—— — Leihbibliothek 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, † Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Ceſebedingungen. 3 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 1 2. Lesepreis. Bei Rückgahe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 3 3 4. Abonnement. Jaſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt; 3 8 für nohchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: -————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mtr.— Pf. 6 5 „„ 7 7— 2— 19 77— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendu der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zeh. * 1 ——— 8 Seite Fiurenein, die Kazikenbraut... 1 4 Die Kaufmannstochter... 2 1½ 46 Das Geluͤbbe..„„. 131 Yammass Hochzeitfeier.... 445 Das Gaſtgebot..... 156 Die Schwuͤre an der Felſenquele.. 164 Pater Roreo..... 24 Der Ritt nach dem Monde.. 178 Wunderbare Rettung aus großer Gefahr 190 Dankbarkeit eines Corſaren Die Florentinerin. Die Nacht im Walde Floreneia, die Kazikenbraut. —— Die Geſchichte der Entdeckung und Ero⸗ berung Amerika's durch die Spanier iſt ſo all⸗ gemein bekannt, daß die Mittheilung irgend einer der Operationen der Letzteren, den freund⸗ lichen Leſern anfangs höchſt üͤberflüſſig erſchei⸗ nen dürfte. Die Hiſtoriker haben ſich jedoch hauptſächlich nur mit Mexico und Peru im Allgemeinen beſchaͤftigt und die kleineren Pro⸗ vinzen ſo ſehr nur als Theile jener größeren Staaten behandelt, daß es zur Verſtändlich⸗ keit nachſtehender Geſchichte nothwendig wird, einen genaueren Blick auf die damaligen Ver⸗ hältniſſe Chili's, wo ſie ſich zugetragen, zu 4 werfen. ah Jacens 2n Chili beſtand als eine fori Republik, und ward dem Don Alonzo de Ercillay Zun⸗ A 3 niga, der von ſeinen Landsleuten der ſpani⸗ ſche Homer genannt wird, und dem wir dieſe Novelle nacherzählen, zufolge, von einem Se⸗ nate regiert, der aus lauter angeſehenen Kazi⸗ ken gebildet war, die im Fall eines Krieges oder wenn es ſonſt die Umſtände erforderten, aus ihrer Mitte ein Oberhaupt erwählten, dem ſie während der Dauer ſeines Amtes auf das Pünktlichſte gehorchten. Die peruaniſchen Inka's hatten ſeit langer Zeit gewunſcht, die⸗ ſes kleine, aber reiche Gebiet ihrem Staate einzuverleiben; aber es war ihnen nicht gelun⸗ gen ihre Oberherrſchaft üͤber den nördlichen Diſtrikt hinaus auszudehnen. Die thätigen und kriegeriſchen Bewohner, der mildern und bergigten ſüdlichen Gegenden, unter denen ſich beſonders die Araucenier auszeichneten, ſchlu⸗ gen beſtändig die eindringenden Heere zurück, und hielten ihre Unabhängigkeit aufrecht. Im Jahre 1535 ward zuerſt Almagro von Pizzarro abgeſandt, um Chili zu ero⸗ bern; wegen der ausgebrochenen Unruhen wur⸗ de er indeß ſchnell wieder nach Peru zurück⸗ berufen, wo er im Kampfe gegen Pizzarro ſein Leben einbüßte. Im Jahre 1841 ward — 3— darauf Pedro de Valdivia, zu gleichem Zwecke abgeſandt; es gelang ihm, ſich den nörd⸗ lichen Theil! des Landes⸗ zununterwerfen, und noch in demſelben Jahre die Stadt Santiago zu begründen. Aber es koſtote ihn ſieben Jah⸗ re unheſchreibbarer Mühen und Beſchwerden, und beſtändiger⸗ Kämpfe mit den. kräftigen und tapfern Eingebornen, bevor er im Stande war, den ſuͤdlichen Theil dem eiſernen Scepter Spa⸗ niens zu unterwerfen. Wahrend dieſes langen und verzweiflungsvollen Widerſtandes gegen alle Schrecken der meuern Kriegskunſt, wurden die Be⸗ wohner Chili's⸗von dem⸗ Kaziken Aynaville be⸗ fehligt. Dieſes Oberhaupt ward aber von dem ſpaniſchen Feldherrn Valdivia zu Penco gefangen genommen, einer Stadt, welche der ſpaniſche Feldherr vergrößerte, und die er, indem der ihr den Namen la⸗ Concepcion beilegte, zu ſeiner Reſidenz erwählte. Die ganze Nation mußte ſich darauf nothgedrungen dem fremden Joche unterwerfen, und im Jah⸗ re 1548 ward der obenerwähnte ſpaniſche Feld⸗ herr von Don Pedro de la Gasca, dem Statthalter zu Peru, zum Adelantado oder Gouverneur von Chili ernannt. A 2 aam Laufe dieſes⸗Kampfes der Bewohner Chili's, begab es ſich nunmehr, daß der bejahrte Kazike, der kühnen, den Diſtrikt Arauco be⸗ wohnenden Horde von dem Uebergewicht der Spanier, in Ruckſicht ihrer kriegeriſchen Ge⸗ ſchicklichkeit und anderer Kenntniſſe, ſo ſehr er⸗ griffen ward, daß er ſich: angetrieben fühlte, ſich noch zwei Jahre vor der völligen Unter⸗ jochung ſeiner Landsleute, den fremden Ero⸗ berern freiwillig zu unterwerfen. Bei einem Beſuche, den er dem Valdiwia abſtattete, ſah dieſer Kazike, der ſich Pilian nannte, den damals ſchon hochbejahrten und ehrwurdigen Las Caſas, welcher in ſeinem menſchenfreund⸗ lichen Eifer den unglücklichen und unterdrückten Amerikanern nach ſeinen beſten Kräften Beiſtand zu leiſten, nach und nach jenes weitläufige Gebiet durchzog, deſſen vormals freie und glückliche Bewohner nunmehr zu Sklaven grauſamer Ge⸗ bieter hinabgeſunken waren. Den Lippen des frommen Las Caſas entſtrömte der reine Geiſt des Chriſtenthums in ſeiner ganzen Erhabenheit, in ſeiner ganzen Milde; und der indianiſche Krieger, von der Bewunderung der Weisheit civiliſirter Menſchen ohnehin ſchon erfüllt, ward “ von Las Caſas Beredſamkeit dergeſtalt hinge⸗ riſſen, daß er dem Don Pedro de Valdi⸗ via den jungen Lautaro, ſeinen einzigen Sohn⸗ einen damals kaum zwölfjährigen Knaben über⸗ gab, damit er die Kenntniſſe der Spanier er⸗ lernen und in ihrer Theligieis eujotzei werden M möge.* n 9 1 Pilian, welcher ſc) zu. alt⸗ Räuite, um n ſich auch ſeinerſeits noch jenen Neuerungen hinzu⸗ geben, kehrte nach Hauſe zurück, um dort zu ſterben, wo die Gebeine ſeiner Vorfahren ruh⸗ ten; und auch Las Caſas reiste ab, um in andern Gegenden ſeinen menſchenfreundlichenn Pflichten nachzuleben, oder um in dem Kloſter von Chiapa das Mißlingen ſeiner Bemühun⸗ gen zu beklagen. Weder in dem Feldlager Valdivia's, noch in dey ruhigeren Stadt' Santiago blieb Jemand zurück, der⸗ im Stan⸗ de geweſen wäre, ſeine Stelle zu erſetzen. Dern Adelantado behielt unterdeſſen den Knaben beit ſich, und ließ ihn faſt nicht von ſeiner Seiten kommen; ſo daß Lautaro, während er wie die jungen Spanier erzogen und dem Namen nach ein Chriſt ward, nur wenig auſſer der da⸗ mals üblichen Kriegskunſt lernte. In allen krie⸗ geriſchen Uebungen aber zeichnete er ſich bald vor ſeinen Gefährten aus, und raſtlos beob⸗ achtete er alle Bewegungen des Feldherrn mit einem ſo ſcharfen Auge, daß Valdiwia bald in ihm den künftigen Helden prophezeihte. Nachdem das Uebergewicht der ſpaniſchen Waffen die Ruhe in dem ganzen eroberten Lan⸗ de hergeſtellt hatte, lud Valdivia, welcher ſich ſeit Jahren des Beiſammenſeyns mit ſeiner Familie nur dann und wann, wenn er auf kur⸗ ze Zeit Santiago beſuchte, erfreut hatte⸗ 4 ſeine Gemahlin und ſeine Kinder ein, ſich zu ihm zu begeben. Donna Juanna de Val⸗ diyia folgte unverzüglich dieſer Aufforderung und hrachte ihre Kinder mit ſich: zwei Knaben, welche während Valdivia's Aufenthalt in Chili geboren waren, und eine Tochter, Flo⸗ rencia genannt, das einzige Kind, welches hatte, noch übrig war; ein liebliches Madchen, nur um zwei Jahre jünger, als der Kaziken⸗ Knabe Lautaro.— Von dieſer Zeit an be⸗ gleitete nunmehr Do nna J ugnna ihren Gat⸗ ten auf Reiſen durch die verſchiedenen Diſtrikte ſeines Gouvernements, und theilte mit ihm ihr von denen, die ſie aus Peru mitgebracht diejenigen Bequemlichkeiten, welche die indiani⸗ ſchen Dörfer, die ſie beſuchten, oder die Städ⸗ te darboten, die er, ſowohl zur Sicherheit der Spanier, als zur Verſchönerung des Landes durch ganz Chili erbauen ließ. Lautarp und Florencia waren demnach faſt beſtändig beiſammen; und bald theilte die junge, feurige Spanierin die Bewunderung, mit welcher ihre Familie auf den kühnen Kna⸗ ben ſchauete, an dem ſie mit Gewißheit der⸗ maleinſt eine Zierde des Landes, das ihn ge⸗ boren, ſo wie ein Stolz derjenigen, die ihn erzogen, zu ſchauen hoffte. Dieſes günſtige Ge⸗ fühl aber fand keine Erwiederung. Lautaro blickte, wie faſt die meiſten Knaben ſeinos Al⸗ ters, auf alle kleinen Mädchen mit Verachtung hinab. Mit Florencia ſpielen, hätte ſeiner Meinung nach, die männliche Wurde entehrt, nach der er ſtrebte, und wenn er gleich für ſie, als das Kind ſeines verehrten Beſchützers, einige Freundſchaft empfand, legte er dieſe doch auf keine, der Kleinen genügende Weiſe an den Tag. So war die Lage der Sachen, die indeß der Lauf der Zeit bald anders geſtatten ſollte. Als Florencia bas ſechzehnte Jahr erreicht hat⸗ te, beſaß ſie alle jene Reize; die ihre Landsmän⸗ ninnen auszeichnen; und der Jüngling von acht⸗ zehn Jahren ſchauete nunmehr auf ihr ausdrucks⸗ volles, ſchwarzes Auge, auf ihre dunkeln, vol⸗ . len Locken, und auf ihre unbeſchreibbar ſchöne Geſtalt mit ihm bisher unbekannten Gefühlen. Empfindungen, welche bald zu einer ſo hefti⸗ gen, feurigen Liebe reiften, wie ſie ſein leb⸗ hafter, ungezügelter Geiſt nur zu hegen ver⸗ mochte. Seine Leidenſchaft ward im vollen Maaße von Flovencia erwiedert; aber wenn gleich die zärtlichen Gefühle der beiden jungen Leute gegen einander mit jedem Tage, ja faſt mit jeder Stunde wuchſen, blieb ihnen dennoch die ganze Schüchternheit und Zrüizaltan den erſten Liebe eigen. Mit Regierungsgeſchaͤften überhäuft, und/ gefoltert von jener unerſättlichen Habſucht, wel⸗ che ſelbſt die glänzendſten Heldenthaten der Spa⸗ nier in Amerika verdunkelt, ſchien ſich Val⸗ divia nur wenig darum zu bekümmern, was in ſeinem Hauſe vorging; während Donna Juanna, welche faſt mit Abgötterei die Toch⸗ ter liebte, die ihr von ihren altern Kindern allein noch uͤbrig geblieben war, abſichtlich ein Auge zudrückte, weil ſie ſoliſt genöthigt gewe⸗ fen wäre, ihrer geliebten Slarandia Kummer 8 verurſachen. nunter ſolchen Umſtänden floß der Bach ih⸗ rer Liebe anfangs ſo ſtill dahin, daß er nur von ihnen und ihren Freunden bemerkt wurde, aber als auch endlich Lautaro's und Florencia's zärt⸗ lichen Gefühle für einander dem Adelantadeh bekannt wurden, ſchien er keineswegs geneigt, ſich denſelben zu widerſetzen. Wenn er anfangs nur mit Widerwillen an die Verbindung mit einem Indianer dachte, bot dennoch ſolche, nach reiflicher Ueberlegung, dem ehr⸗ und gold⸗ ſüchtigen Manne ſo mannigfache Vortheile dar, daß er dem liebenden Paare ſeine Einwilligung nicht länger vorenthielt. Der alte Pilian ward zur Hochzeitsfeier eingeladen, und nur ſeine Ankunft wurde noch erwartet, um die Hände der beiden jungen Leute in einander zn ſegen. Unterdeſſen verbreiteten ſich in der Stadt la Concepcion wunderbare Kunden von un⸗ ruhigen, aufrühreriſchen Bewegungen der Arau⸗ canier, und von Zuſammenkünften der ange⸗ ſehenſten Kaziken dieſes kriegeriſchen Volks. Don Pedro Valdivia, der faſt ausſchließlich damit beſchäftigt war, neue Goldgruben auf⸗ zuſuchen, oder Plane für künftige Größe ſeiner Familie zu entwerfen, und ſich überdem ouf die Verbindung ſeiner Tochter mit dem Sohne eines der angeſehenſten Oberhaͤupter des Lan⸗ des verließ, beobachtete indeß dieſe Nachrich⸗ ten als bloße, leere Gerüchte, welche durchaus keine Aufmerkſamkeit verdienten. Jene Kunden beſchäftigten ſeinen kuͤnftigen Eidam zwar etwas mehr, ſchienen aber doch eigentlich keinen tiefen Eindruck auf ihn zu ma⸗ chen. Von früher Jugend an von ſeinem Ge⸗ burtsorte und ſeinen wilden Landsleuten ge⸗ trennt, waren die Crinnerungen ſeiner Kind⸗ heit aus Lautaro's Seele faſt verſchwunden; unter den Spaniern aufgewachſen, wie ein Spa⸗ nier erzogen, hatte er wie ein Spanier denken und fuͤhlen gelernt. Auch nahm ſeine Liebe zu Flo⸗ rencia ſo ſehr ſeine ganze Seele ein, daß er jeden andern Gegenſtand auſſer ihr faſt mit Gleichgültigkeit betrachtete. Weit entfernt, in ſeinen Landsleuten die mit einem ſchweren Jo⸗ ce belaſteten Sklaven ihrer Unterdrücker zu —— ſchauen„erſchienen ihm Indianer und Spanier in einem und demſelben Lichte, in beiden ſah er nur die Unterthanen eines und deſſelben mächtigen Herrſchers; wobei es ihm indeß klar einleuchtete, daß die erſtern weit weniger ge⸗ bildet waren, als die Letzteren; und wenn er ſich dann und wann einem patriotiſchen Trau⸗ me hingab, geſchah es nur, um Pläne zu ent⸗ werfen, die Indianer auf eine höhere Stufe der Kultur zu bringen, und ſie ihren ſpaniſcen Brüdeun gleich zu ſtellenn Die Gerüchte, welche ſich in la Loneepe ciyn perbreitet hatten, erregten alſo bei Lau⸗ taro beſonders nur die Beſorgniß, daß die Spanier bei dieſer Gelegenheit vielleicht ihre Obergewalt nicht mit Mäßigung ausüben, und die Indianer nicht mit der von ihm gewünſch⸗ ten Nachſicht behandeln möchten. Er ging ei⸗ nige Tage etwas zerſtreut umher, und zeigte ſich ſeiner geliebten Florencia oft mit einer Wolke auf der Stirne, ein Umſtand, welcher ihren Stolz und ihre Liebe verletzte. Die Er⸗ klärung, welche ihre, an ihn in dieſer Rück⸗ ſicht gerichteten Fragen herbeiführten, war kei⸗ neswegs geeignet, jene Gefühle zu beſchwig⸗ NM — 122— tigen; ſie machte ihm lebhafte Vorwürfe, und fragte:„Wie kannſt Du, Lautaro, der Du ein Spaniér biſt, ſo warmen Mathoiln an jenen wilden Heiden nehmen?,„ e en , Es ſind meine Landsleute,“ antwortete der Jüngling.„Wenn mich gleich Erziehung und die Güte Deines Vaters, Florencia, weit über ſie erhob, bleibt es dennoch meine heili⸗ ge Pflicht, die armen, unwiſſenden Wilden zu be⸗ ſchützen, und über ſie zu wachen. Bin ich erſt Don Pedro's Eidam,“ fügte er hinzu, und ein ſeeliges Lächeln zeigte ſich auf ſeinem ſchö⸗ nen Antlitze,„will ich ihn bitten, mir die Sorge für die Indianer zu übertragen.“ Die Worte:„bin ich erſt Don Pedrons Eidam“ gaben dem Geſpräche der Liebenden ploͤtzlich eine andere Richtung, und wie gewöhn⸗ lich begannen ſie nun von ihren Herzensange⸗ legenheiten zu ſchwatzen. Bei einer andern Gelegenheit entgegnete indeß Lautaro auf die Vorſtellung ſeiner Ge⸗ liebten:„Ich hoffe, meine Florencia, daß die ſeltſame Leidenſchaft für Gold, die Dein Vater mit allen Spaniern zu theilen ſcheint, ihn nicht verführen werde, die ihm anvertrau⸗ +— te Gewalt zu überſchreiten und die armen In⸗ dianer noch mehr zu bedrücken.“ Florencia, deren Erziehung und Vorur⸗ theile ſie die Eingebornen des von den Spa⸗. niern eroberten Landes kaum als ihre Mitge⸗ ſchöpfe betrachten ließen, lachte über dieſe Be⸗ ſorgniß mehr, als daß ſie darüber gezürnt hät⸗ te. Unterdeſſen aber harrte Lautaro ſehn⸗ ſuchtsvoll der Ankunft ſeines Vaters entgegen, nicht nur, weil er dann mit ſeiner Florencia auf immer verbunden werden ſollte, ſondern auch weil ihm darnach verlangte, ſich mit dem alten Kaziken über den Gegenſtand zu bera⸗ then, der jetzt ſeine Seele zu beunruhigen begann. Statt des erwarteten Gaſtes aber kehrte der Offizier, welcher abgeſandt worden war, ihn einzuladen, mit der ſchwermuths⸗ vollen Kunde zurück, daß der Kazike Pilian verſtorben ſei. Der Offizier hatte ihn in⸗ deß noch lebend gefunden, und überbrachte die Einwilligung des Sterbenden zur Verbin⸗ dung der Liebenden, ſammt deſſen Wunſch, daß ſein Tod ihre Verbindung nicht verzögern möch⸗ te. Die Nachrichten aber, welche der Offtzier noch ferner von dem ſterbenden, gegen die Spa⸗ — 14— nier freundlich geſiunten Pilian erhalten hat⸗ te, verſcheuchten plötzlich jeden Gedanken an ei⸗ nenbaldige Hochzeitsfeier. Lautaro's Vater ſandte den Adelantado die Kunde, daß alle Kaziken von Arauca ſich verſammelt hätten, um ein Oberhaupt in der Empörung zu wäh⸗ len, welche ſie gegen die Unterdrückung, die ſie nicht länger ertragen zu können glaubten, beabſichtigten. Er forderte ihn auf, ſofort mit ſeiner ganzen Macht aufzubrechen, um der Sa⸗ che Einhalt zu thun, noch bevor die Aufrührer mit ihren kriegeriſchen Anſtalten fertig wären, und rieth ihm, in der Folge ſanftere Maas⸗ regeln anzuwenden, und ſich zu bemühen, ſich die Geſinnungen der kühnen Indlaner durch Milde geneigt zu machen. Dieſer Bericht ent⸗ riß Valdivia ſeiner bisherigen Gleichgültig⸗ keit. Er traf eilig jede Anſtalt zum Kriege, berief alle in Chili zerſtreuten Spanier unter ſeine Fahnen, und vermehrte ſeine Kriegsmacht durch alle Bewohner Chili's, auf deren Treue er ſich verlaſſen zu können glaubte. Er ver⸗ kündete dem liebenden Paare, wie es durchaus nothwendig ſei, daß ihn Lautaro auf dieſer Unternehmung begleite, damit er vor den Au⸗ gen des ganzen Heeres Beweiſe ſeiner Tapfer⸗ keit gäbe; nach erfolgter ſiegreicher Rückkehr verſprach er die Hande der Liebenden ſofort in ein⸗ ander zu legen. Jetzt eben ſo heftig, als un⸗ geduldig, als er bisher gleichgültig geweſen war, verließ er gleich darauf die Stadt la Concepceion mit der erſten kleinen Schaar die ſich um ihn geſammelt hatte, nachdem er zuvor ſeinen Lieutenant Don Francisco de Villagran geboten hatte, ihm mit einer gröſ⸗ ſern Anzahl von Kriegern zu folgen, ſo wie ſolche von den verſchiedenen Gegenden des Lan⸗ des angelangt ſeyn würden. Brauche ich wohl die Trennungsſcene der Liebenden zu beſchrei⸗ ben? Brauche ich wohl die Gefühle zu ſchil⸗ dern, die ſich ihrer bei dem Gedanken bemäch⸗ tigten, daß ihre ſo zuverläſſige Hoffnung auf eine baldige Vereinigung nun wenigſtens vor der Hand vereitelt worden war? O, nein, jeder fühlende Leſer wird ſich leicht ein Bild ihres tieſen Seelenſchmerzes entwerfen können. Wegen des Lebens ihres Geliebten, wegen der Gefahr, der er ſich ausſetzte, hegte indeß Flo⸗ rencia keine Beſorgniſſe, ſie war allzuſehr ei⸗ ne Spanierin, als daß ſie auf die Empörung lung nöthigt, ihren zapfern Geliebten in das Augenblick lang Muße zu gewinnen, über den 4 — 46— der Indianer anders, als mit Verachtung hätte ſchauen können. Sie hielt ſich überzeugt, der Aufruhr werde ſchuell geſtillt werden, und ſo war es denn durchaus nur Lautaro's Abwe⸗ ſenheit, was ihr Herz ſchmerzvoll bewegte. 27 Wir müſſen jetzt die Jungfrau ihrem Kum⸗ mer, ihrem ſehnſuchtsvollen Verlangen nach einer baldigen Beendigung des Kriegszuges und den Tröſtungen ihrer ſie liebenden Mutter überlaſſen, weil uns der Gang unſerer Erzäh⸗ — Feld zu begleiten. 15 Seit dem Anfang der kriegeriſchen Anſtalten war Lautaro zu ſehr mit dem Tode ſeines Vaters, mit der Trennung von ſeiner gelieh⸗ ten Florxencia beſchäftigt, um auch nur einen Zweck der Unternehmung nachzudenken, an der er jetzt Theil nehmen ſollte. In dieſem See⸗ lenzuſtande verließ er die Stadt, und folgte dem Adelantado auf ſeinem raſchen Zuge. 1 „ Don Pedro ging über den Fluß Biobio 1 und zog in Eilmärſchen durch den nördlichen Theil Ar guco's gegen eine Veſte, die er batte erbauen laſſen, um die unruhigen Arau⸗ co⸗ — 17— conier im Zaum zu halten. Durch die Beſaz⸗ zung derſelben wollte er ſein Heer verſtärken. Die kleine Schaar hatte bereits die letzte Bergkette erglimmt, nur ein einziges fruchtba⸗ res Thal trennte ſie noch von ihren Freunden in der Veſte, und ungeduldig ſpornten nun⸗ mehr die wohlberittenen Spanier ihre wiehern⸗ den Roſſe an, die indianiſche Infanterie hinter ſich zurücklaſſend. Da zog plötzlich eine dicke „Rauchwolke, welche in den blauen, wolkenlo⸗ ſen Himmel hoch hinauf wirbelte, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. Mancher Spanier rich⸗ tete jetzt einen fragenden Blick auf ſeinen Ka⸗ meraden, keiner aber wagte der Beſorgniß Worte zu geben, die ſich faſt Aller zu bemäch⸗ tigen begann, während Valdivia ſeinen Ren⸗ ner zu noch größerer Eile antrieb. Lautaro, den der Feldherr zu ſeinem Adjudanten ernannt hatte, ſpornte ſein Roß ebenfalls an, ohne daß ihm indeß die Urſache der allgemeinen Be⸗ ſorgniß aufgefallen wäre. So raſch dahin ſpren⸗ gend, befanden ſie ſich nach wenigen Augenblik⸗ ken am Eingange des Thales, das nunmehr offen vor ihnen dalag, und in welchem, wie ſie ſich jetzt überzeugten, die Arauconier den B — 18— ſtaͤrkſten Theil ihrer Kriegsmacht aufgeſtellt hat⸗ ten. Keine Veſte aber, keine ſpaniſche Fahne trat, Troſt gewährend, ihren Blicken entge⸗ gen. Die Stätte, wo jene geſtanden, war nur noch mit rauchenden Ruinen bedeckt, und ſo weit ihr Auge zu ſchauen vermochte, ge⸗ wahrte es nur bewaffnete Wilde.— Wie vom Zlitz getroffen, hielt Valdivia einen Augenblick lang daz ſchnell aber ſchüttelte er mit der ihm eigenthümlichen Unerſchrocken⸗ heit ſeine Beſtürzung von ſich ab, und gebot ſeinem Adjudanten zurückzuſprengen, und die indianiſche Infanterie ſo ſchnell als nur immer möglich, heran zu führen. Lautaro, welcher ebenfalls durch den Anblick, der ſich ſeinen Au⸗ gen dargeboten, zu der Ueberzeugung geführt worden war, daß hier augenblickliche Thätigkeit durchaus nothwendig ſei, flog ſo ſchnell, als ihn ſein Gaul nur fortzutragen vermochte, von dannen, um den erhaltenen Befehl auszurich⸗ ten. Auch gelang es ihm, die ſchnellfüſſigen Indianer unverzüglich herbei zu ſchaffen, und kampfbegierig ſtanden nunmehr beide Heere einander gegenüber. Den Arauconiern, welche die Veſte überrumpelt hatten, leuchtete jetzt, „— — — 19— als ſie die ſpaniſchen Truppen vor ſich gewahr⸗ ten, das Gefährliche ihres Unternehmens ein; ſie wagten es nicht, ſogleich anzugreifen, und ſo ward Don Pedro's Wunſch, den Kampf mit ihnen zu vermeiden, bis ſeine ganz e Macht zuſammen ſeyn würde, erfüllt. Kaum aber hatte ſich ſeine ſpaniſche Kavallerie mit ſeiner Infanterie vereinigt, als er auch unverzüglich das Signal zum Angriff gab und raſch, vor⸗ rückte. Mit einem wilden Feldgeſchrei ſtürm⸗ ten ihnen die Inſurgenten entgegen, und ein blutiger Kampf begann nunmehr». deſſen Schrek⸗ ken wir nicht ſchildern, ſondern ruͤckſichtlich deſ⸗ ſen wir uns begnügen wollen, zu berichten, daß die ſpaniſchen Geſchoſſe und der höhere Standpunkt ihrer Kriegskunſt auch diesmal über die Tapferkeit der Indianer ſi ſiegte, ſo ſehr dieſe Letzteren auch in Anzahl ihren Feinden überle⸗ gen waren. Sie wurden geſchlagen, und ſchick⸗ ten ſich, trotz der ermuthigenden Worte ihres Heerführers, des kühnen Caupo lic an, ſchon zur Flucht an, als plötzlich ein ganz unerwar⸗ teter Vorfall die Lage der Dinge veränderte. Lautaro war, wie wir bereits unſern freundlichen Leſern mitgetheilt haben, während B 2 — 20— der letzten Tage mit dem Tode ſeines Vaters und mit der Trennung von ſeiner Geliebten allzuſehr beſchäftigt geweſen, als daß er über das Verhaͤltniß der Spanier mit ſeinen Lands⸗ 1 leuten haͤtte nachdenken können. Der Anblick der in Trümmern daliegenden Veſte, hatte ihn zuerſt wieder zum klaren Bewußtſein zurückge⸗ rufen. Aber er hatte mit den Gefühlen eines Spaniers auf die rauchende Ruine geſchaut, und während ex zurück zu der indiſchen In⸗ fanterie ſprengte⸗ ſo wie im Anfange des Kam⸗ pfes keinen andern Gedan ken genährt, als den, nach ſeinen möglichſten Kräften dazu beizutra⸗ gen, daß ſich der Sieg auf die von ſeinem künftigen Schwiegervater befehligte kleine Hel⸗ denſchaar lenke. Nach und nach aber ward ſei⸗ ne Aufmerkſamkeit auf den nicht zu beugenden Muth, auf die unerſchütterliche Tapferkeit der im Vergleich zu den Spaniern nur ſchlecht be⸗ waffneten Arauconier gezogen. Unwillkührlich ſtahl ſich eine innige Theilnahme an ihrem Schick⸗ ſale in ſeine Seele; Erinnerungen aus ſeiner Kindheit erſtiegen in ſeinem Innern. Der Ge⸗ danke, daß er ſelbſt dazu beitrage, ſeine Lands⸗ leute zu unterdrücken; ihre ſchmachvolle, un⸗ — 21— gluͤckliche Lage begann mit Centnerlaſt fein Herz zu beſchweren, und wenn er gleich noch forts fuhr, ſeins Obliegenheiten als Adjudant zu er⸗ füllen, war dennoch der Eifer, mit dem er denſelben im Anfange des Kampfes nachgekom⸗ men und wodurch er ſich das laute Lob Don Valdivia's erworben, plötzlich erkaltet. Mit jedem Augenblick wurden ſeine Eofßne dungen fuͤr die Spanier eiſiger und froſtiger⸗ und als er nun endlich gewahrte, wie ſich ſei⸗ ne geſchlagenen Landsleute zur ſchmachvollen Flucht anſchickten, packte ihn das Gefühl der Vaterlandsliebe dergeſtalt, daß er in dieſem Moment ſelbſt ſeiner geliebten Floreneia nicht gedachte. Er brach aus ſeiner Reihe her⸗ vor, ſprengte mit Flugesſchnelle unter die er⸗ ſchrockenen Araueonier, und rief mit lauter Stimme, zu ihnen gewandt, in ſeiner Landes⸗ ſprache, in jenor Sprache, die er feit Johren kaſt⸗ vergeſſen hatte: m In „Halt! halt! meine Lordsteuee, wollt Ihr alles wieder verlieren, wofür„Ihr ſo helden⸗ müthig gekämpft habt? wollt Ihr Euern Na⸗ men durch eine ſchmachvolle Flucht beflecken 2 Folgt mirg ich, der Eure Unterdrücker kennt, will Euch lehren, ſie zu beſtegen! Dieſe ſei⸗ ne Worte wirkten wie mit Zaubergewalt; die Arauconier hielten mit der Flucht inne, und ſchickten ſich neuerdings zum muthigen Wider⸗ ſtande an. Caupolican, ihr Heerführer⸗ vereinigte ſich mit dem ihm ſo plötzlich und un⸗ erwartetey Weiſe gewordenen Bundesgenoſſen⸗ um ſeinen Kriegern Muth einzuſprechen, und gleich blutgierigen Tiegern warfen ſie ſich nunmohr wieder auf den Feind. Lautaro leitete ihre Bewegungen, und erfocht nach einem mörderi⸗ ſchen Kampfe endlich einen ſo vollkommenen Sieg, daß der ganze Boden mit blutenden Spa⸗ niern und deren indianiſchen Bundesgenoſſen bedeckt war. Der Adelantado ward zum Ge⸗ fangenen gemacht, und nur einige wenige In⸗ digner entkamen, um die Hiohsbotſchaft nach der Stadt la Congepcion zu überbringen. Von dem Augenblicke an, in welchem Lau⸗ 1 taro ſeine bis dahin ſiegreichen ſpaniſchen Freun⸗ de verließ, war zhm kein Augenblick Muſe ge⸗ blieben, über das Opfer nachzudenken, welches er ſeinem patriptiſchen Gefühle gebracht hatte. Noch hielt er ſein blutbeflecktes Schwert in der Hand, noch glühte ſeine Wangevon der An⸗ ſtrengung des Kampfes, als ſich Caupolican ihm näherte, ihm ſeine innige Dankbarkeit äuſ⸗ ſerte, und nach den Beweggründen fragte, wel⸗ che den jungen Kaziken veranlaßt hätten, die⸗ ſen Schritt nicht fruͤher zu thun. Lautaro gab ihm eine freimüthige Antwort, noch im⸗ mer aber waren ſeine Gedanken faſt auſſer Stande, ſich mit irgend etwas zu beſchäftigen, was ſich vor der ſo eben ſtattgehabten Schlacht zugetragen. Unterdeſſen kehrten auch die übri⸗ gen Kaziken von ihrer blutigen Arbeit zurück, und von ihren Kriegern gefolgt, umreiheten ſie nunmehr die beiden tapfern Anführer. Caupolican erfaßte die Hand ſeines neu⸗ en Verbündeten, ſtellte ihn der verſammelten Menge als den Sohn und Erben des verſtor⸗ benen Pilian vor, und forderte ſie auf, dem⸗ jenigen ihre innige Dankbarkeit zu bezeigen, der allein ihnen den ruhmvollen Sieg verſchaffte, der allein Urſache geworden, daß ſie ihren Namen nicht durch eine ſchmachvolle Flucht entehrten. Der Name Lautarpd ſtieg nunmehr auf einem tauſendfach wiederholten Jubelgeſchrei zum Him⸗ mel empor, und während die Bruſt des jungen Helden noch von dem freudigen Gefuͤhl, ſich den Beifall und die Bewunderung ſeiner Lands⸗ leute erworben, und ihnen einen wichtigen Dienſt geleiſtet zu haben, erfüllt war, trug ihm Cau⸗ polican die Unterbefehlshaberſtelle an, erklä⸗ rend, er ſolle fortan im Heere nach ihm der Erſte ſeyn. Von patriotiſchen Empfindungen begeiſtert, nahm Lautaro dieſen Antrag an⸗ und ſagte auf immerdar ſeinen Dienſt ſeinen unterdrückten Landsleuten zu. Neuerdings er⸗ ſchallte das Jubelgeſchrei der Menge, und Lau⸗ tary erfreute ſich deſſen, was er gethan. Un⸗ terdeſſen hatten ſich die Kaziken noch enger um ihren Feldherrn gereiht, derſelbe gebot nun⸗ mehr den Gefangenen herbeizuführen, und we⸗ nige Augenblicke darauf ward Don Pedro⸗ de Valdivia in den Kreis geſchleppt. Bei ſeinem Anblick bebte Lautaro furchtbar zu⸗ ſammen, und das entſetzliche ſeiner Lage trat ihm plötzlich mit grauenvoller Klarheit vor die Seele. Der ſtolze Spanier richtete auf den, welchen er erzogen und zu ſeinem Eidam er⸗ kohren, und der zum Dank dafür jetzt ſei⸗ nen Untergang herbeigeführt hatte, nur einen einzigen verachtungsvollen Blick, dann wand⸗ te er ſich zum Caupolican: — —— — 24— „Die Perrätherei eines Menſchen, dem ich allzuſehr vertrauete,“ ſprach er,„hat Dir, Heerführer der Arauconier, einen augenblickli⸗ chen Sieg verliehen; laß Dich aber ja nicht, durch den, Dir durch ſchwarzen Verrath zuge⸗ fallenen Vortheil, noch durch den Umſtand, daß ich jetzt in Deiner Gewalt bin, zu trügeriſchen Hoffnungen verleiten. Die ganze Kriegsmacht des ſpaniſchen Amerika's iſt bereits gegen Dich und die Deinigen im Anzuge. Beharrt Ihr in Eurer thörigtem Empörung, ſo werdet Ihr dem Untergange nicht entgehen. Gebt demnach der Klugheit Gehör, und benutzt Euern augen⸗ blicklichen Sieg, die Bedingungen anzunehmen, die ich Euch anzubieten habe.“ Er machte darauf Friedensporſchläge, welche die Lage der Indianer, falls ſie ſolche angenommen hätten, bedeutend verbeſſert haben würden. Der Heer⸗ führer horchte der Rede des ſpaniſchen Feldherrn mit ſchweigender Aufmerkſamkeit zu, und warf, bevor er etwas darauf erwiederte, einen Blick rund um ſich her, gleichſam als wollte er in den Geſichtern der verſammelten Kaziken die Geſinnungen derſelben erſpähen. Aber noch bevor irgend einer das Wort nehmen konnte, ſprang Lautaro herzu, und flehte mit aller der Beredſamkeit, die ihm das Gefühl ſeiner That und ſein eigenes Intereſſe in der Sache einflößten, den Heerführer, die übrigen Kazi⸗ ken und die ſie umgebenden Krieger mit lauter, uͤberall hin vernehmbarer Stimme an, doch ja, falls ſie auf den von ihm geleiſteten Dienſt wirklich einigen Werth ſetzten, falls ſie in der That die Abſicht hätten, ihn dafür zu beloh⸗ nen, die von dem edlen Adelantado vorgeſihla⸗ genen Bedingungen anzunehmen. „Geſtattet mir,“ fuhr er mit ſteigendem Feuer fort,„geſtattet mir, mich als ein ge⸗ ſegnetes Werkzeug zu betrachten, das erkohren worden, meine Landsleute von drückender Schmach zu befreien, ohne die Rechte derer anzugrei⸗ fen, denen ich alles verdanke, was ich bin. Wenn Ihr das Andenken meines Vaters ehrt, wenn Ihr irgend eine Achtung für mich hegt, v, ſo erſpart mir, ich beſchwöre Euch darum, die bittere Nothwendigkeit, ein Band zu bre⸗ chen, faſt eben ſo heilig, als dasjenige, wel⸗ ches mich an Euch, an mein Geburtsland feſ⸗ felt!⸗⸗ Die Sprache wahrhafter Begeiſterung ver⸗ 7 — fehlt nur ſelten ihre Wirkung. Caupolican blickte mit einem Ausdruck der Freundlichkeit auf den feurigen Redner. Valdivia's ſtolze Verachtung ſchien zu ſchwinden, ja viele der Kaziken waren augenſcheinlich gerührt, und ein beifälliges Gemurmel erhob ſich unter der Men⸗ e. Da aber wurden alle Vorſtellungen und jede Berathung der Verſammlung plötzlich über⸗ flüſſig gemacht. Leocato, ein ſchon ziemlich bejahrter Kazike, dabei aber ein Rieſe von Ge⸗ ſtalt, und noch immer mit rieſiger Kraft be⸗ gabt, ſtürzte mit Blitzesſchnelle in den Kreis. „Ein Krieg gegen tyranniſche Unterdrücker, rief er,„kann nur ein Krieg der Verwuüſtung ſeyn, 6 und noch bevor Jemand ihm Einhalt zu thun vermochte, ſchwang er ſeine furchtbare Keulé, und führte damit einen ſo gewaltigen Streich nach Don Pedro de Valdisia⸗ daß derſelbe todt zu Boden fank. Gleich der Löwin, der man ihre Jungen geraubt hat, ſtürzte ſich Lautaro auf den Mörder; kam er zu ſpät, um den Schlag auf⸗ zuhalten, war er dafür deſto ſchneller bei der Hand, die Mordthat zu rächen. Noch hatte Leocato ſeine Keule nicht wieder empor ge⸗ hoben, als er auch ſchon Lautaro's Schwert in ſeinem Herzen fühlte, und leblos leben ſei nem Opfer zu Boden ſank. Die Verwirrung ward jetzt allgemein. Die Freunde und Verwandten des erſchlagenen Leo⸗ cato ſchrieen wüthend auf, und wollte den Tod des Kaziken rächen, während ſich viele an⸗ dere Stimmen zur Vertheidigung der Shut Lautarvo's erhoben. 45 Von allen Seiten her ertoͤnte Waffengelirr faß man Lanzen ſchwingen und Bogen ſpannen, während der Gegenſtand des Tumults, auf ſein entblößtes Schwert geſtützt, ruhig neben den Leichnamen ſeines Freundes und ſeines Feindes ſtand. Aber noch bevor neuerdings ein Schlag geführt, noch bevor Blut vergoſ⸗ ſen werden konnte, drängte ſich Caupplican durch die tobende Schaar, ſtellte ſich neben ſeinen Unterbefehlshaber und den beiden tod⸗ ten Korpern, und ſprach mit lauter, gebieten⸗ der Stimme: „Der erſchlagene Kazike Lepoato war mein Anverwandter, wer wagt das Recht, ihn zu rächen, mir zu entreiſfen?“ Der Redner war allgemein geehrt, alle hats — 17 — 12 = 29— ten ihm Gehorſam geſchworen. Bei ſeinen Worten neigten ſich alle gehobenen Waffen, und alle harrten des Urtheil sſpruches ihres Heerführers. Jetzt erhob Lautaro zum er⸗ ſtenmale ſein Auge von dem Leichnam deſſen, der ſeiner geliebten Florencia das Daſein gegeben, um es auf den zu richten, rückſichtlich deſſen er noch nicht wußte, ob er ihn als ſei⸗ nen Freund oder als ſeinen Feind zu betrach⸗ ten habe. Er ſprach indeß kein Wort, und ſo fuhr Caupolican fort:. „„Der junge Kazike hat ſein Leben ver⸗ wirkt, weil er mit gewaltthätiger Hand mei⸗ nen Verwandten Leocato, erſchlug. Lepca⸗ to aber hat ſich eben ſo ſehr gegen die Ge⸗ ſetze unſers Landes vergangen, indem er einen wehrloſen Mann ermordete, und dadurch den verſammelten Kaziken die Macht raubte, über das Schickſal des Gefangenen nach ihrem Gut⸗ dünken zu entſcheiden. Er hat demnach ſein Vaterland beleidigt, während daſſelbe dem Lau⸗ tarp den ſo eben erfochtenen Sieg und alle ſeine künftigen Hoffnungen verdankt. Ich, als der nächſte Anverwandte des Erſchlagenen, ver⸗ zeihe demnach dem Lautgro ſein Vergehen. 