Leih hek er, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 Leih- und Teſebedingungen. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und .. 5 für chehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Sf. 2 Nr. Pf. „„ 5„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der kadenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ eelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.— en Em p Hiſtoriſcher Roman, nach dem Verfaſſer des Cavaliers und Malpas Erſter Band. Braunſchweig, 1824. b ei G. C. E. Meyer. ———— 1. In den erſten Regierungsjahren der Koͤnigin Eliſabeth, war die Stadt Liverpool oder Lever⸗ poole, wie damals geſchrieben ward, noch voͤllig im Entſtehen, und nichts verkuͤndete die Groͤße, die ſie ſpaͤterhin erreichen ſollte. Kein prachtvol⸗ ler Damm ſtreckte, wie jetzt, ſeine maͤchtige Bruſt, wie ein Bollwerk, den Meereswogen entgegen; keine geraͤumigen Schiffswerfte mit Flaggen on allen Weltgegenden angefuͤllt, waren zu jener 3 dort zu erſchauen; keine regelmaͤßigen Plaͤtze, keine breiten geraden Straßen machten damals, wie jetzt, denen der Hauptſtadt den Rang ſtreitig; alle dieſe Einrichtungen und Verſchoͤnerungen ſollten I. Band. 1 — 2— zu Liverpool einer ſpaͤtern Zeit vorbehalten blei⸗ ben. Nur eine einzige Kapelle, die von St. Ni⸗ colaus, ſtand damals dort, wo ſich jetzt zahlreiche Gottestempel von griechiſcher und gothiſcher Bauart majeſtaͤtiſch erheben. Statt dieſer heiligen Ge⸗ baͤude ſah man nur die ſchwarzen Thuͤrme des Schloſſes, und die noch weit rieſigern der Veſte des Grafen von Derby, welche mit dem Ueber⸗ muthe eines ariſtokratiſchen Stolzes auf die nie⸗ dern Huͤtten unter ſich hinabſchauten. Das Schloß, welches der Sitte jener Zeit gemaͤß, durch Wall und Graben befeſtigt war, ward von einem Sir Walter Molineup, der es rechtmaͤßig ererbt hatte, bewohnt; und war in der Mitte der kleinen Stadt gelegen, ſo als ob es dieſe, nach allen Seiten hin, zu beherrſchen be⸗ ſtimmt y. Die Veſte*) des Grafen von Derby aber lag dem Fluſſe naͤher, deſſen Wellen bei *) Sie ward erſt in den letzten fuͤnf Jahren nie⸗ dergeriſſen, nachdem ſie eine zeitlang als Ge⸗ faͤngniß gedient hatte. — 3— ſtuͤrmiſchen Wetter hoch hinauf bis an das Ge⸗ maͤuer wogten; jedesmal aber zur Fluthzeit den Schloßhof dergeſtalt mit Waſſer fuͤllten, daß Boͤte und kleine Fahrzeuge hineinzurudern ver⸗ mogten. Dieſe Veſte war ein Lieblingsaufenthalt des Grafen Eduard von Derby, eines Edelmannes, beruͤhmt unter den Regierungen Heinrichs des Achten und ſeiner Kinder, wegen ſeines kraͤftigen Sinnes, ſeiner Wohlthaͤtigkeit und ſeiner Gaſt⸗ freiheit. Er war ſo großmuͤthig, daß die Koͤni⸗ gin von ihm zu ſagen pflegte: er mache durch ſeine Freigebigkeit Jedermann zu einem Bettler, und ſo gaſtfrei, daß ſein Haus, obgleich er es ſich zum Geſetze gemacht hatte, Niemand einzu⸗ laden, dennoch ſtets mit Freunden und Bekann⸗ ten angefuͤllt war; und Camden, ruͤckſichtlich ſei⸗ ner, bemerkte: daß die Gaſtfreiheit mit ihm begra⸗ ben worden ſey. Dafuͤr aber war er auch in Lancashire und Cheſhire ſo ſehr beliebt, daß be⸗ hauptet wurde, er haͤtte in einem Tage mehr als zwanzigtauſend Mann zu ſeinem Banner zu zie⸗ —= — — ———— — 4— hen vermogt; eine Popularitaͤt, welche in den Haͤnden eines weniger rechtlich geſinnten Mannes dem Staate leicht haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen, zumal wenn man bedenkt, daß Eliſabeths Rechte auf die Krone eine zeitlang in Zweifel gezogen wurden, und daß der Graf keine ganz zu verwer⸗ fenden Anſpruͤche darauf hatte, falls Enſabeth entthront werden ſollte. Aber der Graf von Derby war weit davon entfernt, den Ehrenruf den er ſich erworben, und den Character den er in der Welt behauptete, aufs Spiel zu ſetzen, um vielleicht einen Rang zu erwerben, der, ſelbſt wenn ein gluͤcklicher Er⸗ folg ſein Streben kroͤnen ſollte, die Achtung und Liebe ſeiner Freunde und Zeitgenoſſen nicht ver⸗ mehren konnten Auch ſcheint es in der That, als habe Eliſabeth in keinen ihrer Unterthanen ein groͤßeres Vertrauen geſetzt, als in den Gra⸗ fen von Derbyz, denn obgleich er ein Mitglied des geheimen Raths ihrer Schweſter Marie gewe⸗ ſen war, und ob er auch fortfuhr jener Religion anzuhaͤngen, welche die Koͤnigin haßte, war doch — 5— der Begriff, den man von ſeiner Rechtlichkeit und von ſeinem Eifer fuͤr das allgemeine Beſte hegte, ſo groß, daß er ſeine Stelle im Geheimenrathe behielt, und ſich bis zu ſeinem Tode der Hoch⸗ achtung und Freundſchaft ſeiner Monarchin er⸗ freuete. Er lebte uͤbrigens in großer Pracht bald hie bald da auf ſeinen verſchiedenen Beſitzungen, unabhaͤngig vom Hofe, ſo daß dieſer im Grunde ſeiner mehr, als er Eliſabeths Gunſt bedurfte. Zu der Zeit, in welcher dieſe unſere Ge⸗ ſchichte beginnt, war der Graf zwiſchen funfzig und ſechszig Jahre alt, und ſchon zum dritten⸗ male verheirathet. Von ſeinen beiden erſten Gat⸗ tinnen hatte er eine zahlreiche Familie, die dritte aber, welche noch lebte, und ſich Mary nannte, hatte ihm keine Kinder geſchenkt. Henry und Eduard Stanley, ſein Erſt⸗ und Juͤngſtgeborner, waren ſchon laͤnger abweſend, und auch Thomas Stanley ſein zweiter Sohn, hatte vor kurzem den Familienſitz zu Lathom verlaſſen, um an einer großen Feſtlichkeit Theil zu nehmen, welche zu Haddon in Derbyſhire bei dem Sir George Ver⸗ ——ÿüÿ ÿäõ⅓⁶ouÿmʒ ———— ———õ— — 6— non ſtatt finden ſollte. Der Graf von Derby ſelbſt wollte gerade um dieſe Zeit die Inſel Man, die ihm gehoͤrte, beſuchen, und hatte ſich zu dem Ende von Lathom nach ſeiner bei Liverpool gele⸗ genen Veſte begeben, um ſich dort einzuſchiffen. An dem Tage, an dem er dort anlangte, war die Hitze ſo groß, daß weder Menſchen noch Thiere es in der Mittagsſonne aushalten konnten, gegen Abend aber erhob ſich von Weſten her ein ſanfter Wind, und ſpendete der brennenden Erde erfriſchende Kuͤhlung. So wie die Sonne immer mehr und mehr hinabſank, begann es ſtaͤrker und ſtaͤrker zu wehen, und die ſchaͤumenden Wellen kraͤuſelten ſich an dem Gemaͤuer empor. Um neun Uhr toͤnte, der Sitte jener alten guten Zeit gemaͤß, eine Glocke vom Schloſſe her, verkuͤn⸗ dend, daß es jetzt Zeit ſey, ſich zur Ruhe zu be⸗ geben, worauf das Thor geſchloſſen und die Wache ausgeſtellt ward, waͤhrend ein Strandvoigt mit einer kleinen Schaar am Ufer die Patroullle machte. Herr Smalley, der Strandvoigt, war, wie — 7— Leute ſeines Standes zu ſeyn pflegen, zwar auf ſeine Wuͤrde etwas eingebildet, im uͤbrigen aber ein gutmuͤthiger Mann, dabei etwas ſchuͤchtern nachgiebig, und alſo auch unentſchloſſen. Er war von kleiner Statur und ziemlich engbruͤſtig; ſeine Augen ſchienen ihm in den Kopf hineinge⸗ ſchoſſen zu ſeyn, ſo tief lagen ſie in ihren Hoͤhlen. Nachdem er mit aͤngſtlicher Sorgfalt den kleinen Hafen durchſucht hatte, der damals nur fuͤnf bis ſechs Schiffen Raum zu gewaͤhren ver⸗ mochte, ſtellte das geſchaͤftige Maͤnnchen ſeine Wachen aus, und ſchritt dann, nur von einem einzigen ſeiner Unterbeamten begleitet, am Ufer auf und ab, um die Kuͤhle des Abends zu genie⸗ ßen. Die Bewohner der Stadt hatten ſich unter⸗ deſſen faſt ſaͤmmtlich zur Ruhe begeben, und nur wenige von ihnen waren jetzt in der Naͤhe des Hafens zu ſchauen, diejenigen ausgenommen, die der Seefahrt oblagen. Auf der im Schimmer des aufgehenden Mondes zitternden Oberflaͤche des Fluſſes war ebenfalls nichts zu gewahren, als ein Paar Fiſcherboͤte, deren Eigenthuͤmer ihre Netze auswarfen, um ihr und der Ihrigen armſeliges Leben zu friſten. Statt des, den jetzigen Einwohnern Liverpools wohlbekannten To⸗ nes der Schiffsglocken, vernahm man nichts, als den heiſern Geſang der Fiſcher, der von dem Winde heruͤber an das Ufer getragen wurde. Als der Mond weiter herauf geſtiegen war, ward das jenſeitige Ufer von Cheſhire mit ſeinen Huͤgeln und dem alten Kloſter von Berkenhead ſichtbar, waͤhrend die Berge von Cambrja, wie Oſſianſche Geiſter ſich in der Ferne in Nebel ge⸗ huͤllt erhoben. Auf einer Erhoͤhung war ein Feuerbecken aufgeſtellt, deſſen Licht den Schiffer durch die Sandbaͤnke und Untiefen des Fluſſes fuͤhrte; heute aber verloſch in dem Silberglanze des hellleuchtenden Mondes der roͤthliche Schein der Flamme zu einem bleichen kaum bemerkbaren Schimmer. Nachdem der Strandvoigt ſich, wie er glaubte, genugſam abgekuͤhlt hatte, war er ſo eben im Begriffe ſich vom Ufer wieder hinweg zu begeben, als er ploͤtzlich fernhin auf dem Fluſſe ——— ———— 5 einen großen, dunkeln, heranſchwebenden Gegenſtand gewahrte. Er blickte eine ganze Weile hin, mit der einen Hand ſeine Augen beſchattend, mit der andern aber ſein Wamms zuſammenhaltend, da⸗ mit der ſtaͤrker gewordene Wind ſeiner ohnehin ſchwachen Bruſt nicht ſchade. Ploͤtzlich rief er: „So wahr ich ein guter Proteſtant und Feind des Papſtthums bin, das Ding, das da heran⸗ ſchwimmt, iſt ein ungeheurer Wallfiſch.“ „Ein Wallfiſch? was ſchwatzt Ihr da, Herr Strandvoigt?“ rief ein Matroſe der am Ufer zu thun hatte;„ein Wallfiſch, hier im Fluſſe? Ein Boot iſt's mit vollem Segel, es kommt herauf, da ſchauet's, da biegt's hinein in die Garſton Bay.“. „Woher mag das kommen?“ freagte der Strandvoigt.„Wenn es nur kein ſpaniſcher Kreuzer iſt; lange zwar haben ſich die Geſellen ruhig verhalten, aber man kann doch nicht wiſſen, man muß auf ſeiner Huth ſeyn. Wir wollen Laͤrm machen; Heda, Wachen! aufgepaßt!“ „Ein ſpaniſcher Kreuzer!“ verſetzte der Ma⸗ —— troſe laut auflachend,„warum nicht gar! Haͤttet Ihr je in Eurem Leben nur einmal einen ordent⸗ lichen Segler geſchauet, Ihr wuͤrdet dergleichen nicht ſchwatzen. Seht nur recht hin, Strandvoigt, es iſt ja nur ein kleines Ding von einer Pinaſſe.“ „Das iſt mir recht herzlich lieb,“ rief der Strandvoigt, tief Athen holend;„verdammt. kalt,“ fuͤgte er hinzu,„es weht ein recht ſchar⸗ fer Oſtwind.“ 4 „Weſtwind, wollt Ihr ſagen,“ verbeſſerte der Seemann,„Weſtwind, wie je einer ein t Schiff in den Hafen blies, aber ich hielt Euch fuͤr einen muthigern Mann, Ihr ſeyd ſo er⸗ ſchrocken.“ „Nicht ein Bischen,“ verſicherte der Strand⸗ voigt,„nicht ein Bischen; ſo wahr ich ein Beam⸗ 44¼ ter unſerer glorreichen Koͤnigin bin, man ſtelle mich nur dem Feinde gegenuͤber und man ſoll ſehn.“ „Nun, da koͤnnt Ihr vielleicht bald einne Beweis Eures Muths ablegen,“ lachte der Ma⸗ 9 troſe,„ſchauet hin, ſie kommen immer naͤher.“ Der Strandvoigt blickte nicht ohne Verwir⸗ — 11— rung auf das Boot, welches ſich ihnen jetzt im⸗ mer deutlicher und deutlicher zeigte. Mehreremale ſchon hatte er dem Fluſſe den Nuͤcken gewandt, in der Abſicht ſich durch einen klugen Ruͤckzug in Sicherheit zu bringen; aber Schaam, oder viel⸗ leicht auch Neugierde, waren in dieſem Augen⸗ blicke ſtaͤrker, als ſeine Furcht, und ſo nahm er ſeinen fruͤheren Standpunkt ſtets wieder ein. Im⸗ mer naͤher und naͤher kam unterdeſſen das kleine Schiff, und endlich machte es Anſtalt in den Hafen einzulaufen. „Da kommen ſie heran, ſo als ob alle Teufel in die Segel blieſen,“ rief der Matroſe; „Halloh, Strandvoigt! wo ſind Eure Wachen, der Feind iſt da! Ruft ſie herbei, die Spanier landen!“ 2 „Spaßvogel!“ entgegnete der Beamte in einem noch immer aͤngſtlichen Tone, indem er ſich auf ſeine Zehen erhob, um recht genau hin zu ſchauen. Ploͤtzlich aber rief er freudig:„mein Seel, das iſt ja des Grafen von Derby's Flagge. Ja, ja, das iſt ſeine Pinaſſe, macht Platz, — 12— Platz, daß ſie ankern koͤnnen; moͤglich, daß es„ Sir Thomas waͤre.“ ta. eiltad atn So wie das Boot dem Ufer naͤher kam, hoͤrten Herr Smalley und ſeine Gefaͤhrten deut⸗ lich, wie die Mannſchaft mit rauhen Kehlen ein ihnen gar wohl bekanntes Seemannslied ſang, und erfreuet, von der Beſorgniß, einen Kampf mit den Spaniern beſtehen zu muͤſſen, befreiet zu ſeyn, ſtimmte der Strandvoigt von ganzem Her⸗ zen in die Toͤne mit ein, welche von dem Winde uͤber die Wellen zu ihm hergetragen wurden. — 2. Als das Boot dem Landungsplatze nahe genug gekommen war, warf einer der Mannſchaft einen Enterhaken aus, und die, welche am Ufer ſtan⸗ den zogen es nun voͤllig heran. Der Strandveigt und einige Matroſen, begierig die Ankoͤmmlinge zu ſchauen, draͤngten ſich ſo nahe an das Ufer, daß die Fremden kaum Raum hatten ans Land zu ſteigen. Außer den Schiffern befanden ſich in dem Boote noch drei Maͤnnerz zwei derſelben wa⸗ ren von mittlerem Alter und derbem Aeußern, der dritte aber ſchien viel juͤnger, und von hoher und ſchlanker Geſtalt, welche indeß ein blauer militaͤriſcher Mantel verhuͤllte, ſo daß von ihm nichts als das Haupt ſichtbar war, auf dem er eine ſchwarzſammetene, mit einem goldenen Knopfe und einer Feder geſchmuͤckte Muͤtze trug. Rmn Der junge Mann ſprang zuerſt an das Ufer, und ſich raſch durch das Volk draͤngend, welches — 14— ſich unterdeſſen immer mehr und mehr am Strande verſammelte, rannte er in der Eile, zur großen Beluſtigung der Umſtehenden, den Strandvoigt uͤber den Haufen; dieſer aber war daruͤber arg erzuͤrnt, er raffte ſich empor, und rief im heftigen Zorne zu dem jungen Fremden gewandt: „Ein feines Benehmen, mein Seel, gegen einen koͤniglichen Beamten, und zumal von jemand, der wie ein Dieb in der Nacht kommt.“ Unſere Leſer werden leicht begreifen, daß Herr Smalley ſeinen ganzen Muth zuſammen nehmen mußte, um dieſe beleidigenden Worte aus⸗ zuſprechen; auch waren ſie kaum uͤber ſeine Lip⸗ pen gekommen, als er auch ſchon bereuete, was er geſagt hatte, und auf einen ſichern Ruͤckzug bedacht ſchien. Der junge Fremde aber entgeg⸗ nete laͤchelnd: „Beruhige Dich, armer Lazarus! ich werde ein Pflaſter auf Deine Wunden legen, fordere es nur morgen von mit ab; uͤbrigens biſt Du viel zu fett, als daß Dir der Vi hüiten ſchaden koͤnnen!“ — 15— „Was, Herr Eduard Stanley, Ihr ſeyd's!“ rief der Strandvoigt,„Euch, meinen verehrten Herrn, habe ich einen Dieb geſcholten? Ueber meine verwuͤnſchte Zunge! Wir glaubten Euch noch in den Niederlanden.“ 4 „Ihr ſeht jetzt, daß ich in England bin,“ erwiederte Eduard Stanley;„der heiligen Jung⸗ frau ſey gedankt fuͤr die gute Ueberfahrt!“ „Beſſer waͤr's, mit Eurer Erlaubniß, wenn Ihr dem Himmel dafuͤr danktet,“ verbeſſert der proteſtantiſche Strandvoigt. „Schweigt, Unverſchaͤmter!“ rief der Juͤng⸗ ling, ſeine Augen flammten, und die Gluth des Zorns faͤrbte ſeine Wangen. Herr Smalley fuhr zuſammen und zog ſich erſchrocken um einige Schritte zuruͤck. Unterdeſſen hatte einer der Gefaͤhrten des jungen Stanley ebenfalls das Ufer betreten, der zweite aber, der ſeiner Unbehuͤlflichkeit nach zu urtheilen, das Seeleben eben nicht gewohnt ſchien, konnte, da das Boot nicht ganz nahe heran zu bringen war, noch immer nicht heraus gelangen. — 16— „Nur Muth gefaßt,“ rief der Matroſe, der ſich vor ihrer Ankunft mit dem Strandvoigte un⸗ terhalten hatte,„nur Muth gefaßt, ein tuͤchtiger Sprung und Ihr ſeyd heruͤber.. w* f „Langſam, langſam,“ entgegnete der Fremde in einem gutmuͤthigen Tone,„ich bin zu alt und zu ſteif, um einen ſolchen Sprung zu wa⸗ gen, ſeyd ſo gut und leiht mir Eure Hand.. „Da, hier iſt ſie,“ ſprach der Matroſe, und auch Eduaͤrd Suanich reichte dem Prandei die ianide, 1 8 b Nachdem ſo alle gelandet waren, Auderten die e Schiffer mit dem Boote der Veſte des Gra⸗ fen von Derby zu, waͤhrend Eduard Stanley und ſeine beiden Gefaͤhrten ſich zu der Pforte be gaben, und dort heftig anpochten. Der aus ſei⸗ nem Schlafe aufgeſchreckte Thorwaͤrter zeigte ſich innerhalb einer tainan— und fragte wer Einsaß begehre. nli r 3 4 8 d, Aafgemache Staesbrick, 6 bin es,“ erwiederte der junge Mann, u 5 3 „Wie! Ihr ſeyd's, Herr Edaarbe vief der 1 — 17— Thorwaͤrter, indem er die ſchwere Pforte oͤffnete, „Mylord wird ſich uͤber Eure Ankunft wundern.”“ „Iſt mein Vater hier? und ſeit wann?“ faagte Eduard Stanley. „Seit Mittag,“ entgegnete Scaesbrick,„er kam von Lathom, und will nach der Inſel Man.“ „Iſt er noch wach?“ fragte Eduard Stan⸗ ley weiter, aber noch bevor der Thorwaͤrter ihm etwas darauf erwiedern konnte, fuͤgte er hinzu:) „ohne Zweifel hat er ſich noch nicht zur Ruhe begeben, ich weiß ja es iſt ſeine Gewohnheit, bis zehn Uhr oben auf der Gallerie des Thurms um⸗ her zu wandern, und zu ſchauen, wie ſich der Mond in dem Fluſſe ſpiageltz ach aber iſt es kkaum neun Uhr.“ „Eine halbe Stunde drüber,“ verſetzte der Thorwaͤrter,„dennoch aber— Hier wurden ſie von Jemand unterbrochen, eer von der Halle uͤber den Hof hergeſchritten m, und den T porwaͤrter fragte,„wen haſt Du da bei Dir?“ Der Befragte zoͤgerte mit der Ant⸗ ort, da kam jener naͤher und zu den Ankoͤmm⸗ I. Band.. 2 — 18 lingen gewandt, fuhr er fort:„ hierz/ 2. 0s S E. „Wir wuͤnſchen mit dem Grafen zu reden,“ erwiederte Eduard Stanley mit verſtellter Stim⸗s me, indem er ſich noch bichten in ſeen Manet huͤllte..⸗ ma „Der Graf hat Such geſchen,“ war die* Antwort,„aber er wuͤnſcht etwas mehr uͤber Euch zu erfahren, bevor er ſichii in ein 1aGelyruch mit Euch einlaͤßt.“ „Was fuͤrchtet er denn?“ fragte der junge: 4 Mann.„Fuͤrchtet!“ wiederholte der andere, in einem veraͤchtlichen Tone, woher kommt Ihr denn, daß Ihr zu fragen wagt, was ein Stantene 3 2 4 M Ihr 1 fuͤrchte? Noch ein ſolchès Wort, und“ Se griff er mit der Hand nach dem Dolche. „John Demnſton eie Eduard, indem er nur ein, n dnn Bae ich wirſt gebrauchen wollen.„ „ Heilige Maria, Ihr ſends 2* rief Ormſton, zund wer ſind die andern Herrena4 19— ger Freunde,“ entgegnete Eduard nd laßt den Koch ſich ruͤhren, denn wir. ungrig und durſtig.“ 1 fi „Mylord,“ verſetzte der Diener, a, Sat ſch in ſein Betzimmer begeben; er ſah Euch von der erraſſe, wo er wie gewoͤhnlich luſtwandelte, und 4 uͤbertrug mir die Sorge fuͤr Luch, bis er ſeine Andacht verrichtet habe.“ Der Stallmeiſter(denn dies war t Oenſſtonz in des Grafen Dienſten) fuͤhrte jetzt die An⸗ koͤmmlinge in die Halle, und entfernte ſich, um dem Koche und dem Helh ejſtt die noͤthigen Befehle zu geben. 2„Jetzt, frommer Vater, und Ihr ttuferai 1 4 Oberſter,“ rief Eduard Stanley, als er ſich mit 1 ſeinen Gefaͤhrten allein befand,„jetzt kann ich Euch in England willkommen heißen;— veraͤn⸗ dert hat ſich dieſes England zwar, aber es giebt doch auch noch treue Herzen hier, welche, gleich⸗ wie der Mond unwandelbar die alte Bahn ver⸗ folgt, feſt an dem Glauben ihrer Vaͤter haͤngen.“ 1——— den, deſſen Sratecs den Deutſ er „Ihr waͤhlt da ein ſchlechtes Bild, der iſt gar wandelbar, er zeigt ja jeden Aug 1 ein anders Geſicht.“ Und,„heilige Maria!“ ſtimmte der Prieſter bei,„der Mond iſt ja das Sinnbild der Unbe⸗ ſtaͤndigkeit.“ „In England, zumal aber in Lanca hire, fuhr Eduard Stanley, ohne auf dieſe Unterbre⸗ chung zu achten, fort,„giebt es noch Maͤnner, welche entſchloſſen und unerſchuͤttert daſtehen, wie der Felſen im Sturme. Ihr koͤnnt's mir glau⸗ ben, Sparendam,“ fuͤgte er dann zu dem Ober⸗ ſten gewandt, hinzu,„ ich glaube Euch einige Be⸗ weiſe von Muth und Unerſchrockenheit gegeben zu— haben, aber noch ganz andere Maͤnner, als ic einer bin, ſollt Ihr kennen lernen.„ 9 „Ich ſah Euch, Eduard Stanley,“ ver⸗ ſetzte der Oberſt,„dem Tode muthig entgegen gehn; kaum beginnt Euer Bart zu ſprießen, und noch bluͤht Sin. Geſicht, wie das eines Maͤd⸗ chens, dennoch aber ſah ich, der Teufel weiß wie oft, wie Ihr Euch in den Feind ſtuͤrztet, nur mit Eurem Sammtwamms bekleidet, wo es Noth gethan haͤtte ein Panzerhemd anzulegen.“ „ VTollkuͤhnheit, jugendliche Tollkuͤhnheit!“ fiel der Prieſter ein,„eine ſuͤndhafte Verachtung des Lebens, aber das Alter wird Euch ſchon weiſe machen.“ „Nie, nie,“ rief der Deutſche,„wird die Zeit den Adler zaͤhmen, oder den wilden Habicht feſſeln. Kann je der Tiger zahm gemacht wer⸗ den? Nimmermehr, ich waͤre ſonſt laͤngſt ein Moͤnch geworden.“ Der Prieſter, welcher zu dem ſeit kurzem errichteten Orden, die Geſellſchaft Jeſu genannt, gehoͤrte, betrachtete ſeinen Gefaͤhrten einen Augen⸗ blick lang mit unmuthigen Blicken; mit der die⸗ ſer Bruͤderſchaft eigenthuͤmlichen Klugheit aber, verbannte er ſchnell wieder jede Wolke von ſeiner Stirn, und ſich zu dem Oberſten wendend, ſprach er in einem ſanften Tone:„Ich glaube, Oberſt Sparendam, Ihr moͤgt Recht haben; nicht im⸗ — 22— mer macht das Alter wiſſee aber Selbſthahuas ſchung an 1198 2lnt ehaehung wegerhalt⸗ ipst Oberſt, „Eduard Stanley hat nicht mehr Selbſtbeherr⸗ ſchung als der wilde Wolf im Rieſencebiigen ſein Herz gluͤht wie eine Flamme.“ ſ 9 Der Jeſuit ſchuͤttelte das Saupt,⸗ und duicte laͤhelnd auf den jungen Krieger, welcher mit kreuzweis uͤber einander geſchlagenen Armen und ſchlauen Antlitze daſaß, dem Geſpraͤche ſeiner Ge⸗ faͤhrten horchend, welches indeß durch den Ein⸗ tritt Ormſtons unterbrochen ward, dem mehrere Diener folgten, mit einer Menge von Lebensmit⸗ teln beladen, welche hingereicht haben wuͤrde des Oberſten ganzes Regiment zu ſaͤttigen. Eduard Stanley lud ſeine Gefaͤhrten ein, ſich's ſchmecken ——— zu laſſen, und dieſe ließen ſich dazu nicht lange noͤthigen. Ohne zu waͤhlen, und ohne ſich nach einem Meſſer umzuſehn, zog der Oberſt ſeinen Dolch hervor und machte mit demſelben einen derben Angriff auf die vor ihm ſtehende Paſtete, wobei er einen Becher Wein nach dem andern hinuntergoß. Ehuard Stanley verfuhr faſt auf gleiche Weiſe, und nur der Jeſuit ſaß da, Bei⸗ der Appetit mit ſtaunenden Blicken betrachtend. Er aß und trank nur wenig, und als er endlich befuͤrchten mochte, daß die Folgen des unmaͤßigen Trinkens, in der zu erwartenden Unterredung mit dem Grafen von Derby, an ſeinen beiden Ge⸗ faͤhrten ſichtbar werden koͤnnten, bat er dieſe, mit dein Zechen inne zu halten. „Was,“ ſprach er ernſthaft,„wird der Graf von Euch, Oberſt Sparendam, denken, wenn Ihr Euch gleich bei Eurem erſten Auftre⸗ ten in ſeinem Hauſe als ein Schwelger beurkun⸗ det; und wofuͤr wird er Euch halten, Oberſt Stanley, wenn Ihr ihm ſolche Geſellſchaft zu⸗ fuͤhrt, die nur nach England gekommen zu ſeyn ſſcheint, um die liebe Gottesgabe aufzuzehren, ſtatt die Bewohner dieſes Landes von der Keherei, die auf ihnen laſtet, zu befreien. Wie, Eduard Stanley, Ihr aus einem edlen, koͤniglichen Stamme entſproſſen, glaubt Ihr, es ſey Zeit, Eure koſtbaren Stunden in Schwelgerei zu ver⸗ — — 24— ſchwenden, jetzt, wo auf dem Throne der Eurem Vater gehoͤrt, ein ketzeriſches, dunehelich gebornes Weib ſitzte Wo blieb Euer Stolz, der keinen Nebenbuhler, vielweniger aber einen Herrn dulden wollte. Wo blieb Euer Geluͤhde, Euch keiner Freude hinzugeben, bis die Krone Alt⸗Englands wieder auf dem Baupee ſäri echtinihigen Erben prangen wuͤrde, wo— „Himmel Donnerwetter!“ unterbrach ihn der Deutſche,„haltet mit Eurer Predigt ein; darf denn ein ehrlicher Soldat nicht einmal mit Ver⸗ nunft eſſen und trinken?“ „Mit Vernunft!“ wiederholte der Jeſuit, in⸗ dem er ſeine Augen zum Himmel emporſchlug, dann ſie wieder ſenkend, fuhr er fort,„ſchauet um Euch, wo vor wenigen Augenblicken noch volle Schuͤſſeln ſtanden, ſind jetzt nur noch Krumen und armſelige Ueberreſte zu ſchauen; jene Flaſchen ſind bis auf den letzten Tropfen geleert; und nur auf Eurem gluͤhenden Geſichte ſind noch Spuren ihres Inhalts vorhanden.“ „Soll der Soldat etwa leben wie der er Monch; 2 — 25— fragte der Krieger mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln, „Ihr betet nur, das koſtet nicht viel Muͤhe, wir aber ſchlagen drein, dazu gebrauchen wir Kraͤfte und ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn ich, bie⸗ tet ſich nur ein gutes Mahl dar, nicht tapfer zu⸗ lange.“ 1 Eduard Stanley, der unter dem Anſcheine leichtſinniger Froͤhlichkeit mehr Scharfſinn verbarg, als ſeine beiden Gefaͤhrten zuſammen beſaßen, horchte mit innerer Freude dem Streite derſelben zu; er war ſchon insgeheim von dem Stallmeiſter ſeines Vaters unterrichtet worden, daß der Graf, von der Reiſe und der Hitze des Tages ermüͤdet, ſich zur Ruhe zu legen, und die Unterredung mit den Fremden bis auf morgen zu verſchieben wuͤn⸗ ſche; und ſo konnte er ſie ungeſtoͤrt ihren Wort⸗ wechſel fortſetzen laſſen, zumal da das Schlafzim⸗ mer ſeines Vaters nach dem Garten hinausging. Der junge Soldat begann demnach mit gro⸗ ßem Feuer die Gruͤnde ſeines aͤltern Waffengefaͤhr⸗ ten zu unterſtuͤtzen, wobei ihn dieſer indeß mehr unterbrach, als daß er ihm Beiſtand geleiſtet haͤtte. — 25— Endlich aber ward Ebuard des Streitens muͤde, er theilte ſeinen Pae gen den dentiiis Läne Vaters mit. un de n „Da der Graf von Deis uns heut Abend nicht mehr empfangen kann,“ ſprach er,„was meint Ihr, wenn wir den Marſch in das Schlaf⸗ gemach antraͤten?“ 4 al 32 „„Ich bin bereit,“ verſebte der Jeſuit, indem er ſich langſam von ſeinem Sitze eihaobb. „Was, ſchon?“ rief der Deutſche,„wir ha ben uns ja kaum niedergeſetzt.“— —0, So bleibt in Goites Namen noch ſitzen,“ erwiederte Eduard,„Ormſton ſoll Euch Wein herbeiſchaffen, ſo viel Ihr begehrt.“* im„Das geht nicht,“ meinte der Oberſt,„bin ich nur noch der Einzige bei der Kanone, ergebe ich mich auch. Da, hier, mein letzter Schuß.“ So ſprechend, ſtuͤrzte er noch einen vollen Becher hinunter und verließ dann mit ſeinen bei⸗ den Gefaͤhrten die Halle. Suu Statt zſich auf ſein Zimmer zu begeben, eilte Eduard Stanley, ſobald er ſeine Freundenin die ihrigen begleitet hatte, in das Schlafgemach ſei⸗ nes Paters, den er noch wach fand. Der Graf empfing ihn mit großer Herzlichkeit, ſchien aber uͤber ſeine ploͤtzliche Nuͤckkehr erſtaunt.„ „Ich heiße Dich willkommen, Eduard,“ ſprach er⸗ ſeinen Sohn umarmend,„es freuet mich, Dich ſo wohl und geſund wiederzuſehn, was aber bringt Dich ſo bald nach England zu⸗ ruͤck, und wo blieb Dein Bruder Henry?