deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von. 4 Eduard Oltmann in Gießen, Schkoßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Pchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 Cabri oder 1 die Brandruine bei Boza un d Paulinens Schickſale von Georg Lot).“ * S2 Sse See di Ham burg in der Heroldſchen B Bucpansung. 1825. CEabri o der Die Brandruine bei Boza. ——— —— —— 5 — NVRAe e — ſoömmer des Jahres 1782, Nicolo Baldi, das Oberhaupt einer in Corſikas Gebirgen ihr 1. . Mit kreuzweis uͤber einander geſchlagenen Armen, den breitkrempigten Hut tief in das Antlitz gedruͤckt, ging eines Tages, im Spaͤt⸗ Weſen treibenden Sahthhindlehaade vor nackte Bein. Ein brauner Mantel, den er dann und wann um ſich ſchlug, hing ihm uͤhber die Schultern herab. Jaques Morand, der Herr der Schenke, welcher in der Thuͤr ſtand, hatte eine Weile lang ruhig mit angeſehn, wie ſein Gaſt bald auf und ab ſchritt, bald ſtehen blieb und den Boden ſtampfte, bald die Fauſt ballte und ſie drohend gegen Boza hin ausſtreckte, wo⸗ bei denn aus dem, von den Strahlen der Sonne braungefaͤrbten Geſicht des Furchtba⸗ ren ein zorniges Augenpaar flammte. End⸗ lich aber ſchien dem Gaſtwirth des Dinges da zuviel zu werden, er trat auf den ihm wohlbekannten Nicolo Baldi zu, erfaßte ihn beim Arm und fuͤhrte ihn in ein Gartenzim⸗ mer ſeines Hauſes, von woaus man eine freie Ausſicht auf das unferne Gebirge hatte. „HKommt hier herein,“ ſprach er,„hier kann uns niemand belauſchen; Ihr wißt, hr koͤnnt mir vertrauen. Zwanzig Jahre 5 — hier unfern Boza niederzulaſſen, da habt 1 Ihr alſo Zeit gehabt mich kennen zu — lernen.“ 1 „Hol's der Henker, ich wollt' ich häte⸗ Euch nie gekannt,“ murmelte Baldi. „So? und was habt Ihr denn gegen mich?“ „Gegen Euch eigentlich nichts, aber ge⸗ gen Eure Landsleute uͤberhaupt, gegen den Gouverneur von Boza, den Gott verdamme!“— tobte Nicolo. „Freilich, der macht Euch Schleichhaͤnd⸗ lern viel zu ſchaffen:“ bemerkte Jacques Morand, indem er ſich die Haͤnde rieb,„er moͤchte Euch gern alle bis auf den letzten Mann vertilgen.— Aber man uß au —¹ Mit mir, ſeht Anmal. mit mir i andere Gache⸗ ich Hase Michts — zahlt, und ſo ſchweige ich wie viele Andere, weil ich Nutzen von Euch habe: jedermann, ſeht Ihr, will leben.“. 1 „Sonſt,“ beklagte ſich der Schleichh aͤnd⸗ ler,„konnten wir unſern kleinen Handel un⸗ geſtoͤrt treiben, jetzt aber hat man keinen Augenblick Ruhe; die Schurken verfolgen uns mit einer Erbitterung—“⸗ „Ihr habt Euch ihnen furchtbar ge⸗ 4 macht;“ unterbrach ihn der Wirth,„treibt Ihr doch jetzt Euer Weſen mit bewaffneter Hand; Ihr widerſetzt Euch den Soldaten, die man gegen Euch ausſchickt, ſtatt daß ſonſt der Anblick einer einzigen Uniform hin⸗ reichte, Euch alle in die Flucht zu jagen.“ „, Noch in der vergangenen Nacht,“ rief Baldi,„iſt ein Regiment Piemonteſer zu. Boza gelandet.“ „Wundert mich nicht,“ meinte Mo⸗ rand,„„ hab' ich doch immer geſagt, daß das Ding uͤbel ablaufen wuͤrde.⸗ 8 Ohne Zwaiſe ſchelt man ſie gegen geublick glaubt man, er muͤſſe den Hais ten, man weiß ſelbſt nicht wie er bunge 7 unſers Berge aus,“ nahm der Sahleichhände ler wieder das Wort. 95 „Und Ihr macht nicht, daß Ihr dort. kommt? die Juſtiz, wißt Ihr, pflege mit Euresgleichen eben nicht zu ſpa⸗ ßen.“ ₰ 3 „Ich wart' auf Cabri; ich hab ihn ausgeſandt, die Lage der Dinge zu erſpa⸗ hen,—“ ſprach Baldi. „Euren Sohn?“ fragte Morand, „Ey, da koͤnnt Ihr ruhig ſeyn, daß iſt ein gewandter, ſchlauer Burſche.“ „Ja, ja, er hat Anlage,“ mutincit der Schleichhaͤndler. „ Eine Freude iſts mit anzuſchauen,“ fahr der Schenkwirth fert, wenn er ſo die 3 Berge hinauf und hinabklettert, jeden Au, brechen. Plötzlich iſt er aber oben oder un⸗ kommen. 2 3 „ Dennoch dber ehnut aee Vase e 8 — immer nicht;“— unterbrach ihn Baldi, „ Donner und Wetter, wenn ich ihn jetzt hier haͤtte.—⸗ „Da wuͤrdet Ihr wieder mit ihm ſchel⸗ ten und zanken wie gewoͤhnlich!“— Ihr behandelt ihn wahrlich mit einer Haͤrte— „Die durchaus nothwendig iſt,“ fiel das Oberhaupt der Schleichhaͤndler ein,„um mit dem Buben fertig zu werden. Hat der Junge ſich nicht ſchon hundertmal unterſtan⸗ den, mir Vorſtellungen zu machen. Mein Steand, meint er, ekele ihn an, waͤre ich 3 da ſchwach geweſen!— aber Tauſendſapper⸗ ment, er kam ſchoͤn an, ich fuhr ihm auf den Hals wie ſich's gebuͤhrt— jetzt ſchweigt er und gehorcht, und ſo hoffe ich, er ſoll mir mit der Zeit Ehre machen.“ Hier vernahmen ſie ploͤtzlich ein Geraͤuſch vor dem Hauſe, die Thuͤr ward geoͤffnet und herein flog der raſche Cabri, ein ſechzehnjaͤh⸗ riger Knabe aus deſſem Antlitz zwar Muth euchtete, deſfen dabei ſanfte Zuͤge aber, zu dem rauhen herzloſen Geſicht ſeines Vaters einen auffallenden Contraſt bildeten. Nun, da bin ich endlich!⸗ rief er. „Dein C Gluͤck,“ entgegnete Baldi, wo haſt Du geſteckt Taugenichts? Du verdien⸗ teſt, daß ich Dich— 3 „Ereifert Euch nicht Vater, unter⸗ brach ihn Cabri,„ich betheure Euch, es war nicht meine Schuld.“ „Nun was erfuhrſt Du?⸗⸗ „Die Piemonteſer ſind an 600 Mann ſtark,“ erwiderte der Knabe. „Hoͤllenelement, ſo viel haben ſie noch nie gegen uns ausgeſandt,“ tobte Baldi. „Glaubt man denn, daß ſie gegen dieſe Berge ausruͤcken werden?“⸗ fragte der Ga wirth neugierig. „Gewiß;“ verſicherte Cabri,„denn Lunn waren ſie gelandet, als ſie auch ſogleich wie⸗ der die Stadt verließen; ich folgte ihnen, und 4 3 1 ſah wie ſie ſich gegen Batni hinzogen; ich machts mich an einen der Söldäten, und 10 fuhr, daß die Schaar von einem Oberſten, Namens Carl Valry, angefuͤhrt werde, einem gar tapfern und ehrenwerthen Offizier, wie ſie ſagen. Vor 24 Stunden ſchon traf er in Boza ein, und jetzt eben habe ich ſeinen Wagen hier am Dorfe wieder eingeholt.“ „Er kommt hierher?“ fragte Nicolo Baldi. „Er muß jeden Augenblick anlangen,“ verſetzte Cabri. „So wird er wohl hier in meinem Gaſthofe abtreten?“ meinte Jaques Morand. „Das muß er wohl, lachte der Knabe. Es iſt der Einzige im Dorfe und ſo ſeyd Ihr gewiß, den Vorzug zu erhalten.“ „Wer begleitet ihn?“ nahm Baldi wieder das Wort. 4 „ Seine Frau und ein Bedienter.“ „Seine Frau? Und wie weißt Du das?„ fragte Jaques Morand. 3 „O, das hab' ich gleich weggehabt,“ rach Cabri mit einem ſchlauen Laͤcheln. ——— Sie ſahen beide langweilig und traurig aus — ſprachen eben nicht viel miteinander, ver⸗ ſteht ſich alſo, daß ſie Mann und Frau ſeyn muͤſſen.“ „ Einen einzigen Bedienten?—“ fragte Baldi und ſeine Augen flammten. „Ja; aber ein ſtarkes Detaſchement folgt ihm auf den Fuß;“ antwortete der Knabe. „Was ſoll die Fragé, Nicolo?“ nahm Jaques Morand zu dem Schleichhaͤndler ge⸗ wandt das Wort.„Ich warne Euch, kei⸗ nen boͤſen Anſchlag gegen den Offitzier;— wohnt er unter meinem Dache, muß er ſicher ſeyn.“ „Wer ſagt Euch denn, alter Schwaͤßer, daß ich an dergleichen denke—⸗ entgegnete Baldi.. „ Ich kenne Euch,“ verſetzte Morand, „Ihr bruͤtet vielleicht uͤber irgend einen teuf⸗ liſchen Plan, dem aͤhnlich, den vor Zeiten der verruchte Bertrand ausführm.—— „ Sprecht mit Ehrerbietung von wackeren Burſchen,“ unterbrach ihn Schleichhaͤndler,“ er hat uns alle rettet.“ 3 „Ja, ja, indem er den Offizier meu⸗ chelmordete, der mit einer Schaar Soldaten ausgeſandt war, Euch einzufangen,“ ſprach der Wirth.„Pfui, das war eine ſchaͤnd⸗ liche That und nimmer werde ich ſie ihm verzeihen!“ „Ich glaube, er braucht ſich aus Eurer Verzeihung eben nicht viel mehr zu machen;“ hohnlachte Baldi,„ſeit jener Zeit iſt von dem armen Teufel nichts mehr zu ſehen noch zu hoͤren; ich moͤchte darauf wetten, daß er laͤngſt den Tod gefunden.“ „Gleich viel,“ erwiderte Morand,„ich ſchaͤme mich, wenn ich daran denke, daß ich den Boͤſewicht mehr als zwanzig mal in meinem Hauſe beherbergte.“ „Beherbergt Ihr mich doch auch, meinte der Sehleichhindlar⸗„mich, der ich —— 13 &— nichts beſſer bin als er.— Aber laßt uns ⁸ lieber an unſere eigenen Angelegenheiten den⸗ ken. Was mich am meiſten beſorgt macht, iſt, daß wir hier ganz in der Naͤhe eine mit Waaren ſchwer deladene Barke liegen haben. Wie iſt es moͤglich, noch vor Ankunft der Soldaten die Guͤter fortzuſchaffen.“ .„Ich habe ſchon fuͤr alles geſorgt, Va⸗ ter,“ fiel Cabri ein,“ und unſere Leute beauftragt, ſich auf verſchiedenen Wegen an das Ufer zu begeben.“ „Diſt Du toll, Bube!“ rief Baldi,„bei hellem, lichtem Tage.“— —— „Grade dann wird man ſie am wenig⸗ ſten fuͤr Schleichhaͤndler halten,“ meinte Ca⸗ bri unſere Barke liegt zwiſchen den gel⸗ ſen; wir koͤnnen die Waaren unbemeikt ans Land bringen, jeder von unſern Cameraden 88* nimmt ſo viel Gut als er unter ſeinen Klei⸗ dern fortſchaffen kann. Es wird heate hier 4 ein Feſt gefeiert; der Tumult kommit 14 9 zu ſtatten; ohne Argwohn zu erwecken, kom⸗ men wir durch das Dorf hin zu unſern Ber⸗. gen, und dann moͤgen unſere Verfolger neh⸗ f men was ſie finden.“ 3 „Ein tollkuͤhnes Unternehmen!“ be⸗ merkte der Wirth. „Das uns großer Gefahr ausſetzt,“ fuͤgte der Schleichhaͤndler hinzu. 35 Ey, wenn es keine Gefahr gaͤbe, wo bliebe dann das Vergnuͤgen!“ rief Cabri. In dieſem Augenblick vernahm man das Rollen eines Wagens. Cabri ſprang ei⸗ ligſt zur Thuͤr und blickte hinaus:„Es iſt der Wagen des Obriſten,“ rief er,„ich erkenne ihn wieder.“ „Da muͤſſen wir fort, kommt, kommt,“ fluͤſterte Baldi. „Wohin, was wollt' Ihr beginnen?“ fragte der Gaſtwirth. „LCabri's Plan ausfuͤhren, es iſt Beſte was wir thun koͤnnen. Kommt, umt, oͤffnet uns die Hinterpforte.“ Schon wollten ſie das Gartenzimmer verlaſſen, da ſprang Jeanette, des Gaſtwirths muntere Tochter, herein:„Vater, Vater!“ rief ſie,“ ein Wagen mit Gaͤſten. Ein ſtatt⸗ licher Offizier, eine Dame und ein Bedienter, wo ſollen wir die alle unterbringen? kommt, kommt geſchwind.“ „Ich muß zuvor den Nicolo Baldi hinauslaſſen,“ entgegnete Morand,„gleich aber bin ich wieder da. Reiche den Fremden unterdeſſe een was ſie verlangen.“ So ſprechend ſchritt er voran von Baldi und ſeinem Sohne gefolgt durch den Garten hin; er oͤffnete die Hinterpforte und hinaus ſtuͤrzten nun die beiden Gaͤſte, den nahegele⸗ genen Bergen zu. 2. Der Oberſt Valry, ein Viarziger, mit ei⸗ nem einnehmenden aber bleichen und ſchwer⸗ muͤthigen Antlitz, ſtieg mit ſeiner Gemahlin, in deren ſanfte Geſichtszuͤge der Kummer ebenfalls ſein duͤſteres Gepraͤge gedruͤckt hatte, aus dem Reiſewagen, und ward von der geſpraͤchigen Jeanette in das Garten⸗ zimmer gefuͤhrt, welches Morand mit den beiden Schleichhaͤndlern ſo eben verlaſſen hatte. Der Jockey folgte, half dem Obriſten den Mantel abnehmen, legte ſeinen Livree⸗ bberrock nebſt den mit Treſſen beſetzten Hut er,„laß uns allein⸗“ 17 „Ich muß tauſendmal um Verzeihung bitten, meine gnaͤdigen Herrſchaften,“ ſprach die flinke Gaſtwirths Tochter mit vielen Knixen,„mein Vater hat in dieſem Augen⸗ blick noch ein Geſchaͤft— aber er wird gleich die Ehre haben, aufzuwarten. Ich werde Ihnen unterdeſſen das gruͤne Zimmer in den Stand ſetzen; es iſt das beſte im Hauſe. „Koͤnnen wir ſo lange hier bleiben?“⸗ fragte die Gattin des Obriſten. „Gaͤnz nach Belieben, gnaͤdige Frau,“ entgegnete Jeanette. „Sind wir aber auch hier ungeſtoͤrt?“ „Es ſoll Sie niemand belaͤſtigen,“ ver⸗ ſicherte die Befragte,„vor der Hand hat hier kein Menſch etwas zu ſchaffen; nur ſpaͤter⸗ hin kommen die jungen Leute aus dem Dorfe hieher, um zu tanzen.“ Der Obriſt gab Jeannetten ein Zeichen ſich zu entfernen:„Genug, genug 8 lruh ſ 18 „Wie traurig er ausſieht,“ dachte Jeannette im Hinausgehen,“ und es ſcheint doch ein gar vornehmer Mann. Wie iſt es doch moͤglich, reich und nicht vergnuͤgt dabei zu ſeyn!“ Nachdem ſich Frau von Valry uͤberzeugt hatte daß ſie ſich mit ihrem Gatten allein be⸗ fand, trat ſie theilnehmend auf ihn zu. „Deine Unruhe, deine Gemuͤthsbewegung, mein Carl,“ ſprach ſie, mahi mich erbeben! „Haͤtteſt Du irgend eine neue Gefahr zu befuͤrchten?“ „ Nein, Thereſe,“ verſetzte der Obriſt, „beruhige Dich, es iſt nicht Furcht, was mein Herz ſo bewegt: aber bei dem Anblick dieſer Gegend, dem Schauplatz meiner ju⸗ gendlichen Verirrungen, regt ſich die Reue in meiner Bruſt maͤchtiger als je. Jeder Schritt erweckt neue Erinnerungen in meiner Seele, und jede neue Erinnerung verurſacht mir neue Schmerzen. Das aber kann Dir ja nicht unerwartet kommen! wie oft haſt Du 19 — mich nicht ſchon uͤber mein fruͤheres Leben ſeufzen gehoͤrt. Seit ſechszehn Jahren, Du weißt es ja, iſt es mein Loos zu zittern: mit jedem Augenblick meinen Namen mit Schande bedeckt zu ſehn; alles das zu beſitzen was Freude gewaͤhren kann und dennoch der Elen⸗ deſte der Menſchen zu ſeyn! Doch ich darf mich nicht beklagen, habe ich nicht mein Schickſal verdient? habe ich nicht alle die in's Ungluͤck geſtuͤrzt, die mich liebten? Un⸗ dankbar gegen meinen Vater zwang ich ihn mich aus ſeiner Naͤhe zu verbannen,— und was that ich nicht, Thereſe, Dich den Deinen zu entreißen, Dich meine Schande, mein Elend theilen zu laſſen.“ „Dieſe Schuld teage ich mit Dir, mein Carl,“ ſprach Frau von Valry beruhigend, „Du kannſt ſie Dir nicht vorwerſen ohne mich zugleich anzuklagen.“ „Nein, Thereſe!“ rief ihr Gatte leb⸗ haft,„ich allein bin der Schuldige, Dn laubteſt mich deiner Liebe werth, und u, 20 nie haͤtteſt Du mir Dein Herz geſchenkt, haͤtteſt Du ahnen koͤnnen, daß ich einſt— ein veraͤchtlicher Schleichhaͤndler war!“ „Du haſt mit Seelengroͤße geſtrebt, Deine fruͤheren Vergehungen wieder gut zu machen,“ troͤſtete die Obriſtin.„Du haſt die arme Thereſe nicht verlaſſen, obgleich die Verbindung mit ihr der Ausſoͤhnung mit Deinem Vuter lange im Wege ſtand—. Was haſt Du nicht meinetwegen erduldet?à Ohne AUnterſtuͤtzung, ohne Zuflucht ward'ſt Du Sol⸗ dat, Deinem Weibe Brodt zu verſchaffen; Dein edles Betragen ſollte nicht unbelohnt bleiben, ſchnell ſtiegſt Du empor, und mit Ruhm bedeckt ſtehſt Du jetzt da, Deinen Rang nur Deiner eigenen Tapferkeit ver⸗ dankend.“ 4 „Ja, ich wollte die Erinnerung an mein Vergehen durch den Glanz maͤnnlicher Tha⸗ ten vertilgen,“ erwiderte der Obriſt,„ich wollte das Lob der Beſſern erzwingen— 5 meine eigene Achtung wieder gewinnen, ent⸗ 21 ſchloſſen, mich nicht eher meinem Vater wie⸗ der zu zeigen, bis ich ſeiner Verzeihung werth ſeyn wuͤrde. Um dieſes zu erlangen, trat ich jeder Gefahr muthvoll entgegen, trotzte dem Tode uͤberall, und ſo wurden meine kuͤhnſten Hoffnungen erfuͤllt.— Koͤmmt auch jetzt die Wahrheit an's Licht, erkennt man in mir auch jenem Bertrand, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt ward; erfaßt mich auch der Arm der Gerechtigkeit, kann ich we⸗ nigſtens gegen meine Schuld ſechszehn Jahre eines vorwurfsfreien Lebens und die ehrenvollen Wunden auf die Waagge legen, die ich im Dienſt des Vaterlandes und mei⸗ nes Fuͤrſten empfing.“ „Je mehr ich aber e nachdenke, je mehr zittere ich fuͤr Dich;—“ nahm Frau von Valry nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort,„der Name Bertrand wird, wie ich ſelbſt gehoͤrt, hier noch immer mit Abſch genannt.— Man nennt ihn einen chelmoͤrder. Du, Du, mein Carl K— 22 — A¾ chelmoͤrder! unmoͤglich! Haſt Du mir doch oft geſchworen, daß ſelbſt in jener furchtbaren Periode Deines Lebens Deine Hand vom Morde rein blieb.“ 8. „Dieſe Verſicherung kann ich Dir auch jetzt auf das Feierlichſte wiederholen,“ ent⸗ gegnete der Obriſt,“ die Schleichhaͤndler wa⸗ ren damals noch nicht ſo wild und ungeſtuͤm, gals ſie es ſpaͤterhin, ſeitdem man ſtrengere Maßregeln gegen ſie ergriff, geworden ſind, ſonſt haͤtte ich mich nie zu ihnen geſellt. Von meinen ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften fortgeriſſen, von einem falſchen Freunde verfuͤhrt, ſuchte ich Zuflucht unter einer Bande Menſchen, die vom verbotenen Handel lebten, nie aber waͤre ich der Bundesgenoſſe von Moͤrdern geworden.“ „Wie beruhigſt Du mein Herz,“ ſprach die ſorgende Gattin,„Du kannſt Dich alſo rechtfertigen, falls Du wegen jenes Mordes 4 zur Rechenſchaft gezogen werden ſollteſt?““ „„Zühre mir einen ſolchen furchtbaren 23 — 3* . Augenblick nicht vor die Seele, Thereſe!“ — rief der Obriſt zuſammenſchaudernd.„Der Gedanke ſchon macht mich erbeben. Bedenke, 1 B daß ich, als ich meinen Vater einen Theil meiner Irthuͤmer eingeſtand, ihm ſorgfaͤltig 1 meinen Aufenthalt hier in den Gebirgen ver⸗ ſchwieg. Chef eines der erſten Handlungs⸗ haͤuſer Italiens, iſt er ſtolz auf ſeinen Ruf; die Ehre iſt ihm eben ſo nothwendig als die Luft die er athmet; der Gram wuͤrde ihn „ toͤdten, erfuͤhre er, wie ſehr ich mich, ernie⸗ 3 drigte.“ „Ach, warum kehrteſt Du auch in dies ungluͤckliche Land zuruͤck?“ ſeufzte Frau von Valry... „Mir ward der Befehl unſers Souve⸗ rains, ich mußte gehorchen,“ erwiderte der — Obriſt,“ aber außerdem war auch noch ein 4 wichtigerer Grund vorhanden——„ „Ein wichtigerer Grund,“„ unteszrag— 2 ihn die Obriſtin,„nenne ihn mir 5— wendeſt Dich ab.— wen Jedesmal 24 — Dich daruͤber befragte, weigerſt Du mir die Antwort— weshalb dies geheimnißvolle Be⸗ nehmen?““ „Es ſoll Dir jetzt nicht mehr raͤthſelhaft bleiben,“ ſprach ihr Gatte,„ich habe hier in Sardinien Nachforſchungen anzuſtellen— die nur Du ohne Gefahr betreiben kanuſt.“ „Nachforſchungen? hier in Sardinien?“ „Ich ſagte Dir Thereſe, daß Dein Sohn bald nach ſeiner Geburt geſtorben ſey—* „Nun! und—“ 2 Ich taͤuſchte Dich,“ rief der Obriſt. „Er lebt? er lebt?“ unterbrach ihn Frau von Valry, und ihre Augen leuchtazen vor Entzuͤcken. „Ich weiß es nicht,—“* antworters ihr Gatte in einem dumpfen Tone. „Du weißt es nicht?“* „Erinnere Dich“ fuhr der Obriſt ſort,“ 4 „jenes furchtbaren Tages. Deinem Vater 3 Tollte alles verborgen bleiben— ich urſoh 25 — mit dem Kinde— aber ſchon ward ich ver⸗ folgt,— bedroht feſtgenommen zu werden.— Von Angſt gefoltert, durchirrte ich das Ge⸗ birge, nicht wiſſend wohin mich meine Schritte trugen, da hoͤrte ich ploͤtzlich, als ich mich um eine Felſenſpitze wandte, meinen Namen nennen; ich ſtand wie feſtgebannt, und ge⸗ wahrte auf dem Gipfel des Berges eine alte Bettlerin, die ich oft bei den Schleichhaͤnd⸗ lern geſehen.„Wohin?“⸗ kreiſchte ſie mir zu,„man ſucht Euch— es ſteht ein Preis auf Euren Kopf; flieht, flieht, Eure Hen⸗ ker nahen.“ In dieſem Schreckensmoment vernahm ich Schritte, ſah Waffen blinken; und raſch hinan ſlog ich den Felſen und un⸗ ſern Knaben dem Weibe uͤbergebend, rief ich ihr zu, ſorgt fuͤr dies Kind, fruͤh oder ſpaͤt ſoll Euch reicher Lohn werden. Darauf ent⸗ floh ich mit der Schnelligkeit des ich verließ Sardinien, 26 — ich dies ſpaͤterhin that, konnte ich weder von meinem Sohn noch von der Alten das Min⸗ deſte erfahren!—— „Entſetzlich, entſetzlich!“ jammerte die ungluͤckliche Mutter,„ſprich wie heißt die⸗ ſes Weib?““ „Gregoria!““ „Sagteſt Du ihr, daß es Dein Sohn ſey?“ „Ich glaube nein,—“ verſetzte Valry, „doch weiß ich es nicht— ich war in jenem Augenblick zu beſtuͤrzt.— „Ewiger Gott, was mag aus ihr ge⸗ worden ſeyn!“ rief Frau von Valry die Haͤnde ringend. „Ich habe uͤberall nachgeforſcht, habe kein Gold geſpart, Alles vergebens. Und ſo furchtbar iſt unſer Geſchick, daß, falls unſer DSohn noch lebt, wir ihn unter Bettlern und Dieben zu ſuchen haben. Ja, vielleicht weilt er in der Mitte der Schleichhaͤndler, die ich zu vertilgen ausgeſandt ward! Des⸗ 27 — halb nahm ich keinen Anſtand nach Sardi⸗ nien zuruͤck zu kehren. Ich weiß, daß mei⸗ nem Leben hier Gefahr droht, aber ich muß Alles wagen, Dir Deinen Sohn uiedes zu geben.“ Hier ward das Geſpraͤch des unglüͤck⸗ lichen Ehepaars durch den Eintritt des Gaſt⸗ wirths unterbrochen, der ehrfurchtsvoll in ei⸗ niger Entfernung ſtehen blieb und um Ent⸗ ſchuldigung bat, durch Geſchaͤfte verhindert worden zu ſeyn, fruͤher nach den Befehlen der gnaͤdigen Herrſchaft zu fragen. „Die Stimme ſoll ich kennen,“ ſprach der Obriſt vor ſich hin. „Ihr ſeyd der Herr dieſes Hauſes?“ fragte Frau von Valry, zu dem Gaſtwirth gewandt. „Ja, gnaͤdige Frau,“ erwiderte Ja⸗ ques Morand,„ſeit. zwoͤlf Jahren; fruͤher 3 war ich Fiſcher im Dorfe D'Olyra!⸗ 4 „Im Dorfe D'Olyra?“ uiderholten 5— der Obriſt und ſeine Gattin. „„Jedermann kannte dort den Jaques Morand,“ verſicherte der Wirth. „Jaques Morand!“ ſprach Frau von Valry leiſe vor ſich hin, und ihre Glieder bebten, waͤhrend der Obriſt kaum ſeine Be⸗ ſtuͤrzung zu verbergen vermochte. Der Gaſtwirth naͤherte ſich ihnen;„der Herr Obriſt wollen verzeihen,“ ſprach er, „da ich nun einmal Theil an jedem Reiſen⸗ den nehme, der bei mir einkehrt, kann ich nicht umhin, mein Bedauern zu aͤußern, und zu geſtehen, daß dieſelben eine große Unvor⸗ ſichtigkeit begingen, ſich hier blicken zu laſſen.“ Der Obriſt ſchauderte zuſammen:„was wollt Ihr damit ſagen?“ ſtammelte er. Die Schleichhaͤndler wiſſen daß der Herr Obriſt die Truppen befehligen, welche ih⸗ rem Treiben ein Ende machen ſollen;“ fuhr Morand fort,„und wenn dieſelben daher meinem Rathe folgen wollten, moͤchte ich war⸗ nen, ſich nicht eher im Dorfe ſehen zu laſſen, bis die Soldaten angelangt, denn jene Sgardinien verlaſſen und wohl wird 29 — Schelme werfen ſich gemeinhin zuerſt auf die Anfuͤhrer und ſo koͤnnten ſie dem Herrn Obriſt boͤſes Spiel machen.“ „Ich fuͤrchte ſie nicht.⸗ erwiderte Valry etwas beruhigt. „Sie kennen die Burſcht nicht, gnaͤdi⸗ ger Herr,“ nahm der Gaſtwirth wieder das Wort,„hoͤren ſie nur, was ſich vor 16 Jahren zutrug; die Schleichhaͤndler wurden damals ebenfalls verfolgt, ihr Untergang ſchien unvermeidbar; nun, was geſchah! ſie ſchlichen ſich zur Nachtzeit in das Haus, in dem der Major Stevin, der Anfuͤhrer der Piemonteſer, raſtete, legten Feuer an, und mordeten erbarmungslos den wackeren Offizier. Freilich lebte damals noch ein gewiſſer Ber⸗ trand unter ihnen, ein Boͤſewicht, wie es keinen zweiten giebt, der hat den ſaubern Streich ausgefuͤhrt. Er hat auch noch ganz andere Dinge vollbrarht! es war ein wahrer Satan; ſeit langer Zeit aber hat er ſchon 3 er thun, 30 — kehrt er nie zuruͤck; denn er ward zum Tode verurtheilt und wuͤrde nirgends ein Zuflucht finden.“ „Wie, Ihr glaubt?—“ fragte Frau von Valry erſchrocken. „Daß jedermann ſich eine Freude dar⸗ aus machen wuͤrde ihn auszuliefern? Aller⸗ dings. Er hat zuviel Boͤſes gethan um Nitleid zu verdienen.— Hat er doch auch den Tod des wackeren Marcian, des achtungs⸗ wertheſten Menſchen von der Welt, auf ſei⸗ nem Gewiſſen.“ „Mein armer, armer Vater!“— ſeufzte die Obriſtin vor ſich hin. „Der Boͤſewicht fand freundliche Auf⸗ nahme bei dem redlichen Greiſe, und wie vergalt er's ihm? er verfuͤhrte ihm die ein⸗ zige Tochter, und raubte ſie ihm; denn bald nach Bertrand's Flucht verſchwand auch The⸗ reſe, und der alte Marcian ſtarb drob vor Kummer.“ Der Obriſt welcher kaum im Stande nnse Faßung zuſammennehmend. 31 — war, ſeine Gemuͤthsbewegung zu verbergen unterbrach hier das Geſpraͤch:„ genug da⸗ von, ich wuͤnſche allein zu bleiben,“ rief er, zu dem geſchwaͤtzigen Morand gewandt. Der Gaſtwirth hatte nun zum erſten⸗ mal Gelegenheit; das Geſicht des Obriſten der bisher zum Theil von ihm abgekehrt da ſtand, genauer zu betrachten, und ſchien von einem ploͤtzlichen Schrecken erfaßt:„ja ſo— ich wußte nicht— ich kam nur,—⸗ ſprach er,„das iſt doch ſeltſam, hoͤchſt ſeltſam.“ Der Obriſt ſuchte ſich den beobachten⸗ den Blicken des Gaſtwirths zu entziehn: „entfernt Euch, ich bitte,“ rief er. „Ich gehorche— ich gehe ſchon.—⸗ entgegnete Morand.„Aber je mehr ich den Herrrn Obriſten betrachte— je mehr bin * ich uͤberzeugt— daß ich heute nicht zum Erſtenmal die Ehre habe mit demſelben zu reden. 2 4 „Mit mir?“ fragte der Obriſt ſeine 32 —„ Ich kann mich nicht genau erinnern, wann und wo und unter welchen Umſtaͤnden — doch weiß ich gewiß—“ „SIhr irrt, der Obriſt war fruͤher nie in Sardinien,“ fiel Frau von Volry leb⸗ haft ein. „Richt? fragte Iacäues,„das iſt doch unbegreiflich. Dann hat der gnaͤdige Herr eine ungemeine Aehnlichkeit mit jemand, den ich kannte— recht genau kannte.- Verdammtes Gedaͤchtniß! Aber nur ein we⸗ nig Geduld, ich werde mich ſchon erinnern. Der Obriſt fuhr ungeduldig auf:„Ihr wollt Euch nicht Lutrſernan, rief er⸗„ſo muß ich gehn!—“ „Ich gehe ja ſchon, mein Herr Obriſt. ich hoͤre ohnehin Laͤrm draußen„der Tau: fend da kommen noch mehr Gaͤſte! ich eile. ſie zu empfangen.“ Mit dieſen Worten ſprang der Gaſt⸗ vwiirth raſch zur Thuͤr hinaus. 