit mir, marſch!— oder halt einmal— Law⸗ rence, fahr' Du mit ihm ab.“ Lawrence packte den keinen Widerſtand leiſtenden Gaukler beim Kragen, während Lambourne mit raſchen Schritten voranging, derſelben Nebenthüre zu, durch die Treſſilian herein gekommen war, und welche in keiner großen Entfernung vom Mervynsthurme durch die Mauer an der Weſtſeite führte. Während Wagyland ſchnellen Fußes über den Raum zwiſchen dem Thurme und der Mauer gebracht ward, be⸗ ſchäftigte ihn, troz ſeiner eigenen Gefahr, der Gedanke an die unglückliche Lady, für welche er innige Theil⸗ nahme fühlte. Als er aber zur Thür hinaus geführt war, und Lambourne ihm mit einem furchtbaren Schwur ———— betheuert hatte, daß augenblicklicher Tod ſein Loos ſeyn würde, falls er ihn je wieder innerhalb der Mauer erblik⸗ ken ſollte, hob er ſeine Hände und Augen zum Himmel empor, als wolle er Gott zum Zeugen rufen, daß er alles gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, um der Unter⸗ drückten beizuſtehen, und wandte dann Kenilworths ſtolzen Thäürmen den Rücken, um einen ſicherern Zufluchtsort zu ſuchen. Lawrence und Lambourne blickten Wayland einen Augenblick nach, dann wandten ſie ſich, um nach dem Thurme zurück zu kehren, während der Erſtere zu ſeinem Begleiter ſagte:„Hol mich der Teufel, Lambourne, wenn ich begreifen kann, warum du den armen Kerl zum Schloſſe hinaus getrieben haſt, grade jetzt, wo er bei den Vorſtel⸗ lungen eine Rolle hat,— und das alles eines Weibes wegen.“ „Dolch und Schwerdt! ich glaube Du biſt weichherzig,“ entgegnete Lambourne;“ ſchäme Dich, du Fürſt vom Hunde⸗ loche, du Lord von der Unterwelt; aber dunkel iſt dir noch die Geſchichte, dunkel wie deine Beſitzungen drunten im Bauche der Erde. Sperr' alſo deine Ohren auf, du Be⸗ herrſcher der Niederlande zu Kenilworth, und vernimm: unſer ehrenfeſter Herr Varney wird uns für dieß Loch in das Sittenkleid des Herrn Treſſtlian Goldſtücke zahlen, hinreichend genug, funfzig Nächte durch zu ſaufen, mit der Erlaubniß, den Haushofmeiſter zum Teufel zu jagen, wenn es ihm etwa einfallen ſollte, uns zu früh von den Bechern treiben zu wollen.“ „Wenn dem ſo iſt, haſt du Recht,“ ſagte Lawrence, Oberwächter oder vielmehr erſter Kerkermeiſter zu Kenil⸗ worth.„Aber wie wollt Ihr es machen, wenn die Königin einzieht? ich denke, Ihr müßt dort bei Eurem Herren ſeyn.“ — 38— „Dann ſollſt du für mich Wache halten, du Gefäng⸗ niß⸗Fürſt,“ erwiederte Lambourne.—„Laſſ' Treſſtlian immer hinein, wenn er will, aber niemand heraus. Will etwa ſeine Dulcinea einen Ausfall wagen, wie es leicht der Fall ſeyn könnte, ſo treibe ſie nur mit derben Worten zurück,— ſie iſt ja nichts weiter, als eine Gauckler⸗ dirne.“ 3 „Ey,“ ſagte Lawrence,„da brauche ich nur die Eiſenſtangen vorzulegen, und ſie iſt eingeſperrt ohne wei⸗ tere Umſtände.“ „Dann aber kann Treſſilian nicht zu ihr,“ bemerkte Lambourne nach kurzem Bedenken.„VGleichviel indeß— ſie ſteckt in ſeinem Zimmer, und das iſt genug.— Doch beichte nur, du alte Fledermaus⸗ äugige Kerkerratte! Du fürchteſt dich, oben in dem alten Kaſten von Mervynsthurm Wache zu halten?“ „Fürchten?“ ſagte der Kerl,„nicht mehr, als ich mich vor dem Geräuſch eines Schlüſſelbundes fürchte; aber ſelt⸗ ſame Dinge ſind in dem Thurme dort ſchon geſehen wor⸗ den.— Habt Ihr doch während Eures kurzen Aufent⸗ halts in Kenilwort) wohl davon gehört, wie der Geiſt Mervins, jenes wilden Häuptlings, den der ſtarke Graf Mortimer fing, und, wie man ſagt, in dem Thurme, der ſeinen Namen führt, ermorden ließ, drinnen umgeht?“ „Das habe ich alles ſchon mehr als fünfhundertmal gehört,“ ſagte Lambourne,„und auch, wie der Geiſt immer am wüthendſten wird, wenn ſie in den Küchen⸗Re⸗ gionen Lauchſuppe kochen, oder Käſe röſten. Beim Teu⸗ fel ſchweig; ich weiß das alles!“ „Du weißt nichts,“ ſagte der Schlü eldreher,„ſo klug Du dich auch dünkſt.— Enn furchtbares Ding iſt's, einen Gefangenen in ſeiner Haft zu ermorden!— Du, — 39— der Du höchſtens in einer dunkeln Straße Dolchſtiche aus⸗ theilteſt, weißt nichts davon. Einem aufrühreriſchen Kerl im Gefängniß mit dem Schlüſſelbund vor dem Kopfe Schwei⸗ gen gebieten, heißt Ordnung im Kerker halten; aber die Waffe ziehen, und ihn erſchlagen, wie es jenem Welſchen Herrn geſchehen, das holt Euch einen Geiſt herauf, und macht für ordentliche Gefangene einen Kerker unbewohnbar auf viele hundert Jahre hinaus. Auch habe ich ſo viel Rückſicht für meine Gefangenen, die armen Teufel, daß ich ſie lieber funfzig Fuß unter der Erde logiere, ſtatt ſie in das obere Zimmer zu bringen, Mervyns⸗Käfig ge⸗ nannt.— Beim heiligen Petrus, meinem Vorgänger, ich begreife nicht, wie Mylord von Leiceſter und Herr Var⸗ ney Gäſte da hinlogieren mochten; und wenn daher Herr Treſſilian ſich eine Geſellſchaft ſuchte, und zumal ein hüb⸗ ſches Dirnchen, ſo hat er vollkommen Recht.“ „Ich ſage Dir,“ ſprach Lambouene, indem ſie in das Zimmer des Kerkermeiſters traten,„Du biſt ein Eſel!— Geh', lege die Eiſenſtangen vor die Treppe, und quäle mich nicht länger mit deinen Geſpenſtern.— Gieb mir auch Wein her, mein Hals iſt trocken geworden von dem vielen Geſchwätz.“ Während Lambourne einen gewaltigen Zug aus ei⸗ ner Flaſche Claret that, wobei er ſich eines Glaſes zu bedienen für unnöthig hielt, fuhr der Thurmwächter fort, ſeinen Glauben an das Uebernatürliche zu ver⸗ theidigen.. „Du biſt nur erſt wenige Stunden im Schloß, Lam⸗ bourne,“ ſagte er,„und warſt faſt immer taub, ſtumm und blind vor Trunkenheit. Aber Du würdeſt einen an⸗ dern Ton anſtimmen, brächteſt Du einmal hier eine Nacht mit uns beim Vollmonde zu; dann iſt der Geiſt am — 40— geſchäftigſten, beſonders wenn der Wind aus Norb⸗We⸗ ſten pfeift, der Regen gegen die Fenſter ſchlägt, und dann und wann ein ferner Donner rollt. Gott ſteh uns bei, welch Gekrache und Gebrumme, welch Geſtöhne und Geheule mag alsdann oben im Mervyns⸗Käfig ru⸗ moren, zwei Quart gebranntes Waſſer reichen kaum hin, meine Gebeine hier unten zuſammen zu halten.“ „Pah!“ rief Lambourne, auf den der letzte Zug aus der Claretflaſche, der er während der obigen Rede oft zugeſprochen hatte, einige Würkung zu äußeren begann. „Du ſprichſt von Geiſtern, wie ein alter Eſel!— man weiß ſo eigentlich nichts davon— gar nichts darüber zu meinen, iſt am klügſten. Einige glauben dieß, andere das, alles beſteht in der Einbildung.— Ich habe ſie von allen Gattungen gekannt, mein lieber Lawrence. Schließ— die— Thür zu! und empfindſame, Schatz! empfindſame. Da giebt's einen mächtigen Lord— nun wir wollen grade ſeinen Namen nicht nennen, Lawrence, — ſieh', der Kerl glaubt an die Sterne, an den Mond, an die Planeten, und Gott weiß, woran ſonſt noch, und meint, alle der Kram oben flimmere bloß ſeinetwe⸗ gen, da ſie doch,— um dir nüchtern, oder vielmehr trunken die Wahrheit zu geſtehen,— Lawrence,— ei⸗ gentlich nur geſchaffen ſind, um ehrliche Kerle, wie ich einer bin, Nachts von dem Zechgelage nach Hauſe zu leuchten.— Nun, gleichviel, die Laune wird ſchon bei ihm vorübergehen.— Da kenne ich denn noch einen Ande⸗ ren, ſeht Ihr— ein gar gelehrter Mann, ſage ich Euch, der ſpricht griechiſch und hebräiſch, wie ich mein Diebs⸗ latein,— der Kerl ſchwatzt von Sympathie und Antipathie, und will aus Zinn Gold machen.— Nun, meinetwegen, laß ihn die Narren prellen, die ſein falſches Gold für — 41— gute Münze nehmen wollen.— Dann kommſt Du, auch ein großer Mann, obgleich weder gelehrt, noch berühmt, doch über ſechs Schuh hoch, und Du glaubſt, blind wie ein Maulwurf, an Geſpenſter, Kobolde und dergleichen. — Endlich aber kommt ein großer Mann, oder ein klei⸗ ner Mann, oder ein großer kleiner Mann, Lawrence,— ſein Name fängt mit einem V. an, und was glaubt der? nichts, lieber Lawrence, weder im Himmel, noch in der Hölle, noch auf Erden;— und, was mich nun ſelbſt betrifft, ſoll ich an den Teufel glauben, ſo geſchiehts nur, weil ich mir doch Jemand denken muß, der jenen guten Freund einmal holen kann.— Aber mein Hals iſt trocken, wie eine Sandwüſte, hol' mir doch die Flaſche her, Lawrence.“ „Höre, wenn Du mehr trinkſt, Michael,“ ſagte der Thurmwächter,„kannſt du weder den Arion darſtellen, noch an dem wichtigen Abend heute auf deines Herrn Be⸗ fehle achten; jeden Augenblick kann die große Glocke von Mortimers⸗Thurme ertönen, die Ankunft der Königin zu verkünden.“ Während der Wächter ſo ſprach, trank Lambourne; und als die Flaſche faſt leer war, ſetzte er ſie mit einem tiefen Seufzer auf den Tiſch, und ſagte anfangs mit lei⸗ ſem, dann aber mit immer mehr und mehr geſteigertem Tone:„Schadet nichts, Lawrence, bin ich gleich trunken, wird mich Varney ſchon auf den Beinen halten,— ſcha⸗ det nicht das Geringſte!— Sieh', ich ſoll ja den Orion ſpielen,— auf dem Waſſer aber iſt es kalt,— und da mußte ich doch meinen Magen erwärmen.— Warum ſollte man denn auch heute nüchtern bleiben,— es iſt ja Pflicht, betrunken zu ſeyn. Sieh', Brüberchen, hier giebt's Leute im Schloſſe, ie, wenn ſie nicht der Rauſch fröhlich macht, es wohl nüchtern nimmermehr werden — 42— möchten.— Nun, ich habe Niemand genannt, Law⸗ rence, hörſt Du!— Aber Eure Claretflaſche iſt ein Füllhorn, ſtreut Heiterkeit aus.— Alſo noch eins, auf's Wohl der Eliſabeth!— Hoch der Graf von Lei⸗ ceſter!— Hoch der Herr Varney— und auch der Michael Lambourne, der ſie Alle um ſeinen Finger wickelt!“ So ſprechend, leerte er den Reſt der Flaſche, ſtieg die Treppe hinab, und ſchritt durch den innern Hof. Der Wächter ſchauete ihm nach, ſchüttelte den Kopf, und hielt, während er mit einem Schloß die Eiſenſtange vor der Treppe befeſtigte, ſo, daß es jedermann unmög⸗ lich gemacht wurde, den Thurm höher, als bis zu dem Stockwerk unter dem Mervynskäfig, wie Treſſilians Zimmer genannt wurde, zu erſteigen, folgendes Selbſt⸗ geſpräch:—„Ein trefflich Ding, in der That, Günſt⸗ ling zu ſeyn.— War ich doch nahe daran, meinen Dienſt zu verlieren, weil Herr Varney an einem kühlen Morgen meinte, ich roche nach Brandtwein; der Kerl aber kann ſich voll ſaufen, wie ein Weinfaß, und wird doch nicht geſcholten. Aber es iſt doch ein verdammt lie⸗ ber Burſche, verſteht man gleich nicht die Hälfte von dem, was er fagt.“ 5. Treſfittan ſtand, als ihn Wayland, wie im letzten Ca⸗ pitel erzählt worden, verlaſſen hatte, voll Ungewißheit da, zweifelhaft, was er jetzt zunächſt zu thun habe, als Raleigh und Blount auf ihn zufamen, Arm in Arm, obgleich, ihrer Gewohnheit gemäß, heftig mit einander — 43— ſtreitend. Treſſilian empfand bei ſeiner jetzigen Gemüths⸗ ſtimmung keine große Sehnſucht nach ihrer Geſellſchaft, aber es war keine Möglichkeit vorhanden, ſie zu vermei⸗ den; auch fühlte er in der That, daß er, durch ſein Verſprechen gebunden, ſich weder Emmy zu nähern noch irgend einige Schritte für ſie zu unternehmen, am be⸗ ſten thun würde, ſich unter Menſchen zu miſchen, und aus ſeinem Geſicht, ſo viel als möglich, den Ausdruck von der Angſt und Quaal zu entfernen, welche ſo ſchwer auf ſeiner Seele laſteten. Er machte daher aus der Noth eine Tugend, und rief ſeinen Kameraden zu: „Glück zu, Ihr Herren! woher des Weges?“ „Von Warwick,“ entgegnete Blount;„wir mußten nach Hauſe, um unſere Kleider zu wechſeln, wie Schau⸗ ſpieler; und Ihr, Treſſilian, würdet gut thun, unſerm Beiſpiele zu folgen.“ „Blount hat recht,“ ſagte Raleigh;„die Königin liebt ſolche Beweiſe von Ehrfurcht, und ſieht es als ei⸗ nen Mangel an Achtung an, wenn Cavaliere, welche nicht grade in ihrem Gefolge mit anlangen, im gewöhnlichen Reiterzeuge vor ihr erſcheinen.— Aber ſieh doch einmal den Blount an, Treſſilian; ſieh ihn an, ich bitte Dich, des Spaßes wegen, wie ihn ſein alberner Schneider herausſtaffirt hat;— in blau, grün und car⸗ moiſin, mit fleiſchfarbenen Bändern, und gelben, Schlei⸗ fen auf den Schuhen.“ „Nun, was haſt Du ſchon wieder,“ ſagte Blount, „ habe ich doch dem krummbeinigen Kerl von Schneider befohlen, ſein Beſtes zu thun, und das, deucht mir, iſt auch geſchehen. Seh' ich doch hübſch genug aus,— hübſcher als Du.— Hier Treſſilian mag entſcheiden. 5 = r „Damit bin ich zufrieden,“ entgegnete Raleigh, „ſprich Du dein Urtheil über uns, Treſſilian!“ Treſſilian, ſo aufgefordert, muſterte Beide, und bemerkte auf den erſten Blick, daß Blount, dem Rathe des Schneiders zufolge, reichlich mit Spitzen und Bän⸗ dern geſchmückt, ſich in ſeinem Putze gezwungen bewegte, wie ein Bauer in ſeinem Sonntagsſtaate, während Ra⸗ leigh's höchſt geſchmackvoller Anzug ſeine ſchöne Geſtalt in noch vortheilhafterem Lichte zeigte. Er ſagte daher, daß Blount's Kleidung die prächtigſte, Raleigh's dage⸗ gen die geſchmackvollſte ſey, Blount war mit dieſer Entſcheidung zufrieden. „Hätte mir der Lappenkönig,“ ſagte er,„ſolch ein ein⸗ faches Wamms gebracht, als Raleigh dort, ich hätte ihm den Schädel mit ſeinem Bügeleiſen eingeſchlagen. Wol⸗ len wir einmal Narren ſeyn, ſo müſſen wir es auch recht ſeyn.“ „Aber warum legſt Du denn nicht deinen Staat an, Treſſilian?“ fragte Raleigh. „Ich bin durch ein Mißverſtändniß aus meinem Zimmer verdrängt worden,“ erwiederte Treſſilian,„und für den Augenblick von meinen Sachen getrennt. Ich war eben in Begriff, Dich aufzuſuchen, und Dich zu bit⸗ ten, dein Zimmer mit mir theilen zu wollen.“ „Du biſt willkommen!“ ſagte Raleigh;„es iſt ein treſfliches Gemach; Mylord von Leiceſter hat uns fürſtlich logirt. Findet ſeine Höflichkeit auch wider Wil⸗ len ſtatt, wird ſie doch weit ausgedehnt.— Du ſollteſt Dich über deinen Unfall bei dem Kämmerer des Grafen beſchweren, ſchnell würde er bemüht ſeyn, deiner Noth abzuhelfen.“. „Es iſt nicht der Mühe werth,“ ſagte Treſſilian, — 45— „zumal, da Du Raum für mich haſt,— ungern nur möchte ich Umſtände verurſachen.— Iſt aber ſonſt noch jemand mit Euch zurück gekommen?“ „Freilich,“ erwiederte Blount,„Varney und ein ganzer Haufen Leiceſterianer, und auch eine Schaar von unſers ehrlichen Suſſer Leuten.— Wir ſollen Alle die Königin drüben beim Galleriethurme empfangen, und einigen Narrenspoſſen beiwohnen; dann aber zur Auf⸗ wartung Ihrer Majeſtät in der großen Halle bereit ſeyn, während ihr Gefolge die Reiſekleider ablegt.— Gott mag mir beiſtehen, wean die Königin mich anreden ſollte; weiß ich doch nicht, was ich ihr antworten würde.“ „Und was hat ſie ſo lange in Warwick aufgehal⸗ ten,“ fragte Treſſilian, beſorgt, die Unterredung möchte ſich wieder auf ſeine eigenen Angelegenheiten lenken. „Ein Zuſammenfluß von Narrheiten,“ erwiederte Blount;„da gab's Redner und Schauſpieler, Hunde und Bären, Menſchen in Affen⸗ und Affen in Men⸗ ſchengeſtalt,— mich wundert's, daß die Königin dabei aushalten konnte. Aber immer und ewig hieß es:„Ew. Königl. Majeſtät Sonn⸗umſtrahltes Antlitz“ und was dergleichen Schnack mehr war; und da bewährte ſich denn ſo recht der Spruch: Eitelkeit macht auch den Weiſeſten zum Narren.— Jetzt aber müſſen wir machen, daß wir zum Galleriethurm kommen, obgleich ich eigentlich nicht weiß, was Du, Treſſtlian, dort in deinem Reitkleide für eine Figur ſpielen wirſt.“ „Ich werde mich hinter Dich ſtellen,“ ſagte Treſſi⸗ lian, welcher gewahrte, daß der ungewöhnliche Putz gro⸗ ßen Einfluß auf die Einbildungskraft ſeines Freundes gehabt hatte;„dein Glanz und dein prächtiger Anzug werden das Nachläſſige des meinigen bedecken.“ 4 — 46— „Thue das,“ erwiederte Blount,„ſieh', mich freut's, daß mein Anzug deinen Beifall hat, ſſchon hier des klugen Herrn Witzbold wegen; will man, wie ge⸗ ſagt, eine Narrheit begehen, muß es wenigſtens auf hübſche Weiſe geſchehen.“ So ſprechend, ſetzte Blount ſeinen Hut zurecht, warf ſeine Schenkel vorwärts, und ſchritt voran, als marſchire er an der Spitze ſeiner Brigade, wobei er gar oft ſelbſtgefällige Blicke auf ſeine carmoiſinrothen Strüm⸗ pfe und auf die gelben Schleifen auf ſeinen Schuhen richtete. Treſſilian folgte, in tiefe Gedanken verſunken, Raleigh's Gegenwart kaum bemerkend, deſſen lebhafte, durch das lächerliche Aeußere ihres ehrbaren Anführers beſchäftigte Phantaſie ſich in Scherzreden ergoß, die er Treſſilian in's Ohr flüſterte. So ſchritten ſie über die lange Brücke, und nah⸗ men mit andern Cavalieren ihren Platz vor der äußern Pforte des Galleriethurms. Sie waren jetzt ungefähr ihrer vierzig, ſämmtlich vom erſten Range der Ritter⸗ ſchaft, welche ſich, wie eine Ehrenwache, in doppelten Reihen an jeder Seite der Pforte aufſtellten, innerhalb einer dichten Hecke von Piken und Partiſanen, welche Leiceſters Diener, in ſeiner Livree gekleidet, bildeten. Die Cavaliere führten keine Waffen, außer Schwerdt und Dolch; ſie waren ſo glänzend gekleidet, wie es die Phantaſie nur hatte erfinden können; und da der Ge⸗ ſchmack jener Zeit große Pracht zuließ, ja ſie zur Be⸗ dingung machte, ſah man nichts, als reiche, mit Gold und Silber geſtickte Sammtgewänder, Bänder, Federn, Edelſteine und goldene Ketten.— Trotz des innern Kum⸗ mers, welcher ſeine ganze Seele beſchäftigte, fühlte Treſſilian doch, daß er in ſeinem zwar hübſchen, aber 8 * — 47— ſehr einfachen Reitanzuge eine traurige Figur unter den ihn umgebenden glänzenden Geſtalten ſpiele, zumal, da er bemerkte, daß ſelbſt ſeine Freunde ihn mit verwun⸗ derungsvollen, Leiceſters Anhänger aber mit verächtlichen licken betrachteten. Wir konnten dieſe Thatſache nicht unterdrücken, ob⸗ gleich ſie mit Treſſilians ernſtem Charakter einigermaßen in Widerſpruch zu ſtehen ſcheint; die Wahrheit aber iſt, daß die Ruͤckſicht auf unſere äußere Perſönlichkeit eine Eigenliebe iſt, von der ſelbſt die Weiſeſten nicht frei ſind, und zu der ſich der Geiſt ſo inſtinctmäßig neigt, daß nicht nur der Soldat, welcher dem unvermeidbaren Tode entgegen zieht, ſondern ſelbſt der Miſſethäter, der zum Schaffot geführt wird, noch mit ängſtlicher Sorge ſeinen äußern Menſchen zu ſchmücken bemüht iſt.— Jetzt aber, nach dieſer Abſchweifung, wieder zu unſerer Geſchichte. 3 Es war in der, einer Sommernacht vorangehenden Dämmerung, am gten July 1575, die Sonne war ſchon untergegangen, als alles voll geſpannter Erwartung der Ankunft der Königin entgegen ſah. Das Volk hatte ſich ſchon ſeit Stunden verſammelt, und die Menge ver⸗ mehrte ſich faſt mit jedem Augenblicke. Verſchwenderi⸗ ſche Vorräthe von gebratenem Ochſenfleiſch, und Ale in ungeheuren Quantitäten, überall auf dem Wege aufge⸗ ſtellt, und ausgetheilt, hatten dazu beigetragen, bei dem gemeinen Manne die Liebe für die Königin und ihren Günſtling lebendig zu erhalten, welche, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, von ihrer Heftigkeit verloren haben würde, wäre Faſten mit dem Warten verbunden gewe⸗ ſen. Von der großmüthigen Spende aber in fröhlicher Stimmung erhalten, vertrieb man ſich jetzt die Zeit mit Jubeln, Schreien und gegenſeitigem Genecke, wie ſol⸗ ches bei dergleichen Gelegenheiten ſtatt findet. Laut wogte es ſo über Feld und Flur, vor allem aber vor der bei dem Eingange der breiten Allee befindlichen Pforte, wo ſich das Volk am meiſten zuſammengedrängt hatte, bis plötzlich eine einzelne, in die blaue Sommerluft hin⸗ auf geſandte Rakete alle Blicke aufwärts zog, und der Schall der großen Schloßglocke fernhin über die Ge⸗ gend ertönte. Auf einen Augenblick trat jetzt eine Todtenſtille ein, der aber ſchnell das Erwartungsgemurmel von vie⸗ len Tauſenden folgte. „Jetzt kommen ſie gewiß,“ ſagte Raleigh zu Treſ⸗ ſtlian,„das leiſe Geflüſter des Volks verbürgt es uns. Selbſt hier hören wir's fernher rauſchen, gleich wie der Seemann auf der Nachtwache, nach langer Reiſe, die Welle ſich brechen hört am erſehnten Ufer.“ „Oder wie mein Pächter das Rindvieh in der Ferne brüllen hört, wenn es von der Weids kommt,“ ſagte Blount. „Gleich wird er zu graſen anfangen,“ flüſterte Raleigh Treſſilian zu;„ſeine Seele iſt ewig nur mit fetten Ochſen und fruchtbaren Wieſen beſchäftigt.— Aber auch Du, Treſſilian, haſt das Weſen einer Eule angenommen, und ganz deinen Frohfinn abgelegt.“ „Und welchem Thiere gleichſt denn Du ſelbſt, Du bilderreicher Raleigh?“ fragte Treſſilian. „Wer, ich?“ entgegnete Raleigh;„ich bin ein Adler, der nimmer der Erde gedenkt, ſo lange es noch einen Himmel giebt, ſich hihau zu ſchwin agen, und eine Sonne, hinein zu blicken.“ 1 „Sühin geprahlt,“ ſagte Blount;„ aber ſich nur 1 in - 49— in Acht genommen vor dem Käfig und dem Vogelſtel⸗ ler, Herr Adler! Habe ich doch ſchon manchen Vogel hoch in der Luft fliegen und doch nachher ausgeſtopft, oder aufgehängt geſehen.— Aber horch! welche Todten⸗ ſtille auf einmal!“ „Der Zug hält vor der Pforte an, wo eine Sobille der Königin wahrſagt,“ entgegnete Naleigh.„Ich habe die Verſe geleſen, weder Saft noch Kraft war darin, und die Königin iſt mit ſolchen poetiſchen Complimenten ſchon überſchüttet worden. Als ſie drunten bei Fort⸗ Mill, wo ſie die Gränzen von Warwick betrat, von ei⸗ nem Redner begrüßt wurde, flüſterte ſie mir eine ſatyri⸗ ſche Bemerkung ins Ohr.“ „Die Majeſtät flüſterte ihm ins Ohr!“ ſagte Blount gewiſſermaßen zu ſich ſelbſt;„großer Gott, was man nicht alles in der Welt erlebt!“ Seine Betrachtungen wurden durch ein Jubelgeſchrei der Menge unterbrochen, welches plötzlich, und ſo laut ausbrach, daß die Gegend meilenweit umher davon wie⸗ derhallte. Die Garden, in der Allee aufgeſtellt, durch welche jetzt die Königin kommen mußte, fingen den Ju⸗ belruf auf, der nun, wie ein Lauf⸗Feuer, die Reihen hinab, bis zum Schloſſe ertönte, jauchzend verkündend, daß die Monarchin ſo eben in den königlichen Park von Kenilworth eingezogen ſey. Alle Muſikchöre im Schloſſe ſtimmten auf einmal an, und eine Artilleriefalve, mit kleinem Gewehrfeuer gemiſcht, donnerte von den Zin⸗ nen, wurde aber von dem immer mehr und mehr ſteigen⸗ den Jubelrufe der Menge faſt übertönt.. Als der Tumult etwas nachzulaſſen begann, ward ein Lichtſchimmer von der Pforte am Eingange her ſicht⸗ bar, welcher immer breiter und breiter ward, ſo wie 3 Kenilworth. 3ter Bd. D — 50— er durch die Allee, welche zum Gallerie⸗Thurm führte, näher und näher kam.„Sie kommt, ſie kommt, auf⸗ gepaßt, feſt geſtanden!“ ſo lief es durch die Reihen der hier an beiden Seiten aufgeſtellten Diener des Grafen von Leiceſter.— Und heran kam der Zug von zweihun⸗ dert helllodernden Wachsfackeln,(in den Händen einer gleichen Zahl reitender Fackelträger erleuchtet) welche eine Tageshelle über die ganze Proceſſion, vor Allem, aber über die Centralgruppe verbreiteten, von welcher die Königin, im höchſten Glanze gekleidet, und von 4 Juwelen ſtrahlend, als Hauptfigur erſchien. Sie ritt auf einem milchweißen Roſſe, welches ſie mit ungemei⸗ ner Grazie und Geſchicklichkeit regierte. Die Hofdamen, welche neben der Monarchin ritten, hatten Sorge getragen, nicht glänzender zu erſcheinen, b als es ihrem Range zuſtand, damit die königliche Sonne auf keine Weiſe verdunkelt würde. Aber ihre natürli⸗ chen Reize, von der Pracht gehoben, welche ſie bei al⸗ ler Beſcheidenheit, der Feier des Tages gemäß, anzule⸗ gen genöthiget waren, ließen in ihnen die herrlichſte Blüthe eines Hofes erblicken, gleich berühmt wegen ſeines Glanzes, als wegen ſeiner Schönheiten. Die Pracht der Hofcavaliere aber, nicht durch jene Rückſich⸗ ten beſchränkt, ſtrahlte in vollſter, ungebundendſter Herrlichkeit. 3 1 Leiceſter, ganz mit Gold und Juwelen bedeckt, ritt zu Eliſabeths rechter Hand, ſowol in der Eigenſchaft als Wirth vom Hauſe,) als in der ihres Stallmeiſters. Sein rabenſchwarzer Hengſt hatte kein weißes Härchen am ganzen Körper, und war, als eins der trefflichſten Pferde in Europa, von dem Grafen für eine ungeheure Summe zu dieſem königlichen Feſte erkauft. Als da — 51— edle Roß, erzürnt über den langſamen Schritt der Pro⸗ zeſſion, ſeinen ſtattlichen Hals bog, und auf das ſilberne Geſchirr biß, welches ſeinen Eifer hemmte, flog der Schaum ihm aus dem Munde, ſeine ſchöngeformten ſchwarzen Glieder wie mit Schneeflocken bedeckend. Sei⸗ nem Reuter gebührte vollkommen der hohe Platz, den er einnahm, und ein ſolches Pferd, wie das, welches ihn jetzt trug; denn kein Mann in England, ja vielleicht in Europa, verſtand ſich auf alles, was zur Kunſt eines Stallmeiſters gehörte, beſſer, als der edle Dudley.— Sein Kopf war unbedeckt, gleich denen der übrigen Hof⸗ Cavaliere, und das rothe Licht der Wachsfackeln beleuch⸗ tete herrlich ſeine dunkeln Locken, und ſeine einnehmen⸗ den Geſichtszüge, an deren Schönheit ſelbſt die ſtrengſte Kritik. höchſtens die etwas zu hohe Stirn hätte tadeln können. An dieſem ſtolzen Abend trug dieſes Antlitz das Gepräge der Dankbarkeit eines Unterthans, welcher ſich bemüht, zu beweiſen, daß er die Huld erkennt, die ſeine Monarchin ihm bezeigt, ſo wie den Ausdruck von Stolz und Freude, welche einem ſo glorreichen Augen⸗ blicke gebührten. Obgleich indeß weder Augen noch Ge⸗ ſichtszüge andere Gefühle, als ſolche verriethen, welche dem heutigen Tage angemeſſen waren, wollten doch ei⸗ nige Cavaliere von der unmittelbaren Begleitung des Grafen bemerken, daß er bleicher ausſähe, als gewöhn⸗ lich; welches ſie den vielen, für ſeine Geſundheit viel⸗ leicht allzu ſtarken Anſtrengungen, rückſichtlich dieſer Feſte, zuſchrieben. Varney ritt dicht hinter ſeinem Herrn, als der Erſte in ſeinem Dienſte, und bewahrte das ſchwarz ſammtene, mit diamantenerz Agraffe; und hoher weißer Feder ver⸗ ſehene Barett ſeines Gebieters. Seine Augen weilten O* — 52— raſtlos auf ſeinem Herrn; denn er hatte, aus dem Le⸗ ſer wohl bekannten Urſachen, mehr als irgend ein Ande⸗ rer aus Leiceſters zahlreicher Bedienung, Grund, beſorgt zu ſeyn, daß die Kraft und Geiſtesgegenwart den Grafen an dieſem wichtigen Tage nicht verlaſſen möchte. Ob⸗ gleich Varney einer jener ſeltenen— gottlob ſehr ſelte⸗ nen, moraliſchen Ungeheuer war, welche ſich darauf ver⸗ ſtehen, ihr eigenes Gewiſſen in den Schlaf zu lullen, und ſich durch Atheismus in eine ſolche moraliſche Ge⸗ fühlloſigkeit verſenken, gleich wie Menſchen bei großen Schmerzen durch Opium in bewußtloſen Zuſtand gebracht werden, wußte er doch, daß in der Bruſt ſeines Her⸗ ren noch das Feuer flammte, welches nie verliſcht, und daß der Graf, in der Mitte aller der Pracht und Herr⸗ lichkeit, welche wir beſchrieben haben, den Wurm nagen fühlte, der nimmer ſtirbt. Ueberzeugt indeß, wie es der Graf, zufolge Varney's Bericht war, daß ſeine Gemahlin an einem Unwohlſeyn leide, welches als eine gültige Entſchuldigung für ihr Nichterſcheinen bei der Königin gelten konnte, war, wie der Böſewicht berech⸗ nete, nur wenig Gefahr vorhanden,(daß ſein ehrgeizi⸗ ger Gebieter den innern Zuſtand ſeiner Seele durch ir⸗ gend eine äußere Schwäche verrathen würde.— Der Zug überhaupt, Männer und Frauen, zur unmittelbaren Umgebung der Monarchin beſtimmt, be⸗ ſtand begreiflicher Weiſe aus Allem, was der Hof am trefflichſten im Gebiete der Tapferkeit und der Schön⸗ heit aufzuweiſen hatte,— aus den edelſten und weiſeſten Männern jener glorreichen Regierung, deren Namen zu wiederholen nur den Leſer ermüden würde. An ihn ſchloß ſich eine große Menge von Rittern und Edelleuten, deren Rang und Geburt, obgleich wugegeichnet, den⸗ — 55— noch durch den Glanz eines Zuges in Schatten geſtellt wurden, an deſſen Spitze, einer Sonne gleich, Eliſa⸗ beth ſtrahlte. So näherte ſich nun die Cavalcade dem oft erwähn⸗ ten Gallerie⸗Thurme.— Jetzt war die Reihe, vorzutre⸗ ten, an dem ungeheuren Thorwächter; aber der Coloß war dergeſtalt verwirrt— denn durch den Inhalt eines gewaltigen Alekrugs, den er, um ſein Gedächtniß zu ſtärken, hinunter gegoſſen hatte, war das Gehirn, dem das Getränk zu Hülfe kommen ſollte, nur noch verſtör⸗ ter geworden— daß er nur kläglich vor ſich hin brummte und auf ſeiner ſteinernen Bank ſitzen blieb. Die Köni⸗ gin wäre demnach ohne Begrüßung vorüber geritten, hätte nicht Dickie Springkobold, der geheime Verbün⸗ dete des Rieſen, welcher der Abrede gemäß unter deſſen Mantel ſieckte, die früher beſchriebene ſammtene Hüften⸗ Bedeckung des Wächters mit einer tüchtigen Nadel durch⸗ bohrt. 3 Der Coloß ſtieß einen dumpfen Schrei aus, ſprang auf, die Keule in der Hand, und ſchüttelte ſich einige mal; dann aber, von Dickies Nadel angetrieben, wie ein Gaul von den Sporen ſeines Reuters, fiel er plötz⸗ lich in den vollen Lauf ſeiner Rede, welche er, von ſei⸗ nem zwerghaften Einbläſer unterſtützt, mit rieſenhaftem Pomp herſprach, und deren Inhalt wir hier in der Kürze mittheilen wollen.— Unſere Lefer wollen bemer⸗ ken, daß der Anfang an die herandrängende Menge, der Schluß aber an die Königin gerichtet war, in welcher der Redner eine himmliſche Erſcheinung zu ſehen glaubt, ver der er Keule und Schlüſſel kniend niederlegt. „Welch ein Lermen, welch ein Treiben, Glaubt Ihr, ich ſey umſonſt hergeſtellt? — 5———— Wollt Ihr zurück, wollt' draußen bleiben, Falls Ench der Keule Schlag nicht gefällt. Doch wie!— welch' göttliche Erſcheinung zeigt Sich meinen Blicken! Himmel, welch ein Glanz! Schön, wie die Sonne, wenn ſie aufwärts ſteigt, Sanft, wie der Mond des Nachts im Sternenkranz.— Mein Amt iſt aus, ich leg' die Schlüſſel nieder, Die Keule auch, und beuge meine Knie. Ertöne Freude, ſchallet Jubellieder! Solch' hohe Wonne ſah' dieß Schloß noch nie.“ Eliſabeth nahm die Ehrfurchtsbezeugung des hereu⸗ liſchen Wächters huldreich auf, neigte ihr Haupt gegen ihn, und ritt durch den Thurm, von deſſen Höhe herab eine kriegeriſche Muſik erſcholl, welche von andern, an verſchiedenen Orten, ſowohl auf der Mauer als im Park, aufgeſtellten Muſikchören beantwortet wurde, von denen einer immer die in der Luft fortzitternden Töne des an⸗ dern auffaßte, und zu einer Harmonie mit ſeinen ei⸗ genen Melodien verband. Unter ſolchen Zaubertönen, welche bald fern, bald nah, bald laut, bald leiſe, bald im Zuſammenklange, bald in einzelnen Abtheilungen ſinnerfreuend Eliſabeth's Ohr erreichten, zog die Monarchin durch den Gallerie⸗ Thurm, und erreichte die Brücke, welche von dieſem zu dem Mortinſers⸗Thurm führte, auf der zahlreiche, zu beiden Seiten an den Palliſaden befeſtigte, hellleuch⸗ tende Wachsfackeln eine Tageshelle verbreiteten. Viele der Hofcavaliere ſaßen hier ab, und ſandten durch ihre Diener ihre Pferde auf das nächſte Dorf, indem ſie ge⸗ meinſchaftlich mit den Cavalieren, welche vor dem Gal⸗ lerie⸗Thurme zu Eliſabeths Empfang bereit geſtanden hatten, dem Zuge der Käönigin zu Fußhi folgten. — 55— Bei dieſer Gelegenheit, ſo wie bei noch mehreren anderen an dieſem Abend, wandte ſich Raleigh mit ſei⸗ nen Bemerkungen an Treſſilian, und ward von den ſelt⸗ ſamen ungenügenden Antworten, welche er empfing, ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt, daß, zumal wenn er gedachte, wie Treſſilian ſein Zimmer auf ſo unerklärbare Weiſe verlaſſen habe, und ſich in einem Augenblicke völlig un⸗ geputzt zeige, wo ſolche Nachläſſigkeit als eine Beleidi⸗ gung der Königin angeſehen ward, bei ihm der Gedanke rege ward, ob nicht ſein Freund an einer momentanen Geiſteszerrüttung leide. Unterdeſſen hatte das Roß der Königin kaum die Brücke betreten, als ſich ein neues Schauſpiel ihren Augen darbot. Sobald die Muſik das Zeichen gab, daß ſie ſo weit vorgerückt fey, erſchien auf dem See ein Floß, einer kleinen ſchwimmenden Inſel gleichend, hell von zahlreichen in mannichfachen Farben lodernden Wachs⸗ fackeln erleuchtet, und von ſchwimmenden Figuren in Ge⸗ ſtalt von Seepferden umringt, auf denen man Tritonen, Nereiden und andere fabelhafte Meer⸗ und Flußgötter erblickte. Auf der Inſel gewahrte man ein ſchönes weibliches Weſen, in einem lichtblauen ſeidenen Gewande, das von einem breiten, mit Charakteren bezeichneten Gürtel zuſam⸗ men gehalten wurde. Füße und Arme waren unbedeckt, doch die Knöchel und Handgelenke mit breiten goldenen Ringen von ungewöhnkicher Größe geſchmückt. Durch ihr langes, ſchwarzes, ſeidenes Haar war ein Kranz gewun⸗ den, und in ihrer Hand hielt ſie einen Stab von Ebenholz mit ſilbernen Punkten. Zwei Nymphen bedienten ſie, eben ſo myſtiſch und antik gekleidet, als ihre Gebieterin⸗ — 56— Das Ganze ward ſo gut geleitet, daß die Lady auf der ſchwimmenden Inſel, nachdem ſie ihre Reiſe glücklich voll. endet hatte, mit ihren zwei Begleiterinnen grade in dem Augenblicke bei dem Mortimers⸗Thurme landete, als Eli⸗ ſabeth ſelbſt vor demſelben anlangte. Die Fremde kündigte ſich jetzt der Monarchin in einer wohlgeſetzten Rede, als jene berühmte, aus König Arthurs Geſchichte bekannte Seefrau an.— Seit jener Zeit, ſprach ſie, ſey ſie in ihrem kryſtallenen Gebiete geblieben, obgleich Kenilworth in berühmten mächtigen Händen geweſen ſey. Weder die Sachſen, Dänen, noch Normannen, weder die Clintons, Mountforts, Mortimers, noch die Plantagenet's, obgleich groß an Macht und Ruhm, hätten ſie bewegen können, ihren Silberpallaſt zu verlaſſen. Aber ein größerer, als alle dieſe großen Namen, ſey jetzt erſchienen, und ſie käme nun, der unvergleichbaren Eliſabeth in Demuth und Pflicht zu huldigen, und ihr darzubringen, was Schloß und Ge⸗ biet, was See und Land aufzuhieten im Stande wären. Die Königin nahm dieſe Rede ebenfalls mit vieler Huld auf, und erwiederte ſcherzend:„Wir haben geglaubt, ſchöne Frau! dieſer See mache einen Theil unſerer eigenen Beſitzungen aus; da ihn aber jetzt eine ſo berühmte Frau reclamirt, ſo wird es uns angenehm ſeyn, uns mit Euch über unſer g gemeinſchaft! iches Intereſſe zu einer andern Zeit zu beſprechen.“ 3 Nach dieſer gnädigen Antwort verſchwand die S Seefrau, und Arion, welcher ſich unter der Schaar der Meergötter befand, erſchien auf ſeinem Delphin. Aber Lambourne, welcher in Waylands Ahweſenheit dieſe Rolle übernommen 4 hatte, befand ſich auf dem ihm feindlichen Elemente in keiner angenehmen Stimmung; es war ihm unmöglich, ſeine Rede zu behalten, zumal, da ihm nicht, wie dem. — 57— rieſigen Thorwächter, ein Einbläſer zur Seite ſtand, und als er herangeſchwommen war, riß er daher mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Unverſchämtheit die Larve vom Geſicht, ſchwö⸗ rend, daß er weder Arion noch Orion, ſondern der ehr⸗ liche Michael Lambourne ſey, welcher von früh Morgens bis ſpät Abends, auf's Wohl Ihrer Majeſtät und auf ihre glückliche Ankunft in Kenilworth getrunken habe, Dieſer unvorbereitete lächerliche Auftritt erfüllte den Zweck beſſer, als Arions ernſte Rede gethan haben würde. Die Königin lachte herzlich, und betheuerte, daß ſeine Rede die beſte ſey, die ſie heute gehört habe. Lam⸗ bourne, bemerkend, daß ſein Scherz nicht übel aufgenom⸗ men war, ſprang ſchnell ans Ufer, und gab ſeinem Delphin einen derben Stoß, ſchwörend, er wolle nim⸗ mer wieder etwas mit Fiſchen zu thun haben, außer beim Mittagseſſen. Während die Königin in das Schloß einzog, ſtieg jenes prachtvolle Feuerwerk, ſowohl vom See als vom Lande, in die Sommerluft hinauf, welches der früher bei dem Leſer eingeführte Herr Laneham mit aller Beredſam⸗ keit, die ihm verliehen worden war, zu beſchreiben be⸗ müht geweſen iſt. „Von den flammenden Strahlen, ſo berichtet jener Aufſeher an der Thür des Geheimen⸗Rath⸗Saals,„dem Glanze der ſich in tauſendfachen Farben in der Luft he⸗ wegenden Sterne, den Feuerſtrömen, welche hin und her ſchoſſen, den zahlloſen Leuchtkugeln, dem Lauffeuer der Raketen und dem Donnergekrache der Kanonenſchläge hallte der bis zur Tageshelle beleuchtete Nachthimmel wieder, der See ſchäumte, die Erde erbebte, und, ob⸗ gleich es mir an Muth nicht gebrach, begann ich doch, mich zu fürchten.“ 6. E⸗ iſt keinesweges unſere Abſicht, alle fürſtlichen Feſte, welche zu Kenilworth ſtatt hatten, mit der Ausführlich⸗ keit des Herrn Robert Laneham, deſſen wir am Schluſſe des letzten Capitels erwähnten, zu beſchreiben. Es ge⸗ nüge, zu berichten, daß die Königin unter jenem glän⸗ zenden Feuerwerke, welches zu ſchildern wir die Bered⸗ ſamkeit des Herrn Laneham erborgten, durch den Mor⸗ timers⸗Thurm in den äußern Schloßhof von Kenilworth einzog, zwiſchen Reihen von heidniſchen Göttern und Göttinnen aller Art, welche Gaben und Glückwünſche darreichten, ihren Weg fortſetzte, und endlich in die große Schloßhalle gelangte, welche, ihr zu Ehren, mit köſtlichen ſeidenen Tapeten behängt, von zahlreichen Wachsfackeln erleuchtet, mit Wohlgerüchen angefüllt, und durch den Ton ſanft⸗lieblich tönender Inſtrumente zu einem Feenpalaſte umgeſchaffen worden war. Am obern Ende dieſes Saales befand ſich ein Thronhimmel, welcher den königlichen Sitz überſchattete, und zur Seite eine Thür, die in eine lange Reihe von koſtbar geſchmückten Gemächern führte, beſtimmt, die Monarchin und ihre Damen aufzunehmen, ſobald ſie allein zu ſeyn wünſch⸗ ten. Als der Graf von Leiceſter die Königin zu dem Throne geführt, und ſie dort Platz genommen hatte, knieete er vor ihr nieder, küßte die Hand, welche ſie ihm entgegen hielt, mit einem Ausdruck von romantiſcher, ritterlicher Galanterie und achtungsvoller Ehrfurcht, in⸗ dem er mit den innigſten Worten das Gefühl ſeiner Dankbarkeit für dieſen Beweis höchſter Huld ausſprach. 1 ——— d So hinreißend war ſein Anblick, als er vor ihr knieete, daß Eliſabeth einen Augenblick lang in Verſuchung ſtand, dieſe Scene mehr zu verlängern, als es die Nothwen⸗ digkeit zu erfordern ſchien; bevor ſie ihn aufhob, ſtrich ſie mit der Hand ſo nahe über ſeine ſchwarzen köſtlich duftenden Locken, daß es den Anſchein gewann, ſie hätte, wenn es der Anſtand erlaubt haben würde, dieſe ver⸗ trauliche Bewegung gern zu einer leichten Liebkoſung werden laſſen. Endlich hob ſie ihn auf; und als er nun neben dem Throne ſtand, legte er ihr den Bericht aller Anſtal⸗ ten vor, welche zu ihrer Unterhaltung und Bequemlich⸗ keit getroffen waren; Einrichtungen, denen ſie ſämmtlich ihren Beifall ſchenkte. Der Graf bat darauf, daß es ihm und denjenigen, welche die Ehre gehabt hätten, ſich den Tag über um die Majeſtät zu befinden, erlaubt ſeyn möchte, ſich auf einige Augenblicke zu entfernen, um in einer der Feier des heutigen Abends mehr ange⸗ meſſenen Tracht vor der Monarchin wieder erſcheinen zu können, während welcher Zeit jene Cavaliere, wie Var⸗ ney, Blount, Treſſilian und andere, welche ſich bereits umgekleidet hatten, die Ehre haben würden, die Befehle der Majeſtät entgegen zu nehmen. „Sey es ſo, Mylord!“ ſagte die Königin,„Eure Bühne iſt in der That trefflich verſorgt, weil Ihr alle Rollen doppelt beſetzen könnt. Wir aber werden heute Abend Eure Huldigungen nur auf ländiſche Weiſe em⸗ pfangen, denn wir ſind nicht geſonnen, uns umzukleiden, weil uns doch in der That eine Reiſe etwas ermüdete, welche das Zuſammenſtrömen unſers Volks zu einer lang⸗ ſamen machte, obgleich ſie durch die Beweiſe von Liebe, welche wir empfingen, zu einer ſehr angenehmen wurde.“ ——— —-— 60— Leiceſter zog ſich, als er dieſe Erlaubniß erhalten hatte, mit den Cavalieren zurück, welche als unmittel⸗ bare Begleiter der Königin mit ihr in Kenilworth ange⸗ langt waren. Jene aber, welche früher zurückkehrten, blieben zur Bedienung der Monarchin; von geringerem Range, als die, deren Stelle ſie vertraten, hielten ſie ſich aber von dem Thronſitze Elifabeths in ehrfurchtsvol⸗ ler Entfernung. Der Königin ſcharfes Auge bemerkte indeß bald unter ihnen Raleigh und einige andere ihr von Perſon bekannte Cavaliere; und als dieſe ſich auf einen Wink von ihr genahet hatten, redete ſie ſie huld⸗ reich an. Raleigh vorzüglich, welcher ihr von jenem Abentheuer mit dem Mantel, ſo wie von dem der Verſe her, gar wohl bekannt war, ward mit Auszeichnung be⸗ handelt, und von ihr nach dem Namen und dem Range der übrigen gegenwärtigen Perſonen befragt. Er gab hierauf in der Kürze die verlangte Auskunft, nicht ohne ſeiner Rede hie und da einen Anflug von Satyre zu gehen, welches Eliſabeth ſehr zu unterhalten ſchien. „Und wer iſt jener prunkloſe Geſell dort?“ fragte ſie, auf Treſſilian zeigend, welcher in ſeinem einfachen Reit⸗ kleide ſeltſam gegen die übrige Pracht abſtach. „Ein Poet, zu Ew. Majeſtät Befehl!“ erwiederte Raleigh. „Das hätte ich aus ſeinem nachläſſigen Aufzuge ſchließen können,“ fuhr Eliſabeth fort;„habe ich doch Poeten gekannt, welche ſo wenig Herr ihrer Sinne wa⸗ ren, daß ſie ihren eigenen Mantel auf den ſchmutzigen Boden warfen.