1 * 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.———— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1„ 7 3—„ n.—„ 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſfene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeat und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. o —— 665 oder ſo liebt ein deutſches Herz; und Der gefundene Schleier. — Zwei Erzaͤhlungen von Wilhelmine. 1 Leipzig, bei Adolph Wienbra. 182 7. Emilie, oder Erzaͤhlung 4 6 von Wilhelmine L. ſo liebt ein deutſches Herz. ——————————— Erſter Brief. Emilie von Burghauſen an Adelheid von⸗ 6 der Malen. Du zuͤrnſt mit mir, liebe Adelheid, daß ich Dir ſo lange nicht geſchrieben; allerdings haſt Du einiges, um nicht zu ſagen volles, Recht dazu; allein ich hoffe, daß wir uns Beide genau genug kennen, um uͤberzeugt zu ſey as weder dieſe ſcheinbare Verabſaͤu⸗ ung von meiner, noch jener ſcheinbare Zorn von Deiner Seite, unſre herzliche, aus den frohen Kinder⸗ in die ernſtern Maͤdchen⸗ jahre mit uns heruͤber gewandelte Freund⸗ ſchaft ſtoͤren koͤnne; und ſo— Kuß und DNTDerſoͤhnung! Die zwei Monate, da ich ſtumm fuͤr mar, haben keine Veraͤnderung in un — ———— — 2— haͤuslichen Kreiſe herbeigefuͤhrt. Meine Tante iſt wohl, regſam, ſorglich, wie immer; mein Vetter Eduard noch derſelbe muntere Knabe, der er war; unſre Zeit fließt noch wie ſonſt in heitrer Stille dahin— nur mit meiner kleinen Perſoͤnlichkeit iſt einige Ver⸗ aͤnderung vorgegangen: ich habe eine neue, hoͤchſt intereſſante Bekanntſchaft gemacht. Hebe immer den Finger drohend in die Hoͤhe, liebe Adelheid, du triffſt mich nicht! Es iſt kein Juͤngling, der mein achtzehnjaͤh⸗ riges Herz aus ſeiner gluͤcklichen Freiheit verſcheuchen will, es iſt ein weibliches We⸗ ſen. Hoͤre, wie es gekommen. An einem der letzten Tage des Mai's . 4 war ich, wie gewoͤhnlich, in unſrem Go ten vor dem Thore; der Fruͤhling un mit liebendem Arme ſeine erwachte Erde und ſanfte Luͤfte ſchuͤttelten den Bluͤthenregen der Baͤume auf mich herab; die Kaͤfer ſummten in frohem Gewimmel, die Voͤgel feierten in tauſendfachen Harmonien die Ruͤck⸗ kehr in das Heimathland. Da, Du weißt, daß mir in der Freude Alles zu eng wird, — 3— da war es mir unmoͤglich, laͤnger in dem be⸗ ſchraͤnkten Garten zu bleiben. Ich eilte hin⸗ aus ins Freie, die Lindenallee hinunter bis zum Comthurbache, den wir als Kinder zu⸗ ſammen beſucht, wenn wir mit meiner gu⸗ ten Mutter bei der Tante waren. Von ſuͤ⸗ ßen Traͤumen der Vergangenheit umgaukelt, dachte ich Deiner, und leiſe ein Liedchen ſin⸗ gend bog ich um eine Ecke des Bachs her⸗ * um, als ich nicht weit von mit eine weiß gekleidete hohe Geſtalt bemerkte, die, von einem alten Diener gefolgt, des Weges da⸗ her kam, aber da ſie mich ſah, einen ab⸗ waͤrts fuͤhrenden Seitenpfad einſchlug. Gut, dachte ich, willſt du meine Geſellſchaft nicht, kann ich der deinen auch entbehren! und ging weiter am Waſſer hinab. Da ſchallt durch den ſtillen Jubel der Freude ein Laut des Schmerzes: ein klaͤg⸗ liches Geſchrei toͤnt vom Bache her. Mit geflügeltem Schritte eile ich dem Tone nach, 3 — und eben, da ich ihm nahe war, zog der 8. ner der weißgekleideten Dame ein in das Waſer gefallenes Kind heraus. Beruhig⸗ A2 8 Sie ſich, ſagte er auf italiaͤniſch ſeiner aͤngſt⸗ lichen Herrſchaft, es iſt unverletzt. Einen dankenden Blick warf dieſe aus den ſchoͤn⸗ ſten ſchwarzen Augen, die ich je ſah, zum Himmel, und ſuchte nun in gebrochenem Deutſch das weinende Maͤdchen zu beruhi⸗ gen, indem ſie mit dem Schleier, der die Fuͤlle ihrer Rabenlocken deckte, ſein Geſicht und Koͤpfchen trocknete. Du erinnerſt dich noch, Adelheid, der guten Carabella, bei der wir Blumenſticken lernten und wie ich, um die gute Alte die Toͤne des geliebten Vaterlandes hoͤren zu laſſen, mich, trotz eures Spottes, ab⸗ muͤhte, in einem alten Venerom einige ita⸗ liaͤniſche Phraſen zu lernen, wie freudig uͤberraſcht ſie mich in die Arme ſchloß, als ich das erſte Mal mit einem: Buon giorno cara signora! in ihr Stuͤbchen trat, und wie ich endlich auf dieſe Weiſe ſo viel ge⸗ wann, daß ich ſtundenlang mit der armen, auf fremdem Boden nach dem Himmel ihres Landes Schmachtenden, in welſcher Mund⸗ art plaudern konnte. Schnell ſuchte ich da⸗ ₰4——,—— —— her jetzt in meinem Hirn das zuſammen, was ich von der Sprache des Landes„wo die Zitronen bluͤhen,“ noch darin auffinben konnte, und bat die ſchoͤne Unbekannte, mir zu erlauben, mit der Kleinen zu ſprechen. Bald hatte ich von dieſer erfahren, daß ihr Vater dort druͤben auf dem Felde ar⸗ beite, und daß ſie beim Blumenſuchen aus⸗ gegleitet und in den Bach gefallen ſey. Ich fuͤhrte das Maͤdchen nach dem bezeichneten Orte, ihre Retter folgten mir ſchweigend. Wir uͤbergaben das Kind dem Vater, der, uns mit Freudenthraͤnen dankte; die Unbe⸗ kannte gab dem duͤrftig gekleideten Manne einige Goldſtuͤcke, und wir entflohen ſchnell ſeinem Danke. Waͤhrend deſſen hatte ich meine Beglei⸗ terin naͤher betrachtet. Gern moͤchte ich ſie Dir beſchreiben, aber ich fuͤhle, daß auch die feurigſte Schilderung hier matt iſt.