4 iothel ddeeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 9. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Jeih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement.4 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————Bler. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3„. 3,„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Deshalb mußte er jetzt mit Rath und That zur Hand ſeyn, wenn es darauf ankam, ein Haus nach dem neueſten Geſchmacke zu verzieren, und die Decken und Wände mit Arabesken und reichen Vergol⸗ dungen zu ſchmücken. Dies war übrigens nicht allzu oft der Fall, denn der wohlhabende ernſte Holländer fand nur ſelten Freude an dergleichen vergänglichem Schimmer, ſondern ſtellte vorzugs⸗ weiſe in ſeiner Behauſung ächte Kunſtwerke auf, welche noch jetzt beſtehen. —— — 6— Unſer Arenzen war demnach genöthigt, um ſich zu ernähren, allerlei kleinere Gegenſtände in ſeiner Werkſtatt zu lackiren, oder zu malen. Seine Frau war jung und hübſch, ſie hatte ihm eine kleine Mitgift zugebracht, welche ihn in den Stand ſetzte, ſich in ſeiner Wohnung einzurichten, und die zur Ausübung ſeines Geſchäfts nöthigen Dinge anzuſchaffen. Sie lebten ſtill und eingezo⸗ gen und hatten gemeinſam ihre Freude an ihrem einzigen Kinde, einem kleinen ausgezeichnet hüb⸗ ſchen Mädchen von ungefähr ſechs Jahren. Sie kamen faſt nie aus dem Hauſe, den Kirchengang Sonntags und ein Paar Spaziergänge im Som⸗ mer abgerechnet. Auf den Letzteren führte die Mutter das Töchterlein, langſamen Schrittes ihrem Eheherrn folgend, welcher voranging in ſeinem feſttäglichen Kleide, das lange, ſpaniſche Rohr mit dem vergoldeten Knopfe in der Hand, die Schuhe geſchmückt mit großen blankgeputz⸗ ten ſilbernen Schnallen. 1 So waren ſieben Jahre hingeſchwunden, ru⸗ hig und einförmig, und eben deswegen waren ſie vielleicht dem wackeren Arenzen ſo kurz er⸗ ſchienen. Da ſtörte plötzlich eine ganz unerwar⸗ tete Begebenheit ſein häusliches Stillleben; ſeine gute Frau ward nämlich von einem bösartigen Fieber befallen und ging ſchon wenige Tage dar⸗ auf in eine beſſere Welt hinüber. Regungslos ſtarrte ihr Gatte hinab in den geöffneten Sarg, und konnte es ſich nicht als möglich denken, daß ſich derſelbe nun bald auf immerdar ſchließen und ihn der freundlichen Züge berauben würde, welche bisher ſeine Lebensbahn täglich erhellten. Erſt bei den Worten des Pfarrers:„aus Erde biſt Du gekommen und zu Erde ſollſt Du wieder werden,“ trat ihm die furchtbare Wirklichkeit entgegen; und als er nun wieder nach Hauſe kam, und er ſein Töchterlein gewahrte, und den Lehnſtuhl, den gewöhnlichen Platz der Hinüber⸗ gegangenen, vor dem jetzt zum erſtenmal das Spinnrad mit Staub bedeckt daſtand, da brach er in bittere Thränen aus, und nur mit großer Anſtrengung war er im Stande, den Geſchäften ſeines Hausſtandes, welche ſeine verewigte Ma⸗ ria bisher ſo treulich beſorgte, gebührend vorzu⸗ ſtehen. 2— Die kleine Eliſabeth fühlte natürlich den Verluſt, den ſie erlitten, weder ſo ſchmerzlich noch ſo lange, als ihr Vater; zwar weinte ſie bitter⸗ lich während der erſten Tage, zwar betrachtete ſie mit Abſcheu, ja ſelbſt gewiſſermaßen mit Ent⸗ ſetzen, die ſchwarzen Kleider, und widerſtrebte, als die Magd ſie ihr zum erſtenmal anlegen wollte. Jedoch fand ſie ſich bald darin und ſpielte wie ſonſt fröhlich in dem Gemache umher, obgleich die Trauervorhänge jetzt in demſelben eine ſchwer⸗ muthsvolle Dämmerung verbreiteten. Sie war bisher ihrer verſtorbenen Mutter faſt nicht von der Seite gekommen, und alle ihre Beſchäftigun⸗ gen und jugendlichen Spiele ſtanden unter der Aufſicht der Verewigten; jetzt war ſie ſich plötz⸗ lich ſelbſt überlaſſen, da ihr Vater von frühem Morgen an, bis zum ſpäten Abend in ſeiner Werkſtatt zu thun hatte. Daß ſie dieſe ihr ge⸗ wordene Freiheit benutzte, daß die Kleine, welche ſonſt zu den Füßen ihrer Mutter ſtill und ruhig ſaß, das Tiſchchen mit dem buntfarbigen Spiel⸗ zeuge vor ſich, jetzt wie ein wilder Knabe Trepp auf Trepp ab durch das ganze Haus flog, ja oft wol gar ihr blondes Lockenköpfchen hinaus⸗ ſteckte aus der Thür, welche zur Gaſſe führte, 8 1— 9— das werden meine freundlichen Leſer leicht be⸗ greiflich finden.. Eliſabeth war von Natur aufgeweckt und lebhaft und nur durch Zwang, Beiſpiel und Ge⸗ wohnheit zu der früheren Ruhe gebracht worden; ihr jetziger übergang zu dem entgegengeſetzten Ex⸗ treme war demnach höchſt natürlich. Es währte auch nicht lange, bis ihr Vater die mit ihrer Kleidung, in welcher ſie jetzt höchſt nachläſſig zu werden begann, vorgegangene Veränderung be⸗ merkte; eine Beobachtung, welche einen höchſt unangenehmen Eindruck auf ihn machte. Gleich nach dem Tode ſeiner Frau hatte eine ihrer Ver⸗ wandtinnen in Flandern ſich erboten, die kleine Eliſabeth zu ſich zu nehmen, Arenzen aber, welcher ſich nicht gern von ſeinem Töchterlein trennen wollte, und überhaupt bei dem ihm eigenthüm⸗ lichen Phlegma nicht leicht zu einem Entſchluſſe gelangen konnte, hatte den Antrag zwar nicht gänzlich von der Hand gewieſen, ſich aber doch auch bis jetzt zu der Annahme deſſelben noch nicht bereit erklärt. Nun aber ſah er ein, daß die Aufſicht der Magd, welche ohnehin im Hauſe genug zu ſchaffen hatte, für die kleine Eliſabeth * — 10— keineswegs hinreiche, ja daß jene ſelbſt bei dem beſten Willen nicht im Stande ſei, für die Letz⸗ tere ſo zu ſorgen, wie er es wünſchte. Er be⸗ wog demnach eine ſeiner Nachbarinnen, eine ält⸗ liche Frau, die Witwe eines Tapetenfabrikanten, das kleine Mädchen auf kurze Zeit bei ſich auf⸗ zunehmen, bis er eine Arbeit, die er eben vor⸗ genommen, beendigt haben würde; wo er dann ſelbſt die Kleine nach Flandern zu bringen ge⸗ dachte. Wenn er ſein Tagewerk gethan hatte, ſchmauchte er jetzt gemeinhin ſein Abendpfeifchen bei der Frau Bergen, ſo nannte ſich die Witwe des Tapetenfabrikanten, denn ſo bekam er doch ſeine kleine Eliſabeth wenigſtens täglich einmal zu ſehen. So ſaß er denn nun auch an einem eiskalten Februarabend vor dem Kamin da, mit ſeinem Töchterlein auf dem Schooße. Den Rauch aus ſeiner Pfeife vor ſich hinblaſend, berechnete er, wie lange die Reiſe nach Flandern dauern und wie viel ſie wohl ungefähr koſten würde; da pochte es plötzlich an die Thür, und herein trat ein Bedienter in reicher Livree, welcher den Maler erſuchte, ſich ſo ſchnell wie möglich zu — 41— ſeinem Herrn, dem Herrn Wilhelm Boreel, zu verfügen, der etwas von großer Wichtigkeit mit ihm abzureden habe. Da Arenzen ſich auch jetzt wie gewöhnlich nicht ſehr ſputete, wiederholte der Bediente ſeine Bitte um Eile, und fügte hinzu, daß es etwas für ihn zu verdienen gäbe. Der Maler hob die Kleine vom Schooße und ließ im Laufe des Geſprächs einige Worte fallen, daß er nach acht Tagen eine Reiſe zu machen geſonnen ſei; der Bediente aber lächelte und entgegnete, daß daraus wol nichts werden würde, da ſein Herr ihm auf weit längere Zeit Arbeit zu geben gedächte. Arenzen, welcher bereits ſeinen Rock vom Nagel genommen hatte und eben im Be⸗ griff ſtand, mit dem Arm hineinzufahren, hielt plötzlich inne:„dann iſt es ja ganz unnöthig, daß ich mit Euch gehe,“ bemerkte er,„nach acht Tagen muß ich reiſen.“ Der Bediente aber half ihm ſchnell den Rock über:„ſprecht nur erſt mit meinem Herrn,“ verſetzte er,„er wird Euch die Verſäumniß ſchon vergüten, ſprecht nur erſt mit ihm, dann werdet Ihr ſchon andern Sinnes werden.“ Der Maler beſann ſich noch einen Augen⸗ blick lang, dann erwiederte er, indem er mit der — ——————— —— — 12— der flachen Hand langſam den Staub von ſeinem Hute wiſchte:„nun, ich kann allenfalls die Paar Schritte mit Euch gehen;“ und nunmehr folgte er dem Bedienten, welcher unterdeſſen bereits die Thür geöffnet hatte. Der Bediente hatte Necht, Arenzen kehrte nach Verlauf einer Stunde zurück, begab ſich mit ungewöhnlich ſchnellen Schritten in ſeine Werkſtatt, und bemerkte ſeinen Geſellen, daß ſie vom nächſten Morgen an alle Hände vollauf zu thun bekommen würden, ſo wie, daß er ſo eben noch einige Gehülfen angenommen habe, indem ein großer Pallaſt in kurzer Zeit decorirt und meublirt werden ſolle zur Aufnahme eines frem⸗ den Geſandten, den man baldigſt erwarte. Er gab ihm Farben, um ſie zu reiben, ertheilte ihm die nöthige Anweiſung zu einem Firniß, der am nächſten Morgen bereitet werden ſollte, und ver⸗ fügte ſich dann wieder zu der Frau Bergen, welche, da ſie faſt ſchon im Begriff war, ſich zur Ruhe zu begeben, ſehr erſtaunt war, ihn noch ſo ſpät bei ſich zu ſehen. Er verkündete ihr, daß er eine Arbeit für ſie habe, wobei viel zu ver⸗ dienen wäre, die aber große Eile hätte, weshalb — 13— ſie ſogleich einige Näherinnen annehmen möge. Er verſprach, am nächſten Tage das zu der Ar⸗ beit Nöthige einzukaufen, und ſie dann von Allem näher zu unterrichten; darauf verließ er ſie, blieb aber zur großen Verwunderung ſeiner Hausgenoſſen, denn er pflegte ſich ſtets um neun Uhr zu Bette zu legen, bis nach Mitternacht auf. Er überlegte, berechnete und entwarf Zeich⸗ nungen und ſchritt dann wieder, ganz gegen ſeine Gewohnheit, mit den Händen auf dem Rücken, gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Am nächſten Morgen, als es noch nicht neun geſchlagen, war er ſchon wieder bei der Frau Bergen, mit einem Träger, welcher unter der Laſt der Packete ſeufzte, die ihm aufgeladen worden waren. Während nun die koſtbaren ſei⸗ denen Stoffe ausgepackt wurden und Frau Ber⸗ gen ſich mit ihren Näherinnen anſchickte, Hand ans Werk zu legen, lief die kleine Eliſabeth, ſtaunend ob all der Wunder, die ſich vor ihren Blicken entfalteten, mit kindiſcher Geſchäftigkeit im Zimmer umher, in ihrer Einfalt vermeinend, wie glücklich ſie wäre, wenn ſie über ſolche Herr⸗ lichkeiten nach Luſt und Belieben ſchalten könne. — 44— Als darauf an dem beſtimmten Abend die prachtvollen Vorhänge mit den dazu gehörenden Verzierungen ſauber gefertigt zum Einpacken be⸗ reit da lagen, erklärte ſich Arenzen ungemein da⸗ mit zufrieden; da nun aber die Gardienen auch aufgehängt werden mußten, und man dies Ge⸗ ſchäft den Näherinnen nicht anvertrauen wollte, verſprach Frau Bergen ſich am folgenden Mor⸗ gen ſelbſt in dem Pallaſt einzufinden um dies zu bewerkſtelligen. Nun aber entſtand die Frage, wo unterdeſſen die kleine Eliſabeth bleiben ſolle, denn Arenzen ſelbſt hatte im Pallaſte vollauf zu thun, und mußte vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend dort ſeyn. Nach kurzem Beden⸗ ken fragte Frau Bergen den Maler in einem ziemlich leiſen Tone, ob man die Kleine nicht mit nach dem Pallaſte nehmen könne. Arenzen ſchüttelte mit dem Kopfe, das Kind aber, dem die Worte der Frau Bergen keinesweges unge⸗ hört verklungen waren, ſprang mit einem lauten Jubelgeſchrei zu ihm, ſchlang die kleinen Hände um ihn, und ließ ihn nicht eher wieder los, bis er eingewilligt hatte ſie mit nach dem Pallaſte zu nehmen. Am folgenden Morgen blieb eine der Näherinnen zurück, um die Kleine, nachdem ſie angekleidet worben, nachzubringen. Eliſabeth trippelte auf der Gaſſe ſittſam und ruhig neben ihrer Führerin her; als ſie nun aber, in dem Pallaſte angelangt, aus dem etwas dunkeln Vor⸗ gemache in die lange Reihe hoher Säle trat, da riß ſie ſich plötzlich von ihrer Begleiterin los, einem gefangenen Wilde gleich, welches der Schlinge enteilt; und nicht achtend der Ermah⸗ nungen und Warnungen ihres Vaters und ih⸗ rer Pflegemutter, welche ob dieſes Benehmens voll Erſtaunen daſtanden, durchlief ſie raſtlos die Reihe der Zimmer von einem Ende zum andern. Erſt als ſie ſich athemlos mitten in dem größten der Säle auf den getäfelten Fußboden nieder⸗ ſetzte und Frau Bergen ihre wild umher fliegen⸗ den Locken zu ordnen ſich bemühte, begann ſie die ſie umgebende Herrlichkeit und Pracht, de⸗ ren Geſammt⸗Eindruck bei ihr nur eine ſtür⸗ miſche Freude hervorgebracht hatte, genauer zu betrachten. Der Unterſchied zwiſchen den hohen hellen Sälen und der reinlichen aber doch höchſt beſchränkten Wohnung ihres Vaters, war ſo ins Auge fallend, daß es ihr ſchien, als offenbare ſich ihr plötzlich eine ganz neue Welt; es war ein Gefühl, wie dasjenige, welches wir empfinden, wenn wir, nachdem wir lange Zeit im Zimmer eingeſchloſſen waren, hinaustreten in Gottes freie Natur, und die friſche Luft mit vollen Zügen einathmen. Die Sonne ſenkte ihr faſt blendendes Strah⸗ lenlicht durch die großen hohen Fenſter hereig⸗ und verhinderte im Verein mit den vergoldeten Verzierungen und den glänzenden Kronleuchtern, bei der Kleinen anfangs jede klare Vorſtellung. Durch die offenſtehenden Flügelthüren gewahrte ſie nunmehr in dem Hintergrunde des innern Saales ein großes Bett, deſſen mit rothem Sammt überzogener Himmel von vier pracht⸗ vollen vergoldeten Pfeilern getragen wurde. Un⸗ terdeſſen waren auch in dem Saale, in welchem die kleine Eliſabeth ſich befand, die karmoiſinro⸗ then Vorhänge aufgehängt worden; ſie waren aber noch nicht zur Seite geſchoben, und das durch ſie hereinſcheinende Sonnenlicht verbreitete jetzt über alle Gegenſtände einen Schimmer, wel⸗ cher dem der Morgenröthe vergleichbar war. Arenzen, welcher, die Arbeiten ordnend, im Saale *. 2½ auf und ab ſchritt, ſchien wie verjüngt, ſein gelbliches Colorit hatte ſich plötzlich in die friſche rothe Farbe der Geſundheit verwandelt, kurz die kleine Eliſabeth glaubte ſich auf ein Zauberſchloß verſetzt. Da erklangen plötzlich dröhnende Schritte die Treppe heran und durch das Vorgemach, während im Hofe ein Roß zu ſtampfen und zu wiehern begann. Die Flügelthüren öffneten ſich und herein trat ein Mann in Reiſekleidern, mit klirrenden ſilbernen Sporen an den hohen Stie⸗ feln;z der früher erwähnte Bediente in reicher Livree folgte ihm. Der Fremde warf ſeinen Hut nachläſſig auf die Fenſterbank, blickte einen Mo⸗ ment lang im Zimmer umher und ſchritt dann durch die übrigen Gemächer, indem er im Vor⸗ übergehen dem Maler und den Arbeiterinnen ei⸗ nen flüchtigen Gruß zunickte. Der Bediente nä⸗ herte ſich jetzt und ſagte in einem flüſternden Tone:„Das iſt der Stallmeiſter des Herrn Ge⸗ ſandten, er ſoll alles in Augenſchein nehmen und ſehen, wie weit die Arbeit gediehen iſt; denn die Herrſchaft gedenkt in einigen Tagen hier einzu⸗ treffen.“ Darauf folgte er dem Stallmeiſter und bemerkte zu dieſem mit lauter Stimme:„Je⸗ ———Q—C—O//OCOꝑ·;Q—— 1— ——— —— — —— — 48— ner Mann dort iſt der Maler Arenzen, er hat die Dekorationen des ganzen Pallaſtes angeord⸗ net und auch die Zeichnungen dazu gemacht; es iſt ein gar geſchickter Mann, ich denke, Herr Holſt! der Herr Geſande⸗ wird mit ihm zufrie⸗ den ſeyn.“ Der Stallueeiſter niate noch einmal nach⸗ läſſig zu Arenzen gewandt, und ſprach dann zu dem Bedienten, welcher ſich ehrerbietig einen Schritt hinter ihm hielt:„Wirklich gar nicht übel, Louis, gar nicht übel, zumal da Alles ſo ſchnell gegangen.— Der Graf iſt es zwar beſſer ge⸗ wohnt,— er muß ſich aber behelfen ſo gut er kann, auf Reiſen nimmt man es nicht ſo genau.“ „Herr Stallmeiſter,“ bemerkte jetzt der Ma⸗ ler, nicht wenig verletzt durch die geringſchätzende Erwähnung ſeiner Arbeit,„alles iſt nach den beſten Zeichnungen und mit der größten Sorg⸗ falt gefertigt worden, der König von Frankreich könnte es nicht beſſer verlangen und alſo wird es auch wohl Ihrem Herrn Grafen genügen!“ „Holſt blickte höhniſch über die Schulter nach dem Holländer, dann hob er die Reitgerte, und ſtieß mit der Haig. deſeihes dem Maler — ——— — die Mütze vom Kopfe.„Die Mütze herunter, guter Freund, in den Zimmern des Grafen!“ rief er,„muß er auch mit dieſer ſchlechten Be⸗ hauſung zufrieden ſeyn, ſoll ihm darin doch we⸗ nigſtens die ihm gebührende Ehrerbietung bewie⸗ ſen werden.“ Ohne eine Miene zu verändern, hob der Holländer langſam ſeine Mütze vom Boden wie⸗ der auf und entgegnete:„Iſt meine Arbeit hier geendet, werde ich die Zimmer des Herrn Gra⸗ fen ſchwerlich mehr betreten, ſo lange ich aber hier male, betrachte ich dieſelben als meine Werk⸗ ſtatt und ich arbeite ſtets mit bedecktem Kopfe.“ So ſprechend ſetzte er ſeine Mütze wieder auf, wandte dem Stallmeiſter den Rücken und ſtieg ſein Gerüſt hinan, um die Arbeit an der Decke zu vollenden.. Der Stallmeiſter blickte ihm verwundert nach, und ſchien einen Augenblick lang unſchlüſ⸗ ſig, ob er lachen oder ſich ärgern ſolle, endlich biß er ſich in die Lippen, richtete noch einen dro⸗ henden Blick auf Arenzen, welcher jetzt ſchon hoch oben auf ſeinem Gerüſte ſtand, und ſprach dann zu dem Bedienten, indem er mit der Reitgerte auf das Bett deutete:„Den Stoff da hat der Herr Graf ſelbſt verſchrieben, die Vorhänge ko⸗ ſten ihm über 1000 Thaler. „Ja ja, ſie ſind recht hübſch,“ entgegnete der Bediettte. „Recht hübſch,“ wiederholte Holſt,„das iſt nicht der rechte Ausdruck, Louis; der Herr Graf iſt viermal in Paris geweſen, und hat ſich von ſeiner Jugend an, an den glänzendſten Höfen aufgehalten, er iſt an königliche Pracht gewöhnt, er kauft nur das Schönſte und Beſte, aber wie geſagt, auf Reiſen muß man zufrieden ſeyn!“ unnterdeſſen hatte ſich ihm Frau Bergen ge⸗ nähert; es war ihr unmöglich ihren Verdruß über die Geringſchätzung, mit welcher der Stallmeiſter von den Arbeiten im Pallaſte ſprach, länger zu unterdrücken.„Meiſter Arenzen,“ bemerkte fie nicht ohne Heftigkeit,„war auch acht Monate lang in Paris, ja er hat ſich auch in Rom und Florenz aufgehalten; er hat überall die ſchönſten Schlöſſer geſehen, und die beſten Zeichnungen mitgebracht, und als er beauftragt worden, hier Alles auf's Beſte einzurichten, und nichts zu ſparen, da hat er, ſo wie wir Alle, das Mögli⸗ — 21— che gethan, und ſo ſollte man doch denken daß der Herr Graf zufrieden ſeyn könne!“ Ohne ſie auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen, fuhr der Stallmeiſter, zu dem Be⸗ dienten gewandt, fort:„Sind auch Zimmer für den Herrn Doktor eingerichtet worden? hübſche und bequeme Zimmer, ſo als ob ſie für den Herrn Grafen ſelbſt beſtimmt wären?“ Louis bejahte dieſe Frage und der Stallmeiſter fuhr fort:„Ich muß ſie ſelbſt in Augenſchein nehmen, der Herr Graf hat es mir ausdrücklich anempfohlen. Der Doktor kommt zwar nicht gleich mit, wird aber bald nachher eintreffen; vor allen aber, Louis, verlangt der Herr Graf, daß in den Gemächern ſeiner Gemahlin die größte Pracht angebracht werde, er ſelbſt will ſich behelfen, ihr aber darf es an nichts fehlen, denn ſie iſt eine Königs⸗ tochter und gewohnt als eine ſolche behandelt zu werden.“ Der Bediente verſprach mit einer tiefen Verbeugung alles beſtens zu beſorgen. „Wird aber auch die zahlreiche Dienerſchaft des Grafen hier Raum haben?“ fragte Holſt weiter;„der Herr bedarf aller ſeiner Leute, es — ——n————— —;—ÿ—;::———— wäre ſchlimm, könnten ſie hier nicht ſämmtlich untergebracht werden.“ — Auf Louis Verſicherung, daß für die Die⸗ nerſchaft Raum hinlänglich vorhanden ſey, erkun⸗ digte ſich der Stallmeiſter nach den Wagen⸗Re⸗ miſen und Ställen, welche er, wie er ſagte, ſelbſt in Augenſchein nehmen müſſe. Als er nun, um ſich hinab nach dem Hofe zu begeben, an dem Gerüſte vorbeiſchritt, auf welchem Arenzen ſtand, rief er lachend mit gehobener Stimme:„der gute Holländer thut wohl daran, die Mütze über die großen Ohren zu ziehen, ſein Geſchrei verräth doch das Geſchlecht, zu dem er gehört.“— Dar⸗ auf ſchritt er, von dem Bedienten gefolgt, pfei⸗ fend zum Saale hinaus. „Das iſt ein recht unverſchämter Tölpel,“ brach jetzt der Holländer aus, deſſen Blut in der That zu weit lebhafterem Umlaufe gebracht wor⸗ den war. 3 „Ja wahrhaftig, das iſt er,“ entgegnete Frau Bergen,„bei ihm bewährt ſich gewiß das Sprichwort: wie der Herr, ſo der Diener! Sein Herr, der Graf, ſoll ja auftreten, ſo als wäre er der erſte König der Welt; was brachte er nicht — 23— für ein ungeheures Gefolge mit ſich, als er vor einem Jahre nach Holland kam.“ „Habt mir auf den Herrn nichts zu ſagen,“ bem erkte der Maler;„thut er wie ein König, bezahlt er auch wie ein König, auch iſt er freund⸗ lich und herablaſſend gegen jedermann, das haben wir ja geſehen, als er zum letztenmal hier war. Und wenn er in ſeinem Herzen auch ſtolz iſt, wer iſt denn ſchuld daran? Erweiſ't man ihm nicht überall faſt königliche Ehre? Verlangten nicht ſelbſt die Generalſtaaten, als er zum erſten⸗ mal hier war, daß ſein Sohn, der hier geboren wurde, zur Ehre der Republik, Leo der Belgier genannt werden ſolle? Verehrten ſie ihm nicht die koſtbare goldene Kette, weiche 383 Loth wog, und betrachteten ſie es nicht als eine Ehre, daß er ſie annahm und zu tragen verſprach; ja, rühmt nicht jeder Reiſende, der ihm auch nur ein ein⸗ zigesmal auf ſeinem Lebenswege begegnete, ſei⸗ nen ausgezeichneten Verſtand, ſeine große Bele⸗ ſenheit, ſeinen faſt königlichen Reichthum und ſeine fürſtliche Freigebigkeit?“— Der freundliche Leſer ſieht aus dieſer Be⸗ trachtung unſeres Holländers, welcher, durch das 24— anmaßende Benehmen des Stallmeiſters angeregt, zu einer ihm ungewöhnlichen Redſeligkeit gebracht worden war, daß ſeine Anſicht des Lebens keines⸗ wegs ſo beſchränkt war, wie man bei ſeiner ſon⸗ ſtigen Ruhe und Wortkargheit hätte glauben ſollen. Die Malerei der Decke war unterdeſſen beendigt, und da der Stallmeiſter erklärt hatte, daß ſein Herr ſchon in einigen Tagen eintreffen würde, mußte nun auch alles Übrige ſo ſchnell als möglich beſorgt werden; da die kleine Eliſa⸗ beth dabei nur im Wege war, ward ſie am fol⸗ genden Tage bei der Magd zu Hauſe gelaſſen. Als nun am Abend der Maler mit ſeiner Nach⸗ barin etwas früher als gewöhnlich heimkehrte, hörten ſie ſchon vor der Wohnung der Letzteren die kleine Eliſabeth klagen und ſchreien und fanden, als ſie eintraten, die Kleine in der Küche, wo ſie in ihrer Wildheit einen Keſſel mit heißem Waſſer umgeſtoßen und ſich verbrannt hatte. Dieſer Vorfall beſtimmte nunmehr unſern Arenzen, ſeine Reiſe unverzüglich anzutreten, welches ihm um ſo leichter thunlich ſchien, da jetzt ſeine Arbeit vollendet war; er ward indeß verhindert, ſeinen Vorſatz, ſo ſchnell als er es — 25— wünſchte, in Ausführung zu bringen. Eliſabeth brachte die nächſte Nacht und die folgenden Tage in Schmerzen und Unruhe hin, ſo daß in dieſem Zuſtande nicht an die Reiſe zu denken war. Als die Kleine nun ſo eines Abends weinend und jammernd auf einem Schemelchen ſaß, trat Frau Bergen eilig zu ihr herein:„Geſchwind Kind,“ rief ſie,„geſchwind, die Herrſchaft kommt, ich will Dich mitnehmen.„Vor der Pforte des Pal⸗ laſtes angelangt, vernahmen ſie die Hufſchläge von heranſprengenden Roſſen, gleich darauf ward ein Läufer mit einer helllodernden Fackel ſichtbar, ihm voran aber ritt der Stallmeiſter, den die kleine Eliſabeth auf den erſten Blick wieder er⸗ kannte und der jetzt mit lauter Stimme Platz zu machen gebot. Frau Bergen faßte ſchnell die Kleine bei der Hand und eilte mit ihr hinein in den Pallaſt, wo ſie ſich auf eine der untern Stu⸗ fen der Stiege ſtellten. Hier herrſchte große Un⸗ ruhe, reich gekleidete Bediente flogen Trepp auf Trepp ab, und ordneten ſich endlich mit großen ſilbernen Armleuchtern, auf denen hellleuchtende Wachskerzen brannten, in zwei Reihen, um die Heerrſchaft zu empfangen. Einer von ihnen wies — 26— der Frau Bergen, durch einen Wink mit der Hand, einen Platz ihm zur Seite an, wo ſie alles genau betrachten konnten, und von wo aus denn auch jetzt die kleine Eliſabeth zu ihrer gro⸗ ßen Verwunderung ihren Vater gewahrte, wel⸗ cher in ſeinem Sonntagsrocke daſtand, gleich den übrigen einen Armleuchter in der Hand haltend; in demſelben Augenblick rollte ein, mit ſechs ra⸗ benſchwarzen mit reichem ſilbernen Geſchirr ge⸗ ſchmückten Hengſten beſpannter Wagen in den Hof; einer der früher erwähnten Diener ſprang hinzu, ſetzte den Armleuchter nieder und riß die Wagenthür auf. Der Graf ſtieg aus. Er war ein großer, ſchöner Herr, deſſen edele Geſtalt im Verein mit der ihn umgebenden Pracht Bewunderung erwecken mußte. Er trug einen mit Zobel gefütterten Reiſepelz von dunkelblauem Sammt, und an ſeiner ſchwarzſammetnen Reiſemütze prangte eine koſtbare diamantne Agraffe. Aus ſeinem männlich ſchönen Angeſichte ſtrahlten Würde und Hoheit. Wenn er aber grüßte, oder ſprach, war ſein Lächeln höchſt einnehmend, ja faſt unwiderſtehlich. In ſeinen Augenwinkeln und um ſeinen Mund 3 * — 27— ſpielte indeſſen ein ſeltſamer Zug, den ſeine Freunde für einen Ausdruck ſarkaſtiſchen Witzes erklärten, während er von ſeinen Feinden für ein Kennzeichen von Hohn und Argliſt gehalten wurde. Sein bleiches, von dunkeln Locken umwalltes Geſicht ſchien übrigens zu verkünden, daß er mannigfache Seelen⸗ und Körperanſtrengungen gehabt hatte, und daß ſtürmiſche Leidenſchaften ſeiner Bruſt nicht fremd geblieben waren. So wie der Graf oder der Ambaſſadeur, wie er auch mitunter genannt wurde, aus dem Wagen geſtiegen war, blieb er am Schlage ſtehen, um ſeiner Gemahlin heraus zu helfen. Ihr herrlicher ſchlanker Wuchs, ihr ſchöner Körperbau würden ſofort jeden Blick auf ſich gezogen haben, hätte nicht ihr reizendes Antlitz zuförderſt aller Augen gefeſſelt. Ein mit Hermelin reich beſetzter Pelz von purpurrothem Sammt gab ihr ein wahrhaft königliches Anſehen; auf ihrem blonden Lockenhaupte trug ſie einen, mit einer koſtbaren Spange von Edelſteinen geſchmückten ſchwarz ſammetnen Hut, von dem reiche weiße Federn herabwallten. So wie ſie aus dem Wagen ge⸗ ſtiegen war, erfaßte der Graf ihre Hand und — —— —ꝛ———— führte ſie die Stiege hinauf. Die Diener und mehrere Neugierige, welche ſich hereingedrängt hatten, verbeugten ſich als das gräfliche Paar vorüberſchritt, bis faſt auf die Erde, ja ſelbſt Arenzen, welcher ſonſt kaum ſeine Mütze zu rücken pflegte, verneigte ſich zu Eliſabeths großer Ver⸗ wunderung heute ſo tief, als es ſein ſteifer Rücken nur geſtatten wollte. Der Graf grüßte nach beiden Seiten hin mit freundlicher Herablaſſung, ohne daß jedoch der Blick ſeiner ſchwarzen lebhaf⸗ ten Augen auf jemand insbeſonders haftete; die Gräfin richtete dagegen ihre ſchönen himmelblauen Augenſterne bald auf dieſen bald auf jenen mit unbeſchreibbarer Milde und Lieblichkeit. Einer ihrer Blicke machte auf das Herz der kleinen Eliſabeth einen ſo tiefen Eindruck, daß ſie denſelben, ſelbſt in den ernſteſten Momenten ihres Lebens, nicht vergeſſen konnte. Am Oberende der Treppe ſtand eine Depu⸗ tation der Generalſtaaten, die ſich eingefunden hatte, um das gräfliche Paar bei ſeiner Ankunft zu bekomplimentiren. Zwei von ihr: Herr Johann van Gent von der Ritterſchaft aus Geldern, und Herr Wilhelm Boreel, Herr auf Duynbecke, Weſthoven und Dombruch, Rath und Penſionair der Stadt Amſterdam, führten das Wort. Nachdem ſie eine kurze Anrede gehalten, ging Herr Boreel voran um den Weg zu zeigen, die andern Herren folgten dem Grafen und der Gräfin.] Die Hausflur und die untern Gänge waren jetzt faſt menſchenleer, die kleine Eliſabeth aber ſtarrte noch immer die Treppe hinan, auf der ſo mannigfache Wunder wie ein Traum an ihren Augen vorüber gegangen waren. Aus allem⸗ was ſie ſo eben und früher in den prachtvollen Gemächern geſehen, ja ſelbſt aus dem übermü⸗ thigen Benehmen und prahleriſchen Weſen des Stallmeiſters, ſchuf ſich ihre kindiſche Phantaſie ein Ganzes, welches etwas höchſt Wunderbares und übernatürliches an ſich hatte. Ihre Gedan⸗ ken folgten den koſtbar geſchmückten Reiſenden in ihr Paradies, und faſt ungehört verklang ihr das, was ihr Vater, Frau Bergen, und einige andere Zuſchauer über das gräfliche Paar äußer⸗ ten.„Das war eine Pracht und Herrlichkeit!“ rief einer von ihnen;„ja, ja, das nenne ich noch eine Herrſchaft,“ bemerkte ein Anderer,„was aber mögen die Wappen am Wagen bedeuten?“„Das — 30— mit den beiden Löwen iſt ihr Wappen,“ nahm Arenzen das Wort,„ſie führt es als Gräfin von Schleswig⸗Holſtein, ein Titel, den ihre Mutter, ſo wie ſie und ihre Geſchwiſter führen und den der König, ihr Vater, ihnen verliehen hat. Das mit den Wolfsköpfen aber iſt das Wappen des Grafen.“ 4 Unterdeſſen war es ſpät geworden, und der Maler, Frau Bergen und Eliſabeth begaben ſich demnach nach Hauſe zurück. Die Kleine brachte indeſſen die ganze Nacht ohne Schlaͤf hin; theils hatte ſie große Schmerzen an ihrer verbrannten Hand, theils wollte alle Pracht und Herrlichkeit, welche ſie geſchauet hatte, nicht vor ihren Blik⸗ ken weichen; es war ihr in ihrer Fieberhitze, als ob der Federbuſch der Gräfin ihr Kühlung zu⸗ wehe, und ſcheu barg ſie ſich in ihr Kiſſen, denn es kam ihr vor, als ob des Grafen dunkle, bren⸗ nende Augen ſie raſtlos anſtarrten, ganz nahe vor 3 den ihrigen. Arenzen brachte ihr zwar am näch⸗ ſten Morgen eine Wundſalbe, welche ihre Schmer⸗ zen in etwas linderte, aber ſie mußte doch das Zimmer hüten; Frau Bergen aber hatte in den nächſten Tagen ſo viel mit Näharbeit zu thun, 8— 31— daß ſie ſich nur wenig um die Kleine bekümmern konnte; das war der Letztern nun recht lieb, denn nun ward ſie in ihrem Spiel nicht geſtört, welches im Grunde nur eine dramatiſche Dar⸗ ſtellung deſſen war, was ſo friſch und blühend ihrer Phantaſie vorſchwebte. Vier alte Stühle, welche ſie zuſammenſtellte, verwandelten ſich mit Hülfe ihrer kindiſchen aber lebhaften Einbildungs⸗ kraft in den vergoldeten Wagen, den ſie ſo be⸗ wundert hatte: ſie ſtellte einen Fußſchemel zur Seite, ſtieg von den Stühlen hinab auf denſel⸗ ben, grüßte nach allen Seiten hin, wie ſie es von der Gräfin geſehen, und ſchritt, das Köpf⸗ chen hin und her bewegend, an der mit blankem Meſſing beſchlagenen Komode vorüber, die ihre Phantaſie in eine Reihe glänzender Diener mit ſilbernen Armleuchtern in den Händen umgeſtal⸗ tete, und jedesmal, wenn ſie dieſes Spiel wie⸗ derholte, ſtand die anmuthsvolle ſchöne Gräfin lebendig vor ihr da. Dieſe Beſchäftigung regte ſie übrigens ungemein an und wirkte ſo nachthei⸗ lig auf ihre Wunde, daß ſie ſich am Abend ſehr übel befand, und noch einige Tage das Zimmer hüten mußte. Da machte ihr eines Abends, um ſie aufzuheitern, Frau Bergen den Vorſchlag, mit ihr nach dem Pallaſte zu gehen, wo ein Bankett ſtatt finden ſollte. Eine Zofe der Grä⸗ fin, Namens Magdalena Boiſen, die mit der Frau Bergen bekannt geworden war, hatte die Letztere gebeten, hinauf zu kommen und ihr etwas zur Hand zu gehen, verſichernd, ihr Pflegetöchterchen könne dann an der Thür ſtehen und von dort aus die ganze Herrlichkeit mit anſchauen. Eliſa⸗ beth folgte mit großer Freude, konnte ſich aber in ihren ſpäteren Jahren dieſes Abends nicht ſo lebhaft als des früher erwähnten entſinnen, wor⸗ an theils wol der Schmerz in ihrer Wunde, hauptſächlich aber wol der Umſtand ſchuld ſein mogte, daß die im Pallaſte herrſchende Pracht jetzt für ſie nichts ganz Neues mehr war. Jedoch erinnerte ſie ſich, wie die Gräſin in einem ſtrah⸗ lenden, mit Edelſteinen geſchmückten Gewande, von vielen Herren und Damen umgeben, in der Mitte des Saales geſtanden, der Graf aber in einer bequemen Stellung, in einem blauſammte⸗ nen Kleide dageſeſſen und ſich mit mehreren ält⸗ lichen Herren unterhalten hatte; auch wußte ſie noch recht gut, wie ſie von ſilbernen Tellern —-— 33— Backwerk bekommen, und wie von dem goldenen und ſilbernen Trinkgeſchirr ihr Auge faſt geblen⸗ det worden war. Als ſie ſich nun aber mit ihrer Pflegemutter wieder nach Hauſe begeben wollte, und Magdalena Boiſen ſie hinab begleitete, rollte grade ein Reiſewagen in den Hof.„Seht da kommt der Doctor,“ rief die Zofe,„wir haben ihn geſtern ſchon erwartet.“ Frau Bergen wollte fra⸗ gen, wer denn dieſer Doctor eigentlich ſey, Magda⸗ lena aber war bereits fort und rief die Bedien⸗ ten. Einer von ihnen ſprang hinzu und riß den Wagenſchlag auf, während ein anderer mit Licht herbei eilte. Ein ziemlich ſtarker Mann von mittler Größe in einem blauen Reiſemantel ſtieg jetzt aus dem Wagen:„Zeige mir mein Zimmer an,“ ſprach er zu einem der Bedienten gewandt, „ich ſehe hier iſt große Geſellſchaft, und ich mag mich, da ich ſo eben von der Reiſe komme, jetzt nicht unter ſie miſchen.“„Sogleich Herr Doc⸗ tor,“ entgegnete der Bediente,„ich will den Schlüſſel holen.“ Während dies geſchah, blieb der Doctor un⸗ ten an der Treppe ſtehen, ſo daß Eliſabeth Ge⸗ legenheit gewann ihn genauer zu betrachten. Sein gutmüthiges lebhaftes Antlitz hatte etwas unge⸗ mein freundliches, und ſeine großen blauen Au⸗ gen richteten durchdringende Blicke auf alle Um⸗ ſtehenden. Als er die kleine Eliſabeth gewahrte, näherte er ſich ihr.„Ein liebliches Kind!“ be⸗ merkte er in holländiſcher Sprache, wobei jedoch ein etwas fremdartiger Dialect unverkennbar war. „Was aber hat ſie da an ihrer Hand?“ fragte er weiter, indem er das Händchen der Kleinen erfaßte und es genau betrachtete.