“ „Er weilt noch in Frankreich,“, verſetzte Eduard,„ich aber habe hier ein Werk zu ver⸗ richten, und deshalb kehrte ich zuruͤck.“ „Aber weshalb kamſt Du in der Nacht?“ fuhr der Graf fort,„ohne mir es zuvor zu mel⸗ den, ohne einen Baten zu ſenden.“ —- 28— „Ich wuͤnſchte Euch insgeheim zu ſehn,“ verſetzte der Sohn,„es iſt jetzt eine Zeit des Verdachts, man kann nicht einmal ſeine Ver⸗ wandten beſuchen, ohne Argwohn zu erregen.“ „Du ſcheinſt uͤbelgelaunt, mein Sohn,“ nahm der Graf von Derby wieder das Wort, „ich moͤchte darauf ſchwoͤren, daß Du irgend eine Beleidigung erfuhrſt, die Dein Schwert nicht zu raͤchen, Dein heißes fugegäliches Blut Kuch nicht zu ertragen vermag.“ „Ihr irrt, mein theurer Vater,“ entgegnete der junge Krieger,„nicht ich, Ihr habt eine Beleidigung erfahren, die Euer edles Blut nicht dulden ſollte.“* „Du ſprichſt in Raͤthſeln, Eduard,“ erwie⸗ derte der Graf,„nur Wenige giebt es, die es wagen wuͤrden, ſich an dem Hauſe Derby zu vergehen.“ „Und dennoch,“ rief der Sohn,„kam ich nur her, um Euch in der Aufrechthaltung Eurer Wuͤrde Beiſtand zu leiſten, um Euch zu raͤchen!“ Der Graf blickte auf ſeinen Sohn, mit vaͤ⸗ — 203— terlicher Aengſtlichkeit; das geheimnißvolle ſeiner Rede, ſein gluͤhendes Geſicht, alles machte den Vater beſorgt, daß der Verſtand des jungen Mannes gelitten habe; denn da der Graf uͤberall geachtet war, und mit Niemand in der Welt Streit hatte, war es ihm durchaus unmoͤglich, die Worte des Sohns zu deuten. Er ſchwieg demnach einige Augenblicke, und fuhr fort Eduard Stanley zu betrachten, deſſen flammende Blicke unerſchrocken den Augen des Vaters begegneten. „Ich gewahre,“ rief endlich der Sohn, als der Graf von Derby noch immer ſchwieg,„daß Ihr mich fuͤr einen Wahnſinnigen, fuͤr einen Thoren haltet, aber hoͤrt nur weiter, und gewiß Ihr werdet Eure Meinung von mir aͤndern.— Ich hatte noch nicht lange in Frankreich geweilt, als mich mehrere unſerer Landsleute, die unſerm Glauben anhingen, uͤberredeten, mich der Armee des Herzogs von Guiſe anzuſchließen, die den Hugenotten entgegenzog.“ 9 „Da thateſt Du unrecht,“ fiel der Graf ein,„Du weißt es ja, daß es jedem Englaͤnder verboten, weder fuͤr die eine, noch fuͤr die andere Parthei Theil an dem Streite zu nehmen.“) „ Es giebt eine hoͤhere Gewalt, als die der⸗ Koͤnige und Fuͤrſten,“ verſetzte der Juͤngling leb⸗ haft, ich meine die geiſtliche Herrſchaft des heili⸗ gen Vaters zu Rom; und dieſe gebietet allen ge⸗ treuen Soͤhnen der Kirche, uͤberall aufzuſtehen mit kraͤftigem Arme, zur Vertilgung der Ketzer.“ „Kuͤmmere Dich nicht um dergleichen Dinge, Eduard,“ warnte der Vater,„es iſt Deine Pflicht, Deiner Landesherrin zu gehorchen. Nur in kirchlichen Angelegenheiten hat der Papſt Ge⸗ walt; und begehrt er mehr, darf man ſich ihm widerſetzen; dieſe Lehre habe ich mein Lebenlang befolgt, und jetzt, an der Schwelle des Grabes, werde ich meine Grundſaͤtze nicht aͤndern.“ Der Graf ſprach dieſe ſeine Gefuͤhle mit großem Ernſte aus, ſo daß der Sohn, wie kuͤhn er auch war, dennoch nicht zu widerſprechen wagte. Er wußte, daß ſein Vater die weltliche Gewalt des Papſtes durchaus beſtreite, ja, daß er ſogar unter der Regierung Heinrichs des Achten, der Erklaͤrung beipflichtete, wodurch abgelaͤugnet ward, daß der Papſt Clemens der Siebente, zein Recht habe, die Scheidungsacte, in Betreff des Koͤnigs und ſeiner Gemahlin Katharine, als null und nichtig zu verwerfen. Unter dieſen Umſtaͤnden „hielt es daher der junge Krieger am rathſamſten, die Bemerkungen des Grafen unerwiedert zu laſ⸗ ſen, und in ſeinem Berichte fortzufahren: „In der Armee des Herzogs von Guiſe,“ erzaͤhlte er weiter,„hatte ich Gelegenheit Man⸗ ches uͤber den Briefwechſel zu erfahren, den die⸗ ſer Anfuͤhrer mit den Aasultiehenen in a alöhd unterhielt.“* 3,n na, „Hal was ſagſt Ou,4 3 unterbrach bun der Geaf,„mit den linznſuürheneh und Du haſt sſe beobachtet? „Ja, mein Vater, mit klarem, Pörthello⸗ ſem Auge,“ erwiederte der Juͤngling. 3 „Du kennſt alſo die Verraͤther! wer ſind ſie?“ „Die Poles,“ entgegnete Eduard,„die Abkoͤmmlinge Georges von Clarence, Bruders Eduards des Vierten, und Sir Anthony For⸗ tescue, der ihre Schweſter zum Weibe nahm. Dieſe, mit Frankreichs Huͤlfe, wollen Schott⸗ tands Koͤnigin auf Englands Thron ſetzen.“ „Wie? Was?“ fragte der Graf erſtaunt. „Eine Auseuͤſtung,“ fuhr der junge Mann lebhaft fort,„wird naͤchſtens ſtatt haben, und bald werden ſie Englands Loͤwen mit Frankreichs Lilien umkraͤnzt, an den Ufern von Wales auf⸗ pflanzen. Dort wollen he landen, unedancRangi zu deginden 4- „Koͤnnte dieſe Verſchwoͤrung Gefahr brin⸗ gen,“ entgegnete der Graf von Derby mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln,„muͤßte es mir faſt lieb ſeyn, daß Dein jagendlicher Muth Dich antriebp, den Pfad der Pflicht auf einen Augenblick zu ver⸗ laſſen; aber es iſt nichts zu befuͤrchten!“ „Zu befuͤrchten?“ wiederholte der Juͤngling lachend,„nein, wahrlich nicht; ſie haben auch nicht die mindeſte Hoffnung. Arthur Pole und Anthony Fortescue koͤnnen, ihre eigenen Lehns⸗ leute ausgenommen, auch nicht einen einzigen Mann auf die Beine bringen; und Frankreichs — 83—„ Buͤndniß mit Maria von Schottland, wird allein hinreichen, den Arm jeheß ErRlhdersn gegen ſie zu bewaffnenn 4 „Wohl geſprochen, Ebuard, 4 bemerkts der Graf,„Du ſiehſt ſcharf, wie ein Norwegiſcher Adler! Die Koͤnigin aber muß dennoch Kunde davon erhalten— die Verraͤther aüſſe beſtraft werden.“ 3 „ Und weshalb en fragte Ebunrd Sanken „Moͤgen ſie doch landen und ſich mit den Ketzern herumſchlagen, ſie reiben ſih dann Einer den An⸗ Deren auf.“ 181 „Ich verſtehe Dich nicht, GCbunrde ,' ſprach der Graf,„ohne Zweifel magſt Du Dein Vater⸗ land nicht in einen blutigen Kampf ſtuͤrzen, wenn ein einziges Wort von Dir es verhindern kann; und Dir die Pflicht gebietet, es auszuſprechen.“ „Ei, was Pflicht,“ rief der Sohn lebhaft, „ich bin gezwungen, Eliſabeths Unterthan zu ſeyn, bin aber dem ſtolzen Weibe auf dem Throne auch nicht die kleinſte Lehnspflicht ſchuldig. Moͤge ſie die Krone behalten, wenn ſie ſie behaupten kann, I. Band. 3 — 34— ich aber will wenigſtens ihr üshemaße aRelzt nicht unterſtuͤtzen.“ Die wilde Erüſchloſendete mit walcher der. Sohn dieſe Rede ausſprach, machte den wackeren Vater ungemein beſtuͤrzt. Er blickte mit einem Ausdrucke von Zorn und Mitleid auf den Spre⸗ cher, konnte aber erſt nach einer Pauſe und nicht ohne Schwierigkeit, die kurze Frage:„was moͤch⸗ teſt Du denn eigentlich, Eduard?“ hervorbringen. „Was ich moͤchte?“ wiederholte der Juͤng⸗ ling mit gluͤhender Wange und flammenden Au⸗ gen;„ich moͤchte keine unehelich Geborne zu mei⸗ ner Monarchin, damit England nicht der Spott andrer Nationen woͤre; faͤllt ſie— der Himmel ſtuͤrze ſie recht bald! Glaubt Ihr, man konne uns eine fremde Puppe, jene Marie von Schottland aufdringen? O nein! ihre Entthronung wuͤrde weit ehrenwerthern Anſpruͤchen Raum geben; und weshalb ſolltet nicht Ihr, Ihr ſelbſt, der Ihr ein unbeſtreitbares Recht darauf habt, die Krone erlangen? Euer Einfluß, Eure Liebe bei dem Volke— wuͤrden Euch leicht eine Macht auf die — — 35— Beine bringen, mehr als hinreichend, jeden Wi⸗ derſtand azu bekaͤmpfen; Eure Regierung wuͤrde unſerm Vaterlande jene Religion wiedergeben, welche ihm eine fanatiſche und wahnſinnsge Ge⸗ neration raubte.“ 98— Der Graf von Derby, deſſen Bruſt, wih, und der unbeſonnenen Rede ſeines Sohnes, ein Kampfplatz mannichfacher Gefuͤhle geweſen war, denn Erſtaunen, Zorn und Kummer uͤber den Verderben bringenden Ehrgeiz ſeines Kindes, be⸗ ſtuͤrmten abwechſelnd ſeine Seele, gab ſich jetzt einem tiefen Schmerze hin; er war unfaͤhig ein Wort hervor zu bringen, ſchuͤttelte aber traurig ſein Haupt; und winkte mit der Hand. Der Juͤngling, welcher dieſe Zeichen des Unmuths miß⸗ verſtand, und der Meinung war, ſein Vater wolle dadurch nur ſeinen Zweifel am Gelingen der Sache zu erkennen geben, beeilte ſich, dem Gra⸗ fen zu verſichern, daß er bei einem ſolchen Unter⸗ nehmen auch auf Beiſtand von außen rechnen koͤnne. „Philipp von Spanere rief der begeiſtete -— 36— junge Mann,„iſt ſchon mit uns einverſtanden; eiferſuͤchtig auf Eliſabeth, und entſchloſſen Frank⸗ reichs Vergroͤßerung vorzubeugen, iſt er bereit, Euch zur Erlangung von Englands Scepter kraͤf⸗ tig beizuſtehn. Ich habe fuͤr ihn gefochten.— Er und die Seinigen wollen jetzt fuͤr Euch kaͤm⸗ pfen. Weder an Gelde noch an Truppen wird es fehlen, Eure gerechte Sache zu unterſtuͤtzen.“ „Gerechte Sache!“ ſtammelte der Grat in der Angſt ſeines Herzens. „Jal gerecht, wie die Sache Gottes,“ rief der Sohn;„aber waͤre ſie auch ungerecht, gleich⸗ viel, Spanien iſt Euer Freund, um Euch dieſe feine Huͤlfe anzutragen, kamen zwei Abgeſandte mit mir heruͤber.)— „Ewiger Gott, barmherziger Vater!“ rief der Graf, indem er ſeine Blicke klagend zum Himmel emporhob;„warum haſt Du in Deiner Gnade die ehrgeizigen Plane dieſes Juͤnglings nicht in der Geburt erſtickt? Warum haſt Du Allmaͤchtiger zugelaſſen, daß ſein bothoͤrtes Herz dem Verſucher Gehoͤr gab!“—„Wie Eduard,“ fuhr er dann, die Augen nieder auf ſeinen Sohn ſenkend, fort,„fuͤhlſt Du nicht ganz das Schaͤnd⸗ liche des Hochverraths? Empoͤrt ſich nicht Deine Seele bei dem Gedanken, eine Bande moͤrderiſcher Fremdlinge in Dein friedliches Vaterland zu fuͤh⸗ ren, damit ihre Roſſe die Saaten unſerer Land⸗ leute zerſtampfen?— Hat England etwa ſchon zu lange die Segnungen der Ruhe geſchmeckt, daß Du aufs Neue die Kriegsfurien heraufbe⸗ ſchwoͤren willſt? Wie magſt Du glauben, daß ich je den Treuſchwur brechen koͤnnte, den ich gelei⸗ ſtet habe. Der Papſt kann jeden Eid loͤſen, willſt Du ſagen. Wehe aber uͤber den, der ſich dadurch ſeiner Pflicht entbunden glaubt! Ich habe der Koͤnigin Treue gelobt, und wahrlich, mein uͤbriges Leben iſt zu kurz, als daß ich, um einer vergaͤnglichen irdiſchen Hoheit willen, mein See⸗ lenheil aufs Spiel ſetzen ſollte.“ ant Gont „Einem Ketzer braucht man keinen Schwur zu halten,“ murmelte Eduard vor ſich hin. „Ueber ihre Religion,“ entgegnete der Graf - 38— son Derby,„hat die Koͤnigin* mit Gott und he Gewviſſen abzufinden. 1e enan , Eliſabeth iſt eine unchelih Geborney fuhr ChiedGtale fort,„ihr eigener Vater,— das Parlament hat ſie dafuͤr erklaͤrtii nnilanmd n„Hat nicht/“ nahm der Graf von Derby wieder das Wort,„das Parlament dennoch ihre Anſptuͤche anerkannt und ſie zur Koͤnigin erwaͤhlt?“ „Die Lords und die Gemeinen waren ge⸗ zwungen,“ rief der junge Krieger,„jes war keine freie Wahl.“ 34 han uGI unl 8 3 9, Angenommen auch, daß Eliſabeth nicht rechtmaͤßige Koͤnigin waͤre,“ verſetzte der Graf, hoffend noch immer, daß es ihm gelingen wuͤrde, ſeinen Sohn von dem Tadelnswerthen ſeines Vor⸗ habens zu uͤberzeugen,„hatte ja auch⸗ die Koͤni⸗ gin Marie keine gerechtern Anſpruͤche, und den⸗ noch echa Du keinen Waſtahi in ihrer Armee zu disnen."e n 18,S „Sie hing doch wenigſtens an dem aaßren Glnuben erwiederte Eduard. A „Wenn das Dich allein beſtimmte,“ ver⸗ — 39— ſetzte der Vater,„weshalb ſchlugſt Du Dich nicht zu der naͤchſten Erbin, der Marie von Schott⸗ land? Sie bekennt ſich zu dem roͤmiſch⸗katholi⸗ ſchen Glauben, wie unſere Vorfahren.“ „Sie iſt ein Spielwerk in der Hand eines Fremdlings, des Herzogs von Guiſe,“ bemerkte der junge Krieger.„Moͤchtet Ihr; daß England, deſſen Mannen vormals Krieg und Verheerung uͤber alle Provinzen Galliens brachten, jetzt Frank⸗ reichs Sclavenjoch truͤge? Nein, beim St. George, bevor das geſchieht, moͤge jeder engeiſche⸗ Bluts⸗ tropfen dahinſtromen. Ii ain n „Der Vorwurf fremden influſſes; den Du der Marie Stuart machſt,“ fuhr der Graf von Derby fort,„findet bei den Suffolk's nicht ſtatt, die dem koͤniglichen Hauſe naͤher verwandt ſind, als ich es bin.“ 4 „Das ſind Weiber und Ketzer,“ entgegnete Eduard Stanley,“ uͤberdem beſitzen ſie weder Macht noch die Liebe des Volks. Ihr habt dies Alles, und ſo ſeyd Ihr von Allen, welche An⸗ - 24— ſptuͤche auf die Krone nachenehidte der Ein⸗ zige der es verdient ſie zu tragen.“ 11920 n Es ward jetzt dem Grafen von Day klar, daß ſein Sohn Alles was ihm eingewandt wer⸗ den konnte, wohl uͤberdacht hatte, und daß er entſchloſſen war, den einmal gefaßten Plan nicht aufzugeben. Weder der Stimme der Geſetze, noch der der Billigkeit, wollte er Gehoͤr geben, denn Ehrgeiz, Ehrgeiz allein, hatte ſeine Seele mit 2 eiſernen Krallen gepackt. Empoͤrung anzetteln, fremde Truppen in ein friedliches Land bringen, erſchien als unbedeutend einem jungen Krieger, der bei St. Quentin und Gravelineß mitfocht, und den darnach verlangte, ſich den Ruhm eines Naſſau, eines Egmond zu erwerben. Die Hoff⸗ nung, der Eroberer Englands zu werden, hatte an Eduards Entſchluß wenigſtens eben ſo viel Antheil, als der Wunſch, ſeine Familie auf dem Throne zu ſehen; haͤtte auch die Haͤlfte der Na⸗ tion geopfert werden muͤſſen, es haͤtte ihm gleich⸗ viel gegolten, waͤren nur ſeine ehrgeizigen Plaͤne in Erfuͤllung gegangen. Er ſtand neben dem 3 * * — 44— Lager ſeines ehrwuͤrdigen Vaters da, wien ein lebendiges Bild furchtbarer Entſchloſſenheit. Kaum waren zwei und zwanzig Lenze uͤber ſein Haupt dahingegangen, aber ſchon war ihm jener blut⸗ duͤrſtige, ſchonungsloſe Sinn eigen geworden, der ſich nur ſelten zeigt, ſo lange die Bluͤthe der Jugend noch die Wangen faͤrbt. Seine Geſichts⸗ zuͤge waren angenehm, und von der Natur gebil⸗ det um ſanftere Gefuͤhle auszuſprechen; aber ſein ungeſtuͤmer, wilder Sinn hatte ihr urſpruͤngliches Gepraͤge verwiſcht, und nur Stolz und wilde Lei⸗ denſchaft flammten jetzt noch aus ihnen. Dabei aber beſaß er Verſtellung genug, ſeinem Antlitze den Ausdruck von Sanftmuth zu geben und den Daͤmon zu verbergen, der ſeine Bruſt zum Wohn⸗ ſitze gewaͤhlt hatte. Jetzt aber glaubte er, denn er beurtheilte ſeinen Vater nach ſich ſelbſt, daß die Gegengruͤnde des Grafen nur die Folgen eines falſchen Zartgefuͤhls waͤren, welches feſte Ent⸗ ſchloſſenheit ſeinerſeits leicht beſiegen wuͤrde; und ſo fuhr er dann nach einer kurzen Pauſe, in einem beſtimmten Tone fort:„Thut was Euch beliebt; V V I — 42— ich aber ſage mich hiemit von aller Treue gegen Eliſabeth Tudor los, bis ſie die Krone nieder⸗ legt, die ſie ſich ungerechter Weiſe angemaßt, will ich bis zu meinem letzten Blutstropfen gegen ſie fechten; auch will ich fortan keinen andern Koͤnig auf Englands Thron anerkennen, als Eduard Stanley den Siebenten, den Gott ſegnen wolle n e d e 1 marnct p its So ſprechend knieete er misder, erfaßte die Hanu ſeines Vaters und wollte ſie kuͤſſen; der Graf aber entriß ſie ihm mit gtoßer Heftigkeit, ſprang von ſeinem Ruhebette empor, und den Sohn mit ſtarker Hande beim Atagen aefasfandh rief er aus: An 1.. „Elender Bube! ich nehme Diß hiemit als Hochverraͤther gefangen. Meinſt Du, ich daͤchte niedrig genug, Treue zu heucheln, wo ich Luſt haͤtte ſie zu brechen. Fortan biſt Du nicht mehr⸗ mein Sohn, nur mein Lehnsmann, und ſtrenge Gerechtigkeit will ich an Dir uͤben. Holla, Ormſton!“ Haſt g Der Stallmeiſter, welcher im Vorgemache — 43— ſchlief, ward von dem Rufe ſeines Gebieters ge⸗ weckt, er trat hinein und der Graf uͤberlieferte ihm ſeinen Sohn.„Da, nehmt dieſen feſt,“ rief er,„und ſorgt, daß ſeine Gefaͤhrten nicht entkommen.“ n 1 Ih Ih MNitt ſprachloſem Erſtaunen erfaßte Ormſton den Arm des jungen Stanley, welcher keinen Widerſtand leiſtete, ſondern ruhig laͤchelnd erwie⸗ derte:„Wollte ich Gewalt brauchen, Ihr wuͤrdet der Huͤlfe beduͤrfen, John! Was aber meine Ge⸗ faͤhrten betrifft, die ſich unter Eurem gaſtfreien Dache befinden,“ fuhr er in einem ernſtern Tone fort,„ſo ſtehen ſie nicht unter Eurer Gerichts⸗ barkeit, Graf von Derby, es ſind Unterthanen des Koͤnigs von Spanien, und frei muͤſſen ſie ſich hin begeben koͤnnen, wohin es ihnen beliebt.“ „Spaͤher ſind's, veraͤchtliche Spaͤher!“ rief der Graf von Derby,„die Geſetze ſollen ſie rich⸗ ten. Du aber giebſt mir Deine Waffen.“ Der Juͤngling mußte gehorchen, wollte er nicht offenbar als Rebell gegen den Willen ſeines Vaters erſcheinen; aber er knirſchte mit den Zaͤh⸗ V 1 — 44— nen, als er Schwert und Dolch vom Guͤrtel loͤſ'te, und beides dem Grafen hinreichte. „Fort mit Dir!“ gebot ſein Vater,„die Koͤnigin ſoll uͤber Dich verfuͤgen.“ „Ich kann auf ihr Mitleid rechnen,“ ver⸗ ſetzte Eduard Stanley mit großer Bitterkeit,„ſie wird gegen mich verfahren, wie Henry der Sie⸗ bente gegen ſeinen mmohſthta Wäitian Sianceß verfuhr.“ 4 Der Graf gab ein Zeichen mit der Hand, und der Stallmeiſter fuͤhrte nun ſeinen Gefange⸗ nen aus dem Zimmer in das Gemach, in welchem ſich der Jeſuit und der Oberſt Sparendam be⸗ fanden. 4 Der Letztere war ſchon entſchlummert, der Erſtere aber ſchien ſo eben erſt ſein Gebet verrich⸗ tet zu haben, und war noch angekleidet. Nach⸗ dem er den jungen Stanley ehrfurchtsvoll eine gute Nacht gewuͤnſcht hatte, zog ſich Ormſton zu⸗ ruͤck und verriegelte die ſchwere Thuͤr von außen. „Ein verdammter Streich, er durchkreuzt meine Plaͤne,“ rief Eduard Stanley unmuthsvoll, —-— 45— indem er ſich auf das Lager ſetzte, auf dem Spa⸗ rendam ſchlummerte.„Ich wollte mich zur Sonne emporſchwingen, zabaxi 4 Setrahlan haben mich verſengt. 1 mid dr don 2 menie noo chn. „Wie das? was walt Ihr damit ſagenta fragte der Jeſuit. Kio In im tn „Daß wir hier gefang ſind,“ Aetgegid⸗ der junge Krieger.“ S GAuS nn „Gefangen! Donner und Wetter,⸗ 7. mur⸗ melte der Deutſche, der durch das Verriegeln der Thuͤr einigermaßen geweckt worden war, ſo daß er ſich jetzt in einem halb wachen, halb ſchiaſane den Zuſtande befand. 1120 „Ja, ja, tobt nur wie Ihr wollt,“ erwie⸗ derte Eduard Stanley, Eure Fluͤche koͤnnen den⸗ noch keine Mauern brechen, keine Riegel ſprengen.“ „Was iſt denn geſchehen?“ Niagts der Je⸗ ſuit mit großer Ruhe. ni „Und was Teufel iſt denn 16s2“ ſu ben Oberſt mit donnernder Stimme ein. „Er ſelbſt, der Teufel iſt los,“ Herſeßte der junge Soldat; er wird uns alle holen. Ich gebe keinen Gulden fuͤr unſer Leben. dim„Höllen⸗Element!“ rief der Oberſt, indem er ſich von ſeinem Lager erhob,„ich bin oft in Ge⸗ fahr geweſen, zur See und zu Lande, nie aber hat man mir fuͤr mein Leben ein ſolches Schand⸗ geld geboten.— Sprecht, athabngitb s adann Eduard Stanley?“ 2 3i 220 „Ich will es⸗Euch morgen eriählen, ent⸗ gegnete dieſer, mit einer Kaͤlte, die um ſo mehr die Ungeduld ſeiner Gefaͤhrten reizte; da der Jüngling ſeine Erklaͤrung ſo⸗ ineuiche egenna hatte. 11579 mum Jetzt gleich,“ ſprach der ſa,⸗„wenn es Euch beliebt; laßt uns jetzt gleich viſſn„ was man mit uns vor hat.“ 1un un e anie hat „Wir alle beduͤrfen der Ruhe,“ hatſeben der junge Empoͤrer,„morgen ſollt Ihr es erfahren;“ und ſo ſprechend warf Eduard Stanley ſein Wamms ab, und ſtreckte ſich auf das Lager. 8 „Himmel Donnerwetter!“ fluchte der Oberſt, 5 indem er ſeinen Schnurbart ſtrich; als er aber 47 —— gewahrke, daß der junge Mann von ſeinem To⸗ ben keine Notiz nahm, fuͤgte er hinzu:„Meinet⸗ wegen, morgen alſo!“ Nund ſich auf die andere Seite werfend, verſank er gleich darauf wieder in feſten Schlaf. Der Jeſuit, den ſeine Philoſophie lehrte, ſich mit Dunkelheit zu begnuͤgen, ſobald es nicht in ſeiner Macht ſtand ſich Licht zu ver⸗ ſchaffen, ſtreckte ſich nun auch auf ſein Lager, woner nach kurzem Nachdenken uͤher das was ſich zugetragen haben mochte; Dent naaehenun merte. hin aim 85910 3.C0. 890 Nu 4209 avrunna Hddttad 120 en,e e een 7 2, und elg e et eanct ins Es wird kaum noͤthig ſeyn ifern Leſern zu nehe richten, daß der Graf von Derby; nachdem ſein Sohn: aus ſeinem Zimmer fortgefuͤhrt worden war, nur noch wenig Schlummer fand. Daß Eduard ſich bis zum Hochverrathe von einem wahnſinnigen Ehrgeize hatte hinreißen laſſen, er⸗ 111 170213 fuͤllte das Herz des Vaters mit nicht zu beſchrei⸗ benden Kummer, aber er vermochte nicht, wie Brutus, die Bande der Natur auf einmal von ſich zu ſtreifen, die Vaterliebe kaltbluͤtig dem Pa⸗ triotismus zu opfern; er war furchtbar bewegt, und ſeine Bruſt ward von mannichfachen, ſich widerſprechenden Gefuͤhlen beſtuͤrmt. Seine Pflicht gegen die Koͤnigin, gegen eine Monarchin, die ihn ſeit ihrem Regierungsantritte mit großer Ach⸗ tung und unbeſchraͤnktem Vertrauen behandelte, verbot ihm, Verraͤthern Obdach zu gewaͤhren, welche ihren Untergang beſchloſſen hatten. Sein — 49— grader Sinn trieb ihn an, die ſpaniſchen Abge⸗ ſandten der Koͤnigin unverzuͤglich zur Beſtrafung zu uͤberliefern, und ihr Alles zu entdecken. Wenn er aber daran dachte, daß ſein Sohn ihr Mit⸗ ſchuldiger ſeyn; wenn er ſich der vielen frohen Stunden erinnerte, die ihm fruͤher in der Geſell⸗ ſchaft dieſes ſeines liebſten Kindes dahinſchwan⸗ denz und er nun ſchaudernd ſich es vorſtellte, wie der ungluͤckliche, verfuͤhrte Juͤngling, verhoͤrt— verurtheilt— ja vielleicht ein Opfer der Gerech⸗ tigkeit unter dem Henkersbeile fallen wuͤrde— bebte ſeine Seele zuſammenn 0⸗ 1 mamn Ich muß ihn retten,“ rief der bekuͤmmerte Vater,„ich muß ihn retten, und ſollte auch der bisher unbefleckte Glanz meines Rufes dadurch getruͤbt werden. Fuͤrſten kennen keine Gnade— ward doch der tapfere William Stanley von Heinrich dem Siebenten zum Tode verurtheilt, ob er gleich fuͤr den Grafen von Richmond Land und Leben gewagt hatte.) 3 Als der Morgen ſein Daͤmmerlicht nieder (auf die Wellen des Fluſſes ſenkte, lag der Graf I. Band. 4 — 50— noch immer da im Nachdenken verſunken, ohne daß er Schlummer gefunden hatte. Er uͤberlegte hin und her, wie er fuͤr die Sicherheit ſeines Sohns ſorgen, dabei aber zugleich verhindern koͤnne, daß derſelbe und ſeine Gefaͤhrten zu ihren verbrecheriſchen Anſchlaͤgen zuruͤckkehrten! Seine Gedanken aber rollten wie die Wogen des Mee⸗ res, auf und ab, ohne wi eruzu irgend einem Entſehhuſſe getangen konnte. achilbulgm.i 194 „Ich koͤnnte nſie nacht athog oder nach Knowsley ſenden,“ſprach dor Graf vor: ſich hin, „dort aber wuͤrde meines Sohns Gefangenſchaft bald bekannt und ich ſo lange beſtuͤrcnt werden, bis ich ihm die Freihrit wiedergegeben.— Hier kann eer nicht bleiben— Molineup wuͤrde allés erfahren— auf der Inſel— ja, ja, auf Man— unter meinen eigenen Unterthanen— dort iſt er gut aufgehoben, und ſo der Frieden der Koͤnigin geſichert. Morgen ſchon— aber es iſt ja ſchon Morgen,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich dem Fenſter näherte,„ iſt der Wind Butz ſal er noch heute fort.Ä“ -— 5— Als er ſo hinausſchauete, warf die aufgehende Sonne ihre goldenen Strahlen auf die ſanft ſich dahinkraͤuſelnden Wellen, welche mit leiſem Ge⸗ murmel das Gemaͤuer der Veſte umplaͤtſcherten In einiger Entfernung vom Ufer lag die Pinaſſe des Grafen mit hochwehendem Wimpel vor An⸗ ker, der idem Gebote eines ſfanften Suͤd⸗Oſts folgend, den Fluß hinab zeigte, verkuͤndend, daß der Wind zur Einſchiffung guͤnſtig ſey. „Die heilige Jungfrau ſey gelobt,“ rief der Graf, der Wind iſt gut, und ſchnell werden wir⸗ mit der Esbe hin gelangen.““ merachinin Nachdem ſo ſein Entſchluß feſt ſtand, warf ſich der Graf wieder auf ſein Lager, um wo moͤg⸗ lich, noch etwas zu ſchlummern. In den Armen eines erquickenden Schlafes ruhe er hier eine Weile, waͤhrend wir unſere freundlichen Leſer in das Zimmer ſeiner jetzt un⸗ freiwilligen Gaͤſte fuͤhren, die zu eben der Zeit, als der Graf von Derby den Schlummer ſuchte, die Feſſeln des Schlafs von ihren Gliedern abzu⸗ ſchuͤtteln begannen. Der Feſuit erwachte zuerſt, — 352— und ſprach ein ziemlich langes Morgengebet her, Eduard Stanley, der dadurch geweckt ward, nahm von der Andachtsuͤbung des Moͤnchs keine Notiz, ſondern ſprang raſch von ſeinem Lager empor, that das Wamms wieder an, welches er beim Schlafengehen von ſich geworfen hatten trat ans Fenſter, ſtieß es auf und blickte hinaus uͤber das Waſſer, ſo als wolle er mit der friſchen Morgen⸗ luft neues Leben einathmen. Seine Blicke ver⸗ folgten den Flug der Seemoͤven und anderer Voͤ⸗ gel, welche uͤber die Oberflaͤche des Waſſers da⸗ hinſchwebten, und in ſeinem Herzen beneidete er ihnen ihre Freiheit, dabei aber verachtete er ſie, daß ſie es nicht wagten, ſich hoͤher zu erheben. „Waͤre ich einer von den Voͤgeln dort,“ rief er ſtonend in das Gebet des Jeſuiten hinein, „ich wuͤrde hinauf in die Luft wie ein Falke ſtei⸗ gen, von dort dann mich wie ein Adler erheben, und endlich auf die Gefahr hin, von ihren Stra⸗ len verbrannt zu werden, bis zur Sonne ſchweben.“ „Gefangen,“ murmelte Sparendam, wel⸗ cher noch ſchlummerte, im Traume aber das Ge⸗ ſpraͤch, unter welchem er eingeſchlafen war, fort⸗ ſetzte. 2r nis— „Ja, gefangen,“ wiederholte Eduard Stan⸗ ley, ſich zu dem Oberſten wendend, als er aber gewahrte, daß dieſer noch ſchlummere, fuhr er, vor ſich hin ſprechend, fort:„jetzt noch gefangen! iſt aber die Unſterblichkeit der Seele kein Maͤhr⸗ chen, moͤchten wir uns bald in Freiheit befin⸗ den.— Wer aber zum Teufel, hat da ſchon ſo fruͤh etwas am Ufer zu thun? Halloh!“ „Er rief dieſes ſo laut er konnte, und der Angerufene trat ſo nahe heran, als es der Gra⸗ ben, welcher die Veſte vom Ufer trennte, geſtat⸗ tete. Der fruͤh Aufgeſtandene war kein anderer, als der ehrſame Strandvoigt, Herr Lazarus Smalley, welcher, als er von Eduard Stanley uͤber ſein zeitiges Erſcheinen befragt ward, verſi⸗ cherte, daß er eine wichtige Kunde erhalten habe, die ſeine Gegenwart am Ufer noͤthig mache. „Das muß ja eine wichtige Nachricht ſeyn, die einen Mann von ſo hohem Anſehn, als Ihr ſeyd, ſo fruͤh auf die Beine bringt. Ohne Zwei⸗ 2 fel ward Euch hinterbracht, daß ein Paar Faͤſſer Butter anlangen werden, oder daß einige Ellen wollen Zeug ausgefuͤhrt werden follen.