ldnard Vfiman: in enie, Schloßgaſſe Lit.2 Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1 Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ d Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 8 Uhr offen.. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ vff angenommen. (aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet 135 Aon ementd Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 at Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und dercfendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenen, verlorene und 5 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ³97. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 dar feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden dadſ⸗ indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir gellehen, Bheeier zu ſehen haben. 4 Der Em pöre r. X△ Hiſtoriſcher Roman, nach dem Verfaſſer des Cavaliers und Malpas von Georg Lok. Zweiter Band. Braunſchweig, 1824. G. C. E. Mey e v. b e i 1. Ban nach Sonnen⸗Untergange warf Eduard Stanley ſeinen Mantel um, und begab ſich in den Park, feſt darauf vertrauend, Ashby ſchon an dem beſtimmten Orte zu finden; dieſer aber war noch nicht angelangt, und ſo hatte dann der Boͤſewicht, waͤhrend er auf und ab ſchritt, Zeit, ſeinen ſchaͤndlichen Planen noch mehr nachzuden⸗ ken, wozu ihm die Begebenheiten des vergangenen Tages wenig Muße gelaſſen hatten. Es mag unſern Leſern ſeltſam erſcheinen, daß Eduard Stanley ſich ſolche Muͤhe gab, zwei Menſchen ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen, von denen der eine ſogar ſein Bruder war, uͤber den er ſich kei⸗ 4— nesweges zu beklagen hatte. In ſeinem wilden„ Sinne aber war er von dieſem auf doppelte Weiſe gekraͤnkt, denn eines Theils ſtand Sir Thomas ſeiner Leidenſchaft fuͤr Margarethe Vernon im Wege, und andrerſeits war Eduard Stanley, als ein juͤngerer Sohn, nachdem er allerdings eine Erziehung genoſſen hatte, die ihn zu den„ hoͤchſten Aemtern geeignet machte, hinaus in die Welt geſandt worden, zwar mit keinem ganz un⸗ bedeutenden, aber dennoch mit einem weit gerin⸗ gern Einkommen, als das ſeiner Bruͤder, von— denen der aͤltere, ſeiner kuͤnftigen Wuͤrde, als Stammhalter, angemeſſene Einkuͤnfte hatte, waͤh⸗ rend dem Sir Thomas, als zweitem Sohne, die der Inſel Man zugeſichert waren. Er allein hatte keine feſtſtehende Einnahme, zum Theil eine„ Folge ſeiner unbiegſamen Gemuͤthsart, die der wackere Vater dadurch, daß er den Sohn in Ab⸗ haͤngigkeit erhielt, zu mildern ſuchte. Hierin aber taͤuſchte ſich der Graf von Derby, das Genie ſei⸗ nes Sohns erhob den Juͤngling bald uͤber ſeines Gleichen; ein Umſtand, der den Stolz und den — 5— Uebermuth des jungen Mannes nur noch mehr ſteigerte, ſo daß er ſo bald es ſich Jemand ein⸗ fallen ließ, ſeine Plane zu durchkreuzen, in die aͤußerſte Wuth gerieth. Es galt von ihm, was man von Hein⸗ rich VIII. ſagte, er oder ſein Gegner mußte fal⸗ len. Er ſchonte weder Blut noch Ruf, ſondern ſetzte mit der Tollkuͤhnheit eines raſenden Spie⸗ lers, ſtets ſein Alles auf Eine Karte. Mit jener teufliſchen Freude, welche es liebt, Men⸗ ſchen in Gefahr zu fehn, fuͤhrte Eduard Stanley ſeine juͤngern Kampfgefaͤhrten, bloß um ſich einen Spaß zu machen, ſtets in die furchtbarſten Lagen, waͤhrend die Beſonneren, welche ihr Leben nicht nutzlos wagen wollten, von ihm und ſeinem Anhange mit Hohn und Spott behandelt wur⸗ den; und dies um ſo mehr, da viele ſeiner raſen⸗ den Wagſtuͤcke einen ſo gluͤcklichen Erfolg hatten, daß ſein Anſehen in der Armee mit jedem Tage groͤßer ward. Die Hoffnung, ſeinem Bruder Lady Vernons Liebe, und folglich auch ihr Vermoͤgen zu rau⸗ ——— — 6— ben, war es, was Eduard Stanley bewog, ſeine Augen auf dieſe Jungfrau zu richten. Es war ihm bei ſeinem wilden Sinne aber unmoͤglich, auf ſanfte Weiſe ſich zu bemuͤhn, ihre Zuneigung zu gewinnen, und ſo beſchloß er, ſie durch einen Sturm zu der Seinen zu machen; ein Verſuch, welcher indeß, wie unſere Leſer geſehen haben, durchaus mißgluͤckte. Dennoch aber gab er kei⸗ nesweges den verruchten Plan auf, die Bande zu loͤſen, welche ſeinen Bruder und den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft umſchlungen hielten, ſondern begann die Eiferſucht des Sir Thomas aufzure⸗ gen, hoffend, daß ſich durch dieſe der Stolz der Lady Margarethe beleidigt fuͤhlen, und ein Bruch zwiſchen den Liebenden erfolgen werde. Wenn dies bezweckt worden, glaubte er, die Verzweif⸗ lung ſeines Bruders werde irgend eine gewaltthaͤ⸗ tige Cataſtrophe herbeifuͤhren, ja vielleicht dieſen bewegen, das Schwert gegen ſich ſelbſt zu kehren, und ſo wuͤrden nicht allein ſeine Einkuͤnfte bedeu⸗ tend vermehrt werden, ſondern auch ſeiner Leiden⸗ ſchaft zu Lady Vernon ſtand dann kein verhaßter ——' —— — 7— Nebenbuhler mehr im Wege. Angenommen aber auch, daß Sir Thomas beſonnen genug waͤre, einen ſolchen Schritt nicht zu begehen, meinte er doch, derſelbe werde wenigſtens in ſeinem Zorne, durch Wort und That die Geliebte ſo ſehr ver⸗ letzen, daß dieſe, und geſchaͤhe es auch nur um Rache zu uͤben, ſich ihm in die Arme werfen wuͤrde. Nachdem er bis zur Daͤmmerung auf Ashby gewartet hatte, kehrte Eduard Stanley nach dem Schloſſe zuruͤck; als er aber laͤngs dem Graben hin der Pforte zuſchritt, gewahrte er einen Mann unter den Baͤumen ſtehen. Zufolge der mit Ashby getroffenen Uebereinkunft, ging er ſchwei⸗ gend mehreremale an dem Fanatiker voruͤber, wel⸗ cher nun auch ſeinen Platz verließ und ſich dem jungen Stanley naͤherte. Er trug ein gruͤnes Jaͤgerkleid und ſchien uͤberhaupt ein ganz anderer Menſch als fruͤher. Stanley wollte kaum ſeinen Augen trauen, daß die Geſtalt, welche jetzt kuͤhn und frei vor ihm ſtand, die des fantaſtiſchen Traͤumers ſey; aber der Ton der Stimme war 8— nicht zu verkennen, noch weniger das ſeltſame ſeines Benehmens. „Nun, Herr Stanley,“ ſprach er leiſe, „Ihr haltet Euer Verſprechen.— Ich gleiche dem Wanderer mit dem Stabe in der Hand.— Sobald ich Margarethe Vernon geſprochen, wan⸗ dele ich fort, bis die Thuͤrme von Lathom weit hinter mir liegen.“ „Ihr habt wol ſchon auf mich gewartet?“ entgegnete Eduard Stanley,„ich wandelte im Park, den Einbruch der Nacht erwartend; Ihr muͤßt mit mir durch die Pforte, es giebt keinen anderen Eingang, aber ſchweigt, wollt Ihr Ent⸗ deckung verhindern.— Wir muͤſſen uͤber den erſten Hof um auf die Terraſſe zu gelangen, dort moͤgt Ihr Euch hinter der Baluſtrade verbergen, bis die Lady erſcheint.“ „Ich werde Euren Rath befolgen,“ erwie⸗ derte Ashby. „Vergeßt nicht,“ fuhr der Heuchler fort, „der beleidigten Lady die Aufrichtigkeit meiner Reue zu ſchildern, und ihr meinen Entſchluß kund — — 9— zu thun, mein Unrecht nach moͤglichſten Kraͤften wieder gut zu machen. Fleht ſie an, mein toll⸗ kuͤhnes Betragen in Vergeſſenheit zu begraben. Das Gute, welches ich fortan zu vollbringen gedenke, wird hoffentlich einen Theil meines Ver⸗ brechens ſuͤhnen; der Himmel weiß, als ich jene That deging, war ich meiner Vernunft nicht maͤchtig; Leidenſchaft hatte mich bis zum Wahn⸗ ſinne getrieben, wie ein Raubthier ſtuͤrzte ich mich auf meine Beute.“ „Ja, Ihr war't in der That vom boͤſen Feinde beſeſſen,“ nahm Ashby in einem feierli⸗ chen Tone das Wort;„des Verſuchers Hand ruh'te auf Euch, er hatte die Kohlen Eures Ju⸗ gendfeuers angefacht, und ſo ergriff die Flamme ihr Opfer. Fleht den Ewigen an, um Befreiung aus den Feſſeln des Boͤſen; ſeyd Ihr nicht ſchon verdammt, wird Euch Rettung werden.“ „Folgt mir,“ rief jetzt Eduard Stanley, „aber verbergt Euer Geſicht vor dem Thorwaͤrter, er wird Euch nicht befragen, da Ihr in meiner Geſellſchaft erſcheint.“ -— 10— So ſprechend ſchritt er der Pforte zu, von Ashby gefolgt; auch gelangten beide unbefragt hinein, da der Thorwaͤrter, als er den Sohn des Schloßherrn erkannte, der Meinung war, ſein Gefaͤhrte ſey ein Jaͤger, den jener im Walde getroffen, und der jetzt mit ihm heimkehre. Schwei⸗ gend ſchritten ſie uͤber den erſten, durch viele vom Schloſſe her ſtrahlende Lichter erleuchteten Hof, worauf ſie, nachdem ſie durch einen gewoͤlbten Bogengang gegangen waren, in den untern Gar⸗ ten traten. Von hier aus ſtiegen ſie auf einer Reihe von Stufen bis zu der Terraſſe hinan, als aber der Heuchler zwei weibliche Geſtalten oben⸗ ſtehend gewahrte, nahm er Abſchied von Ashby und zog ſich zuruͤck.— Kaum brauchen wir wol zu bemerken, daß er auf den Fluͤgeln teufliſcher Bosheit in die Halle eilte um ſeinen Bruder auf⸗ zuſuchen, deſſen Eiferſucht er nun aufs Hoͤchſte zu treiben gedachte. Unterdeſſen hatte ſich Lady Margarethe Ver⸗ non dem Fanatiker eiligſt genaͤhert, und ihn, als — 11— ſie ſich uͤberzeugte daß er es ſey, befragt, wer der Mann geweſen der ihn begleitet habe. „War es nicht,“ ſprach ſie,„der Verraͤ⸗ ther, Eduard Stanley?“ „Ja, es war Eduard Stanley,“ entgegnete Ashby,„nicht aber mehr jener ſchaͤndliche Wuͤſt⸗ ling, der ſich Euch heute fruͤh genah't, er bereuet innig das an Euch begangene Verbrechen, und bat mich bei Euch fuͤr ihn um Verzeihung zu flehen. Ich ſagte ihm, daß ich Euch hier treffen wuͤrde, aber das Gefuͤhl ſeiner Schuld hatte ihn allzugewaltig erfaßt, als daß er im Stande gewe⸗ ſen waͤre, Euch unter die Augen zu treten.“ „Ha, der Elende!“ rief Margarethe Ver⸗ non,„ſeine Bruſt kennt weder Schaam noch Reue; das hier iſt ein neuer Beweis ſeiner Schaͤndlichkeit; er wuͤrde Euch hieher gelockt haben, haͤtte nicht unſere Verabredung ihm dieſe Muͤhe erſpart. Fliehet Ashby, wenn Euch meine Ehre, wenn Euch Euer Leben lieb iſt, beide ſind durch Eure Gegenwart hier in Gefahr gebracht. Flie⸗ — 12— het, bevor es zu ſpaͤt, bevor der Verraͤther ſeine Schlinge um uns gelegt hat.“ „Ich verſtehe Euch nicht, ſchoͤne Lady,“ verſetzte Ashbp,„gern aber wuͤrde ich Euren Wunſch erfuͤllen, wuͤßte ich nur wie ich das anzu⸗ fangen haͤtte. Das Thor durch welches wir her⸗ ein gelangten, iſt fuͤr die Nacht geſchloſſen; ohne daß Jemand aus dem Schloſſe mit mir erſcheint, kann ich nicht hinaus,“ „Was iſt da zu thun?“ rief die Lady in großer Gemuͤthsbewegung,„verweilt Ihr laͤnger, iſt Euer Leben verloren.“„Dort,“ fuhr ſie, ſich einige Schritte weiter bewegend, fort,„dort iſt der Graben etwas weniger breit, wenn Ihr Euch hinuͤber wagen wolltet, aber der Sprung iſt gefaͤhrlich.“ 1d „Thut nichts, thut nichts,“ entgegnete Ashby,„Ihr habt mir in der Noth huͤlfreiche Hand geleiſtet, jetzt braucht der Loͤwe die Maus, ich will thun wie Ihr begehrt; fuͤhrt mich zu der Stelle.“ Mit klopfendem Herzen und bebenden Schrit⸗ ten ging die Jungfrau voran, einem Theile der Gartenmauer zu, der uͤber den Graben hinabbing⸗ welcher hier ziemlich ſchmal war. Ohne zu zoͤgern ſchwang ſich der Fanatiker hinauf auf die Mauer, gelangte mit einer bewundrungswuͤrdigen Gewandt⸗ heit uͤber den Graben, rief von dort aus der bebenden Margarethe noch ein Lebewohl zu, und war im naͤchſten Moment vor ihren Blicken ver⸗ ſchwunden. Lady Vernon wartete Eduard Stan⸗ ley's Ruͤckkehr nicht ab, ſondern ſchlug einen Ne⸗ benpfad ein, und kam ſo mit ihrer Zofe unbe⸗ merkt in das Schloß. Kuln Kaum hatte ſie die Terraſſe verlaſſen, als auch ſchon Sir Thomas mit dem bloßen Schwerte in der Hand die Stiege hinanflog, und die obern Gaͤnge durchſuchte, waͤhrend ſein verraͤtheriſcher Bruder ſich außerhalb der Baluſtrade verborgen hielt. In wenigen Augenblicken hatte der Erſtere die ganze Terraſſe durchſpaͤht, aber er konnte auche nicht das geringſte von dem Verrathe wahrneh⸗ men, der, wie ihm ſein Bruder verſichert hatte, hier im Werke ſey, und ſo kehrte er dann mit etwas ruhigern Schritten zu der Stiege zuruͤck: „Entweder biſt Du ſelbſt getaͤuſcht worden, Eduard, oder Du haſt Dir einen Spaß mit mir machen wollen,“ ſprach Sir Thomas.„Oben auf der Terraſſe fand ich keine lebende Seele.“ „Keine lebende Seele?“ wiederholte der Boͤ⸗ ſewicht,„keinen Jaͤger,— kein Weib?““ „Weder Weib noch Mann,“ verſetzte der Ritter,„auch kann Niemand dort geweſen ſeyn, der Teufel muͤßte ihm dann Schwingen geliehen haben, uͤber die Mauer zu entkommen.“ „Seltſam,“ rief Eduard Stanley,„ich wollte darauf wetten, ich ſah einen Mann in Jaͤ⸗ gertracht die Stufen hinan auf zwei Weiber zu ſchreiten die oben ſtanden. Der Teufel hat ohne Zweifel ein Luſtgelag gegeben und mir allerhand Geſtalten vorgezaubert, aber laß uns den Garten durchſuchen, ſind die, die ich geſehen, von Fleiſch und Blut, haben ſie vielleicht eine Spur ihres Daſeyns zuruͤck gelaſſen.“ So ſprechend zog er ſein Schwert, und die Stiege hinan ſchreitend durchſuchte er jeden Win⸗ +. kel der Terraſſe, aber ſein Forſchen war eben ſo vergebens, als das ſeines Bruders, und ſo ſtie⸗ gen ſie in den unteren Garten hinab, durchſpaͤhe⸗ ten auch hier alles, aber ebenfalls ohne den min⸗ deſten Erfolg. Eduard Stanley wußte jetzt nicht, wie er ſich das Verſchwinden der Lady Vernon, ihrer Zofe und des Fanatikers erklaͤren ſolle, denn er meinte, daß, wenn ſie, was faſt unmoͤg⸗ lich geweſen ſey, ihn und ſeinen Bruder aus der Ferne gewahr geworden waͤren, doch ſo ſchnell nicht haͤtten verſchwinden koͤnnen; er vergaß, daß Margarethens ſcharfes Auge ihn und den Sir Thomas den ganzen Tag uͤber beobachtet hatte, wo denn der Jungfrau die boshafte Freude in den Geſichtszuͤgen des Heuchlers, ſo wie die Eifer⸗ ſucht in denen ſeines Bruders, keinesweges ent⸗ gangen waren, und ſie zu der Ueberzeugung ge⸗ fuͤhrt ward, der letztere ſey durch den verraͤtheri⸗ ſchen Eduard aufgeregt, welcher einen neuen ſchaͤnd⸗ lichen Anſchlag im Sinne fuͤhre. Er glaubte demnach, daß Margarethe, beſorgt, in einem geheimen Geſpraͤche mit einem Fremden uͤberraſcht — 16— zu werden, den Fanatiker ſchnell wieder entlaſſen habe, und daß dieſer noch irgendwo im Garten verborgen ſeyn muͤſſe. Er wußte, daß ſeine Ab⸗ ſicht zum Theil erfuͤllt ſeyn wuͤrde, konnte er es nur einrichten, daß ſein Bruder dieſen Mann zu Geſicht bekaͤme in der Jaͤgertracht gekleidet, denn dadurch hoffte er, wuͤrde der Bericht des Sir Si⸗ mon Deyge von einem Manne, der in den Waͤl⸗ dern von Haddon umhergeſtrichen, Gewicht erhal⸗ ten. Von dieſem Gedanken angetrieben, ließ Eduard Stanley keinen Pfad, keinen Laubengang, kein Gebuͤſch undurchſucht. Lange noch aber blieb ſein Bemuͤhen fruchtlos, und ſchon wollte er ſein Nachforſchen ganz aufgeben, als potzlich ſein Bruder; welcher mit dem Ohre eines Eiferſuͤchti⸗ gen uͤberall hinhorchte, ihn beim Arme erfaßte, und ihn bat ſich ruhig zu verhalten. „Ich hoͤre Schritte,“ fluͤſterte er ihm zu, „Du haſt Dich nicht getaͤuſcht, der Elende ſoll ſein Schandleben aushauchen, haͤlt mein Stahl die Probe.“ „Sey nicht zu raſch, fuͤhre den Streich — 17— ſicher,“ warnte der mordgeſinnte Eduard,„zittert Deine Hand, ſo uͤberlaß mir die That.“ „Nein,“ entgegnete der Ritter,„ich will ihn nicht meuchlings morden, er ſoll ſich verthei⸗ digen koͤnnen; ich will mein Leben an das ſeinige ſetzen. Iſt, er ein Mann von Geburt, wie Du meinſt, ſoll er auch wie ein ſolcher behandelt werden.“ 1 „So will ich ſtatt Deiner ihm entgegen tre⸗ ten,“ fiel der Verraͤther ein,„meine Hand iſt ſicherer als die Deine, Du koͤnnteſt fallen.“ „Und wenn auch,“ verſetzte Sir Thomas, „dann moͤge er in Frieden ziehen;z Du, Eduard, ſollſt Dein Leben nicht fuͤr mich wagen, ſtecke Dein Schwert ein.— Doch, ha, er nah't!“ So ſprechend ſtuͤrzte der Nitter aus dem Gebuͤſche, welches ihn und ſeinen Bruder verbarg, auf dem Kommenden zu, verſetzte dieſem einen Hieb mit der flachen Klinge, und rief,„Zieh' Dein Schwert, Elender, und vertheidige Dich! von uns beiden verlaͤßt nur einer lebend dieſe Stelle!“ II. Band. 2 —— 18— Der Geſchlagene kruͤmmte ſich ſo, als ob er von einer Kolik befallen ſey, und bat jammernd um Gnade und Barmherzigkeit. „Wie! Sir Thomas,“ rief er endlich, als 4 er den Ritter erkannte,„wie moͤgt Ihr ſo mit Eurem Gaſte verfahren!“ „Ihr ſeyd's, Sir Simon Deyge,“ fragte Sir Eduard Stanley mit graͤnzenloſem Erſtaunen. „Ihr ſeyd es, Sir Simon Deyge!“ wieder⸗ holte der Ritter aus Derbyſhire in einem gar jaͤm⸗ merlichen Tone,„ja freilich bin ich's, Sir Si⸗ mon, oder wenigſtens das, was nach dem derben Schlage noch von ihm uͤbrig geblieben. Warum zum Henker, pruͤgelt Ihr darauf los, ohne erſt nach dem Namen der Leute zu fragen?“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, mein ehren⸗ werther Ritter,“ entgegnete Sir Thomas Stanley, der ſich uͤber die klaͤglichen Mienen des Dulders kaum des Lachens enthalten konnte.„Ich nahm Euch fuͤr einen Andern.“ „SJa, ja, ſo ſprecht Ihr jetzt,“ verſebte Sir Simon Deyge,„wer's glaubte, Ihr und Euer — 19— Bruder habt Euch ſchon einmal einen Spaß mit mir gemacht.“ „Ich fuͤhrte nichts Boͤſes gegen Euch im Schilde, mein Ehrenwort darauf,“ entgegnete Sir Thomas,„ich wollte nur einen Elenden, von dem ich mich beleidigt glaubte, meine Rache fuͤhlen laſſen. Noch einmal alſo, verzeiht; Euch konnte ich ja nicht hier erwarten, ich glaubte Euch in der Halle.“ b l n „In der Halle,“ erwiederte der Ritter aus Derbyſhire, indem er ſich noch immer den geſchla⸗ genen Ruͤcken rieb,„ganz recht, da war ich auch, mit Euren wuͤrdigen Aeltern und der Lady Mar⸗ garethe Vernon, die aus ihrem Zimmer trat, als Ihr kaum das Gemach verlaſſen hattet. Aller⸗ dings waren wir dort; was aber trieb Euch denn fort, hier hinaus in den Garten, hattet Ihr etwa Luſt mit Schatten zu kaͤmpfen, oder geſchah es um mit einem ehrlichen Manne Euren Spaß zu treiben? Ich kam in der beſten Abſicht von der Welt, um Euch zuruͤckzurufen zur Geſellſchaft.“ „Wir ſind Euch dankbar, Sir Simon,“ verſetzte Thomas Stanley,„wir wollen mit Euch in die Halle zuruͤckkehren; wenn man aber dort das hier Vorgefallene erfaͤhrt, giebt das nur neuer⸗ dings Gelegenheit uber Euch zu lachen. Ich bitte Euch daher, haltet reinen Mund, auch wir wer⸗ den ſchweigen.“ „Ei, ich werde mich huͤthen, meine eigene Schande auszutrompeten,“ antwortete der Ritter, „kommt, laßt uns in die Halle zuruͤckkehren.“ „Aue drei verließen darauf den Garten und begaben ſich in das Schloß, wo ſie den Grafen und die Graͤfin von Derby nebſt der Lady Mar⸗ garethe Vernon, uͤber ihre Abweſenheit erſtaunt, antrafen. Das Fraͤulein fuͤrchtete anfangs, daß man Ashby entdeckt haͤtte, als aber ſein Name nicht genannt ward, ſchwand ihre Beſorgniß nach und nach dahin. 4 Da dem verraͤtheriſchen Eduard Stanley ſein Anſchlag voͤllig mißgluͤckt war, beſchloß er, denn er glaubte, daß nur der Zufall, nicht Mißtrauen von Seiten der Lady Margarethe Vernon, ſeine Abſicht vereitelt haͤtte, ſeine Schlinge auf andere Weiſe zu legen, und um ihr Vertrauen wieder zu gewinnen, ſich ihr ſelbſt zu nahen, und mit heuchleriſcher Miene ihre Verzeihung zu erflehen. Margarethe aber, welche ihn raſtlos mit ſcharfen Augen beobachtete, ward, zumal da er ſo lange mit ſeinem Bruder ausgeblieben war, jetzt voll⸗ kommen uͤberzeugt, daß er ihren Geliebten zu dem Orte ihrer Zuſammenkunft mit Ashby gefuͤhrt habe, und ſie beſchloß demnach, auch keine ein⸗ zige Sylbe von den reuevollen Betheuerungen zu glauben, die, wie ſie nach den Aeußerungen des 3— 22— Fanatikers zu vermuthen Urſache hatte, nun bald uͤber die truͤgeriſchen Lippen des Boͤſewichts fließen wuͤrden. Sie wollte indeß ſeine Entſchuldigung ſcheinbar ruhig anhoͤren, und ſich ſtellen, als ob ſie ſeinen Verſicherungen glaube, denn ſie hoffte, er wuͤrde dann um ſo eher die Maske fallen laſ⸗ ſen und ſie in den Stand ſetzen, ſeinen trugvol⸗ len Anſchlaͤgen entgegen zu arbeiten. Auch beſchloß ſie von ſeinem verraͤtheriſchen Benehmen ihrem Geliebten durchaus keine Kunde zu geben, denn das Leben des Letzteren war ihr zu werth, als daß ſie es auch nur im Geringſten haͤtte in Ge⸗ fahr ſetzen ſollen. Nachdem ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatte, wich ſie der von Eduard Stanley aͤngſtlich geſuchten Unterredung nicht aus, und ſo konnte dieſer ſchon am Morgen nach Ashby's Entfernung ſeinen Plan in Ausfuͤhrung bringen. Sie luſtwandelte auf der Terraſſe, unfern der Stelle, wo ſie mit dem Fanatiker geſprochen hatte. Da trat der Heuchler, nachdem er zuvor ſorgſam umhergeblickt, ob keine Horcher in der Naͤhe waͤren, ſcheinbar zoͤgernd auf ſie zu: — 23— „Schoͤne Margarethe,“ ſprach der Verraͤther mit ſcheu niedergeſchlagenen Blicken;„ich weiß nicht wie— ich moͤchte gern— Eure Verzeihung.— Mein Vergehen.“ „Kann, wie es mir ſcheint, auf keine Ver⸗ gebung Anſpruch machen,“ entgegnete Lady Ver⸗ non empoͤrt. „Ein Soldat wagt alles zu hoffen,“ ver⸗ ſetzte Eduard Stanley in einem ſanften Tone, „nichts ſcheint ihm unerreichbar, ſelbſt das Hoͤchſte, ſelbſt Eure Liebe nicht. Noch immer glaube ich, ſie durch die Treue und Demuth zu gewinnen, die ich Euch fortan zu zeigen bemuͤht ſeyn werde.“ Lady Margarethe wußte kaum was ſie von dieſem Benehmen zu denken haͤtte, war er in der That ein Verraͤther, wie ſie glaubte, ſchien es wunderbar, daß er ſo unumwunden ein Bekenntniß ablegte, welches ſie ja nur bewegen mußte, noch ſorgſamer auf ihrer Huth zu ſeyn. Sie beſchloß ihn ferner anzuhoͤren. „Bei meiner Seligkeit, theure Lady,“ fuhr — à— der Heuchler mit ſteigender Lebhaftigkeit fort: „aufrichtig bereue ich mein geſtriges Benehmen, aber denkt auch nicht zu Arges von mir, glaubt ja nicht, daß ich meine Drohung ausgefuͤhrt ha⸗ ben wuͤrde. O nein, nein! dadurch daß Ihr meine Liebe verſchmaͤh'tet, ward der Boͤſe auf einen Augenblick bei mir rege, dennoch aber waret Ihr ſicher bei mir, wie in dem Hauſe Eures edlen Vaters; ja dies ſchwoͤre ich Euch, ſo wahr mir mein Arm in der Schlacht treu bleiben ſoll, ich will Euch nach Haddon begleiten, dem alten Ritter mein Vergehen bekennen, er wird mein Wortfuͤhrer bei Euch werden. 1 „Mein großmuͤthiger Vater iſt leicht zu taͤu⸗ ſchen,“ erwiederte die Jungfrau,„und auch mich koͤnnten Eure Worte irre leiten, laͤge nicht Euer Benehmen zu klar am Tage. Iſt es nicht un⸗ maͤnnlich und eines Ritters unwuͤrdig, gegen ein ſchwaches huͤlfloſes Maͤdchen Gewalt zu gebrau⸗ chen? Weil ſie ſeine Liebe verwarf, ſeine Rache an ihrer Angſt, an ihren Thraͤnen zu weiden? Sorgt, daß Euer Betragen nie ein Sterblicher 8 — — — 25— erfahre, er wuͤrde Euch verachten wie einen Feig⸗ herzigen, der der Waffe unwürdig, die an ſeiner Seite glaͤnzt.“ „„Hoͤrt mich, hoͤrt mich!“ rief Eduard Stun⸗ ley, mit vor Wuth und Gehnak Baumr vernehm⸗ barer Stimme. Tnttadasd „Euch hoͤren,“ wiehetholts Lady Masareihe, deren Unwille uͤber ihren Entſchluß ruhig zu blei⸗ ben die Oberhand gewann;„Euch hoͤren! Ich ſage Euch, der niedrigſte Krieger wuͤrde Euch ver⸗ achten, daß Ihr ein Verbrechen beſchloßt, welches Ihr auszufuͤhren nicht wagen durftet. Ha, Ver⸗ raͤther! Ihr bebt! Blickt nur um Euch— und waͤren wir auch in einer Wuͤſte, ich wuͤrde Euch dennoch nicht fuͤrchten. Wagt es, mich nur mit der Fingerſpitze zu beruͤhren, und dieſer Dolch durch⸗ bohrt Eure Bruſt; ſo wahr das Blut der Vernons in meinen Adern rollt!“ So ſprechend ſchlug ſie ihr ſeidenes Gewand zuruͤck, und erfaßte den Griff eines kleinen Dolchs, den ſie auf der Bruſt verſteckt trug. „Fortan,“ fuͤgte ſie dann etwas ruhiger — 26— hinzu,„lebe ich nicht unter demſelben Dache mit Euch, ohne dieſen Freund zur Hand zu haben.“ „Ich beſchwoͤre Euch, ſchoͤne Margarethe,“ fleh'te der Heuchler,„ entfernt den todbringenden b Stahl von Eurem Schwanenbuſen, und ich betheuere Euch, bei Allem was mir werth und b heilig iſt“— 3rnenn r5 u Ihr ſchwoͤren,“ unterbrach ihn die Jung⸗ frau mit einem verachtungsvollen Blicke,„und wer wird mir Euren Eid verbuͤrgen?“ „Ich will bei Euch ſelbſt ſchwoͤren!“ rief der Verraͤther,„bei Euch, der Gottheit die ich anbete, deren Schoͤnheit zu ſchauen mir mehr Entzuͤcken gewaͤhrt, als der Anblick einer fliehen⸗ den Armee dem Sieger.“ „Ha, Schlange, wie kruͤmmſt Du Dich!“ unterbrach ihn Lady Vernon, deren Zorn einmal aufgeregt, leicht die Schranke der Beſonnenheit durchbrach:„Du wußteſt um meine Zuſammen⸗ kunft mit Ashby, die nur zur Abſicht hatte, Dich der gerechten Rache des Sir Thomas zu entzie⸗ hen.— Du kamſt mit jenem zur Terraſſe; ich — 27— ſah Dich, und wohl Dir, daß ich Deine Verraͤ⸗ therei ahnete, denn haͤtteſt Du Deinen Bruder hergefuͤhrt, als ich mich noch mit Ashby beſprach, ich haͤtte Dich der gerechten Wuth des Sir Tho⸗ mas preis gegeben, haͤtte es auch mein eigenes Leben gegolten.“ 2290 „Er kam ja aber nicht, als Ihr beiſam⸗ men waret,“ nahm Eduard Stanley heuchleriſch das Wort:„er wuͤrde Euch fruͤher geſtoͤrt Haben, haͤtte ich ihn nicht abgehalten.“ „Ihr?“ fragte Lady Margarethe, mit einem Blicke voll Verachtung. „Ja ich!“ verſicherte der Verraͤther,„ich kehrte in die Halle zuruͤck, um meinen Bruder dort, waͤhrend Eures Geſpraͤchs mit Ashby, zu beſchaͤftigen. Haͤtte ich fruͤher um Eure Zuſam⸗ menkunft gewußt, ich wuͤrde ſie Euch widerrathen haben, denn es iſt meines Bruders Gewohnheit bei Mondſchein eine Stunde lang zu luſtwandeln. Grade als ich in die Halle trat, nahm er Hut und Mantel, in wenigen Augenblicken haͤtte er Euch uͤberraſcht.“ - 28— Matgarethe Vernon laͤchelte unglaͤubig. „Waͤre es meine Abſicht geweſen, Euch meinem Bruder zu verrathen,“ fuhr Eduard Stanley fort,„ich wuͤrde mich mit ihm in dem Garten verſteckt haben. Ich wußte ia den Dn Eurer Zuſammenkunft.“ 1 „Ihr waret beſorgt, daß er dann die Wahr⸗ heit erfahren moͤchte,“ entgegnete die Jungfrau. „Was er hoͤren konnte, haͤtte Euch ja nur Schande gebracht.“ „Ihr wollt mich durchaus ſhunig finden, ſchoͤne Margarethe,“ verſetzte der Betruͤger,„ſonſt wuͤrdet Ihr doch irgend einen meiner Vertheidi⸗ gungsgruͤnde gelten laſſen. Indem ich Ashby von der Haft befreiete, die ſein unverſchaͤmtes Betragen uͤber ihn herbeigezogen hatte, was konnte mich dazu bewegen, als das Verlangen, die ihm geſtern zugefuͤgte Beleidigung wieder gut zu ma⸗ chen. Mein Piſtol war uͤbrigens nicht ſcharf ge⸗ laden, auch hat er mir verziehen. Ich habe mich an Euch vergangen; nun ja, aber der Himmel weiß es, meine Neue iſt aufrichtig, ich habe 4 meine Ehre befleckt, aber ich will ſie reinwaſchen auf dem Schlachtfelde, in dem Blute der Feinde.“ „Waͤre Euer Character ſo edel, als Euer Herz kuͤhn iſt,“ nahm Margarethe Vernon wie⸗ der das Wort,„Ihr koͤnntet allen tapferen Juͤng⸗ lingen des Landes zum Muſter dienen.— So aber kann ich Euch nur beklagen.“ Mit dieſen Worten wollte ſie ſich eiſaben Eduard Stanley aber hielt ſie zuruͤck:„Ich laſſe Euch nicht ſcheiden, ſchoͤne Margarethe, bevor Ihr mir verziehen,“ rief er in einem etwas min⸗ der demuthsvollen Tone,„ iſt Euch daher meine Naͤhe zuwider, erklaͤrt mir aliſun zan Ihr mir wesgebe „Gut, ich verzeihe Euch, ſprach die 3 Jung⸗ frau, deren Beſonnenheit jetzt zuruͤckkehrte, und die fuͤr das Leben ihres Geliebten fuͤrchtete, wenn ſie den ungeſtuͤmen Sinn des Verraͤthers noch mehr aufreizen wuͤrde;„ich verzeihe Euch unter einer Bedingung.—“ „Nein, nein, ohne alle Bedingung,“ unter⸗ brach ſie Eduard Stanley,„ſprecht Eure Verzei⸗ * 35 3— 30— hung unbedingt aus, und Ihr ſollt ſehen, ich werde Eure Guͤte nicht mißbrauchen.