277 Einige wenige Freunde des Kaziken murr⸗ ten zwar ob dieſes Ausſpruchs, aber ihre Stimmen gingen unter in dem lauten Beifalls⸗ ruf der Menge. Lautaro neigte ſein Haupt und ſenkte ſein Schwert wieder in die Schei⸗ de. Da der Tod Don Valdivias jede wei⸗ tere Berathung üͤberflüſſig machte, ließ ſich darauf die Verſammlung zum Siegesmahle nie⸗ der, wobet das bei ſolchen Gelegenheiten in Ehili gebräuchliche, berauſchende Getränk nicht geſpart wurde. Lautaro, als der Held des Tages, ward dringend aufgefordert ſich den Uebrigen anzureihen. Er wollte indeß davon durchaus nichts hören, ſondern drückte die har⸗ te Hand des Heerfuhrers und ſprach, indem er auf die Leiche Don Valdivias deutete. „Der da war mein theuerſter Freund— ſeine Tochter war die mir verlobte Braut.“ Dieſe wenigen Worte wirkten mächtig auf den gefühlvollen Indianer, er drückte dem un⸗ glücklichen Sieger ſchweigend die Hand, und überließ ihn der Einſamkeit. Die Kaziken ga⸗ ben ſich nunmehr wilder, ſiegestrunkener Freu⸗ de hin, während ſich der, dem ſie allein ihren Sieg verdankten, fern von ſeinen Kampfge⸗ —— —— noſſen verzweiflungsvoll auf ein Felsſtück nie⸗ derwarf, und ſich ganz ſeinem Schmerze hinzu⸗ geben. Wenn er daran dachte wie ſo plötzlich alle ſeine Hoffnungen vernichtet worden, wenn er ſich den Kummer ſchilderte, welcher ſich Florencia's bemächtigen würde, wenn ſie er⸗ führe, daß ihr Geliebter die Niederlage ihrer Landsleute und den Tod ihres Vaters herbei⸗ geführt habe, wollte er vor Gram vergehen; und kaum waren ſeine Seelenſtärke und ſein Patriotismus im Stande ihn aufrecht zu er⸗ halten. Endlich erregte indeß der Gedanke, daß er ja ſelbſt den Mord Valdivias gerächt habe, bei ihm die ſchwache Hoffnung, daß Florenria ihm verzeihen, ja vielleicht wohl uoch gar die Sei⸗ nige werden könne. Er nahm ſeine ganze See⸗ lenkraft zuſammen und erhob ſich, entſchloſſen, muthig das Schickſal zu tragen, das er ſelbſt über ſich herbeigerufen hatte, und das einmal Begonnene wie ein Mann zu vollenden. „Wenn Araucos Freiheit erkämpft,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wenn der Friede mit Spa⸗ nien hergeſtellt iſt, dann erſt iſt es Zeit an mein eignes Glück zu denken. Sollte ich Flo⸗ — 32— rencia dann unerbittlich finden, habe ich keine Pflicht mehr die mich an das Leben feſſelt.“ Mit dieſen Worten trat Lautaro wieder zu ſeinen Kampfgenoſſen, und wenn er gleich kei⸗ nen Antheil an ihrem Feſtgelage nahm, konnte doch fortan niemand eine Wolke auf ſeiner Stirn, noch überhaupt in ſeinem Benehmet die Abſicht gewahren, ſich von ſeinen lWaſſen⸗ brüdern entfernt zu halten. Es iſt nicht der Zweck dieſer Erzählung Berichte von Schlachten zu liefern, und nach⸗ dem ich alſo nur ganz kürzlich erwähne wie Lautaro von nun an mit ſtets ſiegreichen Waf⸗ fen durch das Land zog und die Veſten der Spanier eroberte, führe ich meine theilneh⸗ menden Leſer nach der Stadt la Concepeion zurück, um ihnen von dem Schickſale der un⸗ glücklichen Florencia Kunde zu geben. Die hochgeſinnte Jungfrau hatte, wie wir bereits erzählten, auch nicht einen Augenblick lang dem Gedanken Raum gegeben, daß ihr Pater oder ihr Geliebter in der Bekämpfung einiger wilder Barbaren irgend einer bedeu⸗ tenden Gefahr ausgeſetzt werden könne. Sie hatte demnach nur über die Trennung von Lau⸗ —— Lautaro getrauert, und harrte ſehnſuchtsvoll auf Kunde von ihm und auf die Rückkehr ih⸗ rer Theuren, als die wenigen flüchtigen In⸗ dianer mit der Nachricht anlangten, daß ihr Geliebter zu dem Feinde übergegangen ſei, und ſo die Niederlage der Spanier und die Er⸗ mordung des Don Pedro veraulaßt habe. Dieſe letztere Begebenheit hatten ſie aus ei⸗ nem unfernen Gebüſche mit angeſchauet, in welchem ſie ſich den Tag über verborgen hiel⸗ ten, und von wo aus ſie dann, von der Fin⸗ ſterniß der Nacht begünſtigt, ihre Flucht fort⸗ ſetzten. Die Entfernung des Orts und die nachtheilige Meinung, welche die Indtaner jetzt gegen denjenigen hegten, der den Tod ihrer Bun⸗ desgenoſſen veranlaßt hatte, machten übrigens, daß ſie jene Begebenheit mit keineswegs treuen Farben ſchilderten. Sie hatten geſehen, wie Lautaro mit gezücktem Schwerte nach der telle hinſtürzte, wo der wehrlofe Gefangene geſtanden, gerade in dem Angenblicke, wo Lev⸗ cato ſeine Keule gegen denſelben erhob, und⸗ ſo verſicherten ſie denn einſtimmig, daß es der Erſtere geweſen ſei, der den ſpaniſchen Heer⸗ führer ermordet habe. Dieſe Schreckenskunde C verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle durch die ganze Stadt, und überall vernahm man nichts als Wehklagen über die in dem Kampfe Ge⸗ fallenen, oder Flüche, die da herabgerufen wurden auf das Haupt des verrätheriſchen Lautaro's. Don Francesco de Villa⸗ gran, allzuſehr mit den Anſtalten beſchäftigt, welche der Augenblick nothwendig machte, ſand⸗ te ſeine Tochter ab, um die Trauerkunde ſo ſchonend als möglich den beiden Frauen mitzu⸗ theilen, denen ſie am meiſten anging. Seine Sorgfalt aber kam zu ſpät, der Schreckensbe⸗ richt war bereits bis zu ihnen gelangt, und Donna Mencia de Villagran fand ſie dem qualvollſten Schmerze Preis gegeben. Sie unterlagen indeß demſelben nicht. Die Ver⸗ zweiflung der Tochter überzeugte die Mutter von der Nothwendigkeit, ihren Gram zu be⸗ meiſtern, und Florencia fand einige Erleichte⸗ rung, wenn gleich keine Ruhe, in der Behaup⸗ tung, daß ihr Geliebter eine ſolche That un⸗ möglich begangen haben könne. Sie verſicher⸗ te, ſie ſei überzeugt, daß er und ihr Vater entweder in der Schlacht gefallen oder gefan⸗- gen genommen, und ſpäterhin ermordet wor⸗ — 35—. den waren, und daß die zurüͤckgekehrten In⸗ dianer die gebliebenen Helden nur zu verläum⸗ den ſuchten, um ihre eigene Feigherzigkeit zu entſchuldigen. Ihre ſie zärtlich liebende Mut⸗ ter war die Einzige, die ſie von dieſer ihrer Meinung überzeugen konnte, der Ernſt aber, womit ſie dieſelbe vertheidigte, und das eifri⸗ ge Bemühen, das Andenken ihres geliebten Lautaro von jedem Flecken zu reinigen, hiel⸗ ten ſie in ihrer traurigen Lage beſſer aufrecht, als es aller Wahrſcheinlichkeit nach mit noch ſo⸗ großer Beredſamkeit vorgetragene Vernunft⸗ gründe gethan haben würden. In dieſem See⸗ lenzuſtande verlangte ſie begreiflicher Weiſe noch mehr als die übrigen Bewohner der Stadt nach der Beſtrafung der Rebellen, nach dem Tode der Mörder ihrer Theuren, und als nun Villagran mit einem weit größeren Heere, als ihr Vater in das Feld geführt hatte, auf⸗ brach, wollte ſie Zeuge des Ausmarſches ſeyn, um durch ihre Gegenwart und ihre Worte die Krieger zu noch größerem Eifer anzufeuern. Da aber drängte der Gedanke, daß der Feldherr und die ſämmtlichen Truppen Lau⸗ taro für ſchuldig hielten, ſich ihr plötzlich auf, . E2 — 38— und den ſchmerzvollſten Gefühlen preisgegeben, ſank ſie zurück auf ihr Lager. 2 Florencia blieb indeß nicht lange in der angſtvollen Ungeduld, mit welchem ſie Kunde von dem vorrückenden Heere erwartete, denn die Arauconier waren in raſchen Märſchen nordwärts gezogen den Spaniern entgegen, von deren Bewegungen ſie die verläſſigſten Nachrichten hatten; und bald ſtanden demnach die feindlichen Schaaren einander gegenüber. Lautaro hatte ſeine Heere in einer bergig⸗ ten Gegend aufgeſtellt, wo die Spanier ihre Reiterei nicht benutzen konnten, welche ihnen im Allgemeinen über die Eingebornen einen noch größeren Vortheil als ihre Feuerwaffen gewährte. Daß er hier ſeine Stellung genom⸗ men hatte, ſicherte dem ſcharfſinnigen Lauta⸗ ro den Sieg zu. Die Niederlage der Spa⸗ nier war vollkommen, viele von ihnen nebſt einer großen Anzahl ihver indianiſchen Bun⸗ desgenoſſen wurden getödtet, und mehrere mit Pferden beſpannte Artillerieſtücke fielen den Feinden in die Hände. Die wenigen Indianer, welche dem Gemetzel entkamen, flohen wie ſcheues Wild, auseinander getrieben nach allen Seiten hin. Während die Spanier, die ſich gerettet hatten, Don Francesco de Vil⸗ lagran mit eingerechnet, ſich auch nicht einen Augenblick lang Raſt gönnten, bis ſie la Con⸗ cepcions ſchutzgewährende Mauern wieder erreicht hatten. Die Ankunft dieſer Flucht⸗ linge verbzgitete Schrecken durch die ganze Stadt. Der Tumult war jetzt noch größer als das erſtemal, und mit Flügelſchnelle ge⸗ langte demnach zu der unglücklichen Florencia die Kunde, daß Lautaro an der Spitze ei⸗ nes zahlreichen Heeres gegen die Stadt la Concepcion heranrücke. Von dieſer Nach⸗ richt beinahe bis zum Wahnſinne getrieben, ſtürzte ſie rückſichtslos gegen jede Förmlichkeit in den Saal, in welchem ſich Villagran mit ſeinen vorzüglichſten Räthen verſammelt hatte, um ſich mit ihnen über die unter den vbwaltenden Umſtänden zu nehmenden Maßre⸗ geln zu berathſchlagen. „Sagt mir Villagran,“ rief ſie mit großer Heftigkeit,„o ſagt mir, um die Barm⸗ herzigkeit des Ewigen willen, iſt die furchtba⸗ re Kunde wahr, o ſprecht, ſprecht, iſt ſie ge⸗ gründet?2ο — 38— Sie hielt inne, unfähig auch nur noch ein einziges Wörtchen hinzuzufügen, Don Fran⸗ cesco blickte mit einem Ausdruck des innig⸗ ſten Mitleids auf die Beklagenswerthe. „Jene Nachricht, Donna Florencia,“ entgegnete er,„iſt nur allzu gegründet. Ich ſelbſt erkannte mit dieſen meinen beiden Augen in dem Heerführer der Arauconier den Kaziken Lautaro. Er ſchlug uns, er, er verfolgt uns. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren, ſoll ſeinem weitern Vorrücken Einhalt gethan wer⸗ den; ſeine ſpaniſche Erziehung macht ihn zu unſerem furchtbaren Gegner.“ So ſprechend, winkte er der Unglücklichen ſich hinweg zu be⸗ geben, und wandte ſich dann wieder zu ſeinen Räthen. Sein Wink aber und ſeine letzten Worte, waren für Florencia verloren gegan⸗ gen, ſo ſehr hatte ſie der erſte Theil ſeiner Rede mit Entſetzen erfüllt. Lautaro, der lebende Lautaro an der Spitze des feindlichen Heeres, was konnte er anders ſeyn, als ein treuloſer Verräather an den Ihrigen, als ein Abtrünniger vom wahren Glauben, als der Mörder ihres Vaters; ihr Gehirn ſchien unfä⸗ hig dieſe furchtbare Ueberzeugung aufzuneh⸗ —— men, und regungslos, einer Statue gleich, ſtand ſie da, bis Villagran einigen Die⸗ nern gebot, ſie nach ihrer Wohnung zu gelei⸗ ten und ſi ie der Sorge ihrer Mutter; zu über⸗ geben. 159 Florencia ward auf ihr Lager gehrachts auf welchem ſie ſich mehrere Stunden lang in einem völlig bewußtloſen Zuſtande befand, wo⸗ bei dann und wann heftige Krämpfe ihren ganzen Körper auf das furchtbarſte erſchütter⸗ ten. Sie war gänzlich gefühllos, ſowohl für ihren eigenen Kummer wie für die kriegeri⸗ ſchen Unruhen die rund um ſie her mit jedem Augenblicke zunahmen. Endlich ſchien ſie in⸗ deß, von dem ſtets wachſenden Laͤrm, aus ih⸗ rer Bewußtloſigkeit geweckt. Sie fuhr veftig empor, und blickte wild um ſich. t.In. „Wo bin ich,“ rief ſie,„was ühat das al⸗ les zu bedeuten?“— 14 Ihre Mutter erfaßte zärtlich ihre Hand; aber noch bevor ſie Worte finden konnte, ihr ungluͤckliches Kind mit dem was vorging, be⸗ kannt zu machen, entzog ihr Florencia die Hand wieder und rief, indem ſie in Thränen ausbrach: „Ich weiß es ja ſchon, es iſt alles wahr, leider nur allzu wahr!“ „Florencia, meine theure Tochter, be⸗ ruhige Dich,“ flehte die Mutter, indem ſie das geliebte Kind mit ihren Armen umſchlang. Die Unglückliche ruhte einige Augenblicke lang ſchwei⸗ gend an der mütterlichen Bruſt, dann fuhr ſie neuerdings heftig empor. „Ja, ja, gemordeter Vater, du ſollſt ge⸗ rächt werden,“ rief ſie, und ſich gleichſam, als wolle ſie ihre zerſtreueten Gedanken ordnen mit der Hand über die Stirn fahrend, fügte ſie hinzu,„aber wie iſt mir denn, kehrte nicht Villagran heim, delhline, mit Schmach be⸗ laſtet? „So iſt es leider, mein theures Kind,“⸗ ſeufzte die Mutter, man befürchtet einen bal⸗ digen Angriff und alles ſchickt ſich demnach an die Stadt zu verlaſſen. Fühlſt Du Dich kräf⸗ tig genug Dich den Flüchtlingen anzuſchlieſ⸗ fen?⸗ „Fliehen, neuerdings wollen ſie fliehen?⸗ rief Florencia, und raſch ſprang ſie von ihrem Lager empor und feurig flammte ihr ſpaniſches Auge.„Wie, eine Horde von Barbaren ver⸗ ——* —— 2* —* — 41— mag ſie in die Flucht zu treiben? nimmer⸗ mehr!“— Und feurigen Muthes alle ihre Kräfte zuſammen nehmend, ſtürzte ſie, nicht achtend der Bitten und Vorſtellungen ihrer Mutter, uneingedenk der Sitte, welche den ſpaniſchen Jungfrauen die ſtrengſte Zurückgezo⸗ genheit gebietet aus dem Hauſe, hinab unter die Menſchenmenge, welche ſich eben anſchickte in flüchtiger Eile den Weg von la Concep⸗ cion nach Santiago anzutreten. Hier entſtrömten ihrem beredeten Munde nunmehr, Vorwürfe, Bitten und Vorſtellun⸗ gen. Sie beſchwor die Männer ſich nicht mit ewiger Schmach zu belaſten, indem ſie, ohne auch nur einen Widerſtand zu verſuchen, vor einer Schaar wilder, von einem Verräther an⸗ geführter Barbaren, entflöhen. Sie bat die Weiber von der Flucht abzulaſſen, denn ſie hoffte, daß dann die Männer auch zurückblei⸗ ben würden, um ihre Weiber, ihre Töchter zu beſchützen. Sie erinnerte die Krieger daran, daß in den Talenten Lautaro's und in den Kenntniſſen die derſelbe von dem ermordeten Adalantado erlernte, die ganze Stärke der Feinde läge, und erbot ſich endlich demjenigen — 42²— ihre Hand zu reichen, der ihren ermorde⸗ ten Vater rächen würde. Bei den erſchrockenen Weibern blieben alle ihre Vorſtellungen fruchtlos; von namenloſer Angſt getrieben ſetzten ſie ihre Flucht fort. Auf die Männer aber machte die Rede der ſchönen Jungfrau, mit den feurigflammenden Augen, dem hochglühenden Antlitz, und den vollen, ſchwarzen, wildaufgelöſten Locken, mäch⸗ tigen Eindruck. Beſtürzt und nicht wiſſend, was ſie beginnen ſollten, hemmten ſie ihre Schritte und blickten einander an. Florencia gewahrte den Vortheil den ſie bereits gewon⸗ nen hatte, und benutzte denſelben, indem ſie mit noch beredeteren Lippen als zuvor, ihre Bitten, ihre Vorſtellungen wiederholte. Villagran und einige andere Befehlsha⸗ ber vereinigten ſich mit ihr den Kriegern die Nothwendigkeit vorzuſtellen, die Stadt wenig⸗ ſtens ſo lange zu vertheidigen, bis die Flücht⸗ linge, die ſonſt unfehlbar als ein Opfer des verfolgenden Feindes fallen würden, einen ſicheren Zufluchtsort erreicht hätten. Und nicht fruchtlos blieb ihr gemeinſchaftliches Bemühen. Die Krieger ordneten ſich unter ihre Fahnen und die Bewohner der Stadt verſprachen zu bleiben, während Gabriel de Villagran, der Sohn des nunmehrigen Statthalters, Ju⸗ an Gomez de Almagro und einige andere junge Edelleute aus angeſehenen Familien ihre Kniee vor der ſchönen Florencia beugten, ſich zu ihren Rittern erklärten und ſie um ein Zei⸗ chen baten, daß ſie ihre Dienſte annehme. Sie bebte zuſammen und auf einen Augenblick lang wich die Gluth von ihren Wangen, ſchnell aber kehrte dieſelbe noch höher als zuvor zu⸗ rück.„Eine von meiner Hand geſtickte Schär⸗ pe,“ rief ſie,„wird von dem Mörder meines Vaters getragen, ich gebe keine zweite, auch wähle ich keinen Ritter. Jedweden treuen Spanier aber fordere ich auf, den Tod des Don Pedro de Valdivia an ſeinem Mör⸗ der zu rächen, wenn dieſes zu thun gelingt, dem gelobe ich, falls ihn anders darnach ver⸗ langt, meine Hand und mein Vermögen!“ Unterdeſſen hatte Donna Juana ihr Maulthier beſtiegen, und mit ihren Söhnen nahete ſich jetzt um ihre Tochter zu bewegen, ſte auf ihrer Flucht zu begleiten. Diejenigen, welche ſich ſo eben zu Florencias Rittern er⸗ — 2— klärt hatten, vereinigten ihre Bitten mit de⸗ nen ihrer Mutter und verſicherten der Jung⸗ frau: wie der Gedanke, daß ſie in Gefahr ſchwebe, ihren Arm lähmen würde, daß ſie aber, falls ſie ſie in Sicherheit wüßten, für ihre Sache wie Löwen zu kämpfen entſchloſſen wären. Von allen dieſen Vorſtellungen be⸗ ſtürmt, willigte Florencia endlich ein; ſie ward auf ein Maulthier gehoben und folgte gleich⸗ ſam mechaniſch dem Zuge ihrer Mutter. Von Florencias Schönheit und von ihren Worten entflammt, fochten die Spanier zwar noch tapferer und entſchloſſener als bisher, wurden aber dennoch zum drittenmale gänzlich geſchlagen. Sie flohen auf dem Wege, den die Weiber und Kinder bereits eingeſchlagen hatten, und aller Wahrſcheinlichkeit nach hätte keiner von ihnen Santiago erreicht, waͤren ſie ernſthaft verfolgt worden. Den Arauco⸗ niern aber ſchien beſonders nur daran gelegen, die Stadt la Concepceion zu erobern und Lautaro, welcher Florencia dort glaubte, kannte in dieſem Augenblick kein anderes Ver⸗ langen als das, ſeine Geliebte vor jeder Ge⸗ fahr zu beſchützen. Er erfuhr ihre Flucht, „ und freuete ſich gewiſſermaſſen derſelben; denn trotz ſeines Anſehens war er nicht im Stande den Greueln des Augenblicks Einhalt zu thun. Die Stadt ward geplündert; die wenigen Be⸗ wohner, welche durch Krankheit verhindert worden waren, ſich den Flüchtlingen einzurei⸗ hen, wurden ermordet, und la Concepeion ward in einen Aſchenhaufen verwandelt. Dies Werk der Verwüſtung hatte zu viel Zeit weg⸗ genommen, als daß die Sieger von der Ver⸗ folgung ihrer Feinde einen glücklichen Erfolg hätten hoffen können. Und da Lautarv die Jahreszeit ſchon zu weit vorgerückt glaubte, um gleich jetzt auf das entfernt gelegene San⸗ tiago einen Angriff zu unternehmen, kehrte er mit ſeinen Kriegern nach Arauco zurück, um die dort noch übrigen feſten Plätze der Spanier zu erobern. Dies richtete er mit großer Leichtigkeit ins Werk, und nunmehr verwandte er die Wintermonate um ſeine ta⸗ pferen aber wilden Landsleute zu diſcipliniren. Unterdeſſen ſetzten die Flüchtlinge ihre ſchwer⸗ müthige Wanderung fort, hoffend hinter San⸗ tiagos Mauern den gewünſchten Schutz zu fin⸗ den. Schon in der erſten Nacht ihrer trauri⸗ — 46— gen Wallfahrt wurden die Weiber von denen eingeholt, die dem Schwerte der Sieger ent⸗ kommen waren, und Florencia erfuhr nun⸗ mehr, daß nicht nur für jetzt noch keiner ihre Hand zu begehren berechtigt ſei; ſondern daß ſogar mehrere von denen die ſich zu ihren Rit⸗ tern erklärten, ihre Kühnheit mit ihrem Leben gebüßt hätten. Ein Ausdruck von Verachtung überflog ihr Antlitz und ein ſchwerer Seufzer entſtieg ihrer Bruſt, als ſie ſich von denen ab⸗ wandte die ſich ihre Ritter nannten. Nicht ganz ohne Freude aber vernahm ſie wie dem Lautaro verkündet worden, daß jene Krieger ihn auf ihren Befehl angegriffen hätten, und daß ſie demjenigen ihre Hand zugeſagt habe, der den Sieg über ihn davon tragen werde. Sie hatte übrigens jetzt weder augenblickliche Hoffnung noch augenblickliche Furcht um ſich aufrecht zu erhalten und fühlte ſich auſſer Stande gegen ihre Leiden anzukämpfen. Schon am andern Tage war ſie zu ſchwach ihr Maulthier zu beſteigen und genöthigt den übrigen Theil des Weges in einer Tragbahre zurückzulegen. In Santiago angelangt, ward ſie von einem heftigen Fieber befallen und mußte ſofort auf ihr Lager geſchafft werden, welches ſie auch faſt den ganzen Winter hin⸗ durch zu hüten genöthigt war.. Don Francesco de Villagran ver⸗ brachte indeß die kalten Monate in deſto gröſ⸗ ſerer Thäͤtigkeit. Sein Bemühen eine zahl⸗ reiche Kriegsmacht zuſammen zu bringen, ward indeß von keinem günſtigen Erfolge gekrönt; denn mehrere Kaziken hatten, durch das Bei⸗ ſpiel der Arauconier ermuthigt, den Entſchluß gefaßt, gleich dieſen das Joch der Unterdrü⸗ cker von ſich abzuwerfen und ſich im nächſten Frühlinge mit ihren ſiegreichen Landsleuten zu vereinigen. Seine indianiſchen Bundesgenoſſen aber waren nicht die vorzüglichſte Hülfe, auf welche Villagran hoffte. Er ſandte Boten nach la Ciudad de los Reges, wie Luna oft pomphafter Weiſe genannt wird, und bat um Beiſtand. Auch verſprach der neue Vice⸗ könig, welcher durch ſtrenge Maßregeln den widerſpenſtigen Geiſt der Peruaner zur Ruhe gebracht hatte, ihm, ſobald die für kriegeriſche Operationen günſtige Jahreszeit eingetreten ſeyn würde, ſowohl zur See⸗ wie zu Lande, eine bedentende Anzahl von Hülfstruppen unter dem ———-—ÿÿjjj— Befehle ſeines Sohnes, des Don Garcia de Mendozu, zu ſenden, den er zum Adelantado von Chili ernannt habe. Der Monat September, welcher in jenen Gegenden bekanntlich der Monat des Fruhlings iſt, erweckte die Natur zu neuem Leben, ver⸗ lieh aber auch dem Menſchen die Mittel, ſei⸗ nem Mitlebenden den Tod mit größerer Leich⸗ tigkeit zu geben. Florencia, bleich und ab⸗ gehärmt, aber mit einem Auge, aus dem die ganze Fulle ihrer Gefühle leuchtete, verließ ihr Krankenzimmer und miſchte ſich in die Ge⸗ ſellſchaften Santiagv's. Sie war noch im⸗ mer ſchön, noch immer liebenswürdig, und dann und wann war ſogar ihr Weſen noch eben ſo einnehmend, wie ſonſt. Dieß aber war in der That nur dann und wann der Fall, öfter noch ſaß ſie, in duſteres Nachdenken verſenkt, da, theilnahmlos gegen Alles, was rund um ſie her vorging, bis ſie plötzlich, gleichſam als ſu⸗ che ſie ſich zu ermannen, aus ihren Träume⸗ reien emporfuhr, und in eine Fröhlichkeit aus⸗ brach, deren krampfhafte Heftigkeit beurkun⸗ dete, wie ſchmerzvoll ihre Quelle ſei. Dieſes Benehmen aber gab ihr, im Verein mit dem furcht⸗ 2 — 49— furchtbaren Mißgeſchick, aus dem es entſtan⸗ den, ein ganz eigenthümliches Intereſſe, daß durch ihre perſönlichen Reize ſo wie durch ih⸗ ren Rang und Reichthum noch vermehrt ward. Ihre bitteren Spöttereien die ſie über das Mißlingen des Rachegeſchäfts ihrer ſogenann⸗ ten Ritter äuſſerte, feuerte ſowohl die Jüng⸗ linge, die mit ihr von la Concepcion nach Santiago gekommen waren, wie diejenigen, welche ſie jetzt zum erſtenmale ſahen, zu einem ſo übertriebenen kriegeriſchen Muthe an, daß Villagran faſt damit unzufrieden war; denn er lag an Wunden und Erſchöpfung kranf dar⸗ nieder, und hatte durch Voreiligkeit ſchon all⸗ zuſehr gelitten, um nicht den Wunſch zu he⸗ gen, bevor er neuerdings ins Feld zöge, die Ankunft der pernaniſchen Truppen abzuwarten. Endlich aber war er dennoch genöthigt dem Verlangen der kriegeriſchen Jünglinge wenig⸗ ſtens Etwas einzuräumen, und er geſtattete demnach den Flüchtlingen, die mit ihm vont l[a Concepcion gekommen waren, nach den Trümmern zurückzukehren und die Stadt wie⸗ der aufzubauen, während eine Anzahl von Kriegern unter dem Befehle ſeines Sohnes, D — 5o— des Don Gabriel, zu ihrem Schutze mit⸗ ziehen ſolle. In Folge dieſer Erlaubniß traten nunmehr alle Männer, Weiber und Kinder aus der mittleren und niedren Volksklaſſe ſofort wie⸗ der den Rückweg an, hoffend in der Heimath ſich bald wieder diejenigen häuslichen Bequem⸗ keiten zu verſchaffen, welche ſie, als beſchwer⸗ liche Gäſte in der Fremde, nun ſchon ſo lange entbehrt hatten. Die von Villagran zu ih⸗ rem Schutze beſtimmte Kriegsſchaar begleitete ſie, und es blieb demnach in Santiago kein Fremdling zurück, als die Frauen von Rang und Vermögen, welche es vorzogen, ihre Rückkehr zu verſchioben, bis ihre Wohnungen wieder aufgebaut und im Stande ſeyn würden, ihnen ein geziemendes Obdach zu gewähren. Bei dieſer Gelegenheit ward nun Florencia neuerdings von ihren Rittern auf das dringend⸗ ſte um ein Zeichen ihrer Gunſt angegangen, ſie aber war in dieſer Rückſicht durchaus uner⸗ bittlich und erklärte, daß ſie eine Gabe von ihrer Hand nicht zum zweitenmale zu verſchwen⸗ den geſonnen ſei. „Man bringe mir meine entehrte Schärpe wieder,“ rief ſie,„wiederholt gelobe ich dem Rächer meines Vaters, meine Hand und mein Vermögen.“ eüau 2loeEe ne he h „Ich will dieſer Rächer ſeyn, ich, ich will dieſen⸗ hohen Preis verdienen Donna Flo⸗ rencian“ rief Don Gabriel und ſeine Au⸗ gen leuchteten.„„ 40: 3 Florencia neigte ihr Haupt ohne ein Wort zu erwiedern. Ir „Bin ich Euch ſo verhaßt,“ fragte Don Gabriel,„daß Ihr mich keiner Antwort würdigt?"„1 nl un n 69. „Ich habe weder Hoffnungen zu verleihen noch überhaupt eine Wahl zu treffen,“ ant⸗ wortete Florencia mit einem ſchwermüthi⸗ gen Lächeln;„ich habe demjenigen meine Hand gelobt, der den Tod meines Vaters an ſei⸗ nem Mörder rächen würde, ich harre bis je⸗ mand erſcheint mich an dieſes Verſprechen zu mahnen:“⸗— As n: Dieſer Jemand aber ſollte Don Gab⸗ riel de Villagran nicht ſeyn. Kaum be⸗ gannen ſich neue Gebaͤude aus den Ruinen der Stadt la Concepcion zu erheben, als plotz⸗ lich Don Gabriels kleine Schaar von Lau⸗ d 2 4 taro uͤberfallen wurde. Die Spanier fochten tapfer und unerſchrocken, wurden aber dennoch geſchlagen. Viele von ihnen wurden getödtet, der Befehlshaber fiel von Lautaro's eigener Hand, und nur wenigen gelang es, dem ſie wüthend verfolgenden Feinde zu entrinnen und die Trauerbotſchaft nach Santſagon zu liber⸗ bringen. Lautaro war leider jetzt nicht mehr der Lautaro des vergangenen Herbſtes, zu wel⸗ cher Zeit ihn noch Menſchlichkeit und Milde beherrſchten, denn kaum des Sieges gewiß⸗ ging damals ſein einfaches Beſtreben dahin, der Blut⸗ und Raubgier ſeiner rohen Krieger nach möglichſten Kräften Einhalt zu thun;— damals war noch nicht, wenn er gedachte, daß er es ja ſei, der Florencia's Vater gerächt habe, jede Hoffnung aus ſeiner Seele ver⸗ ſchwunden. Jetzt aber hatte er erfahren, daß Florencia alle ſpaniſchen Schwerter gegen ſeine Bruſt gerichtet, daß ſie demjenigen, der ihn tödten werde, ihre Hand verſprochen habe; und namenloſe Verzweiflung hatte ſich ſeiner bemächtigt.„Nun wohlan,“ ſprach er dumpf in ſich hinein,„ſo habe ich denn hienieden kein Geſchaͤft mehr, als meine Landsleute au jenen tyranniſchen Spaniern zu rächen, und ſo wahr ich Pilian's Sohn bin, gerächt ſole ſie werden.“ 1. Er hielt ſein Wort, deun von nun an war ſein Pfad nur mit Blut und Verwüſtung be⸗ zeichnet.„Mordend, brennend und verheerend rückte er auch jetzt gen Santiago mit einer auserwählten Kriegsſchaay vor, die aus ſechs⸗ hundert der kühnſten und wildeſten Arauconier beſtand. Die Flüchtlinge, die er vor ſich her⸗ trieb, beachten nach der Stadt die Kunde von ſeiner Ankunft, ſeiner Heeresmacht und ſeiuex Grauſamfeiten; und das Entſetzen war, allge⸗ mein. Trotz ſeiner Krankheit, trotz des Gra⸗ mes, den er ob des Todes ſeines Sohnes em⸗ pfand, raffte ſich dennoch Villagran, alle ſeine Kräfte zuſammennehmend, von ſeinem Lager empor, um zux Vertheidigung der Stadt, falls dieſe, was er indeß noch immer nicht glauhte, von den Inſurgenten belagert werden ſollte, die nöthigen Anſtalten zu treffen. Wäh⸗ rend mehrerer Tage langten nun raſtlos neue Flüchtlinge mit neuen Schreckenskunden an. Endlich wurden indeß die Bewohner der Stadt in etwas durch die Nachricht beruhigt, daß Lautaro zwei Tagereiſen von Santiagd Halt gemacht habe, und ſich anſchicke, dort ei⸗ ne Veſte zu erbauen. Dieſer Bericht erſchien dem Villagran unglaublich und er beſchloß, ſich von der Wahrheit yder Unwahrheit deſſelben zu überzeugen. Er ſandte eine ziemlich bedeuten⸗ de Olmos de Aguilera, um die Bewe⸗ gungen und das Vorhaben des Feindes zu re⸗ cognosciren; er befahl dem Anführer aber, ſich nur, falls die Umſtände für ihn höchſt günſtig ſeyn ſollten, auf ein Gefecht mit den India⸗ nern einzulaſſen. Bevor er ins Feld zog! wag⸗ te es Don Felix, einer der Ritter, Don⸗ na Florencia's, welche ſich fortwaͤhrend geweigert hatte, einem ihrer Streiter ein Zei⸗ ſchen ihrer Gunſt zu ertheilen, dieſelbe zu er⸗ ſuchen, doch wenigſtens Zeuge ſeines Auszuges zu ſeyn; und dieſer Bitte verſprach ſie zu will⸗ fahren. In finſterer Trauerkleidung, wolche ſte erklärt hatte, durchaus nicht ablegen zu wollen, bis ihr Vater gerächt ſeyn würde, begleitete ſie die Freunde und Verwandte der ins Feld ziehenden Kavaliere bis zu dem Thore der de Schaar ab, unter dem Befehl des Don Felix Stadt, wohin ſich auch Don Francesco de Villagran begeben hatte. Don Felix er⸗ ſchien an der Spitze ſeiner Truppen. Zuerſt verneigte er ſich eherbietig vor dem ehrwürdi⸗ gen Statthalter, dann warf er ſeinen muthi⸗ gen Andaluſier herum, und ſprach zu Floren⸗ eia gewandt:„Ihr wollt mich alſo nicht durch ein Zeichen Eurer Gunſt beglücken, ſchöne Don⸗ na, ich darf aber doch wohl hoffen, daß Eure guten Wünſche mich auf meinem Zuge begleiten.“ „Ich hege,“ entgegnete Donna Floren⸗ cia,„keinen andern Wunſch, als den, daß der Tod meines Vaters gerächt werde, jedem ſolchen Unternehmen folgen demnach meine be⸗ ſten Wünſche.“ „Mögen ſie rückſichtlich Eurer, Don Fe⸗ lix, beſſer in Erfüllung gehen, als ſie es rück⸗ ſichtlich meines Sohnes gethan,“ nahm der ehrwürdige Villagran das Wort,„vergeßt ja nicht, daß wenn Ihr zu ſchnell handelt, Ihr der Sache ſchadet, für die Ihr ins Feld zieht.“ Aguilera neigte ſein Haupt gegen den Feldherrn und Donna Florencia und ſpreng⸗ te von dannen, von ſeinen tapfern Kriegern gefolgt. Als ſie Florenria's Blicken ent⸗ ſchwunden waren, ſeufzte dieſe tief auf.„ Wahr⸗ lich!“ ſprach ſie,„die Streiter für meine Sa⸗ che ſind bisher nicht glücklich geweſen; giebt es denn keinen Arm ſtark genug, den Verräther zu beſtrafen? Soll der Undankbare ſich noch länger des ſchändlichen Triumphes erfreuen, ſeinen Wohlthäter gemordet, und das Herz derjenigen gebrochen zu haben, die, ach! mit unendlicher Liebe an ihm hing?% Während dieſe Worte leife und kaum ihr ſelbſt vernehmbar, ihren Lippen entſchlüpften, färbte Gluth jhre Wangen, denn das Bild Lautaro's trat ihr plötzlich mit lebendigen Farben vor die Seele; ſie bedachte, wie er ſo⸗ wohl in geiſtiger als körperlicher Rückſicht übey die andern jungen Männer ihrer Bekanntſchaft ſo weit hervorrage; und ihrem Haſſe gegen ihn, ihrem Durſt nach Rache, miſchte ſich unwill⸗ kührlich ein Gefühl von Stolz bei, wenn ſie daran dachte, der er, der von den Spaniern ſo gefürchtete, junge Held, einſt mit inniger Liebe an ihr gehangen. 51 Unterdeſſen ſprengte Don Felix raſch vorwärts, um ſeine Sendung auszurichten, und ſehnſuchtsvoll harrte er einer Gelegenheit ent⸗ gegen, die ihn in den Stand ſetzen würde, ſich, ohne Villagran's Befehl zu überſchrei⸗ ten, Florencia zu erkämpfen, Er fand den Bericht, den man über Lautarp's kriegeriſche Bewegungen abgeſtattet hatte, vollkommen ge⸗ gründet. Der junge Kazike hatte ſtarke Mau⸗ ern aufgeführt, ſich hinter denſelben mit ſeinen Kriegern gelagert, und ſchien raſtlos bemüht, noch immer mehr und mehr Verſtärkung an ſich zu ziehn, ſich noch immer mehr und mehr zu verſchanzen. Bei dem Erſcheinen der Spanier zeigten ſich ſoſort die Indianer hoch pben auf den Mauern. Lautaro befand ſich unter ih⸗ nen⸗ er war bald hier, bald dort und ſchien bemüht, die Ungeduld ſeiner kampfluſtigen Krie⸗ ger zu zügeln. Die Thore blieben übrigens verſchloſſen, und ſo kehrten Aguilera und ſeine Waffengefährten, nachdem ſie die Stel⸗ lung des Feindes gehörig recognoscirt hatten, nach dem Punkte zurück, wo ſie, der Anwei⸗ ſung Villagran's zufolge, ihr Feldlager aufſchlagen ſollten, und von wo aus ein Bote mit der Kunde von dem, was ſie geſehen, nach Santiago abgeſandt ward. Am naͤchſten Tage nahm Felix neuerdings — 58— Lautarv's Veſte in Augenſchein, aber noch immer zeigte ſich niemand auſſerhalb der Tho⸗ re, weshalb der ſpaniſche Anführer, des erhal⸗ tetien Befehls eingedenk, jeden Angriff unter⸗ ſagte und ſich nach mehrſtündigem, vergeblichem Verſuche, die Arauconier ins Freie zu locken, unverrichteter Sache wieder nach ſeinem Feld⸗ lager zurückzog. Die Nacht verging ungeſtört; am nächſten Morgen aber ward ihm ein an Don Felix de Aguilera gerichtetes Schrei⸗ ben überreicht. Es war vermittelſt eines Pfei⸗ les in das ſpaniſche Feldlager geſandt worden und enthielt Lautaro's Entſchuldigung, daß er den Beſuch ſeines Gegners mit wenigerem Prunke erwiedern, als es die ſpaniſche Etiquette verlange, da aber ſeine Arauconier zu uncivili⸗ ſirt für eine ſo feine Geſellſchaft wären, hätte er es vorgezogen, allein zu kommen, um dem Don Felix ſeine Aufwartung zu machen. Er habe, fügte er hinzu, die Nacht damit zuge⸗ bracht, die Verſchanzung der Spanier zu be⸗ wundern und winſche iei Glück 3 der Stärke derſelben. Dieſer Spott rogte den ſpaniſchen Befehls⸗ haber mächtig an und der Gedanke, daß ihr — 59— vorzuͤglichſter Feind, daß der Mann, auf deſ⸗ ſen Kopf ein hoher Preis ſtand, ſich die ganze Nacht hindurch allein in ihrer Nähe befunden habe, brachte die ganze Schaar faſt auſſer ſich. Sie eilten nach der Veſte und verſuchten jed⸗ wedes Mittel die Beſatzung heraus zu locken. Die Spanier konnten deutlich gewahren, wie Lauttars nur mit großer Mühe die Ungeduld ſeiner Krieger zu bändigen vermochte, und ſchon begannen ſie zu hoffen, daß ihr Bemu⸗ hen glücken werde. Aber es gelang jenem ſei⸗ ne Mannen zu zügeln und neuerdings war demnach Don Felix genöthigt unverrichteter Sihe, in ſein Feldlager zurückz ukehren. Ih Die nun folgende Nacht aber verging nicht ſo ruhig als die vorige. In der dichten Fin⸗ ſterniß, welche ſich auf die Erde gelagert hat⸗ te⸗ uebarde plötzlich Pferdegetrampel vernehm⸗ bar Gäͤmmtliche im Feldlager vorhandene Roſf begannen laut zu wiehern, und mit Bli⸗ zesſchnelle ſtürzten nunmehr die aufgeregten Spanſer hinaus, meinend Lautard hätte ſei⸗ nen nächtlichen Beſuch wiederholt, und es wür⸗ de ihnen gelingen ihn zu fangen. Ihre Nach⸗ füchungen blieben indeß fruchtlos⸗ und ſie fan⸗ 60— den ni⸗ ihts, ols ein einziges ungeſatteltes pferd;; welches in einem früheren Gefechte den Spa⸗ niern abgenommen worden war, und jetzt heran⸗ getrieben ſchien, um dieſe zu necken. Wuthentbrannt oh dieſes Hohnes, ſtürzten nunmehr die Spanier, jeder Vorſicht uneinge⸗ denk, auf die Veſte zu; noch bepor ſie dort aulangten aber begegneten ihnen ungefähr zwölf berittene Arauconiey, Lautaro an ihrer Spiz⸗ ze, Anfangs ſprengten ſie, dem Anſchein nach, kampfluſtig den Spaniern entgegen; dann aber wandten ſie, gleichſam als erfaſſe ſi ſ e ein pani⸗ ſcher Schrecken, ſchnell ihre Roſſe zur eiligen Flucht. Ihre Gegner verfolgten ſie mit ver⸗ hängten Zügeln.