3. Kaum hatte die ſorgende Gattin, die tiefbekuͤmmerte Mutter, die wenigen Augen⸗ blicke der Abweſenheit des Wirthes benutzt, um dem, durch die Rede des Jacques Morands maͤchtig erſchuͤtterten, Obriſten einige Worte des Troſtes zuzufluͤſtern, als auch jener ſchon wieder erſchien und einen jungen Offizier von hoher, ſchlanker Geſtalt mit einnehmenden Geſichtszuͤgen hereinfuͤhrte, den er mit gaſt⸗ wirthlicher Geſchwaͤtzigkeit dem Obriſten Valry ſofort, als den Herrn Major Rai⸗ mond, einen wackeren Offizier und vertrauten Freund des Herrn Gouverneurs, vorſtellte. „ Sie ſind es, Herr Obriſt, den ich 34 — ſuche;“ nahm der Major, die Rede des ge⸗ ſchwaͤtzigen Gaſtwirths unterbrechend, nach ei⸗ ner anſtaͤndigen Verbeugung das Wort,„der Befehl des Gouverneurs fuͤhrt mich zu Ihnen und ich wuͤnſche mir Gluͤck dazu. Geſtern konnte ich mich Ihrer Geſellſchaft nur auf Augenblicke erfreuen, und mich verlangt nach der naͤheren Bekanntſchaft mit einem Offizier, deſſen Talente und Tapferkeit ihm gerechten Ruhm erwarben. Ich komme, mich Ihnen bei der Expedition als Fuͤhrer anzubieten, Sie ſind mit den Bergen hier unbekannt, ich aber habe lange darin den Krieg gefuͤhrt 19. und ſo bitte ich Sie frei uͤber mich zu be⸗ 3 fehlen, wenn Ihnen meine Düanhe von Nutzen ſeyn koͤnnen.“ „Ich nehme Ihr Anerbieten dankbar an, Herr Major,“ erwiderte Valry,“ ich 6 werde gewiß oft Ihres Raths beduͤrfen. Hat Ihnen der Herr Gouverneur ſonſt noch etwas ſuͤr mich aufgetragen?“ „Line Kunde, die er utgehein zse 35 — die Abſichten der Schleichhaͤndler erhalten hat, noͤthigte ihn, ſeine Dispoſitionen in etwas zu veraͤndern,“ entgegnete Raimond.„Ich habe den Marſch der Detaſchements, die ich unterwegs antraf, nach moͤglichſten Kraͤften beſchleunigt, damit ſie recht bald in Thaͤtig⸗ keit geſetzt werden koͤnnnen.“ 3 „Meine Gegenwart duͤrfte bei dieſer Unterredung uͤber Dienſtangelegenheiten viel⸗ leicht ſtoͤren— bemerkte Frau von Valry. „Keineswegs, gnaͤdige Frau,“ verſicherte der Major.„Mit dem Detail unſerer mi⸗ litairiſchen Operation werde ich den Herrn Obriſten auf dem Marſche bekannt machen. „Der Gouverneur, glaubte ich, wuͤrde ſelbſt kommen?“ nahm der Obriſt wieder das Wort. „Genoͤthigt den Ausmarſch eines Theils der Beſatzung von Boza zu leiten, wird er erſt in dem Gebirge zu uns ſtoßen,“ ant⸗ wortete der Offizier; Zzum Vereinigungspunct hat er die dortgelegene Brandruine beſtimm 36 „Die Brandruine,!“ murmelte Valry dumpf vor ſich hin. „Dort nur koͤnnen ſich unſere Truppen verſammeln, ohne daß ſie eine Hinterliſt zu befuͤrchten haben,“ fuhr Raimond fort; „ ſonſt haͤtte der Gouverneur gewiß einen an⸗ deren Zuſammenkunftsort gewaͤhlt, den der Anblick jener Ruine erweckt in ihm, wie in mir, ſtets furchtbare Erinnerungen.“ „Furchtbare Erinnerungen in Ihnen, Herr Major?“ fragte Frau von Valry. „Ja, gnaͤdige Frau, er verlor dort ei⸗ nen geliebten Sohn, ich einen theuren Freund, den Geſpielen meiner Kindheit, den armen, armen Alexis! Noch jetzt blutet mein Herz wenn ich ſein gedenke.— Der Gouverneur hatte auf ihn ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen ge⸗ baut; ich liebte ihn wie einen Bruder.“ Fiel er im Gefecht?“ fragte die Obriſtin. „Nein gnaͤdige Frau,“ erwiderte der Major,„er ſtarb unter dem Dolche eines 1 Aneuchaſmirders⸗ eines Schleichhaͤndlers: 37 „Eines Schleichhaͤndlers 7 fuhr Valry auf. „Ja Herr Obriſt;“⸗ antwortete Rai⸗ mond.„Seit jenem Tage hege ich den furcht⸗ barſten Haß gegen jene Elenden, ich werde keine Ruhe ſinden, bis ich ſie alle bis auf den letzten Mann vertilgt weiß. Geboͤte mir nicht ſchon die Freundſchaft meinen theuren Alexis zu raͤchen, die Dankbarkeit wuͤrde mich dazu auffordern. Seitdem wir ihn ver⸗ loren, kam ich nicht von der Seite des Gou⸗ verneurs, ich habe in ſeinem Herzen den Platz desjenigen eingenommen, den wir beide beweinen; der Vater meines Freundes ward der meine, meine Befoͤrderung, meinen Rang, alles habe ich ihm zu verdanken, ich wuͤrde zehn Jahre meines Lebeus darum ge⸗ ben, koͤnnte ich meinem Wohlthaͤter das Un⸗ geheuer uͤberliefern, das ihm den Sohn nordete.“ 8 „Ha, welche Verbrechen, und ich ihr Genoſſe!“ dachte Valry und ſchwei⸗ 38 gend ſchlug er ſeine Blicke zum Himmel empor. „Jetzt hab' ich's heraus,“ rief ploͤtzlich Jacques Morand, welcher waͤhrend des obi⸗ gen Geſpraͤchs, ſo als ob er uͤber etwas nach⸗ gruͤbele, hinten im Garten auf und ab ge⸗ ſchritten war,„ jetzt hab ich's heraus, jetzt weiß ich's, wem der Herr Obriſt aͤhnlich ſehen.“ Der Obriſt und ſeine Gattin bebten zu⸗ ſammen. „Es iſt mir lieb, daß Sie da ſind, Herr Major,“ fuhr der Gaſtwirth fort, „es iſt doch ſeltſam— hoͤchſt ſeltſam!“ „Was habt Ihr denn?“ fragte der Najor. „Sie haben doch den Bertrand ge⸗ kannt; nun, betrachten Sie da einmal den Herrn Obriſten.“ „Nun!“ 1 „Iſt das nicht daſſelbe Geſicht, dieſelb 39 Geſtalt? Alles, alles, Zug fuͤr Zug? ſind Sie nicht meiner Meinung? „Ich ſah den Etenden nicht oft genug, um daruͤber zu entſcheiden,“ entgegnete Nai⸗ mond,„aber Ihr vergeßt, daß ein ſolcher Vergleich den Herrn Obriſten beleidigen koͤnnte.“ „Ei! warum nicht gar;“ rief der Gaſt⸗ wirth,„was ich ſage, kann ja den gnaͤdigen Herrn nicht verdrießen; nichts ſieht ja einem ehrlichen Manne aͤhnlicher als ein Schelm.“ „Eure Aeußerung hat mich nicht belei⸗ digt und ich erlaſſe Euch jede Entſchuldi⸗ gung,“ verſetzte der Obriſt ſeine ganze Faßung zuſammennehmend.„Herr Major,“ fuhr er darauf das Geſpraͤch ablenkend, zu dieſem gewandt fort:„ich glanbe wir koͤnnen unſere Operation nicht fruͤh genug beginnen.“ „Ich bin bereit,“ entgegnete der Off⸗ zier, und dem Obriſten folgend verließ er mit dieſem das Gartenzimmer. Jaques Morand. wollte ſich ebenfalls hinaus begeben, um zu 40 dem laͤndlichen Feſte, welches nun bald begin⸗ nen ſollte, die noͤthigen Anſtalten zu treffen, aber die von mannichfachen Gefuͤhlen be⸗ ſtuͤrmte Frau von Valry winkte ihm zu verweilen:„bleibt noch einen Augenblick,“ rief ſie,„Ihr koͤnnt mir einen Dienſt leiſten.“ „Mit Freuden gnaͤdige Frau,“ entgeg⸗ nete Jacques,„ich glaube ohnehin den Herrn Obriſten beleidigt zu haben, da moͤchte ich mein Vergehen gern wieder gut machen.“ Da Ihr hier ſo nah bei den Bergen wohnt,“ fuhr die Obriſtin fort,„habt Ihr ohne Zweifel oft Gelegenheit gehabt, die Schleichhaͤndler zu ſehen.“⸗ „„Wie meinen Sie das, gnaͤdige Frau,“ fragte Morand etwas verlegen. „Was Ihr von jenem Bertrand ſpracht, beſtaͤtigt meine Vermuthung,“ verſetzte Frau von Valry. 4 „In meinem Stande, gnaͤdige Frau, iſt man genoͤthigt jedermann zu beherbergen,“ — 41 — erwiderte der Gaſtwirth die Achſeln zuckend, „ man kann das ſo genau nicht nehmen; fuͤr Uunſereinen ſind das die ehrlichſten Leute die am beſten bezahlen.“ „Hoͤrtet Ihr ſie nie von einem alten Weibe— von einer Bettlerin, Namens Gre⸗ goria ſprechen?“ fragte die bekuͤmmerte Mutter. 3 „Eil freilich, die trieb ſich vor Zeiten hier in der Gegend herum,“ antwortete Jacques.„Ich begreife aber nicht, wie ſie von der gnaͤdigen Frau gekannt ſeyn kann.“ „Ich ſelbſt kenne ſie nicht,“ nahm Frau von Valry zoͤgernd wieder das Wort, aber eine Freundin, an der ich Theil nehme— die Mutter eines Knaben, den dieſe Alte—⸗ „ Geſtohlen hat, ich wette;“ unterbrach ſie Jacques. „Ja, ja— ich glaube— „Und von dem Kinde wuͤnſchen die gnaͤdige Frau etwas zu erfahren?“⸗ „„Ganz recht.“ „Wie lange iſt es denn her, ſeit es ge⸗ raubt ward?“ fragte der Gaſtwirth. „Sechszehn Jahre.“ „Sechszehn Jahre!— wiederholte Jacques,„ja, ja, ich erinnere mich, zu je⸗ ner Zeit und auch noch ſpaͤter, zog ſie ſich mit einem allerliebſten Knaben herum.“ „Das war er, ſaht Ihr ihn?“⸗ tief die Obriſtin raſch. „Gar oft,“ verſicherte Morand, ſie hatte ihn immer bei ſich um Mitleid zu er⸗ regen; und das gelang ihr vortrefflich; man haͤtte ein Herz von Stein haben muͤſſen, haͤtte man nicht die Haͤnde aufgethan, wenn man ſo das arme Kind ſah, auf dem harten Boden ſchlafend, jedem Wetter ausgeſetzt, halb nur be⸗ kleidet, frierend, und oft vor Hunger weinend.“ Das Herz der Mutter wollte brechen, ſie war genoͤthigt ihre ganze Faßung zuſam⸗ men zu nehmen, und kaum vermochte ſie die Frage:„und wißt Ihr nicht was aus der Elen, den geworden?⸗ ͤber ihre Lippen zu bringen. — — — *— 43 — „Ich hoͤrte, ſie ſey vor einigen Mona⸗ ten im Hospital zu Boza geſtorben,“ ant⸗ wortete Jacques. „Und der Knabe?“ „Ja, was ſie mit dem angefangen, weiß ich nicht.— Aber halt— da koͤmmt mir ein Gedanke.“ „Sprecht! Sprecht!“ rief Frau von Valry. „Ich erinnere mich, daß Gregoria vor⸗ mals in enger Verbindung mit einem gewiſſen Nicolo Baldi, einem Schleichhaͤndler hier im Gebirge, ſtand—“ fuhr der. Wirth fort, „moͤglich, daß man von ihm etwas uͤber das Kind erfahren koͤnnte.“ „Kennt Ihr dieſen Baldi.“ „Hinlaͤnglich, um von ihm zu erfahren, was er von der Sache weiß.“ „Das Schickſal jenes Knaben liegt mir am Herzen,“ rief die bekuͤmmerte Mutter. „ Schafft mir Kunde von ihm und ich wiege lede Nachricht mit Gold auf.“ 44 „Deſſen bedarfs nicht, gnaͤdige Frau,“ betheuerte der dienſtfertige Jacques,„Morgen mit dem Fruͤheſten, ſuche ich den Nicolo auf.“ „Morgen aber ſoll ſchon der Angriff ſtatt finden,“ bemerkte Frau von Valry. „Es iſt wahr, ich dachte nicht daran; alſo noch heute Abend,“ erwiderte Morand, „doch, man koͤmmt, ſpaͤterhin mehr davon.“ „Vor allen Dingen Verſchwiegenheit,“ bat die Obriſtin. „Ei! das verſteht ſich, gnaͤdige Frau, Jacques Morand weiß zu ſchweigen.“ In dieſem Augenblick ſprang die froͤh⸗ liche Jeanette herein, und laͤndliche Muſik ließ ſich von fernher vernehmen:„Vater, Vater, da kommen die jungen Leute Tanz!“ rief das Maͤdchen. „ So fuͤhre mich auf das fuͤr mich be— zum ſimmte Zimmer, mein Kind,“ gebot Frau 3 von Valry. „Wollen die gnaͤdige Frau nicht den 3 Tanz mit anſehen,“ fragte Jeanette. blieben die 45 — „Ich bin zu ſehr ermuͤdet, ich muß die Ruhe ſuchen, ſprach die Obriſtin. Nit dieſen Worten entfernte ſie ſich mit der Tochter des Gaſtwirths; und kaum hatten ſie den Gartenſaal verlaſſen, als auch dieſer alſobald mit Landleuten beiderlei Ge⸗ ſchlechts angefuͤllt wurde; welche zu dem Schalle einfacher, laͤndlicher Inſtrumente, ihre froͤhlichen Taͤnze begannen, den Ort, wo noch vor Kur⸗ zem ſo ſchwermuͤthige Mittheilungen ſtatt fanden, zum Schauplatz geſelliger Freude um⸗ wandelnd. Es ſchien indeß, als ob an dieſer Staͤtte der Scherz heute nicht weilen ſolle, denn kaum ſchwenkten die kraͤftigen Burſche ihre roth. wangigen Maͤdchen im Kreiſe umher, als man ploͤtzlich Trommelſchall und Flintenſchuͤſſe vernahm. In den mannigfachſten Gruppen Taͤnzer ob des unerwarteten Laͤrms wie gefeſſelt ſtehen, bis das Erſchei⸗ nen der beb den Jeanette neues Leben in keinerten Gebilde brachte. — „Hilf Himmel,“ rief ſie,„wer haͤtte das gedacht, das ganze Dorf iſt voll von Soldaten!— ſie haben die Schleichhaͤndler uͤberfallen.— Das iſt ein Gemetzel, ein Blutvergießen.— Da da, ſchaut nur hin.“ So ſprechend deutete ſie uͤber den Garten hin, hinter dem von Soldaten verfolgt, meh⸗ rere wilde Geſellen den Felſen hinaneilten. Alles ſtuͤrzte hinaus die furchtbare Scene naͤher in Augenſchein zu nehmen.— Von dem Laͤrm erſchreckt, verließ Frau von Valry ihr Gemach und trat wieder in den Gartenſaal, in dem ſie ſich nunmehr allein befand.„Das Gefecht hat alſo ſchon begon⸗ 3 nen,“ ſprach ſie vor ſich hin,„wenn de r fallen ſollte von dem ich Kunde uͤber meinen Sohn zu erlangen hoffe! Ewiger Gott! ver⸗ ſchone noch ſein ſchuldiges Haupt, raube mir nicht meinen letzten Troſt.“ Noch hatte ſie dieſe R Felſen gerichteten Blicke einen Knaben er⸗ ſchauten, welcher allem Anſchein nach von Soldaten verfolgt, mit bleichen Angſtverkuͤn⸗ denden Geſichtszuͤgen, den Berg herabeilte, ſich gewagten Sprunges uͤber die Mauer in den Garten ſchwang in das Zimmer ſtuͤrzte, und ſich als er die Obriſtin ge⸗ wahrte, zu den Fuͤßen der Erſchreckten nie⸗ derwarf, mit flehenden Geberden ausru⸗ fend:„Barmherzigkeit, gnaͤdige Frau! Schutz, Rettung! man verfolgt mich, nimmt man mich gefangen, iſt es um mein Leben geſchehen!⸗⸗ „Wie, ihr waͤrt— fragte Frau von Valry, ſtaunend in das Antlitz des holden Knaben blickend. „Einer der Schleichhaͤndler, ja gnaͤ⸗ dige Frau,“ entgegnete Cabri, denn dieſer war es, welcher von den Soldaten verfolgt, jetzt in dem Hauſe des alten Bekannten ſei, nes Vaters Zuflucht ſuchte. „ So jung und ein ſolches Gewerbete ſenſte Frau von Valry. 48 — „O ich mußte wohl, mußte einem Va⸗ ter gehorchen,“ erwiderte der Knabe. „ Ungluͤcklicher! was iſt da zu thun?“ fragte die Obriſtin. „Retten, retten Sie mich,“ bat der Kleine. „Ich darf mich keines Verbrechers an⸗ nehmen,“ antwortete Frau von Valry. „Meine Verfolger nahen!“ jammerte Cabri. Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, gnaͤdige Frau, ohne Zweifel ſind Sie Mut⸗ ter,— bei Ihrem Kinde beſchwoͤre ich Sie— erhalten Sie mich meinem Vater!“ Die Obriſtin fuͤhlte ſich tief bewegt.— In dieſem Augenblick vernahm man nahende Schritte:„Sie kommen! Schutz, Rettung,“ 1 3 ——————— ——“ flehte der Knabe. 8„Wie kann ich— wie vermag ich?—, ſtammelte Frau von Valry. Da ſielen Cabris Blicke auf die Livree, 8 welche der Jockey der Obriſtin im Garten⸗ zimmer zuruͤckgelaſſen hatte. Ein Gedanke 49 — durchflog ſein Gehirn, raſch entſchloſſen ſprang er zum Stuhl, fuhr mit Blitzesſchnelle in den Oberrock, druͤckte ſich den mit golde⸗ ner Borde geſchmuͤckten Hut tief in das Antlitz und ſtand nunmehr als Jockey der Obriſtin verkleidet da, als gleich darauf der Major Raimond, von Soldaten und dem Gaſtwirth gefolgt, ins Zimmer trat. „Suchen Sie hier nur nach, meine Herren,“ rief Jacques Morand,„uͤberall wo Sie wollen, o, ich fuͤrchte nichts.“ „Durehſpaͤht auch hier das Haus ge⸗ nau,“ gebot der Major ſeinen Soldaten. „„Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau,“⸗ fuhr er darauf zur Frau von Valry gewandt, fort: „ein junger, kecker Schleichhaͤndler den die Soldaten verfolgten, hat ſich, wie ſie behaup⸗ ten, in dieſes Haus gefluͤchtet.“⸗ „Ich kam ſo eben erſt,— aber ich habe nichts bemerkt,—⸗ ſtammelte Frau von Valry. 3.2 „ Ich ſtehe dafuͤr, daß Sie hier nicht 50 — finden werden was Sie ſuchen, Herr Major,“ nahm der Wirth das Wort,„Jaec⸗ ques Morand's Gaſthof iſt bekannt genug, und iſt Gottlob kein Sihlusſisintat fuͤr Schleichhaͤndler! „Ich glaube das gern,“ verſetzte Nai⸗ mond,„wollte ich jedoch gewiſſen Geruͤchten trauen.“—— „Das ſind nur boͤſe Zungen, die mir ſo etwas nachſagen,“ unterbrach ihn der Gaſtwirth erſchrocken. Cabri welcher ſich unterdeſſen der Thur genaͤhert hatte, machte jetzt einen Verſuch ſich hinaus zu ſchleichen. „Zuruͤck!“ geboten aber mit donnerm der Stimme die dort Wache haltenden Sol⸗ daten.— „Verdammter Streich!“ murmelte der junge Schleichhaͤndler vor ſich hin. 1 „Wer iſt der Burſche?“ fragte der Major,„komm naͤher!,, „Die Obriſtin erſchrack ſichthar, ſo auch 51 der Gaſtwirth, welcher nunmehr den Sohn Baldi's erkannte. „Wer biſt Du?“ wiederholte Raimond. „Mein Kleid ſollte das dem Herrn Major ſchon zeigen;“ entgegnete der mu⸗ thige Knabe,„ich bin der Jockey der gnaͤ⸗ digen Frau.“ „ Der kecke Bube;“ fluͤſterte Jacques vor ſich hin. „Der junge Mann iſt alſo in Ihren Dien⸗ ſten, gnaͤdige Frau;“ ſprach der Major zur HObriſtin gewandt,„Verzeihen Sie, ich wußte es nicht. War er ſchon hier als Sie eintraten?“ „In der Thak, ich erinnere mich nicht — ich habe nicht darauf geachtet,—“ ſtam⸗ melte die Befragte. „Ja ich war ſchon hier, Herr Major!“ nahm Cabri entſchloſſen das Wort. „Und ſahſt Du nichts von dem ling, den wir ſuchen?“ fragte der Major „Eil freilich,“ entgegnete der Knabe. 8 4 lächt 52 „Der Unverſchaͤmte!”“ murmelte Jacques. „Er betrat alſo wirklich dieſes Haus?“ „Ja, Herr Major, faſt zu gleicher Zeit mit mir,“ erwiderte der tollkuͤhne Burſche— „wer ſprang dort uͤber den Zaun. Kaum war er im Garten, als er auch ſchon wie⸗ der davon lief, ſo als oß der Henker hinter ihm drein waͤre, Ihr werdet Muͤhe haben ihn einzufangen.“ „„Seine Keckheit ſetzt mich in Erſtau⸗ nen,“ ſprach Frau von Valry vor ſich hin, den kuͤhnen kleinen Sprecher mit theilnehh menden Blicken betrachtend.. „Da ſeht,“ fuhr Cabri zu den Sol daten gewandt fort,„ laͤngs der Mauer flog er hin, durch den kleinen Hof da ſeht dort herum, grade als Ihr eintratet, verlor ich ihn aus dem Geſicht.“ „Auf, ihm nach,“ gebot Raimond ſei⸗ nen Leuten,„vielleicht holt Ihr ihn noch ein. Kommt Ihr Herren, Ihr koͤnntet ih * 53 — verfehlen, ich will Euch fuͤhren,“ rief der junge Schleichhaͤndler; und ſo als erſuche er die Frau von Valry um Erlaubniß dazu, fluͤſterte er:„bei der erſten Gelegenheit ent⸗ ſpringe ich ihnen und fluͤchte in das Gebirge. Ich werde nie vergeſſen, gnaͤdige Frau, was Sie fuͤr mich thaten.“ Dann eilte er hinaus von den Soldaten gefolgt.— Es war Zeit daß er ſich entfernte, denn kaum war er fort, als auch der Obriſt, welcher den falſchen Jockey ſogleich erkannt haben wuͤrde, von mehreren Offizieren und Landleuten ge⸗ folgt, hereintrat. „Mein Regiment ſteht bereit,“ ſor er,„„Alles iſt zum Aufbruch fertig. „So bald ſchon?“ fragte dnu von Valry erſchrocken. „Noch in dieſer Nacht geſchieht der Angriff,“ verſicherte ihr Gatte.. Dieſe Kunde erſchuͤtterte die um das Schickſal ihres Kindes ſo angſtvoll beſorgte Mutter auf das Burchtbarſte; denn 16 ie fuͤrch⸗ 54 — tere, es werde dem Jacques Morand nun⸗ mehr an Gelegenheit fehlen, noch vor Be⸗ ginn des Kampfes von den Schleichhaͤndlern Nachricht uͤber ihren Sohn zu erhalten, und leicht koͤnne die gaͤnzliche Vertilgung derſel⸗ ben, es ihr unmoͤglich machen je die Spur des bisher Todtgeglaubten aufzufinden. „Bevor wir aufbrechen,“ nahm der Obriſt wieder das Wort,„muß ich noch ei⸗ nen Befehl des Herrn Gouverneurs bekannt machen, und zu den Landleuten gewandt, fuhr er fort.„Bewohner dieſes Dorfes, es iſt Euch bei Todesſtrafe verboten, mit den Schleichhaͤndlern irgend eine Verbindung zu unterhalten.“⸗ 3 „Frau von Valry blickte aͤngſtlich auf den Gaſtwirth, welcher heftig zu erſchrecken ſchien. „Dieſelbe Strafe,“ ſprach ihr Gatte weiter,„trifft diejenigen, welche 55 — Norand wird es nicht mehr wagen, was nun beginnen?“ dachte die ungluͤckliche Mut⸗ ter; aber raſch entſchloſſen nahm ſie ihre ganze Seelenkraft zuſammen, und als nun⸗ mehr der Obriſt nachdem er ſie zum Ab⸗ ſchiede zaͤrtlich an ſein Herz gedruͤckt hatte, an der Spitze ſeines Regiments unter dem Schall kriegeriſcher Inſtrumente, zur Vertil⸗ gung einer Menge veraͤchtlicher Menſchen, in deren Mitte vielleicht ihr Sohn weilte, den Felſen hinanzog, rief ſie den dienſtfertigen Gaſtwirth, mit den Worten:„kommt Jac⸗ ques ich habe mit zu reden,“ zu ſich in ihr Zimmer. 4. Schon hatte die Koͤnigin des Tages ih⸗ ren heutigen Lauf bis uͤber die Haͤlfte vollendet, und nach und nach ſank ſie in Weſten hinter den wilden Felſen von Boza hinab, in deren Mitte, einem ausgebrannten Vulkane gleichend, die ſchon erwaͤhnte Brandruine mit ihrem verfallenen, von Rauch geſchwaͤrzten und mit ſtruppigem Gebuͤſch durch⸗ und umwachſenen Mauerwerk gelegen war. Dieſe Truͤmmer hatten ſeit jenem Augenblick, in welchem dort der Sohn des Gouverneurs der Sage nach von der Hand Bertrands den T d fand, der in dieſen Gebirgen hauſend Schleichhaͤndlerbande zur Niebeuagr⸗ und n Zufluchtsort gedient, und auch jetzt hatten ſich diejenigen die den Verfolgungen der Sol⸗ daten entkommen waren, hieher gefluͤchtet. Mit ſcheuen Blicken um ſich ſchauend ſtanden ſie hinter den Felſen und Gebuͤſchen verſteckt, nach der Gegend hinhorchend, von woher ih⸗ nen Gefahr drohte. „Laͤnger auf Cabri warten waͤre Toll⸗ heit, hieße uns ſelbſt der Gefahr Preis ge⸗ ben;“ unterbrach endlich Baldi, das Haupt der Bande, das dumpfe Schweigen; nehmt was uns von den Waaren uͤbrig geblieben und auf und davon!— Doch halt, jetzt glaube ich etwas zu hoͤren.“—— Nahende Fußtritte wurden auch in der That vernehmbar:—„Ich bin es, ich— ich— der Cabri!“ erſcholl es aus dem Ge⸗ buͤſche und in dem naͤchſten Augenblick ſprang der kecke Burſche, noch immer in der Livree des Obriſten gekleidet, hinter einem Felſen⸗ Kuͤk hervor.„Nun da bin iche nefe 4,— „das s hat Muͤhe gekoſtet!— G „Haſt Du Dich erwiſchen laſſen?“ fragte Baldi.— „Es ging noch ſo mit genauer Noth ab,“ entgegnete Cabri.„Ohne dieſe Klei⸗ dung aber— und ohne den Beiſtand der Frau des Obriſten, haͤtten ſie mich gefaßt.“ „Der Frau des Obriſten?“ „Ja Vater, die hat mich gerettet.“ „Sie wußte alſo nicht wer du warſt?“ forſchte Baldi weiter. „Ja freilich wußte ſie's“ erwiderte de Knabe; aber ſie hatte Mitleid mit mir. Auch werde ich ihre Wohlthat nimmer ver⸗ geſſen, und kann ich ihr je meine Dankbar⸗ keit beweiſen—— „Dankbarkeit—“ unterbrach ihn das furchtbare Haupt der Schleichhaͤndler.— „Dummkopf!“ die bringt nichts ein.—— Sprich giebts nichts neues? Haſt Du nichts erfahren? „Noch in dieſer Nacht wollen die Trup⸗ pen uns angreifen,“ berichtete Cabri,„in 59 dieſem Augenblick ſchon ziehen ſie gegen die Berge heran.“ „Muth gefaßt, Cammeraden,“ rief Baldi der erſchrockenen Bande zu,“ wir wollen ihnen ſchon entwiſchen, zuvor aber muͤſſen wir verſuchen uns durch einen Gewaltſtreich der Gefahr zu entziehen, die uns droht; es ſteht in unſerer Macht, hoͤrt zu:“ er winkte ſie naͤher und Alles draͤngte ſich um ihn.„Erinnert Ihr Euch,“ fuhr er fort,„wie vor ſechszehn Jahren der wackere Bertrand uns Alle rettete, indem er dem Anfuͤhrer der Piemonteſer den Tod gab.“ „ Der wackere Bertrand, ſagt Ihr?“ nahm einer aus der Bande das Wort, „Ihr ſeyd zu beſcheiden, habt Ihr doch die Arbeit wenigſtens zur Haͤlfte mitgethan.“ „Gleichviel,“ unterbrach ihn Baldi— „Heute droht uns nun dieſelbe Gefahr, wa⸗ rum uns nicht deſſelben Mittels bedienen? Jelgen wir Bertrand's Beiſpiel, der 4 Qbriſt Valry falle. Ihres Anfuͤhrers beraubt, ſchlagen wir die Piemonteſer leicht in die Flucht; ein einziger von uns reicht hin ihm den Todesſtoß zu geben— wer will die That vollbringen.“ „Ich— ich— ich!“ rief die fureht⸗ bare Menge durcheinander, Cabri allein ſtand von Entſetzen erfaßt, ſchweigend da. „Das Loos entſcheide,“ ſprach ihr Anfuͤhrer,„kommt.“— Allle ſchickten ſich an, mit ihm zu gehen, Cabri nur blieb re⸗ gungslos.„Nun Cabri,“ rief der Vater „Ich folge Euch nicht,“ entgegnete der Knabe mit flammenden Augen„Euer Vor⸗ ſchlag empoͤrt mich.“ „Unverſchaͤmter Bube!“ zuͤrnte Baldi. „Ich lege keine Hand an ihn, er iſt der Gatte meiner Wohlthaͤterin,“ ſprach Ca⸗ bri entſchloſſen. „Iſt er nicht auch Dein Feind?“ fragte das Haupt der Schleichhaͤndler,„hat *—— „ 8 641 — er nicht geſchworen uns alle bis auf den letzten Mann zu vertilgen?“ „So wollen wir uns,“ antwortete der Knabe,„bis auf den letzten Mann verthei⸗ digen, wie es tapferen Maͤnnern geziemt, im offenen Kampf, nicht aber wie Meuchel⸗ moͤrder.“ 4 „Schweig Bube,“ donnerte Baldi und ſeine Augen rollten,„es iſt nicht das Erſte⸗ mal daß Du Dich meinem Willen wider⸗ ſetzeſt. Oft ſchon bemerkte ich, daß Du Dich eines Gewerbes ſchaͤmteſt, in dem dein Vater alt geworden.— Aber, Hoͤllenele⸗ ment, Du ſollſt mir gehorchen oder—— „Macht mit mir was Ihr wollt, Va⸗ ter,“ unterbrach ihn Cabri, ſchlagt mich, mißhandelt mich— Ihr werdet dennoch nie einen Meuchelmoͤrder aus mir machen.“ „Noch ein einziges Wort, Unverſchaͤm⸗ ter,—“ ſchrie der Wuͤtherich, und ſeine Hand wie zum Schlage ballend, ſtuͤrzte er auf den Knaben zu, der unfehlbar die — Schwere ſeines Arms gefuͤhlt haben wuͤrde, haͤtten ſich nicht einige der Bande ſchnell ins Mittel gelegt, und ihren Anfuͤhrer daran er⸗ innert, daß es jetzt andere Dinge zu thun gaͤbe;„Ihr habt Recht,“ ſprach Baldi ſeine Wuth bezaͤhmend;„hinein in die Ruine,“ tobte er dann zu Cabri gewandt, ſieh' nach ob dort nichts zuruͤckgeblieben, dann bleibſt Du auf der Lauer, und giebſt uns ein Zei⸗ chen wenn es Noth thut.— Sinne nicht uͤber Verrath, ich rathe Dir Gutes. Ver⸗ ſuche es nicht etwa Dich davon zu machen, ich halte Dich im Auge, und bemerke ich der⸗ gleichen, alle Teufel! da ſollſt Du mich ken⸗ nen lernen.“ So ſprechend eilte er von dannen von den Schleichhaͤndlern gefolgt, waͤhrend Cabri ſein Geſicht mit den Haͤnden bedeckend und tief aufſeufzend:„ich Ungluͤck⸗. licher bin der Sohn dieſes Grauſamen,“— langſamen Schrittes in die Ruine trtt. Kaum war hhnre dem ſchwarzen Ge⸗ maͤuer verſchwunden, als ſich demſeiben auch 63 — ſchon von der entgegengeſetzten Seite her zwei andere Geſtalten naͤherten, von der die eine, welche in weiblicher Bauerntracht geklei⸗ det, der Andern ihrem Fuͤhrer, nur muͤhſam zu folgen vermochte.