Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Okkmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothekk. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von F jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* eträgt:. 3 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 5————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3— 2 2 82 nr 5 7,—„„— 11 5. Auswärtige An enten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eienen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersâtz. 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Es dehnt ſich laͤngs einem Berge hin, von deſſen Gipfel man eine gar treffliche Ausſicht, auf ferne Anhoͤhen, Thaͤler, Waldungen und Gewaͤſſer hat. Am Fuße dieſes Berges ſtroͤmt, geſtaltet als haͤtte ihn irgend eine Revolution in der Natur ins Daſeyn gerufen, der Fluß Eden dahin, nicht ſanft und ruhig, wie die Fluͤße des Suͤdens, ſondern wild und ſtürmiſch 1* und die zahlloſen Felsbloͤcke uͤberſchaͤumend, die ſeinen Fortgang hemmen zu wollen ſcheinen. 4 Das Ufer an dem das Dorf Wetheral ge⸗ legen, iſt ziemlich arm an ſchattengewaͤhren⸗ den Baͤumen, den Strom weiter hinauf aber erheben ſich rieſige Staͤmme. Das Oertchen ſelbſt beſteht aus einer einfachen, aber hoͤchſt freundlichen Kirche, einem niedlichen Pfarr⸗ hauſe, einem Gaſthofe, erkenntlich an dem Schilde, auf dem ein maͤchtiger ſchwarzer Baͤr*— zu ſchauen, und ungefaͤhr einem Dutzend anderer kleinerer Haͤuſer. Viele Jahre ſind jetzt bereits dahin ge⸗ ſchwunden, ſeitdem der ehrwuͤrdige Herr William Townsend Pfarrer in dieſem Dorfe war. Von jederman, der ihn kannte, geachtet und geliebt, hatte er kein anderes Beſtreben, als— Gutes zu ſtiften; er war fromm ohne Froͤm⸗ melei und guͤtig und wohlthaͤtig ſelbſt uͤber ſeine Kraͤfte; mit einem Worte, er war der treue Hirt der kleinen ihm anvertraueten Heerde, welche auch vertrauensvoll alle ihre Sorgen in ſeine Bruſt niederlegte und ſich bei etwaigen Zwiſtigkeiten fuͤgſam ſeinem weiſen Urtheilsſpruche unterwarf. Oft ſchon waren ihm weit eintraͤglichere Pfarrſtellen angetragen worden, er aber hatte ſie ſtets ausgeſchlagen, erklaͤrend: er habe ſeine geiſtliche Laufbahn in dieſem Doͤrſchen begonnen und wolle ſie auch in demſelben beſchließen. Bald nachdem er in ſein Amt einge⸗ fuͤhrt worden, hatte Herr Townsend ſein Schickſal an das einer liebenswuͤrdigen Gattin geknuͤpft, welche ihn im Laufe der Zeit zum Vater von fuͤnf Kindern machte; die beiden aͤlteſten von dieſen waren Maͤdchen, die drei juͤngſten Knaben, und in dieſem ſtillen Familien⸗ kreiſe zog die Zeit nunmehr uͤber dem Haupte 6 des wuͤrdigen Pfarrers dahin, ruhig und un⸗ beachtet, wie ſie ſtets dahin zu ſchreiten pflegt, wenn Zufriedenheit und Tugend ihren Pfad bezeichnen. Seine Wuͤnſche gingen nicht uͤber ſeine Mittel hinaus, ſein Weib war ihm eine treue liebevolle Gefaͤhrtin⸗ ſeine Kinder waren gur und gehorſam, und ſo wußte er faſt zwanzig Jahre lang nicht, was es heißt, eine Thraͤne um eigener Leiden willen zu vergießen. Charlotte, das aͤlteſte ſeiner Kinder, hatte bereits das achtzehnte Jahr erreicht, bevor dem wackeren Pfarrer und ſeiner Familie auch nur der geringſte Beweis von der Wandelbarkeit irdiſcher Gluͤckſeligkeit geworden war; aber auch ihm waren, wie jedwedem Sterblichen, mannig⸗ fache Pruͤſungen vorbehalten. Zwei ſeiner Soͤhne wurden von einem boͤsartigen Fieber vefallen, und ſchlummerten, trotz der ſorgfaͤl⸗— 4 einigermaßen zuruͤckkehrte. tigſten Pflege, nach wenigen Wochen in eine beſſere Welt hinuͤber. Ihre Mutter, welche weder Tag noch Nacht von dem Krankenlager der geliebten Kinder wich, ward von demſelben Uebel ergriffen und folgte ſchon nach kurzer Zeit ihren Lieblingen in das ruhegewaͤhrende Grab. Da es aber nicht der Zweck dieſer Blaͤtter iſt, den freundlichen Leſer mit der Lebensge⸗ ſchichte des Herrn Townsend und ſeiner Fa⸗ milie ausfuͤhrlich hekaunt zu machen, will ich bei dieſer Trauerperiode nicht laͤnger verweilen, und mich begnuͤgen zu berichten, daß dieſer Schlag von dem wackeren Manne tief, tief ge⸗ fuͤhlt wurde, und daß, wenn er ihn gleich mit der ihm eigenthuͤmlichen Ergebung in den Willen des Ewigen ertrug, dennoch viele Monate ver⸗ gingen, bevor ſeine fruͤhere Heiterkeit auchn nur 8 Zwei Jahre waren nun bereits ſeit dem Tobe der wackeren Frau vergangen, und ſchon begann die Familie im Pfarrhauſe nach und nach ihre ſonſtige Seelenſtimmung wieder zu gewinnen, als ploͤtzlich eine, zu jener Zeit im Doͤrſchen Wetheral ungewoͤhnliche Begebenheit ihre Auf⸗ merkſamkeit rege machte. In dem Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren langte nemlich eines Tages ein Fremder an, von dem Niemand das geringſte wußte, und ruͤckſichtlich deſſen auch der Poſtillon, der ihn gefahren, keine andere Auskunft geben konnte als die, daß der fremde Herr in der letzten Nacht zu Carlisle mit dem Poſtwagen von London eingetroffen ſey. Was ihn aber nach Wetheral gefuͤhrt hatte, wie lange er dort zu verweilen gedachte, ob er Geſchaͤfte dort habe, wie er heiße, das Alles vermochte die Neugier der Dorfbewohner nicht zu entrichſel Sein ganzes Reiſegepaͤck beſtand — in einem einzigen Mantelſack von maͤßigem Umfange, der nur fuͤr eine kurze Reiſe berechnet ſchien, auch hatte er keinen anderen Reiſege⸗ faͤhrten bei ſich als ein kleines braun und weiß geflecktes Windſpiel, welches ſeinem Gebieter weder Tag noch Nacht von der Seite kam. Da er durchaus keine Auskunft uͤber ſich gab, noch geben zu wollen ſchien, weder ſeinen Namen noch ſeinen etwaigen Titel nannte; auch weder von der Urſache ſeines Aufenthalts, noch von ſeiner Abreiſe ſprach, iſt es leicht zu begreifen, daß ihn die Leute im Gaſthofe ge⸗ wiſſermaßen mit argwoͤhniſchen Vlicken betrach⸗ teten. Auch muß man in der That bekennen, daß das Weſen des Fremden gar Manches an ſich trug, vollkommen geeignet, wenn auch nicht grade den Verdacht, doch die Neugier der un⸗ wiſſenden Bauern rege zu machen. Er war ſchweigſam, duͤſter und zuruͤckhaltend; er ſprach 10 ſelbſt mit der Wirthin nur, wann er ihr einen nothwendigen Auftrag zu geben hatte; er nahm faſt keine Nahrung zu ſich, und bei⸗* nahe an jedem Morgen ſchien es, als ob ſein Lager unberuͤhrt geblieben. Der Fremde war an einem Mittwoch Abend im Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren an⸗ gelangt, und wenn auch das Rollen des am Pfarrhauſe voruͤberraſſelnden Wagens die Neu⸗ gier der Toͤchter des Pfarrers erweckte, dachten ſie doch nicht mehr daran und glaubten, daß es irgend ein Reiſender geweſen, der ſich zu einem Beſuche nach dem unfern gelegenen Cosby Caſtle begaͤbe. Herr Townsend war faſt die ganze Woche in Amtsgeſchaͤften abwe⸗ 1 ſend, und ſo blieb denn die merkwuͤrdige Be⸗ gebenheit im Gaſthofe der Familie des Geiſt⸗ lichen bis zum naͤchſten Sonntage ein Geheim⸗ 3 4 niß; dann aber ward ſie dem Pfarrer von Peter, dem redſeligen Kuͤſter, mit mannig⸗ fachen Verſchoͤnerungen und Zuſaͤtzen mitgetheilt. Herr Townsend war nemlich kaum in die Sa⸗ criſtei getreten, als ihm auch ſofort ein unge⸗ woͤhnlicher Ausdruck in Peters Geſicht verkuͤn⸗ dete, daß ſich etwas Beſonderes zugetragen, von dem er noch keine Kunde erhalten.„Was giebt's, Peter?“ fragte er, waͤhrend er den Prieſterrock anlegte,„hat ſich waͤhrend meiner Abwefenheit im Dorfe irgend ein Unfall er⸗ eignet? oder iſt, was Gott verhuͤten woſle⸗ etwas Boͤſes begangen worden?“ „Das nicht, Ehrwuͤrden,“ verſetzte der Kuͤſter,„von dergleichen habe ich, dem Him⸗ mel ſey Dank, nichts zu berichten; aber haben der Herr Pfarrer noch nichts von dem fremden 4 Herrn gehoͤrt?“ „Von welchem fremden Herrn,“ fragte Herr Townsend. 9„ 12 „Ey,“ fuhr der Kuͤſter mit geſchwaͤtziger Zunge fort,„ich meine den fremden Herrn, der am vergangenen Mittwoch im Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren anlangte, und ſich noch immer hier aufhaͤlt, obgleich niemand weiß, was er hier ſucht. Wenn man aber der Wir⸗ thin glauben will, ja die erzaͤhlt wunderbare Dinge von ihm.“ „Und was ſagt ſie denn?“ fragte der Pfarrer. „Sie meint, der Fremde ſey vom Satan beſeſſen,“ erwiderte der Kuͤſter,„auch behaup⸗ tet ſie, er habe den Boͤſen, Gott ſey bei uns, in Geſtalt eines kleinen Hundes bei ſich. Als ſie einſt um Mitternacht, wo doch ſonſt jeder ehrliche Menſch ſein Lager ſucht, durch's Schluͤſſelloch guckte, hat ſie den unheimlichen Gaſt geſchauet, der bei einem Lichte, das ganz blau brannte, im Zimmer auf und abſchritt, 13 und ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn und auf die Bruſt ſchlug, dabei hat er den Hund angeſchauet und der Hund hat ihn wie⸗ der angeſchauet, bis er ſich endlich ſchwer auf⸗ ſeufzend mit verſchraͤnkten Armen vor dem Kamin in einen Lehnſtuhl geworfen. Da hat er den Hund auf den Schooß genommen und hat ihn geliebkoſt;„arme Flora,“ ſprach er dann,„Du allein biſt mir jetzt nur noch uͤbrig,“ und da hat die Flora„ja⸗ geſagt, oder etwas dergleichen. Endlich aber, da hat er gar das Thier umarmt und gekuͤßt und mit ſeinen Thraͤnen benetzt, ſo als ob es ein menſch⸗ liches Geſchoͤpf geweſen waͤre. Das Alles, ehrwuͤrdiger Herr, ſcheint mir denn doch in der That ganz entſetzlich.“ „Wenigſtens hoͤchſt ſeltſam,“ bemerkte Herr Townsend,„aber wir wollen ſpaͤter mehr daruͤber ſprechen, der Gottesdienſt beginnt.“ 14 — Von ſeinem Kuͤſter gefolgt, begab ſich nunmehr der wuͤrdige Pfarrer hinauf auf die Kanzel; kaum aber hatte er ſein Gebet be⸗ gonnen, kaum ſeinen Geiſt, wenn gleich nicht ganz ohne Schwierigkeit, von dem was er ſo eben vernommen, abgezogen, als das ploͤtzliche Erſcheinen des merkwuͤrdigen Fremden in der Kirche ſeine Aufmerkſamkeit neuerdings rege 4 machte. Die Augen der ganzen Gemeinde 4 richteten ſich jetzt auf den Eingetretenen, und* 4 ein allgemeines Gefluͤſter ward vernehmbar. 1 Es war ein junger Mann von hoͤchſtens drei und zwanzig Jahren, deſſen Antlitz aber den 8 Ausdruck tiefſter Schwermuth trug. Seine 9 ½ bleiche und hohle Wange, ſein eingeſunkenes 3 Auge, ſeine vorgetretene Stirn, vor allen aber ein gewiſſer Zug um ſeinen Mund, verkuͤnde⸗ n ten mehr als Worte dies zu thun vermocht haͤtten, daß dieſer Fremde, wenn gleich noch jung an Jahren, doch ſchon das Elend im vollen Maße hatte kennen gelernt. Seine melancholiſchen Geſichtszuͤge waren zwar noch von dunklen Locken umwallt, oben auf der Scheitel aber ſchien der Kummer das Haar hinweggerafft zu haben. Er war von hohem und ſchlankem Wuchs, und ſeyine Geſtalt war edel, wenn gleich, wie es ſchien, nur noch der Schatten von ihr uͤbrig geblieben. Er war mit einem blauen Frack bekleidet, wie ihn Militairperſonen, wenn ſie nicht in Uniform ſind, zu tragen pflegen; auch ſchien ſein ganzes Aeußeres das eines Offiziers, welcher ſich fuͤr den Augenblick nicht bei ſeinem Regimente aufhaͤlt. Jederman wird leicht begreifen, daß die Gegenwart dieſes Fremden, zumal nach dem was ihm der Kuͤſter ſo eben uͤber denſelben berichtet hatte, die Aufmerkſamkeit des Pfar⸗ 16 rers faſt gaͤnzlich von ſeiner frommen Verrich⸗ tung abziehen mußte. Er freuete ſich in der That als er ſeine Predigt ſchließen konnte, denn nicht das bloße Erſcheinen des geheimniß⸗ vollen Unbekannten, hatte ſeine Gedanken in Anſpruch genommen; auch ſein Benehmen, waͤhrend des Gebets, war eben ſo edel als anziehend. Er zeigte durchaus keine Affecta⸗ tion, kein Beſtreben, die Augen der Verſamm⸗ lung auf ſich zu ziehen, wohl aber eine tiefe ſchmerzvolle Froͤmmigkeit, wie ſie dem Geiſt⸗ lichen fruͤher noch nie vorgekommen. Waͤh⸗ rend die Gemeinde die allgemeine Beichte wiederholte, konnte Herr Townsend von ſei⸗ nem erhoͤhten Platze deutlich gewahren, wie ein unwillkuͤhrlicher Schauder den Fremden durchzuckte; er ſah wie derſelbe krampfhaft die Haͤnde faltete, das Antlitz in das Gebetbuch verbarg, und hoͤrte wie das„Amen“ nur — — mit einem Seußzer ſeinen Lippen entflog; aus dieſem allen ſchloß nunmehr der wuͤrdige Pfarrer, daß auf dem Herzen des jungen Mannes, irgend eine ſchwere Kummer⸗ buͤrde laſten muͤſſe, auch konnte er faſt die Ueberzeugung nicht unterdruͤcken, daß dieſer Gram durch nagende Gewiſſensbiſſe veranlaßt werde. Nach beendigtem Gottesdienſte verließ der Sremde ſchnell die Kirche, er ſprach zu nie— 4 manden, er ſah niemand an, ſondern eilte mit haſtigen unſicheren Schritten zu derſelben Thuͤr hinaus, durch die er hereingetreten war. Die Augen der ganzen Verſammlung, die des Pfarrers und ſeiner Toͤchter mit eingeſchloſſen, folgten ihm. Herr Townsend aber ſprach, als er ſeinen Platz verließ, heute nicht, wie er ſonſt zu thun pflegte, mit einigen der Angeſe⸗ henſten in der Gemeinde, ſondern ſchritt 2 —. 18 ſchweigend durch die Kirche nach der Sacriſtei⸗ ſeine Blicke gedankenvoll zur Erde geſenke. „Wer iſt der Fremde?“ fragte des Pfarrers aͤlteſte Tochter, als ſie ſich nunmehr mit ihrem Vater zum Heimwege anſchickte. „Ich weiß von ihm nichts mehr als Du,“ entgegnete der Geiſtliche. „Noch nie ſah ich einen andaͤchtigeren Zuhoͤrer,“ fuhr Eliſabeth fort. „Auch ich nicht,“ bemerkte Herr Towns⸗ end. Als ſich nun aber der geſchwaͤtzige Kuͤſter anſchickte den beiden Jungfrauen mit redſeeli⸗ ger Zunge alles dasjenige zu wiederholen, was er ruͤckſichtlich des Fremden vor Kurzem dem Pfarrer mitgetheilt hatte, gebot ihm dieſer zu ſchweigen;„ich ſelbſt,“ ſprach er,„will mich nach dem Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren begeben, und wegen dieſes ſeltſamen jungen Mannes naͤhere Erkun digungen einziehen. Bis ————ꝛ—ͦᷣ— ——— 5 ————JJJJõÿõÿ,f“ 19 dahin mag ich kein thoͤrigtes Geſchwaͤtz uͤber ihn vernehmen.“ Der Kuͤſter verbeugte ſich ehrerbietig, denn er war es gewohnt, ſeinem Vorgeſetzten puͤnktlich zu gehorchen; und nach⸗ dem er darauf ſeinen Prieſterrock abgelegt hatte, kehrte Herr Townsend mit ſeinen bei⸗ . den Toͤchtern nach dem Pfarrhauſe zuruͤck. 2. Der Besuch. Den ganzen Tag hindurch, ja ſelbſt einen Theil der Nacht beſchaͤftigte uͤbrigens der ſelt⸗ ſame Fremde faſt ausſchließlich die Gedanken der Bewohner im Pfarrhauſe; beide Jung⸗ frauen ſtimmten darin vollkommen uͤberein, daß es der intereſſanteſte junge Mann ſey, den ſie je geſchauet; alle waren der Meinung, daß ihm etwas recht ſchweres auf dem Herzen laſten muͤſſe; ruͤckſichtlich der muthmaßlichen Ur⸗ ſachen ſeines Grames aber, waren die Anſichten ungemein verſchieden. Der Theorie der Maͤdchen zufolge, einer Theorie, aus den Romanen und Gedichten, die man ihnen zu leſen geſtattet I — —— 21 hatte, entſprungen, trug der Unbekannte un⸗ widerlegbare Kennzeichen einer ungluͤcklichen Liebe an ſich; der Meinung des Pfarrers zu⸗ folge aber, einer Meinung, die auf geſunden Menſchenverſtand, ſtrengen Grundſaͤtzen und einer großen Menſchenkenntniß begruͤndet war, ward der Gram des Fremden durch ein boͤſes Gewiſſen herbeigefuͤhrt. Dem mochte nun uͤbrigens ſeyn wie ihm wolle, er war offenbar ein Ungluͤcklicher, und ſo kamen denn alle dahin uͤberein, daß er eines Freundes, eines Rath⸗ gebers beduͤrfe.—. 8 Herr Townsend war in ſeinem Herzen 8 ein Freund des ganzen Menſchengeſchlechts, und ſo beſchloß er denn, keine Zeit zu verlieren, und ſofort die naͤhere Bekanntſchaft des Frem⸗ den zu ſuchen. Fruͤh am naͤchſten Morgen be⸗ gab er ſich demnach nach dem Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren. 22 „Es wohnt ein fremder Herr bei Euch, wie ich hoͤre,“ begann er zu der Wirthin, welche ihn mit einem tiefen Knixe empfing, „ich bitte Euch, mich nach ſeinem Zimmer zu fuͤhren.“ „Der fremde Herr iſt nicht daheim, Ehr⸗ wuͤrden,“ verſetzte die Frau,„er iſt ſeit Tagesanbruch ausgegangen, da wartet ſein Fruͤhſtuͤck ſchon ſeit zwei Stunden auf ihn. Doch was ſchadt's, er genießt ja nichts davon, er giebt's doch nur ſeinem Hunde.“ „So iſt er vielleicht krank?“ fragte der Pfarrer.„Wißt Ihr ſeinen Namen?“ „Nein Ehrwuͤrden,“ antwortete die Wirthin,„wir heißen ihn nur den fremden Herrn; aber krank muß er ſeyn der arme Schelm, recht ſehr krank, denn er ißt nicht und trinkt nicht und ſchlaͤft nicht, und was noch ſchlimmer iſt, er ſpricht auch nicht und 8 23 thut uͤberhaupt gar nicht wie andere ehrliche Chriſtenſeelen. Anfangs hielt ich ihn fuͤr einen recht boͤſen Menſchen und glaubte, der kleine Hund, den er bei ſich hat, das ſey der Satan, Gott ſey bei uns! Nun aber bin ich anderes Sinnes geworden, denn er iſt ſanft wie ein Lamm, thut keinem Kinde was und zahlt wie ein Cavalier, wenn er gleich nicht das Mindeſte zu ſich nimmt. 72 Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte die Wir⸗ thin den geiſtlichen Herrn die Treppe hinauf in ein Zimmer gefuͤhrt, welches ſammt dem angraͤnzenden Schlafkaͤmmerchen von dem ſelt⸗ ſamen Fremden bewohnt wurde; das Geraͤth in demſelben war begreiflicherweiſe nur hoͤchſt einfach, der jetzige Bewohner des Gemachs aber hatte ſich vollkommen zufrieden damit erklaͤrt, und als er davon Beſitz genommen, nur die einzige Bedingung gemacht, in ſeiner 24 Einſamkeit ſo ſelten wie moͤglich geſtoͤrt zu werden. „Euer Gaſt,“ nahm jetzt der Pfarrer wieder das Wort,„ſcheint eben ſo geiſtig als koͤrperlich krank zu ſeyn, ich hoͤre, er wandert unſtaͤt die Naͤchte umher.“ „Das thut er, Ehrwuͤrden,“ entgegnete die Wirthin,„aus Theilnahme fuͤr ihn, wahr⸗ lich aus reiner purer Theilnahme, gucke ich da zuweilen durchs Schluſſelloch, um zu ſchauen, was er etwa beginnt, da ſah ich denn noch in der letzten Nacht, wie er umherſchritt und ein Bild, oder ſonſt was dergleichen, das er in der Hand hielt, anſtarrte und kuͤßte; zuletzt verbarg er es auf ſeine Bruſt, und nun ſprach er zu ſeinem Huͤndchen, ſo als ob daſſelbe ein menſch⸗ liches Geſchoͤpf geweſen waͤre. Und das Thier⸗ chen winſelte und leckte ihm die Hand, ſo daß ich mich der Thraͤnen kaum enthalten konnte.“ —.— — —— 1. 25 Hier trocknete ſich die ehrliche Frau die Augen mit ihrer Schuͤrze, und ſchon war ſie im Begriff in ihrem Berichte fortzufahren, als ſie zufaͤllig durchs Fenſter ſchauete, und den Gegenſtand des Geſpraͤchs zuruͤckkehren ſah. Bei ſeinem Anblick eilte ſie binans, und ließ den Pfarrer auf einen Augenblick lang mit ſeinen Betrachtungen allein. Herr Townsend hatte indeſſen nicht lange Muße, uͤber die Art und Weiſe, wie er den ſeltſamen Fremden anreden ſolle, nachzuſinnen; denn ſchon nach wenigen Minuten oͤffnete ſich die Thuͤr und der geheimnißvolle Gaſt trat herein. So wie er den Pfarrer gewahrte, ſtutzte er und hemmte einen Augenblick lang ſene Schritte, dem Anſchein nach verlegen und unangenehm uͤberraſcht, aber der Anflug 8 von Unmuth verſchwand ſchnell wieder aus ſeinem Antlitz, und er begruͤßte nunmehr den Geiſtlichen mit einem ſchwermuͤthigen aber hoͤchſt einnehmenden Laͤcheln. „Der Herr Pfarrer, wie ich glaube,“ ſprach er, indem er ſeinem Beſucher einen Stuhl bot,„oder wenigſtens der Kanzelredner, den ich geſtern predigen hoͤrte?“ 4 „Der bin ich,“ erwiderte Herr Townsend, „und als ſolcher habe ich mir die Freiheit ge⸗ nommen, Sie zu beſuchen. Sie ſcheinen fremd in dieſer Gegend, kann ich Ihnen vielleicht von einigem Nutzen ſeyn, ſo bitte ich uͤber mich zu befehlen.“ „Noch bin ich zwar ein Fremder hier,“ antwortete der ſeltſame Gaſt,„ich gedenke hier indeß bald einheimiſch zu werden, nichts deſto weniger aber bin ich Ihnen fuͤr Ihr freundliches Anerbieten dankbar verbunden.“ „So werden Sie ſich alſo eine Zeitlang bei uns aufhalten?“ fuhr der Pfarrer fort; — — — —————————. ————uu 27 „ da duͤrfte dieſer armſeelige Gaſthof nur ſchlecht geeignet ſeyn, Ihnen bei Ihrem dem Anſcheine nach ſchwachen Geſundheitszuſtande die noͤthi⸗ — gen Bequemlichkeiten zu gewaͤhren. Man muͤßte darauf bedacht ſeyn, Ihnen eine beſſere Wohnung zu verſchaffen.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr,“ erwi⸗ 6 derte der Fremde,„dieſes Haus enthaͤlt Alles was ich bedarf, oder waͤhrend meines Hier⸗ ſeyns noͤthig haben werde.“. Der Ausdruck von Schwermuth in dem Antlitze des Unbekannten, ward, waͤhrend er ſprach, durch das ſanfte Laͤcheln, welches ſeinen Mund umzog, dergeſtalt gemildert, daß Herr Townsend bald jedwede Zuruͤckhaltung ſchwinden ließ, und ſich bewogen fuͤhlte, ohne Weiteres mit großer Offenheit, jedoch ohne das Zartge⸗ fuͤhl des jungen Mannes zu verletzen, auf die eigentliche Urſache ſeines Beſuches uͤberzugehen. — 28 „Sie muͤſſen, mein Herr,“ ſprach er, „die Waͤrme verzeihen, mit der ich meine Worte an Sie richte, denn ſie entſpringt aus einer uneigennuͤtzigen Theilnahme an Ihrem Schickſale. Sie ſind hier ſo ploͤtzlich unter uns erſchienen, Ihr Name iſt uns unbekannt, und aus Ihrem ganzen Benehmen ſcheint her⸗ vorzugehen, daß irgend ein Geheimniß auf Ihnen laſtet. Ich bin weit davon entfernt den Schleier deſſelben mit unbeſcheidener Hand luͤften zu wollen, kann Ihnen aber der Rath und der Beiſtand eines bejahrten erfahrnen Mannes auch nur den kleinſten Nutzen gewaͤhren, ſo bitte ich Sie frei uͤber mich zu gebieten.“ Der Fremde ſchwieg einige Augenblicke lang und ſenkte ſeine Blicke zu Boden, endlich erhob er ſie wieder und entgegnete in einem ruhigen aber feſten Tone:„Ich begreife Ihre edelmuͤthige Abſicht vollkommen, 8 — — — 29 mein Herr, und ich fuͤhle mich Ihnen fuͤr Ihre Menſchenfreundlichkeit dankbar ver⸗ pflichtet, aber ich kann Ihr guͤtiges Anerbieten nicht benutzen. Ich habe meine Schritte hie— her gelenkt, weil, aufrichtig geſagt, mir jeder Wohnort gleich iſt. Ich hoͤrte zu Carlisle von der trefflichen Lage Ihres Dorfes ſprechen, ich begab mich hieher, fand meine Erwartungen noch uͤbertroffen, und habe nunmehr beſchloſſen vor der Hand hier zu verweilen. Was meinen Namen betrifft, ſo moͤgen Sie mich“— hier hielt er einen Augenblick lang inne, und eine fluͤchtige Noͤthe uͤberflos ſeine Wangen,— „ſo moͤgen Sie mich Stanley nennen.“ Der Ton, in dem der Fremde dieſe Rede ſprach, uͤberzengte den Pfarrer, daß jede fer⸗ neren Fragen uͤber die naͤheren Verhaͤltniſſe des Unbekannten unbeſcheiden und vergeblich ſeyn wuͤrden; es war indeß nicht leicht, auf der 30 Stelle zu einem gleichguͤltigen Geſpraͤche uͤber⸗ zugehen, und ſo entſtand denn eine kurze Pauſe, waͤhrend welcher beide Maͤnner weder ſprachen noch ſich einander anblickten. Endlich brach Herr Townsend das Schweigen:„Sie ſind in Militairdienſten, mein Herr?“ fragte er. 2, Ich war es,“ lautete die lakoniſche Antwort.* „Wenn Sie ein Freund der Lectuͤre ſind, o ſteht Ihnen meine kleine Buͤcherſammlung zu Befehl.“ „Mein Buch,“ verſetzte der Fremde, „liegt vor jedermann aufgeſchlagen da; es heißt Natur, nur ſie iſt jetzt mein Studium, und die wichtigſten Wahrheiten habe ich nur ihr zu verdanken.“ „Sie ſcheinen Sinn fuͤr Religion zu haben,“ fuhr Herr Townsend fort,„vielleicht daß das Leſen religioͤſer Buͤcher——“ — — 31 „Ich habe fruͤher viele ſolche Werke ge⸗ leſen,“ unterbrach ihn der Fremde,„ich habe die tiefſte Verehrung fuͤr ihre Verfaſſer empfun⸗ den, die Zeit aber iſt jetzt vorbei.“— Hier veraͤnderte ſich die Stimme des Unbekannten auf eine Weiſe, die dem Ohre ſeines Zuhoͤrers keineswegs wohlgefaͤllig war. Der Pfarrer ſchwieg einen Augenblick lang; er fuͤhlte faſt einen Widerwillen, noch einmal eine Saite zu beruͤhren, die eben jetzt ſo unharmoniſch geklun⸗ gen hatte; aber er fuͤhlte auch, daß ihm ſeine Pflicht gebot, einen ſo wichtigen Gegenſtand nicht gleich aufzugeben. Eine kurze Ueber⸗— legung reichte indeß hin, ihn zu uͤberzeugen, daß er mit Stanley genauer bekannt werden muͤſſe, bevor er es wagen duͤrfe, deſſen Vor⸗ urtheile zu bekaͤmpfen, und er ſuchte dem⸗ nach fuͤr jetzt dem Geſpraͤch eine andere Wen⸗ dung zu geben, indem er nach einer kurzen 1 32 Pauſe bemerkte:„Sie ſind wohl ein Lieb⸗ haber der Jagd, ſind Sie mit Ihrem Hunde da zufrieden?““ 3 Bei dieſer Frage verfaͤrbte ſich das Antlitz des Fremden neuerdings, und ſeine Zuͤge ver⸗ kuͤndeten jetzt eine Seelenquaal, wie ſie der Pfarrer noch nicht an ihm gewahrt hatte. Seine Blicke fielen auf das kleine Thier, welches waͤhrend des ganzen Geſpraͤchs ihn fortwaͤhrend angeſchauet hatte; und ſich bemuͤ⸗ hend, die in ihm wogenden Gefuͤhle zu ver⸗ bergen, entgegnete er mit bebender Stimme: „Ich bin jetzt kein Jaͤger mehr,— ach, ich bin nichts mehr von dem was ich einſt ge⸗ weſen.— Der Hund folgt mir aus Gewohn⸗ heit— und ich behalte ihn, weil— weil ich ebenfalls an ihm gewoͤhnt bin.“ Es ſchien, als ob das treue Thier verſtan⸗ den haͤtte, daß ſo eben die Rede von ihm ge⸗ 33 weſen, denn es ſprang jetzt ſchnell auf den Schooß ſeines Gebieters, wedelte mit dem Schwanze und leckte ihm die Haͤnde.„Fort, Flora, fort,“ gebot der Fremde, indem er den Hund ſanft hinabſchob, und wieder legte ſich dieſer jetzt zu ſeinen Fuͤßen. Herr Townsend, uͤberzeugt, daß eine laͤngere Unterhaltung dem Fremden beſchwerlich fallen wuͤrde, erhob ſich nunmehr von ſeinem Sitze, um ſich hinweg zu begeben; Stanley ſtand ebenfalls auf, um ihn hinaus zu begleiten, da erfaßte ſchnell der Pfarrer die Hand des jungen Mannes:„Herr Stanley,“ ſprach er in einem bewegten Tone, „Sie haben mir weniger Offenheit gezeigt, als ich bei Ihnen zu finden hoffte, aber wir ſind noch nicht genugſam mit einander bekannt. Vielleicht kommt die Zeit, in welcher Sie mich Ihres Vertrauens wuͤrdig finden werden. Gott iſt mein Zeuge, daß ich bei dieſem mei⸗ 3 34 die, den Balſam des Troſtes in ein verwun⸗ detes Herz zu traͤufeln; noch einmal alſo, kann ich Ihnen in irgend einer Sache von Nutzen ſeyn, ſo bitte ich Sie, frei uͤber mich zu be⸗ fehlen. Kommen Sie in mein Haus, ſo bald es Ihnen gefaͤllt, nehmen Sie ein einfaches Mahl bei uns ein, Sie ſollen willkommen ſeyn, wenigſtens finden Sie dort Menſchen, beſſer fuͤr die Unterhaltung geeignet, als Ihnen dieſes Haus darzubieten vermag.— Der Himmel ſegne Sie, junger Mann, und ſchenke Ihrer leidenden Seele den Frieden, deſſen ſie ſo ſehr zu beduͤrfen ſcheint!“ Als Herr Townsend die Hand des Frem⸗ den erfaßte, ſchien es anfangs, als ob der Letztere ſich von der Freiheit, die ſich der Pfarrer nahm, gewiſſermaßen verletzt fuͤhle; nen Beſuche keine andere Abſicht hatte, als der wuͤrdige Geiſtliche hatte indeſſen ſeine Rede 35 noch nicht halb beendet, als auch ſchon jeder Anflug von Unmuth aus dem bleichen Antlitz des Unbekannten entſchwunden war. Er druͤckte die Hand, welche die ſeinige gefaßt hielt, und aͤußerte mehr durch ein leiſes Gemurmel als durch Worte, die Dankbarkeit, die ſein Herz fuͤr den menſchenfreundlichen Redner fuͤhlte. Mehr that er indeß nicht, er lehnte zwar die Einladung des Pfarrers nicht gradezu ab, er⸗ klaͤrte aber auch nicht, daß er ſie benutzen und den Beſuch des Pfarrers erwidern wolle, ſon⸗ dern druͤckte beim Hinausgehen demſelben nur noch einmal dankbar die Hand und verſchloß dann die Thuͤre hinter ihm. 3. Räthselhaktes Benehmen. Gekraͤnkt und unmuthig ob des unguͤnſtigen Erfolgs ſeines Beſuchs, ſchlug Herr Townsend den Heimweg ein. Er konnte ſich ſelbſt keine Nechenſchaft ablegen von dem Intereſſe, welches er unwillkuͤrlich an dem Schickſale des Frem⸗ den nahm; vergebens ſuchte er ſich zu uͤber⸗ reden, daß der Gegenſtand ſeiner Theilnahme dieſelbe vielleicht keineswegs verdiene, vergebens rief er in ſein Gedaͤchtniß die Ausdruͤcke zuruͤck, welche dem Unbekannten ruͤckſichtlich der Reli⸗ gion entfallen waren. Mußte er gleich einge⸗ ſtehen, daß das geheimnißvolle Benehmen deſſelben gewiſſermaßen verdaͤchtig ſey und 4 37 gegen ihn zeuge, er konnte dennoch nur zu dem Entſchluſſe gelangen, ſein Urtheil zu verſchie⸗ ben, bis er ihn naͤher kennen gelernt haben wuͤrde. Der freundliche Leſer wird leicht begreifen, daß Herr Townsend ſchon an der Thuͤr ſeiner Wohnung von ſeinen Toͤchtern empfangen wurde, deren Neugier ruͤckſichtlich des Fremden mit dem ſchoͤnen ſchwermuͤthigen Antlitz, auf das Hoͤchſte geſpannt war. Alle die Fragen wieder⸗ holen, die ſie ihrem Vater vorlegten, waͤre ein Geſchaͤft, deſſen wir uns in der That nicht faͤhig fuͤhlen, und ſo reiche es denn hin, hier zu berichten, daß der gute Pfarrer außer Stande war, auch nur eine Erkundigung ſeiner Toͤchter genuͤgend zu beantworten. Er erzaͤhlte zwar von ſeinem Geſpraͤche mit dem Unbekannten, dadurch aber ward die Wißbegierde der beiden Maͤdchen keineswegs befriedigt. 38 Der Ueberreſt des Tages verging der Fa⸗ milie des Pfarrers unter mancherlei Geſpraͤchen und Vermuthungen ruͤckſichtlich des Fremden, als ſich aber am anderen Morgen nach dem Fruͤhſtuͤck, Eliſabeth, wie ſie gemeinhin zu thun pflegte, an das Clavier geſetzt, und mit ihrer ergreifenden Stimme ein ſchoͤnes ſchottiſches Lied ſang, da ward ſie ploͤtzlich von ihrer Schweſter unterbrochen, welche ans Fenſter ge⸗ treten war, und auf einmal, die kleinen weißen Haͤndchen ſtaunend in einander ſchlagend, aus⸗ rief:„Wahrhaftig, da iſt der Fremde, da ſteht er und horcht Deinem Geſange!“ und in der That ſo war es. Er ſtand hinter der Hecke, welche das Pfarrhaus umzogen hielt, in einer horchenden Stellung, das Ohr nach der Gegend hingeneigt, von woher Eliſabeths Geſang erſcholl. Sein Antlitz trug anfangs den Ausdruck wehmuͤthigen Vergnuͤgens, immer ——— ———————JD 39 mehr und mehr aber ſchien es ſich zu umwoͤl⸗ ken, bis endlich die dunklen Schatten furcht⸗ barer Verzweiflung darauf Platz nahmen. Er richtete einen wilden Blick auf die Fenſter des Gemachs, in welchem ſich die Maͤdchen befan⸗ den, ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn, und flog wie ein gejagtes Reh den Huͤgel wieder hinab. War die Neugier der Familie des Pfarrers ruͤckſichtlich ſeiner ſchon fruͤher geſpannt, ward ſie jetzt aufs Hoͤchſte geſteigert. Den Augen der Maͤdchen entperlten Thraͤnen, als unwiderleg⸗ bare Zeugen der Theilnahme, welche ſie dem Schickſale des Fremden ſchenkten, Herr Townsend aber nahm, nachdem er einigemal auf und ab geſchritten war, Hut und Stock, und ſchickte ſich an Herrn Stanley aufzuſuchen. Nach einer halben Stunde kehrte er indeß zuruͤck, ohne ihn gefunden zu haben. 