“ „Weder das Eine noch das Andere, Herr Eduard Stanley⸗“ verſetzte der Beamte etwas beleidigt;„ein Schiff iſt angelangt.“ „Woher kam es?“ fragte Linnlop⸗ deſſen Neugier rege ward. aiu t „Iſt mir unbekannt,“ erwiedetts der Etrand⸗ voigt.. „Und wohin geht es 21¹ ſenr „Weiß ebenfalls aihßtan davon,“ verſicherte Smalley. „Wie aber erfuhrt Ihr's denn?“ 1 „Ein Fiſcher von der Kuͤſte von Man kam in dieſer Nacht herauf,“ entgegnete der Strand⸗ voigt.„Er hatte dem Schiffe als Lootſe dienen muͤſſen. Es ſey ein Spanier, ſagte er, ſtark bewaffnet und gut bemannt. 12 „Ein Spanier an der Kuͤſte?“ rief Eduard Sbunley,„iſt der Fiſcher der das Schiff lootste noch im Hafen?“ — 55⁵— „ Er hatte Eile,“ verſetzte der Strandvoigt, „er iſt ſchon wieder den Fluß hinab.“ 10:„Fuͤhrte das Schiff keine Flagge?“ „Ich glaube nein,“ entgegnete Smalley; „der Fiſcher aber hielt es der Bauart nach fuͤr ein Spaniſches, er ſah Kanonen am Bord, die Mannſchaft glich lebendigen Teufeln.“ Der junge Krieger warf das Fenſter zu, denn er glaubte genug gehoͤrt zu haben. „Bei der heiligen Jungfrau!“ rieſ er zu ſeinen Gefaͤhrten gewandt,„das iſt der Pacheco, aber er kommt noch zu fruͤh.“ „Und weshalb zu fruͤh?“ fragte der Jeſuit, „als wir Don Louis zu Bruͤſſel ſprachen, mein⸗ tet Ihr, er koͤnne fuͤr Eure Wänſchr nichte bald genug eintreffen.“ 1 „Haͤtte der Graf von Derh ſch fuͤr unſee Botſchaft erklaͤrt,“ verſetzte der junge Empoͤrer mit gerunzelter Stirn, kein Sturmwind haͤtte ihn fuͤr mein Verlangen, ſchnell genug herpeitſchen koͤnnen. Jetzt aber—“ — 366— „Iſt Euer Vater unſer Feind,“ ial der Jeſuit beſorgt ein,„und wir?“in n 3. „Sinde ſeine Gefangenen,“ ſprach⸗ Eduard Stanley,„er wird uns als Hochueträiher gegen Eijabet behandeln.“ dn h „Hoͤllen⸗Element!“, fuhr der Oeutſche nuf der jetzt voͤllig den Schlaf von ſich geſchuͤttelt hatte,„ſo wurden wir von Euch hintergangen, und Ihr habt uns in die Hoͤhle des zidiJxx; ge⸗ fuͤhrt.“ in Riunrſonne ilnng Der junge Krieger errhranne⸗ vor Wuth uͤber dieſen Vorwurf, und zornentflammt griff er nach dem Schwerte des Oberſten. Dieſer aber ließ ſich durch die drohende Gebehrde nicht außer Faſſung bringen.„Ja, ja, Ihr habt uns ver⸗ rathen,“ fuhr er gelaſſen fort,„„oder der Graf von Derby will dadurch, daß er uns opfert, Eu⸗ ren Kopf in Sicherheit bringen.“ „Ihr ſeyd in dem Hauſe meines Baters, 14 entgegnete Eduard Stanley, indem er die Hand vom Schwerte wieder zuruͤckzog, und den Spre⸗ cher mit einem veraͤchtlichen Blicke betrachtete, - 4— „ſonſt wahrlich, ſonſt waͤre es Euch uͤbel ergan⸗ gen. Es giebt ein Ding, das Ehre heißt, habt Ihr gleich nie etwas davon vernommen. Bei Maͤnnern, wie Graf Derby, gilt ſie ſo viel als ein Schwur; daß ich ſein Sohn bin, wird mir nicht mehr Vortheil bringen, als waͤre ichi der Sohn des tuͤrkiſchen Kaiſers./. n Und wenn auch,“ bemerkte der Jeſuit, ſeine Theilnahme wuͤrde ſich dann gewiß auch zaud uns erſtrecken.“ 11 S n „Das gebe die heilige Fungfrau,u mur⸗ melte der Oberſt vor ſich hin. mun din „„Schmeichelt Euch nicht mit ſolchen Hoff⸗ 3 nungen,“ rief Eduard Stanley,„ſie wuͤrden da⸗ hinſchwinden wie Seifenblaſen. Umſonſt nur ver⸗ ſuchte ich, den Ehrgeiz meines Vaters anzuregen, ſein Patriotismus machte ihn taub fuͤr meine Vorſtellungen. Ueberdem iſt nicht er unſer Rich⸗ ter, er wird uns den Beamten der Koͤnigin uͤber⸗ liefern, und dieſe werden mit uns nach aller Strenge verfahren.“ „Aber das Schiff von dem Ihr ſordchtert 7 fiel der Deutſche ein,„ kann es nicht vielleicht herauf gelangen uns Beiſtand zu leiſten?“ in„Kann uns zu nichts helfen,“ verſetzte der junge Krieger,„Ihr muͤßtet denn ein Mittel wiſſen, den Spanier von unſerer Gefangenſchaft in Kenntniß zu ſetzen, und die vierzig Kanonen dieſer Veſte zu vernageln, die den Pacheco in den Grund bohren wuͤrden, noch bevor er im Stande waͤre, auch nur einen einzigen Mann ans Land zu ſeben. 4 ün en „„Wenn wir,“ bemerkte der Obeeſt„ dem Spanier nur eine Botſchaft ſenden koͤnnten, muͤßte er weiter unten am Ufer landen, und gegen die Stadt heranziehn.“ n u„, Seine dreihundert Mann,“ ſiel der Feſuit ein,„werden leicht mit der Stadt und ämit der Umgegend fertig werden.“ „Die dreihundert Spanier,“ entgegnete Eduard Stanley, mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln, „waͤren weggeblaſen wie Sandkoͤrner; in einem Umkreiſe von fuͤnf Meilen, ſind mehr als zehn⸗ tauſend gewandte Bogenſchuͤtzen vorhanden, was zum Teufel koͤnnen gegen dieſe die Dreihundert unternehmen, ſo bewaffnet ſie auch immer ſeyn moͤgen. Ueberdem ſind jene Englaͤnder, dieſe nur Spanier!’”“ vsha Mi 233 „ So muͤſſen wir auf andere Mittel denkenz, giebt es aus dieſem Zimmer keinen Ausgang?“ ſprach der Jeſuit, indem er die Waͤnde betaſtete. „Keinen, als den durch jene eichene Thuͤr dort,“ entgegnete Eduard Stanley mit großer Kaͤlte;„koͤnnt Ihr dieſe ohne Geraͤuſch ſpren⸗ gen, gelangen wir in die Halle, wo Ihr dann eine aͤhnliche Arbeit aufs neue zu beginnen habt; und gelingt es Euch, auch dort Euer Werk zu vollbringen, braucht Ihr nur noch die Schloß⸗ pforte einzuſchlagen. Traun, ein Unternehmen, wodurch Ihr Euch den Namen eines Herkules verdienen koͤnnt.“. 2 „Junger Mann,“ erwiederte der Jeſuit mit vielem Ernſte,„jetzt iſt nicht Zeit Scherz zu trei⸗ ben; wir haben ein wichtiges Geſchaͤft vor, und unſer Leben iſt mehr werth, als das gewoͤhnlicher — 60— Menſchen. St. Petrus und die beng Kirche werden uns beſchuͤtzen!“ t „Ihr habt Recht, frommer Vater,“ nahm der junge Krieger wieder das Wort,„nur ein veraͤchtlicher Ketzer kann ſich unter ihrem Schutze gefaͤhrdet glauben; ich meinerſeits ſetze ein ſolches Vertrauen in ſie, daß ich uͤberzeugt, ſie werden ſchon fuͤr mich ſorgen, mich getroſt znisdet zur Ruhe lege.“ i So ſprechend warf er ſich zum Aroßen Ver⸗ druſſe des Jeſuiten und ſeines militaͤriſchen Ge⸗ fäͤhrten lachend auf das Lager; entweder glaubte er daß keine Flucht moͤglich ſey, oder er hoffte auch daß ſein Vater ſeinen Sinn aͤndern werde, und ſo nahm er weder von den Vorſtellungen des Prieſters, noch von den Vorwuͤrfen des Oberſten die geringſte Notiz. Der Letztere beſonders hoͤrte nicht auf, in den jungen Mann zu dringen, auf Mittel zu ihrer Rettung zu ſinnen, und ſchon begann, da dies alles zu nichts half, der Zorn des Oberſten maͤchtig aufzuflammen, als ploͤtlich die Thuͤr geoͤffnet und dadurch ſein Redeſtrom — 61— unterbrochen ward. Der Stallmeiſter des Grafen von Derby trat herein, von mehrern Dienern ge⸗ folgt, welche einen Morgeninbiß trugen. Die Letz⸗ tern entfernten ſich, nachdem ſie ſich ihrer Laſt entledigt hatten, und Ormſton befand iche 6 nur noch allein mit den Gefangenen. 9„SIch bin von dem Grafen von Derby benuß tragt,“ ſprach er, 1, Euch zu erſuchen, Euch, Ihr Herren, Euer Fruͤhſtuͤck ſo viel als moͤglich zu foͤrdern; er will, Ihr ſollt eingeſchifft werden, um Euch, mit ihm, nach der Inſel Man zunbegeben. Jetzt eben hat er ſich auch zum Fruͤhmahle nie⸗ dergeſetzt, und er geſtattet Euch zu dem Eurigen ſo⸗ viel Zeit, als er zu dem Seinigen gebraucht.““ Nachdem er ſich dieſes Auftrags entledigt hatte, begah er ſich wieder hinaus, und verriegelte die Thuͤr hinter ſich..11999 dretgi, iemt Sagt' ich nicht, daß uns St, Petrus be⸗ ſchuͤtze,“ rief der Jeſuit mit großer Freude,„der Pacheco wird uns befreien, der Graf weiß nichts von ihm, und laͤuft geradezu in die Gefahr hinein.“ Ale mdi! 1t AH - 86— „ Er ſoll keine Gefahr laufen, oder den ga nicht an Bord ſetzen,“ rief Eduard Stan⸗ ley.„Sein edles Herz haͤlt ihn ab uns auszu⸗ liefern, er rettet uns und ſetzt ſein eigenes Leben auf's Spiel, falls die Koͤnigin unſern Anſchlag erfahren ſollte!nn Wenn Ihr mir nicht verſprechen wollt, daß er und die Seinen ungehindert vom Pacheto entlaſſen werden ſollen, warne ich ihn vor der ihm drohenden Gefahr.“ ud ic h, So gewiß die Sonne am Himmel ſcheint,“ bethenerte der Oberſt,, der Aoniah Jhun und den Seinen kein Leid zufuͤgen.“ Ind Irde 1357. mgug Amen!“n fuͤgte der Jeſuit— Amen, in der heiligen Jungfrau Namen! Werden nur wir unſerer Haft entledigt, ſoll der Graf von Derby und alles was ihm angehoͤrt, ſicher ſeyn, wie mein eigenes Leben.“ un nnd, ais 20 2u Was aber dann beginnen?n nahm der Oberſt wieder das Wort:„ Wir ſind von unſerm Chuts verſchlagen worden, und muͤſſen nun eine zandere Richtung nehmen. Wollt Ihr uns dabei Geſellſchaft leiſten, Stanley?“ — 63— 5 u Nein,“entgegnete der junge Krieger,„beſ⸗ ſer, einn jeder ſucht ſein Heil fuͤr ſich; ich bin jetzt mit Euch geſegelt, und habe mich uͤberzeugt, daß Ihr, ſo wie ſich ein Sturm erhebt, auf Eu⸗ en Lootſen ſcheltet, und ihm alles Mißgeſchick allein aufbuͤrdet; ich will jetzt auf meine eigene Haͤnd kreuzen.“0n ai ſe ee menin „So zieht Ihr Euch doch wenigſtens nicht Vnnsrig teg fragte der Feſuit. G.„Keineswegs,“ verſicherte der junge Empo⸗ ereu; zich habe geſchworen, und ihn wilt meinen Schune thalten." i nine iae Kenin taun nin Sosrecht, mein Sohn,“ ſprach der Jeſuit, „nur Muth und Vertrauen, und unſere gerechte Sache wird triumphiren, zweifelt nicht daran. Darum herrſche Einigkeit unter uns, und Friede ſey zwiſchen Euch und dem Oberſten.“ Der junge Krieger war uͤber Sparendams Betragen noch immer zu fehr aufgebracht, als daß er es uͤber ſich haͤtte gewinnen koͤnnen, zuerſt die Hand zur Ausſoͤhnung zu hieten. Der ⸗Obeorſt aber, dem die Ausſicht auf ſeine baldige Be⸗ —- 604— freiung milder geſtimmt hatte, trat. rauf ihn zu. „Da, hier meine Hand, Camerad, aller Groll ſey vergeſſen.“ 50 ⸗Eduard Stanley reichte dem Kriegsgefaͤhrten werſöhntnidien Hand„† und dieſer ſchüͤttelte ſie mit großer⸗ Herzlichkeit indem er ausriefm ,„Wir awollen unſere Verſoͤhnung mit blu⸗ tigen Buchſtaben auf die Schäde Aabens Feinde Iſchreiben Pe 1 06(hnne) 0e. 16316 828 „Ja, das wollen wir, 1] fhraih uEbuard Stanley, auch duͤrfen wir keinesweges alle Hoff⸗ nung ſchwinden laſſen,/ obſchon mein Vater uns ſeinen Beitritt verſagt. Er hat einen Freund, dyſiet Wkaches fils wir ihenlärkanhennna degſem Köngeethe annufarhedf er iſt ein getreler Sohn der Kirche, und wenn auch nicht mehr ganz jung, dennoch kuͤhn von Murh und deraſc von Entſchluß.“ unn zagr ni 0 „Wen meint Ihrk“ Iragte der Jeſuit. „Sir George Vernon,“ erwiederte Stanley, „gemeinhin der Koͤnig vom Gebuͤrge genannt; er lebt zu Haddon, in Derbyſhiret“nd as — 65— „Ich erinnere mich der Gegend recht gut verſetzte der Jeſuit,„denn ich ward ohnfern der Veſte von Haddon geboren und erzogen. In dem lieblichen Thal von Monſal erblickte ich zuerſt das Licht der Welt, dort leben mir auch noch Verwandte, wenn ſie anders nicht der Himmel ſchon zu ſich genommen hat. i 89 „So iſt es Euch auch bekannt, wie maͤch⸗ tig der Ritter,“ ſprach der junge Empoͤrer,„er kann fuͤr die Sache, der er ſich annimmt, leicht zehntauſend Mann auf die Beine bringen; und geſchieht es nur fuͤr uns, kann es uns ja gleich⸗ viel gelten, wenn er dies Wunder auch durch Zauberei und Hoͤllenkuͤnſte bewirkt.“ „Seyd Ihr aber auch uͤberzeugt, daß er ſich mit uns vereinigen wird?“ fragte der Jeſuit. „Iſt er uns auch ſicherer als der Gigf. von Derby?“ zger „Er iſt weit ehrgeiziger als dieſer,“ entgeg⸗ nete der junge Krieger;„laſſen wir den ſogenann⸗ ten Koͤnig auch nur einen Schimmer von wirkli⸗ cher koͤniglicher Wuͤrde weithin in der Ferne er⸗ I. Band. 5 — 66— ſchauen, er wird Alles daran ſetzen, ſie ſich zu eigen zu machen. Mein Bruder, Sir Thomas Stanley, befindet ſich jetzt gerade zu Haddon, wo er der juͤngern Tochter des Sir George, der Lady Margarethe Vernon, den Hof macht. Dort⸗ hin will auch ich mich begeben, und meinem Bru⸗ der die kuͤnftige Groͤße unſers Vaters in einem ſo giaͤnzenden Lichte darſtellen, daß er ſich ganz nach unſern Wuͤnſchen fuͤgen wird. Ich kenne ihn durch und durch— habe ihn erprobt und bewaͤhrt gefunden— er iſt der Unſere. Von die⸗ ſem Augenblicke an betrachtet ihn als einen ſolchen.“ „Herrlich, berrlicht“ rief der Deutſche, ſich die Haͤnde reibend,„das iſt eine treffliche Kunde, ſie ſtaͤrkt und giebt neues Leben ag wie ein Becher Rheinwein.”“ 1 „Wo aber ſollen wir unterdeſfen bleiben?“ fragte der Jeſuit.„Der Pacheco kann, ohne daß man unſer Geheimniß errathen wuͤrde, nicht ſo lange an der Kuͤſte verweilen.”“ „Ich wuͤnſche weder Euren noch ſeinen Auf⸗ enthalt hier laͤnger,“ verſetzte der junge Stanieh nich werde Mittel finden, Euch alles Noͤthige auf dem Wege, auf welchem wir die ſpaniſche Regie⸗ rung in Kenntniß zu ſetzen beſchſhan mitzu⸗ theilen.“ „Aber wuͤrde Euch die Waumſchafe des Pa⸗ checo nicht von Nutzen ſeyn?“ fragte der Jeſuit. „Sie wuͤrde mir mehr ſchaden als Vortheil bringen,“ antwortete Eduard Stanley,„ohnehin konnte ſie ſchwerlich landen, tritt, nicht zuvor irgend ein Edelmann, deſſen Veſte an der Kuͤſte liegt, auf unſere Seite. Laßt uns alſo nur erſt das Wild aufjagen, dann wollen wir die Iciger rufen.“ un menag tnſais 3n „Wenn alſo,“ nahm der Feſuit wieder das Wort,„der Pacheco das Boot Eures Vaters anruft, und das geſchieht gewiß, weil er an der MNuͤndung des Fluſſes liegt, dann ſollen wir, Euch in den Haͤnden des Grafen laſſen?“ „Ja,“ entgegnete der junge Soldat,„ Ihr moͤgt ſcheinbar in mich dringen, mich mit Euch an Bord des Spaniers zu begeben, ich aber werde thun, als ob ich aus Liebe zu meinem Vater Euren Vorſtellnngen kein Gehoͤr gaͤbe; ſpart nicht Eure Rednertalente; je beſſer Ihrt Eure Rollen ſpielt, je gewiſſer wird mir das Ver⸗ trauen des Grafen.“ „Gebt die Hoffnung noch nicht auf, ihn far unſere Sache zu gewinnen,“ ermahnte der Jeſuit. Nur langſam getroͤpfelt. Ein Tropfen nach dem andern; mit Geduld hoͤhlt man endlich einen Felſen aus; ein Wort zu rechter Zeit hat oft Wunder gethan.“ Hier ward das Geſpräch durch die Rückkehr des Stallmeiſters unterbrochen, der mit mehrern Dienern eintrat, die Gefangenen an Bord der Pinaſſe zu fuͤhren, die man jetzt bis in das In⸗ nere des Schloßhofes gebracht hatte. Stanley und ſeine Gefaͤhrten gebrauchten nur kurze Zeit, ſich vollends in ihre Kleider zu werfen, und ſchon nach wenigen Augenblicken befanden ſie ſich in der großen Halle und in der Gegenwart des Gra⸗ fen. Die ehrerbietige Begruͤßung der Gefangenen, erwiederte dieſer nur durch eine leichte Beruͤhrung ſeines Hutes; eine Geringſchaͤtzung, die den Em⸗ poͤrern um ſo mehr auffallen mußte, da er ſich gegen alle uͤbrigen Anweſenden, ja gegen den ge⸗ ringſten Diener freundlich und hoͤflich bezeigte. Der Jeſuit ertrug dies von Verachtung zeigende Betragen, wenigſtens dem Aeußern nach, mit De⸗ muth; aber der Oberſt, der weniger Geduld hatte, legte ſeinen Unmuth, den er laut auszuſprechen nicht wagte, dadurch an den Tag, daß er ver⸗ druͤßlich in der Halle auf und ab ſchritt, wobei er zur großen Beluſtigung der Dienerſchaft gar wunderbare Geſichter ſchnitt. Eduard Stanley ſtand unterdeſſen da, dem Anſcheine nach, ſchwermuͤthig und tiefbekuͤmmert, in ſeinem Innern aber ergoͤtzte er ſich uͤber die verſtellte Demuth des Jeſuiten, und uͤber den auf ſo drollige Weiſe an den Tag gelegten Verdruß des Oberſten. Der Spaß, den ihm das Beneh⸗ men des Letzteren gewaͤhrte, ward noch vermehrt, als der Deutſche, nachdem er eine Weile hin⸗ durch in ſeinen ſchweren Stiefeln auf und abge⸗ ſchritten war, ploͤtzlich vor dem Grafen von Derby, der ſich mit ſeinem Almoſenier beſprach, — 70— ſtehen blieb, und mit vor Zorn kaum vernehm⸗ barer Stimme ausrief: Graf von Derby, ich bin ein Baͤron von Hainault, ſtamme aus alter Familie— und bin Officier von hohem Range in der Armee Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs von Spanien— Ihr aber behandelt mich wie einen Hund,— wie einen Wurm,— Ihr tretet mich mit Fuͤßen. Hoͤllen⸗Element! ich bin Euer Ge⸗ fangener, wenn Ihr es nicht anders wollt, aber der Teufel ſoll mich holen, ich bin auch Cava⸗ lier, und ſobald ſich das Werter gewendet hat, ſollt Ihr mir Genugthuung geben! Der Graf entgegnete auf dieſe Rede nur durch ein veraͤchtliches Laͤcheln, und fuhr fort, ſich mit ſeinem Almoſenier zu beſprechen, ſo daß der Oberſt genoͤthigt war, ſich Zähneknirſchend zuruͤckzuziehn. Der Jeſuit naͤherte ſich ihm, und ſtellte ihm leiſe vor, wie thoͤrigt es ſey, den Zorn des Grafen zu reizen. Der Deutſche aber hoͤrte nicht darauf, ſondern wandte ſich von ihm, und maß aufs Neue die Halle mit großen Schrit⸗ ten. Endlich ward dem Grafen angezeigt, daß Alles zum Einſchiffen bereit ſey, er begab ſich nun unverzuͤglich in den Hof unb gebot ſeinen Leuten die Gefangenen an Bord zu ſchaffen; ein Befehl, dem ſofort Folge geleiſtet wurde. Er ſelbſt beſtieg darauf ebenfalls die Pinaſſe, und ſchon nach wenigen Augenblicken ruderke das kleine Lazif zur Sthlhrar hinaus. 5. Es war ein herrlicher Morgen, an dem der Graf von Derby mit den Gefangenen die Veſte verließ. Die Ufer an beiden Seiten lachten un⸗ ter den Strahlen der emporſteigenden Sonne, waͤh⸗ rend die Berge und hervorſpringenden Felsſtuͤcke ihre dunkeln Schatten in das Landſchaftsgemaͤlde warfen. Die von einem leiſen Winde nur leicht bewegten Wellen, trugen das Schiff ſanft dahin, und aus der ſpiegelhellen Fluth ſtrahlte die Koͤni⸗ gin des Tages glaͤnzend wieder. Anfangs bewegte ſich die Pinaſſe nur lang⸗ ſam fort, als ſie aber in die Mitte des Stroms gelangte, ging es immer raſcher und raſcher den Fluß hinab. Auch der Wind ward jetzt ſtaͤrker, die bisher ſchlaff herabhaͤngenden Segel wurden von ihm geſchwellt, und hoch wehte am Maſte der mit dem Wapen des Grafen von Derby ge⸗ ſchmuͤckte Wimpel. So ging es an den Ufern — 73— von Lancaſhire voruͤber, und jetzt kam das Schiff an jene gefaͤhrliche Stelle von Sandbaͤnken und Untiefen, welche Liverpool mehr Schutz vor dem Feinde gewaͤhren, als es zahlreiche mit Kanonen geſpickte Batterieen zu thun vermoͤchten. Aber die hier auf den Schiffer lauernden Gefahren waren der Mannſchaft der Pinaſſe gar wohl bekannt, welche auf ihren oͤfteren Fahrten nach der Inſel Man jede Sandbank, jede Untiefe kennen gelernt, und jeder einzelnen gefahrvollen Stelle einen be⸗ ſondern Namen beigelegt hatte; und ſo ging es raſch am Ausfluſſe des Dee voruͤber, auf Orms⸗ head zu. 4 Von dem Augenblicke ihrer Abfahrt von Li⸗ verpool an, hatte der Stallmeiſter, wenn er gleich ſeine Beobachtungen nur insgeheim anſtellte, die Gefangenen nicht aus den Augen gelaſſen; denn der Graf hatte gegen ihn die Beſorgniß geaͤußert, daß jene ins Waſſer ſpringen und einen Verſuch mwagen moͤchten, ans Ufer zu ſchwimmen. Auf Befehl des Grafen hatte Ormſton demnach eine Schildwache vor die Cajuͤte geſtellt, dem Anſcheine — 74— nach nur der Form wegen, eigentlich aber um die Gefangenen zu bewachen, denen man geſtat⸗ tete, auf dem Verdecke frei umher zu wandern. Als der junge Stanley dieſe Anſtalt gewahrte, fluͤſterte er ſeinen Gefaͤhrten zu, wie ſie ein Be⸗ weis ſey, daß ſein Vater von der Naͤhe des Gper niers keine Ahnung habe. „Wuͤßte er, was wir wiſſen,“ fprach d der Juͤngling laͤchelnd,„er wuͤrde ſtatt des einen Burſchen dort, eine ganze Schaar aufgeſtellt ha⸗ ben.“ „Wann denkt t Jhr, werden wir den De treffen?“ fragte der Jeſuit. „Nach zwei Stunden, hoffe ich,“n verſehte der junge Krieger,„hat er aber keinen guten Lootſen an Bord, moͤchten wir ihn leicht ſ einer Sandbank finden.”“ n.— rn„Dann, glaubt's mir, kann der Lootſe das Ufer vom Maſtbaume aus betrachten,“ rief der Oberſt,„denn der Spanier verſteht keinen Spaß!“ Das Boot hatte, um eine große Sandbank zu vermeiden, bisher immer ſo nahe als moͤglich ans Ufer hingehalten, und bog jetzt nach dem Irrlaͤndiſchen Kanale hinuͤber. Noch aber hatten ſie die Sandbank nicht aus dem Geſichte verlo⸗ ren, als die Mannſchaft auch ſchon ein großes Fahrzeug gewahrte, dem Anſcheine nach ein Kriegsſchiff, welches die Segel aufzog, und die Anker hob; ein kleines Vorgebirge hielt es bis⸗ her ihren Blicken verborgen. Als man von dem großen Schiffe aus die Pinaſſe erblickte, ward auf dem Verdecke des Erſtern Alles lebendig, und gleich darauf feuerte man von dort, wie zur Be⸗ gruͤßung, zwei Schuͤſſe in die Luft, die auch von der Pinaſſe unverzuͤglich erwiedert wurden. Der Graf und ſein Gefolge kamen jetzt aus der Ca⸗ juͤte, um nach der Urſache des Schießens zu fra⸗ gen, und waͤhrend man noch daruͤber ſprach, hatte das Schiff ſich bereits in Lauf geſetzt, und war raſch von dem guͤnſtigen Winde bis auf Pi⸗ ſtolenſchuß⸗Naͤhe an die Pinaſſe hinan gebracht, die nun von ihm angerufen ward und den Befehl erhielt beizulegen. 3 „Ha!““ rief der Graf von Derby laͤchelnd, — 76— „der Befehlshaber will ſeine Autoritaͤt zeigen; was mag er von uns wollen?“ Der Capitain der Pinaſſe ließ jetzt ſeiner⸗ ſeits das Schiff anrufen und fragen, was man begehre. Es erfolgte keine Antwort, aber das Schiff kam immer naͤher, und befand ſich jetzt neben dem Boote, welches im Vergleiche zu dem rieſigen Gebaͤude nur eine Nußſchaale ſchien. Der Befehlshaber zeigte ſich nun in eleganter Kleidung, von ſeinen Officieren umgeben, auf dem Verdecke, und fragte in ziemlich guten Engliſchen, ob die Pinaſſe nicht dem Grafen von Derby gehoͤre, worauf er von dem Capitain des Bootes eine be⸗ jahende Antwort erhielt. „Iſt der Graf von Derby an Bord?“ fragte der Befehlshaber weiter. „Ja freilich, Don Louis,“ rief raſch der Oberſt Sparendam,„er iſt hier, und auch wir ſind da.“ 4 „Ha! ſeyd Ihr's, Herr Oberſt?“ rief der Spanier,„St. Jago ſey gelobt! Sieh da, auch Ihr, wackerer Sir Eduard! und auch Ihr, — 77— frommer Vater! Gott zum Gruß! Ich komme uͤber zu Euch, dem wuͤrdigen Herrn Grafen meine Aufwartung zu machen.“ „Halt, Sir!“ rief der Graf von Derby, welcher jetzt das zwiſchen dem Befehlshaber und ſeinen Gefangenen obwaltende Einverſtaͤndniß be⸗ merkte,„Ihr ſollt keinen Fuß auf meine Barke ſetzen, bis ich weiß, wer Ihr ſeyd, und was Ihr hier an der Kuͤſte vorhabt. Ich ſehe, Ener Schiff gehoͤrt Sr. Majeſtaͤt dem Koͤnige von Spanien; kommt Ihr nach England und zu un⸗ ſerer Monarchin in freundlicher Abſicht, ſoll Euch jeder Beiſtand werden, den Euch zu gewaͤhren in meiner Macht ſteht. Seyd Ihr aber, wie ich faſt fuͤrchte, als Feind hier, werde ich mich Euch widerſetzen, ſo lange die Planken meines Bootes zuſammenhalten. Koͤnig Philipp hat England keinesweges den Krieg erklaͤrt, deshalb will ich, bis ich es anders weiß, ſeine Officiere als Freunde betrachten, aber ich rathe Euch, keinen Verrath, Ihr haͤttet die Folgen zu verantworten.“ „Von dem, was ich thue,“ entgegnete der — 78— Spanier mit einem ſtolzen Laͤcheln,„habe ich nur meinem Monarchen, nicht aber dem Grafen von Derby, Rechenſchaft zu geben. Aber wie ſoll ich das deuten, Oberſt, ich ſehe Euch in Geſell⸗ ſchaft des Herrn Grafen, und dennoch ſcheint er noch nicht mit uns einverſtanden.“ ſih ien mein„Die drei da, ſind meine Gefangenen,“ rief der Graf, n ſien Gaben die Geſoten Lnolainds verletzt.“ ndree 1 „Ihr ſagtet ja ſo cben,“ eniggeguit⸗ der Spanier mit großer Ruhe,„daß zwiſchen Spa⸗ nien und England kein Krieg beſtaͤnde; da habt Ihr recht, und deshalb iſt es um ſo auffallender, daß ſpaniſche Unterthanen von Cuch zu Deſenge nen gemacht wurden.“ 1 „Das Boͤlkerrecht,“ aumicbane der Gmms „beſchuͤtzt keine Verraͤther, keine Aufwiegler, und das ſind ſie. Sie kamen nach England, um die Nation zu einer Empoͤrung gegen ihre rechtmaͤßige Monarchin zu reizen; welche Antwort hahr Ihr mir darauf zu geben?“.I 54 „Keine,“ verſehte Don Louis,„die Haͤn⸗ F — 79— del der„Politik uͤberlaſſe ich den Staatmaͤnnern, Ich aber habe das, was mehr gilt als Gruͤnde, die Uebermacht, und die muß ich anwenden, Euch, Herr Graf, Eure Gefangenen wieder abzunehmen.“ „Auf Eure Gefahr hin,“ rief der Graf von Derby,„aber ich warne Euch, Ihr verletzt den Frieden, der zwiſchen beiden Nationen beſteht, und durch ein ſolches Benehmen erklaͤrt Ihr den Krieg im Namen des Koͤnigs von Spanien(nm „Er mag es verantworten,“ entgegnete der Befehlshaber,„das iſt nicht meine Sache— giebt es Krieg, deſto beſſer fuͤr den Soldaten; alſo kommt, Ihr Herren, ic erwarte Eure Geſel⸗ ſchaft.”“. 1 „Hal bei der heiligen Jungfeau, disſe Be leidigung ſoll nicht ungeraͤcht bleiben,“ donnerte der Graf von Derby von Zorn entflammt. „Waͤre mein Boot hier nur um die Haͤlfte groͤ⸗ ßer, Ihr wuͤrdet es nicht gewagt Gaben einen lſo chen Ton anzunehmen.“ e„ Bei einem Manne, der nicht einmal den Muth hat, ſein Recht geltend zu machen, Herr 4 — 80— Graf,“ verſetzte der Befehlshaber,„waͤre ein anderer Ton am unrechten Orte; bevor man Ehr⸗ erbietung verlangt, muß man ſie verdienen.“ „Eurer Unveerſchaͤmtheit nach zu urtheilen, ſollte man Euch eher fuͤr einen Seeraͤuber, als fuͤr einen Officier der ſpaniſchen Marine halten,“ entgegnete der Graf mit großer Verachtung. „Hoͤrt einmal,“ rief der Befehlshaber,„ich warne Euch, Ihr waͤret nicht der erſte Mann von Range, den ich an ſeinem eigenen Maſtbaume haͤngen ließ; dankt's meiner Freundſchaft fuͤr Eu⸗ ren wackern Sohn, daß ich Eure Schmaͤhung ſo hingehen laſſe; auch moͤgt Ihr ſchwatzen, ſo viel Ihr wollt, guter Graubart, es iſt ja ein Vor⸗ recht Eures Alters; Ihr aber, Sir Eduard, kommt heruͤber.“ „Nein, Don Louis,“ erwiederte der junge Stanley,„ich bleibe bei mein Vater; Spa⸗ rendam und der Vater Paul oerden wohl thun, ſich zu Euch zu begeben, unſere Sendung aber mißgluͤckte, und ſo hat unſere Verbindung ein Ende.