deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeiß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3„„ 3—„„ 35 Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Auslèihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir gekiehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — Kampf mit dem Geſchick. Roman, frei nach dem Verfaſſer der Lollharden von Zweiter Band. Braunſchweig, 1828, b e i G. C. E. M ey e r. — 1. Ocgleich Harley danach verlangte, Hand an das große Werk zu legen, welches er zu beginnen be⸗ ſchloſſen hatte, ſtand, denn er war von ſeiner Wanderung ermuͤdet, die Sonne doch ſchon hoch am Himmel, als er am naͤchſten Morgen ſein Lager verließ. In dem zweiten kleinen Raum ſeiner Huͤtte, wo er ſeine haͤuslichen Geſchaͤfte vorzuneh⸗ men pflegte, fand er ſeine kleine Haushaͤlterin ſchon munter und das Fruͤhſtuͤck bereit. Waͤhrend er dieſes zu ſich nahm, bemerkte er in den Zuͤgen Nakis ein geheimnißvolles Laͤcheln, welches zu ver⸗ kuͤnden ſchien, daß ſie etwas von Wichtigkeit auf dem Herzen habe, was ſie auszuſprechen nicht wage. Dieſer Umſtand machte ſeine Aufmerkſam⸗ keit rege, und er fragte ſie, was ihre Seele be⸗ ſchaͤftige. Ein noch ſchlaueres Laͤcheln war an⸗ — 4— fangs alles, was er von dem kleinen kupferfarbi⸗ gen Maͤdchen zur Antwort erhielt, wobei ſie ihn neckend anblickte, ſo als erwiedere ſie:„kannſt Du es nicht rathen?— verſuch's einmal— rathe!“— Harley rieth auf mehrere Dinge, doch verge⸗ bens, und Naki ſah ſich endlich genoͤthigt, ihm den Schluͤſſel zu ihrem Raͤthſel zu geben, indem ſie mehreremal„Coanco, coanco,“ die Anhoͤhe, die Anhoͤhe! ausrief.„Was ſoll's mit dem Huͤ⸗ gel?“ fragte Harley. Naki lachte laut auf und entgegnete:„To-agabee, gehe hin und ſieh!“ Hieraus ſchloß er, daß das Geheimniß der Klei⸗ nen in Bezug mit ſeiner kuͤnftigen Wohnung ſtaͤnde, und er ließ ſie daher ihr To- agabee nicht oͤfter wiederholen, fondern eilte hinaus, wo er alsbald mit unendlicher Freude gewahrte, daß der alte Haͤuptling und eine Menge der Eingebor⸗ nen ſchon Hand ans Werk gelegt hatten, um ſeine neue Huͤtte zu gruͤnden. Die Baͤume, wel⸗ che er bezeichnet hatte, waren bereits gefaͤllt, und ihm ward das Vergnuͤgen zu ſehen, wie man ganz nach dem Plan, den er entworfen hatte, mit einer Kenntniß deſſelben arbeitete, die ihm unerklaͤrbar war, was ihn aber mehr als alles Andere in — —— - 1 — 5— Erſtaunen ſetzte war die Zuverſicht, mit der Jol⸗ lika das ganze Werk leitete. Bald ward es un⸗ ſerem Seemann indeß einleuchtend, daß der alte wackere Mann ſich am vergangenen Tage nur ſo ſchwer von Begriffen geſtellt hatte, um Harley zu noͤthigen, ihm ſeinen Plan recht umſtaͤndlich aus⸗ einander zu ſetzen. So von Allem unterrichtet, hatte er fruͤh Morgens die Arbeiter zuſammen be⸗ rufen, um unter eigner Anleitung die neue Woh⸗ nung fuͤr den weißen Mann zu gruͤnden. Der gutmuͤthige Jollika genoß nun den gan⸗ zen Triumpf eines wohlwollenden Herzens, wel⸗ ches einem Freunde eine freudige Ueberraſchung bereitet hat. Er lachte mit unverſtelltem Jubel uͤber das Erſtaunen, welches die Schnelligkeit ſei⸗ ner Anſtalten auf Harleys Geſichte hervorgerufen hatte; dann aber fuhr er eifrig in ſeinem Thun und Treiben fort. Gegen Mittag war alles überflüſſige Holz gefaͤllt, und nur ſo viel Baͤume verſchont worden, als Harley zur Befeſtigung und Verſchoͤnerung ſeiner Wohnung fuͤr noͤthig erachtet hatte. Unter dieſen waren drei Arten von Palmen, von denen zwei den Wein lieferten, der dritte aber eine Nuß — 6— hervorbrachte, aus der ein treffliches Oel gezogen wird. Die Afrikaner ſchaͤtzen es ſehr hoch, weil ſie der Meinung ſind, daß ſie demſelben, indem ſie ihre Gliedmaßen damit reiben, die große Koͤr⸗ pergewandheit verdanken, durch die ſie ſich aus⸗ zeichnen. Die erſte Sorge Harley's, der nun uͤber viele Haͤnde zu gebieten hatte, war, den Schutz ge⸗ waͤhrenden Zaun auffuͤhren zu laſſen, den er an⸗ zulegen beſchloſſen hatte; erſt als dieſer fertig, ließ er den Bau der Huͤtte beginnen, der nach zehn Tagen ebenfalls vollendet war. Wenn aber auch durch den Beiſtand ſeiner be⸗ reitwilligen Freunde das aͤußere ſeiner neuen Woh⸗ nung nun weiter keiner Arbeit bedurfte, war doch die innere Einrichtung noch ganz zu treffen, und bei dieſer hatte er beſchloſſen, ſich keiner anderen Huͤlfe als der ſeiner kleinen Naki, ihrer Gefaͤhr⸗ tin und der beiden fruͤher erwaͤhnten Juͤnglinge zu bedienen. Fuͤr dieſe war eine kleine Huͤtte unfern der ſeinen errichtet, und neben jener eine Vor⸗ rathskammer aufgefuͤhrt, wo er Korn, getrocknete Fruͤchte und andere Lebensmittel aufzubewahren gedachte. ᷣ — — 7— Seine Wohnung war bei weitem groͤßer als die gewoͤhnlichen Huͤtten der Eingebornen, und be⸗ ſtand aus zwei Abtheilungen, die durch eine aus Weidenrinde geflochtene, mit Matten bedeckte Schei⸗ dewand getrennt waren. Jedes Gemach hatte eine Oeffnung um Licht einzulaſſen, jedoch trug er Sorge, durch kreuzweiſe vor derſelben uͤbereinan⸗ der befeſtigte Staͤbe den wilden Thieren und Raubvoͤgeln den Eingang zu verſchließen. Dieſe Vorſichtsmaßregel traf er vorzuͤglich der Affen we⸗ gen, deren es in jenen Gegenden viele und von allen Arten giebt. Dann fertigte er einen Tiſch, einen Sitz und ein Lager, wie in ſeiner fruͤheren Huͤtte, wobei ihm das Meſſer, welches er auf ſeiner Wande⸗ rung verloren, aber ſo gluͤcklich wieder gefunden hatte, vorzuͤgliche Dienſte leiſtete. Mehr als drei Wochen war er ſo beſchaͤftigt ſich neues Hausge⸗ raͤth zu ſchaffen, und wenn dann ein neuer Bei⸗ trag zum Nutzen oder zur Bequemlichkeit aus ſei⸗ nen Haͤnden hervorging, erfuͤllte eine, wenn auch immer nur kurze, an Entzuͤcken graͤnzende Freude ſeine Seele.. Bei dem Anblick der mannichfachen Gegen⸗ — 8— ſtaͤnde, die er gefertigt hatte, konnte er den frohen Gedanken nicht unterdruͤcken, daß, wenn ihn das 3 Schickſal nach England zuruͤckfuͤhren ſollte, dieſe Dinge, jetzt ihm von ſo großem Nutzen, dann ein 1 trefflicher Stoff zur Unterhaltung mit ſeiger theu⸗ ren Emilie ſeyn wuͤrden. Er malte ſich ſchon das liebliche Laͤcheln der freudigſten Ueberraſchung, wie es die Wangen der Geliebten umziehen wuͤrde bei Anhoͤrung des Berichts von ſeinem Treiben und Thun in der Mitte der Wilden in den fer⸗ nen Wuͤſten Afrika's, wohin, ſo viel ihm bekannt, 4 noch kein europaͤiſcher Fuß gewandelt war. Alle 4 Hinderniſſe hoffte er, waͤren dann verſchwunden, 8 und der erlittenen Drangſale wuͤrde er ſich nur noch am traulichen Kamin im liebevollem Geſpraͤch an der Seite der heißgeliebten Gattin erinnern.— Ein Monat war vergangen, ſeitdem der alte Haͤuptling und die Eingebornen ihre Arbeiten an der neuen Wohnung des weißen Mannes vollen⸗ det hatten, und nun erſt nahm Harley Beſitz von derſelben. Ihr anſpruchloſes Aeußere, ihre Schutz gewaͤhrende Umgebung gaben ihr ein freundliches f Anſehen; Harley konnte ſie nicht ohne ein zufrie⸗ denes ſelbſt gefaͤlliges Laͤcheln betrachten, und haͤtte —— — 9— dieſe Huͤtte in England geſtanden, haͤtte ſeine Emilie ſie mit ihm bewohnen koͤnnen, er wuͤrde dieſes kleine ſtille Obdach doch gegen kein anderes noch ſo glaͤnzendes Haus vertauſcht haben. Harley wuͤnſchte den Einzug in ſeine neue Beſitzung durch eine Feſtlichkeit zu bezeichnen, und er lud demnach den Haͤuptling und die Bewoh⸗ ner des Dorfs zu einer ſolchen ein, er fuͤhlte, daß er ihnen ſeine Dankbarkeit fuͤr die empfangenen Wohlthaten nicht beſſer an den Tag legen koͤnne, als wenn er oͤffentlich zeige, wie zufrieden er mit ſeiner Lage ſey. Es ward wacker gegeſſen, ge⸗ trunken, getanzt, man war froͤhlich und guter Dinge, und ſpaͤt erſt verließen die Schwarzen die Wohnung ihres heiteren Wirthes, der von den Heimkehrenden noch lange den freudigen Ruf „Montania, Montania“ zu ſich heraufſchallen hoͤrte. 1. Als er am anderen Morgen erwachte, hatte ſeine kleine Naki die Huͤtte ſchon wieder in Ord⸗ nung gebracht, und alles weggeraͤumt, was von der geſtrigen Feſtlichkeit noch in Unordnung um⸗ her geſtanden hatte. Eine neue zierliche Matte lag auf ſeinem Tiſch ausgebreitet, auf dem Fruͤchte 10— und Milch zur Erfriſchung fuͤr ihn bereit ſtanden. Er hatte ſich eben zum Fruͤhſtuͤck geſetzt, als ſich die Thuͤr oͤffnete, und acht Maͤnner eintraten, von denen je zwei und zwei eine mit Korn gefuͤllte Matte trugen. Dieſes, deuteten ſie ihm an, ſey ein Geſchenk der ganzen Horde, damit es ihm nicht an Lebensmitteln fehle, bis er ſelbſt Korn gebauet haben wuͤrde. Eine ſolche Gaſtfreundlich⸗ keit beſchaͤmte ihn, zumal wenn er das uneigennuͤtzi⸗ ge edle Betragen dieſer Wilden mit dem Beneh⸗ men der geldgierigen Europaͤer an den Ufern des Gambia verglich. Nach dem, was er aus dem Ge⸗ ſpraͤch mit ihnen erfahren konnte, mußte er ſchlie⸗ ßen, daß er der erſte Weiße war, den man in Sam⸗ barra geſehen hatte. Er ſchauderte vor dem Ge⸗ danken, daß eine Verbindung mit der Nation, zu der er gehoͤrte, mit Menſchen, die mit Anmaßung von Aufklaͤrung und groͤßerer Bildung ſpraͤchen, dieſe einfachen guten Naturkinder, denen die Ge⸗ fuͤhle der wahren Menſchlichkeit keinesweges fremd waren, nur verderben konnte.„Guͤtiger Himmel,“ ſprach er wohl zu ſich ſelbſt,„wie werden deine ſchaͤtzenswertheſten Gaben gemißbraucht!“ Wenn der Spruch:„wem da viel verliehen iſt, von dem — — — 11— wird viel gefordert werden,“ einſt in Erfuͤllung ge⸗ hen ſollte, zu welcher ſchrecklichen Rechenſchaft wird Europa dann gezogen werden, welches ſein Ueberge⸗ wicht und ſeine groͤßere Aufklaͤrung nur zum Ver⸗ derben weniger kultivirter Voͤlker verwendet!“ Die Neger, unter denen ſich Harley befand, waren lange als eine herumziehende Horde betrachtet worden, obgleich ſie zu Sambarra gewiſſermaßen ihr Hauptquartier aufgeſchlagen hatten. Wie lange dieſe Niederlaſſung hier ſchon beſtand, konnte er nicht erfahren, obgleich er die Eingebornen meh⸗ reremale darum befragte. Die Foulahs oder Polies leben in Horden oder Staͤmmen, von Haͤuptlingen aus ihrer Mitte be⸗ herrſcht, welche keine Gewalt uͤber ſich anerkennen. Das Land wird als ein allgemeines Eigenthum be⸗ trachtet; doch iſt jeder verpflichtet daſſelbe urbar zu machen, und hat dann gleichen Theil an dem Er⸗ trage. Ihre Kenntniſſe des Ackerbaues ſind nicht ganz zu verwerfen, und Reis, Baumwolle und Korn im Ueberfluß fuͤr ſie vorhanden. Als Harley zuerſt zu dieſen Negern kam, war es Sitte bei ih⸗ nen das Korn zu zermalmen, und ihre Milch oder den Palmenwein damit zu verdicken. Eines ſeiner — 12— erſten Geſchaͤfte aber war, das Korn fuͤr ſich zu Brodt zu bereiten; von ihm lernten die Eingebornen dieſe Kunſt, und uͤbten ſie fortan mit großer Freu⸗ de, ſo daß es ſelbſt nicht unwahrſcheinlich iſt, wie ihr freundliches Benehmen gegen ihn zum Theil durch die Wohlthat herbeigefuͤhrt wurde, die ſie in dieſer Ruͤckſicht von ihm empfangen zu haben glaubten. Ddie Einwohner von Sambarra trieben auch etwas Viehzucht, eine Art kleiner Kuͤhe ward von ihnen mit beſonderer Sorgfalt behandelt, dieſe Heerden durften ſich nie weit von dem Dorfe ent⸗ fernen, und Waͤchter waren angeſtellt, um ſie vor dem Angriff wilder Thiere zu ſchuͤtzen, eine Sorge, welche ſie ebenfalls in Ruͤckſicht der Ziegen beobachte⸗ ten, deren Fleiſch ſie ungemein liebten. Trotz aller dieſer Annehmlichkeiten aber verlangte unſern Har⸗ ley dennoch recht oft nach den geſelligen Freuden Eu⸗ ropa's, er ſehnte ſich nach England, denn Patrio⸗ tismus und Liebe ſteigerten die Ungeduld, mit der er den Augenblick herbeiwuͤnſchte, in dem er den va⸗ terlaͤndiſchen Boden wieder werde betreten koͤnnen. Wie ſehr ſich aber auch unſer Held zuruͤck nach Europa ſehnte, unterließ er es doch nicht, ſeine neue Wohnung immer mehr und mehr zu verſchoͤ⸗ nern; er umpflanzte ſie mit allen Kindern Floras, die dieſe Goͤttin jenen Gegenden geſpendet hatte, ſo daß ſeine Huͤtte bald einen gar freundlichen Anblick gewaͤhrte. Als er ſo eines Tages beſchäftigt war Ge⸗ waͤchſe auszugraben, die er fuͤr ſeinen Garten be⸗ ſtimmt hatte, fiel ſeine Aufmerkſamkeit auf einen glaͤnzenden metallartigen Gegenſtand, den er mit hervorgehoben hatte; und als er auf eben der Stelle nun weiter nachgrub, fand er noch groͤßere Stuͤcke von derſelben Erzgattung. Obgleich er auf dieſe Entdeckung eben keinen großen Werth legte, nahm er von dem, was er gefunden hatte, doch einige Stuͤcke mit ſich, und zeigte ſie ſeiner klei⸗ nen Naki, welche eins davon gegen einen Stein rieb, wo es denn auf der Stelle eine ſolche Poli⸗ — 14— tur empfing, daß Harley die Ueberzeugung gewann, er habe entweder Kupfer oder Gold gefunden. Er fuͤhlte ſich geneigt zu glauben, daß es das Letztere ſey, und die Wichtigkeit der Entdeckung in dieſem Falle begreifend, bewahrte er von nun an ſorg— faͤttig alles auf, was er von dieſem Metall fin⸗ den konnte. Die bisherige Gefaͤhrtin Nakis erkrankte um dieſe Zeit, und verließ ſeine Wohnung, um ſich nach dem Dorfe zu begeben und den Rath eines jener Prieſter oder Wahrſager einzuholen, denen die Bewohner dieſer Gegenden großes Zutrauen ſchenken. Mehrere dieſer Betruͤger belaͤſtigten die kleine Gemeinde, von der Harley ein Mitglied ge⸗ worden war, und die deſpotiſche Weiſe, mit der ſie den Aberglauben und die Unwiſſenheit ihrer Landsleute zu benutzen verſtanden, war unſerem Helden laͤngſt zuwider geweſen. Der Verluſt einer ſeiner Dienerinnen war ihm uͤbrigens nicht ſehr fuͤhlbar, da Naki das ganze Innere ſeiner Haus⸗ haltung laͤngſt ſchon allein beſorgt hatte, und die beiden Juͤnglinge hinreichend waren, ihm beim Ackerbau und auf der Jagd huͤlfreiche Hand zu leiſten. —.,— Von dem Wunſche beſeelt, die Umgegend naͤ⸗ her kennen zu lernen, machte er oft bedeutende Excurſionen nach allen Richtungen hin, um aus⸗ zuſpaͤhen, welchen Weg er einſt einzuſchlagen habe, wenn er den Plan zu einer Flucht, uͤber den er raſtlos nachſann, einmal in Ausfuͤhrung bringen wuͤrde. Die beiden Juͤnglinge ließen ihn nur ſel⸗ ten allein ſeine Wanderung antreten, und aͤußer⸗ ten, wenn er ihre Begleitung zuruͤckwies, eine ſo außerordentliche Beſorgniß ſeinetwegen, daß er dieſe nur fuͤr Verſtellung und ſich uͤberzeugt halten mußte, ihr Betragen ſey durch das Verlangen herbeigefuͤhrt, ſeine etwanige Flucht zu verhindern. Dieſes Gefuͤhl gab ihm eine gewiſſe Unbehaglich⸗ keit; er konnte nicht begreifen, warum man ihn ſo bewache, da er den Entſchluß, ſich von dieſer Gegend zu entfernen, noch nie ausgeſprochen hatte, und da er, ſelbſt wenn dieſes geſchehen waͤre, nicht einſah, wie die guten Leute von Sambarra einen ſo großen Werth auf ihn ſetzen koͤnnten. Außer Stande indeß dieſen Zwang von ſich abzu⸗ ſchuͤtteln, ſtellte er ſich mit demſelben voͤllig zu⸗ frieden, hoffend vielleicht ſo die Wachſamkeit ſei⸗ ner Huͤter einzuſchlaͤfern; um dieſe Abſicht deſto — gewiſſer zu erreichen, ſprach er oft mit den beiden Juͤnglingen von den Verbeſſerungen und Verſchoͤ⸗ nerungen, welche er in einem Zeitraum von zwei oder drei Jahren in ſeiner Wohnung oder ſeinem Garten anzubringen gedachte. Kein Wort kam uͤber ſeine Lippen, welches ihnen verrathen konnte, daß er einen anderen Wunſch haͤtte, als bei ihnen zu leben und zu ſterben. Sie ſchienen ſeine Auf⸗ richtigkeit durchaus nicht zu bezweiflen; ſo groß aber war ihr Argwohn oder ihre Anhaͤnglichkeit, daß ſie, wenn er auch nur im geringſten verſuchte ſich von ihnen zu entfernen, ihm auf der Stelle nacheilten. Als er ſo eines Morgens von ihnen beglei⸗ tet herumſtrich, war er in eine Waldung gera⸗ then, wohin weder er noch ſeine Begleiter fruͤher gekommen waren, bis ſie endlich an einen kleinen See gelangten, wo ſie ploͤtzlich ein ſo ungewoͤhn⸗ liches und ſeltſames Geraͤuſch vernahmen, daß die beiden Juͤnglinge erſchraken und zuruͤckeilen woll⸗ ten, und ſelbſt Harley vor Beſtuͤrzung einen Au⸗ genblick lang ſtehen blieb. Bald ſchwand indeß ihr Schrecken, als ſie bemerkten, daß das, was ihr Ohr ſo ſonderbar beruͤhrt hatte, nur durch — 17— deas Aufflattern von Waſſervoͤgeln entſtanden ſey, die nun in den mannichfachſten Gattungen vor ih⸗ nen emporflogen. Von Waſſervoͤgeln hatte Har⸗ ey in dieſen Gegenden nur wenige geſehen, und nach der ungeheuren Menge, die er hier erblickte, zu ſchließen, ſchien es, als haͤtte ſich das befie⸗ derte Voͤlkchen dieſen einſamen Ort zu ſeiner allei⸗ nigen Niederlaſſung gewaͤhlt. Dieſe Entdeckung war ihm indeß nicht unangenehm, er beſchloß wo mmoͤglich einige dieſer Waldbewohner zu fangen, b 3 und kehrte auf der Stelle nach ſeiner Wohnung uruͤck, um die noͤthigen Anſtalten dazu zu tref⸗ fen. Er nahm Ziegenhaare, die er zuſammenflocht und knuͤpfte, bis ſie ſtark wurden wie Angelſchnuͤre, und nachdem er wohl dreißig davon verfertigt hatte, jede ungefaͤhr drei Fuß lang, verfuͤgte er ſicch am naͤchſten Tage wieder zum See, um ſei⸗ nen Fang zu beginnen. 8 ¹ An den Stellen, wo, wie er bemerkte, ſich die Waſſervoͤgel am meiſten aufgehalten hatten, ſteckte er anderthalb Fuß hohe Staͤbe wenige Zoll weit von einander entfernt, in die Erde. An jedem 8 Stabe befeſtigte er dann eine Schnur, an deren Ende ſich eine Schlinge befand, welche er auf II. Band. 2 2 den Boden legte, ſo daß, wenn der Vogel ſeine Fuͤße hineinſtellte, er die Schlinge zuziehen und ſich fangen mußte. Ungeduldig, den Erfolg dieſes Erpericents zu erfahren, kehrte er am naͤchſten Morgen von den beiden Juͤnglingen begleitet, nach dem See zuruͤck, wo er denn mit Vergnuͤgen gewahrte, daß er ſiebzehn Gefangene gemacht hatte. Als er ſich naͤherte, flatterten ſie auf und verſuchten aufs neue ihre Befreiung, dadurch aber zogen ſie die Schlingen nur noch feſter. Harley band nun die Fuͤße der gefangenen Waldbewohner, legte ſie in Koͤrbe, die er in der Hoffnung eines gluͤcklichen Erfolgs mitgebracht hatte, und trug ſie mit Huͤlfe ſeiner Begleiter den Berg hinan, ſeiner Wohnung zu. Die meiſten der Joͤgel waren eine Gattung großer Enten. Nachdem er ein Paar der ſchoͤn⸗ ſten dem Jollika und einige andere denjenigen Ein⸗ gebornen zum Geſchenk gemacht hatte, welche am zuvorkommendſten gegen ihn geweſen waren, be⸗ ſchnitt er dem uͤbrigen Theil ſeiner Gefangenen die Fluͤgel an beiden Seiten. Dieſe ließ er nun frei auf ſeinem Gehoͤfte fliegen, und verſah ſie reichlich mit Futter und Waſſer. — 19— Waͤhrend er ſich ſo beſchaͤftigte, war die Guͤte, mit welcher ihn die Eingebornen aufgenommen hatten, durchaus nicht geringer geworden, ihre Freundlichkeit und ihre Achtung gegen ihn hatten ſich im Gegentheil noch vermehrt, welches wohl die Bewunderung verurſacht haben mochte, die ſein dem ihren bei weitem uͤberlegenes Wiſſen bei ihnen erregte. Er beklagte, daß er nicht im Stande ſey, ſeine Dankbarkeit gegen ſie auf recht thaͤtige Weiſe an den Tag zu legen; bald aber fand ein Vorfall ſtatt, der ihn in den Stand ſetzte, die Schuld ſeiner Erkenntlichkeit mit In⸗ tereſſen zu bezahlen. Charles hatte von Jugend auf das Studium der Botanik geliebt, und benutzte auch jetzt die Gelegenheit, die ihm geworden war, ſich mit den Pflanzen dieſer fernen Gegenden bekannt zu ma⸗ chen. Zu dem Ende unternahm er an den Tagen, die er dem Vergnuͤgen widmete, bedeutende Strei⸗ fereien nach allen Richtungen hin; und als er einſt von einer derſelben zuruͤckkehrte, erregte eine Staude ſeine Aufmerkſamkeit; er beſchloß das Gewaͤchs nach ſeinem Huͤgel zu verpflanzen. Als er einen Verſuch machte, die Staude auszugraben, fand — 20— er, daß die Wurzel derſelben weit tiefer in die Erde hineingehe, als er vermuthet hatte, und er war, um ſie nicht abzubrechen, genoͤthigt, ein tie⸗ fes Loch zu machen, ehe er ſeine Abſicht die Pflanze herauszuheben, erreichen konnte. So be⸗ ſchaͤftigt fiel ihm die Verſchiedenheit des Bodens auf, und er gewahrte mit Erſtaunen und Freude, daß er auf eine Schicht von feiner Thonerde ge⸗ ſtoßen war; die Wichtigkeit dieſer Entdeckung leuchtete ihm auf der Stelle ein, denn er war nun im Stande den Eingebornen zu zeigen, wie man Gefaͤße bereite, in denen man kochen und fluͤſſige Gegenſtaͤnde aufbewahren koͤnnte. Entzuͤckt uͤber dieſen Fund bemerkte er ſich genau die Stelle, wo der Schatz ruhte, nahm aber zugleich etwas von der Thonerde mit ſich, und deutete ſeinen Begleitern an daſſelbe zu thun. Zu Hauſe angelangt, ſchlug er die Erde mit ſtar⸗ ken Hoͤlzern zu einem dicken Teig, und verſuchte daraus eine Art von Pfanne zu verfertigen. Was er aber nur fuͤr eine einfache Operation hielt, er⸗ ſchien ihm jetzt eine ungemein ſchwierige Arbeit; denn als er den Teig ausgehoͤlt und ihm die Ge⸗ ſtalt einer Pfanne gegeben hatte, ſah er zu ſeinem — 21— Mißvergnuͤgen die Maſſe unter ſeinen Haͤnden berſten, und als er, um dieſes zu verhindern, noch mehr Thon hinzubrachte, uͤberzeugte er ſich bald, daß auf dieſe Weiſe das Gefaͤß ſo unbe⸗ huͤlflich werden muͤſſe, daß keine Hitze durch daſ⸗ ſelbe dringen und es ihm alſo nur von wenigem Nutzen ſeyn wuͤrde. Verſchiedene Verſuche, die er machte ſeine Abſicht zu erreichen, mißlangen; end⸗ lich fiel ihm etwas ein, was ihn, wie er hoffte, zum Ziele bringen koͤnne. Er nahm einen von den ausgehoͤlten Kuͤrbiſſen, die ihm bisher als Ge⸗ ſchirr gedient hatten, um ihn als Form zu be⸗ nutzen, uͤberzog ihn mit einer Miſchung von Thon⸗ erde, Sand und geſtoßenen Holzkohlen, und ſtellte ihn an die Sonne. In zwei Tagen war das Ge⸗ faͤß ſo trocken, daß er meinte, er koͤnne es wohl wagen, es in die Naͤhe des Feuers zu bringen, ein Verſuch der vollkommen gelang; das Gefaͤß ward fuͤr ſeinen Endzweck hart genug und als der Kuͤrbiß, uͤber den er es geformt hatte, inwendig verbrannt war, ſah er ſich im Beſitz eines Geſchir⸗ res, wie er es zu fertigen gewuͤnſcht hatte. Wer ſich je in einer der unſeres Harley aͤhn⸗ lichen Lage befunden hat, wird die Freude be⸗ — 22— greifen, die er uͤber das neue Werk ſeiner Haͤnde empfand. Als er noch mehrere dergleichen Gefaͤße, und zwar ſtets mit beſſerem Erfolge geſchaffen hatte, bot er die Fruͤchte ſeiner Arbeit feierlich dem Jol⸗ lika dar, indem er ihm die Art und Weiſe er⸗ klaͤrte, wie man dieſe Dinge in Europa gebrauche. Die Gabe ward mit der groͤßten Freundlichkeit em⸗ pfangen, und die Entdeckung von den Eingebor⸗ nen nach Verdienſt gewuͤrdigt; ihr Erſtaunen, als ſie zum erſtenmal Waſſer kochen ſahen, laͤßt ſich nicht beſchreiben, und die Achtung, welche man dem weißen Mann bisher erwieſen hatte, ſtieg nun faſt bis zur Verehrung. Oosleich ſich alles in Lob uͤber den Thonkürbiß des weißen Mannes ergoß, fuͤhlte dieſer doch, daß ſeine Entdeckung von groͤßerem Werthe geweſen waͤre, wenn es in Sambarra Salz gegeben haͤtte; der Mangel deſſelben war ihm jetzt erſt fuͤhlbar geworden, da er wieder gekochte Speiſen genoß. Zwar verſuchte er das ihm fehlende Salz durch aromatiſche Kraͤuter, und durch mehrere Gattun⸗ gen von Pfeffer zu erſetzen, dieſes aber war nur ein hoͤchſt unvollkommenes Huͤlfsmittel, und es ſchien ihm faſt unbegreiflich, wie die Natur, wel⸗ che in ſo mancher anderen Hinſicht dieſe Gegend ſo reichlich bedacht hatte, ihr jenes ſo nothwen⸗ dige Gewuͤrz oder ein anderes, welches die Stelle deſſelben zu erſetzen im Stande waͤre, verſagt ha⸗ ben ſollte. Als er ſich einſt gegen Jollika uͤber den gaͤnz⸗ lichen Mangel des ihm ſo nothwendig ſcheinenden Salzes beklagt, und die Vermuthung geaͤußert — 24— hatte, daß doch aller Wahrſcheinlichkeit nach, etwas aͤhnliches in dieſem Lande zu finden ſeyn muͤſſe, erbot ſich der alte Haͤuptling ihn bei ſeinen Nach⸗ forſchungen in dieſer Ruͤckſicht zu unterſtuͤtzen, und lud ſeinen Gaſt ein, ihn zu dieſem Ende auf einem Beſuche zu begleiten, den er mehreren an⸗ deren Horden oder Dorfſchaften abſtatten wollte, welche ihn ebenfalls als ihren Oberherren aner⸗ kannten. Dieſe Aufforderung war unſerem Harley aus mehr als einem Grunde angenehm, jede naͤhere Kenntniß der Umgegend ſchien ihm die Zahl der Mittel zu vermehren, die er hatte einſt dieſes Land zu verlaſſen. Was auch immer auf Augenblicke ſeine Auf⸗ merkſamkeit beſchaͤftigen mochte, ſein Entſchluß ſtand feſt, aus dieſer Gegend zu entfliehen, ſo⸗ bald die regnigte Jahreszeit voruͤber ſeyn wuͤrde; ſelbſt wenn der Verſuch zu ſeiner Flucht die Freundſchaft, welche ihm die Eingebornen bezeig⸗ ten, in die bitterſte Feindſchaft verwandeln ſollte. Aber zu ſeiner Ehre muͤſſen wir auch geſtehen, daß es nicht dieſer Grund allein war, welcher ihn bewog, die Einladung des Haͤuptlings ſo freudig anzunehmen; er fuͤhlte ſich den wackeren Leuten, unter denen er lebte, dankbar verbunden, und ihn verlangte danach, ihre armſelige Lage ſo viel als moͤglich zu verbeſſern. Außer dieſen Beweggruͤn⸗ den aber trieb ihn die Neugierde an, mehrere Ort⸗ ſchaften dieſer fernen Gegenden kennen zu lernen; und ſo wurden unverzuͤglich die Anſtalten zur Reiſe getroffen. Naki ſollte ihn begleiten, die bei⸗ den Juͤnglinge aber wollte er zuruͤcklaſſen, ſein Haus und Eigenthum zu beſchuͤtzen, und nachdem er ihnen befohlen hatte die Thuͤr deſſelben bis zu ſeiner Ruͤckkehr nicht zu oͤffnen, verließ er mit dem Haͤuptling und deſſen Gefolge, Sambarra. Sechs Diſtrikte nahmen die Aufmerkſamkeit des wackeren Jollika in Anſpruch, ſie hießen, Tourquarane, Sagella, Nayé, Gingui, Fa- renna und Neusabana. Tourquarane, wohin ſie zuerſt ihren Weg nahmen, war, wie ſich Har⸗ ley uͤberzeugte, ein eben ſo großes Dorf als das, in welchem Jollika gewoͤhnlich zu reſidiren pflegte; es lag in einer weiten ſandigen Ebene, und war mit einem ſtarken Zaune umgeben. Der Haͤupt⸗ ling und die mit ihm kamen, wurden mit den Aeußerungen der groͤßten Freude empfangen, Ju⸗ — 26— bel war die Ordnung des Tages, und ein allge⸗ meiner Tanz, wie wir ihn fruͤher beſchrieben ha⸗ ben, beſchloß die Feſtlichkeit. Die Huͤtten zu Tourquarane waren faſt eben ſo gebauet wie die 5 zu Sambarra, aber ſie waren in Ruͤckſicht der Groͤße verſchiedener als dieſe. Um dieſen Ort her gab es auch zahlreiche Elephanten; ihr Fleiſch diente den Eingebornen zur Speiſe, und ihre Klauen wurden als der koͤſtlichſte Leckerbiſſen be⸗ trachtet, den man einem gern geſehenen Gaſte vor⸗ ſetzen koͤnne. Harley, deſſen Ruf ſich bis nach Tourquarane ſchon verbreitet hatte, noch bevor er dieſen Ort zu beſuchen beabſichtigte, war in demſelben ein Gegenſtand der allgemeinſten Auf⸗ merkſamkeit. Er ward auf das herzlichſte begruͤßt und eine Elephantenklaue ihm vorgeſetzt, er ver⸗ ſuchte es davon zu eſſen, aber ſie wollte ihm nicht ſchmecken. Eben der Mangel an Salz machte ihm dieſe Speiſe noch ungenießbarer, ein Umſtand, der ihn bewog, ſeine Nachforſchungen nach dieſem Gewuͤrz oder nach etwas dem aͤhnlichen auf der Stelle wieder zu beginnen. Aber er konnte nichts von dem entdecken, was er zu finden wuͤnſchte, —— -— 2.