— Das Thor der Veſte ſtand offen;— die Flüchtlinge ſprengten hinein. Die Spanier folgten ihnen, und plötzlich ward jetzt auf ein Signal Lautaro' s das Thor ge⸗ ſchloſſen und der Kampf begann. Nunmehr hatten die Indianer die Ueberzahl, den Spa⸗ niern waren ihre Pferde mehr. im Wege, als nützlich, und keiner von ihnen kam ſfbend wie⸗ der aus dieſen Mauern. Der bishexige glückliche Erfolg ſeiner, Un⸗ ternehmungen bewog jeßt den Laßtaro, auch den Ueberreſt ſeines Plans in Ausführung zu bringen. Er ließ ſeine beſten Krieger die Klei⸗ dung der gefallenen Spanier anlegen, gebot ihnen, ſich auf die Roſſe ihrer getödteten Fein⸗ de zu ſchwingen, und ſprengte, von ſeinem ganzen Heere gefolgt, auf das ſpaniſche Feld⸗ lager zu, in der Veſte nur diejenigen von ſei⸗ nen Kriegern zurücklaſſend, die zu ſchwer ver⸗ wundet waren, um mit auszuziehen. In dem vormaligen ſpaniſchen Feldlager verweilte er bis zur Nacht, mit Einbruch derſelben aber, ſetzte er mit Eilmärſchen ſeinen Weg fort, leg⸗ te, von der Finſterniß begünſtigt, den nicht verkleideten Theil ſeiner Krieger in einer, na⸗ he bei der Stadt Santiagv befindlichen Wal⸗ dung in einen Hinterhalt, und harrte mit den Uebrigen in einiger Entfernung von den Tho⸗ ren dem Anbruche des Tages entgegen. Kaum aber begann der Morgen zu däm⸗ mern, als auch Lautaro, von ſeiner Schaar gefolgt, raſchen Fluges an das Stadtthor ſpreng⸗ te und mit lauter Stimme begehrte, daß es ihm geöffnet werde, weil er dem Feldherrn et⸗ was von großer Wichtigkeit mitzutheilen habe. Lautaro war der ſpaniſchen Sprache vollkom⸗ — 62— men mächtig, man ſchöpfte nicht den geringſten Verdacht und die Thoxe wurden geöffnet; kaum aber war dieß geſchehen⸗ als auch Lautaro ſo⸗ fort mit den Seinigen auf die ſpaniſche Wache losſprengte, ſie zuſammenhieb, und ſeinen im Hinterhalt verſteckt liegenden Arauconiern das verabredete Zeichen gab. Dieß alles war die Sache eines Augenblicks und Lautaro befand ſich im Beſitz der Stadt, noch bevor die Hälf⸗ te der Beſatzung auf den Beinen war. Die ſpaniſchen Soldaten wurden einzeln aufgefan⸗ gen, als ſie die Straſſen durcheilten, fragend, was der Lärm bedeute. Und ſo war von kei⸗ nem Widerſtande die Rede. Während Lautary über den Plan⸗ Sau⸗ Floc durch Ueberrumpelung in ſeine Hände zu bringen, nachgeſonnen hatte, hatte er nicht ohne Freude daran gedacht, wie er nun ſchon der Donna Florencia ſo mannigfache Be⸗ weiſe gegeben, wie wenig geeignet ihre ſoge⸗ nannten Ritter waren, die von ihr erhaltenen Befehle in Ausführung zu bringen, und wie wenig Ausſicht vorhanden ſei, daß ihre Hand unter den von ihr vorgeſchlagenen Bedingun⸗ gen von einem Andern begehrt werden könne. X Er war empört darüher, daß ſie ſeinen Tod zum Preiſe einer Verbindung mit ihr gemacht habe, und hatte ſich überredet, daß er ſeine vormalige Geliebte nunmehr haſſe und verachte. Als er aber jetzt ſeine Indianer in der erober⸗ ten Stadt mannichfache Greuelthaten begehen ſah, bemächtigte ſich dennoch ſeiner das Ver⸗ langen, die, an der er vormals mit Liebe ge⸗ hangen, vor ähnlicher grauſamer Behandlung zu beſchützen. Von Ungeduld entbrannt, frag⸗ te er einen Gefangenen nach der Wohnung der Familie Valdivia, und ſtreng ſeinen Kriegern gebietend, unter keinem Vorwande die Schwelle des Hauſes zu betreten, vor dem ſie ſein Streit⸗ roß erblicken würden, ſprengte er, ſeinem Füh⸗ rer folgend, von dannen. Donna Juana hatte ihrer und der Ih⸗ rigen Sicherheit wegen, ein mit weitläuftigen Gärten umgebenes Haus gewählt, welches noch überdem ſo entfernt von dem Schauplatze deß Kampfes lag, daß die Bewohner mit den Be⸗ gebenheiten der letzten Nacht völlig⸗ unbekannt geblieben waren. Die Dienerſchaft war zur gewöhnlichen Zeit aufgeſtanden, um ihre häus⸗ lichen Arbeiten zu beginnen. Floren cia aber welche feit dem Tode ihres Vaters faſt keine ruhige Nacht kannte, hatte ſich heute noch früt⸗ her als ſonſt von ihrem Lager erhoben; in ih⸗ rem fieberhaften Schlummer hatten ſie böſe Träume geängſtigt, in welchen ihr Vater unter dem Dolche Lautaro's ſein Leben aushauchte. Der Schrei, den ſie ausgeſtoßen, als ſich ihr im Schlafe dieſer Anblick darbot, hatte ſie er⸗ weckt. Sie warf ſich ſchnell in ihre Kleider und nahm an einem offenen Fenſter Platz, da⸗ mit die friſche Morgenluft ihre erſchlafften N Rerven ſtähle! In ihren Träumereien verſun⸗ keun, faß ſie ſo eine Weile lang da, ohne den Lärm zu bemerken, der ſich in der Ferne er⸗ hoben hatte. Endlich machte indeß der Knall der Feuergewehre ihre Aufmerkſamkeit rege; da derſelbe aber, weil die Spanier ſo ſchnell überwältigt wurden, nicht oft wiederholt ward, nahm ſie weiter keine Notiz davon, und glaub⸗ te, Don Garcia de Mendoza ſei viel⸗ leicht mit den pernaniſchen Hülfstruppen ange⸗ langt, und ihm zu Ehren wären jene Schüſſe gefallen. Da vernahm ſie plötzlich ein heftiges Pochen an der Thüre ihres Hauſes, und im nächſten Augenblick ſtürzte mit einem Ausdruck des des Entſetzens in ihrem Antlitze ihre Zofe zu ihr herein.. „Die Arauconier, die Arauconier!“ rief ſie verzweiflungsvoll die Hände ringend. Florencia fuhr von ihrem Sitze empor; „die Arauconier,“ fragte ſie,„wie, ward die Stadt angegriffen?“⸗ 3 „Sie ward erobert,“ jammerte die Zofe⸗ „wir alle ſi ind verloren.“ „Unmöglich“ entgegnete Florencia, und ſchon war ſie im Begriff ihr Zimmer zu ver⸗ laſſen um nähere Erkundigungen einzuziehen, als ſich Thereſe vor ihr niederwarf, ihre Kniee umklammerte und unter Jammern und Wehklagen ausrief:„Um des Himmelswillen Signora, überſchreiten Sie dieſe Schwelle nicht, wir ſind verloren, man wird uns er⸗ morden.“ Während Florencia ſich noch ver⸗ gebens bemühte ſich von ihrer Zofe loszuwin⸗ den, zogen nahende Schritte ihre Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. Sie blickte auf und gewahrte ei⸗ nen Mann vor ſich, welcher ihr die ſo oft er⸗ wähnte Schärpe hinhielt, jedoch dergeſtalt, daß ſein Antlitz nicht zu ſchauen war. So wie ſie das verhängnißvolle Zeichen gewahrte, ſchlug E ſie freudig üͤberraſcht ihre Hände zuſammen: „Ewiger Gott, habe Dank,“ rief ſte,„mein Vater iſt gerächt.“*☛ Schon im naͤchſten Augenblicke aber trat die Gluth, die ihre Wangen gefärbt hatte, zurück; ihr Antlitz erblaßte, ihre Augen ſchloſ⸗ ſen ſich, gleichſam als wolle ſie den Anblick deſſen vermeiden, der dem vormals von ihr ſo geliebten Lautaro den Tod gegeben; und mit kaum vernehmbarer Stimme ausrufend: „Ich will, ja ich will mein Verſprechen erfül⸗ len,“ ſank ſie zurück auf ihren Seſſel. Da warf ihr Lautaro, denn dieſer war es, die Schärpe vor die Füße, indem er mit großer Bitterkeit ausrief:„Nur aus meiner Hand, Floren cia, konntet Ihr die Schärpe wieder empfangen: Eure ſogenannten Ritter, die ſie mir entreiſſen wollten, haben ihre Ver⸗ wegenheit mit ihrem Leben gebüßt.“ Neuerdings färbte bei dieſen Worten hohe Röthe Florencias Wangen,„wie,“ rief ſie mit unbeſchreibbarem Erſtaunen,„Lautaro lebt, und iſt hier, hier in Santiago?“ „Lautaro lebt,“ entgegnete ihr vorma⸗ liger Geliebter,„er lebt, iſt Herr von San⸗ tiago, und die treuloſe, blutdürſtige Florencia befindet ſich in ſeiner Gewalt.“ Schweigend ſaß ſie eine Weile lang da, die ſtarren Blicke auf Lautaro gerichtet, der im Gefühl ſeines Sieges und ſeiner Macht ſtolz vor ihr daſtand. Das ihr in der letzten Nacht erſchienene furchtbare Traumgebilde, trat, ihr wieder vor die Seele und neuerdings ſah ſte ihren Vater unter dem Dolche Lautaros verbluten. Ihre Geſichtsfarbe veränderte ſich mit jedem Augenblicke, ein wilbes Feuer flamm⸗ te aus ihren Augen und ſich plötzlich raſch aus ihrem Seſſel erhebend, rief ſie mit lauter Stimme:„So blieb es mir alſo überlaſſen, meinen ermordeten Vater zu rächen.“ So ſprechend erfaßte ſie mit von Verweiflung ge⸗ ſtählter Hand den Dolch, der in Lautbros Gürtel ſteckte und bohrte ihm denſelben in die Seite. 4 Lautarv erfaßte ihren Arm, zwar hicht ſchnell genug um den Stoß ganz von ſich ab⸗ zuhalten, jedoch noch zur rechten Zeit, um das tiefe Eindringen des Stahles in ſeine Bruſt zu verhindern; er war verwundet, aber nur leicht und unbedeutend. Florencia ver⸗ E 2 — 68 ſuchte es nicht ſich von zhm loszuwinden. „Willſt Du mich tödten,“ rief ſie,„immer⸗ hin, wer den Vater erſchlug, mag auch die Tochter morden!“ Jetzt erſt bemerkte Lautaro, daß Flo⸗ rencia in ihm den Mörder ihres Vaters zu ſehen glaubte, er drang mit Fragen in ſie und wenig Worte reichten hin Alles aufzuklären. Wer aber vermöchte das gemiſchte Gefühl von Freude und Schmerz zu beſchreiben, mit welchem Florencia nunmehr zu ſeinen Füßen niederſank, ſtammelnd:„Du haſt ihn verthei⸗ digt, Du, Du haſt ihn gerächt und ich trach⸗ tete nach Deinem Leben!“— Lautaro hob ſie zu ſich empor und ſchloß ſie in ſeine Arme: „Thor der ich war,“ rief er,„wie konnte ich glauben, daß Du ohne Urſache meinen Tod ſuchen würdeſt; ich hätte mich überzeugt halten ſollen, daß hier ein Mißverſtändniß zum Grun⸗ de liegen müſſe!“ Ein heftiger Thränenſtrom machte nunmehr Florencias gepreßtem Herzen Luft, ſie weinte, und fühlte ſich mächtig erleichtert, als ihre Zähren ſo dahin floſſen. Unterdeſſen war Donna Juana mit ihren Söhnen in das 4 — 69— Gemach getreten, und Lautaro bemühte ſich nun, ihr ſo gut als es ſeine Gemüthsbewe⸗ gung zu thun geſtattete, alles was früher und jetzt vorgegangen zu offenbaren. Seine Worte regten Florencia mächtig an, ſie erhob ihr Haupt von ſeiner Bruſt, an der es ruhete und rief in einem Tone des Entzückens:„Er tödtete ihn nicht, meine Mutter, er hat ihn vertheidigt, er, er hat ihn gerächt!“ Während ſie dieſe Worte ſprach, fielen ihre Blicke auf den blutigen Dolch, den Diego de Valdi⸗ via, der älteſte ihrer Brüder von dem Boden aufgehoben hatte; und die Röthe der Freude wich gus ihren Wangen und halb ohnmächtig warf ſie ſich in die Arme ihrer Mutter, indem ſie ausrief,„und ich trachtete nach ſeinem Le⸗ ben.“— Im nächſten Moment aber ſchon fuhr ſie raſch wieder empor, half ihrem Geliebten ſich entwappnen und verband ſeine Wunde. Lautaro gab ihr die Verſicherung, daß die⸗ ſelbe nur unbedeutend ſei, duldete aber mit einem Ausdruck des Entzückens in ſeinem Ant⸗ litze die Pflege, welche ihm die liebende Jung⸗ frau ſpendete. So eben hatte dieſe ihr wund⸗ ärztliches Geſchäft geendigt und ſich überzeugt, — 20— daß Lautaro in der That von ihrem Dolche nur leicht getroffen worden, als plötzlich Gu z⸗ mann de Valdivia der jüngſte ihrer Brü⸗ der, deſſen Aufmerkſamkeit, mit der gegen⸗ wärtigen Scene weniger beſchäftigt war als die der Uebrigen, ausrief:„Ha! was für ein Lärm iſt das, er kommt immer näher und näher.“ Dieſer Ausruf entriß Lautaro der kurzen Seeligkeit, der er ſich hingegeben hatte. Mit ſeinem eignen Glücke waren auch alle ſeine früheren ſanften und menſchenfreundlichen Ge⸗ fühle wieder in ſeine Bruſt zurückgekehrt. Er ſprang von ſeinem Sitze empor, indem er aus⸗ rief:„O Himmel, ich gebe mich hier ganz der Wonne des Augenblicks hin, waͤhrend meine wilden Landsleute, vielleicht die furchtbarſten Grauſamkeiten begehen!“ Er ſchloß Floren⸗ cia in ſeine Arme, drückte ſie innig an ſeine Bruſt und fügte hinzu:„Ich kehre zu Dir zurück ſo wie ich die Ordnung nur einigermaſ⸗ ſen wieder hergeſtellt habe.“—„Bleib, o bleib Lautaro,“ flehte das Niebende Mäd⸗ chen, als jetzt neuerdings drauſſen mehrere Schüſſe fielen:„Bleib, o bleib, oder wappne Dich wenigſtens zuvor!“— Das iſt Garcia de Mendoza mit den portugieſiſchen Hülfs⸗ truppen, ſie wurden heute erwartet.““ 6 „Wie,“ rief Lautaro,„Don Garcia hier, und meine Leute ſind noch mit der Plün⸗ derung beſchäftigt, da habe ich keinen Augen⸗ blick zu verlieren.“ So ſprechend warf er ſchnell den Helm auf das Haupt und eilte von dannen. Florencias Vermuthung war gegründet. Don Garcia war an der Spitze ſeiner Rei⸗ terei angelangt— Juan Gomez de Al⸗ magro und einige andere Flüchtlinge hatten ihn in einiger Entfernung von der Stadt ge⸗ troffen, und ihn von der traurigen Lage der⸗ ſelben unterrichtet. Er ſprengte raſch vor⸗ wärts, und überrumpelte nunmehr die Arau⸗ conier. Lautaro flog bald hierhin, bald dorthin, und ſuchte ſeine Krieger zu ſammeln, um ſie dem Feinde entgegen zu führen oder um ſich wenigſtens mit ihnen in guter Ord⸗ nung zurückzuziehen. Er und die Seinigen fochten wie Löwen, aber die kleinen Schaaren wurden eine nach der andern überwältigt, noch bevor ſie ſich vereinigen konnten. Lautaro — 72— war uberall, mit der ſteigenden Gefahr wuchs ſeine Tapferkeit, ſein Heldenmuth und die Be⸗ wunderung, welche ſie darüber empfanden, lähmte faſt die Arme ſeiner Gegner. Aber wenn Lautaro auch wie ein Löwe kämpfte, focht er dennoch nicht mehr wie bisher mit gänzlicher Geringſchätzung ſeines Lebens. Seit den letzten Stunden hatte ſein Daſein für ihn einen unbeſchreibbaren Werth erhalten, und er führte nunmehr das Schwert für den Beſitz Florencias, die er mit ſich hinwegzufüͤhren hoffte. Obgleich unbewappnet bewahrte ihn dennoch ſeine Geſchicklichkeit, und ſeine Ge⸗ wandtheit in der Führung der Waffen, lange Zeit vor einer Wunde. Als aber die Zahl ſeiner Gefährten, rund um ihn her, immer geringer und geringer ward, als ſich immer mehr und mehr Feinde ihm entgegendrängten, da ward er von ihren Schwertern endlich ſchwer getroffen; aber er ſchien es nicht zu fühlen. Seine Arauconier lagen todt, rund unm ihn her, und bald war nur er noch allein der einzige Gegenſtand aller Augen, aller ſtreit⸗ baren Arme. Jetzt fühlte auch er ſeine Kräf⸗ te ſchwinden, noch immer kämpfend aber, zog — ——— — — 75— er ſich gegen die Wohnung der Familie Val⸗ divia zurück, denn noch immer belebte ihn die ſchwache Hoffnung mit Florencia ſeine Flucht bewerkſtelligen zu können.. Don Garcia hatte geboten, den gefürch⸗ teten Lautaro wo möglich lebendig zu fan⸗ gen und zu dieſem Zwecke drängte ſich Man⸗ cher vor. Aber obgleich der indianiſche Held ſchwer verwundet, und vom Kampfe erſchöpft war, durfte dennoch niemand ungeſtraft den Bereich ſeines Schwertes üͤberſchreiten. Aus vielen Wunden blutend erreichte er endlich Donna Juanas Wohnung, mit lauter Stim⸗ me rief er nun Florencias Namen, wäh⸗ rend er ſich fortdauernd mit jeder Kraft die ihm noch zu Gebote ſtand, gegen die noch im⸗ mer heftiger auf ihn eindringenden Spanier, vertheidigte. Die liebende Florencia, welche, ſeit Lautaro fortgeeilt war, nur durch die drin⸗ gendſten Bitten ihrer Mutter abgehalten wer⸗ den konnte ihrem Geliebten zu folgen, ver⸗ nahm jetzt kaum deſſen Stimme als auch jede fernere Vorſtellung bei ihr fruchtlos blieb. Heftig entwand ſie ſich den Armen ihrer Mut⸗ — 74— ter und hinaus ſtürzte ſie auf die Gaſſe, in⸗ dem ſie ausrief:„Ich bin hier, hier bin ich mein Lautaro!“ „Schwinge Dich auf mein Roß, Floren⸗ cia, und fliehe mit mir!“ rief Lautaro, je⸗ doch ohne ſich umzuſchauen, und noch immer raſtlos gegen den ihn bedrängenden Feind käm⸗ pfend. Aber noch bevor Florencia dieſer Aufforderung Folge leiſten konnte, traf eine, von dem Don Juan Gomez de Almag⸗ ra, einem der ſogenannten Ritter Floren⸗ cias, welcher mit dem Don Garcia nach der Stadt zurückgekehrt war, abgeſandte Ku⸗ gel, ſeine Bruſt, und hinabſtürzte Lautaro von ſeinem Pferde zu den Füßen ſeiner Ge⸗ liebten. Florencia warf ſich laut aufſchrei⸗ end neben ihm nieder, umſchlang ihn mit ih⸗ ren Armen und legte ſein Haupt an ihren Bu⸗ ſen. Nur mit Anſtrengung aller ſeiner noch übrigen Kräfte gelang es Lautaro ſeine Ar⸗ me um ſie zu ſchlagen:„Es iſt zu ſpät,“ lall⸗ te er, und nachdem er noch einen Kuß auf ih⸗ re bleichen Lippen gedrückt hatte, hauchte er ſeinen letzten Athemzug aus. Mit einem lau⸗ tem Jammergeſchrei ſank Florencia auf die — 25— Leiche hin, während die Spanier nicht ohne Rührung auf den gefallenen Löwen ſchaueten. Don Garcia drängte ſich durch die Menge und bat der Donna Juana ſeinen Beiſtand an, welche ebenfalls aus dem Hauſe geſtürzt war, und die Arme ihrer Tochter von der Staubeshülle Lautaros loszumachen ſtrebte. Ihre vereinten Bemühungen aber bewährten ſich fruchtlos, denn feſt hielt Florencia ih⸗ ren Geliebten umſchlungen, dem ſie, wie man ſich nach wenigen Augenblicken überzeugte, be⸗ reits hinüber in ein beſſeres Jenſeits gefolgt war. 2 „Trennt ſie ja nicht, o laßt ſie ja bei ein⸗ ander, ſprach der tiefgerührte Don Garciaz und pünktlich ward dieſer Befehl vollzogen, denn Arm in Arm umſchlungen wurden am nächſten Tage Lautaro's und Florencia's Staubeshullen der mütterlichen Erde wieder⸗ gegeben.“ 8*½ Die Kaufmannstochter. (Erzaͤhlung.) Camiola Turinga war die reizendſte Jungfrau in Sizilien; ſie war eben ſo be⸗ rühmt wegen ihrer Schönheit als ihr Vater wegen ſeines Reichthums. Im vierzehnten Jahrhundert aber wog das Geld noch nicht die Geburt auf; und wie allgemein man auch der Liebenswürdigkeit Camiola's huldigte, wie ſehr ſich auch die Habſucht von den Schäz⸗ zen des alten Turinga angezogen fühlte, der Kaufmannstochter wurden dennoch keine Hei⸗ rathsanträge gemacht, auſſer von jungen Män⸗ nern aus ihrem Stande, oder von hochgebor⸗ nen Wüſtlingen, die in ſo ſchlechtem Rufe ſtan⸗ den, daß man keinen Augenblick Anſtand neh⸗ —— men konnte, ihnen eine verneinende Antwort zu geben. Camiola war das einzige Kind ihrer Aeltern, welche mit unendlicher Liebe an ihr hingen; ſie hatte eine eben ſo gute, wenn nicht gar eine beſſere Erziehung, als die mei⸗ ſten Edelfräulein jener Zeit erhielten, und be⸗ ſaß in einem hohen Grade mannichfache Talen⸗ te und geiſtige Vorzüge. Ihrer Vollkommen⸗ heiten ſich nur zu gut bewußt, kann es wohl Erſtaunen erregen, wenn ſie nicht den höchſten Widerwillen bei dem Gedanken empfand, ih⸗ re Hand irgend Jemand zu reichen, den Er⸗ ziehung und Gewohnheiten auſſer Stand ſetzten, ihren Werth nach Gebühr zu ſchätzen? Muß man ſie nicht weit mehr beklagen als tadeln, wenn ſie darauf Anſpruch machte, die Gattin eines Edelmanns zu werden? wenn ſie ſich dem ſüßen Gedanken hingab, daß ihre Vorzüge ih⸗ re niedrige Geburt auswiegen würden? Sie war jedoch dabei feſt entſchloſſen, keine Wahl zu treffen, die nicht auch ihr Herz billigen würde. Einige Zeitlang blieb daſſelbe unge⸗ rührt, endlich aber ſollten ihre ſchlummernden Gefühle auf das lebhafteſte angeregt wer⸗ den. — 78— 8 Prinz Orlando, der jüngſte Bruder des regierenden Königs Pietro, kehrte um dieſe Zeit von einem ziemlich langen Beſuche zurück, den er dem Aragoniſchen Zweige ſeiner Familie abgeſtattet hatte. Er hatte ſich den Ruf per⸗ ſönlicher Tapferkeit durch mannichfache Krieges⸗ thaten erworben, die er in den Fehden voll⸗ brachte, welche zu jener Zeit unaufhörlich zwi⸗ ſchen den chriſtlichen und mahomedaniſchen Herr⸗ ſchern ſtatt fanden, unter denen Spanien ge⸗ theilt war. Seine Liebesabentheuer hatten da⸗ bei in Aragonien faſt eben ſo viel Aufſehen er⸗ regt, als ſeine Heldenthaten, dazumal aber waren noch keine Zeitungsblätter täglich bereit, die chronique Scandaleuse großer Herren, weit hinaus über die Welt zu trompeten, und ſo war denn auch nach Sizilien nur die Kunde von Orlando's Kriegesruhm gelangt.— Die Schönheit, der Stolz und die kalte Gefühllo⸗ ſigkeit Camiola Turinga's, der Kaufmanns⸗ tochter, waren faſt das Erſte, was er bei ſei⸗ ner Heimkehr erfuhr; ſeine Neugier ward mäch⸗ tig angeregt, und begierig ſuchte er eine Ge⸗ legenheit, dieſelbe zu befriedigen. Obgleich zu jenen Zeiten des Feudalismus die verſchiedenen Stande durch faſt unüberſteig⸗ bare Schranken getrennt waren, hatten den⸗ noch die Feſtlichkeiten des Hofes eine gewiſſe Oeffentlichkeit, welche es den niedriger gebor⸗ nen Sterblichen möglich machte, als Zuſchauer an den Freuden der Vornehmen Theil zu neh⸗ men, und zugleich den Weibern und Töchtern der Bürger Gelegenheit gab, ihre Reize den⸗ jenigen zur Schau zu ſtellen, deren Bewunde⸗ rung und Aufmerkſamkeiten nur Schmach über ſte bringen konnten. Bei einem ſolchen Hof⸗ feſte war es, daß Prinz Orlando die lieb⸗ liche Camiola zum erſtenmal erſchauete. Ih⸗ re Schönheit machte einen unbeſchreibbaren Eindruck auf ihn, und unverholen geſtand er, daß ſeinen Blicken noch nie ein reizenderes, liebenswürdigeres weibliches Weſen entgegen⸗ getreten ſei. Er lächelte indeß über das, was man ihm von ihrer Unempfindlichkeit ſagte, ſpottete der von ihr zurückgewieſenen Anbeter, als Neulinge in der Kunſt, Herzen zu gewin⸗ nen, ſchwur ſich insgeheim, alle Mittel anzu⸗ wenden, ſie zu beſiegen, und ſuchte ohne Zeit⸗ verluſt ihre Bekanntſchaft. Camiola hatte zwar einen hohen Begriff von ihrem Werthe; ſelbſt in ihren kühnſten Träumereien aber hatte ſie doch bisher noch nie an eine Verbindung mit dem Königshauſe gedacht. Mit bitteren, demüthigenden Empfin⸗ dungen fühlte ſie demnach, daß die zärtlichen Aufmerkſamkeiten, welche ihr, ihr neuer Anbe⸗ ter raſtlos bewieß, im Grunde fuͤr Sie nur beleidigend waren; ſie entzog ſich denſelben mit einem Gemiſch von Stolz und Beſcheidenheit⸗ ſchlug aber dadurch ihren fürſtlichen Liebhaber nur noch mehr in ihre Feſſeln. Derſelbe über⸗ zeugte ſich bald, daß die Eroberung, die er ſich vorgenommen, bei weitem nicht ſo leicht ſei, als es ihn ſeine Eitelkeit und ſeine gerin⸗ ge Meinung von weiblicher Tugend hatten ver⸗ muthen laſſen. Das aber entmuthigte ihn nicht, er beſchloß, nur mit Vorſicht zu Werke zu ge⸗ hen, und ſorgſam Camiola's Charakter zu ſtudieren, bevor er einen entſcheidenden Schritt wagen würde. Spo entſchloſſen die reizende Kaufmannstoch⸗ ter ihm aber auch Widerſtand leiſtete, ſo ſehr fühlte ſie auch, daß es ihr jetzt ungemein ſchwer ward, ſich gegen die Angriffe ihres eigenen Herzens zu verwahren; ja es war ihr ſogar un⸗ 7 — unmöglich, in ihr Benehmen gegen den Prin⸗ zen diejenige Kälte zu legen, welche alle ihre früheren Liebhaber zur Verzweiflung getrieben hatte; ein Umſtand, welcher dem in Liebes⸗ abentheuern wohl erfahrnen Prinzen keineswegs entging und den er ſchlau zu ſeinem Vortheil zu benutzen wußte. Er ſetzte ſeine Bemuühun⸗ gen fort, dichtete Verſe auf die Geliebte, trug nur ihre Farbe, folgte ihr wie ihr Schatten, kurz, übte alle Künſte der Verführung, um ſich immer mehr und mehr in ihr Herz einzu⸗ ſchleichen. 3 uA 42 Wie aber, höre ih meine frxuudlichen Le⸗ ſer fragen, wie benahm ſich bei dem Allen Ca⸗ miola’s Vater? nahm er keine Maßregeln, die Tugend ſeiner Tochter zu ſchützen?— Den Umgang mit einem Prinzen zu vermeiden, iſt dieſer feſt entſchloſſen ihn. fortzuſetzen, iſt zu jeder Zeit ſchwer. Damals aber, wo noch das Feudal⸗Syſtem beſtand, war ein Kaufmann bei weitem nicht ſo unabhängig, als, in unſern aufgeklärten Tagen; Der alte Paolo Tu⸗ ringa ward zwar dann und wann unruhig⸗ aber er vertraute der, Tugend ſeiner Tochter⸗ und war nicht abgeneigt zu glauben, ſein Weib F Nicola habe recht, wenn ſie behaupte, der erſte König der Chriſtenheit könne ſich glück⸗ lich ſchätzen, bekäme er eine ſo ſchöne, tugend⸗ hafte und kluge Jungfrau, wie ihre Camio la, zur Gemahlin. Unter dieſen Umſtänden ließ er demnach der Sache ihren Lauf, und begnüg⸗ te ſich, ſeiner Ehefrau anzuempfehlen, auf ih⸗ re Tochter ein wachſames Auge zu halten. Unterdeſſen machten Orlandos geiſtige und körperliche Vorzüge immer mehr Eindruck auf die reizende Camiola, ihr Herz neigte ſich immer mehr und mehr zu ihm hin, und nachdem ihr fürſtlicher Liebhaber Monate lang ſeine Bemühungen auf das unermüdetſte fort⸗ geſetzt hatte, ward ihm endlich von ihren Lip⸗ pen das Geſtändniß, daß ſie ſeine Liebe erwie⸗ dere. Orlando vernahm dieß Bekenntniß mit Entzürken; aber er beobachtete noch wie vor in ſeinem Benehmen gegen Camiola die größte Vorſicht, und vermied auf das ſorgſam⸗ ſte jede, ſelbſt die kleinſte Andeutung, die ihr ſeine wahren Abſichten hätte verrathen können. Er ſprach ſofort von einer rechtmäßigen ehe⸗ lichen Verbindung, und entwarf tauſend un⸗ ausführbare Pläne, um eine ſolche zu ſchlieſ⸗ ſen; dann und wann ſchmeichelte er ihr mit der Hoffnung, daß ſein Bruder, der König, ſich endlich gewiß bewogen fühlen würde, in der königlichen Familie eine Jungfrau aufzu⸗ nehmen, die ſo durchaus geeignet wäre, ſelbſt den größten Thron zu ſchmücken. Wenn aber dann die Wange ſeiner Geliebten freudig er⸗ glühte, machte er ihr Herz ſchnell zu Eis ge⸗ frieren, durch eine hingeworfene Bemerkung über den Eigenſinn und die Unerbittlichkeit ſei⸗ nes Bruders. Verſank ſie dann in düſtere Schwermuth, begann ſie von Entſagung zu ſpre⸗ chen, richtete er ſie ſchnell wieder auf durch die Verſicherung, daß es ihm gewiß am Ende ge⸗ lingen werde, ſeinem Bruder die Augen für ihre Vorzüge zu eröffnen. So ſyſtematiſch aber auch der Verführer zu Werke ging, er kam dennoch nicht um ei⸗ nen Zoll breit weiter; Camiola verweigerte ihn ſelbſt die ſchuldloſeſten Liebkoſungen, und nicht ſelten verließ Orlando, noch mehr er⸗ zürnt über die Wachſamkeit der Mutter, wel⸗ che bei ſeinen Beſuchen ſtets zugegen war, auf⸗ gebracht das Haus, indem er die Sprödigkeit der niedrig gebornen Lucretia verwünſchte. F 2 — 34— Die Schwierigkeiten, welche ſich ſeinem Vor⸗ haben entgegenſtellten, regten indeß ſeine Lei⸗ denſchaft nur noch mehr an, und er nahm nunmehr ſeine Zuflucht zu einem Kunſtgriffe, der für die argloſe Camiola leicht hutte ge⸗ fährlich werden können. Er ſtellte ſich ſchwermüthig, krank, betheu⸗ erte, ihre Strenge werde ihn noch ins Grab ſtürzen, und kaum war Camiola im Stan⸗ de, dem leidenden Geliebten diejenigen Zärt⸗ lichkeitsbeweiſe zu verſagen, die ihm, wie er verſicherte, Geſundheit und Heiterkeit wieder⸗ geben würden. Ja wer weiß, ob nicht endlich das Laſter über ihre Tugend den Sieg davon getragen haben würde hätte ſich nicht in die⸗ ſem für ſie ſo kritiſchen Moment ihr Schutz⸗ engel ins Mittel geſchlagen. Die Feindſeligkeiten, welche ſeit langer Zeit zwiſchen den beiden Staaten Neapel und Sizilien unaufhörlich ſtatt fanden, nahmen um dieſe Zeit einen noch ernſteren Charakter an. Eine ſtarke neapolitaniſche Flotte, welche ins⸗ geheim ausgerilſtet worden war, ſtach in See und verbreitete auf Sizilien allgemeines Schre⸗ cken. Es wurden ſchnelle Vertheidigungsmaß⸗ * regeln getroffen, und der Koͤnig ernannte den Prinz Orlando zum Oberbefehlshaber derje⸗ nigen Schiffe, die in der Eil ausgeruſtet wer⸗ den konnten. Bei dieſer Gelegenheit gebot der Monarch ſeinem Bruder auf das Beſtimm⸗ teſte, unter keinem Vorwande die Sicherheit der Inſel preiszugeben, und ſich ja nicht in einen voreiligen Kampf mit dem weit zahlrei⸗ theren Feinde einzulaſſen:„Ich weiß, Ov⸗ lando,“ ſprach er,„daß ich Dir, indem ich Dir Enthaltſamkeit gebiete, eine ſtrenge Pflicht auferlege, Du mußt aber Deinen Muth zü⸗ geln und bedenken, daß meine Krone und mein Königreich auf dem Spiele ſtehn und daß ihr Schickſal in Deinen Händen ruht.— Binnen Kurzem hoffe ich Dir eine Verſtärkung zu ſen⸗ den, die Dich in den Stand ſetzen wird, dem Gegner mit Kraft die Spitze zu bieten und ihn nach Verdienſt zu üchtigen. 8½ Dieſe Anempfehlung zur Vorſicht war nicht geeignet, die Admiralsſtelle dem kühnen Or⸗ lando angenehm zu machen, ihn hatte indeß ſchon längſt nach einer Gelegenheit verlangt ſich auch unter den Augen ſeiner Landsleute guszuzeichnen und dieß war die erſte welche — 86— ſich darbot. Er dankte demnach ſeinem Bru⸗ der für das ihm geſchenkte Vertrauen, ver⸗ ſprach zu gehorchen und ſchickte ſich zu dem bevorſtehenden Kriegszuge an.⸗ Camiola empfing die Kunde daß ihr Ge⸗ liebter in den Krieg ziehen ſolle, mit den ſchmerzlichen Gefühlen einer liebenden Jung⸗ frau; die Zeit aber von der ich erzähle, war nicht die Zeit der Empfindelei, die Weiber waren derer gewohnt, ihre Gatten, Söhne und Geliebten auf gefahrvolle Unternehmungen ausziehen zu ſehen, und würden ſich derſelben geſchämt haben, wären ſie feige daheim geblie⸗ ben, während Andere ausgezogen, ſich den Lor⸗ beer des Ruhmes zu pflücken. So ſehr dem⸗ nach auch Camiola die Trennung von ihrem Geliebten ſchmerzte, ſie bemühte ſich, ihren Gram niederzukämpfen, und heiter zu erſchei⸗ nen. Sie ſprach ihre Ueberzeugung aus, daß ihr fürſtlicher Ritter dem Staate ſo wichtige Dienſte leiſten werde, daß er berechtigt ſeyn würde, zur Belohnung dafür, von ſeinem Kö⸗ niglichen Bruder die Erlaubniß zu begehren, ſich nach ſeiner eigenen Wahl vermählen zu dür⸗ fen. Aber wenn ſie gleich dem Prinzen unter 7— 872— Thraͤnen Lebewohl ſagte, wenn ſie ihm gleich erlaubte, ſie zum Abſchiede in ſeine Arme zu ſchließen, weigerte ſi ſie ſich doch durchaus, ihm ſelbſt die von ihm bei dieſer Gelegenheit auf den Knieen erflehte geheime Unterredung zu ge⸗ ſtatten. Zornentbrannt, ſeine Anſchläge auf Ca⸗ miola's Tugend fortwährend vereitelt zu ſe⸗ hen, begab ſich Prinz Orlando an Bord und ſchwur ſich hoch und theuer, die ſtolze Kauf⸗ mannstochter ſolle ſeinen Schlingen nicht ent⸗ gehen, und noch ſchwer dafür büßen, daß ſie es gewagt habe, ihm Widerſtand zu leiſten. Er hatte indeß nicht lange Muße, über ſeinen Racheplan nachzudenken, die neapolitaniſche Flotte zeigte ſich ihm in der Ferne, und über ihren Anblick vergaß der kühne Krieger ſofort alles anderc. So abentheuerlich tapfer aber auch Prinz Orlando war, er konnte ſich dennoch, hielt er es anders ſeinem Vortheil für angemeſſen, auch mäßigen, und wie es uns ſein Benehmen gegen Camiola gezeigt hat, ſeine Leidenſchaf⸗ ten wenigſtens für den Augenblick bändigen. Dieſe Selbſtbeherrſchung legte er auch bei die⸗ —— ——— 3— 88— fer Gelegenheit an den Tag. Vergebens er⸗ ſchöpfte ſein erfahrner Gegner ſeine ganze Kriegs⸗ liſt, den Prinzen zu einer entſcheidenden Schlacht zu bewegen, vergebens forderte ihn der jüͤngere Theil ſeiner Gefährten, der unter einem ſo kühnen Heerführer vertrauungsvoll auf Sieg, Ruhm und Beute hoffte, auf, ſeinen auf Spaniens Gefilden erworbenen Ruf zu rechtfertigen, und den Feind ſchmachbeladen an ſeine Ufer zurück⸗ zutreiben. Orlando ſteuerte ruhig ſeinen Cours, er ſchickte ſeinen Gegner durch geſchick⸗ te Mannöyers irre, verhinderte, daß ſich der⸗ ſelbe der ſizilianiſchen Küſte näherte, und nahm, eine ernſthafte Schlacht vermeidend, jedes feind⸗ liche Schiff weg, welches ſich aus dem Berei⸗ che der neapolitaniſchen Flotte herauswagte. Dieſe Verfahrungsweiſe ſetzte er eine Weile mit dem glücklichſten Erfolge fort. Die klei⸗ nen Vortheile aber, die er faſt täglich errang, ſteigerten das Vertrauen und die Ungeduld der Sizilianer nur noch mehr; und ſelbſt den küh⸗ nen Admiral ſchien endlich nach einem entſchei⸗ denden Gefecht zu verlangen. Das Bewußt⸗ ſeyn ſeiner kriegeriſchen Geſchicklichkeit ſtieg jetzt bei ihm bis zur Anmaſſung; er begann die Er⸗ — ———-—— — 4 mahnung ſeines Bruders zur Vorſicht als eine⸗ von übertriebener Furchtſamkeit herbeigefuhrte Maßregel zu betrachten, und gab ſich dem Ge⸗ danken hin, daß das Ausbleiben der verſpro⸗ chenen Verſtärkung, welche der mit den Ver⸗ theidigungsanſtalten im Innern zu ſehr beſchäf⸗ tigte König noch nicht hatte ſenden können, durch den Neid des Letzteren, der ſein Anſehen und ſeine Macht fürchte, veranlaßt worden ſei. Der neapolitaniſche Admiral that unterdeſſen fortwährend ſein Moglichſtes, zu ſeinem Zwek⸗ ke zu gelangen; er beſchuldigte die Sizilianer der Feigherzigkeit, meinte, ihr Anführer ver⸗ diene den Ruf nicht, deſſen er ſich erfreue, und gab ſich in ſeinen kriegeriſchen Bewegun⸗ gen einer ſcheinbaren Nachläſſigkeit hin, die gar trefflich geeignet war, ſeinen Gegner an⸗ zureizen, ſeine vermeintlichen Fehler zu benutzen. Unter dieſen Umſtänden lieh der ehrgeitzige und von Natur unternehmende Prinz den Vor⸗ ſtellungen und dringenden Bitten ſeiner muthi⸗ gen Umgebung, mit jedem Tage ein immer be⸗ reitwilligeres Ohr, bis er ihrem Verlangen endlich nachgab, und in die ihm von ſeinem erfahrnen Gegner gelegte, und bisher ſo glück⸗ 6 — 90— 5 lich Lermiedenc Schlinge fiel. In einer für ſeinen Ruhm und ſein Glück ungünſtigen Stun⸗ de unternahm Prinz Orlando, durch eine ſcheinbare Schwäche des Feindes verführt, mit ſeiner geringen Macht einen Angriff auf die neapolitaniſche Flotte, der ſeinigen an Anzahl von Schiffen ſo ſehr überlegen, daß der Er⸗ folg des Kampfes keinen Augenblick zweifelhaft ſeyn konnte. Zu ſpät ſah er ſeinen Irrthum ein, und was Tapferkeit und Geſchicklichkeit vermochten, den begangenen Fehler wieder gut zu machen, geſchah. Eine Zeitlang hielt er auch wirklich die Wagſchaale des Tages im Schwanken und ſchwer in der That mußte der Feind ſeinen Sieg erkaufen. Zur Verzweiflung getrieben aber, ſo wie ihm die Folgen ſeines Verſehens immer klarer entgegentraten, drang er endlich bis in die Mitte der neapolitaniſchen Flotte, ward umringt, und, trotz des muthig⸗ ſten Widerſtandes, verwundet und gefangen ge⸗ nommen.