— Wie koͤnnte ich Dir den Adel ihrer hohen wunder⸗ ſchoͤnen Geſtalt, die fein gewoͤlbte Stirn, das große Flammenauge, die ſtolz gebogene Adlernaſe, den lieblichen Mund, wie d —— ———-—————— Zauberwuͤrde genugſam ſchildern, die uͤber ihr bleiches, aber engelſchoͤnes Geſicht, uͤber ihr ganzes Weſen gegoſſen iſt, das ein ſtil⸗ ler Truͤbſinn mit Nebelſchleier zu umhuͤllen ſcheint. In wenigen, aber gewaͤhlten Wor⸗ ten, mit einer Stimme, die wie Sfaͤhren⸗ muſik in meine Seele drang, dankte ſie mir fuͤr meinen Beiſtand, und als wir wieder zur Stelle kamen wo der Vorfall geſchehen, ſagte ſie mir freundlich Lebewohl, und ging. Mir war, als ob ein guter Genius mit ihr ſchied— ich ſah ihr ſehnend nach— da be⸗ merkte ich auf dem Boden ein Armband von Haaren, das ſie bei ihrer Huͤlfleiſtung ab⸗ geſtreift haben mochte. Ich eile ihr nach: der Zufall iſt guͤnſtiger gegen mich, Sig⸗ nora, als Sie vielleicht wuͤnſchen, ſage ich, ihr das Band uͤberreichend, er vergoͤnnt mir noch einmal das Gluͤck Ihres Anblicks. —„Die Freude, die aus Ihrem Auge lacht,“ erwiedert ſie mit wehmuͤthigem Laͤcheln, „wuͤrde bald in grellem Widerſpruche mit der Trauer ſtehen, die das meine verdun⸗ kelt.“— Und doch wuͤnſchte ich ſo herz⸗ —— —— †—— — 7z— lich, Sie heute nicht zum letzten Male geſehen zu haben!—„Was ſoll ich unter Froͤh⸗ lichen?“— Bittend faßte ich ihre Hand. „Ich beſuche zuweilen dieſen einſamen Spa⸗ ziergang,“ fuhr ſie nach einigen Minuten fort,„wenn Sie mir verſprechen wollen, allein hierher zu kommen, wird es mir lieb ſeyn, Sie zu treffen; aber mehr Geſell⸗ ſchaft wuͤrde mich fuͤr immer verſcheuchen, denn ich will allein ſeyn!“ ſetzte ſie mit dem Tone einer mit Liebe gebietenden Herrſche⸗ rin hinzu, und mit freundlichem Haͤndedruck ſchied ſie.. Daß ich ſeitdem ſelten einen Tag verab⸗ ſaͤume, an den Comthurbach zu gehen, wirſt Du mir wohl glauben, und wuͤrdeſt das Ge⸗ gentheil unmoͤglich finden, wenn Du Vale⸗ rien,(ſo heißt ſie,) kennteſt. Zwar gehe ich oft zwei, drei Mal vergebens, ehe ich ſie treffe, und nur Viertelſtunden ſchenkt ſie mir, aber welchen koͤſtlichen Genuß gewaͤhren mir dieſe wenigen Minuten! Jedes ihrer Worte zeigt den reifſten Verſtand, die ausgebrei⸗ tetſten Kenntniſſe, und einen himmliſchen — 8— druͤcken— ſey es welches es wolle, ver⸗ ſchuldet kann ſie es nicht haben, dieſe En⸗ gelshuͤlle birgt keine Schuldige! Lebe wohl fuͤr heute, naͤchſtens mehr. Zweiter Brief. Emilie an Adelheid. Sey nicht unzufrieden, liebe Adelheid, daß mein jetziger Brief wieder von Vale⸗ rien anfaͤngt: dieſes holde Weſen hat meine ganze Seele erfuͤllt, und wem ſollte ich lie⸗ ber davon erzaͤhlen, als Dir, der Vertrauten meines Innern? Meiner Tante wage ich nicht von dieſer neuen Bekanntſchaft zu ſpre⸗ chen, Du kennſt ihre ſtrengen Begriffe von Schicklichkeit: ſie wuͤrde in einem jungen, reizenden, in unbekannter Verborgenheit ein⸗ ſam lebenden Maͤdchen, keine andere als eine zweideutige Perſon ſehen, und mir ſo⸗ gleich allen Umgang mit ihr verbieten. Valeria ſcheint immer mehr Zutrauen zu mir zu faſſen; ſie hat mir ſogar erlaubt, ſie in ihrer Wohnung zu beſuchen, die in einem Sinn. Ein ſchweres Unglüͤck ſcheint ſie zu — 9— Gartenhauſe vor der Sadt iſt. Sie beſteht aus zwei kleinen netten Zimmern, deren Fen⸗ ſter dicht mit Weinlaub umzogen ſind, und einem offnen Balkon, mit Blumen der ita⸗ liſchen Erde geſchmuͤckt. Man ſieht aus der Sorgfalt, mit der ſich Valeria mit va⸗ terlaͤndiſchen Gegenſtaͤnden umgiebt, wie ſehnlich ihr Herz nach dem ſchoͤnen Heimath⸗ lande ſeufzt, aus dem ſie ein hartes Schick⸗ ſal verbannt zu haben ſcheint. Ihr alter Bediente, der treue Marco, beſorgt, nebſt der Gaͤrtnerin, ihre kleinen haͤuslichen Ge⸗ ſchaͤfte, waͤhrend ſie ihre Zeit mit leſen, ma⸗ len, und Muſik ausfuͤllt. Die kurzen Stun⸗ den, die ich bei ihr zubringen kann, lieſt ſie mit mir die vaterlaͤndiſchen Dichter, oder ſucht meine kleinen, muſikaliſchen Talente durch ihren Unterricht auszubilden, oder verbeſſert die Zeichnungen, die ich, nach ih⸗ ren Muſtern, zu Hauſe auf meinem Zimmer verfertige. Man ſieht, daß es ihr Vergnuͤ⸗ gen macht ihre Kenntniſſe mitzutheilen, daß meine innige Anhaͤnglichkeit an ſie ihrem Herzen wohlthut, daß ſie ſie fuͤr Augen⸗ — —ÿ — — 10— blicke von ihrer Schwermuth abziehen, ja faſt erheitern kann. Ich kenne noch wenig von Welt und Menſchen, aber das iſt mir klar, daß furchtbare Stuͤrme noͤthig geweſen ſeyn muͤſſen, ehe ſie dieſes milde, liebende Weſen bis zu dieſer finſtern Abgeſchloſſen⸗ heit gebracht haben. Unſere Spaziergaͤnge ſind jetzt unterbro⸗ chen: die franzoͤſiſchen Truppen, welche, mit ihren blutigen Lorbeeren prangend, auf ih⸗ rer Ruͤckkehr in die Heimath durch unſer ar⸗ mes Staͤdtchen ziehen, fuͤllen die Umgegend ſo an, daß ich mich nicht mehr weit außer⸗ halb den Thoren wage, und Valeria iſt ſeitdem in ihre Wohnung verſchloſſen, und hat mich neuerdings beſchworen ihr Daſeyn ſtreng zu verhehlen. Deſto oͤfter ſuche ich nun Gelegenheit zu ihr zu kommen. Dritter Brief. Der Rittmeiſter Vittorio Barſino an den Hauptmann Duport. Sic eunt viae hominum! moͤchte ich jetzt mit meinem alten Praͤceptor ausrufen, da 8 . * ————— —————— —— — — 11— ich, ſtatt dem mit Dir beſprochenen Zuſam⸗ mentreffen bei den Siegesfeſten in Paris entgegen zu gehen, in einem deutſchen Staͤdt⸗ chen, wo Niemand meine Sprache verſteht, und von deſſen barbariſchen