— und es blieb waͤhrend der ganzen uͤbrigen Reiſe ſein Forſchen in dieſer Nuͤckſicht fruchtlos. Die uͤbrigen Orte, welche ſie beſuchten, wa⸗ ren von Sambarra und Tourquarane zu wenig verſchieden, um umſtaͤndlich beſchrieben zu werden. Sagella und Nayé lagen an den Ufern zweier herrlicher Landſeen; die Hitze war in dem letzten Orte waͤhrend der kurzen Zeit, die unſer Held ſich dort aufhielt, ſo groß, daß ſelbſt die aͤlteſten Be⸗ wohner jener Gegend ſie nie ſo ſtark gefuͤhlt zu haben behaupteten, und noch bevor der Haͤuptling das Dorf verließ, zeigte ſich ein Phaͤnomen, wel⸗ ches die Eingebornen mit großem Schrecken er⸗ fuͤllte. Das Waſſer, welches die Niederungen un⸗ fern des Sees gewoͤhnlich auszufuͤllen pflegte, war von der Hitze aufgetrocknet, welche nun auch den Land⸗See ſelbſt zu leeren begann, wodurch den ſtaunenden Zuſchauern ein ungemein uͤberraſchen⸗ der Anblick dargeboten wurde. Ein ungeheurer durchſichtiger Koͤrper ſtieg wirbelnd aus dem Bette des Sees zu einer unermeßlichen Hoͤhe empor, eine Waſſerpyramide von großer Pracht bildend. Hoch uͤber dem Strom fing die transparente Maſſe die Strahlen der Sonne auf, wodurch ſich uͤber die — 28— ganze Gegend ein flammenreicher Glanz verbreitete, den ſterbliche Augen kaum zu ertragen vermochten. Die, deren Seh⸗Organe ſtark genug waren, in die ungewoͤhnliche Pracht hineinzublicken, bebten von Entſetzen erfaßt, denn ſie hielten dieſe Er⸗ ſcheinung fuͤr eine Verkuͤnderin von Verderben und Untergang. In dieſem Augenblick erhob ſich ein gewaltiger Windſtoß, der die Waſſerſaͤule ge⸗ gen die Wohnungen der Eingebornen trieb, welche nun nicht ohne Grund befuͤrchteten, ihre armſeli⸗ gen Huͤtten mit Blitzesſchnelle hinweggewaſchen zu ſehen. Verwirrung und Angſt waren allgemein, als gluͤcklicherweiſe die Urſache ihrer Beſorgniß un⸗ ter dem eigenen Gewicht erliegend, noch bevor ſie die Graͤnze des Sees uͤberſchritten hatte, in das Behaͤltniß zuruͤckſtuͤrzte, aus dem ſie emporgeſtie⸗ gen war. Das Geraͤuſch der zuſammenfallenden Waſſerfluth war ſchreckenerregend, und der See, der die ganze, ſo ploͤtzlich in ihn zuruͤckſinkende Maſſe auf einmal nicht in ſich aufnehmen konnte, ſtroͤmte uͤber, ohne daß indeß dadurch ein bedeu⸗ tender Schaden entſtanden waͤre. Zehn Minuten darauf war alles wieder ruhig, der See aber kehrte erſt nach einigen Tagen in ſein gewoͤhnliches Bett — 29— zuruͤck. Ein heftiger Sturm von Blitz und Don— naeerr begleitet folgte; Regen aber fiel nicht dabei herab, ſo daß die Luft weder abgekuͤhlt noch gerei⸗ nigt ward, und die Hitze ganz dieſelbe blieb. Die Menge von Gewuͤrm und Inſecten, welche von dieſer hervorgerufen wurden, war un⸗ geheuer, und ſo belaͤſtigend, daß Harleys Unge⸗ duld, nach einem gemaͤßigteren Klima zuruͤckzukel h⸗ ren, noch vermehrt ward. Jollika's Gefolge beſtand auf dieſer Reiſe aus dreißig Perſonen, welche alle wohl bewaffnet waren, ſo wie der Zug aber einen Wald paſſirte, wurden dennoch unaufhoͤrlich die Trommeln ge⸗ ſchlagen, welche man mitgenommen hatte, um die wilden Thiere zuruͤckzuſchrecken und um nicht noͤ⸗ thig zu haben zu den Waffen zu greifen. Dieſe Toͤne verſcheuchten ſelbſt die wuͤthendſten Raub⸗ thiere, ſo daß waͤhrend der ganzen Reiſe kein ein⸗ ziges derſelben es wagte ihre Schritte zu hemmen. Außerdem dienten die Trommeln auch noch dazu, die Ankunft des Haͤuptlings jedem Dorfe, welches er beſuchen wollte, in Voraus zu verkuͤnden, und die Bewohner deſſelben zuſammen zu rufen, um ihn feierlich zu empfangen. Waͤhrend des uͤbrigen Theils ihrer Reiſe fiel nichts vor, was des Erwaͤhnens werth waͤre, wie denn uͤberhaupt die ganze Wanderung unſerm Hel⸗ den das Vergnuͤgen und die Ausbeute nicht ver⸗ ſchaffte, welche er von ihr erwartet hatte; er hielt indeß ſeine Zeit doch nicht fuͤr ganz nutzlos ver⸗ wendet, da ihm die genauere Kenntniß, die er ſich von der Umgegend und ihren Bewohnern erwor⸗ ben hatte, bei dem von ihm entworfenen Verſuch zur Flucht von großem Nutzen ſeyn konnte. Als er bei ſeiner Huͤtte wieder anlangte, ſah er, daß die beiden Juͤnglinge ſeine Befehle aufs genaueſte befolgt hatten, und er uͤberzeugte ſich, daß die Schwelle ſeiner Wohnung von keinem menſchlichen Weſen uͤberſchritten worden war. 4. Monate folgten auf Monate, die regnigte Jah⸗ reszeit trat ein, und bis ſie voruͤber ſeyn wuͤrde, war fuͤr unſeren Harley an keine Flucht zu den⸗ ken. Seine Geſundheit litt oft ungemein durch die große Naͤſſe, aber Jollika's und der Eingebor⸗ nen fortwaͤhrende freundliche Sorge fuͤr ihn und ſeine eigene ſtarke Conſtitution halfen ihn alle Gefahren beſiegen, welche ſein Leben bedroheten, bis endlich, nachdem es drei Monate unaufhoͤrlich geregnet hatte, die beſſere Jahreszeit wiederkehrte. Er hatte ſich nun ſchon laͤnger als ein hal⸗ bes Jahr unter den Negern aufgehalten, ohne daß ſich ihm irgend eine gewuͤnſchte Gelegenheit zur Flucht dargeboten haͤtte. Keine Caravane Sclavenhandel treibender Kaufleute war in der Naͤhe des Dorfes voruͤber gezogen, er hatte ge⸗ hofft, daß dieſes geſchehen wuͤrde, und er ſich viel⸗ leicht einer ſolchen anſchließen koͤnne, um auf dieſe Weiſe irgend einen von Europaͤern bewohnten Ort zu erreichen. Die Freude, die er empfunden hatte, als er aus der menſchenleeren Wuͤſte nach Sam⸗ barra gelangte, erfuͤllte nun nicht mehr ſeine Bruſt, und ſeine Ungeduld die Flucht zu bewerk⸗ ſtelligen, ſtieg zu einem ſo hohen Grade, daß ſelbſt die Dankbarkeit, welche er dem wackeren Jollika ſchuldig war, ſchwaͤcher zu werden begann. Er machte ſich zwar uͤber ſeine Gefuͤhlloſigkeit Vor⸗ wuͤrfe, aber die Unzufriedenheit, die ſich ſeiner Seele bemeiſtert hatte, war nicht zu beſiegen. Die Erinnerung an das uͤberſtandene Elend, die ge⸗ gruͤndete Beſorgniß in eine aͤhnliche traurige Lage zu gerathen, erſtiegen zwar in ſeinem Geiſte, konnten aber die Sehnſucht nicht unterdruͤcken, die mit jedem Tage maͤchtiger und immer maͤchtiger in ihm aufloderte. Mißmuth hielt am Tage ſeine Seele umwoͤlkt, ſtoͤrte Nachts ſeine Ruhe, und wollte weder der Vernunft noch der Dankbarkeit weichen, obgleich beide oft aufgefordert wurden, den inneren Feind zu bekaͤmpfen. So wandelbar iſt des Menſchen Sinn! den einſamen Pilger im Walde wuͤrde ein einziges Schutzgewaͤhrendes Nachtlager entzuͤckt haben, wel⸗ ches nicht den zehnten Theil der Bequemlichkeiten — 33— darbieten konnte, die ihm ſeine Huͤtte auf dem Berge gewaͤhrte. Im Beſitz aber von mehr Din⸗ gen, als nothwendig waren um in dem rohen Zu⸗ ſtande der menſchlichen Geſellſchaft die Beduͤrfniſſe eines Menſchen zu befriedigen, uͤberſah er das Gute was ihn umgab, um uͤber etwas zu bruͤten, was ihm vielleicht nie werden konnte. Tauſend Plaͤne nach Gorea zuruͤckzukehren, durchkreuzten ſeine Seele, alle aber ſchienen ſo ſchwer in Ausfuͤhrung zu bringen, daß er einen nach dem anderen wieder zu verwerfen genoͤthigt war. Ohne den Beiſtand derjenigen, bei denen er ſich nun ſchon ſo lange aufgehalten hatte, ge⸗ gen ihren Wunſch war ſeine Ruͤckkehr durchaus unmoͤglich; und davon uͤberzeugt, begriff er, daß die Erfuͤllung ſeines Verlangens einzig und allein von Jollika's Erlaubniß abhaͤnge, Sambarra ver⸗ laſſen zu duͤrfen. Er beſchloß demnach den Haͤuptling bei der erſten Gelegenheit mit dem bekannt zu machen, was ſeine Seele faſt ausſchließlich beſchaͤftigte; und wenn er gleich befuͤrchten mußte, daß eine ſolche Erklaͤrung eine noch ſtrengere Bewachung ſeiner Perſon herbeifuͤhren wuͤrde, ſchien es ihm II Band. 3 — 34— doch, als ob er bei den obwaltenden Umſtaͤnden dieſes nicht beruͤckſichtigen duͤrfe. Der Entſchluß dazu war von ihm kaum ge⸗ faßt, als er ihn auch in Ausfuͤhrung brachte; er theilte dem Haͤuptling den Wunſch mit, der ſei⸗ nem Herzen am naͤchſten lag. Aus Harley's Be⸗ nehmen hatten ſeine Wirthe geſchloſſen, daß die⸗ ſer mit ſeinem Aufenthalt zu Sambarra vollkom⸗ men zufrieden ſey, daß er an keine Ruͤckkehr nach einer anderen Gegend denke, und Jollika's Herz ward daher mit Staunen und Kummer erfuͤllt, als er hoͤrte, daß ſein lieber Gaſt ihn verlaſee wolle. Als dieſer aber die Gutmuͤthigkeit des wackeren alten Mannes in Anſpruch nahm, mußte der Haͤuptling gar bald den Gruͤnden des Frem⸗ den Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, denn er ge⸗ dachte, wie ſchmerzhaft ihm ſelbſt eine Trennung von ſeinen plattnaſigen, dicklippigen Negern ſeyn, und wie ſehr er verlangen wuͤrde, zu ihnen wie⸗ der zuruͤckzukehren. Er glaubte indeß, daß wenn ſein Gaſt nur die Mittel haͤtte, ſeine Landsleute auf eine kurze Zeit zu beſuchen, er gewiß bald wieder nach Sam⸗ barra zuruͤckkehren, und vielleicht einige von ſei⸗ - 35— nen Freunden mitbringen wuͤrde. Hierauf gab Harley eine ausweichende Antwort, indem er er⸗ wiederte, daß wenn er je wieder nach dieſem Theil der Welt kaͤme, es ihm ein ungemein großes Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhren wuͤrde, die wackeren Menſchen zu beſuchen, die ihn ſo gaſtfrei aufgenommen haͤtten. Oeftere Unterredungen uͤber dieſen Gegenſtand ſoͤhnten den alten Haͤuptling nach und nach mit dem Gedanken aus, ſich von unſerem Helden zu trennen. Er willigte endlich in ſeine Abreiſeé, und verſprach ihm eine Escorte von jungen Maͤnnern, die den Fremden mit ſeiner Empfehlung bis zu dem Haͤuptling des angraͤnzenden Landes bringen ſollten; Troſtbringende Worte, welche unſeren Harley zufrieden und gluͤcklich machten. Die Nachricht, daß er Sambarra verlaſſen wollte, erregte bei allen Eingebornen, deren Lieb⸗ ling er geworden war, große Bekuͤmmerniß; als er aber auf ſeinem Huͤgel die Befehle gab, die noͤthigen Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu treffen, war hier der Jammer allgemein, und die kleine Naki, die mit ganzer Seele an ihm hing, war untroͤſtlich. Ihr Gram ging unſerem Harley un⸗ — 36— gemein zu Herzen, und mit tiefbewegtem Gemüͤth vernahm er ihre Aeußerung, daß ſie ihm uͤberall hin folgen, und mit Freuden das große Waſſer durchſchiffen wolle, wenn ſie nur bei ihm bleiben koͤnne. Er ſtellte ihr mit den grellſten Farben die unermeßliche Weite vor, die er zu durchreiſen habe, die Schwierigkeiten, die ſich ihm entgegen⸗ ſtellten, die Gefahren, die er bekaͤmpfen muͤſſe. Vergebens war ſein Bemuͤhen ſie ihrem Entſchluß abwendig zu machen, je mehr er in ſie drang, je feſter beſtand ſie auf ihrem Vorſatz. Ein neues, trauriges Ereigniß aber trug ſich zu: der alte Jollika ſtarb ploͤtzlich, ein Todesfall, der unſeren Harley tief bekuͤmmerte, und in ihm die Beſorgniß rege machte, ob ihm auch nun noch die Mittel zu ſeiner Naͤckkehr werden wuͤrden, welche ihm ſein hinuͤbergegangener Freund auf ſo großmuͤthige Weiſe zugeſagt hatte. An dem Tage, an dem dieſer vom Schlage geruͤhrt ward, hatte er ſich noch mit Harley uͤber die Reiſe deſſelben unterhalten. In Sambarra war es nicht wie in mehreren anderen Theilen Afrika's Gebrauch, die Koͤrper der Verſtorbenen lange Zeit uͤber der Erde liegen — 37— zu laſſen. Kaum war Jollika's Geiſt ſeiner ir⸗ diſchen Huͤlle enteilt, als die traurige Begebenheit auch alſobald dem ganzen Dorfe durch das Jam⸗ mergeſchrei derer verkuͤndet ward, welche ſich in der Naͤhe des Haͤuptlings befanden. Der Koͤrper ward auf der Stelle gewaſchen, und in eine Decke von baumwollenem Zeuge ge⸗ huͤllt, welche den ganzen Leichnam bis an den Kopf verbarg. Am dritten Tage ſchon nach dem Dahinſcheiden ward die Leiche in die Erde geſenkt. Ein Grab ward fuͤr ihn unter einem Palmen⸗ baume gegraben, unter dem Jollika gewoͤhnlich ſaß, wenn ihm ſeine Geſchaͤfte erlaubten der Ruhe zu pflegen; nicht nur die Bewohner von Sam⸗ barra, ſondern auch die der benachbarten Doͤrfer, wohin die Trauerkunde mit Blitzesſchnelle geeilt war, wohnten der Begraͤbnißfeierlichkeit des wacke⸗ ren Mannes bei, den alle, die ihn gekannt hat⸗ ten, auf das Innigſte verehrten, und als das Grab nun die Ueberreſte des geliebten Haͤuptlings verbarg, gab die ganze verſammelte Menge ihren Kummer uͤber den Tod deſſelben durch ein lau⸗ tes herzzerreißendes Geheul und Wehklagen zu er⸗ kennen, wobei ſie ſich das Haar ausriſſen und ſich — 38— den Koͤrper wund ſchlugen, um ihr Blut auf dem Grabe des verehrten Herrſchers zu vergießen. Ihr Betragen ſchien eine ſo große Hoffnungsloſigkeit zu verkuͤnden, daß ein oberflaͤchlicher Beobachter unbedingt geglaubt haben wuͤrde, es muͤſſe eine geraume Zeit vergehn, bevor dieſe jammernden Menſchen ſich wieder beruhigen koͤnnten. Die Sonne war aber am naͤchſten Morgen noch nicht aufgegangen, als Harley durch einen ungewoͤhnlichen Laͤrmen von dem Lager aufge⸗ ſchreckt ward, auf dem er die Sorge, die auf ſei⸗ ner Seele laſtete, in einem kurzen Schlummer vergeſſen hatte. Er ſprang empor, und ſah Jatta, den Bruder des verſtorbenen Jollika, nebſt meh⸗ reren von deſſen Verwandten und anderen Einge⸗ bornen auf ſeinem Hofplatze verſammelt. Unſer Held eilte zu ihnen hinaus, da trat Jatta zu ihm, dem erſtaunten Europaͤer berichtend, daß in Muͤckſicht auf die Freundſchaft, welche zwiſchen Jollika und dem weißen Manne geherrſcht ha⸗ be, die Anweſenden den Wunſch haͤtten, ihn, Harley, zu ihrem Haͤuptling zu ernennen, und daß er insbeſondere als Bruder des Verſtorbenen ihn bitte, dieſe Wahl zu genehmigen. In Jat⸗ — 39— tas Benehmen aber war waͤhrend ſeiner Rede, Zuruͤckhaltung und unterdruͤckter Zorn unverkenn⸗ bar, welche den ſcharfen Blicken unſeres Harley nicht entgingen und ihn uͤberzeugten, daß das Ge⸗ ſchaͤft, welches jener jetzt ausfuͤhre, ihm aufge⸗ drungen ſeyn muͤſſe; eine Meinung, die durch den allgemeinen Zuruf der Anweſenden:„ Leuntong Barin-kea Mansa“(der Fremde ſey unſer Koͤ⸗ nig) noch mehr Wahrſcheinlichkeit erhielt. Der Ausruf ward mehreremale wiederholt, bevor ſich Harley Gehoͤr verſchaffen konnte; dieſer fand ſich durch den Antrag in eine ſeltſame Lage verſetzt; wenn er ihn annahm, war er uͤberzeugt, daß Jat⸗ tas Bosheit nicht unterlaſſen wuͤrde ihn zu ver⸗ folgen, und er ſah voraus, daß dann ſeine Ent⸗ fernung von Sambarra noch ſchwieriger werden wuͤrde. Demnach lehnte er auf der Stelle die ihm angetragene hohe Ehre von ſich ab: ein Fremd⸗ ling, ſagte er, duͤrfe nicht uͤber ſie herrſchen, und es ſey eine Schande fuͤr Jollikas Andenken, wenn ſie nicht den Bruder deſlben zu ihrem Haͤupt⸗ ling waͤhlten. Harley's Gruͤnde ſchienen auf ſeine Zuhoͤrer Eindruck zu machen; ſie prieſen ſeine Uneigen⸗ — 40— nuͤtzigkeit, und bekleideten zu Charles Freude, ohne Verzug den Jatta mit dem oberherrlichen Ge⸗ wande, welches ſie fuͤr Harley mitgebracht hatten. Jatta begab ſich darauf mit großer Feierlichkeit zuruͤck in das Dorf, um von der koͤniglichen Woh⸗ nung Beſitz zu nehmen. Ein freudiges Feſt folgte, und dieſelben Menſchen, welche am vergangenen Tage auf Jollikas Grabe geheult und gejammert hatten, tanzten und jubelten heute froͤhlichen Her⸗ zens vor der Wohnung ihres neuen Beherrſchers. Harley der Anſtalten erwaͤhnte, welche auf Jolli⸗ 5⸗ Gegen Abend kehrte Harley nach ſeinem Huͤgel zuruͤck, die kleine Naki begleitete ihn und machte ihm die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er die ihm an⸗ getragene hohe Ehrenſtelle nicht angenommen habe. Schon nach wenigen Tagen bemerkte unſer Held, daß ſein Einfluß bedeutend zu ſinken begann, und daß er am Hofe bei weitem nicht mehr in ſo großem Anſehen ſtand wie zu Jollika's Zeiten; obgleich ihn Jatta mit Freundſchaftsverſicherungen uͤberhaͤufte, bemerkte er doch, daß ſeine Gegen⸗ wart dieſem nicht angenehm war, und daß er nicht vergeſſen konnte, wie mehrere ſeiner vornehmſten Unterthanen den weißen Mann ihm vorgezogen hatten. Harley wuͤnſchte zwar nicht ſolche feind⸗ ſelige Gefuͤhle in der Bruſt des Monarchen ent⸗ ſtehen zu ſehn, anderſeits aber ſchienen dieſe ſeine Abſicht zu beguͤnſtigen. Der Beherrſcher von Sambarra horchte mit wohlgefaͤlligem Ohr, wenn — 42— ka's Befehl getroffen werden ſollten, um ſeine Ruͤckkehr nach Gorea zu befoͤrdern; und erklaͤrte ſich mit Freuden bereit, in dieſer Ruͤckſicht die Wuͤnſche ſeines verſtorbenen Bruders zu erfuͤllen. Jatta hielt es unter ſeiner Wuͤrde, mit jener Milde zu herrſchen, welche die Regierung ſeines Vorgaͤngers bezeichnet hatte; entzuͤckt uͤber das Amt, welches er bekleidete, war er nicht ohne Furcht, daß die, welche ihm einſt den Fremden vorgezogen, in der Folge aͤhnliche Geſinnungen aͤußern moͤchten; und wenn Harley nicht ſelbſt den Wunſch gehegt haͤtte, Sambarra zu verlaſſen, iſt es nicht zu bezweifeln, daß der neue Koͤnig Mit⸗ tel gefunden haben wuͤrde, ihn nicht nur von ſei⸗ nem Grund und Boden, ſondern ſogar von der Erde fortzuſchaffen. Sehnſuchtsvoll danach verlangend, den Be⸗ herrſcher von ſeiner ihm ſo unangenehmen Gegen⸗ wart zu befreien, drang Harley in denſelben die Maͤnner zu ernennen, welche ihn bis zur Graͤnze des naͤchſten Koͤnigreichs begleiten ſollten. Der Haͤuptling verſchob es von Tag zu Tag, bis ſich ein Zufall ereignete, der Jatta's Erklaͤrung in die⸗ ſer Hinſicht faſt unnoͤthig gemacht haͤtte. —-— 48— Als Harley einſt in einer Nacht ſchlaflos auf ſeinem Lager ruhte, und uͤber die ſeltſamen Er⸗ eigniſſe in ſeinem Leben nachſann, bemerkte er ploͤtzlich, daß ſeine Huͤtte mit Rauch angefuͤllt war, anfangs glaubte er, er taͤuſche ſich, denn er hatte den Tag uͤber kein Feuer gebraucht; der immer ſtaͤrker werdende Dampf aber uͤberzeugte ihn bald daß er ſich nicht irre, denn er nahm ſo ſehr Ueber⸗ hand, daß Harley ſchnell aufzuſpringen genoͤthigt war, wenn er nicht erſticken wollte. Gluͤcklicher⸗ weiſe hatte er noch Zeit die Bewohner der benach⸗ barten Huͤtte zu wecken, ſo daß dieſe wie er ge⸗ rettet wurden. Das Feuer zu loͤſchen aber war unmoͤglich, denn es griff mit ſolcher Gewalt um ſich, daß ſchon nach einer Stunde Harley's Woh⸗ nung nebſt allen dazu gehoͤrenden Gebaͤuden, die Arbeit vieler Monate, nur noch ein Aſchenhaufen vor ſeinen kummererfuͤllten Blicken dalag.„So,“ ſprach er ſchwermuͤthig zu ſich ſelbſt,„ſo ward auch das Gebaͤude meiner ſuͤßeſten Hoffnungen in einem einzigen, furchtbaren Augenblick zertruͤm⸗ mert.“ Alle Nachforſchungen, die er wegen der Ur⸗ ſache des Brandes anſtellte, beſtaͤtigten was er — 44— 2 vermuthete, naͤmlich daß weder Zufall noch Nach⸗ laͤſſigkeit die Zerſtoͤrung ſeiner Huͤtte herbeigefuͤhrt hatten. In ſeinem Vorgemach war die Flamme zu gleicher Zeit an zwei Stellen ausgebrochen, kei⸗ ner der Bewohner der Huͤtte hatte am vergange⸗ nen Tage Feuer angezuͤndet, und ſo war es un⸗ moͤglich, daß das Ungluͤck durch eine ploͤtzlich zur Flamme angefachte Kohle entſtanden ſey. Es lag daher klar am Tage, daß irgend eine teufliſche Abſicht ausgefuͤhrt werden ſollte. Harley konnte aber gegen keinen aus ſeiner Umgebung irgend einen Verdacht hegen, auch meinte er, außer dem Haͤuptling, unter allen Einwohnern Sambarras keinen einzigen Feind zu haben. So auf unbarmherzige Weiſe aller der An⸗ nehmlichkeiten beraubt, welche das traurige ſeiner Lage einigermaßen gemildert hatten, von Bosheit verfolgt, und ſich gewiſſermaßen in einem Zuſtande von Gefangenſchaft befindend, ſtieg ſeine Unge⸗ duld, Sambarra zu verlaſſen, aufs hoͤchſte. Eine neue Huͤtte zu erbauen, eine neue Anpflanzung anzulegen, wieder herzuſtellen was zerſtoͤrt war, waren Arbeiten, welche er zu beginnen keinen Muth hatte, und er beſchloß daher auf jede Ge⸗ fahr hin nicht laͤnger in Jattas Naͤhe zu bleiben. Sobald die Flammen es ihm erlaubten, ſich der Beandſtaͤtte zu naͤhern, ſuchte er die Stelle auf, wo er das Erz bewahrt hatte, welches er fuͤr Gold hielt. Dieſes verbarg er nun ſorgfaͤltig in dem Theil ſeiner Kleidung, der ſeine Schultern be⸗ deckte, und kaum war er damit fertig, als auch ſchon faſt alle Einwohner des Dorfs von dem Brande herbeigezogen ſich um ihn verſammelt hat⸗ ten; viele boten ihren Beiſtand an, Jatta aber ſchien durch die uͤbertriebenen Aeußerungen des Kum⸗ mers, den er, wie er vorgab, uͤber das Ungluͤck des weißen Mannes empfaͤnde, zu bekennen, daß er an der Zerſtoͤrung der Huͤtte nicht ſchuldlos ſey. Er ging ſo weit, Harley einzuladen, vor der Hand bei ihm in ſeiner Huͤtte zu wohnen, eine Ehre, welche unſer Held indeß abzulehnen fuͤr gut fand, da er unter dieſem Anerbieten nur eine neue Verraͤtherei vermuthen konnte. Er zog es daher vor, die Freundlichkeit der anderen Be⸗ wohner zu benutzen, um ein Unterkommen zu fin⸗ den, und begnuͤgte ſich, den Haͤuptling dringend zu erſuchen, nun um ſo ſchneller die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu treffen. Jatta, in ſeiner Erwar⸗ -—- 446— tung, den Fremdling auf einem kürzeren Wege los zu werden, getaͤuſcht, verſprach ſogleich die zwan⸗ zig Maͤnner zu ernennen, welche dieſen begleiten ſollten. Harley's Argwohn aber war nun einmal rege gemacht, und er bat um die Erlaubniß ſeine Escorte ſelbſt waͤhlen zu duͤrfen. Hierin willigte Jatta nach einigem Zoͤgern, aber mit ſcheinbarer Bereitwilligkeit, und Harley ernannte nun zwan⸗ zig Maͤnner, in welche er Vertrauen ſetzte, wobei er aber diejenigen vermied, die ihn zum Koͤnige waͤhlen wollten, weil er befuͤrchtete, dadurch Jat⸗ tas Mißfallen noch mehr zu erregen. Beſorgt, daß irgend ein neues Hinderniß ſei⸗ ner Abreiſe in den Weg treten moͤchte, rief Har⸗ ley am dritten Tage nach dem Brande ſeine Be⸗ gleiter zuſammen, um die Wanderung zu begin⸗ nen. Außer den zwanzig Maͤnnern, welche unſer Held erwaͤhlt hatte, ſchloſſen ſich noch andere zwanzig dem Zuge an, und ſelbſt Jatta zog mit, um ſeinen lieben Freund, wie er Harley nannte, ein Stuͤck Weges zu geleiten. Nach einem Marſche von ungefaͤhr drei Stunden, mach⸗ ten ſie Halt um Erfriſchungen zu genießen, und hier nahm Jatta und die, welche freiwillig mit⸗ — — — 47— gezogen waren, mit den freundlichſten Verſicherun⸗ gen Abſchied, ja der Haͤuptling vergoß Thraͤnen, als er Charles das letzte„Montania“ zurief; Harley hielt dieſe fuͤr Freudenthraͤnen, denn er war uͤberzeugt, daß der uͤbelgeſinnte Bruder Jol⸗ lika's entzuͤckt war, ihn los zu werden. Der Zug wanderte nun fort durch mehrere von den Doͤrfern, welche Harley ſchon fruͤher be⸗ ſucht hatte, wo er auf ſeine Frage, in welcher Richtung ſich der Gambia befinde, erfuhr, daß man von voruͤberziehenden Sclavenhaͤndlern zuwei⸗ len von einem großen Strome oder Baw Bato habe ſprechen hoͤren, der gegen Suͤd⸗Oſten zu finden ſeyn ſolle. In dem Gebiet des benachbar⸗ ten Haͤuptlings war Harley einer guten Aufnahme gewiß, weiter hinaus aber mußte er befuͤrchten auf wildere Horden zu ſtoßen. Drei bis vier Tage vergingen, bevor er die Graͤnze von Jattas Herrſchaft erreichte, ruͤſtig be⸗ wegte ſich der Zug vorwaͤrts, wobei man nicht un⸗ terließ in den Waldungen die Trommel zu ſchla⸗ gen, um die wilden Thiere zu verſcheuchen, welche ſich ihnen ſogar bei Tage naͤherten. Nachts ru⸗ hete man, und zuͤndete rund um die Lagerſtaͤtte — 48— große Feuer an, theils um die wilden Thiere zu⸗ ruͤckzuſchrecken, theils um die Muskitos und an⸗ dere Inſecten von ſich abzuhalten, die in furcht⸗ baren Schwaͤrmen den Zug umgaben. Harley ge⸗ fiel ſich in dem Gedanken, daß er nun doch we⸗ nigſtens ſeine Heimreiſe begonnen habe, und labte ſich, die Bruſt voll froher Hoffnungen, an der Brodtfrucht und dem Palmenwein. Naki war, obgleich er ſich eifrig bemuͤht hatte ſie von ihrem Vorſatz abzubringen, die Gefaͤhrtin ſeiner Wan⸗ derung geworden, und ſchien entzuͤckt uͤber die neuen Gegenſtaͤnde, welche ſich ihrem Auge dar⸗ boten. 