Leihbibliothek veutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatr duard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SLeſeßedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Ta 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4— 1 363.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe l hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet do wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und h für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f auf Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 5 u u.—»„„ 1ö.„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die letzten Strahlen der in Weſten hinabſinkenden Sonne vergoldeten noch die Ruinen der Abtey Ri⸗ vaulx, als Eduard ſeine niedrige, am Rye gelegene, Wohnung verließ, um ſich, wie er es waͤhrend des Sommers faſt taͤglich zu thun pflegte, an den Schoͤn⸗ heiten dieſes entzuͤckenden Thales zu erfreuen, wenn ſie in dem wilden Glanze des zur Ruhe gehenden Tages zu ſchauen waren. Es war, gegen Ende des Iunimonats im Jahre 1686, ein Abend von unge: woͤhnlicher Friſche und Lieblichkeit. Spielend bewegte ein leiſer Weſt das reiche dichte Laub, welches vom Ufer des Fluſſes an, die Waͤnde der Berge bis hoch zu ihren Gipfeln hinauf bekleidete; waͤhrend der Rye, bald von Baͤumen uͤberhaͤngt, bald aus ſeiner Ober⸗ flaͤhe den Schein der untergehenden Tageskoͤnigin wiedergebend, ſanft durch das Thal hinmurmelte. Wenige Landſchaften nur in der That entfalten ein ſo hehagliches Gemiſch von pitoresken und laͤnd⸗ lichen Schoͤnheiten, als das kleine freundliche Rye— thal, wo ſich die Geſchichte zugetragen, die ich mei⸗ nen freundlichen Leſern jetzt mitzutheilen geſonnen; denn in der Mitte der es umgebenden ſteilen, mit Baͤumen bedeckten, Berge, legen mehrere anzie⸗ hende Haͤuſergruppen, uͤber welche, wie ein Denk⸗ mal aus grauer Vorzeit, eine herrliche alte Kloſter⸗ ruine hervorragt. Das Dorf Rivaulx beſtand naͤm⸗ lich aus einer Anzahl kleiner laͤngs dem Ufer des Rye hin gelegenen Wohnungen, die aus Lehm ge⸗ bauet, mit Stroh bedeckt waren, und von denen eine jede ihren eigenen kleinen Garten hatte. Was aber dieſes entzuͤckende Thal, wenigſtens fuͤr den Verehrer der Ueberreſte des Alterthums, am an⸗ ziehendſten machte, war die oben erwaͤhnte Ruine der Abtey, von der noch das Cyor, einige Ueber⸗ reſte des Thurms und die vormalige Wohnung des 45 Abtes vorhanden waren. Dieſe intereſſanten Reli⸗ quien aus der Kloſterzeit verdanken ihren Urſprung der Vaterliebe; denn die Sage berichtet, daß dieß Gebaͤude im Jahre 1131 vom Sir Walter 1'Espee aufgefuͤhrt worden, in Folge des ploͤtzlichen Todes ſeines Sohnes, welcher mit ſeinem Roſſe ſtuͤrzte; eine Begebenheit, die den troſtloſen Vater bewog, alle ſeine Beſitzungen der Kirche zu ſchenken. Dieſem frommen Entſchluſſe zufolge, ſtiftete er hier ein Ci⸗ ſterienſer-Kloſter, in welchem er im Jahre 1153, nach einem im ſtillen ergebungsvollen Grame verbrachten Leben, ſeine Tage beſchloß, und wo ſeine irdiſchen Ueberreſte in der Kirche neben dem Altare beigeſetzt wurden. In dieſer Ruine, eben ſo intereſſant wegen ihres ruͤhrenden Urſprungs, als wegen ihrer alterthuͤmlichen Schoͤnheit, pflegte Eduard manche Stunde hinzu⸗ bringen. Er gedachte was dieſes Kloſter einſt ge⸗ weſen, was es jetzt war; die Vergaͤnglichkeit aller irdiſchen Dinge trat ihm ſo recht klar vor die Seele; und jedesmal, wenn die unterſinkende Sonne die Ruinen vergoldete, oder wenn der aufſteigende Mond iihr duͤſteres Gemaͤuer mit ſeinem Silberlicht magiſch eleuchtete, fuͤhlte er ſich nach dem heiligen Orte unwiderſtehlich hingezogen. Als nun an dem oben erwaͤhnten Abend Eduard — 6— ſeinen Weg nach der dicht am Dorfe gelegenen Ab— tey antrat, gewahrte er mit Erſtaunen, wie die Be⸗ wohner der niedrigen Huͤtten vor den Thuͤren ihrer Behauſungen ſtanden, und mit Furcht in den Blik⸗ ken auf das Kloſter deuteten. Kaum hatte er indeß die Lippen geoͤffnet, um nach der Urſache ihrer Be⸗ ſorgniß zu fragen, als ploͤtzlich aus dem Innern der Ruine ſanfte Klaͤnge zu ihm her ertoͤnten. Es wa— ren ſchmelzende Harfenlaute, welche von dem Abend⸗ winde hergetragen, dem Ohre bald naͤher bald fer⸗ ner ſchienen, und der ruhigen Landſchaft rings um⸗ her gewiſſermaßen ein uͤberirdiſches Gepraͤge auf⸗ druͤckten. Es waͤhrte in der That mehrere Minu⸗ ten, bevor Eduard ſich dem Zauber zu entwinden vermochte, den dieſe ruͤhrenden Melodien um ihn geſchlagen hatten, und er im Stande war den ein⸗ fachen Landleuten die beruhigende Verſicherung zu geben, daß das, was ſie ſo eben gehoͤrt haͤtten, von keiner uͤbernatuͤrlichen Urſache herruͤhre.„Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach,“ ſprach er,„ruͤhren die Toͤne, welche wir ſo eben vernommen, von irgend einem herumziehe den Harfner her; muß ich gleich beken⸗ nen, daß das meiſterhafte Spiel dieſer Vermuthung zu widerſprechen ſcheint; ich will mich indeß ſogleich davon naͤher uͤberzenger.“ So ſprechend ſchritt er gerade auf das Kloſter nem einfachen groben blauen Gewande bekleidet, wel⸗ zu; da aber in dieſem Augenblick die Toͤne neuer⸗ dings erklangen, entſchloß er ſich, das Spiel deſſen, welcher ſie den Saiten entlockte, nicht ſo ploͤtzlich zu unterbrechen, ſondern ſich durch einen Umweg in das Kloſter zu begeben. So wie er nun aber naͤher und naͤher kam, und endlich den mit Gras bewachſenen Fußboden der Kirche betrat, ward ſein Staunen noch mehr erregt durch den Klang einer ungemein ſanften und ſchoͤnen Stimme, welche zu den Harfen⸗ lauten liebliche Verſe ſang. Eduards Neugierde war jetzt aufs hoͤchſte geſtiegen, von der hereinbrechenden Daͤmmerung beguͤnſtigt, trat er unbemerkt hinter ei⸗ nen Pfeiler, von wo aus er die ganze Kirche frei uͤberſehen konnte. So ſehr aber auch ſeine Phantaſie durch das was er gehoͤrt hatte, ſchon angeregt war, das was er jetzt gewahrte, war noch weit mehr geeignet, ſie lebhaft zu beſchaͤftigen. Auf einer Truͤmmer des ver⸗ fallenen Chors, gerade da, wo die irdiſchen Ueber⸗ reſte des frommen Stifters dieſes Kloſters ruhten, ſaß ein Greis, deſſen Geſtalt einen trefflichen Gegen⸗ ſtand des Studiums fuͤr den Pinſel eines Rembrandt dargeboten haben wuͤrde. Obgleich des Augenlichts beraubt und von der Laſt der Jahre etwas niedergebeugt; obgleich nur mit ei⸗ 4 ches durch einen ledernen Guͤrtel zuſammengehalten wurde, trugen dennoch die Geſtalt und die Geſichts⸗ zuͤge des Unbekannten ſo ſehr das Gepraͤge eines kraͤf⸗ tig niedergekaͤmpften Grams, einer maͤnnlichen Re⸗ ſignation, daß derſelbe trotz ſeines aͤrmlichen Aeuße⸗ ren, dennoch einen wuͤrdevollen hoͤchſt intereſſanten Anblick darbot, deſſen Eindruck dadurch noch erhoͤht wurde, daß der Greis an ſo heiliger Staͤtte ſaß, und daß die letzten Strahlen der untergehenden Sonne durch das hohe Fenſter herein uͤber das ſchneeweiße Haupt des Unbekannten, uͤber ſeine thraͤnenfeuchte Wange und uͤber ſeine ſtarren Augen ihren Purpur⸗ ſchein ergoſſen. Die ehrwuͤrdige Geſtalt des alten Mannes aber war es nicht allein, was Eduards Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, neben dem ergrauten Harfner ſtand, einen lieblichen Contraſt zu demſelben bildend, ein Knabe, dem Anſchein nach von ungefaͤhr vierzehn* Jahren, deſſen ſanfte Geſichtszuͤge ſo unwiderlegbar ein einfaches und reines Herz verbuͤrgten, daß der,. welcher den Knaben ſah, ihm ſchon beim erſten An⸗ 9 blick ſeine ganze Theilnahme ſchenken mußte. Sein dunkelblaues Auge ruhte mit einer, in ſeinen Jahren ungewoͤhnlichen ſinnenden Zaͤrtlichkeit auf dem von ₰ der Hand der Zeit gefurchten, ausdrucksvollen Antlitz ſeines ehrwuͤrdigen Gefahrten; und als nun der 397 Abendwind durch die Ruinen fluͤſternd, die nußbrau⸗ nen Locken, die ſeine Wangen und ſeinen Nacken umſpielten, ſanft bewegten, zitterten Thraͤnen in ſei⸗ nen Augen, und er hoͤrte auf zu ſingen, waͤhrend er mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit den Greis betrachtete, welcher, als der Abendwind klagend ne⸗ ben ihm hinfaͤuſelte, ſich in großer Gemuͤthsbewe⸗ gung von ſeinem Sitze erhob, noch kraͤftiger in die Saiten griff und zu ihren feierlichen Toͤnen folgende einfache aber ruͤhrende Zeilen ſang: Hauch! o Weſt doch nicht wie Trauerboten Deine Seufzer auf die Graͤber her, Gluͤcklich, uͤbergluͤcklich ſind die Todten Denn kein Erdenleiden druͤckt ſie mehr. Ihre Ruh' kann keine Sorge truͤben, Ach wie ſehr beneid' ich ihr Geſchick! Denn von allen meinen Theuren, Lieben, Blieb mir nur ein einziger zuruͤck. So ſehr Eduard auch ſchon von dem bloßen An— blick des ehrwuͤrdigen Harfners und deſſen anmuths⸗ vollen jugendlichen Gefaͤhrten uͤberraſcht worden war, erſtaunte er jetzt noch mehr, ob des Meiſterſpiels und des herrlichen Geſanges des Greiſes. Sehn⸗ ſuchtsvoll verlangte ihn danach deſſen naͤhere Be⸗ kanntſchaft zu machen; und kaum hatte jetzt der Saͤnger geendet, als er auch ſofort hinter dem ihn verbergenden Pfeiler hervortrat und auf die Frem⸗ 1) — 10— den zuſchritt. Der Knabe gewahrte ihn, ſtieß ein Schrei der Ueberraſchung aus und machte den Greis darauf aufmerkſam, daß jemand nahe. Da aber Eduards Aeußeres durchaus nichts Furcht Einſloͤßen⸗ des, ſondern im Gegentheil ungemein viel Zutrauen Erweckendes hatte, reichten einige Augenblicke hin, ruͤckſichtlich ſeiner, bei dem Unbekannten jede Be⸗ ſorgniß zu verbannen; und bald erhellte ein freund⸗ liches Laͤcheln das Antlitz des Knaben, deſſen, wenn gleich etwas ſinnende, Geſichtszuͤge, dennoch eine ſo ungemeine Lieblichkeit hatten, daß ſie von der guͤtigen Mutter Natur in einem ihrer freigebigſten Momente geſchaffen zu ſeyn ſchienen. Ueber die ihm im Wege liegenden Truͤmmern des alten Gebaͤudes ſprang er, jedoch mit gluͤhender Wange und thraͤnenfeuchten Augen, auf den herangetretenen Eduard zu, und hielt ihm, ſo als bitte er um eine kleine Gabe, ſeine Muͤtze hin. Unter den obwaltenden Umſtaͤnden haͤtte wohl keine menſchliche Bruſt, wie kalt und eiſtg ſie auch ſonſt ſeyn mochte, mitleidslos bleiben koͤnnen. Von heiligen Ruinen umgeben, den Denkmaͤlern der Ver⸗ gänglichkeit alles Irdiſchen, welche durch die feier⸗ lichen Schatten der Daͤmmerung ein noch ehrwuͤrdi⸗ geres Gepraͤge erhielten, wie haͤtte da die Seele ſich nicht jenen ſchwermuͤthigen ſuͤßen Betrachtungen — 1=— hingeben ſollen, die den Menſchen ſo leicht zur Guͤte, zur Wohlthaͤtigkeit ſtimmen! Wie um ſo mehr aber dieß jetzt hier der Fall ſeyn mußte, wo ſie in der Mitte dieſer herrlichen Reliquien vormaliger Froͤm⸗ migkeit, vormaliger kirchlicher Pracht, das ruͤhrende Schauſpiel des augenloſen Alters, auf Eduards ſo empfaͤngliches Herz machten, iſt demnach leicht zu be⸗ greifen. Mit freigebiger Hand reichte er dem Kna⸗ ben alles Geld hin, was er bei ſich hatte, und ſchwei⸗ gend den Arm des Kleinen erfaſſend, naͤherte er ſich mit ihm langſam dem Greiſe, welcher auf ſeine Harfe gelehnt daſtand, ruhig das Herantreten des Fremden erwartend. Die Stellung, wie uͤberhaupt das ganze Weſen des blinden Saͤngers war ſo ganz verſchieden von dem Benehmen gewoͤhnlicher herumziehender Muſi⸗ kanten; trug ſo offenbar den Stempet eines von Kummer und Begeiſterung gemiſchten Gefuͤhls, daß Eduard ſich von ungemeiner Ehrfurcht fuͤr ihn er⸗ faßt fuͤhlte und ſich gewiſſermaßen ſcheute, demſelben ein Obdach fuͤr die Nacht in ſeiner Huͤtte anzubie⸗ ten. Da indeſſen Armuth offenbar eins der Leiden ſchoͤnes Spiel gedankt und der lieblichen Stimme ſci⸗ war, welche auf dem Fremden laſteten, wagte es endlich Eduard, nachdem er dem Harfner fuͤr ſein nes jugendlichen Gefaͤhrten erwaͤhnt hatte, den Er⸗ ſteren zu fragen: wohin er zu wandern geſonnen und wo er bis morgen zu raſten gedenke? Er machte ihn darauf aufmerkſam, daß ſein Alter, ſeine Blindheit, und die zarte Jugend ſeines Gefaͤhrten, es noͤthig machten, ein Obdach zu ſuchen, welches ihm mehr Schutz gewaͤhre als das verfallene Gemaͤuer, in dem er ihn angetroffen; und verſicherte mit einem Tone, deſſen Waͤrme unverkennbar war, daß, falls ſie kein beſſeres Unterkommen wuͤßten, er ſich gluͤcklich ſchaͤz⸗ zen wuͤrde, wenn ſie ihr Nachtlager in ſeiner Woh⸗ nung nehmen wollten.„Ihr ſollt ein bequemes Bett finden und Euer kleiner Gefaͤhrte dort auch,“ ſprach er;„Ihr ſollt an unſerer Abendmahlzeit Theil neh⸗ men, und neugeſtaͤrkt koͤnnt Ihr dann morgen weiter ziehen.“. Eine Roͤthe, gleich der der Schaam, uͤberflog bei dieſen Worten auf einen Augenblick die bleiche Wange des Greiſes, ſchnell aber ſchien jenes Gefuͤhl von einem erfreulicheren verdraͤngt; denn mit kreuzweis auf der Bruſt uͤber einander geſchlagenen Haͤnden und ſich auf ſeine Harfe beugend, ſprach er, in ei⸗ nem Tone, der von frendiger Ueberraſchung zeugte, ſeinen Dank fuͤr das ihm gemachte guͤtige Aner⸗ bieten aus, und verſicherte, daß er es anzunehmen bereit ſey; hinzufuͤgend, es ſey ſeine Abſicht ge⸗ weſen, nachdem er eine Weile hier in der Ruine ge⸗ 3 . raſtet haben wuͤrde, nach Helmsley zu wandern, welches er noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen geglaubt habe, hoffend, ſeine Harfe haͤtte ihm dort wohl ein Nachtlager verſchafft.„Eure Guͤte, Herr, aber,“ fuhr er fort,„uͤberhebt mich fuͤr heute dieſer Anſtrengung; und ſo nehme ich denn Euer freund⸗ liches Anerbieten mit dem herzlichſten Danke an.“ Waͤhrend dieſe Worte den Lippen des Greiſes ent⸗ zitterten, machte ſich auch die Erkenntlichkeit ſeines jugendlichen Gefaͤhrten, jedoch ſeinem Alter gemaͤß, auf weit lebhaftere Weiſe Luft. Er warf ſich zu Eduards Fuͤßen nieder, erfaßte deſſen Hand und ba⸗ dete ſie mit ſeinen Thraͤnen. Eduard hob ihn ſanft empor, und als er ihm jetzt in das holde Antlitz ſchauete, glaubte er nie ſchoͤnere, nie lieblichere Ge⸗ ſichtszuͤge geſehen zu haben, als die des jungen Wan⸗ derers, deſſen Blicke thraͤnenſchwer und mit dem Ausdruck der innigſten Dankbarkeit auf ihm ruheten. Unterdeſſen waren die Abendſchatten immer laͤn⸗ ger und laͤnger geworden, und immer dichter und dichter zogen ſich dieſelben um die beiden Fremden und ihren Beſchuͤtzer zuſammen. Der Epheu, wel⸗ cher das alte Gemaͤuer bis hoch hinauf bedeckte, rauſchte vom Abendwinde bewegt, die Nachtigal ſang im nahen Gebuͤſch, und magiſch beleuchtete der Mond mit ſeinem Silberlichte die ſpiegelklare Oberflaͤche des — 114— Rye, als Eduard mit ſeinen beiden Gaͤſten, von de⸗ nen er den juͤngeren an der Hand fuͤhrte, waͤhrend er dem Greiſe ſeinen Arm zur Stuͤtze reichte, aus der Ruine trat und die Fremden den noch immer verwunderungsvoll vor ihren Thuͤren harrenden Land⸗ leuten vorſtellte. Das ehrwuͤrdige Anſehen des augenloſen Harf⸗ ners uͤberraſchte auch ſie, noch mehr aber erſtaunten ſie uͤber die ungemeine Schoͤnheit ſeines jugendlichen Begleiters; und mit beredeker Zunge prieſen ſie die Wohlthaͤtigkeit Eduards, den ſie wegen ſeiner Her⸗ zensguͤte und Freundlichkeit laͤngſt ſchon mit Liebe und Ehrerbietung zu betrachten gewohnt waren. Hieruͤber wird ſich der freundliche Leſer um ſo weniger wundern, wenn ich demſelben berichte, daß Eduard nicht nur in ihrer Mitte auferzogen wurde, ſondern auch, daß ſeine Geburt ein gewiſſer geheim⸗ nißvoller Schleier bedeckte. Es mochten jetzt zwanzig Jahre ſeyn, als ein freundliches, am Ufer des Rye gelegenes, von einer Dornenhecke lieblich umzogenes Haͤuschen von einem Fremden gemiethet ward, der ein ungemein einneh⸗ 3 mendes Aeußeres hatte und ungefaͤhr vierzig Jahre alt ſchien. Kaum hatte er ſich dort eingerichtet, kaum an dem Haͤuschen und dem dazu gehoͤrigen 2— Garten einige Verbeſſerunzen vorgenommen, als an einem Herbſtabend, da ſchon die Daͤmmerung her⸗ kein zu brechen begann, und ſich die Nebel dichter . 5.. 6 an den Gipfeln der Berge lagerten, die Neugier der Bewohner des Doͤrſchens, durch die ungewoͤhnliche Erſcheinung eines eleganten Wagens rege gemacht ward, welcher vor das Haͤuschen des Fremden fuhr und aus dem eine reizende, prachtvoll gekleidete Dame ſtieg, die eine aͤltere Frau und ein Kind von ungefaͤhr fuͤnf Jahren bei ſich hatte. Die Dame . war ſchon mit Tagesanbruch wieder verſchwunden, 4 die Uebrigen aber bewohnten jenes Hauschen bis auf den heutigen Tag. 3 unter den Augen des Herrn Walſingham, dieſen * 2 5* 4 — 16— Namen fuͤhrte der Fremde, wuchs nun der kleine Eduard heran, von allen den Vortheilen beguͤnſtigt, f welche ihm in einem ſo einſamen Aufenthalte Lehren und Beiſpiel gewaͤhren konnten. Der wuͤrdige Wal⸗ ſingham, in Wales geboren, hatte ſich mehrere Jahre lang in der Schweiz aufgehalten, dort in einer pro⸗ teſtantiſchen Gemeinde dem heiligen Predigeramte vorgeſtanden und beſaß nicht nur eine tiefe, klaſſiſche Gelehrſamkeit, ſondern auch eine große Welt- und Menſchenkenntniß, womit er einen ungemein from⸗ men Sinn und ein gar wohlthaͤtiges Herz verband. In ſeinem Benehmen uͤberhaupt, in dem Ton ſeiner Stimme und in dem milden Ausdruck ſeiner Ge⸗. ſichtszuͤge, lag in der That etwas, das ihm das Vertrauen eines jeden gewann, der in ſeine Naͤhe kam, und das, mit ſeinen Kenntniſſen vereint, ihm bald ein ſolches Anſehen verſchaffte, daß er von den Landleuten der ganzen Umgegeud wie ein Orakel be⸗ trachtet wurde. Walſingham hatte dagegen das Gluͤck, in Eduard 2 einen der folgſamſten und lernbegierigſten Schuͤler zu ſinden, der ihm fuͤr die Sorge, welche er dem Kna⸗ ben widmete, nicht nur durch Fortſchritte in den Wiſſenſchaften, ſondern auch durch taͤglich immer 2 mehr und mehr hervortretende Herzensguͤte belohnte. 4 Es giebt fuͤr den Denker vielleicht keine intereſſan⸗ — 17— tere Beſchaͤftigung, als die Entwickelung des menſch⸗ lichen Verſtandes zu beobachten, ſelbſt wenn dieſer die Schranken gewoͤhnlicher Mittelmaͤßigkeit nicht uͤberſchreitet; wenn ſich nun aber gar das Genie, dieſe Himmelsgabe, entfaltet, wie belohnend iſt es nicht da, den Aufſchwung deſſelben befoͤrdert zu haben. 1 Dieß Letztere war der Fall mit dem erfahrenen Walſingham, welcher mit der groͤßten Aufmerkſam⸗ keit die geiſtige Entwickelung ſeines geliebten Zoͤg⸗ lings beobachtet hatte, und jetzt, trotz der großen Erwartungen, die er von ihm hegte, ſeine Hoffnun⸗ gen noch bei weitem uͤbertroffen ſah. Eduard hatte ſchon als Knabe gezeigt, daß etwas Ungewoͤhnliches in ihm ruhe; war er gleich ſtets freundlich und zu⸗ traulich, ſo hatte dennoch oft ſein ganzes Weſen etwas ſinnendes, etwas nachdenkendes; ſein Benehmen war oft ſeltſam excentriſch, welches ſein Erzieher anfangs ſeiner einſamen Lebensweiſe zuſchrieb. Das groͤßte Vergnuͤgen des Knaben beſtand darin, allein die wilde umgegend des Dorfes zu durchſtreichen, die Berge hman zu klettern, die pfadloſen Waldungen zu durch⸗ wandern und bei den rauſchenden Waſſerfaͤllen oder in den Ruinen der Abtey zu verweilen; welche Orte er dann noch haͤufiger beſuchte, als er im Stande war die Schoͤnheiten der Natur gehoͤrig zu wuͤrdi⸗ — 18— gen, und was er ſah, mit Stellen ſeiner Lieblings⸗ ſchriftſteller zu vergleichen; denn jetzt las er nicht nur mit Begierde die griechiſchen und roͤmiſchen Klaſſiker, auch Shakespears, Dantes und Taſſos Meiſterwerke lagen vor ihm erſchloſſen da. Ein Umſtand wirkte indeß ganz beſonders mit, uͤber alle ſeine jugendlichen Beſchaͤftigungen den Schleier des Ernſtes zu werfen und ihn zum einſamen Wanderer zu machen; fruͤh ſchon ward er der ſuͤßen Freuden der Verwandtenliebe beraubt, denn obgleich Herr Walſingham ihm in jeder Ruͤck⸗ ſicht ein guͤtiger und liebevoller Erzieher geweſen war, und Eduard ihn ſeit ſeiner Kindheit mit Zaͤrtlichkeit und Ehrerbietung betrachtete, hatte dennoch der Knabe kaum die Jahre erreicht, in welchen der Menſch die unſchaͤtzbare Sorge guͤtiger Eltern zu wuͤrdigen lernt, als er ſich auch mit einem unend⸗ lich ſchwermuͤthigen Gefuͤhl als ein namenloſes Kind zu betrachten begann, das von denen verſtoßen wor⸗ den, die ihm das Daſeyn gegeben. Dieſe Entdek⸗ kung machte auf unſern Eduard einen um ſo furcht⸗ barern Eindruck, je ploͤtzlicher ſie, trotz der Vorſicht des Herrn Walſingham, ſtattgefunden. Die Geſpie⸗ len des Knaben hatten ihn ein uneheliches Kind ge⸗ ſcholten, weshalb Eduard von Schmerz erfuͤllt zu ſeinem Lehrer eilte, und ihn dringend befragte, wer — 19— ſo grauſam geweſen ſey, ihn ſolchem Hohn preis zu geben. Eduards Thraͤnen und ſeine heftige Gemuͤthsbe⸗ wegung bekuͤmmerten den wackeren Walſingham um ſo mehr, da es ihm eine heilige Pflicht unterſagte, wenigſtens fuͤr jetzt die Fragen ſeines Zoͤglings ge— nuͤgend zu beantworten.„Mein theurer Eduard,“ ſprach er, indem er ſeine Hand liebevoll erfaßte, „betruͤbe Dich nicht uͤber die gegen Dich ausge⸗ ſtoßene thoͤrigte Schmaͤhung, glaube mir, die⸗ jenigen, welche ſie gegen Dich gebrauchten, hatten keinen Grund ſie auszuſprechen, als eine alberne, auf Nichts beruhende Vermuthung. Ich will Dir zwar nicht verbergen, daß ein geheimniſvoller Schleier die naͤheren Umſtaͤnde Deiner Geburt verbirgt, und daß es leider jetzt noch nicht in meiner Macht ſteht ihn zu heben und Dir zu offenbaren, wem Du Dein Daſeyn verdankſt; zu Deiner Beruhigung aber kann ich Dir ſagen, daß Deine jetzige Verborgenheit zu Deinem Gluͤcke, zu Deinem Frieden nothwendig iſt, und ſo fahre denn fort, mein Eduard, mich einſt⸗ 3 weilen als Deinen Vater zu betrachten; was Dir auch begegnen mag, wer Dich auch. verſtoßen moͤchte, 4— in mir ſollſt Du immerdar die Liebe und Sorge ei⸗ nes Vaters finden.“ Was Eduard bei der gemachten Encechun an⸗ fangs mit am meiſten geſchmerzt hatte, war der Ge⸗ danke, daß er Herrn Walſingham, an dem er bisher mit der ganzen Zaͤrtlichkeit eines Sohnes gehangen, fuͤrder nur als ſeinen Lehrer betrachten koͤnne; eine Ueberzeugung, welche noch ſchmerzvoller ward, als er hoͤrte, daß ſein Daſeyn, wie er es befuͤrchtet hatte, eine Quelle der Schande oder des Ungluͤcks derjenigen war, welche unter anderen Umſtaͤnden ſich beeilt haben wuͤrden, ihn als ihren rechtmaͤßigen Sohn anzuerkennen. Das was er erfahren hatte, rief jetzt in ſeinem Gedaͤchtniſſe einen Umſtand wie⸗ der wach, den er faſt voͤllig vergeſſen hatte, er er⸗ innerte ſich naͤmlich, daß ihn einſt, als er noch ganz klein geweſen, eine ſchoͤne, praͤchtig gekleidete Dame beſucht habe, welche ihn in ihre Arme ſchloß, ihn zaͤrtlich liebkoſte, dann aber ploͤtzlich in Thraͤnen aus⸗ brach und von dannen eilte. Dieſe Scene ſtand jetzt wieder klar und deutlich vor ſeiner Seele da, und feſt hielt er ſich nunmehr uͤberzeugt, daß diejenige, welche damals gleich einer Erſcheinung aus der Gei⸗ ſterwelt ploͤtzlich vor ihn trat und ſchnell wieder ver⸗ ſchwand, niemand anders als die ſchuldige oder un⸗ gluͤckliche Mutter geweſen ſey, der er ſein Daſeyn verdanke.. Von dieſem Augenblicke an ward er nun noch ſinnender und nachdenkender; noch oͤfterer als bisher durchſtrich er einſam Berg und Thal; noch haͤufiger als zuvor weilte er in den duͤſteren Kloſterruinen, ſeinen ernſten Betrachtungen hingegeben. Auch war in ſeinem uͤbrigens maͤnnlichſchoͤnen Antlitze unver⸗ kennbar die intereſſante aber ſchwermuͤthige Kunde zu leſen, daß, wie kurz auch noch ſeine irdiſche Wall⸗ fahrt, Sorge und Kummer nur zu oft ſchon ſeine truͤben Reiſegefaͤhrten geweſen waren. Es kann demnach nicht uͤberraſchen, wenn ich be⸗ richte, daß Eduard bei einer ſolchen Gemuͤthsſtim⸗ mung ſich immer mehr und mehr den Freuden hin⸗ gab, welche aus der einſamen, aber Beruhigung gewaͤhrenden Betrachtung der herrlichen mannigfal⸗ tigen Schoͤnheiten der Natur entſpringen. Er fuͤhlte ſich nicht nur wohl, wenn die Sonne lachend am Himmel ſtand, wenn Blumen und Gewaͤchſe ſich friſch und froͤhlich erhoben, auch wenn der Sturm⸗ wind durch die alten Staͤmme ſauſte, der Donner rollte und hoch aus ſchwarzer Wolke herab der Blitz zur Erde niederziſchte, ward es ihm leicht um die Bruſt; denn der Kampf der Elemente hatte etwas, was mit ſeinem Seelenzuſtande uͤbereinſtimmte, und ſo fand er denn eine gewiſſe ſchwermuͤthige Freude darin, ſein eigenes Geſchick mit der durch die Ge⸗ walt eines grauſamen Sturms veroͤdeten Natur zu vergleichen. Kurz Alles, was ſowohl in der Kunſt wie in der Natur den Stempel des Geheimnißvol⸗ len, des Feierlichen oder des Mißgeſchicks trug, Alles was wild, wunderbar oder romantiſch war, hatte 4 fuͤr ihn einen unwiderſtehlichen Reiz. Auf einen ſolchen Charakter mußte nun begreif⸗ licherweiſe die Erſcheinung des blinden Harfners und ſeines jugendlichen Fuͤhrers, zumal unter den Um⸗ ſtaͤnden, unter denen ſie ſtatt fand, einen maͤchtigen, zugleich aber auch einen erfreulichen Eindruck machen. Auch wunderte ſich der wackere Herr Walſingham eben nicht ſehr, als er, uͤber den vor ſeinem Haͤus⸗ chen befindlichen freien Platz, ſeinen Zoͤgling mit den beiden Fremden naͤher kommen ſah. Die Schoͤnheit des Abends, der freundliche Aublick des emporſtei⸗ 4 genden Mondes, deſſen Silberſchein von der Ober⸗ flaͤche des Rye wiederzitterte, waͤhrend ſein geheim⸗ nißvolles Licht die hohen Fenſter der alten Kloſter⸗ ruine wunderbar erhellte, hatten ihn bewogen, laͤn⸗ ger als gewoͤhnlich draußen in der friſchen Luft zu 8 verweilen; eben aber wollte er ſich in das Haus zu⸗ ruͤckbegeben, als ihn die Strahlen des gerade jetzt hinter einem Woͤlkchen ganz klar wieder hervortre⸗ tenden Mondes, die drei Ankoͤmmlinge erkennen lie⸗ ßen, denen er nun ſofort entgegen ging, um zu er⸗ 21 fahren, wen ſein Zoͤgling mit ſich bringe. Kaum aber hoͤrte er jetzt von unſerem Eduard, wie er den — 23— Greis und ſeinen jugendlichen Begleiter in der Ab⸗ tey angetroffen und ihnen ein Nachtlager angeboten, als er ſie auch ſofort von Herzem willkommen hieß, den Arm des Greiſes erfaßte und ihn freundlich in ſeine Behauſung fuͤhrte. Es gab gewiß nur wenige Menſchen in der Welt, die einen hoͤheren Grad von Wohlthaͤtigkeit beſaßen, als der wuͤrdige Walſingham, welcher ſich nie mehr freuete, als wenn er das Herz ſeines Zoͤglings von einem gleichen Gefuͤhle bewegt ſah; mit Entzuͤcken ſah er ſich demnach jetzt neuerdings in den Stand geſetzt, die Pflichten der Menſchlichkeit und der Gaſt⸗ freiheit zu uͤben; und je mehr er die Geſtalten ſei⸗ ner Gaͤſte betrachtete, je mehr Gewißheit gewann bei ihm die Ueberzeugung, daß ſie ſeines Schutzes werth waͤren. Der Ton ſeiner Stimme erhielt dem⸗ nach auch ſofort eine Waͤrme und eine Herzlichkeit, welche gar wohlthaͤtig auf den augenloſen Greis und .— ſeinen ſchuͤchternen Fuͤhrer wirkten, und in ihnen die große Zuverſicht erweckten, daß ſie hier Alles zu hof⸗ fen, aber nichts zu fuͤrchten haͤtten. Mit leichterem Herzen betraten ſie Walſingham's Haͤuschen, wo ihnen derſelbe ſogleich einige Erfri⸗ ſchungen vorſetzte, welche ſich ſeine Gaͤſte trefflich ſchmecken ließen. Nach Beendigung des maͤßigen Mahles, und nachdem der Greis in einem beque⸗ u men Lehnſeſſel gemaͤchlich geraſtet hatte, aͤußerte Wal⸗ ſingham den Wunſch, das Meiſterſpiel ſeines Gaſtes, falls dieſer nicht zu ermuͤdet ſey, noch an dieſem Abend bewundern zu koͤnnen; eine Bitte, welche der Greis mit Freuden zu erfuͤllen ſich unverzuͤglich an⸗ ſchickte. Man reichte ihm die Harfe und nach eini— gen kraͤftigen Akkorden ſtimmte er ein Lied an, wel⸗ ches die ganze Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhoͤrer in An⸗ ſpruch nahm. Nie, nie fand man wohl irgendwo eine Gruppe, beſſer geeignet fuͤr den Pinſel eines Kuͤnſtlers, als 1 diejenige, welche an dieſem Abend im Haͤuschen am Rye verſammelt war. Vor der offenſtehenden Haus⸗ thuͤre dem vollen Lichte des Mondes gerade gegen⸗ aͤber, ſaß der ehrwuͤrdige Harfner, deſſen Geſichts⸗ zuͤge von einer heiligen Begeiſterung belebt ſchienen, waͤhrend ſeine ſtarren Augen zum Himmel empor gerichtet waren. Sein ſilbergraues, vom Abend⸗ winde leichtbewegtes Haar, glaͤnzte in den Strahlen des Mondes, wie die Saiten der antiken, zwiſchen ſeinen Knieen ruhenden Harfe, die aus dunklem Ei⸗ chenholze geformt, und hie und da mit vergoldetem Laubwerk geſchmuͤckt geweſen war, von dem indesßs jetzt nur noch einige Spuren vorhanden. 4. Dicht neben dem Minneſaͤnger ſtand in ſeinem hellgruͤnen Kleidchen, ſein Muͤtzchen ehrerbietig in der — 2⁵ Hand haltend, der liebliche, anmuthsvolle Knabe. Seine Augen waren zu Boden geſenkt, und an ih⸗ ren Wimpern Perſte noch eine Thraͤne der Dank⸗ barkeit. Auf der anderen Seite, dem jugendlichen Fuͤhrer des Blinden faſt gegenuͤber, nur etwas mehr nach vorne zu, ſtand Eduard, den Arm auf eine Stuhl⸗ lehne geſtuͤtzt, bald den einen, bald den anderen der beiden Fremden mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit betrachtend, waͤhrend Walſingham, der ihm zur Seite ſaß, forſchend nur auf das Antlitz des Greiſes ſchauete. Die Theilnahme, welche der wuͤrdige Leh⸗ rer Eduards fuͤr den augenloſen Harfner empfand, ward noch d dadurch vermehrt, daß er glaubte, er habe dieß Geſicht ſchon fruͤher geſehen; eine Ver⸗ mutk hung, n welche faſt zur Gewißheit ward, als der DSaͤnger, nach einem herrli chen Vorſpiel, eines jener alten bekannten Walliſer Volkslieder anſtimmte, die Walſingham in fruͤherer Zeit ſo oft in ſeinem Vater⸗ lande ſingen hoͤrte. Unwillkuͤrlich rollten dem wackeren Manne die Thraͤnen uͤber die Wangen hinab, als jetzt der ehr⸗ wuͤrdige Saͤnger in ſanf eißt. ſchmel zenden Toͤnen, mannichfache Erinnerungen aus den fruͤheren Jahren ſeines Lebens in ſeinem Gedaͤchtniſſe wach rief.— Erinnerungen aus einer Zeit, die ihm in dem Schooße 2 4 — 26— einer geliebten Familie und in ſeinem romantiſchen Vaterlande dahin floß. Seine Eltern, die Geſpielen ſeiner Kindheit, die Berge, die Waldungen und die Stroͤme jener Gegend, wo er zuerſt das Licht der Welt erblickte, alles, alles trat ihm mit lebendigen Farben vor die Seele. 4 Kaum hatte demnach der Greis ſein Spiel und ſeinen Geſang geendet, als auch Walſingham ſofort, nachdem er ſeinem Gaſte fuͤr ſeine Bereitwilligkeit gedankt, von demſelben zu erforſchen ſuchte: woher er komme!„Da das Lied, welches Ihr ſo eben ge⸗ ſungen,“ ſprach der wuͤrdige Geiſtliche,„ein altes Walliſer Volkslied, und in dem uͤbrigen England ziemlich unbekannt iſt, ſchließe ich, daß Ihr Euch eine geraume Zeit in Wales aufgehalten haben muͤßt, wenn Ihr nicht anders gar aus dieſer Provinz ſtammt. Habe ich in dieſer letzten Vermuthung Recht, ſo wird es Euch Vergnuͤgen machen zu erfah⸗ ren, daß Ihr Euch in dem Hauſe eines Landsmanns befindet; auch ſcheint es mir, als haͤtte ich Euch ſchon fruͤher, wenn gleich vor langer Zeit, in der Provinz geſehen, in welcher ich zuerſt das Licht der Welt er⸗ blickte. Ihr werdet mich demnach in der That ver⸗ binden, wenn Ihr mir hieruͤber Auskunft geben wollt, meine Fragen werden wahrlich nicht durch bloße Neugier, ſondern durch mannichfache, meinem Herzen unendlich theure Erinnerungen herbeige⸗ fuͤhrt.“— 2* — 28— Freude ſchien die Bruſt des alten Harfners zu ſchwellen, als er dem Lobe horchte, welches Herr Walſingham ſeinem Spiele und ſeinem Geſange ſpen⸗ dete; als ſich derſelbe nun aber als ein Walliſer zu erkennen gab, war es ploͤtzlich, als ob ſich eine hef⸗ tige Gemuͤthsbewegung des Greiſes bemaͤchtigte; er erhob ſich von ſeinem Sitze; ſeine hohe, wenn gleich vom Alter etwas niedergebeugte, Geſtalt, ſchien neue Spannkraft gewonnen zu haben:„Ja, ja, Herr,“ entgegnete er ſchnell,„Ihr habt vollkommen Recht, ich bin ſtolz darauf, mich Euern Landsmann nennen zu koͤnnen; ſind gleich viele Jahre uͤber mein Haupt dahin gegangen, ſeitdem ich das Land meiner Vaͤter verließ, ſo wird man, hoffe ich, dort den Namen und die Harfe Lluellyn's noch nicht vergeſſen haben.“ „Großer Gott, waͤr's moͤglich!“ rief Herr Wal⸗ ſingham,„ich waͤre in der That ſo gluͤcklich den be⸗ ruͤhmten Lluellyn von Aberfraw, dem Saͤnger mei⸗ ner Kindheit, dem Freunde von jung und alt ein Obdach in meinem Hauſe zu gewaͤhren!„O ſprecht,“ fuhr er fort, indem er den Greis umſchlang und ihn innig an ſein Herz druͤckte,„ſprecht, welches Miß⸗ geſchick hat Euch gezwungen, im Winter Eures Le⸗„ bens wie ein heimathloſer Wanderer umherzuziehen? Als ich Euch zum Letztenmale ſah, Lluellyn, ſtander Ihr noch im kraͤftigen Mannesalter, blickte jeder — — 29— andere Saͤnger mit Bewunderung auf Euch. Wel⸗ ches Mißgeſchick, ich wiederhole meine Frage, hat Euch aus Eurem Vaterlande, aus dem Lande Eures Ruhmes vertrieben?— Jedoch ich ſehe meine Fra⸗ gen erſchuͤttern Euch, aber nicht bloße Neugier entpreßt ſie mir, wißt, ich bin Walſingham aus Llanchewell, der Sohn Davids aus Penthramon*), ich bin's, der als Knabe Euren Schritten folgte, Eurem Spiele mit Entzuͤcken horchte, der, wenn auch nicht wie Ihr des Augenlichts beraubt und dem Mangel preisgegeben, doch wie Ihr fern von ſeinem Vaterlande lebt.“ Luellyn bebte bei dieſen Worten maͤchtig erſchuͤt⸗ tert zuſammen; die Roͤthe der Freude faͤrbte auf ei⸗ nige Augenblicke lang ſeine bleichen Wangen, und ſeine zitternden Arme ausſtreckend, ward ihm noch einmal die Wonne, den Gefaͤhrten ſeiner beſſeren Tage an ſeine Bruſt zu druͤcken.„Ja, ja,“ rief er. aus,„der Harfner von Aberfraw beſitztz, iſt er jetzt gleich arm und blind,— iſt gleich ſeine Jugend, ſeine Kraft wie ein Morgentraum dahingeſchwunden, doch noch ein Herz, das alter Freunde gedenkt und *) Llanchewell und Penthramon ſind kleine Orte auf Angleſea, wo Aberfraw vormals die Hauptſtadt und die Reſidenz des Prinzen von Wales war.. — 30— das die Vorſehung preiſt, die ihn heute in das Haus eines Mannes fuͤhrte, der fuͤr den huͤlfloſen erblin⸗ deten Greis noch dieſelben Geſinnungen hegt, die er fuͤr den kraͤftigen, mit allen Anſpruͤchen auf ein ſor— genfreies Leben begabten Mann empfand. Meine Leſer werden leicht begreifen, daß weder Eduard noch der jugendliche Fuͤhrer des Blinden theilnahmloſe Zuſchauer dieſer ruͤhrenden Erkennungs⸗ ſcene waren; der Letztere ſtand, von einem ſprach⸗ loſen Erſtaunen erfaßt, da, waͤhrend der Erſtere durch Worte und Gebehrden ſeine Freude daruͤber an den Tag legte, daß er dies Zuſammentreffen der beiden alten Freunde herbeigefuͤhrt habe. Nachdem der erſte Erguß der Herzen voruͤber war, wiederholte Wal⸗ ſingham ſeinen Wunſch, daß ihn der augenloſe Greis doch mit dem ihn getroffenen Mißgeſchick bekannt machen moͤchte, eine Bitte, welche der theilnehmende Eduard auf das Dringendſte unterſtuͤtzte. „Mein lieber, junger Freund,“ verſetzte der Greis zu ihm gewandt,„haͤtte nicht ſchon mein Freund Walſingham die gerechteſten Anſpruͤche auf mein Ver⸗ trauen, die mir hier bewieſene Guͤte und Menſch⸗ lichkeit wuͤrde mich bewogen haben, Eure Wuͤnſche zu erfuͤllen, in ſo weit dieß in meinen geringen Kraͤf⸗ ten ſteht. Die Erzaͤhlung, welche Ihr begehrt, kann indeß nur fuͤr meinen Freund Walſingham einiges — 31— Intereſſe haben, denn ſie enthaͤlt eigentlich nur die Wiederholung von Truͤbſalen, wie ſie ſo Manchen betroffen. Wollt Ihr indeſſen mit der Schwaͤche ei⸗ nes alten Mannes Geduld haben, der, wenn er ſich gleich in ſein Schickſal ergeben hat, ſeiner ver⸗ gangenen Leiden dennoch nicht ohne Schmerz geden⸗ ken kann, ſo will ich mich bemuͤhen, Euch meine Le⸗ benswallfahrt zu ſchildern und Euch die Urſache mit⸗ zutheilen, die mich den blinden, huͤlfloſen Greis zum heimathloſen Wanderer machte.“*—„Ja mein Freund,“ fuhr er darauf zu Walſingham gewandt fort,„als wir uns trennten, war meine Bruſt noch voll Hoff⸗ nung und Begeiſterung, ein feuriger Schuͤler der Natur und der Muſen, fuͤhlte ich mich ſo wohl in der wilden romantiſchen Gegend Angleſea's, wo ich die Thaten und Tugenden meiner Vorfahren beſang. Hatte ich gleich nur wenig mehr, als noͤthig war meine taͤglichen Beduͤrfniſſe zu beſtreiten, beſaß ich doch das Wohlwollen und die Liebe meiner Lands⸗ leute, die mich uͤberall mit offnen Armen empfingen, und meinem geringen Talente Bewunderung zollten. So lebte ich noch eine Weile, nachdem Ihr, mein wuͤrdiger Freund, von uns geſchieden waret, und ſo lebte ich aller Wahrſcheinlichkeit nach noch, als ein ergraueter Saͤnger auf meinen heimathlichen Bergen, haͤtte nicht jene Leidenſchaft, welche ſo oft auf das * — 32— Geſchick der Menſchen ihren maͤchtigen Einfluß aͤu⸗ ßert, mich angetrieben, mein Gluͤck in der Mitte unſerer ſaͤchſiſchen Nachbarn zu ſuchen. Es war bei dem jaͤhrlichen Bardenfeſte*), als ich unter denen, welche die Liebe zum Geſange um den heiligen Saͤngerkreis gezogen hatte, Adeline de Wil⸗ ſon zum erſtenmale anſchauete. Sie war mit ihrem Vater aus dem noͤrdlichen England gekommen, um ihre Verwandten zu beſuchen, die ſich in unſerer Nach⸗ barſchaft angeſiedelt hatten; und ſtand jetzt, wie ge⸗ ſagt, von ihrer Liebe zum Geſange herbeigezogen, außer dem Kreiſe da, den Liedern der Barden hor⸗ chend. Es war gerade der Tag, an dem ich meine Anſpruͤche auf den Namen eines Barden vor den verſammelten Saͤngern geltend zu machen hatte, und als ich nun mit gluͤcklichem Erfolge in die Saiten griff und die Theilnahme in Adelinens Blicken ge⸗ wahrte, war bald meine ganze Aufmerkſamkeit mit ihr beſchaͤftigt. *) Das Feſt der Barden, Gorſeddau geheißen, ward auf einem freien Platze, wenn die Sonne hoch am Himmel ſtand, gehalten; denn die Saͤnger mußten was ſie thaten, im Angeſicht des Lichts, im Antlitz der Sonne thun. Der Platz war durch einen Kreis von Steinen bezeichnet, in der Mitte be⸗ fand ſich ein groͤßerer Stein, neben dem der den Vorſitz fuͤhrende Barde ſtand. — 33— Adelinens Perſoͤnlichkeit, ihr Benehmen, ihr gan⸗ zes Weſen, waren in der That ſo ganz verſchieden von dem, was ich bis dahin an den Uebrigen ihres Geſchlechts bemerkt hatte, daß ich noch jetzt, wo das Alter meine Gefuͤhle abgeſtumpft hat, jener Scene, wo ſie mir zum erſtenmal vor Augen trat, nur mit der lebhafteſten Gemuͤthsbewegung gedenken kann. Von jenem Augenblick erkannte ich kein anderes Be⸗ ſtreben, als mir Adelinens Herz geneigt zu machen, und als dieß mir gluͤckte, ſchickte ich mich an, ſie und ihren Vater nach England zu begleiten, und das Wanderleben eines Saͤngers gegen das ruhige Ge⸗ ſchaͤft eines Landmannes in Yorkshire zu vertauſchen, wo der Vater meiner Geliebten eine kleine Pachtung beſaß.“„Ja, mein Freund,“ fuhr der Greis in ſeiner Erzaͤhlung zu Walſingham gewandt fort,„wir haben lange Zeit nur zwoͤlf oder dreizehn Meilen von einander entfernt gewohnt, ohne daß wir es wußten, und ohne daß uns der Zufall zuſammenge⸗ fuͤhrt haͤtte. Ihr werdet Euch wundern, wenn ich Euch ſage, daß ich faſt dreißig Jahre Roſedale be⸗ wohnte, und dort in laͤndlicher Stille die Pflichten erfuͤllte, die mir als Landmann, Gatte und Vater oblagen.