“ „So ſey es denn,“ ſprach Margarethe, „ich hoffe, Ihr werdet Eures Verſprechens ein⸗ gedenk ſeyn; mein Vater erwartet Euch zu Had⸗ don, wollt Ihr uns dorthin begleiten, muͤßt Ihr baldige Anſtalten treffen, denn morgen ſchon reite ich zuruͤck.“ „Morgen ſchon?“ fragte Eduard Stanley erſtaunt;„wie, vor zwei Tagen langtet Ihr ja erſt an; ſeyd Ihr der Gaſtfreundſchaft des Gra⸗ fen von Derby ſo bald uͤberdruͤſſig geworden?“ „Eure wuͤrdigen Aeltern haben mich mit der groͤßten Guͤte und Freundlichkeit behandelt,“ ver⸗ ſetzte Lady Margarethe Vernon,„Euer Beneh⸗ men aber hat mir die Stunde verkuͤmmert und mir den Aufenthalt in dieſem Hauſe zuwider ge⸗ macht. Bisher glitt mein Lebenskahn von ſanf⸗ ten Wellen gewiegt, ruhig dahin, Ihr ſeyd die erſte Klippe die ihm drohend entgegen trat.“ „Bleibt hier noch laͤnger, ſchoͤne Marga⸗ rethe,“ bat Eduard,„ich betheuere Euch, Ihr * — 31.— habt nichts mehr von mir zu fuͤrchten; iſt es aber meine Naͤhe, die Euch forttreibt, ſo ſeht Ihr mich bereit, Lathom zu verlaſſen und mich unver⸗ zuͤglich zu Eurem Vater⸗ zu begeben, alsdann, nicht wahr, werdet Ihr doch zufrieden ſeyn.“ Die Jungfrau blickte unglaͤubig zu ihm auf. „Ihr zweifelt, ob ich es redlich meine,“ fuhr der Heuchler fort,„Ihr glaubt nicht, daß ich Wort halten werde; Ihr denkt, daß wenn Ihr Euch im Park oder hier auf der Terraſſe ergehen wuͤrdet, der tollkuͤhne Eduard Stanley ploͤtzlich wieder vor Euch daſtehen duͤrfte, ſeine fruͤhere Frevelthat zu wiederholen; ich aber ſchwoͤre Euch bei Soldaten⸗Ehre, und das iſt mein hoͤchſter Schwur, daß ich morgen mit Sonnenaufgang Lathom verlaſſen, und mich Euch nicht wieder nahen werde, bis Ihr vor der Sihloßpfokam von Haddon anlangt.“— „Wohlan Sir,“ ſprach die Jungfrau,„hal⸗ tet Ihr Euer Verſprechen, ſo werde ich hoffen, daß es doch noch Eurer beſſeren Natur gelingen kann, die Daͤmonen wilder Leidenſchaften in Eu⸗ —— 32— rer Bruſt zu bekaͤmpſen. Ich nehme Euer Aner⸗ bieten an.“ 1 8 „So lebt dann wohl, mein Leben, das ſeyd Ihr, das werdet Ihr ewig bleiben!“ So ſprechend eilte er raſch von der Terraſſe hinab, den Staͤllen zu, um dort Befehl zu erthei⸗ len, morgen mit dem fruͤheſten ein Roß fuͤr ihn bereit zu halten, hier fand er Sir Simon Deyge mit ſeinem Klepper beſchaͤftigt, welcher durch den Ritt von Derbyſhire nach Lathom etwas gelitten hatte. Der Ritter hatte nicht bemerkt, daß Eduard Stanley eintrat, ſondern hielt den Hin⸗ terfuß ſeines Pferdes empor, und machte ſeinen Reitknecht auf die Wunde die das Thier erhal⸗ ten, und auf die Mittel ſie zu heilen aufmerk⸗ ſam.„Geh⸗ und ſuche ein paar hundert ſchwarze Schnecken,“ ſprach er zu dem Diener gewandt, koche ſie langſam auf Kohlen zu Gallert, dann— Bei dieſen Worten klopfte ihn Eduard Stanley auf die Schulter:„Ihr behandelt ja Euxen Gaul mit großer Sorgfalt.“ „Er verdient es auch,“ antwortete der Rit⸗ — 33— ter aus Derbyſhire,„es iſt ein gar wackeres Thier, wir ſind von Haddon in zwei Tagen her⸗ geritten.“ „Ei der Tauſend,“ laͤchelte der junge Krie⸗ ger;„Was meint Ihr, wenn Ihr morgen dort⸗ hin mit mir zuruͤckkehrtet, ich reite mit dem fru⸗ heſten, und haͤtte Euch gern zum Begleiter, wenn Euch nicht anders unaufloͤsliche Bande an Lady Margarethe gefeſſelt halten.“ „Ei, ich folge Euch mit Freuden,“ erwie⸗ derte Sir Simon Deyge,„die Erndte iſt ohne⸗ hin vor der Thuͤr, da muß ein guter Landwirth ſeine Augen uͤberall haben. Ihr muͤßt mir aber verſprechen, nicht ſo toll ins Zeug hinein zu jagen, als geſtern, mein Roß hier iſt ein ver⸗ nuͤnftiges Thier, und zu ſolchem wilden Gejage nicht geeignet.“ „Seyd unbeſorgt,“ antwortete Eduard Stan⸗ ley,„wir wollen reiten wie es Euch beliebt, wenn wir auch den ganzen Weg uͤber nicht aus dem Schritte kaͤmen.“ II. Band. 3 — 34— „Aber wenn die Wunde am Hufe hier nur. bis morgen geheilt iſt,“ bemerkte der Ritter. „Wenn nicht, laßt Ihr den Gaul zuruͤck,“ ſprach Eduard Stanley.„Euer Reitknecht, der dann im Gefolge der Lady Margarethe Vernon zuruͤckkehren kann, bringt ihn mit. Ich werde Ormſton Befehl ertheilen, fuͤr Euch ein anderes Pferd in Bereitſchaft zu halten.“ „Nur nicht etwa das Teufelsthier von geſtern,“ rief Sir Simon Deyge, von Angſt ergriffen. „Nein, nein,“ laͤchelte der junge Soldat, „er ſoll einen ruhigen ſanften Gaul waͤhlen.“ „Ich kenne Eure ruhigen ſanften Thiere, aber ich traue ihnen nicht,“ entgegnete Sir Si⸗ mon Deyge,„ich hoffe, ich werde meinen eigenen Klepper reiten koͤnnen, der geht ſo ganz wie ich es wuͤnſche.“. Nachdem Eduard Stanley darauf den Reit⸗ knechten die noͤthigen Befehle ertheilt hatte, kehrte er mit dem Ritter aus Derbyſhire in das Schloß zuruͤk, wo er ſeinen Vater und die uͤbrigen von 4 3 2 — 35— ſeiner beabſichtigten Reiſe unterrichtete. Sir Si⸗ mon entſchuldigte ſich mit ſeinen landwirthſchaft⸗ lichen Pflichten, die ihn laͤnger zu bleiben verhin⸗ derten, und ward von dem Grafen von Derby, der den Thoren vielleicht nicht ganz ungern ſchei⸗ den ſah, beretzi entlaſſen. 3. Fruͤh bei Tagesandruche verließen Eduard Stan⸗ ley und Sir Simon Deyge, Lathom, deſſen von der ſo eben aufgegangenen Sonne vergoldete Thuͤrme denen eines Feeenpalaſtes glichen, wie ſie in orientaliſchen Romanzen beſchrieben werden. Der Ritter, welcher durchaus kein Roß aus den Staͤllen des Grafen von Derby annehmen wollte, ſaß auf ſeinem eigenen Klepper, aber obgleich der Schneckenbalſam wunderbar gewirkt hatte, konnte der Klepper dennoch mit dem Roſſe des jungen Kriegers, und mit dem ſeines Reitknechts kaum gleichen Schritt halten. Sein eigener Knecht war wo moͤglich noch ſchlechter beritten, als er ſelbſt, ſo daß der Zug ſich nur langſam fortbewegte. Eduard Stanley, den ſein ungeduldiger Sinn raſtlos vorwaͤrts trieb, und der nur mit Muͤhe A 7 — 37— ſeinen muthigen Renner zuruͤckzuhalten vermochte, ſuchte ſich die Zeit in einem Geſpraͤche mit ſei— nem Begleiter zu verkuͤrzen. „Ihr habt vor kurzem Lady Dorothea Ver⸗ non geſehen,“ ſprach er zu dem Ritter gewandt, „haltet Ihr ſie fuͤr eben ſo ſchoͤn üls ihre Schwe⸗ ſter Margarethe?“ „Fuͤr noch ſchoͤner,“ verſicherte Sir Simon Deyge,„ich haͤtte meine Augen nicht auf Lady Margarethe gerichtet, haͤtte ich nicht geglaubt, daß ſich ihre Schweſter ſchon in eine Liebſchaft eingelaſſen haͤtte.“ „Wie, mit dem Abentheurer, dem irrenden Ritter?“ fragte Eduard Stanley. „So glaubt man allgemein,“ entgegnete Sir Simon,„obgleich ihr Vater von keiner Zuſam⸗ menkunft der Liebenden etwas weiß, dennoch aber beobachtet er ſie mit ſcharfen Augen.“ „Sie iſt alſo ſehr ſchoͤn?“ nahm der junge Krieger wieder das Wort. „Das will ich meinen,“ verſetzte der Nite aus Derbyſhire,„auf ihrer Wange thronen Lilien — 38— und Roſen; Afrika's Elfenbein iſt nicht ſo weiß, als ihr Schwanenhals. Dabei iſt ſie ſanft, wie eine Taube, und deshalb gefaͤllt ſie mir um ſo mehr. Sie laͤchelt nur ſelten, wenn ſie aber laͤchelt, glaubt man einen Engel oder ein ſchuld⸗ loſes Kind an der Bruſt der Mutter zu ſchauen.“ „Nach Eurer Beſchreibung ſcheint es mir, ſie habe einen ſchwermuͤthigen Sinn, oder ſey verliebt,“ bemerkte der junge Soldat,„habt Ihr nie einen Angriff auf ſie gewagt?“ „Einen Angriff? wie meint Ihr das?“ fragte Sir Simon erſchrocken. „Ei nun, ſo eine Liebesattake,“ laͤchelte ſein Begleiter,„eine foͤrmliche Bewerbung, wie Ihr es bei der Lady Margarethe gemacht.“ „Nein, wahrlich nicht,“ erwiederte der Rit⸗ ter,„man wird von ihrem ſanften Benehmen in Schranken gehalten; uͤberdem ſage ich Euch ja, ſie haͤngt an den Abentheurer, und närriſch waͤre es, einem Preiſe nachzulaufen, den ein anderer ſchon gewonnen hat.“ „Den Preis hat er erſt dann davon getra⸗ gen, wenn ſie ſein Weib geworden,“ bemerkte Stanley,„verlohnt ſich's der Muͤhe, ſollt Ihr ſehen, wie ich alles thun werde, ſie dem wilden Geſellen abtruͤnnig zu machen. Ueberdem muß ich dieſen Abentheurer ins Auge faſſen.“ „Ja, wenn es ihm beliebt,“ entgegnete Sir Simon,„er kommt und verſchwindet wie ein Schatten, iſt ſtets da, wo man ihn am wenig⸗ ſten erwartet, nie aber dort, wo man ihn zu fin⸗ den gehofft.“ „Am Ufer des Wye laͤßt er ſich dann und wann ſchauen,“ nahm ploͤtzlich Sir Simons Knecht das Wort, der uͤber den Hals ſeines Gauls gelehnt, das Geſpraͤch der beiden Reiter mit angehoͤrt hatte. „Schweig, Burſche!“ droh'te Eduard Stan⸗ ley,„es will ſich nicht geziemen, daß ein Knecht Theil an der Unterredung der Ritter nimmt.“ „Zuͤrnt ihm nicht, meinem Septimus,“ bat Sir Simon, mer iſt ein gar wackerer Junge, zwar erlaubt er ſich dann und wann etwas zu diel Freiheit, das aber iſt eine Folge meiner — 40— Milde, ich bin gegen alle meine Leute ſanft und guͤtig.— Schweig, Septimus, ſchweig bis Du gefragt wirſt.“ 3 „Mir auch recht,“ brummte der Knecht vor ſich hin, und hielt ſein Pferd an. „Du haſt alſo den Unbekannten an den Ufern des Wye geſehen?“ fragte Eduard nach einer Weile, denn er war begierig, ſo viel als nur moͤglich von dem Abentheurer zu erfahren. „Ja Herr,“ erwiederte Septimus. „Wie ſah er aus?“ „Ich kann das ſo genau nicht ſagen, auch wolltet Ihr ja erſt nichts davon hoͤren,“ brummte der Knecht. „Du ſollſt antworten, wie es ſich geziemt,“ ſchalt der junge Krieger,„oder Dein Ruͤcken ſoll die Flaͤche meines Schwertes fuͤhlen.“ „Schlagt ihn ja nicht,“ warnte Sir Simon, „habt Ihr erſt einmal Hand an ihn gelegt, bringt Ihr kein Wort aus ihm heraus, und woll⸗ tet Ihr ihn auch zu Tode pruͤgeln.— Sprich, Septimus, ſprich, Du haſt ja den Abentheurer — 41— geſehen, ſage, wie ſieht er aus, iſt es ſo ein duͤnnbeiniges knoͤchriges Maͤnnchen, als der Herr Eduard Stanley hier, oder iſt er ein huͤbſcher ſtattlicher Cavalier, wie ich einer bin?““ Eduard konnte nicht umhin, bei dieſer Frage lautauf zu lachen; der Knecht aber erwiederte, ohne auch nur eine einzige Geſichtsmuskel zu ver⸗ ziehen:„Er iſt etwas laͤnger, auch etwas aͤlter, als der junge Herr da; aber auch Euch ſieht er nicht aͤhnlich, geſtrenger Herr, denn er iſt ein gar huͤbſcher Mann, auch nimmt er ſich viel beſ⸗ ſer aus als Ihr.“ „Sprachſt Du je mit ihm?“ fragte Stan⸗ ley weiter. „Ja, ich ſagte ihm einmal guten Abend, als ich ihm im Walde begegnete,“ brummte der Knecht,„aber ich kann nicht ſagen, daß ich ſein Geſicht genau geſehen, denn als ich auf ihn traf, war es ſchon dunkel geworden. Er muß gar kraͤftig und ſtark ſeyn, denn die Leute ſagen, kein Mann ſey im Stande ſeinen Bogen zu ſpannen. Keine Klaue im Walde iſt vor ihm ſicher.” Ja, das iſt wahr, und das iſt's eben was dem Sir George verdrießt,“ bemerkte der Ritter von Derbyſhire.„Der ſchilt dann ſeine Jaͤger fuͤr feigherzige Memmen, daß ſie den einzelnen Burſchen nicht einmal zu fangen vermoͤgen.“ „Ja, der nimmt es mit dreien oder dieren zugleich auf,“ fiel Septimus ein,„er iſt ſtets mit Schwert und Dolch bewaffnet, und nur ein Narr wuͤrde Hand an ihn legen.“ „Sieht er denn aus wie ein Soldat?“ fragte Stanley. „Zuweilen traͤgt er einen Federhut, wie Ihr⸗ junger Herr,“ verſetzte der Knecht,„dann und wann aber geht er einfach gekleidet, wie Sir Simon; Gilbert Onshaw, an der Waldgraͤnze weiß mehr von ihm als andere, und kann ihn auffinden wenn er Luſt hat.“ „Weshalb zwingt denn den Sir George nichts, dieſen Mann, den Abentheurer, der Gerechtigkeit zu uͤberliefern?“ fragte Eduard Stanley. „Er kann es nicht, ohne unrecht zu thun, — 43— denn man kann dem Gilbert nichts beweiſen,“ entgegnete Septimus.„Die Leute ſagen jedoch, daß er ſo ein Stuͤck von Tochter im Hauſe habe— Roſa ſoll ſie heißen; ihr huͤbſches Ge⸗ ſicht, meinen ſie, zoͤge den Abentheurer zur Huͤtte des Vaters.“ „Hoͤrteſt Du denn nie von ſeiner Liebſchaft mit der Lady Dorothee ſchwatzen?“ forſchte Stanley weiter. 3 „Er mag wol die Eine lieb haben, und die Andere heirathen wollen,“ erwiederte Septimus. „Die Roſa iſt eine wackere Dirne; ich weiß einen jungen Burſchen, der laͤuft ihr auf allen Schrit⸗ ten nach, und moͤchte den Abentheurer gewiß gern eins verſetzen, wenn er nur koͤnnte.“ „Du meinſt den Jaͤger, Walter Needham von Edenſor,“ nahm Sir Simon das Wort. „Eben den, er laͤuft der Roſa ſchon drei oder vier Jahre nach,“ entgegnete der Knecht, „ſie ſollten ſich mit einander verheirathen. Da⸗ mals aber hatte ſich der Abentheurer noch nicht im Walde von Haddon blicken laſſen; kaum war — 44— der erſchienen, als auch Roſa andere Saiten auf⸗ ſpannte. Der Walter wollte aus der Haut fah⸗ ren, aber nas ſollte er machen.“ „Sah'ſt Du den Abentheurer nie ſeine Waf⸗ fen gebrauchen?“ nahm Eduard Stanley wieder fragend das Wort. „Ich ſah wie er ſeinen Bogen abdruͤckte, und wahrlich, ich habe nie einen beſſeren Schuͤtzen geſehen,“ antwortete Septimus, ‚uͤberdem ſoll er auch das Schwert gut zu fuͤhren verſtehen.“ Um die Stunde, in welcher man jetzt gewoͤhn⸗ lich das Fruͤhſtuͤck einnimmt, langte Eduard Stan⸗ ley mit ſeinen Reiſegefaͤhrten in der Stadt Man⸗ cheſter an, die grade auf dem halben Wege von Lathom bis Haddon liegt; hier kehrten ſie in eine Herberge ein. Der Ritter aus Derbyſhire glaubte, ſie waͤrden hier uͤbernachten, aber er ward ſchnell von dem jungen Krieger enttaͤuſcht, welcher ihm berichtete, daß er Befehl gegeben habe, nach eini⸗ gen Stunden die Pferde wieder vorzufuͤhren. „Was, Sir?“ fragte Sir Simon Deyge, „Ihr wollt ſiebenzig Meilen in einem Tage reiten?“ „Hundert und ſiebenzig,“ entgegnete Eduard Stanley,wenn anders mein Pferd den Weg in ſo kurzer Zeit machen koͤnnte.“ „Wahrlich, wir reiben uns auf, Roß und Mann,“ bemerkte der Ritter aus Derbyſhire, „bisher hatten wir einen ſchoͤnen Weg, nun aber wird die Landſtraße rauher und bergigter.“ „Um ſo beſſer,“ entgegnete Eduard Stan⸗ ley,„je felſigter, je unbequemer, je lieber iſt es mir; aber kommt, Herr Ritter, laßt uns die kurze Zeit benutzen und uns guͤtlich thun, der Ritt hat mich hungrig gemacht“ Nachdem ſie ein derbes Mittagsmahl einge⸗ nommen hatten, machten ſie ſich wieder auf den Weg. Eduard Stanley ritt jetzt raſcher als zu⸗ vor, ſo daß der arme Klepper des Ritters aus Derbyſhire kaum zu folgen vermochte. „Eure Roſinante ſinkt noch unter Euch zu⸗ ſammen,“ lachte der junge Krieger. „Kein Wunder wenn's geſchieht,“ entgeg⸗ nete Sir Simon Deyge,„Ihr jagt ja ſo, als ob wir ein Wettrennen hielten. Euer ſcharfer Trab hat meinen Gaul gelaͤhmt.“ „Scheint mir's doch, daß er ſchon ſeit zehn Jahren lahm geweſen,“ bemerkte Eduard Stanley. „So war er lahm ein Jahr vor ſeiner Ge⸗ burt,“ antwortete der Ritter,„er iſt im vergan⸗ genen May neun Jahre geworden.“ „Neunzehn wollt Ihr ſagen,“ verbeſſerte der Soldat,„er iſt ein Veteran.— Wie aber nennt Ihr den Ort der da vor uns liegt?“ „Stockport,“ antwortete Sir Simon Deyge,“ noch ein paar Meilen weiter und wir kommen in das Gebirge.“ Sie ritten nun etwas langſomat als bisher, kamen durch die Ortſchaften Stockport und Bul⸗ lock Smithy, und bald ging es nun bergan. Ein beruͤhmter Dichter ſagt:„ſteil iſt der Weg in Derbyſhire,“ und ſo fand ihn in der That auch Eduard Stanley. Je hoͤher ſie aber kamen, je mannigfaltiger und majeſtaͤtiſcher ward die Ge⸗ gend rund um ſie her, und ſelbſt Eduard Stan⸗ ley fuͤhlte ſich ungemein von ihrem Anblicke ergrif⸗ — — — — 47— fen, und auf einen Moment lang von Ehrerbie⸗ tung fuͤr den Schoͤpfer aller dieſer Herrlichkeiten durchdrungen. Das in ihm aufflackernde ſanftere Gefuͤhl aber ſollte ſchnell wieder durch eine Be⸗ merkung des Ritters von Derbyſhire vertilgt wer⸗ den. Sie hatten die zwiſchen Disley und Wha⸗ ley Bridge befindliche Anhoͤhe erreicht, und ritten ſo eben nach dem letzteren Orte hinab, als Sir Simon uͤber ein reiches und fruchtbares Thal hindeutend, welches zu ihren Fuͤßen lag, den jun⸗ gen Krieger auf den Gipfel eines hohen Berges aufmerkſam machte, der das Lhat gegen Süden hin begraͤnzte. „Ja, ja, ich ſcaue,“ ſprach der Soldat, „jener Berg beherrſcht die ganze Gegend.“ „Auf dem hoͤchſten Punkte dort, ſind noch die Ueberreſte eines roͤmiſchen Lagers vorhanden,“ fuhr Sir Simon fort. „Ein dazu trefflich geeigneter Ort,“ rief Eduard Stanley, ſich in ſeinen Steigbuͤgeln erhe⸗ bend und ſcharf nach der bezeichneten Stelle hin⸗ blickend.—„Wie heißt der Berg?“ — 48— „Combs Moß,“ antwortete der Ritter;„un⸗ ten liegt die alte Stadt Chapel of Frith: wenn wir weiter hin kommen, will ich Euch mein Her⸗ renhaus und meine Pachtung Bowden zeigen; wir koͤnnen beides von der Landſtraße ſehen, wenn Ihr anders nicht Luſt habt, mein geringes Haus mit Eurer Gegenwart zu beehren und Euch dort zu erfriſchen.“ „Was habt Ihr uns denn vorzuſehen?“ fragte Eduard Stanley. „Leider duͤrfte mein Verwalter nur ſchlecht verſorgt ſeyn,“ erwiederte Sir Simon Deyge, „er iſt auf Gaͤſte nicht eingerichtet; wenn Ihr Euch aber mit Speck oder geſalzenem Fleiſche begnuͤgen wollt, wird es hoffentlich daran nicht fehlen. Wein aber kann ich Euch nicht verſpre⸗ chen, denn mein Vorrath war aufgezehrt, als ich ausritt. Als ein Hageſtolz, Sir Eduard, habe ich es ſtets fuͤr Suͤnde gehalten, viel Geld fuͤr meinen Magen auszugeben, Maͤßggkeit iſt die Mutter der Geſundheit. Kann ich Euch aber kei⸗ nen Wein vorſetzen, ſollt Ihr Ale haben, ſo treff⸗ — 49— lich als es je in Alt⸗England gebrauet worden. Und ſeyd Ihr nicht mit geſalzenem Fleiſche zufrie⸗ den, will ich Euch ein Mittel an die Hand geben, Euch ein beſſeres Mahl zu verſchaffen. In mei⸗ ner Halle haͤngen viele alte Bogen, da nehmt einen davon, wenn Ihr Luſt habt, und ſchießt uns einen fetten Rehbock, deren genug umher⸗ laufen.“ 1 „Das waͤre ſo uͤbel nicht,“ verſetzte Eduard Stanley,„dennoch aber muß ich es bis auf ein andermal verſchieben, gaſtlich bei Euch einzuſpre⸗ chen, wo denn hoffentlich Euer Keller beſſer ver⸗ ſorgt ſeyn wird; denn ohne Wein ſchmeckt mir kein Biſſen.“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatten ſie den kleinen Fluß Goite oder Merſey paſſirt, uͤber den damals nur eine hoͤlzerne Bruͤcke fuͤhrte, und, ſich ſuͤdoͤſtlich haltend, ritten ſie nun unter dem Berge hin, auf deſſen Gipfel, wie Sir Simon erzahlte, einſt das roͤmiſche Lager geſtanden hatte. Der Weg ward jetzt aufs neue ungemein ſteil, und der Klepper des Ritters aus Derbyfhire rich⸗ II. Band. 4 — 50— tete dann und wann ſehnſuchtsvolle Blicke hinab, nach dem ihm wohlbekannten Herrenhauſe ſeines Gebieters. Endlich kamen ſie indeß wieder auf ebenen Grund und Boden, und jetzt bat Sir Simon ſeinen Reiſegefaͤhrten, ein wenig Halt zu machen, damit ſich die Gaͤule etwas ausruhen koͤnnten. Eduard Stanley aber, dem fern am Himmel aufſteigende Wolken Regen zu verkuͤnden ſchienen, beſtand darauf den Weg fortzuſetzen, und ſo mußte denn der arme Gaul des Sir Si⸗ mon alle ihm noch uͤbrigen Kraͤfte zuſammenneh⸗ men, um hinter dem Renner des jungen Kriegers nicht zuruͤck zu bleiben. So langten ſie gluͤcklich zu Backewell an; nun begannen große Regentro⸗ pfen zu fallen, der Himmel umdunkelte ſich im⸗ mer mehr und mehr, aus den ſchwarzen Wolken zuckten feurige Blitze, und furchtbar rollte der Donner uͤber ihren Haͤuptern, Aller Herzen, nur das des jungen Kriegers nicht, mit Schrecken erfuͤllend, der nach wie vor, den Vorſchlag des Ritters, irgendwo Schutz zu ſuchen, verachtungs⸗ voll verwarf. — 51— „Noch Schutz ſuchen, im Angeſichte des Hafens,“ rief er,„wo denkt Ihr hin, dort ſtei⸗ gen ja ſchon Haddons Thuͤrme vor uns auf, vorwaͤrts, gebt Eurem Klepper die Sporen, in wenigen Augenblicken ſind wir an Ort und Stelle.“ Sir Simon bemuͤhete ſich dem Rathe ſeines Reiſegeſellſchafters ſo gut als moͤglich zu folgen, unnd indem er ſeine Sporen mit einer Lebhaftig⸗ keit gebrauchte, an die ſein Klepper nicht gewoͤhnt war, gelang es ihm das lahme muͤde Thier in Gallopp zu ſetzen. So waren ſie eine Weile lang fortgeſprengt, als ploͤtzlich der Regen in Stroͤmen dergeſtalt herabzuſtuͤrzen begann, daß ſelbſt Eduard Stanley ſich nach einem Schutz gewaͤhrenden Orte b umſchauete; wo aber dieſen jetzt finden?— Sie waren ſchon in Haddonpare hinein geritten, wo nun der junge Krieger unter einem dickbelaubten Baume Schutz ſuchte, bis Sir Simon Deyge einen beſſern Zufluchtsort aufgefunden haben wuͤrde. Dieſer aber wußte nicht wozu er rathen ſollte, und wandte ſich daher an ſeinen Knecht Septi⸗ — à2— mus, der weit beſſer als ſein Herr in der Ge⸗ gend bekannt war. 1t.37. 1211. „Es liegt hier, meines Wiſſens, kein Haus in der Naͤhe, Gilbert Onshaw's Huͤtte ausge⸗ nommen,“ erwiederte der Knecht.”“ „So fuͤhrt uns dorthin!“ rief Eduard Stanley; und dieſem Befehle augenblickliche Folge leiſtend, lenkte Septimus ſein Roß und trabte raſch voran, in das Dickigt hinein. Bald ge⸗ wahrten ſie auch eine roh an dem Fuße eines Huͤgels aufgefuͤhrte Huͤtte. Es war ein unge⸗ mein einſamer Ort, wie fuͤr einen Einſiedler ge⸗ ſchaffen, der fern vom Getuͤmmel der Welt ſen Leben in frommer Andacht hinzubringen beſchloß ſen hat; oder auch gut geeignet fuͤr den Aufent halt eines Wilddiebes, wie Gilbert Onshaw einet ſeyn ſollte. 1 Vor der Huͤtte angelangt, ſchwang ſich Eduard Stanley aus dem Sattel, naͤherte ſit der Thuͤr, und wollte ohne alle Umſtaͤnde eint ten, bald aber ſah er daß dies ſo leicht nit geſchehen koͤnne, die Thuͤr war verſchloſſen, ui auf ſein mehrmaliges Rufen erfolgte keine Ant⸗ wort. 20 n 4 n e⸗ 4„Hallo, Gilbert, Kazraenndeie eff 5 mus. ig 14. „Oeffnet Ihr niict, ſalage ich die Thür 4 ein,“ donnerte Ehdugrd Stanley. Auf dieſe Drohung hoͤrten ſie endlich nahende Scrite. Es ward ein Riegel zuruͤck geſchoben, ein Kopf kam zum Vorſcheine und fragte: was man begehre. Der vor Wuth ſchaͤumende Krie⸗ ger aber ſtieß jetzt die Thuͤr mit einer ſolchen Ge⸗, walt ganz auf, daß der, welcher dahinter ſtand, zu Boden ſtarzte, worauf Eduard Stanley uͤber ihn weg hinein in die Huͤtte trat, Der, zu Bo⸗ dn Geworfene, ein aͤltlicher Munn, graffte ſß ſich erfaßte ein altes Schpert. ncens. 1 lrS 4tts au„Wer ſeyd Ihrz, ſchrie t er mit donneinder Stimemen„der Ihr, es wagt, Gilber Onshaw's Huͤtte wider ſeinen Willen zu betxeten. 46 „Warum, zum Teufel! oöffnetet Ihr nicht die Thürzn, entgegnete der junge sger„haͤttet — 54— Ihr noch laͤnger gezoͤgert, haͤtte ich ſie in Stuͤcke geſchlagen und damit Euren Ruͤcken geblaͤuet.“ „Ihr ſeyd ohne Zweifel ein Fremder in die⸗ ſer Gegend, ſonſt wuͤrdet Ihr nicht eine ſo uͤber⸗ muͤthige Rede fuͤhren,“ erwiederte der Herr der Huͤtte.„Ich brauche nur auf meinem Finger zu pfeifen, und ein paar Dutzend Burſche ſtuͤrzen herzu und ſchleudern Euch in den Waldſtrom, wo ſich dann Euer Blut abküͤhlen kann.“ „Elender, Du wagſt es mir zu drohen!“ rief Eduard Staniey, indem er ſein Schwert aus der Scheide riß.„Wirf Deine Waffe weg oder ich ſtrecke Dich zu Boden!“ „Zuvor ſollt Ihr die Schaͤrfe meines Stahls fuͤhlen,“ entgegnete der Huͤttenbewohner, indem er einen heftigen Angriff auf Eduard Stanley unternahm. Kaum aber hatte er einen einzigen Streich gefuͤhrt, als er auch ſchon entwaffnet und von ſeinem kraͤftigen Gegner bei der Gurgel ge⸗ packt war. Aller Wahrſcheinlichkeit nach, haͤtte hier die irdiſche Laufbahn des vermeintlichen Wild⸗ diebes geendet, waͤre nicht ploͤtzlich Eduard Stan⸗ — ley's Aufmerkſamkeit von ſeinem Gegner durch einen durchdringenden Schrei abgelenkt worden, den die Tochter des Huͤttenbewohnes, die huͤbſche Roſa ausſtieß, welche ſich jetzt zwiſchen die Kaͤm⸗ pfenden ſtuͤrzte, und den jungen Krieger um Schonung fuͤr ihren Vater bat. „Glaubt mir's, lieber Herr,“ ſprach ſie, „mein Vater hielt Euch und Eure Gefaͤhrten fuͤr Diebe, gewiß, ſonſt haͤtte er Euch fruͤher die Huͤtte geoͤffnet.“ „Um Deinetwillen, ſchoͤne Maid, will ich ihm das Leben ſchenken,“ rief Eduard Stanley, und zu dem Wilddiebe gewandt, fuhr er fort, indem er die Hand von der Gurgel deſſelben weg⸗ zog,„ habt Acht, ein andermal Fremde nicht ſo lange warten zu laſſen,— jetzt fort, ſorgt daß die Gaͤule irgendwo Schutz finden, und heißt die da draußen naͤher kommen.“ Gilbert Onshaw, dem die Staͤrke und der Muth ſeines Gegners Ehrfurcht eingefloͤßt zu ha⸗ ben ſchienen, gehorchte ſchweigend, und fuͤhrte die Roſſe in eine angraͤnzende kleine Scheune. Sir Simon Deyge trat unterdeſſen in die Huͤtte mit klopfendem Herzen, denn er fuͤrchtete, Onshaw wuͤrde ſeine Drohung in Erfuͤllung bringen, und mehrere ſeiner Genoſſen zu ſeinem Beiſtande her⸗ beirufen. Er freuete ſich demnach nicht wenig, als er den gefuͤrchteten Menſchen gleich wieder zuruͤck⸗ kehren ſah, mit einem Buͤndel Holz auf der Schulter, welches er in das Feuer warf.„Komm, ruͤhre Dich,“ ſprach er zu Roſa gewandt,„ſetze den Herren an Speiſe und Trank vor, was Du haſt; wir ſind nur arme Leute, und nur duͤrftig koͤnnen wir Euch bedienen,— Ha, ſieh da, Septimus!“ rief er dann, den Knecht des Ritters von Derbyſhire erkennend,„Euer Herr, ohne Zweifel, Sir Simon Deyge?“ „Der bin ich,“ erwiederte der Ritter indem er feinen Mantel ablegte. „Ja, ja, der ſeyd Ihr, ich kenne Euch jetzt recht gut,“ entgegnete der Herr der Huͤtte,„ich ſah Euch vor kurzem im Walde mit dem Schloß⸗ herrn jagen.“ „Das iſt moͤglich,“ anncpogrtere Sir Si⸗ — 57— mon,„und der junge Eavalieu hier— mit dem Ihr leider— un 3 18 „Laßt das ruhen,“ unnteckench ihn Onahawe „Iſt der junge Herr Daadehi ſuhre des Ritter fort. „Was, Sir Thokgs der mit Euch in n La⸗ thom war?“ fragte der Huͤttenbewohner. 6 „ Nein, ſein Bruder, Sir Eduard,“ verſetzte Sir Simon Deyge, ſeitwaͤrts auf den jungen Krieger blickend, der mit der huͤbſchen Roſa ſchaͤ⸗ kerte;„das iſt ein anderer Schlag von Menſchen als ſein Bruder, zwar auch edel und großmuͤthig, aber dabei heftig und auffahrend, wie der Teufel ſelbſt; es war nicht meine Schuld, daß Ihr mit ihm in Streit geriethet, ein andermal nehmt Euch in Acht. Kann Euch uͤbrigens meine Fuͤrſprache bei den Vernons dienen, will ich mit Freuden ein gutes Wort fuͤr Euch zinlegenzn ic gelte Adas vei der Familie.“ 1 3 Der Ritter ſprach dieſe Worte in einem ge⸗ wichtigen Tone, ob nun aber der Bewohner der Huͤtte der Gunſt des Sir George nicht bedurfte, — 58— oder ob er glaubte, daß ihm das Fuͤrwort des Sir Simon nicht nuͤtzen koͤnne, genug, er erwie⸗ derte nichts, ſondern half ſeiner Tochter einige Er⸗ friſchungen herbeiſchaffen. Sir Simon und die beiden Knechte fielen wacker daruͤber her, Eduard Stanley aber begnuͤgte ſich einen Becher Ale auf das Wohl der ſchoͤnen Roſa Onshaw zu leeren. 2„Sage uns doch, Maͤdchen,“] rief er ſcher⸗ zend,„wie viel Liebhaber haſt Du Dir denn hier in der Wildniß ſchon angeſchafft. Wahrlich, wir muͤſſen es dem Sturme Dank wiſſen, der uns zu Dir, Du holde Lilie des Thals, getrieben!“ Das Maͤdchen erroͤthete, und ſchlau laͤchelnd erwiederte ſie:„thut man bei Euch zu Lande ſol⸗ che Fragen?— Bei uns hier lacht man daruͤber.“ „Haſt Du Luſt mich auch zu Deinen Liebha⸗ bern zu zaͤhlen?“ fragte Eduard Stanley weiter. „Ei, warum denn nicht,“ laͤchelte Roſa, „dann aber muͤßt Ihr mir nicht in Gegenwart Anderer von Liebe vorſchwatzen, und Niemand darf erfahren was zwiſchen uns vorgeht— ſo machen es die treuen Liebhaber hier im Gebirge.