9 Jedesmal ehe man ſich zur Ruhe legte, wurde auf Harley's Verlangen eine Wache aus⸗ geſtellt, vier Mann mußten munter bleiben, um bei jeder etwanigen Gefahr augenblicklich Laͤrm zu machen, nach einem Zeitraum von ungefaͤhr zwei Stunden wurden ſie von einer aͤhnlichen Anzahl abgeloͤſt. Eine Stunde nach Tagesanbruch machte man ſich wieder auf den Weg, man kam durch eine freiere Gegend, und Nachmittags erhob ſich in der Ferne ein bedeutender Huͤgel vor den Blicken un⸗ — 49— ſerer Wanderer. Dort lag die Reſidenz des Haͤupt⸗ lings, zu dem der weiße Mann von der ſchwar⸗ zen Eskorte gefuͤhrt werden ſollte. Bald nach Sonnenuntergang erreichten ſie die Anhoͤhe, wo ihnen eine Menge Volk entgegenſtroͤmte, ſo wie die Trommel der Ankoͤmmlinge verkuͤndete, daß eine Perſon von Bedeutung nahe. Der Anblick eines Europaͤers in der Tracht der Neger erregte allgemeines Erſtaunen, und das Zeugniß, welches Harley's Begleiter demſelben gaben, verſchaffte ihm eine ungemein gaſtfreie Aufnahme bei dem Koͤnig von Lee Cunda,(Honigland), welchen Namen, wie Harley glaubte, dieſer Ort dem Ueberfluß von Honig verdankte, den die Menge von Bienen, die in dieſer Gegend umherſchwaͤrmte, den Einwohnern lieferte. Der Haͤuptling nahm ihn mit in ſeine Huͤtte, wo er erfuhr, daß die Bewohner von Lee Cunda ein voͤllig unabhaͤngi⸗ ges Volk waren und kein anderes Oberhaupt als das ihrer eigenen Wahl anerkannten; obgleich die⸗ ſes Land eigentlich innerhalb des Gebietes von Vancarra gelegen war, deſſen Monarch Lee Cun⸗ da's Haͤuptling unſerem Harley als einen verraͤ⸗ theriſchen, unruhigen Tirannen ſchilderte, der jeden II. Band. 4 Fremden, welcher das Ungluͤck haͤtte in ſeine Haͤnde zu fallen, wie einen Sclaven behandele und ihn an ein Volk verkaufe, welches weit her kaͤme mit großen Canoes und Haͤuſern in denſelben. Unſer Held und ſeine Begleiter blieben drei Tage in Lee Cunda, waͤhrend welcher Zeit ſie eine ſehr freundliche Behandlung erfuhren, ſo daß ſich Harley voͤllig von den Beſchwerden erholte, die er auf ſeiner Wanderung hieher erduldet hatte. Wilder Wein und Tamarinden wuchſen in dieſer Gegend im Ueberfluß, und lieferten ein ſehr erfri⸗ ſchendes Getraͤnk. In den Sitten waren die Ein⸗ wohner wenig von denen Sambarras unterſchie⸗ den, nur ſchienen ſie in Ruͤckſicht der Verſtandes⸗ kraͤfte uͤber jenen zu ſtehn. Nachdem was Harley in Lee Cunda gehoͤrt hatte, beſchloß er, die ſuͤdoͤſtliche Richtung, welche er zu nehmen anfangs geſonnen war, nicht einzu⸗ ſchlagen, ſondern ſeinen Weg mehr nach Oſten hin fortzuſetzen. Er glaubte, es ſey nun Zeit, ſich von ſeinen Begleitern aus Sambarra zu tren⸗ nen. Der Augenblick, in dem er ihnen Lebewohl ſagen wuͤrde, mußte, das fuͤhlte er, ſchmerzlich fuͤr ihn ſeyn. Seine Freunde aus Sambarra ba⸗ — 51— ten ihn, dieſen Zeitpunkt noch etwas zu verſchie⸗ ben, und ihnen zu erlauben, ihn weiter zu beglei⸗ ten, ein Anerbieten, welches ihm zu wuͤnſchens⸗ werth ſchien, als daß er auf ihre augenblickliche Ruͤckkehr haͤtte beſtehen ſollen. Sechs junge Maͤnner von Lee Cunda erhiel⸗ ten außerdem noch von ihrem Haͤuptling Befehl, ſich dem Zuge anzuſchließen. Sie hatten den Auf⸗ trag Harley zehn Tagereiſen weit zu begleiten, wenn er nicht etwa fruͤher den Fluß faͤnde, den er ſuche. So beguͤnſtigt ſetzte unſer Held ſeine Reiſe mit noch groͤßerem Vertrauen fort, und ſah ſich mit ſeinen Begleitern bald in der Mitte einer Waldung. Wohlgemuth ſchritt er weiter, in der Hoffnung bald zu dem Gambia oder zu einer ihm nicht voͤllig unbekannten Stelle in deſſen Naͤhe zu gelangen. Waͤhrend aber ſeine Bruſt der frohe Gedanke erfuͤllte, nun bald vielleicht wieder zu ſeinen Lands⸗ leuten, zum Vaterlande, zu den Theuren, die ihm dort wohnten, zu kommen, konnte er einen An⸗ flug von Schmerz nicht unterdruͤcken, wenn er der unbegraͤnzten Anhaͤnglichkeit gedachte, mit der die kleine Naki ihm voͤllig hingegeben war. Obgleich ſein Betragen gegen ſie ſtets nur das eines guͤti⸗ gen Herrn gegen eine redliche Dienerin geweſen war, konnte er doch nur zu deutlich gewahren, daß das arme Maͤdchen eine Leidenſchaft fuͤr ihn fuͤhlte, die zu erwiedern nicht in ſeiner Macht ſtand. Alle Pflichten der Dankbarkeit fuͤr den großmuͤthigen Eifer, den ſie fuͤr ſein Wohl an den Tag legte, wurden von Harley auf das genaueſte erfuͤllt, mehr aber zu thun vermochte er nicht. Taͤglich beſchwor er ſie, den Entſchluß aufzugeben, ihm uͤberall hin zu folgen, wohin ihn das Schickſal fuͤhren wuͤrde, und jede Gefahr mit ihm zu theilen. Aber er be⸗ muͤhete ſich vergebens, in ſeiner Naͤhe kannte ſie keine Gefahr, keine Ermuͤdung, denn ſich wie eine Vaterlandsloſe betrachtend, hatte ſie ſich der Liebe zu ihrem Gebieter mit einer Leidenſchaftlichkeit hingegeben, welche jedem Hinderniſſe trotzen zu wol⸗ len ſchien. Harley begriff, daß Nakis Gegenwart ſeiner Ruͤck⸗ kehr nach Europa bedeutend in den Weg treten muͤſſe; denn obgleich ſie ſich mit der groͤßten Be⸗ reitwilligkeit fuͤr den geliebten Gebieter der ſchwer⸗ ſten Arbeit unterzogen haben wuͤrde, ſtanden doch ihre Kraͤfte in keinem Verhaͤltniß zu den langen und beſchwerlichen Tagemaͤrſchen, die er zu ma⸗ chen beſchloſſen hatte. Dies ſchien ihm ein hin⸗ reichender Grund ihre Begleitung zuruͤckzuweiſen, aber ein noch groͤßerer dazu war vorhanden. Wenn er, wie er hoffte, uͤber die Gefahren ſiegen wuͤrde, die er zu bekaͤmpfen hatte, wenn es ihm gelaͤnge das theuere Vaterland gluͤcklich wieder zu errei⸗ chen, was wuͤrde dann das Loos der treuen Naki ſeyn? Ihr jene Belohnung zu geben, nach der ſie verlangte, ſtand nicht in ſeiner Macht, und wenn nun die, welche ihm durch oͤde Wuͤſten uͤber den weiten Ocean treu und unverdroſſen folgte, Zeuge ſeyn wuͤrde, wie er in dem Augenblick ſeiner An⸗ kunft ſeine Hand einer Anderen reichte, wie be⸗ klagenswerth muͤßte das Loos der armen Afrika⸗ nerin werden! Aus dieſer Verlegenheit ward er ploͤtzlich und auf eine ſo ſchreckliche Weiſe geriſſen, daß er die Unannehmlichkeiten, die er voraus ſah, mit Freu⸗ den ertragen haben wuͤrde, haͤtte er dadurch den Schlag abwenden koͤnnen, der ſeine Bedenklichkei⸗ ten ruͤckſichtlich der treuen Naki ſo ploͤtzlich aus dem Wege raͤumte. Am ſechsten Tage, nachdem die Wanderer Lee Eunda verlaſſen hatten, ward beſchloſſen, daß Jattas Unterthanen am naͤchſten Morgen den Ruͤckweg antreten ſollten. Am Abend zuvor ward eine kleine Anhoͤhe im Walde zum Nachtlager gewaͤhlt, Feuer wurden angezuͤndet und Wachen wie gewoͤhnlich ausgeſtellt. Die Escorte aus Sambarra beſtand darauf, dies Amt die Nacht uͤber allein zu verſehen, da die Leute aus Lee Cunda zur Fortſetzung der Reiſe mehr Staͤr⸗ kung als ſie gebrauchten, die nach ihrer Muße zu⸗ ruͤckkehren koͤnnten. Harley hatte ſich zwiſchen zwei Bewohner von Lee Cunda gelagert, und war ſanft entſchlummert, als er ploͤtzlich durch ein Jammergeſchrei ſo gewaltig aufgeſchreckt ward, — 55— daß er beſtuͤrzt und erſtaunt vom Boden empor⸗ ſprang. Der erſte Schein der Morgenſonne war in Oſten ſichtbar, und erhellte die Gegenſtaͤnde rund um unſeren Helden, der nun mit Entſetzen gewahrte, daß die, welche wach bleiben ſollten, entſchlummert, und die Feuer verloſchen waren. In dieſem Augenblick ward das Jammergeſchrei, welches er gehoͤrt hatte, auf ſo furchtbare Weiſe wiederholt, daß es ihm bis in die Seele drang, denn er erkannte deutlich der armen Naki Stimme. Alle ſprangen empor, aber nur um zu ſehen, wie ein graͤßliches Ungeheuer von außerordentlicher Groͤße mit dem armen afrikaniſchen Maͤdchen von dannen eilte. Verzweiflungsvoll ſtuͤrzte Harley dem Thiere nach, von mehreren ſeiner Begleiter gefolgt, von denen einer ſeine Lanze nach dem Raubthier ſchleuderte, es aber verfehlte und ſtatt deſſelben das Herz der ohnehin ſchon halb todten Naki durchbohrte. Gefuͤhllos gegen jede Furcht, nach Rache duͤr⸗ ſtend, flog Harley dem Thiere nach, aber ſelbſt der armſelige Troſt, der zerfleiſchten Gebeine des armen Opfers wieder habhaft zu werden, ward ihm verweigert, denn obgleich er raſtlos die blu⸗ — 56— tige Spur verfolgte, zonnte er dennoch den Schlupf⸗ winkel nicht entdecken, wohin ſich der Tiger mit ſeiner Beute zuruͤckgezogen hatte. Faſt der ganze folgende Tag ward auf dies vergebliche Suchen verwandt, bis Harley endlich als die Nacht her⸗ einbrach, ſchwach, kraftlos und mit Gram erfuͤll⸗ ter Bruſt von ſeinen Begleitern nach der Anhoͤhe zuruͤckgefuͤhrt ward, wo die ſchreckenvolle Begeben⸗ heit ſtatt gefunden hatte. Alle waren von der entſetzlichen Cataſtrophe auf das furchtbarſte er⸗ griffen, Harley aber wollte vor Jammer faſt ver⸗ gehen. So ſchwand die Nacht dahin, und gleich⸗ guͤltig gegen alles, was ihm fortan begegnen konnte, ſah er Jattas Unterthanen ſcheiden, de⸗ nen er kaum im Stande war, einige Worte des Dankes uͤber das freundliche Benehmen zu ſagen, welches ſie ihm auf ſo mannichfache Art bewieſen hatten. Er mußte dann alle ſeine Seelen⸗ und Koͤrperkraͤfte zuſammen nehmen, um ſeinen Weg mit den ſechs Maͤnnern aus Lee Cunda fortſetzen zu koͤnnen, welche entſchloſſen, dem freundlichen Beiſpiel ihrer Nachbaren zu folgen, ſelbſt noch laͤnger bei dem Fremden bleiben wollten, als es ihnen ihr Oberhaupt geboten hatte. Der Gram — — 57— machte unſeren Helden fuͤhllos gegen jede Ermat⸗ tung, und ſo wanderte der Zug den Tag uͤber raſch durch die Waldung fort, bis endlich die Natur ihr Recht uͤber den Kummer geltend machte, und unſeren Helden antrieb eine Ruheſtaͤtte fuͤr die Nacht zu ſuchen. Da die Zahl der Wande⸗ rer nun geringer geworden war, meinte Harley, es ſey, um ſeinen Begleitern die ermuͤdende Nacht⸗ wache zu ſparen, beſſer, wenn ein jeder von ihnen einen Palmenbaum erklettere, und ſo ſah ſich un⸗ ſer Held wieder auf ſeiner alten Ruheſtaͤtte, wo er indeß nur wenig Schlummer fand, denn er konnte die Erinnerung an Nakis ſchreckliches Ende ſelbſt nicht auf Augenblicke aus ſeinem Gedaͤcht⸗ niſſe verbannen, ſo ſehr ihm auch Vernunft und Religion troͤſtend zuſprachen, und ihn zu uͤberzeu⸗ gen ſuchten, daß die arme Dulderin nun doch, wenn gleich auf furchtbare Weiſe, einen Frieden gefunden habe, deſſen ihr von einer ungluͤcklichen Leidenſchaft erfuͤlltes Herz hienieden nie haͤtte theil⸗ haftig werden koͤnnen. Acht Tage ſetzten ſie ſo die Reiſe fort, ohne daß ihnen etwas außerordentliches begegnet waͤre; endlich am Morgen des neunten ſahen ſie ſich in — 58— der Naͤhe eines herrlichen Sees, deſſen Ufer mit Bambus umgeben war, und wo eine Menge Waſ⸗ ſervoͤgel von allen Gattungen umherflatterten. Hier machte der Zug Halt und neue Hoffnung kehrte in die Bruſt unſeres Helden wieder, denn er zwei⸗ felte nicht, daß er, wenn er dem See folge, wie⸗ der zu dem Gambia gelangen wuͤrde. Als ſie einige Meilen weiter gewandert waren, endete der See, aber ein kleiner Ausfluß deſſelben fuͤhrte weiter, und in deſſen Richtung beſchloß nun Har⸗ ley ſeine Reiſe fortzuſetzen. Die Gegend war hier ungemein ſchoͤn, und von Voͤgeln und Fiſchen gab es eine ſolche Menge, daß es unſeren Rei⸗ ſenden durchaus nicht an Lebensmitteln fehlen konnte. Sechs Meilen von dem See entfernt er⸗ reichte der Zug eine Anhoͤhe, von wo aus ſie deut⸗ lich ſehen konnten, wie der Strom, an deſſen Ufern ſie fortwährend gewandert waren, ſich noch weithin uͤber eine große Ebene ſchlaͤngele, bis er ſich endlich in einem fernen Wald ihren Blicken entzog. Hier ſahen ſie ploͤtzlich mehr als dreißig Elephanten, welche, nachdem ſie ihren Durſt ge⸗ loͤſcht hatten von dem Fluſſe zuruͤckkehrten. Um — — 59— von ihnen nicht geſehen zu werden warfen ſich un⸗ ſere Wanderer auf die Erde und konnten daher den Rieſentrupp nicht naͤher beſchauen, wenn ſie nicht Gefahr laufen wollten, zur Strafe ihrer Neugier von den Elephanten mit fortgetragen zu werden. Drei Tage nach dieſem Vorfall ward endlich der Strom, deſſen Richtung ſie raſtlos verfolgten, an funfzig Fuß breit, auch hatten ſie die Freude ein Paar Waſſertauben zu erlegen, welche ſchmackhafte Speiſe ſie ſeit langer Zeit nicht genoſſen hatten. Hier ſahen ſie auch Weiden den Strom uͤberhaͤngen; ein Anblick, der das Herz unſeres Helden ruͤhrte, denn er gedachte der herr⸗ lichen Beſchreibung, welche der fromme Saͤnger der Pſalmen von dem ſchmerzerfuͤllten Gemuͤth der Iſraeliten entwarf, als ſie ihre Harfen an die Weiden hingen und ſich nach Jeruſalem zuruͤck⸗ ſehnten. Die ſchwermuͤthigen Wanderer, deren Leiden und Kummer von der Poeſie ſo einfach und doch ſo erhaben verewigt wurden, hatten nun ſchon ſeit Jahrhunderten Ruhe gefunden, ihr Wehklagen hoͤrte man nun nicht mehr, eben ſo wenig wie die Toͤne der Saiten, welche von ihrem Gram erklangen.„So,“ ſprach Harley — 60— zu ſich ſelbſt,„wird es auch den Leiden gehen, welche ich erdulde. Wie langſam und beſchwer⸗ lich auch meine Reiſe iſt, das Ende meiner Pil⸗ gerfahrt kann nicht mehr ferne ſeyn. Dieſe Ueber⸗ zeugung muß mich uͤber die Unannehmlichkeiten des Augenblicks erheben; ich leide dennoch weniger als manche, die vor mir dieſe Wuͤſten durchirrten, ſie weinen nicht mehr, auch ich werde einſt Ruhe finden wie ſie.“.. Dieſe Gedanken beruhigten einigermaßen das Gemuͤth unſeres Helden, und ſo ſchritt er ſin⸗ nend weiter, bis er aus ſeinen Betrachtungen durch ein lautes Geſchrei ſeiner Begleiter geweckt ward, deſſen Toͤne Freude und Staunen, zugleich aber auch einige Beſorgniß zu verkuͤnden ſchienen. Harley blickte auf und ſah ſich in der Naͤhe eines kleinen Dorfs, wenn anders ſechs oder ſieben Huͤt⸗ ten dieſen Namen verdienen. Da der Ort ſo klein war, ſchwand indeſſen bald jede Furcht in Ruͤckſicht der Bewohner deſſelben; ſelbſt wenn ſie feindſelig geſinnt geweſen, war es nicht zu vermu⸗ then, daß ſie einen Angriff auf die wohlbewaffne⸗ ten Wanderer wagen wuͤrden, und ſo beſchloſſen dieſe muthig auf das Doͤrfchen los zu ſchreiten, ———ÿ—ÿ—ꝛ—xꝛ——-— — — 61— wo ihnen denn als ſie naͤher kamen kund ward, daß die Huͤtten nur der Jagdpoſten einer großen Horde waren, welche den Fluß weiter hinab wohnte. Harley erfuhr, daß der Name des Be⸗ zirks, zu dem die Jaͤger gehoͤrten, welche groͤßten⸗ theils im Walde zerſtreuet waren, Meſſa ſey, ſo wie, daß ihre Jagd vorzuͤglich im Erlegen der Elephanten beſtaͤnde, mit deren Zaͤhnen ſie einen ziemlich bedeutenden Handel trieben. Harley und ſeine Begleiter beſchloſſen hier die Nacht uͤber zu bleiben. Er ſelbſt verſtand nur wenig von der Sprache dieſer Jaͤger, durch die Leute von Lee Cunda aber erfuhr er, daß die Bewohner von Meſſa ein boͤſes Volk waͤren, welche jeden Frem⸗ den, der ihr Land betraͤte, zum Sclaven mach⸗ ten. Alle, welche ſich in dieſen Huͤtten aufhielten waren Sclaven, bis auf einen ihren Gebieter, den ſie wie einen argliſtigen boͤſen Menſchen be⸗ ſchrieben. An den Ufern des Fluſſes uͤbrigens, ſo berichteten die Jaͤger, anderthalb Tagereiſen von Meſſa enfernt, waͤre eine Niederlaſſung von Polies, die von Meſſa voͤllig unabhaͤngig waͤren. Auf dieſe Nachricht beſchloß Harley dieſen Ort wo moͤglich zu vermeiden, und den Weg zu den — 62— Polies einzuſchlagen, deren Gaſtfreundſchaft er dann fuͤr ſein weiteres Fortkommen in Anſpruch nehmen wollte. Die Sclaven nahmen keinen Anſtand, den Wanderern zu erlauben, die Nacht in einer der Huͤtten zuzubringen, Harley beſtand darauf, daß ſtets einer von ihnen Wache halten ſollte, und machte ſelbſt den Anfang. Um Mitternacht glaubte er nahende Schritte zu vernehmen, er weckte ſeine Gefaͤhrten, welche auch alſobald von dem halbge⸗ trocknetem Graſe emporſprangen, auf welches ſie ſich zur Ruhe gelegt hatten, und ihre Waffen ergriffen. Es war finſter in der Huͤtte, Harley fluͤ⸗ ſterte ihnen zu ſich ſtill zu verhalten, da es moͤg⸗ lich ſey, daß der Nahende der Aufſeher der Scla⸗ ven waͤre, deſſen Ruͤckkehr man in dieſer Nacht nicht erwartet hatte. Sie verhielten ſich ruhig, ſo wie aber der, deſſen Schritte ſie gehoͤrt hatten, ihrer Meinung nach in die Huͤtte trat, machten ſie ſich zur Gegenwehr bereit, wodurch ein Ge⸗ raͤuſch entſtand, welches den Ankoͤmmling uͤber⸗ zeugte, daß man auf der Hut ſey, und ihn, wie ſeine forteilenden Schritte verkuͤndeten, bewog — 63— ſich ſo ſchnell als moͤglich wieder zu entfernen, und den Zweck ſeines Beſuchs, von welcher Art dieſer nun auch geweſen ſeyn mochte, fuͤr den Au⸗ genblick aufzugeben. Jeder fuͤhlte indeß, wie es noͤthig ſey, daß waͤhrend des uͤbrigen Theils der Nacht immer einer von ihnen wach bleiben muͤſſe, und als un⸗ ſer Held das Noͤthige in dieſer Nuͤckſicht angeord⸗ net hatte, warf auch er ſich auf das harte Lager, wo er ſich mehrere Stunden lang eines erquicken⸗ den Schlummers erfreuete. 3 7. So wie der Morgen anbrach machte ſich Harley mit ſeinen Begleitern auf den Weg; die Sclaven in den anderen Huͤtten ſchliefen noch, und er hielt es fuͤr unnoͤthig, ja nach dem Vorfall der letzten Nacht vielleicht fuͤr gefaͤhrlich, ſie zu wecken. Die Richtung nach der Gegend hin nehmend, wo die Polies wohnen ſollten, trieb Harley ſeine Gefaͤhr⸗ ten zur moͤglichſten Eile an, und ſo erreichten ſie gegen Abend einen dichten Wald, wo ein jeder von ihnen wie gewoͤhnlich einen Baum erkletterte, und den Umſtaͤnden nach entſchlummerte. Am naͤchſten Morgen wanderten ſie weiter, und gegen Nachmittag verkuͤndeten ihnen Maisfelder und Baumwollpflanzungen, daß ſie ſich wieder in der Naͤhe menſchlicher Wohnungen befaͤnden. Von freudigen Hoffnungen beſeelt ſchritt unſer Held wei⸗ ter, erſtieg eine Anhoͤhe und gewahrte von dort aus mit Entzuͤcken den ſo lange geſuchten Gam⸗ — 66— bia oder wenigſtens einen Fluß, den er fuͤr den Gambia hielt. Auch die Wohnungen der Polies zeigten ſich bald ſeinen Blicken; die Huͤtten waren eingezaͤunt wie die zu Sambarra, und alles ſchien zu ver⸗ kuͤnden, daß die Sitten und Gebraͤuche dieſer Ne⸗ ger mit denen ſeiner fruͤheren Wirthe vollkommen uͤbereinſtimmten.— So wie unſere Wanderer naͤher kamen, tra⸗ ten ihnen mehrere Maͤnner entgegen, die zu erfah⸗ ren wuͤnſchten, wer ihre Gaͤſte waͤren. Harley's Begleiter gaben ſich ſogleich als Freunde zu erken⸗ nen, und wurden gaſtfrei aufgenommen. Sie machten eine uͤbertriebene Beſchreibung von den Verdienſten des weißen Mannes, und nun ward auch dieſer mit einem herzlichen Willkom⸗ men begruͤßt. Die Erſcheinung eines Europaͤers aber war in dieſer Gegend gerade nichts ſeltenes, und er ward daher mehr mit Freundlichkeit als mit Erſtaunen empfangen. Jedermann ſchien be⸗ muͤht dem Fremden etwas mitzutheilen, was ihn zugleich uͤberraſchen und erfreuen ſollte; da aber alle zugleich ſprachen, konnte Harley durchaus nicht begreifen, was ſie ihm zu verſtehen geben wollten. II. Band. 5 — 66— Endlich aber richtete ſich ſeine Aufmerkſamkeit auf ein Gemiſch von Toͤnen, die von einer der naͤch⸗ ſten Huͤtten zu ihm her erklangen, und er glaubte, wer malt die Wonne ſeines Herzens! engliſche Worte darunter zu vernehmen. Er horchte noch einmal mit der geſpannteſten Theilnahme hin, und deutlich hoͤrte er in engliſcher Sprache folganbe Schlußverſe ſingen: „Dem Herrn, der Alles wohl gemacht, Sey Ehre, Lob und Dank gebracht.“ Nie noch war dem Ohr Harleys eine Muſik ſo entzuͤckend vorgekommen als dieſe; er wollte in die Huͤtte eilen, aber er hemmte ſeine Schritte, denn er fuͤrchtete enttaͤuſcht zu werden, und die ſuͤße Hoffnung, hier einen Landsmann zu finden, ſchwinden zu ſehn. Endlich aber vermochte er ſich nicht laͤnger zu halten, er ſtuͤrzte in die Huͤtte, drang durch eine Anzahl ebenfalls ſingender Ein⸗ gebornen, und trat in ein kleines Gemach, wo er den Gegenſtand ſeines Suchens betend erblickte. Ein Europaͤer hielt ſeine Haͤnde zum Himmel em⸗ por gehoben und ſeine Augen geſchloſſen, ſo daß er den Ankoͤmmling nicht gewahrte, und auch den Schrei des Erſtaunens nicht vernahm, der der ſin⸗ — 67— genden Verſammlung bei dem Anblick eines zwei⸗ ten weißen Mannes entfuhr. Harley faltete an⸗ daͤchtig ſeine Haͤnde und ſandte ein Dankgebet zum Ewigen hinauf, der ihn hier in der Wuͤſte die ſo lange entbehrte Wohlthat einer Andachtsuͤbung in engliſcher Sprache finden ließ. Endlich verſtummte der Geſang; der Miſſio⸗ nair, der das ſchwere Geſchaͤft uͤbernommen hatte, den Heiden das Evangelium zu predigen, ſchlug nun die Augen auf, und ſah in der Verſamm⸗ lung einen Mann, der dem Anſchein nach einſt weiß geweſen war, mit einem langen, faſt bis zum Guͤrtel herabhaͤngenden Barte, in ſeltſamer, keinesweges europaͤiſcher Kleidung. Sein Erſtau⸗ nen aber ſollte bald durch Harleys Anrede geho⸗ ben werden, der ſo zu ihm ſprach:„Landsmann, Ihr ſeyd nicht der einzige Waͤndrer in dieſer Wuͤſte!“ Der Prieſter war entzuͤckt und bevegt Freu⸗ denthraͤnen entſtroͤmten ſeinen Augen, und in dem naͤchſten Moment ſah ſich Harley in der Umar⸗ mung ſeines Landsmannes, der anfangs keinen Verſuch zum Sprechen machte, ſondern ſchweigend aus ſeiner tiefſten Seele dem Allmaͤchtigen fuͤr die Gnade dankte, ihm in dieſem fremden Lande einen Englaͤnder zugefuͤhrt zu haben. Bald aber bra⸗ chen ſeine Gefuͤhle in Worte aus:„Ich danke Dir, Ewiger!“ rief er,„wie herrlich, wie wun⸗ derbar ſind Deine Wege!“ Harley erfuhr nun, daß der ſo unerwartet ge⸗ fundene Landsmann niemand anders ſey, als der Miſſionair, der, wie unſer Held vom Major Houghton gehoͤrt hatte, von Bombay gekommen war. Charles hoffte von ihm etwas Naͤheres uͤber den Tod ſeiner Aeltern zu hoͤren, und mit Freu⸗ den nahm er daher ſein Anerbieten an, die Nacht uͤber mit ihm in einer und derſelben Huͤtte zuzu⸗ bringen. Auf die Fragen aber, welche ihm Har⸗ ley in Ruͤckſicht der Verhaͤltniſſe der Seinigen zu Bombay vorlegte, konnte der fromme Mann durch⸗ aus keine genuͤgende Antwort geben. Er hatte dort nur wenige Tage geweilt, als man ihm auch ſchon ankuͤndigte, daß er nicht laͤnger bleiben duͤrfe. Smithers, ſo nannte ſich der Miſſionair, kannte keinen der Namen, nach denen ſich unſer Held erkundigte. „Und welchen Erfolg,“ fragte Harley,„hat⸗ — 69— ten Eure frommen Bemuͤhungen in dieſen Ge⸗ genden? 2 „Ach,“ erwiederte der Prediger,„ich habe nur wenige Urſache damit zufrieden zu ſeyn, aber ich vertraue auf Den, deſſen Diener ich bin, und hoffe, daß die Erndte kommen wird, wenn ich nur zu ſaͤen fortfahre.“ „Ihr habt auf jeden Fall große Verdienſte,“ verſetzte unſer Held,„daß Ihr es verſucht das heilige Wort Chriſti uͤber die Welt zu verbreiten.“ „Sprecht nicht ſo, Landsmann,“ entgegnete der Prieſter in der Wuͤſte,„nur gering iſt das Lob, welches ich verdiene; ich bin ein armſeliges Werkzeug der Allmacht, nichts als die Hand, mit der ſie die Saat des Friedens ausſtreuet.“ „Aber,“ bemerkte Harley,„ohne eine voll⸗ kommene Kenntniß der Sprache des Landes fuͤrchte ich, werdet Ihr nur geringe Fortſchritte in Eurem wichtigen Werke machen.“ 1 „Zeit und Geduld helfen mir ſolche Hinder⸗ niſſe beſiegen,“ antwortete der Miſſionair;„nicht uͤber ſie, wohl aber uͤber die Herzen von Stein, die ich antreffe, beklage ich mich; doch ich will er 70— fortfahren und kaͤmpfen gegen den Boͤſen, der die Suͤnde in die Welt brachte.“ „Eure Geſundheit aber ſchein von den Muͤ⸗ hen Eures Geſchaͤftes gelitten zu haben,“ be⸗ merkte Harley,„Ihr ſolltet mich nach Gorea be⸗ gkeiten, um Kraͤfte zu neuen Arſteengungen zu ſammeln.“ „ Ich danke Euch fuͤr Euren freundlichen Rath,“ erwiederte der fromme Mann,„meine Pflicht gebeut mir hier zu bleiben.“ Vergebens bemuͤhete ſich Harley ſeinen Lands⸗ mann zu bereden, ihn bis zur Muͤndung des Gam⸗ bia zu begleiten, dieſer beharrete aber feſt auf ſei⸗ nem Entſchluß, und ohne ſeinen Endzweck er⸗ reicht zu haben, war unſer Held genoͤthigt die Ruhe zu ſuchen. Als er am naͤchſten Morgen aus der Huͤtte trat, ſah er die Einwohner wie zu einer feierli⸗ chen Berathung verſammelt, und erfuhr, daß man an dieſem Morgen mehrere Maͤnner aus Meſſa in der Gegend geſehen hatte und einen An⸗ griff dieſes raͤuberiſchen Volks befuͤrchte. „Wir wollen ſie zuruͤcktreiben, habt Ihr Feuergewehre?“ fragte Harley in der Sprache des — 71— Landes. Die Antwort war bejahend, und man brachte drei Gewehre zum Vorſchein, die aber alle faſt unbrauchbar ſchienen.„Eure Bogen werden beſſere Dienſte thun,“ bemerkte unſer Held;„wel⸗ che Waffe waͤhlt Ihr?“ fragte er dann zum Miſ⸗ ſionair gewandt. „Ich!“ ſprach dieſer in dem Tone des Er⸗ ſtaunens,„ich kann keine Waffe fuͤhren, dieſe ausgenommen,“(hier zeigte er auf ſeine Bibel.) „Aber zur Selbſtvertheidigung?“ fiel Har⸗ ley ein. 3 „Ich bin kein Krieger, kann nicht fechten, nicht auf ſolche Weiſe meine Feinde bekaͤmpfen.“ Harley wandte ſich faſt unwillig von ihm. „Sie kommen, ſie kommen,“ rief er,„nun gilt es Tod oder Sieg!“ Bei dieſen Worten ergriff er einen Wurf⸗ ſpieß und flog auf den Feind zu von mehreren der Eingebornen gefolgt. Der Miſſionair zitterte, ſank auf ſeine Knie und begann laut zu beten. Die Maͤnner aus Meſſa, deren Anzahl nur geringe war, zogen ſich indeß zuruͤck und die Ge⸗ fahr ſchien voruͤber. Harley's Begleiter aus Lee Cunda nahmen — 72— nun einen ruͤhrenden Abſchied von ihm, und mach⸗ ten ſich auf den Weg, um in ihre Heimath zuruͤck⸗ zukehren. Da er die Richtung wußte, in welcher der Gambia lag, hoffte Harley ſchon am naͤchſten Tage die Ufer deſſelben zu erreichen, und er be⸗ ſchloß demnach fruͤhzeitig aufzubrechen. Nur un⸗ gern uͤberzeugte er ſich von der Nothwendigkeit fortan ſeinen Weg allein fortſetzen zu muͤſſen, aber er konnte Smithers durchaus nicht bewegen mit ihm zu wandern. Er hatte mit dieſem ſeine Freunde aus Lee Cunda eine Strecke begleitet, und das gaſtfreie Dorf faſt ſchon wieder erreicht, als er ploͤtzlich ein Geraͤuſch im Gebuͤſch vernahm, und gleich darauf ſich uͤberzeugte, in welcher Gefahr er und ſein Gefaͤhrte ſchwebten; ſie waren in einen Hinterhalt der Maͤnner von Meſſa gerathen, welche ſich am Morgen zuruͤckgezogen hatten, nun aber in groͤßerer Anzahl wiederkehrten, und mit furcht⸗ barem Geſchrei auf ihre Beute losſtuͤrzten. Der Miſſionair ward zuerſt von ihnen ergriffen, zu Bo⸗ den geworfen und mit grauſamer Rohheit gebun⸗ den. Harley hielt den Tod fuͤr unvermeidlich, jeder Widerſtand ſchien unnuͤtz, aber er wollte dennoch ſein Leben ſo theuer als moͤglich verkaufen. Er —õ— — 73— ergriff demnach eine Muskete, die einer der Feinde bei Seite geworfen hatte um den Prieſter zu binden, und fuͤhrte mit der Kolbe einen ſo furchtbaren Hieb nach dem Schaͤdel des Boͤſewichts, daß die⸗ ſer auf der Stelle ſein Leben ausgehaucht haben wuͤrde, haͤtte nicht einer ſeiner Spießgeſellen den Schlag aufgefangen. In demſelben Augenblick ſprangen drei andere auf unſern Helden zu und warfen ihn trotz ſeiner Gegenwehr zu Boden. Haͤnde und Fuͤße wurden ihm nun feſt zuſammengeſchnuͤrt, und er ſo auf den Ruͤcken eines Pferdes gebunden. In dieſer qualvollen Lage blieb Harley faſt eine Viertelſtunde, waͤhrend die Raͤuber auf gleiche Weiſe mit dem Miſſionair verfuhren, den er mehreremale ergebungsvoll ausrufen hoͤrte:„nicht mein, Dein Wille nur, o Herr, geſchehe!