„Ich ſehe niemand, gnaͤdige Frau, nur Muth gefaßt,“ ſprach Jacques Morand, denn dieſer war es, welcher jetzt ſeiner Gefaͤhrtin der Frau von Valry behuͤlflich war ein hervorſpringendes Felſenſtuͤck zu uͤberſteigen. „Mir gebricht es nicht an Muth, ehr⸗ licher Jacques,“ entgegnete Frau von. Valry, aber ich bin ſo erſchoͤpft.—„Die boͤſen Felſenpfade—“" ſo ſprechend lehnte ſie ſich ermattet an einen Baum. „Sind allerdings eben nicht bequem,“ nahm ihr Geleitsmann wieder das Wort; „auch mußten wir manche Umwege machen — die Befehle des Gouverneurs ſind gar ſtrenge.— Ich moͤchte ſelbſt pruͤgeln, daß ich ein ſo gutwillig Narr war. Als ich Sie aber da ſo ſah, in Jeannettens 64 Kleldern, entſchloſſen den Weg allein anzu⸗ treten, regte ſich mein Mittleid und ich mußte Sie begleiten.“ „Ihr ſeyd nicht reich, ehrliche Jac⸗ ques,“ unterbrach ihn die Obriſtin,„ich wiederhole es Euch, meine Dankbarkeit ſoll keine Graͤnzen kennen.“. „Gar guͤtig; gnaͤdige Frau,“ verſetzte der Gaſtwirth, mit aͤngſtlichen Blicken um ſich ſchauend,“ aber was kann mir aller Reichthum nutzen, fallen wirl den Soldaten in die Haͤnde— Ihr habt ja ſelbſt den Be⸗ fehl gehoͤrt.“ 5 „„Haben wir denn noch weit,“ fragte die Frau von Valry. „Faſt noch einmal ſo weit als wir ge⸗ gangen ſind, denn der Baldi hat ſich gewiß in ſeinen fernſten Schlupfwinkel zuruͤckgezo⸗ gen,“ erwiderte Jaeques 35 „Großer Gortz!“ ſeufzte die Obriſtin. „uUnd noch weit ſchlimmere Wege,, fuhr ihr Fuͤhrer fort;„ſchmale Gaͤnge in 65 — Felſen gehauen, Abgruͤnde, Sehjuchteng an allen Seiten.“ „Immerhin;“ rief die angſterfuͤllte Mutter,„laßt uns weiter, ich werde alle meine Kraͤfte zuſammennehmen;“ ſo ſprechend, raffte ſie ſich empor, aber nur zu deutlich ſah ihr Gefaͤhrte, wie ſie außer Stande ſey, den langen Weg zuruͤckzulegen. „Halt,“ ſprach er,„da koͤmmt mir ein Ge⸗ danke.— Wie waͤrs, wenn ich den Nicolo Baldi allein aufſuchte.— Sie harrten mei⸗ naer unterdeſſen hier.“ A. „Wenn Ihr das wolltet, ehrlicher Jacques,“ ſprach Frau von Valry. „Nur ein wenig Geduld,“ fluͤſterte ihr Morand zu,„ich laufe was ich kann, und wenn ich nicht den Hals breche, oder in ir⸗ gend einen aüügrund ſtuͤe kahre ich bald zuruͤck.“ h So ſprechend eilte z den Berg. hinan, 3 uns war ſchon nach wenigen Momenten vor den Blicken ſeiner Begleiterin verſchwunden, 66 — welche nunmehr in angſtvollen Betrachtungen vertieft auf ein Felsſtuͤck niederſank. „Die Hoffnung meinen Sohn wieder zu finden,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„ihn zu retten, falls er ſich unter den Schleichhaͤnd⸗ lern befindet, hat mich die gefaͤhrliche Lage meines Gatten vergeſſen laſſen.— Wenn man argwoͤhnen ſollte— doch wozu auch ſolche Beſorgnißs.. Ohne Zweifel iſt es den Schleichhaͤndlern unbekannt, daß Ber⸗ trand der Vater jenes Kindes.— Gregoria konnte dies ja nicht behaupten.— Ueber⸗ dem kennen ſie mich ja nicht, und die Ver⸗ kleidung ſetzt mich außer aller Gefahr,— dennoch aber— ich bin allein, wenn etwa einer jener Elenden—“ Bei dieſen Worten blickte ſie ſcheu umher, und ploͤtzlich gewahrte ſie nun Cabri, welcher in ſeiner eigenthuͤ:⸗ lichen Tracht mit niedergeſenktem Haupte— ſo eben wieder aus der Ruine trat. 2 Waß ſehe ich!“ rief ſie erſtuunt. as Eabri⸗ von ihrem Rufe aus ſeinem 4 — Nachdenken aufgeſchreckt, ſchlug ſeinen Blick empor,„was iſt das,“ fragte er naͤher eilend, nicht wißend ob er ſeinen Augen trauen ſolle;„Ich irre mich nicht— Sie ſind es, gnaͤdige Frau— und verkleidet— hier im Gebirge.— Ein wichtiger Beweg⸗ grund muß Sie hieher fuͤhren.— Sprechen Sie, ſprechen Sie,— kann ich Ihnen dabei von Nutzen ſeyn, o ſo rechnen Sie auf mei⸗ nen ganzen Eifer. Sie haben mir das Leben gerettet und ich wuͤrde mich gluͤcklich fuͤhlen, koͤnnte ich Ihnen einen Beweis meiner Dank⸗ barkeit geben.“ „Ja, das kannſt Du,“ ſprach Fran von Valry nachdem ſte ihre Faßung einiger⸗ maßen wieder gewonnen hatte.„ Schon beim erſten Anblick empfand ich Theilnahme fuͤr Dich, und Deine Freude jetzt bei mei⸗ nem Erſcheinen, beweißt mir daß Du ver⸗ dienſt, was ich fuͤr Dich gethan.“ Glauben Sie mir, gnaͤdige Frau,“⸗ betheuerte der Knabe,„dadurch daß Sie 5*½ — * 68 mich einer ſchmachvollen Strafe er haben Sie mich das Entehrende unſeres Ge⸗ werbes ſo recht fuͤhlen laſſen. Ich moͤchte vor Schaam vergehen, und mag auch mein Vater zuͤrnen wie er wlll, ich bin entſchloſſen, dem nichtsnutzigen Getreibe auf immer zu entſagen.“ „Beharre in dieſem Vorſatz,“ ſprach die Obriſtin,„und kann Dir dann meine Fuͤrſprache nuͤtzen,——“„) „Jetzt nichts von mir, gnaͤdige Frau,“ unterbrach ſie Cabri,„was fuͤhrt Sie hier⸗ her in das Gebirge?“ „Ich ſuche einen der Schleichhaͤndler auf,“ antwortete die Obriſtin. „Einen der Schleichaͤndter?⸗ fragte der Knabe erſtaunt. „Ich muß ihn ſprechen,“— rief Frau von Valry,“ das Gluͤck meines Lebens haͤngt daran, Jacques ging ihn aufßuſuchene ich harre ſeiner Ruͤckkehr.“ 5 „Ich kenne ſie alle,“ bemerkte 3 Verbindung ſtand?“ 69 bri,⸗⸗ wam Sie mir ſeinen Ramen nennen wollten...⸗⸗ „Nicolo Baldi ſoll er heißen,“ erwi⸗ derte die Obriſtin. „„Nicolo Baldi? Gnaͤdige Frau— das iſt mein Vater.“ „Dein Vater?“ wiederholte Frau von Valry mit graͤnzenloſem Staunen. „Ja, und das freuer mich jetzt; jubelte der Kleine,„denn ich kann Ih⸗ nen nun vielleicht um ſo mehr von Nutzon ſeyn.“ „Das waͤre moͤglich.— Sprich, warſt Du ſtets bei deinem Vater?“ „Seit vielen Jahren wenigſtens, kam ich nie von ſeiner Seite.“ „Erinnerſt Du Dich eine alte Frau, Namens Gregoria, geſehen zu haben, eine Bettlerin, die mit den Schleichhändlerm in „Ja, ja, ich erinnere mich,“ ehtgegtet⸗ Labnt nach kurzem Nachſinnen, Aih war 70 — mals noch klein ſie aber war ſchon recht alt— ſie nahm mich oft mit ſich.“ „Dich?“ fragte die Obriſtin erſtaunt. „Das eben aͤrgerte mich, ſuhr der Kleine fort,„denn ſie war boͤſe, recht boͤſe, ſie ſchlug mich und ließ mich hungern. „Großer Gott!“ ſeufzte Frau von Valry.—— „Als ich groͤßer ward,“ nahm Cabri wieder das Wort,„ließ mich der Vater nicht von der Seite, und ſpaͤterhin ſah ich ſie gar nicht mehr. Ich glaube indeß gehoͤrt zu ha⸗ ben, daß ſie geſtorben ſey, da aber unter uns keiner den andern beweint, wird ein ſolcher Todesfall bald vergeſſen.“ „Wie alt biſt Du?“ forſchte de Obriſtin. „Genau weiß ich es ſelbſt nicht,“ erwi⸗ derte der Kleine,„aber ich denke ſo ſi ebaah bis achtzehn Jahre.“ Hoffnung und Zweiſel wogten awechſeim in der Seele der tiefbekuͤmmerten Mutter— 71 „biſt Du Baldi's einziges Kind?“ fragte ſie nach einer Pauſe, mit bebender Stimme. „Ja gnaͤdige Frau,“ antwortete der Knabe. „Sahſt Du nie einen andern Knaben bei ihm?“ 1. „Nie!“ „Er der Einzige alſo,“ ſprach Frau von Valry vor ſich hin,„mein Herz pocht immer lauter.— Erinnerſt Du Dich nie deine Mut⸗ ter geſehen zu haben?“ fuhr ſie darauf zu dem Kleinen gewandt fort. „Meine Mutter!— Ach, gnaͤdige Frau, ſprechen Sie nicht von meiner Mutter, jedesmal, wenn ich an die denke, muß ich weinen.— „Armes Kind, Du haſt ſie wohl ſehr geliebt?“ fragte die Obriſtin. „Ach ja, aber leider ohne ſie zu ken⸗ nen,“ entgegnete der Knabe. „Was ſagſt Du?“ „ en habe meine Mutter nie ohthen 9 72 „Waͤr's moͤglich!“ „Haͤtte ich ſie gekannt,“ rief Cabri lebhaft aus,„wie haͤtte ich ſie lieben wol⸗ len!— Sie wuͤrde nicht zugegeben haben, daß man mich zum Verbrecher erzogen haͤtte— ich waͤre gut und ehrlich geworden.. Ach, gnaͤdige Frau, wie iſt ein Kind zu beklagen, hat es die Mutter verloren!“ „Nicht mehr als die Mutter die ihr Kind beweint,“ verſetzte Frau von Valry bedeutend,„ſprich Knabe, ſprich die Wahr⸗ heit, kam Dir nie ein Zweifel, daß Nicolo Dein Vater ſey?⸗ 4 „Wie das, gnaͤdige Frau,“ fengte der Kleine verwunderungsvoll. „Er hat Dich vielleicht nur angenom⸗ men, erzogen?“ fuhr die Obriſtin dringen⸗ der fort. 8. „Ach nein,“ entgegnet⸗ Cabri traurig, ich bin ſein Sohn.— Aber deeſe Sinden gnaͤdige Frau.. 8 —„Seten Dich in Erſtaunen, nicht wahe?⸗ 2 73 unterbrach ihn die Gattin des Obriſten,„er⸗ fahre denn, daß ich herkam, ein Kind zuruͤck⸗ zufordern, das einſt jener Gregoria uͤbergeben ward.— Dein Alter, Baldis Bekannt⸗ ſchaft mit dem Weibe, erregte bei mir den Gedanken... „Daß ich jenes Kind ſeyn koͤnnte,“ fiel Cabri lebhaft ein,„wollte Gott!“ hier er⸗ faßte er die Hand der Frau von Valry und druͤckte ſie zaͤrtlich,„aber nein, das iſt un⸗ moͤglich; ich bin Nicolos Sohn, es iſt leider nur zu gewiß.“— „Und dennoch kann ich es nicht glau⸗ ben, bis er es mir ſelbſt betheuert“ nahm die bekuͤmmerte Mutter wieder das Wort,— wo er nur bleibt, meine Ungeduld waͤchſt mit jedem Augenblick.“ 1 „„Er wird fruͤh genug erſcheinen, um 1 Ihre Hoffnungen zu vernichten,“ verſetzte der Knabe.„Sobald Sie ihn aber ge⸗ ſprochen haben, muͤſſen ſie ſchnell wieder von hinnen. Die Piemonteſer werden 74 bald eintreffen, ſchrecklich wird der Kampf ſeyn. Die Unſeren ſind tollkuͤhn und ver⸗ zweiflungsvoll werden ſie ſich wehren.“ „Und auch Du wirſt mit fechten?— fragte Frau von Valry mit vor Angſt hoch⸗ klopfendem Herzen. „Mein Vater wird dabei ſeyn, ich darf ihn nicht verlaſſen,“ erwiderte Cabri. „Großer Gott!“ rief die Obriſtin. „Ich beſchwoͤre Dich, gieb mir das Ver⸗ ſprechen, keinen Theil an dem Gefecht nehmen zu wollen, bei dem, was ich fuͤr Dich that, bitte ich Dich, erfuͤlle mein Flehen.“ „Wohlan, gnaͤdige Frau, ich vermag Ihnen nicht zu widerſtehen,“ entgegnete der Knabe nach kurzem Beſinnen,„ich will mich Ihrem Willen unterwerfen, und nur dann zu den Waffen greifen, wenn meines Vaters Leben gefaͤhrder werden ſollte.“ 75 Hier ward das Geſpraͤch unterbrochen, denn Nicolo Baldis furchtbare Geſtalt im braunen Mantel, den breitkrempigen Hut tief in das Antlitz gedruͤckt, trat ploͤtzlich hinter einer Felſenecke hervor. 76 5. „Was machſt Du da?“ tobte mit don⸗ nernder Stimme das Haupt der Schleich⸗ haͤndler, naͤher tretend zu ſeinem Sohne ge⸗ wandt,„gieb Antwort, was machſt Du hier? wer iſt die Frau?“ „Vater, ſeyd Ihr dem Jacques nicht begegnet?“ fragte Cabri. „Jacques? Nein, iſt er hier? was will er von mir?“ „Er diente der gnaͤdigen Frau dort zum Fuͤhrer,“ verſetzte der unbedachte Knabe. „Der gnaͤdigen Frau?“ wiederholte Baldi, einen veraͤchtlichen Blick auf die in Bauerntracht Gekleidete werfend. 77 — „Er ging Euch fuͤr ſie um eine kurze Unterredung zu bitten,“ fuhr der Kleine fort. „Mich? Ich habe keine Zeit.“ „Nur einen Augenblick—⸗ begann jetzt Frau von Valry, war aber genoͤthigt ihre ganze Faßung zuſammen zu nehmen um dieſe wenigen Worte uͤber ihre Lippen zu bringen, denn die ſurchtbare Geſtalt und das wilde Benehmen des Schleichhändlers mach⸗ ten ſie erbeben.* „Faßt Euch kurz,“ getot Baldi, nach⸗ dem er einen Moment lang ſein furchtbares Augenpaar auf die Bittende gerichtet hatte. „Ich wuͤnſche Auskunft uͤber eine Frau, Namens Gregorig,“ nahm Frau von Valry zitternd wieder das Wort;„Sie hatte, wie Ihr wißt, ſtets einen Knaben bei ſich.“ 2„Einen Knaben? Nun was ſolls mit dem?“ fragte Baldi etwas beſtuͤrzt. „Er ward ihr vor ſechszehn Jahren übergeben und— iſt—— e 78 — „Was geht das mich an?“ „Hoͤrt mich doch nur weiter,“ gat die Obriſtin. „Ich will nicht.“ „Ich bitte Euch, Vater!“ flehte Cabri. „Schweig, ſchaff' die Frau fort;“ don⸗ nerte der Wuͤtherich.„Fort mit ihr, oder beim Teufel— „Seyd doch nicht ſo hart gegen ſie,“ bat der Kleine,„ihr verdankt Ihr ja das Leben Eures Sohnes.“ 8„Was?—“ fragte der Sohleichindler und ſeine Blicke ruhten forſchend auf der vermeintlichen Baͤuerin. „Ja, ja, ſie war es die mich den Ver: folgungen der Piemonteſer entzog, ſeyd doch milde, ich bitte Euch, gegen meine WBaht thaͤterin.“ „Wie, was?“ kreiſchte Balbi, und raſch auf die ob Cabris Unvorſichtigkeit Be⸗ bende zutretend, fragte er mit donnernder Stimme:„Ihr ſeyd alſo die Gattin des Obriſten Valry?“ Die Befragte vermochte nicht zu ant⸗ worken, und ſchon wandte ſich Nicolo um ſeine Genoſſen herbei zu rufen:„Was wollt Ihr thun?“ fragte Cabri den Vater angſt⸗ voll beim Mantel erfaſſend. 3 „ Dummkopf, erraͤthſt Du das nicht,“ hohnlachte der Schleichhaͤndler:„ſie iſt das Weib unſeres bitterſten Feindes; der Zufall wirft ſie in unſere Mitte; wir halten ſie feſt als Geiſſel. Ihr Leben ſoll uns fuͤr das unſerer Kameraden buͤrgen, welche etwa in die Haͤnde der Piemonteſer fallen moͤchten.“ „ Vater, ſie hat mein Leben gerettet!“ rief Cabri verzweiflungsvoll. Baldi aber ſtand unerbittlich da:„Ungluͤcklicher,“ nahm Frrau von Valry, uͤberzeugt daß jedes Be⸗ muͤhen Baldis Mitleid zu erwecken unnuͤtz ſey, etwas muthiger als zuvor das Wort. „Seht Ihr denn nicht ein, daß Ihr durch 80 ein ſolches Verfahren Euren Untergang nur um ſo gewiſſer herbeifuͤhrt? Der Zorn mei⸗ nes Gatten und ſeiner Krieger wuͤrde keine Graͤnzen kennen. Wenn Ihr dagegen meine Wuͤnſche erfuͤllt, erwerbt Ihr Euch heilige Rechte auf meine Erkenntlichkeit— auf die meines Gatten.— Und wenn es Euch nun gar moͤglich waͤre, mir das Kind, von dem ich ſprach, wiederzugeben, ich wuͤrde Euch mit Freuden einen Theil meines Vermoͤgens opfern.“ Nicolo ſchlug ſeine Arme kreuzweis uͤber⸗ einander und heftete neuerdings einen for⸗ ſchenden, ſtechenden Blick auf ſie.—„Ihr habt nicht Unrecht,“ ſprach er endlich,„ ſo gehts beſſer.—„Geh, und ſuche den Jacques auf, daß er die Frau zuruͤckgeleite,“ gebot er dann dem Cabri mit donnernder Stimme,„fort, und laß Dich nicht wieder⸗ ſehen, bis ich Dich rufe.. madee „Wie, Ihr verbietet mir—„, „Fort, ſag ich Dir, oder..... 81 — „Ich gehorche,“ ſprach Cabri; und um ſo ſchnell als moͤglich den Jacques auf, zufinden, auf daß er die Frau von Valry in Sicherheit braͤchte, ſprang er raſch den Fel⸗ ſenpfad hinan. „Jetzt ſind wir allein,“ nahm Baldi als ſich der Knabe entfernt hatte, das Wort.— „Nun frei heraus mit der Sprache und faßt Euch kurz, ich habe keinen Augenblick zu verlieren.— Ihr ſpracht von einem Kna⸗ ben, wann ward der Bube der alten Hexe Gregoria uͤbergeben?““ „Im Juni Monat vor ſechszehn Jah⸗ ren,“ antwortete Frau von Valry. „Wo?* 1 „In dieſen Gebirgen, doch weiß ich den Ort nicht genau.“ *, Wie hieß das Kind? „Carl.“ 3 G „ und einen Theil Eures Vermoͤgens wollt Ihr opfern, wuͤrde Euch das Kind wiedergegeben?“ 8 82 — „Ja, und mit Freuden!“ „Nun wohlan,“ verſetzte Baldi,„Ihr habt es ſo eben geſehen.“ „Wie, meine Ahnung haͤtte mich nicht getaͤuſcht?“ rief Frau von Valry, der ſo eben—— „Er iſt's.“. 5 „Ach weshalb ſagtet Ihr das nicht fri⸗ her?“ ſeufzte die Mutter, die ihr Kind wie⸗ dergefunden hatte.„Wann werde ich ihn wiederſehen?“ 4 Dus haͤngt von Euch ab,“ entgegnete „Sprecht, ſprecht, was verlangt Ihr? . nef die Obriſtin lebhaft. „ Das will ich Euch ſagen,“ erwiderte Baldi.„Ihr nehmt großen Antheil an dem. Kunaben?“ „Innigen, innigen Antheil!“ „Waͤrt Ihr vielleicht ſeine Mutter?“ fragte ber Sehlelchhändter mit einem lauern⸗ 2 er, 3 2 83 der, Ihr ſchweigt; ſo will ich die Antwort fuͤr Euch geben. Eure Unruhe— der Eifer, mit dem Ihr von dem Buben ſpracht— Euer Erſcheinen hier— die Gefahr, der Ihr Euch ausgeſetzt— nur eine Mutter ehur der⸗ gleichen.“ „Ihr irrt; ich wollte nur——“ ſtam⸗ melte Frau von Valry außer Faßung. „ Hofft nicht mich zu betruͤgen,“ fuhr Nicolo mit donnernder Stimme fort, „Ihr ſeyd die Mutter— Jeyb Thrreſ Marcian.““ „Ewiger Gott!“ jammerte die orneiſin die Haͤnde ringend. „Und der Vater⸗ kreiſchte Batbi, „welchen Namen er d jetzt auch immer tragen 4 mag, i⸗kein anderer als Bertrand, unſer alter Camerad. Wie er zum Obriſten⸗ Rang gekommen, weiß ich nicht, auch kuͤm⸗ merts mich wenig. Daß er aber jetzt die Truppen anfuͤhrt, die gegen uns ausgeſchickt wurden, das geht mich an. Er kann uns 6* 84 ſagt ihm, daß wenn ſeine Truppen nicht gleich Halt machten, ſein Sohn auf immer fuͤr ihn verloren ſey; laͤßt er uns aber Zeit 3 zu entfliehen, unſere Waaren mitzunehmen, ſoll er den Buben zuruͤck haben.“ „„ Wie ſoll er abe/.. fragte Frau von Valry mit bebender Stimme „Das iſt ſeine Sache“„, unterbrach ſie Baldi. „Der Gouverneur”— „Geht mich nichts an, ſte moͤgen ſi ſ6 mir einander abfinden.“ „Grauſamer Mann!“ jammerte die Ungluͤckliche. „Da kommt Jacques,“ rief der Schleichhaͤndler, den Gaſtwirth gewahrend, welcher jetzt den Felſen herabeilte.„Macht daß Ihr fortkommt, ſagt Eurem Mann, daß wenn er fortfaͤhrt uns zu bekriegen, er nie nur ſeinen Sohn nie wieder ſehen ſoll, retten uͤnd er ſoll uns retten. Kehrt zu⸗ ruͤck zu ihm, erzaͤhlt ihm unſer Geſpraͤch, —y—— “ 85 dern daß ich nicht ſterben werde ohne daß ich dem Gouverneur von den erſten Helden⸗ thaten des Obriſten Valry erzaͤhle. Vergeßt nicht was ich Euch ſagte, und denkt daran, 4 daß Nicolo Baldi der. Mann iſt ſein Wort zu halten.“ So ſprechend eilte er von dannen, Frau von Valry in einem furchtbaren Seelenzu⸗ ſtande der Sorge des unterdeſſen naͤherge⸗ kommenen Jacques Morand uͤberlaſſend; welcher ſich eine Weile lang nur vergebens bemuͤhte, ſich der ungluͤcklichen Gattin und Mutter bemerkbar zu machen, die von der entſetzlichſten Angſt gefoltert, daruͤber nach⸗ ſann, was ſie in tihrer verz zweiflungsvollen Lage zu beginnen habe.„Was ſoll aus uns werden,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Nach ſo vielen Nachforſchungen finde ich endlich den theuren Sohn wieder, nur aber, um ihn vielleicht auf immer zu verlieren!— Miir bleibt keine Wahl,— ich muß meinem Gatten alles vertrauen,— vielleicht finden 86 — wir vereint ein Mittel das Entſetzlichſte zu verhuͤten. Kommt, ehrlicher Jacques, fort zu ihm!“ rief ſie darauf laut zu ihrem Fuͤh⸗— rer gewandt. „Zu wem, gnaͤdige Frau?“ fragte der Gaſtwirth. „Zu dem Obriſten.“ „Wenn wir den Piemonteſern begeg⸗ nen, wollen Sie ſich alſo zu erkennen geben?“ „éUm des Himmelswillen nicht; nentgeg⸗ nete Frau von Valry,„der Gouverneur wuͤrde meinen Schritt erfahren, und den Beweggrund deſſelben kennen wollen. Wir muͤſſen Sorge tragen, daß uns niemand be⸗ merkt; ſchnell alſo in Euer Haus zuruͤck; dort werfe ich dieſe Kleider ab, und dann fliege ich zu meinem Gatten.— Gebe Gott, daß ich nicht zu ſpaͤt komme 10⸗ „So wollen wir eilen,“ ſprach Jac⸗ aues,„der Angriff wird wie ich hoͤre, —— . 87 — nicht vor Abend ſtatt ſinden, und bis dahin haben wir noch eine gute Stunde.“⸗ Sie wollten von dannen, ploͤtzlich aber hemmten ſie ihre Schritte:„hoͤrten Sie nichts?“ fragte der Wirth.— „Ich glaube den Schall nahender Schritte zu vernehmen,“ entgegnete Frau von Valry und ihr Herz pochte angſtvoll. „Ich hoͤre Waffengeklirr,“ fuͤſterte Jacques,„das ſind die Piemonteſer.“ „Laßt uns einen andern Weg einſchla⸗ gen,“ bat die Obriſtin. „Hier, dieſen,“ meinte Morand,„doch nein, auch dort ſehe ich Waffen blinken— Teufel, wir ſind eingeſchloſſen“⸗ 8 „Sie kommen naͤher— was Pen nen?“ jammerte Frau von Balrh die Haͤnde ringend.“ „Nur die Ruine dort kann uns vor ihren Blicken verbergen,“ rief der Gaſt⸗ wirth,„omnen Sie, gnaͤdige Frau, kome 8 men Sie.— 8 1 88 — So ſprechend zog er ſeine bebende Gefaͤhrtin mit ſich in die von Rauch ge⸗ ſchwaͤrzten Truͤmmer, wo ſie ſich hinter der verfallenen Mauer zu verbergen bemuͤht wa⸗ ren. Kaum hatten ſie ſich dorthin zuruͤckgezo⸗ gen, als auch ſchon die Piemonteſer von zwei entgegengeſetzten Seiten anlangten, die eine Abtheilung ward von dem Major Rai⸗ mond angefuͤhrt, an der Spitze der Andern befand ſich der Obriſt ſelbſt.. „Nun, Herr Major,“ ſprach der Letztere nachdem die Truppen Halt gemacht hatten zu Raimond gewandt,„haben Sie nichts entdeckt?“ „Kein Schleichhaͤndler kam uns zu Ge⸗ ſicht,“ entgegnete der Befragte.„ Aber ein Mann, der Tracht nach ein Bauer aus die⸗ ſer Gegend, und ein Weib, wurden von ei⸗ nigen unſerer Soldaten geſehen. Alles laͤßt vermuthen, daß ſie die Abſicht hatten, ihre Mitſchuldigen von unſeren Dispoſitionen 4 zu unterrichten.“ „ Man muß ſuchen ſich ihrer zu be⸗ 4 3 4 f ¹ —————oooodd.— M—/——— * 89 — maͤchtigen,“ verſetzte der Obriſt, und zu ei⸗ nem Offizier gewandt, fuhr er fort:„Capitain Riotti, folgen Sie ihrer Spur, die engſten Pfade, die Hohlwege, nichts bleibe undurch⸗ ſpaͤht; Sie, Herr Major, ſtellen Wachen aus, jedem Ueberfall vorzubengen; ich ſelbſt will hier dieſe Ruine durchſuchen, Sie keh⸗ ren alsdann hieher zuruͤck, wo ich die Ankunft des Gouverneurs erwarte.“ Der Major, welcher waͤhrend dieſes Ge⸗ ſpraͤchs dann und wann forſchende Blicke auf den Obriſten gerichtet hatte, zog jetzt dem Befehl des Letzteren zufolge mit einer Trup⸗ penabtheilung den Felſen hinan, waͤhrend Frau von Valry, die hinter dem alten Ge⸗ maͤuer die Stimme ihres Gatten vernommen— hatte, von den mannigfachſten Gefuͤhlen be⸗ ſtuͤmtt ward.— Capitain Riotti hatte ſich ebenfalls mit ſeinen Leuten entfernt, und in der Naͤhe des Obriſten befan⸗ dden ſich nur noch ein Unteroffizier und 8 einige Soldaten. Dieſer Augenblick ſchien 90 dem angſtbeklommenen Gaſtwirth guͤnſtig, ſich und ſeine Gefaͤhrtin der ſo unangenehmen Lage zu entziehen. Er trat an eine in der Mauer befindliche Oeffnung und rief dem Obriſten, welcher ſich unterdeſſen der Ruine, deren Anblick gar ſchwermuͤthige Betrachtun⸗ gen in ihm erweckte, genaͤhert hatte, mit zedaͤmpfter Stimme zu:„ Herr Obriſt, die gnaͤdige Frau und ich“— Der Obriſt 3 wußte nicht ob er ſeinen Ohren und Augen 4 trauen ſollte, als er aber gleich darauf neben dem Gaſtwirth die theuren Zuͤge der Gattin gewahrte, ahnete er daß hier kein Augenblick zu verlieren ſey, und ſich raſch zu den Sol⸗ daten wendend, welche ſeinem Befehle zu⸗ folge ſo eben im Begriff waren ſich in die Ruine zu begeben, um ſolche zu durchſuchen, gebot er ihnen Halt zu machen und zuvor das an der entgegengeſetzten Seite liegende Defilee zu beſetzen. Man that wie er ge⸗ bot, und unverzuͤglich half nun der Gaſt⸗ wirth der Frau von Valry durch die Oeffnung Baldi gehabte Geſpraͤch mitzutheilen, als nuel von den in einiger Entfernung aus. 91 in der Mauer, deren Vorſprung verhinderte, daß ſie und ihr Begleiter von den zuruͤckge⸗ bliebenen Soldaten geſehen werden konnten, welchen der Obriſt, ſobalb er ſeine Gattin außerhalb der Ruine gewahrte, ſofort den Befehl gab nunmehr das verfallene Gebaͤude zu durchſuchen. Kaum hatte er ſo jedes Spaͤherauge entfernt, als er raſch auf ſeine Gemahlin zueilte:„Weshalb dieſe Verklei⸗ dung, um Cotesilene, was führ ort Dic hieher?“ „Unſer Sohn, unſer Sohn,“ fum⸗ melte Frau von Valry. „Was iſt's mit ihm?“ ſorſchte ihr Gatte. „Ich habe ihn geſehen.“ „Waͤr's moͤglich!⸗⸗ „E lebt bei den Schleichhändlern,“ verſetzte die bekuͤmmerte Mutter; und eben wollte ſie beginnen ihrem Gatten das mit 92 geſtellten Schildwachen der Ruf:„Wer da!“ erſcholl; worauf die Antwort:„der Gouver⸗ neur“ erfolgte. „Gott im Himmel der Gouveneur!⸗ rief der Obriſt, vêwenn er Dich gewahrte.— Fort, fort, entfliehe!⸗- „Hoͤre nur noch einen Augenblick,“— flehte ſeine Gattin. „Es kann nicht ſeyn,“ entgegnete Valry,„fort auf jenem Wege der Pfad iſt unbewacht.“ 2 Veruwide den Kampf— Baldi ſagte mir— „Fort, fort, oder es wird zu ſpaͤt.“ „Kommen Sie, ich beſchwoͤre Sie, gnaͤdige Frau—“ bat Jacques dringend, und faſt mit Gewalt zog er die Widerſtre⸗ bende mit ſich fort. „Ich ſelbſt gab den Befehl jeder⸗ mann anzuhalten,“ dachte ihr ungluͤcklicher Gatte,„wird ſie unbemerkt fortkommen?— Sie ſprach von Baldi.— Mein Sohn, 93 — ſagte ſie, lebe unter den Schleichhaͤnd⸗ lern!— und ich— ich bin genoͤthigt ſie zu bekriegen!“ Dieſe Betrachtungen preßten das Herz des ungluͤcklichen Vaters maͤchtig zu⸗ ſammen. 6. Unterdeſſen war der Gouverneur mit ſeinem Gefolge naͤher gekommen, und faſt in demſelben Augenblick kehrte Raimond mit ſeiner Schaar von dem Felſenpfade zuruͤck. Die Truppen machten Halt und naͤher trat jetzt der Gouverneur, ein ehrwuͤrdiger Greis um deſſen kummerbleiches Antlitz nur noch wenige Silberlocken ſpielten.„Ich habe lange auf mich warten laſſen, Herr Obriſt,“ begann er,„aber ich konnte nicht fruͤher kommen. Sie werden mich uͤbrigens nicht vermißt haben; Ihre kriegeriſchen Erfahrun⸗ gen ſind fuͤr jetzt mehr als hinreichend, un wenn ich ihnen den Major Raimond mitge 95 geſchah es nur weil er unſere Bens beſſer kennt als Sie.“ ſ„ Beſſer als der Herr Obriſt?