40 Die ganze Woche verging, ohne daß der Fremde den Beſuch des Pfarrers erwiderte. Herr Townsend fuͤhlte zwar einen Widerwillen, ſich ihm noch ferner aufzudringen, beſchloß aber doch noch einen Verſuch zu machen, um in die aufgeregte Seele des Fremden Frieden zu ſenken. Er fertigte demnach ſeine Pre⸗ digt fuͤr den naͤchſten Sonntag, wie er ſie fuͤr den Gemuͤthszuſtand Stanley's am geeignetſten hielt, denn er hoffte zuverſichtlich, daß derſelbe auch dieſesmal die Kirche nicht verſaͤumen werde. In dieſer ſeiner Erwartung ward er nicht ge⸗ taͤuſcht; der junge Mann erſchien wie am ver⸗ gangenen Sonntage, benahm ſich ganz wie das Erſtemal und ſchien der Rede des Pfarrers ein gar aufmerkſames Ohr zu leihen. Die beiden Maͤdchen, welche den Fremden genau beobachtet, und faſt kein Auge von ihm ver⸗ wandt hatten, verſicherten ihren Vater nach —— ——,—— ——Q—Q·.— 41 beendigtem Gottesdienſte, daß Herr Stanley waͤhrend der ganzen Predigt den Redner ſtarr angeblickt, und daß ſich jedesmal ein Anflug von ſchwermuͤthiger Freude uͤber ſein bleiches Antlitz verbreitet habe, wenn der Pfarrer von der unendlichen Barmherzigkeit des erhabenen Weltgebieters geſprochen. Herr Townsend hatte heute fuͤr den naͤchſten Sonntag das Abendmahl angekuͤndigt, und ſeine Rede mit der an alle Reuigen gerichteten dringenden Aufforderung geſchloſſen, doch ja vor dem Al⸗ tare zu erſcheinen. Wieder vergingen zwei Tage, der Fremde kam noch immer nicht nach dem Pfarrhauſe, und ſo beſchloß denn endlich der mellſchen⸗ freundliche Pfarrer, ſich neuerdings nach dem Gaſthofe zum ſchwarzen Baͤren zu begeben. Er fand Herrn Stanley indeß nicht daheim, er hatte Fiſchergeraͤth mit ſich genommen, 42 und man wußte nicht, wann er zuruͤckkehren wuͤrde. Herr Townsend freuete ſich, zu hoͤren, daß er fuͤr eine ſo ſchuldloſe Beſchaͤftigung Liebhaberei bezeigt habe, und als er vernahm, daß er den Strom hinauf gegangen, ſchickte er ſich an ihm zu folgen. Die forſchenden Blicke umherſendend, wandelte er laͤngſt dem Ufer hin, und endlich fanden ſeine Augen auch den, den ſie ſuchten. Der Fremde hatte ſeine Angel an ein Felsſtuͤck neben ſich gelegt, er ſelbſt lag ausgeſtreckt da am jenſeitigen Ufer unter einer Thraͤnenweide, ſein treues Huͤndchen ihm zur Seite. Ganz dicht neben ihm ſtuͤrzte ſich der Fluß ͤber ein Felsſtuͤck ſchaͤumend und mit einem ſolchen Gebrauſe herab, daß in der Naͤhe kein anderes Geraͤuſch vernehmbar war. Herr Townsend fuͤhlte bei dieſem Anblick ſein Herz ſchmerzvoll bewegt, eine gewiſſe ver⸗ —— 43 zeihliche Eitelkeit hatte ihn die Hoffnung faſſen laſſen, daß ſeine Predigt am vergangenen Sonntage Eindruck auf den Fremden gemacht, und ſeine Seele in eine ruhigere Stimmung gebracht haben wuͤrde; eine Vermuthung, welche er durch die Nachricht, daß Stanley zum Fiſ hen ausgegangen, beſtaͤtigt glaubte. Jetzt aber lag die Angel da, zuſammen gebun⸗ den, unbenutzt; waͤhrend die verzweiflungsvolle Stellung des Fremden zu verkuͤnden ſchien, daß er das Fiſchergeraͤth nur mitnahm, um fuͤr ſeine lange einſame Wanderung einen Vorwand anzugeben. Es waren zwei Gruͤnde vorhanden, welche den Pfarrer bewogen, etwas zu thun, was er noch nie gethan hatte, nehmlich, ſich hinter dem ihn verbergenden Gebuͤſch niederzuſetzen, und von dort aus den Unbekannten zu belau⸗ ſchen. Einestheils konnte er die nahe Bruͤcke 44 nicht uͤberſchreiten, ohne beſorgen zu muͤſſen, den Fremden aufzuſchrecken und ihn zu ver⸗ jagen; andrerſeits aber verlangte ihn ſehn⸗ ſuchtsvoll danach, uͤber den raͤthſelhaften Fremden irgend einen Aufſchluß zu erhalten, der ihn in den Stand ſetzen konnte, demſelben uͤtzlich zu werden. Er ließ ſich demnach unter „einem ſchattengewaͤhrenden Baume nieder, und richtete ſeine Blicke feſt auf die kleine Gruppe am jenſeitigen Ufer. Er hatte dieſen Platz kaum eingenommen, als ſich Stanley, welcher bisher das Antlitz mit den Haͤnden bedeckt, ausgeſtreckt dagelegen hatte, langſam aufrichtete, ſein Haupt in die Hand ſtuͤtzte, und ſeinen ausdrucksvollen Blick zum Himmel richtete. Das Huͤnd⸗ chen ſprang, als es die Bewegung ſeines Herrn gewahrte, empor, wedelte mit dem Schwanze und leckte ihm die Haͤnde; eine 4 ☛ — Freundlichkeits⸗Aeußerung, welche Stanley kei⸗ neswegs unbeachtet zu laſſen ſchien, denn der Pfarrer konnte deutlich gewahren, daß jener zu dem Thierchen geneigt die Lippen bewegte, war er gleich nicht im Stande zu vernehmen, was er ſprach. Der Fremde zog darauf ein kleines Medaillon hervor, welches er auf der Bruſt verborgen trug, betrachtete es auf: merkſam, druͤckte es an ſein Herz, bedeckte es mit Kuͤſſen, barg es endlich wieder auf ſeiner Bruſt und erhob ſich nunmehr von dem Boden, um ſich hinweg zu begeben. Jetzt ſtand Herr Townsend ebenfalls auf, und ſuchte ſich durch Rufen bemerkbar zu machen, ſeine Stimme aber ging unter in dem Ge⸗ raͤuſche des Waſſerfalls, und als er ſich dem Ufer genaͤhert hatte, war Stanley ſammt ſeinem Huͤndchen vor ſeinen Blicken verſchwunden. 46 Neuerdings lenkte jetzt der Pfarrer ſeine Schritte heimwaͤrts, er hatte die Wirthin beauftragt, den Unbekannten zu benachrichti⸗ gen, daß er ſeinen Beſuch wiederholt habe, und mußte nun erwarten, ob der Zufall ihn nicht mit demſelben zuſammenfuͤhren wuͤrde. Der Ueberreſt der Woche verging, der Fremde aber kam nicht nach dem Pfarrhauſe; uͤbrigens ſprach jetzt von ihm im ganzen Doͤrfchen jedermann, wie von einem Manne, den man zu bemitleiden, nicht aber zu fuͤrchten habe. Seine ruͤckſichtlich des Fremden getaͤuſchten Erwartungen aber, waren es nicht allein, was den wackeren Pfarrer bekuͤmmerte, Rer bemerkte mit Bedauern, daß ſeine Tochter Eliſabeth, welche ſo eben ihr achtzehntes Jahr zuruͤckgelegt hatte, ſich in der letzten Zeit un⸗ gemein veraͤndert habe. Von einem frohen leichtherzigen Maͤdchen war ſie eine ernſte truͤbe Schwaͤrmerin geworden, und oft unter⸗ nahm ſie jetzt lange einſame Wanderungen laͤggs dem Ufer des Fluſſes, oder ſtand am Fenſter, welches nach dem Strome hinausging, und ſchien die ernſten duͤſteren Melodien Schottlands immer lieber zu ge⸗ winnen; auf allen ihren Streifereien aber, war ſie mit dem Fremden nur außerſt ſel⸗ ten zuſammen getroffen, begegnete er ihr, gruͤßte er ſie nur ſchweigend, und flog dann fluͤchtigen Schrittes vorbei, ſo als ob er einem boͤſen Geiſte haͤtte enteilen wollen. Der Sonntag kam heran und neuerdings fand ſich Stanley in der Kirche ein. Nach beendigtem Gottesdienſte begab ſich Herr Townsend hinab nach dem Altare, und ge⸗ wahrte mit Freuden, daß ſich der Fremde nicht 48 hinwegbegeben habe. Das Gebet ward ver⸗ leſen, noch immer verblieb Stanley in ſeiner bisherigen Stellung, als aber nunmehr der Geiſtliche ſeine Anrede an die Communikanten begann, und von der ewigen Verdammniß ſprach, da erhob ſich der Unbekannte ſchnell von ſeinen Knieen, blickte dem Prediger einen Augenblick angſtvoll ins Antlitz, erfaßte dann raſch ſeinen Hut und ſtuͤrzte zur Kirche hinaus. Herr Townsend war ob dieſes Beneh⸗ mens in eine ſolche Beſtuͤrzung verſetzt, daß er genoͤthigt war, ſeine ganze Seelenkraft zu⸗ ſammen zu nehmen, um die heilige Handlung vollenden zu koͤnnen. Auch auf die Gemeinde machte dieſe Begebenheit einen ungemeinen Eindruck, ſie draͤngte ſich um den Altar, mit Blicken, in denen ſich Froͤmmigkeit mit Unruhe und Staunen miſchte; und empfing den Leib 49 und das Blut des Herrn mit noch groͤßerer Ehrfurcht und Andacht als gewoͤhnlich. Der feierliche Gottesdienſt ging nunmehr ohne fer⸗ nere Unterbrechung zu Ende und der Prediger und ſeine Zuhoͤrer kehrten in ihre Wohnungen zuruͤck, um daheim nicht nur fuͤr ſich, ſondern auch fuͤr den Fremden ihr Gebet hinauf zu dem Himmel zu ſenden. 4. Ein Abentheuer. Der Fremde langte zu Wetheral gegen das Ende des Monats Juny an, und bis gegen Weihnacht blieben alle Verſuche des Herrn Townsend, naͤher mit ihm bekannt zu werden, fruchtlos. Er begegnete ihm oft auf Spazier⸗ gaͤngen und ſah ihn jeden Sonntag in der Kirche, immer aber ſchien der Unbekannte dem Pfarrer ſorgſam aus dem Wege zu gehen. Ihr Geſpraͤch, wenn ſie im Voruͤbergehen 3 einige Worte mit einander wechſelten, ging nie uͤber die Graͤnze gewoͤhnlicher Unter⸗ haltung hinaus. Dabei aber gewahrte der wuͤrdige Pfarrer mit Bekuͤmmerniß, daß ſich 8 51 der Geſundheitszuſtand des jungen Mannes taͤglich verſchlimmere und er bald unter der Schmerzenslaſt erliegen muͤſſe; er ſchien nur noch ein herumwanderndes Skelet; ſeine bleiche Wange, ſeine tiefliegenden Augen verkuͤndeten, daß ſeine Tage gezaͤhlt waren. 3 Aber ſo ſehr auch der Zuſtand des Frem⸗ den den wackeren Geiſtlichen beſchaͤftigte, ſo gab es doch etwas anders, was ihn weit mehr bekuͤmmerte; ſeine Tochter Eliſabeth welkte ebenfalls dahin, wenn gleich weniger ſchnell als der Fremde. Sie hatte kein einziges Wort mit dem jungen Manne gewechſelt— gingen ſie an einander voruͤber, hatten ſie ſich nur ſchweigend begruͤßt,— und dennoch, wir koͤn⸗ nen es unſern freundlichen Leſern nicht vorent⸗ halten, dennoch hing ſie an ihm mit unbe⸗ ſchreibbarer Liebe; ein Seelenzuſtand, welcher dem beobachtenden Auge des ſorgenden Vaters 4* 52 — keineswegs entging. Derſelbe hoffte indeß, daß eine Veraͤnderung des Aufenthalts dazu beitragen werde, ihr ihre vorige Gemuͤths⸗ ruhe wiederzugeben, und ſo beſchloß er denn, ſie auf eine Zeitlang nach Penrith zu ihrer Tante zu ſenden, ſobald nemlich ihr Bruder, der kleine William, welcher jetzt im Pfarrhauſe von der Schule zuruͤckerwartet wurde, heimge⸗ kehrt ſeyn wuͤrde. Endlich ruͤckten die Weihnachtsfeiertage heran, von einem ſo ſtrengen Froſte begleitet, wie er in dieſer Gegend nur ſelten ſtatt zu finden pflegt. Eine ſpiegelblanke Eisflaͤche be⸗ deckte bald den kleinen Fluß, und uͤber ſie hin flogen nunmehr taͤglich in Schlitten oder auf Schlittſchuhen Maͤnner und Frauen, Knaben und Maͤdchen. Zu den kuͤhnſten der Knaben, die an dieſer Winterbeluſtigung Theil nahmen, gehoͤrte auch der jetzt von der Schule zuruͤck⸗ gekehrte William Townsend, der uͤberall zu ſchauen war, wohin ſich ſonſt niemand wagte. 2* Eliſabeths Abreiſe ward nunmehr auf den naͤchſten Tag feſtgeſetzt; es hatte in der ver⸗ gangenen Nacht ſtark gethauet, aber das Eis ſchien noch haltbar, und wie ſonſt fand ſich 4„ auch heute die Menge darauf ein. Herr Townsend und ſeine Toͤchter wanderten laͤngs dem Ufer hin, um das lebendige Schauſpiel zu betrachten, welches der gefrorne Fluß dar⸗ bot, und Williams Geſchicklichkeit im Schlitt⸗ ſchuhlaufen zu bewundern. Da neuerdings Froſt eingetreten war, hegte man ruͤckſichtlich der Haltbarkeit des Eiſes keine Beſorgniſſe, und der Knabe glitt demnach kecken Muthes uͤber 4 8 die gefaͤhrlichſten Stellen hin. Da krachte es öploͤtzlich unter ihm, das Eis brach zuſam⸗ men und hinab ſtuͤrzte er in den wenigſtens zwanzig Fuß tiefen Fluß. Alles flog hin 54 um ihn zu retten; da aber begann die ganze Eisdecke unter der wogenden Menge zu ſchwan⸗ ken, und nur auf die eigene Rettung bedacht, eilte nunmehr Alles mit Blitzesſchnelle von dannen, den untergeſunkenen Knaben ſeinem Schickſale uͤberlaſſend, und den jammernden Vater zuruͤckhaltend, welcher durchaus hin wollte, um mit eigener Lebensgefahr dem ge⸗ liebten Sohne zu Huͤlfe zu kommen. In dieſem entſcheidenden Moment ward ploͤtzlich der Fremde am jenſeitigen Ufer ſicht⸗ bar; er ſtutzte, ſah was ſich zugetragen hatte, und ſtuͤrzte, ohne ſich auch nur einen Augen⸗ blick lang zu bedenken, auf den Knaben zu, deſſen Huͤlferuf ſchon immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher zu werden begann. Er achtete nicht des Gekraches des Eiſes unter ſeinen Schritten, ſondern war mit der Schnelligkeit des Gedan⸗ kens bei dem Verungluͤckten, und erfaßte ihn ———— „— „— 55⁵ grade in dem Augenblick, als die Stelle, auf der er ſelbſt ſtand, unter ihm zuſammenbrach. Beide, er und der Knabe, ſtuͤrzten nun hinab in die Fluth, und auch die kleine treue Flora, welche ihrem Gebieter gefolgt war, verſchwand. Obgleich aber auch der von Kummer niederge⸗ beugte Unbekannte ſich keiner großen Koͤrper⸗ kraͤfte zu ruͤhmen hatte, nahm er dieſe doch jetzt ſo gewaltſam zuſammen, daß es ihm nicht nur gelang ſich ſelbſt, ſondern auch den Knaben uͤber dem Waſſer zu erhalten. Unterdeſſen wurden Stricke herbeigeſchafft und ihnen zugeworfen; Stanley erfaßte ſie, ſchlug ſie um ſich und den Knaben, und gelangte ſo mit demſelben gluͤcklich an das Ufer, wo er indeß ſofort er⸗ ſchoͤpft und ermattet zuſammenſank. Die Freude des Pfarrers, ſeinen bereits verloren geglaubten geliebten Sohn gerettet zu ſehen, kann nur gefuͤhlt, nicht beſchrieben — 56 werden; immer wieder und wieder dankte er ,em Erhalter ſeines geliebten Kindes, auch drang er ſo ſehr in denſelben, ihn und ſeine Familie nach dem Pfarrhauſe zu begleiten, daß der Fremde ſich endlich in ſeinen Willen fuͤgte. Dort wurden nunmehr alle Anſtalten getroffen, zu verhindern, daß die ſo eben ſtatt gehabte Begebenheit fuͤr den Retter und den Geretteten nachtheilige Folgen haͤtte; auch ward Stanley bewogen, ſich zu Bett zu legen, bis aus ſeiner Wohnung trockene Kleider her⸗ beigeſchafft ſeyn wuͤrden. Er hatte indeß noch nicht lange geruht, als der Pfarrer durch ein heftiges Anziehen der Klingel wieder in das Zimmer des Frem⸗ den gerufen ward. Als er eintrat, fand er denſelben faſt außer dem Bette, und ge⸗ wahrte, wie er angſtvolle Blicke umher⸗ ſandte:„Wo iſt mein Hund?“ rief er dem —.—— . z)ß— 57 Eintretenden entgegen,„großer Gott! wo iſt meine Flora?“ Herr Townsend zog neuerdings die Klin⸗ gel und fragte den eingetretenen Knecht, ob ſich der Hund des Herrn Stanley unten be⸗ finde. Als nun aber hierauf eine verneinende Antwort erfolgte, war die ganze Beredſamkeit des wackeren Geiſtlichen außer Stande, den Unbekannten zu bewegen, ſich ruhig zu ver⸗ halten. Er ſprang raſch und kraͤftig wie ein geſunder Menſch von ſeinem Lager empor, und haͤtte ſich unfehlbar, aller Vorſtellun⸗ gen ungeachtet, in dem Schlafrocke des Pfarrers auf den Weg gemacht, waͤre nicht in dieſem Augenblicke der Bote mit den trockenen Kleidungsſtuͤcken angelangt. In zwei Minuten war er gekleidet, und ohne weder mit dem Geiſtlichen noch mit deſſen 58 Toͤchtern auch nur ein einziges Wort zu reden, flog er den Huͤgel hinab dem Fluſſe zu. Er war indeß kaum eine Viertelſtunde fort, als Eliſabeth, welche am Fenſter ſtand, und dem Forteilenden nachſtarrte, ihn die Anhoͤhe wieder heraufkommen ſah, ſtuͤrmiſch und heftig bewegt, mit den Gebehrden eines Wahnſinnigen. Er ſtuͤrzte in das Gemach, bleich wie der Tod, mit wilden Blicken. Seine Fauſt ruhte, krampfhaft geballt, auf ſeiner Stirn, kurz er ſtand da, wie ein Bild der Verzweiflung. „Was giebt's, Herr Stanley?“ forſchte der Pfarrer theilnehmend,„um des Himmels willen, was fehlt Ihnen? Sprechen Sie, o ſprechen Sie, geben Sie Ihren Gefuͤhlen Worte, was hat ſich zugetragen?“ „Die furchtbarſte Strafe, die der Him⸗ mel noch uͤber mich verhaͤngen konnte,“ ſchrie 59 — der Fremde mehr als er ſprach.„Mein ein⸗ ziger letzter Freund hienieden, das einzige Weſen, das Zeuge meines Unwerths war, und dennoch bei mir ausharrte, iſt nicht mehr!“ „Beruhigen Sie ſich, ich bitte Sie,“ nahm der Pfarrer wieder das Wort, indem er ſanft die Hand des Fremden erfaßte und ihn zu einem Stuhle fuͤhrte;„maͤßigen Sie Ihre Gefuͤhle, Gott iſt gnaͤdig und barmherzig ſelbſt in ſeinen Strafen, auch Ihnen wird er ſich gnaͤdig und barmherzig beweiſen! Sagen Sie an, welchen Freund haben Sie ſo unerwartet verloren?“ „Welchen Freund?“ fragte der junge Mann in einem furchtbaren Tone, indem er ſchnell die Hand hinweg zog, die der Geiſtliche gefaßt hielt;„Hatte ich denn auf Erden noch einen Anderen als meinen Hund, meine Flora? 60 O Himmel, das iſt mehr, als ich zu ertragen vermag.“ Herr Townsend ward von dem Benehmen des Unbekannten in große Beſtuͤrzung verſetzt; er bat ihn, ſich doch zu beherrſchen, und ſich durch die Heftigkeit ſeiner Ausdruͤcke nicht an dem Ewigen zu verſuͤndigen. Alle ſeine Vor⸗ ſtellungen aber blieben fruchtlos, Stanley legte durch Wort und Gebehrde die leidenſchaft⸗ lichſte Gemuͤthsbewegung an den Tag, bis ihm endlich die Sprache zu fehlen begann, und er ohnmaͤchtig zuruͤck auf einen Stuhl ſank. Townsend eilte ihm Beiſtand zu leiſten, da aber ward ploͤtzlich ſeine Aufmerkſamkeit durch einen lauten Schrei ſeiner aͤlteſten Tochter auf Eliſabeth gelenkt, auch ſie war in Ohn⸗ macht geſunken und lag leblos da. Erſchrocken zog der Pfarrer die Klingel, und man brachte die Kranken nunmehr auf ihre Zimmer. Eliſabeth erhielt bald ihr Bewußtſeyn wieder und be⸗ muͤhte ſich ſofort die Beſorgniſſe der Ihrigen ruͤckſichtlich ihrer zu heben; Stanley aber blieb lange in ſeiner Ohnmacht, und als er endlich zum Leben wieder erwachte, war er ſo matt und entkraͤftet, daß es ſchien, als ob ſeine letzte Stunde nahe ſey. Seine Verſuche ſich durch Worte, ja ſelbſt nur durch Gebehrden, verſtaͤndlich zu machen, blieben fruchtlos; und nur das muͤhſame Heben des ſchweren Augen⸗ liedes und das krampfhafte Athemholen, ver⸗ kuͤndete den Anweſenden, daß der Kranke noch nicht ganz aus der Reihe der Lebenden ge⸗ ſchieden ſey. Herr Townsend verlor keine Zeit, um dem Retter ſeines Sohnes den Beiſtand des naͤchſten Wundarztes zu verſchaffen; zu der Zeit aber, von der wir erzaͤhlen, waren die Ritter von der Lanzette noch nicht in ſo großer Anzahl vorhanden, als jetzt, in den Doͤrfern fand man damals nichts als gewoͤhnliche Bar⸗ biere, und ſo ſah ſich denn Herr Townsend genoͤthigt, ſeinen Knecht zu Pferde nach Carl⸗ isle zu ſenden, um einen Arzt herbei zu holen. Der Bote ſputete ſich ſo ſehr er konnte, da er aber mit der Nachricht zuruͤckkehrte, daß der Arzt des naͤchſten Staͤdtchens erſt nach einigen Tagen eintreffen koͤnne, nahm der be⸗ ſorgte Pfarrer ſeine Zuflucht einſtweilen zu Hausmitteln, welche denn auch auf den Kran⸗ ken eine gute Wirkung zu aͤußern ſchienen, denn er ward immer ruhiger und ruhiger, und verſank bald darauf in einen ſanften Schlummer. tv⸗ 5. Ein Sterbelager. Der Schlaf, in welchen die Arzneimittel des wackeren Pfarrers den jungen Stanley verſenkt hatten, war lang und dem Anſcheine nach ge⸗ ſund; denn er erwachte erſt am anderen Mor⸗ gen um zehn Uhr, mit voͤlligem Bewußtſeyn und vollkommen Herr der Sprache. Die Freude ſeines guͤtigen Wirthes daruͤber haͤtte nicht groͤßer ſeyn koͤnnen, und waͤre auch der Kranke ſein eigenes Kind geweſen; aber er wollte durchaus nicht zugeben, daß derſelbe die ſo eben wieder⸗ erlangten Kraͤfte allzuſehr gebrauche, gab der Fremde gleich durch Gebehrden und einzelne Worte deutlich zu erkennen, daß er dem Herrn —— b — .—————õõ — 64 er aus ſeinem Schlummer erwachte, ſchien ſein Benehmen gaͤnzlich veraͤndert; ſein Auge rollte nicht laͤnger unſtaͤt umher, ſeine Bruſt hob ſich jetzt nicht mehr mit ſchweren, verzweif⸗ lungsvollen Athemzuͤgen. Sein Antlitz war zwar noch ſchwermuͤthiger als zuvor, aber es hatte den Ausdruck von Wildheit ver⸗ loren, der ihm ſonſt eigen war, und verkuͤn⸗ dete auf das Unwiderlegbarſte, daß der ſtolze Sinn ſich endlich ergebungsvoll gebeugt habe. Waͤhrend dieſes Tages vermied es der Pfarrer ſich in ein Geſpraͤch mit dem Kranken einzu— laſſen; als er aber am naͤchſten Morgen zu gewahren glaubte, daß Stanley wieder in ſeine fruͤhere Verzweiflung zu verſinken beginne, be— ſchloß er die von demſelben gewuͤnſchte Unter⸗ redung nicht laͤnger hinauszuſchieben, denn er befuͤrchtete, daß die ruhige Periode des jungen Townsend etwas mitzutheilen wuͤnſche. Seit 65 Mannes voruͤbergehen, und derſelbe wieder zu ſeiner fruͤheren duͤſteren Schweigſamkeit zuruͤck⸗ kehren wuͤrde. Sobald demnach der Fremde etwas genoſſen hatte und in eine bequeme Lage gebracht worden war, begab ſich der wackere Pfarrer zu ihm, ſchob einen Stuhl neben das Lager des Dulders und begann wie folgt: „Ich habe bemerkt, Herr Stanley, daß Sie mir etwas mitzutheilen wuͤnſchen, was ſchwer auf Ihrem Herzen zu laſten ſcheint; ich hielt ſie geſtern zu einem laͤngeren Geſpraͤch noch nicht fuͤr kraͤftig genug, jetzt aber bitte ich Sie, mir Ihr Vertrauen zu ſchenken, und ſich uͤberzeugt zu halten, daß mich keine un⸗ zeitige Neugier bewegt, ſondern daß ich auf⸗ richtig wuͤnſche, Ihnen Worte des Troſtes ſpenden zu koͤnnen. Sprechen Sie alſo frei heraus, junger Mann,“ fuhr er fort, indem 5 er die bleiche welke Hand des Leidenden ſanft erfaßte;„ſprechen Sie frei heraus, zu einem Greiſe, der Ihr Geheimniß wenigſtens nicht verrathen wird, wenn es auch nicht in ſeiner Macht ſtehen ſollte, Ihre Leiden zu mildern.“ Stanley ſchwieg einige Augenblicke lang, waͤhrend welcher Zeit der Ausdruck mannig⸗ facher Empfindungen auf ſeinem ſchoͤnen bleichen Antlitze ſichtbar wurde; ſie verriethen den Kampf, der in ſeinei Innern ſtatt fand, ſeine Bruſt hob ſich gewaltig, es mußte auf derſel⸗ ben eine furchtbare Buͤrde laſten, und dennoch war es ſo, als ob er ſich nicht entſchließen koͤnne, ſein Herz durch Mittheilung ſeines Ge⸗ heimniſſes zu erleichtern. Herr Townsend be⸗ obachtete ihn genau und beſchloß, den Dulder nur nach und nach auf den Punkt zu bringen, auf dem er ihn wuͤnſchte; ſtatt alſo ferner in ihn zu dringen, that er, als wolle er das 67 Geſpraͤch auf einen anderen Gegenſtand lenken, und bemerkte:„Ihr Huͤndchen muß Ihnen gewiß recht ſehr lieb geweſen ſeyn, denn ich habe noch niemand geſehen, der uͤber den Verluſt eines Thieres einen ſolchen Sehmnerz empfand.“ Der Pfarrer hatte jetzt eine Saite be⸗ ruͤhrt, welche in der Bruſt des Leidenden zwar das Gefuͤhl des Schmerzes erweckte, ohne daß indeß qualvolle Reue damit verbunden ge⸗ weſen waͤre. „Ja,“ entgegnete der Fremde mit ſchwacher Stimme,„der Hund war mir ſehr lieb, er war mir Vater, Mutter, Weib und Schweſter— kurz Alles was den Menſchen, der hienieden Alles verloren, abhalten kann, die Hand an ſich ſelbſt zu legen. So ſeltſam es aber auch erſcheinen mag, ich graͤme mich nicht daruͤber, daß das Whher umgekommen; ſo lange es lebte, 5*½ 68 gab es noch etwas, was mich an der Welt feſſelte, mit ſeinem Tode aber ward jedes Band geloͤſt und mir bleibt jetzt nichts mehr uͤbrig als zu ſterben.“ „Ich mag Sie ſo nicht ſpkechen hoͤren— entgegnete der Pfarrer,„ohne Zweifel haben Sie doch Freunde und Bekannte, welche an Ihrem Schickſale Theil nehmen, waͤre dies aber auch nicht der Fall, ſo ſeyn Sie einge⸗ denk, daß es eben ſo ſuͤndhaft iſt, den Tod zu wuͤnſchen, als das uns von dem Ewigen verliehene Daſeyn gewaltſam von uns zu werfen.“ „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr,“ erwiederte Stanley in ſeinem fruͤheren wilden Tone,„daß mein Hund der einzige Freund war, der. mir uͤbrig geblieben; er iſt dahin, und ich habe nun nichts Veſſetes zu thun⸗ als e hm zu folgen.“ 8 69 „Junger Mann,“ nahm der Pfarrer wieder das Wort,„ſolche Aeußerungen ſind eines Chriſten unwuͤrdig, glauben Sie denn nicht an die Fortdauer der Seele?“ „Ich habe mein Moͤglichſtes gethan, mich von ihrer Nichtfortdauer zu uͤberzeugen,“ ant⸗ wortete der Fremde in einem duͤſteren, kaum vernehmbaren Tone,„aber es iſt mir nicht gelungen.“ „Da mag Ihnen Gott in ſeiner unend⸗ lichen Barmherzigkeit Ihren frevelhaften Ver⸗ ſuch vergeben,“ verſetzte der Pfarrer lebhaft; ich ſehe, Ihr Gewiſſen iſt mit Schuld belaſtet,— darum, junger Mann, bekennen und bereuen Sie Ihre Suͤnden, denn als ein Diener des Herrn verkuͤnde ich Ihnen Vergebung Ihrer Schuld, wenn Sie anders aufrichtige Reue fuͤhlen.“ Der Fremde ſchwieg neuerdings einige Angenblicke und ſchien einen furchtbaren Kampf 70 mit ſeiner Verzweiflung zu beſtehen; endlich entgegnete er mit kaum hoͤrbarer Stimme, „es giebt kein Verbrechen, deſſen Menſchen oder Teufel faͤhig ſind, das ich nicht begangen haͤtte.“ Herr Townsend wagte es nicht zu ſprechen, denn er beſorgte die Gedankenreihe des Beich⸗ tenden zu unterbrechen, der Kampf in der Bruſt des Letzteren ſchien auch bald zu enden, aus ſeinem Antlitz ſchwand der Ausdruck von Wildheit; und in einem weichen Tone fluͤſterte er,„jetzt nicht— nur jetzt nicht— ich vermag es nicht zu ertragen!“— So ſprechend lehnte er ſich zuruͤck auf ſein Kiſſen, wo er in einen mehr ohnmaͤchtigen als ſchlafenden Zuſtand verſank. Herr Townsend bemerkte, daß das Geſpraͤch unter ſolchen Umſtaͤnden fortſetzen, eben ſo nutzlos als grauſam ſeyn wuͤrde; er zog demnach die Bettvorhaͤnge leiſe zu⸗ und verließ das Gemac, * 8—,—* 741 feſt entſchloſſen, ſobald der Fremde ſich kraͤftiger fuͤhlen wuͤrde, das Geſpraͤch wieder mit ihm anzuknuͤpfen. Dieſer von dem Pfarrer erwar⸗ tete Zeitpunkt aber, erſchien nicht ſo ſchnell als er gehofft hatte; ein Tag verging nach dem Anderen und noch immer zeigte der Unbekannte keine Luſt, die Unterredung wieder zu beginnen, er⸗ faßte er gleich eifrig jedwede ihm von dem Pfarrer haͤufig dargebotene Gelegenheit, ſich mit ihm uͤber den Tod des Erloͤſers und uͤber die end⸗ loſe Barmherzigkeit des Ewigen zu beſprechen. Auch ließ er ſich oft auf ſeinem Lager auf⸗ richten, bat um Schreibmaterialien und brachte eaͤglich mehrere Stunden mit Schreiben hin. Er war jetzt bereits zehn Tage bettlaͤgerig und Alles verkuͤndete, daß ſein Ende heran⸗ nahe; ja, der unterdeſſen eingetroffene Arzt, ein geſchickter Mann, verſicherte, daß er nur noch wenige Tage leben koͤnne. Da bat eines — Abends, als es ſchon zu daͤmmern begann, der. Kranke den Pfarrer, ſich neben ſeinem Lager niederzuſetzen, aber kein Licht anzuͤnden zu laſſen; ſein Wunſch ward erfuͤllt, und Herr Townsend harrte nunmehr in aͤngſtlicher Span⸗ nung der Mittheilung des Leidenden.— Fuͤnf Minuten vergingen, ohne daß zwi⸗ ſchen beiden irgend ein Wort gewechſelt wurde, endlich richtete ſich Stanley von ſeinem Lager empor und begann, muͤhſam auf ſeine Arme geſtuͤtzt, mit ſchwacher Stimme: „Sie haben mit mir, wuͤrdiger Mann, ſo oft von der Barmherzigkeit des Swigen ge⸗ ſprochen. Giebt es denn auch wohl Verbrechen, die nicht auf Gnade hoffen duͤrfen?“ „Wie groß auch immer unſere Suͤnde ſeyn mag,“ entgegnete der fromme Pfarrer, „wir duͤrfen auf Verzeihung hoffen, wenn wir nur von ganzem Herzen bereuen.“ 43 7³ „Geſetzt alſo,“ fuhr der Fremde fort, „Sie ſtaͤnden an dem Sterbelager eines—“ er ſchwieg einen Augenblick lang, gleichſam als ſuche er Muth zu ſammeln, weiter zu ſprechen, dann aber fuhr er in einem dumpfen Tone fort: „an dem Sterbelager eines blutſchaͤnderiſchen Boͤſewichts— eines Vatermoͤrders!— Wuͤrden Sie auch einem ſolchen Verzeihung verheißen?““ Herr Townsend war auf eine furchtbare Beichte vorbereitet, die Rede des Fremden aber uͤberraſchte ihn dennoch; und als er zu antworten verſuchte, verſagte ihm die Zunge den Dienſt und ſeine Glieder bebten, waͤhrend der Fremde, wie von neuer Kraft be⸗ lebt, ſich gewaltſam emporrichtete, krampfhaft die Hand des Pfarrers erfaßte, und in einem angſt⸗ gepreßten Tone ausrief:„Sprechen Sie— ſprechen Sie, mein ewiges Heil ruht in Ihren Haͤnden!“ 18 74 Dieſe Worte, mehr aber noch die Art und Weiſe, in welcher ſie geſprochen wurden, gaben dem Geiſtlichen ſeine Faſſung wieder; er er⸗ wiederte zwar den Haͤndedruck des Kranken nicht, aber er entgegnete dennoch in einem langſamen feierlichen Tone:„Junger Mann, in der heiligen Schrift iſt nur eine Suͤnde be⸗ nannt, fuͤr die keine Vergebung ſtatt findet, dieſer Suͤnde aber haben Sie ſich nicht ſchuldig bekannt. Zwar ſind die Vergehungen, deren Sie erwaͤhnten, furchtbar; wenn ſie aber auch wirklich von Ihnen begangen wurden, ſo duͤr⸗ fen Sie dennoch nicht an der unendlichen Barm⸗ herzigkeit des Ewigen verzweifeln, wenn Sie anders wahrhaft und aufrichtig bereuen.“ Nach und nach ließ Stanley jetzt zitternd die Hand des Pfarrers fahren, die er krampf⸗ haft gefaßt hielt, er ſank kraftlos auf ſein Kiſſen zuruͤck und verfiel in einen bewußtloſen 75 — Zuſtand. Herr Townsend glaubte, daß der Dulder ſeinen letzten irdiſchen Kampf bereits ausgekaͤmpft habe. Er zog demnach die Klin— gel, um Licht bringen zu laſſen, uͤberzeugt, er werde bei dem Scheine deſſelben eine Leiche gewahren; aber noch bevor das Gemach erhellt wurde, hatte Stanley ſein Bewußtſeyn wieder erlangt. Mit leiſer kaum vernehmbarer Stimme bat er nunmehr den Pfarrer, ihm das heilige ½ Abendmahl zu reichen, wobei er zugleich auf ein Paͤckchen Papiere deutete, welches, wie er verſicherte, die ſchwermuͤthigen Begebenheiten ſeines Lebens enthielt.„Dieſe Papiere,“ ſprach er,„gehoͤren Ihnen, ſobald ich meinen letzten Athemzug ausgehaucht haben werde; ich 4 bitte Sie, mich auf Ihrem Kirchhofe an der Weſtſeite begraben, zu meinem Haupte K einen Stein, zu meinen Fuͤßen ein Kreuz ſetzen zu laſſen.— Dieſes hier aber,“ hier zog er 76 eine kleine Kapſel hervor, in der ſich eine Locke von dunklem Haar befand,„wuͤnſche ich mit mir in das Grab zu nehmen.— Auf meinen Leichenſtein laſſen Sie als Inſchrift die ein⸗ fachen Worte ſetzen: Das Grab des Fremden.