“ „Ihr ſeyd behext, oder habt den Verſtand verloren, Signor Cavalier,“ verſetzte der ſpani⸗ ſche Befehlshaber,„wie, Ihr wollt Eure golde⸗ nen Hoffnungen aufgeben, weil Euch der Alte dort das Wort Nngerhanssſigt ins 4 Ohr geſluͤ⸗ ſtert hat?“ hen Kuͤmmert Euch nicht um mein Beginnen,“ entgegnete der junge Empoͤrer,„bedarf ich gele⸗ gentlich des Raths, kann es ſeyn, daß ich mich deshalb an Euren Herrn wende.— Ihr, Oberſt, und Ihr, frommer Walasen lebt wohl— wir ſcheiden auf immer.“ Ohne Widerſtand von Seiten des Grafen, der im Grunde froh war, ſeine Gefangenen auf dieſe Weiſe los zu werden, begaben ſich der Je⸗ ſuit und Sparendam nun an Bord des ſpani⸗ ſchen Schiffes, deſſen Befehlshaber mit vor Zorn flammenden Augen daſtand, die Hand an den Griff ſeines langen breiten Schwertes gelegt, ſo als fordere er Genugthuung fuͤr die ſtolzen Worte des jungen Kriegers. Ein bedeutungsvoller Blick des Prieſters aber belehrte ihn, daß ſein Zorn I. Band. 6 — 82— hier ganz am unrechten Orte ſey, und ſo rief er dann mit kalter Hoͤflichkeit dem Grafen und deſ⸗ ſen Gefolge ein Lebewohl zu. Der Spanier ſetzte darauf ſeinen Weg fort, und glitt majeſtaͤtiſch durch die Wellen nach Ormshead hin. So ſehr Don Louis Unver⸗ ſchaͤmtheit auch den Grafen von Derby erzuͤrnt hatte, konnte dieſer dennoch nicht umhin, die Schoͤnheit ſeines Schiffes zu bewundern, welches weit groͤßer und weit geſchmackvoller gebauet war, als irgend ein Segler in der engliſchen Marine. Es ſchien in der That eine ſchwimmende Feſtung, denn auf dem Verdecke befand ſich ein ſtarker hoͤtzerner Thurm, prachtvoll vergoldet und gemalt, in den ſich waͤhrend des Gefechts die Krieger be⸗ gaben, um von dortaus die todbringenden Kugeln und Pfeile auf den Feind zu ſenden. Das Schiff fuͤhrte an ſechszig ſchwere Kanonen, vierzehn Staͤck leichtern Geſchuͤtzes nicht gerechnet, welches auf dem Thurme aufgeſtellt worden war; kurz, es war ein Fahrzeug von bewundrungswuͤrdiger Groͤße und Staͤrke, wie es zu jener Zeit keine andeie — — 83— Nation, als die Spaniſche auszurüͤſten vermochte. Der Befehlshaber hatte Sorge getragen, eine Privatflagge aufzuſtecken, damit, falls der Zweck ſeiner Reiſe mißgluͤcken ſollte, der Name leines Herrn nicht compromittirt wuͤrde. S Wie es Eduards Scharfſinn richtig berech⸗ net hatte, hielt der Graf den laut geaͤußerten Entſchluß ſeines Sohnes bei ihm zu bleiben, für ein Bemuͤhen deſſelben, den Zorn des Vaters zu beſaͤnftigen, und deſſen Verzeihung fuͤr den began⸗ genen Fehltritt zu erlangen. Der ſtolze Ton, in welchem der junge Stanley zu dem Spanier gere⸗ det, und wodurch er gewiſſe ermaßen dem Grafen von Derby fuͤr die ihm zugefuͤgte Beleidigung Genugthuung verſchafft hatte, vollendete die Taͤu⸗ ſchung; und nachdem Eduard ſich nun noch, dem Anſchein nach, reuevoll dem Vater naͤherte, ſein Vergehen bekannte, erklaͤrend, daß er verfuͤhrt worden ſey, ſchenkte ihm der Graf bald ſein gan⸗ zes Vertrauen wieder. Die Sommerſonne hatte bisher ihre Strah⸗ len heiß auf die Wogen niedergeſandt; jetzt aber — 84— begann ſich, wie es an jenen Kuͤſten oft zu ge⸗ ſchehen pflegt, der Himmel ploͤtzlich zu truͤben; eine kleine Wolke, welche lange ſchon von Jedem, nur von dem erfahrenen Auge des Seemanns nicht, unbeachtet am Horizonte ſchwebte war der Vorbote eines furchtbaren Sturms.— Deut⸗ lich konnte man von dem Boote aus wahrneh⸗ men, wie der Spanier beſchaͤftigt war, ſeine Se⸗ gel einzuziehn, und alles auf dem Verdecke zu ordnen, um dem nahen Orkane zu begegnen. Jene ansſtliche, jedem Unwetter vorangehende Stille herrſchte jetzt in der Natur; aber die Ruhe ſollte nicht lange waͤhren, ein furchtharer, dunkel⸗ rother Blitzſtrahl zuckte ploͤtzlich aus dem ſchwar⸗ zen Gewoͤlke hernieder, und ein gewaltiger Don⸗ nerſchlag folgte, der nicht nur das Herz des küͤhn⸗ ſten Seemanns erbeben machte, ſondern auch das Meer bis in ſeine unterſte Tiefe exſchütterte, ſo daß es ſeine Wellen wild ſchaͤumend emporhob. Jede Woge war mit einer weißen Krone geſchmuͤckt, wodurch ihre untere ſchwarze Maſſe noch grauen⸗ voller erſchien. Die Seevoͤgel ſammelten ſich um - 85— das Schiff, flatterten angſtvoll umher, ſchrieen, und tauchten dann unter in die Wellen, um ſich dort vor dem Unwetter zu bergen, das nun auch bald, auf Windesfluͤgeln herangetragen, mit vol⸗ ler Gewalt ausbrach. Blitze zuckten, Donner roll⸗ ten, und Sturm und Wellen begännen ihr furcht⸗ bares Concerk. Bergehoch ging die See, bald die Schiffe hoch hinauf bis in die Wolken hebend, bald ſie wieder hinab in die Tiefe ſchleudernd; kurz es ſchien, als zoͤge der Daͤmon der Verwuͤ⸗ ſtung däßer, der Wlt den untetgang 5 bringen. H. u Die kleine Pinaſſe, von den Wellen hin und her geworfen, ward bald von dieſen, bald von dem in Menge herabſtromenden Regen uͤberfluthet, waͤhrend man, zumal wenn die Blitze herabzuck⸗ ten, deutlich gewahren konnte, wie der Sturm auf dem ſpaniſchen Schiffe gewaltige Verheerung angerichtet, ja, wie er bereits einen Maſt ſammt Segeln uͤber Bord geſchleudert habe. Das Fahr⸗ zeug des Grafen von Derby hatte weit weniger gelitten, als der Spanier, denn weniger unbe⸗ huͤlflich, als dieſer, trieben die Wellen gewiſſer⸗ maßen nur ihr Spiel mit ihm, waͤhrend ſie ſich an dem rieſigen Gebaͤude mit furchtbarer Gewalt brachen. Beide Schiffe waren von dem Sturme ruͤck⸗ waͤrts getrieben, und befanden ſich jetzt an jener gefahrvollen Stelle, zwiſchen Sandbaͤnken und Un⸗ tiefen an der Muͤndung des Merſey. Die ſpani⸗ — 87— ſchen Seeleute erbebten, wegen der Lage in der ſte ſich erblickten, und begannen eilfertig die Laſt des Schiffes zu erleichtern. Alles ward uͤber Bord geworfen, Vorrathskiſten, Faͤſſer, Koffer, Kaſten, ja man kappte ſogar die noch uͤbrigen Maſten und ſtuͤrzte ſie in die Fluth; aber es war zu ſpaͤt; auf der offenen See haͤtte ſich das Schiff vielleicht retten koͤnnen, hier aber war es jetzt nur um ſo mehr ein Spiel der Wellen, zu⸗ mal, da um das Ungluͤck vollkommen zu machen, eine rieſige, vom Orkane herangepeitſchte Woge, hochgethuͤrmt uͤber dem Hintertheil des Fahrzeu⸗ ges zuſammen brach, und das Steuerruder mit ſich fortriß. Ein furchtbares Geſchrei, von der Mannſchaft der Pinaſſe, trotz des Orkans, ge⸗ hoͤrt, folgte dieſem neuen Unfalle, und gleich darauf ward der Spanier von den Wellen mit Rieſengewalt auf eine große Sandbank geſchleu⸗ dert, wo die verheerenden Wogen es ſo lange maͤchtig umthuͤrmten, bis nur noch die Truͤmmer des Wraks umhertrieben. Es lag am Tage, daß der groͤßte Theil des — 838— Schiffvolks den Tod gefunden haben mußte; aber ob auch nur ein Einziger von ihnen ſich in den Boͤten gerettet habe, daruͤber vermöchte die Mann⸗ ſchaft der Pinaſſe, wegen det hochgehenden See, nicht zu entſcheiden; angenommenf indeß auch, daß es Einigen von den Spaniern gelungen wäͤre, ſich in ein Boot zu werfen, war es dennoch, bei dem furchtbaren Stutme, und bei der Unbekanntſchaft der Fremden mit den Sandbaͤnken, kaum denk⸗ bar, daß ſie dem Schickſale hi ciheda hät⸗ ten entgehen koͤnnen. 12 Aber diejenigen, die ſich in der Pinaſſe be⸗ fanden, hatten nicht Muße, den Untergang des ſpaniſchen Schiffs zu beobachten, oder das Un⸗ gluͤck ſeiner Mannſchaft zu bemitleiden, denn ſie hatten genug zu thun, um ein aͤhnliches Mißge⸗ ſchick von ſich abzuwenden, und, nur mit der eigenen Rettung beſchaͤftigt, konnten ſie nicht an Andete denken. Man hatte die Segel eingezo⸗ gen, von dem Verdecke alles Unnsthige wegge⸗ ſchafft, und Jedermann, der nicht mit Händ an⸗ legen konnte, ward hinab in die Cäjüte des Gra⸗ — 89— fen verwieſen. Jetzt bewies Eduard Stanley, daß bei ihm Muth und Entſchloſſenheit nicht bloß in Worten beſtanden. Mit großer Ruhe nnd heiterm Antlitze ſprach er zu den Matroſen, ſo als ob die Sonne geſchienen haͤtte, und von kei⸗ ner Gefahr die Rede geweſen waͤre. Dies Be⸗ nehmen ermuthigte die Mannſchaft, der der junge Krieger mit Rath und That nach allen ſeinen Kraͤften beiſtand, und half ihr, die Sandbaͤnke und Untiefen zu vermeiden, von denen ſie umge⸗ ben waren. „Mein Seel!“ ſprach er, gleichſam wie im Scherze, zum Capitain der Pinaſſe gewandt: „heute gilts Gower; dieſen Morgen wollte uns die Sonne braten, jetzt hat es allen Anſchein, daß wir in kalten Waſſer gekocht werden ſollen. Aber es hat nichts auf ſich— nur aufgeſchauet,— rechts,— rechts abgehalten von der Sandbank.“ „ Die armen Teufel!“ fuͤgte er dann hinzu, indem er nach der Stelle blickte, wo der Spanier Schiffbruch gelitten hatte,„jetzt werden ſie von den Fiſchen geſpeiſ't, und der Oberſt, oft trank — 90— er ſich einen Rauſch in rothem Weine, nun muß er ſich mit Salzwaſſer begnuͤgen.“ „ Ja, ja, ſtolz wie ein Pfau ſchritt der Don auf ſeinem Verdecke auf und ab, nun aber iſt's mit ihm vorbei,“ bemerkte der Capitain der Pi⸗ naſſe. Kaum aber hatte er dieſe Worte geendet, ward er ploͤtzlich daran erinnert, daß es jetzt nicht Zeit ſey an andere zu denken, denn noch furcht⸗ barer, als zuvor, begann der Sturm zu toben, und unfaͤhig ihm Widerſtand zu leiſten, ward das leichte Schiff von ihm mit Blitzesſchnelle und Rieſengewalt auf eine unferne Sandbank ge⸗ worfen. Alles ſtuͤrzte jetzt auf das Verdeck, und jam⸗ merte und wehklagte. Weder durch Bitten noch Drohungen, ja ſelbſt nicht durch Schlaͤge, konn⸗ ten Eduard und die Schiffsleute das Gefolge des Grafen bewegen, ſich wieder hinab in die Cajuͤte zu begeben, um dort ruhig einer guͤnſtigen Ver⸗ aͤnderung ihrer Lage zu harren. Der Schrecken hatte ſich ihrer ſo bemaͤchtigt, daß ſie keiner Ver⸗ nunft Gehoͤr gaben. Unterdeſſen ſtuͤrmten die — 91— Wellen immer wilder und wilder heran, und ploͤtz lich ward das Hintertheil der Pinaſſe gewaltſam von dem Vordertheile loßgeriſſen und von einer einzigen maͤchtigen Woge, bis auf funfzig Schritt hin, an das Ufer gewaͤlzt. Auf dieſer Truͤmmer befanden ſich der Graf, von Derby, Eduard Stanley, und mehrere aus dem Gefolge des Er⸗ ſtern. Die Mannſchaft und die uͤbrigen Diener des Grafen waren auf dem Vordertheile geblie⸗ ben, deſſen Untergang um ſo gewiſſer ſchien, da die Wellen die Planken des Verdecks, die einzige Zuflucht der Ungluͤcklichen, bereits zu loͤſen be⸗ gannen. 4 8 22 Der Graf von Derby, den der ihm eigen⸗ thuͤmliche Muth in dieſer furchtharen Scene auf⸗ recht gehalten hatte, war auch jetzt, mehr wegen ſeiner Leute, als wegen ſeiner eigenen Sicherheit beſorgt. Er beſchwor ſie, mit der Waͤrme eines Patriarchen, auf Gott zu vertrauen, der ſie auch jetzt aus dieſer gefahrvollen Lage retten köͤnne, wenn es anders ſein heiliger Wille ſey.„Hat er aber beſchloſſen,“ fuhr er ermahnend fort,„hier — 92— unſerm irdiſchen Daſeyn ein Ziel zu ſetzen, ſo denkt, daß wir ja nur das Schickſal des ungluͤck⸗ lichen Spaniers theilen, deſſen Mannſchaft ihr Grab in den Wellen fand, ohne daß es ihr, wie uns geſtattet ward, ſich auf den Tod vorzuberei⸗ ten.— MNoͤgen unſere Koͤrper immerhin von den Wellen verſchlungen werden, unſere Seelen werden ſich verklaͤrt zu dem Vater des Kichts er⸗ Hir 44 Waͤhrend er noch ſo ſeine Diener troͤſtete, trat Eduard Stanley zu ihm, ein Tau in ſeiner Hand, welches er von der Truͤmmer geloͤſet hatte. „Kommt, Mylord,“ ſprach er,„laßt uns einen Rettungsverſuch wagen, moͤglich, daß wir das Ufer erreichen. Werft Mantel und Muͤtze von Euch, und ſchlagt dies Tau um Eure Huͤfte.”“ 4„Nein, Eduard,“ verſetzte der Graf von Derby,„ich will mit den Meinigen ſterben, koͤn⸗ nen wir nicht ſaͤmmtlich gerettet werden, ſollen uns die Wellen gemeinſchaftlich verſchlingen.“ „Nicht ſo, theiter Here, bat Denſton — 93— der dem Grafen zunaͤchſt ſtand,„verlaßt uns!— werdet nur Ihr gerettet, wollen wir gern ſterben.“ „Nein, bei der heiligen Jungfrau! John Ormſton, ich bleibe bei Euch,“ entgegnete der Graf von Derby,„ich waͤre der Liebe meiner Diener unwerth, koͤnnte ich ſie in dieſer Gefahr verlaſſen.”“— 1 „Ihr ſollt Euch ja nicht von Ihnen tren⸗ nen, mein Vater,“ fiel Eduard Stanley ein, „was ich vorſchlug, iſt der einzige Weg ſie zu retten. Eines Beiſpiels nur bedarf es; und wo es eine kuͤhne That gilt, wer anders koͤnnte da den Anfang machen, als Graf von Derby. Sehn die Eurigen nur Euch erſt am Ufer, wird der Muth ihnen Fluͤgel leihen, Euch zu folgen.“ „ Ich zweifele, daß dieſe alten Glieder den Kampf mit, den Wogen auszuhalten vermoͤgen,“ erwiederte der Graf,„beſſer, ich bleibe hier, und ſterbe von meinen Dienern umgeben.“ „Der Graf von Derby wird ſich doch nicht fuͤrchten?“ ſagte Eduard. — 94— „Fuͤrchten?“ wiederholte der würdige Lord, „nein, mein Sohn, ich will Dir folgen.’“”** So ſprechend, warf der Graf Mantel und Muͤtze von ſich, und raſch ſchlug der Juͤngling nun das Tau um die Huͤfte ſeines Vaters, doch nur ſo locker, daß er ſeinen Arm noch hindurch zu bringen vermochte. Als dies geſchehen war, trat der Greis muthig an den Nand des Wraks, ruhig die naͤchſte heranwogende Welle erwartend. Dieſe nahte ſich mit einem dem Gebruͤlle eines Loͤwen vergleichbaren Getobe, und uͤberfluthete die Truͤmmer, an welche, um nicht mit fortgeriſſen zu werden, die Uebrigen ſich anzuklammern ge⸗ noͤthigt waren. Als ſie dahin gerollt war, und nun Einer den Andern auf den ſchwankenden Brettern wieder erkennen konnte, waren Vater und Sohn vor ihren Blicken verſchwunden. Aller Augen richteten ſich jetzt auf das Ufer, aber die ſchaͤumenden Wellen verhinderten ſie ſo weit hin⸗ zuſchauen. Endlich brachen ſich dieſe, und die ſich auf dem Wrak befindlichen Diener des Gra⸗ fen ſahen nun, wie Eduard Stanley ſeinen Va⸗ — 95— ter aus den Fluthen hob, und mit ihm forkeikte, bis er eine trockene, ſichere Stelle erreichte. Ein lautes Freudengeſchrei ertoͤnte von der Truͤmmer. Alle waren jetzt bereit dem Beiſpiele ihres Gebie⸗ ters zu folgen, und trotz der brandenden Wogen ihre Rettung zu verſuchen. So wie neue Wellen heranrauſchten, ließen ſich demnach die meiſten von ihnen erfaſſen, und dem Strande zutragen, wo ſie auch ſaͤmmtlich gluͤcklich anlangten. inige aber, die nicht Koͤrperkraͤfte genug beſaßen, dort ihren Standpunkt zu behaupten, wurden von der Brandung wieder mit fortgeriſſen, und fanden ihr Grab in den Wellen. Naß und erſchoͤpft ſanken die Geretteten am Ufer nieder, dem Ewigen fuͤr ihre Erhaltung dankend. Jetzt begann auch der Sturm milder zu werden, das Geheul des Win⸗ des ging in ein dumpfes Wehklagen uͤber, ſo als bejammere er das Elend, welches er angerich⸗ tet. Die Wogen thuͤrmten ſich nicht mehr ber⸗ gehoch, als wollten ſie den Himmel ſtuͤrmen, und die Brandung am Ufer ward ruhiger. Nach und nach lichtete ſich das ſchwarze Gewoͤlk, und bald +— 26— trat die Sonne aus ihrem finſteren Kerker wieder hervor, mit ihren Strahlen die noch immer be⸗ wegte Oberflaͤche des Waſſers vergoldend, und Seemoͤven und andere Voͤgel, welche ſich waͤhrend des Orkans in Löchern und Hoͤhlen verborgen hielten, kamen jeßt wieder zum Vorſcheine, die Beute aufzuſuchen, die ihnen der Sturm zugefuͤhrt hatte. Die erſte Sorge des Grafen von Derby war nun, in Erfahrung zu bringen, an welchem Theile der Kuͤſte er mit den Seinigen geſtrandet, denn das Unwetter hatte ſo heftig getobt, daß ſie leicht mehrere Meilen von ihrem Cours verſchlagen ſeyn konnten; kaum aber hatte die Sonne die Nebel⸗ wolken um ſie her verſcheucht, als auch ſogleich ſaͤmmt iche Seeleute erklaͤrten, daß ſie ſich auf der North Meols Bank befaͤnden, einer großen ſandigen Flaͤche am Lancaſhirer Ufer, faſt zwan⸗ zig Meilen noͤrdlich von Liverpool gelegen. Der Strand iſt dort ungemein eben, und jetzt begiebt man ſich haͤufig dorthin, um Seebaͤder zu neh⸗ men; in den Regierungsjahren der Köͤnigin Eli⸗ ſabeth aber, war kaum ein Haus dort zu ſehen, einige armſelige Huͤtten ausgenommen, die von Holz leicht aufgefuͤhrt, und, mit Raſen gedeckt, den Fiſchern Obdach gewaͤhrten, wenn die zum Fiſchen guͤnſtige Jahrszeit ſie dorthin brachte. Etwas vom Ufer entfernt erhebt ſich eine Kette unfruchtbarer, ſandiger Huͤgel, und drei Meilen weiter liegt das Staͤdtchen Ormskirk; indem fuͤnf Meilen von der Kuͤſte Lathom, das fuͤrſtliche Schloß des Grafen von Derby mit ſeinen Thuͤr⸗ men emporſtieg. Dorthin ſandte man augenblick⸗ lich Boten mit der Kunde, von dem, dem Gra⸗ fen und den Seinigen begegneten Mißgeſchicke. Fuͤr den Augenblick war derſelbe indeß genoͤthigt, ſich mit dem Schutze zu begnuͤgen, den ihm eine der oben erwaͤhnten Huͤtten zu gewaͤhren vermochte, und auf eine derſelben, aus der ſich eine Rauch⸗ ſaͤule erhob, ſchritt er demnach auf ſeinen Sohn geſtuͤtzt, zu. Sie lag auf einer kleinen Erhoͤhung, und ſchien dort aufgefuͤhrt, um ſo nahe als moͤg⸗ lich am Strande einen Schutzort zu haben. Als ſie vor der Thuͤr anlangten, welche von einem der J. Band. 7 — 98— Matroſen ohne Umſtaͤnde geoͤffnet ward, gewahr⸗ ten ſie auf dem Boden einen Mann ausgeſtreckt daliegend, dem Anſcheine nach feſt ſchlafend. Auf dem kleinen Heerde brannte ein helles Feuer, ſonſt aber war nichts, weder von Geraͤthe noch Mund⸗ vorrathe in der Huͤtte zu ſchauen. Ein Holzblock, die Wurzel eines alten Baums, war der einzige vorhandene Sitz, der auch unverzuͤglich von dem Grafen eingenommen wurde, welcher ſeinen Leuten gebot, den Schlafenden in ſeiner Ruhe nicht zu ſtoͤren. Dieſer ward indeß bald von dem Geraͤu⸗ ſche und dem Gemurmel in der Huͤtte erweckt, er rieb ſich die Augen, und blickte mit Erſtaunen auf die Menſchenmenge, die von ſeiner Wohnung Be⸗ ſitz genommen hatte. Es war ein Mann von mitt⸗ lerm Alter, mit einem markirten Geſichte; das Feuer in ſeinen Augen verkuͤndete ein leidenſchaft⸗ liches Gemuͤth; auch ſchien er der Kleidung nach, kein Fiſcher, ſondern vielmehr einer jener Geiſtli⸗ chen, die ſich zu der Lehre Calvins bekannten, wel he ſich zu jener Zeit auch in England zu verbrei⸗ ten begann. 3 1* — 99— Mit jener Unbiegſamkeit, durch welche ſich die Puritaner ſpaͤterhin auszeichneten, erwartete der Un⸗ bekannte jetzt die Begruͤßung ſeiner ungebetenen Gaͤſte, die er mit verdruͤßlichen Blicken betrachtete. Dieſer Empfang geſiel dem Grafen zwar keines⸗ weges, aber er unterdruͤckte ſeinen Unmuth, und fragte in einem ruhigen, beſaͤnftigenden Tone: „Ihr ſcheint uͤber unſere Zudringlichkeit zu zuͤr⸗ nen, guter Freund, wir aber konnten nicht an⸗ ddeerrs, wir haben Schiffbruch gelitten, und harren hier nur der Ruͤckkehr derer, die wir ausſandten, uns Beiſtand zu verſchaffen.“ „Ihr gehoͤrt alſo, wie es ſcheint,“ entgeg⸗ nete der Fremde mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln, „zu jenen Thoren, die dem Himmel danken, daß ſie dem Tode entgingen. „ Ja freilich thun wir das,“ verſetzte der wuͤrdige Graf von Derby,„wir preiſen den Ewi⸗ gen fuͤr unſere Rettung. Hat er uns nicht das Leben erhalten, und iſt das nicht ein werthvolles Geſchenk?“ „Das ewige Leben allerdings,“ entgegnete — 100— der Unbekannte,„Ihr aber ſprecht nur von der Erhaltung Eurer Staubeshuͤlle.“ „Wie, ſollen wir uns nicht freuen, daß wir nicht unvorbereitet in unſeren Suͤnden dahinſtar⸗ ben?“ meinte der Graf. „Wer ſeyd Ihr denn, daß Ihr glaubt der Verdammniß entgehen zu koͤnnen?“ fragte der Fremde,„ſind doch andere Maͤnner, beſſer als Ihr, zu ewigen Martern verdammt!“ „Schweigt,“ gebot der Graf,„Ihr ſeyd ein Gotteslaͤſterer, ein Gluͤck fuͤr uns, daß wir Euch nicht am Borde hatten, unſer Schiff waͤre unter der Laſt Eurer Sunden untergeſunken.“ „Meine Suͤnden! ja, ja,“ rief der Unbe⸗ kannte in einem furchtbar wilden Tone,„meine Suͤnden wiegen ſchwer, eine Armada vermoͤchte ſie nicht zu tragen.“. „Wer ſeyd Ihr?“ fragte der Graf von Derby,„daß Ihr Euch ſelbſt ſo grauenvoller Verbrechen anklagt, woher kommt Ihr, und was treibt Ihr hier an der Kuͤſte?“ Der Unbekannte blickte wild auf den Gra⸗ —— fen, aber er erwiederte nichts, und obgleich jener ſeine Fragen noch mehreremale wiederholte, ver⸗ weigerte er doch jede Antwort und jede Erklaͤ⸗ rung. 7. In weniger als zwei Stunden trafen die ausge⸗ ſandten Boten wieder ein, von dem Haushofmei⸗ ſter des Grafen und mehrern Dienern begleitet, welche fuͤr ihren Gebieter, deſſen Sohn und Ge⸗ folge, trockene Kleider und Pferde mit ſich fuͤhr⸗ ten. Der Haushofmeiſter, William Maſſey mit Namen, war wegen ſeiner Gutmüthigkeit uͤberall beliebt; der Schatzmeiſter, Sir Robert Sherborne begleitete jenen, und war wie dieſer, ein hoͤchſt rechtlicher Mann, auch beſaßen beide das ganze Vertrauen ihres Herrn, der ſie mit großer Herz⸗ lichkeit begruͤßte.. „Hal ſieh da, Maſſey— und Ihr, ehrli⸗ cher Sherborne,“ rief der Graf, indem er beiden Dienern die Hand reichte,„glaubte ich doch ſchon, ich wuͤrde Euch nimmer wiederſehn, ohne meinen Sohn da, haͤtte dies auch wol nie wieder ſtatt — 103— gefunden. Ein Schiff ſank vor unſern Augen, wir aber wurden, Gott ſey Dank, gerettet.“ „Der Himmel ſey gelobt,“ jubelte der Haus⸗ hofmeiſter,„willkommen zu Hauſe, Sir Eduard, und doppelt willkommen, als der wackere Retter unſers Herrn.“ „Und was ſagt Ihr, Sherborne, da zu dem Eduard?“ ſprach der Graf,„es iſt ein wildes Blut, aber er wagte heute ſein Leben fuͤr mich.“ „Ich war ſonſt eben nicht Euer Liebling, Sir Robert,“ fiel der junge Krieger ein,„ich bböitte Euch, verzeiht mir meine Knabenſtreiche.“ „Sprecht doch nicht von Verzeihung, jun⸗ ger Herr,“ entgegnete der Schatzmeiſter,„Pflicht und Neigung gebieten mir, mein Leben dem Dienſte Eurer edlen Familie zu weihenz zeigte ich mich je ſtrenge gegen Euch, als Ihr noch ein Knabe waret, glaubt ja nicht, daß Abneigung davon die Urſache war; ich hatte nur immer den Wunſch, Eure jugendlichen Fehler zu verbeſſern, Liebe zur Tugend in Eurer Bruſt zu erwecken: und Euer Benehmen von heute zeigt, daß Ihr — 104— die Liebe verdient, die Euch Euer Herr Vater vorzugsweiſe vor ſeinen andern Kindern ſchenkt.“ Der eindringende Ton, mit dem der wackere Mann dieſe Worte ſprach, beruͤhrte eine der we⸗ nigen ſanften Saiten die noch in der Bruſt des ehrgeizigen Juͤnglings vorhanden waren; zum Erſtenmale ſeit ſeiner Kindheit, fuͤhlte dieſer ſein Auge von einer Thraͤne benetzt, ſchnell aber ver⸗ tilgte er ſie wieder mit einem Gefuͤhle von Ver⸗ achtung gegen ſich ſelbſt. Eine Gelegenheit bot ſich ihm jetzt dar, den Pfad des Laſters, den er bisher gewandelt, zu verlaſſen, und auf den der Tugend zuruͤckzukehrenz aber der boͤſe Feind, kei⸗ nesweges geſonnen, einen ſo kuͤhnen Anhaͤnger aus ſeinen Klauen zu entlaſſen, fluͤſterte ihm hohnlachend ins Ohr, und zwang ihn, trotz ſeiner beſſern Natur, ſein Sclave zu bleiben. Die kurze Gemuͤthsbewegung Eduards blieb indeß von ſeinem Vater nicht unbemerkt, der wackere Mann war entzuͤckt daruͤber, und glaubte darin einen Beweis von aufrichtiger Reue, und den Vorſatz ſich zu beſſern, zu erkennen. 2 Waͤhrenb er ſich dieſer freudigen Betrachtung hingab, wechſelte er ſeine Kleider, wobei ihm Sir Robert Sherborne und der Haushofmeiſter zur Hand gingen; und nun erfuhr er, daß ſich auf Lathom, ſeitdem er ſich von dort fortbegeben, Gaͤſte eingefunden, die ſeine Abweſenheit beklagt haͤtten.— „Wer ſind denn dieje Gaͤſte?“ fragte der Graftz„etwa mein Sohn Henrye Als ich mich geſtern nach Liverpool begab, glaubte ich nicht dort den Eduard zu treffen, moͤglich, daß derſelbe Wind ſeinen Bruder nach Lathom fuͤhrte.“ Er richtete bei dieſen Worten einen forſchen⸗ den Blick auf ſeinen Sohn, Eduards Geſicht aber verrieth durchaus nicht, daß er von einer Ruͤck⸗ kehr ſeines Bruders etwas wiſſe. „Nein, edler Herr,“ verſetzte der Haushof⸗ meiſter, mit dem ihm eigenthuͤmlichen, gutmuͤthi⸗ gen Laͤcheln,„ein Stanley iſt zwar angelangt, aber nicht Sir Henry; Sir Thomas kam von Haddon, mit ihm der Stolz des Gebirges, Lady MNargarethe Vernon. i —-— 106— „Margarethe Vernon!“ rief ploͤtzlich der Be⸗ wohner der Huͤtte,„wie kommt ſie hieher? Iſt es um meinetwillen? ich kenne ſie nicht! Ihr Va⸗ ter iſt ein blutduͤrſtiger Tyrann, er haͤlt das Kreuz in der einen, das Schwert der Verfolgung in der anderen Hand.— Geht, geht, ich kenne ſie nicht!“. Dieſe Rede ward mit Zeichen des Erſtaunens, von dem Grafen von Derby und deſſen Gefolge angehoͤrt, welche eine Weile lang ſchweigend auf die belebten Geſichtszuͤge des Sprechers blickten, harrend, daß dieſer ſeine raͤthſelhaften Worte erklaͤ⸗ ren wuͤrde. Als der Graf aber bemerkte, daß der Ausdruck des Enthuſiasmus in dem Antlitze des Unbekannten, nach und nach wieder verſchwand, fragte er:„was wißt Ihr von George Vernon, daß Ihr ihn einen Tyrannen, einen Varfolger ſcheltet? Wie koͤnnt Ihr hier am Ufer der irr⸗ laͤndiſchen See ſo genau bekannt mit dem Ritter von Haddon ſeyn, daß Ihr ihn als blutduͤrſtig und grauſam anklagt?“ „Wer ſollte den Vernon nicht kennen!“ rief 4 — 107— der Fanatiker,„dieſen Herodes, der jedes Kind des Landes gern ſeinem Aberglauben zum Opfer braͤchte.“ „Elender!“ rief der erzuͤrnte Graf,„hielt ich Dich nicht fuͤr ſo raſend, wie den Sturm, der uns hieher verſchlug, ich wuͤrde Dich als einen Luͤgner und Verlaͤumder zuͤchtigen.) „Thut das, wenn es Euch beliebt,“ ver⸗ ſetzte der Unbekannte mit großer Ruhe,„es wird ſich Euch dann offenbaren, was groͤßer iſt, die Geduld eines Chriſten, oder die Wuth eines Pei⸗ nigers. Ich werde nicht vor Eurer Rache erbe⸗ ben, Graf von Derby, noch werde ich die Gnade eines Mannes von Eurer Barmherzigkeit an⸗ flehen.“ „ Er iſt ein wahnſinniger Fanatiker,“ rief der Schatzmeiſter,„unrecht waͤre es auf ihn zu zuͤrnen; uͤberdem iſt er vielleicht arm, und Noth ſchaͤrft die Zunge.— Was ſuchſt Du hier, ar⸗ mer Schelm, und was brachte Dich her?