— Seine Gefangennahme endete ſo⸗ gleich die Schlacht, die Sizilianer entflohen in Verwirrung, und die Neapolitaner blieben für diesmal Herren des Meeres. Zum Glück für den König pietro und ſein Reich, wußten die Neapolitaner indeß nicht ſo gut den Sieg zu benutzen, als zu erringen. War es das Verlangen, den fürſtlichen Gefan⸗ genen, für den ein ſchweres Löſegeld zu er⸗ warten war, in Sicherheit zu bringen, oder konnte der Heerführer vielleicht den Augenblick nicht erwarten, den errungenen Lorbeer um ſeine Schläfe gewunden zu ſehen, genug, er kehrte ſofort nach Neapel zurück, wo der un⸗ glückliche Orlando, nachdem er im Triumph vor dem Sieger her durch die Gaſſen geführt worden war, auf eine Feſtung gebracht wurde. Nachdem er dieſes bewerkſtelligt, und ſich an dem Jubel des Volks und dem Lobe ſeines Souverains geweidet hatte, ſtach der neapoli⸗ taniſche Heerführer wieder in See, um Sizi⸗ lien anzugreifen. Der fernere Verlauf des Krieges geht die⸗ ſer, unſerer Geſchichte nichts an, es reiche demnach hin zu berichten, daß das Zaudern des Siegers, dem ſizilianiſchen Monarchen Zeit gab, ſeine Vertheidigungsmaßregeln zu beendi⸗ gen; und ſo ward denn der Angriff auf die Inſel denn auch glücklich zurückgeſchlagen. Die Sicherheit aber, die ihm durch den Fehler ſei⸗ ner Feinde erwuchs, konnte den Zorn des Kö⸗ nigs gegen ſeinen Bruder nicht beſänftigen, der dadurch daß er den ihm gegebenen Befehl überſchritten, ihn und ſein Reich der größten Gefahr preisgegeben hatte. In dieſer aufge⸗ brachten Gemüthsſtimmung, weigerte ſich Pie⸗ tro demnach mit großer Entſchloſſenheit ſei⸗ nen ohnehin ſchon erſchöpften Schatz, noch mehr durch die Bezahlung des Löſegelds für einen Mann zu plündern, deſſen Ungehorſam über ihn und ſeine Unterthanen ſo mannichfa⸗ ches Ungemach herbeigeführt hatte. Die Bit⸗ ten und Vorſtellungen ſeiner Familie, und der Freunde des Prinzen, blieben eben ſo frucht⸗ los als die Drohungen der Feinde, und Or⸗ lando ſchien demnach beſtimmt den Ueberreſt ſeines Lebens, welches er ſo glänzend begon⸗ nen, in einem neapolitaniſchen Kerker verlaſſen und vergeſſen zu verſchmachten. Vergeſſen aber war Prinz Orlando nicht: — ein Herz gab es noch welches mit inniger Liebe deſſen gedachte, der ſeine Zärtlichkeit ſo wenig verdiente. Die Seelenſtärke, welche Camiola bei der Trennung von ihrem Ge⸗ liebten gezeigt hatte, war mit ihm verſchwun⸗ den, und ihre wngſt während ſeines kurzen Feldzuges ward durch die Kunde, von den Vortheilen die er über den Feind errungen hatte, nur wenig gemildert. Die Nachricht von ſeiner Gefangennahme aber, gab allen ih⸗ ren Hoffnungen den Todesſtreich, und es ſchien faſt, als müſſe ſie unter ihrer Schmerzenslaſt erliegen. Sie verſiel in eine ſchwere Krank⸗ heit, von der ſie nur langſam genas, denn tauſendfache Qualen und Sorgen nagten an ih⸗ rem Herzen. So verging ein Monat nach dem andern, der König blieb bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, und Prinz Orlando ward nach und nach vergeſſen.— Sein Andenken lebte nur noch in dem Herzen der unglücklichen, faſt ver⸗ zweifelnden Camiola. Sich nutzloſen Klagen hinzugeben, ſich dem Mißgeſchick fügſam zu unterwerfen, lag indeſ⸗ ſen nicht in dem Charakter der Heldin unſerer Geſchichte und ſie raffte ſich' demnach aus ih⸗ rer Schwermuth empor, um auf Mittel gegen das Unglück zu ſinnen, das ſie und ihren Ge⸗ liebten betroffen hatte. Sie gedachte begreif⸗ licherweiſe des großen Reichthums ihres Va⸗ ters, als derjenigen Quelle aus der ihr am — 94— kräftigſten Hülfe ſtrömen könee; und ſich nicht lange beſinnend, wandte ſie ſich mit dem offe⸗ nen Vertrauen eines Kindes, das alle ſeine Wünſche erfüllt zu ſehen gewohnt iſt, an ih⸗ ren Vater, und verlangte, der alte vorſichti⸗ ge Handelsherr ſolle das für den Prinzen ge⸗ forderte bedeutende Löſegeld zahlen. Dieß war eine Bitte, ungemein verſchieden von denen, welche Paolo Turinga zu er⸗ füllen gewohnt war; hätte der König in die Vermählung ſeines Bruders mit Camiola bereits eingewilligt, er wurde vielleicht keinen Anſtand genommen haben, ſeinen Eidam los⸗ zukaufen; aber, wie jetzt die Sachen ſtanden, konnte er vielleicht einen großen Theil der Ernte ſeines betriebſamen Lebens für Jemand hingeben, der gar nicht zu ſeiner Familie ge⸗ hörte. Dieß aber war nicht die einzige Be⸗ denklichkeit des alles berechnenden Kaufmanns: der König hatte ſich geweigert, ſeinen Bruder einzulöſen, und konnte demnach leicht Turin⸗ ga's Benehmen, falls dieſer das Löſegeld zahlen würde, als eine dem Unterthan keines⸗ wegs zuſtehende Anmaſſung betrachten; Ca⸗ miola's Vater weigerte ſich demnach durch⸗ aus, ihr Verlangen zu erfüllen. Seine Tochter aber war nicht im unbeding⸗ ten Gehorſam erzogen worden, und ſo unter⸗ warf ſie ſich denn dem väterlichen Ausſpruche keinesweges ohne Murren. Im Gegentheil, ſie beſtürmte ihren Vater immer heftiger und heftiger, und verſank, ob ſeiner Weigerung, in eine ſo tiefe Schwermuth, daß Turinga doch vielleicht nachgegeben haben würde, wäre ſein Widerſtand nicht auf eine unüberwindliche Furchtſamkeit gegründet geweſen. Derſelbe ward indeß doch ſchon immer ſchwächer und ſchwächer, und Camiola gab ſich der Hoff⸗ nung hin, daß es ihr, noch bevor mehrere Mo⸗ nate dahingeſchwunden ſeyn würden, gelingen werde, ihren Vater ihrem Wunſche geneigt zu machen. Während aber ſo die liebende Jungfrau freudiger in die Zukunft zu blicken begann, be⸗ traf ſie neuerdings ein Mißgeſchick, welches die Erfüllung ihrer Hoffnung zu verzögern, wenn nicht gar ganz zu vernichten drohte. Paolo Turinga ward plötzlich gefährlich krank, und lag mehrere Monate lang in einem 8 96— hoffnungsloſen Zuſtande darnieder, unfähig ſei⸗ nen Geſchäften vorzuſtehn, dabei aber keines⸗ weges geneigt, die Fuührung deſſelben einem Andern zu übertragen. Camiola's Gefühle während dieſer Zeit waren von ungemein qual⸗ voller Art. Von der Angſt um einen theuren, geliebten Vater gefoltert, gepeinigt von dem Gedanken, daß ihr Geliebter noch immer in der Gefangenſchaft ſchmachte, konnte nur die ihr eigenthümliche Seelenſtärke ſie aufrecht er⸗ halten, und ſie in den Stand ſetzen, während dieſer traurigen Periode, die ihr als Tochter obliegenden Pflichten zu erfüllen. Nach einer Mondenlangen Krankheit ging endlich der achtbare Handelsherr in eine beſſere Welt hinüber, und hinterließ Camiola als einzige unbeſchränkte Erbin aller der Reichthü⸗ mer, die er während ſeines langen, arbeitſa⸗ men Lebens erworben hatte. In dem Kummer über den Verluſt ihres theuren Vaters, in der Pflege, welche ſie ih⸗ rer tief traurenden Mutter ſpendete, vergaß Camiola zwar keineswegs die traurige Lage ihres Geliebten, aber ſie ward durch jene doch verhindert, für den Augenblick zu ſeiner Be⸗ freiung — 2 — —-— —— — 2 freiung thätige Maßregeln zu ergreifen. Kaum aber konnte ihre Mutter ihr Lager wieder ver⸗ laſſen, kaum hatte ſich der erſte Schmerz über den Tod ihres Vaters einigermaſſen gelegt, als die liebende Jungfrau ſofort zum Wohl Orlando's einen kräftigen Entſchluß faßte, den unſere freundlichen Leſer aus dem nachſte⸗ henden Briefe kennen lernen werden, der durch einen Boten nach Neapel geſandt wurde. Mein theurer, gnädiger Herr! „Ew. Hoheit die ſchmerzvollen Gefühle ſchildern, welche während Ihrer Abweſenheit und Ihrer Gefangenſchaft meine Bruſt erfüll⸗ ten, hieße dem Stolze einer Jungfrau und der Achtung zu nahe zu treten, welche das niedrig geborne Bürgermädchen dem ſizilianiſchen Prin⸗ zen ſchuldig iſt. Ich erlaube mir demnach nur die Hoffnung zu äuſſern, daß Ew. Hoheit ſich nicht von mir vergeſſen geglaubt haben, weil es bis jetzt nicht in meiner Macht geſtanden, Eure Gefangenſchaft, gnädiger Herr, zu er⸗ leichtern oder abzukürzen. „Das ſchwere Mißgeſchick welches mich ſeit Kurzem betroffen, indem mir der Tod meinen G —— — 98— gelſebtem Vater entriſſen, hat nunmehr in meiner Lage eine Veränderung hervorgebracht; und der einzige Troſt in meinem Schmerze be⸗ ſteht in dem Gedanken, daß mich der Ueber⸗ fluß der mir durch die Zärtlichkeit meines Va⸗ ters zugefallen, vielleicht in den Stand ſetzt Eure Befreiung zu bewirken. Auch hoffe ich nicht getadelt zu werden, daß ich, üͤberzeugt wie dieſe Zögerung zu unſerem beiderſeitigen Glücke nothwendig iſt, Ew. Hoheit Feſſeln nicht eher löſe als bis ich die Antwort auf dieſes Schreiben erhalte.“ „Es iſt mir nemlich der Gedanke deidnn men, daß, wenn Ihr, gnädiger Herr! Euch verpflichtet mir Eurer Magd, unter der Be⸗ dingung daß ich das Löſegeld für Euch zahle, vor dem Altare Eure Hand zu reichen, der König Ew. Hoheit nicht zürnen kann, daß Ihr eine Verbindung ohne ſeine Einwilligung ge⸗ ſchloſſen; auch bin ich überzeugt ſeine bekannte Gerechtigkeitsliebe würde ihn beſtimmen den Ehecontrakt zu ratificiren. Ich lege dieſen Vorſchlag Ew. Hoheit beſſerem Ermeſſen vor, und füge nur noch hinzu, daß ich um Euret⸗ willen bereit bin, jeden Vorwurf zu ertrogen, ³ — 99— den man rückſichtlich dieſes Schrittes meinem jungfräulichen Zartgefühle machen könnte.“ „Ich erwarte Ew. Hoheit Antwort, und verbleibe mit allen Gefuͤhlen, die ein niedrig gebornes Mädchen fuͤr ihren Prinzen hegen darf. Ew. Hoheit unterthaͤnigſte und treueſte Dienerin Camiola Turinga.“ In Antwort auf dieſes Schreiben erhielt nunmehr Camiola durch denſelben Boten ei⸗ nen in gültiger Form ausgefertigten Ehecon⸗ trakt; ſammt einem Briefe voll von Dankes⸗ ergüßen und Liebesverſicherungen. So wie die⸗ ſes Schreiben in ihre Hände war, traf Ca⸗ miola die nöthigen Maßregeln, das Löſegeld für den Prinzen nach Neapel zu übermachen; worauf ſie ſeiner Rückkehr mit einer an Angſt grenzenden Sehnſucht entgegen harrte. Trotz ihrer ſchlafloſen Nächte aber, trotz ihrer Unruhe am Tage, erlangte dennoch Ca⸗ miola, denn Freude belebte ihr Herz, nun⸗ mehr bald ganz ihre fruͤhere Schönheit wieder, welche während ihrer Leidenszeit bedeutend ge⸗ G 2 * — 100— litten hatte; und als der Prinz auf Sizilien aanlangte, prangte ſie wieder in ihrer vollen Reizesfülle. 4 Kaum gelandet, beeilte ſich Orlando,* noch bevor er daran dachte ſich dem beleidig⸗ ten Souverain vorzuſtellen, ſeine Wohlthäte⸗ rin ſeiner Dankbarkeit und ſeiner Liebe zu ver⸗ ſichern, und wenn je Camiola Urſache hatte fͦr ihre Tugend wachſam zu ſeyn, war es bei dieſer Gelegenheit. Die wackere Nicola aber wich nicht von ihrer Tochter und ſtand ihr wie ein ſchützender Genius ſtets zur Seite. Rach einer Zuſammenkunft eben ſo wonne⸗ 3 reich für die liebende Jungfrau, als ungenü⸗ gend für den falſchen, trugvollen Orlando, nahm dieſer von ihr Abſchied, um ſich nach dem Pallaſte zu begeben. Bruderliebe hatte in der Bruſt des Königs längſt über den Unmuth des 1 Monarchen den Sieg davongetragen; und innig 1 ſchmerzte ihn die Gefangenſchaft ſeines Bru⸗ ders, konnte er ſich bei ſeiner Gerechtigkeits⸗ liebe gleich nicht entſchließen, durch Auftreibung des großen Löſegeldes ſeinen Unterthanen eiie— neue Laſt aufzuerlegen. Er freute ſich demnach 3 herzlich, daß der Prinz durch Privatanhänglich⸗ 8 2 —,— „ — —— keit befreiet worden, und empfing ihn mit großer Freundlichkeit. Nachdem ſich das erſte Entzücken der Lie⸗ benden uͤber ihre Wiedervereinigung gelegt hat⸗ te, begannen ſie nunmehr ihre Plane zu ent⸗ werfen. Prinz Orlando berichtete ſeiner Geliebten, daß der König, habe er ſich gleich uͤber dieſen Gegenſtand nicht beſtimmt ausge⸗ ſprochen, dennoch ſehr geneigt ſcheine, in ihre Verbindung zu willigen, und den Ehecontrakt zu ratificiren. Er bat ſie demnach, mit ihrer Vermählungsfeier nur bis nach Beendigung ih⸗ rer Trauerzeit zu warten. Dieſes Verkangen ſchmerzte Camtola keineswegs, im Gegen⸗ theil, es erhöhete ihre Achtung für den Prin⸗ zen, denn ſie glaubte darin ſein Zartgefühl zu erkennen; mit Freudenthränen in den Augen gelobte ſie ihm Gewahrung ſeiner Bitte, und eine Zeitlang erfreuete ſie ſich in dem Umgan⸗ ge mit ihrem Geliebten eines ſo ungetrübten Glückes, wie es dem Sterblichen hienieden nur ſelten zu Theil wird. Nicola Turinga war über das achtungs⸗ volle, ehrerbietige Benehmen Orlando's eben ſo erfreut als ihre Tochter, und da ſie — — 102— den Prinzen mit Zuverſicht ſchon als ihren künftigen Eidam betrachtete, begann ſie jetzt in ihrer Wachſamkeit nach und nach etwas läſ⸗ ſiger zu werden; ein Umſtand, den der ſchlaue Verführer mit Freuden bemerkte und den er zu benutzen beſchloß. MNeuerdings wagte er es jetzt, ſich manche kleine, ſeiner Verſicherung zufolge dem Bräu⸗ tigam zuſtehende Freiheiten herauszunehmen, neuerdings aber ſtieß er dabei auf die ihm frü⸗ her entgegengetretenen Hinderniſſe, welche, ſei⸗ ner Meinung nach, Camipla's Ueberzeugung, bald mit ihm vereinigt zu werden, aus dem Wege geräumt haben müßte, Endlich nahte ſich Camiola's Trauerzeit ihrem Ende, und Orlando hatte jetzt keinen Vorwand mehr, die Erfüllung ſeines Verſprechens weiter hin⸗ auszuſchieben. Ernſthaft ſann er nun darüber nach, was er unter dieſen Umſtänden zu be⸗ ginnen habe, und mit einem bitteren Unmuth, welcher jedes ſanfte Gefühl bei ihm verdräng⸗ te, gedachte er, wie Camiola's Unſchuld und Reinheit alle ſeine noch ſo ſchlau ange⸗ legten Plane vereitelt hätten. Zuletzt beſchloß —,.—— —9— — 3 — 103— er noch ein Mittel zu verſuchen, und ſich zu ſtellen, als zweifle er an ihrer Liebe. Demzufolge quälte er Camiola nun meh⸗ rere Tage lang durch die Bemerkung, wie er beſorge, daß nur Ehrgeiz, nicht wahre Liebe ſie antreibe, nach ſeiner Hand zu verlangen, einen Argwohn, den er durch die Kälte zu rechtfertigen ſuchte, mit der ſie ihn behandele, und die unter ihren jetzigen Verhältniſſen durch⸗ aus nicht ſtatt finden dürfe. Verletzt, gekränkt über alle Beſchreibung, entgegnete Camiola unter Thränen:„Ihr beklagt Euch, daß ich Euch nicht vertraue! wie unrecht thut Ihr mir! Habe ich nicht Eurer Ehre den ganzen Frieden, die ganze Ruhe mei⸗ nes Lebens anvertraut? Sie wären dahin— dahin auf immer, erführe ich je, daß Ihr, Orlando, es bereutet, Euch einem niedrig gebornen Mädchen verlobt zu haben!“ Der Prinz ſchuttelte ungläubig das Haupt, und noch heftiger angeregt fuhr Camiola fort: „Ihr müßt von meiner Uneigennützigkeit über⸗ zeugt ſeyn, Orlando, Ihr könntet mich nicht lieben, hieltet Ihr mich des kalten, gefühllo⸗ — 104— ſen Ehrgeitzes fähig, deſſen Ihr mich jetzt be⸗ ſchuldigt."— „Ich glaube es wohl, daß ich Euch nicht ganz gleichgültig bin,“ entgegnete Orlandy, „wie wenig aber erwiedert ihr die Lewenſchaft, die ich für Euch empfinde.“ G Camiyla's Thraͤnen floßen noch heftiger: „Wie,“ fragte ſie angſterfüllt,„ſoll ich es denn anfangen, dieſen furchtbaren Argwohn von Euch zu bannen?— Soll dieſer Zweifel aguf mir laſten, bis ein jahrelanges unverän⸗ dertes Benehmen Euch von iieiner Liebe über⸗ zeugt haben wird?“ „„Die bleße Erfüllung Eurer Pflichten als 1 Gattin,“ antwortete der Prinz,„kann mir von Eurer Zärtlichkeit nicht hinlängliche Be⸗ weiſe geben; nie— nie werde ich mich glück⸗ lich fühlen, ſo lange mich noch der Zweifel quält, daß ihr nur aus Stolz und Ehrgeiz die Meinige geworden.“ „Ihr zerreißt mein Herz,“ jammerte Ca⸗ miola,„was aber— was kann ich thun? „Wollteſt Du in der That thun, was ich wünſche, meine Camiola,“ flüſterte ihr Or⸗ lando in einem einſchmeichelnden Tone zu, 2 4 ℳ — ——,.— — 105— „ach, wie leicht iſt es Dir, mich zu dem gluͤck⸗ lichſten Sterblichen zu machen. Wenn du mich wirklich ſo innig liebſt, wie Du ſagſt— weß⸗ halb mein Glück verſchieben?— weßhalb mir nicht ſchon jetzt die Seligkeit ſpenden, die mich in Deinen Armen erwartet?— Camiola blickte ihn einen Augenblick lang beſtürzt an—„ich verſtehe Euch nicht, Prinz,“ ſprach ſie,„ich hoffe, ich verſtehe Euch nicht.“ „Wir ſind hier nie ungeſtört,“ fuhr Or⸗ lando noch leiſer, noch dringender fort,„ge⸗ ſtatte mir auf Dein Zimmer zu kommen, Nachts, wenn ſich alles zur Ruhe gelegt hat— wenn jeder Lauſcher ſchläft.— Erfülle meine Bitte, mein theures Mädchen, und ich werde Dein Vertrauen als einen unwiderlegbaren Beweis Deiner Liebe betrachten.“ „Eine Minutenlange Pauſe erfolgte; Er⸗ ſtaunen und Entſetzen beraubten Camiola der Sprache. Zwar gab ſie ſich noch immer keinem Mißtrauen gegen denjenigen hin, an dem ihr Herz mit ſo warmer Zärtlichkeit hing; aber alle ih⸗ re weiblichen Gefühle waren auf das ſchwerſte beleidigt. Während ſie bemüht war, ihre Faſ⸗ ſung wieder zu gewinnen, beobachtete der Prinz — 106— ihre Geſichtszüge mit prüfenden Blicken.„Wie,“ nahm endlich Camiola mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes das Wort,„wie— iſt es möglich!— habe ich recht gehört?— Einer thörigten Grille wegen, wollt ihr die Ehre Eu⸗ rer künftigen Gattin opfern? wollt ſie in Eu⸗ ren und ihren eigenen Augen herabſetzen?— O, nein, nein; das könnt Ihr nicht wünſchen, Ihr könnt ſie nicht der hohen Ehre unwürdig machen wollen, zu der Ihr im Begriff ſeid, ſie zu erheben!— Orlando, theurer, innig⸗ geliebter Orlando, fuhr ſie mit ſteigender Leb⸗ haftigkeit fort,„o ſprecht, ſprecht— ſagt mir, daß ich Euch mißverſtanden habe!“ Orlando wollte ihre Hand erfaſſen.„Ca⸗ miola!“ ſprach er in einem einſchmeichelnden beſänftigenden Tone. Camiola aber beb⸗ te vor ſeiner Beruhrung zurück.„Sprecht, um Gotteswillen ſprecht,“ unterbrach ſie ihn, „ſagt, daß ich Euch mißverſtanden.“ „Mißverſtanden, allerdings,“ entgegnete der Prinz,„wenn meine holde Braut auch nur auf Augenblicke dem Gedanken Raum ge⸗ ben könnte, daß ich die Abſicht hatte, ſie her⸗ abzuſetzen, zu beleidigen.“ —— — — 192— Mitt beredter Zunge bemühte ſich munmehr der Verführer noch eine Weile lang, ſeiner Geliebten auseinander zu ſetzen, wie ſein Ver⸗ langen nicht zu tadeln ſei, und wie er nur einen Beweiß ihrer wahren Liebe begehl e. Ca⸗ miola hWoͤrte ihn anfangs mit ſtolzer Mißbil⸗ ligung an, als er aber nicht aufhörte itn ſie zu dringen, ward endlich ihr ganzer Unwill e rege, und zum Erſtenmale ſchieden die Liebend en jetzt erzürnt von einander. Als Camiola darauf über dieſe Unterredung ruhiger nachdach te, er⸗ ſchien ihr das Benehmen des Prinzen ſo uner⸗ klärbar, daß ſie die Aufrichtigkeit ſeifier Ge⸗ ſinnungen gegen ſie einen Augenblick lang zu bezweifeln begann. Sie verwarf inde ß dieſen Gedanken ſchnell wieder, ſuchte ſich zu überre⸗ den, daß ihn nur ſeine allzuleidenſcchaftliche Liebe verleitet hätte, ſo zu handeln, unnd ſchick⸗ te ſich ſchon an, ihrem geliebten Orlando die Verzeihung zu ſpenden, die er, wie ſie ſich über⸗ zeugt hielt, unverzüglich von ihr erflehen würde. Sie wartete indeß vergebens, ein Tag ver⸗ ging nach dem andern, Prinz Orlando aber erſchien nicht. Die Mutter erſtaunte und Be⸗ ſorgniß bemächtigte ſich ihrer. Die Tochter — 108— war ebenfalls von Angſt erfüllt, konnte es aber nicht über ſich gewinnen, jene mit dem Inhalte der letzten, zwiſchen ihr und ihrem Geliebten ſtattgehabten Unterredung bekannt zu machen. Sie wollte ihren Bräutigam nicht an⸗ klagen, ſie konnte nicht von der Kränkung re⸗ den, die er ihr zugefügt hatte.— Endlich aber, als Nicola immer mehr und mehr in ſie drang, geſtand ſie, daß der Prinz ſie durch ſein allzu⸗ freies Benehmen beleidigt habe, und nunmehr erwachte der ganze frühere Argwohn der Mut⸗ ter, und feſt war ſie entſchloſſen, Alles, ſelbſt das Schlimmſte auf einmal zu erfahren. So koſtbar angethan, als es ihr Wittwen⸗ recht geſtattete, begab ſich Nicola Turin⸗ ga ſofort nach dem Pallaſte, und verlangte mit dem Prinzen Orlando zu reden; dieß war nicht ſo leicht zu bewerkſtelligen, als ſie gedacht hatte; der Prinz, bald in Vergnügun⸗ gen ſchwelgend, bald mit Geſchäften überhäuft, war den niedern Volksklaſſen keineswegs ſo zu⸗ gänglich, als ſein königlicher Bruder. Sie ward von den Dienern und Höflingen kalt, ja un⸗ höflich zurückgewieſen, bis endlich einer der Letzteren in ihr die Mutter der ſchönen und 1 —— — 109— reichen Camiola erkannte. Jetzt veränderte ſich plötzlich die Scene. Wie auch endlich Orlan⸗ do's allgemein bekanntes vertrauliches Ver⸗ hältniß mit ihrer Tochter enden mochte, die Mutter der Geliebten des Prinzen durfte in keinem Falle mit Geringſchätzung behandelt, oder gar beleidigt werden. Sie ward in das Vorgemach geführt, und ihr ein Seſſel gereicht, während ihr Verlangen Sr. Hoheit überbr acht wurde.* Nicola harrte, bis ihre Geduld faſt er⸗ ſchöpft war, das laute Gelächter, welches aus den innern Gemächern zu ihr her erſcholl, ver⸗ mehrte noch ihre Ungeduld; endlich wurden die Flügelthüren geöffnet, und Prinz Orlando prachtvoll gekleidet, um dem Könige ſeine Auf⸗ wartung zu machen, erſchien, von einer Schaar von Höflingen umgeben. Die alte Nicola, obgleich über die Oeffentlichkeit dieſer Audienz etwas auſſer Faſſung gebracht, erhob ſich den⸗ noch von ihrem Sitze, und wollte ihre Anrede beginnen, aber der Prinz kam ihr zuvor, in⸗ dem er ſagte:„Ha, ſieh' da, Frau Nicola, was bringt Ihr Neues? Bereuet Euer ſchö⸗ nes, ſchnippiſches Töchterlein etwa ihr Beneh⸗ — 110— men gegen mfch, und ſendet ſie Euch ab, ſi daſſel be Verzeihung zu erflehen?“ „Ich bringe keine Botſchaft von meiner Tocht er, gnädiger Herr, ſie weiß nicht ein⸗ mal, daß ich hier bin.“ „Was in aller Welt iſt denn Euer Begeh⸗ 1 ren? fragte der Prinz.“ Niicola ſchwieg einen Augenblick lang, dann verſe tzte ſie:„Ich wünſchte mit Ew. Hoheit insgetheim zu reden, ich bitte um eine kurze Audi enz.“— „„Wenn Ihr mir eine gebeime Botſchaft von Camiola bringt, recht gern,“ erwie⸗ dert Orlando; wo nicht, kann unſer Ver⸗ hält tiß, alte Dame, doch unmöglich Geheim⸗ haltrang erfordern.“— Bei dieſen letzten, in einenn fpöttiſchen Tone ausgeſprochenen Worten blickte er auf den Kreis der ihn umgebenden Höf inge, welche, ob des Scherzes ihres gnä⸗ digen Herrn, pllichtſchuldigſt in ein ſchallendes Gelchter ausbrachen. Frau Nicola, in die höchſte Beſtuͤrzeng ver ſetzt, hielt ſich jetzt ſchon überzeugt, daß es zur Beſtätigung ihres Argwohns weiter kei⸗ nen Frage bedürfe; ſie beſchloß indeß nichts 7 — — 111— zu uͤbereilen, und entgegnete, nachdem ſie ei⸗ nigermaſſen ihre Faſſung wiedergenommen hat⸗ te, zu dem Prinzen gewandt:„Mein Geſchäft, gnädiger Herr, betrifft allerdings meine Toch⸗ ter, wollen Ew. Hoh. mir kein Geſpräch un⸗ ter vier Augen geſtatten, muß ich in Gegen⸗ wart dieſer Herren reden.“ Der Prinz winkte ſeinem Gefolge, ſich et⸗ was zurückzuziehen, und von Nicola gefolgt in ein Fenſter tretend, ſprach er:„Ich hoffe, alte Dame, was Ihr mir zu ſagen habt, iſt aller dieſer Umſtände werth.“ „Ich komme,“ nahm jetzt Frau Nicola in einem entſchloſſenen Tone das Wort,„als Camiola's natürliche Beſchützerin, Ew. Ho⸗ heit zu befragen, weßhalb Ihr ſo kurze Zeit vor Eurer Verheirathung mit meiner Tochter Eure Beſuche in meinem Danſe eingeſtellt habt? 3 Frau Nicola hielt inne, aber ſie empfing keine Antwort. Der Prinz ſtand ſchweigend da, ſo, als erwarte er eine wichtigere Mit⸗ theilung, nach einer Weile fragte er indeß in einem Erſtaunen verkündendem Tone:„Und iſt das Alles, was Ihr mir zu ſagen habt?— — 112— * „Es iſt, meiner Meinung nach, genug, die Angſt einer Mutter zu rechtfertigen,“ er⸗ wiederte Frau Nicyla. Da warf ſich Prinz Orlando in die Bruſt, und entgegnete mit majeſtätiſchem Anſehen und ſo laut, daß es Jedermann in dem Gemache vernehmen konnte:„Ich glaubte, Frau Ni⸗ cola, Ihr beſäßet genugſam Erfahrung, um nicht, wie ein romanhaftes Mädchen, zu glau⸗ ben, ich hätte je daran gedacht, die Kaufmanns⸗ tochter zu etwas Anderm, als zum Spielwerk meiner müſſigen Stunden zu machen. Habt Ihr Euch andern thörigten Träumereien hinge⸗ geben, ſo habt Ihr Euch geirrt!“— Der Unwille ob dieſer ſchändlichen Rede, gab der wackern Bürgersfrau Kraft, der fürſt⸗ lichen Frechheit muthige Worte entgegen zu ſtellen:„Und der Heirathscontrakt,“ fragte ſie,„von Eurer Hoheit unterſchrieben, den Ihr meiner Tochter ſandtet, bevor ſie das Lö⸗ ſegeld für Euch bezahlte?“— „Iſt als ein Blatt Pergament zu betrach⸗ ten,“ antwortete Prinz Orlando, indem er die Schaamröthe auf ſeiner Wange unter einem ſchallenden Gelächter zu verbergen ſtrebte. Die Höf⸗ — — — 21 — 113— Höͤflinge ſtimmten mit ein, und von ihnen ge⸗ folgt, begab ſich der Prinz hinweg, ohne Ca⸗ miola’s Mutter weiter auch nur eines einzi⸗ gen Wortes zu würdigen.— n Wer aber vermoͤchte die Gefühle zu be⸗ ſchreiben, mit welchen Frau Nicola den Heimweg antrat, um ihrem einzigen, angebe⸗ teten Kinde die furchtbare Kunde zu hinter⸗ bringen, die alle ihre theuerſten, ſo lange ge⸗ nährten Hoffnungen auf einander mit einem Schlage vernichten, die für ſie bisher ſo blü⸗ hende Erde in eine öde Wüſte verwandeln ſollte. Unterweges hielten ſie Zorn und Un⸗ wille aufrecht; zu Hauſe angelangt aber, dem theuern Kinde gegenüber, dem Stolz ihres Al⸗ 3 ters, dem ſie nunmehr das Herz zerreiſſen ſollte, überwältigte ſie der Schmerz, und bleich und ſprachl os ſtand ſie da, von fünnhthaner Ge⸗ müthsbewegung beſtürmt. Ohne von dem Stickrahmen aufzuſchauen, auf dem unter ihren Händen langſam eine Myr⸗ the hervorging, fragte Camiola:„Ihr ſeyd recht lange ausgeblieben, meine theure Mut⸗ ter?— wo waret Ihr ſo lange? Da ſie hierauf keine Antwort empfing, erhob ſie ihre H — 114— Blicke von ihrer Arbeit, und flog, als ſie das bleiche, bekümmerte Antlitz ihrer Mutter ge⸗ wahrte, auf dieſelbe zu. Nicola war jetzt nicht länger im Stande, ihre Gefühle zu be⸗ herrſchen, ſie warf ſich an die Bruſt ihrer Toch⸗ ter, und brach in Thränen aus.. Die anfangs nur erſtaunte, nunmehr aber heftig erſchrockene Camiola, führte ſie zu ei⸗ nem Seſſel und wollte die Dienerinnen her⸗ beirufen, dies aber wollte Frau Nicola nicht zugeben; und ſo verging eine ganze Zeit, während ſich die Tochter bemühte, ihre krampf⸗ haft weinende Mutter zu beruhigen. Es währ⸗ te lange, ehe ihr dies auch nur einigermaſſen gelang, denn der Anblick ihrer Troſtſpenderin, ſteigerte nur noch den Kummer der guten Al⸗ ten:„Mein armes, armes betrogenes Kind,“ ſtammelte ſie endlich. Da nahm plötzlich Camiola's Gedanken⸗ reihe eine andere Richtung; unbeweglich ſtand ſie da, und kaum vernehmbar wiederholte ſie die Worte:„Betrogen! betrogen!“ Die Gefühle ihrer Mutter fanden jetzt Worte, und mit von der Gewalt des Zorns belebter Zunge, ſtattete ſie ihrer unglücklichen ———— — 115— Tochter nunmehr Bericht ab, von ihrem Em⸗ pfange im Pallaſt und von dem Benehmen des Prinzen.“ 2res e. Ohne ihre Stellung auch nur im geringſten zu verändern, ohne ihre Miene auch nur im mindeſten zu verziehen, horchte Eamiola ih⸗ rer Kunde. Die Erzählung der Mutter war bereits geendet, aber noch immer ſtand Ca⸗ miola wie eine Bildſäule da, ſtarr und re⸗ gungslos. Von Schrecken erfaßt, nahm Frau Nicola ſie in ihre Arme, und bemühte ſich ihr Rede, ihr Thränen abzugewinnen, aber vergebens. Camivla wurde auf ihr Lager geſchafft und ärztliche Hülfe herbeigerufen. Das Bewußtſein der Unglücklichen kehrte endlich zurück, alle Bemühungen aber ſie zum Sprechen zu bewegen, blieben noch immer fruchtlos; ſie drückte ihrer Mutter die Han und gab derſelben durch ein Zeichen zu verſte⸗ hen daß ſie allein gelaſſen zu werden wünſche. Der Arzt hatte geboten der Kranken zu will⸗ fahren und ſie zwar zu beobachten, aber nicht zu ſtören; und ſo erfüllte die Mutter, 3 wan gleich ungern, den Wunſch ihrer Tochter. Sie verließ indeß das Zimmer nur ſelten, verhielt H 2 — 6— ſich aber in einem Wintel deſſelben, von wo aus ſie jede Bewegung der Leidenden zu beob⸗ achten vermochke, ſo ſtille, daß Camiola ih⸗ re Anweſenheit nicht bemerken konnte. Zwei Tage lang, lag Camiola mit ge⸗ öloſſenen Augen da, dem Anſchein nach ge⸗ fübllos gegen alles was rund um ſie her vor⸗ ging; gegen das Ende dieſer Zeit aber, ſeufz⸗ te ſie tief auf, ſchlug die Vorhänge ihres Bet⸗ tes zurück, und gewahrte die würdige Nico⸗ la, welche als ſorgſame Pflegerin unfern ihres Lagers ſaß:„Theuere, theuere Mutter,“ be⸗ gann ſie mit zwar ſchwacher, aber feſter Stim⸗ me, Rich füͤrchte, ich habe Euch Angſt und Kummer verurſacht, verzeiht mir, ich konnte aber nicht helfen.— Jetzt habe ich meine See⸗ lenſtärke, wieder gewonnen— und meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Entzückt über die Ruhe ihrer Tochter, ſchloß Frau Nicola dieſelbe in ihre Arme und frag⸗ te, was ſie zu thun beſchloſſen habe. „ Fragt mich nicht, Mutter,“ entgegnete Camidla,—„noch vermag ich nicht über dieſen Gegenſtand zu reden— ſetzt ja— 49 —— — 11 bitte Euch— meine Kraft auf keine allzuharte Probe.“— Frau Nicola ſchwieg und ihre Tochter äuſſerte nunmehr den Wunſch ſich von ihrem Lager zu erheben; ſie fuͤhlte indeß, daß ſie noch ſchwächer ſei, als ſie es vermuthet hatte, und ſah ſich demnach genöthigt für dieſen Tag, noch ihr Bett zu hüten. Sie ſprach nur we⸗ nig und nur über gleichgültige Gegenſtände. Am nächſten Morgen aber, kleidete ſich Camiola mit möglichſter Sorgfalt jedoch in die tiefſte Trauer und erklärte ihrer Mutter ihren Entſchluß, von dem Könige Gerechtigkeit zu verlangen. 5 Frau Nicola erſchrack und machte ihrer Tochter vielfache Vorſtellungen, Camiola, aber war entſchloſſen und nicht von ihrem Vor⸗ ſatze abzubringen. Die Mutter ſah ſich dem⸗ nach genöthigt nachzugeben, und begleitete ih⸗ re Tochter, ohne daß ſie auch nur die Frage wagte, wohin dieſe ihre Schritte lenke.. Es war gerade das Feſt des St. Petrus, und Camipla begab ſich mit ihrer Mutter in die Kirche, in welcher der König ſtets an jenem Tage ſeinen Heiligen zu Ehren, ſeine — 1¹8— Andacht beging. Die beiden Frauen nahmen Platz an einer Stelle, an der der Monarch, wenn er nach Beendigung der Feierlichteit von dem Hochaltare zurückkehrte, vorüber mußte; und harrten hier dem günſtigen Augenblicke entgegen. Die Mutter ſtand bebend da, be⸗ fürchtend, ihr geliebtes Kind mͤchte dieſelbe 5 Kränkung erfahren„ die ſie erduldet hatte, Camiola aber ſchlug ihre Aeme kreuzweis übereinander, ſenkte ihre Blicke zu Boden und ſchien in tiefes Sinnen verſunken. Die Feierlichkeit war beendigt und König Pietro ſchickte ſich an, ſich mit ſeinem Ge⸗ folge hinweg zu begeben; ſo wie der Zug durch die Kirche ſchritt, gewahrte Prinz Orlando, der dicht hinter ſeinem Bruder ging, die bei⸗ den Turinga's. Er fuhr zuſammen und ſandte ſofort einen Höfling ab, mit dem Auf⸗ trage ſie zu entfernen. Nicola wollte dem fürſtlichen Befehle gehorchen, ihre Tochter aber erfaßte ſie beim Arm, hielt ſie zurück, und trat, da unterdeſſen der König näher gekom⸗ men war, raſch zu ihm hinan, warf ſich auf ihre Kniee vor ihm nieder und ſprach:„Die Gerechtigkeit des Königs Pietro iſt ſo allge⸗ — — 1419— mein bekannt, daß ich es wage, dieſelbe ſelbſt gegen Jemand in Anſpruch zu nehmen, der ihm am nächſten ſteht.“— Sie ſprach dieſe Worte zwar leiſe, aber mit feſtem Ton, und hohe Röthe überflog da⸗ bei ihre bisher bleiche Wange. Der König blickte voll Bewunderung auf ſie hinab, wollte ſie ſanft emporheben und fragte:„Wer von meinem Hofe konnte einem ſo lieblichen Ge⸗ ſchöpfe wehe thun! Aber wie,“ fuhr er mit ſteigendem Erſtaunen fort,„ſehe ich recht, iſt es nicht die Tochter und Erbin des reichen Turinga, die meine Gerechtigkeit in An⸗ ſpruch nimmt?“ „Ja, gnädigſter Herr!“ erwiederte Ca⸗ miola,„noch immer in ihrer knieenden Stel⸗ lung verharrend, es iſt Paolo Turinga's ſchwer beleidigte Tochter, die ſich nicht von ihren Knieen erheben wird bis ihrer gerechten Bitte gewillfahrt worden.“ „Steh auf Mädchen,“ gebot der Monarch in einem ernſten Tone,„nur vor dem Ewigen ſoll der Sterbliche ſeine Kniee beugen. Steh' auf und ſprich ohne Scheu, ich laſſe jeder⸗ — 120— mann in meinem Reiche Gerechtigkeit wider⸗ fahren!“— 1 h an Camiola erhob ſich nunmehr aus ihrer knieenden Stellung, und erzählte dem ſie ru⸗ hig anhörenden Könige, zwar in der Kürze aber mit Klarheit, wie Prinz O rlando ſich an ſie gedrängt, wie er ſich um ſie beworben, wie er ihr, unter der Bedingung daß ſie ſein Löſegeld bezahlen. würde, ſeine Hand zugeſagt habe, und wie er ſich jetzt, indem er ihre Mutter mit höhniſchen Worten abfertigte, wei⸗ gere ſein Verſprechen zu erfüllen. Nachdem ſie ihre Rede beendet hatte, überreichte ſie dem Monarchen den von dem Prinzen unter⸗ terzeichneten Heirathscontrakt. Der König unterſuchte das Document ge⸗ nau, und fragte dan zu ſeinem Bruder ge⸗ wandt,„was er hierauf zu erwiedern habe?“⸗ Orlando ſeukte beſchämt ſeine Blicke zu Boden.„Iſt das deine Handſchrift 277 fragte Pietro in einem ernſten Tone. „Ja, mein Herr und König!“ ſtammelte der Prinz,„ohne Eure Einwilligung aber hat dies Blatt keine Gultigkeit, ich hoffe Ihr wer⸗ det dem Leichtſinn eines jungen Kriegers ver⸗ — * — — 121— zeihen, den nach ſeiner Freiheit durſtete und der dies Mittel ergriff ſie wieder zu erlangen.“ „Du läugneſt alſo dieſe Deine Handſchrift nicht ab?⸗ fragte wiederholt der König. Drlando verbeugte ſich ſchweigend.— „ Wohlan denn,“ fuhr der gerechte Pie⸗ tro zu Camiola gewandt, fort:„er iſt der Deine, Mädchen, Dein Eigenthum mit Leib und Seele, Du haſt ihn Dir für Dein Geld erkauft.— Nimm ihn hin, nur als Dein Ge⸗ mahl ſoll er mir wieder vor Augen treten!“ Camibla beugte ihre Kniee, und wollte, als Zeichen der Dankbarkeit, die Hand des Monarchen küſſen, dieſer aber hob ſie ſanft zu ſich empor, küßte ihr die Wange, und fprach: „Dieß iſt das Vorrecht des Bruders.— Sagt an, wenn ſoll Eure Vermählung gefeiert wer⸗ den?n „Meine Trauerzeit, gnädiger Herr,“ ant⸗ wortete die Jungfrau,„geht in der nächſten Woche zu Ende.“. „Am darauf folgenden Montag alſo ſei Eure Hochzeitfeier,“ beſtimmte der Monarch, „rich ſelbſt will dabei zugegen ſeyn. Prinz Or⸗ lando, fuhr er darauf zu ſeinem Bruder — 122— gewandt, fort,„geleitet Eure Braut nach Hauſe!!“ „Verzeiht, gnadigſter Herr,“ nahm Sa⸗ miola in dieſem Augenblicke ſchnell das Wort, „nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen, wünſche ich den Prinzen erſt vor dem Altare wieder zu ſehen!