Perſonen müſſen, bei Entgegennahme chentlich 4 Bücher: 6 Bücher: atit Monnt: wer. Pf. 1 M. 55 Pf. 2 Mt.— Pf. ¹ 3 Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung ff der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenet, verlorene und 3 defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Der Em pörer. Hiſtoriſcher Roman, nach dem Verfaſſer des Cavaliers und Malpas von Georg Lotz. Dritter Band. Braunſchweig, 1824. bei G. C. E. Meyee. 1 * 1. 4 UAnſere freundlichen Leſer wuͤrden ohne unſere Huͤlfe wol ſchwerlich errathen, wie es kam, daß die alte Huͤttenbewohnerin grade in dem critiſchen Augenblicke erſchien, um des Abentheurers Leben zu retten; ja ſie koͤnnten wol gar auf den Ver⸗ dacht gerathen, wir haͤtten Onshaw's Weib, wie man zu ſagen pflegt, bei den Haaren herbeige⸗ holt, um den zweiten Band dieſer unſerer Erzaͤh⸗ lung mit einer recht effectvollen Scene zu ſchlie⸗ ßen. Dies war aber hier in der That keineswe⸗ ges der Fall, ſondern die Erſcheinung der Alten fand, als ganz natuͤrliche Folge der bisher mit⸗ getheilten Begebenheiten ſtatt. Robert Ridgway, der Reitknecht Eduard Stanley's, langte mit den fuͤr die beiden Frem⸗ den beſtimmten Kleidern, vor Onshaw's Huͤtte an, als das Heer der Sterne die Koͤnigin des Tages bereits von ihrem Throne verdraͤngt hatte. Er fand hier noch alles, wie ſein Herr es ver⸗ laſſen hatte, der Abentheurer Gilbert Onshaw, Anack und die liebliche Roſe waren noch immer abweſend, die Alte aber war beſchaͤftigt, eine Abendmahlzeit fuͤr ihre Gaͤſte zu bereiten; denn ſie glaubte, dieſe wuͤrden wenigſtens bis zum naͤch⸗ ſten Morgen bei ihr bleiben. Sparendam hatte bisher die Langeweil⸗ weggeſchnarcht, der Jeſuit und ſeine Schweſter aber beſprachen ſich mit ein⸗ ander uͤber Familienangelegenheiten. Die Erſchei⸗ nung des Boten aͤnderte indeß ploͤtzlich die Scene:— die Alte ließ ihre Toͤpfe ſtehen und der Geiſtliche erhob ſich von ſeinem Sitze neben dem Feuer, und ſchuͤttelte nicht ohne Schwierigkeit ſeinen Ge⸗ faͤhrten wach, welcher ſich kaum die Augen gerie⸗ ben, kaum vernommen hatte, mit welcher Sen⸗ dung der Diener beauftragt worden ſey, alé er * 4 — 5— auch raſch emporſprang, den Buͤndel aufriß, den Inhalt deſſelben vor Aller Blicken ausbreitete, das blauſammtene Wamms nebſt dazu gehoͤrigem Schwerte und Dolche in Beſchlag nahm, und die ſchwarze Tracht dem Jeſuiten uͤberließ.„Mein Herr hat mir auch noch dies Schreiben fuͤr Euch mitgegeben,“ ſprach hierauf der Diener, dem Ober⸗ ſten die von Eduard geſchriebenen Zeilen uͤberrei⸗ chend, die jener heftig uͤberflog. „Wir ſollen zu Haddon als Freunde des Schloßherrn erſcheinen,“ ſprach er,„ganz gut— auch ſollen wir Acht haben, daß der Abentheurer uns nicht in unſerer Vermummung ſchaue. Hoͤrt Ihr wohl, Alte! kehrt der Burſche zuruͤck, laßt ihn nicht herein,— wir wollen uns noch in die⸗ ſer Nacht hinbegeben, aber nicht eher, als bis ſich auf dem Schloſſe Alles zur Ruhe gelegt hat— dann ſollen wir unten an der Mauer harren, Eduard Stanley wird ſich nach uns vom Thurme aus umſehen.“— „Was ſagt Ihr?“ fragte die Alte. „Seyd Ihr taub,“ brummte der Deutſche, ☛ — 6— „wir muͤſſen noch ein Paar Stunden hier in Eu⸗ rem Hundeloche bleiben, denn vor zehn Uhr krie⸗ chen ſie auf dem Schloſſe gewiß nicht in die Fe⸗ dern,— dann muͤſſen wir noch unten an der Mauer warten, bis der Stanley uns ein Zeichen giebt.— Ihr moͤgt nur immer wieder nach Eu⸗ ren Toͤpfen ſchauen, denn bekommen wir hier nichts zu eſſen, ſo werden wir wol bis morgen faſten muͤſſen.— Ihr da, kommt mit mir, wie heißt Ihr?“ „Robert Ridgway,“ entgegnete der Reit⸗ knecht. „Gut; ſo kommt Ridgway, Ihr ſollt mir die Kleider uͤberhelfen,“ fuhr der Oberſt fort, in⸗ dem er eine Leiter hinanſtieg, welche zum obern Theile der Huͤtte fuͤhrte. Der Jeſuit ſchritt ebenfalls hinan, und der Reitknecht mit dem Kleiderpacken beſchloß den Zug, es Onshaw's Weib uͤberlaſſend, wieder an ihr Kuͤchengeſchaͤft zu gehen. Dieſe aber war, wie unſere Leſer laͤngſt errathen haben werden, von den Verhaͤltniſſen des Abentheurers auf das —,— — 7— genaueſte unterrichtet. Sie wußte, daß der Fremde jede Nacht unter dem Fenſter ſeiner Geliebten er⸗ ſchien, und ſo konnte Eduard Stanley's Anwe⸗ ſenheit auf dem Thurme den Liebenden große Gefahr bringen, ja dem Abentheurer vielleicht das Leben koſten. Wie ſollte ſie dies furchtbare Zu⸗ ſammentreffen verhindern? Ihr Mann und ihr Sohn waren abweſend, ſonſt haͤtte ſie einen von ihnen ausſenden koͤnnen, den Fremden aufzuſuchen und ihn zu warnen; und ſo blieb ihr denn kein anderer Ausweg, als ſich, nachdem ſie ihre Gaͤſte bedient haben wuͤrde, ſelbſt nach Haddon auf die Beine zu machen. Kaum hatte ſie den Entſchluß gefaßt, als auch ſchon ihr Bruder und der Oberſt in den von dem jungen Krieger geſandten Klei⸗ dern von Ridgway gefolgt, die Leiter wieder her⸗ abkamen. Sie ſetzte ihnen ſo ſchnell als moͤglich die Abendmahlzeit vor, dann ſprach ſie:„Ich muß Euch einen Augenblick lang allein laſſen Ihr Herren— Ihr werdet Euch ſchon ſelbſt bedie⸗ nen— ſieh zu Bruder, daß es Deinem Gefaͤhr⸗ ten an nichts fehle.“ — 8— „Und wohin wollt Ihr?“ fragte Spaten⸗ dam, ſich vor die Thuͤr ſtellend,„bei meinem De⸗ gen, es ſoll keiner hinaus, bis wir mitgehen.“ „Ich habe Arbeit draußen, laßt mich!“ ent⸗ gegnete die Alte. „Die mag Euer Mann oder Euer Sohn fuͤr Euch verrichten,“ verſetzte der Deutſche. „Ich muß die Kuh melken— laßt mich hinaus.“ „Robert Ridgway!“ rief der Oberſt,„geht mit dem Weibe, bleibt bei ihr, bis ſie die Kuh gemolken hat.“ „Ich will weder Ridgway noch ſonſt Je⸗ mand mit haben,“ erwiederte Onshaw's Weib, „ich habe auch noch andere Dinge draußen zu thun, wobei ich ihn nicht gebrauchen kann. Sage doch deinem Gefaͤhrten, Bruder, daß er mich hin⸗ auslaſſe, und mich nicht laͤnger verhindere, meine haͤuslichen Geſchaͤfte zu beſorgen.“ „Was fuͤrchtet Ihr denn von ihr?“ fragte der Jeſuit. „Ohne Zweifel will ſie hinaus, dem Aben⸗ — — — —yyõẽõÿü — — 9— theurer Nachricht zu geben,“ antwortete Sparen⸗ dam;„Stanley hat uns in ſeinem Briefe ge⸗ warnt,— ſie ſprach zu warm zu Gunſten des Fremden, als daß wir ihr trauen koͤnnten.“ „Hohl' Euch der Henker mit Eurem Miß⸗ trauen,“ ſchrie die Alte,„glaubt Ihr, ich wuͤrde meinen Bruder verrathen?“ „Euren Bruder, Euren Vater, Eure ganze Familie, wenn es Euch etwas einbraͤchte,“ ver⸗ ſetzte der Oberſt,„Ihr kommt nicht uͤber die Schwelle, bis wir die Huͤtte mit Euch verlaſſen, — daher, Ridgway, ſteht Schildwache an der Thuͤr, waͤhrend wir eſſen.“ Der Reitknecht leiſtete dem erhaltenen Be⸗ fehle Folge, der Oberſt aber ſchritt dem Tiſche zu, ſetzte ſich und hieb wacker ein, auch der Je⸗ ſuit genoß etwas von dem Mahle, waͤhrend die Alte, an die Leiter gelehnt, wuͤthende Blicke auf den Deutſchen richtete. Als dieſer aber ſeinem Hunger Genuͤge gethan hatte, und nun aufſtand, um ſich auf das Schloß zu begeben, erfaßte Onshaw's Weib ploͤtzlich die Hand ihres Bru⸗ — 10— ders.„Reginald,“ ſprach ſie heftig bewegt,„wir muͤſſen uns jetzt Lebewohl ſagen.“ „Keineswegs, Conſtanze!“ erwiederte der Je⸗ ſuit,„ich bleibe ja in der Naͤhe, wir werden uns oft, ja taͤglich ſehen.“ „Das darf nicht ſeyn,“ entgegnete die Alte, „wir haben uns heute nach vierzigjaͤhriger Tren⸗ nung zum Erſtenmale und auch zum Letztenmale wiedergeſchauet!"“ „Weshalb zum Letztenmale, Schweſter?“ ſprach der Geiſtliche;„hat dir mein Betragen denn mißfallen?“ „Das ſage ich nicht,“ ſprach das Weib, „aber unſer Stand im Leben iſt ſo verſchieden, du darfſt ferner nicht der Bruder der armſeligen Conſtanze Onshaw ſeyn.— Du biſt geehrt von großen Herrn und Fuͤrſten, und ſitzeſt an ihrer koſtbaren Tafel, waͤhrend man mich, wie einen Hund, von der Schwelle forttreiben wuͤrde.— Ziehe hin in Frieden.“ „Ich kann dich ſo nicht verlaſſen,“ ſprach der Jeſuit;„Elend hat dich bitter gemacht; haͤtte — 11— ich fruͤher als heute deine traurige Lage gekannt, ich wuͤrde, ſo gering auch meine Mittel ſind, dir dennoch Unterſtuͤtzung geſandt haben.“ „Ja, ja, ich bin uͤberzeugt, daß du meine Lage nicht kannteſt, du haͤtteſt ſonſt nie die Schwelle dieſer Huͤtte betreten,“ entgegnete Ons⸗ haw's Weib;„die Armen und Elenden werden nur ſelten von ihren gluͤcklichern Verwandten be⸗ ſucht.“ „Du thuſt mir Unrecht, Conſtanze,“ verſetzte der Jeſuit in einem milden aber ernſten Tone, n„du thuſt mir ſehr Unrecht. Die Diener des heiligen Jeſus ſind anſpruchslos, wie ihr Meiſter; ſie betrachten es als ihre Pflicht, und machen ſich eine Freude daraus, den Elenden und Huͤlfloſen aufzuſuchen, um ihm geiſtigen und weltlichen Bei⸗ ſtand zu leiſten.— Du biſt und bleibſt meine Schweſter.“ „Mag ſeyn,“ entgegnete die Alte etwas be⸗ wegt,„dennoch aber ſcheiden wir jetzt auf immer, — ich kann Eure gerechte Sache nur durch mein Gebet unterſtuͤtzen; kehre nicht zuruͤck zu dieſer 12— Waldecke,— der Gilbert oder der Anack koͤnnten Euer Vorhaben erſpaͤhen, und dann waͤret Ihr verloren. Lebe wohl alſo, Reginald!“— „So nimm denn wenigſtens dieſes,“ ſprach der Jeſuit, indem er eine volle Boͤrſe hervorzog, „es moͤge der Roſe zur Mitgift dienen, gieb es ihr und meinen Segen dazu. Lebe wohl!“ Die Alte nahm das Gold, ſchlug ihre duͤr⸗ ren Arme um den Hals ihres Bruders, und rief in einem bekuͤmmerten Tone:„So lebe denn wohl, Reginald!— ſey ſo gluͤcklich als du groß⸗ muͤthig biſt,— ſo gluͤcklich als ich elend bin.“ „Sehe ich dich auch nicht wieder, ſollſt du wenigſtens von mir hoͤren, beruhigte ſie der Geiſt⸗ liche;„deine Lage, Conſtanze, ſoll verbeſſert wer⸗ den, zweifle nicht daran— der Segen des Herrn ſey mit dir.“ So ſprechend druͤckte er ſeinen Hut tief in das Geſicht, und ſchritt voran zur Huͤtte hinaus, von Sparendam gefolgt, welcher theilnahmlos ge⸗ gen das Geſpraͤch der Geſchwiſter, ſeinen militai⸗ riſchen Mantel uͤber die reiche Kleidung, die er —,— ,— —,— 8 1 — 13— jetzt trug, geworfen hatte; der Reitknecht dagegen wiſchte ſich die Augen und nickte, als er hinaus⸗ ging, der Alten theilnehmend zu. Als ſie um die Waldecke bogen, ſandte der Mond ſein volles Licht herab, nicht nur die nie⸗ dere Huͤtte, ſondern auch die ganze Umgegend magiſch beleuchtend. Onshaw's Weib blickte den drei Maͤnnern nach, ſo lange ſie konnte; ſobald ſie ihr aber aus dem Geſichte gekommen waren, verſchloß ſie raſch die Huͤtte, und folgte ihnen ſo ſchnell ſie es vermochte. So ſehr ſie ſich aber auch beeilte, ſie holte dennoch die Vorangegange⸗ nen nicht ein, ja es war ſogar von ihnen weder etwas zu ſehen noch zu hoͤren, und ſo kam ſie auf die Vermuthung, daß ſie einen unrechten Weg eingeſchlagen und ſich verirrt haben muͤßten. Sie ſchritt demnach ſo raſch als moͤglich vor⸗ waͤrts, und ſo erſtiegen denn auch bald die hohen Thuͤrme des Schloſſes, in dem ſie ihre Jugend verlebte, vor ihren Blicken; da aber vernahm ſie ploͤtzlich Geſchrei und Waffengeklirre. „Heilige Jungfrau!“ ſchrie ſie,„er iſt in — 14— ihre Haͤnde gefallen;“ und durch das Gebuͤſch hinſtuͤrzend, hob ſie raſch einen ſtarken Baumaſt auf, der im Wege lag, und mit dem ſie noch eben zeitig genug erſchien, um die Retterin ihres Schuͤtzlings zu werden. Sie zog dieſen, um ihn jeder fernern Gefahr zu entreißen, mit ſich fort in den Wald; und daran hatte ſie in der That ſehr wohl gethan, denn Eduard Stanley war von dem Schlage nur betaͤubt niedergeſunken, und gleich nach ihrer Entfernung erſchienen ſeine Bun⸗ desgenoſſen und Ridgway aus dem Gehoͤlze. Sie hatten ſich in der That verirrt, aber bald den rechten Weg wiedergefunden.. „Hoͤlle und Teufel, da liegt ein todter Menſch,“ rief der Deutſche, als er Stanley auf dem Boden ausgeſtreckt gewahrte. „Um des Himmelswillen, es iſt mein Herr!“ ſchrie Ridgway, indem er neben dem jungen Rit⸗ 4 ter niederkniete und ſich bemuͤhte, ihm das Wamms aufzuknoͤpfen:„Helft mir, Ihr Herren, ihn ins Haus zu tragen.“ —,—— „Blutet er?“ fragte der Oberſt,„wo iſt die Wunde?“ „Ich ſehe keine Wunde,“ entgegnete der Die⸗ ner,„er muß wol inwendig bluten, helft mir, ihn aufheben, vielleicht erwecken wir ihn wieder zum Leben.“ Dadurch, daß man den Koͤrper vom Boden emporhob, kehrte bei dem jungen Krieger ſchnell das Bewußtſeyn zuruͤck. Wie Jemand, der aus einem Traume erwacht, machte er ſich von denen los, die ihm Huͤlfe leiſteten, und ſein Schwert, deſſen Griff er noch immer gefaßt hielt, ſchwin⸗ gend, ſtand er da zur Vertheidigung bereit. „Nun, Ihr wollt doch nicht etwa Eure Freunde toͤdten?“ fragte der Deutſche. „Freunde!“ wiederholte der junge Krieger, noch immer verſtoͤrt um ſich ſchauend,„wer ſeyd Ihr? Ha, beim Teufel! Ihr ſeyd Sparendam, und Ihr Vater Paul, und das— das iſt Ridg⸗ way.— Sagt, ſagt, habt Ihr ihn, oder iſt er meiner Rache entkommen?“ „Wen meint Ihr?“ fragte der Deutſche. vielleicht hieher zu ſeiner Geliebten?“ „Ey wen anders als ihn, den Keulenſchlaͤ⸗ ger— den Abentheurer,“ entgegnete Stanley. „Der hat Euch uͤberwunden?“ nahm der Jeſuit fragend das Wort. „Zum Teufel, nein!“ donnerte der Wuͤthrich. „Ich uͤberwand ihn— er lag da ausgeſtreckt zu meinen Fuͤßen— und ſchon hob ich mein Schwert, es ihm in die Bruſt zu bohren,— als ploͤtlich die verwuͤnſchte Here— Eure Schweſter, Herr Jeſuit— dazwiſchen trat.“ „Nun?“ fragte der Oberſt, mit einem tri⸗ umphirenden Blicke zu dem Jeſuiten gewandt, „mun, hatte ich Unrecht, ihr nicht zu trauen 2u „Vermaledeiet ſey ſie auf immerdar!“ tobte der Empoͤrer;„ der Bube entriß ihr einen Knüt⸗ tel, den ſie in der Hand hielt, und fuͤhrte damit einen ſo gewaltigen Streich gegen meine Stirn, daß ich bewußtlos niederſtuͤrzte.“ „Wie traft Ihr denn jetzt hier mit ihm zu⸗ ſammen?“ nahm der Jeſuit das Wort;„hat ſich etwa Euer Verdacht beſtaͤtigt? Kam der Fremde — — —— 6 1— 17— „Morgen ſollt Ihr die ganze Geſchichte er⸗ fahren,“ verſetzte der junge Krieger,„jetzt laßt uns machen, daß wir hineinkommen.— Ich will Euch meinem ehrenwerthen Freunde vorſtellen, er kennt Euch ſchon, nachdem was ich ihm uͤber Euch berichtet habe.— Voran Rdnah oͤffne die Pforte!”“ Der Reitknecht that wie ihm geboten, und langſam folgten die Uebrigen. Als ſie bei der Pforte anlangten, fanden ſie die Diener beſtuͤrzt uͤber den Laͤrm, den ſie vernommen hatten, von dem ſie die Urſache aber nicht errathen konnten; ſie waren jetzt nicht wenig erſtaunt, mit dem 1 Reitknechte nicht nur zwei Fremde, ſondern auch Eduard Stanley anlangen zu ſehn, den ſie ruhig auf ſeinem Lager glaubten. Aber obgleich ihnen veſes Zuſammentreffen ſeltſam vorkam, hatten ſie doch zu große Achtung fuͤr die Gäſte ihres SHeun, um daruͤber ihr Befremden zu aͤußern, und ſo begnuͤgten ſie ſich einander fragend anzu⸗ blicken, waͤhrend Eduard Stanley mit ſeinen ſvaidden Bundesgenoſſen queer uͤber den Schloßhof III. Band. 3 2 — V — 18— in die Halle ſchritt, welche ſie aber jetzt voͤlli menſchenleer fanden. Das Feuer war faſt erloſchen; mit Huͤlfe einiger Diener, welche von der Schloß⸗ 1 pforte her mitgekommen waren, wurden indeß die verglimmenden Kohlen ſchnell wieder zur helllo⸗ dernden Flamme angefacht. „Sind die Herren zu Pferde angelangt?“ fragte ein Stallknecht, in die Halle tretend. „Weder zu Pferde noch zu Eſel, mach', daß Du fortkommſt,“ entgegnete der junge Krieger. „Holla, Ridgway,“ fuhr er dann leiſer zu ſeinem Diener gewandt fort:„wenn Dich Jemand von den Leuten im Schloſſe fragt, woher die Herren gekommen, ſo ſage ihnen, ſie haͤtten einen Lord von London her begleitet, den ſie zu Bakewell gelaſſen haͤtten; oder kannſt Du etwas Beſſeres erfinden, ſo gebrauche deinen Witz.“ „Kannſt Du uns nicht eine Flaſche alten Canarienſect verſchaffen,“ nahm der Oberſt das Wort,„der Weg hieher hat mich durſtig ge⸗ macht.“ „Sieh' nach, Ridgway,“ ſprach Stanley, — 19— „in dem Zimmer des Schloßherrn;— in dem Wmaſſſerehaͤlter wirſt Du noch einige Flaſchen lfinden; ſchaffe ſie hieher, und bediene die Herren, waͤhrend ich den Ritter aufſuche. Erwartet mich hier, ich kehre bald zuruͤck; ich will mich beeilen, wie Jemand, der von einer ihm zugefallenen Erb⸗ ſchaft Beſitz nimmt.“ Der Diener holte die Flaſchen herbei, und kaum war er damit angelangt, als auch der Deutſche alſobald mit dem koſtbaren Trauben⸗ ſafte einen maͤchtigen, ſchoͤnverzierten Becher fuͤllte, auf dem das Wapen des Schloßherrn von kunſt⸗ geuͤbter Hand gefertigt, prangte. Er leerte ihn auf das Wohl ſeines Wirthes, des Ritters von Haddon, und lud den Jeſuiten ein, ein Gleiches zu thun. Dieſer aber, dem Trunk weit weniger ergeben als ſein Gefaͤhrte, mochte vielleicht glau⸗ ben, daß es hier beſonders gerathen ſey, ſeine fuͤnf Sinne beiſammen zu halten, weigerte ſich demnach, dem Becher zuzuſprechen. —— 2. Der Deutſche war kaum mit einer Flaſche fertig 3 geworden, als man in der Halle auch ſchon den Schall nahender Schritte vernahm. Die ſchwere eichene Thuͤr oͤffnete ſich, und hereintrat, von Eduard Stanley gefolgt, der Ritter von Haddon, ſeine Tochter gewaltſam mit ſich fortziehend. Aus dem Antlitze des Schloßherrn flammten Zorn und Wuth, Leidenſchaften, welche ſelbſt die Gegenwart der Fremden in ſeiner Bruſt nicht zu beſaͤnftigen vermochte, waͤhrend ſeine Tochter in Thraͤnen ſchwimmend, mit todtenbleichem Geſichte eine ge⸗ knickte Lilie ſchien. „Komm mit, du verraͤtheriſches Geſchopf,“ donnerte der Ritter von Haddon, das arme Maͤd⸗ chen mit ſich vorwaͤrts zerrend;„komm mit und zeige Dein ſcheinheiliges Geſicht meinen Gaͤſten; „ — — fortan laß ich Dich keinen Augenblick mehr allein— nicht aus den Augen ſollſt Du mir kommen, da— her— ſetze Dich— ruͤhrſt Du Dich von der Stelte, ſollſt Du die ganze Schwere meines Zorns kennen lernen.“ Der deutſche Oberſt und der Jeſuit unter⸗ brachen jetzt ſeine Aeußerungen des Verdruſſes, indem ſie auf ihn zutraten und ihn begruͤßten. „Willkommen zu Haddon, Ihr meine guten alten Freunde,“ ſprach Sir George, ihnen herzlich die Hand druͤckend.„Oberſt Sparendam, ich freue mich, Euch wiederzuſehen. Auch Euch, Herr Graf du Prat, wir haben uns lange nicht geſprochen. Setzt Euch, Ihr Herren, ich hoffe, meine Diener haben es an nichts fehlen laſſen,— es hat mein Haus ein Mißgeſchick betroffen, das muß mich bei Euch entſchuldigen. Holla, Knechte,“ fuhr er dann, zu ſeinen Leuten gewandt, fort, „ſchafft Lichter herbei, ſoll die Halle der Vernon's etwa einem Grabgewoͤlbe gleichen?“— „Wir wuͤnſchen Euch, Herr Ritter, ſo wenig Unruhe als moͤglich zu machen,“ nahm der Jeſuit — 22— ſam belaͤſtigt; auch geziemt es ſich fuͤr uns nicht, uns in Eure Familienangelegenheiten zu draͤngen, deshalb erlaubt, daß wir uns zur Ruhe be⸗ geben.“. „Nein, bei meiner Ehre, das erlaube ich ganze Welt koͤnnte Zeuge der Schande meiner ja, weine nur, weine Dein falſches Herz nur aus, fuͤrder als mein Kind anerkennen.— Wie konnte,“ fuhr er donnernd zu den Dienern fort, welche Lichter brachten, nwie konnte der Bube es wagen, naͤchtlich hier an der Mauer zu erſcheinen, ohne von Euch geſehen oder gehoͤrt zu werden? Sprecht — oder bei dem Schwerte meines Ahnherrn!— ich laſſe Euch zu Tode pruͤgeln.“ Einer der Diener, welcher den Zorn ſeines das Wort; ‚wir haben Euch heute ſchon genug⸗ Euch nicht,“ rief der Schloßherr;„ich wollte, die heuchleriſchen, unnatuͤrlichen Tochter ſeyn.— Ja, und ſchaffe Dir ein beſſeres an, ſoll ich Dich Gebieters zu beſaͤnftigen wuͤnſchte, erwiederte: „daß er und ſeine Cameraden allerdings dann und wann Muſik gehoͤrt, auch allgemein geglaubt haͤt⸗ — 23— ten, daß ſie von dem Abentheurer herruͤhre,— von den Zuſammenkuͤnften deſſelben und der jun⸗ gen Lady ſey ihnen aber auch nicht das Mindeſte bekannt geworden.“ „Haͤtte ich dem Geruͤchte nur geglaubt, ich haͤtte den Buben laͤngſt gefaßt,“ tobte der Schloß⸗ herr,„aber ich ſetzte ein thoͤrichtes Vertrauen in Dich, Du heuchleriſche Dirne, und bin denn nun auch belohnt worden, wie jeder Narr belohnt zu werden verdient. Noch aber iſt es nicht zu ſpaͤt zur Rache.— Zu Roß, Ihr Knechte— mit Ta⸗ gesanbruch ſetzt dem Fluͤchtlinge nach, und reißt Onshaw's Huͤtte nieder, ſo daß auch nicht ein Stein auf dem andern bleibe“ Hianda Die weinende Jungfrau hielt bei den dro⸗ henden Worten ihres Vaters ihre Haͤnde flehend empor, Sir George Vernon aber achtete nicht darauf. Er bedachte indeß, daß Gilberts Weib die Schweſter eines ſeiner Bundesgenoſſen ſey, und ſo widerrief er ſein Gebot in Ruͤckſicht der Huͤtte.„Euch, Eduard Stanley,“ fuhr er dann zu dem jungen Krieger gewandt fort,„Euch ver⸗ — 24— danke ich Alles, was mir von Ehre noch uͤbrig geblieben,— ja vielleicht mein Leben.“ „Ihr habt mir nichts zu verdanken,“ ent. gegnete der junge Soldat mit angenommener Be⸗ ſcheidenheit;„der Fremde hatte mich perſoͤnlich beleidigt, ich forderte ihn zum Kampfe, und habe denſelben mit ihm beſtanden. Seyd uͤbrigens uͤberzeugt, Eure reizende Tochter wird ihr Unrecht einſehen, den Unwuͤrdigen vergeſſen und nicht laͤn⸗ ger taub gegen meine Bewerbungen bleiben.“ „Wie?“ fragte der Schloßherr mit ſcheinba⸗ rem Erſtaunen,„Ihr wollt der Leichtſinnigen noch jetzt Eure Hand reichen, noch jetzt ſie zu Eurem ehrbaren Weibe machen?“ 83 „Mit Freuden und dem Himmel noch oben⸗ drein fuͤr dies Geſchenk danken,“ rief Stanley. „So nehmt ſie hin, ſie iſt die Eure,“ ſprach der Vater;„von dieſer Stunde an ſage ich mich von ihr los, und herzlich freue ich mich, ſolcher⸗ 86 geſtalt meine Ehre gerettet zu ſehn.— Steh auf Dorothea, und gieb ihm die Hand, er ſoll Dein 3 Gatte werden.“ „Nein, nein, nimmermehr!“ jammerte die Ungluͤckliche,„verſtoßt mich— jagt mich hinaus in Noth und Elend— ich will eher alles, alles ertragen, als ihm meine Hand reichen!““ „Was!“ donnerte Sir George,„Du weigerſt Dich noch! ſtatt daß Du Dich wegen der Entde⸗ ckung deiner Schande zerknirſcht und demuͤthig in meinen Willen fuͤgen ſollteſt.— Ich warne Dich, reize meinen Zorn nicht noch mehr! „Gern wuͤrde ich Euch gehorchen, vermoͤchte ich es nur,“ jammerte das arme Maͤdchen, naber Ihr ſollt Euch nicht uͤber eine zweite Taͤuſchung meinerſeits zu beklagen haben. Ich wuͤrde Euch hintergehen, wenn ich verſpraͤche, dem Ritter dort meine Hand zu reichen,— er kann nie der Meine werden.“ ke „Ich bekuͤmmere mich nicht um Deine Wei⸗ gerung,“ verſetzte ihr Vater,„vor dem Altare ſollſt du dem Prieſter Antwort geben.“ „Dort wuͤrde ich ein feierliches Nein aus⸗ ſprechen,“ rief Dorothea. „Das wollen wir ſehen,“ donnerte der Schloß⸗ — 26— herr,„bis dahin nenne uns den Namen Deines Verfuͤhrers.“. „Ich muͤßte mich ſelbſt als das verworfenſte Geſchoͤpf betrachten, wollte ich zur Verraͤtherin an dem Geliebten werden,“ ſprach die Jungfrau etwas muthiger,—„nutzlos waͤre es zu leugnen, was Ihr geſehen und gehoͤrt habt,— keine Qua⸗ len aber werden mehr von mir herauspreſſen.— Verfahrt daher mit mir, wie es Euch gut dunkt, ich habe nichts mehr zu ſagen.“ „Bei allen Teufeln, Du haſt genug geſagt,“ zuͤrnte ihr Vater,„wir ſind mit einander fertig⸗ ich bin nicht mehr Dein Vater;— nur Dein Huͤter will ich noch ſeyn, bis Du mit dem edlen Ritter hier ehelich verbunden,— dann iſt es ſeine Sache, Dich zahm zu machen.— Holla, Ihr Knechte, ſetzt ein inneres Gemach in Stand; geht nicht Lady Margarethens Zimmer nach dem Hofe hinaus?“— Einer der Diener bejahete dieſe Frage. „Du ſollſt bei ihr wohnen,“ fuhr der Ritter von Haddon, zu ſeiner Tochter gewandt, fort, — 27— „mit Deinen Sternkuckereien bei Nacht, und Dei⸗ nen Spaziergaͤngen im Labyrinth am Tage, iſt's zu Ende. Beim St. Michael, waͤre der Vater John nicht ſo gottesfuͤrchtig, ich wuͤrde ihn fuͤr einen Theilnehmer an der Verraͤtherei halten.“ „Ihr wuͤrdet ihm ſehr Unrecht thun, er weiß kein Wort von meiner Zuſammenkunft mit dem Fremden,“ entgegnete Lady Dorothea. „Deſto beſſer fuͤr ihn,“ rief der Schloßherr. —„Jetzt aber folge mir,— Oberſt Sparendam und Ihr, Herr Graf, betrachtet mein Haus als das Eurige. Eduard Stanley, ich uͤbergebe Euch meine Gaͤſte, die widerſpenſtige Dirne zwingt mich, Euch ſobald zu verlaſſen⸗“ 5 „Es bedarf keiner Entſchuldigung, edler Herr!“ nahm der Jeſuit das Wort,„wir koͤnnen ja nicht beſſer aufgehoben ſeyn; doch meine ich, waͤre es Zeit, uns fuͤr haun zur Ruhe zu be⸗ geben.“ „Nicht bevor wir dieſe Fuſchen geleert ha⸗ ben,“ fiel der Oberſt ein,„ich habe mir das Wort gegeben, ſie bis auf den letzten Tropfen — 28— auf's Wohl unſers alten Bekannten hinunterzu⸗ ſchluͤrfen.“ „Thut das, mein edler Fraunnd,“ ſprach Sir George, dem Oberſten herzlich die Hand ſchuͤttelnd, denn in der Neigung zur Flaſche ſtimmte er mit dieſem vollkommen uͤberein;„Ihr ſeyd keinesweges auf die Paar Flaſchen da be⸗ ſchraͤnkt, gehen ſie zu Ende, laßt Euch friſchen Vorrath von den Knechten herbeiſchaffen. Mor⸗ gen werde ich Euch nach Gebuͤhr Beſcheid thun.