Lauten ich im vergangenen Feldzuge mit Muͤhe ſo viel ge⸗ lernt habe, daß ich die noͤthigen Beduͤrfniſſe verlangen kann, der peinlichſten Langeweile zum beliebigen Opfer liege. Durch einen Sturz mit dem Pferde wurde mein linker Arm, den mir bei Wagram eine Kanonen⸗ kugel zerſchmetterte, aufs Neue ſo verletzt, daß ich hier zuruͤckbleiben mußte. Denke Dir nun meine Lage! Ausgehen? verbietet mir noch das Wundfieber; Leſen? Mein Arzt brachte mir die einzigen franzoͤ⸗ ſiſchen Buͤcher,(an meine Mutterſprache iſt hier gar nicht zu denken!) die er hatte auf⸗ finden köͤnnen, es waren: Marie le Prince deé Beaumont magasin pour les enfants. Ich haͤtte beinahe das Dings dem guten Aeskulap an die Peruͤcke geworfen! Mein hoͤchſter Troſt, meine Flöte, erfordert zwei Arme, und mein anderer ruht unbeweglich — 12— in Bund und Bandagen. Das einzige Mit⸗ tel, Grillen und Langeweile zu vertreiben iſt ſchreiben; ſey daher nicht ungeduldig, lieber Charles, wenn ich Dich mit Briefen beſtuͤrme. Du wirſt fragen, ob ſich denn keine Ge⸗ legenheit zu einer kleinen Liebesintrigue dar⸗ biete? Dazu hat ſich nun eben noch kein Ge⸗ genſtand gefunden. Die Fenſter meines Zimmers gehen zwar auf einen Garten, deſſen ſorgſame Anlage und ſeltenen Blu⸗ men und Baͤume fuͤr den Geſchmack und die Wohlhabenheit ſeines Beſitzers ſprechen, und worin ich oft, außer einem aͤltlichen Herrn und einer dergleichen Dame, ein Paar junge, nicht uͤble Maͤdchen ſehe, aber ihr Weſen iſt in zu grellem Abſtiche gegen meine lieblichen Landsmaͤnninnen, als daß ſie mein fluͤchtiges Reiterherz feſſeln koͤnnten, Lebe wohl Duport, und weihe Deinem armen Freunde ein wehmuͤthiges Andenken, wenn Du in den rauſchenden Genuͤſſen der glaͤnzenden Kaiſerſtadt ſchwelgſt. . 4 Vierter Brief. Barſino an Duport. Mein langweiliger, ſchon oft in die tief⸗ ſten Tiefen des Tartarus verwuͤnſchter Auf⸗ enthalt faͤngt an, einiges Intereſſe zu ge⸗ winnen. Du wirſt pflichtſchuldiger Maßen ſo⸗ gleich errathen, daß ein Weib dabei im Spiele iſt. Die ſchoͤnen Gartennachbarinnen?— Zum Theil. Vor einigen Tagen ſitze ich wieder am Fenſter und lauſche, denn ſehen darf ich nicht mehr ſagen; die Aeltern zei⸗ gen mir daſſelbe Mißtrauen, welches ich ge⸗ gen uns an allen deutſchen Muͤttern und Vaͤ⸗ tern bemerkt habe: ſobald ſie mich am Fen⸗ ſter erblicken, werden die Toͤchterlein in eine Geisblattlaube gewinkt, deren Laub⸗ und Blumenhuͤlle ſo neidiſch dicht iſt, daß ſelbſt Argus mit ſeinen hundert Augaͤpfeln nicht durchdringen wuͤrde; daher ziehe ich jetzt die Gardine vor, und berge mich dahinter. Alſo dieß that ich auch jetzt. Die Geſellſchaft be⸗ ſtand aus einer ganzen Legion junger Maͤd⸗ chen, alle deutſch, bis auf Eine. Das blonde — 14— Haar, das lachende blaue Auge, die blen⸗ dend weiße Haut, die vollen Roſenwangen, verrathen Teuts Abkunft; und wieder die ſchlanke, zarte, und doch ſo volle Figur, der ſchwebende Gang, die leichten, unge⸗ zwungenen, und doch ſo ſittſamen Bewegun⸗ gen, die ideale, nur Welſchlands Toͤchtern eigene Manier, den Schleier uͤber Kopf und Schultern zu werfen, gehoͤren dem heitern Himmel meines Vaterlandes an. Das Maͤd⸗ chen iſt aus dem Beſten, was dieſe beiden Nationen eigen haben, zuſammengehaucht. Eine der Toͤchter des Hauſes brachte eine Guitarre, und reichte ſie bittend mei⸗ ner lieblichen Deutſchitaliaͤnerin; die leichte ſchwebende Manier, mit der ſie die reizende Blondine in den runden Lilienarmen hielt — die ſchoͤnſte Roͤmerin konnte es nicht va⸗ terlaͤndiſcher thun!— Nach einem zarten Vorſpiele, ganz im Geiſte unſrer alten beſ⸗ ſern Schule, oͤffnet ſie den kleinen Purpur⸗ mund, und, hatte das Maͤdchen meine Ge⸗ danken errathen? Sarti's unvergleichliches: Cari figli un altr' amplesso, ſchwebt in den — —4— reinſten Toͤnen und aͤchter lingua toscana, zu dem Fenſter empor, hinter dem ich mit verhaltenem Athem und vor Freude und Sehnſucht huͤpfender Bruſt verborgen war. Mit jedem Laute, der aus der Nachti⸗ gallkehle des Maͤdchens emporſteigt, waͤchſt mein Entzuͤcken, und als endlich das letzte: di spavento di dolor, verhallt, und ſie mit ein Paar vollgegriffenen Accorden geſchloſſen, da gab es nur ein dolor fuͤr mich in der Welt, der, ſie nicht mehr zu hoͤren. Ver⸗ geſſend, daß ich unbemerkt bleiben mußte, rufe ich laut: bravo! bravissimo! und klatſche mit meiner geſunden rechten Hand ſo hef⸗ tig in die kranke Linke, deren verwundeten Arm ich ganz vergeſſen hatte, daß der Schmerz mich einige Minuten ganz betaͤubt. Da ich mich von dieſer ungebetenen Erin⸗ nerung wieder erholt habe, und von Neuem durch die Gardine lauſche, iſt— verwuͤnſchte Vorſicht der deutſchen Vaͤter und Muͤtter! der Garten leer— und das graue Gewand der Mama, deſſen letztes Endchen eben hinter der Thuͤre des verhaßten Geisblattzwingers — 16— verſchwand, wahrſcheinlich hatte ſie ihrem Graziencorps den Nuͤckzug gedeckt, ſagte mir, wohin ſich meine ſehnenden Blicke nun zu richten haͤtten, wenn ich es auch nicht durch das frohe Lachen errathen haͤtte, daßs von Zeit zu Zeit daraus hervortoͤnte, und durch die Maͤdchenkoͤpfe, unter denen b ich aber das blondgelockte Engelshaupt meiner welſchen Nachtigall vergebens ſuchte, die einigemal durch die auseinander gebo⸗ genen Zweige