“ „Wie es Euch gefällt, Ihr ſeid die Be⸗ leidigte und habt die Bedingungen vorzuſchrei⸗ ben,“ verſetzte der König, und nachdem er einem ſeiner Höflinge geboten hatte, die fürſt⸗ liche Braut heimzugeleiten, verließ er die Kir⸗ che mit ſeinem Gefolge. Frau Nicola Turinga kehrte thut einem nicht zu beſchreibenden Entzücken heim; und kaum hatte der Höfling, welcher ſie nach Hauſe geleitete, ſich wieder hinwegbegeben, als ſte auch ſofort begann von den Anſtalten zu ihrer Hochzeitfeier zu reden. Camiola ſchloß ſie in ihre Arme:„Verzeiht mir, theure Mutter,““ ſprach ſie,„wenn ich Euch bei dieſen Vorbe⸗ reitungen keinen Beiſtand leiſte; ja, wenn ich Euch ſogar erſuche, über dieſen Gegenſtand nicht mit mir zu ſprechen. Richtet Alles ein, wie Ihr es für gut findet, und geſtattet mir, 8 ——— dieſe wenigen Tage in ernſten Betrachtungen und Andachtsübungen zu verleben.“ Camiola's Wunſch war auch dieſesmal ihrer Mutter ein Geſetz, und umſchließlich nur mit den Anſtalten zur Hochzeit ihrer geliebten Tochter beſchäftigt, blieb der wackern Frau nur wenig Zeit uͤbrig, die feierliche Stimmung der Braut zu beobachten. Von dem Feſte des St. Petrus an, bis zu dem Tage, an melchem ihre Vermählung ſtaat finden ſollte, kam Camiola faſt nicht aus ihrem Zimmer; ſie weigerte ſich durchaus, irgend einen Fremden vor ſich zu laſſen, den oben erwähnten Höfling ausgenommen, welcher auf Befehl des Königs erſchien, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und der Frau Nico⸗ la bei ihren Vorbereitungen mit Rath und That an die Hand ging. Seinen Mittheilungen lieh die Braut zwar ein bexeitwilliges Ohr, aber ſie zuſſerte dabei eine Unluſt, ſich mit ihm zu unterhalten, welche den Höfling in Erſtaunen ſetzte. Er ſprach hierüber mit der Mutter, die ihm die verſtändige Bemerkung machte, daß Heirathen ein gar ernſtes Geſchäft ſei, und daß ihre Tochter dem Prinzen viel zu vergeben habe. Der wichtige Montag begann endlich zu daͤm⸗ mern, und reich geſchmückt, wie es dem Range geziemte, zu dem ſte erhoben werden ſollte, be⸗ gab ſich Camiola auf das Zimmer ihrer Mut⸗ ter, knieete vor derfelben nieder, und bat ſie um ihren mütterlichen Segen, und um Verzei⸗ hung jedweder Kränkung, die ſie ihr je zuge⸗ fügt habe. Unter Freudenthränen ſchloß Frau Nicola ſie in ihre Arme, indem ſie verſicher⸗ te, daß ſie ihrem geliebten Kinde nichts zu vergeben hätte. Darauf führte ſie, die heute bei dieſer freudigen Gelegenheit ihre Wittwen⸗ tracht zum erſtenmal abgelegt hatte, ihre Toch⸗ ter in den mit Blumen bekränzten Saal, wo bereits eine Anzahl von Höflingen harrte, die der Monarch geſandt hatte, um die Braut nach der Kirche zu geleiten. Camtola empfing ihre Gluͤckwünſche mit vielem Anſtande, und unverzüglich ſetzte ſich nunmehr der Brautzug in Bewegung. 1 Vor der Kirchenthür angelangt, ward die Braut von dem Könige Pietro und ſeinem ganzen Hofe empfangen; der Monarch erfaßte freundlich Camola's Hand, und führte ſie durch die Kirche zu dem Hochaltar, wo der 1 — 125— ehrwürdige Prälat in dem ganzen Pomp bi⸗ ſchöflicher Würde bereits harrte. Der König winkte ſeinem Bruder, und ließ, als Prinz Orlando herangetreten war, die Hand der Braut fahren, indem er den Biſchof erſuchte⸗ die heilige Handlung zu verrichten. Da erhob Camiola ihre gefalteten Hän⸗ de, zuerſt gegen den Prälaten, dann gegen den Monarchen:„Geſtattet mir,“ flehte ſie, „o geſtattet mir ein kurzes Gehör!“ „Was könnt Ihr jetzt zu ſagen haben, Camiola?“ fragte der König mit Erſtaunen und einem Anfluge von Unmuth.„Doch ſprecht, ſprecht!“⸗. Die Kaufmannstochter verneigte ſich zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die ihr geworde⸗ ne Erlaubniß, dann aber ihr Haupt ſtolz er⸗ hebend, fuhr ſie mit ruhiger Würde fort:„Hät⸗ te ich, als der Prinz meine Hand verworfen, mich willig darein gefügt, ich hätte die Achtung gegen mich ſelbſt verletzt, und meinen Mit⸗. bürgern zu der Vermuthung Veranlaſſung ge⸗ geben, daß ich mich durch irgend eine tadelns⸗ werthe Handlung meiner Rechte auf die Hand des Prinzen verluſtig gemacht hätte. Ich — 126— wandte mich demnach an Ew. Majeſtät, und erhielt von Euch die volle Gerechtigkeit, die ich erwartete. Meine Anſprüche ſind jetzt an⸗ erkannt, die Reinheit meines Betragens liegt offen vor Jedermanns Augen da. Mehr, gna⸗ digſter Herr! verlange ich nicht. Ich kann, ich will nicht die Gattin des Mannes werden, der dadurch, daß er ſeine heiligſten Schwüre, ſein Ritterwort gebrochen, ſich meiner unwür⸗ dig gemacht hat; ich kann ihn nicht mehr ach⸗ ten, und ſo kann ich ihm auch nicht meine Hand reichen.— Das Löſegeld, was ich für Euch, Prinz Orlando, zahlte, mache ich Euch zum Geſchenk.— Mich ſelbſt aber, ſammt den mir noch ubrigen irdiſchen Gütern, weihe ich hier in Gegenwart des ehrwürdigen Präla⸗ ten, hier an dieſer heiligen Stätte, ungezwun⸗ gen und aus freiem Willen dem ewigen und allmächtigen Gotte!“— Bei dieſen letzten Worten ſank ſie nieder auf ihre Kniee, und ſtreckte ihre Arme gegen den Hochaltar hin aus. Die Wirkung, welche dieſe Rede hervor⸗ brachte, kann nur gedacht, nicht beſchrieben werden; der Monarch, der Bräutigam, der ganze Hof, ja ſelbſt Camiola's Mutter, al⸗ — 4122— les ſtand im ſprachloſen Staunen da. Der Bi⸗ ſchoff war der Erſte, welcher ſeine Faſſung wieder gewann, er näherte ſich der knieenden Jungfrau, und fragte in einem feierlichen To⸗ ne:„Haſt Du, meine Tochter den Schritt, den Du zu thun geſonnen, und der nie zurück⸗ gethan werden kann, auch wohl überlegt? „Ich habe, ehrwürdiger Herr!“ entgegne⸗ te Camiola,„nur über ihn nachgedacht, ſeitdem mir klar geworden, daß mir die Welt kein Glück mehr bieten könne.“ Jetzt nahm der König das Wort, er ſprach begütigend, und äuſſerte den Wunſch, die be⸗ leidigte Jungfrau möge ſeinem Bruder verzei⸗ hen, und ihm ihre Hand reichen. Camiola aber ſchuttelte das Haupt ver⸗ neinend:„Ich habe,“ ſprach ſie,„dem Prin⸗ zen Orlando von ganzem Herzen, von gan⸗ zer Seele verziehen, nimmermehr aber kann ich das Weib eines Mannes werden, der nur meine Schande wollte!“ Vergebens blieben alle ferneren Borſtelkun gen des Monarchen, alle Bitten ihrer Mutter, denn wenn ſie auch bei dem Flehen der Letzte⸗ ren ihr Herz erweicht füͤhlte, beſtärkte ſie den⸗ — 128— noch das Benehmen des Prinzen Orlando, welcher ſchwer beleidigt, ſeine Hand von der Kaufmannstochter ausgeſchlagen zu ſeh'n, ſtolz und mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit da ſtand, ſie noch mehr in ihrem Entſchluſſe; und drin⸗ gend forderte ſie endlich den Biſchof auf, ſie vor Ueberredungen in Schutz zu nehmen, denen ſie nicht nachgeben dürfe, durchſchnitten ſie ihr gleich das Herz. Der Prälat nahm demnach das Wort, und gebot den Anweſenden, es nicht länger zu ver⸗ ſuchen, der Kirche eine Braut abtrünnig zu ma⸗ chen. Der König neigte ſein Haupt ehrerbie⸗ tig, und auch Frau Nicola ſchwieg von Ehr⸗ furcht erfaßt. Darauf empfing der Biſchof Camiola's Gelübde, durch welches ſie ſich und ihr Vermögen der Kirche weihete; und ſo⸗ fort ward ſie nun, da ſie ihren Entſchluß er⸗ klärte, durchaus nicht nach ihrem Hauſe zu⸗ rückkehren zu wollen, von dem Prälaten nach einem der vorzüglichſten Klöſter Siziliens ge⸗ bracht, wo ſie unverzüglich als Novize, ihre Mutter aber, die ſich nicht von ihrem gelieb⸗ ten Kinde trennen wollte, als Koſtgängerin aufgenommen wurde. Hier ausſchließlich der From⸗ Frömmigkeit gewidmet, gelang es der entſchloſ⸗ ſenen Jungfrau bald, den Frieden ihrer Seele völlig wiederzugewinnen. Nach Beendigung ih⸗ res Roviziats nahm ſie den Schleier, bei wel⸗ cher Ceremonie der König und die Königin, ſammt dem ganzen Hofe zugegen waren, zum Beweiſe der hohen Achtung, welche ſie dem Benehmen der Kaufmannstochter zollten. Prinz Orlando, deſſen Stolz den Gedan⸗ ken, im Angeſicht des ganzen Hofes von einem Bürgermädchen ſo tief gedemüthigt worden zu ſeyn, unmöglich ertragen konnte, verließ neuer⸗ dings Sizilien, um auf Spaniens Schlachtfel⸗ dern, unter dem Klange der Waffen, zu ver⸗ geſſen, was ihm daheim Schmachvolles begeg⸗ net; ſchon in dem erſten Gefecht aber, an dem er wie ein Verzweifelnder Theil nahm, ward er von einer feindlichen Picke ſo ſchwer getrof⸗ fen, daß er wenige Stunden darauf ſeinen Geiſt⸗ aufgab.— Als Camiola die Kunde von ſeinem To⸗ de erhielt, verſank ſie auf einige Tage in tie⸗ fe Schwermuth, denn das Bild des vormals Geliebten trat mit lebendigen Farben wieder vor ihre Seele; ſie nahm indeß ihre ganze 3 3 — 1so— geiſtige Kraft zuſammen, und ſo gelang es ihr auch dieſesmal, ihrer Gefuͤhle Herr zu wer⸗ den. Fortan ganz ihren frommen Beſchaͤf⸗ tigungen hingegeben, ſtieg ihr Anſehen im Klo⸗ ſter mit jedem Tage, ja im Laufe der Zeit ward ſie ſogar zur Aebtiſſin deſſelben erwählt, welchem Amte ſie lange Jahre vorſtand, zufrie⸗ den mit ſich ſelbſt und geliebt und verehrt von der kleinen Gemeinde, die wie zu einer Hei⸗ ligen zu ihr aufſchauete. Das Gelübde. — Endlich war es dem Signor Filiberto gelungen, ſich eine Zuſammenkunft mit derje⸗ nigen zu verſchaffen, an der ſein ganzes Herz hing; alle ſeine Bemühungen aber das ihrige zu gewinnen, Eindruck auf ſie zu machen, blie⸗ ben fruchtlos. Da warf er ſich noch einmal vor ihr auf die Kniee nieder, und ſchwur mit Thränen in den Augen: daß, falls ſie in ih⸗ rem Sinn beharren und ihm fürder jede Hoff⸗ nung rauben würde, er die ihm dann nner⸗ trägliche Bürde ſeines Daſeins von ſich abzu⸗ werfen entſchloſſen ſei. Die Dame ſeines Her⸗ zens ſchwieg noch immer, und ſchon ſchickte ſich Signor Filiberto, ſeinen ganzen Stolz, ſeine ganze Seelenkraft zuſammennehmend, an, ihr auf immer Lebewohl zu ſagen. In dem 2 / — 132— Tone conventioneller Höflichkeit bat er ſie dem⸗ zufolge zum Abſchiede um einen einzigen Kuß, der ihm bisher ſtrenge verweigert worden war, heiſchte es gleich die Sitte jener Zeit von der Dame des Hauſes, jeden Gaſt auf dieſe Weiſe zu begrüßen.„Ich wäre doch neugierig zu er⸗ fahren,“ entgegnete Donna Zilia,„ob Eure Liebe zu mir in der That ſo heftig iſt wie Ihr vorgebt; habt Ihr wirklich Luſt eine Probe zu beſtehen, wollt Ihr ein Geluͤbde ab⸗ legen, das ich von Euch begehren werde, will ich Euren Wunſch erfüllen, dann aber, eher nicht, werde ich glauben, ze 99 mich wahr⸗ haft liebt.“ Der von Liebe geblendets ſchwit mit groſ⸗ ſer Lebhaftigkeit, jedweder ihrer Bedingungen nachzukommen, und empfing darauf einen Kuß von der ſtolzen Dame ſeines Herzens.„Jetzt, Signor Filiberts,“ nahm dieſe darauf das Wort,„ſchickt Euch an, Euch dem ſtrengen Urtheilsſpruche zu unterwerfen, den ich über Euch auszuſprechen im Begriff ſtehe: Es iſt mein Wunſch und mein Wille, fürder, wenig⸗ ſtens für eine Zeit, nicht durch Eure Zudring⸗ lichkeiten beläſtigt zu werden; ſeid Ihr in de — 1335— That ein aͤchter treuer Ritter, werdet Ihr von dieſem Augenblicke an verſtummen, und während der nächſten drei Jahre kein Ster⸗ benswörtchen über Eure Lippen bringen.“— Der Liebende ward von dieſer harten und un⸗ gerechten Forderung in das höchſte Erſtaunen, in die größte Beſtürzung verſetzt; eingedenk ſeines Schwures aber, gab er ſofort durch ei⸗ ne ſtumme Verbeugung zu erkennen, daß er das Gelübde zu erfüllen entſchloſſen ſei. Gleich darauf entfernte er ſich und begab ſich. nach Hauſe. Nachdem er nun hier die Sache reiflich und ernſthaft überlegt hatte, kam er endlich zu dem Entſchluſſe, ſich der ihm auferlegten Buße, wenn auch nur als einer wohlverdienten Stra⸗ fe, für den ſo leichtſinnig abgelegten Schwur, muthigen Sinnes zu unterwerfen. Er ward demnach plötzlich ſtumm; und gab vor, irgend ein Zufall habe ihn der Sprache beraubt. Alle ſeine Freunde waren uüber ſeinen Unfall tief bekümmert, da ſie ihn aber wie vormals heiter ſahen, und er im Stande war, allen ſeinen Geſchaͤften gehörig vorzuſtehen, beruhig⸗ ten ſie ſich und ließen ſich von ihm ſchriftlich — 1854— kund thun, was er, ſeinem Vorgeben nach, nicht mehr ausſprechen konnte. Nach einiger Zeit aber entſchloß er ſich, nachdem er die Verwaltung ſeiner Güter einem nahen Anver⸗ wandten übergeben hatte, auf den er ſich völ⸗ lig verlaſſen konnte, eine Reiſe nach Frankreich zu machen, denn er hoffte auf dieſe Weiſe ſich zu zerſtreuen und ſich das Beſchwerliche ſeiner Lage zu erleichtern. Bei ſeiner überaus ſchö⸗ nen Geſtalt, ſeinen anmuthsvollen Geſichtszü⸗ gen und ſeinem edlen und einnehmenden We⸗ ſen, erregte ſein Mißgeſchick überall die größte Theilnahme. Als er in Frankreich anlangte, war der König Carl, der ſiebente dieſes Namens, ge⸗ rade in einem heftigen und blutigen Kriege gegen die Engländer begriffen, denen er die Beſitzungen, welche ſeine Vorfahren verloren hatten, wieder abzukämpfen ſtrebte. Schon hatte er ſie aus der Gascogne und aus ande⸗ ren Theilen des Reichs vertrieben, und eben jetzt ſchickte er ſich an, ſeine Siege in der Normandie zu verfolgen. Bei ſeiner Ankunft am Hofe des Monarchen, hatte Signor Fili⸗ berto das Glück, unter den Baronen und — 135— Cavalieren des Koͤnigs mehrere ſeiner Freunde zu finden, welche ihn um ſo herzlicher aufnah⸗ men, da ſie von dem ihn getroffenen Unfall bereits Kunde erhalten hatten. Da ihn der⸗ ſelbe nicht verhinderte, Theil an Gefechten zu nehmen, gab er durch Zeichen zu verſtehen, daß er wünſche, in die königliche Leibgarde zu treten, welchem Verlangen, da ſeine Tapfer⸗ keit allgemein bekannt war, von dem Monar⸗ chen auf das Bereitwilligſte gewillfahrt wurde. Nachdem er ſich gehörig gerüſtet hatte, ſchloß er ſich demnach der Abtheilung der Armee an, welche beſtimmt war, Rouen mit Sturm zu nehmen. In Gegenwart des Königs legte er bei dieſer Gelegenheit große Beweiſe des Hel⸗ denmuthes an den Tag; ſeine Tapferkeit er⸗ regte allgemeine Bewunderung, und nach dreis mal wiederholten Sturme ward Rouem ero⸗ bert.— 1 Ha Der Monarch erkundigte ſi 5 vruaf ge⸗ nauer nach der früheren Geſchichte des jungen Helden, machte ihm, um ihn zu ermuthigen die ehrenvolle Laufbahn die er ſo ruhmvoll be⸗ treten fürder mit Kraft zu wandeln, ein an⸗ ſehnliches Geſchenk, gab ihm eine bedeutende — 186— Stelle in ſeinem Hofſtaate, und auſſerte die— Hoffnung, daß doch einer ſeiner Aerzte wohl im Stande ſeyn würde, dem wackern Ritter die Sprache wieder zu geben. Unſer Held läa⸗ chelte ungläubig bei dieſer letzten Bemerkung, dankte aber dem Monarchen ehrerbietigſt für die ihm verliehenen Gunſtbezeugungen, und gab durch Zeichen zu erkennen, daß er den Feinden des Königs auch fürder kräftig zu be⸗ gegnen gedenke. Bald darauf fand zwiſchen den Engländern und Franzoſen ein heftiges Gefecht ſtatt, denn man machte ſich den Be⸗ ſitz einer höchſt wichtigen Brücke ſtreitig. Der Kampf ward ungemein ernſthaft, und um ſei⸗ ne Truppen zu ermuthigen, ſprengte der Kö⸗ nig ſelbſt auf das Schlachtfeld. Talbot, der Befehlshaber des engliſchen Heeres war be⸗ veits dort und hatte die Brücke faſt ſchon in Beſitz genommen. Noch war der Monarch be⸗ muht, ſeinen Truppen Muth einzuflößen, als Signor Filiberto, von ſeiner Schaar ge⸗ folgt, auf ſeinem ſchwarzen Schlachtroſſe raſch an ihm vorüberflog. Mit eingelegter Lanze ſprengte er auf Talbot zu, warf deſſen Roß zu Boden, zog darauf das Schwert, und hieb — ——;xxD——— —— — 187— mit den Seinigen ſo wacker in die feindlichen Schaavuen, daß dieſe wie die Spreu vor dem Sturmwinde auseinander flogen, und die Fran⸗ zoſen wieder in den Beſitz der Brücke gelang⸗ ten. Nur mit Schwierigkeit gelang es dem engliſchen Feldherrn, ſich durch die Flucht zu retten; Carl der ſiebente aber, welcher ſeinen Sieg verfolgte, nahm bald die ganze Norman⸗ die wieder ein. Bei dieſer Gelegenheit ſagte der König dem heldenmüthigen Filberto öffentlich Dank, und belohnte ihn, in Gegenwart ſeines Hofes, mit mehreren Schlöſſern und den dazu gehörenden reichen Beſitzungen. Er ſtand jetzt bei dem Monarchen ſo ſehr in Gunſt, daß derſelbe kei⸗ ne Koſten ſcheute, um die geſchickteſten Aerzte aller Länder über das Gebrechen unſers Hel⸗ den zu Rathe zu ziehen, ja nach Beendigung eines, zur Feier des erfochtenen Sieges gehal⸗ tenen Turniers, beſtimmte er öffentlich eine Be⸗ lehnung von zehn Tauſend Livres dem Arzte, oder überhaupt demjenigen, dem es gelingen würde, einen ſtummen Ritter, der in einer einzigen Nacht ſeine Sprache verloren hätte, dieſelbe wiederzugeben. Dieſer Aufruf gelang⸗ 4 „ — 138— te auch bis nach Italien, und von allen Sei⸗ ten ſtrömten, von dem lockenden Gewinne an⸗ gezogen, Schaaren von Aerzten und Abentheu⸗ rern herbei, welche indeß ſämmtlich ihre Mit⸗ tel nur vergebens anwandten; denn es war ja unmöglich, den vermeintlich Stummen gegen ſeinen Willen zur Sprache zu bringen. Der Andrang von überläſtigen Quackſalbern, welche unter dem Vorgeben, dem Signor Filiberto die Sprache wiedergeben zu wollen, die Haupt⸗ ſtadt füllten, ward indeſſen endlich dem Köui⸗ ge zuwider, und verdrüßlich, ſich immerdar getäuſcht zu ſehen, erließ er einen neuen Be⸗ fehl, durch welchen er gebot, daß derjenige, welcher die Heilung des jungen Ritters fortan fruchtlos verſuchen würde, mit dem Tode be⸗ ſtraft werden, oder die Summe von zehn⸗ Tau⸗ ſend Livres bezahlen ſolle. Dieſer Befehl hatte die gewünſchte Wir⸗ kung, denn die Zahl der Bewerber um die ausgeſetzte Prämie verminderte ſich ſichtbar, weil es nur wenige gah, die ihr Leben oder ihr Vermögen auf's Spiel ſetzen wollten. Als die Kunde von dem Glücke, welches Signor Filiberto an dem franzöſiſchen Hofe gemacht hatte, nach Moncaliero, dem Wohnorte der Donna Zilia, gelangte, kam dieſelbe, über⸗ zeugt, daß der Ritter nur ſchweige, weil das ihr gegebene Gelübde ſeine Zunge binde, zu⸗ mal da die ihm anberaumte Friſt jetzt zu En⸗ de ging, auf den Gedanken, daß es ja nur in ihrer Macht ſtehe, den ausgeſetzten Preis von zehn Tauſend Livres, zu jener Zeit eine höchſt bedeutende Summe, ſich zu eigen zu machen. Keinen Zweifel hegend, daß Signor Filiber⸗ to ihr noch mit derſelben Leidenſchaft zuge⸗ than ſei, und daß ihr Vorhaben deßhalb nicht mißlingen könne, machte ſie ſich, entſchloſſen, keinen Augenblick zu verlieren, ſofort nach Pa⸗ ris auf den Weg, wo ſie ſogleich der Kom⸗ miſſion vorgeſtellt ward, die der König nieder⸗ geſetzt hatte, um in Signor Filiberto's An⸗ gelegenheiten zu entſcheiden.„Ich habe ge⸗ hört, Ihr Herren,“ begann ſie,„daß ein Ritter Sr. Majeſtät vor einiger Zeit der Spra⸗ che beraubt worden; und ich bin gekommen, ihm dieſelbe wiederzugeben; denn ich beſitze, ſeine Zunge zu löſen, ein geheimes Mittel, welches, ich bin davon überzeugt, ſich wirkſam bezeugen wird. In weniger als vierzehn Ta⸗ — 140— gen ſoll der ſtumme Ritter einer der beredte⸗ ſten Cavaliere des Hofes werden, ich ſtehe Euch dafür. Ich bin meiner Sache ſo ganz gewiß, daß ich bereit bin, mich der Strafe zu unterwerfen, die von Sr. Majeſtät auf das Mißlingen eines ſolchen Heilungsverſuches ge⸗ ſetzt worden. Meine Operation darf aber kei⸗ ne Zeugen haben, der Kranke muß einzig mei⸗ ner Sorge übergeben werden, mein Geheimniß iſt mir werth, und ich will es für mich bewah⸗ ren.“„ Hoch entzückt, ſie mit ſolcher Gewißheit ſpre⸗ chen zu hören, ſandte die Kommiſſion ſofort eine Botſchaft an Signor Filiberto, mit der Nachricht, daß ſo eben eine Dame aus Piemont angelangt ſei, welche verſichere, im Stande zu ſeyn, ſein Uebel zu heilen und ihm die Sprache wiederzugeben. Signor Filiberto lud die Fremde zu ſich in ſeine Wohnung ein; kaum aber erkannte er ſeine vormalige Geliebte, der er in ſeinem Leichtſinne das übereilte Gelübde gethan hatte, als er ſich auch ſofort überzeugt hielt, daß nicht etwa Liebe oder Freundſchaft für ihn, ſondern nur Eigennutz und Habſucht die Herz⸗ 31 —— — 141— loſe nach Frankreich geführt hätten. Er gedach⸗ te der langen Leiden, die er um ihretwillen erduldet, der kalten Begegnung, die ſeine heiſ⸗ ſe Liebe von ihr erfahren hatte; und ſtatt der vormaligen Leidenſchaft für ſie, entbrannte jetzt in ſeiner Bruſt das Verlangen, ſich an ihr zu rächen. Er beſchloß demnach fortwährend den Stummen zu ſpielen, erwiederte keine Sylbe auf alle ihre Fragen, und beſchränkte ſich dar⸗ auf, ſich dann und wann ſchweigend por ihr zu verbeugen. Donna Zilia blickte verwun⸗ derungsvoll auf ihn, und fragte endlich in ei⸗ nem ſanften Ton: Ob er denn nicht wiſſe, in weſſen Nähe er ſich befinde? Er gab ihr lä⸗ chelnd zu verſtehen, daß er ſie recht gut ken⸗ ne, daß er aber ſeine Sprache noch immer nicht wieder erlangt habe, wobei er ſeinen Finger bedeutungsvoll auf den Mund legte.— Sie ſagte ihm nun, daß ſie ihn ſeines Gelübdes Rentbinde, daß ſie, um ihm dieſes anzukündi⸗ gen, nach Paris gekommen ſei, und daß er fortan nur wieder ſprechen möge, ſo viel er Luſt habe. Der ſtumme Liebhaber aber gab ihr nur durch Zeichen ſeinen Dank zu erkennen, und beharrte, wie vorhin in ſeinem Schweigen, * — 142— bis Donna Zilia endlich alle Geduld verlor, nund ihm ihren Zorn über ſein Benehmen in lauten Ausdrücken äuſſerte. Aber auch dieß half ihr zu nichts, und da ſie anfing böſe Fol⸗ gen für ſich vorauszuſehen, ſobald er in ſeinem Schweigen beharrte, nahm ſie jetzt ihre Zuflucht zu Schmeichelworten und Liebkoſungen, welche indeß, ſo geduldig er dieſelben auch hinnahm, dennsch eben ſo wenig den von der Donna gewünſchten Erfolg hatten. Thränen entſtröm⸗ sten jetzt den Augen der Donna Zilia, ihre Bitten wurden mit jedem Augenblicke dringen⸗ nder, und ſchwer bereuete ſie nunmehr ihr frü⸗ theres grauſames Benehmen, welches ſie in die traurige Lage verſetzt hatte, entweder zehn Tauſend Liores, oder ihr Leben einzubüßen. Sie wäre ſofort zur gefänglichen Haft gebracht eworden, hätte ſich nicht der ſtumme Ritter durch Zeichen für ſie verwandt. Das gegebene Geſetz mußte indeß zur Ausführung gebracht werden. Da aber Donna Zilia wie alle therzloſen Menſchen, geitzig und habſüchtig war, wollte ſie lieber ſterben, als die verlangte Summe bezahlen.— Unter dieſen Umſtänden, meinte der wackere Filiberto, ſei ſie genug — 143— beſtraft, und unperzüglich eilte er demnach, ſich eine Audienz bei dem Könige zu verſchaffen. Er ward ſofort vorgelaſſen, knieete vor dem Monarchen nieder, und bat, jetzt plötzlich wie⸗ der der Sprache mächtig, denſelben um die Begnadigung und um die Freiheit der ſtrafba⸗ ren Donna Zilia. Der König, erſtaunt, aber höchſt erfreut, ſeinen Liebling ſprechen zu hören, bewilligte ſofort ſeine Bitte, und nun unterrichtete ihn Signor Filiberto von dem ganzen Hergange der Sache. Darauf begab ſich der Ritter zu der vormaligen Dame ſeines Herzens, in der Abſicht, ihr zum Abſchiede ei⸗ enen guten Rath mit auf den Weg zu geben; ſie war eben ſo erfreut ihn wieder ſprechen zu hören, als es der König geweſen war; aber ihr Entzücken legte ſich einigermaſſen, als fol⸗ gende ermahnende Worte nunmehr ſeinen be⸗ redeten Lippen entfloſſen:„Ihr werdet Euch erinnern,“ ſprach er,„daß ich Euch zu Mon⸗ caliero meiner innigſten, heiſſeſten Liebe ver⸗ ſicherte, einer Liebe, die, wie ich damals glaub⸗ te, keine Zeit erlöſchen könne, für die ich kein Opfer zu groß hielt. Eure Grauſamkeit aber hat meine Gefühle gegen Euch verändert, ich — 144— habe mir Ehre und Reichthum erworben, ich ſtehe hoch in der Gunſt meines Monarchen; ich habe Euch nicht nur Eure Freiheit ausge⸗ wirkt, ſondern auch fuͤr Eure bequeme Rück⸗ kehr nach Italien geſorgt. Ich brauche Euch wohl nicht den Rath zu geben, Euch fürder mit mehr Klugheit und Vorſicht zu betragen, beſonders aber nie wieder mit den Gefühlen eines Mannes Hohn und Scherz zu treiben.“ — Spo ſprechend, wandte er ſich kalt von ihr ab; Donna Zilia kehrte beſchämt in ihr Va⸗ terland zurück; der wackere Signor Filiber⸗ to aber vermählte ſich bald darauf mit einem, reizenden, tugendhaften Fräulein aus einer an⸗ geſehenen fränkiſchen Familie, und verlebte als Watte und Vater nash diele Suialice Sabeeen — pa m⸗ —— Damma's Hochzeitfeier. I⸗ ging mit meinem Freunde nach dem am Seeufer gelegenen Begräbnißplatz der Par⸗ ſen. Dieſe verbrennen weder ihre Todten, noch begraben ſie dieſelben, ſie ſtellen ſie in Todtenhäuſern auf, von denen zwei vorhanden ſind, eins für das männliche, das andere für das weibliche Geſchlecht. Dieſe Gebäude ſind von ſolidem Mauerwerk aufgeführt, oben aber offen, damit die Raubvögel hinein können. Wenn die Leiche hieher gebracht worden, wird ſie nur mit einem dünnen mouſſelinenen Ge⸗ wande bedeckt, und ſo jenen Thieren zur Beu⸗ te überlaſſen. Späterhin werden dann die Knochen ſorgfaͤltig geſammelt, in eine Urne gelegt und mit gewiſſen Ceremonien zur Erde beſtattet. Dieſe Art die Todten aus dem K 4 Wege zu ſchaffen, war vor Zeit in einigen Theilen Perſiens gebräuchlich; es erregt Er⸗ ſtaunen, ſie noch jetzt beobachtet zu ſehen, bei einem ſo aufgeklärten und menſchlichen Volks⸗ ſtamme als die Parſen zu Bombay, welche mit Recht die Quäcker Oſtindiens genannt werden. Als wir uns dieſem ſeltſamen Begräbniß⸗ platze näherten, gewahrten wir ungefähr vier⸗ zig Männer und Weiber, die eine Leichenpro⸗ zeſſion bildeten, und wie wir uns ſpäterhin überzeugten, die Staubeshülle eines jungen Mädchens umgaben, die auf einer Bahre ruhte. Die ganze Verſammlung ſchien nur aus Ver⸗ wandten der Todten zu beſtehen, und ſtatt des feierlichen Ernſtes, den ich ſonſt bei ähn⸗ lichen Gelegenheiten bemerkt hatte, trug die⸗ ſer Leichenzug das Gepräge der Eile und der Geheimhaltung; es war noch ungewöhnlich früh; keine lauten Klagen erſchallten; keins der Wei⸗ ber ſchlug ſich die Bruſt als Zeichen der Trauer; das aufgelöste, im Morgenwinde flat⸗ ternde Haar mit Aſche beſtreuet, ſtießen ſie nur dumpfe Verwünſchungen hervor. Zwei der Weiber weinten indeß heftig, und deutlich 4 — — 122— konnten wir vernehmen wie ſie es bejammer⸗ ten, je das Licht der Welt geſchauet zu haben, wie ſie aber auch zu gleicher Zeit ihre wilde Freude darüber äuſſerten, daß das junge Mäd⸗ chen auf der Bahre aus dem Kreiſe der Le⸗ benden geſchieden ſei.— Vor dem Todten⸗ hauſe angelangt, ward der Leichnam nicht, wie man ſonſt zu thun pflegt, ſanft von der Bah⸗ re genommen und auf den Boden niedergelegt, ſondern man ſchleuderte ihn hinein mit allen Zeichen der Verachtung und des Abſcheues. Alles dieſes machte begreiflicherweiſe meine Neugier rege, ich zog naͤhere Erkundigungen ein, und erfuhr Folgendes, an deſſen Wahr⸗ heit ich keine Urſache habe zu zweifeln. Limgee Dorabjee, ein achtbarer Han⸗ delsmann mit edlen Steinen, hatte eine Toch⸗ ter, Damma genannt, deren Schönheit den Glanz des trefflichſten Diamants überſtrahlte. Sie erſchien unter den Jungfrauen ihres Stam⸗ mes, wie ein Edelſtein auf Golconda unter Glascorallen. Ihre Eltern ſahen in ihr, wie in einem ſchmeichelnden Spiegel, die Erfül⸗ lung ihrer ſchönſten Wünſche, mit einem Wor⸗ K 2 — — 148— te, ſie war um mit Byron zu reden,„eine Geſtalt des Lebens und Lichts.“⸗ 6 Dieſe junge Parſen oder Peri war unge⸗ fähr vierzehn Jahre alt, ein Alter, in wel⸗ chem die Schönheit der Jungfrauen in Oſtin⸗ dien gemeinhin in voller Reife prangt. Ge⸗ wöhnlich werden die Mädchen hier ſchon früher verheirathet, der junge Mann aber, dem BNamma verlobt war, war durch wichtige Handlungsgeſchäfte zwei Jahre lang zu Su⸗ rat zurückgehalten worden; ein Umſtand, wel⸗ cher es nöthig machte die Vermählungsfeier, bis zu ſeiner ſehnlichſt erwarteten Zorbikeuniſ⸗ zu verſchieben. Namma's Ausſichten waren hell und glän⸗ zend wie der Stern der Liebenden.— In ih⸗ rem Volksſtamme werden die Weiber mit der größten Auszeichnung behandelt, ſie ſpielen in den öffentlichen und Privatangelegenheiten ih⸗ rer Gatten keine unbedeutende Rolle, ſie zei⸗ gen ſich unverſchleiert und ſind keinen anderen Beſchränkungen als denen unterworfen, welche ihnen ihr eigenes Zartgefühl und die Sitten ihrer Mütter auferlegen. Die Gebräuche der Parſens in Betreff ihrer Verheirathungen, ſind — 140— 1 nur auf häusliches Glück begründet, und mit ſo günſtigem Erfolge halten ſie bei dem ſchö⸗ nen Geſchlecht auf Sittenreinheit, daß bei ih⸗ nen eine treuloſe Gattin, ein verführtes Mäd⸗ chen, eine große Seltenheit iſt. In dieſer Rückſicht ſteht ihr Charakter zu Bombay in ei⸗ nem ſo guten Rufe, daß man behauptet, die⸗ ſer Volksſtamm beſtrafe jede Abweichung von der Tugend mit augenblicklichem Tode. Ein Parſen darf nur ein Weib haben, ſtirbt daſ⸗ ſelbe, ſind deſſen Verwandte gehalten, dem Wittwer eine Wittwe zur zweiten Gattin aufzuſuchen, denn es iſt ihm nicht erlaubt, ei⸗ ne Jungfrau zu heirathen. Die Weiber er⸗ halten eine gute Erziehung, viele von ihnen können leſen, ſchreiben, die indiſche Guitarre ſpielen und⸗ Rechnung führen; alle öffentlichen Geſchäfte aber werden von den Männern be⸗ ſorgt. So freudenvoll waren alſo, wie geſagt, die Ausſichten der reizenden Namma, als es der Zufall fügte, daß ſie einer großen Gefahr durch den Muth eines gewiſſen Capitains S entriſſen ward. Sie hatte ihre Mutter in ei⸗ nem bedeckten Wagen nach dem, auf Cala⸗ — 150— beh gelegenen Gartenhauſe ihres Vaters be⸗ gleitet; ſie blieben hier länger als gewöhnlich und labten ſich an den erfriſchenden Früchten, den Kühlung gewährenden Silberquellen und nden Schatten bietenden Baͤumen. Endlich wurden indeß die Ochſen mit den glänzenden Joche und den Silberglocken am „Halſe wieder vorgeſpannt, und ſtattlich zogen ſie mit dem Wagen dahin, dem Strome zu, welcher die Inſel Calabeh von Bombay trennt. Die Fluth hatte ſchon begonnen, und der niedrige Theil des Kanals war bereits mit Waſſer angefuͤllt; in dem felſigteren, höher gelegenen aber, war der Weg noch fahrbar, obgleich die immer mehr und mehr heranwo⸗ gende Fluth doch ſchon dann und wann dar⸗ „über hinſpülte. Die Ochſentreiber hofften in⸗ deß, mit dem Wagen noch darüber hinweg zu gelangen und trieben ihre Thiere zur möglich⸗ ſten Eile an. Da aber erhob ſich plötzlich ein ſtarker Wind, mit furchtbarer Gewalt peitſchte er die Wogen heran; und noch bevor der Wa⸗ gen das Ufer erreichen konnte, gewahrten die beiden Frauen mit unbeſchreibbarem Entſetzen⸗ wie das Waſſer immer höher und höher ſtieg, -»‧ — — 151— und wie die Treiber der Ochſen nur mit groſ⸗ ſer Muͤhe im Stande waren die bereits ſchwim⸗ menden Thiere nach dem Ufer hin zu lenken. Mutter und Tochter brachen in ein lautes Angſtgeſchrei aus, das Geheul des Windes aber und das Gebrauſe der Wogen verſchlang ihre Jammertöne, ſo daß dieſe von den Be⸗ wohnern des Ufers nicht vernommen werden konnten. In dieſem entſcheidenden Moment ſprengte Capitain S... aus dem Fort; auch er hoffte noch über den Felsweg hinzugelangen; er ver⸗ nahm den Hülferuf der in Gefahr Schweben⸗ den und raſch ſtürzte er ſich zu ihrem Beiſtan⸗ de in die Fluth. Sein Roß war ein ſtarker gewandter Araber; und Capitain S..., ein tüchtiger Reuter, hatte daſſelbe daran gewöhnt mit ihm durch Flüſſe und Stroͤme zu ſchwim⸗ men; das Pferd ſchwamm demnach auch jetzt, von kräftiger Hand gelenkt, grade auf den Wagen zu, S... hob die Tochter vor ſich auf den Sattel, half der Mutter hinter ſich Platz nehmen und gelangte ſo mit ihnen glücklich ans Uſer; während der Wagen ſammt den Ochſen von der Fluth Gerſchlungen wurde. 1 — 452— Am Ufer hatte ſich unterdeſſen eine große Menge Menſchen verſammelt, und mit lauter Stimme pries jetzt Alles den Muth und die tiſchloſſenheit des wackeren G⸗ welcher ng g auf die von ihm gerettete, aufthnuende, S amma düßnst Sie lich in der That die dem Meere entſtiegene Venus, und S.. hielt ſich in dieſem Augenblick über⸗ 1 zeugt, nie ein ſchöneres Geſchöpf geſehen zu . haben. Er ſprengte in das Fort zurück, be⸗ ſorgte einen Palankin, und ließ die reizende 4 Jungfrau ſammt ihrer Mutter nach Hauſe bringen. Ich wünſchte zum Heit des Cpans. 3um Heil der unglücklichen Namma, daß ſeine Bekanntſchaft mit ihr hier geendet hätte; lei⸗ der war dem aber nicht ſo. Capitain S. benutzte jedes Mittel Namma's Liebe zu ge⸗ winnen, er wo Briefe mit ihr durch die Vermittelung d von. Fakirs und Wahrſagern.— 3 Er war bis zum Wahnſinn in ſie verliebt; er erbot ſich ihr ſeine Hand zu reichen, denn er war zu edel ge int, um den Gegenſtand ſei⸗ 2 ner Anbetung zun erisen unglücklich zu 4 — 4153— machen. DYamma hörte den Zauber ſeiner Verſicherungen, ſie vergaß die bei ihrem Stam⸗ me herrſchende Sitte; ſte verſchaffte ihrem Geliebten Gelegenheit ſi ſie zu ſehen; er beſuch⸗ te ſie in der Kleidung eines Wahrſagers, un ſie willigte endlich ein, Vater und Mutter zu verlaſſen und mit ihm zu entfliehen. Unglück⸗ licherweiſe aber ward ihre Flucht entdeckt, ſie wurden von drei wohlbewaffneten Parſens ver⸗ folgt und eingeholt, S.... vertheidigte ſeine Geliebte mit tapferem Arm, ward aber end⸗ lich beſiegt und faſt getödtet; während man die arme Namma zu ihren zornigen, und durch ihre Flucht geſchändeten Verwandten zu⸗ rückſchleppte. 8 Ihre Angſt, ihr Entſetzen war grenzenlos⸗ — ſie betheuerte ihre Reinheit, ihre Unſchuld, aber man glaubte ihr nicht.— S. erbot ſich zu jedweder Genugthuung, die ein merllcher Mann geben könne, aber n in verwarf ſeine Anträge mit Verachtung. Die Oberhäupter des Stammes rfomter⸗ ten ſich, die ſchöne Namma ward hereinge⸗ führt, gekleidet wie eine Vrant, gefamuet wie die Tochter des reichen Auwelendandns Lim⸗ — 154— gee Dorabjee. NRach mehreren Ceremonien na⸗ herten ſich ihre Großmutter und ihre Mutter der bleich und ſtarr wie eine Statue Daſitzen⸗ den, reichten ihr einen mit einem Gifttrank ge⸗ füllten Becher und einen Dolch, und ſprachen in einem feſten Tone:„Wäͤhle!