“ Der Ritter von Haddon verließ darauf die Halle, fuͤhrte ſeine Tochter auf das Zimmer ihrer Schweſter, verſchloß, nachdem er ſie hineingelaſ⸗ ſen, die Thuͤr, und nahm den Schluͤſſel mit ſich. Unterdeſſen hatte ſich der Oberſt neben dem Feuer niedergeſetzt, wo er nun einen Becher nach dem andern hinunterſtuͤrzte. „Ihr habt jetzt genug getrunken,“ nahm Eduard Stanley nach einer Weile das Wort, 8 „ier Flaſchen habt Ihr den Hals gebrochen, es iſt Zeit, zu Bette zu gehn.“ „Ich bin noch nicht muͤde,“ entgegnete der 14 — — 29— Deutſche mit ſchwerer Zunge,„kommt, kommt ſetzt Euch her zu mir, Herr Oberſtlieutenant Stanley, wie Ihr zu Gravelines getauft wurdet — kommt her, auch Ihr da, Herr Graf— wie man Euch hier nennt, ha, ha, ha, ha, ſchaͤmt Euch, einen Soldaten beim Becher zu ſtoͤren.“ So ſchwatzte er noch eine Weile fort, bis er endlich berauſcht auf ſeinem Seſſel entſchlum⸗ merte; er ward darauf von den Dienern zu Bette gebracht. Eduard Stanley fuͤhrte den Jeſuiten in das fuͤr denſelben beſtimmte Gemach, und be⸗ gab ſich dann auf ſein Zimmer, um ſich einiger Ruhe hinzugeben, bevor er die Verfolgung des Abentheurers beginnen wuͤrde. Der Morgen brach an, ſchoͤn, wie er ſich in dieſer bergigten Gegend nur ſelten zu zeigen pflegt. Die Nebel zogen ſich nach und nach zu den Gi⸗ pfeln der Berge hinauf, und mit majeſtaͤtiſcher Pracht ſtieg die Sonne empor. Die Abtheilung von Sir George Vernon's Dienern, welche der Befehle des jungen Kriegers harrten, beſtand aus zwanzig Koͤpfen; ſie waren — 30— 1 in Jaͤgertracht gekleidet und wohl bewaffnet. Sie hatten noch nicht lange geharrt, als auch ſchon Eduard Stanley in Begleitung des Ritters von Haddon erſchien, deſſen bleiches, aber immer noch zorniges Geſicht verkuͤndete, daß er die Nacht uͤber nur wenig Ruhe gefunden hatte. Er unter⸗ hielt ſich eine ganze Weile lang mit dem jungen Krieger, wobei er oft auf das Gemach deutete, in welchem die ungluͤckliche Dorothea gefangen ge⸗ halten wurde. Eduard Stanley's kaltbluͤtiges Benehmen aber ſchien ſeinen Zorn nur noch mehr zu reizen. Als ihr Geſpraͤch zu Ende war, gebot der Schloßherr ſeinen Leuten, den Befehlen des jun⸗ gen Kriegers wie ſeinen eigenen zu gehorchen, worauf ſich Stanley in den Sattel ſchwang, dem Ritter von Haddon noch ein Lebewohl zuwinkte, ſeinem Gaul die Sporen gab, und von den Uebri⸗ gen gefolgt, aus dem Schloßthore hinaus in den Wald ſprengte, nach der Gegend hin, wo Onshaw's Puͤtte gelegen war. Die befiederten Waldbewoh⸗ ner, welche bereits ihre Morgenlieder in harmo⸗ — 31— niereichen Toͤnen begonnen hatten, wurden, wie ihre vierfuͤßigen Nachbarn, von dem wild daher⸗ ſprengenden Zuge aufgeſchreckt, waͤhrend die Roſſe ſtutzten, wenn dann und wann ein Hirſch ploͤtzlich aus dem Dickigt hervor uͤber den Weg ſetzte, oder wenn unerwartet eine Schaar von Voͤgeln vor ihnen aufflatterte. Nichts aber konnte die Eile Eduard Stanley's hemmen, welcher raſtlos ſeinem Gaule die Sporen in die Seiten bohrte, bis das Thier ſchaͤumend und keuchend vor Ons⸗ haw's Huͤtte anlangte. Er war ſeinen weniger gut berittenen Gefaͤhrten vorangeeilt; mit der ihm eigenthuͤmlichen, jede Gefahr verachtenden Keckheit aber, ſtieß er dennoch ohne Weiteres die Thuͤr der Huͤtte mit dem Fuße auf, und gewahrte in⸗ nerhalb derſelben Conſtanze Onshaw. Sie ſaß auf ihrem gewoͤhnlichen Sitze neben dem Feuer, vor ihr auf dem Tiſche ſtanden einige Nahrungs⸗ mittel, von denen ſie, wie es ſchien, gegeſſen hatte. Sie war allein, ſchien aber uͤber das Erſcheinen des jungen Kriegers keinesweges zu erſchrecken. „Nun, Du Satans Hexe,“ donnerte Eduard Stanley, indem er ein Piſtol hervorzog und ihr die Muͤndung vorhielt,„jetzt ſprich, wo blieb der Bube, den Du meiner Rache entriſſen haſt, ſprich, oder meine Kugel zerſchmettert Deine garſtige Fratze in zehntauſend Stuͤcke.“ „Geht— geht,“— ſprach die Alte mit großer Nuhe, nich weiß nichts von Eurem Gegner.“ „Ich will Deine Zunge ſchon loͤſen,“ tobte der Soldat,„ich werde ſeinen Aufenthalt erfor⸗ ſchen, und hielteſt Du ihn, in Deinem Herzen verborgen.“ „So holt ihn dort heraus, wenn Ihr konnt/ verſetzte Onshaw's Weib, ſich von ihrem Sitze erhebend. Eduard Stanley erwiederte nichts, aber er fuͤhrte mit dem Laufe ſeines Piſtols einen ſo kraͤftigen Schlag nach der Schulter der Alten, daß dieſe zuruͤck in ihren Stuhl ſank. Dieſe Ge⸗ waltthaͤtigkeit hatte aber keinesweges den Erfolg, den der junge Krieger davon erwartet hatte, denn ſie erhob ſich neuerdings und rief:„mordet mich, — 33— wenn Ihr wollt— mordet mich immerhin, ſeht, ich ein armes Weib,— verachte Euch— Euch, den Hochgebornen Herrn Eduard Stanley;— ja, ja, ich weiß, wo Euer Gegner weilt— ich koͤnnte in dunkler Mitternachtsſtunde zu ihm hinfinden. — Aber er ſoll ſicher vor Euch ſeyn— ſicher vor Euch und Euren Mordgeſellen.“ „Tod und Hoͤlle uͤber Dich, vermaledeite Hexe,“ tobte Stanley, indem er der Alten die wollene Muͤtze vom Haupte riß und ſie bei ihren Haaren packte, welche von ungewoͤhnlicher Laͤnge waren.—„Du kennſt mich noch nicht, ſonſt haͤt⸗ teſt Du meinen Zorn nicht gereizt.“ „Ich kenne Euch— aber ich fuͤrchte Euch nicht,“ entgegnete gelaſſen Onshaw's Weib.. „Sprich, willſt Du bekennen,“ donnerte Eduard Stanley, die Alte ſchuͤttelnd. „Nein,“ erwiederte dieſe entſchloſſen,„ſelbſt dann nicht, wenn Ihr ſo viel Gewalt uͤber meine Seele haͤttet, als Ihr uͤber meinen Koͤrper habt. — Ich bin auf Alles gefaſſt, verfahrt mit mir, wie Euch beliebt.“— III. Band. 3 . — 34— „Hoͤre,“ nahm Eduard Stanley wieder das Wort,„nur ungern beſudele ich mich mit Deinem gemeinen Blute, darum noch einmal, gieb Ant⸗ wort, wo ſteckt der Elende, deſſen Leben in mei⸗ ner Gewalt war?“ „Sein Leben in Eurer Gewalt! warum habt Ihr ihn denn nicht erſchlagen?“ fragte Onshaw's Weib in einem hoͤhniſchen Tone. „Ha, dieſer Hohn beſiegelt Dein Schickſal,“ tobte der Wuͤthrich, und von Zorn entflammt, ſchleppte er die Alte bis in die Mitte der Huͤtte. — Schon hatte er ſein Piſtol geſpannt, ſchon war er bereit, die todtbringende Kugel zu verſen⸗ den, als ploͤtzlich die huͤbſche Roſe auf der zu dem obern Theile der Huͤtte fuͤhrenden Leiter er⸗ ſchien.„Haltet inne,“ rief ſie,„ich will Euch den Aufenthalt des Abentheurers entdecken, wenn Ihr die Mutter freilaſſen wollt!“ „Ha, biſt Du es Maͤdchen,“ entgegnete Eduard Stanley, deſſen Zorn ſich bei dem An⸗ blicke des huͤbſchen Maͤdchens einigermaßen legie, „komm herunter!“ „Ihr wollt mir doch hoffentlich kein Leid zufuͤgen?“ fragte Roſe zitternd. „Keineswegs, Naͤrrchen, komm nur herab.“ In dieſem Augenblicke langten auch ſeine Gefaͤhrten an, ſie ſaßen vor der Huͤtte ab und traten herein.„Nehmt hier dieſe alte Hexe in Verwahrung,“ rief ihnen Stanley entgegen.„So, und nun mein niedliches Roͤschen zu Dir, ſag“' an, wo ſteckt der Bube, der Abentheurer?“ „Er hat die Waldecke— ich meine dieſe, unſere Huͤtte hier, verlaſſen,“ erwiederte das Maͤd⸗ chen, indem ſie die Leiter mit bebenden Knieen hinabſtieg. „Und wohin begab er ſich?“ „Ja, das weiß ich nicht.“ „Wie?“ fragte Stanley ernſthaft,„Du willſt Scherz mit mir treiben?“ „Ey gewiß und wahrhaftig nicht,“ betheuerte Roſe, vor dem Wuͤthrich auf die Kniee ſtuͤrzend, und ihre Haͤndchen flehend emporhebend.„Meine Mutter verließ ihn vor zwei Stunden im Park — 36— von Chatsworth; er wagte ſich nicht her um Euretwegen.“ „Komm, komm, mein Roͤschen,“ ſprach Eduard Stanley, die Kleine vom Boden aufrich⸗ tend und ſeinen Arm um ſie ſchlagend;„fuͤrchte Dich nicht, Du haſt von mir nichts zu beſorgen — ſage mir aufrichtig, was aus dem Fremden geworden, und ich will Dein Gluͤck machen.“ „Wahrlich, ich kann Euch nicht mehr ſagen,“ verſicherte das Maͤdchen;„er blieb im Park, wo⸗ hin er gegangen, weiß ich nicht.“ „Wo iſt Dein Vater, wo Dein Bruder?“ „Die ſind ſeit geſtern fruͤh nicht nach Hauſt gekommen,“ antwortete Roſe.— Dieſer Verſichrung ungeachtet gebot Stanlen ſeinem Gefolge, uͤberall in der Huͤtte und rund um dieſelbe nachzuſpaͤhen; aber weder von dem Abentheurer noch von Gilbert oder Anack war das Mindeſte zu entdecken. 3. Als Eduard Stanley ſeine nutzloſen Nachfor⸗ ſchungen geendet hatte, gebot er ſeinen Leuten wieder aufzuſitzen; da er aber entſchloſſen war, daß Roſe und ihre Mutter mit ihm ziehen ſoll⸗ ten, mußte ſein Neitknecht Ridgway die Erſtere, und einer der Diener des Sir George die Letztere hinter ſich neben den Sattel nehmen. So trabte der Zug nun nach Chatsworth⸗Park hin. Eduard Stanley trauete zwar dem Berichte der kleinen Roſe nicht ganz, aber er hatte gehoͤrt, daß der Abentheurer ſich oft in jenem Walde aufhalte, wo ihm viele kleine Huͤtten, der des Gilbert gleich, Schutz gewaͤhren konnten. So kamen ſie nun uͤber eine ſchmale hoͤlzerne Bruͤcke, welche uͤber den Wye fuͤhrte, und die ſo ſchwach war, daß ſie ſchon unter der Laſt eines * 5 — 38— einzigen Reuters ſchwankte; ſie gelangten indeß gluͤcklich hinuͤber, und raſch ihren Weg fort— ſetzend, erreichten ſie bald den Park von Chats⸗ worth, wo der junge Krieger ſich nun wieder zur lieblichen Roſe wandte, fragend:„wo die Stelle ſey, an welcher ihre Mutter den Abentheurer ver⸗ laſſen habe.“ „Es war hier in dieſer Gegend,“ antwortete das Maͤdchen. 3 „Und wohin ging er?“ fragte Stanley, „nach dem Herrenhauſe von Chatsworth druͤben durfte er ſich doch nicht wagen.“ „Gewiß, ich weiß es nicht,“ verſetzte Roſe aͤngſtlich,„meine Mutter wollte mir nicht ſagen, wohin er zu gehen geſonnen.“ 4 Eduard Stanley war demnach gendͤthigt, einige aus ſeinem Gefolge, welche die Gegend genau kannten, zu Rathe zu ziehn. Dieſe riethen ihm, auf der Anhoͤhe zu bleiben, wo ſich zwiſchen den Huͤgeln und Felſen viele Huͤtten befaͤnden, die von Schaͤfern bewohnt wuͤrden, bei denen der Abentheurer vielleicht Zuflucht geſucht haͤtte. Die⸗ . — — 39— ſem Rathe folgte Eduard Stanley, dabei aber blieb er der Alten zur Seite, und ſcharf beob⸗ achtete er ſie, denn er hoffte irgend eine Veraͤn⸗ derung ihrer Geſichtszuͤge wuͤrde ihm den Ort verrathen, wo der Fremde verborgen ſey. Ons⸗ haw's Weib aber ſtarrte eine Weile lang gleich⸗ guͤltig vor ſich hin, und nur dann und wann ver⸗ zerrte ſich ihr Geſicht zu einem hoͤhniſchen Laͤ⸗ cheln; ploͤtzlich veraͤnderte ſich indeß ihr Antlitz, ſie bebte zuſammen und war, um nicht vom Pferde hinabzuſtuͤrzen, genoͤthigt, ſich an den vor ihr ſitzenden Reuter zu halten. Stanley, welcher ſie nicht aus den Augen gelaſſen hatte, blickte unver⸗ zuͤglich nach allen Seiten hin, aber er gewahrte nichts, was ihre Gemuͤthsbewegung herbeigefuͤhrt hahen konnte, und ſchon glaubte er, die ſchlaue Alte ſuche ihn nur zu taͤuſchen, als er ploͤtzlich in einiger Entfernung die gruͤne Jäͤgertracht und den hohen Federhut ſeines Gegners erſchauete, welcher grade hinter einer alten Eiche hervortrat. „Ha, ha, das Wild iſt aufgejagt!“ rief Eduard Stanley, ſeinem Gaul die Sporen ge⸗ ———— — 40. bend und im raſchen Galopp dah ſprengend; die Uebrigen folgten ſo ſchnell ſie konnten; da aber ihre Roſſe es dem Renner des jungen Kriegers nicht gleich thun konnten, blieben ſie weit hinter ihm zuruͤck. Onshaw's Weib murmelte fromme Gebete vor ſich hin, und beſchwor alle Heiligen, den Fremdling in Schutz zu nehmen, waͤhrend ihre Tochter von Neugierde erfaßt, nur begierig ſchien mit anzuſehen, wie das Abentheuer ablau⸗ fen wuͤrde. ltt 1 Eine Weile lan blieb Eduards Annaͤherung von ſeinem Nebenbuhler unbemerkt, welcher die Arme kreuzweis uͤbereinander geſchlagen, langſam auf und abſchritt; als er aber den Hufſchlag der Pferde vernahm, und nun ſeinen Gegner und deſ⸗ ſen Gefolge heranſprengen ſah, eilte er raſch dem nahen Dickigt zu und verſchwand in demſelben vor Stanley's Blicken. Als dieſer die Flucht ſeines Feindes gewahrte, ſchwang er ſich raſch vom Pferde, riß ein Piſtol vom Sattel, und flog ebenfalls in den Wald hinein, dem Fluͤchtlinge nach, den er auch bald wieder zu Geſichte bekam. er, der Dich erſchlug, wußte nicht, welch' edles —-— 41— und der, als er an das Ende des Dickigts ge⸗ langte, ſich nun ploͤtzlich uͤberzeugte, daß ihm durch Eduards Gefolge, welches rund um das Gehoͤlz ſprengte, der Weg abgeſchnitten worden war. Der Fremde ſchien von Schrecken erfaßt; ſeine Feinde aber jubelten.„Flieht— flieht,“ rief Onshaw’s Weib,„Euer Todtfeind naht!“ und kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als auch ſchon Eduard Stanley ſein Gewehr ab⸗ druͤckte, und der Unbekannte, zwiſchen den Schul⸗ tern getroffen, zuſammenſank und zu Boden ſturzte/ das Haidekraut mit ſeinem Blute faͤrbend⸗ „Gut getroffen!“ rief der Wuͤthrich, herbei⸗ eilend und den Fuß auf ſeinen Feind ſtemmend; „gut getroffen. Du wirſt ferner Haddon⸗ Diss nicht mehr bewohnen.“ 1 „Ihr werdet fuͤr dieſe That in der Häle wohnen,“ ſchrie die Alte, indem ſie ſich uͤber den Verwundeten warf.„Du großmuͤthiger, edler Mann, Du biſt gemordet— gemordet durch eine verfluchte Hand. Aber Du wirſt geraͤcht werden, ———Mm————ÿöü——— muou 7 — 42— Blut er vergoß,— er hat durch dieſe That ſich ſelbſt den Untergang bereitet.— Wehe— wehe uͤber ihn!“— 1 Ihr Jammergeſchrei ward durch einen tiefen Seufzer unterbrochen, welcher der Bruſt des Nie⸗ dergeſchoſſenen entſtieg. Bisher hatte noch Nie⸗ mand ſein Geſicht geſchauet, jetzt aber hob ihn die Alte ſanft empor, und legte ihn auf den Ruͤcken;z kaum aber hatte ſie dieſes Geſchaͤft ge⸗ endet, als ſie auch ploͤtzlich laut aufſchrie und ohnmaͤchtig zuruͤckſank,— nicht das edle Antlitz des Abentheurers— Ashby's bleiche Geſichtszuͤge traten ihr entgegen. „Was!“ donnerte Eduam Stantey zaͤhne⸗ knirſchend,„mein Geſchoß traf einen armſeligen Haaſen ſtatt eines Loͤwen; Fluch uͤber Dich, Elen⸗ der, Du haſt Dein Schickſal verdient.“ Der Fanatiker oͤffnete matt die Augen;„ja, ja, mein Geſchick hat mich ereilt,“ ſtammelte er kaum vernehmbar,„ich wußte es lange ſchon, daß ich durch die Hand eines Stanley ſterben wuͤrde.— Als Du zu Lathom Dein Piſtol auf — 43— mich abfeuerteſt, glaubte ich, mein Schickſal ſey erfuͤllt— ich irrte mich— von dem, was ſich ſpaͤter zugetragen, will ich ſchweigen— der Wille eines Engels hat meine Lippen verſiegelt.— O, waͤre ſie doch hier, mir die Augen zuzudruͤcken, meinen letzten Haͤndedruck zu empfangen!“ „Du biſt ein Luͤgner, rief Eduard Stan⸗ ley,“ haͤtteſt Du geglaubt, daß ich beſtimmt ſey, Dir den Tod zu geben, haͤtteſt Du Dich geſtern meinem Schwerte nicht widerſetzt.“ „Ich glaubte, meine Stunde ſey noch nicht gekommen,“ erwiederte Ashby,„deshalb entfloh ich Euch auch heute,— ein Wille, maͤchtiger als der meine, beherrſchte mich— mich trieb mein Geſchick.“— „Ich hielt Euch fuͤr einen Andern,“ mur⸗ melte der junge Krieger vor ſich hin.“ „Wenn Euch mein Tod verſöͤhnt, verzeihe ich Euch Eure That,“ ſprach der ſterbende Fana⸗ tiker;„Ihr wart nur ein Werkzeug— geht aber nicht weiter in Eurem Zorne.“ „Ich bin vom Schickſale beſtimmt, den zu —————— — 44— toͤdten, fuͤr den ich Euch hielt,“ entgegnete Stan⸗ ley mit einem höͤhniſchen Laͤcheln.. „Es koͤnnte ſeyn, daß Ihr das Opfer wuͤr⸗ det, und er der Todtſchlaͤger,“— bemerkte Ashby. 14. „Immerhin,“ rief der junge Krieger,„be⸗ ſiegt er mich, will ich gern ſterben.“ Die Alte hatte ſich unterdeſſen von ihrer Ohnmacht erholt und nahm ihren blutenden Bru⸗ der in die Arme.„Laßt Euch warnen,“ nahm dieſer mit ſchwacher Stimme zu dem jungen Krie⸗ ger gewandt, wieder das Wort;„laßt Euch war⸗ nen, bevor Eure Stunde naht— der Sommer des Lebens waͤhrt nur kurze Zeit— bald faͤllt das Laub— weiht Ihr die Fruͤchte Eurer Ju⸗ gend dem Boͤſen, werdet Ihr nimmer vor dem Throne des Ewigen ernten.“ „ Philipp, Philipp,“ bat jetzt Onshaw's Weib, und Thraͤnen ſtroͤmten dabei uͤber ihre ge⸗ furchten Wangen herab,„Dein letzter Augenblick naht, kehre zuruͤck zu dem Glauben Deiner Vaͤter.“ mein Blut gefriert zu Eis!“— — 45— Der Fanatiker ſchlug die matten Augen zu ihr auf, und fragte erſtaunt und mit großer An⸗ ſtrengung:„Wer biſt Du? Du ſprichſt ſo ver⸗ traut zu mir, und dennoch erinnere ich mich nicht, fruͤher Deine Geſichtszuͤge geſehen zu haben.“ „Du hatteſt eine Schweſter,“ entgegnete die Alte. „Eine Schweſter!“—“ wiederholte Ashby, mit ſchwacher, kaum vernehmbarer Stimme, denn das Sprechen hatte ſeine letzten Kraͤfte erſchoͤpft, und alles verkuͤndete, daß ſein Ende nahe ſey. „Ja, ja— ich erinnere mich— aber nur ſo— als ob es mir getraͤumt haͤtte,— Ihr Bild— ſteht vor mir— wie eine Nebelgeſtalt— dunkel wie das Thal um mich her— ſcheint denn nicht die Sonne— ja— aber ſie waͤrmt mich nicht — ich bin— ſo kalt— meine Glieder erſtar⸗ ren— wo bin ich denn? Sind das nicht die lieblichen Huͤgel, die ſchoͤnen Thaͤler von Chats⸗ worth?— iſt jenes Silberband dort nicht der glaͤnzend dahinſtroͤmende Derwent?— Hu, hu, — 46— „Philipp, Philipp,“ jammerte die Alte,„ich bin Deine Schweſter— Conſtanze— die aus Furcht vor menſchlichem Zorne Dich verſchmachten ließ. Sage, daß Du mir verzeihſt.”“ Der Fanatiker aber vernahm dieſe Worte nicht mehr, ſeine Augen brachen.— Da wandte ſich der ganze Zorn ſeiner Schweſter gegen ſeinen Moͤrder:„Fluch uͤber Euch!“ ſchrie ſie, ihren duͤrren Arm drohend gegen den jungen Krieger ausſtreckend,„Fluch uͤber Euch, Ihr moͤgt in der Mitte der Eurigen oder unter Fremden weilen. — NMoͤge Eure Hand Euch als Moͤrder bezeich⸗ nend, jeglichem Auge ſtets Blut gefaͤrbt erſchei⸗ nen,— Ihr habt mir den Bruder erſchlagen— moͤget Ihr in Euern liebſten Hoffnungen ge⸗ taͤuſcht werden.— Moͤgt Ihr ein ſchmachvolles Leben fuͤhren, eines jaͤmmerlichen Todes ſterben!“ Der Wuͤlhrich laͤchelte veraͤchtlich uͤber dieſe Verwuͤnſchung, und gebot kaltbluͤtig Einigen aus ſeinem Gefolge, ihm ſeinen Renner herbeizuholen, welcher, waͤhrend ſein Herr oben zum Moͤrder ward, unten am Fuße des Huͤgels friedlich — 47— graſte. Er ſelbſt ſtieg unterdeß noch weiter die Anhoͤhe hinan, es der Alten uͤberlaſſend, fuͤr ihren ſterbenden Bruder zu ſorgen, der bald darauf ſei⸗ nen letzten Athenzug aushauchte. Laut ſchreiend und jammernd ſtuͤrzte ſich die Alte uͤber den Leich⸗ nam, Roſe ſtand ſchaudernd in einiger Entfer⸗ nung, und hielt ihr niedliches Geſicht mit den Haͤnden bedeckt, waͤhrend Eduard Stanley's Be⸗ gleiter mißbilligend bald auf den Todten, bald auf ihren Fuͤhrer ſchaueten. Jetzt ward das Pferd des Letztern gebracht, Stanley ſchwang ſich in den Sattel und gebot ſeinen Leuten, ein Gleiches zu thun. Statt aber ſeinem Befehle Folge zu leiſten, blickten ſie einander ſchweigend und fra⸗ gend an.. 4 „Nun, hoͤrt Ihr nicht!“ rief der junge Krie⸗ ger, der ihre umwoͤlkten Stirnen bemerkte;„Ihr ſollt aufſitzen und mir folgen,— der Elende, den wir ſuchen, wird uns hoffentlich nicht ent⸗ kommen.“ Die Reuter fluͤſterten einige Augenblicke lang mit einander, dann trat einer von ihnen zu dem Wuͤthrich und erklaͤrte, daß er und ſeine Camera⸗ den entſchloſſen waͤren, ihm nicht weiter zu fol⸗ gen, bis ihnen kund geworden waͤre, was ihr Gebieter von dem denke, das hier ſo eben vorge⸗ fallen ſey; ſie glaubten nicht, daß er dieſe Mord⸗ that billigen wuͤrde. „Hat Euer Herr Euch nicht unter meinen Befehl geſtellt?“ fragte Eduard Stanley, indem er mit der Hand nach ſeinem zweiten Piſtol faßte. „Wir wurden ausgeſandt, einen Abentheurer einzufangen,“ entgegnete der Reuter,„nicht aber ſchuldloſes Blut zu vergießen.“ „Hund!“ donnerte Eduard Stanley,„waͤreſt Du nicht der Dienſtmann meines beſten Freun⸗ des, des Ritters von Haddon, ich wuͤrde Deine Gebeine neben denen des Elenden dort auf die Bleiche legen.“ „Die Meinung Eures Herrn uͤber mein Be⸗ tragen wollt Ihr hoͤren,“ fuhr er dann etwas ruhiger fort, denn es ſchien ihm gerathen, mit den Dienern des Schloßherrn in gutem Vernehmen — 49— zu bleiben.„Wir wollen ſehen, wie er uͤber das Eure denkt. Ihr habt Eure Pflicht verletzt, ich will dafuͤr Genugthuung fordern.“ So ſprechend gab er ſeinem Gaule die Sporen, und ſprengte, ohne ſich darum zu kuͤmmern, ob ihm die Uebri⸗ gen folgen wuͤrden, raſchen Fluges auf dem Wege nach Haddon dahin. Unterdeß hatte ſich Onshaw's Weib einiger⸗ maßen erholt; die Freude, daß der Abentheurer wenigſtens fuͤr jetzt der Gefahr entgangen ſey, ſchien ihren Kummer uͤber den Tod ihres Bru⸗ ders in etwas zu mildern, und mit herzlichen Worten ſpendete ſie den Reutern Dank fuͤr ihr maͤnnliches, kraͤftiges Benehmen. „Was aber iſt mit der Leiche hier zu begin⸗ nen?“ fragte ſie dann,„ſie muß jetzt einen Ruhe⸗ platz haben, ſtreifte der Lebende gleich irre im Lande umher.“ „Wir wollen ſie auf mein Pferd legen,“ nahm der Reuter, der vorhin geſprochen, das Wort,„wir bringen Euch Euren todten Bru⸗ III. Band. 4 — der nach der Waldecke, dort moͤget Ihr ihn be⸗ graben.“ Seine Cameraden halfen ihm den Koͤrper auf das Roß legen, und unverzuͤglich bewegte ſich darauf der Zug nach der Waldecke hin. 2 * 4 — * 4. Obgleich Eduard Stanley unaufhaltſam raſch dahinſprengte, bis er zu Haddon anlangte, ritten doch faſt ſaͤmmtliche Maͤnner ſeines Gefolges mit ihm zugleich in den Schloßhof ein, denn mit der Gegend genauer bekannt als er, hatten ſie Neben⸗ wege eingeſchlagen, und ihn ſo bald eingeholt. Die Familie ſaß noch beim Fruͤhſtuͤck, und ihr waren der Oberſt Sparendam und der Jeſuit ſo eben als Gaͤſte des Barons vorgeſtellt worden. Als Eduard Stanley eintrat, erhob ſich der Rit⸗ ter von Haddon, und fragte nach dem Erfolge ſeines Unternehmens, von dem, wie ihre aͤngſtli⸗ chen Geſichter verkuͤndeten, alle Anweſenden unter⸗ richtet ſchienen. Niemand aber war beſorgter als Sir Thomas Stanley, er ſchien von Angſt ge⸗ foltert, bis er erfahren haben wuͤrde, daß das 1 — 52— Vorhaben ſeines Bruders erfolglos geblieben ſey. Beide Toͤchter, Margarethe und Dorothee, waren ebenfalls zugegen; die Erſtere ſchien in großer Spannung, die Letztere aber in Todesangſt der Kunde zu harren, die ſie vernehmen wuͤrden. Stanley blickte, als er eintrat, auf die Schwe⸗ ſtern, und knirſchte vor Zorn mit den Zaͤhnen, als er ihres Triumphs gedachte. Sir Simon Deyge und der Oberſt Sparendam ſchienen gleich⸗ guͤltig gegen das, was ſie erfahren ſollten, der Jeſuit aber richtete dann und wann theilnehmende Blicke auf die beiden Maͤdchen. „Nun, Eduard Stanley,“ fragte der Schloß⸗ herr,„wo iſt der Landſtreicher, der es wagte, der Ehre und der Geſetze zu ſpotten? Iſt der Vogel gefangen?“ — —f — „Nein,“ erwiederte Eduard Stanley, indem er ſich zum Fruͤhſtuͤcke niederſetzte;„er flattert noch umher.“ „Wie,“ er flattert noch umher?“ wiederholte Sir George,„und ein Jaͤger, wie Ihr ſeyd, machte Jagd auf ihn?“ be 53— „Wir bekamen ihn gar nicht zu Geſichte,“ murmelte der junge Krieger vor ſich hin. „Alle Teufel, ſo iſt er entkommen,“ rief der Ritter von Haddon. „Gingt Ihr nicht hinab nach Edenſoe?“ nahm Sir Simon Deyge das Wort. „Nein,“ verſetzte Eduard Stanley trocken. „Ey, das wundert mich,“ fuhr jener fort, „dort wohnt Walter Needham, welcher der Toch⸗ ter des Gilbert nachlaͤuft, bei dem ſich der Aben⸗ theurer aufhielt.“ „So, meinetwegen,“ entgegnete der junge Krieger mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit, indem er zu fruͤhſtuͤcken anfing. Der Schloßherr glaubte jetzt zu bemerken, daß Eduard Stanley von dem Erfolge ſeines Un⸗ ternehmens nicht oͤffentlich zu ſprechen wuͤnſche, und ſo drang er fuͤr jetzt nicht weiter mit Fragen in ihn. Kaum aber war das Fruͤhſtuͤck geendet, als er ſich zu ſeiner Tochter wandte:„Marga⸗ rethe,“ ſprach er,„Deiner Wachſamkeit uͤbergebe ich die Widerſpenſtige dort.“ ——————— — 54— „Glaubt Ihr ſie denn bei mir nicht gut aufgehoben?“ fragte Vater John. „Nein,“ entgegnete der Schloßherr kurzweg, „haͤttet Ihr ein wachſames Auge gehabt, waͤre ſie mit dem Buben, der unſerer Rache entgangen iſt, nicht ſo genau bekannt geworden.“ „Ihr zieht meine Redlichkeit doch hoffentlich nicht in Zweifel?“ fuhr der ehrwuͤrdige Geiſtliche in einem bewegten Tone fort. „Eure Redlichkeit, nein!“ verſetzte der Schloß⸗ herr etwas milder;„aber Ihr werdet alt— Ihr ſeht nicht mehr ſcharf genug, um die liſtigen An⸗ ſchlaͤge der Dirne da zu Schanden zu machen. Ihr moͤgt uͤbrigens bei ihr bleiben, und ihr Buße predigen, denn bei meiner Ehre, macht ſie ihre Thorheit nicht wieder gut, hat ſie ihren Vater auf immer verloren.“— Die beiden Schweſtern begaben ſich darauf hinweg, von Thomas Stanley, dem Vater John und dem Sir Simon Deyge gefolgt. „Nun, Eduard Stanley,“ begann der Schloß⸗ herr,„jetzt koͤnnt Ihr frei von der Leber weg —? — 55— ſprechen, Eure Freunde hier ſind verſchwiegene Maͤnner.