lugten. Der Arzt ſtoͤrte mich aus meinen Be⸗ obachtungen; und ohne auf ſeine Erkundi⸗ gung nach meinem heutigen Befinden zu antworten, mache ich ihm ſchnell die Be⸗ ſchreibung des ſo eben entdeckten Schatzes. Hm... ſinnt er vor ſich hin mit an die Naſe gelegtem Finger... Es muͤßte das Fraͤulein von Burghauſen ſeyn, die hat immer ſo etwas Auslaͤndiſches an ſich, ſpricht auch fremde Sprachen... Ja, ja, die wird es ſeyn! And wer iſt ſie? Hat ſie Aeltern? Bruͤ⸗ der? Wohnt ſie hier? Hat ſie?... 2 —— Ja alle Fragen kann ich Ihnen nicht auf einmal beantworten, erwiedert er in ſeinem altmodiſchen Latein, das unſre Converſa⸗ tionsſprache macht; ſie iſt eine Waiſe, nicht ganz arm, und wohnt ſeit einigen Jahren bei ihrer Tante, der verwittweten Haupt⸗ maͤnnin von Saleck; weiter weiß ich nichts von ihr. Sie hat wenig Umgang mit den jungen Frauenzimmern unſres Orts, und gegen die jungen Herrn iſt ſie noch viel zu⸗ ruͤckhaltender. Das Letztere iſt nun freilich ein ſchlech⸗ ter Troſt fuͤr mich, jedoch will ich mein Gluͤck verſuchen, wenn ich nur erſt wieder ausgehen kannä. 3 Funfter Brief. Emilie an Adelheid. Eine Landparthie, die geſtern die Tante mit Eduard machte, und von der ich mich mit leichter Muͤhe ausſchließen konnte, ließ mich einen ganzen Nachmittag bei Valerien zubringen. Welch ein Genuß!— Sie zeigte “ — 18— mir ihre Gemaͤlde, meiſt Copien von italiaͤ⸗ niſchen Meiſterwerken. Meine Augen haf⸗ teten mit Liebe auf einer Landſchaft: In einem von heiterm Sonnenhimmel beſtrahl⸗ ten Hintergrunde bluͤht Welſchlands Frucht und Blumenfuͤlle: ein weißer Oleander in voller Bluͤthe liegt, vom Sturme gebro⸗ chen, am Rande einer Felswand, die wei⸗ ter vorwaͤrts ſich erhebt, und an deren Fu⸗ ße ein finſtres Meer in wilder Brandung tobt, uͤber welches ſchwarze Gewitterwolken unheilbruͤtend herabhaͤngen. Der herabge⸗ ſchmetterte Bluͤthenſtrauch liegt dem jaͤhen Abhang ſo nahe, daß der leiſeſte Hauch hin⸗ reichend iſt, ihn in die Wellen zu ſtuͤrzen; nur eine Wurzel haͤngt an einem halbver⸗ ſunkenen ſteinernen Kreuze, mit dem Sym⸗ bol des Glaubens bezeichnet, und haͤlt da⸗ durch das gaͤnzliche Herabſtuͤrzen auf. Ein zertruͤmmerter Anker liegt, von der Fluth herausgeſchleudert, am kahlen, ſandigen Ufer des Vorgrundes. Eine Wahrheit, eine Gluth iſt uͤber das Ganze gegoſſen, die ge⸗ nugſam das Feuer ausdruͤckt, mit dem es ͤͤſ ſie liebte; der Jammerlaut des Verlaſſenen 8 — 10— der Geiſt ſeines Schoͤpfers auf das Papier gezaubert hat. Iſt das auch Copie, Valeria?— Rein, es iſt von mir erfunden, antwortet ſie leiſe und ſtill vor ſich hinblickend, es iſt das Bild meines Lebens!— Ich ſchlug ſchnell das Blatt um; eine Virginia war das naͤchſte Bild, das mir entgegentrat. Der letzte Scheideblick, den ihr brechendes Auge auf den Geliebten wirft, ſprach ſo ruͤhrend den Schmerz aus, mit dem ſie von ihm und dem Leben ſcheidet, daß ich un⸗ willkuͤhrlich ausrief: Armes Opfer!— Wen beklagſt du? fragt Valeria aus tiefem Sin⸗ nen erwachend; Virginien? Sie ſtarb, ſie ſtreifte in einem kurzen Schmerze: das trau⸗ rige Daſeyn mit all' ſeinen tauſend Leiden, ſeinen tauſend verfehlten Wuͤnſchen, ſeinen tauſend zertruͤmmerten Hoffnungen ab. Der kaum gefuͤhlte, kaum geahnete Todeskampf, loͤſte ſich in Wonnen der Ewigkeit auf! Sie ſtarb! Iſt ſie nicht beneidenswerth?“ — Aber, Valeria, ſie ließ den zuruͤck, den B 2 — 20— toͤnte ihr in das Fruͤhroth beſſrer Welten nach.—„und wuͤrde er immer der Lie⸗ bende geblieben ſeyn, der er war? Sie ſtarb in dieſem ſuͤßen Wahne... Wohl ihr! Es ward ihr nicht aufbehalten, daraus zu erwa⸗ chen!. Die Schwuͤre gebrochener Treue hallten nicht in ihrer Bruſt wieder; die Ver⸗ zweiflung getaͤuſchter Zaͤrtlichkeit bleichte nicht ihre Wangen; die Thraͤnen uͤber ent⸗ ſchwundene Seligkeit loͤſchten nicht das Feuer ihres Blicks!.. Die namenlos Gluͤckliche!“ — Laut weinend ſtuͤrzte ſie in meine Arme, druͤckte mich feſt an ihr Herz, riß ſich dann los und ſtuͤrzte in ihr Cabinet. Nach einigen Minuten kam ſie, zwar bleicher als gewoͤhnlich, aber ruhig zu mir, und mit dem nur ihr eignen Liebreiz mich anblickend: Verzeihe, meine Emilie, ich habe dich betruͤbt, ſprach ſie; laß uns ein wenig ſingen. Sie legte ein Duett auf. Kaum hatte ſie mit ihrer himmliſchen Stimme ei⸗⸗ nige Takte geſungen, als der Ruf: Gran Dio à ella! unter dem Fenſter erſchallt. Malaäſa fliegt erſchrocken vom Stuhle auf, * * —- — 1— ich blicke ſchnell hinunter in den Gaͤrten, wo ich einen fremden Offizier ſehe, der, im Begriffe in das Haus zu treten, von der Gaͤrtnerin mit tiefen Knixen und hoͤflichen Worten daran verhindert wurde; in demſel⸗ ben Augenblicke ſank Valeria, die hinter mir gleichfalls hinunter geblickt, mit dem Ausrufe: Er iſt hier! ohnmaͤchtig neben mir nieder. Ich rief um Huͤlfe. Marco nebſt der Gaͤrtnerin flogen herbei, und halfen mir ſie auf das Sopha bringen. Da ich zur Thuͤre eile, um ſtaͤrkenden Spiritus zu holen, ſteht der Fremde dort, der, da die ihn Hindernde den Eingang verlaſſen, mit aͤcht militaͤriſcher Freiheit eingetreten war. Mein Anblick ſchien ihn eben ſo zu uͤberraſchen als mich der ſeine; er ſtammelte einige Entſchuldigungen, auf die ich weder Zeit noch Luſt hatte zu antworzeh und jog ſich zuruͤck. Valeria erholte ſich wieder, war aber ſehr matt. Allein mit mir, blickte ſi ſie, wie aus einem Traume erwachend um ſich, und fragte leiſe:„Haſt du ihn geſehen?