„Sie hat ſich verbrannt,“ lautete die Antwort.„Und was habt Ihr zur Heilung der Wunde gethan?“ Frau Bergen nannte das von ihr ange⸗ wandte Mittel. „Das iſt ganz gut,“ entgegnete der Arzt, „ich will Euch aber etwas aufſchreiben, welches beſſer helfen und die Wunde heilen ſoll, wenn Ihr es nur ein Paar Tage lang auflegt. Die Leute hier im Hauſe wiſſen ja wohl wo Ihr zu finden ſeyd; gute Nacht, Du liebe Kleine!“ fügte er hinzu, indem er Eliſabeth die Wange ſtreichelte; darauf ſchritt er die Stiege hinan, und auch Frau Bergen ſputete ſich, da es unter⸗ — 35— deſſen ſpät geworden war, mit ihrem Pflegetöch⸗ terchen nach Hauſe zu kommen. Am folgenden Morgen ſchon brachte ein Diener das Rezept des Arztes, und kaum hatte Eliſabeth die von ihm verordnete Salbe auf die Wunde gelegt, als ſie ſofort Linderung ver⸗ ſpürte. In der folgenden Nacht ſchlief ſie ruhig und erwachte am nächſten Morgen ganz ohne Schmerzen. Im übrigen ging es ganz ſo wie es der Doctor vorausgeſagt hatte, nach wenigen Tagen war die Wunde vollkommen geheilt, und da jetzt Arenzens Arbeiten im Palaſte gänzlich beendigt waren, ward beſchloſſen, die Reiſe nach Flandern anzutreten. Frau Bergen meinte indeß, es ſei die Schuldigkeit ihres Nachbars, dem Herrn Doctor für ſeine Gefälligkeit zu danken, zu welchem Ende ſie ihm anrieth, mit der Klei⸗ nen nach dem Palaſte zu gehen, wo dieſe dann ihre Erkenntlichkeit ſelbſt ausſprechen könne. Eli⸗ ſabeth ſprang bei dieſer Außerung ihrer Pflege⸗ mutter freudig im Zimmer umher, klatſchte in die kleinen Hände und jubelte und jauchzte, ſo daß ihr Vater nicht Zeit hatte, Einwendungen zu machen. Der Kleinen wurden nunmehr ihre — 36— beſten Kleider angethan, und in Arenzens Be⸗ gleitung begab fie ſich nach der gräflichen Woh⸗ nung, die noch immer wie ein Feenſchloß vor ihrer Phantaſie ſchwebte. Der Zufall fügte es, daß ihnen der Arzt ſchon auf der Treppe entge⸗ gen kam; ſo wie die kleine Eliſabeth ihn ge⸗ wahrte, lief ſie mit dem freudigen Ausruf:„ſieh, ſieh, Vater, da iſt der Herr Doctor!“ auf ihn zu. „Ey, das iſt ja meine kleine Patientin,“ lächelte der Arzt,„wen willſt Du denn hier beſuchen?“ „Dich,“ entgegnete die Kleine freimüthig, während ſich nun auch Arenzen näherte, um ſeine Dankſagung vorzubringen. Der Doctor hatte un⸗ terdeß das wahrhaft ſchöne Kind mit großer Auf⸗ merkſamkeit und mit einer gewiſſen Verwunde⸗ rung betrachtet. Er unterbrach den Maler mit der Bitte, um eine ſolche Kleinigkeit doch nicht ſo viele Worte zu machen, und erſuchte ihn dann, die Kleine einmal zu der Gräfin bringen zu dür⸗ fen, da dieſe eine große Kinderfreundin ſey. Aren⸗ zen erwiederte, daß er ſchon am nächſten Mor⸗ gen mit ſeiner Kleinen nach Flandern zu reiſen gedächte.„Ey, ſo daſſe ſie jetzt gleich mit mir — 37—. gehen,“ rief der Doctor,„in ein Paar Stunden könnt Ihr ſie hier wieder abholen.“ Der Maler willigte ein, und Eliſabeth, von dem Arzte an der Hand geführt, hüpfte nun⸗ mehr die Stiege hinan. Mit einer unbeſchreib⸗ baren Sehnſucht und mit der geſpannteſten Er⸗ wartung ſtand ſie nach wenigen Augenblicken da, vor dem Paradieſe, welches ſich vor ihr erſchlieſſen ſollte. Die Flügelthüren öffneten ſich und fie traten nunmehr ein in ein Vorgemach, in wel⸗ chem vier oder fünf reichgekleidete Bediente, die Arme kreuzweis über einander geſchlagen, müſſig auf Lehnſtühlen ſaßen. So wie ſie indeß den Doctor gewahrten, ſprangen ſie ſämmtlich empor und einer von ihnen trat ſchnell heran und nahm dem Doctor Hut und Mantel ab.„Iſt der Herr Graf daheim?“ fragte der Doctor. 8 „Die Herren Deputirten ſind bei ihm,“ antwortete der Bediente. „Die Frau Gräfin aber iſt doch zu ſprechen?“ „Sie i*ſt dort in jenem Zimmer.“ Der Arzt näherte ſich mit ſeiner Begleite⸗ rinn der Thür. Der Bediente öffnete ſie und die kleine Eliſabeth fühlte ſich jetzt von einem — 38— lieblich duftenden Weihrauch umgeben, während ihr Ohr einen harmoniſchen Geſang, von Sai⸗ tenſpiel begleitet, vernahm. Die Gräfin ſaß in einer Fenſtervertiefung, den Rücken der Thür zugewandt, ſie ſpielte auf der Harfe und ſang dazu. Sie trug heute ein einfaches Gewand von ſchwarzem Sammet, um den Hals aber und um ihre blendend weißen Arme trug ſie koſtbare Schnüre von großen äch⸗ ten Perlen; rund um ſie her blühten in pracht⸗ vollen Vaſen die ſchönſten Blumen, welche Hol⸗ land, das Vaterland der Kinder Flora, der Kö⸗ nigstochter nur darzubringen vermochte. An den ſeidenen ſchweren rothen Fenſtervorhängen er⸗ kannte Eliſabeth den Saal wieder, in dem ſie ſchon einmal geweſen war, dem übrigens das jetzt hier vorhandene reiche Zimmergeräth ein ganz anderes Anſehn gegeben hatte. So wie ſie eintraten, hörte die Gräfin auf zu ſpielen, lehnte ſich zurück in ihrem Seſſel ohne ſich jedoch mit dem Geſichte zur Thür zu wenden.„Ha, Sperling! kommt ihr endlich?“ rief ſie,„Ihr laßt heute lange auf Euch warten. Ulfeld hat ſchon mehreremale nach Euch gefragt.“ 4 Doctor Sperling näherte ſich der Gräfin, indem er die ſchüchterne Eliſabeth, welche kaum aus der Stelle zu bringen war, mit ſich fortzog. „Ihr beſchuldigt mich oft, gnädige Frau,“ be⸗ gann er,„daß ich von meinen Ausflügen im⸗ mer mit leeren Händen zurückkehre, heute bringe ich Euch etwas mit.“ „Wirklich! nun ſo laßt mich doch Eure Ausbeute ſchauen!“ Mit dieſen Worten wandte ſich die Gräfin zu ihm.„Wahrlich,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Hand der kleinen Eliſabeth erfaſſte und ſie freundlich zu ſich hinzog,„Ihr bringt da etwas recht Hübſches mit. Wußte ich doch nicht, daß Ihr ſolche Blumen aufſuchtet. Zu welcher Gattung gehört denn dieſe da? Man muß ſie wohl zu den Tauſendſchönchen rechnen.“ „Unbezweifelt,“ verſetzte der Arzt.„Doch wohin ſie ſo eigentlich gehört, gnädige Frau, ver⸗ mag ich in der That nicht anzugeben, ich fand ſie hier im Hauſe.“— „Nun, wie heißt Du denn, meine Kleine?“ fragte die Gräfin zu Eliſabeth gewandt. Das ſchüchterne Mädchen aber gab keine Antwort, ſondern ſtarrte mit glühenden Wangen —— 40— dem Weinen nahe, verlegen vor ſich hin; ja ſelbſt als die Gräfin ihr das Antlit ſtreichelte und ſie ermuthigte, war keine Beweglichkeit in ſie hinein zu bringen.— „Ihr wollt mich wol zum Beſten haben, Doctor,“ nahm endlich die Gräfin wieder das Wort.„Ihr bringt mir da ein künſtliches Auto⸗ mat und wollt mich glauben machen, es ſey ein lebendiges Weſen.“ „Der Glanz und die Pracht, welche Euch umgeben, gnädige Frau, haben ſie verſteinert,“ verſetzte der Arzt. „Wenn das iſt, ſo muß ich wohl darauf be⸗ dacht ſeyn, ſie wieder in's Leben zurück zu rufen,“ entgegnete die Gräfin, und ſich zu der offenen Thür wendend rief ſie:„Anna, komm herein!“ Ein kleines Mädchen, nur ungefähr ein Jahr älter als Eliſabeth, deren auffallende Ähn⸗ lichkeit mit der Gräfin ſie als deren Tochter be⸗ urkundete, trat ins Zimmer.„Anna, ſprach die Mutter,„ſuche die Kleine hier aufzuheitern, ſpiele mit ihr und nimm ſie mit Dir.“ Anna erfaſſte die kleine Eliſabeth bei der Hand und zog ſie mit ſich in das andere Zim⸗ —— — 41— 1 mer, wo die beiden Kinder bald mit einander vertraut wurden und wo ſie ſchon nach wenigen Augenblicken munter umherſpielten.„Wer iſt denn der ſchöne Herr hier, mit dem Elephanten um den Hals und dem großen ſteifen Kragen?“ fragte endlich Eliſabeth, indem ſie vor einem Ge⸗ mälde ſtehen blieb,„der ſieht ja gewaltig vor⸗ nehm aus!“ „Ja das glaube ich wohl,“ entgegnete Anna, nicht ohne ſich ein wenig in die Bruſt zu werfen, „das iſt Se. Majeſtät, König Chriſtian der Vierte von Dänemark, mein Großvater!“ Eliſabeth, welche in dieſem Augenblick ihres eigenen Großvaters, eines ehrlichen Schiffers, ge⸗ 9 dachte, und der Meinung geweſen war, daß alle Großväter der ganzen Welt ausſehen müßten wie der ihrige, begann laut auf zu lachen; „Wie,“ rief ſie,„Du hätteſt einen König zum Großvater,„Du willſt mich wol zum Beſten habeu!“ „Wenn Du mir nicht glaubſt, ſo frage die Mutter,“ verſetzte Anna, etwas beleidigt,„ſahſt Du nicht wie ſie daſſelbe Bild auf der Bruſt trug, ich habe auch ein Conterfey von ihm, das — 42— hat die Mutter gemalt; ach die malt gar ſchön! Sie hat es von dem großen Maler Carl von Mandern gelernt, den mein Großvater nach Dä⸗ nemark kommen ließ— ſieh hier iſt es.“ So ſprechend zog ſie ein Miniaturbild von Chriſtian dem Vierten hervor, welches fen an einer golde⸗ nen Kette um dem Halſe trug. 1 „Iſt denn das ein wirklicher König, der mit der Krone auf dem Kopfe geht?“ ftagte Eliſabeth erſtaunt. „Ei Närrchen,“ lachte Anna,„die Krone trug er nur am Krönungstage und bei anderen feſtlichen Gelegenheiten; ein großer König aber war er, geachtet und geehrt. Jetzt iſt er aber todt!“ 431 e8 „Da biſt Du wol gar eine Prinzeſſin?“ fuhr Eliſabeth fort; hierauf aber gab die kleine Anna keine Antwort, ſondern klatſchte in die Händchen, und forderte Eliſabeth zur Erneuerung ihres Spieles auf. 3 Arenzens kleine Tochter ward jetzt immer dreiſter, ſie ſprang fröhlich und munter umher und wollte ſich endlich in einem angrenzenden Gemache verſtecken; da winkte ihr die kleine Anna und flüſterte:„da dürfen wir nicht ſpie⸗ len, dort iſt des Vaters Zimmer; er iſt zu Hauſe!“ Eliſabeth blickte ſich ſcheu um, trippelte dann wieder zum Cabinette heraus, und fragte:„iſt denn Dein Vater ſo böſe?“ „Ei warum nicht gar,“ lachte Anna,„böſe iſt er gar nicht, aber er mag keinen Lärm leiden, er hat immer viel zu thun, auch iſt jemand bei ihm, wie ich glaube.“ Sie hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen als ſich die Thür des Cabinets öff⸗ nete und die holländiſchen Herren rückwärts und mit vielen ehrerbietigen Verbeugungen heraus⸗ traten.. Der Graf, den Eliſabeth auf den erſten Blick wieder erkannte, ſtand innerhalb des Ge⸗ machs, bis ſie ſämmtlich fort waren, darauf lief die kleine Anna zu ihm, erfaſſte ſeine Hand, küßte ſie und gab ihm auf mannigfache Weiſe ihre kindliche Liebe zu erkennen; der Graf dage⸗ gen klopfte ihr die Wange und begab ſich mit ihr in das Gemach ſeiner Gemahlin, wohin auch die kleine Eliſabeth folgte. Die Gräfin ſaß jetzt auf dem Kanapee und ſpielte Schach mit dem — 44— Doctor. So wie aber Ulfeld eintrat, ſtand ſie auf und ging ihm entgegen; auch der Arzt nä⸗ herte ſich. Ulfeld reichte ihm vertraulich die Hand hin und führte dann ſeine Gattin zurück auf das Kanapee. 3— „Laßt Euch durch mich nicht ſtören,“ ſprach der Graf,„ſpielt Eure Partie zu Ende.“ „Es iſt mein Vortheil, wenn wir ſie nicht zu Ende ſpielen, mein Spiel ſteht ſchlecht.“ „So ganz ſchlecht eben nicht,“ meinte der Graf, indem er das Brett genau betrachtete, „noch iſt nicht alles verloren!“ „Ich ſehe keine Rettung,“ erwiederte Sper⸗ ling,„meine Schülerin iſt mein Meiſter gewor⸗ den, ich übergebe mich auf Gnade und Ungnade.“ So ſprechend ſtreckte er die Hand aus um die Steine zuſammen zu räumen.„Halt, halt,“ unterbrach ihn der Graf,„wollt Ihr mich zu Eurem Stellvertreter annehmen?“ „Zu meinem oberſten Feldherrn, gnädigſter Herr!“ antwortete der Doctor,„Ihr habt über mein Kriegsheer, wie über mich ſelbſt zu gebie⸗ ten.“— Mit dieſen Worten ſchob er dem Gra⸗ fen einen Lehnſeſſel hin. — — — 45— „Es gilt einen Verſuch ob die Signora un⸗ überwindlich ſey,“ lächelte Ulfeld; aber noch bevor er Platz nahm, bot er ſeiner Gegnerin Schach. „Ja wenn Du gegen mich auftrittſt, da iſt es um mich geſchehen,“ verſetzte Eleonore, indem ſie nach einigem Bedenken ihre Königin wegzog⸗ „Es iſt ja Ritterpflicht dem Schwachen bei⸗ zuſtehn,“ entgegnete der Graf.„Euer Spiel iſt gerettet, Doctor— Dein Springer iſt verloren, Eleonore.“ In dieſem Augenblick trat ein Diener ein, mit Briefen welche ein Courier ſo eben über⸗ bracht hatte. Ulfeld erbrach die Depeſchen, und überflog ſie, während Eleonore das Spiel über⸗ ſann. Als er geleſen und ſeine Gemahlin ſich für überwunden erklärt hatte, nahm er Platz ne⸗ ben Eleonoren auf dem Kanapee.„Wie Dir Dein Kopf brennt!“ bemerkte die Letztere, indem ſie ihre Schwanenhand auf die Stirn des Gat⸗ ten legte. „Wie kann Euch das Wunder nehmen, gnä⸗ dige Frau,“ fiel der Doctor ein, welcher gegen⸗ über ſtand und das ſchöne Paar mit ſeinen klaren freundlichen Augen betrachtete;„wie kann es — 46— anders als brennen in einer ſo feurigen Werk⸗ ſtatt, wo goldene Gedanken geſchmiedet wer⸗ den.— Litt nicht Jupiter ſelbſt an Kopfſchmerz bis ſeinem Haupte die Göttin der Weisheit ent⸗ ſprang? übrigens gnädiger Herr,“ fuhr er dar⸗ auf zu dem Grafen gewandt fort, nſeht Ihr in der That heut etwas bleich aus. Die friſche Luft würde Euch wohlthun, Euch aufheitern.“ „Aufheitern,“ wiederholte Ulfeld mit einem bitteren Blick auf die Briefe, welche er unter⸗ deſſen zuſammengeräumt hatte,„ich habe da eben genug Zerſtreuung erhalten!“ „Brachten Dir dieſe Briefe etwas Unange⸗ nehmes?“ fragte die Gräfin theilnehmend. „Ei keineswegs,“ entgegnete der Graf, mit einem ſchnellen flammenden Blick, wobei eine hohe ⸗Röthe ſein bleiches Geſicht überflog, „ſie brachten mir im Gegentheil etwas ung e⸗ mein Erfreuliches!“ So ſprechend erhob 4 er ſich haſtig von ſeinem Sitze und ſchritt eini⸗ 4 gemale raſch im Zimmer auf und ab; dann aber wandte er ſich wieder zu ſeiner Gemahlin, deren Bruſt ein leiſer Seufzer entſtiegen war.„Sei unbeſorgt, gute Eleonore,“ ſprach er, indem er —- 47— die Hand auf ihre Schulter legte und ſie auf die Stirn küßte:„Ob uns nichts Böſes begeg⸗ net, oder ob wir das Böſe, was man uns zuge⸗ fügt, verachten, das kommt ja ganz übereins aus. Adieu Eleonore! Adieu Doctor!“ ſo ſprechend begab er ſich hinaus. Die Gräfin und der Arzt ſchwiegen nach⸗ dem er ſich entfernt hatte noch einige Augen⸗ blicke lang, endlich nahm die Erſtere das Wort: „Schüttelt nicht ſo mißbilligend das Haupt,“ ſprach ſie,„bedenkt die Schwierigkeiten, mit de⸗ nen mein Gemahl zu kämpfen hat, wahrlich die mannigfachen Kränkungen die er erdulden muß, das mißliche Verhältniß in dem er ſich befindet, die Ränke unſerer Feinde und die Muthloſigkeit unſerer Freunde, müſſen wohl den ſanfteſten Sinn erbittern.“ 1 „Es ſcheint mir,“ entgegnete Sperling mit bewegter Stimme,„daß der Mann, welcher mit Leichtigkeit und Kraft das Schiff des Staates durch ſo mannigfache Klippen ſteurte, ſeinen Leidenſchaften gebieten und ſich erinnern ſollte, daß die äußern Zufälle des Lebens nur den Werth haben, den wir ſelbſt ihnen beilegen.“ — 4s— „Ach Doctor, wozu dieſe moraliſchen Sen⸗ tenzen!“ unterbrach ihn die Gräfin.„Ihr kennt ja Ulfelds ſcharfen Verſtand, ſeine reiche Erfah⸗ rung. Ihr könnt ihm ja nichts ſagen, was er nicht ſelbſt klarer einſieht, wenn ſeine Stimmung es zuläßt; iſt das aber nicht der Fall, ſo wird jeder Rath von ihm zurück geſtoßen, wie die ſchäumende Welle von der ſchroffen Klippe.“— „Das iſt es ja eben, was ich meine,“ ver⸗ ſetzte Sperling.„Der edle Graf hat es nie dahin bringen können, ſeinen Zorn, ſein Misvergnügen zu bekämpfen. Aber verzeiht mir, gnädige Frau,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„verzeiht mir mei⸗ ne Außerungen, welche wahrlich nur durch die herzlichſte Ergebenheit hervorgerufen wurden.“ „Ich kenne ja Eure Denkungsart,“ erwie⸗ derte die Gräfin ernſt; in einem heitern Ton ſetzte ſie jedoch gleich darauf hinzu:„aber wahr⸗ lich wir vergeſſen ja ganz die armen Kinder dort. Nun Anna, biſt Du mit Deiner kleinen Geſpie⸗ lin recht bekannt geworden?“ Was mit Wärme oder wohl gar mit einem Grade von Leidenſchaftlichkeit ausgeſprochen wir, — macht ſtets mächtigen Eindruck auf die Zuhörer, zumal wenn dieſe Kinder ſind, und obgleich Eli⸗ fabeth, als jenes Geſpräch in ihrer Gegenwart ſtatt fand, eigentlich nichts davon verſtand, konnte ſie ſich dennoch deſſelben in ihren ſpäteren Jah⸗ ren deutlich entſinnen, beſonders hatte ſich das, was Ulfeld geſprochen, tief in ihr Gedächtniß ein⸗ geprägtz ſeine Stimme war ſtark und männlich, dabei aber ungemein wohlklingend, auch hatte ſie bekanntlich etwas Herzgewinnendes und Ein⸗ ſchmeichelndes. Auf die Frage der Gräfin entgegnete die kleine Anna, daß ſie ihre Geſpielin ſo gut wie möglich unterhalten habe, daß ſie jetzt aber ihre Mutter bitte, derſelben auch etwas von ihrem Geſchmeide und ihren Koſtbarkeiten zu zeigen; der⸗ gleichen, meinte ſie, hätte ihre kleine Gefährtin wol noch nie geſehen. Die gütige Gräfin war ſofort bereit den Wunſch ihres Töchterleins zu erfüllen; ſie ließ ſich von ihrer Zofe ein reiches mit Gold ausgelegtes Käſtchen bringen, öffnete es, und die koſtbarſten Kleinodien ſtrahlten nunmehr der ſtau⸗ nenden Eliſabeth entgegen. Nachdem ſich die⸗ 4 ſelbe daran ſatt geſchauet hatte, nahm die Grä⸗ fin einen kleinen weniger werthvollen Ring, an dem ſich nur drei kleine Diamanten befanden, und machte ihn der kleinen Eliſabeth zum Ge⸗ ſchenk, welche, da ihre Schüchternheit jetzt gänz⸗ lich verſchwunden war, freudig empor ſprang und der Gräfin dankbar die Hand küßte. Die Letz⸗ tere küßte die Kleine auf die Stirn, nahm dann noch eine goldene Kette aus dem Käſtchen, befe⸗ ſtigte den Ring daran und hing ſie dem Kinde um den Hals. Sperling führte die kleine Eliſa⸗ beth darauf wieder hinaus in das Vorgemach, wo ihr Vater ſchon ſeit einer halben Stunde auf ſie wartete⸗ Am nächſten Morgen ſchon trat Arenzen mit der kleinen Eliſabeth die Reiſe an; und glücklich und ohne daß ihnen etwas Beſonderes zugeſtoßen wäre, langten ſie zu Brügge in Flan⸗ dern an, wo er ſie der Sorge ſeiner Verwandten übergab, und ſich dann, zwar nicht ganz ohne Wehmuth, jedoch mit der ihm eigenthümlichen Ruhe von ihr trennte. Nur wenige Tage ver⸗ weilte er in Brügge, dann machte er ſich ſofort nach Haag wieder auf den Weg. 1 — ———;—;— ᷣᷣᷣ — 353— So kurz auch Eliſabeths Zuſammentreffen mit der Familie des Grafen Ulfeld geweſen war, einen ſo wichtigen Einfluß hatte daſſelbe doch auf ihre ganze Zukunft. Ihre frühere Kindheit bis zu jenem Augenblick ſchien ihr nur ein bloßer Traum; erſt von jenem Zeitpunkt an hatte das Leben für ſie Licht und Farbe gewon⸗ nen. Die Ahnung von etwas Höherem, etwas Edlerem zog ein in ihr kindliches Herz. Zwar vermogte ſie noch nicht die innere Größe von der äußern zu unterſcheiden, aber das Würdevolle und Edle, was ſie geſehen, hatte doch einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht, daß ihr Herz voo nun an nur dem Guten und Schönen offen ſtand. Auf der andern Seite aber wurden ihr auch dadurch ihre Verhältniſſe und die Beſchränkt⸗ heit, in der ſie zu leben genöthigt war, ſchwerer zu ertragen; bis ihr Geiſt endlich die nöthige Reife erhielt ſich über die ſie beengenden Schran⸗ ken zu erheben, ohne ſie zu durchbrechen. Ihre Baſe war die Schweſter eines verſtor⸗ benen angeſehenen Geiſtlichen, und ſie ward dem⸗ nach von ihrer Umgebung mit großer Ehrerbie⸗ tung behandelt. Wenn ſie in ihrem ſteifen Sonn⸗ 2— tagsſtaate, welcher ihre unförmliche Figur nur noch unförmlicher machte, zum Vorſchein kam, trat jedesmal die herrliche Geſtalt der anmuths⸗ reichen, geſchmackvoll gekleideten Gräfin vor ihre Phantaſie und ihre Baſe erſchien ihr dann zwie⸗ fach häßlich. über Alles aber war ihr die kleinliche Eitelkeit und der Bauernſtolz derſelben zuwider, und ſie mußte ſich raſtlos die Erkenntlichkeit vor⸗ halten, die ſie ihrer Baſe ſchuldig war, um dieſer diejenige Ehrerbietung zu beweiſen, welche ſie von ihr verlangte. Wenn ſie nach Tiſche die gelbe dürre Hand ihrer Verwandten küſſen mußte, konnte ſie nicht umhin mit einem leiſen Seuf⸗ zer, der kleinen weichen, weißen Hand der Grä⸗ fin zu gedenken, an deren Fingern demantne Ringe ſtrahlten. Die alles verwiſchende Zeit ſchwächte zwar nach und nach dieſe Bilder in etwas, aber der kleinſte Umſtand hieß ſie mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit wieder vor Eliſabeths Phantaſie emporſteigen; ein Duft von Weih⸗ rauch oder Blumen, demjenigen ähnlich, der ihr aus den Zimmern der Gräfin entgegen geſtrömt war, der Hufſchlag vorüber ſprengender Roſſe, reichte hin, ſie wie mit einem Zauberſchlage in ein — — 53— Paradies zu verſetzen, dem ſie, für ihre Wünſche nur allzu ſchnell, wieder entriſſen worden war. Ein ſiebzigjähriger Greis, welcher von dem Bruder ihrer Baſe als Glöckner angeſtellt wor⸗ den war, kam regelmäßig Sonntags zum Mittags⸗ eeſſen in das Haus ihrer Verwandten. Er war in ſeiner Jugend Maurer geweſen, war nach Dä⸗ nemark verſchrieben worden um an dem Schloſſe Frederiksborg zu arbeiten, und hatte dann als Soldat unter Chriſtian dem Vierten gedient. Nur derjenige, dem in ſeinen Lebensverhält⸗ niſſen plötzlich ein höheres Bild erſchien, und der weiß, wie man den, der uns dieſes Bild ver⸗ deutlichen kann, wie einen Engel betrachtet, kann ſich eine Vorſtellung davon machen, wie aufmerkſam Eliſabeth horchte, wenn der Greis von dem Vaterlande der Gräfin Ulfeld, von dem ſchönen Dänemark, deſſen reichen Fluren und ſchattengewährenden Buchenwäldern erzählte, oder wenn er ihr das herrliche Schloß beſchrieb, an dem er ſelbſt gearbeitet hatte, deſſen Bau aber eeſt unter Eleonorens Vater, dem von ganz Eu⸗ ropa bewunderten Könige und Helden, vollendet worden war. Der Greis erzählte ihr dann auch — 54— * von dem Könige Friedrich dem zweiten, unter welchem der Bau begonnen, und wie er Abends auf einem Stein vor dem Schloſſe geſeſſen und den Arbeitern ihren Lohn ſelbſt zugetheilt hätte. Auch wieß er ihr zur Beglaubigung ſeiner Aus⸗ ſage einige däniſche Schillinge vor, welche er ſelbſt aus der Hand des Monarchen empfangen, und ob⸗ gleich es ihm ſpäterhin oftmals recht hart ergan⸗ gen, dennoch zur Erinnerung aufbewahrt hatte. Dieſer greiſe vormalige Glöckner, welcher ſich Franz Stein nannte, trug nunmehr durch ſeine Erzählungen ungemein dazu bei, unſerer Eliſabeth eine gewiſſe, wenn gleich nur einſei⸗ tige und unvollkommene Anſchauung von der Welt zu geben. Er war ein redlicher Mann, beſaß einen geſunden Menſchenverſtand, hatte ſich in fremden Ländern aufgehalten, Gutes und Böſes erlebt, und ſich ſo einen Schatz von Er⸗ fahrungen geſammelt, aus dem er manche ange⸗ nehme und nützliche Mittheilung machen konnte. Im übrigen gab ihr ihre Baſe Unterricht in jed⸗ weder Handarbeit und in der Kochkunſt, in wel⸗ cher ſie eine Eingeweihte war; war aber das Tagewerk vollbracht, war Eliſabeth ſich ſelbſt — 55— überlaſſen. Im Sommer war dann der kleine Garten ihrer Baſe der Schauplatz ihrer kindi⸗ ſchen Spiele, ſo wie ſpäterhin der ihrer Träume und Betrachtungen. Wenn ſie dort am Abend an den Blumenbeeten vorüberwandelte, und der laue Weſt die hohen Lilien bewegte, ſo daß ſie ſich zu ihr hinneigten, dann gedachte ſie der rei⸗ zenden Gräfin Eleonore, wie ſie mit leichtem Schritt dem prachtvollen Wagen entſtiegen, nach allen Seiten hin mit unbeſchreibbarer Holdſe⸗ ligkeit gegrüßt hatte. Im Winter dagegen ſtand ihr die Bücher⸗ ſammlung ihres verſtorbenen Oheims offen, wo denn einige hiſtoriſche Werke, die ſie unter den vielen theologiſchen Schriften fand, ihr Unterhal⸗ tung gewährten. So ſchwanden unſerer Eliſabeth eilf Jahre in einer ſolchen Einförmigkeit dahin, daß ſich während dieſer Zeit faſt kein Tag vor dem an⸗ dern auszeichnete. Sie war nunmehr zur ſieb⸗ zehnjährigen Jungfrau herangeblüht und noch eben ſo ſchön, als ſie als Kind geweſen. Es ſchien als ob das Ideal, welches ihr raſtlos vor⸗ geſchwebt, ihrem ganzen Weſen ſein Ähnlichkeits⸗ gepräge aufgedrückt hatte. Ihre hohe ſchlanke Geſtalt hatte eine würdevolle Haltung und ſie beſaß dabei einen Anſtand, welcher doppelt auffal⸗ lend war, da ihre ganze Umgebung ſich auch nicht eines Anklanges davon rühmen konnte; ihre re⸗ gelmäßigen Züge hatten einen ſchönen edlen Ause⸗ druck; und in ihrer höchſt einfachen Kleidung be. urkundete ſich ihr guter Geſchmack. Gegen Ende des Jahrs 1660 aber begann zu Brügge ein bösartiges Fieber um ſich zu grei⸗ fen, welches ſich bald ſo ſehr ausbreitete, daß es ſchien, als wolle der Todesengel die ganze Stadt hinweg raffen. Schrecken und Entſetzen wurden allgemein und Einer wagte es kaum noch mit dem Andern auf der Straße zu ſprechen. Da verbreitete ſich plötzlich das Gerücht, daß ein junger Arzt, welcher, auf ſeiner Reiſe nach Frank⸗ reich, nach Brügge gekommen war, einem von einem alten, erfahrenen, einheimiſchen Arzte ſchon aufgegebenen Familienvater das Leben ge⸗ rettet habe. Dieſes machte den Fremden unſe⸗ rer Eliſabeth begreiflicher Weiſe ſchon intereſe ſant, noch mehr aber that es der Umſtand, daß er ein Däne und folglich ein Landsmann der — 5,— Gräfin Eleonore war. Der fremde Arzt ließ ſich von einem jungen Manne, deſſen Braut ebenfalls an der gefährlichen Krankheit darnie⸗ der lag, bewegen, eine Zeit lang in Brügge zu bleiben, wo es ihm auch wirklich gelang, faſt al⸗ len, die ſich ſeiner Kur anvertraueten, das Leben zu erhalten. Überall war man jetzt ſeines Lobes voll, und Eliſabeths Herz klopfte vor Entzücken, wenn ſie des menſchenfreundlichen jungen Man⸗ nes gedachte, welcher von dem Himmel mit ſo hoher Kuͤnſt begabt ſchien, um die Stadt vom Untergange zu retten, 3 Einſt, es war an einem Sonntag Nachmit⸗ tag, befand ſie ſich allein zu Hauſe; ihre Baſe war in die Kirche gegangen. Da trat eine ih⸗ rer Nachbarinnen, eine arme Tiſchlersfrau, welche ihnen bei der Hausarbeit zur Hand zu gehen pflegte, eilig zu ihr herein, und ſagte, ſie ſey gekommen ſich von ihrer Baſe einen guten Nath zu holen, weshalb ſie beklage dieſelbe nicht zu Hauſe zu finden. „Die Sache,“ fuhr die Nachbarin fort, „verhält ſich folgendermaßen: In dem Gaſt⸗ hofe neben mir an wohnt der fremde Doctor, — 58— welcher ſo Vielen das Leben erhalten hat; jetzt hat auch ihn die Krankheit erfaßt, und er liegt nun da, ohne ein Wort ſprechen zu können. Auf dem Tiſche aber hat der Gaſtwirth einen Zettel gefunden, den der Kranke geſchrieben, als er ſich unwohl zu fühlen begann, darauf ſteht bemerkt, wie mit ihm zu verfahren ſei; auch lag ein Wechſel dabei, womit ſich der Wirth bezahlt machen ſollte. Der Letztere aber hat dennoch, um keine Verantwortung auf ſich zu laden, den Doc⸗ tor Tobias gerufen, und dieſer will nun den Kranken in's Hospital ſchaffen laſſen und ihn dort nach ſeiner Weiſe behandeln.“ „um des Himmels willen, dann ſtirbt der edle Menſchenfreund,“ unterbrach Eliſabeth die geſchwätzige Alte.„Und das will der Wirth ge⸗ ſchehen laſſen, dem der wackere Mann ſein Kind gerettet hat?“. Die Frau zuckte mit den Schultern.„Er fürchtet ſich ihn im Hauſe zu behalten,“ entgeg⸗ nete ſie,„dennoch würde er ihn wohl nach ei⸗ nem abgelegenen Stübchen ſchaffen laſſen, aber er will dem Doctor Tobias nicht zuwider handeln.“— — 50— „Hat er denn aber ganz und gar vergeſſen, was dieſer Mann an uns gethan hat?“ fragte Eliſabeth mit großer Lebhaftigkeit;„ſoll der, welcher ſo vielen das Leben gerettet hat, ſelbſt hülflos umkommen?“ „Ja, wie geſagt,“ nahm die Alte wieder das Wort,„der Wirth würde ihn wohl im Hauſe behalten, hätte er nur jemand, der den Kranken pflegte, ſeine Leute haben mit den Gä⸗ ſten vollauf zu thun, und würden, aus Furcht ſelbſt angeſteckt zu werden, ſich weigern dem Be⸗ fehl ihres Herrn zu folgen. Da hat mich nun der Wirth gefragt, ob ich wol die Pflege des fremden Herrn übernehmen wolle, und da vin ich nun gekommen, Mamſell Benedicte zu fragen was ſie wol dazu meint.“ „Wie, Ihr könnt Euch noch bedenken?“ fragte Eliſabeth,„geht und ſputet Euch, gute Barbara, da habt Ihr Gelegenbeit Euch Gottes 5 Segen zu verdienen,“ „Ja, ja, das iſt leicht geſagt,“ erwiderte die Alte,„ich habe aber fünf unmündige Kin⸗ der, welche keinen anderen Verſorger haben als mich, denn ihr Vater ſchläft ſchon lange in der kühlen Erde— wenn ich nun die Krankheit mit nach Hauſe bringe?“ „Das werdet Ihr nicht,“ unterbrach ſie Eliſabeth mit großer Lebhaftigkeit,„das werdet Ihr nicht, der Himmel wird Euch beſchützen.— Seht, hier ſind zwei Goldſtücke, welche mir mein Vater zu meinem Geburtstage ſandte, ſie ſind Euer, wenn Ihr die Pflege des Kranken über⸗ nehmt, und auch dieſe goldenen Qhrringe ſollt Ihr erhalten, wenn Ihr Eurem Amte treulich vorſteht.“ Die Alte betrachtete die Goldſtücke einen Augenblick lang, dann willigte ſie ein und begab ich hinweg um ihr neues Geſchäft als Kranken⸗ wärterin zu beginnen. Als ſie fort war, ſank Eliſabeth auf ihre Kniee nieder, und dankte dem Ewigen, daß er ihren Worten Kraft verliehen habe, dem menſchenfreundlichen Manne Hülfe zu verſchaffen; und als ihre Baſe heimkehrte, er⸗ zählte ſie ihr das Geſchehene mit großer Wärme; dieſe aber mißbilligte durchaus was ſie gethan hatte.„Wenn nun unſere Nachbarin von der Krankheit angeſteckt wird,“ fragte ſie,„wirſt Du Dir dann nicht bittere Vorwürfe machen?“ -— 61— Eliſabeth ſchauderte zuſammen und entgeg⸗ nete mit unſicherer Stimme:„Soll denn der edle junge Mann ein Opfer der Menſchenfreund⸗ lichkeit werden?“ „Der Himmel wird ihn ſchon beſchützen, wenn er es für gut findet,“ entgegnete die Baſe, indem ſie andächtig die Hände faltete.„Was geht er übrigens uns on? Er iſt ein Fremder, hat vielleicht weder Frau noch Kind, die gute Alte aber iſt unſere Nachbarin, unſere Lands⸗ männin, ihre Kinder fallen uns zur Laſt, kommt ſie zu Schaden. Jeder möge daher ſeine eigene Haut zu Markte tragen.“— 8 ſprechend be⸗ gab ſie ſich hinaus. Eliſabeth aber konnte den Gedanken nicht los werden, wie ſie vielleicht Schuld ſeyn könne, daß die bereits vaterloſen Kleinen der Nachbarin nun auch noch ihrer Mutter beraubt würden. Mit angſtvoll pochendem Herzen legte ſie ſich zur Ruhe nieder: wie es aber im ſiebzehnten Jahre zu gehen pflegt, eine ſanfte Nacht, und die Morgenſonne, welche freundlich ihre Strah⸗ len in ihre Schlafkammer ſenkte, machten, daß ſie am folgenden Tage die Sache weit ruhiger aanſah. Als nun aber ein Paar Tage darauf die Nachbarin am Hauſe vorüber kam und in aller Eile berichtete, wie es mit dem kranken fremden Herrn anfangs recht ſchlimm ergangen, ſo daß man ſchon im Begriff geweſen ſey, den Sarg für ihn zu beſtellen, wie es ſich dann aber plötzlich, nachdem man die von ihm ſelbſt gege⸗ benen Vorſchriften befolgt, mit ihm gebeſſert habe, und an ſeiner Wiederherſtellung jetzt faſt nicht mehr zu zweifeln ſey; da ſprang Eliſabeth jubelnd zu ihrem Schranke, nahm die goldenen Ohrringe heraus, und reichte ſie verſprochener⸗ maßen der Alten hin. Dieſe aber wollte ſie durchaus nicht nehmen, ſondern entgegnete daß der fremde Herr ſie ſchon überreichlich belohnt habe, und daß er überdem ſo gut und freundlich ſey, daß man ihm gerne umſonſt dienen möchte. Mit Thränen in den vor Freude ſtrahlenden Augen drückte Eliſabeth dennoch die Ohrgehänge der Frau in die Hand, und dankte dann ſo recht innig dem Ewigen, daß ſie der Eingebung ihres Herzens gefolgt ſey. Ihre Freude ſollte indeß bald wieder getrübt werden. Seit einigen Tagen hatte ſie nichts, — 63— weder von der Tiſchlersfrau noch von dem Kran⸗ ken vernommen, da ward eines Morgens heftig an ihre Hausthür gepocht, ſie öffnete und ge⸗ wahrte mit unbeſchreibbarem Schrecken das ihr wohlbekannte Söhnlein ihrer oft erwähnten Nach⸗ barin, welches jetzt bleich und weinend vor ihr daſtand. „Um des Himmels Willen, wo iſt Deine Mutter— weshalb kommt ſie nicht?“ war al⸗ les was Eliſabeth hervorzuſtammeln vermochte. „Sie ſtirbt— ſie ſtirbt noch dieſen Abend!“ jammerte der Knabe. „Ewiger Gott, was fehlt ihr denn? fragte Eliſabeth, welche an allen Gliedern bebte.. „Sie iſt krank,— ſehr krank— ſie ſtirbt gewiß!“ wiederholte der Knabe.„Ach wir ha⸗ ben niemand, bei dem wir Hülfe finden können, da meinte meine Schweſter Dorothea, ich ſollte nur zu Euch gehen, zu Euch, die Ihr uns ſchon ſo viel Gutes gethan hättet.“ Dieſe letzten Worte durchſchnitten der ar⸗ men Eliſabeth das Herz;„warte, warte,“ rief ſie,„ich gehe mit Dir, ich muß mich ſelbſt über⸗ zeugen wie es um Deine Mutter ſteht. Meine Baſe ſchläft noch, ich kehre zurück noch bevor ſie erwacht.“—. So ſprechend warf ſie eilig ihren Mantel um und folgte dem Knaben. Dieſer führte ſie in ein ſchmales Gäßchen, wo ſie in einem klei⸗ nen Hinterhauſe eine dunkle Treppe hinanſtiegen. „Hier ſind wir!