“ „Ich will Dir antworten, Verblendeter,“ erwiederte der Unbekannte,„denn ich frage nicht — 108— darnach, ob die Welt verachtungsvoll mit Fingern auf mich deute; ihren Spott habe ich gar wohl verdient, nur dann, wenn man meiner Reue hohn⸗ lacht, nur dann fuͤhle ich einigermaßen die Suͤn⸗ denlaſt erleichtert, welche meine Bruſt druͤckt und mir Hoͤllenqual verurſacht. Einſt— vergeſſen ſey auf immer die Zeit,— war auch ich, was Ihr jetzt ſeyd, ein Sclave der Sinne, ein Kind des Teufels, ein Anbeter der verhaßten, ſogenann⸗ ten heiligen Jungfrau.— Ihre Zauberkuͤnſte hielten auch mich gefangen, und frevelnd ſang ich ihr Lob vor ihren abgoͤttiſchen Altaͤren.— Wehe, wehe uͤber mich!“ 4G „Ja, wehe! wehe! Dir Elender,“ rief Eduard Stanley zornentflammt, indem er den Fanatiker beim Kragen erfaßte,„zur Strafe Dei⸗ ner Gotteslaͤſterung verdienteſt Du gegen jenen Felſen geſchmettert zu werden.“ „Ruhig, Eduard,“ gebot ſein Vater,„das Gewiſſen dieſes Ungluͤcklichen wird unſern heiligen Glauben ſchaͤrfer an ihm raͤchen, als es die Spitze Deines Dolches zu thun vermoͤchte.“ — — 109— Der Juͤngling gehorchte dem Befehle ſeines Vaters, er ſtieß den Fanatiker heftig von ſich, und trat zuruͤck. Jener ſah ſich kaum aus den Haͤnden des jungen Kriegers befreiet, als er ſich auch unverzuͤglich anſchickte in ſeiner Erzaͤhlung fortzufahren; aber der Graf, der ſich unterdeſſen vollends angekleidet hatte, fiel ihm ins Wort und ſprach:“ Ihr ſollt, bevor wir uns trennen, Ge⸗ legenheit haben, Eure Denkweiſe, die mir ziem⸗ lich verworren ſcheint, zu rechtfertigen; jetzt aber habe ich weder Zeit noch Luſt, Eure Geſchichte anzuhoͤren. Euch, Ormſton, uͤbergebe ich ihn, nehmt ihn mit, und, hat er etwas des mit Fort⸗ ſchaffens werth, ſorgt, daß es mit nach Lathom komme.“ „Ich habe etwas,“ rief der Fanatiker,„was mehr werth iſt, als Eure ganze Grafſchaft, ſtol⸗ zer Lord;“ ſo ſprechend zog er aus einem Win⸗ kel eine Bibel hervor, und zeigte ſie den Anwe⸗ ſenden. Dieſes Buch, welches zehn Jahre lang mein Gefaͤhrte bei Tage und bei Nacht war, iſt mehr werth als Silber und Gold, als die köͤſt⸗ — 110— lichſten Edelſteine der Welt. Dem Blinden iſt es das Auge, dem Lahmen die Kruͤcke, dem Tau⸗ ben das Gehoͤr, dem Stummen die Zunge.“ „Wollte ich doch, Du ſelbſt waͤreſt ſtumm wie ein Thuͤrpfoſten,“ rief Eduard Stanley,„zu Pferde mit Dir ohne weiteres Geſchwaͤtz, oder ich meſſe mit der Flaͤche meines Schwertes die Breite Deines Ruͤckens.“ 1 Der Redner haͤtte, trotz der flammenden Blicke des jungen Kriegers, die drohenden Worte deſſelben dennoch gewiß nicht unerwiedert gelaſſen, haͤtten ihn nicht auf ein Zeichen des Juͤnglings ein Paar Diener des Grafen erfaßt und ihn auf ein Pferd gehoben. Kaum hatte er indeß dort ſeinen Sitz eingenommen, als er ſich auch unver⸗ zuͤglich anſchickte, ſeine Predigt aufs neue zu be⸗ ginnen, aber der Stallmeiſter gebot ihm gar ernſt⸗ haft zu ſchweigen, und er gehorchte. Nachdem ſich nun auch der Graf und ſein Gefolge in den Sattel geſchwungen hatten, ſetzte ſich der Zug ſo raſch in Bewegung, als es der unebene Pfad geſtatten wollte. Gegen Abend zeig⸗ — 111— ten ſich die Vorboten eines neuen Sturms; der Wind heulte aufs neue durch die Felſen und Klippen, und die Wogen, welche die Reiter jetzt nur noch in der Ferne ſchauen konnten, ſchlugen wieder mit hohlem Gebrauſe an das Ufer. Nach⸗ dem ſie ſo noch eine halbe Stunde langſam gerit⸗ ten waren, gelangte indeß der Graf mit den Sei⸗ nigen auf einen beſſern Weg, wo ſie ſich ſchneller fortbewegen konnten, und ſo erreichten ſie bald das kaum zwei Meilen von Lathom entfernt gele⸗ gene Staͤdtchen Ormskirk. Hier verſahen ſich die graͤflichen Diener auf den Befehl ihres Gebieters mit Fackeln, worauf ſich der Zug wieder in Be⸗ wegung ſetzte, noch raſcher als zuvor, und jetzt nicht mehr der Gefahr ausgeſetzt, ſich in der Dun⸗ kelheit der Nacht zu verirren. Kaum hatten ſie indeß die Haͤlfte des Weges zwiſchen Ormskirk und Lathom zuruͤckgelegt, als ſie ploͤtzlich genoͤ⸗ thigt waren die Schritte ihrer Roſſe zu hemmen, denn der Unbekannte ſchrie laut auf, und verſi⸗ cherte, er werde ſich vom Pferde ſtuͤrzen, wenn man nicht unverzuͤglich Halt mache. „Was zum Teufel durchkreuzt nun wieder Dein tolles Gehirn,“ rief Eduard Stanley, „wollt' ich doch daß ſich irgend ein Abgrund auf⸗ thaͤte, Dich Narr zu verſchlingen.“ „Iſt denn das etwa nicht der Fall?“ ent⸗ gegnete der Fanatiker mit allen Zeichen des Schreckens,„ſeht Ihr nicht den Schlund der Hoͤlle vor uns offen, ſchauet doch, ſchaut, wie die blauen Flammen herauflodern! Keinen Schritt weiter, wollt Ihr Euch nicht ins Verderben ſtuͤr⸗ zen! Heute verſchonten Euch die Wellen, aber da⸗ mals zog meine Naͤhe noch nicht den Zorn des Ewigen auf Euch herab.— Jetzt will der boͤſe Feind ſein Opfer haben! Aber ich werde mit Dir ringen, Verſucher, und mich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank ſchleppen laſſen; heran alſo zum Kampfe!“. „Warte bis die Sonne ſcheint, und kaͤmpfe dann mit Deinem Schatten,“ verſetzte Eduard Stanley,„fuͤr jetzt haſt Du nichts zu thun, als Dein Noß anzutreiben; vorwaͤrts, vorwitts wir - 113— haben nicht Luſt Deiner Thorheit wegen hier noch laͤnger in der Nacht zu verweilen.“ „Nein, nein,“ jammerte der Unbekannte, nich fuͤhle ſchon, wie mich die Flammen der Hoͤlle verzehren!“ „Vorwaͤrts mit ihm!“ donnerte der junge Krieger,„Ratcliff und Ormſton, heran, erfaßt ſein Roß beim Zuͤgel, und vorwaͤrts mit ihm!“ Die beiden Diener thaten wie ihnen geboten, ein dritter verſetzte dem Gaule des Fanatikers einen, tuͤchtigen Peitſchenhieb, und dahin flog das Pferd uͤber die Stelle die ſein Reiter fuͤr einen Abgrund gehalten hatte. Ohne weitere Hinderniß langte der Zug nun bald darauf bei dem beruͤhm⸗ ten Herrnhauſe zu Lathom an, von dem wir hier unſern Leſern eine kurze Beſchreibung geben wollen.. Lathom⸗houſe ſtand auf einem feuchten, mo⸗ raſtigen Grunde, und war mit einer drei Fuß ſtarken Mauer umgeben, auf der ſich neun Thuͤr⸗ me befanden; auf jedem Thurme waren ſechs Stuͤck Geſchuͤtz aufgepflanzt. Um die Mauer zog I. Band. 8 — 114— ſich ein ſechszehn Fuß breiter, und vier Fuß tie⸗ fer, mit hohen Paliſaden umgebener Graben, und aus der Mitte des Gebaͤudes erhob ſich ein Thurm, hoͤher als die uͤbrigen, der Adlerthurm genannt; ein weitlaͤuftiger Park, deſſen Steaͤmme alt waren wie die Familie Derby, und der zahlreichen Wilde Aufenthalt gewaͤhrte, umſchloß das Ganze. Die Thore dieſer beruͤhmten Veſte oͤffneten ſich jetzt ihren Gebieter zu empfangen, ſeine ganze Familie, die Graͤfin an ihrer Spitze, kam ihnen bis in den Schloßhof entgegen, und der Graf — vergaß die Gefahr, die er ausgeſtanden, in den Liebkoſungen und Umarmungen der Seinigen. Eine Weile verging im Berichte uͤber die heute erduldeten Drangſale, und Thraͤnen ſchmerzlicher Theilnahme folgten dem Andenken derer, die ihr Grab in den Wellen gefunden hatten. Eduard Stanley, bisher nie ein Liebling der Dienerſchaft, uͤber die ſein ſtolzer Sinn gern tyranniſche Herr⸗ ſchaft ausgeuͤbt haͤtte, war jetzt auf einmal ihr Abgott geworden. In dem Strome ihrer Dank⸗ barkeit vergaßen die wackeren Menſchen den Ueber⸗ — 16 muth und die Geringſchaͤtzung mit der er ſie be⸗ handelte, und blickten auf ihn nun mit eben ſo viel Liebe und Vertrauen, als ſie fruͤher Abnei⸗ gung gegen ihn empfunden hatten. Sein Cha⸗ racter ſchien auch in der That voöͤllig umgewan⸗ delt, denn ſtatt wie ſonſt, ihre Freundlichkeit mit Stolz und Haͤrte zuruͤck zu weiſen, war er jetzt ſanft und milde, wie man ihn fruͤher noch nie geſehn; denn er hatte waͤhrend ſeiner Entfernung aus dem vaͤterlichen Hauſe gelernt, durch Verſtel⸗ lung die Zuneigung derer zu gewinnen, die er fuͤr ſeine Abſichten gebrauchen zu koͤnnen glaubte. 1. Der Graf hatte die Schwelle ſeines Hauſes noch nicht lange betreten, als auch ſchon ein Pochen an der aͤußern Pforte, die Ankunft neuer Gaͤſte verkuͤndetez ſie ward geoͤffnet, und bald darauf trat eine Dame in einem Reiſemantel, von zwei Cavalieren begleitet, in die Halle. Als der juͤn⸗ gere der beiden Maͤnner, der kaum fuͤnf und zwanzig Jahre zaͤhlen mochte, den Mantel von ſich warf, zeigte es ſich, daß es Sir Thomas Stanley, der zweite Sohn des Grafen von Derby ſey; die Dame war wie unſere Leſer leicht erra⸗- then werden, Niemand anders, als Lady Marga⸗ rethe Vernon; und ihr anderer Begleiter, den Sir Thomas ſeinem Vater vorſtellte, war Sir Simon Deyge, ein Mann von mittlerm Alter, ein Ritter aus Derbyſhire; ſie kehrten ſo eben von einem Spazierritte zuruͤck. Sir Thomas ſchien — 117— uͤber die Ankunft des Grafen erſtaunt, reichte aber ſeinem Bruder ruhig die Hand, ſo als habe er um deſſen Ruͤckkehr gewußt. „ Seyd Ihr es wirklich, mein Vater, oder taͤuſcht mich ein Traumgeſicht!“ rief er aus, „noch heute fruͤh erfuhren wir, daß Ihr nach der Inſel unter Segel gegangen, und jetzt finden wir Euch hier, ſo ganz von Eurem Wege ver⸗ ſchlagen. t 1n „ Wir haben Schiffbruch gelitten,“ entgeg⸗ nete Eduard Stanley, indem er ſeine Augen auf die Dame richtete, welche jetzt neben der Graͤfin Platz genommen hatte. „Wie, auch Du kamſt zur See?“ fragte Sir Thomas.— „Ei freilich, ich konnte ja nicht zu Lande kommen, Bruder,“ entgegnete Eduard, Stanley laͤchelnd,„aber die Geſchichte iſt zu lang, Du ſollſt ſpaͤterhin Alles erfahren.“. „Komm hieher, Tom,“ ſprach der Vater, „ich will Dir erzaͤhlen, was ſich zugetragen, Du Eduard, unterhalte unterdeſſen dieſen Cavalier.“ — 118— „Warum nicht lieber jene Dame dort, mein Vater,„verſetzte der junge Krieger,„der Herr hier wird mir darin zur Hand gehen.“ „Mit Freuden!“ rief der Ritter, indem er ſich aus ſeinem Seſſel erhob und ſeine Halskrauſe ordnete,„ich werde keine Muͤhe ſcheuen, koͤnnte mein ſchwaches Redner⸗Talent, jener reizenden Lady Vergnuͤgen gewaͤhren, aber ich weiß nicht, wenn ich eine Dame anreden will, uͤberfaͤllt mich jedesmal eine ſolche Schuͤchternheit, daß ich kaum im Stande bin, ein Wort uͤber meine Lippen zu bringen.“ „Ihr ſeyd ohne Zweifel noch nie, weder im Felde noch am Hofe geweſen? Sir Simon,“ fragte Eduard Stanley mit einem ſatyriſchen Laͤ⸗ cheln. 3 „Mein Seel, nein,“ entgegnete der Ritter erroͤthend,„ich habe mich nie im Kriege verſucht, und was den Hof anbetrifft, ſo bin ich am lieb⸗ ſten zu Hauſe; das Land hat ja auch— „ Seine Reize, verſteht ſich,“ unterbrach ihn Sir Eduard mit einem Seitenblicke auf Lady — 119— Vernon,„es bringt Schoͤnheiten hervor, wie man ſie wahrlich am Hofe nur vergebens ſuchen wuͤrde.“ „Ja, ja, da habt Ihr recht!“ rief der Rit⸗ ter,„Lady Margarethe iſt die Krone aller Frauen, aber obgleich ich mich oft in ihrer Geſellſchaft be⸗ fand, und ſie noch heute von Haddon hieher be⸗ gleitete, kann ich doch auch in ihrer Naͤhe meine Bloͤdigkeit nicht beſiegen.“ „Ei, das wird ſich ſchon geben,“ erwiederte der junge Krieger,„nur Muth gefaßt und mei⸗ nem Beiſpiele gefolgt.“ Und ſchon war der Juͤng⸗ ling im Begriffe mit dem Rikter zur Lady Ver⸗ non zu treten, als ſchnell der Schall einer Glocke alle Bewohner des Schloſſes zur Abendtafel ridf. Der Graf und die Graͤfin erhoben ſich von ihren Sitzen, und ſchritten voran in den Sypeiſeſaal, von Lady Margarethe, Sir Thomas und den Uebrigen gefolgt. Waͤhrend der Abendmahlzeit ſaß Eduard Stanley der reizenden Lady Vernon gegenuͤber, die er mit gluͤhenden Blicken betrachtete. Sir — 120— Simon Deyge hatte ſich ihm an die Seite ge⸗ draͤngt, und ſchuͤttete, vom Weine geſpraͤchig ge⸗ macht, ſeinem Nachbar ſein ganzes Herz aus, ihm erklaͤrend, wie er von gar gewaltiger Liebe fuͤr ſeine ſchoͤne Reiſegefaͤhrtin entbrannt ſey, wie es ihm aber durchaus an Muth fehle, ihr ſeine Gefuͤhle kund zu thun, und wie er durchaus nicht wiſſe was er beginnen ſolle, ſich ihr gefaͤllig zu beweiſen. Der junge Krieger hoͤrte den verliebten Fuͤnf und Vierziger mit einem ſatyriſchen Laͤcheln zu, und gab ihm, mit der Einfalt deſſelben ſei⸗ nen Scherz treibend, mehrere Rathſchlaͤge, deren Befolgung, wie Eduard Stanley verſicherte, den Ritter gewiß zum Ziele fuͤhren wuͤrde. Der Letz⸗ tere verſprach, die ihm gegebenen Winke nicht au⸗ ßer Augen zu laſſen, und als bald darauf von dem Grafen und der Graͤfin die Tafel⸗ aufgeho⸗ ben wurde, begab ſich Alles zur Ruhe. 2d Am naͤchſten Morgen hatte Phoͤbus kaum ſein Feuerroß beſtiegen, als auch ſchon Sir Si⸗ mon Deyge gedankenvoll mit gemeſſenen Schrit⸗ ten im Garten auf und ab wandelte; er ſtand — 121— oft ſtill, ſo als ob er uͤber etwas wichtiges nach⸗ ſinne, dann ſetzte er ſeinen Weg raſch wieder fort, gleichſam als ſey er nun mit ſich ſelbſt zufrieden. Voͤllig gleichguͤltig gegen alle Gegenſtaͤnde rund um ſich her, ſtieß er ſich bald gegen eine Hecke, bald gegen eine Mauer, ja er waͤre ſogar in einen Fiſchteich gerathen, haͤtten ihn nicht die Strahlen der Sonne, welche ſich in der Fluth ſpiegelten, vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt. Endlich ſetzte er ſich ermuͤdet auf einen Raſen nieder, und den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, ſchien er entwe⸗ der entſchlummert, oder in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken. Dieſer ruhige Zuſtand waͤhrte indeß nicht lange, er fuhr zuſammen, ſo als ob er aus einem Traum erwache, zog eine Schreibtafel hervor und begann haſtig etwas niederzuſchreiben. Er laͤchelte ſelbſt zufrieden, erhob ſich von ſeinem Sitze, und begann, mit dem was er geſchrieben, in der Hand, aufs neue auf und ab zu wandeln, dann und wann aber hemmte er ſeine Schritte um die Verſe zu recitiren, die ſein poetiſches Talent ſo eben in die Schreibtafel eingetragen hatte. - 122— Waͤhrend er noch ſo die Voͤgel um ſich her durch ſeine heiſere Stimme verſcheuchte, glaubte er in der Ferne Eduard Stanley zu erkennen, der auch wirklich jetzt auf ihn zukam, und ihn ſchon ſeit einer halben Stunde beobachtet hatte. „Ha! Sir Simon, ſeyd Ihr's?“ rief der junge Krieger,„ſo fruͤhe ſchon auf den Beinen?“ „Wie Ihr ſeht, Sir Eduard,“ verſetzte der Ritter,„es geſchieht meiner Geſündheit wegen.“ „Die Morgenluft iſt dem Versmachen guͤn⸗ ſtig, nicht wahr?“ unterbrach ihn Eduard Stan⸗ ley.„Nun, was habt Ihr denn zuwege ge⸗ bracht? Ich ſehe Ihr ſeyd ein gehorſamer Schuͤ⸗ ler und meinem Rathe gefolgt.”“ n Der Poet zog mit wichtiger Miene die Schreib⸗ tafel wieder hervor, die er bei Eduards Erſchei⸗ nen zu ſich geſteckt hatte, und nachdem er um ſich geſchauet, ob er auch ſonſt von Niemand.⸗ gehoͤrt werden koͤnne, begann er in einem pomphaften Tone ſeine Reime herzuleſen, welche wir aus Ruͤck⸗ ſicht fuͤr unſere freundlichen Leſer hier um ſo we⸗ niger mittheilen wollen, da ſie aͤhnliche Geiſtes⸗ —- 123— produkte in faſt allen Almanachen zu finden ver⸗ moͤgen. Noch aber hatte Sir Simon ſeine Vorle⸗ ſung nicht ganz vollendet, als auch ſchon ein lau⸗ tes, mehreremale wiederholtes:„Bravo!“ aus dem Gebuͤſche in ſeiner Naͤhe erſcholl, und gleich darauf aus demſelben Sir Thomas Stanley, Lady Margarethe Vernon und Sir Robert Sher⸗ borne hervortraten.„Herrlich, herrlich, Sir Si⸗ mon!“ rief der Erſtere, traun, Ihr ſingt ja wie Theokrit und Virgil. Wie warm Ihr Eure Liebe ſchildert! wahrlich, Herr Ritter, ich haͤtte Euch nicht fuͤr einen ſo zaͤrtlichen Liebhaber gehalten!“ „Nicht!“ nahm Lady Margarethe laͤchelnd das Wort:„Ei, da habt Ihr kein ſcharfes Auge gehabt, Sir Thomas; ſeit dem Augenblicke, in dem wir Haddon verließen, hoͤrte der Ritter nicht auf mir den Hof zu machen. Er war unterwegs ſo ſehr mit meinem Bilde beſchaͤftigt, daß er keine fuͤnf Worte hervorzubringen vermochte.“ „Das alſo war bie Urſache ſeines Schwei⸗ gens,“ fiel Sir Thomas ein.„Ei! da ſind wir ja Nebenbuhler, nun immerhin, ein jeder thut das Seine, wer's Gluͤck hat füͤhrt die Braut nach Haus!“ 5 Weit entfernt, das ihm geſgenet⸗ Lob fuͤr Jronie zu halten, glaubte der verliebte Poet, in Lady Vernons Blicken zu bemerken, daß ſeine Verſe Eindruck auf ſie gemacht haͤtten, und ſo reichte er dem Sir Thomas ſeine Hand, indem er in einem gravitaͤtiſchen Tone entgegnete:„Ich nehme den Wettſtreit an, Sir Thomas, und ver⸗ pfaͤnde Euch meine Ehre, daß ich in dieſem Kampfe, wo Schoͤnheit der Preis iſt, nichts un⸗ ternehmen werde, was unſerer Freundſchaft zuwi⸗ der waͤre.“ „Dann duͤrft Ihr das Herz unſerer Dame foransnihht mehr mit Verſen und Reimen be⸗ ſchießen,“ verſetzte Sir Thomas,„Ihr habt da einen Vortheil uͤber mich, an den ich nicht ohne Herzensangſt denken kann.“ „Es iſt ja aber doch kein Verbrechen d von ſeinen Talenten Gebrauch zu machen,“ erwiederte Sir Simon mit einem ſelbſtgefaͤlligen Laͤcheln, „was kann ich dafuͤr, daß der Himmel Euch die Gabe der Poeſie verſagte.— Es iſt ja nicht meine Schuld, nicht wahr, ſchoͤne Margarethe?“ „Ja, ja, Ihr habt einen boͤſen Gegner,“ laͤchelte Lady Margarethe, zum Sir Thomas ge⸗ wandt,„nehmt Euch in Acht, er laͤßt nicht mit ſich ſpaßen.“ Sir Simons Blicke leuchteten bei daiſen Worten von Entzuͤcken. „Koͤnnte ich denken, daß er ſiegen wuͤrde,“ rief Sir Thomas mit ſcheinbarem Ernſte,„ich wuͤrde mich in die Fluth ſtuͤrzen, mein Leben zu enden, denn ich vermoͤchte ſeinen Triumpf nicht zu ertragen.“ 1 „Das waͤre dann ein trefflicher Stoff fuͤr Eure elegiſche Muſe, Herr Ritter,“ bemerkte Lady Vernon. 2 „Seiner Aſche ſoll die gelähredde Ehre wie⸗ derfahren,“ entgegnete Sir Simon, indem er ſich die Haͤnde rieb,„ich werde ſchon im voraus uͤber ein Klagegedicht nachſinnen.“ „Eure Aeußerungen, Sir Simon,“ fiel Sir — 126— Robert Sherborne ein, machen Eurer Menſch⸗ lichkeit Ehre.“ 8 „Die Poeſie iſt eine Gottesgabe, ſie veredelt das Herz,“ bemerkte Lady Vernon, indem ſie laͤchelnd auf den Ritter blickte, und ſo deſſen ſchwaches Gehirn voͤllig in Verwirrung ſetzte, er ſank nieder zu den Fuͤßen ſeiner Dame, und rief, zaͤrtlich zu ihr hinaufblickend, aus:„Sammt mei⸗ ner Poeſie liege ich hier vor Euch wie Euer Sclave, blicket milde, blicket huldreich auf mich!“ Jetzt vermochte Lady Vernon ihre Luſt zu lachen nicht laͤnger zu bekaͤmpfen, ſie brach in ein lautes Gelaͤchter aus, und eilte ſo ſchnell als ſie konnte von dannen, den Poeten, mit der Schreibtafel in der Hand, auf den Knieen zuruͤck⸗ laſſend. Herzlich lachend folgte Sir Thomas der Lady Vernon; der Schatzmeiſter aber reichte dem Ritter die Hand, und half ihn wieder auf die Beine; Sir Simon ſteckte ſchweigend ſeine Schreib⸗ tafel zu ſich, und richtete einen fragenden Blick auf Eduard, der noch immer laut lachend da⸗ ſtand. 5. — 127— „Was giebts denn da zu lachen, Sir Eduard?“ fragte der Poet. „Was es giebt?“ wiederholte der junge Krieger,„fragt nur den Sherborne dort.“ Sir Simon wandte ſich jetzt zu dem Schatz⸗ meiſter,„Ihr ſeyd ein ernſter Mann, und lacht gewiß nicht ohne Urſache uͤber einen Gaſt Eures Herrn, ſprecht, was hat's gegeben, das Euch hier alle ſo luſtig macht?“ „Kommt her zu mir, ich will es Euch ſa⸗ gen,“ ſprach Eduard Stanley, der endlich vor Lachen zu Worte kommen konnte. Der Ritter wandte ſich zu ihm und der Schatzmeiſter benutzte dieſe Gelegenheit ſich davon zu machen. „Nun alſo,“ fragte Sir Simon, zu dem jungen Krieger gewandt,„was hat denn mein Betragen ſo laͤcherliches, daß Lady Vernon, Euer Bruder, Ihr und der Schatzmeiſter in ein Gelaͤchter ausbrachet, das den Park wiederhallend machte; wenig nur ſtimmt ein ſolches Benehmen mit Euren Freundſchaftsverſicherungen von geſtern, — 128— und mit der Hoͤflichkeit uͤberein, die Ihr mir als einem Gaſte Eures Vaters ſchuldig ſeyd.“ „Der Teufel mochte das Lachen laſſen, uͤber die Keckheit Eurer Liebeserklaͤrung,“ verſetzte Eduard Stanley,„glaubt Ihr denn das Herz eines Weibes muͤſſe ſich Euch gleich beim erſten Angriffe ergeben? Als Sieger einzuziehn, dazu ge⸗ hoͤrt mehr, als ein Paar Verſe ſchmieden.— Kommt mit zum Fruͤhſtuͤcke, ich will Euch ſagen, was Ihr, um Eures Triumpfs veini zu ſeyn, zu beginnen habt.“ So ſprechend erfaßte er, noch immer r lachend, den Arm des Ritters, und zog ihn halb mit e⸗ walt mit ſich in das 2 Sl DL Das Fruͤhſtuͤck war bald geendet, denn zu jener Zeit verſchwendete man noch nicht ſo viel Zeit dabei als jetzt. Kaum hattenman ſich von der Tafel erhobenz Jals auch Eduard Stanley ſchon wieder den Arm des Ritters erfaßte, und ihn erſuchte ihm in die Staͤlle zu folgen, wo ſie Pferde fuͤr den Morgenritt ausſuchen wolltenz „denn,“ ſagte er,„Sir Simon muͤſſe ſich ſei⸗ ner Dame auch als gewandter Reiter zeigen; durch Poeſie allein gewinne man kein Herz.“ n „Ich muß zuvor meinen Morgenſtudien nach⸗ leben,“ ſprach der Ritter, Eduard Stanley aber hoͤrte nicht darauf, ſondern rief:„Holla, Orm⸗ ſton, den Araͤber meines Vaters⸗ geſatkelt: und vorgefuͤhrt fuͤr den Ritter hier!"“.. „ Ich will ſelbſt oein Araber genannt werbei wenn ich das Pferd beſteige,“ rief Sir Simon. I. Band. 9 — 130— „Seyd ohne Furcht, Herr Ritter,“ nahm der Stallmeiſter das Wort,„der Araber laͤßt ſich mit einem ſeidenen Faden lenken, er iſt ſanft wie ein Lamm.“. „Sprecht nicht von Furcht zu mir,“ rief Sir Simon erzuͤrnt,„ich fuͤrchte mich nicht, aber ich will nicht reiten, und waͤre Euer Acdäit ſo geduldig wie ein Eſel.“ 21 8 „ÄEi, Sir Simon,“ fiele Lady Beinon laͤ⸗ chelnd ein,„wenn Ihr mein Ritter ſeyn wollt, muͤßt Ihr Euch auch als Pferdebuͤndiger bewaͤh⸗. ren, mein pagiee muß ſeliſtſ die Sendenigſſs zu lenken verſtehn.“ 6 19 „Ei, gehorſamer Diener, da Kännte⸗ es mir ja wie Phaston ergehn,“ verſetzte der Ritter. „ Ich glaube wahrlich, Ihr fuͤrchtet Euch,“ bemerkte Lady Margarethe,„Ihr, den ich fuͤr tapfer und muthig hielt.“ Iin 21356 „Das bin ich auch,“ rief Sir Simon, „jeder aber bleibe bei ſeinem Gewerbe, ich bin ein Gelehrter, und will mich jetzt nicht mit einem Thiere befaſſen.“ 36 321 8 „ 1 299. 6 131— „Ihr wollt alſo nicht reiten?“ fragte Eduard Stanley. Nein,“ verſetzte der Ritter. „ Auch gut,“ fuhr jener fort,„ſo biete ich mich Euch als Cavalier an, ſchoͤne Margarethe, wir wollen ein Paar Stunden lang im Park um⸗ hertraben, und den Buͤcherwurm da unter ſeinen ſtaubigen Folianten wuͤhlen laſſen!“ „Ich nehme Euer Anerbieten an, Sir Eduard,“ entgegnete Lady Vernon,„ich ſelbſt will den Araber reiten, den der Perr Ritter nicht zu beſteigen wagt.“ „Wie, Ihr glaubt wirklich, daß ich mich fuͤrchte,“ rief Sir Simon,„„Ihr irrt, ich will reiten, wenn Ihr es mir gebietet.“ „Nun ja denn,“ nahm Lady Vernon laͤchelnd das Wort,„ich gebiete es Euch— legt eine Ruͤ⸗ ſtung an, beſteigt Euer Roß, und harrt unſer, wie es Euch als unſerm Cavaliere geziemt.“ „Eine Ruͤſtung!“ wiederholte der Ritter in einem etwas bedruͤckten Tone,„ich bin nicht ge⸗ — 132— wohnt, in Eiſen ißätsehn⸗ dennoch tber wenn Ihr es durchaus verlangt.“ „Ihr ſollt Euch meinetwegen keine Gewalt anthun,“ verſetzte die Lady zutmüthig, 71 reitet, wie Ihr wollt, oder auch nicht, wenn Ihr zu Hauſe zu bleiben vorzieht.“ In n 39 k„Nein, nein!“ rief Sir Simon, von ihrer Guͤte entzuͤckt, ich will Euch begleiten, und zwar in einer Kleidung, die Euch, meiner Gebſeten, gewiß gefallen ſoll. 11 e lan So ſprechend verließ er die Halle, und begab ſich auf ſein Zimmer, bald aber kehtte er zuruͤck, in ein pfirſichbluͤthenes, mit goldenen Treſſen ge⸗ ſchmuͤcktes, Wamms Dds und in maͤchtigen Stiefeln daherſchreitend. feinem ſchwarz ſammetenen! Hute prangten vaeeiGnde und an ſeiner Seite hing ein großes Schwert. Mik dieſer ritterlichen Tracht ſchien Sir Simon nun auch den dem Cavalier einer Dame geziemenden Muth angezogen zu haben; ſelbſtgefaͤllig ſchritt er in der Halle auf und ab, ſeiner Meinung nach, die wichtigſte Perſon in derſelben, den Grafen — 133— von Derby nicht ausgenommen. Keiner der An⸗ weſenden hetrachtete ihn indeß mit groͤßerm Inter⸗ eſſe als Eduard Stanley, der in ſeiner Scha⸗ denfreude ſo recht herzlich uͤber den Gecken lachte, und dem Zufalle dankte, daß er ihm jenen zuge: fuͤhrt habe.„Kommt, kommt, zu Pferde,“ rief er, indem er Lady Vernon die Hand bot. „Ihr wollt uns nicht begleiten?"fragte ſie, zum Sir Thomas gewandt, bevor ſie die Hand ſeines Bruders annahm. 3. „Ihr wollt mich entſchuldigen, ſchoͤne Mar⸗ garethe,“ verſetzte ihr Liebhaher,„ich habe ein Geſchaͤft mit meinem Vater, Eduard Stanley und der tapfere Ritter hier werden meine Stelle erſetzen. 4 3 5Sst „Auf Widerſehn alſo,“ ſagte Lady Mar⸗ garethe,„Eure Schuld iſt's wenn man mich Euch entfuührt!“„ 5 31 2 Sir Thomas kußte die Hand ſeiner Gelieb⸗ ten, und dieſe ſchritt mit Eduard Stanley voran, Sir Simon ſtolperte in ſeinen Süihän ſchwer⸗ faͤllig hinterdrein. — 134— Als er in dem Schloßhofe ankangte, hatte die Gebieterin ſeines Herzens ſchon ein prachtvoll gezaͤumtes milchweißes Roß beſtiegen; als der Stallmeiſter den Zuͤgel fahren ließ, machte das muthige Thier ein Paar Spruͤnge, und ſeine Au⸗ gen flammten, ſo als fuͤhle es daß es keine ge⸗ meine Buͤrde trage. Auf ihre Geuͤbtheit im Rei⸗ ten vertrauend, ſuchte Margarethe keinesweges die Lebhaftigkeit des Gauls zu hemmen, ſie regte die⸗ ſen im Gegentheile noch mehr zu Spruͤngen an, welches Benehmen den furchtfamen Sir Simon mit Schrecken erfuͤllte. „„Ihr fallt, Ihr ſtuͤrzt herab,“ rief er war⸗ nend, wobei er ſich aber von der muthigen Ge⸗ bieterin ſeines Herzens in gemeſſener Entfernung hielt. „Es iſt keine Gefahr, Sir Simon,“ ent⸗ gegnete Lady Vernon, indem ſie ſich mit dem Pferde ihrem Anbeter naͤherte;„ſeht, der Gaul iſt ſo fromm, ſo ſanft, ein Kind koͤnnte ihn reiten.