“ „Dieſe Kunde uͤberraſcht mich in der Tha.,“ ver⸗ ſetzte Walſingham,„wie konnte ich auch vermuthen, (2) — ſſ — 34— daß der begeiſterte Saͤnger aus Aberfraw ein fried⸗ licher Landbebauer in Roſedale geworden ſey! Daß wir uns uͤbrigens dort nicht trafen, trennten uns gleich nur die kleinen Fluͤſſe, Rye und Dewe, wun⸗ dert mich nicht, denn mein Leben hier war, mit wenigen Ausnahmen, faſt beſtaͤndig ein Leben der Einſamkeit und Zuruͤckgezogenheit. Aber ich bitte Euch, fahrt ſort in Eurer Erzaͤhlung, mich ver⸗ langt zu erfahren, wie es zugegangen, daß Ihr in Eurem Alter wieder zu Eurer Harfe gegriffen, die Euch ſchon in Euren fruͤheren Tagen ſo hohen Ruhm erworben?“— „Sie blieb das Einzige, was mir das Ungluͤck und die Treuloſigkeit uͤbrig gelaſſen!“ antwortete der blinde Saͤnger;„aber ich will der Reihe nach er⸗ zaͤhlen. Einige Jahre lang waren Adeline und ich ſo gluͤcklich, wie wir es zu werden kaum gehofft hat⸗ ten; der Himmel ſchenkte uns mehrere Kinder, und der Ertrag unſerer kleinen Pachtung verſah uns nicht nur mit den Beduͤrfniſſen, ſondern auch mit den Bequemlichkeiten des Lebens, kurz ich hatte durchaus keinen Grund zu bereuen, daß ich dem ſtillen Land⸗ leben meine Saͤngerfreiheit opferte.— Ach, aber nur allzuwahr iſt es, was der ſagte, der die Ver⸗ gaͤnglichkeit des menſchlichen Gluͤckes nur zu wohl kannte, wohl iſt es wahr, daß der Menſch fuͤr die —— Sorge geboren. Denn ſo beneidenswerth auch mein Loos damals war, als Geſundheit, Wohlſtano und Zufriedenheit mir ein dauerndes Gluͤck zuzuſichern ſchienen, ſtand doch das Ungluͤck ſchon bereit, mich dergeſtalt niederzubeugen, daß ich mich dieſſeits des Grabes nicht wieder aufzurichten vermag.“ „Ein Gluͤck war es fuͤr Henry de Wilſon, daß er den Gram ſeiner Tochter nicht erlebte; er ſtarb in unſeren Armen, als uns noch frohe Tage laͤchelten, und breitete ſegnend ſeine Haͤnde uͤber uns und ſeine Enkel aus. So ſparte ihm die Gnade des Ewigen den Schmerz, den Untergang ſeiner Abkoͤmmlinge mit anzuſchauen, die durch einen aus ihrer Mitte ins Elend geſtuͤrzt wurden; denn es war Robert, der einzige noch lebende Bruder Adelinens, der uns zuerſt den Becher des Kummers reichte. Mit Schul⸗ den belaſtet, wußte er mich durch eine falſche Ueber⸗ ſicht ſeiner Angelegenheiten zu taͤuſchen und mich zu bewegen, bei ſeinen Glaͤubigern fuͤr ihn Buͤrgſchaft zu leiſten.“ Kaum hatte ich indeſſen auf vieles Bitten meiner Frau die Verpflichtung ausgeſtellt, als auch ihr un⸗ natuͤrlicher Bruder ſofort Alles was er in Haͤnden hatte, zu Gelde machte, und mit dem Ertrage nach dem feſten Lande entfloh, uns, deren Vertrauen er ſo ſchaͤndlicherweiſe getaͤuſcht hatte, in einem an Ver⸗ zweiflung graͤnzenden Zuͤſtande zuruͤcklaſſend. Jahr auf Jahr arbeiteten wir nun im Schweiße unſers Angeſichts, um die Anſpruͤche derer zu befriedigen, die unſere Glaͤubiger geworden waren; wir dul⸗ deten ſchweigend und unterwarfen uns jeder Ent⸗ behrung. So ſehr wir auch an allen Bequemlich⸗ keiten, ja an manchen Beduͤrfniſſen des Lebens Man⸗ gel litten, mein gutes Weib und ich, wir wuͤrden die Strafe unſerer Leichtglaͤubigkeit leichter ertragen haben, haͤtte ſie nicht auch auf unſere armen Kinder Einfluß gehabt; welche, ob der Entbehrung guter Nahrung und Pflege, zu kraͤnkeln begannen. Sie leiden und taͤglich ſchwaͤcher werden zu ſehen, Zeuge des Grams ihrer ſich ſelbſt anklagenden Mutter zu ſeyn, das, das war eine Qual, die ich ſelbſt meinem bitterſten Feinde nicht wuͤnſchen moͤchte. Nicht fuͤr Alles, was die Welt zu bieten hat, moͤchte ich jene Kummerjahre noch einmal durchleben!— Ich folgte meinen geliebten Kindern, einem nach dem andern zu Grabe.“—„Nur dieſer Eine,“ hier erfaßte er die Hand ſeines jugendlichen Fuͤhrers, „nur dieſer Eine— mein Richard, blieb mir zu⸗ ruͤck,— nur ihn hat die Vorſehung mir gelaſſen!“— Bei dieſen Worten warf ſich der holde Knabe mit Ungeſtuͤm und in einen Thraͤnenſtrom ausbrechend, an die Bruſt ſeines ungluͤcklichen Vaters Eine Weile lang hielt der Greis ſeinen Sohn innig umſchlungen, dann machte er ſich ſanft aus deſſen Umarmung los, wiſchte die Thraͤnen weg, die ſeine bleichen Wangen benetzt hatten, und fuhr folgendermaßen in ſeiner ſchwermuͤthigen Er⸗ zaͤhlung fort. „Mein Richard hier, hatte indeſſen nicht nur Urſache uͤber den Tod ſeiner Bruͤder und Schwe⸗ ſtern, ſondern auch uͤber Verluſte zu trauern, die auf ſeinen Frieden und ſeine Wohlfahrt gewiſſerma⸗ ßen einen noch groͤßern Einfluß hatten. Wenige Monate nach dem ſchweren Ungluͤcksfaͤllen, die ich ſo eben erzaͤhlte, ward auch ich, geiſtig und koͤrper⸗ lich erſchoͤpft, auf das Krankenlager geworfen und von einem heftigen Fieber befallen, von dem ich zwar genas, jedoch nur— um das Licht der Sonne nie wieder zu ſehn!“— „Dieß aber war weder das letzte noch das groͤßte Ungluͤck das mich treffen ſollte; die Geſundheit mei⸗ ner armen Adeline hatte an dem Krankenlager unſrer Kinder und an dem meinigen ſo ſehr gelitten, daß ſie, ſo geduldig und ergebungsvoll ſie auch ihr trau⸗ riges Schickſal ertragen hatte, dennoch unterlag und zu einem beſſeren Daſeyn hinuͤberging, mich in dieſer Schmerzenswelt allein zuruͤcklaſſend, in der ich jetzt ihres Beiſtandes am meiſten bedurfte.“ — ——y———— — 38— „Kaum hatte ich meine treue Lebensgefaͤhrtin zu Grabe beſtattet, als auch meine gefuͤhlloſen Glaͤu⸗ biger, ruͤckſichtslos gegen die vielen, mich betroffe— nen Ungluͤcksfaͤlle, die ſelbſt einen Stein erweicht haben wuͤrden, die wenigen geringen Ueberreſte un⸗ ſers kleinen Eigenthums in Beſchlag nahmen, mich und mein Kind aus dem Hauſe ſtießen, das uns ſo lange Obdach gewaͤhrt hatte, und uns zwangen als heimathloſe Wanderer die Welt zu durchirren.“ „Und jetzt,“ fuhr der ergrauete Harfner mit er⸗ hoͤheter Stimme zu Herrn Waſingham gewandt, fort, indem er ſeine Haͤnde wie zum Gebet faltete, „jetzt, jetzt muß ich mit demuthsvoller Dankbarkeit bekennen, daß ich, von aller Welt, von allen Men⸗ ſchen verlaſſen, dennoch von meinem Gotte nicht vergeſſen war. Ich hatte mich ſtets beſtrebt, in mir und den Meinigen den Glauben an den Erloͤſer und ſeinen himmliſchen Vater zu erhalten, und jetzt, obgleich alt, arm und des Augenlichts beraubt, fuͤhle ich dennoch jene Beruhigung von oben, ohne welche kein Erdengluͤck dauernde Freude gewaͤhren kann, und mit der ich,— verlaͤßt mich hinieden auch Alles— dennoch nichts zu fuͤrchten habe.“ „Mit dem feſten Vertrauen auf ihn den Al⸗ maͤchtigen, den Vater und Beſchuͤtzer aller Huͤlfloſen, nahm ich die Harfe, erfaßte die Hand meines klei⸗ — — 39— nen Richards und wanderte hinaus in die weite Welt. Als wir aber an der Graͤnze unſers klei⸗ nen Thales Halt machten und mein Richard noch einen, den letzten Blick auf das Haͤuschen richtete, das uns durch ſo mannichfache, frohe und truͤbe Er⸗ innerungen lieb geworden war, als er mir mit ſeiner jugendlichen Beredſamkeit ſchilderte wie es vor ſeinen Augen dalaͤge, von den Strahlen der Abendſonne beſchienen, da fuͤhlte ich mich maͤchtig, maͤchtig er⸗ ſchuͤttert, ich ſetzte mich nieder und weinte laut.— Endlich ermannte ich mich, ſtaͤrkte mich durch ein frommes Gebet, und wanderte von meinem Knaben gefuͤhrt, in Gottes Namen weiter. Ueberall fanden wir gute Menſchen, uͤberall eine Huͤtte offen uns ein Obdach zu gewaͤhren, uͤberall eine wohlthaͤtige Hand uns Nahrung zu ſpenden; da erreichten wir endlich, am dritten Tage unſerer Wandernns, hier die verfallene Ruine im Thale.“ „und wohin,“ nahm jetzt der wuͤrdige, Walſing⸗ ham das Wort, indem er die Thraͤnen der Ruͤhrung tilgte, die in ſeinen Augen perlten;„wohin gedenkt ihr nunmehr Euern Wanderſtab zu ſetzen? Euer Alter, Eure Blindheit, und die zarte Jugend Eures Begleiters ſind fuͤr die Entbehrungen eines Wander⸗ lebens nur ſchlecht geeignet, weder Eure Harfe, noch die liebliche Stimme Eures Sohnes, noch das Eu⸗ — 40— rem Antlitz, von der Hand des Schickſals auf⸗ gedruͤckte Gepraͤge des Kummers, werden, fuͤrch⸗ te ich, im Stande ſeyn, Euch vor Mangel zu ſchuͤtzen.“— „Ich weiß das wohl,“ ſeufzte der Greis,„weiß daß Spiel und Geſang hier nicht ſo viel gelten, als in meinem Wales, auch beſchraͤnken ſich meine Wuͤn⸗ ſche darauf, hier ſo viel zu eruͤbrigen, daß ich mich mit meinem lieben Richard wieder nach meinem Vaterlande begeben kann,— ſind gleich Jahre dahin⸗ geſchwunden, wird man in jenem Lande die Melo⸗ dien des Lluellyn dennoch nicht vergeſſen haben— wird man dort gewiß den vormals ſo geliebten Harf⸗ ner von Aberfraw von ganzem Herzen willkommen heißen. Dort wo die Graͤber meiner Vorfahren noch gruͤnen, wird man ihren erblindeten Abkoͤmm⸗ ling nicht zuruͤckſtoßen!“ „Nein gewiß nicht, ich kenne mein Vaterland!“ entgegnete Walſingham mit dem Feuer eines Patrio⸗ ten;„unterdeſſen aber, wuͤrdiger Meiſter, bitte ich Euch, dieß Haͤuschen hier, als das Eure zu betrach⸗ ten,— ich ſehe indeß, Ihr ſeyd ermuͤdet und er⸗ ſchoͤpft,— wir wollen uns zur Ruhe legen, moͤge der Vater der Ungluͤcklichen Euch in ſeinen heiligen Schutz nehmen!“ —— — 41— So ſprechend, fuͤhrte auf ſeinen Wink, Eduard die beiden Gaͤſte in das fuͤr ſie bereitete Zimmer, in welchem der blinde Harfner und ſein Sohn zwei weiche Betten und uͤberhaupt jede Bequemlichkeit fanden, die das kleine Haͤuschen am Rye nur dar⸗ zubieten vermochte. Es war ſchon ſpaͤt, als Eduard am naͤchſten Morgen von lieblichen Klaͤngen geweckt wurde, die, von einer feierlichen Stimme begleitet, zu ihm herauftoͤnten. Er eilte ſofort hinab und fand den blinden Harfner bereits vor der Thuͤre des Haͤus⸗ chens ſitzen, wo er, von einem ſanften Schlummer geſtaͤrkt, kraͤftig in die, von der Morgenſonne be— ſtrahlten, Saiten ſeiner Harfe griff und dem Ewigen ein Loblied ſang. Auch Herr Walſingham trat bald darauf aus ſeinem Zimmer, ließ das maͤßige Fruͤh⸗ mahl heraus vor die Thuͤre ſchaffen, und von der erfriſchenden Morgenluft belebt, ſetzte ſich die kleine Geſellſchaft nieder, um ſich durch Speiſe und Trank zu erquicken. Nach beendigtem Fruͤhſtuͤck griff der augenloſe Greis wieder zu ſeiner Harfe und neuer⸗ dings ſtimmte er jetzt ein Lied an, deſſen Toͤne in⸗ deß den Herrn Walſingham ſo maͤchtig zu erſchuͤttern, daß ſeine Gemuͤthsbewegung ſelbſt dem blinden Greiſe bemerkbar wurde, und derſelbe ſich veranlaßt fuͤhlte, nach ihrer Urſache zu fragen. „Ich will nicht leugnen,“ entgegnete Herr Walſingham,„daß die liebliche, aber ſchwermuthsvolle ———— A — 43— Melodie die Ihr ſo eben geſungen, und die ich fruͤher in einem fernen, mir theuern Lande vernahm, in meiner Bruſt kummervolle Erinnerungen geweckt hat; denn mein Leben Lluellyn, war wie das Eure, kein Leben des Gluͤcks und der Freude. Ungetruͤbte Ruhe iſt indeß keinem Sterblichen beſchieden— was Schmerz⸗ liches die Vorſehung auch uͤber uns verhaͤngen mag, wir muͤſſen es ergebungsvoll ertragen, und mit de⸗ muͤthigem Herzen den preiſen, der ſolche Pruͤfung uͤber uns verhaͤngt.“ 4 „Dieſe Geſinnung, mein wuͤrdiger Freund,“ verſetzte der Greis,„hat auch mich, ſelbſt im groͤßten Elende, nicht verlaſſen, und mich in jedem Mißge⸗ ſchick aufrecht erhalten.— Wenn aber bei Euch da⸗ durch nicht zu ſchmerzhafte Erinnerungen geweckt wuͤrden, moͤchte ich wohl die Bitte wagen, mir das⸗ jenige mitzutheilen, was Euch begegnete ſeitdem wir uns in unſerm Vaterlande zum letztenmale ſahen. Sind die Begebenheiten Eures Lebens Eurem wacke⸗ ren Zoͤglinge auch zur Genuͤge bekannt, wird er ſie dennoch einem blinden Greiſe zu gefallen, gewiß gern noch einmal erzaͤhlen hoͤren.“ „Ich bin mit der Lebensgeſchichte meines wuͤrdi⸗ gen Erziehers eben ſo unbekannt wie Ihr ſelbſt, und hoͤchſt begierig, etwas davon zu erfahren,“ rief Eduard lebhaft aus.„Ich vereinige daher meine — 44— Bitten mit den Euern und hoffe, mein edler Lehrer wird unſern Wunſch nicht unerfuͤllt laſſen.“ „Was mir fuͤr jetzt erlaubt iſt davon zu offen⸗ baren,“ entgegnete Herr Walſingham, mit einem auf Eduard gerichteten bedeutungsvollen Blick, „ſollt Ihr erfahren, meine Freunde,— was ich Euch mittheilen kann, will ich Euch mittheilen, leicht moͤglich, ja wahrſcheinlich, daß eine kurze Zeit das Uebrige entſchleiern wird.“ „Ohne Zweifel,“ ſo begann der wackere Mann darauf zu dem Harfaer gewandt, ſeine Erzaͤhlung, „erinnert Ihr Euch noch des Abends, an welchem wir, als gerade die Sonne in Weſten hinabſank, bei der Priorin von Llanddwyncven von einander Abſchied nahmen— ich erinnere mich noch, wie die Wellen zu unſeren Fuͤßen ſo lieblich plaͤtſcherten, wie der Abendwind durch das Laub fluͤſterte.„Morgen verlaſſe ich mein Vaterland auf immer!“ ſo ſprach ich zu Euch— eine Thraͤne draͤngte ſich in Euer Auge— wir umarmten uns noch einmal und ſchieden.— Ach Lluellyn, wie mannichfache Leiden und Sorgen haben ſeitdem auf uns gelaſttet, jedoch wurdet Ihr von dem Schickſal noch haͤrter getroffen als ich. Es waͤre indeß nicht bloß Schwaͤche ſondern auch Undankbarkeit, wollte ich mich beklagen, den trotz der vielen Stuͤrme die mich umbraußten, hat mir doch auch oft die Sonne —y——— ——————— ——— —— — 45— gelaͤchelt. So habe ich es ſtets als eine Guͤte der Vorſehung betrachtet, daß ſie mich, als ich mein ro⸗ mantiſches Vaterland verließ, in ein noch ſchoͤneres, romantiſcheres Land fuͤhrte.“ „Ihr wißt, wie ich glaube, daß ich mich nach der Schweiz zu meinem Oheim begab, mich unter ſeiner Leitung fuͤr den geiſtlichen Stand auszubilden. Er war Pfarrer an der reformirten Kirche zu Mey⸗ ringen, einem großen, ſchoͤnen im Canton Bern ge⸗ lelegenen Dorfe.“ 3 „Nie fuͤhlte ich mich ſo wunderbar angeregt wie da⸗ mals als ich, vom ſuͤdlichen Frankreich her, die Schweiz betrat; es war ungefaͤhr ſechs Uhr Abends, als ich an einem ſchoͤnen Sommertage das am noͤrdlichen Ufer des Genfer⸗Sees gelegene Rolle erreichte. Die Sonne ſank hinter dem Jura⸗Gebirge hinab und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die ſtille Waſſerflaͤche; ich zog immer weiter und weiter, lͤngs dem Fluſſe dahin, und fuͤhlte mich von Bewun⸗ derung durchdrungen, als der St. Bernard und der Mont⸗Blanc meinen ſtaunenden Blicken entgegen traten. So ſehr mein Auge auch an Berggegenden ge⸗ woͤhnt war, ſo etwas Großartiges und Erhabenes, hatte ſich meine Phantaſie nicht als moͤglich gedacht⸗ Die lieblichen, romantiſchen, von Fluͤſſen durchſchlaͤn⸗ —-O——ꝭ—ÿ—ʒ—ʒ-————— — 46— gelten Thaͤler zu meinen Fuͤßen, die ſteilen, himmel⸗ anſtrebenden, mit ewigem Schnee bedeckten Berge, die gruͤnen Fluren tief unten, die eiſigen Gletſcher hoch oben, das Rauſchen der Waſſerfaͤlle, das Ge⸗ laͤute zahlloſer Heerden— doch welcher Pinſel, welche Feder vermoͤchte die, in der herrlichen Schweiz in ſo reichlichen Maſſen vorhandenen, Schoͤnheiten der Natur wuͤrdig zu ſchildern? Ich will mich demnach begnuͤgen, Euch zu berichten, daß ich nach einer Wanderung, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird, gluͤcklich in Meyringen anlangte, dort von meinem Oheim, der mich ſchon laͤngſt erwartet hatte, auf das herzlichſte empfangen ward, und von ihm, zu⸗ mal da ihn der Tod aller ſeiner Kinder beraubt hatte, wie ein Sohn behandelt wurde.“ Wenige Gegenden, ſelbſt in der Schweiz, koͤnnen in Nuͤckſicht ihrer Lage mit Meyringen verglichen werden, denn rund um dieſen Ort ſcheint die Natur alle ihre Schoͤnheiten entfaltet zu haben. Auch ſeine Bewohner zeichnen ſich ruͤhmlichſt vor den uͤbrigen aus, die Maͤnner ſind kraͤftiger und regelmaͤßiger gebaut, als ihre Nachbarn, und die Weiber ſchoͤner und anmuthsvoller, als in irgend einer andern Ge⸗ gend dieſes Landes.“ „Dorthin hatte ſich ſchon in ſeiner Jugend mein Oheim begeben, weil er Liebe fuͤr eine Schweizerin —,.—— . * —„2— aus dieſem Canton empfand, deren Bekanntſchaft er auf einer Reiſe nach dem feſten Lande zufaͤllig ge⸗ macht hatte; und hier hatte er ſeitdem als Pfarrer einer kleinen Gemeinde gelebt, der er in jeder Ruͤckſicht unendlich theuer war. Sein kleines Pfarrhaus lag am Ufer der Aar, nur einige hundert Schritte von der Kirche entfernt, deren kleiner, mit Epheu bewachſener Thurm, ſich maleriſch uͤber die andern niedern Gebaͤude erhob. Es gewaͤhrte in der That einen erfreulichen, herzberuhigenden Anblick, wenn die letzten Strahlen der untergehenden Sonne das kleine ehrwuͤrdige Gotteshaus, und die dunklen Tannenwaͤlder beleuch⸗ teten, welche die benachbarten Berge kroͤnten, waͤh— rend die nahen Waſſerfaͤlle rauſchten, die Aar feier⸗ lich und langſam dahinfloß, und von den unfernen Wieſen das Gelaͤute der Heerden erſcholl.“ „So ruhig und feierlich wie die Gegend, welche ſeine Wohnung umgab, waren die Gedanken und Gefuͤhle meines wuͤrdigen Oheims; alle ſeine Hand⸗ lungen, ſein ganzes Weſen, waren ſo einfach, ſo frei von jeder eigennuͤtzigen Abſicht, daß ſein Charac⸗ ter dadurch den Stempel der Erhabenheit erhielt; auch war ſein kleiner Haushalt, gefuͤhrt von derje⸗ nigen, die nun faſt funfzig Jahre ſeine treue, liebevolle Lebensgefaͤhrtin geweſen war, nicht weni⸗ — 48— ger bemerkenswerth wegen ſeiner Einfachheit und ſeiner Anſpruchsloſigkeit; Reinlichkeitund Bequem⸗ lichkeit waren uͤberall vorhanden, jeder Prunk verbannt. In dieſem Hauſe verlebte ich faſt zwoͤlf Jahre; die gluͤcklichſte Zeit meines Lebens, denn hier lernte ich zuerſt jene Leidenſchaft kennen, die, wenn ſie nicht aus ihren Schranken tritt, den Erdenſohn zum ſeeligſten Sterblichen macht; ich griff jetzt wieder fleißiger zu meiner bisher vernachlaͤſſigten Harfe, und von ihren Saiten ertoͤnten Lieder zum Lobe der Schoͤn⸗ heit und Tugend meiner geliebten Maria. Maria Orlenſtein war eine Verwandte meines Oheims, kaum neunzehn Jahre alt, und ſo reizend, ſo anmuthsvoll, wie ich zuvor nie ein weibliches Weſen geſchaut. Sie war von meinem Oheim erzo⸗ gen worden, und hatte ſich unter ſeiner Leitung in mannichfachen Talenten ausgebildet. In ſeinem klei⸗ nen Buͤcherzimmer hingen mehrere treffliche Zeich⸗ nungen von ihrer Hand, auch war ſie eine begei⸗ ſterte Freundin der Poeſie und der Muſik, und ſo moͤgt Ihr Euch denn ihr Entzuͤcken denken, wenn ich ihre lieblichen Schweizerlieder mit meinen kraͤf⸗ tigen Harfenaccorden begleitete. Ihre Anmuth, ihre Talente waren es nicht allein, was ihr mein Herz gewann, ihre Tugenden, die Reinheit und Einfach⸗ 1 — 49— heit ihrer Sitten, ihre Froͤmmigkeit, dieſe Eigen⸗ ſchaften waren es, welche ihr einen ſo maͤchtigen Einfluß auf mich verſchaften, daß ich ihrer ſtets, bis an meinen Tod, mit der innigſten Liebe gedenken werde.“ 1 „Obgleich ſie ſich nicht beſtaͤndig bei uns, ſondern zu Freiburg ihrem Geburtsorte aufhielt, beſuchte Maria dennoch recht oft das liebliche Thal von Meyringen; unſere Geſinnungen, unſere Gefuͤhle ſtimmten uͤberein, und als ich einige Jahre ſpaͤter, durch den Einfluß meines Oheims, die Pfarrſtelle zu Lau⸗ terbrunnen erhalten hatte, ſtand unſerer Verbindung nichts mehr im Wege. Mein vaͤterlicher Beſchuͤtzer legte unſre Hande in einander und wir begaben uns nach unſern neuen Wohnorte, jedoch nicht ohne ver⸗ ſprochen zu haben, ſo oft wie nur immer moͤglich nach Meyringen zu kommen.“ „Wie lebte ich nun ſo gluͤcklich mit meiner Maria in dem Thal von Lauterbrunnen! Von der Welt gewiſſermaßen abgeſondert, waren ihre Laſter und Thorheiten noch nicht dorthin gedrungen, und ſo hatte ich denn keine große Muͤhe, die Reinheit der Sdittten und die Froͤmmigkeit meiner kleinen Gemeinde 2 aufrecht zu erhalten. In der Erfuͤllnng meiner Pflichten, an der Seite meines geliebten Weibes, 3 war ich ſo gluͤcklich wie es der Sterbliche ner ſeyn kann.“ 4 „Ununterbrochenes Gluͤck⸗aber iſt den N enſchen nicht beſchieden; in einer andern, beſſern Welt erſt ſollen wir es finden, und um deſſen wuͤrdig zu wer⸗ den, muͤſſen wir hinieden Pruͤfungen beſtehen, muͤſ⸗ ſen wir geiſtige Leiden erdulden. Kaum hatten wir drei Jahre in gluͤcklicher Ehe verlebt, als mir meine geliebte Maria, und das Kind, was ſie mir eben geboren, ploͤtzlich durch den Tod entriſſen wurden. So ſehr mich dieſer Schlag auch niederbeugte, ich wollte dennoch nicht von dem Grabe derjenigen wei— chen, an deren Andenken noch immer mein ganzes Herz hing, und nur mit großer Schwierigkeit gelang es endlich meinen Freunden, mich zu bewegen, meine Pfarrſtelle in Lauterbrunen aufzugeben und einen Ort zu verlaſſen, wo die ſtete Exinnerung an das was ich beſeſſen, an das was ich verloren, meinem Leben gefaͤhrlich zu werden drohte.“ „Der Pflege und der Sorge meines Oheims, welcher mich neuerdings o gaſtfrei bei ſich aufnahm, verdanke 4 ich die Wiederherſtellung meiner geiſtigen und koͤr⸗ perlichen Geſundheit, als er mich kraͤftig genug ſah eine Reiſe zu unternehmen, rieth er mir, wenigſtens auf einige Jahre nach meinem Geburtslande zuruͤck zu kehren, wo mannichfache Gegenſtaͤnde dazu bei⸗ — 51— tragen wuͤrden, die truͤben Erinnerungen aus der ſpaͤteren Zeit wieder in meiner Seele zu ſchwaͤchen. Ich wollte anfangs nichts davon hoͤren, wollte durch⸗ aus mich nicht von einem Lande trennen, in welchem die Gebeine meiner Maria ruhten.— Da ereignete ſich plͤtzlich ein außerordentlicher Vorfall, welcher die Vorſtellungen meines Oheims unterſtuͤtzte, und mich zwar nicht nach Wales, wohl aber hieher in das einſame am Rye gelegene Thal verſetzte.“ „» Als Walſinghams Lippen dieſe letzten Worte aus⸗ ſprachen, ward in Eduards Antlitz eine lebhafte Ge⸗ muͤthsbewegung ſichtbar; ſeine Wangen gluͤhten, ſeine Glieder bebten, und mit bewegter Stimme rief er: „Dem Himmel ſey Dank, ſo werde u9 d denn endlich erfahren“—— „Geduld, Geduld, mein lieber Eduard,“ unter⸗ brach ihn Herr Walſingham in einem ſanften Tone, „verlange nicht von mir dasjenige zu wiſſen, was ich Dir fuͤr jetzt noch nicht mittheilen kann. Was ich erzaͤhlen darf, will ich erzaͤhlen, wird es gleich Dein Verlangen, mehr zu erfahren, nur noch. ſtei⸗ gern. So hoͤrt denn: Als ich an einem ſchoͤnen Som⸗ mertage von Lauterbrunnen, wo ich das Grab mei⸗ ner geliebten Maria beſucht hatte, nur von meinen treuen Hunden begleitet, nach Meyringen zuruͤck⸗ kehrend ein kleines Thal erreicht hatte, in welchem 3*. — 52— einige zerſtreute Huͤtten lagen, hoͤrte ich dort, wie ſo eben eine Dame mit ihrem Kinde, drei Bedien⸗ ten und einem Fuͤhrer von Luzern her durchgekom⸗ men waͤre; und kaum hatte ich dieſe Neuigkeit er⸗ fahren, kaum mich niedergeſetzt, um einige Erfri⸗ ſchungen zu mir zu nehmen, als ich ploͤtzlich das furcht⸗ bare Gerolle einer Schneelavine vernahm. Raſch ſprang ich empor, und von einigen Landleuten und meinen Hunden begleitet, eilte ich unverzuͤglich zu dem Wege hin, der ſich das Wetterhorn hinan windet, und war noch keine Meile weit gekommen, als ich den Pfad von dem herabgeſtuͤrzten Schnee voͤllig verſchuͤttet fand. Da das Herumſchnuͤffeln der Hunde uns deutlich verkuͤndete, daß die Schneemaſſe irgend einen ungluͤckichen Wanderer unter ſeiner Laſt begraben habe; blieb uns kein Zweifel uͤbrig, daß dieſes trau⸗ rige Schickſal jene von Luzern kommende Dame und ihre Reiſegefaͤhrten betroffen, wir legten demnach ſofort Hand ans Werk, um ſie wo moͤglich zu retten. Dieß gelang uns uͤber Erwarten; denn den Fuͤhrer ausgenommen, der gegen ein hervorſpringendes Fels⸗ ſtuͤck geſchleudert worden war, fanden wir die Uebri⸗ gen noch ſaͤmmtlich am Leben. Wir trugen ſie nun⸗ mehr ſofort in die naͤchſte Huͤtte, wo ich die unbe⸗ ſchreibbare Freude hatte, die Dame, die ungemein ſchoͤn war und von hohem Range ſchien, ſammt ihrem —2 ——— . 1 1 . — Kinde, einen lieblichen Knaben von vier bis fuͤnf Jah⸗ ren, und ihrer Dianer chuft. bald wieder die Augen aufſchlagen zu ſehen.“ „Da indeſſen der Ort wo ſie ſich befanden, ihnen keine Bequemlichkeiten darbieten, Meyringen aber vor Einbruch der Nacht noch erreicht werden konnte, machte ich den Reiſenden den Vorſchlag, mir dort⸗ hin zu folgen, falls ſie ſich ſtark genug fuͤhlten die Bewegung des Reitens zu ertragen. Mein Anerbie⸗ ten fand eine bereitwillige Aufnahme, und ſofort machten wir uns auf den Weg.“ „Mein Oheim nahm die Fremden mit Gaſffreund⸗ lichkeit auf, wie ich es von ihm erwartethatte, und nach wenig Tagen ſchon waren die Reiſende und ihr Kind voͤllig wieder hergeſtellt. Es war eine Frau 4 von ungemeiner Schoͤnheit und ſehr einnehmendem Weſen, ihr Geiſt aber ſchien von Schwermuth tief niedergebeugt; auf ihrem Herzen ſchien eine Buͤrde zu laſten, die ſie von demſelben abzuwaͤlzen ſich ver⸗ gebens bemuͤhte. Die Dankbarkeit, welche ſie mir und meinem Oheim ſchuldig zuͤ ſeyn glaubte, die Achtung welche ihr der Charakter des letzteren ein⸗ floͤßte, fuͤhrten bald zwiſchen uns ein ſo freundliches Verhaͤltniß herbei, wie es unter andern Umſtaͤnden vielleicht erſt nach Jahren ſtatt gehabt haben wuͤrde. Tage und Wochen vergingen, noch immer weilte ſe . — — 55— jenigen, der meiner Aufſicht uͤbergeben worden, zu offenbaren.“ „Aus Gruͤnden, welche ich ebenfalls verſchweigen muß, ward darauf beſchloſſen, daß ich nach unſerer Ankunft in England, meinen Wohnſitz hier in dieſem einſamen, am Rye gelegenen Thale aufſchlagen ſollte; eine Gegend, welche meinem damaligen Gemuͤths⸗ zuſtande zuſagte und die ich auch noch jetzt jeder ge⸗ raͤuſchvolleren vorziehe. Es war im Sommer, des Jahres 1671, als ich zuerſt ein Bewohner dieſes Haͤuschens ward, zwei oder drei Monate ſpaͤter wur⸗ deſt Du, mein guter Eduard, meiner Sorge uͤberge⸗ ben. Hatte es mir Freude gemacht, Dein Lebensret⸗ ter geworden zu ſeyn, ſo fand ich jetzt eine troͤſtende, erheiternde Beſchaͤftigung darin, Deine Erziehung zu lei⸗ ten, uͤber Deine Jugend zu wachen und Deinen Geiſt zu bilden. Ja wie ein Sohn biſt Du meinem Herzen theuer geworden, und nur mit meinem Leben kann dieſe Liebe fuͤr Dich enden.“ Von ſeinen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt warf ſich Eduard bei dieſen Worten in die Arme ſeines guͤtigen Lehrers und mit Thraͤnen in den Augen rief er aus: „ſo ſoll ich alſo nimmermehr den Namen der Un⸗ gluͤcklichen erfahren, der ich mein Daſeyn verdanke?“ „Das will ich nicht geſagt haben,“ verſetzte Herr — 54— bei uns, und nach und nach fuͤhlte ſie ſich bewogen, uns in Kenntniß der Umſtaͤnde zu ſetzen, welche in der Bluͤthezeit ihres Lebens ihre Wangen gebleicht und ihre Seele mit Schmerz und Reue erfuͤllt hatten. Ihr Kummer war in der That von der Art, daß nur Religion ihr Troſt gewaͤhren konnte, und ich kann mit Freuden berichten, daß unſere Bemuͤhungen ſie zu troͤſten nicht fruchtlos blieben.“ „Sie fuͤhlte ſich beſonders mir, ihrem Lebensretter, ihrem Troͤſter auf das dankbarſte verbunden, und drang, als ſie die Geſchichte meines fruͤhern Lebens erfahren hatte, in mich, mit ihr nach England zu⸗ ruͤckzukehren und dort die Erziehung ihres Sohnes zu uͤbernehmen. Mein Oheim unterſtuͤtzte ihre Bitte, weil er, wie ich bereits erzaͤhlte, wuͤnſchte, daß ich die Schweiz verlaſſen moͤchte, um nicht immer wie⸗ der an den Verluſt meiner theuren Maria erin⸗ nert zu werden, und ſo willigte ich endlich ein.“ „Ich gab ihr auf ihr Verlangen das Verſpre⸗ chen,“— bei dieſen Worten blickte Herr Walſingham ganz beſonders auf ſeinen Zoͤgling, welcher ſeinem Berichte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit horchte,—„ich gab ihr, ſage ich, das feierliche Ver⸗ ſprechen, nie ohne ihre Erlaubniß ihren wahren Namen, Rang und Stand, ſo wie die Geburt des⸗ — 56— Walſingham,„hoffentlich wird eine Zeit kommen, wo Du alles erfahren wirſt.“ „Und mein Vater?“ fuhr der lebhafte Juͤngling fort,„lebt er?— wo?— wo kann ich ihn finden?“ „Deiner Ruhe, Deines eigenen Friedens wegen, darf ich Dir fuͤr jetzt noch nichts uͤber ihn ſagen,“ antwortete ſein Lehrer—„er lebt— ja er lebt, doch weder fuͤr ſein Vaterland, noch fuͤr ſeine Freunde.— Aber laßt uns in das Haus treten, ein Gewitter ſcheint dort herauf zu ziehn.“— Und in der That hatte die kleine Geſellſchaft kaum die Schwelle des Haͤuschens betreten, als auch ſchon die ſchwarzen Wolkenmaſſen immer naͤher und naͤher heranzogen, und ſich bald in einen heftigen Regen aufloͤßten, den ziſchende Blitze und rollender Donner begleiteten. [y— 3 — Maͤchtig war der Eindruck, den Walſinghams Erzaͤhlung auf ſeine Zuhoͤrer gemacht hatte; Eduard ſaß gedankenvoll und ſichtbar erſchuͤttert da; innige Theilnahme fuͤr ſeinen jungen Wohlthaͤter war in dem ſchoͤnen Antlitz des kleinen Richards zu ſchauen, waͤhrend der blinde Harfner, noch ernſter als zuvor, in truͤbe Betrachtungen verſenkt ſchien. „So war es alſo,“ nahm er, waͤhrend der Sturm noch immer draußen tobte, nach einer Pauſe, zu Walſingham gewandt, das Wort;“ ſo war es alſo Euer Schickſal wie das meine, von der Laſt des Mißgeſchicks niedergebeugt zu werden; gehoͤrten gleich Armuth und Blindheit nicht zu den Euch betroffenen Ungluͤcksfaͤllen, habt doch auch Ihr harte Pruͤfun⸗ gen beſtanden.“ „Seyd Ihr in mancher Ruͤckſicht gleich weit mehr zu beklagen als ich,“ verſetzte Walſingham,„iſt Euch doch ein Sohn geblieben,— haͤtte ich nicht meinen Eduard, ich ſtaͤnde in der Welt ganz allein da und haͤtte niemand, der mich liebte.“ „Und Eure Freunde? und Euer Verwandter in der Schweiz?“ bemerkte der Greis. — 58— „Mein theurer Oheim hat ſeine Schuld der Natur bezahlt,“ entgegnete hier Walſingham, „er ruht ſammt ſeiner treuen Lebensgefaͤhrtin auf dem kieinen Kirchhofe zu Meyringen.— Mir leben keine Verwandte, weder in der Schweiz noch in meinem Vaterlande; zu dem letzteren aber fuͤhle ich mich jetzt immer mehr und mehr hingezogen; je weiter ich den Lebensberg hinabſchreite dem Grabe zu, je lebendiger ſteigen die Erinnerungen meiner Jugend in meiner Seele empor, je ſehnſuchtsvoller verlangt mich zuruͤck— dahin, wo meiner froͤhlichen Kindheit ſo manche heitere Stunde verſchwand, wo die Gebeine meiner Vaͤter ruhen. Noch aber iſt mein Geſchaͤft hier nicht geendet,— kommt einſt die Stunde, in der ich mich von Dir, Eduard trennen ſoll, dann, dann nur habe ich noch einen harten Kampf zu beſtehen.— Aber wir haben uns heute ſhon genugſam den truͤben Erinnerungen hingegeben,“ fuhr der wuͤrdige Mann, als er die ſchwermuͤthige Stimmung ſeiner Zuhoͤrer gewahrte, in einem auf⸗ heiternden Tone fort,„laß' uns lieber darauf be⸗ dacht ſeyn, Eduard, wie wir unſern Gaͤſten Unter⸗ haltung verſchaffen. Waͤhrend ich und mein alter Freund von unſerer Jugendzeit ſchwatzen, koͤnnteſt Du ſeinem Richard die Ruinen des Schloſſes von Helmsley zeigen.“ ihn begabt mit glaͤnzenden Talenten und einem ſchar⸗ „Ich hoͤrte von meinem Vater oft dieſer Ruine mit Bewunderung erwaͤhnen,“ entgegnete der kleine Richard, in der ihm eigenthuͤmlichen Beſcheidenheit, „und gern moͤcht' ich ſie in Augenſchein nehmen. Wir erfuhren unterwegs, daß der Eigenthuͤmer, der Herzog von Burkingham, ſich gerade jetzt in dem, in der Naͤhe der Ruine gelegenen, Herrnhauſe auf⸗ haͤlt, ein Umſtand, welcher vielleicht verhindert, daß Fremde zugelaſſen werden.“ 4 „Der Herzog,“ verſetzte Walſingham,„kam allerdings in einem ſehr ſchlechten Geſundheitszuſtande vor einiger Zeit auf Helmsley an; jetzt aber iſt er mit ſeinem zahlreichen Gefolge aufgebrochen, um einen Beſuch in der Nachbarſchaft abzuſtatten, wo er, dem Vernehmen nach, einige Wochen bleiben wird.“ 9 „Auch wuͤrde ſein Hierſeyn unſerm Beſuch Kn Hinderniß inden Weg legen,“ meinte Eduard,„jeder⸗. mann kann die Ruinen in Augenſchein nehmen, ich bin oft dort, ſelbſt waͤhrend der Anweſenheit des Herzogs.“— „ Hat ſein kraͤnklicher Geſundheitszuſtand Ein⸗ fluß auf den moraliſchen Charakter des Herzogs ge⸗ habt?“ fragte der blinde Harfner.„Der Ruf nennt — 60— fen Verſtande, den er indeß nur zu boͤſen Zwecken ge⸗ brauchen ſoll.“ „Ich kenne ihn perſoͤnlich nicht,“ antwortete Wal— ſingham,„ich habe jede Bekanntſchaft mit ihm ver⸗ mieden, wie ich aber hoͤrte, ſoll er auch jetzt noch, waͤhrend ſeines Aufenthalts zu Helmsley, jede ernſte Betrachtung in ein Meer von Zerſtreuung verſenken; denn er iſt nie allein und ſeine Geſellſchaft beſteht, ob er gleich faſt ſechszig Jahre zaͤhlt, aus Wuͤſt⸗ lingen und rohen Geſellen. Das einzige, was eini— germaßen zur Entſchuldigung ſeines unregelmaͤßigen Lebenswandels dienen kann, iſt, daß er fruͤh des Vaters beraubt, ohne gehoͤrige Aufſicht an dem wol⸗ luͤſtigen Hofe Carls des Zweiten erzogen worden. Er folgte dort, wie noch jetzt, jeder Grille, jeder Lei⸗ denſchaft. Wie nuͤzlich haͤtte er nicht noch ſeinem Vaterlande werden koͤnnen, haͤtte er ſeine Talente zum Guten verwand; er beſitzt einen ausgezeichneten Verſtand und eine ungemeine Schlauheit. Seiner Beſitzungen beraubt, welche dem republikaniſchen General Fairfax zugetheilt wurden, fluͤchtete er nach dem feſten Lande, um ſich zu ſeinem ungluͤcklichen Monarchen zu begeben, bald aber kehrte er zuruͤck und wußte es ſo ſchlau anzuſtellen, daß er die Liebe der Tochter und einzigen Erbin des Mannes gewann, dem ſeine Guͤter zugefallen waren. Er erhielt ihre I — 61— Hand im Jahre 1657 und gelangte auf dieſe Weiſe wieder zum voͤlligen Beſitze ſeines vormaligen Eigen⸗ thums. Die einzige tadelloſe und gluͤckliche Periode ſeines Lebens, ſcheint die Zeit geweſen zu ſeyn, welche er in dem Hauſe ſeines Schwiegervaters verlebte.— Seitdem aber hat er ſich jeder Ausſchweifung hin⸗ gegeben, er hat nicht nur ſein Vermoͤgen verſchwen⸗ det; jedwedes Laſter: Verfuͤhrung, Ehebruch und Mord hat er begangen. Doch wenden wir uns ab von ſo truͤben Betrachtungen, ich freue mich herzlich, daß er eben jetzt nicht auf Helmsley anweſend iſt, weil auf dieſe Weiſe unſere jungen Leute die herrliche Ruine um ſo ungeſtoͤrter in Augenſchein nehmen koͤnnen.“ 3 Das mehrere Tage lang anhaltende ſchlechte Wetter verhinderte indeß unſern Eduard, mit dem holden Richard, den ſeine ungemeine Schuͤchternheit noch lieblicher machte, und den er taͤglich lieber ge⸗ wann, waͤhrend ſich der funfzehnjaͤhrige Knabe im⸗ mer inniger und inniger an ihn anzuſchmiegen ſchien, die Wanderung nach dem verfallenen Schloſſe Helms⸗ ley, fruͤher als ungefaͤhr acht Tage nach Ankunft der beiden Fremden anzutreten. Endlich ſtand die Sonne wieder klar und hell am wolkenloſen Himmel, und ſofort erfaßte nun Eduard die Hand ſeines jun⸗ gen Gefaͤhrten, und raſch ging es uͤber Berg und Thal dem alten Gemaͤuer zu, deſſen ehrwuͤrdiger Anblick ſchon aus der Ferne auf den jugendlichen Fuͤhrer des Blinden einen maͤchtigen Eindruck machte. Immer ſchneller wurden ſeine Schritte, immer leuch⸗ tender ſein ſchoͤnes Auge, denn er hatte, ſo jung er auch war, ſolche Denkmaͤhler der Vergangenheit ſtets mit hoher Bewunderung betrachtet. Bei der Ruine angelangt, war Eduard bemuͤht, ſeinen Begleiter auf die Merkwuͤrdigkeiten derſelben aufmerkſam zu machen, und nachdem ſie ſich genugſam im Schloßhofe und im untern Theile des Gebaͤudes umgeſchauet hatten, ging es nun eine verfallene Windelſtiege hinan, die zu einer Plattform fuͤhrte, von wo aus man eine freie Ausſicht auf die ganze Umgegend hatte, und ſchon hatten ſie die oberſte Stufe faſt erreicht, als ploͤtzlich ein, von der Hand der Zeit geloͤster, Stein unter Richards Fuͤßen nachgab, und derſelbe mit einem lauten Schrei die Stiege hinabſtuͤrzte. Von Schrecken erfaßt flog Eduard die Stufen hinab zu ſeinem Beiſtande, unten angelangt aber fand er ſeinen jungen Begleiter in einer tiefen Ohn⸗ macht, bleich wie der Tod am Boden da liegen. Eduard beſaß indeß Gegenwart des Geiſtes genug, den holden Knaben ſofort in ſeine Arme zu nehmen und mit demſelben zu dem nahen Fiuſſe zu eiten, wo 4 1 — 63— er ihn ſanft ans Ufer hinlegte, Waſſer ſchoͤpfte, und den Ohnmaͤchtigen damit das Geſicht beſprengte; worauf er, damit er beſſer Luft ſchoͤpfen koͤnne, ihm das Wamms oͤffnete.— Wer aber malt ſeine Ueber⸗ raſchung, ſein Erſtaunen, als ploͤtzlich aus dem Ge⸗ wande hervor, der ſchoͤnſte weibliche Buſen ſeinen Blicken entgegen trat. Dieſe Endeckung machte ihn einen Augenblick lang, aber auch nur einen Au⸗ genblick, erſtarren; denn ein neues, ihm bisher unbekanntes, Gefuͤhl ward in ſeiner Bruſt’geweckt.— Mit Entzuͤcken gewahrte er, daß das liebliche Maͤd⸗ chen ſchon nach einigen Minuten zum Leben wieder erwachte. Ein Zittern ihrer Lippen ein tiefer Seuf⸗ zer, der ihrer Bruſt entſtieg, waren die Vorboten dieſer gluͤcklichen Begebenheit. Wie aber erſchrak ſie, als ſie jetzt die Augen aufſchlug und gewahrte, daß der Zufall ihr Geheimniß verrathen habe. Der flehende Ausdruck ihres ſchoͤnen blauen Auges, die Thraͤne, die in ihrer langen Wimper zitterte, die Roͤthe der Schaam auf der, noch einen Augenblick zu⸗ vor ſchneeweißen Wange, waren Kennzeichen, die nicht gemißdeutet werden konnten, und machten einen unbeſchreibbaren Eindruck auf den, der mit der zaͤrtlichſten Theilnahme ſorgend neben der zum Leben wieder Erwachten weilte. Gluͤcklicherweiſe hatte der Fall das holde Maͤd⸗ — 64— chen eben nicht beſchaͤdigt, aber es verging dennoch einige Zeit, bevor ſie im Stande war, ſich aufrichten und gehen zu koͤnnen. Sobald dieß geſchehen konnte, meinte der beſorgte Eduard es ſey gerathen, da ſich ſeine Gefaͤhrtin doch noch ungemein ſchwach fuͤhle, 15 in das unfern der Ruine gelegene Herrnhaus einzu⸗ kehren, und ſich dort durch einige Erfriſchungen zur Heimkehr zu ſtaͤrken; ein Vorſchlag den das ſchuͤch⸗ terne Maͤdchen auch mit niedergeſenkten Blicken bil⸗ ligte, und demzufolge ſie ſofort langſam den Weg nach dem Herrnhauſe antraten. Sie wurden in der großen Halle mit vieler Hoͤf⸗ lichkeit von Sir Ralph Blenford, dem Haushofmei⸗ ſter empfangen, welcher, als er den Unfall hoͤrte,* der die Wanderer betroffen, ſofort die Erfriſchungen bringen ließ, und ihnen zu ihrer Ruͤckkehr Pferde aus den herzoglichen Staͤllen anbot. Da ſich aber Eduards junger Begleiter bald wieder kraͤftig genug fuͤhlte, den Heimweg zu Fuße antreten zu koͤnnen, lehnten ſie das letztere Anerbieten dankbar ab, und. brachen auf, um ſich nach Hauſe zu begeben. 