“— Sprichſt — 22— du von dem Unbeſcheidenen, beſſen Zudring⸗ lichkeit dich ſo erſchreckt?— Er ſchreckte mich ſchon einmal!— fuuͤſterte ſie leiſe; ſte verhuͤllte ihr Geſicht einige Minuten, ſchut⸗ telte dann ſchnell das ſchoͤne Haupt, als wolle ſie ein finſtres Phantom verſcheuchen, und mir die Hand druͤckend:„Es wird ſpaͤt liebe Emilie, kehre zu deiner Tante zuruͤck, ſie moͤchte uͤber dein Ausbleiben zuͤrnen.“ — Nag ſie; in dieſem Zuſtande verlaſſe ich dich nicht, Valeria.— Mir iſt beſſer, mir wird wieder wohl ſeyn, wenn mich Ruhe und Nachdenken mir ſelbſt wieder gegeben haben. Laß mich Emilie! Forſche nicht nach der Quelle meines Schmerzes, und verliere den Glauben an mich nicht.“ — Noch einmal ſchloß ſie mich an ihre Bruſt und winkte mir dann, zu gehen, mit der Bitte, ſie einige Tage ſich ſelbſt zu uͤber⸗ laſſen. Dein heitrer Lebensweg, ſetzte ſie weich hinzu, darf nicht durch die Stuͤrme getruͤbt werden, welche wild durch den mei⸗ nen tobten; wenn ein wohlthaͤtiger Schleier ſch uͤber die Bilder geſenkt hat, die ein 4 furchtbarer Blitz mir ſo eben aufs Neue erhellte, dann ſehen wir uns wieder.“ Lebe wohl, Adelheid! erfuͤlle bald dein Verſprechen, mich zu beſuchen, dann ſiehſt Du meine Valeria, und dann wirſt du mir keine Vorwuͤrfe mehr machen, daß meine Briefe nur von ihr, und immer nur von ihr ſprechen. Sechster Brief. Barſino an Duport. So eben komme ich, um eine Hoffnung aͤrmer, aber um einen Vorſatz, naͤmlich den, meinen Willen doch durchzuſetzen, reicher, von meiner Maͤdchen⸗Recognoscirung zu⸗ ruͤck. Ich begab mich, moͤglichſt geſchmuͤckt mit meinen militaͤriſchen Ehrenzeichen, zu Frau von Saleck, ſagte ihr in beſtgewaͤhlten Aus⸗ druͤcken, daß ich hier als ein Verwundeter, ohne Kenntniß der Landesſprache, tauſend Unannehmlichkeiten und der toͤdtlichſten Lan⸗ genweile hingegeben, mit unendlicher Freude — 24— Mutterſprache gekannt ſey, und komme da⸗ her, ſie um die Erlaubniß zu bitten, ihr, als der Gattin eines Kriegers, meine Ehr⸗ furcht bezeugen zu duͤrfen. Die gute Dame gerieth ſehr in Verle⸗ genheit; verſicherte mich, daß ſie blos deutſch ſpraͤche, und rief ihren Sohn von ungefaͤhr 13 Jahren herbei, der in ziemlich gelaͤufi⸗ gem Franzoͤſiſch unſern Dollmetſcher machte. Als ſie auf dieſem Wege die Urſache meines Beſuchs erfahren, ließ ſie mir ſagen, daß ihre Nichte als Kind zwar ein wenig italiaͤniſch geſprochen, es aber aus Mangel an Uebung laͤngſt wieder vergeſſen habe, zudem auch gar nicht zu Hauſe ſey. Der kleine Doll⸗ metſcher machte bei dieſen Worten ſeine Miene, als ob die Mama nicht wahr ſpraͤche; und die aͤngſtlichen Blicke, die die ſe immer nach der Thuͤre warf, ſahen auch aus, als ob ſie ſich fuͤrchtete, daß Jemand unverlangt herein treten moͤchte. eis Ich bat nun wenigſtens um einige Buͤ⸗ cher; auch dieſes wurde verweigert, mit dem Zuſatze: ſie ſeyen Deutſche; d 3 ⸗ 4 ten ihrer Nation gnuͤgten ihnen ſo reichlich, daß ſie Buͤcher in fremden Sprachen weder haͤtten noch brauchten. Und ſo wurde ich recht hoͤflichſt gebeten, nicht wieder zu kommen. Ja, eine Deutſche iſt dieſe liebe Frau von Saleck; ſo aͤcht als der graue Gartencherub, mit dem ich ſie oft ſehe, und der mit ſeiner verwuͤnſchten Geisblattlaube vor das Para⸗ dies meiner Freuden tritt. Wahrſcheinlich ſind dieſe beiden deutſchen Damen Herzens⸗ freundinnen und die Mutter hat der Tante noch denſelben Abend die grauſenhafte Gar⸗ tenſcene erzaͤhlt; daher hat nun dieſe nichts Eiligers zu thun, als dem unverſchaͤmten Maͤdchenverfuͤhrer ſo buͤndig als moͤglich das Haus zu verbieten. 2 Aber, und wenn ſich alle Vaͤter, und Muͤtter, und Tanten der ganzen Welt da⸗ zwiſchen ſtellten, ich will doch ſiegen; und ich muß das Maͤdchen ſehen und ſprechen, ihnen Allen zum Trotz! Erſt war es blos . Wohlgefallen, Liebe zum Vaterlaͤndiſchen, was 3 mich zu ihr zog, aber dirſt — 26— niſſe machen die Sache* ſchon fuͤhle ich, daß ich das Maͤdchen liebe, daß ich ſie anbete, daß— was weiß ich? Genug, ich muß ſiegen, trotz allem Widerſtande!— Man ſoll nicht ſagen, daß ich je eine Unterneh⸗ mung aufgegeben, weil ſie ſchmar war. Siebenter Brief. Barſino an Duport. Ein Theil meines Unternehmens waͤre gegluͤckt, ich habe Emilien geſehen; aber der Triumphgeſang, den ich daruͤber anſtim⸗ men wollte, verhallte unter dem Crwarten viel groͤßerer, viel ernſterer Dinge„ die dar⸗ aus kommen koͤnnten. Ich ſah Emilien an der Seite einer Andern, deren wohlbekann⸗ ter und hochverehrter Anblick einen Him⸗ mel und eine Hoͤlle von Erinnerungen aus dem Innern meiner Seele wieder wach rie⸗ fen, die Kriegsgetuͤmmel und Schlachten⸗ ruf in Betaͤubung gedonnert hatten. Den Tag nach dem, wo ich das grobe Senatsgeſchus vergebens Woönebrannt hatte⸗ ———— — 2— gehe ich, im Gefuͤhle wieder erlangter Ge⸗ ſundheit, wenn gleich immer noch den Arm im Bunde, um das gar nicht unfreundlich gelegene Staͤdtchen ſpazieren. Aus einem Garten haucht mir die Luft ſo ſuͤßen Oran⸗ gen⸗ und Akazienduft entgegen, daß ich die nicht verſchloſſne Thuͤre oͤffnend, hineintrete. Sein Innres uͤberraſchte mich, denn