“ „Ich weiß dennoch nicht, ob ich vor Euch meine Rede beginnen kann,“ entgegnete Eduard Stanley zu dem Jeſuiten gewandt. „Und weshalb nicht vor mir?“ fragte der Geiſtliche.„Was koͤnnte Euch bewegen, mehr Vertrauen in dem Oberſten, als in mich zu ſetzen?“ „Das werdet Ihr nur zu bald erfahren,“ erwiederte der junge Krieger. „Fandet Ihr denn den Buben nicht in Ons⸗ haw's Huͤtte?“ fragte der Schloßherr;„ich hoͤrte doch, er pflege ſich dort aufzuhalten.“ „Ich ſuchte ihn dort,“ verſetzte Stanley, „ſtatt ſeiner aber fand ich nur die alte Hexe, Onshaw's Weib, Eure Schweſter, vor, mein Va⸗ ter, wenn Ihr ſie anders dafuͤr anerkennt,— meiner Meinung nach aber iſt ſie eher die Groß⸗ mutter des Teufels als Eure Verwandte.“ „Ihr legtet doch hoffentlich nicht Hand an ſie?“ fragte der Jeſuit in einem ernſten Tone. — 56— „Ey, freilich that ich das,“ antwortete der junge Krieger,„ſie und Roſe mußten zu Pferde mit nach Chatsworth⸗Park— wohin ſich, wie die Letztere eingeſtand, der Abentheurer begeben hatte.— Das Wild, ſchon glaubte ich es gefun⸗ den zu haben, war auch bald aufgejagt— ich ſprengte raſch hinan— druͤckte ab, und ſchoß den Vogel nieder.“ „Und nun ſaht Ihr, daß es nicht der Fremde war?“ fragte Sir George lebhaft. „Der Fremde,“ wiederholte Stanley kaltbluͤ⸗ tig,„nein, der war es nicht. Ich hatte nach einen Adler geſchoſſen, aber nur eine Kraͤhe ge⸗ troffen.— Es war Ashby, der Heuchler, der Hexe Bruder und der Eure, Herr Jeſuit.“ Bei dieſen letzten Worten ſah der Moͤrder ſeinen Bundesgenoſſen ſcharf in's Auge, denn er wollte erforſchen, welchen Eindruck der Tod ſeines Bruders auf ihn mache. Der Jeſuit ſaß eine Weile lang ſchweigend da, ſo als ſuche er die Gefuͤhle zu bekaͤmpfen, die in ſeinem Innern ſuͤrmten,— dann ſprach er mit zitternder Stimme: — — Verzeiht mir— Ihr Herren, ich bitte Euch, verzeiht mir— ich bin ein alter ſchwacher Mann — als ich mich der Kirche weihete, glaubte ich, alle Bande irdiſcher Verwandtſchaft von mir ab⸗ geſtreift zu haben— ich ſehe, ich habe mich ge⸗ irrt— nur der Tod kann ſolche Bande loͤſen.— Es war der Wille des Himmels, daß Philipp fallen ſollte— die That iſt geſchehen— er ruhe in Frieden.“ „Ich hielt ihn, wie geſagt, fuͤr einen An⸗ dern, ſonſt haͤtte ich ihn nicht getoͤdtet,“ entſchul⸗ digte ſich Stanley, froh, daß ſein Bundesgenoſſe keine Rachegedanken zu naͤhren ſchien. „Ich lege Euch ſeinen Tod nicht zur Laſt,“ entgegnete der Jeſuit,„ich will denken, der Him⸗ mel habe es ſo gewollt, ich will mich nicht be⸗ klagen.“ „Aber habt Ihr den Abentheurer nicht wei⸗ ter verfolgt?“ fragte der Schloßherr. „Ich wuͤrde es gethan haben, aber Eure Leute weigerten ſich, mir zu folgen.“ „Hoͤlle und Teufel, dafuͤr ſollen ſie buͤßen,“ tobte Sir George. „Mein Nath iſt, ihnen fuͤr jetzt zu denßhen und ihre Beſtrafung bis auf eine gelegenere Zeit zu verſchieben,“ nahm der junge Krieger wieder das Wort;„die Stunde nahet, unſer Vorhaben auszufuͤhren. Mit jedem Tage koͤnnen wir Nach⸗ richt von der Landung der Spaniſchen Huͤlfstrup⸗ pen erwarten, wir koͤnnen dann keinen Mann ent⸗ behren.“ „Wohlan denn, wie Ihr wollt,“ verſetzte Sir George Vernon,„unterdeß aber entflieht der Abentheurer.“ „Er wird gewiß in der Naͤhe bleiben und ſich nach ſeinem Herzliebchen umſchauen,“ erwie⸗ derte Stanley—„wir werden ihn ſchon fangen, laßt das meine Sorge ſeyn.“ Beſorgt, eine laͤngere Unterredung koͤnne bei den Uebrigen Verdacht erregen, brachen ſie hier das Geſpraͤch ab und begaben ſich hinab in den Garten. ——— — — —,—y 5. Sir George und ſeine Bundesgenoſſen waren noch nicht lange im Garten auf⸗ und abgeſchrit⸗ ten, als ſie auch ſchon wieder in die Halle gerufen wurden, weil noch mehr Gaͤſte angelangt waͤren. Dieſe waren Niemand anders als Lady Eliſabeth Cavendiſh von Chatsworth, und ihre beiden aͤlte⸗ ſten Soͤhne Henry und William, nebſt dem Haupt⸗ mann von der Koͤniglichen Garde, Sir William Saaint Lo, den ſie ſpaͤterhin heirathete, der aber jetzt noch zu der großen Zahl von Freiern ge⸗ hoͤrte, welche ſich um die Hand der reichen und huͤbſchen Witwe bewarben. Das Portrait dieſer beruͤhmten Eüiſabeth v von Hardwick wollen wir hier nicht ausfüͤhrlich heichnen, ſondern nur berichten, daß ſie bei einer ſehr ſchoͤnen Geſtalt und einneh⸗ mender Geſichtsbildung, viel Majeſtaͤt und eine — 60— an Anmaßung graͤnzende Wuͤrde in ihrem Be⸗ nehmen beſaß; ſo, daß ihr Character dem ihrer koͤniglichen Gebieterin ungemein zu gleichen ſchien. Beide waren ſtolz, beide konnten keinen Wider⸗ ſpruch leiden, aber beide waren auch großmuͤthig und treu in ihren Neigungen. Die Soͤhne der Lady Cavendiſh waren noch ſehr jung, ſchienen aber an den despotiſchen Sinn ihrer Mutter hin⸗ laͤnglich gewoͤhnt, um ihr in Allem ohne Einwen⸗ dung zu gehorchen. Sir William Lo war ein vollkommener Hoͤfling, und am Hofe ſowohl we⸗ gen ſeines eleganten Benehmens, wie auch wegen ſeiner Liebe zu den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften geachtet. Er war ein Mann von mittlerem Alter, Witwer, Vater mehrerer Toͤchter, und, wie ſchon bemerkt, Capitain der Garde. Mit dem Anſtande einer Juno trat Lady Cavendiſh in das Zimmer, in dem ſie von dem Schloßherrn und ſeinen Töcht fangen wurde, welchen Letztern ſie ſeit la beſonders zu⸗ gethan war, denn die Mutter der beiden Maͤd⸗ chen war ihre Buſenfreundin geweſen. Sir Tho⸗* — 61— mas Stanley und Sir Simon Deyge waren ihr ebenfalls bekannt, denn ſie hatte ſie fruͤher auf Haddon geſehen. Eduard Stanley aber, der Oberſt Sparendam und der Jeſuit waren ihr fremd, und wurden ihr jetzt einer nach dem An⸗ dern von Sir George Vernon vorgeſtellt. „Ich erlaube mir, Couſine,“ ſprach er, nach⸗ dem er Lady Cavendiſh zu einem Seſſel gefuͤhrt hatte,„dieſe meine Freunde Eurer Gunſt zu em⸗ pfehlen; dies iſt Oberſt Sparendam— Oberſt, meine geſchaͤtzte Couſine und ſchoͤne Nachbarin Lady Cavendiſh van Chatsworth— der Graf du Prat und Sir Eduard Stanley, mein tapferer Freund.“ Man bewillkommte ſich gegenſeitig, worauf der Schloßherr wieder das Wort nahm:„Ich haͤtte Euch die beiden Bruͤder Stanley als meine zukuͤnftigen Verwandten vorſtellen ſollen, Couſine, in vierzehn Tagen werden Beide meine Schwie⸗ gerſoͤhne.“ „Wie, Beide?“ fragte Lady Ebiſj mit * ſichtbarem Erſtaunen. — 62— „Ja, Beide,“ antwortete Sir George Ver⸗ non,„Margarethens Verbindung mit Sir Tho⸗ mas Stanley war laͤngſt beſchloſſen.“ „Das weiß ich— aber Dorothee”“— „Gehorcht hierin meinem Willen,“ erwiederte der Ritter von Haddon mit einer Beſtimmtheit, welche den Wunſch zu erkennen gab, daß man ihn mit fernern Fragen uͤber dieſen Gegenſtand verſchonen moͤge. Lady Cavendiſh aber ließ ſich ſo leicht nicht abſchrecken;„ich haͤtte,“ ſprach ſie,„ lieber von Euch gehoͤrt, daß ſie ihrer eigenen Neigung folge Seht nicht ſo finſter, Vetter, ich ſpreche ehrlich und grade heraus, wie Ihr es liebt— denn wir kennen uns ja ſchon zu lange, als daß ich meine Worte abwaͤgen ſollte.“ „Ihr haͤttet Unrecht, wolltet Ihr Euch Zwang anthun, Couſine,“ entgegnete der Schloßherr „was Ihr aber auch ſagen koͤnntet; was dieſen Punkt betrifft, ſo ſteht mein Wille feſt. Wollt Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir einen Spa⸗ ziergang auf der Terraſſe zu machen, werde ich —— —— eine gelaͤufige Zunge hat! ſchauet doch, wie die — 63— Euch die Gruͤnde vorlegen, die mich beſtimmen, ſo zu handeln.“ Lady Cavendiſh erhob ſich aus ihrem Seſſel und ließ ſich vom Sir George aus dem Gemache fuͤhren; die drei Bundesgenoſſen zogen ſich in einen Winkel des Zimmers zuruͤck, wo ſie ſich uͤber ihre Plaͤne ungeſtoͤrter unterhalten konnten. Sir Thomas gab der Bitte des einen Knaben nach, und fuͤhrte ihn in den Stall, die Roſſe zu ſchauen, waͤhrend ſeine Geliebte im Fenſter mit dem Juͤngern ſcherzte. Saint Lo aber ſetzte ſich zu Lady Dorothee, und ſprach ſo leiſe mit ihr, daß keiner der Uebrigen ſeine Worte verſtehen konnte. „Glaubt Ihr auch, daß der da hergekommen iſt, uns zu beobachtene“ fragte der Deutſche zu Stanley gewandt. „Seyd deshalb unbekuͤmmert,“ erwiederte der junge Krieger,„er bewirbt ſich um die Hand der Lady Cavendiſh; nur darum, nicht unſertwe⸗ gen, kam er nach Derbyſhire.— Was der Fant — 64— Dirne mit dem gebrochenen Herzen bei ſeinen Honigworten laͤchelt— die Wolken ſchwinden von ihrer Stirn, ihr Auge leuchtet vor Freude. Was in des Teufels Namen kann er ihr vorgeſchwatzt haben?“ „Daß ihre Schoͤnheit die der Koͤnigin uͤber⸗ trifft ohne Zweifel,“ meinte Oberſt Sparendam, „oder er erzaͤhlt ihr auch von den neueſten Moden am Hofe.“. „Dorothee findet an ſolchen Taͤndeleien kein Vergnuͤgen,“ entgegnete Stanley. Leiſer beſprachen ſich jetzt die Verbuͤndeten nooch eine Weile mit einander; bald darauf trat Lady Cavendiſh mit dem Schloßherrn und Sir Thomas mit dem Knaben wieder herein. Das Antlitz der Lady ſchien zu verkuͤnden, daß die Er⸗ klaͤrung des Sir George ſie keinesweges befriedigt habe; ihre Wangen gluͤhten, ihre Augen flamm⸗ ten, und mit ihren eigenen Gedanken beſchaͤftigt, vergingen mehrere Momente, bevor ſie einen Blic auf irgend einen der Anweſenden richtete. Lady Dorothee dagegen ſchien nach dem mit 2 — 65— Saint Lo gehabten Geſpraͤche neu belebt, die Todtenblaͤſſe, welche ihr Geſicht bedeckt gehalten hatte, war verſchwunden, und es ſchien, als ob friſcheres Blut in ihren Adern rollte. Eduard Stanley war erſtaunt, und konnte ſich eines bit⸗ tern Grolls nicht erwehren, daß der Hoͤfling in wenigen Momenten dasjenige bewirkt habe, was er durch wochenlange Aufmerkſamkeit nicht her⸗ vorzubringen vermochte. Waͤhrend er noch uͤber die Urſache dieſer Veraͤnderung nachſann, ſchien Lady Cavendiſh Anſtalten zum Aufbruche zu machen. „Ihr verlaßt Haddon unzufrieden, Couſine,“ ſprach der Schloßherr,„das thut mir leid, ich hoffe indeß, Ihr werdet uns mit Eurer Gegen⸗ wart bei der Hochzeitfeier beehren.“ „Ich werde Dorothee noch oft vor ihrer Ver⸗ maͤhlung beſuchen,“ entgegnete Lady Cavendiſh, „ſie bedarf zu dieſem wichtigen Zeitpunkte meines Raths und meines Beiſtandes, ich werde ſie faſt taͤglich ſehn; auch bitte ich Euch, Sir George, wihr zu erlauben, daß ſie mich beſuche.“ II. Band. 5 — 66— „Wenn ſie Euch beſucht, Lady Cavendiſh,“ nahm Eduard Stanley laͤchelnd das Wort,„muß ich fuͤrchten, meine Braut zu verlieren.“ „Und weshalb, Sire“ fragte die Lady in einem ernſten Tone. „Sir William Lo beſitzt ſo große Vorzuͤge,“ verſetzte der junge Krieger,„daß ich faſt fuͤrchten moͤchte“— „Seyd unbeſorgt,“ unterbrach ihn die Lady. „Sir William iſt an Jahren der Lady Dorothee weit vorausgeeilt.“— So ſprechend wandte ſie dem Wuͤſtling veraͤchtlich den Ruͤcken, nahm von den Uebrigen Abſchied, und machte ſich mit Sir William Saint Lo und ihren Knaben wieder von Haddon nach Chatsworth auf den Weg. in London gefunden?“ 6. Kaum hatte Lady Cavendiſh das Schloß ver⸗ laſſen, als auch ſchon wieder zwei Reuter vor der kaum geſchloſſenen Pforte erſchienen und Einlaß verlangten. Es war der Doctor Probus und der ihm mitgegebene Diener. Beide waren mit Staub bedeckt und von der Anſtrengung der Reiſe er⸗ mattet; der Hausarzt ſprang von dem ſchaumbe⸗ deckten Roſſe, uͤberließ daſſelbe der Sorge der Stallknechte, und begab ſich in die Halle, wo er die Geſellſchaft noch verſammelt fand, wie ſie Lady Cavendiſh verlaſſen hatte. .„Ha, ſieh da, Probus!“ rief ihm der Schloß⸗ herr entgegen;„ſo bald zuruͤckgekehrt?— Ihr habt die Zeit Eures Urlaubs ja kaum zur Haͤlfte benutzt.— Nun, wie habt Ihr Eure Freunde — 68— „In beſter Geſundheit, edler Herr!“ verſetzte Probus;„ſie wuͤnſchen Euch ihre Dankbarkeit fuͤr die Guͤte, die Ihr mir bezeigt, beweiſen zu koͤnnen.“ „Was giebts Neues in der Hauptſtadt?“ fragte Sir Eduard Stanley. „Nichts, das ich wuͤßte,“ antwortete der Hausarzt;„ausgenommen, daß die Poles und Sir Anthony Fortescue in den Tower geſchickt wurden.“ „Man hatte ſie wegen Hochverraths in Ver⸗ dacht,“ erwiederte Probus.„ Die Koͤnigin hat, wie man ſagt, entdeckt, daß eine geheime Verbin⸗ dung zwiſchen ihnen und Frankreich Statt ge⸗ funden.“ „Handelt die Koͤnigin ſo aus bloßem Arg⸗ wohne,“ rief Eduard Stanley,„geht ſie tyran⸗ niſch zu Werke; die Poles und Fortescue ſind bisher treue Unterthanen geweſen; ohne Zweifel hat man ſie nur eingeſperrt, weil ſie feſt an ihrem „ Glauben haͤngen.“. 3 „Weshalb?“ fuhr Sir George fragend fort. Halle! noch hat der Vernon ſeine Macht nicht — 69— „Du urtheilſt raſch, Bruder,“ nahm Sir Thomas Stanley das Wort;„die Koͤnigin hat ſtets die Freiheit ihrer Unterthanen in Ehren ge⸗ halten; ohne Zweifel iſt gegruͤndeter Verdacht ge⸗ gen Fortescue und ſeine Verwandten vorhanden.“ „Vertheidige nicht, mein Sohn, die Tyran⸗ ney dieſer weiblichen Regierung,“ ſprach der Schloß⸗ herr.„Eben ſo gut koͤnnte die Koͤnigin auch Verdacht auf mich werfen. Fuͤrwahr ein ſolches Verfahren koͤnnte manchen wackern Mann bewe⸗ gen, der Koͤnigin zu ihrem Argwohne gerechte Ur⸗ ſache zu geben.“ „Ja, es iſt Zeit, daß England das verhaßte Joch von ſich abſchuͤttelt,“ rief Eduard Stanley, es hat uns lange genug gedruͤckt.“ „Ich bitte Dich, Bruder, bedenke Deine Worte,“ warnte Sir Thomas,„willſt Du Dich nicht vor Gefahr huͤthen— ſprich anderswo da⸗ von— aber nicht in meiner Gegenwart.“ „Wer ſpricht von Gefahr innerhalb meiner verloren!“ rief der Ritter von Haddon mit don⸗ nernder Stimme. 3 Sir Thomas nahm, um den Vater ſeiner Margarethe nicht noch mehr zum Zorne zu reizen, ſchweigend ſeinen Hut und verließ das Zimmer. „Der thut ja fruͤhzeitig, als waͤre er hier zu Hauſe,“ rief Sir George ſeinem kuͤnftigen Eidam nach. „Verzeiht ihm, mein Vater,“ bat Lady Mar⸗ garethe Vernon,„nur die Sorge fuͤr Eure Si⸗ cherheit machte, daß er es wagte, Euch zu wider⸗ ſaeccene.n „Seine Sorgſamkeit macht ihn etwas un⸗ häftch,” verſetzte der Ritter von Haddon;„der Vernon bedarf keiner Huͤlfe.— Was hat er fuͤr meine Sicherheit zu befuͤrchten? Ich habe ja noch nicht geſagt, daß ich Pſänane ſey, mich gegen Eliſabeth zu empoͤren.“ „Ich bitte— ich beſchwoͤre Euch,“ flehte Margarethe, die Hand ihres Vaters mit den bei⸗ den ihrigen erfaſſend,„ſetzt Euer theures Leben, — Euren ehrenwerthen Namen nicht an ein Unter⸗ — 71 nehmen, das nimmermehr einen guten Erfolg ha⸗ ben kann. Wagt nicht auf den ehrgeizigen Rath Anderer,“— hier warf ſie einen Blick auf die Bundesgenoſſen des Schloßherrn—„Etwas, das keinen Werth fuͤr ſie hat, Eute Sicherheit, Euer Wohl.— Ueberlaßt es denen, die nichts zu ver⸗ lieren haben,— die von keinen liebevollen Ban⸗ den umwunden gehalten werden,— ihren Vor⸗ theil im Wechſel und in der Emporung zu ſu⸗ chen!— Ihr aber bergt ja nicht Euer graues Haupt unter dem Helme des Aufruhrs— bela⸗ ſtet Eure dahinwelkenden Glieder nicht mit dem Panzer des Verraths— O! haͤrter und gefuͤhl⸗ loſer als Stahl muͤſſen diejenigen ſeyn, die einen Vater zu einer ſolchen That zu verleiten ſuchen!“ „Ich bitte Dich, ſchweige,“ ſprach Sir George, durch die Worte ſeiner Tochter faſt bis zu Thraͤnen geruͤhrt.— „Ich kann— ich kann nicht ſchweigen,“ fuhr Margarethe mit ſteigender Lebhaftigkeit fort, nſoll ich meinen geblendeten Vater auf einen Ab⸗ grund zuſchreiten ſehen, und mich nicht bemuͤhen, 10 — 253 ihn zuruͤckzuhalten? Nein, bei dem Ewigen, nein, ich kann nicht zugeben, daß Ihr den Ruf unſerer Vorfahren auf's Spiel ſetzt.“ „Wahrlich, nicht wenig benutzeſt Du Dein Vorrecht als Weib,“ entgegnete der Ritter von Haddon, hoffend, es wuͤrde ihm gelingen, das aufgeregte Gemuͤth ſeiner Tochter zu beruhigen; „Du ſprichſt von einer Empoͤrung, von der noch gar keine Rede war.“ „O wollte Gott, meine Furcht waͤre unge⸗ gruͤndet,“ erwiederte Margarethe,—„wenn Ihr aber nicht auf Empoͤrung ſinnt, wie konnte Sir Stanley es wagen, den Hochverrath laut zu bil⸗ ligen? Wer ſind jene Herren, die Ihr als alte Freunde behandelt, deren Namen wir aber bisher auch nicht einmal nennen hoͤrten? Wohin ward Probus geſandt, der fruͤher keinen Tag von Euch abweſend war?“ „Steht es Dir an, Maͤdchen, Deinem Vater ſolche Fragen vorzulegen?“ erwiederte Gir George Vernon, indem er in ſeinen Ton ſo viel Strenge als moͤglich zu legen ſuchte;„habe ich es noͤthig, — — 73— Deine ungeziemenden Aeußerungen zu beantworten? Habe ich von Stanley's Ausdruͤcken Rechenſchaft zu geben? Kann ich nicht mit Dir unbekannten Leuten Bekanntſchaft haben? Frage Probus ſelbſt, wo er geweilt; war er bisjetzt nicht von Haddon abweſend, konnte ich ihm den gewuͤnſchten Urlaub um ſo weniger verſagen.“ „Was ich geſagt habe,“ nahm jetzt Eduard Stanley das Wort,„mag ich es gleich hier vor weiblichen Ohren nicht wiederholen, will ich, noch bevor ein Monat vergangen, unter Trommelſchlag und Trompetengeſchmetter durch das ganze Koͤnig⸗ reich ausrufen.“ „Es ſchmerzt mich tief, meine theure junge Lady,“ ſprach der Jeſuit in einem ſanften Tone zu Lady Margarethe gewandt,—„es ſchmerzt mich tief, Euch ſo bewegt zu erblicken. Obgleich Ihr fruͤher mich weder geſehen, noch meinen Na⸗ men nennen gehoͤrt habt, glaubt dennoch nicht, daß mir Euer edler Vater und dieſe gaſtfreien Mauern fremd ſind.— Bevor Ihr geboren wur⸗ det— als Eure verewigte Mutter, Euer Eben⸗ bild, Euer Vater aber einer der ſtattlichſten Rit⸗ ter am Hofe Koͤnigs Heinrich war, weilte ich ſchon in dieſen Hallen, durchwanderte ich Had⸗ don's Fluren. Habt Ihr gleich den Namen du Prat nicht gekannt, hoͤrtet Ihr doch gewiß von einem gewiſſen Sandraſt ſprechen, einem ehrwuͤr⸗ digen Geiſtlichen, dem Beichtiger Eurer Mutter.“ „Ich kannt' ihn wohl, er war ein guter Chriſt,“ bemerkte Vater John. „Lebte er noch,“ fuhr der Jeſuit fort,“ ſein Zeugniß wuͤrde ruͤckſichtlich meiner jeden Argwohn entkraͤften. Er war mir ein treuer Freund und wuͤrdiger Lehrer in der Religion. Er war der Almoſenſpender Eurer Mutter, nie habe ich eine guͤtigere Herrin, nie einen redlichern Verwalter ihrer Gaben gekannt.“ „Ich bitte Euch, davon nichts mehr,“ unter⸗ brach ihn der Schloßherr, indem er ſich abwandte und die Zaͤhre wegwiſchte, die an ſeiner grauen Wimper perlte, waͤhrend deſſen auch ſeinen Toͤchtern und Vater John's Augen Thraͤnen entſtroͤmten, — ——— — — 75— der Erinnerung wegen, welche die Worte des Jeſuiten bei ihnen geweckt hatten. „Ich glaube, ich habe Euch Unrecht gethan, edler Herr,“ nahm Lady Margarethe, nach einer Weile, zu dem Vater Paul gewandt, wieder das Wort;„ich bitte Euch, verzeiht mir.— Aber bei dem Andenken meiner Mutter beſchwoͤre ich Euch auch, helft mir den beabſichtigten Verrath in der Geburt erſticken.“ „Naͤdchen, Maͤdchen, Du erzuͤrnſt mich,“ fiel der Ritter von Haddon ein, ungeduldig dabei in der Halle auf⸗ und abſchreitend;„bis jetzt, ich ſchwoͤre es Dir, iſt noch nichts geſchehen.“ „Es ſoll doch alſo etwas geſchehen?“ fragte Lady Margarethe lebhaft. „Ja, ja,“ rief ploͤtziich Sir George Vernon entſchloſſen, in der Mitte der Halle ſeine Schritte hemmend;„es ſoll etwas geſchehen, ich habe mir vorgenommen, Krieg gegen Eliſabeth zu begin⸗ nen, ſie vom Throne zu ſtuͤrzen, und einen Wuͤr⸗ digern darauf zu ſetzen.“— „Das habt Ihr Euch vorgenommen, Ihr?“ — 76— unterbrach ihn das kuͤhne Maͤdchen,„und welche Mittel habt Ihr, ein ſolches Vorhaben in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen? Wo ſind Eure Krieger, wo Eure Waffen? Wo die Maͤnner, die es wagen koͤnnten, einem Suſſer, Rutland, Shrewsbury und den andern Helden und Staatsmaͤnnern ent⸗ gegen zu treten, welche Eliſabeths Thron umge⸗ ben?“— Sie ſchwieg einen Augenblick lang, als warte ſie auf Erwiederung ihrer Rede, aber keine Antwort erfolgte; Eduard Stanley laͤchelte verachtungsvoll, vermuthlich weil er glaubte, das Urtheil kriegeriſcher Angelegenheiten liege außer dem Bereiche eines Weibes. Margarethe ſchien indeß auf dies geringſchaͤtzende Benehmen nicht zu achten:„Ich weiß es,“ fuhr ſie fort,„es ward behauptet, daß der Vernon zehntauſend Mann auf die Beine bringen koͤnne; wenn aber auch, ſo ſind ſie doch nur ungeuͤbt, unbewaffnet, und keineswegs geeignet, ſich mit den Soldaten der Koͤniglichen Armee zu meſſen. Noch bevor Ihr einen einzigen Streich auszufuͤhren vermoͤchtet, ja, bevor Ihr Eure Banner auch nur einen Tage⸗ — — 77— marſch vorwaͤrts ſenden koͤnntet, braͤchte Euch Graf Rutland mit den Seinigen Tod und Ver⸗ derben!“— „Ey, Maͤdchen, Du weißt ja viel von krie⸗ geriſchen Dingen,“ verſetzte ihr Vater, ſich zum Laͤcheln zwingend;„wo biſt Du denn in die Schule gegangen, zu Lathom, oder wo ſonſt?“ „Ich beſchwoͤre Euch, ſcherzt nicht mit der Euch drohenden Gefahr,“ bat Lady Margarethe. „Der tapfere Mann ſoll ſtets der Gefahr laͤchelnd in's Auge ſchauen,“ bemerkte der junge Krieger. „Herr Ritter,“ entgegnete die Jungfrau ernſt,„Ihr moͤgt thun, was Euch beliebt. Wie hoch Euer Leben von Euren Freunden geſchaͤtzt wird, weiß ich nicht.“ „Gehoͤrſt Du denn nicht auch zu der Zahl ſeiner Freunde?“ fragte ihr Vater. „Ich ſage nicht, daß ich ſeine Feindin bin, will er gleich feindlich geſinnt gegen unſer Haus handeln, und Gefahr uͤber Euch herbeiziehn,“ er⸗ wiederte Lady Margarethe. — 78— „Was bewegt Dich zu vermuthen, daß er mich leite,“ nahm ihr Vater das Wort,„glaubſt Du, ich haͤtte keinen eigenen Willen?“ „Iſt er nicht als ein unruhiger, gefaͤhrlicher Kopf bekannt?“ entgegnete das muthige Maͤd⸗ chen;„nennt ihn nicht Jedermann einen blutduͤr⸗ ſtigen Krieger, der ſich nur im Getobe der Schlacht gefaͤllt; gleichviel, ob er das Schwert fuͤr Recht oder Unrecht zieht?— Habt Ihr eine gerechte Sache vor, weshalb gehoͤren nicht der Graf von Derby und Sir Thomas Staleyet zu Euren Bun⸗ desgenoſſen?“ „Weil der Graf von Derby ein friedfertiger Mann iſt,“ verſetzte der junge Empoͤrer mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln,„ein Mann, der lieber ſein Recht ſchwinden laͤßt, als daß er es mit dem Schwerte in der Hand geltend zu machen ſich bemuͤhen ſollte.— Eure Philoſophen nennen das Seelengroͤße— fern ſey es von mir, ſo thoͤricht zu handeln,— und ſolche kaltbluͤtige Großmuth zu uͤben!— Thomas Stanley aber — 79— zieht die Freuden der Liebe dem Glanze des Ruhms vor.“ „Trachtet Ihr nur nach dem Glanze des Ruhms, weshalb ſucht Ihr ihn nicht außerhalb Englands?“ fragte Lady Margarethe.„Glaubt Ihr, es koͤnne Euch Ehre bringen, die Flamme des Krieges in Eurem Vaterlande anzuzuͤnden? Blickt auf Euren Vater, auf den edlen Grafen von Derby; uͤberall iſt ſein Name geachtet, denn Gaſtfreiheit und Menſchlichkeit, nicht die Furien der Verheerung, folgen ſeinen Schritten.— Von ſeinem Rathe laßt Euch leiten, billigt er Euer Vorhaben, will auch ich Euch nicht laͤnger davon zuruͤckhalten.“ „Die Sache iſt zu wichtig,“ entgegnete Stanley mit großer Unverſchaͤmtheit,„als daß ſchwache Graubaͤrte und Weiber daruͤber zu ur⸗ theilen vermoͤchten.— Der Schlag muß jetzt gethan werden, oder nie. Eine Woche Saͤumens kann uns an den Galgen bringen., 1 „Nehmt Euch vor ihn in Acht,“ warnte Margarethe. — 80— „Schweig, Maͤdchen,“ zuͤrnte ihr Vater,„ich gebiete Dir, meine Gaͤſte ferner nicht zu be⸗ leidigen.“ „So lange ich in ihnen nur friedliche Gaͤſte erblicke, ſollen ſie von mir nichts als Freund⸗ lichkeit erfahren,“ verſetzte Margarethe;„doch traue ich nicht Allen.“ „Mir trauet Ihr nicht, nicht wahr, ſchoͤne Margarethe?“ fragte Eduard Stanley, hoͤhniſch laͤchelnd. „Nein, gewiß nicht,“ antwortete das kuͤhne Maͤdchen;„Ihr habt boͤſe Anſchlaͤge vor— auf dem Ruine Anderer wollt Ihr Euer Gluͤck er⸗ bauen, nehmt Euch vor dem Falle in Acht, Herr Stanley.“ Der junge Krieger laͤchelte veraͤchtlich uͤber die Warnung der Jungfrau. „Es iſt jetzt keine Zeit zum Lachen,“ nahm dieſe wieder das Wort,„am wenigſten aber habt Ihr Urſache dazu. Ich ſage Euch, nehmt Euch in Acht. Ich bin entſchloſſen, den Untergang unſers Hauſes nicht ruhig mit anzuſehen. Weit — 914= eher will ich einen Schritt thun, der Euch bis an'’s Herz gehen ſoll, ſo verſtockt es auch immer ſeyn mag.“ Bei dieſen Worten verfäͤrbte ſih Stanley's Wange.. „Was!“ rief der Schloßherr,“ hat Euch das Geſchwaͤtz der albernen Dirne zum Schweigen ge⸗ bracht?— Was habt Ihr Euch um ihre Dro⸗ hung zu kuͤmmern; Ihr ſollt ja die Dorothee, und nicht dieſe Amazone heirathen.“ „Lady Margarethe hat ſich von mir beleidigt geglaubt, wo ich an keine Kraͤnkung dachte,“ ent⸗ gegnete Eduard Stanley, ſeine Faſſung nach und nach wiedergewinnend.„Zuͤrnt nicht laͤnger auf mich, reizende Jungfrau, ſelbſt um die Krone Englands mag ich Eure Himmelsaugen nicht truͤbe ſehn.— Sagt nur, daß wir Freunde ſind, und die Empoͤrung, wie Ihr unſer Vorhaben nennt, ſoll nicht ausbrechen, bis ich Euch bewo⸗ gen haben werde, unſerer Sache beizutreten.“ „Ihr ſcherzt,“ erwiederte Margarethe. III. Band. 6 „Bei meiner Seele, nein!