“ Einer der Maͤnner aus Meſſa ſchwang ſich nun hinter ihm auf das Pferd, und der Zug ging vorwaͤrts. Die Polies, welche Harley und den Prieſter begleitet hatten, waren von den Raͤubern ausgepluͤndert worden, dann hatte man ſie laufen laſſen, da die Habhaftwerdung der Europaͤer dem Anſchein nach der Hauptzweck des Angriffs war. Anfangs trieb man die Pferde unablaͤſſig an, und es ging ſchnell von dannen, nach einer Stunde aber ſetzte man die Reiſe langſamer fort, und gegen Mitternacht machte man Halt. Die Gefangenen wurden von den Pferden losgebunden, und die Raͤu⸗ ber genoſſen Speiſe und Trank, ohne indeß den weißen Maͤnnern das mindeſte davon mitzutheilen. Als ſie ihr Mahl geendet hatten, ſtreckten ſie ſich auf den Boden hin um zu ſchlafen, nachdem ſie einen aus ihrer Mitte ernannt hatten, bei den Ge⸗ fangenen Wache zu halten. Nach zwei Stunden lud man dieſe wieder auf die Pferde, und der Zug ging weiter, bis er gegen Abend bei einigen Zelten anlangte, deren Bewohner die Raͤuber freundlich empfingen, eilig ein Schaaf ſchlachteten ihre Gaͤſte zu bewirthen, und dann auch etwas davon den Gefangenen vorwarfen, die, waͤh⸗ rend die Maͤnner von Meſſa der Ruhe pflegten, die Nacht uͤber von ihnen bewacht wurden. ₰ 8. Waͤhrend der naͤchſten zwei Tage bewegte ſich der Zug auf gleiche Weiſe vorwaͤrts, und langte endlich wieder bei einer mauriſchen Niederlaſſung an, denn auch die Maͤnner von Meſſa gehoͤrten zu den Mau⸗ ren. Der Miſſionair war fruͤher ſchon einmal in ihre Haͤnde gefallen, von ihnen ausgepluͤndert wor⸗ den, und die Gefangenen erfuhren nun, daß die Maͤnner, welche ſie von den Polies fortgefuͤhrt hatten, abgeſandt waͤren um Smithers zu dem Koͤnige zuruͤckzubringen; vor dieſem ſollten ſie jetzt erſcheinen. Er ſaß in ſeiner Huͤtte auf einem Tigerfell, und hatte den Prieſter zuruͤckholen laſ⸗ ſen, damit er ein Schwerdt wieder in Stand ſetze, welches der Koͤnig von einem Seclavenhaͤnd⸗ ler erkauft aber zerbrochen hatte. Als Smithers und unſer Held eingetreten waren, wurden die beiden Stuͤcke des Schwerdtes dem Miſſionair vorgezeigt, und ihm ernſt geboten ſie wieder ſo zuſammen zu fuͤgen, wie ſie fruͤher geweſen waren. Erſtaunen ſchien die Zunge des Prieſters zu laͤhmen, als dieſer Befehl ſein Ohr erreichte; er entgegnete endlich, daß er von dem Geſchaͤft eines Schwerdtfegers auch nicht das ge⸗ ringſte verſtaͤnde und alſo nicht im Stande ſey das Gebot des Koͤnigs zu erfuͤllen. Der Barbar aber beſtand darauf, daß der chriſtliche Hund es ſogleich und zwar in ſeiner Gegenwart thun ſolle, und als der Prieſter dennoch erklaͤrte der Forderung nicht genuͤgen zu koͤnnen, ſprang der Koͤnig Sadi erzuͤrnt von ſeinem Tigerfell empor, erfaßte den Griff der zerbrochenen Waffe, und ſchien entſchloſſen den Schaͤdel des frommen Man⸗ nes zu ſpalten. Smithers bebte zwar zuſammen, aber ſchien ſich ergebungsvoll in ſein Schickſal zu fuͤgen. Seine Augen wie zum Gebet erhebend, rief er eine hoͤhere Macht an, indem er glaͤubig in Davids Worte ausbrach:„Auf Dich vertraue ich, o Herr, verleihe mir Deinen Schutz und rette mich aus den Haͤnden meiner Feinde.“ Dieſe Worte wiederholte er mehreremal; dann ſchwieg er, als erwarte er den toͤdtlichen Streich, der ſeine irdiſche Laufbahn enden ſollte. Ohne Zweifel waͤre dieſer auch erfolgt, wenn nicht in —— —— — 77— dem kritiſchen Moment die Augen des Mauren auf einen anderen Gegenſtand gefallen waͤren, der ſeiner Aufmerkſamkeit bisher entgangen war, nun ſie aber ganz in Anſpruch nahm; dies war naͤm⸗ lich das Geſicht eines zweiten Europaͤers, das un⸗ ſeres Harley. Die Gedanken des Koͤnigs nah⸗ men nun ploͤtzlich eine andere Richtung:„Kann er es nicht, ſollſt Du es vollbringen,“ ſchien der Sinn ſeiner Worte und ſeiner drohenden Ge⸗ behrden. 3 1 Unſer Held hatte ſich uͤberzeugt, daß das de⸗ muͤthige Weſen des Prieſters dieſem zu nichts ge⸗ holfen hatte, und er beſchloß alſo den ganz ent⸗ gegengeſetzten Weg einzuſchlagen, und zu verſu⸗ chen, ob nicht auch hier, wie oft in der Welt, Keckheit der Unwiſſenheit imponiren koͤnne. Nu⸗ hig trat er vor; nachdem ſeine Haͤnde losgebun⸗ den waren, nahm er die beiden Stuͤcke des Schwerd⸗ tes und betrachtete ſie mit den Blicken eines Sach⸗ verſtaͤndigen; dann verſicherte er den Koͤnig mit einem furchtloſen Weſen, die Art des Bruchs ver⸗ hindere das Schwerdt wieder zuſammen zu fuͤgen, wenn ihm aber der Koͤnig ein paar vertrauete Maͤnner nach Jillifree mitgeben wolle, wuͤrde er im Stande ſeyn ihm dort eine weit twrzäglihere Wraſſ. zu verſchaffen. Smithers war eben im Begriff dieſe Ant⸗ wort ſeiner Majeſtaͤt zu verdolmetſchen, als man ihm bemerkte, daß ein Maure zugegen ſey, der die Sprache des weißen Mannes rede. Harley freuete ſich dies zu vernehmen, denn er hoffte ſich ohne Schwierigkeit verſtaͤndlich zu machen. Er wandte ſich zu dem vermeintlichen Dolmetſcher, uͤberzeugte ſich aber bald, daß dieſer nur einzelne Worte von der engliſchen Sprache verſtaͤnde. Er hatte eine Anzahl Sclaven von Bambarra nach der Kuͤſte begleitet, und war mit einigen engliſchen Ma⸗ troſen zuſammen getroffen, die ſich einen Spaß daraus gemacht hatten, den Mauren einzelne Worte wiederholen zu laſſen, die er nun anſpruchs⸗ voll ſeinen Landsleuten vorſprach, verſichernd, er habe vollkommen gut engliſch gelernt. Charles bemuͤhete ſich demnach nur vergeblich ihm ver⸗ ſtaͤndlich zu machen, was er dem Koͤnige ſagen wollte, dies ſchien den Dolmetſcher aber durchaus nicht in Verlegenheit zu ſetzen, denn er nahm keinen Anſtand im Namen Harley's eine Rede zu erfinden, die indeß nicht das geringſte von dem — — — ꝓↄr— 1 2.. —— — 750— ausſprach, was dieſer vorbringen wollte. Der Miſſionair verſuchte zwar auf mauriſch die Un⸗ aͤchtheit dieſer Verdolmetſchung dem Monarchen kund zu thun; da er ſich aber in jener Sprache nur mit Schwierigkeit ausdruͤcken konnte, ward der Koͤnig ungeduldig und gebot, der Maure ſolle, ſo wie Harley's Worte, nun auch die des Prie⸗ ſters verdolmetſchen. Dies that der Betruͤger mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit, zum unendlichen Miß⸗ vergnuͤgen des Miſſionairs, der als er endlich einſah, daß alle ſeine Verſuche den Falſchen zu entlarven fruchtlos blieben, ſich demuthsvoll in den Willen des Ewigen ergab, es ihm anheim ſtellend den Betruͤger zu Schanden zu machen. Endlich wurden die Gefangenen abgefuͤhrt, denen die zornigen Blicke des Koͤnigs verkuͤndeten, daß der Bericht des Dolmetſchers nicht zu ihrem Vortheil gewirkt habe. Man brachte ſie in eine andere Huͤtte, unterweges aber wurden ſi ſie auf alle nur moͤgliche Weiſe geneckt und gehoͤhnt, eine Be⸗ handlung, welche die beiden Chriſten auf ſehr ver⸗ ſchiedene Weiſe ertrugen, Vor Wuth ſchaͤumend, ward unſer Harley nur durch die Bande, welche ſeine Haͤnde feſſelten, verhindert, blutige Rache an — 80— ſeinen Verfolgern zu nehmen, und ſich dann den Tod zu geben. Smithers hingegen, der die Stunde ſeines Maͤrtyrertodes nahe glaubte, ward von ſei⸗ nem frommen Eifer aufrecht gehalten, und ertrug alle Demuͤthigungen mit großer Geduld; ja er er⸗ maehnte ſeinen Gefaͤhrten durch heilige Spruͤche zur Ruhe und zur Ergebung. Aber die Stimme der Religion machte in dieſem Augenblick keinen Eindruck auf Harley; ſeine Bruſt kannte kein anderes Gefuͤhl als Wuth, keigen anderen Wunſch als Rache. Die Grauſamkeit ihrer Feinde ermuͤdete end⸗ lich und ſie fanden ſich nun allein in der Huͤtte. Harley verſuchte jetzt ſich von ſeinen Banden eini⸗ germaßen loszumachen, es gelang ihm, und da er von Hunger und Durſt fuͤrchterlich gequaͤlt ward, eilte er zur Huͤtte hinaus ſich wo moͤglich einige Nahrungsmittel zu verſchaffen. In einiger Entfernung ſah er ein mauriſches Weib, ſie ſchien ihn nicht zu bemerken, aber auf ihrem Geſicht lag ein Ausdruck von Kummer, der, wie unſer Held glaubte, nur in einem gefuͤhlvollen, mitleidigen Herzen wohnen koͤnne. Er beſchloß, ſie um einen Trunk Waſſer zu bitten, ſo wie er aber naͤher — 81— kam entfernte ſie ſich ohne Harley zu gewahren; ſchon hatte er den Ort erreicht, wo ſie fruͤher ſtand, als er ploͤtzlich ein friſches gruͤnes Kraut zu ſeinen Fuͤßen erblickte; er riß es ab und druͤckte die Blaͤtter begierig gegen ſeine brennende Zunge. In dieſem Augenblick wandte ſich das Weib, ſie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und in dem naͤchſten Moment ſah ſich Harley wieder von ſeinen fruͤheren Plagegeiſtern umgeben, die nun ſo wuͤthend uͤber ihn herfielen, daß er unter ihren Schlaͤgen und Stoͤßen bewußtlos zu Boden ſank. Es daͤmmerte ſchon, als er ſeine Sinne wie⸗ derkehren fuͤhlte; er hoͤrte Schritte nahen und war auf neue Marter gefaßt, als die ſanfte Stimme Smithers ſein Ohr beruͤhrte. Dieſem waren einige Nahrungsmittel gereicht worden, und er eilte ſie mit ſeinem Leidensgefaͤhrten zu theilen, den er aufgeſucht und waͤhrend ſeiner Bewußtloſigkeit be⸗ wacht hatte. „Kommt zu Euch, mein Bruder!“ ſprach er,„ſeht ich bringe Nahrung fuͤr Euren ſterbli⸗ chen Theil. Er, der ſeinem auserwaͤhlten Volke Manna in der Wuͤſte ſpendete, hat uns durch II. Band. 6 — 82— die Haͤnde dieſer Varbaren Speiſe und Trank gereicht.“ „Fuͤrchten ſie vielleicht,“ endgegnetr Harley mit Bitterkeit,„daß uns ohne eine ſolche Staͤr⸗ kung der Tod fuͤr ihre Marterluſt zu ſchnell da⸗ hinraffen moͤchte!“ „Ihre Beweggruͤnde kenne ich nicht,“ ant⸗ wortete der fromme Mann,„aber laßt uns das Gute genießen, das uns die Vorſehung ſandte.— Ihr habt, obgleich unwiſſend, Eure neuen Leiden ſelbſt herbeigefuͤhrt: das Weib weinte auf dem Grabe ihres Kindes; da rißt Ihr das Kraut ab, welches ſie darauf pflanzte und das die Hand eines Fremden nicht beruͤhren darf; daher die Grauſam⸗ keit mit der Ihr, wie jemand der das Heiligſte entweihete, behandelt wurdet.“ „Dann fliehet meine Naͤhe,“ ſprach Harley, „ſonſt bringe ich auch Euch Gefahr.“ „Wie,“ rief der Prieſter,„ich ſollte mei⸗ nen Bruder verlaſſen! das hieße das Gebot deſſen entheiligen, der mich geſandt hat.“ „Man wird Euch mit gleicher Wuch be⸗ handeln.“ „Immerhin! Gottes Wille geſchehe!“ — — 83— „Warum Euch aber einer Gefahr ausſetzen, die vermieden werden kann? warum meinetwegen Euer Leben wagen?“ „Weil ich ein Chriſt bin,“ antwortete der fromme Mann;„Euch nicht zu verlaſſen iſt meine Pflicht, ich will ſie erfuͤllen auf jede Gefahr hin.“ Taub gegen alle ferneren Vorſtellungen Har⸗ leys, bat er ihn nun wiederholt an ſeinem ſpaͤr⸗ lichen Mahle Theil zu nehmen; eine Einladung, der dieſer auch Folge leiſtete, und ſich dann eini⸗ germaßen geſtaͤrkt von dem Prieſter unterſtuͤtzt wie⸗ der zuruͤck in die Huͤtte begab, wo er ermattet bald in einen tiefen Schlaf verſank. Als er am naͤchſten Morgen erwachte, ſah er, daß man die Huͤrte von außen feſt verwahrt hatte, im Laufe des Tages aber holte man die Gefan⸗ genen heraus, und zwang ſie Waſſer fuͤr die Heer⸗ den ihrer Verfolger zu ſchleppen. Der ſtarke Koͤr⸗ perbau unſeres Helden, der ſelbſt von den erdul⸗ deten Drangſalen nur wenig gelitten hatte, erleich⸗ terte ihm dieſe Arbeit, der arme ſchwache Prieſter aber ſchien unter der Laſt derſelben faſt zu erlie⸗ gen. Dennoch aber trug er dieſes alles ſtill und geduldig, wenn gleich dann und wann ein unwill⸗ kuͤrlicher Seufzer ſeiner Bruſt entſtieg. Nachts wurden ſie wieder in ihrer Huͤtte ein⸗ geſchloſſen; am anderen Morgen aber forderte der Prediger ſeinen Gefaͤhrten auf, den heutigen Feſt⸗ tag mit ihm durch ein frommes Gebet zu feiern. „Es war,“ ſprach er,„am letzten Sonn⸗ tage, als die Vorſehung zweien Landsleuten das Gluͤck gewaͤhrte, ſich in einer Wuͤſte fern von dem Lande ihrer Vaͤter zu begegnen. Wir haben nun zwar eine Woche der Truͤbſale mit einander ver⸗ lebt, aber Gottes Barmherzigkeit hat uns das Daſeyn erhalten, und Er, der die Kinder Iſraels aus Egypten fuͤhrte, kann auch uns nach unſerer Heimath geleiten; deshalb vereint Euch mit mir ſeinen heiligen Namen zu preiſen.“ „Ich wuͤrde mich,“ entgegnete Harley,„gern mit Euch zu dieſem frommen Zwecke verbinden, aber wir ſollen eines ſolchen Troſtes uns nicht erfreuen; unſere Verfolger nahen, ohne Zweifel um uns die Arbeit des geſtrigen Tages aufs neue beginnen zu laſſen.“ „Dem duͤrfen wir nicht Folge leiſten,“ erwie⸗ derte der Diener Gottes. — — „Man wird uns zwingen.“ „Wir duͤrfen es dennoch nicht,“ wiederholte der Miſſionair,„es iſt Gottes Gebot: Du ſollſt den Sabath heiligen. 3 „Und wozu wuͤrde uns unſere Weigerung hel⸗ fen?“ fragte Harley,„ſie wuͤrde uns nur neuen Qualen ausſetzen.“ „Furcht vor Gefahr,“ verſetzte Smithers feierlFich,„darf uns nicht von dem Wege der Pflicht abbringen!“ „Da kommen die Mauren!“ unterbrach ihn Harley,„ſeyd vorſichtig und bedenkt, was die Folge ſeyn wird, wenn wir ihre Wuth noch mehr reizen. 4, In dieſem Augenblick traten die Heiden wirk⸗ lich herein, die Gefangenen zu der Arbeit von ge⸗ ſtern abzuholen; Charles ſchien ſich in ihren Wil⸗ len fuͤgen zu wollen, und forderte ſeinen Gefaͤhr⸗ ten auf daſſelbe zu thun, dieſer aber weigerte ſich ſtandhaft. Den barbariſchen Mauren war es durch⸗ aus unerklaͤrbar, wie ein armſeliger ſchwacher Ge⸗ fangener es wagen konnte ſich ihrem Befehl zu widerſetzen; Harley bemerkte ihr Erſtaunen, und — 86— beſchloß es zu benutzen, um die Strenge zu mil⸗ dern, mit der ſie, wie er fuͤrchtete, ſeinen Gefaͤhrten behandeln wuͤrden; er bemuͤhete ſich durch Zeichen und einige mauriſche Worte ihnen verſtaͤndlich zu machen, daß ſein Leidensbruder krank ſey, daß er aber die Arbeit fuͤr ſie beide verrichten wolle. Smi⸗ thers ſah was ſein Freund beabſichtigte, und eilte den großmuͤthigen Plan deſſelben zu vereiteln. „Ich bin nicht krank,“ rief er in mauriſcher Sprache,„wenigſtens nicht kraͤnker und nicht ſchwaͤ⸗ cher als geſtern; aber heute iſt der Feſttag des Herrn, ich will ihn heilig halten und ſeine Feier durch keine Arbeit entweihen.“ Die Mauren kehrten ſich indeß an dieſe Rede nicht, ſondern geboten ihm wiederholt ſich aufzu⸗ machen und an die Arbeit zu gehen; allein der fromme Prieſter beharrte feſt auf ſeinen Entſchluß; die ungewohnte Feſtigkeit dieſes Benehmens erfuͤllte die Heiden mit einem unbeſchreibbaren Erſtaunen; ſie traueten faſt ihren Sinnen nicht, als ſie den bisher ſo ſanften nachgiebigen Prieſter entſchloſſen ſahen, eher jede Qual zu erdulden, als dem Wil⸗ len ſeines Gottes zuwider zu handeln. Harley wollte noch einmal beguͤtigend dazwi⸗ —.— „ 687— ſchen treten, Smithers aber ließ ihn nicht zu Worte kommen;„Mann der Welt,“ rief er aus,„ſchweigt jetzt und laßt mich reden: Es ſteht da geſchrieben, Du ſollt den Sabath heiligen und keine Arbeit thun; dieſen Worten will ich nachleben!“— Die Barbaren blickten bald auf ihn, bald ſahen ſie einander verwundert an, ſie glaubten er habe ſeinen Verſtand verloren; in dieſer Meinung ſuchte Harley ſie zu beſtaͤtigen, indem er bald auf ſeinen Kopf, bald auf den ſeines Gefaͤhrten deutete. „Ich bin nicht wahnſinnig, du ſuͤndiger Landsmann,“ rief der Mann Gottes,„ich ſpre⸗ che, wie Paulus ſagt, die Stimme der Wahrheit.“ Das dem wirklich ſo war, davon uͤberzeugten ſich nun auch die Mauren, und wuͤthend fielen ſie demnach uͤber ihan her, waͤhrend ein Theil von ihnen Harley zu der Arbeit von geſtern mit ſich fortſchleppte. Nie war unſerem Helden der Zeitraum vom Auf⸗ gang bis zum Untergang der Sonne laͤnger vor⸗ gekommen, als an dem heutigen Tage; er arbei⸗ tete mit ungewoͤhnlicher Anſtrengung, damit er mit dem ſeinen, auch Smithers Tagewerk verrichte. Das Bild ſeines bleichen und unter den Schlaͤ⸗ gen der Barbaren dahinſinkenden Leidensgefaͤhrten wich nicht aus ſeiner Seele; er bebte bei dem Ge⸗ danken, daß ihm die Heiden vielleicht den Tod gegeben haͤtten. Smithers Unvoſichtigkeit kannte in der That keine Graͤnzen, und er beſaß ungluͤcklicherweiſe Kenntniß genug von der mauriſchen Sprache, um den Barbaren die Verachtung zu erkennen zu ge⸗ ben, die er gegen ihren Glauben empfand. Har⸗ ley wuͤnſchte ſehnlichſt den Augenblick herbei, in welchem er in die Huͤtte zu dem tugendhaften Schwaͤrmer zuruͤckkehren konnte; ſo wie dieſer Mo⸗ ment aber naͤher und naͤher kam begann er zu —— — 89— ſchaudern, und als er endlich Abends zuruͤckgefuͤhrt ward, ſchlug ſein Herz voll Angſt, den Lands⸗ mann des Lebens beraubt und verſtuͤmmelt zu fin⸗ den. Als er in die Huͤtte trat, warf er ſcheue Blicke umher, der Miſſionair aber war nirgends zu ſehen. Seine Beſorgniß ſchien nun gegruͤndet: „Sie haben ihn erſchlagen,“ rief er aus,„er ſchlaͤft im Grabe; ach! ich werde ſein frommes Antlitz nicht wieder ſchauen!“ Ein Seufzer, dem ein Verſuch folgte den Na⸗ men Harley auszuſprechen, bewies unſerem Hel⸗ den indeß daß er ſich geirrt hatte. In dem ent⸗ fernteſten Winkel der Huͤtte lag der Maͤrtyrer auf dem Geſicht, eine Lage, die er gewaͤhlt hatte, um ſich ſo viel als moͤglich den Mißhandlungen der Barbaren zu entziehen. Dieſe waren, wie er mit matter Stimme beſchrieb, unerhoͤrt geweſen, man hatte ihn geſchlagen, geſtoßen, ihm ins Geſicht geſpieen und ihn mit Dornen gegeißelt. Es wuͤrde unnuͤtz, ja ſogar grauſam geweſen ſeyn, haͤtte Harley den frommen Schwaͤrmer das thoͤrigte ſeines Religionseifers vorſtellen wollen: ſtatt ihm Vorwuͤrfe zu machen, bemuͤhete er ſich nach moͤglichſten Kraͤften ſeine Leiden zu mildern — 20— und ihm Troſt zuzuſprechen, indem er die Hoff⸗ nung auf, eine Flucht in ihm rege zu machen ſuchte. „Ach, daran iſt nicht zu denken,“ entgeg⸗ nete der Maͤrtyrer,„die Heiden haben heute eine Berathung gehalten, unſer Schickſal iſt feſtge⸗ ſtellt.“ „Und wie heißt ihr Ausſpruch?“ „Ich kenne ihn noch nicht mit Gewißheit,“ antwortete der Prieſter,„in der Wuth, mit der man mich behandelte, ſind den Barbaren daruͤber nur einzelne Worte entfallen. Einige verſicherten, man wuͤrde uns die Haͤnde abhauen, und dann als ein Geſchenk dem Koͤnige von Bambarra ſen⸗ den. Andere behaupteten, man wuͤrde uns toͤdten, und noch andere ſprachen von noch grauſameren Martern.“— „So muͤſſen wir ſchnell auf Mittel ſinnen, uns zu befreien,“ rief Harley. Er ſchwieg, aber ſeine Seele uͤberflog die Moͤglichkeit einer Flucht, bis der Schlummer ſeine Augen ſchloß. Kurze Zeit indeß nur waͤhrte dieſe Ruhe; er ſchreckte auf, und ſah die Huͤtte mit ſeinen Pei⸗ nigern angefuͤllt, welche nun unverzuͤglich uͤber ihn herfielen und ihm Haͤnde und Fuͤße banden. Ihre —,— —,— — 91— drohenden Worte und wuͤthenden Gebehrden ſchie⸗ nen ihm zu verkuͤnden, daß das Ende ſeiner Qua⸗ len nahe ſey, und er nahm ſeine ganze Seelen⸗ ſtaͤrke zuſammen, dem Tode muthvoll entgegen zu gehen.* Er und ſein Leidensgefaͤhrte wurden jetzt wie⸗ der auf Pferde gebunden, und von ſieben Reitern begleitet machte ſich der Zug auf den Weg. Zwei Tage ſchleppte man ſo die Ungluͤcklichen durch unabſehbare Wuͤſten fort, am Abend des dritten aber ward fruͤher angehalten als gewoͤhn⸗ lich, denn die Roſſe waren ungemein ermuͤdet. Die Mauren zuͤndeten ein Feuer an und legten ſich zur Ruhe nieder; ſie hatten nur an ſich ſelbſt gedacht und die Bande der Gefangenen nicht nachgeſehn, weil ſie dieſe zu erſchoͤpft glauben mochten, als daß es einer ſolchen Vorſicht beduͤefe. Die Heiden verſanken bald in einen tiefen Schlaf und ſchnarchten laut, da meinte Harley, der Augenblick der Rettung ſey vielleicht gekom⸗ men; er richtete ſich auf, alles ſchlief um ihn her, ſelbſt ſein Gefaͤhrte. Die Pferde ſtanden in einer kleinen Entfernung von dem Feuer, er und Smi⸗ thers konnten ein Paar derſelben beſteigen und — 92— wenn ihre Peiniger erwachten ſchon eine bedeutende Strecke zuruͤckgelegt haben. Von dieſem Gedan⸗ ken erfaßt, weckte er den Miſſionair, der auch ſo⸗ gleich laut zu beten begann. „So ſchweigt doch,“ rief Harley. „Nimmermehr,“ entgegnete der Schwaͤrmer. „Wenn ich erwache, muß ich das Lob meines Herrn preiſen; kommt und vereint Eure Stimme mit der meinen.“ „Spaͤter, ſpaͤter!“ rief Harley,„wenn wir in Sicherheit ſeyn werden, der Augenblick iſt guͤn⸗ ſtig zur Flucht.“ „Zur Flucht! Jetzt?“— „Jetzt oder nie. Eine treffliche Gelegenheit bietet ſich uns dar, laſſen wir ſie entſchluͤpfen, werden wir aller Wahrſcheinlichkeit nach eine ſo gluͤckliche nie wiederfinden. Von unſeren Banden koͤnnen wir uns befreien, ſeht her. Unſere Wache ſchlaͤft, die Pferde ſind fern, ihr Hufſchlag kann unſere Peiniger nicht erwecken.“ „Das iſt ein kuͤhner Plan,“ entgegnete der Miſſionair,„aber wohin wollen wir, mein Bruder?“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht, auch kuͤm⸗ — —. — 93— mere ich mich nicht darum,“ erwiederte Harley, „genug wenn wir uns den Haͤnden dieſer Barba⸗ ren entreißen, denn ſchwerlich kann ſich unſere Lage verſchlimmern; alſo fort, fort von hinnen.“ Mit Huͤlfe unſeres Helden ward nun auch der Prieſter von ſeinen Banden befreiet; Harley bemaͤchtigte ſich eines Dolches, der dem Guͤrtel eines Mauren entfallen war, faßte den Miſſionair bei der Hand, und forſchend um ſich blickend ſchlichen ſie zu den Pferden. Die beiden ſtaͤrkſten derſelben belud unſer Held nun ſchnell mit eini⸗ gem Mundvorrath, ſie ſchwangen ſich hinauf und eilten von dannen. „Kennt Ihr denn die wuͤſte Gegend, in der wir uns befinden?“ fragte der Schwaͤrmer, nachdem ſie ſchon mehrere Stunden ihren Weg unverfolgt fortgeſetzt hatten. „Sie iſt mir voͤllig unbekannt,“ entgegnete Harley,„uns bleibt nichts uͤbrig, als unſere Pferde den Weg nehmen zu laſſen, den ſie inſtinctmaͤßig fuͤr den beſten halten.“ So ging es nun vorwaͤrts, bis ſie, nachdem wieder einige Stunden verfloſſen waren, bei einer Quelle anlangten, wo ſie beſchloſſen Halt zu ma⸗ — 94— chen, damit ihre Gaͤule neue Kraͤfte ſammeln koͤnnten. Hier nahmen auch ſie etwas von ihrem Mundvorrath zu ſich, und ſetzten dann ihre Reiſe mit erneuetem Muthe und der bisherigen Schnel⸗ ligkeit fort. Endlich brach der Tag an, ſie er⸗ reichten das Ende eines Waldes, und erblickten nun mit einem von Freude und Beſorgniß ge⸗ miſchten Gefuͤhl die große, unabſehbare Wuͤſte Sahara vor ſich. Sie berathſchlagten jeßt, was zu thun ſey; Harley meinte, man muͤſſe ſich ſuͤdweſtlich halten, denn dann waͤre es vielleicht moͤglich eine europaͤi⸗ ſche Niederlaſſung zu erreichen, und ſo ritten ſie in die brennende Sandflaͤche, die vor ihnen lag, hinein. Nach einer Weile erblickten ſie in der Ferne einen Gegenſtand, von dem ſie anfangs nicht wußten, was ſie daraus machen ſollten. Zuerſt glaubten ſie es ſey ein Pferd, bald aber gewahr⸗ ten ſie, daß es ein Reiter war, der ſchnell auf ſie zukam, und erkannten zu ihrem Erſtaunen in dem⸗ ſelben den Mauren, der ſich vor dem Koͤnige als Dolmetſcher der engliſchen Sprache ausgegeben und ſich den Geſandenen ſo feindſelig gezeigt hatte. — —.— „Wir muͤſſen zuruͤck, zuruͤck auf der Stelle!“ rief der Miſſionair,„der Heide wird uns nicht geſtatten unſeren Weg fortzuſetzen.“ „Ich hoffe er wird es nicht verhindern koͤnnen.“ „Wollt Ihr ihm denn etwa Widerſtand lei⸗ ſten?“ fragte Smithers. „Allerdings,“ erwiederte unſer Held. „Und womit?“ „Mit dieſem Dolche!“ 3 „Wie, Ihr wolltet ihn damit durchbohren?“ „Bis aufs Herz!“ antwortete Harley,„wenn ich ihn auf keine andere Weiſe uͤberwaͤltigen kann.“. „Bedenkt die Suͤnde, mein Bruder!“ „Sie komme auf mein Haupt, wenn es Suͤnde iſt,“ entgegnete Charles,„Selbſtverthei⸗ digung iſt kein Verbrechen.“ 1 Unterdeſſen hatte ſie der Maure erreicht, er gebot unſeren Wanderern anzuhalten, und da ſie nicht gehorchten, druͤckte er ſchnell ſein Feuerge⸗ wehr auf ſie ab. Die Kugel pfiff an Harley voruͤber, der kaum gewahrte, daß ſein Gefaͤhrte von ihr getroffen vom Pferde ſank, als er auch mit Blitzesſchnelle auf den Heiden losſtuͤrzte, ihn mit Rieſenkraft vom Pferde riß, und mit ſeinem Dolche die Bruſt des Moͤrders durchbohrte, der mit einem einzigen Laut ſein ſchaͤndliches Leben aushauchte. Harley flog nun auf den Maͤrtyrer zu, ihm allen nur moͤglichen Beiſtand zu leiſten, aber er uͤberzeugte ſich leider bald, daß hier jede Huͤlfe fruchtlos ſey. Das Blut ſtroͤmte heftig aus der toͤdtlichen Wunde. Mit einem Herzen, deſſen Ge⸗ fuͤhle ſich nicht beſchreiben laſſen, kniete unſer Held neben dem bewußtloſen Gefaͤhrten, deſſen Augen ſchon auf immer geſchloſſen ſchienen; end⸗ lich aber eroͤffneten ſie ſich dennoch wieder, ein himmliſches Licht ſchien aus ihnen zu leuchten. „Ja, ja, es iſt die Hand meines theuren Landsmannes, die ich erfaſſe,“ ſtammelte der Sterbende mit leiſer Stimme. Harley fragte, ob er nicht etwas zur Er⸗ quickung fuͤr ihn zur Linderung ſeiner Leiden thun koͤnne. „Der Herr hat ſie ſchon gemindert,“ ant⸗ wortete der Maͤrtyrer,„ich fuͤhle keine Schmerzen mehr, denn das Paradies Gottes erſchließt ſich — 97— vor mir. Mein Herz iſt von Freude erfuͤllt, denn ich ſchaue das Ende meiner irdiſchen Wallfarth; aber Thraͤnen entquillen meinen Augen um Euret⸗ willen den ich zuruͤcklaſſe. Bleibt treu dem Glau⸗ ben, ſo werden wir uns einſt wiederſehn. Nehmt hier mein Vermaͤchtniß!“— 1 Bei dieſen Worten reichte er Charles ſeine kleine Bibel hin, die er nie von ſich gelaſſen hatte, faltete ſeine Haͤnde andaͤchtig— und ging hinuͤber, den Lohn ſeines frommen Wandels zu empfangen.