ich glaubte an die Ufer der Tiber oder des Arno verſetzt zu ſeyn, ſo ganz vaterlaͤndiſch waren die Suͤd⸗Blumen und Stauden ge⸗ ordnet, die ihn ſchmuͤckten. Der zierliche Mittelgang fuͤhrt zu einem Hauſe: der Bal⸗ kon, der ſich, von einigen mit Andianthum und Elematis umwundenen Saͤulen getra⸗ gen, davor erhebt, die Blumenfuͤlle die ihn ſchmuͤckt, geben mir Landsmannsrecht, ich gehe naͤher. Fluͤgeltoͤne ſchweben jetzt aus den obern Fenſtern zu mir herunter und eine Stimme, die alle Fibern meines We⸗ ſens mit dem Zauber der Erinnerung be⸗ ruͤhrt, laͤßt mir keinen Zweifel nebre wem ſie angehoͤrt. 4 Mit einem lauten Ausrufe ſtuͤrze 6 dee — 28— Thuͤre zu, als mir ein Cherub, abermals in der Geſtalt eines alten Weibes,(die Deutſchen haben garſtige Paradieſeswaͤchter!) den Eingang wehrend entgegentritt. Schnell wende ich meine Blicke von dieſer unwill⸗ kommenen Erſcheinung nach der gruͤn um⸗ zogenen Hoͤhe, wo die Zaubertoͤne ſchallten, und aus dem Fenſter blickt— Emiliens blondes Engelsgeſicht. Hinter ihr, nein, ich taͤuſche mich nicht! Valeria, jene Vale⸗ ria, von der ich Dir ſo oft mit Trauer und Entzuͤcken geſprochen, ſteht hinter ihr. Ein Blick Valeriens faͤllt auf mich: ſie ſinkt zuruͤck— Man ruft oben Huͤlfe— der Cherub fliegt hinauf, ich nach— Emi⸗ lie erſcheint an der Thuͤre, ihr Blick voll Staunen und Unwillen ſchreckt mich zuruͤck, und ich taumle halb ſinnlos nach Hauſe. Fuͤr heute genug Achter Brief Barſino an Valerien. Ein gluͤcklicher Zufall ließ mich geſtern Valerien wieder finden, allein mein Anbli ck — — 29— ſchien Sie zu ſchrecken; ich wage daher nicht mich Ihnen wieder zu zeigen, bis Sie es mir erlauben werden. Aber wenn noch ein Klang aus ſchoͤner Vergangenheit in Ihnen wiederhallt, ſo verſagen Sie mir dieſe Gunſt nicht. Sie allein koͤnnen mir Nachrichten geben, nach denen mich ſo heiß verlangt. Neunter Brief. Valeria an Barſino. Ich ſuchte Ruhe, ich ſuchte Vergeſſen⸗ heit; ich glaubte ſie fern vom Vaterlande, in dunkler Einſamkeit zu finden. mein grauſames Schickſal verfolgt mich auch bis hierher!— Mein Wiederſehen kann Ihnen nichts nuͤtzen, da ich von dem, was Sie wuͤn⸗ ſchen, keine Auskunft geben kann. Zehnter Brief. Emilie an Adelheid. Beklage mich, Adelheid, ich habe Vale⸗ rien, ach! vielleicht auf immer verloren! — 30— Nach ſenem Vorfalle, den ich Dir in meinem letzten Briefe gemeldet, verbrachte ich meh⸗ rere Tage in banger Ungewißheit; endlich bekam ich von ihr folgendes Billet: „Es giebt Menſchen, die das Ungluͤck zu ſeinen Opfern auszuwaͤhlen ſcheint; un⸗ ter dieſe Beklagenswerthen gehoͤre auch ich. Dein lieber Umgang ließ mich ſuͤße Vergeſ⸗ ſenheit des Vergangenen hoffen— da reißt ein neuer Sturm auch dieſe Bluͤthe aus dem entblaͤtterten Kranze meines Lebens, und ich muß aufs Neue hinaus in das wild bewegte Daſeyn. Ob und wann ich wieder⸗ kehre, weiß ich nicht; ein Trauerflor huͤllt meine Zukunft, umſonſt iſt es ihn zu heben. Ich wollte Dir muͤndlich Lebewohl ſagen, es war mir zu ſchmerzlich. Lebewohl, meine Emilie! Dank Dir fuͤr die Liebe, mit der Du die truͤben Tage einer ſchuldlos Un⸗ gluͤcklichen erheitert; moͤge der Himmel Dei⸗ nem ſchoͤnen Leben die Freuden zutheilen, die er mir verſagt. Die Gaͤrtnerin hat Befehl, Dich als Herrin deſſen anzuſehen, was ich bei ihh —— —,——,— — 31— zuruͤcklaſſe; warte meine Blumen, damit ich, wenn ich einſt zuruͤckkehre, keine zu be⸗ krauern habe! Lebe wohl, lebe wohl melne Emillie⸗ Ewig Deine Valeria.“ Die Allegorie, die ich, als Bild ihres Lebens, bei meinem letzten Beſuche bei ihr ſah, war dieſen Zeilen beigeſchloſſen. Mit tauſend Thraͤnen habe ich es benetzt, und immer fließen ſie von Neuem, wenn ich es betrachte, und die deutungsreichen Worte leſe, die ſie mir ſchrieb. Alle meine Spa⸗ ziergaͤnge beſchraͤnken ſich jetzt auf Vale⸗ riens Garten; ich ſpiele dort ihre Muſi⸗ kalien auf ihrem Fluͤgel; ich zeichne nach ihren Muſtern auf ihr eſe Staffelei— aber ſie, die mich liebend unterrichtete, fehlt!— Eilfter Brief. Emilie an Adelheid⸗ Ich habe jenen Offizier wieder geſehen, der mir meine Valeria geraubt! denn Er und nur Er, iſt die Urſache ihrer Entfernung. — 32— Der Widerwaͤrtige! Er iſt ein Italiaͤner in franzoͤſiſchen Dienſten und heißt Barſino. Dieſen Morgen leſe ich unter Valeriens Roſenſtraͤuchen, als ploͤtzlich der Zudring⸗ liche vor mir ſteht: erſchrocken und unwil⸗ lig ſpringe ich vom Raſenſitze auf—„Zum dritten Male habe ich heute das Gluͤck, Sie zu ſehen, Signora, hub er mit einer gar nicht uͤbel klingenden Stimme an, allein ich habe jedes Mal blos Schrecken bei Ihnen erregt.— Da Sie dieſes ſelbſt einſehen, Signor, ſo werden Sie mir verzeihen, wenn ich wuͤnſche, Ihnen nicht weiter zu begegnen. — Seyn Sie nicht ungerecht, Fraͤulein, kla⸗ gen Sie nicht den an, dem blos der Zufall unguͤnſtig iſt. Sie werden mich vielleicht zudringlich ſchelten, allein in meinem Stande, wo man jeden Augenblick als den letzten dem Leben abkaͤmpfen muß, haͤlt man die Gelegenheit feſt, ehe ſie entſchluͤpft. Schon laͤngſt geizte ich nach dem Augenblicke Ihnen gegenuͤber zu ſtehen, und jetzt da ich ihn endlich erlangt...