“ betheuerte der junge Krieger. 3 „Gut dann, ich werde ein wachſames Auge auf Euch halten,“ verſetzte Lady Margarethe, und ihre Schweſter bei der Hand afalſen, verließ ſie mit dieſer die Halle. 9r 7. Noch an demſelben Tage ſchickte Sir George Vernon Boten an den Grafen von Derby und an ſeine uͤbrigen Freunde und Verwandten, um ſie zur Hochzeit ſeiner Toͤchter einzuladen. Eduard Stanley ſandte ebenfalls ein Schreiben an ſeinen Vater, worin er ihn um ſeine Einwilligung zu der Vermaͤhlung mit der Lady Dorothee bat, eine Verbindung, gegen die, wie er hoffte, der Graf von Derby nichts einzuwenden haben wuͤrde. Hier⸗ auf vertrauend, hatte Eduard Stanley beſchloſſen, mit ſeinem Bruder an einem und denſelben Tage ſeine Hochzeitsfeier zu begehen, ein Vorſatz, den der Ritter von Haddon vollkommen billigte. Ein finſterer und ſtuͤrmiſcher Abend war nach dieſem begebenheitsreichen Tage herabgeſunken, da erſchien Jemand vor der Schloßpforte, und - 84— verlangte mit einem der beiden Fremden zu reden, die in der vergangenen Nacht zu Haddon ange⸗ langt waͤren. Den Namen deſſen, den er zu ſprechen wuͤnſchte, wollte er, trotz der wiederholten Fragen des Pfoͤrtners, nicht nennen; auch war er bemuͤht, ſein Geſicht vor dem Thorwaͤrter in einem weiten Mantel zu verbergen, in den er gehuͤllt war.. 3„Kommt⸗ nur herein,“ rache der Pförtng „kommt nur naͤher; iſt gleich nur wenig Hoffnung vorhanden, daß ſich die Herrin zu Ench herabbe⸗ muͤhen werden Ft09 40„Ich will hier hrauen bleihen, murmelte der Fremde. 1 „Hierbleiben/ 7 wiederholte der Thorwaͤrter, „bei dieſem Wetter? Da muß Euer Blut waͤr⸗ mer ſeyn als das meine, ſonſt wuͤrdet Ihr Gott danken, Schutz gefunden zu haben.“ „Es iſt ja eine recht ſchoͤne Nacht,“ ſprach der Unbekannte,„der Sturm wird den Regen verjagen.— Aber ich habe Eile, ſagt, wollt Ihr meine Bothſchaft ausrichten?“ — 85— „Ey warum denn nicht,“ verſetzte der Thor⸗ waͤrter,„aber, wie geſagt, ich glaube nicht, daß der Herr Oberſt— oder der Herr Graf“— „Den Letztern, nicht den Soldaten, wuͤnſche ich zu ſprechen,“ unterbrach ihn der Fremde. „Eure Stimme ſcheint mir bekannt,“ ſprach der Pfoͤrtner. „Moͤglich,“ murmelte der Unbekannte,„aber ich ſage Euch, ich habe Eile, ruft den Grafen und nehmt dies kleine Geſchenk fuͤr Eure Muͤhe.“ „Danke ſchoͤn,“ erwiederte der Thorwaͤrter, das Silberſtuͤck zuruͤckweiſend,„ich will Euren Wunſch auch ohne Belohnung erfuͤllen. In die Halle der Vernon's kann man ſich nicht hinein⸗ kaufen, ich gehe— aber ich ſage Euch, der Herr Graf wird ſchwerlich kommen, noch ſchwerlicher ſich aber hinauswagen in der Nacht, zu einem ſo rieſigen Geſellen, wie Ihr da in Euren Man⸗ tel gehuͤllt.“ „Ich vermumme mich weder aus Furcht, noch aus Schaam,“ entgegnete der Fremde,„aber Eure geſchwäͤtzige Zunge wuͤrde mein Hierſeyn — 86— verrathen, und mein Geſchaͤft iſt fuͤr jetzt ein Geheimniß. 44 „Hoͤflichkeit ſcheint eben nicht Eure Sache,“ bemerkte der Thorwaͤrter. „Wollt Ihr meine Bothſchaft ausrichten?“ fragte der Unbekannte. „Gleich, gleich,“ brummte der Pyorvärter, „kommt nur herein zu mir, Ihr wißt es ja, auf Haddon iſt die Gaſtfreundſchaft zu Hauſe, kommt, ich will Euch eine Flaſche Ale vorſetzen, ſo gut wie man es in England nur ſelten findet.— Unterdeſſen ſende ich einen Knecht, den Herrn Grafen zu rufen.“ Durch dieſe freundliche Rede, wie es ſchien, jeder Beſorgniß enthoben, huͤllte ſich der Fremde noch dichter in ſeinen Mantel, und ſchritt in die Pforte hinein, welche der Thorwaͤrter darauf ſorg⸗ faͤltig wieder verſchloß. Dann rief er einen Knecht, den er in ſeinem Zimmer beſtaͤndig zur Hand hatte, und gebot ihm, den Herrn Grafen du Prat zu melden, daß ein Fremder ihn auf einige Augen⸗ blicke zu ſprechen wuͤnſche. Er fuͤhrte darauf ſei⸗ — 87— * nen Gaſt in ſein Zimmerchen, hieß ihn, ſich auf die dort vorhandene Bank niederſetzen, und holte aus ſeinem Wandſchraͤnkchen die verſprochene Flaſche Ale hervor.— Der Unbekannte faßte begierig nach dem Becher, wandte ſich ab, und leerte ihn auf einen Zug, dann ſchlug er den Mantel wieder uͤber, und murmelte mit verſtellter Stimme vor ſich hin:„ein herrliches Getraͤnk.“ „Ein noch beſſers koͤnnt Ihr koſten,“ ver⸗ ſicherte der Thorwaͤrter,„wollt Ihr in einigen Tagen bei uns einſprechen. Dann wird unſer Herr gewiß den beſten Kellervorrath hergeben. Wir feiern hier eine Doppelhochzeit, Sir Thomas Stanley bekommt die Lady Margarethe, und ſein Bruder, der Eiſenfreſſer, Eduard Stanley, ihre Schweſter Dorothee.“ „ Alle Teufel!“ ſprach der Fremde. „Was hat denn der Teufel mit einer Hoch⸗ zeit zu ſchaffen?“ fragte der Thorwaͤrter. V„Oft zieht er mit der Frau in's Haus,“ ver⸗ ſetzte ſein Zechbruder.—„In vierzehn Tagen alſo ſoll die Verheirathung ſchon vor ſich gehn?“ — 88— „Ja, in einigen Tagen,“ erwiederte der Pfoͤrtner;„dann wird's hier hoch hergehn; der Vernon hat alle ſeine Freunde und Verwandten geladen,— das Schloß iſt dann fuͤr Jedermann offen— drinnen und draußen wird's nichts als Tanz und Jubel geben.— Sprecht auch Ihr dann bei uns ein, ſeyd Ihr herzlich willkommen.“ „Ich mache mir aus der ganzen Herrlichkeit eben nicht viel,“ murmelte der Fremde,„Jagd⸗ luſt iſt mir lieber, wenn's ſo drein hinter den Hirſch geht, das iſt meine Freude.“ „Ja, ja, Ihr habt nicht Unrecht, die Jagd war auch mein Vergnuͤgen, als ich noch jung war,“ entgegnete der redſelige Pfoͤrtner,„als der Gilbert Onshaw hier noch im Hauſe war, habe ich mit ihm manches Wild erlegt; er war damals ein wackerer Burſche,— jetzt aber iſt er zum Schelme geworden, und laͤngſt ſchon hinge er am Galgen, haͤtte der gnaͤdige Herr nicht Gnade fuͤr Recht ergehen laſſen.— Sein Bube, der Anack, iſt eben ein ſolcher Spitzbube; noch vor Kurzem kam er her, hier auf's Schloß, den Herrn 2 — 39— Stanley aufzuſuchen; der Haushofmeiſter ſetzte ihm Speiſe und Trank vor, kaum aber hatte jener den Ruͤcken gewandt, als auch der Burſche ein großes Stuͤck Kaͤſe vom Tiſche ſtahl und mit ſich nahm; erſt als er fort war, ward es be⸗ merkt.“ 1 Sichin 30 Der Fremde ſchien geneigt, auf dieſe An⸗ klage etwas zu erwiedern, aber das Geſpraͤch ward ploͤtzlich durch den Eintritt des Jeſuiten unter⸗ brochen. „Wer iſt es, der mich zu ſprechen wuͤnſcht?“ fragte er. Der Thorwaͤrter machte eine tiefe Verbeu⸗ gung und entgegnete:„Der Fremde hier hat eine Bothſchaft an Euch, aber er will ſich mir nicht zu erkennen geben.“ „Wer ſeyd Ihr, und was fuͤhrt Euch hie⸗ her?“ nahm der Jeſuit, zu dem Unbekannten ge⸗ wandt, das Wort. „Ich will Euch Antwort geben, wenn wir allein ſind,“ erwiederte der Befragte. — 90— „Begebt Euch auf einen Augenblick hinaus,“ ſprach Vater Paul zu dem Thuͤrſteher. „Iſt es aber auch gerathen, daß Ihr bei ihm allein bleibt?“ fragte der neugierige Alte; „hier in der Gegend giebt's viele wilde Geſellen.“ „Ich habe nichts zu fuͤrchten,“ verſetzte der Geiſtliche,„begebt Euch nur immer hinaus.“ Der Thorwaͤrter entfernte ſich zoͤgernd. Kaum aber hatte ſich die Thuͤr hinter ihm geſchloſſen, als auch der Fremde unverzuͤglich ſeinen Mantel von ſich warf, und die kraͤftige Geſtalt ſeines Neffen Anack vor dem erſtaunten Prieſter da⸗ ſtand. „Anack,“ rief der Jeſuit von Erſtaunen er⸗ faßt,„was, um des Himmelswillen, fuͤhrt Dich hieher, und weshalb kommſt Du ſo vermummt?”“ „Ich komme,“ entgegnete der Waldbewoh⸗ ner,„weil ein Prieſter noͤthig iſt, um einen todten Verwandten zu begraben. Ihr habt ohne Zweifel von der an Philipp Heartle veruͤbten Mordthat gehoͤrt?“ „Wohl habe ich davon gehoͤrt,“ entgegnete 394— der Jeſuit mit bewegter Stimme,„und ſchwere Genugthung haͤtte ich fuͤr den Frevel gefordert, geboͤten mir nicht die Umſtaͤnde, mein Rachegefuͤhl zu unterdruͤcken.“— „Die Rache uͤberlaßt meiner ſtarken Hand und denen, die ſich meine Cameraden nennen,“ unterbrach ihn Anack, und ſeine braune Wange gluͤhte vor Zorn.„Geſtern fruͤh wußte ich noch nicht, daß der wahnſinnige Ashby mein Oheim ſey, ſonſt haͤtte ich ſchon damals ſeinem Moͤrder mein Meſſer in die Seite gebohrt.“ „Ruhig, Neffe,“ gebot der Jeſuit, dem es einleuchtete, daß Eduard Stanley's Tod ihrem gemeinſchaftlichen Vorhaben nachtheilig ſeyn wuͤrde; „uͤberlaß den Moͤrder der ewigen Gerechtigkeit, zweifele nicht daran, ſpaͤt oder fruͤh wird ſie ihn erreichen.“ „Ich kam vermummt,“ nahm Anack wieder das Wort,„damit der Moͤrder unſers Ohm's nicht erfuͤhre, wohin Ihr Euch begaͤbet. Wollt Ihr mir folgen?“ „Wo wollt Ihr den Leichnam begraben?’“ fragte der Jeſuit. 6 V „ unfein unſerer Huͤtte,“ antwortete der Neffe, 6—„das Grab iſt fertig, wir haͤtten den todten Koͤrper hinein legen koͤnnen, die Mutter aber meinte, es muͤſſe zuvor ein Gebet daruͤber geſpro⸗ chen werden; ſie ſagte, er ſolle nicht wie ein Hund eingeſcharrt werden, ſchlummere er gleich nicht in geweiheter Erde.“ „Ich will nur den Pfoͤrtner nach meinen Mantel ſenden, und dann ſogleich mit Dir ge⸗ hen,“ ſprach der Jeſuit, und die Thuͤr eroͤffnend, gab er dem Thorwaͤrter die noͤthigen Befehle. Anack hatte ſich ſchon wieder vermummt, als der Bote znruͤckkehrte. Der Jeſuit warf den Mantel um, und zur Schloßpforte hinausſchreitend, machte er ſich mit ſeinem Neffen nach der Waldecke hin auf den Weg. „ Hohle beide der Teufel, wenn er Luſt dazu hat,“ fluchte der Thorwaͤrter, als er die Pforte hinter dem vorgeblichen Grafen und⸗ deſſen Neffen, ſchloß; nthaten ſie doch ſo geheim, als ob das Wohl von Alt⸗ England auf dem Spiele ſtaͤnde, — ſie glaubten, es recht ſchlau eanzufangen, ich, aber habe, durch's Schluͤſſelloch geſchielt? und wenn der junge Burſche nicht der Anack von der Waldecke i*ſt, will ich. nie wieder den Riegel vor eine Thuͤr ſchieben.“ r e. 8 So ſprechend begab er ſich in ſein Kaͤmmer⸗ 1 chen zuruͤck, um bei einer Flaſche Ale der Ruͤck⸗ kehr des Herrn Grafen du Prat zu harren. Noch aber hatte er hier nicht lange geweilt, als er auch ſchon wieder nahende Schritte vernahm, und gleich darauf Eduard Stanley und Oberſt Sparendam — 94— zu ihm hereinſtuͤrzten. Sich faſt bis zur Erde verneigend, fragte der Thorwaͤrter nach den Be⸗ fehlen der gnaͤdigen Herren, und bat ſie, ſich nie⸗ derzulaſſen. Eduard Stanley aber lehnte es ab, und wollte wiſſen, wer nach dem Grafen du Prat gefragt habe. „Der Fremde war in einen Mantel gehuͤllt und nahm ſich wohl in Acht, erkannt zu werden,“ erwiederte der Pfoͤrtner. „Ihr ſeyd viel zu neugierig, als daß Ihr nicht gehorcht haben ſolltet,“ rief der junge Krie⸗ ger;„heraus alſo mit der Sprache, wer war es?“ „In der That, ich weiß es nicht,“ antwor⸗ tete der Pfoͤrtner ausweichend. „Sprecht, ſprecht, und nehmt dies Geſchenk,“ fuhr Stanley fort, indem er eine Boͤrſe zog und dem Alten ein Goldſtuͤck hinreichte;„ſchweigt Ihr aber dennoch, ſoll die Flaͤche meines Schwertes Euch die Zunge loͤſen.— Wer zum Teufel war es?“ „Anack Onshaw, wenn mich anders meine gaben.“ Augen nicht getruͤgt haben,“ antwortete der Thor⸗ waͤrter zoͤgernd. „So oͤffne die Pforte, und laß uns hin⸗ aus,“ donnerte der junge Krieger. Ohne ein Wort zu erwiedern, nahm der er⸗ ſchrockene Pfoͤrtner die Schluͤſſel, ſchloß auf; und hinaus ſtuͤrzten Eduard Stanley und ſein Ge⸗ faͤhrte der Waldecke zu. 2 unber n Tu Es war eine furchtbare Nacht und ſo raſend tobte der Sturm, daß die beiden Krieger, als ſie die Anhoͤhe hinab eilten, um nicht umgeweht zu werden, genoͤthigt waren, ſich an einander zu hal⸗ ten. Der Mond ſtand zwar am Himmel, aber die Wolken, welche der Wind unter ihm weg⸗ peitſchte, verdunkelten ſeinen Schimmer, dennoch aber ſandte er Licht genug herab, den beiden Sol⸗ daten den Weg zu zeigen, den ſie zu nehmen hatten. 54 3n n ꝛ 4 Wißt Ihr auch hinzufinden, Stanley?“ fragte Sparendam,„wir verirrten uns, als wir uns von dem Hundeloche nach dem Schloſſe be⸗ — 96— „Ich kenne jeden Pfad in dieſer Gegend, wir werden bald dort ſeyn,“ erwiederte der junge Krieger.—„Sie laſſen ſich gewiß nicht traͤumen, welches Unwetter uͤber ſie heranzieht.— Der Herr Graf pflegt Gemeinſchaft mit unſern Feinden— denn als ſolche muß ich die alte Hexe und den Abentheurer betrachten. Er moͤge es ſich ſelbſt zuſchreiben, wenn er ſich Unheil zuzieht.“ 0„Sch fuͤrchte keinen Verrath von ihm,“ nahm Sparendam wieder das Wort,„er iſt zu tief in unſer Unternehmen verwickelt, und als Jeſuit zu ſchlau, um itiaes eigenen— nicht zu kennen.“* a5. 990 m„Weshalb fucht er denn ſeine bettelhaften Berwonrdten auf 2“ fragte Stanley;„das iſt ja der beſte Weg, unſer Vorhaben zu verrathen.— Traͤfe ich jetzt nur den Abentheurer und die alte Hexe, ich wollte ſie beide zur Hoͤlle ſenden.“ „Redet jetzt nicht ſolche Dinge,“ ſprach der aberglaͤubiſche Deutſche,„es iſt Nacht, und die Nacht iſt keines Menſchen Freund. Der Boͤſe koͤnnte ſich uns zeigen, noch ehe wir es vermu⸗ * — 97— theten. Ich weiß uͤberhaupt nicht, weshalb ich Euch aus der Halle, von dem mit Flaſchen be⸗ ſetzten Tiſche hinaus in die Dunkelheit folgte. Euer Geſchaͤft an der Waldecke iſt nicht das Meine, weshalb ſoll ich Euch behuͤlflich ſeyn, einem Manne, der mir nichts gethan hat, das Schwert in die Bruſt zu bohren, oder um Eures Spaßes willen ein altes Weib in den Tod zu ſchicken?— Geht Ihr nur immer allein, ich kehre zuruͤck. 44 „Ihr ſollt mir folgen,“ rief der Wuͤthrich. „Ich will aber nicht,“ erwiederte der Oberſt hartnaͤckig. „Ihr ſollt,“ donnerte der junge Krieger, in⸗ dem er ſich, um die Ruͤckkehr ſeines Gefaͤhrten zu verhindern, mitten in den Weg ſtellte. „Ich gehe keinen Schritt weiter,“ ſchrie Spa⸗ rendam, ſein Schwert ziehend,„macht Ihr mir nicht Platz, ſollt Ihr die Schaͤrfe meines Stahls kennen lernen!“ „Verraͤther,“ entgegnete Eduard Stanley, und ſeine Hand fuhr nach dem Griffe ſeines III. Band. 7 — 98— Degens. Noch bevor er aber denſelben aus der Scheide geriſſen hatte, war er von der kraͤftigen Fauſt des Deutſchen ſchon gepackt und zu Boden geworfen, worauf ſich der Oberſt raſchen Schritts wieder nach dem Schloſſe zuruͤck auf den Weg machte, „Fluch uͤber Dich, Feigling,“ tobte Stanley hinter ihm drein, und von Wuth erfaßt, zog er ſein Piſtol hervor, entſchloſſen, den Inhalt deſſel⸗ ben dem Deutſchen nachzuſenden; da aber ſah er ploͤtzlich in der Naͤhe des Deutſchen einen Mann aus einem Dickicht hervortreten, und ſich in ein andres Gebuͤſch verlieren. In demſelben Augen⸗ blicke ſtuͤrzte der Oberſt ploͤtzlich zu Boden, Stanley aber ſprang hinzu, um zu erſpaͤhen, wer die Er⸗ ſcheinung geweſen. Da, wo der Fremde ver⸗ ſchwunden war, fand der junge Krieger einen ſchmalen Pfad, derſelbe war aber ſo duͤſter, daß es unmoͤglich war zu entdecken, wohin er fuͤhrte. „Der Burſche iſt entkommen,“ ſprach Stanley, „die Schuld des albernen Deutſchen, der ihn — 99— ohne Zweifel fuͤr einen Geiſt hielt und vor Schre⸗ cken zu Boden ſtuͤrzte.“ Es bedurfte in der That auch einiger Zeit, bevor es ihm gelang, den aberglaͤubiſchen Oberſten wieder auf die Beine zu bringen, welcher ſteif und feſt behauptete, der— Gott ſey bei uns— ſey ihm plöͤtzlich entgegengetreten. „Schaͤmt Euch Eurer Furcht, es war ohne Zweifel ein Wilddieb,“ entgegnete Stanley. „Ein Wilddieb,“ wiederholte der Oberſt. „Lehrt mich doch Geſpenſter kennen,— kommt, kommt, laßt uns auf das Schloß zuruͤckkehren.“ „Ey warum nicht gar,“ rief Stanley, uͤber⸗ zeugt, daß die Furcht vor Geſpenſtern jetzt ſeinen Gefaͤhrten verhindern wuͤrde, den Ruͤckweg allein einzuſchlagen.„Kehrt nur zuruͤck, wenn Ihr wollt; auf baldiges Wiederſehen!“ „Ich gehe mit Euch— ich gehe mit Euch,“ rief der geſpenſterbange Deutſche, und ſich dann und wann ſcheu umblickend, folgte er dem jungen Krieger raſch durch den Wald hin. So langten ſie an dem Ausgange des Ge⸗ — 100— hoͤtzes an, wo ſich der Fluß nun vor ihnen hin⸗ ſchlaͤngelte, als ſie ploͤtzlich uͤber die Bruͤcke her den Fluͤchtling von vorhin ruhig auf ſich zuſchrei⸗ ten ſahen. Bei ſeinem Anblicke erbebte der Deut⸗ ſche auf's Neue; der ihnen Entgegentretende wollte mit einem„guten Abend,“ ruhig voruͤberſchreiten. „Halt, wer ſeyd Ihr?“ fragte aber Eduard Stanley. „Walter Needham, Euch zu dienen, ein Jaͤ⸗ ger des Schloßherrn.“ Bei dieſer beruhigenden Antwort ſchwand die Furcht des Oberſten.„Wart Ihr es denn auch, der vor Kurzem dort weiter unten das Gehoͤlz durchſtrich?“ fragte er. „Ja,“ antwortete Walter Needham. „Und weshalb entflohſt Du?“ nahm der junge Krieger wieder das Wort. „Weil ich zwei Maͤnner mit bloßen Schwer⸗ tern gewahrte,“ erwiederte der Jaͤger;„ich wette, Ihr ſeyd es geweſen.— Ich hielt Euch fuͤr Raͤuber, jetzt aber erkenne ich Euch, Ihr ſeyd der — nkamſt Du von Deinem Poſten hier in's Thal — 101— junge Herr Stanley;— doch der Herr da iſt mir fremd.“— „Fuͤr einen Waidmann biſt Du von furcht⸗ ſamer Natur,“ bemerkte Eduard Stanley. „Bwei gegen Einen, was haͤtte ich da aus⸗ richten koͤnnen,“ entgegnete Walter Needham;„die Wahrheit zu ſagen, ich lief, um mir Beiſtand zu holen, Euch einzufangen; aber ich fand Niemand mehr im Walde.“ „Haſt Du nichts von dem Abentheurer ge⸗ ſehen?“ fragte der junge Krieger. „Nein,“ verſetzte der J Jaͤger,„wie geſagt, außer Euch ſah ich Niemand.“ „Und wohin gehſt Du jetzt?“ „Auf meine Wache, dort weiter unten iſt mein Poſten.“ „Was hatteſt Du denn aber hier zu ſuchen?“ fragte Stanley. „Ich— ich— ich wollte nur,“— ſtam⸗ melte der Waidmann. „Weshalb?“ donnerte der junge Krieger, — 102— herab? Gieb Antwort, oder ich ſtuͤrze Dich in den Fluß.“ „Ey, Ihr werdet ja nicht,“ meinte Walter Needham. „Bube,“ entgegnete Stanley,„glaubſt Du, daß ich mit Dir ſcherze? „Ey nun freilich,“ antwortete der Jaͤger, „ein Cavalier, wie Ihr, wird doch nicht an mich armen Burſchen Hand legen wollen.— Ich habe Euch ja nichts zu Leide gethan.“ „Ich habe Gruͤnde danach zu fragen, wo Du geweſen biſt— alſo gieb Antwort.“ „Nun, wenn Ihr es denn durchaus wiſſen wollt,“ erwiederte Needham,„bei der Roſe Ons⸗ haw war ich, druͤben an der Waldecke.“ „Und wer war in der Huͤtte?“ „Darauf kann Euch der Baum da eben ſo gut Antwort geben, als ich,“ entgegnete der Jaͤ⸗ ger,„ich ging nicht hinein, Roſe kam zu mir heraus.“ „Und wie erfuhr ſie, daß Du ihrer harrteſt?“ „Ich gab ihr ein Zeichen.“ — 103— „Ein Zeichen,“ brummte der Deutſche,„ſie konnte doch nicht durch die Mauer ſehn.“ „Aber doch hoͤren,“ erwiederte der Waid⸗ mann,„ich zwitſcherte wie eine Schnepfe, ſchauet, ſo hab ich's gemacht;“ und ſo ſprechend ahmte er das Geſchrei des genannten Vogels nach. „Gut dann,“ rief Eduard Stanley,„wir wollen ſehen, ob Du wahr geſprochen. Du mußt mit uns zuruͤck zur Waldecke.“ „Ich kann nicht, Herr, ich muß auf meine Wache,“ verſetzte Walter Needham;„ich darf meinen Poſten ſo lange nicht verlaſſen.“ „Bliebſt Du bis jetzt abweſend, kommt es nun auch auf einige Augenblicke nicht an,“ be⸗ merkte der Empoͤrer.„Voran alſo.“ So ſprechend ſtieß er den Waidmann uͤber die Bruͤcke hin vor ſich her; er und der Oberſt folgten, und ſo bekamen ſie bald die Waldecke zu Geſicht.„So, da ſeyd Ihr nun,“ brummte Walter Needham,„jetzt laßt mich von hinnen.“ „Nuͤhre Dich nicht von der Stelle, donnerte Eduard Stanley,„gebt Acht auf ihn, Sparen⸗ dam.“— Und den Jaͤger der Wachſamkeit ſei⸗ nes Gefaͤhrten uͤberlaſſend, begab er ſich mit lei⸗ ſen Schritten zu der Huͤtte, um zu erſpaͤhen, was ſich innerhalb derſelben zutruͤge. 9. Ais ſich der junge Krieger dem Fenſter naͤherte, welches er, von dem Schatten der hohen Baͤume beguͤnſtigt, unbemerkt bewerkſtelligen konnte, uͤber⸗ zeugte ihn ein einziger Blick, daß er ſich in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht habe. Die Huͤtte war nur ſchwach erleuchtet von zwei duͤnnen Kerzen, welche neben einer Bahre brannten, auf der der Koͤrper des ungluͤcklichen Ashby ruhte. Der Jeſuit ſtand bei der Leiche, eine Seelenmeſſe leſend, die Fa⸗ milie Onshaw aber knieete rund um die Bahre, und ſchien ihr Gebet mit dem des Prieſters zu vereinigen. Sonſt war Niemand zugegen, und da die fromme Handlung bereits begonnen hatte, war es auch klar, daß Niemand erwartet wurde. Die Alte ſchellte dann und wann mit einer Glocke, welche ſie in der Hand hielt, der Sitte jener Zeit — 106— gemaͤß, vermeinend, dadurch die boͤſen Geiſter von dem Koͤrper des Verſtorbenen abzuhalten. Waͤhrend Eduard Stanley noch ſo in das Fenſter hineinſchauete, vernahm er ploͤtzlich die Stimme des Deutſchen dicht hinter ſich rufen: „Alle Heiligen, wohin bin ich gerathen?“ Der junge Krieger ſah ſich um, und ge⸗ wahrte ſeinen Gefaͤhrten bis an den Hals in dem fuͤr Ashby bereiteten Grabe ſtecken. „Helft mir doch heraus, reicht mir die Hand,“ rief der Oberſt,„ſoll ich hier etwa lebendig be⸗ graben werden?“ 20 „Walter Needham,“ gebot Stanley dem Jaͤ⸗ ger, welcher ſchadenfroh lachend neben der Grube ſtand,„hilf ihm heraus, er ſinkt ſonſt noch tiefer hinab, denn er iſt ſchwer wie Blei.“ Mit Huͤlfe des Waidmanns kroch nun der Oberſt wieder aus ſeinem Loche heraus, und beide ſtellten ſich jezt neben den jungen Krieger vor das Fenſter der Huͤtte, deren Bewohner, in Andacht verſunken, von dem Laͤrmen drauſſen nichts ver⸗ nommen hatten. Die Thuͤr ſtand offen, und die — 107— frommen Worte des Geiſtlichen klangen dann und wann aus dem kleinen Gemache heraus, ſich mit dem Sturmwinde miſchend, welcher fortwaͤhrend heulte. gin Der aberglaͤubiſche Sparendam fuͤhlte ſich neuerdings von Entſetzen erfaßt.„Ihr ſeht, Euer Nebenbuhler iſt nicht hier, kommt, laßt uns zu⸗ ruͤckkehren,“ fluͤſterte er Eduard Stanley ins Ohr, „laßt uns zuruͤckkehren, ſo lange wir es vermoͤgen — das Gebet des frommen Mannes wird die boͤſen Geiſter von der Leiche forttreiben, und ſie uns auf den Hals hetzen.“ „Um ſo beſſer,“ entgegnete Stanley,„um mich herumzubalgen, kam ich ja hieher. Uebrigens iſt es ja keineswegs ausgemacht, ob nicht dennoch der Abentheurer in der Naͤhe weilt. Laßt uns das Ende nur abwarten.“ Der Jeſuit hatte jetzt ſein Gebet geendet, und die Uebrigen erhoben ſich wieder von den Knieen. Die Alte nahm eine Lampe, zuͤndete ſie bei einer der Kerzen an, und voran ſchritt ſie, die Klingel in der Hand, von Gilbert und Anack, — 108— welche die Bahre trugen, gefolgt, dem Grabe zu; der Jeſuit und Roſe beſchloſſen den Zug. So wie ſie aus der Huͤtte traten, zogen ſich Eduard Stanley und ſeine Begleiter unter die Baͤume zuruͤck, wo ſie unbemerkt Alles mit anſchauen konnten.— Neben dem Grabe ward die Bahre 1 niedergeſetzt, das Tuch von der Leiche gehoben, und mit ſchwermuthsvollen Blicken ſahen der Jeſuit und Onshaw's Weib auf ſie nieder. „Du biſt nun todt, Philipp,“ ſprach der Geiſtliche mit tief bewegter Stimme;„Deine letzte Wohnung iſt Dir bereitet.— Endlich haſt Du armer Wanderer Deine Heimath gefunden. — Friede ſey mit Deiner Seele!“ „Seine Seele wird Frieden haben,“ nahm Ashby's Schweſter das Wort,„er war ja kein Moͤrder— er war ein Verirrter, aber kein Boͤ⸗ ſewicht.— Dem, der ihn erſchlug, moͤge fuͤr den Frieden ſeiner Seele bangen, iſt ſie anders nicht jetzt ſchon verflucht.“ „Ruhig, Schweſter, er wird bereuen,“ ſprach der Jeſuit. — 109— „Er hat uns den Bruder erſchlagen, Fluch, Fluch uͤber ihn,“ und heftig die Klingel ruͤhrend, ſo daß ihr Schall weit uͤber die Gegend hin er⸗ toͤnte, fuͤgte ſie hinzu:„Fort, fort von der Leiche, ihr boͤſen Geiſter, fort von hier, werft Euch auf den, der das Blut des Ungluͤcklichen vergoß.“ „Der iſt hier!“ rief jetzt Eduard Stanley vortretend; Sparendam folgte ihm von Schrecken erfaßt; Walter Needham aber blieb unter dem Schatten der Baͤume zuruͤck. „Was,“ kreiſchte die Alte mit furchtloſer Stimme,„haben meine Fluͤche wirklich den Teu⸗ fel heraufbeſchworen? Boͤſer Feind, hier haſt du keine Gewalt mehr; die Seele iſt Deiner Macht entgangen und dorthin gefluͤchtet, wohin Du nim⸗ mer gelangen wirſt.“ „Dieſer Auftritt, Herr Stanley,“ nahm der Jeſuit beguͤtigend das Wort, naͤngſtigt, wie Ihr keicht begreifen werdet, das Herz meiner Schwe⸗ ſter, Ihr muͤßt ihr deshalb ihre Aeußerungen nich allzu hoch anrechnen.“ „Meinethalben moͤge ſie ihre Fluͤche in den - 110— Sturm heulen, ich kuͤmmere mich nicht darum,“ verſetzte der ruchloſe Empoͤrer.„Euch aber, from⸗ mer Vater, ſchwoͤre ich, meine Hand gelegt auf die Bruſt des Todten.“ „Beruͤhrt nicht die Leiche!“ ſchrie die Alte, Stanley's Arm erfaſſend; dieſer aber ſtieß ſie mit der einen Hand zuruͤck, waͤhrend er die andre auf die Bruſt des gemordeten Fanatikers legte. —„Euch, frommer Vater,“ ſprach er dann mit heuchleriſcher Miene,„ſchwoͤre ich, bei dieſer Huͤlle Eures Bruders, daß ich die That bereue, die ich unwillkuͤrlich beging. Empfinde ich nicht daruͤber eben ſo großen Kummer als Ihr und Eure Ver⸗ wandte, moͤge der Todte ſich erheben und die Qualen der Hoͤlle auf mich herabrufen.