“ „Dann hatte unfehlhar die Sonne ihre Augen wie ihren Geiſt geblendet,“ entgegnete Raleigh. Eliſabeth lächelte, und fuhr fort:„Ich fragte nach — 61— dem Namen jenes nachläſſig gekleideten Cavaliers, und Ihr gabt mir nur Bericht über ſeinen Stand.“ „Er heißt Treſſilian,“ antwortete Raleigh zögernd, denn er ſah aus der Art und Weiſe, wie die Königin nach ihm fragte, wenig Heil für ſeinen Freund voraus. „Treſſilian!“ ſagte Eliſabeth;„ ja, ja, ganz recht, der Menelaus jenes Romans; ſolche nachläſſige Kleidung könnte ſeiner ſchönen treuloſen Helena zur Entſchuldi⸗ gung dienen.— Wo aber iſt Farnham, oder— wie er ſonſt heißt, Mylord von Leiceſters Stallmeiſter;— den Paris meine ich, aus jener Devonſhirſchen Erzäh⸗ lung.“ Mit noch größerem Widerwillen zeigte und nannte Raleigh jetzt der Monarchin den geputzten Varney, für den der Schneider alles gethan hatte, was in der Macht ſeiner Kunſt ſtand, und der, wenn auch keine Grazie in ſeinem Benehmen lag, doch einen gewiſſen Tact beſaß, durch welchen jene einigermaßen erfetzt wurde. Die Kö⸗ nigin richtete ihre Blicke bald auf dieſen, bald auf je⸗ nen.—„Ich glaube in der That,“ ſprach ſie dann, „der poetiſche Herr Treſſilian dort, welcher ohne Zwei⸗ fel zu gelehrt war, um daran zu denken, vor wem er heute zu erſcheinen hatte, beweiſt den Satz, den ich mich einſt gehört zu haben erinnere, daß kluge Gelehrte nicht immer kluge Menſchen ſind.— Der Varney iſt, wie uns bedünkt, ein geſchwätziger Schelm; ich fürchte, die ſchöne Entlaufene mag ſo großes Unrecht nicht gehabt haben, ihre Treue zu brechen.“ Raleigh wagte nicht, hierauf etwas zu erwiedern, theils, weil er nur wenig Hoffnung hatte, Treſſilian zu nutzen, wenn er der Königin in dieſem Augenblicke wi⸗ derſpräche, theils, weil er befürchtete, es könne ihr viel⸗ — leicht einfallen, durch ihre Autoritäͤt, dieſer Sache, mit deren Erfolg die Seele ſeines Freundes noch immer un⸗ wandelbar beſchäftigt ſchien, ein Ende zu machen. Wäh⸗ rend ſolche Betrachtungen ſein thätiges Gehirn durch⸗ kreuzten, ward die Thür am untern Ende des Saales wieder geöffnet, und Leiceſter, von mehreren ſeiner Ver⸗ wandten und von den zu ſeiner Parthei gehörenden Hof⸗ Cavalieren gefolgt, trat wieder in die Schloßhalle. Der Günſtling war jetzt ganz in weiß gekleidet; ſeine Schuhe waren von weißem Sammt, von weißer geſtick⸗ ter Seide die Strümfe, und ſeine weiß⸗ſammtenen Bein⸗ kleider mit Silber aufgeſchlitzt. Den oberen Theil ſeines Körpers bedeckte ein Wamms von weißem Sammt, reich mit Silber und Perlen geſtickt, welches durch einen Gür⸗ tel von demſelben koſtbaren Zeuge zuſammen gehalten wurde, an dem überall goldene Spangen prangten. Schwerdt und Dolch waren mit Gold ausgelegt, und ſein weiter Mantel aus weißem Atlas, rund herum mit einer breiten goldenen Stickerei geſchmückt. Die Kette vom Orden des Hoſenbandes und das azurblaue Band deſſel⸗ ben um das Knie, vollendete des Grafen prachtvollen Anzug; welcher durch ſeine herrliche Geſtalt, einnehmen⸗ den Geſichtszüge, und durch ſein edles Weſen dergeſtalt gehoben wurde, daß alle Anweſenden in dieſem Augen⸗ blicke darin übereinſtimmen mußten, nie einen ſchöneren Mann geſehen zu haben. Suſſex und alle übrigen Hof⸗ Cavaliere waren ebenfalls reich gekleidet, aber Leiceſters Pracht und Liebenswürdigkeit ſtellte ſie ſämmtlich in den Schatten.. Eliſabeth emfing ihn mit großem Wohlgefallen. „Wir haben einen Act königlicher Gerechtigkeit zu voll⸗ ziehen,“ ſprach ſie dann,„in einer Sache, welche uns als Mutter des engliſchen Volks und als Frau intereſſirt.“ Ein unwillkührlicher Schauder flog über Leiceſters Glieder, während er ſich durch eine tiefe Verbeugung be⸗ reit erklärte, die Befehle der Königin zu empfangen; und ein ähnlicher Froſt überlief Varney(welcher an dieſem Abend ſein Auge nur ſelten von ſeinem Herrn wandte,) als ihm die Veränderung in den Mienen ſeines Gebieters, ſo leicht ſie auch war, verrieth, wovon jetzt die Rede ſey. Aber Leiceſter hatte ſeine Entſchloſſenheit bis auf jenen Punkt geſteigert, den er, nach ſeiner Politik, in dieſer Angelegenheit für nöthig hielt; und als Eliſabeth fort⸗ fuhr:—„wir meinen die Sache zwiſchen Varney und Treſſilian— iſt die Lady hier, Mylord?“ war ſeine Ant⸗ wort bereit:—„ſie iſt es nicht, gnädigſte Frau.“ Eliſabeths Stirn unwölkte ſich.„Unſere Befehle waren beſtimmt, Mylord!“ ſprach ſie. „Und würden befolgt worden ſeyn, ſelbſt wenn ſie auch nur als ein leiſer Wunſch ausgeſprochen worden wä⸗ ren,“ erwiederte Leiceſter.—„Tretet vor, Varney!— dieſer Cavalier, gnädigſte Frau, wird die Ehre haben, Ew. Majeſtät zu berichten, weßhalb es der Lady(die Worte „ſeine Gattin“ auszuſprechen, war er nicht im Stande) unmöglich war, ſich dem Antlitz der Majeſtät zu zeigen.“ Varneytrat näher, und ſuchte mit geläufiger Zunge zu beweiſen, daß die Aufgeforderte(des Wortes Gattin wagte er nicht ſich in Leiceſters Gegenwart zu bedienen) durchaus nicht im Stande ſey, vor der Königin zu er⸗ ſcheinen. 1d „Hier,“ ſprach er,„ſind Atteſte eines gelehrten Arztes, deſſen Kenntniſſe und Rechtlichkeit dem Grafen 1 —ͦℳ— — 62— von Leiceſter wohl bekannt ſind, ſo wie auch ein Zeugniß von einem frommen eifrigen Proteſtanten, Tony Foſter mit Namen, ein Mann von anerkannt rechtlichem Rufe, in deſſen Hauſe ſie ſich jetzt befindet. Beide beurkunden, daß ſie in dieſem Augenblicke an einer Unpäßlichkeit leidet, welche die Reiſe hieher durchaus unmöglich mache.“ „ Das verändert die Sache,“ ſagte die Königin, in⸗ dem ſie die Atteſte erfaßte und hineinblickte;—„Treſſi⸗ lian ſoll vortreten.— Wir fühlen innige Theilnahme mit Eurer Lage, Herr Treſſilian,“ ſprach ſie,„zumal da es ſcheint, als hänge Euer Herz ungemein an dieſer Emmy Robſart, oder vielmehr Emmy Varney. Unſere Macht, unterſtützt von dem bereitwilligen Gehorſam eines lieben⸗ den Volks, hat, Gott ſey gedankt, allerdings manches in ihrer Gewalt, aber es giebt Dinge, welche außer ih⸗ rem Bereich liegen. Wir können, z. B., nicht der Nei⸗ gung eines leichtfertigen jungen Mädchens gebieten, noch ſte Vernunft mehr lieben lehren, als das ſchön geſtickte Wamms eines Höflings; wir ſind nicht im Stande, einer Krankheit vorzubeugen, von welcher die Lady befallen, und verhindert worden, unſerm Befehle gemäß, hier vor uns zu erſcheinen. Hier ſind Atteſte von ihrem Arzte und von dem Manne, in deſſen Hauſe ſie wohnt.“ „Mit Erlaubniß, Ew. Majeſtät,“ entgegnete Treſſi⸗ lian, empört über den Betrug, den man ſich gegen die Kö⸗ nigin erlaubte, und zum Theil ſein Emmy gegebenes Ver⸗ ſprechen vergeſſend,„dieſe Beweiſe ſind falſch.“ „Wie, Sir!“ ſagte die Königin,—„Ihr zeiht Mylord von Leiceſter einer Unwahrheit! Aber Ihr ſollt Gehör erhalten; vor unſerm Throne ſoll dem Niedrigſten unſerer Unterthanen wie dem Höchſten, dem Unbekannte⸗ ſten wie dem Begünſtigſten, Gerechtigkeit werden. Darum 8 wollen 3 —-— 65— wollen mir Euch höͤren; aber gebt Acht, daß Ihr eure Worte beweiſen könnt.— Seht auf die Papiere in eurer Hand, und ſprecht frei heraus, was Ihr dagegen einzuwenden habt, und welches eure Belege ſind.“ Während die Königin ſo ſprach, beſtürmte die Er⸗ innerung an ſein gegebenes Ehrenwort und alle Folgen deſſelben die Seele des unglücklichen Treſſilian dergeſtalt, daß ſein Aeußeres ein gewiſſes unzuverläſſiges Weſen er⸗ hielt, welches Eliſabeths ſcharfem Auge nicht unbemerkt blieb, und keinen Eindruck zu ſeinen Gunſten auf die Königin machte. Er drehete die Papiere in ſeiner Hand, wie ein Träumender, als oh ihm ihr Inhalt unverſtänd⸗ lich ſey.. Die Ungeduld der Königin ward jetzt ſichtbar.— „Ihr habt ſtudirt, hat man mie geſagt,“ fuhr ſie hef⸗ tig auf,„und doch ſcheint es Euch ſchwer zu fallen, geſchriebene Schrift zu leſen.— Heraus mit der Sprache, ſind die Papiere ächt, oder falſch?“ „ Gnädigſte Frau!“ erwiederte Treſſilian zoͤgernd und verlegen, denn ſeine Seele widerſtrebte, Beweiſe anzuerkennen, welchen zu widerſprechen er ſpäterhin ge⸗ nöthigt ſeyn würde, während ihn zugleich der Wunſch beſeelte, ſein Emmy gegebenes Wort zu halten, und ihr den geforderten Zeitraum zu geſtatten, zum Beſten ihrer Angelegenheit nach ihrem eigenen Willen handeln zu kön⸗ nen;„Ew. Majeſtät fordern mich auf, Dokumente an⸗ zuerkennen, deren Aechtheit von denen bewieſen werden ſollte, welche ſie vorlegen.“ „Ihr ſeyd Poet und Rechtsgelehrter zugleich, wie es ſcheint, Herr Treſſilian,“ entgegnete die Königin mit einem unwilligen Blick;„dieſe Papiere, vorgelegt in Gegenwart des würdigen Grafen, der dieſes Schloß ſein Kenilworth. 5ter Bd.((E — 66— nennt, und von ihm verbürgt, ſollten Euch als hinrei⸗ chende Beweiſe gelten. Aber wenn Ihr denn doch ſo förmlich ſeyd— Varney!— oder vielmehr Mylord von Leiceſter— denn dieſe Sache wird jetzt die Eure (dieſe letzten Worte drangen dem Grafen durch Mark und Bein), welche Beweiſe habt Ihr für die Aechtheit dieſer Papiere?“ Varney beeilte ſich zu antworten, bemüht, Leiceſter zuvor zu kommen.„Mylord von Orford, welcher hier zugegen iſt,“ ſprach er,„kennt Anthony Foſters Hand und ſeinen Charakter.“ Der Graf von Oxford, ein junger Verſchwender, dem Foſter oftmals gegen unmäßige Wucherzinſen Geld vorgeſchoſſen hatte, von der Monarchin aufgefordert, er⸗ klärte: daß er dieſen als einen wohlhabenden, unabhän⸗ gigen Mann kenne, und daß das vorgezeigte Certificat ſeine Handſchrift ſey. „Und wer beſtätigt die Aechtheit bes zweiten Atte⸗ ſtes?“ fragte die Königin.„Alasco, glaube ich, heißt der Doctor.“ Maſters, der Leibarzt der Königin, eingedenk ſeiner Zurückweiſung von Say's Court, und hoffend, daß ſein Zeugniß dem Grafen von Suſſex und deſſen Anhängern Nachtheil bringen, dem Grafen von Leiceſter aber ange⸗ nehm ſeyn würde, verſicherte, daß er mehr als einmal mit dem Doctor Alasco conſultirt habe, und ſprach von ihm, als von einem Manne von vielen Kenntniſſen und großer Gelehrſamkeit, obgleich derſelbe, wie er hinzu⸗ fügte, bei ſeinen Curen nicht immer den gewöhnlichen Weg der Kunſt wandele. Der Graf von Huntingdon, —— Leiceſters Schwager, ſo wie die alte Gräfin von Rut⸗ land, ſprachen ebenfalls viel zu ſeinem Lobe, und e. kannten in der kleinen italieniſchen Schrift des Certifi⸗ cat's, die ihnen von ſeinen Recepten her bekannte Hand⸗ ſchrift des Doctors. „Jetzt, Herr Treſſilian, hoffe ich, iſt die Sache geendet,“ ſagte die Königin.„Wir wollen nun unver⸗ züglich Sorge tragen, auch den alten Sir Hugh Rob⸗ ſart mit der Heirath auszuſöhnen. Ihr, Eurer ſeits, habt eure Pflicht gethan, mehr als das, und auf kühne Weiſe; aber wir gehörten nicht dem zarteren Geſchlechte an, wäre uns Theilnahme für die Schmerzen treuer Liebe fremd; und ſo verzeihen wir Euch eure Keckheit, wie eure ungeputzten Stiefeln, welche trotz der Wohlge⸗ rüche, die unſer Graf von Leiceſter verbreiten ieß, unſere Geruchsnerven beläſtigen.“ So ſprach Eliſabeth, deren Organiſation durch ei⸗ nen ungemein feinen Geruch charakteriſirt ward, weß⸗ halb ſie ſpäterhin auch einſt Eſſer, indem ſie Klagen über den Geruch ſeiner Stiefeln führte, aus ihrer Nähe verwies; ein Vorfall, demjenigen ähnlich, den wir ſo eben von Treſſilian erzählten. Treſſilian hatte ſich indeß gefaßt, ſo erſtaunt er auch anfangs über die Frechheit geweſen war, mit der man Belege beibrachte, welche durch das Zeugniß ſeiner eigenen Augen entkräftet wurden. Er ſtürzte vor, knieete nieder, und erfaßte Eliſabeths Gewand.„So wahr Ihr eine chriſtliche Frau und gekrönte Königin ſeyd, rief er aus,„um allen Euren Unterthanen gleiche Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſo wahr Ihr hofft, vor jenem Richter Gehör zu finden, vor den wir alle treten müſſen, gewährt mir eine einzige kieine Bitte! Entſcheidet dieſe Sache nicht ſo ſchnell! Laßt mir nur vier und zwanzig Stunden Zeit, und ich will nach Merlauf dieſer Friſt Be⸗ — 686— weiſe bringen, welche klar wie der Tag darthun ſollen, daß dieſe Papiere, welche ausſagen, die unglückliche Emmy ſey krankheitshalber im Cumnor⸗Place zurückge⸗ blieben, falſch ſind, wie die Hölle!“ „Laßt mein Gewand los,“ ſagte Eliſabeth, über ſeine Heftigkeit einigermaßen beſtürzt, obgleich zu viel von einem Löwen in ihr lag, als daß ſie hätte Furcht kennen ſollen;—„der Burſche muß wahnſinnig ſeyn,— und doch liegt etwas ſeltſames in ſeiner Forderung.— Sprich, Treſſilian, was ſoll mit Dir geſchehen, wenn Du nach vier und zwanzig Stunden dieſe Beweiſe zu entkräften nicht im Stande biſt?“ „Dann will ich mein Haupt unter das Beil legen,“ erwiederte Treſſilian. 3 „Du ſprichſt, wie ein Raſender, Menſch!“ ſagte die Königin.„In England fällt kein Kopf, außer durch ordentlichen Richterſpruch!— Sprich, wenn Du im Stande biſt, mich zu verſtehen, willſt Du, wenn Dir dein unwahrſcheinlicher Beweis nicht gelingt, mir den Grund angeben, weßhalb Du ihn unternahmſt?“ Treſſilian ſchwieg, denn er bedachte, daß er, falls ſich Emmy in dieſem Zeitraume mit ihrem Gatten aus⸗ ſöhnen ſollte, er ihr einen ſchlechten Dienſt leiſten würde, wenn er das Vorgefallene der Monarchin mittheilen, und dieſe durch die Ueberzeugung, durch falſche Zeugniſſe hin⸗ tergangen zu ſeyn, erbittern wollte. Indem er ſich mit der Löſung dieſer ſchweren Auf⸗ gabe beſchäftigte, wurde ſein Weſen wieder verlegen, ängſtlich und ungewiß; er zögerte, ſah vor ſich nieder, und als die Königin ihre Frage mit heftigem Tone und flammenden Blicken wiederholte, ſtammelte er mit zit⸗ ternder Stimme:„daß er möglicher Weiſe— nur könnt würde ihin bei einer neuen Unvorſichtigkeit einen ſchlim⸗ — 69 er nicht beſtimmt— wenn nämlich gewiſſe Umſtände einträfen— verſprechen, die Gründe zu nennen, welche ſein Betragen leiteten.“ „Nun, bei der Seele König Heinrich's, das iſt völliger Wahnſinn, oder Schelmerei!“— ſagte die Kö⸗ nigin,„euer Freund, Raleigh! iſt zu poetiſch für un⸗ ſere Nähe; ſchafft ihn fort, mög' er uns ferner nicht beſchwerlich fallen, ſchlimm würde es ſonſt für ihn ſeyn. Sein Flug iſt zu ungezügelt, außer für den Parnaß oder das St. Lucas Hospital.— Ihr aber kehrt ſo⸗ gleich wieder, ſo bald Ihr ihn ſichern Händen uͤbergeben habt.— Wir wünſchten, die Schöne geſehen zu haben, die ſolch' einen Tumult in dem Gehirn eines Gelehrten anrichten konnte!“ Treſſilian verſuchte noch einmal zur Königin zu ſpre⸗n 8 chen; aber Raleigh, dem gegebenen Befehl gehorchend, führte ihn, von Blount unterſtützt, halb mit Gewalt zu der Halle hinaus, wo, wie er einſah, ſeine Gegenwart ihm jetzt ſelbſt mehr ſchädlich als nützlich ſeyn würde. Als ſie das Vorzimmer erreicht hatten, bat Raleigh ſeinen Cameraden Blount, Treſſilian ſicher in die Zim⸗ mer geleiten zu laſſen, welche für Suſſex Gefolge berei⸗ tet worden waren, und dort nöthigenfalls jemand bei ihm als Wache anzuſtellen. „Dieſe unglückliche Leidenſchaft,“ ſagte er,„dem Anſchein nach vermehrt durch die Kunde von der Krank⸗ heit ſeiner Geliebten, hat feinen trefflichen Geiſt gewalt⸗ ſam zerſtört. Ruhe wird ihn wieder zur Vernunft brin⸗ gen; aber laß ihn vor der Hand um keinen Preis her⸗ aus, die Königin iſt zu aufgebracht gegen ihn, und meren Aufenthaltsort anweiſen, und ihn ſtrengeren Wäch⸗ tern übergeben.“ „Ich hielt ihn gleich für toll,“ ſagte Nicolas Blount, ſeine carmoiſinrothen Strümpfe und gelben Schuhſchleifen betrachtend,„als ich ihn mit den ver⸗ dammten Stiefeln da aufziehen ſah, deren Geſtank der königlichen Naſe beſchwerlich fiel.— Ich will ihn nur in Sicherheit bringen, und kehre gleich zurück.— Aber Walter, fragte die Königin nicht, wer ich ſey? ſchien's mir doch, als hätte ſie einen Blick auf mich geworfen.“ „Zwanzig, zwanzig Blicke ſandte ſte Dir,“ erwie⸗ derte Raleigh,„auch ſagte ich ihr, daß Du ein braver Soldat ſey'ſt, und— aber um Gottes willen, mach⸗ doch, daß Du mit Treſſilian fortkommſt.“ „Gleich, gleich!“ erwiederte Blount;„aber höre, ſolch ein Beſuch bei Hofe iſt doch im Grunde kein dum⸗ mes Ding; wir werden ſteigen, mein Burſche, ſage ich Dir.— Alſo ein guter Soldat wäre ich, ſprachſt Du⸗ und ein— was denn weiter, liebſter Walter?“ —y 1 „Ein unvergleichlicher Dummkopf,“ antwortete Raleigh;„fort fort! mach' jetzt nur, daß Du fort: kommſt.— 1 Treſſilian folgte ohne weiteren Widerſtand noch Ge⸗ genrede nach Raleigh's Zimmer, oder litt vielmehr, daß man ihn dorthin führte. Hier ward er in ein kleines, in einem Nebenzimmer für einen Bedienten bereitetes Bette gebracht. Er ſah nur zuwohl ein, daß keine Vor⸗ ſtellungen ihm die Hülfe ſeiner Freunde verſch affen wür⸗ den, bevor er ihnen nicht nach Verlauf jener vier und 1 zwanzig Stunden entweder den ganzen Verlauf der Sache mitgetheilt, oder, falls Emmy ſich mit ihrem Gatten ausgeſöhnt haben ſollte, erklärt haben würde, aller ferneren — 71— Einmiſchung in dieſer Sache fortan entſagen zu wollen. 4 Nur mit vieler Mühe und nach vielen freundlichen an Blount gerichteten Vorſtellungen entging er der läſti⸗ gen Geſellſchaft zweier rüſtigen Diener des Grafen von Suſſex, welche Blount in ſeinem Zimmer aufſtellen wollte. Endlich, als Nicolas ihn ruhig im Bette ſah, begnügte er ſich, nachdem er zuvor noch einige Spottreden und Ver⸗ wünſchungen gegen die verdammten Stiefeln, welche er als die Urſache alles dieſes Unheils betrachtete, ausgeſto⸗ ßen hatte, die Thür des Zimmers des unglücklichen Treſſi⸗ lian zu verſchließen, deſſen muthige Anſtrengungen zu Gunſten der unglücklichen Emmy für den Augenblick nicht nur die königliche Ungnade, ſondern auch den höchſt ſchmerzhaften Umſtand zur Folge hatten, von ſeinen Freunden als ein Wahnſinniger betrachtet zu werden. 7. „ Es iſt ein melancholiſcher Anblick,““ ſagte Eliſabeth, als Treſſilian entfernt worden war, den Verſtand eines klugen, gelehrten Mannes auf ſo klägliche Weiſe zerrüt⸗ tet zu ſehen. Dieſer öffentliche Beweis ſeines Irrſinns aber ſpricht zur Genüge für das Unzuverläſſige ſeiner Be⸗ hauptung, und ſo erinnern wir uns, Mylord von Leiceſter, eurer uns früher zu Gunſten eures Dieners Varney vorgelegten Bitte; ſeine Treue und ſein gutes Benehmen gegen Euch verdienen von uns belohnt zu werden, weil es uns recht wohl bekannt iſt, wie Ihr mit Allem, was zu Euch gehört, ganz unſerm Dienſte geweiht ſeyd. Auch verleihen wir jetzt Varney um ſo lieber dieſe Gunſt, weil —-— 72— wir euer Gaſt ſind, und, wie wir befürchten, euren Leuten viel Umſtände verurſachen, ſo wie auch, weil es uns freuet, dem alten Sir Hugh Robſart, mit deſſen Tochter er ſich verheirathete, Genugthuung zu geben; wir hoffen, daß der Beweis königlicher Huld, den Var⸗ ney von uns empfangen ſoll, jenen wieder mit ſeinem Eydam ausſöhnen wird.— Euer Schwerdt, Mylord von Leiceſter!“, „Der Graf löſte ſein Schwerdt von dem Glrtel, faßte es am untern Ende, knieete nieder, und bot den Griff der Königin dar. Sie nahm es langſam, zog es aus der Scheide, und unterſuchte, während ſich die Damen um ſie her mit würklicher oder erkünſtelter Scheu abwandten, mit neugierigem Blicke die köſtlich polirten Verzierungen auf der trefflichen Klinge.„Wäre ich ein Mann,“ ſprach ſie,„keiner meiner Vorfahren würde ein gutes Schwerdt lieber gehabt haben, als ich; gern mag ich auf eine ſolche Maſſe blicken, und leiche könnte ich verſucht wer⸗ den, gleich der fata Morgana, von der ich irgendwo zeleen, Haar und Kopfputz vor ſolchem Schwerdtſpiegel zu ordnen.— Tretet näher, Nichard Varney, in Got⸗ tes und des heiligen Georgs Namen ſchlagen wir Euch hiemit zum Ritter! Seyd treu, tapfer und glücklich!— Steht auf, Sir Richard!“ Varney erhob ſich, und zog ſich zurück nach einer tiefen Verbeugung gegen die Monarchin, welche ihm ſo hohe Ehre erzeigt hatte. „Die Ueberreichung der Sporen, und was ſonſt noch an Ceremonie dazu gehört, mag bis morgen in der Capelle verbleiben,“ ſagte die Königin;„denn wir ge⸗ denken, Sir Richard, Euch einen Genoſſen der Ehre zu — 73— geben, und um nicht partheiiſch bei dieſer Auszeichnung zu ſeyn, wollen wir uns darüber mit unſerm Couſin Suſſey berathen.“ Dieſer edle Graf, welcher ſich ſeit ſeiner Ankunft auf Kenilworth, wie überhaupt während der ganzen Luſt⸗ Reiſe, in einer dem Grafen von Leiceſter gewiſſermaßen untergeordneten Lage befunden hatte, ſtand während der letzten Scene da mit umwölkter Stirn, ein Umſtand, der Eliſabeths Blicken nicht entgangen war, welche ihn aufzuheitern’, und zugleich ihrem Grundſatze, ein Gleich⸗ gewicht unter den Nebenbuhlern zu erhalten, Genüge zu leiſten hoffte, indem ſie ihm einen Beweis vorzüglicher Gunſt ſpendete, jetzt von um ſo größerem Werthe, da es in einem Augenblicke geſchah, wo der Triumph ſeines Gegners vollkommen zu ſeyn ſchien. Auf den Ruf der Monarchin trat Suſſey ſchnell her⸗ vor, und erwiederte auf die an ihn gerichtete Frage: wen von ſeinen Dienern er am würdigſten halte, den Ritterſchlag zu empfangen, mit mehr Aufrichtigkeit als Klugheit:„daß er wagen würde, Treſſtlian vorzuſchla⸗ gen, dem er die Erhaltung ſeines Lebens verdanke, wie er denn ein tapferer Soldat, ein Mann von Kenntniſ⸗ ſen und auch von untadelhafter Abkunft ſey, wenn nicht der Vorfall an dieſem Abend“— hier hielt er inne. Wir freuen uns, Euch ſo bedachtſam zu finden,“ ſagte Eliſabeth,„unfehlbar würden wir in den Augen unſerer Unterthanen geiſteskrank, wie der arme Treſſi⸗ lian, erſcheinen, wenn wir, nach dem eben ſtatt gefun⸗ denen Vorfalle, dieſen Augenblick wählen wollten, ihm ſolche königliche Huld zu erweiſen.“ „In dieſem Falle,“ fuhr Suſſer mit einiger Ver⸗ legenheit fort,„ſey es mir erlaubt, Ew. Majeſtät mei⸗ — 23— nen Stallmeiſter vorzuſchlagen, Nicolas Blount, der Ew. Majeſtät in Schottland und Irland treu gedient, und derbe blutige Denkzeichen ſeiner Tapferkeit mitge⸗ bracht hat, ſämmtlich auf dem Felde der Ehre em⸗ pfangen.“ Die Königin konnte auch bei dieſem zweiten Vor⸗ ſchlage ein leichtes Achſelzucken nicht unterdrücken, und die Herzogin von Rutland, welche in den Mienen der Monarchin las, daß ſie gehofft hatte, Suſſex würde Raleighs Namen nennen, und ſie ſo in den Stand ſe⸗ tzen, ihren eigenen Wunſch zu befriedigen, indem ſie den ſeinen zu erfüllen ſchien,— wartete daher kaum, bis die Königin ihre Einwilligung zu Suſſex Vorſchlage gegeben hatte, und äußerte dann gegen Eliſabeth, wie ſie hoffe, daß, da es den beiden edlen Grafen erlaubt ſey, jeder einen Cavalier zur Ehre des Ritterſchlages vorzuſchlagen, ihr auch jetzt, als Wortführerin ſämmtli⸗ cher gegenwärtiger Hofdamen, ein gleiches Recht vergönnt werden möchte. „Ich wäre kein Weib, wollte ich Euch ſolche Bitte abſchlagen,“ entgegnete die Königin lächelnd, und die Herzogin fuhr fort:„So erflehe ich denn von Ew. Ma⸗ jeſtät im Namen ſämmtlicher Hofdamen den Ritterſchlag für Herrn Walter Raleigh, deſſen Geburt, Waffentha⸗ ten und Bereitwilligkeit, unſerm Geſchlechte mit Schwerdt oder Feder zu dienen, ſolcher Auszeichnung nicht unwür⸗ dig ſind.“ 3 „Euer Wunſch, meine ſchönen Damen! iſt ge⸗ währt,“ entgegnete Eliſabeth lächelnd,„Euer Schütz⸗ ling ſoll jetzt in allem Ernſt Ritter vom beſchmutzten Mantel werden.— Laßt Beide, der Ehre des Ritter⸗ ſchlags würdig Erkläͤrte, näher treten.“ —— Blount war noch nicht von Treſſtlian zurückgekehrt; Raleigh aber trat vor, knieete nieder, und empfing von der jungfräulichen Königin den Ritterſchlag, der nie einem ausgezeichnetern und berühmtern Unterthan zu Theil geworden iſt. 1 Gleich darauf trat Blount wieder in die Halle, und ward, nachdem er von Suſſex erfahren hatte, welche gnädige Abſicht die Königin gegen ihn hege, aufgefor⸗ dert, ſich dem Throne zu nähern. Es gewährt einen zugleich lächerlichen und klägli⸗ chen Anblick, wenn, wie es zuweilen geſchieht, ein ehr⸗ licher Mann von geſundem Menſchenverſtande durch die Coquetterie eines hübſchen Weibes, oder durch ſonſt eine Urſache zu Thorheiten verleitet wird, welche nur für die fröhliche leichtferrige Jugend, oder für ſolche Leute tau⸗ gen, die durch lange Gewohnheit in dieſem Gebiete heimathlich geworden ſind. In dieſem Falle war der arme Blount. Sein Kopf war ſchon durch den unge⸗ wöhnlichen Putz und durch das fortwährende Bemühen, ſein von Natur einfaches Weſen dem Glanze anzupaſ⸗ ſen, verwirrt; dieſe unerwartete Ausſicht auf Beförde⸗ rung vollendete das Werk, und wandelte den ſchlichten, einfachen Mann in einen Haſenfuß von höchſt lächerli⸗ cher Art. Der Ritter in Hoffnung ſchritt jetzt die Halle hin⸗ auf, deren ganze Länge er unglücklicherweiſe zu durch⸗ wandeln hatte, wobei er ſo emſig bemüht war, ſeine Fußſpitzen nach außen zu kehren, daß bei jedem Schritte die innere Breite ſeines Schenkels ſichtbar ward. Seine übrigen Bewegungen ſtimmten mit dieſem ſeltſamen Gange überein, und in ſeinem Geſicht war eine Miſchung von Angſt und Selbſtgefälligksit ſichtbar, von ſo höchſt Iacker lacher⸗ 1 — 76— *.. licher Art, daß Leiceſters Anhänger, als er vorüber⸗ ſchritt, ein Kichern nicht zu unterdrücken vermochten, in welches mit einzuſtimmen ſelbſt einige von Suſſer Die⸗ nern nicht umhin konnten. Suſſey ſelbſt verlor faſt alle Geduld;„hol' Dich der Henker!“ flüſterte er ſeinem Schützlinge ins Ohr,„kannſt Ou denn nicht auftreten, wie ein ordentlicher Kerl und Soldat?“ Dieſe Bemer⸗ kung machte, daß Blount einen Augenblick lang ſtill ſtand; ein Blick auf ſeine rothen Strümpfe und gelben Schuhſchleifen aber gab ihm ſeine Faſſung wieder, und vorwärts ſchritt er auf dieſelbe affectirte Weiſe, als vorher. Die Königin ertheilte dem armen Blount den Rit⸗ terſchlag mit unverkennbaren Zeichen von Widerwillen. Die weiſe Monarchin war von der Nothwendigkeit, ſolche Beweiſe von Auszeichnung nur ſparſam zu ſpenden, eben ſo überzeugt, als die Stuarte, welche ihr auf dem Throne nachfolgten, ſolche mit unporſichtiger Freigebigkeit aus⸗ theilten, und dadurch ihren Werth bedeutend verringer⸗ ten.— Kaum hatte ſich Blount erhoben und zurückge⸗ zogen, als ſich Eliſabeth zu der Herzogin von Rutland wandte.„Der Scharfſinn von uns Weibern, liebe Rut⸗ land!“ ſprach ſie,„übertrifft doch bei weitem den jener ſtolzen Weſen in Mantel und Stiefeln. Seht, von ſämmtlichen drei Rittern iſt eigentlich nur der Eure von dem Metall, auf welches man den Stempel der Ritter⸗ ſchaft drücken ſollte.“ „Sir Richard Varney— Graf von Leiceſters Stall⸗ meiſter, hat gewiß Verdienſte,“ entgegnete die Herzogin. „Varney hat ein liſtiges Geſicht, und eine ge⸗ wandte Zunge,“ erwiederte die Königin;„wir haben nicht die beſte Meinung von ſeinem Charakter, aber — 77— wir hatten das Verſprechen ſchon vor langer Zeit gege⸗ ben. Mylord von Suſſey aber, fürchten wir, hat ſelbſt den Verſtand verloren; zuerſt ſchlägt er uns einen Wahn⸗ ſinnigen vor, wie Treſſilian und dann einen plumpen * Narren, wie Blount. Als er ſo vor mir auf den Knieen lag, den Mund ſchief gezogen, als habe er ihn mit hei⸗ fßer Suppe verbrannt, hätte ich ihm weit lieber mit dem Schwerdte eins über's Geſicht verſetzt, als mit der Fläche deſſelben ſeine Schulter berührt.“ „Ew. Majeſtät gaben ihm auch einen tüchtigen Schlag,“ ſagte die Herzogin,„man konnte den Hieb fallen hoͤren, und der arme Mann fuhr zuſammen, als ob er ihn fühle.“ „Ich konnte nicht umhin,“ entgegnete Eliſabeth lä⸗ chelnd;„Sir Nicolas aber ſoll nach Irland, Schottland, oder ſonſt irgendwo hin, damit unſer Hof von ſolch einem antiken Cavalier befreit werde.“ Die Unterredung ward nun allgemeiner, und bald darauf erſchollider Ruf zum Banket. Um dem Signal zu gehorchen, war die Geſellſchaft genzthigt, über den innern Schloßhof zu gehen, um zu den neuen Gebäuden zu gelangen, wo ſich der Banketſaal befand, in welchem, mit einer der ganzen Feſtlichkeit an⸗ gemeſſenen Pracht, Anſtalten zur Abendmahlzeit getrof⸗ fen waren. Während dieſes Ganges wurden die neuen Ritter von den Minneſängern, Herolden und Dienern mit dem Aus⸗ ruf: Largesse, largesse chevaliers tres hardis! be- grüßt; eine alte Aufforderung, um ihre Großmuth für die in Anſpruch zu nehmen, welche die Wappen und Tha⸗ ten der Ritter einzuregiſtriren beordert waren. Dieſer Ruf ward auf freigebige Weiſe von denen erwiedert, an 4 — 78— die er gerichtet war. Varney theilte ſeine Largeſſe mit einem Anſcheine von Höflichkeit und Demuth aus; Raleigh gab die ſeinige mit der anmuthsvollen Leichtigkeit eines Cavaliers, der zu einem ihm gebührenden Range gelangt, und mit deſſen Würde bekannt iſt. Der ehrliche Blount aber gab, was ihm ſein Schneider von ſeinen halbjähri⸗ — gen Einkünften übrig gelaſſen hatte, ſammelte ſchnell einige Goldſtücke, welche ihm aus der Hand gefallen wa⸗ ren, wieder auf, und vertheilte ſie dann mit großer Aengſtlichkeit. Dieſe Gaben wurden mit dem bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten gewöhnlichen Vivatrufen aufgenommen; da aber die Beſchenkten größtentheils zu Leiceſters Dienerſchaft gehör⸗ ten, erſcholl auch Varney's Name am häufigſten. Vor allen aber zeichnete ſich Lambourne aus, welcher unaufhör⸗ lich ſchrie:„Hoch Sir Richard,— hoch Sir Richard Varney, die Blume der Ritterſchaft! 4, Es iſt unnöthig, mehr über die Feſtlichkeiten des Ta⸗ ges zu ſagen, welche ſämmtlich ſo glänzend und herrlich von Statten gingen, und von der Königin mit einer ſol⸗ chen Zufriedenheit und Freundlichkeit aufgenommen wur⸗ den, daß ſich der Graf von Leiceſter mit dem Entzücken eines befriedigten Ehrgeizes in ſein Gemach zurückzog. Varney, welcher ſeinen glänzenden Anzug abgelegt hatte, war im einfachen Gewande zur Bedienung ſeines Herm bereit. „Ey, Sir Richard,“ ſagte der Graf lächelnd,„Eume neue Würde wird Eure bisherigen Geſchäfte kaum mehr zulaſſen.“ „Ich hätte ſie abgelehnt, Mylord,“ entgegnete Var⸗ ney,„könnte ich denken, daß ſie mich von der Perſon Ew. Herrlichkeit entfernen würde.“ „Deine Dankbarkeit freuet mich,“ erwiederte der Graf,„aber ich darf keine Dienſte von Dir dulden, welche dich in den Augen Anderer herabſetzen könnten.“ Indem er dieß ſagte, nahm er indeß ohne Anſtand die Dienſte des neugemachten Ritters an, welche dieſer mit einem Eifer leiſtete, als ob er wirklich das vorge⸗ gebene Vergnügen dabei empfände. „Ich fürchte nicht die Mißdeutung der Menſchen,“ erwiederte er auf des Grafen Bemerkung,„denn hier im Schloſſe— erlaubt mir, daß ich die Halskette löſe— giebt es wohl keinen Menſchen, welcher nicht in der Er⸗ wartung ſtaͤnde, binnen kurzem Männer von weit größe⸗ rem Range als den, den ich durch Eure Güte jetzt be⸗ kleide, die Aufwartung in Eurem Schlafzimmer verrich⸗ ten, und ſich eine Ehre daraus machen zu ſehen.“ „Möglich, daß es dahin gekommen wäre,“ ent⸗ gegnete Leiceſter mit einem unwillkührlichen Seufzer, „mein Nachtkleid, Varney!“ fuhr er dann fort,„ich will die Sterne ſchauen; haben wir nicht Vollmond?“ „Ich glaube, ja, Mylord! dem Kalender nach,“ erwiederte Varney.— In dem Gemache war ein Fenſter, welches auf einen kleinen ſteinernen Balkon führte, wie man ſie wohl an gothiſchen Gebäuden zu finden pflegt. Der Graf öffnete es, und trat in die freie Luft hinaus. Der Standpunkt, den er ſich gewählt hatte, bot ihm eine weite Ausſicht auf den waldbekränzten See dar, in deſ⸗ ſen blauer Spiegelfläche der Mond ſein Silberlicht goß, während er zugleich die fernen Maſſen der Eichen und Ulmen magiſch beleuchtete. 4 Der Mond ſtand hoch am Himmel von tauſenden und abermals tauſenden ſchwächeren Lichtern umglänzt.— — 80— Alles ſchien in tiefen Schlummer verſunken, und nur von Zeit zu Zeit tönte der Ruf der Wachen,— welche jetzt, wie immer, wo die Königin in Perſon zugegen war, aus ihren Garden beſtanden— oder fernes Hunde⸗ gebell, oder das Geräuſch von Stallknechten und Jägern, welche zu einer prachtvollen Jagd, die am folgenden Tage ſtatt haben ſollte, die nöthigen Anſtalten trafen, zu ihm herauf durch die einſame Stille. Der Graf ſchauete mit großer Gemüthsbewegung zu dem blauen Himmel auf, und Varney, welcher in dem Zimmer allein zurückgeblieben war, gewahrte, ſelbſt ungeſehen, mit innerem Wohlgefallen, wie ſein Gebie⸗ ter die Arme gegen das blaue Gewölbe ausſtreckte. „Ihr fernen Glanzbilder voll lebendigen Feuers,“ ſo ſprach der ehrgeizige Graf leiſe vor ſich hin,„ſchwei⸗ gend wandelt ihr eure miſtiſche Runde, aber die Weis⸗ heit der Menſchen hat euch eine Sprache verliehen. So verkündet mir denn, wohin mein erhabener Lauf be⸗ ſtimmt iſt. Wird meine Größe wachſen, wird ſie dauer⸗ haft ſeyn, wie die eure?— oder werde ich nur wie ein glänzendes Meteor den nächtlichen Himmel auf kurze Zeit erhellen, um lichtlos zur Erde zu ſinken, wie jene künſtlichen Feuerwerke, die die Menſchen als ſchwache Nachbildungen eures Glanzes in die Luft ſenden?“ Schweigend ruhten ſeine Blicke noch einige Minu⸗ ten auf den blauen Himmelsbogen; dann trat er in das Zimmer zurück, wo Varney beſchäftigt ſchien, die Juwelen des Grafen in ein Käſtchen zu legen. „Was meinte Alasco von meinem Horoscop? fragte Leiceſter.„Du ſprachſt mir ſchon davon, aber was Du ſagteſt, iſt mir entfallen, denn ich denke nur leicht über dieſe Kunſt.“ 3 —„Viele — 8¹1— „Viele große und gelehrte Männer haben anders ge⸗ dacht,“ ſagte Varney,„ich, mit Ew. Herrlichkeit Er⸗ laubniß, neige mich auch zu ihr hin.“ „Saul unter den Propheten!“ erwiederte Leice⸗ ſter,—„hielt ich Dich doch für einen Zweifler hinſicht⸗ lich aller Dinge, die Du weder ſehen, hören, fühlen, noch riechen kannſt, und meint' ich doch, dein Glaube werde durch deine Sinne beſchränkt.“ „Vielleicht,“ verſetzte Varney, bin ich durch den Wunſch, das, was jetzt die Sterne verkünden, in Er⸗ füllung treten zu ſehen, zum Glauben an die Aſtrologie verführt worden. Alasco ſagt, daß Euer Planet an Größe zunimmt, der Eures Gegners aber ſich in ſich ſelbſt verzehrt und zurückzieht.“ „So iſt es,“ erwiederte Leiceſter, auf ein mit aſtro⸗ logiſchen Berechnungen bezeichnetes Blatt, welches er in ſeiner Hand hielt, blickend;„der größere Stern wird ſiegen, und das ihm drohende Dunkel ſchwinden.— Seyd mir behülflich, Sir Richard, mich des Nachtklei⸗ des zu entledigen— und weilt noch einen Augenblick, wenn es Eurer Ritterſchaft nicht zu läſtig fällt, bis ich ſchlafen kann. Der heutige Tag hat mein Blut in Wallung geſetzt, es ſtrömt durch meine Adern, wie ge⸗ ſchmolzenes Blei— bleibt noch, ich bitte Euch, ich möchte meine Augenlieder ſchwer fühlen, bevor ich ſie ſchlöſſe.) Varney half ſeinem Gebieter das Lager beſteigen, und verſah den Marmortiſch zur Kopfſeite des Bettes mit einer Nachtlampe von gediegenem Silber, und einem kurzen breiten Schwerdte. Entweder, um ſein Geſicht vor dem Scheine der Lampe zu ſchützen, oder vielleicht auch, um es Varney's Blicken zu entziehen, zog der Graf die Kenilworth. 3ter⸗Bd. F — 82— Gold burchwirkten ſeidenen Bettvorhänge zu, ſo, daß ſie ſein Antlitz völlig überſchatteten. Varney nahm einen Sitz neben dem Bette ein, kehrte aber ſeinem Herrn den Rücken zu, um jeden Anſchein zu vermeiden, als ſey es ſeine Abſicht, ihn zu belauſchen, und harrete ſchweigend, bis Leiceſter ſelbſt das Thema wieder auf⸗ nahm, von dem ſeine Seele erfüllt war. „So ſprechen alſo die Menſchen von der Gunſt der Königin gegen mich?“ fragte der Graf endlich, als er vergebens gewartet hatte, ob nicht ſein Diener die Un⸗ terredung beginnen würde. 4 „Wie könnte es auch anders ſeyn, Mylord,“ ſagte Varney;„wird jene Gunſt doch klar und deutlich an den Tag gelegt.“ „Sie iſt in der That meine gute und gnädige Ge⸗ bieterin,“ fuhr Leiceſter nach einer Pauſe fort, ndoch ge⸗ ſchrieben ſteht: traue nimmer auf Fürſtengunf 85 „Ein weiſer Spruch, und auch ein wahrer,“ ſagte Varney,„wenn man nämlich ihr Intereſſe nicht derge⸗ ſtalt mit dem ſeinigen verbinden kann, daß ſie wie ab⸗ gerichtete Falken nicht von der Hand zu weichen im Stande ſind.“ „Ich weiß, was Du meinſt,“ rief Leiceſter unge⸗ duldig,„obgleich Du heute Nacht deine Worte mit ängſtlicher Vorſicht ſtellſt.— Du meinſt, ich könnte mich „ mit der Monarchin vermählen, wenn ich wollte.“ „Ihr ſprecht es aus, nicht ich,“ erwiederte Varney, „aber weſſen Worte es auch ſeyn mögen, durch ganz England denken von Hundert neun und neunzig ſo.“ „Aber der Hundertſte weiß es beſſer,“ ſagte Lei⸗ ceſter, indem er ſich unruhig auf ſeinem Lager wälzte, ——————— 1 =— õÿ·½⅓ʒ — 3535— „Du, z. B., kennſt das Hinderniß, das niche überſtie⸗ gen werden kann.“ „Es muß dennoch überſtiegen werden, wenn an⸗ ders die Sterne wahr ſprechen,“ verſetzte Varney ruhig. „Was ſprichſt Du von den Sternen,“ ſagte Leiceſter, „Du, der Du weder an ſie, noch an irgend etwas glaubſt?“ „Ihr irrt Euch, Mylord! mit Eurer Erlaubniß,“ erwiederte Varney,„ich glaube an manche Dinge, wel⸗ che die Zukunft vorher verkünden. Ich glaube z. B., daß, wenn Regenſchauer im April fallen, der May uns Blü⸗ then bringt; daß wenn die Sonne ſcheint, das Korn reifen wird, und an mehr ſolche natürliche Dinge; warum ſollte ich denn, bloß weil es die Aſtrologen in den Ster⸗ nen geleſen haben, zweifeln, etwas in Erfüllung treten zu ſehen, was die Erde wünſcht?“ „Du haſt Recht,“ ſagte Leiceſter, ſich wieder in ſeinem Bette wendend,—„die Erde hegt Wünſche dafür; ich habe Schreiben von den evangeliſchen Kirchen in Deutſchland— den Niederlanden— der Schweiz, welche es ſämmtlich als einen Punkt verlangen, von dem Europa's Sicherheit abhängt. Frankreich wird nicht entgegen ſeyn,— die herrſchende Parthei in Schottland hofft darauf, als auf das beſte Mittel für ihr Wohl.— Spanien fürchtet es, kann es aber nicht verhindern,— und dennoch iſt Dir, Dir bekannt, daß es unmäglich iſt.“ „Das iſt mir nicht bekannt, Mylord!“ entgegnete Varney,„die Gräfin iſt unwohl.“ „Elender!“ rief Leiceſter, raſch ſich erhebend, und nach dem Schwerdte greifend, welches auf dem Tiſche neben ihm lag;„nehmen deine Gedanken ſolche Wege, — willſt Du etwa einen Mord begehen?“ F* — 32— „Wofür haltet Ihr mich, Mylord!“ ſagte Varney, indem er das Weſen eines durch ungerechten Verdacht gekränkten Mannes annahm.„Ich ſprach nichts, was ſolch' einen entehrenden Argwohn verdiente, als ihn Eure Heftigkeit ausſtieß; nur daß die Gräfin unwohl ſey, ſagte ich. Und obgleich Gräſin, liebenswürdig, geliebt und ſchön, iſt ſie doch dem Toͤde unterworfen, wie wir Alle. Sie könnte ſterben, und Ew. Herrlichkeit Hand noch einmal frei werden.“ 119 E.: „Fort, fort, nichts mehr davon!“ rief Leiceſter. „Gute Nacht denn, Mylord!“ ſagte Varney, die Worte des Grafen, dem Anſchein nach, als einen Be⸗ fehl betrachtend, ſich zu entfernen; ſeines Gebieters Ruf aber hemmte ſeine Schritte. 1 un „ So entſchlüpfſt Du mir nicht,“ ſprach dieſer, „deine Ritterſchaft ſcheint dein Gehirn in Unordnung gebracht zu haben; geſtehe zuvor, daß Du von Unmög⸗ lichkeiten, wie von einzutreffenden Dingen ſprachſt.“ „Lange lebe Eure gräfliche Gemahlin, Mylord!“ erwiederte Varney,„aber weder Eure Liebe, noch meine guten Wünſche, können ſie unſterblich machen. Gott aber, wie geſagt, gebe, daß ſie lange leben, glücklich ſeyn und Euch glücklich machen möge. Ich begreife nicht, warum Ihr nicht deſſen ungeachtet König von England werden könntet.“ e „Jetzt biſt Du völlig raſend, Varney,“ rief Lei⸗ ceſter. 231 „Wie,“ fuhr Varney fort,„ſind denn unter Per⸗ ſonen von verſchiedenem Range Vermählungen an der linken Hand ſo etwas ſeltenes?— Hat man nicht der Beiſpiele genug, wo ſich der Gemahl ſpäterhin mit ei⸗ ner ſeinem Stande gemäßeren Gattin verband?“ 3 — — — — 85— „Ich habe gehört, daß ſolche Dinge in Deutſch⸗ land ſtatt fanden,“ ſagte Leiceſter. „Und gelehrte Doctoren auf fremden Univerſitäten,“ fuhr Varney fort,„haben aus dem alten Teſtament be⸗ wieſen, daß ſolche Handlung erlaubt ſey.— Und wo läge denn auch das Unrecht? der ſchönen Theilnehmerin Euren treuen Liebe widmet Ihr die geheimen Stunden Eurer Zärtlichkeit. Ihr Ruf iſt geſichert, und ihr Ge⸗ wiſſen kann ruhig ſchlafen,— Ihr ſeyd reich genug, für Eure Nachkommen königlich zu ſorgen, falls Euch der Himmel damit ſegnen ſollte.— Nur reinen Mund und eine dreiſte Stirn ſind erforderlich, und Eliſabeth und Eure ſchöne Emmy können Euch zugleich beglücken.— Mir überlaßt es, einen Käfig zu bauen, zu dem ſelbſt die Eiferſucht einer Königin keinen Schlüſſel finden ſoll.“ Leiceſter ſchwieg einen Augenblick, dann ſeufzte er, und ſprach:„Es iſt unmöglich— gute Nacht Sir Ri⸗ chard, gute Nacht— doch bleibt noch.— Könnt Ihr errathen, was Treſſilian bewog, in ſo nachläſſiger Klei⸗ dung vor der Königin zu erſcheinen?