4 Der Abend war unterdeſſen ſo weit vorgeruͤckt, daß die Gegenſtaͤnde rund umher nur noch im Daͤm⸗ merlichte dem Auge entgegentraten; ein Umſtand,.. welcher Eduards lieblicher Gefaͤhrtin ungemein will⸗ kommen war, weil die herrſchende Dunkelheit wenig⸗ — »— — 65— ſteus zum Theil die Schaamroͤthe und Verwirrung verhuͤllte, welche, ob der ſo ploͤtzlichen Entdeckung ihres Geſchlechtes, noch immer in ihrem holden An⸗ litze zu ſchauen war. Die Gefuͤhle beider jungen Leute gegen einander, hatten in der That, ſeit der letzten Stunde, eine bedeutende Veraͤnderung erfahren, ohne ein Wort zu ſprechen, ſchritten ſie, in mannichfache Betrach⸗ tungen verſenkt, neben einander hin, wobei der ſor⸗ gende Eduard indeſſen nicht verſaͤumte, ſeiner Gefaͤhr⸗ tin das Gehen ſo viel wie moͤglich zu erleichtern. Welche Gefuͤhle jetzt ſeine Bruſt bewegten, werden unſere freundlichen Leſer bald errathen, wenn ſie ſei⸗ nes, fuͤr alles Schoͤne ſo empfaͤnglichen, Herzens ge⸗ denken; und wenn ſie in Betrachtung ziehen, unter wel⸗ chen romantiſchen Umſtaͤnden ſich ihm das Geheim⸗ niß ſeiner Begleiterin entſchleierte, werden ſie es ganz natuͤrlich finden, daß ſich ſeine fuͤr den holden Richard bisher gehegte Freundſchaft, jetzt, da er in ihm ein, mit allen Reizen der Schoͤnheit begabtes, Midchen erkannt hatte, mit Blitzesſchnelle in⸗Liebe verwandelte. Mit einem Herzen, beſtuͤrmt von der heftigſten der Leidenſchaften, wanderte er, wie geſagt, eine Weile lang ſchweigend neben ſeiner holden Begleite⸗ rin hin; als er ihr eben ſeinen Arm gereicht hatte, um ſie uͤber eine ſchluͤpfrige Stelle hinweg zu fuͤh⸗ 66— ren, wagte er es endlich das Wort zu nehmen. „Darf ich,“ begann er, mit leiſer, kaum vernehm— barer Stimme,„darf ich fragen, welchen Namen ich kuͤnftig derjenigen geben ſoll, deren Geheimniß mir ein Zufall ſo ploͤtzlich entſchleierte?“ „Ich heiße Adeline, nach meiner verewigten Mutter,“ ſtammeltel das noch hoͤher ergluͤhende, Maͤd— chen.„Adeline, Adeline!“ wiederholte Eduard leiſe vor ſich hin, und eben war er im Begriff mit ſeiner lieblichen Gefaͤhrtin die angeknuͤpfte Unterredung fortzuſetzen, als ſie ploͤtzlich in einiger Entfernung Herrn Walſingham und den blinden Harfner auf ſich zukommen ſahen, welche, durch das Ausbleiben der beiden jnngen Leute in Beſorgniß verſetzt, ſich aufgemacht hatten ihnen entgegen zu gehen. Herr Walſingham wußte um Adelinens Verklei⸗ dung, denn ſein Freund Lluellyn hatte ihn ſchon am Tage nach ſeiner Ankunft damit bekannt gemacht, und die Verwirrung der beiden jungen Leute, gaben den beiden Aeltern, jetzt, zumal da ſie von dem Zu⸗ fall hoͤrten der die reizende Adeline betroffen, ſo⸗ fort zu erkennen, daß das Geheimniß verathen wor⸗ den ſey. Auf dem Heimwege theilte Herr Walſing⸗ ham dieſe ſeine, faſt bis zur gewißheit geſteigerte, Ver⸗ muthung ſeinem Freunde Lluellyn mit, und beide kamen darin uͤberein, daß, falls ſich jene beſtaͤtigen ſollte, Adeline ſo bald als moͤglich die Kleidung ihres Ge⸗ ſchlechts wieder anlegen muͤſſe. Eduard und ſeine ſchoͤne Gefaͤhrtin hatten unter⸗ deſſen, von den reinſten und tugendhafteſten Be⸗ weggruͤnden geleitet, ein Jedes insgeheim, den Ent⸗ ſchluß gefaßt, die gemachte Entdeckung nicht in ihrer eigenen Bruſt zu verſchließen; kaum zu Hauſe ange⸗ langt, begab ſich demnach Eduard zu ſeinem Lehrer und erzaͤhlte ihm was vorgefallen, waͤhrend die Letz⸗ tere, mit Thraͤnen in den Augen und hochgluͤhender Wange, ihrem Vater geſtand, wie der Zufall ihr Geheimniß entſchleiert habe. „Beruhige Dich daruͤber meine Adeline,“ troͤſtete der blinde Saͤnger,„Deine Verkleidung war, wie u weißt, Dir nothwendig um mich auf meiner be— ſchwerlichen Reiſe ſicher und ungefaͤhrdet begleiten zu koͤnnen. Hier aber in dem gaſtfreien Hauſe meines Jugendgefaͤhrten, iſt ſie voͤllig uͤberfluͤſſig, auch habe ich ihn bereits damit bekannt gemacht.“ „Aber theuerer Vater,“ entgegnete Adeline,„nach dem was vorgefallen, kann ich meine Verkleidung nicht beibehalten, es iſt mir unmoͤglich anders als 3 in weiblicher Tracht wieder vor Eduard zu erſcheinen.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als Walſingham heleintrat, und den Greis um ein kur⸗ zes Geſpraͤch unter vier Augen bat, weshalb ſich die reizende Adeline ſofort hinweg begab. „Wir irrten uns nicht mein alter Freund,“ be⸗ gann Walſingham, als er ſich mit dem Harfner allein befand,„wir irrten uns nicht, der Zufall hat das Geheimniß Eurer Tochter entſchleiert, und wir muͤſ⸗ 3 ſen jetzt darauf bedacht ſeyn, wie wir den in dieſem Falle gefaßten Entſchluß in Ausfuͤhrung bringen. Ich habe bereits mit meiner Haushaͤlterin geſprochen, welche verſichert, in drei bis vier Tagen einen voll⸗ ſtaͤndigen weiblichen Anzug beſorgen zu koͤnnen; zu⸗ — — 69— mal wenn ich ihr geſtatten wolle ſich, um die noͤthigen Einkaͤufe zu machen, nach Helmsley begeben zu duͤr⸗ fen.“ Es ward darauf beſchloſſen daß Adeline, bis die weiblichen Kleider angelangt und gefertigt ſeyn wuͤr⸗ den, auf ihrem Zimmer bleiben ſolle, auch ward in dem kleinen Haushalt uͤberhaupt jede Einrichtung getroffen, welche die ſtattgehabte Entdeckung noth⸗ wendig machte. Eduard harrte mit der groͤßten Ungeduld dem Au⸗ genblick entgegen, in welchem ſich ihm Adeline wie⸗ der zeigen wuͤrde; endlich am vierten Tage nach dem Beſuche zu Helmsley, als ſich Eduard mit ſeinem wuͤrdigen Lehrer ſo eben zum Fruͤhſtuͤck niedergſetzt hatte, oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr, und der au— genloſe Harfner trat herein von ſeiner Tochter ge⸗ fuͤhrt. Obgleich ſo einfach wie moͤglich gekleidet, denn nur ein ſchlichtes weißes Gewand umhuͤllte ihre zarten Glieder, konnte dennoch ſo leicht keine reizen— dere Geſtalt, als die Adelinens, geſchauet werden. Das Gluͤhen ihrer Wange hob die Schoͤnheit ihres dunkelblauen Auges noch mehr hervor, waͤhrend das Laͤcheln das ihren Mund umzogen hielt, ihr holdes Antlitz ungemein belebte. Von Bewunderung und Erſtaunen erfuͤllt, erhoben ſich Walſingham und ſein Zoͤgling raſch von ihren — — — — 09— Sitzen, ſie wollten anfangs ihren Augen nicht trauen, ſo uͤberraſchte ſie das was ſie ſahen; ſtatt des kaum funfzehnjaͤhrigen Knaben ſtand jetzt, in voller Jugend⸗ ſchoͤne prangend, eine herrliche Jungfrau vor ihnen da, die dem Anſchein nach bereits achtzehn Lenze ge⸗ ſchaut haben mußte. Walſingham war der erſte, der ſich von ſeinem Staunen erholen konnte.„Ich haͤtte,“ ſprach er, indem er die Hand des lieblichen Maͤd⸗ chens erfaßte,„wahrlich nicht geglaubt, daß der Wechſel der Tracht eine ſolche Veraͤnderung hervor⸗ bringen koͤnne. Wahrlich, ſtaͤndet ihr jetzt nicht neben Eurem wuͤrdigen Vater vor mir da, kaum wuͤrde ich in Euch den kleinen ſchuͤchternen Richard wieder erkennen. Aber ich ſehe, mein Eduard dort, iſt erſtaunt wie ich, noch immer ſcheint er ſich nicht uͤberreden zu koͤnnen, daß jetzt der Gefaͤhrte auf ſeiner letzten Wanderung nach Helmsley vor ihm daſtehe.“ Als ſich jetzt Walſinghams und Adelinens Blicke auf Eduard richteten, faͤrbte ſich deſſen Wange noch hoͤher, ſchnell loͤßte ſich indeß jetzt das Band, das ſeine Zunge gefeſſelt hielt, und mit beredeten Wor⸗ ten, ſprach er nunmehr ſeine Bewunderung, ſein Entzuͤcken aus. 8 Die Kunde von dem, was in dem Haͤuschen am Rye vorgegangen, die Nachricht, daß ſich —— I228 11mu dort ein holder Knabe ploͤtzlich in ein Maͤdchen ver⸗ wandelt, der Ruf ven ihrer ungemeinen Schoͤnheit, verbreitete ſich unterdeß mit Blitzesſchnelle; und noch bevor die Sonne ſank, gab es in dem ganzen Doͤrf⸗ chen kein Haͤuschen, keine Huͤtte, in welchen nicht Adeline der Gegenſtand der ausſchließlichen Unterhal⸗ tung, der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung geweſen waͤre, denn jedermann in dem Hertchen hatte den holden Richard lieb gewonnen. Eduards Liebe fuͤr die reizende Adeline wuchs jetzt mit jedem Tage, zwar war ſeine Zunge noch gefeſſelt, aber ſeine Blicke, ſeine zaͤrtlichen Aufmerkſam⸗ keiten, ſprachen beredter als Worte; auch ſchien das liebliche Maͤdchen dieſe Augenſprache gar wohl zu verſtehen, und ihr gern den Eingang zu ihrem Her⸗ zen zu geſtatten, denn ſie fuͤhlte ſich nur wohl in Eduards Naͤhe, und ließ, war er abweſend, gemein⸗ hin ſinnend und traurig ihr Koͤpfchen haͤngen. Dem ſcharfen Auge des Herrn Walſingham war der Seelenzuſtand der beiden jungen Leute keines⸗ wegs entgangen, er ſchien indeſſen nicht geſonnen, ihrer Liebe Hinderniſſe in den Weg zu legen. Er hatte den Charakter Lluellyns und ſeiner Tochter ſchaͤtzen gelernt, und wuͤnſchte aus manchen Gruͤnden, daß ſein Zoͤgling fruͤhzeitig ſchon in ſtiller Haͤuslichkeit ſein Gluͤck finden moͤchte. Zwar gedachte er der — 72 — duͤrftigen Umſtaͤnde ſeines Jugendfreundes, aber er wußte daß Eduards Vermoͤgen hinreichte, ihn und die Seinigen vor Mangel zu ſichern, kurz er war uͤberzeugt, daß, falls Eduard unter den truͤben Um⸗ ſtaͤnden die ſeine Geburt begleiteten, je gluͤcklich werden koͤnne, nur ein liebliches anſpruchsloſes Weſen wie Adeline, im Stande ſey ihn gluͤcklich zu machen; er griff demnach durchaus nicht ſtoͤrend in die, mit jedem Tage ſteigende, Liebe der jungen Leute, denn er verließ ſich mit Recht auf die tugendhaften Grund⸗ ſaͤße die ihnen von Jugend auf eingepraͤgt waren. So ſchwanden denn den beiden Liebenden, in dem am Rye gelegenen Thale, der Herbſt und der Winter in ſchuldloſer ungetruͤbter Wonne dahin.— Hand in Hand durchſtrichen ſie Berg und Thal, waͤhrend die Alten am waͤrmenden Kamin ſaßen und ihrer Jugendzeit gedachten; und wenn ſie dann heimkehr⸗ ten und der Greis oder Adeline die Saiten der Harfe bewegten, und in anmuthsvollen Toͤnen dazu ſangen, glaubte der wuͤrdige Walſingham ſich in ſein Vater⸗ land und in die Zeit zuruͤckverſetzt, wo ihm auf den heimiſchen Bergen, die Lieder der Barden erklangen; waͤhrend Eduards Blicke abwechſelnd, bald voll Ehr⸗ furcht auf dem augenloſen Greiſe, bald voll Bewun⸗ verung und Liebe auf der reizenden Saͤngerin ruhten. So brach der Fruͤhling heran; am wolkenloſen Horizont trat nunmehr die Sonne den Blicken wieder freundlich entgegen, in dem Rathſchluſſe deſſen aber, der die Welt ſtets weiſe, wenn gleich unerforſchlich regiert, war es beſchloſſen worden daß ſich jetzt der Freudenhimmel im Haͤuschen am Rye umwoͤlken ſollte. Der Ruf von Adelinens Schoͤnheit hatte ſich nehmlich von der Nachbarſchaft aus, immer weiter und weiter und endlich auch bis nach dem Schloſſe Helmsley verbreitet, wo er ebenfalls ein Gegenſtand allgemeiner Unterhaltung geworden war. Sir Ralph Blendford, der Haushofmeiſter, erinnerte ſich jetzt des Zufalls bey der Ruine, und erzaͤhlte denſelben ſeinem Herrn dem Herzog von Buckingham, bemer kend: daß die Schoͤnheit des Knaben ihn in der That ungemein uͤberraſcht und ſchon damals auf die Vermuthung gebracht habe, daß unter der maͤnn⸗ lichen Tracht ein Maͤdchen verborgen ſey. Die Kunde, daß ſich in der Naͤhe ſeines Schloſſes ein ſchoͤnes Maͤdchen beſinde, daß ſie ihr Geſchlecht eine Zeitlang unter Maͤnnertracht verborgen gehalten habe, reichte vollkommen hin, die ungezuͤgelte Leidenſchaft des aus⸗ ſchweifenden Edelmanns zu reizen, den weder Alter noch Mißgeſchick gebeſſert hatten. Er hatte indeß durchaus keine Bekanntſchaft mit Walſingham, deſe ſen er nur oberflaͤchlich im Jahre 1685, einige Zeit nach ſeiner Ankunft auf Helmsley Caſtle, erwaͤhnen 4. — 147— hoͤrte und der abſichtlich jedes Zuſammentreffen ver⸗ mieden hatte. Entſchloſſen aber ſeine Neugier zu befriedigen, und nicht daran gewohnt ſeine Begierden im Zaum zu halten, ſuchte er jetzt emſig eine Gele⸗ genheit, eine Bekanntſchaft mit Herrn Walſingham anzuknuͤpfen. Vergebens hatte er denſelben ſchon mehreremal zu ſich auf das Schloß eingeladen, Herr Walſingham hatte ſich ſtets entſchuldigen laſſen, ver⸗ gebens war der Wuͤſtling mit einem kleinen Gefolge, gleichſam als haͤtte ihn der Zufall dorthin gefuͤhrt, einigemal in dem am Rye gelegegenen Haͤuschen ein⸗ gekehrt, hoffend, ein guͤnſtiges Geſchick werde ihm das ſchoͤne Maͤdchen erblicken laſſen; er hatte die reizende Adeline nie zu Geſicht bekommen, denn das Beneh⸗ men des Herzogs hatte Walſingham und Lluellyn ſo ſehr mit Beſorgniſſen erfuͤllt, daß ſie es fuͤr noͤthig hielten Eduards und Adelinens Spaziergaͤnge zu be⸗ ſchraͤnken, wobey das Beſtreben des Herzogs eine Zeitlang vereitelt, zugleich aber ſein Zorn gegen Wal⸗ ſingham maͤchtig rege Hemacht ward. Rm 4 Eine Gelegenheit ſich an Herrn Walſingham zu raͤchen und ſein Vorhaben auszufuͤhren, bot ſich dem Wuͤſtling nur zu bald dar. An einem ſchoͤnen Mor⸗ gen im Maͤrz, als die Fruͤhlingsſonne ihre Strahlen freundlich zur Erde herniederſenkte, wanderte Eduard und Adeline von dem ſchoͤnen Wetter verlockt, laͤngs dem Ufer des Rye uͤber die Grenze hinaus, die ſie, dem Rathe Walſinghams zufolge, ſeit einiger Zeit nicht uͤberſchritten hatten. Da vernahmen ſie ploͤtz⸗ lich den Schall des Jagdhorns und das Gebell von Hunden, ſie erſchraken, gewahrten daß ſie zu weit gegangen waren, und ſchlugen ſofort den Heimweg ein, hoffend unter dem Schutz der Gebuͤſche nach Hauſe zu gelangen. Hierin aber ſahen ſie ſich ge⸗ taͤuſcht, denn das Hundegebell kam immer naͤher und naͤher, und noch bevor ſie die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt hatten, ſahen ſie den ganzen Jagdzug heranſprengen; worauf Eduard, uͤberzeugt daß er ſich mit ſeiner Gefaͤhrtin doch nicht ihren Blicken entzie⸗ hen koͤnne, ſeine Haſt maͤßigte, und, dem Anſchein nach ruhig, mit Adelinen ſeinen Weg laͤngs dem Ufer fortſetzte. Kaum hatte jetzt der Herzog von Buckingham, welcher von einer großen Jagd heimkehrte, den Juͤng⸗ ling und deſſen Begleiterin aus der Ferne erſchauet, d als er auch ſofort ſeinen Renner die Sporen in die Seiten bohrte, und nur von ſeinem Haushofmeiſter, dem oben erwaͤhnten Sir Ralph Blendford, und einem Diener begleitet heranſprengte, um ſich zu uͤberzeu— gen, ob ihm nicht jetzt vielleicht der Zufall die ſchoͤne Uubekannte in den Weg gefuͤhrt habe, die er ſo lange zu ſehen gewuͤnſcht. Und nicht wenig freuete er ſich, als ihm, da ſie den beiden Liebenden naͤher gekom⸗ mmen waren, ſein Haushofmeiſter, welcher Eduard auf den erſten Blick wieder erkannte, zufluͤſterte: daß ſein Wunſch, das ſchoͤne Maͤdchen vom Haͤuschen am Rye zu ſehen, jetzt in Erfuͤllung gehen werde. Obgleich ſchon ſechszig Jahre alt, war dennoch der Herzog von Buckingham noch immer ein ſchoͤner Mann, noch immer verkuͤndeten ſeine Geſtalt und ſein Antlitz, daß er den Beinahmen des britii⸗ ſchen Alcibiades, wie man ihn, in Ruͤckſicht ſeiner Schoͤnheit und Talente, in ſeiner Jugend zu nen⸗ nen pflegte, mit allem Recht verdient habe; ſein ganzes Weſen hatte in der That ſo viel Anmuth, ſo etwas Einnehmendes, daß Eduard und Adeline, ſo ſehr ſie auch, ob desjenigen was ſie uͤber ihn ge⸗ hoͤrt hatten, von Abſcheu gegen ihn erfuͤllt waren, — 77— jetzt, als er ſie eingeholt hatte und zu ihnen redete, unwillkuͤhrlich einen Theil ihres Widerwillens ge⸗ gen ihn, ſchwinden fuͤhlten. Der Herzog bat in den hoͤflichſten Ausdruͤcken um Verzeihung, falls ſein ploͤtzliches Erſcheinen ſie erſchreckt haͤtte, erkundigte ſich nach dem Befinden des Herrn Walſingham, ſprach von der Schoͤnheit der Jahreszeit und erzaͤhlte mit großer Lebhaftigkeit von dem Erfolge der heu⸗ tigen Jagd. Alle ſeine Gebehrden, ſeine Bewegungen, ſein ganzes Weſen, hatten ſo viel edles und da⸗ bei ſo etwas ungekuͤnſteltes, ſchienen ſo durchaus keine Abſicht zu verrathen, daß Adeline erſtaunt zu ihm aufſchauete, ſo als ſcheine es ihr unmoͤglich, daß der Mann vor ihr jener Wuͤſtling ſey, von dem man ihr ſo viele empoͤrende Geſchichten erzaͤhlt hatte. Langſam neben den beiden jungen Leuten hin⸗ reitend, und ſie ſo unterhaltend, daß auch nicht das feinſte Zartgefuͤhl verletzt werden konnte, naͤherte ſich der Herzog mit ihnen dem am Rye ge⸗ legenen Haͤuschen. Er hatte ſeinem Haushofmeiſter geboten mit dem Jagdgefolge auf einem andern Wege heimzukehren, und ſprach nunmehr ſeinen Wunſch aus, dem Herrn Walſingham einen Beſuch machen zu wollen. Das Erſtaunen und die Ueberraſchund g dieſes wuͤrdi⸗ gen Mannes, als er Eduard und Adeline mit dem — 78 Herzog zuruͤckkehren ſah, werden meine Leſer leicht begreifen; er erwiederte die Begruͤßung Buckinghams ſo kalt wie moͤglich; worauf der Letztere indeß nicht zu achten ſchien, ſondern ſich raſch aus dem Sattel ſchwang, das Pferd ſeinem Reitknecht uͤbergab, und Herrn Walſingham um eine kurze Unterredung bat, Mit großem Widerwillen und tief aufſeufzend, fuͤhrte der wurdige Mann den ungebetenen Gaſt in ſein Studirzimmer, waͤhrend Lluellyn, ſeine Toch⸗ ter und Eduard in dem angraͤnzenden Gemache, un⸗ geduldig den Ausgang des Geſpraͤchs erwarteten. Es waͤhrte nicht lange, ſo hoͤrten ſie den Herzog und und Walſingham lauter ſprechen als es der Ton ge⸗ woͤhnlicher Unterhaltung mit ſich brachte, und im naͤchſten Moment ſahen ſie, wie der Herzog mit zor⸗ nigem Antlitz aus dem Hauſe trat und von dannen eilte. „Wahrlich ich glaube,“ ſprach Walſingham, in⸗ dem er zu ſeinen Hausgenoſſen zuruͤckkehrte,„die Laſter dieſes Wuͤſtlings werden nur mit ſeinem Tode enden. Ich brauche Euch wohl kaum zu erzaͤhlen, daß es unſere gute Adeline iſt, der wir dieſen Be⸗ ſuch verdanken; alle ſeine Fragen, ſo kuͤnſtlich er ſie auch ſtellte, hatten keine andere Abſicht, als zu erfahren, wer Ihr waͤret; er ergoß ſich in ſo ausſchweifenden Lobeserhebungen der Schoͤnheit Adelinens, daß ich es fuͤr noͤthig hielt ihm bemerkbar zu machen, wie der Zweck ſeines Erſcheinens in meinem Hauſe leicht zu errathen ſey. Als er nun aber in ſeiner Frech⸗ heit ſo weit ging mir zu entgegnen: daß des Maͤdchens fruͤ⸗ here, ihm bekannt gewordene, Verkleidung, ſeinen Schritt und dergleichen Freiheiten rechtfertige, konnte ich mich nicht laͤnger maͤßigen, und aͤußerte unverholen mei⸗ nen Unwillen gegen ſein Benehmen, worauf er zorn⸗ erfuͤllt von dannen eilte.“+ Walſinghams Zuhoͤrer erſchraken uͤber dieſe Mit⸗ theilung; jener aber beruhigte ſie durch die Verſiche⸗ rung, wie er hoffe, der Herzog, dergeſtalt von ihm zurecht gewieſen, werde fuͤrder keine Verſuche machen, ſich in ſein Haus einzudraͤngen.. Unterdeſſen hatte der ſich ſchwer beleidigt glau⸗ bende Buckingham, vor Rache gluͤhend, und, durch die ihm in den Weg tretenden Hinderniſſe, zur Er⸗ reichung ſeiner ſchaͤndlichen Abſicht noch mehr ange⸗ reizt kaum ſein Schloß erreicht, als er auch mit ſeinen Helfershelfern, deren er ſtets mehrere im Dienſte hatte, berathſchlagte, wie er ſeinen Vorſatz am beſten in Ausfuͤhrung bringen koͤnne. Die Schoͤn⸗ heit Adelinens, ſo ſehr ſie ihm auch fruͤher ſchon ge⸗ prieſen war, hatte ſeine Erwartungen bei weitem uͤbertroffen, und ſchon bei ihrem erſten Anblick ſtand der Entſchluß bei ihm feſt, ſie, es koſte was es wolle, — 80— ſeinen Luͤſten zu opfern, ein Vorſatz in welchem er, durch Walſinghams Beuehmen, nur noch mehr be⸗ ſtaͤrkt worden war. Mit ſeinen Spießgeſellen beſchloß er jetzt, zuvoͤr⸗ derſt einen Verſuch zu machen, durch Beſtechung Walſinghams Diener und deſſen alte Haushaͤlterin fuͤr ſich zu gewinnen, und ſo ſeine Abſicht ohne ge⸗ walthaͤtige Mittel zu erreichen, zu welchen letzteren der Herzog indeſſen entſchloſſen war zu greifen, falls jeder andere Weg fehlſchlagen ſollte. Alle Verſuche jene ehrlichen Leute zu verfuͤhren, blieben, ſo ſchlau ſie auch angeſtellt wurden, dennoch fruchtlos, und ſo ſchickten die Buben ſich denn an, Gewalt zu brau— chen. Ungefaͤhr drei Wochen nach Erſcheinung Bucking⸗ hams im Haͤuschen am Rye, als die Bewohner wie gewoͤhnlich nach dem Mittageſſen im freundlichen Geſpraͤch beiſammen ſaßen, trat ein Fremder herein, dem Anſchein nach ein Tageloͤhner, und berichtete: er komme von Robert Mortlake zu Helmsley; derſelbe S liege auf dem Sterbebette und bitte den Herrn Wal⸗ ſingham, ihm in ſeinen letzten Stunden geiſtigen Beiſtand zu leiſten. Eduards Erzieher hatte ſchon geraume Zeit an dem Schickſal des erwaͤhnten Kran⸗ ken, der ein ſehr wackerer Mann war und eine zahl⸗ reiche Familie hatte, lebhaften Antheil genommen, 8— 81— und ſo entſchloß er ſich auch jetzt den Weg ſofort zu ihm anzutreten. Er entließ den Boten mit der Ver⸗ ſicherung: daß er ſich in kurzer Zeit in Heunslen ein⸗ 3 fnden werde. Noch war keine halbe Stunde ſeit fäner Entfer⸗ nung vergangen, als an die Thuͤr des Haͤuschens gepocht ward; ſie ward geoͤffnet und unverzuͤglich drangen nunmehr drei Maͤnner herein. Ihre Geſichter waren verlarvt, und ohne ein Wort zu ſprechen, ſtuͤrzten zwei von ihnen auf Adelinen zu, erfaßten ſie und ſwaren, trotz ihres Huͤlfgeſchreies, eben im Begriff ſie mit ſich von dannen zu ſchlep⸗ pen, als ploͤtzlich Eduard, den das Erſcheinen der 1 Buben einen Augenblick lang ſeine Beſinnung ge⸗ raubt hatte, ſich von dem erſten Schrecken wieder erholte und den einen Verlarvten mit einem furcht⸗ baren Fauſtſchlage zu Boden ſtreckte, einen Vortheil den er ſo eben zu Adelinens Befreiung benutzen wollte, als ploͤtzlich der dritte der Buben, welcher bisher nicht ſelbſt mit Hand anlegte, ſondern nur durch Gebehrden das Thun der beiden Andern ge⸗ leitet hatte, ſein Schwerdt aus der Scheide riß, und mit donnernder Stimme, in der Eduard, obgleich ſte verſtellt war, dennoch ſofort die des Herzogs er kannte, dem Juͤngling drohte ihn durchbohren zu wollen, falls er fortfahre Widerſtand zu leiſten⸗ 4) — 82— Dieſe Worte, und die ſie begleitende Gebehrde, dien— ten indeß nur dazu Eduards Zorn zu reizen, mit raſcher Hand erfaßte er das Schwerdt des zu Boden geſtreckten Buben, und wuͤthend ging er nun damit auf ſeinen Gegner los. Der Kampf indeß war nur von kurzer Dauer, denn der Herzog von Buckingham, bekanntlich einer der beſten Fechter Europas, hatte nach wenig Gaͤngen Eduard niedergeſtoßen, und verließ ihn in ſeinem Blute ſchwimmend. Unterdeſſen war Adeline fort⸗ geſchaft worden, und neben dem faſt ohnmaͤchtigen Eduard, ſank nunmehr der augenloſe Greis auf ſeine Kniee nieder, raufte ſich ſein graues Haar aus, und bejammerte in unbeſchreibbarer Todesangſt: daß ihm die Tochter durch Raͤuberhand entriſſen worden, daß ihr edler Beſchuͤtzer um ihretwillen den Tod ge⸗ funden habe; und in der That haͤtte Eduards Wunde durch eine allzuſtarke Verblutung das ſchnelle Ende deſſelben herbey fuͤhren koͤnnen, waͤre nicht die alte Haushaͤlterin, mit Huͤlfe der beiden Maͤgde, bemuͤht geweſen das Blut ſo viel als moͤglich zu ſtillen. Darauf ſchickte ſie ſofort einen Boten nach Helmsley, um einen Wundarzt herbeizurufen und Herr Walſingham von dem Ungluͤck zu unter⸗ richten, welches ſich zugetragen habe. Derſelbe war indeß ſchon wieder auf der Ruͤck⸗ —,— kehr begriffen, und bemuͤht ſo ſchnell als moͤglich nach Hauſe zu gelangen, denn der geſpielte Betrug hatte ſich ihm natuͤrlicherweiſe gleich bei ſeiner Ankunft in Helmsley offenbart. Kaum gewahrte er demnach den Boten auf ſich zukommen, als er ſofort etwas Furchtbares ahnete. Was aber wirklich geſche⸗ hen war uͤbertraf noch ſeine ſchrecklichſten Erwartun⸗ gen, und ſo langte er denn in einem an Verzweif⸗ lung graͤnzenden Zuſtande in ſeinem Haͤuschen an. Er fand Eduard am Leben und bei vollem Be⸗ wußtſeyn, aber von namenloſer Seelenangſt gefoltert und große Koͤrperſchmerzen leidend; auch Lluellyn litt, wenigſtens in geiſtiger Ruͤckſicht, nicht weniger. So ſchwach ſich indeß auch beide fuͤhlten, drangen ſie dennoch, ſo wie Herr Walſingham zu ihnen ein⸗ trat mit Bitten ſtuͤrmiſch in ihn, ſofort kraͤftige Schritte zur Befreiung Adelinens zu unternehmen, welche, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nach dem Schloſſe Helmsley geſchleppt worden ſey; dieß allein, verſicherten ſie, koͤnne ihnen einigen Troſt, einige Lin⸗ derung gewaͤhren. Herr Walſingham entgegnete: daß, ſo wie nur der Wundarzt angelangt ſeyn, und ihm uͤber Eduards Zuſtand einigermaßen beruhigt haben wuͤrde, er ſo⸗ fort den Boͤſewicht aufſuchen wolle, der, um ſeine Luͤſte zu befriedigen, eine ſolche Miſſethat begangen⸗ 2 — — 84— habe. Er wolle, verſicherte er, ihm etwas in das Ohr donnern, das ihm durch Mark und Bein drin⸗ gen ſolle. „Meine Tochter, meine theure, ungluͤckliche Tochter!“ jammerte der blinde Harfner,„werde ich ſie nie wieder in meine Arme ſchließen? ſoll ich ſie nie wieder an das Vaterherz druͤcken? „Beruhigt Euch mein wuͤrdiger Freund,“ ſprach Walſingham, indem er die Hand des Greiſes druͤckte, „beruhigt Euch, die Vorſehung wird uns nicht ver⸗ laſſen; unſer Eduard hier, wird geſunden, und kein Winkel, das ſchwoͤre ich Euch, ſoll undurchſucht blei⸗ ben, bis wir unſere Adeline wiedergefunden haben.“ Ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl ſchien bei dieſer troͤſtenden Verſicherung durch Lluellyns nnd Eduards Seelen zu dringen, da ward die Ankunft des Wund⸗ arztes gemeldet. Er ward ſofort hereingefuͤhrt, un⸗ terſuchte Eduards Wunde und verſicherte: daß ſie zwar allerdings gefaͤhrlich ſey, weil der Stich ſehr tief gegangen, daß er aber dennoch, da keine Theile verlezt waͤren, den Kranken, wenn anders keine unerwarteten Zufaͤlle hinzutraͤten, durchzubringen hoffe. Nachdem ihm dieſe beruhigende Zuſicherung ge⸗ worden und er Sorge getragen hatte, daß es waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit, weder dem kranken Eduard, noch dem ſchwachen Lluellyn an der noͤthigen Pflege — 85— mangele, gebot er ſein Pferd zu ſatteln, und dem Thiere die Sporen in die Seiten bohrend, ſprengte er von dannen, ſo raſch ihn daſſelbe nur fortzutragen vermochte. Es war ſchon faſt dunkel geworden, als er in 46 Helmsley anlangte; dennoch aber begab er ſich, in ſeinen Mantel gehuͤllt, unverzuͤglich nach dem Herrn⸗ hauſe, fragte nach dem Haushofmeiſter und ward ſo⸗ gleich zu ihm gefuͤhrt. Als er nun begehrte, von ihm unverzuͤglich zu dem Herzoge geleitet zu werden verlang⸗ te der Haushofmeiſter zuvor ſeinen Namen und ſein An⸗ liegen zu wiſſen, denn Walſingham hatte ſeinen Mantel ſo dicht um ſich geſchlagen, daß Buckinghams Spieß⸗ geſelle ſeine Geſichtszuͤge bisher nicht hatte erſchauen koͤnnen.„Gebt ihm,“ entgegnete Herr Walſingham, „nur dieſes verſiegelte Briefchen, ich werde, hier ſeine Antwort erwarten.“— Der vermeintliche Fremde ſprach dieſe Worte mit ſo viel Wuͤrde und einem ſo gebietenden Tone aus, daß der Haushofmeiſter keinen Augenblick Anſtand nahm, ſeinen Wunſch zu erfuͤllen. Er war von der herzoglichen Tafel abgerufen worden, an welcher Buckingham, mit mehrern wilden Jagdgeſellen umgeben, bemuͤht war in unmaͤßiger Schwelgerei die Erinnerung an die neue Miſſethat die er begangen, zu ertraͤnken. — 86— So eben hielt er den, bis zum Rand gefuͤllten, gol⸗ denen Pokal hoch empor, als Sir Ralph zuruͤckkehrte, ihm das verſiegelte Briefchen uͤberreichte und, in⸗ dem er ſeinen Platz von vorhin wieder einnahm, hin⸗ zufuͤgte: daß der Ueberbringer kein gemeiner Bote ſchiene. 3. Kaum waren dieſe Bemerkungen ſeinen Lippen entflogen, als ploͤtzlich die Wange des Herzogs, nach⸗ dem er nur einen einzigen Blick auf das Blatt ge⸗ worfen hatte, Todtenblaͤſſe bedeckte. Wild fuhr er von ſeinem Sitze empor, und mit einem Ausdruck von Verzweiflung in ſeinem Geſicht, ſtuͤrzte er aus dem Saal. Das Blatt noch immer krampfhaft zu⸗ ſammenknitternd, riß er, in ſeinem Kabinett ange⸗ langt, gewaltſam in die Klingel, und gebot dem herbeieilenden Diener, mit einer, ob der Heftigkeit ſei⸗ ner Gemuͤthsbewegung, kaum vernehmbaren Stimme: den Fremden ſofort zu ihm zu fuͤhren. Dann, wie mit Zaubergewalt hingebannt, richteten ſich ſeine ſtarren Blicke immer wieder und wieder auf das Blatt in ſeiner Hand, und neuerdings trat der kurze aber furchtbare, mit dem Namen„Walſtigham“ unterzeichnete Inhalt deſſelben:„ich verlange ſofort mit Euch zu reden— Ihr habt Euern Sehn er⸗ ſchlagen,“— ſeinen Augen entgegen. Von ſchreckenvollen Geſzlen iterwaͤtige, fand „ ⸗ 87.— Buckingham noch ſonda, da oͤffnete ſich die Thuͤr und der Schreiber der grauſenerregenden Kunde trat herein. Der Herzog bebte zuſammen,„ſagt mir Walſingham“ ſtammelte er, indem er auf das Blatt in ſeiner Hand dellee, ſagt mir, iſt das die Wahr⸗ heit?“ „Die Wahrheit,“ wiederhoite Walſingham in einem dumpfen feierlichen Tone;„der Juͤngling den Ihr ſchwer verwundet habt und der in Todesgefahr ſchwebt, iſt Euer Sohn, Ihr und die Grͤi Schrews⸗ bury gabt ihm das Leben.— „So lebt er doch noch;“ rief Bucfingham⸗„Gott ſey gedankt, ſo bin ich doch nicht der Moͤrder mei⸗ nes eigenen Kindes!“ „Noch ſeyd Ihr es nicht,“ verſenen der wuͤrdige Walſingham,„noch lebt Euer Sohn,— der Wund⸗ arzt aber verſichert daß Alles fuͤr ihn zu befuͤrchten ſey.“ „Wie aber kam er hieher?“ fragte der Herzog, „hieher in meine Naͤhe? in der Naͤhe ſeines ver⸗ aͤchtlichen Vaters?— Oft beſchwor ich ſeine Mutter, ihn mir zu zeigen, als er noch ein Kind war— ver⸗ gebens; ich wußte nicht einmal daß er noch am Leben ſey, und jetzt, jetzt muß ich auf dieſe ſchreckenvolle Weiſe mit ihm zuſammentreffen! O warum, warum ward ich von ſeinem Hierſeyn nicht füngen unter⸗ richtet? — 88— „Eine Antwort auf dieſe Eure letzte Frage, wuͤr⸗ de Euch, Herr Herzog, mit Schaam und Verwir⸗ rung erfuͤllen,“ verſetzte Walſingham, indem er ei⸗ nen durchdringenden Blick auf den fuͤrſtlichen Wuͤſt⸗ ling richtete.„Die Ungluͤckliche die von Euch ver⸗ fuͤhrt worden, und die ihr Verbrechen ſchwer ge⸗ buͤßt hat, war uͤberzeugt, daß, ſo lange Ihr Euerm Laſterleben nicht entſagtet, der Name ſeines Vaters die entſetzlichſte Kunde ſeyn wuͤrde die ihr Sohn erfahren koͤnnte!“— „Ich fuͤhle, Walſingham, ſie hatte recht,“ ent⸗ gegnete Buckingham, von furchtbaren Gewiſſensbiſ⸗ ſen gefoltert;„aber weshalb— ich frage noch ein— mal— weshalb kam er hieher?“ „Er ſollte Euren Blicken entzogen werden,“ er⸗ wiederte der wuͤrdige Geiſtliche,„es war nicht zu vermuthen daß Ihr je hier Euern Aufenthalt nehmen wuͤrdet und deßhalb brachte man ihn in dieſe Ein⸗ ſamkeit. Auch wuͤnſchte ſeine Mutter daß, falls ſein Vater ſeinen verabſcheuungswuͤrdigen Wandel aͤndern ſollte, ihr Sohn in der Naͤhe ſeiner Beſitzungen an⸗ zutreffen ſeyn moͤchte, um ſich um ſo leichter des vaͤterlichen Schutzes zu erfreuen, den er dann nicht mehr zuruͤckgeſtoßen haben wuͤrde.— Aber üͤber un— ſer Geſpraͤch vergeſſe ich die eigentliche Urſache meines —— 8 - Beſuchs; ich verlange die augenblickliche Wieder⸗ herausgabe der Jungfrau, die Ihr in ſchaͤndlicher Abſicht, und indem Ihr das Blut Eures Sohnes dabei vergoſſen, aus den Armen ihres alten augen⸗ loſen Vaters geraubt habt, und der, ob dieſer ſchrek⸗ kenvollen Begebenheit, nahe daran iſt ins Grab zu ſinken!“— „Und was iſt's mit dieſem Maͤdchen?“ fragte der Herzog„woher kam ſie? weshalb zeigte ſie ſich an⸗ fangs verkleidet, in männlicher Tracht? Ihr muͤßt geſtehen, dergleichen erregt Argwohn.“ „Euch ihre Geſchichte jetzt zu erzaͤhlen, Herr Herzog, wuͤrde mir mehr Zeit rauben, als ich wegzugeben habe,“ antwortete Walſingham,„ich kann Euch indeß * verſichern, das kein Engel reiner und ſchuldloſer ſeyn kann, als die tugendhafte Adeline Luellyns iſt. In⸗ nig und aufrichtig wird ſie von dem Juͤnglinge ge⸗ liebt, den Euer Schwerdt traf, und den die Wunde die Ihr ihn beibrachtet nicht ſo tief ſchmerzte, als der von Euch begangene Raub ſeiner Geliebten. Im Namen ihres ſchwer beleidigten Vaters, im Namen Eures jetzt vielleicht ſterbenden Sohnes, fordere ich Euch Herr Herzog demnach auf, mir die Jungfrau ſofort auszuliefern.“ — 91— verkuͤndet hat, die Nachricht daß Ihr ſein Vater ſeyd, auf das furchtbarſte und ſchmerzlichſte lerſchuͤttern wuͤrde.“ „Ewiger Gott! wie hart, wie ſchrecklich ſtrafſt Du meine Verbrechen!“ jammerte der Herzog, und ſich verzweiflungsvoll vor die Stirn ſchlagend, ſtuͤrzte er zum Zimmer hinaus. — — 90— „Zu Eurer Beruhigung ſey Euch geſagt, ich ſah Adeline nicht, ſeitdem ich ſie aus Eurer Wohnung hinwegfuͤhrte,“ entgegnete Buckingham maͤchtig er⸗ ſchuͤttert;„ich ließ ſie nach Gilling Caſtle bringen, und bin bereit auf der Stelle den Befehl zu ihrer Freilaſſung auszufertigen.“ So ſprechend warf er ſchnell einige Zeilen hin, druͤckte ſein Siegel darunter und uͤberreichte das Blatt dem wuͤrdigen Geiſtlichen;„da nehmt,“ rief er, „die Vorzeigung dieſes Blaͤttchens wird ſofort die Freilaſſung Adelinens bewirken; einer meiner ver⸗ trauteſten Diener ſoll Euch begleiten. Doch bevor Ihr Euch entfernt, ſagt mir, kann eine Unterredung mit meinem Sohne, ſo demuͤthigend ſie auch fuͤr mich ſeyn wuͤrde, ihm Troſt gewaͤhren?“ „Ich bin uͤberzeugt Mylord, eine Unterredung mit Euch in dieſem Augenblick braͤchte ihm den Tod,“ erwiederte Walſingham mit großem Ernſte.„Noch kennt er ſeine Eltern nicht, der Friede ſeiner Mut⸗ ter machte dieſe Geheimhaltung noͤthig, und ob, falls er geneſen ſollte, eine Unterredung mit ihr ſeiner Ruhe, ſeinem Frieden heilſam waͤre, weiß ich nicht. Das aber weiß ich gewiß, daß ihn, nachdem was vorgegangen, nachdem was ihm der oͤffentliche Ruf uͤber Euren Charakter, Euren Lebenswandel Herr Walſingham blieb nur noch ſo lange, um fuͤr die Beſſerung des zerknirſchten Wuͤſtlings ein inbruͤn⸗ ſtiges Gebet zu Gott zu ſenden; dann eilte er ſofort, mi dem vom Herzoge dazu beordterten Diener und einem ledigen Pferde, nach Gilling Caſtle, ei⸗ nem entlegenen Schloſſe, welches dem Herzoge zu⸗ gehoͤrte. Nachdem er hier in einer alten geraͤumigen Halle, in welcher Waffen aller Art rundum an den Waͤn⸗ den hingen, einige Augenblicke geharrt hatte, hoͤrte er leichte Schritte nahen, die ſchwere Thuͤr knarrte in ihren Angeln und Adeline flog in ſeine Arme. Schrecken und Angſt hatten das arme Maͤdchen furchtbar erſchoͤpft und ermattet, und das was ihr Walſingham uͤber Ednards Befinden mitzutheilen hatte war keineswegs geeignet, ſie zu beruhigen. Nachdem er ihr ihre Freiheit verkuͤndet, berichtete er ihr alles ſo ſchonend als moͤglich, und bat ſte dem Ewigen zu vertrauen und die Hoffnung nicht zu ver⸗ lieren; worauf ſie ſich ſofort aufmachten und den Heimweg ſo raſch antraten, als es die Dunkelheit der Nacht und Adelinens Erſchoͤpfung erlaubten. ———,— 1 — 93— Je naͤher ſie aber dem Haͤuschen am Rye kamen, je haͤufiger floſſen die Thraͤnen der Jungfrau, je hoͤher ſtieg ihre Angſt; und als ſie nun endlich an⸗ langten, fuͤhlte ſie ſich ſo ſchwach, daß ſi ſie dem Die⸗ ner, der ihr vom Pferde half, ohnmaͤchtig in die Ar⸗ me ſank. Walſingham ließ ſie von den Maͤgden auf ihr La⸗ ger tragen, und kaum hatte ſie hier ihr Bewußtſeyn wieder erlangt, als ſich auch der wackere Mann ſo⸗ fort zu Lluellyn und Eduard begab, um ihnen die frohe Kunde von Adelinens Befreiung mitzutheilen. Beide hat⸗ ten mit Todesangſt auf Walſinghams Ruͤckkehr geharrt, und der gefaͤhrliche Zuſtand des Letzeren, machte es beſonders nothwendig, ihm, damit die erfreuliche Nachricht nicht ſchaͤdlich auf ihn wirke, dieſelbe mit der groͤßten Behutſamkeit beizubringen. Vor der Hand durfte demnach Eduard nur erfahren, daß es Herrn Walſingham gelungen ſey, Adeline den Haͤnden des Wuͤſtlings zu entreißen, ihr Anblick durfte ihm noch nicht geſpendet werden, dem Greiſe aber ward das Gluͤck zu Theil, die gerettete Tochter wieder in ſeine Arme zu ſchließen.— Ein Augen⸗ blick der Wonne, der nur gefuͤhlt, nicht aberbeſchrie⸗ ben werden kann! Der Schlag hatte indeß den alten züinden, von ſo mannichfachem Mißgeſchick bereits tiefgebeugten — 94— Lluellyn allzuhart betroffen; der qualvolle Gedanke ſeiner geliebten Tochter, ſeiner einzigen Stuͤtze viel⸗ leicht auf immer beraubt worden zu ſeyn, hatte ihn allzugewaltig erſchuͤttert, und unter die Thraͤnen der Freude, welche Adeline an der Bruſt ihres Vaters vergoß, miſchten ſich auch, als ſie ihm in das bleiche Antlitz ſchauete, Zaͤhren ſchreckenvoller Ahnung, daß ihr der geliebte Vater bald auf immer entriſſen werden koͤnnte. Die Natur fordert indeß ihre Rechte; geiſtig und koͤrperlich erſchoͤpft wie Adeline es war, ver⸗ ſank ſie bald in einen feſten Schlummer; und als ſie am naͤchſten Morgen wieder erwachte, hat⸗ te ſie die Freude ihren Vater wohler und kraͤfti⸗ ger zu finden. Jetzt geſtattete ihr auch der Arzt ſich zu dem verwundeten Eduard zu begeben. Bleich und kraftlos lag er auf ſeinem Lager da, denn der Schmerz den ihm ſeine Wunde verurſachte, machte ihm das Athemholen ſchwer; ſo wie aber diejenige herein trat, um derentwillen er allein ſein Leben zu erhalten wuͤnſchte, belebte ſich auf einen Augenblick lang ſein blaſſes Geſicht. Sie waren allein; Adeline ſank neben Eduards Lager auf ihre Kniee nieder, und die Hand, die er ihr entgegenſtreckee mit ihren Thraͤ⸗ nen benetzend, dankte ſie ihm mit innigen, zaͤrt⸗ lichen Worten, fuͤr das was er zu ihrer Verthei⸗ — 95— digung unternommen. Ein ſanftes Laͤcheln umzog Eduards Wangen, er druͤckte Adelinens Hand und ſegnete den Augenblick, der ſie nach dem Haͤuschen am Rye gefuͤhrt hatte.— Faſt unwillkuͤhrlich erwie⸗ derte Adeline den Druck ſeiner Hand,— es war der Moment der Dankbarkeit und der Liebe; einer Liebe, welche die Unſchuld, ohne zu erroͤthen bekennen durfte— und jetzt erſt vernahm Adeline das Geſtaͤndniß deſſen, was ſie kaum zu traͤumen gewagt hatte. Das Gefuͤhl der erſten reinen Liebe hat ſo etwas entzuͤckendes, ſo wonnereiches, daß es im Leben nur wenige Ungluͤcksfaͤlle giebt, in welchen es diejenigen, die es beſeligt, nicht aufrecht zu erhalten vermoͤchte; und ſo war es denn auch ein Gluͤck fuͤr Adeline, daß dieſe Empfindung gerade jetzt ihre Bruſt erfuͤllte, wo der Verluſt, den ſie erleiden ſollte, ſie ſonſt vielleicht in ein fruͤhzeitiges Grab geſtuͤrzt haben wuͤrde; denn ach! ſo ſehr ſie auch die ſcheinbare Beſſerung ihres Vaters beruhigt hatte, ſie ſollte ſeiner dennoch bald beraubt werden. 2 Die Todesangſt, welche durch die Entführung ſeiner Tochter uͤber den Greis herbeigefuͤhrt worden war; der kummervolle Gedanke, uͤber ſeine Freunde, ſeine Wohlthaͤter, wenn auch ohne ſeine Schuld, ſo großes Mißgeſchick herbeigezogen zu haben, das Alles war zu viel fuͤr ſeinen, von Alter und mannichfachen — 96— Drangſalen niedergebeugten, Koͤrper. Selbſt die Freude uͤber die Rettung ſeiner Tochter, welche ihn auf einen Augenblick lang neu belebte, diente nur dazu die wenigen ihm noch uͤbrigen Kraͤfte vollends zu erſchoͤpfen; und deutlich fuͤhlte er nunmehr, daß er ſchon nach wenigen Tagen in jene beſſere Welt hinuͤbergehen werde, in welcher die Leiden der Un⸗ gluͤcklichen enden, in welcher der Muͤde Ruhe fin⸗ det. Es war vielleicht nie ein Sterblicher zu dieſem ernſten Schritte beſſer vorbereitet als Lluellyn, aber ein zaͤrtliches Band hielt ihn noch an die Erde ge⸗ feſſelt, und wenn er an Adeline dachte, an die treue Gefaͤhrtin ſeiner blinden Tage, an die, welche er jetzt als eine verlaſſene Waiſe in der Welt zuruͤcklaſ⸗ ſen ſollte, fuͤhlte er ſeine Bruſt von unendlichem Schmerz erfuͤllt, und nur der Gedanke daß Der, der ihn wunderbar durch manche Truͤbſal gefuͤhrt hatte, auch der Vater ſeines Kindes ſeyn werde, vermochte ihm Troſt zu gewaͤhren— ließ ihn ohne Schauder in das Grab ſchauen. Als der blinde Harfner an einem ſchoͤnen Fruͤh⸗ lingsabend, gerade als die Sonne in ihrem vollen Glanze in Weſten unterging, aus einem kurzen Schlummer erwachte, ſtanden Adeline und Herr Walſingham neben ſeinem Lager; er war waͤhrend des ganzen Tages weit ſchwaͤcher als gewoͤhnlich ge⸗ weſen, und da er jetzt eine Zeitlang bewegungslos dagelegen hatte, waren ſeine Tochter und ſein Ju⸗ gendfreund leiſe zu ſeinem Bette getreten, um ſich zu uͤberzeugen ob der theure Gegenſtand ihrer Sor⸗ ge noch athme. Sie hatten ihn in einen ſanften Schlaf verſenkt gefunden, ſein Antlitz verkuͤndete eine ſeelige Heiterkeit, und ein himmliſches Laͤcheln hielt ſeinen Mund umzogen; ſein ſchneeweißes Haar lag, in den Strahlen der unterſinkenden Sonne glaͤn⸗ zend, in aufgeloͤsten Locken auf dem Kiſſen da. „Theure Tochter,— theurer Freund,“ ſprach jetzt der Greis, als er erwachte und die Anwe⸗ ſenheit der beiden Lieben bemerkte, mit ſchwacher, kaum vernehmbarer Stimme;„wie gluͤcklich war Euer alter Lluellyn, ſeelige Traͤume umſchwebten mich, ich war dort— dort— jenſeits, im Paradieſe.