“ Er hatte dieſe Rede kaum geendet, als die Leiche, entweder von der auf ihrer Bruſt ruhen⸗ den Hand niedergedruͤckt, oder aus irgend einer andern Urſache, ihre Stellung veraͤnderte, und ſo zu liegen kam, daß die ſtarren Augen des Tod⸗ ten, welche von der Schweſter zwar zugedruͤckt worden waren, ſich aber ſpaͤter wieder aufgethan X — 411— hatten, grade auf den Moͤrder ſchauten, welcher jetzt, zum Erſtenmale in ſeinem Leben, an allen Gliedern bebte. Der Deutſche ſtuͤrzte von Schre⸗ cken erfaßt, auf ſeine Kniee nieder; der Jeſuit betete laut, Roſe ſank halbohnmaͤchtig zu Boden, die Alte aber ſtand wie eingewurzelt da, ihre er⸗ wartungsvollen Blicke auf die Leiche ihres Bru⸗ ders gerichtet. So vergingen einige Augenblicke ſchweigend, bis endlich der Wuͤtherich mit einer gewaltſamen Anſtrengung die Schreckensbande, die ihn gefeſſelt hielten, von ſich abſchuͤttelte, die Bahre ſammt dem Koͤrper hinab in's Grab ſtuͤrzte, und ſeinen Dolch zuckend mit donnernder Stimme ausrief:„Zum Teufel mit Euch und Euren verfluchten Gauckeleien!“ Er hob die Waffe und haͤtte ohne Zweifel die Bruſt der ihm naheſtehenden Alten durchbohrt, haͤtte nicht Oberſt Sparendam ſeinen Arm aufgehalten.„Um Got⸗ teswillen, was wollt Ihr thun?“ fluͤſterte er ſei⸗ nem Waffengefaͤhrten zu.„Wollt Ihr uns denn eine Legion von Teufeln auf den Hals ziehn.“ „Er kann mich nicht toͤdten,“ entgegnete die — 112— Alte furchtlos,„ſeine Hand wuͤrde verdorren, be⸗ h vor mich ſein Stahl traͤfe. Geht, geht,“ fuhr ſie dann zu dem Wuͤtherich gewandt fort;„geht, der Tag der Rache wird erſcheinen, geht, laßt die Todten ruhn.“ Eduard Stanley wandte ſich ab.„Kehrt Ihr zuruͤck mit uns nach Haddon?“ fragte er den Jeſuiten. „Ich muß hier bis zum Morgen verweilen“ entgegnete der Geiſtliche,„dann werde ich mich wieder auf das Schloß begeben.“ „Das gefaͤllt mir nicht,“ verſetzte der junge Krieger,„wir haben wichtigere Dinge vor, als Ihr hier zu thun haben koͤnnt.“ Der Jeſuit gab hierauf keine Antwort, ſon⸗ dern gebot dem Gilbert und dem Anack, hinab in die Gruft zu ſteigen, und die Leiche in eine paſſende Lage zu bringen; dieſe thaten, wie ihnen befohlen worden, hoben die Bahre heraus, und alle Anweſende, Stanley und Sparendam ausge⸗ nommen, ſtreueten nun einiges Laub auf den Koͤrper, worauf Gilbert und Anack eilig zu den 7 — 113— Schaufeln griffen, und den Erſchlagenen mit Erde bedeckten. Dies Alles ward ſchweigend voll⸗ bracht; der Jeſuit und ſeine Schweſter ſtarrten mit gefaltenen Haͤnden auf das Grab, waͤhrend Eduard Stanley und Sparendam der Beendigung des Begraͤbniſſes ungeduldig harrten. Als das Grab voͤllig zugeworfen und mit Raſen bedeckt worden war, begab ſich die Familie Onshaw ſchweigend wieder in die Huͤtte, und Eduard Stanley fragte jetzt den Jeſuiten neuerdings, ob er nicht mit ihnen nach Haddon zuruͤckkehren wolle. „Meine Schweſter bedarf des Troſtes,“ ent⸗ gegnete der Geiſtliche,„ich kann ſie in ihrem Jammer nicht allein laſſen.“ „Eure Verwandtenliebe wird uns noch ver⸗ rathen,“ fluͤſterte der junge Krieger,„ſchon weiß hier Jedermann, daß der Graf du Prat ein Je⸗ ſuit und Bruder der alten Hexe iſt. Hat ſie uns nicht ſelbſt geſagt, daß ihrem Manne und Sohne nicht zu trauen waͤre?“ „Ich habe ihnen auch nichts vertrauet,“ er⸗ wiederte Vater Paul,—„ja, ſie wiſſen, daß der III. Band. 8 — 114— Gaſt des Schloßherrn ein Geiſtlicher und ihr Ver⸗ wandter iſt, wie ſie es aber erfuhren, vermag ich nicht zu ergruͤbeln.— Meine Schweſter ſchwoͤrt, ihnen nichts verrathen zu haben.— Und der Abentheurer, der dieſen Abend hier war—“ „Er war hier?“ unterbrach ihn Stanley, „wo, wo?”“ 3 „Hier in der Huͤtte,“ antwortete der Jeſuit. „Und wo iſt er jetzt?“ fuhr der junge Krie⸗ ger fort.. „Er begab ſich hinweg,“ verſetzte der Jeſuit, „eine halbe Stunde bevor Ihr erſchient, war er noch bei uns und nahm Theil an unſerm Gebete; ein Geſchrei, wie das einer Schnepfe, rief ihn fort, denn kaum vernahm er es, als er auch ſchnell em⸗ porſprang und zur Huͤtte hinauseilte.“ Bei den letzten Worten des Geiſtlichen, ſprang Eduard Stanley raſch in das Gebuͤſch, wo der Jaͤger, Walter Needham geblieben war, der Vogel aber war davon geflogen, und ſo kehrte denn der Wuͤthrich zornig zu ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck. „Er hat den Abentheurer gewarnt,“ rief er, —,——— —— „ſein Vogelgeſchrei gab jenem zu verſtehen, daß ich in der Naͤhe ſey, der Bube ſoll mir den Ver⸗ rath bezahlen.—“ Und zu Roſen gewandt, wel⸗ che jetzt eben wieder aus der Huͤtte trat, fuhr er fort, indem er ſeine Boͤrſe zog und ſie ihr hin⸗ reichte, geſtehe mir, Maͤdchen, wo haͤlt ſich der Fremde verborgen? und dieſe Börſe mit zwanzig Goldſtuͤcken iſt Dein.“ Roſa ſchuͤttelte mit dem Kopfe. 3„Was, iſt das noch nicht genug?“ fragte der junge Krieger erſtaunt;„iſt doch ſchon man⸗ ches Staatsgeheimniß fuͤr die Haͤlfte meines Ge⸗ bots verkauft worden.“ „Das Geheimniß, wenn es anders ein's iſt, iſt nicht zu verkaufen,“ erwiederte Roſa,„ich bin keine Verraͤtherin.“ Mit dieſen Worten wandte ſie dem Wuͤthrich den Ruͤcken und ging in die Huͤtte. 10. „ch daͤchte, wir thaͤten am beſten nach dem Schloſſe zuruͤckzukehren,“ ſprach, nachdem ſich Roſa entfernt hatte, der Deutſche, zu Eduard Stanley gewandt. „Glaubt Ihr?“ fragte der junge Krieger, „ich waͤre Narr genug, dieſen Ort zu verlaſſen, ohne meinen Zweck erreicht, ohne erfahren zu ha⸗ ben, wo der Fremde ſich verborgen haͤlt. Das Maͤdchen weiß, wo er ſteckt, ſie mag ich nicht zwingen; wollen aber auch die andern nicht beken⸗ nen, dann wehe ihnen!“ „Ihr wollt ſie doch nicht etwa auch toͤdten?“ fragte der Jeſuit. „Ich weiß nicht, ob es nicht gut gethan waͤre,“ entgegnete der Empoͤrer,„ſie kennen ge⸗ wiſſermaßen unſer Vorhaben, und muͤſſen, da ſie — — 11— nicht zu den unſrigen gehoͤren, von uns als Feinde betrachtet werden.“ „Keinesweges,“ verſetzte der Jeſuit,„laßt uns, bevor wir ihr Blut vergießen, ſehen, ob ſie auch feindlich gegen uns handeln?“ „Ich ſage Euch, Vater Paul,“ tobte der junge Krieger,„Eure breiweiche Menſchlichkeit iſt unſere aͤrgſte Feindin! Machen ſie ſich mit unſerm Geheimniſſe auf und davon, kommt uns unver⸗ zuͤglich der Rutland mit ſeinen Reitern auf den Hals.— Sie muͤſſen beweiſen, daß ſie unſere Freunde ſind, und uns den Aufenthalt des frem⸗ den Buben entdecken, oder wir muͤſſen ſie als un⸗ ſere Feinde betrachten.— Auf jeden Fall ſollen ſie mit uns nach Haddon; haben ſie uns nicht verrathen, ſind ſie dort ſicher, wie in ihrer Huͤtte; erſcheinen aber koͤnigliche Truppen, ſollen die Schurken ihre Argliſt mit ihren Koͤpfen buͤßen. Das, denke ich, iſt doch ehrlich gehandelt.“ „Ich will Euch hierin nicht zuwider ſeyn,“ entgegnete der Jeſuit;„aber erlaubt mir, ihnen — 118— Eure Abſicht mitzutheilen, es ſind nur einfache Leute, Euer Benehmen koͤnnte ſie erſchrecken.“ „Thut was Ihr wollt, aber mit nach Had⸗ don ſollen ſie,“ verſetzte Stanley. Der Jeſuit naͤherte ſich der Thuͤr, die er verſchloſſen fand, er pochte leiſe an, erhielt aber anfangs keine Antwort; endlich fragte indeß Anacks Stimme nach ſeinem Begehren. „Oeffne die Thuͤre, Sohn,“ ſprach der Je⸗ ſuit,„ich wuͤnſche mit Euch uͤber eine Angelegen⸗ heit zu reden, die uns Alle betrifft.“* „Ich darf den Riegel heute nicht mehr zu⸗ rückſchieben,“ erwiederte Anack,„auch kann, ehr⸗ lich geſagt, der Vater die nicht leiden, die bei Euch ſind.“ „Narr!“ rief der Geiſtliche, welcher fuͤrchtete, V ſeine Gefaͤhrten moͤchten die kuͤhnen Worte des Huͤttenbewohners vernommen haben;„wollt Ihr nicht mit dem, den wir ſo eben begruben, ein gleiches Schickſal haben, oͤffne unverzuͤglich.“. „Sey unſertwegen unbeſorgt, Reginald,“ erklang jetzt die Stimme der Alten;„aber mache, daß Du fortkommſt; dieſe Thuͤr ſoll ſich nie wie⸗ der dem Blutduͤrſtigen oͤffnen, der bei Dir iſt. Moͤge er thun, was ihm gut duͤnkt, moͤge er, der Unheilſtifter nur ſich ſelbſt vor Unheil huͤten.“ „Ha, was! wollen die Schurken nicht her⸗ aus?“ fragte Stanley, ſich mit dem Oberſten der Thuͤr naͤhernd, da muͤſſen wir ſie Gehorſam lehren.“ „Ihr werdet eines Zimmermanns beduͤrfen, um herein zu gelangen,“ entgegnete Anack von innen.— Stanley erwiederte nichts, ſtemmte aber ſeinen Fuß gegen die Thuͤr, und bemuͤhete ſich den Riegel zu ſprengen. Dieſer wollte indeß ſelbſt dann nicht nachgeben, als auch Sparen⸗ dam ſeine Kraͤfte mit denen des jungen Kriegers vereinte. Die aberglaͤubiſche Furcht war jetzt bei dem Oberſten voͤllig verſchwunden, und der Wi⸗ derſtand, den er erfuhr, machte ſeinen Zorn rege. „Himmel, Donnerwetter!“ ſchrie er, indem er ſein Schwert zog und damit gegen die Fenſter⸗ oͤffnung hieb,„geht's nicht durch die Thuͤr, wol⸗ len wir hier hinein!“ - 120— „Verſucht's nur,“ rief ihm Gilbert Onshaw entgegen, welcher ploͤtzlich vor das Fenſter trat und dem Oberſten die Muͤndung einer Kugel⸗ buͤchſe entgegen hielt,„verſucht's nur, habt Ihr Luſt von dieſem bleiernen Gerichte zu koſten.“ „Schurke!“ ſchrie der Deutſche, den Lauf der Kugelbuͤchſe erfaſſend, die er dem Huͤttenbe⸗ wohner entreißen wollte. Dieſer gab Feuer, aber die Kugel pfiff an dem Deutſchen voruͤber. „Fehlgeſchoſſen!“ jubelte Sparendam,„jetzt auf ihn, Stanley, der Krieg hat begonnen.“ Der Knall von Gilberts Kugelbuͤchſe, der alle Voͤgel in der Nachbarſchaft aufſchreckte, ſo daß ſie lautſchreiend aufflatterten; das wilde Ge⸗ ſchrei der beiden Soldaten, ihr Angriff auf die Huͤtte, dies alles zuſammengenommen, machte die Scene ungemein furchtbar; der Jeſuit betete, und ſuchte friedliche Unterhandlungen einzuleiten, aber vergebens; denn kaum hatte Onshaw Feuer gege⸗ ben, als auch Eduard Stanley ſofort zu der Fenſteroͤffnung ſtuͤrzte, ſein Piſtol hineinhielt und —— —;,. — — 121— abdruͤckte. Ein lautes Hohngelaͤchter von innen verkuͤndete indeß, daß der Schuß keinen Schaden angerichtet habe. „Fehlgeſchoſſen, fehlgeſchoſſen,“ jubelte Anack, waͤhrend der wuthentflammte Stanley, der Bitten und Vorſtellungen des Jeſuiten ungeachtet, ver⸗ mittelſt ſeines Piſtols Feuer ſchlug, um es an die Huͤtte zu legen. „Habt Barmherzigkeit mit ihnen,“ flehete der Geiſtliche, toͤdtet ſie doch nicht auf ſo furcht⸗ bare Weiſe; ich will ſie bewegen, ſie ſollen thun, wie Ihr wollt,— ſie ſollen mit Euch gehen.“ Seine Bitten verklangen indeß fruchtlos; vom Winde angefacht, ſtieg die Flamme bald bis zum Dache empor, und ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten ſtand das ganze Gebaͤude im Feuer. Die beiden Krieger harrten, der Vorwuͤrfe des Jeſui⸗ ten nicht achtend, einige Schritte von der Huͤtte entfernt, um zu ſehen, wie ſich ihre Bewohner jetzt benehmen wuͤrden, welche eine Weile lang nicht wußten, was ſie von dem Gekniſter uͤber ih⸗ reen Haͤuptern zu denken hatten, und ſich erſt als „ — 122— die Flamme hereinbrach, von ihrer furchtbaren. Lage uͤberzeugten. Das laute Geſchrei der beiden Weiber verkuͤndete den Belagerern zuerſt, daß das Feuer durch das Dach gedrungen ſey. „Wir werden keiner Hunde beduͤrfen, jenes Wild herauszutreiben, jubelte der Wuͤthrich.— Gleich darauf oͤffnete ſich auch die Thuͤr, und die Huͤttenbewohner ſtuͤrzten heraus. Gilbert Ons⸗ haw trug ſein Weib auf der Schulter, und legee die von Rauch faſt erſtickte Alte nieder auf den Raſen. Hinter ihm erſchien Anack, die bebende ¹ Roſa in ſeinen Armen haltend. Eduard Stan⸗ ley ſtuͤrzte auf ihn zu, entriß ihm die Schweſter, und fuͤhrte einen ſo furchtbaren Schlag nach dem Haupte Anacks, daß dieſer wie leblos zu Boden ſank. hif 81 „Hund!“ ſchrie der Empoͤrer, indem er ſei⸗ nen Fuß auf die Bruſt des Gefallenen ſtemmte, und die Spitze ſeines Schwertes ihm an die Gur⸗ gel hielt,„bekenne, daß Du ein Verraͤther biſt,. oder ich trenne Dir das Haupt vom Rumpfe.“ 4 „Haltet ein! haltet ein! um Gotteswillen, . ———,— 4 ———— ſchonet ſeiner!“ bat Roſa, ihre Arme um den Wuͤthrich ſchlingend, ſo, als wolle ſie ihn abhal⸗ ten, ihren Bruder zu morden,„haltet ein— haltet ein, ich verſpreche Euch, er ſoll thun wie Ihr verlangt.“ „Weshalb ſollte ich ſeiner ſchonen?“ fragte Stanley,„etwa damit er hingehen koͤnne, mich meinen Feinden zu verrathen? nein— er muß ſterben!“— Unterdeſſen war es den Bitten und Vorſtel⸗ lungen des Jeſuiten gelungen, Sparendam zu bewegen, des alten Onshaws und ſeines Weibes zu ſchonen; der Geiſtliche vereinte jetzt ſeine Bit⸗ ten mit denen ſeiner Nichte, und ſo geſtattete Eduard Stanley dem jungen Waldmanne endlich, ſich wieder vom Boden zu erheben.„Haͤtten wir gewußt, daß Ihr Feuergewehr bei Euch fuͤhrtet,“ ſprach Anack, zu dem jungen Krieger gewandt, indem er ſich aufraffte,„wir haͤtten uns Euch nicht ſo hartnaͤckig widerſetzt. Wir glaubten Euch nur mit Schwert und Dolch bewaffnet, und da⸗ —CQOõ——C—õM õnnöͤö sͤ — 124— mit, meinten wir, koͤnntet Ihr die Mauer unſe⸗ rer Huͤtte nicht durchbrechen.“ „Ich daͤchte, Du haͤtteſt mich ſchon von fruͤherer Zeit kennen ſollen,“ bemerkte Eduard Stanley. „Ja, allerdings, murmelte Anack vor ſich hin,„uͤbrigens haben wir unſere Widerſetzlichkeit theuer bezahlt.“ So ſprechend, blickte er traurig auf die bren⸗ nende Huͤtte, wobei ein ſchwerer Seufzer ſeiner Bruſt entſtieg, verkuͤndend, wie ſehr er es beklage nicht Rache nehmen zu koͤnnen an dem Mord⸗ brenner. Das Dach ſtuͤrzte jetzt ein, und unter⸗ druͤckte auf eine Weile lang das Feuer im In⸗ nern; nachdem aber dicke Rauchwolken ſich her⸗ ausgewaͤlzt hatten, ſchlug die Flamme aufs neue hervor, und erfaßte die zunaͤchſt ſtehenden Baͤume, deren brennende Zweige vom Winde gepeitſcht, und weithin Funken ſpruͤhend, das Furchtbare der Scene vermehrten. Onshaw's Weib war zu ſchwach, um ſich zu Fuße nach Haddon begeben zu koͤnnen, und Gil⸗ —— —— —:— und der letztere bedeckte ſie mit ſeinem Mantel, bert und Anack erhielten demnach Befehl, ſie auf der Bahre dorthin zu tragen. „Wohin wollt Ihr mich ſchleppen?“ fragte oie arme Conſtanze,„meine Stunde iſt gekom⸗ men— ich brauche nicht weit zu gehen, um zu ſterben— laßt mich hier ruhen bei meinem Bruder.“ „Vorwaͤrts! vorwaͤrts!“ gebot Eduard Stan⸗ ley,„auf Haddon iſt Platz genug zum Leben und zum Sterben. Ihr moͤget dort thun, was Euch gutduͤnkt.“ „Vorwaͤrts dann,“ ſtammelte die Alte, „kann ich nicht bei meinem Philipp ruhen, werde ich mich wenigſtens freuen, Haddon noch einmal zu ſchauen.“ Ihr Mann und ihr Sohn, unterſtuͤtzt von dem Jeſuiten, legten ſie ſanft auf die Bahre, worauf ſich der Zug nach Haddon hin, langſam in Bewegung ſetzte. Unterwegs wandte der junge Krieger alle nur moͤgliche Liſt an, Roſa zu bewe⸗ gen, ihm den Aufenthalt des Abentheurers zu ver⸗ —.— — 126— rathen. Er ſchmeichelte, drohte, aber alles ver⸗ gebens. Das einfache Maͤdchen, dem anfangs der junge freigebige Krieger wohl gefiel, haßte jetzt in ihm den Moͤrder ihres Oheims, auch hatte ſie ſich jetzt voͤlig mit Walter Needham wieder ausgeſoͤhnt, wozu die Erklaͤrung des Aben⸗ theurers, der ſich unſere Leſer erinnern werden, bedeutend beigetragen hatte. Als der Zug am Ufer des Wye anlangte, ſetzte Anack ploͤtzlich die Bahre nieder, denn die kleine hoͤlzerne Bruͤcke, welche bisher hier uͤber den Fluß fuͤhrte, war zerſtoͤrt worden. „Was giebt's? weshalb macht Ihr Halt?“ fragte Stanley, vorwaͤrtsſchreitend,„es kann Euch doch nicht an Kraft fehlen, die leichte Buͤrde weiter zu tragen.“ „Die Bruͤcke iſt zerſtoͤrt,“ murmelte Anack „Das hat der Bube, der Needham, gethan; er fuͤrchtete, von uns verfolgt zu werden,“ don⸗ nerte Stanley.„Wie tief iſt der Fluß hier? kann man durchwaten?“ „Ich glaube, nein,“ brummte Gilbert. 4 * „Ich aber glaube, ja!“ rief der junge Krieger. „Einer von Euch ſoll hinab, und verſuchen, ob wir durch koͤnnen; damit er uns aber nicht etwa entwiſche, gebt Acht auf ihn, Sparendam, und ſchießt ihn nieder, will er ſich davon machen.“ „So laßt uns doch zuvor nachſehen, ob wir nicht die Bruͤcke finden koͤnnen,“ nahm Anack das Wort,„vielleicht hat er die Bretter nur losgeriſſen, und ſie liegen hier irgendwo am Ufer.“ „Du haſt recht, Burſche! geh und ſieh nach,“ erwiederte Stanley. Anack ſchritt um eine Kruͤmmung des Fluſ⸗ ſes, und fand hier wirklich die losgeriſſenen Bret⸗ ter. Er bemuͤhete ſich, ſie aus dem Waſſer zu ziehen, allein ſeine Kraͤfte reichten nicht hin; ſein Vater ging deshalb ihm zu helfen, und Stanley und der Deutſche folgten, denn ſie fuͤrchteten, die Waldbewohner moͤchten dieſe Gelegenheit be⸗ nutzen, um zu entfliehen. Kaum aber war es den vereinten Anſtrengungen der beiden Onshaw's — 128— gelungen, die Bruͤcke wieder aus dem Waſſer zu heben, als ploͤtzlich aus dem unfernen Dickicht ein lautes Geſchrei vernehmbar wurde, gleich dar⸗ auf eine Trift Wild aus dem Gebuͤſche hervor⸗ ſprang, ſich in die Fluth ſtuͤrzte, durchſchwamm, und am jenſeitigen Ufer verſchwand. Im naͤch⸗ ſten Augenblicke ſprangen fuͤnf oder ſechs als Jaͤger gekleidete Maͤnner hinter den Baͤumen her⸗ vor, auf Stanley und ſeine Gefaͤhrten zu, und gebot ihnen ſich zu ergeben. „Hallo, Geſellen! wofuͤr haltet Ihr uns denn?“ „Fuͤr Wilddiebe,“ entgegnete einer der Jaͤ⸗ ger,„marſch! fort mit uns.“ „Ihr irrt, Jaͤger,“ verſetzte Stanley,„ich bin ein Gaſt Eures Herrn, und heiße Stanley.“ „Ihr moͤg't heißen wie Ihr wollt, Ihr muͤßt doch mit uns, auch ſo der Andere, und ſo ſprechend, trat er auf Stanley zu, und hob die Hand ihn beim Mantel zu erfaſſen; der junge Krieger aber verſetzte ihm einen ſo derben Schlag, daß er rundum taumelte. Der Burſche pfiff nun ——— —r —,— 2— — 129— laut, und gleich darauf ſtuͤrzte eine ganze Schaar bewaffneter und verlarvter Maͤnner, den Aben⸗ theurer an ihrer Sbrn⸗ aus dem Gehſch⸗ hervor. 2 Dieſer hatte duich Walter Rdhee Vo⸗ gelgeſchrei, welches ihm als Zeichen galt, von Stanley's Annaͤherung Kunde erhalten; und ſchnell war er aus der Huͤtte nach Chatsworth geeilt, um, mit Unterſtuͤtzung ſeiner Freunde, endlich den Uebermuth des jungen Kriegers zu demuͤthigen, und ihn gefahrlos zu machen. Da⸗ mit er dieſes um ſo ſicherer bewerkſtelligen koͤnne, hatte Walter Needham, dem er ſein Vorhaben in der Eile mittheilte, und der, weil er den Jeſuiten in der Huͤtte ſah, ſich nicht hineinwagte, ſondern nur das verabredete Zeichen gab, worauf nicht, wie er Stanley erzaͤhlte, Roſa, ſondern der Abentheurer erſchien, die Bruͤcke abgetragen. „Vertheidigt Euch, Sparendam!“ die Schur⸗ ken haben uns verrathen,“ rief der junge Krie⸗ ger, und in der Lebhaftigkeit ſeines Zorns ver⸗ geſſend, daß er ſeine Piſtolen abgeſchoſſen hatte, III. Band. 9 richtete er die Muͤndungen derſelben auf ſeinen Gegner. Ohne indeſſen ſich dadurch abſchrecken zu laſſen, ſtuͤrzte ſich der Unbekannte auf Eduard Stanley, welcher, da es ihm an Zeit fehlte, Schwert oder Dolch zu ziehen, keinen kraͤftigen Widerſtand zu leiſten vermochte. Von Wuth entflammt, ſchlug er heftig mit den Faͤuſten um ſich, aber er ward dennoch bald uͤberwaͤltigt. Sparendam dagegen war nicht ſo leicht beſiegt⸗ als er von mehreren der bewaffneten Maͤnner an⸗ gegriffen ward, dzog er raſch ſeine Piſtolen her⸗ vor, und druͤckte ſie auf ſeine Feinde ab, ſo daß drei oder vier derſelben ſchwer verwundet wurden, worauf er ſich gegen die uͤbrigen mit ſeinem Schwerte ſo tapfer vertheidigte, daß jene kaum wagten ſich ihm zu nahen. Als der Aben⸗ theurer dies gewahrte, gebot er ſeinen Leuten auf den gefangenen Stanley ein wachſames Auge zu haben, und trat nun ſelbſt kampfbereit dem Oberſten entgegen. Schwertſchlag folgte jetzt auf Schwertſchlag, und eine Weile lang blieb der Sieg unentſchieden. Endlich gelang es indeß — 131— dem juͤngern und kraͤftigern Fremden, ſeinem Gegner eine leichte Wunde im Arme beizubrin⸗ gen, worauf dem Oberſten das Schwert entſank, und er von den Begleitern des Abentheurers uͤber⸗ waͤltigt ward. „Fort, fort jetzt! wir haben keine Zeit zu verlieren,“ rief der Sieger. „Elender!“ knirſchte Stanley, mit kaum vernehmbarer Stimmez„wohin willſt Du uns fuͤhren?“ „In das Schloß des Abentheurers,“ ent⸗ gegnete der Fremde,„unter meine Baͤume in den Wald.— Ihr ſuchtet mich ja, Ihr Her⸗ ren, jetzt habt Ihr mich gefunden, und wir wer⸗ den uns nun ſobald nicht wieder trennen.“ Gilbert und Anack hatten unterdeſſen, von den Begleitern des Abentheurers unterſtuͤtzt, die Bruͤcke wieder hergeſtellt, und uͤber ſie wurden jetzt, trotz ihres Widerſtandes, die beiden Sol⸗ daten tiefer hinein in den Park geſchleppt; der Jeſuit, an den waͤhrend des Gefechts Niemand — 132— Hand gelegt hatte, folgte ſeinem Schwager und Neffen, welche die Bahre wieder aufhoben und denſelben Weg einſchlugen, den der Fremnde ge⸗ 61 732 nommen hatte. L 4 3.* 4 1 1ins AGen 1 2002! d3—O——O—Q—ySy·y·y·y„y y„ · ·———— 84 1 1 e g NASSA 111 „1 11. Das Unternehmen des Unbekannten ward nicht nur von dem hellen Scheine des Mondes, ſon⸗ auch von dem Toben des Sturms beguͤn⸗ ſtigt, welches verhinderte, auf dem Schloſſe etwas von dem Gefechte zu vernehmen. Was ihm bis⸗ her Vortheil brachte, ſchien ihm aber jetzt nach⸗ theilig werden zu wollen; denn noch war er mit ſeiner Schaar nicht weit von der Bruͤcke entfernt, als ihnen ein Trupp Reiter entgegen kam, deſſen Annaͤherung ſie, da der Schall der Hufſchlaͤge durch den Wind von ihnen fern gehalten worden war, ebenfalls nicht gehoͤrt hatten.„Der Ver⸗ non! der Vernon!“ riefen die Begleiter des Abentheurers, ihm verkuͤndend, daß es der Koͤnig vom Gebirge ſey, welcher nahe, und kaum waren jene Worte uͤber ihre Lippen gekommen, als — 134— Stanley und Sparendam, zwiſchen denen der Fremde daherſchritt, auch unverzuͤglich uͤber ihn herfielen, um ſich mit boshafter Freude ſeiner zu bemaͤchtigen. „Hallo! Herr Ritter vom gruͤnen Walde,“ jubelte der Empoͤrer,„das Blatt hat ſich gewen⸗ det; Ihr ſeyd jetzt mein Gaſt, wahrlich, wir werden uns ſobald nicht trennen.“ „ Aber was iſt denn das?“ rief jetzt Sir George Vernon, heranſprengend.„Ihr ſeyd's, Stanley— und Ihr, Sparendam? Euch aufzu⸗ ſuchen ritt ich aus. Wen fuͤhrt Ihr denn da mit Euch?“ „Den gnaͤdigen Ritter vom Walde— Sr. Herrlichkeit, den Herrn benchrnnsle entgegnete der junge Krieger. „Habt Ihr ihn endlich? Da uüt Ihr mir keinen ſchlechten Dienſt erwieſen,“ ſprach der Schloßherr. „Keinen beſſern, als Ihr ihnen erzeigtet,“ nahm der Fremde kuͤhn und muthig das Wort, - 135— „ohne Euch haͤtten ſie die Halle der Vernon's, wenigſtens ſo bald nicht wieder geſehen.“ „Der Bube!“ rief Stanley,„fiel mit einer Bande von zwanzig verlarvten Schurken, welche bei Eurem Erſcheinen die Flucht ergriffen, uͤber uns her. Waͤret Ihr nicht uns zu Huͤlfe gekom⸗ men, haͤtten ſie uns mit in ihre Raͤuberhoͤhle ge⸗ ſchleppt.“. 1 Dafuͤr will ich ihn an den hoͤchſten Baum in Haddon⸗Park haͤngen laſſen,“ betheuerte Sir George Vernon.„Ihr Knechte habt Acht auf ihn, und gebt dieſen Herren Eure Pferde.“ Einige der Reiter ſaßen ſogleich ab, uͤber⸗ ließen dem jungen Krieger und dem Deutſchen ihre Roſſe, und bemaͤchtigten ſich des Fremden, wel⸗ cher trotz der Drohung des Schloßherrn ein ruhi⸗ ges und heiteres Geſicht zeigte. Sir George be⸗ fahl jetzt, daß ſich der Zug nach Haddon in Be⸗ wegung ſetzen ſolle, zuvor aber fragte er,„habt Ihr denn das Feuer geſehen, Eduard Stanley? es ſchien unfern der Waldecke, ich glaubte Euch in Gefahr, deshalb machte ich mich auf.“ 1 — 136— „Unterwegs ſollt Ihr alles erfahren,“ ent⸗ gegnete Stanley,„wo aber ſeyd Ihr, Gilbert und Anack,— und Ihr, Herr Graf du Prat?“ „Hier, edler Herr!“ erwiederte Anack. „und Ihr ſeyd nicht davongelaufen?“ „Wir wußten ja nicht wohin,“ antwortete Gilbert trocken. nc „Einige von Euch moͤgen dem Herrn Gra⸗ fen und der huͤbſchen Roſa da, ihre Gaule uͤber⸗ laſſen,„ſprach Stanley, zu den Knechten ge⸗ wandt.„Ich bringe Euch noch mehr Gaͤſte nach Haddon, Sir George.“ „Weshalb ſollen ſie dort mit hin2“ fraus der Schloßherr. „Aus Gruͤnden, die ich Euch mittheilen werde, muͤſſen wir ſie feſthalten,“ erwiederte der junge Krieger. „Raſchen Trabes ſetzte ſich nun der Zug nach dem Schloſſe hin in Bewegung, welches man auch bald erreichte, und wo der Abentheurer und die Familie Onshaw zur gefaͤnglichen Haft ge⸗ bracht wurden, nachdem man ihnen zuvor ange⸗ —,— —- 437— zeigt hatte, daß am naͤchſten Morgen ein ſtren⸗ ges Gericht uͤber ſie gehalten werden ſolle. Statt ſich zur Ruhe zu begeben, fuͤhrte der Ritter von Haddon die beiden Soldaten und den Jeſuiten in ſein Gemach, wo ihnen der Hausarzt, Doctor Probus, Speiſe und Trank vorſetzte. Eduard Stanley und Sparendam ſprachen dem Becher fleißig zu, und hieben in die vor ihnen ſtehende kalte Paſtete tapfer ein, denn die beſtan⸗ denen Strapazen hatten ſie hungrig gemacht. Sir George war begierig, den Bericht von dem was ihnen begegnet war, zu erfahren, aber er konnte ihn von dem eßluſtigen Stanley nur ſtuͤckweiſe herausbringen. Das Verbrennen der Huͤtte ſchien ihm nicht zu gefallen.