“ ſprach der Kleine. Eliſabeth öffnete eine niedrige Thür, trat hinein und ge⸗ wahrte nunmehr in dem elenden Kämmerchen die wackere Tiſchlersfrau auf einem armſeligen La⸗ ger. Auf den eingefallenen Wangen brannte eine dunkle Fiebergluth, und ihr ſtieres Auge ſtarrte vor ſich hin. Dorothea, das älteſte der Kinder. ſtand am Fuße des Lagers, rang die Hände und blickte auf die kranke Mutter, während die drei jüngſten auf dem Fußboden umherkrochen. Nicht ohne Schwierigkeit gelang es Eliſabeth, nach und nach herauszubringen, daß ihre arme Nachbarin bereits vier Tage lang darnieder liege, daß aber ihre Kinder die Krankheit verſchwiegen gehalten hät⸗ ten, aus Furcht, der Hauswirth würde ſonſt ihre Mutter ohne weiteres nach dem Hospitale ſchaf⸗ fen laſſen; als es aber endlich mit der Kranken — — immer ſchlimmer und ſchlimmer ward, hatte Do⸗ rothea ihren Bruder abgeſandt, um bei unſerer Eliſabeth Hülfe zu ſuchen. Die Letztere ſtand jetzt einen Augenblick lang ſinnend da, ungewiß was ſie für die Leidende thun ſolle, deren Krank⸗ heit ſie, wie ſie ſich überzeugt hielt, ſelbſt ver⸗ anlaßt hatte; endlich gelangte ſie zu einem Ent⸗ ſchluſſe:„geh,“ ſprach ſie zu Dorothea gewandt, n„geh ohne Verzug nach dem Gaſthofe in der Nachbarſchaft; dort im Hinterhauſe wohnt der fremde Arzt, ſage ihm, daß die Frau, die ihn gepflegt, krank, ſterbenskrank darnieder liege; und iſt er noch zu ſchwach, ſelbſt hierher zu kom⸗ men, ſo bitte ihn wenigſtens um ſeinen Rath und laß Dir etwas von ihm aufſchreiben— geh und verliere keinen Augenblick.“ Dorothea machte ſich auf den Weg und Eliſabeth befand ſich jetzt allein bei der Kranken und den vier Kindern, von denen die beiden jüngſten ſorglos und begierig einige Brodrinden neben dem Krankenlager ihrer einzigen Verſor⸗ gerin verzehrten. Eliſabeth ſpendete nunmehr der Kranken diejenige Pflege, welche die Um⸗ ſtände für den Augenblick geſtattsken, dann ſetzte ſie ſich matt und erſchöpft, und von der im Zimmer herrſchenden Krankenluft faſt erſtickt, am Fenſter nieder; da öffnete ſich plötlich die Thür, und herein trat die kleine Dorothea, von einem jungen Manne gefolgt, der ſich in einen Mantel gehüllt hatte. Er eilte ſofort zum Fen⸗ ſter, ſtieß daſſelbe auf und trat dann zu der Kranken; ſein bleiches Antlitz aber und die Spu⸗ ren der überſtandenen Krankheit in demſelben verkündeten unſerer Eliſabeth alſobald, daß es kein anderer als der fremde Arzt ſey; ſeine Re⸗ den waren kurz und beſtimmt, und ſein Weſen hatte überhaupt ſo viel Vertrauen Erweckendes, daß bei Eliſabeth ſofort jede Beſorgniß rückſicht⸗ lich der Kranken zu ſchwinden begann. Der Arzt ſchien indeſſen Eliſabeth faſt gar nicht zu bemerken, er fühlre der Kranken den Puls, beobachtete ihr Athemholen, und befragte die kleine Dorothea über Alles auf das genaueſte. „Es war die höchſte Zeit!“ rief er endlich, „aber ich hoffe, es iſt noch nicht zu ſpät.“ Da entfuhr plötzlich unſerer Eliſabeth ein Ausruf der Freude; der Arzt blickte auf.„Ver⸗ muthlich Jungfrau Arenzen,“ rief er, wobei eine —-— 67— leichte Röthe ſein bleiches Antlitz überflog, wäh⸗ rend eine dunkle Purpurgluth Eliſabeths Wange bedeckte, als ſie vernahm, daß er ihren Namen wußte und alſo mit Recht ſchließen konnte, daß ſeine vormalige Wärterin ihm von ihr und dem Antheil, den ſie an ſeiner Wiederherſtellung ge⸗ nom men, erzählt hatte. Verlegen wechſelten die beiden jungen Leute einige Worte mit einander, dann entfernte ſich Eliſabeth, um ihre Baſe we⸗ gen ihres Ausganges zu ſo ungewöhnlicher Zeit zu beruhigen. Um übrigens unſeren freundlichen Leſer nicht durch eine lange Krankengeſchichte zu ermüden, genüge es zu berichten, daß die ehrliche Tiſch⸗ lersfrau, unter der Pflege des wackeren jungen Arztes, bald wieder hergeſtellt wurde, daß der Letztere unter dem Vorwande, Eliſabeth Nach⸗ richt von der Kranken zu bringen, ſich von nun an faſt täglich in dem Hauſe ihrer Baſe einfand und daß die beiden jungen Leute ſich bald mit inniger Liebe zu einander hingezogen fühlten. Die Liebenswürdigkeit des jungen Mannes und ſein beſcheidenes, ehrerbietiges Weſen gewannen ihm bald auch die Zuneigung der alten Baſe, — 68— auch war ſein Name gar trefflich geeignet, ſeine perſönlichen Eigenſchaften noch mehr herauszu⸗-⸗ heben, denn er ſtammte aus der ehrenwerthen Familie Bartholin, von der mehrere Mitglieder ſich als Gelehrte nicht nur in Dänemark, ihrem . Vaterlande, ſondern auch durch ganz Europa rühmlichſt bekannt gemacht hatten. Nachdem er dargethan, daß er völlig unab⸗ hängig und im Beſitz eines hübſchen Vermögens ſey, ſ ſchrieb er mit Bewilligung ſeiner Geliebten an Arenzen und an ſeine noch lebende Mutter, und es ward darauf feſtgeſtellt, daß Arenzen nach Brügge kommen ſolle um der Hochzeit bei⸗ zuwohnen, dann aber ſolle der junge Arzt ſeine vorhabende Reiſe nach Paris ins Werk ſetzen, und Arenzen mit ſeiner Tochter ſich voran nach Kopenhagen begeben, um dort in dem Hauſe ſeines Eidams alles gehörig einzurichten. Arenzen kam an und konnte ſich nicht ge⸗ nugſam wundern, wie der kleine Wildfang, den er vor ungefähr zwölf Jahren nach Brügge ge⸗ bracht hatte, jetzt zur holden ſittigen Jungfrau herangewachſen war. Er ſelbſt hatte ſich übri⸗ gens faſt gar nicht verändert; und ſchon beim -—(69— erſten Anblick erkannte Eliſabeth die ſteife Hals⸗ krauſe wieder, welche ſie von ihrer verſtorbenen Mutter oft hatte waſchen und in Falten legen geſehen. Von nun an ſchwand den Liebenden jeder Tag, bis zu ihrer Trennung, wie ein Augenblick dahin; Bartholin erzählte ſeiner Braut viel von den fremden Ländern die er geſchauet, von den berühmten Männern die er gekannt hatte, und von ſeinem Vaterlande und deſſen Eigenthüm⸗ lichkeiten. Oft brachte er ihr Kupferſtiche und Gemälde von ſchönen Gegenden oder auch Ab⸗ bildungen berühmter Männer mit. Als er ihr eines Tages eine kleine Copie des großen, von Carl von Mandern gefertigten Bildniſſes Chri⸗ ſtian des Vierten vorlegte, erkannte Eliſabeth ih⸗ ren Lieblingshelden auf den erſten Blick; und als ihr Bartholin mit ſtrahlenden Augen von ihm erzählte, den ein anderer Monarch ſeiner Zeit den Vater der Könige nannte, da neigte ſich Eliſabeth ehrerbietig zu dem Bilde nieder, und der Augenblick, in dem ſie das Conterfey des großen Monarchen zum Erſtenmal im Haag erſchauete, trat lebendig vor ihre Seele. Mit . — 70— der ihr eigenthümlichen Lebhaftigkeit erzählte ſie nunmehr ihrem Geliebten von ſeiner ſchönen Landsmännin, der hehren Fürſtentochter, hinzu⸗ fügend:„Wenn Du dann zu uns nach Däne⸗ mark kommſt, mußt Du mich zu ihr bringen, damit ich noch einmal die Hand küſſen kann, die mir dieſen Ring gab.“ Bartholin ſchüttelte wehmüthig mit dem Kopfe, während er das Bildniß des Königs wie⸗ der in das Papier ſchlug, gleichſam als wage er nicht zu ſprechen, ſo lange der ſcharfe Blick des Monarchen ihm gewiſſermaßen in die Seele ſchauete.„Mit ihr, Eliſabeth,“ ſprach er dann, indem er das Bild bei Seite legte,„mit ihr iſt es vorbei.“ Eliſabeth erblaßte.„Wie,“ fragte ſie,„ſie iſt— ſie iſt doch nicht etwa geſtorben?““ „Nein, Geliebte,“ erwiederte Bartholin, „todt iſt ſie nicht, aber vielleicht wäre es gut für ſie, wenn ſie nicht mehr unter den Leben⸗ den weilte.“ „Um des Himmelswillen was iſt ihr denn begegnet?“ forſchte Eliſabeth weiter,„ſprich, ſprich! ich beſchwöre Dich!“ — 71— „Ach das iſt eine weitläuftige Geſchichte, mein theures Mädchen!“ erwiederte Bartholin. „Schon im Jahre 1649, als Du das gräfliche Paar im Haag geſehen, begann des Grafen Ein⸗ fluß zu ſinken; vielleicht ward ſeine durch ſeine Feinde veranlaßte damalige Abweſenheit von ihnen benutzt, ihn bei dem Könige, ſeinem Herrn, anzuſchwärzen; ſeine wirklichen Fehler wurden an's Licht gezogen und vergrößert, während ihm andere, die er nie begangen, angedichtet wurden. Die äußerſt ſtrenge Verpflichtung, welche König Friedrich der Dritte bei ſeiner Thronbeſteigung hatte eingehen müſſen, ward, ob mit Recht oder Unrecht, dem Grafen Ulfeld zugeſchrieben. Man erregte bei dem Monarchen den Verdacht, daß er ihm bei der Königswahl entgegen gearbeitet, ja daß er wohl gar ſeine auf die Geburt ſeiner Gemahlin begründeten Hoffnungen noch weiter ausgedehnt habe, als vernünftigerweiſe zu erwar⸗ ten ſtand; kurz, Graf Ulfeld erfuhr bei ſeiner Rückkehr von der Regierung eine Kälte, wodurch ſich ſein ſtolzer Sinn ſo ſehr beleidigt fühlte, daß er ſich mit ſeiner Gemahlin vom Hofe ent⸗ fernt hielt. Da brach ein höchſt ſeltſamer und bisher unerhörter Prozeß aus. Ein Frauen⸗ zimmer von ſchlechtem Rufe, Dina Windho⸗ vers geheißen, hatte, in Gemeinſchaft mit einem Obriſt Walter, Ulfeld angeklagt, daß er die Ab⸗ ſicht habe den König zu vergiften, während ſie zugleich der Gräfin Ulfeld hinterbrachten, daß ei⸗ nige Bösgeſinnte den Anſchlag entworfen hätten, — ſie und ihre Söhne in der Nacht zu ermorden. Dieſes Weib ward wegen ihrer falſchen Anklage enthauptet und der Obriſt Walter des Landes verwieſen. Ulfeld aber war mit dem ganzen Verlauf der Sache doch nicht zufrieden, ſondern zog am 14. Juli 1657 in der Nacht mit ſeiner Gattin und ſeinen vier älteſten Kindern aus dem Oſterthore, zu welchem er ſelbſt die Schlüſſel hatte, begab ſich auf ein unfern von Helgoland liegendes Schiff und ſegelte damit nach Holland. Als dies am folgenden Tage bekannt wurde, ward Ulfeld ſeines Amtes als Reichs⸗Hofmeiſter entſetzt; Herr Joachim Gersdorf kam an ſeine Stelle und Herr Heinrich Rammel ward mit ſei⸗ nem Gute in Hirſchholm belehnt. Sie ſelbſt reiſten darauf nach Stockholm. Das, meine Eliſabeth, iſt der erſte Act des Trauerſpiels, deſſen Kata⸗ ſtrophe niemand mit Gewißheit vorausſagen kann. Man kann zwar nicht leugnen, daß Ulfelds Heftigkeit und Ehrgeiz dazu beigetragen haben, ihn zu ſtürzen; ſeine mächtigen Feinde aber haben auch das Ihrige gethan, und ſein Stolz gab ihnen die Waffen in die Hände und Gelegenheit, ihn bei dem ſonſt ſanftmüthigen Friedrich dem Dritten anzuſchwärzen.“ „Noch mehr aber vergrößerte Ulfelb die Kluft, welche ihn jetzt von ſeinem Vaterlande trennte, durch die Herausgabe ſeiner ſogenann⸗ ten Ehrenrettung, welche in Greifswalde erſchien, in Dänemark aber ſofort ſtreng verbo⸗ ten wurde, Seitdem hielt ſich nun Ulfeld mit ſeiner Gemahlin größtentheils in Schweden auf, wo ſie, mehreren Berichten zufolge, in großen Gunſten bei der Königinn Chriſtine ſtanden, welche ſich auch am däniſchen Hofe mehreremale, jedoch nur vergebens, für ſie verwendete. Als Chriſtinens Nachfolger, König Carl Guſtav, vor vier Jahren über Holſtein zog, um Dänemark zu bekriegen, folgte ihm Ulfeld.“ G „Wie, er folgte ihm?“ unterbrach Eliſa⸗ beth den Geliebten in einem Sch merz verkünden⸗ den Tone,„er focht gegen ſein Veteran, gegen ſeinen König?“ „So iſt es leider,“ erwiederte Bartholin, „und hieraus geht hervor, daß ſelbſt die glän⸗ zendſten Eigenſchaften nicht im Stande ſind ihren Beſitzer vor furchtbaren Verirrungen zu ſchützen, hat er ſich nicht daran gewöhnt ſeine Leidenſchaften durch Vernunft zu beherrſchen. Daß übrigens Ulfeld nicht gefühllos gegen ſein Va⸗ terland war, ja daß ihn vielleicht ſogar ſein Vergehen reuete in dem Augenblick in welchem er es beging, das beweiſet ſein ſpäteres Beneh⸗ men, das ihm allerdings als eine neue Treulo⸗ ſigkeit vorgeworfen werden konnte. Denn wenn er auch ſeine Feder und ſeine ſeltne Klugheit im Dienſte Carl Guſtav's gebrauchte, ließ er dennoch, als zu Wordingborg Friedens⸗Unterhand⸗ lungen negocirt wurden, zu Dänemarks Beſten viel von den ſchwediſchen Forderungen nach, vorgebend, von Carl Guſtav insgeheim beauftragt zu ſeyn, ſo zu handeln.“ „Als darauf der Roeskilder Friede geſchloſ⸗ ſen wurde, erhielt Ulfeld und ſeine Familie von bäniſcher Seite die Erlaubniß, ſich aufhalten zu — 75— können, wo er es für gut finden würde, worauf er ſich mit den Seinigen nach Malmoe begab. Bald nach dieſem Frieden brach indeß der Krieg auf's Neue aus. Carl Guſtav ſoll ſich Mühe gegeben haben, Ulfeld zu bewegen, ihm auch die⸗ ſes Mal zu folgen, der Letztere aber hatte jetzt keine Luſt mehr dazu, vermuthlich weil er, wie die übrigen Bewohner Schonens, der Regierung Carl Guſtavs überdrüſſig war. Mehrere Bürger Malmoes wurden arretirt, und da man auch ge⸗ gen Ulfeld Argwohn faßte, ward auch er, unter dem Vorwande, einen verdächtigen Briefwechſel geführt zu haben, gefänglich eingezogen; acht Monate ſpäter ward eine Commiſſion niederge⸗ ſetzt, um ſeine Sache zu unterſuchen. Während des Prozeſſes war er, oder ſtellte er ſich bewußtlos und wie vom Schlage gerührt. Viele behaupten, er habe dies als eine Liſt erdacht, um der Beant⸗ wortung der an ihn gerichteten Fragen zu ent⸗ gehen. Vier Ärzte aber, welche zu ihm in das Gefängniß geſandt wurden, ſtimmten darin über⸗ ein, daß ſeine Krankheit keineswegs erdichtet ſey. Das Gericht hielt demnach ſeine Sitzungen in dem Gemache, in welchem er krank darnieder lag, und Eleonore ward aufgefordert, auf die gegen ihren Gatten gerichteten Beſchuldigungen zu antworten; ſie ſoll, wie man ſagt, ihn treff⸗ lich vertheidigt und ſeine Unſchuld unwiderlegbar dargethan haben. Während dieſes Prozeſſes ſtarb Carl Guſtav und Ulfeld ward von der Regierung freigeſprochen. Die verwittwete Königin, Hed⸗ wig Eleonore, hatte im Verein mit dem Rathe ſeine Freilaſſung bereits unterzeichnet, ſo daß er, wäre er nur noch acht Tage länger in ſeiner Ge⸗ fangenſchaft geblieben, auf freien Fuß geſetzt worden wäre. Getrieben aber von einem un⸗ glücklichen Geſchick, oder, vielmehr von ſeinem unruhigen Geiſte, oder wie viele behaupten, in Folge des Rathes eines falſchen Freundes, wel⸗ cher ihn benachrichtigt haben ſoll, daß das To⸗ desurtheil bereits über ihn ausgeſprochen ſey, entfloh er mit ſeiner Gemahlin aus dem Ge⸗ fängniß. Sein Plan ſoll anfangs geweſen ſeyn, nach Lübeck zu ſchiffen, während ſich Eleonore nach Kopenhagen begeben ſollte, um dort die gegen ſie aufgebrachten Gemüther zu beruhigen. Aber gleichſam als hätte das Schickſal ſeinen Untergang beſchloſſen, ward er durch einen — Sturm an die Seeländiſche Küſte getrieben, wo er mit ſeiner Gemahlin grade in dem Augen⸗ blicke wieder zuſammen traf, in welchem ſie bei der Hauptſtadt Dänemarks ans Land ſtieg.“ „Sie hätten zu keinem unpaſſenderen Zeit⸗ punkte in ihr Vaterland zurückkehren können. Da man gerade damals an einer Änderung der Regierungsform arbeitete, mußte ſein plötzliches Erſcheinen Verdacht erregen. Anfangs ward er auf dem Schloſſe Noſenborg unter Aufſicht ge⸗ halten, wo er mit dem größten Theil des Adels die Conſtitution vom 19. September 1660 un⸗ terzeichnete. Da er aber, was ſelbſt ſeine beſten Freunde nicht leugnen konnten, ſich oft dem jetzigen Könige abgeneigt gezeigt hatte, hielt man es unter den obwaltenden Umſtändon nicht für rathſam, einen ſo gefährlichen Mann in Kopenhagen zu behalten; er ward demnach mit ſeiner Gemahlin nach Bornholm geſandt, und unter die Aufſicht des dortigen Commandanten Fuchs geſtellt, welcher ihn eben nicht freundlich behandelt haben ſoll, zumal da Ulfeld es ver⸗ ſuchte, mit ſeiner Gemahlin aus dem Kerker zu entfliehen, welches Unternehmen indeß durchaus mlslang. Jetzt ſchmachtet er, von ſeiner treuen Gattin getrennt, in einem finſtern unterirdiſchen Kerker. In einem Briefe aber, den ich vor Kurzem von Kopenhagen empfing, berichtet man mir, daß er ſich an den König gewendet, und ſich über die ſchlechte Behandlung des Obriſten Fuchs beklagt haben ſoll, der allgemein als ein hartherziger Mann bekannt iſt, und über den auch ſchon früher Klagen eingelaufen ſind.“ Eliſabeth ſtarrte ſchwermüthig vor ſich hin. „O wie oft,“ ſprach ſie,„„habe ich ihren ſchim⸗ mernden Glanz mit meiner geringen Lage ver⸗ glichen! Wie ſoll man in der Welt doch nie nach dem Scheine urtheilen— die arme, arme Gräfin.“. „Ja wahrlich, ſie ganz beſonders iſt zu be⸗ klagen,“ erwiederte Bartholin,„ſie kann allen Frauen als Muſter vorleuchten, denn ſie hat ihre Treue gegen ihren Gatten unter jedwedem Verhältniſſe bewährt. Sie war kaum ſieben Jahre alt, als ihr Vater, Chriſtian der Vierte, dem Grafen Ulfeld, den er lieb gewonnen hatte, ihre Hand zuſagte. Von vielen Seiten wider⸗ ſetzte man ſich ſpäterhin dieſer Verbindung und —— — fünf Jahre nachher bewarb ſich Franz Albert, Herzog von Sachſen, um Eleonore. Der König und der Hof waren ſehr geneigt, hiezu ihre Einwilligung zu geben, ſie aber ſchwankte kei⸗ nen Augenblick, ſondern blieb ihrem Ulfeld ge⸗ treu. Dies alles, meine theure Eliſabeth, erfuhr ich von meinem Vater, der ein vertrauter Freund des Doctor Otto Sperling, und von dieſem in das Geäflich Ulfeld'ſche Haus eingeführt worden war. Die Theilnahme, welche mein Vater für das Letztere hegte, hat ſich auf mich vererbt, und daß auch Du, mein theures Mädchen, ei⸗ nen ſo warmen Antheil an dieſer Familie, die ich übrigens nie geſehen, nimmſt, erſcheint mir wie ein Wink des Schickſals, daß wir zu einan⸗ der gehören.“ So ſprechend drückte er die Ge. liebte an ſeine Bruſt und ihr Geſpräch nahm nunmehr eine heiterere Wendung. 1 Ihre Hochzeit ſollte im Februar des Jah⸗ res 1662 gefeiert werden. Bartholin aber hatte eine Reiſe in die Nachbarſchaft zu machen, und ſollte erſt zu dem zur Verheirathung beſtimm⸗ ten Tage wieder eintreffen. Am Morgen dieſes — 80— Tages empfing nun Eliſabeth ein Schreiben ih⸗ res Geliebten, welches folgendermaßen ſchloß: „Bevor ich dieſen Brief abſende, muß ich Dir noch eine Nachricht mittheilen, welche, wie ich weiß, Dir ein vollkommeneres Hochzeitsge⸗ ſchenk, als der koſibarſte Schmuck ſeyn wird. Ich zögere— um Deine Erwartung zu ſpannen— was ich Dir aber zu verkünden habe, wird den⸗ noch deine kühnſten Hoffnungen übertreffen.— Gräfin Ulfeld iſt frei ſammt ihrem Gemahl.— Ich habe dieſe Botſchaft ſchon vor einigen Ta⸗ gen erhalten, ſie Dir aber bis heute verſchwie⸗ gen, um ſie Dir zur Hochzeitgabe zu ſenden.“ „Die näheren Umſtände dieſer frohen Be⸗ gebenheit kann ich Dir in wenigen Worten be⸗ richten; Ulfeld hatte, wie Du weißt, an den König geſchrieben und ſich über ſeine Lage be⸗ klagt; worauf der Monarch den Grafen Ranzau nach Bornholm ſandte, um die Sache zu unter⸗ ſuchen. Da nun Ulfeld ſich gegen Ranzau be⸗ reit erklärte, alle ihm von dem Könige vorzu⸗ ſchreibende Bedingungen eingehen zu wollen, ward er ſammt ſeiner Gemahlin in Freiheit ge⸗ ſetzt, nachdem er zuvor feierlich gelobt hatte, in 8— der Folge nichts zu unternehmen, was dem Monarchen zum Schaden gereichen könne, auch nie ohne deſſen Bewilligung das Reich zu ver⸗ laſſen, noch weniger aber in fremde Dienſte zu gehen. Man ſagt, daß Ulfeld, bevor er dieſe Verpflichtung einging, ſeine Eleonore um Rath gefragt, welche ihm geantwortet haben ſoll: „Im Miſggeſchick iſt es leicht den Tod gering zu achten, eine größere Kraft aber zeigt der, der ſich überwinden kann, ſeinem Unglücke die Stirn zu bieten.“ Er willigte demnach in Alles was von ihm verlangt wurde, und mußte daher auch auf alles bewegliche und unbewegliche Eigen⸗ thum, welches ihm in Seeland zugehört hatte, Verzicht leiſten; daſſelbe fiel nunmehr der Krone anheim, dagegen aber behielten ſie ſich dasjenige vor, was ihnen in Fühnen und Jütland von Eleonorens Mutter, Frau Chriſtine Munk, erb⸗ lich zugefallen. Am 21. December trafen ſie zu Kopenhagen ein, wo ſie von dem Oberſtatt⸗ halter, dem Grafen von Ranzau, und dem Rent⸗ meiſter Gabel mit vieler Höflichkeit empfangen wurden, und wo man ihnen in dem Ran⸗ zau'ſchen Palais das Untarſt⸗ Stockwerk zur 1 — 2— Wohnung einräumte. Am folgenden Tage wur⸗ den Graf Nanzau, Feldherr Skak und Kanzler Retz zu Ulfeld geſandt, welcher nunmehr die oben erwähnte Verpflichtung in ihre Hände beſchwor und ſchriftlich bekräftigte. Bevor dieſes geſchehen, durfte Niemand zu ihm, ſpäterhin aber beſuch⸗ ten ihn mehrere ſeiner Freunde und Bekannten, worauf ſie ſich am 27. December von Kopenha⸗ gen nach Fühnen begaben, um auf der dort gele⸗ genen und Eleonoren von ihrer Mutter zugefal⸗ lenen Ellensborg ihren Wohnſitz aufzuſchlagen.“ „ ͤSo, meine Eliſabeth, habe ich Dir alles erzählt, was man mir von dieſer Begebenheit mittheilte, und nun beeile ich mich meinen Brief abzuſenden, denn ich weiß im Voraus, welche Freude Dir ſein Inhalt verurſachen wird.“— „Dein Bartholin.“ Er hatte ſich nicht geirrt, eine reinere Freude hätte er ſeiner Braut nicht machen kön⸗ nen; denn daß ſie die Kunde dieſer frohen Be⸗ gebenheit grade jetzt erhielt, wo ihres Lebens ſeeligſte Hoffnung in Erfüllung gehen ſollte, * — 83— betrachtete ſie als eine überaus glückliche Vor⸗ bedeutung. Die Hochzeit ging nunmehr von ſtatten; und ſchon einige Tage darauf trat Bartholin ſeine Reiſe nach Paris an, während Eliſabeth mit ihrem Vater Brügge verließ, um ſich mit ihm nach Dänemark zu begeben. Die Hoffnung eines baldigen Wiederſehens machte ihnen den Augenblick der Trennung weniger ſchmerzhaft. Nachdem ſie ſich bald hie bald da aufgehal⸗ ten, um die vorhandenen Sehenswürdigkeiten in Augenſchein zu nehmen, gelangten Arenzen und ſeine Tochter nach Kiel, wo ſie ſich nach Kopen⸗ hagen einſchifften. Mit einem frohen Gefühl betrachtete ſie die däniſche Küſte, welche jetzt bald vor ihren Blicken emporſtieg, es war das Va⸗ terland ihres geliebten Gatten das ſie erſchauete; dort, wo ſeine Wiege geſtanden, konnte ſie nun⸗ mehr ihr Dankgebet hinaufſenden zu dem Ewi⸗ gen, dafür daß ſie ihn gefunden hatte. Kaum ans Land geſtiegen, beeilten ſie ſich Bartholins Mutter aufzuſuchen. Gleich bei dem erſten Anblick erkannte Eliſabeth die ihr ſo theu⸗ ren Züge, und mit inniger Hingebung warf ſie ſich in die Arme ihrer Schwiegermutter. Ihre Schönheit und die Gutmüthigkeit, welche aus ihrem ganzen Weſen ſprach, gewannen ihr bald das Herz der Letzteren; und auch dem wackern Arenzen wurde ſie wegen ſeiner Geradheit, ſeiner Genügſamkeit, vor allen aber wegen der Achtung, die er für ihren theuren Sohn hegte, gar bald gewogen. Schon, als Eliſabeth die däniſche Küſte in der Ferne gewahrte, trat das Bild der Gräfin Ulfeld lebendig ihr vor die Seele. Auf jener Inſel hatte ſie das Licht der Welt erblickt, un⸗ ter den Augen ihres Königlichen Vaters hatten ſich ihre von ihm ererbten geiſtigen und körperli⸗ chen Vorzüge entwickelt. Und als darauf Eliſa⸗ beths Blicke auf das Meer und auf das ſchwedi⸗ ſche Ufer fielen, da gedachte ſie, wie manchen Seufzer wol die Unglückliche von jenem Reiche über die ſchäumenden Wogen in ihr Baterlind geſandt haben mochte! 8 Eliſabeth hatte mit ihrem Gatten die Ver⸗ abredung getroffen, einige Wochen nach ihrem Aufenthalte in Kopenhagen, eine Reiſe nach Füh⸗ nen zu machen, und dort die Gräfin Ulfeld zu beſuchen. Halb ungern, halb aber auch wieder mit einem freudigen Gefühl, vernahm ſie indeſ⸗ ſen jetzt, daß der Graf von dem Könige die Er⸗ laubniß erhalten hatte, ſich zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit in das Bad zu Aachen bege⸗ ben zu dürfen, wohin er mit ſeiner Familie auch bereits am 14. April abgereiſt war. Ihre Schwiegermutter that nun Alles was in ihren Kräften ſtand, Eliſabeth die Sehens⸗ würdigkeiten der Hauptſtadt und die ſchönen Ge⸗ bäude zu zeigen, welche Chriſtian der Vierte hatte aufführen laſſen, und welche ſelbſt von dem weitgereiſten Arenzen mit Bewunderung in Au⸗ genſchein genommen wurden. übrigens kamen nur wenige Freunde und Anverwandte Bartho⸗ lins in das Haus ſeiner Mutter, denn ſeine Brüder waren theils abweſend, theils mit ihren gelehrten Studien allzu ſehr beſchäftigt, als daß ſie an der einfachen Unterhaltung mit den Frauen und dem ſchlichten Maler hätten Vergnügen finden können. Zu den nähern Bekannten Bar⸗ tholins gehörte früher auch ein junger Gelehr⸗ ter, welcher mit ihm faſt von gleichem Alter war, und ſich Jacob Heinrich Pauli nannte. A -— 86— Dieſer junge Mann, welcher ausgebreitete Kennt⸗ niſſe hatte, wäre eine angenehme Bekanntſchaft für unſere Eliſabeth geweſen, aber kurz vor Bar⸗ tholins Abreiſe von Kopenhagen hatte zwiſchen ihm und ſeinem Bekannten ein Zwiſt im Be⸗ treff des gräflich Ulfeld'ſchen Hauſes ſtatt gefun⸗ den, welches der Letztere haßte. Gleich nach Eli⸗ ſabeths Ankunft fand er ſich indeß wieder ein, zum Unglück kam aber ſchon bei ſeinem erſten Beſuche die Rede auf denſelben Gegenſtand, welcher Zufall ſie unverzüglich ſo ſehr von ein⸗ ander entfernte, daß Pauli nicht wiederkehrte, und auch von Eliſabeth keineswegs dazu eingela⸗ den wurde. So ſchwand ein Jahr dahin; die Briefe⸗ welche ſie fleißig von Bartholin empfingen, wa⸗ ren Lichtpunkte, nach denen ſie den Lauf der Zeit berechneten. Unterdeſſen nahm die Kränklich⸗ keit der Schwiegermutter immer zu und ward bald ſo bedeutend, daß Eliſabeth ſich zu ängſtigen begann. Sie fragte den Profeſſor Rasmus Bar⸗ tholin um Rath, welcher ihr keinesweges ver⸗ hehlte, daß der Zuſtand ihrer Schwiegermutter höchſt bedenklich ſei, da ſie an der Auszehrung — 87— leide; zwar nahm er ihr nicht jede Hoffnung, rieth ihr aber dennoch an ihren Gatten zu ſchrei⸗ ben, und übergab ihr, zur Beförderung an den⸗ ſelben, einen in lateiniſcher Sprache abgefaßten Brief, worin er die Krankheit mit allen ihren Zufällen und Kennzeichen ausführlich beſchrieben hatte. Die Antwort, welche ſie von ihrem Manne empfing, war keinesweges tröſtlich; aus dem Schreiben ging die lebhafteſte Bekümmerniß her⸗ vor; er hielt die Zufälle für ſehr bedenklich, bat ſeine Gattin, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen, und verſicherte, daß er ſeine Rückreiſe ſo bald als nur immer möglich antreten werde, um, falls ihm anders der Himmel die Freude aufbehalten hätte, ſeine geliebte Mutter vor ih⸗ rem Dahinſcheiden noch einmal an ſein Herz zu drücken. Obgleich fern, hatte er dennoch die Sache aus einem nur allzu richtigen Geſichts⸗ punkte betrachtet; acht Tage nach dem Em⸗ pfange ſeines Briefes, gegen Ende des Julii 1663, entſchlummerte die wackere Frau mit einem leiſen Seufzer in Eliſabeths Armen. Mit ei⸗ nem Schmerze, welcher nicht zu beſchreiben iſt, fühlte die Letztere dieſen Verluſt, gedachte ſie im Voraus des Kummers ihres geliebten Gat⸗ ten. Unter vielen Thränen theilte ſie ihm dieſe Trauerkunde mit, welche, wie ſie wußte, ſein Herz auf das tiefſte verwunden würde. Die Beſorgung des Begräbniſſes gab ihr viel zu thun, doch ſo traurig dieſe Beſchäftigung auch war, diente ſie dennoch dazu, ſie zu zer⸗ ſtreuen und zu verhindern, daß ihre Gedanken immer und ewig an dem ſchwermuthsvollen Ge⸗ genſtande hafteten. Als nun aber die gute Alte der mütterlichen Erde wiedergegeben war, und Elifabeth Abends allein durch die verödeten Zim⸗ mer wandelte, da überwältigte ſie oft ihre Weh⸗ muth und ſie gab ſich dem tiefſten Schmerze hin. Da trat ihr Vater, den der Tod der Mut⸗ ker ſeines Eidams ebenfalls bekümmerte„ zu ihr herein, und that den Vorſchlag, zu ihrer bei⸗ derſeitigen Aufheiterung einen Spatziergang nach dem Hafen zu machen. Eliſabeth willigte ein, aber ſelbſt die herrliche Ausſicht auf den Mee⸗ resſpiegel vermochte ſie nicht von ihrem trüben Sinnen abzulenken, denn ſie gedachte der Ge⸗ fühle, mit denen ihr geliebter Gatte dieſes Ufer betreten würde, wo er gehofft hatte, auch von mütterlichen Armen umfangen zu werden. So trübe in dieſen Betrachtungen verſenkt, gab ſie nicht Acht darauf, daß ſich nach und nach am Strande eine zahlreiche Menſchenmenge verſammelte, welche unter einander murmelte. Der ſonſt nicht ſehr auf⸗ merkſame Arenzen hatte dies ſchon bemerkt, da er aber nur ſehr wenig Däniſch verſtand, konnte er nicht herausbringen, wovon die Leute ſprachen. Endlich bemerkte er indeſſen zu ſeiner Tochter gewandt, in holländiſcher Sprache, daß hier et⸗ was Beſonderes vorgefallen ſeyn müſſe, weil die Leute ſo zuſammen liefen. Während er ſprach, betrachtete ihn ein Mann, der ihm zur Seite ſtand, höchſt ſorgſam; er war hoch und ſchlank gewachſen, und mochte etwas über vierzig Jahre alt ſeyn. Er trug einen einfachen grünen Rock und hatte bisher durch ein Fernrohr hinaus auf das Meer geſchauet, indem er ſich dabei mit ei⸗ nem andern Manne von mittlerem Alter unter⸗ hielt, welcher neben ihm ſtand, und ein einfa⸗ ches ſchwarzes Kleid trug, während ſein bleiches ernſtes Geſicht ehnen Gelehrten zu verkünden ſchien. Der Mannn mit dem grünen Rocke be⸗ trachtete, wie geſaht, unſern Arenzen genau, dann — 90— zog er höflich ſeinen Hut, und reichte dem Ma⸗ ler, obgleich dieſer ſeinen Gruß nur ziemlich kalt erwiederte, ſein Fernrohr hin, indem er ſich in holländiſcher Sprache erbot, es auf ſeiner Schul⸗ ter ruhen zu laſſen, falls Arenzen durchſchauen wolle. Der Maler dankte ihm jetzt freundlich und während er nun durch das Glas ſah, nahm jener wieder das Wort:„Ich glaube,“ ſprach er,„ich ſoll Euch kennen?“ „Wohl möglich!“ war Alles was Arenzen erwiederte. Der Fremde aber ließ ſich nicht ab⸗ weiſen;„ich habe mich einige Monate lang in Holland aufgehalten ,“ fuhr er fort,„und dort verſchiedene Menſchen kennen gelernt; ich hatte in Geſchäften meines Herrn mit vielen Leuten zu thun, deren Namen mir indeſſen in dem Zeit⸗ raum von vierzehn Jahren entfielen, das aber weiß ich gewiß, daß ich die Ehre hatte, Euch dort ſchon früher zu ſehen.“ 3 „Ich denke,“ erwiederte Arenzen, in dem ihm eigenthümlichen phlegmatiſchen Tone, und indem ſich ſeine aufgeworfenen Lippen zu einem ſarkaſtiſchen Lächeln verzogen,„ich denke, Ihr 4 * - 91— werdet mir heute nicht wie damals die Mütze vom Kopfe ſtoßen.“ Der Fremde erröthete, jedoch faßte er ſich ſchnell und entgegnete, wenn auch nicht ganz ohne Verlegenheit:„wahrlich Ihr habt Recht, Meiſter Arenzen, wie konnte ich auch Euren Namen ſo ganz vergeſſen! Eurer Geſchicklichkeit, mit der mein Herr ſo ſehr zufrieden war, bin ich fürwahr eingedenk geblieben. überdem,“ fügte er nunmehr völlig gefaßt hinzu,„iſt hier ein nur allzu paſſender Ort den Hut aufzube⸗ halten, als daß ich mich unterfangen ſollte, ihn Euch vom Kopfe zu ſtoßen, ſelbſt wenn ich auch noch ſo unbeſonnen und übermüthig wäre, als mich der Glanz meines Herrn und mein jugend⸗ licher Leichtſinn damals gemacht hatten; ich hoffe demnach, daß ein ſo vernünftiger Mann wie Ihr eines dummen Streiches nicht länger gedenken werde, der mich ſpäterhin oft verdroſſen hat.“ Dieſe Rede machte dem gutmüthigen Aren⸗ zen die ihm vor vierzehn Jahren zugefügte Be⸗ leidigung völlig vergeſſen, und er wandte ſich nunmehr mit einem freundlichen Lächeln zu dem vormaligen Stallmeiſter mit der Frage, wie es — 92— ihm ergangen, ſeitdem ſie ſich nicht geſehen hätten. 16. „Nun, wie es ſo in der Welt zu gehen pflegt,“ antwortete Holſt,„heute gut, morgen ſchlecht; jedoch im Ganzen mehr das Letztere als das Erſtere. Wäre der Graf— wäre Ulfeld, wollte ich ſagen, länger am Ruder geblieben, hätte er für ſeinen treuen Diener wohl beſſer geſorgt. Jetzt muß ich mich noch glücklich prei⸗ ſen, daß er mir einen Hegereiterdienſt verſchaffte, gerade noch in dem Augenblicke, in dem er ſelbſt auf der Wippe ſtand. Vor Zeiten hätte ich Nie⸗ mand rathen wollen, mir eine ſolche Anſtellung anzutragen, aber das Sprichwort ſagt:„Noth lehrt beten.“ Ein ſchlichter grüner Rock iſt doch beſſer als gar keiner.“ „Da habt Ihr Recht,“ erwiederte Arenzen, „aber nun von etwas Anderem zu reden, viel⸗ leicht könnt Ihr mir ſagen, was hier ſo viele Menſchen zuſammengeführt hat, und weshalb ſie ſämmtlich ſo neugierig auf das Meer hinaus ſchauen.“* Holſt ſtutzte, gleichſam als wundere er ſich über dieſe Frage, dann aber entgegnete er mit 4 —— -— 93— einer etwas gedämpften Stimme:„die Leute ſehen wohl nach der engliſchen Jacht.“ „Nach der engliſchen Jacht?“ wiederholte Arenzen,„ſind denn engliſche Schiffe hier ſo etwas Seltenes? ich glaubte, Dänemark und England trieben einen bedeutenden Handel mit einander.“ „Das iſt allerdings der Fall,“ verſetzte der Stallmeiſter,„die Waare aber, welche jenes Schiff bringt, gehört nicht zu den gangbaren.“ „Nun, was wäre denn das für eine Waare?“ fragte der Hollönder. „Ei,“ erwiederte Holſt,„habt Ihr denn nicht gehört, daß jenes Schiff Eleonore Ul⸗ feld hierher bringt?“. Wie von einem electriſchen Sealage 9 ge⸗ troffen fuhr Eliſabeth bei Nennung dieſes Na⸗ mens zuſammen, und mit großer Lebhaftigkeit wandte ſi ſie ſich ſofort zu dem Sprecher.„Wie!“ rief ſie,„jenes Schiff brächte die Gräfin Eleo⸗ nore Ulfeld, ich bekäme ſie jetzt zu ſehen?“ „Allerdings, Jungfrau,“ antwortete Holſt, indem er gar höflich ſeinen Hut zog, während er mit der andern Hand hinaus auf die See — 94— deutete,„dort jenes Schiff, welches mit vollen Segeln heranſchwebt, bringt ſie hierher.”“— „Beſindet ſich der Graf bei ihr?“ fragte Eliſabeth mit geſpannter Erwartung. Eine mit Unwillen gemiſchte Beſtüczung— ſprach bei dieſer Frage aus den Geſichtszügen 8 des vormaligen gräflichen Dieners, er entgeg⸗ nete indeß mit ziemlicher Höflichkeit:„Nein, Jungfrau, er iſt nicht bei ihr!“ „Und weshalb nicht? weshalb läßt er ſeine Gemahlin allein teiſen: fuhr Eliſabeth ort. 1„Ei zum xeufel!“ fuhr Holſt heftig auf, „dazu, denk ich, ſind gute Gründe vorhanden, von denen Ihr doch gehört haben müßt!“ „Wie, iſt er etwa todt?“ fragte Eliſa⸗ beth mit einer ſo ſe ſchmerzlichen Theilnahme, daß die Vermuthung des vormaligen Stallmeiſters, ſie habe Seiner ſpotten wollen, der größten Ver⸗ wunderung Platz machte. „Wie!