“— „Mit Freuden haben wir Euern ruhigen Schlum⸗ mer gewahrt,“ erwiederte Adeline.„Euer Schlaf war ſanft, ſanft wie das Licht der untergehenden Sonne, die jetzt Eure Wangen beleuchtet.“ „Die untergehende Sonne,“ entgegnete der Harfner, ſein ſtarres Auge gegen Weſten kehrend, „ach koͤnnte ich doch noch einmal ihre goldenen Strah⸗ len ſchauen! Wie oft habe ich vormals, als ich mich ihres Anblickes noch erfreuen konnte, gewuͤnſcht, 5 — 98— gleich ihr der Erde Segen und Wohlthat ſpenden zu koͤnnen.“ „Sie iſt,“ verſetzte Herr Walſingham, indem er ſanft die faſt kalte Hand des ſterbenden Saͤngers erfaßte,„ſie iſt Euer Sinnbild, ſie iſt das Sinnbild jedes wahren Chriſten; ſtreben gleich Wolken ſie zu verduͤſtern, koͤnnen ſie ihr dennoch ihren Glanz nicht rauben; gleich ihr ſieht der fromme Chriſt getroſt dem neuen Tage entgegen, gleich ihr ſcheidet er mit einem Laͤcheln, um gleich ihr mit neuem Glanze wie⸗ der aufzuerſtehn!“ Die Bewegung der Lippen des Sterbenden und die in ſeinen greiſen Wimpern perlenden Thraͤnen, verkuͤndeten, daß er in einem ſtillen Gebete begriffen ſey; endlich nahm er mit ſchwacher Stimme wieder das Wort:„Ja meine Adeline— ja mein Freund,“ ſtammelte er,„ich fuͤhle,— daß ich Euch verlaſſen, daß der Augenblick naht in dem ich vor meinen Schoͤpfer treten ſoll.— Ach, Walſingham,“ fuhr er fort, indem er mit ſeiner welken Hand die ſeines Ingendfreundes druͤckte,„indem ich dieſe Welt ver⸗ laſſe quaͤlt mich nur ein Gedanke!— brauche ich Euch zu ſagen, daß es das Schickſal meiner Ade⸗ line iſt was mich bekuͤmmert?“ „Ich— ich werde ihr Vater ſſeyn, guter Lluel⸗ n,“ entgegnete der wuͤrdige Walſinghum mit gro⸗ — 99— ßer Waͤrme,„ich werde ſie wie meine Tochter be⸗ trachten. Ich habe hienieden niemand der mich liebt, als Eduard und Eure Adeline, ſie, hoffe ich, werden mir dereinſt die Augen zudruͤcken.““ Eine ſanfte Roͤthe der Freude uͤberflog bei dieſer troͤſtenden Verſicherung die Wangen des augenloſen Harfners, er druͤckte die Hand ſeines Wohlthaͤters; da aber ſiel es ihm ploͤtzlich auf's Herz, daß ja Eduards Schlickſal noch unentſchieden ſey.„Ach,“ ſtammelte er,„koͤnnte ich doch nur noch einmal die Stimme des edlen Beſchuͤtzers meiner Tochter hoͤren, ich wuͤrde dann in Frieden ſterben.“— 4 „Euer Wunſch wird erfuͤllt werden,“ entgegnete Herr Walſingham,„Eduard ſchickt ſich ſo eben an, ſich hieher zu Euch zu begeben, ihn verlangte ſo ſehnlich darnach Euch zu ſehen, daß ich gebot ihn auf dem Ruhebette hieher zu tragen.“— Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich auch ſchon die Thuͤr oͤffnete; Eduard ward auf ſeinem Lager hereingetragen, und daſſelbe neben das Bett des Sterbenden geſtellt.— „Du biſt gekommen mein Sohn,“ ſtammelte der Greis zu dem Juͤngling gewandt,„um Zeuge der letzten Augenblicke des ſterbenden Lluellyn zu ſeyn— um ſeinen Segen zu empfangen fuͤr das, was Du an ihm und ſeinem Kinde gethan.“ 5* — 100— „Waͤre der Urheber dieſes Mißgeſchicks doch ge⸗ genwaͤrtig bei dieſer Scene, erwiederte Eduard tief bewegt,„er wuͤrde ſchaudern ob des Unheils das er angerichtet.“ „Noͤge ihm der Himmel verzeihen,“ entgegnete der Greis,„moͤge er, bevor es zu ſpaͤt iſt, von ſeinen Verirrungen zuruͤckkehren.— Dir aber, mein Sohn, wird Gott vergelten, was Du an uns gethan. Du haſt Barmherzigkeit geuͤbt an einem blinden Manne; der Segen des Himmels wird Dir dafuͤr zu Theil werden.“ Die Gemuͤthsbewegung welche ſich Eduards bemaͤchtigt hatte, verhinderte ihn einen Augenblick lang ſeinen Gefuͤhlen Worte zu geben, endlich ſprach er in einem leiſen, flehenden Tone:„Noch einen Segen, mein Vater, und Ihr werdet Eduards Gluͤck voll⸗ kommen machen; der furchtbare Ernſt dieſes Moments noͤthigt mich, Euch mein Herz ohne weitere Einlei⸗ tung zu erſchließen. Ich liebe Eure Tochter— ich liebe ſie wahr und innig.— Erſt jetzt, erſt jetzt, da mich meine Wunde noͤthigte, mein Lager zu huͤ⸗ ten, erſt in dieſen Tagen entſchluͤpfte dies Geheim⸗ niß meinen Lippen.— Adeline weis darum, mein ehrwuͤrdiger Erzieher iſt ſeit heute damit bekannt— wenn ich Euch ſage daß er meine Wahl billigt, darf ich dann nicht hoffen, daß auch der theuere Lluellyn — 101— unſere Verbindung durch ſeinen Segen heiligen werde?“ „Hoͤre ich recht? wie, hoͤre ich recht?“ fragte voll Erſtaunen der augenloſe Saͤnger,„oder truͤgen mich meine ſchwindenden Sinne?“ „Ihr habt recht gehoͤrt mein wuͤrdiger Freund,“ nahm jetzt Herr Walſingham das Wort,„ich billige die Wahl meines Eduards und wuͤnſche, daß Ihr den Liebenden Euern Segen nicht vorenthalten moͤch⸗ tet. Ein kleines Eigenthum, hinreichend ſie zu er⸗ naͤhren, ſollen ſie von mir erhalten; wir wollen die Reiſe in unſere Heimath antreten, die Ihr beabſich⸗ tigt, dort wollen wir unter einem Dache bei einan⸗ der leben— dort wollen wir Euer Andenken ſeg⸗ nen.“— Ein Ausdruck von unbeſchreibbarem Entzuͤcken uͤberflog das Antlitz des ſterbenden Lluellyns, er er⸗ faßte Eduards und Adelinens bereits gegen“ ihn ausgeſtreckte Haͤnde, legte ſie in einander und ſprach ſeinen Segen uͤber die Liebenden aus. Die Erfuͤllung ſeines heißeſten, innigſten, wenn auch nur ganz ins⸗ geheim gehegten Wunſches aber, war zu erſchuͤtternd fuͤr ſeine erſchoͤpften Kraͤfte; nachdem er ſeine Kin⸗ der geſegnet hatte, wollte er noch einmal ſeine Lip⸗ pen oͤffnen, aber vergebens, nur ein tiefer Seufzer — 102— entflog ſeiner Bruſt— er ſank ſprachlos auf ſein Kiſſen zuruͤck. Von Schmerz erfuͤllt druͤckte Adeline einen inni⸗ gen Kuß auf die kalte Stirn ihres ſterbenden Vaters und bedeckte deſſen Antlitz mit Thraͤnen; waͤhrend Walſingham am Fuße des Sterbelagers knieend, ſein Gebet hinauf ſandte zu dem Ewigen, ihn anflehend, er moͤchte ihn einſt enden laſſen, wie dieſer Gerechte geendet habe.— Denn in der That hatte der blinde Saͤnger jetzt eben aufgehoͤrt zu athmen— und war entſchlummert, ſanft wie ein Kind an der Bruſt ſei⸗ ner Mutter.—— Waͤhrend ſich dieſe ſchwermuͤthige Begebenheit im Haͤuschen am Rye zutrug, war Buckinghams Seele der qualvollſten Reue, der furchtbarſten Angſt preisgegeben; mit der an Wahnſinn graͤnzenden Thor⸗ heit, die faſt alle ſeine Handlungen bezeichnete, ſuchte er die an ſeinem Herzen nagenden Gewiſſensbiſſe in einem Meer von Zerſtreuungen zu ertraͤnken; ein Verſuch welcher ihm indeß jetzt ſchwerer als je ins Werk zu richten wurde, weil ſeine Verſchwendungen ſein Vermoͤgen ſo ganz erſchoͤpft hatten, daß er, vor⸗ mals einer der reichſten Cavaliere im ganzen Reiche, nahe daran war wie ein Bettler zu ſterben. Eine peinigende Unruhe, ein raſtloſes Beſtreben ſich ſelbſt zu entfliehen, waren die Furien ſeines Daſeyns, — e — 103— welche ihm uͤberall folgten, und noch mehr als ſeine ungeſtuͤmen Glaͤubiger an ſeine Ferſen gebannt ſchienen. Noch qualvoller war ſein Zuſtand als er von Zeit zu Zeit erfuhr, daß Eduard noch immer gefaͤhrlich krank darnieder liege, auch der Tod des alten Lluellyn, von dem er Kunde erhielt, la⸗ ſtete ſchwer auf ſeiner Seele. Kurz, ſein Leben ward ihm zur Laſt, und verzweiflungsvoll ſtuͤrzte er ſich auf der Jagd jeder Gefahr entgegen. Unterdeſſen ſchickten ſich die Bewohner des Haͤus⸗ chens am Rye an, den irdiſchen Ueberreſten des von ihnen ſo geliebten Greiſes die letzte Ehre zu erzeigen. Kurz vor ſeinem Ende hatte er ſeiner Tochter den Wunſch offenbart neben ſeiner ihm vorhergegangen Gattin begraben zu werden. Um zu ihrer Ruhe⸗ ſtaͤtte zu gelangen, mußte der von allen Landleuten gefolgte Leichenzug durch Helmsley gehen, wo ſich noch mehrere Bewohner des letzten Ortes, welche den augenloſen Saͤnger ebenfalls lieb gewonnen hat⸗ ten, der Trauerproceſſion anſchloſſen. Auf dem Kirchhofe angelangt hielt Walſingham, waͤhrend die Staubeshuͤlle des blinden Harfners hinabgeſenkt wurde, eine ruͤhrende Leichenrede, die alle Anweſende zu Thraͤnen bewegte; waͤhrend Ade⸗ line ganz ihrem Schmerze hingegeben, ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Nur mit Muͤhe — 104— konnte ſie von dem Grabe ihres Vaters hinwegge⸗ bracht werden, und nur Walſinghams Vorſtellungen und ſein Verſprechen ſich noch oͤfterer mit ihr nach dieſer heiligen Staͤtte zu begeben, konnte ſie endlich bewegen den Ort zu verlaſſen, wo der ruhte, der ihr das Daſeyn gegeben. Eduard hatte waͤhrend dieſer Zeit der Räcktehr ſeiner Lieben ſehnſuchtsvoll entgegen geharrt; denn er war uͤberzeugt daß die Erfuͤllung der traurigen Pflicht, welcher ſeine Adeline beyzuwohnen gegangen war, ſie auf das furchtbarſte erſchuͤttern wuͤrde. Mit großem Entzuͤcken ſah er ſie demnach endlich wieder⸗ kehren. Kaum aber hatte er ſie an ſein Herz ge— druͤckt, kaum ihr einige theilnehmende Worte zuge⸗ fluͤſtert, als Walſingham darauf beſtand, daß Adeline ſich ſofort auf ihr Zimmer begeben und dort der ihr, bei ihrem aufgeregten Seelenzuſtande, ſo noͤthigen Ruhe pflegen ſolle. Der Schlaf jener Freund der erſchoͤpften Natur, verfehlt nur ſelten den Schmerz der Bruſt zu be⸗ ſaͤnftigen, in der ein ſchuldloſes Bewußtſeyn wohnt; und als ſich demnach Adeline am naͤchſten Morgen ihrem vaͤterlichen Beſchuͤtzer zeigte, war Herr Wal⸗ ſingham nicht wenig erfreut, ſie weit ruhiger und gefaßter zu finden. Kaum hatten ſie ſich indeſſen zum Fruͤhſtuͤck niedergelaſſen, als ein Diener des — — 105— Herzogs von Buckingham mit Herrn Walſingham zu ſprechen verlangte⸗ Er ward ſofort hereingefuͤhrt, uͤberreichte ein Schreibenzdes Herzogs und entgegnete auf die Frage: ob er vom Schloſſe komme? daß ſein Gebieter im Hauſe eines ſeiner Paͤchter zu Kirby Moorſide ge⸗ faͤhrlich krank darniederliege. Dieſe Kunde uͤber⸗ raſchte Herrn Walſingham, und auf naͤheres Befra⸗ gen erfuhr derſelbe nun, daß der Herzog ſich auf der Jagd ſtark erkaͤltet habe, ploͤtzlich von einem hef⸗ tigen Fieber befallen worden ſey, und ſeit geſtern das Bett nicht habe verlaſſen koͤnnen. Dieſer Umſtand und die Nachricht welche Wal⸗ ſingham von dem Boten erforſchte, daß dem ver⸗ ſchuldeten und verarmten Herzog nehmlich, alle ſeine bisherigen Tafelfreunde und Zechbruͤder den Ruͤcken gekehrt haͤtten, erregten trot des Abſcheues, den der wuͤrdige Geiſtliche fuͤr Eduards unwuͤrdigen Vater empfand, dennoch das Mitleid des Erſtern. Das Schreiben des Herzogs, welches Walſingham jetzt Adelinen laut vorlas, trug die Aufſchrift: An Sr. Ehrwuͤrden Herrn David Walſingham, und lautete wie folgt: „Wuͤrdiger Mann! ich habe gegruͤndete Urſache „Euch fuͤr einen Mann von tugendhaften Grundſaͤtzen azu halten, ich weiß, die Natur hat Euch mit einem 6) — 106— „ſcharfen, hellen Verſtande begabt; denn wie ſehr ich „auch den Pflichten der Religion und der Vernunft zu⸗ „widergehandelt habe, ſo hat mich eine geheime Ehrfurcht „vor beiden dennoch ſtets erfuͤllt. Die Welt und ich, wir „nehmen jetzt Abſchied von einander, denn wir ſind „uns in der That herzlich uͤberdruͤſſig.— Ach, wie „habe ich das ſchaͤtzbarſte aller Guͤter, die Zeit, auf „ſo unwuͤrdige Weiſe verſchwendet, und jetzt, jetzt, „wo ich eiteige Tage mit allen Schaͤtzen der Welt, „ſtaͤnden ſie mir zu Gebote, aufwiegen wuͤrde, jetzt „habe ich vielleicht nur noch uͤber wenige Stunden „zu gebieten. Wie verachtungswerth iſt der Menſch, „der nur in der Zeit der Noth zu ſeinem Schoͤpfer „betet.— Wie kann er auf den Beiſtand des Ewigen „hoffen, wenn er ſeiner in guten Tagen nicht gedachte.“ Ich nehme keinen Anſtand, offen zu bekennen, „daß ich mich ſchaͤme, den Allmaͤchtigen, deſſen Ge⸗ „boten ich hienieden ſo ganz entgegen handelte, um „einen gnaͤdigen Richterſpruch in jener Welt anzu⸗ „flehen.“. „Die Gefaͤhrten meiner fruͤhern Verirrungen „wuͤrden ihren Augen kaum trauen, kaͤmen ihnen dieſe „Zeilen zu Geſicht.— Sie wuͤrden meiner ſſpotten, „wie eines albernen Schwaͤrmers, wie eines ſchwach⸗ „koͤpfigen Thoren, der ob des Gedankens an die Zu⸗ „kunft zuſammenſchaudert. Mir aber kann ihre Mei⸗ —— — 107— „nung gleichviel gelten; ja ich erbebe vor dem Tode, „namenloſe Angſt erfaßt mich, wenn ich daran denke, „daßl ich jetzt bald vor meinen Richter treten ſoll!— „Kommt, ich beſchwoͤre Euch, kommt, mich durch Euer „Wort aufzurichten— Ihr, der Diener des Herrn, „ſeyd vielleicht im Stande mir einigen Troſt zu ſpen⸗ „den. Schon das Schreiben an Euch hat die Unruhe „in meinem Innern etwas geſtillt, eine Unterredung „mit Euch uͤber das was meinem Herzen jetzt am „theuerſten iſt, wird, ich fähle es, mich noch mehr „beruhigen.“ „Mit Sehnſucht harrt demnach auf Ln Ankunft „der ungluͤckliche *„Buckingham.“ Dieſer Brief ſprach eine ſo tieſe Zerknirſchung, eine ſo aufrichtige Reue aus, daß er Walſingham zu⸗ gleich uͤberraſchte und erfreuete; auch auf Adeline machte das Schreiben einen ungemeinen Eindruck. Der ihr zugefuͤgten Kraͤnkung voͤllig uneingedenk, entſtroͤmten ihren ſchoͤnen Augen Thraͤnen des Mit⸗ leids uͤber den reuigen Suͤnder. „Gott ſey gedankt,“ rief der wuͤrdige Geiſtliche, indem er den Brief aus der Hand legte,„Gott ſey gedankt, daß der Ungluͤckliche doch endlich ſeine Ver⸗ gehungen eingeſehen, daß es ihm doch endlich klar geeworden, wie ſchlecht er das ihm verliehene Pfund gebraucht,— wie er ſich ſo frevelhaft an dem Hoͤch⸗ ſten vergangen.— Ich will auf der Stelle hin zu ſeinem Sterbelager, will verſuchen ihm Troſt zu ſpen⸗ 3 den, will ihm ſagen, daß Eduard ſeiner Geneſung 1 entgegenſchreitet; der Himmel wird meinen Worten— Kraft verleihen und mir die Freude gewaͤhren, den letzten Stunden eines reuigen Suͤnders etwas von ihrer Bitterkeit zu nehmen.“ Hierauf ließ er den Diener des Herzogs wieder hereinrufen, ſagte ihm, daß er ſich ſofort mit ihm zu ſeinem Herrn begeben wolle, gebot ſein Pferd zu ſatteln, ſchwang ſich hinauf und ſprengte mit dem Boten von dan en. In Kirby Moorſide angelangt, fand er den vormals reichen und maͤchtigen Herzog Buckingham in einem kleinen Hauſe, auf einem aͤrmlichen Lager. Geiſtige und koͤrperliche Leiden hatten den Kranken dergeſtalt entſtellt, daß es Walſingham anfangs ſchwer ſiel, in demſelben den fuͤrſtlichen Buckingham wieder zu er⸗ kennen. Neben ihm auf dem Tiſche lagen die Schreib⸗ materialien, von denen er vor einigen Stunden Ge⸗ brauch gemacht hatte, eine Anſtrengung, zu der er bei dem raſchen Fertſchreiten ſeiner Krankheit jetzt nicht mehr im Stande war. Bei Walſinghams Eintreten, richtete er ſich indeß etwas empor, und ihm die Hand hinſtreckend ſprach er:„Das heißt wahrhaft chriſtlich gehandelt, das heißt Boͤſes mit Gutem vergolten.— Ach Walſingham, in welchem elenden Zuſtande ſindet Ihr mich wieder! nicht nur die Gefaͤhrten meiner Thorheiten haben mir den Ruͤcken gewandt, ihr Verluſt waͤre nur Gewinn— außer Euch hat aber auch jeder gute Menſch ſich von mir gekehrt.— Wie kann, wie ſoll ich Euch dan⸗ ken?—— Sagt, ehrwuͤrdiger Mann, ſagt wie ſteht es um meinen Sohn?— lebt er noch! wird — 110— er geneſen? oder habe ich die Zahl meiner Schand⸗ thaten noch durch Kindesmord vermehrt?“ „Euer Sohn, Herr Herzog, lebt,“ erwiederte Walſingham,„es geht beſſer mit ihm und er wird hoffentlich wieder hergeſtellt werden.“ „Er verabſcheuet den Urheber ſeines Daſeyns, nicht wahr? er flucht ſeinem Vater?“ fragte der Kranke und ſeine Lippen bebten. „Noch kennt er ſeine Eltern nicht,“ antwortete der Geiſtliche,„waͤren ſie ihm aber auch bekannt, ſein gutes Herz wuͤrde es ihm nie erlauben, ihrer ſchmaͤhend zu gedenken.“— „Dem Ewigen ſey Dank,“ rief der Herzog, in⸗ dem er ſeine Haͤnde faltete und ſchweigend ein Gebet zum Himmel empor ſandte. 8 Die Ruhe, welche dieſer Herzenserguß dem Kranken zu ſpenden ſchien, bewog Walſingham ihn zu fragen: ob er ſich nicht kraͤftig genug fuͤhle ſich irgendwo hinſchaffen zu laſſen, wo er beſſere Pflege finden koͤnne? wozu er jeden Beiſtand darbot, der zu leiſten in ſeiner Macht ſtand. „Wohl moͤchte ich, wenn es meine Kraͤfte erlaub⸗ ten, nach Bishophill gebracht werden, wo mein alter treuer Diener Brian Fairfax mich pflegen koͤnnte,“— verſetzte der Herzog; dann aber ſeufzte er tief auf, und fuhr fort—„doch was liegt auch daran, wo — 111— Buckingham ſein ſchuldbelaſtetes Daſeyn endet? Iſt dieſes Lager nicht mehr als zu gut fuͤr einen Miſſe⸗ thaͤter meines Gleichen,— der, um das Maaß ſei⸗ ner Verbrechen zu fuͤllen, die todtbringende Waffe gegen das eigene Kind fuͤhrte?— Zwar iſt mein Sohn, dem Himmel ſey Dank, dem Leben erhalten, ich der verſchwenderiſche Vater aber, der ich mein ganzes großes Vermoͤgen in Schwelgereien verpraßte, muß ihn in dieſer Welt in Armuth zuruͤcklaſſen!“—— „Beruhigt Euch in dieſer Ruͤckſicht, Herr Her⸗ zog,“ troͤſtete Walſingham,„ich kann Euch mit Freuden verſichern, daß Eduard aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach nie Mangel leioen wird, die Sorge ſeiner zaͤrtlichen Mutter ließ es ihm bisher an nichts fehlen.“— „Wie ungluͤcklich habe ich nicht das arme Weib gemacht!— wie werde ich beſtehen, wenn ſie einſt Rechenſchaft fordernd vor mich tritt!“ ſtoͤhnte der Herzog und zuruͤck auf ſein Kiſſen ſinkend, bedeckte er ſein Geſicht mit beiden Haͤnden. Als ſich die 3 Heftigkeit ſeiner Gemuͤthsbewegung wenigſtens eini⸗ germaßen gelegt hatte, bemuͤhte ſich der wackere Walſingham durch die troſtgewaͤhrenden Gruͤnde der Re⸗ ligon ſeinen Geiſt aufzurichten, und denſelben auf den bevorſtehenden Hinuͤbergang in eine beſſere Welt vorzubereiten; das redliche Bemuͤhen des wuͤrdigen — 112— Geiſtlichen ward auch von dem beſten Erfolge ge⸗ kroͤnt; Buckingham ward immer ruhiger und ruhiger und als ihn Walſingham gegen Abend verließ, mit dem Verſprechen ſeinen Beſuch am naͤchſten Tage zu wie⸗ derholen; war die Seele des Herzogs, beſſer, als nach ſei⸗ nemLaſterleben je zu erwarten geweſen, geeignet, vor Den zu treten Der zwar ein gerechter, aber auch ein barm⸗ herziger Richter iſt. Herr Walſingham hatte Sorge getragen, einen Boten an Brian Fairfax, des Herzogs oben erwaͤhn⸗ ten alten Diener, zu ſenden, welcher, als er am naͤchſten Abend bei ſeinem Herrn anlangte, denſelben ſeiner Aufloͤſung bereits nahe fand. Buckingham ſchien indeſſen ſeinen getreuen Brian noch zu kennen, er richtete ſeine Blicke auf ihn, war aber zu kraftlos um ſprechen zu koͤnnen. Endlich ſchien er ſich indeß et⸗ was zu erholen, da trat der treue Brian ganz dicht zu ihm hinan und fragte: ob nach Herrn Walſingham geſandt werden ſolle?„Ja, ja,“ ſtammelte der Ster⸗ bende, und ſofort ward ſein Wille in Ausfuͤhrung gebracht. Als Herr Walſingham anlangte, fand derſelbe zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, am Lager des Herzogs den Grafen von Arran, den der Zufall ge⸗ rade durch Kirby Moorſide gefuͤhrt hatte; und der als er von der traurigen Lage Buckinghams Kunde — — 113— erhalten, auf der Stelle den menſchenfreundlichen Entſchluß faßte, ihm nach moͤglichſten Kraͤften Bei⸗ ſtand zu leiſten.— Aus Walſinghams Hand empfing nunmehr der Sterbende das heilige Sacrament mit allen Zeichen von Zerknirſchung und aufrichtiger Reue; gleich darauf aber ſank er ſprach⸗ und bewußtlos auf ſein Kiſſen zuruͤck, ſeine Augen ſchloſſen ſich, ſeine Bruſt begann zu roͤcheln und in der Nacht deſſelben Tages, es war am 1sten April 1687, 9 gab der reuige Suͤnder ſeinen Geiſt auf. Nachdem der menſchenfreundliche Arran Zeuge der letzten Augenblicke des Herzogs geweſen war, machte er Anſtalt ſeine Reiſe fortzuſetzen; bevor er ſich aber entfernte, verſprach er unaufgefordert dem Herrn Walſingham, fuͤr die anſtaͤndige Beerdigung Buckinghams Sorge tragen zu wollen; und in der That ließ er ſchon am naͤchſten Tage dazu die noͤthi⸗ gen Veranſtaltungen treffen. Buckinghams irdiſche Ueberreſte wurden demnaͤchſt auf eine hoͤchſt wuͤrdevolle Weiſe, auf dem kleinen Gottesacker zu Kirby Moor⸗ ſide der muͤtterlichen Erde wiedergegeben.— Von ſeiner Grabſtaͤtte aber, welche bei jedem denkenden Menſchen mannichfache Betrachtungen hervorruft, indem ſie ihn daran erinnert, daß irdi⸗ ſcher Glanz, daß irdiſche Hoheit und irdiſche Vor⸗ zuͤge wie der Staub aus dem ſie entſtanden vergehen, und — 114— keinen Werth haben, ſind ſie nicht mit Seelenadel und innrer Groͤße vereint,— wollen wir unſere Leſer jetzt wieder zuruͤck zu dem kleinen Haͤuschen am Rye fuͤhren, wo Eduard unter der Pflege Walſinghams und Adelinens mit raſchen Schritten ſeiner Geneſung entgegen ging. Walſingham, welcher einen fortwaͤh⸗ renden Briefwechſel mit der Graͤfin von Schrewsbury, der Mutter ſeines Zoͤglings unterhielt, war von derſelben, in Folge der ſtattgehabten Begebenheiten waͤhrend der letzten Zeit, mehr als je angegangen worden, ihr einen Beſuch bei ihrem Sohne zu geſtatten. Jetzt, da es mit deſſen Geſundheit taͤglich beſſer ging, meinte Herr Walſingham dem billigen Verlangen der Graͤ⸗ ſin willfahren zu koͤnnen; bevor ſie ſich aber in dem Haͤuschen am Rye zeigen wuͤrde, mußte Eduard, der Ueberzeugung ſeines Erziehers zufolge, von ihm er⸗ fahren, wem er ſein Daſeyn verdanke. Dieſe Mittheilung ward nun zwar dem Juͤngling ſo ſchonend wie moͤglich gemacht; der zwiſchen dem Herzoge von Buckingham und der Graͤfin Schrews⸗ bury beſtandene Liebeshandel aber, war zu ſehr zur oͤffentlichen Kunde gekommen, als daß Eduard, ob deſſen was er vernahm, nicht mit Schmerz und tie⸗ fer Betruͤbniß haͤtte erfuͤllt werden ſollen. Der Gedanke indeſſen, daß ihn der Himmel gnaͤdig davor bewahrt habe, einen Vatermord zu begehen; und daß der — 115— dem er ſein Daſeyn verdanke, doch noch vor ſeinem Ende ſeine Verbrechen eingeſehen und ſie mit zer— knirſchtem Herzen bereuet habe; und Walſinghams Verſicherung, daß ſeine Mutter fuͤr die Verirrungen ihrer Jugend, die ihren Gatten in das Grab ſtuͤrz⸗ ten, laͤngſt ſchwer gebuͤßt habe; dieß alles trug dazu bei, der Entdeckung viel von ihrer Bitterkeit zu neh⸗ men, und Eduard auf eine Zuſammenkunft vorzu⸗ bereiten, die ihm ſonſt gewiß hoͤchſt qualvoll geweſen waͤre. Die Graͤfin Schrewsbury war eine der ſchoͤnſten Frauen am Hofe Carls des zweiten geweſen, und auch noch jetzt waren, hatten gleich Gram und die Zeit ihre Wangen gebleicht, dennoch die Spuren voorrmaliger Schoͤnheit unverkennbar. Da ihre Ver⸗ haͤltniſſe und die Ruhe der Ihrigen es durchaus noth⸗ wendig machten, das Vorhandenſeyn ihres mit Buckingham erzeugten Sohnes, den man allgemein todt glaubte, ſo geheim wie moͤglich zu halten, hatte ſie, zumal nach dem Tode des Herzogs, Walſinghams Plan ſich mit den beiden jungen Leuten nach Wales zu begeben, nicht mür durchaus gebilliget, ſondern ſich auch bereit erklaͤrt, denſelben nach heſten Kraͤf⸗ ten zu unterſtuͤtzen. Vor ſeiner Abreiſe indeſſen mußte ſie ihren Sohn ſehen, und mit der ganzen 116— Zaͤrtlichkeit einer Mutter machte ſie ſich jetzt zu ihm auf den Weg. Eduard hegte ebenfalls den Wunſch ſeine Mutter recht bald zu ſehen, und zwar um ſo mehr, da ſein Erzieher beſchloſſen hatte, gleich nach ihrem Beſuche mit den beiden jungen Leuten die Reiſe nach Wales anzutreten, wohin ihn ſehnſuchtsvoll verlangte, denn es draͤngte ihn fort aus einer Gegend, wo Alles ſo mannichfache truͤbe Erinnerungen in ihm hervor⸗ rief. Es koſtete ihn auch nicht die muͤndeſte Ueber⸗ windung dem Verlangen der Graͤfin Schrewsbury zufolge, die naͤheren Umſtaͤnde ſeiner Geburt in ver⸗ ſchwiegener Bruſt zu bewahren.— Sich Walſingham nennen zu duͤrfen, ſich als einen Verwandten dieſes ehrwuͤrdigen Mannes betrachten zu koͤnnen; an Ade⸗ linens Seite, eine Stuͤtze ſeiner alten Tage zu wer⸗ den, das, das allein lag ihm am Herzen, darauf be⸗ ſchraͤnkten ſich ſeine Wuͤnſche. Es war gegen die Mitte des Maymonats, ungefaͤhr einen Monat nach dem Tode des Herzogs von Buckingham, als eines Morgens, gerade als ſich die kleine Familie zum Fruͤh⸗ ſtuͤkk niedergeſetzt hatte, der Wagen der Graͤfin Schrewsbury heranrollte und dieſe darauf bleich und bebend in das Haͤuschen trat. Walſingham war ihr entgegengeeilt und fuͤhrte ſie in ſein kleines Stu⸗ dirzimmer; wo er ſich einige Augenblicke lang mit — 117— der Graͤfin allein beſprach, dann aber ihren Sohn herbeirief. Was ihr Walſingham auch uͤber das Aeußere Eduards geſagt hatte, ſie war dennoch bei ſeinem Eintreten ungemein uͤberraſcht. Zwar war er bei ſei⸗ ner Kraͤnklichkeit noch etwas blaß und angegriffen, das aber machte ſeine Geſichtszuͤge noch intereſſanter, und als er nunmehr ſeine Kniee vor ihr beugte, glaubte die Graͤſin nie eine ſchoͤnere maͤnnliche Ge⸗ ſtalt geſchauet zu haben. Eduard war dagegen von ihrem Anblicke nicht minder uͤberraſcht! Das ganze Weſen der Graͤfin Schrewsbury war geeignet ſogar das Mitleid eines 5 Fremden rege zu machen, denn gedemuͤthigt und tief beſchaͤmt ſtand ſie vor einem Sohne da, der, wie ſie wohl fuͤhlte, ihres fruͤheren Betragens nur mit Bitterkeit gedenken konnte. Das Gefuͤhl der Zer⸗ knirſchung, welches ſich ſo unverkennbar in dem An⸗ tlitze der Graͤfin ausſprach, ließ jeden bittern Gedan⸗ ken, den er etwa noch gegen ſeine Mutter gehegt hatte, aus Eduards Bruſt entſchwinden, und innig hielt er ſie umſchlungen, waͤhrend heiße Thraͤnen ihren Au⸗ gen entſtroͤmten. So aͤngſtlich man demnach auch 4 von beiden Seiten dieſer Unterredung entgegen ge⸗ ſehen hatte, ſo bernhigend war ſie fuͤr beide Theile. Eduard hatte ſeine Mutter geſehen, hatte ſich uͤber⸗ — 118— zeugt, daß ſie ihre fruͤheren Verirrungen aufrichtig bereute, und mit der innigſten Liebe an ihm hing; waͤhrend der Graͤfin die troͤſtende Verſicherung ge⸗ worden war, daß ihr Sohn ihrer nicht mit Bitter⸗ keit gedenke, ſondern ihrem Schickſale manche weh⸗ muthsvolle, theilnehmende Thraͤne ſchenken werde. Nur ungern, aber von dem Gefuͤhl der Nothwen⸗ digkeit erfaßt, ſagten ſich Mutter und Sohn mit ſchwerem Herzen einander Lebewohl, um ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach, hienieden nicht wieder zu ſehen. Nachdem man alles Noͤthige, wegen eines fortgeſetzten Briefwechſels mit einander verabredet hatte, ſpendete die Graͤfin von Schrewsury den beiden Liebenden ihren Segen, druͤckte dankbar die Hand des wuͤrdigen Geiſtlichen, ſchloß ihren Sohn und deſſen ſchoͤne Braut noch einmal in ihre Arme, und eilte dann in ihren Wagen, welcher mit ihr raſch von dannen rollte. Gleich am Tage nach dem Beſuche der Graͤfin, began⸗ nen die Bewohner des Haͤuschens die Anſtalten zur Abreiſe nach Wales zu treffen. Zwar trennten ſie ſich nur ungern von dem lieblichen Thale, in wel⸗ chem ihnen manche frohe, manche truͤbe Stunde hingeſchwunden war, aber die Ruhe der Graͤfin Schrewsbury und Eduards Verhaͤltniſſe erforderten durchaus eine Veraͤnderung des Aufenthalts; auch — 119— verlangte Walſingham darnach, nach ſo langer Ab⸗ weſenheit, ſein Geburtsland endlich einmal wieder zu ſchauen und ſeine letzten Tage dort zuzubringen, wo er eine froͤhliche Kindheit verlebt hatte, wo die irdiſchen Ueberreſte ſeiner Eltern ruhten. Von den drei guten Menſchen, deren Begeben⸗ heiten wir bereits mittheilten, war uͤbrigens die Trennung von dem, vom Rye durchſchlaͤngelten romantiſchen Thale, der holden, lieblichen Adeline am ſchmerzlichſten, denn in der Naͤhe befand ſich ja die Grabſtaͤtte ihres ewig geliebten, ewig unvergeßlichen Vaters; zu der ſie, waͤhrend man ſich zur Abreiſe anſchickte, gar oft, entweder von ihrem Eduard be⸗ gleitet, oder auch allein hinwanderte, um auf die Erde, welche die Staubeshuͤlle des theuern Entſchlafe⸗ nen deckte, friſche, duftende, ſo eben vom Hauche des Lenzes erſchloſſene, Blumen zu ſtreuen, oder um die Stelle, wo der ruhte der ihr das Daſeyn gege⸗ ben, mit ihren Thraͤnen zu benetzen. Eines Abends, es war das Letztemal daß ſie dieſe feierliche Wall⸗ fahrt beging, kehrte ſie ſpaͤter als gewoͤhnlich von dieſem heiligen Orte zuruͤck; der Abend war ſchon hereingebrochen, als ſie bei dem kleinen Haͤuschen wie⸗ der anlangte; ſie trat in das untere Gemach, in welchem gerade ſonſt niemand zugegen war, und ſank, noch immer der Exinnerung an den Entſchlafenen hingegeben, von ihrer Wanderung ermuͤdet, auf ei⸗ nen Stuhl. Die Fenſter des Zimmers waren geoͤff⸗ net und ſanft hauchte ein lieblicher Weſt erfriſchende Kuͤhlung herein; freundlich trug er den Duft der Blumen zur frommen Tochter her. Da glaubte ſie ploͤtzlich leiſe Toͤne in ihrer Naͤhe zu vernehmen; es war eine klagende Melodie, und in ſchwermuͤthige Be⸗ trachtungen verſenkt, horchte ihr Adeline, welche ſich nach einem kurzen Erſtaunen uͤberzeugte, daß jene ge⸗ heimnißvollen Klaͤnge von der im Gemache noch vor⸗ handenen Harſe ihres Vaters herruͤhrten, deren Saiten der Abendwind bewegte. Es war ihr, als riefe ihr Vater dieſe Klaͤnge hervor, und unauf⸗ haltſam enſtroͤmten Thraͤnen ihren Augen. Dieſes Umſtandes, ſe unbedeutend er auch an ſich war, erinnerte ſich Adeline noch oft in ſpaͤterer Zeit mit wehmuͤthigem Entzuͤcken, jene Scene hatte ſich ihrer Erinnerung tief eingepraͤgt; und als die Zeit ihren Schmerz nach und nach gemildert hatte, pflegte ſie oft in der Abendſtunde ihrem Herzen durch folgende, von ihr ſelbſt gedichtete, Worte Luft zu machen, die ſie zu der Harfe ihres Vaters ſang: Des Weſt's geheimnißvolles Weh'n, Es brachte nicht die Laute mir, Des Vaters Geiſt aus Himmelshoͤhn Er ſandte jene Toͤne mir. O moͤcht' noch oft aus lichten Sphaͤren Wo jetzt der blinde Vater ſchaut, Mir troſtgewaͤhrend wiederkehren Sein Gruß auf ſanftem Himmelslaut. Endlich erſchien der Tag der Abreiſe; es war ein Tag der Trauer fuͤr die Bewohner der ganzen Ge⸗ gend, welche den Herrn Walſingham verehrten und liebten, und dazu auch in der That die gegruͤndetſte Urſache hatten; denn taͤglich, ja faſt ſtuͤndlich, hatte er ihnen Beweiſe ſeiner Menſchenfreundlichkeit ge⸗ geben. Auch den beiden jungen Leuten waren ſie von ganzem Herzen zugethan, und ſo begleiteten ſie denn das ſcheidende Kleeblatt bis zu einem, mehrere Meilen von dem Thale entfernt gelegenen, Doͤrfchen; wo man von einander innigen Abſchied nahm, und wo Adeline es einem holden zwoͤlfjaͤhrigen Maͤdchen des Thales noch einmal recht dringend ans Herz legte, doch ja recht oft das Grab ihres Vaters zu beſuchen und es mit friſchen Blumen zu bepflanzen, welche Muͤhe ſie aus der Ferne reichlich zu vergelten gelobte. Gluͤcklich kamen darauf unſere Reiſenden in Wales an. Kaum aber war es dort bekannt gewor⸗ den, daß die Tochter des vormals ſo hochverehrten Lluellyn angelangt ſey, als auch ſofort die Verwandten 6 Vaters herbeieilten, ſie zu begruͤßen. — 122— und die wenigen noch uͤbrigen Jugendfreunde ihres In ihrer Mitte, von lauter Menſchen umgeben, die ſie ſo recht von Herzen liebten, ward nunmehr Adeline Eduards Gattin; eine Verbindung, welche die Liebenden und den wuͤrdigen Walſingham, der ſeine Tage bei ihnen beſchloß, ſo gluͤcklich machte, wie der Sterbliche es hienieden nur werden kann. II. Herr und Anecht. Ein Maͤhrchen. Vor kurzer, oder vor langer Zeit, ganz wie es der freundliche Leſer am liebſten hat, lebte im ſuͤd⸗ lichen Irland ein Menſch, der ſich Billy Mac Da⸗ niel nannte; ein gar luſtiger Bruder, der nur dann traurig war, wenn er nichts zu trinken hatte, oder wenn er nicht wußte wer die Zeche. bezahlen ſollte. Einſt an einem kalten Winterabend, kurz nach Weihnachten, kehrte Billy Mac Daniel nach Hauſe zuruͤck; der Mond ſchien hell und klar, aber trotz der Schoͤnheit der Nacht fror ihn doch gewaltig. „Mein Seel!“ rief er aus, indem er ſich die Haͤnde rieb,„ſo ein derber Schluck waͤre jetzt nicht uͤbel, unnd wuͤrde verhindern daß einem die Secle im Leibe erfroͤre,— wuͤnſchte ich mir doch in dieſem Augen blick ein ganzes Maaß, ſo von der aͤchten Sorte.“ „.6* * — 124— „Du ſollſt das nicht zweimal wuͤnſchen, Billy,“ rief ploͤtzlich ein kleiner Mann, deſſen Kopf ein mit breiten goldenen Treſſen beſetzter dreieckigter Hut be⸗ deckte, und der auf den Schuhen ein Paar ſo unge⸗ heuer große ſilberne Schnallen trug, daß es faſt un⸗ begreiflich war, wie er ſie mit ſich fortbringen konn⸗ te. Wie hingezaubert war er vor Billy Mac Da⸗ niel erſchienen, den er jetzt ein Glas, groß wie er ſelbſt, hinhielt, das mit dem koͤſtlichſten Wein ange⸗ fuͤllt war, der je einer Traube entquoll,— den je die Lippe koſtete. „Proſit!“ rief Billy unerſchrocken, wußte er gleich, daß der Kleine zu den Unterirdiſchen gehoͤrte. „Sollſt leben, zwerghafter M undſchenk, ſchoͤnen Dank, mir gleich viel wer zahlt.“— So ſprechend nahm er das Glas und leerte es mit einem einzi⸗ gen Zuge. „Wohl bekomm's, Billy,“ hohnlaͤchelte der kleine Mann,„wohl bekomm's— hoffe aber nicht mich um die Zeche zu betruͤgen, wie du ſchon ſo manchen Schenkwirth betrogen— heraus mit dem Geldbeutel und zahle wie es einem Cavalier geziemt.“ „Ich Dich bezahlen,“ lachte Billy;„ſchweig da⸗ von Du Fitzliputzli, oder ich ſtecke Dich in die Taſche.“ * 5 3 —— — 125— „Billy Mac Daniel!,, ſprach der kleine Mann mit dem dreieckigten Hute und den ſilbernen Schnal⸗ len, und ſeine Augen funkelten vor Zorn,„Billy Mac Daniel, Du ſollſt ſieben Jahre und einen Tag mein Knecht ſeyn, ſo will ich mich bezahlt machen; ſchicke Dich an mir zu folgen.“ Als Billy dieſes vernahm, gereuete es ihn ſo un⸗ hoͤfliche Worte gegen den kleinen Mann gebraucht zu haben; und unwillkuͤhrlich, er wußte ſelbſt nicht warum, mußte er dem Zwerge die ganze Nacht hin⸗ durch folgen, uͤber Stock und Stein, Berg auf Berg ab, durch Wald und Flur, uͤber Suͤmpfe und Graͤben, ohne daß es ihm auch nur einen Augenblick lang geſtattet war, zu raſten. Als der Morgen zu daͤmmern begann, wandte ſich der Kleine zu ihm und ſprach:„Du magſt jetzt nach Hauſe gehen Billy, in der naͤchſten Nacht aber findeſt Du Dich hier wieder ein, hoͤrſt Du? bleibe aber ja nicht aus, ſonſt ſoll es Dir ſchlimm ergehen. Finde ich aber in Dir einen gehorſamen Knecht, will ich auch Dein frei⸗ gebiger Herr ſeyn.“ Billy Mae Daniel begab ſich nach Hauſe, aber obgleich er ſehr ermattet war, kam dennoch kein Schlaf in ſeine Augen, denn immer wieder und wieder dachte er an den Kleinen, und als der Abend )inbrach, fuͤhlte er ſich wie geſtern gezwungen, . 23 8 — 126— dem Gebote des Zwerges Folge zu leiſten, und ſich an den beſtimmten Ort hin zu begeben. Noch hatte er nicht lange geweilt, als auch ſchon der kleine Mann mit dem dreieckigten Hute und den großen ſilbernen Schnallen erſchien.„Billy“, ſprach er,„ich will in dieſer Nacht eine weite Reiſe unternehmen, gehe und ſattle zwei Pferde, eins fuͤr mich, eins fuͤr Dich; denn Du ſollſt mir folgen, und moͤchteſt von Deinem Spazierganze in der letzten Nacht noch muͤde ſeyn.“ Billy dankte ſeinem Herrn fuͤr ſeine ruͤckſichtsvolle Guͤte;„aber,“ begann er kleinlaut,„darf ich mich wohl unterſtehn zu fragen, Herr, wo ich Euern Stall finde? denn hier rund um uns her ſehe ich nichts als eine nackte Haide.“ „Schweig mit deinen Fragen, Billy,“ gebot der Kleine,„krieche dort in das Gebuͤſch hinein, und hole mir zwei der ſtaͤrkſten Zweige heraus.“ Billy konnte nicht begreifen, was der kleine Mann damit machen wollte, that aber wie ihm be⸗ fohlen worden, und brachte zwei der ſtaͤrkſten Zweige, an denen ſich noch hie und da etwas Laubwerk befand. „Sitz auf,“ geßgt nunmehr ſein Herr, indem er ſelbſt einen der Zweige zwiſchen die Kniee nahm. „Worauf denn?“ fragte Billy verwundrung svoll. — 127— „Auf ein Pferd, wie ich,“ verſetzte der Zwerg. Noch immer ſtand Billy da, und wußte nicht was er anfangen ſollte. „Hinauf, hinnauf,“ wiederholte ſein Gebieter, „keine Umſtaͤnde gemacht. Du haſt in Deinem Leben keinen beſſern Gaul geritten.“— Billy ſah wohl ein, daß ein ferneres Weigern zu nichts helfen wuͤrde, und ſo nahm er denn getroſt den Zweig zwiſchen die Kniee.„Borram, Borram, Borram!“ rief darauf der Zwerg, Billy mußte dieſen Ruf wiederholen und ſofort dehnten ſich die Zweige aus und geſtalte⸗ ten ſich zu Pferden, auf denen die beiden Reiter nun raſchen Fluges dahinſprengten; Billy aber, er wußte ſelbſt nicht wie es zugegangen war, ſaß ruͤck⸗ waͤrts auf ſeinem Gaule, und hatte ſtatt des Zaumes den Schwanz in der Hand; auch eilte das Thier ſo ſchnell mit ihm von dannen, daß er nicht im Stande war ſich anders zu ſetzen. 4 Endlich machte der Zwerg vor der Thuͤr eines ſchoͤnen Hauſes Halt.„Jetzt Billy,“ rief er,„thue was Du mich thuen ſiehſt, und folge mir; da Du aber nicht im Stande warſt, den Kopf Deines Pfer⸗ des von deſſen Schwanz zu unterſcheiden, nimm Dich jetzt in Acht, daß ſich Dein Kopf nicht ſo mit Dir herumdrehe, daß Du nicht mehr weißt, ob Du auf * — 128— dem Kopfe, oder auf den Fuͤßen ſtehſt; denn guter alter Wein macht leicht ſchwindlich.“ Der Zwerg rief darauf einige unverſtaͤndliche Worte, welche Billy nachſprechen mußte; und ſofort gelangten ſie durch das Schluͤſſelloch der Hausthuͤr und durch ein zweites und drittes Schluͤſſelloch, und noch durch viele andere, hinab in den Weinkeller des Hauſes, der mit trefflichen Weinen von allen Sor⸗ ten angefuͤllt war. Der kleine Mann mit dem dreieckigten Hut ſetzte ſich nieder und trank luſtig darauf los, Billy folgte ſeinem Beiſpiele.„Traun,“ ſprach er, nachdem er ſich guͤtlich gethan hatte,„Ihr ſeyd der beſte Herr von der Welt, ich moͤchte keinen andern.— Der Dienſt bei Euch faͤngt an mir zu gefallen, ich werde Euch nie verlaſſen; gebt Ihr mir ferner ſo gute Gelegenheit meinen Durſt zu ſtillen.“ „Ich habc mit Dir keinen Vertrag geſchloſſen, und will mit Dir keinen abſchließen,“ entgegnete der Zwerg;„auf jetzt und folge mir.“ Und wieder ging es durch die Schluͤſſelloͤcher— und wieder nahmen ſie die Zweige zwiſchen die Kniee und wieder ſpreng⸗ ten dieſe, auf den Zauberuf des Kleinen zu Roſſen geſtaltet, raſchen Fluges von dannen. Auf der Stelle, von der ſie ausgeritten waren, wieder angelangt, entließ der Herr ſeinen Knecht, ge⸗ — . — 129— bot ihm aber, ſich in der naͤchſten Nacht wieder ein⸗ zufinden.