„Es kann mir,“ ſprach er,„ nicht ganz recht ſeyn, daß Ihr die Diebs⸗ hoͤle in Brand geſteckt habt; denn, nehmt's mir nicht uͤͤbel, Herr Graf, der Gilbert und ſein Sohn ſind ein paar Gauner, aber eine ſolche That, kann die Augen der Regierung auf uns ziehen; ſo, daß wir am Ende noch vor der Hoch⸗ — 138— zeitfeier das Schwert zu fuͤhren genoͤthigt ſeyn duͤrften.“ „Je fruͤher, je beſſer,“ rief der Oberſt, den wie gewoͤhnlich der Wein redſelig machte;„je fruͤher, je beſſer,— wir haben lange genug auf der Baͤrenhaut gelegen, es verlangt mich recht danach, einmal wieder einen vrdehtkichen Kampf zu beſtehen.“ „Der Abentheurer,“ bemerkte Stanley, „kennt, wie ich glaube, unſer Vorhaben, auch ſcheint es ihm, wie wir heute geſehen haben, an Anhaͤngern nicht zu fehlen.“ „Ich denke, wir haben nichts von ihm zu fuͤrchten,“ meinte der Jeſuit,„ſeine Liebe zu Lady Dorothee nur— „Macht ihn des Todes ſchuldig,“ unter⸗ brach ihn der Schloßherr,„der ſoll ihm werden, wenn ich anders hier noch ein Wort zu ſprechen habe.“ „Ich erzaͤhlte Euch, als Euch das Feuer im Walde fortrief,“ nahm jetzt Doctor Probus das Wort,„daß“—— —, 139— „Die ſpaniſche Geſandſchaft meint, wir moͤch⸗ ten mit der Ausfuͤhrung unſers Plans noch eine Weile warten, ich weiß,“— fiel Sir George Vernon ein,„ſie koͤnnen uns noch keine Unter⸗ ſtuͤtzung ſenden.“ „So iſt's,“— ſprach der Hausarzt,„auch glaubt der Geſandte, wegen des Vorfalls mit dem Pacheco vorſichtig zu Werke gehen zu muͤſſen.“ „Er fuͤhrte Euch doch aber, wie Ihr ſagtet, bei Jemand ein, bei einem Hofmanne, wenn mir recht iſt?“ „Bei dem Sir William Peto,“ verſetzte Doctor Probus,„einem Manne, in allen Ange⸗ legenheiten Englands und Schottlands wohl er⸗ fahren. Der erzaͤhlte mir ausfuͤhrlich von der vor kurzem entdeckten Verſchwoͤrung der Poles, nannte mir die Namen vieler Edlen, die bereit ſehn wuͤr⸗ den, Euch in Eurem Unternehmen zu unterſtuͤtzen; erklaͤrte ſich zu einem Vorſchuſſe von tauſend Pfund bereit, den er auch unverzuͤglich in die Haͤnde des Geſandten zahlte, und bat mich, Euch zu verſichern, daß Ihr feſt auf ihn rechnen koͤnntet.“ „Peto, Sir William Peto?“ fragte Stan⸗ ley,„wer mag das ſeyn?“ 26 1 „Ich habe ſeinen Namen nennen gehoͤrt,“ ſprach der Jeſuit;„er ſtammt aus einer alten ehrenwerthen Familie unſers Glaubens. Ueber⸗ dem reicht das Wort des Geſandten hin. Sr. Excellenz kennt die, welche unſerer Sache anhaͤn⸗ gen, beſſer, als ſonſt Jemand. Wann aber meinte er, muͤßte unſer Mian in Ausführung ge⸗ bracht werden?“ „Er war der Meinung des Geſandten,“ er⸗ wiederte der Hausarzt,„er glaubte, Ihr muͤßtet noch eine Weile damit warten, und Euch zuvor mit Waffen und Kriegsmunition verſehen; auch raͤth er Euch, Eure Leute genau zu pruͤfen, und ſie ſich insgeheim ſo ruͤſten zu laſſen, daß ſie, ſobald die Unterſtuͤtzung von Spanien angelangt ſeyn wuͤrde, bereit waͤren, auf den erſten Ruf ins Feld zu ziehen.“ 1. „Mein Seel, ein guter Rath!“ rief der Deutſche, ſeinen Becher fuͤllend,„auf ſem Wohl, Ihr Herren!“ — 141— „Wenn wir aber,“ nahm der Ritter von Haddon das Wort,„wie es der Geſandte wuͤnſcht, unſer Vorhaben noch verſchieben, wie ſollen wir uns benehmen, wenn das Verfahren gegen die Onshaw's bekannt werden ſollte. Wie kann ich die Gefangennahme des Abentheurers verantwor⸗ ten, uͤber die, da ſeine Anhaͤnger entkommen ſind⸗ bald Klage gefuͤhrt werden wird.“ 10 „Seyd wegen Onshaw unbeſorgt,“ hepche nete Stanley,„ſein Weib regiert ihn, und ſie wird wieder ihrerſeits von dem frommen Vater hier beherrſcht; ich denke ſie ſind leicht zum Schwei⸗ gen zu bringen.— Den Abentheurer aber habt Ihr als Wilddieb eingezogen, und haltet ihn ge⸗ fangen, weil Euch die Zeit zum Verhoͤre fehlte. Es waͤre denn, was ich faſt befuͤrchte, daß er ſich uns als Mann von Range offenbart, in welchem Falle wir nach den Umſtaͤnden verfahren muͤſſen.“ „Weshalb glaubt Ihr, daß er von Stande ſey?“ fragte der Ritter von Haddon. „Sein Benehmen und ſein Anſtand laſſen mich es vermuthen,“ erwiederte der junge Krieger, — 142— „auch iſt ſein Muth, wie Euch Sparendam be⸗ zeugen kann, von aͤchter Art.“ „Ihr koͤnnt dieſen Beweis liefern, ſo gut als ich,“ nahm der Deutſche das Wort,„Ihr wurdet, wie ich, von ihm zum Gefangenen ge⸗ macht.“ „Er fiel mit einem halben Dutzend Schur⸗ ken uͤber mich her,“ verſetzte Stanley.„Euch aber beſiegte er mit ſeinem einzigen Schwerte.“ „Ich daͤchte es waͤre jetzt Zeit uns zur Ruhe zu begeben,“ fiel der Jeſuit ein, welcher befuͤrch⸗ tete, es moͤchte zwiſchen ſeinen beiden Bundsge⸗ noſſen zu einem heftigen Wortwechſel kommen. Alle, Sparendam ausgenommen, welcher noch nicht ſo bald von dem Becher ſcheiden wollte, be⸗ folgten den Wink des(Geiſtlichen und verfuͤgten ſich auf ihre Zimmer. Endlich ward auch der Oberſt, berauſcht, von den Dienern zur Ruhe gebracht. Am naͤchſten Morgen waren alle Bewohner des Schloſſes fruͤhzeitig auf den Beinen. Die Nachricht, daß der wilde Abentheurer gefangen 2 — 143— worden ſey, hatte ſich ſchnell verbreitet, und war auch, noch bevor ſie ihr Lager verlaſſen hatte, zum Ohre der armen Dorothee gedrungen. Dieſe Kunde erfuͤllte ihre Seele mit unendlichem Schmerze; ſo lange ihr Geliebter noch auf freien Fuͤßen war, kuͤmmerte ſie ſich wenig um ihre Gefangenſchaft, denn ſie naͤhrte in ihrer Bruſt die Hoffnung, daß ſie nicht auf immer von dem Theuren getrennt bleiben wuͤrde. Der Zorn ihres Vaters— und Eduard Stanley's blutduͤrſtiger Character aber, gaben ihr die furchtbare Verſiche⸗ rung, daß die Gefangennahme des Fremden un⸗ fehlbar ſeinen Tod zur Folge haben wuͤrde. Sie ſchlug ihren Arm um den Hals ihrer Schweſter, mit der ſie das Lager getheilt hatte⸗ und huhaee laut. 3 „Dorothee, theure Schweſter! beruhige ⸗Dich,“ troͤhtete Margarethe,„gieb. Dich doch nicht ſo ganz dem Kummer hin.“ „Ach, gewiß haben ſie ihn ſchon getoͤdtet,“ jammerte die Ungluͤckliche,„und wenn auch nicht, ſie werden ihn morden, ja gewiß, ſie werden - 144— ihn morden.— ndiger Gültzn was ba ich be⸗ ginnen?“ „Beruhige Dich doch nur,“ freaiß Marga⸗ rethe,„und ich gelobe Dir, er ſoll nicht ſterben, wir muͤßten dann alle mit ihm untergehen.— Ich will Thomas Stanley aufſuchen— will ihm die Geſchichte Deiner Liebe offenbaren— er wird es nicht dulden, dasn ein ſo heanvechhan Edel⸗ mann gemordet werde.”“ 1uns „Ich bitte, ich beſchwoͤre Diche Schweſte ſende zu Saint Lo,“ fleh'te Dorothee,„er ſprach mir von Rettung— von Flucht. Ach, ich will ja gerne gefangen bleiben, wird nur der Geliebte befreiet. Suche Gelegenheit mit dem Jaͤger, Wal⸗ ter Needham zu ſprechen. Saint Lo ſagte mir, ich koͤnne mich auf ihn verlaſſen.“— „Ich will Alles, Alles fuͤr Dich thun,“ verſicherte Margarethe,„ich will handeln, ſo als hinge die Gewitterwolke uͤber meinem Haupte.“ „Ja, ja, Du biſt mein Schutzengel,“ rief die Ungluͤckliche,„ohne Dich waͤre ich verloren!— Viel kann ich von Deinem Muthe— von Deiner — e- — 145— Entſchloſſenheit hoffen; aber bedenke Margarethe, nicht den Zorn unſers Vaters allein habe ich zu fuͤrchten, auch die geheimen Anſchlaͤge des verraͤ⸗ theriſchen Eduard Stanley bedrohen das theure Leben.“ „Ich bitte Dich, Schweſter, quaͤle Dich nicht nutzlos mit truͤben Bildern,“ entgegnete Marga⸗ rethe,„Stanley iſt ein Verraͤther— aber er wird es dennoch nicht wagen, Haddons Mauern durch einen Meuchelmord zu beflecken.— Unſer Vater iſt heftig, aber nicht blutduͤrſtig, zum offe⸗ nen Kampfe iſt er ſtets bereit, nimmer aber wird er argliſtig zum Dolche greifen.“ „Der Himmel gebe, daß Du die Wahrheit ſprichſt,“ verſetzte Dorothee,—„ach, Du weißt nicht, welche Gewalt der Boͤſewicht uͤber ihn hat. Hat er ihn nicht ſchon zum Hochverrathe ver⸗ leitet??. 3„So boshaft auch der Stanley ſeyn mag,“ ſprach die muthige Margarethe,„ich bin dennoch im Stande, wie, kann ich Dir jetzt noch nicht III. Band. 10 — 146— ſagen, das Leben Deines Geliebten vor ſeinem Angriffe ſicher zu ſtellen.“ Als ſich noch die Schweſtern ſo mit einan⸗ der beſprachen, trat eine Zofe herein, berichtend, Sir George Vernon haͤtte geboten, daß die bei⸗ den jungen Lady's auf ihrem Zimmer bleiben ſoll⸗ ten, und aus Vorſorge, daß ſeinem Befehle puͤnktlich Folge geleiſtet werde, die aͤußere Thuͤr der Gallerie verſchließen laſſen. Dies war eine neue boͤſe Kunde, denn die Schweſtern waren jetzt nicht nur verhindert, per⸗ ſoͤnlich etwas fuͤr die Befreiung des Gefangenen zu unternehmen, ſondern die getroffene Maßregel bewies auch, daß man etwas Boͤſes, von dem die Schweſtern nicht Zeugen ſeyn ſollten, gegen den Abentheurer vorhabe. „Was iſt jetzt zu thun?“ jammerte Doro⸗ thee, mit verzweiflungsvollen Blicken ihre Troͤſte⸗ rin anſtarrend,„ach, jetzt iſt Alles— Alles verloren!“ „Geduld nur, theure Schweſter,“ beruhigte ſie Margarethe;„unſer Fenſter iſt ſo hoch nicht, wir — 147— koͤnnen zu Thomas Stanley hinabſprechen, wenn er unten im Hofe erſcheint.— Er muß jetzt fuͤr uns handeln, ſeinen Muth ſoll treue Liebe belohnen.— Luzie,“ fuhr ſie dann zur Zofe gewandt, fort,„hole meine Schreibtafel herbei, ich werfe mich unterdeſſen in die Kleider.“ Die Dienerin brachte ſogleich das Verlangte, und Lady Margarethe ſchrieb eilig einige Zeilen an ihren Geliebten; der Brief war nur kurz, und lautete, als ſie ihn ihrer Schweſter vorlas, ſol gendermaßen: „Der Abentheurer iſt gefangen— ſein Leben iſt in Gefahr, und von der Gerechtigkeit ſeiner Feinde iſt nur wenig zu hoffen. Dir vertrauen wir, Dorothee und ich, ſein Wohl an. Er iſt von edler Familie, obgleich er ſich vielleicht nicht zu erkennen geben wird.— Sein Tod, den die Koͤnigin durch eine Euch unbekannte Vermittelung unverzuͤglich erfahren kann, wuͤrde von ihr auf das Furchtbarſte geraͤcht werden, und den Unter⸗ gang eines Jeden herbeifuͤhren, der an der Er⸗ mordung des Unbekannten Theil genommen haͤtte. DSetze Alles daran, ihn zu retten, und bringe mir die Kunde eines gluͤcklichen Erfolgs, ſoll ich Dir je wieder freundlich laͤcheln.“— Sie ſchlug eilig das Blatt zuſammen, und gebot ihrer Zofe ſich an die aͤußere Thuͤr der Galerie hin zu begeben, und dort einen der Die⸗ ner zu erſuchen, den Sir Thomas Stanley in den innern Hof zu ſenden. „Ich fuͤrchte,“ ſeufzte Dorothee,„Sir Tho⸗ mas iſt zu ſanft, zu friedfertig, zu leicht zu taͤuſchen, um es mit ſeinem argliſtigen Bruder aufzunehmen.“ „Da kennſt Du ihn woch. nicht, theure Schweſter,“ verſetzte Margarethe,„er iſt ein achter Stanley, muthig und entſchloſſen, wie je einer ſeines Stammes; nimmer wuͤrde ich ihm ſonſt meine Hand reichen. Wahrlich, ich kenne Niemand, deſſen Schutze ich mich lieber anver⸗ trauen moͤchte.“ So ſprechend eroͤffnete ſie das Fenſter, und gleich darauf zeigte ſich auch der Ritter unter demſelben.„Guten Morgen, theure Margare⸗ — 149— the!“ rief er hinauf,„der Gott des Schlum⸗ mers hat mir heute laͤnger als gewoͤhnlich Dei⸗ nen freundlichen Anblick entzogen.“ „Wir ſind eingeſperrt,“ entgegnete ſeine Ge⸗ liebte,„ich darf nicht lange mit Dir reden,— lies dieſe Zeilen,— geh' einigemale im Garten auf und ab, und kehre zuruͤck, wenn Dich Nie⸗ mand bemerkt hat.“ Bei dieſen Worten warf ſie das Billet hin⸗ ab, welches der Ritter aufhob und zu ſich ſteckte; dann verſchloß ſie das Fenſter, Sir Thomas Stanley aber begab ſich in den Garten.— „Glaubſt Du, er werde uns Beiſtand lei⸗ ſten?“ fragte die furchtſame Dorothee.. „Zweifle nicht daran,“ ſprach ihre Schwe⸗ ſter,„komm, beruhige Dich.— Laſſ' nur erſt den heutigen Tag voruͤber ſeyn, morgen langt der Graf von Derby auf Haddon an; er wird nicht zugeben, daß Dir und Deinem Geliebten unrecht geſchieht. 44. t 95 „Auf ihn baue auch ich— er wird den hier herrſchenden Geiſt der Empoͤrung daͤm⸗ — 150— pfen, und ſeinen heuchleriſchen Sohn entlarven. Wollte Gott, der heutige Tag waͤre nur erſt vor⸗ uͤber.“— Ein Steinchen an das Fenſter geworfen, verkuͤndete die Zuruͤckkunft des Ritters, und un⸗ geduldig oͤffnete Margarethe den Laden.„Haſt Du meine Zeilen geleſen?“ ſprach ſie. „Ich las ſie, und freue mich Deines Ver⸗ trauens,“ entgegnete ihr Geliebter⸗„Du ſollſt mein Antlitz nicht wieder ſchauen, ſo lange Dein Schuͤtzling in Gefahr ſchwebt. Fuͤr ſeine Sicher⸗ heit verbuͤrge ich meine Ehre, wenigſtens ſo lange, als mein Arm noch eine Waffe zu ſchwin⸗ gen vermag.“ „Wo haͤlt man ihn ufanene fragte Margarethe. „In dem Thurme,“ antwortete Sir Tho⸗ mas,„bald aber wird man ihn zum Verhoͤre hinab in die Halle fuͤhren.“ „Waͤre es nicht rathſam, dem Saint Lo Botſchaft zu ſenden? er kennt ihn genau.“ „Nein, theure Margarethe,“ antwortete der V — 151— Rittter;„mein Bruder wuͤrde dann den Aben⸗ theurer als einen Spaͤher betrachten, und ſeinem Aufenthalte hier im Walde einen politiſchen Zweck unterſchieben. So lange uns noch andere Mittel bleiben, wollen wir Saint Lo aus dem Spiele laſſen.— Doch, ſage mir, wer iſt der Fremde? Darf ich ſeinen Namen nicht wiſſen?“ „Ich kann es Dir nicht ſagen,“ entgeg⸗ nete Margarethe,„ich und Dorothee haben uns durch ein heiliges Geluͤbde verbunden, ſeinen Na⸗ men geheim zu halten, bis er ſelbſt es uns ge⸗ ſtatten wird, ihn zu offenbaren.— Er iſt von edler Abkunft— Verſchiedenheit des Glaubens aber und Familienfehden, treten der Verbindung ſeines Hauſes mit dem unſrigen hemmend entge⸗ 3 gen.— Willſt Du aber unſer Haus vom Un⸗ tergange retten, bewahre den Fremden vor der ihm drohenden Gefahr.“ „Er ſoll meinem Herzen theuer ſeyn, ſo, als waͤre er mein eigener Bruder,“ erwiederte Stanley. „Fort, in die Halle!“ rief Margarethe, „fort, jeder Verzug bringt Gefahr, kehre bald mit froher Kunde zuruͤck.“ „Mit froher Kunde, oder nie,“ antwortete der Ritter. Darauf kuͤßte er der Geliebten Brief, den er noch immer in der Hand hielt, und ra⸗ ſchen Schrittes begab er ſich in die Halle. 12. Als Sir Thomas Stanley in die Halle trat, fand er dort den Schloßherrn in der Mitte ſei⸗ ner Freunde und Diener, ihm zunaͤchſt aber be⸗ fanden ſich Eduard Stanley, Oberſt Sparendam, der Jeſuit, Sir Simon Deyge und der Hausarzt, Doctor Probus. Viele von den Anweſenden wa⸗ ren vom Sir George Vernon herbeſchieden wor⸗ den, Andere hatten ſich aus Neugierde eingefun⸗ den. Als Sir Thomas Stanley eintrat, war der Schloßherr ſo eben bemuͤht der Verſammlung die Gruͤnde auseinander zu ſetzen, welche ihn be⸗ woͤgen, den Abentheurer zum Tode zu verurtheilen, „Hat der Bube ſich nicht auf das Schaͤnd⸗ lichſte an mir vergangen?“ fragte er mit großer Heftigkeit.„Hat er nicht wie ein Raͤuber auf meinem Grunde und Boden gehauſet? Hat er — 154— nicht an meiner Ehre gefrevelt? Ihr werdet ſagen, man koͤnne ihn nach den Jagdgeſetzen beſtrafen. Das kann ich nicht. Dieſer Wilddieb iſt, wie man ſagt, von edler Abkunft, wie ein Aal wuͤrde er den Gerichten durch die Finger ſchluͤpfen.— Ja, theure Freunde, der Elende, der die Ehre meines Hauſes angetaſtet hat, wuͤrde meiner Rache entgehen, und meines Zorns lachen.“ Ein Gemurmel des Beifalls, von Eduard Stanley begonnen, wogte durch die Halle. „Ich ſehe,“ fuhr der Ritter von Haddon fort,„Ihr liebt mein Haus zu ſehr, um zu wuͤnſchen, daß ich die mir wiederfahrnen Beleidi⸗ gungen geduldig ertragen moͤchte.— Da nun die Geſetze mir nicht Genugthuung verſchaffen koͤnnen, weshalb ſoll ich nicht— da ich die Mit⸗ tel dazu in Haͤnden habe— ſelbſt Rache nehmen an meinem Feinde?“ Der Ritter ſchwieg neuerdings und drüͤckte ſich den Hut tief bis uͤber die Augenbraunen hin⸗ ab in das Geſicht. Seine Augen flammten, und ſeine Hand faßte nach dem Griffe ſeines Dolches, gleichſam als wolle er zu erkennen geben, daß er feſt entſchloſſen ſey, den Abentheurer dem Tode zu weihen. Das Gemuͤth ſeiner Diener, welches, durch den von Eduard Stanley an dem ungluͤck⸗ lichen Fanatiker veruͤbten Mord, erſchuͤttert wor⸗ den war, verhaͤrtete augenblicklich bei der zornigen Rede des Gebieters, und gleich lhm⸗ ſchienen ſie nach Rache zu duͤrſten. „Verdiente der Verraͤther nicht den Tod, 44 nahm nach einer Weile der Schloßherr wieder das Wort,„ich wuͤrde ihm um keine Schaͤtze der Welt das Leben nehmen; aber Ihr wißt ja, wie er Urſache ward, daß ſchuldloſes Blut vergoſſen wurdez ſeit der Teufel hier im Walde hauſ't, iſt nichts als Unheil geſchehen. Er hat gefrevelt, getrotzt, und ſoll jetzt die Strafe dafuͤr empfan⸗ gen.— Schafft ihn hieher.“ 4 n „Ja, ja,“ ſprach Sir Simon Deygeur mit gewichtiger Miene, denn er erinnerte ſich ſeines Amtes als Friedensrichter;„bringt ihn hieher— er moͤge ſich verantworten, wenn er es kann.— Zufolge der Magna Charta hat jeder freie Mann 4 — 1656— das Recht ſich zu vertheidigen— Abllus liber homo.— „Ruhig!“ gtbot Eduard Stanley, indem er mit dem Ellenbogen dem Redner in die Seite ſtieß,—„bewahrt Euer albernes Geſchwaͤtz fuͤr eine ſchicklichere Gelegenheit auf.“ „Ihr haͤttet eben nicht noͤthig, Eure Worte mit ſolchen Gebaͤrden zu begleiten,“ entgegnete Sie Simon Deyge, ſich die Seite reibend,„ich meine nur, daß doch Recht und Billigkeit—“ „Schweigt,“ unterbrach ihn Stanley,„der Bube hat ſich an dem Ritter von Haddon ver⸗ gangen, und dieſer wird ihn dafuͤr ohne weiters aufhaͤngen laſſen.“ „Was, ohne weiters? ohne geſeglüches Ver⸗ hoͤr?“ fragte der Friedensrichter erſchrocken.„Da⸗ gegen muß ich denſiin, das hieße ja einen Mord begehen.“—ere 2. „Zuͤgelt Eure unnüͤtze Zungele donnerte ihm der Wuͤthrich in die Ohren, noder dich ſchnuͤre Euch die Kehle zu.“ „Ich will nicht ſchweigen,“ rief Sir Simon — 157— Deyge, von Amtseifer beſeelt, und zum Schloß⸗ herrn gewandt, fuhr er fort,„Sir George Ver⸗ non, ſo wahr Ihr ein ehrenwerther Ritter ſeyd, hoͤrt mich an.“ 1 „Nun, was giebt's denn?⸗ fragte der Rit⸗ ter von Haddon.*2 „Sagt, ſagt, wollt Ihr den Fremden ohne geſetzliches Verhoͤr verurtheilen?“— „Ja!“ antwortete Sir George Vernon. „Ihr werdet nicht— gewiß, Ihr werdet nicht,“ verſetzte der Friedensrichter; Ihr wuͤrdet ſonſt einen Mord veruͤben und die Strafe eines Moͤrders auf Euch laden.“ „Verflucht ſey Euer Geſchwaͤtz— verflucht ſey Eure vermaledeiete Zunge,“ ſchalt Eduard Stanley. „Verwuͤnſcht die Eure, daß ſie mich hindert zum Frieden zu reden,“ entgegnete Sir Simon Deyge, welcher glaubte, er habe in ſo großer Ge⸗ ſellſchaft nichts von dem wilden Krieger zu fuͤrch⸗ ten;„ich ſage Euch, eine ſolche Gewaltthaͤtigkeit wuͤrde Schmach und Schande uͤber dieſes Haus bringen.— Ha! da kommt der Angeklagte.“ Von mehrern Dienern des Schloßherrn um⸗. geben, trat jetzt der Fremde wirklich in die Halle, und ſo wie er erſchien, draͤngte ſich Sir Thomas Stanley durch die Menge, und ſtellte ſich dicht neben ſeinen zukuͤnftigen Schwiegervater. Sir George Vernon warf einen zornigen, unheilver⸗ kuͤndenden Blick auf das regelmaͤßig ſchoͤne Ge⸗ ſicht des Unbekannten, welcher furchtlos die Ver⸗ ſammlung muſterte. Muthig und ruhig, wie Mutius Scaevola vor dem Tyrannen, ſtand er da, vor dem Koͤnige vom Gebirge; dabei aber lag durchaus nichts Freches in ſeinem Benehmen, und er ſchien mehr geneigt, den Schloßherrn zu ver⸗ ſoͤhnen, als ihn zu noch groͤßerem Zorne zu rei⸗ zen. Alle Anweſenden draͤngten ſich ſo nahe, als ſie nur konnten, an ihn, denn ſie waren begierig, den Mann, der ſich in Haddon⸗Park ſo furcht⸗ bar gemacht hatte, ſo recht in der Naͤhe zu ſchauen; und als er nun mit entbloͤßtem Haupte, dem Sir George gegenuͤber, ſeinen Platz nahm, 4 -— 459— rann, bei dem Anblicke ſeiner anmuthsvollen Zuͤge, ein Gefluͤſter der Bewunderung durch die Ver⸗ ſammlung. Selbſt der Blick des Schloßherrn ſchien milder zu werden, als er in das edle Ant⸗ litz ſeines Feindes ſah. Sir Thomas Stanley aber ward der Freund des Unbekannten, noch be⸗ vor auch nur ein einziges Wort uͤber ſeine Lippen gekommen war. „Ein ganz ordentliches Geſicht,“ fluͤſterte Sir Simon Deyge dem Jeſuiten zu, welcher den Abentheurer nicht ohne Theilnahme betrachtete. „Iſt der Gefangene denn auch gehoͤrig ent⸗ waffnet?“ fragte der Hausarzt, welcher ſich durch Strenge gegen den Angeklagten, bei ſeinem Ge⸗ bieter beliebt zu machen hoffte.„Ich glaube einen Dolch unter ſeinem Wammſe zu bemerken.“ „Durchſucht ihn,“ gebot der Schloßherr, „nicht etwa, daß wir ihn fuͤrchteten, aber ein Verbrecher darf keine Waffen tragen.“ „Verbrecher!“ wiederholte der Fremde, und die Glut des Zorns faͤrbte ſeine Wangen.„Ihr ſeyd ein alter Mann, Sir George Vernon, auch — 160— habe ich Gruͤnde, es an Ehrfurcht gegen Euch nicht fehlen zu laſſen, ſonſt, bei meiner Ehre—“ „Bei Eurer Ehre?“ unterbrach ihn Eduard Stanley, mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln,„eine herrliche Buͤrgſchaft, gewiß, die Ehre eines Die⸗ bes— eines Vagabonden!“ 4 „Halt ein, Bruder!“ fluͤſterte jetzt Thomas Stanley dem jungen Krieger zu,„ſolche Schmaͤ⸗ hungen ſind weder Deines Muths noch Deines Stamms wuͤrdig.“ „Biſt Du auch da?“ hohnlachte der Empoͤ⸗ rer,„Sir George vergaß, Dich mit den Weibern einzuſchließen. Fort mit Dir!“ „Du vergißt, zu wem Du ſprichſt,“ ver⸗ ſetzte Sir Thomas Stanley. „Keineswegs, ich kenne Dich recht gut,“ entgegnete der junge Krieger,„Du biſt ein wei⸗ biſcher Schwaͤtzer, alſo fort mit Dir!“ Er ſprach dieſe letzten Worte in einem ſo heftigen Tone, daß ſein Bruder einige Augenblicke lang vor Erſtaunen ſtumm daſtand. „Ob Du gleich mein Bruder biſt,“ ſprach 2 * — 161— er endlich, mit einem tiefen Seufzer,„fuͤr dieſe Beleidigung ſollſt Du mir Rechenſchaft geben.“ „Sobald es Dir gefaͤllt!“ rief Eduard Stan⸗ ley,„haͤtte ich nicht geglaubt, der Anblick eines bloßen Schwertes mache Dich ohnmaͤchtig, laͤngſt ſchon haͤtteſt Du die Schaͤrfe meines Stahls fuͤh⸗ len ſollen.— Fort mit Dir alſo! Denn wagſt Du es, dem Elenden das Wort zu reden, ſollſt Du Deine Kuͤhnheit mit Deinem Blute bezahlen.“ „Du wirſt ſehen, was ich thun werde,“ ent⸗ gegnete Sir Thomas gelaſſen. Waͤhrend dieſes feindſelige Geſpraͤch zuſſch den beiden Bruͤdern ſtatt fand, hatte man dem Abentheurer Dolch und Mantel abgenommen, wel⸗ ches er ruhig geſchehen ließ. Sir George Ver⸗ non gebot jetzt Schweigen, und rief:„ ſoll Dir Recht wiederfahren, muß ich Dich an den naͤch⸗ ſten Baum aufknuͤpfen laſſen, denn Du wardſt bei dem Verbrechen ertappt; ich ſelbſt ſah und hoͤrte Dich einen Frevel begehen, der allein ſcchon hinreicht, Dein Leben zu verwuͤrken. Nun, hoͤrſt Du nicht?“ III. Band. 11 *. —* — 162— „Ich hoͤre, Herr Ritter!“ antwortete der Fremde. „Was kannſt Du zu Deiner Vertheidigung ſagen?“ fuhr der Schloßherr fort,„welche Ent⸗ ſchuldigung hervorbringen, daß Du mein Haus beſchimpft, meine Ehre befleckt haſt?“ „Ich habe weder das Eine noch das Andere gethan,“ antwortete der Unbekannte.„Daß ich Eure Tochter liebe, werde ich nie laͤugnen, und wenn mir auch dies Geſtaͤndniß den Tod braͤchte. Die Ehre Eures Hauſes aber iſt mir heilig, wie mein eigenes Leben; waͤre jene nicht unbefleckt, ich haͤtte mich nie um die Liebe Eurer Tochter be⸗ muͤh't.“ „Und wer biſt denn Du, der Du meinſt, Deine Liebſchaft mit meiner Tochter koͤnne mei⸗ nem Hauſe keine Schande bringen?“ Der Fremde ſchwieg. „So wahr ich lebe,“ nahm der Ritter von Haddon wieder das Wort,„Du biſt ein luͤgen⸗ hafter Schwaͤtzer. Soll ich in Dir nicht laͤnger einen Betruͤger, einen Landſtreicher ſehen,— iſt — 163— Dir Dein Leben lieb, erklaͤre offen, wer und was Du biſt.“ Hier hielt der Schloßherr inne, der Unbe⸗ kannte aber gab noch immer keine Antwort. „Was!“ tobte Sir George Vernon,„auch nicht einmal eine Luͤge in Bereitſchaft?“ „Eine Luͤge?“ wiederholte der Fremde mit großer Heftigkeit, die Hand aber auf ſeine Bruſt legend, fuhr er ruhiger fort:„Bei dem ewigen Gotte! ich verdiene die Schmaͤhhungen nicht, mit denen Ihr mich uͤberhaͤuft, was aber und wer ich bin, will ich hier keinem offenbaren, wer aber von denen die hier zugegen ſind, behauptet, ich ſtaͤnde unter ihm— der iſt ein Luͤgner!“ „Ueber uns ſollſt Du haͤngen,“ donnerte der Schloßherr, durch die trotzigen Worte des Fremden zum hoͤchſteu Zorne getrieben,„dann kannſt Du Deine Luͤgen hinaus in den Wind pfeifen.— Heran, Knechte! bemaͤchtigt Euch ſeiner.“ „Bleibt fern von mir,“ gebot der Unbe⸗ kannte, die Diener des Ritters von Haddon mit — 164— einem ſo ſtolzen Blicke meſſend, daß ſie ehrfurchts⸗ voll zuruͤckwichen. „Ergreift ihn!“ ſchrie Sir George Vernon, „ergreift ihn, und haͤngt ihn an einen Baum, dem Fenſter gegenuͤber, vor dem er es wagte, meine Tochter zu beſchwatzen.“ „Ha, bei meiner Ehre! wer es wagt Hand an mich zu legen, iſt des Todes!