“ — 59— „Bei meinem Schwerte, ich will genau Dei⸗ nen Lehren folgen; Du ſollſt einen fleißigen Schuͤ⸗ ler an mir finden.“ „Fehlt es der Jungfrau an Lehrlingen, bin auch ich bereit bei ihr in die Schule zu gehen,“ nahm Sir Simon Deyge das Wort,„was meinſt Du ſchoͤne Maid, haſt Du einige Augen⸗ blicke einem Cavalier zu widmen, der die Bluͤthe ſeines Lebens erreichte, hnend die Liebe kennen zu lernen?“ „ Ei, Herr Ritter,“ verſeßte Roſa,„haben die Maͤnner erſt ſo lange Baͤrte, als Ihr, da ſind ſie der Schule entwachſen. 7 8 Sir Simon Deyge wollte etwas erwiedern, da aber ward ploͤzlich an die Thuͤr der Huͤtte gepocht, Onshaw offnete und zwei Maͤnner traten herein. Die Ankömmüinge waren beide von hahyn, ſa kem Korperbaue, ja einer von ihnen, der ſich bald als Gilberts Sohn offenbarte, denn die ſchoͤne Roſa ward von ihm Schweſter genannt, maß we⸗ nigſtens ſechs⸗ und einen halben Fuß, auch waren ſeine Schultern und, abrigen Gliedmaßen gleich rieſenhaft gebildet. Er hatte ein dunkles wildes Geſicht, ſeine Augen flammten eben ſo ſehr von Kühnheit, als aus denen keiner Sc weſter Liebe leuchtete, und ſo ſchien er vollkommen zu. dem Geſchaͤfte geeignet, dem er und ſein Vater obla⸗ gen. Der mit ihm Eingetretene hatte eine etwas weniger herkuliſche Geſtalt, aber eine ſtarke Mus⸗ ke lkraft war auch an ihm unverkennbar. Er war dem Anſcheine nach einige Jahre aͤlter als Eduard Stanley, hatte dabei aber gar einnehmende Ge⸗ ſichtszuͤge. Beide waren als Jaͤger gekleidet und mit kurzen Schwertern bewaffnet. Als ſie in die Huͤtte traten, betrachkete Gilberts Sohn den jun⸗ gen Krieger und deſſen Reiſegefaͤhrten mit ſchar⸗ fen Augen; Eduard Stanley aber war zu ſehr mit Roſa beſchaͤftigt, und wuͤrdigte ihren Bruder und ſeinen Begleiter auch nicht eines einzigen Blickes, Sir Simon dagegen, welcher noch im⸗ mer an der Aufrichtigkeit des Huͤttenbewohners zweifelte, ſah jene nicht ohne Beſorgniß eintreten, und ſaß, um ihren Zorn nicht rege zu machen, von nun an ſchweigend da, nur dann und wann einen furchtſamen Seitenblick auf die Ankoͤmm⸗ linge richtend. Endlich indeß, als er zu gewah⸗ ren glaubte, daß ſie nichts Boͤſes gegen ihn und ſeine Gefaͤhrten im Schilde fuͤhrten, faßte er Muth und fragte: ob der Sturm nachgelaſſen habe; der junge Onshaw und ſein Gefaͤhrte hatten aber zu viel mit ihrer Abendmahlzeit zu ſchaffen, als daß ſie die Erkundigung des Ritters beachtet haͤtten. 1 „Hoͤrſt Du denn nicht, Anack,“ nahm Roſa das Wort,„ der Herr fragt: ob es draußen noch ſo ſtuͤrme?“ 1 „Es blaͤſ't noch immer,“ ervicherte ihr Beu⸗ der kurz weg, der Wye ſteigt maͤchtig, er wird uͤbertreten.“ „Bis uͤber die Bruͤcke?“ fragte Sir Simon erſchrocken. „Ich glaube, ja,“ verſetzte Anack,„im vorigen Sommer ging's eben ſo, da riß die Fluth einen Bogen mit hinweg, es hat ja geregnet, als ob das ganze Meer aufgeſogen worden waͤre, und jetzt hier herabſtuͤrze.“ „So muͤſſen wir uns aufmachen, Sir Eduard,“ ſprach der Ritter, ſich von ſeinem Sitze erhebend,„wir kommen ſonſt dieſen Abend nicht mehr nach Haddon.“ „Es ſoll mir recht lieb ſeyn, wenn ich bis morgen hier bleiben kann,“ antwortete der junge Krieger,„ich habe große Luſt hier mein Quartier bei der huͤbſchen Maid aufzuſchlagen, reitet Ihr in Gottes Namen, ich bleibe hier.“ 63— „Was wird aber Sir George dazu ſagen?“ fragte Sir Simon Deyge. „Daß Ihr ein Thor waret, eine hätſſche Dirne zu verlaſſen, um hinaus in den Sturm zu reiten. Wie geſagt, reitet, wenn Ihr Luſt habt, ich bleibe hier.“ „Ich moͤchte ebenfalls recht gern warten,“ verſetzte der Ritter, der eben nicht geneigt war, ſich ohne ſeinen Gefaͤhrten auf den Weg zu ma⸗ chen. Wie aber wollen wir nach Haddon gelan⸗ gen, iſt erſt der Fluß uͤber die Bruͤcke getreten?“ „Ich ſchwimme dann mit meinem Gaule durch,“ entgegnete Eduard Stanley. „Das Thier erreicht das Ufer nicht, Herr Ritter,“ nahm Anack das Wort,„ich ſetze mei⸗ nen Kopf gegen ein Goldſtuͤck!“ „Kommt er nicht durch, ſtoße ich den Gaul mit meinem Dolche nieder,“ rief der junge Krie⸗ ger.„Verſuchen aber ſoll er's, ich will das Abentheuer zur Ehre der ſchoͤnen Roſa beſtehen.“ „Ei! Gott bewahre, nur nicht um meinet⸗ willen,“ fiel die laͤndliche Schoͤne ein,„Ihr koͤnntet ertrinken, und da haͤtte ich vor Eurem Geiſte keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht. Macht lieber daß Ihr fortkommt, ehe die Fluth üͤber die Bruͤcke ſteigt, es iſt ſonſt furchtbar hin⸗ uͤber zu gelangen.“ „Sey undeſorgt, ſchoͤne Roſa,“ verſetzte Eduard Stanley,„ich habe Muth, der mich ge⸗ gen jede Gefahr beſchutzt. Kugel oder Klinge, Waſſer oder Feuer, nichts kann mir etwas an⸗ haben.“ 4 „So ſeyd Ihr wol gar ein Zauberer?“ fragte das Maͤdchen ſchalkhaft. „Er iſt Soldat, ſchoͤne Roſa,“ nahm Sir Simon das Wort,„Furcht iſt ihm unbekannt, und tollkühn wagt er ſein Loben; es beweiſit aber keinen Muth, Sir Eduard, ſich nutzloſer Gefahr auszuſetzen; der Wye iſt kein Bach, glaubt mei⸗ nen Worten.“ anni „So macht, daß Ihr hinuͤber kommt,“ rief Stanley,„ich bleibe hier, ich wuͤrde dieſe Waldroſe ſo ſchnell nicht verlaſſen und koͤnnte ich tauſend Kronen damit verdienen.“ „Meine Dirne darf Euch nicht zuruͤckhal⸗ ten;“ fiel jetzt der Huͤttenbewohner ein,„haltet Ihr ſie etwa fuͤr einen Lockvogel, Fremde anzu⸗ ziehen, ſo muß ich mir die Freiheit nehmen, Euch zu bemerken, daß Ihr fehlgeſchoſſen habt.“ „Das heißt allerdings ſich viel Freiheit ge⸗ nommen,“ entgegnete der junge Krieger,„ich aber ſage Euch, daß ich gehen oder bleiben werde, wie es mir nicht wie es Euch gefaͤllt, armſeliger Burſche!“ „ Es zeigt eben nicht von Hoͤflichkeit,“ ſprach Anack, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob, 4 wenn jemand, der Schutz in einem Hauſe em⸗ pfing, ſeinen Wirth ſchmäͤht.“ „Schutz, elender Knecht!“ droh'te der junge Soldat. „Ja, Schutz,“ wiederholte Anack,„aber kein Knecht, wenigſtens nicht der Eure; ich haͤtte ſonſt einen armſeligen Herrn.“ „Bei meiner Ehre,“ rief Eduard Stanley zornig, indem er die Hand an den Griff ſeines Schwertes legte,„haͤtteſt Du nicht die huͤbſche II. Band. 4 5 — 66— Dirne hier Schweſter genannt, Du ſollteſt jetzt die Schaͤrfe meines Stahls fuͤhlen!“ „Ihr braucht deshalb keinen Anſtand zu nehmen,“ entgegnete Anack lachend,„Roſa wird nicht bange werden, ſo lange noch ein Schwert an meiner Seite haͤngt.“ „Ruhig, ruhig,“ ſprach jetzt der Vater, den Sohn beſaͤnftigend,„Du kennſt den Herrn nicht, er koͤnnte Dir Boͤſes anhaben.“ „Ei bewahre,“ verſetzte Anack,„er traͤgt ein viel zu ſchoͤnes Wamms, als daß er es der Schaͤrfe meiner Waffe ausſetzen ſollte.“ „Bube!“ donnerte Eduard Stanley, indem er ihm mit der linken Hand einen derben Fauſtſchlag auf den Kopf verſetzte, waͤhrend er mit der Rechten ſein Schwert zog;„ich haue Dich in Stuͤcke.“ „Dann ſollt Ihr mich ſelbſt verſpeiſen,“ antwortete der unerſchrockene Jaͤger, ebenfalls ſeine Waffe entbloͤßend. Aber wie es zuvor ſeinem Vater begegnet war, ward auch er nach wenigen Gaͤngen entwaffnet, und ſchutzlos ſtand er jetzt vor ſeinem Gegner da, der ſo wenig Menſchlich⸗ — 67— keit beſaß, daß er ſeinen Stahl in die Bruſt des Wehrloſen gebohrt haben wuͤrde, haͤtte nicht der mit Anack Eingetretene ploͤtzlich ſeinen Arm gehal⸗ ten und ſich als der Schutzengel ſeines Begleiters bewaͤhrt. Eduard Stanley wollte ſich loswinden, aber er konnte den kraͤftigen Arm des Fremden nicht von ſich abſchuͤtteln. „Ihr wollt ihn hoffentlich nicht toͤdten?“ fragte dieſer, in einem ruhigen aber entſchloſſenen Tone,„Ihr ſeht ja, er iſt beſiegt und wehrlos.“ „Ich will weder Dir noch ihm Gnade zei⸗ gen, laͤßt Du nicht augenblicklich meinen Arm frei,“ rief der wuthentflammte Krieger. „Ich bin, was Euren Streit angeht, par⸗ theilos,“ fuhr der Unbekannte fort,„Euer Be⸗ nehmen aber hat ihn herbeigefuͤhrt; ſey dem uͤbri⸗ gens wie ihm wolle, ich werde nie ruhig mit an⸗ ſchauen, daß ein Menſch wehrlos gemordet werde.“ „Gemordet!“ wiederholte Eduard Stanley; „hat er ſich nicht, das Schwert in der Hand, mir widerſetzt? ich habe ihn beſiegt, und ſo habe ich ein Recht ihn zu toͤdten, wenn es mir gefaͤllt.“ — 68— „Er war kein Gegner fuͤr die ſchwertgeuͤbte, triegeri ſche Hand Eduard Stanley's,“ verſetzte der Fremde,„eben ſo gut koͤnnte ein Stier einen Loͤwen angreifen.“ „Ich meine der Herr hat Raht, u nahm Sir Simon Deyge das Wort, der ſich jetzt aus dem Winkel hervorwagte, in den er ſich, als das Waffengeklirr begann, zuruͤckgezogen hatte. Es ſind ja hier Alle gute Freunde; der junge Mann wollte Euch nicht beleidigen. Als Friedensrichter billige ich uͤberdem das Benehmen des Vermitt⸗ lers, ich muß auf Ruhe halten, Gewaltthaͤtigkeit verhindern, und ſtrenge gegen jeden Friedensſtoͤh⸗ rer verfahren.“ Der junge Krieger laͤchelte veraͤchtlich uͤber das Anſehen, das ſich der Ritter gab, und entgeg⸗ nete:„Nicht Eurer Drohung, ſondern dort der ſchoͤnen Roſenlippen wegen, verzeihe ich dem Un⸗ verſchaͤmten. Im aͤbrigen biſt Du ein muthiger Burſche; da hier ein kleines Geſchenk, Du kannſt Dir Deine Beulen dafuͤr heilen laſſen.“ — 69 So ſprechend zog er ſeine Boͤrſe, nahm ein Goldſtuͤck heraus und reichte es dem Anack hin, welcher ihm mit einem widrigen Laͤcheln dankte. Darauf loͤſ'te der junge Krieger eine goldene Spange von ſeinem Guͤrtel und gab ſie der ſchoͤ⸗ nen Roſa. „Dies trage zu meinem Andenken, ſchoͤne Maid,“ ſprach er, indem er ihre Wange kuͤßte; „Du kannſt damit Deinen Brautguͤrtel ſchmuͤcken. Jetzt zu Roß, Herr Ritter!“ Er ließ ſich nun von ſeinem Reitknecht den Mantel reichen, die Pferde wurden vorgefuͤhrt, dem Eigenthuͤmer der Huͤtte ward von Eduard Stanley, der ihn dabei keines Wortes wuͤrdigte, ein Goldſtuͤck hingeſchleudert, und ſchon war der letztere im Begriffe ſich in den Sattel zu ſchwin⸗ gen, als er den Fremden in der Thuͤr der Huͤtte wahrnahm.„Ihr ſchient mich zu kennen?“ fragte er mit leiſer Stimme;„Ihr ſeyd mir ebenfalls nicht unbekannt; ich hoͤrte ſo etwas von einem Abentheurer, doch fuͤrchtet Euch nicht, ich werde Euch nicht verrathen. Euer Benehmen gegen — 19— mich hat mir zu große Urſache gegeben Euch zu haſſen, als daß ich mich auf andere Weiſe, als durch mein gutes Schwert an Euch raͤchen ſollte⸗ Seyd uͤberzeugt, ich werde Euch ſchon Gelegen⸗ heit geben, Eure Waffe gegen die meinige zu meſſen.“ 1 „Ich bin kein wuͤrdiger Gegner des tapfern Eduard Stanley,“ verſetzte der Fremde mit gro⸗ ßer Beſcheidenheit, auch wuͤnſche ich keinen Streit mit Euch; verletzt Ihr aber meine Ehre, ſo ſollt Ihr in mir keinen Feigherzigen finden.“ „Schon gut, Herr Abentheurer,— auf Wiederſehen dann,“ rief Eduard Stanley, indem er ſich in den Sattel ſchwang und von dannen wollte. Anack aber rief ihm noch zu, zu halten. „Was willſt Du?“ fragte Stanley. „Reitet langſam,“ ſprach Anack,„ich will mit Euch zur Bruͤcke gehen, iſt das Waſſer uͤber⸗ getreten, ſo kann ich Euch ſagen, wo Ihr am beſten durchkommt.“ „Du ſcheinſt mir ein ehrlicher Burſche,“ ſprach der Ritter aus Derbyſhire. — 71— „Ich moͤchte gern ſo genannt werden,“ ver⸗ ſetzte der Sohn des Huͤttenbewohners,„die Leute aber hier herum wollen nicht recht daran.“ „Und weshalb nicht?“ fragte Sir Simon Deyge. 3„Sie ſagen ich ſtehle,“ antwortete Anack mit großer Nuhe. „Und thuſt Du denn das?“ fuhr der Rit⸗ ter fragend fort. „Ei, Gott bewahre, ich bin rein und ſchuld⸗ los, wie ein Kind,“ verſetzte Anack—„doch laßt uns machen, daß wir zur Bruͤcke kommen.“ Die Wuth des Sturms hatte ſich unterdeſ⸗ ſen zwar gelegt, aber es begann ſchon dunkel zu werden, und nur dann und wann, auf freien Stellen, konnte man die Thuͤrme des Schloſſes gewahren: auch war man genoͤthigt ſorgfaͤltig Acht zu haben, nicht in den Fluß zu gerathen, der aus ſeinen Ufern getreten, ſeine bisherige Schlan⸗ genlinie verlaſſen, und das ganze Thal bis Had⸗ don wild ſtroͤmend uͤberfluthet hatte. So gelang⸗ ten die Reiter von Anack gefuͤhrt, nach kurzer Zeit aus dem Walde, an die Stelle, wo der Weg hinab zur Bruͤcke fuͤhrte. Jetzt aber war hier von keiner Bruͤcke etwas zu ſehen; ſtatt ihrer zeigte ſich nur ein Strudel, der bereit ſchien alles zu verſchlingen, was ſich ihm nahen wuͤrde. Das Waſſer war hier wenigſtens vierhundert Schritte breit, und dehnte ſich bis zu dem Schloſſe hin, welches an der Oſtſeite des Fluſſes auf einem hohen Felſen gelegen war, von wo aus es das ganze Thal uͤberſchauete, waͤhrend rieſige Eichen den Berg umgaben, die aber jetzt von der Fluth beſpuͤlt wurden, welche ſchaͤumend neben ihnen dahin brauſ'te, und mehrere der alten Staͤmme umgeriſſen hatte. „Nun, was meint Ihr jetzt?“ fragte Anack⸗ den jungen Krieger mit einem bedeutenden Laͤcheln betrachtend,„ſeht Ihr's, der Fluß trat uͤber, nie zuvor ſah ich das Waſſer hoͤher, hoch thuͤrmt es ſich dort uͤber die Bruͤcke.“ „Ich will zuruͤck nach Bakewell,“ begann aͤngſtlich Sir Simon. „Wie, Ihr waͤret feigherzig genug, mich die — 73— Gefahr allein beſtehen zu laſſen,“ nahm Eduard Stanley, zu dem Ritter gewandt, das Wort. „Ihr wollt doch nicht etwa durch die ſchaͤu⸗ menden Wogen?“ fragte dieſer. 4 „So wahr Ihr Simon Deyge heißt, ich will durch die Fluth, todt oder lebend,“ entgeg⸗ nete entſchloſſen der junge Krieger. „Ihr geht drauf, Roß und Mann,“ fiel Anack ein;„mit dem Gewaͤſſer da iſt nicht zu ſpaßen.“ „Es kommt auf einen Verſuch an,“ rief Eduard Stanley, und ſeinem Gaul die Sporen gebend, ſprengte er im vollen Gallopp zu dem Ufer hinab.„ „Halt, halt!“ ſchrie Anack ihm nach,„wollt Ihr durchaus hinuͤber, giebts dort weiter unten eine etwas weniger gefaͤhrliche Stelle!“ Der kecke Wagehals aber hoͤrte ihn nicht, er hatte ſchon den Fluß erreicht, und mit einer unbe⸗ ſchreibbaren Tollkuͤhnheit ſprengte er hinein, ſo daß die Wellen uͤber ihn zuſammen ſchlugen, und ſein Pferd zu ſchwimmen genoͤthigt war. Sir — 74— Simon Deyge, Anack und die beiden Neitknechte, ſtanden in athemloſer Beſtuͤrzung da, mit pochen⸗ dem Herzen den Erfolg des raſenden Unterneh⸗ mens abwartend. Trotz der Gewalt der Fluth, gelang es dem jungen Krieger dennoch, ſein Pferd eine Weile lang gegen den Strom zu halten, wel⸗ cher ſeine Wellen hoch uͤber ſie hinſandte, ſo daß es dann und wann ſchien, als haͤtte Roß und Mann der Abgrund verſchlungen; ſchnell aber hob ſich immer wieder das ſtarke Thier, ſchuͤttelte ſchnaubend das Waſſer aus ſeiner Maͤhne, und trug dann ſeinen Herrn wieder muthig durch die Fluth. Dies konnte indeß nur kurze Zeit waͤh⸗ ren; der Gaul ſchon von der langen Tagereiſe ermuͤdet, ward mit jedem Augenblicke ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, bis er endlich, außer Stande gegen das wuͤthende Element anzukaͤmpfen, neuerdings mit ſeinem Reiter unter den Wellen begraben ward. Dennoch aber erhob er ſich wieder mitten im Strome, aber das Haupt des edlen Thiers war jetzt niedergeſenkt, und Stanley warf den Mantel von ſich, um ihm die Laſt zu erleichtern; den Hut hatten dem Wagehalſe die Wogen bereits vom Haupte geriſſen. Unterdeſſen konnten Sir Simon und die, welche ſich bei ihm befandem deutlich gewahren, wie im Schloſſe alles lebendig geworden, und wie eine Anzahl von Menſchen aus der Schloßpforte eilte, und ſich bemuͤhete hinab an das Ufer des Fluſſes zu gelangen; es war indeß nicht helle genug zu unterſcheiden, wer ſie waren. Trotz des Gebrauſes der Fluth aber, konnte der Ritter dennoch deutlich vernehmen, wie ſie dem tollkuͤhn mit den Wellen kaͤmpfenden jun⸗ gen Krieger etwas zuſchrieen, was ohne Zweifel einen Rath enthielt, wie er es anfangen ſolle, ſich der Gefahr, in der er ſchwebe, zu entziehen. Doch bevor er ihrer Anweiſung folgen konnte, ſchlugen neuerdings die Wellen uͤber ihn zuſam⸗ men, und von Roß und Mann war jetzt eine ganze Weile lang nichts zu ſchauen. „Er iſt dahin!“ rief der Ritter aus Der⸗ byſhire in einem wehmuthsvollen Tone,„er iſt ein Opfer ſeiner Tollkuͤhnheit geworden.“ Und ſo wie er, dachte Jedermann, denn aller — 76— Blicke ruh'ten, mit einem Ausdrucke des Schmer⸗ zes, auf der uͤber den Hinabgeſunkenen hinſtuͤr⸗ zenden Fluth; von Entſetzen erfaßt, war Sir Simon Deyge ſchon im Begriff, ſeinen Klepper zu wenden, und von der furchtbaren Scene fort, nach Bakewell zu eilen, als ploͤtzlich ein lauter Schrei vom jenſeitigen Ufer her erklang. „Hohl's der Teufel, er iſt hinuͤber!“ ſchrie Anack, raſch wie eine wilde Katze einen Baum hinankletternd,„ich ſehe ihn, da— da— er hat das Ufer erreicht.“ Wahrlich, ja,“ ihrache der Ritter,„der Gaut 8 iſt dahin!“ „Den ſpeiſen die Fiſche, der kehrt nicht wieder,“ fiel Anack ein. „Siehſt Du ihn hoch? lebt er?“ fragte der Miter 4 „Ja, ja⸗ er lebt!“ antgegheke der Burſche, „man eilt ihm zu Huͤlfe, der Teufel hat ihn hinuͤber geholfen.“ Der Ritter ſah jetzt deutlich, wie mehrere Menſchen etwas nach dem Schloſſe trugen, und — 77— ſo uͤberzeugt, daß ſein Reiſegefaͤhrte nicht umge⸗ kommen ſey, wandte er ſein Roß und kehrte von ſeinem Knechte und Eduards Diener gefolgt, nach Bakewell zuruͤck. Anack, deſſen Neugier maͤchti⸗ ger war, blieb am Ufer, bis man den jungen Krieger in das Schloß getragen hatte, dann wandte auch er ſich heimwaͤrts, indem er dabei ein Liedchen vor ſich hin pfiff. Wir wollen den Ritter ſein Nachtlager zu Bakewell ſuchen laſſen, und uns nach Eduard Stanley umſchauen, der ohnmaͤchtig zuruͤck in die Arme der Maͤnner ſank, die ihn aus dem Waſſer zogen. Obgleich jene ihn nicht kannten, verkuͤn⸗ dete ihnen doch ſeine Kleidung, daß der der Fluth Entkommene, ein Mann von Stande ſey, und ſo trugen ſie ihn mit⸗großer Sorgfalt in die Halle des Schloſſes, wo ſie ihn der Laͤnge nach auf einen der dort vorhandenen Tiſche legten. An⸗ fangs ſchien alles Leben gewichen, denn Wangen, Lippen und Haͤnde waren todtenbleich und die Augen geſchloſſen. Das Waſſer, welches der Wagehals in ſeinem Kampfe mit dem Elemente — 78— verſchluckt hatte, ſtroͤmte aus Mund und Naſe hervor. Waͤhrend er ſo dalag, trat Sir George Vernon in die Halle und gebot ſeinen Hausarzt zu rufen; noch aber war dieſer nicht erſchienen, als auch Eduard Stanley ſchon wieder einige Lebenszeichen von ſich gab. „Er wird dennoch hier auf trocknem Lande ertrinken,“ rief der Schloßherr,„wenn der Arzt noch lange ſaͤumt.“ „Er ging nur ſeine Inſtrumente zu holen,“ erwiederte einer der Diener. „Fort, ſage ihm, er ſoll ſich ſputen,“ gebot Sir George Vernon,„lade ihn auf die Schul⸗ tern und bringe ihn hieher.— Wie mag er noch ſaͤumen, wenn vielleicht von einer Minute die Rettung eines Menſchenlebens abhaͤngt; da kommt er endlich dahergeſchlichen, als eine Muſterkarte aller Krankheiten. Raſch Hand angelegt, Doctor, was iſt hier zu thun?“ „Ich werde,“ begann der Schuͤler Aeseu⸗ laps, ſich raͤuſpernd mit gewichtiger Miene,„mit Ew. Gnaden Erlaubniß dem Verungluͤckten ein Medicamentum vomilorium verordnen, als⸗ dann wollen wir ihm ein Medicamentum cathar- ticum reichen, um einem Fieber vorzubeugen.“ „Hohle der Teufel Eure verwuͤnſchten Arz⸗ neien,“ rief der Ritter mit großer Lebhaftigkeit, „Ihr moͤchtet gern Haddon zu einer Medizin⸗ buͤchſe machen; wie wollt Ihr einen lebloſen Koͤr⸗ per dazu bringen, Euer Medi— vomiting— herunterzuſchlucken.“ „So wollen wir,“ nahm der Arzt wieder das Wort,„durch Reibung der Gliedmaßen den Umlauf des Bluts wieder herzuſtellen ſuchen.“ „Recht ſo,“ verſetzte der Schloßherr,„ſtellt ein paar Reitknechte dabei an, die werden, wenn er anders noch Blut hat, es bald wieder in Be⸗ wegung ſetzen. Hand angelegt, Ihr Burſche!“ Die Diener, dem Gebote ihres Herrn Folge leiſtend, riſſen dem jungen Krieger die Kleider vom Leibe, und begannen darauf die Glieder deſ⸗ ſelben ruͤſtig zu bearbeiten, womit ſie ununterbro⸗ cen fortfuhren, bis der Koͤrper faſt wund gerie⸗ ben war, und ein ſchwerer Seufzer der Bruſt des — 80— jungen Soldaten entſtieg, welcher auch kurz nach⸗ her die Augen wieder aufſchlug. „Was macht man mit mir— 2 fragte Eduard Stanley mit ſchwacher Stimme, waͤhrend ſein wild umherſchweifender Blick verkuͤndete, daß er ſein Bewußtſeyn immer noch nicht ganz wie⸗ der gewonnen hatte. 1 „Ha, mein Seel, das iſt Eduard Stan⸗ ley, oder der Teufel hat ſeine Geſtalt angenom⸗ men,“ rief jetzt Sir George Vernon,„war ich denn mit Blindheit geſchlagen, daß ich ihn nicht ſogleich wieder erkannte?— Kommt zu Euch— erholt Euch.“ e „Wer ſchreiet mir denn da ſo in die Ohren?“ fragte Eduard Stanley,„hoͤre ich doch noch im⸗ mer das Gebrauſe der Wogen. Wer ſeyd Ihr?“ „Kennt Ihr den Vernon nicht?“ ſprach der Schloßherr,„Ihr ſeyd zu Haddon, und hier ſicher vor Waſſer und Feuer.“ Der Juͤngling erhob ſeine Augen zu dem Sprecher, und raſch ſich aus ſeiner liegenden Stellung erhebend, ſprang er empor, und ſtand — 81— nun aufrecht da in der Halle. Der Ritter lachte herzlich uͤber den ſeltſamen Anblick, den der junge Krieger gewaͤhrte, und gebot ſeinem Kaͤmmerer, crockene Kleider herbei zu ſchaffen. „Was iſt aus meinem Reitknechte und dem Sir Simon Deyge geworden? ſind ſie umgekom⸗ men?“ fragte Eduard Stanley. „Wie, kam der Ritter mit Euch?“ nahm der Schloßherr wieder das Wort. b „Ja, wir verließen Lathom mit Tagesan⸗ bruche,“ entgegnete der junge Krieger,„er blieb am jenſeitigen Ufer, als ich tollkuͤhner Narr mich in die Fluth ſtuͤrzte. Der Teufel muß mich gerit⸗ ten haben, ich habe mein beſtes Pferd dabei ein⸗ gebuͤßt.“ „Ei, zum Henker mit Eurem Pferde,“ unterbrach ihn der Ritter von Haddon.„Ihr ſeyd gerettet, und ſolltet Gott dafuͤr danken. Was aber mag aus Euren Gefaͤhrten geworden ſeyn?“ „Sie ſind ohne Zweifel zuruͤck nach Bake⸗ II. Band. 6 — 82— well geritten,“ verſetzte einer der Diener,„wir ſahen, wie ſie umlenkten und den Weg dahin ein⸗ ſchlugen.“ „Ja, ja, das konnte ich wol denken,“ ſprach Sir George lachend,„ Sir Simon hatte gewiß keine Luſt ſeinen Leichnam den Fluthen preis zu geben. Was aber,“ fuhr er zu den Dienern gewandt, fort,„ſteht ihr da, und gafft einen nackten Menſchen an; Holz zum Feuer geſchafft und Speiſe und Trank auf die Tafel.“ „Bleibt, bleibt,“ rief Eduard Stanley, die Diener zuruͤckrufend, welche, um dem Gebote ihres Herrn Folge zu leiſten, in verſchiedenen Richtungen davon eilen wollten.„Es bedarf kei⸗ nes Feuers, auch keiner Leckerbiſſen, aber Wein ſchafft herbei. Ich muß eine ganze Flaſche hin⸗ untergießen, damit ich das Waſſer untertauche, das ich verſchluckt habe.“ Der Kaͤmmerer kehrte unterdeſſen mit trocke⸗ nen Kleidern zuruͤck, die der Sir George Ver⸗ non getragen hatte, als er noch juͤnger und we⸗ — 83— niger corpulent war; ſie waren deshalb ganz aus der Mode gekommen, und der Ritter von Had⸗ don konnte nicht umhin, herzlich zu lachen, als er den jungen Krieger in der altmodiſchen Tracht vor ſich ſtehen ſah.—„Wo aber,“ fragte er, als er ſich wieder beruhigt hatte,„wo bleibt Lady Dorothee Vernon, meine Tochter?“ „Sie hat ſich laͤngſt ſchon auf ihr Zimmer begeben,“ erwiederte einer der Diener. „Ruft ſie herab,“ fuhr der Schloßherr fort,„ſagt ihr, ein Freund vom Hauſe ſey angelangt, ſie muͤſſe ihn gaſtfrei willkommen heißen.“ „Stoͤrt die Lady ja nicht zu dieſer ſpaͤten Stunde,“ fiel Eduard Stanley ein,„ſie wuͤrde erſchrecken, wenn ſie mich in dieſer Kleidung erblickte. Ueberdem hat ſie ſich vielleicht ſchon zur Ruhe gelegt.“— „Nun, wie Ihr wollt,“ entgegnete Sir George Vernon,„dies Haus und ſein Gebieter ſind zu Euren Dienſten. Wollt Ihr Euch mit mir in mein Gemach begeben?“ 9 — 84— „Ich folge Euch mit Freuden,“ erwiederte der junge Krieger, und beide verließen darauf die Halle und begaben ſich in das Zimmer des Schloßherrn. 5. * Der Ritter von Haddon fuͤhrte ſeinen jungen Gaſt in ein kleines Gemach, in welchem er ſich, wenn er allein zu ſeyn wuͤnſchte, aufzuhalten pflegte, und das nur durch einen kleinen Gang von der Halle getrennt war. Die Waͤnde waren mit Eichenholz ausgelegt, und das Wapen des Schloßherrn prangte an mehrern Orten. An der einen Seite konnte man aus einem Bogenfenſter den untern Garten uͤberſchauen, waͤhrend man an der andern Seite in den Schloßhof ſah, ſo daß Sir George Jedermann gewahren konnte, bevor er in die Halle trat. Das Geraͤth im Zimmer war mehr bequem, als koſtbar, ſo daß einem recht heimiſch ward, wenn man den Fuß in die⸗ ſes Zimmer ſetzte. Trotz der Hitze des Sommers loderte dennoch im Kamine ein helles Feuer; in der Mitte des Gemachs aber ſtand ein bleiernes mit Waſſer angefuͤlltes Behaͤltniß, beſtimmt den Wein abzukuͤhlen, der auf die Tafel gebracht wer⸗ den ſollte. Bald nachdem die beiden Ritter ein⸗ getreten waren, erſchien der Hausarzt, den der Schloßherr eingeladen hatte, mit ihnen einen Be⸗ cher zu leeren; ein Diener trug eine bedeutende Anzahl von Flaſchen hinter ihm her, und nach⸗ dem ſich Sir George und Sir Eduard Stanley niedergelaſſen hatten, ſetzte ſich der Doctor zwi⸗ ſchen der Tafel und dem obenerwaͤhnten Waſſer⸗ behaͤltniſſe, in welches die Flaſchen geſtellt waren, damit er mit Bequemlichkeit das Amt eines Mundſchenken verſehen koͤnne. Bald hatte er auch Gelegenheit ſeine Geſchicklichkeit darin zu be⸗ weiſen, denn der Ritter von Haddon und ſein Gaſt leerten jeder ihre Flaſche in wenigen Zuͤgen, waͤh⸗ rend der Schuͤler des Aesculaps ſeinerſeits, kei⸗ nesweges, wie der Doctor Sangrado, Abſchen gegen den Wein zu haben ſchien. Er trank mit ſeinen Zechgenoſſen Zug um Zug, und ſchien mit jedem Becher den er leerte, noch groͤßere Trinkluſt ————— — 87— zu bekommen. Nach und nach lenkte ſich das Geſpraͤch der beiden Ritter von dem jetzt eben beſtandenen Abentheuer des jungen Kriegers auf einen Gegenſtand, den ſie, haͤtte der Wein nicht ihre Zungen geloͤſ't, gewiß nicht anders als unter vier Augen wuͤrden beruͤhrt haben. Alles was ihm ſeit ſeiner Ruͤckkehr nach England begegnet war, Alles, die Begebenheit mit Lady Margarethe allein ausgenommen, ward von Eduard Stanley dem Schloßherrn erzaͤhlt, den er auch mit ſeinen Hoff⸗ nungen auf den gluͤcklichen Erfolg einer Verſchwoͤ⸗ rung vertraut machte. „Fuͤr dieſen Augenblick aber,“ ſo fuhr er fort,„iſt nichts zu thun, der Jeſuit und Spa⸗ rendam liegen unter den Wellen begraben, und in unſern Erwartungen, ruͤckſichtlich des Grafen von Derby, haben wir uns getaͤuſcht; waͤre nur er bereit unſer Unternehmen zu unterſtuͤtzen, Eliſa⸗ beth ſollte auf ihrem Throne zittern.“. 3„Meiner Treu,“ fiel Sir George Vernon lein,„ich haͤtte Euch hier im Gebirge eine ſtatt⸗ liche Anzahl von Mannen auf die Beine gebracht; — 88— hohe kraͤftige Burſchen, mit Herzen von Stahl, und Knochen von Eiſen, geuͤbte Schlaͤger. Was aber iſt jetzt anzufangen?“ „Anzufangen?“ wiederholte Eduard,„wir muͤſſen Granvelle*) von dem ſtattgehabten Miß⸗ geſchicke Kunde geben. Er und die Herzogin von Parma moͤgen auf andere Mittel ſinnen, das Land zu empoͤren, wir wollen dann ſchon im Truͤben fiſchen. Wir muͤſſen Geld, Waffen, Leute und neue Commiſſarien erhalten. Im Ganzen haben wir an Sparendam nur wenig verloren, er war zwar muthig wie ein Baͤr, dabei aber daͤmiſch, wie eine Eule; und der fromme Vater hatte zwar Scharfſinn, aber keinen Unternehmungsgeiſt.