“ nahm 1 der Major das Wort,„Ew. Excellenz wol⸗ len verzeihen, obgleich der Herr Obriſt mir die Ehre erzeigten, mich dann und wann um Rath zu fragen, bin ich dennoch uͤber⸗ zeugt, daß er meiner recht gut haͤtte entbeh⸗ ren koͤnnen; in allen ſeinen Anſtalten hat er eine vollkommene Kenntniß dieſes Landes an den Tag gelegt.“ „Erklaͤren Sie uns dieſes Raͤthſel,“ ſprach der Gouverneur. „Da ich die Wichtigkeit des Unterneh⸗ mens kannte,“ erwiderte der Obriſt nicht ohne Verlegenheit,„hatte ich mir gute Charten zu verſchaſſen gewußt; dennoch aber war mir der Nath des Herrn Majors meh⸗ reremal von großem Nutzen.“ 1 „Ich freue mich uͤber das was Sie 3 mir ſagen,“ verſetzte der Gouverneut, 2, Naimond iſt in der That ein trefſticher — 96 — Offizter, und das macht mir um ſo mehr Freude, denn er iſt mein Zoͤgling. Seit. zwanzig Jahren kam er nicht von meiner Seite; er hat fuͤr mich die Sorge und die Zaͤrtlichkeit eines Sohnes, aber ich liebe ihn auch wie ein Vater, und er verdient es in jeder Hinſicht. Doch was haſt Du, Du ſcheinſt nachdenkend, bewegt?“ ſuhr er zu dem Major gewandt fort. .„Eine Gedankenreihe,“— entgegnete Raimond;„nichts von Bedeutung.“ „Wenn Ew. Excellenz den Verdienſten des Majors Lob ſpenden,“ nahm der Obriſt wieder das Wort,„preiſ't er nicht weniger Ihre Großmuth; er erzaͤhlte mir wie viel er Ihnen verdanke.“ „Er verdankt mir nicht mehr als ich ihm,“ bemerkte der Gouverneur; ich war der Fuͤhrer ſeiner Jugend, er iſt die Stuͤtze meines Alters; denn ich verlor——„79 „Mein Vater, mein Wohlthaͤter, weg 97 mit den truͤben Exinnerungen,“ unterbrach ihn Raimond.“ „Kann ich ſie verbannen?“ fragte der ehrwuͤrdige Greis,„hier wo mir Alles mei⸗ nen Verluſt in das Gedaͤchtniß zuruͤckruft.“ „Die Stunde der Rache naht,“ troͤſtete der Major,„ſie hat lange gezoͤgert, aber ſie wird jetzt die Verbrecher um ſo furchtbarer treffen.“ „Dieſer Gedanke allein vermag mich zu troͤſten,“ verſetzte der Greis.—„Die Garniſon von Boza, Herr Obriſt, wird ſich unverzuͤglich mit Ihren Truppen vereinigen, ſo⸗ bald dies geſchehen, wird das Signal zum Angriff gegeben, und wehe dann den Elenden! „Mein armes Kind,⸗ ſeufzte Valry vor ſich hin. „Solche Boͤſewichter ve verdienen kein Mit⸗ leid,“ fuhr der Greis fort,„wir muͤſſen ſie alle bis auf den letzten Mann vertilgen; nur Einen von ihnen muͤſſen wir nen, wenn er anders noch unter 98 (— Schandgenoſſen weilt. Mit den Waffen in der Hand zu ſterben, waͤre ein zu ehren⸗ volles Ende fuͤr den Nichtswuͤrdigen. Auf dem Schaffott muß er ſein verbrecheriſches Daſeyn aushauchen, vor den Augen des ver⸗ ſammelten Volks muß er buͤßen, hierin ſtimmt der Befehl des Vice⸗Koͤnigs mit meinem Wunſch vollkommen uͤberein; ich erbitte vom Himmel keine andere Gnade, als die, daß es mir gelaͤnge, das Ungeheuer ſelbſt zu faſſen. Der Boͤſewicht hat mir den Sohn geraubt; jener Bertrand iſt es, der ſeit ſechzehn Jahren mein Leben zu den qualvollſten Martern verdammte.“ „ Bertrand,“ fragte der Obriſt und ſeine Lippen bebten.„Er, er hätte Ihnen den Suhn Dernet: Valrys und gerbachtene denſelben vo mit hath forſchenderen Blicken. 99 „Er, ſein Moͤrder?“ .„Hoͤren Sie: mein Sohn war kaum funfzehn Jahre alt, aber er brannte ſchon vor Begierde ſich auszuzeichnen. Er ließ ſich durchaus nicht zuruͤckhalten, mit einem gegen die Schleichhaͤndler geſandten und vom Major Stevin beſehligten Detaſchement auszuziehen. Ich war ſchwach genug, ihm dieſe Erlaubniß zu geben. Zur Nachtzeit wurden ſie von 1 jenem Bertrand uͤberfallen, Stevin und mein Alexis wurden ermordet!“— „ Nein— nein— ich war esnicht⸗ ſprach m der Obriſt vor ſich hin mit gedäͤmpfter Stimme.— „Das Ungeheuer entfloh⸗ nahm der Greis wieder das Wort,„und entgi ſo der Rache eines Vaters, den das Verbrechen Büſemichts in Wrezeſthng ſützte⸗ 77 3 2, n⸗ Herr Obriſt,⸗ ſprach e er in 8 7* 100 deutungsvollen Tone,„hier an dieſer Stelle fand der Freund meiner Jugend den Tod unter den Streichen eines veraͤchtlichen Schleich⸗ haͤndlers.— Theurer, theurer Alexis, hier, wo Du das Leben verlorſt, ſchwoͤre ich blu⸗ tige Rache zu nehmen an Deinem Moͤrder!“⸗ „Sie, Herr Obriſt, werden uns jetzt in unſerem Rachegeſchaͤft beiſtehen?“ fuhr der Greis nach einer ſchwermuͤthigen Pauſe fort. „Ew. Exellenz glauben,“— fragte der Obriſt mit ſichtbarer Verlegenheit. „Daß der Boͤſewicht hier noch im Ge⸗ birge weilt? alerdings unterbrach ihn der Gouverneur,„von den Geſetzen verfolgt, kann er nirgends als bei ſeinen Schandge⸗ 1 noſſen Büfnuhe Plunden haben.“ * ſich irrten, mei 4 mond ein, zein efts her Feauns, 22 ii vuretazte ein Geoanke mein; RGehane,— *⁵ 401 „Und welcher?“ forſchte der ſeines Sohnes beraubte Vater.. „Hat man nicht Beiſpiele,“ verſetzte der Major,„daß Menſchen, die in ihrer Jugend Verbrechen begingen, ſpaͤterhin in der Welt wieder auftreten, und ſich unter dem Schutze eines ehrenwerthen Namens lange Zeit der verdienten Strafe entzogen?“⸗ Valry bebte zuſammen. „Jener Bertrand,“ fuhr der Major fort,„war kein gewoͤhnlicher Menſch, er hatte Anſtand, ſchien eine glaͤnzende Erziehung genoſſen zu haben, und oft ſagte mir der alte Marcian, wie er glaube, daß der Llende aus einer guten Familie ſtamme.“ „Gleichviel, 38 rief der Greis,„ich will wenigſtens nichts vernachlaͤßi bons aſe 8 Geſangennahme fuͤhren kann.—. die Unſtigen,, ſprach er weiter aus der Ferne her, gemeſſene ann. . nehmbar wurden,„ſobald ſie angelangt ſ werden, Hert bu, leſen Sie i ihne 102 Befehl des Vice⸗Koͤnigs vor, damit ſie die ganze Wichtigkeit kennen lernen, die Se. Hoheit auf dies Unternehmen ſetzen.“ Der Obriſt nahm die Papiere, aber ſeine Haͤnde bebten als er ſie erfaßte; unter⸗ deſſen naͤherte ſich die Garniſon von Boza und ſchloß ſich der Schaar Valry's an. „Soldaten!“ erhob nunmehr der Gou⸗ verneur ſeine Stimme,„Euer Obriſt wird Euch den Befehl Sr. Hoheit des Vice⸗Koͤnigs mittheilen, befolgt ihn genau. Leſen Sie, Herr Obriſt.“ Valry nahm ſeine ganze Serlenſtärfe zuſammen und las:„ Der Gouverneur von Boza und der Obriſt Valry werden alle Mittel, die ihnen zu Gebote ſtehen, an⸗ wenden, die Schleichhaͤndler bis auf leßten Mann zu werkiſgen; uber je. umns Schatenen und er erſchoſen werden; kei⸗ ner ſoll ohne ünſem beſondere Bewiligung retend bedeutungsvoll das G Gnade erhalten. Vor allen aber ſollen ſie ihre Kraͤfte anwenden, zur Habhaftwerdung eines gewiſſen“— hier bebte die Stimme des Obriſten,„eines gewiſſen Bertrand, der am 29. Mai, im Jahre 1766, zum Tode verurtheilt ward,——— als Moͤrder— und Mordbrenner.— Hier folgt das Signa⸗ lement,“ fuͤgte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, in der er ſich zu ſammeln bungt. geweſen war. „Es iſt nothwendig die Soldaten damit 3 bekannt zu machen,“ ſprach der Gouverneur, „leſen Sie, Herr Obriſt.—. Valry vermochte ſi 35 kaum tauteaze u. erhalten... „Ermuͤdet Sie etwa das 4 Eefen, Herr Obriſt, will ich“— nahm der Major naͤher. „Keineswegs, 92 entge ſeine ganze Faſſung zuſamme bin bereit,“ und raſch entfaltend, las er:„Nu meines Alexis, Du ſollſt gerächt werden.) 104 Bertrand bekannt, ſtarke Geſichtszuͤge, braunes Haar, blaue Augen, gewoͤlbte Stirn, ſtolzer, kuͤhner Blick, von blaſſer Geſichtsfarbe, 5 Fuß, 6 Zoll hoch, und jetzt ungefaͤhr Jahr alt.— Tauſend Dukaten ſind fuͤr den ausgeſetzt, der dieſen Miſſethaͤter lebend der Gerechtigkeit uͤberliefert.“— „Ich verdoppele die Summe,“ rief der tinderloſe Greis, zu den Soldaten gewandt, waͤhrend Raimond, deſſen Verdacht gegen Valry durch die Gemuͤthsbewegung deſſelben faſt bis zur Gewißheit geſteigert war, dumpf vor ſich hin murmelte.„Seine Unruhe— ſeine Aengſtlichkeit— Jacques Aeußerung wegen der Aehnlichkelt; er iſ's, ich kann nicht laͤnger zweiſeln. Freue Dich Schatten 36 4 In Dieſem Angengice eſchien Erpitain Ni⸗ 105 „Großer Gott, das fehlte noch!“ dachte Valry. „Man fuͤhre ſie hieher,“ gebot der Gouverneur. Riotti entfernte ſich um dieſem Befehle Folge zu leiſten; kaum aber war er im Ge⸗ buͤſch verſchwunden, als man ploͤtzlich von den Felſen her ein wildes Geſchrei vernahm, un⸗ ter welches ſich der Ruf der Schildwachen: „Zu den Waffen, zu den Waffen⸗“ miſchte. „ Die Elenden, ſollten ſie einen Ueber fall wagen?“ rief der Gouverneur.. „Auf! Ihnen entgegen gebot der Obriſt, der in dieſem M ment alle anderen Gefuͤhle niederkämpfend, 3 8 eine Pfücht 106 geworden, und um ſo ſchwieriger wurde es, uͤber Baldi und ſeine Bande, in der felſig⸗ 6 ten Gegend, in der dieſe Elenden ſo ganz zu Hauſe waren, den Sieg zu erringen; der denn auch wirklich eine Weile lang zweifelhaft blieb, bis er ſich endlich fuͤr die von Valry und dem Gouverneur angefuͤhrten Truppen entſchied.* Was von den Schleichhaͤndlern in die Haͤnde der Soldaten fiel ward niedergemacht, nur einigen Wenigen gelang es, ſich weiter 6 ins Gebirge zu fluͤchten, da ſtuͤrzte Baldi welcher ſich mit einer kleinen Anzahl ſeiner Leute noch immer verzweiflungsvoll gewehrt hatte, auf Valry zu:„ Nur den hier nie⸗ “ dergeworſen, Cammeraden! und ich ſtehe Euch fr den Sieg.“— So ſprechend faͤhrte er 2n Rinht aten. Hieh nach t dem Oörigen⸗ oön —— 107 — nen Vater uͤberall geſucht hatte, aus dem Gebuͤſch; und den vermeintlichen Urheber ſei⸗ nes Daſeyns in Todesgefahr erblickend, rief er mit lauter Stimme einigen Schleichhaͤnd⸗ lern welche entfliehen wollten, zu:„Hierher, hierher, rettet meinen Vater!“ Baldi's Genoſſen wandten ſich— gaben Feuer,— und von ihren Kugeln getroffen, ſuͤrzte der Obriſt Valry zuſammen. Cabri erfaßte den Arm Baldi's und entfloh mit ihm und den Schleichhaͤndlern in das Gebuͤſch. Kaum hatten ſie den Ruͤcken gewandt, als auch ſchon der Gouverneur mit ſeiner Schaar hacgneile, während von der anderen 86 2 108 — tte, mit dem Ausruf: 1“¹ auf die leb⸗. Fuͤhrer losgewunden ha „Ewiger Gott, mein Gatte loſe Geſtalt des Obriſten nieder. In dieſem Moment ſtuͤrzte Raimond von Soldaten gefolgt heran, ſie hatten den Cabri und einige Schleichhaͤndler eingefangen, Baldi aber war entkommen.„Da bringen wir die Moͤrder des Obriſten Valry,“ rief der Major. „Des Obriſten Valry!“ wiederholte Ca⸗ bri, und der Gedanke, uͤber den Gatten ſei⸗ ner Lebensretterin, den Tod herbeigefuͤhrt zu haben, erfuͤllte ihn mit Entſetzen. Die ungluͤckliche Obriſtin vernahm die timme,— ſie erhob ihr ber in dem Moͤrder ihres bebte ſie — 1 V 109 V—— 7. Am darauf folgenden Morgen begann es kaum in Oſten zu daͤmmern, als in der alten gothiſchen Halle des Schloſſes zu Boza auch ſchon alles in lebhafter Bewegung war. Offiziere und Soldaten von Valry's Regi⸗ ment, draͤngten ſich in dem gernmigen Ge: „ Ruhig, ruhig Ihr dun Andern 2 entgegnete 5 110 ungeſtuͤmen Frager von ſich abwehrend,„ich kann ſonſt keinen von Euch verſtehen!“ „Beruhigt uns, wie ſtehts um ihn?“ nahm Capitain Riotti das Wort. „Es iſt gottlob nichts mehr zu beſor⸗ gen,“ antwortete Jacques,„Ermattung und Blutverluſt hatten nur eine Ohnmacht herbeigefuͤhrt. Seitdem er ſich aber hier im Schloſſe befindet, fuͤhlt er ſich weit beſſer⸗ ſeine Wunde iſt nur leicht, gleich wird er ſelbſt hier ſeyn. Ein lauter Jubelruf der anweſenden Krriieger erfuͤllte die Halle. „Wie ich Euch ſage;“ fuhr Morand fort, „er thut vielleicht nicht wohl daran, ſich 1 ſchon herauszuwagen, aber die allgemeine ne at ihn ſo geruͤhrt, er wollte n er kurickhaiten laſſen. 4 er ſ. Und wirklich trat enblck der Obriſt auf ſeine geſtüͤtzt, den linken Arm in de bleih. und kraftlos aus dem Reben 111 zimmer; ein Freudengeſchrei der Soldaten 8 hieß ihn willkommen. „Ich dank' Ihnen meine Herren, ich danke Euch Allen,“ erwiderte Valry mit ſchwacher Stimme.„Ich fuͤhle ganz den Werth der Theilnahme, die Sie mir bewei⸗ ſen. Moͤge mich der Tod ereilen, bevor ich aufhoͤre Ihrer Achtung und Freundſchaft wuͤrdig zu ſeyn.“ „Unſere Achtung, Herr Obriſt, haben Sie laͤngſt auf dem Felde der Ehre erwor⸗ ben,“ verſetzte Capitain Riotti als Wort⸗ fuͤhrer der Uebrigen,„wie koͤnnten wir Theil⸗ nahme dem verſagen, der uns wie ſeine Kinder behandelt.— Wir haben jetzt un. ſeren Vater geſehen, wir wiſſen, daß ſei Leben nicht in Gefahr ſchwebt, und ſo er⸗ lauben Sie uns nun uns wieder hinweg zu begeben. Unſer Regiment iſt noch im birge, wo jetzt ein jeder ſicht um Sie z raͤchen. Sobald es zuruͤckkehrt, werden wir von dem Gouverneur die Bef afung de 112, jungen Schleichhaͤndlers verlangen, den wir gefangen mit hieher in das Schloß brachten.“ „Mein armes, armes Kind!“ ſeufzte Frau von Valry vor ſich hin. — „Mit ſeinem Kopfe ſoll er büßen,—“ fuhr Riotti fort. „Unſere Pflicht iſt es zu fechten,“ unterbrach ihn der Obriſt,„uͤberlaſſen wir der Juſtiz das traurige Amt zu beſtrafen.“ So ſprechend machte er eine Bewegung 8 mit der Hand, ſo als ob er wuͤnſche allein gelaſſen zu werden, worauf ſich ſofort die 4 nunmehr beruhigten Soldaten wieder hinaus egaben. „Welche Wuth ſie gegen den Ungluͤck⸗ lichen hegen,“ jammerde Frau von Valry als ſie ſich nunmehr mit ihrem Gatten un dem ihnen ergebenen Jacques allein befand den das unglͤckliche Ehepaar mit ſeinem Ge heimniß, in ſoweit ſolches den armen Cab — freien zu koͤnnen?“ fragte Frau von Valry ſchafft Ihr ihm wohl einen Zufluchtsort, wo er bleiben kann, bis wir Mittel gefunden, ihn von dieſer Inſel ahi Gefahr entfernen.“ Frau⸗ rrühidee Morand. 113 — „Auf Euch, Morand, baue ich,“ ſprach der Obriſt,„Ihr habt mir verſprochen⸗— „Verlaſſen der Herr Obriſt ſich ganz auf mich,“ entgegnete der Wirth.„Habe ich doch den kleinen Satan von Cabri ſtets lieb gehabt, und ſo bin ich Ihnen denn gern behuͤlflich, ihn vom Todſchießen zu retten.“ „Habt Ihr wirklich Hoffnung ihn be⸗ aͤngſtlich. „Ich ſtehe dafuͤr, gnaͤdige Frau,“ rief Jacques,„ich habe nur eine Schildwache zu beſtechen, Sie aber gaben ja genug, zehn zu erkaufen.“ „Iſt er nur erſt aus dieſem Schloſſe, 4 nahm die Obriſtin wieder das Wort,„ver⸗ — ͤſſͤſ „Seyn Sie deshalb eübeſege, gnaͤdige 114 — „So macht fort,“ bat der bekuͤmmerte Vater,„er muß frei ſeyn noch bevor der Gouverneur zuruͤckkehrt.“ „Ich eile und komme Ihnen nicht wie⸗ der vor die Augen bis er in Sicherheit iſt,— verſetzte der dienſtfertige Jacques, und im naͤchſten Augenblick ſchon u war er aus der Halle verſchwunden. „Der wackere Mann, was verdanken wir ihm nicht!“ ſprach der Obriſt,„fremd 4 in dieſem Schloſſe, waͤre es uns ohne ſeine 4 Huͤlfe wahrſcheinlich unmoͤglich geweſen, unſe⸗ ren ungluͤcklichen Sohn zu retten!“⸗ „Trotz ſeines Beiſtandes zittere ich dennoch,“ entgegnete die von Angſt gequaͤlte 4 Mutter. 5 e Du beunruhigſt Dich vßns Noch,? Sſete ihr Snuse⸗„der Gouverneur- ließ as zu befuͤrchten haͤtten. Ueber 115 Jacques gewandt, es bringt ihm Nutzen uns „ zu dienen, und ſo koͤnnen wir uns auf ihn verlaſſen.“ „Ach, dieſe Berechnung, wie richtig ſie auch ſeyn mag, iſt dennoch unzulaͤnglich ein Mutterherz zu beruhigen,“ entgegnete Frau von Valry,„das Ungluͤck hat uns bisher ſo ſehr verfolgt, daß ich auch nicht der kleinſten 4 Hoffnung Raum zu geben wage.“ „Du biſt ungerecht, Thereſe!“ ver⸗ ſetzte Valry,„hat der Himmel uns nicht den Sohn wieder geſchenkt, deſſen Verluſt wir ſo lange beweinten?“⸗ „Wie aber fanden wir ihn wieder?“ klagte ſeine Gattin;„ nach ſechszehnjaͤhriger * Trennung ſehn wir ihn, von den Geſetze verfolgt, in der Mitte einer Schaa Boͤſewichtern zu einer eehrenden 3 wernreheſlt. 1 116 „Ja, gern, gern haͤtte ich ihn an mein Vaterherz gedruͤckt,“ fiel der Obriſt ihr leb⸗ haft in die Rede;„aber die Klugheit ge⸗ bietet, daß er das Geheimniß ſeiner Geburt erſt dann erfahre, wenn jede Gefahr fuͤr ihn voruͤber. Die geringſte Unvorſichtigkeit koͤnnte ſein und mein Ungluͤck herbeifuͤhren.“ 3„Ja, ja, Du haſt Recht,“ ſprach Frau von Valry,„wir muͤſſen Sorge tragen keinen neuen Argwohn zu erwecken.—— Was Du mir uͤber den Verdacht des Majors aͤußerteſt“—. „Ein Einziger nur kann ſeine Ver⸗ muthungen beſtaͤtigen,“ unterbrach ſie ihr Gatte,„jener veraͤchtliche Baldi; aber man nahm ihn ja nicht gefangen; er iſt entweder gefallen oder entflohen, in beiden Faͤllen habe ich ni hts von ihm zu fuͤrchten.“. 3 darum kann ich deine Zuverſicht nicht eilen!“ jammerte die verzagte Mutter, ch, die Drohungen des Boͤſewichts toͤnen och in meinen Ohren; er ſchwur nicht zu —— wandten ſich die Beklagenswerthen,— und ſtolz macht, mit Freuden ſehe i 117 — ſterben, ohne dem Gouverneur Alles zu entdecken.“— „So ſchwur er, und hier iſt er ſeinen Schwur zu halten,“ rief es ploͤtzlich hinter ihnen. Von Entſetzen erfaßt 8 unten am Eingange der Halle gewahrten ſie nun die furchtbare Geſtalt Baldi's, welcher als Bauer verkleidet ſich unbemerkt hereinge⸗ ſchlichen und den letzten Theil ihres Geſbiuths mit angehoͤrt hatte. „Ewiger Gott!“— ſchrie Frau von Valry. „Baldi!“ rief der Obriſt beſtuͤrzt. „Ich hab's alſo getroffen,“ ſprach der Entſetzliche in einem hoͤhniſchen Tone, indem er naͤher trat:„Jetzt ſ ge mir einer noch, daß das Gluͤ Herr Obriſt Valry ſeinen alten Baldi wieder erkennt.“ 118 „Sprecht leiſer, leiſer, um Gottes wil⸗ len!“ flehete die geaͤngſtigte Gattin. „Ei was, ich werde ihn nicht ins Un⸗ gluͤck ſtuͤrzen,“ entgegnete Baldi hohnlachend; und ſein Haupt entbloͤßend, ſo, daß ſein ſtrup⸗ piges Haar und ſeine wilden Geſichtszuͤge den Blicken Valry's noch furchtbarer entgegen⸗ traten, fuhr er fort:„Den Hut herabge⸗ zogen, ehrfurchtsvoll wie ich daſtehe; wer koͤnnte in uns beiden zwei alte Freunde ver⸗ muthen? Ueberdem glaubt man mich im Gebirge; in dieſer Kleidung kennt mich nie⸗ mand, zum Beweis dient, daß ich hieher gelangte, ohne daß mich jemand anhielt.“ 3„Wie, Ungluͤcklicher, konntet Ihr es wagen Euch hier ſehn zu laſſen?“ fragte der briſt, auf den Genoſſen ſeiner jugendlichen kerirrungen mit Abſcheu ſchauend.* „Ihr kennt mich ja nicht erſt ſeit en 85 entgegnete das Haupt der Schleich⸗ haͤndler.„Ihr wißt ja, daß ich leicht Alles wage— auch blieb mir keine Wahl. Einer 7ö aufgeben; er, der mir dieſes Unheil zufuͤgte, 119 der Unſrigen, den Gott verdamme! ward zum Verraͤther; er fuͤhrte die Piemonteſer bis in unſere geheimſten Schlupfwinkel, kaum hatte ich noch Zeit mich in dieſe Kleidung zu werfen, es iſt alles was ich aus dem Schiffbruch meines Gluͤcks gerettet. Ich bin verfolgt, arm, muß mein bisheriges Gewerbe kann mir allein helfen, drum ſuchte ich hier den Bertrand auf.“ 3 „um Gotteswillen, ſprecht dieſen Namen nicht aus!“ bat neuerdings Frau von Valry. „ und weshalb nicht? Iſt es nicht der ſeine?“ murmelte Baldi.„Ueberdem ſind wir hier unter uns,“ und mit verſtaͤrkter Stimme fuhr er fort:„Drum ſuchte ich alſo hier den Bertrand auf. Nach ſeinem B nehmen wird ſich auch das meinige richte „Was wollt Ihr von mir? fras Valry in einem dumpfen Tone. „Zwei kleine Dienſte, die Dich, Freunt 120 — wie ich Dir wohlmeinend rathe, nicht abſchla⸗ gen wirſt,“ erwiderte Baldi. „In den Haͤnden dieſes Elenden zu ſeyn, welche Erniedrigung!“ murmelte der Obriſt vor ſich hin.“ „Ich kam mit fuͤnf meiner Cameraden,“ nahm der Schleichhaͤndler wieder das Wort, „ſie blieben am Eingang der Stadt, und ſind, wie ich glaube, Alles was von den Unſrigen noch uͤbrig. Keiner von uns, ſo wollen es die geſtrengen Herrn, ſoll dem Tode entrinnen, die ſchaͤrfſten Befehle ſind gegeben, daß wir nicht aus Sardinien ent⸗ kommen. Nur ſchnelle Flucht kann uns ret⸗ ten! Dazu brauchen wir Papiere, im Noth⸗ fall zu beweiſen, daß wir ehrliche Leute ſind. Dieſe verſchaffft Du uns, nicht wahr? a1us alter Bekanntſchaft, oder auch aus Furcht, 35 ich Dich verrathen moͤchte.“ „ Ihr habt Euch geirrt,“ ſprach Valry v; achtungsvoll,„welche Gefahren mich auch 3 umgeben moͤgen, ich werde dennoch nie meine .,— grinzte Baldi,„gur, kein Wort 421 Pflicht verletzen, nie von der mir anvertrau⸗ ten Gewalt Gebrauch machen, die zu beguͤn⸗ ſtigen, die ich vertilgen ſoll.“ „Behutſam, behutſam, mein Carl!“ warnte leiſe die Obriſtin ihren Gatten. „Du ſchlaͤgſt es uns alſo ab?“ fragte Baldi in einem furchtbaren Tone. „Die Ehre gebietet und ich gehorche,“ antwortete Valry. „Die Ehre,“ hohnlachte der Schreck⸗ liche,„Du warſt weniger gewiſſenhaft, als Du feigherzig die verließeſt, die Dich unter ſich aufnahmen.“ „Wer kann es mir zum Vorwurf machen, daß ich die Bande zerriß, die mich an Euch feßelten,“ verſetzte der vormalige Gefaͤhrte des Elenden,„Eure Grauſamkeiten 4 empoͤrten mein Herz, und noch jetzt, trotz Gefahr die mir droht, wuͤnſche ich i Euch verlaſſen zu haben.“ „Solch' ein Liedchen ſingſt 122 von; Ich bleibe hier und erwarte den Gou⸗ verneur.“ 2 „Ungluͤcklicher, Ihr ſtuͤrzt Euch ja ſelbſt in den Abgrund,“ rief Frau von Valry. 3 „Hat nichts zu ſagen,“ meinte der Bube. „Der Vice⸗Koͤnig hat alle die zum Tode verdammt——“ „Die mit den Waffen in der Hand ge⸗ fangen werden,“ unterbrach ſie Baldi,„habs gehoͤrt. Ich aber uͤbergebe mich ſelbſt und ſo komme ich mit einer kurzen Gefaͤngniß⸗ ſtrafe davon. Ich kenne, wie Ihr ſeht, Cure Geſetze, und weiß wie weit ich gehe. Ueberdem wird der Gouverneur gern den be⸗ nadigen, der ihm den Moͤrder ſeines Soh⸗ ausliefert. „Elender!”“... fuhr Valry auf „Mich wagſt Du ſo zu nennen... da Du, Du allein die That vollbrachteſt!" „Mag ſeyn,“ entgegnete der Boͤſe⸗ —— 123 — wicht,„Dich aber klagt man an, und Dich „. wird man beſtrafen.“ „Ha Bube!“ ſchrie der Obriſt nach 3 ſeinem auf dem Tiſche liegenden Degen grei⸗ fend,„das iſt zuviel, dein Blut ſoll..“ „Carl! Carl, was willſt Du thun?“ flehte ſeine Gattin ihm in den Arm fallend. „Langſam, langſam, wenns beliebt,“ verſetzte Baldi. Mit dieſen Worten griff er nach der Bruſttaſche um ein Piſtol hervorzu⸗ ziehn, welches er dort verborgen hatte. „, Ich hatte ſo etwas vorausgeſehn, und mich darauf vorbereitet.“ „Um Gotteswillen halt ein,“ jammerte die Obriſtin,„Erhalte mir den Gatte Deinem Sohne einen Vater!““ „Mein armer Sohn!“ ſeufzte Bairy dem die Erinnerung an den unglücklichen Caoeobri ploͤtzlich alle Kraͤfte laͤhmte. Baldi be⸗ 3 merkte ſeine Gemuͤthsbewegung: mir,“ ſprach er nach einer kurzen „ Du thuſt beſſer Dich freundſchaftli —ſͤ eile von dannen.“ ſchuldiger; lieber ſterben!“ rief der Obriſt. „Gaͤbe es denn keinen andern Aus⸗ weg?“ fiel ſeine Gattin ein.„Wir ſind reich, vielleicht das Gold...“ „Gold?“ wiederholte Baldi und ſeine Augen rollten. „Ich werde um keinen Preis die mir anvertraute Gewalt mißbrauchen,“ ſprach der zur Vertilgung der Schleihhaͤndler Ausge⸗ ſandte,„Euch der uͤber Euch verhaͤngten Strafe zu entziehen; aber mein Vermoͤgen gehoͤrt mir, und frei kann ich daruͤber ſchal⸗ ten. Nehmt dieſe Boͤrſe.“ „ und Ihr wollt dieſe Gegend meiden?“ e Frau von Valry. „„Ja, mit einem ſolchen klingenden Be⸗ iter beſiegt man leicht alle Hinderniſſe,“ mir auseinander zu ſetzen. Gieb mir die Mittel mich zu retten, und ich ſchweige und „Ich wuͤrde dann aufs neue Euer Mit⸗ erſetzte der Habſuͤchtige, den ſchweren Beu⸗ 125 — tel zu ſich ſteckend.„Papiere wie ich ſie 3 gebrauche wird ſich meine kunſtgeuͤbte Hand leicht zu verſchaffen wiſſen.“ „Fort alſo zu Euren Cameraden!“ „Etwa um mit ihnen zu theilen?—“ 4 fragte Baldi,„ei warum nicht gar— moͤ⸗ gen ſie ſich herausziehen wie ſie koͤnnen; ein jeder ſorgt fuͤr ſich. Ihr habt indeſſen nichts von ihnen zu befuͤrchten, es ſind Neulinge, * keiner von ihnen hat den Bertrand gekannt.“ „So macht, macht daß Ihr ſorekomm, rief Frau von Valry. „Einen Augenblick noch,“ verſetzte der Elende,„fuͤr meine Flucht iſt geſorgt, aber das reicht nicht hin. Wie viel enthaͤlt Boͤrſe?“— „Tauſend Dukaten,“ ſprach der Obriſ „ ucnd fſuͤ(r ein ſolches Lumpengeld 4 Du mein Schweigen erkaufen zu kän Mein Seel, da kaͤmeſt Du wohlfeil dav⸗ „Was verlangt Ihr noch m mir?“ fragte der Obriſt empoͤrt. 8 126 „Ich habe alles verloren,“ entgegnete der Boͤſewicht,„bin leider genoͤthigt ein ehrlicher Mann zu werden, und ſo muß ich zu leben haben.“ „Macht, macht, daß Ihr fortkommt,“ flehte die geaͤngſtigte Gattin, die bekuͤm⸗ merte Mutter;„macht, daß Ihr fortkommt, eine gleiche Summe ſoll Euch jaͤhrlich an dem von Euch zu beſtimmenden Orte ausge⸗ zahlt werden.“ „Das laß ich mir gefallen ſchmunzelte Baldi.„Ihr ſeyd eine großmuͤthige Frau, und koͤnnt auf mich zaͤhlen im Leben und im Tod,—— ſo lange mir nemlich die tauſend Dukaten richtig ausgezahlt werden.— Addio!“ ſo ſprechend warf er den Hut auf Kopf, und mit trobigen Schritten eilte von. dannen. 127 . 8. Kaum hatten nach Baldi's Entfernung der Obriſt und ſeine maͤchtig erſchuͤtterte Gat⸗ tin einige Augenblicke lang Zeit gehabt ihre Faſſung wenigſtens einigermaaßen wieder zu gewinnen, als ſich auch ſchon die Thuͤre der Halle neuerdings oͤffnete und der Major Rai⸗ mond hereintrat:„ich lange ſo eben an, Her Obriſt,“ ſprach er, nund hatte kein eifrigere Geſchaͤft, als mich nach Ihrer Geſundt au erkundigen.