“ rief er erſtaunt,„ich weiß nicht ob ich meinen Ohren trauen ſoll; Ihr hättet hier mitten in Kopenhagen nichts von dem ge⸗ hört, was nicht nur ganz Dänemark beſchäftigt, ſondern woran ſogar ganz Europa Theil nimmt.“ „Wir wiſſen von nichts,“ nahm Arenzen das Wort,„ich verſtehe die däniſche Sprache nicht, und auch meine Tochter weiß nur wenig davon; überdem iſt ſie in der letzten Zeit faſt keinen Augenblick von dem Sterbelager unſerer Verwandten weggekommen; ſo daß ſie durchaus mit Niemand außer dem Hauſe Umgang hatte. Ich erinnere mich indeß jetzt, daß Profeſſor Bar⸗ tholin obenhin von einer Staatsverrätherei und von einer ungeheuren Entdeckung, die man ge⸗ macht habe, erzählte, aber er ließ ſich nicht um⸗ ſtändlicher aus, auch forſchten wir nicht darnach, da unſere Gedanken damals ganz mit der kran⸗ ken Frau Bartholin beſchäftigt waren.“ 3„Ihr kennt die Familie Bartholin?“ fragte Holſt mit ſteigender Höflichkeit. „Wir ſind nahe verwandt mit ihr,“ ant⸗ wortete der Maler,„meine Tochter iſt mit ei⸗ nem Bartholin verheirathet, welcher ſich jetzt in Paris befindet.“ „So iſt Eure Tochter auch mit dieſem Herrn verwandt, der mir hier zur Seite ſteht,“ nahm Holſt wieder das Wort,„das iſt der gelehrte Herr Thomas Fuiren,“ und ſchon war er im Begriff, die Verwandtſchaft deſſelben mit der Familie Bartholin auseinander zu ſetzen, als ihn Eliſabeth heftig unterbrach:„So ſagt uns doch nur, was dem Grafen Ulfeld begegnet iſt, Ihr hört es ja, wir wiſſen von nichts!“ „Ja, das iſt eine unerhörte Begebenheit,“ erwiederte der vormalige Stallmeiſter,„über Ul⸗ feld iſt wegen Landesverrätherei von dem höch⸗ ſten Gericht das Urtheil geſprochen worden, daß er ſeiner ſämmtlichen Würden entſetzt, ſein Wappen vom Henker zerbrochen, ihm ſelbſt aber Hand und Kopf abgehauen, und der Letztere auf einen Pfahl geſteckt werden ſolle. Ein Preis von 20,000 Rthlr. iſt für denjenigen ausgeſetzt, der ihn lebendig bringt; 10,000 Rthlr. aber er⸗ hält der, welcher ihn todt hierher liefert. Aber Ihr werdet ja blaß wie eine Leiche, junge Frau,“ fuhr er fort indem er Eliſabeth betrachtete, nja, ja, es geht wunderlich zu in der Welt.“ Die bebende Eliſabeth war, um nicht zu Boden zu ſinken, genöthigt ſich an ihrem Vater zu halten.„Was aber,“ ſtammelte ſie endlich, „was um des Himmels Willen konnte unter ſolchen Umſtänden die Gräfin bewegen hierher zu kommen, und das noch dazu auf einem engli⸗ ſchen Schiffe! Ich glaubte ſie wären in das Bad zu Aachen gegangen!“ Dazu ſind manche Beweggründe vorhan⸗ den,“ antwortete Holſt;„der unwiderſtehlichſte derſelben aber iſt die Gewalt. Daß ſie nicht freiwillig hierher kommt, iſt leicht zu begrei⸗ fen.— Ihr Gemahl hatte ſie nach England geſandt, um dort eine Summe Geldes, man ſagt 2000 Pf. St., einzuziehen, die ihnen der Kö⸗ nig Carl der Zweite ſchuldig war; da man aber unterdeſſen von hier darauf angetragen hatte, ſie dort anzuhalten, hielt der König es für⸗ ſich am vortheilhafteſten auf dieſe Weiſe ſeine Schuld zu bezahlen.— Aber ſeht, jetzt legt die Jacht an,“ unterbrach ſich der vormalige Stallmeiſter, welcher, während er ſprach, fortwährend durch das Fernglas geſchauet hatte.„Ein herrliches Schiff, führt zehn Kanonen. Ein Frauenzimmer ſteigt in das Boot, ſeht, ſeht, ein Matroſe reicht ihr die Hand.“ 0 — 98— „Iſt das die Gräſin?“ fragte Eliſabeth mit kaum vernehmbarer Stimme. „Nein,“ entgegnete Holſt,„das iſt Mag⸗ dalena Boiſen, welche mit uns in Holland war.“ Eliſabeth ſchauete jetzt mit ihrer ganzen Seele hin nach dem Boote; ſie gewahrte, wie Magdalena auf der Bank einen Mantel ausbrei⸗ tete, und wie gleich darauf ein Offizier einſtieg, gefolgt von einem andern Frauenzimmer, in welchem Bartholins Gattin, trotz der vielen Jahre in welchen ſie ſie nicht geſehen, auf der Stelle Eleonore Ulfeld wieder erkannte.„Seht,“ riek ſie lebhaft zu ihrer Umgebung gewandt,„ſeht, jetzt tritt ſie auf den Rand des Bootes, der Offizier reicht ihr die Hand hin, jetzt ſetzt ſie ſich, ihre Zofe ſchlägt den Mantel über ihre Füße,— ſie wendet ihr Geſicht vom Lande ab, ſie ſtarrt in die Wellen.“— Holſt reichte ihr das Fernglas hin, Eliſa⸗ beth verſuchte es davon Gebrauch zu machen, aber es war ihr unmöglich, ihre Thränen ver⸗ dunkelten ihr den Blick, und ihre Hände zitter⸗ ten, ſo daß ſie das Glas nicht zu halten ver⸗ — 99— mochte, ruhte es gleich auf Holſt's Schulter. Der Wunſch, den ſie von ihrer Kindheit an, vierzehn volle Jahre lang genährt hatte, ſollte jetzt in Erfüllung gehen, jeder Ruderſchlag brachte dieſelbe näher!„Sie hat ſich gar nicht verän⸗ dert!“ rief ſie jetzt plötzlich, nachdem ſie eine Weile lang auf das Boot hingeſtarrt hatte,„ſo habe ich ſie mir immer gedacht, mit dieſer Ho⸗ heit, dieſer Ruhe!“ Das Boot war jetzt ganz nahe, einer von den Matroſen ſprang heraus, und zog daſſelbe an's Land, einige Soldaten ſtellten ſich am Ufer, und ein Herr in Generals⸗Uniform, den Holſt als den Commandanten von Kopenhagen, General Ahlfeldt, bezeichnete, reichte Eleonoren die Hand, um ihr zum Ausſteigen behülflich zu ſeyn. Sie berührte indeſſen ſeinen Arm nur mit den Fingerſpitzen, während ſie mit Leichtig⸗ keit an's ufer trat. Magdalena Boiſen folgte mit dem Gepäck. Die Solda en ſchloſſen ſich dicht an einander, und der General bot Eleono⸗ ren den Arm, ſie aber lehnte denſelben durch eine Bewegung ihres Kopfes ab, hüllte ſich in ihren Mantel und ſchritt nunmehr zwiſchen ihm 4 — 400— und einem andern Offizier, den Holſt Obriſt Roſenkranz nannte, daher. Sie ſenkte ihre Blicke keinesweges zu Boden, ſondern ſchauete, ohne weder Furcht noch Trotz zu beweiſen, mit mildem Ernſte bald auf die ſie umgebende Menſchenmenge, bald grade aus in die Ferne. Magdalena Boiſen hingegen war todtenbleich, und war kaum im Stande ihrer Gebieterin zu folgen. In einiger Entfernung vom Ufer hielt ein Wagen, die zwei Offiziere halfen Eleonoren hinein, und ſtiegen dann ſammt Magdalena Boiſen ebenfalls ein. Eliſabeth war, als die Gräfin ans Land ſtieg, mit ihrer Umgebung etwas zurückgedrängt worden, jetzt aber folgten ſie derſelben, ſo ſchnell ſie konnten. Arenzen, welcher ſtets nur ungern und nie raſch ging, ſeufzte und ſtöhnte, aber Eliſabeth, ſo ſehr ſie auch ſonſt für die Bequem⸗ lichkeit ihres Vaters ſorgte, merkte dieſesmal nicht darauf, wie ſchwer es ihm auch fiel, mit den Anderen gleichen Schritt zu halten. End⸗ lich langten ſie bei dem Schloſſe an, die Sol⸗ daten hatten ſich am Thore aufgeſtellt, Eleonore uUlfeld aber hatte ſich mit ihrer Zofe und den — 404— beiden Offizieren bereits hinein begeben, und die Menſchenmenge, welche ihnen bis hierher gefolgt war, bildete jetzt vor dem Schloſſe verſchiedene Gruppen und harrte ihrer Zurückkunft. Einige flüſterten mit einander, ſchüttelten die Köpfe, zuckten die Achſeln, oder gaben durch ähnliche Gebährden eine Art von Beſtürzung und Mit⸗ leid zu erkennen. Andere ſtarrten mit theil⸗ nahmloſer Neugier auf die Schloßpforte, während noch andere jene rohe Freude äußerten, welche der Pöbel nicht ſelten an den Tag zu legen pflegt, wenn er diejenigen, vor denen er bisher ſich zu beugen genöthigt war, plötzlich erniedrigt und gedemüthigt ſieht.„Die hat ſich genug in der Welt umher getrieben,“ bemerkte der Eine,„jetzt liegt ſie im Hafen vor Anker.“ „Ja ja,“ verſetzte ein Anderer,„die Welt war ihr nicht groß genug, zog ſte doch mit ih⸗ rrm Eheherrn raſtlos von einem Reiche zum an⸗ deren, waren ihr doch alle Kleinodien der Erde nicht koſtbar genug, jetzt muß ſie ſich mit einem einzigen Zimmer begnügen, bis ſie in die kleine Kammer kommt, wo ſie, ſtatt auf Eiderdaunen, auf Hobelſpäne gebettet werden wird.“ * — 14102— „So geht es,“ grinſte eine Alte, welche ſich auf eine Krücke ſtützte und viel Ahnlichkeit mit einer Hexe hatte,„traun, es wird wunder⸗ bar anzuſchauen ſeyn, wenn ſein hochgräflicher Kopf, der ſo manche Tractate abſchloß und ſo manche Ränke ſchmiedete, mit den großen ſchwar⸗ zen Augen von dem Pfahle herab glotzt.“— Das Hohngelächter, womit dieſe Rede begleitet wurde, hatte für Eliſabeth etwas ſo Empören⸗ des, daß ſie, um ihre Gemüthsbewegung nicht zu verrathen, genöthigt war ſich abzuwenden. Da reihten ſich endlich die Soldaten in eine Linie und nahmen das Gewehr auf die Schulter. „Da kommt ſie mit dem General Ahlfeldt,“ flüſterte Holſt zu ſeinen Begleitern gewandt; und wirklich trat der genannte Offizier aus der Schloßpforte mit Eleonore Ulfeld, deren linke Hand leicht auf ſeinem rechten Arm ruhte. Sie ſchien jetzt noch bleicher als zuvor am Ufer, aber ihre Augen funkelten heller als vorhin. Ihr Außeres verrieth durchaus keine Spur von Furcht oder Zaghaftigkeit, ihr Anſtand war noch wür⸗ devoller, noch ſtolzer als ſonſt, und mit feſtem — 103— ſicheren Schritte ging ſie neben dem General Ahlfeldt her. Auf einen Wink deſſelben ſchrit⸗ ten zwei Soldaten voran, um ihnen den Weg zu bahnen, welches durchaus nothwendig war, da ſich die Menſchenmenge mit großer Gewalt herandrängte, was indeß die Gräfin durchaus nicht zu bemerken ſchien. Eliſabeth folgte ſo ſchnell ſie konnte, und war ſtets ihren drei Be⸗ gleitern voraus. In jedem andern Augenblicke würde es ihr unmöglich geweſen ſeyn, ſich in ein ſolches Gedränge zu miſchen, jetzt aber ließ ſie ſich durch nichts zurückhalten, ſo ſtark war ihr Verlangen Eleonore Ulfeld ſo lange als mög⸗ lich zu ſehen. Als die Gräfin an den Gemä⸗ chern des Königs vorüber kam, hemmte ſie einen Augenblick ihre Schritte, und blickte ſcharf in die Fenſter hinein; ihre Bruſt hob ſich ſichtbar, und ein Ausdruck gemiſchter Gefühle leuchtete aus ihren Augen. Als ſie nun aber ihr Ant⸗ litz wieder abwandte, fielen ihre Blicke auf ih⸗ ren vormaligen Stallmeiſter Holſt; ein wehmü⸗ thiges Lächeln umzog ihren Mund, und ſchwer⸗ müthige Erinnerungen ſchienen in ihr empor⸗ zuſteigen. Jetzt vermochte Eliſabeth den in ihr - 104— ſtürmenden Gefühlen nicht länger zu gebieten, ſie drängte ſich durch die Soldatenreihe, warf ſich vor der unglücklichen Gräfin nieder, erfaßte die Hand derſelben und drückte einen brennen⸗ den Kuß darauf. Mit himmliſcher Milde neigte ſich Eleonore zu ihr herab, und küßte ſie auf die Stirn. Dies alles war das Werk eines Augenblicks, ſo daß es, außer von Eliſabeths Begleitern, nur von dem General Ahlfeldt be⸗ merkt wurde. Derſelbe richtete zwar einen arg⸗ wöhniſchen Blick auf Eliſabeth, welche ſich ſchnell wieder erhoben hatte, und auf die Gräfin; die Letztere aber folgte ihm eben ſo ruhig, als vor⸗ hin, ohne über das, was vorgefallen, auch nur ein Wort zu verlieren. Eliſabeth blieb unbeweglich ſtehen und ſtarrte ihr nach, bis ſie ſie gänzlich aus dem Geſichte verloren hatte. Jetzt erſt bemerkte ſie, daß ſie, durch das Gedränge, von ihren Beglei⸗ tern getrennt worden war, die Menſchenmenge rund um ſie her hatte ſich zerſtreut, die Däm⸗ merung war hereingebrochen, und Eliſabeth wußte in der That nicht, wohin ſie ſich in dieſem ihr ganz fremden Theile der Stadt wenden ſollte, um nach Hauſe zu gelangen. Endlich — 105— ſchlug ſie auf's Gerathewohl eine Straße ein; ohne zu wiſſen, wohin ſie führte, ging ſie im⸗ mer weiter und weiter, und plötzlich ſah ſie fich ganz allein auf dem dunklen Schloßhofe. Die rund um ſie her herrſchende Stille, welche nur von den gemeſſenen Schritten der an der Schloß⸗ pforte auf⸗ und abſchreitenden Schildwachen un⸗ terbrochen wurde, contraſtirte mächtig mit der geräuſchvollen Scene, der ſie ſo eben beigewohnt hatte, und verurſachte ihr eine höchſt unange⸗ nehme Empfindung, welche noch dadurch ver⸗ mehrt wurde, daß ſich jetzt der Himmel umwölkt hatte, und aus der dichten Wolkenmaſſe Blitze herab zu zucken begannen, denen bald ein hef⸗ tiger Regen folgte. Eliſabeths Angſt ſtieg mit jedem Augenblicke, der Athem ſtockte in ihrer Bruſt, es kam ihr mitten in der volkreichen Stadt vor, als befände ſie ſich in einer arabiſchen Wüſte, und noch mehr ward ihre Angſt durch den Ge⸗ danken geſteigert, daß ſie bei den leuchtenden Blitzſtrahlen von den Schildwachen geſehen, und, als verdächtig, gefänglich eingezogen werden könnte. Da vernahm ſie plötzlich das Geräuſch nahender Schritte, unwillkührlich wandte ſie ſich — 106— nach der Gegend hin, von woher ſie erſchallten, und erkannte zu ihrer unbeſchreiblichen Freude die Stimme des vormaligen Stallmeiſters Holſt, welcher mit ſeinem Begleiter von vorhin über den Platz kam. Eliſabeth eilte auf ſie zu und bat ſie, ſie nach Hauſe zu begleiten, wozu ſie ſich auch mit Freuden bereit erklärten. In dieſem Augenblicke trat jemand mit ei⸗ ner Leuchte in der Hand auf den Schloßhof, ein Frauenzimmer folgte ihm, und kaum hatte daſſelbe den vormaligen Stallmeiſter erkannt, als ſie auch ſofort ausrief:„Dem Himmel ſey Dank, daß ich Euch finde, Herr Holſt, ich bin grade jetzt auf dem Wege zu Eurer alten Mut— ter; ich hoffe, ſie wird mir ein Obdach für dieſe Nacht nicht verſagen; wahrſcheinlich wohnt auch Ihr bei ihr, wenn Ihr nach der Stadt kommt; wenn das iſt, ſo ſeyd Ihr wol ſo gut mich zu begleiten.“ „Recht gern, Magdalena,“ antwortete Holſt, „woher aber kommt Ihr denn ſo ſpät?“ Ihr Begleiter mit der Leuchte nahm das Wort:„Die Jungfrau iſt verhört worden, und als man ihr geſtattete ſich hinweg zu begeben, — —- ... —— — 107— habe ich mit Erlaubniß des Schloßvoigts, mei⸗ nes Herrn, es übernommen, ſie nach Hauſe zu begleiten. Ihr Haar hat übrigens eine ſchöne Ausbeute gegeben.“ „Ihr Haar?“ fragte Holſt erſtaunt. „Das will ich meinen,“ verſetzte der Mann mit der Leuchte.„Man fand darin für meh⸗ rere Tauſend Thaler an Kleinodien und Juwelen, die ſie für ihre Herrſchaft verſteckt hatte.“ „Prahlt nur damit, daß Ihr uns geplün⸗ dert habt,“ fiel ihm Magdalena Boiſen heftig in's Wort, und aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ſie ihren Unmuth über die ihr widerfah⸗ rene Behandlung noch lebhafter ausgeſprochen haben, wäre ihr der beſonnene Holſt nicht in die Rede gefallen. Er reichte dem Knechte des Schloß⸗ voigts ein kleines Trinkgeld, erfaßte Magdalena's Arm, und führte ſie und Eliſabeth von dannen. „Wohin hat man die Gräfin gebracht?“ fragte Magdalena, nachdem ſie eine Weile ſchwei⸗ gend neben ihrem nunmehrigen Begleiter her⸗ gegangen war. „In das Gefängniß, welches der blaue Thurm genannt wird,“ erwiderte Holſt mit ge⸗ — 4⁰08— dämpfter Stimme;„das Gemach, wohin ſie ge⸗ bracht worden, heißt, wie ich glaube, die katholi⸗ ſche Kirche.“—. Unterdeſſen war man vor Eliſabeths Woh⸗ nung angelangt, und dies war in der That ein großes Glück für ſie, denn der letzte Bericht des Stallmeiſters hatte ihr den überreſt ihrer Kräfte geraubt. Vor der Thür fanden ſie die Magd, die ihnen berichtete, daß Arenzen erſt in dieſem Au⸗ genblick heimgekehrt ſey, und nachdem er ſeine Tochter in der ganzen Stadt vergeblich geſucht, jetzt ihr, der Magd, geboten habe, ſie mit der Laterne aufzuſuchen, welches zu thun ſie ſo eben im Begriff geweſen ſey. Nachdem nun Eliſabeth ihren Begleitern gedankt, und von ih⸗ nen das Verſprechen erhalten hatte, daß ſie ſie, und ihren Vater, am nächſten Tage beſuchen wollten, eilte ſie in das Haus, wo ſie den ar⸗ men Holländer ihretwegen in großer Angſt fand; ihr Erſcheinen beruhigte ihn indeſſen alſobald. Sie ſelbſt aber brachte eine ſchlafloſe Nacht zu, alle Träume ihrer Kindheit traten jetzt wieder vor ihre Phantaſie, jedoch in einer ganz anderen — 400— veränderten Geſtalt. Diejenige, welche ſie auf der höchſten Stufe der Ehre, des Glanzes und des Neichthums geſchauet hatte, war jetzt gefan⸗ gen, verhöhnt und verlaſſen; und dennoch flößte ſie ihr jetzt eine noch größere Ehrfurcht ein, als vormals; die Leiden der unglücklichen Gräfin, welche dieſelbe ihr näher brachten, umwanden, in ihren Augen, ihr Haupt zugleich mit einem heiligen Strahlenkranze. Es ſchien ihr, als ob die Welt, welche ihr bisher nur wie ein Traum⸗ bild vorgeſchwebt hatte, jetzt ihr auf einmal ihre Pforten erſchloſſen hätte; als ob ſie in eine ge⸗ wiſſe Gemeinſchaft mit derjenigen getreten wäre, die ihr während ihrer ganzen Lebenszeit winkend vorgeſtanden; der ſie, wie ihr Gefühl verkün⸗ dete, angehörte. Der gelehrte Herr Fuiren und Holſt ſtell⸗ ten ſich verſprochenermaaßen am folgenden Tage ein, ſie fanden Eliſabeth ſo bewegt und ange⸗ regt, daß ſie es für rathſam hielten, ihr einen Spatziergang vorzuſchlagen. Es war ein ſchö⸗ ner Sommertag, die Wärme war wohlthätig, ohne drückend zu ſeyn; der Regen, welcher die Nacht über gefallen war, hatte die ganze Natur — — 410— neu belebt, und das Gewitter die Luft gereinigt. Während nun Eliſabeth ſo dahin ſchritt, und die friſche Luft einathmete, gedachte ſie, wie die arme Eleonore dieſe Erquickung und den Anblick des blauen Himmelzeltes entbehren müſſe; und dieſer Gedanke machte ihr das, was ſte ſelbſt genoß, zur Laſt. Nach einigen Tagen reiſte Holſt nach ſei⸗ ner Waldung zurück, da ſeine Geſchãfte in der Stadt beendet waren; Fuiren hingegen, wel⸗ cher ſein eigener Herr, und unverheirathet war, brachte von nun an alle Stunden, welche ihm ſeine Studien übrig ließen, in Eliſabeths und ihres Vaters Geſellſchaft zu. Er erzählte ihnen viel von dem Doctor Otto Sperling, deſſen ſich Eliſabeth noch lebhaft aus ihrer Kindheit erinnern konnte. Seine Geſellſchaft war fortan die einzige Zerſtreuung, deren ſich der Holländer und ſeine Tochter während der Zeit erfreueten, in welcher die Letztere die Heimkehr ihres Man⸗ nes mit der größten Sehnſucht erwartete. Jetzt aber geſtaltete ſich plötzlich eine Unpäßlichkeit, an der ſie ſchon länger gelitten hatte, zu einer wirklichen Krankheit; die mannigfachen Gemüths⸗ — 1441— bewegungen, welche ſie in der letzten Zeit er⸗ fahren hatte, hatten ihre Kräfte ſo ſehr erſchöpft, daß ſie auf lange Zeit ihr Lager nicht verlaſſen konnte. Magdalena Boiſen, deren Zuneigung ſie theils durch ihre guten Eigenſchaften, haupt⸗ ſächlich aber durch ihre Anhänglichkeit an die unglückliche Gräfin, gewonnen hatte, pflegte ſie Tag und Nacht mit mütterlicher Sorgfalt. Doctor Bartholin, den Arenzen herbeigerufen hatte, ſpendete ihr ebenfalls ſeine ärztlichen Hülfsmittel mit der größten Bereitwilligkeit, und ſo ward ſie denn ſchneller wieder hergeſtellt, als man anfangs bei der Heftigkeit ihrer Krank⸗ heit vermuthen konnte. Als Eliſabeth eines Tages zum erſtenmale ihr Lager verlaſſen hatte, traten Fuiren und Arenzen, welche ſo eben von einem Spatziergange zurückkehrten, ſchwermüthig zu ihr herein. Sie waren an der Stelle geweſen, wo Ulfelds Haus geſtanden hatte, welches aber jetzt niedergeriſſen und der Erde gleich gemacht worden war. Für Arenzen, welcher als Künſtler ein geſchmackvol⸗ les Gebäude zu ſchätzen wußte, war es ſchmerz⸗ lich geweſen, die Mauren geſchleift zu ſehen, — 412— welche aufzuführen ſo große Mühe gekoſtet hatte; ein noch weit wehmüthigeres Gefühl aber be⸗ mächtigte ſich bei'm Anblicke der Ruine des wackeren Fuiren, der in dieſem Hauſe die frohe⸗ ſten Tage ſeiner Jugend verlebt hatte. Mag⸗ dalena brach bei dieſer Nachricht in Thränen aus, und gedachte der zahlloſen Armen und Un⸗ glücklichen, welche nie ungetröſtet von der Pforte geſandt wurden, von der jetzt keine Spur mehr vorhanden war. Während ſie nun ſo Ulfelds Großmuth pries, ging Fuiren mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab, endlich blieb er ſtehen.„Laßt uns billig ſeyn,“ ſprach er,„er iſt tief gebeugt, aber nicht ganz ohne ſeine Schuld, der Stolz und die Leidenſchaftlichkeit, die ihm ſchon früher manche Feinde machten, haben jetzt ſeinen völligen Untergang herbeigeführt.“ „Wenn ſeine Freunde ſo reden,“ erwie⸗ derte Magdalena,„wer kann ſich da wundern, daß ſeine Feinde ein Verdammungsurtheil über ihn fällen⸗, 1 „Ihr liebt ihn wahrlich nicht mehr als ich, gute Magdalena,“ erwiederte Fuiren mit be⸗ wegter Stimme,„könnte ich ſein Leben mit - 113— dem meinen retten, wahrlich ich würde mit Freuden für ihn ſterben; was aber wahr iſt, darf nicht geleugnet werden. Ja, er hat unbe⸗ ſonnen und thöricht gehandelt. Wenn aber ge⸗ kränkter Stolz und übertriebene Wünſche ihn zu einem Schritte verleitet haben, den nur ſein Tod zu ſühnen vermag, ſo können wir nur bit⸗ terlich beklagen, daß es hier auf dieſer Welt nichts Vollkommenes giebt, daß ſelbſt derjenige, welcher die größten Geiſtesgaben beſitzt, von der menſchlichen Schwäche verleitet werden kann, den rechten Weg zu verlaſſen.“ Einige Tage darauf langte ein Schreiben von Bartholin an, welches berichtete, daß ihm leider ſeine Geſchäfte noch nicht geſtatteten, ſo bald zurück zu kehren, als er gehofft hatte, und daß er demnach vor dem nächſten Frühjahre wol nicht in Kopenhagen eintreffen würde. Da er ſich nun aber ſehr nach ſeiner Gattin ſehnte, und ſich überzeugt hielt, daß der längere Auf⸗ enthalt derſelben in dem einſamen Hauſe, ihr nach allen den ſchwermüthigen Vorfällen, welche ſtatt gefunden, unfehlbar nachtheilig ſeyn würde, machte er ihr, zumal da auch Arenzen nach Holland zurück verlangte, den Vorſchlag, ſich von ihrem Vater nach Antwerpen geleiten zu laſſen, dort wolle auch er ſich einfinden, ihr Vater könne alsdann ſich nach dem Haag zurück⸗ begeben, ſie ihn aber nach Paris begleiten, von wo aus ſie dann im nächſten Sommer nach Kopenhagen zurückkehren wollten. Dieſer Plan ſchien Eliſabeth plötzlich wie neu zu beleben, ſie war indeſſen noch immer zu ſchwach, um die Reiſe anzutreten. Endlich, zu Anfang Novem⸗ bers, machten ſie ſich auf den Weg, nachdem Eliſabeth die Sorge für ihr Haus dem wackeren Fuiren übertragen hatte. Sie trafen zu Antwerpen mit Bartholin faſt zu gleicher Zeit ein; da aber Eliſabeth von der Reiſe ſehr angegriffen war, ward beſchloſſen, hier einige Wochen zu raſten; weil aber das Wetter fortwährend rauh und ſtürmiſch blieb, verließen ſie dieſe Stadt erſt gegen Ende des Januars im Jahre 1646. Bartholin hatte auf ſeinen Reiſen mit einem andern Arzte, Namens Seger, Bekanntſchaft gemacht, welcher jetzt zu Baſel wohnte, und ihn dringend eingeladen hatte, ihn dort zu beſuchen; ein Wunſch, den Bar⸗ — 115— tholin zu erfüllen verſprochen hatte. Eliſabeth wünſchte zwar, auf kurze Zeit nach Brügge zu gehen, um nach ſo langer Abweſenheit ihre Tante einmal wieder zu ſehen; ihr Gatte aber ſtellte ihr vor, daß ſich Ulfeld, einem Gerüchte zufolge, dort einige Monate lang unter einem falſchen Namen aufgehalten habe, ja ſich viel⸗ leicht noch immer dort befinde, und daß er ſei⸗ nerſeits als Däne nicht wünſchen könne, mit ihm zuſammen zu treffen..— Wie gern nun auch Eliſabeth den unglück⸗ lichen Ulfeld in ihrem Leben wenigſtens noch einmal geſehen hätte, leuchtete ihr dennoch die Wahrheit ſeiner Worte vollkommen ein, und bereitwillig unterwarf ſie ſich demnach ſeiner Fügung. Sie machten ſich alſo nach Baſel auf den Weg, und hatten nur noch eine Meile bis zu dieſer Stadt zurückzulegen, als plötzlich ihr Wagen zerbrach. Zum Glück kamen ſie da⸗ bei nicht zu Schaden, aber die Axe war derge⸗ ſtalt zerbrochen, daß der Wagen nicht aus der Stelle zu bringen war; es blieb ihnen in der ſtrengen Kälte demnach nichts übtig, als ſich zu Fuße nach dem nächſten Orte zu begeben⸗ — 116— Nach der, ihnen von dem Poſtillon gegebenen Anweiſung, war derſelbe nur eine halbe Meile entfernt, auch hatte er ſie dort nach einem Manne gewieſen, welcher ſich Schmidt nannte, in jenem Dorfe einen Bauerhof beſaß, in Ba⸗ ſel aber einen großen Gaſthof hatte. Hier auf dem Lande pflegte er eigentlich keine Reiſende bei ſich aufzunehmen, der Poſtillon aber meinte, daß er, wenn er ihren uUnfall erfahren würde, ſofort bereit ſein würde, ihnen, da er ſelbſt Wa⸗ gen und Pferde beſäße, aus der Verlegenheit zu helfen. Sie begaben ſich alſo zu Fuße dorthin, erzählten was ihnen begegnek war, und erhielten auch ſofort von dem oben erwähnten Manne, welcher ſie ſehr höͤflich empfing, das Verſprechen, daß er ſogleich einen Wagen abſenden wolle, um ihr Gepäck herholen zu laſſen, wobei jedoch beſchloſſen ward, daß Bartholin ſelbſt mitfahren. ſolle, theils um dem Fuhrmann den rechten Weg zu zeigen, theils um bei der Umpackung ſelbſt zugegen zu ſeyn. Bartholin bat demnach, ihnen, bis angeſpannt ſeyn würde, ein warmes Zimmer anzuweiſen, und verlangte eine Flaſche Rheinwein. Schmidt führte ſie an die Thür —-— 147— eines Zimmers, bat ſie einzutreten, und begab ſich hinweg, um den Wein zu holen, und um wegen des Wagens das Nöthige anzuordnen. Als nun Bartholin die Thür des Gemaches öffnete, da fielen Eliſabeths Blicke auf einen alten Mann, welcher neben dem Kamine in einem Lehnſtuhl ſaß und zu ſchlummern ſchien. Sein ſchwar⸗ zer abgetragener Rock hing ihm weit über den Körper herab, und beurkundete, daͤß der Beſitzer deſſelben bedeutend mager geworden, ſeitdem er ihn zum erſtenmal getragen. Die auffallende Bläſſe ſeines Antlitzes hatte etwas ſo Leichen⸗ ähnliches und Furchtbares, daß man ſich bei dem erſten Anblick mit Entſetzen von ihm abwandte, die edlen und regelmäßigen Züge deſſelben aber, welche weder Krankheit, Alter noch mannigfache Leiden ganz hatten verwiſchen können, zogen den Blick ſchnell wieder an, und hielten ihn dann mit unbeſchreiblicher Zauberkraft gefeſſelt. Das Hanpt des Alten war auf die Bruſt ge⸗ ſunken, ſein ergrautes Haar aber hing ihm noch in einer Fülle herab, welche zu ſeiner Farbe und zu dem im übrigen Schwachheit verkünden⸗ den Außeren des Mannes ſeltſam contraſtirte. — 118— Seine bleichen eng geſchloſſenen Lippen zuckten dann und wann krampfhaft, und dies war faſt das einzige Kennzeichen, daß er noch zu den Lebenden gehöre, woran man bei ſeinem erſten Anblicke zu zweifeln ſich geneigt fühlte. Die eine Hand ruhte ausgebreitet auf ſeiner Bruſt, gleichſam als fühle er dort ſelbſt im Schlafe einen Schmerz, die andere hing nachläſſig hinab. Eliſabeth blieb unbeweglich in der Thür ſtehen, und ſtarrte hin auf die wunderbare Erſcheinung; Bartholin aber trat einige Schritte hinan, um den Greis näher zu betrachten. Als darauf Schmidt mit dem Weine in's Zimmer kam, und ſeine Gäſte ſo ganz in die Betrachtung des Alten vertieft gewahrte, mis⸗ deutete er vermuthlich den Ausdruck von Theil⸗ nahme, der aus ihren Geſichtszügen ſprach, denn er ſetzte raſch den Wein auf den Tiſch, und er⸗ faßte mit einer Rauheit, welche Eliſabeths Herz ſchaudern machte, den Greis bei dem Arme, noch bevor Bartholin ihn daran hindern konnte, und rief in einem gebietenden Tone:„Platz da —y— — no— Gomet! es ſind Gäſte da, die ſich wärmen wollen.“¹. Der Alte fuhr zuſammen, ſchlug die Au⸗ gen auf und ſchauete wild umher, dann ver⸗ ſuchte er es, ſich von ſeinem Sitze zu er⸗ heben, aber er ſank kraftlos auf denſelben wie⸗ der zurück. „Nun, wirds bald! Platz gemacht!“ wie⸗ derholte deſſenungeachtet der Wirth in ſeinem gebieteriſchen Tone,„ſeht Ihr denn nicht, daß vornehme Reiſende angelangt ſind?“ Während ſich nun Bartholin näherte, um als Vermittler dazwiſchen zu treten, erhob ſich plötzlich Gomets zuſammengeſunkene Geſtalt, mit einer Würde und Hoheit, welche, wie mit einem Zauberſchlage, bei Eliſabeth alte Erinne⸗ rungen wach riefen, und als gleich darauf eine dunkle Gluth ſein Antlitz färbte, und ein augen⸗ blickliches Feuer ſeinen matten Augen entſtrahlte, durchflog ſie mit Blitzesſchnelle eine ſeltſame undeutliche Ahnung. Jetzt trat Bartholin da⸗ zwiſchen, und bat, unmuthig darüber, wie Schmidt den wunderbaren Alten behandelt hatte, den Letzteren, ſich ja nicht in ſeiner Ruhe ſtören zu laſſen, und zu entſchuldigen, wenn dieſelbe ohne ſeine Schuld getrübt worden. Gomet erwiederte dieſe freundliche Anrede nur mit einem ſchwei⸗ genden Gruße, aber jedes geübte Auge mußte in der ungezwungenen Artigkeit dieſer Begrü⸗ ßung das Betragen eines gebildeten Mannes erkennen, welcher in einem feineren Zirkel ge⸗ lebt hatte. Bartholin nahm einen Stuhl, ſetzte ſich ihm zur Seite, und betrachtete ihn eine Zeit lang mit großer Theilnahme, dann nahm er, mit der ihm eigenthümlichen Menſchenfreund⸗ lichkeit zu ihm gewandt, das Wort:„Ich bin Arzt, Herr Gomet,“ ſprach er,„entſchuldigt daher, wenn ich Euch zudringlich erſcheine, aber Ihr ſcheint mir ſehr unwohl.“ Das bittere menſchenfeindliche Lächeln, wel⸗ ches die einzige Antwort war, die der Fremde auf dieſe Anrede gab, drückte eine ſo düſtere Verzweiflung aus, daß Eliſabeth, welche, von Gomet unbemerkt, hinter den Stuhl ihres Man⸗ nes getreten war, ein kalter Schauder durchfuhr. Bartholin ließ ſich übrigens durch das Beneh⸗ men des Fremden nicht irre machen, er erfaßte die Hand deſſelben, und fühlte ſeinen Puls. — 422— Eliſabeth gewahrte, daß Beſorgniß aus den Zü⸗ gen ihres Mannes zu ſprechen begann, ſie blickte auf Gomet, und ſah, wie deſſen Haupt neuerdings wieder auf ſeine Bruſt geſunken war; ſeine Augen waren geſchloſſen, und er ſchien zu ſchlummern. Bartholin legte ſeine Hand leiſe nieder, beugte ſich über ihn um ſein Athmen zu beobachten, welches kurz aber ſchwer war, und erfaßte ſeine andere Hand, um auch an dieſer den Puls zu fühlen. Nach einigen Augenblicken ließ er auch dieſe fahren, ſchüttelte mit dem Kopfe, erhob ſich von ſeinem Stuhle, und fragte Schmidt in einem leiſen Tone, wer der Fremde ſey. Jener blickte einen Augenblick lang auf den Beſprochenen, gleichſam als wolle er ſich erſt überzeugen, ob er auch wirklich ſchlummere; dann entgegnete er mit gedämpfter Stimme:„Ja, das hat damit ſo ſeine eigene Bewandtniß. Er nennt ſich Gomet, wie Ihr gehört habt, und kam in dieſe Gegend, als Hof⸗ meiſter eines jungen Menſchen, welcher ſich Di⸗ oraminne nannte. Außer dieſem Alten waren noch zwei Perſonen dabei, welche ungefähr drei⸗ ßig Jahre alt ſeyn mochten, und mir, nannte — 4122— ſich gleich der eine Batavus, der andere Lotha⸗ ringio, Brüder und Gomets Söhne ſchienen, denn beide, zumal der Altere, hatten eine große AÄhnlichkeit mit ihm. Endlich hatten ſie noch ein junges Frauenzimmer bei ſich, welches zwei⸗ felsohne ihre Schweſter war, ſo gleich ſah ſie ihnen. Um ihretwillen geriethen ſie in einen Streit mit einigen Offizieren, welche ſie beſuch⸗ ten. Der älteſte der beiden jungen Männer forderte ſie zum Zweikampf heraus, der Magi⸗ ſtrat und einige Profeſſoren aber ſchlugen ſich in's Mittel, und wollten ſie in der Stadt feſt halten, weshalb ſie ſich hierher flüchteten. Man kam ihnen indeſſen auf die Spur, und ſie wa⸗ ren genöthigt, ſich ſammt der Schweſter eilig nach Lauſanne zu begeben, der Vater, oder der Hofmeiſter wie er ſich nannte, war indeſſen zu ſchwach ihnen auf dieſer ſchnellen Flucht zu fol⸗ gen; denn er war ſowohl zu Baſel als hier fort⸗ während krank, durchaus aber nicht zu bewegen, das Bette zu hüten. Anfangs wollte er mich überreden, daß ſie mir ihre wahren Namen ge⸗ ſagt hätten, ſpäterhin aber geſtand er mir, daß ſie aus England wegen einer wichtigen Angele⸗ — — — 123— genheit geflüchtet wären, weshalb ſie, wären ſie gleich von Stande, ihre wirklichen Namen nicht offenbaren könnten.. „Und alle verließen ihn hier, krank und hülflos?“ nahm jetzt Eliſabeth das Wort. „Sie mußten wohl,“ verſetzte der Wirth, „die Jungfrau vergoß zwar viele Thränen, gleich wie die Brüder, aber, wie geſagt, ſie konnten nicht umhin. Wenn mir aber auch der alte Gomet reichlich bezahlt was er bei mir verzehrt, wäre ich doch herzlich froh, wenn auch er von hinnen zöge; wer weiß, welch' einem Verbrecher ich Obdach gebe, und welche Verantwortung ich dadurch auf mich lade, mag er auch von noch ſo hohem Stande ſeyn.“ Bartholin ſtellte ihm vor, wie die Menſch⸗ lichkeit geböte, einen alten, kranken, von den Seinigen verlaſſenen Mann mit Milde und Schonung zu behandeln. Der Wirth gab in⸗ deß hierauf keine Antwort, ſondern entfernte ſich ſchweigend. Als er die Thür wieder zuſchlug, öffnete Gomet die Augen, erſchrocken wollte er ſich aufrichten, als er einen Fremden vor ſich gewahrte, aber wie vorhin ſank er kraftlos auf — 424— den Stuhl zurück. Er ſtarrte jetzt wild um ſich her und ſchien vergeſſen zu haben, was ſich rund um ihn zugetragen. Bartholin näherte ſich ihm neuerdings, neigte ſich zu ihm nieder, und ſprach in einem Zutrauen erweckenden Tone: „Ich habe mich Euch vorhin als Arzt zu erken⸗ nen gegeben, und wirklich, ich betrachte jeden mir aufſtoßenden Kranken als meinen Patienten; meine Reiſe⸗Apotheke liegt aber leider jetzt auf der Landſtraße bei meinem übrigen Gepäck; ein Un⸗ fall, welcher Urſach geworden, daß wir Euch hier beſchwerlich fallen. Wollt ihr aber unter⸗ deſſen ein Glas Wein mit mir trinken, ſo würde Euch das vielleicht ſtärken. 1 Bartholin ſchob einen kleinen Tiſch näher zu dem Alten hin, ſchenkte zwei Gläſer voll und leerte eines auf das Wohl des Fremden. Gomet ſchüttelte mit dem Kopfe und ſchob das Glas zurück. Bartholin aber neigte ſich noch näher zu ihm hin:„ich verſichere Euch,“ ſprach er,„einige Tropfen dieſes guten alten Weines werden Euch beſſer thun als jede Arzenei, ver⸗ ſucht es nur einmal.