— Wird Ihnen Ihr eig⸗ nes Gefuͤhl fuͤr Schicklichkeit ſagen, daß ich — 33— nicht laͤnger hier verweilen kann. Hiermit machte ich ihm eine Verbeugung und eilte nach Hauſe. Zwar geſtehe ich Dir gern, Adelheid, daß jetzt, bei ruhiger Ueberlegung, ich es bereue ihn ſo kurz, ſo unhoͤflich zuruͤck gewieſen zu haben— er konnte mir vielleicht etwas Naͤheres uͤber Valerien ſagen... Auch, trotz meines Unwillens gegen ihn, kann ich nicht laͤugnen, daß er ein intereſſanter, ſchoͤ⸗ ner Mann iſt: denke dir eine ſtolze Herku⸗ les⸗Geſtalt, einen herrlich geformten Kopf, dicht mit rabenſchwarzen Locken beſchattet; ein Paar große, blitzende, ſchwarze Augen, eine roͤmiſche Koͤnigsnaſe unter der hohen offnen Stirn, an der eine Narbe herab⸗ laͤuft, die ſie aber gar nicht entſtellt; ein ſchoͤner Mund, blendend weiße Zaͤhne— Du laͤchelſt? Nein, nein! ſey er auch noch ſo ſchoͤn, er iſt mir doch mehr furchtbar als angenehm; er hat mir meine Valeria ge⸗ raubt, ich mag gar nicht mehr an ihn den⸗ ken! denn haſſen darf man nicht; und lie⸗ — 34— ben? wie kann ich das? Alſo, kein Wgaut mehr von ihm!— Zwoͤlfter Brief. Barſino an Duport Valeria iſt abgereiſt, Niemand weiß wo⸗ hin; und mit ihr iſt der letzte Faden abge⸗ riſſen, der mich zu dem leiten konnte, was ich ſo ſchmerzlich erſehne, zu Nachrichten uͤber das Schickſal meines verlornen, ewig unvergeßlichen Prinzen Camillo. Du kann⸗ teſt ihn auch, Du theilteſt die allgemeine Trauer uͤber ſein raͤthſelhaftes Geſchick— Doch nein, Du kannteſt ihn nicht: Du be⸗ wunderteſt den Schoͤpfer in ihm, der ein ſo vollendetes Ganze maͤnnlicher Hoheit und Schoͤne ſchaffen konnte; Du ſtaunkeſt die ſel⸗ tene Fuͤlle von Kenntniſſen und Talenten an, die in ihm vereint waren; Du warſt, wie Alle die ihm nahten, von dem Zauber ſeiner Milde und Guͤte, von der Ehrfurcht und Liebe gebietenden Wuͤrde angezogen, die aus jedem ſeiner Worte ſprach— Freund, — — 35— Du kannteſt nur die Huͤlle, die den ſeltnen Kern umſchließt! Waͤreſt Du, wie ich, der Vertraute ſeiner geheimſten Gedanken gewe⸗ ſen, haͤtteſt Du die gluͤhende Begeiſterung gekannt, mit der ſein Herz fuͤr alles Hohe und Edle ſchlug! Wie er Alles, ſelbſt das Theuerſte, dem opfern konnte, was er als recht und gut erkannt. Wie ſeine ſtolze Seele an den Erinnerungen der verſunkenen Groͤße ſeines Vaterlandes mit Schmerz und Sehnſucht hing— Wenn er, der gluͤ⸗ hende Roͤmer, bald mit dem Feuer des Stolzes und des Entzuͤckens, bald mit ſchmerzlicher Trauer, bald mit drohendem Zorne, der Groͤße, der Fehler, des Falles der Vorzeit dachte, dann brauchte ich kai⸗ nen Tacitus, keinen Livius, der mir die Ge⸗ ſchichte der Staͤtte erzaͤhlte, auf deren Tr uͤm⸗ mern der Fuß unaͤhnlicher Enkel wankt, keinen Arceſilaus, keinen Praxiteles, keinen Kleomenes, deren Meiſel mir die Geſtalten unſerer verſunkenen Helden vor Augeln ſtellte — Alles dieß ſtand lebend vor meinen, in Staunen und Entzuͤcken verlornen Bli⸗ 62 ——. ———hhhöhöhöͤoͤſͤſſͤſſſſnn—————;—ÿ—ÿ—ͦ—-— — 36— cken— Und dieſen Freund mußte ich verlieren!— Ich wollte Dir heute viel ſchreiben, 65 ber Duport, das Dich, als Freund Deines Freundes, intereſſirt haben wuͤrde, allein 3 die Trauer fordert ihre Rechte; ich kann das Andenken meines Verlornen durch keine an⸗ dern Einmiſchungen verdraͤngen. Eine Bitte jedoch muß ich noch hinzu⸗ fuͤgen: da das Regiment, bei dem ich ſtehe, in ſeine Garniſon zuruͤckkehrt, um den Ver⸗ luſt zu ergaͤnzen, den es im letzten Feldzuge erlitten, ſo erzeige mir doch die Freund⸗ ſchaft, mir beim Kriegsminiſterium, zu dem Du leichtern Zutritt haſt als ich, einen Ur⸗ Aaub d von einigen Monaten auszuwirken.— Dreizehnter Brief. Delera an Emilien Uel r die Ferne, die das Geſchick tren⸗ nend oiſchen uns gethuͤrmt, fliegt der Gruß d liebenden Freundin zu Dir! Anfangs hoffte ich, bald wieder zu Dir und meinem ——— ſtillen freundlichen Zufluchtsort zuruͤckkehren zu koͤnnen, allein eine Spur, die ich entheckt zu dem Aufenthalte deſſen, den ein hartes Ungluͤck von mir riß, und dem meine Naͤhe Troſt und Stuͤtze iſt, noͤthigt mich, dieſer Hoffnung vielleicht auf immer zu entſagen; Du wirſt daher ſo gut ſeyn, meine geliebte Emilie, meinem Marco, den ich Dir ſende, die Sachen aus meiner Wohnung verabfol⸗ gen zu laſſen, die ich hier aufgezeichnet habe. Dir, meine Emilie, bringt er eine Schrift mit, die Geſchichte meines Lebens, die ich fuͤr Dich aufgeſetzt habe. Nimm ſie hin als das Vermaͤchtniß einer Ungluͤcklichen, und als Dank fuͤr die lichten Punkte, mit denen Deine treue Freundſchaft meinen Pfad erhellte. Mein neuer Aufenthalt erfordert die tiefſte Verborgenheit; daher zuͤrne nicht Valeriens, wenn vielleicht Jahre vergehen, ehe wieder ein Zeichen des Andenkens zu Dir gelangt, doch glaube, daß mein Geiſt immer liebend bei Dir, Du gutes reines Maͤdchen, weilt. Wenn Barſtno, jener Offizier, der unſer letztes Beiſammenſeyn ſeoͤrte, in Deine Naͤhe — 38— kommen ſollte, ſo fliehe ihn nicht; er iſt ein edler Mann, dem meine fruͤhere Geſchichte bekannt iſt; aber wahre Dein Herz! er iſt ein Mannz das ſey Dir genug geſagt, und wird Dir alles ſagen, wenn Du die Blaͤt⸗ ter, die ich Dir ſende, geleſen haben wirſt. Lebe wohl, der Himmel ſegne meine ewig theure Emilie. Valeriens Leben. (Dem vorigen Briefe beigeſchloſſen.) Mein Vater war, als einziger Sohn ei⸗ ner alten roͤmiſchen