“ Herr Townsend verſprach, dies Alles puͤnktlich zu erfuͤllen. In Gegenwart der gan— zen Familie ward dem Sterbenden nunmehr das heilige Sakrament gereicht, welches der⸗ ſelbe tief bewegt empfing. Nach dieſer heili⸗ gen Handlung lebte er noch zwei Tage, mit voͤlligem Bewußtſeyn, doch ohne ſprechen zu koͤnnen. Den troͤſtenden Worten und Gebeten des wuͤrdigen Pfarrers horchte er mit augen⸗ ſcheinlicher Theilnahme, die unveraͤndert dieſelbe blieb, bis er endlich am zwoͤlften Januar gegen Mitternacht ſeinen Geiſt aufgab. Die Wuͤnſche, 5 Grabſteins geaͤußert hatte, wurden auf das Puͤnktlichſte in Erfuͤllung gebracht. Von dem * Grabe des Fremden iſt zwar jetzt nichts mehr zu ſchauen, die Hand der Zeit hat es laͤngſt . verwiſcht, die traurige aber anziehende Lebens⸗ — geſchichte jenes Ungluͤcklichen, wird gewiß auch 3 noch jetzt die Theilnahme unſerer freundlichen Leſer in Anſpruch nehmen, weshalb wir ſie ihnen aus den Papieren des Ungluͤcklichen in folgenden Blaͤttern vorlegen. 6. Des Fremden Jugendgeschichte. ESbuard Stanley war der einzige Sohn eines wuͤrdigen Geiſtlichen in einer der Grafſchaften des ſuͤdlichen Englands. Seine Mutter, in ihrer Jugend eine beruͤhmte Schoͤnheit, war zweimal verheirathet geweſen; mit ihrem erſten Manne hatte ſie eine Tochter, mit dem Vater Stanleys eine Tochter und einen Sohn. Ihr aͤlteſtes Kind war zwanzig Jahre aͤlter als das Juͤngſte, und ſo kannte denn der kleine Eduard ſeine aͤlteſte Schweſter nur dem Na⸗ men nach, denn noch bevor er ſein drittes Jahr erreichte, hatte ſie ſich mit einem Schotten, Namens Gordon, verheirathet . —— —— 79 und ſich mit ihrem Gatten in ſein Vaterland begeben. Der kleine Eduard war ein lebhafter Knabe, hatte aber nur eine ſchwaͤchliche Con⸗ ſtitution; er war der Liebling ſeiner Aeltern, welche ihre kraͤftigere, aber weniger angenehme Tochter Margaretha uͤber den geliebten Sohn faſt gaͤnzlich vernachlaͤſſigten. Der Knabe aͤußerte faſt keinen Wunſch, der nicht auf der Stelle erfuͤllt worden waͤre, und wenn man ſich auch dann und wann anſangs ſeinem Willen widerſetzte, brauchte der Kleine nur zu weinen oder zu ſchreien, um zu erlangen, was er be⸗ gehrte. Die Folge davon laͤßt ſich voraus⸗ ſehen, er wuchs heran, ein heftiger, eigen⸗ ſinniger Knabe. Dabei aber war ſeine Gemuͤthsart im Grunde gut, er war oft ſanfter und liebreicher,— als es nach ſeiner verfehlten Erziehung zu 30 erwarten geweſen waͤre. Er beſaß mehr als gewoͤhnliche Anlagen, auch liebte er ſeinen Vater, der ſein einziger Lehrer war, ungemein; ſeine Mutter und Schweſter waren ihm eben⸗ falls werth, und ſo erfreuete ſich denn die kleine Familie, waͤhrend einer Reihe von Jah⸗ ren eines wohlverdienten haͤuslichen Gluͤcks. Es liegt durchaus nicht außer den Grenzen der Moͤglichkeit, daß Eduard Stanley den nachtheiligen Einfluß ſeiner erſten Erziehung haͤtte beſiegen, und ein guter achtungswerther . Menſch haͤtte werden koͤnnen, waͤre er nicht, gleich nach Beendigung ſeines vierzehnten Jahres von einer gefaͤhrlichen Krankheit be⸗ fallen worden. Sein Leben ſchwebte eine ge⸗ raume Zeit in der groͤßten Gefahr, und ſeine ohnehin ſchon ſo nachſichtsvollen Aeltern be⸗ ſchloſſen demnach, jetzt noch mehr als je, die 81 wenigen Tage, welche, ihrer Meinung nach, ihr Liebling noch zu leben hatte, demſelben nicht durch Ermahnungen und Vorwuͤrfe zu verbittern; man kam demnach allen ſeinen Wuͤnſchen noch mehr als ſonſt bevor, und befriedigte jedwede ſeiner Grillen. Seine Studien wurden gaͤnzlich bei Seite gelegt und die kleine Margaretha einer Erziehungsanſtalt uͤbergebend, machten die Aeltern mit dem kranken Sohne, fuͤr den ſie eine Veraͤn⸗ derung der Luft wohlthaͤtig hielten, haͤufige Reiſen, bis ſie endlich faſt ganz England durchſtreift hatten. Dieſe ihre Sorge aber ward auch durch die Wiederherſtellung ihres Lieblings im reichlichen Maße vergolten. Unter dem Einfluſſe eines milderen Climas genas Eduard nach und nach, ſo daß er endlich, nach drei Monaten, koͤrperlich voͤllig geeſund, in geiſtiger Nuͤckſicht aber kraͤnker als . 39 6 82 — je, nach Preſton, dem Wohnorte der Familie zuruͤckkehrte. Jetzt ſollte er ſeine Studien wieder vor⸗ nehmen, dazu bezeigte er indeß durchaus keine Luſt; man hatte bisher die Abſicht gehabt, ihn fuͤr den geiſtlichen Stand zu erziehen, jetzt aber zeigte er gegen denſelben einen unbeſieg⸗ V baren Widerwillen. Auf ihrer Reiſe hatte ſich die Familie oft in Ortſchaften befunden, wo eine Garniſon lag; der junge Stanley hatte mit den Offizieren Bekanntſchaft gemacht, ſich von den glaͤnzenden Uniformen blenden laſſen, und den Entſchluß gefaßt, ſich ebenfalls dem Kriegsdienſte zu weihen. Eduard war uͤbrigens, wie ich ſchon ge⸗ ſagt habe, ein gutmuͤthiger Juͤngling, und wenn er alſo auch, nach ſeiner Ruͤckkehr, an⸗ fangs mit großem Eigenſinne erklaͤrte, daß er ſeine fruͤheren Studien durchaus nicht wieder 83 (—— vornehmen wolle, weil er jeden Geſchmack daran verloren habe, gab er dennoch endlich, als er den Kummer ſeines Vaters uͤber ſeine Weigerung gewahrte, in ſo weit nach, daß er waͤhrend der Zeit ſeiner Lehrſtunden ein auf⸗ geſchlagenes Buch vor ſich hinlegte; mit dem Leſen uͤber wiſſenſchaftliche Gegenſtaͤnde aber war es ihm durchaus kein Ernſt mehr. Er fand nur noch Freude an Beſchreibungen von Schlachten, Gedichten und Liebesgeſaͤngen; und ſo war denn auch ſchon in ſeinem ſechs⸗ zehnten Jahre ſein Kopf mit lauter roman⸗ haften Ideen angefuͤllt. Von demſelben Beweggrunde angetrieben, der ihn veranlaßte, ſeine Studien wenigſtens ſcheinbar wieder vorzunehmen, begab ſich Eduard ſpäterhin auch auf die Univerſttaͤt nach Orford, dort aber verſank er bald in einen ſolchen Strudel von Zerſtreuungen und Ausſchweifun⸗ 6* gen, daß er nach einigen Jahren genoͤthigt war, wegen einer druͤckenden Schuldenlaſt die Univerſitaͤt zu verlaſſen. Schmerzvoll waren die Gefuͤhle, welche ſich bei dieſer Nachricht des in ſeinen Erwar⸗ tungen ſo bitter getaͤuſchten Vaters bemaͤch⸗ tigten. Alle Hoffnungen, die er auf ſeinen Sohn mit ſo großer Zuverſicht gebauet hatte, ſchienen ihm mit dieſem einzigen Schlage vernich⸗ tet; und da Eduard jetzt noch unverholener als zuvor erklaͤrte, daß er nur Luſt zum Soldaten⸗ ſtande habe, und nie wieder auf die Univerſitaͤt zuruͤckkehren werde, ſah ſich der alte Stanley endlich genoͤthigt, ſeinem Sohne eine Offizier⸗ ſtelle in einem marſchfertigen Regimente zu kaufen. Das Entzuͤcken Eduards, als er jetzt ſei⸗ nen Namen zum Erſtenmal in den Zeitungen in der Liſte der neuangeſtellten Offtziere las, kann nicht beſchrieben werden; er lachte, ſang, tanzte⸗ war ganz Leben und Feuer, mit einem Worte, er ſchien ſo gluͤcklich, daß ſich ſeine Heiterkeit den uͤbrigen Mitgliedern ſeiner Familie mittheilte, welche in der Freude uͤber die Zufriedenheit ihres Lieblings ſeinen Leichtſinn, und die daraus entſtandenen boͤſen Folgen vergaßen. Ganz anders aber waren die Empfindungen, welche ſich Aller bemaͤch⸗ tigten, als nunmehr der Tag heranruͤckte, an dem er zu ſeinem Regimente aufbrechen ſollte. Daſſelbe hatte bereits Marſchordre erhalten, um England zu verlaſſen, es war demnach an keinen Urlaub zu denken, und Stanley's Aeltern ſahen im Geiſte ſchon ihren geliebten Sonhn, in irgend einer ungeſunden Wuͤſte Weſtindiens, oder auf den blutigen Schlachtgefilden Flanderns ſein Leben aus⸗ hauchen. ———ÿ— 86 Eduards Gefuͤhle waren von gemiſchter Art, er beſaß einen zu feurigen Geiſt, als daß er nicht mit freudiger Erwartung dem Eintritte in die neue Laufbahn entgegen geſehen haben ſollte; aber er liebte auch ſeine Aeltern, ſeine Schweſter, das Pfarrhaus, die Kirche, den Kirchhof mit ſeinen ſchattenſpendenden Baͤu⸗ men, und dieſem Allen ſollte er nunmehr den Ruͤcken wenden! Zwar kam es ihm auch nicht auf einen Augenblick in den Sinn, den ge⸗ thanen Schritt zu bereuen, als aber der ver⸗ haͤngnißvolle Tag erſchien, und er nunmehr nach Portsmouth aufbrechen ſollte, und Mut⸗ ter und Schweſter weinend an ſeinem Halſe hingen, und der Vater mit thraͤnenerfuͤlltem Blick ſeine zitternden Haͤnde ausſtreckte, um dem theueren Sohne zum Abſchiede ſeinen Segen zu ſpenden, da erfaßte es den Juͤng⸗ ling gewaltig, und auf einen Moment lang 87 erſtieg bei ihm der Wunſch, ſeine Studien nicht aufgegeben zu haben, weil es ihm dann vergoͤnnt geweſen waͤre, in der Naͤhe der Sei⸗ nigen zu bleiben, und der Troſt und die Stuͤtze ihrer alten Tage zu werden. Er riß ſich indeß los und eilte zu ſeinem Regimente. 4 Dort war ihm nunmehr alles neu, alles, alles entzuͤckte ihn; mit Eifer gab er ſich dem kriegeriſchen Dienſte hin, und ſchon nach kurzer Zeit zeichnete er ſich vor allen ſeinen Camera⸗ den aus, gegen die er ſich hoͤchſt freigebig bewies. Zum Gluͤck erhielt indeß bald nach ſeiner Ankunft bei dem Regimente, daſſelbe den Befehl ſich einzuſchiffen, ſonſt haͤtte ſeine verſchwenderiſche Hand gewiß ſchon in Ports⸗ mouth die von ſeinem Vater empfangene gefuͤllte Boͤrſe voͤllig geleert. Sein Gepaͤck war ſchnell in Ordnung gebracht, die Abſchieds⸗ brieſe wurden geſchrieben, und es blieb ihm jetzt nur noch uͤbrig, ſich durch einige Stunden Ruhe fuͤr die ihm bevorſtehenden Strapazen zu ſtaͤrken.. Bei dem erſten Trommelſchlage aber ſprang der junge Stanley wieder raſch von ſeinem Lager empor und flog nach dem Sammelplatze. Es war ein ſchoͤner Morgen im Monat May, die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber der Himmel in Oſten begann ſich ſchon immer roͤther und roͤther zu faͤrben. Die Truppen wurden gemuſtert, die Marſchordre ward gegeben, und als nach wenigen Stunden die Sonne von dem blauen Dome ihr Strah⸗ lenlicht klar hinabſenkte, befand ſich Eduard bereits am Bord eines Transportſchiffes, welches ihn ſammt ſeinem Regimente dem Kriegsſchauplatze zutrug. —C—C—L— 7. Die Entelin. Unſere freundlichen Leſer werden ſich erin⸗ nern, daß Miſtreß Stanley's aͤlteſte Tochter aus ihver erſten Ehe, ſich, als Eduard noch ein kleiner Knabe war, mit einem Schotten, Na⸗ mens Gordon, verheirathete; eine Parthie, ““ welche von der Familie im Pfarrhauſe mit Recht als hoͤchſt vortheilhaft betrachtet wurde. Gordon war von guter Familie, er war ein . p. 3 reicher Kaufmann, beſaß einen ausgedehnten Credit, und ſo glaubte die ſorgende Mutter das Schickſal ihrer vaterloſen Tochter in keine⸗ beſſeren Haͤnde als in die ſeinigen legen zu koͤnnen. Der Reichthum eines Kaufmanns 90 aber, iſt dem Wechſel unterworfen, ein Satz, deſſen Wahrheit Gordon leider bald er⸗ fahren ſollte. Mehrere ſeiner Schiſſe wurden ſammt ihren koſtbaren Ladungen, theils von den Wellen verſchlungen, theils von dem Feinde gekapert; Speculationen, welche den beſten Erfolg verſprachen, ſchlugen fehl; Freunde, fuͤr die er ſich verbuͤrgt hatte, erklaͤrten ihre Zah⸗ lungsunfaͤhigkeit, noͤthigten ihn ihre Verbind⸗ lichkeiten zu erfuͤlen, und ſo ſah er denn den Erwerb mehrerer Jahre, wie Schnee vor dem Sonnenſcheine dahinſchmelzen, und ſich zuletzt gezwungen ſein ganzes Hab und Gut den Haͤnden zudringlicher Glaͤubiger zu uͤberlaſſen. Aus dem Schiffbruche ſeiner Wohlhabenheit rettete er kaum genug, einen kleinen Meierhof zu behaupten, den er in der Grafſchaft In⸗ verneß beſaß, und der ihm durch Erbſchaft zugefallen war; dorthin zog er ſich nunmehr 91 mit ſeiner Gattin und ſeinen ſechs Kindern zuruͤck, feſt entſchloſſen, nie wieder eine Ver⸗ bindung mit der Welt, die ihm ſo arg mitge⸗ ſpielt hatte, anzuknuͤpfen. Das Mißgeſchick ſeines Eidams bekuͤm⸗ merte Herrn Stanley ungemein; ohne ſich auch nur einen Augenblick lang zu bedenken⸗ ſchickte er ſich ſofort an, dem Herrn Gordon nach moͤglichſten Kraͤften Beiſtand zu leiſten; er erbot ſich fuͤr die Erziehung der Kinder zu ſorgen, und hatte durchaus nichts dagegen, daß ſeine Gattin ihrer Tochter oft bedeutende Ge⸗ ſchenke an Geld und anderen Gegenſtaͤnden ſandte. Von den Kindern wurden zwei Soͤhne auf ſeine Koſten in die Schule geſchickt, und ein dritter ward in ein Handlungshaus nach Leith gegeben, waͤhrend die aͤlteſte Tochter auf Margarethens Bitte, ihren bergigen Wohnort gegen das weit fruchtbarere, wenn gleich weniger komantiſche Preſton vertauſchte; mit einem Worte, Emilie Gordon ward von der Familie Stanley als Mitglied derſelben aufgenommen, eine Guͤte, welche ſie gar bald dadurch vergalt, daß ſie nicht wenig zu der Aufheiterung ihrer Hausgenoſſen beitrug. Als ſie zu Preſton anlangte, hatte Emilie Gordon ſo eben ihr funfzehntes Jahr zuruͤck⸗ gelegt, ſie war eine Jungfrau von ungemeiner Schoͤnheit und von einem hoͤchſt einnehmenden Weſen. Ihr feuriges nußbraunes Auge flammte, redete aber auch zugleich die Sprache der Zaͤrt⸗ lichkeit; in allen ihren Gefuͤhlen und Gedanken war dieſe lebhafte Bruͤnette ein wahrhaftes Kind der Natur. Kunſtlos, frei von jedweder Verſtellung, ſpraͤch ſie jede ihrer Gemuͤthsbe⸗ wegungen aus; ſie war froͤhlich, entſchloſſen und voll von Witz und Laune, aber ſie war auch zugleich ſanſt und gefuͤhlvoll in keinem 1 ———*— 93 gewoͤhnlichen Grade. Der einfachen Familie im Pfarrhauſe mußte die Erſcheinung eines ſolchen Maͤdchens hoͤchſt willkommen ſeyn, und ſie gewann demnach bald Aller Herzen. Da die Erziehung der jungen Schottlaͤn⸗ derin ſehr vernachlaͤſſigt worden war, beſchloß man anfangs, ſie entweder in die Schule zu ſenden oder ihr Hauslehrer zu halten; Emilie aber zog es vor, den Unterricht nur von ihrer Tante zu empfangen, auch hatte ſie die gute Maraaretha bereits ſo ſehr fuͤr ſich eingenom— men, daß dieſe ſich mit großer Freude der Oberaufſicht aͤber ihre Studien unterzog. Die 2 4. Nichte gab ſich denſelben nunmehr mit ganzem Eifer hin; in der Muſik und der Malerei zeigte ſie viel Geſchmack und von ihrer unge⸗ mein gebildeten Tante geleitet, machte ſie in mehreren Kuͤnſten und Wiſſenſchaften bald aus⸗ gezeichnete Fortſchritte. Die Grundlage aber, auf welche dieſe lebensverſchoͤnernden Verzie⸗ rungen gebaut werden ſollen, war bei Emilien leider nur allzuſchwach, zwar wußte ſie ihren Katechismus und auch die heilige Schrift war ihr nicht gaͤnzlich unbekannt geblieben, von den Grundſaͤtzen des Chriſtenthums aber kannte ſie nichts, denn ſie that ſtets nur nach ihrem natuͤrlichen Gefuͤhl, und ſelbſt wenn ſie recht handelte, war es ihr unbewußt, daß ihr die Pflicht gebot, ſo und nicht anders zu Werke zu gehen. Zum Gluͤck fuͤr ſie war ihr Herz gut und ihr Sinn rein, waͤre das Gegentheil der Fall geweſen, war keine Schranke vorhanden, ihre Leidenſchaften im Zaum zu halten. Wie aber haͤtte Emilie auch anders ſeyn koͤnnen, ihr Vater war zwar ein ehrlicher Mann, das heißt, er brach nie ſein Wort, und kam ſeinen Verpflichtungen getreulich nach; er ſuchte 95 nicht ſeinen Naͤchſten zu betruͤgen, und unter⸗ warf ſich willig der weltlichen Ordnung; die Geiſtlichkeit und ihre Lehren aber, waren der fortwaͤhrende Gegenſtand ſeines Spottes und die geheimnißvollen Wahrheiten der Religion ſuchte er immerdar laͤcherlich zu machen. Der wackere Herr Stanley und ſeine Tochter Mar⸗ garetha thaten Alles was in ihren Kraͤften ſtand, der Seele des jungen Maͤdchens ernſtere Begriffe uͤber dieſen wichtigſten Gegenſtand des Lebens beizubringen, doch ſchienen ihre Be⸗ muͤhungen noch immer nicht den gewuͤnſchten Erfolg haben zu wollen. Eduard Stanley war ſchon einige Wochen fort, als ſeine intereſſante Verwandte im Pfarrhauſe anlangte; die beiden jungen Leute hatten ſich demnach noch nicht geſehen. Emilie aber hatte ſchon viel von Eduard gehoͤrt, ſelbſt noch bevor ſie nach England kam; jetzt aber vernahm ſie aus Aller Munde ſein Lob. Eduard war der Liebling ſeiner ganzen Familie, und ſo wurden denn ſeine Fehler entweder gaͤnzlich geleugnet, oder mit ſeiner jugendlichen Lebhaftigkeit entſchuldigt; auch galt das an ihm Geruͤgte, in Emiliens Augen im Grunde fuͤr Tugend; ein junger Mann, ſo meinte ſie, ver⸗ diene keine Achtung, wenn er nicht muthig, reizbar, lebhaft und raſch in ſeinen Entſchluͤſſen ſey. Dieſe Eigenſchaften beſaß nunmehr Eduard in einem hohen Grade, und ſo war er denn auch in ihren Augen ein Muſter der Vollkom⸗ menheit. Sein Portrait, auf welchem er in Uniform dargeſtellt worden und das im Speiſe⸗ zimmer hing, verrieth ihr, daß er recht huͤbſch ſey, und ſo galt er ihr denn, indem ſie ſeine koͤr⸗ perliche Schoͤnheit mit ſeinen geiſtigen Vorzuͤgen zuſammenſtellte, fuͤr das vollkommenſte Weſen auf der Erde. Sie trug demnach ein recht 97 ſehnſuchtsvolles Verlangen, ihren Oheim per⸗ ſoͤnlich kennen zu lernen; ſie hatte die Erlaub⸗ niß erbeten und erhalten, mit ihm einen Briefwechſel anknuͤpfen zu duͤrfen, und in die⸗ ſem ſprach ſie nunmehr mit der ihr eigenthuͤm⸗ lichen Offenheit unverholen aus, was ſie von ihm dachte; ihre Blicke ruhten unverwandt auf dem Bilde des fernen Eduards, kurz ſie hielt ihre Gefuͤhle ſo wenig verborgen, daß alle Mitglieder der Familie oft ſcherzhaft die Bemerkung aͤußerten, ſie ſey in ihren Oheim bis uͤber die Ohren verliebt, und man muͤſſe Anſtalt treſſen, die Dispenſation des heiligen Vaters einzuholen, damit ſie mit einander verheirathet werden koͤnnten. — 98 8. Die Meimkehr. TTli verließen unſeren Helden am Bord des Schiffes, das ihn und ſeine Cameraden uͤber die Wellen dahintrug, damit er ſich auf fernem Schlachtgefilde Ruhm erkaͤmpfe. Im Laufe der Feldzuͤge, die bald darauf ſtatt fan⸗ den, gab Eduard Beweiſe von Muth und kaltbluͤtiger Tapferkeit, aber er uͤberzeugte ſich bald, daß die Hoffnung, der er Raum gege⸗ ben, ſich mit dem Schwerte den Weg zum Oberbefehl einer Armee zu erkaͤmpfen, nichts als ein trugvoller Jugendtrdaäm geweſen. Wo jedermann gleich tapfer iſt, kann nur irgend ein beſonders guͤnſtiger Zufall vorwaͤrts helfe— 99 und da ein ſolcher ſich nicht ereignete, kehrte Eduard, nach zweijaͤhriger Abweſenheit, nur mit dem Range eines Lieutenants bekleidet nach England zuruͤck. Sobald die Truppen gelandet, und nach ihren verſchiedenen Quartiren abmarſchirt wa⸗ ren, bat Eduard um Urlaub und erhielt den⸗ ſelben. Mit einem Herzen, voll von den Gefuͤhlen, die nur derjenige empfunden hat, der, zum Erſtenmal nach laͤngerer Abweſen⸗ heit zu dem geliebten Vaterhauſe zuruͤck⸗ kehrt, ſchwang Eduard ſich auf die Poſt⸗ kutſche, die ihn nach Preſton bringen ſollte. Als er ſich dem Schauplatze ſeiner jugend— lichen Spiele naͤherte, redete jede Huͤtte, jeder bekannte Baum, jedes Gebuͤſch eine Sprache mit ihm, maͤchtiger als Worte ſie auszudruͤcken vermoͤgen. Immer naͤher und naͤher rollte der Wagen hinan; der alte wohl⸗ /* 100 . — bekannte Kirchthurm erſtieg vor ſeinen Blicken; endlich raſſelte die Poſtkutſche uͤber das Pflaſter des Oertchens dahin, und nunmehr konnte er die weißen, mit reifen Trauben uͤberhaͤngten Mauern des Pfarrhauſes erſchauen. Am Eingange der zu demſelben fuͤhrenden Allee ſah er den alten Diener ſeines Vaters und zwei junge Maͤdchen; eine dieſer Letzteren war, dies ſah er auf den erſten Blick, Margaretha, ſeine geliebte Schweſter, die Geſpielin ſeiner Kindheit. Wer aber war die Andere? War das vielleicht Emilie, von der er ſo viel gehoͤrt hatte? Er hatte ſie ſich als ein liebliches Kind gedacht, und ſah jetzt ploͤtzlich eine Jungfrau von ſiebzehn Jahren vor ſich, ſchoͤn, hoch ge⸗ wachſen, mit einem gebietenden Weſen und feurigen Augen. Eduard ſprang aus dem Wagen und flog in die Arme ſeiner Schweſter⸗ waͤhrend Emilie Freudenthraͤnen vergoß, daß — 7— 101 jetzt der Augenblick gekommen, in welchem ſie denjenigen erſchauete, der nunmehr beinahe ſeit zwei Jahren ihre Gedanken faſt aus⸗ ſchließlich beſchaͤftigt hatte. Wir enthalten uns das Wiederſehen Eduards und ſeiner Aeltern ausfuͤhrlich zu beſchreiben, und begnuͤgen uns zu berich⸗ ten, daß der geliebte Sohn waͤhrend der beiden erſten Tage faſt nicht von ihrer Seite kam, man wußte nicht, was man ihm Alles Liebes und Freundliches erzeigen wollte, jeder⸗ mann hing nur an ſeinen Blicken, und ſuchte zu errathen, was er wuͤnſchte; auch ward da⸗ bei ſeine treue Flora keineswegs vernachlaͤſſigt, das gite Thier war ihm uͤberall hin gefolgt, es hatte auf fernen Schlachtgefilden ſeine Ra⸗ tionen und ſeinen Mantel mit ihm getheilt, und ſo war es denn nicht mehr als billig, gepflegt wurde. Unter Allen aber, die ſich uͤber Eduards Ruͤckkehr ins Vaterhaus freueten, gab es Niemand, auf den dieſe Begebenheit einen groͤßeren Eindruck gemacht haͤtte, als auf Emilie. Sie draͤngte ſich nicht in die Naͤhe des Heimgekehrten; ſie ſchloß ihn nicht, wie ſeine Schweſter, in ihre Arme, aber es ſchien, als haͤtte mit ſeinem Erſcheinen ihr ganzes Weſen eine Veraͤnderung erfahren, als waͤre ihre fruͤhere Lebhaftigkeit ploͤtzlich ver⸗ ſchwunden; ſie ward ernſt und ſchweigſam, und ſtatt daß ſie vormals die ganze Familie durch ihren Frohſinn aufheiterte, konnte man ſie jetzt nur noch als die einſilbigſte ewoh⸗ nerin des Pfarrhauſes betrachten. Deſto be⸗ redeter aber war ihr ſchwarzes feuriges Auge; „ unwillluͤrlich ſchweifte es ſtets dorthin, wo daß es jetzt im Pfarrhauſe ſo gehegt und — ganz Leben, am feurigſten und lebhafteſten 103 ſich Eduard befand, ſo wie aber deſſen Blick dem ihrigen begegnete, ſenkte ſich ſchnell ihr Auge zu Boden, und hohe Roͤthe uͤberflog dann ihre Wangen.„Du biſt ja ſo ganz veraͤndert, Emilie,“ bemerkte Margaretha eines Tages zu ihr gewandt,„was kann Dir fehe len? Faſt fuͤrchte ich, daß unſer Scherz zu Ernſt geworden, und wir in der That genoͤ⸗ thigt ſeyn werden, die Dispenſation des hei⸗ ligen Vaters einzuholen.“— Dieſer Scherz, welcher bisher bei Emilien nur ein Laͤcheln hervorrief, ward jetzt mit augenſcheinlicher Verlegenheit aufgenommen. Unterdeſſen verging ein Tag nach dem anderen, und das zuruͤckhaltende Weſen, welches ſich ſeit Eduards Ankunft ſeiner ſchoͤnen Nichte bemaͤchtigt hatte, verſchwand endlich wieder, und wieder war ſie wie vormals ganz Feuer, 104 aber war ſie, wenn Eduard zugegen war. Auch ſchien dieſer bald eine augenſcheinliche Vorliebe fuͤr ihre Geſellſchaft an den Tag zu legen; ſie waren in ihrem Alter nur drei Jahre von einander verſchieden, und ſo iſt es denn ganz natuͤrlich, daß ſie ſich wie Geſchwiſter⸗ Kinder, oder vielmehr wie Geſchwiſter behan⸗ delten; denn Eduard benahm ſich gegen Emilie ganz wie gegen Margaretha. Auf jedem Spaziergange ſah man ſie bei einander, und ſo ging denn auch bald im ganzen Kirchſpiel das Gerede, daß Eduard Stanley und Emilie ſich einander zu tief in die Augen geſehen haͤtten. Beide waren, wie wir ſie dem freundlichen Leſer auch geſchildert haben, im wahren Sinne des Worts, Kinder der Natur, ungewohnt die Gefuͤhle, die in ihrer Bruſt erſtiegen, naͤher u beleuchten, gaͤnzlich unbekannt mit der Art 105 und Weiſe ſie zu zuͤgeln; wen kann es alſo Wunder nehmen, daß unter zwei ſo gleichge⸗ ſtimmten jungen Leuten bald eine enge Ver⸗ traulichkeit ſtatt fand; mit jedem Tage wurde einer dem anderen werther, ſie fuͤhlten ſich nur gluͤcklich, wenn ſie beiſammen und wenn einer von ihnen fehlte, gab es nichts in der Welt, was den Anderen fuͤr das Aus⸗ bleiben des ſo ſchmerzlich Vermißten entſchaͤdi⸗ gen konnte. 9 Ein Besuch. Der Kreis der Bekannten des Pfarrers Stanley war zwar nicht ſehr ausgedehnt, aber er beſtand aus achtungswerthen Mit⸗ gliedern; was aber die Geſelligkeit zu Preſton am meiſten belebte, war der Umſtand, daß man nahe bei einander wohnte, ſo daß Einer den Anderen mit leichter Muͤhe beſuchen konnte. Eduards Ankunft hatte nunmehr der Gaſtfreiheit im Pfarrhauſe einen neuen Impuls gegeben; ſeine alten Freunde beſuchten ihn haͤufig und luden ihn zu ſich ein und er hatte die Freude zu bemerken, daß die Zeit hoͤchſtens hie und da in etwas ihre Geſtalt und ihre 107 Geſichtszuͤge, keineswegs aber ihre Geſinnungen veraͤndert hatte. Einer der aͤlteſten und vertrauteſten Be⸗ kannten des Pfarrers Stanley war ein Obriſt Franklin, deſſen Wohnung nur einige Acker von dem Pfarrhauſe entfernt war. Der Obriſt hatte in ſeiner Jugend in den Colonien mit Auszeichnung gedient, ſeit geraumer Zeit aber ſchon den Dienſt verlaſſen, ein Landhaus un⸗ weit Preſton gekauft, und mit ſeiner Tochter, dem einzigen Ueberreſte ſeiner Familie, dort, wie er zu ſagen pflegte, ſein Zelt aufgeſchlagen. Jenny Franklin war nur ein halbes Jahr juͤnger, als Eduard Stanley, ſie war ein ſanftes, beſcheidenes, ſittſames Maͤdchen, welches, bevor Eduard zu ſeinem Regimente abgegangen, von ihm in ſeinen dichteriſchen Verſuchen, oft beſungen worden; auch Jenny ſchien dem Juͤnglinge geneigt, und den Obriſten hatte man oft verſichern hoͤren, daß er keinem Menſchen ſein Juweel, wie er ſeine Tochter zu nennen pflegte, lieber anvertrauen wuͤrde, als dem Sohne ſeines alten wuͤrdigen Freun⸗ des Stanley. 4 Eduard war jetzt bereits ſeit mehreren Tagen zuruͤckgekehrt, aber er hatte Jenny's Namen ſelbſt noch nicht einmal genannt; ſeiner Schweſter ſiel dies auf und ſie machte ihm wegen ſeiner Unbeſtaͤndigkeit Vorwuͤrfe.„Vor Deiner Ankunft,“ ſprach ſie, haben Jenny und ich mannigfache Plaͤne entworfen, wir wollten mit Dir bald hiehin bald dorthin kleine Ausfluͤge unternehmen, auch kann ich Dich verſichern, daß Jenny auf Deine Ruͤck⸗ kehr gewiß eben ſo ſehnſuchtsvoll hoffte, als wir Alle. Aber ich ſehe ſchon, irgend eine fremde Schoͤnheit hat die arme Jenny aus Deinem Herzen verdraͤngt.“ — — 2* 109 — Eduard laͤchelte und verſicherte, daß er ſich ſelbſt Vorwuͤrfe mache, ſeine Jugendge⸗ ſpielin ſo lange vernachlaͤſſigt zu haben; „wie waͤre es,“ entgegnete er,„ wenn wir uns aufmachten, um mit meiner vormaligen Flamme, wie Du ſie nennſt, einen ſolchen Ausflug zu verabreden.“ Margaretha beeilte ſich mit froͤhlichem Herzen den Weg zu ihrer Freundin anzutre⸗ ren, nicht ſo Emilie; ſie hatte von dem Ge⸗ ruͤchte gehoͤrt, was ruͤckſichtlich Eduards und Jennys in der Gegend umherlief, eine Kunde, welche ihr ſtets Schmerz zu verurſachen ſchien, und jetzt ſollte ſie nun dieſe ihr Kummer machende Bekanntſchaft wieder angeknuͤpft ſehen. Eduard bemerkte die Veraͤnderung, die mit ihr vorgegangen war, vermochte aber nicht⸗ ſie ſich zu deuten; er fragte ſie ob ihr etwas fehle, ob ſie etwa krank ſey. „Keineswegs,“ entgegnete Emilie mit einem erzwungenen Laͤcheln, und, wenn gleich ungern, ſchickte ſie ſich ebenfalls zu dem Spa⸗ ziergange an. Vor der Wohnung des Obriſten Franklin angelangt, trat ihnen dieſer mit ſeiner Tochter entgegen, denn er hatte Eduard mit den beiden Maͤdchen aus dem Fenſter erſchauet. „Willkommen, willkommen Du braver Junge, herzlich, herzlich willlkommen im Vaterlande!“ rief der alte Krieger, indem er den jungen Stanley mit Waͤrme an ſeine Bruſt druͤckte, worauf er zu ſeiner Tochter gewandt fortfuhr: nun Jenny, giebſt Du Deinem alten Geliebten nicht auch einen Kuß?“⸗ Jenny zog ſich bei dieſen Worten ihres Vaters ehr zuruͤck, als daß ſie ſich Eduard ge⸗ naͤhert haͤtte, und eine hohe Roͤthe uͤberflog ihre Wangen. Eduard aber blieb ganz ruhig, er ſah in Jenny nur noch ſeine Jugendgeſpielin, 111 und fragte demnach, indem er freundlich ihre Hand kuͤßte:„Wie, Jenny, ſo kalt empfangen Sie mich, nach ſo langer Abweſenheit?“ Margaretha und Emilie ſtanden neben dieſer Gruppe, mit Gefuͤhlen von ungemein verſchiedener Art, die Wangen der Erſteren gluͤhten vor Freude, die Letztere aber hatte ihr Auge unmuthig zu Boden geſenkt; ſie ſuchte ſich indeß zu faſſen, und wirklich gelang es ihr auch endlich, wenigſtens ſcheinbar, in die Heiter eit der Uebrigen mit einzuſtimmen. Man begab ſich gemeinſchaftlich in das Haus und beim froͤhlichen Mahle ward nunmehr eine Luſtparthie, laͤngs dem reizenden ufer des Fluſſes hin, fuͤr die naͤchſte Woche verabredet. 10. Die Wasserkahrt. Emiliens ſeltſames Benehmen an dieſem Morgen war uͤbrigens Eduards ſie beobachten⸗ den Blicken keineswegs entgangen.„Wie ſoll ich das deuten?“ fragte er ſich ſelbſt, als er daheim wieder angeiangt mit großen Schritten im Zimmer auf und abging,„waͤre ſie nicht meine Nichte, ich koͤnnte glauben—“ er hielt inne und verſank in tiefes Nachdenken. „Thorheit! Thorheit!“ rief er endlich, ſich mit der Hand die Stirn reibend,„weg mit ſolchen Phantaſiegebilden!— Es iſt ja un⸗ moͤglich, durchaus unmoͤglich!“— So ſprechend vollendete er ſchnell ſeine Toilette, und begab 7113 ſich wieder hinab in das Wohnzimmer; wo bald nach ihm auch Margaretha erſchien, die ſich vorgenommen hatte, ihrer Nichte uͤber ihr ſeltſames Benehmen von dieſem Morgen Vorſtellungen zu machen. Als ſie eintrat, ſtand Eduard neben Emilien am offenen Fenſter, er hatte ſeinen Arm um ſie geſchlungen, der ihrige ruhte auf ſeiner Schulter. Sie ſprachen nicht mit einander, aber ihre ſchmachtenden Blicke, ihr ausdrucksvolles Schweigen waren beredeter als Worte. Als die Thuͤr geoffnet ward, fuhren ſie erſchrocken auf, ſo als ob ſie uͤber eine tadelnswerthe Handlung ertappt worden waͤren und hohe Roͤthe faͤrbte ihre Wangen, als ſie gewahrten, daß ihre vertrauete Stellung von vorhin Margarethens Blicken nicht ent⸗ gangen ſey. Um ſeine Faſſung wieder zu ge⸗ winnen, begab ſich Eduard ſchnell hinaus, Emilie aber ſank, als ihr Margaretha Vorwuͤrfe machte, 8 114 ergluͤhend in die Arme ihrer Erzieherin, und ge⸗ lobte, ſich in der Folge geziemender zu betragen. Bis zu dem Tage, an welchem die Luſt⸗ parthie mit dem Obriſten und ſeiner Tochter ſtattfinden ſollte, fiel nichts von Bedeutung im Pfarrhauſe vor; Eduard und Emilie waren faſt⸗ beſtaͤndig beiſammen, verließ einer von ihnen das Zimmer, wußte auch gewiß der andere einen Vorwand zu finden, ſich ebenfalls hinaus zu begeben, und wenn ſie ſich dann einander 7 trafen, verkuͤndete ein feuriger Blick, ein Haͤndedruck, wie ſie ſich mit jedem Tage immer lieber und lieber gewannen. Endlich erſchien der Tag, an welchem die Fahrt laͤngs der Themſe unternommen werden ſollte, und um zehn Uhr Morgens brach die Geſellſchaft, deren Anzahl noch durch einige junge Leute aus der Nachbarſchaft vermehrt worden war, von Preſton auf. Zwei Boͤte 1 115 lagen fuͤr die Ausfahrt in Bereitſchaft, da das Wetter aber ungemein ſchoͤn war, ward be—⸗ ſchloſſen, ſich zu Fuß nach dem Orte zu begeben, wo man das Mittagseſſen, das man bei ſich fuͤhrte, einzunehmen gedachte; dann aber Abends zu Waſſer zuruͤckzukehren. Der Tag verging in Frohſinn und Heiterkeit, ohne daß die Freude der Geſellſchaft durch irgend ein Ereigniß geſtoͤrt worden waͤre; ganz beſonders gluͤcklich aber fuͤhlte ſich Emilie, denn wenn gleich Eduard nicht die Aufmerkſamkeit verabſaͤumte, die er der Miß Franklin und den uͤbrigen Damen ſchuldig war, verkuͤndete dennoch der Eifer, mit dem er ſuchte, immerdar in Emiliens Naͤhe zu bleiben, dieſer, wie werth ſie ihm ſey. Endlich erinnerten die ſich verlaͤngernden Schatten der Baͤume, unter denen ſich die Geſellſchaft der Freude und dem Scherze hin⸗ gegeben hatte, daran, daß es Zeit ſey, an die 5 8* Heimkehr zu denken. Man ſtieg in die Boͤte und mit raſchen Ruderſchlaͤgen ging es nunmehr den Fluß hinan. Eduard befand ſich mit Emilien und Jenny in einem kleineren Boote, und ließ, da er raſch ruderte, die Barke mit der uͤbrigen Geſellſchaft weit hinter ſich zuruͤck. Da aber erſchien der erſte furcht⸗ bare Moment in Eduards Leben, der Augen⸗ blick, deſſen er ſpaͤterhin nur mit namenloſem Schmerze gedenken konnte.