“ — 125— Gomet eichtete aus ſeinen matten Augen einen durchdringenden und, wie es ſchien, ſpähen⸗ den Blick auf Bartholin; kaum aber hatte er einen Augenblick lang in das blaue offene Auge deſſelben geſchauet, als er auch ſofort das Glas nahm und es mit zitternder Hand an ſeine Lippen führte. In demſelben Augenblick malte ſich indeſſen in allen ſeinen Zügen der größte Widerwille, er ſetzte das Glas wieder hin, gleich⸗ ſam als wolle er zu erkennen geben, daß er unmöglich trinken könne. Dabei ſchauderte er ſichtlich zuſammen. Bartholin blickte ihn bedenk⸗ lich an:„Ihr ſeyd ſehr krank!“ ſprach er. Das bittere Lächeln, welches bei dieſen Worten Gomets Lippen verzog, hatte etwas Furchtbares und Schreckliches. Verachtung des Lebens und ſeiner Leiden, ein— man könnte ſagen— höhniſches Bewußtſeyn ſeines eigent⸗ lichen fürchterlichen Zuſtandes, und Zweifel an jedweder Linderung, an jedweder Theilnahme, ſprachen ſich in dieſem Lächeln ſo unverkennbar aus, daß Eliſabeths Herz ſich in Wehmuth und Mitgefühl auflöſte. —- 4126— „Glaubt Ihr?“ fragte Gomet mit derſel⸗ ben Bitrerkeit im Tone, die früher ſein Lächeln bezeichnet hatte,„glaubt Ihr alſo wirklich daß ich krank ſey?“ „Allerdings,“ entgegnete Bartholin, gelaſ⸗ ſen wie zuvor,„Ihr bedürft gar ſehr der Ruhe und der Stärkung, wenn Ihr demnach meinem Rathe folgen wollt, ſucht Ihr unverzüglich Euer Lager.“ alf 1 Statt aller Antwort ſchüttelte Gomet mehre⸗ remale heftig mit dem Kopfe, da trat Schmidt herein, berichtend, daß angeſpannt ſei. Bartho⸗ lin meinte, der Fuhrmann könne wohl allein die Stelle finden, wo ſein zerbrochener Wagen läge, der Wirth aber verſicherte, daß das durch⸗ aus nicht anginge, indem es nur ein Knabe ſei, dem er nicht Wagen und Pferde allein anver⸗ trauen könne. Da Bartholin ſich demnach ge⸗ nöthigt ſah, mit zu fahren, zog er den Wirth bei Seite, bemerkte ihm, daß der alte Mann ſo krank ſei, daß er Bedenken trage, ſeine Frau bei ihm zu laſſen, und fragte, ob er nicht ein anderes Zimmer habe, wo ſie ſich bis zu ſeiner Zurückkunft aufhalten könne. Der Wirth entgegnete, daß er nur ein einziges Zimmer übrig hätte, welches zu Dienſten ſtände; bemerkte aber zugleich, daß der Fremde während ſeines Auf⸗ enthalts bei ihm ſchon oft ähnliche Zufälle ge⸗ habt habe, und daß er demnach auch jetzt keine plötzliche Auflöſung deſſelben befürchte. Bartho⸗ lin beobachtete den ſchlummernden Gomet noch einmal auf das Sorgfältigſte, dann ſprach er leiſe zu ſeiner Gattin gewandt, daß ſie das Zim⸗ mer doch ſo bald als möglich verlaſſen möchte, da der Zuſtand des wunderbaren Alten höchſt be⸗ denklich ſei. Eliſabeths Gedanken aber waren, wie ihre Blicke, ſo ganz mit dem Fremden be⸗ ſchäftigt, daß ihr die Worte ihres Gatten dies⸗ mal faſt ungehört verklangen, und als Bartho⸗ lin ſie noch einmal dringend erſuchte, ſich fort zu begeben, widerſetzte ſie ſich dieſem Verlangen mit einer ſolchen Lebhaftigkeit, daß er endlich nachgab, ihr Lebewohl ſagte und von dannen eilte. Gleichſam mechaniſch reichte ſie ihm ihre Hand hin, und kaum wußte ſie was er eben zu ihr geſagt hatte. Die paar Worte, welche Go⸗ met ſprach, waren es eigentlich, was ihr Ge⸗ müth in einen ſo unruhigen Zuſtand verſetzt — 128— hatte; bei ihrem Klange waren ihr die dunkle Ahnung und die Theilnahme, welche ſich gleich bei dem erſten Anblick des Fremden ihrer bemäch⸗ tigt hatten, ſofort klar geworden. Sie hatte nämlich die Stimme wieder erkannt, deren wun⸗ dervoller herzergreifender Wohlklang ſich in ih⸗ rer Kindheit ihrer Seele tief einprägte; und klar war es ihr jetzt, daß jener unglückliche, zwar keineswegs ſchuldloſe, aber deshalb um ſo bekla⸗ genswerthere Mann vor ihr da ſaß. Bei dem Gedanken aber, daß ſie ſich jetzt mit ihm allein befand, ſchauderte ſie plötzlich ſchreckhaft zuſam⸗ men. Nun erfüllte ſich auf einmal ganz uner⸗ wartet dasjenige, was ſie ſo oft mit ſchwärme⸗ riſcher Heftigkeit vom Himmel erfleht hatte. Aber auf welche Weiſe war dieſer Wunſch in Erfüllung gegangen! In ihrer Herzensangſt hatte ſie ſich der Thür genaht, denn es war ihr ein⸗ geſallen, daß ihr Gatte und ſie ſich ängſtlich be⸗ müht hatten, ein Zuſammentreffen mit dieſem Unglücklichen zu vermeiden; da aber gedachte ſie, daß ſie gerade deshalb dieſe Begegnung als eine unmittelbare Fügung des Himmels zu betrach⸗ ten habe, ſo wie daß dies unfehlbar das Letzte⸗ — 129— mal ſei, daß ſie ihn in dieſer Welt ſehen und daß ſie es ſich demnach nicht verzeihen könne, wenn ſie den Augenblick, den ſie ſo viele Jahre ſehnſuchtsvoll herbeigewünſcht hatte, jetzt unge⸗ nutzt vorüber gehen ließe. Sie mußte mit ihm reden, das fühlte ſie, zugleich aber fühlte ſie auch, wie ſchwer es ſei ſich ihm zu nähern, und wie behutſam das geſchehen müſſe, um dem Tod⸗ kranken und zum Tode Verurtheilten nicht den letzten tödtlichen Streich zu verſetzen. Dieſe Betrachtung ſteigerte ihre Angſt noch mehr und ſo nothwendig ihr auch gerade jetzt eine ruhige Beſonnenheit war, ſo unmöglich war es ihr doch zu derſelben zu gelangen. Als nun aber der Kranke ſeine Augen wieder aufſchlug und ſeinen Blick auf ſie richtete, da ſchwand bei ihr jedwede Bedenklichkeit. Sie näherte ſich ihm, grüßte ihn mit Schüchternheit, und nahm Platz auf dem Stuhle, den ihr Mann hingeſcho⸗ ben hatte, denn ſie vermochte ſich nicht länger auf den Füßen zu erhalten. Dann begann ſie mit debender Stimme und niedergeſchlagenen Augen, ohne daß ſie ſelbſt eigentlich wußte was ſie ſagen wollte:„Mein Man kehrt hald zu⸗ — 13³30— cück, ich hoffe, er wird in einer halben Stunde wieder hier ſeyn.“— Sie hielt einen Augen⸗ blick lang inne, dann fuhr ſie fort:„er iſt in Dänemark geboren— er nennt ſich Bartholin, da er aber ſeit mehreren Jahren von dort abwe⸗ ſend war, kennt er keinen der großen und be⸗ rühmten Staatsmänner, deren Namen ganz Eu⸗ ropa mit Bewunderung nennt. Sie ſchwieg neuerdings. Da aber Gomet, oder vielmehr Ulfeld, wir wiſſen ja jetzt den wahren Namen des unglücklichen, ſie nur mit ſtummer Verwunderung und Erwartung anblickte, war ſie genöthigt, wieder das Wort zu nehmen⸗ Sein mistrauiſches Weſen hatte ſie vermuthen laſſen, daß er fürchte, eeckannt und verrathen zu werden, und ſie wünſchte daher, ihn in die⸗ ſer Rückſicht zu beruhigen, wußte aber nicht recht, wie ſie es anfangen ſollte.„Ich bin in Holland geboren“— fuhr ſie demnach nicht ohne Verlegenheit fort,—„aber ich habe ver⸗ ſchiedene Reiſen gemacht, noch vor einigen Mo⸗ naten war ich— war ich in Dänemark.“ „Nun— und dort— 2“ fragte Ulfeld in krampfhafter Spannung. — 13¹1— „Dort ſah ich— die Gräfin Ulfeld,“ er⸗ widerte Eliſabeth. Kaum aber waren dieſe Worte unwillkürlich ihren Lippen entflogen, als ſie auch ſofort viel darum gegeben haben würde, hätte ſie ſie zurückrufen können, denn ſie ſah daß Ulfeld kraftlos zuſammenſank und vernahm daß ſchwere dumpfe Seufzer ſeiner Bruſt ent⸗ ſtiegen. Sie fuhr erſchreckt empor und wollte zur Thür eilen um Hülfe herbeizuholen, da aber richtete ſich Ulfeld plötzlich wieder auf, und Eli⸗ ſabeth ſah nunmehr in ſeinem dunkeln Auge eine Thräne glänzen; er winkte ihr näher zu treten, betrachtete ſie aufmerkſam, und bat ſie dann durch Zeichen, ihm das Glas Wein zu reichen, welches er vorhin zurückgewieſen hatte, das er jetzt aber bis auf den letzten Tropfen leerte; auch ſchien ſeine krampfhafte Spannung nach⸗ gelaſſen zu haben. „Mein Mann iſt Arzt,“ nahm demnach Eliſabeth neuerdings das Wort, indem ſie ih⸗ ren Platz von vorhin wieder einnahm,„und, wie viele ſagen, ein gar geſchickter Arzt, und recht glücklich in ſeinen Kuren, wenn Ihr Euch — 132— ihm anvertrauen wolltet, er könnte Euch viel⸗ leicht“—— „Heilen!“ unterbrach ſie ulfeld in einem davon erſchreckt, von ihrem Stuhle wieder auf⸗ ſpringen wollte, da aber erfaßte er ihren Arm und gab ihr durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie ihm das Glas wieder füllen möchte. Nach⸗ dem er einige Tropfen Wein zu ſich genommen, legte er ſich in ſeinem Stuhle zurück, um ſich zu ſammeln. Auch Eliſabeth bedurfte einiger Au⸗ genblicke, um ihre Faſſung wieder zu gewinnen, Die eiſige Kälte ſeiner Hand hatte noch dazu beigetragen, ihre ängſtliche Stimmung zu ver⸗ mehren. Nach einer kurzen Pauſe richtete ſich Ulfeld wieder auf.„Ihr waret alſo in Däne⸗ mark?“ begann er mit ſchwacher Stimme,„und habt die unglückliche Frau geſehen?“ „Ja, Herr Gomet,“ entgegnete Eliſabeth etwas muthiger,„ich habe ſie geſehen, ſie war noch eben ſo ſchön und blühend, noch eben ſo ruhig und würdevoll, wie in der glücklichſten über ihr Geſchick den Sieg davon.“ ſo furchtbaren und bitteren Tone, daß Eliſabeth, Zeit ihres Lebens, denn ihre große Seele trug N —- 1435— Während Eliſabeth dieſe Worte ſprach, flammte ein augenblickliches Feuer in Ulfelds Augen auf, ſchnell aber ſenkte er die Blicke zu Boden.„Da Ihr einmal der edlen Frau erwähnt habt,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme und abgewandtem Antlitz,„ſo ſagt mir, was glaubt Ihe— daß Euer Gatte oder einer ſeiner Landsleute thun würde, wenn der Gemahl jener edlen Frau ihm in die Hände fiele?“ Eliſabeth ſenkte ihre Blicke, ein ſolches Zu⸗ ſammentreffen hatte ſie nie gewagt ſich deut⸗ lich zu denken; jetzt ſann ſie gewiſſenhaft und ängſtlich darüber nach, da ſchlug ſie endlich plötz⸗ lich ihr Auge wieder empor.„Mein Gatte,“ ſprach ſie,„liebt ſein Vaterland und ſeinen Kö⸗ nig, ich glaube nicht daß er ſich eines Mannes annehmen würde, der von dem Letzteren verur⸗ theilt worden; das aber weiß ich gewiß, nim⸗ mermehr würde er denjenigen verrathen, der ihm ſein Vertrauen ſchenkte, immerdar würde er bereit ſeyn denjenigen, der ſich als Kranker ſeinen Händen übergab“—— „Heilen zu laſſen, nicht wahr?“ unterbrach ſie Ulfeld in einem furchtbaren Tone, indem er — 434— ich dabei zu gleicher Zeit mit dem Zeigefinger über die Gurgel fuhr. Eliſabeth war ihm mit einer allzu großen Herzlichkeit entgegen gekom⸗ men, als daß ein ſolches Mistrauen nicht hätte ihren Unwillen rege machen ſollen; ſie gedachte indeß der Lage des Unglücklichen, bezwang ihr Gefühl und ſchauete ihm frei und offen in das dunkle matte Auge, aus dem die augenblickliche Flamme hervorleuchtete, wie der feurige Blitz⸗ ſtrahl wenn er plötzlich von dem düſtern Win⸗ terhimmel niederzuckt. Wenige Augenblicke dar⸗ auf ſank Ulfeld neuerdings zuſammen, ſeine Au⸗ gen ſchloſſen ſich und er entſchlummerte wie vor⸗ hin; ſein Schlaf war indeſſen unruhig, er zuckte krampfhaft, ſtöhnte, ſtammelte einzelne Worte, und ſchien angſtvoll zu träumen.„Eleonore, Eleonore!“ rief er endlich,„wo biſt Du? wo biſt Du? die Mörder kommen!“ Bei dieſen Worten fuhr er heftig zuſammen, ſchlug die Augen auf und ſchauete wild um ſich. Eliſabeth ſuchte ihn zu beruhigen, er aber ſchüttelte nur mit dem Kopfe und deutete auf die auf dem Tiſche ſtehende Waſſerflaſche. Sie glaubte er fordere Wein und füllte neuerdings ſein Glas,⸗ — 135— da rief er heftig:„Nein, nein! der Wein ver⸗ mehrt nur die Fieberträume!“ Während er darauf ein großes Glas Waſ⸗ ſer begierig zu ſich nahm, rollte der Wagen vor die Thür. Einige Augenblicke darauf traten Bartholin und Schmidt herein, und nachdem Eliſabeth im Fenſter leiſe einige Worte mit ihrem Gatten geſprochen hatte, nä⸗ herte ſich dieſer dem Unglücklichen, während Schmidt denſelben mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete. Da erhob ſich ulfeld, den dies zu beunruhigen ſchien, mit großer Anſtrengung plötz⸗ lich von ſeinem Sitze, mit der einen Hand hielt er ſich an dem Kamin, mit der andern aber ſtrich er ſich die eisgrauen Locken von der hohen aber tief gefurchten Stirn, aus ſeinen Augen ſprühten wilde Flammen, und ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft und gewaltig.„Töd⸗ tet mich nur hier auf der Stelle!“ rief er da⸗ bei mit furchtbarer Stimme,„lebendig fangt Ihr mich nichet lebendig laſſe ich mich nicht fangen!“ 3 Bartholin trat einen Schritt zurück, und verſicherte ihn, daß er ſich nur genaht habe, um — 136— ihm Lebewohl zu ſagen. Ach es wäre jetzt ſo leicht geweſen, ſich des Unglücklichen zu bemäch⸗ tigen, denn kaum hatte er die obigen Worte hervorgeſtoßen, als er auch ſofort kraftlos auf ſeinen Stuhl zurückſank. Seine Augen ſchloſ⸗ ſen ſich, und Eliſabeth glaubte, ſie würden ſich hienieden nie wieder öffnen, ſeine Bruſt aber hob ſich gewaltig und beurkundete, daß der Un⸗ glückliche noch nicht den Frieden gefunden habe. Erfaßt von den mannigfachen Erinnerungen und Gefühlen, welche ſich, wenn ſie ihn betrachtete, ihrer bemächtigten, neigte ſich Eliſabeth theil⸗ nehmend über ihn, er faßte ſeine herabgeſunkene Hand und drückte ſie an ihr Herz, während häufige Thränen ihren Augen entſtrömten. Bar⸗ tholin fragte jetzt den Wirth, welcher ſich auf einige Augenblicke entfernt hatte, jetzt aber wieder hereintrat, ob der Wagen bereit ſey, und ob ſie wohl hoffen könnten, noch vor Anbruch der Nacht in Baſel einzutreffen. Während er ſprach, ſchlang er den Arm freundlich um ſeine Gattin, und bemühte ſich ſie zu ſich hinzuziehen. Schmidt verſicherte, daß dies allerdings angehen könnte, fügte aber mit gehobener Stimme, ſo . 3 . —, ⁰(— als ob es Ulfeld, welcher jetzt wieder erwacht war, auch hören ſollte, hinzu:„Ein heftiger Sturm, welcher ſich ſo eben erhoben hat, macht das Reiſen beſchwerlich, zumal zu Waſſer. Bartholin meinte indeß, daß das Unwetter ſei⸗ ner Gattin nicht ſchaden würde, forderte die⸗ ſelbe auf, keine Zeit zu verlieren und ſagte dem Wirth und Ulfeld mehreremale Lebewohl. End⸗ lich folgte Eliſabeth dem Rufe ihres Gatten— in der Thür aber wandte ſie ſich noch einmal um, um den Mann zum Letztenmale zu ſehen, der ſeit ihrer Kindheit ihre Gedanken und Ge⸗ fühle ſo ungemein beſchäftigt hatte. Das Wetter war in der That ſtürmiſch und unfreundlich, wie es der Wirth berichtet hatte, dieſer Umſtand aber war Eliſabeth keines⸗ weges unangenehm, denn ſie benutzte ihn, ſich dicht in ihren Mantel zu hüllen und ihren Be⸗ trachtungen nachzuhängen. So langten ſie zu Baſel vor dem Hauſe Seegers an; ſie waren einige Tage ſpäter eingetroffen, als dieſer Freund erwartet hatte und fanden denſelben daher nicht daheim, wohl aber einen Brief an Bartholin, „ worin Seeger dieſen benachrichtigte, daß er ſich — 138— nach Neuburg zu der Hochzeitsfeier eines ſeiner vertrauteſten Freunde habe begeben müſſen, wo⸗ hin er wünſchte daß ihm Bartholin und ſeine junge Gattin gleich nach ihrer Ankunft folgen möchten, da ſein Freund ſie ebenfalls ausdrück⸗ lich zu ſeinem Ehrentage eingeladen habe. Unſere freundlichen Leſer werden leicht begreifen, wie wenig Eliſabeth in dieſem Augenblick geſtimmt war, einer ſolchen Feſtlichkeit beizuwohnen; Bartholin aber, welcher gewahrte, wie ſehr das Zuſammentreffen mit jenem Unglücklichen ſie er⸗ ſchüttert hatte, und ſich überzeugt hielt, daß eine ſolche Zerſtreuung wohlthätig auf ſie wirken würde, bezeigte eine ſo große Luſt der Einladung Seegers zu folgen, daß ſie endlich nachgab⸗ Sie machten ſich demnach ſchon früh am näch⸗ ſten Morgen nach Neuburg auf den Weg, und langten dort um vier Uhr Nachmittags an⸗ Das Brautpaar hatte ſich indeſſen ſchon zur Kirche begeben, und während man nun Bartholin das für ihn beſtimmte Zimmer anwies, ward Eliſabeth einſtweilen in ein klein Gemach ge⸗ führt, worin man in der Eile einen Theil des Hausgeräths aufgehäuft hatte, vermuthlich weil —: ℳ⸗ꝛ—:—::⏑ꝛℳάꝛ—ꝛ—::—Bj.—————— ——— — 41³39— man befürchtete, daß es bei'm Tanzen hinder⸗ lich ſeyn würde. Hier ſaß nun Eliſabeth ſtill und ſchwermüthig, da trat eine Magd herein von einem kleinen Mädchen begleitet, mit einem Korbe voll Blumen, welche wahrſcheinlich von dem Brautkranze übrig geblieben waren, die ſie jetzt aber nachläſſig zu den übrigen Sachen warf. Als die Kleine Eliſabeth gewahrte, lief ſie auf ſie zu und fragte freundlich:„Willſt Du ein Paar von den Blumen haben? nimm nur, welche Du willſt.“ „Gieb Du ſie mir lieber,“ verſetzte Eliſa⸗ beth,„ſie werden mir dann um ſo mehr Freude machen.“ Die Kleine griff hurtig in den Korb, und nahm eine Roſe, ſammt Myrthe und Rosmarin heraus; indem ſie nun aber die Blumen der Fremden eilig hinreichen wollte, zerknickte ſie den Stengel der Roſe. Eliſabeth war zwar nicht abergläubiſch, dennoch wird man ſich nicht wundern, daß ſie in ihrer dermaligen Stimmung dieſen Umſtand als eine böſe Vorbedeutung be⸗ trachtete. — 440— „Die arme Roſe!“ rief die Kleine, warte ich will Dir eine andere geben.“ „Nein nein,“ erwiederte Eliſabeth, indem ſie die Myrthe und den Rosmarin nahm,„dieſe da ſind mir grade recht.“ In dieſem Augenblick trat Bartholin her⸗ ein und bat ſeine Gattin ſich ſchnell umzuklei⸗ den, da ſie dem aus der Kirche kommenden Zuge entgegen gehen und ſich ihm anſchließen wollten. Eliſabeth kleidete ſich um, ſo gut es in der Eile geſchehen konnte, ſteckte die Blumen vor die Bruſt und machte ſich darauf mit Bartholin auf den Weg. Um dorthin zu gelangen, muß⸗ ten ſie an einem Kloſter vorüber, da gewahrten ſie plötzlich einen Zug anderer Art, welcher ſich langſam über den Kloſterkirchhof hinbewegte; einige Mönche trugen nämlich eine Leiche, einige andere folgten. Bartholin, welcher gern alles vermeiden wollte, was die Schwermuth ſeiner Gattin vermehren konnte, wollte ſeinen Weg fortſetzen, Eliſabeth aber war nicht fortzubringen, es ſchien als wäre ſie an dieſer Stelle feſt⸗ gebannt.— Da öffnete ſich plötzlich ein Pförtchen in der Kloſtermauer, und heraus trat — — 141— Schmidt der Wirth, bei dem ſie, als ihr Wa⸗ gen gebrochen, Aufnahme gefunden. Als Eliſa⸗ beth ihn gewahrte, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, und mit Blitzesſchnelle, ſo daß Bartholin ihr nicht zu folgen vermochte, ſtürzte ſie auf ihn zu, erfaßte ſeinen Arm und fragte:„wann, wann ſtarb er? wie kam er hierher?“ Schmidt wich anfangs beſtürzt zurück, im nächſten Mo⸗ ment aber erkannte er Eliſabeth wieder.„Wie treffe ich Euch hier?“ fragte er,„ich glaubte Ihr wolltet Euch nach Baſel begeben. Ja ja, nun iſt es aus mit dem ſogenannten Herrn Go⸗ met, jetzt wiſſen wir, wer er eigentlich war.— Woher aber wißt Ihr, daß er es iſt, den wir hier begraben?“—. „So ſagt mir doch nur zuvor, wie die Leiche hierher kommt,“ unterbrach ihn heftig Eliſabeth, wobei ſie, um nicht zu Boden zu ſin⸗ ken, genöthigt war ſich an die Kirchhofsmauer zu lehnen. In dieſem Augenblick ward der Lei⸗ chenzug durch einige Fremde angehalten,„wen begräbt man hier?“ fragte einer derſelben. „Den Dänen Ulfeld!“ antwortete Schmidt. — 442— „Den Landesverräther, der mit Steckbrie⸗ fen verfolgt worden!“ rief Jener.„Was habt Ihr davon, daß Ihr den hier begrabt,“ nahm ein Anderer das Wort;„man wird ihn doch wahrſcheinlich wieder ausſcharren, um ihn zu viertheilen.“„Ja ja,“ bemerkte der Erſte, neinen Leichenſtein braucht ihr ihn nicht zu ſetzen, hat man ihm doch in ſeinem Vaterlande ſchon ein Denkmal errichtet.“ Mit einem unbeſchreibbaren ſchmerzhaften Gefühl, wandte ſich Eliſabeth wieder zu der Leiche, welche jetzt grade hinab in die Gruft ge⸗ ſenkt wurde; neugierig drängten ſich die Umſte⸗ henden hinzu und gefühllos ſtarrten ſie hinunter auf den Sarg. „Kein Herz außer dem meinen,“ dachte Eliſabeth,„bewegt ſich hier in mitleidsvollem Gefühl für den Unglücklichen, kein Gebet ſteigt hier zum Himmel um für ihn nach dem langen Kampfe Frieden und Ruhe zu erflehen.— Fern von ſeinem Vaterlande, fern von der treuen Gattin, wird hier ein Vater von ſieben Kindern in die Erde geſenkt, von denen es keinem ge⸗ ſtattet iſt, ſich ſeinem Grabe zu nahen, in wel⸗ — 143— chem ihm ſelbſt keine Ruhe vergännt werden wird.“— Unter dieſen Betrachtungen ſtrömten ihr die Thränen über die Wangen hinab, lang⸗ ſam und unbemerkt zog ſie die Myrthe und den Rosmarin hervor und ließ ſie hinab gleiten auf den Sarg. Als man nun die Erde darauf warf, ſtimmten die Mönche ein Requiem an. Bartholin aber ſchlang ſeinen Arm um ſeine Gattin und führte ſie faſt mit Gewalt von der Stelle, wo ihre Gemüthsbewegung und ihre Thränen die Aufmerkſamkeit der umſtehen⸗ den rege zu machen begannen. Unverzüglich kehrte er jetzt mit ihr nach dem Hauſe ſeines Freundes zurück, um ihretwillen aber, und weil er ſelbſt begierig war, etwas über Ulfelds Ende zu erfahren, hatte er Schmidt ein Zeichen gege⸗ ben ihm zu folgen, und kaum befanden ſie ſich alle drei in dem ihnen angewieſenen Gemache, als Schmidt auch ſofort ſolgenden Berichr begann. „Die Geſchichte iſt leicht erzählt,“ ſprach er, nder ſogenannte Herr Gomet hatte mich, noch bevor Ihr bei mir eintraft, dringend erſucht, ihn entweder über den Rhein nach Breiſach, oder hierher nach Neuburg in das Oeſtereichiſche . —- 444— zu ſchaffen, wo er ſich ſichrer glauben mochte. Ich war gern dazu bereit, da ich ein kleines Boot beſitze, mich auf dem Waſſer herum zu tummeln verſtehe und übrigens ihn gern aus meinem Hauſe los ſeyn wollte.“”“ —„Kaum wart Ihr fort, als er neuerdings heftig in mich drang, mein Verſprechen zu er⸗ füllen; zwar ſtellte ich ihm vor, daß es furcht⸗ bar ſtürme, er aber ließ nicht nach, bot mir dreifachen Lohn und ſo willigte ich denn endlich ein. Es war kein leichtes Geſchäft ihn hinab ins Boot zu ſchaffen, wo er, in ſeinen Mantel gehüllt, mehr lag als ſaß. Es ſtürmte gar ge⸗ waltig wie Ihr wißt, auch war der Strom ſehr heftig, ſo daß wir tüchtig bin und her geworfen wurden, welches er aber wie ich glaube nicht bemerkte, denn er ſchien nur beſorgt, daß man ihm nachſetzen und ihn ergreifen möchte, ſo ängſtlich lugte er ſtets nach allen Seiten aus ſeinem Mantel heraus. Kaum aber hatten wir zwei Meilen zurückgelegt, als er plötzlich zu zuk⸗ ken begann und ohnmächtig wurde, ſo daß ich ſchon glaubte, es wäre mit ihm vorbei; als aber eine Welle über das Boot ſchlug und ihn ) —— ——— —- 445— durchnäßte, kam er wieder zu ſich, und nun mußte ich ihm einen Trunk Waſſer reichen. Nunmehr gab er ſich mir zu erkennen und er⸗ klärte, daß er der bekannte Graf Ulfeld ſey, daß er unſchuldig verfolgt würde— und gab dann ſeinen Geiſt auf. Ihr könnt glauben, daß ich alle Seegel aufzog um bald hierher zu gelangen, denn es hatte wahrlich etwas Grauſenhaftes, ſich auf den ſturmbewegten Wellen ſo allein mit einer Leiche zu befinden; zumal da die Dun⸗ kelheit hereinzubrechen begann. Endlich erreichte ich glücklich das Ufer, ein Paar barmherzige Mönche halfen mir ihn aus dem Boote hier nach dem Kloſter zu ſchaffen. Bei ihm fanden ſich eine Uhr, vierzig Piſtolen am Werth, und funfzig Ducaten in baarem Gelde, ſammt meh⸗ reren Papieren und einem Verzeichniß ſämmt⸗ licher von ihm in fremden Banken niedergeleg⸗ ter Gelder. Wie Ihr geſehen habt, haben ihn darauf die barmherzigen Brüder begraben, und ſein Grab eingeweiht, um dem Ausgra⸗ ben des Leichnams von Seiten fremder Mächte vorzubeugen; auch haben ſie den Entſchluß ge⸗ faßt, Seelenmeſſen für ihn di leſen. —-— 146— Nachdem Schmidt ſeinen Bericht geendet hatte, nahm er von Bartholin und⸗ ſeiner Gat⸗ tin Abſchied und ſagte, er wolle jetzt machen, daß er mit ſeinem Boote wieder nach Hauſe käme. Wiährend ſeiner ens ihlung hatte Eliſabeth aan der Bruſt ihres Mannes geruht und heftig geweint; als ſie ſich allein befanden, ſprach der Letztere zu ſeiner Gattin:„Mein Auge hat mich nicht getrügt, Eliſabeth, ich ſah daß der Tod ſeine Scheitel berührt hatte. Wohl ihm, er hat den Kampf des Lebens ausgeſtritten, Friede ſey mit ihm!“ „Du kannteſt ihn alſo?“ fragte leeh, „Du ahneteſt———“ 8 „Konnteſt Du daran zweifeln,“ entgegnete Bartholin,„nur ſo konnte der Mann ausſehen, den ein Theil ſeiner Zeitgenoſſen anbetete, wäh⸗ rend ihn der andere haßte und verfolgte. Ich wiederhole es Dir, wohl ihm daß er endlich den Hafen des Friedens gefunden; ſein Lebensſchiff war zu oft geſtrandet, er konnte auf keine glück⸗ liche Fahrt mehr rechnen, denn er ſegelte zuletzt — 447— ohne Steuerruder und Kompaß; jetzt legt er Rechnung ab vor einem barmherzigen Richter.“ Man wird ſich leicht vorſtellen, daß es nach dieſem Auftritte Eliſabeth unmöglich war an der Hochzeitsfeierlichkeit Theil zu nehmen; der Schall der Inſtrumente, der zu ihrem einſamen Gemache her tönte, ſtand im ſchneidenden Con⸗ 3 traſt zu ihrer Gemüthsſtimmung. Am nächſten Tage kehrten ſie mit Seeger nach Baſel zurück, wo ſie ſich ein paar Tage 8 aufhielten. Dann begab ſich Bartholin mit ſei⸗ ner Gattin nach Paris, wo es ihm nicht wenig Freude machte, Eliſabeth in der ungeheuren Hauptſtadt umherzuführen. Sie hatte einen zu offenen Sinn für alles Schöne und Sehenswür⸗ dige, als daß ſie alle die neuen Gegenſtände, welche ſich ihren Blicken darboten, nicht hätte mit Bewunderung anſchauen ſollen. Dennoch war keine der vielen Zerſtreuungen im Stande, die Erinnerung an den ſterbenden Ulfeld aus ih⸗ rer Seele zu verbannen; denn immer wieder und wieder gedachte ſie ſeiner und ſeiner Kinder, der heimath⸗ und vaterloſen Flüchtlinge, und der 1 8 - 4148— unglücklichen Königstochter, welche fern von den Ihrigen im ſchmachvollen Kerker ſchmachtete. Endlich, nachdem ſie ſich ein paar Monate in n Paris aufgehalten, und eine kleine Reiſe in's ſüdliche Frankreich gemacht hatten, ward im Juli Monat die Rückkehr nach Dänemark be⸗ ſchloſſen und der Tag der Abreiſe feſtgeſetzt, da trat ein Umſtand ein, welcher mehr als alle bis⸗ herigen Zerſtreuungen Eliſabeths Gedanken von der unglücklichen Familie Ulfeld abzog. Eine unerklärbare Niedergeſchlagenheit hatte plötzlich ſich Bartholins bemächtigt und ſeine Seele tief ge⸗ beugt, ſo ſehr er ſich auch bemühte, ſeine Schwer⸗ muth zu bekämpfen, oder wenigſtens zu verber⸗ gen. Vergebens war Eliſabeths liebevolles Be⸗ mühen die Urſache dieſes Trübſinns aufzufinden, er wich ängſtlich allen ihren Fragen aus, ja die⸗. ſelben ſchienen ſeine Schwermuth nur noch zu vermehren, und ſeiner Gattin blieb daher nichts übrig, als auf eine ſchleunige Rückkehr in's Va⸗ terland zu dringen, von der ſie für den Gemüths⸗ zuſtand ihres theuren Gatten die beſten Folgen hoffte. Der einzige Grund, welchen er als Ur⸗ ſache ſeiner Schwermuth an⸗ vielleicht aber auch 449— nur vorgab, war eine leichte Unpäßlichkeit. Eli⸗ ſabeth glaubte, dieſelbe ſey durch ſeine Sehnſucht nach der Heimath veranlaßt, und drang dem⸗ nach auf eine ſchleunige Rückkehr. Um ſo mehr aber war ſie überraſcht, als ihr Gatte ihr kurz vor dem zur Abreiſe feſtgeſetzten Tage 2 den Vorſchlag machte, zuvor ihrer Baſe in Brügge einen Beſuch abzuſtatten. Eliſabeth wandte manches dagegen ein, aber Bartholin erklärte ihr nunmehr unverholen, daß er durchaus genöthigt ſey, eine Reiſe von drei bis vier Wochen zu machen, und daß er wünſche, ſie möchte ſich während dieſer Zeit bei ihrer Baſe aufhalten. Eliſabeth, welche ſich, zumal jetzt, wo ihr Gatte leidend war, nur mit großem Schmerze von demſelben trennte, drang in ihn, ihr zu geſtat⸗ ten, ihn doch auf ſeiner Reiſe begleiten zu dürfen; er aber verſicherte, daß dies durchaus unthunlich ſey, und ſo mußte ſie ſich denn endlich, wenn gleich mit ſchwerem Herzen, in ſei⸗ nen Willen fügen. Ihre Baſe nahm ſie freundlich auf; Eliſa⸗ beths Kummer aber, als ihr Gatte jetzt von ihr ſchied, war unbeſchreibbar. Seine Briefe tra⸗ k 7 — 150— fen indeſſen regelmäßig ein, und da er im Schrei⸗ ben vermuthlich ſeine Stimmung beſſer verber⸗ gen konnte, ſchien er jetzt auch munterer als bis⸗ her. Die vier Wochen waren beinahe vergan⸗ gen, und ſchon ſah Eliſabeth faſt täglich ſeiner Rückkehr entgegen. Zwar war es ihr aufgefallen, daß er in ſeinem letzten Schreiben derſelben gar nicht erwähnte; da er aber ſelbſt die Zeit ſeiner Abweſenheit feſtgeſetzt hatte, zweifelte we⸗ der ſie noch die Baſe daran, daß er zu dem be-. ſtimmten Zeitpunkte eintreffen würde. Aber die vier Wochen ſchwanden dahin, ohne daß er er⸗ ſchien, ohne daß in der letzten Zeit auch nur eine Nachricht von ihm einging; endlich langte indeß ein Brief von ihm an, worin er berichtete, daß wichtige Geſchäfte bisher ſeine Rückkehr ver⸗ hindert hätten, daß er aber ſpäteſtens in vier⸗ zehn Tagen einzutreffen gedächte, während wel⸗ cher Zeit ſie indeß keinen Brief von ihm zu er⸗ warten habe. In dieſem Briefe war weder das Datum noch der Ort bemerkt, in welchem er geſchrieben worden, auch ſchien überhaupt in dem Inhalte eine eilfertige Verwirrung zu herrſchen. — 151— Auch dieſe vierzehn Tage gingen zu Ende, Bartholin aber erſchien noch immer nicht, und Eliſabeths Unruhe kannte ſetzt keine Gränzen mehr. Schon beſchloß ſie, zumal da ihre Baſe über das Ausbleiben ihres Gatten bedenkliche und über deſſen Charakter nachtheilige Worte fallen ließ, ſich nach Haag zu ihrem Vater zu begeben, um ſeinen Rath einzuholen, was ſie unter den obwaltenden Umſtänden thun ſolle. Da rollte plötzlich eines Abends ein Wagen vor die Thür, ihr Herz pochte mit gewaltigen Schlägen und— wenige Augenblicke darauf lag ihr geliebter Bartholin in ihren Armen. Es währte lange, bevor ſie ſich aus der Ohnmacht erholte, in welche dieſe plötzliche Freude ſie verſenkt hatte. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, ſtand Bartholin neben ihr, er betrachtete ſie wehmüthig und wie es ihr ſchien mit einem Ausdruck des Vorwurfs.„Iſt es mög⸗ lich,“ ſprach er, indem er ſich zu ihr nieder⸗ beugte, und ihre Stirn küßte,„iſt es wahr“ was mir dies bleiche Antlitz verkündet, muß ich. wirklich glauben, daß meine Eliſabeth an mir a zweifelte?“ — 152— „Nicht an Dir habe ich gezweifelt,“. er⸗ wiederte ſeine Gattin,„Lich fürchtete nur es ſey Dir etwas Böſes begegnet.“ a Bartholin hatte ſich übrigens während ſei⸗ ner zweimonatlichen Abweſenheit gar ſehr verän⸗ dert, ſein ganzes Weſen trug jetzt noch mehr als früher das Gepräge der Schwermuth; es ſchien Eliſabeth indeſſen, als wäre er jetzt ruhiger und weniger geſpannt als vor ſeiner Reiſe. Als ſie ſich mit ihm allein befand, und ſie ihrem Gat⸗ ten ihren Entſchluß, ſich nach dem Haag bege⸗ ben zu wollen, mitgetheilt hatte, rief Bar⸗ tholin:„dabei ſoll es bleiben, mein theu⸗ res Weib, wir reiſen morgen zu Deinem Vater!“ „Wie, zu meinem Vater?“ fragte Eliſa⸗ beth erſtaunt,„reiſen wir denn nicht nach Dänemark? „Zu Deinem Vater;,“ wiederholte Bartho⸗ lin,„ich hoffe, meine theure Eliſabeth, Du wirſt dagegen nichts einzuwenden haben.“ Und, wirk⸗ lich rollten ſie ſchon am nächſten Morgen mit Tagesanbruch auf der Straße nach dem Haag dahin. Bartholins Stirn war indeſſen noch — immer umwölkt, und jede Frage Eliſabeths, rück⸗ ſichtlich der Urſache ſeiner Schwermuth, ſchien ihn nur noch tiefer in dieſelbe zu verſenken. Auch bemerkte ſie, daß er ſehr reizbar und leicht verletzt war, ſo wie daß ſich ſehr oft eine bittere Ironie ſeiner bemächtigte. Dieſe letztere ſchmerzte ſie ganz beſonders ungemein; es war das Gepräge ei⸗ nes verwundeten aber kraftvollen Gemüths, welches 2 lieber über ſeinen Schmerz ſpottet, als ſich demſelben hingiebt. Üübrigens ging die Reiſe ſchnell und glück⸗ lich von ſtatten, auch ſchien es, als ob, ſo wie ſie ſich dem Haag näherten, Bartholins Trübſinn im⸗ mer mehr und mehr einer freundlicheren Gemüths⸗ ſtimmung Raum gewährte. Als ſie in die Stadt hineinfuhren, machte er ſeine Gattin auf jeden bedeutenden Gegenſtand aufmerkſam und fragte, ob ſie ſich noch deſſelben erinnern könne; ſie hatte ſich indeſſen in ihrer Kindheit ſo wenig in der Stadt umgeſehen, daß ſie nur wenige Dinge wieder erkannte. Endlich hielt der Wa⸗ gen vor einem großen Gebäude an, Bartholins Miene ward jetzt freudig, ja man hätte ſagen können, triumphirend.„Kennſt Du dieſes Haus?“ fragte er leiſe zu ſeiner Gattin ge⸗ 7 -— 4154— ſeiner Bruſt barg.