— II. Band. 7 I10. Harley kniete noch eine Weile in ſtillem Schmerze neben der Leiche ſeines Leidensgefaͤhrten, dann er⸗ hob er ſeine Seele zu Gott in einem frommen Gebet um Muth zur Erduldung der neuen Drang⸗ ſale, die ihm dem Einſamen in der menſchenlee⸗ ren Wuͤſte bevorſtaͤnden, ſcharrte den Leichnam des Maͤrtyrers in eine Vertiefung, bedeckte ihn mit Sand, richtete noch einen wehmuͤthigen Blick auf das Grab deſſelben und beſtieg ſein Roß, um nun ſeinen Weg allein fortzuſetzen. Bald ſchwan⸗ den indeß die Kraͤfte ſeines Pferdes, denn er konnte dem armen Thier nur wenig Nahrung und Waſſer reichen, und ſo war er endlich genoͤthigt ſich auch von dieſem lebenden Weſen zu trennen, zu Fuße weiter zu wandern und ſeinen kleinen Vorrath von Lebensmitteln auf dem Ruͤcken zu tragen. Da die Hitze am Tage ungemein ſtark war, wanderte er groͤßtentheils bei Nacht, und kam alſo nur langſam und mit einer ſo unend⸗ — — 99— lichen Muͤhe von der Stelle, daß ihm jede Hoff⸗ nung zu ſchwinden begann und ihm der Tod un⸗ vermeidlich ſchien. Endlich war auch ſein letzter Tropfen Waſſer aufgezehrt, und von Hunger und Durſt ermattet ſank er bewußtlos zu Boden. Er hatte indeß nicht lange ſo da gelegen, als er ſich von einer unbekannten Hand wieder ins Leben zu⸗ ruͤckgerufen fuͤhlte. Schon glaubte er es waͤren ſeine Verfolger, aber er irrte ſich, es war ein Sclavenhaͤndler, der in ſeine Heimath zuruͤckkehrte, den lebloſen Europaͤer bemerkt hatte, und ihm nun nach beſten Kraͤften Beiſtand zu leiſten be⸗ muͤht war. Harley nahm die ihm dargebotenen Erfriſchungen dankbar an, und erreichte unter dem Schutze ſeines Retters gluͤcklich das Ende der unabſehbaren Wuͤſte, wo er ſeinen Tod zu finden geglaubt hatte. In einem Dorfe, der Heimath des Sctavenhaͤndlers, fuͤhlte Harley ſeine Kraͤfte nach und naͤch wiederkehren, und ihn verlangte nun ſehnlichſt nach einer Gelegenheit, dem Manne, den er fuͤr ſeinen Wohlthaͤter hielt, ſeine Dank⸗ barkeit beweiſen zu koͤnnen. Er bemuͤhete ſich nicht 3 nur die Befehle deſſelben auf das genaueſte zu erfuͤllen, ſondern ſuchte ſeine Wuͤnſche ſchon im voraus zu errathen. Bald uͤberzeugte er ſich in⸗ deß, daß ſein eifrigſtes Streben dennoch nicht im Stande ſey, ihm die Zufriedenheit ſeines tyranni⸗ ſchen Gebieters zu erwerben, denn als ein ſolcher„ zeigte ſich ihm bald der vermeintliche Schutzengel. Der Afrikaner hatte ihm das Leben nur er⸗ halten, um ihn als Sclave zu gebrauchen, und ſo wußte unſer Harley bald nicht mehr, ob nicht der Tod in der Wuͤſte ſeinem jetzigen Looſe vor⸗ zuziehn geweſen waͤre. Auf jede Gefahr hin aufs neue zu entfliehen ſchien ihm der einzige Ausweg, aber eine Begebenheit fand ſtatt, die ſeine Flucht unnoͤthig machte. Als er eines Abends von ſeiner Arbeit zu⸗ ruͤckkehrte, vernahm er ploͤtzlich das Jammerge⸗ ſchrei eines Weibes, und gewahrte, als er naͤher kam, ſeinen Herrn, der mit einem ſchweren Stabe derb auf ſeine Tochter losſchlug. Eine ſolche Scene war in dem Hauſe ſeines Gebieters gerade nichts neues; dieſesmal aber mißhandelte derſelbe das arme Maͤdchen ſo ſehr, daß unſeres Helden Gefuͤhl ſich empoͤrte, und er dem Afrikaner durch Wort und Gebehrde zu verſtehen gab, er ſolle von einer ſolchen Grauſamkeit ablaſſen. Der Vater — 101— hohnlachte uͤber das unverlangte Dazwiſchentreten ſeines Sclaven, und gebot ihm, da ſein Arm er⸗ muͤdet ſey, ſtatt ſeiner mit dem Schlagen fortzu⸗ fahren, ein Befehl, den Harley zu erfuͤllen ſich ſtandhaft weigerte. Da flammte heftiger Zorn aus den Augen des Tyrannen; er hob den Pruͤgel und fuͤhrte damit einen gewaltigen Schlag nach unſerem Helden, der von dieſer nichtswuͤrdigen Be⸗ handlung aufs aͤußerſte gebracht, alle Warnungen der Maͤßigung und der Klugheit vergaß, auf den Wuͤthrich losſtuͤrzte, ihm den Stab entriß, und denſelben ſo ſchwer auf deſſen Haupt fallen ließ, daß der Herr bewußtlos zu den Fuͤßen des Sclaven niederſank. Harleys erſter Gedanke nach dieſer That war, unverzuͤglich zu entfliehen; ſeine Flucht aber bei Tage zu bewerkſtelligen war unmoͤglich, denn man wuͤrde ihn verfolgt haben, noch bevor er das Dorf verlaſſen konnte. Er beſchloß daher die voͤllige Dunkelheit abzuwarten, und eilte von dannen, ſich bis dahin in einem nahegelegenen Gebuͤſch zu ver⸗ bergen. Noch hatte er indeß hier nicht lange ge⸗ weeilt, als er auch den Afrikaner, der ſich ſchnell wieder erholt und ſeine Spur ausgeforſcht hatte, — 102— auf ſich zukommen ſah, mit wuthflammenden Blicken den Dolch in ſeiner Hand, den er ſich, als er Harley in der Wuͤſte fand, ſogleich zugeeignet hatte. Unſer Held fuͤhlte, daß es hier einen neuen Kampf gelten werde, und ſchickte ſich an ſein Le⸗ ben ſo theuer als moͤglich zu verkaufen. Da aber wandelte ſich die Scene: aus einem unfernen Ge⸗ ſtraͤuch ſtuͤrzten ploͤtzlich drei Neger einer feindli⸗ chen Horde auf Hamode, ſo nannte ſich der Scla⸗ venhaͤndler, zu, und zwangen ihn, den Dolch nun gegen ſie zu wenden. Schon war es ihm gelun⸗ gen den erſten der ihn packen wollte niederzuſtoßen, als er von den anderen beiden ergriffen und zu Boden geworfen ward. Der eine von ihnen riß einen Pfeil hervor, bereit die Bruſt des Beſiegten zu durchbohren, da aber ſprang eilig unſer Held hinzu, deſſen edles Gemuͤth ihm nicht erlaubte einen ſo ungleichen Kampf thatlos mit anzu⸗ ſchauen, erhob den ſchweren Stab, den er noch immer in ſeiner Hand hielt, und fuͤhrte damit einen ſo furchtbaren Streich auf den Schaͤdel des Moͤrders, daß dieſer todt zu Boden ſtuͤrzte, wor⸗ auf er mit Blitzesſchnelle den dritten packte, ihn niederwarf, und ihm mit Hamodes Beiſtand — 103— Haͤnde und Fuͤße band. Dieſe großmuͤthige Hand⸗ lung machte auf das Herz des Afrikaners einen nicht zu beſchreibenden Eindruck; eben der, den er zu toͤdten gekommen war, hatte ihm das Leben gerettet, ein Gefuͤhl unendlicher Dankbarkeit, viel⸗ leicht das erſte, welches er in ſeinem Leben em⸗ pfand, erfuͤllte ſein Herz. Er ſtuͤrzte zu den Fuͤßen ſeines Sclaven; Harley aber hob ihn freundlich auf, denn auf Hamades Geſicht waren Reue und Schaam zu deutlich ausgedruͤckt, als daß der Eu⸗ ropaͤer an der Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen haͤtte zweifeln koͤnnen; der dankbare Gebieter ver⸗ ſicherte, er werde ihn fortan als ſeines Gleichen behandeln, der Gefangene ſolle ſein Sclave ſeyn, und wenn Harley in ſein Vaterland zuruͤckzukeh⸗ ren wuͤnſche, wolle er ihm durchaus kein Hinder⸗ niß in den Weg legen. Freude, ihm laͤngſt entfremdet, zog bei dieſen Worten wieder ein in das Herz unſeres Helden; er druͤckte dem Afrikaner dankbar die Hand, und kehrte mit ihm und dem Gefangenen in das Dorf zuruͤck. Hier aber harrte ſeiner neue Wonne; ein Trupp Sclaven nach der Kuͤſte beſtimmt war an⸗ gelangt, und hatte die Gaſtfreiheit des Oertchens — 104— fuͤr dieſe Nacht in Anſpruch genommen. Sich dieſem Zuge anzuſchließen, mit ihm bis zur Kuͤſte zu wandern war ſogleich der Entſchluß Harleys, der es uͤberdies fuͤr rathſam hielt, die erſte Waͤr⸗ me der Dankbarkeit ſeines bisherigen Gebieters zu benutzen; er trug dieſem ſeinen Wunſch vor, erhielt ſogleich Gewaͤhrung, und noch in derſel⸗ ben Stunde hoͤrte er wie Hamode ihn der Sorge des Sclavenfuͤhrers empfahl; am naͤchſten Mor⸗ gen mit Tagesanbruch ſollte die Reiſe vor ſich gehen. Das Entzuͤcken, welches nun die Bruſt des Europaͤers erfuͤllte, vermag keine Sprache zu beſchreiben; aus der traurigſten Lage, in der ein Sterblicher nur ſchmachten kann, ſah er ſich jetzt der Freiheit wieder gegeben, und die Ausſicht auf eine frohe Zukunft begann ſich ihm zu eroͤffnen. Er verſuchte zu ſchlafen, um Kraͤfte fuͤr den mor⸗ genden Tag zu ſammeln, aber er vermochte es nicht; denn die freudige Hoffnung nun bald eine europaͤiſche Niederlaſſung zu erreichen, ſein gelieb⸗ tes Vaterland wieder zu ſehen, ſeine theure Emi⸗ lie wieder in ſeine Arme zu ſchließen, verſcheuchte den Gott des Schlummers von ſeinem Lager; dennoch aber ſtand er raſch und munter da, als — 105— am Morgen das Signal zum Aufbruch gegeben ward. Die Dankbarkeit Hamodes hatte in der That die Nacht uͤberlebt, er verſah ſeinen bishe⸗ rigen Sclaven mit einem reichlichen Vorrathe von Lebensmitteln, empfahl ihn noch einmal dem Fuͤh⸗ rer des Trupps und druͤckte ihn zum Abſchied an ſeine Bruſt.. Der Zug bewegte ſich ziemlich ſchnell vor⸗ waͤrts, und durchzog nun mehrere, unſerem Hel⸗ den bisher voͤllig unbekannte Ortſchaften. In einigen derſelben naͤherte man ſich ihm mit ſcheuer Ehrfurcht, ſo als waͤre er ein uͤbernatuͤrliches Weſen; in anderen dagegen betrachtete man ihn mit Verachtung und mit Abſcheu.. So gelangte er bis zum Gambia, und er⸗ reichte endlich mit ſich immer mehr und mehr be⸗ lebenden Hoffnungen den unfern der Muͤndung deſſelben gelegenen Ort Piſania, wo er Lands⸗ leute zu finden hoffen durfte. 1 Er hatte ſich nicht geirrt. Nicht weit von Piſania kamen dem Trupp mehrere Europaͤer ent⸗ gegen, unter denen Harley ein ihm bekanntes Ge⸗ ſicht zu bemerken glaubte. Es war das des Ma⸗ jor Houghton; Harley ſprang auf ihn zu und — 106— wollte ihn in ſeine Arme ſchließen, der Major aber wich ſcheu zuruͤck, denn er erkannte unſeren Helden nicht, der mit einem bis zum Guͤrtel her⸗ abhaͤngenden Barte in einer gar wunderbaren Klei⸗ dung vor ihm daſtand. Bald fand indeß eine Erklaͤrung ſtatt, und Houghton erfuhr nun zu ſeinem unendlichen Er⸗ ſtaunen und zu ſeiner großen Freude, daß der, den er ſchon laͤngſt als todt beweinte, ihm jetzt lebend wiedergeſchenkt ſey. Harley hoͤrte nun von ſeinem Freunde das neueſte aus Europa, empfing von ihm eine europaͤiſche Kleidung, befreiete ſein Kinn von dem langen Barte, und theilte dann dem Major ſeine Abentheuer mit, denen derſelbe mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit horchte. Dieſer erzaͤhlte ihm darauf, daß er von den Verfolgungen des Gouverneurs gezwungen wor⸗ den ſey, Gorea zu verlaſſen, daß er aber durch⸗ aus nach dort zuruͤck muͤſſe, und ſich dann nach England einſchiffen wolle, um ſeine Rechte gegen den tyranniſchen Statthalter geltend zu machen. Harley erklaͤrte ſich bereit ihn zu begleiten; der Major aber meinte, der Gouverneur koͤnne ſeinem Freunde vielleicht manches in den Weg —— — — 107— legen, wenn er mit ihm in Gorea erſcheinen wuͤr⸗ de, und rieth dem jungen Manne ſich lieber in Jillifree nach ihrem gemeinſchaftlichen Vaterlande einzuſchiffen; in dieſer Ruͤckſicht einen Entſchluß zu faſſen war es uͤbrigens noch Zeit genug, wenn man jenen Ort erreicht haben wuͤrde, und dorthin machten ſich die beiden Freunde alſo auf den Weg, nachdem Harley zuvor dem Fuͤhrer der Sclaven gedankt und von ihm Abſchied genommen hatte. Der dramatiſche Schriftſteller kann in einem Au⸗ genblick die Scene veraͤndern, mit einem einzigen Zauberſchlage den Zuſchauer von Rom nach Athen verſetzen. Da dem Erzaͤhler ebenfalls das Recht zuſteht, ſeine Leſer uͤber Berge und Meere zu tra⸗ gen, duͤrften vielleicht mehrere der unſrigen geneigt ſeyn ſich daruͤber zu beklagen, daß wir nun ſo lange ſchon von dieſer Erlaubniß keinen Gebrauch machten, da es doch ſo leicht geweſen waͤre ſie nach England zu fuͤhren, und ſie von den Bege⸗ benheiten in dem Hauſe des Sir George Hender⸗ ſon zu unterrichten.— Eine kurze Entſchuldi⸗ gung wird hinreichen, dieſe ſcheinbare Nachlaͤſſig⸗ keit zu erklaͤren. Die Geſchichte ſchmerzvoller Naͤchte, kummer⸗ ſchwerer, gleichmaͤßig hinſchleichender Tage darf nicht ausfuͤhrlich erzaͤhlt werden, will man den Leſer nicht durch Wiederholungen ermuͤden; und da dem Sir George Henderſon und der armen — — HQ⏑X˖C.¶¶ 2.-— — 109— Emilie viele Monde auf dieſe Weiſe dahinſchwan⸗ den, war es am rathſamſten ihrer nicht zu erwaͤh⸗ nen, bis die Zeit eine beſſere Zukunft fuͤr ſie her⸗ beigefuͤhrt haben wuͤrde. Die Heftigkeit des erſten Säͤmerzes, den Vater und Tochter bei der Nachricht von dem Tode Harley's empfanden, hatte freilich nachge⸗ laſſen, aber eine tiefe Schwermuth war an ihre Stelle getreten. Selbſt die Troſtworte der mit einem leichteren Sinne begabten Caroline verklan⸗ gen wirkungslos, der Baronet und Emilie ſchie⸗ nen der Trauer auf immer hingegeben. Die Liebe, welche Sir George fuͤr Harley empfunden hatte, die Umſtaͤnde, welche ſeine Trennung von dem⸗ ſelben begleiteten, und die Leiden Emiliens druͤck⸗ ten ſeinen Geiſt nieder, und verhinderten ihn die fruͤhere Heiterkeit ſeiner Seele wiederzufinden. Die Standeserhoͤhung des Major Roberts, welche um dieſe Zeit ſtatt fand, und die Sorge fuͤr ſeinen nun vergroͤßerten Haushalt erforderten die Anweſenheit ſeiner Gattin, und ſie war dem⸗ nach genoͤthigt die Traurenden mit ihrem Kum⸗ mer allein zu laſſen. Die Zuruͤckbleibenden beklagten ihre Entfer⸗ — 110— nung eben nicht; der dumpfe Truͤbſinn, der ſie umfangen hielt, machte ſie fuͤr eine ſolche Tren⸗ nung faſt unempfindlich. Die kalte Vernunft be⸗ leidigt nur zu oft das ſchmerzbewegte Gemuͤth, welches ſie zu troͤſten verſucht. „Warum, meine theuere Emilie,“ begann der Baronet eines Tages, als er ſeine Tochter weinend uͤberraſcht hatte;„warum giebſt Du Dich ſo ganz dem verzehrenden Grame hin, den— hier zitterte ſeine Stimme und ein tiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt,—„den ich nicht billigen kann!“ Emilie ſah mit einigem Erſtaunen zu ihm auf,„ich wuͤnſchte, mein geliebter Vater gaͤbe mir ein Beiſpiel von ruhiger Ergebung in das Unvermeidliche; ſeine mir ſo theure Geſundheit wuͤrde weniger leiden.“ „Mein Stundenglas iſt faſt abgelaufen,“ erwiederte Sir George,„mein Schmerz muß bald enden. Du aber, wenn Du Deine Seele nicht aus der Schwermuth erhebſt die ſie umflort, wirſt Dir ein langes Elend bereiten.“ „Meine Leiden werden nicht lange waͤhren, — 111— eine geheime Ahnung fluͤſtert es mir zu,“ entgeg⸗ nete Emilie. „Wuͤnſcheſt Du,“ nahm der Vater wieder das Wort,„mich weniger ungluͤcklich zu ſehen, bemuͤhe Dich Deine verlorne Ruhe wieder zu ge⸗ winnen; ſaͤhe ich Dich der Heiterkeit zuruͤck gege⸗ ben, ich wuͤrde nicht ſo elend ſeyn als ich bin. Und warum ſollteſt Du Dich nicht faſſen koͤnnen? Warum ſollteſt Du nicht dem Zwecke nachleben, zu dem die Natur das Weib beſtimmte? Warum vor den Pflichten zuruͤckbeben, die der Himmel Deinem Geſchlechte vorgeſchrieben hat?“ „Aber wenn das Ungluͤck uns außer Stand ſetzt unſere Pflichten zu erfuͤllen,“ fiel Emilie ein,„iſt es dann nicht beſſer eine ſolche Lage zu vermeiden, als den angewieſenen Platz unwuͤrdig zu behaupten?“ „Das wuͤrdeſt Du nie, meine gute Toch⸗ ter,“ entgegnete Sir George;„verſuche es Dei⸗ nen Schmerz zu bekaͤmpfen, ihn der uns entriſ⸗ ſen ward, bringen Deine Thraͤnen doch nicht wie⸗ der; Du biſt es Dir ſelbſt, Du biſt es mir ſchul⸗ dig Muth zu faſſen; wende nicht Deine Blicke ab, wenn ſich Dir ein edler Juͤngling naht; und — 112— glaubſt Du einen gefunden zu haben, Deiner Wahl wuͤrdig, ſo ſey uͤberzeugt, daß ſich der Stolz, der Ehrgeiz und der Eigennutz eines Vaters nie Deinen Wuͤnſchen widerſetzen werden.“ Der Baronet ſchien bei dieſen Worten un⸗ gemein bewegt, und Emilie glaubte auf ſeinem Geſicht das Bekenntniß zu leſen, daß die von ihm genannten Leidenſchaften ihn einſt verhindert hatten Harley's Hand in die ihre zu legen und ſo das Gluͤck ihres Lebens zu begruͤnden. Sie war eben im Begriff ihrem Vater troͤſtende Worte zuzuſprechen, als ein Diener eintrat der einen Be⸗ wohner des Dorfs meldete, welcher mit dem gnaͤ⸗ digen Herrn zu ſprechen wuͤnſche. Sir George gebot ihn herein zu laſſen, gleich darauf zeigte ſich ein Landmann, dem die Thraͤnen aus den Augen ſtroͤmten. „Wie, Du weinſt,“ rief der Baronet,„was fehlt Dir, John?“ „Ach, Herr, mir fehlt nichts— aber meine Mutter, meine arme Mutter!“ „Und was iſt's mit der?“ „Die— ach lieber Herr!— die iſt ganz von Sinnen!“ — 113— „Das iſt ja traurig, John,“ erwiederte der Baronet,„was aber kann ich dabei thun?“ „Ach, gnaͤdiger Herr!“ fuhr der Bauer fort, „ſie hat ſich eingeſchloſſen und tobt und wuͤthet, da bin ich denn hergelaufen, Sie um die Erlaub⸗ niß zu bitten, die Thuͤr ihres Haͤuschens aufbre⸗ chen zu duͤrfen;z denn Sie wiſſen, ſo etwas iſt gegen die Geſetze.“ „Wie kann da noch die Rede von Erlaub⸗ niß ſeyn,“ rief Sir George,„ſprengt das Schloß ohne Verzug, ich nehme Alles auf mich.“ „Dank, Dank, lieber Herr,“ entgegnete der Burſche,„aber wollen Sie mir nicht die Gnade erzeigen, mit hinaus zu gehen, die Leute ſehen dann, daß alles nach Ordnung und Recht ge⸗ ſchieht.“ Der Baronet nahm ſeinen Hut und folgte dem Landmann, und Emilie ſchritt voll ſchwer⸗ muͤthiger Betrachtungen in den Garten hinab, in dem ſie einſt ſo oft mit freudig klopfendem Her⸗ zen an Harleys Seite wandelte. Hier ganz dem Grame hingegeben, den ſie nicht bekaͤmpfen wollte, nicht bekaͤmpfen konnte, pflegte ſie ſeit der Tren⸗ nung von ihm einſam zu wandern, bis ſie, alles II. Band. 8 — 114— um ſich her vergeſſend, ihre Seele endlich in reli⸗ gioͤſe Betrachtungen verſenkte, die ſie uͤber die Vergaͤnglichkeit dieſer Erde erhoben, und ihr die Ausſicht auf eine andere, beſſere Welt eroͤffneten. Als ſie bis zur Thuͤr ihres Zimmers gelangt war, ſah ſie eine glaͤnzende Equipage daherrollen, die gleich darauf anhielt; dies aber hemmte ihre Schritte nicht. Seit langer Zeit ſchon hatte ſie ſich jedem Beſuche entzogen, und ſich, ſobald ein ſolcher gemeldet ward, augenblicklich auf ihr Zim⸗ mer begeben, wenn nicht anders ihr Vater ihre Gegenwart ausdruͤcklich verlangte. Einen ſolchen Wunſch aͤußerte er indeß nur ſelten, denn er ſah, daß die Erfuͤllung deſſelben ſeiner Tochter jedes⸗ mal unendlich ſchwer werd. Der Tag war einer von denen, welche zu⸗ weilen dem Ende des Oktobers die Reize des Som⸗ mers verleihn, ohne daß ſie deſſen Schwuͤle em⸗ pfinden laſſen. An der einen Gartenſeite ſtand ein Kirſchbaum, unter dem ſie oft als Kind mit Harley und ihrer Schweſter geſpielt hatte. Der kleine Sitz war laͤngſt verfallen, auf Emiliens Verlangen aber wieder hergeſtellt worden; denn ſie wuͤnſchte ſich die entzuͤckenden Stunden ihrer Kind⸗ heit auf alle nur moͤgliche Weiſe zu vergegen⸗ waͤrtigen. Dorthin lenkte nun die ſinnende Emilie ihre Schritte; das Bild des ſo innig geliebten, ſo ſchmerzvoll betrauerten Juͤnglings ſchwebte wie immer vor ihrer Seele: auch der Gram ihres Va⸗ ters, ſeine immer mehr abnehmende Geſundheit gehoͤrten zu den Gegenſtaͤnden ihrer Betrachtungen. „Ach,“ ſeufzte ſie,„ſeine Reue iſt zu ſpaͤt; warum kann ſie nicht das Geſchehene ungeſchehen machen, wie nutlos fließen jetzt ſeine Thraͤnen dem ſo grauſam Dahingeopferten! Waͤren ſeine Gefuͤhle damals ſo milde geweſen wie jetzt, da⸗ mals, als der, den ich nie vergeſſen werde, bit⸗ tend in ihn drang, wie haͤtten wir alle ſo gluͤck⸗ lich ſeyn koͤnnen! Er waͤre nicht verzweiflungsvoll in den Tod gegangen; ja, er haͤtte vielleicht den gefahrbringenden Stand aufgegeben.— Aber hinweg ihr eitlen Gedanken, ihr vermoͤgt nicht die Geſetze der Natur zu aͤndern, ihr koͤnnt das Grab nicht zwingen ſeinen Raub heraus zu geben. Ru⸗ hig mein Herz, ruhig! das Ende Deiner Leiden iſt nicht mehr fern!— Bald, bald begegnen ſich jenſeits unſere Geiſter wieder, dann laͤcheln wir - 116— uͤber die Leiden dieſer Erde, wie der Erwachſene der kleinen Uebel gedenkt, die ihm als Kind uner⸗ traͤglich ſchienen.“ Waͤhrend ſie unwillkuͤrlich dieſe Gedanken ih⸗ rer Seele in Worten ausſprach, waren ihre Blicke zum Himmel emporgehoben und Thraͤnen glaͤnz⸗ ten in ihren Augen. Ploͤtzlich aber fuhr ſie zu⸗ ſammen, denn ſie gewahrte, daß ſie nicht allein ſey. Ein Juͤngling war aus dem Gebuͤſch getre⸗ ten, zu ihren Fuͤßen geſtuͤrzt, und hatte ihre Hand ergriffen. Sie wollte den Zudringlichen von ſich ſtoßen, aber ein ahnungsvoller Schauer durch⸗ zuckte ihre Glieder und hemmte ihre Sprache. Er, der dieſe Gemuͤthsbewegung verurſacht hatte, war nicht weniger erſchuͤttert, er zitterte und ſchwieg, aber Emilie fuͤhlte ihre Hand mit brennenden Kuͤſſen bedeckt. Endlich hob er ſein Haupt, ein von Entzuͤcken ſtrahlendes Geſicht begegnete ihren Blicken,— es war das ihres Harley.— „Emilie, Emilie!“ ſtammelte er endlich; mehr vermochte er nicht zu ſagen, denn die Freude des Augenblicks erſtickte ſeine Stimme. Er hatte die Worte gehoͤrt, die, als ſie ſich allein glaubte, ihren Lippen entflohen waren. Er ſah nun die — 417— Geliebte vor ſich, deren Bild ihn durch die bren⸗ nenden Wuͤſten Afrika's begleitet hatte; er ſah ſie, zwar von Gram und Liebe gebeugt, mit blei⸗ chen Wangen, aber ſie war ihm darum nur theu⸗ rer. Sein Herz war zu voll, als daß er im Stande geweſen waͤre, ſeine Gefuͤhle durch Worte auszudruͤcken, aber ſeine Pflicht gebot ihm, die zweifelnde, faſt lebloſe Emilie unverzuͤglich zu uͤber⸗ zeugen, daß er wirklich lebendig und geſund vor ihr ſtaͤnde; und er druͤckte ſie demnach innig an ſeine hochklopfende Bruſt. Emilie erholte ſich und entwand ſich ſanft ſeinen Armen, ein von Zweifel und Entzuͤcken ge⸗ miſchtes Gefuͤhl beherrſchte ſie noch immer, waͤh⸗ rend ihr anfangs unglaͤubiger Blick mehr und mehr Ueberzeugung zu finden begann. „Daß Du mich nicht vergeſſen haſt, meine theuere Emilie, haben mir Deine Worte verkuͤn⸗ det,“ rief Harley endlich;„aber warum erkennſt Du mich denn immer noch nicht? Haben Zeit und Elend meine Zuͤge ſo ſehr veraͤndert, daß Du auch nue einen Augenblick zweifeln kannſt, Dein treuer, und ich hoffe ſagen zu duͤrfen, Dein nun gluͤck⸗ licher Harley ſtehe vor Dir!“ G ms— „Ja, ja, er iſt es,“ ſprach Emilie leiſe, und ihre Gedanken ſchienen in ein frommes Gebet um Kraͤfte, die Wonne dieſes Augenblicks zu ertragen, uͤberzugehen. „Ja, ja ich darf mich gluͤcklich nennen,“ fuhr Harley fort,„daß mir nach tauſend beſtan⸗ denen Gefahren die Seligkeit zu Theil wird, die geliebte Tochter meines Freundes, meines Wohl⸗ thaͤters wieder zu erblicken, vor ihr erſcheinen zu duͤrfen, nicht als ein armer Juͤngling, deſſen ein⸗ ziges Eigenthum ſein Degen war, ſondern reich beguͤtert, reich, wie es nur der Ehrgeiz verlangen kann. Aber Du ſprichſt noch immer nicht?“ „Erſtaunen haͤlt meine Zunge gefeſſelt,“ er⸗ wiederte Emilie,„Dich wiederzuſehn— Dich, den wir ſo lange betrauerten, Dich— Dich lebend und gluͤcklich wieder zu erblicken— iſt zu viel, zu viel fuͤr ein ſchwaches weibliches Weſen. Ich ver⸗ mag nicht zu reden, nur zu empfinden.“ „So trennen wir uns nun nicht mehr, ein Himmel liegt in dem Gedanken,“ rief Harley. „Noch immer die ſtuͤrmiſche Heftigkeit, mein theurer Charles,“ warnte Emilie,„haben Deine — —. — 119— Leiden Dich nicht gelehrt, nicht zu fruͤhzeitig ſeue hen Hoffnungen Raum zu geben?“ „Zu fruͤhzeitig?“ unterbrach ſie Harley, „welche neue Hinderniſſe koͤnnten unſerm Gluͤcke in den Weg treten?“ „Erinnere Dich, wie unſere frohen Ausſich⸗ ten ſchon einmal verſchwanden. Wie Du von der Einwilligung meines Vaters ſchon ſo gewiß uͤber⸗ zeugt warſt, und wie dennoch“— „Ich geſtehe,“ entgegnete Harley,„daß in meiner damaligen Lage meine Anſpruͤche anmaßend waren; ſein Benehmen haͤtte mich nicht in Er⸗ ſtaunen ſetzen ſollen, ein ſeltſamer Beweis meiner Dankbarkeit fuͤr empfangene Wohlthaten war es, eine Bitte zu thun, die tauſendmal mehr in ſich ſchloß als Alles, was ich bisher von ihm enpfän⸗ gen hatte.“ „Aber damals wie jetzt,“ nahm Emilie das Wort,„warſt Du uͤberzeugt, daß Deinem Wun⸗ ſche nichts in dem Wege ſtehen koͤnne. Damals taͤuſchteſt Du Dich, wer weiß was jetzt geſchieht!“ „Unmoͤglich, unmoͤglich, mein Vermoͤgen iſt dem Deines Vaters gleich; kein Verdacht einer eigennuͤtzigen Abſicht kann auf mir haften.“ — 120— „Und dennoch fuͤhle ich mich von einer ban⸗ gen Ahnung erfaßt.— Zwar— verſank ſeit der Nachricht von Deinem Tode— mein Vater in tiefe Schwermuth— klagte ſich oft in bitteren Aus⸗ druͤcken wegen ſeines Benehmens gegen Dich an!“ „Ja, ja, ich kannte ſein edles Herz, ich wußte, er wuͤrde bereuen. Ich bin uͤberzeugt er wird ſich freuen mich wiederzuſehn,— zu erfahren wie ſich meine Verhaͤltniſſe veraͤnderten; oder weiß er ſchon, welche Gluͤcksguͤter mir zugefallen ſind?“ „Er weiß es nicht,“ erwiederte Emilie;z „Deinem Verlangen zufolge verbarg ich ihm an⸗ fangs Dein Schreiben, und als die Nachricht von Deinem Tode einging, hielt ich es fuͤr gerathener, Deinen Brief auf immer geheim zu halten, denn ich fuͤrchtete durch Vorzeigung deſſelben den Gram des Dulders zu vermehren. Doch ich ſehe meinen Vater kommen, tritt auf einen Augenblick bei Seite, und laß mich ihn auf die Freude vorbe⸗ reiten, die ſeiner harrt.“ Der Baronet kam unterdeſſen naͤher, ſein Ge⸗ muͤth ſchien ungemein bewegt.„Ich habe fuͤr das arme Weib Sorge getragen,“ ſprach er zu Emi⸗ lien gewandt.„Du ſiehſt, meine Tochter, auch der Leidende kann ſeinen Nebenmenſchen noch Nutzen leiſten; deshalb duͤrfen wir in keiner Lage unſer Leben fuͤr ganz freudenlos halten.“ „Sie haben Recht, mein theurer Vater,“ ſprach Emilie,„nicht ſelten ſendet uns der Him⸗ mel Segnungen, die ſelbſt unſere kuͤhnſten Erwar⸗ tungen uͤberſteigen.“ „Ich freue mich, meine Tochter, Dich ſo ſprechen zu hoͤren,“ entgegnete Sir George,„ſo bleibt mir doch die Hoffnung, daß Deine wieder⸗ kehrende Ruhe die Kummernacht meiner letzten Le⸗ benstage einigermaßen erhellen wird. Du ſcheinſt ſo vergnuͤgt und doch haſt Du geweint?“ „Und wenn es nun Freudenthraͤnen oder Thraͤnen der Dankbarkeit uͤber ein unerwartetes, ungehofftes Gluͤck waͤren?“ - 122— „Gluͤck und Freude,“ verſetzte der Baronet, „ſind Worte, die mir ungewohnt von Deinen Lip⸗ pen klingen. Wie kommſt Du jetzt dazu? wer iſt der Fremde, der dort unten im Garten geht?