“ „Glaub's gern, glaub's gern,“ veßſttzte der Ritter, ſich noch um einige Schritte zuruͤckziehend, 4 — 135⁵— „ich aber, Herr Stallmeiſter, bitte mir ein noch ruhigers Thier aus, denn ich moͤchte gern mit ganzen Knochen wieder heimkehren.“ 13 „Dieſes Pferd iſt fuͤr Euch beſtimmt, He Ritter,“ ſprach Ormſton, indem er auf einen hohen, ſtarken Gaul deutete, den ſo eben ein Stallknecht heranfuͤhrte,„das iſt ein gar gedul⸗ diges Thier, und ganz fuͤr einen Reiter der nicht mehr jung iſt, geſchaffen.“ „JFuͤr einen Reiter der nicht mehr jung iſt,“ wiederholte Sir Simon, ein wenig beleidigt.„Ei ſeht doch, das Alter druͤckt mich eben nicht, dar⸗ um aber habe ich doch keine Luſt den Hals zu brechen;“ und zu dem Stallknecht gewandt, fuhr er fort,„haltet dem Gaul das linke Auge zu, ich komme dann um ſo ſicherer hinmuf.— So— ſo— ſo gehts.“ 8 Ksa. Maitn— Von dem Stallmeiſter Anterſtäct, gelangte der Ritter wirklich in den Sattel, und gleich dar⸗ auf ſchwangen ſich auch Eduard Stanley, der Stallmeiſter und mehrere Diener auf ihre Renner. Die Schloßpforte ward geoͤffnet, und Lady Mar⸗ garethe Vernon ſprengte auf ihrem Zelter voran, uͤber den Raſen dahin, ſo ſchnell ſie ihr Roß nur fortzutragen vermochte, von Eduard Stanley gefolgt, welcher’, obgleich er unablaͤſſig ſeinem Pferde die Sporen in die Seiten bohrte, dennoch die ſchoͤne Reiterin auf ihrem gefluͤgelten Buce⸗ phalus bald aus dem Geſichte verlor. Der Rit⸗ ter aus Derbyſhire, welcher es nicht, wagke, ſei⸗ nen Gaul allzuſehr anzutreiben, blieb weit hinter ihnen zuruͤck mit dem Stallmeiſter und den Die⸗ nern, die es fuͤr unziemlich halten mochten, dem Gaſte ihres Herrn voranzuſprengen. Als ſie ſich ſo eine Weile ziemlich langſam fortbewegt hatten, ſah der Ritter ploͤtzlich eine dunkle Waldung vor ſich liegen, und ſich zu dem Stallmeiſter wendend, rief er aus:„Beim St. Peter und St. Paul! Herr Ormſton, Lady Margarethe und Sir Eduard muͤſſen da hinein geſprengt ſeyn, im das Gehoͤlz.“ „Moͤglich, daß ſie den Weg nach dem Adler⸗ neſte nahmen,“ entgegnete der Stallmeiſter. „ Nach dem Adlerneſte,“ murmelte Sir Si⸗ — 137— * mon vor ſich hin,„wenn mir nur der junge Ad⸗ ler die Taube nicht verſchlingt!“ 153nſe „Ihr wißt doch,“ fragte Ormſton, ohne auf die ſo eben von dem Ritter ausgeſprochenen Worte zu achten,„daß, wie die Sage erzaͤhlt, der Stammherr der Lathom's von Eſſer vom Sir Thomas Lathom, dem hier die Veſte gehoͤrte, in einem Adlerneſte gefunden ward.“ e. „Ei das waͤre, und wo?“ ſhrach Sir Si⸗ mon.— 5 „In dem Gehoͤtze vlem 4 Kangwortete Dem⸗ ſton.„‚Der Gefundene waͤre der Erbe des Schloß⸗ herrn geworden, haͤtte deſſen Tochter ſich nicht mit dem tapferen Sir John Stanley vermaͤhlt. Dort hat, ich will darauf wetten, Sir Eduard die Lady eingeholt, denn jener Platz iſt den Stanley's bei Liebesabentheuern guͤnſtig.“ „Iſt er das wirklich?“ fragte der Ritter tief athemholend,„ei da muͤſſen wir ja machen daß wir hinkommen; treibt Eure Pferde an und raſch mir nach.“ So ſprechend, ſetzte er ſein Pferd in einen — 138— kurzen Galop; da er aber ein ſehr ungeſchickter Reiter war, kitzelten bei der nunmehrigen raſchern Bewegung, ſeine Sporen raſtlos die Seiten ſei⸗ nes Thiers, welches daruͤber ungeduldig, plötzlich mit einer ſolchen Gewalt hinten ausſchlug, daß der arme Sir Simon aus dem Sattel gehoben ward, und ſo lang er war zu Boden ſtuͤrzte. Von Schrecken erfaßt, lag der Gefallene auf der Erde da, unfahig ſich zu erheben, aber auch eben ſo außer Stande um Huͤlfe zu rufen; ja ſelbſt dann, als die Diener zu ſeinem Beiſtande heran⸗ geeilt waren, verging eine geraume Zeit, bevor er die Feſſeln abzuſchuͤtteln vermochte, welche Angſt und Entſetzen um ſeine Seelen⸗ und Koͤrperkraͤfte geſchlagen hatten. Endlich aber ſchien einiges Le⸗ ben in ihm zuruͤckzukehren, ein ſchwerer Seufzer entwaͤlzte ſich feiner Bruſt, und kaum vernehm⸗ bar ſtammelte er die Worte:„wir wollen heim⸗ kehren!“ 3 1 „Wollt Ihr wieder aufſitzen?“ fragte Orm⸗ ſton. 5 1 „Was!“ ſchrie Sir Simon,„auf den Teu⸗ — 139— fels⸗Gaul? lieber wollt' ich des Satans Groß⸗ mutter heirathen. Nein, nein, ich bleibe unten und gehe zu Fuß, reitet Ihr in Gottes Namen hin, wohin Ihr wollt.“ Ormſton erbot ſich ihn zuruͤck zu geleiten, die Diener aber ſchwangen ſich wieder in ihre Saͤttel, gaben ihren Pferden die Sporen ünd ſprengten raſch in die Waldung. 10. Es wiid jetzt Zeit, uns wieder nach unſerer ge⸗ fluͤgelten Reiterin umzuſchauen, deren Spur, zu folgen, vom Sir Simon auf ſo unritterliche Weiſe aufgegeben ward. Eduard Stanley war beharrlicher, als dieſer, und ſo gelang es ihm denn auch, Lady Margarethe endlich wieder zu Geſichte zu bekommen, als ſie eben in eine breite Allee einlenkte, welche nach jenem romantiſchen Theile des Waldes, das Adlerneſt genannt, fuͤhrte. Bei der Schnelligkeit mit der ſie dahinſprengte, war es unmoͤglich ſie einzuholen; Eduard Stanley aber benutzte ſeine genaue Bekanntſchaft mit der Gegend, um auf einem kuͤrzern Seitenpfade den⸗ noch vor der ſchoͤnen Roßbaͤndigerin hin zu ge⸗ langen.— Das Thal, dem die Sage den obenerwaͤhn⸗ ten Namen des Adlerneſts beigelegt hatte, bot — 141— einen kuͤhnen, wilden Anblick dar. Der ſchmale Pfad, auf dem Eduard in daſſelbe hinabritt, wand ſich um einen Felſen, aus deſſen Geſtein nur hie und da wildes Geſtripp hervorſprießte, waͤhrend rieſige Tannen ſeine Gipfel kroͤnten und ein cryſtallener Strom ſich am Fuße hinſchlaͤn⸗ gelte.“ Hoch oben auf dieſem Berge hatte ſich, der Sage gemaͤß, ſeit mehrern Jahrhunderten ein Adlerneſt befunden, in dem auch jetzt noch ein Aar horſtete, der, wie man erzaͤhlte, eine unbe⸗ ſchraͤnkte Herrſchaft uͤber alle Bewohner des Wal⸗ des ausuͤbte. Wenn anders Stille und Einſam⸗ keit fuͤr Beweiſe gelten konnten, daß jener befluͤ⸗ gelte Koͤnig hier mit Tyrannei herrſche, war dies Letztere nicht zu bezweifeln, denn weder Holztau⸗ ben, noch andere den Schatten ſuchende Voͤgel waren hier zu ſchauen, ja ſelbſt der Habicht wagte es nicht ſich dem Palaſte ſeines Oberherrn zu nahen.— 23n. 1= m Eduard Stanley ſaß ab, band ſein Roß an einen Baum, und ſetzte ſich auf eine, aus einer alten vom Sturme niedergeworfenen Eiche, ge⸗ — 142— formte Bank. Mit kreuzweis uͤbereinander geſchla⸗ genen Armen ſaß er da, mit ſinnenden Blicken hinaufſendend nach der Behauſung des befiederten Waldgebieters, deſſen Gemuͤthsart ſo ganz mit der ſeinen uͤbereinſtimmte. Wie oft,“ ſprach er zu ſich ſetſt, whnhe ich nicht gewuͤnſcht ein Adler zu ſeynn um mich auf maͤchtigen Schwingen hoch hinauf zur Sonne erheben zu koͤnnen. Die Menſchen ſchelten ihn einen Tyrannen— einen blutduͤrſtigen Verheerer, was aber ſind wir? Er toͤdtet und verſchlingt nur bis er geſaͤttigt, machen wir es etwa anders? Jeder Menſch erhebt ſich, je nachdem er dazu Macht hat, auf der Ruine ſeines Nachbars; je groͤßer die Erndte ſeiner Unterdruͤckungen, je lau⸗ ter erſchallt ſein Ruhm durch die Weit.— Alle unſere Wuͤnſche und Leidenſchaften werden nur auf Koſten anderer befriedigt.— Jenes Maͤd⸗ chen— jene Margarethe Vernon— ſo reizend— ſo ſchoͤn, ſo himmliſch ſchoͤn— muß mein wer⸗ den— ſeitdem ich ſie geſehen— verlangt mich nach ihr.— Sie iſt jetzt der einzige Gegenſtand, — 143— nachdem ich trachte.— Ja, es iſt beſchloſſen— ſie ſoll mein werden. 8 Er ſprang von ſeinem Site empor und ſchritt, von heftiger Leidenſchaft bewegt, auf dem Raſen auf und ab. Endlich verkuͤndeten ihm Hufſchlaͤge eines Roſſes, daß Lady Margarethe Vernon nahe. Ihr Zelter war mit Schweiß und Schaum bedeckt, und ſie kam, langſamer als zu⸗ vor dahergeritte. Das reizende Maͤdchen war von dem Nitte erhitzt, ihr Haar hatte ſich geloͤſ't und ein Theil deſſelben hing in lieblicher Nach⸗ laͤſſigkeit uͤber ihre Schultern herab. Als ſie naͤ⸗ her kam, gewahrte ſie den Juͤngling, ſie hielt ihr Roß an und rief voll Erſtaunen:„Ha, ſieh da, Sir Eduard, ſchon hier? ich glaubte Euch weit hinter mir zuruͤckgelaſſen zu haben!“ „Ich habe einen Nebenpfad genpuemen,“ verſetzte Eduard,„auf dem geraden Wege kann es kein Roß mit Eurem Zelter aufnehmen; bei dem naͤchſten Ritte werde ich Euch um die Er⸗ laubniß bitten, unſere Pferde wechſeln zu duͤrfen, damit ich mich Eurer Geſellſchaft erfreuen kann. — 144— Jetzt aber ſitzt ab, ſchoͤne Margarethe,“ und tuit hier in dieſem ſchattigen Thale.“ „Nicht alſo, Sir Eduard, 4 entgegnete Lady Margarethe Latheidh dis wütde ſige Liche ge⸗ ziemen. 7 5 01 ſun n „Ei nur einen Angenbtis rief der leiden⸗ ſchaftsvolle Juͤngling, indem er den Zuͤgel des Zelters erfaſſen wollte„„Ormſton mit den Die⸗ nern und der müͤthige Sir Simon werden gleich hier ſeyn. Kommt, kommt, erlaubt mir, Ehch aus dem Sattel zu helfen.“ nin „ Ich bedarf dazu Eures Beiſtandes nicht,“ . erwiederte Lady Vernon, und taſch, noch bevor er ihr ſeine Hand bieten konnte, war ſie herab vom Pferde.„Aber wie heißt denn dieſes Thal hier?“ fragte ſie, 9„ es hat einige Aehnlichkeit mit den Felſen meiner Heimath⸗ 1n 1 „Hier,3 verſetzte ihr Gefaͤhrte,„iſt det Schauplatz jener Begebenheit, der die Shule ihr Familienwapen verdanken.“ 45 „Ihr meint die Sage von dein Adler und dem Kinde,“ ſprach die Lady. t „So iſt es, ſchoͤne Margarethe,“ erwiederte der junge Krieger,„hier fand Sir Thomas La⸗ thom den kleinen Oskatel, ein Kind aus ſeinem Blute, jedoch, wie die Welt es nennt, unehelich geboren. Er haͤtte ihn zum Herrn ſeiner großen Beſitzungen gemacht, haͤtte ihm nicht ſeine Toch⸗ ter, die ſich mit meinem Ahnherrn, dem tapfern Sir John Stanley vermaͤhlte, einen rechtmaͤßigen Erben geſchenkt. Sir Oskatels Hoffnungen wur⸗ den dadurch vernichtet, die Stanley's aber trugen fortan in ihrem Wapen einen Adler, der ein Kind verſchlingt.“ „Ein grauſamer Triumpf,“ bemerkte die Jungfrau. 5* „Meint Ihr, ſchoͤne Margarethe?“ ſagte Eduard, die Hand der Reizenden erfaſſend,„ja, ja, die Zeiten waren damals rauher, als unſere jetigen ſeidenen Tage.— Aber ich bitte Euch, laßt Euch nieder auf dieſe Bank, bis die Uebri⸗ gen nahen.“ „Sie bleiben lange aus,“ verſetzte Lady Mar⸗ garethe,„wie waͤr's, wenn wir zuruͤckkehrten.“ I. Band. 10 —-— 146— „Nicht ſo, ſchoͤne Jungfrau,“ rief Eduard Stanley mit ſteigender Lebhaftigkeit,„Ihr muͤßt hier bleiben, und mir Euer Ohr leihen.“ „Wie, was ſoll das heißen?“ fragte Lady Vernon in einem ernſten Tone,„hier in Eures Vaters Park wollt Ihr meine Schritte beſchraͤn⸗ ken?“ „Nur ſo lange bis Ihr die Geſchichte mei⸗ ner Liebe mit angehoͤrt habt,“ entgegnete der lei⸗ denſchaftliche Eduard,„die Einſamkeit hier iſt fuͤr das Geheimniß Liebender gar trefflich geeignet, dieſer Ort war zu Herzenserguͤſſen von jeher den Stanley's guͤnſtig. Jene Eiche, dieſer Felſen, jener Strom, oft ſchon waren ſie Zeugen begluͤck⸗ ter Liebe; ſollten ſie jetzt meine Schmach, meine Verwerfung mit anſchauen, ich wuͤrde den Schutz⸗ geiſt dieſes Thals verfluchen, als einen Daͤmon,“ der ſich gegen meinen Frieden verſchworen.“ „Laßt meine Hand los, Sir,“ rief Lady Vernon erſtaunt,„oder—“ „ Setzt Euch— ſetzt Euch, und hoͤrt mich,“ fuhr Eduard Stanley mit Heftigkeit fort,„denn bei allen Heiligen, ich laſſe Euch nicht, bis Ihr mich gehoͤrt!“ In „Ein andersmal— ein andersmal,“ ver⸗ ſette Margarethe von dem Benehmen des jungen Mannes ungemein erſchreckt. „Ein andersmal!“ wiederholte Eduard Stan⸗ ley, mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln,„meint Ihr, ich werde, wie der alte Narr aus Derbyſhire, jedem Eurer Worte Glauben ſchenken; wahrlich, da irrt Ihr, ſchoͤne Maid; wollt Ihr mich ein andersmal hoͤren, warum nicht jetzt? Der Ort hier iſt wie geſchaffen fuͤr ein Liebesgeſtaͤndniß. Hier dieſer einladende Schatten, das ſanfte Gemurmel des Stroms. Kommt, kommt, ſeyd nicht unem⸗ pfindlich gegen meine Liebe.“ „Eure Art, Euch um das Herz eines Maͤd⸗ chens zu bewerben, iſt wenigſtens ſeltſam,“ ent⸗ gegnete Lady Margarethe Vernon, hoffend, durch dieſe ruhige Bemerkung der Zudringlichkeit des jungen Mannes ein Ziel zu ſetzen. Dieſer aber rief noch lebhafter als zuvor:„ich bin auch kein gewoͤhnlicher Liebhaber, ſchoͤne Margarethe, ich — 148— kann nicht ſeufzen und weinen, aber darum iſt meine Leidenſchaft nicht weniger heftig; nicht ſchmachten kann ich, aber Herz gebe ich um Herz, ich bin der Eure, und ich moͤchte daß Ihr Euch jetzt gleich fuͤr die Meine erklaͤrtet. Das Leben iſt ja nichts als eine Spanne Zeit, laßt uns ſie genie⸗ ßen, bevor uns der Senſenmann ereilt. Habe ſch in Euren Armen, an Eurer Bruſt geruht, dann moͤge er mich immerhin treffen.“. „Um des Erbarmers willen, was habt Ihr vor,“ jammerte Margarethe in Thraͤnen ausbre⸗ chend,„Ihr habt mich falſch und hinterliſtig von meinem Pferde gelockt, ich bin ohne Schutz.“ „In der Liebe gilt, wie im Kriege, jede Liſt,“ lachte der herzloſe Wuͤſtling. „Gedenkt Eures Bruders,“ flehte Marga⸗ tethe. 1 85 „Meines Bruders?“ wiederholte der Frevler, das bebende Maͤdchen noch feſter an ſich ziehend. „Bauet nicht auf dieſen Grund, Margarethe, Ihr bauet auf Sand; Euer Gebaͤude wuͤrde zu⸗ ſammenſtuͤrzen. Thomas Stanley iſt ein wackerer — 149— Ritter, des Blutes wuͤrdig aus dem er ſtammt. Mag er es immerhin beſſer als ich verſtehn, einem Maͤdchen von Liebe vorzuſchwatzen; aber ſeine Seele iſt aus anderem Stoffe geſchaffen, als die meine, er dient der Ehre, aber nur dann, wann ſie keine ſchweren Opfer verlangt; das Meer, welches er beſchiffte, iſt ſanft und ruhig. Mich trug der Ocean des Krieges, die Stuͤrme des Lebens ha⸗ ben mich umbraußt, ich habe gelernt alles dar⸗ an zu ſetzen, wenn ich einen Zweck erreichen will. Weder Himmel noch Hoͤlle koͤnnten mich bewegen von einem einmal gefaßten Entſchluſſe abzuſtehn. Ich will, daß Ihr die Meine wer⸗ den ſollt; Ihr ſeyd in meiner Gewalt, und bei allen Teufeln, wir trennen uns nicht wie wir uns trafen.“ „Habt Ihr denn keinen Sinn fuͤr Gaſtfrei⸗ heit? Ich bin der Gaſt Eures Vaters,“ jam⸗ merte das zitternde Maͤdchen. „Sprecht dem Loͤwen von Holflichkeit vor⸗ wenn ihn der Hunger bis zur Wuth getrieben,“ unterbrach ſie der junge Krieger,„ich will Euch beſitzen um jeden Preis.“ „Und glaubt Ihr, Verraͤther!“ rief die Jungfrau,„daß Euer Verbrechen ungeraͤcht blei⸗ ben wuͤrde? Mein Vater, Ihr kennt ihn— er duldet keine Beleidigung, und ſchwere Rache wuͤrde er an Euch nehmen“ „Angenommen auch, ſchoͤne Margarethe, daß Euer Vater wirklich ſo furchtbar waͤre,“ erwie⸗ derte Eduard Stanley mit einem ſpoͤttiſchen Laͤ⸗ cheln,„Ihr wuͤrdet Euren Geliebten nicht ver⸗ rathen.“ „Meinen Geliebten!“ wiederholte die Jung⸗ frau mit einem Blicke voll Verachtung. „Ja, Euren Geliebten!“ ſprach Eduard Stanley,„das bin ich, denn ich will es ſeyn.— Ich bin nicht gewohnt, ſchoͤne Margarethe, meine Zeit zu verlieren, im Kriege ziehe ich ſtets den Sturm der Belagerung vor.— Ihr muͤßt die Meine werden, die Stunde in der ich Euch meine Liebe geſtand, ſoll auch die meines Gluͤcks ſeyn. Verſucht es nicht, Euch mir zu entwinden, Ihr ſeyd huͤlflos!“ „Das bin ich nicht,“ ſchrie die bebende Mar⸗ garethe verzweiflungsvoll,„Huͤlfe!— Huͤlfe— Rettung!“ Der laute Ruf der bebenden Jungfrau machte den Wald wiederhallend, die Roſſe davon erſchreckt, riſſen ſich los und ſprengten von dan⸗ nen, waͤhrend Eduard Stanley alle ſeine Kraͤfte anwenden mußte, die, welche er zum Opfer erkoh⸗ ren hatte, feſtzuhalten. Schon ſchien dieſe ohne Rettung verloren, ſchon ward ihre Stimme ſchwaͤ⸗ cher und ſchwaͤcher,— da zeigte ſich ploͤtzlich ein Mann hoch oben auf dem Gipfel des Felſens, und laut gebot er von oben herab dem Frevler, inne zu halten. 1 „Fluch uͤber Dich, Schurke!“ donnerte Eduard Stanley, raſch ein Piſtol hervorziehend, „mir aus den Augen, oder ich ſchieße Dich nieder.“ „Immerhin,“ verſetzte der ſo ploͤtzlich Er⸗ ſchienene, der kein anderer als jener Fanatiker war, den der Graf von Derby vom Strande hatte mit fortſchaffen laſſen.„Mein Geſchick iſt feſtgeſtellt, ſeyd Ihr zu meinem Henker beſtimmt, ſo kann ich dem Spruche des Schickſals nicht entgehn.“ „Ha, Ashby, Ashby!“ rief die geaͤngſtigte Margarethe,„der Himmel ſandte Euch zu mei⸗ ner Rettung.— Nuft um Huͤlfe, laut, laut, ruft ſchnell um Huͤlfe!“ „Wagſt Du es, Deine Stimme zu erheben, ſende ich Dich in die Hoͤlle!“ drohete der Wuͤſt⸗ ling. „Mein Leben iſt nicht in Eurer Hand,“ ſprach der Fanatiker, und ſo laut als er es nur zu thun vermochte, ſchrie er um Huͤlfe und Ret⸗ tung. „Da, hier, nimm Deinen Lohn,“ donnerte Eduard Stanley, indem er ſein Piſtol auf den um Beiſtand Rufenden abdruͤckte. „Gott ſchuͤtze ihn!“ rief die Jungfrau, und ob nun der Schuͤtze in der Heftigkeit ſeines Zorns falſch gezielt, oder ob die Kugel in ihrem Laufe von irgend einem Gegenſtande aufgehalten wor⸗ — 153— den, genug der Fremde ward nicht getroffen, und ſo gleichguͤltig war er gegen die Gefahr, die ſei⸗ nem Leben drohete, daß er ſelbſt, waͤhrend der Schuß fiel, laut ſeine Stimme erſchallen ließ. „Du biſt fuͤr jetzt meiner Wuth entgangen, Schurke,“ donnerte Eduard Stanley hinauf, „aber Du ſollſt mich dennoch nicht abhalten, meinen Vorſatz auszufuͤhren. Kommt, folgt mir⸗ weiter hinein in den Wald, ſchoͤne Margarethe, dort koͤnnen wir koſen, ungeſtoͤrt von dem Ge⸗ ſchreie des wahnſinnigen Thoren.“ „Ashby, Ashby,“ ſchrie Margarethe Ver⸗ non, halb todt von Schrecken,„brich ein Fel⸗ ſenſtuͤck los und ſchleudere es herab, daß es mich zerſchmettere und meine Ehre rette.“ Der Fanatiker ſchickte ſich in der That an, ihr Begehren zu erfuͤllen, mit aller ihm zu Ge⸗ bote ſtehenden Kraft legte er Hand an einen maͤchtigen Stein, noch bevor er ihn aber hinab⸗ zuwaͤlzen vermochte, wurden Hufſchlaͤge daher ſprengender Roſſe vernehmbar, und gleich darauf ward von vielen Stimmen Margarethe Vernons Name gerufen. „Der Retter naht!“ rief Ashby, die Hand vom Steine abziehend,„es iſt Sir Thomas mit den Seinigen. Wehe jetzt uͤber Dich, Naͤuber, Ehrenſchaͤnder!“ Bei dieſen Worten verſchwand der Fanati⸗ ker hinter dem Felſen. Eduard Stanley ließ ſeine Beute fahren, und Thraͤnen der Freude uͤber ihre Rettung vergießend, ſank Lady Margarethe Ver⸗ non auf ihre Kniee. Der Wuͤſtling ſah mit wuthentflammten Blicken auf ſie nieder, furcht⸗ bare Fluͤche vor ſich hinmurmelnd. „Entflieht, entflieht!“ rief jetzt ploͤtzlich die Jungfrau, ſich wieder erhebend und ihre Thraͤnen trocknend,„flieht, da es noch Zeit iſt. Erbar⸗ mungslos, wie Ihr auch gegen andere ſeyd, moͤchte ich doch nicht, daß Ihr in der Mitte Eurer Verbrechen den Tod faͤndet.“ „Nicht fuͤr mein Leben ſeyd Ihr beſorgt, Margarethe Vernon,“ entgegnete Eduard Stan⸗ ley in einem zornigen Tone, indem er ſein brei⸗ — 155— tes Schwert zur Haͤlfte aus der Scheide zog und es dann klirrend wieder hineinſtieß.„Nur fuͤr meinen Bruder, Euren Buhlen, zittert Ihr! Niemand ſoll ungeſtraft Hand an mich legen, ſelbſt wenn man mein Vorhaben erfuͤhre. Tritt Sir Thomas mir als Feind entgegen, ſoll er die Staͤrke meines Armes kennen lernen.“ „Entflieht, entflieht!“ flehte Margarethe, nund er ſoll nie erfahren, wie ſchwer Ihr mich gekraͤnkt.“ „Wohlan, ſchoͤne Jungfrau,“ verſetzte Eduard Stanley mit kaltbluͤtiger Unverſchaͤmt⸗ heit,„da Ihr es mir gebietet, will ich Euch verlaſſen, jener wahnſinnige Thor aber muß zum Schweigen gebracht werden, ich eile ihm zu folgen.“ „Vermehrt nicht die Zahl Eurer, Suͤnden durch den Mord eines Eurer Nebenmenſchen,“ bat Margarethe,„zeigt, daß nicht alle Menſch⸗ lichkeit in Euch erſtorben iſt, ſchont des Un⸗ gluͤcklichen und ich verzeihe Euch Eure Beleidi⸗ gung!“ 1 Der Wuͤſtling ward durch dieſe Guͤte eini⸗ germaßen erſchuͤttert, er erfaßte die Hand der von ihm Gekraͤnkten, druͤckte ſie heftig an ſeine Lip⸗ pen und entgegnete:„Seyd ruhig, es ſoll ihm kein Leid geſchehen, aber ich muß ihm folgen, um zu verhindern, daß er das, was er mit an⸗ geſchauet, nicht ausſchwatze.“ „Sagt ihm, er ſoll alles geheim halten, bis ich mit ihm geſprochen,“ erwiederte Marga⸗ rethe,„jetzt aber fort, fort, ich beſchwoͤre Euch!“ „Ich gehe ſchon, ſtolze Schoͤne,“ verſetzte Eduard Stanley, das reizende Maͤdchen mit ver⸗ langenden Blicken betrachtend„in Gegenwart anderer ſey unſer Betragen unveraͤndert, wie bisher.“ Die fuͤr ihren Geliebten bebende Margare⸗ the winkte aͤngſtlich mit der Hand, und mit einem kuͤhnen Sprunge ſchwang ſich der junge Krieger uͤber einen kleinen Arm des Stroms, und verſchwand gleich darauf hinter den Felſen. Mit der Sicherheit und Kuͤhnheit eines Geisbocks, flog Eduard Stanley den ſteilen Berg hinan; oben angelangt, ſandte er noch einen Blick hinab auf das zitternde Maͤdchen unten, dann barg er ſich hinter den Tannen, und gleich darauf zeig⸗ ten ſich im Thale, Sir Thomas, Sir Simon Deyge, der Stallmeiſter und die Diener, welche die beiden davongerannten Roſſe mit ſich fuͤhrten. Die Ritter ſaßen ab und naͤherten ſich der Jung⸗ frau; als dieſe ihren Geliebten erblickte, konnte ſie, trotz ihres eifrigen Bemuͤhens, ihre Thraͤnen kaum unterdruͤcken. „Ha, theure Margarethe!“ rief Sir Tho⸗ mas, um des Himmelswillen, was iſt geſchehn? Wo iſt Eduard Stanley? Sir Simon ſagte mir, er ſey Euch in den Wald gefolgt.“ „Das that er auch,“ erwiederte Margarethe, ihre ganze Faſſung zuſammennehmend,„hier an⸗ gelangt aber riſſen ſich unſere Pferde loz.“ „Und Sir Eduard, als ein galanter Cava⸗ lier, lief ihnen nach, ſie wieder zu fangen, nicht wahr?“ fragte Sir Simon Deyge. „So iſt es,“ verſetzte die Jungfrau, und — 15s— eine gluͤhende Roͤthe uͤberflog ihre Wange bei dieſer Luͤge, Sir Thomas gewahrte ihre Verwir⸗ rung und ſchien beſtuͤrzt. In dieſem Augenblicke rollte hoch von dem Gipfel des Berges ein Fel⸗ ſenſtuͤck herab, und unweit von ihnen ſtuͤrzte es nieder in den Strom, daß das Waſſer hoch em⸗ por ſpruͤtzte. Da dergleichen aber in dieſem Thale oft geſchah, erregte dieſer Vorfall bei keinem der Anweſenden großes Erſtaunen. Nur Margarethe Vernon ſchauderte innerlich zuſammen, denn ſie war uͤberzeugt, der Stein ſey von Eduard Stan⸗ ley herabgewaͤlzt worden, deſſen furchtbares Ant⸗ litz ſie noch einen Augenblick zuvor aus den dunkeln Tannen hervorſchauen ſah. Sie be⸗ muͤhte ſich indeß, ihr Enſetzen zu bekaͤmpfen, und in einem ruhigen Tone ſprach ſie, zum Sir Thomas gewandt,„kommt, laßt uns heimkehren, Euer Bruder mag zu Fuße nach⸗ kommen.“ Das aͤngſtliche Benehmen ſeiner Geliebten war zwar dem Sir Thomas auffallend, aber er meinte, es ſey hier nicht der Ort eine Erklaͤrung 4 von ihr zu verlangen, und ſo kehrte der Zug dann ohne weitere Eroͤrterung nach dem Schloſſe zuruͤck. 11. Als man zu Lathom angelangt war, begab ſich Lady Margarethe Vernon, welche nach ihrer furchtbaren Gemuͤthsbewegung der Ruhe bedurfte, auf ihr Zimmer, wo, wenn ſie nicht den Wunſch allein zu bleiben geaͤußert haͤtte, die Graͤfin von Derby ſie beſucht haben wuͤrde, um ihr alle nur moͤgliche Sorge zu ſpenden. Sir Thomas Stan⸗ ley, in deſſen Seele die Beſorgniß entſtanden war, daß ſeine Geliebte ein ihm unbekanntes Leid erfahren haͤtte, harrte ungeduldig der Ruͤckkehr ſeines Bruders, und begab ſich endlich, als die⸗ ſer noch immer nicht erſchien, hinaus in den Park, ihn aufzuſuchen. Er war indeß noch nicht weit gegangen, als er auch ſchon Eduard Stan⸗ ley in einer Unterredung mit einem anderen Manne⸗ auf das Schloß zuſchreitend, erblickte; und als ſie naͤher kamen, gewahrte Sir Thomas deutlich, — 461— daß die Augen ſeines Bruders von Zorn flamm⸗ ten. Das Geſicht ſeines Gefaͤhrten ſchien eben⸗ falls Unmuth, zugleich aber Verachtung zu ver⸗ kuͤnden, ſo wie ſie aber den Sir Thomas ſahen⸗ bemuͤhten ſich beide ihre Gemuͤthsbewegung zu ver⸗ bergen; dem jungen Krieger gelang dieſes vor⸗ trefflich, mit einem laͤchelnden Antlitze naͤherte er ſich ſeinem Bruder, die derben Zuͤge des Frem⸗ den aber wollten ſich noch immer nicht in ruhige Falten ſchmiegen; allmaͤhlig gaben ſie zwar etwas nach, ganz aber wollte der Ausdruck von Zorn und Trotz aus ihnen durchaus nicht ſchwinden. Sir Thomas nahm davon indeß keine Notiz, denn ſeine Aufmerkſamkeit war ausſchließlich mit ſei⸗ nem Bruder beſchaͤftigt. „Ich habe ungeduldig Deiner Rückehr ge⸗ harrt, Eduard,“ ſprach er,„der Lady Marga⸗ rethe Vernon ſcheint etwas begegnet zu ſeyn, woraus ſie mir ein Geheimniß macht, ſie iſt furcht⸗ bar, furchtbar erſchuͤttert.“ „Etwas begegnet?“ wiederholte der Verraͤ⸗ her mit erheucheltem Erſtaunen,„unſere Roſſe I. Band. 11 „ — 162— riſſen ſich los und rannten davon; das aber konnte ſie doch nicht mit Schrecken erfuͤllen.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ verſetzte Sir Thomas,„es muß ihr alſo durchaus etwas anders begegnet ſeyn. Sah'ſt Du nichts im Thale, was ihr Entſetzen verurſacht haben koͤnnte?“ „Nichts,“ entgegnete Eduard Stanley, „nichts, als dieſen Mann, moglich, daß ſein An⸗ blick ſie erſchreckte; denn er erſchien ploͤtzlich hoch, oben auf dem Felſen, ſie ſchrie auf; ſo wie er aber verſchwand, ſchien ſie auch wieder ruhig zu werden; weiter bemerkte ich durchaus nichts was ſie haͤtte erſchuͤttern koͤnnen.“ Es war ein Gluͤck fuͤr den Heuchler, daß Sir Thomas waͤhrend dieſer Luͤge ſeines Bruders, keinen Blick auf das Antlitz des Fremden warf, denn der Ausdruck von Zorn und Abſcheu in dem⸗ 4/ ſelben, haͤtte in ihm gewiß einen Zweifel an Eduards Wahrheitsliebe erweckt, und ihn unfehl⸗ bar bewogen, weiter nachzuforſchen. Wer iſt der Mann?“ fragte Sir Thomas jetzt,„und was will er hier?’“, — 163— „Der Graf brachte ihn mit,“ erwiederte Eduard Stanley,„an der Kuͤſte wo wir ſtrande⸗ ten, ſpielte er den Eremiten. Er behauptet, Lady Margarethe Vernon zu kennen; auch erinnere ich mich jetzt, daß ſie ihn Ashby nannte, und ihn bat herabzukommen— wollte ich lachn, ſich hin⸗ weg zu begeben.