“. „Ich bin Ihnen fuͤr Ihre Thei verbunden, Herr Major,“ entgegnete Valty, „aber ich erwartete Sie nicht ſobal zuruͤck.“ — 128 — „Meine Gegenwart war nicht mehr nothwendig,“ verſetzte Raimond,„Dank ſey 1 es dem Muthe Ihrer Soldaten. Der Gou⸗ verneur hat die Schleichhaͤndler bis in ihre entlegendſten Schlupfwinkel verfolgt; Einige ſind zwar entflohen, aber man iſt ihnen auf der Spur; ſie koͤnnen nicht entwiſchen, und werden das Schickſal des jungen Boͤſewichts theilen, der mit dem Kopfe dafuͤr buͤßen ſoll, daß er Ihr Leben in Gefahr brachte. Der Befehl iſt beſtimmt, er ſtirbt, ſobald der Gouverneur eintrifft.“ 1 „Und Sie erwarten ihn?“— fragte der Obriſt erſchrocken. „In weniger als einer Stunde,“ ant⸗ wortete der Major,„ein wichtigerer Beweg⸗ grund aber fuͤhrt mich jetzt zu Ihnen, Herr Obriſt. Ich komme Ihnen eine ſeltſame Be⸗ ebenheit mitzutheilen, an der Sie gewiß igen Antheil nehmen werden; Sie wiſſen mit welchem Eifer ich die Gefangennahme 8 es Moͤrders meines Alexis wuͤnſchte.. „Nun!“ „Mein Verlangen tt erfuͤllt, jener Bertrand iſt entdeckt.“ „Allmaͤchtiger Gott!“ jammerte Frau von Valry. „Wer hat ihn erkannt?“ fragte der Obriſt raſch. „Ich!“ erwiderte Raimond mit Nachdruck. „Sie? Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß?!“ „Ganz gewiß; auch habe ich meinen Argwohn dem Gouverneur bereits mitgetheilt. Ich mußte ſo handeln,“ fuhr er mit ſteigen⸗ der Leohaftigkeit fort,„Dankbarkeit, Freund⸗ ſchaft, meine Pflicht als Ofſizier geboten es mir. Dem Abſcheu aber, den mir Bertrand's Verbrechen einfloͤßten, folgte bald ein ſanf. teres Gefuͤhl, ich glaubte in dem Gegenſtande meines Haſſes nur einen verhaͤrteten, mit Blut befleckten Verbrecher, einen Auswi f der Menſchheit zu erblicken; aber wie ganz anders habe ich ihn gefunden. Ich weiß etz 130 — daß er bemuͤht war ſeine Vergehungen durch Tugenden wieder gut zu machen, weiß, daß 2 er ſich den Lorbeer des Ruhms auf dem Felde der Ehre errang, daß er ſeinem Vaterlande unendliche Dienſte leiſtete. Ich weiß, daß er einen Vater beſitzt, den die Schande des Sohnes in das Grab ſtuͤrzen— eine Gattin, die ſeinen Verluſt nicht uͤberleben wuͤrde. Und ſo wird mein Herz von ſich widerſprechen⸗ den Gefuͤhlen beſtuͤrmt. Ich moͤchte den Moͤr⸗ 4 der meines Alexis zum Schaffott geſchleppt ſehen, aber der Gedanke, ihn ſelbſt der Ge⸗ rechtigkeit zu uͤberliefern, empoͤrt mein Inneres.“ Bei dem letzten Theil dieſer Rede erſtieg eine leiſe Hoffnung in dem Herzen der Frau von Valry. „ und fuͤhrte mich der Zufall an ſeine Seite,“ nahm Raimond bedeutungsvoll — der das Wort,„ich wuͤrde ihm zurufe liehe Ungluͤcklicher, fliehe, ſo lange Du vermagſt, bald duͤrfte es zu ſpaͤt ſeyn Perchäbgeſ Argwohn erhebt ſich gege 131 unwiderlegbare Beweiſe werden ſich vereini⸗ — gen Deinen Untergang herbeizufuͤhren, fliehe, fliehe, warte nicht, bis Deine Mitſchuldigen ſich in Deine Anklaͤger verwandeln!“ „Sie, Sie wollten ihn retten?“ fragte die Obriſtin und Thraͤnen fuͤllten ihre Augen. „Nein, gnaͤdige Frau,“ verſetzte der Major,„und haͤtte ich den Befehl erhalten ihn feſtzunehmen, mich koͤnnte nichts vermoͤ⸗ gen ſeine Flucht zu beguͤnſtigen. Soldat ſeit zwanzig Jahren, habe ich nie meine Pflicht verletzt; aber ich bin auch Menſch— und kann dem Reuigen verzeihen!“ So ſprechend wandte er ſich ab, war im Begriff ſich zu entfernen; der Obriſt aber, welcher bisher in tiefes Nachdenken veerſunken dageſtanden hatte, fuhr jetzt en und hielt ihn zuruͤck. 3 8. w „ 94 132 — haͤtten ein Recht dazu. Weniger nachſichts⸗ voll, weniger großmuͤthig als Sie wuͤrde ich.— ihm zurufen: Fliehe, wenn Du den Tod fuͤrchteſt und wenn Du des Mordes ſchuldig, deſſen man Dich anklagt; biſt Du daran aber ſchuldlos, ſo bleibe, damit nicht Feigheit die Zahl Deiner fruͤheren Vergehungen ver⸗ mehre.“ Mit dieſen Worten ließ er Rai⸗ monds Hand, die er gefaßt hatte, fahren, und eilte raſch in ſein Zimmer. Der Major richtete noch einen theilnehmenden Blick auf Frau von Valry, dann wandte auch er ſich und verließ die Halle. „Er will nicht fliehen,“ jammerte die um das Schickſal des geliebten Gatten ſchmerzlich Beſorgte,„und die furchtbarſte⸗ Gefahr droht ſeinem Leben. Ewiger Gott, huue d das s Unglücf denn nicht auf mich zu ve von Valry beruhigter,„er kann, er darf. ſich 8 Sohnes! Kommt, folgt mir.“ 133 wieder herein.„Gut, daß ich Sie hier treffe, gnaͤdige Frau,“ fuuͤſterte er. „Was giebt's, was iſt geſchehen?“ fragte Frau von Valry, neues Ungluͤck ahnend. „Bleib draußen Kleiner und gieb Acht, daß niemand nahe,“ gebot Morand zur Thuͤr hinaus, und zur Obriſtin gewandt, fuhr er fort,„es war unmoͤglich fortzukommen, der Major gab bei ſeiner Ruͤckkehr ſtrengen Be⸗ fehl, niemand ohne ſchriftliche Erlaubniß hin⸗ auszulaſſen.“ „Wie die nun erhalten, ſeufzte die von allen Seiten bedraͤngte Gattin und Mutter.— „Nichts leichter als das,“ meinte i Wirth,„der Herr Obriſt kann ſie ja ſeloß ausſtellen.“ „Er— Ihr habt Recht“— nuf Frau ——= nicht weigern, gilt es doch die Rettung ſe 134 — „Cabri! Cabri!“ rief Jacques wieder zur Thuͤr hinaus,„hier herein ſo lange.“ Der Knabe erſchien, und kaum gewahrte er die, welche ihm das Leben gerettet, und der er zum Dank dafuͤr faſt den Gatten ge⸗ raubt hatte, als er ſich ihr auch unverzuͤglich zu Fuͤßen warf und ihre Knie umklammernd ausrief:„Ach, gnaͤdige Frau, wie verging ich mich gegen Sie und, doch— doch wollen Sie mich retten!“ „Ungluͤcklicher Knabe, wenn Du wuͤß⸗ teſt,“ jammerte die Obriſtin,„doch fort, fort, ſoll mich meine Gemuthsbewegung nicht verrathen.“ Mit dieſen Worten wandte ſie ſich hewalllam vñ von ihrem geliehten Kinde los da vernahm er ploͤtzlich nahende Schritte, und raſch verbarg er ſich hinter eine der alten gothiſchen Saͤulen. Die Thuͤre der Halle ward aufgeriſſen und Baldi ſtuͤrzte herein: „Hoͤllenelement,“ tobte er,„die Schurken wollen mich nicht hinauslaſſen. Wo nun den Obriſten finden?“ So wie er ſeinen ver⸗ meintlichen Vater erſchauete, trat der Kleine aus ſeinem Schlupfwinkel hervor.„Was, Cabri, Du hier, und auf freien Fuͤßen wie es ſcheint?“ fragte Baldi. „Ja, ſeit wenigen Augenblicken, aber Ihr?“ „Mir geht's ſchlecht, bin hier einge⸗ ſchloſſen.“ 4 „Was aber trieb Euch her?“ nahm der Knabe wieder das Wort,„etwa die Sorree um mich?“ „ Daß ich ein Thor waͤre;“ hohnle der Schleichhaͤndler, wozu auch? Du nichts mehr zu fuͤrchten. Wollte ich mir fielen wie Dir ſo ein Paar Elt 136 — den Wolken, waͤr's auch nur um mir jetzt aus der Noth zu helfen. „Mir, Eltern,“ fragte Cabri erſtaunt. „Daß Dich!“ ſchalt Baldi, ſtelle Dich nur nicht dumm an.—„Waͤrſt Du mein Sohn, Du ſteckteſt noch tief unten in irgend einem Loche, und kaͤmſt nur heraus um nie⸗ dergeſchoſſen zu werden.“ „Wenn ich Euer Sohn waͤre,“ rief der erſtaunte Knabe mit großen Augen. „Nun, ja doch, Obriſt Valry iſt Dein Vater.“ „Der Obriſt, mein Vater?“ „Haben ſie es Dir wirklich nicht ge⸗ ſagt?“ fragte der Schleichhaͤndler. „ Nein,“ betheuerte der Knabe;„aber, 3 Euch trauen?“ wie waͤr's moͤglich? ſagt, ſagt, kann h „Bei allen Teufeln, Du bannſ un 137 — „Die edle, großmuͤthige Frau, die mich zweimal retten wollte, ſie waͤre“— „Deine Mutter; um Dich aufzuſuchen kam ſie geſtern ins Gebirge.“ „Ja, ja,“ rief Cabri lebhaft, und ſeine Augen leuchteten vor Entzuͤcken,„ihre Theil⸗ nahme, ihre Guͤte— die Fragen die ſie an mich richtete; ja, ja, es iſt meine Mutter! ich fuͤhle es an dem Pochen meines Herzens, an dem Verlangen, mich in ihre Arme zu ſtuͤrzen; ach, Vater— Baldi wollt ich ſagen— 45 wie bin ich gluͤcklich!“ „ Meinethalben, ſey gluͤcklich in des Teu⸗ . fels Namen,“ fluchte der Boͤſewicht; aber auch ich will gluͤcklich ſeyn.„Dein Vater muß mir von hinnen helfen, oder uh d ver⸗ 1 rathe ihn.“ 4 „Ihr ihn verrathen?“ fragte Cabti, „was kann er von Euch zu fuͤrchten habe „Nichts von Bedentung,“ hohnle der Schurke.„Nur mein Geſtaͤndniß er Schleichhaͤndler war, wie wir. N 138 mehr und nichts weniger. O, der hat ſich bei uns großen Ruf erworben— Du haſt mich oft von ihm erzaͤhlen hoͤren— er iſt der beruͤchtigte Bertrand.“ „Bertrand— er mein Vater!“ rief Cabri und alle ſeine Glieder bebten. „Du weißt jetzt, was er von mir zu fuͤrchten hat,“ fuhr Baldi fort,„iſt er Dir lieb, hole ihn her.“ „Wie kann ich das? Unbekannt hier im Schloſſe.“— „Auch gut, ſo leb' wohl!“ mit dieſen Worten wollte der Schleichhendler ſich entfer⸗ nen, der Knabe aber hielt ihn zuruͤck.„Wo⸗ hin geht Ihr?“ fragte er. 5„Man hat mich bemerkt,“ antwortete dicolo, moͤglich, daß man mich erkannte; nimmt man mich gefangen, verliere ich den AVportheil, den es mir bringt, liefere ich mich ſelbſt aus.“ Wie, Ihr wolltet das Leben meines zu retten!“ rief der Kleine krampfhaft zit⸗ ternd,„bleibt, bleibt, ich beſchwoͤre Euch. Jacques wird ſogleich hier ſeyn, er kann dem Obriſten Nachricht geben, vielleicht weiß dieſer ein Mittel Euch zu retten. Ach, warum ſteht es nicht in meiner Macht Eure Flucht zu beguͤnſtigen, Ihr waͤret frei, jetzt auf der Stelle, und ſollte ich fuͤr Euch ſterben!“ „Das iſt Alles ſchoͤn und gut,“ tobte der Schreckliche,„hilft mir aber nichts; ich bin entſchloſſen, hoffe nicht, mich durch glatte Worte zu kirren.“ So ſprechend wollte er hinaus, da ſtuͤrzte Cabri zu ſeinen Fuͤßen, und ſich feſt an ihn klammernd, ſo, daß der Schleichhaͤndler keinen Fuß zu regen vermochte, rief er verzweiflungs⸗ voll: Nein, nein, Ihr ſollt nicht von hinnen, 8— ſeht, ich haͤnge mich an Euch, nur indem Ihr mich mit Fuͤßen tretet, ſollt J Euch von mir befreien koͤnnen.“ „Schweig Bube, donnerte der Dein Geſchrei kann mich verrathen. 140 mich, oder“— und ſchon hatte er den Dolch gezuͤckt, um ſeine Schandthaten durch den Mord des Knaben zu vermehren, der bis zu dieſer Stunde einen Vater in ihm zu beſitzen geglaubt hatte, als zum Gluͤck Jacques wie⸗ der aus dem Gemach des Obriſten trat, den von dem Letzteren unterzeichneten, fuͤr Cabri's Flucht noͤthigen, Erlaubnißſchein in der Hand haltend: Bei ſeinem Anblick erſtieg ploͤtzlich ein Gedanke in der Seele des muthigen Knaben, verzweiflungsvoll ſprang er aus ſeiner knieenden Stellung empor, entriß die Aus⸗ laßkarte den Haͤnden Morands und reichte ſie dem Baldi hin:„Zeigt das vor,“ rief er, „ und man laͤßt Euch hinaus.“ „Was thuſt Du, was ſoll das heißen? wie kommt Ihr hierher, Baldi?“ fragte Jacques. 4 —„Fort, fort, zoͤgert keinen Augenblick,“ fuhr der Knabe dringend fort. ,„ Der Schein lautet ja auf mich,“ ver⸗ 4 ſetzte der Gaſtwirth. 141 „Was thuts?“ Hohnlachte der Schleich⸗ haͤndler.„Glaubſt Du alter Geck, daß jede Schildwache Dein Fratzengeſicht kenne? Ad- dio!“ So ſprechend ſtuͤrzte er hinaus. „Baldi, Baldi!“ rief ihm Morand nach,“ er hoͤrt nicht!— Um Gotteswillen was haſt Du gethan?“ „Meine Pflicht!“ entgegnete Cabri, und Freude ſtrahlte aus ſeinen Augen. In dieſem Augenblick trat der Obriſt von dem Geraͤuſch in der Halle herbeigezo⸗ gen, aus ſeinem Zimmer:„Ihr noch hier,“ fragte er erſchrocken als er Jacques und ſei⸗ nen Sohn gewahrte,„weshalb nicht fort?“ Aber bevor ſie noch im Stande waren auf ſeine Frage Antwort zu geben, that ſich die Thuͤr der Halle auf und von Offizieren und Soldaten gefolgt, trat der Gouverneur herein, den von Valry ausgeſtellten Erlau nißſchein in ſeiner Hand:„Nehmt den Bur ſchen da geſangen!“ ſprach er zu ſeinem 142 zu ſeinem Gefolge auf Cabri deutend; man that wie er befahl. „Daß meine Gattin nur nichts erfaͤhrt,“ fluͤſterte Valry dem Gaſtwirthe zu, und raſch eilte dieſer von dannen in das Nebengemach. 5 Schleichhaͤndler.“ ihn der Greis,„wie entkam er aus ſeine Kerker? wie kommt er hieher zu Ihnen⸗ 9. „Was muß ich hoͤren, Herr Obriſt?“ begann darauf der Gouverneur von Boza, „mißbrauchen Sie ſo die Ihnen anvertraute Gewalt. Ein Fremder hat ſich hier einge⸗ ſchlichen, er wollte hinaus mit Huͤlfe eines von Ihnen unterzeichneten Erlaubnißſcheins — und dieſer Fremde iſt das Dbeihaat der „Der Schein war nicht fuͤr thn ſtimmt,“ entgegnete der Obriſt beſtuͤrzt, er lautete uf Jacques Morand, und ich begrefſt nicht— „Und der Burſche dort,“ uness 21 144 „Beſtrafen ihn Ew. Excellenz dafuͤr nicht, ich— ich allein—“ ſtammelte Valry in großer Verlegenheit.“ „Alles was ich jetzt ſehe und hoͤre, Herr Obriſt,“ nahm der Gouverneur wieder das Wort,“ rechtfertigt die ſtrengen Maßre⸗ geln, die ich zu nehmen genoͤthigt ſeyn werde. Ein furchtbarer Verdacht iſt bei mir rege ge⸗ worden; noch fehlen mir die Beweiſe, aber ich werde ſie mir zu verſchaffen wiſſen, und wehe dann dem Schuldigen!“ In dieſem Moment trat der Major Rai, mond herein:„Der Schleichhaͤndler, den wir ſo eben anhielten, verlangt mit Ew. Excellenz zu ſprechen,“ berichtete er.„Er hat, wie er ſagt, etwas Wichtiges mirzuthei⸗ len, und ſo gad ich Befehl, ihn in ein an⸗ deres Zimmer zu fuͤhren.“ 1 „Mein Schickſal iſt feſtgeſtellt,“ mur⸗ 1 melte der Obriſt vor ſich hin. „Ich will ihn hoͤren; ſprach der Gou⸗ verneur mit einem durchdringenden Blick auf 145 — Valry, vielleicht kann ich durch ihn die W Wahr: heit erfahren.“ Durch jenen veraͤchtlichen Buben oll ich verrathen werden? Nimmermehr! dachte der fuͤr ſeine jugendlichen Verirrungen jetzt ſo hart Beſtrafte, und ſich entſchloſſen zu dem Gouverneur wendend, ſprach er in einem feſten Tone:„Ew. Excellenz, ich bitte um ein kurzes Gehoͤr.“ „Ich bewillige es Ihnen,“ antwortete der Greis, ihn unter ſeine grauen Wimpern hervor, mit ſcharfem Auge betrachtend.— „Zuvor aber muß ich dieſen Baldi erneh⸗ men.“ „Hoͤren Sie mich jetzt, jetzt gleich, ich be⸗ ſchwoͤre Sie,“ bat Valry. 3 „Jetzt kann ich nicht,“ verſetzte der Gouverneur, und zu Raimond gewandt, fuht er fort,„Herr Major, laſſen Sie de ſchen dort genau bewachen, halten Si bereit meinen Befehl vollziehen zu la⸗ Sorgen Sie auch dafuͤr, daß de aſ 146 Valry dieſen Saal nicht verlaſſe, und daß Niemand, ſelbſt ſeine Gattin nicht, ſich ihm nahe,“ ſo ſprechend verließ er die Halle von einigen Offizieren gefolgt. „Ich bin verloren, ſtammelte der un⸗ gluͤckliche Valry vor ſich hin;„jetzt gilt es nur noch meinen Sohn zu retten, ihn ſeiner beweinenswerthen Mutter zu erhalten.“ „Ich habe Sie gewarnt,“ ſprach Rai⸗ mond theilnehmend, indem er ſich dem Obri⸗ ſten mit langſamen Schritten naͤherte,„jetzt kann ich nichts thun als Sie bemitleiden.“ „Ich erkenne Ihre Großmuth,— entgegnete Valry,„ich danke Ihnen dafuͤr, und verzeihe Ihnen den Irrthum in dem Sie ſchweben.— Erlauben Sie mir nur ein kurzes Geſpraͤch mit dem bejammernswerthen Knaben, ich beſchwoͤre Sie, ſchlagen Sie mir eeſe Bitte nicht ab.“ Naimond ſtand einen Augenbliek ſchwei⸗ nd und nachdenkend da, dann gab er den hidaten, die ſich des Cabri's bemaͤchti * t ben in Gefahr brachte?⸗ 147 hatten einen Wink, dieſen los zu laſſen, und zog ſich mit jenen in die Thuͤr der Halle zu⸗ ruͤck, auf daß die beiden Ungluͤcklichen in ih⸗ rem ſchwermuͤthigen Geſpraͤch nicht geſtoͤrt wuͤrden. Cabri ſtand nun ſchweigend da, vor ſei⸗ nem Vater und wagte es nicht ſich in ſeine Arme zu werfen.„Komm naͤher junger Freund!“ ſprach Valry nach einer kurzen Pauſe. „Wie, Sie ſtoßen mich nicht von ſich,“ fragte der Knabe, mich, den Sie haſſen ſollten.— „Ich Dich haſſen!“ „ War ich es nicht, der geſtern Ihr Le⸗ 1 „Wie Ungluͤcklicher, du— „Ja ich, ich,“ antwortete Thraͤnen entſtroͤmten ſeinen Augen, Sie ins Ungluͤck geſtuͤrzt, ich, der Leben hingeben wollte, Sie zu retten zu thun gebot mir die„Pflicr. Ich 148 — mein Vergehen, Ihr Leben gefaͤhrdet zu haben, nicht beſſer gut machen zu koͤnnen.“ „Ungluͤcklicher!“ unterbrach ihn Valry, „Flucht allein konnte Dich Deinem furcht⸗ baren Geſchick entziehen.“ „ Warum ſollt' ich auch ein laͤngeres Leben wuͤnſchen?“ entgegnete der Kleine. „Mißgeſchick und Schande haben bisher mein Daſeyn bezeichnet, ich verlaſſe die Erde, ohne das Gluͤck auch nur gekannt zu haben.— Dennoch aber,“ fuhr er lebhaft fort, und Freude glaͤnzte durch die Zaͤhren in ſeinen Augen,„dennoch ward mir ſeit wenigen Au⸗ genblicken ein ſuͤßer Troſt; ach, koͤnnte ich mich ihm hingeben, koͤnnte ich glauben⸗—— Wie, was meinſt Du?“ ſtammelte der etuͤmmerte Vater. 3 Das fragen Sie!“— rief Cabrrä. 210, ich ſehe⸗ ich ſoll Ihnen inmerdare 149 „Wie, haͤtteſt Du erfahren?“— „Daß Baldi nicht mein Vater iſt, allerdings.“ „Wer ſagte es Dir?“ fragte Valry raſch. „ Er ſelbſt, und ich danke Gott dafuͤr.“ „Sagte er Dir nicht auch“— „Fragen Sie mich nicht weiter;“ unter⸗ brach ihn der Kleine,„ich habe keine Eltern, da Ihr Schweigen mich zur Waiſe verdammt.“ „Nein, nein, Du ſollſt nicht laͤnger elternlos ſeyn,“ ſprach der Obriſt tief bewegt, „komm in meine Arme, mein Carl, ich, ich bin Dein Vater!“ „Mein Vater!“ rief Cabri, indem ſich in die Arme des Obriſten ſtuͤrzte will ich gerne ſterben, habe ich doch meinen 8 Vater an meine Bruſt gedruͤckt.“ „Mein theurer Sohn,“ nahm Va 2. nach einer Pauſe wieder das Wor welchem furchtbaren Moment, wird erlaubt Dich Sohn zu nennen. In den Augen. * 150 blick wo mich Baldi der Schande Preis giebt; wo ein ſchmachvoller Tod meiner harrt.“ „Wohlan, mein Vater,“ erwiderte Cabri muthig,„kann nichts dieſen furchtbaren Schlag von Ihnen abwenden, wird er Sie wenig⸗ ſtens nicht allein treffen; auch ich muß ſter⸗ ben; einer in dem Arm des Andern, wollen wir dem Tode muthig entgegen gehn.“— „Nicht alſo, mein Sohn,“ verſetzte der beklagenswerthe Vater.„In meinem Ungluͤck haͤlt mich noch eine einzige Hoffnung aufrecht; wenn der Himmel mir beiſteht, wirſt Du nicht ſterben.“ 2„Was gilt mir das Leben, raubt man t den Vater!“ rief der Kleine. „Vexgißt Du ganz, daß Du auch eine ttter haſt?“ fragte Valry. „Ach, meine Mutter, meine arme Mut⸗ rl, jammerte Cabri. „ Bedenke,“ fuhr Valry fort, du Du 1 hre Stuͤtze ſeyn mußt, daß Sie bald nur Dich 1 haben wird, ihre Thraͤnen zu trocknen. 451 In dieſem Augenblick vernahm man 4 nahende Schritte draußen,„es iſt geſchehen,“ ſprach der Obriſt gefaßt,„meine Ehre iſt mir geraubt, aber mein Muth iſt mir geblieben, ich werde zu ſterben wiſſen.“ Die Thuͤr der Halle oͤffnete ſich und raſchen Schrittes trat der Gouverneur herein, ſein ſonſt bleiches Antlitz gluͤhte vor Zorn, und unter ſeinen greiſen Wimpern hervor flammte der Unwille. 8 „So liegt nun endlich alles am Tage,“ rief er im heftigſten Tone,„endlich habe ich das Ungeheuer entdeckt, deſſen Moͤrderhand mir die Ruhe meines Lebens raubte; die goͤtt. liche Gerechtigkeit hat es mir in die Hande geliefert. Schatten meines Bahnsz⸗ 3 ſt geraͤcht werden!“ 3 „Ewiger Gott!“ ſchrie Sose,.— Vater umklammernd. „ Sie kennen meinen Befehl, 2 Greis zu Raimond gewandt fort: 152 dem Burſchen, er theile das Schickſal ſeiner Spießgeſellen.“ Die Soldaten traten heran um ſich Cabri zu bemaͤchtigen, Valry aber hielt ihn feſt um⸗ ſchlungen;„es iſt mein Sohn, Ew. Exellenz,“ flehte er,„hoͤren Sie mich an, bevor Sie ihn von meinem Herzen reißen.“ „Ich, Dich hoͤren,“ fragte der Greis mit Abſcheu auf den vermeintlichen Moͤrder ſeines Sohnes blickend.„Doch, ich muß, meine Pflicht gebietet es mir, ich muß auf einen Augenblick vergeſſen, daß ich Vater war, 3 um nur daran zu denken, daß ich Richter hin. Ich werde Sie hoͤren, jetzt aber bleibt es bei meinem Befehl. Heran Soldaten, thut, 8 wie ich geboten.“ „Nein, nein, ich laſſe ihn nicht!“ ſchrie Valry. 48 3„Wollen Sie durch eine ſtrafbare Wider⸗ ſeßz lichkeit Ihre Schuld noch vermehren?““ fragte der Gouverneur.„Haben Sie ver⸗ 5 geſſen, daß ich da uͤber Bertrand ausge⸗ 15³ — ſprochene Todesurtheil jeden Augenblick in Ausfuͤhrung bringen laſſen kann?“ „Und das ſollte um meinetwillen ge⸗ ſchehen?“ unterbrach ihn der edelmuͤthige Knabe;„nein, nein, nimmermehr! Leben Sie wohl, mein Vater, auf ewig! Fort, fort von hinnen!“ ſo ſprechend entwand er ſich raſch den Armen Valry's und ſtuͤrzte ſich in den Kreis der Soldaten, welche ſich auf den wiederholten Wink des Gouverneurs, unter Raimonds Anfuͤhrung, zur Halle hinaus be⸗ gaben, um Cabri zum Tode zu fuͤhren. 10. „Um des Ewigen willen,“ flehte der Obriſt, als er ſich nunmehr mit dem Greiſe allein befand,„geben Sie Aufſchub bis Sie mich gehoͤrt haben.“ „Was koͤnnen Sie zu Ihrer Rechtferti⸗ gung ſagen,“ entgegnete der Gouverneur in 8 inem ſtrengen Tone,„ſind Sie nicht—“ „Jener Bertrand?“ fiel ihm der Obriſt die Rede;„ja. Durch jugendliche Ver⸗ Krrungen fortgeriſſen, ward ich in die Mitte jener Schleichhaͤndler geworfen.“ „JFuͤhrten Sie nicht Ihre Spießgeſellen in als dieſe den Major Stevin uͤberfielen?“ de der Gouverneur fort. Das kann ich nicht leugnen,“ verſetzte 3 Valry.„Ich hoffte die Piemonteſer zu zer⸗ ſtreuen, indem ich ſie ihres Anfuͤhrers be⸗ raubte; aber, Gott iſt mein Zeuge, nicht nach ſeinem Leben trachtete ich, nur als Geißel wollte ich ihn fortfuͤhren. Ich ſchonte ſeiner, ſo lange ich konnte; aber die Elenden, die mich begleiteten, hatten Feuer angelegt. Die Flam⸗ men loderten auf, die Balken krachten, er drang wuͤthend auf mich ein,— ich konnte nicht anders.“ „Und mein Sohn?.. mein armer 5 Alexis? 2 jammerte der Greis. „An ſeinem Tode bin ich ſchuſblos, 4 betheuerte Valry. „Wie, Sie wagen?“— „Ich ſprach die Wahrheit.“* „Wer, wer erſchlug mir denn den Sohn „Das Ungeheuer das mich dieſes 5 brechens anklagt, Nicolo Baldi,“ rief der bri „Baldi!“ niederhane der G uvernen erſenunt. „So iſt's,“ erwiederte Valry, ein Piſtol in ſeiner Hand, verfolgte er einen Juͤngling; es war Ihr Sohn; ich wußte es damals nicht. Ich ſtuͤrzte hinzu, wollte Baldi's Arm auf⸗ halten, zu ſpaͤt— der Ungluͤckliche hatte ſchon aufgehoͤrt zu leben. „Furchtbar, entſetzlich!“ ſtammelte der Gouverneur, ſein Antlitz mit den Haͤnden be⸗ deckend.„Aber die Beweiſe,“ fuhr er nach einer ſchwermuͤthigen Pauſe fort. „Stellen Sie mich meinem Anklaͤger gegenuͤber,“ bat der Obriſt,„und ich werde ihm das Geſtaͤndniß ſeines Verbrechens ſchon abzuzwingen wiſſen.“—„Glauben Sie ja nicht, daß ich mich meinem Schickſale ent⸗ Aahan will. Ich bin auf Alles gefaßt; nicht er mich, nur fuͤr meinen Sohn flehe ich ew rrete der zwiſchen Glauben und Zweifel Ihr Sohn ward mit den Schleichhaͤnd⸗ ſefangen; ich vermag ihn nicht zu retten⸗“„— 1 ſchwankende Gouverneur in einem dumpfen ——˖—O—ꝛOꝛ—:ñ:ñ:ñ⸗ęñÜũßꝛ—— 3 ———n:DH4:ʃ‧—:ʒ:yö:,:—— meinen Gatten von der gegen ihn vorgebra ten furchtbaren Anklage reinigen.“ — Tone: da wirbelte die Trommel draußen, und, ewiger Gott! man fuͤhrt ihn zum Tode!“ rief Valry angſterfuͤllt. „Mein Sohn, mein Sohn!“ ſchrie im Nebenzimmer mit herzzerreißender Stimme die ungluͤckliche Mutter, und herein ſtuͤrzte ſie, Verzweiflung in den Blicken, mit aufgeloͤſtem Haar, zu den Fuͤßen des Gouverneurs. „Gnade, Gnade,“ flehte ſie, mein Gatte iſt ſchuldlos! Baldi hat Sie getaͤuſcht, unver⸗ zuͤglich wird Ihnen der Beweis werden,— und mein Sohn, man fuͤhrt ihn zum Tode. Auf⸗ ſchub! Aufſchub fuͤr ihn bis Sie die Wahr⸗ heit erkannt. Fuͤnf Spießgeſellen Baldi's ent⸗ kamen, wie der Boͤſewicht in ſeinem freveln⸗ den Uebermuthe ſelbſt eingeſtanden, mit ihm dem Gemetzel, ſie harrten ſeiner am Thore. Ich gab dem Capitain Riotti Kunde davon er eilte fort ſie aufzuheben. Gelingt es i ſie herzuſchaffen, wird hoffentlich ihr Zeug 158 Neuerdings wirbelte die Trommel draußen. „Gnade, Gnade, Barmherzigkeit,“ jammerte Frau von Valry, die Kniee des Greiſes um⸗ klammernd. Und,„Gnade, Gnade fuͤr mei⸗ nen Sohn!“ ſtammelte Valry, ebenfalls nie⸗ derſtuͤrzend zu den Fuͤßen des Gouverneurs, welcher ſich von dem herzzerreißenden Anblick maͤchtig erſchuͤttert fuͤhlte, und uͤber dem nun⸗ mehr der Engel des Mitleids ſeinen Schwa⸗ nenſittig zu regen begann. „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich,“ ſprach er geruͤhrt, indem er einen Verſuch machte ſich loszuwinden,„und,“„ſo laßt mich doch, laßt mich,“ fuhr er, als das ungluͤck⸗ liche Ehepaar ihn nur noch feſter umklammerte, iim verſtaͤrkten, aber gutmuͤthigen T Tone forr: Laßt mich— wenn Ihr anders wollt, daß ich ihn retten ſoll!“ gen die uͤberraſchten Eltern freudig empor und Gouverneur eilte, um den Befehl zu geben, Cabri's Hinrichtung inne zu halten, raſch Bei dieſen troſtgewaͤhrenden Worten ſpran⸗ 3 Thuͤr; noch aber hatte er dieſe nicht er⸗ —y— —— hemmend; waͤhrend Frau von Valru mit lau⸗ 9) 8 y — tenſchuͤſſe krachten:„Es iſt zu ſpaͤt, die Un⸗ gluͤcklichen!