“ „Ein alter Freund, ein Bekannter.“ „Wer iſt es denn?“ 2 „Wer von Allen, die wir je kannten, wuͤrde Ihnen am willkommenſten ſeyn, mein Vater?“ fragte Emilie;„wen moͤchten Sie ſehen, wenn Ihr kuͤhnſter Wunſch erfuͤllt werden ſollte?“ „Was willſt Du damit ſagen,“ fiel Sir George ſeiner Tochter in die Rede,„wozu den Namen des theuren Freundes ausſprechen, der uns auf immer entriſſen ward!“ „Sie meinen den unſeres Harley,“ nahm Emilie wieder das Wort—„wenn er ploͤtzlich vor ihnen ſtaͤnde, wuͤrden Sie ihn freundlich em⸗ pfangen?“ „Freundlich empfangen!“ wiederholte der Baronet,„wen? Harley?— wie magſt Du mein Herz ſo unendlich quaͤlen, Emilie! Doch ſieh' er wendet ſich— er kommt auf uns zu— er ver⸗ doppelt ſeine Schritte— darf ich meinen Augen trauen!— Ewige Vorſehung!“—— — 123— Bei dieſen letzten Worten ſtuͤrzte Harley in die ausgebreiteten Arme des Sir George, deſſen fernere Rede ſich in Seufzer des Entzuͤckens ver⸗ lor; denn ſein fruͤherer Schuͤtzling, von ihm als todt beweint, ruh'te wieder an ſeiner Bruſt. Mit Staunen und Freude vernahm er nun den gluͤck⸗ lichen Wandel der Verhaͤltniſſe unſeres Helden. Der ganze uͤbrige Tag war dem Jubel ge⸗ weiht. Der Baronet hoͤrte nicht auf, den Juͤng⸗ ling immer wieder und wieder an ſein Herz zu druͤcken. Mitten in der Wonne des Augenblicks aber glaubte Harley in dem Geſicht ſeines Be⸗ ſchuͤtzers einen Anflug von Kummer zu gewahren, der die Freude des Moments zu truͤben ſchien, eine Bemerkung, die Emiliens ahnungsvolle War⸗ nung in ſeine Seele zuruͤckrief. Der Contraſt aber zwiſchen ſeiner jetzigen und ſeiner vormaligen Lage war zu groß, und hielt die Hoffnung in dem Her⸗ zen des Juͤnglings aufrecht. Daß der einſt arme Lieutenant nun in einer glaͤnzenden Equipage zu⸗ ruͤckkehrte, die Geliebte ſeines Herzens in eine prachtvolle zu ihrer Aufnahme bereitete Wohnung zu fuͤhren, war ein ſo gluͤcklicher Wandel, daß gewiß nur wenige, ſich nicht wie unſer Harley, dem Entzuͤcken hingegeben haben wuͤrden. Froh und gluͤcklich ſtand er am naͤchſten Mor⸗ gen auf, Emilie empfing ihn mit heiteren Blicken, und er bemerkte mit Freude, daß aus den Rui⸗ nen ihres Kummers die Roſe der Geſundheit wie⸗ der zu erbluͤhen begann. Mit welcher Theilnahme horchte ſie der Erzaͤhlung ſeiner Abentheuer, die er jetzt faſt lieb gewann, in Ruͤckſicht des Antheils, den ihnen Emilie ſchenkte. Das Gluͤck, welches er ſich einſt in Afrika's Wuͤſte getraͤumt hatte, genoß er nun wirklich auf Wooburn. Sir George erſchien dagegen an dieſem Nor⸗ gen ungewoͤhnlich nachdenkend. Die Heiterkeit, die bei Harley's erſtem Erſcheinen auf ſeinem Geſicht Platz genommen hatte, war verſchwunden; er ſchwieg oft mehrere Minuten lang, und wenn die jungen Leute den Verſuch machten ihn in das Geſpraͤch zu ziehn, verkuͤndeten ſeine Antworten die Abweſenheit ſeiner Gedanken. Waͤhrend eines kurzen Morgenſpazierganges blieb ſeine Zerſtreuung dieſelbe; ſein ſichtbares Be⸗ muͤhen ſich zu ſammeln, war fruchtlos; bei ihrer — 125— Zuruͤckkunft entfernte ſich Emilie, und Harley folgte dem Baronet auf ſein Zimmer. Die Stunde des Mittagseſſens war faſt her⸗ angeruͤckt, und die beiden Maͤnner kamen noch immer nicht wieder zum Vorſchein. Ein hohes Roth uͤberzog Emiliens Wange, wenn ſie an den Gegenſtand dachte, der aller Wahrſcheinlichkeit nach den Inhalt ihres Geſpraͤches ausmachte. Ein ſeltſames Gefuͤhl bemaͤchtigte ſich ihrer, ob es Schmerz oder Freude, Furcht oder Hoffnung⸗ war, wußte ſie nicht. Endlich, weit ſpaͤter als man ſonſt zu eſſen gewohnt war, erſchien Sir George ſchweigend und nachdenkend wie beim Fruͤhſtuͤck, eine Stim⸗ mung, die auch auf das ſo frohe Gemuͤth des jun⸗ gen Harley Einfluß gehabt zu haben ſchien. Ein Ausdruck von Schwermuth, dem aͤhnlich, den Emilie an ihm bemerkt hatte, als er einſt von ihr Abſchied nahm, hielt ſeine Stirn umwoͤlkt, und er ſaß da, wie der Baronet, in tiefen Gedan⸗ ken verſunken, ſo als ſinne er uͤber ein Ungluͤck nach, zu ſchrecklich, um mitgetheilt zu werden. Der Baronet machte dem kurzen Mahl ſchnell ein Ende, ſeine Bruſt hob ſich in ungewoͤhnlicher — 126— Bewegung; dann verließ er das Zimmer, nicht aber ohne vorher Harley in einem kummervollen Ton daran erinnert zu haben, daß er ihn um zehn Uhr erwarte.. Harley richtete ſeine Blicke auf die raſch zu⸗ geworfene Thuͤr, horchte mit aͤngſtlichem Herzklo⸗ pfen auf die forteilenden Schritte des Baronets, und ſchien im Begriff ihm zu folgen, als er die⸗ ſen Vorſatz ploͤtzlich aͤnderte. „Es wuͤrde doch vergebens ſeyn,“ ſprach er, „bis die von ihm feſtgeſetzte Stunde erſcheint, muß ich in furchtbarer Ungewißheit ſchweben.“ Emiliens bekuͤmmerte Blicke ruhten auf ihm; ihr ganzes Weſen verkuͤndete Erſtaunen und Zaͤrt⸗ lichkeit. Ihr Geiſt war thaͤtig aber ihre Zunge ſtumm. Sie wuͤnſchte zu wiſſen, was ihren Ge⸗ liebten quaͤle, aber ſie zitterte danach zu fragen. „Du hatteſt recht, theure Emilie!“ rief Harley endlich,„Du hatteſt recht, als Du mich warnteſt, meinen Hoffnungen nicht allzuſehr zu vertrauen. Ach, ich fuͤhle wie unuͤberlegt der Menſch handelt, wenn er ſich ſeines Gluͤckes ſicher glaubt. Ich hoffte meine Leiden waͤren voruͤber, mein Kampf mit dem Geſchick waͤre ausgekaͤmpft, 127— aber noch ſcheint deſſen Zorn nicht beſaͤnftigt. Ich weiß nicht, welches neue Elend mir bevorſteht, aber ich fuͤrchte das ſchlimmſte.“ „Wie das?“ fragte Emilie. „Das ſchlimmſte,“ fuhr Harley fort,„das ſchrecklichſte, was mein boͤſer Stern ſenden konnte, meinen Frieden zu truͤben, mich in Verzweiflung zu bringen— eine neue Trennung von Dir, Emilie!“ „Hemme Deine Heftigkeit. Gewiß, Du ver⸗ ſtandeſt meinen Vater unrecht.“ O nein, nein!— das Urtheil war verſtaͤnd⸗ lich genug!—„Emilie kann nie die Deine werden,“ noch ſchallt es in meinen Ohren wie der Donner des Weltgerichts! 3 „Wie ſoll ich Deine Worte deuten?“ fragte Emilie mit zitternder Stimme. „So wiſſe,“ entgegnete Harley,„daß ich meine Bewerbung bei Deinem Vater wiederholte, ihn noch einmal beſchwor, Deine mir ſo theuere Hand in die meine zu legen. Ich erklaͤrte mich bereit, mein ganzes Vermoͤgen zu ſeiner Verfuͤ⸗ gung zu ſtellen, mich in jeder Ruͤckſicht ganz nach ſeinem Willen zu richten; aber hart, unerbittlich wie je, taub gegen mein Flehen, bemuͤhete er ſich mich zu uͤberreden, nicht mehr an Dich zu den⸗ 8 ken, und ſprach endlich jene beſtimmte abſchlaͤgige Antwort aus.“ 3 „Vielleicht will er nur jetzt noch nicht ſeine Einwilligung geben.“ 4 „Nie, nie wird er es thun,“ rief Harley, „Du mußt ihr auf immer entſagen, Emilie kann nie die Deine werden, ſo lautete ſein furcht⸗ barer Ausſpruch.“ „Seltſam, ſeltſam,“ entgegnete Emilie, „Dein vermeintlicher Tod ward fuͤr ihn zur Quelle eines tiefen, raſtlos nagenden Grams. Oft hoͤrte ich ihn mit allen Qualen der Reue ausrufen: o daß das Geſchehene ungeſchehen gemacht werden koͤnnte! Mir ſchien es dann, als haͤtte er keinen ſehnlicheren Wunſch, als ſeine fruͤhere Unfreund⸗ lichkeit gegen Dich wieder auszugleichen.“ „So muß Ehrgeiz ſeine Schritte leiten,“ ſiel Harley ein,„ein Bewerber von hoͤherem Range macht vielleicht auf Deine Hand Anſpruch.“ b„Dem kann nicht ſo ſeyn, mein theurer Freund,“ erwiederte Emilie.„Uebertriebener Ehr⸗ geiz war nie eine Schwaͤche meines Vaters, wie 3 — 129— oft hoͤrte ich ihn ſagen, daß er fuͤr ſeine Kinder nur Gluͤck, nicht Groͤße verlange. Selbſt geſtern noch— als wir ſchon alle Hoffnung verloren hat⸗ ten, Dich je wieder zu ſehen, drang er in mich einen Gatten zu waͤhlen, verſichernd, daß Ehr⸗ geiz und Eigennutz von ſeiner Seite ſich nie mei⸗ nen Wuͤnſchen entgegenſtellen wuͤrden.— Wahr⸗ lich, wahrlich, hier muß ein Mißverſtaͤndniß ob⸗ walten.“ „Unmoͤglich, unmoͤglich!“ rief Harley.„Um zehn Uhr heute Abend hat er mich in ſein Zim⸗ mer beſchieden, wo er mir eine Erklaͤrung geben will, die mich, wie er ſagt, beſtimmen wird, ſei⸗ nem Benehmen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſ⸗ ſen; ja noch mehr, er behauptet, ich werde dann eifrig bemuͤht ſeyn die Verbindung zu vermeiden, auf die ich waͤhrend meiner Leiden, wie auf den reichſten Lohn fuͤr mein erduldetes Elend blickte.“ „Dann muß ein ſchreckliches Geheimniß zum Grunde liegen,“ ſprach Emilie;„welches aber auch das Hinderniß ſeyn mag, daß meinen Vater bewegt zu unſerer Verbindung eine Einwilligung nicht zu geben, auf die Du und—“(hier ſenk⸗ ten ſich ihre Blicke, ihre Stimme zitterte und II. Band. 3 3 9 — 130— eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen) auf die Du nicht allein hoffteſt, ich bin dennoch feſt uͤber⸗ zeugt, daß ſeine Weigerung Drang der Nothwen⸗ digkeit iſt, und nicht aus ſeinem Herzen kommt.“ „Wie waͤre das moͤglich?“ fragte Harley,— „Sir George iſt frei und unabhaͤngig.— Was koͤnnte ihn zwingen?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Emilie, „mir iſt ſein Benehmen durchaus unerklaͤrbar; bisher zeigte er ſich mir ſtets nur als ein zaͤrtlicher, guͤtiger Vater, bei jeder Gelegenheit bewies er, wie nahe ihm Dein Wohl am Herzen lag.“: „Einige Stunden noch und das ſchreckliche Raͤthſel wird geloͤſ't,“ erwiederte Harley,„ach, koͤnnte ich der Zeit Fluͤgel geben!— Aber wenn es nun geloͤſ't ſeyn wird, was dann? Hat Dein Vater die Wahrheit geſprochen, werde ich in einen Abgrund von Verzweiflung geſtuͤrzt. Er behaup⸗ tet, ich werde dann denken wie er, ich werde auf⸗ hoͤren nach Deinem Beſitz zu verlangen. Das kann nicht ſeyn, bei der unſterblichen Liebe! das i*ſt unmoͤglich! oder er muͤßte mir etwas mitzuthei⸗ len haben, deſſen Kunde dem Hoͤrer den Tod ge⸗ ben koͤnnte.“ — 481— „Beruhige Dein aufgeregtes Gemuͤth,“ fiel Emilie ein,„Deine Wildheit aͤngſtigt mich. Trage was getragen werden muß mit Seelenſtaͤrke.“ „Mit Seelenſtaͤrke!“ wiederholte Harley, nach, Emilie! woher ſie nehmen? Ein nackter, huͤlfloſer Wandrer, ein verachteter, verfolgter Ge⸗ fangener, ein gemißhandelter Sclave, hatte ich Kraft genug mein hartes Loos mit Geduld zu ertragen und meine Leiden wie Pruͤfungen zu be⸗ trachten, die mein Muth zu beſiegen vermochte;. nun aber, nachdem ſie uͤberſtanden ſind, mich dem Vaterlande wieder gegeben, den Beſitzer eines großen Vermoͤgens, mich nun noch ungluͤcklicher zu fuͤhlen als je zuvor, ſprich, kann man einem ſol⸗ chen Elende mit Feſtigkeit begegnen? Darum alſo ward mein Leben verſchont? darum mein fliehen⸗ der Geiſt zuruͤckgerufen, ſeine irdiſche Huͤlle aufs neue zu bewohnen? Warum fand ich mein Grab nicht in den ſandigen Wuͤſten Afrika's! Warum erloͤſ'te mich nicht irgend, ein Ungeheuer des Wal⸗ des von meinen Leiden!“ „Ergebung in den Willen des Hoͤchſten iſt des Menſchen erſte Pflicht,“ troͤſtete Emilie; „wirf dem Himmel die gnadenvolle Vergangen⸗ — 132— heit nicht vor, weil er jetzt eine ſchmerzliche Ge⸗ genwart uͤber uns verhaͤngt. Faſſe Dich, mein Charles, warte den Erfolg jener gefuͤrchteten Un⸗ terredung ab, ehe Du Dich der Verzweiflung hingiebſt.“ „Ich weiß nicht was ich thun, nicht was ich beginnen ſoll,“ entgegnete Harley,„alles rund um mich her ſcheint mir ein Chaos, dunkel und furchtbar; mein ganzes Leben wird meiner Wan⸗ derung in der Wuͤſte gleichen, wo ich die Blicke weit hinausſandte, ohne auch nur einen einzi⸗ gen troͤſtenden Gegenſtand zu erblicken. Iſt es wahr, daß Emilie nie mein werden kann, was kann mir dann die Welt noch bieten!“ „Unſere Ausſichten in die Zukunft ſcheinen ſich zwar zu verdunkeln,“ ſprach Emilie,„ſollen wir aber neue Leiden verdienen, indem wir gegen unſere Pflicht ſuͤndigen?“ „Liebenswuͤrdige Troͤſterin,“ fiel Harley ein, „ach warum kannſt Du nicht immer mir zur Seite ſtehen, meine ſtuͤrmenden Leidenſchaften zu beſaͤnftigen?— Nun gut, ich will nicht ver⸗ zweiflen, der Himmel wird mir nicht jede Hoff⸗ nung rauben!“ — 133— „Vertraue Ihm,“ ſprach Emilie,„ich ent⸗ ferne mich, damit Du Dich faſſen und zu der wichtigen Unterredung vorbereiten moͤgeſt, zu der Dich mein Vater erwartet. Sey ruhig, mein Freund, ſey ruhig!“ So ſprechend verließ ſie eilig das Gemach, um die Thraͤnenfluth zu verbergen, die ſie nicht laͤnger zuruͤck zu halten vermochte. Charles ſah, daß ihr die Staͤrke fehlte, zu der ſie ihn zu er⸗ muthigen bemuͤht war, aber waͤhrend ihn ihr Kummer tief betruͤbte, entzuͤckte ihn die Neinhei und Waͤrme ihrer Liebe. — 134— 15. Zu der von dem Baronet feſtgeſetzten Stunde verfehlte Harley nicht ſich an den Ort zu begeben, wo ihm das Geheimniß enthuͤllt werden ſollte, deſſen Gegenſtand ſeinem Lebensgluͤcke hinderlich war. Als er ſich dem Studierzimmer naͤherte, ſah er, daß Sir George ſeiner dort ſchon harre. Schwermuthsvoll ſtand er einen Augenblick ſtill, ehe er in das Gemach trat, wo er, wie er zu be⸗ fuͤrchten nur allzu guten Grund hatte, das hoͤren ſollte, was die Beſorgniſſe ſeiner Seele beſtaͤtigen wuͤrde. Tief holte er Athem, wie jemand der einen furchtbaren Urtheilsſpruch erwartet. Endlich naͤherte er ſich der Thuͤr mit der Entſchloſſenheit der Verzweiflung. Als er die Stufen hinaufſchritt, die zu derſelben fuͤhrten, ge⸗ dachte er des Entzuͤckens, mit dem er ſie hinan⸗ eilte in jener Nacht, als er von Indien zuruͤckge⸗ kehrt den Baronet in ſeinem Studierzimmer uͤber⸗ 8 * — 135— taſchte. Der Contraſt zwiſchen damals und jetzt ſchnitt ihm durch die Seele. Zu jener Zeit war er arm, aber er fuͤhlte den Mangel des Reich⸗ thums nicht; erfreuet, zu dem Schauplatz ſeiner jugendlichen Spiele zuruͤckzukehren, ſeinen Wohl⸗ thaͤter, ſeine Jugendfreundinnen wiederzuſehn, lebte er nur der Hoffnung, und war gluͤcklich! Wie ganz anders war jetzt ſeine Lage! Er war ein reicher Mann geworden, aber die Heiter⸗ keit, die ihn in der Armuth aufrecht erhielt, war dahin; und den Freund, deſſen Auge damals von Freude ſtrahlte, ihn wieder zu erblicken, ſchien jetzt ſeine Gegenwart mit Kummer zu erfuͤllen. Die Freundſchaft, die ſonſt gewoͤhnlich dem Reich⸗ thum zu folgen pflegt, wandte ihm jetzt, da ihm der letztere zu Theil geworden, den Ruͤcken, und zwar ohne daß er ſich den Grund dieſer Aenderung zu erklaͤren vermochte. Er war uͤberzeugt, ſelbſt nicht einmal mit ſeinen Gedanken etwas begangen zu haben, was den Sir George haͤtte beleidigen koͤnnen. Wie konnte alſo der Freund ſeiner Ael⸗ tern, der Beſchuͤtzer ſeiner Kindheit, der Mann, der ſich ihm ſtets ſo freundſchaftlich bewieſen, ihm die Erfuͤllung eines Wunſches verweigern, die, — 136— wie Harley ſich uͤberzeugt hielt, neben dem ſeinen auch das Gluͤck des eigenen geliebten Kindes be⸗ gruͤnden wuͤrde.„Wie groß auch ſonſt der Unter⸗ ſchied unſerer Verhaͤltniſſe geweſen ſeyn mag,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, ſchon im Begriff die Thuͤr zu eroͤffnen,„er iſt jetzt gehoben. Man muß mich durchaus bei ihm verlaͤumdet haben, denn Eigen⸗ nutz kann ſeine Schritte nicht leiten!“ Unter dieſem Selbſtgeſpraͤch gab die Thuͤr dem Drucke ſeiner Hand leiſe nach, er trat ein. Sir George reichte ihm die Hand, ſchien aber ſeinen Blick vermeiden zu wollen. Statt der in⸗ nigen Umarmung, mit der Harley einſt an eben dieſer Stelle empfangen ward, fuͤhlte er jetzt ſeine Hand nur krampfhaft gedruͤckt, waͤhrend das Ge⸗ ſicht des Baronets abgewendet war, als bemuͤhe er ſich eine Bewegung zu verbergen, die er zu unterdruͤcken nicht vermochte. Endlich wandte er ſich zu dem Eingetretenen, und Parley gewahrte, daß Emiliens Vater geweint hatte. Der Gedanke, daß er verlaͤumdet worden ſey, erſtieg aufs neue in ſeiner Seele, und er glaubte, der Baronet habe ſeinetwegen Thraͤnen vergoſſen. „Ich ſehe Sie bekuͤmmert, mein theurer — 137— Freund,“ begann er,„und fuͤrchte die Urſache Ihres Grams zu ſeyn.“ „Daß biſt Du auch gewiſſermaßen, Char⸗ les,“ antwortete der Baronet,„obgleich ich Dir unrecht thue, wenn ich dies behaupte— ich— ich ſelbſt—“ „Gewiß Sie thun mir unrecht, mein vaͤter⸗ licher Beſchuͤtzer,“ entgegnete der junge Seemann. „Wenn auch nicht fehlerfrei, bin ich doch uͤber⸗ zeugt nie etwas gethan zu haben, daß die ſchwere Strafe Ihrer Unzufriedenheit uͤber mich haͤtte her⸗ beiziehen koͤnnen. Ein Feind muß den Weg zu Ihrem Ohr gefunden haben, die Bluͤthe meiner Hoffnungen durch den Hauch der Verlaͤumdung zu vernichten.“ „Verbanne einen ſolchen Gedanken,“ nahm Sir George das Wort,„kein Feind Harley's hat ſich mir genaht, und wenn auch ein ſolcher es verſucht haͤtte, wuͤrde ich ihn mit Verachtung zuruͤck gewieſen haben. Glaube mir, uͤber einen Feind haſt Du Dich nicht zu beklagen.“ „Alſo nicht uͤber einen Feind,“ wiederholte Charles.„O, es liegt in Ihren Worten, in Ihrem Benehmen ſo etwas furchtbar Bedeuten⸗ — 138— des! Iſt denn etwa ein Freund die Urſache, daß ich nie Emiliens Gatte werden kann?“ „So iſt es,“ erwiederte der Baronet. „Dann iſt dieſer Freund mein bitterſter Feind,“ rief Harley;„moͤge der Elende ſich mir gegenuͤber ſtellen, moͤge er maͤnnlich mir ins An— geſicht ſeine boshaften Verlaͤumdungen wiederho⸗ len; wenn ich ſie nicht zu ſchanden mache, will ich Ihr Antlitz auf immer meiden!“ „Seine Schande, ſeine Demuͤthigung iſt ſchon erfolgt,“ antwortete Sir George mit einem tiefen Seufzer. „So werden Sie auch ſeinen Verlaͤumdun⸗ gen keinen Glauben ſchenken, auf den elenden Anklaͤger nicht hoͤren.“ „Du haſt keinen Anklaͤger, keinen Ver⸗ laͤumder!“ „Wie, ſagten Sie denn nicht?— aber mein Kopf ſchwindelt, ich weiß faſt nicht ob ich meinen Sinnen trauen kann!— Wenn ich aber recht gehoͤrt habe, ſo erklaͤrten Sie mir ſo eben, daß ſich ein Freund meiner Verbindung mit Ih⸗ rer Tochter widerſetze. Darum noch einmal, ſtel⸗ len Sie mich ihm gegenuͤber, laſſen Sie mich — — — 139— das Ungeheuer von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen, wenn er es anders wagt mir entgegen zu treten.“ „Er wagt es,“ entgegnete der Baronet,„in dieſem Augenblick ruht ſein angſtvoller Blick auf Dir.— Ich bin der Elende, auf den Du zuͤr⸗ neſt— der Freund, welcher behauptet, daß Du nie Emiliens Gatte werden kannſt.— Ich bin der, den Du Deinen bitterſten Feind nennſt.“ Obgleich dieſe letzten Worte in einem ſo furchtbaren Tone ausgeſprochen wurden, der bis in das Innerſte Harley's drang, trug doch das Benehmen des Sir George Henderſon mehr das Gepraͤge eigenen Elends, als das feindlicher Ge⸗ ſinnung gegen dieſen. Nach einer kurzen ſchmerz⸗ vollen Pauſe ſprach der junge Mann: „O, Sie wiſſen nur zu gut, Sir George, wie es mir nie in den Sinn kam, Sie meinen Feind zu nennen. Moͤge mein Schickſal ſeyn wie es immer wolle, bis zu meinem letzten Athemzuge wird dennoch mein Herz dankbar fuͤr meinen Wohlthaͤter ſchlagen.— Aber wie Sie, bei jeder anderen Gelegenheit ſo guͤtig und großmuͤthig, mir ſo hartnaͤckig das verweigern koͤnnen, von dem mein ganzes kuͤnftiges Gluͤck abhaͤngt,— iſt mir — 140— in der That noch unerklaͤrbar. Ihr gegenwaͤrti⸗ ges und Ihr fruͤheres Benehmen vermag ich nicht zuſammen zu reimen.“ „Das begreife ich, mein Charles,“ entgeg⸗ nete der Baronet,„aber dennoch iſt mir Dein Gluͤck jetzt noch eben ſo theuer als jemals, ja, theurer als das meine! Nur Eins kann ich nicht thun, Dir Deinen Frieden wieder zu geben, und gerade von dieſem Einem ſcheint Dein Gluͤck abzuhaͤngen. Jeden anderen Wunſch wuͤrde ich erfuͤllen, und koſtete es mich Nae Baumoͤgen, ja das Leben!“ „Welch ein furchtbares Naͤthſel it das!“ rief Harley,„traͤume oder wache ich? taͤuſche ich mich etwa uͤber meine eigene Lage, bin ich Emi⸗ liens nicht werth? o ſprechen Sie, wie kann ich mich Ihrer, wie kann ich mich des Namens Ih⸗ res Sohnes wuͤrdig machen?“ „Du biſt ihrer und meiner wuͤrdig,— mein Entſchluß aber muß leider unwandelbar ſeyn!“ „Sie werden alſo nie in meine Verbindung mit Emilien willigen?“ fragte Harley. „Nie— nie!“ Wäͤhrend er ſo ſprach, hatte Sir George — 141— die Hand des jungen Mannes gefaßt. Harley aber ſchien gefuͤhllos gegen dieſe Freundlichkeit, die letzten Worte des Baronets hatten ihn faſt aller Beſinnung beraubt. Mehrere Minuten ver⸗ gingen, bevor es den Bemuͤhungen des Baronets gelang, ſeinen jungen Freund wieder zum Be⸗ wußtſeyn zuruͤck zu bringen. Mit dieſem aber kehrte auch das Gefuͤhl ſeiner bejammernswerthen Lage wieder. „Unbarmherziger Mann!“ rief er aus, noch bevor er fuͤhlte, daß ſeine Hand von den Thraͤ⸗ nen des Sir George benetzt wurde. „Ich beſchied Dich hieher, mein Charles,“ ſprach der Baronet, indem er die Hand des jun⸗ gen Mannes fahren ließ, um die eigenen Thraͤ⸗ nen zu trocknen,„Dir ein Betragen zu erklaͤren, daß Dir unfreundlich erſcheinen muß, dem Du aber nach Beendigung meiner Mittheilung Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen wirſt; Du wirſt dann uͤberzeugt ſeyn, daß Pflicht und Nothwendigkeit mir verbieten anders zu handeln. Indem ich Dir aber beweiſen werde, daß ich nie aufhoͤrte Dich zu lieben, wird ſich ohne Zweifel Deine Achtung ge⸗ gen mich vermindern. Ich zittere daher die Er⸗ — 142— zaͤhlung zu beginnen, die mich Deiner Verachtung, wenn auch nicht Deinem Haſſe Preis geben wird. Aber ich kann nicht ertragen, daß Du laͤnger in Ungewißheit bleibſt, ich kann nicht dulden, daß Du mich fuͤr grauſam, fuͤr unbarmherzig haͤltſt. Was ich beſchloſſen hatte vor jedem menſchlichen Weſen verborgen zu halten, ſoll Dir jetzt ent⸗ ſchleiert werden; Du wirſt mich ſchwach, laſter⸗ haft finden, aber ſelbſt das will ich lieber ertra⸗ gen, als von Dir fuͤr Deinen biteeiſſen Feind ge⸗ halten zu werden.“ Die Kraft, mit der er ſprach, verfehlte nicht Harley's geſpannteſte Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen; bleich, ſtumm und athemlos, war er nicht im Stande auch nur eine Sylbe zu erwie⸗ dern, aber eine leichte Bewegung ſeines Hauptes verkuͤndete dem Baronet, daß er bereit ſey zu ver⸗ nehmen, was dieſer ihm mitzutheilen fuͤr gut fin⸗ den wuͤrde. Sir George ſchritt auf die Thuͤr zu, uͤberzeugte ſich, daß kein Horcher lauſche, und kehrte, nachdem er ſie verſchloſſen und verriegelt hatte, nach ſeinem Sitze zuruͤck. Als er durch das Zimmer ging bemerkte Harley, daß ſeine Schritte wankten, und daß ſeine Augen einen Moment lang geſchloſſen waren, offenbar in der Abſicht, die Thraͤnen, die ihnen entſtroͤmen woll⸗ ten, zuruͤck zu draͤggen. Dies Bemuͤhen aber war vergebens, ſie rollten unter den Wimpern hervor uͤber die Wange hin. Der Baronet trocknete ſie mit ſeinem Tuche, und als er ſich bezwungen hatte, ſchickte er ſich an die Erzaͤhlung zu begin⸗ nen, nach der Harley ſo ſehnſuchtsvoll verlangte, die er aber dennoch nicht ohne Grund fuͤrchtete; denn wie Sir George es ihm vorher geſagt hatte, ſollte durch dieſelbe auch die letzte ihm noch uͤbrige ſchwache Hoffnung vernichtet werden. „Du kennſt,“ begann der Baronet,„meine Verhaͤltniſſe zu gut, als daß ich noͤthig haͤtte, Dir von mir eine genaue biographiſche Skizze zu entwerfen; dennoch aber bin ich genoͤthigt ziemlich weit in mein Leben zuruͤck zu gehn, um zu dem Abſchnitt deſſelben zu gelangen, der mir das pein⸗ volle Geſchaͤft, welches nun vor mir liegt, auf⸗ erlegt:“ „Mein Vater ſtarb, als ich kaum vier und zwanzig Jahr alt war, zwei Jahre ſpaͤter ward ich Gatte. Die Verwandtſchaft, welche zwiſchen Lady Henderſon und Deiner Familie beſtand, macht es mir unnoͤthig hieruͤber etwas zu ſagen; es reicht hin Dich zu verſichern, daß ich meine Gattin, obgleich ſie Vermoͤgen beſaß, dennoch nur aus Liebe heirathete, und daß ich gluͤcklich im Be⸗ ſitz der Schoͤnheit und des Reichthums eine Zahl froher Jahre vor mir daliegen ſah. Mir blieb nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, oder wenn ich noch — 145— einen Wunſch hatte, ſo war es der, der Himmel moͤchte uns durch den Beſitz eines Kindes erfreuen, ein Verlangen, welches ebenfalls ſchon nach dem erſten Jahre unſerer Verheirathung in Erfuͤllung ging.“ „Bei der Niederkunft meiner Gattin kam auf ihre Bitte eine Anverwandte nach Wooburn, um einige Wochen bei ihr zu bleiben. Dieſe war achtzehn Jahre alt, eine reizendere Geſtalt hatte ich noch nie geſehen. Ihr langes blondes Haar umwallte die lieblichſten Geſichtszuͤge, und ihrer bezaubernden himmelblauen Augen kann ich mich noch jetzt nicht ohne Bewunderung erinnern. Ein vollkommneres Bild der Unſchuld machte noch nie unerlaubte Gefuͤhle rege.“ „Waͤhrend Lady Henderſon genoͤthigt war ihr Zimmer zu huͤten, wuͤnſchte ſie, ihre junge Freun⸗ din moͤchte dann und wann kleine Ausfluͤge in die Umgegend machen, denn ſie befuͤrchtete, die beſtaͤndige Stubenluft koͤnnte ihrer zarten Geſund⸗ heit ſchaͤdlich werden. So ward ſie oft meine Ge⸗ faͤhrtin auf meinen Morgen⸗ und Abendſpaziergaͤn⸗ gen. Hoͤfliche Aufmerkſamkeit war alles was ich ihr anfangs zollte, nach und nach aber wurden II. Band. 10 — 146— wir vertraulicher mit einander. Ihre Reize mach⸗ ten mit jedem Tage einen tieferen Eindruck auf mich, und im jugendlichen Leichtſinn empfand ich bald eine heftige Leidenſchaft fuͤr ſie. Ich be⸗ muͤhete mich den Tumult meiner Gefuͤhle zu be⸗ kaͤmpfen, vergebens! Wenn auch zuweilen die Ver⸗ nunft die Oberhand gewann, war es doch nur immer auf Augenblicke, und mit geſteigertem Ver⸗ langen ſuchte ich den Gegenſtand meiner Sehn⸗ ſucht immer wieder und wieder auf. Oft beſchloß ich zwar mich der Suͤnden⸗Schlinge zu entreißen, die der Zufall um mich geworfen hatte, denn ich fuͤhlte, daß wenn ich es nicht thaͤte, ich in den Au⸗ gen eines jeden Redlichgeſinnten zum Ungeheuer werden muͤßte; ich wollte meine Blicke von dem reizenden Maͤdchen abwenden, ſo wie ſie mir aber wieder entgegen trat, war alles vergeſſen, was Vernunft, Gewiſſen und Ehre mir zugerufen hat⸗ ten, und ich verfolgte ſie mit einer an Wahnſinn graͤnzenden Begierde, die ich nicht beſchreiben kann, die ich aber oft bejammert habe.