“ „Das war eine Luͤge,“ bie Gibb mit tie⸗ fer Verachtung. „Elender!“ donnerte Eduard Stanley,„waͤrſt Du mir nicht ſo erbaͤrmlich als der Raſen, den meine Fuͤße treten, Du ſollteſt meinen Zorn fuͤh⸗ len!— Sie nannte Dich aaen iſt das nicht Dein Name?“ 4 Der Fremde gab keine Antwort. Sprecht, ſprecht!“ nahm jetzt Sir Tho⸗ mas, uͤber dieſe Hartnaͤckigkeit erzuͤrnt, das Wort, „ſprecht, oder es ſoll Euch uͤbel ergehen. Haih Ihr Ashby?“ „Ja, Herr Ritter,“ erwiederte der Unbe⸗ kannte. — 4164— „Und was hattet Ihr im Backe zu ſchaffen?“ fragte Sir Thomas weiter. „Die Vor ſehung fuͤhrte mich hin,“ ver⸗ ſetzte der Fremde.„Ich ſah Lady Margarethe Vernon, und den da, dem Walde zuſprengen, ich war zu Fuß, ſonſt haͤtte ich den koſtbaren Edel⸗ ſtein auch keinen Moment lang aus den Augen gelaſſen, ſie aber eilte ihm und mir zuvor.) Er ſchwieg und blickte zornig auf Eduard Stanley, welcher ihn mit einem verachtungsvollen Laͤcheln betrachtete. 4 „Sie aber ritten unten im Park; wie kamt Ihr hinauf auf den Felſen?“ fragte Sir Tho⸗ mas weiter. 1 „Euer Bruder— wenn es anders Euer Bruder iſt—“ fuhr der Fremde fort,„ſchlug, wie es ſchien, um der Lady zuvorzukommen, einen Nebenpfad ein; ich folgte ihm ungeſehn, und ſo gelangte ich auf einem Fußſteige auf den Felſen. Dort blieb ich bis die Lady erſchien.— Als ich mich ihr zeigte, wie freuete ſie ſich, mein Antlitz zu ſchauen.“ — 165— „Ihr kanntet ſie alſo wol recht genau, die Lady Margarxethe?“ fragte Eduard Stanleye in einem bedeutungsvollem Tone. in, Ja, Sir—ganz genau!“ erwiederte Ashby,„glaubt nicht, daß ich ſtets ſo elend war, als ich jetzt vor Euch ſtehe. Krankheit und Miß⸗ geſchick haben meine Geſtalt vekaͤndert, einſt war mein Fuß feſt— mein Arm ſtark— mein Herz kuͤhn, wie das irgend eines Mannes.— Aber an Uebelr iſt uͤber mich gekommen,— glaubt mir's, der Boͤſe hat Gewalt— ich bin verdammt, hier und jenſeits Qualen zu leiden. Ich mag nicht leben— mag nicht ſterben— meine Ge⸗ bete verklingen unerhoͤrt, ach! ich bin verloren!“ „Merkeſt Du nichts?“ fluͤſterte Eduard Stanley ſeinem Bruder zu, welcher vor Erſtau⸗ nen ſprachlos daſtand. 82943212 dn⸗ „Was denn?“ fragte Sirr Thomas. „Biſt Du denn blind?“ fuhr der Verraͤther fort.„Iſt dieſe Angſt nicht offenbar eine Folge begangener Schuld? Das Erſchretkan Deiner keu⸗ ſchen Margarrihen— 1 — 166— „Du wirſt ſie hoffentlich nicht ſchuldig glau⸗ ben,“ unrerbrach ihn Sir Thomas, von den Giftworten des Boͤſewichts maͤchtig erfaßt. „Ich bin gewohnt Wahrheit zu ſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, Dich zu beleidigen,“ entgegnete Eduard Stanley,„ und wie koͤnnte Dich auch meine Aeußerung verletzen? aſi Mar⸗ garethe Vernon ſchuldlos— S an „Kein Wort mehr, Eduard Stanle," un⸗ terbrach ihn Sir Thomas,„willſt Du nicht, daß ich mein Schwert gegen Dich zuͤcke. Margarethe Vernon iſt keuſch, wie die Mutter die Dich und mich geboren.“ n 18 „Margarethe Vernon ſt ein Enge 446 ful Ashby ein, welcher nur die letzten Worte des Sir Thomas gehoͤrt hatte;„ſie iſt voll Milde, Groß⸗ muth und Liebe gegen Jedermann; haͤtte ihr Ge⸗ bet geholfen, waͤre ich laͤngſt von meinen Qualen befreiet.“ unf 90 9 „Ihr Ruf,“ rief der Ritter in einem ſtol⸗ zen Tone,„bedarf Deines Lobes nicht, Ruhm aus dem Munde eines Landſtreichers, wie Du — 167— einer biſt, bringt einem tugendhaften Weibe Schande. Wie koͤnnt Ihr es wagen— Gäbs Ihr, ein Bettlerit i hcrch u vennnen „Was habe ich denn von Euch begehrt, baß Ihr mich einen Bettler ſcheltet?“ tragles der Faende, „Schweigt Unverſchaͤmter!“ gebot Sir Tho⸗ mas,„wer ſeyd Ihr denn? ein brodlos im Lande umherziehender Vagabonde, ein Elender, der nur von der Milde anderer lebt.“ uinm „Ein Fanatiker, oder ein Heuchler," fas Eduard Stanley ein, der in der Welt gern fuͤr einen Heiligen gelten moͤchte, und deshalb⸗ buſta von ſeinen Suͤnden ſchwatzt.“) gütned em „Verſuche mich nicht laͤnger, Du Kind des Verderbens,“ verſetzte Ashby, vor Zorn mit den Zaͤhnen knirſchend.„Was haͤlt mich ab., jetzt gleich Deinen Stolz zu beugen und Dich nackt und bloß zu zeigen, wie die Flur um uns her.“ „Elender!“ donnerte Eduard Stanley, und ſein Antlitz trug dabei den Ausdruck gekraͤnkter Unſchuld,„ich bin uͤberzeugt, koͤnnteſt Du Dir — 168— anders Glauben verſchaffen, Du wuͤrdeſt eine arm⸗ ſelige Luͤge erfinden, falſch, wie Du ſelbſt, mei⸗ nen Character zu ſchwaͤrzen. Mit meinem Stahle wuͤtde ich Dein trugvolles Herz, durchbohren, braͤchte nicht Dein Blut meinem Khnas thande“ 00„Thut was Euch beliebt,* engeghe Asbbn mit einemsveraͤchtlichen Laͤcheln,„Ihr habt Euch ja ſchon uͤberzeugt„ daß mein Sand noch nicht verronnen; traͤte auch ein Heer von Feinden ver⸗ eaͤtheriſch, wie Ihr,, mir entgeden, ich wuͤrde den⸗ noch nicht zitterm Waͤret Ihrnaber beſtimmt, mir den Tod zu geben, meint Ihr, ich wuͤrde mich bemuͤhn Euch daran zu verhindern?“ o 390„ Fort mit Dir,“ fiel Sir Thomas ein, hund laß Dich morgen hier nicht mehr ſchauen.— Doch nein, bleib— verweile im Sachioſſes ich muß mehr von Dir erfahren.“ord ine „ Muͤßte ich nicht ſchweigen,“n ewiedexte Ashby,„ich wuͤrde Euch meine Geſchichte von meiner Geburt an bis zu dieſer Stunde erzaͤhlen. Oft ſchon, Sir Thomas, ſah ich Euch zu Had⸗ — 469— don,„und hoͤrte wie man Euch als einen wacke⸗ ren, großmuͤthigen Juͤngling pries; damals aber war ich kein Bettler, kein Elender, wie Ihr mich jetzt nennt; damals wuͤrdet Ihr es nicht gewagt haben, mich einen Landſtreicher zu ſchelten.— Doch desn⸗Himmels Wille geſchehes⸗— ich muß es erdulden. Koͤnnte nur meine Qual hienieden mich von den Martern, die jenſeits meiner hanren be⸗ ſtren e In 2905 6 Kern oh zung Der Ritter gab⸗ dem Fankätiker. mit tder Bam ein eichen ſich zu entfetnen, und gehorchend ſchritt Ashby gedankenvoll dem Schloſſe zu, lang⸗ ſam von den beiden Bruͤdern gefolgt. it Sir Thomas Stanley von veinem Anfluge von Eiferſucht gefoltert, ſchritt, in bitteres Nach⸗ denken verſunken, ſchweigend daher, waͤhrend ſein ſchaͤndlicher Bruder wie ein boͤſer Daͤmon ihm zur Seite ſchlich, die Wirkungen des Gifts beob⸗ achtend, welches er in das Herz des wackern jun⸗ gen Mannes getraͤufelt hatte. Ohne irgend eine Reue uͤher das, was er gethan, zu empfinden, ward der ausgeartete Eduard Stanley nur von — 170— dem Gedanken gefoltert, daß ſein Bruder das Herz der Jungfrau gewonnen, fuͤr die er eine, durch die Hinderniſſe, die er erfahren hatte, noch geſteigerte Leidenſchaft empfand. Dieſe zu befrie⸗ digen, trug der Boͤſewicht kein Bedenken; es ſchien ihm ein leichtes, das heilige Band der Liebe zu loͤſen, und ſeinen Bruder ins Verderben zu ſtuͤr⸗ zen;— ein teufliſcher Plan, uͤber den er jetzt mit ganzer Seele nachſann, den er aber unter einer ſcheinbaren Sorge fuͤr das Wohl des Sir Tho⸗ mas emſig zu verhergen bemuͤht war. Bald fand er Gelegenheit ſein Netz um dieſen noch feſter zu ziehen, denn nachdem Margarethens Geliebter eine Weile lang ſchwermuthsvoll nachgedacht hatte, fuhr er ploͤtzlich auf, legte die Hand an den Griff ſeines Schwertes, und rief mit wilder Gebaͤrde: „Bei meiner Ehre, Du biſt ein ſchaͤndlicher Ver⸗ laͤumder, unwerth des Bluts das in Deinen Adern fließt! Du haſt es gewagt, an der fleckenreinen Tugend der Lady Vernon zu zweifeln. Was konnte Dich dazu bringen? Nur ein Thor kann zwiſchen ihr und jenem wahnſinnigen Traͤumer — 17¹1— ein Liebesverſtaͤndniß fuͤr moͤglich halten. Du ſchweigſt, gieb Antwort, welche Gruͤnde hatteſt Du, meine Bruſt ſo ſchmerzhaft zu verwunden?“ „Ich glaube nicht verbunden zu ſeyn, weder Dir noch irgend einem Andern Gruͤnde von mei⸗ nen Aeußerungen zu geben,“ verſetzte Eduard Stanley,„ich brauche es Dir wol icht erſt kund zu thun, adaß mein Arm ſtets bereit iſt, das, was meine Zunge ſprach, zu verantworten. Was geht mich Deine Geliebte an? ſie ſoll ja nicht mein Weib werden. Meinetwegen mag ſie bei dem Anblicke eines Mannes erſchrecken und ein Geheimniß daraus machen, was kuͤmmert's mich? aber ſprechen will ich davon, wenn's mir gefaͤllt, und kein Sterblicher ſoll mich daran verhindern.“ „Kann Margarethe Vernon's Bekanntſchaft mit dem Fanatiker nicht mit aller Ehre beſtehen?“ fragte Sir Thomas. „Noöoͤglich,“ verſetzte Eduard,„warum aber macht ſie denn ein Geheimniß daraus. Schon ſeit geſtern Abend iſt er hier, ohne Zweifel hatte ſie ihn bereits fruͤher geſehen.—“ - 12— 2„Das iſt noch nicht ausgemacht,“ erwiederte Sir Thomas,„ſah ich— dah zebt äh zum Erſtenmale.“”“ eden d em, Es bleibt doch hen immer Güchſß fltjam, fuhr Eduard Stanley fort,„daß errigerade jebt aus ſo weiter Entfernung herkommt, ſeine— oder A uenn Du willſt— Deine Geliebte aufzuſu⸗ „Ihre— bein ſaiaami enſcheen eeaihx —— n arriact zchitt„Sie eſchien,“ anterbräth ihma Sir— Waie jetwas entdecken zu wollen, da aber ſtuͤrzte ploͤtzlich ein Stein vomn Felſengipfeb herab und undrächn unſer Geſpraͤcht”“ unrae dintnien an„„ Ein Stein?“ fragte der Verraͤther, hoben vom Gipfel des Felſens? Dort grade fand ich den Buben, denn ſtattonach den Pferden zu ſchauen, eilte ich den Berg hinan, in der Abſicht, das unſerm Hauſe Schande bringende Geheimniß zu entſchleiern. Ich will darauf ſchwoͤren, daß er es war, der den Stein hinabſchleuderte, als ein Zeichen, daß ſie ſchweigen ſolle; die weibliche 8 12 480 Zunge konnte im erſten Naehtii des Schreckens alles verrathen!“ 3 „Unmoͤglich, unmoͤglich!“ rief der Niſter, „ein ſo armſeliger Bettler— 91 32 1 „Du urtheilſt nur nach dem Aeußern,“ un⸗ terbrach ihn Eduard Stanley,„ſeine Geſichtszuͤge ſind uͤbrigens nicht unangenehm, auch erzaͤhlte mir der geſchwaͤtzige Narr, Sir Simon Deyge, von einem romanhaften Ritter, aus edler Familie, deſſen Name ihm unbekannt, der aber in den Waldungen von Haddon und Chatsworth oft um⸗ hergeſtrichen. Das Geruͤcht ging, daß er Ver⸗ non's aͤlterer Tochter nachſtelle; auch haͤtte der Ritter ſeinen Leuten Befehl ertheilt, den wilden Cavalier einzufangen. Waͤre es nicht moͤglich, daß er die Rolle eines Jaͤgers mit der eines Fa⸗ natikers vertauſchte; waͤre er ein ehrbarer Ritter, wuͤrde er ſich nicht verborgen halten, ſondern mit ſeiner Liebeserklaͤrung gradezu auftreten? Verlange immerhin von Deiner Geliebten die Erklaͤrung dieſes Geheimniſſes, mir aber ſcheint es, der Frembe habe das Raͤthſel genugſam geloͤſ't.“ — 174— Sir Thomas von Eiferſucht maͤchtig erfaßt, erwiederte nichts, er ſchlug ſeine Arme wieder kreuzweis uͤbereinander, und ſchritt neben ſeinem Bruder langſam dem Schloſſe zu. Eduard Stan⸗ ley aber, welcher jeder Entdeckung ſeiner Verraͤ⸗ therei durchaus vorbeugen wollte, erfaßte, als ſie kaum noch hundert Schritte bis zum Hauſe hat⸗ ten, den Arm des von ihm Betrogenen, und fragte dieſen, was er zu thun geſonnen. „Was ich thun will?“ rief Sir Thomas mit vor Zorn flammenden Augen,„ich will der Verraͤtherin alles offenbaren, will ihr ſagen, daß ich um ihre Liebſchaft weiß— will die Kette zer⸗ brechen, die mich an die Treuloſe feſſelt. Ich war ihr Spielwerk, jetzt aber ſoll ſie mich kennen lernen! O Himmel, wie konnte eine ſo reizende Geſtalt ein ſo falſches Herz bergen! Ach, warum mußte der Traum meines Gluͤcks ſo bald enden!“ fuhr er tief aufſeufzend fort, indem er ſein kum⸗ merſchweres Haupt auf die Schulter des boͤſen Genius lehnte, der ihm zur Seite ging.„Warum mußte ich, da wo ich vertrauete, auf Trug— -— 475— da wo ich liebte, auf Falſchheit ſtoßen? Aber ich will ihr ihr Unrecht vorhalten?“ „Sie wuͤrde nur Deiner lachen,“ bemerkte Eduard Stanley,„oder mit der den Weibern eigenthuͤmlichen Heuchelei Dich aufs neue beſtricken. Nein, folge meinem Nathe, begleite ſie zuruͤck nach Haddon, in ihrer Heimath wird ſie weniger auf ihrer Huth ſeyn, und Du kannſt ſie dort, da Dir jetzt der Zufall die Augen oͤffnete, beſſer beob⸗ achten, als hier. Bis dahin ſchweige, und mache es wie ſie, zwinge Dein Antlitz die Gefuͤhle Dei⸗ ner Bruſt zu verbergen.“ „Das iſt eine ſchwere Aufgabe,“ verſetzte der Ritter,„aber ich will thun, was in meinen Kraͤf⸗ ten ſteht; will mit kaltem Herzen die Hand druͤcken, deren bloße Beruͤhrung mich bisher mit Wonne erfuͤllte; will mit truͤgeriſchem Laͤcheln in das Antlitz ſchauen, deſſen Schoͤnheit mich ſo oft entzuͤckte.“ „Denke, Du haͤtteſt in einen Zauberſpiegel geblickt,“ entgegnete Eduard Stanley,„was Du ſahſt, war nichts als Taͤuſchung. Jetzt iſt das — 476— Glas zerbrochen, und das Gebilde, welches Dein Auge erfreuete, verſchwunden. Aber der Ge⸗ danke, daß Du Dich zu raͤchen vermagſt, troͤſte Dich; haſt Du Dir erſt hinlaͤngliche Beweiſe von ihrer Treuloſigkeit verſchafft, magſt Du oͤffent⸗ lich, in Gegenwart iheis Vaters, hx Hand ver⸗ werfen 971 iet ns nd 7„ Nein, Eduardus erwiederte Sir Thomas, „das hieße eine unmaͤnnliche Rache nehmen. Haͤtte ſie gleich meine Liebe, meine Ehre mit Fuͤßen getreten, ſoll ſie doch erfahren, daß ich eine beſſere Behandlung verdiente. Du aber gehſt ja gmit uns nach Haddon, wir kamen eigentlich hieher, Dich abzuholen. Der Ritter wußte, wie, erfuhr ich nicht, daß Du von Frankreich zuruͤck⸗ gekehrt, nach einigen Worten aber, die er fallen ließ, muß ich leider fuͤrchten, daß Ihr irgend einen aufruͤhreriſchen Plan vorhabt.“ „Sey unbeſorgt, Bruder,“ erwiederte Eduard Stanley,„das iſt vorbei, der Graf von Derby. weiß um Alles, ihn magſt Du befragen. Ich drang in ihn, ſeine Anſpruͤche auf die Krone gel⸗ — 177— tend zu machen. Vernon wuͤrde ihm Beiſtand geleiſtet haben; er hat aber ſem Gluͤck von ſich geſtoßen.“ „Er hat den Frieden feine Gewiſſens be⸗ wahrt, und er hat wohl daran gethan,“ verſetzte Sir Thomas,„die Rechte unſers Vaters auf Englands Thron ſind nicht guͤltiger, als die vie⸗ ler andern Edelleute; ja manche von dieſen ſte⸗ hen der Krone noch weit naͤher als er; moͤchteſt Du, daß er aus Chrgeiz das Land ins Verder⸗ ben ſtuͤrzte? Wahrlich Eduard, ich fuͤrchte, unter den fremden Kriegern iſt Dein Sinn verwildert.“ „Du begreifſt mich nicht, Bruder,“ entgeg⸗ nete Eduard mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln.„Du taugſt zum Gelehrten, nicht zum Soldaten, denn beſſer kennſt Du alte Buͤcher als Menſchen. Haͤtte ich Dich aufgefordert, Dich uns anzuſchlie⸗ ßen, Du haͤtteſt eines vollen Jahrs bedurft, Dich mit Deinem Gewiſſen zu berathen.“ „Und der Graf von Derby, ſagſt Du, zeigte ſich Deinen Wuͤnſchen nicht geneigter?“ „Er war blind gegen ſein Wohl— blind wie I. Band. 12 — 178— ein Maulwurf,“ rief Eduard Stanley mit großer Heftigkeit.„Hinge die Krone uͤber meinem Haupte, wie uͤber dem ſeinen, Ha, beim Teufel! ich wuͤrde die Hand danach ausſtrecken, und muͤßten Millio⸗ nen darum ihr Blut vergießen.“ „Auch das Deine koͤnnte fließen, Eduard,“ ſprach Sir Thomas mit großem Ernſte,„der Stahl, den man gegen Andere zuͤckt, trifft oft die eigene Bruſt.“ „ Ich moͤchte faſt ſchwoͤren, ich üu jetzt den ſcheinheiligen Heuchler predigen, der uns ſo eben verlaſſen,“ verſetzte Eduard lachend. Sir Thomas ſchwieg, und da ſie unterdeſſen bei der Schloßpforte angelangt waren, wo ihnen der Graf von Derby entgegen trat, wandte ſich der Rit⸗ ter zu ſeinem Vater, und ging mit dieſem in das Haus, Eduard Stanley Zeit laſſend, uͤber ſeine Plane nachzuſinnen; und in der That bedurfte der junge Empoͤrer einiger Muße, die Faͤden ſeiner man⸗ nigfachen, verraͤtheriſchen Entwuͤrfe zu ordnen, auf daß das Trugnetz, welches er ausgeſpannt, nicht ſichtbar wuͤrde. Als er ſo nachſann, fuͤhlte er, daß — - m— er faſt zu weit gegangen, aber er konnte nun nicht mehr zuruͤck, er mußte vollenden was er begonnen Er ſah ein, wie es zur Foͤrderung ſeiner Plane durchaus nothwendig ſey, nicht nur den Abſcheu, den der Fanatiker gegen ihn empfand, zu mildern⸗ ſondern auch das Vertrauen der von ihm beleidigten Margarethe, wenigſtens einigermaßen wieder zu ge⸗ winnen. Dies war allerdings eine ſchwierige Auf⸗ gabe, aber der entſchloſſene Sinn des Verraͤthers, zweifelte dennoch keinen Augenblick daran, daß es ihm gelingen werde, ſeine beiden ſo eben genannten Feinde in warme Freunde zu verwandeln, und ſie zu Befoͤrderern ihres eigenen Untergangs zu machen. Um dies zu bewerkſtelligen, beſchloß er, Lady Mar⸗ garethe Vernon um eine Unterredung zu bitten, in. welcher er ſeine ganze Beredſamkeit anwenden wollte, ſie von ſeiner Reue zu uͤberzeugen und ihre Verzei⸗ hung zu erhalten. Wie er dieſen Vorſatz in Aus⸗ fuͤhrung brachte, ſollen unſere freundlichen Leſer ſpaͤterhin erfahren. 12. So wie Ashby den Sir Thomas Stanley und deſſen Bruder verlaſſen hatte, ſchritt er in das Schloß, in der Abſicht, ſich zur Lady Margare⸗ the Vernon zu begeben, die ihn, wie ſich unſere Leſer erinnern werden, durch Eduard Stanley hatte zu ſich entbieten laſſen; ſchon im außeren Hofe aber trat ihm eine Dienerin der Lady ent⸗ gegen, ihm berichtend, daß ihn ihre Herrin, ohne Verdacht zu erregen, heute bei Tage nicht ſpre⸗ chen koͤnne, daß ſie ſich aber am Abend auf der Terraſſe einfinden wolle, wo ſie ihn zu finden wuͤnſche, er moͤchte, ſo ließe ihn Lady Margare⸗ the erſuchen, wo moͤglich eine andere, als ſeine gewoͤhnliche Kleidung, anlegen, um jeder Ent⸗ deckung vorzubeugen. Nach einer kurzen Beraͤ⸗ thung mit ſeinem Gewiſſen, verſprach Ashby den Wunſch der Lady erfuͤllen zu wollen. Eben war n = 1814— die Dienerin im Begriffe ſich mit dieſem Beſcheide zu entfernen, als Sir Simon Deyge in die Thuͤr der Halle trat, und dem Fanatiker laͤchelnd zu⸗ nickte.„Laßt Euch nicht ſtoͤren,“ rief er in einem Tone, welcher deutlich verkuͤndete, daß er die ſo eben ſtattgehabte Unterredung mit angeſehen, wenn nicht gar mit angehoͤrt hatte.„Nehmt Euch Zeit, ich habe keine Eile.“ Da aber Ashby hierauf nichts erwiederte, ſondern den Ritter nur mit großen Augen betrach⸗ tete, kam dieſer naͤher, und bat lachend den Fa⸗ natiker noch einmal um Verzeihung, falls er etwa ſeine Zuſammenkunft mit einem ſchoͤnen Maͤdchen unterbrochen haben ſollte.. „Wo lerntet Ihr die modiſchen Fratzen?“ nahm jetzt Ashby mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln das Wort,„noch vor kurzem wagtet Ihr nicht den Namen eines Weibes auch nur auszuſprechen, jetzt ſeyd Ihr auf einmal ein Haſenfuß ge⸗ worden.“ „Woher wißt Ihr denn das?“ fragte der Ritter, ſtarr vor Erſtaunen,„ſeyd Ihr ein .. — 7 —— — Sternkundiger, oder hilft der Teufel Euch die Gedanken der Menſchen errathen.“ „Es braucht keiner uͤbernatuͤrlichen Mittel, Eure Thorheit zu erkennen,“ verſetzte Ashby,„ſie ſteht in lesbarer Schrift auf Eurem Antlitze ge⸗ ſchrieben.“. „Iſt mir's doch, als haͤtte ich Euch ſchon fruͤher geſehn,“ ſprach Sir Simon Deyge, den Fanatiker genau betrachtend,„entweder trafen wir uns ſchon irgendwo, oder Ihr ſeyd mir auch im Traum erſchienen; wenn ich aber nicht irre, ſah ich Euch auf den Bergen von Derbyſhire.“ „Kann wol ſeyn,“ antwortete Ashby. „Ihr waret alſo dort?“ „Ja,“ erwiederte der Fanatiker. „Im Gebirge von Derbyſhire?“ „Ja, im Gebirge!“ „Zu Bakewell— Haddon— Chatsworth?“”“ „Ueberall! Ich kenne dort jeden Berg, jede Kluft, jeden Strom.“ „Da ſeyd Ihr wol ein Wilddieb,“ rief der Ritter, indem er ſich ein gar wichtiges Anſehn * 4 gab.„Nehmt Euch in Acht, ich bin Friedens⸗ richter.“ „Ich weiß es, ich kenne Euch, Sir Simon Deyge,“ verſetzte Ashby,„Eure Beſitzung heißt Bowdon, ſie iſt eben ſo bedeutend und fruchtbar, als Ihr weiſe ſeyd.“ „Schweig, Unverſchaͤmter!“ ſchalt der Rit⸗ ter,„jetzt erinnere ich mich, wo ich Dich geſehn, unter dem Galgen war's, unfern Wardlowmires. Du ſannſt, wenn ich nicht irre, damals uͤber Dein Schickſal nach.“ „So iſt's,“ entgegnete der Fanatiker leb⸗ haft,„Ihr ſprecht die Wahrheit, als Ihr mich dort vor einem Monat erſchauetet, war ich im Begriffe, durch eine raſche That mein qualvolles Leben zu enden. Ich war ja ſchon zuvor ver⸗ dammt, Selbſtmord konnte mein Loos nicht ver⸗ ſchlimmern,— Ihr aber ſtoͤrtet mich in meinem Vorhaben, da unterließ ich's dann; ich wollte kei⸗ nem Narren zum Geſpoͤtte dienen.“ „Hoͤrt einmal,“ rief Sir Simon Deyge, — 184— „ich warne Euch, zaͤhmt Eure Zunge, Ihr ſeht ich trage ein Schwert.“ „Wagt Ihr es, Eure Hand zu erheben,“ entgegnete Ashby,„es wuͤrde Euch ſchlimm er⸗ gehen.“ Der Ritter, deſſen Muth ohnehin nicht der ſtaͤrkſte war, erſchrak uͤber die drohende Gebaͤrde des Fanatikers; ein Entſetzen, welches durch den Gedanken, daß Ashby ein Wahnſinniger ſey, noch vermehrt ward. Er ſtand da, die Hand noch im⸗ mer an das Schwert gelegt, ſeine Kniee wankten, ſeine Glieder bebten, waͤhrend der Fanatiker ihn mit einem verachtungsvollen Blicke betrachtete. „Geht, geht,“ nahm dieſer endlich wieder das Wort:„ich habe Euch und Euren Muth fruͤher gekannt, als heute, ſonſt ſolltet Ihr jetzt eine Probe Eurer Tapferkeit ablegen.— Geht, geht, und leſ't, ſtatt den Modegecken zu ſpielen, lieber das Buch des Lebens— die heilige Schrift, die fuͤr einen Mann von Eurem Alter beſſer taugt, als das eitle Getreibe der Welt. Pruͤft 8 Euer Herz— Ihr werdet es verderbt und voll Thorheiten finden.“ „ Ei, warum nicht gar,“ erwiederte Sir Si⸗ mon Deyge, der ſich von ſeinem Schrecken eini⸗ germaßen wieder erholt hatte,„ meint Ihr etwa, ich haͤtte die Bibel nicht geleſen? Ich kenne alles, Epiſteln und Evangeliſten.“ „und was habt Ihr daraus gelernt?“ fragte. Ashby. „Ha, dumme Frage!“ verſetzte Sir Simon, „was ich lernte? Ei nun freilich, eben nicht viel, denn ich wußte ja Alles ſchon zuvor. Man kann, wie Ihr wißt, nicht lernen was man ſchon weiß.“ „Was wͤußteſt Du denn, elender Erden⸗ wurm,“ rief der Fanatiker mit großer Heftigkeit, „wußteſt Du auch, daß Du verdammt warſt von Deiner Geburt an? daß der Fluch, den der Schoͤ⸗ pfer uͤber die erſten Menſchen ausgeſprochen, auch auf Dir ruht? daß nur Reue und Wiedergeburt des Herzens ihn abzuwenden vermoͤgen, und daß dies Gluͤck nur Wenigen beſchieden.“ Die wilden Gebaͤrden, mit denen Ashby dieſe * — 186— 1 Worte ausſprach, erfuͤllten den Ritter aufs neue mit Schrecken, furchtſam blickte er umher, und nicht wenig war er erfreuet, als gleich darauf der Graf von Derby und Sir Thomas Stanley in den Hof traten. So wie Sir Simon Deyge ſie gewahrte, erheiterte ſich ſein Antlitz, und mit einem zornigen Blicke rief er jetzt, zu dem Fanatiker ge⸗ wandt:„Fort, mir aus den Augen, ketzeriſcher Hund, oder ich laſſe Mylords Knechte rufen, Dich hinaus zu werfen; fort mit Dir!“ Ohne eine Muskel in ſeinem Geſichte zu be⸗ wegen, machte Ashby ſchon Anſtalt ſich zu ent⸗ fernen, als ihn der Graf von Derby genauer ins Auge faßte, und als er ihn erkannte, zornig aus⸗ rief:„Wie kommt's, daß ich Euch auf freien Fuͤßen finde? Ihr ſolltet ja verhoͤrt werden. It Euer Wahnſinn jetzt voruͤber, oder haͤlt Euch Sa⸗ tans Macht noch immer gefangen?“ „Ich bin noch immer in ſeinen Banden,“ entgegnete Ashby mit ſpoͤttiſcher Miene,—„mich umſchließen ja noch Lathoms Mauern, und Ihr ſeyd vielleicht der Boͤſe!“ — „Was!“ rief Sir Simon,„den ehrenwer⸗ theſten Grafen in ganz England wagt Ihr einen Teufel zu ſchelten! Wahrlich, Ihr muͤßt wahnſin⸗ nig ſeyn, ſonſt wuͤrdet Ihr Euch ſolche Schmaͤh⸗ rede nicht erlauben.“ „Was habt Ihr mir Euretwegen zu ſagen?“ fragte der Graf von Derby mit großer Ruhe, die unverſchaͤmte Antwort des Fanatikers auch nicht. im geringſten beachtend.„Woher kommt Ihr? wer ſeyd Ihr, und was habt Ihr hier in dieſer Gegend zu ſchaffen? Wollt Ihr nicht, daß ich Euch wie einen Landſtreicher in ein Gefaͤngniß werfen laſſe, muͤßt Ihr mir unumwundene Aus⸗ kunft geben.“ „Jede Gewaltthaͤtigkeit, die Ihr uͤber mich zu verhaͤngen fuͤr gut finden werdet, muß ich er⸗ tragen,“ entgegnete Ashby.„Als wir uns in jener Huͤtte trafen, wollte ich Euch meine Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen, damals aber hattet Ihr keine Zeit ſie anzuhoͤren— jetzt gebricht es mir an Muße ſie Euch mitzutheilen. Ich will nicht, ſtol⸗ zer Lord, der Ihr einem finſtern Glauben an⸗ — 188— haͤngt, Spielwerk Eurer Laune ſeyn. Damals war es Euch nicht gelegen, jetzt fehlt mir die Luſt.“. „Immerhin dann,“ entgegnete der Graf kaltbluͤtig,„Euer Schweigen kann nur Euch Nach⸗ theil bringen; meine Pflicht gebietet mir, uͤber alle diejenigen gefaͤngliche Haft zu verhaͤngen, die uͤber ſich keine genuͤgende Auskunft zu geben ver⸗ moͤgen.“ 7 „Ich glaube der Burſche iſt ein Wilddieb,“ bemerkte Sir Simon Deyge zum Grafen gewandt, „er hat mir eingeſtanden, daß er oft in dem Ge⸗ birge und in den Waldungen von Derbyſhire um⸗ hergeſtrichen. Seine Tracht iſt nur Verkleidungz ich richtete einige Fragen an ihn, bevor Ihr e⸗ ſchient, da ſchwanden ſchnell die ſcheinheiligen Falten aus ſeinem Geſichte, und er wagte es mir zu drohen. Moglich, daß er zu den Raͤubern zu Sherwood gehoͤrt, die eben ſo leicht einen Men⸗ ſchen, als ich eine wilde Ente niederſchießen.“ „Was meint Ihr, mein Vater,“ nahm Sir Thomas Stanley das Wort,„der Ritter — 189— kann Recht haben, der Burſche ſcheint eher zu jener Bande, als zu jenen Fanatikern zu gehoͤren, deren Benehmen er ſo trefflich nachzuahmen ver⸗ ſteht.”“ „Eure Freiheit ſchwebt in Gefahr, wenn Ihr Euren Character nicht reinigen koͤnnt,“ ſprach der Graf zu dem Fanatiker mit großem Ernſte. „Moͤglich,“ fuhr Sir Simon Deyge fort, „daß ſie, nachdem ſie die Waldungen in Der⸗ byfhire gepluͤndert, jetzt hieher kommen, Ew. Herrlichkeit Park zu ſaͤubern. Trauet nicht den Burſchen, er iſt ein wahrer Teufel. Feigheit iſt mir zwar fremd, aber er hat mir Geſichter ge⸗ ſchnitten, daß ich erbeben mußte.