“² A Lebe wohl⸗ Vater, lebe wohl, Mutter, lebe wohl, Welt! 1 entgegnete die Jungfrau, den Giftbecher erfaſ⸗ ſend,„das Schickſal will es ſo, dieß iſt DYam⸗ ma's Hochzeitfeier!“ So ſprechend, leerte ſie das todtbringende Gefäß!— Ihre Verwand⸗ ten aber wichen nicht von ihr, bis ſich ithre Augen geſchloſſen hatten, um ſich kientihan nicht wieder zu öffnen.— Als S... die furchthare Kunde von dem To⸗ de ſeiner Geliebten erhielt, und bei ihm die gräß⸗ liche Vermuthung erſtieg, daß ſie, den Sitten der Parſens zufolge, ermordet worden, befiel ihn ein furchtbare hahnſinn.„Mein Pferd, mein Pferd!“ kr her, wild ſchwang er ſich in den Sattel; wuthend bohrte er dem Renner die Sporen in die Seite, und dahin ging es mit Flugeseile.— Sein treuer Reitknecht ver⸗ wmochte nur in der Ferne zu folgen— wohl ver⸗ nahm er den Hufſchlag des Arabers, der ſei⸗ V 2 — 3155— nen Heerrn der ſchäumenden See zutrug; wohl vernahm er bald darauf ein Geräuſch wie von durchbrochenen Wellen— wohl gewahrte er, am Ufer angelangt, auf der ſtürmiſchen Ober⸗ fläche des Meeres einen kleinen, ſchwarzen Punkt, — nie aber ſah er ſeinen wackern Herrn noch deſſen Araber wieder.— Das Gaſtgebo 1. — 1 Za Venedig angelangt, begab ich mich nach dem Rialto Kaffeehaus, wohin mich die Adreſſe eines Empfehlungsbriefes wieß/ den mir mein Wirth in Bologna an einen gewiſſen Signor Andrioli, deſſen Bekanntſchaft mir, wie je⸗ ner verſicherte, von großem Nutzen ſeyn wür⸗ de, gegeben hatte. Hier fand ich den Herrn, den ich ſuchte. Nachdem ich ihm das Schrei⸗ ben überreicht und er es geleſen hatte, lächelte er freundlich, und lud mich ein, einen Spa⸗ ziergang mit ihm nach dem St. Marcusplatz zu machen. Er war ein Mann von anſtändigem Aeuſſern und ungefähr ſechzig Jahre alt. Ich bemerkte, daß er ein ariſtokratiſches Weſen hatte, auch trug er eine ungeheuer große, wohl gepuderte Perücke, mit einem unmenſchlichen 4 — 157— langen Zopfe. Er beobachtete gegen mich das wohlwollende Benehmen eines Beſchützers, ver⸗ ſicherte, er würde ſich freuen, wenn er mir von Nutzen ſeyn könne, und bat mich von Stun⸗ de an, mich als unter ſeiner Protection zu be⸗ trachten.„Ein kleines Geſchäft,“ ſprach er endlich,„ruft mich für jetzt ab, finden ſie ſich hier aber um zwei Uhr wieder ein, dann wol⸗ len wir uns nach meinem Caſſino begeben, wo ich Sie, wenn Sie anders mit einem Gerichte zufrieden ſind, bitten werde, mit mir vorlieb zu nehmen. Einen Kapaun mit Reis kann ich Ihnen vorſetzen, nebſt einer Suppe, die mein Koch trefflich zu bereiten verſteht. Einige an⸗ dere Nebenſchüſſel werden ſcch dann auch ſchon finden.“ Ein Kapaun mit Reis— eine gute Suppe — einige andere Gerichte, dachte ich, der ich zu jener Zeit viel Appetit und wenig Geld hatte, wahrhaftig Manna in der Wüſte! Ich ſtrich umher, nicht etwa um meine Eßluſt zu vermehren, denn die war groß genug, ſondern unn die Zeit zu tödten. Mein trefflicher Freund mit dem langen Zopfe traf pünktlich ein, und wir traten nunmehr den Marſch nach ſeiner Wohnung an. Während wir nun ſo dahinſchritten, kamen wir an einer Luganigeras oder Gar küche vor⸗ über, an deren Fenſter ein leckerer, gekochter Schinken prangte. Mein wohlgepuderter Pa⸗ tron machte Halt— es war eine lange, feier⸗ liche Pauſe— prüfend und mit Kennerblicken beſchaute er den lockenden Schinken, dann ſprach er:„Ich glaube, Signor, ſo ein Stück Schin⸗ ken müßte trefflich zu unſerm Kapaun ſchmek⸗ ken,— ich bin hier in der Nachbarſchaft be⸗ kannt— und es würde ſich für mich nicht ge⸗ ziemen Einkäufe in einer Garküche zu machen — gehen Sie hinein, Schatz, und erhandeln Sie zwei oder drei Pfund davon, ich werde vorausgehen, und dort an der Ecke Ihrer har⸗ ren.⸗⸗ Ich trat in den Laden, kaufte drei Pfund Schinfen, und mr, um ſolche zu bezahlen, genöthigt, eine meiner beiden letzten Zechinen zu wechſeln. Ich wickelte das koſtbare Stück Fleiſch ſorgſam in ein Papier, und eilte mei⸗ nem trefflichen Beſchützer nach, welcher das Schinkenpacket mit lüſternen Augen betrachtete, — 159— er ſagte, er freue ſich recht darauf, und mache ſich in der That Vorwürfe, daß er ſeinen Die⸗ ner nicht beauftragt hätte, Schinken zur Mit⸗ tagsmahlzeit einzukaufen. Während er mir nun noch einige Vorleſungen über die Gaſtronomie hielt, führte uns unſer Weg an einer Cantina oder Weinkeller vorüber; hier machte mein Be⸗ ſchützer neuerdings Halt. „In dieſem Keller,“ ſprach er, Aanteh der beſte Cyper⸗Wein verkauft, der in ganz Venedig zu haben iſt— ein koſtbares Getränk — ein Weinchen, wie man ihn nirgends an⸗ ders findet— ich moͤchte wohl, daß Sie ihn koſteten, aber ich mag nicht, daß man mich den Wein Flaſchenweiſe kaufen ſieht; wiſſen Sie was, Freundchen, gehen Sie hinein und kaufen Sie ein Paar Bouteillen, wir nehmen ſie dann mit nach meinem Caſſino; Sie ſind hier fremd, und ſo hat es nichts auf ſich. 24 Dieß Verlangen kam mir eineswegs gele⸗ gen; meine geringe Baarſchaft begann zu ſeuf⸗ zen, ich bedachte indeß, daß ich, falls ich mei⸗ nen Weg in Venedig machen wolle, meinen Beſchützer durch keine abſchlägige Antwort be⸗ leidigen dürfe, und ſo that ich denn nach ſei⸗ 1 — 180— nem Begehren; worauf ich mit ihm den Weg nach ſeinem Caſſino fortſetzte, drei Pfund Schin⸗ ken in der Taſche, unter jedem Arm eine Fla⸗ ſche Wein, übrigens aber sans six sous, jedoch auch sans Souci! Erwartungsvoll ſchritt ich neben meinen lang⸗ zöpfigen Mäcen daher, hoffend, mit jedem Augen⸗ blick von ihm in eine ſchöne, angenehme Wohnung geführt zu werden, in der Natur und Kunſt alle ihre Schönheiten entfaltet haben würden; ſtatt deſſen blieb mein Beſchützer endlich in ei⸗ nem engen, ſchmutzigen Gäßchen, vor einem kleinen, armſeligen Häuschen ſtehen, an deſſen Thuͤr er pochte. Er erklärte mir, wir hätten jetzt das Ziel unſerer Wanderung erreicht, und führte mich drei ſchmale, ungemein ſteile Stie⸗ gen hinan, an deren oberem Ende ſich ſein ge⸗ prieſenes Caſſino befand. Dieß war ein ärm⸗ liches Stübchen, deſſen Thür uns von einem alten, halb verhungerten Mann eröffnet ward, der hier das Amt eines Koches verſah, übri⸗ gens aber in Lumpen gekleidet war. 1 Auf einem gebrechlichen, wackelnden Tiſch ward nunmehr ein durchlöchertes Tiſchtuch aus⸗ gehreitet, welches keineswegs Anſpruch machen konn⸗ — —— ———— —— — 161— konnte, weiß genannt zu werden, zwei Teller wurden vor uns hingeſtellt, wir nahmen Platz, und nach wenigen Augenblicken ward eine Schüſ⸗ ſel mit gekochtem Reis aufgetragen.. „Wo iſt der Kapaun?“ fragte mein Be⸗ ſchützer den zerlumpten Koch. „Kapaun— Kapaun?“ wiederholte der Schatten eines Dieners. „Nun ja,“ fuhr mein Patron fort,„hat der Schurke ihn nicht geſchickt?— habe ich es ihm doch ſo eingeſchärft.— Nun, macht nichts aus, ſtelle nur den Schinken und den Wein da her, daran und an dem Reis wollen wir ſchon ſatt werden. Ich ſollte mich in der That bei Ihnen entſchuldigen, Freundchen,“ fügte er darauf zu mir gewandt hinzu,„aber es iſt Ihre eigene Schuld, hätten Sie mich früher aufgeſucht, hätte ich für eine beſſere Mahlzeit ſorgen können.“ Ich muß bekennen, die Sache ärgerte mich zwar ein wenig, machte mir aber auch zugleich Spaß; und da es ſtets mein Grundſatz gewe⸗ ſen iſt, die Dinge zu nehmen wie ſie ſind, folgte ich dem Beiſpiele meines langzöpfigen Beſchützers, das heißt, ich langte wacker zu L aller Saugen, der Appetit nemlich, würzte mir das Gericht.—. Ich war jetzt überzeugt, daß mein vorgeb⸗ licher Patron den Kapaun nur ausgeſandt hat⸗ te, um einen Gimpel zu fangen. Ueber das Eſſen und Trinken aber vergaß ich meinen Unmuth um ſo leichter, da mein langzöpfiger Freund, mußte ich ihn gleich für einen Che⸗ valier d'Induſtrie halten, mir das Mahl durch allerhand ſpaßhafte Anekdoten und Be⸗ merkungen angenehm zu machen wußte, unter andern warnte er mich auch ganz insbeſonders vor einer Menge von Betrügern und Schma⸗ rotzern, die ſich zu Venedig befänden, und die da raſtlos bemüht wären, argloſe Fremde in ihr Garn zu locken und ſie auszuplündern. Ein Rath, welcher in ſeinem Munde gar ſel⸗ ten klang.„Vor allen aber,“ ſprach er,„als unſere Mahlzeit beendigt war“ vor allen aber ſeyn Sie ſtets guten Muthes; und wenn Sie auch irgend einmal ein ſolcher Schelm ange⸗, füͤhrt haben ſollte, ſo gedenken Sie des vene⸗ tianiſchen Sprichwortes:„Cento anni di ma- üncolia non pagera un soldo de“ debiti.“ und ließ es mir wohl ſchmecken, denn die beſte. — 165— „Mit einer hundertjahrigen Schwer⸗ muth bezahlt man keinen Heller Schul⸗ den.“ Ich beherzigte dieſe Worte, wünſchte meinem Wirthe, oder vielmehr meinem Gaſte, ei⸗ ne angenehme Ruhe, und ſtieg die drei ſteilen Stiegen wieder hinab, um faſt zwei Zechinen är⸗ mer, aber um eine Erfahrung reicher, als ich es vor der Bekanntſchaft mit meinem langzö⸗ pfigen Beſchützer geweſen war. Die Schwüre an der Felſenquelle. Nie noch ſchauete ich eine ſchwermüthigere und doch zugleich anziehende Landſchaft. Das Waſſer ſtrömte aus einer unſichtbaren Felſen⸗ quelle hervor, und ſtrömte in ein Baſſin von wildem, rohem Geſtein hinab; während aber zwei hohe Espen zitterten, gleichſam als woll⸗ ten ſie den durſtigen Wanderer In wegwarnen von dem unheiligen Brunnen. Ein Greis lehn⸗ te ſich auf ſeinen Stab; ſein trübes Auge ſenk⸗ te ſich zur Erde; ſein langer, weißer Bart ruhe te auf ſeiner Bruſt, ſein Haupt war kahl, nur dünnes, graues Haar war noch hie und da rund um die Stirn zu ſchauen.„Ich will Euch die Geſchichte erzählen,“ ſprach er, in⸗ dem er mit ſeiner welken Hand von ſeiner ge⸗ furchten Stirn eine Thräne tilgte; dann be⸗ 3 1 — 165— gann er ſeine rührende Geſchichte folgender⸗ maſſen: „Agathel“ rief eine Stimme, und der Stolz unſers Cantons flog demjenigen entge⸗ gen, der jenen Namen gerufen. Sie war ſchön, mein Herr, ſchön wie die aufblühende Roſe im Frühling, und dabei ſchuldlos wie das junge Lamm, das der Schäfer an ſeine Bruſt nimmt, um es vor dem rauhen Nord⸗ wind zu ſchirmen.— Viele hatten ſich ſchon um ſie beworben, ſie aber lächelte nur gleich⸗ gültig, und Niemand konnte von Agathen et⸗ was mehr als Höflichkeit gewinnen.— Es war an einem jener kalten und finſtern Tage, in welchen der rauhe December ſich anſchickt, ſei⸗ nen eiſigen Schlüſſel zum neuen Jahre, dem Januar zu üͤberliefern, als einer unſerer jun⸗ gen Landleute, indem er dem Wilde nachſpür⸗ te, an dieſer Stelle vorbeikam. Er liebte Agathe— aber weßhalb Euch auch das wieder⸗ holen, da ich Euch ſchon ſagte, daß ſie von allen Jünglingen des Cantons geliebt wurde? Das feurige Auge des jungen Mannes ruhte auf der reizenden Jungfrau, als ſie ſo daſtand unter der blätterloſen Gruppe jener Bäume. — 166— Der Wind warf ihre ſchönen Locken unterein⸗ ander, ihre Wange war ungewöhnlich bleich. „Agathe!“ rief eine Stimme, und ſie flog demjenigen entgegen, der dieſen Namen geru⸗ fen;„Agathe, mein Leben, der Mond ſteigt am Himmel empor, und ich zogere noch— Aga⸗ the, ich muß fort— muß fort, Agathe— und Du mußt mich vergeſſen! 1— G „Wergeſſen! o nein, nein, gnädiger Herr!“ rief Agathe, indem ſie neben ihm faſt zu Bo⸗ den ſank.„Vergeſſen, vergeſſen! nimmermehr!“ — Sie ſprach dieſe Worte mit großer Leiden⸗ ſchaft, denn alle ihre Seelenkräfte hatten ſich in ihrer erſten und einzigen Liebe zuſammenge⸗ drängt.„Nie, nie, nimmermehr!“ flüſterte ſie wiederholt nach einer kurzen Pauſe. Der Fremde war prachtvoll gekleidet, und ein koſtbarer Federbuſch beſchattete ſein Antlitz; ſeine hohe und ſchlanke Geſtalt neigte ſich über die Jungfrau hinab, und in ſeiner Rede lag ein wunderbares Gemiſch von Stolz und Zärt⸗ lichkeit.. „So wirſt Du alſo nimmer mich vergeſſen, theure Agathe?“ fragte er. — 162— „Und nimmer, nimmer!“ wiederholte das liebliche Landmädchen mit zitternder Stimme. „Da ſchau' hin, Agathe, fuhr der Frem⸗ de fort, indem er ſeine kräftigen Arme dort nach jener Gegend hin ausſtreckte, wo Ihr, mein werther Herr, jetzt nur einen Ruinen⸗ haufen erblickt,„da ſchau hin, Agathe, nach der Halle meiner Väter— bin ich Dir treu⸗ los, möge jenes prachtvolle Gebäude in Trüm⸗ mer zuſammenſinken, und ſeine Mauern, in denen jetzt Freude und Jubel erſchallt, nur von dem Gekrächz der Eulen und Nachtvögel wiederhallen.“ „Und ich— ich— fiel die Jungfrau ein, „ſollte ich einſt, einer hochgebornen Braut we⸗ gen, von Euch vergeſſen werden⸗ ich durchboh⸗ re dann meine Bruſt hier unter dieſem Geſtein, auf daß ſich mein Herzblut unter dieſen klaren Wellen miſche.“ „So ſei es, Du ſüße Zweiflerin,“ ver⸗ ſetzte der Fremde, indem er die Liebende innig umſchlang.„Doch weßhalb überhaupt uns tren⸗ nen?“ fuhr der Baron— es war in der That der Herr des Cantons— nach einer Pauſe fort; weßhalb willſt Du nicht mit mir entflie⸗ — 168— hen? Ich will Dich mit mir in das ſchöne Ita⸗ lien nehmen, wo Dir Alles huldigen ſoll, Dir, der Braut des edlen de Maiſe. „Das kann nicht ſeyn, ſeufzte die Jung⸗ frau.„ „So lebe denn wohl, Agathe!“ rief der Baron, und ſich ihrer Umarmung entwindend, wollte er von dannen. „O, weile nur noch einen Augenblick,“ fleh⸗ te Agathe. Der Baron aber deutete auf den emporſteigenden Mond, und die Liebende rang verzweiflungsvoll die Hände.„Ach,“ jammer⸗ te ſie halb auſſer ſich,„ich kann Dich nicht laſ⸗ ſen.— Wäre doch Jemand hier in der Nähe, der meinem Vater den Abſchiedsgruß ſeiner ausgearteten Tochter uͤberbringen könnte!— „Das will ich, Agathe, denn ich habe Dich geliebt,“ rief plötzlich eine Stimme, und der junge Jäger trat raſch hervor, und ſtand nunmehr zwiſchen den Liebenden. Mit zitternden Händen löste jetzt Agathe ein kleines, goldenes Crucifix von ihrem Hal⸗ ſe.„Er vergab ſeinen Mördern,“ ſtammelte ſie kaum vernehmbar. „Willſt Du Dich in der That von dieſem A heiligen Zeichen trennen?“ fragte der Juͤngling in einem vorwurfsvollen Tone. „Und weßhalb nicht?“ fuhr der Baron ſtolz auf; und indem er einen glänzenden Stern von Edelſteinen von ſeiner Bruſt nahm und ihn an Agathens Halsband befeſtigte, fügte er hin⸗ zu:„Sie wird die Gabe nicht bereuen.“— Dieſes Kreuz aber, dieſes heilige Zeichen der Sühne!“ „Fort!“ gebot der Baxon mit furchthar gerunzelter Stirne. Der Jüngling wandte ſich ab und ging langſam von dannen.—— Agathens Vater ſtarb, denn alles, was ihm das Leben lieb und werth machte, war nunmehr dahin; und bald ward im Canton der holden Jungfrau nur noch wie eines lieblichen Traumes gedacht.— Monde und Jahre ent⸗ ſchwanden, da gewahrte ein greiſer Schäfer eines Tages in der Dämmerung etwas Weißes neben dem felſigen Baſſin. Er trat hinan, da lag ein weibliches Weſen in weißer Kleidung, das braune Haar mit Iuwelen durchwunden; es war Agathe, ſie hatte ihren Schwur er⸗ füllt. Ein Dolch ſteckte in ihrer Bruſt, die Welle unter ihr war mit ihrem Herzblute ge⸗ — 170— faͤrbt. Sie war einer hochgebornen Braut we⸗ gen vergeſſen und verlaſſen worden. Sie ward neben ihrem Vater begraben, und die gütige Erde deckt jetzt ihre Schuld und ihren Schmerz. Der Baron kehrte nicht in ſein Vaterhaus zurück,— er ſiel im fernen Lande, als Opfer einer wilden, unrechtmäſſigerweiſe begonnenen Fehde. Er hinterließ keinen Erben, und das Schloß ſeiner Vorfahren verfiel und ward die „ Wohnung von Raben und Eulen. 7— * Pater Rocco. Im Monat Auguſt des Jahres 1729, deſ⸗ ſen gewiß Jedermann, der zu jener Zeit in Neapel war, ſein Lebenlang gedenken wird, fand einer der furchtbarſten Ausbrüche des Veſups ſtatt. Es ward damals gerade auf der Piazza St. Ferdinando und dem Largo di Caſtello ein großer Markt gehalten, auf dem ich mich befand, als der Vulkan zuerſt ſeine Lava aus⸗ zuſpeien begann, auch blieb ich dort während des ganzen Ausbruchs. Ich hatte die Erlaub⸗ niß, mich in der Nähe des Sir William Damilton aufzuhalten, ein gar erfreulicher Umſtand für mich in der That, denn derſelbe war nicht nur von der beſſeren Klaſſe geachtet, ſondern er war auch ein Liebling der Lazzero⸗ ni, welche oft beklagten, daß ein ſo braver — 1722— Herr ewig verdammt werden würde, weil er ein Ketzer ſei. Der Veſuv fuhr fort eine ſolche Menge von La⸗ va auszuwerfen, daß, wäre der Wind von ei⸗ ner andern Seite gekommen, Neapel und Por⸗ tici verſchüttet worden wären; denn auf der entgegengeſetzten Seite wurden ganze Dörfer, Weingärten u. ſ. w. zerſtört. Während zweier Tage bot Neapel ein furchtbares Schauſpiel dar, Angſt und Entſetzen waren auf jedem Antlitze zu ſchauen, PVerzweiflung ungte an je⸗ dem Herzen. 4* Die Lazzaroni wandten ſich, wie ſtets bei ſſolchen Gelegenheiten, an ihren Schutzpatron, den St. Januario, und zogen in Prozeſ⸗ ſion nach dem Pallaſte des Erzbiſchofs von Nea⸗ pel, um von ihm die Schluüſſel zu verlangen, wo das Bild des obgedachten Heiligen aufbe⸗ wahrt wird; denn ſie hatten beſchloſſen, daſ⸗ ſelbe dem Verderben bringenden Veſuv entge⸗ genzuſtellen, feſt überzeugt, daß ſich der Letz⸗ tere beim bloßen Anblick des Heiligen⸗Geſich⸗ tes zur Ruhe begeben würde. Der Erzbiſchof he welcher e an der Annäherung Kunde er⸗ 1ch ſcneu auf einem ge⸗ 1 — 2723— heimen Wege nach ſeinem Pallaſte zu Capua, wohin ihm die Lazzaroni zu Fuße nicht gut fol⸗ gen konnten. Sr. Eminenz befürchteten näm⸗ lich, und zwar nicht ohne Grund, daß dieſe „Spiegel der Ehrlichkeit,“ hätten ſie den Hei⸗ 12 ligen in ihre Häande bekommen, ohne Zweifel ſo überaus dankbar geweſen wären, ihm, nach⸗ dem er den Vulkan beſchwichtigt haben würde, die ſchwere Laſt von Edelſteinen und andern Koſtbarkeiten abzunehmen, womit ſein Haupt und ſein Körper bedeckt waren; eine Erleichte⸗ rung, welche Sr. Eminenz dem Heiligen nicht 2 vergönnte. Als die Lazzaroni ihr Vorhaben vereitelt ſa⸗ hen, berathſchlagten ſie mit einander, und ich ſah wie ſie bald darauf, ebenfalls in Prozeſ⸗ ſion, nach Pauſilippo zogen, wohin ſich der König nebſt ſeiner Gemahlin begeben hatte; denn ſie waren entſchloſſen den Monarchen zu Zwingen, ihnen den Heiligen auszuliefern. Der König erſchien auf dem Balkon, um zu ihnen zu reden, aber vergebens; auch die Königin trat heraus, aber auch dieſes half zu nichts. Die königliche Leibwache und ein Schweizerregiment erhielt Beſehl, die Menge auseinander zu trei⸗ 14e.. — 174— ben; dieſelbe aber ließ ſich nicht einſchuͤchtern, weder Bitten noch Drohungen konnten ſie be⸗ wegen, von ihrem Vorhaben abzuſtehen.„Gebt uns unſern Heiligen! Wir wollen unſern Hei⸗ ligen!“ rief es wie aus einem Munde von al⸗ len Seiten. In dieſem verwirrungsvollen Mo⸗ ment, gerade als die Volkswuth aufs Höchſte geſtiegen war, erſchien ein Mann, bei deſſen Anblick die Wölfe zu Lämmer wurden; die Laz⸗ zaroni entblößten ihre Häupter und knieeten ehrfurchtsvoll vor ihm nieder; während der Herangetretene ſie auf folgende ſanftmüthige Weiſe anredete:„Was wollt Ihr hier, Ihr niederträchtigen Schurken? Wollt Ihr unſern Heiligen in ſeiner Ruhe ſtören, um ihn frevel⸗ hafter Weiſe herumzuſchleppen! Glaubt Ihr, gottloſen Böſewichte! daß, wenn der St. Ja⸗ nuario dem Berge hätte Schweigen gebieten wollen, er dieß nicht ſchon längſt gethan hätte! Fort mit Euch, Ihr nichtswürdigen Taugenich⸗ te, packt Euch von hinnen, wollt Ihr nicht, daß der Heilige, erzürnt ob Eures Frevels, die Erde ſich öffnen laſſe, um Euch zu verſchlin⸗ gen.“. Dieſe ſanften, beſchwichtigenden Worte, wel⸗ — — 125— che mit derben Fauſtſchlägen, die der Redner auf's gerade Wohl hin, rechts und links aus⸗ theilte, begleitet wurden, wirkten ſo allgewal⸗ tig, daß die Menge ſofort, und zwar ohne Murren, auseinander ging; ſo daß dasjenige, was die Vorſtellungen des Monarchen und die Bajonette ſeiner Krieger nicht auszurichten ver⸗ mochten, von einem einzigen Manne vollbracht wurde, deſſen einziger Bundesgenoſſe der Aber⸗ glaube war. Dieſer Mann war der Pater Rocco, wel⸗ cher bekanntlich den größten Einfluß auf die niedere Klaſſe der Bewohner Neapels beſaß. Vor keinem Heiligen im Kalender, dem St. Januario ausgenommen, hegten ſie keine ſo große Ehrfurcht, wie vor dem Pater Rocco. Er war ein kluger, ſchlauer Mann, und be⸗ nutzte ſeine Gewalt über das Volk mit großer Klugheit; auch beſaß er das Vertrauen des Che⸗ valiers Acton und der übrigen Miniſter. Vor ſeiner Zeit fanden oft viele Ermordungen auf den Straſſen ſtatt, in denen ſtets die größte Fin⸗ ſterniß herrſchte; denn die Regierung durfte es nicht wagen, ſie durch Lampen erleuchten zu laſſen, weil ſie befürchten mußte, durch ein ſol⸗ — 176— ches Benehmen die Lazzaroni zu beleidigen. Pater Rocco aber unternahm es eine ſolche Einrichtung zu bewerkſtelligen. Faſt vor jedem Hauſe in Neapel befindet ſich das Bild der Madonna oder irgend eines andern Heiligen, und Pater Rocco wußte geſchickt die Einwoh⸗ ner zu überreden, daß es Sünde ſei, dieſe Heiligenbilder in der Dunkelheit zu laſſen. Ich ſelbſt war Zeuge von der folgenden lä⸗ cherlichen Scene. Eines Abends beluſtigte ſich eine Schaar Lazzaroni mit ihrem Lieblings ſpie⸗ le la mora; neben ihnen befand ſich ein Pup⸗ 3 penſpiel, in welchem der neapolitaniſche Hans⸗ wurſt ſeine Künſte zeigte. Da trat plötzlich Pa⸗ ter Rocco in ihre Mitte; das Erſte, was er that, war, daß er den Spielern alles Geld abnahm und es zu ſich ſteckte; dann wandte er ſich zu denen, die das Puppenſpiel angafften, indem er mit donnernder Stimme ausrief:„So, Ihr nichtswürdigen Schurken! ſtatt hinaus auſ's Meer zu fahren, und für die Klöſter zu fiſchen, ſtatt für den Unterhalt der Eurigen zu ſorgen, treibt Ihr Euch hier herum, um das nichts⸗ nutzige Puppenſpiel mit anzuſchauen.—“ Und ſchnell ein ſchweres, hölzernes Kreuz erfaſſend, wel⸗ — 172— welches er an ſeinem Gürtel trug, verarbeitete er damit die Rücken aller derer, die ſich in ſeinem Bereiche befanden, wobei er das Kreutz dann und wann hoch empor hob, laut und über⸗ all hin vernehmbar ausrufend:„Da ſchauet her, Ihr gottloſen Böſewichte! Ouesto é il vero Poleinello!„Das iſt der wahre Poli⸗ chinell!“— So ſeltſam auch dieß Gemiſch vom religiöſen Eifer und wahrhafter Gottesläſterung erſcheinen mag, es machte dennoch auf die Laz⸗ zaroni Eindruck, welche die Schläge geduldig hinnahmen, und wie fromme Katholiken aus⸗ einander gingen. Ich meinerſeits machte mich ebenfalls ſchnell aus dem Staube, denn ich ſpürte durchaus keine Luſt, ein Zögling dieſer handgreiflichen Religionsſchule zu werden. Der Ritt nach dem Monde. (Ein Schwank.) — D. gibt es denn doch wohl in ganz Ir⸗ land auch nicht einen einzigen Menſchen, der nicht von den ſeltſamen Abentheuern eines Man⸗ 3 nes gehört hätte, welcher den Namen Daniel O; Rourke fuͤhrte. Wenige aber nur wiſſen viel⸗ leicht, wie es eigentlich damit zugegangen. Ich kannte den Mann recht gut; er wohnte dort unnten am Fuße von Hungry Hill, gleich rech⸗ ter Hand von der Landſtraſſe. Als er mir ſei⸗ ne Geſchichte erzählte, war er ſchon ein alter Mann, mit grauen Haaren und einer gewal⸗ tigen rothen Naſe. Am 25. Juni 1813 ver⸗ nahm ich ſeine Abentheuer aus ſeinem eigenen Munde, als er unter einer Pappel ſaß und ſein Pfeiſchen ſchmauchte, an einem Abend, ſchön wie je einer die Sterblichen erquickte. — 129— Oft ſchon mußte ich meine Abentheuer er⸗ zählen, und ſo thue ich es heute nicht zum er⸗ ſtenmal, begann er, nachdem ich neben ihm Platz genommen hatte, nun ſeht, der Sohn meines Herrn war von ſeiner großen Reiſe nach Frankreich und Spanien zutäckgekommen⸗ 2 wohin unſere jungen Herren wohl zu gehen pflegten, ehe man noch von Bonaparte und ſeines Gleichen was hörte, und da ward denn zur Feier ſeiner Rückkehr, ein großes Gaſtmahl gegeben, wozu Jedermann eingeladen wurde, hoch und niedrig, reich und arm. Unſer alter Herr war, wie alle Herren, mit Vergunſt ſeys vor Euch geſagt, ein ſtrenger Patron, der, wenn er zornig war, tobte und ſchalt, ja ſich es auch wohl gerade nicht uͤbel nahm, irgend einem ſeiner Unterthanen eins mit der Peitſche zu verſetzen; aber er war auch wieder ein gu⸗ ter Herr, und hatte es gern, wenn ſeine Leu⸗ te ſich gutlich thaten. 1 „Seht, ſo hatten wir auch an jenem geſte Alles vollauf; wir aßen, wir tranken, wir tanz⸗ ten, und der junge Herr tanzte mit allen hüb⸗ ſchen Dirnen aus der ganzen Gegend. Um nun aber der Wahrheit getreu zu bleiben, muß ich M 2 Euch geſtehen, daß ich, wenn ich gleich,“ hier bedeckte er ſeine rothe Naſe mit der Hand, gleichſam als wolle er den purpurnen Zeugen ſeiner Zechluſt meinen Blicken entziehen,„nie deas war, was man ſo eigentlich einen Trinker nennt, dennoch ein wenig in die Krone bekom⸗ men haben mußte; denn ich weiß wahrlich jetzt noch nicht, wie ich von dem Feſtgelage wegkam, daß ich aber wegkam, das iſt gewiß. Genug, ich ging und ging, bis ich endlich nicht mehr gehen konnte, und vermuthlich, weil ich zuviel nach den Sternen geguckt hatte⸗ als ich über eine ſchmale⸗ kleine Brücke ging, hinab in das Waſſer plumbte. Alle Wetter, jetzt ertrinkſt du, dachte ich, aber ich nahm mich zuſammen und ſchwamm, und ſchwamm, und ſchwamm, bis ich endlich, Gott weiß wie und wo, auf einer wüſten Inſel wieder feſten Fuß gewann. Nun wanderte ich immer weiter und weiter, ohne zu wiſſen wohin ich wanderte, bis ich auf ei⸗ nem freien Platz anlangte. Der Mond leuch⸗ tete hell wie die Sonne oder wie die Eures Lieb⸗ chens, Herr, mit Verlaub; und ich ſchauete nun nach Süden und nach Norden und nach Oſten und nach Weſten, ſah aber überall nichts als eine weite, 3 7 — 181— weite Ebene. Ich wußte nicht, wie ich hieher gekommen war, und Angſt beſiel mich, denn es ſchien mir nichts, als daß ich in dieſer Wuͤ⸗ ſte mein Grab finden wuͤrde. Bekümmert ſetzte ich mich auf den einzigen Stein, den ich in der ganzen Gegend gewahrte, und kratzte mich hinter die Ohren, denn ich wußte nicht, was ich ſonſt anfangen ſollte;— da verfinſterte ſich plötzlich der Mond, ich blickte hinauf, und ſah — von demſelben etwas zu mir herabſchweben, wußte aber nicht was es war. Immer näher und näher kam es zu mir heran, ich riß die Augen weit auf, es zu erkennen, und ſah nun endlich, daß es ein Adler war, ſchön wie je einer die Schwingen regte. Vor mir ange⸗ langt, guckte mich der Adler groß an, dann ſprach er:„ Daniel O'Rourke, ja ſo ſag⸗ te er, Danzele D Revus he⸗ Pie heüſdeſ Du Dich? „Wie Sie ſehen, mein Herr, recte osg ich danke,“ antwortete ich, indem ich mich ganz ungemein wunderte, einen Adler ganz ordent⸗ lich ſprechen zu hören, wie eine andere eheldch Chriſtenſeele. „Was ſuchſt Du hier, Daniel“ ſeagke — 132— darauf der Adler weiter. „Nicht das Mindeſte,“ entgegnete ich,„ich wollte nur, ich wäre erſt geſund wieder nach *» Du moͤchteſt alſo wieder von dieſer Inſel fort? 1It 917ſ. 3 enoIAn, , Ei das verſteht ſich⸗“, rief ich, und nun erzählte ich dem Adler, wie ich ein wenig zu tief än's Glas geguckt hätte,— wie ich in's Waſſer geplumpt und hieher gekommen wäre, und wie ich jetzt nicht wüßte, wie ich wieder heimkommen ſollte. 3 eDaniel,“ erwiederte darauf der Adler nach einem kurzen Nachdenken,„war es gleich gar nicht ſchön von Dir, Dich zu betrinken, will ich dennoch, da Du ſonſt ein ſo nüchterner, mäßiger Mann biſt— und weder nach mir, noch nach den Meinigen je einen Stein gewor⸗ fen haſt, Dir behülflich ſeyn, aus dieſer Wüſte fortzukommen. Schwinge Dich auf meinen Ruk⸗ ken, und halte Dich feſt, damit Du nicht hin⸗ abfällſt, dann will ich Dich von dieſer Inſel forttragen.“ f hed n, ſe b⸗ „„ Euer Gnaden treiben wohl nur Scherz Mit mir,“ antwortete ich,„wer hörte wohl je, daß man auf einem Adler wie auf einem Pferde reiten könne?“ „Ich ſpreche in vollem Ernſt, auf Ehre!“ erwiederte der Adler, indem er betheuernd ei⸗ ne ſeiner Klauen auf ſeine Bruſt legte,„aber Du mußt Dich ſchnell entſchließen; willſt Du, ſo ſitz auf, wo nicht, magſt Du hier in der Wüſte Hungers ſterben.“ Mir blieb keine Wahl:„Ich danke Ew. Gnaden für Ihr gütiges Anerbieten,“ verſetz⸗ te ich,„ich werde mit Ihrer Erlaubniß davon Gebrauch machen;“ und ſo ſprechend, ſchwang ich mich auf den Rücken des prachtvollen Vo⸗ gels, deſſen Hals ich feſt umſchlang, um nicht hinabzuſtürzen, und ſofort ſtieg nun der Aar mit mir hoch hinauf in die Luft. Ach, ich hat⸗ te keine Ahnung von dem Streiche, den der Schalk mir zu ſpielen geſonnen war. Immer höher ging es und höher, Gott weiß, wie hoch. „Mit Vergunſt, Ew. Gnaden,“ ſprach ich, glaubend er wiſſe den rechten Weg nicht, ganz demüthig und kleinlaut, warum? ich war ja ganz in ſeiner Gewalt:„mit Vergunſt, Ew. Gnaden, wenn Sie es anders nicht übel deu⸗ ten wollen, möchte ich mir wohl die Erlaubniß — 184— nehmen, Ihnen unterthänigſt zu bemerken, daß ich hier tief unter uns meine Hütte erſchaue, wenn Dieſelben die Gewogenheit haben woll⸗ ten, mich dort abzuſetzen, würde ich mich Ih⸗ nen zeitlebens verpflichtet fühlen, und mit Ver⸗ gnügen zu ähnlichen und andern Gegendienſten bereit ſeyn.“ 3 „Du biſt ein Narr, Dani el,“ entgegne⸗ te der Adler,„ſiehſt Du denn nicht da unten im Felde zwei Jäger, ſoll ich etwa mein Le⸗ ben einbüßen, weil ich mich eines Trunkenbol⸗ des angenommen habe?“—„Trunkenbold ſelbſt⸗“ murmelte ich vor mich hin, jedoch ſo leiſe, daß es der Aar nicht vernehmen konnte; denn es leuchtete mir ein, daß ich ihn noch vor der Hand zum Freunde behalten und mich alſo in ſeine kleinen Launen ſchicken mußte. Nach einer Weile wagte ich es indeß wieder das Wort zu nehmen:„Wohin aber, in aller Welt, bringen Ew. Gnaden mich?“ fragte ich. „Halt's Maul, Daniel,“ gebot mein befie⸗ dertes Reitpferd,„bekümmere Dich nur um Deine eigenen Angelegenheiten, und nicht um die anderer ehrlichen Leute.“—„Nun, ich dächte, es ginge mich doch wohl ein wenig — 185— an, wohin ich gebracht würde,“ verſetzte ich. „Ruhig, Daniel!“ gebot noch einmal der Adler, und ich hielt es für rathſam zu ſchwei⸗ gen. Immer höher und höher ging es hinauf, und wohin konnten wir endlich anders kom⸗ men, als nach dem Monde. Jetzt, ja jetzt, ſteht er am Himmel, rund und voll, Ihr könnt es von hieraus nicht ſehen, nahe bei aber hat er, oder hatte er wenigſtens damals, ſo einen Haken, der an einer Seite heraus⸗ ſteckte,— und ſomit beſchrieb der Erzähler mit ſeinem Stabe eine ſichelförmige Figur in den Sand; darauf fuhr er fort: „Daniel“ ſprach jetzt der Adler,„ich bin müde von dem langen Fluge.“— Das glaube ich gern, antwortete ich,„was in der„ Welt aber hat Ew. Gnaden auch bewogen, ſo weit zu fliegen? Bat ich dieſelben nicht ſchon vor einer halben Stunde, mich vor meiner Hütte abzuſetzen.“ „Schweig',“ gebot der Adler,„und ſetze Dich hier auf den Mond, bis ich mich ausge⸗ ruht haben werde.“— eluf den Mond ſoll ich mich ſetzen?⸗⸗ krag⸗ — 186— te ich,„etwa auf das Ding von Haken da? Gehorſamer Diener, da würde ich hinabſtür⸗ zen, und mir die Gebeine zerſchmettern.“ „Ei behüte,“ verſetzte der Aar,„umklam⸗ mere nur den Haken da, du kannſt nicht hin⸗ abfallen. Thuſt Du aber nicht wie ich gebo⸗ ten, ſchüttele ich mich, und Du ſtürzeſt hinun⸗ ter und zerbrichſt die Knochen.“ „Das kommt davon, wenn man ſich mit dergleichen Geſindel einläßt,“ dachte ich, wag⸗ te aber nicht, meinen Gedanken Worte zu ge⸗ ben, ſondern ſeufzte nur tief auf, und ſchwang mich von dem Rücken des Adlers auf den Ha⸗ ken des Mondes— das aber war ein kalter Seſſel, wie man ſich leicht denken kann. Als ich nun dort Platz genommen hatte, wandte ſich der Aar zu mir, und ſprach in ei⸗ nem ſpöttiſchen Tone:„So, Herr Daniel, nun haben Sie Ihren Lohn, im vorigen Jah⸗ re hatten Sie die Frechheit mein Neſt zu berau⸗ ben,(er hatte Recht, wie er es erfahren aber weiß der Henker) zur Strafe dafür mögen Sie nun ein wenig auf dem Monde reiten.“ So ſprechend, kreiſchte er lachend auf, regte ſeine mächtigen Schwingen, und flog mit Blitzes⸗ 1 — 187— ſchnelle von dannen.„Halt, halt,“ rief ich ihm nach; aber ich hätte noch viel lauter ſchreien können, als ich ſchrie, er hätte mich doch nicht gehört, denn er war ſchon zu weit von mir entfernt. Ich ſah ihn ſeitdem nie wieder. „Sie können,“ fuhr der rothnaſige Bericht⸗ erſtatter fort;„ſich leicht denken, mein Herr, daß meine Lage eben nicht die beneidenswerthe⸗ ſte war. Als ich nun noch ſo daſaß, angſtvoll den Haken umklammerte, und laut um Hülfe ſchrie, da öffnete ſich plötzlich mitten im Mon⸗ de eine Thür, deren Angel ſo ſehr knarrten, als ob ſie ſeit einem Monat nicht aufgemacht worden wäre, und heraus trat nun— wer glaubt Ihr wohl?— ein Mann aus dem Monde.“ „Guten Morgen, Daniel O'Rourke,“ ſprach er zu mir,„wie befindeſt Du Dich?“ „Wie Sie ſehen, mein Herr! recht wohl, ich danke,“ erwiederte ich, kaum wiſſend was ich ſprach. Was brachte Dich hieher, Daniel?⸗“ fragte er. Ich erzählte ihm nun, wie ich mich bei dem Feſte unſers Herrn ein wenig berauſcht hätte, — wie ich auf die wüſte Inſel gerathen ſei— — 188— wie mich der trugvolle Adler beſchwatzt habe mich auf ſeinen Rucken zu ſetzen, und wie er mich, ſtatt mich nach Hauſe zu bringen, hieher nach dem Monde brachte. 1 „Daniel,“ ſprach, als ich meinen Bericht beendet hatte, der Mann aus dem Monde, indem er bedächtig eine Prieſe nahm,„Da⸗ niel, Du kannſt nicht hier bleiben.“ .„Dazu fuͤhle ich auch gar keine Luſt, Hoch⸗ geborner Herr,“ entgegnete ich, meinend, dem Bewohner des Mondes ſo recht einen Titel zu geben;„wie aber ſoll ich wieder zur Erde hi⸗ abgelangen? 