— vielleicht geſchah es, um ihr zärtliches Herz durch den Anblick eines Lieb⸗ habers„3u rühren, der ſeine Geliebte und ſich ſelbſt verlor. Sein gewähnliches Teufelslächeln überflog Varney's Geſicht, als er erwiederte, wie er keinen ſolchen Grund beim Herrn Treſſilian vermuthe. „Was meinſt Du damit?“ fragte Leiceſter. „Ich meine, Mylord!“ entgegnete Varney,„daß Treſſilian das ſicherſte Mittel ergriffen hat, ſeinem ge⸗ brochenen Herzen wieder auf die Beine zu helfen. Er hat eine weibliche Geſellſchaft— ein Schätzchen— das Weib oder die Schweſter eines unſerer Gaukler, droben „ — 86— bei ſich im Mervyns⸗Käfig, wo ich ihn aus gewiſſen Gründen hinein logierte.“— „Eine Buhldirne, eine Paramour, meinſt Du?“ fragte Leiceſter.. „Welches Weib bliebe ſonſt wohl allein in dem Zimmer eines Cavaliers?“ entgegnete Varney. „Das giebt traun bei Zeit und Gelegenheit eine hübſche Erzählung mitzutheilen,“ ſagte der Graf.„Ich habe ſolchen ſcheinheiligen Bücherwürmern nie getraut.— Herr Treſſilian macht ſich's alſo bequem in meinem Hau⸗ ſe— ſeh' ich leicht darüber hin, ſo geſchieht es aus gewiſſen Rückſichten; ich wünſche ihm nicht mehr zu ſchaden, als durchaus nöthig iſt. Halte indeß dein Au⸗ ge auf ihn, Varney!“ „Um das thun zu können, logierte ich ihn in den Mervyns⸗Thurm, wo er von meinem ſtets flinken, aber auch ſtets betrunkenen Diener bewacht wird, von dem⸗ ſelben Michael Lambourne, der Ew. Majeſtät be⸗ kannt.“—— „Ew. Majeſtät?“ wiederholte Leitceſter;„biſt Du toll?“ „Verzeiht, Mylord!“ entgegnete Varney, es ge⸗ ſchah abſichtlos, aber es klang zu natürlich, als daß ich mein Wort zurücknehmen möchte.“ „Deine eigene Standes⸗Erhöhung hat Dir das Gehirn verwirrt,“ ſagte Leiceſter lachend,„neue Ehre i*ſt berauſchend wie junger Wein.“ 3 1 „Mögen Ew. Herrlichkeit bald Urſache haben, ſo aus Erfahrung zu ſprechen!“ ſprach Varney und ent⸗ fernte ſich, nachdem er ſeinem Herrn eine gute Nacht gewünſcht hatte. 1 Wil heßren jetzt zu dem Mervyns⸗Käfig, dem Zim⸗ mer, oder vielmehr dem Gefängniß der unglücklichen Grä⸗ fin von Leiceſter zurück, welche ihre Angſt und Ungeduld eine Zeitlang zu beherrſchen bemüht geweſen war. Es war ihr begreiflich, daß bei dem Tumulte des heutigen Tages Zeit vergehen konnte, bevor ihr Schreiben in die Hände des Grafen gelangen würde, und daß es noch länger dauern könne, bevor er Gelegenheit haben würde, ſich der Gegenwart der Königin zu entziehen, um ſie in ihrer Verborgenheit aufzuſuchen.„Ich will ihn nicht eher als dieſe Nacht erwarten,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „er darf ſeinen königlichen Gaſt nicht verlaſſen, ſelbſt meinetwegen nicht. Er wird gewiß früher kommen, wenn es ihm möglich iſt, aber ich will ihn nicht eher als dieſe Nacht erwarten.“— Und dennoch erwartete ſie ihn mit jedem Augenblicke; und während ſie ſich ſelbſt eines An⸗ dern glauben zu machen ſtrebte, erklang ihr doch faſt jedes Geräuſch, welches ſie vernahm, wie die raſchen Schritte Leiceſters, den ſie glaubte die Stiege heraufeilen zu hören, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen. Die ungewohnte Körperanſtrengung während der letzten Tage, vereint mit einer Gemüthsbewegung ſo natürlich in ihrer ſchrecklichen Lage, begann nach und nach heftig auf ihre Neryen zu wirken, und ſie fürchtete faſt, daß es ihr an Kräften fehlen möge, in den Auf⸗ tritten, welche ihr noch bevorſtänden, die nöthige Selbſt⸗ beherrſchung zu behaupten. Obgleich aber durch ein allzu nachſichtsvolles Erziehungsſyſtem verzogen, war Emmy doch von der Natur mit vieler Seelenſtärke begabt wor⸗ ————— — 86— den, mit der ſich ein Körperbau verband, welcher durch die Theilnahme an ihres Vaters Jagdfreuden noch geſun⸗ der und kräftiger geworden war.— Sie ſlehete daher zu Gott um Geiſtes⸗ und Körperkraft, überzeugt wie ſie es war, daß ihr eigenes Wohl und Wehe zum Theil von ihrer Selbſtbeherrſchung abhängen würde, und faßte den Entſchluß, keiner Schwäche nachzugeben. Als aber vom Cäſars⸗Thurme, welcher ſich unfern vom Mervyns⸗Thurme befand, die große Schloßglocke ertönte, laut den Einzug der Monarchin in Kenilworth verkündend, klang ihr Schall ſchneidend und ſcharf in das Ohr der geängſteten Gräfin, und kaum konnte ſie ſich enthalten, jeden Klang der raſtlos Tönenden mit einem Angſtruf zu beantworten. Gleich darauf, als das kleine Gemach durch den Glanz kunſtvoller Feuerwerke plötlich erleuchtet ward, welche wie Feuergeiſter nach verſchiedenen Richtungen durch einander hinblitzten, oder wie die Salamander fröhliche Tänze in den Regionen der Sylphen aufführten, glaubte die Gräfin anfangs, jede Rakete dicht neben ihr ſich entladen zu ſehen, und die Hitze zu fühlen. Aber ſie kämpfte gegen dieſe eingebildeten Schrecken, zwang ſich aufzuſtehen, trat an's Fenſter, und blickte in ein Schauſpiel, welches ſie zu jeder andern Zeit mit Be⸗ wunderung und Freude erfüllt haben würde. Die pracht⸗ vollen Thürme rings um ſie her waren jetzt mit feuer⸗ ſprühenden Guirlanden umwunden, ſchnell darauf aber wieder in bleichen Rauch gehüllt. Die Oberfläche des Sees glich glühendem Eiſen, denn zahlloſe, damals für höchſt kunſtvoll gehaltene, jetzt freilich allgemein bekannte, Feuerwerke ſprühten und ziſchten, gleich feuerſpeienden Drachen, aus einem brennenden See mit furchtbarem 4 1 — Gepraſſel ihre Flammen aus dem fhnen Keindlhche Ele⸗ mente herauf. bſt Emmy fühlte ſich auf einen Augenblich von dieſer ihr ſo neuen Scene angezogen.„Ich hätte der⸗ gleichen für Zauberei gehalten,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „aber der arme Treſſilian lehrte mich ſolche Dinge beur⸗ theilen.— Großer Gott! gleicht nicht dieſer eitle Glanz meinen eigenen Hoffnungen auf Lebensglück?— ein ein⸗ zelner Strahl, plötzlich wieder von dunkler Nacht um⸗ hüllt,— eine ſchnell auflodernde Flamme, welche nur deßhalb hoch hinauf in die Luft ſteigt, um einen Augen⸗ blick nachher deſto tiefer hinab zu ſinken. Ach, Leiceſter! nach allem, was du geſagt,— geſchworen,— daß Emmy dein Licht, dein Leben ſey, iſt es möglich, iſt es wahr, daß du jener Zauberer biſt, auf deſſen Wink ſich alle dieſe Herrlichkeiten entfalten, während ich, deine Gemahlin, nur als eine Verſtoßene, als eine Gefangene, Zeuge davon bin?“ Die Muſikchöre, welche von verſchiedenen Orten her ertönten, bald fern, bald nahe, als ob nicht bloß das Schloß Kenilworth, ſondern die ganze umliegende Ge⸗ gend ein hohes, feierliches National⸗Feſt begehe, führ⸗ ten dieſelben trüben Gedanken noch näher und näher zu ihrem Herzen; einige ferne Töne ſchienen ſanft herüber zu klingen, als nähmen ſie Theil an ihrem Kummer, während rau⸗ ſchende Jubelmuſik in der Nähe, ihres Schmerzes mit aller Unverſchämtheit ungebundener Freude zu ſpotten ſchien.„Dieſe Toͤne ſind mein— mein, weil ſie auf ſeinen Wink erſchallen,“ fuhr ſie in ihrer Gedankenreihe fort,„aber ich darf ihnen nicht Schweigen gebieten; die Stimme des geringſten Landmanns, welcher ſich in den fröhlichen Tanz miſcht, würde größeren Einſluß — 90— haben, als ein Befehl von der, welche Herrinn von dem Allen iſt.“ Nach und nach erſtarben die feſtlichen Töne, und die Gräfin zog ſich von dem Fenſter zurück, an dem ſie horchend geſtanden hatte. Es war Nacht, aber der Mond leuchtete hell genug in das Gemach hinein, um Emmy zu den Anſtalten, welche ſie zu ihrer Sicherheit nöthig hielt, das erforderliche Licht zu ſpenden. Sie hoffte auf Leiceſters Beſuch, ſo bald ſich nur der Jubel im Schloſſe zur Ruhe begeben haben würde, fürchtete aber auch zugleich, von ſonſt irgend Jemand geſtört zu werden. Seitdem Treſſilian, ob ſie gleich die Thür von innen verſchloſſen hatte, auf ſo leichte Weiſe hereinge⸗ treten war, ſetzte ſie in den Schlüſſel kein großes Ver⸗ trauen mehr, und ſie beſchloß daher, weil ihr nichts anders übrig blieb, den Tiſch queer vor die Thür zu rücken, um von dem Geräuſch erweckt zu werden, falls jemand verſuchen ſollte, einzudringen. Nachdem die unglückliche Lady dieſe Vorſichtsmaßregel getroffen hatte, ſchritt ſie dem Lager zu, legte ſich nieder, und horchte in der geſpannteſten Erwartung bis ein Uhr nach Mit⸗ ternacht, wo endlich die erſchöpfte Natur, über Liebe, Kummer, Furcht und Ungewißheit ſiegend, ſie den Ar⸗ men des Schlummers übergab. Ja ſie ſchlief. Selbſt der Indianer ſchläft, an den Pfahl gebunden, in den Zwiſchenräumen ſeiner Martern; und geiſtige Qualen erſchöpfen auf gleiche Weiſe die Kräfte des Dulders, ſo daß eine bewußtloſe Ruhe ein⸗ treten muß, bevor er zu ſeinen Leiden wieder erwacht. Die Gräfin ſchlief alſo mehrere Stunden, und träumte, daß ſie in dem alten Herrenhauſe zu Eumnor ſey, dem leiſen Pfeifen horchend, mit welchem Leiceſter — 91— bei ſeinen heimlichen Beſuchen ſeine Ankunft zu verkün⸗ den pflegte. Statt jenes Pfeifen aber deuchte ihr jetzt, als höre ſie das Hüfthorn ihres Vaters erſchallen. Sie ſtürzte, ſo träumte ſie, zu dem Fenſter hin, welches nach dem Schloßhofe ging, und ſah dieſen mit Männern in Trauerkleidern angefüllt. Der alte Pfarrer las das Todtengebet, Meiſter Mumblaze aber, in der antiken Kleidung eines Herolds, hielt ein Wappenſchild hoch in die Luft, auf dem Todtengebeine und eine Sanduhr ſichtbar waren, über demſelben aber glänzte eine Grafen⸗ krone. Der alte Mann blickte ſie mit hohlen Geiſter⸗ augen an, und ſprach:„Emmy, iſt's ſo recht?“ Und als er dieß ſagte, ertönte auf's neue das Hüfthorn, nicht aber raſch, wie zuvor, ſondern in Sterbetöne ver⸗ hallend;— ſie erwachte. Sie erwachte, um würkliche Jagdmuſik zu verneh⸗ men, welche aus zahlreichen Hüfthörnern im Schloß⸗ hofe erſcholl. Nicht Sterbetöne waren es, welche jetzt erklangen, ſondern muntere Weiſen, die Schloßgeſell⸗ ſchaft zum fröhlichen Waidmannsfeſte auffordernd, mit dem im angrenzenden Gehege die Freuden des heutigen Tages beginnen ſollten. Emmy ſprang von ihrem Lager auf, horchte den Tönen, ſah die erſten Frühſtrahlen des Sommermorgens in ihr Fenſter hereinſchimmern, und erinnerte ſich, wo ſie war, und in welcher Lage. „Er denkt nicht an mich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, —„er kommt nicht!— Eine Königin iſt ſein Gaſt, was kümmert er ſich darum, ob in ſeinem ungeheuren Schloſſe eine Elende, wie ich, in Verzweiflung ver⸗ ſchmachtet!“ Plötzlich aber erfüllte ein Geräuſch an der Thür, ſo, als odb jemand verſuche, ſie leiſe zu öffnen, ihr Herz mit Freude und Furcht; eilig ſchob ſie den ——————————————— den Eingang hemmenden Tiſch bei Seite, und fragte be⸗ hutſam, bevor ſie aufſchloß:„Biſt Du es, mein Leben?“ Ein leiſes: ja! war die flüſternde Antwort.— Schnell riß ſie jetzt die Thür auf, rief:„Leiceſter, Lei⸗ ceſter!“ und ſchlug ihre Arme um den Mann, der in einen Mantel gehüllt vor ihr ſtand. 1 „Nicht ganz ſo— nicht vöͤllig Leiceſter! mein Schätzchen!“ entgegnete Lambourne,— denn dieſer war es— ihre Liebkoſungen mit Heftigkeit erwiedernd,„aber doch auch ein Mann, ſo gut als jener.“ Mit einer Anſtrengung von Kraft, von der in jedem andern Augenblicke die Gräfin kaum einen Begriff gehabt haben würde, entwand ſie ſich den Armen des unverſchäm⸗ ten trunkenen Wüſtlings, und ſtürzte bis in die Mitte des Zimmers zurück, wo ihr Verzweiflung den Muth gab, ſtill zu ſtehen.. Als Lambourne beim Eintreten den Mantel von ſeinem Geſichte fallen ließ, erkannte ſie auf den erſten Blick Varneys nichtswürdigen Diener, den Mann, von dem ſie, mit Ausnahme ſeines ihr noch verhaßteren Gebieters, am allerwenigſten erkannt zu werden wünſchen konnte. Dicht verhüllt aber, wie ſie war, in ihrem Reiſekleide, hoffte ſie, daß Lambourne, welcher ſie in Cumnor⸗Place kaum geſehen, ihre Perſon nicht ſo leicht wieder erkennen würde, als ſie die ſeine erkannt hatte, über welche ihr Janette, wenn er dann und wann über den Hof ging, furchterregende Auskunft gegeben hatte. Sie würde noch größeres Vertrauen zu ihrer Verkleidung gehabt haben, haͤtte Erfahrung ihr erlaubt, zu bemerken, daß Lambourne betrunken ſey. Doch hätte auch dieſe Entdeckung ſie nur wenig über die Gefahr beruhigen können, welcher ſie bei einem Menſchen von ſolchem Charakter, in einem ſol⸗ 4 — 95— chen Zuſtande, zu ſolcher Zeit und Stunde und an einem ſolchem Orte ausgeſetzt war. Lambourne warf die Thür hinter ſich 3u, ncts er eingetreten war, ſchlug die Arme über einander, ſo, als ſpotte er Emmys verzweiflungsvoller Stellung. „Höre, du fürſtliche Gräfin vom dunkeln Winkel!“ ſprach er dann,„gieb Dir nicht ſo viel Mühe, Dich auf⸗ zublähen, wir kennen Dich, Schatz!“— mit dieſen Worten taumelte er auf ſie zu. 1 „Zurück!“ rief die Gräfin,„keinen Schritt niben bei Gefahr deines Lebens!“ „Zurück!“ lachte Lambourne,„und bei Gefahr mei⸗ nes Lebens!— Glaubſt Du zum Teufel, Mädchen, Michael Lambourne ſey ein zu ſchlechter Biſſen für Dich.— Ich bin in Amerika geweſen, und hahe Geld mitgebracht, viel Geld“—— „Guter Freund,“ rief die Geäfin, von dem entſchlof⸗ ſenen frechen Weſen des W Wüſtlings aufs Aeußerſte getrieben, „geht, verlaßt mich, ich bitte Euch!“ gan 3 „Das will ich, Schatz,“ entgegnete Lambourne, ſo bald wir einer des andern Geſellſchaft müde ſeyn werden, aber keinen Augenblick eher.“— So ergriff er ſie beim Arm, während ſie, fernerer Vertheidigung unfähig, Schrei auf Schrei ausſtieß.„Schrei' nur, wenn es Dir gefällt,“ ſagte Lambourne, ohne ſie los zu laſſen, „ſieh', ich habe den Sturm auf der See heulen gehört, und mache mir nicht mehr aus Weibergeſchrei, als aus dem Gemaue eines Kätzchens. Gott verdamme mich! hörte ich doch deren Tauſend ſchon bei dem Sturm einer Stadt quiken!“ Das Geſchrei der Gräfin führte indeß unerwartete Hülfe in der Perſon des Kerkermeiſters Lawrence herbei, welcher ihren Angſtruf unten in ſeinem Zimmer gehört hatte, und jetzt zu rechter Zeit eintrat, um ſie vor Entdeckung oder vielleicht vor noch größerer Gewaltthätigkeit zu ſchü⸗ tzen. Lawrence war ebenfalls noch von dem Ueberfluß der letzten Nacht her berauſcht, aber ſeine Trunkenheit hatte, glücklicherweiſe, eine, der Lambournes entgegengeſetzten Richtung genommen. „Was zum Teufel iſt das für ein Gelärm hier im Thurm!“ rief er aus,„ Mann und Weib in einem Ge⸗ mach iſt gegen die Regel; hier unter meiner Aufſicht, beim heiligen Petrus! ſoll Ordnung ſeyn.“ „Die Treppe hinab mit Dir, du trunkenes Vieh,“ ſagte Lambourne,„ſiehſt Du nicht, daß wir, ſie und ich, allein ſeyn wollen?“ „Rettet, rettet mich von ihm, lieber Herr, um Got⸗ tes willen!“ rief die Gräfin. „Sie ſpricht höflich,“ ſagte der Kerkermeiſter,„ich will ihre Parthie nehmen. Meine Gefangenen ſind ja alle meine Kinder.— Darum laß ſie los, Michael, oder mein Hauptſchlüſſel ſoll deinen Gehirnkaſten aufſchließen. „Erſt will ich einen Blutpudding aus deinen Einge⸗ weiden machen,“ antwortete Lambourne, indem er mit der linken Hand nach ſeinem Dolche griff, mit der rechten aber Emmy feſthielt.„Da, nimm dieß, du alter Strauß, weil dein Sinn doch nach Stahl und Eiſen ſteht!“ 3 Lawrence faßte Lambournes Arm, und verhinderte ihn, den Dolch zu zucken; während ſie nun ſo mit ein⸗ ander rangen, gelang es der Gräſin, durch eine erneuerte Anſtrengung aller ihrer Kräfte, ihre Hand dem Handſchuh zu entwinden, den der Trunkenbold gefaßt hatte, und hinaus flog ſie, die Treppe hinab, während ſie die beiden Streiter oben zu Boden ſtürzen hörte; ein Lerm, welcher ihr Entſetzen vermehrte. Die äußere Thür ſtellte ihrer Flucht kein Hinderniß entgegen, weil ſie, um Lambourne einzulaſſen, geöffnet worden war, ſo, daß ſie glücklich in den ſchon früher oftmals erwähnten Raum gelangte, wo ſich Trophäen und architektoniſche Kunſtwerke befanden, welcher Ort ihr nach einem flüchtigen Blicke am paſſend⸗ ſten ſchien, um ferneren Verfolgungen zu entgehen. Unterdeſſen wälzten ſich Lambourne und Lawrence auf dem Boden des Gemachs, feſt in einander verſchlun⸗ gen; keiner hatte glücklicherweiſe Raum genug, ſeinen Dolch zu ziehen, aber Lawrence bearbeitete mit ſeinem Schlüſſelbunde Lambournes Geſicht auf derbe Weiſe, wäh⸗ rend dieſer ſeinen Gegner ſo feſt bei der Gurgel packte, daß ihm das Blut aus Mund und Naſe ſtrömte, ſo, daß ſie beide ein mörderiſches Schauſpiel darboten, als einer von den andern Hausofficianten, von dem Lärm herbeigezogen, herein trat, und die wüthenden Kämpfer nicht ohne Mühe von einander trennte. „Hol' Euch beide der Henker,“ ſprach der Friedens⸗ ſtifter, zumal aber Euch, Lambourne! was, zum Teufel, balgt Ihr euch hier wie ie Fleiſcherhunde auf dem Boden herum?“ Lambourne taumelte auf, und erwiederte, durch die Dazwiſchenkunft eines Dritten einigermaßen nüchtern ge⸗ macht, mit etwas weniger Unverſchämtheit, als gewöhn⸗ lich:„Wir ſchlugen uns um eine Dirne, ſollſt Du wiſſen.“ „Eine Dirne! Wo iſt ſie?“ fragte Jener. „Zum Teufel, wie ich ſehe,“ entgegnete Lambourne, „wenn ſie nicht etwa Lawrence verſchluckt hat. Der Gier⸗ ſchlund verſchlingt traurende Mädchen und unterdrückte benszeit genug. von Dir bekommen zu haben.“ 6— Waiſen, wie je ein Rieſe in König Arthurs Geſchichte; das iſt ſo ſein Lieblingsgericht; er verſchluckt ſie mit Leib und Seele.“ aat „Schweigt ihr, ſchweigt doch nur„ ſagte Lawrence, indem ſich ſeine unförmliche Geſtalt vom Boden erhob, „ich habe beſſere Kerle, als Ihr, unter dem Wendekreiſe meines Daumens und Zeigefingers gehabt, und ich werde ſeiner Zeit ſchon noch euren Kopf unter dem Beile ſehen. Eure unverſchämte Stirn wird eure Beine nicht immer vom Eiſen bewahren, noch euren immer durſtigen Schlund vor dem hanfenen Strick. Dieſe Worte waren kaum heraus, als auch Lambourne auf's neue auf ihn los wollte; aber der Ruheſtifter trat dazwiſchen:„Haltet Frie⸗ den,“ ſprach er,„oder ich werde jemand rufen, der euch Beide(chon zahm machen wird, und das ſoll Herr Varney ſeyn,— Sir Richard ‚mein' ich,— er ſteuert hieher,— eben jetzt ſah ich ihn über den Hof gehen.“ 15 9, DDonner und Wetter,“ fluchte Lambaurne, und griff nach dem Waſſerkruge.„Thue deine Pflicht, Ele⸗ ment! hätte ich doch geglaubt, geſtern, als ich auf dem verdammten See als Orion herumſchiffte, für meine Le⸗ So ſprechend, bemühte er ſich, Geſicht und Hände von den Zeichen ſeines Kampfes zu ſäubern, und ſeine Kleider, ſo gut als möglich, in Ordnung zu bringen. „Was haſt Du mit ihm angefangen?“ fragte der Friedensmeh den Kerkermeiſter bei Seite,„ſein Ge⸗ ſicht iſt ja aufgelaufen, wie ein Pudding.“ „Er trägt nur den Stempel meines Hauptſchlüſſels,“ erwiederte Lawrence,„ein Gepräge, noch viel zu gut für ſeine Galgenſtirn. Kein Menſch darf meine Gefangenen belei⸗ die zahlreichen Sommerlauben, Statüen, Fontainen und — 97— beleidigen; ſte ſind meine Kleinodien, und ich halte ſie dem gemäß unter Schloß und Riegel.— Alſo nur ruhig Madam.— Aber, wo Tauſend iſt ſte denn?— Es war doch ein Weibsbild hier!“ „Ich glaube, Ihr ſeyd heute früh beide toll,“ ſagte der Ruheſtifter;„ich habe hier weder ein Weib, noch vernünftige Männer, wohl aber zwei Trunkenbolde geſe⸗ hen, die ſich wie Hunde auf dem Boden herumbalgten.“ „Sie iſt, hol's der Teufel, fort,“ ſchrie der Ker⸗ kermeiſter,„ich bin ein verlorner Mann! Kenilworth's Gefängniß iſt erbrochen, es iſt aus mit mir.— Kö⸗ nige, Ritter und Herren haben hier geſchlafen, ſo ſicher, als im Tower zu London— nun iſt der Ruhm des Kerkers dahin, die Gefangene zum Henker, und der Kerkermeiſter ſteht auf dem Sprunge gehengt zu werden.“ So ſprechend, ſtolperte er die Treppe hinab, ſeiner eigenen Kammer zu, um dort in der Einſamkeit ſein Klagelied zu vollenden, oder vielleicht um ſich nüchtern zu ſchlafen. Lambourne und der Einigkeitsbeförderer folgten ihm auf dem Fuße, und thaten wohl daran, weil er ſonſt aus alter Gewohnheit, und wenn er von ihnen nicht daran verhindert worden wäre, die Eiſen⸗ ſtange wieder vor die Treppe gelegt, und ſie auf dem⸗ ſelben Gemache eingeſchloſſen haben Wünde, aus dem die Gräfin ſo eben befreiet war. Die unglückliche Lady floh, als ſe ſich in Freiheit ſah, wie wir ſchon erwähnt haben, na zenem mit Trophäen, Triumphbögen und dergleichen verſchönten Platze; ſie hatte dieſen reich geſchmückten Raum von dem Fenſter des Mervyn⸗Thurms aus geſehen, und es leuchtete ihr in dem Moment ihrer Flucht ein, daß ihr Kenilworth. 3ter Bd. G —- 98— Geotten leicht einen Zufluchtsort bieten würden, wo ſie ſich verbergen könne, bis ſich ihr ein Beſchützer zeigen würde, dem ſie, ſo weit ſie durfte, ihre verlaſſene Lage mittheilen, und durch deſſen Vermittlung ſie eine Unter⸗ redung mit ihrem Gemahl zu erlangen ſuchen wollte. „Könnte ich nur meinen Führer treffen,“ dachte ſie,„ich würde dann erfahren, ob er meinen Brief ab⸗ gegeben hat,— oder Treſſilian; beſſer wär's, ihn mit meiner ganzen Lage vertraut zu machen, und es auf Dudley's Zorn zu wagen, als noch länger den Unver⸗ ſchämtheiten roher Menſchen ausgeſetzt zu ſeyn. Ich will mich nicht wieder in ein Zimmer verſchließen laſſen, ich will harren, ich will warten,— unter ſo vielen leben⸗ den Menſchen muß es doch wohl ein fühlendes Herz geben, welches mit meiner Lage Mitleid haben wird.“ Wirklich zogen auch mehrere Gruppen über den Platz, aber es waren luſtige, muntere Menſchen, welche im fröhlichen Scherz vorübereilten. Der Zufluchtsort, den ſie gewählt hatte, machte es ihr leicht, ſich jeder Aufmerkſamkeit zu entziehen. Sie brauchte nur in den Hintergrund einer mit Moosſitzen verſehenen Grotte zu treten, an derem unterem Ende ſich eine Fontaine befand, um nach Gefallen verborgen zu bleiben, oder ſich irgend einem einſamen Wandrer zu entdecken, den ſeine Neugier zu dieſem romantiſchen Orte führen möchte. Solch' einer Gelegenheit entgegen har⸗ rend, blickte ſie in das klare Baſſin, welches ihr der jetzt ruhende Springbrunnen wie ein Spiegelglas entge⸗ gen hielt, und erſchrack über ihren eigenen Anblick, zweifelnd, ob auch, verhüllt und entſtellt wie ſie durch ihre Verkleidung war, irgend ein weibliches Weſen(und bei einem ſolchen hoffte ſie doch vorzüglich Theilnahme — 99— zu erwecken) ſich mit einer Perſon von ſo Verdacht er⸗ regendem Aeußeren in eine Unterredung einlaſſen würde. So überlegend, wie ein Weib, dem unter keinem Verhältniß der äußere Schein eine Sache von Unwichtig⸗ keit iſt, oder wie eine Schönheit, die einiges Vertrauen auf die Macht ihrer Reize beſitzt, legte ſie Mantel und Kappe bei Seite, ſo, daß ſie ſolche jeden Augenblick wie⸗ der zur Hand hatte und anlegen konnte, falls Varney, Lambourne, oder ſonſt Jemand in die Grotte treten, und die Verkleidung nöthig machen würde. Die Kleidung, welche ſie unter dem Mantel trug, hatte etwas theatra⸗ liſches, ſo, daß ihr Aeußeres dem der Schauſpielerinnen gleich kam, welche bei den Feſten Vorſtellungen gaben. Wayland hatte dieſes am zweiten Tage ihrer Reiſe an⸗ geordnet, weil er am erſten den Nutzen einer ſolchen Verkleidung einſah. Das Baſſin, zugleich als Spiegel und Waſchbecken dienend, ſetzte Emmy in den Stand, eine kurze und eilige Toilette zu machen. Dann nahm ſie ihr Käſtchen mit Juwelen in die Hand, um ſie be⸗ reit zu haben, falls ſie als Vermittler zu gebrauchen wären, und zog ſich in den dunkelſten und verborgenſten Winkel der Grotte zurück, wo ſie ſich auf eine Moos⸗ bank niederließ, ſehnſuchtsvoll der Ankunft irgend eines Weſens entgegen harrend, in welchem ihr der Himmel einen Schutzgeiſt ſenden würde. 49. E⸗ traf ſich an dieſem merkwürdigen Morgen, daß Englands jungfräuliche Königin, zu deren Ehre die heu⸗ tige Jagd⸗Parthie angeordnet worden war, in vollſtän⸗ G* ———y— — 100— digem Jagdanzuge mit zuerſt aus ihrem Zimmer trat. Mag es nun Zufall, oder vielleicht ſchickliche Ehrerbie⸗ tung gegen eine Gebieterin geweſen ſeyn, welche ihm ſo unwiderſprechliche Beweiſe von Gnade und Huld gab, genug, ſie hatte kaum den Fuß über die Schwelle ih⸗ res Gemach's geſetzt, als auch Leiceſter vor ſie trat, und ihr den Vorſchlag machte, bis die Anſtalten zur Jagd völlig beendet ſeyn würden, den Garten des Schloſſes und den mit architektoniſchen Kunſtwerken verſehenen Platz in Augenſchein zu nehmen. Dem gemäß wandelten ſie nun durch die prachtvollen Gänge, von Teraſſe zu Teraſſe, von Parterre zu Par⸗ terre, wobei der Arm des Grafen ſeiner Monarchin die Stütze gewährte, welche ſie verlangte. Die Damen aus dem Gefolge, mit Klugheit begabt, vielleicht aber auch von dem Gefühl beſeelt, ſo gegen Andere handeln zu wollen, wie ſie wünſchten, daß man in gleichem Falle ſich gegen ſie ſelbſt benähme, glaubten, daß ihre Pflicht gegen die Monarchin, welche ſie indeß nicht aus den Au⸗ gen verloren, ihnen jetzt nicht geböte, derſelben ſo nahe auf dem Fuße zu folgen, daß ſie Zeugen, oder wohl gar Störer ihrer Unterredung mit dem Grafen würden, der ja nicht bloß ihr Wirth, ſondern auch ihr treueſter und begünſtigteſter Diener war. Eliſabeths Jagdgewand, von hellblauer Seide mit Silber reich beſetzt, glich, der Form nach, einer antiken Amazonentracht, und ſtand daher vortrefflich zu ihrer ho⸗ hen Geſtalt, und zu ihren würdevollen Geſichtszügen, welche durch ihren Rang und durch die lange Gewohn⸗ heit zu gebieten, wohl etwas zu männlich geworden wa⸗ ren, um ſich in gewöhnlicher weiblicher Kleidung am vortheilhafteſten auszunehmen. — 101— Leiceſters grünes, reich mit Gold beſetztes Jagdkleid, mit dem glänzenden Wehrgehäng, an dem ſtatt des Schwerdtes Hüfthorn und Jagdmeſſer hingen, ſtand dem, der es trug, wie ſeine übrigen Hof- und Kriegskleider; denn ſo vollkommen waren bei ihm Geſtalt und Geſichts⸗ züge, daß man jedesmal, wie und in welcher Kleidung er auch erſcheinen mochte, überzeugt war, ihn früher noch nie ſchöner geſehen zu haben. Das Detail von der Unterredung der Königin und des begünſtigten Lords iſt uns nicht bekannt geworden, aber Hofleute, welche ſie aus der Entfernung beobachte⸗ ten,(und Hofleute haben bekanntlich ſcharfe Augen) wollten bemerken, daß bei keiner Gelegenheit Eliſabeths Würde und Hoheit in Gebehrden und Bewegungen einen ſolchen Ausdruck von Zärtlichkeit angenommen hätten, als an dieſem wichtigen Morgen. Ihre Schritte waren nicht nur langſam, ſondern unſicher, etwas ganz unge⸗ wöhnliches in ihrem ſonſt majeſtätiſchen Gange; ſie ſchien ihre Blicke auf den Boden zu heften, und ein geheimes Bemühen zu verrathen, ſich von ihrem Begleiter abge⸗ wendet zu erhalten, eine Bewegung, wodurch Frauen oft ihre entgegengeſetzte Stimmung zu erkennen geben. Die Herzogin von Rutland, welche ſich ihr am meiſten zu nähern wagte, behauptete: ſie habe eine Thräne in Eliſabeths Augen und eine Röthe auf ihren Wangen be⸗ merkt;„auch ſchlug ſie ihre Augen nieder, um meine Blicke zu vermeiden,“ ſagte die Herzogin,„ſie, welche ſonſt einem Löwen ins Auge ſchauen würde.“— Zu welchen Schlüſſen dieſe Symptome führten, liegt klar am Tage; auch waren ſie vielleicht nicht grundlos. Eine geheime Unterredung zwiſchen Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechts entſcheidet nicht ſelten über ihr Schickſal, und —-— 102— giebt dieſem oft eine ihren früheren Abſichten ganz ent⸗ gegengeſetzte Wendung. Galanterie miſcht ſich zuerſt in die Unterhaltung, und Neigung und Leidenſchaft dann wieder in die Galanterie. Fürſten und Hirten werden in ſolchem verſuchungsvollen Augenblicke mehr ſagen, als anfangs ihre Abſicht war, und Königinnen wie Bäuerin⸗ nen länger zuhören, als ſie ſollten. Unterdeſſen ſtampften im Schloßhofe die Pferde, und ſchäumten vor Ungeduld; die Hunde heulten in den Kop⸗ peln, und die Jäger murrten. Aber Leiceſter hatte eine andere Jagd auf's Korn, oder war vielmehr, um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, in ſie hineingezogen worden, gleichwie der muthige Jäger dem Gebelle der Hunde nachgebend, der Spur folgt, die ihm der Zufall in den Weg führt. Die Königin, ein vollendetes und hübſches Weib, der Stolz Englands, Hollands und Frank⸗ reichs Hoffnung, und Spaniens Schrecken, hatte mit mehr als gewöhnlicher Güte, der Miſchung von roman⸗ tiſcher Galanterie, mit der ſie ſich gern anreden ließ, ihr Ohr geliehen; und der Graf, entweder aus Eitelkeit oder aus Ehrgeiz, oder vielleicht von beiden Leidenſchaf⸗ ten zugleich angetrieben, immer mehr und mehr ſeine Worte mit dieſem ſüßen Honig gewürzt, bis ſeine Rede völlig zur Sprache der Liebe ward. „Nein, Dudley,“ ſprach Eliſabeth mit jitrernder Stimme,—„ich muß die Mutter meines Volkes blei⸗ ben. Bande, welche arme Mädchen beglücken, ſind der Monarchin verſagt;— dringe nicht ferner in mich, Leiceſter.— Wäre ich wie Andere frei, könnt' ich mein eigenes Glück berückſichtigen,— dann— aber es kann, es darf nicht ſeyn.— Verſchieht die Jagd, Mylordt— o— —-— 103— verſchiebt ſie nur auf eine halbe Stunde,— und ver⸗ laßt mich.“ „Wie, Euch verlaſſen, gnädigſte Frau!“ rief Lei⸗ ceſter;„hat Euch mein Wahnſinn beleidigt?“ „O nein, Leiceſter!“ entgegnete die Königin;„doch, es iſt Wahnſinn, und darf nicht wiederholt werden. Geht— aber geht nicht weit— und ſorgt, daß ich von niemand geſtört werde.“ Als ſie ſo ſprach, verbeugte ſich Dudley tief, und zog ſich mit einem Anſchein von Schwermuth zurück. Die Königin blickte ihm gedankenvoll nach, und ſprach leiſe vor ſich hin:—„Wäre es möglich!— wenn es nur möglich wäre!— aber nein, nein— Eliſabeth kann nur Englands Weib und Mutter ſeyn.“ Während dieſer Worte, und in der Abſicht, ſich ungeſtört zu ſammeln, trat Eliſabeth in eben die Grotte, in welcher ihre unglückliche und doch auch nur zu glück⸗ liche Nebenbuhlerin verborgen war. Die Seele der Monarchin, wenn gleich durch die gemütherregende Bewegung, der ſie ſo eben ein Ziel ge⸗ ſetzt hatte, einigermaßen erſchüttert, beſaß dennoch Stärke genug, ſchnell wieder Faſſung zu gewinnen. Als Eliſa⸗ beth ſich langſam der innern Grotte näherte, hatte ihr Geſicht, noch bevor ſie die Hälfte des Weges zurücklegte, ſeine Würde, und ihre Blicke das ihnen eigenthümliche gebietende Weſen bereits völlig wieder angenommen. Jetzt bemerkte die Königin im Hinterg runde der Zwielichts⸗Grotte eine weibliche Geſtalt zur Seite, oder vielmehr halb hinter einer alabaſternen Säule, an deren Fuß ſich der Waſſerſpiegel ausbreitete. Der klaſſiſch ge⸗ bildete Geiſt Eliſabeths rief ihr die Erzählung von Numa und Egeria ins Gedächtniß zurück, und ſie war anfangs A — 104— überzeugt, daß hier irgend ein italiſcher Bildhauer jene Najade dargeſtellt habe, deren Eingebungen einſt Rom Geſetze gaben. So wie ſie indeß weiter ſchritt, ward ſie zweifelhaft, ob ſich eine Statüe, oder ein Weſen von Fleiſch und Blut, ihren Blicken zeige. Die arme Emmy blieb in der That bewegungslos in ihrer Stellung, mäch⸗ tig von dem Wunſche befeelt, ſich vertrauungsvoll einem weiblichen Weſen in die Arme zu werfen, von der Angſt aber zurückgehalten, welche die Ehrfurcht gebietende Ge⸗ ſtalt der Herannahenden ihr einflößte, in der ſie, obgleich ihre Augen Eliſabeth früher nie geſehen, die Beherrſche⸗ rin Englands unverzüglich ahnete. Emmy war aufge⸗ ſtanden, um die Lady anzureden, welche ſo allein, und, wie es ihr ſchien, ſo gelegen in die Grotte trat. Als es ihr aber immer gewiſſer wurde, daß die Fremde die Königin ſelbſt ſey, und ſie nun der ſchrecklichen Folgen gedachte, welche Leiceſter ihr geſchildert hatte, falls die Königin ſeine Verbindung mit ihr entdecken würde, blieb ſie, den einen Fuß vorgeſtreckt, wie angefeſſelt ſtehen, Arme und Haupt waren bewegungslos und ihre Wangen bleich, wie die Alabaſterſäule, an der ſie ſich lehnte. Ihre Kleidung war von ſeegrüner Seide, und glich eini⸗ germaßen dem Gewande einer griechiſchen Nymphe, ſo, daß die Meinung der Königin, eine lebloſe Geſtalt zu erblicken, durch alle dieſe Umſtände, ſo wie durch Emmy's todtenbleiche Wangen und ſtarren Blicke, gerechtfertigt wurde. Elifabeth, ſelbſt als ſie bis auf einige Schritte her⸗ angekommen war, noch immer zweifelhaft, eb ein Werk der Kunſt oder der Natur vor ihr ſtehe, heftete jetzt ihr ſcharfes Auge ſo forſchend auf die ſtatüenähnliche Gräfin, daß das Erſtaunen der Letzteren völlig der Angſt Raum — 105— gab, und ſich ihre Augen demüthig vor den gebietenden Blicken der Monarchin ſenkten. Außer dieſer von einer langſamen Neigung des Hauptes begleiteten Bewegung aber, blieb ſie wie zuvor, ſtarr und bewegungslos. Aus ihrer Kleidung, wie aus dem Käſtchen in ih⸗ rer Hand, zog Eliſabeth jetzt den natürlichen Schluß, daß die ſchöne Geſtalt vor ihr eine jener Schauſpielerin⸗ nen ſey, welche man an verſchiedenen Orten und in mannichfachen Gruppen aufgeſtellt hatte, um ſie durch huldigende Anreden zu überraſchen, und daß das arme Weſen, welches ſich ihr jetzt zeigte, bei ihrem Anblick von Angſt überwältigt, ſeine Rolle vergeſſen, oder den Muth, ſie zu beginnen, verloren habe. Es war natür⸗ lich und freundlich, die Erſchrockene zu ermuthigen, und Eliſabeth ſprach daher mit einem Tone voll herablaſſen⸗ der Huld:„Nun, ſchöne Nymphe dieſer lieblichen Grotte, hat Euch der böſe Zauberer Furcht, bewegungslos und ſtumm gemacht?— Wir ſind ſeine geſchworne Feindin, Mädchen! und können ſeinen Zauber löſen. Sprich! wir gebieten es Dir!“ Statt zu antworten, ſtürzte die unglückliche Gräfin zu den Füßen der Königin nieder, das Käſtchen entſank ihren Händen, ſie faltete dieſe, hob ſie empor, und ſchauete mit angſtvollen und flehenden Blicken zur Mo⸗ narchin auf, welche ſich innig bewegt fühlte. „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte Eliſabeth,„ſprich, was willſt Du von uns, Mädchen?“ „ Euren Schutz, gnädigſte Frau!“ ſtammelte die unglückliche Bittende mit zitternden Lippen. „Jede Tochter England's hat Anſpruch darauf, wenn ſie ihn verdient,“ entgegnete Eliſabeth;„aber Du ſcheinſt — 106— tieferen Kummer zu haben, als den um eine vergeſſene Rede. Weshalb und worin begehrſt Du unſern Schutz?“ Emmy verſuchte, ſich ſchnell zu beſinnen, was ſie am beſten vorbringen könne, um vor den ſie umgeben⸗ den Gefahren geſchützt zu werden, ohne daß ihre Rede ihrem Gemahl Unheil brächte. Aber in dem Chaos, welches ihre Seele erfüllte, immer von einem Gedanken zum andern geführt, konnte ſie endlich auf die wieder⸗ holte Frage der Monarchin: weßhalb ſie denn ihren Schutz verlange, nichts weiter herausſtammeln, als: „allmächtiger Gott, ich weiß es nicht./ „Du biſt eine Thörin, Mädchen!“ ſprach Eliſa⸗ beth ungeduldig; denn es lag in der ſeltſamen Verwir⸗ rung der ſchönen Flehenden Etwas, welches zugleich Theilnahme und Neugierde erregte.„Der Kranke muß ſein Uebel dem Arzte vertrauen, auch ſind wir nicht ge⸗ wohnt, unſere Fragen ſo oft zu wiederholen, ohne Ant⸗ wort zu erhalten.“ 3 A „Ich bitte— ich flehe!“— ſtammelte die un⸗ glückliche Gräfin,„ich beſchwöre Euch um Euren Schutz, gegen— gegen— gegen einen gewiſſen Varney.“— Sie bebte zuſammen, als ſie das letzte Wort ausſprach; die Käönigin faßte es augenblicklich auf. „Varney?“ fragte ſie,„Richard Varney, Lord Leiceſters Diener?— Was haſt Du mit ihm zu thun, und er mit dir?“— „Ich, ich— ich war ſeine Gefangene— er ſtellte mir nach dem Leben— und ich entfloh— um, um“—— „Um dich in meinen Schutz zu begeben, ohne Zwei⸗ fel,“ ſagte Eliſabeth,„Er ſoll dir werden, wenn Du nämlich deſſen würdig biſt.— Wir wollen die Sache auf's ſtrengſte unterſuchen.— Du biſt,“ fuhr ſie fort, —-— 107— indem ſie einen Blick auf die Gräfin richtete, welcher ihre innerſte Seele durchbohren zu wollen ſchien—„Du biſt Emmy, Tochter des Sir Hugh Robſart auf Lin⸗ cote⸗Hall!“ „Verzeiht mir,— verzeiht,— gnädigſte Für⸗ ſtin!“ rief Emmy, auf's neue zu den Knieen der Mo⸗ narchin niederſinkend, welche ſie aufgehoben hatte. „Was ſoll ich Dir verzeihen, albernes Mädchen?“ fragte Eliſabeth,„etwa, daß Du die Tochter deines Va⸗ ters biſt?— Du biſt geiſteskrank. Ich ſehe wohl, ich muß Dir die Geſchichte zollweiſe abfragen.— Du haſt deinen alten ehrenwerthen Vater hintergangen,— in deinen Blicken liegt das Geſtändniß,— Treſſilian treu⸗ los verlaſſen,— dein Erröthen geſteht es,— und dich mit Varney vermählt.“ Emmy ſprang auf, und unterbrach die Königin, indem ſie mit großer Heftigkeit ausrief:„Nein gnädige Frau, nein! ſo wahr ein Gott über uns lebt, ich bin nicht das verächtliche Geſchöpf, für welches Ihr mich hal⸗ tet! Ich bin nicht das Weib jenes nichtswürdigen Scla⸗ ven, jenes ſchändlichen Böſewichts!— nicht Varney's Weib,— eher wollt' ich die Braut des Todes, als ſeine Gattin ſeyn!“ Die Königin, jetzt ihrerſeits von Emmys Heftigkeit gewiſſermaßen außer Faſſung geſetzt, ſchwieg einen Au⸗ genblick, und ſprach dann:„Bei Gott! Weib,— ich ſehe, Du biſt der Rede mächtig, wenn es dein Thema gilk. Sprich,“ fuhr ſie fort, indem ſich zu ihrer Neu⸗ gier der Argwohn geſellte, daß man ſie hintergangen haben könnte,—„ſprich, Weib! Beim Himmel, ich will es wiſſen,— weſſen Weib, oder weſſen Paramour biſt Du? Sprich es aus, und eilig,— denn weit eher — 108— ließe eine Löwin Scherz mit ſich treiben, als Eliſa⸗ beth.“ Zum Aeußerſten getrieben, an den Abgrund ge⸗ ſchleppt, den ſie erblickte, und doch nicht vermeiden konnte,— aller Hoffnung auf irgend einen Aufſchub durch die heftigen Worte und Mienen der beleidigten Königin beraubt, erwiederte Emmy endlich voll Ver⸗ zweiflung;„Graf Leiceſter weiß alles!“ „Der Graf von Leiceſter?“ fragte Eliſabeth mit neuem Erſtaunen,„der Graf von Leiceſter!“ und ihre Blicke flammten vor Zorn;—„welche Frechheit, Weib,— Du lügſt,— er kümmert ſich nicht um ſolche Geſchöpfe, wie Du biſt.— Du wagſt es, Englands edelſten Lord und ehrenwertheſten Cavalier zu verläumden.— Doch, wäre er unſere rechte Hand, oder ſtände er uns viel⸗ leicht noch näher, Du ſollſt gehört werden, und zwar in ſeiner Gegenwart.— Komm mit, folge mir augen⸗ blicklich!“ 3 Als Emmy vor Schrecken zurück bebte, eine Be⸗ wegung, welche die leidenſchaftliche Königin für ein Ge⸗ ſtändniß von Schuld hielt, trat Eliſabeth haſtig auf ſie zu, faßte ſie beim Arm, und eilte ſchnellen Schrittes zur Grotte hinaus, den Hauptgang entlang, die erſchrockene Gräfin am Arm mit ſich ſchleppend, welche kaum im Stande war, mit der entrüſteten Königin gleichen Schritt zu halten.— Leiceſter war in dieſem Augenblicke der Mittelpunkt einer glänzenden Gruppe von Herren und Damen, welche ſich unter einen Bogengang am Ende der Allee zurückgezo⸗ gen hatten, um hier den Befehl der Majeſtät, daß die Jagd beginnen ſolle, zu erwarten. Man denke ſich ihr Er⸗ ſtaunen, als ſie jetzt, ſtatt Eliſabeth mit jener anſtändi⸗ — 109— gen, würdevollen Haltung, die faſt immer ihre Bewegun⸗ gen bezeichnete, zurückkehren zu ſehen, dieſe mit Blitzes⸗ ſchnelle heranſchreiten ſahen, ſo, daß ſie ſich unter ihnen befand, noch bevor ſie es ſelbſt vermutheten. Aus ihren Zügen ſprach Zorn und heftige Gemüthsbewegung, ihr Haar war durch ihren eiligen Gang in Unordnung gera⸗ then, aus ihren Augen flammte die Kunde, daß der Geiſt Heinrich VIII. ſie in dieſem Augenblicke beſeele, und Furcht und Angſt erfaßten alle Gemüther. Nicht weniger waren ſie beim Anblick des bleichen, halbtodten, aber dennoch ungemein liebenswürdigen weiblichen Weſens erſtaunt, welches die Königin mit der einen Hand feſthielt, während ſie mit der andern ihre Hofdamen und Hofkavaliere zurück⸗ winkte, die ſich herandrängten, fürchtend, ihr ſey plötzlich unwohl geworden.— „Wo iſt Mylord von Leiceſter?“ fragte ſie mit ei⸗ nem Tone, welcher alle Höſlinge in Schrecken ſebis,— „tretet vor Mylord von Leiceſter!“ Wenn an dem heiterſten Sommertage, wo hell die Sonne am Himmel glänzt, und alles lacht und lebt, ein Blitzſtrahl plötzlich aus dem azurnen Gewölbe herabzuckend die Erde zu den Füßen des ruhigen Wanderers aufwühlt, kann dieſer nicht mit mehr Angſt und Erſtaunen in den vor ihm jetzt plötzlich gähnenden Abgrund blicken, als Leieeſter bei dem Anblicke empfand, der ihm ſo unerwartet entgegen trat. Er hatte ſo eben mit höfiſcher Affectation, oder ſo, als ob er ihre Meinung nicht verſtände, die halb geäußer⸗ ten, halb nur angedeuteten Glückwünſche des Hofes zu der ſo ganz beſondern Gunſt der Monarchin in Empfang genommen; denn nach dem huldreichen Benehmen derſel⸗ ben gegen ihn an dieſem Morgen, war bei Manchem kaum noch ein Zweifel mehr übrig, daß er nicht bald von ihres Vaters! — 110— Gleichen zu ihrem Herrn erhoben werden würde. Und jetzt, wo noch das unterdrückte, doch ſtolze Lächeln, mit dem er jene Glückwünſche abgewieſen hatte, ſeinen Mund umzogen hielt, ſchoß die Königin mit der leidenſchaftlich⸗ ſten Heftigkeit in den Kreis, die bleiche zuſammenſinkende Geſtalt ſeines kaum noch athmenden Weibes mit einer Hand aufrecht haltend, und fragte, indem ſie mit der andern auf die geiſterbleichen Geſichtszüge ihrer Gefährtin zeigte, mit einer Stimme, welche in dem Ohr des faſt zu Marmor gewordenen Staatsmanns, wie die Poſaune des Weltgerichts, wie der Ruf des Herrn zum'ewigen Urtheilsſpruche erklang:„Kennſt du dieſes Weib?