“ „Da muß er ſich wahrlich barbariſch ange⸗ ſtellt haben,“ ſprach der Graf von Derby laͤchelnd, und zu dem Fanatiker gewandt, fuhr er fort: „was koͤnnt Ihr gegen dieſe Anklagen vorbrin⸗ gen? Sprecht, ſeyd Ihr ein treuer Unterthan der Koͤnigin, oder ein geſetzloſer Raͤuber? Welche Be⸗ weiſe habt Ihr, den Verdacht von Euch abzu⸗ — 190— waͤlzen, den Euer Betragen und Eure Erklaͤrung auf Euch gebracht haben?“ „Keine,“ entgegnete Ashby mit großer Ruhe,„ich will ja Euren Irrthum nicht entkraͤf⸗ ten, thut mit mir wie Euch beliebt.“ „Bei unſerm erſten Zuſammentreffen ſchon, klagtet Ihr Euch ungeheurer Verbrechen an,“ nahm der Graf wieder das Wort:„von welchen Vergehungen ſpracht Ihr damals? Ich gebiete Euch, mir zu antworten.“ „Eben ſo gut koͤnnt Ihr dem Winde befeh⸗ len, Euch Antwort zu geben,“ verſetzte der Fa⸗ natiker,„meine Verbrechen wollt Ihr kennen? Lebt denn ein Menſch der keine beging? Ihr ſelbſt— habt Ihr Euch keiner anzuklagen?“ „Wir ſind allzumal Suͤnder,“ erwiederte der Graf von Derby,„aber ich hoffe in die Gruft meiner Vaͤter hinabzuſteigen, rein von ſolchen Ver⸗ brechen, wie, wenn Ihr anders kein Heuchler ſeyd, es diejenigen ſeyn muͤſſen, die Euch zum Wahnſinne trieben.“ „Ihr ſeyd ein verſtockter Suͤnder,“ rief — 191— Ashby,„Euer Glaube wankt, Euer Stab wird brechen— Ihr haltet Euch fuͤr wohlthaͤtig, Ihr ſeyd nichts als anſpruchsvoll. Ihr haltet Euch ſelbſt fuͤr freundlich und demuͤthig; ich aber ſage Euch, der Stolz uͤbt ſtrenge Herrſchaft uͤber Euch aus. Ihr nehmt Euch der Witwen und Waiſen an, das aber geſchieht nur, damit ſie Euch bis in die Wolken erheben— damit Euer Einfluß auf das Volk geſteigert werde. Eure Tugenden beruhen alſo nur auf Laſtern.“ „Hoͤrte man je ſolche Laͤſterung!“ rief Sir Simon Deyge,„fort mit ihm ins Gefaͤngniß! ich bitte Euch, Mylord, laßt die Ohren des Schurken an den Pranger nageln, laßt ihm die verlaͤumderiſche Zunge ausreißen und ſie den Hun⸗ den vorwerfen.“ „Wollt Ihr keine Auskunft uͤber Euch ge⸗ ben, wird es Euch ſchlimm ergehn,“ drohte der Graf von Derby,„ich muß dann gefaͤngliche Haft uͤber Euch verhaͤngen.— Thomas Stan⸗ ley, rufe mir den Ormſton.“ Der junge Ritter war indeß zu großmuͤthig, —- 192— um ſich durch dieſen Befehl einen Vortheil uͤber einen Nebenbuhler, oder uͤber einen Feind zu ver⸗ ſchaffen, und, zu dem Fanatiker gewandt, wieder⸗ holte er noch einmal die Fragen ſeines Vaters; Ashby aber wollte durchaus keine Antwort geben. Ueber dieſe Hartnaͤckigkeit erzuͤrnt, gebot endlich der Graf ſeinem Sohne ernſthaft, den Stallmei⸗ ſter herbei zu rufen, worauf Ormſton erſchien, von zwei Dienern gefolgt.“ n „Noch einmal jetzt, wollt Ihr mir Antwort geben?“ fragte der Graf von Derby,„beharrt Ihr in Eurem Schweigen, muͤßt Ihr in den Thurm, bis ſich Gelegenheit findet, Euch von hier fort in ein Gefaͤngniß zu ſenden.“ „Gebietet Ihr's, muß ich mich in den Ker⸗ ker verfuͤgen,“ verſetzte Ashby,„waͤret Ihr aber auch ein noch zehnfach groͤßerer Tyrann, ſollte es Euch dennoch nicht gelingen, ein Wort von mir zu erpreſſen, wenn ich Luſt zu ſchweigen habe.“ 3— „Wohlan,“ rief der Graf,„Ormſton, ſperrt den Widerſpenſtigen in den Adlerthurm!“ Der Stallmeiſter erfaßte den Arm des Fa⸗ natikers, welcher keinen Wederſtand leiſtete, und nun uͤber den Schloßhof, dem Thurme zu, ge⸗ fuͤhrt ward, als ploͤtzlich Eduard Stanley aus der Halle trat.„Halt!“ rief dieſer, zu Orm⸗ ſton gewandt,„was habt Ihr vor, wohin wollt Ihr mit dem Ashby?“ „Woher weißt Du ſeinen Namen?“ fragte der Graf.„Er will keine Auskunft uͤber ſich geben, darum laſſe ich ihn in den Thurm fuͤhren.“ „Bleibt, das iſt nicht noͤthig,“ rief Eduard Stanley,„er iſt nicht fremd hier, Lady Vernon kennt ihn; ich bitte Euch, laßt ihn frei, als ein Freund der Lady kann er auf Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft Anſpruch machen.“ Er ſprach dieſe Worte in einem lauten Tone, waͤhrend Ashby daſtand mit dem Ruͤcken zu den uͤbrigen gekehrt. „Er iſt nicht das, was er ſcheint,“ fuhr ſein Sachwalter etwas leiſer fort,„Kleidung und Benehmen hat er nur angenommen, eines Zwecks wegen, der ihm ſelbſt am beſten bekannt ſeyn I. Band. 13 — 194— muß; aber er iſt von Stande— und muß mit Anſtand behandelt werden.“— Nach dieſer Auskunft gebot der Graf von Derby dem Stallmeiſter, den Gefangenen unver⸗ zuͤglich frei zu laſſen; worauf er ſelbſt auf Ashby zuſchritt, in der Abſicht, ihm uͤber ſein Beneh⸗ men eine Entſchuldigung zu machen, welches er auch auf recht freundliche Weiſe that, verſichernd, ver habe von ſeiner Bekanntſchaft mit Lady Ver⸗ non auch nicht das mindeſte gewußt. Auch Sir Simon Deyge naͤherte ſich jetzt dem Fanatiker, und bat dieſen, ihm zu verzeihen, daß er ihn verkannt habe. Ashby nahm die Hoͤflichkeiten beider mit großer Gleichguͤltigkeit auf; ſchien aber aͤngſtlich den Wunſch zu heaenn das Schloß ver⸗ laſſen zu duͤrfen. —uunterdeſſen zog Eduard Stanley ſeinen Bru⸗ der bei Seite, und ſtellte ihm vor, daß, falls man Ashby gefaͤnglich einzoge, es dadurch un⸗ moͤglich gemacht wuͤrde, ſeinen Verhaͤttniſſen zu der Lady Vernon nachzuſpuͤren, und daß es dem⸗ nach noͤthig ſey, jeden Anflug von Zorn zu un⸗ 1 terdruͤcken, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. „Du mußt ihnen ein freundliches Antlitz zeigen,“ ſprach der Verraͤther,„ſie muͤſſen Ver⸗ trauen gewinnen, damit ſie vergeſſen auf ihrer Huth zu ſeyn. Es iſt mir ſchon unangenehm, daß heute ſo harte Worte zwiſchen uns und dem Heuchler vorfielen; wir muͤſſen ihn durch Guͤte und Zuvorkommenheit zu beſaͤnftigen ſuchen, uͤber⸗ laß ihn nur mir, und waͤre er ſchlau wie ein Jeſuit, ich will ihn ſchon entlarven.“ Obgleich der großmuͤthige Sinn des Sir Thomas Stanley bei dem Nathe ſeines Bruders Abſcheu und Widerwillen empfinden mußte, glaubte er ſich dennoch auf keinem andern, als dem vor⸗ geſchlagenen Wege, uͤber die vermeintliche Treulo⸗ ſigkeit ſeiner Geliebten Gewißheit verſchaffen zu koͤnnen. 4 3 Nachdem er auf dieſe Weiſe ſeinen Bruder bewogen hatte, ſeinen Unmuth zu unterdruͤcken, wartete Eduard bis ſich die uͤbrigen entfernt hat⸗ ten, und er ſich nun allein mit Ashby befand. — 196— „Ihr haltet mich ohne Zweifel fuͤr einen Wetterhahn, Herr Ashby,“ nahm der Falſche jetzt das Wort,„fuͤr einen Leichtſinnigen, der ſchnell von Feindſchaft zu Freundſchaft uͤbergeht; aber ich will Euch mein Betragen erklaͤren, ich bereue von ganzem Herzen den ſchaͤndlichen An⸗ griff, den ich dieſen Morgen auf Lady Marga⸗ rethe's Tugend unternahm; ich wollte eine Hand darum geben, koͤnnte ich das, was geſchehen, un⸗ geſchehen machen!— Aber ich habe den Entſchluß gefaßt, ſie noch einmal zu ſehn, ihre Verzeihung fuͤr meine Suͤnde zu erbitten, und ihr das Ver⸗ ſprechen zu geben, mich bemuͤhen zu wollen, durch Ehrerbietung den Flecken wieder auszuloͤſchen, der jetzt auf meinem Character haftet.“ „Daran werdet Ihr wohl thun,“ entgegnete Ashby,„Reue iſt der Anfang vom Leben!“ „Auch Euch bitte ich um Entſchuldigung, wegen meines ſuͤndhaften Anſchlages auf Euer Leben,“ fuhr Eduard Stanley in einem ſchein⸗ bar reuigen Tone fort,„mit Freuden werde ich Euch Genugthuung geben, die Ihr den Geſetzen - 497.— der Ehre und der Billigkeit nach von mir ver⸗ langen koͤnnt.“ „Ich habe Euch ſchon verziehen,“ verſetzte Ashby,„fuͤr eine ſtolze Seele, wie die Eure, iſt Demuͤthigung die haͤrteſte Strafe.“ „Dank, Dank, Ihr habt ein edles Ge⸗ muͤth,“ ſprach der Heuchler,„wollt Ihr aber meine Erkenntlichkeit aufs hoͤchſte ſteigern, o! ſo.. uͤberbringt der Lady Vernon die Verſicherung mei⸗ ner aufrichtigen Reue; ich ſelbſt vermag nicht ihr dies Bekenntniß abzulegen, denn Schaam uͤber mein begangenes Verbrechen wuͤrde mich ſprachlos machen.“ „Ich hatte beſchloſſen;“ verſetzte Ashby „jetzt gleich dieſe Gegend zu verlaſſen, und nach dem was geſchehen, mit meinem Schatten dieſem Schloſſe nicht laͤnger beſchwerlich zu fallen. Wenn aber meine Gegenwart Euch behuͤlflich ſeyn kann, Eure Reue der edlen Jungfrau zu bekennen, will ich in irgend einem benachbarten Doͤrfchen bis ge⸗ gen Abend verweilen. Sie hat mir ſo eben eine Botſchaft geſandt, und mich erſucht, mich, wenn es dunkel zu werden beginnt, zu ihr auf die Ter⸗ raſſe zu begeben; denn ſie fuͤrchte Verdacht zu er⸗ regen, wenn ſie mich oͤffentlich zu ſich entboͤte. Vielleicht ſchaͤmt ſie ſich, mit einem Elenden, wie ich bin, Bekanntſchaft zu haben— obgleich ich geſtehn muß, daß ſie ſich ſtets freundlich und guͤ⸗ tig gegen mich bezeigte.— Wie aber gelange ich hin auf die Terraſſe?“— „Ich will Euch geleiten,“ rief Eduard Stan⸗ ley raſch,„findet Euch, wenn es zu daͤmmern beginnt, unfern der Schloßpforte ein, ich werde dort Eurer harren. Aber ruͤhrt Euch nicht von der Stelle, bis ich zweimal an Euch voruͤber ge⸗ gangen, Ihr koͤnntet leicht einen andern fuͤr mich halten.“ „Ich will thun, wie Ihr verlangt, und mich zu rechter Zeit einfinden,“ ſprach der Fa⸗ natiker. 3 „Thut was in Euren Kraͤften ſteht, die Verzeihung der Lady fuͤr mich zu erhalten,“ bat Eduard Stanley,„ſagt ihr, daß ich auf Erden — 199— nichts inniger wuͤnſche, als ihre gute Meinung wieder zu erlangen.“ „Ihr ſollt nicht Urſache haben, Euch uͤber mich zu beklagen,“ entgegnete Ashby,„ich will thun was ich vermag, der Erfolg aber ſteht nicht bei mir.“ Hierauf trennten ſie ſich, Eduard begab ſich in das Schloß, Ashby aber verließ Lathom, um. in einem benachbarten Doͤrfchen bis zum Abend zu harren. 13. Unſere Leſer werden leicht begreifen, daß der 12 verraͤtheriſche Eduard Stanley, uͤber die Kunde, die er von dem leichtglaͤubigen Fanatiker empfan⸗ gen hatte, ungemein erfreuet war; er hielt ſich uͤberzeugt, jetzt die Mittel in Haͤnden zu haben, ſeinem Bruder von der vermeintlichen Treuloſig⸗ keit ſeiner Geliebten die vollguͤltigſten Beweiſe ge⸗ ben zu koͤnnen. Mit der Schlauheit eines vollen⸗ deten. Intriguanten, hatte er ſchon waͤhrend des Geſpraͤchs mit Ashby einen Plan entworfen, und er eilte nun denſelben in Ausfuͤhrug zu bringen. Er flog zu ſeinem Bruder, deſſen aufgeregtes, eiferſuͤchtiges Gemuͤth fuͤr jede Eingebung nur zu enfpfaͤnglich war; und berichtete ihm, daß Ashby zornig uͤber die Behandlung die er erfahren, und Rache athmend gegen den Grafen von Derby und deſſen Freunde, das Schloß verlaſſen habe. Ei⸗ nige Worte fuͤgte Eduard hinzu, die dem Fana⸗ tiker entfallen waͤren, haͤtten bei ihm den Arg⸗ wohn rege gemacht, daß Ashby geſonnen ſey ge⸗ gen Abend zuruͤckzukehren, um noch eine geheime Un⸗ terredung mit Lady Margarethe Vernon zu haben. „Eine geheime Unterredung,“ rief Sir Tho⸗ mas, mit zornentflammten Blicken,„moͤgen mich alle Martern der Hoͤlle verzehren, wenn der Bube ſie wieder ſehen ſoll!“ So ſprechend, legte er die Hand an ſein Schwert, und war ſchon im Begriffe das Schloß zu verlaſſen, als ihn ſein Bruder zuruͤckhielt, fra⸗ gend, was er zu thun geſonnen. „Was ich thun will,“ wiederholte Sir Tho⸗ mas mit großer Heftigkeit,„ich will den Wolf im Schaafsfelle aufſuchen, und ihn wuͤrgen. Meinſt Du, ich wuͤrde zugeben, daß er ſich ſeines Triumpfs erfreue? Er oder ich muß fallen.“ „Du wirſt doch keinen Unbewaffneten toͤdten wollen, ſelbſt wenn Du es zu thun vermoͤgteſt,“ ſprach Eduard Stanley.„Ueberdem kann der Schein truͤgen, und noch fehlt uns ja jede Gewißheit. - 202— Beide, Lady Margarethe Vernon und der Fremde ſind vielleicht ſchuldlos.“ „Ach Eduard!“ ſprach der Ritter, indem er die Hand ſeines Bruders erfaßte, und ſie mit In⸗ nigkeit druͤckte,„Deine Worte ſind Balſam fuͤr mein Herz. Ich will ſie wenigſtens ſo lange fuͤr ſchuldlos halten, bis ich ſie ſchuldig befunden. Ich muß Beweiſe haben, klare, unwiderlegbare Beweiſe, bevor ich Margarethe Vernon der Treu⸗ loſigkeit anklage.“ „Der Himmel gebe, daß ſie rein ſey, wie die neuaufgebluͤhte Lilie,“ rief Eduard Stanley in einem ſcheinbar theilnehmenden Tone,„um Dei⸗ netwillen wuͤrde es mich unendlich erfreuen! Um aber genau zu unterſuchen, mußt Du ruhig ſeyn, Heftigkeit wuͤrde alles verderben. Iſt Lady Mar⸗ garethe ſchuldlos, kann die Pruͤfung ihrer Treue ihr keinen Nachtheil bringen— iſt ſie aber ſchuldig—“ „Ol ſprich das Wort nicht aus,“ rief Sir Thomas in unbeſchreibbarer Angſt. „Deine Ehre muß rein erhalten werden, Bru⸗ 5 der,“ fuhr der Verraͤther in einem feſten Tone — 203— fort,„und ſollteſt Du auch Deine Liebe zum Opfer bringen. Man muß die Lady beobachten, und dies zu thun ſey mein Geſchaͤft. Du bleibſt in der Naͤhe, um zu erſcheinen, wenn mein Verdacht ſich begruͤndet.“ „Ich werde nichts Boͤſes von ihr glauben, bis ich mit eigenen Augen geſchauet,“ verſetzte der Ritter mit großer Lebhaftigkeit.„Haſt Du Beweiſe von ihrer Treuloſigkeit— ſichere, unwi⸗ derlegbare Beweiſe— o dann erſt rufe mich, Zeuge meines Elends zu ſeyn, bis dahin aber ſchone meiner.— „Daß doch ein Weib im Stande iſt, einen klugen Mann dergeſtalt zu einem Thoren zu ma⸗ chen,“ rief der Heuchler mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln,„ſieh Bruder, liebte ich alle Weiber in England, und ſuchten ſie mich zu betruͤgen, ich wuͤrde keinen Seufzer darum ausſtoßen; auch iſt Kummer nicht geeignet ihre Neigung wieder zu ge⸗ winnen; ein jammervolles Geſicht wie das Deine, reicht allein hin, ein Maͤdchen abzuſchrecken, mag — 204— Dich die Eine nicht, nimm eine Andere, es giebt ja der Weiber genug in der Welt.— „Du biſt ein Wuͤſtling,“ entgegnete Sir Tho⸗ 1 mas ernſthaft. „Das bin ich nicht,“ eerwiederte Eduard, „beſſer aber ein Wuͤſtling ſeyn, als ſich melan⸗ choliſchen Gedanken hingeben.“ imn „Schwer wie Blei liegt mir das Herz in der Bruſt,“ ſeufzte Sir Thomas. „Ha, ha, hal“ lachte der Betruͤger,„ich mei⸗ nerſeits wuͤrde meine gute Laune nicht fuͤr das Recht der Erſtgeburt unſers Bruders Henry hingeben.“ „Es iſt unmoͤglich, daß ſie mich hinterginge,“ rief Sir Thomas, ohne auf Eduard Stanlley's Be⸗ merkungen etwas zu erwiedern,„freudig hoͤrte ſie das Geſtaͤndniß meiner Liebe an, frei und unge⸗ zwungen ſchwur ſie mir Treue.“ „Um ſo weniger iſt ihre jetzige Treuloſigkeit zu entſchuldigen,“ entgegnete der Verſucher. „Iſt ſie in der That falſch und treulos,“ fuhr der Ritter fort,„dann moͤchte ich wuͤnſchen, 1 ſie nie geſchauet zu haben!“ — — — Kaum war ſeinen Lippen dieſer ſchmerzliche 2 Ausruf entflogen, als Lady Margarethe Vernon zu den Bruͤdern in die Halle trat. Sie war blei⸗ cher als gewoͤhnlich, ihren Augen fehlte der ihnen eigenthuͤmliche Glanz, und ihre Heiterkeit ſchien verſchwunden. Als ſie Eduard Stanley gewahrte, hemmte ſie einen Augenblick lang ihre Schritte, Thomas wandte, der anfangs entſchloſſen war, ihre Begruͤßung nicht zu erwiedern, deſſen Liebe aber, dennoch uͤber ſeinen Argwohn den Sieg da⸗ vontragend/ ihn antrieb, ihre liebevollen Worte, liebevoll zu erwiedern. Der ſchaͤndliche Urheber ihrer Leiden ſtand unterdeſſen da, und blickte auf ſie nicht ohne Beſorgniß, daß irgend ein Zufall ſeine Verraͤtherei an das Tageslicht bringen moͤchte; und als ſich auch nun, damit ihr Betragen nicht ſeltſam erſcheine, Lady Margarethe zu ihm wandte, wagte er es kaum ſeine Augen zu ihr zu erheben: Nachdem Sir Thomas zu ſeiner Geliebten geſprochen hatte, fuhr er fort, ſie mit ſchwermuͤ⸗ thigen, traurigen Blicken zu betrachten, ihr blei⸗ und ihre Stimme zitterte als ſie ſich zum Sir —— ches Geſicht, das Leidende in ihrem Aeußern, ver⸗ bannten in dieſem Augenblicke bei ihm jeden an⸗ dern Gedanken, als den, an ihre Geſundheit. Er nahm ihre Hand, fuͤhrte ſie zu einem Sitze, und ſetzte ſich neben ſie, ſo als ob alles ſey wie ſonſt. Auch ſchien ihr Gemuͤth ſich jetzt zu beruhigen, und ihr Geiſt die fruͤhere Spannkraft nach und nach wieder zu gewinnen; ihre Augen leuchteten wie ſonſt, und truͤbten ſich nur dann, wenn ſie ſie auf Eduard Stanley richtete, und ſie ſich des durch ihn gehabten Schreckens erinnerte. 1 „Ihr fuͤhlt Euch jetzt beſſer, als vorhin, nicht wahr?“ fragte Sir Thomas beſorgt,„als Ihr in das Gemach tratet, konnte ich in Euch kaum Margarethe Vernon wieder erkennen.“ 1 „Moͤchtet Ihr denn, daß ich Euch immer laͤchelnd erſchiene?“ entgegnete Lady Vernon,„einer ewig gleichen Gemuͤthsſtimmung wuͤrdet Ihr bald uͤberdruͤſſig werden, nur die Abwechſelung macht ja das Leben angenehm.“ „Wie, was hoͤre ich!“ rief der Ritter, und alle Furien der Eiferſucht kehrten in ſeine Bruſt zuruͤck. „Seyd Ihr nicht meiner Meinung?“ nahm die Lady wieder das Wort,„iſt nicht ein Verlan⸗ gen nach Veraͤnderung in unſere Bruſt gepflanzt?“ Der Ritter, welcher bisher die Hand ſeiner Geliebten in der Seinigen gehalten hatte, ließ jene jetzt fahren, und blickte der Lady Vernon zweifelnd in das Antlitz, unfaͤhig ihr auch nur eine Sylbe zu erwiedern. Margarethe erſtaunte uͤber dies Benehmen, und, nachdem ſie einige Augen⸗ blicke lang vergebens auf ſeine Antwort gewartet hatte, fuhr ſie ernſter fort:„Es muß ja Licht und Schatten geben, ein ewiger Sonnenſchein waͤre un⸗ ertraͤglich. Er, der Ewige, der wohl weiß, was zu unſerm Heile dient, hat geboten, daß Zeit und Jahrszeiten wechſeln ſollen, und ein Verlangen nach Veraͤnderung in unſer Herz gelegt, das den Reiz unſerer Freuden erhoͤht.“ 3 „So ſcheint Euch vielleicht auch in der Liebe Veraͤnderung wuͤnſchenswerth?“ fragte Sir Tho⸗ mas mit bebender Stimme.. Die Jungfrau ſchauderte, als ihr Geliebter dieſe Worte ausſprach, ſie ſah jetzt, daß er ihre I. Band. 14 Worte falſch gedeutet habe; zu zartfuͤhlend aber, um in Gegenwart eines Dritten die Sache naͤher zu eroͤrtern, bemuͤhte ſie ſich ihre Gemuͤthsbewe⸗ gung zu bekaͤmpfen, und erwiederte mit einem Laͤ⸗ cheln:„Die Liebe iſt kein Glied in der Kette der Natur, ſondern vielmehr das Band, welches ſie zuſammenhaͤlt; ſie darf nicht nach andern Neigun⸗ gen beurtheilt werden, ſie hat ihre eigenen Geſetze, ihre eigenen Privilegien, und iſt keiner menſchli⸗ chen Gewalt unterthan; ſagt doch ein beruͤhmter Dichter: „Erſcheint der Zwang, entweicht alsbald die Liebe!“ „Ja, ja, ſo heißt der Vers,“ ſchrie Sir Simon Deyge, der ſo eben ins Zimmer trat,„und wahrlich, ſo iſt's. Als ich in Eurem Alter war, Sir Eduard, wollte mich mein Vater, Gott hab' ihn ſelig! mit Frau Eliſabeth Crowstone, der Witwe des reichen Ritters, Sir Marmaduck Crowstone verheirathen. Sie hatte ein Einkom⸗ men von 3000 Mark jaͤhrlich, und das trefflichſte Gut in der Gegend, aber ſie hatte auch einen klei⸗ 83 4 — 209— nen Huͤgel auf ihrem Ruͤcken, und eins ihrer Au⸗ gen war auf Entdeckungen ausgegangen. Ich war immer ein gehorſamer Sohn, aber ich konnte mich dennoch nicht entſchließen, die Witwe zu heirathen. Schon bei ihrem erſten Anblicke erfaßte mich ein Fieberſchauder, welcher ſo lange waͤhrte, bis ich ihre Wohnung fuͤnf Meilen hinter mir hatte. „Es war die Rede davon, ob in der Liebe Veraͤnderung erlaubt ſey,“ unterbrach ihn Eduard Stanley,„laßt uns einmal auch Eure Meinung hoͤren, Sir Simon Deyge.“ „Gelaͤnge es mir die Liebe einer reizenden Jungfrau zu gewinnen,“ erwiederte der Ritter mit einem Seitenblicke auf Lady Margarethe Ver⸗ non,„ich wuͤrde ihr treu ſeyn, wie Ulyſſes ſeiner Penelope,— wollt' ich ſagen, wie Penelope ih⸗ rem Ulyſſes.“ „Glaubt Ihr denn auch, ſie wuͤrde Euch treu bleiben?“ fragte Eduard Stanley. „Ich wuͤrde ihr wenigſtens ein gutes Beiſpiel geben,“ erwiederte Sir Simon Deyge,„und da jedes gute Weib dem Exempel ihres Gatten folgt, wuͤrde es im ganzen Lande keine beſſere Ehe ge⸗ ben, als die unſere.“ „Weshalb bietet Ihr denn nicht der, die Ihr liebt, Eure Hand an?“ fuhr der Heuchler laͤchelnd fort,„es ſteht bei Euren trefflichen Ei⸗ genſchaften zehn gegen eins zu wetten, daß Euch keine abſchlaͤgige Antwort ertheilt wuͤrde.“ „Ach, Sir Eduard!“ entgegnete der Ritter mit einem tiefen Seufzer,„die, welche ich an⸗ bete, iſt von Bewerbern und Liebhabern ſo ſehr umringt, oder wie Ihr kriegeriſchen Herrn Euch auszudruͤcken pflegt, eingeſchloſſen, daß ich fuͤrch⸗ ten muß, einer von ihnen fuͤhrt den Preis hinweg, noch bevor ich mich auch nur der Feſtung nahen kann. Ich habe, wie Ihr wißt, ſchon aus der Ent⸗ fernung einige Schuͤſſe hineingeſandt, aber ſie ſind, wie Euch ebenfalls bekannt, erfolglos geblieben, ſo daß die Veſte durchaus keine Luſt zu haben ſcheint, ſich zu ergeben; ja ich fuͤrchte ſogar, daß mein Angriff nur dazu diente, den Feind zu verſtaͤrken, und die Operationen meiner Nebenbuhler zu beguͤnſtigen.“ „Kuͤhn hinauf auf die Mauer,“ ermuthigte — 211— Eduard Stanley,„die Feſtung gezwungen, ſich Euch zu ergeben; koͤnnt Ihr ſie auf dieſe Weiſe nicht erobern, muͤßt Ihr abziehn.“ Als der Verraͤther dieſe Worte ſprach, wagte er es zum erſtenmale wieder, ſeine Blicke zur Lady Vernon zu erheben, und auf ſie mit der ihm eigen⸗ thuͤmlichen Unverſchaͤmtheit zu ſchauen. Die Jung⸗ frau durch dieſe Frechheit an den furchtbaren Auftritt. im Thale erinnert, ward bleich und ihre Glieder bebten, waͤhrend der Boͤſewicht ſich in voraus ſchon des Elends freuete, welches er uͤber die Liebenden herbeizuziehen hoffte. Da es aber ſeine Abſicht war, das Vertrauen der Lady durch ein veraͤndertes Be⸗ tragen wieder zu gewinnen, hielt er es fuͤr noͤthig, auch die kleinſte Spur ſeiner teufliſchen Freude zu verbergen, und ſich reuevoll und gedemuͤthigt zu ſtellen. Seinem an Verſtellung gewoͤhnten Antlitze war es ein Leichtes, die wahren Gefuͤhle ſeiner Bruſt zu verbergen, waͤhrend er aber zu dieſem Ende ein gleichguͤltiges Geſpraͤch mit dem Ritter aus Derbyſhire begann, beobachtete er mit ſchar⸗ fen Augen die Liebenden, die ſich nach einer ande⸗ - 212— A ren Seite der Halle begeben hatten, und ſich leb⸗ haft mit einander unterhielten. Zu ſeinem Schrecken gewahrte der Heuchler, wie aus dem Antlitze ſeines Bruders der Ausdruck von Eiferſucht, aus dem der reizenden Margarethe Vernon aber jedes Zeichen von Unmuth nach und nach verſchwand; worauf beide, dem Anſcheine nach voͤllig ausgeſoͤhnt, das Gemach verließen. Der Verraͤther blieb zuruͤck, und blickte ihnen hohnlachend nach, denn er gedachte mit Wonne des Augenblicks, in welchem noch an dieſem Abend Sir Thomas ſeine Geliebte an der Seite eines vermeintlichen Nebenbuhlers erblicken wuͤrde.„Triumphirt nicht zu fruͤh, Ihr moͤchtet es bereuen,“ rief er aus, und ſtuͤrzte hinaus, den uͤber dieſen Ausruf ungemein erſtaunten Ritter von Derbyſhire in der Halle zuruͤcklaſſend. Ende des erſten Bandes. Beim Verleger dieſes ſind nachſtehende empfehlungswerthe Romane erſchie⸗ nen, und in allen Buchhandlungen zu haben. Aerindur, A. Soretto der kuͤhne Raͤuberhauptmann. Eine Geſchichte aus den Kriegen der Franzoſen in Deutſchland. 3 1 Thlr. Alida und Cloridan, oder der Schwerdtetauſch. Eine tragikomiſche Rittergeſchichte, aus den Handſchrif⸗ ten des Benedictiners Pater Ingulf. Frei nach dem Spaniſchen, vom Verfaſſer des Admirals. 2 Thle. 817. 2 Thlr. 4 Ggr. Les Batiuécas, par Mad. la Comtesse de Genlis. 2 Vol. 816 I Thlr. 12 Ggr. Wilhelm von Barnholm und Eliſe Liebreich, oder die Gewalt der Liebe und die Macht der Eifer⸗ ſucht. Eine wahre Geſchichte. 818. 1 Thlr. 8 Ggr. Buͤhren, A. Adolphine die ſchoͤne Seiltaͤnzerin. Eine Erzaͤhlung. 18 Ggr. Bonaventura Maria. Diana von Montesclaros. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Befreiung Spaniens. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 8 Ggr. Centilles. Geſchichte aus dem ſpaniſchen Inſur⸗ rektions⸗Kriege, vom Verf. des Admirals. 2 Thle. 2te Aufl. 822. 2 Thlr. Dorismund. Erzaͤhlungen. 18 Ggr. Ernſt, T. Kampf und Rettung. Rittergeſchichte aus den Zeiten der Befreiung der Schweiz. 1 Thlr. Eliſa und Karl, oder die Liebe auf dem Lande. Von A. P. Aneraſt. 823. 1 20 Ggr. Erſcheinungen, die, im Schloſſe der Pyrenaͤen. Frei nach dem Engl. der Anna Radcliff, vom Verf. des Admirals, der Abtei St. Columba ꝛc. 4 Bde. 818⸗ 820. à I Thlr. 12 Ggr. Geheimniſſe, die, der Abtei von Santa Columba, oder der Ritter mit den rothen Waffen. Aus dem Engl., vom Verf. des Admirals. 2 Thle. 2te Aufl. mit 2 Kupf. 821. 2 Thlr. 12 Ggr. . Gerippe, das wandernde. Eine Erzaͤhlung aus den Zeiten der franzoͤſiſchen Revolution. Vom Ver⸗ faſſer des Centilles. 2 Baͤnde, mit 1 Kupf. 821. 1 2 Thlr. 16 Ggr. . Hochgericht, das, oder der Oelinquent, nebſt an⸗ dern Erzaͤhlungen, vom Verfaſſer der natuͤrlichen Tochter ꝛc. 818. 1 Thlr. Die Lollharden, hiſtoriſcher Roman, begruͤndet auf die Verfolgungen, die den Anfang des funfzehnten Jahrhunderts bezeichnen. Nach dem Engl. von G. Lotz. 3 Baͤnde. 1822. 3 Thlr. Lotz, G. Zerſtreute Blaͤtter aus dem Archiv eines Blinden. Erzaͤhlungen. 2ter Band 1 Thlr 4 Ggr. (Der erſte Band erſchien 1822.) Lotz, G. Kampf mit dem Geſchick. Frei nach dem Verf. der Lollharden. 2 Baͤnde. 2 Thlr. Lotz, G. Malpas, ein hiſtoriſcher Roman aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts. Nach dem Verfaſſer des Cavaliers. 3 Baͤnde. Maddalena Roſa, oder das Tribunal der Inquiſi- tion zu Florenz. Nach dem Engl., vom Verf. des Admirals, der Abtei von Santa Columba ꝛc. 3 Baͤnde 818. 4 3 Thlr. 12 Ggr. Roſaline oder das Geheimniß. Vom Verf. des wan⸗ dernden Gerippes ꝛc. 2 Bde. 822. 2 Thlr. 8 Ggr. Scherz und Ernſt. Dichtungen von A. A. Sarazin. geh. 1 Thklr. Der taube See oder das St. Stephani Kloſter. Ein Ritter⸗ und Kloſtergeſchichte aus dem 13ten Jah hundert, von A. L— ck. 819. 1 Thlr. 6 Gge. Stimme, die, des Unſichtbaren, oder Geſchichte Fran⸗ zesco's, Enkel des ungluͤcklichen Don Sebaſttkan, Koͤnigs von Portugal. Vom Verf. des wandernden Gerippes ec. 3 Bde. 822. 3 Thlr. 12 Ggr. 2 * 8 ffffſſſſnſſſſſſnſnfſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17