“ „Die Eigenſchaften beider zuſammen, haͤt⸗ ten einen brauchbaren Menſchen gemacht,“ be⸗ merkte Sir George Vernon. „Homo bene praeditus,“ fuͤgte der Doctor hinzu. *) Cardinal Granvelle, Biſchof von Arras, Mini⸗ ſter in den Niederlanden, unter der Herzogin von Parma.. — 89— Waͤhrend ſie ſich in ihr hochverraͤtheriſches Geſpraͤch vertieften und dabei dem Becher wacker zuſprachen, ſchienen Sir George und Eduard Stanley ooͤllig vergeſſen zu haben, daß ſich außer ihnen noch Jemand im Gemache befinde, und ſo erklang ihnen die Stimme des Hausarztes ſo wunderbar, als ob ploͤtzlich ein Geſpenſt der Erde entſtiegen waͤre und zu ihnen geredet haͤtte. Der Ritter runzelte ſeine Stirn, waͤhrend Eduard Stanley einen Augenblick vor ſich hinſtarrte, hor⸗ chend, ob die Stimme ſich neuerdings hoͤren laſ⸗ ſen wuͤrde. Als dies aber nicht geſchah, ſprang er raſch aus ſeinem Seſſel empor, und nun uͤber⸗ zeugt, daß es der aͤrztliche Mundſchenk ſey, der geſprochen hatte, packte er dieſen bei der Gurgel und zog ſeinen Dolch. „Wußte der da um unſer Geheimniß?“ fragte er, zum Sir George gewandt;„und wenn nicht, kann man ihm trauen?“ 3 Der Schloßherr zoͤgerte einen Augenblick mit der Antwort, und Eduard Stanley druͤckte dem⸗ — 90— nach den Hausarzt zuruͤck in den Stuhl und er⸗ hob ſeine Waffe. „Haltet ein, haltet ein,“ flehete der Be⸗ drohete, jammernd ſeine Haͤnde zu dem jungen Krieger emporhebend;„vertrauet mir Sir George doch taͤglich ſein Leben an; ſprecht, ſprecht, Herr Ritter, war ich Euch nicht immer treu und erge⸗ ben? Wie koͤnnte es mir jetzt in den Sinn kom⸗ men, meinen Herrn zu verrathen!“ „Ihr habt Euch,“ donnerte Stanley,„in ein Geheimniß gedraͤngt, das, wenn auch nur weiter gefluͤſtert, Tod und Verderben uͤber das Haus der Vernons und uͤber das Meine bringen wuͤrde. Unſer Leben und unſere Ehre darf nicht von einem Sclaven, wie Du einer biſt, abhaͤn⸗ gen; beſſer, einen ſolchen Wurm zertreten, als in der Beſorgniß leben, von ihm verrathen zu werden.“ So ſprechend ſchwang er neuerdings den Stahl, indem er dabei auf den Schloßherrn ſchauete, auf den auch Probus, ſo nannte ſich der Doctor, klaͤgliche Blicke richtete. ——- —.,— — 91— „Er wird uns nicht verrathen,“ nahm jetzt Sir George Vernon das Wort:„ſteckt Euren Dolch nur wieder ein. Wenn aber,“ fuhr er, zu dem Hausarzt gewandt, fort,„je eine Sylbe von dem, was Du erfuhrſt, uͤber Deine Lippen kommt, laß ich Dich an den hoͤchſten Baum in Haddon Park aufhaͤngen, wo dann Deine Kno⸗ chen vom Sturme gepeitſcht, klappern ſollen, ein Beiſpiel jedem Verraͤther.“ „Seyd unbeſorgt,“ entgegnete Probus,„ich bin im Gegentheil bereit Euch bei Eurem Unter⸗ nehmen zu dienen, wo es in meiner Macht ſteht; mit Leib und Leben bin ich der Eure.“ „Bewaͤhrſt Du Dich treu, ſoll es Dein Schaden nicht ſeyn,“ ſprach der Ritter;„ſagt, Eduard Stanley, koͤnnen wir ihn gebrauchen? er hat einen guten Kopf und eine gelaͤufige Zunge. Wie waͤr's, wenn wir ihn mit unſerer Botſchaft nach Flandern ſchickten?“ „Wenn Ihr ihm trauet,“ erwiederte der junge Krieger,„er ſcheint mir ganz tauglich dazu.“ — 92— „Ich glaube mich auf ihn verlaſſen zu koͤn⸗ nen,“ entgegnete der Schloßherr;„hegt Ihr aber ſeinetwegen einigen Zweifel, kann ich ihn auch bei mir behalten, und wir waͤhlen einen anderen Boten.“ „Er ſoll uns Treue ſchwoͤren,“ verſetzte der junge Soldat, indem er ſeinen Dolch wieder in den Guͤrtel ſchob,„verraͤth er uns dennoch, iſt der Stoß meines Stahls ein Nadelſtich im Ver⸗ gleich zu den Martern die ſeiner, als den Verraͤ⸗ ther an einer ſo heiligen Sache, harren. Nicht um unſers eigenen Nutzens willen ſchwingen wir die Fahne der Empoͤrung, nur fuͤr das Wohl der Kirche, nur unſers frommen Glaubens wegen, der jetzt mit Fuͤßen getreten wird, geſchieht es.“ „Ein heiliger Zweck, der jede etwaige Be⸗ denklichkeit zum Schweigen bringt, der jeden wah⸗ ren Katholiken begeiſtern muß,“ bemerkte der Hausarzt.„Da ziemt ſichs Buße zu thun im Sacke und in der Aſche, bis die Sonne unſerer Kirche wieder in ihrem vollen Glanze ſcheint.“ „Waret Ihr ſchon außerhalb Landes?“ fragte Eduard Stanley. „Ja,“ erwiederte Probus,„ich habe zu Leyden und zu Paris ſtudirt, auch war ich in Bruͤſſel, Antwerpen und den uͤbrigen großen Sdtlaͤdten der Niederlande.“ „Kennt Ihr den Biſchof von Arras?“ fuhr der junge Krieger fragend fort. „Ich ſah Sr. Exellenz bei dem ſpaniſchen Miniſter Ruy Gomez de Silva,“ antwortete der Doctor. „Iſt Euch auch der Prinz von Eboli be⸗ kannt?“ „Allerdings, als er ſich bei der Regentſchaft von Flandern befand, hatte ich die Ehre Sr. Hoheit oft als Arzt beizuſtehen.— Sir George, mein wackerer Gebieter erlaubte mir, mich eine Weile lang außer Landes auſzuhalten, um mich, in der Chirurgie zu vervollkommnen.“ „Nicht wahr,“ nahm der Schloßherr zu Eduard Stanley gewandt, das Wort,„der Her⸗ 94= zog von Alba, Ebolis Feind, hat jetzt auf die Regierung von Flandern großen Einfluß?“ „So iſt's,“ verſetzte der junge Krieger,„ſein militairiſcher Helmbuſch hat uͤber Gomez Schreibe feder den Sieg davon getragen. Die Flammlaͤn. der muͤſſen einen Soldaten zum Regenten haben. Die Herzogin von Parma iſt eine Frau von ſel⸗ tenen Talenten, gefuͤhlvoll, geiſtreich und zur Re⸗ gentin wie geſchaffen; aber ſie iſt nur ein Weib, und hat alſo auch nur einen weiblichen, kraͤnkeln⸗ den Sinn, wenn es einer maͤnnlichen That gilt. f Ihre Sanftmuth gefaͤllt dem Koͤnige Philipp nicht, der es gewohnt iſt, das Scepter mit ſtren⸗ ger Hand zu fuͤhren. Die Ketzerei macht jetzt in den Niederlanden reißende Fortſchritte, wird dem nicht bei Zeiten Einhalt gethan, kann Spanien leicht jene Provinzen einbuͤßen.“ „Der Prinz von Oranien ſoll, wie man ſagt, die neue Meinung beguͤnſtigen?“ fragte der Schloßherr weiter. „Das thut er,“ entgegnete Eduard Stanley, „und wie er, handelt auch Egmond, der Sieger — 95— bei St. Quentin. Dieſer Held, tapfer, wie je einer einen Bruſtharniſch anlegte, iſt jetzt zum politiſchen Schwaͤtzer geworden, und ſtatt des Schwertes gebraucht er nur ſeine Zunge. Statt einer Armee von muthigen Soldaten zu gebieten, haͤlt er nun dem Poͤbel Predigten, und ſucht die Menge durch Honigworte zu kirren. Er und ſeine Anhaͤnger moͤchten gern eine Empoͤrung gegen Spanien anzetteln, und das fremde Joch von dem Nacken ſtreifen.“ „Mein Seel ſie haben recht,“ fiel der Schloßherr ein,„welcher Mann von freiem Sinne moͤchte unter einer Regierung leben, die nur ihren eiſernen Scepter fuͤhlen laͤßt, waͤhrend ſie ihr laͤchelndes Geſicht nur der fernen maͤchtigen Na⸗ tion zeigt. Das ſauere Antlitz Philipps reicht allein hin, ſeine Unterthanen ihm abwendig zu machen.— Doch genug davon fuͤr heute— ich habe Euch ſonſt noch manches zu fragen.“ „Es wird Zeit ſeyn, ſich zur Ruhe zu bege⸗ ben,“ bemerkte der junge Empoͤrer, ſich von ſei⸗ nem Sitze erhebend. 96— „Bleibt noch, bleibt!“ rief Sir George, ihn 3 zurſhollend⸗„ſagt mir zuvor, wie gefaͤllt Euch meine Margarethe? ſie iſt mein Liebling und auch der Liebling des Sir Thomas, Eures Bruders. Eine herrliche Dirne, nicht wahr?— Da kommt her, und ſetzt Euch wieder, ich will Euch von ihr erzaͤhlen.“ „Habt Ihr mir noch viel zu ſagen und zu erzaͤhlen, ſo wartet bis morgen,“ verſetzte Eduard Stanley, indem er Anſtalt machte ſich zu entfer⸗ nen,„es iſt ſpaͤt und das kalte Bad hat mich doch einigermaßen erſchoͤpft.“ „Hohl's der Teufel, Ihr ſollt Euch ſetzen und mir zuhoͤren, und wenn meine Erzaͤhlung noch ſo lange dauerte,“ ſchrie der von Wein gluͤhende Schloßherr. „Ich will aber nicht, Herr Koͤnig vom Ge⸗ birge,“ entgegnete der junge Krieger, mit der Hand die Klinke der Thuͤr erfaſſend,„in meinem Quartiere pflege ich mich ſtets wie zu Hauſe zu betrachten; gute Nacht alſo!“ „Haltet ihn auf, laßt ihn nicht von hin— — 97— nen,“ donnerte der Schloßherr zum Doctor ge⸗ wandt. „Ich wuͤrde gern Ew. Gnaden Befehl erfuͤl⸗ len,“ verſetzte dieſer mit einem furchtſamen Ge⸗ ſichte,„der Herr aber iſt bewaffnet und uͤberdem ein Soldat.“ 1 „ Und waͤre er zwanzigmal bewaffnet und zwanzigmal ein Soldat, Ihr ſollt ihn packen und zuruͤckfuͤhren,“ ſchrie der trunkene Sir George, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob, wobei er aber um nicht zu fallen, genoͤthigt war ſich auf den Tiſch zu ſtuͤtzen. Eduard Stanley war unter⸗ deſſen hinausgetreten und blickte lachend auf den erzuͤrnten Ritter; als dieſer nun aber, da der Doctor ſich noch immer nicht von der Stelle be⸗ wegte, um den jungen Krieger zu erfaſſen, ſelbſt auf ihn lostaumelte, warf Eduard Stanley raſch die Thuͤr zu und ſchob den Riegel vor, worauf er ſich langſamen Schritts in ſein Schlafgemach begab, waͤhrend der alte Herr drinnen tobte und fluchte, bis er endlich matt und erſchoͤpft die Klin⸗ gel zog. Er ward nun ſchnell aus ſeiner Gefan⸗ II. Band. 7 genſchaft befreiet und von ſeinen Dienern zu Bette gebracht, worauf ſich auch der Hausarzt zur Ruhe legte. Erſt ſpaͤt am naͤchſten Morgen wurde der junge Krieger von ſeinem Reitknechte Ridgway geweckt, welcher ihm berichtete, daß Septimus, der Knecht des Sir Simon Deyge, der die Ge⸗ gend genau kenne, ſie in einiger Entfernung von Haddon, gluͤcklich uͤber den Wye gebracht habe. „Sahſt Du nichts vom Haſock?“ fragte Eduard Stanley, ſich nach ſeinem Gaul erkundi⸗ gend, oder iſt er wirklich zum Teufel gefahren?“ „Sein Leichnam liegt unten am Ufer,“ entgegnete Ridgway,„wir haben Sattel und Zeug abgenommen und beides mit uns gebracht.“ „Sorge, daß er hinweggeſchafft werde,“ nahm Eduard Stanley wieder das Wort.„Iſt der Ritter von Haddon ſchon aufgeſtanden?“ „Nein!“ antwortete der Reitknecht,„der Kaͤmmerer meint, er werde wol vor Mittag nicht aus den Federn kommen, dies ſey, ſagt er, ſo 1 — 99— ſeine Gewohnheit, wenn er Abends vorher dem Becher ein wenig zu viel zugeſprochen.“ Eduard Stanley laͤchelte, erhob ſich von ſeinem Lager und legte, ohne große Sorgfalt auf ſeine Toilette zu verwenden, das Kleid an, wel⸗ ches Ridgway mitgebracht hatte. Mit ſeinen Waffen ging er indeſſen ſorgſamer um, Schwert und Dolch, die er geſtern getragen, und die etwas angelaufen waren, gab er dem Diener mit dem Befehle, ſie behutſam zu ſaͤubern, denn er hielt viel auf ſie, weil ſie ihm in manchem heißen Kampfe behuͤlflich geweſen waren, Ruhm und Ehre zu erwerben. Leichtere Waffen ſollten ihm unterdeſſen ihre Stelle erſetzen. „Ich muß Sir George bitten, mir ein Pferd zu leihen, bis ich ein anderes von Lathom oder Kowsley erhalten kann,“ ſprach er dann. „Sieh Dich danach um.“ „Der Gaul den ich ritt, iſt ein wackeres Thier, beſſer als eins in den Staͤllen des Schloß⸗ herrn vorhanden,“ entgegnete der Diener. „So ſchau Dich nach einem raſchen Klep⸗ — 100— per fuͤr Dich um,“ verſetzte Stanley;—„wo iſt Sir Simon Deyge?“ „In der Halle,“ antwortete der Reitknecht, „er frühſtuͤckt jetzt eben zum zweitenmale.“ 4 Eduard Stanley begab ſich hinab und ſah durch die offenſtehende Thuͤr, wie der Ritter aus Derbyſhire mit der einen Hand eine maͤchtige kalte Paſtete feſt umſchlungen hielt, ſo als fuͤrchte er, der Leckerbiſſen koͤnne ihm geraubt werden, waͤhrend er mit der andern ſo eben Anſtalt machte, den Inhalt des Gerichts zu bearbeiten. Leiſe ſchlich ſich jetzt der junge Krieger hinter den Stuhl des Gierigen, zog ſeinen Dolch aus dem Guͤrtel und beruͤhrte mit der Spitze deſſelben etwas un⸗ ſanft die Hand des Ritters, welche die Schuͤſſel umfaßt hatte; erſchreckt und einen lauten Schrei ausſtoßend, ſprang Sir Simon Deyge empor. Eduard Stanley aber nahm ganz ruhig den ver⸗ laſſenen Sitz ein, indem er ausrief:„Dieſe Pa⸗ ſtete gehoͤrt jetzt mir, ich habe ſie erobert, ſie iſt mein nach Kriegsrecht, denn ich habe den Feind delogirt. Aber ich bin kein harter Sieger, und — 101— will meine Beute mit dem Beſiegten theilen,— da kommt her und ſetzt Euch, es iſt hier reichlich fuͤr uns beide vorhanden.“ „Wenn das Eure Hoͤflichkeit iſt, Sir Eduard, da behuͤte mich Gott vor Eure Gewaltthaͤtigkeit,“ entgegnete der Ritter aus Derbyfhire. „Kommt, kommt, ſetzt Euch,“ wiederholte der junge Krieger, und Sir Simon hielt es jetzt fuͤr gerathen, dem Rufe zu folgen. Kaum aber hatten ſie ſich angeſchickt, von der Gaſtfreiheit des Ritters von Haddon Gebrauch zu machen, als der Hausarzt in die Halle trat, die beiden Ritter demuthsvoll begruͤßte, und ſich dann auf Stanleys Einladung, zu ihnen zum Fruͤhſtuͤcke ſetzte. 4*„ 8* 0 De drei Zecheumpand hatten ihr Fruͤhſtuͤck noch nicht beendet, als auch ſchon der Schloßherr, wel⸗ cher heute fruͤher aufgeſtanden war, als er es ſonſt nach einem Trinkgelage zu thun pflegte, in die Halle trat, ſeinen Gaͤſten einen freundlichen guten Morgen wuͤnſchte, derb mit ihnen dem Fruͤhmahle zuſprach, und ſie dann, als ſaͤmmtliche Tiſchge⸗ noſſen Hunger und Durſt geſtillt hatten, in den Garten fuͤhrte, welcher, der Sitte jener Zeit ge⸗ maͤß, aus zwei Terraſſen beſtand, die durch eine ſteinerne Baluſtrade von einander abgeſondert wa⸗ ren; eine Reihe breiter Stufen fuͤhrte zu der obern hinauf. An einem Ende des obern Gar⸗ tens war eine Laube angebracht, in deren dunklen Schatten Lady Dorothee ihren Studien nachzu⸗ haͤngen pflegte, und an der anderen Seite einer — 103— Stiege gegenuͤber, die aus einem Saale des Schloſſes fuͤhrte, befand ſich eine Anhoͤhe mit ſchattigen Baͤumen bepflanzt. Dieſer Platz ward Dorothee Vernons Labyrinth genannt, weil es ihr Lieblings⸗Aufenthalt war; auch konnte fuͤr ernſte Betrachtungen in der That kein paſſenderer Ort gefunden werden. Hier weilte die ſinnende Dorothee oft Stunden⸗ ja Tagelang, mit Leſung claſſiſcher Autoren aͤlterer und neuerer Zeit, be⸗ ſchaͤftigt. In dieſem Studium hatte ihr der Va⸗ ter John Vernon Beiſtand geleiſtet, ein katholi⸗ ſcher Geiſtlicher, der zu Haddon das Amt eines Caplans verſah; es war ein Mann von glaͤnzen⸗ den Talenten und großer Gelehrſamkeit, der kei⸗ nen andern Wunſch hatte, als ſeine eigenen Kenntniſſe zu erweitern, und die Seele ſeiner Schuͤlerin auszubilden. Oft war er ihr Begleiter auf Spaziergaͤngen, ſtets aber entzog er ſich dem Zechgelage des Schloßherrn, um mit deſſen Toch⸗ ter der ernſtern Unterhaltung zu pflegen. Weit⸗ laͤufig mit der Familie des Sir George verwandt, waren ihm groͤßere Freiheiten eingeraͤumt, als — 104— irgend einem andern Diener des Hauſes; und oft wuͤrde ſich der ſtoͤrriſche Sinn des Ritters in die beſſere Meinung des Geiſtlichen gefuͤgt haben, haͤtte nicht ein furchtbarer Geiſt des Widerſpruchs zu den Characterzuͤgen des Ritters gehoͤrt. Die⸗ ſer war ſeinem Caplan dabei perſoͤnlich gewogen, nicht nur weil er ſein geiſtlicher Rathgeber war, ſondern vorzuͤglich auch darum, weil er ihn als einen bewaͤhrten Freund betrachtete, der in guten und boͤſen Tagen ihm treu zur Seite geſtanden. Jedermann im Schloſſe war demnach auch bemuͤht, den wackern Geiſtlichen mit vorzuͤglicher Achtung zu behandeln, und ſo ſehr ſchaͤtzte ihn beſonders der aͤltere Theil der Dienerſchaft, daß man ihm ſchon aus Anhaͤnglichkeit mehr Aufmerkſamkeit bezeigte, als es, um dem Gebote des Schloß⸗ herrn zu folgen, haͤtte geſchehen koͤnnen. Von Niemand aber ward der Caplan mehr geſchaͤtzt, als von der munteren, ſtets laͤchelnden Marga⸗ rethe Vernon, welche, obgleich ſie oft die Gelehr⸗ ſamkeit des geiſtlichen Herrn, und Dorotheens Hang zu ernſten Studien zum Gegenſtande ihres — 105— Scherzes machte, dennoch den frommen Sinn des Prieſters verehrte, und ihre Schweſter als ein Weſen bewunderte, deren geiſtiges Streben ſich mehr mit dem Gluͤcke des Jenſeits als mit den Freuden dieſer Welt beſchaͤftigte. Der Ritter von Haddon fuͤhrte ſeine Gäſt durch den unteren Garten, die Stufen hinan zu der obern Terraſſe, von wo aus man eine treff⸗ liche Ausſicht auf das unten liegende Thal hatte, durch welches ſich der jetzt wieder nach und nach in ſeine Ufer zuruͤckkehrende Wye ſchlaͤngelte, waͤhrend rieſige Berge den Horizont begraͤnzten. Hie und da ſah man große Triften von Rehen und Hirſchen uͤber die Flur hineilen, an Heerden zahmer Thiere voruͤber, welche unter dem Schat⸗ ten dickbelaubter Eichen oder am Ufer des Fluſſes weideten. Die Gegend gewaͤhrte jetzt einen ganz andern Anblick als am vergangenen Abend; der Sturm war voruͤber, und die Sonne, welche an einem wolkenfreien Himmel glaͤnzte, vergoldete alles, worauf ſie ihre Strahlen ſenkte. Die Per⸗ ſonen aber, welche jetzt eben von der Anhoͤhe aus — 106— dieſe Scene betrachteten, hatten weder reinen noch romantiſchen Sinn genug, um bei dem Anblicke der Naturſchoͤnheiten, die ſich rund um ſie her entfalteten, ein beſonderes Entzuͤcken zu empfin⸗ den; jeder von ihnen hatte ſo ſeine eigenen Ge⸗ danken daruͤber, keiner aber fuͤhlte ſich von jener Dankbarkeit fuͤr den Ewigen begeiſtert, die jedes gefuͤhlvolle Herz, wenn es die Morhnſonne er⸗ blickt, empfindet. „ Ein trefflicher Tag um zu ilaen nahm Doctor Probus das Wort. „Oder zur Jagd,“ bemerkte der Ritter von Haddon. „Oder um hier im Schatten ein paar Fla⸗ ſchen zu leeren,“ fuͤgte Sir Simon Deyge hinzu „Ruhig,“ gebot Stanley,„dort gewahre ich etwas von einem Frauenzimmer. „Wo?“ fragte der Schloßherr. „Dort in der Laube,“ entgegnete der junge Krieger,„ein Ritter iſt bei ihr.“ „Ein ſchoͤner Ritter,“ rief Sir George — 107— Vernon;„die Dore iſt's und ihr alter Lehrer, habt Ihr ſie noch nicht geſehen?“ „Noch nicht,“ erwiederte Eduard Stanley. „Die Dirne wird noch naͤrriſch mit ihren Buͤchern,“ fuhr der Schloßherr verdruͤßlich fort, „Hallo, Dorothee, komm hieher!“ I2 So ſprechend ſchritt er von ſeinen Gäͤſten gefolgt auf die Laube zu, in welcher Lady Do⸗ rothee Vernon und der Caplan an einem mit Buͤchern bedeckten Tiſche ſaßen; ſie erhoben ſich jetzt und kamen dem Schloßherrn entgegen. Der Geiſtliche, obgleich ein aͤltlicher Mann, war den⸗ noch keinesweges gebrechlich und hinfaͤllig, ſeine Bewegungen waren ungezwungen, und aus ſeinen Augen euchtete oft ein lebhaftes Feuer. Er be⸗ gruͤßte den Sir George und deſſen Gaͤſte mit großer Freundlichkeit, und reichte dem Sir Simon Deyge die Hand, als einem alten Bekannten. Der Ritter von Haddon fuͤhrte unterdeſſen ſeine Tochter zu Eduard Stanley;„das iſt das Frauen⸗ zimmer das Ihr ausgeſpaͤht, es iſt meine Toch⸗ — 108— ter, Lady Dorothee Vernon. Ihr habt ſie nicht geſehn, ſeitdem Ihr der Schule entwachſen.“ „Ich moͤchte mich,“ entgegnete der junge Krieger, das Fraͤulein begruͤßend,„recht gern neuerdings unter dem Zuchtſtabe eines Lehrers beugen, koͤnnte ich meine Studien in einer ſol⸗ chen Geſellſchaft fortſetzen.“ „Studien,“ wiederholte der Schloßherr la⸗ chend,„haͤttet Ihr ein paar Stunden mit ein⸗ ander zugebracht, wuͤrdet Ihr, ich wette darauf, ſtudiren, wie Ihr des Sir John's hier los wer⸗ den koͤnntet. Was meint Ihr, frommer Vater?“ „Ich kann fuͤr meine Schuͤlerin einſtehen,“ erwiederte der Befragte. „Ich, ihr Vater, wuͤrde keine ſolche Buͤrg⸗ ſchaft uͤbernehmen,“ werſetzte Sir George,„zu⸗ mal, wenn ein ſolcher Burſche, wie Eduard Stanley, ihr zur Seite ſaͤße, das iſt ein wahrer Satan in Liebesangelegenheiten.* „Ja, ja, ein wahrer Satan,“ wiederholte Sir Simon Deyge, denn er gedachte der geſtrigen Scene in Gilbert Onshaw's Huͤtte. — 109— „Was, Ihr wollt auch mitſprechen,“ nahm Eduard Stanley das Wort,„Ihr, der Ihr der Lady Margarethe raſtlos von Liebe vorgeſchwatzt habt!“ „Ich, der Lady Margretthe⸗ fragte Sir Simon verlegen. „Was, meiner Tochter?“ rief der Ritter von Haddon lachend,„nun, und wie nahm ſie Eure Bewerbung auf?“ „Die Sache iſt keinesweges Scherz, auf meine Ehre!“ ſprach der junge Krieger mit einem ernſthaften Geſichte.„Er hat ſogar ein Gehicht auf ſeine Geliebte gemacht.“ „Eine Eule, die zum Monde hinaufheult,“ lachte der Schloßherr. Sir Eduard Stanley und der Hausarzt brachen ebenfalls in ein lautes Ge⸗ laͤchter aus, Dorothee Vernon aber, welcher das Geſpraͤch zu mißfallen ſchien, wandte ſich erroͤ⸗ 4 thend ab, trat wieder in die Laube, und nahm ein Buch zur Hand; der Caplan folgte ihrem Beiſpiele. „Er laͤßt es dabei nicht bewenden, der — 110 k Schelm,“ nahm Eduard Stanley, nachdem er ſich vor Lachen faſt ausgeſchuͤttet hatte, wieder das Wort:„ich ſage Euch, der Ritter iſt ein wahrer Maͤdchenjaͤger, noch geſtern, als wir vor dem Sturm Schutz in der Huͤtte des Gilbert DOnoshaw ſuchten.“ „Gilbert Onshaw! den Wilddieb, meint Ihr,“ unterbrach ihn Sir George. „Eben den,“ erwiederte der junge Krieger, „er hat eine gar huͤbſche Tochter, bei der wollte der Ritter in die Lehre gehen.“ „Ei, das war ja nur zum Scherz,“ ant⸗ wortete Sir Simon,„ſie hat ja uͤberdem ſchon einen Liebhaber, jenen Abentheurer, der, wie es heißt, hier im Park ſchon ſo manches Wild ge⸗ ſtohlen.“ „Der Bube!“ rief der Schloßherr,„er hat bisher allen Nachforſchungen meiner Leute zu ent⸗ gehn gewußt. Auch ſagt man, er wage es ſogar ſeine Blicke hoͤher als zu Onshaw's Tochter zu erheben. Doch Geduld nur, ich bin uͤber⸗ zeugt“— - 211— Hier unterbrach er ſich, indem er auf ſeine Tochter einen Blick richtete, in welchem vaͤterli⸗ ches Vertrauen den aufwallenden Zorn niederzu⸗ kaͤmpfen ſchien. Laby Dorothee aber ſaß in der Laube in Leſung eines Buchs vertieft, dem Ge⸗ ſpraͤch der uͤbrigen auch tichenn die uindeſi Auf⸗ merkſamkeit ſchenkend. 2 Und glaubt Ihr, ich wuͤrde,“ nahm der Ritter von Derbyſhire wieder das Wott,„um eines huͤbſchen Geſichts wegen, meine geſunden Gliedmaßen, gegen den wilden vierſchroͤtigen Ge⸗ ſellen wagen, der an Kraft und Staͤrke einem Herkules nichts nachgiebt, das paßt nur fuͤr einen ſolchen Haudegen, als Sir Stanley einer iſt, der ſein Schwert des bloßen Spaßes wegen zieht, und dem es gleichviel gilt, ob er zum Kampfe oder zum Tanze geht.“ „Ihr habt ihn alſo geſehen, den Atenthen rer?“ fragte Sir George. „Geſehen? Ei allerdings,“ entgegnete der Ritter aus Derbyſhire,„Sir Eduard da hat auch ſeine Kraft gefuͤhlt. Er machte ſich mit — 112— Gilberts Tochter viel zu ſchaffen, das verdroß den Bruder. Ein Wort gab das andere, ſie zogen die Schwerter, der Burſche aber ward entwaffnet, und haͤtte daran glauben muͤſſen, haͤtte nicht der Aben⸗ theurer, der zugegen war, den Arm des Ritters gepackt, und ihn verhindert den toͤdlichen Streich zu fuͤhren.“ „Der Fremde,“ nahm Eduard Seanley, zu dem Schloßherrn gewandt, in einem ernſten Tone das Wort,„iſt nicht das, was er ſcheint; er iſt mir fuͤr jene Beleidigung Genugthuung ſchuldig, und hat verſprochen, ſie mir zu gebenz; ich wuͤnſche demnach, daß Ihr den Befehl, ihn einzufangen, widerrufen, und es meinem Schwerte uͤberlaſſen emoͤchtet, ihn auch fuͤr den an Euch begangenen Frreevel zur Rechenſchaft zu ziehen.“ „Er ſoll ſich ungehindert zeigen koͤnnen, ſo tlange Ihr auf Haddon bleibt,“ verſetzte Sir George,„ich will den Befehl dazu ertheilen. Aber iich moͤchte, daß Ihr Euch uͤberzeugtet, ob der Burſche auch wirklich aus edlem Blute ſtamme, bevor Ihr Euer Schwert mit dem ſeinigen meft — 113— Beſiegt Ihr ihn, habt Ihr ſonſt keine Ehre davon, erliegt Ihr ihm aber, trifft Euch ewige Schande.“ „Bedaͤchte ich das, waͤre ich ein Feigherziger,“ entgegnete der junge Krieger,„wer mich beleidigt, muß vor mein Schwert, gleichviel, ob ihn eine Kaiſers tochter oder eine Bettlerin geboren. Aber ſeyd ohne Sorge, ich habe nie die Waffe erfaßt, ohne auch meines Sieges ſchon im voraus gewiß zu ſeyn.“ „Seltſam, fiel Sir Simon Deyge ein,„ich meinerſeits greife eben deswegen nicht zum Schwerte, weil ich mir ſtets meine Niederlage ſchon als un⸗ fehlbar denke.“ „Deshalb ſeyd Ihr auch eine Memme,“ lachte Eduard Stanley,„aber ich will Euch ſchon Muth lehren, Ihr ſollt mich begleiten, wenn ich den Abentheurer aufſuche; da koͤnnt Ihr Euch mit dem Anack herumbalgen, waͤhrend ich jenen vornehme.“ II. Band. 8 7. Der ſtille, ſchuͤchterne und in ſich gekehrte Cha⸗ racter der Lady Dorothee Vernon verhinderte Eduard Stanley einige Tage lang, ſich ihr mit der ihm eigenthuͤmlichen Keckheit zu nahen; der junge Krieger machte zwar haͤufige Verſuche, ſie in ein vertrautes Geſpraͤch zu ziehen, aber, ob⸗ gleich ſie ihn ungemein hoͤflich behandelte, ſo wa⸗ ren doch ihre Antworten ſtets kalt und lakoniſch, welches den leidenſchaftlichen jungen Mann um ſo mehr verdroß, da ſie ſich ſonſt gegen Jedermann, ja ſogar gegen Sir Simon Deyge freundlich be⸗ zeigte, und nur ihn allein als einen Gegenſtand des Argwohns zu betrachten ſchien. Dies Beneh⸗ men hatte theils einen ganz natuͤrlichen Grund, denn den Ritter hatte ſie oft geſehen, Eduard Stanley aber war ihr durchaus ein Fremder; 3 außerdem aber hatte ſie auch noch eine andere Ur⸗ ſache, jede Vertraulichkeit mit Eduard Stanley zu vermeiden. Sir Simon Deyge hatte ihr naͤm⸗ lich insgeheim einen Brief von ihrer Schweſter Margarethe uͤberbracht, worin dieſe in einigen Zeilen mehr uͤber den Character des jungen Krie⸗ gers ſagte, als dieſer davon in mehrern Monaten wuͤrde offenbart haben. Margarethe Vernon hatte zwar das Schaͤnd⸗ liche ſeines Benehmens gegen ſie, der Schweſter⸗ nicht gradezu geſchildert, denn ſie beſorgte, ihr Schreiben koͤnne in unrechte Haͤnde gerathen, aber ſie hatte doch genug geſagt, Lady Dorothee zu bewegen, auf ihrer Huth zu ſeyn, und den jun⸗ gen Mann mit argwoͤhniſchen Blicken zu betrach⸗ ten. Sein, durch ihr Benehmen noch mehr auf⸗ geregter Stolz aber, wollte durchaus die Beute nicht fahren laſſen, die zu erlangen, wie er meinte, ihm die Ehre gebot, und ſo beſchloß er Alles daran zu ſetzen ſein Ziel zu erreichen. Er veraͤnderte demnach ſein Betragen, legte das ſtuͤr⸗ miſche Soldatenweſen ab, und ſchien jetzt als ein ſanfter Juͤngling, unerfahren auf dem Pfade des 1 — 116— Lebens. In ſeinem Gedaͤchtniſſe nachgruͤbelnd, ſuchte er die wenigen gelehrten Kenntniſſe wieder zuſammen, die er ſich fruͤher in der Schule erwor⸗ ben, laͤngſt aber im Geraͤuſche der großen Welt vergeſſen hatte; er hoffte ſo die Lady glauben zu machen, daß nur der Hang zu den Studien und keine andere Abſicht ihn bewoͤge, ſich in ihre Ge⸗ ſellſchaft zu draͤngen. Er begleitete ſie auch auf ihren Spazierritten in den Park; dieſe aber unter⸗ nahm ſie nie anders, als in Geſellſchaft ihres Vaters, ihres Lehrers, oder des Sir Simon Deygez und ſo war er nach einer Woche des eifrigſten Bemuͤhens, ſich mit ihr auf einen ver⸗ trauten Fuß zu ſetzen, um kein Haar breit wei⸗ ter, als am Tage ſeiner Ankunft zu Haddon. Die Gemuͤthsart der Lady Dorothee Ver⸗ non zog uͤbrigens den jungen Krieger keinesweges beſonders an; ſie war zu ſanft, zu ſinnend, es fehlte ihr durchaus jenes raſche Weſen, welches er an ihrer Schweſter bewunderte, und obgleich ſie nach der Meinung Vieler an Schoͤnheit Lady Margarethe Vernon uͤbertraf, konnte dieſe doch 1 - 117— wegen ihres lebhaften Weſens im Grunde liebens⸗ wuͤrdiger genannt werden. Ihre Geſichtszuͤge⸗ welche ſtets von ihrer Schuͤchternheit beherrſcht wurden, waren immer dieſelben, und nie trugen jene, wenigſtens im geſelligen Kreiſe nicht, den Ausdruck von Heiterkeit oder Truͤbſinn, der dem 6 Antiitze Licht oder Schatten verleiht; das ihrige zeigte immer jene erhabene Ruhe, welche wir in Raphaels Madonnen und in mehrern weiblichen Gebilden Canova's bewundern, die aber mehr geeignet iſt, Ehrfurcht, als Liebe einzufloͤßen. Eduard Stanley hatte demnach fuͤr jetzt noch kei⸗ nen beſondern Bewegungsgrund, ſich die Lady Do⸗ rothee Vernon geneigt zu machen, er zog die kuͤhne, entſchloſſene Margarethe bei weitem vor, und er hatte alſo noch keinesweges den Plan auf⸗ gegeben, ſeinem Bruder die Geliebte abtruͤnnig zu machen; da er aber durchaus ſein Einkommen vermehren wollte, meinte er, es ſey gerathen, beide Maͤdchen im Auge zu behalten, um ſich, falls Margarethe durchaus nicht zu gewinnen waͤre, durch die Hand ihrer Schweſter dann doch wenig⸗ — 118— ſtens die Haͤlfte der reichen Beſitzung des Ritters von Haddon zuzuſichern. Er war uͤberzeugt, daß es dabei an der Einwilligung des Sir George nicht fehlen wuͤrde, welcher ſogar eine ſolche Ver⸗ bindung zu wuͤnſchen ſchien, und ſeinen Bunds⸗ genoſſen im Hochverrathe gewiß gern als Schwie⸗ gerſohn umarmt haͤtte; ja der Ritter hatte ſchon insgeheim einen Plan entworfen, zufolge deſſen der junge Krieger nach der Verheirathung mit ſeiner Tochter Dorothee, den Namen und das Wapen der Stanley's, gegen die der Vernon's, vertauſchen ſollte; welcher Stamm, da kein maͤnn⸗ licher Erbe vorhanden, ſonſt erloͤſchen wuͤrde. Eduard ſchien ihm, um dieſen fortzupflanzen, vorzuͤglich geeignet, denn der kuͤhne Muth, den der junge Soldat in der beabſichtigten Verſchwoͤ⸗ rung bewies, gefiel dem ehrgeizigen, trotz ſeines Alters, noch immer nach Ruhm und Groͤße duͤr⸗ ſtenden Ritter.