“ Gleich wie bei dem Schall dieſer letzten Poſaune der Sünder erbeben, und die Berge anrufen wird, ihn zu bedecken, flehten auch jetzt Leiceſters innerſte Gedanken das prachtvolle Gewölbe an, unter dem er ſtand, das ſein Stolz einſt erbauete, doch in ſeinen ſtarken Pfeilern erſchüttern, und ihn unter ſeinen Trümmern begraben zu wollen. Aber die Säulen und Bogen ſtanden feſt, und nur ihr ſtolzer Herr ſtürzte zu den Füßen der Monarchin, die Marmorſteine, auf denen ſie ſtand, mit ſeiner Stirn berührend.— „Leiceſter,“ rief Eliſabeth mit einer von Leidenſchaft zitternden Stimme,„hätte ich je denken können, daß ich,— ich, deine Monarchin,— ich, deine Dir ver⸗ trauende, zu partheiiſch Dir vertrauende Gebieterin, un⸗ dankbar und ſchändlich von Dir betrogen werden würde; in deiner demüthigen Stellung liegt dein Bekenntniß!— Bei allem, was heilig iſt, treuloſer Lord! dein Kopf ſchwebt in eben ſo großer Gefahr, als je der deines 3 14 Keiceſter ward zwar nicht durch ein Bewußtſeyn ſe iner — 111— Unſchuld, wohl aber durch ſeinen Stolz aufrecht gehalten. Er hob ſein Haupt langſam empor, und erwiederte: „Mein Kopf kann nur durch den Urtheilsſpruch von mei⸗ nes Gleichen fallen,— vor ihnen will ich mich vertheidi⸗ gen, nicht aber vor einer Fürſtin, welche ſo meine treuen Dienſte vergilt.“ „Wir, ſagte Eliſabeth um ſich blickend,„wir ſind beleidigt Mylord's— beleidigt in dem Schloſſe, welches der ſtolle Mann von uns empfing!— Mylord von Schrewsbury, Ihr ſeyd Marſchall von England,— euer Amt iſt es, ihn des Hochverraths anzuklagen.“ „Wen, Ihre Majeſtät?“ fragte der Graf von Schrewsbury, der ſo eben erſt in den Kreis getreten war. „Wen?“ rief Eliſabeth,„wen anders, als den Verräther Dudley, Graf von Leiceſter!— Vetter Huns⸗ don, ruft eure Wache, und nehmt ihn ſogleich in ſtren⸗ gen Gewahrſam,— fort auf der Stelle!“ Hunsdon, ein rauher, alter Edelmann, der wegen ſeiner Verwandtſchaft mit den Boley's freier mit der Kö⸗ nigin zu ſprechen gewohnt war, als irgend ſonſt jemand, erwiederte ziemlich kühn:„Ew. Majeſtät könnten mich morgen wohl leicht ſelbſt nach dem Tower ſchicken, wenn ich mich allzuſehr ſpurete; ich bitte Euch, noch etwas Geduld zu geben.“— „Geduld,“ rief die Königin,„Gott's Tod! nennt mir das Wort nicht,— Ihr wißt nicht von welchem Verbrechen die Rede iſt!“ Emmy, welche unterdeſſen einige Faſſung wieder gewonnen hatte, und ihren Gemahl aller Gefahr, welche von dem Zorn der beleidigten Monarchin zu erwarten war, ausgeſetzt ſah, vergaß auf der Stelle(und wie viele lie⸗ bende Weiber handelten nicht ſchon wie ſie!), in der Angſt — 112— um ihn, das ihr zugefügte Unrecht, und ihre eigene Ge⸗ fahr. Sie ſtürzte zu den Füßen der Königin nieder, um⸗ ſchlang ihre Knie, und rief aus:„Er iſt ſchuldlos,— er iſt ſchuldlos, gnädigſte Frau! Niemand kann dem edlen Grafen von Leiceſter etwas zur Laſt legen.“ „Wie?“ fragte die Königin,„ſagteſt Du nicht ſelbſt, daß der Graf mit deiner ganzen Geſchichte vertraut ſey?“ „Sprach ich ſo?“ ſagte die unglückliche Emmy, jede Rückſicht auf ihr eigenes Intereſſe hintenan ſetzend;„habe ich das wirklich geſagt, o, ſo habe ich Euch ſchändlich, ſchändlich belogen. So richte mich Gott, wenn ich nicht überzeugt bin, daß er nie einen böſen Gedanken gegen mich hegte!“ „Weib!“ rief Eliſabeth,„ich will wiſſen, was dich bewog, ſo zu ſprechen, oder mein Zorn— und der Zorn der Herrſcher flammt furchtbar— ſoll dich zu Staub zer⸗ malmen.“ Als die Königin dieſe Drohung ausſprach, rief Lei⸗ ceſters beſſerer Engel ſeinen Stolz zu ſeinem Beiſtande auf, und zeigte ihm die Verachtung, die er gegen ſich ſelbſt fortan empfinden müſſe, wenn er unter dem groß⸗ müthigen Opfer ſeiner Gattin Schutz ſuchen, und ſie zur Vergeltung ihrer Liebe dem Zorne der Monarchin preis geben würde. Schon hatte er ſein Haupt mit der Würde eines Mannes von Ehre erhoben, bereit, ſeine Vermäh⸗ lung einzugeſtehen und ſich als Beſchützer ſeiner Gemah⸗ lin zu erklären, als Varney, geboren, wie es ſchien, um der böſe Genius ſeines Gebieters zu ſeyn, eilig in den Kreis trat, mit verſtörtem Blick und Weſen. „Was ſoll dieſe unverſchämte Störung?“ fragte die Königin. 1918655 dn Varney warf ſich, wie von Kummer und Schmerz über⸗ — — — 115— überwältigt, der Monarchin zu Füßen, ndem er aus⸗ rief:„Verzeiht Königin, verzeiht!— oder laßt wenig⸗ ſtens Euren Zorn den fühlen, der ihn verdient; doch ſchont meines edlen, großmüthigen und ſchuldloſen Be⸗ ſchützer und Herrn!“ „Emmy, welche ebenfalls noch auf den Knieen lag, ſprang empor, als ſie den verhaßten und gefürchteten Mann neben ſich erblickte, und ſtand im Begriff, ſich ihrem Gemahl in die Arme zu werfen, als plöklich die Ungewißheit und die Furcht, in Leiceſters Blicken, welche im Verein mit dem Erſcheinen ſeines Vertrauten eine Wan⸗ delung der Scene vorzubereiten ſchienen, ihre Schritte hemmten. Sie ſank zurück auf ihr Knie, und flehete die Monarchin an, ſie lieber in den unterſten Kerker des Schloſſes werfen zu laſſen, ſie wie die ärgſte Verbrecherin zu behandeln, aber ſie dem Anblicke und der Nähe jenes ſchamloſen, furchtbaren Böſewichts zu entziehen. „Und was, Kind,“ fragte die Königin, aufs neue mit Theilnahme für die Unglückliche erfüllt,„was hat Dir der Böſewicht, wie Du ihn nennſt, gethan?“ „Ach, gnädigſte Frau!“ fuhr Emmy fort, er hat mehr, mehr gethan, als Kummer verbreitet und Krän⸗ kung zugefügt,— er hat Zwiſt geſäet, wo Frieden kei⸗ men ſollte.— Wahnſinn würde mich erfaſſen, müßte ich noch länger auf ihn blicken.“ „Ich fürchte, Kind! dein Verſtand hat ſchon gelit⸗ ten“ ſagte die Königin.—„Mylord von Hunsdon, Eurer Sorge übergeben wir dieß arme, unglückliche Geſchöpf; nehmt ſie in Schutz, und haltet ſie in anſtändigem Ge⸗ wahrſam, bis wir ſie wieder vor uns fordern werden.“ Zwei oder drei Hofdamen, entweder von Mitleid für ein ſo intereſſantes weibliches Weſen durchdrungen, Kenilworth. 3ter Bd. H — 1214— oder vielleicht auch aus andern Urſachen, boten ihre Dienſte an, um Sorge für ſie zu tragen; aber die Kö⸗ nigin ſagte ſchnell:„Lady's, bei unſerer Ungnade, nein!— Ihr alle habt ſcharfes Gehör und geläufige Zungen.— unſer Graf Hunsdon aber hört nicht ſo gut, und hat eine zwar etwas rohere, aber deſto langſamere Zunge.— Ihr wer⸗ det dafür ſorgen, Hunsdon, daß ſie niemand ſpricht.“ „Bei der heiligen Jungfrau!“ ſagte Hunsdon, in⸗ dem er die ſchwache, faſt ohnmächtige Emmy in ſeinen ſtarken, nervigten Arm nahm,„ein liebenswürdiges Kind; Ew. Majeſtät haben ſie einer rohen Wärterin, aber auch einer freundlichen, übergeben. Sie iſt ſicher bei mir, wie meine Tochter.“ So ſprechend, führte er ſie fort; und ſein vom Kriege gebleichtes Haar und ſein langer grauer Bart miſchten ſich mit Emmys kaſtanienbraunen Locken, als ſie ſich faſt bewußtlos auf ſeine breite Schulter lehnte. Die Königin folgte ihm mit den Augen— ſie hatte ſchon vermittelſt jener Selbſtbeherrſchung, welche einen ſo weſentlichen Theil der Tugenden eines Regenten aus⸗ macht, jeden Anſchein von Gemüthsbewegung unterdrückt, und ſchien bemüht, jede Erinnerung an ihre Leidenſchaft⸗ lichkeit in dem Gedächtniß derer zu vertilgen, welche Zeugen derſelben geweſen waren.—„Mylord von Hunsdon,“ ſagte ſie,„iſt in der That eine faſt zu rohe Wärterin für ein ſo zartes Kind.“ „Mylord von Hunsdon,“ nahm der Dechant von St. Aſaph das Wort,„nicht zu ſeinem Nachtheil ſey es geſagt, hat wirklich eine etwas zu ungekünſtelte Sprachweiſe; auch miſcht er oft unter ſeine Reden aber⸗ gläubiſche und gräßliche Betheuerungen, welche eben ſo papiſtiſch als gottesläſterlich ſind.“ — — 115— „Das liegt in ſeinem Blute, Herr Dechant!“ ſprach die Königin, indem ſie den ehrwürdigen Redner ſcharf anblickte.„Auch dem meinigen kann man oft allzugroße Aufwallung zum Vorwurf machen. Die Bo⸗ ley's waren jederzeit heftig, und ſprachen ſich immer rein aus, ſtatt mit Sorgfalt ihre Ausdrücke zu wählen. — Und auf mein Wort!— ich hoffe, es liegt keine Sünde in der Behauptung,— ich glaube nicht, daß es durch die Verbindung mit dem der Tudor kühler ge⸗ worden.“ Während ſie dieſe letzte Bemerkung machte, glitten ihre Augen durch die Runde, die Blicke des Grafen von Leiceſter wie zufällig aufſuchend, gegen den ſie, wie es ihr einzuleuchten begann, auf einen ungegründeten Argwohn hin zu raſch und zu heftig geweſen war. Der Königin ſchien der Graf in keiner Stimmung, die ſo angebotene Ausſöhnung anzunehmen.— Seine Blicke waren erſt reuevoll der ohnmächtigen Geſtalt ge⸗ folgt, welche Hunsdons kräftiger Arm ſo eben der königlichen Gegenwart entzogen hatte, und jetzt ernſt auf den Boden geſenkt, mehr aber, wie es Eliſabeth ſchien, mit dem Ausdrucke eines unſchuldig Gekränkten, als mit dem ei⸗ nes Schulddewußten. Sie wandte daher ihr Geſicht verdrießlich von ihm ab, und ſagte zu Varney:„Sprecht, Sir! und löſ't uns dieſes Räthſel— Ihr wenigſtens ſcheint der Worte mächtig, nach denen wir uns anderswo vergebens um⸗ ſehen.“ So ſprechend, richtete ſie einen zweiten zornigen Blick auf Leiceſter, während der ſchändliche Varney ſich beeilte, ihr ſein Mährchen vorzutragen. H* 55 — 116— „Ew. Mazjeſtät allerforſchendes Auge,“ ſprach er, „hat bereits die furchtbare Krankheit meines unglücklichen Weibes entdeckt, welche ich, ſo unglücklich ſie mich auch macht, dennoch nicht in dem Atteſt, des Arztes benannt wünſchte, weil ich mich bemühete, verborgen zu halten, was jetzt nur um ſo geräuſchvoller an den Tag getre⸗ ten iſt.“— „Sie iſt alſo wirklich wahnſinnig,“ ſagte die Köni⸗ gin,—„in der That, wir zweifelten nicht daran— ihr ganzes Weſen ſcheint es zu beweiſen.— Ich fand ſie dort in einem Winkel jener Grotte, wo ſie die Worte,— welche ich ihr faſt ſylbenweiſe abfragen mußte, ſtets widerrief, ſobald ſie ſie kaum ausgeſprochen hatte. Aber wie kam ſie hieher? Warum hielt Ihr ſie nicht unter Gewahrſam?“ „Gnädigſte Frau!“ entgegnete Varney,„der wür⸗ dige Mann, deſſen Obhut ich ſie übergab, Tony Foſter, iſt jetzt eben erſt angelangt, um mir ihre Flucht zu berichten, welche ſie mit jener, ſolchen unglücklichen Geiſteskranken oft eigenthümlichen, Schlauheit bewerk⸗ ſtelligte. Er iſt zur Hand, falls Ihr ihn zu befragen wünſcht.“ „Ein ander Mal,“— ſagte Eliſabeth;„aber wir beneiden Euch nicht eurer häusliches Glück, Sir Richard; eure Gattin klagte bitter über Euch, und war nahe daran, bei eurem Anblick in Ohnmacht zu ſinken.“ 1 „Es liegt in der Natur ſolcher Kranken, gnädigſte Frau!“ entgegnete Varney,„ſich gegen Menſchen, wel⸗ che ihnen in lichten Momenten die Liebſten ſind, in ih⸗ rem Paroxismus am heftigſten zu äußern.“ „Wir haben in der That ſo ſagen hören,“ verſetzte Eliſabeth,„und glauben euren Worten.“ „Mögt' es dann Ew. Majeſtät gefallen,“ erwiederte Varney,„den Befehl zu ertheilen, mein unglückliches Weib wieder der Sorge ihrer Freunde zu übergeben?“ Leiceſter fuhr zuſammen, ſuchte aber ſeine Bewe⸗ gung zu unterdrücken, indem Eliſabeth mit ſcharfem Tone antwortete:„Ihr ſeyd auch allzuſchnell, Herr Varney! wir wollen zuvörderſt einen Bericht über den Körper⸗ und Geiſteszuſtand der Kranßen von unſerm Leibarzte, Doc⸗ tor Maſters, und dann beſtimmen, was geſchehen ſoll.— Ihr ſollt indeß die Erlaubniß haben, ſie zu ſehen, da⸗ mit Ihr, falls etwa ein ehelicher Zwiſt unter Euch be⸗ ſtände,— ein Ding, welches, wie man uns erzählt hat, auch unter liebenden Gatten Statt findet,— ſolchen un⸗ ter einander ſchlichten könnt, ohne daß mein Hof und ich fernere Ungelegenheiten davon haben.“ Varney verbeugte ſich tief, und ſchwieg. Eliſabeth blickte jetzt wieder auf Leiceſter, und ſag⸗ te mit einer Herablaſſung, welche nur aus einem gro⸗ ßem Intereſſe für ihn hervorgehen konnte:„Zwietracht findet, wie ein italieniſcher Poet ſagt, ihren Weg eben ſo gut in fromme Klöſter, als in friedliche Familien; und wir fürchten faſt, daß es unſern Trabanten und Leibwachen nicht gelingen möge, ſie ganz von unſerm Hofe fern zu halten. Ihr ſeyd von uns beleidigt, Mylord von Leiceſter, und wir von Euch.— Wir wollen die Rolle des Löwen übernehmen, und der Erſte ſeyn, der vergieht.” Leiceſter ſuchte ſeine Stirn zu entfalten, aber Angſt und Unruhe hatten ihren Stempel zu tief darauf einge⸗ prägt, als daß es ihm gelingen konnte, ſie auf einmal - 118— zu glätten. Er erwiederte indeß, daß ihm das Glück zu verzeihen nicht werden könne, weil die Perſon der Majeſtät zu erhaben ſey, ihn beleidigen zu können. Eliſabeth ſchien mit dieſer Antwort zufrieden, und machte ihren Wunſch bekannt, daß jetzt die Luſtbarkeiten des Tages beginnen könntem. Hörner erklangen— Hunde bellten— und Pferde ſtampften; aber die Cavaliere und Damen des Hofes blickten auf die Luſtbarkeit, zu der man ſte rief, mit ganz andern Gefühlen, als vor einigen Stunden. Zweifel, Furcht und Erwartung ruhten auf jeder Stirn, Argwohn und Intrigue in jedem Flüſtern. Blount nahm eine Gelegenheit wahr, Raleigh leiſe ins Ohr zu rufen:„Das war ein Windſtoß auf ſtillem Meer!“ „Varium et mutabile,“— entgegnete Raleigh⸗ „Ich verſtehe nichts von deinem Latein,“ erwiederte Blount, 3 aber ich danke Gott, daß Treſſilian wähtend dieſes Sturms nicht auf der See war, ſchwerlich wär' er dem Schiffbruche entgangen, er, der ſeine Segel ſo gar nicht nach dem Hofwinde zu richten weiß.“ „Du hätteſt ihn ja halin unterrichten können,“ ſagte Raleigh. „Habe ich doch meine Zeit eben ſo gut benutzt, wie Ihr, Sir Walter,“ entgegnete der ehrliche Blount; „ich bin Ritter ſo gut als Du, und noch dazu ein älterer.“ 4 „Nun, Gott helfe Dir weiter,“ ſagte Raleigh.— „Was aber Treſſtlian betrifft, ſo möcht' ich in der That wiſſen, was es eigentlich mit ihm iſt. Er verſprach mir heute früh, ſein Zimmer nicht vor zwölf Stunden zu veerlaſſen, weil es ſein gegebenes Ehrenwort ſo verlange. Der Wahnſinn der Lady wird, fürchte ich, wenn er ihn erfaͤhrt, nicht zu ſeiner Heilung beitragen. Ohnehin haben wir Vollmond, wo das Gehirn der Menſchen wie Hefen gährt.— Aber horch', man läutet zur Jagd! zu unſern Pferden, Blount! wir jungen Ritter müſſen unſern Sporn verdienen! e 10. Een nach Beendigung der den ganzen Vormittag ausfül⸗ lenden Jagdluſtbarkeit, und nachdem man ein köſtliches Mahl eingenommen hatte, welches zur Zurückkunft der Königin nach Kenilworth bereit gehalten worden war, fand Leiceſter ſich endlich mit Varney allein, von dem er nun alle, die Flucht der Gräfin begleitenden, Um⸗ ſtände hörte, ſo wie Varney ſie von Foſter erfahren hatte, welcher, mit Furcht vor den Folgen ihrer Entweichung erfüllt, ſo ſchnell, als nur ſein Gaul ihn forttragen konnte, ſelbſt nach Kenilworth geilt war. Da Varney in ſeinem Berichte den Angriff auf ihre Geſundheit, welcher ſie grade zu dieſem verzweiflungsvollen Schritte getrieben hatte, ſorgſam verſchwieg, konnte Leiceſter nicht anders glauben, als daß ſie dieſe übereilte Flucht nur aus leidenſchaftlicher Ungeduld unternahm, Ehre und Rang, welche ihrem Stande gebührten, ſo ſchnell als möglich in Beſitz zu nehmen, und er fühlte ſich daher durch die Rückſichtsloſigkeit, mit welcher ſeine Gemahlin ſeine Befehle überſchritten, und ihn dem Zorne der Monarchin preis gegeben hatte, nicht wenig beleidigt. „Ich habe,“ ſprach er,„dieſer Tochter eines un⸗ bedeutenden Edelmanns aus Devonſſhire den ſtolzeſten . —— — 1220— Namen Englands verliehen, indem ich ſie zu meiner Gemahlin erhob. Nur ein wenig Geduld forderte ich, bevor ich ſie aller meiner Größe theilhaftig machte, und die Thörin will lieber ihr und mein Glück ſcheitern ſehen, lieber ſich und mich tauſend Gefahren ausſetzen, lieber mich zu demüthigenden Handlungen zwingen, vor denen ich erröthen muß, als nur noch kurze Zeit in der Dun⸗ kelheit harren, für die ſie geboren war.— So liebens⸗ würdig, ſo ſchön, ſo treu— und doch in dieſer ernſten Sache ſo höchſt leichtſinnig!— wahrlich, es überſteigt meine Geduld!“ „Wir werden hier noch gut genug davon kommen,“ ſagte Varney,„wenn ſich die Gräfin nur regieren läßt, und den Character annimmt, den die Umſtände ge⸗ bieten.“ .„Es iſt nur zu wahr, Sir Richard,“ entgegnete der Graf,„ich habe ſie in meiner Gegenwart mehrmals dein Weib nennen hören, ohne zu widerſprechen. Sie muß dieſen Titel führen, ſo lange ſie in Kenilworth weilt.“ „Und noch lange nachher,“ verſetzte Varney;„lange Zeit wird, denke ich, vergehen,“ fügte er dann ſchnell hinzu,„bevor man ſie Gräſin Leiceſter nennen wird,— ſchwerlich möchte ſie, ſo lange Eliſabeth lebt, dieſen Namen mit Sicherheit führen können.— Doch Ew. Herrlichkeit können ſelbſt am beſten darüber urtheilen, Ihr allein wißt, wie die Sachen zwiſchen Euch und Eli⸗ ſabeth ſtehen.“ „Du haſt recht, Varney! erwiederte der Graf; ich bin heute früh beides, thörigt und ſchlecht geweſen, und wenn Eliſabeth meine unglückliche Vermählung er⸗ fahren follte, könnte ſie nicht anders glauben, als daß 2. — 121— ich ein vorſätzliches Spiel mit ihr getrieben hätte, eine Geringſchätzung, welche uns die Weiber nie verzeihen. Wir haben heute ſchon einmal heftige Ausdrücke gegen einander gebraucht, ich fürchte, ſolche Scenen werden ſich erneuen!“ „ Iſt ihr Zorn denn ſo unverſöhnlich?“ fragte Varney. 2 „Keinesweges,“ ſagte der Graf;„ihres Stolzes und Ranges ungeachtet, hat ſie mir noch ſelbſt heute mit großer Herablaſſung Gelegenheit gegeben, die Fehler meines heftigen Temperaments, wie ſie es nennt, wie⸗ der gut zu machen.“ „Ja, ja,“ entgegnete Varney,„der Italiener hat recht, wenn er ſagt; von Liebenden giebt der Verlieb⸗ teſte immer am meiſten nach.— So ſtändet Ihr alſo mit Eli⸗ ſabeth wie zuvor, wenn nämlich eure Vermählung mit der Lady verſchwiegen bliebe.“ Leiceſter ſeufzte und ſchwieg einen Augenblick, bevor er erwiederte:„Varney, ich glaube, daß Du mir treu biſt, und ich will Dir alles vertrauen; ich ſtehe nicht mit ihr, wie zuvor. Ich habe mit Eliſabeth geſprochen,— welcher Wahnſinn mich dazu trieb, ich weiß es nicht;— ich habe ein Thema berührt, welches nicht aufgegeben wer⸗ den kann, ohne jedes weibliche Gefühl aufs tiefſte zu ver⸗ letzen, und das ich doch nicht verfolgen kann, noch darf. Sie kann mir nie vergeben, Urſache und Zeuge jener Nach⸗ giebigkeit gegen menſchliche Leidenſchaft geweſen zu ſeyn.“ „Wir müſſen handeln, Mylord, und zwar ſchnell,“ ſagte Varney. „Hier iſt nichts mehr zu thun,“ entgegnete Leiceſter kleinmüthig.—„Ich ſehe über mir den Gipfel, den ich nicht zu erreichen vermag, unter mir aber den Schlund, — 122— in den ich hinabſtürzen werde, ſo bald mein ſchwin⸗ delnder Kopf und meine kraftloſen Arme mich nicht mehr auf meinem jetzigen Standpunkte zu erhalten ver⸗ mögen.“ 3 „Denkt beſſer von eurer Lage, Mylord!“ ſagte Varney.—„Laßt uns die Verfahrungsweiſe fortſetzen, der Ihr erſt jetzt eure Beiſtimmung gabt. Sorgen müf⸗ ſen wir nur, daß eure Vermählung vor Eliſabeth verbor⸗ gen bleibe, und alles wird gut werden. Ich will ſogleich zur Lady hin,— ſie haßt mich, weil ich, wie ſie richtig genug argwohnt, Euch gerathen habe, gegen das, was ſie ihre Rechte nennt, zu handeln; aber ich kümmere mich nicht um ihr Urtheil,— ſie ſoll mich hören, und ich werde ihr ſolche Gründe aufſtellen, daß ich überzeugt bin, mit der Botſchaft zurückzukehren, wie ſie bereit ſey, ſich in die Umſtände zu fügen.“ „Nein, Varney!“ ſagte Leiceſter,„ich habe mir die Sache überlegt, und will ſelbſt mit Emmy reden.“ Jetzt war die Reihe an Varney, die Schrecken zu füh⸗ len, die er bisher nur ſcheinbar in Rückſicht ſeines Herrn empfunden hatte.„Wie, Ew. Herrlichkeit wollen ſelbſt mit der Lady ſprechen?“ fragte er..— „Es iſt mein feſter Entſchluß,“ ſagte Leiceſter;„hole mir einen Livree⸗Mantel, ich will als dein Diener mit durch die Wachen gehen, Du haſt freien Zutritt.“ 3. Aber, Mylord!“—-— „Ich will kein Aber,“ antwortete Leiceſter;„ſo ſoll es ſeyn, und nicht anders. Hunsdon wohnt, wie mich dünkt, im Saintlowes⸗Thurme; wir können von dieſen Zimmern durch den geheimen Gang dahin, ohne irgend je⸗ mand zu begegnen. Und wenn wir auch auf Hunsdon — 8—- 1225— ſtoßen ſollten, er iſt mehr mein Freund, als Feind, und leichtgläubig genug, jedes Mährchen zu glauben, was wir ihm aufheften würden. Geh', hole den Mantel.“ Varney blieb keine Wahl, er mußte gehorchen. Nach wenigen Minuten hatte Leiceſter den Mantel umgeworfen, ſeine Mütze über die Stirn gezogen, und folgte Varney durch den geheimen Gang, der nach Hunsdons Zimmern führte, in welchem es kaum möglich war, daß ſie jeman⸗ 4 den begegnen konnten, und wo eine ſolche Dunkelheit herrſchte, daß ſelbſt, wenn jemand ſie bemerkt hätte, die⸗ ſer nicht würde im Stande geweſen ſeyn, ſeine Neugier zu befriedigen. So gelangten ſie zu einer Thür, vor wel⸗ che Hunsdons militairiſche Vorſicht eine Schildwache ge⸗ ſtellt hatte, die Varney und ſeinen vorgeblichen Diener bereitwillig einließ, indem ſie auf ihre kriegeriſche Weiſe bemerkte:„Gott gebe, daß ihr die arme Lady zur Raiſon bringt; ihr Weinen dringt mir zehnfach mehr durch Mark und Bein, als der Trompetenſchall feindlicher Krieger.“ Sie traten raſch ein, und ſchloſſen die Thür hin⸗ ter ſich. „Jetzt, Teufel! wenn's anders einen giebt,“ ſprach Varney zu ſich ſelbſt,„jetzt hilf deinem Freunde aus der Noth, ſein Schiff ſteuert zwiſchen Klippen.“ Ddie Gräfin Emmy ſaß mit aufgelöſ'tem Haar in un⸗ geordneten Kleidern auf einer Art von Nuhebette, ein 4 Bild des tiefſten Kummers, aus dem ſie durch das Oeffnen der Thür aufgeſchreckt ward. Sie wandte ſich ſchnell, und rief, als ſie Varney erblickte:„Elender! kehrſt Du wie⸗ der, einen neuen verruchten Plan zu vollziehen?“ 4 Leiceſter unterbrach ihre Vorwürfe, indem er vortrat, ſeinen Mantel abwarf, und in einem mehr gebietenden ———————— als liebevollen Tone ſprach:„Mit mir, Madam! habt Ihr zu reden, nicht mit Sir Richard Varney.“ 3 Die Blicke und das Weſen der Gräfin verwandelten ſich, wie auf einen Zauberſchlag.„Dudley!“ rief ſie aus,„Dudley, ſo biſt Du endlich gekommen?“ Und wie mit der Schnelle des Blitzes flog ſie auf ihren Gemahl zu, ſchlug ihre Arme um ſeinen Hals, und überhäufte ihn, Var⸗ Gegenwart nicht achtend, mit den zärtlichſten Liebkoſungen, während ſie ſein Geſicht mit einer Fluth von Thränen ba⸗ dete, und einzelne abgebrochene Worte, voll inniger Aus⸗ drücke, wie ſie die Liebe lehrt, hervorſtammelte. Leiceſter hatte, wie es ihm ſchien, Urſache, auf ſeine Gemahlin zu zürnen, weil ſie ſeine Befehle übertre⸗ ten, und ihn dieſen Morgen in eine ſo gefahrvolle Lage verſetzt hatte. Welcher Unwille aber hätte nicht vor ſol⸗ chen Beweiſen von Zärtlichkeit ſchwinden muͤſſen, von ei⸗ nem ſo liebenswürdigen Geſchöpfe geſpendet, welches felbſt durch die Nachläſfigkeit der Kleidung, und durch den Aus⸗ druck von Angſt und Schrecken, der jeder andern Schön⸗ heit nachtheilig geweſen ſeyn würde, nur noch reizender erſchien? Er erwiederte ihre Liebkoſungen mit Innigkeit, obgieich ein Anflug von Schwermuth aus ſeinen Ge⸗— ſichtszügen ſprach, den die Gräfin aber nicht zu bemerken ſchien, bis der erſte Rauſch ihrer Freude vorüber war. Dann blickte ſie ihm ängſtlich forſchend ins Geſicht, fragend, ob er auch nicht krank ſey? „Nicht körperlich„Emmy!“ war ſeine Antwort.— „Dann will ich auch geſund ſeyn.— Ach, Dudley, ich bin krank geweſen!— ſehr krank, ſeit wir uns zum Letztenmal ſahen!— denn deiner Erſcheinung heute früh mag ich nicht gedenken.— Ich war krank,— habe Kum⸗ — 125— mer gelitten,— bin in Gefahr geweſen; aber Du biſt gekommen, und ich bin geſund, froh und ſicher.“ „Ach, Emmy!“ ſagte Leiceſter, Du haſt mich zu Grunde gerichtet.“ „Ich, Mylord!“ rief Emmy, und die Röthe der Freude auf ihren Wangen verſchwand plötzlich—„wie könnte ich dem Böſes thun, den ich mehr liebe, als miſch ſelbſt.”“ „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Emmy!“ ſagte der Graf,„aber biſt Du nicht hier ganz gegen meine Befehle, und bringt deine Gegenwart mir nicht Gefahr²“ „Thut ſie das, thut ſie das wirklich!“ rief ſie mit Lebhaftigkeit aus;„o! warum weile ich denn hier nur ein en Augenblick länger? Ach, wenn Du wüßteſt, welche Schrek⸗ ken mich zwangen, aus Cumnor⸗Place zu entfliehen!— aber ich will jetzt nicht von mir reden, nur,— wenn es anders ſeyn kann, möchte ich dorthin nicht zurückkehren, — verlangt es aber deine Sicherheit“—— „Wir wellen einen andern Aufenthaltsort wählen, Emmy!“ ſagte der Graf;„Du kannſt nach einem meiner nördlichen Schlöſſer gehen, unter dem Namen— es iſt 3 durchaus nothwendig, auf einige Tage nur, wie ich hoffe— * als Varneys Gattin.“. „Wie, Mylord von Leiceſter!“ rief die Gräftn, ſich ſeiner Umarmung entwindend.„Iſt es eure Gemahlin, der Ihr den entehrenden Vorſcying macht, ſich als das Weib eines Andern, und zumal dieſes Varnay⸗ zu be⸗ kennen?“ — „Ich ſprach in vollem Ernſte, Madam!“ entgegntes 8 der Graf;—„Varney iſt mein treuſter Diener, mit a meinen Geheimniſſen auf's Innigſte bertraut. Leichter könnte ich in, dieſem Augenblicke meine rechte Hand ent⸗: — 126— behren, als ihn. Ihr habt daher unrecht, ihm mit ſol⸗ cher Verachtung zu begegnen.“ 8 „Ich könnte mein Recht dazu beweiſen, Mylord!“ erwiederte Emmy,„ja, ich ſehe ihn jetzt unter ſeiner er⸗ künſtelten Ruhe erbeben.— Wer Euch aber nothwendiger iſt, als eure rechte Hand, der iſt vor jeder Anklage mei⸗ nerſeits geſichert. Möge er Euch treu ſeyn, und damit er ttreu bleibe, trauet ihm nicht zu weit, noch zu viel · Meine Erklärung aber ſey Euch genug, daß ich nicht mit ihm gehen werde, außer wenn mich Gewalt dazu zwingt, und daß ich nie und um keinen Preis ſeine Gattin ſcheinen will.* 1 „Es iſt eine dringende Maaßregel,— für kurze Zeit nus,“ entgegnete Leiceſter, durch ihren Widerſtand gereizt,„nothwendig für unſerer Beider Sicherheit, welche durch euren Eigenſinn, durch euren allzuheftigen Wunſch gefährdet wird, unverzüglich einen Rang einzunehmen, auf den Ihr nur unter der Bedingung Anſprüche erhieltet, daß unſere Verbindung eine Zeitlang geheim gehalten wer⸗ den ſollte. Mißfällt Euch mein Vorſchlag, ſo bedenkt, daß Ihr ihn ſelbſt veranlaßt habt. Hier iſt kein anderes Mittel,— Ihr müßt thun, was eure eigene thörigte Ungeduld nöthig macht,— ich gebiete es Euch.“ „Eure Befehle, Mylord!“ erwiederte Emmy,„ha⸗ ben nicht das Uebergewicht über Ehre und Gewiſſen. Ich will Euch in dieſem Punkte nicht gehorchen. Mögt Ihr immerhin eure eigene Ehre mit Füßen tre⸗ ten, ich werde keinen Schritt thun, wodurch die mei⸗ nige befleckt werden kann. Wie könntet Ihr mich wie⸗ der als euer keuſches, reines Weib anerkennen, wie könnte ich einſt öffentlich als eure Gemahlin auftreten, — 1227— wenn ich im Lande mit bieſem Laſterbuben, dieſem Var⸗ ney, umhergezogen wäre.“ „Mylord!“ ſagte Varney,„Mylady iſt unglück⸗ licherweiſe zu ſehr gegen mich eingenommen, als daß ſie meine geringen Dienſte annehmen ſollte. Sie aber hat großen Einfluß auf Herrn Edmund Treſſilian, und meint vielleicht, ihn bewegen zu können, ſie nach Lin⸗ cote Hall zu führen, um dort in Sicherheit weilen zu können, bis Zeit und Umſtände die Entdeckung des Ge⸗ heimniſſes erlauben.“ Leiceſter ſchwieg, und blickte auf Emmy mit Augen, welche von Argwohn und Mißvergnügen zeigten. Die Gräfin aber ſagte:„wollte Gott, ich wäre noch im Hauſe meines Vaters! als ich es verließ, glaubte ich nicht, Ehre und Seelenfrieden zurück zu laſſen.“ „Ohne Zweifel,“ fuhr Varney fort,„würde ein ſolcher Schritt es nöthig machen, Fremde in Mylord's Geheimniß zu ziehen; aber Mylady wird gewiß für die Verſchwiegenheit des Herrn Treſſilian, und für die der übrigen Freunde ihres Vaters einſtehen.“ „Schweig, Varney,“ gebot Leiceſter,„beim Him⸗ mel, mein Dolch ſoll deine Bruſt durchbohren, nennſt Du noch einmal Treſſtlian als meinen Vertrauten!“ „Und warum nicht, Mylord?“ fragte die Gräfin, „wenn es nicht etwa Dinge betrifft, zu denen ein Var⸗ ney beſſer taugt, als ein Mann von Ehre und Recht⸗ lichkeit.— Heftet nicht ſo zürnende Blicke auf mich, Mylord,— waes ich ſprach, iſt wahr. Einſt that ich Treſſilian Euretwegen unrecht; ich will meine Schuld nicht vergrößern, indem ich ſchweige, wenn von ſeiner Ehre die Rede iſt. Wohl kann ich,“ hier blickte ſie auf Varney,„der Heuchelei ihre Larve laſſen, aber nie — 128— werde ich Verläumdung der Tugend in meiner Gegen⸗ wart dulden.“ 3 Eine Todtenſtille trat ein. Leiceſter ſtand voll Un⸗ muth und Unentſchloſſenheit da, von der Ungerechtigkeit ſeiner Sache faſt überzeugt, während Varney mit einem Anſchein von tiefem Kummer ſeine Augen demuthsvoll zu Boden ſenkte. Jetzt entfaltete die Gräfin, in der Mitte von Gefah⸗ ren und Schwierigkeiten, jene natürliche Charakterſtärke, welche, wenn es anders das Schickſal gewollt hätte, ſie zu einer Zierde des Ranges gemacht haben würde, der ihr gebührte. Würdevoll, mit ſeſtem Schritte, und mit ei⸗ nem Ausdruck auf ihrem Geſichte, welcher deutlich zeigte, daß innige Liebe ſelbſt nicht im Stande ſey, ihre Grund⸗ ſätze von Recht und Ehre zu beſiegen, trat ſie auf Leiceſter zu.„Ihr habt, Mylord,“ ſprach ſie,„ in der ſchwieri⸗ gen Lage des Augenblicks eine Willensmeinung ausge⸗ ſprochen, die ich zu erfüllen unfähig bin.— Jener Ca— valier,— jener Menſch, wollte ich ſagen, hat auf ei⸗ nen andern Vorſchlag hingedeutet, von dem weiter keine Rede iſt, da er Euch mißfällt.— Wollt Ihr jetzt nun hören, was ich, ein junges, ſchwaches Weib, aber eine Gattin, die Euch zärtlich liebt, in dem jetzigen äußerſten Fall vorzuſchlagen habe?“ Leiceſter ſchwieg, aber neigte ſein Haupt gegen die Gräfin, ſo, als ob er ihr erlaube, fort zu reden. „ Es giebt nur eine einzige Urſache aller dieſer Uebel, Mylord!“ fuhr Emmy fort.„Sie beſteht in der ge⸗ heimnißvollen Zweizüngigkeit, zu der Ihr verführt wor⸗ den. Werft dieſe entehrenden Bande auf einmal von Euch, Mylord! Seyd ein wahrhafter engliſcher Edelmann, Ritter und Graf, und haltet auf den Wahlſpruch, daß Wahr⸗ e - 229— Wahrheit die Grundlage der Ehre, und Ehre dem Edel⸗ manne eben ſo unentbehrlich iſt, als die Luft, die er ein⸗ haucht.— Faßt euer rechtmäßiges Weib bei der Hand, werft Euch mit ihr zu Eliſabeths Füßen,— und erklärt, daß Ihr in einem Augenblicke der Verblendung, von ver⸗ meintlicher Schönheit, von der jetzt kaum noch die Spu⸗ ren vorhanden ſind, hingeriſſen, Emmy Robſart eure Hand gereicht hättet.— Dann habt Ihr mir und eurer eigenen Ehre Genüge geleiſtet, Mylord! und wenn Geſetze oder Macht Euch von mir trennen ſollten, werde ich kein Hinderniß in den Weg legen,— weil ich dann mit Ehre mein gebrochenes Herz unter die Schatten verbergen kann, aus denen mich eure Liebe hervorzog.“ Es lag ſo viel Würde, ſo viel Zärtlichkeit in den Aeußerungen der Gräfin, daß alles, was edel und groß in Leiceſters Seele war, bewegt wurde. Die Schuppen fielen plötzlich von ſeinen Augen, und die Erinnerung an ſeine Doppelzüngigkeit, ſeinen Wankelmuth, erfüllte ihn mit Reue und Schaam.„Ich bin deiner nicht werth, Emmy,“ ſagte er,„was hätte der Ehrgeiz gegen ein Herz, wie das deine, in die Wagſchale zu legen. Ein ſchweres Werk der Buße iſt's, das Gewerbe meiner Un⸗ wahrheit vor hohnlächelnden Feinden und beſtürzten Freun⸗ den abzulegen.— Und vor der Königin!— Aber, mag mein Haupt fallen, wie ſie es mir gedroht“— „Euer Haupt fallen!“ rief die Gräfin,„weil Ihr als freier engliſcher Unterthan ein Weib genommen? Schämt Euch, Mylord! dieſer Zweifel an der Gerechtig⸗ keit der Monarchin, dieſe Furcht vor eingebildeten Gefahren iſt es eben, welche Euch bewog, den graden breiten Weg zu verlaſſen, welcher, weil er der ſicherſte, auch der beſte iſt.“ 8 Kenilworth. 5ter Bo. J — 1350— „Ach, Emmy, Du weißt nicht!“— ſagte Leiceſter; ſchnell aber ſich ermannend, fuhr er fort:„aber ſie ſoll in mir kein leichtes Opfer einer willkührlichen Nache fin⸗ den.— Ich habe Freunde— Verbündete— man ſoll mich nicht, wie Norfolk, einem Opferlamme gleich, zum Blocke ſchleppen. Fürchte nichts, Emmy! Dudley wird ſich ſeines Namens würdig zeigen. Ich will mich ſogleich mit einigen Freunden berathen, auf die ich am beſten vertrauen kann; denn wie die Sachen jetzt ſtehen, könnte ich in meinem eigenen Schloſſe zum Gefangenen gemacht werden.“ „Um Gottes willen, Mylord!“ rief Emmy,„kei⸗ nen Aufruhr in dieſem friedlichen Lande! Kein Freund in der Welt kann uns mehr Hülfe gewähren, als unſere eigene Wahrheitsliebe und Ehre; ruft nur dieſe zu unſe⸗ rem Beiſtande, und Ihr ſeyd ſicher, unter einem Heer von Neidern und Böſewichtern.— Bleiben ſie zurück, iſt jede andre Vertheidigung fruchtlos.— Nicht umſonſt, mein edler Lord, wird die Wahrheit ohne Waffen ge⸗ mahlt.“ „Aber die Weisheit trägt einen Harniſch, Emmy!“ entgegnete Leiceſter.„Streite nicht mit mir über die Art und Weiſe meiner Beichte— denn ſo muß ich mein Geſtändniß nennen— wir mögen das Werk beginnen, wie wir wollen, überall werden uns Gefahren entgegen treten.— Varney, wir müſſen fort!— Emmy, lebe wohl, Du, die ich um einen Preis öffentlich als mein an⸗ erkennen will, deſſen Du allein werth biſt. Bald ſollſt Du von mir hören!“ Er umarmte ſie zärtlich, verhüllte ſich wie zuvor, und folgte Varney aus dem Gemach. Der Letztere ver⸗ beugte ſich tief, bevor er das Zimmer verließ, und blickte⸗ — 151— als er ſein Haupt wieder empor hob, Emmy auf ſeltſame Weiſe an, ſo, als ob er zu erforſchen wünſche, in wie weit ſeine Verzeihung in die Verſöhnung, welche zwiſchen ihr und ihrem Gemahl ſtatt gehabt hatte, mit eingeſchloſ⸗ ſen ſey. Die Gräfin blickte ihn ſtarr an, ſcheinbar ſo gleich⸗ gültig, als ob bloße Luft den Raum gefüllt hätte, den er einnahm. „Sie hat mich auf's Aeußerſte getrieben,“ ſprach er zu ſich,—„Sie oder ich, einer von uns iſt verlo⸗ ren.— Etwas, ich weiß ſelbſt nicht ob Mitleid oder Furcht, hielt mich von dieſem äußerſten Schritte zurück.— Jetzt ſteht es feſt,— Sie oder ich muß fallen.“ Indem er ſo mit ſich ſelbſt redete, bemerkte er, daß ſich ein Knabe, der von der Schildwache zurückgewieſen war, an Leiceſter gemacht hatte, und mit dieſem ſprach. Varney, einer jener Intriguanten, denen nicht das Ge⸗ ringſte entgeht, was auf ihre Angelegenheiten Bezug zu haben ſcheint, fragte die Schildwache; was der Burſche gewollt, und erhielt zur Antwort, daß ſie von dem Kna⸗ ben erſucht worden ſey, der kranken Lady ein Päckchen einzuhändigen, welches zu thun ſie aber verweigert habe, weil ſolches gegen die ihr gewordenen Befehle ſey. Mit befriedigter Neugier trat Varney jetzt wieder zu dem Gra⸗ fen, und hörte, wie dieſer zu dem Burſchen ſagte:— „gut, Kleiner! das Päckchen ſoll abgegeben werden.“ „Schönen Dank, Herr Dienſtmann!“ rief der Burſche, und war einen Augenblick darauf verſchwunden⸗ Leiceſter und Varney eilten jetzt zurück in das Zim⸗ mer des Grafen, mit raſchen Schritten auf demſelben geheimen Gange, durch den ſie nach dem Saintlowes⸗ Thurme gelangt waren⸗ 34 * Kaum waren ſie in dem Cabinette des Grafen angelangt, als dieſer ſogleich ſeine Schreibtafel hervorzog, und 1zu ſchreiben begann, wobei er bald zu Varney, bald zu ſich ſelbſt ſprach.—„Viele ſind mir eng verbunden, zumal ſolche, die in Amt und Würden ſtehen; viele, welche, wenn ſie zurück auf meine Wohlthaten, und vorwärts auf das Ver⸗ derben blicken, das auch ſie mit verſchlingen würde, kräf⸗ tig mich aufrecht zu halten bemüht ſeyn werden. Laß uns einmal ſehen.— Knollis iſt mir ſicher, Guernſey und Jerſey ſind es mir durch ihn— Horſey befiehlt auf der Inſel Wight— mein Schwager Huntingdon und Pembroke haben Einfluß in Wales— durch Bedford ſichere ich mir die Puritaner— mein Bruder von Warwick iſt mir faſt gleich an Reichthum, Anhängern und Beſitzun⸗ gen.— Mein Vater und Großvater hätten nicht nöthig gehabt, ihren Kopf unter das Beil zu legen, hätten ſie auf gleiche Weiſe ihre Unternehmen zuvor berechnet.— Warum ſiehſt Du ſo ernſt, Varney? ein Baum, ſage ich dir, der ſo feſte Wurzel ſchlug, iſt nicht ſo leicht vom Sturme ausgeriſſen.“ „Ach, Mylord!“ entgegnete Varney tief aufſeuf⸗ zend; dann nahm er wieder den Schein von Trübſinn an, deſſen der Graf ſo eben erwähnt hatte. „Ach!“ wiederholte Leiceſter,„und warum ach, Sir Richard? Hat dein neuer ritterlicher Geiſt keinen beſſern Ausruf in Bereitſchaft, wenn es einer kühnen That gilt? Oder bedeutet dein Ach etwa, daß du wünſcheſt, Dich aus der Sache zu ziehen; es ſteht Dir frei, das Schloß zu verlaſſen, oder zu meinen Feinden überzugehen, i wie es Dir am rathſamſten dünkt. 7⸗ 8 — 155— „Nicht ſo, Mylord!“ erwiederte ſein Vertrauter; 7 2 „ Varney wird fechtend oder ſterbend nur an eurer Seite gefunden werden. Verzeiht mir aber, wenn mich meine Liebe für Euch mehr, als es Euch euer edles Herz zu thun erlaubt, die unüberſteigbaren Schwierigkeiten erken⸗ nen läßt, welche ſich Euch entgegen ſtellen. Ihr ſeyd ſtark und mächtig, Mylord! aber ſeht es nicht als eine Beleidigung an, wenn ich Euch ſage, daß Ihr es nur durch den Wiederſchein der koͤniglichen Gunſt ſeyd. Als Eliſabeths Günſtling ſeyd Ihr groß, wie ein Herrſcher; nimmt ſie Euch aber die Ehren und Würden, die ſie Euch verlieh, ſchwindet euer Glanz ſchnell, wie Morgenthau. Erklärt Ihr Euch gegen die Königin, ſo wird nicht allein alles im ganzen Reiche und in dieſer Provinz von Euch ab⸗ fallen, und Euch den Rücken kehren, ſondern Ihr würdet ſogar auf eurem eigenen Schloſſe hier, in der Mitte aller eurer Verwandten, Freunde und Anhänger, ein Gefange⸗ ner,— und, wenn es der Monarchin gefallen ſollte, ein verurtheilter Gefangener ſeyn. Denkt an Norfolk, Mh⸗ lord!— an den mächtigen Northumberland,— den glanzvollen Weſtmoreland;— denkt an Alle, welche ge⸗ gen dieſe weiſe Fürſtin auftraten,— ſie ſind todt, ge⸗ fangen, oder flüchtig. Hier iſt nicht von einem Throne die Rede, den ein Verein mächtiger Vaſallen umſtürzen kann; ſeine feſten Grundſäulen ſind die ungemeſſene Liebe und das Vertrauen des Volks. Ihr mogt ihn mit Eliſa⸗ beth theilen, wenn Ihr wollt; aber weder eurer, noch einer anderen fremden oder einheimiſchen Macht wird es gelingen, ihn umzuſtürzen, ja ſelbſt ihn nur einmal zu erſchättern.“ Er hielt inne.„Mag es ſo ſeyn, wie Du ſagſt,“ erwiederte Leiceſter mit ſtolzer Verachtung;„auch küm⸗ — 134— merts mich nicht, ob Wahrheitsliebe oder Feigheit deine Prophezeihungen dictirte. Aber man ſoll nicht ſagen, daß ich ohne Widerſtand falle.— Gieb ſogleich Befehle, daß die meiner Leute, welcher unter mir in Irland dienten, nach und nach in das Innere des Schloſſes gezogen werden, und laß meine Freunde und Anhänger auf der Hut, und wohlbewaffnet ſeyn, ſo, als ob ſie einen Angriff von Suſ⸗ ſex Seite erwarteten. Bewaffne auch die Landleute, und laß ſie bereit ſeyn, auf mein Signal die Trabanten und Leibwachen zu überfallen.“ „Laßt mich Euch erinnern, Mylord!“ ſagte Varney mit dem oben erwähnten ſchwermuthsvollen Tone,„daß Ihr mir Befehle ertheilt, welche die Entwaffung der kö⸗ niglichen Garde beabſichtigen. Es iſt ein Act des Hoch⸗ verraths, aber Ench ſoll nichts deſto weniger gehorcht werden.“ „Gleichviel!“ rief Leiceſter verzweiflungsvoll; „hinter mir iſt Schande, vor mir Verderben; ich muß einen Ausweg ſuchen.“ Eine neue Pauſe trat ein, welche Varney endlich mit folgenden Worten unterbrach:„Es iſt zu dem Punkte ge⸗ kommen, den ich lange fürchtete.— Entweder muß ich, wie ein Undankbarer, den Sturz des beſten, gütigſten Herrn anſchauen, oder ich muß offenbaren, was ich in ewige Vergeſſenheit begraben, oder wenigſtens durch an⸗ dere Lippen, als die Meinigen, entdeckt haben würde.“ „Was ſagſt Du, oder was willſt Du ſagen?“ entgeg⸗ nete Leiceſter,„ſprich es aus, wir Paüen keine Zeit, Worte zu verlieren, wo es zu handeln gilt.“ „Meine Rede wird kurz ſeyn, Mylord!“— fuhr Varney fort;„wollte Gott, ſie könnte eben ſo ſchnell beantwortet werden. Eure Heirath iſt die einzige Ur⸗ — 1355— ſache eures bevorſtehenden Bruches mit der Königin, iſt es nicht ſo?