— Es erhob ſich nehmlich ploͤtzlich ein heftiger Sturm, Stanley nahm alle ſeine Kraͤfte zuſammen und bemuͤhte ſich das unferne Ufer zu erreichen; vergebens, die Wellen ſtiegen immer hoͤher und hoͤher, wogten immer maͤchtiger und maͤchtiger heran, ſchlugen endlich uͤber das Schiffchen zuſammen, und warfen daſſelbe um. Eduard erfaßte im erſten Moment des Schreckens Jenny, welche ſich ihm zunaͤchſt befand, und ſuchte mit ihr — 117 das Ufer zu gewinnen; da aber ſah er plöͤtzlich in einiger Entfernung von ſich Emilie aus den— Wellen auftauchen, und mit Blitzesſchnelle ließ er jetzt Jenny, indem er ihr zurief, ſich einſt⸗ weilen an das nahe Boot anzuklammern, fah⸗ ren, denn nur der Gedanke, Emilie zu retten, beherrſchte nunmehr ſeine Seele. Er erreichte mit dieſer gluͤcklich das Ufer und ſchickte ſich jetzt an, auch Jenny der tobenden Fluth zu entreißen, aber noch bevor er zu dem Boote gelangen konnte, waren die Kraͤfte des armen Maͤdchens erſchoͤpft, ſie ließ das Schiff fahren und ſank hinab in die Wellen.— Der Strom riß ſie mit ſich hinweg, und erſt am naͤchſten Morgen ward der Leichnam der Ungluͤcklichen gefunden. 11. Ein kinderloser Pater. Eduard hatte ſo eben den letzten Verſuch zur Rettung der ungluͤcklichen Jenny aufgegeben, und war muͤhſam zuruͤckgeſchwommen an das Ufer, wo er, waͤhrend Emilie jammernd und klagend neben ihm die Haͤnde rang, matt und erſchoͤpft grade in dem Augenblicke zu Boden ſank, als das groͤßere Boot mit der uͤbrigen Geſellſchaft um die Landſpitze, die bis jetzt verhindert hatte es zu gewahren, zum Vorſchein kam. Der Sturm hatte ſich in etwas gelegt, und man konnte nunmehr die ganze Waſſerflaͤche frei uͤberſchauen, dennoch aber vermochte die Geſellſchaft auf dem groͤßeren 119 Schiffe nichts von dem kleinen Boote, nach dem man aͤngſtlich umherblickte, zu bemerken. Endlich ſah man indeſſen zum allgemeinen Schrecken das umgeworfene Boot daher treiben; man griff noch kraͤftiger zu den Rudern, und uͤber⸗ zeugte ſich bald von dem Schreckensvorfall, der da ſtatt gefunden. Es waͤre vergebens, wollten wir verſuchen, die Gefuͤhle zu beſchreiben, die ſich Aller be⸗ maͤchtigten, als man nunmehr erfuhr, daß die arme Jenny in den Wellen ihr Grab gefun⸗ den. Dieſe Trauerkunde dem jetzt kinderloſen Vater zu uͤberbringen, war ein Geſchaͤft, vor dem jedweder zuruͤckbebte; er mußte es indeß erfahren, und ſo ward denn beſchloſſen, den Pfarrer Stanley zu erſuchen, die ſchreckliche Botſchaft dem beklagenswerthen Obriſten mit der gehoͤrigen Vorſicht mitzutheilen. Man war feſt uͤberzeugt, daß jeder fernere Verſuch 120 Jenny zu retten, fruchtlos bleiben wuͤrde; denn es war bereits eine Stunde verſtrichen, ohne daß man eine Spur von ihr gefunden hatte. Alles begab ſich demnach ans Land und eilte nach dem Pfarrhauſe zu Preſton, wo Eduard und Emilie, beide matt und entkraͤftet, ſogleich zu Bett gebracht wurden; die uͤbrige Geſell⸗ ſchaft aber, ſchweigend und duͤſter, und mit ganz anderen Empfindungen, als mit denen ſie ſich am Morgen auf den Weg machte, nach Hauſe zuruͤckkehrte. Unterdeſſen war es voͤllig dunkel geworden, und der Pfarrer Stanley fuͤhlte, daß er das ihm uͤbertragene ſchwere Geſchaͤft nicht laͤnger verſchieben duͤrfe. Er hatte bereits mehrere Leute ausgeſandt, laͤngs dem Ufer des Fluſſes hin, ſich nach der Verungluͤckten umzuſchauen, und nahm jetzt Hut und Stock, um ſich kummerbelaſtet nach der Wohnung des ungluͤck⸗ 121 lichen Vaters zu begeben. Er traf den Obri⸗ ſten vor der Thuͤr ſeines Hauſes; denn die Beſorgniß wegen des langen Aushieibens ſeiner Tochter hatte ihn ins Freie getrieben.„Wie, Herr Stanley?“ rief er erſchrocken, als er den Pfarrer erſchauete,„wie kommen Sie ſetzt hieher? Wo iſt Jenny? wo iſt mein Kind?“ „ Theurer Freund!“ entgegnete der Geiſt⸗ liche, indem er die Hand des Obriſten erfaßte, „beruhigen Sie ſich, kommen Sie mit mir in das Haus, ich habe Ihnen etwas von Wich⸗ tigkeit mitzutheilen.“ „Sie— mir— jetzt— etwas Wichtiges! O Gott!“ ſtammelte der ungluͤckliche Vater, „dann waren meine Beſorgniſſe nur zu ge⸗ gruͤndet.— Gewiß iſt meinem Kinde ein Un⸗ gluͤck begegnet, o ſprechen Sie, was iſt vorge⸗ fallen? Sagen Sie mir um Gotteswillen die Wahrheit— ich bin Mann, bin Soldat,— 122 ich werde ertragen, was das Schickſal uͤber mich verhaͤngt.—— Nicht wahr, meiner theuren Jenny iſt ein Ungluͤck zugeſtoßen— ſie iſt zu Schaden gekommen— wohl gar kodt?“ Der Pfarrer ſchwieg einen Augenblick lang, dann druͤckte er mit großer Theilnahme die Hand des Obriſten;„faſſen Sie ſich als Mann— als Chriſt—“ ſprach er,„Sie haben die traurige Wahrheit getroffen,— unſere Jenny iſt in eine beſſere Welt hinuͤbergegangen.— Obriſt Franklin gab keine Antwort, er ließ die Hand des Pfarrers fahren, ſchlug ſein Auge ſchmerzvoll zum Himmel empor, und ſtuͤrzte in das Haus zuruͤck. Stanley folgte ihm ſo ſchnell er konnte, aber Franklins Schritte waren von der Verzweiflung befluͤgelt; als Stanley ihn endlich traf, fand er ihn in ſei⸗ nem Cabinette vor ſeinem Schreibtiſche, das Haupt in die Hand geſtuͤtzt; keine Zäͤhren 123 — entperlten ſeinen brennenden Augen, kein Seufzer entſtieg ſeiner kummerbelaſteten Bruſt, er war allzuſehr vom Grame aͤberwaͤltigt, als daß er im Stande geweſen waͤre, ſeinem be⸗ druͤckten Herzen auf dieſe Weiſe Luft zu ver⸗ ſchaffen.„Mein alter treuer Freund,“ nahm Stanley zu ihm tretend das Wort,„ſprechen Sie, wenden Sie ſich zu mir— ich bin es, der zu Ihnen redet, ich, Ihr alter Freund, der Ihnen zuruft, daß Sie als Mann, als Chriſt, verpflichtet ſind, ſich den Fuͤgungen der Vorſehung mit Geduld zu unterwerfen.“— Dieſe Rede ſchien indeſſen dem Obriſten ungehoͤrt zu verklingen, er fuhr, in tiefe Ge⸗ danken verſenkt, mit der Hand uͤber die Stirn, und ſchlug das thraͤnenloſe Auge ſchmerzerfuͤllt empor.„Alſo dahin— dahin—“ ſeufzte er dumpf in ſich hinein,„ meine theure einzige Tochter— die Hoffnung, der Troſt meiner 124 alten Tage— ſie iſt dahin und hat mich alten Mann allein zuruͤck gelaſſen. Ach, haͤtte ſie mich doch mit ſich genommen! haͤtte man mich doch, bevor mich dieſer furchtbare Schlag getroffen, hinab in die Gruft geſenkt!“— „Hoͤren Sie mich, Obriſt Franklin,“ nahm der Pfarrer beruhigend das Wort, „faſſen Sie ſich,— ihre Klagen bringen Ihnen ja doch die verlorne Tochter nicht wieder zuruͤck!“ „Aber wo iſt mein Kind, meine Jenny, wo iſt ſie?“ fuhr Franklin heftig empor; m„warum bringt man mir mein todtes Kind nicht—“, und die Hand des Geiſtlichen krampfhaft erfaſſend, fuhr er fort,„kommen Sie, kommen Sie, fuͤhren Sie mich zu ihr!“ „Jenſeits werden Sie ſie wiederſehen,“ entgegnete Stanley,„dort, wo keine Trennung mehr ſtatt findet— 125 Jetzt brach der Obriſt in Thraͤnen aus; Stanley bemuͤhte ſich nicht ſeinen Zaͤhren Ein⸗ halt zu thun, er ließ ihn weinen, denn er war uͤberzeugt, daß ſich ſo das Herz des kin⸗ derloſen Vaters am beſten erleichtern wuͤrde. Endlich, nachdem Franklin ſich ausgeweint hatte, ward er etwas ruhiger, und nunmehr erkundigte er ſich mit zitternder Stimme nach den naͤheren Umſtaͤnden des Todes ſeines ge⸗ liebten Kindes. Stanley erzaͤhlte ihm, was er wußte, ihm ſelbſt aber war es noch unbekannt, daß ſein Sohn Jenny den Wellen uͤberlaſſen hatte, um Emilie zu retten; dies war ein Ge⸗ heimniß, um welches die beiden jungen Leute nur allein wußten. Als der Obriſt nun aber erfuhr, daß der Leichnam ſeiner Tochter noch nicht gefunden ſey, konnte keine Vorſtellung ſeines alten Freundes ihn bewegen, daheim zu bleiben. Er eilte ſelbſt an das Ufer, ſprang 8 8 126 in ein Boot, ſchiffte mit den Suchenden den Fluß hinab, und hatte endlich mit Anbruch des Tages den traurigen Troſt, den Leichnam ſeines Kindes aufgefunden zu haben. Der Anblick ihrer irdiſchen Ueberreſte trieb den beklagens⸗ werthen Vater neuerdings zur Verzweiflung, er riß ſich ſein duͤnnes greiſes Haar aus und ſtreuete es in die Winde; er warf ſich nieder auf den Leichnam und bedeckte die bleichen Lippen mit Kuͤſſen, bis endlich ſeine Kraͤfte er⸗ ſchoͤpft waren und er dem Anſcheine nach eben ſo leblos wie ſeine Tochter zu Hauſe gebracht wurde. So lange Jenny's Leichnam noch uͤber der Erde war, wich Stanley nicht aus der Wohnung des Obriſten; er verließ ſeinen alten Freund weder Tag noch Nacht, er redete ihm zu, begleitete ihn, wenn er aus ſeinem Zimmer den traurigen Weg zu der Leiche ſeines Kindes„ 127 antrat, kurz, that Alles was in ſeinen Kraͤften ſtand, um zu verhindern, daß das Herz des kinderloſen Vaters nicht breche. Auch blieb ſeine freundſchaftliche Sorge keineswegs er⸗ folglos; denn Franklins Schmerz ſchien, war derſelbe gleich noch immer ſehr heftig, dennoch etwas milder zu werden. Ein ſchweres Geſchaͤft war indeß noch zu vollbringen, die irdiſchen Ueberreſte der Tochter mußten dem Auge des Vaters entzogen, mußten der muͤtterlichen Erde wiedergegeben werden.— Haſt Du mein theilnehmender Leſer auch ſchon ein Weſen ver⸗ loren, an dem Du mit ganzer Liebe hingeſt, hat Dir der Tod Aeltern, ein Weib oder ein einziges geliebtes Kind geraubt, o ſo weißt Du es ja, wie unendlich ſchwer es haͤlt, ſich von den Ueberreſten des Hinuͤbergegangenen zu trennen. So lange der Koͤrper noch vor uns daliegt, wenn gleich kalt, bleich und leblos, 128 waͤhnen wir uns noch nicht ganz von dem theueren Gegenſtande verlaſſen; haͤlt ihn aber erſt der Sarg eingeſchloſſen, wird derſelbe hinab in die Gruft geſenkt, damit der Staub dem Staube wiedergegeben werde, dann erſt draͤngt ſich uns das Gefuͤhl unſeres Verluſtes mit ſeiner ganzen Bitterkeit auf, und gern, gern moͤchten wir dann ſelbſt unſere Augen ſchließen, um uns niederzulegen neben dem theueren Verewigten, um mit ihm ſein kaltes dunkles Bett zu theilen. Dieſes mit ſchwacher Feder geſchilderte⸗ herzzerreißende Gefuͤhl bemaͤchtigte ſich im hoͤchſten Grade des Obriſten Franklin, als der Tag erſchien, an dem ſeine Tochter beerdigt werden ſollte. Mit verzweiflungsvoller Ent⸗ ſchloſſenheit folgte er der geliebten Leiche zu Grabe, thraͤnenlos und ohne daß ein Seufzer ſeiner Bruſt entſtieg, ſah er ſie hinab in die 129 —/ 4 Gruft ſenken, und erſt als die letzte Schaufel Erde darauf geworfen, wandte er ſich ab, um langſamen Schrittes nach Hauſe zuruͤckzukehren. Dort verſchloß er ſich in ſeinem Zimmer, und erklaͤrte mit ſeinem Schmerz allein bleiben, ja ſelbſt ſeinen Freund Stanley nicht ſehen zu wollen.—— Am naͤchſten Morgen aber mit Tagesan⸗ bruch raſſelte ſein Wagen zur Pforte hinaus. Der ungluͤckliche Vater verließ England, um nie wieder dorthin zuruͤckzukehren. Um ſeinem Grame zu entfliehen zog er, ein raſtloſer Wanderer, von Land zu Land, bis er endlich in dem ſorgeſtillenden Grabe die Ruhe fand, die er hienieden vergebens ſuchte. —.—— 12. Der Abendspaziergang. Es iſt unmoͤglich, den Eindruck zu beſchrei— ben, den der Tod der armen Jenny und die ploͤtzliche Abreiſe ihres Vaters auf die ganze Umgegend Preſtons machte. Der alte Krieger war von jedermann, der ihn kannte, geachtet und geliebt worden; und Jenny hatte fuͤr das liebenswuͤrdigſte, ſanfteſte Maͤdchen der ganzen Gegend gegolten; kurz Vater und Tochter waren ſo allgemein geſchaͤtzt, daß an dem Sonntage, der ihrem Begraͤb⸗ niſſe folgte, jedermann in der Kirche in Trauer gekleidet erſchien, waͤhrend man in dem Pfarrhauſe ihren Verluſt noch mehr als 131 irgendwo anders beweinte. Eduard aber war von Allen am tiefſten bekuͤmmert; er konnte nicht Jenny's Namen nennen hoͤren, ohne zu⸗ ſammen zu ſchaudern; ja ſein Weſen hatte, wenn dieſes ungluͤcklichen Vorfalls gedacht ward, nicht ſelten eine Unruhe und Wildheit, welche ſeine Verwandten erbeben machten. Nargaretha bemerkte, daß dieſe heftige Ge⸗ muͤthsbewegung ihres Bruders von Emilien getheilt wurde, ein Umſtand, der ſie nicht wenig in Erſtaunen ſetzte. Eduards Gram ſchrieb ſie dem Schmerze uͤber den Verluſt ſeiner geliebten Jugendgeſpielin zu, weshalb aber auch Emilie ſich dieſer Verzweiflung hingab, Emilie, die fuͤr Jenny bisher durchaus keine Theilnahme ge⸗ aͤußert hatte, das war fuͤr ſie ein Geheimniß⸗ welches ſie nicht zu entraͤthſeln vermochte. Die Urſache des Kummers der beiden jungen Leute iſt aͤbrigens unſeren freundlichen 9* 132 Leſern genugſam bekannt. Eduard konnte nicht ohne Schaudern des Augenblicks gedenken, in dem er die ſchwache bebende Jungfrau fah⸗ ren ließ, welche die Erhaltung ihres Lebens auf dieſer ganzen Welt nur von ihm zu hoffen hatte; Emilie aber konnte nicht vergeſſen, daß das ihrige nur auf Koſten eines andern war erhalten worden. Die Schwermuth aber, welche dieſe Be⸗ trachtungen uͤber ſie herbeifuͤhrten, zog ſie noch naͤher an einander.„Ach Eduard,“ ſeufzte Emilie nicht ſelten, wenn ſie ſich mit ihm allein befand,„um meinetwillen haſt Du der ungluͤcklichen Jenny Deinen helfenden Arm entzogen; in dem Augenblick der Gefahr haſt Du nur fan mich gedacht, wie vermag ich Dir zu danken? Wie kann ich Dir meine Liebe, meine Dankbarkeit in ihrem ganzen umfange beweiſen?“ 133 „Sprich mir nicht von Dankbarkeit, Emilie,“ entgegnete Eduard,„nur Deine Liebe will ich; welchen Werth haͤtte das Leben noch fuͤr mich gehabt, waͤreſt Du in den Wellen umgekommen! Wollte nur Gott, daß auch Jenny gerettet worden waͤre!“ Eine ſolche Sprache fuͤhrte das junge ſchwaͤr⸗ meriſche Paar gegen einander; bis jetzt aber liebten ſie ſich nur noch wie Bruder und Schweſter, ihre Gefuͤhle waren innig aber rein, ſie kannten keinen anderen Wunſch, als ihr Leben beiſammen hinzubringen, ruhig und ſchuldlos bei einander zu wohnen wie bisher im Pfarrhauſe zu Preſton. So aber konnte es nicht lange bleiben, ſie hatten ſich zu weit gewagt, ſie ſtanden ſchon am Rande Eines Abgrundes— ein einziger Schritt noch, und ſie ſtuͤrzten hinab in den Schlund. 134 Eduards zweimonatlicher Urlaub von ſei⸗ nem Regimente ging zu Ende, in drei Wochen ſollte er wieder fort, und mit ſchmerzvollem Gefuͤhle wurden demnach die Tage bis dahin von Emilien gezaͤhlt. Was waren drei kurze Wochen! Die ſchwanden ja dahin, wie ein leichter Traum— wie freudenlos aber erſchien die Zukunft, waren ſie vergangen! Es war im Monat Auguſt, und die Sonne ſandte ihre Strahlen ſo gluͤhend herab, daß man am Tage an keinen Spaziergang denken konnte; nur wenn die Daͤmmerung hereinbrach, wagte man ſich hinaus ins Freie. Eines Abends, als Eduard, Emilie und Margaretha ihre gewoͤhnliche Wanderung laͤngs dem Ufer des Fluſfes antreten wollten, ward die Letztere von einem heftigen Zahnweh zuruͤckge⸗ halten; die beiden jungen Leute machten ſich demnach allein auf und ſchlugen ihren Lieb⸗ 135 lingsweg ein. Es war einer jener entzuͤcken⸗ den Herbſtabende, an welchem die Natur, nachdem ſie die druͤckende Tageshitze uͤber⸗ ſtanden, ſich wieder zu beleben beginnt; die Blumen ihre niedergeſenkten Haͤupter wieder erheben, und die Melodieen der Voͤgel aus jedwedem Gebuͤſch erſchallen. Es war dies vielleicht das Erſtemal, daß Eduard und Emilie⸗ einen Spaziergang machten, ohne von Marga⸗ retha begleitet zu ſeyn; und ſie fuͤhlten ſich demnach freier, gewiſſermaßen aber auch be⸗ ſchraͤnkter als ſonſt. Eine Weile lang ſchritten ſie ſchweigend neben einander dahin, die Wellen der majeſtaͤtiſchen Themſe rauſchten neben ihnen, ihre Fuͤße betraten den weichen Raſen ihres Ufers, laubreiche Baͤume bildeten ein Dach, und aus den Zweigen derſelben er⸗ toͤnten die lieblichſten Melodieen zu ihnen hernieder. 136 Endlich brach Eduard das Schweigen. „Welch ein herrlicher Abend,“ feufzte et,„ach Emilie, wie bald wird die Zeit kommen, in welcher ich mich nicht mehr mit Dir eines ſolchen werde erfreuen koͤnnen!“ Emilie vermochte nicht zu antworten, denn ihre Gefuͤhle uͤberwaͤltigten ſie; ſie weinte, ihre Thraͤnen rollten uͤber ihre Wange hinab unnd eine derſelben fiel auf die Hand ihres Begleiters.„Weine nicht, meine theuere— Emilie,“ troͤſtete Eduard,„laß uns jetzt nicht an unſere Trennung denken, der gefuͤrchtete Zeitpunkt wird ja ohnehin bald erſcheinen.“ So ſprechend ſchlang er ſeinen Arm um ſie, und ſeine Lippen beruͤhrten die ihrigen. Jetzt waren ſie an die dichteſte Stelle des Gebuͤſches gekommen, eine Stelle, zu ein⸗ ladend, um hier nicht zu verweilen. Sie ließen ſich auf den Raſen nieder, Emiliens 137 — Haupt ruhte auf Eduards Schulter, ſein Arm hielt ihren ſchlanken Leib umſchlungen. Die Sonne war jetzt gaͤnzlich unterge⸗ gangen, und das ſanfte Licht der Daͤmmerung hatte ſich uͤber die Gegend verbreitet. Unwill⸗ kuͤhrlich gedachten ſie nun wieder der nahen Trennung, und ihre Gedanken wurden bald eben ſo duͤſter als der Schatten in dem ſie ſaßen. „Du wirſt mir aber doch ſchreiben, Emilie,“ nahm endlich Eduard troͤſtend wieder das Wort, „ich werde Dir antworten, und ſo werden wir uns wenigſtens ſchriftlich mit einander unter⸗ halten koͤnnen; keiner von uns darf einen Ge⸗ danken auf dem Herzen behalten, den er ſich nicht ſofort beeilte, dem anderen mitzutheilen.“ „Glaubſt Du denn,“ fragte Emilie zaͤrtlich,„daß ich irgend einem Gedanken 3 Raum geben koͤnnte, der Dir unbekannt bliebe? Ach Eduard, koͤnnte ich mein Herz 138 frei und offen vor Dir ausbreiten, Du wuͤrdeſt ſehen—“ „Was koͤnnte ich erſchauen, was ich nicht ſchon wuͤßte,“ unterbrach ſie Eduard lebhaft, „es iſt Thorheit unſere Augen der Wahrheit zu verſchließen— wir lieben uns— nicht aͤber wie Bruder und Schweſter,— wir haben uns nur zu lange getaͤuſcht.— Emilie, wir muͤſſen uns trennen, laß uns ſcheiden, laß uns lieber elend als ſtrafbar werden.“ Eduard ſprach dieſe Worte, aber er machte keine Anſtalt ſich hinweg zu begeben, ſeine Blicke begegneten den Blicken Emiliens, ſein Arm umſchlang ſie noch inniger als zuvor, ihre Kuͤſſe brannten, ihre Sinne ſchwanden und— der Genius der Unſchuld ſenkte ſeine Fackel. A 139 13. Gebrochene Getübve. zer. aber vermoͤchten wir die Gefuͤhle zu beſchreiben, die ſich der beiden Liebenden be— maͤchtigten, als ſie aus ihrem Sinnenrauſche — erwachten. Gleich Verbrechern ſaßen ſie in ſprachloſer Todesangſt neben einander da; „komm Emilie,“ ſprach endlich Eduard in einem dumpfen Tone,„laß uns heimkehren.“ Aber Emiliens Kopf brannte, ſo daß ſie kaum wußte, was rund um ſie her vorging; ſie hoͤrte anfangs nicht, was er ſprach, als er aber ſeine 3 Worte in einem lauteren Tone wiederholte, brach ſie in ein krampfhaftes Lachen aus. Eduard verſuchte es, ſie zu beruhigen, aber 140 ſeine Worte erſtarben ihm auf den Lippen, und er blickte ſie ſchweigend an. „Nun, wollen wir nicht fort?“ fragte Emilie verzweiflungsvoll,„n haſt Du mich nicht elend genug gemacht, was verlangſt Du mehr?“. „ Ach, Emilie,“ ſtammelte Eduard, welcher endlich der Sprache wieder maͤchtig war,„rede nicht ſo zu mir, ich bin ja ſchon ungluͤcklich genug! Verſchone mich mit Deinen herzzer⸗ reißenden Vorwuͤrfen.“ Der Ton ſeiner Stimme machte auf Emilie einen maͤchtigen Eindruck; ſie brach in Thraͤnen aus, und warf ſich laut jam⸗ mernd an ſeine Bruſt.„Ich Dir Vorwuͤrfe machen!“ rief ſie,„habe ich denn ein Recht dazu?— bin ich nicht eben ſo ſtrafbar als Du? War ich nicht die Verfuͤhrerin? Ach, Eduard, verzeihe mir.“ 141 — „Laß uns beide Vergebung vom Himmel erflehen, meine theuere geliebte Emilie!“ ent⸗ gegnete Eduard, und beide warfen ſich jetzt auf ihre Kniee, und mit zum Himmel empor⸗ gehobenen Haͤnden baten ſie um Vergebung und um Seelenfrieden; ſie erhoben ſich aus ihrer knieenden Stellung, wenn auch nicht be⸗ ruhigt, denn doch weniger verzweiflungsvoll als zuvor. Der Gedanke aber, mit dem Be⸗ wußtſeyn der Schuld ihrer Familie vor Augen zu treten, erfaßte ſie jetzt furchtbar; ihr Ge⸗ wiſſen fluͤſterte ihnen zu, ihr Vergehen ſtehe auf ihrer Stirn geſchrieben; dennoch aber ge⸗ lang es ihnen, ſich einigermaßen zu faſſen, und beim Abendeſſen ziemlich ruhig zu ſcheinen. Die Entſchluͤſſe, welche die beiden jungen Leute in dieſer Nacht faßten, der feſte Vorſatz⸗ jedwede fernere ſtrafbare Gemeinſchaft zu mei⸗ den, waren das Reſultat aufrichtiger Reue; 142 eines Gefuͤhls, das um ſo qualvoller ſeyn mußte, da die Verhaͤltniſſe der Zeit, von welcher wir erzaͤhlen, eine Ausgleichung des begangenen Fehltritts durch eine eheliche Verbindung un⸗ moͤglich machten. Emilie war Eduards nahe Anverwandte, die Tochter ſeiner Schweſter; die Enkelin ſeiner Mutter, die Kirche unterſagte auf das ſtrengſte eine Heirath zwiſchen ſo nahen Verwandten, und dennoch liebte der Oheim die Nichte mit unbeſchreibbarer Leidenſchaft, dennoch fuͤhlte er, daß ohne ihren Beſitz ihm hienieden kein Gluͤck zu Theil werden koͤnne. Unruhig und ſchlaflos warf er ſich auf ſeinem Lager umher, und als er ſich am naͤchſten Morgen erhob, verkuͤndeten ſeine hohlen Augen und ſein bleiches Antlitz genugſam, wie er die Nacht zugebracht hat Emilien war es nicht beſſer ergangen; denn hatte auch dann und wann der Schlaf auf 3 143 Momenteihre thraͤnenſchweren Augen geſchloſſen, hatten furchtbare Traumgebilde ſie doch immer wieder zu einer Wirklichkeit aufgeſchreckt, noch grauenvoller, als jene Geſtalten ihres unruhi⸗ gen Schlummers. Halb ſchlafend, halb wachend entflog Eduards Name unter Seufzern und Klagen ihren Lippen, krampfhaft faltete ſie ihre Haͤnde und mit gepreßter Bruſt und abge⸗ brochenen Worten erflehte ſie von dem Ewigen Verzeihung fuͤr ihr Verbrechen. Margaretha ſchlief mit Emilien in einem und demſelben Zimmer, und das Benehmen der Letzteren mußte ihren Argwohn rege * machen; ſie hielt es indeſſen fuͤr rathſam, ihren Verdacht nicht zu aͤußern, wohl aber die beiden jungen Leute auf das ſchaͤrfſte zu beobachten, und ſo gel als moͤglich zu ver⸗ hindern, daß ſie ſich unter vier Augen ſpraͤchen. ————— uli 144 Dieſer Plan Margarethens war allerdings zu loben, aber ſie beſaß nicht Gewandheit genug, ihn auf paſſende Weiſe in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen; ihre ſtets Argwohn ver⸗ kuͤndenden Blicke, die allzuaͤngſtliche Sorg⸗ falt, mit der ſie jedem Beiſammenſeyn ihres Bruders und ihrer Nichte vorzubeugen ſtrebte, mußten begreiflicherweiſe eine ganz andere als die gehoffte Wirkung aͤußern. So lange die Herzen der beiden Liebenden von dem Gefuͤhle ihrer Schuld noch ſo ganz durchdrungen waren, ward Margarethens Wachſamkeit von ihnen entweder nicht beachtet, oder ſie war ihnen gewiſſermaßen ſelbſt angenehm; aber der Wurm in ihrem Gewiſſen begann mit jedem Tage immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher zu mahnen, und ſo wie dieſes ſtatt fand, fing Marga⸗ rethens Geſellſchaft an ihnen beſchwerlich zu werden. ——— — 145 „Soll ich denn nie wieder mit ihr allein ſeyn,“ ſprach Eduard zu ſich ſelbſt, als Mar⸗ garetha eines Tages ein Geſpraͤch, das er mit Emilien begonnen, unterbrochen und die Letztere unter irgend einem Vorwande hinweggefuͤhrt hatte.„Beim Himmel, ich kann dies Lauſchen und Spaͤhen nicht laͤnger ertragen, ich muß ſie allein ſprechen, es koſte auch was es wolle.“ Dieſer Wunſch ward von Emilien auf das Lebhafteſte getheilt, wie aber konnte die Erfuͤllung deſſelben bewerkſtelligt werden? Am Tage ließ Margaretha ihre Nichte faſt nicht aus den Augen, die Letztere aber ſtand gemeinhin etwas fruͤher auf als die uͤbrige Familie, und dieſe Morgenſtunden ſchienen demnach den beiden Liebenden fuͤr eine Zuſammenkunft am geeignetſten. Wo aber ſollten ſie ſich ſprechen? Im Wohnzimmer mußten ſie Stoͤrung be⸗ fuͤrchten, und es verlangte ſie ja ſo ſehr danach, 10 146 ihr Herz vor einander auszuſchuͤtten, und ſich das Verſprechen, ihre ſtrafbare Leidenſchaft niederzukaͤmpfen, ſeierlich zu wiederholen. Ein ſolches Geſpraͤch verlangte die groͤßte Einſam⸗ keit und Eduards Zimmer allein bot dieſe dar. Dort fanden alſo nunmehr ihre Zuſam⸗ menkuͤnfte ſtatt; ſie waren waͤhrend der erſten Wcoche ſchuldlos, ſo daß ein Engel haͤtte Zeuge dabei ſeyn koͤnnen. Aber ach! wie unzuver⸗ laͤſſig ſind ſeldſt die feſteſten Entſchluͤſſe, wird das Herz von Leidenſchaft beſtuͤrmt. Trotz der gefaßten Vorſaͤtze fehlten ſie dennoch aufs Neue, und machten dadurch ihr Elend nur um ſo groͤßer. 14. Der Abschien. Endlich erſchien der Tag, der wenigſtens fuͤr jetzt dem ſtrafbaren Verhaͤltniß zwiſchen Eduard und Emilie ein Ende machen ſollte, und, o Himmel, welch ein Tag war das! Eduard hatte ſeinen Aeltern ſchon am vergangenen Abend Lebewohl geſagt, weil die Poſtkutſche fruͤh am Morgen abging, und er ihren Schlummer nicht ſtoͤren wollte; Emilie und Margaretha aber wollten ihn durchaus abreiſen ſehen, und ſie harrten demnach ſchon im Wohnzimmer, als er hinab kam. Nach einem kurzen Fruͤhſtuͤck, welches die beiden Maͤdchen unter Zaͤhren, Eduard 10* 148 4 aber mit ſchweigendem Gram zu ſich ge⸗ nommen hatten, erhob ſich der Letztere von ſeinem Sitze, und that den Vorſchlag voran zu wandern, wo ihn dann die Poſtkutſche auf der Landſtraße einholen wuͤrde. Marga⸗ retha und Emilie willigten ein, und ſchwei⸗ gend machte man ſich auf den Weg, und ſchweigend ſchritten ſie nunmehr dahin, bis das Geraſſel des Wagens hinter ihnen ver⸗ nehmbar wurde. Jetzt umarmte Eduard ſeine Schweſter, druͤckte Emilie mit ſtuͤrmiſcher Ge⸗ walt an ſein Herz, nahm ſeine kleine Flora auf den Arm und ſprang in den Wagen. Er wagte es nicht zuruͤckzublicken, bis er an die Ecke gelangte, von wo aus er ſein Vaterhaus zum Letztenmal erſchauen konnte, und ſiehe da, Emilie ſtand noch in derſelben Stellung, in welcher er ſie verlaſſen hatte, mit vorgebeng⸗ tem Koͤrper, ſo als wolle ſie dem Wagen 7= 149 — nachſchauen, ſo lange ihr Auge ihn noch zu erreichen vermochte. f Es waͤhrte lange, bevor es Margaretha gelang, Emilie zu bewegen, die Stelle, auf 4 der ſie wie gebannt ſtand, zu verlaſſen; es ſchien, als haͤtte Eduard ihr ganzes Seyn mit ſich hinweggenommen, denn ſelbſt, als ſie ſich endlich von Margaretha ſortfuͤhren ließ, ge⸗ ſchah dies in einem dumpfen, faſt bewußtloſen Zuſtande. Sie weinte nicht, ſie ſprach nicht, ſie bewegte ſich nur mechaniſch, bis endlich ihrer Bruſt ein Seufzer entſtieg, tief und ſchwer, ſo als kaͤme er aus einem Herzen, aus dem das Gluͤck auf immerdar geſchieden. 1 Bei ihrer Ruͤckkehr vernahmen ſie in⸗ deß, daß Eduards Aeltern bereits aufgeſtan⸗ den waͤren, und dieſe Kunde noͤthigte Emilie, ihre ganze Seelenkraft zuſammen zu neh⸗ men, um ihre Faſſung in etwas wieder zu a4* 150 gewinnen. Alle ihre Freudenquellen aber ſchienen vertrocknet, ſie ſuchte jetzt nur die Einſamkeit, und wanderte oft allein laͤngs dem Ufer hin, zumal nach jener Gegend, wo ſie ſich ihre Liebe zuerſt geſtanden; auch begab ſie ſich oft naͤch dem Kirchhofe, wo ſie ſich auf Jennys Grab niederließ, und gewiſſermaßen das Schickſal derſelben beneidete. Dies Benehmen ihrer Nichte mußte Margaretha in ihrem Argwohn beſtaͤrken; ſie war jetzt mehr als je uͤberzeugt, daß zwiſchen Eduard und Emillie eine hoffnungsloſe Leiden⸗ ſchaft beſtaͤnde, von der wirklichen Lage der Sache aber, hatte ihre reine argloſe Seele keine Ahnung. Sie machte demnach nicht nur Emilien keine Vorwuͤrfe, ſondern war gegen ſie wo moͤglich noch guͤtiger und freund⸗ licher als vormals. 