— Zu Anfang von Eliſabeths Regierung wuͤrde es eben nicht ſchwer gehalten haben, ihre Herr⸗ ſchaft umzuſtuͤrzen; beſonders weil ſie die Erwar⸗ — 119— tungen keiner der Religionspartheien erfuͤllte, ſon⸗ dern in geiſtlichen Angelegenheiten einen Mittel⸗ cours ſteuerte, der allen Theilen gleich zuwider war. Die Papiſten ſchalten ſie eine Unehelichge⸗ borne, eine Ketzerin; und die Calviniſten nann⸗ ten ſie den Engliſchen Papſt, waͤhrend die ſoge⸗ nannten Gemaͤßigten im Grunde nichts, als Man⸗ teltraͤger waren, die ſich im Falle einer Empoͤ⸗ rung augenblicklich der Uebermacht angeſchloſſen haben wuͤrden. Der Ritter von Haddon ſah vor⸗ aus, daß, wenn das beabſichtigte Unternehmen gluͤcken wuͤrde, der Graf von Derby, wegen ſei⸗ nes Anſehens und ſeiner Popularitaͤt, wenn er auch nicht ſelbſt Koͤnig werden ſollte,— welches uͤbrigens keinesweges unmoͤglich war— dennoch unfehlbar zur hoͤchſten Macht gelangen wuͤrde; und ſo wuͤnſchte er denn ſeine beiden Toͤchter mit den Soͤhnen dieſes Mannes zu vermaͤhlen. Er ſah es demnach gern, daß Eduard der Lady Do⸗ rothee große Aufmerkſamkeit bezeigte, und obgleich er dann und wann daruͤber polterte, daß ihn der junge Krieger ſo oft allein ließ, um ſich ſeiner — 120— Tochter Geſellſchaft zu erfreuen, ertrug er dennoch die daraus fuͤr ihn entſtehenden Entbehrungen mit heroiſcher Philoſophie. Eduard Stanley verſaͤumte nicht, auf Lady Dorothee Vernon ein wachſames Auge zu halten, denn er wuͤnſchte in Erfahrung zu bringen, ob zwiſchen ihr und dem Abentheurer wirklich eine Verbindung beſtuͤnde; aber ern hatte bisher durch⸗ aus nichts bemerkt, was dieſen Verdacht beſtaͤti⸗ gen konnte. Von dem Unbekannten ward zwar taͤglich geſchwatzt, man hatte ihn in den Waͤldern von Haddon und Chatsworth geſchauet; bald in der Naͤhe des Schloſſes, bald in groͤßerer Ent⸗ fernung von demſelben, bald zu Roß, bald zu Fuß. Nie aber erfuhr Stanley, daß er nahe genug gekommen ſey, um mit Lady Dorothee Vernon eine Zuſammenkunft zu haben, und ſo war er feſt uͤberzeugt, der Ritter von Haddon habe recht, das Geruͤcht von dieſer Liebſchaft als ein albernes Geſchwaͤtz veraͤchtlich zu belaͤcheln; dennoch aber fuhr er fort, die Lady auf das ge⸗ naueſte zu beobachten. - 421— Unterdeſſen hatte auch zwiſchen dem Schloß⸗ herrn, Eduard Stanley und dem Doctor Probus eine Berathung ſtatt gefunden, in Betreff der Reiſe, welche der letztere nach Flandern unter⸗ nehmen ſollte, um zu der beabſichtigten Empoͤ⸗ rung von Spanien neue Huͤlfe zu begehren. Sie konnten dieſe nur von jenem Lande erwarten. Denn obgleich zu jener Zeit die Guiſen Frankreich regierten, und als Verwandte der Koͤnigin von Schottland feindſelig gegen Eliſabeth geſinnt wa⸗ ren, hatten ſie dennoch, um ihr Nachtheil zuzu⸗ fuͤgen, nur geringe Mittel in Haͤnden, auch halte der franzoͤſiſche Hof mit den, zwiſchen den Ka⸗ tholiken und Calviniſten entſtandenen innern Un⸗ ruhen zu viel zu ſchaffen, als ſich um fremde Angelegenheiten zu bekuͤmmern. Die Empoͤrer konnten demnach nur auf Spanien Hoffnung bauen, denn nur dieſes Land hatte Macht und Neigung ſich ihrer Sache anzunehmen. Es war dabei aber keine Zeit zu verlieren, denn mit jedem Tage druͤckte Eliſabeth die Krone feſter auf ihr Haupt. Ihre Regierung, obgleich ſie dabei nach 2 — 122— einem feſten Plane handelte, war ſanft und po⸗ pulaͤr, und ſo mußten die Aufruͤhrer befuͤrchten, auch die Abneigung, welche die Glaubenspartheien noch immer gegen ſie aͤußerten, in kurzer Zeit ſchwinden zu ſehen. Dies zu verhindern, war jetzt der Hauptzweck der Aufruͤhrer, und ſo ward denn nach langer Berathung beſchloſſen, daß Doctor Probus, ſtatt ſich gleich nach Flandern zu begeben, zuvor nach London gehen ſolle, um den Biſchof von Aquila, Philipps Geſandten, von dem Vorgefallenen in Kunde zu ſetzen, ihm die Lage der Dinge vorzulegen, und ihm anzuge⸗ ben, auf welche Weiſe der Beiſtand ſeines Herrn am wuͤnſchenswertheſten ſey. Truppen, Geld und Waffen waren nothwendig, damit die Mannen, welche Sir George und Eduard Stanley in Der⸗ byſhire, Cheſhire und Lancaſhire auf die Beine zu bringen hofften, an letztern Dingen nicht Man⸗ gel litten. Die erwaͤhnten Gegenſtaͤnde ſollten auf dieſelbe Weiſe wie fruͤher, durch den irlaͤndiſchen Kanal nach dem Merſey, unfern Liverpool ge⸗ bracht werden, wo die Empoͤrer zu den Spaniern M. — 123— mit einer Schaar von Kriegern zu ſtoßen hofften, zahlreich genug, ſich der Armee der Koͤnigin ent⸗ gegen zu ſtellen. Der Graf von Derby ſollte noch einmal erſucht werden, an die Spitze des Unter⸗ nehmens zu treten, wuͤrde er ſich aber dann noch weigern, wollte man ihn in ehrenvollem Gewahr⸗ ſam halten, unter ſeinem Namen aber das Vor⸗ haben ins Werk richten. So hinlaͤnglich mit In⸗ ſtructionen und mit der noͤthigen Baarſchaft ver⸗ ſehen, um anſtaͤndig auftreten zu koͤnnen, machte ſich, von einem Diener des Schloßherrn begleitet, der Sohn des Aesculaps von Haddon aus nach London auf den Weg. So ſtanden die Sachen, als eines Morgens, nachdem Sir George Vernon, Eduard Stanley, Lady Dorothee und Sir Simon Deyge mit ihren Falken auf die Jagd hinaus in den Wald gerit⸗ ten waren, der junge Onshaw und ſeine Schwe⸗ ſter Roſa vor der Schloßpforte erſchienen, und nach Eduard Stanley fragten. Sie wurden in die Halle gefuͤhrt und hoͤrten hier von dem Haus⸗ — 124— hofmeiſter, Herrn Giles Winterbottom, daß der junge Krieger abweſend ſey. „Wer aber, Du oder Deine huͤbſche Schwe⸗ ſter, kommt denn eigentlich, den jungen Stanley zu beſuchen?“ fragte der ehrſame Diener, die niedliche Roſa beim Kinne anfaſſend,„hat ſie etwa Luſt ſeine Waͤſche zu beſorgen, oder ſeinen Kragen zu falten? ha, ha, ha, ha! Nun ſetzt Euch nur, es iſt heiß; nicht wahr, wenn ich Euch eine Flaſche Ale anbiete, bekomme ich keine ab⸗ ſchlägige Antwort?“”“ „ Nein, wahrlich nicht, ich wuͤrde mir den Trunk gut ſchmecken laſſen,“ entgegnete Onshaw. „Und was meinſt Du dazu, mein huͤbſches Waldroͤschen,“ fuhr Herr Winterbottom, Roſen in die Wangen kneifend, fort,„Dir werde ich ein Glaͤschen Canarienſect vorſetzen, und etwas Backwerk, das wird Dir gut thun, nach dem beſchwerlichen Berganſteigen.“ „Danke ſchoͤn, danke, Herr Winterbottom,“ verſetzte Roſa, mit einem leichten Knicks,„ich mag Euren Wein nicht, ich habe nur einmal in meinem Leben ein paar Schluck getrunken und mich ganz uͤbel danach befunden; aber Euer Back⸗ werk, das iſt ein anders, ja, das laſſ' ich mir gefallen.“ 85 Der Haushofmeiſter laͤchelte, und gebot einen Diener, Speiſe und Trank fuͤr Anack herbeizu⸗ ſchaffen, waͤhrend er ſelbſt ging fuͤr Roſa das Backwerk zu holen. Fleiſch, Kaͤſe, Brod und eine Flaſche Ale ſtanden ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten vor dem jungen Waldmanne, der ohne Umſtaͤnde zulangte, waͤhrend der Haushofmeiſter, der ebenfalls bald mit dem Backwerke zuruͤckkehrte, neben der niedlichen Roſa Platz nahm, und laͤ⸗ chelnd mit anſchauete, wie ſie die Leckerbiſſen ſo behaglich hineinſchmauſ'te.. „Nun, und wie geht es Euch denn uͤber⸗ haupt draußen an der Waldecke?“ nahm nach einer Pauſe Herr Winterbottom das Wort.„Was macht Gilbert? Ich hoffe, er ſtreicht jetzt nicht mehr Nachts umher.— Ein boͤſes Gewerbe das, Anack— ein recht boͤſes Gewerbe! Wer es treibt, laͤuft ſpaͤt oder fruͤh dem Galgen in die Arme⸗ 4 — 126— „Ihr moͤg't recht haben, Herr Haushofmei⸗ ſter,“ murmelte Anack vor ſich hin. „Ja, ja, ſo iſt's,“ fuhr Herr Winterbot⸗ tom fort,„mich freuet's, daß Du das einſiehſt; Gilbert haͤtte laͤngſt große Strafe verdient, er mag's dem Schloßherrn danken, der ſo lange durch die Finger geſehen.“ „Er iſt aber auch dem Sir George von Herzen zugethan,“ verſetzte Anack,„dem Schloß⸗ herrn und auch Euch, dieſelbe Geſinnung hege auch ich; kein Onshaw hat bis jetzt von den Vernons etwas anders als Guͤte und Freundlich⸗ keit erfahren, ich bin zu jeder Stunde bereit meine Waffe fuͤr ſie zu ziehen. Kommt her, angeſtoßen, auf das Wohl des Sir George!“ 8 „Ich thue Euch von ganzer Seele Beſcheid,“ fprach der Haushofmeiſter, und ſein Becher klirrte an den des Waldmannes,„ich bin nun ſchon fuͤnf und funfzig Jahre hier im Hauſe, und habe den gnaͤdigen Herrn gekannt, als er noch ein Knabe war. Dein Vater, der alte Gilbert, draußen an der Waldecke, war funfzehn Jahre F — 127— lang Jaͤger der Herrſchaft, und hat gewiß nicht wohl daran gethan, den Dienſt aufzugeben, als er Deine Mutter heirathete. Doch, was hilft das Schwatzen daruͤber, geſchehene Dinge ſind nicht zu aͤndern; auf's Wohl des Herrn alſo, und ſeines Gaſtes, des jungen Herrn Stanley, den Ihr aufzuſuchen kommt.“ „Sprecht zu ihm nicht von dem,“ laͤchelte Roſa,„den hat er kennen gelernt, ſie haben die Schwerter gegen einander gezogen.“ „Was, Du haſt mit dem jungen Ritter gefochten, Burſche?“ fragte der Haushofmeiſter, „nun da magſt Du Gott danken, daß Du mit dem Leben davon kamſt! Es iſt der furchtbarſte Krieger unſerer Zeit, denn er iſt wild wie ein Tiger, und grauſamer wie ein Wolf. Blutver⸗ gießen iſt ihm eine Luſtbarkeit. Ei, Ihr ſolltet einmal die Geſchichten mit anhoͤren, die ſein Reit⸗ knecht von ihm erzaͤhlt; wahrlich, mein altes Blut gefriert in den Adern zu Eis, wenn ich dergleichen vernehme.“ — 128— „Er iſt aber doch recht freigebig,“ bemerkte Roſa. „Er ſchaͤtzt das Gold nicht hoͤher, als ich den Staub zu meinen Fuͤßen,“ verſetzte Herr Winterbottom,„iſt er bei Kaſſe, theilt er die Goldſtuͤcke unter ſeine Leute aus, als ob es Sandkoͤrner waͤren; ſind ſie aber nicht ſo wild wie Teufel, ſo tollkuͤhn wie er ſelbſt, iſt er eben ſo ſchnell bereit ſie aufhaͤngen zu laſſen. Gott ſollte mich behuͤten ihm zu folgen, und koͤnnte ich noch ſo viel dabei gewinnen.“ „Ja, ja, er verſteht ſein Schwert zu fuͤh⸗ ren,“ nahm Anack wieder das Wort,„aber ich wuͤßte denn doch jemand der es mit ihm aufneh⸗ men koͤnnte.“ „Ich weiß,“ erwiederte der Haushofmeiſter, „Du meinſt den wilden Geſellen, der ohne des Schloßherrn Erlaubniß das Gehoͤlz vom Wilde reinigt. Ich hoͤrte, Herr Stanley habe ihn in Eurer Huͤtte geſehen; auch ſagt man, er habe ein Auge auf Dich, meine ſchoͤne Colombine,“ fuhr er dann zu Roſa gewandt fort,„nun her⸗ — 129— aus mit der Sprache, Maͤdchen, gefaͤllt Dir der Abentheurer?“ „Ei, alten Maͤnnern darf man kein Ge⸗ heimniß anvertrauen,“ entgegnete die laͤndliche Schoͤne, mit einem ſchlauen Laͤcheln:„ſie ſind weit geſchwaͤtziger als die Weiber, und koͤnnen das, was man ihnen ſagt, nicht beſſer bei ſich behalten, als der Sieb das Waſſer. Aber ich moͤchte doch nicht, daß Ihr daͤchtet, ich locke ſolche Zugvoͤgel an; nein, nein, der Meine muß ſein Neſt hier im Lande erbauen, und nicht etwa davonziehn, wenn der Winter kommt.“ „Der Abentheurer ſaͤße jetzt ſchon im Thur⸗ me,“ nahm der Haushofmeiſter wieder das Wort; „haͤtte Herr Eduard Stanley ſich nicht ins Mit⸗ tel geſchlagen; der gnaͤdige Herr war ſehr aufge⸗ bracht, und ſchwur, er wolle ihn an den hoͤchſten Baum im Walde aufhaͤngen laſſen; Sir Eduard aber bat, ihn nicht einzufangen, und ſo gab der Schloßherr den Jaͤgern Befehl, den Abentheurer nichts in den Weg zu legen, damit er ſein Weſen frei und ungehindert treiben koͤnne. Kein Ande⸗ II. Band. 9 — 130— rer haͤtte ſo fuͤr ihn reden duͤrfen; der junge Rit⸗ ter aber iſt nahe daran, Eidam des gnaͤdigen Herrn zu werden. Lady Dorothee,— Ihr ver⸗ ſtehet mich.“ „Iſt dem wirklich ſori, fragte Roſa ernſt⸗ haft. „Ja, ja, es iſt richtig,“ erwiederte Herr Winterbottom,„die Sache iſt beſchloſſen und abgemacht, das heißt, zwiſchen den Betheiligten, oͤffentlich, ſeht Ihr, darf man noch nicht davon reden, aber gewiß iſt's, eben ſo gewiß, als die Fluth jetzt niedriger iſt, als vor einigen Tagen.“ „Was aber ſagt Lady Dorothee dazu?“ fiel Anack ein.„Und, ja, ja, was ſagt Lady Do⸗ rothee?“ fragte Rofa. „Nun, nun, Ihr verlangt aber 1uch zu viel von mir,“ antwortete der Haushofmeiſter,„ich bin ja nur ein geringer Mann, und ſtehe unſerm gnaͤdigen Herrn nicht nahe genug, um alle ſeine Familiengeheimniſſe zu wiſſen; die junge Lady iſt ein ſanftes, gehorſames Kind, ſie kennt ihre Pflicht,— aber wenn ſie auch den ihr beſtimm⸗ — 131— ten Braͤutigam nicht moͤchte, wie ſollte ſie ſich dem Willen ihres Vaters widerſetzen, der leidet keinen Widerſpruch.“ „Aber ſcheint dem Herrn Stanley denn die Sache am Herzen zu liegen?“ fragte Roſa. „Das will ich glauben,“ erwiederte Herr Winterbottom,„welcher Mann in England wuͤrde nach der jungen Lady nicht gern ſeine Hand aus⸗ ſtrecken? Bekommt ſie nicht einmal die Haͤlfte der reichen Beſitzungen? Iſt ſie nicht ein huͤbſches Maͤdchen? Wahrhaftig ſie iſt des vornehmſten Lords werth, der je eine Grafenkrone getragen.“ „Ja, ja,“ ſeufzte die arme Roſa,„den⸗ noch aber koͤnnte ſie dem Ritter vielleicht nicht gefallen.“ 4¹“ „Sie gefaͤllt ihm aber,“ verſicherte der Haus⸗ hofmeiſter,„ja, ja, wenn die Liebe nicht waͤre. Als der junge Herr Stanley hier anlangte, war er wild und raſch wie ein Fuͤllen, jetzt aber iſt er ſittig und ſtill geworden, gleich dem Vater John. Zuerſt warf er die Kleider nur nachlaͤſſig uͤber, jetzt kann ihm der Diener die Krauſe nicht ſteif — 132— genug falten, Wamms und Mantel nicht ſauber genug buͤrſtenz ſonſt fluchte er wie ein Lanzen⸗ knecht, jetzt ſchwatzt er lauter Suͤßigkeiten, und leiſe nur ſchluͤpfen ſie uͤber ſeine Lippen. Er kommt ſeiner Geliebten nicht von der Seite; er geht mit ihr ſpazieren, lieſ't mit ihr, reitet mit ihr aus, kurz, iſt vom Morgen bis zum Abend ihr Schatten. Das, denke ich, ſind doch Liebes⸗ zeichen.“. 3 4 „Wer weiß, wer weiß,“ bemerkte Roſa, in⸗ dem ſie unglaͤubig das Koͤpfchen ſchuͤttelte. 4„Wie, Du zweifelſt noch daran, mein Wald⸗ roͤschen,“ fragte Herr Winterbottom,„Du ſoll⸗ teſt, meine ich, Dich doch auf dergleichen Dinge verſtehen; als der Walter Needham, weißt Du, ſich in ſeinem Sonntagsſtaate um Dich bewarb.“— „Ach, ſchweigt von dem,“ unterbrach ihn Roſa,„dem habe ich nie ein guͤnſtiges Auge gezeigt,— er kann ſich deſſen wahrhaftig nicht ruͤhmen.“. „Ja, ja, ich weiß, Maͤdchen,“ verſetzte der Haushofmeiſter,„man ſagt, Du gabſt ihm den — 133— Abſchied, ſeitdem der Abentheurer ſich hier in der Gegend zeigte, der arme Walter ſoll drob faſt den Verſtand verloren haben. Das war nicht ſchoͤn von Dir, nimm Dich in Acht, daß der Fremde nicht einmal auf gleiche Weiſe mit Dir verfaͤhrt.“ 3 „Wenn mich auch der Abentheurer ſchon Morgen keines einzigen Blickes mehr wuͤrdigt, kuͤmmere ich mich, ſeht Ihr, nicht ſo viel dar⸗ um,“ lachte Roſa. „Nicht?“ fiel Herr Winterbottom ein,„ei, da haſt Du wol gar ein Auge auf den Eydam unſers Herrn, auf Sir Simon Deyge, oder auf den gnaͤdigen Herrn ſelbſt.“ „Ei, Gott bewahre mich, zumal vor den beiden letztern,“ rief die Tochter des Huͤttenbewoh⸗ ners, indem ſie die ſchalkhaften Augen mit den Haͤndchen bedeckte.. „Mit dem jungen Herrn Stanley, meinſt Du alſo ginge es allenfalls, nicht wahr?“ fragte der Haushofmeiſter,„darum biſt Du wol mitge⸗ kommen; ich wette, der Abentheurer ſendet dem jungen Ritter durch Euch eine Botſchaft.“ „Fehlgeſchoſſen!“ brummte Anack. „So kommt Ihr ohne Zweifel ihn um etwas zu bitten,“ fuhr der neugierige Diener fort. „Wieder fehlgeſchoſſen,“ erwiederte Anack. „Vielleicht hat er etwas in Eurer Huͤtte ver⸗ geſſen,“ forſchte der Haushofmeiſter weiter. „Nein!“ antwortete der junge Waldmann. „So liegt Eurem Geſchaͤfte bei ihm wol ein Geheimniß zum Grunde?“ „Ja,“ ſprach der junge Waldmann,„es ſoll eigentlich Niemand darum wiſſen, Ihr aber ſeyd ein verſchwiegener Mann, und ſo kann ich es Euch denn wol ſagen.“ „Ja, ja, thut das,“ rief der Neugierige, „aber wartet, ich will zuvor eine andere Flaſche holen, da koͤnnt Ihr es mir denn ſo recht nach Eurer Bequemlichkeit erzaͤhlen.“ Mit dieſen Wor⸗ ten erfaſſte er die leere Flaſche und eilte damit hinaus, um ſie neuerdings fuͤllen zu laſſen. Kaum aber hatte er den Ruͤcken gewandt, als auch Anack — 135— ſchon ein gewaltiges Stuͤck Kaͤſe vom Tiſche nahm, und es trotz der Vorſtellungen ſeiner Schweſter in die Taſche zu ſchieben Anſtalt machte. Der Haushofmeiſter kehrte indeß zu ſchnell zuruͤck, als daß dies haͤtte bewerkſtelligt werden koͤnnen, und ſo war der junge Waldmann genoͤthigt, den Kaͤſe vorlaͤufig unter ſeinem Wammſe zu verber⸗ gen. Herr Winterbottom bemerkte zwar was vor⸗ ging, that aber als ob er nichts geſehen. „Die Herrſchaft wird bald zuruͤckkehren, und ſo muͤſſen wir hier das Feld raͤumen,“ ſprach er,„aber kommt Kinder, kommt in die Kuͤche, dort koͤnnen wir ungeſtoͤrt mit einander ſchwatzen.“ So ſprechend ſchritt er voran durch einen kleinen Gang, der geraͤumigen Kuͤche zu, in der ein gewaltiges Feuer loderte, maͤchtig genug, einen ganzen Ochſen auf einmal zu braten. Hier ſetzte er ſich mit ſeinen beiden Gaͤſten an einen kleinen Tiſch, und bis oben hinan fuͤllte er die Becher. „So, nun Dein Geheimniß, Burſche,“ be⸗ gann er, nachdem er und Anack einen derben — 136— Zug gethan hatten,„ſprecht keck von der Leber weg, die da druͤben koͤnnen uns nicht hoͤren.“ „Nun ſo gebt Acht,“ nahm der junge Wald⸗ mann das Wort, indem er ſich, denn ſie ſaßen dem Feuer nahe, mit dem Aermel ſeines Wamm⸗ ſes den Schweiß von der Stirne wiſchte. „Geſtern Abend gegen ſechs Uhr pochten zwei Fremde an unſere Huͤtte. Wer dal! rief der Va⸗ ter— zwei Verirrte, antwortete einer der An⸗ koͤmmlinge in einer fremden Mundart.— Was zum Teufel wollt Ihr? fragte der Vater wei⸗ ter. Doch kurz von der Sache, nach vielem Hin⸗ und Hergeſchwaͤtz oͤffnete er endlich die Thuͤr, und die beiden Maͤnner traten herein. Einer von ihnen war ein ſtarker, vierſchroͤtiger Burſche, kraͤftig, wie je einer das Schwert fuͤhrte, auch trug er eine ſolche Waffe an ſeiner Seite.— Der andere aber war ſchmaͤchtig, auch ſchien er kraͤnklich;— ſie befragten den Vater uͤber Had⸗ don, und wer jetzt hier ſey. Wir ſagten ihnen, was wir wußten, da behaupteten ſie den jungen „Herrn Stanley zu kennen, und baten uns, uns — 137— heute fruͤh hieher zu ihm auf den Weg zu ma⸗ chen— und ſeht, das haben wir denn gethan. Der Haushofmeiſter wollte noch weiter fra⸗ gen, aber die Ruͤckkehr der Herrſchaft noͤthigte ihn, ſeiner Neugier fuͤr jetzt den Zuͤgel anzu⸗ legen. 8. Heer Winterbottom begab ſich unverzuͤglich in die Halle, berichtete Eduard Stanley, daß nach ihm gefragt werde, und fuͤhrte Anack und deſſen Schweſter zu ihm. Roſa ſchien etwas verlegen und erroͤthete, da aber Sir George, ſeine Tochter und Sir Simon Deyge zugegen waren, nahm der ſchlaue Heuchler eben keine Notiz von ihr, ſondern begruͤßte ſie nur mit einem freundlichen Laͤcheln. Waͤhrend Anack dem jungen Krieger die Urſache ſeines Kommens mittheilte, naͤherte ſich Sir George der laͤndlichen Schoͤnen, und begann recht vertraulich mit ihr zu ſchwatzen; auch Sir Simon trippelte heran, und hieß ſie gar liebreich willkommen. „Du biſt ja ein allerliebſtes Waldroͤschen!“ ſprach der Schloßherr. 4 . — 139— „Eine Roſe, wollt Ihr ſagen, eine gar koſt⸗ bare Roſe,“ verbeſſerte Sir Simen;„ſchade, daß ſie auf einem ſo wilden Stamme gewachſen.“ „Wie,“ fragte Sir George Vernon,„Du biſt doch nicht etwa die Schweſter des Galgen⸗ ſtricks dort?“ „Ja freilich bin ich das, Ew. Gnaden, bin ich anders das Kind meiner Mutter,“ verſetzte Roſa mit einem zierlichen Knickſe. „Iſt das nicht Gilbert Onshaw's Sohn?“ fuhr der Schloßherr fort. „Ja, Ew. Gnaden, und ich bin ſeine Tochter.“ „Ei, Du biſt ja ein niedliches Dirnchen,“ rief der Schloßherr,„kein Wunder, Sir Simon, daß Euch bei ihrem Anblicke ſeltſam zu Muthe ward.“ „Spaͤßchen, Spaͤßchen!“ erwiederte der Rit⸗ ter aus Derbyſhire, und eben war er im Be⸗ griffe noch mehr hinzuzufuͤgen, als ploͤtzlich Eduard Stanley herzutrat und dem Schloßherrn etwas ins Ohr fluͤſterte. Dieſer nickte beifaͤllig, und — 140— der junge Krieger griff nun unverzuͤglich nach ſei⸗ nem Hute und verließ die Halle, von Anack und Roſa gefolgt, welche letztere von dem Schloß⸗ herrn und den uͤbrigen mit einera tiefen Knickſe Abſchied genommen hatte. Die beiden Geſchwiſter konnten indeß kaum Eduard Stanley einholen, ſo kurze Zeit ſie auch nur nach ihm im Schloſſe verweilten, denn der junge Empoͤrer floh raſchen Schritts zum Ufer hinab, den Ruf des jungen Waldmanns uͤberhoͤ⸗ rend, welcher ihn bat, doch langſamer zu gehen. „Nehmt Euch Zeit, Herr!“ ſprach Anack, „es iſt nicht ſo ganz nahe, Ihr muͤßt Eure Fuͤße noch wacker gebrauchen.“ „So komm her zu mir, huͤbſches Waldroͤs⸗ chen,“ ſprach Eduard Stanley,„paarweiſe fliegt ſich's beſſer. Komm, komm!“ „Mag ſeyn, aber Habicht und Taube doſſen nicht gut zuſammen,“ entgegnete Anack, indem er ſeine Schweſter feſt an ſich zog. „Schweig Burſche,“ gebot der junge Krie⸗ —,— — 141— ger,„ſie kann bei mir bleiben, Du aber eilſt voran, mich anzumelden.“ „Eben ſo gern wuͤrde ich Roſa in dem Ra⸗ chen eines Wolfes oder in den Klauen eines Ti⸗ gers laſſen,“ verſetzte der kuͤhne Waldmann. „Ich weiß, mein Leben iſt in Eurer Gewalt, verſteht ſich, wenn es Euch noch einmal gelingen ſollte, mir die Waffe aus der Hand zu ſchlagen, aber ich laſſe Euch dennoch mit meiner Schmeſte auch nicht einen Augenblick allein.“ „So’ laß die Dirne wenigſtens los,“ rief der Wuͤſtling. „Und weshalb?“ ſdor Anadk. „Wechſelſt Du Worte mit mir,“ donnerte Eduard Stanley, die Hand an den Griff ſeines Schwertes legend,„laß ſie los, oder Du ſollſt die Schaͤrfe meines Stahls kennen lernen.“ „Nun meinetwegen,“ brummte Anack, in⸗ dem er den Arm der Schweſter fahren ließ, den der Ritter ſogleich erfaßte,„ich bleibe Euch ja zur Seite, da hat es nichts zu ſagen. Hoͤre — 142— nicht zu, das was er Dir vorſtgast Roſa, ſind lauter Luͤgen.“ „Schweig, Du biſt ein Narr,“ hohnlachte Eduard Stanley,„ein Narr, wie der ſogenannte heilige Anack, Dein Namensvetter.“ 1 „Laͤſterer!“ rief ploͤtzlich aus dem Dickigt eine Stimme hervor, welche hohl und uͤberirdiſch klang, und Roſa und ihrem Bruder mit Ent⸗ ſeten erfuͤllte; woͤhrend Eduard Stanley, zum Zorn gereizt, nachdem er nur einen Augenblick hingehorcht hatte, woher der Schall gekommen, das Schwert aus der Scheide u und in das Gebuͤſch ſtuͤrzte. „War das der Abentheurer?“ ſprach Roſa, ſich an ihren Bruder ſchmiegend, und furchtſam nach der Gegend hinblickend, woher die Stimme ertoͤnte. z Afrhch „Nein, er war es nicht, ich moͤchte darauf ſchwoͤren,“ erwiederte der an allen Gliedern be⸗ bende Anack,„ſein weicher Ton und dies Ra⸗ bengekraͤchze,— als ob ein Todtenvogel heule, rer kann es nicht geweſen ſeyn.“ — 143— „Wo aber iſt Herr Stanley geblieben?“ fragte die Schweſter, der der junge Ritter gar nicht uͤbel zu gefallen ſchien. „Ohne Zweifel hat ihn der Satan geholt,“ entgegnete Anack,„moͤge ſich der Boͤſe den Bra⸗ ten gut ſchmecken laſſen.“ 2. „Schaͤme Dich, Bruder,“ ſchmaͤlte Roſa, „wie magſt Du dem hibſthen Ziungen Herrn ſo Arges wuͤnſchen.“ „Sprich leiſer,“ gebot der Bruder,„ſollen wir nicht ein gleiches Schickſal haben; komm, laß uns machen, daß wir fortkommen, die Teu⸗ fel ſitzen jetzt bei ihrer Maßlit und denken nicht an uns.“ Obgleich die huͤbſche Roſa recht gern erfah⸗ ren haͤtte, was aus dem Ritter geworden, mußte ſie dennoch ihrem Bruder folgen, welcher nun mit ihr von dannen eilte, fluͤchtigen Schrittes, wie etwa in den Waͤldern von Amerika ein Wan⸗ derer, der da befuͤrchtet von einem wilden Thiere angefallen zu werden. So gelangten ſie durch das Gebuͤſch hin bis an das Ufer, wo mehrere — 144— Jaͤgerburſche beſchaͤftigt waren, die Staͤmme fort⸗ zuſchaffen, die der Sturm entwurzelt hatte. „Ha, ſieh da, Walter!“ rief Anack, erfreuet wieder ein menſchliches Antlitz zu erblicken;„nie war ich froher Dich zu ſehen, als eben jetzt.““ „Sagte ihm das Deine Schweſter, moͤcht's ihm lieber feyn zu vernehmen,“ Aüchte einer der Jaͤgerburſchen. „Was haſt Du denn, Anack? ftagtr Wal⸗ ter Needham,„Du ſiehſt ja aus als haͤtte man Dich mit einem fetten Rehbocke auf dem Nuͤcken auf der That ertappt.— Und Du, Roſa, biſt ja bleich, wie der Tod, was zum Weuſeb iſt Euch denn begegnet?“ „Still', ſtill', Walter,“ gebot Roſa,„laßt den Boͤſen in Ruhe, er hat ſo eben erſt ſeine Kralle an Einen gelegt, und das iſt fuͤr heute genug.“ 1 6 „Hat Niemand von Euch hier den Herrn Eduard Stanley geſehen?“ nahm der junge Waldmann wieder das Wort. „Er ritt vor einer Weile mit dem gnaͤdigen — 145— Herrn zuruͤck ins Schloß, ſeitdem haben wir nichts wieder von ihm geſehen,“ verſetzte Needham. —„Haͤtten Euer Abentheurer ihn ſo nahe bei der Lady Dorothee erſpaͤht, als wir,”“ rief ein anderer Jägerburſche,„wahrlich, der wilde Ge⸗ ſelle haͤtte ihm einen ſcharfen Pfeil in die Bruſt geſchickt. Dus „Sachte, ſachte,“ fiel Walter Needham, Noſa's vormaliger Liebhaber ein,„ chwatzt Ihr in Gegenwart der huͤbſchen Dirne da, von einer Liebſchaft des Abentheurers mit Lady Dorothee, moͤchte ſie es Euch ſchlechten Dank wiſſen.