“ „Du weißt, daß dem ſo iſt,“ erwiederte Leiteſtar, „wozu die unnütze Frage?“ „Verzeiht, Mylord!“ ſagte Varney,„ſie iſt nicht unnütz. Wenn man Leib und Leben an die Vertheidi⸗ gung eines reichen, koſtbaren Edelſtein ſetzt, thut man nicht wohl, vorher zu unterſuchen, ob er auch flecken⸗ los ſey?“ „Was ſoll das heißen?“ ſagte Leiceſter, die Augen ſtarr auf ſeinen Diener gerichtet;„vom wem wagſt Du, ſo zu reden?“ „Es iſt— von der Gräfin Emmy, Mylord! von der ich unglücklicherweiſe zu reden genöthigt bin,“ ent⸗ gegnete Varney,„und von der ich reden will, ſelbſt wenn Ihr mir für meinen Eifer den Tod gäbt.“ Du kannſt ihn Dir von meiner Hand verdienen,“ ſagte der Graf,„aber ſprich weiter, ich will Dich hören.“ „So will ich denn mit Kühnheit reden, Mylord! Ich ſpreche für mein Leben, wie für das Eure.— Mir gefallen die Verbindungen und Verhältniſſe der Lady mit jenem Edmund Treſſilian nicht; ihr kennt ihn, Mylord! Ihr wißt, ſie empfand früher Theilnahme für ihn, welche zu beſiegen Euch einigermaßen Mühe koſtete. Ihr ſeyd Zeuge geweſen, mit welchem Eifer er in dieſer Sache ge⸗ gen mich verfährt; es geſchieht offenbar, Euch, Mylord⸗ zu dem Geſtändniß eurer unglücklichen Heirath, wie ich ſie durchaus nennen muß, zu treiben. Ein Punkt, auf den Mo lady ebenfalls beſteht.“ ½ Ein erzwungenes Lächeln ward auf Leiceſters Geſicht ſichtbar.„Ihr meint es gut, Sir Richard!“ erwiederte er,„und würdet bereitwillig eure Ehre und die Ehre — 136— jedes Andern aufopfern, um mich von einem Sohritte zurückzuhalten, der Euch ſo ſchrecklich ſcheint. Aber be⸗ denkt,“— hier ward ſein Ton feſt und beſtimmt,„Ihr ſprecht von der Gräfin von Leiceſter!“ „Ich vergeſſe es nicht, Mylord!“ entgegnete Var⸗ ney,„aber ich bedenke auch, daß die Wohlfahrt des Grafen von Leiceſter auf dem Spiele ſteht. Ich bin erſt bei dem Anfange meiner Rede; ich glaube zuverläſſig, daß Treſſilian, ſeitdem er in dieſer Sache zu handeln begonnen, in Verbindung mit der Grün von Leiceſter geſtanden hat.“ „Du ſprichſt Wahnſinn, Varney, mit dent gleich⸗ müthigen Geſichte eines Prieſters,“ ſagte Leiceſter;„wo, und wie hätten ſie ſich beſprechen können?“ „Hierauf, Mylord!“ entgegnete Varney,„iſt meine Antwort unglücklicherweiſe bereit. Kurz vorher, ehe die Bittſchrift in Treſſilians Namen der Monarchin vorge⸗ legt ward, begegnete ich zu meinem Erſtaunen Treſſilian an der hinteren Thüre des Parks von Cumnor⸗Place.“ „Du trafſt auf ihn, Elender!“ rief Leiceſter,„und durchbohrteſt ihn nicht auf der Stelle?“ „Wir zogen, Mylord!“ erwiederte Varney,„und wäre mein Fuß nicht ausgeglitten, wär' er vielleicht nimmer wieder zum Stein des Anſtoßes auf dem Wege Eurer Herrlichkeit geworden.“ ¹ Leiiceſter ſchien einen Augenblick lang ſtumm vor Er⸗ ſtaunen; dann fragte er:„welche Beweiſe haſt Du für deine Ausſage, Varney?— denn eben ſo gewiß, als ich furchtbar ſtrafen werde, will ich auch ſtreng und kaltblütig prüfen. Heiliger Gott! aber nein— kalt⸗ blütig und behutſam— kaltblütig und behutſam!“— Er ſprach dieſe Worte noch mehrere Male vor ſich hin, — 137— gleich, als ob in ihnen eine beruhigende Eigenſchaft läge; dann biß er, gleich als wolle er jeden leidenſchaftlichen Ausrufzunterdrücken, ſeine Lippen feſt zuſammen, und fragte wieder:„ welche Beweiſe?“ „Hinlängliche, Mylord,“ entgegnete Varney;— „wollte Gott, ſie befänden ſich nur in meinen Händen, dann wären ſie vielleicht auf immer verborgen geblieben. Aber mein Diener, Michael Lambourne, war Zeuge des Ganzen, und in der That das erſte Hülfsmittel, durch welches Treſſilian Zutritt in Cumnor⸗Place erhielt. Deshalb nahm ich ihn auch eigentlich in meine Dienſte, und behielt ihn, obgleich er im Grunde ein wüſter Burſche iſt; denn ich hoffre ſo ſeine Zunge unter Schloß und Riegel zu halten.“ Jetzt bemerkte er Leiceſter, wie leicht es ſey, die Wahrheit ſeiner Ausſage zu beweiſen, ſowohl durch das Zeugniß Tony Foſters, als durch das mehrerer Perſonen, welche, als die Wette in Giles Goslings Behauſung Statt fand, zugegen waren, und Treſſilian und Lambourne zuſammen hingehen ſahen. In ſeine ganze Erzählung legte Varney nichts fabelhaftes; nur ließ er ſeinen Gebieter mehr fürchten, als er ſelbſt es gradezu behauptete, daß jene Unterredung zwiſchen Treſſilian und Emmy in Cum⸗ nor⸗Place länger als einige Minuten gedauert habe. „Warum ward ich nicht von dem Allen unterrichtet?“ fragte Leiceſter ſtreng.„Und warum hieltet Ihr Alle— und zumal Du, Varney, dieſen wichtigen Umſtand vor mir verborgen?“ „Weil die Gräfin,“ erwiederte Varney,„uns glau⸗ ben machte, Treſſilian habe ſich mit Gewalt bei ihr einge⸗ drängt; weil ich hoffte, daß ihre Unterredung in allen Ehren Statt hatte, und daß ſie ſeiner Zeit Ew. Herrlichkeit -— 1358— davon ſelbſt unterrichten würde. Ihr wißt, Mylord! welche unwillige Aufnahme nachtheilige Gerüchte über Men⸗ ſchen ſinden, die wir lieben.“ „Ihr ſeyd dennoch allzubereit, ſie zu verbreiten,“ ſprach der Graf;„wer ſagte Euch, daß, wie Ihr be⸗ hauptet, jede Unterredung nicht in allen Ehren Statt fand? Die Gemahlin des Grafen von Leiceſter, deucht mir, kann ſich wohl einige Augenblicke mit einer unbedeutenden Per⸗ ſon, wie Treſſilian, unterhalten, ohne daß meine Ehre dabei gefährdet würde, oder ein Argwohn gegen ſie ent⸗ ſtände.“ „Zuverläſſig, Mylord!“ entgegnete Varney;„hätte ich anders darüber gedacht, würde ich die Sache nicht ver⸗ ſchwiegen haben. Hier aber ſteckt der Knoten.— Treſſi⸗ lian verließ Cumnor nicht, ohne vorher einen Briefwech⸗ ſel mit dem Gaſtwirthe zu verabreden, beabſichtigend, die Lady von dort weg zu führen. Er ſandte einen Boten hin, den ich hoffe bald unter meinem Gewahrſam im Mervyns⸗ Thurme zu haben. Killeguew und Lamsbey ſtreifen ſchon nach ihm herum. Der Gaſtwirth hat einen Ring als Be⸗ lohnung empfangen,— Ew. Herrlichkeit werden ihn viel⸗ leicht an Treſſilians Hand bewerkt haben;— hier iſt er.— Dieſer Geſchäftsträger ſchlich ſich in Cumnor⸗Place als Hauſirer ein, verabredete ſich mit der Lady, und ſie ent⸗ flohen in der Nacht— unterwegs raubten ſie einem armen Kerl das Pferd, ſo eilig war ihre Reiſe, und erreichten endlich dieſes Schloß, wo die Gräfin eine Zuflucht fand— ich wage nicht auszuſprechen, an welchem Drte.“ „Sprich, ich befehle es Dir!“ rief Leiceſter;„ſprich, ſo lange mir noch der Verſtand bleibt, Dich zu hören!“ „Wenn es ſo ſeyn muß,“ fuhr Varney. fort,„ſo hört: Die Gräfin begab ſich ſogleich auf Treſſilians Zimmer, wo — 139— ſie viele Stunden blieb, theils ihn ſeiner Geſellſchaft, theils allein. Ich ſagte Euch, daß Treſſilian eine Paramour in ſeinem Zimmer habe,— ich ahnete nicht, daß dieſe Pa⸗ ramour“—— 1. „Emmy ſey, willſt Du ſagen,“ unterbrach ihn der Graf;—„aber es iſt Lug und Trug der Hölle.— Ehr⸗ geizig mag ſie ſeyn— auch eitel und ungeduldig— das ſind Schwächen der Weiber;— aber treulos gegen mich, nein, nein, nimmermehr!— Beweiſe, Beweiſe,“ fuhr er dann heftig fort. „Carrol, der Zimmeraufſeher, führte ſie geſtern Nach⸗ mittag auf ihr eigenes Verlangen dorthin.— Lambourne und der Kerkermeiſen fanden ſie Beide noch heute früh dort.“ „War Treſſilian mit ihr?“ fragte Leiceſter heftig, wie vorhin. „Nein, Mylord! Ihr werdet Euch erinnern, daß er ſich dieſe Nacht unter dem Gewahrſam des Sir Nico⸗ las Blount befand.“ „Wußten Carrol und die andern Kerle, wer ſie war?“ fragte Leiceſter. „Nein, Mylord!“ entgegnete Varney;„Carrol und der Gefangenwärter hatten die Gräfin zuvor nie geſehen, und Lambourne erkannte ſie in ihrer Verkleidung nicht; aber, indem er ſie verhindern wollte, das Zimmer zu verlaſſen, gelangte er zum Beſitz eines ihrer Handſchube⸗ den Ew. Herrlichkeit vielleicht kennen werden.“ Er zog den Handſchuh hervor, auf den dis Wap⸗ pen des Grafen geſtickt war. „Wohl, wohl erkenne ich ihn!“— rief Leiceſter; „ſie ſind ein Geſchenk von mir; der Gefährte von die⸗ ſem befand ſich an dem Arme, den ſie noch heute um — 140— meinen Hals ſchlug!“— Er ſprach dieß in großer Be⸗ wegung. „Ew. Herrlichkeit,“ ſagte Varney,„können die Lady jetzt ſelbſt über die Wahrheit dieſei Ausſage be⸗ fragen.“ „Es bedarf deſſen nicht mehr!“ tief der gequälte Graf;„mit Flammenzügen ſteht ihre Schuld vor mei⸗ nen Augen geſchrieben.— Ich ſehe ihre Schande— nichts ſonſt vermag ich zu ſehen.— Allmächtiger Gott! dieſes elenden Weibes wegen ſtand ich im Begriff das Leben ſo vieler theuren Freunde aufs Spiel zu ſetzen— die Grundſäulen eines geſetzmäßigen Throns zu erſchüt⸗ tern— mit Schwerdt und Fackel durch dieß friedliche Reich zu ziehen— eine gütige Gebieterin zu bekriegen, welche ſo unendlich viel für mich gethan, und, ohne jene heilloſe Verbindung, alles für mich gethan haben würde, was nur ein Weib für einen Mann zu thun im Stande iſt! Alles das war ich bereit für ein Weib zu unter⸗ nehmen, welches mit meinen ſchlimmſten Feinden in Verbindung ſtand!— Uund Du, Elender, warum ſprachſt Du nicht früher?“ „Mylord!“ entgegnete Varney,„eine Thräue von Mylady würde alles verwiſcht haben, was ich hätte ſa⸗ gen können. Auch fehlten mir die Beweiſe, bis dieſen Morgen Tony Foſter mit den Ausſagen des Gaſtwirths von Cumnor und Anderer anlangte, und bis meine eige⸗ nen Nachforſchungen die Art und Weiſe, wie ſie ſich hier eingeführt hatte, entdeckten.“ „Nun, Gott ſey Dank für das Licht, das er ge⸗ ſpendet,“ rief Leieeſter,„und zwar ſo flammend geſpen⸗ det, daß Niemand in England mein Betragen übereilt, noch meine Rache ungerecht nennen wird.— Und doch, — 141— Varney! ſo jung— ſo ſchön, ſo liebenswürdig, und dennoch ſo falſch!— Daher alſo ihr Haß gegen Dich, mein treuer Diener, weil Du ihren Planen entgegen ar⸗ beiteſt, und das Leben ihres Paramour in Gefahr brachteſt.“ „Ich gab ihr nie eine andere Urſache des Mißvergnü⸗ gens,“ entgegnete Varney;„aber ſie wußte, daß meine Rathſchläge dahin gingen, ihren Einfluß auf Eure Herr⸗ lichkeit zu beſchränken, ſo wie, daß ich ſtets bereit war und bin, mein Leben für Euch gegen eure Feinde zu wagen.“ „Es liegt alles nur zu klar am Tage,“ erwiederte Leiceſter;„mit welchem Anſchein von Seelengröße forderte ſie mich noch heute auf, mein Haupt lieber dem Beile darzubieten, als das Gewebe von Trug und Falſchheit, wie ſie es nannte, auch nur einen Augenblick länger fort zu ſpinnen. Der Engel der Wahrheit hätte nicht mit mehr Begeiſterung reden können.— Kann dem ſo ſeyn, Varney?— Kann Argliſt ſo treu die Stimme der Wahr⸗ heit nachahmen?— Kann das Laſter ſo den Schein der Tugend annehmen?— Varney, Varney! Du biſt von Kindheit an in meinem Dienſte geweſen— ich habe Dich aus dem Staube erhoben— ich vermag Dich noch höher zu heben. Denke Du für mich! dein Gehirn war immer ſcharf und durchdringend— kann ſie nicht ſchuldlos ſeyn? Erfinde ſie ſo, und alles, was ich bisher für Dich gethan habe, ſoll nichts, nichts im Vergleich mit dem ſeyn, womit ich Dich dann belohnen werde.“ Die Seelenangſt, mit des ſein Gebieter ſprach, machte ſelbſt auf das teufliſche Gemüth Varney's eini⸗ gen Eindruck, welcher, trotz ſeiner ehrgeizigen Plane, den⸗ noch ſeinen Herrn ſo ſehr liebte, als Weſen ſeiner Art 142— ſchnell ſeine Gewiſſensbiſſe, indem er bedachte, daß, wenn er dem Grafen auch jetzt einen vorübergehenden empfindlichen Schmerz verurſache, es ja nur geſchähe, um ihm den Weg zum Throne zu bahnen, den, wie er meinte, Eliſabeth, ſo bald jene Heirath durch Tod oder auf andere Weiſe getrennt ſey, bereitwillig mit ihrem Günſtling theilen würde. Er beharrete daher auf ſeinen teufliſchen Vorſatz und erwiederte die von der Angſt ausgepreßte Frage des Grafen nach einem kurzen Bedenken mit einem ſchwermü⸗ thigen Blick, ſo, als ob er vergebens nach einer Ent⸗ ſchuldigung für die Gräfin geſucht habe; dann hob er plötz⸗ lich ſein Haupt, und ſprach mit einen Ausdruck von Hoff⸗ nung, welcher ſich unverzüglich den Geſichtszügen des Grafen mittheilte:—„wenn ſie ſchuldig wäre, warum ſollte ſte es gewagt haben, hierher zu kommen?— wäre ſie dann nicht lieber zu ihrem Vater, oder anderswo hinge⸗ eilt?— obgleich das auch wieder mit ihrem Wunſche, als Gräfin von Leiceſter anerkannt zu werden, in Wider⸗ ſpruch gekommen wäre.“ „Wahr, wahr!“ rief Leiceſter, und ſeine kurze Hoff⸗ nung machte den bitterſten Gefühlen und Ausdrücken Platz; „Du vermagſt nicht die Liſt eines Weibes zu durchblicken, mir aber ſteht alles klar vor Augen. Sie wollte den Rang und Titel des ehrlichen Dummkopfs nicht ablegen, der ſie zu ſeiner Gemahlin erhob; und wenn ich meinen unſinni⸗ gen Plan ausgeführt, und ihretwegen einen Aufruhr be⸗ gonnen hätte, oder wenn die Königin, wie ſie es heute früh drohete, meinen Kopf hätte unter dem Beile fallen laſſen, dann wäre freilich das reiche Witthum, welches die Geſetze der Witwe des Grafen von Leiceſter beſtimmt irgend etwas zu lieben im Stande ſind; aber er bekämpfte. haben würden, zu einer trefflichen Mitgift für ihren Bett⸗ — 143— ler von Liebhaber geworden. Deshalb überredete ſie mich. zu Gefahren, die für ſie nur vortheilhaft werden konnten.— Sage nichts mehr zu ihrer Vertheidigung, meine gerechte Nache fordert ihr Blut!“ „Mylord,“ erwiederte Varney,„die Wildheit eures Schmerzes ſpricht ſich in der Wildheit eurer Rede aus.“ „Sprich nicht für ſie,“ entgegnete Leiceſter,„ſie hat mich entehrt— ſie würde mich gemordet haben— alle Bande zwiſchen uns ſind zerriſſen. Sie ſoll den Tod einer Verrätherin und Ehebrecherin ſterben, göttliche und menſch⸗ liche Geſetze ſprechen ihr dieſes Urtheil!— Was mag dieſes Käſtchen enthalten, was mir jener Burſche übergab, mit der Bitte, es Treſſilian einzuhändigen, da er es der Gräfin nicht überliefern könne? Beim Himmel! ſeine Nede fiel mir auf, obgleich damals andere Dinge mein Gehirn durchkreuzten; jetzt aber kehren ſie mit doppelter Gewalt in meine Erinnerung zurück.— Es iſt ihr Juwelen⸗ Käſtchen. Spreng' es auf, Varney!— ſpreng es auf mit deinem Dolche.“ K Sie wollte einſt meinen Dolch nicht, dachte Varney, damals, als ich ihn anbot, das Päckchen zu löſen, lebt ſoll er mächtiger in ihr Schickſal greifen. Unter ſolchen Betrachtungen ſprengte er mit der drei⸗ ſchneidigen Stilettklinge die ſilbernen Krampen. Der Graf ſah ſie kaum weichen, als er das Käſtchen den Händen Sir Richards entriß, den Deckel aufſchlug, und die Koſt⸗ barkeiten, welche es enthielt, wie in einem Anfaͤll von Wuth, heraus nahm, und auf den Boden warf, während er eifrig nach einem Schreiben oder Brieſchen ſuchte, durch welches das vermeintliche Verbrechen ſeiner unſchuldigen Gemahlin noch deutlicher bewieſen würde. Dann rief er zornig, indem er die Juwelen mit Füßen trat::„So ver⸗ —- 144— nichte ich das elende Spielwerk, für welches Du dich mit Seele und Leib verkaufteſt, Dich einem frühzeitigen Tode und mich der Reue und dem Elende preis gabſt!— Nichts von Verzeihung, Varney,— ihr Urtheil iſt geſprochen!“ So ſprechend, ſtürzte er in ein Nebengemach, deſſen Thür er verſchloß und verriegelte. 4 Varney blickte ihm nach, wobei aus ſeinem Teufels⸗ lächeln etwas mehr menſchliches Gefühl, als gewöhnlich, zu ſprechen ſchien.„Seine Schwäche thut mir leid, die Liebe hat ihm zum Kinde gemacht,— aber es wird ſchon anders werden, wenn er erſt König ſeyn wird; dann wird er der Stürme der Leidenſchaften, unter denen er den kö⸗ niglichen Hafen gewann, nicht mehr gedenken, als der gelandete Seemann des Orkans auf offenem Meere.— Dieſe köſtlichen Kleinodien aber dürfen nicht hier bleiben, ein allzureiches Trinkgeld wär's für die Zimmerauf⸗ ſeher.“ Während Varney beſchäftigt war, die Koſtbarkeiten aufzuſammeln, und ſie in das geheime Schubfach eines zufälligerweiſe offen ſtehenden Schrankes zu legen, ſah er die Thür vom Cabinetre des Grafen ſich öffnen, und dieſen heraus blicken, aber mit ſo todtenbleichen Wangen und lebloſen Augen, daß Varney über dieſe plötzliche Ver⸗ änderung erſchrak. Sobald ſeine Blicke denen des Grafen begegneten, zog dieſer ſich zurück, und verſchloß das Ca⸗ binet. Dieſes Manövre wiederholte der Graf einigemal, ſo, daß Varney faſt zu fürchten begann, das Gehirn ſei⸗ nes. Gebieters möchte durch die heftige Erſchütterung ſei⸗ nes Gemüths gelitten haben. Endlich winkte der Graf und Varney gehorchte dem Winke. Als er eintrat, ward ihm ſogleich klar, daß das Benehmen ſeines Herrn nicht von —- 145— von Geiſterverwirrung, ſondern von dem Kampfe wider⸗ ſtrebender Gefühle herrühre. Sie brachten eine volle Stunde in geheimer Berathung zu; dann kleidete ſich der Graf mit unglaublicher Anſtrengung an, um ſich in die Nähe ſeines königlichen Gaſtes zu begeben. 12. Man hat ſich ſpäterhin erinnert, daß während des Ban⸗ kets und der Luſtbarkeiten, welche den Reſt dieſes begeben⸗ heitsreichen Tages füllten, Leireſters und Varneys Betra⸗ gen ganz von ihrem gewöhnlichen Benehmen abwich. Sir Richard galt allgemein mehr für einen Mann von Rath und That, als für einen fröhlichen Geſellſchafter. Ge⸗ ſchäfte, gleichviel civil oder militairiſch, ſchienen ſeine eigentliche Sphäre zu ſeyn, und obgleich er recht wohl verſtand, Feſte und Luſtbarkeiten anzuordnen, war er doch bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich nur bloßer Zu⸗ ſchauer, oder wenn er etwa ſeinen Wit ſpielen ließ, ge⸗ ſchah dieß auf rauhe, ſcharfe, ernſte Weiſe, gleich als ob er mehr der Geſellſchaft ſpotte, als Theil an der allgemei⸗ nen Freude nähme. Aber heute ſchien ſein Charakter völlig umgewandelt; er miſchte ſich unter die jüngeren Höflinge und Frauen, war wie von einem fröhlichen Geiſte beſeelt, und ward zum heiterſten Geſellſchafter. Diejenigen, welche ihn bisher als einen nur den ernſten Geſchäften und dem Ehrgeize er⸗ gebenen Mann betrachtet hatten, der nur mit ſatyriſchem Lächeln auf ſolche Menſchen blicke, welche das Leben nahmen, wie ſie es fanden, und den Augenblick zu benuz⸗ zen, ſich zum Geſetz gemacht hatten, bemerkten heute mit Kenilworth. Z3ter Bd. K 1 — 146— Erſtaunen, daß ſein Wih eben ſo fein, ſein Lächeln eben ſo lebendig, und ſeine Stirn eben ſo unumwölkt ſeyn konnte, als es bei ihnen der Fall war. Durch welche Kunſtgriffe verdammungswürdiger Scheinheiligkeit er im Stande war, dieſen Schleier von Frohſinn über die ſchwar⸗ zen Gedanken der ſchändlichſten Menſchenbruſt zu werfen, muß jedem, außer Menſchen ſeines Gleichen, wenn es anders ſolche giebt, unerklärbar bleiben; aber er war ein Mann von großen Fähigkeiten, und dieſe wurden, leider, mit aller ihrer Kraft zu dem ſchändlichſten Zwecke an⸗ gewandt. Ganz das Gegentheil war es mit eiceſter. So ge⸗ übt auch ſein Geiſt war, ſtets die Rolle des vollendeten Höflings zu ſpielen, immer heiter und frei von jeder Sorge⸗zu erſcheinen, außer von der, die Freuden des Augenblicks durch ſeine Gegenwart zu erhöhen, während ſeine Bruſt oft von den Quaalen eines unbefriedigten Ehrgeizes, der Eiferſucht und des Zorns beſtürmt ward, weilten doch jetzt in ſeinem Herzen zu furchtbare Gäſte, als daß ſein Hofmanns⸗Talent ihr Thun und Treiben zu bedecken oder zu überſchatten vermocht hätte, und man konnts in ſeinem unſtäten Auge und auf ſeiner wolkenvol⸗ len Stirn deutlich leſen, daß ſeine Gedanken weit von der Scene fern waren, in welcher er ſich bemühte, ſelbſt eine Rolle zu ſpielen. Er ſah, ſprach und bewegte ſich mit augenſcheinlicher Anſtrengung, und es ſchien faſt, als ob ſein Wille einigermaßen die Oberherrſchaft über den ſchar⸗ fen Geiſt und die ſchöne Geſtalt, die er zu regieren be⸗ ſtimmt war, verloren habe. Seine Bewegungen und Gebehrden glichen, ſtatt ungezwungen zu ſeyn, denen eines Automaten, welche die Kraft einer innern Mechanik 3 erſt i in Gang zu bringen im Stande iſt; ſeine Worte ent⸗ —- 147— ſielen ihm ſtückweiſe, abgebrochen, ſo, als ob er erſt be⸗ denken müſſe, was er ſpräche; dann, wie er es hervorzu⸗ bringen habe; und deutlich gewahrte man, daß er nur durch eine fortgeſetzte Aufmerkfamkeit in den Stand geſetzt ward, ſeine Reden zu vollenden. Die ſeltſame Wirkung, welche dieſe Geiſtesabweſen⸗ heit auf das Betragen und Benehmen des vollendetſten Hofmannes in England äußerte, konnte den ſcharfen Bli⸗ cken der geiſtreichſten Fürſtin ihrer Zeit nicht entgehen. Auch iſt kein Zweifel, daß das Nachläſſige und Unaufmerk⸗ ſame in ſeinem Benehmen eine ernſte Unzufriedenheit der Monarchin mit dem Grafen von Leiceſter zur Folge gehabt haben würde, wäre ſie nicht der Meinung geweſen, daß die Erinnerung an ihr allzuheftiges von dieſem Morgen die Geiſteskräfte ihres Günſtlings lähme, und trotz ſeiner Bemühungen, das Einnehmende aus ſeinen Mienen, und das Angenehme aus ſeiner Unterhaltung entferne. So⸗ bald dieſer für ihre weibliche Eitelkeit ſo ſchmeichelnde Ge⸗ danke bei ihr Beſitz genommen hatte, war der Graf von Leiceſter für ſeine mannichfachen Irrthümer und Verſtöße vollkommen entſchuldigt, und der beobachtende Kreis der Höſtinge bemerkte mit Erſtaunen, daß Eliſabeth, ſtatt ſich von ſeiner Unaufmerkſamkeit und Nachläſſigkeit be⸗ leidigt zu fühlen,(Dinge, welche ſie ſonſt nicht leicht zu entſchuldigen geneigt war) im Gegentheil bemüht ſchien, ihm Zeit und Gelegenheit zu geben, ſich zu ſammeln, und ihn da⸗ bei mit einer Nachſicht unterſtützte, welche mit ihrer natür⸗ lichen Gemüthsart in völligem Widerſpruche ſtand. Es lag indeß klar am Tage, daß dieſes ſo nicht lange dauern konnte, und daß Eliſabeth endlich ein anderes und ſtren⸗ geres Mittel ergreifen würde, des Grafen Betragen zu ändern, als Leiceſter von Varney, welcher ihn zu ſprechen K* — 146— wünſchte, in ein anderes Zimmer gerufen ward. Erſt nachdem er ſich die Botſchaft hatte zweimal wiederholen laſſen, erhob er ſich aus ſeinem Seſſel, und wollte in⸗ ſtinctmäßig das Limmer verlaſſen,— plötzlich aber be⸗ ſann er ſich, ſtand ſtill, und wandte ſich zu der Königin, mit der Bitte, ſich dringender Angelegenheiten wegen auf einen Augenblick entfernen zu dürfen. „Geht, Mylord!“ ſagte die Königin;„wir glauben gern, daß unſere Gegenwart manches plötzliche und drin⸗ gende Geſchäft nöthig macht; aber ſollen wir uns als ei⸗ nen willkommenen Gaſt hier betrachten, wünſchen wir weniger Umſtände, und dafür mehr Heiterkeit auf eurem Geſichte, als uns heute zu Theil geworden; ſey der Gaſt König oder Bauer, ein freundlicher Wirth iſt immer die beſte Bewirthung. Geht, Mylord! wir hoffen Euch mit einer wolkenloſen Stirn und mit dem heitern Geiſte zu⸗ rückkehren zu ſehen, den Ihr ſonſt für eure Freunde in Bereitſchaft habt.“ Leiceſter verbeugte ſich tief, und entſente ſich. An der Thür des Zimmers trat ihm Varney entgegen, welcher ihn ſchnell bei Seite zog, und ihm in's Ohr flüſterte: „Alles geht nach Wunſch!“ „War Maſters bei ihr?“ fragte der Graf. „Er war dort, Mylord!“ entgegnete Varney,„und wird, da ſie ſeinen Fragen auswich, und keinen ordentli⸗ chen Grund für ihr Schweigen anführte, ein Zeugniß geben, daß ſie an Geiſteszerrüttung leide, und bei den Ihrigen am beſten aufgehoben ſey; wir haben nun alſo Gelegenheit, ſie fortzubringen, wie wir beabſichtigten.“ „Aber Treſſilian?“ fragte Leiceſter. 3 „Er wird vor der Hand nichts von ihrer Abreiſe er⸗ — 149— fahren, erwiederte Varney;„ſie ſoll noch heute Abend fort, und morgen wollen wir für ihn ſorgen.“ „Nein, beim Himmel!“ rief Leiceſter,„ich will mit meiner eigenen Hand Rache an ihm nehmen!“ „Ihr, Mylord! und an einem ſolchen unbedeuten⸗ den Menſchen, als Treſſilian!— Nein, nein! überlaßt ihn mir, er hat lange gewünſcht, fremde Länder zu ſehen.— Ich werde ſchon ſorgen, daß er nicht zurückkehre, um zu ſchwatzen.”“ „Nicht ſo, beim Himmel! Varney!“— rief Lei⸗ ceſter;—„unbedeutend nennſt Du einen Feind, der Macht genug beſaß, mich ſo tief zu verwunden, daß mein ganzes künftiges Leben nur ein Gemiſch von Reue und Elend ſeyn wird?— Nein!— ehe ich es aufgebe, mit eigener Hand Rache an dem Böſewicht zu nehmen, wollte ich lieber die ganze Sache vor Eliſabeths Thron niederle⸗ gen, und ihre Rache über die Verräther und Uiesemich zugleich aufrufen.“ Varney ſah mit großem Schrecken, wie ſich der Graf in einer Spannung befand, welche dieſen, falls er ihm widerſpräche, bewegen könne, den verzweiflungsvollen Ent⸗ ſchluß auszuführen, den er ſo eben ausgeſprochen hatte, und ſo alle ehrgeizigen Plane, welche Varney für ſeinen Gebie⸗ ter und ſich geformt hatte, mit einem einzigen Schlage zu zertrümmern. Die Wuth des Grafen ſchien auf's Höchſte geſteigert; ſeine Augen flammten, ſeine Stimme bebte vor Leidenſchaft, und ein leichter Schaum bedeckte ſeine Lippen. Sein Vertrauter machte jetzt einen kühnen und er⸗ folgreichen Verſuch, ſelbſt in dieſem ſturmvollen Augen⸗ blicke die Gewalt über ihn zu erhalten.—„Mylord!“ ſprach er, indem er ihn vor einen Spiegel führte,„ſeht den Widerſchein eurer Geſtalt in dieſem Glaſe, und be⸗ - 450— denkt, ob dieſe Geſichtszüge Jemand angehören können, der in ſolchem Zuſtande fähig iſt, einen Entſchluß für ſich ſelbſt zu faſſen.“ 3 „Wozu willſt Du mich denn machen?“ fragte Leice⸗ ſter, über ſeinen eigenen Anblick beſtürzt, zugleich aber auch durch Varney's Keckheit beleidigt. Bin ich dein Vaſall,— das Eigenthum, der unterthan meines Dieners?“ „Nein, Mylord!“ entgegnete Varney feſt,„aber ſeyd auch Herr Eurer ſelbſt und eurer Leidenſchaft. Ich, euer Diener, Mylord, ſchäme mich, zu ſehen, wie kläg⸗ lich Ihr euch bei dieſem Sturme benehmt. Geht, werft Euch zu Eliſabeths Füßen, geſteht eure Heirath— klagt euer Weib und ihren Paramour des Ehebruch's an— und bekennt in Gegenwart des ganzen Hofes, jener Thor zu ſeyn, der ein Landmädchen heirathete, und von ihr und ihrem hochgelahrten Liebhaber zum Narren gehal⸗ ten ward.— Geht, Mylord, gehr, aber vorher ſagt Richard Varney Euch und allen euren Wohlthaten Lebe⸗ wohl. Er diente dem edlen, großen, hochherzigen Leice⸗ ſter, und fühlte ſich ſtolzer in ſeinem Dienſte, als hätte er über Tauſende zu gebieten gehabt; aber dem Klein⸗ müthigen, der vor jeder Widerwärtigkeit erbebt, deſſen Entſchlüſſe ein Spiel ſeiner Leidenſchaften ſind, dem dient Richard Varney nicht. Er ſteht ſo weit über ihm an Gei⸗ ſtesſtärke, als dem Range nach unter ihm.“ Varney ſagte dieß ohne Heuchelei; denn obgleich ſeine gerühmte Seelenſtärke eigentlich nur Härte und Unbieg⸗ ſamkeit war, fühlte er doch in dieſem Augenblicke wirklich das Uebergewicht, von dem er ſprach, wobei das Intereſſe, welches er an Leiceſters Schickſal nehmen mußte, ſeiner Stimme und Bewegung eine ungewohnte Waͤrme gab. - 151— Leiceſter war überwältigt; es ſchien dem unglückli⸗ chen Grafen, als ob ſein letzter Freund auf dem Punkt ſtehe, ihn zu verlaſſen; er ſtreckte ſeine Hand gegen Var⸗ ney aus, und ſprach:„verlaß mich nicht!— Sprich, was meinſt Du, das ich thun ſoll?“ „Wieder Ihr ſelbſt ſeyn, mein edler Herr!“ ent⸗ gegnete Varney, indem er die Hand des Grafen mit ſei⸗ nen Lippen berührte, nachdem er ſie zuvor achtungsvoll ergriffen hatte.„Seyd wieder Ihr ſelbſt, Mylord! er⸗ hebt Euch über die Stürme der Leidenſchaften, welche ſchwächere Seelen niederdrücken. Seyd Ihr denn der Erſte, der in der Liebe betrogen worden? Der Erſte, den ein eiteles, liſtiges Weib eine Neigung einflößte, die ſie dann mißbrauchte? Und wollt Ihr raſend werden, weil Ihr nicht weiſer geweſen ſeyd, aks der weiſeſte Mann, der je gelebt? Denkt, ſie ſey nie geweſen— vertilgt ſie aus eurem Gedächtniß als unwerth, dort je einen Platz be⸗ ſeſſen zu haben. Laßt euren ernſten Entſchluß, den ich auszuführen Muth und Eifer beſitze, den Urtheilsſpruch eines höheren Weſens, einen leidenſchaftsloſen Act der Gerechtigkeit ſeyn. Sie hat den Tod verdient— ſie ſterbe!“ 3 Während er ſo ſprach, hielt der Graf ſeine Hand feſt in der ſeinen, preßte ſeine Lippen zuſammen, und faltete die Stirn, ſo, als ob er bemüht ſey, ſich jene Kälte und leidenſchaftsloſe Feſtigkeit, welche Varney empfahl, anzueignen. Als dieſer ſchwieg, hielt der Graf ſeine Hand noch immer feſt, bis er im Stande war, mit einem Ausdrucke ruhiger Entſchloſſenheit auszurufen: „Sey es ſo— ſie ſterbe!— Aber eine Thräne iſt mir doch erlaubt.“ „Nicht eine, Mylord!“ erwiederte Varney, welcher — 152— an dem zitternden Auge und der krampfhaft verzogenen Wange ſeines Gebieters bemerkte, daß er einem Aus⸗ bruche von Wehmuth nachzugeben im Begriff ſtehe,— „keine Thräne, die Zeit erlaubt ſie nicht.— Wir müſt ſen an Treſſilian denken.“ „Ein Name, in der That, Thränen in Blut zu verwandeln!“ rief Leiceſter;„hierüber bin ich im Reinen, Varney! mein Entſchluß iſt gefaßt, keine Gründe, keine Vorſtellungen können mich davon abbringen.— Treſſi⸗ lian ſoll als mein Opfer fallen.“— „Es iſt Wahnſinn, Mylord!“ ſagte Varney;„aber Ihr ſeyd zu mächtig für mich, als daß ich Euch den Weg zu eurer Rache ſperren könnte; doch entſchließt Euch we⸗ nigſtens, Zeit und Gelegenheit abzuwarten, und ihn zu vermeiden, bis dieſe ſich zeigen.“ „Ich will dir in Allem folgen,“ entgegnete Leice⸗ ſter,„nur hierin nicht.“ „Dann, Mylord!“ ſagte Varney,„wünſche ich, daß Ihr zuvörderſt das wilde, verſtörte Weſen ablegen mögt, welches heute die Blicke des ganzen Hofes auf Euch gezogen hat, und welches wieder gut zu machen Euch die Königin ohne ihre außerordentliche, ihrer Natur ganz widerſtrebende Nachſicht, kaum eine Gelegenheit gelaſſen haben würde.“ „Habe ich mich wirklich ſo nachläſſig gezeigt?“ fragte Leiceſter, als ob er aus einem Traume erwachte;„ich dächte, ich hätte mich hinreichend verſtellt; doch fürchte nichts, jetzt iſt mein Geiſt frei— ich bin ruhig. Mein Horoſcop ſoll erfüllt werden, und damit dem ſo ſey, will ich alle meine Seelenkräfte daran ſetzen. Fürchte nichts, ſage ich— ich wil ſogleich zur Königin— ſelbſt deine Blicke und Worte ſollen nicht undurchdringlicher ſeyn, als — 153— die meinen.— Haſt Du mir ſonſt noch etwas mitzu⸗ theilen?“ „Ich muß mir euren Siegelring erbitten, Mylord!“ ſagte Varney ernſt,„damit ich denen von euren Leuten, die ich nöthig habe, beweiſen kann, daß ich euren Willen vollziehe, wenn ich ihre Hülfe in Anſpruch nehme.“ Leiceſter zog den Siegelring ab, den er gewöhnlich gebrauchte, und gab ihn Varney mit einem wilden Blicke, indem er mit leiſem, halb flüſternden, aber Schrecken einflößenden Tone ſtrach:„was Du thuſt, thue raſch!“ Unter den Anweſenden in der Halle hatten ſich unter⸗ deſſen Beſorgniß und Erſtaunen über die lange Abweſen⸗ heit des Herrn vom Hauſe eingeſchlichen und groß war das Entzücken ſeiner Anhänger, als ſie ihn mit der Stirn ei⸗ nes Mannes zurückkehren ſahen, von deſſen Bruſt, allem Anſchein nach, ſo eben eine ſchwere Kummerlaſt abgewälzt worden war. Vollkommen erfüllte jetzt Leieeſter das Ver⸗ ſprechen, welches er Varney gegeben hatte, der ſich ſeiner⸗ ſeits bald nicht mehr genöthigt ſah, wie bisher, einen dem ſeinen ſo ganz entgegengeſetzten Character zu behaup⸗ ten, und welcher nach und nach wieder in die Rolle eines ernſten, kalten, ſatyriſchen Beobachters zurüitlſand, die er auf der Hofbühne zu ſpielen pflegte. Leiceſter trieb dagegen ſein Spiel mit Elifabeth, wie mit Jemand, von deſſen hoher Geiſteskraft man überzeugt iſt, und an dem man hie und da nur einige Schwächen kennt. Er hütete ſich, die Stimmung, wel⸗ che er vor ſeiner Entfernung mit Varney gezeigt hatte, plötzlich abzulegen, ſondern näherte ſich der Monarchin jetzt mit einer gewiſſen Schwermuth, die einen Anflug von Zärtlichkeit rrug, und welche, ſo wie Eliſabeth, — 154— von Mitleid mit ſeinem Zuſtande erfüllt, ein Zeichen von Gunſt nach dem andern als Balſam in ſeine vermeint⸗ liche Schmerzenswunde träufelte, nach und nach in die ſorgfältigſte, einſchmeichelndſte, zugleich aber auch in die achtungsvollſte und ehrerbietigſte Galanterie überging, die je einer Monarchin von ihrem Unterthan geſpendet worden. Eliſabeth horchte ſeinen Worten mit einer ge⸗ wiſſen Bezauberung; ihre Begierde, allein zu herrſchen, war in den Schlaf gelullt; der Entſchluß, allen häus⸗ lichen und geſelligen Banden zu entſagen und nur ihrem Volke zu leben, begann zu wanken, und Dudley's Stern glänzte in voller Pracht an dem Horizont ihres Hofes. Aber Leiceſter genoß dieſen Triumph über Natur und Gewiſſen, nicht bloß getrübt von dem Aufruhr ſei⸗ ner innern Gefühle, die er zu bekämpfen ſuchte, ſon⸗ dern auch manche Zufälligkeiten während des Bankets, ſo wie während der Feſtlichkeiten, welche demſelben an dieſem Abend folgten, trugen dazu bei, in ſeinem Her⸗ zen Mißtöne rege zu machen, und es mit Angſt zu er⸗ füllen. Der Hof war z. B., nachdem er den Banket⸗Saal verlaſſen hatte, in der großen Halle verſammelt, den Anfang eines glänzenden Maskenſpiels erwartend, wel⸗ ches an dieſem Abend Statt finden ſollte, als die Köni⸗ gin plötzlich den Strom von Witz, mit dem der Graf von Leiceſter ſo eben Willougby, Raleigh und andere Höflinge überſchüttete, unterbrach, indem ſie ſagte: —„Wir werden Euch des Hochverraths anklagen, My⸗ lord, wenn Ihr fortfahrt, uns durch Lachen tödten zu wollen. Dort aber kommt Jemand, der ſchon über uns Alle den Ernſt herbeiführen wird; unſer Leibarzt, der 155— gelehrte Doctor Maſters; ohne Zweifel bringt er uns Bericht über Lady Varney, unfere unglückliche Suppli⸗ kantinn.— Nein, Mylord! Ihr ſollt uns nicht verlaſ⸗ ſen; da es hier einen Zwiſt unter Ehegatten betrifft, halten wir unſere eigene Erfahrung nicht für hinrei⸗ chend, guten Rath entbehren zu können.— Nun, Ma⸗ ſters! was denkt Ihr von dem ſchönen Flüchtling?“ Das Lächeln, welches Leiceſters Worte begleitet hatte, als ihn die Königin unterbrach, blieb, gleich als hätte es der Meißel eines Michael Angelo geformt, feſt auf ſeinem Geſichte ruhen; und er horchte der Rede des Arztes mit denſelben unbeweglichen Geſichtszügen. „Lady Varney,“ erwiederte der Arzt,„iſt eigenſin⸗ nig, und wollte mir über den Zuſtand ihrer Geſundheit nur wenig Rede ſtehen, indem ſie vorgab, wie ſie hoffe, bald ihre eigene Sache vor Ew. Majeſtät ſelbſt vertreten zu können, weshalb ſie die Fragen Anderer. bis dahin unbeantwortet laſſen wolle.“ „Gott behüte uns davor!“ ſagte Eliſabeth;„wir haben bereits durch die Mißverſtändniſſe und Zwiſtigkeiten gelitten, welche den Schritten dieſer geiſteskranken Lady zu folgen ſcheinen.— Meint Ihr nicht auch ſo, My⸗ lord?“ fuhr ſie fort, indem ſie Leiceſter mit einem faſt zärtlichen Ausdrucke von Reue über den Vorfall von heute morgen anblickte.— Leiceſter raffte ſich zuſammen, um eine tiefe Verbeugung zu machen; die ſo huldreich an ihn gerichtete Frage der Königin mit Worten zu er⸗ wiedern, war er nicht im Stande.. „Ihr wollt Rache üben,“ ſagte Eliſabeth;„wir werden ſchon Zeit und Gelegenheit finden, Euch zu ſtra⸗ fen.— Noch einmal aber zu dieſer Unruheſtifterin, wie ſteht es um ihre Geſundheit, Maſters?“ — 156— „Sie iſt eigenſinnig, gnädigſte Frau!“ entgegnete der Leibarzt,„wie ich bereits geſagt habe, und weigerte ſich, meine Fragen zu beantworten, und die Autorität der Arzeneikunſt anzuerkennen. Ich glaube ſie einem Delirium unterworfen, welches ich aber eher Hypochondrie, als Wahnſinn nennen möchte, und ich meine, ſie wäre in dem Hauſe ihres Gatten am beſten aufgehoben, fern von allen dieſen Feſtlichkeiten, welches ihr ſchwaches Ge⸗ hirn nur mit phantaſtiſchen Bildern anfüllen. Sie läßt Winke fallen, ſo, als ob ſie ſich eine verkleidete vorneh⸗ me Frau glaube, etwa eine Gräfin, Fürſtin, oder ſonſt dergleichen. Solche unglückliche Perſonen haben oft ähn⸗ liche fixe Ideen.“ „Fort denn mit ihr, ſo ſchnell als möglich!“ ſagte Eliſabeth,„Varney mag mit möglichſter Schonung für ſie ſorgen; ſie muß dieß Schloß unverzüglich verlaſſen, ſie würde ſich ſonſt noch zuletzt Herrin deſſelben glauben. — Es iſt ein Jammer indeß um das ſchöne, liebens⸗ würdige Geſchöpf! nicht war, Mylord?“ „Es iſt ein Jammer,“ wiederholte Leiceſter, gleich als ob er eine auswendig gelernte Phraſe herſage. „Vielleicht theilt Ihr unſere Meinung über ihre Schönheit nicht, Mylord!“ fuhr Eliſabeth fort,„wir haben in der That Männer gekannt, welche eine Juno⸗ Geſtalt ſolch einer ſchwächlichen Form, die, einer zerbro⸗ chenen Lilie gleich, ihr Haupt hängen läßt, vorzogen. Die Männer ſind Tyrannen, Mylord! ſie lieben mehr den Widerſtand, als den widerſtandsloſen Sieg, und ziehen als muthige Kämpfer ſolche Weiber vor, welche ihnen den Streit ſchwer machen.— Ich bin in der That eurer Meinung, Rutland! gäbe man Mylord von Leiceſter ſolch ein gemahltes Wachsbild zur Braut, er — 157— würde noch vor Ablauf des Honig⸗Monat's ihren Tod wünſchen.