“ klagte der Greis, ſeine Schritte tem Geſchrei halb ohnmaͤchtig auf einen Stuhl niederfank, und ihr todtenbleicher Gatte ge⸗ noͤthigt war ſich an eine Saͤule zu halten, um nicht zu Boden zu ſinken. Da hoͤrte man raſche Schritte draußen, die Thuͤr ward aufgeriſſen und herein ſtuͤrzte der wackere Major Raimond mit einem Antlitz das vor Freude leuchtete:„Er lebt, er lebt, beruhigen Sie ſich,“ rief er,„Riotti hat ein Paar der Schleichhaͤndler eingefangen, ſie haben zu Gunſten des Obriſten Valry ausge⸗ ſagt, betheuern, daß Cabri nur gezwungen bei ihnen weilte, da gab ich Befehl einzuhalten.⸗"² „Aber die Schuͤſſe, die Schuͤſſe?“ fragte der Gouverneur.. „Baldi ſiel von ihnen getroffen,“ ant wortete Raimond.„Er wollte ſeiner Wache entſpringen, und ſtieß mit dem Dolche ihr, da ſchoß man ihn nieder.“ „Ewiger Gott! Dank, Dank, ſtamt ten Valry und ſeine Gattin, mit zum Hi mel emporgehobenen Haͤnden. 160. „Von mir befragt,“ berichtete der Major weiter,„geſtanden die Gefangenen, daß Baldi allein den Mord unſers Alexis vollbrachte.“ „Alſo wirklich,“ ſprach der Greis, „Schatten meines Alexis, ſo biſt Du ver⸗ ſoͤhnt,“ und Valry's Hand erfaſſend, fuhr er fort,„ich habe Sie durch ungerechten Ver⸗ dacht gekraͤnkt, Herr Obriſt, ich will jetzt die Wunde heilen, die ich ſchlug. Ich eile zu dem Vice⸗Koͤnig, ich ſtehe Ihnen fuͤr Ihre Begnadigung, fuͤr die Ihres Sohnes. Man fuͤhre den jungen Mann hieher. „Er harrt ſchon draußen,“ entgegnete Naimond; ich gab den Befehl im Voraus, denn ich kannte ja Ihr Herz, mein vaͤter⸗ licher Freund.“ So ſprechend eilte er zur Thuͤr, oͤffnete d und herein flog mit lautem Freudengeſchrei bri in die Arme ſeiner nunmehr uͤbergluͤck⸗ chen Eltern. Tief bewegt ſchauete der Gou⸗ erneur auf die ruͤhrende Gruppe und dem wackeren Raimond, der ihm Sohnes Stelle eer zu mir, auch ich bin nicht linderlost zte, die Hand reichend, ſprach er:„Hie. ——— freulicher begegnen, je kraͤftiger die dunklen — 3 bert wurden.— Nirgend ſchien waͤhrend der 8 ſchreckenvollen Tage der franzoͤſi iſchen Revo tion nirgend aber auch erbluͤhten edle Handlung heraniche als auf jenem blutgetraͤnkten — Furchtbar tobet der Sturm, es ziſchen die feurigen Schlangen, Und in Flammen vergehn, Werke mit Mühe geſchaft. Doch das Gewitter entlockt auch Keime dem nähren⸗ den Boden⸗ Und mit farbiger Pracht ſchmücket es Felder und Flur⸗ Es giebt vielleicht keine troſtgewaͤhrendere Wahr⸗ heit als die Behauptung, daß die Zeit der Schrecken und der Miſſethat auch immer große Tugenden gebiert, die um ſo heller glaͤnzen, je furchtbarer die Verbrechen, aus deren Mitte ſie emporkeimten, gleichwie auf einem Gemaͤlde die lichten Perſpective dem Auge um ſo er⸗ Stellen von der Hand des Meiſters hingezau⸗ die Menſchheit tiefer geſunken als in der Vendé 4 —— „Dortk wurden die gehaͤßigſten Leidenſchaften losgelaſſen, der Franke fuͤhrte den Krieg gegen den Franken, Sohn und Vater erhoben gegen 1 einander die todtbringenden Waffen, der Bruder erſchlug den Bruder, aber auch die bewundrungs⸗ wuͤrdigſten Opfer der Menſchenliebe fanden ſtatt. In der Mitte der Vendée, in einem 3 Diſtrikt, Le Bocage genannt, lag ein einſames Doͤrfchen, welches aus kaum zwanzig Haͤuſern beſtand, die aber in einer ſo weiten Entfer⸗ nung von einander erbauet worden waren, daß 4 der Raum, den das Oertchen einnahm, fuͤr zehnmal ſo viele Wohnungen hingereicht haben wuͤrde. Fern von jeder Lan dſtraße, von dich⸗ tem Gehoͤlz und Anhoͤhen umgeben, gab es keine abgeſchiednere Stille, als die, welche— dieſes Doͤrſchen gewaͤhrte. Die kleine Gemeinde 8 welche es bewohnte, wußte nichts von der Welt, und trug auch kein Verlangen danach, etwas von ihr zu erfahren. Der Pfarrer, ein ſanf, nd menſchenfreundlicher Mann, gab de as Schickſal ſeiner Sorge a 5 — hatte, die Verſicherung, daß ihr Loos weit beneidenswerther ſey, als das, welches ſie jenſeits ihrer Waldungen und ihrer Huͤgel zu finden vermoͤchten, wie denn auch der Guts⸗ herr, der ſich beſtaͤndig in ſeinem nahe gelege⸗ nen Schloſſe aufhielt, die Wahrheit der Worte des Geiſtlichen zu beſtaͤtigen ſchien. Dieſer Letztere hatte ſich ſchon ſeit vielen Jahren aus der großen Welt zuruͤckgezogen, und lebte ſeit⸗ dem unter ſeinen Bauern, wie ein Vater unter ſeinen Kindern; die beiden Ehrenmaͤnner mach⸗ ten mit ihren Untergebenen gewiſſermaaßen nur eine Familie aus, ſo daß man ſich kein freundlicheres Verhaͤltniß denken kann.. Die Kirche war ein niederes anſpruchloe⸗ ſes Gebaͤude, und ſtimmte vollkommen mit der Demuth des Seelenhirten und ſeiner Heerde uͤberein. Der einfache Altar und ih prunkloſen Waͤnde bildeten zu den reichen Koſt⸗ barkeiten mancher Kirchen, einen an Kontraſt; nirgend aber konnten and 7 Gebete zu dem Ewigen hinaufgeſandt 7 6 als in dieſem beſcheidenen, Gott geweiheten Heiligthume. Uebrigens waren die Bewohner dieſes Doͤrfchens eben ſo munter und froͤhlich als andaͤchtig und fromm; denn, Heiterkeit iſt ja die ſtete Begleiterin und der unwiderleg⸗ barſte Buͤrge eines guten Gewiſſens. Eine, der kleinen Kirche nahe gelegenen Wieſe, war der Schauplatz ihrer ſonntaͤglichen Luſt, doch that dieſe Naͤhe weder ihrem Religions⸗ gefuͤhl noch ihrer Froͤhlichkeit Eintrag. Der gute Pfarrer praͤſidirte ſtets, wie bei den An⸗ 3 dachtsuͤbungen, ſo auch bei den Luſtbarkeiten. Unter einer Gruppe ſchattiger Ulmen gelehnt, die eben ſo alt waren als das mit Epheu uͤber⸗ wachſene Gemaͤuer der Kirche, heiligte ſein Laͤcheln die Freude, deren Zeuge er war. Drei oder vier Bauern verſtanden etwas Muſik zu machen, und nicht ſelten rief ihr laͤndliches Conzert den Schloßherrn und die etwa bei ihm 3 3 weilenden Gaͤſte hin zu dem Luſt geweihten Orte. Trotz dieſer hier herrſchenden republi. 8 kaniſchen Gleichheit aber, waren dieſen guten 6 3 7 — Menſchen dennoch die Traͤume der Eitelkeit und des Ehrgeizes voͤllig fremd geblieben; ſie hatten in der That einer vor dem Anderen nichts voraus, denn alle waren gleich arm, aber auch gleich fleißig und gleich gluͤcklich.— Das Bild einer Familie entwerfen, hieße das Aüs zeichnen. Auch ihre Huͤtten ſahen ſich einander ungemein aͤhnlich; nur eine von ihnen war etwas groͤßer als die uͤbrigen, und zeichnete ſich vor dieſen durch ein gefaͤlligeres Aeußere aus. Sie ſtand etwas von den anderen ent⸗ fernt, an dem Ufer eines Fluͤßchens, welches zwiſchen dem Dorfe und dem Gehoͤlz dahin plaͤtſcherte, und war von einem kleinen bluͤhen⸗ den Garten umgeben. Hoch hinauf ſich ſchlaͤn⸗ gelnde Gewaͤchſe hielten die Waͤnde von außen bedeckt, und balſamreiche Pflanzen, die im) Winter ſorgſam gepflegt wurden, waren waͤhrend 1 des Sommers rund um die Huͤtte phantaſtiſch geordnet. Der in der Mitte des Garten r 1 erhebende Brunnen war mit einer. klei — O— von Myrthen und Roſen umzogen, welche in der Blumen⸗Jahreszeit dem Auge gar erfreu⸗ lich entgegentrat. Das Innere dieſer Huͤtte ſtimmte mit dem angenehmen Aeußeren derſel⸗ ben vollkommen uͤberein; der zugleich zur Kuͤche und zum Wohnzimmer dienende Raum, war zwar nur mit dem noͤthigen, aber mit gar reinlichem Geraͤth ausgeſtattet. An den Waͤn⸗ den glaͤnzte Kupfergeſchirr, und weiß und rein⸗ lich waren Stuͤhle und Tiſche. Im Schlaf⸗ gemach befand ſich ein ſauberes Bett, ein an die Kuͤche graͤnzendes Kaͤmmerchen enthielt ein zweites, und mehrere Schraͤnke waren reichlich mit Leinwand angefuͤllt, worauf der franzoͤſiſche Landmann viel zu halten pflegt. Die Eigenthuͤmerin dieſer kleinen, aber be⸗ neidenswerthen Wohnung war ein von Kraͤnk⸗ 3 lichkeit und Alter niedergebeugtes Muͤtterchen. 1 Das Einzige, was ſie noch an dieſer Welt feſſelte, war ihre Enkelin, eine Waiſe, die ſie von Kindheit an erzogen hatte. Dies arm Maͤdchen beſaß alle Parzüge i man an einem weiblichen Weſen wuͤnſchen konnte, nur einen nicht, deſſen Entbehrung ſchwer zu tragen. Pauline war fromm, liebenswuͤrdig, froͤhlich und gutmuͤthig, eine treffliche Spin⸗ nerin und im Haushalte wohl erfahren; aber Schoͤnheit war ihr von der Natur nicht ver⸗. liehen worden, ja man konnte ſie in der That haͤßlich nennen. Dieſer gaͤnzliche Mangel aͤuße⸗ rer Annehmlichkeit hatte ihr von ihren Nach⸗ baren den Beinamen„la vilaine tête“ zuge⸗ zogen; aber Pauline ſchien ſich daraus, wie 1 uͤberhaupt aus ihrer Haͤßlichkeit, nicht viel zu machen, ſondern hielt ſich durch die uͤbrigen ihr von der Natur geſtatteten Vorzuͤge fuͤr reichlich entſchaͤbigt. Sie wußte daß ſie haͤßlich— ja, daß ſie recht haͤßlich ſey, aber ſie fuͤhlte ſich kraͤftig und geſund, und ſo war ſie zufrieden. Die Huͤtte ihrer Großmutter war eben nicht mit Spiegeln verſehen, ſo daß der M angel ihrer Schoͤnheit ihr nicht jeden Augenblick v. t das Geſicht gefuͤhrt ward. Die Nachbaren waren zu gutherzig, als daß ſie ihr — unfreundlichen Dienſt haͤtten erzeigen ſollen, und ſo ward ihr das Unangenehme ihrer Ge⸗ ſichtszuͤge nur von der treuen Spiegelflaͤche des Fluͤßchens vorgehalten, in dem ſie die ihrer Sorge anvertrauete Waͤſche des Schloſſes und ihre eigene zu reinigen pflegte. Dies war ihre Hauptbeſchaͤftigung, und ihren Stolz darin ſetzend ihre Sache gut zu machen, war ſie bald als die beſte Savoneuse im ganzen Doͤrſchen bekannt. Unter ſolchen Umſtaͤnden traͤumte, wie meine freundlichen Leſer leicht begreifen werden, Pauline weder von Liebe noch von Heirath— weder zu der einen noch zu der anderen bot ſich ihr Gelegenheit dar. Dennoch aber fehlte ihr bei den oͤffentlichen Luſtbarkeiten nie ein Taͤnzer; ihr Garten, der ihr große Freude machte, wurde freiwillig von den jungen Dorf⸗ bewohnern in Ordnung gehalten; ward etwa in ihrer Huͤtte ſchadhaft, waren gleich alle 3 Haͤnde fuͤr ſie in Bereitſchaft, und an ihrem 3 Namenstage wurde ſie von allen Seiten mit “ 6 11 — Geſchenken uͤberhaͤuft.— So groß iſt die Macht der Tugend, daß Pauline, trotz ihrer Haͤßlichkeit, nie eine Zuruͤckſetzung erfuhr. Es iſt wahr, man nannte ſie la vilaine tète, ſolche Beinamen aber haben bei dem Landmann durchaus keinen boͤsartigen Sinn; er wird nur wie ein ſchuldlofer Scherz betrachtet und auf⸗ genommen. Pauline trug demnach auch den ihren mit heiterer Laune, und die Gewohnheit ließ ſie bald gar nicht mehr darauf achten; aber, man hatte ihr auch noch einen andern Namen gegeben, auf den ſie ſich nicht wenig einbildete, ſie ward naͤmlich auch„die gute Pauline“ genannt, und dieſen Beinamen ver⸗ diente ſie eben ſo ſehr als den fruͤher erwaͤhn⸗ ten; denn ſie war wenigſtens eben ſo gut als 4 ſie haͤßlich war. Sobald im Dorfe ein Kind krank ward, ſobald ſich irgend jemand beklagte, war Pauline ſtets die Erſte die ihren Beiſtand darbot, ſtets die Letzte aber, die mit ihrer Huͤlfe einhielt; auch ſchien ſie von der Natur dazu beſtimmt, dem Neide ſeinen Stachel jzu 42 rauben; denn wenn etwa eine der Dorfbe⸗ wohnerinnen ſich weniger huͤbſch glaubte als ihre Nachbarin, und eine ſolche Ueberzeugung bei jener ein unangenehmes Gefuͤhl erregte, brauchte ſie, um ſich zu troͤſten, nur auf die haͤßliche Pauline zu blicken, oder den vernuͤnf⸗ tigen Reden derſelben ihr Ohr zu leihen. Ihre Freundinnen ſuchten auch in der That ihren Rath bei jeder Gelegenheit, befolgten ihn un⸗ bedingt, und ſo ward ſie, mit einem Worte, von Alt und Jung im Dorfe geſegnet. So haͤtte ſie nun in gluͤcklicher Verborgen⸗ heit den Strom des Lebens ruhig hinabſchiffen eoͤnnen, haͤtten nicht die oͤffentlichen Begeben⸗ heiten, welche ihr Vaterland furchtbar aufreg⸗ ten, feindlich in ihr ſtilles Wirken eingegriffen. Sie hatte das achtzehnte Jahr erreicht, als der kriegeriſche Laͤrm zuerſt in ihrer Gegen erſcholl. Pauline und ihre jungen Nachbarin nen hatten bereits viel von den, fern von ihne ſtattgefundenen, furchtbaren Bewegungen er⸗ zaͤhlen gehoͤrt, aber in ihrem leichten jugend⸗ — ——Q———— — f * ſchwere Luft ein Gemurmel von Menſchenſtim⸗ 13 — lichen Sinn glaubten ſie, der Aufruhr eoͤnne nie bis zu ihnen dringen, und ſo hatten ſie keine Ahnung von den Schrecken, die ſie bald erfahren ſollten. Pauline ruhte auf ihrem Lager als die Laͤrmglocke zum erſtenmale ange⸗ zogen ward, ſie ſprang empor, fuhr in ihre Kleider, und oͤffnete einen Fenſterladen, um hinauszuſchauen, wo das Feuer ausgebrochen; denn ein ſolches zu verkuͤnden, meinte ſie, ſey der Zweck des Sturmlaͤutens. Sie blickte hinaus, aber dunkle Nacht nur war es um ſie her; keine Flamme roͤthete die Wolken, welche ſchwer wie das Verhaͤngniß auf dem Dorfe ruheten, oder vergoldete die Baͤume, deren Blaͤtter das Huͤttchen uͤberhingen; kein Laub bewegte ſich, kein Luftzug war zu ſpuͤren. Dieſe ungewoͤhnliche Stille in der Natur preßte Paulinens Bruſt furchtbar zuſammen; ſie horchte dem Schall der Glocke mit einer Angſt, wie ſie eine augenſcheinliche Gefahr ihr einzu⸗ ſtößen nicht vermocht haͤtte. Endlich trug die 14 — men zu ihr her, und der Schall einer Trommel beruͤhrte ihr Ohr. Bald kam das Geſchrei naͤher, und deutlich hoͤrte ſie jetzt in der Ferne ſchießen. Das arme, an allen Gliedern zit⸗ ternde Maͤdchen ſchlich aus der Kammer in der ſie ruhte, in der Abſicht, ſich durch den Garten zur naͤchſten Huͤtte zu begeben, um dort zu fragen, was der Laͤrm zu bedeuten habe. Sie trat in die Kuͤche, wunderte ſich aber nicht wenig in dem Zimmer ihrer Groß⸗ mutter fluͤſtern zu hoͤren; leiſe oͤffnete ſie die Thuͤr und nun erblickte ſie bei dem Schimmer der Lampe die alte Frau und zwei ihrer Nach⸗ barinnen auf den Knien liegen und beten. Paulinens Erſcheinen machte, daß ſie beſorgt emporſprangen, waͤhrend das arme Maͤdchen, von ihren angſterfuͤllten Blicken erſchreckt, der Großmutter in die Arme ſtuͤrzte, und in hes 4 nen ausbrach. Als endlich die jummernden Weiber einige 4 Faſſung gewonnen hatten, erfuhr Pauline, daß der Laͤrm draußen durch die Vereinigung der— 15 Dorfbewohner mit anderen Gemeinden aus der Nachbarſchaft entſtanden ſey, welche auf Ver⸗ anſtaltung des Schloßherrn und des Pfarrers aufbraͤchen, den Gegnern der Revolution zu Huͤlfe zu ziehn. Pauline entſchloß ſich auf die Straße zu gehen, das, was ſich begeben wuͤrde, mit anzuſchauen; als ſie aber hinaus trat ſchien der Tumult ſich zu entfernen; ſie horchte hin, konnte aber durchaus nichts unterſcheiden. Da ſie ſich indeß auf wohlbekanntem Grund und Boden befand, ſchritt ſie, dem Gemurmel ſich zuruͤckziehender Stimmen folgend, weiter, bis ſie die Anhoͤhe erreichte, auf der die Kirche erbauet worden war. Die Hauptpforte der⸗ ſelben ſtand offen, und zu Paulinens unend⸗ lichem Erſtaunen ſtrahlte ihr daraus ein Licht⸗ ſchimmer entgegen, der die, vor der heiligen Staͤtte gepflanzten Ulmen magiſch beleuchtete. Dieſe Helle machte bei der rabenſchwarzen Finſterniß der Nacht einen maͤchtigen Eindruck, der durch das Rauſchen, der durch den ſich 16 grade jetzt erhebenden Lufthauch bewegten, un⸗ ſichtbaren Blaͤtter noch vermehrt ward. Grup⸗ pen von Landleuten ſchritten dann und wann auf dem hellerleuchteten Fleck an der Kirchthuͤr voruͤber und verloren ſich, nur auf einen Moment dem Auge ſichtbar, eben ſo ploͤtzlich wieder in der jenſeitigen Nacht, als ſie aus der diesſeitigen getreten waren. Einige be⸗ gaben ſich in die Kirche, andere ieben vor derſelben nachdenkend ſtehn, alle aber waren bewaffnet, wenn gleich auf die wunderbarſte und mannigfaltigſte Weiſe. Als Pauline noch ſo bleich und zitternd, an einer Ulme gelehnt, daſtand, hoͤrte ſie ploͤtzlich die Schuͤſſe mehrerer ruͤckkehrenden Schaaren von Bauern, und jetzt ſah ſie, wie gleich darauf in der Gegend, rund um ſie her, Signalfeuer angezuͤndet wurden, die bald knaſternd emporloderten, rothe Gluth uͤber die Gegenſtaͤnde in ihrer Naͤhe verbreitend. Indem Pauline noch mit athemloſem Staunen dieſe Scene beſchauete, hoͤrte ſie ploͤtzlich ein gellendes Geſchrei aus dem Gottgeweiheten 17 — 4 Gebaͤude zu ihr her erſchallen; ſie fuhr maͤch⸗ tig zuſammen; ſer Ton hatte ſo etwas Un⸗ heimliches— ſo etwas Daͤmonenartiges im Ver⸗ gleich zu den andaͤchtigen Gebeten, die ſie an dieſer frommen Staͤtte zu vernehmen gewohnt war, daß ſie ſich eines innerlichen Schauders nicht enthalten konnte. Sie zweifelte, ob ſie auch recht gehoͤrt habe; aber das Geſchrei ward 4* wiederholt, und unfaͤhig laͤnger dort zu ver⸗ weilen, wo ſie ſtand, ſtuͤrzte ſie der offenſtehen⸗ 4 den Kirchenpforte zu, um ihre furchtbam aufge⸗ regte Neugier zu befriedigen. Unter dem niedrigen, hoͤlzernen Portal hemmte ſie ihre Schritte, und von hieraus uͤberſah ſie nun 4 das, was drinnen vorging. Eine, fuͤr den Raum des kleinen Gebaͤudes, große Menſchen⸗ menge von beiden Geſchlechtern war in der Kirche verſammelt, ſie ſtanden da und horchten aufmerkſam den Worten des Pfarrers, waͤhrend hunderte von Bajonetten, Spießen und anderen Waffen uͤber ihren Haͤuptern blitzten. Der Altar war heller erleuchtet als gewoͤhnlich 18 auf den Stufen deſſelben ſtand der Gutsherr, ebenfalls auf ſeltſame Weiſe bewaffnet. Neben ihm befand ſich der Pfarrer im vollen prieſter⸗ lichen Ornate. Der Erſtere war eine Figur, wie fuͤr den Pinſel eines Salvator Roſa ge⸗ ſchaffen, kuͤhn, muthig und entſchloſſen zeigte er ſich der Menge mit dem kriegeriſchen An⸗ ſtande eines Bergbewohners. In ſeinem ein⸗ fachen Guͤrtel ſteckte ein maͤchtiges Piſtolenpaar, und ſeine linke Hand hielt den verroſteten Griff ſeines alten Familiendegens gefaßt,.⸗ waͤhrend er ſich mit der Rechten auf einem Carabiner ſtuͤtzte. Seine ſchwarzen Augen flammten, und aus dem rothen Tuche, welches er gleich den uͤbrigen Anfuͤhrern der Vendéer 3 um das Haupt gebunden hatte, ſuchten hie und da einzelne ſeiner rabenſchwarzen Locken 1 ſich hervorzudraͤngen. Der Pfarrer dagegen konnte fuͤr eine in das Leben getretene Raphaelſche Geſtalt gehalten werden. Sein ganzes Weſen ſchien Ruhe, Erleuchtung von oben zu verkuͤn⸗ den; ſeine ſanften blauen Augen glaͤnzten wie ——— I Mann der ſonſt an dieſer heiligen Stelle nur 19 — von einem Himmelslichte belebt. Der Guts⸗ herr ſtand regungslos da wie eine Bildſaͤule, ſo, als ob ein großer Gedanke alle ſeine Be⸗ wegungen hemme; der Geiſtliche aber hattel ili dem Eifer ſeiner Beredſamkeit ſeine Haͤnde emporgehoben, und ſprach zu der ihn aufmerk⸗ ſam horchenden Verſammlung. Die Entfer⸗ nung geſtattete indeß nur einem Theil ſeiner Rede bis zu dem Ohr der ſtaunenden Pauline zu gelangen; aber ſie verſtand genug davon um ſich zu uͤberzeugen, daß er ſeine Zuhoͤrer zum Kampf aufforderte und ihnen Sieg ver⸗ ſprach. Anfangs meinte ſie, ſie traͤume, und was ſie zu ſchauen und zu hoͤren glaube, ſey nichts als ein Gebilde ihrer Phantaſie. Sah' ſie in der That die Gott geweihte, friedliche Staͤtte vor ſich?— war der bewaffnete Krie⸗ ger dort am Altar, mit den flammenden Augen wirklich der milde Gutsherr? war jener Andere der zu blutigen Thaten aufforderte, derſelbe Zweifel durchkreuzten das Gehirn der armen Pauline.— Ja, es waren dieſelben, und nicht zu verwundern iſt es, daß Verfolgungen und Bedruͤckungen einen ſolchen Wandel hervor⸗ brachten! Sie horchte jetzt mit der angeſtreng⸗ teſten Aufmerkſamkeit der Nede des Pfarrers; ſeine Worte floſſen ihm von den Lippen, ſo, als waͤren ſie ihm von Himmel eingegeben, und wenn er dann und wann innehielt, brach die Verſammlung in ein lautes wildes Geſchrei des Beifalls aus. Der gewandte Redner glaubte jetzt die Gemuͤther hinlaͤnglich geſtimmt zu haben, und in dem Augenblick wo der Enthu⸗ ſiasmus ſeiner Zuhoͤrer den hoͤchſten Punkt erreicht zu haben ſchien, nahm er demnach eine weiß ſeidene Fahne von dem Altar, und ſich wieder zu der Verſammlung wendend, ſchwenkte er kraͤf⸗ tig das ſchneeige Banner uͤber ſeinem Haupte— der dadurch entſtandene Luftzug bewegte ſeine greiſen Locken, ſein Antlitz leuchtete verklaͤrt, und er ſchien ein uͤberirdiſches Weſen. Die Menge ſah eine Weile mit ehrfurchtsvollem 21 Schweigen zu ihm hinauf, harrend auf's Neue ſeine klangvolle Stimme zu vernehmen.„Seht hier, meine Kinder,“ rief der ehrwuͤrdige Mann endlich,„ſeht hier das Banner Eures Gottes— Eures Vaterlandes— Cures Koͤnigs!“— Das Feuer, mit dem er dieſe Worte ſprach, regte die Verſammlung noch mehr auf, und„ja, ja fuͤr Gottk— fuͤr's Vaterland— fuͤr unſeren Koͤnig!“ ſchallte es von allen Seiten wieder.„Laßt uns jetzt dieß heilige Zeichen der Tugend und der Tapferkeit ein⸗ weihen,“ fuhr der Redner fort, und alſobald that er, wie er geſprochen. Als dies vollbracht war nahm er neuerdings mit lauter Stimme das Wort:„wer,“ fragte er,„uͤbernimmt es freiwillig dies heilige Banner zu beſchuͤtzen! 4— Kaum war dieſe Aufforderung uͤber ſeine Lippen gekommen, als auch eine große Anzahl junger Maͤnner ſich mit Blitzesſchnelle uͤber das Gitter hin auf die Stufen des Altares ſchwang, un im freundlichen Wetteifer einer dem anderen die Ehre, das Banner zu faͤhren, ſtreit 3 —[——᷑—ͦ—ÿ—ÿůÿ-ʒ—Z——QO˖LSEñꝭꝑC.ꝭ—᷑—⁊—X—ꝑ—ꝑLñę-ꝰ——ꝭ—QQę— 22 — machen. Da aber trat der Schloßherr heran, „nicht ſo, meine Freunde,“ rief er,„dieſe Ehre ſey mir vorbehalten. Es iſt die einzige Auszeichnung welche ich verlange, keinen anderen Vorrang begehre ich— gemeinſchaftlich wollen wir in den Kampf ziehen— gemeinſchaftlich wollen wir fechten— ſiegen oder ſterben!— Haltet ſtets Eure Blicke gerichtet auf dies Zeichen unſerer gerechten Sache; ſo lange Ihr es uͤber meinem Haupte wehend ſchauet, iſt der Pfad des Ruhmes nicht fern— ſeht Ihr es aber ſinken— moͤgt Ihr zur Schaufel greifen, mein Grab zu graben!“ Die jungen Maͤnner gaben der Forderung ihres Anfuͤhrers nach, ein lautes wildes Ge⸗ ſchrei machte neuerdings die Waͤnde der Kirche wiederhallen, Waffen klirrten und Trommeln wirbelten. Da winkte der Pfarrer mit der Hand, und alles war ſtille;„erhebt jetzt Eure Stimmen und ruft den Beiſtand des Ewigen an,“ ſprach er, und alſobald ſiel die Orgel ein und die Verſammlung ſang ein halb religioͤſes, — . — . 23 — halb kriegeriſches Lied.— Als die letzten Toͤne deſſelben verklungen waren, hielt der Pfarrer noch eine kurze Anrede an die Menge, ſeine Augen waren jetzt mit Thraͤnen gefuͤllt, und ſeine Stimme zitterte als er uͤber die Ver⸗ ſammlung den Segen ſprach. Zuvor hatte er ihren Geiſt erhoben, jetzt bemuͤhte er ſich ihr Herz zu ruͤhren. Er bat ſie, eben ſo barm⸗ herzig als tapfer zu ſeyn, und ſuchte ſie zu uͤberzeugen, daß wahrer Muth mit Menſchlich⸗ 4 keit ſtets vereint waͤre. Er beſprengte ſie darauf mit dem heiligen Waſſer, und ſie ver⸗ ließen dann die Kirche, den Schloßherrn an ihrer Spitze, nachdem der Geiſtliche ihnen noch einmal zugerufen hatte,„muthig und ent⸗ ſchloſſen, meine Kinder, der Gott der Schlach⸗ ten beſchuͤtze Euch.“ Die Menge ſtuͤrzte hinaus an Paulinen voruͤber, ohne ſie zu bemerken, und faſt auch ohne von ihr bemerkt zu werden, denn ihre ganze Aufmerkſamkeit war nur auf den gerich: 3 tet, beſſen Beredſamkeit ſie an der r Karchen. 