“ rief der Frem⸗ de, indem er mit der Staͤrke eines Loͤwen, die Knechte, die ihn erfaſſen wollten, von ſich ab⸗ wehrte, und eilig auf den neben ihm ſtehenden Sir Simon Deyge zuſtuͤrzend, dieſem das Schwert von der Seite riß:„Heran, wer Luſt hat die Staͤrke meines Arms kennen zu lernen!“ „Gnade! Gnade!“ ſchrie der Ritter aus Derbyſhire, welcher ſich ſchon mit ſeinem eigenen Degen durchbohrt glaubte;„Barmherzigkeit, Herr Abentheurer— ich gehoͤre ja nicht zu Euren Feinden.“ „Heran nur, wer ſeines Lebens uͤberdruͤſſig,“ fuhr der Fremde fort, ſeinen Hut tief in das Ge⸗ ſicht druͤckend und die Waffe ſchwingend. = 165— Alles ſtand beſtuͤrzt da, bei dem Anblicke des Zornentflammten, nur Eduard Stanley nicht. Kaltbluͤtig zog er ſein Piſtol hervor, und zielts damit nach der Bruſt des Fremden; noch bevor er aber die todbringende Kugel verſenden konnte, hatte Sir Thomas Stanley ſeinen Arm gefaßt. „Nicht ſo raſch, Bruder!“ rief er,„ich buͤrge fuͤr ihn, er iſt von edler Abkunft.“ „Thomas Stanley,“ nahm der Schloßherr das Wort,„vor kurzem noch war Euch der Bube unbekannt, wie koͤnnt Ihr ſeitdem genauere Kunde aͤber ihn erhalten haben?“ „Ich habe ſie erhalten,“ entgegnete der Ge⸗ liebte Margarethens,„ich verpfaͤnde Euch mein ritterliches Wort, daß er von edler Geburt iſt, und aus einer Familie ſtammt, die blurige Rache uͤber ſeinen Moͤrder bringen wuͤrde.“ 2 „So komme ſie uͤber mich!“ ſchrie der junge Krieger, bemuͤht, ſich von ſeinem Bruder loszu⸗ winden,„er ſoll ſterben!“ „Er ſoll nicht ſterben! er iſt werth um die Hand der Lady Dorothee Vernon zu werben!“ rief Sir Thomas Stanley, und alle ſeine Kraͤfte zuſammennehmend, entwand er ſeinem Bruder das Feuergewehr, und mit dem Piſtol in der Hand ſeinen Platz vor dem Fremden nehmend, fuhr er entſchloſſen fort:„ich habe gelobt, das Leben dieſes Mannes zu beſchuͤtzen; den erſten, der es wagt Hand an ihn zu legen, ſchieße ich nieder.“ „Ha, Verraͤther!“ tobte Eduard Stanley, und ſein Schwert flog aus der Scheide. „Zuruͤck!“ gebot der Beſchuͤtzer des Frem⸗ den,„zuruͤck— Du biſt mein Bruder, trittſt Du aber auch nur einen einzigen Schritt naͤher, ſtrecke ich Dich todt zu Boden,— und wahrlich, Du biſt nicht vorbereitet, vor dem ewigen Richter zu treten.“ „Ruhig!“ gebot der Schloßherr,„ſprecht, Thomas Stanley, welche Beweiſe habt Ihr, daß der Fremde von edler Geburt ſey; wer iſt er?“— „Ich kann nicht verrathen, was ich nicht weiß,“ entgegnete der Befragte,„ich ſah ihn — 167— nie zuvor, und kenne ſeinen Namen eben ſo we⸗ nig als Ihr.“ „Wie?“ nahm Sir George Vernon wieder das Wort,„und dennoch behauptet Ihr, er ſey von edler Geburt?“ „So iſt es,“ verſicherte Margarethens Ge⸗ liebter,„Jemand, der keiner Luͤge faͤhig iſt, hat mir dieſe Kunde gegeben.“ „Sein Herzliebchen vielleicht?“ fragte Eduard Stanley, mit einem boshaften Laͤcheln. „Lady Dorothee war es nicht, welche mir dieſe Zuſicherung gab, haͤtte gleich ihr Wort hin⸗ gereicht, mich zu uͤberzeugen,“ verſetzte Thomas Stanley.„Euch, Sir George, bitte ich, jedes Verfahren gegen den Fremden bis zur Ankunft des Grafen von Derby einzuſtellen, er wird ja heute oder morgen eintreffen. Sendet ihn zuruͤck in ſein Gefaͤngniß, gebt Euer Ehrenwort, daß ihm dort kein Leides zugefuͤgt werde; er moͤge dann ſein Urtheil erwarten.“. „Ich muß mehr von ihm wiſſen,“ rief der Schloßherr, den Unbekannten mit forſchenden — 168— Blicken betrachtend.——„Wenn Ihr wirklich aus edler Familie ſtammt, weshalb kamt Ihr nicht offen und grade, wie es einem Cavalier ge⸗ ziemt, um die Hand meiner Tochter zu werben? Warum ſchleichet Ihr Euch insgeheim unter ihr Fenſter, wenn Ihr ehrenwerthe Abſichten hattet?“ un„Aus einem Grunde den Ihr kennt,“ ent⸗ gegnete der Fremde,—„den Ihr mich, in mei⸗ ner letzten Unterredung mit Eurer Tochter, aus⸗ ſprechen hoͤttet— die Verſchiedenheit unſers Glau⸗ bens noͤthigte mich ſo zu handeln.“— „ Ja, ich weiß— Ihr ſeyd alſo ein Ketzer?“ fragte Sir George Vernon. 66„Ein Ketzer und ein Spion, oder ich will nicht Stanley heißen,“ bemerkte der junge Krieger. Mir ſcheint es, als haäͤtte ich dieſe Zuͤge ſchon fruͤher geſehen,“ ſprach der Hausarzt, das Antlitz des Fremden genauer betrachtend. „Seyd Ihr unſerer Koͤnigin ergeben?“ forſchte der Schloßherr. „Ich bin ihr getreuer Unterthan,“ antwor⸗ tete der Unbekannte. — — 169— „Ich wette, Ihr wißt, daß mehrere von uns ihr nicht heben fidee 3 fühee Sir George Fente sflihr „Das weiß ich,“ etgegnete der Fremde. 3 eund auf freien Fuß geſtall, wuͤrdet Ihr uns verrathen?“— „Euer Benehmen gegen mich iſt allerdings nicht geeignet, mich zu Ruͤckſichten zu bewegen,“ verſetzte der Abentheurer.„Aber ich bin kein Verraͤther— auch ſeyd Ihr der Vater derjeni⸗ gen, der allein mein Herz gehoͤrt; und ſo ſeyd Ihr vor meiner Rache ſicher.“ „Das heißt kuͤhn und edel geſprochen,“I ent⸗ gegnete der Schloßherr, dem das muthige Be⸗ nehmen des jungen Mannes gar ſehr gefiel, und welcher befuͤrchten mochte, daß ſeine laͤngere An⸗ weſenheit auf dem Schloſſe Anlaß zu Streitigkei⸗ ten zwiſchen den beiden Bruͤdern geben koͤnne;— „Eure Offenheit verſchafft Euch Eure Freiheit.— Geht, Herr Abentheurer, wohin es Euch be⸗ liebt— meine Ehre iſt gereinigt, denn ich hatte ja Euer Leben in meiner Hand.— Bis Ihr — 170— Haddon⸗Park verlaſſen haben werdet, ſeyd Ihr in meinem Schutze.“ „Wie, Ihr wollt ihn in greiheit ſetzen, jetzt, jetzt auf der Stelle?“ fragte Eduard Stanley. „Er iſt frei,—— ich gab mein Wort,“ ver⸗ ſetzte der Schloßherr. 14 „Bedenkt, was Ihr thut, Ihr handelt zu raſch,“ warnte der junge Krieger. „Mag ſeyn, aber ich gab mein Wort, und ſo moͤge er ziehen,“ entgegnete der Schloßherr. „Ihr habt recht gethan, mein edler Vater!“ rief Thomas Stanley. „Ihr habt gehandelt, ſo daß ein Fuedens⸗ richter damit zufrieden ſeyn kann,“ fuͤgte Sir Simon Deyge hinzu. „Staͤrkt Euch durch Speiſe und Trank,“ nahm jetzt Sir George Vernon, zu dem Frem⸗ den gewandt, wieder das Wort,—„dann aber fort mit Euch, einige meiner Leute ſollen Euch bis Bakewell geleiten.“— Der Abentheurer verbeugte ſich und verließ — 171— die Halle, nachdem man ihm Mantel und Waf⸗ fen gereicht hatte; als er uͤber den Hof ſchritt, und hinauf zu dem Fenſter blickte, an dem die beiden Schweſtern ſtanden, warf er ihnen einen Handkuß zu, Lady Margarethe ſtieß bei ſeinem Anblicke einen lauten Jubelruf aus, Dorothee aber ſank, als ſie ihren Geliebten auf freien Fuͤßen gewahrte, vor Freude ohnmaͤchtig in die Arme ihrer Schweſter. 13. Eduard Stanley gluͤh'te vor Zorn, Fuͤber die Freilaſſung ſeines Rebenbuhlers, und kaum hatte ſich dieſer entfernt, als auch ſchon der junge Krieger mit wuthflammenden Blicken der Thuͤr zuſtuͤrzte. „Wohin, Eduard Stanley?“ fragte Sir George Vernon.. „Mein Blut kocht, ich will ein wenig hin⸗ aus in den Park, mich abzukuͤhlen,“ antwortete der Empoͤrer. „Gebt mir,“ ſprach der Schlosherrn„zuvor Euer Wort, Eure Waffe nicht mit der des Man⸗ nes zu meſſen, der uns ſo eben verlaſſen hat.“ „Und weshalb ſollte ich das nicht?“ fragte Stanley in einem uͤbermuͤthigen Tone,„waret Ihr ſchwach genug, ihm die Eurem Hauſe zuge⸗ — 173— fuͤgte Beleidigung zu verzeihen, will ich wenig⸗ ſtens Rache, fuͤr die Kraͤnkung, die er der Ehre meiner Gemahlin angethan.“ „Eurer Gemahlin!“ wiederholte Sir Georg Vernon erzuͤrnt;„bis jetzt iſt ſie noch meine Tochter, und nicht Eure Gattin. Auch wird ſie es nimmer, bevor Ihr hoͤflichere Rede zu fuͤhren gelernt haben werdet.“ 1 3. 1 „Gabt Ihr mir nicht Euer Bns tobte der junge Krieger,“ Sparendam und Ihr, Graf du Prat, waret Ihr nicht Zeugen?— Wortlos wollt Ihr handeln! da ſeyd Ihr ehrlos.“ 1„Fort, Knabe! oder Du reizeſt mich zum Zorn,“ warnte der Schloßherr. „Ihr ſollt mich hoͤren!“ wuͤthete Eduard Stanley;„Ihr ſollt mir Antwort geben. Wes⸗ halb habt Ihr meinen Todfeind freigelaſſen?“ „Ihr habt kein Recht danach zu fragen,“ rief Sir George Vernon;„er war nicht Euer Gefangener, Ihr waret der ſeine, als er in meine Haͤnde fiel.“ „Weshalb aber,“ fuhr Eduard Stanley im — 474— hoͤchſten Zorne fort,„weshalb haltet Ihr mich hier zuruͤck, jetzt da ich Rache an dem Buben zu nehmen hinaus wollte.“ „Ihr koͤnnt ein andermal von ihm Genug⸗ thuung fordern,“ verſetzte der Ritter von Haddon, „ſo lange er ſich auf meinem Gebiete befindet, iſt er in meinem Schutze, Euer Bruder hat ſich fuͤr ihn verbuͤrgt, er ſtammt aus edler Familie— und ſo wird er Euch den Zweikampf nicht ver⸗ weigern.“ „Er, aus edler Familie!“ wiederholte der junge Krieger, hoͤhniſch auflachend.—„Hallo, Ridgway!“ „Was habt Ihr vor?“ fragte der Schloß⸗ herr. „Cameraden!“ fuhr Eduard Stanley, ohne auf die Worte des Sir George zu achten, zu dem Oberſten und dem Jeſuiten gewandt, fort,„an dieſer Kuͤſte ſind unſere Hoffnungen neuerdings geſtrandet, wir muͤſſen unſer Gluͤck anderswo ver⸗ ſuchen.— Ich gehe nach Lancaſhire, ſagt, wollt Ihr mit?“ — 175— „Tollkopf!“ rief der Schloßherr beguͤtigend; denn, trotz des ſo eben ſtatt gehabten Wortwech⸗ ſels, war er dem jungen Soldaten doch von Herzen zugethan.„Tollkopf! Ihr werdet doch nicht fort wollen?“ „Und weshalb ſollte ich bleiben?“ fragte Eduard Stanley,„etwa um mit anzuſchauen, wie meine Braut das Weib eines Andern wuͤrde?“ „Ei, Thorheit, Du weißt ja Eduard wie das gemeint iſt,“ verſetzte Sir George,„Du haſt ja mein Wort.— Kommt, ſchickt Euch zur Hochzeit an,— aller Streit ſey geendet— Jedermann ſey froͤhlich und guter Dinge.— Da hier, Thomas Stanley, i*ſt der Schluͤſſel zu dem Zimmer Deiner Braut, gieb den beiden Maͤdchen ihre Freiheit wieder.“ „Ich erfuͤlle Euren Befehl mit tauſend Freu⸗ den,“ entgegnete Sir Thomas Stanley, und den ihm dargebotenen Schluͤſſel begierig erfaſſend, flog er damit zu dem Gemache ſeiner Geliebten. 1 „Bereitet Euch, den Grafen von Derby zu empfangen,“ ſprach der Schloßherr zu den Uebri⸗ — 176— gen gewandt,„ich erwarte ihn mit jeder Stunde, auch wird er eine froͤhliche Geſellſchaft mitbrin⸗ gen, ſie ſollen uns heiter und in guter Laune finden.“ Waͤhrend er noch ſo ſprach, verkuͤndete ein lautes Pochen an der Schloßpforte die Ankunft der erwarteten Gaͤſte; und von allen Anweſenden begleitet, eilte der Schloßherr unverzuͤglich hinaus den Ankoͤmmlingen entgegen. Fuͤr jetzt aber war es noch nicht der Graf von Derby, dem man das Thor geoͤffnet hatte, ſondern Lady Cavendiſh, welche von mehrern Dienern begleitet in den Schloßhof eineitt. Sir George Vernon half ihr aus dem Sattel; die Lady dankte ihm dafuͤr, mit der ihr eigenen Anmuth, dann aber bat ſie ihn und die uͤbrige Geſellſchaft um Verzeihung, ſie jetzt verlaſſen zu muͤſſen, und begab ſich ſo⸗ gleich nach dem Zimmer der Lady Margarethe. Kaum hatte ſie ſich entfernt, als auch ſchon der Graf von Derby mit ſeinem Gefolge anlangte. „Er wird uns erkennen,“ fluͤſterte Sparen⸗ dam dem Eduard Stanley zu. — 177— „Seyd unbeſorgt,“ entgegnete dieſer,„ich ſelbſt haͤtte Euch und Euren Gefaͤhrten in Eurer Verkleidung kaum wieder erkannt; auch hat er Euch beide ja nur ein einziges Mal geſehen.“ Der Graf von Derby war von ſeiner Ge⸗ mahlin, ſeinen Toͤchtern und vielen Nittern und Edlen begleitet, unter welchen Letztern ſich vor⸗ zuͤglich die Lords Morley unde Dudley auszeichne⸗ ten; mehr als hundert Diener folgten. Am Schloßthore ward der Zug von dem Rit⸗ ter von enddon mit eeßee Hoͤllichkeit bewill⸗ kommt.. „Kommt jetzt,“ ſorath Eduard, zu dem Oberſten und dem Jeſuiten gewandt,„ich will Euch meinem Vater vorſtellen. In dem Getuͤm⸗ mel das rund um ihn herrſcht, wird er Euch um ſo weniger wieder erkennen.“ 2 31f So ſprechend, eilte auch er den Ankoͤmm⸗ lingen entgegen.„Ha, willkommen Morley, Dudley, Knivet, Jermin,“ rief er, allen trau⸗ lich die Haͤnde ſchuͤttelnd;„herzlich willkommen, mein Vater!“”“ n9 33. 22 III. Band. 12 — 178— „Sey gegruͤßt, Eduard,“ ſprach der Graf von Derby;„nun, ich hoͤre, Du Zugvogel biſt endlich gefangen.— Die Kunde machte mir Freude.“. „Erlaubt mir, mein Vater,“ nahm der junge Krieger wieder das Wort,„Euch dieſe Gaͤſte des Schloßherrn vorzuſtellen.— Oberſt Sparendam, ein tapferer Soldat.— Der Herr Graf du Prat.“— Der Graf von Derby zog ſeinen Hut; eine Hoͤflichkeitsbezeugung, welche von dem Deutſchen und dem Jeſuiten mit großer Ehrerbietung erwie⸗ dert wurde.— Sir George fuͤhrte nun den Grafen von Derby und ſein Gefolge in die Halle, und ſo verging der ganze noch uͤbrige Theil des Tages mit Bewillkommung der zahlreichen, unaufhoͤrlich herzuſtroͤmenden Gaͤſte. Die Ritter zechten, die Damen beſchaͤftigten ſich die Brautanzuͤge zu ord⸗ nen, kurz alles war froͤhlich und guter Dinge; nur Lady Dorothee nicht, die, wenn gleich von der Beſorgniß fuͤr das Leben ihres Geliebten be⸗ — 470— freiet, dennoch der beruhigenden Troſtworte der Lady Cavendiſh ungeachtet, in großer Angſt ſchwebte, welche aufs hoͤchſte ſtieg, als mit Ein⸗ bruch der Nacht ihre muͤtterliche Freundin von ihr ſcheiden wollte. Sie warf ſich an die Bruſt der Lady Cavendiſh, ſchluchzte laut, und konnte nur durch das Verſprechen derſelben, fruͤh am naͤchſten Morgen wieder erſcheinen zu wollen, eini⸗ germaßen beruhigt werden. Waͤhrend dieſer ſchwermuͤthige Auftritt in dem Zimmer der Lady Margarethe ſtatt fand, war die Halle ein Schauplatz laͤrmender Freude. Die zahlreichen Verwandten und Freunde der bei⸗ den Haͤuſer, Stanley und Vernon ſaßen rund um die Tiſche gereihet, jubelnd und zechend, waͤh⸗ rend den Dienern und Knechten innerhalb des Schloßhofes, allen Bewohnern der Umgegend aber außerhalb der Pforte, Speiſe und Trank im großen Ueberfluſſe geſpendet ward; denn der Sitte jener Zeit zufolge, ward der Vorabend eines feierlichen Tages mit faſt noch groͤßerem Jubel, als der Feſttag ſelbſt begangen. Auf allen Anhoͤhen wa⸗ -— 480— ten Feuer angezuͤndet, und laut vekkuͤndete die all⸗ gemein herrſchende Freude, daß der Koͤnig vom Gebirge heute Jedermann bewirthe. Die Gaſtfrei⸗ heit des Schloßherrn ward indeß von keinem ſei⸗ ner Gaͤſte mehr in Anſpruch genommen, als von Gilbert und Anack Onshaw, welche auf Befehl des Sir George Vernon wieder in Freiheit geſetzt worden waren, waͤhrend die Schweſter des Jeſui⸗ ten, die kranke Conſtanze, im Schloſſe verpflegt wurde. Lady Margarethe hatte ſich erboten, die niedliche Roſa in ihre Dienſte zu anehmen; dieſe aber hatte das Anerbieten abgelehnt, weil ihre alte Mutter ihrer Pflege beduͤrfe. 870 Der Einbruch der Nacht machte keineswegs dem Jubel; welcher draußen wogte, ein Ende; es ward geſungen, geſchmauſt und gezecht, bis der Mond hoch am Himmel ſtand, wo dann endlich der trunkene Haufe unter den dichellandten Viu⸗ men Aich⸗ ſuchte. 14. Zufolge der Sitte jener Zeit erſchienen fruͤh am naͤchſten Morgen, von allen auf dem Schloſſe an⸗ weſenden jungen Rittern, und von einem Muſik⸗ chore begleitet, Thomas und Eduard Stanley un⸗ ter den Fenſtern der Gemaͤcher, in welchen ihre Braͤute ſchlummerten, die ſie durch ſanfte Toͤne zu erwecken ſich bemuͤh'ten, waͤhrend die Menge draußen den frohen Tag mit buoſen Freuden⸗ ſchuͤſſen begruͤßte. at Ein alter Gebrauch in der Janle der Ver⸗ non's verlangte, daß die Vermaͤhlung erſt in der Nacht ſtatt finden ſollte; bis dahin ſollte der Tag mit allerlei Feſtlichkeiten, zu denen auch ein Maskentanz gehoͤrte, ausgefuͤllt werden. Der Se⸗ renade folgte zuerſt das große Fruͤhſtuͤck, an dem in der Halle allein an fuͤnfhundert Gaͤſte Theil — 182— nahmen. Nach beendetem Fruͤhmahle fand ein Ringſtechen im Schloßhofe ſtatt, welches die Da⸗ men von den Balkons und den Fenſtern aus mit anſchauen konnten, und in dem ſich Eduard Stan⸗ ley ſo ſehr auszeichnete, daß ſelbſt Lady Caven⸗ diſh, die dem jungen Krieger ſonſt eben nicht zu⸗ gethan war, nicht umhin konnte, ſeine Gewandt⸗ heit zu bewundern. „Ich ſah noch nie einen ſo geuͤbten Reiter,“ ſprach ſie zu dem Schloßherrn gewandt. „„Ihr habt recht, Baſe,“ entgegnete Sir George Vernon,„er iſt ein gar gewandter Pfer⸗ debaͤndiger, Saint Lo allein vermoͤchte ſich viel⸗ leicht mit ihm zu meſſen; weshalb hat er das heutige Feſt nicht mit ſeiner Gegenwart beehrt?“ „Er verließ Chatsworth geſtern Fruͤh, Ge⸗ ſchaͤfte wegen,“ erwiederte Lady Cavendiſh,„er verſprach indeß, auf jedem Fall der Feierlichkeit beizuwohnen, und ſollte er auch erſt auf Abend eintreffen. Auch bat er mich, ihn in voraus bei Euch, Vetter, zu entſchuldigen, falls er einen Freund mitbringen ſollte.“ — 183— „Er mag hundert mitbringen, wenn er Luſt hat,“ entgegnete der Ritter von Haddon;„je mehr Gaͤſte er mir zufuͤhrt, je freudiger werde ich ihn willkommen heißen.— Aber kommt, das Spiel iſt geendet; wenn es Euch gefaͤllt, wollen wir uns hinab begeben.“ Ein prachtvolles Mittagsmahl, deſſen Be⸗ ſchreibung uns aber unſere Leſer erlaſſen wollen, folgte jetzt; und als es bgendet war und nun der Abend hereinbrach, loderten aufs neue Freuden⸗ feuer auf allen Anhoͤhen, waͤhrend das Schloß⸗ von mehr als zehntauſend Fackeln erhellt, wie ein Feeenpalaſt dem Blicke des ſtaunenden Beſchauers entgegentrat. Zechend, tanzend und jubelnd gab ſich die Menge draußen tobender Freude hin, wir aber uͤberlaſſen ſie ihrer bachantiſchen Luſt, und fuͤhren unſere Leſer in den Tanzſaal, wo ſich um acht Uhr Abends die Geſellſchaft verſammelte. Dies Gemach, an hundert Fuß in der Laͤnge, und gegen vierzig in der Breite, gewaͤhrte den Tanzluſtigen hinlaͤnglichen Raum, auch war es mit zahlloſen Lichtern erleuchtet, und mit Blu⸗ u — 184— menguirlanden geſchmuͤckt. Von dem Saale aus fuͤhrte ein decorirter Gang in den durch Lampen ſanft erleuchteten Garten, welcher mit ſeinen Ter⸗ raſſen einem roͤmiſchen Amphitheater vergleichbar war. Es war in der That nothwendig, daß die Gaͤſte einen Ort hatten, wohin ſie ſich dann und wann begeben konnten um ſich abzukuͤhlen; denn die Zahl der Anweſenden war ſo bedeutend, die Hitze im Saale ſo druͤckend, daß es faſt unmoͤg⸗ lich war, den ganzen Abend uͤber darin auszu⸗ halten. Faſt alle Taͤnzer und Taͤnzerinnen wa⸗ ren maskirt, der Graf von Derby aber, ſeine Gemahlin, Lady Cavendiſh, der Ritter von Had⸗ don und mehrere aͤltliche Herren und Damen tru⸗ gen keine Larven. Thomas und Eduard Stan⸗ ley waren ganz beſonders reich gekleidet; auf ih⸗ ren ſeidenen Gewaͤndern prangten koſtbare Sticke⸗ reien, und hohe Straußfedern ſchmuͤckten ihre Huͤte. Thomas Stanley war die Heiterkeit ſelbſt, und reine Freude funkelte aus ſeinen Augen, waͤh⸗ rend ſein Bruder nur mit argwoͤhniſchen Blicken — 185— auf das arme Opfer ſchanaus, welches ſeigen Beute werden ſollte. Eine Maske, welche der Schloßherr ſogleich fuͤr ſeine Tochter Margarethe erkannte„ eroͤffnete den Tanz mit einem Cavalier, deſſen anmuths⸗ volle Bewegungen alle Anweſenden in Verwunde⸗ rung ſetzten. „Kennt Ihr den Herrn, Baſe?“ fragte Sir George, zur Lady Cavendiſh gewandt. „Es iſt Lord Dudley, wie ich glaube,“ ent⸗ gegnete dieſe. „Ei bewahre,“ verſetzte der Ritter von Had⸗ don;„den ſah ich ſo eben als Matroſe verklei⸗ det;— auch Thomas Stanley iſt es nicht, der ſteht dort weiter unten.““ Waͤhrend ſie noch ſo mit einander pprachen, trat Sir William Lo heran, nahm ſeine Maske ab, und ſprach zu dem Schloßherrn:„da bin ich, Sir George, ich habe meinen Gaul faſt zu Tode geritten, um zu rechter Zeit einzutreffen.“ „Es freuet mich herzlich, Euch hier zu ſehen,“ erwiederte der Ritter von Haddon, die Hand ſei⸗ — 186— nes Gaſtes freundlich erfaſſend;„wo aber iſt der Freund, den Ihr mit Euch bringen wolltet?“ „Er tanzt dort mit der Lady Margarethe,“ antwortete der Befragte.“ „Ein anmuthiger Cavalier, fuͤrwahr,“ be⸗ merkte der Schloßherr;„iſt er ein Landsmann von uns?“.. „Ein Englaͤnder,“ entgegnete Saint Lo.— „Sir William Peto iſt ſein Name.— Er wird im Range nnd Reichthume von Wenigen uͤber⸗ troffen.“ „Sir William Peto,“ wiederholte der Rit⸗ ter von Haddon mit großem Erſtaunen;„von dem habe ich gehoͤrt; er iſt Hofmann, nicht wahr?“. „Er iſt eine Zierde des Hofes,“ verſetzte Sir William Lo. „Ei, da freue ich mich recht, ihn kennen zu lernen,“ verſetzte der Schloßherr. „Ihn verlangt eben ſo ſehr nach Eurer Be⸗ kanntſchaft,“ erwiederte Sir William,„er brannte ordentlich vor Begierde, heute bei Eurem Feſte —- 187— zu erſcheinen;“ und zur Lady Cavendiſh gewandt, fuhr er fort,„wollen Ew. Herrlichkeit mich durch einen Tanz beglucken?“ „SIch bleibe lieber Zuſchauerin,“ erwiederte Lady Cavendiſh, das Anerbieten freundlich ableh⸗ nend, worauf Sir William Lo, nach einer ehr⸗ erbietigen Verbeugung die Maske wieder vornahm, und ſich in der Menge verlor. In dieſem Au⸗ genblicke endete der Tanz, der Freund des Sir William Lo fuͤhrte Lady Margarethe zu ihrem Sitze zuruͤck, und nahm neben ihr Platz, waͤh⸗ rend ein zweiter Tanz begann, den Sir Thomas und Lady Dorothee auffuͤhrten. Eduard Stan⸗ ley hatte ſich inzwiſchen dem Ritter von Haddon genaͤhert.„Nun Eduard, und weshalb tanzeſt Du nicht?“ fragte der letztere,„in Deinen Jah⸗ ren braucht ich nur Muſik zu hoͤren um Luſt zum Tanzen zu bekommen.“ „Ich bin eben kein großer Taͤnzer,“ erwie⸗ derte der junge Krieger,„Euer Tanz hier kriecht ja ſo langſam fort, wie ein alter Munitionskar⸗ ren; da lobe ich mir noch die Deutſchen Laͤnder, — 188— mo es toll und raſch im Kreiſe herumgeht.— Aber fagt mir doch, wer iſt die Mache die mit Lady Margarethe tanzte?“ Schweigen gebietend, legte der Ritker von Haddon den Finger auf den Mund, als er aber gewahrte, daß die neben ihm ſitzende Lady Caven⸗ diſh ſich in ein Geſpraͤch mit dem Grafen von Derby vertieft hatte; fluͤſterte er ſeinem Verbuͤn⸗ deten 3:—„es iſt unſer Hofmann— Si William Peto.”“ Hie „Was, zum Teufel! derſelbe, den Peubußs in London geſprochen 20 Inl „Eben der,“ antwortete der Ritter„er ſcheint ſich des Saint Lo bedient zu Bibemze um ſich hier einfuͤhren zu laſſen.⁴ 1n Kaum hatte er dieſe Rede geendet, als auch ſchon der Hausarzt, Doctor Probus, nach ſeiner Weiſe, prachtvoll in Orange⸗Sammet gekleidet, mit wichtiger Miene heranſchlich, und geheimniß⸗ voll den beiden Bundesgenoſſen zufluͤſterte:„ein guͤnſtiger Stern iſt uns aufgegangen.— aßt 35 ſchon, er iſt hier.“ — 189— „Wen denn?" fragte der Schloßherr,„wer?“ „Unſer Verbuͤndete— Sir William Peto,“ entgegnete der Hausarzt,„ich habe ihn zfiehen mit ihm geſprochen.“ 4 234 „Nun, und was ſagte ern. „Er wird Gelegenheit ſuchen, mit Euch ins⸗ geheim zu reden,“ verſetzte Probus,„er wird ſich bei dem Saint Lo auf Chatsworth bis zur Beendigung Eurer Feſtlichkeiten aufhalten, und Euch, wenn ein guͤnſtiger Augenblick erſcheint, kund thun, weshalb er ſich hieher begeben. Da⸗ durch, daß er bei der Hochzeitfeier erſcheint, hofft er jeden Verdacht zu entfernen; er wuͤnſcht, Ihr moͤchtet ihn fuͤr jetzt nur als Freund des Sir William Saint Lo behandeln, deſſen Argwohn, wie er befuͤrchtet, ſonſt rege gemacht werden duͤrfte.“ b „Ja, ja, er hat recht, ich werde ſeinen Rath befolgen,“ ſprach der Ritter von Haddon; „ſagt ihm unterdeſſen, ſein Hierſeyn ſey mir ganz beſonders angenehm, auch wuͤrde ich ihm bei — — 190— erſter Gelegenheit perſoͤnlich meine Freude darüber bezeigen.”“ „Ich gehe, Euren Auferng eunen,“ verſetzte der Hausarzt. d8. 1 8 „Bleibt hier!“ rief Eduard Stanlch,„ich will dies Geſchaͤft fuͤr Euch uͤbernehmen, ich werde ſchon Gelegenheit Kindun mit ihm allein zu ſprechen.“— „Ueberlaßt es lieber dem Probus; der eGraf von Derby und Saint Lo beobachten uns, be⸗ merkte der Schloßherr. 4 „Wie Ihr meint,“ entgegnete der junge Krieger,„es iſt ja auch noch ſpaͤterhin Zeit, ihm unſere Hoͤflichkeit zu bezeigen.”“ 1— So ſprechend, miſchte er ſich, da jetzt ein raſcherer Tanz begann, unter die Reihen. Unter⸗ deß aber war die Hitze im Saale ſo druͤckend ge⸗ worden, daß viele Herren und Damen, die Kuͤhle des Gartens aufſuchten; zu dieſen gehoͤrte auch der dem Schloßherrn als Sir William Peto ge⸗ nannte Fremde; er hatte der Lady Margarethe — 491 ſeinen Arm geboten, und verbeugte ſich ehrerbie⸗ tig vor dem Schloßherrn, als er mit ſeiner Dame an ihm voruͤber in den Garten ſchritt; Sir George Vernon erwiederte die Begruͤßung auf gleiche, achtungsvolle Weiſe. Der Abend war ſchoͤn, die Sterne glaͤnzten herab, und ſanft leuchtete der Mond in ſeinem Silberſcheine. Kein Luͤftchen regte ſich, aber dennoch hauchte der Abend eine ſo erfriſchende Kuͤhle, die unter den Fenſtern des Herrnhauſes im Ueberfluſſe vorhan⸗ denen Roſen ſpendeten ſo koͤſtliche Duͤfte, daß der Garten in dieſer Nacht ein entzuͤckender Auf⸗ enthalt genannt zu werden verdiente. Jede Bruſt ſchlug hoͤher, jedes Auge ſchwamm in Wonne, Jedermann gab ſich ungetruͤbter Freude hin, Lady Dorothee ausgenommen, welche, auf den Arm des Sir Thomas gelehnt, von Angſt gefoltert, daherſchwankte. Bald wimmelte nun der Garten von Mas⸗ ken, welche ſcherzend an einander voruͤberſtrichen. Sir Thomas Stanley aber fuͤhrte ſeine Begleite⸗ -— 192— rin zur obern Terraſſe hinan, wohin ſich fruͤher ſchon Lady Margarethe mit Sir William Saint Lo und deſſen Freunde begeben hatte, und wo kein Gewuͤhl war, wie in den untern Laubengaͤn⸗ gen.