— 2 Unterdeſſen rollte der Wagen in die Pforte hinein und hielt an; das Vorzimmer war be⸗ leuchtet, und auf der Treppe ſtanden— zwar nicht ganze Reihen prachtvoll gekleideter Diener mit ſilbernen Armleuchtern, wohl aber ein Be—⸗ dienter und eine Magd, mit einer beſcheidenen Kerze in der Hand. Neugierige Zuſchauer dräng⸗ ten ſich zwar nicht heran, ein erlauchtes Gräfli⸗ ches Paar mit ſtaunenden Blicken zu betrachten; die Herren Deputirten der Generalſtaaten harr⸗ ten zwar nicht am Oberende der Treppe um ei⸗ nen königlichen Geſandten zu bekomplimentiren; aber ihr Vater ſtand da auf derſelben Stelle, auf der er vor funfzehn Jahren geſtanden, eben ſo raſch und munter und mit Freudenthränen in den Augen. Bartholin half ſeiner jungen Ge⸗ mahlin aus dem Wagen und im nächſten Mo⸗ ment lag ſie in den Armen ihres Vaters. „Du haſt einen braven Mann, Eliſabeth,“ waren die Worte deſſelben. Aber mitten in die⸗ ſem Freudentaumel, und in dem Zauberreiche welches ſie umgab, gedachte ſie mit innigem wandt, welche ſtatt aller Antwort ihr Antlitz an — 14155— Schmerze derjenigen, welche hier mit gra⸗ zienhafter Anmuth gewandelt hatte, und jeht krank und elend in einem düſtern Kerker ſchmachtete. Arenzen und Bartholin führten Eliſabeth gleich⸗ ſam im Triumph die Stiege hinan, in den im An⸗ fange dieſer Erzählung erwähnten großen Saal, in welchem zu ihrem Erſtaunen wie damals rothe zu⸗ ſammengezogene Fenſtervorhänge ein wunderbares Licht verbreiteten. Dort an jenem Kamin, auf dem ſie große Armleuchter aus gediegenem Silber geſchauet hatte, welche jenes Wappen trugen, das jetzt von Henkershand zerbrochen worden war, ſaß damals der zu ſeiner Zeit ſo geehrte und gefürchtete Mann, während die erſten Män⸗ ner des Landes rund um ihn her ſtanden, demü⸗ thig ſeines Winkes harrend, und mit Entzücken jedes Wort aufnehmend, welcheser ihnen zu ſpen⸗ den ſich herabließ. Eben dieſen Mann hatte ſie vor kurzem in ſeinen letzten Augenblicken geſehen, einſam und verlaſſen, vor dem räuchrigen Kamin einer armſeligen Bauernſtube, ja ſie war Zeuge geweſen, daß er ſelbſt von dieſer elenden Frei⸗ ſtätte mit Hohn um ihretwillen fortgewieſen — 450— wurde, welche vormals, ſelbſt aus der Entfer⸗ 4 nung, kaum ihr Auge zu ihm zu erheben wagte. Dieſe Betrachtungen erfaßten ſie ſo gewaltig, und führten ihr die Vergänglichkeit alles Irdiſchen ſo lebhaft vor die Seele, daß es ihr unmöglich war ſich ſo ſehr zu freuen, wie Arenzen und be⸗ ſonders Bartholin erwartet und gewünſcht hat⸗ ten. Sie führten ſie nunmehr in die inneren Gemächer. Dort hing das Bildniß Chriſtians des Vierten, ſie glaubte es ſey daſſelbe, welches ſie vormals geſehen, an eben der Wand, an der ſie es damals ſchaute.„Nimm Dein Eigenthum in Empfang,“ ſprach jetzt Bartholin zu ihr, in⸗ dem er ſie mit unbeſchreibbarer Innigkeit in ſeine Arme ſchloß.„Ich heiße Dich willkom⸗ men in dieſem Hauſe, wo Du von nun an ſchalten und walten ſollſt. Hier, wo Du in der Phantaſie ſchon ſo lange lebteſt, ſoll jetzt auch die Wirklichkeit freundlich Dich umgeben, und Dir, meine geliebte Eliſabeth, das Leben ſchmüickan und verſchönern.“— Vor Erſtaunen und Verwunderung ſtand Eliſabeth einige Augenblicke lang ſchweigend da, ſie vermochte den Gedanken kaum zu faſſen, daß - 1557— dieſer Ort, der Schauplatz ihrer Lieblingsträume, jetzt ihr Eigenthum ſey. Als ſie nun aber hie⸗ von die überzeugung gewonnen, da konnte ſie nicht umhin zu gedenken, daß Bartholin ihr den ſehnlichſten Wunſch ſeines Herzens zum Opfer gebracht hatte. Seinem Vaterlande einſt ſo recht nützlich zu werden, das war das Gefühl, welches ſeine Luſt an den Wiſſenſchaften genährt und belebt und ihm die Kraft verliehen hatte, die oft dornenvolle Bahn muthig zu durchwandern. Seine künftigen Tage in ſeinem Vaterlande zu verleben, demſelben die Früchte ſeiner Anſtren⸗ gungen darzubringen, das, wußte Eliſabeth, das war ſein Zweck von dem Augenblicke an, in welchem er im Stande geweſen war, einen feſten Entſchluß zu faſſen.. Eliſabeth konnte es demnach nicht begreifen, wie er grade jetzt, faſt am Ziele, dieſes Vorha⸗ ben aufgab, und dieſer ängſtliche Zweifel war die Urſache, daß ſie nur mit halbem Ohre den Worten ihres Vaters horchte, als dieſer ihr be⸗ richtete, wie er im Auftrage ſeines Schwieger⸗ ſohnes das pallaſtähnliche Gebäude erkauft und alles ſo viel wie möglich ſo eingerichtet habe, 4 — 458— 4 wie es ſeinem Gedächtniſſe zufolge zu jener Zeit geweſen, von der Eliſabeth ſo oft geſprochen hatte. Auch berichtete er ihr, wie er auf Bar⸗ tholins ausdrückliches Verlangen das Bildniß Chriſtians des Vierten habe copiren laſſen und zwar in derſelben Größe wie ſie es früher hier geſehen.. Eliſabeth hätte ſich demnach auf dieſem Schauplatze ihrer Jugenderinnerungen an der Seite ihres theuren Gatten und ihres wackern Vaters unfehlbar unausſprechlich glücklich ge⸗ fühlt, wäre nicht der Gedanke, daß Bartholin wahrſcheinlich um ihretwillen ſeinem heißeſten Wunſche entſagt habe, raſtlos wie eine düſtre Gewitterwolke über die Sonne ihres Glückes hingezogen. Die Ungewißheit, weshalb ſich ihr Mann im Haag niedergelaſſen hatte, ward ihr täglich peinlicher; denn, nachdem ſich ſeine erſte Freude über die ſeiner Gattin verurſachte über⸗ raſchung gelegt hatte, gewahrte ſie deutlich in ſeinem Antlitz die Spuren unterdrückten Kum— mers. Zuweilen erſtieg zwar bei Eliſabeth die Vermuthung, daß das Heimweh an ſeinem Her⸗ zen nage, das aber war auch wieder unglaublich, — 150— denn er lebte ja aus eigener Wahl fern von ſeinem Vaterlande. Daß dieſe Entfernung lange dauern würde, ſchloß Eliſabeth theils daraus, daß ihr Gatte im Haag als practiſcher Arzt auf⸗ trat, theils aus der von ihrem Vater erhaltenen Nachricht, daß Bartholin das ihm zugehörende Haus in Copenhagen verkauft habe. Mit der innigſten Zärtlichkeit forſchte ſie raſtlos nach der Urſache ſeines Trübſinns, aber vergebens, er wich ſtets ihren Fragen aus, leug⸗ nete daß er ſchwermüthig ſey und behauptete, ihre Beſorgniſſe wären nichts als Gebilde ihrer Phantaſie. Eines Tages ward er ſchleunig zu einem Kranken gerufen. Während ſeiner Abweſenheit brach ein ſtarkes Gewitter aus, und Eliſabeth begab ſich auf ſein Zimmer, um dort die Fenſter zu ſchließen. Als ſie die Thür öffnete, wurden von dem Zugwinde mehrere Papiere von dem Schreib⸗ tiſche hinab geweht und während ſie nun bemüht ihrem Gatten, dem Anſchein nach erſt vor Kur⸗ zem geſchriebenes Gedicht in die Hand, welches, Eliſabeth konnte begreiflicherweiſe nicht umhin — wear dieſelben zuſammenzulegen, gerieth ihr ein von — 160— es zu leſen, ſeine heiße, unbeſiegbare Sehnſucht nach ſeinem Vaterlande ausſprach. Die Urſache von Bartholins Schwermuth ſtand jetzt klar vor Eliſabeths Seele; weshalb er aber nicht mit ihr in ſein Vaterland zurückkehrte, das war ein Räthſel, welches ſie nunmehr erforſchen mußte; und kaum war er demnach wieder nach Hauſe zurückgekehrt, als ſie auch mit Thränen und ei⸗ ner ſo unwiderſtehlichen Beredtſamkeit in ihn drang, daß er endlich, nach wiederholtem Weigern und langem Zögern, aus einem verborgenen Fache ſeines Schreibtiſches einen Brief hervor⸗ zog und ihn ſeiner Gattin überreichte. Das Schreiben war von Fuiren und lautete wie folgt: „Geſchätzter Herr und Freund! „Das Zutrauen, womit Ihr mich beehrt, verlangt, daß ich Euch die Wahrheit nichr ver⸗ hehle, wie unangenehm dieſelbe Euch auch be⸗ rühren mag. Mit Schmerz habe ich geleſen, wie Ihr am Schluſſe Eures Briefes Euch auf die Heimkehr in Euer Vaterland freuet. Leider aber muß ich Euch offenbaren, daß Ihr hier eben auf keinen günſtigen Empfang rechnen könnt.— — 161— Ihr wißt daß auch ich mit der unglücklichen Familie bekannt war, deren Namen zu nennen nicht gerathen iſt. Da ich übrigens als ein ſtil⸗ ler Mann bekannt bin, der nur für ſeine Stu⸗ dien lebt, hat man es nicht beachtet daß ich zu⸗ gegen war, als jene beklagenswerthe Frau an's Land gebracht wurde.— Dagegen iſt es aber keineswegs der Aufmerkſamkeit der Späher ent⸗ gangen, daß Eure Hausfrau der Unglücklichen mit den Kennzeichen der innigſten Theilnahme vom Ufer bis faſt zu den Pforten ihres Kerkers folgte, daß ſie Thränen vergoß, ja daß ſie aus Kummer über das Schickſal der Dulderin in eine gefährliche Krankheit verfiel, in welcher ſie von der Zofe der Letzteren gepflegt wurde.— Dies Alles ward zwar gehörigen Orts gemeldet, aber wie eine unbedeutende Sache faſt wieder vergeſſen, als hier die Nachricht anlangte, daß Ihr mit dem unglücklichen Manne in einem klei⸗ nen unbekannten Dorfe, wo Ihr durchaus keine Geſchäfte haben konntet, zuſammen getroffen wäret. Man erinnerte ſich jetzt neuerdings des Betragens Eurer Hausfrau in hieſiger Stadt, und behauptete, daß Ihr dem Verfolgten, ſtatt ihn⸗ 11 —-— 162— wie es Eure Pflicht geweſen, ergreifen und le⸗ bendig oder todt hierher ſchaffen zu laſſen, von der ihm drohenden Gefahr Kunde gegeben hättet, worauf ſich derſelbe trotz ſeiner Krankheit und des ſtürmiſchen Wetters nach Neuburg habe bringen laſſen. Auch ward berichtet, wie Ihr mit Eurer Gattin ſogar dem Begräbniſſe desje⸗ nigen beiwohntet, deſſen Haupt auf einen Pfahl geſteckt werden ſollte, und wie Ihr Blumen auf ſein Grab geſtreuet. Alle dieſe Umſtände zuſam⸗ men genommen, wurden nunmehr von den Fein⸗ den des Verurtheilten benutzt, Euch für höͤchſt verdächtig und für ſeine Anhänger zu erklären. Man behauptet, daß Ihr mit den Kindern deſſel⸗ ben, welche in Deutſchland umherſtreifen, in Verbindung ſtändet, und Ihr könnt Euch demnach BZleicht denken wie man Euch empfangen würde. Ich rathe Euch alſo wenigſtens nicht vor Ablauf eines Jahres in Euer Vaterland zurückzukehren, denn Ihr würdet hier nur als höchſt verdächtige Perſonen behandelt werden, und es könnte Euch ſogar ergehen wie dem Doctor Sperling, dem be⸗ kannten Freunde der unglücklichen Familie, den man auf liſtige Weiſe von Hamburg, wo er ſich — 163— bisher aufgehalten, über die däniſche Gränze lockte, worauf man ihn hierher brachte, ſeiner Papiere beraubte und in ein Gefängniß warf. Ich wünſche, daß dieſer Brief, den Ihr durch ei⸗ nen zuverläſſigen Freund empfangen werdet, Euch eben ſo nützlich werden möge, als ſein In⸗ halt Euch unangenehm ſeyn wird. Die Wahr⸗ heit aber durfte ich Euch nicht verſchweigen. Zur Beruhigung für Eure Hausfrau diene noch die Nachricht, daß die gefangene Königstochter nach einer langen Krankheit ſich jetzt wieder zu erholen anfängt. Laßt mich bald etwas von Euch hören, aber gedenkt ja in Eurem Schrei⸗ ben mit keinem Worte deſſen, was Euch ſo eben anvertrauete Euer getreuer Freund 8 Thomas Fuiren.“ Als Eliſabeth dieſes Schreiben zu Ende geleſen hatte, brach ſie in Thränen aus. Das Ge⸗ fühl, daß ſie es war, welche gewiſſermaßen ih⸗ ren Gatten aus ſeinem Vaterlande verbannt hatte, erfaßte ſie auf das Schmerzlichſte. In⸗ dem ſie ſich in die Verhältniſſe Anderer einge⸗ drängt hatte, hatte ſie, ſo kam es ihr vor, ihr eigenes Glück zerſtört, ohne jenen zu nutzen. —- 164— Bartholin bernhigte ſie indeſſen mit tröſtenden Worten.„Was geſchah, meine Elifabeth,“ ſprach er,„ward durch Dich nicht veranlaßt, nur bewerkſtelligt. Du warſt ja nur das Werkzeug jener höheren Gewalt, welche die Schickſale aller Sterblichen lenkt. Ihren weiſen, wenn gleich oft unerklärlichen Rathſchlüſſeen muß der Menſch ſich fügen. Auch freue ich mich in der That, daß Du ſo lange in mich drangeſt, bis ich Dir dieſen Brief mittheilte. Mit dieſem Geheim⸗ niß iſt eine ſchwere Bürde von meinem Herzen genommen. Von nun an ſoll keine unmännliche Wehmuth meinerſeits unſer Glück trüben. Ich will meines theuren Vaterlandes mit Liebe und mit Sehnſucht, aber auch mit jener Ruhe ge⸗ denken, mit der ſich meine Gedanken auf jene große ewige Heimath richten, wo ich alles, was ich hienieden liebe und geliebt habe, dermaleinſt wieder zu finden hoffe.“ Er hielt Wort, von dieſem Augenblicke an an ſah ihn Eliſabeth ruhig und zufrieden; uͤnd drei und zwanzig Jahre glitten ihnen nunmehr ſo ſtill und einförmig dahin, daß wenige Worte hinreichen, die Begebenheiten derſelben zu erzäh⸗ len. Eliſabeth gebar ihrem Gatten zwei Söhne, welche mit größter Sorgfalt erzogen wurden. Der Aelteſte hatte Luſt und Talent zur Maler⸗ kunſt, und reiſte in ſeinem ſiebzehnten Jahre nach Italien, wo er große Fortſchritte machte und ſich endlich in Florenz niederließ. Der Jüngſte dagegen hatte Neigung zur Arzeneikunſt und begab ſich, von ſeinem Vater mit den nö⸗ thigen Vorkenntniſſen verſehen, in ſeinem neun⸗ zehnten Jahre nach Padua, wo er indeſſen jung dahin ſtarb. Bald nachdem der Jüngſte der beiden Söhne auf Reiſen gegangen war, fanden aber Begebenheiten ſtatt, von denen wir jetzt Bericht erſtatten müſſen. Arenzen war zu ſeinen Kindern gezogen, und fand Vergnügen daran, ihr Haus herauszu⸗ putzen, ſo viel ihm dies zu thun ſeine abneh⸗ menden Kräfte noch erlaubten. Bartholin war ungemein glücklich in ſeinen Kuren und von jedermann geachtet und geehrt. Fuiren war geſtorben; die Nachricht von ſeinem Tode nebſt mehreren kleinen Gegenſtänden, welche er ſeinen Freunden im Haag vermacht hatte, ward ihnen von dem vormaligen Stallmeiſter Holſt über⸗ — 166— ſandt, welcher ihnen auch das im Jahre 1681 erfolgte Ableben des Doctors Sperling berichtete, und vier Fahre ſpäter die Kunde gab, daß König Chriſtian der Fünſte endlich Eleonoren die Frei⸗ heit wieder geſchenkt habe. Ungefähr um dieſe Zeit fallirte ein ziem⸗ lich bedeutendes Handelshaus, bei dem Arenzen ſein kleines, mühſam erworbenes, und durch fort⸗ dauernde Sparſamkeit jährlich vermehrtes Ver⸗ mögen niedergelegt hatte; dieſer Vorfall ſchmerzte den betagten Greis, welcher ſich jetzt auf einmal und ganz unerwartet des Ertrages ſeiner funf⸗ zigjährigen Arbeit beraubt ſah, ſo ſehr, daß er erkrankte und in eine beſſere Welt hinüber ging. Die Nachricht, daß Eleonore Ulfeld ihre Freiheit wieder erhalten, hatte bei Bartholin den Wunſch, in ſein Vaterland zurück zu kehren, neuerdings geweckt; denn jetzt, wo man die Unglückliche nicht mehr verfolgte, durfte auch er nicht mehr fürchten, als ein vormaliger Freund der Familie Ulfeld mit ſcheelen Augen angeſehen zu werden. Sie konnten ſich indeſſen nicht bequemen den alten Vater zu verlaſſen, mit dem ſie ſo lange zufrieden gelebt hatten. Als er nun aber ſtarb, — 167— war es ihnen, als ob das Schickſal ſie jetzt heim⸗ führen wolle. Auf der andern Seite aber erregte der Gedanke, daß er dann ſeine ſchöne Praxis aufgeben müſſe und nicht wiſſe ob er eine ſolche in ſeinem Vaterlande wieder finden würde, bei ihm einige Bedenklichkeit. Da aber machte Eliſabeth, welche hoffte, daß die vaterländiſche Luft auf die ſchon ſeit einiger Zeit ſchwankende Geſundheit ihres Gatten vortheilhaft wirken würde, den Vorſchlag, das große Haus im Haag zu verkaufen und von dem Ertrage deſſelben zu leben, bis ihm in ſeinem Vaterlande hinrei⸗ chende Praxis zu Theil geworden wäre. Zwar blutete ihr Herz bei dem Gedanken, daß ſie den Ort verlaſſen ſolle, der für ſie ſo manche theure Erinnerung in ſich ſchloß, aber die Sorge für ihren Gatten überwog bei ihr jedwede Bedenklichkeit. Und gleichſam als ſollte ihr Wunſch eben ſo ſchnell in Erfüllung gehen, als er gefaſſt worden war, fand ſich ſofort ein Käufer für ihr Haus, ein reicher Engländer, welcher ſich im Haag niederlaſſen wollte. Der Handel war ſchnell geſchloſſen, und ſchon wenige Wochen nach Arenzens Dahinſcheiden ſtand ihr — 168— Reiſegepäck bereit um an Bord geſchafft zu weerden; da aber machte eine plötliche Erkältung, welche ſich Bartholin zugezogen hatte, es nöthig, die Reiſe zu verſchieben. Man hoffte indeß die⸗ ſelbe bald antreten zu können, allein Bartholins Krankheit nahm nach wenigen Tagen eine ſo ge⸗ fährliche Wendung, daß er von nun an ſein La⸗ ger nicht mehr verlaſſen konnte. Eliſabeth ſaß eines Abends neben ihrem theuren Kranken, angſtvoll auf jeden Athemzug deſſelben horchend, da erfaßte Bartholin ihre Hand:„Ich rathe Dir, meine geliebte Eliſa⸗ beth,“ ſprach er mit ſchwacher Stimme,„un⸗ ſerm erſten Vorſatz treu zu bleiben und Dich nach Dänemark zu begeben; ich habe dort Freunde und Verwandte, welche ſich Deiner annehmen werden, auch kannſt Du dort Eleopie Ulfeld wiederſehen.“ 1 Eliſabeth fuhr erſchreckt zuſammen, und drückte ſeine Hand an ihre Lippen. Sie ver⸗ ſtand ihn nur zu gut, aber den Sinn ſeiner Worte vor ſich ſelbſt verbergend, erwiderte ſie:„Du weißt es ja, ich folge Dir wohin Du willſt.“ — 469— Der Kranke ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe und begann von etwas anderem zu reden. Vier Tage nach dieſem Geſpräch war Eliſabeth — eine Wittwe.— Ihren unendlichen Schmerz zu beſchreiben, dazu reichen keine Worte hin.— In einem an Betäubung gränzenden Zuſtande verließ ſie ſchon nach wenigen Wochen Holland, wo ihr alles, was ihr hienieden lieb und werth war, jetzt in küh⸗ ler Erde ſchlummerte. Sie begab ſich an Bord eines däniſchen Schiffes, denn es war ihr dun⸗ kel bewußt, daß ihr verſtorbener Gatte gewünſcht hatte, ſie möchte ſich nach Dänemark zurück be⸗ geben. In jener von einem tiefen Schmerze oft herbeigeführten Apathie aber, vernahm ſie mit voollkommner Gleichgültigkeit, daß das Schiff nicht geradezu nach Seeland ſteuern, ſondern zuvor bei mehreren kleinen Inſeln anlegen werde. Die Reiſe ging glücklich von Statten und man langte bei der Inſel Lolland an. Dort brachte der Schiffer ſie nach einem kleinen Orte, wo er ſie bat bei dem dortigen ihm wohlbekannten Küſter abzutreten und auszuruhn. Nach einigen Stunden aber kehrte er zu ihr zurück und berichtete, daß wohnenden Kaufmann überlaſſen habe, weshalb er, zumal da er zugleich eine gute Fracht nach der mittelländiſchen See gefunden, jetzt bloß um ihretwillen unmuglich nach Kopenhagen ſegeln könne. — Was war nun anzufangen? Den Schiffer zu zwingen ſein Wort zu halten war unmöglich und die arme Eliſabeth ſah ſich demnach jetzt an einem fremden Orte, wo ſie mit der Sprache faſt gänzlich unbekannt war und keinen Menſchen kannte. Die Magd, die ihr von Holland gefolgt war, weinte und jammerte, ſie ſelbſt aber ergab ſich in ihr Schickſal mit jener Kälte, mit wel⸗ cher wir, wenn ſich ein ſtarkes herrſchendes Gefühl unſerer bemächtigt, Alles betrachten, was nicht mit demſelben in Verbindung ſteht. Die Tochter des Küſters, welche ein wenig Deutſch konnte, berichtete ihr übrigens zu ihrer Beruhi⸗ gung, daß ſich oft auf dieſer Inſel eine Schiffs⸗ gelegenheit nach Kopenhagen finde, und machte ihr den Vorſchlag, ſie hinauf aufs Schloß zu der jungen Dame zu führen, von der ſie ſticken gelernt habe, und die, wie ſte ſagte, faſt jede er ſo eben ſeine Ladung einem an jenem Orte — 42— Sprache verſtände. Eliſabeth, der es völlig gleich⸗ gültig war, wo ſie ſich befand, leiſtete dieſer Aufforderung Folge. Unterwegs erfuhr ſie, daß die ſo genannte junge Dame nur ſo geheißen wurde, weil ſie bei ihrer Mutter wohne, denn ſie ſelbſt ſey ſchon etwas über vierzig Jahre alt. Sie ſey übrigens, verſicherte die Tochter des Küſters, eine Katholikin; ihr verſtorbener Gatte, ein flandriſcher Edelmann, Namens Viglu de Caſette, hatte ſie wahrſcheinlich vermocht, zu ſei⸗ ner Kirche überzutreten, trotz dem aber wäre ſo⸗ wohl ſie wie ihre Mutter auf der ganzen Inſel allgemein geliebt und geachtet, denn beide wären außerordentlich wohlthätig und ein wahrer Se⸗ gen für die ganze Gegend; auch verbreiteten ſie oft Freude und Luſtbarkeit auf der Inſel, ja auf des Königs Geburtstag hätten ſie ſogar ein Schauſpiel aufgeführt, welches die Mutter ſelbſt verfaßt hatte. Sie waren jetzt im Schloſſe angelangt. Während die Tochter des Küſters hinein ging um Eliſabeth anzumelden, ſaß dieſe in einem kleinen Vorgemache, in ihre ſchwermüthigen Betrachtungen verſenkt; da zog plötlich ein Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. Durch eine offenſtehende Saalthür ward ſie eine Statue der Pallas gewahr, an der ſie auf den erſten Blick die Geſichtszüge der Gräfin Eleonore erkannte. Kaum traute ſie ihren eigenen Augen, doch je länger ſie hinſchauete, je weniger konnte ſie zweifeln. Die Zofe, welche ſie bat einzutreten, unterbrach ſie in ihren Betrachtungen. Ungefähr mitten im Saale ſtand eine Dame in Trauer gekleidet, welche ihr winkte ſich zu nähern. Wie aus einem Traume geweckt, ſtarrte Eliſabeth mit weit geöffneten Augen auf ſie hin.„Ewiger Gott! Eleonore,“ rief ſie. Die Fremde, welche bisher etwas im Schatten geſtanden hatte, trat bei dieſem Ausruf näher heran und ſtand nunmehr in voller Beleuchtung da; ſie hatte Eliſabeths Ausruf nicht verſtanden, und ſchien eine Erklä⸗ rung zu erwarten. Eliſabeth ſtand verwirrt da, und begann zu zweifeln, ob ſie ſich auch bei vollem Bewußtſeyn befinde oder ob ihr ihre wild umher⸗ ſchweifende Einbildungskraft das Bild der Gräfin Eleonore nur vorgegaukelt habe. Denn als ſie die Dame nun näher betrachtete, fand ſie zwiſchen ihr und der Gräfin Ulfeld eine ungemeine Verſchieden⸗ - 3— heit. Statt des ſchönen blonden Haars derſelben hatte dieſe dünne rabenſchwarze Locken. Statt Ele⸗ onorens himmelblauer Augen, flammte hier unter den ſchönen dunkeln Brauen ein faſt ſchwarzes Augenpaar hervor; überdem erinnerte ſich Eliſa⸗ beth, daß die Gräfin jetzt ſchon über ſechszig Jahre zählen müſſe, während die vor ihr ſtehende Dame kaum vierzig Jahre alt zu ſeyn ſchien. Eliſabeths Gedanken waren durch dieſe Erſchei⸗ nung gänzlich zerſtreuet worden, und nur ſchwei⸗ gend ſtarrte ſie vor ſich hin. Die Fremde, welche ihre Verlegenheit gewahrte, wollte ihr Zeit geben ſich zu ſammeln, und begab ſich nach der Ecke des Zimmers, wo die Bildſäule ſtand. Als nun Eliſabeth ihr mit den Blicken folgte und ſie en profil betrachtete, ſah ſie plötzlich ein, woher ihr Irrthum entſtanden war; die Fremde hatte nämlich durchaus Eleonorens Züge, es, war der ganze Umriß ihres Geſichts. Nach einer kurzen Pauſe nahm die Un⸗ bekannte das Wort:„Ihr habt mit mir zu ſprechen gewünſcht,“ begann ſie.— O wunderbares Blendwerk! vorhin hatte Eliſabeth geglaubt, die Gräfin zu ſehen, nun glaubte ſie den Grafen —- 174— Ulfeld zu hören und zu ſchauen. Das war ſeine wohlklingende Stimme, das war ſein feuriger Blick, das war derſelbe, halb wehmüthige, halb ſarkaſtiſche Zug am Munde, den hier aber ein Ausdruck von Frömmigkeit milderte. Mit ſteigen⸗ der Verwirrung ſchweiften Eliſabeths Blicke umher, als ſuchten ſie einen Ruhepunkt, da ward ihr Auge plötzlich von dem Bildniſſe— des Königs Chriſtian des Vierten feſt ge⸗ halten, wie ſie daſſelbe als Kind in dem Pallaſte zu Haag geſchauet, wie ihr es ſpäter in Mini⸗ atur ihr Gatte gezeigt, und wie es drei und zwanzig Jahre lang ihr eigenes Zimmer geſchmückt hatte.„Ewiger Gott!!“ rief ſie aus,„wie kommt dies Bild hieher?“ Die fremde Dame ſchien über dieſen Ausruf ungemein verwundert, mit Ernſt und Anſtand näherte ſie ſich dem Portrait.„Das iſt mein Großvater, König Chriſtian der Vierte von Dänemark!“ ſprach ſie, und jetzt erkannte Eliſa⸗ beth ſie wieder. So ſtanden ſie vor acht und dreißig Jahren neben einander. Von ihrem Gefühl überwältigt, knieete Eliſabeth vor der ihr nun nicht mehr unbekannten Dame nieder, ſie erfaßte ihre Hand und rief:„Gott im Himmel! Ihr ſeyd Fräulein Anna ulfeld, ich ſehe Euch wieder!“ „Wie, das wußtet ihr nicht? Ihr wußtet nicht, daß wir uns hier aufhielten?“ fragte Ulfelds Tochter lebhaft.„Wer aber ſeyd Ihr denn, die Ihr ſcheint uns früher gekannt zu haben, die Ihr Euch ſo herzlich freut mich wieder zu ſehen.“ Eliſabeth konnte nur durch Thränen antworten. Da vernahm ſie ein Geräuſch in dem angrenzen⸗ den Zimmer, ein Stuhl ward geſchoben, man näherte ſich.„Wer iſt da, Anna?“ fragte eine theure, nie vergeſſene Stimme, und die Gräfin Eleonore Chriſtine Ulfeld ſtand in der geöffneten Thür. Das war kein Blendwerk, kein Gaukel⸗ ſpiel, kein Gebilde der aufgeregten Phantaſie, ſie war es ſelbſt! Vier und zwanzig Jahre, wovon faſt drei und zwanzig in der Gefangenſchaft hingeſchmachtet waren, hatten zwar die Blüthe ihrer Wangen verwiſcht, aber Liebe, Hoffnung und Treue hatten ihr Herz warm gehalten, und deshalb war ihr Sinn, ſo wie ihr Blick und Lächeln jung geblieben.— Dieſer Anblick wirkte — zu gewaltig auf die ohnehin geſchwächte Eli⸗ ſabeth, bewußtlos ſank ſie zu Annas Füßen nieder⸗ Als ſie einige Angenblice darauf ihr Be⸗ wußtſeyn wiedererlangte, fand ſie ſich auf einem Lehnſeſſel, zwiſchen Mutter und Tochter, welche angſtvoll bemüht waren ſie wieder ins Leben zu⸗ rückzurufen. Als ihnen dieſes gelungen war, richtete Anna fragend ihre Blicke auf ihre Mut⸗ ter, um zu erforſchen wer die Fremde ſei.„Er⸗ innere Dich, meine Tochter,“ entgegnete Eleo⸗ nore,„daß ich Dir oft von einer Erſcheinung geſprochen habe, deren Theilnahme in einem der bitterſten Augenblicke meines Lebens meinen Schmerz linderte. Dieſe Augen waren es, welche mitleidsvoll Thränen vergoſſen, in dem Moment, in dem ich meiner Freiheit beraubt und von Allem, was mir hienieden lieb und theuer war, getrennt werden ſollte, in dem Au⸗ genblick, in welchem mich überall nur Spott und Haß umgaben. Wie hüätte ich dieſe ineſſ wieder vergeſſen können!“ Eliſabeth fühlte ſich jetzt von Anna's Ar:⸗ men innig umſchlungen, und die feurigen Küſſe - 177— derſelben auf ihren Wangen brennen. Es ver⸗ ging eine geraume Zeit bevor ſie ſich ſammeln konnte, um ihre Gefühle auszudrücken, endlich ſprach ſie mit Thränen in den Augen zu der Gräfin gewandt:„Ich ſah Euch ſchon früher als in jenem Augenblick, erlauchte Frau, und ſeit ich Euch zum erſtenmal geſehen, ſchwebte Euer Bild mir unabläſſig vor.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, zog ſie den ihr von Eleono⸗ ren geſchenkten Ring hervor, den ſie noch im⸗ mer an einer goldenen Kette um ihren Hals trug. A2T2 n „Wie, Ihr wäret das kleine Tauſendſchön⸗ chen, was mir im Haag der gute Sperling brachte?“ fragte Eleonore erſtaunt, und mit einem tiefen Seufzer ſetzte ſie hinzu:„Der arme Sperling, er hat ſo manche Blume auf unſern Weg geſtreuet, und doch durch unſere Be⸗ kanntſchaft nur Dornen eingeerndtet— jetzt aber — jetzt hat er Ruhe!“— 11131 Nun erinnerte ſich auch Anna ihrer kleinen Geſpielin, und mit einem Ausrufe des Erſtau⸗ nens und der Freude ſchloß ſie dieſelbe neuerdings in ihre Arme. 12 — 178— Daß Eliſabeth von nun an auf dem Schloſſe blieb und ihre übrigen Tage bei den edlen Frauen verlebte, braucht wol kaum hinzugefügt zu wer⸗ den; nicht lange jedoch ſollte ſie ſich dieſes Glü⸗ ckes erfreuen, ihre von dem Kummer über den Tod ihres Gatten ohnehin ſchon geſchwächte Ge⸗ ſundheit ward mit jedem Tage immer mehr und mehr untergraben durch die leidenſchaftliche Be⸗ wunderung, die ſie ihrem, durch die mannigfa⸗ chen Leiden welche es betroffen hatten, keines⸗ weges gebeugten Ideale ſpendete; ſie ſtarb im nächſtrn Herbſt, ungefähr ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft auf der Inſel.— Eleonore Chri⸗ ſtine Ulfeld, obgleich faſt dreißig Jahre älter als ſie, ſtand an ihrem Sterbelager und drückte die Augen, welche durch ſie zuerſt für; das Große und Schöne eröffnet worden waren, mit zitternder Hand wieder zu, damit ſie die Mängel dieſer Erde nicht mehr erſchaueten. Erſt mehrere Jahre ſpäter ſtarb Eleonore Chriſtine Ulfeld, und wir glauben dieſe unſere Erzählung nicht beſſer ſchließen zu können, als mit der von ihr ſelbſt Leußlten Grabſchrift; ſie lautet wie folgt: „Herr! wäre dein Wort nicht mein Troſt geweſen, „Ich wäre in meinem Elende vergangen!“ . ₰½ * 8 8 — — Q N Im Jahre 1684 oder 85 kam ein junger Nor⸗ weger nach Copenhagen um auf der dortigen Uni⸗ verſität den Studien obzuliegen. Sein Vater, welcher ein kleines Lehramt in der Nähe von Drontheim bekleidete, war wegen ſeiner Recht⸗ ſchaffenheit und gründlichen Gelehrſamkeit von Jedermann geachtet, der ihn kannte. Er hatte ſeinen einzigen Sohn in allen Schulwiſſenſchaf⸗ ten ſelbſt unterrichtet und ihn für die Univerſität reif erklärt. Friedrich hatte von ſeinem Vater das Verlangen ſich Kenntniſſe zu erwerben, ſo wie deſſen Fleiß ererbt, er gab ſich demnach ſei⸗ nen Studien mit ganzem Eifer hin, und ſchien, als ihm ein Jahr nach ſeiner Ankunft in Co⸗ penhagen der Tod den geliebten Vater raubte (ſeine Mutter war demſelben ſchon eine geraume — 482— Zeit vorangegangen), ausſchließlich nur für ſeine Bücher zu leben. Ohne Zweifel würde dieſe all⸗ zugroße Anſtrengung auf ſeine Geſundheit nach⸗ theilig eingewirkt haben, hätte er nicht aus ſei⸗ nem Vaterlande einen Hang mitgebracht, durch den ſich ſeine Körperkräfte ſtärkten, welche ſonſt unfehlbar durch ſeine allzueifrige geiſtige Anſtren⸗ gung untergraben worden wären. In der einſam gelegenen Behauſung ſeines Vaters, faſt jedes geſelligen Umganges beraubt, war er um ſo ver⸗ trauter mit der freien Natur geworden, und ge⸗ wohnt, einen Theil ſeiner Zeit in der freien Luft zuzubringen, die Berge zu erklimmen, dem Wilde nachzuſtellen, auf ſeinen Schlittſchuhen über die ſpiegelblanke Eisfläche dahin zu gleiten, oder mit einem Buche in der Hand ſich unter einem ſchattengewährenden Baume, oder in einer Fels⸗ kluft in der Nähe eines Waſſerfalles zu lagern, deſſen einförmiges Brauſen jedwedes andere Ge⸗ räuſch, das ihn hätte ſiören können, übertäubte. Wenn er demnach jetzt, fern von ſeinem Vater⸗ lande, ganz ſeinen Studien hingegeben, mehrere Tagez lang, einſam und allein auf ſeiner kleinen Kammer verbracht hatte, und er dann endlich einmal den Blick von ſeinen Büchern aufſchlug, um durch die kleinen grünen Fenſterſcheiben hinaus zu ſchauen, durch welche die Sonne ihre Strahlen nur ſparſam herein ſenken konnte⸗ ward es ihm zu eng zwiſchen den geſchwärzten Wänden, es drängte ihn mächtig hin in die große Natur, und dem ſtädtiſchen Getreibe ent⸗ eilend, flog er zum Stadtthore hinaus. Zwar ſehnte er ſich dann oft mit einem ſchwermüthigen Seufzer über das Meer hin nach den Bergen und Waſſerfällen ſeines ihm ſo theu⸗ 8 ren Vaterlandes, aber ein ſchuldloſes Herz findet, zumal wenn es, von keinem Kummer und keiner wirklichen Sorge bedrückt, in einer ſtarken kräf⸗ tigen Bruſt ſchlägt, leicht ſeinen Troſt in den Schönheiten der Natur. Hatte er die Gegenden Dänemarks gleich nicht von ſeiner Kindheit an gekannt, fühlte er ſich auch nicht durch Jugend⸗ erinnerungen daran geknüpft, ſo äußerten den⸗ noch der Buchenwälder freundliche Ruhe, und das habene, weite Meer ihren wohlthätigen Ein⸗ fluß auf unſern Friedrich. Eines Tages, an einem ſchönen Sommer⸗ morgen, war er mit ſeinem Buche in der Taſche — 4184— nach Gyldenlundſkov, dem jetzigen Charlotten⸗ lund, gewandert; einige Stunden lang hatte er hier unter den Bäumen im Schatten gelegen und mit Leſen verbracht, da begannen die bren⸗ nenden Sonnenſtrahlen ſich der Stelle zu nähern, wo er ſaß; er ſtand auf, theils um einen ſchat⸗ tigeren Platz zu ſuchen, theils um im Gehen über dasjenige nachzudenken, was er geleſen hatte. Nachdem er in der Waldung umhergeſtrichen war, fand er ein Plätzchen, wie er es wünſchte. Er war warm geworden, denn der Tag war unge⸗ mein drückend; als er ſich nun aber erſchöpft auf das Gras niederwarf, erfaßte ſeine Hand plötzlich etwas Kaltes, das ihm Metall zu ſeyn ſchien; in der Meinung, es ſey ſein Feuerſtahl welcher ihm vielleicht aus der Taſche gefallen,. erfaßte er den Gegenſtand; wie groß aber war ſein Erſtaunen, als er plötzlich eine koſtbare gol⸗ dene Doſe in ſeiner Hand gewahrte. Während er dieſelbe nun noch ſorgſam betrachtete, die. künſtliche Arbeit bewunderte, und überlegte, wie er es anzufangen habe, ſie dem rechtmäßigen Ei⸗ genthümer wieder zuzuſtellen, ſchlug ihn jemand plötzlich auf die Schulter, wobei eine grobe Stimme rief:„Die Doſe habt Ihr hier im Graſe gefunden, ſie gehört mir zu.“— Friedrich ſprang empor, und der Fremde, welcher ihm jetzt gegenüber ſtand, verſicherte wiederholt, daß er vor Kurzem hier im Graſe geruht, die Doſe verloren habe und jetzt eben zurückgekehrt ſey, um ſie aufzuſuchen. Der junge Norweger, er⸗ freuet, ohne weitere Umſtände den rechtmäßigen Eigenthümer gefunden zu haben, überreichte ihm vertrauensvoll ſeinen Fund, den der Fremde haſtig ergriff, und worauf er ſich, ohne auch nur ein einziges Wort des Dankes auszuſprechen, ſchnell durch das Gebüſch entfernte. Friedrich blickte ihm verwundert nach und jetzt erſt begann bei ihm der Gedanke aufzuſteigen, daß er die „ Doſe vielleicht einem Betrüger eingehändigt habe, welcher ſich jetzt mit ſeiner Beute davon mache; auch bedachte er erſt jetzt, daß der Fremde nur ſchlecht gekleidet geweſen, und es alſo nicht wahr⸗ ſcheinlich ſey, daß ihm die Doſe angehöre. Wäh⸗ rend er noch hierüber nachſann, vernahm er plötzlich ein Geräuſch hinter ſich und gewahrte, als er ſich wandte, einen ältlichen Herrn, welcher im Verein mit zwei Frauenzimmern, einer älte⸗ — 186— ren und einer jüngeren, und einem kleinen Kna⸗ ben, etwas zu ſuchen ſchien. Friedrich fragte, ob ſie etwas vermißten, worauf der Mann er⸗ widerte, daß er eine goldene Doſe verloren habe, welche ihm ſehr werth ſey, indem er ſie von ei⸗ ner ihm ungemein theuren Schweſter zum Ge⸗ ſchenk erhalten.