151 Unterdeſſen ſetzte Eduard ſeine Reiſe fort, eine Beute aller jener qualvollen Gefuͤhle, welche ſeine beklagenswerthe Lage in ihm hervorruſen mußte. Er wagte nicht in die Vergangenheit zu ſchauen, denn das Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Schuld trat ihm von dorther grauenvoll entgegen; eben ſo wenig aber wagte er es, in die duͤſtere Zukunft zu blicken, wo ihm die Folgen jenes Vergehens furchtbar entgegenſtarrten. Er machte tauſend und aber⸗ mals tauſend Plaͤne, immer wieder aber ſah er ſich genoͤthigt, ſie zu verwerfen;— er dachte daran, mit Emilien nach einem entfernten Theile des Koͤnigreichs zu entfliehen„ und ſich dort mit ihr zu verheirathen; einem ſolchen Vorhaben aber, ſo wie faſt allen ſeinen Plaͤnen in dieſer Nuͤckſicht, ſtellten ſich un⸗ uͤberſteigbare Hinderniſſe entgegen, und ſo blieb ihm denn nichts uͤbrig, als Alles dem 152 — Zufalle zu uͤberlaſſen. Nachdem er ſich hiezu entſchloſſen hatte, ward er etwas ruhi⸗ ger, und gefaßter als man es haͤtte erwarten ſollen, erreichte er den Ort, wo ſein Regiment einquartirt war. V 15. Der Freund. Das froͤhliche Treiben ſeiner Cameraden aber, an dem Eduard ſonſt ſo bereitwillig Theil genommen hatte, war ihm jetzt von ganzem Herzen zuwider und ihre Spaͤße, ihre Gelage ekelten ihn an. Er, ſonſt die Seele der Geſellſchaft, ſaß jetzt finſter und ver⸗ ſchloſſen da, und zog ſich, ſo wie er nur konnte, auf ſein einſames Zimmer zuruͤck. Er nahm an keiner Luſtparthie Theil, ſon⸗ dern wanderte entweder allein in einſame Gegenden hinaus, oder blieb daheim, um uͤber wirkliche oder eingebildete Leiden zu bruͤten. So vergingen drei Wochen, da rief ihn die Nachricht, daß ſein Vater gefaͤhrlich krank darniederliege, ploͤtzlich wieder nach Preſton zuruͤck. Er machte ſich ſofort auf den Weg, ſeine Seele war aber nicht bloß mit Beſorg⸗ niſſen wegen ſeines Vaters erfuͤllt, auch andere Gedanken beſchaͤftigten ihn; er ſollte ſeine Emilie wiederſehen, und dieſer Umſtand trug dazu bei, ſeinen Kummer uͤber den Krank⸗ 3 1 heitszuſtand ſeines Vaters zu mildern. Auch fand er, zu Preſton angelangt, denſelben ſchon etwas in der Beſſerung; ſeine Freude hieruͤber war aufrichtig, aber ſie war nichts im Ver⸗ gleich zu der, welche er empfand, als er Emilie wieder in ſeine Arme ſchloß. Cduards Urlaub ging in vierzehn Tagen zu Ende, und es iſt demnach leicht zu begrei⸗ fen, daß die Liebenden jedwede Gelegenheit, ſich allein zu ſprechen, benutzten; Margaretha 155 hatte mit der Pflege ihres geneſenden Vaters zu ſchaffen, und die beiden jungen Leute konnten ſich demnach ungeſtoͤrter ſehen als ſonſt. Das waren ſeelige vierzehn Tage, aber ſie gingen voruͤber, und als nunmehr neuer⸗ dings der Zeitpunkt der Trennung erſchien, fuͤhlte ſich das ſchuldige Paar noch ungluͤcklicher, noch elender als je. Selbſt Eduards Worte waren nicht im Stande, den Truͤbſinn aus Emiliens Seele zu verſcheuchen, ſchweigend und traurig ſchritt ſie auf ihren einſamen Spazier⸗ gaͤngen neben ihm her, und oft fand er ſie, wenn er ſie auf ihrem Zimmer auſſuchte, in Thraͤnen. Er beſtuͤrmte ſie mit Fragen, ſie wandte ſich ab— er aber drang noch mehr in ſie, und erfuhr endlich, was er laͤngſt fuͤrchtete, daß ihr Vergehen nehmlich eine Folge gehabt hatte, die dem Auge der Welt nicht zu entziehen war. 156 In dieſer furchtbaren Lage mußten ſich die Liebenden nunmehr trennen, und mit Ge⸗ fuͤhlen, die nicht zu beſchreiben ſind, beſtieg Eduard die Poſtkutſche, um ſich wieder zu ſeinem Regimente zu begeben. Er hatte indeß kaum einige Meilen zuruͤckgelegt, als er ſich ſehr unwohl zu fuͤhlen begann, ſo ſehr wirkten ſeine geiſtigen Leiden auf ſeinen Koͤrper ein, ſein Kopf ſchwindelte, ein heftiges Fieber er⸗ faßte ihn, und man war genoͤthigt, ihn aus der Poſtkutſche in ſein Quartier zu tragen. Hier lag er zwei Tage lang in einem ohn⸗ maͤchtigen Zuſtande, bis er endlich⸗ nach einem erquickenden Schlummer, wieder zum Bewußt⸗ ſeyn erwachte; mit der Ruͤckkehr deſſelben aber ſtellte ſich auch das Gefuͤhl ſeines Elends wieder ein. Von allen ſeinen Saheraden, welche ihn währand der Zeit ſeines Frohſinns umſchwaͤrmt— 157 hatten, leiſtete ihm jetzt, in den Tagen ſeines Kummers, nur einer, ein gewiſſer Major Campbell, Geſellſchaft; derſelbe war ein Schottlaͤnder, etwas derb in ſeinem Be⸗ nehmen, aber von trefklicher Gemuͤthsart. Er war der jaͤngſte Sohn des Sir Colin Campbell, eines alten ſchottiſchen Baronets, der eben ſo ſtolz als arm war. Er hatte ſchon in ſeinem vierzehnten Jahre das Vaterhaus gegen den Kriegsdienſt ver⸗ tauſcht, und ſich durch perſoͤnliche Tapfer⸗ ferkeit zu dem Range eines Majors emporge⸗ ſchwungen. Seit Eduards Eintritt in das Regiment hatte dieſer brave Veteran den Juͤngling lieb gewonnen, er ertrug deſſen Heftigkeit, ſtand ihm oft, ein guter Rathgeber zur Seite, und half ihm nicht ſelten aus boͤſen Haͤndeln, in welche ihn ſeine Leiden⸗ ſchaftlichkeit verwickelt hatte. 158 Der wackere Mann hatte demnach die Veraͤnderung, welche ſeit ſeinem erſten Ur⸗ laube mit Eduard vorgegangen war, mit 3 Trauer bemerkt; gleich den uͤbrigen Offizieren — hatte er ſich anfangs bemuͤht, den jungen Stanley aufzuheitern, als aber alle ſeine 4e Berſuche in dieſer Ruͤckſicht fruchtlos blieben, ja als Eduard ſogar ſeine wohlgemeinten Vorſtellungen unſanft zuruͤckwies, hatte er ſich vor deſſen zweiter Reiſe nach Preſton zwar etwas von ihm zuruͤckgezogen, hegte aber fortwaͤhrend das ſehnliche Verlangen, die Urſache der Schwermuth des jungen Mannes, an dem er ſo innigen Antheil nahm, 4 zu erforſchen. Als derſelbe jetzt krank zuruͤckkehrte, trug er demnach die groͤßte Sorge fuͤr ihn und wich, bis Eduard ſein Bewußtſeyn wieder erlangte, faſt nicht von deſſem Lager; er. „ 159 pflegte ihn, reichte ihm die Arzenei, und weinte vor Freude, als der Kranke zum Leben wiedererwachte. Eduard war fuͤr dieſe Theil⸗ nahme des wackeren Schottlaͤnders keineswegs gefuͤhllos; er dankte ihm mit geruͤhrtem Her⸗ zen, was aber den Major beſonders freuete, war die Bemerkung, daß Stanley ſich in ſei⸗ ner Geſellſchaft wenigſtens dann und wann aufheiterte. Nehrere Wochen waren nun vergangen, ohne daß Eduard von Preſton eine Kunde erhalten hatte, und ſchon war er wieder im Stande ſein Zimmer zu verlaſſen, ja er war 4₰ ſogar ſchon einigemale ausgeritten. Er hatte von Emilien keine beunruhigende Nachricht erhalten, und gab ſich ſchon der Hoffnung hin, daß ihre Beſorgniſſe ungegruͤndet gewe⸗ ſen, als er eines Tages bei ſeiner Ruͤckkehr nach Hauſe einen an ihn gerichteten Brief vorfand. Derſelbe war von Emilien, und kaum vermochte Eduards zitternde Hand das Schreiben zu eroͤffnen. Nachdem er in hef⸗ tiger Gemuͤthsbewegung das Siegel erbrochen hatte, ſchritt er, das Blatt in der Hand, einigemal im Zimmer auf und ab, und las, als er endlich hineinſchauete— die volle Be— ſtaͤtigung ſeiner und Emiliens Beſorgniſſe. Der Brief entfiel ſeiner Hand und er ſank ohnmaͤchtig zu Boden. In dieſem Zuſtande hatte er eine Weile zugebracht, als Major Campbell ins Zimmer trat; erſchrocken rief dieſer nach Huͤlfe und ließ Eduard auf ſein Lager ſchaffen.„Wo iſt der Brief?“ rief dieſer, als er ſein Be⸗ wußtſeyn wieder erlangte,„gebt mir den Brief, daß ich ihn wieder und wieder leſe, bis ich uͤber die Leſung deſſelben mein Leben aushauche!“— 85 161 Der Major hob das Schreiben vom Boden auf und reichte es ihm hin. Eduard durchflog es noch einmal und ward, als er es zu Ende geleſen, ſo ruhig, daß Campbell daruͤber erſtaunte; er bat darauf dieſen Letzte⸗ ren, ihn allein zu laſſen, weil er einige Briefe von Wichtigkeit zu ſchreiben habe. „Koͤnnen Sie das nicht in meiner Ge⸗ genwart thun?“ fragte der Major in dem ihm eigenthuͤmlichen derben Tone,„glauben Sie etwa, ich werde Ihnen uͤber die Schulter ſehen., da ſetzen Sie ſich nieder und ſchreiben Sie ſo viel Sie wollen, ich ſchau' unter⸗ deſſen zum Fenſter hinaus. Alleinlaſſen aber, mag ich Sie jetzt nicht, aus Ihren Augen ſpricht etwas, das mir eben nichts Gutes verkuͤndet.“ „So treten Sie wenigſtens in das Ne⸗ benzimmer,“ bat Stanley,„Sie koͤnnen 11 von dort aus alles hoͤren, was ich hier vor⸗ nehme, ohne daß ich durch Ihre Gegenwart geſtoͤrt werde.“ Hierin willigte der Major, er begab ſich in das angrenzende Gemach, feſt entſchloſſen indeß, ſich nicht von der Thuͤr zu entfernen, um ſo viel wie moͤglich jede Bewegung ſeines Freundes zu beobachten⸗ 46. Ein Plan zur Flucht. o wie Campbell ſich entfernt hatte, warf ſich Eduard an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb zwei Briefe, den einen an ſeinen Vater, den anderen an Emilie. In dem erſteren legte er reuevoll das Bekenntniß ſeiner Schuld ab, und bat ſeinen Vater in den ruͤhrendſten Aus⸗ druͤcken um Verzeihung, indem er ihn anflehte, der ungluͤcklichen Emilie und ihrem Kinde ſei⸗ nen Schutz nicht zu entziehen. Am Schluſſe aber bat er ihn, ſein Gebet zu dem Ewigen fuͤr eine Seele zu ſenden, die, noch bevor dies Schreiben ſeine Beſtimmung erreicht haben wuͤrde, vor ihrem Richter ſtehen werde. In 41* 164 — ſeinem Briefe an Emilie ſprach er ebenfalls von ſeiner Liebe und ſeinem Ungluͤcke; er ſagte ihr, daß er eine ſolche Schande nicht zu ertragen vermoͤge; daß das Leben keinen Werth mehr fuͤr ihn habe, daß ſein Herz gebrochen ſey und daß er den Entſchluß ge— faßt habe, zu ſterben.„Das,“ ſo ſchloß er, „iſt die beſte Wahl, die wir treffen koͤnnen; aͤberlebſt Du mich auch, entzieht Dir auch mein Vater ſeinen Schutz nicht, was ſoll aus Dir werden? Ein Gegenſtand des Hohnes und der allgemeinen Verachtung!— Deshalb beſchwoͤre ich Dich, Emilie, ſtirb gleich mir!— jenſeits des Grabes werden wir uns wieder⸗ ſehen!“ Nachdem dieſe Briefe gefertigt waren, warf er einige Zeilen fuͤr den Major Campbell hin, er empfahl ihm ſeine treue Flora und bat ihn, alle ſeine Papiere zu verbrennen, mit 165 Ausnahme des zuletzt empfangenen Schreibens, dieſes aber, ſammt der Locke, die er in einer kleinen Kapſel um den Hals trug, mit ihm begraben zu laſſen. 8 „Jetzt,“ rief endlich Eduard, indem er ſeinen Gefuͤhlen unwillkuͤrlich Worte gab, „jetzt ſind alle meine irdiſchen Angelegenhei⸗ ten beſeitigt, nun moͤge Gott meiner armen Seele gnaͤdig ſeyn!“ In dem Schubfache ſeines Schreibtiſches lag ein mit Pulver ge⸗ ladenes Piſtol, einige Kugeln lagen daneben; Eduard erfaßte die todtbringende Waffe und war eben im Begriff die Kugel hineinzu⸗ ſtoßen, als ploͤtzlich Major Campbell, deſſen lauſchendem Ohr der Ausruf des jungen Mannes keineswegs entgangen war, die Thuͤr des angrenzenden Gemachs aufſtieß, herein⸗ ſtuͤrzte und dem Ungluͤcklichen das Piſtol entwand. 166 „Sind Sie toll, Stanley,“ rief er, „ſind Sie denn auf einmal ſo feigherzig ge⸗ worden? Wie koͤnnen Sie, der dem Feinde ſo muthvoll ins Antlitz ſchauete, vor einer Hand⸗ voll irdiſcher Leiden zuruͤckbeben? Fuͤrchten Sie ſich denn nicht, ſo ſtrafbar vor dem ewi⸗ gen Richter zu treten?“ Auf dieſe, mit großem Nachdrucke ge⸗ ſprochenen Worte, erwiderte Eduard nichts; ſein Antlitz ward todtenbleich, die Spannung ſeiner Nerven ließ nach, er ſank auf ſein Lager und war nicht im Stande, auch nur ein einziges Wort uͤber ſeine Lippen zu brin⸗ gen. Der wackere Major Campbell ſteckte nunmehr das Piſtol zu ſich, und nachdem er dem Ungluͤcklichen einige Augenblicke Zeit ge⸗ laſſen hatte, ſich zu ſammeln, nahm er Platz neben dem Bette deſſelben, erfaßte ſeine Hand und bat ihn, ihm mitzutheilen, was ſein Herz 167 bedruͤcke und ihn zu dem verzweiflungsvollen Entſchluſſe des Selbſtmordes gefuͤhrt habe. „Ach, mein Freund,“ ſeufzte Eduard, der durch Campbells Benehmen jetzt weich wie ein Kind geſtimmt war,„den Gram, der mich druͤckt, vermag keine irdiſche Gewalt von meiner Bruſt zu waͤlzen. Weshalb ſoll ich Ihnen meine Geſchichte mittheilen, deren Anhoͤrung Sie mit Abſcheu und Verachtung gegen mich erfuͤllen wuͤrde!“— Der Major hoͤrte indeß nicht auf in ihn zu dringen, und ſo konnte denn Stanley endlich nicht widerſtehen. Er erſchloß dem Freunde demnach ſein ganzes Herz,⸗ und reichte ihm Emiliens Schreiben hin, worauf er ſchaamergluͤhend ſein Antlitz mit den Haͤnden bedeckte.„ Nachdem Campbell den Brief bis zu Ende geleſen, erhob er ſich von ſeinem Sitze und 168 O— ſchritt einigemal im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu ſprechen, endlich naͤherte er ſich wieder dem Lager ſeines Freundes und ſprach in einem troͤſtenden Tone:„das iſt allerdings eine boͤſe Geſchichte; aber Muth gefaßt, es iſt kein Uebel ſo ſchlimm, fuͤr das kein Mittel waͤre. Der Schritt, den Sie thun wollten, iſt auf jeden Fall höoͤchſt tadelnswerth, er wuͤrde ihren Aeltern und Verwandten vollends das Herz brechen;— auch wuͤrde er Ihnen die Moͤglichkeit rau⸗ ben, Ihr Vergehen durch Reue und Buße wieder gut zu machen. Jetzt aber muͤſſen wir bedenken, was geſchehen ſoll. In Eng⸗ land koͤnnen Sie Ihre Geliebte nicht heira⸗ then; was meinen Sie, wenn Sie auf halben Sold gingen, in ein fremdes Land zoͤgen und— Emilie dort zu Ihrem rechtmaͤßigen Weibe machten?“ — — 169 Dieſer Vorſchlag ſchien Eduard mit Freude zu erfuͤllen.„Ja, ja, mein theurer Freund!“ rief er lebhaft,„Sie haben recht, das iſt der einzige Ausweg. Wenn wir die Flucht nur bewerkſtelligen koͤnnen! Ich nehme dann Dienſte bei einer fremden Macht, gleichviel bei welcher, kann ich nur unter ihrem Schutze Emilie mein nennen.“ „Haben Sie keine Bekannte an irgend einem Hofe des Continents?“ fragte der Major. „Keine,“ entgegnete Eduard niederge⸗ ſchlagen,„ich kenne dort durchaus Niemand.“ „Wohlan,“ ſprach Campbell nach kur⸗ zem Nachdenken,„ſo weiß ich Rath; einer meiner Verwandten, ein Schottlaͤnder gleich mir, hat Generals Rang in der ſpaniſchen Armee; er nennt ſich Mac Donald; ſobald ich in Erfahrung gebracht haben werde, in 170 — welchem Theile Spaniens er ſich jetzt befindet, will ich Ihnen Empfehlungsbriefe an ihn ſenden, die Ihnen in jenem Lande eine gute Aufnahme verſchaffen werden.“— Eduard uͤberhaͤufte den Major mit den Ausdruͤcken der innigſten Dankbarkeit.„Sie haben mir das Leben gerettet, Major Camp⸗ bell!“ rief er,„ja, was noch mehr iſt, Sie haben mir den Weg zum Gluͤcke geoͤffnet, und 82 zwar nicht bloß zu meinem Gluͤcke, ſondern auch zu dem eines Weſens, deſſen Wohl mir mehr als mein eigenes am Herzen liegt.“ Es blieb nun nichts weiter zu thun uͤbrig, als die Zeit zur Ausfuͤhrung des Planes zu beſtimmen. Eduard meinte, Campbell muͤßte unverzuͤglich um Urlaub anhalten, dann aber ſchnell nach Preſton eilen, eine mit vier 4 Pferden beſpannte Poſtchaiſe in Bereitſchaft halten, und Emilie gradezu nach Dover fuhr e 11 171 Der Major fand indeſſen mit ſeinem kalten Blute, daß ſich der Ausfuͤhrung dieſes Planes tau⸗ ſend Hinderniſſe entgegenſtellten; zuerſt meinte er, daß ihr ploͤtzliches Erſcheinen zu Preſton den Verdacht beſtaͤtigen wuͤrde, den, nach Emi⸗ liens Brief zu ſchließen, die ganze Familie bereits geſchoͤpft hatte. Dieſer Argwohn noch mehr geweckt, konnte nicht leicht wieder ge⸗ hoben werden, und dann war nur wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß man eine Gelegenheit finden wuͤrde, Emilie zu entfuͤhren. Campbell that demnach den Vorſchlag, Emilie im Voraus durch ſeinen treuen Diener von dem Vorhaben benachrichtigen zu laſſen, und erbot ſich, ſich dann unter irgend einem Vor⸗ wande ſelbſt nach dem Pfarrhauſe zu Preſton begeben zu wollen, um die Geliebte ſeinem Freunde zuzufuͤhren, welcher, in der Raͤhe 3 mit einer Poſtchaiſe harrend, ſich dann mit 172 Emilien nach dem naͤchſten Seehafen begeben ſollte, von wo aus ihrer Ueberfahrt nach Spanien nichts mehr im Wege ſtehen konnte. Eduard wußte gegen dieſen Plan ſeints Freundes nichts einzuwenden, denn durch den⸗ ſelben konnte er nicht nur zu dem Beſihe ſeiner geliebten Emilie gelangen, ſondern er durfte auch, wenn alles nach Wunſch ging, hoffen, ſich in dem Spaniſchen Kriegsdienſte Ruhm und Chre zu erwerben; und ſo ver⸗— ſprach er denn, dem Rathe des Majors unbe⸗ dingte Folge zu leiſten. 17. Fernere Anstalten. Machdem die beiden Freunde ihren Plan ſeſtgeſtellt hatten, trennten ſie ſich, damit ein jeder von ihnen ſeine Anſtalten treffe. Dougald, Campbells treuer und ſchlauer Diener, ward mit einem Briefe Eduards an Emilie nach Preſton abgeſandt, und nunmehr verſchaffte der Major ſeinem jungen Freunde einen Ur⸗ laub auf ein ganzes Jahr, unter dem Vor⸗ wande, daß derſelbe eine Reiſe zu ſeiner fer⸗ neren Ausbildung zu unternehmen geſonnen; auch gelang es ihm, fuͤr denſelben, waͤhrend dieſer ganzen Zeit, den halben Sold auszu⸗ wirken. Nachdem dergeſtallt alle Anſtalten * getroffen waren, harrten die beiden Freunde nur noch der Ruͤckkehr Dougalds, um den gefaßten Plan in Ausfuͤhrung zu dringen. Nach dreien Tagen kehrte der ſchlaue Bote mit einer Antwort Emiliens zuruͤck; ihr Brief enthielt nur einige Zeilen, die augen⸗ ſcheinlich in großer Gemuͤthsbewegung hinge⸗ worſfen waren, aber mit Beſtimmtheit ihren Entſchluß ausſprachen, dem Geliebten uͤberall hin zu folgen. So weit war nun alles in* Ordnung gebracht, da aber fragte der Major ſeinen jungen Freund, wie es denn um ſeine Baarſchaft ſtaͤnde. Eduard erſchrak, denn er hatte hieran noch nicht gedacht, und in ſeiner Boͤrſe befanden ſich nur einige Goldſtuͤcke. Der Major aber aͤchelte und reichte ihm ſeine Boͤrſe hin.„Da nehmen Sie,“ ſprach er, † „ſie iſt freilich nicht ſo gefuͤlt, wie ich wohl wuͤnſchte, mit hundert Guineen aber koͤnnen 175 Sie eine Weile lang reichen, bis ich Ge⸗ legenheit finde, Ihnen Ihren halben Sold zu ſenden.“ Eduard nahm den ihm ſo großmuͤthig dargebotenen Vorſchuß mit Aeußerungen innig⸗ ſter Dankbarkeit an, und unverzuͤglich machten ſich nun die beiden Freunde, nach einem kaum dreißig engliſche Meilen von Preſton entfernt gelegenen Seehafen auf den Weg, von nie⸗ mand begleitet, als von dem treuen Dougald und der kleinen Flora. An dem Orte ihrer Beſtimmung angelangt, ſahen ſie ſich ſofort nach einem ſegelfertigen Schiffe um, aber es lag nur eines dort, welches nach Spanien abgehen ſollte; es war ein kleines arm⸗ ſeliges Fahrzeug, nach Fontarabia beſtimmt, einer alten Stadt, gelegen an der Bidaſſoa, an der aͤußerſten Grenze Spaniens. Noth 176 hat indeſſen kein Gebot. Das kleine Schiff ſollte in kurzer Zeit unter Segel gehen, und ſo nahm Eduard ſofort zwei Plaͤtze, den einen fuͤr ſich, unter dem Namen Gordon, den anderen fuͤr Emilie, die er fuͤr ſeine Gattin ausgab. Nachdem dies geſchehen und der noͤthige Mundvorrath an Bord geſchafft worden war, machten ſich die beiden Freunde nach Preſton auf den Weg. In der Naͤhe deſſelben machten ſie in einem kleinen Dorfe Halt, und von dort aus begab ſich nunmehr der Major mit Einbruch der Nacht nach dem Pfarrhauſe, verſehen mit einem Briefe Eduards an den Pfarrer Stanley, worin jener dem Letzteren verkuͤndete, daß er, um den nachthei⸗ ligen Folgen eines gehabten Zweikampfes vor⸗ zubeugen, genoͤthigt ſey, ſich auf einige Zeit nach dem ſeſten Lande zun begeben; ſeinem Vater aber dieſe Nachricht durch ſeinen Freund 177 den Major Campbell ſende, weil er es nicht gewagt habe, ſie der Poſt anzuvertrauen. Es war eine ſtuͤrmiſche Nacht, der Regen ſtuͤrzte in Stroͤmen herab, und der Wind heulte durch die Fenſterlaͤden des alten Gemachs, in welchem ſich Eduard mit ſeinen qualvollen Betrachtungen allein befand. Er horchte ſo lange er konnte dem immer ſchwaͤcher werden⸗ den Schall der Schritte des Majors, und als er nun, ſo geſpannt er auch hinhorchte, nichts mehr von ihnen zu vernehmen vermochte, war es ihm, als ſey jedwede Hoffnung aus ſeiner Bruſt gewichen. Er hatte bisher auch nicht einen Augenblick lang Muße gehabt, uͤber die muthmaaßlichen Folgen ſeines Vor⸗ habens nachzudenken. Er hatte den Vorſchlag, Emilie zu entfuͤhren, mit Begierde erfaßt; ſeine Aufmerkſamkeit war, von dem Moment an, in welchem Campbell dieſes Plans zuerſt 12 178 gegen ihn erwaͤhnte, mit den Vorbereitungen zur Flucht raſtlos beſchaͤftigt geweſen, und ſo hatte es ihm denn ſowohl an Zeit als an Nei⸗ gung gefehlt, daruͤber nachzuſinnen, in wie weit das Unternehmen ausfuͤhrbar ſey, und welches Reſultat es fuͤr die dabei Betheiligten und deren Verwandten haben konnte. Wegen ſeines eigenen Schickſals war Eduard weniger bekuͤmmert, eine innere Stimme rief ihm zu, daß, wie ſich die Dinge auch geſtalten wuͤrden, Friede und Ruhe dennoch aus ſeinem Herzen auf immerdar gewichen waͤren. Der Gedanke aber, welche Folgen die Entfuͤhrung Emiliens fuͤr ſie und ihre beiderſeitigen Verwandten haben koͤnnte, erfaßte ihn jetzt auf das furcht⸗ barſte, und er konnte faſt den Wunſch nicht unterdruͤcken, daß ſein Plan mißlingen, und ſeine Flucht mit der Geliebten verhindert werden moͤchte. — — 479 Dieſer Wunſch aber behauptete ſeinen Platz in ſeiner Seele nicht lange, denn ſchnell ward er wieder verdraͤngt von dem Bilde Emiliens, wie ſie von allen ihren Verwandten und Bekannten verachtet und verlaſſen, mit Schmach und Schande bedeckt, in ihrem Jammer verging, oder wohl gar zum grauen⸗ haften Selbſtmorde ihre Hand zuckte.— Er konnte bei dieſem furchtbaren Bilde nicht ver⸗ weilen, es mochte kommen wie es wollte, er war entſchloſſen ihr Schickſal an das ſeinige zu knuͤpfen. Mußte auch der Schlag ihre beider⸗ ſeitigen Verwandte gleich hart treffen, die Zeit, ſo hoffte er, wuͤrde ihren Kummer lindern. Sie mußten, ſeiner Meinung nach, aus ihrem Herzen ihn auf immerdar verbannen, oder, und dieſem Gedanken gab er ſich mit freudiger Bereitwilligkeit hin, ihm und Emilien ver⸗ zeihen, und ihn, wenn er dermaleinſt mit 3 42* 180 — Ruhm bedeckt aus der Ferne heimkehren wuͤrde, guͤtig und freundlich in die dem Reui⸗ gen geoͤffneten Arme ſchließen. Mit ſolchen Betrachtungen verbrachte Eduard die Stunden, die zwiſchen der Ent⸗ fernung Campbells und ſeiner Ruͤckkehr lagen. Da derſelbe aber laͤnger ausblieb als Stanley erwartet hatte, begann ſich deſſen Geduld zu erſchoͤpfen und die ſchreckenvollſten Beſorgniſſe erſtiegen in ſeiner Seele. Haſtig ſprang er aus dem alten Lehnſeſſel empor, in dem er gedankenvoll geruhr hatte, und mit raſchen Schritten ging er nunmehr im Zimmer auf und ab. Er ſchlich ſich in ſeiner Verkleidung, denn er hatte, um in der Naͤhe ſeiner Hei⸗ math nicht erkannt zu werden, einen weiten Mantel um ſich geworfen und ſein Geſicht durch falſches Haar entſtellt, nach dem Stalle, -— —,,— — 181 um nachzuſehen, ob Dougald auch die Pferde gefuttert habe, und ob uͤberhaupt alles zur „ ſchleunigen Abreiſe in Bereitſchaft ſey. Dann trat er wieder vor die Thuͤr und lugte in die Nacht hinaus, aber er vermochte weder etwas zu erſpaͤhen noch zu erhorchen. Vernahm er dann und wann auch nahende Schritte, verhallten dieſe immer ſchnell wieder, ihm zu ſeinem Leidweſen verkuͤndend, daß die Wanderer, denen ſie angehoͤrten, nicht diejenigen waren, die er mit ſo großer Sehnſucht erwartete. Unge⸗ duldig kehrte er in das Gemach zuruͤck, wo ein helles Feuer im Camin brannte, und die altvaͤteriſche Lampe ein freundliches Licht ſpen⸗ dete. Er nahm ein altes Buch, welches auf dem Geſimſe lag, es waren ſchottiſche Balla⸗ 1 den, er ſah hinein, und ſein Auge ſiel, ſelt⸗ ſam genug, auf ein Lied, welches die Lage eines Entfuͤhrers ſchilderte, der das Maͤdchen, „* 182 das er den Ihrigen entriſſen, nachdem er mit ihr einen fernen Zufluchtsort erreichte, als eine Leiche in ſeinen Armen fand. Heftig ſchleuderte Eduard das Buch in einen Winkel und ein Schauder durchzuckte ſeine Gebeine. Wie kam ihm grade jetzt dieſes Lied vor Augen? Wie kam dieſes Buch in dieſen armſeeligen Gaſthof? Ohne Zweifel war das ein boͤſes Zeichen fuͤr ſein Vorhaben! Er ſprang neuerdings von ſeinem Sitze empor und ſtarrte zum Fenſter hinaus; der Regen hatte nachgelaſſen, aber der Wind heulte noch immer und ſchwarze Wolken zogen uͤber die Mondſcheibe dahin, die zwar voll am Himmel ſtand, aber nur dann und wann ihr gleich wieder verſchwindendes Silberlicht zur Erde herniederſenken konnte. Er blickte voll See⸗ lenangſt hinauf in das truͤbe Gewoͤlk; das unruhige Firmament war ihm eine Deutung, J= 7 183 daß der Schoͤpfer auf ihn zuͤrne und ſein Herz wollte vor Quaal vergehen. In dieſem 3 Moment vernahm er ploͤtzlich nahende Schritte, eine in einen Mantel gehuͤllte Geſtalt naͤherte ſich der Thuͤr, und nach wenigen Augenblicken trat Major Campbell in das Gemach. 18. Die Flucht. „ Ales geht nach Wunſch,“ fuͤſterte Camp⸗ bell, in Antwort auf den Blick, mit welchem Eduard nach dem Erfolge des Unternehmens fragte.„Es war eine ſchwierige Aufgabe, aber ſie iſt gelungen, Emilie harrt Ihrer um Mitternacht, an dem Gartenpfoͤrtchen, das nach dem Kirchhofe fuͤhrt.“ , Ueberreichten Sie das Schreiben meinem Vater?“ fragte Eduard, den ſeine Gemuͤths⸗ bewegung faſt verhinderte, ſeinen Gedanken Worte zu geben. „„Allerdings,“ erwiderte Campbell,„ich war genoͤthigt es zu thun, um mir Eintritt „—.—— —-— 7 185 in das Haus zu verſchaffen, um Gelegenheit zu finden, mit Emilien allein zu ſprechen.“ „und wie ertrug er die Kunde?“ forſchte Stanley weiter?“ „Sie erſchuͤtterte ihn gewaltig, wie Sie leicht denken koͤnnen,“ verſetzte der Major. „der Schmerz des alten Herrn ging mir durch die Seele, ich mußte meine ganze Stand⸗ haftigkeit zuſammen nehmen, um ihm die Wahrheit zu verſchweigen.““ „und meine Mutter— meine Schweſter— haben auch ſie das Schreiben geleſen?“ „Nein,“ entgegnete Campbell,„ſo wie Ihr Vater den Brief geleſen, erhob er ſich von ſeinem Sitze und verließ das Zimmer. Sein Geſicht hatte indeß verkuͤndet, daß das Schreiben eine boͤſe Kunde enthalte, und da Ihre Mutter und Schweſter wußten, daß ich von Ihnen kam, eilten ſie hinter ihm drein; ich 186 benutzte, wie Sie leicht denken koͤnnen, dieſe Gelegenheit, um Emilie mit der wahren Lage der Sache bekannt zu machen, und erfuhr von ihr, daß ſie alle Anſtalten zur Flucht bereits getroffen habe, und um Mitternacht an der bezeichneten Stelle Ihrer harren wolle.“ „Gut, gut,“ fiel Eduard ein;„Sie ſagten aber, die Kunde habe meinen Vater furchtbar erſchuͤttert, ſprachen Sie ihn denn ſpaͤterhin noch einmal?“ „Allerdings,“ erwiderte Campbell;„er ließ mich zu ſich auf ſein Zimmer rufen und wollte von mir alle Umſtaͤnde des Zweikampfs auf das Genaueſte wiſſen. Sie hatten in Ihrem Briefe die Meinung geaͤußert⸗ daß er, damit Sie Ihre Flucht um ſo ſicherer bewerk⸗ ſtelligen koͤnnten, Ihren Tod durch die Zeitun⸗ gen bekannt machen moͤchte, und er griff ſofort zur Feder, um Ihr Verlangen zu erfuͤllen. ——— — —* — z— ʃ—— Mit Thraͤnen in den Augen uͤbergab er mir das was er geſchrieben, auch haͤndigte er mir noch uͤberdem eine Boͤrſe mit zwanzig Gold⸗ ſtuͤcken ein, die er mich bat, Ihnen zukommen zu laſſen, falls mir Ihr Zufluchtsort bekannt waͤre. Ich ſage Ihnen, junger Mann, ich habe in dieſer Nacht um Ihretwillen mehr Unwahrheiten geſprochen, als fruͤher in meinem ganzen Leben! Doch genug davon, wir wollen jetzt guter Dinge ſeyn und etwas Proviant einnehmen, um die Strapazen der Reiſe beſſer aushalten zu koͤnnen.“ Dieſer letzten Aufforderung vermochte Eduard indeß keine Folge zu leiſten; des war jetzt zehn Uhr, und ſchon nach zweien Stunden ſollte der Schritt gethan werden, der wenig⸗ ſtens fuͤr den Augenblick uͤber ſeine und Emi⸗ liens Verwandte Jammer und Angſt herbei⸗ fuͤhren mußte. Aber er war zu weit gegangen, um noch zuruͤck treten zu koͤnnen— und uͤber⸗ dem fuͤhrte ihn ja dieſer Schritt zu dem Beſitz ſeiner Emilie! Ach, wie lange waͤhrten ihm dieſe zwei Stunden! wie ſo ſehnlich wuͤnſchte er ſie befluͤgeln zu koͤnnen! Er ſah faſt jeden Augenblick auf die Uhr, und als ihm endlich der Zeiger verkuͤndete, daß bis zur Mitternacht nur noch eine halbe Stunde uͤbrig ſey, machte er ſich nach dem bezeichneten Ort auf den Weg, waͤhrend Dougald die Pferde vorſpannte; der Major aber, nachdem er die Rechnung im Wirthshauſe bezahlt hatte, auf dem halben Wege zwiſchen dem Pfarrhauſe und dem Doͤrſchen Poſto faßte. Eduard eilte von dannen mit den Schritten eines Mannes, der da im Begriff iſt eine That zu begehen, nach deren Vollbringung ihn ſehn⸗ ſuchtsvoll verlangt, iſt er gleich uͤberzeugt, daß er dadurch ſich und alles was ihm theuer iſt⸗ 189 ins Elend ſtuͤrzt. Als er durch die Gaſſen Preſtons dahinflog, herrſchte rund um ihn her die tiefſte Stille, verkuͤndend, daß in der ganzen Gegettd Alles im ſanften Schlummer ruhe. Er ſehiug den Weg nach dem Kirchhofe ein, bog um eine Ecke und ſtand nunmehr an dem bezeichneten Orte.— Hier aus dieſem Pfoͤrtchen war er in ſeiner Kindheit ſo oft getreten, wenn er ſich am Sonntage mit den Seinigen in die Kirche begab, um dort ſeine Haͤnde im andaͤchtigen Gebet zu dem Ewigen zu erheben. Die Glocke vom Thurme herab verkuͤndete, daß bis zur Mitternacht nur noch eine Viertelſtunde uͤbrig, und der Mond, welcher grade in dieſem Moment hinter einer Wolke hervortrat, ſenkte jetzt ploͤtzlich ſein Licht auf ein ſteinernes Denkmal herab, neben dem Eduard ſtand, und welches von Luna's Strahlen ſo hell beleuchtet wurde, daß Stanley die Inſchrift 190 deutlich leſen konnte. Die einfachen Worte lauteten wie folgt:„Hier ruhet in Gott Jenny Franklin, ſie ward in ihrem neunzehnten Jahre am 2. July 17.⸗ aus dieſer Welt in eine beſſere abgerufen.“ Wie vermoͤchten wir die Gefuͤhle zu be⸗ ſchreiben, die ſich Stanley's in dieſem Augen⸗ blicke bemaͤchtigten— keine Feder, keine Sprache iſt im Stande ſie auszudruͤcken. Der Wind, welcher bis jetzt furchtbar geheult hatte, begann ſich nun zu legen, die Wolken, mit denen er ſein wildes Spiel getrieben, zogen ſich neuer⸗ dings zu einer einzigen ſchwarzen Maſſe zuſammen, und ſchwere Regentropfen, mit Hagel gemiſcht, ſtuͤrzten herab. Jetzt verkuͤn⸗ dete die Glocke vom Kirchthurme herab die Stunde der Mitternacht; ihr Ton, welcher Eduards Herz durchſchnitt, hallte aus der nahen Waldung wieder, bis er endlich in — — — 191 — melancholiſcher Feierlichkeit uͤber dem ſchlum⸗ mernden Oertchen verklang. In dieſem Augen⸗ blicke hoͤrte Eduard ein Fenſter des Pfarrhauſes oͤffnen, und deutlich glaubte er zu gewahren, daß ſich eine weibliche Geſtalt herauslehne, ſo als horche ſie nach allen Seiten hin, ob ſich auch jemand in der Naͤhe befinde. Er gab das verabredete Zeichen, welches ſofort erwidert, und worauf das Fenſter unverzuͤglich leiſe wieder geſchloſſen wurde. Dann herrſchte einige Augenblicke lang rund umher wieder die tiefſte Stille. Waͤhrend dieſer entſcheidenden Pauſe pochte Eduards Herz ſo heftig, daß deſſen Schlaͤge 1 faſt hoͤrbar waren; endlich vernahm er, daß Riegel fortgeſchoben wurden, er hoͤrte einen Schluͤſſel drehen, den Schall nahender Schritte, und— Emilie lag in ſeinen Armen. Sie hatte ein kleines Paͤckchen mit Kleidungsſtuͤcken 192 bei ſich; auch hatte ſie alles mitgenommen, was ſie irgend von Werth beſaß. Als ſte aber jetzt den Arm um den Geliebten ſchlang, fiel das Paͤckchen mit Geraͤuſch zu Boden; auch pfiff der Wind in dieſem Augenblick wieder ſo heft tig, daß er das Pooͤrtchen, welches Emilie offen gelaſſen hatte, mit furchtbarer Gewalt zuſchlug.