— So ging es nun eine Zeitlang Nacht fuͤr Nacht,— bald nahmen ſie ihren Weg hierhin, bald dorthin,— bald ſuͤde, bald oſt⸗, bald weſtwaͤrts, bis es in ganz Irland keinen Weinkeller mehr gab⸗ dem ſie nicht ihren Beſuch abgeſtattet hatten, und deſſen verſchiedene Sorten ſie nicht beſſer kannten, als der Kellermeiſter. Eines Abends, als Billy Mac Daniel ſich wie gewoͤhnlich auf der Haide eingefunden hatte, und eben im Begriff war ins Gebuͤſch zu kriechen, um die zwei Roſſe fuͤr ſich und ſeinen Herrn herbeizu⸗ holen, rief ihm derſelbe zu:„ich brauche heute ein Pferd mehr, Billy, wir werden, hoffe ich, Geſell⸗ ſchaft mit zuruͤckbringen.“— Billy brachte demnach drei Zweige, und war nicht wenig begierig zu erfah⸗ ren, wer wohl mit ihnen zuruͤckkehren wuͤrde; er hoffte ſein Herr wolle vielleicht noch einen Knecht im Dienſt nehmen.—„Wenn das iſt,“ ſprach er vor ſich hin,„ſo ſoll er Nachts ins Gebuͤſch kriechen und die Pferde holen, ich ſehe nicht ein, warum im nicht eben ſo gut den Hertn ſpielen kann als mein Herr.“ Sie ſprengten fort; Billy fuͤhrte das dritte Pferd am Zaum und nicht eher machten ſie Halt, als bis ſie vor der d hir eines anſehnlichen Pachthofes an⸗ 6) — 130— langten. Innerhalb des Hauſes ging es ſehr luſtig her, man ſang und lachte und jubelte. Der kleine Mann, mit dem treſſenbeſetzten Hute und den großen ſilbernen Schnallen, ſaß ab und horchte eine Weile lang hin, dann wandte er ſich ploͤtzlich zu ſeinem Knechte und ſprach:„Billy hoͤre, ich werde morgen tauſend Jahr alt.“ „Gott ſegne's!“ rief Billy erſtaunt. „Sprich dieſes Wort nie wieder aus, oder Du richteſt mich zu Grunde, rief der Zwerg angſtbeklom⸗ men, dann fuhr er fort:„Da ich nun, wie geſagt, morgen tauſend Jahr alt werde, muß ich nachgerade wohl daran denken mich zu verheirathen.“ „Das will ich meinen“ verſetzte Billy,„Ihr habt keine Zeit zu verſaͤumen, wollt Ihr anders je eine Frau nehmen.“ „Zu dieſem Zweck bin ich heute hieher geritten,“ erwiederte der Kleine.„Die Tochter des Pachters drinnen feiert heute ihre Hochzeit,— es iſt eine ſchlanke, huͤbſche Dirne, von guter Familie,— da habe ich denn beſchloſſen ſie ſelbit zur Frau zu neh⸗ men und ſie mit mir hinwegzufuͤhren.“ „Was aber wird der Braͤneiyan dazu ſagen?“ fragte Billy. „Was er Luſt hat,“ antwortete der Zwerg,„Du aßer ſchweigſt, ich habe Dich nicht mit hieher g genonm⸗ * men um Deine albernen Bemerkungen anzuhoͤ⸗ — 131— ren;“— und ohne Weiteres rief er die Zauberworte aus, die Billy wiederholen mußte, und ohne Auf⸗ enthalt ſchluͤpften ſie durch das Schluͤſſelloch, in den Saal wo die Hochzeitsgaͤſte verſammelt waren, und nahmen dort, hoch oben auf dem Gebaͤlke Platz. Billy war an einen ſolchen Sitz nicht gewoͤhnt, und ſaß ſo unſicher da, daß er mit jedem Augenblick fuͤrchtete hinabzuſtuͤrzen; ſein Herr aber machte es ſich ganz bequem und ſaß ganz gemaͤchlich da, die Beine kreuzweis uͤber einander geſchlagen, als ob er ſein Lebelang ein Schneider geweſen waͤre. Herr und Knecht ſchauten nun gemeinſchaftlich hinab in die Verſammlung.— Da ſaßen Braut und Braͤutigam, Brantvater und Brautmutter, der Pre⸗ diger und mehrere Verwandte und Freunde, ſaͤmmt⸗ lich auf das koͤſtlichſte geputzt;— und reichlich war die Tafel beſetzt mit lieblich duftenden Speiſen und trefflichen Getraͤnken. Sehnſuchtsvoll biickte Billy vor ſeinem Oiymp hinab in die Unterwelt, aber er mußte ſein Verlan⸗ gen unterdruͤcken; da begann ploͤtzlich die Braut, gerade als der ſchmackhafte Braten vertheilt war, laut zu nieſen. Niemand am Tiſche ſagte:„Gott helf!“ denn Jedweder war mit ſeinem Teller allzu⸗ ſehr beſchaͤftigt, als daß er an die Brachtung dieſer Foͤrmlichkeit haͤtte denken ſollen. 1320 8 „Ha!“ rief der Zwerg, die Braut mit luͤſternen Blicken betrachtend,„halb iſt ſie ſchon mein, nieſt ſie noch zweimal, ſo iſt ſie ganz mein, trotz Prieſter und Gebetbuch!“ Wieder nieſte die Braut aber ſo leicht, ſo kaum vernehmbar, daß es nur das ſcharfe Ohr des Kleinen zu hoͤren vermochte und alſo auch Niemand daran denken konnte, ihr nach hergebrachter Weiſe„Gott helf!“ zuzurufen. Unterdeſſen aber wirbelte der Bratendampf im⸗ mer hoͤher hinauf; der koͤſtliche Wein perlte in den Bechern und Billy's Sinne wurden von allen die⸗ ſen Lockungen immer mehr und mehr gereizt; nur gedankenlos ſaß er noch da, hinſtarrend auf den blin⸗ kenden Rebenſaft,— da nieſte die Braut zum drit⸗ tenmale und unwillkuͤhrlich entfuhr ihm der Ausruf: „Gott helf“ kaum aber waren dieſe Worte ſeinen Lip⸗ pen entflogen, als auch der kleine Mann mit dem dreieckigten Hute mit knirſchender Stimme ausrief: „ich entlaſſe Dich aus meinem Dienſt, Billy Mac Daniel, dahier nimm Deinen Lohn!“ und mit die⸗ ſen Worten verſchwand er, indem er ſeinen bisherigen Knecht einen ſo gewaltigen Stoß gab, daß der arme Billy von ſeinem erhabenen Sitze hinab, auf den mit Speiſen und Getraͤnken beſetzten Tiſch ſtuͤrzte⸗ War Billy Mac Daniel erſtannt, waren es die e Hochzeitsgaͤſte noch weit mehr; nachdem er aber ſeine Geſchichte erzaͤhlt hatte, ſprach der Geiſtliche ſchnell den Segen uͤber das Brautpaar, worauf Billy Mac Daniel mit der Braut tanzte, und— was ihm noch weit lieber war, mit koͤſtlichem Rebenſafte be⸗ wirthet ward. III. Baron Denon. De Alten fanden, wenn ein großer Mann ſtarb, ſtets am Himmel irgend ein Zeichen, welches mit der ſie in Trauer verſetzenden Begebenheit uͤberein⸗ ſtimmte. Denons Tod ward nun zwar nicht durch atmosphaͤriſche Phaͤnomene verkuͤndet, aber die Kunde deſſelben hat uͤber die Kunſt⸗ und Wiſſenſchaftswelt einen duͤſteren truͤben Nebel verbreitet. Es giebt Menſchen die nie ſterben ſollten, ſo nuͤtzlich ſind ſie ihren Mitlebenden, ſo raſtlos ſind ſie bemuͤht Gutes und Schoͤnes zu foͤrdern. Zu dieſen ſeltenen Maͤn⸗ nern gehoͤrte der Baron Vivant Denon. Er ward in einer kleinen Stadt Burgunds geboren und ſtammte aus einer edlen Familie; beſtimmt an dem Hofe zu glaͤnzen, ward er zuerſt als Kammerpage angeſtellt. Er ſtieg indeß raſch empor, ward nach kurzer Zeit zum Geſandſchafts⸗Secretair ernannt und begleitete den Baron Talleyrand nach Neapel, wo er, waͤh⸗ —— — —— — 135— rend der Abweſenheit des Geſandten, als Chargé d'Affaires zuruͤckblieb, und bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnete Talente und eine ſeltene Auffaſſungsgabe an den Tag legte, welche aber unter einem ſo uner⸗ ſchoͤpflichen Schatz von Witz und Laune verborgen lagen, daß ſie ſich nur dann zeigten, wenn der geiſt⸗ reiche Hofmann dem tiefen Diplomatiker Platz machte. Sein Witz, ſeine Heiterkeit wurden zum Spruͤch⸗ worte; der Laͤcherliche entging ſeiner Geiſel nicht, derſelbe mochte auf einem Throne ſitzen oder in einer uͤtte wohnen. Es war aber auch weit mehr ſein Witz als ſeine politiſche Anſicht, was ihm zur Zeit der Emigranten das Mißfallen der Koͤnigin Maria Caroline von Neapel zuzog. Mit ihrer koͤniglichen Ungnade belaſtet verließ er Neapel und begab ſich nach Venedig; wo er unter dem Namen Chevalier Denon lebte, und durch ſeinen Witz, ſeine Talente und ſeine liebens⸗ wuͤrdigen Eigenſchaften, bald ſo ſehr die beruͤhmte Madame Albrizzi fuͤr ſich einnahm, daß er einer ihrer vorzuͤglichſten Guͤnſtlinge und die Seele ihres geiſt⸗ reichen Zirkels ward. Sie hatte ſein Bild mit allen Schmeichelfarben einer exaltirten und italiaͤniſchen Freundſchaft entworfen. Den Kuͤnſten mit einer Leidenſchaft hingegeben die keine Graͤnzen kannte, waren ſeine Vormittage durchaus dem Studium der⸗ — 126— ſelben, beſonders aber dem Zeichnen und Ma⸗ len gewidmet; gleichſam als habe es ihm ſchon da⸗ mals geahnet, daß er einſt das Gluͤck haben wuͤrde, dieſe ſeine Talente zum Nutzen der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zu verwenden; daß er in den Stand geſetzt werden wuͤrde, mannichfache ſeltene Schaͤtze des Al⸗ terthums den verheerenden Zahne der Zeit, und der noch barbareriſchen Hand der Unwiſſenheit zu entrei⸗ ßen; daß es ihm vorbehalten ſeyn ſollte, Egypten, — welches vormals die Wiege der Wiſſenſchaften und der Gelehrſamkeit, wuͤrdig war der Welt Geſetze zu geben,— neuerdings zum Gegenſtand allgemeiner Be⸗ wunderung zu machen. Obgleich am Hofe erzogen, beſaß Denon den⸗ noch eine Seele, welche jede Tyrannei verabſcheuete und jedes Vorurtheil haßte; und als die Revolution ausbrach erfaßte er, aber wohl nur dem Scheine nach, die Grundſaͤtze derſelben; denn unmoͤglich koͤn⸗ nen wir den Mann fuͤr einen heftigen Jacobiner halten, der ſeinen Revolutionseifer nur verwandte, um viele Ungluͤckliche dem Henkerbeile zu entreißen. Denon ſuchte nicht nur ſeine perſoͤnlichen Freunde zu beſchuͤtzen, Unſchuld und Tugend fanden in ihm ſtets einen lebhaften Vertheidiger; auch begnuͤgte er ſich keineswegs das Leben ſchuldloſer Ungluͤcklichen zu ret⸗ ten; er ſandte ihnen Geld zur Flucht, und trug da⸗ — 137— bei noch obendrein Sorge, daß ſie nie den Namen ihres Schutzengels erfuhren. Die Maske des Revo⸗ tutionseifers, welche Denon vorgenommen hatte, die bei ihm aber nur in Worten beſtand, war ihm auch uͤberdem noch von großem Nutzen bei der Sammlung“ ſeines Cabinetts. Der Verfaſſer dieſes Aufſatzes, welcher das Gluͤck hatte ſich der Freundſchaft dieſes beruͤhmten Mannes zu erfreuen, fragte denſelben ei⸗ nes Tages: wie er im Stande geweſen ſey, ſo viele und ſo mannichfache Schaͤtze aus jedem Gebiete der Kunſt zuſammenzubringen? Denon entgegnete mit einer ihm eigenthuͤmlichen Freimuͤthigkeit:„In der Revolutionszeit, als man die Pallaͤſte und Haͤuſer der Großen pluͤnderte, wurden die Kunſtwerke, welche die Ungeheuer nicht zerſtoͤrt hatten, nach dem Hotel de Bouillon gebracht um dort oͤffentlich verkauft zu werden. Ich miethete mir eine Wohnung in dem Hotel, pruͤfte die Maſſe von Kunſtſchaͤtzen, welche taͤglich herangeſchleppt wurden, und erkaufte, da weder die Pluͤnderer noch Auctionarien die Gegen⸗ ſtaͤnde gehoͤrig zu wuͤrdigen verſtanden, eine große Menge derſelben um geringen Preis, wodurch ich den Grund zu meinem Cabinette legte. Das Gluͤck hat mich ſpaͤterhin auf alle nur erdenkliche Weiſe beguͤn⸗ ſtigt, und alles was es mir zuwarf habe ich zu Gunſten meiner Saminlung verwendet. Koͤnige, * 2— — 138— Fuͤrſten, Edelleute, Große und Gelehrte, alle haben mich mit Beweiſen ihrer Freigebigkeit und ihrer Freundſchaft beehet, und ſo iſt endlich mein Cabinet das geworden, was es jetzt iſt.“ Von Bonaparte erkohren ihn nach Egypten zu begleiten, handhabte Denon bald das Schwerdt, bald den Pinſel; und ſchwer iſt es zu beſtimmen, ob er ſich mehr in den Kuͤnſten als in den Waffen auszeichnete. Sein Frohſinn verließ ihn uͤbrigens nie, ſelbſt nicht im groͤßten Mißgeſchick, ſelbſt nicht bei den haͤrteſten Entbehrungen; es war keine Gefuͤhllo⸗ ſigkeit gegen die Leiden die ihn betrafen, ſondern eine reine Philoſophie welche ihn unter den Uebeln die unvermeidbar waren, aufrecht erhielt. Waͤhrend er die Wuͤſte durchzog, gab Denon mannichfache Beweiſe ſeiner Menſchlichkeit. Diejenigen, welche ſein Cabinet in Paris beſuchten, werden ſich des er⸗ ſchuͤtternden Gemaͤldes erinnern, auf welchem ein Araber in der Wuͤſte vor Hunger und Durſt ſtirbt. Dieſen Stoff hatte Denon der Natur nachgebildet; die Beſcheidenheit des Malers aber verhinderte ihn das Wahre der Geſchichte zu erzaͤhlen; jetzt indeß, da er nicht mehr unter den Lebenden wandelt, waͤre es zu wuͤnſchen, daß eine kunſtgeuͤbte Hand die Bege⸗ benheit ſchilderte, wie ſie ſich wirklich zugetragen; wo wir dann den menſchenfreundlichen Denon als — 139— einen wohlthaͤtigzen Samariter gewahren wuͤrden, wie er mit dem letzten Tropfen Waſſer der ihm ſelbſt nur noch uͤbrig, die Lippen des Arabers labte. Die Augen des Sterbenden allein vermochten ihm ſeinen Dank auszuſprechen, eine heiße Thraͤne quoll aus der erſtarrenden Quelle, er ſtarb in den Armen ſeines großmuͤthigen Wohlthaͤters. Denon kehrte mit Bonaparte nach Frankreich zu⸗ ruͤck, und ſchrieb ſeine:„Reiſe in Ober⸗ und Unter⸗ Egypten waͤhrend der Feldzuͤge des Generals Bona⸗ parte.“ Es waͤre hoͤchſt unnoͤthig, wollten wir hier den Werth eines Werkes naͤher auseinander ſetzen, deſſen Trefflichkelt allgemein anerkannt, und das in faſt alle lebende Sprachen uͤberſetzt worden. Napo⸗ leon bemerkte einſt, indem er auf dieſes Buch deu⸗ tete:„Habe ich auch Egypten verloren, hat es Denon ſich doch zu eigen gemacht.“ Napoleon belohnte die Anhaͤnglichkeit, welche ihm unſer Reiſender bezeigt hatte, und die ausgezeichne⸗ ten Talente deſſelben dadurch, daß er ihm zum Director und zum General⸗Adminiſtrator aller Muſeen und Muͤnzen ernannte. Keine Muͤnze durfte gepraͤgt werden, deren Stempel nicht von Denon ge⸗ billigt worden war, und ihm verdanken demnach alle unter Napoleon geſchlagenen Muͤnzen die Schoͤn⸗ — 140— heit und Gleichheit, welche ſie vor allen uͤbrigen Europa's auszeichnen. 2 Als Pabſt Pius der Siebente nach Paris gekom⸗ men war um Napoleon zu kroͤnen, oder vielmehr, uͤber das gekroͤnte Haupt den apoſtoliſchen Segen auszuſprechen, ward Denon erwaͤhlt um Sr. Heilig⸗ keit die Muͤnze, das Muſeum und die vorzuͤglichſten Buchdruckereien zu zeigen. In Gegenwart des Pabſtes ward das Vater⸗Unſer in 150 verſchiedenen Spra⸗ chen und Dialekten abgedruckt. Pius VII. äaͤußerte ſeine Verwunderung daruͤber und ſprach dann zu Denon gewandt:„Du haſt mir aber noch nicht Dein Werk vorgelegt.“—„Ich wuͤrde es nie gewagt haben, es Ew. Heilichkeit anzubieten“, entgegnete Denon, „Ew Heiligkeit werden ſich erinnern, daß ich von Ihnen excomunicirt ward, weil ich verſucht hatte in meinem Buche den Beweis zu fuͤhren, daß die Welt aͤlter als ſechs tauſend Jahre ſey.“„Pah,“ erwiederte der Pabſt,„Du haſt Dein Handwerk getrieben, ich das meine!(tu fis ton metier et moi le mien.) Gieb mir Dein Buch nur immerhin.“— Als der Vorſchlag gemacht ward, auf dem Platze 3 Vendome zu Ehren der großen Armee und zum An⸗ denken der Schlacht bei Auſterlitz eine Saͤule aufzu⸗„ fuͤhren, welche aus den, dem Feinde abgenommenen Kanonen beſtehen zollte, ward Denon crkohren, die⸗ 1 4„ 2— — 141— ſe Arbeit zu leiten. Die Saͤule des Trajan zu Rom, ſollte als Muſter dienen; Denon aber hat ſein Ur⸗ bild bei weitem uͤbertroffen. Nach dem Sturze Napoleons ward Denon von Ludwig XVIII. in ſeinen Aemtern beſtaͤtigt; nach der Ruͤckkehr des Ex⸗Kaiſers von Elba aber, konnte er den Eingebungen alter Anhaͤnglichkeit und Dankbarkeit nicht widerſtehen, und ſo verlor er denn natuͤrlicher⸗ weiſe ſeinen Platz, als der Koͤnig zum zweitenmale wiederkehrte. Seitdem lebte er in einer gluͤcklichen Unabhaͤngigkeit. Sein Cabinet, welches mehrere Tage in der Woche fuͤr jedermann offen ſtand, ward von Fremden aus allen Laͤndern beſucht, und ſeine Gefaͤlligkeit und Zuvorkommenheit machten ihr ſelbſt zu dem intereſſanteſten Gegenſtande ſeines Mu⸗ ſeums. Waͤhrend der letzten ſieben Jahre hat er die⸗ jenigen Stunden, welche er dem Umgaag mit ſeinen Freunden abſtahl, auf ein Werk:„Geſchichte der Kunſt“ verwandt. Kaum war dieſe ſeine Abſicht bekannt, als auch die Zahl der Suberibenten ſofort vollzaͤhlig war. Er beſchloß auch nicht ein einzi⸗ ges Exemplar mehr drucken zu laſſen, als die Zahl derſelben, welche er auf fuͤnfhundert feſtgeſtellt hatte, erforderte. Dieſes Werk iſt faſt vollendet, und es ſollte Denons Plan zufolge, im Laufe dieſes Jahres erſcheinen. — 142— Sein Verluſt wird ſchwer gefuͤhlt werden. Er war der Beſchuͤtzer des emporkeimenden Genies, dem er mit Lehre und Beiſpiel zur Hand ging, viele der vorzuͤglichſten Kuͤnſtler Frankreichs verdanken ihren Ruhm ſeinem Einfluſſe, ſeiner Theilnahme. Madame Jacquotot, die vorzuͤglichſte Porzellain⸗Malerin Euro⸗ pa's und mehrere andere Damen, wurden zu Kuͤnſt⸗ lerinnen durch Denon, der ſelbſt Kuͤnſtler war, ihnen Rath ertheilte, und ihnen auf jede Weiſe be⸗ huͤlflich war in ihrer Kunſt ſortzuſchreiten. Sein Hang fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht war zum Spruͤch⸗ wort geworden, er hatte dabei eine beſondere Vor⸗ liebe fuͤr Englaͤnderinnen. Viele ſchoͤne Frauen Eng⸗ lands, welche ſein Cabinet beſuchten, werden noch lange in den Productionen ſeines Pinſels leben. Er war geboren um allgemein geliebt zu werden, und lange, lange noch werden ſeinen Verluſt diejenigen beklagen, die ihn kannten, ſeine Talente bewunder⸗ ten und ſeine liebenswuͤrdigen Eigenſchaften ſchaͤtzten⸗ Er ſtarb zu Paris, am Donnerſtag den 28. April 1825 in ſeinem vier und ſiebzigſten Jahre, und behielt ſeinen Frohſinn bei, bis zu dem letzten Augenblick ſeines Lebens. —— IV. Der Flaschenberg. Eine Sage. In jener guten alten Zeit, wo die Feen, Nixen, Elfen und aͤhnliche uͤber⸗ und unterirdiſche Weſen, ſich noch mehr als in unſern ſogenannten aufgeklaͤr⸗ ten Tagen, um das Schickſal der armen Sterblichen bekuͤmmerten, hatte, wie die Volksſage berichtet, ein ehlicher Pachter, Namens Mick Purcell, ein kleines unfruchtbares, ungefaͤhr dreizehn Meilen von der ſchoͤnen Stadt Corck in Irland gelegenes, Stuͤck Land in Pacht genommen. Mick hatte Weib und Kinder, welche ihm nach ihren Kraͤften in der Ar⸗ beit beiſtanden. Das aber wollte leider nicht viel ſagen, denn ſeine Kinder waren noch zu klein, als daß ſie ihm von großem Nutzen haͤtten ſeyn koͤnnen, “ — 144— weshalb ihm auch ſein Weib nur geringen Beiſtand leiſten konnte, alles was ſie that beſtand darin darin, die Kinder zu pflegen, fuͤr ihren Hausſtand etwas zu kochen, die einzige Kuh zu melken und die Milch und Eier nach der nahegelegenen Stadt zu Markte zu tragen; unter ſolchen Umſtaͤnden ward es dem ehrlichen Pach⸗ ter nun ſtets recht ſchwer den Pachtzins zu zahlen. Eine Zeitlang ging es zwar, nun kam aber ein recht ſchlechtes Jahr; der Hagel vernichtete die ganze klei⸗ ne Erndte, die Huͤhner ſtarben an einer Seuche, die in der Gegend allgemein unter dem Federvieh herrſchte, und der arme Mick ſah ſich nunmehr außer Stand geſetzt, den fuͤr zwei Termine ſchuldigen Pachtzins abzutragen. „Was ſollen wir nun anfangen, Molly 2“ ſprach er zu ſeinem Weibe, indem er ſich mit einem gar betruͤbten Geſichte hinter den Ohren kratzte. „Ja was ſollen wir nun anfangen?“ wiederholte die ehrliche Frau,„uns bleibt nichts uͤbrig, als daß Du unſere Kuh auf den Markt nach Corck bringſt und ſie dort verkauft.“ „Und wenn die nun fort iſt?“ fragte Mick traurig. 1 „Ja dann weiß ich wahrlich nicht was wir ma⸗ chen wollen, Mick,“ antwortete ſein Weib,„aber nur getroſt, der Himmel wird uns nicht verlaſſen!“ — 145— „Ja, ja, Du haſt recht, Frau, wir muͤſſen auf Gott vertrauen, hat er uns doch ſchon ſo oft Huͤlfe geſchickt wenn die Noth am groͤßten war,“ erwiederte der ehrliche Pachter etwas beruhigter.„Morgen⸗ bringe ich unſere Kuh auf den Markt, zuvor aber mußt Du mir meinen Rock flicken, Du leißt ere hat ein Loch unter dem Aermel.“ Molly nahm Nadel und Zwirn und beſſerte das Kleid ihres Ehemannes aus, worauf ſich derſelbe am andern Tage auf den Weg machte, nachdem ihm ſeine Frau noch zuvor empfohlen hatte, die Kuh ja nicht anders als zu einem guten Preis loszuſchla⸗ gen. Mick verſprach ihr dieß zu thun und zog ſeines Weges. Schwermuͤthig trieb er ſeine Kuh vor ſich hin. Es war ein ſchöner Tag und hell glaͤnzte die Sonne am wolkenloſen Himmel. Nachdem er ſechs lange Meilen zuruͤckgelegt hatte, erreichte er den Gipfel eines Berges der noch jetzt, nach der Volks⸗ ſage die ich ſo eben meinen freundlichen Leſern mit⸗ theile, der Flaſchenberg genannt wird. Dort fand ſich ploͤtzlich ein anderer Wanderer neben ihm ein. „Guten Morgen,“ gruͤßte der Fremde. „Schoͤnen guten Morgen,“ erwiederte Mick, in dem ihm eigenthuͤmlichen gutmuͤthigen Tone, indem er den Unbekannten anſchauete, der ſo klein war, daß man ihn faſt einen Zwerg haͤtte nennen koͤn⸗ „ an allen Gliedern bebend. nen. Er hatte ein gelbes faltenreiches Geſicht, eine kleine ſpitze Naſe und rothe Augen, welche nie auf einer Stelle ruhten, ſondern raſtlos bald hierhin, bald dorthin blitzten. Von der Geſtalt des Unbe⸗ kannten, deſſen Geſellſchaft dem ehrlichen Mick ganz und gar nicht behagte, ſondern ihm ſogar unheimlich vorkam, konnte der Letztere nichts erkennen, denn trotz der Hitze des Tages war der Kleine vom Kopf bis zum Fuͤßen in einen weiten Mantel gehuͤllt. Mick trieb demnach jetzt ſeine Kuh etwas ſchneller an; der zwerghafte Fremde aber hielt gleichen Schritt mit ihm. Mick wagte es nicht ſeinen Reiſegefaͤhrten zu betrachten, doch kam es ihm vor, als ob derſelbe nicht im Gehen, gleich andern ehrlichen Leuten, einen Fuß vor den andern ſetzte, ſondern geraͤuſchlos wie ein Schatten uͤber den Erdboden dahin gleite. Micks Herz begaan noch heftiger zu pochen, er betete leiſe fuͤr ſich und wuͤnſchte an dieſem Tage nicht ausgegan⸗ gen zu ſeyn. Da nahm ſein Reiſegefaͤhrte, zu ihm gewandt, wieder das Wort: „Wohin wollt ihr mit der Kuh, ehrlicher Mann?“ fragte er. „Auf den Markt nach Corck,“ antwortete Mick, ob des kreiſchenden gellenden Tones des Fremden „ p „Wollt Ihr die Kuh denn verkaufen?“ fuhr der Unbekannte fort. „Ich muß wohl,“ erwiederte der Pachter. „So verkauft ſie mir,“ kreiſchte ſein zwerghafter- Reiſegefaͤhrte. Mick ſchauderte zuſammen, er fuͤhlte gar keine Luſt mit dem ſeltſamen Fremden in irgend ein Ge⸗ ſchaͤftsverkehr zu treten, wagte aber auch nicht den⸗ ſelben eine abſchlaͤgliche Antwort zu geben. „Was wollt Ihr denn fuͤr ſie zahlen?“ ſeasie er endlich. „Hier dieſe Flaſche,“ entgegnete der Kleine, in⸗ dn. er eine ſolche unter ſeinem Mantel hervorzog. Mick blickte bald auf den Zwerg, bald auf die Flaſche, und konnte, trotz der Furcht welche die Naͤhe des Kleinen ihm einfloͤßte, ſich nicht enthalten laut aufzulachen. „Lacht ſo viel Ihr wollt,“ kreiſchte der Fremde, „ich aber ſage Euch daß dieſe Flaſche tc fendmahl mehr werth iſt, als alles Geld was man Euch in Corck fuͤr Eure Kuh zahlen wuͤrde.“ Mick lachte noch lauter als zuvor.„Haltet Ihr mich,“ entgegnete er,„denn wirklich fuͤr einen Narren, daß ihr glaubt ich werde meine Kuh fuͤr eine Flaſche, und zwar fuͤr eine leere Flaſche hin⸗ geben?“ 7* „Geht nur immerhin den Handel ein, es wird Euch nicht gereuen,“ verſetzte der Unbekannte. „Schoͤnen Dank, was wuͤrde meine Frau davon ſagen,“ rief Mick,„das waͤre eine ſaubere Geſchichte, wovon ſollte ich denn meinen Pachtzins vezahlen? wovon Weib und Kind ernaͤhren?“ „Ich wiederhole es Euch,“ nahm der Fremde wie⸗ der das Wort,„dieſe Flaſche iſt Euch nuͤtzlicher als Gel d, nehmt ſie und gebt mir die Kuh dafuͤr, ich mache Euch den Antrag zum letztenmale Mick Purcell!“ „Wie zum Henker,“ dachte der,„wie weiß denn der deinen Namen?“ Der Fremde fuhr fort:„Ich kenne Euch, Mick Pureell, und bin Euch wohl geneigt, hoͤrt mich an: moͤglich daß Eure Kuh ſtirbt bevor Ihr Corck erreicht, moͤglich auch, daß viel Vieh auf den Markt gebracht worden und Ihr fuͤr Euer Thier nur einen ſchlechten Preis bekommt, moͤglich auch, daß man Euch das Geld ſtiehlt ehe Ihr noch daheim anlangt. Aber was ſchwatz ich denn noch ſo viel, ſcheint Ihr doch entſchloßen Euer Gluͤck muthwillig von Euch zu ſtoßen.“ „Ei davor bewahre mich der Himmel,“ verſetzte Mis, durch das Benehmen des Fremden etlgas zu⸗ traulicher gemacht.„Mein Gluͤck von mir ſtoßen, — 149— davor bewahre mich der Himmel! wuͤßte ich wirklich daß Eure Flaſche ſo etwas Vorzuͤgliches waͤre, wie wie Ihr ſagt, ich wuͤrde ſie nehmen, bin ich gleich ein erklaͤrter Freund aller leeren Flaſchen; ich wuͤrde ſie nehmen, ſage ich Ench und meine Kuh dafuͤr geben.“ „Gebt mir die Kuh immerhin, ich will Euch nicht betruͤgen,“ entgegnete der zwerghafte Fremde, „da nehmt die Flaſche und verfahrt, zu Hauſe ange⸗ langt, genau nach der Vorſchrift, die ich Euch geben werde.“ Mick zoͤgerte noch immer. „Ihr wollt nicht, auch gut,“ rief der Unbekannte, „ich habe keine Zeit und muß von hinnen. Ent⸗ ſchließt Euch ſchnell, nehmt Ihr die Flaſche, werdet Ihr ein reicher Mann, ſchlagt Ihr meinen Antrag aus, iſt Armuth Euer Loos, moͤglich daß Euer Weib und Eure Kinder dann Hungers ſterben.¹ Dieſe letzten Worte kreiſchte der Fremde in einem furchtbaren Tone, welcher Mick Purcell mit Entſetzen erfuͤllte; noch immer aber wußte er nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte, endlich aber, gleichſam als habe der Zwerg eine geheimnißvolle Gewalt uͤber ihn ausgeuͤbt, ergriff er die Flaſche. 4Dg nehmt meine Kuh,“ rief er,„habt Ihr mh aber betrogen, wird der Fluch eines Ungluͤcklichen immerdar auf Euch laſten.“ „Ich kuͤmmere mich weder um Euren Fluch noch um Euren Seegen,“ verſetzte der Unbekannte,„aber ich habe Euch die Wahrheit geſagt, Mick Purcell, Ihr werdet Euch davon noch heute uͤberzeugen, wenn Ihr das thut was ich Euch ſagen werde.“ 2* „Und was iſt denn das?“ fragte Mick. „Zu Hauſe angelangt,“ fuhr der Fremde fort, „kuͤmmert Euch wenig darum, wenn Euer Weib ſchilt, daß Ihr ſtatt einer Summe Geldes nur eine leere Flaſche heimbringt; zankt nicht mit ihr, laßt ſie aber das Zimmer huͤbſch ſauber auskehren und ein reines Tiſchtuch uͤber den Tiſch decken, dann kehrt die Flaſche um, und ſprecht folgende Worte:„Fla⸗ ſche thue Deine Pflicht;“ was dann geſchieht, wer⸗ det Ihr ſehen.“ „Und das waͤre Alles?“ fragte Mick. „Ja“ antwortete der Fremde,„und nun lebt wohl Mick Purell, Ihr ſeyd nun ein reicher Mann.“ „Das wolle Gott geben!“ ſeufzte der Pachter, als der zwerghafte Unbekannte die Kuh jetzt vor ſich hintrieb, er ſeinerſeits aber den Heimweg einſchlug, wobei er indeß nicht umhin konnte, ſich nach dem Kaͤufer ſeines letzten Eigenthums immer wieder und — erzaͤhle mir Alles.“ Mick Dir nicht ſagen— weiß er es doch ſelbſt nicht.“ wieder, und ſo lange umzuſchauen, als ihn ſeine Blicke noch zu erreichen vermochten. Die Flaſche in der Hand haltend, ſetzte jetzt Mick eine Weile lang ſeinen Weg ruhig fort.„Was ſollte ich wohl anfangen, zerbraͤche ſie mir?“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und um den zerbrechlichen Ertrag ſo viel als moͤglich zu ſchuͤtzen, ſchob er die Flaſche un⸗ ter ſein Wamms, und eilte nun, ſo raſch ihn ſeine Fuͤße nur von dannen zu tragen vermochten, heim⸗ waͤrts; denn ihn verlangte ungemein darnach die Wunderkraft der Flaſche auf die Probe zu ſtellen, wobei er ſeine Bruſt bald von froher Hoffunng, bald von nagender Beſorgniß erfuͤllt fuͤhlte. Zu Hauſe angelangt, fand er ſein Weib vor dem Kamine ſitzend, in welchem ein hellloderndes Feuer brannte.„Du kannſt ja unmoͤglich ſchon in Corck geweſen ſeyn,“ rief ſie ihm entgegen.„Was iſt dir begegnet? wo iſt die Kuh? haſt Du ſie verkauft? wie viel bekamſt Du fuͤr ſie? geſchwind, geſchwind Mick Purcell machte ein etwas langes Geſicht, denn er ſcheuete ſich den glaͤſernen Kaufſchilling zum Vorſchein zu bringen.„Wenn du mich geduldig an⸗ hoͤren willſt,“ entgegnete er,„ſollſt du Alles erfah⸗ ren. Wo aber die Kuh jetzt iſt— ſieh', das kann — 152— „So haſt Du ſie alſo verkauft?“ fragte die Frau eifrig,„wo haſt Du denn das Geld!“ „Geduld, Geduld, Molly, ich will dir alles er⸗ zahlen verſetzte der Pachter. „Was iſt denn das fuͤr ein Flaſche da unter Dei⸗ nem Wamms!“ fragte Molly. „Ruhig, ruhig, ſollſt Alles erfahren,“ erwiederte Mick, indem er die Flaſche hervor zog und ſie auf den Tiſch ſtellte.„Sieh', Molly, das iſt Alles, was ich fuͤr unſere Kuh bekommen habe.“ Das arme Weib ſtand da wie vom Blitz getrof⸗ fen.„Großer Gott, das waͤre Alles?“ ſtammelte ſie,„Mick, Mick, ſprich, haſt Du den Verſtand verloren! Wovon ſollen wir nun den Pachtzins zahlen! wovon ſollen wir leben!“ Mick erzaͤhlte ihr nun, um ſie zu beruhigen, wie er auf einen kleinen alten Mann geſtoßen— und wie dieſer ihm die Kuh abgehandelt habe; da gerieth die gute Fran gewaltig in Zorn, ſie ſprang zum Ti⸗ ſche, ergriff die Flaſche, und war ſchon im Begriff ſie ihrem Ehemanne an den Kopf zu wenfen, als der Pachter ſie noch zum Gluͤck daran verhinderte, ihr den Ertrag ſeiner Kuh entriß und ihn wieder unter ſein Wamms ſchob. Weinend und laut jammernd ſank nun die arme Molly auf einen Stuhl; Mick 4— — 153— aber ſuchte ſie zu beruhigen und wiederholte ihr noch⸗ mals die Worte des Zwerges. Was war zu thun? die Kuh war nun doch ein⸗ mal fort, und halb hoffend, halb zweifelnd griff das gute Weib zum Beſen und begann, dem Gebot des geheimnißvollen Fremden zufolge, die Stube zu ſaͤu⸗ bern. Darauf ſchob ſie den Tiſch in die Mitte des Zimmers, deckte ein reines Tiſchtuch daruͤber und nun kehrte Mick die Flaſche um und ſprach:„Fla⸗ ſche thue deine Pflicht!”“ Kaum waren dieſe Worte ſeinen Lippen entflogen, als, zum Erſtaunen der gan⸗ zen kleinen Familie welche mit weitgeoͤffneten Maͤu⸗ lern daſtand, zwei winzige Maͤnnerchen mit Blitzes⸗ ſchnelle aus der Flaſche ſprangen und in einem Nu den Tiſch mit goldenen und ſilbernen Schuͤſſeln be⸗ ſetzten, auf denen die koͤſtlichſten Gerichte dampften, worauf ſie ſich, ſo ſchnell wie ſie gekommen waren, wieder in die Flaſche hinein begaben. Mick und ſein Weib ſtanden einen Augenblick lang ſprachlos da und blickten ſtaunend auf den Tiſch; ſolche Schuͤſſeln, ſol⸗ che Gerichte hatten ſie in ihrem Leben nicht geſehen, die Bewunderung derſelben raubte ihnen faſt den Ap⸗ petit. Die Frau fand indeß endlich die Sprache wie⸗ der:„Komm her, Mick, und ſetze Dich,“ rief ſie ihrem Ehemanne zu,„komm, komm, wir wollen 0 — 154— doch einmal koſten, mußt Du doch nach Deinem Gange von heute ohnehin hungrig ſeyn!“ „Siehſt Du, Molly, der Kleine hat mich doch nicht betrogen,“ jubelte Mick, und ſofort ſetzte er ſich und nahm mit ſeiner Familie ein tuͤchtiges Mahl ein, konnten ſie gleich nur von der Haͤlfte der Speiſen koſten, in ſo reichlichem Maße waren ſie vorhanden. „Nun ſoll's mich doch verlangen“, nahm Molly, nachdem ſie ſich ſo recht guͤtlich gethan hatte, das Wort,„nun ſoll's mich doch verlangen, wie die gu⸗ ten kleinen Herren es anfangen werden, die Dinge hier wieder wegzuſchaffen.“—— Sie warteten und warteten, als aber niemand erſchien, raͤumte Molly die goldenen und ſilbernen Schuͤſſeln ſorgfäͤltig bei Seite, und ſprach zu ihrem Eheherrn gewandt: „Er hat wirklich Wort gehalten, der kleine Kaͤufer unſerer Kuh, wir ſind ganz reiche Leute.“ * Mick und ſein Weib legten ſich darauf zu Bette, nicht aber um zu ſchlafen, ſondern um daruͤber nach⸗ zudenken, wie ſie es anzufangen haͤtten, das koſtbare Geraͤth um einen guten Preis an den Mann zu bringen, und ſich von dem Ertrage Aecker und Wie⸗ ſen zu kaufen. Mick begab ſich am naͤchſten Tage nach Corck, veraͤußerte das Gold⸗ und Silbergeraͤth, handelte Wagen und Pferde ein, bezahlte ſeinen — ³½ — 155— Pachtzins und erfreuete ſich nunmehr mit den Sci⸗ nigen eines ſorgenloſen Lebens. Sie hielten die Wunderkraft der Flaſche vor jedermann ſo geheim als moͤglich; deſſenungeachtet aber kam ihr ſchlauer Gutsherr dahinter. Er beſuchte ſie eines Tages, wunderte ſich uͤber die Wohlhabenheit des Pachters, und drang mit Fragen ſo lange in den ſchlichten ehr⸗ lichen Landmann, bis dieſer ihm endlich die Wahr⸗ heit geſtand. Der Gutsherr bot ihm nunmehr eine große Summe Geldes fuͤr die Flaſche; Mick lehnte aber den Antrag ab, bis ihm der Gutsherr endlich ſaͤmmtliche Laͤndereyen, die er von ihm in Pacht hatte, fuͤr die Flaſche bot, worauf Mick Purcell, welcher ſich nunmehr reich genug glaubte, endlich den Vorſtellungen des pfifſigen Kaͤufers nachgab und ihm die Wunderflaſche uͤberließ.— Aber wie ſehr hatte ſich Mick getaͤuſcht! Des Reichthums unge— wohnt, warfen er und die Seinigen nunmehr das Geld mit vollen Haͤnden weg, er ward immer aͤrmer und aͤrmer, und endlich blieb ihm, um kurz von der Sache zu reden, zuletzt nichts uͤbrig, als eine einzige Kuh; und neuerdings zog er mit dieſer, wie mit der vorigen nach Corck, hoffend, unterwegs wie vormals den kleinen alten Mann anzutreffen, und von ihm eine zweite Wunderflaſche einzuhandeln. * — 156— Es war ganz fruͤh eines Morgens als er ſich auf den Weg machte, und raſtlos trieb er die Kuh vor ſich hin, bis er den Gipfel des Flaſchenberges er⸗- reichte. Noch hatte ſich der Nebel an den Bergen gelagert und verhinderte ihn, hinab in das Thal zu ſchauen; die Sonne ſtieg zu ſeiner linken Hand em⸗ por, und aus ihrem graſigen Nachtlager erhob ſich die Lerche, um ihr freudiges Morgenlied himmelan zu jubeln. Mick aber war in dieſem Augenblick gefuͤhllos fuͤr die Schoͤnheiten eines Sonnenaufgangs, er dachte nur an den Zwerg und die Wunderflaſche, und war nicht wenig erfreut, als dieſer auch wirk⸗ lich auf dem hoͤchſten Gipfel des Berges, ploͤtzlich wie hingezaubert, vor ihm daſtand.„Nun, Mick Pur⸗ cell,“ kreiſchte er dem Pachter entgegen,„hatte ich nicht Recht als ich Euch verkuͤndete, daß ihr ein reicher Mann werden wuͤrdet?—“ „Ihr habt mich wahrlich nicht betrogen,“ erwie⸗ derte Mick, indem er ſich hinter den Ohren kratzte, „ich ward ein reicher⸗Mann— jetzt aber— bin ich wieder ſo arm wie zuvor, und moͤchte Euch gern hier meine Kuh fuͤr eine zweite Flaſche verkaufen.“ „Euer Wunſch ſoll erfuͤllt werden“ grinſete der Zwerg,„hier iſt die Flaſche, Ihr wißt ja was Ihr damit zu thun habt.“ So ſprechend reichte er dem Pachter den glaͤſer⸗ nen Kaufſchilling hin, erfaßte die Halfter der Kuh und war im naͤchſten Augenblicke ſammt derſelben vor Mick Purcell's Blicken verſchwunden; welcher dar⸗ auf freudeerfuͤllt, ſo raſch er konnte, nach Hauſe eilte. Gluͤcklich langte er dort an, und ſo wie er ſeine Frau gewahrte, rief er jubelnd aus:„Da, Molly, ſieh her, ich bringe eine andere Flaſche!“ „Du Gluͤcksbote!“ jauchzte die ehrliche Frau, und ſofort kehrte ſie die Stube aus, ſo ſauber wie moͤg⸗ lich, ſchob den Tiſch zurecht und deckte ein reines Tiſchtuch daruͤber, worauf Mick Purcell die Flaſche umkehrte und den Wunderſpruch:„Flaſche thue deine Pflicht,“ ausrief. Kaum aber war derſelbe von ſei⸗ nen Lippen erſchollen, als auch mit Blitzesſchnelle (wie ſie in der Flaſche Platz ſinden konnten, kann ich meinen freundlichen Leſern nicht berichten) aus dem Wunderbehaͤlter hervor zwei ungeheure Rieſen, mit dicken Knotenſtoͤcken in den Faͤuſten, ſprangen, und unſern armen Mick nebſt Weib und Kind furchtbar durchpruͤgelten, bis ſie, vom Schmerz uͤberwaͤltigt, zu Boden ſanken, worauf die gigantiſchen Zuchtmeiſter, eben ſo ſchnell wie ſie gekommen waren, wieder in die Flaſche ſchluͤpften. Als Mick ſein Bewußtſeyn wieder erlangte, rich⸗ tete er ſich auf und ſchaute angſtvoll um ſich, ob die Bearbeiter ſeiner Gliedmaßen auch noch im Zimmer vorhanden waͤren. So wie er ſich nun aber uͤber⸗ zeugte, daß ſie verſchwunden waren, half er ſeinem Weibe und ſeinen Kindern wieder vom Boden auf, ſagte ihnen, ſie moͤchten ſich troͤſten ſo gut ſie koͤnn⸗ ten, ſchob die boͤſe Wunderflaſche in ſein Wamms, und begab ſich zu ſeinem Gutsherrn, welcher ſo eben eine glaͤnzende, zahlreiche Geſellſchaft bei ſich verſam⸗ melt hatte. Ein Diener mußte ihn melden, und ſo⸗ fort trat der Hausherr zu ihm heraus und fraate nach ſeinem Begehren. „Ich bringe hier noch eine zweite Flaſche, Herr,“ ſprach Mick. „Der Tauſend,“ rief der Gutsherr,„iſt ſe denn eben ſo wunderthaͤtig als die Erſte!“ „Das will ich meinen,“ laͤchelte der Pachter. „ſie beſitzt wahre Rieſenkraft. Wenn es Euch gefaͤl⸗ lig iſt, kann ſich dieſelbe ſogleich vor allen Euren Gaͤ⸗ ſten bewaͤhren.“ 4 „Herein, herein, geſchwind,“ verſetzte der Guts⸗ herr, und ſofort zog er unſern Mick mit ſich in die — 159— Halle, in der ſich eine große Menge von geputzten Herren und Damen befand, und wo der Pachter ſeine erſte, Schuͤſſeln und Speiſen ſpendende Flaſche, hoch oben auf dem Geſimſe ſtehend, gewahrte.„Ha, ha,“ laͤchelte er vor ſich hin, indem er zu ihr hin— auf blickte;„Dich will ich bald wieder mein nennen.“ „Jetzt zeigt uns was Eure Flaſche vermag,“ rief der Gutsherr; Mick ſtellte ſie auf den Tiſch, ſprach die Zauberworte— und im naͤchſten Momente waren der Hausherr und ſeine ſaͤmmtlichen Gaͤſte, Herren und Damen, von den auf Micks Zauberwort ſofort erſcheinenden zwei Rieſen gepackt, zu Boden geworfen und mit den Knotenſtoͤcken windelweich durchgepruͤgelt. „Halt ein, halt ein,“ ſchrie der Gutsherr,„ſchafft mir die beiden Wuͤthrige vom Halſe, Mick, oder ich laſſe Euch haͤngen!“ 1 „Sie follen,“ entgegnete der Pachter,„ſo lange auf Euch lospruͤgeln, bis ich meine rechte Flaſche, die dort oben auf dem Geſimſe ſteht, wiedererhalte.“ „Langt ſie ihm herab, ſonſt ſchlagen ſie uns todt,“ gebot der Hausherr. Mick ſchob die rechte Flaſche unter ſein Wamms; die Rieſen ſchluͤpften in die zweite, und mit beiden Wunderflaſchen begab ſich nun Mick wie⸗ der nach Hauſe. -///—————ꝑꝑꝑꝑ-— Jetzt will ich meinen freundlichen Leſern nur noch in der Kuͤrze berichten, wie Mick von nun an immer reicher ward, wie ſein Sohn die einzige Tochter ſeines Gutsherrn heirathete, wie er und ſein Weib erſt im ſpaͤten Alter ſtarben, wie ſeitdem jener Berg der Flaſchenberg genannt wird, und wie damit meine Erzaͤhlung zu Ende iſt. V. Der Mundersee. Eine Sage. Ganz nahe bei der Stadt Corck in Irland befindet ſich ein großer See, auf dem ſich zur Winterzeit die Bewohner der Stadt mit Schlittſchuhlaufen be⸗ luſtigen; die Oberflaͤche dieſes Waſſers aber ſteht demjenigen weit nach, was in deſſen Tiefe zu ſchauen. Dort ſieht man Gebaͤude und Gaͤrten, ſchoͤner als irgendwo auf der Oberflaͤche der Erde; wie dieß Al⸗ les dorthin kam, das ging, einer in Irland herr⸗ ſchenden Volksſage nach, auf folgende Weiſe zu: Lange, noch ehe ein ſaͤchſiſcher Fuß den irlaͤndi⸗ ſchen Boden betrat, regierte dort ein großer Koͤnig, Namens Corck, deſſen Pallaſt in der Mitte eines weiten gruͤnen Thales, grade da ſtand, wo ſich jetzt der See befindet. In der Mitte des Schloßhofes ——ÿ — 162— war ein Brunnen mit ſchoͤnem cryſtallhellem Waſſer, das ſo rein und klar war, daß jedermann, der es koſtete, daruͤber erſtaunte. Ungemein war der Koͤnig erfreut die ſeltene Waſſerquelle zu beſitzen; da aber, je mehr ſich ihr Ruf verbreitete, die Menge ſich von nahe und ferne herandraͤngte daraus zu ſchoͤpfen, be⸗ fuͤrchtete er, daß der Brunnen ausgeleert werden moͤchte, und gebot ihn zu ſchließen und mit einer hohen Mauer zu umgeben; einen Befehl, welchen er ſelbſt dann nicht widerrief, als eine große Duͤrre eintrat und ſeine armen Unterthanen ungemeinen Mangel an Waſſer litten. Selbſt das Waſſer deſſen er fuͤr ſich ſelbſt be⸗ durfte, mußte ſeine eigene Tochter ſchoͤpfen, denn er vertrauete keinem ſeiner Diener die Sehlafſe zu dem Brunnen an. Eines Abends gab der Koͤnig ein großes Gaſtma und es waren viele Fuͤrſten und edle Herren bei ihm verſammelt; und man ſchmauſte und zechte, und tanzte und jubelte, und jedermann ward willkommen geheißen. Unter den Gaͤſten aber befand ſich ein junger Prinz, noch reicher und maͤchtiger als alle Uebrigen, noch ſchoͤner und anmuthsvoller von Geſtalt als irgend ein anderer der Anweſenden. Er tanzte faſt ausſchließlich mit der reizenden Tochter des Koͤnigs; drehte ſichmit ihr leicht wie eine Feder in dem froͤhlichen Kreiſe herum und jedermann bewunderte das liebliche Paar. * z ———— — 163— Von ihren grazioͤſen Wendungen belebt, ſpielten die Muſtkanten noch raſcher auf, und der Prinz und die Prinzeſſin tanzten nunmehr, als ob der Tanz der einzige Zweck ihres Daſeyns geweſen waͤre. Nach beendi gtem Balle ſetzte man ſich zur Abendtafel:; der junge Prinz nahm Platz neben der ſchoͤnen Taͤnzerin, welche ihm bei jedem Worte, das er ſprach, huldvoll anlaͤchelte. Als man nun ſo eine Weile lang geſchmauſt und gezecht hatte, ſprach einer von den hohen Gaͤſten zu dem Koͤnig gewandt:„Auf der Tafel Ew: Majeſtaͤt iſt traun Alles im großen Ueberfiuſſe vorhanden, man findet Alles wonach das Herz nur verlangen kann, nur eines fehlt— das Waſſer.