“ In dieſem Augenblicke ward die Aufmerk⸗ ſamkeit Aller auf mehrere Rehe und Hirſche ge⸗ richtet, welche bisher ruhig am Ufer gegraſet hat⸗ ten, jetzt aber ploͤtzlich als ob ſie von Hunden gehetzt wuͤrden, von dannen flogen; nur ein einzi⸗ ger ſtattlicher Hirſch blieb zuruͤck, denn von einem von ungeſehener Hand geſandten Pfeile getroffen, ſtuͤrzte er zu Boden. Die Jaͤgerburſchen ſprangen raſch auf, aber ſie hatten nicht noͤthig ſich nach dem Schuͤtzen weit umzuſehn, denn gleich darauf II. Band. 10 — 146— trat der Abentheurer aus dem Dickicht hervor. Er war als Jaͤger gekleidet und trug einen Hut mit breiter Krempe und hohem Federbuſche, an ſeiner Seite prangte ein glaͤnzendes Schwert. In der Hand hielt er einen gewaltigen Bogen, und auf ſeinem Ruͤcken hing ein Koͤcher mit Pfeilen. Ohne auf die Jaͤgerburſchen zu achten, welche gar ſehr geneigt waren, ihm ſeine Beute ſtreitig zu machen, ſchritt er auf den Hirſch zu, und ſchickte ſich an, den Pfeil aus dem erlegten Thiere wieder heraus⸗ zuziehen. Walter Needham aber, von Eiferſucht getrieben, wuͤnſchte ſeinen Nebenbuhler in Gegen⸗ wart ſeiner fruͤheren Geliebten zu demuͤthigen, und ſprang, als er das Vorhaben des Abentheu⸗ ters gewahrte, ſeinen Gefaͤhrten voran, ſtemmte den Fuß auf den niedergeſchoſſenen Hirſch und rief:„Ob wir Euch gleich nichts anhaben koͤn⸗ nen, weil es ſo des gnaͤdigen Herrn Wille,— „Weil es ſo mein Wille,“ vecbeſſe ceeas der Abentheurer. „Brauchen wir,“ ſaht Walter Nredbam — 147— fort,„Euch doch nicht das Wild unſers Perrn fortſchleppen laſſen.,) wi mann Aintt wa⸗ „Wollt Ihr es etwa dorthin ſchaffen, wohin ich es fuͤr gut finde?“ fragte der Abentheurer. „Ich danke Euch fuͤr Eure Gefaͤlligkeit, fuͤr heute aber will ich Euch keine Muͤhe machen; dort iſt ſchon einer, deſſen Beiſtand vollkommen hinreicht. Hallo, Anack, hieher! Lade den Hirſch auf die Schulter und folge mir.“ 6128 1. „Weder Anack noch Ihr, Herr Gruͤnwamms!“ rief Walter Needham,„ſollt das Wild von der Stelle ruͤhren, Ihr muͤßtet mich zuvor erſt zu Boden ſtrecken.“ 2 26 duc ſun öWDas kann geſchehen,“ erwiederte der Fremde mit großer Ruhe, und ſeinen Nebenbuhler mit kraͤftiger Fauſt erpackend, warf er ihn nieder, und ſetzte ihm den Fuß auf die Bruſt. Als die uͤbri⸗ gen Jaͤgerburſchen dies gewahr wurden, griffen ſie zwar zu ihren Bogen, aber der Abentheurer zog raſch ſein Schwert, und ſchwur, jeden der es wagen wuͤrde, die Waffe zu ſpannen, augenblick⸗ lich mit ſeinem Stahle zu durchbohren. Dieſe — 148— Drohung machte die Burſchen ſtutzen, ſie riefen dem Unbekannten zu, er moͤge nur mit dem Thiere von dannen ziehen, und ihrem Gefaͤhrten die Frei⸗ heit wieder geben. an in „Keinesweges.) Ihr Hertenlm ver ſetzte der Fremde,„kaͤme der Bube auf freie Fuͤße, Ihr wuͤrdet mir fuͤr meine Guͤte ein paar Dutzend Pfeile nachſendenn Hanlk „Wir geloben, Euch ungehindert ziehen zu laſſen,“ betheuerten die Jaͤgerburſchen. „Das ſollt Ihr auch, denn ich werde Euch nicht trauen,“ ſprach der Abentheurer.„Steh auf, Bube!“ fuhr er dann, zu Walter Needham gewandt, fort, indem er ihm einen Stoß mit dem Fuße verſetzte.„Steh' auf, und lade den Hirſch auf die Schultern. Hilf ihm Anack, es iſt eine tuͤchtige Laſt, nun fort, und Ihr da, daß Ihr nicht folgt, oder ich hahe Eurem 1 Grfähnnn den Schaͤdel.”"”“ o Nachdem Walter Needham mit Anacks Hülfe, und mit einem verdruͤßlichen Geſichte, das Wild aufgeladen hatte, ſchritt er dem Abentheurer vor⸗ — 149— an, dem Anack und Roſa Arm in Arm folgten. So bewegte ſich der kleine Zug eine Weile lang ſchweigend fort; Walter Needham war zu unmu⸗ thig, um auch nur Ein Wort uͤber ſeine Lippen zu bringen, die beiden Geſchwiſter aber ſchienen den Fremden zu beobachten, welcher guten Muths, ſingend und trillernd hinter dem ſchwer beladenen Jaͤgerburſchen dahinſchritt. Als ſie in das Ge⸗ buͤſch gekommen waren, und die uͤbrigen Jaͤger⸗ burſchen aus dem Geſichte verloren hatten, ſchien die huͤbſche Roſa fuͤr ihren vorigen Liebhaber, der ſich doch nur, wie ſie davon uͤberzeugt war,— um vor ihren Augen kuͤhn und muthig zu erſchei⸗ nen, ſo keck bezeigt hatte, einiges Mitleid zu fuͤh⸗ len, und ſie ließ demnach den Arm ihres Bru⸗ ders fahren, und trat vorn hin zu dem keuchen⸗ den Laſttraͤger.„Nicht wahr,“ brummte er ihr zu,„es freuet Dich, mich als Sclaven Deines Buhlen zu ſchauen? Nun, weide Dich nur an dem Anblicke nach Belieben. Er hat mich zu Boden geſtreckt— mein Leben iſt in ſeiner Ge⸗ walt— es mag drum ſeyn— ſag' ihm, daß — 150— er's thue; fuͤr einen Kuß von Dir, bohrt er mir ſein Meſſer in die Kehle.“ a2 „Ich weiß nicht, was er thun wuͤrde, Wal⸗ ter, denn ich habe noch nie eine Gunſt von ihm erbeten,“ erwiederte Roſa beruhigend,„aber er muͤßte wahrlich etwas Beſſeres thun, um einen Kuß von mir zu erlangen.“ Bun. „Ja, ja!“ rief der Jaͤger,„o ja, er muͤßte Dir Schmeicheleien vorſchwatzen— bunte Faͤhn⸗ chen und Baͤnder ſchenken, nicht wahr? Dafuͤt kann man heut zu Tage Kuͤſſe und aanaa Liebe kaufen!“ „Ihr ſeyd ein Narr! Walter Nardhamnne rief das Maͤdchen erzuͤrnt,„nehmt Euch in Acht, mich nicht durch dergleichen Schmaͤhreden zu kraͤn⸗ ken, vergeßt nicht, daß der Anack zur Hand iſt.“ „Immerhin,“ brummte der Laſttraͤger,„ich kuͤmmere mich, ſiehſt Du, nicht ſo viel darum. Magſt ihm alles wieder erzaͤhlen, gefaͤllt's ihm nicht, mag er, wenn's Abend geworden, hinab ans Ufer kommen.“ „Ich bin,“ verſetzte Roſa,„nicht albern genug, ein paar Freunde um Deines Geſchwaͤtzes willen in Streit zu bringen.“ „Das waͤre ja nicht das Erſtemal, daß um Dich gekaͤmpft wuͤrde,“ bemerkte Walter Need⸗ ham,„der Fremde und der junge Herr, den Ihr ſuchtet, hatten Deinetwegen Streit mit ein⸗ ander, wenn's nicht wahr iſt— luͤgen die Leute.“ „Da luͤgen ſie, Walter,“ verſicherte Roſa, nes iſt kein Wort davon wahr.“ „So luͤgen ſie alſo auch, wenn ſie erzaͤhlen, daß der Herr Stanley die huͤbſche Roſa gekuͤßt hat?“ fragte der Jaͤger mit boshaftem Laͤcheln. „Der gnaͤdige Herr Abentheurer erzuͤrnte ſich dar⸗ uͤber, zog das Schwert, um ſeine Rechte auf Dich geltend zu machen, und ſo geriethen ſie an einander.“ hilen Har hile hAnac n „Nein— nein! es iſt wahrhaftig kein Sterbenswoͤrtchen davon wahr,“ betheuerte das Maͤdchen. 3 „Alſo hat d Herr 2hanle nicht ge⸗ kuͤßt?“ „Das geht S nichts an,„ antgegnet⸗ — 152— Roſa,„ſagte ich nein, wuͤrdet Ihr es mir doch nicht glauben.“ „Er gab Dir tuch niche⸗ eine degocdene Spange, nicht wahr?“— „Ich ſagte Euch ja, es kuͤmmere Euch nicht, ob er mir etwas ſchenetei oder nichte erwiederte Roſa. „Nun, nun, ich bin noch gar nicht eifer⸗ ſuͤchtig auf den jungen Herrn Stanley,“ verſetzte der Jaͤger,„der traͤgt die Naſe zu hoch, um ſein. Auge auf Dich zu richten. Einen andern Vogel meine ich, kein Habicht iſt's, ſondern nur ein ganz gemeiner Zugvogel.“ „So biſt Du eine armſelige Eule, daß Du Dich von ihm bezwingen ließeſt,“ entgegnete Roſa mit einem veraͤchtlichen Blicke „Er kam mir zu ſchnell uͤber den Hals,“ erwiederte der Laſttraͤger,„uͤberdem iſt er mit Schwert und Dolch bewaffnet.“ „Hat ein Mann nur Muth, braucht er we⸗ der Stahl noch Eiſen,“ verſetzte die kuͤhne Wald⸗ bewohnerin.— Waͤhrend ſie ſich nun ſo mit ih⸗ — 15⁸— rem vormaligen Liebhaber beſprach, hatte det Abentheurer ihren Bruder zu ſich heran gerufen, welcher mit der ihm eigenthuͤmlichen Freimuͤthig⸗ keit dem Fremden erzaͤhlte, was den Jaͤger bewo⸗ gen habe, ſo keck gegen ihn aufzutreten. „Ihr muͤßt das dem Walter ſo hoch nicht anrechnen, Herr,“ ſprach er,„er iſt der Roſa ſeit drei Jahren nachgegangen, und meint nun, ſie blicke kaͤlter auf ihn, ſeit Ihr nach Haddon gekommen.— Der Burſche iſt wol nur ein Narr; aber Eiferſucht macht zornig, muͤßt Ihr denken.“ 4 A1 „Iſt er ſonſt brav?“ fragte der Fremde. „Brav, wie ein Wilddieb,“ verſetzte Anack. „Mag ihn die Roſa leiden?“. „Mein Seel, ich weiß es nicht,— vor ſechs Monaten noch war ſie ihm recht gut, und waͤre es auch vielleicht noch, haͤttet Ihr ihn nicht aug ihrem Herzen verdraͤngt.“ „Ich hoffe, daß dem nicht ſo iſt,“ entgeg⸗ nete der Abentheurer,„ich habe mich ſtets fern von ihr gehalten; die Honigworte und die ver⸗ — 154— ſchwenderiſche Freigebigkeit eines andern aber, fuͤrchte ich, haben ahehen Eindruck auf ih oef gemacht.“ 4 „Ihr meint den jungen n Hevnn Stanby,” ſprach Anack,„ich fuͤrchte das faſt auch, wenn Ihr aber den armen Burſchen beruhigen wolltet, wuͤrdet Ihr ihn Euch zum Freunde machen; der Freunde hat man hier noͤthig.“— „Du haſt recht,“ entgegnete der Unbekannte mit einem tiefen Seufzer, und raſch vorwaͤrts ſchreitend, gebot er dem Jaͤger ſeine Buͤrde abzu⸗ legen. Muͤrriſch, wie er den Hirſch auf die Schultern geladen hatte, ließ Walter Needham ihn jetzt zu Boden fallen, und ſchon war der Eiferſuͤchtige im Begriffe, ſich ſchweigend hinweg zu begeben, als der Fremde, der ihm gebot noch einen Augenblick zu verweilen, eine Boͤrſe hervor⸗ zog und ihm ein Goldſtuͤck reichte. „Ich brauche Euer Geld nicht,“ ſprach der Jaͤger, wobei aber ſein Ton verkuͤndete, daß ihn die Freigebigkeit des Abentheurers einigermaßen beſaͤnftigt hatte.„Ich brauche Euer Geld nichtz — 155— Ihr habt mir etwas geraubt, was mir mehr werth iſt als Gold,— ſteckt daher Euer Geld nur wie⸗ der ein, ich will kein Geſchenk von Euch.“ „Ich haͤtte Dich beraubt!“ fragte der Fremde laͤchelnd,„meinſt Du etwa den Hirſch da?“ „Hohl der Teufel den Hirſch,“ fluchte Wal⸗ ter Needham,„meinethalben haͤttet Ihr alle Hir⸗ ſche in Haddon Park niederſchießen koͤnnen, haͤt⸗ tet Ihr mir nur die Roſa gelaſſen!“ 4 8 „Ich trachte nicht nach ihr, und habe nie nach ihr getrachtet; mein Ehrenwort darauf,“ verſicherte der Fremd. 3 „Du kannſt ihm glauben, Walter,“ fuͤgte Anack hinzu,„ich verbuͤrge jedes Wort, was der Herr ſpricht.“ 1 AAn⸗ „Ein trefflicher Buͤrge,“ laͤchelte Roſa ver⸗ aͤchtlich,„was aber geht's den Walter Needham an, wer mein Liebhaber iſt? Er hat mir ja nichts, zu befehlen, Ihr haͤttet Eure Verſicherung ſparen koͤnnen, Herr, denn nun wird er hingehen und den Leuten erzaͤhlen, ich haͤtte Euch gern gemocht, Ihr aber wolltet nichts von mir hoͤren.“ — 156— „Ja, ja, das werde ich thun,“ verſicherte der Jaͤger,„indem er ſeit ſeinem Zuſammentreffen mit dem Fremden, ſein Geſicht zum Erſtenmale wieder zu einem Laͤcheln verzog.„Das geſchieht, Du muͤßteſt mich denn wieder ein bischen freundlich wie ſonſt, anſehen.— Und jetzt, Herr, bin ich auch bereit Euer Gold zu nehmen,— ich weiß nicht, wer Ihr ſeyd, noch woher Ihr kommt, aber fuͤr Euer Geld will ich mit der huͤbſchen Roſa Eure Geſundheit trinken, muß ich mir gleich Eure nihar Bekanntſchaft mit ihr verbitten.“ „Du biſt ein ehrlicher Burſche,“ ſprach der 1 Unbekannte,„will Roſa Dich heirathen, ſchenke ich ihr zwanzig Goldſtuͤcke zum Brautkleide.“ Hier ward ihr Geſpraͤch durch ein fernes Mord⸗ geſchrei unterbrochen, worauf der Abentheurer un⸗ verzuͤglich ſein Schwert zog, und dem Orte, von woher man um Huͤlfe rief, zueilte, von Anack, Walter Needham, und da ſie nicht allein zuruͤck⸗ bleiben mochte, auch von der ſähonen Neias Ons⸗ haw gefolgt. 9. Dem Huͤlferufe folgend, eilten der Abentheurer und ſeine Gefaͤhrten, auf einem ſchmalen Pfade dahin, der indeß, ſo wie ſie weiter gelangten, im⸗ mer breiter wurde, bis ſie endlich an eine freie, offene, am Ufer des Fluſſes gelegene Stelle kamen. Hier ſahen ſie zwei Maͤnner mit einander ringen, und in einem derſelben erkannten ſie unverzuͤglich Eduard Stanley, deſſen Gegner ſich gegen das Schwert des jungen Kriegers nur noch dadurch vertheidigte, daß er die ſcharfe Klinge mit der von ihr bereits verwundeten Hand von ſich abwehrte. Sein Blut ſtroͤmte uͤber den Stahl hinab, den⸗ noch aber ſchien der Fremde, der ihn umklam⸗ mert hielt, ihn nicht fahren laſſen zu wollen, bis ſeine Finger durchſchnitten waͤren. So wie indeß Eduard Stanley die Ankoͤmmlinge gewahrte, zog er die Hand vom Schwerte zuruͤck, riß den Dolch — 158— aus ſeinem Guͤrtel, und wuͤrde damit das Herz ſeines Gegners durchbohrt haben, haͤtte der Aben⸗ theurer nicht mit ſeinem Schwerte den toͤdtlichen Streich aufgefangen, und ſo dem jungen Wuͤthrich auf's neue die Schande erſpart, einen Wehrloſen gemordet zu haben. Ueber dieſe Einmiſchung zum hoͤchſten Zorne gereizt, fuͤhrte der junge Krieger nun einen furchtbaren Stoß nach dem Dazwiſchen⸗ getretenen, dieſer aber war zu kaltbluͤtig und zu ſehr auf ſeiner Huth, als daß ihm dadurch haͤtte Schaden zugefuͤgt werden koͤnnen; der Stoß fehlte, und Eduard Stanley ſtand jetzt da, alle Anwe⸗ ſenden mit vor Wuth flammenden Blicken betrach⸗ tend. Vom Blutverluſte erſchoͤpft, war ſein Geg⸗ ner unterdeſſen ohnmaͤchtig zu Boden geſunken, und mehrere Augenblicke vergingen, bevor Anack und Walter Needham ihn dadurch, daß ſie ihm Waſſer uͤber das Geſicht goſſen, wieder zum Leben erwecken konnten. 1 u nant „Hohl's der Henker!“ rief jetzt Anack,„es iſt der tolle Ashby, von dem Jedermann glaubt, Her habe die Gegend verlaſſen.“ dn an —— ———— — 159— „Ja, wahrhaftig er iſt:s,“ fiel die mitleidige Roſa ein,„der arme Menſch, da ſeht nur wie ſeine Haͤnde bluten, noch immer halten ſie das Schwert umfaßt,— gebt her— gebt her, der boͤſe Stahl ſoll Keinem mehr Leid zufuͤgen;“ und raſch, noch bevor ſie Eduard daran verhindern konnte, hatte ſie dem Fanatiker das Schwert ent⸗ wandt, und es mit aller Kraft die ihr zu Gebote ſtand, weithin in die Fluth geſchleudert.„So,“ rief ſie aus,„da liege du arge Waffe, dein Werk iſt gethan.“ 0 3407 F 176d 1167 „Wollte Gott, das meine waͤre es auch,“ ſeufzte der Fanatiker, nach und nach wieder zum Leben zuruͤckkehrend, wobei ihn aber ein Anflug von Wahnſinn umfangen zu halten ſchien. „O, daß er mich doch erſchlagen haͤtte, wie einen Hund, ſo wuͤrde mir doch Ruhe zu Theil; wann— wann werden meine Qualen enden!“ Nimmer, Elender!“ donnerte Eduard Stan⸗ ley,„nimmer ſollſt Du Ruhe finden, und woll⸗ teſt Du ſie auch bis zum juͤngſten Tage ſuchen.“ „Ha, da iſt er wieder der boͤſe Feind!“ — 160— jammerte der Dulder, und ein heftiger Sthaune durchzuckte ſeine Glieder. „Buͤbiſcher Heuchler!“ ſchrie der junge Krie⸗ ger,„Du kannteſt mich doch zuvor,— Du haſt mich hintergangen— und ſollſt meiner aSefaih nicht entgehen.“ 9 m „ Ja, ja, ich kenne Dich— ich aune Dich,“ ſtammelte der Fanatiker, und ſeine Zaͤhne klap⸗ perten;„Du biſt mein Plagegeiſt, noch fuͤhle ich das Feuer Deiner verdammten Beruͤhrung.— Fort, boͤſer Feind! fort, vertilge meine armſeli⸗ gen Gebeine zu Staub und Aſche, wenn Du kannſt— aber Du kannſt es nicht, Du biſt eben ſo ſchwach als boshaft, fort, fort mit Dir!”“ „Ich bitte Euch, laßt ihn in Ruhe,“ nahm jetzt der Abentheurer zu Eduard Stanley gewandt, das Wort,„ſein Gehirn ſcheint zerruͤttet; die Angſt hat ihn in dieſen Zuſtand verſetzt.“ „Er ſtellt ſich nur ſo, der Bube!“ rief Eduard Stanley,„bin ich nur fort, wird ſeine Vernunft ſchon wiederkehren.“ „So begebt Euch hinweg, ſo ſchnell als —- 161— moͤglich,“ entgegnete der Fremde,„es will ſich nicht geziemen, daß der arme Menſch durch die Naͤhe eines Wuͤthrichs, wie Ihr einer ſeyd, noch läͤnger in Todesangſt gehalten werde.’“ „Alſo Ihr ſeyd's, Herr Abentheurer,“ ſprach der junge Krieger, den Unbekannten mit einem veraͤchtlichen Blicke betrachtend,„fuͤrwahr, Ihr ſeyd ein aͤchter fahrender Ritter, denn Ihr nehmt alle Narren der ganzen Gegend in Schutz. Ihr ſeyd der Robin Hood des 16ten Jahrhunderts, und wie jener ſtets bereit, bei der geringſten Ge⸗ waltthat, aus dem Dickicht hervor, dem Bedraͤng⸗ ten zur Huͤlfe zu eilen.“ 1— „Mein Ritterſinn, Oberſt Geaney, ver⸗ ſetzte der Fremde,„uͤberwiegt bei weitem Eure Ehre und Eure Menſchlichkeit; meine Abentheuer ſind vielleicht nicht ſo kriegeriſch als die Euren, aber der Himmel bewahre mich dabor daß ſie eben ſo entehrend waͤren.“ 4 16 191 1 „Ihr kennt alſo meine Thaten, und koͤnnt daraus abnehmen wer ich bin,“ antwortete der junge Krieger.„Ihr aber, Herr Ohnenamen, II. Band. 4 11 — 162— ſeyd, wie es mir ſcheint, ein Prahler, bei dem das Wort fuͤr die That gilt.“ „Ihr ſeyd ein Elender, und ein Luͤgner!“ rief der Unbekannte empoͤrt, indem er die Hand an den Griff ſeines Schwertes legte. „Ich bitte Euch, Herr vom Walde,“ erwie⸗ derte Eduard Stanley mit einem boshaften Laͤ⸗ cheln,„ich bitte Euch, erzuͤrnt Euch nicht; oder kann es denn nicht anders ſeyn, nun ſo laß es voruͤbergehen.“ „Ihr ſeyd wehrlos,“ ſorach der Fuunden „aber die Zeit wird kommen— 1 „O, laßt uns ja den Augenblick Berugenae:9 rief der junge Krieger in einem ſpoͤttiſchen Tone; „zieht nur Euer Schwert und ſtellt Euch mir ge⸗ genuͤber, ich will Euch gern den Vortheil der beſſern Waffe laſſen; die Burſchen dort werden es nicht wagen ſich in unſern Streit zu miſchen; fuͤrchtet Ihr das aber, ſo laßt uns tiefer hinein in den Wald gehen.“ ttu. „Nein, Sir,“ erwiederte der Abentheurer⸗ „ nie ſoll man von mir ſagen koͤnnen, daß ich — 163— einen Kampf beſtand, in dem ich einen Vortheil uͤber meinen Gegner hatte. Wir treffen uns ein andermal, aber mit gleichen Waffen.“ „Gut dann, wir treffen uns,“ wiederholte der Soldat, und ſich zu Anack Onshaw wendend, rief er:„ kommt, folgt mir!“ Der junge Waldmann uͤberließ zoͤgernd den Fanatiker der Sorge der uͤbrigen, und lenkte ſeine Schritte laͤngs dem Ufer hin. 3 Es duͤrfte jetzt vielleicht noͤthig ſeyn, unſere Leſer mit der Urſache bekannt zu machen, welche Eduard Stanley's Zuſammentreffen mit dem Fa⸗ natiker herbeifuͤhrte. Nachdem er der Schlinge entgangen war, die ihm der junge Empoͤrer zu Lathom gelegt hatte, machte ſich Ashby ſo ſchnell als moͤglich, nach Derbyſhire auf den Weg, wo er ſich ſeit einiger Zeit unfern Haddon aufgehal⸗ ten hatte. Er langte dort gluͤcklich an, und hatte, da er wußte, daß Lady Margarethe geſonnen war in einigen Tagen zuruͤckzukehren, bisher vergeblich gehofft, ſie irgendwo im Park anzutreffen. Er durfte uͤber ihr langes Ausbleiben im Schloſſe — 164— keine Erkundigungen einziehen, denn dadurch haͤtte er in die Naͤhe des Schloßherrn gebracht werden koͤnnen, den zu vermeiden er gegruͤndete Urſachen hatte. So ſtrich er dann auch im Walde umher, als Eduard Stanley, Anack und Roſa vom Schloſſe herab kamen, um ſich nach Onshaw's Huͤtte zu begeben. Als er ſeinen Verfolger ge⸗ wahrte, zog er ſich hinter ein Gebuͤſch zuruͤck, als der junge Krieger aber den heiligen Anack ſchmaͤhte, konnte er ſeinen Unwillen uͤber dieſe Laͤſterung nicht unterdruͤcken, ſondern fuͤhlte ſich, wie unſere Leſer geſehen haben, nothgedrungen, ſolchen laut zu aͤußern. Kaum war das Wort:„Laͤſterer,“ ſeinen Lippen entflogen, als er auch ſofort das Unvorſichtige ſeines Benehmens einſah, und uͤber⸗ zeugt, ſich nur durch die Flucht retten zu koͤnnen, durch das Dickicht hin dem Ufer zu eilte. Der blutduͤrſtige Eduard Stanley aber war ihm ſchon auf den Ferſen, und kaum hatte er den Fanati⸗ ker erkannt, als er ſich auch uͤberzeugt hielt, die Käͤlte der Lady Dorothee gegen ihn, ſey Ashby's — 165— Werk; dieſer habe mit dem Fraͤulein geſprochen, und alles was ſich zu Lathom zugetragen, offen⸗ bart. Auf's hoͤchſte erzuͤrnt, ſtuͤrzte er daher uͤber den Fanatiker her und packte ihn bei der Gur⸗ gel; da aber Ashby keinesweges ein furchtſamer Mann war, und es demſelben nicht an Koͤrper⸗ kraft fehlte, gelang es ihm ſich den Haͤnden ſei⸗ nes Gegners zu entwinden, und er ſuchte nun ſeine Wuth durch Vorſtellungen von ſich abzulen⸗ ken. Der junge Krieger aber war zu ſehr von Zorn entflammt, um den Worten des Fanatikers auch nur die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken; nach dem Blute deſſelben verlangend, riß er das Schwert aus der Scheide, und ſtuͤrzte ſich ſo auf den Wehrloſen, entſchloſſen, mit dem Stahle das Herz deſſelben zu durchbohren; der muthige Fanatiker aber ſchlug mit kraͤftiger Hand die Klinge bei Seite, packte ſie unten, etwas oberhalb des Griffs und ſchrie laut um Huͤlfe, die ihm dann auch durch das Dazwiſchentreten des Abentheurers wurde. Von Anack gefuͤhrt gelangte Stanley nun — 166— bald zur Huͤtte Onshaw's; die Thuͤr ſtand halb offen, und der junge Krieger verweilte einen Au⸗ genblick lang auf der Schwelle und horchte hinein. „Ja, ja, Ihr Herren,“ ſprach drinnen eine weibliche Stimme,„es war eine wahre Freude, die Nonnen und Maͤnche ſo in ihren Feſtgewaͤn⸗ dern zu ſchauen, ſie ſingen und beten zu hoͤren. Geſegnet war damals das Land, jetzt aber iſt es verflucht. o „Hol mich der Teufel, ſie hat recht,“ don⸗ nerte eine andere Stimme, die der junge Krieger ſogleich fuͤr die des deutſchen Oberſten Sparen⸗ dam erkannte,„das Land faͤhrt zur Hoͤlle, wie unſer Schiff druͤben im irlaͤndiſchen Kanale.“ „Die Ketzer werden ſich in ihrem Uebermuthe noch ihren eigenen Untergang bereiten,“ erklang es jetzt in einem milderen Tone, und Eduard Stanley war uͤberzeugt, daß es die Stimme des Je⸗ ſuiten war;„ moͤgen ſie nur unſern heiligen Glau⸗ ben ſchmaͤhen, der Zorn des Herrn wird ihre Zungen treffen. Laßt alſo in Eurem Bemuͤhen — 167— nicht nach, bis ganz England der wahren Kirche wieder anhaͤngt.“ Jetzt trat Eduard Stanley ein, und wahr⸗ lich er hatte ſich nicht geirrt, ſeine beiden fruͤhe⸗ ren Reiſegefaͤhrten ſaßen leibhaftig vor ihm da. Bei ſeinem Erſcheinen ſprangen ſie von ihren Sitzen auf, und ein jeder von ihnen begruͤßte den jungen Krieger nach ſeiner eigenen Weiſe. Der Jeſuit ließ ein paar Freudenthraͤnen uͤber die Wan⸗ gen herabrollen, und der Oberſt fluchte und ſchwur, es ſolle ihn der Teufel holen, wenn er je in ſei⸗ nem Leben einen ſo frohen Augenblick gehabt haͤtte. Eduard Stanley hieß beide freudig willkommen; trotz des Vergnuͤgens aber, welches ſie uͤber ihr Wiederſehen empfanden, trugen ſie dennoch große Sorgfalt, in Gegenwart der Alten, welche vorhin geſprochen, und die Niemand anders als Ons⸗ haw's Weib war, uͤber ihre gegenſeitigen Verhaͤlt⸗, niſſe und uͤber ihr Vorhaben nur mit Behutſam⸗ keit zu ſprechen; ein Benehmen, welches um ſo noͤthiger war, da Anack draußen vor der Thuͤr um⸗ herſtrich. —— — 168— „Nun?“ fragte Oberſt Sparendam, den Sinn ſeiner Worte verſchleiernd,„wie ſteht hier zu Lande das Getraide? beſſer, hoffe ich, als druͤben bei dem verwuͤnſchten Liverpool!“ 1 3„Das Korn wird hier bald zur Erndte reif ſeyn,“ entgegnete Eduard Stanley laͤchelnd. „Wenn es nur nicht an Haͤnden und Sicheln fehlt,“ bemerkte Oberſt Sparendam. „Soll ich etwa hinausgehen, Ihr Herren⸗ damit Ihr freier reden koͤnnt?“ fragte die Alte. „Glaubt Ihr etwa, ich verſtaͤnde den Sinn Eu⸗ rer Worte nicht? Aber ich moͤchte um keinen Preis, daß mein Mann oder der Anack Euch ſo reden hoͤrten; ich werde, wenn Ihr es fuͤr gut findet, den Buben unter irgend einem Vorwande ausſchicken, dann koͤnnt Ihr ungehindert von Eu⸗ ren Angelegenheiten ſchwatzen.“ „Was zum Henker meint die alte Hexe? 7 donnerte Sparendam. „Daß ſie weiß, woher der Wind weht,“ entgegnete das Weib.„Ihr ſeyd drei wackere Herren, und habt eine gute Sache vor,— Gott — 169— ſegne Euer Unternehmen. Auch kenne ich Jeman⸗ den, der Euch kraͤftiger als mit bloßen Worten oder guten Wuͤnſchen beiſtehen wird.“ „Das Weib iſt toll!“„rief der Deutſche. „Und was meint Ihr denn eigentlich, gute Frau?“ fragte der Jeſuit. „Wartet,“ fluͤſterte die Alte, ſchlich darauf leiſe zur Thuͤr und verſchloß ſie;„ſo,“ ſprach ſie dann zuruͤckkehrend,„nun koͤnnt Ihr frei von der Leber weg reden.“ „Redet Ihr nur frei heraus,“ nahm Eduard Stanley das Wort,„wofuͤr haltet Ihr uns?“ „Ihr ſeyd Herr Eduard Stanley,“ entgeg⸗ nete das Weib,„als Ihr vor kurzem mit dem Sir Simon hier Schutz ſuchtet, lag ich im Kaͤm⸗ merchen dort krank auf meinem Lager, und konnte Euch nur durch die Spalte in der Wand erken⸗ nen. Die Herren da ſind ohne Zweifel Eure Freunde. 44 u „Nun, und was weiter?“ fragte der junge Krieger. „Nun, ich meine nur ſo,“ antwortete die — 170— Alte;„der Gilbert und der Anack die haben ein gar leichtes Gewiſſen,— ſie ſind wahre Tuͤrken, ich aber ward druͤben auf dem Schloſſe des Sir George Vernon erzogen; geſegnet ſey die Zeit! und ſo hange ich denn auch von ganzem Herzen an dem wahren Glauben.“ Die Empoͤrer blickten ſich einige Augenblicke lang ſchweigend und voll Erſtaunen an, als die Alte, in der ſie bisher nur ein ganz gemeines Weib zu ſchauen geglaubt hatten, bei den letzten Worten ihrer Rede, zumal mit großer Lebhaftig⸗ keit und ungemeiner Waͤrme ſprach; ihre Augen leuchteten dabei, und ſie ſchien als ein ganz anderes Weſen vor ihnen da zu ſtehen. Ihre Geſtalt war nur klein, ihr Kopf aber von ungemeiner Groͤße, ihr Geſicht furchtbar haͤßlich, war indeß weniger von der Hand der Natur ſo ggezeichnet, als von Schlagflußaͤhnlichen Zufaͤllen entſtellt, de⸗ nen ſie von Zeit zu Zeit unterworfen war. Das Aeußere von Onshaw's Weibe war nicht immer ſo unangenehm geweſen, aber Krankheit, Alter, Mangel und das rohe Benehmen ihres - 171— Mannes, hatten ihr, im Vereine mit dem ihr eigenthuͤmlichen leidenſchaftlichen Sinne, das An⸗ ſehen einer boͤſen Hexe gegeben. Uebrigens ſtand ihr Geiſt mit ihrem niedrigen Stande in keinem Verhaͤltniſſe, auch beſaß ſie einen ungemeinen Scharfſinn, wovon ſie, wie unſere Leſer geſehen haben, jetzt eben einen Beweis ablegte. Der Jeſuit brach zuerſt das Schweigen: „Hoͤrte ich recht, gute Alte,“ ſprach er,„Ihr ſagtet, Ihr waͤret im Hauſe der Vernon's er⸗ zogen?“ „Ja, Ihr Herren,“ entgegnete Onshaw's Weib,„ich verlebte gluͤckliche Tage auf Haddon, als ein blondhaariges, zehnjaͤhriges Maͤdchen kam ich dort hin;— der Boͤſe muß mich geplagt ha⸗ ben, als ich den Gilbert heirathete, ich haͤtte mein Gluͤck machen koͤnnen, waͤre ich auf dem Schloſſe geblieben.“ „Kanntet Ihr Conſtanze Heartle aus dem Monſal⸗Thale?“ fragte jetzt der Jeſuit mit be⸗ wegter Stimme. „Was!“ ſchrie die Alte in einem kreiſchen⸗ - 412— den Tone,„ob ich Conſtanze Heartle kannte? Wie ſoll ich mich denn ſelbſt nicht kennen?— ich bin es ja ſelbſt!— Wer aber biſt Du?— Ewiger Gott— taͤuſcht mich meine Ahnung nicht,— ja, ja, Du biſt mein Bruder.“ „Das bin ich, Du Kind des Elends,“ rief der Jeſuit, indem er die Schweſter krampfhaft umarmte,„ich bin Reginald, Dein Dir ſeit vierzig Jahren entriſſener Bruder.“ „Dank ſey dem Himmel,“ ſprach die Alte in einem feierlichen Tone,„er hat Wunder fuͤr Dich gethan, Reginald, er hat Dich zu einem ſeiner Diener gemacht.“ „Auch Dich hat er wunderbar im Glauben erhalten, Schweſter,“ entgegnete der Geiſtliche. „Seit Deiner Verheirathung warſt Du wie das Lamm unter den Woͤlfen— wie der Chriſt unter den Heiden.— Und unſer Bruder, der kleine Philipp— ich nenne ihn ſo, denn er war noch ein Kind, als ich Euch verließ— was iſt aus ihm geworden? Du ſchuͤttelſt mit dem Kopfe? Er iſt todt alſo? Nun, der Wille des Herin geſchehe!“ „Er iſt nicht todt, dem Fleiſche nach,“ erwie⸗ derte Onshaw's Weib,„aber ſein Geiſt iſt unter⸗ gegangen in der Suͤnde!— Er iſt ein Ketzer, ein Veraͤchter unſers Glaubens, des Glaubens ſeiner Vaͤter; heimathlos durchſtreicht er die Erdent „Wie hat ſich das gefuͤgte“ fragte der Jeſuit.”“—— ds „Als Du von uns ſchiedeſt, um Dich hin⸗ aus in die Welt zu begeben,“ ſprach die Bewoh⸗ nerin der Huͤtte,„war ich im Hauſe der Ver⸗ nons, wo Deine Tugenden Dir Freunde erwor⸗ ben hatten, Philipp befand ſich bei unſerm Ohei⸗ me, und Du glaubteſt uns Beide wohl aufgeho⸗ ben. Das Schickſal aber hatte es anders beſchloſ⸗ ſen; das Herz unſers Oheims neigte ſich bald zu den Ketzern hin, obgleich er, da ſeine Pachtung dem Ritter von Haddon zugehoͤrte, ſcheinbar noch immer der wahren Kirche anhing. Durch ihn ward Philipp verfuͤhrt, und ſeine Seele durch die Dogmen der Chismatiker verfinſtert; obgleich ſein junges Herz dem Glauben ſeiner Vaͤter nur zoͤ⸗ gernd entſagte. Bald aber gewann die Suͤnde — 474— bei ihm die Oberhand, ſeine Vernunft ging unter im fanatiſchen Nachgruͤbeln.