“ „So vergingen Tage und Wochen; noch hatte ich keinen verbrecheriſchen Angriff auf ihre Tugend gemacht, aber ich fuͤhlte zu gut, daß — 147— was ich ſann und dachte, eine ſuͤndige Abſicht habe, um nicht von Reue und Schaam uͤberwaͤl⸗ tigt zu werden. Der wahre Character meiner Ge⸗ fuͤhle blieb mir nicht einen Augenblick lang ver⸗ borgen, und ich verachtete mich ſelbſt einer Lei⸗ denſchaft wegen, die ich zu unterdruͤcken nicht ver⸗ mochte. Noch iſt es nicht zu ſpaͤt, dachte ich dann, noch kann ich vielleicht zuruͤck, noch kann ich es vermeiden, das Gluͤck der Argloſen, die meiner Ehre vertrauend von keiner Gefahr traͤumt, zu zertruͤmmern. Ach, dieſe Betrachtungen ſchwan⸗ den vor dem Glanze ihrer Schoͤnheit ſtets wieder dahin, wie der Morgenthau vor den Strahlen der aufgehenden Sonne.“ „An einem ſchoͤnen Abend im Maimonat durchwandelte ich an ihrer Seite meine Felder und Fluren. Die Gegend um uns her war auf man⸗ nigfache Weiſe angebauet und lag vor uns da eine herrliche, von den Strahlen der untergehen⸗ den Sonne vergoldete Landſchaft, das Auge des Beſchauers erfreuend. Unſer Spaziergang verlaͤn⸗ gerte ſich, ohne daß wir es bemerkten, erſt als auch der letzte Schimmer der Tageskoͤnigin erlo⸗ ſchen war, ſiel es uns ein zuruͤckzukehren. Ich 148— gedachte jetzt mit Schmerz an die wenigen Minu⸗ ten, die bis zur Heimkehr uͤbrig waren, der baldi⸗ gen Trennung von der Inniggeliebten.— Lei⸗ denſchaft machte mich kuͤhn,— die argloſe Tu⸗ gend widerſtrebte vergebens— ſie ward mein Opfer.“—. „Das Verbrechen, zu dem ich ſie fuͤhrte, habe ich ſtets nur als das meine betrachtet; Reue daruͤber hat mich unaufhoͤrlich verfolgt und wird auch bis zur letzten Stunde meines Lebens nicht von mir weichen. Ueberlegung kam fuͤr uns Beide zu ſpaͤt; wie gluͤcklich waͤren wir geweſen, haͤtten wir das Rad der Zeit zuruͤckrollen koͤnnen! Wir bereueten gemeinſchaftlich und aufrichtig; den ein⸗ zigen Troſt, den wir kannten, gewaͤhrten uns die traurigen Augenblicke, in denen wir einſam den ungluͤcklichen Moment bejammerten, in welchem uns die Leidenſchaft hinriß.“ „Vor Lady Henderſon das Geſchehene zu verbergen war nicht ſchwer, da der, welcher uͤber dem Verdachte erhaben iſt, nur ſelten Andere beargwohnt. Ihr Frieden ward durch keinen Zwei⸗ fel an meine Rechtlichkeit geſtoͤrt. Die Schwer⸗ muth ihrer Anverwandten zog zwar ihre Aufmerk⸗ — 149— ſamkeit auf ſich, aber uͤber jene und uͤber meinen ungewoͤhnlichen Ernſt ſcherzte ſie nur gutmuͤthig, weit entfernt die wahre Urſache zu ahnen.— Aber die Ungluͤckliche, deren Ruhe ich geſtoͤrt hatte, ſpuͤrte bald, daß die Folgen unſeres Vergehens nicht lange mehr vor den Augen der Welt zu verbergen ſeyn wuͤrden.“ „Selbſt wenn es moͤglich waͤre, Dir den Schrecken zu ſchildern, der mich bei dieſer Nach⸗ richt erfaßte, wuͤrde ich ſchaudern ein folches Ge⸗ ſchaͤft zu beginnen; ich fuͤhlte, wie mir das Blut hinauf in das Geſicht ſtieg, als wolle es durch meine Augen dahinſtroͤmen. Der Gedanke, daß ein elendes Weſen, welches ich ohne Schande nicht als mein Kind anerkennen konnte, mir das Daſeyn verdanken,— daß ein liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf durch meine Schuld bald zum Gegen⸗ ſtand allgemeiner Verachtung hinabſinken wuͤrde, war mehr als ich ertragen konnte. Aber die Ver⸗ zweiflung des armen Maͤdchens ließ mich noch Schrecklicheres befuͤrchten; ich ſah ſchon, wie ſie ſich im Wahnſinn den Tod gab, und ſo zugleich Moͤrderin und Selbſtmoͤrderin ward. So viel es nur meine eigene Angſt erlaubte, bemuͤhete ich mich ſie einigermaßen zu beruhigen. Ich ſuchte ſie zu uͤberreden, daß eine Geheimhaltung moͤglich waͤre, daß ich in dieſer Ruͤckſicht alles Denkbare thun wuͤrde, und ſo erhielt ich endlich von ihr das feierliche Verſprechen, in keinem Falle gewaltſam Hand an ſich zu legen.“ „Es war Abend, als die ſo eben erwaͤhnte traurige Unterredung ſtatt fand. Unſere Abweſen⸗ heit war nicht aufgefallen, denn man wußte, daß wir einen Beſuch in der Nachbarſchaft hatten ma⸗ chen wollen. Zu Hauſe angelangt, fanden wir einen Gaſt dort, einen fruͤheren Bewerber der Un⸗ gluͤcklichen, von der ich ſo viel zu erzaͤhlen genoͤ⸗ thigt war. Vor einem Jahre hatte er ſich ver⸗ gebens bemuͤht die Einwilligung ihrer Anverwand⸗ ten zu erhalten, nun aber, da ſich ſeine Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde ploͤtzlich gebeſſert hatten, war jenes Hinderniß gehoben, und er erſchien, der, die er liebte, die, wie er glaubte, willkommene Nachricht mitzutheilen.“ „So wie wir in das Haus traten, kam er uns entgegen, kaum aber ward er von meiner Ge⸗ faͤhrtin erkannt, als dieſe auch ohnmaͤchtig nieder⸗ ſank. Dieſer Beweis von Zaͤrtlichkeit, denn da⸗ — 151— fuͤr nahm er es, gewaͤhrte ihm große Freude. Man kam ihr zu Huͤlfe; aber noch bevor ſie ſich ganz wieder erholte, ſtieß ſie einzelne abgebrochene Worte aus, die, obgleich unverſtaͤndlich fuͤr jeden Anderen, mir die Stimmung ihres Herzens nur zu deutlich zu erkennen gaben.“ „Die Nachricht des Bewerbers hoͤrte ſie ge⸗ laſſen an, und die gewoͤhnliche Ruhe ihres Cha⸗ racters ließ ihn den Mangel an lebhafter Theil⸗ nahme nicht vermiſſen.— Fruͤhzeitig begab ſie ſich auf ihr Zimmer.“ 7 Mannichfache Betrachtungen durchkreuzten mein Gehirn, wenn ich auf das freudige Geſicht des jungen Mannes blickte, und der Gedanke, daß durch ihn vielleicht die Ehre der Ungluͤcklichen ge⸗ rettet werden koͤnne, erſtieg in meinem Inneren. Ich ſuchte, ſo gut es gehen wollte, mein Gewiſſen zum Schweigen zu bringen; alles was gethan wer⸗ den konnte, dem Gaſt die Ueberzeugung zu geben, daß er willkommen ſey, geſchah von meiner Seite, auch unterließ ich nicht die Beſcheidenheit und Vor⸗ zuͤge ſeiner Geliebten nach moͤglichſten Kraͤften zu ruͤhmen. Ich wuͤnſchte ihm Gluͤck, und erklaͤrte, daß wenn es in meiner Macht ſtaͤnde, die Erfuͤl⸗ lung ſeines Wunſches recht bald herbei zu fuͤhren, ich in dieſer Ruͤckſicht alles moͤgliche thun wuͤrde.“ „Ich hatte den jungen Mann ſchon vor eini⸗ gen Jahren kennen gelernt, aber wir waren nicht vertrauet mit einander geworden, und er beklagte nun, meinen Umgang nicht mehr geſucht zu ha⸗ — 153— ben. Bei dieſen Freundſchaftsverſicherungen ſeiner⸗ ſeits trieben Reue und Schaam mir das Blut in die Wangen, aber die Gefahr war dringend,— ein Betrug zieht leider faſt immer den anderen nach ſich,— ich gewann ſein Vertrauen immer mehr und mehr, und noch bevor wir uns zur Ruhe begaben verſprach ich, ihm die etwanigen Einwendungen der Schuͤchternheit beſiegen zu hel⸗ fen, die ſeine Geliebte gegen eine baldigt Verbin⸗ dung haben moͤchte.“ „Kein Schlummer ſank in dieſer Nacht auf meine Augen nieder, der Sturm, den die erſte traurige Nachricht in meiner Bruſt angefacht hatte,— die Hoffnung, welche die Ankunft des Bewerbers erweckte— vor allem aber die Schaam und die Verachtung, mit der ich auf die Heuchelei und auf die Zweizuͤngigkeit blickte, zu der ich ge⸗ zwungen war, ließen mich keinen Augenblick Ruhe finden.“ „ Noch fruͤher als gewoͤhnlich ſtand ich auf und eilte in den Theil des Gartens hinab, der dem Zimmer der Ungluͤcklichen zunaͤchſt lag, ich horchte hin, und uͤberzeugte mich bald, daß ſie, ohne Zweifel ruhelos wie ich, im Gemache auf und ab⸗ — 154— ſchritt. Ich ſah durch das Fenſter, ſie rang ihre Haͤnde in wilder Verzweiflung. Ich bemuͤhete mich ihr zu verſtehen zu geben, daß ich in der Naͤhe ſey, ſie aber ſchien in ihrem Schmerze meinen Ruf nicht zu hoͤren. Da ſah ich ploͤtzlich ihren Bewerber herankommen, der von Liebe und Sehn⸗ ſucht getrieben ſich der Stelle nahen wollte, wo er ſeine Geliebte ſchlummernd glaubte.“ „Ich verſuchte meinen Schrecken zu verbergen und eilte ihm entgegen; er war gluͤcklicherweiſe arglos genug die Bewegung meines Inneren nicht zu bemerken, und nichts ahnend, bat er mich ihm den Ort zu zeigen, wo die Theuere ſeines Herzens ruhe. Ich konnte in dieſer Nuͤckſicht keine Un⸗ wiſſenheit vorſchuͤtzen, da er wußte, daß ſie mehr als ſechs Wochen unſere Hausgenoſſin war; aber eben ſo wenig wagte ich es ihm die Wahrheit zu ſagen, denn ich fuͤrchtete er wuͤrde in die Naͤhe des Fenſters eilen, und ſo Zeuge des Schmerzes werden, dem ſie ſich hingegeben hatte.“ „Um Zeit zu gewinnen, und in der Hoffnung die Ungluͤckliche aufmerkſam zu machen, brach ich bei der Aeußerung ſeines Wunſches in ein lautes Gelaͤchter aus, daß mir noch in dieſem Augenblick furchtbar in die Seele ſchallt. Mein Verſuch ge⸗ lang, die Ungluͤckliche zog die Vorhaͤnge dicht zu⸗ ſammen, und erſt als ich ſie ſo vor jeder Beobach⸗ tung geſichert ſah, zeigte ich dem Bewerber das Fenſter ihres Zimmers.“ „Das Geſpraͤch des geſtrigen Abends ward von ihm nun aufs neue angeknuͤpft, und er ſprach mit ſtuͤrmiſcher Ungeduld von dem Augenblick, der ihn mit ſeiner angebeteten Friederike vereinigen wuͤrde.“ „Aus dem, was ich Dir erzaͤhlt habe, wirſt Du ſchließen, was ich dabei empfand, ich ver⸗ ſprach meinen ganzen Einfluß zu verwenden, daß er ſeine Geliebte recht bald zum Altare fuͤhren koͤnne. Ich gab vor, ich koͤnnte ſeine Bewerbung am beſten in ſeiner Abweſenheit nutzen, und rieth ihm, ſich unter irgend einem Vorwand zu entfer⸗ nen, damit Freundſchaft, ſo nannte ich mein ver⸗ raͤtheriſches Betragen, der Liebe das Wort reden koͤnne.“ „Er glaubte meine Worte waͤren in der rein⸗ ſten Abſicht geſprochen, und verſicherte, er wolle ſich ganz nach meiner Vorſchrift richten; noch an demſelben Morgen that er wie ich ihm gebot, und — 156— ich befand mich nun wieder allein mit dem Opfer meiner Leidenſchaft. Ihre Todtenblaͤſſe, der Kum⸗ mer und die Verzweiflung in ihren Blicken, ſchnit⸗ ten in mein Herz ein, tief, tief, wie es keine Spra⸗ che zu beſchreiben vermag. Mit einem von Kum⸗ mer zerriſſenen Herzen ſuchte ich ſie zu beruhigen, indem ich mich bemuͤhete, ſie die Ausſicht, die Folgen unſeres Fehltritts verbergen zu koͤnnen, als ein Gluͤck betrachten zu laſſen.„Alles,“ ſprach ich,„wird in ewige Vergeſſenheit begraben, Sie werden noch gluͤcklich werden!“ „O, nie, nie,“ ſchrie ſie wild auf,„nie, ſo lange mir Erinnerung, ſo lange mir Bewußt⸗ ſeyn bleibt. Wie koͤnnen Sie mir von Gluͤck ſpre⸗ chen?— Wo vermoͤchte ich es zu finden?“ „In den Armen eines Gatten,“ entgegnete ich,„den Ihr Beſitz beſeligen wird.“ „Wiel ſoll ich dem wackeren Manne Schande zum Brautſchatz bringen?“ rief ſie,„ſoll ich ſeine uneigennuͤtzige Liebe zu mir mit dem ſchaͤndlichſten Betruge lohnen? Kann ich ſo handeln und gluͤck⸗ lich werden? Gott, Gott, wo wird meine Ernie⸗ drigung enden!— Nein, nein, ich darf an keine Heirath denken, moͤge ich und der ungeborne Zeuge —y———;ᷣO meiner Entehrung in Jammer vergehen, ein be⸗ trogener Gatte ſoll mir wenigſtens nicht auf mei⸗ nem Grabe fluchen.“ „Hier ſchien ſich Verzweiflung ihrer Seele voͤl⸗ lig zu bemaͤchtigen, und mehrere Minuten vergin⸗ gen, bevor ſie im Stande war meinen ferneren Vorſtellungen ihr Ohr zu leihen. Ihr Herz, der Sitz der Wahrheit und der Unſchuld, ſchauderte vor dem Gedanken zuruͤck, Theilnehmerin an einem Betruge zu werden, und einem Manne ihre Hand zu reichen, waͤhrend ſie einem anderen ihre Liebe, ja ihre Ehre zum Opfer gebracht hatte. Ich aber ließ nicht nach, ſondern ſtellte ihr unaufhoͤrlich vor, wie ihre, wie meine Ehre, wie der Friede meiner Gattin jenen Schritt verlange. Endlich nach einem langen Kampfe bewaͤhrte ſich auch hier meine Gewalt uͤber ſie, ſie willigte ein, dem Be⸗ werber ihre Hand zu reichen, und ich eilte, ihm die Nachricht davon zu uͤberbringen. Dieſe Kunde erfuͤllte ihn mit Entzuͤcken; die wiederholten Ver⸗ ſicherungen ſeiner Dankbarkeit vermehrten meine Qual.“ „Schon nach einer Woche legte ich ihre zit⸗ ternde Hand in die ſeine, mit welchen Gefuͤhlen, brauche ich Dir nicht zu ſchildern. Unwillkuͤrliche Thraͤnen rollten waͤhrend der Trauung uͤber meine Wangen herab; Reue und Schaam uͤber die ver⸗ aͤchtliche Rolle, die ich zu ſpielen gezwungen war, draͤngten ſie hervor. Sie wurden fuͤr den Erguß der Theilnahme einer reinen Seele gehalten, nur ein Weſen außer mir kannte die wahre Urſache derſelben. Das junge Paar verließ gleich darauf unſer Haus, und ſchon nach zwei Monaten zeigte mir der Gatte an, daß er hoffe, Vaterfreude werde bald ſein Gluͤck vollkommen machen. For⸗ tuna ſchien ihm uͤbrigens nicht zu laͤcheln, ein bedeutender Prozeß, den zu gewinnen er alle Hoff⸗ nung hatte, ging verloren, und er ſah ſich genoͤ⸗ thigt eine Anſtellung in Indien anzunehmen. Drei Monat nach ſeiner Verheirathung ſegelte er mit ſeiner Gattin nach Bombay, dort gebar dieſe einen Sohn zur Freude ſeines vermeintlichen Vaters. Du Charles, warſt dieſes Kind, Du weißt jetzt, warum ich in Deine Verbindung mit meiner Toch⸗ ter nicht willigen kann. Sie, die Du ehelichen wollteſt, iſt Deine Schweſter! Du biſt mein Sohn, der Sproͤßling meiner verbrecheriſchen Liebe. — 159— O, fluche mir nicht, daß ich Dir die ſchwere Buͤrde Deines Daſeyns auferlegte.“ Die Angſt und die Zaͤrtlichkeit, welche die letzten Worte des Baronets bezeichneten, zogen Harley auf einen Augenblick von ſeinem eigenen Kummer ab; er faßte die Hand ſeines Wohlthaͤ⸗ ters, und ſank zu ſeinen Fuͤßen: „O, mein Vater!“ rief er aus,„halten Sie mich nicht fuͤr ſo entartet, daß ich Ihnen fluchen, oder Ihnen Vorwuͤrfe machen koͤnnte. Obgleich Ihre Erklaͤrung mich der Verzweiflung hingiebt, will ich dennoch weit eher ſterben, als meine Stimme gegen meinen Vater erheben. Moͤge der Sie verdammen, der ſelbſt nie fehlte, dem Sohne ziemt es nicht, Ihre Irrthuͤmer zu richten.“ „Du koͤnnteſt glauben ich haͤtte Dir Un⸗ wahrheit geſagt,“ nahm Sir George wieder das Wort,„aber ich halte es fuͤr meine Pflicht, Dir jede Hoffnung zu rauben, und Dich zu uͤberzeu⸗ gen, daß meine Erzaͤhlung nicht erfunden iſt, um meiner abſchlaͤgigen Antwort als Vorwand zu dienen.“ — 160— „Glauben Sie mir, ich hege keinen ſolchen Argwohn,“ entgegnete Charles. „Du mußt mit Deinen eigenen Augen ſehen, ich verlange es durchaus. Da, ſieh dieſe Briefe, es iſt die Handſchrift Deiner Mutter, ſie enthal⸗ ten die Geſchichte Deiner Geburt, und der ſtatt⸗ gehabten Taͤuſchung Deines Vaters.“ Harley blickte in die Papiere, er erkannte die wohlbekannten Schriftzuͤge ſeiner Mutter, und wenn bisher auch noch ein Zweifel in ſeiner Bruſt vorhanden geweſen waͤre, mußte dieſer jetzt ver⸗ ſchwinden. „Dieſe Beweiſe ſind leider nur zu uͤberzeu⸗ gend,“ ſprach er, indem er die Papiere zuruͤck⸗ gab. „Mein Benehmen, das Dir bisher unerklaͤr⸗ bar ſcheinen mußte,“ fuhr der Baronet fort, „iſt Dir jetzt entraͤthſelt, ich hielt es fuͤr meine Pflicht, fuͤr das Wohl meines in Indien gebor⸗ nen Sohnes eben ſo thaͤtig zu wirken, als fuͤr das meiner anderen Kinder. Lady Henderſon ſchenkte mir keinen maͤnnlichen Erben, und ſo bliebſt Du mein einziger Knabe; daher mein — 161— ſehnſuchtsvolles Verlangen, Dich in England un⸗ ter meinen Augen erzogen zu ſehen; daher meine Sorge, Dir von Zeit zu Zeit pecuniaͤren Bei⸗ ſtand zu leiſten. Verblendeter Thor, der ich war, ich ſah in Dir nur den Bruder meiner Toͤchter, und nie kam es mir in den Sinn, daß Du je eine von ihnen zur Gattin begehren wuͤrdeſt, daß je eine von ihnen Dich zum Gemahl wuͤnſchen koͤnnte! Deiner Mutter Geheimniß ſollte, ſo war es feſt bei mir beſchloſſen, mit mir in das Grab geſenkt werden, bis heute iſt es nie uͤber meine Lippen gekommen. Ich mußte es Dir ent⸗ ſchleiern, Du aber wirſt es unverletzt bewahren, und wie Du auch immer meinen Fehltritt verab⸗ ſcheuen magſt, habe Mitleid mit dem tiefen Kum⸗ mer eines ungluͤcklichen Vaters, der am Ende ſeiner Tage den Schmerz erfaͤhrt, zwei ſeiner Kinder durch ſeine Schuld dem Grame hingege⸗ ben zu ſehen. Du biſt jung, moͤge mein Schick⸗ ſal Dich warnen; ein Schritt von dem Pfade der Tugend ſtuͤrzte mich und Deine Mutter in ein Meer von Elend. „Schonen Sie ſich, mein theurer Vater,“ II. Band. 11 unterbrach ihn Harley,„wir Alle beduͤrfen der Gnade des Himmels. Wer wie Sie bemuͤht ge⸗ weſen, durch ſeinen Nebenmenſchen geſpendete Wohlthaten den begangenen Fehler moͤglichſt zu ſuͤhnen, wird die Verzeihung des Ewigen nicht vergebens erflehen.“ 16. Erſt mehrere Tage nach jenem furchtbaren Ge⸗ ſpraͤch, waͤhrend welcher Zeit Harley, den ſchwer⸗ muͤthigſten Betrachtungen hingegeben, ſein Zim⸗ mer faſt nicht verlaſſen hatte, war er im Stande zu uͤberlegen, was bei dieſer traurigen Lage der Sachen fuͤr ihn zu beginnen ſey. Ihn verlangte ſehnſuchtsvoll danach, ein Haus zu verlaſſen, in welchem ihn das Geſpenſt gemordeter Freude auf jedem Schritte verfolgte, und ſo beſchloß er, ſich ſchon am naͤchſten Morgen, und zwar auf immer, von demſelben zu trennen. Obgleich unter ande⸗ ren Umſtaͤnden Sir George ohne Zweifel eifrig bemuͤht geweſen waͤre ihn zuruͤck zu halten, kannte der Baronet doch die Gefuͤhle des jungen Man⸗ nes zu gut, als daß er ſich ſeiner Abreiſe haͤtte widerſetzen ſollen. Charles bat ihn um eine Ab⸗ ſchiedsunterredung mit Emilien, der Vater gab ſeine Einwilligung dazu, und Harley verſicherte, — 164— daß er dieſe Erlaubniß nur benutzen werde, um ihr die Schwere des Schlages, der die Liebenden trenne, weniger fuͤhlbar zu machen. Er begab ſich zu Bette, aber nicht zur Ruhe. Nie hatte er mehr als heute einen erquickenden Schlummer auf ſich herab gewuͤnſcht, denn er hoffte, derſelbe wuͤrde ihm Staͤrke zu der Pruͤ⸗ fung verleihen, die ihm am naͤchſten Morgen be⸗ vorſtand. Aber vergebens nur rief er den mohn⸗ bekraͤnzten Gott an; er ſchloß ſeine Augen, aber er konnte, ſelbſt nicht auf Momente die truͤben Gedanken verſcheuchen, die ſeine Seele beſtuͤrm⸗ ten. An ſeiner fieberhaft bewegten Phantaſie glitt die furchtbare Erinnerung vergangener Tage vor⸗ uͤber, oder ſie irrte umher in der ſchwarz vor ihm daliegenden Zukunft. Er hatte mit Ent⸗ zuͤcken Emiliens Entſchluß vernommen, nie ihre Hand einem Anderen zu geben; nun aber, da ihm Gott und Natur die Verbindung mit ihr unterſagten, durfte er wuͤnſchen, ja durfte er es erlauben, wenn er es anders verhindern konnte, daß ſie jenes Geluͤbde erfuͤllte? Sollte eine ſo lieb⸗ liche Blume einſam und unbemerkt verbluͤhn? Weil er ſie nicht beſitzen konnte, durfte er wuͤn⸗ — 165— ſchen, daß ihre Reize keinen Anderen begluͤckten? Nein, nein, ein ſolcher Wunſch braͤchte ihm Schande! Als Emiliens Bruder war es ſeine Pflicht, ſie zu beſchwoͤren, ihn zu vergeſſen, ihre Neigung einem anderen, gluͤcklicheren Sterblichen zu ſchenken, und ſo dem tiefgebeugten Vater den Kummer zu erſparen, die geliebte Tochter fuͤr die Welt verloren zu wiſſen! Daß er ſo handeln mußte, fuͤhlte er, wie aber konnte er es vollbringen? Welchen Grund ſollte er fuͤr den ploͤtzlichen Wandel ſeines Be⸗ nehmens angeben? Sollte er— konnte er ihr den Fehltritt des Vaters kund thun, und das Elend deſſelben vermehren, indem er ihn in den Augen der Tochter herabſetzte? Konnte er ihr die Schande ſeiner eigenen Mutter verkuͤnden und das ihm von dem Baronet geſchenkte Vertrauen taͤuſchen? Das war unmoͤglich! er mußte Emilien jenen Rath geben, aber er durfte ihr nicht die Beweg⸗ gruͤnde nennen, die ihn herbei fuͤhrten. Die Stunde des Fruͤhſtuͤcks nahete heran, und man ſetzte ſich dazu nieder. Eine dumpfe Stille herrſchte, Emilie verſuchte wohl dann und wann eine Unterredung zu beginnen, wenn ſie aber in — 166— das tiefbekuͤmmerte, einſt ſo lebensfrohe Auge ih⸗ res Charles blickte, konnte ſie keine Worte uͤber ihre Lippen bringen, und auch ſie ſaß nun da, ſchweigend und angſtvoll beklommen. Endlich verließ Sir George das Zimmer, und Harley, der ſich nun allein mit Emilien befand, fuͤhlte, daß die Zeit da ſey, wo er der Pflicht das letzte Opfer bringen, wo er, der Liebende, der Ge⸗ liebten einen Rath ertheilen muͤſſe, deſſen Befol⸗ gung ihn zum ungluͤcklichſten Menſchen machte. Er wuͤnſchte, der furchtbare Auftritt waͤre ſchon zu Ende, aber es fehlt ihm an Entſchloſſenheit, ihn auch nur zu beginnen. Endlich erhob er ſich von ſeinem Sitze, und mit gebrochener zitternder Stimme, aber mit ſo vieler Faſſung als er nur gewinnen konnte, ſprach er: „Theure Emilie, der Wuͤrfel iſt geworfen! Dein Vater hat mir die geheimen Beweggruͤnde mitgetheilt, die ihn verhindern in unſere Verbin⸗ dung zu willigen. Ich fuͤhle das Gewicht jener Gruͤnde, ich erkenne das Rechtmaͤßige ſeines Be⸗ tragens an, ich unterwerfe mich ſeinem furchtba⸗ ren Ausſpruch und entſage meinen ſuͤßeſten Hoff⸗ nungen!“ — 167— Er ſchwieg. Emilie ſaß ſtumm und bewe⸗ gungslos daz ihr Auge war ſtarr, und Thraͤnen rollten uͤber ihre todtenbleichen Wangen hinab; ſie war nicht Herrin ihres Schmerzes genug, als daß ſie ihren Zaͤhren haͤtte gebieten koͤnnen. Harley fuhr fort:„Was keine Veraͤnderung meiner Lage, keine Reihe von Jahren bewirkt haben wuͤrde, ward in einer einzigen kurzen Stunde durch die Worte Deines Vaters herbeigefuͤhrt. Nicht laͤnger darf ich auf Deinen Beſitz hoffen— ja, ich muß aufhoͤren— ihn zu wuͤnſchen.“— Ein ſchwerer Seufzer entſtieg bei dieſen Wor⸗ ten Emiliens Bruſt. Als Harley aber hinzu⸗ fuͤgte:„ja, ich beklage, daß Dich je mein Auge ſchauen mußte!“ kannte ihre Gemuͤthsbewegung keine Graͤnzen, und ihre thraͤnerfuͤllten Blicke zum Himmel emporhebend, rief ſie mit furchtbarer Kraft:„Gott, Gott, ſo elend bin ich!“ „Was ſollen Deine Worte bedeuten, Emi⸗ lie?“ fragte Harley,„kannſt Du den Sinn der meinen ſo ganz mißverſtehen und glauben, daß ich Dir Vorwuͤrfe machen wollte. O, theure, noch immer geliebte, liebenswuͤrdige Emilie, kraͤnke durch einen ſolchen Gedanken den nicht, den Du 468— einſt Deiner Liebe wuͤrdig hielteſt. Wenn ich be⸗ klage, daß ich Dich je erblickte, entſpringt mein Kummer nur aus der Hoffnungsloſigkeit einer Leidenſchaft, die laͤnger zu naͤhren mir mein Ge⸗ ſchick verbietet, die aber mein Herz verzehren wird, bis jene willkommene Stunde erſcheint, die den Dulder von den Leiden der Erde hinweg, hinuͤber zu dem Frieden der Ewigkeit traͤgt. Ich kam, Dir zu ſagen“— „O, ſprich es nicht aus,“ rief Emilie,„ich weiß genug. Ein grauſames Schickſal verfolgt uns! Du kamſt mir zu ſagen, daß wir uns tren⸗ nen muͤſſen— auf immer trennen muͤſſen.— Ich weiß Alles— Alles, was ich zu wiſſen brauche!—“ „In dieſer Welt kannſt Du nie die Meine werden,“ nahm Harley wieder das Wort;„keine menſchliche Gewalt vermag dieſen Ausſpruch zu vernichten— ich unterwerfe mich dem furchtbaren Urtheil— ich ſehe Dich jetzt zum Letztenmal.“ „O, Charles, Charles,“ jammerte Emilie. „Fuͤr unſeren beiderſeitigen Frieden muß es ſo ſeyn, unſere Ruhe— die des bekuͤmmerten 8— 169— Sir George verlangt es durchaus. Dieſe traurige Unterredung iſt unſere Letzte.“ „Unſere Letzte,“ wiederholte Emilie, kaum wiſſend, daß ein Ton ihren Lippen entſchluͤpfe; „alſo keine Hoffnung?“ „Keine!“ „Allmaͤchtiger Gott!“ „Waͤre Hoffnung noch uͤbrig,“ fuhr Har⸗ ley fort,„wer wuͤrde den letzten Funken eifriger bewahren, als ich? Gaͤlte es den hoͤchſten Gipfel des Ranges, des Ruhmes und des Reichthums zu erreichen, ich wuͤrde nicht verzweifeln, denn es waͤre doch moͤglich zum Ziele zu gelangen; ſchon der Gedanke, daß noch eine, wenn auch noch ſo ferne Hoffnung uͤbrig waͤre, Dich einſt mein zu nennen, wuͤrde meine Kraͤfte ſtaͤhlen.— Alles aber iſt vorbei.— Die Umſtaͤnde, welche von mir Fuͤgung in den Ausſpruch Deines Vaters fordern, vermag ich Dir nicht mitzutheilen. Moͤge es Dir genuͤgen, zu wiſſen, daß ſie maͤchtig ſind— daß der Himmel ſelbſt unſere Verbindung un⸗ terſagt.— Meine Hoffnungen— ich ſpreche es mit blutendem Herzen aus— ſind auf immer vernichtet!“ — 170— „Und die meinen?“ fragte Emilie. „Gern moͤchte ich von dem Ewigen fuͤr Dich ein gluͤcklicheres Loos erflehen,“ entgegnete Har⸗ ley,—„ich gebe Dir die Verſprechungen der Liebe und Treue zuruͤck,— auf die ich noch vor wenigen Tagen fuͤr keine Welt verzichtet haben wuͤrde.“ „Ich begreife Dich nicht.“ „Ich wollte,“ fuhr Harley fort,„um Dei⸗ net⸗ um Deines Vaters, ja um meinetwillen,— Du koͤnnteſt vergeſſen, daß je ein ſo ungluͤckliches Weſen als Charles Harley Deinen Pfad durch⸗ kreuzte.“ „Wie, ich ſollte Dich vergeſſen!“ rief Emi⸗ lie, wild um ſich blickend, als traue ſie ihren Sinnen nicht. „Mich vergeſſen,“ wiederholte Harley,„mich vergeſſen und einen andern durch Deine Liebe be⸗ gluͤcken,“ fuͤgte er mit zitternder Stimme hinzu, „damit der Himmel einen ſo großen Schatz der Erde nicht umſonſt geſchenkt habe. Erfreue durch Dein Laͤcheln einen der Juͤnglinge, die Dir ihre Hand anboten, als Du mich fuͤr todt hielteſt. Werde ein gluͤckliches Weib, eine zufriedene Mut⸗ — — — 171— ter. Ich darf nicht Zeuge Deines Gluͤckes ſeyn, aber davon zu hoͤren, wird mir allein noch Freude in der Einſamkeit gewaͤhren, die bald den bekla⸗ genswerthen Harley aufnehmen ſoll.“ „Wache ich, traͤume ich, bin ich meiner Sinne maͤchtig! Du, Du willſſt, ich ſoll mein Herz einem Anderen ſchenken? Was denrſt Du von mir, daß Du mir einen ſolchen Rath giebſt? Wie kannſt Du nur glauben, ich koͤnnte ihm Ge⸗ hoͤr geben! Charles, Charles, iſt das die Spra⸗ che treuer Liebe?“ „Sie iſt es,“ antwortete Harley,„ich habe mit gebrochenem Herzen das letzte ſchwere Opfer gebracht.— Vergiß mich, Emilie, und ſey gluͤck⸗ lich, moͤge der Anblick Deiner Zufriedenheit die letzten Lebensſtunden Deines Vaters verſuͤßen!“ „Nie, nie kann ich ihm auf dieſe Weiſe ſeine Ruhe wiedergeben,“ rief Emilie.