3 Schwelle feſſelte. Als alles die Kirche ver laſ ſen hatte, ſah ſie ihn kraftlos auf einen Seſ⸗ ſel niederſinken, zwei oder drei Kirchendiener ſtanden neben ihm, er aber richtete ſeine Blicke zum Himmel empor und ſchien ein Gebet zu ſtammeln. Endlich lenkte Pauline ihre Schrit⸗ te heimwaͤrts; als ſie die Anhoͤhe hinabſchritt blickte ſie um ſich; die Signal⸗Feuer waren faſt ſaͤmmtlich erloſchen, nur hie und da flackerte noch eine Flamme empor, und nur an einzelnen Stellen gluͤhten noch verglim— mende Kohlen. Als ſie unten am Huͤgel an, gelangt war, ſah ſie noch einmal zur Kirche hin⸗ auf, man machte ſo eben Anſtalt die Pforte derſel⸗ ben zu ſchließen; es war jetzt niemand mehr in der Naͤhe, die ganze Gegend ſchien menſchen⸗ leer, denn die Weiber hatten die fortei lenden Krieger ein Stuͤck Weges begleitet. Nur hie und da verkuͤndete ein ſchwacher Lichtſchimmer aus dem Fenſter irgend einer Huͤtte daß in demſelben Alter oder Kraͤnklichkeit weile. Kein Gerauſch war zu vernehmen als das ferne dumpfe Getoͤſe der fort ſich bewegenden Schaar;— ſo langte Pauline zu Haufe an. Von dieſem Augenblick ward in dem einſt ſo gluͤcklichen Doͤrſchen kein Freudenton mehr gehoͤrt, wenn wir anders den dann und wann erſchallenden Siegesjubel abrechnen, der aber weit eher mit einem Tigergeheul als mit einer Froͤhlichkeitsaͤußerung verglichen werden konnte. Die Kirchenglocke rief nicht mehr zum Gebet, ſie ward nur angezogen um Blut und Schlacht zu verkuͤnden. Die Arbeiten des Feldes ruh⸗ ten, denn man hatte ernſtere Dinge vorgenom⸗ men. Waffenuͤbungen aller Art beſchaͤftigten die jungen Maͤnner, wenn ſie dann und wann heimkehrten um neue Kraͤfte zu ſammeln; waͤhrend die aͤlteren keinen Muth hatten den Acker anzubauen, damit er Morgen vielleicht vom Feinde zertreten wuͤrde. Der Sonntag lockte die Bewohner nicht mehr wie ſonſt hin⸗ aus zum heiteren Tanz; auf jedem Geſichte war Sorge und Kummer zu leſen⸗ und Seds — angſtvollen Tagen. Jeder Tag brachte aber auch neue Begebenheiten mit, entweder nahte eine Gefahr, oder ein harter Kampf hatte ſtattgefunden, oder ein ſchwerer Sieg war er⸗ fochten. Mancher wackere Juͤngling des Dorfs, moderte unbeerdigt auf dem fernen Schlacht⸗ felde; Andere kehrten zuruͤck, verwundet— um zu ſterben, oder an Kruͤcken ihr Leben hinzuſchleppen. Die Weiber waren ebenfalls nicht unthaͤtig, man hatte ihnen unterſagt den Armeen zu folgen, von dem kriegeriſchen Geiſte beſeelt aber, waren ſie nicht daran zu verhindern Wachen zu beziehen und jede mili⸗ tairiſche Pflicht gleich erfahrnen Soldaten zu uͤben. Manche verkleideten ſich ſogar als Maͤn⸗ ner, guͤrteten Schwerdter um und miſchten ſich muthig in die Reihen, die Sorge fuͤr ihre Aeltern und Kinder denen uͤberlaſſend, welche ſchwaͤcher oder weniger kuͤhn daheim blieben. Zu dieſem Letzteren gehoͤrte Pauline, denn ſie war von einem zarten, ja faſt ſchwaͤchlichen Koͤrperbau, aber ſie war darum nicht von ge⸗ — — mehrer male in großer Gefahr ſchwebte, end⸗ ringerem Nutzen. Die Kirche war in ein Hoſpital verwandelt worden, welches, da es unter der Oberaufſicht des wackeren Pfarrers und eines Wundarztes ſtand, bald als die trefflichſte Verpflegungsanſtalt der verwundeten Vendeer betrachtet ward;— hier war Pau⸗ line unermuͤdet.. Das Abgelegene des Dorfchens hatte es bisher mit der Naͤhe irgend einer der beiden feindlichen Armeen verſchont gehalten; bald aber draͤngten die reißenden Fortſchritte der republikaniſchen Waffen die tapferen Vendeer auf die entfernteſten Punkte zuruͤck, und das Dorf ward jetzt das Hauptquartier einer ruͤck⸗ waͤrts ſich bewegenden Schaar von Royaliſten. Kanonen, Bagage⸗Wagen und Kavallerie zo⸗ 5s gen in ununterbrochener Reihe durch das fruͤher ſo tille Oertchen, immerdar erklangen Trompeten, wirbelten Trommeln und uͤberall gewahrte das Auge nur Soldaten und kriegeriſche Anſtalten. Der Gutsherr hatte, nachdem ſein Leben lich ſein Schloß wieder erreicht, wo er eine Weile lang der armſeligen Ruhe pflegen wollte— welche ihm die Umſtaͤnde zu genießen erlaubten. Der commandirende General mit ſeinem Stabe war auf dem Schloſſe einquar⸗ tirt, und Pauline hatte wie die Waͤſche des Schloßherrn, auch die aller dieſer Fremden zu beſorgen. Sie hatte Tag und Nacht vollauf zu thun, da ſie fuͤr ihre Muͤhe aber reichlich 3 belohnt ward, arbeitete ſie mit der groͤßten Unverdroſſenheit, das Geld welches ſie verdiente bei Seite legend, damit ſie es im Fall der Noth zur Hand habe.— Die kleinen Detaſchements, welche von Zeit zu Zeit ausgeſandt wurden, brachten zu⸗ weilen Gefangene mit, die man, denn man hatte beſchloſſen dem Feinde keinen zu geben, nur verſchonte, um von ih w kunft uͤber die Stellungen der repu 6 Armeen zu erhalten; ſobald man ſie gt hatte, wurden dieſe Ungluͤcklichen gemeinhi einem furchtbaren Schickſal preisgegeben. —,— 29 6.— ihrer Ruͤckſicht ſchien man jedem menſchlichen Gefuͤhle entſagt zu haben. Blutend und er⸗ mattet dahergeſchleppt, langten ſie gewoͤhnlich ſchon halbtodt im Dorfe an, wo ſie dann in eine Art von Huͤtte die als Kerker diente, ge⸗ worfen wurden, um dort vernachlaͤßigt ihr Le⸗ ben auszuhauchen. Aber auch manches Herz nahm Theil an ihren Leiden, und auch hier trug das Mitleid dann und wann uͤber die finſteren Leidenſchaften den Sieg davon; ſo daß mehrere dieſer Ungluͤcklichen erhalten wur⸗ den, um ihren Beſchuͤtzern dereinſt ihre Barm⸗ herzigkeit zu vergelten. Eines Abends als Pauline noch ſpaͤt be⸗ ſchaͤftigt war, Waͤſche zu ordnen, welche ſi ſie am naͤchſten Morgen im Schloſſe abliefern ard leiſe an die Thuͤr der Huͤtte ge— oͤffnete unbedenklich, denn ſie wußte s Dorf von befreundeten Kriegern be⸗ kaum aber hatte ſie aufgemacht, als 4 vor Schrecken zuruͤckbebte; ein Sol⸗ — z— —— der Uniform der Republikaner zeigte — ſich ihren Blicken; er trug die National⸗Ko⸗ karde, ſonſt aber kein Zeichen feindlicher Geſin⸗ nung, denn er war unbewaffnet. Sein Ant⸗ litz war bleich und das Blut welches aus ſei⸗ ner Stirnwunde quoll, gab ihm ein noch gei⸗ ſterartigeres Anſehen. Ein Arm ruhte in dem ihm als Binde dienenden Schnupftuche, er hatte weder Schuhe noch Struͤmpfe an und ſeine Kleider waren zerriſſen und mit Staub bedeckt. Dieſe Leidensgeſtalt bat nun Pauline in einem aͤngſtlichen aber eindringlichen Tone, ihm Einlaß zu gewaͤhren und die Thuͤre der Huͤtte zu verſchließen. Sie that wie der Fremde begehrte, denn es lag in ſeiner Sprache und in ſeinem Benehmen etwas, das augen⸗ blicklich jede Furcht von ihr entfernte. Der Angekommene war noch jung, und trotz ſeiner Wunde waren doch die Zuͤge der Schoͤnheit in ſeinem Geſicht unverkennbar. Seine Stimme war uͤberdem ſo ſanft und ſo erweckte ſeine„ huͤlfloſe Lage in Paulinens Bruſt ſchnell jenes Nitleid, welches von einem noch zartlicheren Gefuͤhl ſchwer zu unterſcheiden iſt. war eine eifrige Royaliſtin, und ſchon bloßen Gedanken an einen Republikaner hatte ſie geſchaudert; jetzt aber ſchien dieſe Abnei⸗ gung ploͤtzlich verſchwunden. Denn der Funke der Liebe der oft nur eines Augenblicks be⸗ darf um die Flamme der Leidenſchaft heftig auflodern zu laſſen, hatte in Paulinens Her⸗ zen gezuͤndet. La Coste, ſo nannte ſich der Fremde, unterrichtete unſere Heldin mit wenigen Wor⸗ ten, daß er einer der Gefangenen ſey die man am vergangenen Tage eingebracht habe. Die Royaliſten haͤtten ihn ausgefragt, und ihn dann in eine armſelige Huͤtte geworfen; er hatte die Nachlaͤßigkeit ſeiner Wachen benutzt um ſich zu befreien, der Lichtſchimmer aus dem „Fenßer der Huͤtte hatte ihn angezogen, er — ſchauete hinein, und da er darin ein junges (er konnte ſich nicht uͤberwinden zu ſagen huͤbſches) Maͤdchen erblickte, beſiegte die Hoff⸗ nung ihr Mitleid zu erwecken, jede Beſorgniß f — die ruͤckſichtlich ſeiner Sicherheit bei ihm erſtei⸗ gen wollte, und muthvoll klopfte er an. Er bat dringend ihn aufzunehmen und ihm Schutz zu gewaͤhren, und Pauline that wie er ver⸗ langte. Es war keine Zeit zu uͤberlegen, ſelbſt wenn ſie haͤtte uͤberlegen moͤgen; aber dies zu thun kam ihr in der That in dieſem Augen⸗ blick nicht in den Sinn. Sie erfaßte ſanft ſeine Hand, fuͤhrte ihn leiſe in ihr Kaͤmmer⸗ chen, und beſtand darauf daß er ihr Lager ein⸗ nehmen ſolle. Darauf eilte ſie in die Kuͤche, waͤrmte etwas Waſſer und wuſch damit ſeine Stirn und ſeine blutenden Fuͤße. Die Erfah: rung welche ſie im Hoſpital geſammelt hatte, war ihr jetzt von unendlichem Nutzen, auch machte ſie davon mit einer zaͤrtlichen Sorgfalt Gebrauch, uͤber die ſie ſelbſt erſtaunte. Sie verband ſeinen gequetſchten Arm und reichte ihm von dem kleinen Vorrath ihrer Huͤtte et⸗ was Speiſe und eine Flaſche Wein, welches ihn ungemein erquickte. Sie hatte in der letzten Zeit genug Wunden geſehn um ſich zu 4 33 — uͤberzengen daß die des Fremden durchaus ge⸗ fahrlos waren, und ſo drang ſie, als ſie ſoh 4 wie Muͤdigkeit ſeine Augen ſchließen wollte, in ihn, ſich unbeſorgt der Ruhe zu uͤberlaſſen. Er machte zwar einige Einwendungen, aber die Natur trug bald den Sieg uͤber ſeine Hoͤflichkeit davon, ſeine ſchweren Augenlieder ſanken hinab und er entſchlummerte ſanft. Als Pauline ihn im feſten Schlafe ruhen ſah, begab ſie ſich leiſe hinaus in die Kuͤche, wo ſie auf einem Stuhle die Nacht uͤber zubrachte, uͤber das Seltſame ihrer Lage und daruͤber naachſinnend wie ſie den Fremden der ſich ihrem Schutze anvertrauet, zu retten vermoͤge. Sie fuͤhlte, daß ſie indem ſie einem Feinde Obdach gewaͤhre, Unrecht an der Sache der ihrigen begehe,— daß einen Mann verbergen, ¹ zumal wie ſie ihn verborgen hatte, weiblicher Sitttſamkeit zu nahe treten heiße. Sie wußte, daß ſie im Entdeckungsfall mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤuft, ja vielleicht ſtrenge beſtraft werden wuͤrde; aber eine innere Stimme, welche ihr 3 34 gebot, ſich des Ungluͤcklichen anzunehmen, uͤbertaͤubte jede Bedenklichkeit und uͤberredete ſie daß ihre Gefahr nur eingebildet ſey. Da⸗ bei aber fuͤhlte ſie ſich von einer wunderbaren Unruhe bewegt, deren Grund ſie nicht zu ent⸗ raͤthſeln vermochte, es war ein ſeltſames Ge⸗ fuͤhl wie ſie es bisher noch nie empfunden hatte, aber es war ihr ſo wohlthuend, daß ſie ſich durchaus nicht ruhiger wuͤnſchte. So blieb ſie denn feſt entſchloſſen den Fremden auf jede Gefahr hin zu retten, und als der erſte Strahl der Morgenſonne durch die Fenſter hereindaͤm⸗ merte, begab ſie ſich zu dem Ende wieder in das Kaͤmmerchen um ſich nach ihrem Schuͤtz⸗ ling umzuſehn. Er ſchlummerte noch immer, Pauline aber wuͤnſchte daß er erwachen moͤchte, und ſuchte ſich zu uͤberreden, daß ſie dieſes nur um ſeinerſelbſt willen wuͤnſche; im Grunde aber ſehnte ſie ſich da nach die ſanften Aeußer⸗ ungen ſeiner Dankbarkeit zu vernehmen, denn die melodiſche Stimme des Fluͤchtlings klang noch immer in ihren Ohren. Sie hatte indeß 35 nicht den Muth ihn zu wecken, und ſo zog ſie ſich leiſe in die Kuͤche zuruͤck. Die Lerche be⸗ gann jetzt himmelanſteigend ihr Morgenlied, und auch die uͤbrigen befluͤgelten Saͤnger des Hains ließen ihre Melodieen ertoͤnen. Da trat Pauline an das Fenſter— und als ſie es oͤffnete und nun die friſche Morgenluft ihre Wangen kuͤhlte, glaubte ſie ſich nie leichter, nie gluͤcklicher gefuͤhlt zu haben. Wie zu ei⸗ nem neuen Leben geboren ſchaute ſie hinaus; aber ein furchtbarer Schrecken erfaßte ſie und ihr Herzblut ſtockte, als ſie ploͤtzlich auf die Huͤtte drei oder vier bewaffnete Maͤnner zu⸗ kommen ſah, welche ſie, und zwar mit Recht, fuͤr die den Entflohenen ſuchende Wache hielt. Sie ſtuͤrzte in die Kammer, und anfangs allzuerſchrocken um auch nur ein Wort uͤber ihre Lippen zu bringen, ſchuͤttelte ſie den Ver⸗ 8 wundeten wach und ſchilderte ihm dann das Dringende der Gefahr. Es war kein Augen: blick zu verlieren, und nur auf ſeine Sicher⸗ heit bedacht, haͤufte Pauline eilig eine Menge 3* 36 der von ihr noch zu reinigenden Waͤſche uͤber ihren Schuͤtzling, ſo daß er ganz von derſelben bedeckt ward; nur eine kleine Oeffnung laſſend damit er athmen koͤnne. Als ſie dies beſorgt hatte, kehrte ſie in die Kuͤche zuruͤck, wo ſie ſich mit Arbeit be⸗ ſchaͤftigt ſtellte, und kaum hatte ſie dieſe Vor⸗ kehrungen getroffen, als auch ſchon die Thuͤr von den furchtbaren Beſuchern aufgeſtoßen ward, die zwar keineswegs die redlichen Ge⸗ ſinnungen der Bewohnerinnen der Huͤtte be⸗ den Frauen uͤberzeugt, bei dieſer Gelegenheit einigen Verdacht auf ſie geworfen hatten. Auf die an ſie gerichteten Fragen vermochte die arme Pauline keine Antwort zu geben, ſie zitterte und ihre Gemuͤthsbewegung war ſicht⸗ bar; da ward endlich auch die Alte von dem aͤrm geweckt. In der letzten Zeit nur vom criegeriſchen Tumulte umgeben, hatte ſie von den Graͤueln der Revolution getraͤumt, und ſo glaubte ſie anfangs in den wilden bewaffneten zweifelten, aber von der Menſchlichkeit der bei⸗ ——— —— 37 — Maͤnnern, die jetzt vor ihren ſchlummerſchweren Augen drohend da ſtanden, die ins Leben ge⸗ tretenen Geſtalten ihrer Phantaſie zu erſchauen. Ihre Angſt vermehrte den Argwohn der Krieger, und ſie erklaͤrten der Alten demnach ununwunden, daß ſie entſchloſſen waͤren, ruͤck⸗ ſichtlich des Fluͤchtlings die genaueſte Nachſuchung in ihrer Huͤtte anzuſtellen. Als nun ſo der erſchrocke⸗ nen alten Frau der wahre Zweck ihres Beſuchs klar ward, und ſie ſich nun uͤberzeugte wegen ihrer per⸗ ſoͤnlihen Sicherheit nichts zu befuͤrchten zu haben, wandelte ſich ploͤtzlich ihr Schrecken in Zorn, und ſie uͤberſchuͤttete jetzt die Wachen mit Vorwuͤr⸗ fen. Die Soldaten aber achteten darauf nicht, ſondern begannen uͤberall auf das Genaueſte umherziſpaͤhen. Sie durchkrochen jeden Win⸗ kel, und wo ſie nicht hineinſchauen konnten mußten hhre Bajonette die Stelle ihrer Augen vertreten. Selbſt das Schlafgemach der Alten ward auf das Sorgfaͤltigſte durchſucht⸗ und 4 als ſie auc hier nichts Lebendes fanden⸗— begaben ſie ſich nach Paulinens Fanwet. 38 —q—— Schon waren ſie im Begriff die den Fuͤcht⸗ ling verbergende Waͤſche mit ihren Bajonetten zu durchſtoßen, als ſich ploͤtzlich die Alte da— zwiſchen warf und durch ihre Erklaͤrung daß dies Leinenzeug dem General angehoͤre— das Geheimniß ihrer Enkelin rettete. Piuline ſtand waͤhrend dieſes vorging, ſchweigend und faſt bewußtlos da, denn es fehlte ihr durchaus jene Geiſtesgegenwart, die uns in den Stand ſetzt unſere Gefuͤhle zu bekaͤmpfen, oder le zu verbergen. Ihre Großmutter aber benutze die durch ihre Bemerkung herbeigefuͤhrte Jauſe, und einen hoͤheren Ton anſtimmend, drohte ſie, fuͤr die einer Anhaͤngerin der grrechten Sache zugefuͤgte Kraͤnkung Genugthunng zu vperlangen, und ſich bei dem Genett ſchweren. Die Soldaten begannen ſil einan⸗ der anzublicken, wie Leute welche hlen daß ſie die ihnen zuſtehende Gewalt h auun haben. Sie ſahen auf die Alte, dann auf Pauline; das Benehmen der Erſteen entfern⸗ te jeden Verdacht und auch die ſesters harte zu be⸗ 39 ſich jetzt einigermaßen geſammelt, ſo daß die Krieger, uͤberzeugt, daß hier der Gegenſtand ihrer Nachſuchungen nicht zu finden ſey, ſich endlich wieder entfernten; wie denn auch noch vor Abend, weil man andere wichtigere Dinge zu thun hatte, die ganze Verfolgung des Fluͤcht⸗ lings aufgegehen ward. Die Annaͤherung der republikaniſchen Ar⸗ mee, welche wie im Triumpfzuge daher zog, wurde im Laufe dieſes Tages im Hauptquar⸗ tier bekannt gemacht, und das Doͤrſchen, von den Anfuͤhrern der Royaliſten zum Vereinig⸗ 3 ungspunkt mehrerer Diviſionen beſtimmt, mit demen man eine entſcheidende Schlacht wagen wollte; ein Entſchluß, welcher die Kriegsan⸗ ſtalten im Oertchen noch vermehrte, wo nun alles angſtvoll der Dinge harrte die da kom⸗ men wuͤrden. Dadurch wurden nun auch aller Augen von Paulinen abgelenkt, und ſie ge⸗ wann demnach Muße ihrem Schuͤtzling mehrere Tagelang ihre unermuͤdliche Sorgfalt zu wid: men. Mannigfach waren die Dinderniſſe die 8 40 — ſie zu bekaͤmpfen hatte, ihn vor den Blicken ihrer Großmutter verborgen zu halten; aber Liebe half der fruͤher in der Verſtellung ſo Un⸗ erfahrnen jene Schwierigkeit mit einem Muthe beſiegen, der ihrem Schuͤtzling einen un ſo hoͤheren Begriff von ihr beibrachte, je unange⸗ nehmer der Eindruck geweſen war den ihr erſtes Erſcheinen auf ihn gemacht hatte. La Coste hatte unterdeſſen eine, zwar weniger ſorgſame, aber deſto langweiligere Rolle zu ſpielen; faſt den ganzen Tag uͤber war er ge⸗ noͤthigt im Bette zu verweilen, unter einer Laſt von Waͤſche und anderen Dingen, welche ſeine Beſchuͤtzerin auf ihn zu haͤufen fuͤr nothig hielt; und wenn er ſich auch dann und wann erſchoͤpft und faſt erſtickt, aus ſeinem leichen Kerker hervorwagte, geſchah dies nur um in dem kaum drei Schritte langen Kaͤmmerchen ein Paarmal auf und ab zu ſchreiten, alſobald aber wieder zu ſeinem Zufluchtsorte zuruͤck⸗ zukehren. Zur Nachtzeit war indeß ſeine Lage weniger unertraͤglich, Gluͤcklicherweiſe 41 war das Wetter dunkel und der Horizont mit Wolken uͤberhaͤngt, ſo daß er ohne ſich irgend einer Gefahr auszuſetzen, am halb geoͤffneten Fenſter weilen und die friſche Nachtluft ein⸗ athmen konnte. Ja, dann und wann wagte er ſich ſogar hinaus in den kleinen Garten, um die muͤtterliche Erde noch einmal zu betre⸗ ten und ſich wenigſtens frei zu waͤhnen. Ueberzeugt indeß, daß eine Entdeckung nicht nur ſeinen Untergang, ſondern auch den ſeiner Beſchuͤtzerin herbeifuͤhren wuͤrde, geſtattete er ſich dieſen Troſt nur ſelten und ſtets nur auf kurze Zeit; und wenn er dann in Pauli⸗ nens Kaͤmmerchen zuruͤckkehrte, fand er immer das Tiſchchen mit Speiſe und Trank beſetzt; wie es der Vorrath der Huͤtte ihm darzubieten nur erlaubte. Er fuͤhlte ſeine Geſundheit faſt ſtuͤndlich beſſer werden, denn Paulinens ein⸗ fache Mittel hatten jedes, der Nuͤckkehr ſeiner Kraͤfte im Wege ſtehende Hinderniß, bereits entfernt; ſeine Eßluſt kehrte zuruͤck, und ſo ward in der Huͤtte. bald eine Menge von 42 Brobt, Kaͤſe und Eiern verzehrt, daß die Alte daruͤber erſtaunte, und ihrer Enkelin ihre Ver⸗ wunderung aͤußerte, daß jetzt mehr in einem Tage aufgehe als fruͤher in vieren. Pauline hatte bisher immer nur einen ſchwachen Appe⸗ tit gehabt, jetzt aber gab ſie auf einmal vor, einen Heißhunger zu empfinden, der, was die Großmutter am meiſten auffiel, ſich beſonders waͤhrend der Nacht aͤußere. Auch Wein, den ſie ſonſt nie koſtete, war ihr jetzt zum Beduͤrf⸗ niß geworden, und die Alte, welche in der 1 That nicht mehr wußte wie ſie mit ihrer En⸗ elin daran war, hatte ſchon beſchloſſen den wäckeren Pfarrer daruͤber zu Rathe zu ziehn, als die raſch aufeinanderfolgenden Begeben⸗ — — Q⏑——: heiten dieſes unnoͤthig machten und ihr auch die Gelegenheit dazu raubten. Unterdeſſen fuhr Pauline unermuͤdet fort ihrem Schuͤtz⸗ ling Sorge und Pflege zu ſpenden. Sie be⸗ ſorgte ihm ein Paar Schuhe die ſie unter dem Vorwande, ſie einem Armen ſchenken zu wol⸗ len, im Dorfe erhandelte, und verſah ihn mit ——, — ⏑Q˖⏑:—⸗—:—:—— 43 — Struͤmpfen aus ihrem eigenen Kleiderſchraͤnk⸗ chen; ja in naͤchtlicher Stunde beſſerte ſie ſeine Kleider aus und gab ihnen ein ganz anderes Anſehen, indem ſie jedes militairiſche Zeichen von denſelben entfernte. Zehn Naͤchte brachte ſie theils ſo, theils auf dem Sitze neben dem Heerde ſchlummernd hin, und ſchon begannen 5 die Folgen dieſes muͤhſeeligen Lebens auf ihrem Antlitz ſichtbar zu werden. Ihr Schuͤtzling bemerkte dies und tief ruͤhrte ihn ihre Guͤte; tief bekuͤmmerte es ihn daß ſie um ſeinetwil⸗ len leide. Ueberdem verlangte ihn nach Thaͤ tigkeit; daß er ſich verborgen halte, meinte er, entehre ihn; er erroͤthete vor Schaam wenn er 1 daran dachte, daß ihn ſeine ſieghaften Camera⸗ den hier finden koͤnnten, unter einem Bündel ſchmutziger Waͤſche verſteckt! Alles ſchien jetzt eine nahe Schlacht u verkuͤnden; die Royaliſten hatten ſich auf alle 8 nur erdenkliche Weiſe verſtaͤrkt; auf den An⸗ hoͤhen waren Redouten angebracht,— in den Ebenen die Baͤume gefäͤllt und die Füſſe ge⸗ 44 — daͤmmt, damit ihr Strom um ſo verheerender dahinbrauſe, ſobald der Feind nahen ſollte; kurz es war nichts unterlaſſen worden, der Tapferkeit der Bauern zu Huͤlfe zu kommen, deren Muth zwar noch immer derſelbe war, deren Tactik aber noch nicht durch Erfahrung gewon⸗ nen hatte. Taͤglich fanden Scharmuͤtzel ſtatt, und rund um das Dorf wiederhallte es vom Feuer des Geſchuͤtzes. An beiden Seiten konnten die Truppen nur mit Muͤhe zuruͤckgehalten werden; noch immer mehr und mehr verſtaͤrkten ſi ch die Ro⸗ yaliſten, waͤhrend den ſiegreichen Republika⸗ nern ebenfalls von allen Seiten neue Schaaren zuſtroͤmten: Endlich Hard der naͤchſte Morgen um Angriff beſtimmt, die Bewegung⸗ der Republikaner hoben in dieſer Ruͤckſi icht jeden Zweifel, und ihre kühnen Gegner harrten dem⸗ nach dem Anbruch des Tages mit Begierde entgegen. Jedes Manoeuvre des Feindes ward alſobald im Doͤrfchen bekannt, und von der ge⸗ Pünſuigem Pauline ſtets unverzüͤglich dem ſe Leben auch einmal die ſchwere Stunde ho 45 mit Fragen beſtuͤrmenden La Coste uͤberbracht. Sein Entſchluß ſtand bald unwandelbar feſt; er wollte auf jede Gefahr hin, ſeinen bisheri⸗ gen Zufluchtsort verlaſſen, und einen Verſuch wagen, bis zu den Repuplikanern zu gelangen. Pauline bemuͤhte ſich nicht ihm dieſen Vor⸗ ſatz auszureden, ſie wußte es wuͤrde ihr zu nichts helfen; auch raubte ihr der Kummer uͤber die Gewißheit ihn nun bald zu verlieren⸗ jede Kraft ihm Vorſtellungen zu machen, und ſo fuͤgte ſie ſich ergebungsvoll in ſeinen Wil⸗ len, denn ein ſchwermuthsvoller Stumpfſinn ſchien ihren Geiſt zu laͤhmen. Als der Abend hereinbrach ward es ihr noch ſchwerer ums Herz, ſie fuͤhlte eine peinigende Unruhe, die nur der zu begreifen vermag, dem in ſeinem nungsloſer Trennung ſchlug. Es ward immer finſterer und finſter und der Regen ſtuͤrzte in Stroͤmen herab, ſo, als wolle er das unternehmen des Fläͤchtlings beguͤnſtigen. Die alte Großmutter hatte h 46 bereits zu Bette begeben, hoffend in einem kurzen Schlummer von dem furchtbaren Tu⸗ multe um ſie her, etwas auszuruhn. Pauline hatte ein kleines Mahl fuͤr La Coste bereitet, als ſie es ihm aber vorſetzte war er nicht im Stande etwas davon zu genießen.— Sie konnte ihre Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, aber ſie wandte ſich von dem jungen Manne ab, damit er ihre Schlhäche nicht gewahre; trat an ihr Schraͤnkchen, nahm e einen kleinen, leder⸗ nen Beutel heraus, welcher alles enthielt was ſie ſeit mehreren W en muͤhſam erarbeitet und erſpart den und reichte ihn ihrem Schuͤtzling hin. Dieſer weigerte ſich ihn zu nehmen, nur aber durch Gebehrden, denn er vermochte nicht zu ſprechen; Pauline beſtand indeß, zwar ſchweigend aber doch ſo dringend 8 3 darauf, daß er endlich einwilligte und die Morgen, wenn Ihr es denn durchaus wollt! 2 Der Augenblick der Trennung war jetzt a. La Coste gewahrte Paulinens Schmerz; Boͤrſe nahm, indem er ſprach:„Nur bis V ——— den Seinigen gelangen koͤnne. Er druͤckte ihre meine Beſchuͤtzerin!“ rief er, 2erw rt 47 auch er litt ob der Trennung von ſeiner Be⸗ ſchuͤtzerin; noch ſtaͤrker aber war bei ihm der Wunſch hin zu ſeinen Cameraden zu gelan⸗ gen, um mit ihnen Ruhm und Ehre zu thei⸗ len, denn er empfand jenes Gefuͤhl nicht mit dem der Liebende von der Geliebten ſcheidet. Pauline war indeß nicht ſo ganz mit ihrem eigenen Kummer beſchaͤftigt, daß ſie daruͤber die Rettung ihres theuren Schuͤtzlings haͤtte vergeſſen ſollen; ſie nahm ſich maͤchtig zuſam— men, oͤffnete ein kleines Fenſter welches nach dem Garten hinaus ging, und bezeichnete, als La Coste ſich hinausgeſchwungen hatte, dieſem mit zitternder Stimme einen Pfad durch den Wald, der wie ſie hoffte, von den Royaliſten unbeſetzt geblieben waͤre, und auf dem er zu Hand an ſeine Lippen:„Gott ſegt morgen! 444— 4 „Lebt wohl— lebt wohl,“ ſtuͤſterte Pau line, und in dem naͤchſten Augenblick, war in der Dunkelheit vor ihren nachſtarrenden Blicken verſchwunden.— Das Geplaͤtſcher des Regens raubte ihr auch bald den Schall ſeiner Schritte, und im namenloſen Seelen⸗ ſchmerze ſchloß die arme Pauline ihr Fenſter, und halb bewußtlos ſank ſie auf ihr Lager. Die naͤchſte Morgenroͤthe ward auf furcht⸗ bare Weiſe begruͤßt, Kanonendonner und Mus⸗ ketenfeuer verkuͤndeten die erſten Strahlen des jungen Tages. Pauline ſchreckte zuſammen und erwachte aus der Bewußtloſigkeit, welche ſie mehrere Stunden lang umfangen hielt; ſie war ungewiß ob ſie geſchlafen hatte, denn kein Traumgebilde hatte ihre monotone Ruhe un⸗ terbrochen. Sie wußte nicht was ſeit der Trennung von La Coste mit ihr vorgegangen war, noch fuͤhlte ſie ſeinen letzten Haͤndedruck, und ſeine letzten Worte:„erwartet mich mor⸗ gen,“ klangen noch in ihren Ohren. Sie ſprang empor und flog an's Fenſter, ſo, als wolle ſie noch einmal den Forteilenden er⸗ ſauen Haber das Tageslicht, welches ihr ent⸗ 49 gegen leuchtete, machte daß ſie ſich beſtuͤrzt zuruͤck zog. Wie war die Nacht vergangen, und wo war er? Nur der Kanonendonner gab ihr Antwort auf dieſe Frage, und die Wirklichkeit trat jetzt ploͤtzlich vor ihre Seele. Sie flog zur Huͤtte hinaus, und eilte ſo, als ob alle ihre Gefuͤhle in dem einzigen Wunſche ihn zu erblicken untergegangen waͤren, der naͤchſten, nach der Schlacht hin gelegenen An⸗ hoͤhe zu. Als ſie auf dem Gipfel des kleinen Huͤgels anlangte, hoͤrte ſie ein lautes Jubelge⸗ ſchrei, und gleich darauf ſah ſie, die zu der royaliſtiſchen Armee gehoͤrenden Weiber, mit wilden aber freudigen Gebehrden tanzen, und hoch in der Luft ihre Tuͤcher ſchwingen, waͤh⸗ rend ſie in einer Rauchwolke weiter unten die Armee der Vendeer gewahrte: wie ſie ſich auf die Linie der Republikaner ſtuͤrzte und alles vorr ſich nieder warf. Ihr Muth hatte jene angetrieben den auf ſie beabſi chtigten Angriff nicht abzuwarten, und kaum hatte demnach die Redoute zu ſpielen begonnen, als ſie auch un, 50 — verzuͤglich auf den Feind eindrangen, ihre An⸗ fuͤhrer an ihrer Spitze. Die Republikaner gaben eine Weile lang ein moͤrderiſches Feuer, aber ihre Linie war bald auf allen Punkten durchbrochen, ein Vortheil fuͤr die Royaliſten welcher indeß nur von kurzer Dauer ſeyn ſollte. Die Tapferkeit der Freiheitsvertheidiger war keineswegs erſchuͤttert, ſie ſammelten ſich wie⸗ der, traten den Koͤniglich⸗-Geſinnten auf's Neue entgegen, und jetzt ſchien ſich das Gluͤck des Krieges gewendet zu haben. Die Vendeer äbereilter lucht davon gemacht haͤtten; un⸗ faͤhig dem inde eine hinlaͤngliche Maſſe ent⸗ gegen zu ſtellen, theilten ſie ſich nur in kleinere Haufen und zogen ſich bald hier, bald dorthin, ddergeſtalt ihre Gegner noͤthigend, auch ihre 44 4 Kraͤfte zu vereinzeln; ſo daß es bald zu einem blutigen Handgemenge kam. Wenn der per⸗ 3 Kriegern zu entſcheiden hat, kann nur die groͤßere Anzahl den Ausſchlag geben. Dieſer zogen ſich zuruͤck; nicht etwa daß ſie ſich in 4 ſoͤnliche Muth allein zwiſchen gleich tapferen ———— —— gen.