“ Indem ſie dies ſprach, blickte ſie Leiceſter ſo aus⸗ drucksvoll an, daß er, obgleich ſein Herz ſich gegen ſeine Falſchheit empörte, Faſſung genug gewann, flüſternd zu erwiedern, daß Leiceſters Liebe demüthiger ſey, als die Monarchin glaube, weil ſie auf einen Gegenſtand gerichtet wäre, von dem er nur Befehle erwarten könne. Die Königin erröthete, und gebot ihm zu ſchweigen, ſchien indeß zu erwarten, daß er ihr nicht gehorchen würde. In dieſem Augenblicke aber ertönte von einem hohen Balcon herab Trompeten⸗Schall und Pauken⸗ Wirbel, laut den Eintritt der Masken verkündend, und ſo ward Leiceſter dem furchtbaren Zwange und der Ver⸗ ſtellung, in welche ihn ſeine eigene Doppelzüngigkeit ge⸗ bannt hatte, entriſſen. Die Masken, welche jetzt erſchienen, bildeten vier verſchiedene Abtheilungen, die nach kurzen Zwiſchenräu⸗ men auf einander folgten. Jede beſtand aus ſechs Haupt⸗ figuren und eben ſo vielen Fackelnträgern, und ſtellte eine der Nationen dar, welche zu verſchiedenen Zeiten in England hauſeten. Die Ureinwohner Britanniens, welche zuerſt ein⸗ traten, wurden durch zwei alte Druiden eingeführt, deren weiß⸗graues Haar mit Eichenkränzen umwunden war, und die in ihren Händen Miſtelzweige trugen. Dieſem Zuge folgten zwei weiß gekleidete Barden mit Harfen im Arm, in die ſie von Zeit zu Zeit griffen, und einige Verſe aus einer alten Hymne an die Sonne dazu ſangen. Die Ur⸗Britten ſelbſt wurden von den größten und kräftigſten jungen Leuten dargeſtellt. Haar und Bärte waren lang; ihre Kleidung beſtand aus Bä⸗ — 158— ren⸗ und Wolfsfellen; Arme und Schenkel aber waren mit fleiſchfarbener Seide bedeckt, und auf dieſen erblickte man die Abbildungen von Himmelskörpern, Thieren und dergleichen in grotesken Formen, ſo, daß ſie ganz jenen Ureinwohnern Englands glichen, deren Freiheit zuerſt dunch die Römer beſchränkt ward. Die Söhne Roms, welche zu civiliſtren und zu er⸗ obern kamen, zeigten ſich nun zunächſt der fürſtlichen Ver⸗ ſammlung; die Anordner des Feſtes hatten den Stolz und die militäriſchen Gebräuche dieſes berühmten Volks genau beobachtet, und die Darſteller mit leichten, aber ſtarken Schilden, und mit jenen kurzen zweiſchneidigen Schwerd⸗ tern verſehen, deren Gebrauch ſie zu Welteroberern machte. Die römiſchen Adler wurden ihnen von zwei Fahnenträgern vorgetragen, welche eine Hymne an Mars herſagten; ih⸗ nen folgten die klaſſiſchen Krieger mit den ſtolzen Schritten von Männern, welche auf die Eroberung der Welt An⸗ ſpruch machen. Die dritte Quadrille beſtand aus den Sachſen, in die Bärenfelle gekleidet, welche ſie aus den deutſchen Wäldern mitbrachten; in ihren Händen die furchtbaren Streitäxte tragend, welche ſo großen Tumult unter den Urbewohnern Britanniens anrichteten. Zwei Scalden ſchritten ihnen voraus, welche das Lob Odins ſangen. Zuletzt erſchienen die ritterlichen Normannen in ihren Panzerhemden, Stahlhüten und vollem ritterlichen An⸗ zuge, von zwei Minneſängern vorgetreten, welche von Krieg und Frauenliebe ſangen. Dieſe vier Abtheilungen traten in der größten Ord⸗ nung in die weitläuftige Halle, wobei jedesmal ein kurzer Zwiſchenraum erfolgte, ſo, daß den Zuſchauern Zeit blieb, ihre Neugier zu befriedigen, bevor ſich eine neue Gruppe — — 159— zeigte. Endlich ſchritten ſie vereint durch die Halle, und ordneten ſich dann, ihre Fackelträger hinter ſi ſich, an den beiden entgegengeſetzten Seiten des Raumes, ſo, daß die Römer den Britten, die Sachſen aber den Normannen gegen über zu ſtehen kamen. Jetzt ſchienen ſte auf einan⸗ der mit Blicken voll Bewunderung zu ſchauen, welche aber ſchnell, wie es ihre drohenden Gebehrden zeigten, in Zorn überging. Als darauf kriegeriſche Muſik vom Balkon herab ertönte, zogen die ſämmtlichen Masken ihre Schwerdter, und bewegten ſich in einer Art von militairiſchem Tanze gegen einander wobei ſie abwechſelnd mit ihren Schwerd⸗ tern bald auf die Schilde, bald auf die Klingen ihrer Gegner ſchlugen, ſo wie es die wechſelnden Wendungen des Tanzes mit ſich brachten. Es war ein intereſſantes Schauſpiel, mit anzuſehen, wie die verſchiedenen Abthei⸗ lungen, deren Bewegungen den Anſchein völliger Unord⸗ nungen trugen, die gröpte Ordnung behaupteten, bald ſich in einander verſchlingend, und bald ſich wieder auseinan⸗ der windend, ihre vorige Stellung einnahmen, ſe wie die Töne der Muſik es geboten. In dieſem ſymboliſchen Tanze wurden die Kämpfe vor⸗ geſtellt, welche unter den verſchiedenen Nationen Statt fanden, die früher England bewohnten. Endlich, nach vielen künſtlichen Evolutionen, welche den Zuſchauern große Freude gewährten, ward ein lauter Trompetenſtoß gehört, deſſen Schall Einhalt der Schlacht zu gebieten, oder den Sieg zu verkünden ſchien. Die Masken hielten augenblicklich mit ihrem mimiſchen Spiele ein, ordneten ſich unter ihre Führer, und ſchienen mit eben ſo ängſtlicher Erwartung, als die Zuſchauer, dem Schauſpiele entgegen zu harren, welches ſ ſich jetzt ihren Blicken darbieten würde. — 260— Die Thüren der Halle wurden weit aufgeriſſen, und kein geringeres Weſen trat ein, als der Zauberer Merlin, ſeltſam und myſtiſch, ſeiner ſtolzen Geburt und ſeiner Zaubermacht angemeſſen, gekleidet. Um ihn und hinter ihm flatterten und ſpielten zahlreiche wunderbare Geſtalten, die ſei⸗ nem Machtgebote unterworfenen Geiſter vorſtellendz eine Er⸗ ſcheinung, die ſo ſehr Jedermann im Schloſſe anzog, daß ſelbſt ein Theil der geringeren Bewohner deſſelben, uneingedenk der königlichen Gegenwart, ſich hinter dem Zuge mit bis in den untern Theil der Halle drängte. Als der Graf von Leiceſter gewahrte, daß ſeine Leute Mühe hatten, dieſe Zudringlichen ohne größere Störung zurück zu halten, als die Gegenwart der Königin erlaubte, ſtand er auf, und wollte ſich ſelbſt nach der untern Seite der Halle begeben. Eliſabeth aber, mit der gewöhnlichen Vorliebe für ihr Volk, äußerte den Wunſch, daß die Ein⸗ tretenden ungeſtörte Zuſchauer bleiben möchten, und Lei⸗ ceſter entfernte ſich, dem Anſcheine nach, um dieſen Be⸗ fehl auszurichten; eigentlich aber, um einen Augenblick Athem zu ſchöpfen, und ſeinen Geiſt, wenn auch nur auf einen Moment, von dem furchtbaren Amte abzulöſen, unter dem Schein von Frohſinn und Heiterkeit die laſten⸗ den Gefühle von Schaam, Reue und Rache zu verbergen. Durch Zeichen und Blicke gebot er der Menge am untern Ende der Halle Ruhe; ſtatt aber ſogleich zur Monarchin zurück zu kehren, hüllte er ſich in ſeinen Mantel, miſchte ſich unter das Volk, und blieb ſo gewiſſermaßen ein unbe⸗ achterer Zuſchauer der Feſtlichkeit. Merlin, als er bis in die Mitte der Halle vorgetreten war, gebot mit einem Winke ſeines Zauberſtabes den An⸗ führern der kriegeriſchen Abtheilungen, ſich ihm zu nahen, 1 und —-— 161— und hielt dann eine Anrede an ſie, worin er ſagte: daß die Brittiſche Inſel jetzt von einer jungfräulichen Königin beherrſcht würd e, der, dem Willen des Schickſals zufolge, ſie alle huldigen ſollten, und welche ſie zu erſuchen hätten, über ihre verſchiedenen Anſprüche zu entſcheiden. Seinem Worten Gehorſam leiſtend, ſchritt jetzt eine Abtheilung nach der andern unter feierlicher Muſik an Eli⸗ ſabeths Thronſitz vorüber, wobei jede auf die ihrer Nation angemeſſene Weiſe der Monarchin die ehrfurchtsvollſte Huldigung darbrachte; eine Ehrenbezeugung, welche von der Königin mit jener huldreichen Freundlichkeit erwiedert wurde, die ſeit ihrem Einzuge in Kenilworth ihr Beneh⸗ men bezeichnet hatte. Die Führer der Abtheilungen legten dann, jeder im Namen ſeiner Truppe, die Gründe vor, durch welche ſie ſich berechtigt glaubten, einer vor dem anderen ein Vorrecht zu behaupten; und als ſie Alle nach der Reihe geredet hat⸗ ten, gab Eliſabeth ihnen auf gnädige Weiſe zur Antwort: wie es ihr leid thue, daß ſie ſich nur ſchwach im Stande fühle, über die ſchwierige Frage zu entſcheiden, welche man ihr auf Befehl des weiſen Merlin vorlege; daß es ihr aber vorkäme, als ob keine der berühmten Nationen Vorrechte vor den übrigen verlangen könnte, behauptend, eine habe mehr als die andere zur Bildung der heutigen Engländer beigetragen, welche, wie es ihr doch ſchien, von jeder das Gute und Beſte ſich angeeignet hätten. So, ſagte ſie, habe der Engländer von den alten Britten ſeine Kühnheit und ſeinen freien Sinn,— von den Römern ſeinen geord⸗ neten Muth im Kriege und ſeine Lidbe zu den Wiſſenſchaf⸗ ten und Künſten im Frieden,— ſeine weiſen und gerech⸗ ten Geſetze von den Sachſen, und von den ritterlichen Kenilworth. 3ter Bd. L — 162— Normannen ſeine Begriffe von Ehre und Galanterie, ſo wie ſein Verlangen nach Ruhm. Merlin erwiederte mit Geiſtesgegenwart, wie es in der That nothwendig ſey, daß ſo viele große Eigenſchaften, welche ihn zum Muſter anderer Nationen machten, in dem Character des Engländers vereinigt wären, weil er nur hiedurch gewiſſermaßen des Glückes werth würde, von Eli⸗ ſabeth regiert zu werden. Jetzt ertönte von neuem die Muſik, und Merlin be⸗ gann ſich nebſt den Abtheilungen aus der volkreichen Halle zurück zu ziehen, als Leiceſter, welcher, wie wir früher erwähnt haben, unter die Menge am Eingange getreten war, ſich plötzlich am Mantel gezogen fühlte, indem ihn zugleich eine Stimme ins Ohr flüſterte:„Ich wünſche einige Augenblicke mit Euch allein zu ſprechen.“ 13. „Ioch wünſche einige Worte mit Euch nallein zu ſpre⸗ chen!“— Eine an ſich einfache Rede; allein der Graf von Leiceſter befand ſich in jenem fieberhaften Seelenzu⸗ ſtande, wo einem die gewöhnlichſten Dinge von der furcht⸗ barſten Wichtigkeit erſcheinen, und raſch wandte er ſich daher zu dem, welcher jene Worte ausgeſprochen hatte. Nichts Auffallendes zeigte ſich in dem Aeußeren des Spre⸗ chenden, deſſen Anzug aus einem ſchwarzſeidenen Wamms und kurzen Mantel beſtand, vor dem Geſichte trug er eine ſchwarze Larve, ſo daß es ſchien, als habe er ſich unter der Menge von Masken befunden, welche in Merlins Gefolge mit in die Halle gedrungen waren, obgleich er keine jener 4 — — 163— auffallenden Verkleidungen trug, durch welche ſich die mei⸗ ſten der Uebrigen auszeichneten. „Wer ſeyd Ihr, und was wollt Ihr von mir?“ fragte Leiceſter, nicht, ohne durch Ton und Ausdruck ſeinen aufgeregten Seelenzuſtand zu verrathen. „Nichts Böſes, Mylord!“ entgegnete die Maske, „ſondern Gutes und Ehrenvolles, wenn Ihr meine Ab⸗ ſicht nicht verkennen wollt; aber ich muß mit Euch ins Geheim ſprechen.“.: „Ich ſpreche mit keinem namenloſen Unbekannten,“ erwiederte Leiceſter, fürchtend, er wußte ſelbſt nicht warum, das Geſuch des Fremden. Er würde fortgeeilt ſeyn, doch hielt ihn die Maske zurück. „Wer mit Euch, Mylord! in Betreff eurer Ehre zu ſprechen hat,“ fuhr der Fremde fort,„hat ſtets ein Recht über eure Zeit, welches Geſchäft Ihr auch, um ihn zu hören, bei Seite legen müßtet.“ „Im Betreff meiner Ehre? wer wagt'’s, ſe anzu⸗ greifen?“ fragte Leiceſter. „Euer eigenes Betragen allein kann Gründe dar⸗ bieten, ſie anzuklagen,“ entgegnete die Maske,„grade über dieſes Thema, Mylord, wünſche ich mit Euch zu reden.“ „Ihr ſeyd unverſchämt,“ erwiederte Leiceſter,„und nißbraucht die Gaſtfreiheit, welche mich abhält, Euch zu beſtrafen.— Wer ſeyd Ihr?“ 3 „Edmund Treſſilian aus Cornwallis,“ antwortete der Verlarvte;—„durch ein Verſprechen war meine Zunge vier und zwanzig Stunden lang gebunden,— die Zeit iſt um,— ich darf nun reden, und erzeige Euch, Mylord, die Gerechtigkeit, meine Worte zuerſt an Euch zu richten.“ 44 L.* —-— 164— Das Erſtaunen, welches Leiceſter erfaßte, als er den Namen des Mannes ausſprechen hörte, den er von allen Menſchen am meiſten haßte, und von dem er ſich ſo ſchwer beleidigt glaubte, lähmte anfangs alle ſeine Bewegungen, machte aber ſchnell einem ſolchen Durſte nach Rache Platz, wie ihn nur nach Waſſer ein Wanderer in der Wüſte em— pfinden kann. Er hatte kaum Faſſung und Selbſtbeherr⸗ ſchung genug, um nicht auf der Stelle das Herz des Nichts⸗ würdigen zu durchſtoßen, welcher, nachdem er, wie Lei⸗ ceſter vermeinte, Jammer und Noth über ihn herbeigeführt hatte, jetzt noch mit einer ſolchen Frechheit vor ihm zu erſcheinen wagte. Entſchloſſen indeß, für den Augenblick ſeine innere Bewegung zurück zu halten, um Treſſilians ganze Abſicht zu durchſchauen, und ſeiner Rache deſto ge⸗ wiſſer zu ſeyn, fragte er in einem durch unterdrückte Lei⸗ denſchaft kaum verſtändlichen Tone:„Und was wünſcht Herr Edmund Treſſilian von mir? 41 „Gerechtigkeit, Mylord!“ eatgegnete Treſſilian ru⸗ hig, aber feſt. „Gerechtigkeit,“ ſagte Leiceſter,„muß Jedem werden, vorzüglich Euch, Herr Treſſilian, rechnet darauf. 4 „Ich erwarte nichts geringeres von eurem Edelmu⸗ the,“ erwiederte Treſſilian;—„aber die Zeit drängt, ich muß Euch noch dieſen Abend ſprechen,— darf ich Euch in eurem Zimmer erwarten?“ „Nein!“ entgegnete Leiceſter ernſt;„nicht unter ei⸗ nem Dache, noch weniger unter meinem eigenen.— Wir wollen unter freiem Himmel zuſammentreffen.“ „Ihr ſcheint unruhig, oder unwillig, Mylord! 4 verſetzte Treſſilian;„mir iſt jeder Platz gleich, ſo bald Ihr mir nur ohne Unterbrechung eine Unterredung von einer halben Stunde gewährt.“ 4 — 165— „Eine kürzere Zeit, denk' ich, ſoll hinreichen, ant⸗ wortete Leiceſter;—„erwartet mich auf dem Throphäen⸗ platze, ſo bald die Königin ſich in ihre Zimmer zurückge⸗ zogen haben wird.“* „Genug,“ entgegnete Treſſilian, und entfernte ſich, während eine Art von Freude Leiceſters Seele zu durchdrin⸗ gen ſchien. 4 „ Der Himmel,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„iſt mir wenigſtens günſtig, indem er den Nichtswürdigen, der mich mit Schande brandmarkte,— und dieſe gräßliche Todesangſt über mich herbeirief,— in meine Gewalt giebt. Ich will das Schickſal nicht länger anklagen; es reichte mir die Mittel, der Argliſt des Schändlichen nach⸗ zuſpüren, ihn zu entlarven und zu beſtrafen.— An mein Amt,— an mein Amt!— ich werde nicht unter ſeiner Laſt erliegen, weil ſpäteſtens Mitternacht mir Rache brin⸗ gen wird.“ Während ſolche Betrachtungen Leiceſters Geiſt be⸗ ſtürmten, ſchritt er wieder die Halle hinauf, durch die Menge des Volks, welche ehrfurchtsvoll von beiden Seiten zurück trat, und nahm aufs neue ſeinen beneideten und bewunderten Platz neben der Monarchin ein. Aber hätte vor allen Anweſenden in der Halle ſeine Bruſt offen entfaltet wer⸗ den können, mit allen den finſtern Gedanken ſchuldvollen Ehr⸗ geizes, heftiger Leidenſchaften, dem Durſte nach Rache, und dem Bewußtſeyn überdachter Grauſamkeit, Gefühle, welche ſich wie Höllengeiſter in dem Kreiſe eines böſen Zauberers in ſeinem Innern durchkreuzten, wer von der Verſamm⸗ lung, von dem ehrgeizigſten Edelmanne bis zum geringſten Dienſtmanne herab, hätte wohl Sinn und Gemüth mit Eliſabeths Günſtling, mit dem Herrn von Kenilworth⸗ vertauſchen mögen! — 166— Neue Foltern erwarteten ihn, ſo wie er ſich wieder Eliſabeth genaht hatte. „Ihr kommt zu rechter Zeit, Mylord! um einen Streit unter uns Frauen zu ſchlichten,“ ſagte die Köni⸗ gin;„Sir Richad Varney hat uns ſo eben um unſere Erlaubniß erſucht, das Schloß mit ſeiner kranken Gattin verlaſſen zu dürfen; da er, wie er ſagt, eure Einwilli⸗ gung, Mylord! zu ſeiner Abreiſe bereits erhielt, ſoll ihm auch die Unſere werden. Gewiß, wir haben nicht die Abſicht, ihn von der zärtlichen Sorge für dieſes arme Ge⸗ ſchöpf zurück zu halten; aber Ihr ſollt wiſſen, daß Sir Richard heute ſich ſo geſchäftig um unſere Damen bezeigte, daß unſere Herzogin von Rutland hier der Meinung iſt, er würde ſein armes wahnſinniges Weib nicht weiter als bis an den See führen, ſie hinein ſtürzen, um den Cry⸗ ſtallpalaſt zu bewohnen, von dem uns die Seefrau ſprach, und dann als ein fröhlicher Wittwer wiederkehren, ſeine Thränen trocknen, und ſeinen Verluſt aus unſerm Gefolge zu erſetzen ſuchen. Was denkt Ihr davon, Mylord?— Wir haben Varney unter mehreren Geſtalten geſehen,— Ihr aber müßt ſeine wahre kennen.— Haltet Ihr ihn wohl eines ſolchen Bubenſtücks gegen ſein armes Weib fähig?“ Leiceſter war wie zu Boden gedonnert, aber die Ge⸗ fahr war groß, und eine Antwort dringend.„Die Da⸗ men,“ ſagte er,„denken zu gering von einer ihres Ge⸗ ſchlechts, wenn ſie glauben, ſie könne ſolches Loos ver⸗ dienen, und zu böſe von dem unſrigen, wenn ſſie meinen, man könne ſonſt ein ſolches über ſie verhängen.“ „ Hört doch, Mylady's!“ ſagte Eliſabeth,„wie alle ſeines Geſchlechts möchte er gern die Grauſamkeit der Männer mit unſern Schwächen entſchuldigen.“ 4 — 167— „Sprecht nicht unſere Schwäͤchen,“ enkgegnete Leiceſter;„ich meine, daß Frauen von minderem Werthe, wie Planeten von untergeordnetem Range, wechſelvoll ſind; wer aber könnte der Sonne und Eliſabeth Wandel⸗ barkeit vorwerfen?“ Die Unterredung nahm jetzt eine weniger gefahrvolle Wendung, und Leiceſter fuhr, obgleich mit innerer See⸗ lenangſt, fort, lebhaften Antheil daran zu nehmen. So ſehr ſchien ſich Eliſabeth in derſelben zu gefallen, daß die Schloßglocke ſchon Mitternacht verkündet hatte, als ſie die Verſammlung verließ; bei ihrer ruhigen, regelmäßi⸗ gen Zeiteintheilung ein ungewöhnlicher Umſtand. Ihre Entfernung war natürlich das Signal zum allgemeinen Aufbruch des Hofes, der ſich in die verſchiedenen Gemä⸗ cher vertheilte, um von den Freuden des heutigen Tages, oder von den Vergnügungen des morgenden, zu träumen. Aber der unglückliche Herr des Schloſſes und Urhe⸗ ber aller dieſer Feſtlichkeiten, zog ſich mit ganz andern Gedanken zurück. Sein Befehl an den ihm folgenden Diener lautete, ſogleich Varney auf ſein Zimmer zu beſcheiden. Aber der Bote kehrte nach kurzer Zeit zu⸗ rück, derichtend, Varney habe bereirs vor einer Stunde mit drei Perſonen, von denen die eine in einer Sänfte getragen worden ſey, das Schloß durch die ſchon früher erwähnte Nebenpforte verlaſſen. „Wie konnte er ſich in der Nacht entfernen?“ fragte Leiceſter;„ich glaubte, er würde ſich nicht vor Anbruch des Tages auf den Weg machen.“ „Er gab, wie ich vernahm, der Wache hinreichende Gründe“ entgegnete der Diener, p und ſoll Ew. Herr⸗ lichkeit Siegelring vorgezeigt haben.“ — 168— „Gut, gut!“ ſagte der Graf;„er iſt raſch geweſen; — blieb jemand von ſeiner Bedienung zurück?“ „Michael Lambourne, Mylord, war nicht zu finden, als Sir Richard abreiſte,“ entgegnete der Diener;„ſein Herr war ſehr zornig über ſeine Abweſenheit; eben jetzt erſt ſah ich ihn ſeinen Gaul ſatteln, um ſeinem Gebieter nachzuſprengen.“ „Sag' ihm, er ſolle ſogleich heraufkommen, ich hätte einen Auftrag für ſeinen Herrn.“ Der Diener verließ das Zimmer, und der Graf ſchritt eine Weile gedankenvoll auf und ab.„Varney iſt allzu ei⸗ frig,“— ſprach er zu ſich ſelbſt,—„allzu raſch!— Wohl glaube ich, daß er mich liebt,— aber er hat auch ſeine eigenen Abſichten, und verfolgt ſie ohne Raſt und Ruhe. Steige ich, ſteigt auch er, und allzu bereit⸗ willig hat er ſich ſchon gezeigt, das Hinderniß aus dem Wege zu räumen, welches zwiſchen mir und dem Throne liegt.— Allerdings will ich nicht kleinmüthig dieſe Schande tragen; ſie ſoll geſtraft werden, aber nicht übereilt; ſchon fühle ich eine Ahnung, daß allzu raſche That die Fackel der Hölle in meine Bruſt werfen würde.— Ein Opfer zur Zeit iſt genug, und dieſes harret ſchon meiner.“ Er ergriff Feder und Papier, und ſchrieb raſch fol⸗ gende Zeilen:—„Sir Richard Varney! wir haben be⸗ ſchloſſen, mit dem eurer Sorge übertragenen Geſchäft Anſtand zu nehmen, und gebieten Euch, nichts weiter in Betreff unſerer Gräfin zu unternehmen, bis auf un⸗ ſere ferneren Befehle. Eben ſo beordern wir Euch, au⸗ genblicklich nach Kenilworth zurückzukehren, ſo bald Ihr das Anvertrauete überliefert habt; falls aber die Sorge für die Sicherheit eurer Begleiterin Euch länger, als — 169— wir denken, zurückhalten ſollte, ſo gebieten wir Euch in dieſem Falle, uns unſern Siegelring durch einen vertrauten und ſchnellen Boten wieder zurück zu ſenden; wir bedürfen deſſelben.— Und indem wir in dieſen Din⸗ gen ſtrengen Gehorſam von Euch fordern, empfehlen wir Euch in Gottes Schus, und verbleiben Euer Freund und Herr R. Leiceſter. Gegeben in unſerm Schloſſe zu Kenilworth am 1oten July, im Jahre des Heils 1575.“ Als Leiceſter dieß Schreiben geendet und geſiegelt hatte, trat Michael Lambourne, geſtiefelt, einen breiten Gürtel um ſeinen Reitmantel geſchlagen, die Reiſemütze auf dem Kopfe, einem Courier gleichend, von dem Die⸗ ner eingelaſſen, in das Zimmer. „Welchen Dienſt verſiehſt Du?“ fragte Leieeſter. „Ich bin Stallmeiſter bei Ew. Herrlichkeit Stall⸗ meiſter,“ entgegnete Lambourne mit ſeiner Ldühnlichen Frechheit. „Hemme deine kecke Zunge, Burſche,“ ſagte Leice⸗ ſter;„was ſich in Sir Richards Gegenwart ſchicken mag, ziemt ſich nicht in der meinen.— Wie ſchnell denkſt Du deinen Herren einzuholen?“ „In einer Stunde Reitens, Mylord! wenn Mann und Pferd aushalten,“ entgegnete Lambourne, plötzlich in ſeinem Betragen von zu großer Familiarität zur aller⸗ tiefſten Ehrerbietung übergehend. Der Graf maß ihn mit den Augen von Kopf bis zu Fuß. „Ich habe von Dir gehört,“ ſprach er,„man ſagt, Du ſeyſt ein raſcher Burſche im Dienſte, aber zu ſehr Schläger und Trunkenbold, als daß man Dir Dinge von Wichtigkeit und Eile anvertrauen könnte.“ — 170— „Mylord!“ erwiederte Lambourne,„ich bin Soldat, Reiſender, Matroſe und Abentheurer geweſen; ſolche Leute pflegen heute zu genießen, weil ſie nicht wiſſen, ob es für ſie noch ein morgen giebt. Aber ob ich gleich meine eigene Muße mißbrauchen mag, habe ich doch nie die Pflicht gegen meinen Herrn verſäumt.“ „Erfülle ſie auch jetzt,“ ſagte Leiceſter,„und es ſoll dein Schaden nicht ſeyn. Ueberbringe dieſen Brief ſchnell und ſicher in Sir Richard Varney's Hände.“ „Geht mein Auftrag nicht weiter, Mylord!“ fragte Lambourne. „Nein!“ entgegnete Leiceſter;„aber es liegt mir 9 viel daran, daß er eilig und ſorgſam ausgeführt werde.“ „Ich will weder meiner, noch meines Gaules ſchonen,“ entgegnete Lambourne, und verabſchiedete ſich unverzüg⸗ lich.„Das iſt alſo der Erfolg meiner Privat⸗Audienz von der ich ſo viel hoffte,“ murmelte er vor ſich hin, als er über die lange Gallerie ging, und die Hintertreppe hinab ſtieg.„Dacht' ich doch, hol's der Teufell der Graf wolle mich in irgend einer geheimen Intrigue ge⸗ brauchen, und alles läuft nur darauf hinaus, einen Brief zu überbringen.— Nun, ſein Wille ſoll nichts deſto weniger befolgt werden; es wird, wie Mylord ſagt, mein Schaden nicht ſeyn. Man muß kriechen, ehe man gehen kann, ſo auch der Höfling;— aber ich muß einen Blick in den Brief thun, den er nur nachläſſig verſiegelte.“— Er that, wie er ſagte; plötzlich ſchlug er ſeine Hände zuſammen.„Die Gräfin— die Grä⸗ fin!“ rief er voll Begeiſterung aus. Jetzt habe ich das Geheimniß, das entweder mein Glück machen, oder mich verderben ſoll. Raſch alſo, mein Bayard!“ fuhr er fort, feinen Gaul aus dem Stalle ziehend,„meine ſeyn.“ Sporen und deine Hüften müſſen jetzt ihre Bekanntſchaft erneuen!“ Lambourne beſtieg ſeinen Gaul, und verließ das Schloß durch das Nebenthor, wo man ihn ohne Schwie⸗ rigkeit hinausließ, weil Varney den Befehl dazu zurück⸗ gelaſſen hatte. Sobald Lambourne und der Diener das Zimmer verlaſſen hatten, legte der Graf von Leiceſter eine ein⸗ fache Kleidung an, warf einen Mantel um, ergriff eine Lampe, und ging durch einen geheimen Gang nach einer kleinen Thür, welche nahe beim Eingange des Trophäen⸗ platzes auf den Schloßhof führte. Seine Betrachtungen waren jetzt von ruhigerer und beſtimmterer Art, als die letzte Zeit, und er bemühte ſich, ſelbſt in ſeinen eigenen Augen mehr als ein Mann zu erſcheinen, dem Unrecht geſchehen war, als der ſelbſt Unrecht begangen hatte. „Ich bin auf's Höchſte beleidigt worden,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„aber ich habe die ſchnelle Rache, die in meiner Macht ſtand, verworfen, und ſie auf männliche und edle Gränzen begränzt. Aber ſoll die Verbindung, welche das treuloſe Weib ſchändete, ferner ein Hinder⸗ nis auf der glänzenden Laufbahn ſeyn, zu der ich vom Schickſal berufen worden bin? Es giebt noch Mittel, ſolche Bande zu löſen, ohne daß es nöthig wäre, ihren Lebensfaden zu durchſchneiden. Vor Gottes Antlitz bin ich nicht mehr an ein Band gebunden, das ſie zerriß. Königreiche ſollen uns trennen,— Meere zwiſchen uns rollen, und ihre Wogen, welche ſchon Flotten verſchlan⸗ gen, ſollen die einzigen Aufbewahrer dieſes Geheimniſſes Durch ſolche Gedankenreihe bemühte ſich Leiceſter ſein Gewiſſen mit ſeinem Racheplane auszuſöhnen, und — 172— Entſchuldigungen für die Abſichten ſeines Ehrgeizes zu finden, von denen ſeine Seele ſo erfüllt war, daß er ſich unfähig fühlte, ſich davon los zu reißen; ſeine Rache ſchien ihm jetzt ſelbſt eine Handlung der Gerechtig⸗ keit, und ein Act großmüthiger Mäßigung. In dieſer Stimmung betrat der rachſüchtige und ehrgeizige Graf den vom Vollmond herrlich beleuchteten Raum des Trophäenplatzes. Das volle gelbe Licht ward von den weißen Quaderſteinen zurückgegeben, aus denen ſowol das Pflaſter, als die Balluſtraden des Platzes be⸗ ſtanden, und verbreitete bei dem völlig wolkenloſen Him⸗ mel eine Klarheit über die prachtvolle Scene, als habe die Sonne ſo eben erſt den Horizont verlaſſen. Die zahlreichen Statüen von weißem Marmor glichen in dem falben Lichte Geiſtergebilden, ſo eben ihren Gräbern ent⸗ ſtiegen, und die Fontainen ſandten ihre Säulen hoch in die Luft hinauf, gleich als wünſchten ſie, der Mond möchte ihre Waſſer verſilbern, bevor ſie als Silberregen wieder in ihre Baſſins zurückſänken. Der Tag war ſchwül ge⸗ weſen, und die leichte Nachtluft bewegte die Atmoſphäre nicht ſtärker, als der Fächer in der Hand einer jungen Schönen. Sommernachtsvögel hatten in dem angränzen⸗ den Garten zahlreiche Neſter erbaut, und entſchädigten ſich jetzt für ihr Schweigen am Tage in einem lauten, vollen, herrlichen Chor, bald jubelnd, bald ernſt, bald einzeln, bald im Zuſammenklange, bald einer dem an⸗ dern erwiedernd, gleich als wollten ſie ihr Entzücken über die zaubervolle Gegend ausdrücken, in welcher ſie ihre Stimmen erſchallen ließen. Sinnend über ganz andere Dinge, als über das Ge⸗ plätſcher der Gewäſſer, den Schein des Mondes und den Geſang der Nachtigallen, ſchritt der Graf von Lei⸗ — 175— ceſter auf der Terraſſe auf und ab, in ſeinen Mantel gehüllt, ſein Schwerdt unter dem Arm, ohne daß auch nur irgend eine menſchliche Geſtalt ſich ſeinen Blicken zeigte. „Ich bin,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ein Spiel meiner eigenen Großmuth geworden, weil ich den Elen⸗ den entwiſchen ließ,— vielleicht um der Ehebrecherin nachzueilen, die nur ſchlecht bewacht iſt.“ Dieſes waren ſeine Gedanken, welche aber ſogleich darauf widerlegt wurden, als er, zurück nach dem Eingange blickend, eine Menſchengeſtalt langſam näher treten, und die verſchiedenen Gegenſtände, an denen ſie vorüber kam, mit ihrem Schatten verdunkeln ſah. „Soll ich ihn niederſtoßen, bevor mir ſeine verhaßte Stimme wieder ertönt?“ war Leiceſters Gedanke, indem er den Griff ſeines Schwerdtes erfaßte.„Doch nein! ich will ſehen, wie weit ſeine Argliſt geht. Ich will, ſo ſehr er mir auch zuwider iſt, die Krümmungen der giftigen Schlange belauſchen, bevor ich ſie mit meinem ſtarken Arme erſticke.“ Seine Hand ließ den Schwerdtgriff fahren, und, alle ſeine Faſſung zuſammennehmend, ſchritt er langſam Treſſilian entgegen, bis ſie einer dem andern gegenüber ſtanden. 3 Treſſilian machte eine tiefe Verbeugung, welche Leiceſter mit einer ſtolzen Neigung des Kopfes und mit den Worten erwiederte:„Ihr begehrtet eine geheime Unterredung mit mir,— ich bin hier, was wünſcht Ihr?“ 4 „Mylord!“ erwiederte Treſſilian,„ich habe über eine ſo ernſte Sache mit Euch zu ſprechen, und wünſche ſo ſehr ein geduldiges, ja ein günſtiges Gehör zu finden, 1 - 174— daß ich mich zuvor über das rechtfertigen will, was Euch vielleicht gegen mich eingenommen hat. Ihr haltet mich für euren Feind.“ „Habe ich etwa nicht augenſcheinlichen Grund dazu?“ fragte Leiceſter, als er bemerkte, daß Treſſilian eine Antwort zu erwarten ſchien. „Ihr thut mir Unrecht,“ entgegnete Treſſilian; nich bin ein Freund, aber kein Partheigänger des Grafen von Suſſex, den die Höflinge euren Nebenbuhler nen⸗ nen; auch iſt es ſchon lange her, ſeitdem ich aufhörte, den Hof und ſeine Intriguen als ein paſſendes Element für meinen Sinn zu halten.“ „Ohne Zweifel Sir,“ erwiederte Leiceſter,„giebt es andere Beſchäftigungen, welche eines gelehrten wür⸗ diger ſind,— und für einen ſolchen hält die Welt Herrn Treſſilian.— Die Liebe hat ihre Intriguen ſo gut, wie der Ehrgeiz!“ „Ich ſehe, Mylord,“ fuhr Treſſilian fort,„Ihr legt viel Gewicht auf meine frühere Liebe zu dem un⸗ glücklichen Geſchöpf, von dem ich zu reden im Begriff ſtehe, und denkt vielleicht, ich nehme mich ihrer Sache mehr als Nebenbuhler, als um der Gerechtigkeit wil⸗ len an.“ „Meine Gedanken thun hier nichts zur Sache,“ ſagte der Graf;„fahrt fort. Ihr habt bis jetzt nur von Euch ſelbſt geſprochen; ein wichtiger und würdiger Gegenſtand, ohne Zweifel, aber doch vielleicht nicht von ſo großem Intereſſe für mich, daß ich darum meine Ruhe aufopfern ſollte. Spart weitere Vorreden, Sir! und kommt zur Sache, falls Ihr wirklich etwas zu ſagen habt, was mich betrifft. Wenn Ihr geendet haben wer⸗ det, habe auch ich meinerſeits Euch etwas mitzutheilen.“ „So will ich denn ohne Vorrede ſprechen, Mylord!“ entgegnete Treſſilian,„hoffend, weil das, was ich zu ſagen habe, Ew. Herrlichkeit Ehre betrifft, Ihr die Zeit nicht für verſchwendet halten werdet, in welcher Ihr mir Gehör gabt. Ich habe eine Bitte an Euch, My⸗ lord! in Betreff der unglücklichen Emmy Robſart, deren Geſchichte Euch nur zu wohl bekannt iſt. Ich bereue unendlich, daß ich nicht gleich dieſen Weg einſchlug, und Euch zum Richter zwiſchen mir und dem Elenden machte, der ſie ins Verderben ſtürzte. Sie entfloh einer gefahr⸗ vollen und geſetzloſen Gefangenſchaft, vertrauend auf ihre perſönliche Erſcheinung vor ihrem unwürdigen Ge⸗ mahl, und drang mir ein Verſprechen ab, mich nicht in ihre Angelegenheit miſchen zu wollen, bis ſie ſelbſt einen Verſuch gemacht haben würde, von ihm Gerechtig⸗ keit zu erlangen.“ „Ha!“ rief Leiceſter,„vergeßt Ihr, mit wem Ihr ſprecht?“ „Ich ſpreche von ihrem unwürdigen Gemahl, My⸗ lord!“ ſagte Treſſilian,„und ſelbſt meine Achtung vor Euch kann keine mildere Sprache zulaſſen. Der jetzige Aufenthalt des unglücklichen jungen Weibes iſt mir un⸗ bekannt; ſie wird in irgend einem Winkel dieſes Schloſ⸗ ſes verborgen gehalten,— wenn man ſie nicht etwa nach einem für ſchändliche Abſichten beſſer geeigneten Orte bringt.— Hier muß eine Aenderung Statt finden, Mylord! — ich ſpreche es im Namen und mit der Autorität ihres Va⸗ ters,— und dieſe ungluͤckliche, Heirath muß vor der Kö⸗ nigin, muß öffentlich dargethan und bewieſen, und die Lady freie Herrin ihrer Handlungen werden. Erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß keines Menſchen Ehre ſo ſehr daran — 276— gelegen ſeyn muß, meine Wünſche in Erfüllung treten zu ſehen, als der Ew. Herrlichkeit ſelbſt.“ Der Graf ſtand wie verſteinert da, über die unbegreif⸗ liche Kälte, mit welcher der Mann, von dem er ſich ſo beleidigt glaubte, die Sache ſeiner vermeintlichen Para⸗ mour vertheidigte, gleich als ſey ſie ein unſchuldiges Weib, und er ihr uneigennütziger Wortführer; noch mehr ward ſein Erſtaunen durch die Wärme geſteigert, mit der Treſ⸗ ſilian für ſie den Rang begehrte, den ſie, ſeiner Meinung nach, geſchändet hatte, und mit der er für ſie Vorzüge verlangte, welche ſie ohne Zweifel mit dem Liebhaber zu theilen beabſichtigte, der jetzt mit ſolchem Eifer für ſie ſprach. Treſſilian hatte ſchon über eine Minute geſchwie⸗ gen, bevor der Graf ſich von ſeinem Erſtaunen einigerma⸗ ßen zu erholen vermochte. In Rückſicht auf die Gedanken, welche ſeine Seele beſtürmten, war es kein Wunder, daß jetzt Leidenſchaft bei ihm alle andere Rückſichten beſiegte. „Ich habe Euch ohne Unterbrechung angehört,“ ſprach er, „und ich danke dem Himmel, daß meine Ohren früher noch nie von dem frechen Geſchwätze eines ſolchen unver⸗ ſchämten Böſewichts gemartert wurden. Die Peitſche des Henkers iſt mehr geeignet, Euch zu ſtrafen, als das Schwerdt eines Edelmannes, aber dennoch!— zieh', Schurke, und vertheidige Dich!“ So ſprechend, warf er ſeinen Mantel zu Boden, gab Treſſilian einen heftigen Schlag mit der unentblößten Klinge, zog ſein Schwerdt, und ſtand vor ſeinem Gegner zum Angriffe bereit. Die fürchterliche Wuth, welche aus ſeinen Worten ſprach, füllte Treſſilian mit einem eben ſo großen Erſtaunen, als Leiceſter zuvor gefühlt hatte. Seine Verwunderung machte aber dem Zorne Platz, als den unverdienten, beſchimpfenden Worten ein Schlag folgte folgte, der jeden andern Gedanken, als den an einen Zweikampf, verdrängen mußte. Treſſilians Schwerdt war auf der Stelle gezuckt, und obgleich vielleicht etwas weni⸗ ger geſchickt in Führung der Waffe, als der Graf von Lei⸗ ceſter, wußte er dieſe doch zu gut zu gebrauchen, als daß er jenem nicht mit Muth und Gewandtheit begegnet wäre, und zwar um ſo mehr, da er kälter, als ſein Gegner war, deſſen Betragen er nur einem plötzlichen Anfalle von Wahn⸗ ſinn, oder dem Einfluſſe irgend einer unerklärbaren Täu⸗ ſchung zuſchreiben konnte. Das Gefecht hatte einige Minuten gewährt, ohne daß einer der beiden Kämpfer eine Wunde erhalten hatte, als plötzlich am Eingange der Terraſſe Stimmen von Men⸗ ſchen und Schritte von Herannahenden gehört wurden. „Man ſtört uns,“ rief Leiceſter ſeinem Gegner zu, „folgt mir!“ Zu gleicher Zeit hörte man eine Stimme vom Ein⸗ gange her:„Hatteſt recht, Camerad, man ſchlägt ſich hier!““ Der Graf zog Treſſilian ſchnell hinter einen Spring Brunnen, welcher ſie verbarg, während ſechs Mann von der königlichen Leibwache über die Mitte des Platzes ſchrit⸗ ten, von denen einer zu den Uebrigen ſprach:„Nie wer⸗ den wir ſie hier unter allen dieſen Sprützmaſchinen, Ka⸗ ſten und Löchern finden; treffen wir nicht auf ſie, bis wir an das Ende des Platzes gelangen, wollen wir zurückkeh⸗ ren, am Eingange Wache halten, und ſie bis morgen einſchließen.“ „Schöne Geſchichten,“ ſagte ein Zweiter,„ein Schwerdterziehen in der Nähe der Königin, und in ihrem Palaſte. Hol's der Henker! es müſſen ein Paar be⸗ trunkene Narren ſeyn!— leid ſollte es mir thun, wenn Kenilworth. 5ter Bd. M — 1736— wir ſie fänden; der Verluſt der Hand, glaube ich, ſteht auf ſolches Vergehen;— eine harte Strafe, zum Teufel! die Hand zu verlieren, weil man ein Stückchen Stahl handhabte, was einem nur zu leicht in den Griff kommt!“ „Du biſt auch ſolch ein Raufbold,“ ſagte ein Drit⸗ ter,„aber ſey auf deiner Hut, denn das Geſetz ſpricht, wie du ſagſt.“ „Ja, wenn die That nicht milder ausgelegt wird,“ ſprach der Erſte;„denn Du weißt, der Palaſt gehört nicht der Königin, ſondern dem Lord von Leiceſter.“ „Darum würde das Urtheil gleich ſtrenge lauten,“ bemerkte ein Anderer;„denn wenn unſere gnädigſte Ge⸗ bieterin, Gott ſegne ſie, Königin iſt, ſo iſt auch der Graf von Leiceſter ſo gut als König.“ 1 „Stille, Camerad!“ ſagke der Dritte, weißt Du denn, wer uns vielleicht hier belauſcht?“ So ſprechend, ſchritten ſie vorbei, eine Art von ſorgloſer Nachſuchung anſtellend, mehr aber mit ihrer eigenen Unterhaltung beſchäftigt, als bemüht, die Störer der nächtlichen Ruhe zu entdecken. 2 Sie waren kaum an den beiden Gegnern vorüberge⸗ gangen, als der Graf von Leiceſter Treſſilian ein Zeichen gab, ihm zu folgen, ſich nach der entgegengeſetzten Rich⸗ tung wandte, und ſo ungeſehen aus dem Trophäenplatze gelangte. Er begleitete Treſſilian bis zum Mervyns⸗ Thurm, wo dieſem nun wieder ſeine Wohnung angewie⸗ ſen war, und verließ ihn dann, indem er ſagte:„Haſt Du Muth, das zu Ende zu bringen, worin wir jetzt eben geſtört wurden, ſo halte Dich morgen bei der Feſtlichkeit in meiner Nähe,— es wird ſich ſchon Zeit und Gelegen⸗ heit finden, und ich werde Dir ein Zeichen geben, wenn Beide erſchienen.“ — 179— „Moylord!“ entgegnete Treſſilian,„zu einer andern Zeit würde ich nach den Gründen dieſes ſeltſamen und wüthenden Ausfalles gegen mich gefragt haben; aber Ihr habt einen Schimpf auf mich geladen, den nur Blut abwaſchen kann; und ſtändet Ihr ſchon ſo hoch, als eure ſtolzeſten Wünſche Euch je trugen, Ihr müßtet mir Ge⸗ nugthuung für meine verwundete Ehre geben,“ So trennten ſie ſich; allein die Abentheuer dieſer Nacht waren für Leiceſter noch nicht geendet. Er war genöthigt, ſeinen Weg durch den Saintlowes⸗Thurm zu nehmen, um in den geheimen Gang zu gelangen, der zu ſeinen Zimmern führte, an deſſen Eingange er auf Lord Hunsdon ſtieß, welcher ihm, halb angekleidet, mit einem bloßen Schwerdt unter dem Arme entgegen trat. „Seyd Ihr auch von dem Lerm erweckt, Mylord von Leiceſter?“ fragte der alte Krieger;„die Nächte, traun! ſind, wie die Tage, geraͤuſchvoll in eurem Schloſſe. Vor zwei Stunden ſchon ward ich durch das Geſchrei der armen geiſteskranken Lady aufgeweckt, die ihr Gatte mit Gewalt fortführte. Nur Rückſicht für Euch und die Kö⸗ nigin konnte mich zurück halten, ſonſt hätte ich mich ins Spiel gemiſcht, und eurem Varney eins über den Schä⸗ del verſetzt.— Und jetzt giebt's gar Schlägerei dort auf dem Trophäenplatze, oder, wie Ihr das Ding ſonſt nennt wo all' der Spielkram ſteht.“ Der erſte Theil der Rede des alten Mannes drang wie ein ſcharf ſchneidendes Meſſer durch des Grafen Herz; auf den letzten erwiederte er, daß auch er Schwerdtergeklirr gehört habe, und herabgekommen ſey, um der Unver⸗ ſchämtheit derer, welche ſolche Frechheit in der Rähe der Königin begingen, Ruhe zu gebieten. 3 3. 3 MX —- 0— „Ey,“ ſagte Hunsdon,„da wird mir eure Geſell⸗ ſchaft lieb ſeyn, Mylord!“ So ward der Graf genöthigt, mit dem alten Lord nach dem Trophäenplatze zurück zu gehen, wo Hunsdon von der Leibwache, welche unter ſeinem unmittelbaren Befehle ſtand, der Bericht von der erfolgloſen Nachfor⸗ ſchung derſelben erfuhr, und ihnen ein halbes Dutzend Scheltworte, als: faule Burſche, Taugenichtſe u. ſ. w. für ihre Mühe ſpendete. Auch Leiceſter hielt es für nöthig, ſich darüber zornig zu ſtellen, daß man die Störer nicht entdeckt habe; äußerte aber endlich gegen Hunsdon die Vermuthung, daß es doch wohl nur einige junge Leute geweſen ſeyn könnten, welche vielleicht etwas zu tief in die Flaſche geguckt hätten, und die ſchon durch die Angſt, welche die Nachſuchung bei ihnen erregt haben müſſe, hinlänglich beſtraft wären. Hunsdon, welcher ſelbſt ſei⸗ nem Becher ergeben war, geſtand, daß eine volle Flaſche wohl ſolche Vergehen entſchuldigen könne.„Aber,“ fügte er hinzu,„wenn Ihr, Mylord! nicht weniger freigebig in eurer Haushaltung werdet, und den Ueberfluß von Wein und Ale nicht beſchränken wollt, werde ich doch noch einige ſolcher Burſchen in meinen Gewahrſam bekom⸗ men.— Und ſomit gute Nacht!“ Froh, von ihm los zu kommen, nahm Leiceſter von dem alten Krieger in dem Eingange Abſchied, wo ſie ſich begegneten, und trat in den geheimen Gang, wo er die Lampe erfaßte, die er dort zurückgelaſſen hatte, bei deren faſt verlöſchender Flamme es ihm gelang, ſein Zimmer zu erreichen. 14. Die Luſtbarkeit, mit der Eliſabeth und ihe Hof am fol⸗ genden Tage ergötzt werden ſollten, beſtand in einem von den treuherzigen Männern von Coventry aufzuführenden Schauſpiele. Sie ſollten, wie es, einem in ihrem Orte lang erhaltenen Gebrauche zufolge, Sitte war, den Kampf zwiſchen den Engländern und den Dänen vorſtel⸗ len, welcher im Jahre 1012 Statt hatte, und in dem, nach alter verbürgter Sache, die engliſchen Amazonen, die Streiter ihrer Nation zum Kampfe aufmunternd, zur Haupturſache des Sieges über die Dänen wurden. Die⸗ ſes Volksfeſt, welches während langer Zeit ein freudiger Zeitvertreib der guten Leute von Coventry geweſen war, war vielleicht durch den Einfluß irgend eines eifrigen Geiſtlichen abgeſchafft worden; aber die Mehrzahl der Einwohner hatte eine Bittſchrift bei der Königin eingereicht, erſu⸗ chend, man möge ihnen doch ihr Volksfeſt wieder erlau⸗ ben, und ihnen geſtatten, es vor der Monarchin ſelbſt aufzuführen. Als nun in dem kleinen Rathe, deſſen Eliſabeth ſich bei ſolchen Dingen zu bedienen pflegte, das Anſuchen vorgelegt ward, fand daſſelbe, obgleich einige Strenggeſinnte dagegen waren, eine günſtige Aufnahme bei der Monarchin, welche bemerkte, daß ſolche Spiele harmlos den Geiſt vieler Menſchen beſchäftigten, die in Ermangelung ähnlicher Zeitvertreibe vielleicht auf ſchlim⸗ mere Dinge verfallen würden, und daß ihre Hirten, ob⸗ gleich ſie wegen ihrer Gottſeligkeit und Gelehrſamkeit zu loben wären, dennoch ſich allzu ſtrenge gegen dieſe Ver⸗ gnügungen ihrer Heerden äußerten.