“ „Waſſer!“ wiederholte der Koͤnig, erfreuet die Trefflichkeit ſeiner Quelle neuerdings bewaͤhren zu koͤnnen.„Waſſer ſollt Ihr bekommen, und zwar ſo ſchoͤnes und klares Waſſer, wie Ihr es in der ganzen Welt nicht findet. Meine Tochter,“ fuhr er darauf zu der Nachbarin des jungen Prinzen gewandt, fort, „begieb Dich hinab und ſchoͤpfe Waſſer mit dem gol⸗ denen Geſchirr, welches ich zu dieſem Endzwecke fer⸗ tigen ließ.“ Die Tochter ſchien eben nichr geneigt vor ſo vielen Gaͤſten das Geſchaͤft der Waſſertraͤgerin zu verſehen, und blickte bei der Aufforderung ihres Vaters, den — 164— ſie doch nicht zu widerſprechen wagte, ſchweigend vor ſich nieder. Der Koͤnig, welcher dieß merkte, ſein Wort doch aber nicht zuruͤcknehmen wollte, ſann auf Mittel ſie zur ſchleunigen Erfuͤllung ſeines Wunſches zu bewegen.„Meine Tochter“ ſprach er nach kurzem Nachdenken,„ich wundere mich nicht, daß Du An⸗ ſtand nimmſt zu ſo ſpaͤter Stunde allein nach dem Brunnen zu gehen, ich zweifle indeß nicht, daß der junge Prinz, Dein Nachbar, ſich ein Vergnuͤgen dar⸗ aus machen werde, Dich zu begleiten.“— Der Prinz vernahm dieſe Worte mit großer Freude, erfaßte das goldene Trinkgeſchirr, reichte ſeiner ſchoͤnen Nach⸗ barin die Hand und uͤhrte ſie zur Halle hinaus. Unten im Schloßhofe vor dem Brunnen angelangt, oͤffnete die reizende Prinzeſſin ſorgfaͤltig die Thuͤr, als ſie aber darauf mit dem goldenen Geſchirr hinab⸗ ſtieg um Waſſer zu ſchoͤpfen, ward ihr das Gefaͤß zu ſchwer, ſie verlor das Gleichgewicht und ſtuͤrzte in den Brunnen. Vergebens bemuͤhte ſich der Prinz ſie zu retten, das Waſſer ſtieg immer hoͤher und hoͤher und uͤberſtroͤmte mit Blitzesſchnelle den ganzen Schloß⸗ hof, ſo daß der Prinz verzweiflungsvoll wieder zu⸗ ruͤck zum Koͤnige eilte. Da er indeß die Thuͤr des Brunnens offen gelaſſen hatte, wogte das lange eingeſchloſſen gehaltene Waſſer, gleichſam als wollte es jetzt die wiedererlangte Frei⸗ bei der Stadt Corck, dicht an der nach Kinſale fuͤh⸗ heit ſo recht in vollem Maaße genießen, mit jedem Augenblicke immer hoͤher und hoͤher heran, und dem Prinzen mit furchtbarer Schnelligkeit folgend, ſtroͤmte es in die Halle ſo wie er die Thuͤr oͤffnete, ſo daß ſich der Prinz, als er dem Koͤnig den Vorgang be⸗ richten wollte, ſchon bis an den Hals in Waſſer be⸗ fand; endlich ſtieg die Fluth zu einer ſolchen Hoͤhe, daß ſie das ganze Thal fuͤllte, in dem der Palaſt des Koͤnigs gelegen war, und ſo entſtand der oben er⸗ waͤhnte, unfern der Stadt Corck in Irland befind⸗ liche, See. Der Koͤnig und ſeine Gaͤſte aber ertranken, der Volksſage nach, nicht; auch ſeine ſchoͤne Tochter kam nicht ums Leben; denn in der naͤchſten Nacht, nach dieſer furchtbaren Begebenheit, kehrte ſie in die Halle zu der Geſellſchaft zuruͤck; wo ſeitdem allnaͤchtlich gezecht, geſchmauſt und getanzt werden ſoll, bis es irgend jemand gelingt das goldene Trinkgeſchirr, wel⸗ ches die Koͤnigstochter in den Brunnen fallen ließ⸗ aus dem See heraus zu holen.. Sollte irgend einer meiner freundlichen Leſer die⸗ ſem meinem Berichte nicht Glauben beimeſſen und den Wunſch hegen ſich daruͤber voͤllige Gewißheit zu verſchaffen, muß ich denſelben erſuchen eine kleine Spazierfahrt nach Irland zu unternehmen, wo er — 166— renden Landſtraße, den obenbeſchriebenen Wunderſee finden wird, in welchem man noch, bis auf den heu⸗ tigen Tag, wenn das Waſſer klar und niedrig iſt, die Thuͤrme und Gebaͤude des koͤniglichen Palaſtes ganz deutlich ſchauen kann, ohne daß man noͤthig haͤtte eine Brille aufzuſetzen. —— VI. Der Schützling. Erzaͤhlung. Der Abend des dritten Septembers des Jahres 1651 ſank herab, und zu Eaſtwickhouſe, einem in dem Thale Eveshan an dem Ufern Avon gelegenen Land⸗ gute, war noch immer keine Kunde von der Schlacht vor Worcheſter angelangt. Der Hausherr Ezechiel Hurſt⸗ bourn berief zu der gewoͤhnlichen Stunde ſeine Fa⸗ milie und ſeine Leute zuſammen, um im Verein, mit 1 ihnen von dem Ewigen Heil fuͤr die gute Sache zu erflehen. Waͤhrend er nun in der bilderreichen, kraͤf⸗ tigen Sprache der heiligen Schrift innige Gebete zum Himmel hinauf ſandte, fuͤr das Wohl derjenigen from⸗ men Bruͤder, welche eben jetzt fuͤr das Wort des Herrn kaͤmpften, vereinigte ſeine kleine Gemeine eif⸗ — rig ihre Andacht mit der ſeinigen. Als er aber dar⸗ auf fortfuhr in derſelben eindringlichen Redeweiſe, die Fluͤche des Allmaͤchtigen herabzurufen, auf die Verruch⸗ ten, auf die Kinder Belials, welche zu Gunſten Karl Stuarts, gegen die erwaͤhlten Streiter des Herrn die Waffen fuͤhrten;— da ſtimmte ein Herz in der Ver⸗ 4 ſammlung nicht mehr in das Gebet der Uebrigen mit ein. Die Wange der lieblichen Roſa Hurſtbourn erblich, als die furchtbaren Worte ihres Großvaters in ihr Ohr drangen, ihre Lippen weigerten ſich jene Fluͤche gegen ihre Mitmenſchen, gegen ihre Landsleute, wie ſtraf⸗ bar ihr dieſelben auch geſchildert worden waren, aus⸗ zuſprechen; und ſchweigend ſaß ſie nunmehr da, die Intoleranz ihrer Familie beklagend. Die Andachtsuͤbung war zu Ende; die Diener wurden entlaſſen. Roſa kniete zu den Fuͤßen ihres Großvaters nieder, und empfing ſeinen feierlichen Se⸗ gen; worauf ſie ihrer Mutter, der Witwe des einzi⸗ gen Sohnes des Herrn Ezechiel Hurſtbourn, auf ihr Zimmer folgte. Mit kindlicher Sorgfalt war ſie hier der Magd behuͤlflich, ihre Mutter zu entkleiden und zu Bette zu bringen; denn Miſtreß Huſtbourn litt, ſeit vielen Jahren ſchon, an geiſtiger und koͤrperlicher Schwaͤche; Leiden welche durch das mannigfache Un⸗ gemach das ſie erfahren, und durch den fruͤhen Ver⸗ luſt ihres Gatten, der als Streiter fuͤr die ſogenannte 82 ———— — 169— gute Sache den Tod fand, uͤber ſie herbeigerufen worden waren. Nach ſeinem Dahinſcheiden hatte ihr Schwiegervater die kranke, troſtloſe Wittwe zu ſich ins Haus genommen, wo ſie ſich ſeitdem mit Roſa, ihrem einzigen Kinde, aufgehalten hatte. Nachdem ſie ihrer kindlichen Pflicht nachgekom⸗ men war, begab ſich die holde Roſa auf ihr Gemach und ſuchte ihr Lager. Die Angſt aber, welche ſie empfunden, hielt den Schlaf fern von demſelben. Geboren zu Anfange der Streitigkeiten zwiſchen Karl dem Erſten und ſeinem Parlamente, erzogen von ihrem Großvater, einem eifrigen Puritaner und en⸗ thuſiaſtiſchen Vertheidiger der republikaniſchen Grund⸗ ſaͤtze, war Roſa ein wahrhaftes Kind der Zeit, und trotz ihrer Jugend, trotz ihrer weiblichen Sanftmuth, wuͤnſchte ſie doch eben ſo ſehr, wie ihr Großvater, daß die ſogenannte Rebellion zu Gunſten Karls des Zweiten unterdruͤckt werden moͤchte, wobei nun noch der Gedanke: wie Eaſtwickhouſe dem Schlachtfelde ſo nahe gelegen ſey, und wie der Feind, falls Crom⸗ wells Armee geſchlagen werden ſollte, leicht die ganze Gegend uͤberſchwemmen koͤnne, ihre qualvolle Unruhe vermehrte. Nach einer ſchlafloſen Nacht erhob ſie ſich am naͤchſten Morgen, ſo wie der Tag zu daͤm⸗ mern begann, von ihrem Lager, warf ſich ſchnell in ihre Kleider und ſchlich ſich unbemerkt aus dem Hauſe . 8 — ĩꝑſjſpf,—— 170— hinaus, um wo moͤglich Kunde von dem Ausgange der wichtigen Schlacht zu erhalten. Eaſtwickhouſe, wenn gleich jetzt der Wohnſitz und das Eigenthum des vormaligen Brauers Ezechiel Hurſtbourn, war demſelben indeß nicht durch Erbſchaft zugefallen. Dieſer Landſitz gehoͤrte ſeit Jahrhunderten der beruͤhmten Familie Greſſingholm an, ward aber, als der edle Be⸗ ſitzer im Laufe des Buͤrgerkrieges England verließ, ſequeſtrirt und von dem nunmehrigen Eigenthuͤmer um einen billigen Preis erkauft. Diejenigen Theile der ausgedehnten Gaͤrten, die nicht unmittelbar be⸗ nutzt werden konnten, waren von dem Herrn Hurſt⸗ bourn vernachlaͤſſigt worden, und nur die unruhigen Zeiten hatten verhindert, daß mehrere Ruinen und zeberreſte vormaliger Pracht noch nicht abgetragen und der Raum, den ſie einnahmen, zum Kornbau beſtimmt worden waren. Roſa hatte, von ihrer fruͤheſten Jugend an, ihre muͤßigen Stunden in dieſen verwilderten Gaͤrten und unter dieſen Truͤmmern verlebt, und oft hoͤrte ſie den jetzigen verfallenen Zuſtand derſelben von dem alten Gaͤrtner beklagen, deſſen Geſchaͤft nunmehr darauf beſchraͤnkt war, den Tiſch ſeines Herrn mit Fruͤchten und Gemuͤſen zu verſorgen, der aber vor Zeiten, denn er hatte ſchon der Familie Greſſing⸗ holm gedient, ſeine nicht unbedeutenden Kennt⸗ — 171— niſſe zur Verſchoͤnerung der Gaͤrten verwenden konnte.. Auch an dem Morgen, von dem wir jetzt eben erzaͤhlten, und der fuͤr ſie verhaͤngnißvoll werden ſollte, lenkte ſie ihre Schritte dorthin. Als ſie uͤber die grasbewachſenen Truͤmmer dahineilte, konnte ſie einen tiefen Seufzer bei dem Gedanken nicht unter⸗ druͤcken: daß ihr, nur pecuniairen Gewinn berechnen⸗ der, Großvater beſchloſſen hatte, dieſe ihr liebgewor⸗ denen Ruinen fortſchaffen zu laſſen. Sorgen gewich⸗ tigerer Art verdraͤngten indeß bei ihr in dieſem Au⸗ genblicke bald wieder jene leichtere Bekuͤmmerniß, und raſchen Schrittes eilte ſie uͤber die verfallenen Stufen und durch die verwachſenen Laubgaͤnge hin, hoffend, Jemandem zu begegnen, der ihr von der letzten Schlacht Kunde geben koͤnne. Da aber ward ihr weiteres Fortſchreiten ploͤtzlich durch einen Gegenſtand gehemmt, deſſen Anblick ſie mit Schrecken und Entſetzen erfuͤllte. Ein Mann mit Blut bedeckt, lag regungslos und dem Anſcheine nach todt, auf einer der niedrigen Terraſſen. Roſa wollte eilig zuruͤckkehren, ihre Menſchlichkeit aber beſiegte ſchnell ihre natuͤrliche Furcht, und ſofort naͤ⸗ herte ſie ſich nun dem verwundeten Fremden, um zu unterſuchen, ob fuͤr ihn noch Rettung moͤglich ſey. Sein langes Haar und ſeine koſtbare, wenn gleich 8* —õ—ÿyÿy— —yyy — 172— mit Staub und Blut bedeckte, Kleidung beurkunde⸗ ten, daß er der koͤniglichen Partei angehoͤre, und neuerdings war Roſa im Begriff, zu entfliehen. Es war aber doch ein Menſch,— moͤglich daß ſie ihn retten konnte, und ſo kniete ſie denn neben ihm nieder und beſpritzte ſein Antlitz mit kuͤhlendem Waſ⸗ ſer, das ſie aus einem unfernen, halb verfalienen Brunnen ſchoͤpfte. Der Fremde, uͤber den Erſchoͤpfung und Blutver⸗ luſt nur eine Ohnmacht herbeigefuͤhrt hatten, ſeufzte tief auf, oͤffnete die Augen, und dieſe ruhten nun⸗ mehr auf der lieblichen Geſtalt Roſa's, deren Tracht ihm ſofort verkuͤndete, daß ſie zu den Puritanern und alſo zu ſeinen Feinden gehoͤre. Als dieſe Ent⸗ deckung ſich den wiederkehrenden Sinnen des Ver⸗ wundeten aufdrang, ſuchte er ſich emporzuraffen und fragte:„Wo bin ich? In den Haͤnden der Rund⸗ koͤpfe*)? Unmoͤglich! ein ſo holdes Geſchoͤpf kann nimmer einer ſo verwuͤnſchten Race angehoͤren.“ Eine hohe Gluth uͤberflog Roſa's Wange, waͤh⸗ rend ſie in einem ſanften Tone erwiderte:„Auf je⸗ den Fall habt Ihr, der Huͤlfloſe, Verwundete, nichts zu befuͤrchten— wenigſtens von mir nicht.“ *) Die Puritaner, welche kurz abgeſchnittenes Haar tru⸗ gen, wurden bekanntlich Roundheads oder Rundkoͤpfe genannt. 8 2 „Wo bin ich denn!“ wiederholte der Fremde, in⸗ dem er, von ſeiner Schwaͤche uͤberwaͤltigt, zuruͤck auf den Raſen ſank. „In den Gaͤrten von Eaſtwickhouſe,“ war die Antwort. Neuerdings raffte ſich der Fremde auf, eine dunkle Roͤthe uͤberflog auf einen Augenblick ſeine bisher blei⸗ chen Wangen und voll Erſtaunen wiederholte er: „Von Eaſtwickhouſe?“—— Roſa achtete indeß nicht auf den Ton, mit dem er dieſe Worte ausſprach, ſondern fragte theilneh⸗ mend, was ſie fuͤr den Augenblick zur Erleichterung ſeiner Leiden thun koͤnne? Der Fremde blickte ſie ſchweigend und pruͤfend an, dann entgegnete er, ſtatt ihre Frage zu beant⸗ worten:„Und Du, Maͤdchen, die Du einem ver⸗ wundeten Feinde Dein M itleid ſchenkſt, wer biſt Du?“ „Die Enkelin des Beſitzers von Eaſtwickhouſe,“ erwiederte Roſa;„aber was kuͤmmert es Euch, wer ich bin, ſagt mir lieber, was ich für Such thun kann!“ Der Verwundete blickte ſie noch forſcherder an. „Wie?“ fragte er,„Du waͤreſt die Enkelin des fa⸗ natiſchen Ezechiel Hurſtbourn? Unmoͤglich! Du biſt — 174— ein Schutzengel, vom Himmel herabgeſandt, den Rechtglaͤubigen gegen jene Ketzer beizuſtehen.“ Die fromme Roſa erſchrak.„Ich bitte Euch,“ flehete ſi ſie,„entwuͤrdigt eine ſo heilige Benennung nicht, indem Ihr ſie einer ſündhaſten Sterblichen ſpendet.“ „Wie Du willlſt, Maͤdchen,“ verſetzte der Fremde, indem er wieder zuruͤck auf den Raſen ſank;„Du magſt uͤbrigens ein Engel oder eine Puritanerin ſeyn, von Dir habe ich gewiß keinen Verrath zu be⸗ fuͤrchten. 37 „Gewiß nicht— o nein, ganz gewiß nicht,“ wiederholte Roſa, indem ſie ihre kleine Hand be⸗ theuernd auf ihre Bruſt legte;„aber was ſoll ich fuͤr Euch thun? Hier koͤnnt Ihr nicht bleiben, und wo?— wo? ſoll ich Euch verbergen? Ihr ſeyd zu ſchwach, um Euch irgend wo anders hin zu be⸗ geben.“ „Das bin ich,“ antwortete der Fremde;„meine, Flucht von Worcheſter hieher hat meine Kraͤfte voͤl⸗ lig erſchoͤpft; mein verwundetes Pferd ſank unter mir zuſammen, und nur mit der groͤßten Anſtreng⸗ ung gelang es mir, mich weiter zu ſchleppen.“ Eine kurze Pauſe erfolgte. Endlich nahm Roſa zoͤgernd wieder das Wort.„Hinter jenem alten Gemaͤuer dort,“ ſprach ſie,„befindet ſich ein halb⸗ — 175— verfallenes Gemaͤuer, welches nur ſelten gebraucht wird.— Es ſoil vormals den zahlreichen Jagdhun⸗ den der Familie Greſſingholm zum Obdach gedient haben.— Dort koͤnntet Ihr Euch einige Stunden verborgen halten.“— Der Fremde ſchauderte bei dieſem Vorſchlage zu⸗ ſammen, war aber in ſeiner huͤlfloſen Lage gezwun⸗ gen, denſelben anzunehmen, und ſchwankte nun, auf Roſa geſtuͤtzt, dem oben genannten Orte zu. Als ſte in das verfallene, niedrige Gebaͤude traten, ſandte Roſa traurig ihre Blicke umher.„Das iſt hier eine ſchlechte Wohnung fuͤr einen Verwundeten,“ ſeufzte ſie;„aber ich wuͤßte in der That nicht, wo ich Euch ſonſt ſicher unterbringen ſollte. Wollte ich auch An⸗ ſtalt treffen, Euch ein Bett zu beſorgen, ſo koͤnnte das leicht zur Entdeckung Eures Aufenthalts fuͤhren.“— „Da waͤre ich allerdings noch ſchlimmer daran,“ entgegnete der Fremde;„lieber will ich mich behel⸗ fen. Vielleicht findet ſich hier in dem Hundehauſe ein wenig Stroh, ein Lager zu bereiten.“ Kaum hatte er dieſe Worte mit großer Bitterkeit hervorgeſtoßen, als auch ſchon Roſa aus einem Win⸗ kel ein Bund Stroh hervorholte, und davon ſo gut wie moͤglich ein Lager bereitete. Nachdem dieß ge⸗ ſchehen war, begab ſich Roſa hinaus, kehrte aber bald wieder zuruͤck mit einer Schaale Milch und et⸗ — 176— was Leinwand, um die Wunden ihres Kranken, ſo gut ſie konnte, zu verbinden. Der Fremde hatte ei⸗ nen Saͤbelhieb in den Kopf und einen andern in den Arm bekommen; beide Verletzungen aber waren an ſich keineswegs gefaͤhrlich und nur durch die Anſtreng⸗ ung des Fluͤchtlings einigermaßen bedeutend ge⸗ worden. Dieſer trank begierig die ihm dargebotene Milch und ſchien von dem erfriſchenden Trunke wie neu be⸗ lebt. Darauf gab er ſich willig der Pflege ſeines eifrigen, wenn gleich unerfahrnen Wundarztes hin, welcher ihm mit zitternden Haͤndchen mehrere Locken abſchnitt und ihm Haupt und Arm gar ſorgſam ver⸗ band. Nachdem ſie dieſes menſchenfreundliche Geſchaͤft vollbracht hatte, gewahrte Roſa erſt, daß ihr Kran⸗ ker jung und huͤbſch ſey, eine Entdeckung, welche ihr das Blut in die Wangen trieb. Ihre Blicke ſenkten ſich vor den ſeinigen zu Boden, ſie begann zu zittern und ſprach in einem leiſen Tone:„Ich muß Euch jetzt verlaſſen; wenn es aber irgend moͤg⸗ lich iſt, werde ich im Laufe des Tages zuruͤckkehren und mich bemuͤhen, Eure Lage weniger unangenehm zu machen. Auf jeden Fall aber ſeht Ihr mich die⸗ ſen Abend wieder.“ So ſprechend verließ Roſa den verwundeten Frem⸗ den, und eifrig bemuͤhete ſie ſich nunmehr, ihre Gei— ſtesgegenwart wenigſtens einigermaßen wieder zu ge⸗ winnen, bevor ſie zu der Morgenandacht der Fami⸗ lie gerufen werden wuͤrde. Erſt als ſie auf ihrem gewoͤhnlichen Platze auf ihren Knieen lag und die Stimme ihres Großvaters vernahm, welcher ſein Dankgebet hinauf zu dem Ewigen ſandte, daß er ſeinen auserwaͤhlten Streitern den Sieg verliehen und die Boͤsgeſinnten zu Schanden gemacht habe, gedachte Roſa wieder der Angſt, die ſie ruͤckſichtlich des Ausganges der geſtrigen Schlacht empfunden und die ſie ſo fruͤh aus dem Hauſe getrieben hatte. Die Kunde von der gaͤnzlichen Niederlage ſeiner Partei ſteigerte nun noch das Mitleid, welches die menſchenfreundliche Roſa fuͤr den ihr vom Zufall zu⸗ gefuͤhrten Schuͤtzling bereits hegte, und noch im Laufe des Vormittags fand ſie Gelegenheit, ſich mit einem Korbe ſchoͤner Fruͤchte nach der Ruine zu ſchleichen. Der Fremde war auf ſeinem Strohlager in einen ſo feſten Schlaf verſunken, daß ihn Roſa’s leichte Schritte nicht erweckten, und ohne von ſei⸗ nen ausdrucksvollen Blicken geſtoͤrt zu werden, konnte die holde Jungfrau nunmehr ihren Pflegling mit voller Muße betrachten. Nachdem ihre Augen eine Zeit lang auf ſeinen ſchoͤnen Zuͤgen geweilt hatten, ſeufzte ſie bei dem Gedanken: daß ein ſo anmuths⸗ G) — 178— voller junger Mann einer ſo boͤſen Sache angehoͤre. Darauf ſtellte ſie den Korb mit Fruͤchten neben den Schlummernden und ſchlich ſich eben ſo leiſe wieder von dannen, als ſie gekommen. Als der Abend hereingebrochen war, wagte ſie es, aus einem der entlegenſten Gemaͤcher des, fuͤr die Familie des jetzigen Eigenthuͤmers, viel zu geraͤumi⸗ gen Herrenhauſes ein Paar wollene Bettdecken zu nehmen, und ſofort ſchlich ſie ſich mit denſelben durch ne Hinterthuͤr zu dem Verwundeten, in der Ab⸗ ſicht, ihm die Mittel zu bringen, ſich wenigſtens vor der kalten Nachtluft zu ſchuͤtzen. Ihr Pflegling uͤber⸗ ſchuͤttete ſie mit Dankbarkeitsverſicherungen und aͤu⸗ ßerte ſein inniges Bedauern, durch ſeinen Schlaf um ihren letzten Beſuch gebracht worden zu ſeyn. Roſa war zu unruhig, um ſeinen Worten zu horchen, be— ruͤhrten ſie gleich recht freundlich ihr Ohr. Sie bebte, wenn ſie daran dachte, daß dieſer ihr naͤchtli⸗ cher Ausflug entdeckt werden koͤnne; ſie zitterte bei dem Gedanken, ſich ſo ganz allein in der Dunkel⸗ heit bei einem Fremden zu befinden; und allen Ver⸗ ſuchen des Verwundeten, ſie noch laͤnger bei ſich zu⸗ ruͤckzuhalten, Widerſtand leiſtend, flog ſie von dan⸗ nen und gelangte gluͤcklich und unbemerkt zuruͤck in das Haus. Eine Zeit lang ſetzte mnmmeht Roſa ihre Beſuche ———— 7 bei dem Fremden auf die nehmliche Weiſe fort. So wie der Morgen zu daͤmmern begann, ſchlich ſie ſich nach ſeinem Zufluchtsorte, brachte ihm an Lebens⸗ mitteln dasjenige, was ſie ſich hatte verſchaffen koͤn⸗ nen, und ſpendete ſeiner Pflege die Augenblicke, die ſie ſich abmuͤßigen konnte. In dieſer Hinſicht ward ſie mit jedem Tage dreiſter und unternehmender, keine Bitte aber vermochte ſie zu bewegen, ihren Abendbeſuch zu wiederholen. Im Laufe der Unterredungen, welche jetzt zwi⸗ ſchen den beiden, auf eine ſo wunderbare Weiſe zu— ſammengefuͤhrten, jungen Leuten ſtattfanden, began⸗ nen indeß die Dankbarkeitsaͤußerungen des Fremden nach und nach einen leidenſchaftlichern Charakter an⸗ zunehmen. Eine ſolche Sprache war dem Ohre Ro⸗ ſa's neu, und wann ward ſie wohl je zum erſtenmal mit Gleichguͤltigkeit vernommen? Nun aber gar bei dieſer Gelegenheit, wo das Geſtaͤndniß der Liebe von Lippen abgelegt wurde, die es nur ihr zu verdanken hatten, daß ſie ſich nicht auf immer ſchloſſen; nr der Schleier des Geheimnißvollen das Verhaͤltniß der beiden jungen Leute noch romantiſcher machte. Kaͤtte Roſa nicht mehr als ein Weib ſeyn muͤſſen, wenn ſich nicht ihr bisher freies Herz zu dem ſchoͤnen, ein⸗ nehmenden Sprecher hingeneigt? Der Liebhaber unterrichtete nunmehr ſeine ange⸗ ——. EEſ“ — 180— betete Retterin, daß er ſich Lionel Greſſingholm nenne und der einzige Sohn des verbannten Lord Greſſingholm ſey, des rechtmaͤßigen Beſitzers der Herrſchaft, auf der der Erbe derſelben jetzt in einem Hundeſtalle Schutz ſuchen mußte! Er habe, ſagte er, nach der Schlacht von Worcheſter ſeine fluͤchti⸗ gen Schritte hierher gelenkt, hoffend, in der ihm wohlbekannten Gegend, eher als irgendwo anders, einen Zufluchtsort zu finden. Auch haͤtte er ſich mit der troͤſtenden Ausſicht geſchmeichelt, von irgend ei⸗ nem der vormaligen Unterthanen oder Diener ſeines Vaters Beiſtand zu erhalten. Ob in dieſer Ruͤckſicht auf etwas zu rechnen ſey, wuͤnſchte er jetzt von ſei⸗ ner Beſchuͤtzerin zu erfahren. Roſa erbebte ſchon bei dem bloßen Gedanken, ein ſo wichtiges Geheimniß irgend Jemandem, wer es auch immer ſeyn mochte, anzuvertrauen. Sie ge⸗ ſtand indeß oft mit ſchwerem Herzen, daß Lionel Manches beduͤrfe, was ihm zu verſchaffen außer ih⸗ rer Macht ſtaͤnde, wolle ſie anders keinen Argwohn erwecken. Nach vielem hin und her Ueberlegen fiel es ihr endlich ein, daß der alte Gaͤrtner noch immer ſehr an der Familie Greſſingholm haͤnge, waͤhrend er die ihrige eben nicht mit guͤnſtigen Augen be⸗ trachte. Ihr Geliebter bat ſie, den Mann auszu⸗ forſchen und ihn hierher nach ſeinem Zufluchtsorte 1 — — 181— zu bringen, falls ſie glaube, daß man ihm trauen koͤnne. Wenn gleich ungern, willigte Roſa dennoch ein, und ſofort machte ſie ſich nun an dies Geſchaͤft, welches bei der Einſylbigkeit des alten Robert Bar⸗ rett in der That keine leichte Aufgabe war. Sie ging demnach mit der groͤßten Vorſicht zu Werke; als ſie aber als letzte Pruͤfung dem alten Gaͤrtner erzaͤhlte, wie ſie vernommen habe, daß der Erbe ſeines vorigen Herrn in der Schlacht von Worcheſter verwundet worden, verrieth Barrett eine ſolche Theil⸗ nahme, daß Roſa's Beſorgniſſe gaͤnzlich gehoben wur⸗ den und ſie ihm unverholen Lionels jetzigen Aufent⸗ halt offenbarte. 3 3 Der Gaͤrtner vernahm dieſe Kunde mit großem Schrecken und verſprach, ſeinen vormaligen jungen Herrn mit Einbruch der Nacht zu beſuchen und ihn mit moͤglichſter Vorſicht mit denjenigen Bequemlich⸗ keiten zu verſehen, die Roſa ihm nicht verſchaffen konnte. Von dieſem Augenblick an bekam Lionel Greſ⸗ ſingholm's armſeliges Wohnung ein etwas weniger trauriges Anſehen. Barrett verſah ihn mit einem bequemeren Lager, beſſerte die alte Ruine aus, ſo daß der Regen nicht hineindringen konnte, und ver⸗ ſorgte ihn, mit Huͤlfe ſeiner Frau und Tochter, mit friſcher Waͤſche und ſtaͤrkenden Nahrungsmitteln. ——— — — 182— Die Furcht, welche der alte Gaͤrtner vor ſeinem jetzi⸗ gen Gebieter hatte, verhinderte ihn indeß, ſich ſelbſt nicht allzuoft nach Lionels Zufluchtsort zu begeben, welcher demnach die oben benannten Bequemlichkei⸗ ten groͤßtentheils durch Barretts Tochter Nancy em⸗ pfing, einem Maͤdchen ungefaͤhr von Roſa's Alter⸗ Trotz der Beſorgniſſe, welche Roſa ruͤckſichtlich eines Geheimniſſes hegte, um das jetzt ſo viele Men⸗ ſchen wußten, lonnte ſie ſich dennoch uͤber die ver⸗ beſſerte Lage ihres Schuͤtzlings nur freuen. Sie fuhr fort, ſich dann und wann im Laufe des Tages zu ihm zu ſchleichen und ihm Milch, Fruͤchte oder aͤhn⸗ liche Erfriſchungen zu bringen. Ihr laͤngſter Beſuch aber fand ſtets fruͤh Morgens ſtatt, wo Lionel ſich aus ſeinem Schlupfwinkel heraus wagte, um in Ge⸗ ſellſchaft ſeiner Geliebten eine halbe Stunde der freien Luft zu genießen. Anfaͤnglich hatte er, jedoch nur vergebens, in ſie gedrungen, ihn doch einmal Abends wieder zu beſuchen, ſeit einiger Zeit aber hatte er aufgehoͤrt, dieſes ungeziemenden Verlangens zu erwaͤhnen; auch ſchien in der That ſein ganzes Betragen gegen ſie eine Veraͤnderung erfahren zu haben. Die Leidenſchaftlichkeit ſeiner Rede dauerte zwar fort, aber die kuͤhne Vertraulichkeit, die er ſich hatte erlauben wollen und die Roſa nur Muͤhe hatte zuruͤckweiſen koͤnnen, war faſt gaͤnzlie ——-— — 183— verſchwunden und in eine faſt ehrerbietige Zaͤrtlich⸗ keit uͤbergegangen; eine Veraͤnderung, welche durch Urſachen herbeigefuͤhrt worden war, mit denen wir jetzt unſere freundlichen Leſer naͤher bekannt machen wollen. 1 Als Roſa Hurſtbourn's Schoͤnheit zuerſt Eindruck auf den leichtſinnigen Lionel Greſſingholm machte, betrachtete er ſie nur als ein Spielwerk fuͤr die Stunden ſeines Verborgenſeyns; und wenn auch dann und wann der Gedanke: wie verbrecheriſch es ſey, ſeine Retterin verderben zu wollen, in ihm emporſtieg, verjagte er ihn ſchnell wieder, denn er betrachtete ſein Vorhaben nur als eine gerechte Rache an den verhaßten Rundkoͤpſen, die ihn und die Sei⸗ nigen zu Grunde gerichtet hatten, die daran Schuld waren, daß er, der rechtmaͤßige Erbe von Eaſtwick⸗ houſe, jetzt in einem Hundeſtalle Zuflucht ſuchen mußte. Zum Gluͤck aber war Lionel noch zu jung und nicht Wuͤſtling genug, um in ſeiner Bruſt jedes beſſere Gefuͤhl zu unterdruͤcken. Roſa's fromme Ein⸗ falt, ihr ſo argloſes Vertrauen, ihre reine Unſchuld verbreiteten einen Zauber uͤber ihr ganzes Weſen, der bei ihrem Geliebten bald edlere Empfindungen hervorrief und ihn bewog, den Gedanken ſie zu ver⸗ derben, mit Abſcheu zu verwerfen. Greſſingholm ——— ſ t — 184— dieſer Liebe ſorglos hin, ohne an die Zukunft zu denken, waͤhrend er den feſten Entſchluß faßte, wohl Acht zu haben, daß ihn ſeine Leidenſchaftlichkeit nicht verleite, ihren Seelenfrieden zu ſtoͤren.. Sein nunmehriges zarteres Benehmen machte ihn begreiflicherweiſe ſeiner Geliebten mit jedem Tage theurer, und das verfallene Gebaͤude, das ihm Ob⸗ dach gewaͤhrte, ward bald ausſchließlich der Gegen⸗ ſtand aller ihrer Wuͤnſche. Sie fuͤhlte ſich uͤber alle Beſchreibung gluͤcklich, und maͤchtig draͤngte es ſie, auch Andere gluͤcklich zu machen. Ihre Froͤmmig⸗ keit ward noch inniger, ihre Sorgfalt fuͤr ihre kranke Mutter noch aufmerkſamer, noch zaͤrtlicher, ja ſelbſt der ehrerbietige Gehorſam, mit dem ſie bisher be⸗ muͤht geweſen war, den Willen ihres ſtrengen Groß⸗ vaters zu erfuͤllen, ging uͤber in eine ſanfte Bereit⸗ willigkeit, ſeinen Wuͤnſchen zuvor zu kommen. Konnte ſie gleich die Freude nicht theilen, welche ihre Fami⸗ lie ob des uͤber die Boͤsgeſinnten erfochtenen Sieges empfand, fuͤhlte ſie ſich doch in ſich ſelbſt ſo gluͤck⸗ lich, daß ſie freudig und von ganzem Herzen in die Dankgebete der Ihrigen mit einſtimmte, kaum wiſ⸗ ſend, weshalb dieſelben zu dem Ewigen hinaufae⸗ ſandt wurden. Zwar ward ihr Entzuͤcken wohl dann und wann durch einige Betrachtungen getruͤbt; aber ſechszehn ——— — 185— Jahre ſind nicht das Alter des Nachdenkens, und wenn Roſa demnach auch nicht jenen Beſorgniſſen leichtſinnig Schweigen gebot, wußte ſie doch Beru⸗ higungsgruͤnde dafuͤr aufzufinden. Der Leichtſinn, mit welchem Greſſingholm uͤber alle ernſte Gegen⸗ ſtaͤnde ſprach, ſeine Gleichguͤltigkeit, um nicht zu ſa⸗ gen, Verachtung gegen alle religioͤſen Gebraͤuche, mach⸗ ten ſie oft tief bekuͤmmert und fuͤr ſeine Zukunft er⸗ beben. Aber dann war er wieder ſo liebenswuͤrdig, ſo wahrhaft gut, daß ſie immer bald wieder der Ueberzeugung Raum gab, wie ſeine Irrthuͤmer nur aus Unwiſſenheit und Gewohnheit entſprungen waͤ⸗ ren, und wie Studium und Nachdenken ſie mit der Zeit gewiß verbannen wuͤrden. Sie hoffte ver⸗ trauungsvoll auf ſeine Bekehrung, und wenn der entzuͤckende Gedanke, daß ſie vielleicht vom Schick⸗ ſal erkohren worden, dieſelbe herbeizufuͤhren, in ih— rer Bruſt erſtieg, kannte ihre Freude keine Graͤn⸗ zen. Dieſe ihre Hoffnung wuchs mit jedem Tage; denn was ſie auch immer ſagen und vorbringen mochte, Lionel horchte ihren Worten mit zaͤrtlicher, ſchweigender Aufmerkſamkeir. In dieſen ihren Unterredungen wurden ſie auch nie geſtoͤrt, denn obgleich Roſa ihren geliebten Schuͤtzling taͤglich und zu verſchiedenen Stunden beſuchte, fand ſie ihn doch ſtets allein; ein Umſtand, — — — — 186— welche ihr endlich auffiel.„Wenn mir nicht Manches verkuͤndete, daß Barrett hier geweſen,“ bemerkte ſie eines Tages, zu ihrem Geliebten ge⸗ wandt,„wahrlich, ich wuͤrde glauben, daß er Dich vernachlaͤſſige. Wie kommt es, daß ich ihn nie hier antreffe?“. „Er haͤlt es fuͤr paſſend, mich nur Abends zu beſuchen, meine ſuͤße Roſa,“ antwortete Lionel;„es vergeht uͤbrigens ſelten ein Tag, an dem ich nicht ihn oder wenigſtens jemand von ſeiner Familie ſehe.“ „Von ſeiner Familie?“ wiederholte Roſa ſchnell; „kkommt Nancy Barrett etwa auch Abends hier⸗ her?“ Roſa war keineswegs eiferſuͤchtig auf die ſo eben genannte Tochter des Gaͤrtners, war dieſe gleich ein recht huͤbſches Maͤdchen; auch verhinderte ſie ihre eigene Seelenreinheit, von den etwaigen ſpaͤten Be⸗ ſuchen der Jungfrau bei ihrem Geliebten Gefahr fuͤr dieſelben zu fuͤrchten; aber ihr richtiger Takt, ihr Zartgefuͤhl nahmen doch einen großen Anſtoß daran, und ſo ward denn jene Frage durch ein ihr ſelbſt un⸗ erklaͤrbares, unangenehmes Gefuͤhl herbeigefuͤhrt. Lionels Benehmen bei dieſer Gelegenheit war kei⸗ neswegs geeignet, ſie zu beruhigen; ein hohes Roth uͤberflog ſeine Wange und mit einem erzwungenen 0 —— —— den Gaͤrtnerstochter, dann und wann wieder vor — 187— Laͤcheln erwiederte er:„Nancy Barrett, die Tochter des Gaͤrtners, meinſt Du?— ei nun ja, wird ſie mit den Lebensmitteln hergeſandt, kommt ſie zuweiken Abends, wie ihr Vater und ihre Mutter.“ „Das iſt ſehr unrecht von den alten Leuten, die Tochter zu dieſem Geſchaͤft zu gebrauchen,“ bemerkte Roſa eifrig. „Und weshalb?“ fragte Greſſingholm.„Noͤch⸗ teſt du lieber, daß ſie mich den Rundroͤpfen verrie⸗ then und bei Tage herkaͤmen!“”“ Roſa ſchuͤttelte ihr Koͤpfchen.„Barrett koͤnnte ſelbſt kommen,“ entgegnete ſie;„es ziemt einem jungen Maͤdchen nicht, Nachts allein umher zu wan⸗ dern.“ „Sie bleibt ja im Park, und ihr ſpaͤtes Ausblei⸗ ben kann bei der Gaͤrtnerstochter nicht auffallen,“ verſetzte Greſſingholm und war nun ſofort bemuͤht, das Geſpraͤch auf andere Gegenſtaͤnde zu lenken, wel⸗ ches ihm auch ſo gut gelang, daß Roſa in der an⸗ ziehenden Unterhaltung mit ihrem Geliebten der huͤb⸗ ſchen Nancy bald nicht weiter gedachte. In ihren einſamen Stunden— und einſame Stunden hatte ſie recht oft, ſelbſt in Geſellſchaft ihres Großvaters und ihrer Mutter— trat indeß das Bild der nied⸗ lichen, ihren Schuͤtzling in ſpaͤter Stunde beſuchen⸗ — 188— ihre Seele und erregte bei ihr unangenehme Em⸗ pfindungen. Unterdeſſen war der Monat September zu Ende gegangen, und die kuͤrzeren Octobertage drohten den Morgenzuſammenkuͤnften der Liebenden ein Ziel zu ſetzen. Lionels Wunden waren jetzt vollkommen ge⸗ V heilt, und trotz ſeiner Leidenſchaft fuͤr Roſa, trotz V der Unterhaltung, welche ihm die huͤbſche Gaͤrtners⸗ tochter zu gewaͤhren vermochte, begann den jungen Mann dennoch ſehnſuchtsvoll aus ſeiner Verborgen⸗ heit fort, wieder hinaus in die Welt zu verlangen, V und er ſprach jetzt von der Art und Weiſe, wie er ſeine Flucht bewerkſtelligen koͤnne. Eine ſolche Rede durchſchnitt Roſa's Herz, gleich⸗ ſam als haͤtte ſie eine ſolche Begebenheit nie erwar— tet, als haͤtte ſie geglaubt, ihr Geliebter wuͤrde ſeine noch uͤbrigen Tage in dem Hundeſtalle ſeines vaͤterli⸗ chen Erbes zubringen. Jetzt aber leuchtete ihr ploͤtz⸗ lich das Unvermeidbare ſeiner Abreiſe ein, ſie wider⸗ ſetzte ſich derſelben keinesweges, aber ſie ſtand da, ſchweigend, regungslos und tief bekuͤmmert. Lionel blickte ſie einen Augenblick erſchuͤttert an, dann erfaßte er ihre Hand und wollte weiter reden; — Roſa aber, durch dieſe Bewegung aufgeſchreckt, hob plöͤtzlich ihr niedergeſenktes Auge zu ihm empor. „Noch nicht,“ rief ſie,„o nur jetzt noch nicht darfſt — 189— Du Deinen Zufluchtsort verlaſſen, man iſt noch in der Verfolgung Karl Stuarts begriffen, jeder Fluͤcht⸗ ling ſchwebt in der groͤßten Gefahr.“ Nach einigem Zoͤgern gab Lionel den Vorſtellun⸗ gen ſeiner Geliebten nach, verſprach, vor der Hand noch zu bleiben, und Roſa's Herz fuͤhlte ſich unge⸗ mein erleichtert. Drei oder vier Tage vergingen darauf, ohne daß Greſſingholm ſeiner Flucht weiter gedachte; dagegen aber ſchien etwas auf ſeinen Lippen zu ſchweben, das er nur mit Muͤhe zuruͤckzupreſſen ſchien. Roſa be⸗ merkte es zwar, da ſie aber befuͤrchtete, ihn neuer⸗ dings von ſeiner Abreiſe reden zu hoͤren, wagte ſie es nicht, darnach zu fragen. Seitdem die Liebe fuͤr ihren Schuͤtzling ihr gan⸗ zes Herz erfuͤllte, hatte Roſa den Berichten ihres Großvaters uͤber die oͤffentlichen Angelegenheiten nur wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt. Um ihres Gelieb⸗ ten willen aber horchte ſie von nun an ſorgſam auf jedes Wort, das auf die Verfolgung des oben ge⸗ nannten Prinzen Bezug hatte, und getreulich uͤber⸗ brachte ſie jenem, was ſie vernommen. Als ſie ihm einſt berichtete, wie ſich die Republikaner ſchmeichel⸗ ten, jetzt endlich dem koͤniglichen Fluͤchtling auf der Spur zu ſeyn, aͤußerte Lioncl afeig den Wunſch an — 190— der Seite ſeines Koͤnigs zu ſeyn und ihn mit ſeinem Leben beſchuͤtzen zu koͤnnen. 8 Mit Thraͤnen in den Augen fragte Roſa in ei⸗ nem halbvorwurfsvollen Tone:„Verlangt Dich denn ſo ſehr darnach, mich zu verlaſſen?“ „Meine Roſa,“ antwortete Greſſingholm mit Zaͤrt⸗ lichkeit,„meine Roſa weiß, daß ich mich freiwillig nie von ihr trennen wuͤrde; ſie weiß aber auch, daß die Pflicht dem Manne gebieten kann, ſelbſt von dem Gegenſtande ſeiner hoͤchſten Anbetung zu ſcheiden.“ „Anbeten ſollſt Du mich nicht, das waͤre ja ſuͤnd⸗ haft,“ entgegnete die fromme Roſa;„aber weshalb Dich ſo ganz fuͤr den, den Du Deinen Koͤnig nennſt, opfern? Du haſt ja ſchon fuͤr ihn gekaͤmpft, geblu⸗ tet; warum nicht jetzt, da ſeine Sache ohnehin ver⸗ loren iſt, die Guͤltigkeit des Parlaments anerkennen? — Mein Großvater,“ fuͤgte ſie zoͤgernd und hoch⸗ erroͤthend hinzu,„mein Großvater wuͤrde dann als Belohnung Deiner Unterwerfung gewiß meine Haud in die Deine legen.“ „Das hieße Abtruͤnnigkeit und Hochverrath be⸗ lohnen,“ fiel Lionel lebhaft ein.„Nein, Roſa, ſo theuer Du mir auch biſt, eh' ich Dich um einen ſolchen Preis erkaufte, wuͤrde ich Dir auf immer entſagen. Aber weine nicht, mein Maͤdchen, weing nicht,“ fuhr er in einem ſanfteren, beruhigenden 8 ³₰ * — 191— Tone fort, als er ſah, daß, ob der Heftigkeit ſeiner Rede, ihr die Thraͤnen uͤber die Wangen hinabroll⸗ ten.„Du mußt nicht weinen; ich hege ganz andere Hoffnungen!“ „Und welcher Hoffnung koͤnnteſt Du Dich ſonſt hingeben?“ fragte Roſa in einem niedergeſchlagenen Tone. Lionel ſchlug ſeinen Arm um ſie und bedeckte ihre Hand mit ſeinen Kuͤſſen.„Der Hoffnung,“ fuuͤſterte er,„daß meine theure Roſa, die Geliebte meines Herzens, die beengende Schranke des Vorurtheils muthig durchbrechen und mit mir aus dieſer Hoͤhle der Rebellion und der blutgierigen Froͤmmelei ent⸗ ſliehen werde, um als meine Gattin an dem Hofe zu erſcheinen, den ſie zu ſchmuͤcken geboren ward.“ Roſa machte ſich aus ſeiner Umarmung los und richtete auf ihn einen Blick, aus dem Erſtaunen, Traurigkeit und Mißbilligung ſprachen. Greſſingholm wollte ſie neuerdings in ſeine Arme ſchließen.„Wes⸗ halb dieſer vorwurfsvolle, ſchwermuͤthige Blick, meine Roſa?“ fragte er.„Mein Vorſchlag enthaͤlt ja nichts, was Zweifel an meiner Ehre erwecken und die Dei⸗ nige auch nur im mindeſten verletzen koͤnnte.— Hier koͤnnen wir nicht mit einander verbunden werden; hahen wir aber erſt jenes Land erreicht, wo keine Verraͤther nach meinem Leben trachten, ſoll Peieſter⸗ 192— hand den Bund unſerer Herzen heiligen und unſere Haͤnde in einander legen.“ Wenn auch dieſe Worte von Roſa vernommen wurden, ſie machten dennoch keinen Eindruck auf ſie; ſie entwand ſich ſeiner Umarmung und entgegnete in einem ergreifenden Tone:„Du weigerſt Dich, meine Bitte zu erfuͤllen und jenen Koͤnig von Schottland zu verlaſſen, kannſt Du gleich durch ein ſolches Be⸗ nehmen zur voͤlligen Sicherheit— ja zum Beſitz mei⸗ ner Hand gelangen— und dennoch begehrſt Du von mir, daß ich meine heiligſten Pflichten verletzen— daß ich mich insgeheim von denjenigen trennen ſoll, denen ich Alles verdanke— von der kranken, huͤlflo⸗ ſen Mutter, die hienieden keinen Troſt, keine Stuͤtze hat, als mich?— Lionel, Du kannſt nicht wuͤn⸗ ſchendaß ich ſo ſchwach waͤre!— Du wuͤrdeſt mich nicht lieben koͤnnen, wenn ich es waͤre!“ Greſſingholm hatte nicht an die Moͤglichkeit ge⸗ dacht, daß ſich Roſa, ſobald er ihr den Vorſchlag, ſie zu ſeiner rechtmaͤßigen Gattin zu machen, thun wuͤrde, ſeinem Plane widerſetzen koͤnne, und nicht ohne Un⸗ muth entgegnete er demnach:„Wahrlich, Roſa, Du haſt uͤbertriebene Begriffe von Kindespflicht und wie es mir ſcheint, allzugeringe von der wahren Liebe. ——— Selbſt Deine hochgeprieſene Bibel ſchreibt eine an⸗ 3 dere Verfahrungsweiſe vor; gebietet ſie nicht mit kla⸗ 85 1 — 193— ren, deutlichen Worten: das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und an dem Manne hangen?— Sey demnach vernuͤnftig, mein Maͤdchen, und gieb meinen Vorſtellungen Gehoͤr.“— So ſprechend, wollte er Roſa neuerdings in ſeine Arme ſchließen, ſie aber enkwand ſich ihm.„Noch bin ich nicht Dein Weib!“ rief ſie, und noch mehr wollte ſie ſagen, da ward in ihrer Naͤhe, ſie hatten ſich nehmlich im Laufe des Geſpraͤchs weiter als gewoͤhnlich von Greſſingholms Zufluchtsort entfernt, ein Geraͤuſch vernehmbar, und im naͤchſten Moment ſprang der Lieblingshund des Herrn Hurſtbourn, den derſelbe auf ſeinen Spazier⸗ gaͤngen mitzunehmen pflegte, aus dem Gebuͤſch. Roſa erſchrak auf das heftigſte, ſchnell ſich aber faſſend, eilte ſie dem Thierchen entgegen, nahm es auf ihren Arm, noch bevor es Lionels Anweſenheit bemerken konnte, und ſchritt, waͤhrend Greſſingholm nach ſei⸗. nem Schlupfwinkel zuruͤckkehrte, das Huͤndchen ſtrei⸗ chelnd und liebkoſend, dem Herrn Hurſtbourn entge⸗ gen, welcher, wie ſie jetzt gewahrte, in einiger Ent⸗ fernung hergegangen kam. 4 „Was bringt Euch hierher, theurer Großvater?