„Faſſe Dich Emilie, um des Him⸗ melswillen faſſe Dich, oder wir ſind verloren,⸗⸗ fluͤſterte Eduard;„wir muͤſſen fort, fort auf der Stelle, hier ganz in der Naͤhe wartet der Wagen, der uns in Sicherheit bringen ſoll; gieb mir das Paͤckchen und B Kütse Dich auf meinen Arm.“ Emilie aber war zu heftig erſchuͤttert, um uͤber ihre Bewegungen nach Willkuͤhr gebieten zu koͤnnen; ſie hielt ihren Geliebten ſo feſt und krampfhaft umſchlungen, daß dieſer außer Stande war, ſich von ihr loszuwinden. In — 4193 dieſem Augenblicke ward im Pfarrhauſe ein Fenſter geoͤffnet, und uͤber alle Maßen entſetzt verbarg ſich bei dem Geraͤuſch das ſchuld⸗ bewußte Paar hinter der alten Mauer, die den Garten von dem Kirchhofe trennte, wo ſie harrten bis ſie das Fenſter wieder ſchließen hoͤrten, und von wo aus ſie erſt dann, nach⸗ dem Eduard das Paͤckchen vom Boden wieder aufgehoben hatte, mit fluͤchtigen Schritten uͤber die Graͤber hin, von dannen eilten. Es war indeß ſo dunkel, daß ſie, obgleich ſie jeden Fußbreit Weges auf das Genaueſte kannten, dennoch nicht ohne Schwierigkeit zum Kirchhofe hinausgelangten. Von dort aus hatten ſie leichteres Spiel; ſie eilten, ohne von jemand bemerkt zu werden, durch das Oertchen hin, und erreichten, von Camp⸗ bell, den ſie unterwegs trafen, begleitet, gluͤck⸗ lich den Wagen. 13 194 „Wollen Sie uns nicht begleiten?“ fragte Stanley, als der Major, nachdem er ihm und Emilien behuͤlflich geweſen war ein⸗ 2 zuſteigen, die Wagenthuͤr zuwarf. „Nein,“ entgegnete Campbell,„ich muß vor der Hand hier bleiben, um Ihre etwaigen Verfolger irre zu leiten. Leben Sie wohl, der 1 Himmel ſey mit Ihnen!“ „„Gott lohne es Ihnen!“ rief Eduard, indem er dem treuen Freunde herzlich die Hand druͤckte; Dougald hatte unterdeſſen ſeinen Platz eingenommen, er klatſchte mit der Peit⸗ ſche und dahin ging es nunmehr in vollem 8 Gallop. 1e 4 19. Fahrt nach Spanien. Mer Weg von Preſton nach dem Seehafen ward von den beiden Liebenden im tiefſten Schweigen zuruͤckgelegt, Emilie ruhte mit ihrem 2 Haupte an der Bruſt ihres Geliebten, einem Gefuͤhle preisgegeben, welches keine Feder zu beſchreiben vermag; waͤhrend Eduards Gedanken ſo wild unherſchweiften, daß es ihm, ſowohl an Kraft wie an Luſt zum Sprechen gebrach. 4 Dougald allein war ganz der, der er ſtets zu ſeyn pflegte, er ſchwang ruͤſtig ſeine Peitſche, wenn die Roſſe in ihrer Eile nachlaſſen woll⸗ ten, und brachte ſo die Fluͤchtlinge in weniger als fuͤnf Stunden nach dem Seehafen. Eduards 1 195 Gepaͤck und der Mundvorrath waren bereits an Bord geſchafft, und ſo blieb denn nichts zu thun uͤbrig, als von der Kajuͤte Beſitz zu nehmen; ſo wie dies geſchehen war, lichtete das Schiff die Anker, und bald ſchon ver⸗ mochten ſelbſt ihre Blicke die Kuͤſte Englaͤnds nicht mehr zu erreichen. Jetzt, als die auf dem Meere herrſchende Stille ihnen Veranlaſſung gab, ihren Gedan⸗ ken ungeſtoͤrt nachzuhaͤngen, jetzt begannen Eduard und Emilie mit noch groͤßerer Herzens⸗ angſt des raſchen Schrittes zu gedenken, den ſie gethan hatten; in die Zukunft zu ſchauen wagten ſie nicht, denn nur grauenvolle Nacht bot ſich dort ihren Blicken dar; an die Ver⸗ Aandenheit aber, und an ihre Verwandte mochten ſie noch weniger denken, denn das Schickſal der Letzteren machte ſe erbeben. Eduard wußte gar wohl, daß die liebſten 8 197 Hoffnungen ſeiner Aeltern nur auf ihm geruht hatten, ſie hatten in ihm die Stuͤtze ihrer alten Tage erblickt, und er konnte nicht ohne Entſetzen an die Empfindungen denken, die ſich ihrer bemaͤchtigen mußten, ſobald ſie die Wahrheit in ihrem ganzen furchtbaren Umfange erfahren wuͤrden. Emilie dagegen gedachte nicht nur der Bewohner des Pfarrhauſes, ihre Gedanken ſchweiften auch hinuͤber nach Inveneshires gruͤnen Thaͤlern und hohen Bergen, und ſchmerzvoll gedachte ſie ihrer dort lebenden Verwandten, deren Herzen die Kunde von ihrer Flucht mit dem tiefſten Grame erfuͤllen mußte; in ſolchen Momenten rang ſie die Haͤnde und Thraͤnen entſtuͤrzten dann ihren Augen.„Dieſe quaͤlenden Gedanken be⸗ maͤchtigten ſich ihrer ganz beſonders dann, wenn ſie er durch irgend einen Umſtand auf Augenblicke von einandor getrennt wurden; 198 waren ſie beiſammen, fuͤhlten ſie ſich etwas ruhi⸗ ger, ihre Liebe war noch eben ſo heftig, ſo warm als je, haͤtte es auch jetzt noch in ihrer Macht geſtanden, das, was geſchehen war, ungeſche⸗ hen zu machen, ſie wuͤrden ſich zu einem ſolchen Ruͤckſchritte ſchwerlich haben entſchließen koͤnnen, und ſo brauchten ſie ſich denn auch nur auf einen Moment lang wieder zu ſchauen, 1 um uͤber die Wonne des Beiſammenſeyns fuͤr den Augenblick jedweden anderen Gedanken zu vergeſſen. Ddie Reiſe ging uͤbrigens ſo gluͤcklich und ſo begebenheitslos von ſtatten, wie es von einer Fahrt von der Engliſchen nach der Spa⸗ niſchen Kuͤſte im Monat November zu erwar⸗ ten ſtand. Das Wetter war zwar, wie es in dieſer Jahreszeit zu ſeyn pflegt, etwas unbe⸗ ſtaͤndig, aber weder ihnen noch dem Schiffe begegnete die undeſe Aunanehmücheet, 1 * — 8 ſo durchkreuzten ſie denn den Biscaiſchen Meer⸗ buſen, ſelbſt ohne viel von der Seekrankheit zu leiden. Endlich zeigten ſich ihnen in der Ferne die kͤhnen Umriſſe der Pyrenaͤen, und ſo wie ſie ſich nun immer mehr und mehr der Spaniſchen Kuͤſte naͤherten, bot ſich den Augen der Fluͤchtlinge eine Scene dar, die ſie nicht muͤde wurden zu betrachten. Berge thuͤrmten ſich auf Berge in der majeſtaͤtiſchen Pracht des Winters, ihre Gipfel waren mit ewigem Sehnee bedeckt, und an den Abhaͤngen waren glaͤnzende, ungeheure Eismaſſen zu ſchauen.— An dem Fuße dieſer Berge, gegen die See hin, liegt die Stadt Irun, und zwei Meilen noͤrdlicher Fontarabia, das Ziel unſerer Reiſenden. Dies Letztere war vormals ein bedeutender Ort, mit einem ſtarken Wall — umgeben, den aber die Franzoſen, als ſie den Ort raͤumen mußten, zerſtoͤrten„ und ———— der ſeitdem nicht wieder hergeſtellt worden; noch jetzt ſcheint es, als ob die Stadt in Ruinen dalaͤge, als ob ſie vor Kurzem erſt der Schauplatz furchtbarer Kriegsgraͤuel gewe⸗ ſen waͤre. Der Handel von Fontarabia war aller Wahrſcheinlichkeit nach nie von großer Bedeutung, in ſpaͤteren Zeiten hoͤrte er faſt gaͤnzlich auf, und als Eduard und Emilie jetzt iin die Bidaſſoa hineinſchifften, an deren Muͤn⸗ dung die Stadt gelegen iſt, fanden ſie dem⸗ nach nur ein Paar Briggs und einige kleine Barken, welche mehr Fiſcherboͤten als Kuͤſten⸗ fahrzeugen glichen. Nachdem das Schiff Anker geworfen hatte, fuͤhrte der Capitain, welcher waͤhrend der ganzen Fahrt ſeinen Paſſagieren jede nur erdenkliche Aufmerkſamkeit bewieſen hatte, die Fluͤchtlinge nach der beſten Caſada in dem Orte; auch erklaͤrte er ſich bereit, ihnen be⸗ huͤlflich zu ſeyn, eine paſſende Wohnung fuͤr ſie waͤhrend ihres dortigen Aufenthaltes zu finden. Er uͤbernahm es ebenfalls, ſie mit guten Dienern zu verſorgen, und bezeigte ſich mit einem Worte uͤber alle Maaßen zuvorkom⸗ 4 mend gegen ſie. Haſt Du etwa, mein freundlicher Leſer, je das Innere einer Caſada oder einer ſpani⸗ ſchen Herberge geſchauet? Wo nicht, wuͤrde es mir ſchwer fallen, Dir den dort herrſchenden Mangel an jeder Bequemlichkeit ausfuͤhrlich zu ſchildern. Das einzige Gemach, in welchem ₰ ein Feuer angezuͤndet werden kann, iſt die Kuͤche, eine geraͤumige, mit ſchlechtem Geraͤth verſehene Art von Halle, worin ſich ein Camin befindet, der ſo groß iſt, daß zwanzig Per⸗ ſonen Platz rund um das Feuer haben, welches zu gleicher Zeit dazu dient, das Eſſen 618 202 9 zu kochen und den Gaͤſten Waͤrme zu ſpenden. Dieſer Raum wird meiſtens von Maulthiertrei⸗ bern, Fuhrleuten und Reiſenden aͤhnlicher Art eingenommen, ſo daß man, wenn man keine Luſt hat, den Knoblauchs⸗Geruch und die ſonſtigen Unannehmlichkeiten ihrer Naͤhe zu ertragen, genoͤthigt iſt, ſich auf ein kaltes Schlafzimmer zuruͤckzuziehen. Das Geraͤth in dieſem Letz⸗ teren aber iſt ebenfalls uͤber alle Beſchreibung armſeelig; ein unſauberes Betttuch, eine ſchlechte Matratze, zerbrochene Stuͤhle oder Baͤnke, das ſind die Bequemlichkeiten, die hier des Reiſenden harren. Um des Himmels⸗ willen aber, lieber Leſer, nimm Dich, ſollte Dich Dein Mißgeſchick je in eine ſolche ſpa⸗ niſche Herberge fuͤhren, ja in Acht, unbehutſam und zu lange dort zu verweilen, Du moͤchteſt Dich ſonſt gar leicht mit einem ganzen Heer von Coloniſten bevoͤlkert finden, das Du nur langſam und mit großer Muͤhe wieder los wuͤrdeſt. So war denn auch die Herberge beſchaffen, in die Eduard und Emilie gefuͤhrt wurden, und dennoch war es die beſte in Fontarabia. Ihre Lage erlaubte ihnen indeß fuͤr jetzt keine Wahl, ſie mußten ſich in die Umſtaͤnde fuͤgen, und da ſie es durchaus nicht uͤber ſich gewinnen konn— ten, ſich der Geſellſchaft in der Kuͤche anzu⸗ . ſchließen, ließen ſie ſich ein Zimmer in. dem oberen Stockwerk anweiſen, wo man, als der 1 Capitain die Wirthsleute verſichert hatte, daß p die Reiſenden reiche Englaͤnder waͤren⸗ eine Kohlenpfanne mitten in das Gemach hinſtellte, auch an Speiſe und Trank dasjenige auftrug, was das Haus vermochte. - Die von den Engliſchen ſo ganz abwei⸗ chenden Sitten und Gebraͤuche der Spanier⸗ 20 ½ ihre ſo ganz andere Tracht, ihr, dem der Britten ſo ganz entgegengeſetztes, Benehmen, waren uͤbrigens trefflich geeignet, die Gedanken der Fluͤchtlinge von ihrer eigenen bedenklichen Lage abzuziehen. Den Mangel an Becguemlichkeiten in einer ſpaniſchen Herberge ſollten ſie nicht lange erdulden, denn mit Huͤlfe ihres freundlichen Capitains mietheten ſie fuͤr die naͤchſten drei Monate ein an der Außenſeite des Orts gelegenes niedliches Haͤuschen. Es war mit einfachem aber zierlichem Geraͤth ver⸗ ſehen, mit einem huͤbſchen Garten umgeben, und hatte die treffliche Ausſicht auf die Berge und auf das Meer. Weinranken ſchlaͤngelten ſich bis hoch zu dem Dache hinauf, Myrthen und andere Gewaͤchſe verbreiteten ihre lieb⸗ lichen Duͤfte, kurz es war ein Aufenthalt, wie ihn Eduard und Emilie ſich nur wuͤnſchen 205 konnten. Ein Diener und eine Magd wurden in Dienſt genommen, und ſo befanden ſich denn unſere Fluͤchtlinge, ſchon zwei Tage nach ihrer Landung in Spanien, ganz bequem in ihrem kleinen anmuthig gelegenen Haͤuschen, ohne daß die hundert Guinees, welche Eduard aus England mitgenommen hatte, auch nur im geringſten angegriffen worden waͤren. 20. Wäusliche Scenen. TTlaͤhrend der erſten ſechs Wochen ihres Aufenthaltes in Spanien fuͤhlten ſich Eduard und Emilie gewiſſermaßen gluͤcklich. Zwar draͤngten ſich ruͤckſichtlich der Lage der Ihri⸗ gen im Vaterlande, Beſorgniſſe in ihrer Seele empor, und wachend und traͤumend ſahen ſie nur einer Zukunft von Jammer und Elend fuͤr ſich entgegen, aber ſie ſuchten dieſe truͤben Gedanken, ſo viel wie moͤglich zu ver⸗ bannen, und ſo gelang es ihnen denn auch recht oft, in der Wonne des Beiſammenſeyns, die wahrſcheinlichen Folgen des gethanen Schritts aus den Augen zu verlieren. Als * 207 der Fruͤhling erſchien, welches in dem milden Clima Spaniens ſchon weit fruͤhzeitiger als 7 in England ſtatt ſindet, brachte Eduard einen großen Theil ſeiner Zeit damit zu, ſeinen Garten anzubauen, wobei Emilie ihm oft zur Seite ſaß, beſchaͤftigt mit irgend einer Handarbeit, oder mit Kleidungsſtuͤcken fuͤr die Frucht ihrer ungeſetzlichen Liebe,. welche, wie ſie erwarten mußte, bald ihre Pflege und Sorge in Anſpruch nehmen wuͤrde. Dann und wann aber nahm auch Eduard ſeine Flinte und wanderte, von ſeiner getreuen Flora begleitet, hinaus in die Berge, von wo er dann gemeinhin mit einer reichen Beute an Wildprett zuruͤckkehrte. Trotz dieſer zerſtreuenden Beſchaͤftigungen . aber, konnte ſich Eduard nicht verhehlen, daß ihm ſein Herz mit jedem Tage immer ſchwerer und ſchwerer ward; ſeit ihrer Flucht aus 208 England waren nunmehr bereits drei Monate vergangen, noch immer hatten ſie keine Nach⸗ richt von dem Major Campbell empfangen, und ſein Schweigen begann ſie ungemein zu beunruhigen; denn zoͤgerte er noch laͤnger mit ſeinen Berichten, mußten ſie befuͤrchten, ſich druͤckender Geldverlegenheiten Preis gegeben zu ſehen. Eduard war nie ein guter Wirth⸗ ſchafter geweſen, es hatte ihm faſt nie an baarem Gelde gefehlt, er kannte daher den Werth deſſelben nicht, und gab kleine= Summen mit der groͤßten Leichtigkeit hin, ohne zu bedenken, daß ſeine geringe Baar⸗ ſchaft jetzt ſein ganzes Vermoͤgen aus⸗ mache. Schon ſchmolzen die hundert Gold⸗ ſtuͤke, welche ſie nach Spanien mitgebracht hatten, bedeutend zuſammen, nur noch zwan⸗ zig Guinees waren uͤbrig, und waren dieſe ausgegeben, ohne daß ſie Zuſchuß von 209 England erhalten hatten, was ſollte dann aus ihnen werden? Von dieſer Beſorgniß maͤchtig ergriffen, nahm Eduard die Feder zur Hand, ſchrieb dem Major und bat ihn doch ja bald Kunde zu ſenden, und ſeiner erſchoͤpften Kaſſe ſo ſchnell als moͤglich zu Huͤlfe zu kommen. Nach⸗ dem er dieſen Brief abgeſandt hatte, fuͤhlte er ſich wenigſtens einigermaßen beruhigt, und ſah der Antwort mit ziemlicher Geduld ent⸗ gegen; aber die zum Empfange derſelben noͤthige Zeit verging, und noch immer lief keine Nachricht von dem Major ein; ein zweiter und dritter Brief ward abgeſandt, aber auch hierauf erfolgte keine Antwort, und nunmehr begann Stanley ſich von Campbell betrogen zu glauben, und in dem, den er bisher als ſeinen beſten Freund betrachtet 14 210 hatte, nur einen Verraͤther und Betruͤger zu erblicken. Die zwanzig ihm noch uͤbrigen Goldſtuͤcke waren jetzt bis auf fuͤnf geſchmolzen; er hatte bisher Emilien uͤber den Zuſtand ſeiner Finanzen noch keine Sylbe geſagt, er wagte es nicht, ihr die Wahrheit zu entdecken, aber er konnte es auch nicht uͤber ſich gewinnen, ſie gradezu zu taͤuſchen; und ſo ward ſein Benehmen gegen ſie ſo aͤngſtlich und ge⸗ heimnißvoll, daß es ihr das Herz durchſchnitt und ihren Augen heiße Thraͤnen entpreßte. Haͤtte ſie die Wahrheit gewußt, ſie waͤre weniger gefoltert geweſen, denn in jedwedem Seufzer ihres Geliebten, in jedem etwaigen kleinen Ausbruch des Unmuths, glaubte ſie ein Zeichen zu erkennen, daß er den gethanen Schritt bereue, ein Gedanke, welcher alle ihre 211 Hoffnungen auf Lebensgluͤck mit einem einzigen Schlage vernichtete.— Emilie war, wir wir ſie dem freundlichen Leſer ſchon geſchildert haben, mit vielem Stolze und mit einem großen Hange zur Unabhaͤn⸗ gigkeit begabt; ſie liebte bis zum Wahnſinne, weil ſie ſich auf gleiche Weiſe geliebt glaubte, und es gab kein Opfer, welches ſie nicht mit Freuden dargebracht haͤtte, um die Groͤße und Aufrichtigkeit ihrer Leidenſchaft zu beurkunden. Eduard's Kaͤlte aber, denn eine ſolche ſchien ihr aus ſeinem Benehmen hervorzugehen, machte ſie ſchaudern. Wie, ſie, die Alles was dem Weibe theuer und werth iſt, ihrem Ge⸗ liebten geopfert, die um ſeinetwillen nicht nur ihre eigene Ehre preisgegeben, ſondern auch ihre Familie mit Schande und Schmach be⸗ laſtet hatte, ſie ſollte ſich, von dem Manne, um deſſentwillen ſie ſelbſt jedem Anſpruch auf 14* 212 Selbſtachtung entſagt hatte, mit Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit behandelt ſehen! Ein ſolches Benehmen empörte ſie, ſie vermochte es nicht zu ertragen; ſie war kein Weib geſchaffen zu klagen und die Liebe ſich⸗ wieder zu erbetteln, die ſie einſt beſeſſen hatte; ſie hielt es unter ihrer Wuͤrde, um das zu ſlehen, was ſie als ihr rechtmaͤßiges Eigenthum betrach⸗ tete; ja ſie bemuͤhete ſich ſogar, die Angſt, die ſie um ſeinetwillen erduldete, vor dem Undank⸗ baren zu verbergen. In der Einſamkeit, da mochten ihre Thraͤnen ſließen, bis endlich die Auelle derſelben vertrocknet ſeyn wuͤrde, in ſeiner Gegenwart aber ſollte, dazu war ſie feſt entſchloſſen, keine Zaͤhre, kein Seufzer den wahren Zuſtand ihres Herzens verrathen. Dies war ihr ſtolzer Entſchluß. Aber ihn auszufuͤhren war eine ſchwierige Aufgabe. Obgleich ſie auf das ſorgfaͤltigſte ſtrebte, ihrem Schickſalsgefaͤhrten weder durch Worte noch durch Blicke dinen Vorwurf zu machen, bekam dennoch ihr Benehmen gegen denſelben etwas Gezwungenes, Zuruͤckhaltendes, ſo daß Eduard die mit Emilien vorgegangene Veraͤnderung bemerken und ſich uͤberzeugt halten mußte, daß nicht Alles ſey wie es ſollte. Eduard wußte nicht, daß ſein eigenes Betragen ſich ebenfalls veraͤndert hatte, denn der Menſch pflegt gemeinhin immer leichter auf Andere, als auf ſich zu achten, und ſo mußte er ſich begreiflicherweiſe uͤber die ſcheinbare Abnahme der Zuneigung Emiliens wundern; er faßte eine Menge unwahrſcheinlicher Muthmaßungen, um ſie ſich zu entraͤthſeln, keine aber war geeignet, ihn zufrieden zu ſtellen; endlich hoͤrte er auf zu gruͤbeln, und nunmehr gab er ſich dem Gedanken hin, daß Emilie des Lebens in der Einſamkeit uͤberdruͤſſig ſey, daß 214 ſie ſich ungluͤcklich fuͤhle und den gethanen Schritt bereue.* Sobald er zu dieſer Ueberzeugung gekom⸗ men war, hielt er ſich bei dem bloßen Ge⸗ danken, daß er die Wahrheit getroffen habe, dergeſtalt empoͤrt, daß er waͤhrend eines gan⸗ zen Tages mit der Theilnehmerin ſeiner Schuld faſt kein Wort wechſelte. Emilie dagegen betrachtete ſich fortwaͤhrend als die Gekraͤnkte, ihn aber als den Beleidiger, und ſo konnte ſie ſich nicht entſchließen, eine Erklaͤrung ſeines veraͤnderten Benehmens zu verlangen, ſondern beſchraͤnkte ſich darauf, ſeiner Kaͤlte nur Kaͤlte entgegen zu ſetzen. Dies war der erſte wahrhaft ungluͤckliche Tag, den Eduard und Emilie bei einander zubrachten; 4 beide aber waren zu ſtolz, um die Seelenangſt, die ſie verzehrte, einzugeſtehen.. ans Vierteljahr gut ſchreiben wolle. Eduard erklaͤrte 215 Eduard erhob ſich von dem Lager, ohne ſein Schweigen gegen Emilie zu brechen, und eben ſchickte er ſich an mit der Jagdflinte auf dem Ruͤcken hinaus in die Berge zu wandern, als ſein Hauswirth ins Zimmer trat, und die Zahlung der faͤlligen vierteljaͤhrlichen Miethe mit großer Hoͤflichkeit verlangte. Die For⸗ derung war hoͤchſt unbedeutend, ſie betrug bis Ende Februar nur zwei Dublonen, etwas mehr als drei Guineen, und Eduard zog dem⸗ nach ſeine ganze nur aus fuͤnf Guineen be⸗ ſtehende Baarſchaft hervor und warf ſie auf den Tiſch, indem er den Wirth bat ſich be⸗ zahlt zu machen. Dieſer nahm vier von den Goldſtuͤcken, und gab das fuͤnfte ſeinem Miethsmanne zuruͤck, indem er ihm ſagte, daß er kein kleines Geld zum Herausgeben habe, ihm den Ueberſchuß aber auf das naͤchſte 216 ſich durch ein Kopfnicken damit zufrieden und der Spanier entfernte ſich. So wie dieſer den Nuͤcken gewandt legte Stanley die Jagdflinte, die er erfaßt hatte, wieder von ſich und warf ſich in einen Stuhl; er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Haͤnden und ſeufzte laut. Dieſem Ausbruch ſeines Schmerzes vermochte Emilie nicht zu wider⸗ ſtehen; ſeine Kaͤlte, ſeine Haͤrte konnte ſie ertragen, ſein Gram aber gebot ſchnell ihrem Stolze zu ſchwinden; ſie flogß zu ihm hin, ſchlang ihre Arme um ihn, weinte bitterlich und fuͤhlte ſich im naͤchſten Moment von ſei⸗ nen Armen umſchlungen. „Ach Emilie,“ jammerte er,„Alles, 5 Alles, jedweden Schlag des Schickſals vermag ich zu ertragen, nur den Verluſt Deiner Liehe haſſen noch verachten.“ 217 [— nicht! Liebe mich Emilte, um des Ewigen willen, liebe mich ja wie ſonſt, denn wahrlich 6 bedarf Deiner ganzen Liebe, um mich auf⸗ richt zu erhalten.“ „Eduard, Eduard,“ fragte Emilie, „kannſt Du wirklich an meiner Liebe zwei⸗ feln? was habe ich gethan, das Dich zu einem ſolchen Mißtrauen bewegen konnte? That ich nicht Alles, was in meinen Kraͤften ſtand, Dich von der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu uͤberzeugen? Du aber Eduard, Du biſt ver⸗ aͤndert.— Deine Liebe zu mir, der ſchmach⸗ beladenen Emilie, iſt verſchwunden, iſt dahin auf immer! Aber darf es mich auch Wunder nehmen; ich verdiene es ja, von der Welt gehaßt und verachtet zu werden; doch Du, Eduard, nein wahrlich Du darfſt mich weder 218 „SIch Dich haſſen, Dich verachten!“ wiederholte Eduard, indem er ſie noch inniger an ſeine Bruſt druͤckte.„Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich nie aufgehoͤrt habe Dich zu lieben, ja daß ich ſelbſt damals, als ich Dich kalt und mir entfremdet glaubte, die Welt darum gegeben haben wuͤrde, Dich wie jetzt in meine Arme zu ſchließen.“ „Wie, Du haͤtteſt Dein Benehmen gegen mich nicht veraͤndert?“ fragte Emilie. „Haſt Du mich nicht ſeit Wochen ſchon mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit behandelt? Saßeſt Du nicht oft ſtundenlang ſchweigend und in Dich zuruͤckgezogen neben mir? wenn ich mit Dir ſprechen wollte, wandteſt Du Dich nicht mit eiſiger Kaͤlte von mir ab? Und dennoch fragſt Du, wie ich glauben koͤnne, daß ſich Dein Benehmen gegen mich veraͤndert habe?“ 219 — „Verzeihe es mir, Emilie, wenn mein Betragen Dich glauben machte, daß ich Dir meine Liebe, mein Vertrauen entzogen,“ er⸗ widerte Eduard, 9„ es ward nur durch den Wunſch veranlaßt, Dir keinen Kummer zu verurſachen. So entziehe mir Gott ſeine Gnade und ſeine Barmherzigkeit, wenn ich Dich nicht noch jetzt eben ſo heiß und innig liebe als je! Aber ach! Emilie!“— hier um⸗ ſchlang er ſie wild, waͤhrend er ſich mit der anderen Hand verzweiflungsvoll vor die Stirn ſchlug,—„wir ſind zu Grunde gerichtet,— ich habe nur noch ein einziges Goldſtuͤck in meinem Vermoͤgen, und ich weiß kein Mittel⸗ die leere Kaſſe wieder zu fuͤllen.“— Dieſe Rede machte auf Emilie einen maͤch⸗ tigen Eindruck.„Ach, Eduard, kannſt Du mir meine Ungerechtigkeit, kannſt Du mir 220 meinen Argwohn verzeihen?“ fragte ſie, indem ſie den Geliebten noch inniger umſchlang. „Wie konnte ich Thoͤrin auch glauben, daß die Liebe meines Eduards erkaltet ſey! Was aber kuͤmmert uns die Armuth, ſo lange wir beide mit inniger Liebe an einander haͤngen. Wir wollen arbeiten— wir wollen gemein⸗ ſchaftlich uns unſeren Unterhalt erwerben, wir wollen, wenn es nicht anders ſeyn kann, zuſammen um Almoſen flehen, wir wollen jedweden Schlag des Schickſals ertragen— und zwar muthig ertragen, weil wir bei ein⸗ ander und von unſerer gegenſeitigen Liebe uͤberzeugt ſind. Neuerdings druͤckte Eduard ſie an ſein Herz, neuerdings preßte er den Kuß der Liebe auf ihre Lippen. In dieſem Augenblick war jeder Gedanke an ſeine Armuth, jede Be⸗ 221 ſorgniß fuͤr die Zukunft vergeſſen. Ihre Lei⸗ denſchaft, welche, dem Anſcheine nach, in der letzten Zeit im Begriff war zu verglimmen, flammte mit erneuter Gluth auf, und der Tag, der ſo traurig begann, ward, durch dieſe Wiedervereinigung ihrer Herzen, fuͤr ſie der wonnereichſte, der ihnen ſeit ihrem Aufenthalte in Spanien dahin geſchwunden war. 21. Peränderung des Aufenthalts. Das Gluͤck, deſſen ſich die Liebenden an dem ſo eben erwaͤhnten Tage erfreueten, war uͤbri⸗ gens nicht von der Art, daß es lange unge⸗ truͤbt bleiben konnte. Mit dem anderen Morgen kehrte bei ihnen die Erinnerung an ihre gaͤnzliche Armuth zuruͤck, und die furcht⸗ barſten Beſorgniſſe wegen der Zukunft erſtie⸗ gen nunmehr in ihrer Seele. Die Zeit mit unnuͤtzen Klagen zu verlieren, waͤre uͤbrigens unverzeihliche Thorheit geweſen; es mußte, und zwar ſogleich, ein entſcheidender Schritt gethan werden, wollte man dem gaͤnzlichen Untergange vorbeugen, und ſo berathſchlagten —— —4 223 ſie denn, was unter den obwaltenden Um⸗ ſtaͤnden zu beginnen ſey. Eduard hatte in England keinen anderen Agenten, als den Major Campbell, und er wußte demnach nicht an wen er ſich wenden ſollte, um von dort Unterſtuͤtzung zu erhalten, oder ſeinen halben Sold zu beziehen; und wenn auch, ſeine Kaſſe war ja dergeſtalt er⸗ ſchoͤpft, daß ihm durchaus die Mittel fehlten, in ſeinen jetzigen Verhaͤltniſſen den Empfang der Antwort abzuwarten. Die Liebenden be⸗ ſchloſſen demnach, ihre Ausgaben unverzuͤglich auf jede nur erdenkliche Weiſe zu beſchraͤnken; die Dienſtboten wurden ſofort verabſchiedet, mehrere Kleinodien Emiliens wurden auf der Stelle verkauft, um jenen den verdienten Lohn zu bezahlen, und da das Haus, welches ſie bisher bewohnt hatten, nunmehr fuͤr zwei Perſonen zu groß, und fuͤr ihre Verhaͤltniſſe 224 zu koſtbar war, beſchloſſen ſie daſſelbe zu ver⸗ laſſen, und ſich eine kleinere und wohlfeilere Wohnung innerhalb der Stadt Fontarabia zu ſuchen. Sie fanden eine ſolche, aber ſie war ſo armſelig, daß Eduard ſich faſt nicht ent⸗ ſchließen konnte, Emilie in dieſelbe einzufuͤhren. Er hatte ſie zwar auf den, zwiſchen ihrer alten und ihrer neuen Wohnung herrſchenden Unterſchied einigermaßen aufmerkſam gemacht, aber er hatte es nicht uͤber ſich gewinnen köoͤnnen, ihr ein ausfuͤhrliches und getreues Gemaͤhlde ihres Aufenthalts zu liefern. Sie ertrug die Veraͤnderung ihrer Lage indeß wie eine Heldin, keine ihrer Mienen verzog ſich, als Eduard ſie in die niedrigen, nur mit wenigem und ſchlechtem Geraͤth verſehenen Zimmer fuͤhrte. „ uns kann es ja gleich viel gelten, Ge⸗ liebter, wo wir uns beſinden, wenn wir nur 225 fortwaͤhrend mit inniger Liebe an einander haͤngen,“ ſprach ſie zaͤrtlich zu Eduard ge⸗ wandt.„Dieſen Zimmern fehlt es allerdings an mancher Bequemlichkeit, aber Du ſollſt bald ſehen, was fuͤr eine gute Hausfrau Du bekommen haſt, und wie ſehr ſelbſt eine arm⸗ ſelige Wohnung, wie unſere jetzige, der Ver⸗ beſſerung faͤhig iſt.“ Und wahrlich, ſie hielt ihr Wort. Sie legte alles ab, was ſie nur auf irgend eine Weiſe an ihren vorigen Stand erinnern konnte, und kleidete ſich ſo ſchlicht und einfach, wie die Spanierinnen der niedrigeren Klaſſe es zu thun pflegen. Dieſe Veraͤnderung in ihrem Aeußeren ſchadete ihr in Eduards Augen durch⸗ HFaus nicht; er liebte ſie nur um ſo inniger, weil ſie mit ſo großer Ruhe Dingen entſagte, auf welche die Weiber gemeinhin einen bedeu⸗ tenden Werth legen; und ſie erſchien ihm in 15 226 ihrer jetzigen Tracht weit reizender als zuvor. Aber ſie beſchraͤnkte ihre Opfer nicht bloß auf die Veraͤnderung ihres Anzuges, ſie uͤbernahm auch, ſobald ſie die Schwelle ihrer neuen Woh⸗ nung betrat, jedwedes, auch das ſchwierigſte Geſchaͤft ihres Hausſtandes, ſo daß Alles bald ein ganz anderes ſauberes Anſehen gewann. Ein einziger freundlicher, dankbarer Blick ihres Eduards galt ihr dann als der reichſte Lohn fuͤr ihre Bemuͤhung; und ſo konnte man ſie denn, war ihre Lage gleich armſelig und be⸗ draͤngt, dennoch nicht ganz elend nennen, denn ſie waren ja gluͤcklich in dem Gefuͤhl ihrer Liebe und ihres Beiſammenſeyns. Unterdeſſen ruͤckte die Zeit heran, in der Emiliens Niederkunft zu erwarten ſtand; ihre kleine, aus dem Verkauf der Kleinodien Emi⸗ liens zuſammengebrachte Baarſchaft, ſchmolz, trotz ihrer ſparſamen Lebensweiſe, mit jedem 227 Tage immer mehr und mehr dahin, ſo daß Eduard ſich genoͤthigt ſah, ſeine Piſtolen, ſeinen Saͤbel und auch ſeine Jagdflinte zu Gelde zu machen. Seine Uhr war laͤngſt ſchon verkauft, bald kam nunmehr die Reihe an ſeine Garderobe, von der er ein Stuͤck nach dem anderen veraͤußerte, ſo daß er endlich nur noch das zu ſeiner Bedeckung Noͤthige aͤbrig hatte. Was aber war jetzt zu beginnen? Sie beſaßen nichts mehr, was ſie haͤtten ver⸗ kaufen koͤnnen, und ſo beſchloß denn Eduard, auszugehen, und ſich nach Arbeit umzuſchauen. An dem Morgen, an welchem der Un⸗ gluͤckliche ſeinen ganzen Muth zuſammen raffte, um den gefaßten Entſchluß in Ausfuͤhrung zu bringen, hatte es ihnen ſogar am Brode zum Fruͤhſtuͤck gefehlt, auch beſaßen ſie keinen ein⸗ zigen Maravedi, ſich welches zu kaufen. Mit qualvoller Seele machte Eduard ſich demnach 15* 228 auf, um ſich nach einem Erwerbe umzuſehen. Er ſchlug zuerſt den Weg nach dem Hafen ein; dort fand er eine Menge Traͤger und Arbeitsleute, welche zwar fuͤr den Augenblick muͤſſig daſtanden, aber auf Arbeit hofften, weil ſo eben ein Schiff mit einer vollen La⸗ dung in den Hafen hineinſteuerte. Eduard wanderte gleich ihnen am Ufer auf und ab; als das Fahrzeug aber endlich Anker geworfen hatte, fehlte es ihm an Muth, gleich den Uebrigen ſeine Dienſte anzubieten; und ſo ſchlug er denn unverrichteter Saͤcht wieder den Heimweg ein. 229 22. Das Versprechen. An der Schwelle ſeiner armſeligen Wohnung trat ihm Emilie entgegen.„Nun, mein Eduard,“ fragte ſie,„wie it es Dir er⸗ gangen? 77 *„Schlecht,“ ſeufzte Stanley,„ich k komme mit leeren Haͤnden!“ 4 „Mit leeren Haͤnden,“ wiederholte Emi⸗ lie, und die Roͤthe der Freude, welche bei Eduards Erſcheinen einen Augenbick lang ihre Wange gefaͤrbt hatte, ſchwand wieder dahin; „ſo muͤſſen wir noch ein Weilchen laͤnger hungern!