“ „Wie, er waͤre wahnſinnig?“ unterbrach ſie der Jeſuit. 2„Ja, Bruder, wahnſinnig,“ antwortete die Alte,„toll, wie der Winterſturm, wenn er durch die Haide brauſ't. Zuweilen war er traurig und ſchwermuͤthig, ſo als ob ihm das Leben zur Laſt geworden; dann aber brach er wieder in eine furchtbare Wuth aus— er traͤumte von Hoͤlle und Verdammniß, und Gott weiß, wovon noch ſonſt— er nannte ſich ein verlornes Geſchoͤpf,— ein zertruͤmmertes Schiff. In dieſem Zuſtande blieb er bis der Oheim ſtarb, wo denn ſeine Ver⸗ nunft in etwas zuruͤckzukehren ſchien. Bald aber verfiel er wieder in ſeine alten Traͤumereien. Er bekannte ſich nun laut zu der verbeſſerten Kirche, wie er ſie nannte, und trvtzte ſeinem Herrn, dem Sir George Vernon, welcher endlich des Dinges muͤde, ihm die Pachtung nahm, und ihn hinaus in die Welt jagte. Ich hatte damals Haddon ſchon laͤngſt verlaſſen, und konnte ihm nicht das — 175— Wort reden. Gilbert Onshaw hatte den Zorn des gnaͤdigen Herrn auf ſich geladen, und ſo konnte ich nichts fuͤr denarmen Philipp thun.“ „Erz trug die Strafe ſeiner Suͤnde,“ erwie⸗ derte der Jeſuit., ni laic 2Jun geet. „Er irrte darauf in der Gegend umher,“4 fuhr die Alte fort,„Niemand wagte es, dem von Vernon Verbannten Obdach zu gewuͤhren, ja ſelbſt der Gilbert, ob er ſich gleich auch nichts aus dem Glauben macht, wuͤrde dennoch den Un⸗ gluͤcklichen eher Hunger ſterben laſſen, als ihn in ſeiner Huͤtte aufnehmen. Er haͤtte im Elende umkommen muͤſſen, haͤtte ich mich nicht heim lich aufs Schloß gewagt, und die beiden jungen La⸗ dy's Doroth ee und Margarethe um Huͤlfe fuͤr ihn angefleht; die ſie ihm auch unter der Hand ſpendeten. Er begab ſich Nachts unter ihre Fen⸗ ſter, und ſie reichten ihm dann Speiſe und Geld zu ſeinem nterhalte. Die Leute ſagen, er habe ihre Wohlthaten nicht vergeſſen, und wenn er noch fuͤr irgend Jemand Anhaͤnglichkeit hege, ſey es fuͤr die beiden jungen Maͤdchen,“ „ — 14176— Wann ſah'ſt Du ihn zuletzt?“ ftndeend Re⸗ ginclde „Ich hab' ihn wol ſeit zehn Jahren nicht zu Geſicht bekommen,“ antwortete die Schweſter, „mein Glaube hielt ihn von unſerer Huͤtte ent⸗ fernt; ja bis heute wiſſen meine Kinder nicht, daß der wahnſinnige Ashby,— ſo nannte er ſich nach dem Oheim,— ihr naher Verwandter iſt. 44 „Ashby!“ rief Edunid Stanieh, etwas er⸗ ſchuͤttert. imn 8 dun 41„Sa, Herr, tenm Ihr ihn di Frab die Altee. Wmd*.111* „Ich kannte Jemanden auf den Eure Be⸗ ſchreibung paßt,“ entgegnete der junge Krieger, „er nannte ſich Ashby, ich traf ihn am Ufer des irlaͤndiſchen Kanals.“ „Das war der arme Philipp,“ ſprach Ons⸗ haw's Weib,„er ſtreift im Lande umher und verweilt nie lange an einem und demſelben Orte.“ „Der Graf von Derby hatte ihn freundlich aufgenommen,“ fuhr Eduard Stanley fort,„er aber belrug ſich ſo, daß man ihn faſt in den Ker⸗ — 177— ker geworfen haͤtte; er verſchwand dann ploͤtzlich aus Lathom, nachdem er mich zuvor auf das Schaͤndlichſte verlaͤumdet hatte. Heute fruͤh noch traf ich auf ihn hier im Walde.“ „Hier im Walde?“ ſprach der Jeſuit. „Ja, ja, hier ganz in der Naͤhe,“ entgeg⸗ nete Stanley,„ich war ſeiner Verlaͤumdung we⸗ gen ſo erzuͤrnt auf ihn, daß ich, als ich ihn ge⸗ wahrte, mein Schwert jog; es kam indeſſen Je⸗ mand dazu— und das freuet mich jetzt. Ich hielt ihn fuͤr einen Heuchler und Luͤgner, nun weiß ich, daß ihn Wahnſinn erfaßt hat, und er iſt ſo vor meiner Rache ſicher.“ II. Band. 12 10. Waͤhrend ſie ſich noch ſo mit einander beſpra⸗ chen, glaubte Onshaw's Weib ploͤtzlich nahenee Schritte zu vernehmen, und kaum hatte ſie dieſe ihre Vermuthung geaͤußert, als auch ſchon leiſe an die Huͤtte gepocht ward. Es war Eduard Stanley's Reitknecht, welcher ſeinem Herrn ver⸗ kuͤndete, daß Lady Margarethe und Sir Thomas Stanley ſo eben von Lathom angelangt waͤren, und daß Sir George ſeiner mit Ungeduld harre, denn die Stunde des Mittagsmahls ſey bereits voruͤber. „So mache daß Du zuruͤckkommſt,“ ſprach Eduard zu ſeinem Diener,„ſage dem Schloß⸗ herrn, ich wuͤrde heute ausbleiben. Aber fluͤſtere ihm das insgeheim zu, damit weder mein Bruder nooch ſonſt irgend Jemand etwas davon erfahre. — 179— Berichte dem Ritter, ich haͤtte etwas neues fuͤr ihn; er ſoll aber meinem Ausbleiben keinen wich⸗ tigen Grund unterlegen,— ich jage oder fiſche, verſtehſt Du mich.— Ich moͤchte nicht gern, daß man mein Hierſeyn erfuͤhre; weiß mein Bru⸗ der ſchon darum?“ „Nein,“ erwiederte der Reitknecht,„ich ward vom Sir George insgeheim abgeſandt.“ „Daran hat er wohl gethan,“ rief der junge Krieger,„kein Wort davon, in welcher Geſell⸗ ſchaft Du mich hier fandeſt. Zuruͤck jetzt, aufs Schloß, gebrauche Deine Beine und Deinen Witz.“ 4 Enog en Der Diener eilte von dannen und Onshaw's Weib verſchloß aufs neue die Thuͤr. „Ein vetwuͤnſchtes Mißgeſchick, daß ſie ſo bald anlangten,“ ſprach Eduard Stanley, hich hoffte ſie wuͤrden wenigſtens noch vierzehn Tage ausbleiben.“ 410 gu9h. „Wen meint Ihr?“ fragte der Jeſuit. „Ei nun, meinen zuckerſuͤßen Herrn Bruder, Thomas Stanley, und ſein Schaͤtzchen,“ erwie⸗ — 180— derte der Verraͤther;„Ihr muͤßt nun hier, oder wenigſtens irgendwo anders hier in der Naͤhe blei⸗ ben, es wuͤrde nicht rathſam ſeyn, Euch in Had⸗ don zu zeigen, ſo lange der verliebte Geck dort weilt.“ dn „Gehoͤrt er denn nicht zu den Unſrigen?“ fragte der Deutſche. „Keinesweges,“ entgegnete der junge Krieger, „wir haben ſchon einige harte Worte daruͤber ge⸗ wechſelt, denn er verwirft durchaus unſer Unter⸗ nehmen. Der Vernon ſtimmt mit mir vollkom⸗ men darin uͤberein, daß wir unſer Vorhaben vor ihm geheim halten muͤſſen.“ „Wie lange aber wird er auf dem Schloſſe verweilen?“ nahm der Oberſt wieder das Wort, „ich habe nicht Luſt hier in dem dumpfigen Kaͤ⸗ ſich noch laͤnger zu ſtecken.“ „Halt, da kommt mir ein Gedanke,“ rief Eduard Stanley,„ich werde andere Kleider fuͤr Euch beſorgen, dann koͤnnt Ihr Euch oͤffentlich zeigen.— Jetzt aber ſagt mir, wie habt Ihr „Euch aus dem Schiffbruche gerettet?“ — 181— „Der Capitain und ein Theil der Mann⸗ ſchaft,“ erwiederte der Oberſt,„warfen ſich mit uns in die Boͤte, und ſo kamen wir gluͤcklich ans Ufer. Hier trennten wir uns von den uͤbrigen, und begaben uns nach Liverpool.“ „Nach Liverpool?“ fragte Eduard Stanley. „Was brachte Euch dorthin?“ „Der Zufall,“ ves ſetzte der Deutſche,„wir trafen den Mann, mit dem Ihr vom Fenſter herab geſprochen, den Strandvogt, Herrn Laza⸗ rus Smalley.“ „Und der gewaͤhrte Euch Schutz?“ „Das that er,“ ſprach der Jeſuit.„Wir ſagten ihm, daß wir die Pinaſſe des Grafen ver⸗ laſſen und uns am Bord eines andern Schiffs begeben haͤtten, welches von der Fluth verſchlun⸗ gen worden ſey; wir wollten daher nach Liver⸗ pool, um dort die Nuͤckkehr Eures Vaters abzu⸗. warten; wir haͤtten, ſagten wir, nicht Luſt uns nach dem Schloſſe zu verfuͤgen, bis er ſelbſt dort angelangt ſeyn wuͤrde. Er nahm uns in ſein Haus auf, bald aber erfuhr er, daß die mit uns — 182— der Fluth Entkommenen, ſich auf Gnade oder Ungnade dem Gouverneur der Stadt, Molyneux, uͤbergeben haͤtten, und ſo gab er uns einen Wink, uns davon zu machen. Wir folgten ſeinem Ra⸗ the, und ſchlugen den Weg nach Lathom ein, dort aber hoͤrten wir daß Ihr gen Haddon gezo⸗ gen waͤret, wir folgten Euch— und hier bin ich nun wieder in dem Gebirge in dem ich geboren ward, und welches ich nie wieder zu ſchauen ge⸗ dachte.“ 129.. „Und das ich,“ fiel der Deutſche ein,„aͤn⸗ dert ſich das Spiel nicht bald, nie geſehen zu haben wuͤnſche!“ „Ruhig,“ gebot Eduard Stanley,„ich bin ſeit meinem Hierſeyn nicht muͤſſig geweſen, ich habe den gelehrten Hausarzt des Schloßherrn fuͤr unſere Sache gewonnen; er iſt bereits mit einer Botſchaft von uns nach Flandern hin auf dem Wege.— Vorſichtig aber, ſo lange Ihr hier in der Huͤtte weilt, nehmt Euch vor dem Gilbert und dem Anack in Acht, und auch vor dem an⸗ dern wilden Geſellen, der hier der Abentheurer — 183— genannt wird.—„Wer iſt er eigentlich?“ fragte er dann, zu Gilberts Weib gewandt,„iſt er wirklich von gutem Herkommen?“ „Ich glaube ja,“ erwiederte die Alte,„aber ich kann und will nicht mehr von ihm ſagen,— er iſt ein gar edler und großmuͤthiger Herr.“ „Warum treibt er ſich denn hier immer im Walde herum?“ fuhr Stanley fragend fort. „Es macht ihm Spaß, wie Euch Kampf und Schlacht,“ verſetzte Onshaw's Weib, mit einem ſchlauen Laͤcheln. „Wer ſagte Euch, daß ich an dergleichen Luſt faͤnde?“ „Der Abentheurer,“ ſprach die Alte. „Er kennt mich alſo?“ „Ei freilich, er rief Euch ja beim Namen, als er Euch abhielt den Anack niederzuſtoßen.“ „Gehoͤrt er denn zu den unſrigen?“ fragte der Deutſche wieder. „Ich weiß nicht, ob er zu irgend einer Par⸗ thei gehoͤrt,“ erwiederte Onshaw's Weib. „Sagt mir doch, hat er je der Lady Do⸗ — 184— rothee von Liebe vorgeſchwatzt?“ nahm der junge Krieger wieder forſchend das Wort.* „Geht, geht,“ zuͤrnte die Alte, indem ſie ſich nach ihrem im Winkel der Huͤtte befindlichen Sitze zuruͤck begab.„Was weiß ich davon! glaubt Ihr, er wuͤrde mir ſeine Geheimniſſe of⸗ fenbaren?“ „Ihr wißt mehr von ihm, als Ihr einge⸗ ſteht,“ donnerte Eduard Stanley,„aber ich rathe Euch, huͤtet Euch ihm zu ſagen, daß ich Euch uͤber ihn befragte.“ „Seyd unbeſorgt,“ entgegnete die Schweſter des Jeſuiten,„ich bin keine Schwaͤtzerin,— Armuth war von jeher mein Loos, aber ich will ſie mir nicht dadurch noch druͤckender machen, daß ich Urſache vom Blutvergießen werde. Uebri⸗ gens,“— hier erhob ſie ſich wieder von ihrem Sitze,— ſchritt langſam auf den jungen Krie⸗ ger zu, und hob den Zeigefinger ihrer rechten Hand wahrſagend gegen ihn empor:„gebt Acht auf meine Worte, Lady Dorothee Vernon wird nie die Eure werden.— Dieſe Beute wird Euch — —— - 185— entgehn.— Obgleich in einer Sache mit Euch verbunden die meinem Herzen theuer, flehe ich doch den Himmel an, daß er dieſe Prophezeihung wahr machen moͤge.“ „Du wirſt es nicht wagen meine Plane zu durchkreuzen,“ rief der junge Krieger mit drohen⸗ der Stimme;„ich bin der Verbuͤndete Deines Bruders, er iſt hier unter meinem Schutze, um ſeinetwillen will ich Deine Aeußerungen uͤberhoͤrt haben. Miſcheſt Du Dich aber in meine Ange⸗ legenheiten, auf andere Weiſe als zu meinen Gunſten, dann— alle Teufel!— dann ſollſt Du mich kennen lernen.“. „Ich fuͤrchte Euch nicht,“ entgegnete die Alte,„gilt es das Wohl meiner beiden theuren Lady's, ſcheue ich keine Gefahr, ſo furchtbar ſie mir auch entgegentreten moͤge.“ „Verwuͤnſcht ſey die alte Hexe,“ murmelte Eduard Stanley vor ſich hin, indem ſeine Hand unwillkuͤrlich nach dem Griffe ſeines Dolches faßte. „Eure Verwuͤnſchungen koͤnnen mich nicht — 186— treffen,“ erwiederte Reginalds Schweſter, die mit ihrem ſcharfen Gehoͤre die von Eduard Stanley leiſe ausgeſprochenen Worte verſtanden hatte,„die Fluͤche des Boͤſen haben keine Gewalt uͤber mich, denn ich habe kein unſchuldiges Blut vergoſſen.“, „Was, Elende! Du ſchiltſt mich einen Moͤrder!“ tobte Eduard Stanley. „Ei, Gott bewahre,“ verſetzte die Alte, in einem hoͤhniſchen Tone,„weder einen Moͤrder noch einen Raͤuber, weder einen Dieb noch einen Kirchenſchaͤnder, noch einen Maͤdchenraͤuber!“ „Genug,“ donnerte Eduard Stanley zorn⸗ entflammt, indem er wuͤthend den Dolch aus ſeinem Guͤrtel riß und die Huͤttenbewohnerin bei der Gurgel packte. Unfehlbar haͤtte er ſie nieder⸗ geſtoßen, haͤtten ſich nicht der Jeſuit und Spa⸗ rendam ſchnell ins Mittel gelegt und ſeinen Arm aufgehalten, wodurch der junge Krieger Zeit erhielt, ſeiner Beſinnung einigermaßen wieder Herr zu werden.„Ihr habt recht,“ ſprach er, den Dolch wieder in ſeinen Guͤrtel ſteckend und die Alte mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln betrachtend, — 187— nich war ein Thor, uͤber ihr Geſchwaͤtz in Wuth zu gerathen,— ſey unbeſorgt,“ fuhr er dann zu Onshaw's Weib gewandt, fort,„der Sturm iſt bei mir voruͤber und die Sonne ſcheint wie⸗ der— da hier, nimm den Beweis, daß ich nicht mehr auf Dich zuͤrne.“ So ſprechend, reichte er der Alten einige Goldſtuͤcke hin; der Jeſuit aber trat dazwiſchen.„Laßt das,“ ſprach er,„es bedarf deſſen nicht. Ich habe Gold genug, und geht es zu Ende, wird Spanien mir mehr ſen⸗ den. Ich bitte Euch, ſteckt Euer Geld wieder zu Euch.“ „Nun, wie Ihr wollt,“ ſprach Eduard Stanley, indem er ſeine Boͤrſe wieder in die Taſche ſchob;„wie Ihr wollt. Wir ſind alſo, wie geſagt, Freunde, gute Alte.“ „Ja, ja, Freunde,“ murmelte Onshaw's Weib leiſe vor ſich hin,„wir kennen einander.“ „Jetzt aber,“ rief der junge Krieger,„muß ich fort, man harrt meiner“— „Seyd unſer eingedenk, Stanley,“ nahm der Oberſt Sparendam das Wort,„und ſendet — 188— uns Kleider, damit wir in ein beſſeres Quartier kommen; ein ſolches muß uns werden, und ſollte ich mich auch als Jeſuit und der fromme Vater hier als Stallmeiſter vermummen.“. Eduard Stanley nickte Gewaͤhrung, warf ſeinen Hut auf das Haupt und verließ die Huͤtte. — 11. Waͤhrend Eduard Stanley ſich zurxuͤck auf das Schloß begab, ward ſeine Seele von mannigfa⸗ chen Gedanken beſtuͤrmt. Nach dem Benehmen und den Aeußerungen der Alten, hielt er ſich jetzt feſt uͤberzeugt, daß zwiſchen dem Abentheurer und der Lady Dorothee ein Verhaͤltniß beſtehe, und daß dieſer endlich aus ſeiner Dunkelheit hervor⸗ treten, und ſich als ein Mann von guter Fami⸗ lie zu erkennen geben wuͤrde. Er beſchloß daher, die Liebenden noch genauer zu beobachten, denn er zweifelte jetzt keinesweges, daß ſie, da es am Tage nicht moͤglich war, naͤchtliche Zuſammen⸗ kuͤnfte haben muͤßten, die vielleicht gar von dem Vater John beguͤnſtigt wuͤrden.„Ohne Zwei⸗ fel,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ durchſchwimmt der kuͤhne Liebhaber den Wye, wie vormals Leander — 190— den Hellespont, und das gefaͤllt ſeiner claſſiſchen Geliebten. Moͤchte doch irgend ein Waſſer⸗Un⸗ geheuer auftauchen und ihn mit ſich hinab in die Tiefe ziehen!— Aber wozu bedarf es denn eines. ſolchen Beiſtandes? Reicht denn dazu mein Arm nicht hin?— ich will ihn in den Tod ſchicken— dann mag die Sappho ihren Phaon beweinen.“ Der Jeſuit und Sparendam ſollten ihm be⸗ huͤlflich ſeyn, das liebende Paar zu belauſchen, und ſo beſchloß er, den Sir George unverzuͤglich von ihrer Ankunft Kunde zu geben, und jene durch ihn auf das Schloß einladen zu laſſen. Schon war er dieſem ſo nahe gekommen, daß er die beiden Schweſtern auf einem der Thuͤr⸗ me gewahren konnte, als er ploͤtzlich den Aben⸗ theurer unter dem Schatten eines Baums verbor⸗ gen gewahrte.„Ha, beim Teufel, da ſteht er!l“ rief der junge Krieger vor ſich hin;„er ſendet- ſchmachtende Blicke hinauf zu dem Herzliebchen. Jetzt koͤnnte ich den romantiſchen Geſellen nieder⸗ ſtoßen, die That waͤre dann gethan, ich ſtuͤrzte* 3 den Koͤrper in die Fluth, und Niemand koͤnnte . — 191— mich des Mordes anklagen.— Aber ich will jetzt nicht zum erſtenmale als ein Feigherziger handeln; ſchweig, Du Feind der Ehre, der ſich in meiner Bruſt regt.“ Mit leiſen Schritten naͤherte er ſich dem Fremden, welcher mit feſt auf den Thurm gerich⸗ teten Blicken ihn nicht bemerkte. Er ſtand unter einer hohen Ulme, kaum zweihundert Schritte vom Schloſſe entfernt, die Arme kreuzweis uͤbereinan⸗ der geſchlagen. Die Federn ſeines Hutes ſchwank⸗ ten uͤber ſein Geſicht hinab, und hielten daſſelbe dem jungen Krieger groͤßtentheils verborgen; die ſchlanke Geſtalt und die edle Stellung des Man⸗ nes aber machten Eduards ganzen Zorn rege. Einige Schritte von dem Unbekannten machte der junge Empoͤrer Halt, denn er hoffte es wuͤrde ihm gelingen, einen Beweis zu erlauſchen, daß Lady Dorothee mit dem Abentheurer irgend ein Verſtaͤndniß unterhielte. Doch vergebens. Da trat er raſch auf den Fremden zu, klopfte ihn auf die Schulter, und fragte:„Ha, ſieh' da, — 192— Herr Abentheurer, was habt Ihr mit dem tollen Narren Ashby angefangen?“ Der Unbekannte wandte ſich um, und blickte auf Eduard Stanley, erwiederte aber keine Sylbe. 4 „Aber was iſt Euch denn?“ fuhr der junge Krieger fort;„nicht wahr, Ihr habt von einer Heiligen getraͤumt, und denkt jetzt, der Teufel ſey gekommen, Euch zu ſtoͤren?“ „Wenn Ihr nicht der Teufel ſeyd,“ entgeg⸗ nete der Fremde,„ſeyd Ihr wenigſtens ein un⸗ verſchaͤmter Geſelle. Ungeſchliffen, wie Ihr, be⸗ traͤgt ſich kein Lanzenknecht, Pelſnt nicht in der geringſten Schenke.“ „Wie mag ein ſo arkadiſcher Schaͤfer von einer Schenke ſprechen?“ fragte Eduard Stanley mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln,„die tobende Luſt der Wirthshaͤuſer, glaubte ich, ſey Euch fremd. Nur Einfalt und Unſchuld meinte ich.—“ „Das ſind Worte die Ihr nur dem Klange nach zu kennen ſcheint,“ unterbrach ihn der Aben⸗ theurer.„Die Thaten, die ich bisher von Euch ————— — 193— geſehen, zeigen weder von Ehre noch von Schuld⸗ loſigkeit.“ „Ehre,“ wiederholte der Soldat,„wie hach reicht denn die Eure? iſt ſie ſo hoch als die Ulme, unter der Ihr hier nach jenen Nymphen ſchielt traun, ich glaube, Ihr koͤnnt ſie in der Taſche forttragen; die Ehre eines Abentheurers!”“— „Waͤret Ihr bewaffnet, Eduard Stanley,“ erwiederte der Fremde,„ich wuͤrde Euch antwor⸗ ten, daß meine Ehee in meinem Schwerte wohne“ „Ich bin ſtets zum Kampfe mit Euch bereit,“ rief der junge Krieger, indem er ſeinen Dolch zog. „Nuhig gebot der Abentheurer, mit einem kaltbluͤtigen Laͤcheln,„ich fuͤhte eine beſſere Waffe als Ihr, und ſo will ich wenigſtens jetzt für Eure Beleidigung keine Rache nehmen.“. „Nache, Ihr!“ hohnlachte Eduard Stanley, „Ihr ſeyd jatein Lamm ohne Galle,— ein Loͤwe mit einer Honigſcheibe ſtatt des Herzens in der Bruſt.— Zieht Ihr nicht Euer Schwert, ziehe ich Euch den Guͤrtel uͤber die Ohren, und zerbreche den Stahl vor Euren Augen. II. Band. 13 194— So ſprechend, packte der wuͤthende Krieger den Fremden bei der Gurgel, denn er war ent⸗ ſchloſſen ſeine entehrende Drohung in Ausfuͤhrung zu bringen; ſein Gegner aber, kraͤftiger als er ſelbſt, ſchuͤttelte ihn mit leichter Muͤhe von ſich ab, und hielt ihn nun mit ſtarkem Arme von ſich entfernt. 280 s6: „Euer Leben,“ ſprach er dabei kaltbluͤtig, „iſt jetzt in meiner Gewalt, wohl Euch, daß ich nicht in der Laune bin, mein Recht geltend zu machen.“ tin 89 m „Mein Leben in Deiner Gewalt, Elender?“ ſchrie Eduard Stanley, indem er ſich mit gewal⸗ tiger Anſtrengung von ſeinem Gegner losriß und ſeinen Dolch hob,„biſt Du das, wofuͤr Du ge⸗ halten ſeyn willſt, ein Mann von Ehre und Muth, ſo wirf Dein Schwert von Dir, und laß uns den Kampf mit unſern Dolchen beginnen.“ „Ich fuͤhre keinen Dolch,“ entgegnete der Abentheurer in einem ſtolzen Tone. 1 et „So zerbrecht Euer Schwert, daß es kurz werde wie mein Dolch,“ rief Eduard Stanley, — 195— „und glaubt Ihr, mein Stahl ſey dann ſchaͤrfer als der Eure, gebt ihn mir und nehmt den meinen. „Es hat noch Zeit damit,“ verſetzte der Un⸗ bekannte mit großer Ruhe,„wir treffen uns ſchon einmal mit gleichen Waffen.“ 13152 „Ich hoffe, daß dies recht bald geſchehen moͤge,“ zerwiederte der junge Krieger,„denn ich ſchwoͤre Euch, ich werde nicht ruhen, bis ich Euch gefangen zu den Fuͤßen der Lady Dorothee geſchleppt haben werde, aus deren Herzen ich Euch verbannen will, um ſelbſt triumphirend in daſſelbe einzuziehn.“ „Der Lady Dorothee?“ fragte der Fremde. „Glaubt Ihr etwa, ich wuͤßte nicht darum?”“ entgegnete Eduard Stanley;„Margarethe Vernon kann nicht Euer Herzliebchen ſeyn, ſie gehoͤrt mei⸗ nem Bruder an.— Die Mauern dort aber ſind's gewiß nicht, die Ihr ſo anſtarrt,— Ihr blickt nach der gelehrten Dorothee,— Ihr ſeyd der En⸗ dymion, ſie iſt die Diana.“ fn g8 „Ihr ſchlagt auf den Buſch, aber es kommt kein Wild,“ verſetzte der Abentheurer. Was auch immer mein Geſchaͤft hier in Haddon⸗Park ſeyn — 196— mag, ſeyd uͤberzeugt, ohne meinen Willen ſoll Niemand mein Geheimniß erfahren.““ „SIch kuͤmmere mich den Henker um Euer Geheimniß!“” ſprach der Empoͤrer.„Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr kein Auge auf Lady Doorothee habt, und ich ſchwoͤre Euch, was Ihr auch immer hier im Walde vornehmt, der Schloß⸗ herr ſoll Euch ungehindert Euer Weſen treiben laſſen; ja, Ihr ſollt ſogar, wenn Ihr es wuͤnſcht, gaſtfreie Aufnahme bei ihm finden.—e Ich aber muß meinen Grund und Boden kennen, und wiſſen, ob Ihr mir Freund oder Feind ſeyd.“ „Haltet mich wofuͤr Ihr wollt,“ ſprach der Fremde,„ich will nicht ferner⸗ Wtt⸗ Wübor dieſen Gegenſtand verlieren.“ meic eue ehin .„Ihr wollt nicht?“⸗ ſchrie der junge Krieger wuthentflammt, ſo halte ich Euch denn fuͤr mei⸗ nen aͤrgſten Feind.— Von dieſem Augenblicke an iſt Krieg zwiſchen uns; ich ſage Euch, treffen wir uns wieder, gebraucht jeden Vortheil den der Zufall Euch in die Haͤnde giebt, denn ich ſtoße Euch nieder, wo ich Euch finde.”“ — 497— „Ihr werdet mich nie bewegen eine entehrende Handlung zu begehen,“ erwiederte der Abentheu⸗ rer,„ich kann nur Euer Sieger, nie aber Euer Moͤrder werden.“ „Wohlan wir treffen uns.“ „Ihr ſollt mich zum Kampfe bereit finden, greift Ihr mich aber meuchlings an, komme die Schande uͤber Euer Haupt.“ „Mit meinem guten Schwerte in der Hand werde ich Euch entgegentreten,“ rief Stanley, „Schauet nur immer noch einmal zu Eurem Lieb⸗ chen, ſehen wir uns wieder, iſt Euer Loos ent⸗ ſchieden.“ „Ihr ſeyd ein unverſchaͤmter Prahler,“ ver⸗ ſetzte der Unbekannte,„der Ausgang eines jeden Zweikampfs iſt ungewiß; moͤglich, daß Ihr, trotz Eurer ſtolzen Worte, noch genoͤthigt ſeyn werdet, Gnade von mir zu erflehen.“. Eduard Stanley faßte zornentflammt noch einmal nach dem Griffe ſeines Dolches, aber er beſann ſich. Auf Wiederſehen alſo,“ rief er dem Fremden zu,„ich hoffe der Augenblick ſoll bald — 198— erſcheinen, wo ich Eure Zunge unſchaͤdlich machen werde, unſchaͤdlich wie das Schwert in Eurer Scheide; auf Wiederſehen!“ Mit einem Geſichte in dem Hohn und Ver⸗ druß ſichtbar waren, wandte ſich Eduard Stanley ab und ſchritt dem Schloſſe zu. Sein Gemuͤth war durch das Geſpraͤch mit dem Abentheurer der⸗ geſtalt aufgeregt, daß er, um nur etwas Faſſung zu gewinnen, genoͤthigt war im Garten einigemale auf und ab zu gehen, bevor er es wagen konnte, ſich dem Schloßherrn und der uͤbrigen Geſellſchaft zu zeigen. So viel Muͤhe er ſich aber auch gab, gelang es ihm dennoch nicht ganz, die Gefuͤhle zu bekaͤmpfen, die in ſeinem Inneren tobten, und ſo zeigte denn, als er nach einer Weile in die Halle trat, ſein Antlitz noch immer die Spuren von Zorn und Unmuth. 12. Das Mittagsmahl war laͤngſt geendet, als Eduard Stanley auf dem Schloſſe anlangte, und der Ritter von Haddon hatte ſich mit ſeiner Familie und den Gaͤſten aus der Halle in ein anderes Zim⸗ mer begeben, wo die Maͤnner wacker dem Becher zuſprachen. Man war ungemein heiter geſtimmt, ſo wie aber der junge Krieger eintrat, machten ſeine gerunzelte Stirn ſein verſtoͤrtes Anſehen, jede Freude ſchwinden, wie der Nachtfroſt die jungen Bluͤthen zerknickt. Aller Augen waren auf ihn ge⸗ richtet, denn ſein Weſen hatte ſich ſeltſam ver⸗ wandelt; auf die wiederholten Fragen des Sir Si⸗ mon Deyge aber gab er keine Antwort, ſondern ſetzte ſich, nachdem er ſchweigend Lady Margare⸗ the und ſeinen Bruder begruͤßt hatte, neben den Schloßherrn, erfaßte einen bis oben an den Rand gefuͤllten Becher, und ſtuͤrzte den Inhalt deſſel⸗ ben hinunter. — 200— „Wo iſt denn Dein Schwert, Eduard?“ fragte ſein Bruder. „Ja, es hing ja an Eurer Seite, als Ihr dieſen Morgen das Schloß verließet;“ bemerkte Sir George Vernon. Die Stirn des jungen Empoͤrers zog ſich in noch tiefere Falten, unmuthsvoll blickte er auf die Frager, allein wahrnehmend, daß weder der Schloß⸗ herr noch ſein Bruder ſich mit dem Schweigen, welches er zu beobachten Luſt hatte, begnuͤgen wuͤr⸗ den, zwang er ſich zum Laͤcheln, und erwiederte: „Wenn Ihr wiſſen wollt, was aus meinem Schwerte geworden, muͤßt Ihr die huͤbſche Roſa Onshaw darum befragen, ich ſah es zuletzt in ih⸗ rer Hand. Euch, Sir Simon, moͤchte ich auf⸗ tragen, Euch zur Huͤtte ihres Vaters zu begeben, und Euch bei ihr nach dem Schickſale meiner Waffe zu erkundigen.— Ich begegnete,“ fuhr er heftiger werdend fort,„Jemanden im Walde, aus dem ich eine Mahlzeit fuͤr die Kraͤhen berei⸗ ten wollte; aber die alberne Dirne nahm mein Schwert und warf es in den Fluß, ehe ich es — 201— verhindern konnte. Nun, ſeyd Ihr jetzt mit mei⸗ ner Auskunft zufrieden?“ „Du wollteſt Jemand toͤdten, und weshalb?“ fragte Sir Thomas. 949 „Er hatte meinen Zorn gereizt,“ entgegnete der Wuͤthrich, dem der Schrecken, den ſeine wilde Rede den Maͤdchen einfloͤßte, Vergnuͤgen zu gewaͤh⸗ ren ſchien.„Er wagte es den Scheinheillgen zu ſpielen, um mich zu hintergehen.“— „Wer war es denn?“ fuhr ſein Bruder fra⸗ gend fort. „Das iſt gleichviel, ich will es nicht ſagen.“ „Du willſt es nicht ſagen?“ wiederholte Sir Thomas mit einiger Lebhaftigkeit. „Nein,“ donnerte Eduard Stanley ihm zor⸗ nig entgegen, ſchnell ſich aber beſinnend, fuͤgte er in einem milderen Tone hinzu,„wenigſtens jetzt nicht— hier nicht— ich bitte Euch, ſchweigt jetzt davon, ich will Euch gelegentlich alles er⸗ zaͤhlen.“ „Es muß Euch etwas Widriges begegnet ſeyn,“ bemerkte der Schloßherr,—„doch weg mit den Grillen, heute iſt ein Freudentag, ich habe jetzt eben meine Einwilligung zur Verbin⸗ dung meiner Margarethe mit Eurem Bruder ge⸗ geben.“.8 2 29. „Bei dieſer Aeußerung, welche eine ſeiner Ausſichten zertruͤmmerte, bebte der junge Krieger maͤchtig zuſammen; die Gluth des Zorns, welche ſeine Wangen gefaͤrbt hatte, verſchwand, und tod⸗ tenbleich ſaß er nun da, vor ſich niederſchauend. „Was zum Henker fehlt Euch?“ fragte Sir. George erzuͤrnt, iſt Euch die Verwandtſchaft mit mir etwa zuwider? Wer,“ fragte er, als der junge Krieger noch immer ſchwieg, zu den Uebrigen ge⸗ wandt,„wer kann mir uͤber dies ſeltſame Be⸗ nehmen Auskunft geben?“ „Ich,“ nahm Sir Thomas das Wort. „Als Lady Margarethe zu Lathom weilte, zeigte ſich dort Jemand, deſſen Erſcheinen meine Ge⸗ liebte anfangs in Schrecken ſetzte, er nannte ſich Ashby.“ „Ashby?“ wiederholte der Schloßherr,„der fanatiſche Pund, was wollte er dorte“ — 203— („Das wußte Niemand,“ antwortete Sir Thomas;„bald erſchien er als Fanatiker, bald in Jaͤgertracht; mit ſeiner Kleidung aͤnderte ſich auch jedesmal ſein Benehmen. Stets aber zeigte er eine große Anhaͤnglichkeit an Lady Margarethe, da faßte mein Bruder den Verdacht, daß er nicht das, was er ſcheine, ſondern ein beguͤnſtigter Liebhaber ſey, und daß er ſeiner Angebeteten von Haddon gefolgt waͤre. Meine Geliebte aber beru⸗ higte mich bald, denn ſie erzaͤhlte mir, daß Ashby fruͤher eine Pachtung von Euch inne gehabt habe, wegen ſeines ungebuͤhrlichen Benehmens aber von Euch fortgejagt worden ſey. Seitdem er von La⸗ thom verſchwand, hat man ichts weiter von ihm gehoͤrt.