“ fragte ſie, ihre ganze Geiſteskraft zuſammennehmend, ſchon von weitem, und gleichſam ſcherzend, fuͤgte ſie hinzu:„Habe ich doch dieſe Wuͤſtenei hier laͤngſt ſchon als mein ausſchließliches Eigenthum betrachtet.“ 9 —õõ——õõ—————ÿ— „Ich komme, meine Rechte darauf wieder geltend⸗ zu machen,“ entgegnete der Alte, indem auf einen Augenblick ein Laͤcheln ſein ernſtes Antlitz erhellte; „ich will Dich aus Deiner Wildniß vertreiben.“ Roſa's Wange erblich; ſie druͤckte ihren Hut tie⸗ fer ins Geſicht, um ihre Blaͤſſe zu verbergen, und fragte mit muͤhſam erzwungener Ruhe:„und wes⸗ halb ſoll ich von hier vertrieben werden?“ Da nahm das Antlitz des Herrn Ezechiel Hurſt⸗ bourn ſeinen ganzen Ernſt wieder an, und mit der ihm eigenthuͤmlichen Gravitaͤt erwiederte er:„Der Herr hat den Frieden in Israel wiederhergeſtellt und da jetzt Jedermann wieder ruhig unter dem Schatten ſeines eigenen Weines und ſeines eigenen Feigen⸗ baums ſitzen kann, habe ich beſchloſſen dieſen oͤden Fleck Landes hier anbauen zu laſſen, damit er den Menſchen von Nutzen werde.“ „Was ſoll das heißen: Friede in Jsrael?“ fragte Roſa erſtaunt.„Was meint Ihr damit?“ „Karl Stuart hat England verlaſſen,“ erwiederte ihr Großvater,„und die Gnade des Herrn alle Boͤs⸗ geſinnten in Cromwell's Haͤnde geliefert, ſo daß ſich ſetzt keiner von ihnen mehr dem Parlamente zu wi⸗ derſetzen vermag. Dem Ewigen ſey Preis und Dank dafuͤr!“ Bei dieſen Worten faltete Ezechiel Hurſtbourn — 195— „ ſeine Haͤnde, blickte andaͤchtig zum Himmel empor und verrichtete ein kurzes Gebet, ſo daß Roſa Zeit gewann, ſich zu ſammeln. „Wie?“ fragte ſie, als die Andachtsuͤbung ihres Großvaters geendet war, indem ſie auf die ſie um— gebenden Truͤmmern deutete,„das Alles hier ſoll fortgeſchafft werden?“ „Allerdings,“ antwortetg Ezechiel Hurſtbourn, „dort jenes Hundehaus, viel zu prachtvoll fuͤr un⸗ vernuͤnftige Thiere, ſoll entweder zu einer Wohnung fuͤr Menſchen umgeſchaffen, oder ganz niedergeriſſen werden.“ Sie hatten ſich indeſſen, trotz Roſa's Bemuͤhen, 4 die Schritte ihres Großvaters anderswohin zu len⸗ ken, dem verfallenen Gebaͤude immer mehr und 5 mehr genaͤhert, ſo daß das arme, fuͤr Lionels Si⸗ hheerheit bangende Maͤdchen faſt verzweifeln wollte. „Eurem Plane, Großvater, duͤrfte manches Hinder⸗ niß in den Weg treten,“ ſprach ſie;„ſchwerlich wuͤrde ſich ſelbſt der niedrigſte Landmann entſchließen ein Gebaͤude zu beziehen, das vormals nur Hunden Ob⸗ dach gewaͤhrte. Wollt Ihr mich aber durchaus mei⸗ ner lieben Wildniß berauben, ſo beginnt doch wenig⸗ ſtens mit dem Garten; mit weniger Arbeit kann dort mehr ausgerichtet werden, als hier.“ Auf dieſe Weiſe fuhr ſie fort, ihren Großvater 9* — 196— mit Vorſtellungen und Bitten zu beſtuͤrmen; auch gelang es ihr endlich denſelben von dem ihr ſo wich⸗ tigen Platze zu entfernen, ohne daß er zuvor, wie er anfangs entſchloſſen geweſen war, den innern Zuſtand des Gebaͤudes beſichtigt hatte. In dem an⸗ gebauten Theile des Gartens wieder angelangt, tra⸗ fen ſie auf Robert Barrett, den Herr Ezechiel Hurſt⸗ bourn jetzt ſofort mit einigen ſeiner Verbeſſerungs⸗ plaͤne bekannt machte. Der Gaͤrtner erſchrak und wagte Vorſtellungen dagegen; Roſa aber, welche nur zu gut wußte, daß Widerſpruch ihren Großvater in ſeinem Entſchluſſe nur noch feſter beſtaͤrken wuͤrde, gab dem alten Barrett einen verſtohlenen Wink, wor⸗ auf derſelbe einlenkte.„Nun meinetwegen,“ ſprach er den Kopf ſchuͤttelnd,„ich habe nur meine Mei⸗ nung geſagt— ich will Tageloͤhner miethen, dann kann die Arbeit vor ſich gehen.“ „Ja, ja, das thut, und fangt an ſo bald als moͤglich,— gleich morgen!“ entgegnete Herr Hurſt⸗ bourn, den die Einwendungen ſeiner Enkelin und des Gaͤrtners etwas warm gemacht hatten.„Die Terraſſen dort, der Hundeſtall, Alles, Alles muß fort.“ Roſa zitterte; zum Gluͤck fuͤr ſie aber verkuͤndete die Glocke vom Herrnhauſe her die Stunde des Mittageſſens, und ihr Großvater ſchritt demnach, — 197— das Geſpraͤch abbrechend, raſch auf das Haus zu, indem er dem alten Gaͤrtner nur noch zurief:„Wie geſagt, fangt mit dem Garten an.“ Unter dem Vorwande, einige Blumen zu pflaͤk⸗ ken, blieb Roſa noch etwas zuruͤck.„Er muß die Ruine noch in dieſer Nacht verlaſſen,“ fluͤſterte ſie dem alten Barrett zu;„verſchafft ihm die Klei⸗ dung eines Tageloͤhners.— Sagt, koͤnnt Ihr ihn nicht in Eurem Haͤuschen verbergen?“ Der Alte ſchwieg bedenklich.„Er muß die Ruine verlaſſen, ſag' ich Euch,“ fuhr Roſa lebhaf⸗ ter fort,„jede Spur, daß ſie bewohut war, muß vertilgt werden.— Laͤnger als heute kann ich meinen Großvater nicht abhalten ſie zu beſichtigen. Bedenkt, auch Euer Verderben iſt es, wird er ent⸗ deckt.“ Dieſer letzte Grund ſchien dem Gaͤrtner am mei⸗ ſten einzuleuchten; er verſprach, ſeinen vormaligen jungen Herrn, wenigſtens fuͤr eine Nacht, in ſeinem Hauſe aufzunehmen, und mit den in der Eile ge⸗ pfluͤckten Blumen in der Hand, holte jetzt Roſa den Herrn Hurſtbourn ſchnell wieder ein. Waͤhrend des Mittagmahls hatte Roſa nur ei⸗ nen Gedanken; ſie dachte nehmlich daruͤber nach, wie ſie es anfangen ſolle, ihren Großvater fuͤr heute von Lionels Aufenthalte fern zu halten. Zu dieſem 1 1 ——xZhEhh,„· — 198— Zwecke bat ſie ihn, mit ihr nach Evesham zu fah⸗ ren, wo ſie einige Einkaͤufe zu machen habe. Hurſt⸗ bourn blickte freundlich auf ſie, meinte aber, ſie moͤge ihr Geſchaͤft bis morgen verſchieben, denn er muͤſſe dieſen Nachmittag den verfallenen Hundeſtall beſich⸗ tigen. 4 Roſa hatte das vorausgeſehen und war ſchon auf eine Antwort vorbereitet.„Es waͤre doch in der That grauſam,“ entgegnete ſie,„mich aller meiner Beſitzungen an einem und demſelben Tage berauben zu wollen.“ Und in einem ſchmeichelnden Tone fuhr ſie fort ſo lange in ihren Großvater zu dringen, bis derſelbe einwilligte, ſie nach dem Mittagseſſen nach Evesham zu begleiten. Dort angelangt, war es fuͤr Roſa eine leichte Sache, den eifrigen Republikaner mit mehreren ſeiner Bekannten dergeſtalt in Ge⸗ ſpraͤche uͤber politiſche und religioͤſe Gegenſtaͤnde zu verwickeln, daß, als ſie wieder auf Eaſtwickhouſe an⸗ langten, die Daͤmmerung bereits hereingebrochen und es demnach fuͤr heute zu ſpaͤt war, die Ruine in Au⸗ genſchein zu nehmen. An dieſem Abend, zum erſten Mal wieder nach Greſſingholm's Erſcheinen, ſchlich ſich Roſa aus dem Hauſe nach ſeinem Zufluchtsorte. Von der Dunkel⸗ heit der Nacht beguͤnſtigt, ſchritt Lionel vor ſeiner armſeligen Wohnung auf und ab; kaum aber ſah er —— ꝗ---——y—— — 199— eine weibliche Geſtalt daherſchweben, als er auch ra⸗ ſchen Schrittes und mit dem erfreulichen Ausruf: „Du kommſt ja heute recht ſpaͤt, meine huͤbſche Nancy!“ auf ſie zueilte. Seine Rede ward durch Roſa's ſanfte Stimme unterbrochen, welche in einem leiſen Tone fragte: „Lionel, biſt Du's?“ In dem naͤchſten Augenblicke war er ihr zur Seite— hatte ihre beiden Haͤnde gefaßt— hatte die⸗ ſelben an ſein Herz, an ſeine Lippen gedruͤckt, indem er ausrief:„Theure, theure, angebetete Roſa! wie habe ich Dich ſo ſehnſuchtsvoll den ganzen Nachmit⸗ tag erwartet!— Ich fuͤrchtete ſchon, Dich belei⸗ digt zu haben;— jetzt aber— jetzt iſt Alles wie⸗ der gut!“ So ſprechend, ſchloß er ſie zärilich in ſeine Arme. — Ganz nur mit dem Gedanken an die Gefahr ih⸗ res Geliebten beſchaͤftigt, hatte Roſa ſeit dem Vor⸗ mittage keine Muſe gehabt, der Unterredung zu ge⸗ denken, die heute fruͤh zwiſchen ihnen ſtattgefunden, und obgleich jetzt von Lionel daran erinnert, trat dieſelbe doch nur, in dieſem Augenblicke der Noth, mit ſchwachen und keinesweges gehaͤſſigen Farben vor ihre Seele. Sie entzog ſich ſeiner Umarmung nicht. „Es iſt jetzt nicht Zeit, davon zu reden,“ ſprach ſie in einem ſanften Tone.„Haſt Du Barrett nicht ge⸗ —y————— — 2900— ſehen? Haſt Du mein Geſpraͤch mit meinem Groß⸗ vater nicht mit angehoͤrt?“ „Ich hoͤrte allerdings, wie er davon ſprach, die Ruine in Augenſchein nehmen zu wollen, und wie Du bemuͤht warſt, ihn von ſeinem Vorhaben abzu⸗ bringen,“ entgegnete Greſſingholm.„Weiter habe ich nichts vernommen; die Barretts aber erwartete ich ungeduldig mit meinem Abendeſſen. Hat ſich denn etwas Neues zugetragen 2 Roſa theilte nunmehr ihrem Geliebten in der Kuͤrze dasjenige mit, was ſie von ihrem Großvater erfahren, und ſprach von den Vorkehrungen, die ſie zu ſeiner Sicherheit getroffen hatte. Er horchte mit aͤngſtlicher Spannung und billigte, was ſie gethan; fuͤgte aber hinzu:„Iſt der Koͤnig in Sicherheit? hat man die Verfolgungen eingeſtellt? iſt auch dieſer Au⸗ genblick fuͤr meine Flucht guͤnſtig?“ „O nein, nein! Du darfſt mich noch nicht ver⸗ laſſen,“ fiel ihm Roſa in die Rede;„Du kannſt bei dem alten Gaͤrtner wohnen, dort wirſt Du es weit bequemer haben, als hier.“ Waͤhrend ſie dieſe Worte ſprach, war Lionel be⸗ muͤht geweſen, ſie in ſeine Behauſung zu fuͤhren; ſie aber widerſetzte ſich ſeinem Vorhaben.„Ich muß jetzt fort,“ ſprach ſie;„ich habe keinen Augenblick zu verlieren, will ich keinen Argwohn erwecken. Nur — „ — 201— ſo viel noch: Barrett ſoll Arbeiter miethen, den Garten in Ordnung zu bringen; verkleide Dich als ein ſolcher, und ich werde Gelegenheit finden mit Dir zu reden.“ „Ich will Deinen Wunſch erfuͤllen, wenigſtens fuͤr morgen,“ entgegnete Lionel; aber glaube mir, ich muß fort von hier, jedoch nicht allein— nicht ohne Dich, meine angebetete Roſa!“ Hier ward ihr Geſpraͤch durch die Ankunft der Gaͤrtnerstochter unterbrochen, welche fuͤr den vorma⸗ ligen Erben der reichen Herrſchaft einen Buͤndel arm⸗ ſeliger Kleider brachte. Lionel entließ Roſa ſofort aus ſeinen Armen, und dieſe kehrte nunmehr, nach⸗ dem ſie der niedlichen Nancy dringend anempfohlen hatte, mit Huͤlfe ihres Vaters jede Spur, daß die Ruine bewohnt geweſen, zu vertilgen, mit Fluͤ⸗ gelſchnelle nach dem Hauſe zuruͤck. Am naͤchſten Morgen erhob ſich Roſa, wie bis⸗ her, mit Tagesanbruch von ihrem Lager; aber ſie trat heute nicht ihre gewoͤhnliche Wanderung an, ſondern ſchlenderte in der Naͤhe von Barretts Woh⸗ nung umher. Noch aber hatte die Stunde der Ar⸗ beit nicht geſchlagen; Lionel durfte es nicht wagen, ſich ohne ſeine vorgeblichen Cameraden blicken zu laſſen, und ſo war Alles rund um ſie her oͤde und menſchenleer. Dieß waͤhrte indeß nicht lange, die (9) — 202— Arbeitsſtunde ſchlug, der Gaͤrtner erſchien mit den neuangeworbenen Arbeitern, und bald hallten nun⸗ mehr die Fluren ihrer Kindheit von den Schlaͤgen der Art und dem geraͤuſchvollen Treiben der Tage⸗ loͤhner wieder. Roſa ſah jetzt den Gegenſtand ihrer Sorge, aber er befand ſich in der Mitte der uͤbri⸗ gen Arbeiter, und ſo war es ihr unmoͤglich, ein Wort mit ihm zu wechſeln. Sie rief den Gaͤrtner bei Seite, und war eben im Begriff ihn zu bitten Greſſingholm an irgend einem andern, einſameren Ort anzuſtellen, wo ſeine Ungeſchicklichkeit von ſei⸗ nen vorgeblichen Cameraden weniger bemerkt werden und wo ſie ſich ungeſtoͤrt mit ihm unterhalten koͤnnte, als ploͤtzlich Herr Ezechiel Hurſtbourn erſchien, um dem alten Barrett noch einige Verhaltungsbefehle zu ertheilen. So wie er ſeine Enkelin gewahrte, rief er dieſe zu ſich heran, und bereitwillig begab ſie ſich mit ihm nach dem alten Gemaͤuer, denn ſie meinte, ihre Gegenwart koͤnne dort vielleicht nothwendig wer⸗ den, bei ihrem Großvater jeden Argwohn zu erfer⸗ nen, falls in der Ruine noch irgend eine Spur von ihrem neulichen Bewohner zuruͤckgeblieben waͤre. Ihre Beſorgniß war indeß ungegruͤndet, das Schick⸗ ſal der alten Ruine ward entſchieden, gleichviel auf welche Weiſe, und Roſa kehrte darauf mit ihrem Großvater nach Hauſe zuruͤck, um, wie gewoͤhnlich, — 203— an der Morgenandacht der Familie Theil zu nehmen. Unterwegs fand ſie indeß Gelegenheit, den Gaͤrtner mit ihrem Wunſche, in Betreff ihres Geliebten, be⸗ kannt zu machen. Nach dem Fruͤhſtuͤck war Roſa mit der Pflege ihrer Mutter und mit mehrern haͤuslichen Verrich⸗ tungen beſchaͤftigt. Kaum aber hatte ſie dieſe been⸗ digt, als ſie ſofort wieder in den Garten eilte, wo ſich auch Herr Hurſtbourn ſchon wieder eingefunden hatte, um ſeine neuen Anordnungen ſelbſt zu leiten. Roſa gewahrte mit einem einzigen Blick, daß Lionel ſich nicht mehr unter den Arbeitern befand, und eben ſchickte ſie ſich an ihn anderswo aufzuſuchen, als ihr Großvater ſie zu ſich hinwinkte und, indem er ein Geſpraͤch mit ihr begann, noͤthigte in ſeiner Naͤhe zu bleiben. Endlich wagte ſie es indeß, den Wunſch zu aͤußern, ihre liebe Wildniß noch einmal durchwandern zu duͤrfen, bevor ſie ſich gaͤnzlich un⸗ ter der Gewalt der Axt beuge, und nach einigen Einwendungen gab ihr Herr Hurſtbourn auch, dazu die gewuͤnſchte Erlaubniß. Von einem Winke, den ihr insgeheim der alte Gaͤrtner gegeben hatte, geleitet, flog ſie nunmehr der Stelle zu, wo ihr Geliebter, dem Anſcheine nach, ſorgſam bemuͤht war, verwachſenes Gebuͤſch und Un⸗ kraut aus dem Wege zu ſchaffen. So wie er ſie ge⸗ — 204— wahrte, warf er ſeinen Spaten von ſich und rief, indem er auf ſie zu eilte:„So geht es nicht, glaube mir Roſa, es geht nicht; meine Ungeſchicklichkeit wird mich verrathen. Ich muß fort— jetzt, jetzt, da es noch thunlich iſt. Du mußt mit mir— ich kann, ich will Dich hier nicht zuruͤcklaſſen!“ „Lionel,“ erwiederte Roſa in einem ſchwermuͤthi⸗ gen, aber feſten Tone,„ich kann, ich darf meine heiligſten Pflichten keiner ſuͤndigen Leidenſchaft auf⸗ opfern,— ich will meine huͤlfloſe, kranke Mutter— meinen wackern, alten Großvater nicht verlaſſen.“ Greſſingholm uͤberhaͤufte ſie mit Vorwuͤrfen, gab ihr Mangel an Liebe Schuld und ſpottete uͤber das, was er ihre religioͤſen Vorurtheile nannte; alles, al⸗ les vergebens. Roſa's Bruſt war von namenloſer Angſt erfuͤllt; aber obgleich faſt der Verzweiflung preisgegeben, hielten Religion und Kindespflicht ſie dennoch in dieſem fuͤr ſie ſo verhaͤngnißvollen Mo⸗ mente aufrecht. Lionels Augen rollten wild und Roſa ſchauderte, wenn ſie ihm ins Antlitz blickte— da wurden ploͤtzlich nahende Schritte vernehmbar. Roſa bebte zuſammen und wollte nach der entge⸗ gengeſetzten Seite davoneilen, waͤhrend Greſſingholm ſchnell wieder nach ſeinem Spaten griff, um ſeine Arbeit fortzuſetzen; aber noch bevor ſich die Erſtere entfernen konnte, war Herr Ezechiel Hurſtbourn ſchnell — 205— hervorgetreten.„Was machſt Du hier, Maͤdchen?“ fragte er, die fluͤchtigen Schritte ſeiner Enkelin hem⸗ mend. „Ich— ich— ich kam hier vorbei,“ ſtammelte . Roſa, ohne ſich zu ihm zu wenden;„ich will noch ein wenig weiter— dort hinunter“— So ſprechend, wollte ſie ihren Weg fortſetzen. „Bleib jetzt, Maͤdchen!“ gebot der Alte.„Es iſt bald Mittag— Du ſollſt fuͤr jetzt nicht weiter ge⸗ hen.— Mit wem ſprachſt Du hier?— Gieb Ant⸗ wort! Wer iſt der junge Menſch? Er ſcheint mir ein gar ungeſchickter Arbeiter.“ Greſſingholm beeilte ſich jetzt, ſtatt ſeiner Gelieb⸗ ten zu antworten. Er verſicherte: er ſey in der Stadt geboren und der Gartenarbeit ungewohnt. Dieſelbe falle ihm ungemein ſchwer und er habe ſich ſo eben daruͤber gegen die junge Dame beklagt. Dieſe Erklaͤrung ſchien indeſſen dem Herrn Eze⸗ chiel Hurſtbourn nicht zu genuͤgen.„Wenn Dir die Arbeit ſo ſchwer faͤllt,“ entgegnete er,„kann ich Dich nicht gebrauchen; ich muß fuͤr mein Geld tuͤch⸗ tige Arbeiter haben.“— Bei dieſen Worten richtete er auf ſſeine Enkelin einen ſcharfen, forſchenden Blick, der das arme Maͤdchen voͤllig außer Faſſung brachte. Ihr Großvater machte indeß keine Bemer⸗ kung daruͤber, ſondern erfaßte nur ſchweigend ihren — 206— Arm und noͤthigte ſie ſo mit ihm nach Hauſe zu⸗ ruͤckzukehren. Waͤhrend des Ueberreſts des Tages war es Roſa unmoͤglich, ſich der Wachſamkeit zu entziehen, mit welcher Herr Hurſtbourn jeden ihrer Schritte beob⸗ achtete. Auch hatte ſie noch uͤberdem den Schmerz, zu hoͤren, wie jener dem Gaͤrtner gebot, den jun⸗ gen, unnuͤtzen Geſellen, den er dort am Ende des Parks muͤßig gefunden habe, unverzuͤglich ſorrzu ſchicken. Qualvoll ſchlichen demnach der armen Roſa die letzten Stunden hin, in denen es ihr vielleicht nur noch moͤglich war, ſich mit demjenigen zu beſprechen, den ſie ſo innig liebte. Mit jedem Glockenſchlage ward ihr das Herz immer ſchwerer und ſchwerer, und als endlich der Abend herabſank, gab ſie ſich ei⸗ ner ſtummen Verzweiflung hin. Da fiel es ihr ploͤtzlich ein, daß die hereingebrochene Finſterniß ih⸗ ren Großvater vielleicht bewegen wuͤrde, in ſeiner Wachſamkeit nachzulaſſen, und ſchnell den verzweif⸗ lungsvollen Entſchluß faſſend, 310 trotz der ſpaͤten Stunde unverzuͤglich nach Barret Wohnung zu be⸗ geben, erhob ſie ſich von ihrem Sitze, n mer zu verlaſſen, in welchem ſie ſich mit den Ihri⸗ gen befand. Der Ruf aber:„wohin?“ hemmte ploͤtzlich ihre Schritte. Roſa hatte noch nie eine Un⸗ wahrheit geſprochen, und in die hoͤchſte Beſtuͤrzung verſetzt ob einer Frage, die ſie nicht beantworten konnte, ſtand ſie da, die Thuͤr in der Hand, bebend und in einem Zuſtande, welcher jeden Argwohn, den ihr Großvater vielleicht am Morgen gefaßt hatte, nur noch beſtaͤtigen mußte. Ezechiel Hurſtbourn blickte ſie einen Augenblick mit einem Ernſte an, der nicht geeignet war ſie zu beruhigen, dann ſprach er in einem feierlichen Tone: „Deine kranke Mutter befindet ſich in dieſem Ge⸗ mache, folglich iſt auch Dein Platz hier. In Dei⸗ nem Alter ſoll man die Einſamkeit nicht ſuchen.“ Schweigend und faſt der Verzweiflung preisgege⸗ ben, nahm Roſa ihren Platz von vorhin wieder ein. Sie verſank in tiefe Betrachtungen und ward aus denſelben erſt durch den Ruf zur Abendandacht auf⸗ geſchreckt, wobei ihr Großvater mit eindringlichen Worten von dem ſuͤndhaften Treiben pflichtwidriger Kinder und von dem Leichtſinn des weiblichen Ge⸗ ſchlechts ſprach, vor dem er den Ewigen bat, die Kinder des reinen Glaubens zu bewahren. Dieſe Rede beſtaͤrkte Roſa in der Vermuthung, daß der Sprecher gegen ſie Verdacht gefaßt habe, und zeigte ihr zugleich die Unmoͤglichkeit, ſeine Wachſamkeit zu taͤuſchen und ihren Geliebten, bevor derſelbe ſeine Flucht antreten wuͤrde, noch einmal zu ſehen. — 208— Der fuͤr ſie ſo qualvolle Abend ging endlich zu Ende und Roſa fuͤhrte, wie gewoͤhnlich, ihre Mut⸗ ter auf ihr Zimmer, wo ſie nicht eber von ihr wich, als bis die Kranke ſanft eingeſchlafen war. Als ſie ſich darauf entfernte, war ſie nicht wenig erſtaunt zu gewahren, daß die Thuͤr des Gemachs ihres Groß⸗ vaters, welches dem ihrer Mutter gerade gegenuͤber gelegen war, offen ſtand und jener noch ganz mun⸗ ter darin umherſchritt. So wie er ſie erblickte, trat er ihr entgegen, fragte nach dem Befinden ſeiner Schwiegertochter, begleitete ſie bis nach ihrem Zim⸗ mer, wuͤnſchte ihr eine gute Nacht und verſchloß die Thuͤr hinter ihr, nachdem ſie eingetreten war. Von namenloſer Angſt erfaßt und nunmehr jeder Moͤglichkeit beraubt, ihren Geliebten noch einmal zu ſehen, ſank Roſa, als ſie den Schluͤſſel drehen hoͤrte, nieder auf ihre Kniee. Sie hatte auch nicht auf einen Augenblick dem Gedanken Raum gegeben, ſich noch jetzt in der ſpaͤten Nacht nach Barretts Haͤus⸗ chen zu ſchleichen, aber ſie hatte gehofft, mit Tages⸗ aanbruch, noch bevor ihr Großvater aufgeſtanden ſeyn wuͤrde, dorthin eilen zu koͤnnen. Sie hielt ſich uͤber⸗ zeugt, daß ihr Geliebter ſpaͤteſtens am andern Morgen ſeine Flucht antreten wuͤrde, und ſo war ſie denn des armſeligen Troſtes beraubt, ihn, der von ihr vielleicht auf immer ſcheiden ſollte, noch einmal zu ſehen. —6y —// — 209— Es war ihr unmoͤglich, ſich zu Bette zu begeben; angekleidet durchwachte ſie die ganze Nacht in na⸗ menloſer Angſt, in furchtbarer Seelenqual. Haͤnde⸗ ringend flehte ſie den Ewigen an, um Kraft, ihre Leidenslaſt zu tragen, um Staͤrke, den dornigen Pfad zu wandeln, der ihr vom Geſchick angewieſen worden. So verging die Nacht. Endlich begann die Mor⸗ gendaͤmmerung ihr Gemach ſchwach zu beleuchten, und Roſa erhob ſich nunmehr von ihren Knieen und oͤffnete das Fenſter, um ſich in der erquickenden Luft zu ſtaͤrken, vielleicht aber auch von der leiſen Hoff⸗ nung angetrieben, ihren Geliebten, der ſich vielleicht herangeſchlichen haben koͤnne, unten im Garten zu gewahren. Es erſchien zwar kein Lionel, nach einer Weile aber beruͤhrte der Schall nahender Schritte ihr Ohr, worauf ſie, bedenkend, daß ihr Großvater ſie nicht in dieſem aufgeregten Zuſtande finden duͤrfe, ſchnell ihre Kleidung ordnete. Sie war damit eben fertig, als Herr Hurſtbourn ſchon hereintrat und ſie fragte: ob ſie ihn in den Garten begleiten wollte? Schweigend, denn ſie vermochte nichts zu erwiedern, gab ſie durch ein Kopfneigen zu verſtehen, daß ſie bereit ſey ſeinen Wunſch zu erfuͤllen, und unver⸗* zuͤglich folgte ſie nunmehr ihrem Großvater hinunter zu den neuen Anlagen, wo ſaͤmmtliche Arbeiter un⸗ — 210— ter Barretts Aufſicht wieder auf ihren Poſten ſtan⸗ den. Herr Hurſtbourn gab dem Gaͤrtner einige Ver⸗ 1 haltungsbefehle, unterſuchte die Arbeiten des vorigen Tages und fragte: ob der unnuͤtze Tageloͤhner, wie er geboten habe, entlaſſen worden ſey? Barrett ent⸗ gegnete, daß dieſes geſchehen und daß jener Arbeiter bereits das Dorf verlaſſen und ſich wieder zu ſeinen Freunden zuruͤckbegeben habe. Roſa hoͤrte dieſe Kunde und verſtand ſie nur zu gut.— Er war fort, und nie, nie ſollte ſie ihn wiederſehen! Sie war indeß auf dieſe Nachricht vorbereitet, und ſo gelang es ihr, indem ſie ihre ganze Seelenſtaͤrke zuſammennahm, ihre Gemuͤths— bewegung in Gegenwart ihres ernſten Großvaters zu verbergen.. Beim Fruͤhſtuͤck entſchuldigte ſie ihren Mangel an Appetit mit einem heſtigen Kopfſchmerz, und nach Beendigung des Mahles nahm ſie ihre gewoͤhnlichen haͤuslichen Verrichtungen vor.— Da jetzt die Wach⸗ ſamkeit ihres Großvaters nachgelaſſen hatte, beſchloß ſie, ſich ſo bald als moͤglich nach dem Haͤuschen des Gaͤrtners zu begeben, um dort zu erfahren, ob ihr Geliebter keine Botſchaft an ſie zuruͤckgelaſſen habe. So bald es demnach thunlich war, enteilte ſie dem Hauſe; als ſie ſich aber der Wohnung Barretts naͤ⸗ herte, vernahm ſie laute Stimmen innerhalb derſel⸗ ſ „ ben, und von einer ihr raͤthſelhaften Ahnung erfaßt, hemmte ſie ihre Schritte, um zu horchen. Es wa⸗ ren zwei Weiberſtimmen, von denen die eine jam⸗ merte und klagte, waͤhrend die andere heftig zu zan⸗ ken ſchien. Roſa konnte indeß nichts deutlich unter⸗ ſcheiden, und ſo oͤffnete ſie denn endlich die Thuͤr, nachdem ſie einigemale vergebens angepocht hatte. Als ſie eintrat, gewahrte ſie Nancy, welche haͤn⸗ deringend und mit wild aufgeloͤſtem Haar umherirrte und wenigſtens eben ſo aufgebracht, als bekuͤmmert ſchien. Ihre Mutter bemuͤhte ſich, ſie zu beruhigen, ſchalt aber auch wieder dazwiſchen, daß ſie ſich dem thoͤrigen Glauben hingegeben habe, ein ſo vorneh⸗ mer Herr koͤnne es ernſtlich mit ihr meinen. Roſa's Eintritt gab ploͤtzlich der Scene eine andere Wen⸗ dung. Die Gaͤrtnersfrau legte fuͤr den Augenblick ihrer Zunge Feſſeln an, ſchob ihrer jungen Gebiete⸗ rin einen Stuhl hin, und ſchickte ſich an ſie nach Gebuͤhr zu empfangen, waͤhrend Nancy ſich be⸗ muͤhte, ihre Zaͤhren zu trocknen und ihre Seufzer zu unterdruͤcken. Beſtuͤrzt uͤber Alles, was ſie ſah und hoͤrte, aͤu⸗ ßerte Roſa ihr Bedauern, zu ſo ungelegener Zeit gekommen zu ſeyn, und fragte: ob ſie nichts thun koͤnne, den Kummer zu lindern, von dem ſie ſo eben Zeuge geworden ſey? Dieſe Worte aber regten den — 212— ganzen Schmerz der armen Nancy neuerdings auf, ſie brach wieder in Thraͤnen aus, warf ſich haͤnde⸗ ringend auf den Boden und gab ſich ganz ihrem Harme hin; ihre Mutter aber beeilte ſich nunmehr, ihre junge Herrin mit der Urſache des Kummers ih⸗ rer Tochter bekannt zu machen. Sie berichtete: daß Nancy ſich in den jungen vornehmen Herrn, der das verfallene Gebaͤude bewohnte, verliebt und ſeine Schmeicheleien fuͤr Ernſt genommen habe; daß ſie jetzt ſo tief bekuͤmmert ſey, weil derſelbe nach einem fernen Lande abgereiſt ſey, ohne ſie mit ſich zu nehmen. Waͤhrend Roſa dieſer Mittheilung horchte, wollte ihr das Herz in der Bruſt zerſpringen, und nicht war ſie im Stande die Beſorgniß zu unterdruͤcken, daß ihr Geliebter die Leidenſchaft des jungen Maͤd⸗ chens vielleicht allzuſehr beguͤnſtigt habe; die Laͤnge der Erzaͤhlung der Alten, welche die Sache mit der ihr eigenthuͤmlichen Weitlaͤufigkeit vortrug, gab ihr indeß Muße, ihre Faſſung wenigſtens einigermaßen wieder zu gewinnen, und gewaltſam ſuchte ſie nun jeden Gedanken zu unterdruͤcken, welcher gegen die Rechtlichkeit ihres Geliebten in ihrer Seele empor⸗ ſteigen wollte. Sie pflichtete demzufolge der Gaͤrt⸗ nersfrau darin voͤllig bei, daß Nancy die gewoͤhnli⸗ chen Galanterien des jungen Edelmannes mißverſtan⸗ — 243— den habe, und bemuͤhte ſich dieſelbe zu uͤberzeugen, wie ſie, ſelbſt wenn es Greſſingholm ernſtlich ge⸗ meint haͤtte, durch eine ſo ungleiche Verbindung mit demſelben ja unmoͤglich gluͤcklich haͤtte werden koͤn⸗ nen. Nancy ſchien indeß keineswegs geneigt, dieſen Vorſtellungen Gehoͤr zu geben, ſie fuhr fort zu jam⸗ mern und die Haͤnde zu ringen, bis Roſa endlich, erſchoͤpft und ermattet, ſich hinwegbegeben wollte; uͤberzeugt, daß ihr Bemuͤhen das arme Maͤdchen zu troͤſten, doch fruchtlos bleiben wuͤrde. Die Alte begleitete ſie bis hinaus vor die Thuͤr, und nun⸗ mehr fragte Roſa, eingedenk der eigentlichen Urſache ihres Hierſeyns, ob Greſſingholm keine Botſchaft an ſie zuruͤckgelaſſen habe. Frau Barrett ſchalt, daß das alberne Benehmen ihrer Tochter ſie ihre Schul⸗ digkeit habe vergeſſen laſſen. Der junge Herr, be⸗ richtete ſie, habe ſeine Flucht in Bauernkleidung an⸗ getreten und ein Schreiben an ſie zuruͤckgelaſſen. Mit pochendem Herzen nahm Roſa den Brief und eilte von dannen. Liebesbriefe ſind gemeinhin hoͤchſt langweilig, aus⸗ genommen wen man ſie ſelbſt ſchreibt oder empfaͤngt, und ſo wollen wir denn auch unſere freundlichen Le⸗ ſer nicht durch Mittheilung des gegenwaͤrtigen ermuͤ⸗ den, ſondern nur in der Kuͤrze berichten, daß der Inhalt deſſelben— Lionel hatte nehmlich, wenn auch nicht auf immer, doch auf lange unbeſtimmte Zeit, von ihr Abſchied genommen— keineswegs geeignet war, der liebenden Jungfrau Troſt zu gewaͤhren. Das Einzige, was in ihre Seelenwunde einen Trop⸗ fen Balſam goß, war Greſſingholm's in dem Briefe enthaltenes Verſprechen, gleich nach ſeiner Ankunft in Fränkreich durch eine Anzeige, in einem der oͤf⸗ fentlichen Blaͤtter welche ihr Großvater hielt, ſeine Geliebte von dem gluͤcklichen Gelingen ſeiner Flucht benachrichtigen zu wollen. Schweigend und traurig nahm ſie ihre haͤusli⸗ chen Beſchaͤftigungen vor, und als die Nacht herein⸗ brach, legte ſie ſich zwar zur Ruhe nieder, konnte aber keinen Schlummer finden; denn die Erinnerung an die Gefahr in welcher ihr Geliebter ſchwebte, und an Nancy's Leidenſchaft fuͤr dieſen, hielt ſie wach. Sie bemuͤhte ſich, ſich durch Gebet zu beru⸗ higen, aber ſie flehte den Ewigen mehr um Lionels Erhaltung, als um fromme Ergebung in den Wil⸗ len der Vorſehung an. Schwach und erſchoͤpft er⸗ hob ſie ſich am naͤchſten Morgen von ihrem Lager. 1 Ihre kranke Mutter aͤußerte Beſorgniß uͤber das bleiche Ausſehen ihrer Tochter, und ward durch de⸗ 3 ren Verſicherung, daß ihr nichts Bedeutendes fehle, 4. keinesweges beruhigt. Waͤhrend des Vormittags blieb Roſa daheim, nach dem Mittagseſſen aber ſagte ſie: ſie wolle, da ihre Mutter ihretwegen ſo beſorgt ſey, verſuchen, ob nicht Bewegung in freier Luft ihr ihre friſche Farbe und ihren Appetit wieder⸗ geben koͤnne. Ihre Mutter billigte ihr Vorhaben, Herr Ezechiel Hurſtbourn aber richtete einen ſcharfen Blick auf ſie und fragte: ob ſie etwa nach der Woh⸗ nung des Gaͤrtners zu gehen geſonnen ſey? Roſa zoͤgerte mit der Antwort; da unterſagte ihr ihr Großvater in einem ernſten Tone, die Graͤnze des Gartens zu uͤberſchreiten, ein Verbot, welchem Roſa zu gehorchen verſprach. Sie verbeugte ſich ehr⸗ erbietig und eilte hinaus, um ihren truͤben Betrach⸗ tungen in der Einſamkeit nachzuhaͤngen. Zu dieſem Ende begab ſie ſich nach der Stelle hin, wo man die neuen Arbeiten noch nicht begon⸗ nen hatte. Sie ſollte hier inded nicht lange unge⸗ ſtoͤct bleiben. Das Geraͤuſch nahender Schritte ſchreckte ſie auf, und als ſie emporblickte, gewahrte ſie ihren Großvater, der einen Offizier und einen Trupp Soldaten durch den Garten fuͤhrte. Der Gedanke: daß ſie Greſſingholm aufſuchten, durch⸗ flog ploͤtzlich ihren Kopf, und dem Himmel dafuͤr dankend, daß er entflohen, verbarg ſie ſich ſchnell in das Gebuͤſch, um jeder laͤſtigen Frage zu ent⸗ gehen. 3 Aus ihrem Verſteck beobachtete ſie indeſſen die — 216— Soldaten genau und gewahrte, wie ſich dieſe mit ihrem Großvater nach dem verfallenen Gebaͤude be⸗ gaben und in das Innere deſſelben traten. Nach einer kurzen Weile kamen ſie aus der Ruine wieder hervor und Roſa vernahm jetzt deutlich, wie der Offizier zu ihrem Großvater gewandt bemerkte:„Ihr muͤßt mir ſchon geſtatten, Herr Hurſtbourn, Eure Diener zu verhoͤren; unmoͤglich kann ſich dort Je⸗ mand verborgen gehalten haben, ohne daß ihm von außen Beiſtand geworden.“—„Hat Jemand dar⸗ um gewußt, muß es der Gaͤrtner ſeyn,“ entgegnete ihr Großvater.— Da ſich aber in dieſem Augenblick der Trupp um eine Ecke wandte, ging das Uebrige des Geſpraͤchs fuͤr Roſa verloren. In der heftigſten Gemuͤthsbewegung ſank dieſe nunmehr auf ihre Kniee nieder. Es lag am Tage, daß, obgleich jede Spur von Lionels Aufenthalte fortgeſchafft worden war, das ſpaͤhende Auge der Soldaten dennoch irgend ein Merkmal von ſeiner Anweſenheit erforſcht haben mußte. Suchten ſie ge⸗ rade ihn, oder verfolgten ſie nur uͤberhaupt Jeman⸗ den der koͤniglichen Partei? Sie konnte ſich daruͤber keine Gewißheit verſchaffen. 1 Wenn ſie aber Barrett befragten?— Von namen⸗ loſer Angſt erfaßt, ſprang ſie aus ihrer knieenden Stellung empor.„Er wird Alles entdecken,“ ſprach — 217— ſie zu ſich ſelbſt,„und ſich und die Seinigen ungluͤck⸗ lich machen, weil er mit Treue an ſeinem vorigen Gebieter gehangen.“ Und von dieſen quaͤlenden Ge⸗ danken gefoltert, eilte ſie mit Fluͤgelſchnelle auf einem anderen Wege nach der Stelle hin, wo ſich die Ar⸗ beiter befanden. Trotz ihrer Schnelligkeit aber, kam ſie den Soldaten nur um einen Augenblick zuvor, denn noch ehe ſie Zeit hatte, dem alten Barrett einen Wink zu geben, trat auch ſchon ihr Großvater mit dem Offizier und deſſen Gefolge, aus dem entge⸗ gengeſetzten Gebuͤſch.— Sie ſprang zuruͤck und ver⸗ barg ſich hinter einigen dichten Straͤuchen. Herr Hurſtbouen winkte nunmehr dem Gaͤrtner zu ſich heran, und der Offizier fragte gerade zu: wer in dem alten Hundeſtall verſteckt geweſen? Barrett entgegnete mit ziemlicher Zuverſicht:„In dem alten verfallenen Dinge da unten? Niemand ſo viel ich weiß, ſeitdem Mylords Hunde davon liefen. Welche Chriſtenſeele moͤchte ſich auch da verkriechen!’“ „Huͤtet Euch mich zu beluͤgen,“ nahm der Offi⸗ zier wieder das Wort,„ich warne Euch. Ich weiß, daß jemand dort verſteckt geweſen; ich habe gegruͤn⸗ dete Urſache zu vermuthen daß ſich dort ein Boͤsge⸗ ſinnter verborgen gehalten; ich habe erfahren, daß Ihr ſeit kurzem weit beſſere Lebensmittel eingekauft habt, als Leute Eures Standes zu genießen pflegen.— 10⁰ — 218— Noch einmal alſo, nehmt Euch in Acht und ſprecht die Wahrheit.“ „Ich hoffe,“ bemerkte Herr Ezechiel Hurſtbourn, „daß jeder der zu meinem Hauſe gehoͤrt, zu ſehr dem wahren Glauben anhaͤngt, als daß er irgend einem Feinde deſſelben Vorſchub leiſten ſollte. Sprich Bar⸗ rett, ſprich die Wahrheit, ich befehle es Dir.“ Der Gaͤrtner ſchien indeß gaͤnzlich außer Stande, dieſem Gebote zu gehorchen; er ſtand da, beſtuͤrzt, bebend, ſprachlos.— Da rief der Offizier:„Sein Schweigen ſpricht genugſam gegen ihn, Herr Hurſt⸗ bourn, ich muß ihn ins Gefaͤngniß fuͤhren laſſen, wo wir ihm ſchon Rede abgewinnen wollen.— Heran Soldaten, bemaͤchtigt Euch ſeiner!“ Die Soldaten traten naͤher um zu gehorchen. Da ſtuͤrzte der arme Gaͤrtner nieder auf ſeine Kniee, flehte um Gnade und verſprach alles zu bekennen.— Das dringende des Augenblicks gab der ſonſt ſchuͤch⸗ ternen Roſa einen ungewoͤhnlichen Muth, raſch ent⸗ ſchloſſen ſprang ſte aus dem Gebuͤſch hervor mitten in den Kreis.„Quaͤlt nicht laͤnger einen Schuldlo⸗ ſen,“ rief ſie in einem feſten Tone,„iſt das was gethan worden ſtrafbar, bin ich die Verbrecherin!“ Aller, Augen richteten ſich jetzt auf die ſchoͤne Sprecherin.„Ihr Miß Hurſtbourn?“ fragte der Of⸗ fizier,„unmoͤglich!“ — 219— „Du Roſa?“ wiederholte ihr Großvater mit unbe⸗ ſchreibbarem Erſtaunen,„wie? Du haͤtteſt es gewagt, einen Boͤsgeſinnten in Schutz zu nehmen?“ Roſa's Muth ſtieg mit der Gefahr, und mit einer Eutſchloſſenheit, deren ſie ſich ſelbſt nicht faͤhig gehal⸗ ten hatte, erwiderte ſie:„Ich konnte einen meiner Nebenmenſchen nicht zu meinen Fuͤßen ſterben ſehen, da es in meiner Macht ſtand ihn zu retten,— ich nahm mir nicht die Zeit erſt nach ſeiner Religion und ſeinen politiſchen Meinungen zu fragen, um ihm das Leben zu erhalten.“ „Roſa“ entgegnete Herr Hurſtbourn mit finſterer Stirn,„haͤtteſt Du nicht gewußt, daß er zu unſern Feinden gehoͤre, Du wuͤrdeſt ihn zu uns ins Haus gebracht haben, ſtatt ihn in einem verfallenen Hun⸗ deſtalle zu verbergen.“ 3 Roſa ſchwieg einen Augenblick lang um zu uͤber⸗ legen, wie viel ſie entdecken koͤnne, ohne Lionels Ge⸗ fahr zu vermehren, dann entgegnete ſie:„Als der Ungluͤckleche ſein Bewußtſeyn wieder gewann, geſtand er mir allerdings, daß er zu der koͤniglichen Parthei gehoͤre, und daß ſein Leben verlohren ſey, ſollten die Republikaner ihn erſpaͤhen.— Ich konnte ihn nicht dem Tode uͤberliefern, von dem ich ihn ſo eben geret⸗ tet hatte.— Ich brachte ihn dorthin, wo ich ihn am ſicherſten glaubte, und verſah ihn mit denjenigen Be⸗ 10* 3 4* — 220— quemlichkeiten die ich ihm verſchaffen konnte. Ich beauftragte die Familie Barrett die Einkaͤufe fuͤr mich zu beſorgen, und als Sie, mein Großvater, davon ſprachen das verfallene Gebaͤude abtragen zu laſſen, brachte ich ihn als Tageloͤhner verkleidet, bei jenen unter. In ſeiner Verkleidung wurde er von dem Gaͤrtner als Arbeiter angeſtellt, ſofort aber entlaſſen, wie ſich ſeine Ungeſchicklichkeit beurkundete. Er war indeß ohnehin ſchon entſchloſſen, ſich unverzuͤglich aus dieſer Gegend zu entfernen, und das war es, was er mir ſagte, als Sie, mein Großvater, uns im Geſpraͤch uͤberraſchten.“ „Die Leute, welche fuͤr Euch die Einkaͤufe beſorg⸗ ten, Miß Hurſtbourn,“ nahm der Offizier wieder das Wort,„muͤſſen doch ohne Zweifel gewußt haben, fuͤr wen ſie ſtattfanden?“ „Die Diener meines Großvaters,“ antwortete Roſa,„ſind gewohnt zu gehorchen nicht zu kluͤgeln; ſie wußten daß ich jener Dinge fuͤr einen Ungluͤcklichen bedurfte und fragten nicht weiter. Utrtheilt ſelbſt, wie viel ſie von ihm wußten, wenn ich Euch ſage: daß ich, als ich mich geſtern nach der Wohnung des Gaͤrtners begab, die Tochter in Thraͤnen fand, weil ſich derjenige entfernt hatte, in dem ſie ſchon ihren zukuͤnftigen Gatten zu erblicken glaubte.“ .1— — 221— „Und der Nahme des verwundeten Helden?“ forſchte der Offizier weiter. „Er nahm meinen Beiſtand unter dem Nahmen Menſch in Anſpruch,“ erwiderte Roſa,—„weiter brauchte ich nichts zu wiſſen.“ „Koͤnnt Ihr der Wahrheit gemaͤß verſichern, daß Ihr mit dem Nahmen und dem Stande deſſen, den Ihr ſo lange beherbergt habt, unbekannt ſeyd?“ fragte der Offizier. Roſa ſchwieg.—„Gieb Antwort, unbedachtſames Maͤdchen,“ gebot ihr Großvater in einem ernſten Tone,„ſo wahr Du an die Unſterblichkeit Deiner Seele glaubſt, gieb Antwort.“ Dergeſtalt beſtuͤrmt entgegnete Roſa:„Wenn der Ungluͤckliche, von Dankbarkeit angetrieben, mir auch wirklich ſeinen Nahmen und ſeinen Stand offenbarte, ſo bin ich um ſo mehr verpflichtet ſein Vertrauen nicht zu mißbrauchen und darf ihn um ſo weniger; noch groͤßerer Gefahr preis geben.“— Nachdem ſie, dieſe Worte geſprochen hatte, verſank ſie wieder in Schwei⸗ gen, und weder Vor ſtellungen noch Drohungen ver⸗ mochten mehr aus ihr herauszubringen. Barrett hatte uͤbrigens den Wink verſtanden, und leugnete von nun an durchaus etwas Naͤheres von dem Fremden gewußt zu haben, und ſo blieb denn jedes Bemuͤhn des Of⸗ — 222—. fiziers, mehr uͤber den Fluͤchtling zu erfahren, durch⸗ aus fruchtlos. Bevor er den Garten verließ wandte ſich der Be⸗ fehlshaber der Soldaten, nachdem er Roſa eine Weile lang ernſt angeblickt hatte, zu ihrem Großvater: „Wollte ich meine Pflicht ſtreng erfuͤllen,“ ſprach er,„ich muͤßte hier vielleicht jemand gefaͤnglich ein⸗ ziehen, der durch die Beherbergung eines Boͤsgeſinn⸗ ten ſich der guten Sache ſo wenig geneigt gezeigt hat. Miß Hurſtbourn aber iſt noch ſo jung, Eure Grund⸗ ſaͤtze Herr Hurſtbourn ſind ſo zur Genuͤge bekannt, daß ich in der That glaube, ſie habe nur aus kindi⸗ ſchem Mitleid ſo gehandelt, und mich begnuͤge, Euch Ihrem Großvater das Geſchaͤft zu uͤberlaſſen, ihr beßere republikaniſche Grundſaͤtze beizubringen. Mit dieſen Worten begab er ſich hinweg, von ſeinen Sol⸗ daten gefolgt, um anderswo ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen. Von der Anſtrengung ihrer ganzen Seelenkraͤfte furchtbar erſchoͤpft, fuͤhlte jetzt Roſa ihre Kraͤfte ſchwinden; ihr Kopf begann zu ſchwindeln, und kaum hatte ſie nur, nach Hauſe zuruͤckzukehren, einige Schritte gethan, als ſie auch ohnmaͤchtig zu Boden ſauk. Sie ward nach Hauſe getragen, wo der An⸗ blick der todtenbleichen, bewußtloſen Tochter ihre Mut⸗ ter mit Angſt und Schrecken erfuͤllte. Das ganze Haus war in Bewegung geſetzt, und als Herr Hurſt⸗ bourn, nachdem er ſeinen militairiſchen Gaſt bis an die Pforte begleitet hatte, zuruͤckkehrte um ſeinen Zorn gegen ſeine Enkelin auszulaſſen, fand er niemand im Stande ihn anzuhoͤren. Nachdem ſie auf ihr Lager geſchaft worden war, erhielt Roſa indeß bald ihr Bewußtſeyn wieder, und ein Heilmittel, welches ihr ihre Mutter reichte, wirkte ſo wohlthaͤtig, daß ſie eine ruhigere Nacht hinbrachte, als ihr ſeit langer Zeit zu Theil geworden war. Sie erhob ſich am naͤchſten Moͤrgen ziemlich ge⸗ ſtaͤrkt, um die Vorwuͤrfe ihres Großvaters ruhig anzu⸗ hoͤren; wie geduldig ſie aber auch alle ſeine Zurecht⸗ weiſungen hinnahm, der zornige Alte vermochte ihr dennoch nicht das Bekenntniß abzudringen, daß ſie geſuͤndigt habe. Was den Nahmen des Fluͤchtlings anbetraf, ſo verſprach ſie, ſolchen, ſobald ſich ihr Schuͤtzling gluͤcklich außerhalb Englands beſinden wuͤrde, aber nicht eher, zu offenbaren. Wenn man nun bedenkt, wie die arme Roſa nicht nur von den Vorwuͤrfen ihres Großvaters, ſon⸗ dern auch von der Angſt fuͤr die Sicherheit ihres in Gefahr ſchwebenden Geliebten, und von der Erinne⸗ rung an Nancy's Leidenſchaft fuͤr denſelben geſoltert ward, kann es da wohl Erſtaunen erregen, wenn die Wangen der leidenden Jungfrau, ſich taͤglich immer — 224— blaͤſſer und blaͤſſer faͤrbten? wenn ihre Naͤchte immer ſchlafloſer wurden, und uͤberhaupt Alles die Abnah⸗ me ihrer Geſundheit verkuͤndete! Dieſe Merkmale aber, verſchafften ihr keineswegs Schonung von Sei⸗ ten ihrer wohlmeinenden aber vorurtheilsvollen Fa⸗ milie; im Gegentheil, es beſtaͤrkte dieſe nur noch in ihrem Eifer, denn ihre Mutter glaubte nunmehr, ruͤckſichtlich ihrer Vermuthung: daß ihre Tochter mit Liebe an dem Fremden hinge, Gewißheit erlangt zu haben. Das Einzige was die beklagenswerthe Roſa aus ihrer Schwermuth aufzuwecken vermochte, war die Ankunft der Zeitungen. Sie ſtudirte den Merku⸗ rius Politikus mit großer Aufmerkſamkeit und war ſtets ſo begierig nach demſelben, daß Herr Hurſt⸗ bourn faſt anfing ſich der frohen Ueberzeugung hinzu⸗ geben, wie ſeine Enrelin denn doch endlich beginne, Theil an der guten Sache zu nehmen und ſich fuͤr den Fortgang derſelben zu intereſſiren. Endlich fan⸗ den ihre ſuchenden Blicke die laͤngſt erſehnte Anzeige; Sie las:„Neuerdings hat ſich einer der Boͤsgeſinn⸗ ten, der unter Carl Stuart focht, der ſeinen Ver⸗ brechen gebuͤhrenden Strafe durch die Flucht zu ent⸗ ziehen gewußt. Wir erfahren ſo eben, daß Lionel Greſſingholm, Sohn des Baron Greſſingholm auf Eaſtwickhouſe in Worcheſterſhire, vor einigen Tda— 7* 4 Ser 8 ¹ 3 1 —,—— — 225— gen in Havre in der Normandie mit einem franzoͤſi⸗ ſchen Schiffe anlangte, welches er gerade in dem Au⸗ genblick erreichte, in welchem die ihn verfolgenden Soldaten ſeine Spur entdeckt hatten.