— Kaum aber waren ſie die Stufen hin⸗ angeſtiegen, als ſie auch gewahrten, daß die Vor⸗ angegangenen auf das fruͤher ſchon erwaͤhnte Ge⸗ buͤſch,„ Lady Dorothrens Labyrintht“ genannt, zuſchritten. Dorthin fonge anch Sir— mit ſeiner Dame! ni deinneneee dec eee „Wer iſt das da vor uns?"fragte Sir Simon Deyge, welcher mit einer jüngeren Toch⸗ ter des Grafen von Derby denſelben Weg ein⸗ geſchlagen hattee— Kaum aber waren dieſe Worte ſeinen Lippen entſchluͤpft, als auch ploͤt⸗ lich eine ſich ganz in der Naͤhe befindliche Gar⸗ tenpforte, welche die Anhoͤhe hinab in den Park fuͤhrte, aufgeſprengt ward, und eine Schaar be⸗ waffneter Maͤnner hereinſtuͤrzte, von denen Einige den Sir Simon Deyge zu Boden warfen, waͤh⸗ rend Andere ſich des Sir Thomas, ſeiner Schwe⸗ — 193— ſter und der Lady Margarethe verſicherten. Dem Sir William Lo aber und ſeinem Freunde ließ man ihre Freiheit, auch verſah man ſie mit Waf⸗ fen. In demſelben Augenblicke vernahm man Huf⸗ ſchlaͤge draußen vor der Pforte; der von Saint Lo eingefuͤhrte Fremde riß ſich die Larve vom Ge⸗ ſichte,— und der im Park von Haddon ſo ge⸗ fuͤrchtete Abentheurer zeigte ſich Aller Blicken. „Wer einen Laut von ſich giebt iſt des Todes,“ ſprach er mit gedaͤmpfter aber gebietender Stimme. „Sage Deiner Schweſter Lebewohl, Dorothee, in wenigen Augenblicken biſt Du jeder Tyrannei ent⸗ riſſen.— Hallo! Walter Needham!“ Der Gerufene erſchien ſofort durch die Pforte, warf der Lady Dorothee einen weiten Mantel um, und ſetzte ihr einen Hut mit breiter Krempe auf das Haupt. Die ſo ploͤtzlich Gerettete druͤckte noch einen innigen Kuß auf die Lippen ihrer Schweſter, und verſchwand dann durch die Gartenpforte, vom St. Lo und dem Abentheurer begleitet. Nach wenigen Augenblicken hoͤrten die Zuruͤckgebliebenen, wie ſie im raſchen Galopp davonſprengten; jetzt wurden III. Band. 13 — 194— auch jene wieder frei gelaſſen, die gewaffneten Maͤn⸗ ner eilten ebenfalls zum Pfoͤrtchen hinaus, warfen ſich auf ihre Gaͤule, und folgten den Vorangeeil⸗ ten ſo ſchnell als ſie nur ihre Roſſe davontragen wollten. 15. So lange von dem Abentheurer und ſeinen Be⸗ gleitern noch etwas zu vernehmen war, blieb Sir Simon Deyge ruhig auf dem Boden liegen, kaum aber war der letzte Hufſchlag verhallt, als er auch emporſprang, und ſo laut als er konnte, um Huͤlfe zu rufen begann. „Verrath!“ ſchrie er,„Verrath! Moͤrder, Diebe!“— Alles eilte herbei, und der noch vor wenigen Augenblicken nur der Freude geweih'te Garten ward mit Blitzesſchnelle ein Schauplatz der Ver⸗ wirrung. Sir Simon Deyge ſtuͤrzte von dannen, die Stufen hinab, in den Tanzſaal, und alle hier anweſenden Frauen mit Schrecken erfuͤllend, ſchrie er unaufhoͤrlich:„Moͤrder! Diebe!— ſchafft Waf⸗ fen herbei— zu Roß, ihnen nach!“— „Was ſoll der Laͤrm?“ fragte Sir George — 196— Vernon erſtaunt,„wer ſeyd Ihr?— Ha, ha, Sir Simon Deyge.— Nun, was hat Euch ſo außer Euch gebracht?“ „Etwas, was Euch raſend machen duͤrfte,“ entgegnete der Befragte.„Eure Tochter Doro⸗ thee— iſt fort— geraubt— der Abentheurer hat ſie entfuͤhrt.“ „Ihr luͤgt,“ ſtammelte der, wie vom Blitz getroffene Vater. „Lady Margarethe— Sir Thomas Stanley und ſeine Schweſter, koͤnnen es bezeugen,“ verſi⸗ cherte Sir Simon Deyge. „Ich will— ich kann es nicht glauben,“ entgegnete Sir George Vernon,„Eduard, ſieh nach, es iſt von Deiner Braut die Rede.“ Noch bevor aber dieſe Worte uͤber ſeine Lip⸗ pen gekommen waren, hatte ſich der junge Krieger ſchon mit dem erſten beſten Schwerte, welches er erfaſſen konnte, bewaffnet, und hinaus war er ge⸗ ſtuͤrzt in den Garten, wo er denn auch erfuhr, daß Sir Simon Deyge nur zu wahr geſprochen hatte. Sir George Vernon, der Graf von Derby — 197— und die uͤbrigen Cavaliere folgten ihm unverzug⸗ lich, ſie verſahen ſich mit ihren Waffen und ge⸗ boten ihre Gaͤule zu ſatteln. Auf der Terraſſe angelangt, fand der Graf von Derby ſeine beiden Soͤhne in einem heftigen Wortwechſel mit einander begriffen. Eduard Stan⸗ ley ſtampfte wuͤthend den Boden mit ſeinen Fuͤßen, und mit drohender Gebaͤrde ſeine Waffe ſchwingend, ſchrie er:„Bei der Hoͤlle und allen Teufeln, Du biſt ein Verraͤther! Es iſt nicht anders moͤg⸗ lich, Du haſt um den Anſchlag gewußt; Du und Saint Lo, Ihr beide waret mit dem Buben ein⸗ verſtanden, mir meine Braut zu rauben.“ „Ruhig, Eduard Stanley!“ gebot ſein Va⸗ ter, dazwiſchentretend, weshalb klagſt Du Deinen Bruder an? wie konnte er Dich verrathen?“ „Er fuͤhrte meine Braut hieher,“ entgegnete der junge Krieger,„haͤtte er ſie, obgleich unbe⸗ waffnet, nicht vertheidigen koͤnnen, bis Huͤlfe erſchienen waͤre?“ 1* „Nein, wahrlich nicht,“ nahm Sir Simon Deyge das Wort,„eine ganze Schaar bewaffneter * 198— Maͤnner fiel uͤber uns her; es war keine Moͤg⸗ lichkeit ihren Angriff abzuwehren.“ „Keine Moͤglichkeit!“ hohnlachte Eduard Stanley,„fuͤr Euch vielleicht nicht, Ihr feigher⸗ zigen Buben!— Doch was ſtehe ich hier und ſchwatze?— Hallo, Ridgway, zu Roß! ſattele mir den Renner meines Vaters; raſch, oder ich ſporne Dich mit meinem Schwerte.— Ich Thor, der ich keine Ahnung hatte, als der Verraͤther mit Lady Margarethe tanzte,— ein ſchoͤner Bundsge⸗ noſſe, der— der Sir William Peto— er hat uns einen trefflichen Dienſt geleiſtet.“ „Ihr irrt,“ fiel der Hausarzt ein,„ Sir William Peto hat dieſen Abend nicht getanzt— es war Saint Lo, welcher mit Lady Mat atsche den Ball eroͤffnete.“ „Wie, was ſagt Ihr?“ fragte der junge Krieger,„wo iſt denn Sir William Peto? Ihr muͤßt ihn ja wieder erkennen.“ „Er war in ſchwarzen Sammet gekleidet, Saint Lo aber trug ein weiß ſammetenes Wamms,“ entgegnete Probus,„Peto war der Aeltere.“ — 199— „Ha, Verraͤtherei! offenbare Verraͤtherei!“ donnerte Eduard Stanley,„jetzt, Sir George, haben wir uns um etwas anders zu bewaffnen, als um meine Braut wieder einzufangen. Laßt Eure Laͤrmglocke laͤuten, laßt Alles, Alles zu den Waf⸗ fen greifen, wir ſind verrathen, wir haben jetzt nur zwiſchen Kampf oder Flucht zu waͤhlen.“ „Was ſoll das bedeuten? was habt Ihr zu fuͤrchten?“ fragte der Graf von Derby. „Nichts, ſo lange wir noch unſere Waffen zu ſchwingen vermoͤgen,“ rief der Empoͤrer.„Jetzt hilft kein Geheimhalten mehrz ja, Ihr Herren, wir haben einen Anſchlag gegen das Weiberregi⸗ ment der Eliſabeth vor; unſer Plan ward ihr hinterbracht, Saint Lo hat uns verrathen, zuruͤck koͤnnen wir nicht mehr, vorwaͤrts demnach, vor⸗ waͤrts!— Wer mit uns zu ziehen geſonnen, er⸗ klaͤre ſich unverzuͤglich— wer feigherzig zuruͤcktritt, . begebe ſich ſogleich von hinnen.— Mit Tages⸗ anbruch muͤſſen unſere Banner im Felde ſtehen.“ Eine Pauſe erfolgte, welche auf einmal Eduard Stanley's Hoffnungen zu Grunde richtete, —— — 200— auch nicht ein einziger erklaͤrte ſich bereit, ihm in ſeiner Verraͤtherei beizuſtehen. Der Ritter von Haddon ſah beſtuͤrzt zu Boden, der Graf von Derby aber richtete einen ſtrengen Blick auf ſeinen Sohn, und fragte:„Dieſe ehrenwerthen Herren hier, und ich, ſind alſo wol Deine Gefangenen? denn Freunde Deines Vorhabens koͤnnen wir nim⸗ mer werden. Schaͤme Dich, Verraͤther! Du haſt dieſen wuͤrdigen Mann, der Dir zu viel Ehre er⸗ zeigte, als er Dich Sohn nennen wollte, an den Abgrund des Verderbens gefuͤhrt.“ „Mein Arm wird ſchon ſein Hinabſtuͤrzen verhindern,“ entgegnete der junge Krieger, in einem frechen Tone. „Dein Arm,“ wiederholte der Graf von Derby, mit einem verachtungsvollen Blicke.„Aus⸗ gearteter, habe ich Dir nicht ſchon einmal verzie⸗ hen— fort aus meinen Augen, willſt Du nicht den Tod von meiner Hand empfangen,— fort mit Dir.“— „Ich thue, wie Ihr wollt,“ antwortete Eduard Stanley unerſchrocken,„aber der Wuͤrfel iſt ge⸗ — 201— worfen,— das Spiel muß geſpielt werden, ich rufe Schach der Koͤnigin!“ So ſprechend, ſtuͤrzte er von dannen, der Gar⸗ tenpforte zu; kaum aber hatte er ſie eroͤffnet, als ihm auch ſchon eine Schaar gewaffneter Reiter ent⸗ gegenſprengte, die er einen Augenblick lang fuͤr Freunde des Schloßherrn hielt. Der Anfuͤhrer, ein Mann von edlem Anſtande und reich gekleidet, ſchwang ſich aus dem Sattel, und trat, von einem Theile ſeiner Leute gefolgt, ſo raſch in den Garten, daß alle Anweſenden, noch bevor ſich auch nur ein einziger entfernen konnte, von den ſeinigen umringt waren. Verzweiflungsvoll ſtuͤrzte der Empoͤrer auf den Anfuͤhrer zu, und hieb mit dem Schwerte nach ihm, an dem blanken Stahle ſeines Gegners aber brach die Klinge:„ſchafft Euch kuͤnftig beſſere Waffen an, Oberſt Stanley,“ ſprach der⸗Ange⸗ griffene mit großer Ruhe, aber in einem ernſten Tone; und zu dem Grafen von Derby gewandt, fuhr er fort:„Ew. Herrlichkeit, ich erlaube mir, Euch zu begruͤßen.“— „Ha, ſieh da, mein wuͤrdiger Freund, Lord Ru land,“ entgegnete der Graf von Derby dem Ankoͤmmlinge die Hand ſchuͤttelnd,„kannte ich Euch doch anfangs nicht. Der Laͤrm um mith her und der Lichterglanz haben mich faſt taub und blind gemacht,— ſagt, was iſt mit dem wilden Burſchen da anzufangen?“ 1 1 „Erlaubt mir,“ nahm der Graf von Rutland, ohne auf dieſe Frage etwas zu entgegnen, zu dem Schloßherrn, welcher ihn mit ſtarren Blicken be⸗ trachtete, gewandt, wieder das Wort:„erlaubt mir von Eurer Gaſtfreiheit Gebrauch zu machen. Ich bitte Euch, fuͤhrt mich in ein beſonderes Gemach, ich habe Euch Manches mitzutheilen. Ihr, Sir Thomas Stanley, wollt unterdeſſen die Geſellſchaft zuruͤck in den Tanzſaal fuͤhren; ich habe von Eu⸗ rer Vermaͤhlungsfeier vernommen, und ich moͤchte nicht gern Stoͤrer werden.— Erſchreckt die Da⸗ men nicht durch die Kunde meines Erſcheinens, Dingen aber beruhigt Lady Dorothee, vor allen „ ich ertrage keinen Spott,“ rief — 203— Eduard Stanley,„Ihr werdet ohne Zweifel nur zu gut wiſſen, wo Lady Dorothee weilt.“ „Sie ward vor einer Stunde von Sir Wil⸗ liam Peto und Saint Lo entfuͤhrt,“ bemerkte ſein Bruder. „Von Peto?“ wiederholte der Graf von Rutland,„wer iſt dieſer Peto? ein Gebilde Eu⸗ rer Einhildungskraft ohne Zweifel. Dem Saint Lo aber thut Ihr unrecht— er kam mit mir hieher. Holla, Saint Lo! tretet doch ein wenig naͤher.“ Der Hoͤfling trat aus der Mitte der bewaff⸗ neten Maͤnner hervor. „Ha, Verraͤther! wo habt Ihr meine Toch⸗ ter hingeſchafft?“ rief der Schloßherr. „Das Roß, welches ſie von dannen trug, ward von ihrer eigenen Hand gelenkt,“ entgegnete Saint Lo,„ſie iſt jetzt ſicher vor Eurer Tyrannei.“ „Was, Tyrannei!“ rief der Schloßherr. „War es Tyrannei, daß ich mich ihrer Buhlſchaft mit einem Abentheurer, einem Landſtreicher wider⸗ — 204— ſetzte? daß ich ihr den Sohn des Grafen von Derby zum Gatten geben wollte?“ „Der, den ſie zum Gemahle erkohr,“ ver⸗ ſetzte Sir William Saint Lo,„ſteht dem, auf den Eure Wahl gefallen, in keiner Ruͤckſicht nach. Unbeſchadet fuͤr die Ehre des Grafen von Derby, ſey es geſagt: aber John Manners kann ſich kuͤhn neben Eduard Stanley ſtellen.“ 4 „Ha, was! mein Sohn?“ rief der Graf von Rutland,„wie, hoͤre ich recht, Saint Lo, mein John? unmoͤglich!“ „Dennoch iſt es ſo, Mylord,“ verſicherte der Hoͤfling.„Euer Sohn liebte ſeit langer Zeit die ſchoͤne Dorothee,— ſeit langer Zeit durchſtrich er verkleidet, als ein Abentheurer, dieſe Waͤlder.— Die Zwiſtigkeiten, welche die Familien Vernon und Manners von einander entfernt hielten, raubten den Liebenden, vor der Hand wenigſtens, jede Hoff⸗ nung, mit der Einwilligung ihrer Verwandten ver⸗ eint zu werden. Sie hatten beſchloſſen in Geduld guͤnſtigere Zeiten abzuwarten; da aber veraͤnderten ſich ploͤtzlich die Umſtaͤnde; es mußte ein raſcher Schritt gethan werden, John Manners forderte meine Huͤlfe auf, und meine Freundſchaft konnte ſie ihm nicht verweigern. Die Liebenden ſind ſich gleich an Rang und Vermoͤgen, ihre Vereinigung endet jede Familienfehde, ſie werden gluͤcklich, aber auch Oberſt Stanley darf ſich nicht beklagen, denn Lady Dorothee war entſchloſſen wher zu ſterden⸗ als die ſeine zu werden.“ „Ich ſehe, Graf von Rutland,“ grahfnn der Graf von Derby das Wort,„die Kunde hat Euch uͤberraſcht, auch mir kam ſie unerwartet. Aber ich glaube, wir muͤſſen in dem, was ſich zugetragen, die Hand der Vorſehung erkennen; Sir George Vernon, auch Ihr, hoffe ich, werdet einſehen, daß Euch Sir William Saint Lo im Grunde einen bedeutenden Dienſt geleiſtet hat. Wenn es Euch gefaͤllig iſt, wollen wir uns von der uͤbrigen Ge⸗ ſellſchaft abſondern, um uns ungeſtoͤrter beſprechen zu koͤnnen. Thomas Stanley und Ihr andern Herren, kehrt zuruͤck in den Tanzſaal und beru⸗ higt die Frauen.“ Sir George ſchritt jetzt voran, von den Gra⸗ — 206— fen Rutland und Derby, ſo wie von Sir Wil⸗ liam St. Lo und Eduard Stanley gfalgt, durch die Halle in ſein Cabinet. „Ich kam nach Haddon,“ nahm der Graf von Rutland, als ſaͤmmtliche Anweſende Platz genommen, das Wort,„nicht um Verraͤther ein⸗ zufangen, ſondern nur um einem Verrathe vorzu⸗ beugen. Erfahrt mit einem Worte, Ihr Herren, daß die ſpaniſche Geſandtſchaft Euren Anſchlag der Monarchin entdeckte, und daß Saint Lo, als Sir William Peto, Eurem Boten vorgeſtellt ward.— Uunſere huldreiche Koͤnigin wollte in einem Abkommlinge des Hauſes Stanley nur ungern einen Verraͤther erblicken; ſie ließ ſich in dieſer Angelegenheit ganz von Sir William Saint Lo leiten; urtheilt jetzt, ob Ihr ihn als Euren Feind zu betrachten habt.“ „Ich glaube nein,“ verſetzte der Ritter von Haddon,„und aufrichtig bitte ich ihn, meiner beleidigenden Worte wegen, um Verzeihung.“ „Die Monarchin,“ fuhr der Graf von Rut⸗ land fort,„gebot mir, Euch Sir George Vernon, — 20— und den uͤbrigen Gnade zuzuſichern, noch bevor Ihr darum nachſuchen wuͤrdet. Oberſt Stanley ſoll, wenn er anders Luſt dazu hat, eine Anſtellung in der koͤniglichen Armee erhalten.“ „Ich will nicht,“ entgegnete Eduard Stan⸗ ley, trotzig. So geer ſie,“ ſprach der Graf von Rut⸗ land,„Euch die Erlaubniß, Euren Reiſegefaͤhr⸗ ten, dem Oberſt Sparendam und ſeinem Beglei⸗ ter, außerhalb Landes zu folgen.“ „Wie, ich duͤrfte nicht in England bleiben?“ fragte der Empoͤrer.— „Allerdings koͤnnt Ihr das,“ entgegnete der Graf von Rutland,„aber nur als Diener unſe⸗ rer allergnaͤdigſten Koͤnigin.“ „„Dann auf keinen Fall!“ rief der junge Krieger,„lebt wohl! Graf von Derby, und auch Ihr, Sir George Vernonzn ich will lau naf der Stelle!“ „Ein Theil meiner Leute oll Euch und Eure Gefaͤhrten begleiten,“ ſprach der Graf von Rut⸗ land, ſich aus ſeinem Seſſel erhebend. — 208— „Ich bin alſo Euer Gefangener,“ fragte Eduard Stanley mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln; „das alſo iſt unbedingte Badnadigung Eurer ebuld reichen Monarchin.“ 16¼ 3 „Die Koͤnigin,“ erwiederte der Graf von Rutland,„will nur verhindern, daß Euer Trotz Euch und Andern Schaden zufuͤge. Ihr wollt nicht in Eliſabeths Dienſte treten, Euer Herz iſt alſo noch immer von Haß gegen ſie erfuͤllt.“ „Ja, das iſt es,“ antwortete der Emmünr unerſchrocken.— „So kann ſie Euch nicht in Freiheie laſſen,“ verſetzte der Graf von Rutland mit großer Ruhe. „Ich ſelbſt ſah Euch fruͤher mit einer handvoll Krieger bewundrungswuͤrdige Thaten verrichten.— Euer unruhiger Sinn koͤnnte ihr dennoch dieneichi gefaͤhrlich werden.“ „Ha, ſie fuͤrchtet mich alſo, die Lowenköni⸗ gin!“ rief Eduard Stanley,„das iſt ein anders, dann will ich ihr Soldat werden.— Jetzt aber fort von hier— der Aufenthalt hier iſt mir zuwider.“* „Verweilt noch einen Augenblick, und ich — 209— werde Euch begleiten,“ entgegnete der Graf von Rutland.„Der ſogenannte Abentheurer und ſeine ſchoͤne Beplettertn koͤnnen nicht durch die Wachen, die ich ausgeſtellt habe, ſie wuͤrden genoͤthigt ſeyn, zuruͤckzukehren.“ „Fort, fort!“ tobte Eduard Stanley,„kaͤme mir Euer Sohn vor Laugen ich muͤßte ihn nieder⸗ ſtoßen“ „Das moͤchte ich denn doch gern verhindern,“ entgegnete der Graf von Rutland, ruhig laͤchelnd, „kommt, wir wollen unverzuͤglich Haddon verlaſſen.“ „Bleibt doch zur Vermaͤhlungsfeier,“ bat der Schloßherr,„Eduard Stanley hat, wie es ſcheint, ſeine Anſpruͤche auf die Hand meiner. Tochter auf⸗ gegeben; das Geſchehene iſt nicht mehr zu aͤndern— 5 ſo moͤge es dann unſern Kindern vorbehalten blei⸗ ben, unſere Familienfehden auszugleichen.“ „Das heißt brav geſprochen!“ rief der Graf von Derby. „Ich willige von ganzem Herzen ein,“ ver⸗ ſetzte der Graf von Rutland,„jetzt aber rufen mich Dienſtgeſchaͤfte, ich muß den Oberſten Stanley III. Band. 14 nach London begleiten. Nehmt mir es nicht uͤbel, ich muß fort,— doch bleibt mein Herz bei Euch zuruͤck.“ So ſprechend, reichte der wackere Mann ſeine Hand dem Schloßherrn hin, welcher, den fruͤhern Groll vergeſſend, ſie mit Herzlichkeit druͤckte, und ſich mit ſeinem zukuͤnftigen Verwandten noch eine Weile lang vertraulich unterhielt, waͤhrend Eduard Stanley hinausgegangen war, um fuͤr ſich und ſeine Gefaͤhrten die noͤthigen Anſtalken zur Reiſe zu tref⸗ fen. Dies war bald geſchehen, denn Oberſt Spa⸗ rendam und der Jeſuit waren nach der Entdeckung ihres Anſchlages froh, ſo wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. Der letztere haͤndigte dem Schloß⸗ herrn ſeine Boͤrſe ein, bittend, Sir George moͤchte ſie ſeiner Schweſter uͤbergeben, und dieſer auch fer⸗ ner ſeinen Schutz angedeihen laſſen. Die drei Em⸗ poͤrer nahmen darauf Abſchied und verließen Had⸗ don, von dem Grafen von Rutland und ſeinem Gefolge begleitet. 1 Der Graf von Derby, Saint Lo und Sir George Vernon aber kehrten in den Tanzſaal zu⸗ — 211— ruͤck, wo ſie Alles neugierig und aͤngſtlich mit ein⸗ ander fluͤſternd fanden. Den Bemuͤhungen des Schloßherrn und ſeiner Freunde gelang es bald, die Anweſenden zu beruhigen. Kaum hatte man ſich indeß wieder zum Tanze gereihet, als ploͤtzlich an die nach dem Garten fuͤhrende, jetzt verſchloſ⸗ ſene Thuͤr gepocht ward. Thomas Stanley ſprang hinzu und oͤffnete, und herein traten, Lady Do⸗ rothee und ihr Geliebter, der Sohn des Grafen von Rutland. „Wo iſt mein Vater? wo iſt mein Vater?“ rief die Jungfrau, und ſich in die Arme des Schloßherrn ſtuͤrzend, fuhr ſie flehend fort:„Ver⸗ zeihung, mein Vater! Verzeihung!“ „Die magſt Du mir ſpenden, meine Tochter,“ entgegnete Sir George Vernon mit Freudenthraͤnen in den Augen.„Wo aber iſt Dein Geliebter, Dein zukuͤnftiger Gatte, mein Sohn?“ Der Abentheurer, denn ſo wollen wir ihn noch nennen, trat heran, und der Ritter von Haddon ſchloß ihn in ſeine Arme. Um Mitternacht wurden, der in der Familie ⸗ 5 *½ — 212— der Vernon's herrſchenden Sitte zufolge, die beiden gluͤcklichen Paare getrauet, und bis fruͤh am naͤch⸗ ſten Morgen ertoͤnte lauter Jubel in den Hallen des Schloſſes von Haddon.— Wie lange die darauf folgenden Frſihkeſteß gedauert haben, koͤnnen wir, da die Quelle, aus der wir dieſe unſere Erzaͤhlung ſchoͤpften, uns nichts daruͤber mittheilt, unſern freundlichen Leſern nicht berichten, wohl aber koͤnnen wir ihnen verſichern, daß den von der Liebe Zuſammengefuͤhrten, in gluͤcklicher Ehe, von froͤhlichen Kindern umſpielt, eine lange Reihe froher Tage dahinſchwanden. Sir George Vernon, dem der Himmel ver⸗ goͤnnte noch mehrere Fahr⸗ lang Zeuge des Gluͤcks ſeiner Kinder zu ſeyn, ſorgte ſeinem, dem Jeſuiten, welcher bald nach ſeiner Ruͤckkehr in den Nieder⸗ landen ſtarb, gegebenen Verſprechen zufolge, fuͤr die Familie Onshaw; er gab ihr nicht nur die von dem Vater Paul empfangene Boͤrſe, ſondern ſtat⸗ tete auch die huͤbſche Roſa, welche kurze Zeit nach⸗ her dem Jaͤger Walter Needham ihre Hand reichte, großmuͤthig aus. Ihr Bruder Anack ward ſpaͤter⸗ — 213— hin Kellermeiſter im Schloſſe, und ſoll, wie die Sage erzaͤhlt, dieſem Amte lange Jahre zur Zufrie⸗ denheit ſeiner Gebieter vorgeſtanden haben. Sir Simon Deyge ſtarb als Hageſtolz. Graf Derby ſtieg im Jahre 1572 zur Gruft ſeiner Vä⸗ ter hinab, von ſeinen Kindern und von jedem der ihn kannte, beweint und betrauert. Der Oberſt Sparendam fand den Tod des Kriegers in der Belagerung von Nuys; ſeinem vormaligen Bunds⸗ genoſſen aber war ein haͤrteres Schickſal aufbewahrt. Er trat wirklich in Eliſabeths Dienſte, und ging mit dem Grafen von Leiceſter nach Holland, als dieſer Guͤnſtling der Koͤnigin den Auftrag erhielt, den Niederlaͤndiſchen Provinzen gegen die Spanier zu Huͤlfe zu ziehen. Bei der Belagerung von Zuͤtphen, ſo berich⸗ tet der Geſchichtsſchreiber ſeiner Familie, erwarb er ſich großen Ruhm durch ſeine Tapferkeit und ſeinen Muth. Aber dem unruhigen Geiſte des jungen Kriegers konnte die Anerkennung ſeiner Verdienſte keinesweges genuͤgen. Da er in Ba⸗ bington's Verſchwoͤrung zu Gunſten der Koͤnigin 2 1 — 24— Marie von Schottland verwickelt war, und Ver⸗ rath fuͤrchtete, verband er ſich mit dem bekannten Rowland York, der damals ein nahe bei Zuͤtphen gelegenes Fort commandirte; er ſelbſt befehligte ein aͤhnliches Fort, Deventer genannt. Beide woll⸗ ten ſie den Spaniern uͤbergeben; eine Verraͤtherei, die ſie auch ins Werk richteten. Eduard Stanley blieb eine Weile lang zu Deventer, als ſpaniſcher Officier. Bald aber ward er vernachlaͤſſiget, und wie es jedem Verraͤther endlich zu gehen pflegt, mit gerechter Verachtung behandelt. Fern von ſei⸗ nem Vaterlande und den Seinigen hauchte er unter Fremden ſein ſchmachvolles Leben aus, von keinem theilnehmenden Herzen betrauert, von kei⸗ nem Auge beweint. En d e. — Verzeichniß von Verlags⸗Buͤchern, welche außer mehreren aͤlteren ſeit kurzem erſchie⸗ nen und verſandt ſind. imn Ballenſtedt, Joh. Georg Juſtus, die Vorwelt und die Mitwelt, wie auch Nachtraͤge zur alten und neuen Welt. 1824. 4 Diederici, Dr. C. W. elegante Pharmacie, oder An⸗ leitung zur Verfertigung der vorzuglichſten Gegen⸗ ſtaͤnde fuͤr die Toilette und fur elegante Haushal⸗ tungen; zum Gebrauch fuͤr Apotheker, Aerzte, Conditor, Oeſtilateurs, Lackirer, Maler, Parfü⸗ meurs ꝛc. 1823.. 20 Ggr. Fonck, P. A. Eine getreue und vollſtaͤndige Darſtel⸗ lung ſeines Prozeſſes. Herausgegeben von C. v. F. 1823. 1 1 Thlr. 4 Ggr. Klingemann, Dr. A. Kunſt und Natur. Blaͤtter aus meinem Reiſetagebuche. 2 Baͤnde, mit Kupf. Neue verbeſſerte Auflage. 1823. 3 Thlr. Mansfeld, Dr. uͤber das Alter des Bauch⸗ und Gebaͤrmutter⸗Schnitts an Lebenden; ein Beitrag zur Geſchichte der Geburtshuͤlfe. 1824. Quin's, M. J. Beſuch in Spanien in den Jahren 1822 und 1823. Aus dem Engliſchen. von G. Lotz. 182a4.. 1 Thlr. 4 Ggr. G. Cornelii Taciti de situ, moribus et populis Germaniae libellas. Vollſtaͤndig erlaͤutert von Dr. J. F. K. Dilthey. 1822. 20 Ggr. Daſſelbe auf Schreibpapier 1 Thlr. 8 Ggr. Romane. Adolphine die ſchoͤne Seiltaͤnzerin. Eine Erzaͤhlung von A. Buͤhren. 1823. 18 Ggr. Diana von Montesclaros. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Befreiung Spaniens. Von Bonaven⸗ tura Maria. 2 Bde. 823. 2 Thlr. 8 Ggr. Gemaͤcher, die unheimlichen, in dem Schloſſe Lovel, oder: das enthuͤllte Verbrechen. Eine romantiſche Sage aus dem mittlern Zeitalter. In zwei Thei⸗ len. Nacherzaͤhlt von J. Albini. 1824. 2 Thlr. Kampf und Rettung. Rittergeſchichte aus den Zei⸗ ten der Befreiung der Schweiz. Von T. Ernſt. 823. I Thlr. Die Lollharden, hiſtoriſcher Reman, begruͤndet auf die Verfolgungen, die den Anfang des funfzehnten Jahrhunderts bezeichnen. Nach dem Engl. von G. Lotz. 3 Baͤnde. 1825. 3 Thlr. Lotz, G. Kampf mit dem Geſchick. Roman. Frei nach dem Verf. der Lollharden. 2 Baͤnde. 823. 2 Thlr. Lotz, G. Zerſtreute Blaͤtter aus dem Archiv eines Blinden.(Erzaͤhlungen.) 2 Baͤnde. 822. 323. à 1 Thlr 4 Ggr. Lotz, G. Malpas, ein hiſtoriſcher Roman aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts. Nach dem Verfaſſer des Cavaliers. 3 Bde. 824. 3 Thlr. Die Priorin. Frei nach dem Engl. der Anna Rad⸗ cliff. Vom Verf. des Centilles. 3 Bde. 824. Roſaline oder das Geheimniß. Vom Verf. des wan⸗ dernden Gerippes ꝛc. 2 Bde. 822. 2 Thlr. 8 Ggr. Salvator Roſa. Ein Roman der Lady Morgane. Frei nach dem Engl. von G. Lotz. 824. Der taube See oder das St. Stephani Kloſter. Eine Ritter⸗ und Kloſtergeſchichte aus dem 13ten Jahr⸗ hundert, von A. L— ck. 819. 1 Thlr. 6 Ggr. Soretto der kuͤhne Raͤuberhauptmann, von A. Ae⸗ rindur. 824. 1 Thlr. Stimme, die, des Unſichtbaren, oder Geſchichte Fran⸗ zesco's, Enkel des ungluͤcklichen Don Sebaſtian, Koͤnigs von Portugal. Vom Verf. des wandernden Gerippes ꝛc. 3 Bde. 822. 3 Thlr. 12 Ggr. ne ſſſſſſſſſſſſſſſſſſfinnſſiſnnnnſnmnſnſnannhmahnenünm 1 14 15 16 17 18 8 9 10 11 2 13