“ —ᷣ—ᷣ—j— 230 Dieſe Worte durchſchnitten Eduards Herz, verzweiflungsvoll riß er, um Brod dafuͤr zu kaufen, ſeinen Rock herunter und eilte damit wieder hinaus auf die Gaſſe. Nach wenigen Augenblicken kehrte er, in ein leinenes Wamms gekleidet, mit einigem Mundvorrath zuruͤck, von dem ſie etwas zu ſich nahmen, und die Ueberreſte fuͤr den morgenden Tag bewahrten. Am naͤchſten Morgen erhob ſich Eduard von ſeinem Lager, feſt entſchloſſen, daß ihn heute nicht wie geſtern falſche Schaam ab⸗ halten ſolle, ſich um Arbeit zu bewerben; auch war ſeine Kleidung jetzt ſo beſchaffen, daß er recht gut fuͤr einen Tageloͤhner gelten konnte. Seine Bemuͤhungen blieben auch nicht fruchtlos, er fand hinreichende Beſchaͤf⸗ tigung und kehrte am Abend zu Emilien zuruͤck, mit einer Summe, mit der nicht nur die Beduͤrfniſſe des heutigen, ſondern auch 231 — die des naͤchſten Tages beſtritten werden konnten. Es iſt unmoͤglich, die Wonne zu beſchrei⸗ 4 ben, welche das Bewußtſeyn, ein thoͤrigtes Vorurtheil beſiegt und ſeine Pflicht erfuͤllt zu haben, in Eduards Seele ſenkte; ſeine arm⸗ ſelige Wohnung ſchien ihm heute freundlicher, ſeine Emilie reizender, liebenswuͤrdiger als je; ja ſelbſt die Zukunft trat ihm heute weniger duͤſter als ſonſt entgegen. Eduard ſetzte nun⸗ mehr eine ganze Woche lang ſein Geſchaͤft als Tageloͤhner ununterbrochen und mit dem groͤßten Eiker ſort, mit Anbruch des Tages ſchon erhob er ſich von ſeinem Lager, und ſo wie er ſein frugales Fruͤhſtuͤck eingenommen hatte, begab er ſich an ſeine Arbeit, von der er erſt mit Sonnenuntergang wieder heim⸗ kehrte; dann machte er mit ſeiner Emillie einen Spaziergang laͤngs dem Ufer hin, oder 232 ſetzte ſich mit ihr auf dem nur noch in Truͤm⸗ mern daliegenden Walle der Stadt, um an⸗ zuſchauen, wie die Sonne im Weſten hinab⸗ ſank. Eine ſolche Stunde war fuͤr ernſte Be⸗ trachtungen wie uͤberhaupt fuͤr ihre ganze Lage trefflich geeignet; denn ihr Weſen, zumal das Emiliens, hatte ſich ungemein veraͤndert; ſie laͤchelte zwar noch, aber ihr Laͤcheln hatte etwas Truͤbes, etwas Schwermuͤthiges; ihre Wange hatte die Roſenfarbe der Jugend, ihr Auge ſein Feuer verloren; kurz, ihr ganzer Koͤrper ſchien dahin zu welken. Wir haben dem freundlichen eſer ſchon fruͤher berichtet, daß Emiliens Niederkunft ſich mit raſchen Schritten naͤherte; ſie ſah jetzt mit jedem Tage dem Augenblicke ent⸗ gegen, den jede Frau mit großer Beſorgniß erwartet, kann ſie gleich in dem entſcheidenden Moment auf aͤrztliche Huͤlfe und jedweden 8 Beiſtand zaͤhlen. Emilie aber konnte in ihrer Lage nur mit Entſetzen daran denken, was ihr bevorſtand. Sie befand ſich mit Eduard allein in einem fremden Lande, ohne Ver⸗ wandte und Freunde, arm und huͤlflos. Auf aͤrztliche Unterſtuͤtzung konnte ſie durchaus nicht rechnen, denn womit haͤtte eine ſolche bezahlt werden ſollen; und uͤberdem konnte es ſich leicht fuͤgen, daß Eduard in dem entſcheidenden Augenblicke abweſend war, denn er mußte ja hinaus, um das taͤgliche Brob zu verdienen. Alles dies quaͤlte Emilie auf das furchtbarſte und zerruͤttete ihren Geſundheitszuſtand noch mehr, da ſich dazu noch bittere Reue und die Ueberzeugung geſellte, daß ſie ihr jetziges Elend durch ihren eigenen Leichtſinn herbei⸗ gefuͤhrt habe. 5 Eines Abends kehrte Eduard von ſeiner Arbeit etwas fruͤher als gewoͤhnlich zuruͤck, 234 denn die mit jedem Tage immer mehr und mehr uͤberhand nehmende Schwermuth Emi⸗ liens war ſeinen beobachtenden Blicken keines⸗ wegs entgangen, und er hatte ſich vorgenom⸗ men, ihr jeden Augenblick ſeiner Muße zu widmen, um ſie, ſoviel wie nur irgend moͤglich, zu zerſtreuen, und ihre Gedanken von der truͤben Wirklichkeit wenigſtens einigermaßen abzuziehen. Sie ſchritten hinaus an das Seeufer, ließen ſich dort auf ein Felsſtuͤck 4 nieder, und ſchaueten einen Augenblick lang auf die ſich vor ihnen hindehnende weite Waſſerflaͤche. Die Sonne war eben im Unter⸗ gehen begriffen, und ihre letzten Strahlen ver⸗ goldeten den Saum des Firmaments; in der Ferne konnte man die weißen Segel von mehreren Schiffen gewahren, welche ſich kaum von der Stelle zu bewegen ſchienen, waͤhrend mehr in der Naͤhe einige kleine Fiſcherbarken —— 235 — von den Wellen leicht geſchaukelt wurden. Am Fuße des Felſens, auf dem ſie ſaßen, ſpielte das Waſſer mit ſanftem Geplaͤtſcher, waͤhrend der Abendwind vom Meere her den Geſang der Fiſcher dann und wann zu ihnen heruͤbertrug. Dieſe Stunde, dieſe ganze Scene, dieſe ſanften ſchwermuͤthigen Toͤne, ſtimmten mit den ernſten Betrachtungen der Liebenden vor⸗ trefflich uͤberein; denn auch Eduard fuͤhlte ſich heute, er wußte ſelbſt nicht weshalb, ſchwer⸗ muͤthiger als ſonſt. Eine Zeitlang ſaßen ſie ſtumm neben einander da, endlich brach Eduard das Schweigen. 3„Du biſt ſo traurig, meine Emilie,“ begann er,„Du biſt heute noch ſchwermuͤthi⸗ ger als ſonſt; weshalb giebſt Du Dich ſo ganz den truͤben Ahnungen hin? Erheitere Dich, meine Theuere, laß uns hoffen, daß uns 236 noch dermaleinſt eine frohe Zukunft laͤcheln wird; laß uns der Freude gedenken, welche wir der Erfuͤllung unſerer Aelternpflichten finden werden.“ „Ach Eduard,“ ſeufzte Emilie,„Du beruͤhrſt da grade den ſchwermuͤthigſten Punkt meiner Betrachtungen; eine furchtbare Ahnung ſagt es mir, ich werde die Freude einer Mutter nie kennen lernen. „Woher dieſe grundloſe Beſorgniß, Emi⸗ lie?“ fragte ihr Geliebter;„wie magſt Du Dich ſo ſelbſt quaͤlen, und Deine ohne⸗ hin ſchwache Geſundheit gaͤnzlich zu Grunde richten!“. 4 Emilie ſeufzte tief auf.„Ach Eduald,“. entgegnete ſie in einem dumpfen Tone,„eine innere Stimme ſagt es mir, nie werde ich von dem Lager wieder aufſtehen, auf dem ich meinem Kinde das Daſeyn geben werde.“ 237 „Um des Ewigen willen,“ rief Eduard, indem er ſie ſo, als fuͤrchte er ſie ſchon jetzt zu verlieren, feſt an ſein Herz druͤckte;„fuͤhre keine ſolche Rede; wir leben ja nur fuͤr ein⸗ ander— wuͤrde einer von uns hinwegge⸗ nommen, koͤnnte das Leben fuͤr den Zuruͤck⸗ bleibenden auch nicht den geringſten Werth haben. Gott iſt gnaͤdig und barmherzig, er wird uns beiſammen laſſen, oder uns gemein⸗ ſchaftlich abrufen.“ 4 „Aber Eduard, haben wir denn auch eine ſolche Barmherzigkeit verdient?“ fragte Emilie, „haben wir nicht gegen ſeine Gebote, geſuͤn⸗ digt? muͤſſen wir nicht befuͤrchten, von dem Ewigen zur ſtrengen Rechenſchaft gezogen zu werden? Wende Dich nicht ab, Eduard, ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß ich keines der Opfer bereue, welche ich Dir gebracht habe. Daraus geht hervor, daß ich Dich 238 *⁴ innig liebte und noch immer innig liebe; inniger, Eduard, als meinen Gott, als meine Religion, als das Heil meiner Seele. Das aber iſt ſuͤndhaft, mein Eduard, ſuͤndhaft und furchtbar; mehr als je erfaßt mich das Gefuͤhl verletzter Pflicht jetzt, da ich uͤberzeugt bin, daß meine Tage gezaͤhlt ſind. Deshalb Eduard hoͤre mich an; ich verlange von Dir das feier⸗ liche Verſprechen, daß Du, ruft mich der Himmel von Dir hinweg, Deine Schuld durch keine raſche unbeſonnene That vermehren willſt. Ueberlebt das Kind, dem ich das Daſeyn geben werde, ſeine ungluͤckliche Mutter, o dann theurer Eduard, ſey ihm Vater und Beſchuͤtzer auf der dornenvollen Lebensbahn— ſtirbt es aber bald nach der Geburt, wie es mir ebenfalls eine innere Stimme zufluͤſtert, dann lege es in das Grab neben ſeine ungluͤckliche Mutter.— Verſprich mir das Eduard, hoͤrſt Du, und 239 * dann, dann fliehe dieſes ungluͤckſelige Land; kehre zu Deinen Aeltern zuruͤck— ſie werden, ich bin davon uͤberzeugt, Dir Dein Vergehen verzeihen— werde die Stuͤtze und der Troſt ihrer alten Tage.— Und wenn dann je der Name der ſchuldbelaſteten Emilie uͤber ihre Lippen kommt, dann Eduard, o dann ſey Du ihr Fuͤrſprecher. Sag' ihnen, daß ſie zu heiß liebte, daß darin ihr hauptſaͤchlichſtes Verbrechen beſtand— daß ihr ihre Liebe mehr galt, als Alles was ihr ſonſt dieſe und jene Welt bieten konnte— daß ſie ſich dieſer ihrer Leidenſchaft gaͤnzlich— hingab und elend ward. Sag' ihnen, daß ihr Herz brach; daß Reue daran nagte und ihre Lebenskraft und ihren Frieden zer⸗ ſtoͤrte; ſag' ihnen aber auch, daß ſie Dich dennoch bis zu ihrem letzten Augenblick liebte, daß ihr letzter Athemzug verwendet ward, um, welches auch immer vor dem Throne des 240 Ewigen ihr eigenes Schickſal ſeyn moͤchte, den Segen des Himmels auf Dein Haupt herabzuflehen. Verſprich mir das, Eduard, hier an dieſer Stelle, hier unter Gottes freiem Firmament, hier im Angeſicht der unterſin⸗ kenden Sonne, die ich vielleicht nimmer wieder untergehen ſehen werde.“ Eduard war von ſeinen Gefuͤhlen allzuſehr uͤberwaͤltigt, um auf dieſe Rede auch nur ein einziges Wort erwidern zu koͤnnen; er brach in Thraͤnen aus und ſtuͤtzte ſchweigend ſein Haupt in die Hand, bis der Sturm ſeiner Empfindungen ſich wenigſtens einigermaaßen gelegt hatte. Emilie ließ ihn gewaͤhren, ſie weinte nicht, aus ihren Augen ſtrahlte viel⸗ mehr ein Glanz, wie er ſeit geraumer Zeit aus ihnen nicht geleuchtet hatte; ihre Wange gluͤhte. Endlich fuͤhlte ſich Eduard wieder im Stande, ſeinen Gefuͤhlen Worte zu geben, „. 241 und neuerdings bat er jetzt Emilie dringend, doch keinen grundloſen Beſorgniſſen Raum zu geben; als ſie aber dennoch fortwaͤhrend auf ihr Verlangen beſtand, gab er das Verſprechen, welches ſie von ihm begehrte. „Bedenke,“ ſprach Emilie,„daß der Himmel Zeuge Deines Geluͤbdes war; jetzt aber laß uns heimkehren.“ Sie erhoben ſich poͤn ihrem Felſenſitze, und langten, grade als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne in Weſten verglom⸗ men, in ihrer armſeligen Wohnung wieder an⸗ 46 23. Der Anglückstag. e Liebendeu legten ſich zu der gewͤhnlichen Stunde zur Ruhe nieder, die ſchwermuͤthigen Gefuͤhle aber, die ihre Bruſt am Tage belaſtet hatten, wichen auch jetzt nicht von ihnen; denn in ihren Traͤumen traken ihnen die furchtbarſten Gebilde entgegen. Emilie traͤumte von Graͤbern und Saͤrgen und von⸗ aͤhnlichen Dingen, welche ſich der Phantaſie eines Men⸗ ſchen, der ſeinen baldigen Tod erwartet, auf⸗ zudringen pflegen. Ihr Schlaf war demnach unruhig, ward haͤufig unterbrochen, und oft ſchreckte ſie zuſammen, ſo daß Eduard von ihrem Angſtruf einigemale geweckt wurde. Er 243 druͤckte ſie dann an ſein Herz, und ſuchte die Schreckensgebilde zu entfernen, welche ihren geſchloſſenen Augen Thraͤnen entpreßt hatten; auch laͤchelte ſie dann, wenn ſie erwachte und ſich in ſeinen Armen erblickte. Eduards Vi⸗ ſionen waren uͤbrigens keineswegs freundlicher als die ſeiner Ungluͤcksgefaͤhrtin; er ſtand im Traume vor dem Pfarrhauſe zu Preſton, aus deſſen Thuͤr ſich ein langer Zug in tiefe Trauer gekleideter Perſonen hervorbewegte; man laͤutete mit den Glocken des Kirchthurms, zund das Grab der armen Jenny Franklin ward geoͤffnet. Er ſah dieſelbe, wie er ſie zum Letztenmal geſchauet, mit von Todesangſt ent⸗ ſtellten Zuͤgen und durchnaͤßtem Haar; er hoͤrte, wie ſie aus der ſie verſchlingenden Fluth empor zu ihm um Huͤlfe flehte, und ſein Herz wollte brechen. Grade in dieſem Moment erweckte ihn Emiliens Angſtruf, und 3 16* noch halb ſchlafend ſchlug er ſeinen Arm um ſie, halb und halb glaubend, er entreiße Jenny Franklin der Wuth der Wellen. Die erſten Strahlen der Morgenſonne erhellten das Gemach, als die Liebenden aus ihrem unruhigen Schlummer erwachten, und raſch ſprang Eduard von ſeinem Lager empor, um wie gewoͤhnlich ſein Tagewerk zu begin⸗ nen; Emilie aber ſagte, ſie wolle noch ein Weilchen ruhen, denn ſie fuͤhle ſich in der That nicht ganz wohl und des Schlummers beduͤrftig. Es ſchien indeſſen keine Gefahr vor⸗ handen, denn ſo nahe glaubte man ihre Nie⸗ derkunft nicht; auch verſprach Eduard in zwei Stunden wiederzukommen, um gemeinſchaftlich mit Emilien zu fruͤhſtuͤcken. Wie gewoͤhnlich begab ſich Ebuard nach dem Hafen, um dort Arbeit zu ſuchen. Es war ſo eben ein Schiff von England angelangt 245 und man war beſchaͤftnt, deſſen Ladung zu loͤſchen. Eduard naͤhere ſich und bot ſeine Dienſte an, worauf er von einem Manne, den er fuͤr den Steuermann des Schiffes hielt, ſofort angeſtellt wurde. Die Eiferſucht der Spaniſchen Tageloͤhner aber, welche das ihren Broderwerb ſchmaͤlernde Treiben des Fremdlings laͤngſt ſchon mit neidiſchen Blicken betrachtet hatten, war jetzt aufs Hoͤchſte ge⸗ ſtiegen. Sie hatten ſich bisher begnuͤgt, des Ketzers zu ſpotten und ihn von fruͤh Mor⸗ gens bis ſpaͤt Abends zu verhoͤhnen, auch hatte Eduard dies unwuͤrdige Benehmen we⸗ nigſtens mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit er⸗ tragen. Heut' aber gingen ſie weiter, denn eben war er im Begriff einen Packen auf⸗ zuladen, als einer der Spanier ſich leiſe an ihn draͤngte, und ihn ſo unſanft zu Boden ſtieß, daß ihm das Blut aus Mund und 246 Naſe ſtroͤmte. Von Buth entbrannt ſprang Ebuard indeß raſch vieder empor, und einen furchtbaren Fauſtſchag gegen den Spanier fuͤhrend, ſtieß er denſelben ruͤckwaͤrts ins Waſſer. Mit großer Schwierigkeit nur ward der⸗ ſelbe von ſeinen Cameraden wieder ans Land gebracht, und nunmehr brach das Ungewitter los. Eduard verſchmaͤhte ſich der ihm drohen⸗ den Gefahr durch die Flucht zu entziehen; er ſtellte ſich mit dem Nuͤcken gegen eine Mauer, erfaßte einen maͤchtigen Holzkloben, welcher zufaͤlligerweiſe dalag, und hielt damit ſo gut er konnte ſeine Feinde von ſich ab. Dieſe griffen ihn ihrerſeits nach moͤglichſten Kraͤften an, ſie warfen ihn mit Steinen und zogen ihre Meſſer hervor; ja einer von ihnen holte ſogar eine Muskete herbei und richtete die Muͤndung derſelben auf Eduards Bruſt, ſo —+ — ——+—] 247 daß der Streit unfehlbar mit dem gaͤnzlichen Untergange unſeres Helden geendigt haben wuͤrde, haͤtte ſich nicht ein Trupp Soldaten ins Mittel geſchlagen und Eduard als Ge⸗ fangenen mit ſich hinweggefuͤhrt. Sie brachten ihn nach dem Hauſe des Alcaden, gefolgt von der ganzen Schaar der Tageloͤhner, ſo wie von zahlloſen Muͤſſig⸗ gaͤngern, die der Laͤrm herbeigezogen hatte. Fuͤr dieſe war Eduard ein Gegenſtand des Haſſes und des Abſcheues; er war ein Frem⸗ der, das ſchon reichte hin, um von den patrio⸗ tiſchen Spaniern mit Widerwillen betrachtet zu werden; außerdem aber hatte eb ſich an einen ihrer Landsleute vergriffen, eine That, welche der ſpaniſche Poͤbel durchaus nicht ver⸗ zeihen konnte. Die Soldaten konnten dem⸗ nach Eduard nur mit großer Muͤhe gegen die Mißhandlungen der Menge ſchuͤtzen, welche 248 dem Zuge folgten, und auf den Gefangenen ſowohl als auf die Soldaten einen Hagel von Steinen fallen ließen. Um nach dem Hauſe des Alcaden zu ge⸗ langen, mußte man an Eduards Wohnung voruͤber; der Laͤrm der Menge, ihr Toſen und Geſchrei hatte Emilie ans Fenſter gezogen, ſie blickte hinaus und ſah ihren Geliebten, blutig, mit zerriſſenen Kleidern, mit Koth bedeckt, von den Soldaten und der tobenden Schaar umgeben. Als er ſo voruͤber geſchleppt ward, blickte Eduard hinauf, er verſuchte es, ſein Antlitz in ein ruhiges Laͤcheln zu zwin⸗ gen, und rief ſo laut er konnte:„fuͤrchte nichts! Emilie!“ Aber der Ton ſeiner Stimme verhallte in dem ihn umgebenden Getoſe, Emilie vernahm ſeine Worte nicht, ſie ſtieß nur einen einzigen lauten Schrei aus und ver⸗ ſchwand vom Fenſter. 249 Eduard hoͤrte ſie ſchreien, er ſah ſie nicht mehr, und fuͤhlte ſich faſt der Verzweiflung preisgegeben. Er bat die ihn umgebenden Wachen, ihn nur auf einen Augenblick lang in Freiheit zu laſſen, damit er die Stiege hinan⸗ eilen und ſein ungluͤckliches Weib beruhigen koͤnne; er bat ſie, ihn hinauf zu fuͤhren, falls ſie ſeinem Verſprechen, wieder zu ihnen zu⸗ ruͤckzukehren, nicht traueten, aber ſie waren taub gegen ſeine Bitten und Vorſtellungen und ſchleppten ihn gewaltſam mit ſich fort, ſo daß er die Fenſter ſeiner armſeligen Woh⸗ nung bald aus den Augen verlor. Der Alcade von Fontarabia war, wie es die erſte Magiſtratsperſon kleiner ſpaniſcher Staͤdte, im Gefuͤhl ihrer Wuͤrde, gemeinhin zu ſeyn pflegt, ſtolz, unwiſſend und bigott. Er horchte mit großer Bereitwilligkeit den * 250 Beſchwerden der Tagetoͤhner, welche es ihm klagten, daß ihr ohnehin kaͤrglicher Broderwerb ihnen durch einen Fremdling und noch oben— drein durch einen Ketzer geſchmaͤlert wor⸗ den, deſſen Beſtrafung ſie verlangten, weil er ſich an einen ihrer Cameraden vergriffen habe. Vergebens ſtellte ihm Eduard die Sache in ihrem wahren Lichte vor; vergebens ſchil⸗ derte er ſeine große Armuth, wie uͤberhaupt ſeine Verhaͤltniſſe, die ihn zumal jetzt, wo die Niederkunft ſeiner Gattin ſo nahe ſey, noͤ⸗ thigten, ſeinen und ihren Unterhalt durch die Arbeit ſeiner Haͤnde zu verdienen; vergebens erzaͤhlte er dem Alcaden, wie die Tageloͤhner ihn ſeit geraumer Zeit geneckt und gehoͤhnt haͤtten, und wie endlich der, an den er ſich heut vergriffen, ihn zuerſt nieder geworfen habe. Der Alcade hatte kein Ohr fuͤr Gruͤnde, die der arme Eduard ohnehin durch * 251 keine Beweiſe zu unterſtuͤtzen vermochte, und ſo ward er denn verurtheilt, auf dem bloßen Ruͤcken hundert Peitſchenhiebe zu empfangen, dann aber, als Stoͤrer der oͤffentlichen Ruhe, auf ſechs Stunden lang ausgeſtellt zu werden. So wie dieſes Urtheil geſprochen worden war, nahm Eduard einen anderen Ton an, und warnte den Alcaden auf ſeiner Hut zu ſeyn und einen brittiſchen Unterthan nicht ſo gewaltſam zu behandeln.„Scheint,“ ſo ſprach er,„gleich meine Tracht wie uͤberhaupt mein Aeußeres nur einen niedrigen Stand zu verkuͤnden, bekleide ich dennoch in meinem Vaterlande einen gewiſſen Rang; und waͤre das auch nicht der Fall, wuͤrde der brittiſche Geſandte unter allen Umſtaͤnden die Rechte ſelbſt des aͤrmſten Unterthans ſeines Herrn vertreten. Ich warne Sie daher, Herr Alcade, * 252 geben Sie wohl Acht was Sie thun, denn der brittiſche Geſandte zu Madrid wird ihren Ausſpruch ruͤckſichtlich meiner Wort fuͤr Wort erfahren.“ Der wuͤrdevolle Ton, in dem dieſe Rede geſprochen wurde, machte den Alcaden beſtuͤrzt/ und er war ſichtbar einige Augenblicke lang mit ſich uneins, ob er das uͤber Eduard aus⸗ geſprochene Urtheil in⸗ Ausfuͤhrung bringen laſſen ſolle oder nicht; ſeine Unſchluͤſſigkeit ward indeſſen durch das Geſchrei des aufge⸗ regten Poͤbels ſchnell gehoben, er raffte ſich zuſammen, nahm ein entſchloſſenes Weſen an und gebot, Eduard nach dem Marktplatze zu fuͤhren, um dort an ihm die erwaͤhnte ſchmach⸗ volle Strafe zu vollziehen.. Der Ungluͤckliche ward nunmehr von den Wachen erfaßt und trotz ſeines kraͤftigen 2 253 — Widerſtandes nach dem Platze geſchleppt, wo man ihm den Ruͤcken entbloͤßte und ihn dann mit Haͤnden und Fuͤßen an das ſteinerne Kreuz band, das ſich in der Mitte der Area befindet. Hier erlitt er nunmehr die uͤber ihn verhaͤngte Strafe, worauf man ſeine Fuͤße in Feſſeln ſchlug, und ihn dann blutig und zerſchlagen dem Hohne des unbarmherzigen Poͤbels Preis gab. 24. Der Meimgang. TTlaͤthend ob der erduldeten Schmach, von *△ geiſtigen und koͤrperlichen Schmerzen gefoltert, bemuͤhte ſich der ungluͤckliche Eduard, wenn auch nur vergebens, ſeine Haͤnde und Fuͤße von den ſie feſſelnden Banden zu befreien; zaͤhneknirſchend ſah er ſich endlich genoͤthigt dieſe Verſuche aufzugeben, und in ſtummer Verzweiflung den Augenblick abzuwarten, der ihm ſeine Freiheit wiederbringen wuͤrde. Dieſer Moment erſchien endlich und kaum waren ſeine Bande geloͤſt, als er ſich auch 255 ſofort, matt und entkraͤftet, emporraffte und, ohne irgend eine Klage oder Drohung auszu⸗ ſtoßen, den Weg nach ſeiner Wohnung antrat. Die Sonne war eben untergegangen, und noch verbreitete die Daͤmmerung ein ſchwaches Licht uͤber die Gegend, als Eduard in einem Seelenzuſtande, den keine Feder zu beſchreiben vermag, am Fuße der Stiege anlangte, die zu ſeiner Wohnung fuͤhrte. Er ſchritt hinan; das Fenſter, durch welches Emilie am Morgen geſchauet hatte, war noch offen, die Thuͤr des Vorſaals nur angelehnt. Er ſtieß ſie auf und trat hinein, aber das Zimmer war leer; er rief Emilie, aber niemand ant⸗ wortete. Er rief noch einmal, aber nicht lauter, denn eine furchtbare Ahnung laͤhmte ſeine Zunge, noch immer blieb alles um ihn ſtill und nur der Ton ſeiner eigenen Stimme hallte von den nackten Waͤnden wieder. Die Aſche auf dem Heerde verkuͤndete, daß das Feuer, welches hier gebrannt, ſchon ſeit einiger Zeit verglommen ſey; auf dem Tiſche ſtand die Kaffeekanne mit zwei ſauberen Taſſen; kurz Alles ſchien zu verkuͤnden, daß Emilie am Morgen das Fruͤhſtuͤck bereitet, gleich darauf aber die Wohnung verlaſſen habe. Athemlos und von Entſetzen erfaßt, ſchwankte Eduard nunmehr der Thuͤr zu, die in das Schlafzimmer fuͤhrte; ſeine Hand zit⸗ terte dergeſtallt, daß mehrere Momente ver⸗ gingen, ehe er ſie zu oͤffnen vermochte. End⸗ lich gelang es ihm und als er nun eintrat, V ſah er Emilie auf ihrem Lager.—, Er ſtuͤrzte hinzu— ſie war kalt und todt— in ihren ſtarren Armen ruhte ein lebloſes Kind!—— Was von dieſem Augenblick an mit Eduard vorging, er wußte es nicht. Tage, Wochen 257 und Monde kamen und gingen, eine Jahres⸗ zeit verdraͤngte die andere, er wußte es nicht.— Seine Vernunft war von ihm ge⸗ wichen, und ein ganzes Jahr lang war der Beklagenswerthe dem Wahnſinne Preis ge⸗ geben.— 17 25. Rückblick. Eine Stunde, nachdem Eduard ſeine Woh⸗ nung verlaſſen hatte, erhob ſich Emilie von ihrem Lager, und ſchickte ſich mit ihrer ge⸗ woͤhnlichen Thaͤtigkeit an, das Fruͤhſtuͤck zu be⸗ reiten. Zwar fuͤhlte ſie ſich geiſtig und koͤr— perlich unwohl, aber ſie beſchloß um ihres Geliebten Willen alle ihre Seelen⸗ und Koͤrper⸗ kraͤfte zuſammen zu nehmen, und die wenigen frohen Augenblicke, die ihm noch das Schickſal ſpendete, nicht durch ihre nutzloſe Schwermuth zu truͤben. Sie ſank nieder auf ihre Knie und flehte den Ewigen um Starke in ihren Leiden und um Verzeihung ihrer Suͤnden an. v 259 Kaum hatte ſie ihr Gebet vollendet, als ein ungewoͤhnlicher Laͤrm ſie bewog ans Fenſter zu treten; ſie ſah hinaus und gewahrte die von dem Poͤbel umtobten Soldaten, welche einen Gefangenen durch die Gaſſe daherſchleppten. Eine furchtbare Ahnung erfaßte ſie, ſie ſtarrte noch aufmerkſamer hin und ein einziger Blick uͤberzeugte ſie, daß der Ungluͤckliche, den man mit zerriſſenen Kleidern und mit Koth beſchmutzt voruͤberfuͤhrte— ihr Eduard ſey. Ihre Ge— fuͤhle uͤberwaͤltigten ſie, ſie. ſtieß einen lauten Schrei aus, welcher, wie der theilnehmende Leſer ſich erinnern wird, von ihrem ungluͤck⸗ lichen Geliebten vernommen wurde, und ſank ohnmaͤchtig zu Boden. Als ſie wieder zum Bewußtſeyn erwachte verkuͤndeten ihr furchtbare Schmerzen, daß ihre Niederkunft ganz nahe ſey; ſie ſchwankte 47* 260 auf ihr Lager, und gab hier einſam, verlaſſen und huͤlflos, einem todten Knaben das Leben.— Wenige Augenblicke darauf ging die Beklagens⸗ werthe in eine beſſere Welt hinuͤber.—— Emilie war um 11 Uhr Morgens ver⸗ ſchieden, jetzt war es Abend und die Leiche alſo ſtarr und kalt, Eduard aber, dem der Schreck die Sinne geraubt hatte, glaubte ſie in ſeinem Wahnſinne lebend vor ſich zu ſchauen; er ſpielte mit ihren rabenſchwarzen Locken und ſcherzte zu ihr gewandt wie damals, als er in der Bluͤthenzeit ihrer Liebe mit ihr an den Ufern der Themſe unter den ſchattengewaͤhren⸗ den Baͤumen taͤndelte. So waren zwei Stunden vergangen, der Mond war am Himmel emporgeſtiegen und beleuchtete mit ſeinen Silberſtrahlen das Gemach — 83 261 des Todes, da trat ein Fremder in das Zimmer und naͤherte ſich dem Ungluͤcklichen. Es war der ſpaniſche Schiffscapitain, welcher Eduard und Emilie von England nach Spanien ge⸗ bracht hatte; er war ein Zeuge der oͤffentlichen Beſtrafung Eduards geweſen, er hatte uͤber die Urſache derſelben nachgeforſcht und die Wahrheit herausgebracht. Auch war er, da er ſeitdem wieder in England geweſen, mit der fruͤheren Geſchichte der Liebenden bekannt geworden. Capitain Alvarez war ein gut⸗ muͤthiger Mann; zwar konnte er die Ver⸗ irrung der jungen Leute nicht billigen; aber ihre innige Liebe zu einander, ihr freund⸗ liches beſcheidenes Benehmen hatten ihnen ſeine Theilnahme, ſeine Freundſchaft gewon⸗ nen; und kaum war er Zeuge von Eduards ſchmachvoller Behandlung geweſen, kaum hatte er erfahren, was ſich zugetragen, als er auch 262„ ſofort in ſeine Wohnung eilte, ihm ſeinen Beiſtand anzubieten. Als er in das Zimmer trat, konnte er bei dem ſchwachen Lichte des Mondes anfangs nicht erkennen, wie hier die Sachen ſtanden; er naͤherte ſich demnach dem Ungluͤcklichen, und reichte ihm, wie einem alten Bekannten ſeine Hand hin; Eduard nahm hievon, ſo wie uͤberhaupt von dem Eintritt des Capitains, 3 nicht die mindeſte Notiz, ſeine Seele war ein Chaos, ſeine Gedanken ſchweiften in der Jere umher. Er fuhr fort zu Emilien zu ſprechen, ſo als ob ſie ihm geantwortet haͤtte und er⸗ regte dadurch begreiflicherweiſe bei dem theil⸗ nehmenden Alvarez furchtbare Beſorgniſſe. Es war demſelben bereits klar, daß irgend eine 7 ſchreckliche Cataſtrophe ſtatt gehabt haden muͤſſe, aber der Schein des Mondes war zu — 7 — 4 263 ſchwach, als daß er die Gegenſtaͤnde rund um ſich haͤtte genau unterſcheiden koͤnnen. Er eilte in ein benachbartes Haus, um Licht her: beizuſchaffen, und kehrte damit verſehen nach Eduards armſeliger Wohnung zuruͤck. Der Letztere befand ſich noch in demſelben Zuſtande in welchem er ihn verlaſſen hatte. Das Schauſpiel, welches ſich jetzt bei dem Scheine des Lichtes dem wackeren Alvarez darbot, war furchtbar und entſetzlich; er aber war nicht der Mann, ſich nutzloſen Klagen hinzugeben. Durch ſanfte Ueberredung gelang es ihm, den Wahnſinnigen von der Leiche wegzubringen, und nachdem er ſeinen wunden Ruͤcken hatte verbinden laſſen, verſah er ihn mit Kleidungs⸗ ſtuͤcken aus ſeiner eigenen Garderobe, und ließ ihn nach ſeinem Hauſe ſchaffen, welches in einiger Entfernung von der Stadt gelegen war. Da die aberglaͤubiſchen Vorurtheile Emiliens Leiche und der ihres Knaben keine Nuhe in geweihter Erde geſtatten wollten, grub er ſelbſt fuͤr ſie ein Grab in der reizen⸗ den Gegend ſeiner Wohnung, ein einfacher Stein auf demſelben trug die Inſchrift:„Das Grab der Fremden,“ ein Umſtand, welcher aller Wahrſcheinlichkeit nach den un⸗ gluͤcklichen Stanley bewog, auch ſein Grab ſpaͤterhin mit aͤhnlichen Worten bezeichnen zu laſſen, 26. WMiedererwachtes Bewusstsepn. Iss der ungluͤckliche Eduard endlich wieder zum Bewußtſeyn gelangte, fand er ſich als Bewohner eines einſamen Haͤuschens, welches in der Mitte eines jener romantiſchen Thaͤler gelegen war, die man in den oͤſtlichen Pyrenaͤen ſo haͤufig antrifft. Gleich hinter dem Haͤuschen erhob ſich ein dreihundert Fuß hoher perpen⸗ dikulaͤrer Felſen, mit einem kegelfoͤrmigen Gipfel, welcher mit zwei anderen Bergen aͤhn⸗ licher Art in Verbindung ſtand. An beiden Seiten war das Thal ebenfalls von Bergen umſchloſſen und von der Fagade des Haͤuschens aus hatte man eine treffliche Ausſicht auf die 266 See. Um die Schoͤnheit dieſer Scene voll⸗ kommen zu machen, ſtuͤrzte ſich von dem zuerſt erwaͤhnten Felſen ein maͤchtiger Berg⸗ ſtrom herab, welcher ſich in mannigfachen Windungen durch das Thal hinſchlaͤngelte und ſich dann, wie der Einzelne im großen Welt⸗ gewuͤhle, im Ocean verlor. Das Haͤuschen, in welchem ſich Eduard, als er aus ſeinem Wahnſinne erwachte, wieder⸗ fand, zeichnete ſich durch ſeine Sauberkeit aus; das Geraͤth in ſeinem Zimmer war hoͤchſt einfach, aber reinlich und bequem. Es war ein lieblicher Junymorgen, grade achtzehn Monate nach ſeiner Ankunft in Spanien, als ſeine Vernunft zuerſt, und zwar eben ſo ploͤtzlich wieder bei ihm zuruͤckkehrte, als ſie von ihm gewichen war. Er erwachte wie aus einem tiefen Schlafe, aller ſeiner Sinne maͤchtig; er ſchauete beſtuͤrzt und * 267 ſtaunend umher, vermochte aber, ſo ſehr er auch daruͤber nachſann, weder uͤber ſeine jetzige Lage, noch uͤber die Urſache ſeines Alleinſeyns zu irgend einem Schluſſe zu gelangen. Von den Begebenheiten, welche ſeinem Wahnſinne voran⸗ gegangen waren, oder denſelben vielmehr her⸗ beifuͤhrten, hatte er nur eine ganz ſchwache Erinnerung; er wußte zwar, daß furchtbare Scenen vor ſeinen Augen ſtatt gefunden hatten; ob ſie ſich aber wirklich zugetragen, oder ob Alles nur ein Traum geweſen, das konnte er nicht eutſcheiden. Eduard erhob ſich von ſeinem Lager und ſchauete forſchend umher, konnte ſich aber keine Rechenſchaft ablegen, wo er eigentlich ſey. Endlich erinnerte er ſich, daß er ſich neben Emilien befunden— ein Gedanke fuͤhrte den anderen zuruͤck, und furchtbare Bilder erſtiegen 268 in ſeiner Seele. Wo war ſie? Er hatte ſicher getraͤumt.— Unmoͤglich koͤnnte es mehr als ein Traum ſeyn, daß er Emilie als eine kalte ſtarre Leiche auf ihrem Lager ſchauete. Gewiß war es nur ein Gebilde ſeiner erhitz⸗ ten Einbildungskraft— ſie konnte nicht todt ſeyn— ſie war früͤher aufgeſtanden— hin⸗ ausgegangen.— Er zog die Klingel, um ſich nach ihr zu erkundigen; und ſofort trat ein ſauber gekleidetes Frauenzimmer, mit einem angenehmen Aeußeren herein. Eduard redete ſie in engliſcher Sprache an und fragte, wo er ſich befinde und was aus Emilien geworden. Das Geſicht des. Frauenzimmers erheiterte ſich in etwas als er ſprach, aber in dem Blick⸗ mit dem ſie ihn betrachtete, lag noch immer ein Ausdruck von Schmerz; ſie entgegnete ihm uͤbrigens in der Sprache, in welcher er ſie angeredet hatte, daß er ihr und ihres Gatten 269 Gaſt, und daß die Dame, nach der er frage, ausgegangen ſey. „Sie wird doch hoffentlich zum Fruͤhſtuͤck wieder zuruͤckkehren?“ fragte Eduard,„be⸗ zeichnen Sie mir, wohin ſie gegangen, und ich will ihr folgen.“ „Sie wuͤrden beſſer thun, hier zu ver⸗ weilen, bis ich Ihnen meinen Gatten ſende,“ entgegnete die Unbekannte. Eduard bezeichnete durch ein Kopfnicken, daß er geſonnen ſey, dieſem Rathe Folge zu leiſten, und das Frauenzimmer entfernte ſich. Nach einigen Minuten ward indeß die Thuͤr wieder eroͤffnet, und nunmehr trat ein Mann herein, in dem Eduard, nachdem er den Ein⸗ getretenen einige Augenblicke lang mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit ins Antlitz ſchauete, den wackeren Capitain Akannte, der ihn und Emi⸗ lie nach Spanien gefuͤhrt hatte. — 270 „Alvarez!