“— Und trotz der ſie umgebenden Ge⸗ 51 Vortheil war hier auf der Seite der Republi⸗ kaner, und ſo wurden die Vendeer denn end⸗ lich genoͤthigt das Feld zu raͤumen; und als ſie ſich nun mit groͤßerer Schnelligkeit den Huͤgel hinauf ruͤckwaͤrts bewegten, flohen die Weiber, von Schrecken ergriffen dem Doͤrf⸗ chen zu. Nur eine blieb, dies war Pauline— welche ſchweigend aber mit weit um ſich ſchauen⸗ den Blicken da ſtand. Von dem Augenblick an, in welchem ſie den Gipfel der Anhoͤhe er⸗ reichte, hatten ihre Augen auf der blutigen Scene unten im Thale geweilt. Ihr Herz kannte jetzt keine Furcht mehr, ſoßſehr hatte 1 Liebe ihre Gefuͤhle gewandelt. Sie hoͤrte dddnds Getuͤmmel der Schlacht— das Pfeifen der Kugeln— das Waffengeklirr und das Angſtge⸗ ſtoͤhn der Sterbenden und Verwundeten, ohne daß ſich irgend ein Schauder ihrer bemaͤchtigte, denn in ihren Ohren klangen nur immer L Costes letzte Worte,„erwartet mich mor⸗ fahr, trotz der Naͤhe des Todes harrte ſie der 8 — 4* 52 Erfuͤllung dieſes Verſprechens. Ihn ſuchten ihre Blicke in jeder Gruppe verzweiflungsvoll ging weilten jene am laͤngſten; denn dort, meinte ſie, muͤſſe er fechten— aber vergebens, 2 er war nirgends zu erſpaͤhn. Unterdeſſen hatte ſich der Sieg ganz fuͤr die Republikaner entſchieden, und die geſchlage⸗ nen Royaliſten flogen nur noch wie eine ge⸗ ſcheuchte Heerde vor ihnen her. Die kriegeri⸗ ſchen Haufen waͤlzten ſich dem Dorfe zu, und auch Pauline ward jetzt von ihnen mit fortge⸗ riſſen von dem Gedraͤnge und den Tumult um ſie her, faſt erdruͤckt. Die Vendeer ſchienen äumutheh nur von einem Gedanken beſeelt, dem Menſchenknaͤuel zu entwinden, ſtuͤrzte er der Kirche zu, um dort Schutz zu finden, oder uunter ihren heiligen Mauern zu ſterben. Schon war das Innere des Gebaͤudes bis zum Er⸗ kaͤmpfender Krieger; wo es am blutigſten her⸗ Srüͤnden gefuͤllt, denn eader Pfarrer 1nan 3 denn ſo wie es einem von ihnen gelang ſich — 53 den Weibern, verwundeten Soldaten, und den in armſeligen Betten ſchmachtenden Kranken. Die kleine Schaar der Dorfbewohner, den Schloßherrn an der Spitze, machte noch einen kuͤhnen Verſuch den Feind von ihrem Geburts⸗ orte zuruͤck zu treiben, wodurch die uͤbrigen Royaliſten Zeit gewannen ſich einigermaßen zu ſammeln und einen dichten Kreis rund um die Kirche zu ziehen. Hier ſanken ſie auf ihre Knieen nieder, den Schutz des Ewigen er⸗ flehend, und neu geſtaͤrkt eilten ſie dann mu⸗ thig wieder in den Kampf. Aber die Anzahl der Feinde war zu groß, ſie draͤngten jeden Widerſtand zuruͤck, und ſchleuderten, kaum an⸗ 4 gelangt in dem Dorfe, verheerungbringendes Feuer in die friedlichen Hütten. Das Häus⸗ chen unſerer Pauline war das Erſte an der die furchtbaren Menſchen voruͤber un ſo war es denn auch das Erſte 8 „Flammen auſloderte. Sie ſah wie ma Feuerbraͤnde hinein warf, ſah wie der Ra 54 — ſchreien, aber ſie vermochte es nicht, und als nun gleich darauf die Balken des Gebaͤudes zu kniſtern begannen, glaubte ſie zu Boden ſin⸗ ken zu muͤſſen, denn ſie meinte, das Jammer⸗ geſchrei eines Weibes zu vernehmen.— Es iſt moͤglich, daß ſie ſich nicht irrte, denn von dieſer Stunde an, ſah ſie ihre alte Großmutter nicht wieder, noch erfuhr ſie je das Geringſte von dem Schickſale derſelben.— Die leicht aufgefuͤhrten Gebaͤude wurden gar bald ein Raub der Flammen, und durch ſie hin ſtuͤrzten jetzt die wuthſchnaubenden Republikaner, mor⸗ dend und pluͤndernd, waͤhrend ſich das Jam⸗ mergeſchrei ihrer Opfer mit ihren Fluͤchen miſchte. Jede Hoffnung fuͤr die Vendeer ſchien nun verſchwunden, ſie wurden bis jen⸗ ſeits der Kirche zuruͤck gedraͤngt, und ſchon 9 machte der Vordertrupp der Feinde Anſtalt, mit kirchenſchaͤnderiſcher Hand das heilige Ge⸗ baͤude anzuzuͤnden. Die durch die Hitze von mehr als hundert Sommern ausgetrockneten Balken, nahmen das Feuer bereitwyig auf, 5⁵ aund von Schrecken erfaßt ſtuͤrzten die Ungluͤck⸗ lichen die in der Kirche Zuflucht geſucht hatten, mit lautem Geſchrei aus der Pforte, ohne von den Republikanern, bei denen die Menſchlich⸗ keit einen Augenblick lang ihr Recht behaup⸗ tete, zuruͤck gedraͤngt zu werden. Die Feinde wagten es nicht ihre Waffen gegen die Bekla⸗ genswerthen zu erheben, ſondern ließen ſie un⸗ gehindert von dannen eilen, ohne ihnen auch nur einen einzigen Schuß nachzuſenden. Die Meſſe war eben geendet, und der wuͤr⸗ dige Pfarrer hatte ruhig ſein heiliges Amt ver⸗ ſehn, der Gefahr nicht achtend, die ihn von allen Seiten umſtuͤrmte. Gelaſſe inen Muthes ſchritt er jetzt die Stufen des Altars hinab⸗ 1 und die Monſtranz in ſeiner Hand trat er, den Fluͤchtlingen folgend, aus der Kirchenpforte. Er ſprach kein Wort, aber er hemmte ein Moment lang ſeine Schritte, und uͤberſch mit der Majeſtaͤt und Wuͤrde eines Heilige die Tauſende von Kriegern, welche mit hell blinkenden Waffen die Staͤtte Gottes zu be⸗ 56 ſtuͤrmen bereit waren. Dies Benehmen hatte einen Wunder gleichen Erfolg. Die Feinde wurden von einem allgewaltigen Schrecken er⸗ faßt und entflohen. Keine Stimme erhob ſich ſie aufzuhalten, keine Standarte ward entfal⸗ tet ſie wieder zu vereinen. Es war als ob der Engel des Herrn ſie mit dem feurigen Schwerdte vor ſich her treibe. Die Ven⸗ deer wußten nicht ob ſie ihren Augen trauen ſollten, was ſie ſahen konnte nicht durch Menſchenmacht bewirkt ſeyn, der Ewige, meinten ſie, habe ſich ihrer ſchuͤtzend angenom⸗ men. Sie hoͤrten jetzt wieder auf die Stim⸗ men ihrer Anfuͤhrer, und ſammelten ſi ich auf's MNeue um die Kirche. Der wackere Pfarrer trat ihnen entgegen, von Flammen umleuchtet, welche ie Krieger i in ihrem Enthuſiasmus fuͤr eine Glorie ielten, und ſang ſo laut als es ſeine ſchwache mme geſtatten wollte die Siegs⸗ Hymne der Vendeer. Kraͤftig ſtimmte alles mit ein und der Menſchenſtrom wogte nun vorwaͤrts, nicht achtend der Leichen erſchlagener Bruͤder, welche man mit Fuͤßen trat bis man den Feind er⸗ reichte, wo denn ein grauenvolles Gemetzel be⸗ gann.— So furchtbar auch dieſe Scenen ſchon an ſich ſelbſt waren, trafen doch oft Um⸗ ſtaͤnde zuſammen, welche ihnen noch einen ganz beſondern Character von Wildheit gaben; dies war hier der Fall, wo nicht nur Maͤnner das Schlachthandwerk uͤbten, ſondern wo auch Wei⸗ ber wuthentflammt uͤber die Feinde herfielen, und Kinder unter den Leichen der Erſchlagenen ſpielten. Das Dorf war bald von den verhaßten Freiheitsvertheidigern gereinigt, aber die auf den Anhoͤhen aufgeſtellte Reſerve verhinderte das weitere Vordringen der Vendeer, und lunkin den Saos twieder anid die Seite der Ne⸗ c gehoͤrte der Ccloßhese, der dberzengk wie auf dieſem, ſeinen eignen Grund un Boden er ſich beſonders auszuzeichnen habe. Hoch trug er das Banner in ſeiner Linken⸗ 58 8— waͤhrend er ſich mit dem Schwerdt in der Rechten einen Weg durch den Feind zu bah⸗ nen ſuchte. Pauline von dem Strome des Volks mit fortgeriſſen, ſah wie ihn endlich eine Schaar Feinde umringte, gegen welche er ſich . eine Weile lang mit verzweiflungsvoller Tapfer⸗ keit vertheidigte; bald aber ſank die weiße Fahne, und als Paulines Blicke den ungluͤck⸗ lichen Traͤger derſelben auf s Neue gewahrten, war es nur um zu ſchauen, wie er von dreien oder vieren ſeiner Krieger ſtaer und leblos dem Dorfe zugetragen ward. Der Tod ihres Anfuͤhrers und das Sin⸗ ees Banners, ſchien auch den Muth der Vendeer zu beugen, ſie zogen ſich zuruͤck, nicht er ohne daß jeder Schritt Weges von dem inde mit ſeinem Blute erkauft werden mußte. auline, deren Beſorgniſſe und Hoffnungen rer ſelbſt wegen, in den Schrecken welche ſie umgaben wenigſtens fuͤr den Augenblick unter⸗ 1 gegangen waren, vergaß jedes nur ſie betref⸗ ——1ö—ſſſſſhhIhͤöͤöͤſͤſͤſͤſſſ 59 fende Gefuͤhl und glaubte ihr Herz muͤſſe bei dem Anblick des allgemeinen Elends brechen. Da gewahrten ihre Blicke den wuͤrdigen Pfar⸗ rer, und ſeine Troſt und Schutz gewaͤhrende Naͤhe aufſuchend flog ſie hin zu ihm; er ſtand da, uͤber einen Sterbenden gebeugt, dem er den letzten Segen ſpendete. Immer naͤher und naͤher draͤngte unterdeſſen der Feind und immer dichter fielen die Kugeln, da ſchlug das bebende Maͤdchen uneingedenk, daß ſie ihn in ſeinem heiligen Amte ſtoͤre, ihren Arm um den Greis und flehte ihn an ſie zu retten. Er wandte ſich mit großer Seelenruhe zu ihr, e kannte ſie, deutete mit ſeiner Hand zum Him⸗ mel hinauf, und hatte eben die Worte: Den an,“ ausgeſprochen, als ploͤßlich Stimme ſchwieg und er aus ihren Arm Boden ſank. Zwei Kugeln hatten ſeine getroffen und ſein reines Herz dun Der warme Strom ſeines Blutes rat ſein Gewand dahin, ein Anblick den die arn Pauline nicht zu ertragen vermochte, ſie be⸗ 60 — deckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, und ſtuͤrzte verzweiflungsvoll von dannen. Wie durch ein Wunder beſchuͤtzt, gelangte ſie unbeſchaͤbigt dorthin, wo einſt ihre Huͤtte ſtand; nur einige Ueberreſte eines ſchwarz ver⸗ kohlten Gemaͤuers erhoben ſich hier uͤber den noch brennenden Schutt; der Garten war durchaus verwuͤſtet, und uͤberall trat dem armen Maͤd⸗ chen, als ſie in den Ruinen umherſchritt, mit aͤngſtlichen Blicken nach einer Spur ihrer ar⸗ men Großmutter forſchend, nur Verheerung und Grauen entgegen. 4 Pauline rang ihre Haͤnde und ſank erſchoͤpft neben den ranchan⸗ den Truͤmmern zu Boden. Der Laͤrm des Gefechts ſchien ſich unter⸗ deſſen nach und nach zu entfernen, und ſich weiter jenſeits des Dorfes hinzuziehn; Pau⸗ line ehon auf's Neue ihre Blicke, nicht aber lich ſchaute ſie um ſich her, denn wen haͤtten ihre Augen auch ſuchen ſollen? er, deſſen Bild ihre ganze Seele fuͤllte, war gewiß in der ; mehr mechaniſch als willkuͤhr⸗ — 61 — Schlacht gefallen oder hatte ſie vergeſſen. Wer vermoͤchte aber ihr Entzuͤcken zu beſchreiben, als ſie ploͤtzlich durch den Rauch, welcher noch immer dicht auf der Gegend ruhte, einen re⸗ publikaniſchen Krieger der Richtung des Fluͤß⸗ chens folgend auf ſich zu kommen ſah, und von jenem, ſo wie er ſich naͤherte, ihren Na⸗ men rufen hoͤrte. Seine Stimme klang ſchwach und heiſer und ſchien Schmerz und Ermattung zu verkuͤnden; ſie glaubte den Klang derſelben fruͤher nie gehoͤrt zu haben, wem aber konnte ſie angehoͤren als ihm? Sie ſprang empor und flog ihm entgegen, als er ſie gewahrtee verdoppelte auch er ſeine Schritte doch war er ihr noch immer zu fern, als daß ſie e Geſichtszuͤge haͤtte unterſcheiden koͤnnen ſah wie er ſeine Hand hoch empor wolle er ihr zu verſtehen geben, de etwas zu uͤberbringen habe, und ſche ſie unwillkuͤrlich die Arme nach ihm als befinde er ſich ganz in ihrer Naͤhe. ploͤtzlich grade in dem Augenblick wo der 62 publikaner, um ſchneller zu Paulinen zu ge⸗ langen, uͤber einen ſchmalen Arm des Fluͤßchens ſprang, einige in die Waldung fluͤchtende Ven⸗ deer ihre Musketen auf ihn abfeuerten, und er todt in den Fluß ſtuͤrzte. Die Ungluͤckliche hoͤrte den Knall und ſah ihn fallen,— aber ſie konnte— ſie wollte nicht glauben daß er ſich nicht wieder erheben wuͤrde.— Sie flog hin zu ihm; er war auf ſein Antlitz geſtuͤrzt, und ſeine beiden Arme lagen ausgeſtreckt, bis an das Ufer. Eine Hand hielt noch immer die Kugelbuͤchſe feſt umklaͤmmert, die andere ad kaum wiſſend was ſie that, watete ſie in 2* den Strom und bemuͤhte ſich den Koͤrper empor 63 den die Leiche pluͤnderten, und ſie dann in den Strom ſchleuderten. Am Eingange der Waldung angelangt, warf das beklagenswerthe Maͤdchen noch einen verzweiflungsvollen Blick auf die Stelle wo nun alle ihre Hoffnungen begraben waren; ſie konnte nichts unterſcheiden als die Rauchſaͤule welche aus der Ruine ihrer Huͤtte empor ſtieg; und das brennende Dach der Kirche, welches grade als ihre Begleiter ſie mit ſich hinein in das ſchutzgewaͤhrende Gehoͤlz zogen, laut praſſelnd zuſammenſtuͤrzte; ein wildes von dem W hergetragenes Geſchrei verkuͤndete den Iibelh der ruchloſen Kirchenzerſtoͤrer. Der Inhalt der Boͤrſe war ſchnell untet den Vendeern vertheilt, man wollte auch Pau linen etwas davon einhaͤndigen, ſie a derte vor der Beruͤhrung dieſes Geldes Alles was ſie von den Habſeligkeiten publikaners fuͤr ſich begehrte war ein ſeidenes Tuch, welches ſie bei La Coste 64 O— pier auf dem etwas geſchrieben war, welches indeß weder Pauline noch ihre Begleiter leſen konnten. Sie barg das Blatt auf ihrem Bu⸗ ſen, und wand das Tuch um ihr kummerſchwe⸗ res Haupt. Mehrere Stunden lang durchſtrich ſie nun die Waldung mit ihren Begleitern, welche unablaͤßig unter furchtbaren Fluͤchen, ihren Verfolgern Rache ſchwuren. Endlich brach der Abend herein, und die Daͤmmerung benutzend entzog ſich Pauline der Naͤhe der Vendeer, und flog eiligen Schritts zu der Ruine ihrer Huͤtte zuruͤck, wo ſie erſchoͤpft und wie ſie glaubte ſterbend zu Boden ſank. Aber ſie ſollte leben— leben, um wo moͤ⸗ ich noch furchtbarere Tage zu ſchauen! — Fieber geſchuͤttelt, huͤlflos und verlaſſen, achte ſie am naͤchſten Morgen aus ihrer aßtloſigkeit; troſtlos ſchwankte ſie durch orf hin, wenn anders eine Anzahl 1 rauchender Ruinen dieſen Namen verdient, Schloſſe zu, welches ſie zu ihrem Erſtau⸗ en unverſehrt erblickte. Auch hier ſtieg eine — ner entgegen, fragend: was ſie begehre. Angſt⸗ 65 Rauchſaͤule empor, aber nur als Zeichen des Bewohntſeyns, nicht der Zerſtoͤrung. Als ſie ſich aber dem Gebaͤude naͤherte, ſtuͤrzte ihr aus demſelben ein wild ausſehender Republika⸗ erfuͤllt ſank ſie faſt zu Boden, der Barbar aber ſetzte ihr ſein Bajonett auf die Bruſt, und fragte wiederholt in einem noch furchtba⸗ reren Tone zu welcher Parthei ſie ſich bekenne; worauf die arme bebende Pauline halb bewußt⸗ los das Wort„Royaliſtin“ ſtammelte. Der Wuͤthrich toͤdtete ſie nicht, aber er packte ſie mit gewaltiger Fauſt bei den Haaren, und ſchleppte ſie ſo in das Schloß, in welchem eine kleine Schaar von Republikanern zuruͤckgeblie⸗ ben war, waͤhrend die Armee ihren auf Nantes fortſetzte. Als dem comma den Offizier Paulinens Bekenntn theilt worden war, gebot er, ſie in eine Scheune zu werfen, in welche reits mehrere Bewohner des Dorfes ei ſchmachteten. 5 66 Als ſie ſich jetzt ſo ploͤtzlich unter alte Bekannte verſetzt ſah, ſchien ein kurzer Anflug von Freude ſich ihrer zu bemaͤchtigen; doch konnte ſie mit ihnen nur klagen, weinen und jammern. So verging eine Nacht, vor deren Einbruch den Ungluͤcklichen etwas grobe Koſt gereicht ward, mehr geeignet, ihren Hunger zu reizen, als ihn zu befriedigen. Mit Anbruch des Tages wurden ſie ſaͤmmt⸗ ich in den Hof gerufen, ſie begaben ſich dort⸗ in, gleichguͤltig gegen das, was man uͤber ſie haͤngen wuͤrde. Sie wurden hinausgefuͤhrt, jeder von ihnen empfing etwas Brodt, von einer Wache begleitet, bewegte ſich der Zug auf dem Wege nach Nantes da⸗ del ihrer Wanderung ſeyn wuͤrde. Schwei⸗ wie man den Gefangenen verkuͤndete, 67 ſeelt, noch einmal; aber ſie ſahen genug um ihre Verzweiflung vollkommen zu machen, denn auch aus dem Schloſſe ſtiegen jetzt helllodernde Flammen empor. Langſam nur bewegte ſich der ſchwermuͤthige Zug fort, unſerer Pauline zumal, ſchien ſich eine ſtarre Gefuͤhlloſigkeit be⸗ maͤchtigt zu haben. Fuͤr ſie ſtroͤmte die Loire, deren Ufer ſie am dritten Tage erreichten, un⸗ bemerkt dahin; die herrliche Umgegend der⸗ ſelben mit ihren Schloͤſſern, Landhaͤuſern und Doͤrfern, hatte fuͤr ſie keine Reize.— Noch eine Nacht und Nantes zeigte ſich den Nahen⸗ den. Waͤre etwas im Stande geweſen d arme, ungluͤckliche Maͤdchen anzuregen, Anblick dieſer ſchoͤnen Stadt haͤtte beleben auf ſie einwirken muͤſſen; fuͤr ſie ab ihre Thuͤrme nur vergebens empor. 2 heit der die Gefangenen begleiten hatte unterwegs einigermaßen nachg aber, als man ſich dem Sitze der und der Verbrechen naͤherte, ſchien d heit ihrer Fuͤhrer wieder zuzunehmen. N * 68 in der Vorſtadt ſtuͤrzte den Ankoͤmmlingen der Poͤbel wuͤthend entgegen, und rief ihnen laut jubelnd ein ſpoͤttiſches Willkommen zu. Pau⸗ line ſank vor Ermattung faſt zu Boden, ihre Kleider waren zerriſſen und mit Staub bedeckt, und ſo ward ſie ganz beſonders ein Gegen⸗ ſtand frevelhaften Spottes. Sie trug dieſen indeß mit einer nicht leicht zu erſchuͤtternden Seelenſtaͤrke, denn ſolche war bei ihr auf Ver⸗ zweiflung gegruͤndet. Es war Mittag als ſie und ihre Ge⸗ faͤhrten, auf dem Markte zu Nantes anlang⸗ uͤber den ſie gebracht werden mußten, nach dem fuͤr ſie beſtimmten Kerker ge⸗ tzu werden. So wie die Menge des uchs ſchien auch die Wuth deſſelben eigen, und kaum vermochte die Wache die eedeer vor Mißhandlungen zu ſchuͤtzen. zefühllos wie bisher ſchritt Pauline da⸗ nichts war im Stande ihre Aufmerkſam⸗ —— keit auch nur auf Augenblicke zu feſſeln, bis durch alle Theile der Stadt gefuͤhrt; als ſie len auffordert, die Fortſchiffender 69 — ſie endlich zufaͤllig ihre Blicke erhob, und dieſe— auf die Gulllotine fielen, die hochauf⸗ gerichtet, ein Schrecken jedem Gutgeſinnten, auf dem Platze da ſtand; da vermochte ſie ſich eines Schauders nicht zu erwehren. Die Ungluͤcklichen wurden in Proceſſion uͤber den Quay kamen hoͤrten ſie das Volk laut jubeln, denn mehrere mit Maͤnnern und Weibern angefuͤllte Boͤte, ſtießen ſo eben 8 vom Ufer ab. War dieſer Freudenruf etwa ein en ſiaſtiſches Lebewohl der Liebe, welch zu tragen? Ach nein, dieſe heiſe en men verkuͤndeten nur das Entzuͤcken der Gran ſahtetr. nd was, was bebouken die J 70 — denn eine jener, unter der Benennung Noyades bekannt gewordenen furchtbaren Hinrichtungen, wo die Verurtheilten in Boͤte geworfen und dieſe dann angebohrt wurden, ſollte ſtatt finden. Die Sonne ſank hinab, denn ſie wollte dieſe Graͤuel nicht mit anſchauen, und ſo war der Abend bereits herein gebrochen, als ſich die Gefangenen in ihrem Kerker l'Entrepòt genannt, auf ihr dumpfiges Strohlager ver⸗ zweiflungsvoll niederwarfen. Mit Tagesanbruch ward die Pforte des faͤngniſſes geoͤffnet, die nach Menſchenopfern ngenden Henker ſtuͤrzten herein, und ver⸗ en laut die Namen derer welihe dem Tode erhalten; denn jedem der republikaniſchen boldaten ſtand es frei eine der Verurtheilten ſeiner Gattin zu erwaͤhlen; eine Erlaubniß 71 von der die Krieger auch heute Gebrauch machten, ſo daß nach wenigen Augenblicken alle im Kerker vorhandenen Weiber dem Tode entriſſen waren— alle, bis auf Eine. Brauche ich meinen theilnehmenden Leſern dieſe Eine noch zu nennen? Wer haͤtte auch die arme haͤßliche Pauline waͤhlen moͤgen! — — * ——ä Ein Gefangener nach dem andern ward jetzt hinaus gefuͤhrt, entweder um geopfert zu werden oder um ſeine Freiheit zu empfangen, Pauline, welche gefuͤhllos in einem dunklen Winkel des Kerkers lag, erhob endlich ih Haupt, und gewahrte daß ſie ſich allein be⸗ 4 fand. So ſchreckenvoll auch dieſe Einſamkeit war, gewoaͤhrte ſie ihr doch einigen Troſt, n zum Erſtenmal nach vielen Tagen fuͤhl- wieder Thraͤnen uͤber ihre Wangen rollen. Si uͤberließ ſich jetzt ganz ihrem Schmerze weinte und jammerte laut. Die Schildwa vor der Gefaͤngnißthuͤr hoͤrte ihr Schluchz und erſtaunte denn ſie glaubte den 8 72 menſchenleer. Sie trat herein und gewahrte die Gefangene, die man mit den Uebrigen zum Tode zu fuͤhren in der Eile uͤberſehn hatte, auf ihrem Strohlager ausgeſtreckt, in Thraͤnen ſchwimmend. Ein Gefuͤhl von Menſch⸗ lcchkeit regte ſich bei dem Krieger, er naͤherte ſich ihr, hob ſie ſanft empor und fragte: „weshalb wurdet Ihr nicht mit den Uebrigen hinaus gelaffen?⸗⸗ „Ich weiß es nicht,“ war die Ant⸗ wort. „Habt ihr keinen Freund in Nantes?“ „Keinen— keinen,“ erwiderte das arme Naͤdchen. „Auch keinen Bekannten unter den Repu⸗ „ Ich kannte nur einen— der eine aber iſt todt,“ ſprach Pauline. „Wie war ſein Name?“ „La Coste.“ „Wo ſtarb er?⸗ „Er fand den Tod in der Vendee.“ 73 „Habt Ihr kein Andenken von ihm, das ſeine Freunde zu erkennen vermoͤchten?“⸗ „Dies ſeidene Tuch“ entgegnete die Ver⸗ laſſene, indem ſie es von ihrem Haupte loͤſ'te und es dem Soldaten uͤberreichte. „Habt Ihr ſonſt nichts von ihm?“ fragte der Krieger weiter. „Ein Blaͤttchen noch mit ſeiner Hand⸗ ſchrift,“ verſetzte Pauline, und ſo ſprechend zog ſie das Papier hervor, welches noch auf ihrer Bruſt ruhte. Der Soldat nahm das Blatt, ſchlug es von einander und begann del Inhalt zu muſtern;„leſt laut— laut,“ rie Pauline, ihre ungluͤckliche Lage voͤllig uͤber die Hoffnung vergeſſend, jetzt etwas von ihrem Geliebten zu erfahren, und ſchon machte die Schildwache Anſtalt ihrem Wunſche zu will⸗— fahren, als ſie ploͤtzlich nahende Schrite— 5 nahmen, und gleich darauf der Gefang ter von einigen Soldaten gefolgt in der ker trat. Unter furchtbaren Fluͤchen digte er die Schildwache, Pauline abſichtlich 74 verborgen gehalten zu haben, wo denn dieſer um jeden Verdacht von ſich zu entfernen ge⸗ noͤthigt war, die Ungluͤckliche den Haͤnden des Wuͤtherichs zu uͤberliefern, welcher ſie den mit ihm gekommenen Soldaten uͤbergab, um ſie nach dem Quay zu bringen, wo ſie mit ihren Schickſalsgefaͤhrten das Todesboot betreten ſollte. Man packte ſie, ſchleppte ſie fort, und ſo langte ſie, mit wild uͤber ihre Schultern herabhaͤngendem Haar, denn das Tuch welches ddieſe fruͤher zuſammen hielt, war in dem Kerker Auruͤck geblieben, bei dem Boote an, welches ſchon mit Maͤnnern und bejahrten Weibern an⸗ gefuͤllt war, keine aber, welche auch nur noch ie geringſten Anſpruͤche auf Jugend machen 1 te, befand ſich darunter. Die beklagens⸗ werthe Pauline ward hinein geſtoßen, und den ſich in dem Todesſchiffe befindenden 7⁵ durch die auf den Quay verſammelte Menge draͤngte, ch in das Waſſer ſtuͤrzte und das Vordertheil des Schiffs umklammerte:„Hal⸗ tet ein, haltet ein, um Gotteswillen!“ rief er faſt athemlos.„Dem Ewigen ſey Dank, ich kam nicht zu ſpaͤt. Ich, ich erwaͤhle das junge Maͤdchen zu meinem Weibe!“⸗ Der Gegenſtand ſeiner Wahl ſchrie laut auf als ſie ihn erblickte, wie leblos ſtarrte ſie einen Augenblick lang auf ihn hin, dann ſank ſie ohnmaͤchtig zuſammen. Ihr Retter ſprang in das Boot, ſchlang ſeine Arme um ſie, und trug ſie triumphirend an das Ufer. Als ſte 1 zum Leben wieder erwachte ruhte ſie an der Bruſt des großmuͤthigen und dankbaren C oste. Er erzaͤhlte der Staunenden, daß nachdem er aus ihrer Huͤtte entflohn, 81 bei den Seinigen angelangt waͤre. Er mitgefochten an jenem Schreckenstage, ſe 76 3 unverwundet geblieben; da habe ploͤtzlich ſeine Diviſion Befehl erhalten auf Nantes zu mar⸗ ſchiren, wodurch er verhindert worden ſie bei der Huͤtte deren Truͤmmer er rauchen ſah, aufzuſuchen. Er habe demnach einem ge⸗ pruͤften Freunde uͤbertragen, ſie von ſeiner gluͤcklichen Erhaltung zu benachrichtigen und ihr die Boͤrſe wieder einzuhaͤndigen.— Erſt Schickſale gehoͤrt, ſie aus der Beſchreibung welche die Schildwache einigen Cameraden ent⸗ zu ihrer Rettung. Habe ich noͤthig das Entzuͤcken zu ſchil⸗ dem ſich die durch ſo mannigfache Drang⸗ gefuͤhrte Pauline hingab? Zwar erſtieg in ihrer dartſühlenden Seele der Gedanfe, ob — vor wenigen Augenblicken hatte er von ihrem 1 warf, wieder erkannt, und eilig flog er hin uͤberz gte wie mit jedem Tage ſeine Dank. K barkeit immer mehr und mehr in Liebe uͤber⸗ ging, als ſie ſah, wie er bald mit der innig⸗ ſtten Zaͤrtlichkeit an ihr hing, ſchwanden alle Zweifel dahin; ſie ſank, ein geliebtes Weib, in die Arme des geliebten Mannes, der eine SGelegenheit ſich dem kriegeriſchen Leben zu entziehn, ſuchte und fand, und mit dem ihr in laͤndlicher Stille von einer Schaar froͤhlicher Kinder umſpielt, viele Sahrs heiter dahin glitten. * 4 4 3 4 1 A 5 ſſſſſſfiſſſſ ſſſff 9 10 11 Mnnnynpmnanmnſimm 12 13 14 15 16