24 „Das iſt Deine Sache, Daniel,“ ent⸗ gegnete er,„ich habe nichts zu thun, als Dir zu ſagen, daß Du fort mußt, alſo packe Dich.“ „Ich thue ja aber nichts Böſes,“ verſetzte ich,„ich halte mich ja nur an dem Haken hier⸗ damit ich nicht hinabſtuͤrze.“— „Das eben ſollſt Du nicht, Daniel, anf⸗ wortete der Mann aus dem Monde, und bei dieſen Worten verſetzte er mir einen derben Stoß, ſo daß ich vom Monde hinab wieder zur Erde ſtürzte, und mich— unter einer Pap⸗ —— 189— pel an der am Eingange dieſer Erzählung er⸗ wähnten kleinen ſteinernen Brücke wiederfand. Ob ich nun, wie geſagt, ein wenig zu tief in's Glas guckte, hier niedergeſunken und ein⸗ geſchlafen, und alle meine Abentheuer geträumt hatte— oder ob ich wirklich ins Waſſer fiel und mir Alles ſo begegnete, wie es mir vor⸗ gekommen, muß ich Ihrem Scharfſinn, mein lieber Herr, überlaſſen. So endigte der rothnaſige Berichterſtatter ſeine abentheuerliche Erzählung, die ich ganz wie er ſie mir mittheilte, dem freundlichen Le⸗ ſer vorlege. e en hedf vtent nl. Wunderbare Rettung aus großer Gefahr. Line wahre Begebenheit.)„. Ein Piratenſchiff von der Kuüſte von Cu⸗ ba machte eines Tages Jagd auf eine Scha⸗ luppe, deren Mannſchaft zwar anfangs einen unerwarteten und hartnäckigen Widerſtand lei⸗ ſtete, dennoch cber bald beſiegt ward; worauf die Corſaren an den Bord der Schaluppe ſpran⸗ gen, dem Anſcheine nach geneigt, dort die größten Grauſamkeiten zu begehen. Der Capi⸗ tain der Schaluppe hatte zum Unglück ſeine Frau bei ſich; ſie hatte ſich hinab unter das Verdeck begeben, während ihr Gatte auf der Treppe ſtand, um wo möglich die Piraten von der Cajüte abzuhalten, nach einem kurzen Kam⸗ pfe aber ward er niedergehauen und ermordet. Als ſeine Frau dieß gewahrte, ſprang ſie, von Schrecken erfaßt, in einen kleinen, neben der Cajüte befindenden Raum, öffnete eine leere Kiſte, in welcher Wein geweſen war, ſtieg hin⸗ ein, und zog den Deckel zu, in dem ſich glück⸗ licher Weiſe eine kleine, unmerkliche Oeffnung befand, die jedoch groß genug war, um ihr Erſticken zu verhindern. Dort lag ſie nun in völliger Dunkbelheit, wagte kaum zu athmen, und horchte mit namenloſer Angſt dem Gelär⸗ me rund um ſich her. Sie hörte genug, um ſich überzeugt zu halten, daß die Seeräuber das Werk des Todes bereits begonnen, und ſchon mehrere der Mannſchaft der Schaluppe ermordet hatten. Bald ward indeß alles ſtille; die Piraten kamen nunmehr in die Cajüte hin⸗ ab, um ſich der auch dort vorhandenen Kiſten und Ballen zu bemächtigen, und ſie am Bord ihres Schiffes zu ſchaffen. Unter dieſen befand ſich auch die Kiſte, in der die Frau des Capi⸗ tains verborgen lag, in welcher die Piraten aber Wein in Flaſchen vermutheten. Die Angſt des unglücklichen Weibes nahm nunmehr ſo ſehr überhand, daß ſie ſich unfehlbar ſelbſt verra⸗ then haben würde, hätte ihr nicht die in der Kiſte herrſchende erſtickende Luft das Sprechen — 192— 22is unmöglich gemacht. Sie fühlte indeß deutlich, wie ſie in ein Boot gebracht, und auf das Pi⸗ ratenſchiff geſchafft wurde, wo man die Kiſte mit mehreren andern Gegenſtänden in einen kleinen Raum ſchob. 35 Der Corſar ging nunmehr wieder unter Se⸗ gel, und die Mannſchaft war ſo ſehr mit Ar⸗ beiten beſchäftigt, daß die Nacht hereinbrach, ohne daß ſie Zeit gehabt hatten, die gemachte Beute zu unterſuchen. Unterdeſſen erwog die unglückliche Frau das ganze Schreckliche ihrer Lage; hielt ſie ſich verborgen, mußte ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach Hungers ſterben; ver⸗ ließ ſie aber ihren Zufluchtsort, war vorauszu⸗ ſehen, daß ſie ein Opfer der Barbaren werden würde. Endlich beſchloß ſie einen Mittelweg. einzuſchlagen und eine Gelegenheit wahrzuneh⸗ men, ſich dem Piratenhauptmann zu entdecken, wenn ſich derſelbe allein befinden würde. Sie hatte einige Hoffnung, dieß bewerkſtelligen zu können, denn ſie vermuthete, und zwar mit 3 Recht, daß der kleine Raum, in dem ſie ſich befand, mit der Cajüte des Korſaren in Ver⸗ bindung ſtände. Als ſie nun die rund um ſie herrſchende Stille zu der Vermuthung führte, daß — 193— 4 daß die Stunde der Mitternacht nahe ſei, ent⸗ ſchlüpfte ſie aus ihrem hölzernen Kerker. Es war tiefe Nacht um ſie her, und nur durch die kleine Oeffnung in der Wand gewahrte ſie den Schimmer eines Lichtes. Sie ſchlich ſich hinan, und überzeugte ſich, daß es das Schlüſſelloch der Thür ſei, welche ſie ſuchte. Sie öffnete dieſelbe leiſe, trat hinein und befand ſich nun⸗ mehr in der Cajüte des Seeräuberhauptmanns, der auf ſeinem Lager in feſtem Schlafe ruhte; neben ihm auf dem Tiſche brannte eine Lampe⸗ Nachdem ſie den Gang, der zum Verdeck führ⸗ te, ſorgfältig verſchloſſen hatte, naͤherte ſie ſich dem Lager des Corſaren, und erweckte ihn ſo leiſe als möglich; kaum aber ſchlug er die Au⸗ gen auf, und erblickte ein fremdes Weib vor ſich, als er auch raſch emporſprang, laut auf⸗ ſchrie und zur Cajüte hinaus wollte. Die Un⸗ glückliche aber ſtürzte ſich ihm zu Füßen, er⸗ zählte in der Kürze, wer ſie ſei und wie ſie hieher gekommen, und flehte ihn um ſeinen Schutz an. Als ſich der Pirat von ſeiner er⸗ ſten Ueberraſchung wieder erholt hatte, horch⸗ te er ihren Worten mit Aufmerkſamkeit zu, und geſtand ihr dann nach kurzem Bedenken, N — 194— daß er nicht Gewalt genug über ſeine Leute habe, um ſie zu verhindern, ihr Leids zuzufü⸗ gen; und daß ihre Sicherheit demnach darauf beruhe, in ihrem Schlupfwinkel zu bleiben, bis ſich eine Gelegenheit finden würde, ſie von dem Schiffe fortzuſchaffen. Er verſprach ſie während ihrer Gefangenſchaft mit Speiſe und Trank zu verſehen, und ſie irgendwo anis Land oder auf ein anderes Schiff ſchaffen zu laſſen, ſobald dies nur zu bewerlſtelligen ſeyn würde. Darauf führte er ſie in den Raum zurück, ſchob die Kiſte weiter nach hinten, ſo daß ſie unbemerkter ſtand, und ging dann um Speiſe und Wein zu holen, womit er auch ſogleich wiederkehrte. Zwei Tage lang blieb nunmehr die Unglückliche in dieſer Lage, wäh⸗ rend welcher Zeit der Seeräͤuberhauptmann ſie regelmäſig mit Speiſe und Trank verſorgte⸗ Endlich bekam der Corſar ein ſpaniſches Kü⸗ ſtenboot zu Geſicht, er rief es heran, und übergab der Bootsmannſchaft, zum grenzenlo⸗ ſen Erſtaunen ſeines eigenen Schiffsvolks, wel⸗ ches ſich indeß dieſem ſeinen Vorhaben nicht widerſetzte, die Wittwe des Capitäns, mit dem Auftrage, dieſelbe ſicher ans Land zu ſetzen, wofür er dem Führer des Boots eini⸗ ges Geld reichte. Die ſpaniſchen Seeleute voll⸗ zogen pünktlich ſeinen Willen, und ſetzten die auf ſo wunderbare Weiſe Gerettete am nach⸗ ſten Morgen zu Havanna ans Land. 1 Dankbarkeit eines Corſaren. — Eine kleine amerikaniſche Brigg, vom Ca⸗ pitan Schmichton befehligt, und nach Jamaika beſtimmt, ward von einem Piraten⸗Schiff, ei⸗ nem Schooner, von der Küſte von Cuba, an⸗ gegriffen. Die Mannſchaft der Brigg beſtand nur aus ſieben Perſonen, und ſo wäre jeder Widerſtand nutzlos geweſen, da der Corſar vierzig bis funfzig bewaffnete Männer und ei⸗ nige Kanonen an Bord hatte. Die Neger, denn aus ſolchen beſtand die Beſatzung des Piratenſchiffs, bemächtigten ſich demnach ſofort der Brigg, und waren eben im Begriff einen Theil der Ladung auf ihr Schiff zu ſchaffen, als Capitän Schmichton in dem Anfuhrer der Seeräuber einen Neger wieder erkannte, der vormals als Cajütenwächter auf ſeinem eigenen — 192— Schiffe gedient hatte. Der Pirat nahm keinen Anſtand, dies als eine Thatſache einzuraͤumen, und gebot ſeinen Leuten mit der Plünderung einzuhalten und ſogleich friedlich auf das Cor⸗ ſarenſchiff zurückzukehren. Die Neger aber murrten und ſagten, das ſei gegen den Con⸗ trakt gehandelt, den ſie mit ihm abgeſchloſſen hätten. Er aber beſtand dennoch rläeaſſ Verlangen, und ſo brach endlich ein Aufruhr gegen ihn aus. Die Neger fielen über die Amerikaner her, warfen ſie zu Boden und banden ſie, jedoch nicht ohne daß Capitän Schmichton mit Hülfe ſeines Freundes zwei Reger ſtark verwundet hatte. Die beiden Be⸗ fehlshaber ſtanden nunmehr da, von der Hand der Empörer augenblicklichen Todes gewärtig. Nach kurzer Berathſchlagung unter einander ſetzten indeſſen die Schwarzen ein Boot aus, und geboten ihrem vormaligen Anführer und dem Capitän Schmichton hineinzuſteigen, und unverzüglich und ſo ſchnell als möglich von dannen zu rudern. Die beiden Verurtheilten wagten es nicht, Vorſtellungen gegen dieſe barbariſche Maasregel zu machen, ſondern ſtie⸗ gen ſofort in das Boot, und begannen die — 198— Ruder kräftig zu rühren; denn wenn ſie ſich umſchaueten, gewahrten ſie, daß drei Mus⸗ ketten auf ſie gerichtet waren, gleichſam wie ein Warnungszeichen, welcher Empfang ihnen zu Theil werden würde, ſollten ſie es wagen umzukehren. Ddieß alles hatte ſich gegen Mittag zuge⸗ tragen. Als die Schiffshauptleute ſich unge⸗ fähr drei Meilen von den Schiffen entfernt hatten, ſahen ſie, wie dieſe unter Segel gin⸗ gen. Jetzt begannen die beiden Unglücksge⸗ fährten zuerſt mit einander zu beſprechen; Ca⸗ pitän Schmichton war gewiſſermaſſen unzufrie⸗ den mit ſich ſelbſt, wenn er daran dachte, daß er ſeinen vormaligen Bekannten mit in ſein Unglück gezogen habe, und begann zu fürch⸗ ten, daß das freundſchaftliche Gefühl, welches ihm der Schwarze bisher gezeigt hatte, ſich bald in Feindſchaft umwandeln würde. Hierin aber hatte er ſich geirrit denn nachdem der Neger heftig auf ſeine aufrühreriſche Mann⸗ ſchaft geſchimpft hatte, bat er den Capitän, wegen ſeiner Sicherheit unbeſorgt zu ſeyn, verſichernd, er würde ihn noch in der nächſten Nacht auf der Küſte von Cuba, die ſie jetzt — 199— eben zu Geſicht bekamen, an's Land ſetzen: und fügte hinzu, daß er, da ihn der Capitän vormals gütig und freundlich behandelt habe, jetzt ſeinerſeits alles thun werde, was in ſei⸗ nen Kräften ſtünde, ihn zu beſchützen und ihm Beiſtand zu leiſten.. Nach vielſtündigem ſchweren Rudern erreich⸗ ten ſie endlich, als ſchon die Nacht weit vor⸗ gerückt war, eine entlegene Stelle an der Kü⸗ ſte von Cuba, und ſofort ſtiegen ſie nun dort am's Land. Nachdem der Pirat das Boot feſt⸗ gebunden hatte, ſchritt er ſchweigend voran über eine felſigte Wüſte, wo durchaus keine Spur von menſchlichen Tritten zu ſchauen war. Er ſchien indeſſen mit der Gegend wohl be⸗ kannt und eilte ſo ſchnell vorwärts, daß ihm ſein Gefährte kaum zu folgen vermochte. End⸗ lich gewahrten ſie in einiger Entfernung ein Licht ſchimmern, der Neger pfiff durchdringend und laut, und wenige Augenblicke darauf be⸗ fanden ſie ſich in der Nähe einiger Hütten, von einfachem, armſeeligen Anſehen. Capitän Schmichton folgte ſeinem Führer in eine derſelben, und gewahrte nunmehr zu ſeinem Erſtaunen innerhalb derſelben zwei Negerinnen, = 200— mehrere Männer und einige Kinder, welche ſeinem Begleiter, deſſen Ankunft ſie offenbar nicht erwartet hatten, entgegeneilten. Nach⸗ dem ſich der Piratenhauptmann einige Augenblicke mit denen in der Hütte in einer Sprache be⸗ ſprochen hatte, die dem Capitän Schmich⸗ ton durchaus unverſtändlich war, ſchickten ſich die beiden Negerinnen an, eine Mahlzeit zu bereiten.„Eins dieſer Weiber,“ ſprach nun der Piraten⸗Chef, zu ſeinem Gefährten ge⸗ wandt,„iſt meine Frau; hier wohne ich, kreu⸗ ze ich nicht auf der See umher. In dieſen Hütten hier bewahre ich mein Geld und meine Waaren auf, dieſe Gegend aber liegt ſo ver⸗ ſteckt, daß Ihr, landet Ihr auch an dieſem Punkte der Küſte, ohne einen Führer nie den Weg hieher finden würdet.““ Man ſetzte ſich bald darauf nieder und ein ſchmackhaftes Mahl wurde aufgetragen. Ca⸗ pitän Schmichton bemerkte, daß obgleich die Neger höchſt freundlich gegen ihn waren, ſie doch weder Verlegenheit noch Furchtſamkeit an den Tag legten, und daß, wenn ſie auch einſt die Sclaverei kannten, ſie dennoch jetzt das Entwürdigende derſelben von ſich abge⸗ — 201— worfen hatten. Nach beendigter Mahlzeit zeig⸗ te der Pirat ſeinem Gaſte ſein Nachtlager an und ließ ihn dann allein. Noch vor Anbruch des Tages aber erweckte er ihn und führte ihn an das Ufer, wo ein Neger mit zwei geſat⸗ telten Maulthieren bereits ihrer harrte.„Die⸗ ſer Mann,“ ſprach jetzt der Seeräuberanfüh⸗ rer zum Capitän Schmichton gewandt,„wird Euch durch den Wald nach einem kleinen, un⸗ gefähr zwanzig Meilen von hier entfernt lie⸗ genden Orte, geleiten, wohin Ihr zu gehen geſonnen. Ich weiß Ihr habt Alles verloren, was Ihr beſaßet, da hier nehmt dieſe kleine Unterſtützung.“ So ſprechend drückte er dem Capitän Schmichton einen kleinen mit ſpa⸗ niſchen Thalern gefüllten Beutel in die Hand, und war fort noch bevor derſelbe vor Erſtau⸗ nen hatte Worte finden können. Der Capitän beſtieg nunmehr ſein Maulthier, und erreichte nach einem ermüdenden Ritte ſpät Abends den Ort ſeiner Beſtimmung. Als ſich ſein Führer entfernen wollte, reichte er demſelben etwas Geld, der Schwarze aber weigerte ſich durch⸗ aus es anzunehmen und eilte von dannen.— Capitän Schmichton hat ſpäterhin nie wie⸗ — 202— der etwas von ſeinem Beſchützer, dem Neger, vernommen, ward aber durch mehrere Umſtän⸗ de zu der Vermuthung geführt, daß derſelbe ſich noch einige Zeit auf dem Meere gefürch⸗ tet machte; anderthalb Jahre aber nachdem die ſo eben erzählte Begebenheit Statt gefun⸗ den, in den vereinigten Staaten Nordameri⸗ ka's hingerichtet worden ſei⸗. Die Florentinerin. (Novelle.) Cuenna war zu Florenz geboren; ſie war das einzige Kind reicher Eltern; aber wäre ihre Familie auch noch zahlreicher gewe⸗ ſen, ſie hätten Cuenna gewiß als ihren Lieb⸗ ling betrachtet, ſo ausgezeichnet war ihre Schön⸗ heit, ſo treffend ihr Witz, ſo hell ihr Ver⸗ ſtand, ſo lebhaft ihr Gefühl. Noch bevor ſie ihr zehntes Jahr erreicht hatte, raubte ihr der Tod ihre Mutter, und in ihrem zwölften Jahre ſchon war ſie völlige Gebieterin ihres Vaters, eines Mannes von ſo ſchwankendem Charakter, daß es in der That ſchien, als könne er nicht leben, ohne von irgend jemand beherrſcht zu werden. — 204— Sie hatte jetzt ihr achtzehntes Jahr er⸗ reicht; das Feuer ihrer Landsmänninnen ſchien in ihr mit gedoppelter Kraft zu wohnen; ihr aufſtrebender Geiſt verachtete alles Gewöhnli⸗ che, und ſo ward ſie ihres Geburtslandes bald überdrüßig. Es drängte ſie nach einer ande⸗ ren Gegend, nach einer anderen Umgebung, und ſo hörte ſie denn nicht auf, ihren Vater zu überreden, doch ſeinen Aufenthalt zu ver⸗ ändern; ein Wunſch, den zu erfüllen der allzu nachgiebige Mann auch bald bereit war. Er hatte Beſitzungen auf Sizilien. Cuen⸗ na hatte von der Schönheit und den Aunehm⸗ lichkeiten dieſer Inſel oft mit großer Wärme ſprechen gehört: dort hoffte ſie neue Freunde, beſſere Geſellſchaft, kurz alles dasjenige zu fin⸗ den, was ſie daheim vermißte. Vater und Tochter langten zu Meſſina an; und obgleich bei näherer Beſchauung des ge⸗ träumten Eliſiums Manches verſchwand, ſchien es doch, als ob Cuenna im Ganzen nicht Unrecht gehabt habe. In Sizilien gab es ei⸗ ne Menge ſchöner Weiber, die Fremde aber drohte ſie alle zu überſtrahlen; viele junge Männer von edler Geburt und aus den ange⸗ — 2⁰⁸— ſehenſten Familien draͤngten ſich um ſie. Alle bemuͤheten ſich um ihre Liebe, mehrere bewar⸗ ben ſich um ihre Hand. Cuenna's Herz blieb indeſſen ungeruͤhrt, die Eroberung deſ⸗ ſelben ſollte einem Fremdling aufbewahrt blei⸗ ben. Die Sizilianer hatten um dieſe Zeit be⸗ gonnen, die Aufmerkſamkeit von ganz Europa auf ſich zu ziehen. Die Laſt des eiſernen ſpa⸗ niſchen Joches, welche das Land zu entvölkern und in Armuth zu ſtürzen drohte, ward end⸗ lich den kühnen Bewohnern unerträglich. Sie bemühten ſich es abzuſchütteln und baten um den Schutz Frankreichs. Der franzöſiſche Hof gab ihren Bitten Gehör und ſandte zu ihrem Beiſtande eine bedeutende Kriegsſchaar, die von Vivonne, dem Bruder der bekannten Frau von Montespan befehligt wurde. Waren ihre weiblichen Reize unwiderſtehlich, war es ſeine männliche Schönheit nicht weniger; ſte beſaß die Liebe, er die Gunſt des Monarchen. Auch hegte er die höchſte Achtung für Künſte und Wiſſenſchaften, in deren mannigfachen Zwei⸗ gen er ſich ſelbſt auf das vortheilhafteſte aus⸗ zeichnete. Der Einfluß ſeiner Schweſter hatte — 206— ihm den Rang eines Marſchalls von Frankreich verſchafft; wahrhafter Heldenmuth und gründ⸗ liche militairiſche Kenntniß machten ihm dieſes Ehrenamtes würdig. Er ſchien eben ſo un⸗ uberwindlich auf dem Schlachtfelde, als in den Geſellſchaftsſälen. Auf dem Erſteren zeigte er Treue, Muth und Entſchloſſenheit, in den Letz⸗ teren wurde ſein Betragen gemeinhin von den Grundſätzen der leichten Modewelt geleitet. Vivonne hielt nunmehr als Vicekönig von Sizilien ſeinen feierlichen Einzug in Meſ⸗ ſina. Das Volk empfing ihn, mit dem Jubel, den es bei jeder neuen Regierung, zumal wenn dieſes ein Werk ſeiner eigenen Wahl iſt, zu ſpenden pflegt. Die große Stadt entfaltete ihre ganze Pracht, den neuen Gouverneur ge⸗ bührend zu empfangen. Ein auserleſenes krie⸗ geriſches Muſikcorps zog voran, ihm folgte eine treffliche Schaar fränkiſcher Cavallerie. Gleich nach dieſer kam das Gefolge des Vice⸗ königs; eine große Anzahl von Dienern pracht⸗ voll gekleidet; Jünglinge aus edlen Familien, ſämmtlich jung und ſchön wie Ganymed; nun folgten reich vergoldete Staatskutſchen von herrlichen Roſſen gezogen, und endlich er⸗ „ — 207— ſchien Vivonne ſelbſt auf einem prachtvollen Renner, zugleich ſchoͤn und würdevoll, mit dem edlen Stolz auf der Stirn und den einneh⸗ menden Blicken, kurz in jeder Rückſicht ein vollkommen ſchöner Mann. Jedes Fenſter, jeder Balkon in Meſſina, war mit Zuſchauern angefüllt, man ſah die reizendſten Weiber in ihrem prachtvollſten Schmu⸗ cke. Vivonne ließ keine unbeachtet und grüß⸗ te überall hin ſo wie er vorüberritt. Bisher hatten ſeine Augen nur leicht umhergeſchweift, als ſie nun aber auf Cuennas Balkon ſielen, blieben ſie plötzlich haften. In einem weiſſen Gewande, eine einzige Blume im Haare, ſtand ſie da, alles der Natur, nichts der Kunſt verdankend; an zwanzig junge Mädchen, ſämmt⸗ lich von Edelſteinen ſtrahlend, umgaben ſie, ſie aber verdunkelte ſie alle. Kaum hatte der Vi⸗ rekönig ſie erblickt, als auch bei ihm jeder frühere Eindruck verſchwunden war. Unwill⸗ kührlich hemmte er, den koſtbaren Zügel an⸗ ziehend, auf einen Augenblick lang die Schritte ſeines Roſſes, dann ſetzte er zwar ſeinen Weg fort, nicht aber ohne ſich immer wieder und — 3208— wieder umzuſchauen. Die uübrigen Straßen ſchienen ihm öde und menſchenleer. Signora Cuenna war eben ſo ſehr, wo nicht gar noch mehr getroffen, als Vi⸗ vonne. Sie hatte denjenigen geſchauet, der da vom Himmel beſtimmt war, ihr Schickſal zu entſcheiden; und ſie fühlte nur zu ſehr die Wunde, die ſein Anblick ihrem Herzen beige⸗ bracht hatte. Obgleich von dem Anblick des unvergleichlich ſchönen Mannes unwiderſtehlich hingeriſſen, konnte ſie dennoch nicht ganz ihr Ohr der Stimme der Vernunft verſagen, wel⸗ che ihr zuflüſterte, daß ſich einer ſolchen Lei⸗ denſchaft unüberſteigbare Hinderniſſe in den Weg ſtellten. Sie gedachte der Flatterhaftig⸗ 4 keit Vivonnes, von der ihr das Gerücht ſchon ſo manches verkündet hatte; und erin⸗ nerte ſich daran, daß ſie in Sizilien, der lie⸗ benswürdige Fremde aber ein Franzoſe ſei⸗ Durfte ſie auf der Stelle, wo ſeine Vorfah⸗ ren in der grauenvollen Vesper ihre Ausſchwei⸗ fungen mit ihrem Blute büßten; ſich der Lei⸗ denſchaft für einen Mann hingeben, den ſie nur einmal geſehen, und der ihre Liebe aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht erwiedern wuͤrde? Und — 209— Und ſelbſt, wenn er es that, was würde aus ihrer Ehre, ihrem guten Rufe werden? Sollte ſie den Frieden ihrer Seele, ihren guten Na⸗ men ihrer Leidenſchaft opfern? War es nicht gerathener, dieſes letztere der erſtern zum Opfer zu bringen? Vergebl icher Kampf! In jedweder Region trägt immerdar die Liebe den Sieg davon, nirgends aber iſt dieß ſo wie in Sizilien der Fall. Ein wollüſtiges Klima macht dort die Nerven reizbarer, erhöht jede Freu⸗ de, vermehrt aber auch jeden Schmerz. Cu⸗ enna empfand zu ihrem Unglück die ganze Macht des Klima's, in dem ſie lebte, in dem das Blut glühender wie anderswo durch die Adern rollt. Der franzöſiſchen höflichen Sitte gemäß, begann Vivonne am naͤchſten Tage allen Da⸗ men vom Range Beſuche abzuſtatten; und der freundliche Leſer wird leicht begreifen, daß er dabei Cuenna nicht uͤberging. Der Ton ſei ner Unterhaltung aber war ber ihr weniger frei, als bei den Uebrigen; die anmuthsvolls Lebendigkeit und Leichtigkeit, ſo g ganz das Ei⸗ genthum der Franzoſen, verließen ihn in ihrer it Gegenwart gänzlich. An jedwedem andern Or⸗ O — 210— te war er gewohnt ſich ſo zu betragen, als ob er ſich zu Hauſe befaͤnde; bei ihr benahm er ſich ungelenk und verlegen. Keine Anekdote vom Hofe ſeines großen Ludwigs, keine Schmeichelei, welche er ſonſt an jedem ſchönen weiblichen Weſen verſchwendete, keines der geiſtreichen Wortſpiele, wegen deren er ſonſt ſo berühmt war, entſchlüpfte hier ſeinen Lip⸗ pen. Er war nur halb er ſelbſt. Dieſer halbe Vivonne aber gewann da⸗ durch nur noch mehr Raum in Cuenna's Herzen, gründete dadurch ſeine Herrſchaft in demſelben nur noch feſter. Was kümmerte ſie ſich um den König Ludwig? Was brauchte ſie von deſſen Hof zu wiſſen? Wie ſeicht, wie abgeſchmackt wäre ihr ſelbſt die größte Schmei⸗ chelei erſchienen?— Sie blickte nur in Vi⸗ vonne's Augen, und dieſe ſagten ihr, daß ſie geliebt ſei. Ihre geheimen Wünſche wur⸗ den jetzt zu Hoffnungen, und dieſe Hoffnun⸗ gen bildeten Pläne, flüchtig wie der Zephir im Mai, aber eben ſo entzückend!— Vivonne gab nunmehr dem Adel Feſte und Luſtbarkeiten. Cuenna ward ſtets ein⸗ geladen; zwar gab ſie ſich nicht, wie die übri⸗ — 4 — 211— gen Damen, den Freuden des Tanzes hin, aber ſie war dennoch immer gegenwaͤrtig. Wie hätte ſie auch wegbleiben können! Vivonne war ja zugegen; ſie ſah ihn, ſprach mit ihm, und ſchlürfte mit durſtigen Zügen den Nektar der Liebe. Eines Tages, nachdem ſie die an ſie von vielen jungen Edelleuten ergangene Aufforderung zum Tanze abgelehnt hatte, nä⸗ herte ſich ihr Vivonne ſchüchtern, und wagte es ſie um einen Tanz zu bitten. Eine hohe Röthe überflog ihre Wangen und ihre Kniee bebten, als ſie ſich anſchickte ſich von ihrem Sitze zu erheben, um ſein Verlangen zu erfül⸗ len. Sie fuhlte ſich aber in der That ſo ſchwach, daß ſie kaum Kraft genug beſaß ſich aufrecht zu erhalten, um ſeine Aufforderung durch einer ſtumme Verbeugung abzulehnen; ja, wenige Augenblicke darauf befand ſie ſich ſo unwohl, daß ſie ſich, that ſie dieß gleich ungern, genö⸗ thigt ſah, ſich nach Hauſe zu begeben. 5 Am nächſten Tage erſchien Vivonne, um ſich in Perſon nach ihrem Befinden zu erkun⸗ digen. Er fand ſie bleich und in großer Ge⸗ müthsbewegung, ihre Augen verkündeten die Unruhe ihrer Seelez und halb unterdrückte O 2 — 212— Seufzer verriethen, was in ihrer Bruſt vorging. — Wie hätte ein Franzoſe, ein Vivonne, noch länger an ſeinem Siege zweifein können? — Die Urſache ihres Unwohlſeyns lag ihm klar vor Augen— er geſtand ihr ſeine Liebe— er geſtand ſie ihr mit Feuer— und mit Feuer ward ſein Geſtändniß erwiedert. Keine mäd⸗ chenhafte Schüchternheit verhehlte ihm ihre wahren Gefühle; keine erzwungene Beſcheiden⸗ heit machte ſie ob ſeines Bekenntniſſes errö⸗ thend. Cuenna's Herz flog dem ſeinigen ent⸗ gegen. Wie zärtlich, wie feurig war ihre er⸗ ſte Umarmung! „Ja, Vivonne,“ rief ſie,„ich liebe Dich; ich vermag die ſeeligſte Empfindung meiner Bruſt nicht zu verbergen, ich folge mit Freuden ihrem Rufe. In Deinem Vaterlande handeln die Jung⸗ frauen mit mehr Vorſicht und Zurückhaltung— in Frankreich liebt man nicht wie wir, ſie haben dort keinen Aetna! Deine Vorzüge, Deine männliche Schönheit, vor allem aber die Liebe, die aus Deinen Augen ſtrahlt, macht Dich von dieſem Augenblick an zum unumſchränkten Ge⸗ bieter meines Herzens.“ Von dieſem Moment an gab ſich Cuenna — 213— ganz der Heftigkeit ihrer Leidenſchaft hin. Seit ihrer früheſten Jugend eine Feindin jedweden Zwanges, daran gewohnt, ihre ganze Umge⸗ bung, ihren Vater mit einbegriffen, zu beherr⸗ ſchen, gab ſie ſich durchaus keine Mühe, die Empfindungen ihrer Seele verborgen zu halten. Sie war völlig gleichgültig gegen die öffentli⸗ che Stimme, ihr guter Ruf galt ihr nichts im Vergleich mit ihrer Liebe— Vivonne war der einzige Menſch in der Welt, auf deſſen gute Meinung ſie einen Werth ſetztne „O Gott, wie liebe ich dieſen Mann!“ rief ſie eines Tages, indem ſie den Marſchall mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit in ihre Arme ſchloß.„Wie lieb' ich Dich, mein Louis! Du aber liebſt mich auch, ich weiß es, ja, ja, Du wirſt mich immer lieben, das hoffe ich mit Zuverſicht!— Sollteſt Du Dich aber jemals treulos von mir abwenden— ſollteſt Du das thun, was ich kaum auszuſprechen, kaum au denken wage,— dann, Vivonne— kaunſt Du rathen, was ich dann thun würde? Kannſt Du rathen, was ich ſeit dem erſten Tage un⸗ ſerer Liebe auf meiner Bruſt verborgen halte 2 4 „Und was wäre das? fragte der Marſchall. 3 — 214— „Sieh hier dieſen Dolch,“ rief Cuenna, „in eben die Bruſt, die ich jetzt ſo feurig an die meine drücke, in dieſes Herz, fuͤr das al⸗ kein das meine ſchlägt,— mürde ich dann die⸗ fen Dolch bohren.“ Bei dieſen Worten uͤberrieſelte den Mar⸗ ſchall ein geheimer Schauer— er antwortete indeß mit den Betheuerungen ewiger Liebe und Beſtändigkeit.— Beſtaͤndigkeit! Wie ſelten iſt dieſe Eigenſchaft eine Gefährtin allzuleiden⸗ ſchaftlicher Liebe! Und dennoch muß zu Vi⸗ vonne's Ehre geſagt werden, daß er in die⸗ ſer Hinſicht weniger Franzoſe war, als tauſen⸗ de von ſeinen Landsleuten. Er hatte dieß Verhäͤltniß mit ganzer Seele geſchloſſen, und blieb demſelben, für einen Höfting, lange ge⸗ nug getreu. Er theilte ſeine Zeit zwiſchen Krieg und Liebe, und verfuhr dabei gegen ſein Vaterland und gegen ſtine Geliebte mit gleicher Gewiſſenhaftigkeit.— Welcher Feld⸗ herr aber; welcher Vicekönig war je ohne Fein⸗ de? Einer dieſer Letzteren, welcher den Vi⸗ vonne beneidete, ſandte insgeheim nach Ver⸗ ſailles die Kunde, daß der Vicekönig ſich von einer thörichten Leidenſchaft ſo ganz beherrſchen — 215— laſſe, daß er den Dienſt ſeines Monarchen dar⸗ über vergäße.„Waͤhrend der kuͤhne Admiral Ruyter,“ ſo fuhr der Verlaͤumder in ſeinem lügenhaften Berichte fort,„ſich mit ſeiner Flotte den Küſten Siziliens nähert, verſchwelgt Vivonne ſeine koſtbaren Augenblicke in den Armen ſeiner Cuenna, und einen leichten Sieg wird der Holländer erfechten, wird ihm nicht ein anderer Befehlshaber, als unſer Mar⸗ ſchall, entgegengeſandt. 74 Der Inhalt dieſes Schreibens verbreitete ſich bald am ganzen Hofe. Nur mit Mühe konnte Frau von Montespan verhindern, daß derſelbe nicht bis zum Monarchen gelangte; und in einem ernſten, an ihren Bruder gerich⸗ teten Brief gebot ſie dieſem, auf der Stelle mit ſeiner Geliebten zu brechen, Viv onne's Antwort war die Antwort eines leidenſchaftlichen Liebhabers und tapfern Kriegers. Seine Schweſter, ſo ſchrieb er, müſſe ja aus eigener Erfahrung wiſſen, daß man die Feſſeln der Liebe nicht nach Willkühr von ſich abſchütteln könne— ihr eigenes Herz müſſe ihr ſagen, daß Treuloſigkeit, an dem begangen, der uns Freunde, Verwandte, ja Ehre und Tugend vöfeste, ein furchtbares Verbrechen ſei. Er ſei demnach feſt entſchloſ⸗ ſen, ſeiner Cuenna treu zu bleiben, werde aber um ſeiner Leidenſchaft willen, den Dienſt des Königs und ſeine Pflichten. als Statthalter und Feldherr guch keinen auaküha lang ver⸗ nachläßigen.—— Bald darauf bewien e er Fanc, daß es ihm, zumal mit dieſer letzten Verſicherung, voller Ernſt geweſen. Sein Muth⸗ ward nur zu bald auf die Probe geſtellt. Das geſchwäͤchte Spa⸗ nien rief jetzt dieſelben General⸗Staaten, mit denen es ſo lange. Zeit einen blutigen Krieg geführt hatte, zum Beiſtand gegen Frankreich auf. Die Letzteren beſchloſſen dem Verlangen zu wilffahren, und eine Flotte gegen Sizilien zu ſenden. Dieſe war eben nicht ſehr zahl⸗ reich, aber der berühmte Admiral Ruyter war ihr Befehlshaber. Dieſer auſſerordentliche Mann, welcher ſich vom Cajüten⸗ ⸗Jungen zum Admiral emporgeſchwungen hatte, und den der ſpaniſche Monarch jetzt zum Herzog erheben wollte— einer der größten. Seehelden ſeiner und jeder andern Zeit; Ruyter, mehr als einmal der Retter ſeines Vaterlandes, von al⸗ 9 — 217— len Seemächten Europa's geachtet und gefürchtet; zwar ſchon in Jahren vorgerückt, aber noch im Be⸗ ſitz jugendlicher Kraft— erſchien jetzt mit ſeinen Schiffen in dem mittländiſchen Meere. Seiner Ankunft mit einiger Beſorgniß entgegenzuſehen, hätte ſelbſt dem Tapferſten keine Schande ge⸗ bracht; Vivonne aber war frei von jedweder Furcht. Er freuete ſich im Gegentheil auf den Kampf mit einem ſolchen Feinde, und riß ſich, von ihren Thränen benetzt, aus Cuenna's Armen, um ſich auf die, von Du Quesne, der faſt der franzöſiſche Ruyter genannt wer⸗ den konnte, befehligte⸗ Flotte zu begeben. Mit lautem Jubelgeſchrei ſchifften die Franken, von ſolchen Männern gefuͤhrt, dem Feinde entgegen, während ſich der holländiſche Admiral, mit der ihm und ſeinen Landsleuten eigent hümlichen phlegmatiſchen Ruhe zum Kampfe anſchickte; denn Heiterkeit und kaltes Blut gehoͤrten bekanntlich zu den Hauptzügen in Ruyters Charakter. Während man in Meſſina in quglvoller Un⸗ gewißheit ſchwebte, ob Freund oder Feind den Sieg davon tragen werde, ward Cuenna von namenloſer Angſt verzehrt, nicht ob des Ausgangs des Kampfes, nicht ob des Lebens — 218—=— ihres Geliebten, mehr als ſein Schickſal war ſein Herz der Gegenſtand ihrer Beſorgniß. Bei dem Abſchiede hatte er ihr ewige Treue geſchworen, doch ſchien ihr ſeine Liebe ſchon damals nicht mehr ganz ſo feurig als früher, nun gar in dieſer Entfernung von ihr, auf ei⸗ nem kalten treuloſen Elemente, von Menſchen umgeben) die ſie vielleicht haßten und ver⸗ läumdeten,— unglückliche Cuenna, welche ſchlafloſen Nächte mögen dir dieſe Wetlichthihe gen varur ſacht haben! 1 Um dieſe Zeit verbreitete ſich in Meſſina plötzlich ein neues Gerücht; der Hof zu Ver⸗ ſailles ſollte nämlich, wie verſichert ward, von Vivonnes Leidenſchaft Kunde erhalten, und die ſtolze Frau von Montespan von ihrem Bruder begehrt haben, daß er ſeiner Liebe, entſagen möchte; einem Verlangen, dem der Letztere ſich auch gefügt haben ſollte. Dieſe Nachricht gelangte unverzüglich bis zu Cuen⸗ nas Ohren, ſie ergriff ſchnell eine Feder und ſchrieb folgenden Brief an Vivonne:— „Weshalb haſt Du mir nie ein Wort von Deiner ſtolzen Schweſter geſagt?— Iſt es — 219— wahr, daß ſie es ſich anmaßt, unſere Liebe zu mißbilligen?— Antworte mir ohne Zurückhal⸗ tung.— Möge ſie immerhin die Gebieterin Deines mächtigen Königs ſeyn, was ſie in den Augen von Tauſenden erhebt, erniedrigt ſie in den meinigen. Ich habe mein Schickſal „doch wenigſtens an einen Mann geknüpft, der meines Gleichen iſt. Liebe ohne Gleichheit iſt nur ein Phantom der Einbildungskraft; der übermüthigen Montespan iſt wahre Liebe fremd. Wie kann ſie ſich es demnach anmaſ⸗ ſen, über dieſes Gefühl ein Urtheil abzuge⸗ ben?— Doch hinweg, hinweg von dieſer Schweſter, ich haſſe ſie! Ich will jetzt von Dir reden. Was ſagteſt Du zu ihrem Befehl, mich zu verlaſſen? Ohne Zweifel haſt Du ſchon jetzt mit ihr gebrochen.— Gieb mir Antwort, ich beſchwöre Dich, gieb mir Ant⸗ wort! Keine Silbe von meinen eigenen Ge⸗ fühlen— ich weiß kaum was ich fühle. Dieſe Hoöllennachricht verzehrt meine ganze Seele. Antworte mir, ich beſchwöre Dich darum.“— Auf dieſes im leidenſchaftlichen Zorn abge⸗ faßte Schreiben, gab Vivonne eine höfliche Antwort, die aber nur mit leeren, etwas kal⸗ — 2209— ten Betheuerungen ſeiner Beſtändigkeit ange⸗ füllt war. „Ich hatte Recht,“ rief Cuenna, nach⸗ dem ſie ſeinen Brief geleſen,„ich hatte Recht, er hat aufgehört mich zu lieben!— darum nieder mit ihm, nieder auf immerdar!“— Und ſchnell ſich in Mannstracht werfend, hegab ſie ſich, dem Willen des Capitains faſt trotzend, am Bord einer Fregatte, die der Flotte nachgeſchickt wurde. Wie pfeilſchnell das Schiff auch die Wellen durchſchnitt, jeder Angenblick ſchien der ungeduldigen Cuenna ein Menſchenalter. Endlich erſpäheten ihre forſchenden Blicke die Flotte und das Admixal⸗ ſchiff, auf dem ſich Vivonne befand; ſie be⸗ ſtieg ein Boot und ließ ſich ſchnell dorthin ru⸗ dern.— Wie erſtaunte Vivonne, als ihm berichtet ward, daß ein Jüngling in einem ernſten Tone ihn zu ſprechen verlange. Wie grenzenlos aber war ſeine Beſtürzung, als nun⸗ mehr dieſer Jüngling eintrat, und er in dem⸗ ſelben auf den erſten Blick Cuenna erkannte. „Ich komme,“ ſprach ſie,„nun mir auf mein Schreiben eine mündliche Antwort zu ho⸗ len— Deine ſchriftliche Erwiederung gefiel — 221— mir nicht.“— Der Marſchall ſtammelte einige unverſtändliche Worte. Die Florentinerin aber ſchauete ſich um, und gewahrte ein junges Frauenzimmer von auſſerordentlicher Schönheit, welches ſich erſchrocken in einen Winkel zurück⸗ gezogen hatte. Cuenna war bei dieſem An⸗ blick faſt im Begriff ſich mit dem Dolch in der Hand auf den Ungetreuen zu ſtürzen, ſie that einen Schritt vorwärts, blieb aber plötz⸗ lich ſtehen und nahm ihre ganze Seelenkraft zuſammen.— Kein Wort entſchlüpfte ihren Lippen; ſie wandte dem Treuloſen den Rücken, verließ die Cajüte, ſtieg wieder in das Boot und kehrte nach Meſſina zurück.