“ rief der erſtaunte Eduard, wie kommen Sie hieher?„Ich freue mich herzlich, Sie hier zu ſehen, doch ſagen Sie mir, wo bin ich, und wer iſt das Frauen⸗ zimmer, das ſo eben von mir gegangen? Sie ſprach engliſch, und wir ſind ja doch, wenn ich nicht irre, in Spanien!— Wo, wo iſt meine Gaͤttin?“ Alvarez vermochte kaum die Gemuͤthsbe⸗ wegung zu unterdruͤcken, die ſich ſeiner be⸗ maͤchtigte, als er bemerkte, daß die Vernunft ſeines Schuͤtzlings zuruͤckgekehrt, daß derſelbe aber noch immer unbekannt mit der Urſache ſey, die ſeinen Wahnſinn herbeigefuͤhrt hatte. Er er⸗ widerte ihm, daß das Frauenzimmer von vor⸗ hin ſeine Gattin und eine Landsmaͤnnin Eduards, dieſer aber fuͤr jetzt ſein Gaſt ſey; . 2 und nunmehr bemuͤhte er ſich die Aufmerk⸗ ſamkeit des Geneſenden auf einen anderen 271 Gegenſtand zu lenken, dies aber vermochte er nicht zu bewerkſtelligen. „Alvarez, Alvarez!“ ſuhr der Ungluͤck⸗ liche fort,„weshalb beantworten Sie mir die Frage nicht, nach deren Erwiderung mein ganzes Herz verlangt. Wo iſt meine Gattin?— Warum ſchweigen Sie? warum ſchauen Sie ſo traurig vor ſich nieder?— Oder haͤtte ich etwa nicht getraͤumt?— War etwa das Schreckensgebilde Wirklichkeit? O ſprechen Sie ſie aus, die furchtbare Wahrheit, nicht wahr, Emilie weilt nicht mehr unter den Lebenden?“ 2 Alvarez vermochte nichts zu erwidern; ob⸗ gleich ein Seemann, beſaß er dennoch ein ſanftes Herz und Eduards ſteigende Angſt ſchmerzte ihn demnach ungemein.„Ja, ja, Ihr Schweigen beſtaͤtigt es mir,“ fuhr der Ungluͤckliche forr, . —— „es war kein Traum, es war furchtbare Wirklichkeit! Ich habe ihre kalte ſtarre Leiche geſchauet!“ Hier rang er verßzweiflungsvoll die Haͤnde, denn in dieſem Momente ſtieg die Wahrheit in ihrem vollen ſchauderhaften Lichte in ſeiner Seele empor.„Jetzt weiß vor mir da! Unſere armſelige Wohnung zu Fontarabia— die uͤber mich verhaͤngte Schande und Schmach!— Meine Ruͤckkehr Abends— Emilie, eine kalte, ſtarre Leiche, neben ihrem todten Kinde auf dem Lager!— O ja, ja! Jetzt weiß ich Alles— bis jetzt ſchweifte mein Geiſt in der Irre umher, nun aber haͤt er ſich zurecht gefunden!“ Alvarez zitterte, denn ihm bangte fuͤr die ſo eben zurückgekehrte Vernunft ſeines Schuͤtzlings; er erfaßte r. Hand deſſelben, und fuͤhrte ihn ſanft aus dem Haͤuschen an ich Alles, Alles! Alles ſteht klar und deutlich 273 das Ufer des Bergſtroms; die Luft hauchte friſch und belebend auf Eduards brennende Stirn, und die ganze Natur wirkte ſo maͤchtig auf ihn ein, daß er ſich endlich unter einem ſchattengewaͤhrenden Baume niederwarf, wo ein Thraͤnenſtrom ſeinem bedraͤngten Herzen Luft machte. Dies waren die erſten Zaͤhren, die faſt ſeit einem Jahre ſeinen Augen ent⸗ quollen waren; auch machte Alvarez keinen Verſuch, ihrem Strome Einhale zu thun; im Gegentheil erfreuete er ſich ihrer, denn er hoffte den beſten Erfolg von dieſer Her⸗ zenserleichterung. Als aber Eduard ſich endlich ausgeweint hatte, da machte ihn Alvarez nach und nach und mit der groͤßten Vorſicht mit Allem bekannt, was ſich mit ihm zugetragen. Er ſagte ihm, wie er ihn gefunden, und wie er 274 ihn nach ſeiner Wohnung geſchafft habe; der Kunde aber, daß er ſich hier faſt zwoͤlf Mo⸗ nate lang in einem bewußtloſen Zuſtande be⸗ funden habe, wollte Eduard anfangs keinen Glauben beimeſſen. Der Nebel, der ſeine Erinnerung umhuͤllte, war durch Alvarez Bericht von Emiliens Schickſal zerſtreuet wor⸗ den, und alle damit in Verbindung ſtehenden Umſtaͤnde traten nunmehr wieder lebendig vor ſeine Seele, ſo als ob ſie ſich erſt am ver⸗ gangenen Tage zugetragen haͤtten; auch konnte deer ſich erſt lange nachher uͤberzeugen, daß er nicht erſt jetzt aus einem Schlafe, der nur eine Nacht gewaͤhrt, erwacht ſey. Als ſich ihm aber endlich die Wahrheit von der Aus⸗ ſage ſeines Freundes aufdrang, konnte er keine Worte finden, ihm ſeine Dankbarkeit auszudruͤcken; eine Dankbarkeit, welche das menſchenfreundliche Betragen des Spaniers im 1 245 vollen Maaße verdiente, deren Erguſſe der edel⸗ muͤthige Mann aber, Einhalt zu thun, nach moͤglichſten Kraͤften ſich beſtrebte. Von dieſem Augenblicke an blieb Eduard zwar ſchwermuͤthig und tiefſinnig, und ſein Herz ſchien gebrochen; aber die wilde Ver⸗ zweiflung war von ihm gewichen, und ſeine Vernunft wankte nicht mehr auf ihrem Throne. Schon nach einigen Tagen hatte er ſo un— widerlegbare Beweiſe von Seelenſtaͤrke ge⸗ geben, daß Alvarez nicht laͤnger Anſtand nahm, ſeinen Wunſch, ihn nach Emiliens Cheiſtn zu führen, zu erfuͤllen. Die Un⸗ luͤckliche ruhte unter einem, von einem eiſer⸗ nen Gitter umſchloſſenen gruͤnen Raſen, in der Naͤhe des Bettes des oben erwaͤhnten Bergſtroms. Innerhalb des Gitters waren einige wilde Roſenbuͤſche gepflanzt, und eine 18* — — 276 hohe Akazie beſchattete mit ihren blaͤtterreichen Zweigen dieſen ſtillen Aufenthalt des Todes. Auf einem weißen Steine las man, wie wir bereits fruͤher erzaͤhlt haben, die einfachen Worte:„Das Grab der Fremden,“ und auf einem daneben ſtehenden Kreuze forderte eine Inſchrift den frommen Wanderer auf, an dieſer Stelle einen Moment lang zu ver⸗ weilen, und fuͤr die Seele der hier Ruhenden ein Gebet hinauf zu dem Ewigen zu ſenden. Die Gefuͤhle, welche ſich Eduards bei dem Anblick der Nuheſtaͤtte ſeiner geliebten Emilie bemaͤchtigten, koͤnnen uͤbrigens keines⸗ wegs beaͤngſtigend genannt werden; ſeine Thraͤnen benetzten die Erde, welche ihre Stau⸗ beshuͤlle barg, aber er gab ſich nur einer ſtillen Schwermuth und keinem wilden Schmerze hin. Noch dankbarer als je gegen ſeinen Freund 4 —— † 3 4 277 Alvarez, kehrte er mit demſelben von der Grabſtaͤtte zuruͤck, feſt entſchloſſen, durch keine Aeußerungen des Kummers ſeinem Wohlthaͤter noch beſchwerlichere Augenblicke zu machen, als er ihm bereits verurſacht hatte. Zu den Begebenheiten, welche der Beſuch bei der Ruheſtaͤtte Emiliens in ſeiner Erin⸗ nerung wieder aufgefriſcht hatte, gehoͤrte auch jenes Geſpraͤch, welches am Abend vor ihrem Tode auf dem Felſen am Meer zwiſchen ihnen ſtatt gefunden. Eduard gedachte der Feierlich⸗ keit des Töones, mit der ſie ihr nahes⸗Ende prophezeihte, ſo wie des Verſprechens, welches er ihr gegeben, in keinem Verhaͤltniſſe Hand an ſich ſelbſt zu legen, ſondern im Falle ihres Dahinſcheidens nach England zuruͤckzu⸗ kehren. Den letzteren Theil dieſes Geluͤbdes ſchickte er ſich jetzt an zu erfuͤllen; den 278 Erſteren zu brechen, dazu fuͤhlte er ohnehin nicht die mindeſte Verſuchung, weil ſeine Verzweiflung von ihm gewichen war, und einem ſtillen Gram und einer aufrichtigen Reue Platz gemacht hatte. Ueberdem ver⸗ langte ihn jetzt danach, etwas von ſeiner Fa⸗ milie und von der Art und Weiſe zu er⸗ fahren, wie ſie das Ungluͤck, das er uͤber ſie herbeigefuͤhrt, ertragen hatte; aber wenn er ſich auch nach England ſehnte, fuͤhlte er auch zugleich einen ſtarken Widerwillen, die Staͤtte zu verlaſſen, wo die irdiſchen Ueberreſte ſeiner Emilie ſchlummerten, und wo er, falls er hier noch etwas laͤnger verweilte, hoffen konnte, neben ihr ein Plaͤtzchen zu erhalten. Sein Zartgefuͤhl verbot es ihm indeß, ſeinem men⸗ ſchenfreundlichen Wirthe, dem er ſchon ſo lange laͤſtig geweſen, noch laͤnger beſchwerlich zu fallen; und dieſer Umſtand, vereint mit —— — 27 dem Wunſche, die Verzeihung der Seinigen zu erhalten, beſtimmte ihn zu dem Entſchluſſe, ſich auf eine Zeitlang nach England zu bege⸗ V ben, dann aber wieder nach Spanien zuruͤck⸗ V zukehren, um dort zu ſterben, wo ſeine Emilie geendet hatte. 3 27. Rückkehr. Machdem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, verlor Eduard keine Zeit, ſeinen freundlichen Wirth und deſſen Gattin damit bekannt zu machen. Alvarez billigte ſein Vorhaben und troͤſtete den Ungluͤcklichen mit der Verſicherung, daß ſeine Verwandten ihn den Reuigen gewiß mit offenen Armen aufnehmen, und ihm ihre Verzeihung nicht verſagen wuͤrden; er fuͤgte hinzu, daß er, ſo wie ſein Schiff beladen worden, ſelbſt nach England ſegeln werde, und mit Vergnuͤgen ſeinen Schuͤtzling dort⸗ hin mitnehmen wolle. Eduard nahm dies An⸗ erbieten dankbar an und traf nunmehr Anſtalt, in ſein Geburtsland zuruͤckzukehren, die Bruſt von Gefuͤhlen bewegt, die von ſo mannigfacher Art waren, daß keine Feder ſie zu beſchreiben vermag. Vierzehn Tage vergingen, bis Alvarez Schiff unter Segel gehen konnte; dieſe Zeit brachte Eduard faſt fortwaͤhrend auf Emiliens Grabe zu. Dort war die kleine treue Flora ſeine einzige Geſellſchaft, und dies gute Thier, welches waͤhrend des langen bewußtloſen Zu⸗ ſtandes ſeines Herrn nicht von demſelben ge⸗ wichen und von dem wackeren Alvarez und ſeiner Gattin ſorgſam gepflegt worden war, ward ihm jetzt noch theuerer als je. Außer dieſem treuen Gefaͤhrten ſeiner Leiden beſaß Eduard noch einen Schatz, den er nicht um alle Reichthuͤmer der Welt dahin gegeben haben wuͤrde; es war dies eine Locke von Emiliens Haar, die er in einer kleinen Kapſel 282 auf der Bruſt trug. Dieſe Locke hatte ſie ihm auf ſeine Bitte in fruͤheren Tagen gegeben, als ihre gegenſeitige Neigung noch durch keine Schuld befleckt worden war; ſeitdem kam dieſe Reliquie nicht von ſeiner Bruſt, auch ward ſie, wie der theilnehmende Leſer bereits erfahren hat, auf ſein Verlangen mit ihm in das Grab gelegt. Endlich erſchien der Tag, an dem die bei⸗ den Freunde in See ſtechen ſollten; Eduard hatte faſt die ganze letzte Nacht auf Emiliens Grabe zugebracht, und begab ſich jetzt, nachdem er mit herzlichen Worten von ſeiner wackeren Landsmaͤnnin, die ihn wie einen Bruder be⸗ handelte, Abſchied genommen, mit Alvarez nach dem Hafen zu Fontarabia, wo ſie ſich einſchifften. Ihre Reiſe ging im Ganzen gluͤck⸗ lich von ſtatten, waͤhrend derſelben aber ſchien bei Eduard etwas von ſeiner fruͤheren heftigen ,— — 283 Gemuͤthsart zuruͤckzukehren; und je mehr ſie ſich dem Ziele ihrer Reiſe naͤherten, je verſtoͤrter und unruhiger ward er. Von ſeiner ſonſt ſo ſtarken Seele ſchienen jetzt die aberglaͤubiſchſten Vorſtellungen Beſitz genommen zu haben; auch war er hoͤchſt unſchluͤſſig, wie er ſich den Sei⸗ nigen vorſtellen ſollte. Bald wollte er gradezu nach dem Pfarrhauſe eilen, ſich vor ſeinen Aeltern auf ſeine Kniee niederwerfen und ihre Verzeihung erflehen; dann aber meinte er wieder, es ſey gerathener, ſich verkleidet nach Preſton zu begeben, dort insgeheim die Stim⸗ mung der Seinigen zu erforſchen, einen, Blick von einem jeden von ihnen zu erhaſchen, und dann ungeſaͤumt ſein Vaterland zu verlaſſen, um nie wieder dorthin zuruͤckzukehren. Endlich lief das Schiff in die Themſe ein, und nunmehr ſteuerte es, von der Fluth und dem guten Winde beguͤnſtigt, den maje⸗ 284 ſtaͤtiſſchen Fluß hinan. Schon war man an Graveſand voruͤbergekommen, als Eduard aus der Cajuͤte, in welcher er, ſeinen truͤben Be⸗ trachtungen hingegeben, geruht hatte, auf das Verdeck trat, und nunmehr die St. Paulskirche und die anderen Thuͤrme Londons vor ſeinen Blicken erſchauete. Welche Gefuͤhle bemaͤch⸗ tigten ſich jetzt neuerdings des Ungluͤcklichen!— Das rund um ihn herrſchende Gewuͤhl und Getuͤmmel verhinderte indeß, daß ſeine Gemuͤths⸗ bewegung auch von anderen bemerkt wurde. Das Schiff warf Anker und nachdem Eduard unter Thraͤnen von ſeinem Wohlthaͤter Abſchied ge⸗ nommen, beſtieg er, mit der Baarſchaft, die ihm der wackere Alvarez aufgedrungen, ſei⸗ nen wenigen Habſeligkeiten und ſeiner treuen Flora, ein kleines Boot, welches ihn ans Land ſetzte. In einer ruhigen Straße bezog er nunmehr eine anſpruchsloſe Wohnung; ſchon am naͤchſten Tage aber machte er ſich auf, um ruͤckſichtlich des Majors Campbell Erkun⸗ digungen einzuziehen. Er erfuhr, daß dieſer wackere Krieger nicht mehr unter den Lebenden weile, und uͤberzeugte ſich, daß ſein Freund gleich nach ſeiner Flucht mit Emilien von einem boͤsartigen Fieber befallen worden, das ihn nach einem kurzen Krankenlager hinweggerafft hatte. Dieſe Nachricht ſchmerzte zwar Eduard ungemein, aber ſie entfernte auch zugleich bei ihm den Verdacht, daß Campbell an ihm zum Verraͤther geworden; und wenn er demnach auch den Tod ſeines Freundes tief betrauerte, konnte er doch nicht umhin, ſich einzugeſtehen, daß es ihm lieber ſey, die Sachen wie ſie ſtanden, als ſo gefunden zu haben, wie er es in ſeinem Argwohn befuͤrchtet hatte. Eduard bemuͤhte ſich jetzt zuvoͤrderſt demjenigen, den der ſterbende Major auf dem Todtenbette zum Agenten des von England abweſenden Herrn Stanley ernannt hatte, darzuthun, daß er dieſer Stanley ſey; dies gelang ihm, wenn gleich nicht ohne Schwierigkeit, und er ſah ſich nunmehr im Beſitz einer nicht unbetraͤcht⸗ lichen Summe, welche noch durch Tauſend Pfund vermehrt wurde, die ihm Major Campbell in ſeinem Teſtamente vermacht hatte. Er verlor jetzt keinen Augenblick, dem großmuͤthigen Spanier das ihm dargeliehene Geld wieder zuruͤck zu zahlen, worauf er den groͤßten Theil ſeines kleinen Vermoͤgens in den Haͤnden des Agenten ließ, ſich mit der zur Reiſe noͤthigen Baarſchaft aber nach Preſton auf den Weg machte. Es iſt unmoͤglich, den Seelenzuſtand zu ſchildern, in welchem Ednard ſich zur Fahrt nach Preſton einſchreiben ließ; nur zitternd und mit bebenden Lippen ſprach er den ange⸗ — nommenen Namen aus, unter dem er ſich nach ſeinem Geburtsorte zu begeben beſchloſſen hatte. Die mannigfachen Leiden hatten ſein Aeußeres ſo veraͤndert, daß er, um unerkannt zu bleiben, keiner Verkleidung bedurfte; ſein vormals bluͤ⸗ hendes Antlitz war hohl und bleich, ſeine Augen. lagen tief in ihren Hoͤlen, kurz auf ſeine ganze Geſtalt hatte der Kummer ſein truͤbes Gepraͤge eingedruͤckt. Eduard freuete ſich uͤbrigens die ſes Umſtandes, denn einerſeits konnte er jetzt ſeinen Plan um ſo leichter in Ausfuͤhrung bringen, und dann ließ ihn ja das Dahin⸗ welken ſeines Koͤrpers hoffen, daß die Leidens⸗ laſt, die auf ihm ruhete, bald von ihm ge⸗ nommen werden wuͤrde. 28. DBie Heimath. Eduard langte zu Preſton an, und trat in einem Gaſthofe ab, wo er Erkundigungen ruͤckſichtlich ſeiner Familie einziehen wollte, bevor er es wagen wuͤrde, ſich ſeinem Vater⸗ hauſe zu naͤhern. Es war ihm lieb zu be⸗ merken, daß ihn niemand erkannte, denn ſelbſt der Wirth behandelte ihn durchaus wie einen Fremden. Als dieſer zu ihm ins Zimmer trat, wo Eduard halb von ihm abgekehrt am Fenſter ſtand, vernahm der Letztere grade in dem Augenblick, in welchem er den Gaſtwirth uͤber die Seinigen befragen wollte, vom Kirchthurme herab ein dumpfes Gelaͤute der 1 289 Glocken. Es mußte irgend ein Leichenbegaͤngniß ſtatt finden, und von einer ſurchtbaren Ahnung erfaßt, fragte Eduard nunmehr den Wirth, wen man zur Ruhe beſtatte. „Den Seelenhirten dieſer Gemeinde, un⸗ ſeren trefflichen Pfarrer,“ lautete die Antwort. Eduard bebte zuruͤck, und war, um nicht zu Boden zu ſinken, genoͤthigt, ſich auf einen Stuhl zu ſtuͤtzen, worauf der Wirth zu ihm eilte und den Halbohnmaͤchtigen mit Waſſer beſprengen wollte. Eduard aber winkte ihm davon abzulaſſen, und forſchte nanmeße mit der ganzen Kraft der Verzweiflung nach den naͤheren Umſtaͤnden des Todes ſeines Vaters. „„Ach Herr!“ entgegnete der Gaſtwirth, „ das iſt eine lange und recht traurige Ge⸗ ſchichte. Der Pfarrer hatte einen Sohn, auf den er mit Stolz und Freude blickte, der aber immer ein wilder unnuͤtzer Burſche war, und 8 19 290 noch obendrein eine Liebſchaft mit ſeiner Nichte anſing, einem jungen ſchottiſchen Maͤdchen, das ſich im Pfarrhauſe aufhielt. Sie konnten ſich begreiflicherweiſe nicht heirathen, und da liefen ſie denn mit einander davon und ſchifften uͤber die See, nach einem fernen Lande.— Das ging nun dem wackeren Pfarrer allzuſehr zu Herzen, er konnte es nicht verſchmerzen. Es ſind ſeitdem achtzehn bis neunzehn Monate vergangen, ſeit dieſer Zeit hat man den ehr⸗ wuͤrdigen Herrn nur ein einziges Mal laͤcheln geſehen, damals naͤmlich, als ſeine Tochter ſich verheirathete.— Das war ein braves Maͤdchen, Herr, die Stuͤtze ihrer Aeltern, zumal die der Miſtreß Stanley, ihrer ungluͤcklichen Mutter.“ „ Und was iſt's mit der?“ fragte Eduard mit bebenden Lippen.— „Die arme Frau iſt ſeit einem Jahre ihres Verſtandes beraubt,“ erwiderte der — — 294 Gaſtwirth;„der Gram uͤber das Vergehen ihres Sohnes hat ihren Wahnſinn herbeige⸗ fuͤhrt und ihren Gatten ins Grab geſtuͤrzt!““ „Und Margaretha— Margaretha,“ forſchte Eduard, kaum im Stande ſich aufrecht zu erhalten,„mit wem iſt ſie verheirathet?“ „Mit einem gewiſſen Greenwood, einem Jugendfreunde ihres Bruders,“ entgegnete der Wirth,„ſie reichte demſelben vor unge⸗ faͤhr ſechs Wochen ihre Hand, ihr eigner Vater hat ihre Ehe noch eingeſegnet. Ach, das war ein gar wackerer frommer Herr, und lange Zeit kann vergehen, bevor ſich unſere Gemeinde eines aͤhnlichen Seelenhirten zu er⸗ freuen haben wird.“ Eduard hatte genug gehoͤrt— er winkte jetzt dem Wirthe, ihn allein zu laſſen; ſchritt einigemale im Zimmer auf und ab, erfaßte dann ſchnell ſeinen Hut und ſchlug den Weg 49* nach dem Pfarrhauſe ein. Der letzte Hoffnungsſtrahl, welcher ihn noch aufrecht gehalten hatte, war nun ebenfalls erloſchen, und gaͤnzlich der Verzweiflung preisgegeben, ſchwankte er dem Vaterhauſe zu. In der Naͤhe deſſelben angelangt, gewahrte er den Leichenzug, welcher ſich langſam aus der Thuͤr bewegte, er hemmte ſeine Schritte und ſtarrte hin. Die Prozeſſion zog durch daſſelbe Pfoͤrtchen, durch welches Emilie ſich in jener verhaͤngnißvollen Nacht in ſeine Arme gefluͤch⸗ tet hatte. Die Bewohner des Oertchens und der Umgegend fuͤllten den Kirchhof und von allen Seiten ertoͤnten Jammer und Wehklagen. Mit ſtarren thraͤnenloſen Blicken beob⸗ achtete Eduard den Zug, bis der Letzte des Gefolges in die Kirche getreten war. Er wagte es nicht, ſich zu naͤhern, eine furchtbare Stimme in ſeinem Innern fuͤſterte ihm zu, 293 — daß die Gegenwart ſeines Moͤrders die Ruhe des Entſchlafenen ſtoͤren koͤnne, und ſo richtete er denn ſeine Schritte langſam nach dem Sterbehauſe und oͤffnete die Thuͤr deſſelben mit zitternder Hand. Hier fand er alles noch, ſo wie er es ſeit ſeiner fruͤhſten Kindheit ge⸗ kannt hatte; ſeines Vaters Hut hing an der alten Stelle, und der auf demſelben ruhende Staub beurkundete, daß mancher Taͤg ver⸗ gangen, ſeitdem der Hut getragen worden. Das ſpaniſche Rohr mit einem goldenen Knopfe ſtand wie ſonſt in einer Ecke des Zimmers, kurz Alles war in dem Trauerhauſe ganz wie vormals.. Von unbeſchreibbaren Gefuͤhlen beſtuͤrmt. naͤherte ſich Eduard dem Eßzimmer, in der Abſicht, die dort befindlichen Bilder ſeiner Aeltern, die er hienieden nicht mehr ſchauen ſollte, noch einmal zu betrachten. Er oͤfſnete “ 294 leiſe die Thuͤr, da ſprang die kleine Flora ſchnell hinein und wedelte mit dem Schwanze; ein Schrei folgte und im naͤchſten Moment vernahm Eduard die Stimme Margaretha's, welche ausrief:„Ewiger Gott, das iſt der Haund meines Bruders, wo, wo iſt er ſelbſt?“⸗ „Hier, hier iſt er,“ rief Eduard, indem er verzweiflungsvoll in das Zimmer ſtuͤrzte,„hier iſt der Elende, den Du Bruder nannteſt, der aber weder dieſen Namen noch ſonſt einen ehrenwerthen verdient?“ Margaretha betrachtete ihn einen Augen⸗ blick lang, ſo als wiſſe ſie nichte. ob ſie ihren Augen trauen ſolle:„Eduard!“ fragte ſie endlich,„biſt Du es wirklich, den ich vor mir ſchaue, oder iſt es Dein Geiſt? Ach, Du kehrſt in einem traurigen Augenblicke zuruͤck!“ „Ich weiß es, Margaretha, o ich weiß Alles,“ entgegnete Eduard in einem 295 dumpfen Tone,„ich weiß es, daß mein Vater zur Ruhe gegangen— daß meine Mutter— 0 Gott, ich vermag das furchtbare Wort nicht auszuſprechen!“ „Beruhige Dich, Eduard!“ rief Mar⸗ garetha, indem ſie ſich ihm in die Arme warf, „Du haſt geſuͤndigt— ſchwer geſuͤndigt, aber Du biſt dennoch mein Bruder und ich verzeihe Dir, wie Dir auch der verzieh, der nun nicht mehr unter den Lebenden weilt.“ „Beflecke Dich nicht durch meine Be⸗ ruͤhrung!“ verſetzte Eduard, ſich der Um⸗ armung ſeiner Schweſter entwindend,„ſage mir vielmehr, daß mich unſer Vater verfluͤchte, ſage mir Alles, auf daß mich die Buͤrde, die ich nicht laͤnger zu ertragen vermag, auf ein⸗ mal erdruͤcke.“—. „Er ſollte Dir geflucht haben,“ erwiderte— Margaretha;„o nein, nein Eduard? waͤhrend* ſeines ganzen Lebens ſprach ſein frommer Mund nie den Fluch uͤber irgend einen Menſchen aus.— Ich wiederhole es Dir, er hat Dir verziehen.— Er brachte Tag und Nacht da⸗ mit zu, die Vergebung des Ewigen fuͤr Dich zu erflehen.— Aber wo iſt— wo— ich wage ihren Namen nicht auszuſprechen— wo iſt die Genoſſin Deiner Schuld?— Du ſchweigſt!— alſo iſt ſie auch todt, ja, ja, der Tod war geſchaͤftig in unſerer Familie!“— „ und wird es hoffentlich ferner ſeyn,“ unterbrach ſie Eduard.—„Wo aber, wo iſt meine ungluͤckliche Mutter?“ „In meinem Hauſe,“ antwortete Mar⸗ garetha,„ſie hat dort jede Bequemlichkeit, die ich ihr in ihrer traurigen Lage darzubieten vermag.“ In dieſem Moment gewahrte Eduard durch das offenſtehende Fenſter, daß ſich die ——— . —y——+ — ——— 7 297 Menſchenmenge von dem Kirchhofe zu zerſtreuen begann; er fuͤhlte ſich außer Stande, die Ruͤckkehr des Leichengefolges abzuwarten, er flog demnach auf Margaretha zu und druͤckte einen brennenden Kuß auf ihre Lippen:„Lebe wohl Margaretha!“ rief er,„Du ſollſt mich nie wiederſehen, nie wieder etwas von mir hoͤren, kannſt Dich aber uͤberzeugt halten, daß ich bis zu meinem letzten Athemzuge mit inniger Liebe an Dir haͤngen und die kurze Zeit, die ich noch zu leben habe, in Reue und Buße zubringen werde!“ So ſprechend ſtuͤrzte er, von ſeiner kleinen Flora gefolgt, zum Zimmer hinaus.—. Weder von ihm, noch von ſeinem treuen Hunde ward ſeitdem in jener Gegend wieder etwas geſchauet. Er begab ſich nach London, ſo ſchnell ihn eine mit vier raſchen Pferden beſpauute Poſtchaiſe dahin zu bringen vermochte; 298* dort aber verweilte er nur einige Tage, dann trieb es ihn wieder fort, bis er nach Wetheral gelangte, wo er, wie Du mein theilnehmender 4 Leſer erfahren haſt, betrauert von der wackeren Familie Townsend, vor allen aber beweint von der reizenden Eliſabeth, auf welche die Erſcheinung des Fremden einen ſo maͤchtigen Eindruck gemacht hatte, auf dem einſamen Kirchhofe die Ruhe fand, um die ihn ſeine eigenen Verirrungen brachten. 8 — . —- L. Kruſe Kriminal gee ſchichten und andere romantiſche Erzaͤhlungen. In ſechs Baͤnden. 5 G. O— I. Der cryſtallene Dolch und die Roſe. II. Der neue Faublas, oder die Bekehrung. III. Die Felſenbraut und Eid und Gewiſſen. IV. V. Das geheimnißvolle Haus: Gluͤck aus Ver⸗ irrungen. Der Richterſpruch der Welt. Spaͤtes Gluͤck. VI. Das Araberroß. Die lobenden Urtheile der fruͤheren Werke des Prof. Kruſe ſind bekannt; es ſtehe hier von allen nur die letzte der erſchienenen Recenſtonen: ——H;—n— Das geheimnißvolle Haus. „Ein geheimnißvolles Haus? Das muß aller⸗ liebſt zu leſen ſeyn, ſo recht grauerlich, daß man vor Angſt ſich kaum zu Bett getraut, und die Decke uͤber ſich zieht, und nicht ſchlafen kann, es iſt etwas Praͤchtiges, ſich ſo zu fuͤrchten!— Gewiß iſt in dem Haus eine graͤuliche Mordthat geſchehen, und nun gehen die Geiſter um, und einer, mit einem beſon⸗ dern Ahnungsvermoͤgen begabt, bringt alles heraus, und erloͤßt die Ungluͤcklichen, und wie ſie verſchwin⸗ den, ertoͤnt eine himmliſche Muſik, nicht wahr, ſo iſt's?“ Ach nein, erwiedert der alte Kritiker den jungen Nengierigen, die das Abenteuerliche lieben, nichts von dem allen geſchieht in dem Hauſe, ge⸗ heimnißvoll heißt es blos deshalb, weil die neugie⸗ rigen Eiuwohner der Stadt, in der es liegt, nicht erfahren koͤnnen, was es mit der alten kranken Dame, die es bewohnt, und mit ihren Hausgenoſſen für ein Bewandtniß habe, und warum ſie ſo Weni⸗ gen den Zutritt geſtattet.—„Aber ihre Geſchichte iſt doch voll Wunder und Graus?“— Abermals nein, einfach ohne die mindeſte ſeltſame Verſchlin⸗ gung, Sie muͤßten denn das fuͤr wunderbar an⸗ ſehen(und gewiſſermaßen iſt es ſo), daß die Frau ſchwere Koͤrperleiden mit Faſſung, d. h. mit einem menſchlichen, nicht einem gefuͤhlloſen Stoicismus ertraͤgt, und dabei nie aufhoͤrt, wohlthaͤtig, vermit⸗ telnd, vorſorglich fuͤr den kleinen Kreis ihrer Freunde zu ſeyn; ja ſie hat ſich fuͤr das Poetiſche des Lebens Empfaͤnglichkeit bewahrt, ſieht eher die heitere, als die Schattenſeite, iſt mild und ſchonend, und nicht weichlich; kurz, wenn kein Wunder, doch eine ſeltene Frau.— Das Gemeine verſchmaͤhend, adelt ſie auch das Gewoͤhnliche, und ſo wird bei ihr an die Begebenheit die Betrachtung gereiht; das ſcheinbar Bedeutungsloſe erhaͤlt durch ſie die Weihe, wenn auch mittelbar durch ihre Freunde. Drei Erzaͤhlungen werden in ihrem Kranken⸗ zimmer vorgetragen, Gluͤck aus Verirrungen, der Richterſpruch der Welt, und ſpaͤtes Gluͤck! eigentlich alle drei daſſelbe Thema, aber aus verſchiedenen Tonarten, und verſchieden modulirt. In der zweiten Erzaͤhlung, der wichtigſten, ſchlingt ſich noch der Hauptidee ein anderer Gedanke ein, geiſtreich durch⸗ gefuͤhrt, und zur Einheit harmoniſch verſchmolzen. Verirrungen koͤnnen zum Gluͤck fuͤhren, ja ſie wer⸗ den es, wenn die Verirrung wahrhaft erkannt, und nicht durch ſtumpfe Reue, ſondern durch thaͤtige Beſſerung abgebuͤßt wird; aber dem Richterſpruch der Welt darf ungeſtraft niemand trotzen, am wenig⸗ ſten eine Frau, man mag noch ſo ſehr von der Unzulaͤnglichkeit, der Voreile und Partheilichkeit zjenes Richterſpruchs uͤberzeugt ſeyn, das lehrt die Erzaͤhlung an Frau von Seltings, die, der Unſchuld ihrer Geſinnungen ſich bewußt, ihren Hang zu kleinen Abenteuern befriedigt, unbekuümmert was daraus entſtehen koͤnne, und dadurch nicht allein ihren Ruf, den ihres Gatten, ſondern auch das Le⸗ bensgluͤck eines Freundes, und eines nicht tadelloſen Maͤdchens, das aber auch meiſtens nur den Schein wider ſich hat, auf lange zertruͤmmert. Der Cha⸗ racter der weniger leichtſinnigen, als nach Origina⸗ litat ſtrebenden Frau iſt mit ungemeiner Zartheit aufgefaßt, und richtig motivirt, was keine leichte Aufgabe war. Auf die Geſchichte iſt das Buch baſirt, dies iſt die der Hauptperſonen im geheimniß⸗ vollen Hauſe; wer ſie nicht mit verwickelte, hilft doch entwickeln, und den truͤgeriſchen Schein zer⸗ ſtoͤren. Thereſens Gemuͤthskraft gewinnt unſere Achtung, doch wuͤnſchte man ihr mehr Lieblichkeit, zumal da, wo ſie unter fremden Namen als Ge⸗ ſellſchafterin auftritt, wo ihre Paſſivitaͤt gegen ſie einnimmt. Das Stumme, Theilnahmloſe iſt freilich damit zu entſchuldigen, daß eine erhoͤhte Regſamkeit ſie aus ihrem Incognito geriſſen hat, und Lothar die im Aeußern ſo veraͤnderte Geliebte, an Ton und Bewegungen, an der Denkweiſe und tauſend Klei⸗ nigkeiten erkannt haben koͤnnte, wie dieſes Verken⸗ nen, das der Leſer nicht voͤllig theilt, allerdings zu rechtfertigen, und moͤglich, aber nicht ganz wahr⸗ ſcheinlich iſt. Ueber einige bedenkliche Stellen iſt mit der zarteſten Feinheit weggeſchluͤpft, welchen richtigen Tact fuͤr Sittlichkeit und guten Geſchmack man auch in dem Gluͤck aus Verirrungen bemerkt. Die Geſchichte hat durch den prophetiſchen Traum einen Reiz des Romantiſchen bekommen, und daß der gruͤbelnde menſchliche Verſtand, wenn er ſich erdreiſtet, in die Geheimniſſe des Schickſals einzu⸗ dringen, ein Irrlicht Sonnenſchein erachtet, daß die Ahnungen nicht nnerfuͤllt bleiben, doch unter ganz andern Bedingungen, auf eine verſchiedene Weiſe erfuͤllt wurden, iſt ein eben ſo ſchoͤner, als lehr⸗ reicher Gedanke! Wen das jahrelange Schweigen der Juͤnglinge befremden ſollte, der bedenke, daß ſie Italiener, und als ſolche gegen uns in ihren Begriffen von Buße und Bekehrung verſchieden ſind⸗ nen daher auch gewiſſe Geluͤbde fuͤr erlaubt, und ihrem Seelenheil foͤrderlich halten durften, obgleich uns ein Geloͤbniß der Art, wie ſich's die Juͤnglinge auferlegen, unnatuͤrlich und uͤberſpannt erſchei⸗ mag. Spaͤtes Gluͤck zieht durch die Kraft der Darſtellung an, die Begebenheit an ſich iſt unbe⸗ deutend, auch nicht durch rhetoriſche Schoͤnheiten geſchmuͤckt; aber, reich an innerm Leben, vortrefflich und der tiefſten Beherzigung werth iſt die Motivi⸗ rung der Urſachen, die den Mann bewogen, ſo lange Hageſtolz zu bleiben, und das Maͤdchen, zur verhaßten alten Jungfer zu werden. Eben ſo ungeſucht einfach, und dabei, wie in der Erzaͤhlung, kraͤftig wirkend, die Wahrheit, die Moral gleich aus der Sache ſelbſt hervorgehend, iſt der einleitende erlaͤuternde Dialog der Zwiſchenreden, der die drei Geſchichten einem Ganzen vereinigt, die erſonnen, oder veranlaßt, um Lothar's Sinnesaͤnde⸗ rung zu erforſchen, zu erproben, ob er ſich in der Laͤuterung bewaͤhrte. Hier iſt einmal aͤchter Conver⸗ ſationston, die Lehren des Pfarrers, der behauptet, Zufriedenheit ſey in jeder Lage, unter allen Verhaͤlt⸗ niſſen moͤglich, ſobald das Gewiſſen frei ſey, das eigne Ich nicht zu hoch, daß der Andern nicht zu tief geſtellt werde, ſollten aus dem Abſtracten in die Welt der Erſcheinungen treten, dann ſtaͤnde es um Vieles beſſer, und um Viele. „Das Buch muß ich leſen; noch eins, wie ſteht's um die Schreibart, in der laͤßt ſich wohl der Auslaͤnder ſpuͤren?“— Etliche unbedeutende Ver⸗ wechslungen im Gebrauch der Partikeln zu, fuͤr, auf, n. dgl. abgerechnet, laͤßt ſich der nicht ſpuͤren:— Schrieben doch nur alle unſere Landsleute ein ſo gutes reines Deutſch, als Kruſe der Däne! ⸗ ———— 4 ——— ⸗* 741 4 . 4 4 ArzEEEEIIIETE ſnſſ 12 1 15 1 8 9 10 11 3 14 17 18 „ 6 1 A 2