„Wartet hier nur einen Au⸗ genblick,“ rief Friedrich, und Buch, Hut und Tabackspfeife von ſich werfend, flog er wie ein Pfeil an ihnen vorüber in das Dickigt des Wal⸗ des. Die Fremden blickten ihm verwundert nach, und als einige Minuten vergingen, ohne daß er zurückkehrte, äußerte die Frau die Vermuthung, daß er vielleicht die Doſe gefunden, und ſich jetzt, da der rechtmäßige Eigenthümer derſelben erſchie⸗ nen, mit derſelben aus dem Staube gemacht habe; ſowohl der Mann aber, wie die Tochter, welche ſich Chriſtine nannte, widerſprachen die⸗ ſem Verdachte, und behaupteten, der junge Mann habe ein viel zu ehrliches Geſicht gehabte um eine ſolche Handlung begehen zu können, auch wären die von ihm zurückgelaſſenen Sachen ja ein hinlänglicher Beweis, daß er wiederzukeh⸗ ren geſonnen. Sie hatten auch in der That —- 4187— dieſe ihre Meinung kaum ausgeſprochen, als es plötzlich im Gebüſch raſſelte, und Friedrich dar⸗ aus hervorſtürzte, athemlos, mit glühender Wange, das Haar in unordnung, aber die Doſe in der Hand haltend, welche er jetzt freudig dem recht⸗ mäßigen Eigenthümer überreichte. Dieſer nahm ſie, indem er den jungen Norweger mit Ver⸗ wunderung betrachtete, und mit Theilnahme fragte, ob er auch nicht etwa, um zu der Doſe zu ge⸗ langen, Unannehmlichkeiten gehabt habe. Frie⸗ drich erzählte nun, wie er ſich anfangs von ei⸗ nem liſtigen Betrüger habe übertölpeln laſſen, wie er aber, ſo wie er den wahren Zuſammen⸗ hang erfahren, hinter ihm drein geeilt ſey und ihn glücklich eingeholt habe. Der Schelm habe zwar behauptet, die Doſe ſey ſein rechtmäßiges Eigenthum, da aber habe Friedrich von ihm ver⸗ langt, ihm zur Stadt zu folgen und dort vor der Obrigkeit ſeine Rechte auf den Fund auszu⸗ weiſen, welches zu thun der Fremde ſich gewei⸗ gert hatte; derſelbe wollte darauf eilig von dan⸗ nen, der junge und kräftige Norweger aber hielt ihn feſt und ſie rangen nun einige Augenblicke mit einander. So wie aber der Betrüger ge⸗ — 188— wahrte, daß ihm ſein Gegner an Kräften weit überlegen war, ſchleuderte er die Doſe weit von ſich, und während Friedrich ihn fahren ließ, um ſich derſelben zu bemächtigen, ſprang jener über einen Graben und verſchwand im Gebüſch, Der Eigenthümer der Doſe, ein wohlha⸗ bender Beamter aus Copenhagen, Sandbye mit Namen, betrachtete mit Wohlgefallen den jun⸗ gen Mann, welcher, während er ſeine Geſchichte vortrug, ganz ruhig ſeine Sachen zuſammen⸗ ſuchte, Buch und Tabackspfeife in die Taſche ſteckte, und ſich darauf nach einem kurzen Lebe⸗ wohl anſchickte, ſich hinweg zu begeben. Es leuch⸗ tete aus ſeinen blauen Augen ſo viel Ehrlich⸗ keit und Seelengüte und zugleich ſo viel Ver⸗ ſtand, daß die Aufmerkſamkeit eines Mannes rege werden mußte, welcher Menſchenkenntniß beſaß, und das Gute liebte wo er es antraf. Jedes geſelligen Verhaͤltniſſes, ja ſelbſt jedes Umganges mit anderen Menſchen ungewohnt, war Friedrich gewöhnlich ungemein verlegen, wenn ihn der Zufall mit irgend einem Unbe⸗ kannten zuſammenführte; mit dieſen Menſchen aber hatte ihn das Schickſal ſo unerwartet und — 189— ſchnell zuſammen gebracht, daß er nicht Zeit hatte verlegen zu werden; er war genöthigt worden zu handeln, und in ſolchen Fällen fehlte es ihm nie an Entſchloſſenheit. Selbſt als er reden mußte, war es kein leeres Geſpräch, ſondern der Bericht einer ſtattgehabten Begebenheit, die ihn noch obendrein ungemein intereſſirte; ſein Vortrag war demnach leicht und ungekünſtelt, und es war daher kein Wunder, daß er ſchnell das Wohlwollen des wackern Sandbye gewann, welcher ſich ihm ohnehin verpflichtet fühlte. Er reichte dem jungen Norweger die Hand, bemerkte, daß eine Bekanntſchaft, welche mit einer ſo wichtigen Dienſtleiſtung von der einen, und mit wahrhafter Erkenntlichkeit von der andern Seite begonnen habe, nicht ſo ſchleunig abgebrochen werden dürfe, und lud ihn ein, Theil an ihrem Nittagsmahle zu nehmen. Wie geru auch Fried⸗ rich dieſe Einladung abgelehnt hätte, fehlte es ihm dennoch an Geiſtesgegenwart ſie auszuſchla⸗ gen. Zwar murmelte er etwas, daß er ſchon gegeſſen habe; aber er ſprach dieſes ſo leiſe aus, daß weder Sandbye noch ſeine Gattin es vernah⸗ men, auch machten es ihm vielleicht Chriſtinens — 290— freundliche braune Augen, welche ſich mit ſanf⸗ ter Theilnahme auf ihn richteten„ noch unmög⸗ licher, ſich von ſeinen neuen Bekannten loszu⸗ machen. Er gab demnach erröthend ihrem Ver⸗ langen nach; in wenigen Augenblicken hatten Mutter und Tochter die Speiſen aus dem Wa⸗ gen herbei geholt und freundlich luden ſie ihn nunmehr ein, bei ihnen Platz zu nehmen. Die Mutter begann darauf mit ihm ein förmliches Verhör, in welchem er nicht allein ſein eigenes Geſchlechtsregiſter herzählen, ſondern auch über manche in der Nähe von Drontheim wohnende Familien Auskunft geben mußte, welche Sand⸗ bye's Gattin früher gekannt hatte. Und da ſie raſtlos fortfuhr ihn mit allerhand Fragen über die Verhältniſſe jener Familien zu beſtürmen, von denen er im Grunde ſelbſt nur wenig wußte, gerieth er ſo ſehr in Verlegenheit, daß er in der Angſt ſeines Herzens Zucker auf den Lachs ſtreute, und endlich ſogar, als ihn Sandbyes Gattin mit einem ſpöttiſchen Lächeln auf ſein Verſehen aufmerkſam machte, Chriſtinens Glas ſtatt des ſeinen leerte. Sandbye erlöſte ihn aus dieſer peinli⸗ chen Lage, indem er ihn einlud, mit ihm einen V -— 1— Spaziergang in der Waldung zu machen; und als er nunmehr begann das Wiſſen des jungen Mannes zu prüfen, und mit ihm von wiſſen⸗ ſchaftlichen Dingen zu reden, war dieſer ganz in ſeinem Elemente und beſtand in dieſem Examen weit beſſer, als in dem vorhin mit ihm ange⸗ ſtellten. Sandbye beſaß ſelbſt mannigfache Kennt⸗ niſſe, er überzeugte ſich bald, daß Friedrich ſeine Zeit gut genutzt hatte, und da derſelbe ihm er⸗ klärte, daß die vaterländiſche Geſchichte der Zweig der Wiſſenſchaften ſey, den er am meiſten liebe, bot ihm Sandbye, welcher grade in dieſem Fache eine treffliche Bibliothek beſaß, den Zutritt in dieſelbe an. Dieſer Vorſchlag ward mit großer Freude angenommen, und da Sandbye's Sohn, der oben erwähnte Knabe, noch zu jung war, um eine Schule zu beſuchen, machte der Vater unſerm Friedrich den Antrag, dem Kleinen täg⸗ lich ein Paar Stunden zu geben. Auch hierin willigte der junge Norweger mit Freuden, und ſo ward nunmehr zur Fortſetzung der angeknüpf⸗ ten Bekanntſchaft eine förmliche Übereinkunft ge⸗ troffen; ſonſt wäre ſie auch aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach in der Geburt erſtickt worden, denn —-— 4092— Friedrich war viel zu furchtſam und menſchen⸗ ſcheu, als daß er, ohne dazu genöthigt zu ſeyn, die Familie Sandbye, ſo ſehr ſie ihm auch zu⸗ ſagte, wieder beſucht hätte; ja, als er ſich am nächſten Tage dorthin begab, war er unterweges mehremal im Begriff, wieder umzukehren. Als nun aber das Erſtemal überſtanden war, machte ſich die Sache von ſelbſt, und nachdem zwei Mo⸗ nate vergangen waren, konnte ſich Friedrich kaum es als möglich denken, daß je eine Zeit geweſen, in welcher er nicht das Sandbyeſche Haus täg⸗ lich von 9 bis 11 Uhr beſucht hätte; es kam ihm vor, als hätte er ſchon ſein ganzes Leben hindurch gewußt, daß Chriſtine das liebenswür⸗ digſte Weſen von der Welt ſey, und die liebli⸗ che Jungfrau las dies Gefühl ſo oft und ſo deutlich in ſeinen blauen Augen, daß aus den ihrigen bald ein ähnliches zu leuchten begann. Der Vater ſchien dies all rdings zu bemerken, jedoch äußerte er durchaus kein Mißfallen dar⸗ über, ſo wenig wie die Mutter, obſchon dieſe den jungen Mann anfangs nicht mit ganz gün⸗ ſtigen Augen betrachtete; ja eines Abends glaubte ſich Chriſtine ſchon auf dem Gipfel ihres Glücka — 493— als ſie vernahm, daß ihre Mutter den jun⸗ gen Norweger zu einem Familienfeſte einlud, welches am nächſten Tage ſtattfinden ſollte. Sie hielt dieſen Umſtand für eine gute Vorbedeutung, und dennoch war es nur eine Klippe, an der das kleine Fahrzeug ihres Glückes faſt geſtran⸗ det wäre. Als der ſchüchterne Friedrich an dem feſtgeſetzten Tage die Thür eröffnete und nun die ungewöhnliche Geſellſchafr gewahrte, ward er ſo ſehr verlegen, daß er kaum die Thürſchwelle zu überſchreiten vermochte; ängſtlich glitt er längs den Wänden hin und als er endlich glücklich eine Fenſtervertiefung erreicht hatte„ drängte er ſich hinein, ſo als ſey ihm daran gelegen, ſich jedermanns Blicken zu entziehen. Die Gäſte ſahen erſchrocken wieder weg, wenn ihre Augen auf Friedrichs ſtarre Blicke fielen, womit er auf die Geſellſchaft ſchauete, ſo als ſey eine Schaar Geſpenſter vor ihm auf⸗ geſtiegen; und obgleich Sandbye ſeiner lobend und rühmend erwähnte, fehlte es doch nicht an ſpöttiſchen Anmerkungen, welche Chriſtinens Mutter, die gar viel auf die Meinung Anderer gab, keineswegs günſtig für unſern Friedrich —ꝛ;:;? - 194— ſtimmten. Dieſer Auftritt ward ſpäterhin von der Familie beſprochen, und Chriſtine grwahrte mit Schmerz wie der junge Mann immer mehr und mehr in der Gunſt der Mutter ſank, ja ſelbſt der Vater begann den Kopf zu ſchütteln über den menſchenſcheuen Jüngling, welcher, wie er ſagte, zwiſchen den ſtaubigen Büchern gänz⸗ lich den friſchen kräftigen Lebensmuth verloren habe, der ſonſt eine Eigenthümlichkeit aller ſei⸗ ner Landsleute zu ſeyn pflege. So waren einige Monate vergangen, die Weihnachtszeit rückte heran und Chriſtine ge⸗ dachte mit banger Erwartung der Geſellſchaften, welche während der vielen Feſttage in dem Hauſe ihrer Ältern ſtattzufinden pflegten; denn abgeſehen von jeder anderen Rückſicht, war es ihr ſchon an und für ſich ſchmerzlich, den jungen Mann eine ſo unvortheilhafte Rolle ſpielen zu ſehen. Eines Abends ward derſelbe von der Mutter neuerdings auf den folgenden Tag eingeladen, wobei ſie je⸗ doch bedeutſam hinzufügte:„wenn Ihr anders dazu aufgelegt ſeyd!“ Als ſie darauf das Zim⸗ mer verließ, näherte ſich ihm Chriſtine und bat ihn freundlich, morgen doch nicht ſo blöde zu ſeyn und vor Allem ſein Möglichſtes zu thun, der Baſe Dorothea zu gefallen, welche nach einer langwierigen Krankheit ihre Ältern morgen zum Erſtenmal wieder beſuchen würde. „Ich vermag das wirklich nicht, Jungfrau Chriſtine,“ entgegnete der ehrliche Friedrich, nach, Ihr wißt es ja, ich kann mich unter ſo vielen Menſchen nicht zurecht finden, vor Allem aber bin ich nicht im Stande, um meines Vor⸗ theils willen irgend Jemand zu ſchmeicheln.“ „Schmeicheln,“ wiederholte Chriſtine in ei⸗ nem etwas verdrießlichen Tone,„wer verlangt denn, daß Ihr ſchmeicheln ſollt? Ich bitte Euch ja nur, morgen ſo zu ſeyn, wie Ihr ſeyd, wenn Ihr Euch bei uns allein befindet; und was Baſe Dorothea betrifft, die ich ungemein lieb habe, ſo weiß ich auch nicht, ob das eine Sünde wäre, wenn Ihr Euch ein wenig ar⸗ tig gegen ſie bewieſet.“ Mit dieſen Wor⸗ ten wandte ſie ſich ab und wollte das Zimmer verlaſſen. 1 „Ich will lieber wegbleiben, Jungfrau Chriſtine,“ rief Friedrich in einem betrübten Tone,„ich weiß es ſchon im Voraus, ich —õ—̃—ÿℳjjä⁊ — 1496— kann mich nicht betragen, wie es ſich ge⸗ bührt.“. „Thut das nicht,“ warnte Chriſtine,„ich darf es Euch. nicht verhehlen, die Meinung der Baſe iſt für Euch von großer Wichtigkeit, die Mutter trauet derſelben mehr als ihrer ei⸗ genen; bleibt Ihr nun fort, ſo glaubt ſie vielleicht, Ihr hättet ein böſes Gewiſſen, und dann——“ Hier unterbrach ſie ſich ſelbſt, denn ihre letzten Worte waren bereits von ihren Thränen halb erſtickt, und machten demnach auf das Herz des armen Friedrich einen tiefen Eindruck. Die ſo hochgeachtete und ſo einflußreiche Baſe Dorothea war eine Stiefſchweſter Sandbye's und ungefähr zwanzig Jahre älter als dieſer. Sie war in ihrer Jugend, vor der Geburt ihres 3 Stiefbruders, Kammerjungfer bei den Königli⸗ . chen Kindern geweſen, da aber ihre Stiefmutter 7, einige Jahre darauf ſtarb, gab ſie jene Stelle auf und kehrte zu ihrem Vater zurück, um deſſen Hausſtand zu führen, und für ihren Bruder miit wahrhaft mütkerlicher Sorge zu wachen. — 197— Erſt nach dem Tode ihres Vaters, als ihr Bruder ſich verheirathete, war ſie in ein Jung⸗ frauen⸗Stift gegangen, wo ſie bisher gelebt hatte, ungeachtet ihr ſpäterhin von mütterlicher Seite eine nicht unbedeutende Erbſchaft zugefallen war. Chriſtine hatte oft von einer Schweſter⸗Tochter der Baſe Dorothea, einer Wittwe, erzählen ge⸗ hört, daß die Letztere in früherer Zeit von einer tiefen Schwermuth befallen worden, man hatte von einer Verbindung mit einem Ausländer ge⸗ ſprochen, welche zurückgegangen ſey. Niemand wußte den genauen Zuſammenhang. Alle aber ſtimmten darin überein, daß die Schuld dieſer Trennung nicht an Baſe Dorothea liegen könne, welche zu jener Zeit nicht bloß das ſchönſte, ſondern auch das liebenswürdigſte Mädchen war, das man ſich nur denken konnte. Sie hatte ſeitdem ein zurückgezogenes gottesfürchtiges Le⸗ ben geführt, auch hatte aller Wahrſcheinlichkeit nach ihr ſanfter frommer Sinn, wenigſtens eben ſo viel als die Zeit dazu beigetragen, die tiefe Herzenswunde zu heilen, unter der ſie in dem Frühling ihres Lebens faſt erlegen wäre. Trotz ihres freundlichen heiteren Weſens aber, befiel . 4198s— ſie oft eine ſtille Wehmuth, auch war ſie durch⸗ aus nicht zu bewegen geweſen, ihre Hand einem anderen Manne zu reichen, waren ihr gleich ſpäterhin mehrere angenehme Heirathsanträge gemacht worden. Sie war nicht bloß von ih⸗ ren Verwandten geliebt, ihr Verſtand, ihre Er⸗ fahrung und ihr ſcharfer Blick machten ſie zum Orakel in dem kleinen Kreiſe, welcher ſich ihr nähern durfte; und ſo war denn begreiflicher⸗ weiſe der lieblichen Chriſtine viel daran gelegen, daß Friedrich vor den Augen einer ſo wichtigen Perſon Gnadr finden möchte. Sie hätte ihm indeſſen keinen ſchlechteren Dienſt leiſten können, als indem ſie ihn auf ſein unbehülfliches Be⸗ nehmen aufmerkſam machte. Wenn er in Ge⸗ ſellſchaft war, war er ohnehin ſchon ängſtlich genug und der Gedanke, daß gar viel darauf ankomme, wie er der Baſe Dorothea gefalle, raubte ihm nun gar jede Faſſung. Er war am andern Morgen ſchon im Begriff, trotz Chriſti⸗ nens Warnung, unter irgend einem Vorwande wegzubleiben, da aber war es ihm plötzlich, als tönten ihre von Thränen erſtickten Worte noch einmal in ſein Ohr; er nahm ſeinen ganzen — 499— Muth zuſammen und ging. Er war früher gekommen als die andern, und ſchaute nun⸗ mehr ruhig mit an, wie ſich die Geſellſchaft ver⸗ ſammelte. Endlich fand unter den Anweſenden eine allgemeine Bewegung ſtatt, man erhob ſich, Sandbye führte ſeine Schweſter herein, man drängte ſich um ſie, fragte wie ſie ſich befinde und freute ſich herzlich ihrer Wiederherſtellung. Friedrich hatte unterdeſſen Gelegenheit, die Baſe zu betrachten; trotz ihres hohen Alters war dennoch auf ihrem Antlitz das Gepräge vormaliger Schön⸗ heit unverkennbar; ihre Geſichtszüge waren edel und regelmäßig, und ihre Geſtalt war hoch und ungebeugt. Als Sandbye ſie zu ihrem Sitze führte, ſtellte er ihr Friedrich vor, welcher bis unter die Augenbrauen erröthete und ſich unabläſſig verneigte, während der ruhige Blick der Baſe ſich auf ihn richtete. Die Bewegung ihrer Lip⸗ pen verkündete, daß ſie etwas zu ihm ſagte, in ſeiner Verwirrung aber, und da ſie ohnehin ſehr leiſe ſprach, verſtand er kein Wort davon, und dadurch ward ſeine Ängſtlichkeit nur noch vermehrt. Sie wiederholte ihm endlich mit et⸗ was gehobener Stimme, daß ſie ſeinen Vater —-— 200— gekannt habe.„Ich danke ehrerbietigſt,“ erwiderte Friedrich in ſeiner Herzensangſt, wobei er ſich noch tiefer verbeugte. Das unterdrückte Gelächter der Umſtehenden entging ihm keinesweges; Baſe Dorothea aber war zu gutmüthig, um mit einzuſtimmen, ſie that, als bemerke ſie ſeine Verlegenheit nicht. Mit Freundlichkeit erkundigte ſich Baſe Do⸗ rothea nach ſeiner Mutter.„Faſt lauter Tan⸗ nen und Lerchenbäume,“ antwortete Friedrich, denn in ſeiner Angſt meinte er, die Baſe habe gefragt, welche Bäume in ſeiner Heimath vor— züglich wüchſen; eine Frage, welche ihm ſchon ſo oft gethan worden war, daß er die Antwort darauf gewiſſermaßen immer auf den Lippen hatte. Sandbye wandte ſich ungeduldig ab, und die Baſe, welche bemerkte, daß es vergebens ſey, ihm Rede abgewinnen zu wollen, verneigte ſich freundlich gegen ihn und wandte ſich darauf ge⸗ gen die übrige Geſellſchaft. Da man ſich gleich darauf zu Tiſche ſetzte, beeilte ſich Friedrich, ſeinen gewöhnlichen Platz unten am Tiſche neben Chriſtine einzunehmen; in welche neue Verwirrung aber gerieth er, als — 201— er gewahrte, daß die Baſe, welche vermuthlich die allzugroße Nähe des Ofens fürchtete, ſich an ſeiner anderen Seite ſetzte. Chriſtine, deren Unmuth während des vorangegangenen Auftritts auf das Höchſte geſtiegen war, beſchloß, die Aufmerkſamkeit der Baſe, ſo viel wie nur ir⸗ gend möglich, von ihrem Nachbar abzulenken, und ſuchte demnach ihre Verwandte zu veranlaſſen, von frühern Zeiten und von demjenigen zu er⸗ zählen, was ſich auf dem Schloſſe zugetragen, als ſie bei den Königlichen Kindern Kammer⸗ jungfer geweſen war. Das war jedesmal ein Feſt für die jungen Mädchen und auch für den ältern Theil der Geſellſchaft, wenn man die gute Baſe dazu bringen konnte, von dem Hofe, den Königlichen Prinzeſſinnen und dem Könige Chri⸗ ſtian dem Vierten zu erzählen, von dem ſie nie ohne Enthuſiasmus ſprach. Dorothea ſelbſt ver⸗ weilte gern bei dieſen Erinnerungen aus der glücklichſten Zeit ihres Lebens, und Chriſtine ſuchte nunmehr mit Schlauheit das Geſpräch auf das berühmte Carouſſel und die andern Feſtlich⸗ keiten zu lenken, welche bei der Vermählung des Prinzen Chriſtian mit der Prinzeſſin Mag⸗ — 20²— dalene Sybille von Sachſen ſtattfanden. Dies gelang ihr; ja noch mehr, was ſie zu ahnen nicht gewagt hatte, gelang ihr ebenfalls; Fried⸗ rich, dem jedwede Erinnerung aus früherer Zeit, jeder auch noch ſo kleine Beitrag aus der Ge⸗ ſchichte werth und theuer war, horchte mit der größten Aufmerkſamkeit hin, um kein einziges Wörtchen zu verlieren, ein Umſtand, welcher der Baſe keinesweges entging und ſie veranlaßte, ihre Rede vorzüglich an ihn zu richten: Baſe Dorothea erzählte als ein Augenzeuge lebhaft und ausführlich, und der junge Norweger vergaß demnach die Mahlzeit und die ganze Geſellſchaft rund um ſich her. Er war auf dem Schloſſe Ro⸗ ſenborg, war zugegen bei dem Ringſtechen, er ſah den großen König vor ſich, für den ſein Herz, von ſeiner Kindheit an, mit hoher Gluth geſchlagen hatte; ſeine Verlegenheit ſchwand vor den Bildern ſeiner Phantaſie, wie der Nacht⸗ froſt vor den Strahlen der Sonne; er fragte, wagte Bemerkungen, und noch bevor eine halbe Stunde vergangen war, war zwiſchen der Baſe und ihm alles Fremdartige verſchwunden. Die unbeſchreiblich glückliche Chriſtine, welche ſich über 1 die mit dem jungen Manne vorgegangene Ver⸗ änderung nicht genugſam wundern konnte, hörte deutlich, wie Baſe Dorothea beim Abſchiede, zu ihrer Mutter gewandt, ſagte:„Das iſt ein wak⸗ kerer junger Mann, er iſt eben ſo verſtändig als beſcheiden, und das will wahrlich viel ſagen.“ Als ſich die Geſellſchaft entfernt hatte, be⸗ merkte die Mutter ihrem Gatten:„Er iſt doch klüger als ich glaubte, ſo verkehrt er ſich auch ſonſt beträgt, wußte er ſich doch gar ſehr bei der Baſe beliebt zu machen.“ „Die Baſe,“ entgegnete der Vater,„ſprach von Dingen, die ihm zuſagten, das gab ihm ſein Gleichgewicht wieder; er iſt ehrlich und grade wie meine Schweſter, deshalb verſtanden ſie ſich einander bald, dabei aber war keine Klugheit im Spiele.“ Sandbye hatte Recht. Von dieſem Augen⸗ blicke an hatte Friedrich keine wärmere Freun⸗ din, keine eifrigere Beſchützerin, als Baſe Do⸗ rothea. Da ſie in einem freundſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe mit der Familie ihres Bruders ſtand, und Chriſtine ganz beſonders liebte, hatte man ſchon längſt nicht mehr daran gezweifelt, daß ſie — 204— die Letztere zu ihrer Erbin einſetzen würde; jetzt erklärte ſie unverholen, daß dieſes ihr feſter Ent⸗ ſchluß ſei, munterte die ſtille Liebe des ſchüch⸗ ternen Friedrichs auf, verſchaffte den Liebenden die Einwilligung der Mutter,(der Vater hatte Friedrich längſt ſchon als ſeinen Sohn betrach⸗ tet) und verſprach, ſobald derſelbe nur ein klei⸗ nes Amt erhalten haben würde, Chriſtine reich⸗ lich auszuſteuern, damit ſie die Freude hätte, das liebende Paar noch während ihrer Lebenszeit vereinigt zu ſehen. Der Sommer verging; ſchon mit Anfang des Herbſtes aber konnte unſer Friedrich die gegründete Hoffnung nähren, bal⸗ digſt und zwar in Copenhagen angeſtellt zu wer⸗ den. Dorothea hielt ihr Verſprechen, eine reich⸗ liche Ausſteuer ward eingekauft, ſie war wäh⸗ rend dieſer Zeit faſt täglich in dem Hauſe ihres Bruders, und Friedrich, ihr ſteter Begleiter, brachte ſie faſt jedesmal nach Hauſe und holte ſie an Feiertagen oft ab.. An einem Sonntag Abend ſollte er ſie in einem Hauſe abholen, wo ſie zu Mittag geſpeiſt hatte, und ſie dann nach Chriſtinens Eltern be⸗ gleiten. Sie waren eben eine Brücke paſſirt, — 205— als einige Matroſen mit einer Tragbahre ſich dicht an ihnen vorüberdrängten; ein Wagen, welcher grade in dieſem Augenblick von der ent⸗ gegengeſetzten Seite kam, nöthigte ſie, ſtill zu ſtehen, da fiel plötzlich der Schein der kleinen Laterne, welche Friedrich trug, auf die Trag⸗ bahre; das über dieſelbe ausgebreitete Tuch war ein wenig herab geglitten, und ein todtenblei⸗ ches Antlitz mit durchnäßtem Haar, welches jetzt der junge Norweger gewahrte, verkündete ihm, daß die Matroſen einen Ertrunkenen trugen. Mit einem Schrei des Entſetzens fuhr Baſe Dorothea zuſammen, indem ſie ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte. Friedrich bot ihr neuer⸗ dings ſeinen Arm, den er hatte fahren laſſen, bemerkte aber daß ſie heftig zitterte und ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Theilneh⸗ mend fragte er, wie ſie ſich fühle und that den Vorſchlag, in die erſte, beſte Hausthür zu tre⸗ ten, damit ſie ſich erholen könne; ſie aber bat ihn mit matter Stimme, ſie nach Hauſe zu führen und im Hauſe ihres Bruders ihr Aus⸗ bleiben zu entſchuldigen. Friedrich war genöthigt, ſie faſt nach Hauſe zu tragen und verließ ſie, — 206— ihrer Geſundheit wegen nicht ohne Beſorgniß, jedoch nicht eher, als bis eine der andern Klo⸗ ſterjungfrauen zu ihrem Beiſtande herbeigekom⸗ men war; wie lieb ihm auch Chriſtinens Geſell⸗ ſchaft war, er hatte dennoch nicht eher Ruhe, als bis er ſie an die Kloſterpforte begleitet hatte, wo er ſie bat, 2 die Nacht über bei der Baͤſe zu bleiben. Am nä ächſten Tage befand ſich Dorothea viel beſſer, und am darauf folgenden war die ganze kleine Familie, Friedrich mit einbegriffen, ein- geladen, bei ihr den Kaffee zu trinken. Der junge Norweger freute ſich wie ein Kind hierauf, er hatte die Baſe bis jetzt ſtets nur bis an die Thür ihrer Wohnung begleitet, er betrachtete ihre Zelle wie ein durch Gebet und fromme Ge⸗ danken eingeweihetes und nur der Andacht und der Arbeitſamkeit gewidmetes Heiligthum. Als er in die Thür trat, beſchauete er jeden Gegen⸗ ſtand mit einer gewiſſen Ehrfurcht; in den Fen⸗ ſtern ſtanden Blumentöpfe und wohlriechende Gewächſe, deren treffliches Gedeihen beurkundete, daß ſie von einer freundlichen Hand ſorgſam ge⸗ pflegt worden waren; an der prunkloſen Wand —-— 207— hing eine Lerche, die Geſellſchafterin Dorothea's in ihren einſamen Stunden. Friedrich aber ver⸗ gaß dieſes und alles andere bald über das bleiche veränderte Ausſehen ſeiner Wohlthäterin, welche übrigens munter und lebhaft ſchien und ihre Gäſte unterhielt, während Cheiſeinen den Aaſfte einſchenehan Sandbye war von ſeinen Geſchäften ver⸗ hindert worden mitzukommen, und man mußte deshalb früher aufbrechen, als es aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſonſt geſchehen wäre. Kurz bevor man ſich zum Fortgehen anſchickte, wandte ſich die Baſe zu Friedrich und ſagte, daß die Beſcheidenheit, mit der er und Chriſtine bisher vermieden hätten, ſie über ihre früheren Ver⸗ hältniſſe zu befragen, im Verein mit der ihr ſtets bewieſenen Liebe und Aufmerkſamkeit, ſie ſchon lange auf den Gedanken gebracht hätte, ihnen ihre Lebensgeſchichte mitzutheilen, weshalb ſie, zumal da die Begebenheiten derſelben ihr kürz⸗ lich durch einen Zufall lebendig wieder in die Erin⸗ nerung gebracht worden wären, den Entſchluß gefaßt habe, ihnen, falls dann ihr Bruder auch zugegen ſeyn könne, ſolche am nächſten Tage zu erzählen. „Ich möchte doch gerne,“ fügte ſie hinzu, „daß diejenigen, welche mir hienieden die Lieb⸗ ſten und Theuerſten ſind, noch bevor mein Herz ganz aufhört zu ſchlagen, den namenloſen Schmerz kennen lernen möchten, der daſſelbe faſt gebrochen hätte, den Schmerz, den Andacht und Gebet zwar zu lindern, nie aber ganz zu heben vermochten.“ 3 Als darauf am nächſten Tage die ganze Familie ſich wieder verſammelt hatte und um dem kleinen runden Tiſche ſaß, erzählte Baſe Do⸗ rothea wie folgt: „Es iſt Euch allen zu Genüge bekannt, daß ich mehrere meiner Jugendjahre am Hofe verlebte; ich hatte eben mein ſechszehntes Jahr zurückgelegt, als ich bei der Hofmeiſterin der Königlichen Kinder, Frau Anna Lycke, in Dienſt trat. Einige Jahre ſpäter ward ich als Kam⸗ merjungfer bei den Prinzeſſinnen ſelbſt angeſtellt, wobei ich die älteſte Prinzeſſin Anna Catharina ganz beſonders zu bedienen hatte. Sie war eben ſo ſchön als reizend und fromm, und ihr — 209— erlauchter Vater, welcher bei ſeinen theuren Kindern in manchen trüben Stunden, die ihm theils ſeine Regierungsſorgen, theils häusliche Bekümmerniſſe verurſachten, Zerſtreuung und Aufheiterung fand, verlobte ſie, als ſie kaum das vierzehnte Jahr erreicht hatte, mit dem Herrn Franz Nanzau zu Ranzausholm. Nie hatte man ein glücklicheres Paar geſehen; Ran⸗ zau war ein edler ritterlicher Herr und ſeiner hohen Braut vollkommen würdig; mannhaft und ſchön, von einem einnehmenden Weſen, be⸗ ſaß er alle Vorzüge des Geiſtes und des Körpers. Beſitzer eines ungeheuren Vermögens, bekleidete er bereits in ſeinem dreißigſten Jahre das hohe Amt eines Reichs⸗Hofmeiſters, wodurch er nächſt dem Könige die erſte Perſon im Lande war. Nicht bloß der Günſtling des Königs, war er auch von jedermann geliebt; auch hatte er, während ſeines Aufenthalts im Auslande, ſeinen Geiſt vortrefflich ausgebildet. Von einer dieſer Reiſen hatte er einen Kammerdiener mit⸗ gebracht, welcher früher bei einem Handelshauſe in Padua angeſtellt war, auf welches Ranzau Wechſel hatte. Joſeph, ſo nnintr ſich der Ita⸗ — 20.— liener, lernte hier Ranzau kennen und deſſen Milde und Herablaſſung gewannen ihm bald ſein ganzes Herz. Der Erſtere erbot ſich dem⸗ nach aus freien Stücken, als Kammerdiener dem Ranzau nach Dänemark zu folgen, falls jener ihm verſprechen wolle, ihm, wenn er ſpäterhin aus ſeinen Dienſten zu treten wünſchen ſollte, eine anderweitige Anſtellung zu verſchaffen. Der hübſche, lebhafte Joſeph gefiel dem Herrn Ran⸗ zau, und die erwähnte übereinkunft ward abge⸗ ſchloſſen. Nach ihrer Ankunft in Copenhagen begleitete er ſeinen Herrn dann und wann auf das Schloß, oder brachte meiner jungen Gebiete⸗ rin eine Botſchaft, welche ich gar oft entgegen nahm. So lernten wir uns kennen, er erklärte mir ſeine Liebe, und ich— geſtand ihm die meinige. So oft nun Ranzau ſeine Braut be⸗ ſuchte, kam Joſeph zu mir und ſo ſchwanden uns nunmehr einige glückliche Monate dahin⸗ Nur Joſephs ungemeine Heftigkeit tröpfelte dann und wann einen bittern Tropfen in mei⸗ nen Freudenbecher. Der geringſte Umſtand konnte ihn außer ſich bringen, dann runzelte er die Stirn, knirſchte mit den Zähnen, und — 211— wußte nicht was er that. Ich tröſtete mich in⸗ deß damit, daß eine ſolche Heftigkeit ihm, wie allen ſeinen Landsleuten, angeboren ſey, und hoffte daß es mir durch Frömmigkeit und Sanftmuth gelingen würde, ſeinen Sinn zu mildern.“ 3 „Man begann jetzt von der Vermählung Nanzau's mit der Prinzeſſin zu ſprechen, welche nur wegen der Jugend der Letzteren bis jetzt verſchoben worden war. Joſeph wünſchte nun⸗ mehr auch, mich auf immerdar die Seinige nennen zu können; eine Forſtbedienung war erledigt, und er glaubte ſich berechtigt, von Ran⸗ zau zu begehren, daß er um dieſelbe für ihn bei dem Könige anhalten möchte. Ranzau ver⸗ ſprach dies zu thun, und ich bin überzeugt, daß er ſein Wort gehalten. Chriſtian der Vierte aber, der immer ſeiner eigenen Anſicht folgte und ſtets das Wohl des Ganzen im Auge hielt, hatte dieſen Poſten bereits für einen Anderen beſtimmt, und ließ ſich, ſo hoch er übrigens auch Nanzau ſchätzte, von demſelben in ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe nicht wankend ma⸗ chen. Joſeph, dem dieſer Schlag ganz unerwar⸗ — 212— tet kam, zweifelte keinen Augenblick daran, daß ſein Herr das Wort für ihn nicht kräftig genug geführt habe, und glaubte in ſeinem argwöhni⸗ ſchen Sinne, daß jener, weil er mit ſeinen Dienſten zufrieden ſey, ihn nie von ſich laſſen wolle. Er warf ſeinem Gebieter in unehre rbie⸗ tigen Ausdrücken vor, daß er ſein Verſprechen nicht gehalten habe, ſagte, er habe um ſeinetwillen ſeine früheren Verhältniſſe aufgegeben und ſein Vaterland verlaſſen, und dennoch wolle Ranzau ihn jetzt wie einen Leibeigenen behandeln, der an ſeinen Dienſt gefeſſelt ſey. Sein Herr ſuchte ihn anfangs durch Güte zur Vernunft zu bringen, Joſeph aber regte ſich ſelbſt durch ſeine wilden Worte immer mehr und mehr an, ward immer kühner und unbeſcheidener, und als er nun gar von Falſchheit und Wortbrüchigkeit ſprach, da verlor Ranzau endlich die Geduld, und ge⸗ bot ihm mit heftigen Worten das Zimmer zu verlaſſen; Joſeph, auf's äußerſte getrieben, ent⸗ gegnete nur mit einem Hohngelächter. Ranzau, welcher ſich nicht länger beherrſchen konnte, ſchlug nach ihm; der Raſende ſetzte ſich zwar zur Wehre, der ſtärkere Ranzau aber packte 4 — 213— den weit ſchwächeren Italiener mächtig bei'm Kragen und ſchleuderte ihn mit furchtbarer Ge⸗ walt zur Thür hinaus, die Stiege hinab. Was dieſen Auftritt für Joſeph noch ſchmachvoller machte, war der Umſtand, daß alle andere Be⸗ diente, vermuthlich durch den lauten Streit herbeigerufen, ſich auk dem Gange verſammelt hatten, und folglich Zeugen der Scene waren; alle hatten ihn bisher um Ranzau's Gunſt be⸗ neidet und er glaubte demnach in den Blicken Aller die unverkennbarſte Schadenfreude zu leſen.“ „Nie,“ ſo fuhr Baſe Dorothea in ihrer Er⸗ zählung fort,„nie, meine theuren Freunde, hat aner von Euch ſo qualvolle Minuten verlebt, as die es waren, in welchen mir Joſeph jenen ſchecklichen Vorfall berichtete, auch will ich zu Got beten, daß Ihr nie einen Menſchen, wenig⸗ ſtens einen, der Euch näher angeht, in einem ſolchen Stuimme ungebändigter Leidenſchaft er⸗ ſchauen nögei, Er war bleich wie eine Leiche, ſeine Lipper bbten, ſeine Zähne ſchlugen gegen einander, ſo daß eine geraume Zeit verging, bevor ich alles erfahvn hatte. Er rang die Hände, lachte — 244— und weinte wie ein Wahnſinniger, der Schaum ſtand ihm vor dem Munde, und ich dachte in meiner Herzensangſt, er müſſe mit jedem Au⸗ genblick entſeelt zu meinen Füßen niederſtürzen; ach, ich ahnete nicht, wie glücklich wir beide ge⸗ weſen wären, wäre dies geſchehen. Ich rang verzweiflungsvoll die Hände, Thränen entſtröm⸗ ten meinen Augen; er ſah und hörte mich kaum; als er nun aber berichtete, daß er wuthentbrannt die Stiege wieder hinangeflogen ſey, um an ſei⸗ nem Gebieter perſönliche Rache zu nehmen, wie die Bedienten ſich aber ſeiner bemächtigt und ihn auf ſeine Kammer geſchleppt hätten, da fügte er mit einem furchtbaren Fluche hinzu, daß er die Fügſamkeit verwünſche, welche ihn bewoger habe, dem Gebote ſeines Herrn Folge zu leiſter, und nach ſeiner Ankunft in dieſem Lande ein Stilet abzulegen, welches er nach der Sitt’ ſei⸗ ner Landsleute bis zu jener Zeit ſtets bei ſch ge⸗ tragen hatte.„Hätte ich den treuen Freund zur Hand gehabt,“ rief er mit flanmnden Au⸗ gen,„da hätte ich den Herrn Ranzeu ſchon zur Ruhe gebracht, bevor er ſich an mch hätte ver⸗ greifen können.“— Bei dieſer fürchterlichen Worten dunkelte es mir vor den Augen, ich ſtieß einen lauten Schrei aus, warf mich vor ihm nieder und beſchwor ihn mit ſolchen Reden inne zu halten, wolle er nicht daß ich ſeinen Gebieter, ja wohl gar den König ſelbſt vor den Ausbrüchen ſeiner Wuth warnen ſolle. Er blickte finſter, doch etwas ruhiger auf mich hinab, und bat mich, mich zu faſſen und mir ſeine Worte nicht allzuſehr zu Herzen zu nehmen; ich kenne, meinte er, ja ſeinen heftigen Sinn, jeit wolle er ſich indeß bemühen, ſein Blut zur Rue zu zwingen. Ich wollte ihn nicht von mir laſſen, aber er betheuerte mir mit einem heiliger Eide, daß ſich ſein Zorn gelegt habe, wie ein Sturm, der da ausgeraſt hätte. Am polgendn Tage war er auch wirklich ganz ruhig und ſtill, er ſah bleich und erſchöpft aus, wel⸗ ches auch nach ſeiner heftigen Gemüthsbewegung ganz natürlich war; er erzählte mir, daß er am vergangenen Abend zu ſeinem Herrn gerufen worden ſey welcher ſich freundlich und ſanft wie ſonſt gegen hn benommen, und ihm erklärt habe, daß er das gorgefallene vergeſſen hätte.