“ Roſa ließ die Zeitung aus ihrer Hand fallen, ſank auf ihre Kniee nieder, und ſandte ein inniges Gebet hinauf zu dem Ewigen, der ihren theuren Fluͤcht⸗ ling gluͤcklich durch ſo mannigfache Gefahren gefuͤhrt hatte. Ihr Großvater und ihre Mutter blickten voll Erſtaunen auf ſie. Sie ſtoͤrten ſie in ihrer Andacht nicht, fragten aber, ſo wie dieſe beendet war, wie aus einem Munde: was ihr Benehmen zu bedeuten habe? Ohne ſich aus ihrer knieenden Stellung zu er⸗ heben, wandte ſich Roſa zu ihnen und gab die ver⸗ langte Auskunft; dieſe genuͤgte den Ihrigen zwar keineswegs, da aber von Noſa's Herzen eine Cent⸗ nerlaſt genommen war, machten die Vorwuͤrfe ihrer Verwandten heute nur geringen Eindruck auf ſie; und, zum erſtenmal ſeit langer Zeit, ſenkte ſich als ſie ſich heute zur Ruhe legte, der Schlaf wieder herab auf ihre Augenlieder. Kaum aber erhob ſie ſich am naͤchſten Morgen von ihrem Lager, als ſie ſich auch ſofort zu ihrer Mutter begab und ihre Verzeihung erflehte, daß ſie ihr die Wahrheit bis heute verſchwiegen habe, wobei ſie ſich bereit tlaͤrte, Allgs, was zwiſch ihr und ſ(¹0) — 226— Greſſingholm vorgefallen, zu offenbaren. Dieß Aner⸗ bieten ward begreiflicherweiſe eifrig angenommen, und Roſa erzaͤhlte nunmehr mit der groͤßten Genauigkeit, von ihren Beſuchen in der Ruine, von ihren Ge⸗ ſpraͤchen, von ihrer Liebe, von ihrem dringenden Verlangen daß Lionel ſich, um ihre Hand zu erhal⸗ ten, dem Parlamente unterwerfen moͤchte, und von ſeinem Begehren, daß ſie mit ihm nach dem feſten Lande entfliehen ſollte. Sie beantwortete mit der groͤßten Geduld alle kraͤnkende und ſchmerzerregen⸗ de Fragen ihrer Mutter, welche es ſich nicht als moͤg⸗ lich denken konnte, daß einer der Boͤsgeſinnten, ein Maͤdchen daß ſich ſo ganz in ſeine Gewalt gegeben, mit einem ſolchen Zartgefuͤhl, mit einer ſolchen Scho⸗ nung behandeln konnte, und die demnach gemuht war, durch ausfuͤhrliche Erkundigungen den, in ihr immer wieder und wieder emporſteigenden, Verdacht zu verbannen. In dieſer Ruͤckſicht indeß endlich gaͤnzlich beruhigt, hoͤrte ſie von nun an auf ihre Tochter mit Vorwuͤrfen zu quaͤlen, welche ſich dage⸗ gen ihrerſeits bemuͤhte, ihrer Liebe Herr zu werden und ihre Gefuͤhle niederzukaͤmpfen. Ihr Streben in dieſer Ruͤckſicht aber, entſprach ihren Erwartungen keinesweges. Zwar ward ihr Kummer milder, zwar unterwarf ſie ſich ergebungsvoll dem Willen des Himmels, zwar kehrte ihre Geſundheit, ihre Schoͤn⸗ -—— 7—— heit wenigſtens, groͤßtentheils zuruͤck, aber ihre Liebe ſchien dennoch einen bedeutenden Theil ihres Da⸗ ſeyns auszumachen, und nur mit dieſem enden zu koͤnnen. Ueber ihre eigenen Leiden hatte ſie indeſſen nie die der armen Nancy Barrett vergeſſen, ſondern ſich mit Erlaubniß ihres, jetzt mit ihr ſo ziemlich ausge⸗ ſoͤhnten, Großvaters dann und wann nach der Woh⸗ nung des Gaͤrtners begeben, um dem Opfer einer ungluͤcklichen, Roſa's Ueberzeugung nach, unerwie⸗ dert gebliebenen Liebe, troͤſtende Worte zu ſpenden. Nancy aber blieb taub gegen alle ihre Vorſtellungen, der heftige Schmerz des armen Maͤdchens hatte zwar. nachgelaſſen, an ſeine Stelle aber, war eine duͤſtere Schwermuth getreten, der ſie nichts zu entreißen vermochte. Sie ſprach nur ſelten und wenn ſie es that, geſchah es nur um in Klagen uͤber ihr trauri⸗ ges Schickſal auszubrechen. Sie nahm nur wenigen Antheil an den Geſchaͤften des kleinen Haushalts, kuͤmmerte ſich durchaus nicht um die Schmaͤhungen der Mutter, und gehorchte nur den drohenden, nicht ſelten von Schlaͤgen begleiteten, Worten ihres Va⸗ ters. Roſa ſetzte ihre menſchenfreundlichen Bemuͤ⸗ hungen bei der Ungluͤcklichen wochenlang fort, aber es gelang ihr dennoch durchaus nicht, wohlthaͤtig auf ſie einzuwirken; ja, Roſa's Anblick, der Schall — 228— ihrer Stimme, ſchienen im Gegentheil Nancy's ſchwermuͤthige Stimmung zu vermehren, und ſo gab die Erſtere endlich den Verſuch, das traurige Maͤd⸗ chen zu beruhigen, vor der Hand auf; dann und wann aber ſah ſie ſich nach ihr um, um die erſte guͤnſtige Gelegenheit zu benutzen, ſich einen wohl⸗ thaͤtigen Einfluß auf ſie zu verſchaffen. So vergingen nun mehrere Monate, ohne daß ſich in Roſas Lage etwas veraͤndert haͤtte; als aber der Fruͤhling heranruͤckte bemerkte ſie mit Schrecken eine Veraͤnderung in Nancy's Geſtalt, und nicht 1 vermochte ſie die furchtbaren Ahnungen niederzukaͤm⸗. pfen, die bei dieſer Entdeckung in ihrer Seele erſtie⸗ 4. gen, die graͤßliche Wahrheit ſollte ihr nur zu bald vor Augen treten. Als ſie ſich eines Morgens wieder nach der Woh⸗ nung des Gaͤrtners begab, vernahm ſie dieſelben Klagen, dieſelben Schmaͤhungen, wie am Tage von Greſſingholm's Flucht. Sie ſchauderte und wollte ihre Schritte heimwaͤrts richten; aber ſie machte ſich Vorwuͤrfe uͤber ihre Schwaͤche und trat in das d Haͤuschen. Kaum ward ſie von der Gaͤrtnerfrau er⸗ 6 . 4 blickt, als dieſe auch, von Zorn gluͤhend, ihr entge⸗ genflog und ihr mit wenigen aber klaren Worten, die entſetzlichen Vermuthungen beſtaͤtigte die ſich in ihr emporgedraͤngt hatten; wobei die ungluͤckliche — 229— Mutter den ſchaͤndlichen Verfuͤhrer verwuͤnſchte, der zum Lohn fuͤr die ihm geleiſteten Dienſte, ihre Toch⸗ ter ins Elend geſtuͤrzt habe. Roſa bebte an allen Gliedern und war, um nicht zu Boden zu ſinken, genoͤthigt ſich an einen Stuhl zu lehnen. Ihre Todtenblaͤſſe ward endlich von der Alten be⸗ merkt,„Ja erſchreckt nur Miß Hurſtbourn,“ rief ſie, „erſchreckt nur, Ihr habt Eure Guͤte an einen Boͤ: ſewicht verſchwendet! Ein ſchlechter Streich von einem Edelmanne, ſo ein armes Ding durch Verſpre⸗ chungen zu taͤuſchen!“—„Verſprechungen?“ wie⸗ derholte Roſa mit ſchwacher Stimme; und nicht im Stande dieſe Scene laͤnger zu ertragen, ſchickte ſie ſich an ſich hinwegzubegeben, wobei ſie indeß ver⸗ ſprach zuruͤckzukehren, ſobald Mutter und Tochter ruhiger ſeyn wuͤrden. So ſchnell ihre bebenden Glie⸗ der ſie nur fortzutragen vermochten, eilte ſie nach Hauſe; wo ſie ſich ſofort auf ihr Zimmer begab, und ſich von ihrem Großvater und ihrer Mutter die Er⸗ laubniß erbat, fuͤr heute in ihrem einſamen Gemache bleiben zu duͤrfen, morgen wolle ſie ihnen offenbaren was ſich zugetragen⸗ und was ihren Wunſch nach Zuruͤck⸗ gezogenheit veranlaßt habe. Ihrem Verlangen ward gewillfahrt, und Roſa gab ſich nunmehr in der Ein⸗ ſamkeit ganz ihrem Schmerze hin. Endlich ſuchte ſie Troſt im Gebet; es waͤhrte lange bevor ſich ihre Seele mit Andacht zu dem Ewigen zu erheben ver⸗ mochte, nach und nach aber ward ſie ruhiger, und nunmehr flehte ſie den Allmaͤchtigen an: um Verzei⸗ hung fuͤr den noch immer geliebten Verbrecher, um ſeine Bekehrung und um Kraft den vergeſſen zu koͤn⸗ nen, den ſie nicht mehr achten konnte. Am naͤchſten Morgen begab ſie ſich ihrem Ver⸗ ſprechen zufolge hinab zu den Ihrigen, und begann mit zitternder Stimme zu berichten, welche Ent— deckung ſie am vergangenen Tage gemacht habe. Da brach ihre Mutter in Verwuͤnſchungen gegen den Verbrecher aus, aͤußerte aber auch zugleich ihre Hoff⸗ nung, daß dieſer Umſtand ihre Tochter von ihrer ſuͤndhaften Liebe heilen werde, waͤhrend Herr Hurſt⸗ bourn in einem kalten Tone bemerkte, wie von dem Umgange ſeines Boͤsgeſinnten mit einer albernen Dirne nichts anders zu erwarten geweſen waͤre. Mit nie⸗ dergeſenkten Blicken hoͤrte Roſa dieſe Aeußerungen der Ihrigen an, dann wagte ſie die Frage: was nun fuͤr das arme, ungluͤckliche Maͤdchen zu thun ſey! „Gern/“ fuͤgte ſie hinzu,„moͤchte ich nach meinen beſten Kraͤften das Unrecht deſſen wieder gut machen, den ich liebte, und den ich, ach, noch immer liebe!“ Ihr Großvater und ihre Mutter, machten ihr Vorwuͤrfe uͤber dieſe letzte Aeußerung, und meinten: man duͤrfte dem Himmel nicht vorgreifen, und die Schuldige der Strafe, die ſie ſelbſt uͤber ſich herbei⸗ gezogen, nicht entziehen. Roſa aber ſtellte dieſen ihren Bemerkungen die milden Lehren des Chriſten⸗ thums entgegen, und fuͤgte dann in einem demuͤthi⸗ gen Tone hinzu: daß ſie ja eigentlich die erſte Urſa⸗ che des Ungluͤcks der armen ſchwachen Nancy gewe⸗ ſen ſey, indem ſie ſie dadurch, daß ſie die Familie Barrett zu Greſſingholms Beiſtand aufgefordert, der Verſuchung ausgeſetzt habe. Den Nahmen Greſſing⸗ holm auszuſprechen, war faſt mehr, als Roſa's Kraͤfte vermochten; ſie ſprach ihn indeß aus, und ihre dringenden Bitten, ihre Vorſtellungen gewan⸗ nen endlich ſo viel uͤber ihren Großvater, das er verſprach, mit der Schuldigen zu ſprechen, ſich nach den naͤheren Umſtaͤnden zu erkundigen, und falls er wahrhafte Reue faͤnde, die boͤſen Folgen ihres Fehl⸗ tritts, ſo viel wie moͤglich, von ihr und ihrer Fami⸗ lie abzuwenden. Herr Hurſtbourn kehrte indeß hoͤchſt unzmfrieden von der Wohnung des Gaͤrtners zuruͤck; er behaup⸗ tete: Nancy ſey am meiſten zu tadeln, weil ſie in dem wahren Glauben erzogen, von einem unglaͤubigen Boͤsgeſinnten ſey nichts Beſſeres zu erwarten geweſen. Roſa erhielt den ſtrengen Befehl, ſich durchaus von der Verbrechexin fern zu halten, und wagte es nicht denſelben zu uͤberſchreiten, ward ſie gleich von — 232— ihrem nistladigen Gefuͤhl angetrieben, die Ungluͤckli⸗ che aufzuſuchen. In ihrer Sorge fuͤr ihre Mutter war ſie jetzt noch zaͤrtlicher, noch ſorgſamer, noch kindlicher als vormals; ihrem ſtrengen Großvater zeigte ſie ſich ſtets als eine gehorſame Enkelin. Die Stun⸗ den aber, welche ſie nicht in der Geſellſchaft dieſer ihrer beiden Verwandten verlebte, brachte ſie in ihrem einſamen Gemache mit frommen Andachts⸗ uͤbungen hin, die nur dann und wann, durch ſuͤße, zugleich aber auch ſchmerzvolle Erinnerungen an jene Zeit, in welcher ſich Lionel unter ihrem Schutze be⸗ fand, unterbrochen wurden. Dieß aber, fand in der That nur ſelten ſtatt, ſie kaͤmpfte mit großer Kraft gegen ſolche Verirrungen ihrer Phantaſie an, und gemeinhin wurden ihre Bemuͤhungen durch den ge⸗ wuͤnſchten Erfolg gekroͤnt. Auch hatte ſie jetzt nur noch ihr eigenes Herz zu bekaͤmpfen, alle Erinnerun⸗ gen aus jener Zeit waren hinweggeſchafft; der verwuͤ⸗ ſtete Garten war zum fruchttragenden Kornfelde umgewandelt, die Ruinen abgetragen worden, und ſo war denn keine Spur mehr aus jener kurzen Pe— riode ihrer Liebe vorhanden, die, wie es ſchien, ihrer ganzen uͤbrigen Lebenszeit den Stempel des s Kunamners aufgedruͤckt hatte. Fruͤhling und Sommer vergingen, ohne daß ſi ſich auf Eaſtwickhouſe und! in der Umgegend, die Ge⸗ — 233— burt des Kindes der ungluͤcklichen Nancy ausgenom⸗ men, irgend etwas zugetragen haͤtte das hier erwaͤhnt zu werden verdiente. Die beklagenswerthe Mutter des vaterloſen Kindes, hatte die Geburt deſſelben mit ihrem Leben bezahlt. Bei dieſer Gelegenheit erhielt Roſa von ihrem Großvater die Erlaubniß in der Wohnung des Gaͤrtners noch einmal einſprechen zu duͤrfen, und ſo ort begab ſie ſich dorthin, um die ungluͤcklichen Aeltern zu troͤſten. Als ſie Greſſingholms Kind erblickte, bebte ſie zuſammen, ſie ſchauderte anfangs vor demſelben zuruͤck und gab den menſchenfreundlichen Plan faſt auf, den ſie zu Gunſten des lebenden Zeugen der Untreue ihres Geliebten entworfen hatte. Roſa Hurſtbourn war indeß nicht gewohnt ſich ſelbſtſuͤchtigen Gefuͤhlen hinzugeben, ſchnell bemuͤhete ſie ſich, jedes Merkmahl ihrer Gemuͤthsbewegung zu unterdruͤcken, und ſo ge⸗ lang es ihr denn auch wirklich dem ungluͤcklichen Ehe⸗ paar einigen Troſt zu ſpenden. Erfreut uͤber dieſen gluͤcklichen Erſolg ihrer Be⸗ muͤhungen, begab ſich Roſa, von nun an, wieder oͤfte⸗ rer nach der Gaͤrtnerwohnung, und ſo gewoͤhnte ſie ſich nach und nach an den ihr anfangs ſo verhaßten An⸗ blick des Kindes. Von Tag zu Tag begann ſie fuͤr daſſelbe immer mehr Mitleid, immer mehr Theilnahme zu hegen; ja endlich betrachtete ſie es ſogar, als Alles was von ihrem geliebten Lionel in England zuruͤck⸗ — 234— geblieben, als das Einzige was ſie je von ihm wieder erblicken wuͤrde; und faſt empfand ſie jetzt Liebe fuͤr das Kind, von dem ſie ſich fruͤher mit Abſcheu ab⸗ gewandt hatte. Mit einem Intereſſe, deſſen Schmerz bald ſeine Bitterkeit verlor, bemuͤhte ſie ſich Aehn⸗ lichkeiten zwiſchen dem Kleinen und ihrem Geliebten aufzufinden, und mit unbeſchreibbarem Kummer blickte ſie auf die aͤrmliche Umgebung in welcher der Sohn Lionels auferzogen wurde. Roſa hatte zwar daheim den Wunſch geaͤußert ſich des verlaſſenen Kindes annehmen zu duͤrfen, die⸗ ſen Vorſchlag hatte ihre Mutter aber unverzuͤglich verworfen, indem ſie dabei ihr Erſtaunen aͤußerte, wie ihre Tochter fuͤr ein ſolches Kind der Suͤnde Mitleid hegen koͤnne. Roſa's Augen entperlten Thraͤ⸗ nen bei dieſer Bemerkung, an kindlichen Gehorſam gewohnt, aber wagte ſie keine Antwort; faßte indeß den Entſchluß, insgeheim nach ihren beſten Kraͤften zur Erziehung des Knaben beizutragen. Waͤhrend der folgenden Monate, fanden nun mehr Begebenheiten ſtatt, welche die Gedanken der aͤltern Mitglieder der Familie Hurſtbourn gaͤnzlich⸗ von der Gaͤrtnerfamilie und dem Kinde abzogen; und ſelbſt auch Roſa's Aufmerkſamkeit wenigſtens theil⸗ weiſe in Anſpruch nahmen. Auf das Wort eines geſchickten und gluͤcklichen Feldherrn und Politikers, — 235— hoͤrte das Parlament plotzlich auf zu exiſtiren, und Oli⸗ ver Cromwell und ſein, aus Offizieren beſtehender, Rath traten an die Stelle deſſelben. Ganz nur ih— ren Zweck im Auge habend, erſparten ſie dem Volke die Muͤhe ſeine Repraͤſentanten zu waͤhlen, und er⸗ nannten aus eigener Macht ſolche Individuen, die ihnen dazu am geeignetſten ſchienen; in Folge dieſer Wahl, ward nun auch im Junimonat, Herr Ezechiel Hurſtbourn, als ein beguͤterter Anhaͤnger der Crom⸗ wellſchen Parthei, aufgefordert an der Verwaltung Theil zu nehmen. Herr Hurſtbourn ſchickte ſich ſo⸗ fort an, die ihm uͤbertragene Laſt auf ſeine Schul⸗ tern zu laden, aber er wollte dabei die Geſellſchaft der Seinigen genießen und ſſo gebot er denn ſeiner Familie, ſich bereit zu halten, naͤchſtens mit ihm die Reiſe nach der Hauptſtadt anzutreten. Vergebens ſtellte ihm ſeine kranke Schwiegertochter vor, wie ſie bei ihrer Schwaͤche ſchwerlich einen ſo weiten Weg werde zuruͤck legen koͤnnen. Herr Hourſtbourn ent⸗ gegnete: daß ſie, falls ſie nicht Luſt haͤtte die Reiſe mit zu machen, auf Eaſtwick⸗houſe zuruͤckbkeiben koͤnne, Roſa aber ſolle und muͤße ihn begleiten; eine Erklaͤrung die Miſtreß Hurſtbourn, welche die Ein⸗ ſamkeit noch mehr als die Anſtrengung fuͤrchtete, end⸗ lich bewog ſich in ihr Schickſal zu ergeben. Nach einer Reiſe, die in jenen Tagen nicht ohne — 236— große Beſchwerlichkeiten gemacht werden konnte, langte die Familie Hurſtbourn in London an, wo ſie ein ſchoͤnes Haus bezog, das ſeinem vormaligen Ei⸗ genthuͤmer, durch den Sieg der Republikaner und Pu⸗ ritaner uͤber die koͤnigliche Parthey, abgenommen worden war. 1 In Ruͤckſicht des Glanzes, der Volksmenge und der oͤffentlichen Luſtbarkeiten, hatte nun allerdings das London von 1653 mit dem von 1825 nur wenig Aehn⸗ lichkeit, aber der Laͤrm darin reich dennoch vollkom⸗ men hin, Miſtreß Hurſtbourns Kraͤnklichkeit zu ver⸗ mehren, und ſo konnte denn die arme Roſa anfangs faſt nicht das Zimmer verlaſſen, denn Pflege ſpen⸗ dend mußte ſie ihrer Mutter zur Seite bleiben. Ihr Großvater bemuͤhte ſich indeß dieſe Einſamkeit zu beleben; ſo wie er mit ſeinen Collegen naͤher be⸗ kannt geworden, lud er mehrere derſelben zu ſich ein und ſtellte ſie ſeiner Familie vor. Roſa war zu ſchoͤn, als daß man ſie ohne Be⸗ wunderung haͤtte betrachten koͤnnen; ihre Unterhal⸗ tung war vollkommen geeignet, den Eindruck ihrer perſoͤnlichen Reize noch mehr zu verſtaͤrken, und ſo iſt es denn kein Wunder, wenn die Erbin des rei⸗ chen Herrn Hurſtbourn, ein Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit ward. Obgleich ſich aber unter die⸗ ſen ihren neuen Anbetern wohl mancher befand, deſ⸗ ſen Hand ſie unter andern Umſtaͤnden nicht ausge⸗ ſchlagen haben wuͤrde, hing Roſa's Herz noch immer zu ſehr an dem treuloſen Lionel, als daß ſie der Be⸗ werbung lirgend eines andern Mannes haͤtte Gehoͤr geben koͤnnen, und wie ihr auch ihr Großvater, bald den Einen, bald den Andern prieß, ſie blieb, trotz ſeiner Vorſtellungen und Vorwuͤrfe, bei der be⸗ ſtimmten Erklaͤrung: daß ſie keinen Gatten waͤhlen koͤnne, ſo lange, trotz ihres eifrigen Bemuͤhens daſ⸗ ſelbe daraus zu verbannen, das Bild eines Andern noch in ihrem Herzen lebe. So verging ungefaͤhr ein halbes Jahr, da⸗er⸗ ſchien der 1ate December, jener merkwuͤrdige Tag, an welchem auf Cromwells Veranſtaltung das Par⸗ lament, unter dem Vorwande daß ſeine Sitzungen fuͤr das Wohl der Nation nicht laͤnger noͤthig waͤren, abgeſchafft werden ſollte. Mehrere Mitglieder, un⸗ ter ihnen Herr Ezechiel Hurſtbourn, widerſetzten ſich zwar dieſem Vorhaben, wurden aber von Cromwells bewaffneter Macht aus dem Hauſe enieben⸗ und genoͤthigt ſich zu entfernen. 4 Zwei oder drei Tage brachten dieſe Republikaner nun in Berathſchlagungen hin, was unter den ob⸗ waltenden Umſtaͤnden zu thun ſey, und wie ſie es anzufangen haͤtten die Freiheit aufrecht zu erhalten? aber noch bevor ſie zu einem feſten Entſchluſſe ge⸗ 4 * — 238— kommen waren, hatte Oliver Cromwell ſeine Anſtal⸗ ten bereits vollendet, eine Conſtitution ward procla⸗ mirt und Cromwell ward zum Protektor ernannt. Durch dieſe Begebenheit in allen ſeinen patriotiſchen Hoffnungen und Erwartungen getaͤuſcht, ward dem Herrn Hurſtbourn ploͤtzlich jede Einmiſchung in die oͤffentlichen Angelegenheiten dergeſtalt zuwider, daß er den Entſchluß faßte, ſich von denſelben gaͤnzlich zuruͤckzuziehen und ſich mit ſeiner Familie wieder nach ſeinem Landſitze zu begeben. Auf Eaſtwick-houſe wieder angelangt, begann Roſa neuerdings, dem ungluͤcklichen Sproͤßlinge der Schuld ihre Sorge zu widmen, das Geſchaͤft die Seele des Knaben zu bilden, hatte fuͤr ſie einen un⸗ beſchreibbaren, einen unwiderſtehlichen Reiz; ſie konnte ſich bald nicht mehr von dem Kleinen trennen und wagte es endlich, ihren Großvater, den die letzten Begebenheiten in London etwas weniger eigenſinnig gemacht hatten, um die Erlaubniß zu erſuchen, den Knaben zu ſich in das Haus nehmen zu duͤrfen; eine Bitte welche ihr auch geſtattet ward und deren Er⸗ fuͤllung ſie wenigſtens zum Theil wohl dem purita⸗ niſchen Nahmen Benoni zu verdanken hatte, der dem Knaben, von dem presbyterianiſchen Geiſtlichen der Gemeine, beigelegt worden war. So vergingen nunmehr wieder zwoͤlf Monate, — 239— waͤhrend welcher Zeit Herr Hurſtbourn taͤglich unzu⸗ friedner mit der Regierung des Protectors ward; unablaͤſſig bruͤtete er nun uͤber der Vernichtung aller ſeiner Hoffnungen; ſeine Gefuͤhle wurden von vielen getheilt, deren Meinungen den ſeinigen glichen, und ſo fanden denn Zuſammenkuͤnfte ſtatt, in denen die Unzufriedenen berathſchlagten, was bei der gegenwaͤr⸗ tigen Lage der Dinge zu thun ſey. Die Einſamkeit auf Eaſtwick⸗houſe ward demnach jetzt oft, wenn auch nicht belebt, denn doch geſtoͤrt durch verſchiedene Beſucher, welche mit dem Herrn Hurſtbourn geheime Unterredungen hatten. Roſa hatte begreiflicherweiſe keinen Zutritt zu denſelben, aber ſie konnte aus den Reden ihres Großvaters, ſo wie aus dem Inhalte ſei⸗ ner Gebete, ſo ziemlich errathen was vorging, und ſie ſchauderte, wenn ſie daran dachte daß ſich die blu⸗ tigen Scenen ihrer Kindheit wieder erneuen koͤnnten. Bei dieſen Betrachtungen trat die Schlacht von Wor⸗ cheſter und deren Folgen mit lebendigen Farben neu⸗ erdings vor ihre Seele, und oft ward nun wieder des Nachts ihr Kiſſen mit Thraͤnen benetzt, oder ſie verließ wohl gar ihr Lager, um auf ihren Knicen den Ewigen anzuflehen, daß er ihr Kraft verleihen moͤge die ſuͤndhafte Liebe aus ihrer Bruſt zu verbannen. Unter den Gaͤſten welche ſich jetzt oft auf Eaſt⸗ wick⸗houſe einfanden, kam ein gewiſſer Major Ro⸗ 2 — —— — 240— bertſon am haͤufigſten, er ward ſtets ſehnlichſt erwar⸗ tet, herzlich begruͤßt, und jedesmal nach ſeiner An⸗ kunft in das Cabinet des Herrn Hurſtbourn gefuͤhrt; der auch einen ununterbrochenen Briefwechſel mit ihm unterhielt. Roſa ſchloß aus dieſem Allen, daß etwas Wichtiges im Werke ſeyn muͤſſe, und flehte inbruͤnſtig 8 den Ewigen an, daß dasjenige was man vorhabe, was es auch immer ſeyn moͤge, zum Beſten des Lan⸗ des ausſchlagen moͤge. Ihre Thraͤnen aber ſtroͤmten hinab, wenn ſie, indem ſie den kleinen Benoni an ihre Bruſt druͤckte, daran dachte, daß, welche Ver⸗ aͤnderungen auch in ihrem Vaterlande vorgehen moͤch⸗ ten, keine dennoch im Stande waͤren, ihr ihren Ge⸗ liebten zuruͤck zu fuͤhren. Es war gegen Ende des Januars im Jahre 1655. Ein ſtuͤrmiſcher und ſchneeiger Tag neigte ſich zu ſei⸗ nem Ende, und die Familie auf Eaſtwickhouſe hatte ſich in dem gemeinſchaftlichen Wohnzimmer verſammelt; Ezechiel Hurſtbourn las ein Kapitel aus der heiligen Schrift vor, waͤhrend ſich Roſa, indem ſie zugleich andaͤchtig zuhoͤrte, bemuͤhte den Knaben ruhig zu erhalten, damit ihre Mutter nicht auf ihn zuͤrne, denn dieſer war es nie recht geweſen, daß Roſa ſich des kleinen Baſtard's, wie ihn Miſtreß Hurſtbourn nannte, angenommen hatte. Da ward ploͤtzlich ein lautes Pochen an der Thuͤr vernehmbar, und die — 241— Vorleſung unterbrechend, rief Roſa's Mutter erſchrok⸗ ken:„Hilf Himmel, wer kann das ſeyn? Wer kommt da noch ſo ſpaͤt, und bei ſolchem Wetter?“ Herr Ezechiel Hurſtbourn ſchlug die Bibel zu und entgegnete in einem feierlichen Tone:„Es iſt ein Knecht des Herrn, der da kommt im Dienſte des Herrn. Kein Sturm, kein Regenwetter vermag die Schritte deſſen zu hemmen, der da einherſchreitet zum Heil der guten Sache.— Nun, habe ich nicht Recht gehabt?“ fuͤgte er hinzu, als ſich gleich darauf die Thuͤr oͤffnete, und Major Robertſon, in einen wei⸗ ten Reitermantel gehuͤllt, in das Gemach trat. Ihm folgte ein Mann, noch mehr verhuͤllt als er ſelbſt, denn er hatte den Mantel ſogar uͤber das Antlitz ge⸗ zogen, und den breitkrempigen Hut tief in die Stirn gedruͤckt. Ezechiel Hurſtbourn erhob ſich von ſeinem Sitze, ſchritt den Ankoͤmmlingen entgegen und reichte dem Major Robertſon die Hand hin, indem er ſprach: „Willkor mmen Du guter und treuer Knecht des Herrn; ſag. an, bringſt Du gute Zeitung?“ „Freudige und wichtige Zeitung,“ erwiderte der Major, indem er die ihm dargebotene Hand mit Herzlichkeit erfaßte, dann fuͤgte er etwas leiſer hinzu: „Ich bringe die Kunde, daß unſere vormaligen eif⸗ 8. 11 — 4 — 242— rigſten Gegner bereit ſind, ſich mit uns zu verbin⸗ den, zum Sturze unſers gemeinſchaftlichen Feindes.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Herr Eze⸗ chiel Hurſtbourn;„und wer iſt dort Euer Begleiter?“ „Ein Freund,“ antwortete Robertſon,„ein Herr Mortimer; bevor ich Euch aber naͤher mit ihm be⸗ kannt mache, bitte ich Euch um ein Geſpraͤch unter vier Augen.“ Herr Hurſtbourn erklaͤrte ſich hierzu bereit, und begab ſich mit ſeinem alten Bekannten in ſein Ge⸗ mach, waͤhrend deſſen ſein Begleiter in dem gemein⸗ ſchaftlichen Wohnzimmer bei den Frauen zuruͤckblieb, wo er in einem duͤſtern Winkel Platz nahm, nach⸗ dem er durch eine ſtumme Verbeugung, Miſtreß Hurſtbourns Einladung ſich dem Kaminfeuer zu naͤ⸗ hern, abgelehnt hatte. In dieſem Augenblick fing der Knabe, trotz den Bemuͤhungen Roſa's ihn zu beruhigen, an zu ſchreien, und neuerdings ſchalt ihre Mutter auf den Pflegling der Tochter. Dieſe erhob ſich demnach von ihrem Sitze, und nahm mit dem Knaben Platz in einem Fenſter an der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Zimmers, um dort das Kind zu beſchwichtigen; dieß gelang ihr auch und froͤhlich ſpielte jetzt Benoni neben ihr, da vermahm ſie ploͤtz⸗ — 243— lich ein leiſes Geraͤuſch; ſie wandte ſich um und ihre Augen ruhten auf der Geſtalt Lionels Greſſingholms, welcher dicht vor ihr ſtand, den Finger auf den Mund hielt, und ihr zufluͤſterte:„Behutſam! verrathe mich nicht!“ Roſa ſchrie nicht auf, ſie ſank nicht in Ohnmacht, ſondern ſtarrte nur ſprachlos auf ihn hin, ihr Ant⸗ litz ward bleich wie Marmor, dabei aber druͤckte ſie den Knaben ſo krampfhaft an ihre Bruſt daß er neuer⸗ dings zu ſchreien begann. Roſa aber vernahm in dieſem Augenblick weder ſein Geſchrei noch das Schel⸗ ten ihrer Mutter, welche in ihrem Lehnſeſſel in dem ſie, mit dem Ruͤcken nach ihrer Tochter gekehrt, ne⸗ ben dem Kaminfeuer ſaß, ſich neuerdings uͤber den Laͤrm des kleinen Ruheſtoͤhrers beklagte, ſondern ward zu ihrem Bewußtſeyn erſt durch Greſſingholm's Stimme zuruͤckgerufen, welche ihr leiſe wie vorhin zufluͤſterte: „Konnte ich glauben, Roſa, Dich verheirathet zu finden?“ Sie hoͤrte, ſie verſtand ihn. Die Ungerechtigkeit des Vorwurfs ſchreckte ſie auf:„Ich, ich verheira⸗ thet?“ ſtammelte ſie kaum vernehmbar;„o Lionel Du weißt ja nur zu gut—— Hier bebte ihre Stimme, ſie vermochte nicht wei⸗ ter zu reden.„Aber dieſes Kind hier?“ forſchte Lio⸗ nel dringend. 11* — 244— NRoſa wollte antworten, da aber ſchrie der Knabe noch lauter als zuvor. Miſtreß Hurſtbourn verlohr die Geduld und rief in einem zornigen Tone:„Wird das Geſchrei denn endlich aufhoͤren? Willſt Du denn Deine Mutter ganz auſopfern Roſa, aus thoͤriger Liebe, fuͤr den Baſtard eines Boͤsgeſinnten, den. Du verachten ſollteſt.“ 3 Roſa nahm ihre ganze Kraft zuſammen um eine Antwort hervorzuſtammeln.„Verzeiht mir theure Mutter,“ entgegnete ſie,„ich will das Kind entfer⸗ nen.“— Dann, den Gegenſtand des Vorwurfs noch enger an ihre Bruſt druͤckend als zuvor, erhob ſie ſich von ihrem Sitze, fluͤſterte im Voruͤbergehen Greſ⸗ ſingholm zu:„Es iſt Dein Sohn!“— und ſchwankte zum Zimmer hinaus. Sie uͤbergab nunmehr den Knaben der Sorge ſeiner Wärterin, und eilte dann auf ihr einſames Gemach, wo ſich ihr uͤbervolles Herz durch einen Thraͤnenſtrom Luft machte. Nicht lange indeß gab ſie ſich ihren Gefuͤhlen hin, der Gedanke an die Ge⸗ fahr in der Lionel, dadurch daß er ſich jetzt allein bei ihrer Mutter befand, gerathen koͤnne, durchkreuzte ploͤtzlich ihr Gehirn. Einen Augenblick lang kniete ſie nieder, um ein kurzes aber inniges Gebet hinauf zu dem Ewigen zu ſenden, dann aber erhob ſie ſich — —y—Mj.--— — 245— geſtaͤrkt, entſchloſſen und ihre Thraͤnen trocknend; und ihre Gemuͤthsbewegung niederkaͤmpfend kehrte ſie ſofort in das Zimmer zuruͤck, welches ſie ſo eben ver⸗ laſſen hatte. Als Roſa eintrat, gewahrte ſie Lionel, welcher jetzt neben dem Feuer daſtand, das Haupt an den Kamin gelehnt, ſchweigend den Worten der Miſtreß Hurſt⸗ bourn horchend, die ihm von dem thoͤrigen Mitleid ihrer Tochter fuͤr einen Boͤsgeſinnten erzaͤhlte, den ſie verborgen gehalten habe, und deſſen Baſtard, den jener mit der Gaͤrtnerstochter, die er verfuͤhrt, erzeugtez, ſie ſich noch jetzt mit einer unerklaͤrbaren Zaͤrtlichkeit annaͤhme. Roſa bemuͤhte ſich ſofort dieſe Unterredung zu unterbrechen, Lionel aber richtete auf ſie einen ſo bittenden Blick, daß ſie ihr Vorhaben unverzuͤglich wieder aufgab. Endlich traten Herr Hurſtbourn und der Major wieder herein, der Bericht des Letzteren aber, daß mehrere Anhaͤnger der koͤniglichen Parthei bereit waͤ⸗ ren ſich mit ihnen zum Sturz des tyranniſchen Pro⸗ tectors zu verbinden, ſchien dem eifrigen Republika⸗ ner keineswegs genuͤgt zu haben, denn ſein Antlitz war ernſt und kalt, und ſein Benehmen gegen den vermeintlichen Mortimer zwar hoͤflich aber einſylbig⸗ KNajor Robertſon gab indeß noch immer ſeine 111) — 246— Hoffnung nicht auf, den Herrn Hurſtbourn ſeinen Wuͤnſchen geneigt zu machen, und ſchon am naͤchſten Morgen hatte er in dieſer Ruͤckſicht wieder eine ge⸗ heime Unterredung mit demſelben; ein Umſtand, wel⸗ cher Lionel Gelegenheit verſchaffte, ſich gegen Roſa unter vier Augen ausſprechen zu koͤnnen. Er ſchlug, waͤhrend ſich jene Herren mit einander beriethen, der Miſtreß Hurſtbourn einen Spaziergang in den Gar⸗ ten vor; die ſchwaͤchliche Frau lehnte, wie zu erwar⸗ ten ſtand, denſelben ab, gebot aber ihrer Tochter den fremden Herrn hinunter zu fuͤhren. Dieſe Aufforde⸗ rung ſetzte Roſa's Gemuͤth in die heftigſte Bewegung, ſie ſehnte ſich allerdings danach ſich mit Lionel ins⸗ geheim zu beſprechen, zugleich aber bebte ſie vor einer ſolchen Unterredung zuruͤck; auch befuͤrchtete ſie, daß der alte Barrett den Verfuͤhrer ſeiner Tochter wiedererkennen, und ſo die Gefahr des Letztern ver⸗ mehrt werden moͤchte; was war aber zu thun? ſie mußte gehorchen, und ſo begab ſie ſich denn, den Knaben an der Hand, von Lionel gefolgt, hinab in den Garten; wo ſie den Weg nach dem entlegenſten Theile deſſelben einſchlug. Mit dem Geſpraͤche welches hier zwiſchen den bei⸗ den Liebenden ſtatt fand, wollen wir unſere freund⸗ lichen Leſer nicht langne on, ſondern uns begnuͤgen — 247— zu berichten: daß es anfangs von Roſa's Seite ſanfte Vorwuͤrfe, von Greſſingholm aber Betheuerungen der aufrichtigſten Reue und Schwuͤre der innigſten Liebe enthielt, zu deren Beweis er ſein Hierſeyn anfuͤhrte. Er verſicherte: er habe die Trennung von ihr nicht laͤnger zu ertragen vermocht, und ſich endlich entſchloſſen jeder Gefahr trotz zu bieten, um ſie wieder zu ſehen. Dieſe Vorſtellungen mußten auf das Herz der lie⸗ benden Roſa einwirken, der Ton ihrer Stimme ward immer ſanfter und ſanfter und endlich blickte ſie, ganz ſo zaͤrtlich wie ſonſt, hinauf zu dem Geliebten.„Sey die Meinige, Roſa, ſey die Meinige,“ flehte Lionel und eine Thraͤne trat ihm dabei in das Auge;„von Dir geleitet, werde ich mich nie wieder von dem Pfade der Tugend entfernen. Bleibe bei mir, o weiche nicht wieder von meiner Seite!“ Roſa ſchuͤttelte traurig ihr Koͤpfchen.„Meine Familie wuͤrde nie einwilligen,“ entgegnete ſie. Lionel ſprach nun neuerdings von einer Flucht— von einer Verbindung insgeheim. Roſa aber unter⸗ brach ihn.„Deine Schritte,“ ſprach ſie,„ſoll ich auf dem Pfade der Tugend erhalten, und von mir verlangſt Du, daß ich mich von dem Wege der Pflicht entferne?"—— Hier wurden nahende Schritte vernehmbar; die — 248— iebenden ſuchten ſich zu faſſen und thaten wohl daran, denn in dem naͤchſten Augenblick traten Herr Ezechiel Hurſtbourn und Major Robertſon aus dem Gebuͤſch. Der Letztere erinnerte mit einem unzufriedenen Ge⸗ ſicht, denn es war ihm nicht gelungen den Herrn Hurſtbourn ſeinen Wuͤnſchen geneigt zu machen, ſeinen Begleiter daran, daß es jetzt Zeit ſey zu ihren Freun⸗ den zuruͤckzukehren, und Greſſingholm war demnach genoͤthigt wieder von Roſa zu ſcheiden,— zu ſcheiden auf lange Zeit; denn bis zu ihrem Wiederſehen ſoll⸗ ten Jahre dahinſchwinden, deren Begebenheiten indeß, in ſo weit ſie auf unſere Geſchichte Bezug haben, wir hier nur in der Kuͤrze mittheilen wollen. Schon am Tage nach Lionels Entfernung verbrei⸗ tete ſich auf Eaſtwickhouſe das Geruͤcht: daß Ma⸗ jor Robertſon mit mehreren verdaͤchtigen Perſonen von Cromwells Parthei, in dem benachbarten Staͤdt⸗ chen eingezogen und nach der Hauptſtadt abgefuͤhrt worden ſey. Was Roſa bei dieſer Kunde empfand, werden unſere Leſer leicht begreifen; ſie ward indeß ihrer To⸗ desangſt ſchon nach wenigen Tagen durch die oͤffent⸗ lichen Blaͤtter entriſſen, welche die Gefangnahme des Major Robertſon und mehrerer Boͤsgeſinnten ver⸗ kuͤndeten, dabei aber beklagten: daß Greſſingholm ſich neuerdings durch die Flucht zu retten gewußt habe, und nach Honkovig entkommen ſey. 249 Roſa ſank wie vormals auf ihre Kniee nieder, ſandte ein andachtsvolles Gebet hinauf zu dem Ewi⸗ gen, fuͤr die Rettung ihres Geliebten, und widmete fortan ihre Tage der Erinnerung an denſelben, der Erziehung des kleinen Benoni und der Pflege ihres alten Großvaters und ihrer kranken Mutter. Der Sorge fuͤr dieſe beiden Letzteren ſollte ſie bald entho⸗ ben werden; vom Gram uͤber ſeine fehlgeſchlagenen Hoffnungen und vom Alter niedergebeugt, ward Herr Ezechiel Hurſtbourn zuerſt heimgerufen zu ſeinen Vaͤ⸗ tern, ſeine Schwiegertochter folgte ihm ſchon nach wenigen Monden, und Roſa haͤtte nunmehr in der weiten großen Welt ganz allein dageſtanden, haͤtte ſie nicht den kleinen Benoni gehabt, der als ein lieblicher Knabe heran wuchs, und deſſen geiſtiges und koͤrper⸗ liches Fortſchreiten ſie troͤſtete und aufrecht erhielt. Da nahmen ploͤtzlich die oͤffentlichen Angelegenhei⸗ ten eine andere Wendung. Karl der Zweite langte wieder in England an, gefolgt von allen denen, die ſeinetwegen die lange Verbannung ertragen hatten; zu dieſen gehoͤrte, wie ſich von ſelbſt verſteht, auch Lionel Greſſingholm, der, da ſein Vater unterdeſſen in Frankreich geſtorben war, nunmehr wieder zu dem Beſitz ſeiner vorigen Guͤter gelangte, und der, trotz der Lockungen eines ausſchweifenden Hofes, ſeine —— — 250— Liebe fuͤr Roſa in ſeinem Herzen treu bewahrt hatte. Kaum in England angelangt, ritt er nach Eaſtwick⸗ houſe, wo ihn, ſchon wenige Wochen nach ſeiner An⸗ kunft, Prieſterſegen vor dem Altar mit ſeiner Gelieb⸗ ten vereinte, die nunmehr, in einer Reihe gluͤcklicher Tage und in der treuen Liebe eines zaͤrtlichen Gatten, reiche Belohnung fuͤr die mannigfachen Leiden fand, die ſie um ſeinetwillen erduldet hatte. * Neue empfehlungswerthe Verlagsbuͤcher der Heinſius'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Die neue Armida. Roman, von Amalie Schoppe geb. Weiſe. 1—(1 Thlr. 8 Gr.) 1 Von dieſem Roman ſagt ein Rezenſent, im Liter. Conerſationsblatt 1825. Nr. 128. am Schluſſe der ſehr vortheilhaften Kritik: „Zieht die Handlung, noch mehr durch ungemeine und „doch nicht uͤberſpannte Charaktere und deren ſcharfſinnige „Entwickelung an, ſo gefaͤllt die ungekuͤnſtelte fließende „Schreibart, die eingeſtreuten Betrachtungen, die dem „Selbſtdenken einen weiten Raum eroͤffnen, ja es hervor⸗ „rufen, vielleicht noch in einem hoͤheren Grade. Armida „uͤbt ihre magiſchen Kraͤfte auch uͤber die Leſer aus; ſchwer⸗ „lich wird ſich einer ſchnell von ihr, ehe er ſie ganz ken⸗ „nen gelernt, entfernen koͤnnen.“ 3 Die Verwaisten. Von derſelben Verfaſſerin. 2 Theile.(1 Thlr. 18 Gr.) Auch dieſes neueſte Werk aus der Feder der mit Recht beliebten Schriftſtellerin, hat bereits in den geachtetſten Zeitſchriften die verdiente Anerkennung gefunden.— Im Weimariſchen Mode⸗Journal 1825. Liter. Beiblatt Nr. 8. wird unter andern daruͤber geſagt: „Eine ſo auserleſene Schreibart, wie in dieſem Buche, „macht es kaum moͤglich, Maͤngel in demſelben zu bemerken, „und da es das Lehrreiche mit dem uUnterhaltenden gefaͤl⸗ „lig verbindet, ſo eignet es ſich ganz vorzuͤglich „zum Leſebuch fuͤr die weibliche erwachſene „Jugend!“ Die Kiebesbrieke der Koͤnigin Maria von Schottland an Jako Earl von Bothwell, nebſt ihren Liebesſonnetten, Ehe⸗ kontrakten und andern Urkunden. Aus dem Eng⸗ liſchen des Hugh Campbell. 2 Thle. mit dem Bruſt⸗ böilde der Koͤnigin. ſauber broch.(2 Thlr. 8 Gr.) Laͤnger als zwei Jahrhunderte ſchon iſt Maria Stuart von der Buͤhne des Lebens abgetreten, aber noch immer lebt ſie in dem Andenken der Nachwelt, und was uͤber ſie erſcheint wird mit Intereſſe geleſen.— Dies duͤrfte beſon⸗ ders bei dieſen Briefen der Fall ſeyn, welche einen tiefen Blick in das eigentliche Privatleben dieſer„ſo viel gehaß⸗ ten und geliebten“ Koͤnigin gewaͤhren, und die gewiß Nie⸗ mand unbefriedigt aus der Hand legen wird. 4 Das Bruſtbild der Koͤnigin Maria Stuart, apart auf groͤßerem Papier.(4 Gr.) Der Mann mit der Zauberlaterne. Ein unterhaltendes und belehrendes Bilderbuch fuͤr die Jugend, mit 42 kolorirten Abbildungen frem⸗ der Voͤlker und einem Titelkupfer. Geſchmackvoll gebunden, mit und ohne Fibel.(12 Gr.) Mit vollem Rechte koͤnnen wir dieſes Buͤchlein allen de⸗ nen empfehlen, welche Kindern ein nuͤtzliches und angeneh⸗ mes Geſchenk machen wollen; denn es zeichnet ſich, vor vie⸗ len andern Buͤchern dieſer Art, durch einen lehrreichen und dabei hoͤchſt faßlichen Inhalt, ein elegantes Aeußere, und einen ſehr niedrigen Preis aus. Zänglische Kiteratur. Des Amerikaners Cooper Romane, welche ſich denen von Walter Scott wohl an die Seite ſtellen duͤrfen, finden nicht allein in deſſen Vaterlande, ſondern auch in England, Frankreich und Deutſchland gerechten und verdienten Bei⸗ fall. Wir glauben daher den Wuͤnſchen der— jetzt ſo zahlreichen— Freunde der engliſchen Literatur durch die Anzeige zu begegnen, daß wir davon eine, mit dem Origi⸗ nal an correctem Druck und elegantem Aeußeren wettei⸗ fernde, im Preiſe aber bedeutend wohlfeilere Ausgabe ver⸗ anſtalteten, wovon „The Spy. 3 Vol.“* ſo eben erſchienen, und ſauber broſchirt fuͤr 3 Thlr. 12 Gr. bei uns und in allen Buchhandlungen zu haben iſt. — 4 9 KEannnnn ſnſnſfſſſſn 7 8 9 12 13 14 13 10 11 16 17