— Und ſo ward denn das Volksfeſt erlaubt. — 182— Nach einem köſtlichen Morgenmahle, welches Herr Laneham ein ambroſtaniſches Frühſtück nennt, begab ſich dem gemäß Eliſabeth, von den ſämmtlichen Cavalieren und Damen ihres Hofes gefolgt, nach dem Gallerie⸗ Thurm, um die Ankunft der beiden ſtreitenden Partheien, der Engländer und der Dänen, zu erwarten. Auf ein gegebenes Zeichen that ſich das äußere Thor, welches in das Gehege führte, weit auf, um ſie einzulaſſen. Und heran kamen ſie zu Fuß und zu Roßz; den einige der ehr⸗ geizigern Theilnehmer hatten phantaſtiſche Kleidungen aangelegt, in der Abſicht, den Rittern der beiden verſchie⸗ denen Nationen zu gleichen. Um aber Schaden zu verhü⸗ ten, war ihnen nicht erlaubt, auf würklichen Pferden zu erſcheinen, ſondern nur geſtattet worden, ſich einer Art von Steckenpferden zu bedienen, wie man ſie in alten Zeiten bei den Mohrentänzen gebrauchte, und wie man ſie jetzt noch dann und wann auf der Bühne ſieht. Das Fußvolk folgte auf ähnliche Weiſe verkleidet. Was die Rüſtungen der Krieger betrifft, ſo erlaubt es uns der Raum nicht, ſolche weitläuftig zu beſchreiben; ſie waren indeß poſſierlich, und ihre Waffen, welche ſtatt der Lanzen aus Spießen von Erlenholz, ſtatt der Schwerdter aber aus derben Prügeln beſtanden, furchtbar genug, tüchtige Schläge auszutheilen; auch waren ſämmtliche Streiter zu Fuß wie zu Roß durch ſtarke Stirnſchienen und Schilder von dickem Leder geſchützt. Capitain Coxe, jener berühmte Humoriſt von Co⸗ ventry, deſſen Buchhandel von Ballaven, Almanachen und Pfennigsliedern, ſauber in Pergament gewickelt und mit einer Schnur umwunden, noch jetzt ein Gegenſtand des Neides aller Antiquare iſt, ritt, als geiſtreicher Au⸗ ordner des Ganzen, ſtolz auf ſeinem Steckenpferde der —- 1⁵— Parthei voran, welche die Engländer vorſtellte, ſein langes Schwerdt, um mit Herrn Laneham zu reden, in der Luft ſchwingend, wie es einem erfahrnen Krieger ge⸗ ziemt, der unter Heinrich, dem Vater der Königin, bei der Belagerung von Boulogne mitgefochten hatte. Dieſer Anführer war, wie recht und billig, der Erſte, welcher einritt, und der, als er an der Spitze ſeiner Krieger vor der Königin erſchien, den Griff ſeines Schwerdtes küßte, und dabei eine ſo kunſtvolle Gambade machte, als vor ihm noch nie von einem zweibeinigen Steckenpferde aus⸗ geführt worden war. Stolz ſprengte er dann über die Brücke, ſeiner Truppe voran, welche er mit kriegeriſcher Geſchicklichkeit am entgegengeſetzten Ende des Turnierpla⸗ tzes aufſtellte, harrend, bis auch ſein Gegner ſich zum Kampfe geordnet haben würde. Dieß währte nicht lange; die Däniſche Cavallerie und Infanterie, den Engländern keinesweges an Anzahl, Rüſtung und Tapferkeit nachſtehend, langten unverzüg⸗ lich an; vor ihnen her ertönte die Sackpfeife, und ſie wurden von einem faſt eben ſo geſchickten Kriegsmanne, als der berühmte Coxe war, angeführt. Die Dänen nah⸗ men ihre Stellung unter dem Gallerie⸗Thurme, dem Mor⸗ timers⸗Thurme gegenüber, und als alle Anſtalten getrof⸗ fen waren, ward das Zeichen zum Angriff gegeben. Ihr erſtes Zuſammenſtoßen war ziemlich gemäßigt, weil jeder Theil einige Furcht hatte, in den See geworfen zu werden. Als aber von jeder Seite Verſtärkungen nach⸗ rückten, ward das Scharmützel bald zum heftigen, all⸗ gemeinen Gefecht. Sie ſtießen, nie Herr Laneham ver⸗ ſichert, ſo gewaltſam aufeinander, daß oft beide Theile zu Boden ſtürzten, und Keulen und Schilder furchtbar er⸗ drönten. Jetzt aber trat ein Umſtand ein, der von mehre⸗ —-— 184— ren der erfahrenſten Krieger vorausgeſehen worden war. Das Geländer der Brücke nämlich, vielleicht abſichtlich heute nicht allzu ſtark befeſtigt, gab nach, ſo, daß der heiße Muth vieler der Krieger, welche hinabſtürzten, plötz⸗ lich abgekühlt ward. Dieſer Zufall hätte ernſte Folgen haben können, da mehrere der Hinabgefallenen nicht ſchwimmen konnten, hätte man nicht die Vorſicht beobach⸗ tet, Böte in Bereitſchaft zu halten, welche, ſogleich zur Rettung herbei eilend, die unglücklichen Krieger auffiſch⸗ ten, und ſie ans trockene Ufer brachten, wo ſie in dem Genuſſe des freigebig geſpendeten Ale und Brantweins die überſtandenen Leiden vergaßen, keine Sehnſucht ver⸗ rathend, in den verzweiflungsvollen Kampf zurück zu kehren. Capitain Coxe allein, obgleich er bereits zweimal mit Roß und Mann in den See geſtürzt war, wagte ſich muthig, wie je ein Ritter der alten Zeit, wieder in die Schlacht. Er und ſein Steckenpferd trieften von Waſſer; aber dennoch ermuthigte er zweimal durch Worte und Bei⸗ ſpiel ſeine faſt zurückweichenden Krieger, ſo, daß endlich den Engländern, wie recht und billig, der volleonnenſts Sieg über die Dänen zu Theil wurde. Dieſes rohe, wilde Spiel ſtimmt vielleicht nicht ganz mit der Idee überein, welche ſich dee Leſer von einer zur Unterhaltung einer Eliſabeth angeordneten Luſtbarkeit entworfen haben mag, unter deren Regierung ſich die Wiſſenſchaften ſo glänzend belebten, ſo wie ihr Hof eben ſo ſehr durch Feinheit und Anſtand, als ihr Cabinet durch Weisheit und Stärke berühmt war. Mag es nun aber aus der politiſchen Rückſicht, ſcheinbar Antheil an Volks⸗ feſten zu nehmen, oder aus einem Anfluge von dem roh⸗ männlichen Geiſte ihres Vaters geweſen ſeyn, genug, die — 185— Königin lachte herzlich über dieſe Nachahmung ritterlicher Kämpfe. Sie rief den Grafen von Suſſex und Lord Hunsdon zu ſich heran, vielleicht in der Abſicht, zugleich dem Erſteren, indem ſie ſich mit ihm über eine Luſtbar⸗ keit unterhielt, welche ſeinem Geiſte mehr als die frühe⸗ ren Spiele zuſagte, eine Entſchädigung für die langen und öftern Privataudienzen zu gewähren, welche ſie dem Grafen von Leiceſter geſtattet hatte. Die Luſt, welche Eliſabeth zeigte, ſich mit jenen militairiſchen Hofleuten zu unterhalten, bot dem Grafen von Leiceſter die ge⸗ wünſchte Gelegenheit, ſich aus der königlichen Nähe zu entfernen, welches er ſo geſchickt bewerkſtelligte, daß der verſammelte Hof in dieſer Handlung nur die zuvorkom⸗ mende Abſicht zu erkennen glaubte, ſeinem Nebenbuhler freies Spiel bei der Monarchin zu laſſen, ſtatt ſich ſeiner Rechte als Hausherr bedienen zu wollen, und immerdar zwiſchen dem Sonnenliichte ihres Antlitzes und ihren Höf⸗ lingen zu ſtehen. Leiceſters Gedanken waren indeſſen mit ganz andern Dingen, als mit höfiſcher Etikette beſchäftigt. Kaum ſah er die Königin in Unterredung mit Suſſex und Hunsdon begriffen, hinter denen Nicolas Blount ſtand, welcher⸗ bei jedem Worte, was geſprochen ward, ſeinen großen Mund ſo zum Lachen verzog, daß die Enden deſſelben mit ſeinen Ohren in Berührung kamen,— als er auch ſo⸗ gleich Treſſilian winkte, der, der Uebereinkunft gemäß, in der Nähe iſeinen Bewegungen lauſchte, und ſich dem Gedränge entzog, in dem er durch die Menge von Zu⸗ ſchauern, welche mit offenem Munde den Kampf der Eng⸗ länder und Dänen angafften, dem Gehege zuſchritt. Als er dieß bewerkſtelligt hatte, welches nicht ohne Schwierigkeit geſchah, warf er einen Blick hinter ſich, um zu ſehen, — 180— ob es auch Treſſilian gelungen ſey, ſich durchzuwinden, und ſobald er dieſen ebenfalls aus dem Gedränge ſah, . ſchritt er voran, einem kleinen Dickicht zu, hinter dem ein Diener ſtand, zwei geſattelte Pferde am Zaum hal⸗ tend. Er warf ſich auf eins derſelben, und winkte Treſſi⸗ lian, das andere zu beſteigen, welcher gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern. Leiceſter ſpornte darauf ſein Pferd, und ſprengte raſch voran, bis ſie ungefähr eine Meile vom Schloſſe zu ei⸗ nem atlegenen von dicken Eichen umgebenen Platze ge⸗ langten. Hier ſtieg er ab, band ſein Pferd an einen Baum, warf ſeinen Mantel über den Sattel, rief: „Hier iſt keine Unterbrechung zu fürchten,“ und zog ſein Schwerdt. 5 Treſſilian folgte pünktlich ſeinem Beiſpiele; als er aber ſeine Waffe zog, ſprach er:„da Jedermann, der mich kennt, weiß, daß ich den Tod nicht fürchte, ſobald er gegen die Ehre in die Wagſchaale gelegt werden ſoll, glaube ich ohne Vorwurf fragen zu können, warum Ihr, Mylord! mich auf eine Weiſe beſchimpftet, die unſer jetziges einander Gegenüberſtehen herbeiführte?“ „Liebt Ihr ſolche Beweiſe meiner Verachtung nicht,“ entgegnete der Graf,„ſo greift ohne Verzug zur Waffe, ſouſt werde ich den Act, über den Ihr Euch beklagt, wie⸗ derholen.“ „Ihr ſollt es nicht nöthig haben, Mylord!“ ſagte Treſſtlian;z„Gott richte über uns! und euer Blut, wenn Ihr fallt, komme über Euch!“ . Kaum hatte er geendet, als auch ſchon der Kampf begann. Leiceſter aber, vollkommen Meiſter des Rap⸗ piers, wie überhaupt aller ritterlichen Uebungen jener Zeit, hatte in der letzten Nacht Treſſilians Gewandtheit — — 187— und Stärke zu gut kennen gelernt, um heute nicht vor⸗ ſichtiger, als geſtern, zu fechten, und um nicht eine ſichere Rache einer ſchnellen vorzuziehen. So fochten ſie einige Minuten mit gleichem Vortheil, bis ein wüthender Streich Treſſilians, den Leiceſter mit Erfolg parirte, je⸗ nen in Nachtheil brachte, ſo, daß es dem Grafen gelang, ihm die Waffe zu entwinden, und ihn zu Boden zu werfen. Mit einem grimmigen Lächeln hielt Leiceſter jetzt die Spitze ſeines Schwerdtes zwei Zoll hoch über die Gurgel ſeines Gegners, und indem er zu gleicher Zeit ſeinen Fuß auf deſſen Bruſt ſtemmte, gebot er ihm, ſein Verbrechen gegen ihn zu bekennen, und ſich zum Tode vorzubereiten. 1 „Ich habe kein Verbrechen gegen Euch zu geſtehen,“ antwortete Treſſilian,„und bin beſſer zum Tode vorbe⸗ reitet, als Ihr. Benutzt euren Vortheil, wie es Euch gut dünkt, Gott mag es Euch vergeben, ich gab Euch keinen Anlaß.“ 3 „Keinen Anlaß!“ rief der Graf;„aber warum mit ſolchem Schandbuben noch Worte wechſeln?— Stirb, ein Lügner, wie Du gelebt!“ Schon hatte er, um ihm den tödtlichen Streich zu verſetzen, ſeinen Arm zurückgezogen, als er dieſen plötzlich von hinten feſtgehalten fühlte. Zornig wandte ſich der Graf, um das unerwartete Hinberniß zu beſeitigen, war aber nicht wenig überraſcht, als er einen Knaben von einem ſeltſamen Aeußern erblickte, welcher ſeinen Arm ſo feſt umklammert hielt, daß er ihn nicht ohne eine gewaltſame Bewegung abzuſchürteln ver⸗ mochte, die Treſſilian benutzte, um vom Boden aufzu⸗ ſpringen, und ſein Schwerdt zu ergreifen. Leiceſter wandte ſich wieder gegen ihn, wie zuvor, mit Blicken voll Wild⸗ heit, und der Kampf würde mit noch größerer Wuth von beiden Seiten fortgeſetzt worden ſeyn, hätte nicht ider Knabe ſich feſt um Leiceſters Knie geklammert, und ihn mit ſchreiendem Tone auf's dringendſte beſchworen, ihm doch nur einen Augenblick Gehör zu geben, bevor er das Gefecht erneue. „Fort, und laß mich,“ ſprach Leiceſter,„oder ich durchſtoße dich mit meinem Schwerdte;— was geht dich, Burſche, meine Rache an?“ „Viel,— viel!“ rief der unerſchrockene Kleine; „meine Thorheiten ſind ſchuld an dieſem blutigen Streite, ja vielleicht an noch Schlimmerem.— Wolle Ihr je wieder den Frieden einer unſchuldigen Seele genießen,— hofft Ihr je wieder auf ruhigen, nicht von Gewiſſensbiſ⸗ ſen aufgeſchreckten Schlummer, o, ſo laßt Euch die Zeit, dieſen Brief zu durchfliegen, und thut dann, wie Ihr wollt.“ Während dieſer eifrigen ernſten Rede, welche durch das koboldartige Aeußere des Sprechers einen ſeltſamen Ausdruck gewann, hielt dieſer dem Grafen ein Schreiben hin, mit einer Flechte vom ſchönſten lichtbraunen Haar umwunden. Zornig, wie er war, ja ſelbſt faſt blind vor Wuth, ſein Rachegeſchäft auf ſo ſeltſame Weiſe unter⸗ brochen zu ſehen, konnte dennoch der Graf von Leiceſter dem wunderbaren Knaben nicht widerſtehen. Er riß ihm das Schreiben aus der Hand— veränderte ſeine Farbe, als er die Aufſchrift erblickte— löſte mit zitternder Hand den Knoten, der es zuſammenhielt— überflog den In⸗ halt, bebte zurück, und wäre zu Boden geſtürzt, hätte ihn nicht grade der Stamm eines Baumes aufrecht gehal⸗ ten, an den er ſich jetzt während eines Augenblicks lehnte. Seine Augen ſtarr auf den Brief gerichtet, die Spitze — 1839— ſeines Schwerdtes aber zur Erde geſenkt, ſchien er die Gegenwart eines Gegners zu vergeſſen, gegen den er ſich ſo unbarmherzig gezeigt hatte, und der jetzt ſeinen Vortheil geltend machen konnte. Für ſolche Rache aber war Treſſi⸗ lian zu hoch geſinnt,— er ſtand voll Erſtaunen da, den Ausgang dieſes ſeltſam leidenſchaftlichen Benehmens er⸗ wartend, ſeine Waffe aber bereit haltend, um ſich, falls es nöthig ſeyn ſollte, gegen einen etwaigen wiederholten Angriff Leiceſters zu vertheidigen, den er jetzt wieder von einem neuen Anfall von Wahnſinn ergriffen glaubte. Zwar hatte er in dem Knaben auf den erſten Blick ſeinen alten Bekannten Dickie wieder erkannt, deſſen Geſicht, einmal geſehen, ſchwerlich vergeſſen werden konnte; aber wie er grade in einem ſo kritiſchen entſcheidenden Augenblicke hieher kam, und zumal, wie ſeine Erſcheinung einen ſolchen Eindruck auf Leiceſter machen konnte, waren Räth⸗ ſel, welche er nicht zu löſen vermochte. Aber der Brief war an ſich mächtig genug, noch wun⸗ dervollere Dinge hervorzubringen. Es war das Schreiben, welches die unglückliche Gräfin an ihren Gemahl richtete, und in welchem ſie die Gründe und die Art und Weiſe ihrer Flucht von Cumnor⸗Place angegeben hatte, ſo wie ſie auch berichtete, daß ſie in Kenilworth eingetroffen ſey, um ſich unter ſeinen Schutz zu begeben, wobei ſie der Um⸗ ſtände erwähnte, welche ſie genöthig hatten, in jenem Zimmer im Mervyns⸗Thurme Zuflucht zu ſuchen, und ihn auf's dringendſte bat, ihr doch augenblicklich einen paſſenderen Aufenthaltsort anzuzeigen. Der Brief ſchloß mit den Verſicherungen der zärtlichſten Liebe, ſo wie ihrer Bereitwilligkeit, ſich in allen Dingen ſeinem Willen zu unterwerfen, zumal, was ihre Lage, ſo wie ihren künfti⸗ gen Aufenthaltsort beträfe, wobei ſie ihn nur beſchwor, — 190— ſte nicht unter Varneys Aufſicht oder Gewalt zu ſtellen.. Endlich entſiel das Schreiben Leiceſters Händen. „Nimm mein Schwerdt, Treſſilian,“ ſprach er, „und durchbohre mein Herz, wie ich das deinige vor einem Augenblicke zu durchſtoßen im Begriff ſtand.“ 4 „Ihr habt mir großes Unrecht gethan, Mylord!“ erwiederte Treſſilian;„aber etwas in meinem Innern flüſtert mir zu, daß ein ſeltſamer Irrthum Euch dazu veranlaſſen müſſe.“ „Irrthum in der That,“ entgegnete Leiceſter, indem er Treſſilian den Brief überreichte.„Ich bin wahnſinnig genug geweſen, einen Mann von Ehre für einen Schur⸗ ken, und das tugendhafteſte Geſchöpf für eine Verbreche⸗ rin zu halten.— Wie, elender Bube! kommſt Du jetzt zu dem Briefe, und warum zögerte der Bote?“ „Ich wage es nicht zu ſagen, Mylord!“ entgegnete Dickie, ſich etwas zurückziehend, ſo, als wolle er ſich außer dem Bereich des Grafen halten,„hier aber kommt der, der ihn überbringen ſollte“ Wayland trat in dieſem Augenblicke aus dem Gebüſch, und erzählte, von Leiceſter befragt, in der Kürze alle Um⸗ ſtände ſeiner Flucht mit Emmy,— das ſchändliche Verfah⸗ ren, welches ſie dazu nöthigte, und ihre ängſtliche Sorge, ſich in den Schutz ihres Gemahls zu begeben,— wobei er jene Diener bezeichnete, welche ihr eifriges Verlangen, gleich nach ihrer Ankunft zu Mylord von Leiceſter geführt zu werden, bezeugen könnten. 3 „Ueber die Schurken!“ rief Leiceſter,„und über den Schurken aller Schurken, Varney!— und jetzt eben iſt ſie wieder in ſeiner Gewalt!“ 3 — 191— „Doch nicht mit Befehlen böſen Inhalts, hoffe ich zu Gott,“ unterbrach ihn Treſſilian. „Nein, nein!“ rief der Graf mit großer Heftig⸗ keit;„Böſes habe ich zwar in meinem Wahnſinne aus⸗ geſprochen, doch ich widerrief es,— widerrief es ſo⸗ gleich, durch einen eiligen Boten.— Sie wird, ſie muß jetzt gerettet ſeyn!“. „Ja, ſie muß gerettet, und ich von ihrer Rettung überzeugt ſeyn!“ ſagte Treſſilian.„Mein Streit mit Euch iſt geendet, Mylord! aber ein neuer beginnt mit Emmy Robſarts Verführer, der den ſchändlichen Varney zum Mantel ſeiner Schuld gebrauchte.“ 8 a Emmy Robſart's Verführer!“ rief Leiceſter mit donnernder Stimme;„ſprecht, ihr Gemahl!— ihr † irre geleiteter, verblendeter, unwürdiger Gemahl!— Sie iſt eben ſo gewiß Gräfin von Leiceſter, als ich ſelbſt Lord und Graf bin.— Auch Ihr, Sir! könnt für ſie keine Gerechtigkeit verlangen, die ich ihr nicht aus freiem Wil⸗ len zu leiſten bereit wäre.“ Treſſilians natürliche Großmuth, ſchnell alles ver⸗ geſſend, was ihn in dieſer Sache ſelbſt betraf, gedachte nur Emmy'’s Wohlfahrt. Er ſeßte auf keine Weiſe unbe⸗ dingtes Vertrauen in Leiceſters raſche Entſchlüſſe, deſſen Seele ihm in dieſem Augeablicke keiner ruhigen Ueberle⸗ gung fähig ſchien; eben ſo wenig hielt er, trotz der ſo eben ſtatt gehabten Aeußerung Leiceſters, Emmy in Varney's Händen ſicher.„Mylord!“ ſagte er daher ruhig,„ich bin weit davon entfernt, Euch beleidigen zu wollen, noch Streit zu ſuchen, aber meine Pflicht gegen Sir Hugh Robſart gebietet mir, dieſe Sache auf der Stelle der Kö⸗ nigin zu berichten, auf daß der Rang der Gräfin öffent⸗ lich anerkannt werde.“ —- 192— „Es bedarf deſſen nicht,“ entgegnete der Graf mit Stolz,„wagt es nicht, mir zuvor zu kommen; keine Stimme, als Dudley's Stimme ſelbſt, ſoll Dudley's Irrthum offenbaren.— Jett zu Eliſabeth,— und dann nach Cumnor auf den Flügeln des Windes!“ So ſprechend, band er eilig ſein Pferd los, warf ſich in den Sattel, und ſprengte in vollem Gallop nach Kenil⸗ worth zurück. „Nehmt mich vor Euch auf den Sattel, Herr!“ rief Dickie, als er Treſſilian ſeinen Gaul ebenfalls eilig be⸗ ſteigen ſahz—„meine Erzählung iſt noch nicht zu Ende, und ich bedarf eures Schutzes.“ Treſſilian erfüllte ſeinen Wunſch, und folgte dem 5 Grafen, doch nicht mit ganz ſo angeſtrengter Eile. Un⸗ terweges geſtand der Burſche mit großer Reue, daß er, um ſich an Wayland zu rächen, der allen ſeinen Fragen hinſichtlich der Lady ausgewichen ſey, obgleich er doch we⸗ gen der oft ihm geleiſteten Dienſte Offenheit von ihm ver⸗ langen konnte, dieſem das Schreiben entwandte, welches Emmy ihm für den Grafen von Leiceſter übergeben hatte. Seine Abſicht war, es Wayland an demſelben Abend wie⸗ der zuzuſtellen, wo er z verläſſig mit ihm zuſammen zu treffen hoffte, weil derſelbe in der Vorſtellung auf dem See die Rolle des Arion ſpielen ſollte. Er ſey in der That erſchrocken geweſen, als er geſehen habe, an wen der Brief gerichtet ſey, aber er bedachte, daß, da Leice⸗ ſter doch nicht vor Abend eintreffen könnte, das Schreiben alsdann, als dem früheſten Zeitpunkte, in welchem es der Natur der Sache nach übergeben werden konnte, ſchon wieder in den Händen des rechten Boten ſeyn würde. Aber Wayland erſchien nicht bei der Vorſtellung, weil er von Lambourne zum Schloſſe hinausgeführt worden war, und 4 da — 1935— da der Burſche weder ihn noch Treſſilian auffinden konnte, und ſich ſo in dem Beſitze eines Briefes fand, der an kei⸗ nen Geringeren, als an den Grafen von Leiceſter ſelbſt, gerichtet war, gerieth er in große Angſt über die Folgen ſeines Leichtſinns. Die Vorſicht und ſelbſt die Furcht, welche Wayland rückſichtlich Varney an den Tag gelegt hatte, ließen ihn ſchließen, daß dieſer Brief in die eigenen Hände des Grafen überliefert werden müſſe, und daß es der Lady Schaden bringen könne, wenn er ihn irgend ei⸗ nem Diener übergäbe. Er machte einige Verſuche, eine Audienz bei Leiceſter zu erhalten; allein ſeine ſeltſame Geſtalt und ſein unbe⸗ deutendes Aeußere bewirkten, daß er jedesmal abgewieſen wurde. Einmal indeß wäre es ihm faſt geglückt, als er nämlich beim Herumſtöbern in jener Grotte das Käſtchen fand, welches, wie er wußte, der Gräfin zugehörte, bei der er es auf der Reiſe geſehen hatte. Nachdem er ſich vergebens bemühete, es entweder der Gräſin ſelbſt, oder Treſſilian zuzuſtellen, übergab er es, wie wir erzählt ha⸗ ben, an Leiceſter ſelbſt, den er indeß unglücklicherweiſe in ſeiner Verkleidung nicht erkannte. Endlich, als während des Maskenſpiels der Graf ſich der untern Halle näherte, glaubte Dickie, ſein Vorha⸗ ben ausführen zu können; eben aber, als er Leiceſter anreden wollte, kam ihm Treſſilian zuvor. Seinem ſchar⸗ fen Gehör entging die auf den Trophäenplatz verabredete Zuſammenkunft nicht, und er beſchloß, ein Zeuge derſelben zu ſeyn, hoffend, beim Gehen oder Kommen Gelegenheit zu finden, den Brief übergeben zu können. Ein Zufall machte, daß er ſpäter anlangte, aͤls der Graf, ſo, daß bei ſeiner Ankunft die Gegner ſchon im Kampfe begriffen waren, wo er denn eilig die Wache aufmerkſam machte, Kenilworth. zter Bd. N 4 — 194— fürchtend, daß jener blutige Streit wohl gar eine Folge ſeines Leichtſinns ſeyn könne. Ihren Schritten folgend, hatte er auch die Verabredung zu einer zweiten Zuſammen⸗ kunft belauſcht, und verlor die Gegner während des Kampf⸗ ſpiels zwiſchen den Engländern und Dänen nicht aus dem Auge, wo er denn auch Wayland unter der Menge bemerkte, zwar verkleidet, aber doch nicht genug, als daß ihn Di⸗ ckie's ſcharfe Blicke nicht erkannt haben ſollten. Unver⸗ züglich zog er dieſen bei Seite, bekannte ihm ſein Verge⸗ hen, und empſing von Wayland das Geſtändniß, daß ihn ſeine große Theilnahme an dem Schickſale der unglücklichen Lady in der Nähe von Kenilworth zurückgehalten habe, wo er an dieſem Morgen in einem ungefähr zehn Meilen ent⸗ fernt liegenden Dorfe erfahren hatte, daß Varney und Lambourne, deren Gewaltthätigkeit er fürchtete, Kenil⸗ worth in der Nacht verlaſſen hätten. Während ſie noch ſo ſprachen, ſahen ſie Leiceſter und Treſſilian aus der Menge treten, folgten ihnen mit den Augen, bis ſie aufſaßen, wo denn Dickie's ſchon früher erwähnte Schnellfüßigkeit ihm zwar nicht erlaubte, mit den Reutern gleichen Schritt zu halten, ihn aber doch noch zur rechten Zeit ankommen ließ, um Treſſilians Leben zu retten.— Dickie hatte eben ſeine Rede geendet, als ſie bei dem Gallerie⸗Thurme an⸗ langten. 15. Al Treſſilian über die Brücke ritt, noch vor kurzem die Scene eines ſo geräuſchvollen Kampfſpiels, konnte er nicht umhin, zu bemerken, daß ſich die Geſichter — 195— dort, während ſeiner Abweſenheit, auffallend verändert hatten. Das Gefecht war geendet, aber die Krieger ſtanden noch immer in ihren Verkleidungen gruppenweiſe unter einander, ungefähr wie die Einwohner eines Städt⸗ chens, in welchem ſo eben eine plöbliche ſchreckenerregende Neuigkeit eingetroffen iſt. Als er auf dem Schloßhofe anlangte, war dort die Scene dieſelbe.— Officiere, Bediente und Lakayen ſtanden und flüſterten zuſammen, ihre Blicke mit ängſt⸗ licher, geheimnißvoller Erwartung auf die Fenſter der großen Halle gerichtet. Sirr Nicolas Blount war von Treſſilians perſönli⸗ chen Bekannten der erſte, den er erblickte, der ihm aber keine Zeit ließ, eine Frage an ihn zu thun, ſondern ihn mit den Worten begrüßte:„Nun, Gott tröſte Dich, Treſſilian, Ou biſt beſſer geſchickt zum Bauer, als zum Hofmann.— Hier fragt man nach Dir, wünſcht Dich zu ſehen, wartet auf Dich, von Niemand, als Dir, iſt die Rede. Und da kommſt Du angeritten, mit einem mißgeſtalteten Zwerg auf deinem Gaul, gleich als wärſt Du die Amme eines Teufelchens!“ „Was giebts denn?“ fragte Treſſilian, indem ſich Dickie, leicht wie eine Feder, vom Pferde ſchwang, und er ſelbſt abſtieg.— 1 „Niemand weiß es eigentlich,“ enkgegnete Blount; „auch ich konnte es noch nicht herauswittern, obgleich ich eine Naſe habe, fein und ſcharf, wie irgend ein an⸗ derer Höfling. Mylord von Leiceſter ſprengte über die Brlücke, als wolle er, wie ein Raſender, Jedermann überreiten, und begehrte eine Audfenz bei der Königin; er iſt eben jetzt mit ihr, Burleigh und Walſingham ein⸗ geſchloſſen— nach Euch ward gefragt— ob aber von N* Hochverrath, oder von etwas noch ſchlimmerem, die Rede iſt, weiß niemand.“ 3 BBeim Himmel! er ſagt die Wahrheit,“ ſprach Ra⸗ leigh, welcher eben hinzutrat;„Ihr müßt ſogleich zur Koͤnigin.“ „Sey nicht zu ſchnell, Raleigh,“ ſagte Blount; „denke doch an ſeine Stiefel.— Geh zuvor auf mein Zimmer, lieber Treſſilian, und lege meine neuen blü⸗ thenfarbenen ſeidenen Strümpfe an,— ich habe ſie nur zweimal getragen.“ „ Dazu iſt nicht Zeit,“ entgegnete Treſſilian,„gieb aber Acht hier auf dieſen Burſchen, ſey freundlich gegen ihn, aber ſorge, daß er nicht entwiſche,— ſeine Ge⸗ genwart iſt wichtig.“ So ſprechend, folgte er Naleigh, den ehrlichen Blount zurücklaſſend, welcher den Zaum von Treſſilians Pferde mit der einen, Dickie aber mit der andern Hand hielt, und ſeinen Cameraden einen langen Blick nach⸗ ſandte.. „Niemand ruft mich zu dem Geheimniß,“ murmelte er vor ſich hin;— hier laſſen ſie mich zurück als Stallknecht und Kinderwärterin in einer Perſon. Das Erſtere wollte ich noch entſchuldigen, denn ein gutes Pferd iſt mir lieb, aber der Hüter einer ſolchen Mißgeſtalt zu ſeyn! — Woher des Weges, du Kobold?“ „Aus dem Gehege!“ entgegnete Dickie. „Und was triebſt Du dort?“ „SIch fing Staarmätze mit rothen Beinen und gel⸗ ben Füßen,“ grinſte Dickie. Blount blickte verblüfft auf ſeine großen gelben Schuhſchleifen, und fragte nicht weiter. 3 — 197— Treſſilian ſchritt indeſſen durch die große Halle, in welcher die erſtaunten Höflinge, verſchiedene Gruppen bildend, geheimnißvoll einander zuflüſterten, während Aller Blicke auf die Thür am Oberende gerichtet waren, welche in das Audienzzimmer der Königin führte. Raleigh deutete auf die Thür, Treſſilian klopfte, und ward ſo⸗ gleich eingelaſſen. Mancher Hals ward in dieſem Augen⸗ blicke ausgeſtreckt, um, den Moment benutzend, einen Blick in das innere des Zimmers zu werfen, aber der Vorhang an der innern Seite der Thür ward zu ſchnell herabgelaſſen, als daß der Wunſch der Neugierigen nur einigermaaßen erfüllt worden wäre. Beim Eintritt fand ſich Treſſilian, nicht ohne ſtar⸗ kes Herzklopfen, in Eliſabeths Gegenwart, welche in heftiger Seelenbewegung auf und ab ſchritt, die ſie zu verbergen dem Anſcheine nach unter ihrer Würde hielt, während zwei oder drei ihrer vertrauteſten und weiſeſten Näthe ängſtliche Blicke mit einander wechſelten, ihre Aeußerungen aber zu verſchieben ſchienen, bis ſich Elifa⸗ beths Zorn würde gelegt haben. Vor dem Thronſitze, auf dem ſie geſeſſen, und den die heftige Bewegung, mit der ſie aufgeſprungen war, halb zur Seite geſcho⸗ ben hatte, kniete Leiceſter, die Arme kreuzweis über ein⸗ ander geſchlagen, das Auge ſtarr und bewegungslos auf den Boden geheftet, unbeweglich, wie eine Figur auf einem Grabſteine. Neben ihm ſtand der Graf von Shrewsbury, Marſchall von England, mit ſeinem Stabe in der Hand.— Leiceſters Schwerdt war vom Gürtel ge⸗ löſt, und lag vor ihm auf dem Boden. „Alſo Ihr, Sir!“ rief Eliſabeth, indem ſie dicht auf Treſſtlian zutrat, und mit dem Fuße ſtampfte, zornig und heftig wie Heinrich der Achte;„alſo Ihr wußtet — 198— um dieſe ſaubere Geſchichte— Ihr alſo waret der Gehülfe in dem Betruge, den man mit uns geſpielt hat— Ihr alſo waret Urſache unſerer Ungerechtigkeit?“— Treſſilian ließ ſich vor der Monarchin auf ein Knie nieder; ſein rich⸗ tiges Gefühl zeigte ihm die Gefahr, in dieſem Augen⸗ blicke des Zorns irgend etwas zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen.„Seyd Ihr ſtumm?“ fuhr Eliſabeth mit gleicher Heftigkeit fort;„Ihr wußcet von der Geſchichte,— wuß⸗ tet Ihr nicht?“ „Nicht, gnädigſte Frau!“ entgegnete Treſſilian, „daß die unglückliche Lady Gräfin von Leiceſter war.“ „Auch ſoll ſie Niemand als ſolche erkennen,“ rief Eliſabeth.„Gott's Tod! Gräfin von Leiceſter!— Emmy Dudley heißt ſie; und wohl ihr, wenn ſie ſich nicht bald Wittwe des Verräthers Robert Dudley ſchreiben muß!“ „Gnädige Frau,“ ſagte Leiceſter,„verfahrt mit mir, wie es Euch beliebt;— aber kränkt jenen Cavalier nicht, er hat es auf keine Weiſe verdient.“ „Meinſt Du, daß ihm deine Fürſprache nützen wird?“ rief Eliſabeth, indem ſie Treſſilian, der ſich darauf lang⸗ ſam erhob, verließ, und auf Leiceſter zueilte; welcher fortwährend auf ſeinen Knieen lag.„Deine Fürſprache, du Falſcher— du zwiefacher Verräther?— deine, deine Fürſprache, deſſen Schlechtigkeit mich lächerlich vor mei⸗ nen Unterthanen und mich mir ſelbſt verhaßt machte?— Meine eigenen Augen könnte ich ausreißen, ihee Blind⸗ heit zu ſtrafen.“ Burleigh wagte jetzt, einige Worte fallen zu laſ⸗ ſen.„Erinnert Euch, gnädige Frau!“ ſprach er,„daß Ihr Königin— Königin von England— Mutter eures Volkes ſeyd. Gebt ſolchem leidenſchaftlich wilden Stuime keinen Raum!“ — 199— Eliſabeth wandte ſich zu ihm, und eine Thräne glänzte in ihrem ſtolzen zornigen Auge.„Burleigh,“ ſprach ſie, „Ihr ſeyd ein Staatsmann, Ihr begreift nicht— Ihr könnt das volle Maaß des Kummers und des Elends nicht begreifen, das dieſer Menſch auf mich gehäuft hat.“ Burleigh, bemerkend, daß jetzt ihr Herz übervoll ſey, faßte mit tiefſter Ehrerbietung die Hand, und führte ſie bei Seite an ein von den übrigen entfernt liegendes Fenſter. „ Gnädige Frau!“ ſprach er,„ich bin ein Staats⸗ mann, aber ich bin auch ein Mann,— ein Mann in eurem Rathe ergrauet, der keinen Wunſch auf Erden hat, noch haben kann, als den für euren Ruhm, für euer lück,— als ein ſolcher bitte ich Euch, gefaßt zu ſeyn.“ „Ach, Burleigh! Du weißt nicht,“— ſagte Eliſa⸗ beth, und Thränen perlten über ihre Wangen. „Ich weiß, gnädigſte Frau! ich weiß! O, ſeyd auf eurer Hut, daß nicht Andere errathen, was ſie nicht wiſſen.“ „Ha!“ rief Eliſabeth, und plötzlich ſchien eine neue Gedankenreihe ihren Geiſt zu erfüllen;„Burleigh! Du haſt recht,— Du haſt recht; alles lieber, als Schwäche, bekennen,— alles, alles lieber, als die Verachtete— Betrogene zu ſcheinen.— Gott's Tod! nur es zu denken, könnte mich raſend machen.“ „Seyd nur Ihr ſelbſt, gnädigſte Frau!“ ſagte Bur⸗ leigh,„und Ihr ſeyd weit über eine Schwäche erhaben, deren kein Engländer ſeine Monarchin fähig halten kann, wenn ihm nicht durch die Heftigkeit ihres Mißvergnügens der traurige Beweis wird.“ „Wie, Schwäche, Mylord?“ unterbrach ihn Eliſa⸗ beth ſtolz;„wollt Ihr etwa andeuten, daß die Gunſt, wel⸗ — 209— che ich jenem Verräther ſchenkte, aus ſolcher Quelle her⸗ rührte?“— uUnfähig indeß, die Hoheit zu behaupten, die ſie angenommen hatte, fuhr ſie wieder mit einem ſanf⸗ teren Tone fort:„Doch, warum verſuchen, ſelbſt Dich täuſchen zu wollen, mein weiſer, treuer Diener!“”“ Burleigh faßte ihre Hand, und küßte ſie mit Innig⸗ keit, wobei— eine Seltenheit in den Annalen der Höfe— eine Thräne wahren Mitgefühls demn Anat des Miniſters entrollte. Es iſt wahrſcheinlich, daß eben dieſes Mitgefühl Eli⸗ ſabeth behülflich war, die ihr zugefügte Kränkung zu er⸗ tragen, und ihren heftigen Zorn zu unterdrücken; noch mehr aber wirkte gewiß die Furcht, durch ein leidenſchaft⸗ liches Benehmen jene Gefühle zu verrathen, welche ſie als Königin und Weib ſo ſorgfältig zu verbergen bemüht war. Sie wandte ſich von Burleigh ab, und ſchritt noch einigemale in der Halle auf und nieder, bis ihr Geſicht in die gewohnte Würde, und ihr ganzes Weſen ſeine ruhige, ſtolze Handlung wieder gewonnen hatte. „Unſere Monarchin iſt wieder ſie ſelbſt,“ flüſterte Burleigh zu Walſingham, ebt Acht, was ſie thut, und widerſprecht nicht.“ Eliſabeth ſchritt jetzt auf Leiceſter zu;„Mylord von Shrewsbury!“ ſprach ſie mit Ruhe,„wir entheben Euch der Pflicht hinſichtlich eures Gefangenen.— Steht auf, Mylord von Leiceſter, und nehmt euer Schwerdt zurück. — Eine viertelſtündige Gefangenſchaft unter dem Gewahr⸗ ſam unſeres Marſchalls deucht uns keine allzu harte Strafe für das mondenlang mit uns getriebene Spiel. Jetzt wollen wir das Nähere über die Sache vernehmen.“— Sie nahm auf ihrem Thronſitze Platz, und fuhr fort:„Tretet vor, Treſſilian, und ſagt, was Ihr wißt!“ 201— Treſſilian erzählte die Geſchichte auf großmüthige Weiſe, ſo viel als möglich Dinge vermeidend, welche Lei⸗ ceſter zum Nachtheil dienen konnten, ſo wie er auch ihren wiederholten Zrveikampf mit Stillſchweigen überging. Es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß er dadurch dem Grafen ei⸗ nen wichtigen Dienſt leiſtete; denn hätte die Königin in dieſem Augenblicke ſelbſt auch nur einen Scheingrund gefun⸗ den, Rache an ihm zu nehmen, ohne Gefühle an den Tag zu legen, deren ſie ſich ſchämte, es möchte ihm in der That ſchlimm ergangen ſeyn. Sie ſchwieg einen Au⸗ genblick, als Treſſilian ſeine Rede geendet hatte, dann ſprach ſie: „Wir wollen dieſen Wayland in unſere eigenen Dienſte nehmen, und den klugen Knaben in unſer Seeretariat geben, damit er Rückſichten gegen Briefſchaften lerne. Ihr, Treſſilian, hattet unrecht, uns nicht die Wahrheit zu ſagen, und euer Verſprechen, es nicht zu thun, war unvorſichtig und pflichtwidrig.— Da Ihr aber der un⸗ glücklichen Lady einmal euer Wort gegeben hattet, ſo habt Ihr als Mann und Cavalier gehandelt, und wir achten Euch wegen eures Benehmens in dieſer Sache.— Jetzt, Mylord von Leieeſter, iſt die Reihe an Euch, uns die Wahrheit zu ſagen, ein Geſchäft, welches Euch ſeit kur⸗ zem fremd geworden zu ſeyn ſcheint.“* Nach und nach erfuhr ſie jetzt, durch wiederholte Fragen, die Geſchichte ſeiner erſten Bekanntſchaft mit, Emmy Robſart— ihrer Vermählung— ſeiner Eiferſucht — der Gründe, welche dieſe herbeigeführt hatten, ſo wie die mehrerer Nebenumſtände. Leiceſters Beichte, ſo konnte man ſein Bekenntniß nennen, mußte ſtückweiſe von ihm herausgeholt werden; dennoch war ſie völlig getreu, außer daß er verſchwieg, wie er in Varney's — 202— 8.2 Abſicht, etwas gegen das Leben der Gräfin zu unter⸗ nehmen, eingewilligt hatte. Er rechnete in dieſer Rück⸗ ſicht völlig auf die durch Lambourne geſandten Gegenbe⸗ fehle; auch war es ſein Wille, gleich nach Beendigung der Audienz ſelbſt nach Cumnor⸗Place zu eilen, zumal da er glaubte, die Königin werde nach dieſem Vorfalle Kenilworth unverzüglich verlaſſen. Aber der Graf machte ſeine Rechnung ohne den Wirth. Zwar waren jetzt ſeine Gegenwart und ſeine Bekenntniſſe Galle und Wermuth für die einſt für ihn ſo partheilich geſinnte Gebieterin; allein jeder andern un⸗ mittelbaren Rache beraubt, bemerkte Eliſabeth, daß ſie durch ihre Fragen den treuloſen Günſtling auf die Folter ſpanne, und ſetzte ſolche daher fort, der eigenen Schmer⸗ zen dabei nicht mehr achtend, wie der Wilde, der ſeine von den glühenden Zangen verbrannten Hände berückſich⸗ tigt, mit denen er ſeine Feinde zu entfleiſchen ſich be⸗ müht.. Endlich indeß verlor der ſtolze Graf, einem allzu gereizten Wilde gleich, die Geduld;„gnädigſte Frau,“ ſprach er,„ich habe Vorwürfe verdient,— ſelbſt mehr, als euer gerechter Zorn ausgefprochen hat. Doch erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß, wenn mein Vergehen gleich unverzeihlich, es dennoch nicht ohne Urſache Statt fand, und daß, wenn Schönheit und herablaſſende Würde das ſchwa⸗ che Herz eines Sterblichen zu verführen im Stande ſind, ich dieſe als die Urſachen angeben kann, weshalb ich meine Vermählung vor Ew. Majeſtät geheim hielt.“— Die Königin ward über dieſe Rede, welche indeß Leiceſter Sorge trug ſo auszuſprechen, daß ſie nur von ihr gehört werden konnte, dergeſtalt beſtürzt, daß ſie einen Augenblick ſchwieg, welches dem Grafen die Kühnheit gab, — 203— ſeinen Vortheil zu verfolgen.„Ew. Majeſtät,“ fuhr er fort, 3„welche ſchon ſo viel verziehen haben, werden es gewiß entſchuldigen, wenn ich eure Gnade für Ausdrücke in Anſpruch nehme, die geſtern früh nur als eine leichte Beleidigung angeſehen wurden.“ Die Königin heftete ihre Augen feſt auf ihn, als ſie erwiederte:„Nun, beim Himmel, Mylord, eure Unverſchämtheit überſchreitet die Gränzen der Glaublichkeit und der Geduld! aber ſie ſoll Euch zu nichts helfen.— Tretet näher, Mylord's, fämmtlich, und hört die Neuig⸗ keit:— Moylord von Leiceſters geheime Vermählung hat mich um einen Seeaat, und England um einen Kö⸗ nig gebracht. Se. Herrlichkeit liebten die patriarchaliſche Weiſe; eine Frau zur Zeit genügte ihnen nicht, uns dachten ſie die Ehre ihrer linken Hand zu.— Unver⸗ ſchämt über alle Begriffe— weil ich ihn mit einigen Zeichen von Hofgunſt beehrte, glaubte er meine Krone und meine Hand zu ſeiner Verfügung.— Ihr denkt, hoffe ich, anders von mir, Mylord's! daher kann ich dieſen ehrgeizigen Mann nur beklagen, wie ein Kind, deſſen Seifenblaſe zerſprang.— Wir gehen jetzt in die Halle, Mylord von Leiceſter, wir befehlen Euch, in unſerer Nähe zu bleiben.“ Alles in der Halle war in der geſpannteſten Erwar⸗ tung; wer aber mahlt das allgemeine Erſtaunen, als die Königin zu den ihr zunächſt ſtehenden Hofcavalieren und Damen ſagte:„Die Feſtlichkeiten zu Kenilworth, Mylord's und Mylady's, ſind noch nicht geendet, wir haben die Vermählung des edlen Schloßherrn zu feiern.“ Aus allen Geſichtern ſprach die größte Verwun⸗ derung. — 204— „Gewiß, es iſt ſo, auf unſer königliches Wort,“ fuhr Eliſabeth fort;„er hat ſeine Vermählung ſelbſt ge⸗ gen uns geheim gehalten, um uns zu dieſer gelegenen Zeit damit zu überraſchen.— Ich ſehe Euch alle vor Neugierde ſterben, den Namen der glücklichen Braut zu erfahren— es iſt Emmy Robſart,— dieſelbe, wel⸗ che, um den Reiz der Maskenſpiele zu erhöhen, geſtern als das Weib ſeines Dieners Varney auftrat.“ „Um Gottes willen, Madam!“ unterbrach ſie Lei⸗ ceſter mit einem Gemiſch von Demuth, Verdruß und Schaam auf ſeinem Geſichte, indem er ſich Eliſabeth nahete und ſo leiſe ſprach, daß er nur von ihr gehört wurde,„nehmt meinen Kopf, wie Ihr es in eurem Zorne gedroht, nnd erſpart mir dieſen Spott!— quält nicht einen Gefallenen,— tretet nicht auf einen zermalmten Wurm.“. „Auf einen Wurm?“ entgegnete Eliſabeth auf die⸗ ſelbe Weiſe; eine Schlange iſt die richtigere Benennung, — eine undankbare Schlange, die in einem gewiſſen Bu⸗ ſen erwärmt wurde.—— „Um Eurer ſelbſt willen, gnädigſte Frau! um mei⸗ netwillen,“ fuhr der Graf fort,—„ſo lange mir noch einige Vernunft bleibt.“—— „Sprecht lauter, Mylord!“ und in weiterer Ent⸗ fernung, unterbrach ihn Eliſabeth;—„Euer Athem entſteift unſere Halskrauſe;— was begehrt Ihr von uns?“ 4 „Erlaubniß,“ erwiederte der unglückliche Graf de⸗ müthig,„mich nach Cumnor⸗Place begeben zu dürfen.“ „Um eure Braut heim zu führen?— Ey, das iſt in der Ordnung; denn, wie wir erfuhren, iſt dort nur ſchlecht für ſie geſorgt. Aber, Mylord, Ihr dürft nicht in Perſon dort hin,— wir haben darauf gerechnet, noch mehrere Tage hier in Kenilworth zuzubringen, und es würde ſchlechte Höflichkeit zeigen, wolltet Ihr uns hier ohne Wirth zurücklaſſen; Treſſilian ſoll ſtatt Eurer nach Cumnor⸗Place, und einer unſerer vertrauten Cavaliere mit ihm, damit nicht Mylord von Leiceſter auf ſeinen alten Nebenbuhler eiferſüchtig werde.— Wen möchtet Ihr zu eurem Begleiter, Treſſilian?““ Treſſilian ſprach, ſ verbeugend, den Namen Raleigh aus. „Da habt Ihr eine gute Wahl getroffen,“ entgeg⸗ nete Eliſabeth;„er iſt ohnehin noch ein junger Ritter, und eine Dame aus der Gefangenſchaft zu erlöſen, ein treffliches Probeabentheuer.— Ihr ſollt wiſſen, My⸗ lord's und Lady's, Cumnor⸗Place iſt wenig beſſer als ein Kerker.— Ueberdem giebt es einige Taugenichtſe dort, die wir gern in feſtem Gewahrſam hätten. Unſer Sekrekair wird Euch mit der nöthigen Vollmacht verſe⸗ hen, Euch Richard Varney's und eines gewiſſen Alas⸗ co's todt oder lebendig zu verſichern,— nehmt hinreichende Begleitung mit Euch, Ihr Herren, führt die Lady eh⸗ renvoll hieher,— und verliert keine Zeit,— Gott ſey mit Euch!“ Sie verbeugten ſich, und verließen die Halle. Wer könnte beſchreiben, wie der übrige Theil die⸗ ſes Tages auf Kenilworth zugebracht wurde? Die Königin, welche nur zurückgeblieben ſchien, um den Gra⸗ fen von Leiceſter auf alle nur mögliche Weiſe zu kränken und zu demüthigen, zeigte ſich in dieſer Art weiblicher Rache eben ſo geſchickt, als ſie in der Regierung ihres Volkes weiſe war. Der Hof folgte ſchnell ihrem Beiſpiele, und noch in der Mitte aller dieſer von ihm ſelbſt geſchaf⸗ — 206— fenen Pracht und Herrlichkeit erfuhr der Herr von Ke⸗ nilworth in ſeinem eigenen Schloſſe das Loos eines in Ungnade gefallenen Höflings, ſowohl durch das kalte Be⸗ nehmen und die geringere Achtung ſeiner früheren Freunde, als durch den nur ſchlecht verhehlten Triumph ſeiner offe⸗ nen und erklärten Feinde. Suſſey, aus ſeinem ihm ange⸗ bornen graden Sinn, Burleigh und Walſingham mit Geiſt in die Zukunft blickend, ſo wie einige Damen, aus dem ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Mitleid, waren an dem zahlreichen Hofe die einzigen Perſonen, deren Geſichter ſich in Rückſicht auf ihn ſeit dieſem Morgen nicht verändert hatten.. So ſehr war Leiceſter daran gewöhnt, Hofgunſt als das höchſte Ziel ſeines Strebens zu betrachten, daß alle ſeine anderen Gefühle in dieſem Augenblicke von der Todes⸗ angſt überflügelt wurden, welche ſein ſtolzer Geiſt bei den abſichtlichen Kränkungen und ausſtudierten Vernachläſ⸗ ſigungen, die er ertragen mußte, empfand; als er ſich aber Nachts auf ſein Zimmer zurückgezogen hatte, fielen ſeine Blicke auf die lichtbraune Haarflechte, mit der Emmy's Schreiben umwunden geweſen war, und ſchnell erwachte ſein Herz zu edleren, natürlicheren Gefühlen. Er küßte ſie tauſend und tauſend mal, und, überlegend, daß es in ſeiner Macht ſtand, ſolchen Kränkungen, wie er heute erfahren hatte, zu entgehen, indem er ſich mit dem reizen⸗ den Gegenſtande ſeiner Liebe in eine prachtvolle, ja fürſt⸗ liche Zurückgezogenheit begäbe, fühlte er, daß er ſich über die Raͤche erheben könne, zu welcher Eliſabeth gegriffen hatte.— Dem zufolge entfaltete das Benehmen des Grafen am nächſten Tage einen würdevollen Gleichmuth; er ſchien ſo beſorgt für die Bequemlichkeit und das Vergnügen ſeiner — 207— Gäͤſte, und denmoch ſo gleichgültig hinſichtlich ihres per⸗ ſöhnlichen Betragens gegen ihn, ſo ehrfurchtsvoll zurück⸗ gezogen gegen die Monarchin, als geduldig bei den offen⸗ baren Beweiſen ihrer Ungnade, daß Eliſabeth ihr Beneh⸗ men gegen ihn änderte, und ob ſie gleich kalt und fremd blieb, doch aufhörte, ihn mit perſönlichen Kränkungen zu verfolgen. Auch gab ſie ſolchen Perſonen aus ihrer Um⸗ gebung, welche ihren Wunſch zu erfüllen glaubten, wenn ſie den Grafen mit Nachläſſigkeit behandelten, nicht ohne einige Schärfe zu verſtehen, daß, ſo lange man auf dem Schloſſe ſey, man auch die dem Schloßherrn von ſeinen Gäſten gebührende Höflichkeit nicht aus den Augen laſſen dürfe. Kurz, die Sachen veränderten ſich in vier und zwanzig Stunden dergeſtalt, daß einige der erfahrenſten und ſcharfſichtigſten Höflinge eine ſtarke Möglichkeit vor⸗ ausſahen, Leiceſter wieder in die königliche Gunſt einge⸗ ſetzt zu ſehen, und demnach ihr Betragen ſo gegen ihn ein⸗ richteten, daß ſie einſt auf den Grund, ihn im Mißge⸗ ſchick nicht verlaſſen zu haben, ſeinen Schutz in Anſpruch zu nehmen, berechtigt wären.— Es wird indeſſen Zeit, dieſe Intriguen zu verlaſſen, und Treſſtlian und Raleigh folgen. Die Truppe beſtand aus ſechs Perſonen; ſie waren, außer von Wayland, noch von einem königlichen Staats⸗ boten und zwei rüſtigen Dienern begleitet. Alle waren wohl bewaffnet, und ſetzten ihren Weg ſo ſchnell fort, als ſie es, ohne gegen ihre Pferde, welche eine lange Reiſe vor ſich hatten, ungerecht zu ſeyn, im Stande waren. Sie bemüheten ſich unterweges Erkundigungen über Var⸗ ney und ſeine Begleiter einzuziehen, konnten aber nichts erfahren, da jene bei Nacht gereiſt waren. Als ſie ein „ kleines Dorf, ungefähr zwölf Meilen von Kenilworth, er⸗ — 208— reicht hatten, wo ſie ihren Pferden etwas Futter reichen ließen, trat ein armer Geiſtlicher, der Pfarrer des Ortes, aus einer kleinen Hütte, ſich an die Reiſenden mit der Bitte wendend, daß, falls einer von ihnen etwas von der Wundarzeneikunſt verſtände, dieſer doch in ſeine Behau⸗ ſung treten möchte, um einem ſterbenden Manne beizu⸗ ſtehen. 