— Während des ganzen Weges ſaß ſie da, das Haupt in die Hand geſtützt, keine Thräne benetzte ihre Wange, kein Seufzer entſtieg ihrem heftig wo⸗ genden Buſen, aber die ganze Hölle wüthete in ihrem Innern. Rachedürſtend brütete ſie uͤber ein furchtbares Project, und kaum hatte ſie die Geduld, den Augenblick der Ausfüh⸗ rung deſſelben abzuwarten. Ruyter, ſie wuß⸗ te es, lag vor Anker zu Agoſta, ein für eine große Summa gemiethetes Boot brachte ſie dorthin. Mit derſelben Kühnheit, mit der ſie — 222— in Vivonnes Cajüte trat, ſuchte ſie jetzt den holländiſchen Helden auf ſeinem Admiral⸗ ſchiffe auf. „Seyd Ihr,“ fragte Cuenna,„der Heer⸗ führer unſerer Feinde, der unüberwindliche Ruyter? „Ich bin Ruyter,“ antwortete der Hol⸗ llunder in einem ruhigen Tone;„die meinem Namen von Euch, Signora, beigelegte Ei⸗ genſchaft aber gebührt mir nicht, mich derſel⸗ ben rühmen, hieße einen lächerlichen Stolz zeigen.“— „Ihr hofft aber doch die Franzoſen zu be⸗ ſiegen,“ fuhr die Florentinerin fort. „Allerdings,“ erwiederte Ruyter,„und ich werde mein Möglichſtes thun, dieſe Hoff⸗ nung in Erfüllung zu bringen.“ „So erfahrt, Admiral,“ rief Cuenna, „daß es in meiner Macht: ſteht Euch ben Sieg zu verſchaffen.“ „In Eurer Macht, Signora?“ fragte der Holländer verwundert,„darf ich Euch wohle um eine Erklärung bitten?“ „Kennet Ihr den Marſchall Vivonneee, „Nur wenig, hoffe aber bald ſeine nähere — — 223— Bekanntſchaft zu machen. Ich ſah ihn einſt in Haag, er ſchien mir ein tapferer Mann, eben ſo tapfer, wie ſeine Schweſter, die Montes⸗ pan, ſchön ſeyn ſoll.“ „Wollte Gott, ich hätte ihn nie gekannt!“⸗ rief Cuenna beftig,„die Erde traͤgt keinen 4 vollkommeneren Menſchen, und keinen größe⸗ ren Böſewicht.“ „Ein Böſewicht,“ wiederholte der Admi⸗ ral kopfſchüttelnd,„man hat mir im Gegen⸗ theil manches Gute von ihm geſagt. Er ſoll 1 ehrgeitzig und tapfer ſeyn.“ „Das iſt er,“ ſiel die Florentinerin ein, „aber er iſt ein Ungeheuer von Treuloſigkeit — ſeine heiligſten Schwüre ſind ihm ein blo⸗ ſes Spielwerk.“— „Signora,“ verſetzte der Admiral mit der ihm eigenthümlichen Ruhe,„ich verſtehe Euch nicht, ich bin durchaus unbekannt mit den Sit⸗ ten Eures Landes, zumal aber mit denen Eu⸗ res Geſchlechts. Ich habe viele Länder geſe⸗ hen, und mich überzeugt, daß die Menſchen überall verſchieden ſind. In Holland, in mei⸗ nem Vaterlande, iſt die Lebensweiſe höchſt ein⸗ der Tod iſt nunmehr beſchloſſen!“ — 224— fach; die Weiber bekümmern ſich dort um den Haushalt, und der beſchaftigt ſie hinlänglich. Sie pflegen ihre Kinder, lieben ihren Mann und führen die Oberaufſicht in der Küche. Trennen wir uns von ihnen, da weinen ſie, aber nicht lange, denn ſie wiſſen, daß, wenn wir in den Kampf ziehen, es nur geſchieht, um unſer Vaterland zu vertheidigen.“ „Wenn Eure Weiberkenntniß, edler Ruy⸗ ter, ſich auf ſolche Geſchöpfe beſchränkt,“ ent⸗ gegnete Cuenna,„da könnt Ihr mich al⸗ lerdings nicht verſtehen. Wo könnte ich Wor⸗ te ſinden, die Gewalt meiner Gefühle, die Größe meines Elends zu ſchildern. Ich liebte dieſen Böſewicht— liebte ihn— und war ſchwach!— Was ſage ich, ſchwach! ich war ſtark— ſtark— meine Leidenſchaft riß mich hin. Ich lebte ganz für ihn, nicht für mich ſelbſt!— Er aber lohnte mir mit der furcht⸗ barſten Undankbarkeit, mit der ſchändlichſten Untreue. Ich ahnte ſeine Unbeſtändigkeit— ich eilte ihm nach und ging an Bord ſeines Schiffes.— Dort erſpähete ich bei ihm ein Weib— ein junges, ſchönes Weib— und Bei⸗ „Was — 225— „Was aber kann ich für Euch thun„ Sig⸗ uora?/ „Mich rächen!⸗“. „Rache,“ entgegnete der Hollznder,„iſt ei⸗ ne Leidenſchaft, die meinem Herzen fremd iſt.“ „So verwerft Ihr alſo das Mittel, das ich Euch angeben will, um den Sieg zu erlan⸗ gen?“ fragte Cuenna. „Ihr habt es mir ja noch nicht genannt,“ verſetzte der Held. „Da ſchauet dieſen Dolch,⸗ rief Cuenna⸗ „in einem der ſeeligſten Momente meines Le⸗ bens zeigte ich ihn unſerm gemeinſchaftlichen Feinde, ſprechend:„Dem treuen Vivonne meine treueſte Liebe, dem treuloſen, dieſen ſcharf geſchliffenen Stahl!— Er iſt mir untreu gewor⸗ den, und ich bin bereit mein Wort zu halten. — Schon war ich im Begriff den Todesſtreich zu führen, da fiel es mir ein, Euch zuvor mit meiner Abſicht bekannt zu machen. Cuon⸗ na thut nichts halb.— Es genügt ihr nicht, ihn zu tödten, ſie möchte gern hundert, ja tauſend Tode über ihn verhängen. Sie will nicht nur ihn, den Verräther, beſtrafen, ſon⸗ dern auch alle ſeine verrätheriſchen Landsleute 1 † — 226— verderben. Um dieß zu bewerkſtelligen, fehlt mir nur noch Euer Beiſtand!“ „Mein Beiſtand?“ fragte d der Admiral et⸗ was unmuthig. „Spannt alle Eure Segel auf fuhr Cuen⸗ na mit ſteigender Heftigkeit fort,„bewaffnet Eure ganze Mannſchaft, und nähert Euch mit Euren Schiffen dem Hafen von Meſſina. Wenn ich dann vor Euch erſcheine mit dem blutge⸗ färbten Dolche, oder wenn die Kunde von Bivonne’s Ermordung mir zuvoreilt, dann greift ohne Verzug die fränkiſchen Schiffe an. Ihres Befehlshabers beraubt, von dem Tode ihres Abgotts in die größte Beſtüͤrzung ver⸗ ſetzt, werden ſie unfähig ſeyn Widerſtand zu leiſten. Ihr werdet einen leichten Sieg davon⸗ tragen, werdet ſie ſämmtlich vernichten, und die Niederlage des treuloſen Vivonne wird vollkommen ſeyn; denn die Geſchichte wird ſei⸗ nen Namen mit Schmach brandmarken.“ „Und Ihr glaubt, ich werde Euch in der Ausführung dieſes Planes Beiſtand leiſten?“ fragte der ſchlichte Holländer. „Allerdings!“ „Gott bewahre mich vor dem bloßen Ge⸗ — 222— danken an ein ſolches Bündniß, Signora! ich bin jetzt neun und ſechzig Jahre alt geworden, die Rechtlichkeit war ſtets mein Compaß. Nie in meinem Leben belaſtete ich mein Gewiſſen mit Falſchheit und Verrath. Ich würde eher tauſendfachen Tod erleiden, als mich von den Grundſätzen der Ehre und Tugend entfernen. Ich habe faſt alle Meere durchſchifft, habe faſt mit allen Nationen Europa's gefochten, aber mich niinnſermehr einer Hinterliſt ſchuldig ge⸗ macht.— In Holland iſt der Dolch eine un⸗ bekaunte Waffe„ die Ehre gab unſern Vorfah⸗ ren das Schwert und die Muskette in die Hän⸗ de, der Meuchelmörder nur braucht das Sti⸗ lett, ein Krieger wie ich, darf ſich beſſelbon nicht bedienen.“ „Iſt das Euer feſter, Euer letzter Ent⸗ ſchluß?⸗ fragte Cuenna. „Er iſt es,“ antwortete Ruyter, und was Euch betrifft, Signora, ſo folgt meinem Rathe, und gebt Euern Anſchlag auf! Er macht mich ſchoudern, mich, der ich im Kriege und unter Gefahren ergrauete. Wie konnte ein ſolcher Höllenplan in der Bruſt eines Weibes rifen? Beſinnt Euch eines Beſſern, Ihr ſcheint P 2 — 228— ine ſtarke Seele zu beſitzen, ſeid daher ver⸗ nunftig und gebt Euren Racheplan auff 72 „Man hat mir wohl geſagt,“ entgegnete 3 Cuenna verachtungsvoll,„daß bei Euch dort oben im Norden die Kälte alles erfrieren ma⸗ che, daß die Menſchen dort nur lebendige Eis⸗ berge wären! Eine ſolche Gefühlloſigkeit aber konnte ich nicht erwarten.— Lebt wohl! Ihr tapferer Held, den der Anblick eines Dolches erſchreckt, der bei dem Plan eines Weibes zu⸗ ſammenbebt.“ Mit dieſen Worten eilte ſie von dannen. „Jetzt,“ ſo ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„jetzt bin ich überzeugt, daß heftige, Leidenſchaft keinen Verbündeten ſuchen darf— nur in ſich ſelbſt muß ſie Beiſtand und Hülfe finden!“— Mit aufgelöſtem Haar, bleicher Wange und von Verzweiflung beflügelten Schritten kehrte ſie nach Meſſina zurück. Ihre Kräfte waren durch langes Faſten erſchöpft, aber ſie hörte nicht auf die Aufforderungen des Hungers. Die Sonne verbrannte ihr Geſicht, aber ſie fühlte nur die Flamme, die ihr Innerſtes verzehrte. Sie war allein, nur Rache, die ſo furchtbare Gefährtin, begleitete ſie.— Ohne Freunde— 1 — 229 denn ſie batte die Ihrigen ſämmtlich dem Vi⸗ vonne geopfert— ohne Vater— denn auch dieſen hatte ſie verlaſſen, und einer Miſſethä⸗ terin gleich, vermied ſie jetzt ſein Angeſicht— jedweden ſcheuend und von jedweden gemieden — beſchäftigte nur der treuloſe Vivonne und ihr Racheplan ihre Seele. Nichts ſonſt war im Stande ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, bis die Kunde, daß beide Flotten ſich zu einer Schlacht anſchickten, ihre Theilnahme rege machte. Die Schiffe der beiden Parteien griffen einander an, und ein furchtbares Schauſpiel fand nunmehr Statt. Du Quesne's Flotte war die ſeines Gegners an Schiffen überle⸗ gen, und die Franzoſen fochten mit großer Tapferkeit. Ruyters Beiſpiel aber that Wun⸗ der. Seine Mannſchaft kämpfte mit einem Muthe, daß man hätte glauben ſollen, ſie ſtrit⸗ ten für ihr Vaterland, nicht aber für eine frem⸗ de Sache. Endlich wichen die Franzoſen, und zwei ihrer Schiffe wurden in den Grund ge⸗ bohrt. Dieſe Nachricht verbreitete in Meſſina allgemeines Entſetzen, Cuenna aber vernahm ſie mit Entzücken.„So flieht alſo der Ver⸗ — 239— rather!“ rief ſie, und ihre Augen flammten —„das iſt etwas— aber das genügt meiner Rache nicht!“— Unglückſeelige Cuenna, wie kurz war Deine Freude! Durch Schiffe, Mannſchaft und Amunition verſtärkt, ſchickten ſich die Franzoſen an, den Kampf zu erneuen. Dieſe Vortheile konnte Ruyter ſich nicht verſchaffen. Die Schiffe ſeiner ſpaniſchen Bundesgenoſſen waren ſchwach gebaut, ſchlecht bemannt, und noch ſchlechter befehligt. Seine eigenen Fahrzeuge hatten viel gelitten vom ſtürmiſchen Wetter und von dem ſo eben Statt gehabten Gefechte, und noch dazu war er genöthigt, ſeine Kriegsmacht zu theilen, weil der ſpaniſche Stolz, trotz ſeiner Schwäche, das Centrum der Linie behaupten wollte. Ruyter hatte gegen dieſe mannich⸗ fachen Nachtheile nur ſeinen Muth in die Waag⸗ ſchaale zu legen, die allergrößte Tapferkeit aber kann nicht jede Gefahr abwenden.. Gerade als es am heftigſten herging, als ſich der Sieg abermals, ſeiner Gewohnheit ge⸗ mäß, ſeinem alten Freunde, dem ergrauten Helden, zuwenden zu wollen ſchien, raubte ihm eine feindliche Kanonenkugel das linke Bein,⸗ — 2381— indem ſie zugleich das rechte verwundete. Er ſank und mit ihm das Glück ſeiner Flotte. Der Erfolg dieſer Schlacht war zwar nicht entſcheidend, aber dem Verluſte Ruyters, der bald darauf an ſeinen Wunden ſtarb, folg⸗ te in einem dritten Gefechte die Niederlage der Verbündeten. Du Quesne und Vivon⸗ ne kehrten im Triumph zurück. Cuenna ſchauderte ob dieſer Nachricht; ihre Seele war abwechſelnd von Furcht und Hoffnung, von Schaam und Rache bewegt wor⸗ den. Oft hatte ſie wider ihren Willen, ge⸗ bebt bei dem Gedanken an den Tod ihres Ge⸗ liebten, ſie verfluchte ihn mit ihren Lippen, liebte ihn aber dennoch im Innerſten ihres Herzens. Jetzt, als er mit Sieg und Ruhm gekrönt, heimkehrte, als alle Bewohner Meſſi⸗ na's ihm entgegenſtrömten, als Jung und Alt ihn mit Jubelgeſchrei begrüßte, und die ſchön⸗ ſten Weiber Meſſina's auf den Balkons nur für den Sieger zu blühen ſchienen; jetzt als ſte ſich des ähnlichen Moments erinnerte, in welchem ihn ihre Blicke zum erſtenmal erſchaue⸗ ten— mußte Cuenna's Wuth ausbrechen, oder die Bruſt zerſprengen, in der ſie glühte. — 232— Sie ſtuͤrzte nach dem vorzüglichſten Platze Meſſina's; dort vernahm ſie, wie das Volk zu Ehren ſeines Befreiers, Lobgeſänge anſtimmte, vernahm, wie einer dem andern zuflüſterte, daß dem ſiegreichen Vivonne eine Statue errichtet werden müſſe. Ein ſchallendes Hohn⸗ gelächter erleichterte die gepreßte Bruſt der Unglücklichen, um die ſich bald eine Menge Volks verſammelte; ein Umſtand, den Cuen⸗ na mit Freuden gewahrte. Sie hoffte, der Augenblick der Rache ſei endlich gekommen, und ſprach demnach, zu der Menge gewandt, folgendermaſſen: „Woher, Ihr Verblendeten, woher dieſer allgemeine Enthuſiasmus für die Sache Frank⸗ reichs? Seit wann ſind Nationen einander mehr entgegengeſetzt als Gift und Gegengift, Freunde geweſen? Wie anders waren die Ge⸗ fühle unſerer Vorfahren! Mit der Mutter⸗ milch ſchon flößten ſie uns Abſcheu gegen die⸗ jenigen ein, die Ihr jetzt in Eure Arme ſchließt, und vor denen ihr nur zu bald zu knieen gezwungen ſeyn werdet.„Die Sizi⸗ lianiſche Vesper,“ das waren die erſten Worte, die ſie ausſprechen lehrten. Die Ver⸗ — 253— wuͤſtungen der Franzoſen und die Tyrannen ihrer Regierungen machten den Stoff der Er⸗ zählungen aus, mit denen unſere Ammen un⸗ ſere kindliche Einbildungskraft beſchäftigten. Habt Ihr vergeſſen wie oft die franzoͤſiſchen Heere Eure Städte und Dörfer niederbrann⸗ ten? Welche Ströme Eures edlen Blutes ſie vergoſſen haben? Wie oft Eure Weiber, Eu⸗ re Töchter Opfer ihrer ſchändlichen Lüuſte ge⸗ worden? Es giebt auf der großen weiten Welt keine Nation, die Euch gefahrlicher wäre, als dieſes unbeſtändige, weichliche, laſterhafte Ge⸗ ſchlecht; das nur zum Verderben der Menſch⸗ heit ein einſchmeichelndes Weſen empfing, es löſet die engſten Bande auf, und entweiht die heiligſten Statten.“— Cuenna ſchwieg einen Augenblick, ſie be⸗ merkte, daß ihre Rede zwar gewirkt, aber noch nicht den von ihr gewünſchten Eindruck 3 gemacht hatte. Ihre Stimme ward heftiger, und auf einige ihrer Worte legte ſie einen noch pathetiſcheren Ausdruck.„Ihr ſeid un⸗ entſchloſſen,“ fuhr ſie fort, vielleicht verlangt Ihr Beweiſe, daß die Franzoſen noch ganz dieſelben ſind, die ſie ſonſt waren. Hievon — 234— bin ich leider ein beklagenswerthes Beiſpiel. Ich, die unglückſeel'ge Cuenna, deren Na⸗ men Euch unmöglich fremd ſeyn kann— ich, die ich beneidenswerth war, als ich noch die Freude meines Vaters ausmachte; als mein Herz noch unverführt, als meine Ehre noch unbefleckt war. Zu jener Zeit waren viele ed⸗ le Jünglinge entzückt von den geringen Reizen die mir der Himmel perliehen. Zu jener Zeit prieſen geiſtreiche Männer meinen Verſtand; und mein Ruf in dieſem Lande, das ich zu meiner Heimath wählte, war untadelhaft!— Jetzt aber— jetzt bin ich alles deſſen durch den ſchändlichen Viv onne beraubt. Er ſchmei⸗ chelte mir, bis er meine Liebe gewann, er ſchwur Eide, die zu brechen ſelbſt der Teufel nicht gewagt haben würde— nichts deſto we⸗ niger hat er mich verlaſſen— mich aufgeopfert, mich— mich— mich! Ihr Männer von Sizi⸗ lien! Wer von Euch kann jetzt noch ſeine Ehe für unantaſtbar— die Tugend ſeiner Tochter für geſichert halten?“ Ein lautes Gemurmel des Unwillens füllte die zweite Pauſe, welche Cuenna machte; und von der Hoffnung eines günſtigen Erfolgs angefeuert, fuhr ſie folgendermaſſen fort:„Ha, wohl gewahre ich, daß⸗ ich nicht zu gefühlloſen Steinen, ſondern zu Menſchen geſprochen ha⸗ be. Mein Unglück rührt Euch. Aber nicht bloß Theilnahme will ich, ich will auch Rache! Fluch uüͤber Vivonne und jedweden ſeiner Landsleute!— Was er mir geweſen, werden ſie den Töchtern Siziliens ſeyn— Verführer und Verräther! Nieder, nieder mit ihnen— bevor es zu ſpät iſt!— Noch halten die Spa⸗ nier Palermo beſetzt, noch ſind mehrere Theile dieſer Inſel in ihren Händen. Die Nachbar⸗ ſchaft von Neapel, das Bündniß mit den Hol⸗ ländern, die Freundſchaft des Kaiſers, alles, alles vereint ſich, ihre Macht zu verſtärken. Holland hat noch mehr wie einen Ruyter, die bald erſcheinen werden um Vivonne's Stolz zu demüthigen! Kommt, vereint Euch mit mir, meine Freunde, laßt„Spanien!“ Euer Feldgeſchrei werden, ſteht mir bei in dem Geſchäfte der Rache. Helft mir das groſ⸗ ſe Schauſpiel der ſtzilianiſchen Vesper er⸗ neuern!“— Die Sizilianer waren von jeher Freunde des Wechſels, und für jeden neuern Eindruck —— 236— empfänglich; und ſo ward denn auch jetzt das Volk, welches noch vor wenigen Augenblicken den heimkehrenden Vivonne bis in die Wol⸗ ken erhob, von der Beredſamkeit eines Wei⸗ bes hingeriſſen und zu Frankreichs Feinden um⸗ gewandelt.„Spanien, Spanien! Tod dem Vivonn e!“ war nunmehr das allgemeine Ge⸗ ſchrei. Rückſichtslos gegen die Beſatzung von Meſſina, uneingedenk des theuer erkauften Sie⸗ ges, ſtrömte die aufgeregte Menge nach dem Viceköniglichen Pallaſt. Auf dem Wege dort⸗ hin verſahen ſie ſich mit Waffen jedweder Art, ja viele von ihnen trugen ſogar Feuerbrände, und der Anführer dieſer furchtbaren Schaar, war ein Weib. Vivonne gab ſich eben den Freuden der Tafel hin, als er die Nachricht von dieſem unerklärbaren Aufſtande erhielt. Ohne Verzug ſtellte er ſich an die Spitze ſeiner Leibwache, die Pforten des Pallaſtes wurden geöffnet, und hinaus zog Vivonne mit den Seinigen den Aufrührern entgegen. Der Gegenſtand auf den zuerſt ſeine Blicke fielen, war ein Weib, welches einen fränkiſchen Offizier mit einem Dolche durchbohrte. Der Marſchall ſtürzte auf — 23⁷—. ſie zu und als ſie nun auch einen Streich ge⸗ gen ihn fuͤhrte, hielt er ihren Arm auf. Ein heftiger Kampf erfolgte zwiſchen weiblicher Wuth und männlicher Stärke; endlich entwand er ihrer Hand den mit dem Blute ſeines Ge⸗ fährten gefärbten Stahl und nunmehr ſchauete er ihr ins Antlitz. Er erkannte Cuenna, de⸗ ren Augen flammende Pfeile auf ihn ſchoſſen. Wie unbeſchreibbar war ſein Erſtaunen— wie grenzenlos ihre Wuth! Sie bemühte ſich, ſich von ihm loszuwinden, ſie wollte ſprechen, aber ihre Zunge verſagte ihr den Dienſt; ihre Bli⸗ cke nur ſprachen mit ausdrucksvoller Beredſam⸗ keit. Vivonne verſuchte es, ſie zu beſänfti⸗ gen, aber ſein Bemühen blieb fruchtlos. Der Ton ſeiner Stimme, vormals für ſie ſo be⸗ zaubernd, diente jetzt nur dazu ihren Zorn zu ſteigern. Endlich fragte er:„Was aber wollt Ihr denn eigentlich, Signora?“—„Laßt meinen Arm fahren,“ gebot Cuenna,„und Ihr ſollt es ſehen!“⸗ 5 Der Marſchall erfüllte ihr Verlangen, und richtete auf ſie einen Blick voller Zärtlichkeit, wie er ihr ihn ſonſt ſo oft geſpendet hatte. Cuenna fühlte die ganze Gewalt dieſes Bli⸗ — 2388— ckes,— die Liebe, die ſie ſich bemüht hatte, aus ihrem Herzen zu verbannen, gewann ihre alten Rechte wieder.„Ha, Verräther!“ rief ſie,„kennſt Du wirklich die Gewalt die Du über mich beſitzeſt? Oder glaubſt Du Dich ſicher, weil Du mir einen Dolch entwunden? Euenna iſt beſſer verſorgt, als Du glaubſt. Jene Waffe war nur für Deine Gefährten be⸗ ſtimmt, der Dir zugedachte Stahl ruht näher an meinem Herzen!— Jetzt könnt' ich mich rächen, wenn ich wollte— aber ich ſehe Dei⸗ ne Reue, und ihr übergebe ich Dich.— An mir iſt jetzt die Reihe zu ſterben!⸗ So ſprechend zog ſie einen zweiten, ver⸗ borgen gehaltenen Dolch hervor, und durch⸗ bohrte ſich damit das Herz, noch bevor Vi⸗ vonne dder irgend einer der Umſtehenden ſie daran verhindern konnte.. Der Marſchall warf ſich auf ihren blutigen Leichnam, ruͤckſichtslos gegen die Anweſenheit ſo vieler Zeugen, rückſichtslos gegen die dro⸗ henden Gebehrden der Aufrührer, die da ge⸗ neigt ſchienen ihn in Stücke zu zerreiſſen. Sein Schmerz beſänftigte indeſſen ihre Wuth, ſie ſahen ſeine Thränen, hörten ſeine Klagen, und 1 — 259— konnten dem ſo offen an den Tag gelegten Gram des Helden, ihre Theilnahme nicht ver⸗ ſagen. Sie kehrten zu ihrer Pflicht zurück, Cuennas Leben aber war dahin, dahin auf immer!— Ihr Wunſch ward erfüllt. Reue war die Gefährtin Vivonnes während ſeiner ganzen übrigen Lebenszeit. Der Krieg und die Wiſ⸗ ſenſchaften beſchäftigten ihn fortan allein; die berühmteſten Dichter Frankreichs wetteiferten in ſeinem Lobe— nichts aber vermochte ihm den einmal verlornen Seelenfrieden wieder zu geben. Die Nacht im Walde. — 1 Familien⸗Augelegenbeiten nöthigten mich eine Reiſe in die gebirgigen Gegenden Böh⸗ mens zu unternehmen, und ich langte ohne dem mindeſten Unfall zu begegnen, auf den in dieſem Königreiche gelegenen Beſitzungen mei⸗ nes Oheims an. Dort pflegte ich faſt jeden Abend einen Spaziergang zu machen, und auf einer ſolchen Streiferei überraſchte mich einſt die Nacht in einem Walde welcher das Land⸗ gut meines Oheims begrenzte, und ſich an der anderen Seite gegen das Gebirge hindehnte. Meine Phantaſie war ſo ganz mit meinem Va⸗ terlande und den Theuren die ich daheim ge⸗ laſſen hatte, beſchäftigt, daß ich unaufhaltſam weiter wanderte, ohne darauf zu achten, wo⸗ hin mich meine Schritte führten. Als ich end⸗ lich aus meinen entzückenden Träumereien er⸗ wachte, — 241—. 8 wachte, gewahrte ich, daß ich mich verirrt hat⸗ te und vom rechten Wege abgekommen war. Mein Bemühen mich wieder zurecht zu finden, blieb fruchtlos, und ſo befand ich mich denn in einer höchſt unbehaglichen Lage, als ich plötz⸗ lich im Gebüſch, ganz in meiner Nähe ein Geräuſch vernahm. Als ich meine Blicke er⸗ hob, ſah ich beim Scheine des Mondes einen Mann vor mir ſtehen, der mich fragte, wohin ich wolle. Ich erwiederte, daß ich mich ver⸗ irrt hätte, nannte ihm die Beſitzungen meines. Oheims, indem ich ihn bat mir den nächſten Weg dorthin zu zeigen. Er ſchwieg einige Au⸗ genblicke lang, dann entgegnete er:„Es iſt weit, bis dahin, und ich kann Sie jetzt nicht geleiten,— wollen Sie aber bei mir über⸗ nachten, ſo folgen Sie mir.“— Ich nahm keinen Augenblick Anſtand ſein Anerbieten an⸗ zunehmen, und ſchweigend ſchritt er nunmehr neben mir her; keiner meiner Fragen beant⸗ wortend und dem Anſchein nach in ernſte Ge⸗ danken verſunken. Endlich ſchien er ſeine Spra⸗ che wieder zu finden:„Sie halten ſich noch nicht lange in dieſer Gegend auf,“ bemerkte er. „Nein!“ verſetzte ich,„wer aber hat Sie mit Q * — 242— meinen Verhältniſfen bekannt gemacht?“— „Sie ſelbſt.⸗— Ich ſelbſt? fragte ich erſtaunt. Ich hemmte meine Schritte und blickte ihn mit großer Verwunderung an. „ZJa, ja, Sie ſelbſt!“ wiederholte mein Geleitsmann;„in dieſem Walde hier hauſen MNaäuber und Sie ſcheinen ſich keineswegs zu fürchten.“ „Weshalb ſollte ich auch beſorgt ſeyn?n. fragte ich,„ich führe nichts bei mir was für Räuber von Werth ſeyn könnte.“ Hier erfaßte der Unbekannte lebhaft meine Hand:„Sie haben auch nichts zu fürchten, junger Mann“ ſprach er,„die Räuber, die in dieſem Walde hauſen, ſind keine Mörder!⸗⸗ Während dieſes Geſprächs waren wir vor einem Gebäude angelangt, welches im tiefſten Dickigt des Waldes gelegen war. Mein Ge⸗ fährte pochte dreimal an die Thür und eine rauhe Stimme von innen fragte„wer da?— „Ein Sohn der Nacht!“ antwortete mein Fuͤh⸗ rer. Die Pforte ward geöffnet; und wir traten nunmehr in ein geräumiges, von einer einzi⸗ gen Ampel nur ſchwach beleuchtetes Gemach, 1 — 245— 8 an deſſen ſchwarzen Wänden Waffen aller Art hingen. Einige wenige Stühle und zwei Tiſche machten das ganze Geräthe aus; einer der Letzteren ſtand unter einem Spiegel, er war mit einer Decke behangen und auf derſel⸗ ben lag ein Todtenkopf. „Jacob,“ ſprach mein Gefäaͤhrte zu ei⸗ nem Mann von gar wildem Anſehen,„mache Feuer in dem Kamin, und ſchaffe Lebensmittel herbei für meinen Gaſt!“⸗ In wenigen Minuten loderte auf dem Heer⸗ de eine helle Flamme empor; mein Führer er⸗ faßte mich nunmehr bei der Hand und wir nah⸗ men Platz vor der Wärme ſpendenden Gluth. Ich hatte jetzt zum erſtenmal Gelegenheit, mei⸗ nen ſeltſamen Geleitsmann genauer zu beſchauen. Ich muß bekennen, ich ſah nie ein trefflicheres Modell männlicher Schönheit, nie aber auch ſah ich ein Antlitz, auf dem der Ausdruck des furcht⸗ barſten Schmerzes und der nagendſten Schwer⸗ muth tiefer eingeprägt geweſen wäre. Im Laufe des Geſpräches, welches nunmehr zwiſchen ihm und mir ſtatt fand; entwickelte er einen ſo gebildeten, vorurtheilsfreien Geiſt, daß ich mich unwillkührlich zu ihm hingezogen O 2⸗ — 244— fuͤhlte. Endlich verkündete der Schlag einer Uhr, die im Nebengemache ſtand, die zwölfte Stunde; und im nächſten Augenblick hörte ich drauſſen einen Schuß fallen. Ich ſchrack zuſam⸗ men.„Es iſt das Signal zum Mittagsmahl,“ ſprach mein Wirth, wir machen den Tag zur Nacht, und die Nacht zum Tage.— Sie wer⸗ den jetzt mit dem Auswurf der Menſchheit, mit einer Räuberbande zu Tiſche gehen, aber Sie haben nichts zu fürchten. An der Tafel des Königs könnten Sie vielleicht mit größeren Böſewichtern zuſammentreffen; bei uns ſind die Rechte der Gaſtfreiheit heilig und un⸗ verletzlich!“ Er erfaßte meine Hand, und führ⸗ te mich zu einer vor dem Gebände ſtehenden bemoosten Eiche unter der ein gedeckter Tiſch ſtand. Ich ſetzte mich neben meinem Wirthe; achtzehn andere Mäaͤnner nahmen rund um uns her Platz und genoſſen mit uns das einfache— Mahl, das nur durch die Erzählungen ihres Anführers gewürzt wurde. Alle horchten mit ten; kein einziger Verſtoß gegen die gute Sitte fand ſtatt, kurz, die Tiſchunterhaltung war ſo, wie man ſie nur in guten Häuſern zu finden pflegt. der geſpannteſten Aufmerkſamkeit ſeinen Wor⸗ — 245— Nach Beendigung des Mahles kehrte ich mit meinem Wirthe in das früher erwähnte Gemach zuruͤck; wir begannen neuerdings ein Geſpräch⸗ aber nicht mit der früͤheren Lebhaftigkeit. Mein Führer war noch ernſter geworden, und alles was er jetzt ſprach, trug das Gepräͤge düſterer Schwermuth. Die ſchwarzen Wände des Zim⸗ mers hatten meine Aufmerkſamkeit rege gemacht⸗ und ich fragte ihn, weshalb er zu ihrer Beklei⸗ dung dieſe nächtige Farbe erwählt habe.„Sie ſtimmt trübe,“ bemerkte ich,„und der Menſch ſoll heiter ſeyn.“—„Sie haben Recht, wenn Sie nemlich von ſich reden,“ verſetzte er, nich kenne die Freude nur dem Namen nach, ſie iſt mir längſt fremd geworden. Sie blicken ſin⸗ nend auf dieſe Wände,— die ſchwarze Farbe derſelben erregt ihr Erſtaunen?— Es iſt die Farbe meines Schickſals— ach!— wäre es doch die meines Herzens!“ „Ein ſeltſamer Wunſch in der That,“ be⸗ merkte ich.. „So erſcheint er Ihnen nur,“ entgegnete mein finſterer Wirth;„mit einem ſchwarzen Herzen wäre ich vielleicht glücklich geworden⸗ — jetzt bin ich elend— elend, uber alle Be⸗ 248 ſchreibung!— Mein ganzer Reichthum beſteht in jenem Schädel dort;“ hier deutete er mit einem furchtharen Blick und mit dem Ausdruck der Verzweiflung auf den Todtenkopf unter dem Spiegel.„Das iſt mein Einziges und mein Alles! Wenn ich von Gram erfüllt vor jenem Schäͤdel ſtehe, und dann in meiner Seele trö⸗ ſtend der Gedanke erſteigt, daß auch ich bald aufhören werde zu ſeyn— dann nur, dann bin ich reich— reicher als ein Fürſt, reicher als irgend ein Günſtling des Glücks. Ihnen iſt der Tod ein Schrecken— mir iſt er ein Ge⸗ winn!⸗— Jetzt verkündete der Shlas der Uhr die zweite Stunde nach Mitternacht. Mein Wirth bebte zuſammen.„Schon ſo ſpät!“⸗ rief er heftig, ſchnell ſich indeß beſinnend fuhr er in einem milderen Tone fort.„Verzeihen Sie es mir Fremdling, daß ich Sie ſo lange der Ruhe beraubte; in jener Kammer dort ſteht mein Bett für Sie bereit— lchlafen Sie ruhig und beſorgen Sie nichts.“ 1. Ich. erfaßte freundlich und herziih feihe Her. „Sie haben mir zu viel geſagt,“ ſprach ich, „Sie haben meine ganze Theilnahme rege ge⸗ — 247— macht, darf ich Sie nicht bitten mir Ihre Ge⸗ ſchichte mitzutheilen.““ Se „Meine Geſchichte,«⸗ verſetzte er mit einem bittern Lächeln,„würde Ihren Schlaf mit kei⸗ nen ſüßen Träumen ſchmücken,— Ihr Haar würde ſich emporſträuben, und Sie würden ſchmerzlich Ihre Bitte bereuen;— ich aber darf ſo das Recht der Gaſtfreiheit nicht ver⸗ letzen. Mein Gaſt muß ruhig unter meinem Dache ſchlafen.— Morgen aber, morgen, be⸗ vor Sie aufbrechen, ſollen Sie die Geſchichte meines Lebens erfahren!“⸗ 1 Ich ſchritt hinaus und warf mich auf mein Lager, aber ich konnte keinen Schlaf finden. Von Zeit zu Zeit vernahm ich in dem angren⸗ zenden Gemache ein Geräuſch, dann aber war wieder alles ruhig. Endlich ſchlug die Uhr fünf und nun konnte ich mein Verlangen mehr über meinen geheimnißvollen Wirth zu erfahren, nicht länger zügeln; ich ſprang von meinem Lager empor und öffnete die Thür, die in das an⸗ grenzende Zimmer führte. Der Räuberhaupt⸗ mann ſaß noch immer vor dem Kamin, und ſtarrt in die verlöſchende Gluth.„Sie haben nicht geſchlafen,“ ſprach er aufſchauend zu mir gewandt, niſt denn dieſe Wohnung verdammt, den Schlummer von jedwedem Auge zu ſcheu⸗ chen?“— Darauf bat er mich, neben ihm Platz zu nehmen, und auf ſeinen Ruf ward ſogleich ein ländliches Frühſtück aufgetragen. Unſer Ge⸗ ſpräch währte lange; es war ſchon gegen ſieben Uhr, als ich mich zum Aufbruche anſchickte, denn ich hätte um keine Schätze der Welt, meinen Wirth an ein Verſprechen exinnern mögen, deſ⸗ ſen Erfüllung ihm ſo ſchmerzhaft zu ſeyn ſchien, „Sie wollen fort?“ fragte er jetzt,„Ich muß nach Hauſe,“ erwiederte ich,„die Meinigen werden wegen meines Ausbleibens ohnehin be⸗ ſorgt ſeyn.“—„Und mit Recht!“ verſetzte er, „denn man weiß, daß in dieſem Walde Räuber hauſen; aber warten Sie noch einige Augen⸗ blicke.“— Er ſtand auf, gebot zwei Roſſe zu ſatteln und kehrte dann zu ſeinem Sitze zurück. „Junger Mann,“ nahm er in einem ern⸗ ſten Tone zu mir gewandt wieder das Wort, „ich will mein Verſprechen halten, Sie ſollen die Geſchichte meines Lebens erfahren.— Ich bin der einzige Sohn eines Mannes von hohem Range in dieſem Königreiche; mein Vater, der ſehr reich war, verwandte große Summen auf ————— j— —,——— —— — — 249— meine Erziehung, und ich darf mir ſchmeicheln, daß ſie nicht weggeworfen waren. Ich will die Geſchichte meiner frühern Jugend übergehen, da dieſelbe nur wenig Intereſſe für Sie haben würde, und meine Erzählung mit jener Perio⸗ de beginnen, in welcher ich die Unibverſität ver⸗ ließ. Ich ward ſofort ehrenvoll angeſtellt, und hatte die ſchönſte Ausſicht, bald eines der er⸗ ſten Staatsämter zu erhalten. Ein unerſättli⸗ cher Ehrgeitz erfüllte die Bruſt meines Vaters, er liebte mich nur, weil er durch mich ſeinen Namen noch herühmter zu machen hoffte. Sol⸗ chergeſtalt war meine Lage. Von den glänzend⸗ ſten Ausſichten umgeben, glaubte ich, thörich⸗ 3 ter Jüngling, in dem Buche der Zukunft leſen zu können, da doch ſelbſt der erfahrenſte und weiſeſte Mann nicht im Stande iſt, auch nur das erſte, nächſte Blättchen zu entziffern.— Ich lernte ein junges Frauenzimmer von niedri⸗ gem Stande kennen; jene unwiderſtehliche Lei⸗ denſchaft, die ſchon ſo manchen gediegenen Staatsmann, ſo manchen tapferen Helden von dem Gipfel des Ruhmes hinabſtürzte, bemäch⸗ tigte ſich meiner zuerſt, ich muß es zu meiner Schande geſtehen, wandte ich mehrere Mittel —= 250— an, ſie durch Verführung meinen Wünſchen ge⸗ neigt zu machen; ſie ſtieß mich verachtungsvoll zurück, und die Flamme in meinem Innern lo⸗ derte noch heftiger. Ich warf mich zu den Füßen meines Vaters, umklammerte ſeine Kniee, und erflehte von ihm ſeine Einwilligung zur Ver⸗ bindung mit meiner Geliebten.„Biſt Du toll, Bube,“ donnerte er mir entgegen, indem er mich mit den Füßen von ſich ſtieß,„eine Dir⸗ ne aus der Hefe des Volks meine Schwieger⸗ tochter! lieber möchte ich Dich und ſie auf dem Hochgerichte, als vor dem Altare ſehen.“— Welche Hoffnung blieb mir nun noch? Ein hal⸗ bes Jahr ſchwand langſam mit ſeinen bleiernen Stunden dahin, ich ſah meine Geliebte ſelten, aber meine Leidenſchaft für ſie ſtieg mit jedem Tage. In ruhigen Augenblicken erwog ich zwar jedwedes Hinderniß, das ſich einer ſolchen Ver⸗ bindung in den Weg ſtellte; welchen geringen Einfluß aber hat die Vernunft auf das Herz das von Liebe verzehrt wird? In dieſem Kam⸗ pfe unterliegend entfloh ich mit ihr nach einer der entfernteſten Provinzen des Königreichs, wo ein Prieſter unſere Hände in einander legte. Mit dem wenigen Gelde, welches ich mit mir Seſt der kindlichen Liebe und der Dankbarkeit!"— — 251— genommen hatte, erkaufte ich einen kleinen Pacht⸗ hof; hier lebten nunmehr Roſalie und ich, von der Arbeit unſerer Hände. Das— das waren die ſeeligſten Tage unſeres Lebens. Un⸗ ter dem niedrigen Dache meiner Hütte, war ich zufriedener als der Fürſt auf dem Throne, als der Held, dem das Haupt mit Lorbeeren um⸗ wunden!— Aber weg, weg von dieſen entzük⸗ kenden, längſt verſchwundenen Stunden! Nach Verlauf eines Jahres drückte ich ein Pfand un⸗ ſerer Liebe an meine Bruſt, und noch zwei Jah⸗ re länger genoß ich die Freuden ehelicher und väterlicher Liebe aus dem Becher des häusli⸗ chen Glücks. Eines Abends, als ich von der Jagd heim⸗ kehrte, fand ich meinen Vater in meiner Huͤtte. Sein Anblick erregte in meiner Bruſt Gefühle die ich nicht zu beſchreiben vermag. Roſalie, von Dankbarkeit durchglüht, umklammerte ſeine Kniee; mein Knabe badete ſeine Hand mit Thrä⸗ nen kindlicher Liebe. Das Entzücken warf mich faſt bewußtlos an ſeine Bruſt, denn nur ſeine Einwilligung fehlte um das Maaß meines Glü⸗ ckes zu füllen. Mit einem Wort, es war ein — 282— dier fwies der Ränberhauptmann, ſein Blick ſenkte ſich ſchwermuthsvoll zu Boden, und erſt nach einer langen Pauſe nahm er wieder das Wort:„Der Schluß meiner Erzählung iſt kurz,“ — ſprach er in einem furchtbar ergreifenden Tone.— „Nach dreien Tagen ſtarben mir Weib und Kind an Gift, das ihnen mein Vater beigebracht hatte, — am vierten verblutete dieſer Vater unter dem Dolche ſeines Sohnes!“— Bei dieſen letzten Worten preßte er gewalt⸗ ſam meine Hand, und die Thränen die ſeine braune Wange hinabrollten, beurkundeten die Wahrheit ſeines Berichtes.„Leben Sie wohl, Fremdling,“ ſprach er, als wir uns trennten, „leben Sie wohl, jener Todtenkopf dort, iſt der Schädel meines Weibes!“— Von mannigfachen Gefühlen beſtürmt, und von dem innigſten Mitleid für den Unglücklichen ergriffen, eilte ich von dannen und gelangte, von einem ſeiner Leute geleitet, glücklich an die Grenze des Waldes, von wo ich leicht die Woh⸗ nung meines Oheims fand; die Erinnerung an dieſe Nacht im Walde aber wird nimmermehr aus meiner Seele entweichen. —— n ſſſnſnſſſſſſſſſſſiſſſiſſ 12 1 14 15 m 6 7 3 3 10 1 3 1 ——,