—„Verbietet der Himmel unſere Verbindung— wohlan! wir wollen ſeinem ernſten Gebote gehorchen; bevor wir uns aber trennen, auf immer, wie Du ſagſt, erfahre: daß mein Herz kein wankel⸗ muͤthiges Spiel treiben kann, daß ich nie meine Hand einem Manne reichen werde, der nicht — 172— meine Liebe beſitzt. Ich verwerfe Deinen kalten vernuͤnftigen Rath, und wenn gleich genoͤthigt, mich unter die Nothwendigkeit zu beugen, werden meine Pulſe dennoch nie fuͤr einen Anderen ſchlagen, als fuͤr den, der mich zuerſt die Liebe kennen lehrte.“ Erſchoͤpft von der Anſtrengung, mit der ſie dieſe Worte ausſprach, ſank Emilie zuruͤck auf ih— ren Sitz. Harley eilte ihr beizuſtehn, und uͤber ſie gebeugt, waͤhrend ſie ihm winkte ſich fortzube⸗ geben, entſtroͤmten ſeinen Augen Thraͤnen, die ſich mit den Zaͤhren ſeiner Geliebten miſchten. „Lebe wohl, lebe wohl, Emilie!“ rief Har⸗ ley endlich, alle ſeine Seelenkraͤfte zuſammenneh⸗ mend; dann erfaßte er ſanft ihre bleiche Hand, druͤckte einen brennenden Kuß darauf, ſchauete der Halbohnmaͤchtigen noch einmal tief, tief ins Auge, und ſtuͤrzte verzweiflungsvoll zum Zimmer hinaus. So wie Harley von Gorea, wohin er ſich mit ſeinem Freunde, dem Major Houghton, begab, in England angelangt war, hatte er ſich unver⸗ zuͤglich nach einem tauglichen Geſchaͤftsfuͤhrer um— geſehen, deſſen Thaͤtigkeit ihn ſchnell in Beſitz der ihm zugefallenen Gluͤcksguͤter ſetzte, und es blieb nur noch eins zu thun uͤbrig, bevor er hin⸗ eilte, ſeinen Reichthum zu den Fuͤßen der gelieb⸗ ten Emilie zu legen. Er wuͤnſchte naͤmlich den Sir George und deſſen Tochter in ſein eigenes Haus fuͤhren zu koͤnnen, und ſo uͤbertrug er ſei⸗ nem Geſchaͤftsfuͤhrer den Ankauf und die Einrich⸗ tung eines ſolchen, das an einem ſchoͤnen Platze gelegen war. Auch ſollte jener die noͤthige Die⸗ nerſchaft beſorgen, ſo daß Alles in Bereitſchaft waͤre, Harley und ſeine Freunde an einem von dem erſteren feſtgeſetzten Tage aufzunehmen. Die Wendung der Dinge aber auf dem Land⸗ hauſe des Baronets verhinderte Charles, ſeine geliebte Emilie und ihren Vater auf dieſe Weiſe zu uͤberraſchen, auch war er zu ſehr mit den An⸗ gelegenheiten ſeines Herzens beſchaͤftigt, als daß er daran gedacht haͤtte, ſeinem Geſchaͤftsfuͤhrer ſchriftlich eine Abaͤnderung ſeiner Verhaltungsbe⸗ fehle zu ertheilen. Nach ſeiner letzten Unterre⸗ dung mit Emilien warf er ſich von nicht zu be⸗ ſchreibenden Gefuͤhlen beſtuͤrmt, ohne Verzug in den Wagen, und eilte, von raſchen Gaͤulen fort⸗ gezogen, nach London, wo er durch eine ſeltſame Fuͤgung des Zufalls gerade an dem von ihm be⸗ ſtimmten Tage anlangte. Schon an der Thuͤr ſeines Hauſes ward er von dem Geſchaͤftsfuͤhrer mit einer wichtigen Miene empfangen. Das Geſicht deſſelben verkuͤndete das Verlangen, Zeuge der Ueberraſchung und der Be⸗ wunderung ſeines Gebieters in Ruͤckſicht der Schnelligkeit und des Geſchmacks zu ſeyn, wo⸗ mit Alles von ihm eingerichtet worden war. Zwei Diener in eleganter Livree fuͤhrten den Herrn des Hauſes in den Speiſeſaal, wo der Geſchaͤfts⸗ mann die meiſte Pracht entfaltet hatte. HFarley ſchritt raſch die Stiege hinan, taub fuͤr alle Complimente und Berichte ſeines Haus⸗ —— — 175— hofmeiſters, ſo wie blind fuͤr den Glanz, der ihm uͤberall entgegentrat. In dem Saale ange⸗ langt, blickte der Geſchaͤftsfuͤhrer bald auf die reiche Pracht des Gemachs, bald auf ſeinen Herrn, als frage er dieſen: nun, habe ich meine Sache nicht gut gemacht! aber er fuͤhlte ſich nicht wenig gekraͤnkt, als er gewahrte, daß Har⸗ ley unempfindlich fuͤr alle die Einrichtungen ſchien, die er mit ſo großem Eifer getroffen hatte und auf die er ſich nicht wenig zu gute that. Statt Vergnuͤgen bei dem Anblick der koſtbaren Dinge um ſich her zu zeigen, truͤbten bittere Erinnerun⸗ gen Harleys Gemuͤth und ein tiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt. Der Geſchaͤftsfuͤhrer erſchrak uͤber dieſen Aus⸗ bruch des Kummers, den er fuͤr ein Zeichen des Mißfallens hielt, und bemuͤht die Unzufriedenheit ſeines Herrn zu bannen, ſchien es ihm rathſam, ſelbſt Lobredner ſeiner Anſtalten zu werden:„Ich hoffe doch, daß dieſer Teppich Ihren Beifall hat?“ begann er. „Er iſt lange gut,“ entgegnete Harley zer⸗ ſtreuet. „Lange gut!“— wiederholte der Haushof⸗ — 176— meiſter,„ich habe die Ehre gehorſamſt um Ver⸗ zeihung zu bitten, es iſt ein ganz vortreffliches Muſter. Betrachten Sie nur die lebendigen Far⸗ ben hier, ich verſichre Sie, ich ſchaͤtze mich gluͤck⸗ lich ein ſolches Prachtſtuͤck in ſo kurzer Zeit anſ⸗ getrieben zu haben.“ „Schon gut— ſchon gut,“ untebrach i Harley. „Und die Armleuchter dort, wie geſchmack⸗ voll, wie elegant!—“ „Ja, ja, ich ſehe,“ fiel Harley ein,„mor⸗ gen mehr davon.“ „und dabei Alles doch ſo billig als moͤg⸗ lich,“ fuhr der Geſchaͤftsfuͤhrer unermuͤdet fort, „wenn Sie ſich die Muͤhe geben wollten, nur einen einzigen Blick auf die Rechnungen zu werfen.“ „Mein Kopf iſt jetzt mit anderen Dingen beſchaͤftigt,“ entgegnete Harley,„ich habe zu dergleichen weder Zeit noch Luſt.“ „So nehmen Sie wenigſtens dieſe Gemaͤlde in Augenſchein, mehrere davon ſind von vorzuͤg⸗ lichen Meiſtern.“ — 3— 8 — 177— „Morgen— morgen—“ rief Harley,„fuͤr heute wuͤnſche ich allein gelaſſen zu werden.“ Der Geſchaͤftsfuͤhrer entfernte ſich, und Har⸗ ley ſah ſich nun einſam und allein in dem weit⸗ laͤuftigen, prachtvoll ausgeſchmuͤckten Gemach. „Welche Lehre fuͤr die Eitelkeit des Men⸗ ſchen!“ ſprach er ſchwermuͤthig zu ſich ſelbſt, „dieſe praͤchtige Wuͤſte hoffte ich zu dieſer Stunde mit froͤhlichen Gaͤſten bevoͤlkert zu ſehen— ich in ihrer Mitte, der Gluͤcklichſte, der Heiterſte von Allen. Eitler Traum! Alles hat ſich veraͤndert.— Der belebende Geiſt der Freude iſt nicht mit mir eingezogen, und die koſtbaren Gegenſtaͤnde um mich her wecken in meiner Seele nur truͤbe Erin⸗ nerungen;— was hergeſchafft ward mir Vergnuͤ⸗ gen zu gewaͤhren, vermehrt nur meinen Kum⸗ mer!—“„ Er ſank gedankenvoll in einen Seſſel und be⸗ gann uͤber den Plan fuͤr ſein kuͤnftiges Leben nach⸗ zuſinnen. Sein erſter Gedanke war, ſich in irgend eine einſame Huͤtte zuruͤckzuziehn, um dort in voͤl⸗ liger Abgeſchiedenheit von der uͤbrigen Welt ſeine Tage zu vertrauern; dann aber war ſein Vermoͤ⸗ II. Band. 12 gen, mit dem er eine Menge ſeiner Mitmenſchen begluͤcken konnte, nur ein todtes Capital, und ſo ſchwankte er hin und her, nicht wiſſend was er beginnen ſolle. Auf dem weichen, fuͤr ihn in Brraitſchaft g ge⸗ haltenen Lager fand er keine Ruhe, und wie der heutige ſchwand der folgende Tag unter ſchwermuͤ⸗ thigen Betrachtungen dahin. Am Abend trat ein Diener herein und meldete, daß jemand draußen ſey, der ihn zu ſprechen wuͤnſche. Harley, ganz in ſeinen Gedanken verſunken, gab, kaum wiſ⸗ ſend was er that, mit der Hand ein Zeichen, daß der Beſuch eintreten ſolle. Die Thuͤr eroͤffnete ſich wieder, und Harley erblickte Geſichtszuͤge, die ihn dergeſtalt uͤberraſch⸗ ten, daß er mit unendlichem Erſtaunen von ſei⸗ nem Sitze aufſprang. Seltſame Erinnerungen und verwirrte Gedanken durchkreuzten ſein Gehirn, und ohne daß er ſprechen wollte, fuhr das Wort: „Smithers“ uͤber ſeine Lippen. Smithers war es in der That; zwar nicht der ungluͤckliche Miſſionair, dem Harley in der afrikaniſchen Wuͤſte die letzte Ruheſtaͤtte bereitet hatte, wohl aber der Bruder jenes frommen Schwaͤrmers. Eine große Familienaͤhnlichkeit, ſo⸗ wohl in Ruͤckſicht der Geſtalt als des Geſichts hatte die Ueberraſchung Harleys herbeigefuͤhrt, der einen Moment lang faſt geglaubt hatte, der Geiſt ſeines dahingeſchiedenen Freundes erſcheine von dem Jenſeits her, ihm in ſeinem Ungluͤck fromme Worte des Troſtes zuzuſprechen. Smithers hob indeß bald die Beſtuͤrzung un⸗ ſeres Helden, indem er die Urſache ſeines Beſuchs ausſprach. Er kam, um von dem Schickſalsge⸗ faͤhrten ſeines Bruders etwas Naͤheres uͤber die letzten Stunden deſſelben zu erfahren. Charles erfuͤllte bereitwillig dieſen Wunſch, und indem er die Leiden eines anderen erzaͤhlte, ſchien ſein eige⸗ nes, kummererfuͤlltes Herz einige Erleichterung zu finden. Beim Schluſſe dieſer Unterredung, die Smithers anderer Geſchaͤfte wegen zu kuͤrzen genoͤthigt war, fuͤgte derſelbe noch hinzu: daß er von dem Baronet Sir George Henderſon, zu dem er ſich begeben haͤtte, um Charles Aufent⸗ halt zu erfahren, beauftragt worden ſey, dem Letz⸗ teren anzuzeigen, daß der Baronet ihn ſehr bald — 180— und zwar in einer erfreulichen Angelegenheit beſu⸗ chen werde. Das Naͤthſel der Sphinx war denen, wel⸗ chen es aufgegeben ward, bevor die Reihe der Loͤ⸗ ſung an den ſcharfſinnigen Oedipus kam, nicht ſchwerer zu errathen, als unſerm Harley die Ur⸗ ſache, welche Sir George zu ihm fuͤhren koͤnne. Von dem Augenblick an, in dem ſich Smithers entfernte, war er unablaͤſſig beſchaͤftigt, daruͤber nachzuſinnen. Kaum hatte er am naͤchſten Morgen ſein Lager verlaſſen, auf dem er nur wenig Ruhe ge⸗ funden hatte, als er auch ſchon, mit welchen Ge⸗ fuͤhlen werden unſere freundlichen Leſer leicht be⸗ greifen, draußen vor der Thuͤr ſeines Zimmers die ihm ſo wohlbekannte Stimme des Mannes vernahm, den er lange nur fuͤr ſeinen Wohlthaͤter gehalten, der ſich ihm aber jetzt als Vater zu er⸗ kennen gegeben hatte. „Wo iſt er, wo iſt er!“ rief Sir Genrge, „ich muß zu ihm auf der Stelle!“— Die Thuͤr ward aufgeriſſen, der Baronet ſtuͤrzte herein und ſchloß den erſtaunten Harley in ſeine Arme. — 181— „Sie ſcheinen in heiterer Stimmung,“ be⸗ gann Harley endlich, als Sir George vor Freude keine Worte finden konnte, ſondern den Juͤngling ) nur immer wieder und wieder mit vor Entzuͤcken leuchtenden Augen an ſeine Bruſt druͤckte. „Das bin ich, mein Charles,“ entgegnete er endlich,„ich habe ſeit kurzem nichts gethan, als gelacht und gejubelt, und gejubelt und gelacht!“ „Hat ſich denn etwas beſonderes zugetra⸗ gen?“ fragte Harley. 4 „Allerdings,“ erwiederte der Baronet,„meinſt Du, daß ich um nichts und wieder nichts ſo hei⸗ ter und froͤhlich ſeyn koͤnnte? Auch Du wirſt ju⸗ beln wie ich, aber ich fuͤrchte mich faſt, Dir eine ſo gute Nachricht ſo ploͤtzlich mitzutheilen.“ „Nach dem harten Schlage des Schickſals, das mich betraf,“ verſetzte Harley,„iſt mir al⸗ les, was die Welt gut nennen mag, ſo gleichguͤl⸗ tig, daß Sie, unbeſorgt, eine frohe Nachricht koͤnne meine Nerven allzuſehr erſchuͤttern, mir Ihre Kunde immerhin mittheilen koͤnnen.“ „Wenn Du aber Zeuge von Wundern waͤr'ſt?“ fiel der Baronet ein,„wenn— wenn— — 182— doch ſieh' ſelbſt, da, nimm dieſe Papiere. Du kennſt die Hand— aber bereite Dich auf Wun⸗ der vor.— Komm, lies, lies!— Ich habe Stundenlang hineingeſchauet, aber ich hoͤre den⸗ noch mit inniger Theilnahme zu.“ Mit ſchweigendem Erſtaunen nahm Hanle⸗ die ihm von dem Baronet uͤberreichten Papiere; er blickte hinein und zitterte. Es waren in der That Schriftzuͤge, die er nicht ohne großes In⸗ tereſſe betrachten konnte. Eine Thraͤne fiel auf das Blatt, denn er uͤberzeugte ſich ſchon nach den erſten Zeilen, daß er auf dem Punkt ſtehe, mit dem Kummer und der Reue ſeiner ungluͤckli⸗ chen Mutter noch genauer bekannt Lemiht zu werden. Das unſerem Helden ſo ploͤtzlich vorgelegte Pa⸗ pier war ein Brief, er begann wie folgt: Theurer Sir George! „Die furchtbare Stunde nah't, in der ich vor dem Richter dort oben erſcheinen ſoll. Bevor dies Schreiben ſich Ihren Augen zeigt, haben die mei⸗ nigen ſich auf immer geſchloſſen. Ich fuͤhle, daß ich mich von meinem Krankenlager nicht mehr er⸗ heben werde; aber bevor man meine Staubeshuͤlle der muͤtterlichen Erde wiedergiebt, will ich die we⸗ nigen mir noch uͤbrigen Kraͤfte anwenden, zum Letztenmal an Sie zu ſchreiben.“ „Seit langer Zeit ſchon hat mich danach verlangt, ein Geheimniß, welches auf meiner Bruſt laſtet, von derſelben abzuwaͤlzen; die Vorſehung beguͤnſtigt jetzt dieſen Wunſch. Ein frommer Mann, der gegen die Erlaubniß der Regierung ſich hieher gewagt hat, die Heiden von dem Aber⸗ glauben zu der chriſtlichen Religion zu bekehren, hat mir verſprochen, dieſen Brief zu uͤberbringen. Ich benutze dieſe Gelegenheit, und hoffe, daß Sie die letzten Worte ihrer ſterbenden Freundin wohl⸗ wollend aufnehmen werden.“ „ Vor einigen Tagen erſt wurden die irdi⸗ ſchen Ueberreſte meines wuͤrdigen Gatten zur Erde beſtattet.— Ich achtete ihn, und wuͤrde ihn ge⸗ liebt haben, haͤtte ich nicht gewußt, daß ich ihn getaͤuſcht hatte. Dieſes Gefuͤhl haͤtte meine Liebe nicht ſchwaͤchen ſollen, aber es that es dennoch. Ich zitterte fortwaͤhrend, daß irgend ein Umſtand ihm den Betrug entdecken moͤchte, und ſo ſchau⸗ derte ich unwillkuͤrlich zuſammen, ſelbſt dann, wenn er mir am liebevollſten laͤchelte.“ „Eitle Furcht— unnuͤtze Beſorgniß! werden Sie vielleicht bei dieſer Stelle meines Briefes aus⸗ rufen, ſie war ein gluͤckliches Weib, ſie konnte in Frieden leben und ſterben.— Friede und Gluͤck habe ich nimmer gekannt, und Sie ſelbſt werden begreifen, daß meine Beſorgniß nicht ungegruͤndet war, wenn ich Ihnen ſage, daß, waͤre mein Gatte weniger arglos geweſen, meine fieberhaften Traͤume ihm den Zuſtand meiner Seele haͤtten verrathen muͤſſen.“ Hier ſeufzte der Baronet tief auf:„Großer Gott, welches Elend habe ich veranlaßt; wie un⸗ abſehbar ſind die Folgen eines einzigen Fehltritts!“ Charles blickte theilnehmend auf ſeinen Wohl⸗ thaͤter und las dann weiter:„Aber ich will Ihre Gefuͤhle nicht verwunden, indem ich Ihnen die meinigen ſchildere; in einer anderen Abſicht habe ich die Feder ergriffen. Ich habe nur noch we⸗ nige Stunden zu athmen, und es iſt billig, daß ich ſie der Wahrheit widme.“ „Kurz nach meiner Ankunft hier, erhielten Sie Nachricht von der Geburt eines Kindes, wel⸗ ches, wie Sie erfuhren, eigentlich Ihren Namen haͤtte tragen ſollen. Sie hatten vor meiner Ab⸗ reiſe von England von mir durchaus verlangt, daß Ihnen die Frucht unſerer verbotenen Liebe unntter irgend einem Vorwand geſandt werden moͤchte, damit Sie das Kind auf Ihre Koſten erziehen laſſen und fuͤr ſein weiteres Fortkommen Sorge tragen koͤnnten. Ich hatte Ihnen dieſes auf das heiligſte verſprochen, und ſo ward der kleine Charles einem Freunde uͤbergeben, der es uͤbernahm, ihn nach Europa zu bringen, damit er, wie ich meinen Gatten uͤberredete, eine beſſere Er⸗ ziehung genoͤße. Er langte gluͤcklich in England an, meine Briefe beſchworen Sie uͤber das Wohl unſeres Kindes zu wachen, und Sie verfehlten nicht fuͤr ihn vaͤterliche Sorge zu tragen.“ „Der Zufall, der den Arm meines Gatten laͤhmte, kaum einen Monat nach unſerer Ankunft in Bombay, verhinderte ihn einen Briefwechſel mit Ihnen zu unterhalten, und ſo konnten Sie von dem, was bei uns vorging, nur durch mich Kunde bekommen; da ich ſo im Stande war, Ih⸗ nen das zu verbergen, was Sie, wie ich wuͤnſchte, nicht wiſſen ſollten, unterließ ich nicht mich dieſes Vortheils zu bedienen, um— Sie zu taͤuſchen.“ „Das Kind, welches ich gebar, kam naͤm⸗ lich erſt drei Monat nach dem Zeitpunkte zur Welt, an dem meinem Bericht zufolge ſeine Ge⸗ burt ſtatt gefunden haben ſollte.— Das Be⸗ wußtſeyn meiner Schuld hatte in England eine Beſorgniß in mir erregt, die nicht in Erfuͤllung — — — — 187— ging, das Kind, welches fuͤr das meines Mannes galt, war in der That das ſeine. Damit aber mein Sohn in Ihnen um ſo mehr einen Be⸗ ſchuͤtzer faͤnde, bewog Mutterſorge mich, Sie zu taͤuſchen, und Sie in Charles fortwaͤhrend Ihren Sohn erblicken zu laſſen.“— Harley's Stimme zitterte, als er dieſe letzte Stelle las, er ſchwieg, aus Furcht ſie mißverſtan⸗ den zu haben; noch einmal durchflog er ſie, dann ſah er von dem Papiere auf, ſo als ſuche er in den Blicken des Baronets die Beſtaͤtigung deſſen was er geleſen hatte. Sir George aber hielt ſein Geſicht mit ſeinem Schnupftuche bedeckt, und lautes Schluchzen verkuͤndete die Bewegung ſeines Inneren. „Allmaͤchtiger Gott, koͤnnte es moͤglich ſeyn!“ rief Harley endlich. 4 „Lies nur weiter,“ ſtammelte der Baronet. Harley gehorchte und fuhr fort. „Dieſe Stunde iſt zu feierlich, als daß ich eine Rechtfertigung meiner Taͤuſchung verſuchen ſollte. Da auch mein Gatte Ihnen verſprochen hatte, ſein erſtes Kind in England unter Ihren — 188— Augen erziehen zu laſſen, konnte ich ihn zu kei⸗ ner Aenderung dieſes Entſchluſſes bewegen, ohne fuͤr mein Benehmen ihm Gruͤnde zu geben, die zu beruͤhren ſchmerzvoll und gefaͤhrlich war. Fern ſey es uͤbrigens von mir, eine Luͤge vertheidigen zu wollen, die mich jetzt mit Reue und Schaam erfuͤllt, indem ich Ihnen erklaͤre, daß Charles Harley nicht Ihr Sohn iſt.“ „Aber wenn auch die Buͤßende in den letz⸗ ten Stunden ihres Lebens es fuͤr ihre Pflicht haͤlt, Ihnen darzuthun, daß der, den ſie Ihrer Liebe anvertrauete, auf dieſe nicht die Anſpruͤche eines Sohnes hat, verlangt doch auch die Natur, daß die Mutter das Wort fuͤr ihr Kind fuͤhrt. Sei⸗ ner vorzuͤglichen Eigenſchaften haben Sie oft ge⸗ gen mich erwaͤhnt. Ziehen Sie Ihre Hand nicht von ihm ab, iſt er Ihnen gleich nicht nahe ver⸗ wandt!— Wenn Sie meiner, der bald nun im Grabe Schlummernden, mit Freundlichkeit geden⸗ ken, o dann uͤbertragen Sie dieſe Gefuͤhle auf ihn.— Ich fuͤhle meine Kraͤfte ſchwinden— leben Sie wohl Sir George— leben Sie wohl auf immer!— Verzeihen Sie mir den an Ihnen — 189— veruͤbten Betrug— wie ich Ihnen den Kummer vergebe, den ſie uͤber mich herbeifuͤhrten.— Le⸗ ben Sie wohl auf immer!“ Frederike Harley. Es waͤre kein leichtes Geſchaͤft, zu beſtim⸗ men, ob der Sohn bei Leſung des Briefes ſeiner Mutter mehr Gram oder Freude empfand; ſoviel aber iſt gewiß, daß, als er geendet hatte, Thraͤ⸗ nen ſeinen Augen entſtroͤmten. Der Baronet fand zuerſt die Sprache wieder; nach ſeinen eigenen Gefuͤhlen konnte er leicht auf die Empfindun⸗ gen Harley's ſchließen, und bemuͤht ihn zu beru⸗ higen, verſuchte er ihn zu bewegen, ſeiner Beuſß durch Worte Luft zu machen. „Nun, Charles, was denkſt Du v von den Allin? nicht wahr, auf einen ſolchen Wandel warſt Du nicht vorbereitet?“ „Mein Kopf ſchwindelt,“ entgegnete Harley, „die Handſchrift iſt unlaͤugbar die meiner Mutter, — wann, wann empfingen Sie dieſen Brief?“ „Geſtern fruͤh,“ antwortete Sir George. „Das Datum des Schreibens beweiſ't, daß es wirklich waͤhrend der letzten Krankheit meiner — 190— Mutter geſchrieben ward,“ fuhr Harley fort,— „wie kam es erſt ſo ſpaͤt in Ihre Haͤnde?“ „Daruͤber, mein theurer Charles, kannſt Du beſſere Auskunft geben, als irgend Jemand.“ „Verſtehe ich Sie recht, Sir George, ich— ich koͤnnte dieſen Verzug erklaͤren? Ich weiß von dem Briefe nichts, als den Inhalt, ich ſehe ihn heute zum Erſtenmal.“ „Du ſelbſt aber haſt ihn nach England ge⸗ bracht,“ nahm der Baronet das Wort;„Smi⸗ thers, der mir ihn geſtern einhaͤndigte, verſicherte, daß er dem religioͤſen Verein, von welchem er ein Mitglied iſt, von Dir zugeſtellt worden ſey.“ „Ich, ich ſollte der Ueberbringer dieſes Brie⸗ fes ſeyn, wie konnte er das behaupten?“ „Er that es, auf meine Ehre!“ entgegnete Sir George,„das Schreiben, ſagte er, habe bei den Briefſchaften ſeines Bruders, des Miſſio⸗ nairs gelegen.“. Da fiel unſerm Harley ein, daß der fromme Sterbende ihm ein Paͤckchen Papiere eingehaͤndigt hatte, welches er ſeinem Verſprechen zufolge einer frommen Geſellſchaft zu London uͤberbrachte. — 191— „ Wie gluͤcklich, daß dieſer Brief gerade jetzt erſcheint,“ rief der Baronet,„Deine arme, mir unvergeßliche Mutter empfiehlt Dich meiner freund⸗ lichen Sorge.— Du bedarfſt deren nicht, und es ſchmerzt mich, daß Du ein reicher Mann ge⸗ worden biſt, weil es mich außer Stand ſetzt, Dir zu beweiſen, wie gern ich die letzten Wuͤnſche Dei⸗ ner Mutter erfuͤllt haͤtte! Nun, da jenes furchtbare Hinderniß gehoben iſt, wuͤrde ich, ſelbſt wenn Du der aͤrmſte Mann in England waͤreſt, keinen An⸗ ſtand nehmen, die Hand meiner Emilie in die Deine zu legen.“ Harley war fuͤr den Sinn dieſer Worte nicht unempfaͤnglich, dennoch aber erwiederte er nichts; ſeine Blicke waren dankbar zum Himmel empor⸗ gehoben. Sir George hatte vergebens auf eine Antwort gewartet, und wußte nicht, wie er ſich das Schwei⸗ gen des jungen Mannes erklaͤren ſollte.„Haſt Du mich nicht verſtanden, Charles,“ begann er aufs neue,„oder iſt das, was ich Dir eben ſagte, Dei⸗ nem Herzen jetzt nicht mehr ſo wohlthuend, als es Dir ſonſt geweſen waͤre?“ „Verzeihen Sie mir, Sir George,“ erwie⸗ derte Harley,„meine Gedanken waren zu dem Ge⸗ ber alles Guten erhoben, und verſunken in dank⸗ bare Bewunderung ſeiner geheimnißvollen und doch ſo weiſen Fuͤgungen; denn es fiel mir ein, daß wenn ich, der Pflicht der Menſchlichkeit uneinge⸗ denk, nur der eigenen Rettung achtend, den armen Smithers im Tode verlaſſen haͤtte, der unſchaͤtz⸗ bare Brief, der mich dem Leben, der Freude, der mich meiner Emilie wiedergiebt, nie in meine Haͤnde gekommen waͤre. Die Verzweiflung, in die mich Ihre Erklaͤrung ſtuͤrtte, wuͤrde bis zur letz⸗ ten Stunde meines Lebens fortgedauert haben, die Ausſicht auf irdiſches Gluͤck waͤre mir auf immer verſchloſſen geblieben; der Ueberreſt meiner Tage haͤtte mir nur eine kalte, todte Leere dargeboten. O, mein Herz vermag den gluͤcklichen Wandel kaum zu faſſen! Wo weilt Emilie, kennt ſie die Veraͤn⸗ derung Ihrer Geſinnungen, mein Wohlthaͤter?“ „Kannſt Du noch daran zweifeln?“ fragte der Baronet,„glaubſt Du, ich haͤtte ihren Schmerz auch nur auf einen Augenblick fortdauern laſſen koͤn⸗ nen, da es in meiner Macht ſtand ihn zu heben?“ — 1903— „Welche Erklaͤrung gaben Sie ihr?“ „Eine kurze, hinreichend indeß, einem Ge⸗ muͤthe wie dem ihren, das nicht von unzeitiger Neugier geplagt wird, zu genuͤgen. Ich erzaͤhlte ihr, daß ich geglaubt haͤtte, es beſtaͤnde zwiſchen Deiner und ihrer Familie eine zu nahe Verwandtſchaft, als daß ich, meinen Grundſaͤtzen nach, meine Ein⸗ willigung zu Eurer Verbindung geben koͤnnte, meine Gruͤnde waͤren von Dir gebilligt worden; nun aber haͤtte ich ploͤtztich Beweiſe empfangen, daß ich ruͤck⸗ ſichtlich jener Verwandtſchaft im Irrthum geweſen ſey, und ſo ſtehe denn den Wuͤnſchen ihres Her⸗ zens nichts mehr entgegen.“ „Und wie empfing die Liebliche die frohe Kunde?“ „Wie eine Bildſaͤule,“ antwortete Sir George, „ ſie ſtand ſtarr und regungslos da, und nur eine herabfallende Thraͤne bewies, daß ſie noch unter den Lebenden weile.“— „Aber warum ſaͤumen wir denn? Hin, hin zu ihr auf der Stelle!“ rief Charles. In dieſem Moment rollte eine mit vier ra⸗ ſchen Pferden beſpannte Chaiſe vor die Thuͤr des II. Band. 13 — 194— Hauſes, und der Baronet blickte Harley mit einem bedeutenden Laͤcheln an; da erfaßte eine frohe Ah⸗ nung das Herz unſeres Helden.„Ja, ja, ſie iſt es,“ rief Sir George,„ich eilte voraus, Dich auf die Erſcheinung der Geliebten vorzubereiten. Ihr Anblick und die frohe Kunde zu gleicher Zeit wuͤrden Dich gewaltſam erſchuͤttert haben.“ Har⸗ leys Herz pochte in maͤchtigen Schlaͤgen, er wollte der Geliebten entgegenfliegen, aber er vermochte es nicht, denn die Freude laͤhmte ſeine Glieder. Da vernahm er nahende Schritte, die Thuͤr ward ge⸗ offnet— und von Caroline und ihrem Gatten gefuͤhrt, zeigte ſich die liebliche Emilie ſeinen Blicken, mit noch von Gram gebleichten Wangen, doch mit vor Entzuͤcken leuchtenden Augen. Der Baronet ging ihr entgegen und ſchloß ſie in ſeine vaͤterlichen Arme, wobei Thraͤnen uͤber ſeine Wan⸗ gen rollten. Dann fuͤhrte er ſie ſchweigend, denn die Gefuͤhle in ſeiner Bruſt beraubten ihn der Sprache, den noch immer vor Wonne erſtarrten Harley zu. Er erfaßte die Hand der Tochter und legte ſie in die des jungen Mannes, in deſſen Adern, bei der Beruͤhrung der Holden ploͤtzlich *† 1 4 3 alle Lebenskraft wiederzukehren ſchien. Die Sonne ſeines Gluͤcks ging in aller ihrer Groͤße vor ihm auf, er ſtuͤrzte nieder auf das Knie zu den Fuͤßen ſeiner angebeteten Emilie und bedeckte ihre Hand mit brennenden Kuͤſſen. Das zitternde Maͤdchen aber hob ihn ſanft zu ſich empor, und freude⸗ trunken und ſprachlos ſank er nun an die Bruſt der reizenden Jungfrau, waͤhrend der Vater ſeine. Haͤnde ſegnend auf ihre Haͤupter legte, mit zum Himmel emporgehobenen Blicken, ſo als wolle er den Geiſt der hinuͤbergegangenen Frederike aus den Gefilden der Ewigkeit herabrufen, ſich mit ihm dieſes ſeligen Momentes zu erfreuen. 4 Beym Verleger dieſes ſind zur Oſtermeſſe 1823 nachſtehende empfehlungswerthe Romane er⸗ ſchienen:. Adolphine die ſchoͤne Seiltaͤnzerin. Eine Erzaͤhlung, von A. Buͤhren. Diana von Montesclaros. Geſchichte aus den Zeiten der Befreiung Spaniens. Von Bonaventura Ma⸗ ria. 2 Baͤnde. Erzaͤhlungen. Von Dorismund. Kampf und Rettung. Eine Rittergeſchichte. Von T. Ernſt. Zerſtreute Blaͤtter, aus dem Archiv eines Blinden. Von Georg Lotz. 2ter Band. Ferner ſind ebenfalls neu erſchienen: Klingemann, Dr. A., Kunſt und Natur; Blätter aus meinem Reiſetagebuche. 2 Baͤnde mit Kupf. Neue Ausgabe 3 Thlr. Muͤller, J. H. B. das landwirthſchaftliche Rech⸗ nungsweſen, oder Anweiſung zur gedrängten uͤber⸗ ſichtlichen Rechnungs⸗ und Regiſterführung der Oeconomien ꝛc. Zweite vermehrte Ausgabe. 4to. 1 Thlr. 8 Ggr. Sommer, F. v. Syſtem der topiſch⸗arithmetiſchen Combinationslehre, und der allgemeinen Aufloͤſung aller Gleichungen. Eine Preisaufgabe. 10 Ggr. Derſelbe, wiſſenſchaftliche Begruͤndung der wichtig⸗ ſten arithmetiſchen Theoreme. 6 Ggr. Ziegenbein, Dr. J. W. H. bibliſches Leſebuch zur Befoͤrderung einer fruchtbaren Bibelkunde, fuͤr die Jugend in Schulen. 1ſter Band: Geſchichte und Lehren des alten Teſtaments. 10 Ggr. ffſſnſſſſſſiſſſſ n enaimnnm 15 16 9 11 12 13 14