4 Wayland verſprach ſein beſtes zu thun, und er⸗ fuhr, während der Geiſtliche ihn in die Hütte führte, daß der Mann in einer Entfernung von ungefähr einer Meile vom Dorfe auf der Landſtraße von einigen früh an das Tagewerk gegangenen Bauern gefuinden, und von ihm, dem Pfarrer, mildthätig in ſeine Hürte aufgenom⸗ men worden ſey. Er hatte eine Schußwunde empfangen, welche offenbar tödlich war, ob er ſolche aber in irgend einem Kampfe, oder von Mörderhänden erhalten hatte, konnte man nicht erfahren, da er im heftigen Fieber lag, und irre ſprach. Wayland trat in das dunkele, niedere Zimmer; allein kaum hatte der Pfarrer die Vorhänge zurückgezogen, als er auch in dem verzerrten Geſichte des Sterbenden die Züge Michael Lambournes erkannte⸗ Unter dem Vorwande, etwas aus ſeinem Gepäcke her⸗ beizuholen, deſſen er bedürfe, benachrichtigte Wayland ſogleich ſeine Reiſegefährten von der gemachten Entdeckung, und unverzüglich, von furchtbarer Ahnung getrieben, folgten ihm Treſſilian und Raleigh in die Hütte. Der Elende lag ſchon in den letzten Zügen, und ſelbſt ein geſchickterer Wundarzt, als Wayland, hätte ihm nicht zu helfen gewußt, denn die Kugel war ihm grade durch den Leib gegangen. Er war indeſſen ziemlich bei Sinnen, denn er kannte Treſſilian, und machte ein Zeichen, — 209— Zeichen, daß dieſer ſich über ſein Bette neigen ſolle. Treſ⸗ ſilian that, wie er verlangte, und nach einem unver⸗ ſtändlichen Gemurmel, aus dem man nur die Namen Varney und Gräfin von Leiceſter heraushörte, ſtam⸗ melte Lambourne die ängſtlichen Worte:„eilt oder Ihr kommt zu ſpät!“ Vergebens bemühte ſich Treſſilian, mehr von dem Sterbenden zu erfahren; dieſer ſchien in einen bewußtloſen Quſtand zu verſinken, und als er wie⸗ der ein Zeichen gab, Treſſtlians Aufmerkſamkeit auffor⸗ dernd, geſchah es nur, ihn zu bitten, ſeinen Oheim, Giles Gosling, von ſeinem Tode zu unterrichten. Eine Convulſion machte ſeinem Daſeyn gleich darauf ein Ende, und den Reiſenden entſtand aus dem Zuſammentreffen mit ihm kein anderer Nutzen, als daß ihre nun noch größere Furcht hinſichtlich der Gräfin ſie antrieb, ihre Reiſe noch eiliger, als vorher, fortzuſetzen; zu welchem Ende ſie unterweges im Namen der Königin Pferde re⸗ quirirten, als ſie die ihrigen wegen Ermattung dutüc zu laſſen genöthigt waren. 16. Wir kehren jetzt zu dem Theile unſerer Geſchichte zu⸗ rück, wo wir berichteten, daß Varney, mit der Erlaub⸗ niß der Königin und des Grafen verſehen, ſich, um jede Entdeckung ſeiner Verrätherei zu vermeiden, beeilte, die Gräfin vom Schloſſe Kenilworth fortzuführen. Er hatte anfangs beſchloſſen, am andern Morgen abzureiſen, überlegend aber, daß der Graf auf andere Gedanken kom⸗ men, und dielleicht eine zweite Unterredung mit ſeiner O Kenilworth. 5ter Bd. S — 2¹⁰0— Gemahlin haben könne, faßte er den Entſchluß, ſich mit ihr augenblicklich auf den Weg zu machen, und ſo einer Zuſammenkunft vorzubeugen, welche nur mit ſeinem Untergange enden konnte. Zu dieſem Endzweck rief er nach Lambourne, und war ſehr erzürnt über die Abwe⸗ ſenheit dieſes ſeines treuen Gehülfen, der auf irgend einem Trinkgelage in der Nachbarſchaft herumſchwärmen mochte. Da man ſeine Zurückkunft jeden Augenblick er⸗ wartete, gebot Varney, ihm zu ſagen, daß er ſich zu einer Reiſe anſchicken, und ihm auf der Stelle fol⸗ gen ſolle. 8 Namens Robin Tider, in Anſpruch, den das Geheimniß von Cumnor⸗Place ſchon einigermaßen bekannt war, da er den Grafen mehrere Male dorthin begleitet hatte. Die⸗ ſem Manne, deſſen Charakter ſo ziemlich dem des Lam⸗ bourne glich, obgleich er ihm an Schnelligkeit und Aus⸗ ſchweifung nachſtand, gab Varney den Befehl, drei ge⸗ ſattelte Pferde und eine Sänfte an der Hinterpforte in Bereitſchaft zu halten. Der den Anſchein der Wahrheit tragende Vorwand des Wahnſinns ſeiner Gattin, ein Umſtand, welcher jetzt im Schloſſe allgemein bekannt ge⸗ worden war, ſollte als hinreichender Grund für ſeine ge⸗ heime Abreiſe gelten, und konnte, ſo hoffte er, auch als Entſchuldigung dienen, falls Widerſtand oder Geſchrei von Seiten der unglücklichen Emmy eine ſolche nöthig machen würde. Anthony Foſters Beiſtand war indeſſen unentbehrlich, und Varney ging, ſich deſſelben zu ver⸗ ſichern. 3 Dieſes Weſen von ungeſelliger, menſchenfeindlicher Natur, hatte ſich, von der ſchnellen Reiſe von Cumnor nach Kenilworth ermüdet, frühe ſchon dem Trinkgelage Unterdeſſen nahm Varney die Hülfe eines Dieners, —- 211— entzogen, und ſich auf ſein Zimmer begeben, wo es im tiefen Schlafe lag, als Varney, völlig reiſefertig, eine Blendlaterne in der Hand, hereintrat. Er horchte einen Augenblick, um zu hören, was ſein Spießgeſelle im Schlummer murmele, und vernahm deutlich die Worte: „Ave Maria— ora pro nobis— nein!— ſo heißt's nicht— erlöſe uns vom Uebel— ſo, ſo iſt's recht.“ „Er betet im Schlafe,“ ſagte Varney,„und miſcht ſein katholiſch und proteſtantiſch zuſammen.— Er ſoll des Betens noch mehr bedürfen, bevor ich ihn aus der Fauſt laſſe.— Hallo, hallo! wach' auf, heiliger Mann!— noch hat Dich der Teufel nicht ſeiner Dienſte entbunden!“ Als Varney, ſo ſprechend, den Schläfer beim Arm rüttelte, nahm ſeine Gedankenreihe ſchnell eine andere Richtung:„Diebe,— Diebe!“ rief er aus!—„ich will für mein Gold ſterben,— für mein liebes, ſauer erworbenes Gold ſterben.— Wo iſt Janette,— iſt ſie in Sicherheit?“ „Sicher genug, du alter Filz,“ entgegnete Matndy „heraus mit Dir aus der Faulbank!“ Foſter war jetzt erwacht, und ſaß aufrecht in ſeinem Bette, Varney über ſeinen ſeltſamen ſpäten Beſuch be⸗ fragend.„Das bedeutet nichts Gutes,“ ſagte er. „Falſch prophezeiht, heil'ger Antonius,“ verſetzte Varney;„es bedeutet, daß die Zeit gekommen iſt, wo dein Pachtgut in ein Freigut umgewandelt werden ſoll.— Was ſagſt Du dazu, Alter?“ „Hätter Ihr mir das bei hellem Tage verkündet,“ erwiederte Foſter,„da würde ich mich gefreuet haben,— aber in dieſer Todtenſtunde, bei der dunkeln Lampe, und bei eurem bleichen Geiſtergeſichte, das mit euren lichten Worten ſo in Widerſpruch ſteht, zwingt es mich mehr an +*. — 212— d das Werk, das zu thun, als an den Lohn zu denken, der dafür zu erhalten ſeyn wird.“ 3 „Ey, du Narr! das beſteht nur darin, deine Ent⸗ flohene nach Cumnor⸗Place zurück zu führen,“ ſagte Varney. „Iſt das alles?“ fragte Foſter.„Ihr ſeht todten⸗ bleich aus, und euer Gemüth pflegt ſich nicht über Klei⸗ nigkeiten in Bewegung zu ſetzen,— ſagt, iſt das wirklich alles?“ „Allerdings,— vielleicht auch eine Kleinigkeit mehr,“ entgegnete Varney. „Eine Kleinigkeit?“ ſagte Foſter!„Ihr werdet ja immer bleicher und bleicher.“ „Kümmere Dich nicht um mein Geſicht, alter Narr!“ verſetze Varney;„beim ſchwachen Lampenſchimmer ſcheint es nur ſo bleich. Auf, und mache, daß Du in die Kleider kommſt,— denke an Cumnor⸗Place,— an dein eige⸗ nes, unbeſchränktes Freigut,— Du kannſt dann ein Bethaus errichten, Janette wie eine Barons Tochter aus⸗ ſtatten,— ſiebenzig Pfund und drüber!“ „Neun und ſiebenzig Pfund, fünf Schilling, fünk Pfennig und einen halben, ohne die Hölzung zu rechnen,“ ſagte Foſter;„und das alles ſoll mein ſeyn als Freigut?“ „Alles, alles, Alter!— Holz und Waldung— kein Zigeuner ſoll ſich ein Reis, kein Burſche einen Stecken ſchneiden dürfen, ohne Dir Zoll zu geben.— Fort nur, fort, Pferde und alles iſt in Bereitſchaft, nur der ver⸗ dammte Lambourne fehlt, der in irgend einem Spiel⸗ ober Saufloche ſitzen muß.“ 4 „Ihr wolltet nie guten Rath hören, Sir Richard,“ bemerkte Foſter,„hab' ich Euch doch immer geſagt, daß Euch der Trunkenbold in der Noth ſitzen laſſen würde; —- 215— jetzt könnte ich Euch zu einem ordentlichen, maͤßigen jun⸗ gen Manne verhelfen.“ „Etwa ſo ein hohlſtimmiger flüſternder Geſelle aus deiner Brüderſchaft?— Gut, wir können Burſche aller Art gebrauchen.— Fort nur, fort, ſo recht, nimm deine Piſtolen mit, komm!“ „Wohin?“ fragte Anthony. „Nach ihrem Zimmer,“ entgegnete Varney,„und bedenkt, ſie muß mit. Ich kenne Euch als einen Kerl, den ein Geſchrei nicht erſchreckt.“ „Allerdings nicht, wenn die heilige Schrift gebietet, nicht darauf zu achten,“ ſagie Foſter;„es ſteht geſchrie⸗ ben: das Weib ſoll dem Manne gehorſam ſeyn— doch wird uns Mylords Befehl auch ſchützen, wenn wir Gewalt gebrauchen?“ „Unbeſorgt, Alter! hier iſt ſein Siegelring 2 ant⸗ wortete Varney,„und nachdem er ſo die Einwendungen ſeines Gefährten beſeitigt hatte, gingen ſie nach Lord Hunsdon Zimmern, machten die Schildwache dort mit ihrer Abſicht, als mit einer von der Königin und dem Grafen von Leiceſter gebilligten Sache, bekannt, und wurden in das Gemach der unglücklichen Gräfin ein⸗ gelaſſen. Man kann ſich den Schrecken der armen Emmy vor⸗ ſtellen, als ſie, aus einem unruhigen Schlummer er⸗ wachend, plötzlich Varney vor ihrem Lager erblickte, den Mann, den ſie von allen Menſchen am meiſten fürchtete und haßte. Es war ihr ſelbſt ein Troſt, als ſie gewahrte, daß er nicht allein ſey, obgleich ſie ebenfalls Urſache hatte, ſeinen plumpen Gefährten zu verabſcheuen. „Madam,“ ſagte Varney,„jetzt iſts keine Zeit, Umſtände zu machen. Mylord von Leiceſter, von den - 214— Verhältniſſen gedrängt, befiehlt Euch, Euch auf der Stelle mit uns nach Cumnor zu begeben. Seht hier ſeinen Siegelring, er iſt ein Beweis ſeines dringenden Gebots.“ „Du lügſt! Du lügſt! rief die Gräfin;„Du haſt dieſen Bürgen ſeiner Worte geſtohlen,— Du, der Du jeder, ſelbſt der ſchwärzeſten Niederträchtigkeit fähig biſt.“ „Was ich ſprach, iſt wahr, Mylady!“ entgegnete Vatney,„ſo wahr, daß, wenn Ihr uns nicht auf der Stelle bereitwillig folgt, wir Gewalt brauchen müſſen, um die Befehle, die uns geworden ſind, in Ausführung zu bringen.“ „Gewalt!“ rief die unglückliche Gräfin,„Du darfſt trotz deiner Schändlichkeit nicht ſo weit gehen.“ „Es kommt auf den Beweis an,“ erwiederte Var⸗ ney, welcher überzeugt war, daß Furcht das einzige Mit⸗ tel ſey, ihren ſtolzen Sinn zu beugen;„treibt Ihr mich dazu, werde ich mich Euch als einen unbehülflichen Kam⸗ merdiener zeigen.“ Bei dieſen Worten war es, wo Emmy dergeſtalt aufſchrie, daß, hätte man nicht ihres vorgeblichen Wahn⸗ ſinns gedacht, Lord Hunsdon und Andere zu ihrer Hülfe herbeigeeilt wären. Als ſie gewahrte, daß ihr Geſchrei vergeblich ſey, wandte ſie ſich zu Foſter, ihn auf's innigſte bei der Tugend und Reinheit ſeiner Tochter Janette an⸗ flehend, nicht zuzugeben, daß ſie mit unanſtändiger Gewalt behandelt werde. „Ey, Madam!“ ſagte Foſter,„das Weib muß dem Manne gehorſam ſeyn, ſagt die heilige Schrift, und wenn Ihr euch nur ankleiden und uns geduldig folgen wollt, ſo ſoll kein Menſch an Euch auch nur den Finger legen, ſo lange ich noch ein Piſtol los ſchießen kann.“ Da keine Hülfe nahete, erklärte ſich die, ſelbſt von 6. - 215— Foſters plumpen Worten einigermaßen getröſtete, un⸗ glückliche Gräfin endlich bereit, aufſtehen und ſich anklei⸗ den zu wollen, ſobald ſie das Zimmer verlaſſen haben würden. Varney bat ſie jetzt, auch wegen ihrer Sicher⸗ heit außer Sorgen zu ſeyn, ja verſprach ſogar, ſich ihr nicht nahen zu wollen, weil ihr ſeine Gegenwart unan⸗ genehm ſey. Ihr Gemahl, fügte er hinzu, würde vier und zwanzig Stunden nach ihrer Ankunft auch in Cumnor⸗ Place eintreffen. Von dieſer Verſicherung, obgleich ſie eben keinen Grund ſah, Vertrauen darin zu ſetzen, doch einigermaßen beruhigt, kleidete ſich die unglückliche Emmy beim Schim⸗ mer der Lampe an, welche Varney und Foſter zurückge⸗ laſſen hatten.. Weinend, zitternd und betend vollzog ſie dieſes Geſchäft,— mit Gefühlen, ſo ganz verſchieden von denen, mit welchen ſie ſonſt ihren reichen Puß anzulegen pflegte. Obgleich bemüht, ihren Anzug ſo langſam als möglich zu vollenden, war ſie doch endlich, von Varney's Ungeduld angetrieben, genöthigt, ſich reiſefertig zu erklären.* Als ſie aufbrechen wollten, klammerte ſich Emmy bei Varney's Annäherung mit einem ſolchen Ausdrucke von Entſetzen an Foſter an, daß jener ihr mit einem gewaltigen Schwur betheuerte, ſich ihr ſelbſt nicht ein— mal nahen zu wollen.„Wenn Ihr nur den Willen eures Gemahls ruhig erfüllt,“ ſprach er,„ſo ſollt Ihr mich nur ſelten zu ſehen bekommen. Ich werde Euch ungeſtört der Sorge des Führers überlaſſen, den euer guter Geſchmack vorzieht.“ A „Der Wille meines Gemahls!“ rief die Gräſin, „aber es iſt der Wille Gottes, das ſoll mir genug ſeyn; — 216— ich will mit Euch gehen, Herr Foſter, ſo folgſam, als je ein Lamm zum Opferaltare; wenigſtens ſeyd Ihr Vater, und werdet Anſtändigkeit, wenn auch nicht Menſchlichkeit üben;— Euch, Varney, und wär' es mein letztes Wort zu Euch— Euch ſind beide Tugen⸗ den fremd.“ Varney erwiederte nur, daß ihr die Wahl des Ge⸗ ſellſchafters frei ſtände, und ging einige Schritte voran, um den Weg zu zeigen, während die Gräfin, halb auf Foſter gelehnt, halb von ihm getragen, vom Saint Lo⸗ wers⸗Thurme nach der Hinterpforte geführt ward, wo Tider mit der Sänfte und den Pferden in Bereitſchaft ſtand.“ Die Gräfin ließ ſich ohne Widerſtand in die Sänfte heben. Sie ſah mit einiger Genugthuung, daß, wäh⸗ rend Foſter und Tider neben ihr ritten, der gefürchtete Varney hinter ihnen zurückblieb, und ſich bald in die Dunkelheit der Nacht verlor. Eine kurze Zeit bemühete ſie ſich, während der Weg ſich längs dem See ſchlän⸗ gelte, die hohen Thürme und Zinnen des Schloſſes im Augenſchein zu behalten, von dem ihr Gemahl Herr und Gebieter war, und von woher ihr noch hie und da Lichter entgegen ſchimnierten, bei deren Schein noch einige Zechbrüder beim muntern Gelage weilen mochten; als die Wendung der Landſtraße ihr dieß aber nicht mehr möglich machte, wandte ſie ihre Blicke, und zurück in die Sänfte ſinkend, befahl ſie ſich in Gottes Schutz. Außer dem Wunſche, die Gräfin zur ruhigen Fort⸗ ſetzung der Reiſe zu bewegen, beabſichtigte Varney auch eine Unterredung ohne Zeugen mit Lambourne, von dem ec jeden Augenblick eingeholt zu werden wünſchte. Er kannte den Charakter dieſes Menſchen als raſch, blut — 217— gierig, entſchloſſen und habſüchtig, und hielt ihn für den tauglichſten Agenten in ſeinem furchtbaren Geſchäfte. Schon war er zehn Meilen von Kenilworth entfernt, als er ein Pferdegetrappel vernahm, und von Michael Lambourne eingeholt ward. Zornig über ſeine Abweſenheit empfing Varney ſei⸗ nen Trunkenbold von Diener mit einem Strome von Scheltworten.„Betrunkener Schurke,“ rief er ihm entgegen,„dein wüſtes Leben wird nächſtens noch einen Strick für Dich drehen, meinethalben je eher, je lieber.“ Dieſer Verweis ward von Lambourne, welcher nicht allein von einer derben Portion Wein, ſondern auch von der gewiſſermaßen vertraulichen Unterredung mit dem Grafen, ſo wie von der Ueberzeugung, im Beſitze eines ſo wichtigen Geheimniſſes zu ſeyn, berauſcht war, nicht auf die gewohnte demüthige Weiſe aufgenommen. Er würde, ſagte er, keine Beleidigung, ſelbſt nicht von dem älteſten Ritter ertragen. Der Graf von Leiceſter habe ihn wegen eines wichtigen Geſchäftes zurückgehalten, und das müſſe Varney genügen, der ſo gut ein Diener ſey, als er. Varney war über dieſen unverſchämten Ton nicht wenig erſtaunt; da er ihn aber dem in reichlichem Maaße genoſſenen Weine zuſchrieb, ſchwieg er dazu, und begann dann, Lambourne auf die Zähne zu fühlen, hinſichtlich ſeiner etwanigen Willffährigkeit, ein gewiſſes Hinderniß aus dem Wege räumen zu hel⸗ fen, um dadurch den Grafen in den Stand zu ſetzen, den Eifer ſeiner Anhänger und Diener nach beſten Kräften zu belohnen. Und als Lambourne nicht zu ver⸗ ſtehen ſchien, wovon die Rede ſey, erklärte er gradezu, daß in dem Inhalte jener Sänfte das Hinderniß be⸗ ſtände, welches aus dem Wege zu räumen wäre. — 210— „Hört's, Herr Richard, und ſo weiter,“ ſagte Lambourne,„Einige ſind klüger, als Andere, das iſt etwas, und einige ſind ſylechter, als Andere, und das iſt noch etwas. Ich kenne Mylord's Willen in dieſer Rückſicht beſſer, als ihr, er hat mich mit der Sache ganz vertraut gemacht. Hier iſt ein Schreiben von ihm, und als ich fortging, ſprach er: Michael Lambourne,— denn Mylord ſprach zu mir mit Höflichkeit, und bediente ſich nicht des Ausdrucks betrunkener Schurke, oder ähn⸗ licher Worte, wie wohl mancher Andere, dem ſeine neue Würde den Kopf verdrehte.— Michael Lambourne, ſagte er, Varney ſoll meine Gemahlin mit größter Achtung behandeln;— ich beauftrage Dich, darauf Acht zu haben, fuhr Se. Herrlichkeit fort, Du mußt mir ſogleich mei⸗ nen Siegelring von ihm zurückbringen.“ „Sprach er wirklich ſo?“ fragte Varney,„ſo weißt Du alſo alles?“ „Alles, alles,“ entgegnete Lambourne,„und Ihr würdet wohl thun, mich zum Freunde zu behalten, ſo lange das Wetter zwiſchen uns noch gut iſt.“ „Und war, als der Graf ſo zu Dir ſprach, nie⸗ mand ſonſt zugegen?“ fuhr Varney fort. „Keine lebendige Seele,“ erwiederte Lambourne; „glaubt Ihr, Mylord würde ſolche Sache jemand anders anvertrauen, als einem erprobten Manne, wie ich bin!“ „Allerdings,“ ſagte Varney, und ſchauete ſchwei⸗ gend die vom Monde beleuchtete Landſtraße vor ſich hinab. Sie ritten eben über eine große offene Heide, die Sänfte war wenigſtens eine Meile voraus, von ihr weder etwas zu hören, noch zu ſehen. Er blickte hinter ſich, und auf der weiten monderhellten Fläche zeigte ſich ebenfalls kein menſchliches Weſen. Jetzt begann er wieder — 219— zu Lambourne:„Alſo Du wollteſt deinem Herrn entgegen handeln?“ ſprach er,„deinem Wohlthäter, der Dich in die Laufbahn zum Hofglück einführte,— deſſen Lehr⸗ ling Du warſt, Michael!— Der Dich die Tiefen und Sandbänke der Hofintrigue kennen lehrte.“ „Michael, Michael!“ entgegnete Lambourne,„ich habe einen Namen, vor dem ſich ein Herr gehört, ſo gut, wie vor irgend einem andern, und was das Uebrige betrifft, war ich euer Lehrling, ſo iſt die Lehrzeit aus, und ich will mein Werk auf eigene Hand beginnen.“ „So nimm zuvor deinen Lohn!“ rief Varney, indeem er ſein ſchon einige Zeit zuvor in der Hand gehaltenes Piſtol auf Lambourne abfeuerte. Der Elende ſtürzte ohne einen einzigen Laut von ſeinem Gaule herab, worauf Varney ſich ſchnell von dem ſeinen ſchwang, die Taſchen des Gefallenen durch⸗ wühlte und umkehrte, damit es den Anſchein gewänne, als ſey er unter Räuberhänden geblieben. Dann ſteckte er das Schreiben des Grafen, ihm der wichtigſte Gegen⸗ ſtand, zu ſich, und nahm auch Lambournes Börſe, in der deſſen Verſchwendung nur noch einige Goldſtücke zu⸗ rückgelaſſen hatte, mit ſich; doch aus einem ſeltſamen Gemiſch von Gefühlen vermochte er dieſe nicht länger, als bis zu einem unfernen Flüßchen, welches die Land⸗ Straße durchkreuzte, bei ſich zu behalten, wo er ſie mit aller Kraft ſeines Armes weit von ſich weg in das Waſ⸗ ſer ſchleuderte. Solchergeſtalt wirken die Ueberreſte des Gewiſſens, ſelbſt wenn es völlig unterjocht iſt; ſelbſt dieſer grauſame, reueloſe Menſch würde ſich entehrt gefühlt haben, hätte er die wenigen Goldſtücke des Elenden, den er ſo eben erſchlug, in ſeine Taſche geſteckt. Der Mörder lud ſein Piſtol wieder, nachdem er —-— 220— zuvor Schloß und Pfanne von dem Pulverdampfe ge⸗ reinigt hatte, und ritt darauf ruhig der Sänfte nach, innerlich erfreut, auf ſo geſchickte Weiſe einen beunruhi⸗ genden Zeugen mancher ſeiner Bosheiten und den Ueber⸗ bringer von Befehlen aus dem Wege geräumt zu haben, die er zu erfüllen nicht Willens war, und von denen er daher wünſchte, daß man glauben möchte, ſie wären nie in ſeine Hände gelangt. Der übrige Theil der Reiſe ward nun mit einer Eile fcortgeſetzt, welche von der geringen Sorgfalt zeigte, die man für die Geſundheit der Gräfin hatte. Sie hielten nnur an ſolchen Orten an, wo ihnen alles zu Gebote ſtand, und wo das Mährchen von der wahnſinnigen Lady Varney allgemeinen Glauben gefunden haben würde, hätte die unglückliche Emmy einen Verſuch gemacht, die Hülfe derjenigen Perſonen, denen ſie zu Geſichte kam, in Anſpruch zu nehmen. Aber dieſe ſah keine Hoffnung voraus, bei irgend Jemand Gehör zu finden, zu dem ſie zu ſprechen Gelegenheit hatte, und fürchtete ſich über⸗ dem, die Bedingung, ihre Reiſe ruhig fortzuſetzen, zu überſchreiten, unter welcher allein Varney ihr verſpro⸗ chen hatte, ſie mit ſeiner verhaßten Nähe zu verſchonen. Varney's Autoritär, oft ſchon ſo benutzt bei den gehei⸗ men Reiſen des Grafen nach Eumnor, machte, daß ſie überall ſchnell mit Pferden verſehen wurden, ſo daß ſie ſich ſchon in der Nacht nach ihrer Abreiſe von Kenil⸗ worth in der Nähe von Cumnor⸗Place befanden. Hier ritt Varney, wie er ſchon während der Reiſe öfterer gethan hatte, zur Sänfte hin, und fragte:„was macht ſie?“ „Sie ſchläft,“ entgegnete Foſter;„ich wollte, wir wären zu Hauſe, ihre Kräfte ſind erſchöpft.“ —— —— — 221— „Ruhe wird ihr wohlthätig ſeyn,“ entgegnete Var⸗ ney;„ſie ſoll bald einen langen und geſunden Schlaf thun,— wir müſſen ſie an einen ſtillen geräuſchloſen Ort bringen.“ 3 „In ihre eigenen Zimmer, denke ich,“ ſagte Foſter. „Ich habe Janette mit einem derben Verweis zu ihrer Baſe geſchickt, und die alten Weiber ſind die Treue ſelbſt.“ „Wir wollen ihnen dennoch nicht vertrauen, Freund Tony,“ erwiederte Varney,„wir müſſen ſie dorthin bringen, wo Du dein Gold aufbewahrſt.“ „Mein Gold?“ unterbrach ihn Foſter, gewaltig erſchrocken;„mein Gold?— wo hätte ich denn Gold? wollte Gott, ich hätte welches.“ „Schweig, alter Filz!“ ſagte Varney,—„wer fragt nach deinem Golde?— Hätte ich nicht hundert andere Wege, dazu zu gelangen, falls ich wollte?— Von deinem Schlafzimmer, das Du ſo ſeltſam verſchanzt haſt, iſt die Rede; dort ſoll ſie hin, und Du ſollſt ihr das Kopfkiſſen zurechtlegen;— der Graf, kann ich Dir ſagen, wird nie nach den reichen Koſtbarkeiten der vier obern Zimmer fragen.“ Dieſe letzte Verſicherung machte ſichtbaren Eindruck auf Foſter, er bat um Erlaubniß, vorausreiten zu dür⸗ fen, um die nöthigen Anſtalten zu treffen, ſpornte ſein Pferd, und ſprengte der Sänfte vor, hinter welche ſich Varney wieder ungefähr auf Schußweite zurückzog, ſo, daß ſich jetzt nur Tider neben der Gräfin befand. Sobald man zu Cumnor⸗ Plate angelangt war, fragte die Gräfin nach Janette, und erſchrak nicht wenig, als ſie vernahm, daß ſie ferner nicht von dieſem lieben Mäd⸗ chen bedient werden ſolle. — 222— „Meine Tochter iſt mir werth, Madam!“ ſagte Foſter auf plumpe Weiſe;„ſie ſoll nichts von ſolchen Hof⸗ ſtreichen, als Lügen und Entlaufen, lernen; manches davon hat ſie ohnehin ſchon begriffen, Dank Euch dafür, Mylady!“ Die Gräfin, ſehr ermüdet und erſchüttert, erwiederte nichts auf dieſe Unverſchämtheit, ſondern äußerte nur ſanft den Wunſch, ſich auf ihr Zimmer begeben zu können. „Nicht mehr als billig,“ entgegnete Foſter;„aber Ihr geht, mit eurer Erlaubniß, nicht mehr hinauf in eure 3 glänzende Puppenſchachtel— Ihr ſollt dieſe Nacht an eeinem ſicherern Orte ſchlafen⸗ 4 „Ich wollte, es wäre in meinem Grabe;“ ſagte die Gräfin;„obgleich das menſchliche Gefühl bei dem Gedan⸗ ken ſchaudert, daß ſich die Seele von dem Körper trennt.“ „Ihr habt, denke ich, nicht nöthig, dieſem Gedan⸗ ken Raum zu geben,“ erwiederte Foſter,„Mylord kommt morgen hieher, und da werdet Ihr ſchon alles wieder mit ihm ins Geleiſe bringen.“ „Kommt er, kommt er wirklich, guter Foſter!“ „Guter Foſter, guter Foſter!“ wiederholte dieſer; „welcher Foſter aber werde ich morgen ſeyn, wenn Ihr zu Mylord von mir ſprechen werdet,— obgleich alles, was ich that, nur auf ſeinen Befehl geſchah.“ „Ihr ſeyd mein Beſchützer,“ antwortete die Gräfin; —„obgleich ein rauher— dennoch mein Beſchützer; ach, wäre doch Janette nur zugegen!“ „Sie iſt dort, wo ſie iſt, beſſer aufgehoben,“ ent⸗ gegnete Foſter;„eine von Euch iſt ſchon genug, einem den Kopf zu verwirren.— Aber wollt Ihr nicht einige Erfriſchungen zu Euch nehmen?“ „Nein, ach nein!“ entgegnete ſie,„auf mein Zim⸗ mer, auf mein Zimmer!— Ich hoſfe doch, es von innen verſchließen zu können!“ — 1 1 3 — 225— „Nach eurem Belieben,“ entgegnete Foſter,„ich werde es von außen ſicher ſtellen.“ So ſprechend, nahm er ein Licht, und führte Emmy nach einem Theile des Gebäudes, den ſie früher noch nicht betreten hatte, eine hohe Stiege hinan, von einem der alten Weiber mit einer Lampe vorgeleuchtet. Als ſie die ſteile Treppe, welche von unermeßlicher Höhe ſchien, erſtiegen hatten, ſchritten ſie über eine kurze enge Gallerie von ſchwarzem eichenen Holze, an deren Ende ſich eine ſtarke eichene Thür befand, durch welche ſie in Tony Foſters Zimmer traten, deſſen Geräth ſo armſelig als möglich, und das nur durch den Namen von einem Gefängniß verſchieden war. Foſter blieb an der Thür ſtehen, der Gräfin die Lampe reichend, ihr aber die Dienſte des alten Weibes weder anbietend, noch erlaubend. Die Lady, ſich nur nach Einſamkeit ſehnend, ergriff ſchnell die Lampe, und benutzte, um die Thür von innen zu verſchließen, alle Mittel, welche dazu im reichlichen Maaße vorhanden waren. Varney, welcher unten an der Stiege gelauſcht hatte, ſchlich jetzt, als er die Thür verſchließen hörte, auf den Zehen herauf. Foſter winkte ihm, und deutete mit einer gewiſſen Selbſtgefälligkeit auf eine in der Mauer verborgene Maſchinerie, welche, auf leichte und geräuſchvolle Weiſe in Bewegung geſetzt, einen Theil der hölzernen Gallerie, ungefähr auf die bei einer Zug⸗ brücke gebräuchliche Weiſe, verſchwinden ließ, ſo, daß jede Verbindung zwiſchen Tony Foſters Zimmer und dem obern Ende der Treppe abgeſchnitten wurde. Der Strick, durch den dieſe Maſchine in Bewegung zu ſetzen war, war ſonſt bis in Tony's Gemach geleitet, welcher ſich auf dieſe Weiſe gegen jeden Angriff von Außen zu ſichern be⸗ abſichtigte; jetzt aber, wo ſie dazu dienen ſollte, die Gefangene deſto ſicherer zu bewahren, hatte er den Strick bis an das obere Ende der Treppe geleitet, und zeigte jetzt, wie oben erwähnt, das Kunſtwerk ſeinem Spießgeſellen. Varney betrachtete alles mit großer Aufmerkſamkeit, und blickte mehr als einmal in den Abgrund hinab, der durch das Hinwegziehen der Fallthür offen vor ihm da⸗ lag. Unten war finſtere Nacht, die Tiefe ſchien uner⸗ mmeßlich, und ging, wie Foſter ſeinem Schandgenoſſen zuflüſterte, bis in das unterſte Gewölbe des hohen Her⸗ renhauſes. Varney warf noch einen langen, ernſten Zlick hinab, und begab ſich dann mit Foſter in den ge⸗ woöhnlich bewohnten Theil des Herrenhauſes. Als ſie in dem untern Gemache anlangten, trug Varney Foſter auf, ein Abendeſſen und einige Flaſchen vom beſten Wein zu beſorgen;„ich will Alasco aufſu⸗ chen,“ ſprach er,„es giebt Arbeit für ihn, wir müſ⸗ ſen ihn in gute Laune bringen.“. Foſter brummte bei dieſem Vorſchlage, machte aber keine Einwendung, und das alte Weib verſicherte, daß Alasco ſeit ihres Herrn Abweſenheit nicht gegeſſen und getrunken habe, ſondern beſtändig in ſeinem Laboratorium eingeſchloſſen geweſen ſey, gleich als ob die Fortdauer der Welt von ſeinem Treiben und Thun abhänge. „Ich will ihm kund thun, daß die Welt andere Forderung an ihn hat,“ ſagte Varney, und nahm das Licht, um den Aſtrologen aufzuſuchen. Nach einer ziem⸗ lich langen Abweſenheit kehrte er zurück, todtenbleich, aber mit ſeinem gewöhnlichen Teufelslächeln auf dem Ge⸗ ſichte.„Unſer Freund iſt fort!“ ſagte er. „Was ſagt Ihr? davon gelaufen, fort mit meinen vierzig Pfund, die er tauſendfach vervielfältigen wollte; 5— augenblicklich ſende ich Häſcher nach.“ 2 iſt von ſeinem Geſichte gefallen, ſo, daß das Gift i gelegen.— Hul! gieb mir einen Becher Wein!“ —- 225— „Ich will Dir einen ſicherern Weg angeben.“ „Welchen, welchen Weg?“ fragte Foſter;„meine vierzig Pfund will ich zurück, ich ſah ſie ſchon tauſend⸗ fach veumnehrk, wenioſtens nuß mir mein Linſaswechen verlegt.“ „ Wie? Was meint Ihr, iſt er todt?“ „Allerdings iſt er's,“ entgegnete Varney, bereits am Körper und im Geſichte tüchtig aufgeſch len.— Er hat eine von ſeinen Teufelsarzeneien gebre und die Glaslarve, deren er ſich gewöhnlich bedient ſein Gehirn drang, und ſein Werk vollbrachte.“ „Sancta Maria! Gott im Himmel! wollte ich ſa⸗ gen, bewahre uns vor Habſucht und Sünde!— Hat er denn ſeinen Zweck erreicht, habt Ihr keine Goldklum⸗ pen in den Tiegeln geſehen?“ „Ich ſah nichts, als die todte Fleiſchmaſſe,“ ent⸗ gegnete Varney;„ein ſcheußlicher Anblick! geſchwollen wie ein Leichnam, der ſchon drei Tage auf dem Rade —V—ͤ— „Ich will ſelbſt hin, und nachſehen,“ ſagte Foſter. — Er nahm die Lampe, und ging zur Thür, ſtand aber wieder ſtill, und ſagte:„Wollt Ihr nicht mit, Sir Nichard?“ „Weshalb?“ fragte Barney⸗„ich habe genug geſe⸗ hen und gerochen, um den Appetit zu verlieren,— ich ſtieß das Fenſter auf, um friſche Luft einzulaſſen, es ſtank nach Schwefel und ähnlichem Höllenzeuge, gleich als ob der Teufel dort hauſe.“ „Kann der denn nicht auch dort ſein Werk getrieben Kenilworth. 5ter Bd. P ——— ——— ohaben?“ fragte Foſter, noch immer zögernd,„man agt, er ſey mächtig.“ „Du kannſt dennoch getroſt hingehen,“ verſetzte arney,„wenn es anders kein allzugefräßiger Satan it; er hat ſeit kurzem zwei fette Biſſen in die Küche 5 7. ie, zwei Biſſen?— was meint Ihr damit?“ Foſier* 4. ey;——„und nun das dritte Gaſtmahl— Sie wirdeDir wohl ein zu leckeres Stück für des Teu⸗ eerden ſie empfangen.. Anthony Foſter kehrte langſam zu dem Tiſche zu⸗ Ae er. „ A rdings, zentgegnete Varney,„oder es fällt k Fre für Dich ab.“ —„Sch ſah voraus, daß es dahin kommen mußte,“ ſtere„aber wie, Sir Nichard, wie?— um 51 der Welt würde ich Hand an ſie legen.“ „Das verdenke ich D „ich ſelbſt würde mich ſcheuen, es zu vollbringen,— uns Sfehlt jetzt Alascvuhd ſein Manna, oder der Schurke Lam⸗ bourne.“„ „Wo der⸗ auch ſtecken mag!“ ſagte Foſter. „Frage jetzt Rdcht danach,“ antwortete Varney;„Du „.. Glaube nicht trügt.*— Doch zurück zu unſerer ernſteren Sache.— Ich will Dich einen Vogelfang lehren, Tony, ene Fallthür— jenes Kunſtwerk, von Dir erfunden, ſcheint ein ſicherer Weg, nicht waßr⸗ wenn auch die N8 Srübe unten weggezogen.“ „Muß enn gethan werden, Sir Richard?“ 80 8 7 7 — Dir nicht,“ erwiederte Varney, wirſt ihn ſchon einmäl wieder ſehen, wenn anders Dein — Fr und Foſters alter Knecht wurden unter irgend einem Vo ſie lange vergebens. Endlich warf Varne) Kenen hnad 8 „So iſt es,“ entgegnete Foſter.* „Sollte aber die Lady eine Flucht wagen?“ fuhr Var⸗ ney fort,„ſo würde ſie durch ihr eigenes Gewicht mit der Fallthür hinab ſtürzen, nicht wahr?“ 3 „Schon das Gewicht einer Maus würde das benitken n,“. 8 antwortete Foſter⸗ 1 „Nun ſo ſtirbt ſie, indem ſie ihre Flucht ve ſagte Varney,„wir können nicht üßfür, weder Du, ich, ehrlicher Foſter.— Jetzt laß uns zu Bette g wir wollen unſer Project beſchlafen. Am nächſten Tage, als der Abend heraon Varney Foſter zur Ausführung ihres Vorhabens. Tid wande nach dem Dorfe geſandt, und Anthony ſelbſt begab ſich, in der vorgeblichen Abſicht, zu ſehen, ob die Grfin auch etwas bedürfe, nach ihrem Zimmer. Er ward vo der Sanftmuth und Geduld, mittWelcher ſie ihre Gefan⸗ genſchaft zu ertragen ſchien, faſt bewegt, ſo, daß er nicht umhin konnte, ihr aufs dringendſte anzuempfehlen Schwelle ihres Gemachs durchaus nicht vor. der⸗ des Grafen von Leiceſter zu übertréten;„ſolche wild, hoffe ich zu Gott, bald erfolgen.“ Emmy verſprach, gedidig ſich in ihr Schickſal zu fügen, und Foſter kehrte zu ſeinem hartherzigen Gefährten zurück, ſein Gewiſſen halb von der furchtbaren Laſt erleichtert, mt dere beſchwert war. „Ich habe ſie gewarnt,“ ſprach er„ſelbſt;„kent der Vogel die Schlinge, geht er nig 3 So ſich beruhigend, ließ er d. Thür des Gemachs der Gräfin von außen unverriegelt, uund hob in Varney’ s Gegenwart die Stützen unter der Fäͤllthür weg, welch jetzt nur noch ſcheinbar befeſtigt blieb. Sie zogen ſich z rück, um unten den Erfolg abzuwarten, doch harreten — 228— Zurück, in welchem er lange ungeduldig auf und ab ge⸗ ſchritten war;„nie noch,“ rief er aus,„ließ ein Weib eine ſo ſchöne Gelegenheit zur Flucht unbenutzt!“ „Vielleicht,“ entgegnete Foſter,„iſt ſie entſchloſſen, die Ankunft ihres Gemahls abzuwarten.“ „Gewiß,— gewiß!“ rief Varney hinausſtürzend, waran hatte ich nicht gedacht.“ Nach weniger als zwei Minuten hoͤrte Foſter, welcher geblieben war, das Getrampel eines Pferdes im 2s Grafen ähnlich;— einen Augenblick darauf öffnete ſich die Zimmer⸗Thür der Gräfin— in demſelben Mo⸗ ment ſtürzte die Fallthür hinab.— Ein ſchwerer Fall ward gehört— ein dumpfes Geſtöhne— und alles war ſtille.— In demſelben Augenblicke fragte Varney durch ein beſchreiblich furchtbar gemiſchten Tone:„Iſt der Vogel gefangen,— iſt die That gethan?“ 3 „Gott vergieb uns unſere Sünden!“ ſagte Foſter. „Ey was, du Narr!“ entgegnete Varney,„dein Geſchäft iſt aus, und dein Lohn verdient. Blick hinab in das Loch,— was ſiehſt Du?“ „Ich ſehe nichts, als ein Häufchen weißer Kleider,„ erwiederte Foſter,„zuſammengetriebenem Schnee ähnlich. — Ach Gott, ſie bewegt den Arm noch!“ 3 „Wirf ihr etwas auf den Kopf,“ ſagte Varney,— „deine Geldkiſte, oder ſonſt etwas ſchweres.“ gegnete Foſter;—„es bedarf deſſen nicht,— ſie iſt tobt.“— „So bi uns froh ſeyn,“ ſagte Varney, indem er ins Zimmer trat,„glaubte ich buch nicht, des Grafen Zeichen ſo treu nugahamen zu können.“ „Giebt es ein jüngſtes Gericht,“ und dann ein Pfeifen, dem gewöhnlichen Signal Fenſter herein, mit einem von Schrecken und Spott un⸗ „Varney, Ihr ſeyd ein eingefleiſchter Teufel!“ ent⸗ 5 entgegnete Foſter, 4 ——— - 229— „ſo werdet Ihr dem nicht entgehen!— Ihr habt ihre liebſte Neigung benutzt, um ſie zu vernichten,— das Kind, ſo zu ſagen, mit der Muttermilch vergiftet.“ „Ou biſt ein fanatiſcher Eſel,“ ſagte Varney,— „jetzt aber laß uns weiter denken, Ihr Körper mag bleiben, wo er ruht.“ Sie ſollten ihre ſchaͤndlichen Berathungen indeß nicht weiter fortſetzen; denn in dieſem Augenblicke ſtürzten Treſſilian und Raleigh herein, welche ſich vermittelſt Lider und Foſters Diener, die von ihnen im Dorfe angehalten worden waren, Eingang verſchafft hatten. Anthony Foſter entfloh bei ihrem Anblicke, und ent⸗ ging, da ihm jeder Winkel des alten Herrenhauſes bekannt war, allen ſeinetwegen angeſtellten Nachforſchungen. Var⸗ ney aber ward ſogleich ergriffen; ſtatt indeß Reue über ſeine That zu bezeigen, ſchien er im Gegentheil ein teufli⸗ ſches Vergnügen daran zu finden, ihnen die irdiſchen Ueberreſte der gemordeten Gräſin nachzuweiſen, wobei er ſie zugleich mit Trotz aufforderte, den Beweis zu führen, daß er ſchuld an ihrem Tode ſey. Der verzweiflungsvolle Schmerz Treſſilians beim Anblick des zerſchmetterten, und noch faſt warmen Körpers, der noch vor kurzem ſo reizen⸗ den lund geliebten Emmy, war von einer ſolchen Größe, daß Naleigh ſich genöthigt ſah, ihn mit Gewalt von der Schreckensſcene fortbringen zu laſſen, und ſelbſt alle An⸗ ſtalten zu treffen, die erforderlich waren. Varney machte indeß, bei dem zweiten Verhör, kein Geheimniß mehr, weder aus ſeinem Verbrechen, noch aus deſſen Beweggründen, indem er als Grund ſeiner Offen⸗ herzigkeit anführte, daß, wenn er auch nicht bekannt hätte, doch der Verdacht auf ihm geruhet haben würde; ein Verdacht, hinreichend, ihm Leiceſters Zutrauen zu — 230— rauben, und alle ſeine ſtolzen ehrgeizigen Plane auf im⸗ mer zu vernichten.„Ich ward nicht geboren,“ ſagte er, „um mich durch mein übriges Leben als ein Verachteter, „Verſtoßener zu ſchleppen, noch ſoll mein Tod ein Feſttag für die Müßiggänger werden.“ hege, einen Selbſtmord zu begehen, und man wandte da⸗ her alle mögliche Mittel an, ihn daran zu verhindern. leich manchem Helden des Alterthums aber führte er ins Geheim ein ſtarkes Gift bei ſich, vermuthlich von Alasco's kunſtreicher Hand bereitet. Nachdem er ſolches in der Nacht verſchluckt hatte, ward er am andern Morgen todt in ſeinem Zimmer gefunden, ohne daß er große Qual ge⸗ litten zu haben ſchien; ſein Geſicht hatte ſelbſt im Tode noch jenes Teufelslächeln, welches daſſelbe im Leben ſo furchtbar bezeichnete. Das Schickſal ſeines Schandgeſellen blieb lange Zeit unbekannt; Cumner⸗Place ward gleich nach dem Morde von jedem menſchlichen Weſen verlaſſen; denn in der Nähe des Gemachs, Lady Dudley's Zimmer genannt, behaup⸗ töne vernommen zu haben. Nach einer geraumen Zeit ge⸗ langte Janette, da man nichts weiter von lihrem Vater vernahm, zu dem vollen Beſitze ſeines Eigenthums, und der jetzt als ein Mann von geſetztem Charakter in der Diener⸗ mehrere Jahre todt waren, entdeckte ihr älteſter Sohn und Erbe bei einer Nachſuchung, welche er in Cumnor⸗ Place anſtellte, einen geheimen durch eine eiſerne Thür verwahrten Gang, der aus Lady Dudley's Zimmer hinab Aus dieſen Worten ſchloß man, daß er die Abſicht teten die Diener Stöhnen, Seufzen, und ähnliche Klage⸗ theilte dieſen mit Wayland, dem ſie ihre Hand reichte, und ſchaft der Königin angeſtellt war. Erſt als ſie Beide ſchon in eine Art von Zelle führte, wo man eine Eiſenkiſte fand, — ——— reichlich mit Gold gefüllt, über der ein Menſchen⸗Skelett ausgeſtreckt lag. Tony Foſters Schickſal kam jetzt an den Tag. Er hatte ſich hieher geſtüchtet⸗ und in der Angſt die Thür hinter ſich zugeworfen, ohne den Schlüſſel mitzu⸗ nehmen, ſo, daß er, durch dieſelben Mittel, welche er zur Sicherſtellung des Goldes, für welches er ſeine Be. 6 keit verkauft hatte, gebrauchte, gewaltſam zurückgehalten, auf die elendeſte Weiſe ums Leben kam, Ohne Zweifel bes ſtand alſo das Geſtöhne und Geſeufze, welches man gehörkha⸗ ben wollte, nicht bloß in der Einbildung, ſondern rührte von dem Böſewichte her, welcher in ſeiner Todesangſt nach Hülfe und Erlöſung ſchrie. Die Schreckens⸗Nachricht von dem Schickſale der Gräfin machte den Feſten zu Kenilworth ein plötzliches Ende. Leiceſter zog ſich vom Hofe zurück, und überließ ſich eine geraume Zeit nur ſeinen Gewiſſensbiſſen. Da aber Varney bei ſeinem letzten Geſtändniß bemüht geweſen war, ſeines Herrn zu ſchonen, war der Graf mehr ein Gegen⸗ ſtand des Mitleids, als des Zorns. Die Monarchin rief ihn endlich ſogar wieder an den Hof zurück; noch einmal zeichnete er ſich als Staatsmann und Günſtling aus, wie denn das Uebrige ſeiner Laufbahn hinlänglich bekannt iſt. — Doch in ſeiner Todesart lag etwas Vergeltendes, in⸗ dem er, wie eine faſt allgemein für wahr angenommene Sage berichtet, an den Folgen eines Giftes ſtarb, wel⸗ ches für eine andere Perſon bereitet worden war. Sir Hugh Robſart ſtarb bald nach dem Tode ſeiner Tochter, Treſſilian ſein Eigenthum als Erbtheil über⸗ laſſend. Aber weder die friedliche Ausſicht auf ländliche Unabhängigkeit, noch die glänzendere auf Hofgunſt, wel⸗ che ihm Eliſabeth eröffnete, vermochten ſeine tiefe Schwermuth zu heilen. Wo er ging und ſtand, ſchwebte ihm die zerſchmetterte Geſtalt ſeiner erſten und einzigen — 2392— Liebe vor Augen. Endlich, nachdem er für Sir Hugh Rob⸗ ſarks alte Freunde und Diener geſorgt hatte, ſchiffte er ſich mit ſeinem Freunde Raleigh nach Virginien ein, wo er jung an Jahren, aber alt an Gram, vor der Zeit den Tod fand. 4 Von den übrigen Perſonen iſt nur noch nöthig zu bemerken, daß Blount's Geiſt heller ward, ſo wie ſeine gelben Schuhſchleifen verblichen, und daß er ſpäterhin ls tapferer Befehlshaber im Kriege mehr in ſeinem Ele⸗ mente war, als während ſeiner kurzen Höflingsperiode, ſo wie, daß Dickie Springkobold's ſcharfer Verſtand ihn unter Burleigh und Cecil zu Ehren und Würden brachte. Der Umriß dieſer melancholiſchen Geſchichte kann in Ashmele's Antiquities of Berkshire gefunden werden; aauch iſt in mehreren andern Werken, in welchen von Leiceſter die Rede iſt, darauf hingedeutet worden. Der⸗ geiſtreiche Ueberſetzer des Camoens, William Julius Mickle, hat das traurige Schickſal der Gräfin zu einer herrlichen Elegie benutzt, welche mit folgenden Zeilen ſchließt: Der Dorfbewohnerinnen Blicke meiden Noch jetzt das alte mooſige Geſtein, Und nimmer kehrt der Tanz mit ſeinen Freuden In Cumnors öde, düſtre Hallen ein. Und mancher Wandrer, der die Geiſtermauer Von fern erſchaut in monderhellter Nacht, Hat, tief erfaßt von mitleidsvoller Trauer, Der armen Gräfin ſeufzend noch gedacht. ——— Minnſſſt ſſninſ 6 17 18