„Er meinte, auch ich könne es vergeſſen,“ fügte er — 246— hinzu, indem er mit den Zähnen knirſchte und ein Blitzſtrahl aus ſeinen Augen flammte.„Und kannſt Du das denn nicht?“ fragte ich ängſt⸗ lich.„Ich will es verſuchen,“ antwortete er, und von dieſem Augenblicke an ſprach er nichts mehr davon. Nur wenn ich dann und wann meine Beſorgniſſe über ſein bleiches, erſchöpftes Ausſehen äußerte, erwiderte er:„Es iſt, als habe er mir, indem er Hand an mich legte, das Mark aus den Beinen gehext.“ Und wirk⸗ lich war es, als ob eine feindliche Macht ilm jedwede Kraft geraubt hatte; ich ſchrieb dies in⸗ deß zum Theil der rauhen Herbſtluft zu, velche in jenem Jahre ganz vorzüglich kalt uw un⸗ freundlich war, und hoffte, daß es ſich mit ſei⸗ nem übelbefinden ſchon wieder geben würde Weit mehr aber ängſtigte es mich, daf Joſeyh ſeit Kurzem häufige Zuſammenkünfte mit Hän⸗ rich Müller, Ranzau's Privatſecretair, hatte, den ich nie leiden konnte, weil er ſchlecht ven ſei⸗ nem Herrn ſprach und nie gut geger denſelben geſinnt war, der ſich durchaus nicht zon ihm be⸗ herrſchen laſſen wollte. Joſeph ſelbr hatte früher manches gegen ihn, und mir oft geſagt, daß er falſch und bösartig ſey.“ „Eines Nachmittags, grade als Ranzau der Prinzeſſin einen Beſuch abſtattete, empfing ich ein Billet von Joſeph, welcher mir anzeigte, daß er ſehr unpäßlich ſey und das Bett nicht verlaſſen könne, weshalb ich ihn nicht erwarten möchte; ich erſchrak, daß ich ihn nicht ſchon früher veranlaßt hatte, ärztliche Hülfe zu ſu⸗ chen; endlich gegen Abend entſchloß ich mich, zu ihm zu gehen, denn ich wollte durchaus wiſſen, wie es mit ihm ſtände. Mit einer Leuchte in der Hand, machte ich mich auf den Weg. über den Schloßplatz kamen faſt nur Perſonen welche zum Schloſſe gehörten und mich folglich kann⸗ ten, auch hatte ich Abends ſchon oft den Weg gemacht, ohne daß mir etwas Unangenehmes be⸗ gegnet/ wäre. Dicht an jener Seite, des Schloß⸗ grabens wohnte eine meiner Freundinnen, die ich erſuchen wollte, mit mir zu gehen. Ich hatte ungefähr die Mitte des Platzes erreicht, als es mir plötzlich vorkam, als ob ich in dem welken Laube etwas raſſeln hörte; ich hemmte meine Schritte, horchte hin, vernahm deutlich, — 248— wie ſich Jemand längs dem Schloßgraben hin⸗ zog, und gewahrte, als ich den Schein meiner Leuchte dahin richtete, zwei Männer, welche mir den Rücken zugewandt hatten und ſich langſam an den Schloßgraben hinſtahlen. Ungewiß, ob ich meinen Weg fortſetzen oder umkehren ſollte, ſtand ich noch ſinnend da, als ich, ſo wie ſie nä⸗ her kamen, in dem Einen von ihnen deutlich— Joſeph erkannte. Ich hielt mich jetzt überzeugt, daß er ſich gegen Abend beſſer gefühlt und ſich auf⸗ gemacht habe, um mich zu überraſchen. Ich eilte ihm demnach entgegen, ſo ſchnell ich'konnte.„Jo⸗ ſeph, Joſeph!“ rief ich, als ich ihn faſt erreicht hatte. Bei dem Klange meiner Stimme fuhr er zuſammen, ſo als ob er plötzlich von einem Blitz⸗ ſtrahl getroffen worden wäre. Er wandte ſich mit furchtbarer Heftigkeit zu mir:„geh zur Hölle,“ donnerte er mir zu, und ganz außer ſich führte er einen ſo gewaltigen Streich nach mir, daß ich eine ganze Strecke zurück geſchleudert wurde. Von einem furchtbaren Entſetzen er⸗ faßt, wagte ich kaum einen dumpfen Schrei auszuſtoßen.„Was willſt Du hier?“ herrſchte Joſeph, wüthend wie vorhin,„fort zurück auf — 249— Dein Gemach, oder ich ſtürze Dich hinab in den Schloßgraben!“— Ich wandte mich und ſchickte mich an, ſeinem Gebote Folge zu leiſten, aber ich vermochte mich nur langſam fort zu bewegen, denn ich zitterte wie Espenlaub; meine Füße konnten mich kaum tragen, ich glaubte er ſey plötzlich wahnſinnig geworden, und wußte nicht, wie ich mich dabei benehmen ſollte; da vernahm ich eilende Schritte hinter mir, es war Joſephs Begleiter, der oben erwähnte Hein⸗ rich Müller.„Beruhigt Euch,“ ſprach er zu mir„Ihr kennt ja ſeine Heftigkeit.“—„Was aber wollte er denn?“ fragte ich, indem Thrä⸗ nen meinen Augen entſtrömten,„was habe ich denn verbrochen?“„Ihr wißt es ja, die Wel⸗ ſchen ſind argwöhniſch und eiferſüchtig, er ge⸗ rieth in Zorn, weil er Euch um dieſe Zeit an dieſem einſamen Orte fand.“—„Unmöglich!“ rief ich aus,„wie konnte er einem Verdachte gegen mich Raum geben, ich war ja nur aus⸗ gegangen, um zu ihm zu gehen.“—„überdem“ unterbrach mich Müller,„hatte er ſich wegen einer Unpäßlichkeit bei ſeinem Herrn krank mel⸗ den laſſen; dennoch wollte er ſich jetzt insgeheim „ — 220— zu Euch begeben, als Ihr nun aber mit der Leuchte erſchient und ſeinen Namen laut aus⸗ riefet, da fürchtete er entdeckt zu werden, und Vorwürfe von ſeinem Gebieter, wißt Ihr, kann er nicht ertragen, das hätte dann leicht einen ſolchen Auftritt geben können wie vor Kurzem ſtatt gefunden.“„Das verhüte Gott!“ rief ich aus; unterdeſſen hatte ſich Joſeph ebenfalls genähert.„Zürnſt Du mir, Dorothea?“ fragte er, indem er mir die Hand reichte,„Du kennſt ja mein heißes Blut, überdem bin ich unwohl und der Körper wirkt gar ſehr auf den Geiſt.“ Ich konnte nicht daran zweifeln, daß er wirklich krank ſey, denn bei dem Schein der Leuchte, der jetzt grade auf ſein Antlitz fiel, gewahrte ich deutlich, daß er todtenbleich ausſah, wie ein Geſpenſt, dem Grabe entſtiegen; die Hand, die er mir reichte, war kalt wie die einer Leiche. Meine Thränen begannen jetzt noch heftiger zu fließen und in der Angſt meines Herzens ſprach ich von einem Arzte. Da fuhr er auf's Neue auf:„ich will von Euren Quackſalbern nichhs wiſſen!“ rief er mit großem Ungeſtüm,„ich - 224— weiß was mir nützt, und werde mir ſchon ſelber helfen.“— Ich bat Joſeph, mir nach meinem Zimmer zu folgen, damit die kalte Abendluft ſein Un⸗ wohlſeyn nicht vermehre.„Das wage ich nicht,“ verſetzte er,„ich fürchte, man hat das Licht Dei⸗ ner Leuchte geſehen, man möchte mich entdecken.“ Ich wandte ein, daß man vom Schloſſe aus nach dieſer entlegenen Stelle nicht hinſchauen könne, er aber erwiederte, daß er der Ruhe bedürfe und ſein Lager aufſuchen wolle.„Gute Nacht, Doro⸗ thea!“ rief er darauf ſchnell, indem er mich mit Heftigkeit in ſeine Arme ſchloß und an ſein Herz drückte, ſeine Lippen brannten auf den meinigen, auf meiner Wange und auf meiner Stirn. Plötz⸗ lich riß er ſich von mir los, faßte Müller unter den Arm und wollte von dannen, ſchon im näch⸗ ſten Moment aber hemmte er ſeine Schritte. „Niemand aus dem Schloſſe darf wiſſen, daß Du mich hier getroffen,“ ſprach er zu mir ge⸗ wandt,„das könnte mir wieder einen Auftritt her⸗ beiziehen, wie ich ihn nicht zu ertragen vermag — ſchwöre mir, unſer Zuſammentreffen hier vor Jedermann verborgen zu halten.“—„Ich ver⸗ ——————————— — — 222— ſpreche es Dir,“ antwortete ich; er aber packte mich heftig bei der Schulter,„ſchwöre es,“ rief er in einem furchtbaren Tone,„ſchwöre es bei Deiner künftigen Seligkeit!“ Ich that zitternd wie er gebot.„Gute Nacht!“ wiederholte er dar⸗ auf,„ich lege mich nun zur Nuhe thue Du daſſelbe.“ Wiee ich zurück auf das sEihlas und in mein Gemach gelangte, ich weiß es noch jetzt nicht. Die einzige deutliche Vorſtellung, die ſich mir aufdrang, war die, daß Joſeph wahnſinnig ge⸗ worden ſey. In der furchtbarſten Seelenangſt ſchritt ich händeringend im Zimmer auf und ab, ich wußte nicht, was ich beginnen, an wen ich mich wenden ſollte. Zwar hatte mir Müller im Fortgehen zugeflüſtert, daß ich ruhig ſeyn könne, er wolle ſchon für Joſeph ſorgen, und ohne deſ⸗ ſen Vorwiſſen nach einem Arzte ſenden; allein auf ihn glaubte ich mich nicht verlaſſen zu kön⸗ nen. Da fiel es mir ein, daß ſein Herr doch ſehr viel auf Joſeph hielt, und ich beſchloß mich demnach an jenen zu wenden. Jetzt hörte ich, wie im Speiſeſaale die Stühle gerückt wurden, man erhob ſich von der Tafel und ich vernahm — 223— deutlich die Worte:„Gute Nacht, Franz Ranzau, ſchlaft recht ſanft darauf!“ Das war Chriſtian des Vierten kräftige Stimme, welche man durch das ganze Schloß vernehmen konnte, er lag, wie es ſchien, im Fenſter. Ohne mich lange zu be⸗ denken, flog ich die Stiege hinab und langte unten grade in dem Augenblicke an, in welchem Ranzau vor der Thür von der Prinzeſſin Abſchied nahm. Ich näherte mich ſchüchtern.„Was willſt Du, mein Kind?“ fragte er in einem gutmü⸗ thigen Tone; ich konnte vor Thränen kein Wort hervorbringen,—„ach, ich weiß ſchon, ſie iſt um ihren Herzgeliebten bekümmert,“ nahm er, zur Prinzeſſinn Anna Catharina gewandt, das Wort.„Ich wollte Euch erſuchen, gnädiger Herr, ihm einen Arzt zu ſenden,“ ſtammelte ich end⸗ lich heraus,„er iſt ſehr krank!“—„Iſt dem wirklich ſo?²“ fragte Ranzau, indem er ſeinen klaren durchdringenden Blick auf mich richtete. „Gewiß, gewiß, gnädiger Herr!“ betheuerte ich. „Ich habe das nicht geglaubt,“ fuhr Ranzau fort, es kam mir vor, als grübele er über etwas, das auf ſeinem Herzen laſte,„aber ſei ruhig, mein Kind,“ fügte er hinzu, indem er mir theil⸗ — 228— nehmend die Wange ſtrich, um Deinetwillen will ich noch heute einen Arzt zu ihm ſenden; auch weiß ich ſonſt noch ein Heilmittel, welches, wie ich hoffe, bei ihm beſſer anſchlagen wird, als alles, was Meiſter Samuel Meyer zuzubereiten vermag.“—„Was iſt das für ein Mittel? fragte die Prinzeſſin, welche ihm, während er ſprach, die blonden Locken von der Stirn ſtrich. „Ich erhielt,“ erwiederte Ranzau,„geſtern ein Schreiben von meinen Gütern, worin man mir anzeigt, daß dort ſo eben eine Forſtbedienung er⸗ ledigt worden, welche faſt eben ſo einträglich iſt, als die, um welche ſich Joſeph früher bewarb, die habe ich ihm zugedacht; ich hätte ihm dieſen meinen Entſchluß ſchon mitgetheilt, aber ich wollte damit warten, bis er etwas fügſamer ge⸗ worden; damit indeß ſeine Braut ruhig ſchlafen kann, ſoll er es noch dieſen Abend erfahren.“ Ich erfaßte ſeine Hand um ſie zu küſſen, er aber entzog ſie mir, klopfte mir ſanft auf die Schulter, und ſagte:„ſey nur ruhig, mein Kind, ich will für Joſeph ſorgen, ſo als ob er mein Bruder wäre.“„Und unſere Hochzeit, meine gute Dorothea,“ fügte die Prinzeſſinn —- 225— hinzu,„ſoll an einem und demſelben Tage ge⸗ feiert werden, ich ſelbſt will Dir den Brautkranz in die Locken flechten.“ über Beider Güte tief gerührt, begab ich mich auf mein Zimmer zurück, aber noch immer vermochte ich keine Ruhe zu gewinnen, im Ge⸗ gentheil, meine Herzensangſt nahm mit jedem Augenblicke zu, ich war nicht im Stande zu be⸗ greifen, wie Joſeph noch immer auf einen ſo guten Herrn zürnen könne; denn daß er das that, das konnte ich vor mir ſelbſt nicht ver⸗ bergen. Ich öffnete mein Fenſter um friſche Luft zu ſchöpfen, denn meine Angſt erdrückte mir faſt das Herz. Das Fenſter ging hinaus in den Schloßhof, der in tiefe Dunkelheit ge⸗ hüllt vor mir da lag; es war mir, als ſchaue ich hinab in ein finſteres Grab, eine Todten⸗ ſtille herrſchte überall, ich konnte deutlich jedes Blatt fallen hören; da öffnete ſich die Schloß⸗ pforte, es war Ranzau, er ging mit raſchem, weithin ſchallendem Schritt über den Schloß⸗ hof; ſeine eiſenbeſchlagenen Stiefeln riefen dann und wann Funken aus den Steinen hervor, die ſein Fuß betrat, ſeine Uiideien ehnrei klirrten, — 226— und vor ſich hin trällerte er ein fröhliches Lied. „Ach,“ dachte ich bei mir ſelbſt,„ſchade daß die Zimmer der Prinzeſſin ſich nicht auf dieſer Seite des Schloſſes befinden, wie würde ſie ſich freuen, ihren Geliebten ſo munter dahin wan⸗ dern zu ſehen!“ Dennoch aber war es mir, als ob mein Herz bei jedem Schritte, den er weiter that, brechen müſſe, als müſſe ich laut aufſchreien, ihn zurückzuhalten, in dieſem Augen⸗ blick“— Dorothea hielt inne. „Was fehlt Euch, theure Baſe?“ fragte Chriſtine,„Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“ „Reiche mir ein Glas Waſſer, mein Kind,“ erwiderte Dorothea, und nachdem ſie davon ge⸗ trunken und ſich wieder gefaßt hatte, nahm ſie folgendermaßen wieder das Wort:„Ranzau ging alſo, wie geſagt, raſch und fröhlich dahin, — plötzlich aber vernahm ich ein dumpfes Ge⸗ räuſch— es war mir als hörte ich es heftig im Waſſer plätſchern,— gleich darauf herrſchte wieder die frühere Todtenſtille.“*) *) Dies geſchah am 5ten November 1632. — 227— „Ich ſtand von Todesangſt wie angefeſſelt da, meine Füße waren ſchwer wie Blei, meine Zunge klebte an dem Gaumen. Ich wollte den Mund öffnen um einen Schrei auszuſtoßen, aber ich vermochte keinen Laut hervor zu brin⸗ gen. Da vernahm ich trotz meiner halben Be⸗ wußtloſigkeit plötzlich Ketten raſſeln, ich hörte deutlich wie die Zugbrücke hinabgelaſſen wurde, und auf einmal war es mir, als ob eine Ge⸗ walt, von der ich bisher gehalten worden, mich jetzt nicht nur los laſſe, ſondern ſogar fort treibe. Ich taumelte hinaus auf den Gang und wollte die Stiege hinab, aber meine Kräfte verließen mich neuerdings, und ohnmächtig ſank ich zu Boden. Eine Kammerjungfer, deren Zimmer ebenfalls hinaus auf den Gang ging, hörte den Fall, und war menſchenfreundlich ge⸗ nug, ihr Lager zu verlaſſen, Licht anzuzünden und zu meinem Beiſtande herbei zu eilen. Ich lag leblos und blutend da, denn ich war mit dem Kopfe gegen die Mauer gefallen. Sie trug mich auf ihr eigenes Lager und nach mehreren vergeblichen Verſuchen gelang es ihr endlich mich ins Leben zurück zu rufen. Ich blickte 6. — 228— um mich und wunderte mich nicht wenig, mich auf einem andern Lager als auf dem meinigen zu finden. Ich erfuhr, wie ich dahin gekommen, und nun fragte ſie ihrerſeits, wohin ich noch ſo ſpãt gewollt hätte. Dieſe Frage rief plötzlich alles, was vorgegangen war, in meine Erinne⸗ rung zurück, mit einem lauten Schrei wollte ich vom Bette auf und zur Thür hinaus— ſie aber ſuchte mein Vorhaben zu verhindern, denn ſie glaubte ich ſey von Sinnen. Von der furchtbarſten Angſt erfaßt, rief ich jetzt, daß ich hinab müſſe um Hülfe zu ſchaffen, verſicherte. daß es ein Menſchenleben beträfe und riß mich von ihr los. Sie vermochte nicht mich feſt zu halten, und blieb beſtürzt allein in der Dunkel⸗ heit zurück, denn ich hatte das Licht verlöſcht, indem ich mich bemühte es ihr aus der Hand zu reißen. Auf dem Schloſſe ruhte Alles in dem tiefſten Schlummer, überall waren die Lich⸗ ter verlöſcht, die Thüren verſchloſſen. Ich eile auf die Schloßwache, ſtammle in meiner Angſt und Verwirrung nur hervor, doß jemand Hülfe bedürfe, und daß man Leute mit Lichtern nach dem Schloßgraben ſenden mögte. Ich brachte — 229— das alles ſo undeutlich und verwirrt hervor, daß der Offizier anfangs nicht klug daraus werden konnte, ſondern glaubte, ich hätte meinen Ver⸗ ſtand verloren. Endlich ward er indeß aufmerk⸗ ſam, als ich meine Ausſage wiederholte und verſicherte, ich hätte gehört, wie etwas in das Waſſer gefallen ſey, grade als Herr Ranzau das Schloß verlaſſen habe; und als nun gleich darauf ein Bedienter des Letzteren erſchien, fra⸗ gend, ob ſein Herr die Nacht über auf dem Schloſſe bleibe, da er noch nicht heimgekehrt ſey, da beſann ſich der Offizier nicht länger, ſondern ſandte Einige ſeiner Leute hinab nach dem Schloß⸗ graben, während er Andere in das Schloß be⸗ orderte, um Fackeln herbei zu holen. Mehr todt als lebendig ſtarrte ich, an die Wand ge⸗ lehnt, den Soldaten nach, die hinunter an das Waſſer eilten. Man begann ſich auf dem Schloſſe zu regen, Lichter wurden hie und da an den Fenſtern ſichtbar, endlich gewahrte ich die verlangten Fackeln, einige Bediente folgten und Alles eilte nunmehr dem Schloßgraben zu. Ich ſah, wie der dunkelrothe Fackelglanz ſich längs dem Ufer hin und her bewegte, ich ver⸗ -— 230— nahm ein verwirrtes Gemurmel, Alles drängte ſich auf einen Punkt zuſammen, einige Bediente näherten ſich neuerdings dem Schloſſe— da hörte ich Chriſtian des Vierten Stimme, er fragte, indem er ſchnell aus der Schloßpforte trat, was man vorhabe:„Ew. Majeſtät,“ ent⸗ gegnete einer der Bedienten,„Herr Franz Ran⸗ zau hat in der Dunkelheit die Brücke verfehlt und iſt in den Schloßgraben geſtürzt.“— „Ewiger Gott!“ rief der König, und raſchen Schrittes ſtürzte er dem Zuge entgegen, wel⸗ cher ſech ihm jetzt näherte und die Leiche brachte. Voran gingen zwei Soldaten, die ganz durch⸗ näßt waren.„Seyd Ihr es, die ihn heraus⸗ gezogen?“ fragte der Monarch.„Ja, Ew. Ma⸗ jeſtät,“ antwortete einer von ihnen,„wir tauch⸗ ten unter und holten ihn heraus, aber es war zu ſpät, er hatte ſchon zu lange im Waſſer ge⸗ legen.“— In dieſem Augenblick traten die übrigen mit der Leiche heran.———“ „Vier und funfzig lange Jahre ſind dahin geſchwunden, ſeit jene furchtbare Scene ſtatt fand, noch immer aber ſteht ſie eben ſo lebendig vor mir da, als in dem Momente, in welchem ich 3 - 231— ſie anſchaute. Oft, wenn ich Nachts meine Au⸗ gen ſchließen will, ſchwebt ſie mir vor und ver⸗ jagt den Schlaf und die Ruhe von meinem La⸗ ger.— Die Hand, welche Ranzau noch vor ſo kurzer Zeit ſo freundlich und huldreich auf meine Schulter legte, lag jetzt kalt und regungslos da, die ſchöne, offene Stirn war todtenbleich und durchnäßt hingen die blonden Locken herab, mit denen ſeine reizende Braut noch ſo eben tändelte — das Waſſer triefte von ſeinem Körper, wie bei jenem Verunglückten, mein guter Friedrich, deſſen Leiche wir vor Kurzem begegneten, und die ſo furchtbare Erinnerungen bei mir erweckte.“ Nach einer kurzen Pauſe, in welcher ſie, in trüben Gedanken vexrſunken, dageſeſſen, fuhr Baſe Dorothea in ihrer Erzählung folgendermaßen fort: „Der König wandte ſich einen Augenblick lang ab und bedeckte ſein Geſicht mit den Hän⸗ den, darauf ſprach er:„ſchafft ihn ſchnell hin⸗ auf in das Schloß und holt meinen Wundarzt, Doktor Fabricius, ich folge ſogleich.“Y“ Während der König dieſe Worte ſprach, ward er meiner gewahr,„kommt mit uns,“ rief er mir zu,„wir könnten vielleicht weiblicher Hülfe bedürfen, geht — 232— voraus, und ſorgt dafür, daß in dem blauen Zimmer ein warmes Bett bereitet werde.“ In dieſem Moment that ſich die innere Schloßpforte auf, Chriſtian der Vierte fuhr zu⸗ ſammen.“. „Ach Kinder! Ihr, die Ihr den kräftigen Helden nicht gekannt habt, der während ſeiner ganzen Lebenszeit der Gefahr und dem Tode muthig die Stirn bot, Ihr könnt es Euch nicht denken, wie furchtbar es war, als der zuſammen ſchauderte.„Den andern Weg,“ rief er ſchnell, „durch die Gartenpforte! laßt alle Mittel an⸗ wenden, laßt nichts unverſucht, ich folge un⸗ verzüglich.“ Sein Vaterauge hatte ſich nicht getäuſcht, es war die Prinzeſſn Anna Catharina, welche mit ihrer Schweſter aus der Schloßpforte trat. Als wir uns wandten, um den von dem Könige bezeichneten Weg einzuſchlagen, ſah ich wie ſie herbei eilte um uns einzuholen, ihr Königlicher Vater aber vertrat ihr den Weg, ich ſah, wie er ſie in ſeinen Arm nahm, und ſie aauf das Schlaß zurück führte.“ „Der Doktor Fabricius erſchien, alle Mittel wurden angewandt, aber vergebens! ſchweigend 1 — 233— umgaben wir das Lager, auf welches man die Leiche gebracht hatte, da vernahmen wir den ſchnellen Schritt des Königs draußen auf dem Gange, die Thüren wurden geöffnet, Alles trat ehrerbietig zurück. Die Blicke des Monarchen ſuchten den Arzt und richteten ſich ſcharf und fragend auf denſelben; Doktor Fabrizius ſchlug die Augen nieder und zuckte mit den Schultern. „Habt Ihr Alles verſucht?“ fragte der König endlich.—„Alles, Ew. Majeſtät,“ antwortete der Arzt,„aber—“ er ſchwieg und zuckte neu⸗ erdings mit den Schultern. Der König nannte nun ſelbſt noch einige Mittel, die er anzuwen⸗ den gebot, ſie wurden verſucht, allein vergebens. Da trat Chriſtian der Vierte zu dem Lager und betrachtete mit kreuzweis übereinander geſchlage⸗ nen Armen den Leichnam einige Augenblicke lang, dann ſprach er, halb zu dem Arzte ge⸗ wandt, halb vor ſich hin:„So jung und ſchön — ſo kräftig und ſtark— und dennoch auf immer dahin— dennoch auf immer verloren!“ — Alles ſchwieg tief bewegt, der Monarch aber legte ſeine königliche Rechte auf ſeines Günſt⸗ lings bleiche Stirn, ließ ſie langſam hinabglei⸗ — 234— ten und drückte dem Entſeelten die Augen zu; da öffneten ſich die Flügelthüren, und Eleonore Chriſtine trat ein, ſie, welche ſpäterhin als ul⸗ felds Gemahlin den Wechſel des Glücks in ei⸗ nem ſo hohen Grade erfuhr, unter dem jetzigen König, Chriſtian dem Fünften, ohngefähr vor einem Jahrr ihre Freiheit wieder erhielt, und jetzt das Schloß Mariboe bewohnt. Sie war damals kaum zehn Jahre alt, und jedermann wußte, daß ſie Chriſtian des Vierten liebſtes Kind war. Der König bedeckte ſchnell das Ant⸗ litz der Leiche mit einem Tuche und trat dann ſeiner Tochter entgegen.„Was willſt Du hier, Eleonore?“ fragte er,„gebot ich Dir nicht bei Deiner Schweſter zu bleiben.“—„Ach, mein Vater, ich vermochte es nicht,“ antwortete die Kleine,„ich wollte ſo gerne wiſſen, wie es hier ſtände.“—„Komm, mein Kind,“ ſagte der König,„laß uns zu Deiner Schweſter zurück⸗ kehren.“—„Wie, Ihr wollt fort von hier, mein Vater,“ fiel Eleonore ein,„iſt denn keine Rettung— gar keine Hoffnung?“„Nein!“ erwiderte der König mit einem Tone, der furchrbar im Gemache wiederhallte. Wir alle — —- 235— fuhren zuſammen, es war als ob wir jetzt erſt von der traurigen Wahrheit Gewißheit erhalten hätten, und jetzt trat uns plötzlich die Wirklich⸗ keit mit allen ihren Schrecken entgegen. Jeder von uns fühlte, daß jenes Nein gewaltſam aus der Bruſt des Königs hervorgebrochen war, in dem Moment, in welchem er mit der Kraft ei⸗ nes Helden den Schmerz bekämpfte, der ſein Vaterherz bewegte. Die Kleine umklammerte wehmüthig ihren Vater und Thränen entſtröm⸗ ten ihren Augen; er ſtrich ihr die Locken von der Stirn, drückte einen Kuß auf ihre Lippen und verließ dann mit ihr das Gemach. An der Thür wandte er ſich noch einmal zu dem Arzte. „Laßt Samuel Meyer,“ ſprach er,„eine ſtär⸗ kende Arzenei bereiten, und ſendet ſie dann durch Dorothea auf das Zimmer der Prin⸗ zeſſin.“ 2 „Als ich mit dem Stärkungstrank erſchien, ſaß die Prinzeſſinn Anna Catharina auf ihrem Ruhebette, bleich und unbeweglich wie eine Statue, ihr Haupt lehnte an der Wand, ihre Augen waren geſchloſſen; neben ihr ſaß Sophie Eliſabeth,*) und vor ihr knieete die kleine Ele⸗ onore auf einem Schemel und hielt ihre her⸗ abhängende rechte Hand, während der König mit großen Schritten im Zimmer auf und ab ging.“ „Ich knieete neben leonoren nieder, und reichte den Becher dem Fräulein Sophie, welche iihn an die Lippen der Prinzeſſin Anna führte. Dieſe wandte das Antlitz ab, ſo als weigere ſie ſich, den Trank zu ſich zu nehmen, Eleonore aber ſprach in einem freundlichen Tone, indem ſie der Prinzeſſin die Hand küßte:„Anna, ſüße Anna, denke an unſern Vater!“ worauf der fromme Engel das Haupt zu dem Becher neigte und die Arzenei zu ſich nahm. Als So⸗ phie mir das geleerte Trinkgeſchirr zurück gab, nannte ſie mich bei Namen, da öffnete die Prinzeſſin ihr mattes Auge:„Ach Dorothea,“ ſeufzte ſie,„Dein armer Joſeph!“ Sie ver⸗ mochte nicht weiter zu reden, denn ſie gedachte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, des letzten Ge⸗ *) Ebenfalls eine Tochter des Koͤnigs und der Frau Chriſtine Munk. 2 — 3237— ſprächs, welches ſie mit ihrem Bräutigam ge⸗ habt, und in welchem dieſer verſprochen hatte, für Joſeph zu ſorgen.“ „Angſt und Bekümmerniß hatten bisher meinen Gram niedergedrückt gehalten, ich war mir keines klaren Gedankens bewußt, und das Ver⸗ ſchweigen des Umſtandes, daß ich nach dem Plät⸗ ſchern im Waſſer das Herablaſſen der Zugbrücke vernahm, hatte keinesweges abſichtlich, ſondern ge⸗ wiſſermaßen inſtinktmäßig ſtatt gefunden. So wie aber jetzt die Prinzeſſin den Namen meines Geliebten ausſprach, war es plötzlich, als ob eine Binde von meinen Augen ſank, es war mir, als ob eine furchtbare Stimme mir zudon⸗ nerte:„er, er hat ihn gemordet!“— Mit einem lauten Schrei ſank ich bewußtlos zu Boden, und von dieſem Augenblicke an bemerkte ich nicht mehr, was rund um mich her geſchah.“ „Als ich vierzehn Tage darauf mein Be⸗ wußtſein zum erſtenmale wieder erlangte, ſaß meine Stiefmutter neben meinem Lager; im Zimmer herrſchten Stille und Dunkelheit. Das Geſchehene war wie aus meiner Erinnerung weggewiſch, nur nach und nach ſchwand meine — 2358— geiſtige Stumpfheit, und nunmehr traten nach einander die gräßlichen Begebenheiten vor mich, welche ſo furchtbar auf mich eingewirkt hatten. In einem heftigen Fieber hatte ich raſtlos mit den ſchreckenvollſten Phantaſiegebilden gekämpft. Meine Stiefmutter war nicht von meinem La⸗ ger weggekommen.„Ich mußte jeden andern fern halten,“ ſprach ſie jetzt zu mir,„denn Du haſt furchtbare Worte ausgeſtoßen, Worte, mein Kind, welche Deinen theuerſten Freund auf das Schaf⸗ fot bringen könnten.“—„Ich habe keinen theu⸗ ren Freund mehr,“ erwiderte ich mit tiefem Kummer,„den Ihr ſo nennt, den kann ich nie — nie mehr ſehen.“— Erſt als meine Stief⸗ mutter ſich überzeugt hatte, daß dies mein feſter Entſchluß ſey, berichtete ſie mir, daß gleich nach dem Tage, an dem ich erkrankte, ein Schreiben von Joſeph angelangt ſey, worin er erklärte, daß er nach dem Unglück, welches ſeinen Herrn be⸗ troffen, nicht länger in Dänemark bleiben möge, weshalb er ſofort aufgebrochen ſey, ich ſolle aber von ihm hören. Ein ſchwerer Stein fiel bei die⸗ ſer Kunde von meinem Herzen, denn ich hatte mich, ſo wie ich mein Bewußtſeyn wieder er⸗ — 239— langte, gefragt, ob ich es auch verantworten könne, den Mörder Ranzaus ungeſtraft umher gehen zu laſſen— ob ich mich nicht durch Schweigen gewiſſermaßen zu ſeiner Mitſchuldi⸗ gen mache— ob ich nicht dadurch, daß ich ihn der irdiſchen Strafe entzöge, ſeine Seele viel⸗ leicht der ewigen Verdammniß übergäbe! Ach, und dennoch fühlte ich, wie es mir unmöglich war, ihn, den ich einſt geliebt hatte, auf das Hochgericht zu bringen. Das Schickſal hatte ſich in das Mittel geſchlagen, ich hatte rit keine Wahl mehr.“ „Was jetzt noch folgt, n meine lieben Freunde,“ fuhr Baſe Dorothea fort,„iſt leicht erzählt. Als ich einige Wochen darauf meinen Dienſt bei der Prinzeſſin wieder antrat, erſchrak ich über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Ihr Gram war ſtumm aber vernichtend. Man gewahrte deutlich, wie ſie mit jedem Tage immer weniger und weniger dieſem Leben an⸗ gehörte. Nicht nur ihr Königlicher Vater litt mit ihr, nein, das ganze Land theilte ihren Schmerz, denn der edle Ranzau war wegen ſei⸗ ner hohen Geiſtesgaben, ſo wie wegen ſeiner —-— 240— Herzensgüte von jedermann geliebt. Es war als ob dies allgemeine Mitgefühl ihren Kum⸗ mer gewiſſermaßen heilige und demſelben einen höheren Schwung gäbe; es war nicht blos ihr eigener Verluſt, den ſie betrauerte, nein ſie be⸗ weinte auch, was der König, was das Land ver⸗ loren, und ſo wurde ihrem Schmerze ſeine Bit⸗ terkeit genommen. Mit jedem Tage ſahen wir ſie bleicher, ſchwächer; aber auch mit jedem Tage frömmer und ergebener. Wenn ich ſo Zeuge ihres ſtillen Grames war, erfaßte mich oft eine furchtbare Seelenangſt; es kam mir dann vor, als hätte ich das Verbrechen verhin⸗ dern, als hätte ich ahnen können, was der un⸗ glückliche Joſeph im Schilde führe; und wenn die Prinzeſſin zufälligerweiſe ſeinen Namen nannte, oder ſich theilnehmend nach ihm erkun⸗ digte, denn ſie hielt ſich wie jedermann über⸗ zeugt, daß der Schmerz über den Verluſt ſeines Herrn ihn von mir getrieben habe, durchſchnitt es mir ſtets das Herz. Mehrere Male ſchwebte die Entdeckung des furchtbaren Geheimniſſes auf meinen Lippen, aber es war mir dann ſtets wieder, als ob eine unſichtbare Macht meine ——— — 241— Zunge feſſelte. Weshalb ſollte ich auch dieje⸗ nige, welche ſich mit frommer Ergebung in den Willen der Vorſehung fügte, mit dem ſchrecken⸗ vollen Bilde des Verbrechens ängſtigen? Wa⸗ rum ihre letzten Stunden verbittern?“ „Das Jahr ging noch nicht zu Ende, als die Königliche Jungfrau ihrem Verlobten in das Grab folgte, kaum funfzehn Jahre, hatte ſie des Lebens ſüßeſte Wonne geſchmeckt— hatte ſie ſeinen bitterſten Kelch geleert!— Einige Stunden vor ihrem Dahinſcheiden ſaß ich an ihrem Sterbebette, ſie ſchlummerte und ſtammelte träumend abgebrochene Worte hervor; als ſie erwachte und die Thränen gewahrte die über meine Wangen hinabrollten, ſprach ſie zu mir gewandt,:„Gräme Dich nicht um mich, Dorothea,— bald— bald werde ich wieder mit ihm vereinigt ſeyn.“ „Das waren ihre letzten Worte, ſie ſank zurück auf ihr Kiſſen, und der Jüngling mit der Todesfackel führte ſie heim.“— Einige Wochen nachher befand ich mich ei⸗ nes Tages allein auf meinem Zimmer, als mir ein Brief gebracht wurde; die Nuſchrift war in - 242— deutſcher Sprache abgefaßt und die Handſchrift mir unbekannt. Das Schreiben war von einem Offizier in öſtereichiſchen Dienſten, welcher mir berichtete, daß Joſeph ein Jahr unter ihm ge⸗ dient und ſich während dieſer Zeit mit einem an Tollkühnheit gränzenden Muthe jedweder Gefahr preis gegeben habe. Seine Kameraben hatten bemerkt, daß er jedesmal, wenn er in den Kampf ging, ſich zuvor ſcheu umſchaute, ſo als gewahre er jemand hinter ſich, worauf er dann einen Namen nannte und ſich verzweiflungsvoll in den dichteſten Haufen ſtürzte. In einem vor kur⸗ zer Zeit ſtattgehabten Treffen hatte er endlich den Tod gefunden, den er ſchon längſt ſuchte. Der Name„Ranzau“ war das letzte Wort, welches ſeine ſterbenden Lippen ausſprachen.“ „Der Offizier, welcher den Brief geſchrie⸗ ben, äußerte die Vermuthung, daß Joſeph da⸗ durch ſeine Anhänglichkeit an ſeinem früheren Herrn zu erkennen gegeben habe und verſicherte, wie auch die Kameraden des Verſtorbenen der Meinung wären, daß es auch jener Name ge⸗ weſen ſey, den er dumpf vor ſich hin murmelnd ſtets ausgeſprochen habe, wenn es in die Schlacht — 243— ging. In ſeiner Brieftaſche hatte man die ſchriftliche Bitte gefunden, mich, ſobald er ge⸗ fallen ſeyn würde, von ſeinem Tode zu unter⸗ richten.“— „Nach dem Tode der Prinzeſſin Anna Ca⸗ tharina wollte ich das Schloß verlaſſen, wo jeder Gegenſtand ſo mannigfache trübe Erinne⸗ rungen bei mir hervor rief, aber ihre Schwe⸗ ſtern, Sophie Eliſabeth und Eleonore Chriſtine, wollten mich nicht von ſich laſſen. Ich blieb demnach bei ihnen, bis die Erſtere ſich vermählte, und meine Stiefmutter ſtarb, wo ich dann wie⸗ der zu meinem Vater zog, um deſſen Pflege zu übernehmen.“ „Dort erſt, in der Einförmigkeit eines ſtil⸗ len Lebens, wandelte ſich meine düſtere Melan⸗ cholie in eine ruhigere Wehmuth.“— Baſe Dorothea ſchwieg— und in der klei⸗ nen Verſammlung herrſchte einige Augenblicke lang eine tiefe Stille, endlich nahm Friedrich das Wort: War es denn aber nicht möglich, daß alle Umſtände nur ſo zuſammen trafen, daß er dennoch das furchtbare Verbrechen nicht be⸗ gangen?“ 1. — 244— Haupt.„Glaubt doch,“ erwiderte ſie„daß ich eine ſo furchtbare Anklage nicht ausſprechen würde, ſtände nicht die ſchreckenvolle Gewißheit klar vor meiner Seele da. Was hatte der Un⸗ glückliche zu jener Zeit auf dem Schloßplatze zu ſchaffen? Weshalb war die Zugbrücke, die ſonſt ſtets herabgelaſſen war, weil Ranzau alle Abend über dieſelbe ging, in jener Nacht aufgezogen? Baſe Dorothea ſchüttelte ſchwetzlich das Was mich aber mehr als Alles überzeugt, war das Cains⸗Zeichen, welches ich, noch bevor er die That beging, auf ſeiner Stirn und in ſei⸗ nen mordflammenden Blicken las. Der Him⸗ mel ſey ſeiner ſündigen Seele gnädig, das iſt mein erſtes Morgen⸗ mein erſtes Abendgebet, und wird meine letzte Bitte zu dem Ewigen ſeyn, wenn ſich meine Nugen auf immer ſchlie⸗ ßen.“— So endete Baſe Doruthen ihre Erzählung. Einige Monate nachher erhielt Friedrich die An⸗ ſtellung auf die er hoffte. Am Hochzeitstage ſchenkte ihm Sandbye die goldene Doſe, welche ſeine erſte Bekanntſchaft mit ſeinem nunmehri⸗ gen Eidam veranlaßt hatte. Baſe Dorothea — 245— lebte noch zehn Jahre in der Mitte ihrer lie⸗ ben Verwandten, ſie entſchlummerte in ihren Armen, von Friedrichs und Chriſtinens Kindern umgeben, welche ſie wie eine geliebte Großmut⸗ ter beweinten.— Ihr letztes Gebet war, wie ſie es vorher geſagt hatte, für die Seele des unglücklichen Joſeph.“— Von demſelben Verfaſſer erſcheint nächſtens in dieſer Verlagshandlung: Der geheime Verhaktsbekehl. Hiſtoriſche Novelle. Alles begetzt. Schwank nach Desforges. Früher ſind ebendaſelbſt von demſelben er⸗ ſchienen: Geſchichte und Fahrten Bayard's, des tapfern Ritters ohne Furcht und Tadel. 2 Thle. 1826. 8. 2„8 12 g. Zerſtreute Blätter aus dem Archive eines Blinden. Erzählungen. 2 Bde. 1823. 8. 2„ 8 g. Der Empörer. Ein hiſtor. Roman. Frei a. d. gampf mit dem Geſchick. N. d. Engl. 2 Thle. 4823, 8. 2„9. Die Lollharden. Hiſtor. Nommn a. d. Engl. 3 Bde. 1823. 8. 3 . Malpas. Hiſtor. Roman a. d. Engl. 3 Thle. 1823. 8. 3.„8.. 2 Wolfenbuͤttel, gedruckt bei Bindſeil. — e ſfſfffſſſſnſſſſſ 9 10 11 12 13 ſſſſnſſſſſſſinnſriſſſſſiſnſſiſiſiinſſn 15 1 17 1 n 14 6 8 19 20