“ „Das iſt unwahr,“ fiel jegt ploͤzlich Ebuatd Stanley ein;„er eben war der Heuchler, den ich heute im Walde trdſ, ich haͤtte ihn niederge⸗ ſtoßen, wenn nicht— „Ich will ihn an den hoͤchſten Baum in mei⸗ nem Parke haͤngen laſſen,“ unterbrach ihn Sir — 204— George Vernon,„bei meiner Seele er ſoll daran glauben, und das bald.“ Ich bitte Euch, verhaht ihm,“ nahm La Margarethe fuͤrſprechend das Wort,„er fehlt mehr aus Wahnſinn als aus boͤſem Herzen. Wahrlich er iſt nicht ſo ſchlecht, als Ihr glaubt.“ „Wie weißt Du das Maͤdchen?“ fragte ihr Vater.„Wie magſt Du einen Boͤſewicht, wie den Ashby vertheidigen, der den Glauben ſeiner Vaͤter verlaſſen und ſeine Seele dem Teufel uͤber⸗ geben hat? Ich ſage Dir, er ſoll ſterben, ſterben, noch bevor der Tag zu Ende gegangen!“ Lady Margarethens mitleidiges Herz bebte fuͤr den ungluͤcklichen Ashby, an deſſen Schickſale ſie jetzt noch groͤßern Antheil als fruͤher nahm, denn er war ja in dem Walde von Lathom ihr Retter geweſen. Sie erfaßte demnach den Arm ihres Vaters— welcher ſich von ſeinem Sitze erhoben hatte, den Dienern den Befehl zu geben, Ashby einzufangen,— und einen vorwurfsvollen Blick auf den jungen Krieger richtend, ſprach ſie mit dem Ausdruck innigſter Theilnahme:„Bleibt, oteibte um des Ewigen willen, Ihr vergießt fonſt das Blut eines Schuldloſen.“ Dieſe Worte erſchuͤtterten die Gemuͤther aller Anweſenden, Ihr Vater ſchien auf eine Erklaͤrung ihrer Rederzu warten, ihr Geliebter aber neuer⸗ dings einem Anfluge von Eiferſucht Naum⸗ zu ge⸗ ben, waͤhrend Eduard Stanley's morbiehahnde Hand nach dem Griffe des Dolches faßte. Lady Dorothee, Sir Simon Deyge und Vater John waren ebenfalls uͤber die Wiſes der Sprecherin erſtcunt.? 1637 dott 8 „Ja, ja, ich nicherhole: es uuch,“ fuhr dieſe flehend fort,„der fanatiſche Ashby, der als ein Irrglaͤubiger von Euch verjagt wurde, iſt ſchuldlos und hat ein Herz voll Guͤte und Men⸗ ſchenliebe. Ihr koͤnnt dem vertrauen, was ich Euch ſage, denn ich kenne ihn.nn, „Du kennſt ihn?“fragte ihr Vater. nd „Ja, ja, ich kenne ihn, n ande nes es ein Verbrechen iſt,“ entgegnete Lady Marga⸗ rethe,„ich kenne ihn genauer, als ich es Euch, Sir Thomas, eingeſtand; ich ſagte Euch nicht — 206— mehr, weil eine gute That ihren Werth verliert, wenn man ſich derſelben ruͤhmt. Seit der Ashby aus der Pachtung vertrieben wurde, hat er von Almoſen gelebt. Ich gab ihm, was ich ver⸗ mochte, und Andere vereinten ſi ich mit mir ihm Huͤlfe zu ſpenden.) „Du kannteſt meinen Willen und handelteſt demſelden entgegen,“ donnerte Sir George Ver⸗ non,„bei meinem Zorne, bs war nitht wohl⸗ gethan, Maͤdchen!’"”“ e nte „Sie that nur,“ nahm Vater Jahn das Wort,„was Ihr in ruhigern Augenblicken ſelbſt gut geheißen haben wuͤrdet; handelte ſie aber un⸗ recht, ſo treffe Euer Unwille mich, denn ich er⸗ muthigte ſie nicht nur zur Mildthaͤtigkeit, ſondern war bei dieſer Gelegenheit ihr Almoſenſpender.“ „Was, einen Ketzer, einen IFrrglaͤubigen habt Ihr unterſtuͤtzt?“ fragte der Schloßherr. „Es iſt ja Chriſtenpflicht, Boͤſes mit Gu⸗ tem zu vergelten,“ verſetzte der ehrwuͤrdige Prie⸗ ſter,„auch iſt Ashby nur ein Ungluͤcklicher und kein Boͤſewicht; ſein ganzes Herz haͤngt an Eurer — 205— Tochter, der von ihr empfangenen Wohlthaten wegen, und ſo iſt es kein Wunder, daß er ſie zu Lathom aufſuchte, wo er ſie ohne Zweifel um neuen Beiſtand anzuſprechen gedachte.“ 2 nis mn „Ja, ja, gewiß ſo iſt's,“ rief Thomas Stanley beruhigt,„aber verzeihe meinem Bruder ſeinen Argwohn, meine Margarethe, er glaubte meine Ehre in Gefahr.“ „Ich habe ihm ſchon verziehen,“ antwortete Lady Margarethe ernſthaft, aber ohne zu zoͤgern, „der Bruder meines kuͤnftigen Gemahls kann mich nicht beleidigen.“ „Brav geſprochen,“ nahm Sir George das Wort, und die Falten ſchwanden von ſeiner Stirn,„ſo moͤge der Burſche laufen.— Kommt, Eduard Stanley, ſtuͤrtt einen Becher Sect hin⸗ unter und ſeyd froͤhlich und guter Dinge. Ihr ſitzt ja ſo ſchwermuͤthig da, als haͤttet Ihr der Margarethe zu tief ins Auge geſchauet, und als verdroͤße es Euch, ſie als Braut eines Andern zu ſehen.“ „Ich habe mit Euch ein Wort insgeheim - 2356— zu reden,“ ſprach Eduard Stanley, ſich von ſeinem Seſſel erhebend; Sir George erfaßte ſeine Hand und ben iih mit— jungen— in ii ſein Cabinet. ₰ 4 1 2„ 4 . 44 nnn ne 1 149 ½ 1 and 29 19 A Flath 1 170 1 1 Cit 3. 9r, 1„ 6L 42 L 018 1 1 1 6 36* 8 6½ 1 . 1 p 9„ h 15 24 20 55 13. Eßuard Stanley hatte, waͤhrend er ſchweigend da⸗ faß, Zeit genug gehabt, ſeine Faſſung wieder zu gewinnen. Des Jeſuiten und des deutſchen Ober⸗ ſten Gegenwart auf dem Schloſſe, ſchien ihm uͤberaus wuͤnſchensverth, beſonders deshalb, weil er durch ſie um ſo leichter zu erforſchen hoffte, ob zwiſchen dem Abentheurer und der Lady Dorothee Zuſammenkuͤnfte ſtatt faͤnden; auch meinte er, der laͤngere Aufenthalt der beiden Fremden in Ons⸗ haw's Huͤtte, koͤnne Verdacht erregen, zumal, wenn ſie von dem Abentheurer und Anack beobach⸗ tet wuͤrden. Der Unbekannte war vielleicht gar ein Edelmann von der Parthei der Koͤnigin, und in dieſem Falle war ſeine Naͤhe doppelt gefaͤhrlich⸗ Bei der großen ſich auf zweihundert Koͤpfe belau⸗ fenden Dienerſchaft des Sir George, und dem Ge⸗ wuͤhle in der geraͤumigen Halle, die einer kleinen Stadt zu vergleichen war, war bei dem Aufent⸗ II. Band. 14 — 210— halte der Fremden auf dem Schloſſe weit weniger zu beſorgen. Dieſe Gedanken hatten jetzt das Ge⸗ hirn des jungen Empoͤrers durchkreuzt, und ihn zu dem Entſchluſſe gefuͤhrt, den Schloßherrn un⸗ verzuͤglich mit der Naͤhe der beiden Bundesgenoſſen bekannt zu machen, und ihn aufzufordern, ſie ein⸗ zuladen. Dies that er nun in moͤglichſter Kuͤrze, wobei er dem Ritter von Haddon zugleich erzaͤhlte, wie der Jeſuit, Ashby und Onshaw's Weib mit einander verwandt waͤren. Dann bat er den Schloßherrn um einige Kleidungsſtuͤcke fuͤr die bei⸗ den Freinden, denen er ſie durch ſeinen Reitknecht Ridgway nach der Huͤtte ſenden wollte. Der Schloßherr begab ſich mit dem jungen Krieger in ein kleines Gemach, in welchem in großen Schraͤnken die Kleider ſeiner Vorfahren, nebſt den ſeinigen aufbewahrt wurden. Ein ſchwarz ſammetener Anzug mit Federhut ward fuͤr den Oberſten, und ein hellblauer von gleichem Zeuge fuͤr den Jeſuiten gewaͤhlt. „Mein Bruder Thomas taugt nicht fuͤr unſer Geheimniß,“ ſprach der junge Krieger darauf zu — — — 211— dem Ritter von Haddon gewandt„„beſſer wir ſa⸗ gen ihm vor der Hand noch nichts von unſerm Unternehmen. Die beiden Fremden muͤſſen dem⸗ nach als Eure, nicht als meine Freunde, hier au ftreten, Thomas Stanley weiß, daß ich jetzt keine Geſchaͤfte habe, die eine ſolche Ambaſſade noͤthig machen, auch wuͤrden mich meine Freunde zu Lathom aufgeſucht haben.“ 1 n5 „Wie Ihr meint,“ entgegnete Sir George, nrichtet das ein, wie Ihr es fuͤr gut haltet.“ Die Kleidungsſtuͤcke wurden nun zuſammen⸗ gepackt, und von Eduard Stanley auf ſein Zim⸗ mer geſchafft, wo er ſie ſeinem Reitknechte, nebſt einigen Zeilen an ſeine Verbuͤndeten, uͤbergab, worin er dieſe aufforderte, als Freunde des Sir George im Schloſſe zu erſcheinen, dabei aber wohl Acht zu haben, daß der Abentheurer von ihrer Ver⸗ kleidung, wie uͤberhaupt von ihren Verhaͤltniſſen zu ihm, dem Eduard Stanley, keine Kunde er⸗ halte. Er wuͤnſchte, daß ſie noch dieſen Abend nach Haddon kaͤmen, aber erſt ſpaͤt, wenn ſich die uͤbrigen zur Ruhe gelegt haben wuͤrden, weil ſie — 212— durchaus insgeheim eine Unterredung mit dem Rit⸗ ter von Haddon haben muͤßten, bevor ſie vor ſei⸗ nen Leuten und den Gaͤſten als ſeine Freunde auftreten koͤnnten. Damit ihre Ankunft kein Auf⸗ ſehen errege, bat er ſie, draußen an der Mauer zu harren, er ſelbſt wuͤrde ihnen dann angeben, auf welche Weiſe ſie eingelaſſen werden koͤnnten; zu welchem Ende er ſich ihnen oben auff dem Thur⸗ me zeigen wolle. 4 Nachdem er ſo, wie ein erfahrner Soldat,. ſeine Diſpoſitionen getroffen, und ſeinen Reitknecht mit den Sachen fortgeſchickt hatte, war ſeine Faſ⸗ ſung vollkommen zuruͤckgekehrt, und entſchloſſen, falls er die Hand der reizenden Margarethe durch⸗ aus nicht erhalten koͤnnte, ſeine Bemuͤhungen um die ihrer Schweſter um ſo kraͤftiger fortzuſetzen, be⸗ gab er ſich mit wolkenfreier Stirn wieder hinab in die Halle, wo er den Ritter von Haddon mit ſei⸗ nem zukuͤnftigen Eidam, in einer Berathung uͤber die Feſtlichkeiten begriffen fand, welche bei der Ver⸗ maͤhlung des jungen Paares ſtatt finden ſollten. Schon wollte, als er ſah, was der Gegenſtand 4 — —-— 213— des Geſpraͤchs war, Eduards Geſicht ſich neuerdings umwoͤlken, aber er bekaͤmpfte ſeinen Unmuth, und ſich mit freundlicher Miene zu Lady Margarethe wendend, erfaßte er ihre Hand, und fragte:„meine reizende Schweſter wird mir bei ihrer Vermaͤhlungs⸗ feier hoffentlich einen Tanz nicht verſagen."“ Die Jungfrau ſchwieg und ſchlug die Augen nieder, denn ſie konnte noch immer nicht ohne Ent⸗ ſetzen in das Antlitz des Wuͤſtlings ſchauen. „Wie, Ihr zuͤrnt mir noch immer,“ fuhr die⸗ ſer leiſer fort,„bin ich denn nicht beſtraft genug, Euch mir auf immer entriſſen zu ſehen! Eure Ver⸗ zeihung, meine ich, koͤnnte wol einen Tropfen Bal⸗ ſam in meine Wunde traͤufeln.“ „Ich verzeihe Euch,“ entgegnete Margarethe Vernon,„ich habe Euch laͤngſt verziehen— aber mir bangt dennoch in Eurer Naͤhe.“ „Ungluͤcklicher, der ich bin,“ ſeufzte Eduard, Stanley,„wie ſehr werde ich von Euch verkannt, ich, der ich Lathom mied, um Euch einen Beweis meiner redlichen Abſichten zu geben.“ „Nur darum haͤttet Ihr Euch entfernt?“ — 214— fragte die Jungfrau mit einem forſchenden Blicke, „ich glaubte, Ihr haͤttet Geſchaͤfte hier abzumachen.“ „Geſchaͤfte?“ wiederholte der Empoͤrer, und eine bange Ahnung erfaßte ihn. „Ja, ja, Geſchaͤfte,“ fuhr Lady Margarethe fort,„ein Mann Namens Smalley, war bei Eurem Vater— der Strandvoigt von Liverpool, Ihr kennt ihn doch?“ „Wohl kenne ich ihn,“ verſetzte Stanley,„es iſt ein boshafter, verlaͤumderiſcher Schwaͤtzer, wie je einer ſeine Zunge gebrauchte. Was ſagte er?“ „Daß er zwei Eurer Freunde,“ erwiederte Margarethe,„die ſich von dem verungluͤckten ſpa⸗ niſchen Schiffe gerettet haͤtten, aus Achtung fuͤr Eure Familie bei ſich aufgenommen habe, nachdem aber der ſpaniſche Befehlshaber, welcher ſich ſammt der geborgenen Mannſchaft dem Gouverneur uͤber⸗ geben, eingeſtanden haͤtte, daß ſie in kriegeriſcher Abſicht ſich dieſer Gegend nah'ten, habe er den beiden Fremden gerathen, die Stadt zu verlaſſen. Dieſer Wink ward von ihnen befolgt, und der Strandvoigt, befuͤrchtend, die Ausſage des Spa⸗ 3 ———————— - 215— niers koͤnne auch Euch in Verlegenheit bringen, eilte ſofort nach Lathom, um Eurem Vater von Allem Kunde zu geben.“ „Er machte einen vergeblichen Wegz; der Graf von Derby wußte alles ſchon zuvor,“ bemerkte der junge Krieger, mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln. „Er wußte nicht, daß irgend Jemand von dem ſpaniſchen Schiffe ſich gerettet baͤden⸗ ent⸗ gegnete Margarethe. „Gleichviel,“ verſetzte Stanley,„ wie aber konnte das Erſcheinen der beiden Fremden Euch zu der Vermuthung fuͤhren, daß ich Geſchaͤfte bei dem Ritter von Haddon haͤtte? m „Mein Vater,“ ſprach die Jungfrau,„ließ in Gegenwart Eures Bruders einige bedeutende Worte fallen, noch bevor wir Haddon verließen. Er wußte es, daß Ihr nach England kommen wuͤrdet, er wußte es, fruͤher als Euer eigener Va⸗ ter.— Dieſer drang in uns recht bald nach Had⸗ don zuruͤckzukehren, um den Meinigen vor dem verraͤtheriſchen Unternehmen zu warnen, in welches Ihr ihn zu locken ſucht. Ich bin nur ein Maͤd⸗ -— 2466— chen, aber ich habe ein maͤnnliches Herz,“ fuhr ſie lebhafter fort,„ich weiß um Euer Geheimniß, und rathe Euch, gebt Euer verbrecheriſches Unter⸗ nehmen auf— wo nicht, ſoll die Koͤnigin alles erfahren; nehmt Euch in Acht, ich hule ein wach⸗ ſames Auge auf Euch.“. Miit dieſen Worten wandte ſie ſich von ihm ab; der Verraͤther aber hielt ſie zuruͤck, und ſprach,— denn er war, da er ſie auf dem Thurme— mit Lady Dorothee geſehen, uͤberzeugt, daß ſie um die Liebſchaft ihrer Schweſter mit dem Abentheurer wiſſe,— mit einem boshaften Laͤcheln:„Sind Euch die Geheimniſſe Eurer Freunde lieb, reizende Jungfrau, ſo draͤngt Euch ja nicht in die Mei⸗ nigen. Daß ich als Hochverraͤther befunden wur⸗ de, koͤnnte Euch nur e henig nuͤtzen, daß aber die ſchoͤne Dorothee— „Was ſagt Ihr?“ unterbrach ihn Marga⸗ rethe von maͤchtiger Angſt ergriffen. „Eine Buhlſchaft mit einem Buben unter⸗ haͤlt, den ich noch heute niedergeſtoßen haben wuͤrde, haͤtte er den Muth gehabt, mir entgegen zu tre⸗ ————— ' ” - 217— ten,“ fuhr der junge Krieger entſchloſſen fort, uͤberzeugt, die rechte Salts beruͤhrt zu haben. m„Ihr ſeyd ein—⸗ „Ein Teufel, wollt Ihr ſagen, 44 ſie Eduard Stanley ein.„Immerhin, aber ich bin auch der Herr Eurer Geheimniſſe, ich weiß Alles.“ Lady Margarethe bebte bei dieſen Worten zu⸗ ſammen, und vermochte auf den Elenden nur mit Entſetzen zu blicken.„Boͤſewicht!“ ſtammelte ſie endlich. „Bin ich ein Boͤſewicht,“ fluͤſterte Eduard Stanley,„bin ich wenigſtens ein kuͤhner Boͤſe⸗ wicht. Wenn uͤbrigens nicht Friede zwiſchen uns bleibt, iſt es Eure Schuld, und nicht die Meine; verſprecht Ihr mir, Eurem Vater keine Grillen in den Kopf zu ſetzen, ſo will auch ich reinen Mund halten.“ „Ich verſpreche nichts,“ erwiederte Margarethe. „Wie es Euch beliebt,“ entgegnete der Ver⸗ raͤther, und ſich von ihr wendend, trat er zu ih⸗ rem Vater, der ſich in einiger Entfernung mit dem Sir Thomas beſprach. — 218— „Was habt Ihr und die Margarethe denn ſo lange mit einander zu ſchwatzen gehabt?“ fragte der Schloßherr;„waͤre die Dirne meine Braut,“ fuhr er dann ſcherzend zu ſeinem kuͤnftigen Eidam gewandt, fort,„ich wuͤrde es nicht dulden, daß der junge Sauſewind ſich ſo viel mit ihr zu thun mache.“ „Er hat nichts von mir zu befuͤrchten,“ ver⸗ ſetzte Eduard Stanley,„ich bin eben nicht aus verliebtem Stoffe geformt, und kann zwei ſchoͤnen Augen ſchon Widerſtand leiſten.“ So ſprechend, erfaßte er den Arm des Rit⸗ ters von Haddon, und voran ſchritt er mit ihm, von den Uebrigen gefolgt, denn die Stunde des Abendeſſens war gekommen, der Halle zu, wobei er dem Schloßherrn leiſe berichtete, welche Kunde er den beiden Fremden geſandt haͤtte, und ihn bat, mit ihm gemeinſchaftlich auf dem Thurme ihrer Ankunft entgegen zu harren. 1 14. Um ſich jeder Beobachtung zu entziehen, bega⸗ ben ſich Sir George Vernon und Eduard Stan⸗ ley nach eingenommener Abendmahlzeit auf ihre Zimmer, wo ſie ſo lange blieben, bis ſie hoffen konnten, daß ſich die uͤbrigen Bewohner des Schloſſes zur Ruhe gelegt haben wuͤrden. Sir George verließ endlich zuerſt ſein Gemach; von dem Schimmer des Mondes geleuchtet, der ſein Silberlicht durch jede Fenſteroͤffnung in das Schloß ſenkte, ſchritt er zu dem Zimmer des jungen Empoͤrers hinan, den er ſchon ſeiner aͤngſtlich harrend, fand. Er gab ihm ein Zei⸗ chen ihm zu folgen, und ging nun voran, durch mehrere jetzt unbewohnte Gemaͤcher, bis ſie zu einer Windeltreppe gelangten, die ſie hinauf zu — 220— dem Thurme fuͤhrte. Sie ſtanden nun hoch ge⸗ nug, um in einer Entfernung von zweihundert Schritten Alles außerhalb des Schloſſes uͤber⸗ ſchauen zu koͤnnen, weiterhin draͤngten ſich die Baͤume zu einem dichten Gebuͤſche zuſammen. Kaum hatte der Schloßherr, um ſich aus⸗ zuruhen, auf einem hervorſpringenden Gemaͤuer Platz genommen, der junge Krieger aber ſich, durch die Bruſtwehr vor jedem Blicke verborgen, neben ihn geſtellt, als ſie ploͤtzlich die Toͤne eines muſikaliſchen Inſtruments vernahmen, welches von Jemand der unten an der Mauer ſtehen mußte, geſpielt zu werden ſchien. Sir George wollte ſich von ſeinem Sitze erheben und uͤber die Bruſtwehr hinſehen, Eduard Stanley aber hielt ihn zuruͤck;„wartet noch ein wenig,“ fluͤſterte er,„man bringt uns eine Serenade.“ 8 „Es iſt vielleicht Euer Bruder, der ſein Fenſter geoͤffnet hat,“ verſetzte der Ritter leiſe. „Ich glaube, nein, doch gebt nur Acht.“ Eine harmoniereiche Melodie ward jetzt vor⸗ getragen, noch einmal wiederholt, und dann, von = 224— der Laute nur leiſe begleitet, ein liebeathmendes Lied von einer herrlichen Tenorſtimme geſungen. „Das iſt nicht mein Bruder,“ ſprach, als der Geſang geendet, Eduard, den Schloßherrn mit einem argliſtigen Laͤcheln betrachtend. „Auch Sir Simon Deyge iſt es nicht— noch iſt es ſonſt Jemand aus meinem Sauſs,/ 4 verſetzte der Ritter von Haddon. „Ich fuͤrchte,“, nahm jetzt der Verraͤther, die Hand ſeines Gefaͤhrten erfaſſend, das Wort, nich fuͤrchte, Ihr werdet. thhintergangen, es iſt bis Stimme des Abentheurers.“ 9 „Was, des Abentheurersà”“ fragte der Schloßherr,„nein, bei, meiner Seele! das kann, das will ich nicht glauben.“ r „Ich moͤchte auch gern vauaß zweifeln, faber ich kenne die Stimme nur zu gut,“ erwiederte Eduard Stanley.„Doch nur ruhig, wir wer⸗ den ſchon mehr hoͤren und Ueberzeugung ge⸗ winnen.“ i Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als auch wirklich in einem nach dem Park hinaus⸗ — 222— gehenden Gemache ein Fenſter gesffnet ward; in welchem Zimmer dies aber geſchah, konnten ſie nicht entſcheiden, da jener Theil des Hauſes ſich vor dem Thurme, auf dem ſie ſtanden, weit hin⸗ aus dehnte. Aus dem geoffneten Fenſter erklan⸗ gen aber gleich darauf die Toͤne einer Laute, und faſt in demſelben Augenblicke trat der Abentheu⸗ rer aus dern Gebuͤſche, welches ihn bisher ver⸗ borgen gehalten hatte. Sir George drannte vor Wuth, und kaum gelang es Eduard Stanley, ihn zu verhindern, ſeine Fluͤche von oben hit auf den Fremden zu donnern. „Ruhig,“ bat Stanley,— if uns guͤnſtig, wir kommen ſo endlich dem Ver⸗ rathe auf die Spur, es gilt hier meine Ehre, wie die Eure; aber ſeyd ruhig und kaltbluͤtig.“ „Kaltbluͤtig— kaltbluͤtig!“ wiederholte Sir George,„ich, den die Flamme des Zorns ver⸗ zehrt!— Mich, mich wagt man es, ſo zu hin⸗ tergehen? Mich,— mich, den Koͤnig des Ge⸗ birges!“ „Geduld nur, Geduld nur,“ beruhigte der —- 228— junge Krieger, welcher befuͤrchtete, die Heftigkeit des Ritters koͤnne eine zu frühe Entdeckung her⸗ beifuͤhren;„ich gebe Euch mein Wort, der Elende ſoll von meiner Hand fallen!— Zum Lohne fuͤr dieſe That verlange ich nur Euer Verſprechen, die Hand der romanhaften Dorothee ohne weitere Umſtaͤnde in die meine legen zu wol⸗ len. Ich haſſe, wie Ihr wißt, jede langwierige Bewerbung, aber ich will ſie mit meinem Schwerte verdienen.“ 2intn no⸗ N „Wollt Ihr ſe jest noch zur auane⸗ fragte der Schloßherr. „ Ei, mit Freuden!“ zentgegnete Stanley, „hat ſie der Bube gleich ezu einer geheimen Un⸗ terredung verfuͤhrt, will ich doch fuͤr ihre Ehre und Tugend jeden Kampf beſtehen, denn das Blut der Vernon's fließt in ihren Adern.“ „Fluch, Fluch uͤber den Verfuͤhrer!“ f Sir George. „Ruhig, ruhig jetzt, ſie ſprechen mit einan⸗ der,“ unterbrach ihn Stanley, indem er ſich etwas uͤber die Bruſtwehr hinausbog. Die Liebenden wurden von dem vorſpringen⸗ den Gebaͤude vor ſeinen Blicken verborgen gehal⸗ ten, ihre Stimmen aber tertoͤnten vernehmbar durch die Nacht zu ihm herauf. Waͤhrend Eduard Stanley bemuͤht geweſen war, den Schloßherrn einigermaßen zu beruhigen, waren bereits mehrere Worte des liebenden Paars von den Lauſchern ungehoͤrt verklungen, deuklich aber vernahmen ſie jetzt die Stimme der ſinnenden Dorothee, deren Aeußerungen von inniger 3uneigung zu dem Aben⸗ theurer zeugten. Ghott 182 27 67 1992 „Du wirſt krank werden, mein Theurer,“ ſprach ſie in einem zaͤrtlichen Tone,„die Nacht⸗ luft, die feuchten Nebel werden Deiner Geſund⸗ heit ſchaden. Obgleich der Mond hell ſcheint, kann ich doch keine e Nätſhe au Deiner⸗ Wunn ger wahren.“”) 0 ee 345 „Wollte Gott, mein Leben Du waͤreſt 8 gluͤcklich und ungefaͤhrdet als ich geſund bin,* entgegnete der Fremde.„Wie koͤnnte ich Nacht: luft, wie Nebel ſcheuen um Dich zu ſehen?““ „Doch bin ich fortwaͤhrend fuͤr Dich be⸗ ſorgt, Du Theurer,“ ſeufzte Dorothee.„Du wuͤrdeſt wohl thun, dieſe Gegend zu meiden, und gluͤcklichere Zeiten abzuwarten.““ tts „Wie kann ich mir gluͤcklichere Zeiten den⸗ 8 ken? Sehe ich Dich nicht, leuchten mir nicht Deine Augen liebevoll? Hoͤre ich nicht Deine theure Stimme zaͤrtlich fluͤſternd zu mir hernie⸗ dertoͤnen? Folge ich nicht Deinen Schritten bei Tage? Schwebt mir nicht Dein theures Bild im Traume vor?— Ja, beim Himmel, Fortuna hat in ihrer Urne kein groͤßeres Loos, als mir zu Theile geworden.“ „Dein kuͤhner Muth, ich weiß es, trotzt jeder Gefahr,“ entgegnete die Liebende;„ach, Du kennſt die Strenge meines Vaters nicht! mein Herz bebt vor Schrecken, wenn ich daran denke, daß Du als ein Opfer ſeines Zorns fal⸗ len koͤnnteſt. Du biſt mit Menſchen umgeben, die Dein Leben fuͤr Gold verkaufen wuͤrden, wenn mein Vater es geboͤte, den ſchon der Gedanke, daß Du ſeiner Rache zu trotzen wagteſt, zur Wuth treiben wuͤrde. Fliehe, fliehe daher, mein II. Band. 15 — 226— Geliebter, ich werde zufriedner ſeyn, weiß ich Dich in Sicherheit; koͤnnten Dich dann gleich meine Augen nicht ſchauen.“ „Nein, nein, ich kann nicht leben, ohne Dich zu ſehen,“ ſprach der Fremde mit tief be⸗ wegter Stimme,„Deine Blicke nur hauchen mir Lebensathem ein— fern von Dir, wuͤrde ich relend dahin welken. Begehre daher nicht von mir, Dich, Theurel zu verlaſſen; eher wuͤrde die Sonne von dem Himmel ſcheiden! Du meinſt, es drohe mir Gefahr? Ich bin gegen jede Gefahr gewaffnet, ſo lange Du mir laͤchelſt, ſo lange Du athmeſt. Was kann ich fuͤrchten, als Dich zu verlieren!— Dein Vater hat ein edles Herz, und wenn er gleich unſerer Liebe zuͤrnt, wird er mir doch Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.“ „Er kennt Dich nicht,“ entgegnete Dorothee, „ihm biſt Du nur ein namenloſer Abentheurer— doch blieb Dir das Schlimmſte noch unbekannt— Seitdem wir uns zum Letztenmale ſahen, gebot mir mein Vater einem Andern meine Hand zu reichen.“ — — 227— „Einem Andern,“ ſtammelte maͤchtig er⸗ ſchuͤttert der Fremde,—„ohne Zweifel dem wil⸗ den Krieger, Eduard Stanley.“ „Eben dem,“ erwiederte ſeine Geliebte,— nich hoͤre Du kennſt ihn,— ja, ja, er iſt wild— wild und blutduͤrſtig wie der Tiger im Walde, aber er iſt auch giftig und heuchleriſch, wie die Schlange.— Ich beſchwoͤre Dich, nimm Dich vor ihm in Acht, wenn Dir meine Ruhe lieb iſt.“ „Sey unbeſorgt, theure Dorothee,“ ver⸗ ſetzte der Abentheurer,„laß das Bild dieſes boͤ⸗ ſen Daͤmons Deinen Frieden nicht truͤben; Dein Vater iſt zwar heftig, aber er iſt Vater, und wird Deiner Neigung keinen Zwang anthun.— Aber weshalb giebſt Du nicht meinen Bitten Ge⸗ hoͤr? Du brauchſt Dich ja nur mir in die Arme zu werfen, und alle Gefahr iſt voruͤber.“ „Schweig davon, Du Theurer!“ gebot die ſittige Jungfrau.„Ich liebe Dich mehr, als es Worte auszuſprechen vermoͤgen, ich erroͤthe nicht, dies zu bekennen, denn Du biſt meiner Liebe wuͤrdig; aber obgleich Du in meiner Seele ein⸗ — 228— gewebt biſt, obgleich ein Leben ohne Dich mir qualvolle Marter ſeyn wuͤrde,— werde ich doch nie meine Ehre— nie die Ehre meines Vaters dadurch beflecken, daß ich ſein Haus heimlich ver⸗ ließe.— Wir muͤſſen Geduld haben und auf beſſere Zeiten hoffen.— Kehre zuruͤck in die Welt, in das geſellige Leben— laß uns alles von der Hand der Vorſehung und der Guͤte mei⸗ nes Vaters erwarten.“ „Wird er je ſeine Einwilligung geben?“. fragte der Fremde,„wird ihn nicht ſchon die Verſchiedenheit unſers Glaubens abhalten, unſere Haͤnde in einander zu legen? Wird er ſeine Tochter je einem Manne geben, den er Ketzer nennt?“ 3 1 „Nie, nie, nimmermehr!“ donnerte der alte Ritter jetzt ploͤtzlich mit lauter Stimme vom Thurme herab.— Die beiden Liebenden ſtan⸗ den von Entſetzen erfaßt, regungsvoll da; Do⸗ rothee glaubte anfangs einen uͤberirdiſchen Ton vernommen zu haben, bald aber ward es ihr klar, daß es die Stimme ihres Vaters geweſen — 229— ſey, und ſie hielt ſich jetzt uͤberzeugt, daß ihre ganze Unterredung mit ihrem Geliebten belauſcht worden ſey. Nur auf die Rettung des letztern bedacht, rief ſie demnach:„fliehe, fliehe, verliere keinen Augenblick,— fort,— fort, in den Wald, wir ſind entdeckt,— verloren!“ „Ich fliehe nicht ohne Dich,“ entgegnete der Fremde entſchloſſen;„komm herab in meine Arme, theure Dorothee, jetzt iſt keine Zeit zu maͤdchenhafter Schuͤchternheit— herunter, herun⸗ ter, fliehe mit mir,— ſie ſollen mich in Stuͤcke hauen, bevor ich ohne Dich von dieſer Staͤtte weiche.“ „Um meinetwillen— um des Himmelswil⸗ len— beſchwoͤre ich Dich, fliehe allein,— wir ſind ſonſt beide verloren.“ „Ohne Dich weiche ich keinen Fuß breit von hinnen,“ wiederholte der Abentheurer, und ſein Schwert flog aus der Scheide;„moͤge der buͤbi⸗ ſche Eduard nur kommen, er hat mich zum Kampfe gefordert, jetzt ſtehe ich da, bereit ihm entgegenzutreten.“ — 230— Dorothee ſchwankte, aber nur einen Augen⸗ blick lang, denn die Angſt, ihren Geliebten un⸗ ter den Streichen ſeiner Feinde fallen zu ſehen, kaͤmpfte bei ihr jedes andere Gefuͤhl nieder.„Ich komme,— ich komme,“ ſtammelte ſie, und ſchon hatte ſie den Fuß gehoben, ſchon das Gelaͤnder umfaßt, um ſich hinaus aus dem Fenſter in die Arme des Theuren zu ſchwingen, als ſie ſich ploͤtz⸗ lich von hinten an ihrem Gewande gehalten fuͤhlte. Sie wandte ſich, und ſank ohnmaͤchtig— in die Arme ihres Vaters. 3 Unterdeſſen war Stanley unten angelangt, und mit dem Schwerte in der Hand drang er auf den Abentheurer ein, ein heftiger Zweikampf begann, und ſchon hatte der Fremde eine tiefe Wunde von ſeinem Gegner empfangen, ſchon war dieſer ſeines Sieges gewiß, bereit, dem vom Blutverluſte Erſchoͤpften das Schwert in die Bruſt zu bohren, als er ſich ploͤtzlich am Arme ge⸗ halten fuͤhlte,— er vernahm einen gellenden Schrei— und vor ſich ſah er die im bleichen — —— — Lichte des Mondes noch furchtbarer erſcheinenden haͤßlichen Geſichtszuͤge der Huͤttenbewohnerin. „Was ſuchſt Du hier, alte Hexe?“ don⸗ nerte der junge Krieger,„wie magſt Du es wa⸗ gen, meiner Rache in den Weg zu treten? Zuruͤck von mir, oder ich ſchicke Dich zur Hoͤlle!“ „Ich laſſe Euch nicht,“ kreiſchte Onshaw's Weib,„vergießt mein Blut immerhin, wenn Ihr Luſt habt, es komme dann uͤber Euch!— Aber Hand ſollt Ihr nicht legen an den edlen jungen Mann.— Zuruͤck von ihm alſo!“ „Zur Hoͤlle mit Dir!“ ſchrie Eduard Stan⸗ ley, indem er mit ſeinem Schwerte einen gewal⸗ tigen Streich nach der Sprecherin fuͤhrte, dieſe aber zog raſch einen ſtarken Baumaſt, den ſie bisher verborgen gehalten hatte, hervor, und fing damit den Hieb auf; ſo daß der Abentheurer Zeit gewann, ſeine ganze Kraft zuſammen zu nehmen; er ſtuͤrzte ſich auf ſeinen uͤberraſchten Gegner, entriß der Alten die ſchwere hoͤlzerne Waffe, und fuͤhrte damit einen ſo furchtbaren - 232— 2las nach dem Haupte Eduard Skanley 8, daß dieſer wie todt zu Boden ſank. 1 Kaum hatte er dieſe That vollbracht, als in auch ſchon Onshaw's Weib beim Arme er⸗ faßte und ihn mit ſich in den Wald zgg. ) Ende des zweiten Bandes.— —— —y ffffſſſſnſſ 8 9 I 11nnnmmim 10 11 3 14 15 1 12 1 6 17 18 1 1