Familie, die Hoffnung und der Stolz einer großen Anzahl adelſtol⸗ zer Onkels und Tanten, die ihn, den letz⸗ ten des Hauſes, als den ehrten, der dem alten, immer rein erhaltenen Stamme fri⸗ ſche Zweige erbluͤhen laſſen ſolle. Um dieſen unverfaͤlſcht zu erhalten, ſuchten ſie unter den Toͤchtern der Edlen die aus, welche den aͤlteſten und reinſten Stammbaum auf⸗ weiſen koͤnne, und ihre Wahl fiel endlich auf die Graͤfin Aurelia Orſenna, eine An⸗ —— 39— verwandte ſeiner Familie, welche jung, ſchoͤn, reich und geiſtvoll, entſchloſſen war ihre ſtolze Hand in die meines Vaters zu legen, als der feurige Juͤngling ſie der Sorge enthob, indem er ein ſchoͤnes, liebens⸗ wuͤrdiges, vortreffliches Maͤdchen, von an⸗ ſtaͤndiger aber buͤrgerlicher Familie heirathete. Seine racheſpruͤhenden Verwandten kehr⸗ ten jetzt alle ihre Liebe in den bitterſten Haß um, deſſen naͤchſte Folge war, daß mein Vater einen großen Theil ſeines ſehr anſehnlichen Vermoͤgens verlor. Da ihm außer dieſem die Raͤnke ſeiner Anverwandten alle Wege, ſich als Staatsdiener oder Mi⸗ litaͤr um das Vaterland verdient zu machen, verſchloſſen, ſo zog er ſich mit meiner Mut⸗ ter auf ſein kleines, freundliches Landgut bei Tivoli zuruͤck, und lebte hier, im ſuͤßen Ge⸗ nuſſe der Liebe und Haͤuslichkeit, ſeiner Gat⸗ tin, den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften. Hier wurde ich geboren, um meiner Mutter das Leben zu rauben, die durch den Gedanken gequaͤlt, daß ſie ihren Gatten der Vorzuͤge ſeiner Geburt beraubt, ſich Vorwuͤrfe machte, — 40— die um ſo verzehrender an ihrer Jugend⸗ bluͤthe nagten, weil ſie ſie meinem Vater verbergen mußte, den letzten Seufzer ver⸗ hauchte, da ich erſt wenige Monate zaͤhlte. Der grenzenloſe Schmerz meines Vaters fand blos den Muth, das Daſeyn zu ertra⸗ gen, in dem Gedanken an das huͤlfloſe Ge⸗ ſchoͤpf, das ihm ſeine Gattin mit dem letz⸗ ten Blicke ihres brechenden Auges anempfoh⸗ len hatte. Mit ſchwaͤrmeriſcher Liebe hing er an mir, und meine Erziehung ward nun ſein einziges Geſchaͤft. Da er wohl ſahe daß der Haß, der ihn raſtlos verfolgte, auch dereinſt auf mir laſten werde, ſo ſuchte er meine Zukunft dadurch zu ſichern, daß er mich zur Kuͤnſtlerin bildete. In dieſer Laufbahn gehoͤrte ich nicht der Familie an, deren Namen ich trug; nicht dem Lande das mich geboren hatte: die ganze Welt war mein Vaterland, jede mitverwandte Seele war mir dann Bruder, Schweſter. Nicht mehr konnte mich kleinlicher Familienzwiſt verfolgen, ich gehoͤrte ihr nicht mehr an: die Kuͤnſtlerin gehoͤrt dem Publikum an, die⸗ — 4— ſes muß ſie ſchuͤtzen, wenn ſie ſelbſt zu ſchwach dazu iſt. Ach, der gute Vater ver⸗ gaß, daß in der neuen Familie, deren Schutze er mich uͤbergeben wollte, Haß und Naͤnke nur um ſo verderblicher wuͤthen, je weiter ſie in alle Staͤnde und Verhaͤltniſſe des Le⸗ bens verzweigt iſt. Schon hatten mehrere meiner Gemaͤlde, die mein Vater in die Kunſtausſtellungen ge⸗ ſandt, den Beifall der Kenner erhalten, waͤh⸗ rend ich, der dieſer Ruhm ein tiefes Geheim⸗ niß blieb, in ſtiller Verborgenheit der Ausbil⸗ dung meiner Talente lebte. Unter den Kupferſtichen, die mein Vater von Zeit zu Zeit fuͤr mich kommen ließ, fand ich einſt mehrere Anſichten des Albanerſee's. Das Erhabene dieſer Gegend zog meinen Geiſt unwiderſtehlich an; der ſchwermuͤthige Ton, der, gleich einem Nebelſchleier, uͤber den Umgebungen dieſes ausgeloͤſchten Vulkans liegt, ſprach zu meinem, mehr der Trauer als der Freude hingegebenen Herzen, in ſo ſuͤßen Lauten, daß der Wunſch, dieſe Ge⸗ gend nach der Natur aufzunehmen, mich endlich bewog, meinen Vater zu bitten, mit mir eine Reiſe zum Albanerſee zu machen. Er willigte ein; da er aber das Geluͤbde gethan, ſich von der Aſche ſeiner Gattin nicht zu trennen, ſo vertraute er mich dem einzigen Freunde an, den er noch hatte, einem ge⸗ achteten Kuͤnſtler der Nachbarſchaft, der mein Lehrer geweſen; mit ihm und ſeiner Gattin trat ich die heißerſehnte Reiſe an. 4 Am Morgen der Abreiſe fuͤhrte mich mein Vater in den Theil unſres Gartens, wo ſich, von Zypreſſen und Thraͤnenweiden umfloſſen, unter Blumen das Grab meiner Mutter erhebt. Tief bewegt druͤckte er mich hier an ſeine Bruſt: Es iſt das erſte Mal daß wir uns trennen, meine Valeria, hub er mit zitternder Stimme an, das erſte Mal daß du die Grenzen unſrer ſtillen Umgegend uͤberſchreiteſt, und die Hand des liebenden Vaters kann deinen erſten Schritt in die Welt nicht leiten!— Ich ſage dir Lebe⸗ wohl hier am Grabe der Mutter; ſie ſtarb als Opfer der Liebe. Hier an dieſer heili⸗ gen Staͤtte ſchwoͤre mir, daß, wenn dein Auge durch Maͤnnerreiz geblendet wird, du dein Herz wahren willſt; hier am Grabe der Mutter, deren Herz die Liebe brach, hier gelobe mir, deine Bruſt jener Leidenſchaft zu verſchließen!— Der Ton meines Vaters war ernſter, feierlicher als gewoͤhnlich; ſeine blaſſe Wange war von hoher Roͤthe uͤber⸗ flogen, ſein zum Himmel gerichteter Blick ſchien den Geiſt der Verklaͤrten zum Zeugen meines Schwurs aufzufordern. Der Mor⸗ genwind, der durch die Blaͤtter ſaͤuſelte, toͤnte mir wie der Laut ihrer, ach von mir nie gehoͤrten! Stimme; voll heiligen Schau⸗ ers ſank ich auf die Kniee, und gelobte, m Herz der Liebe zu verſchließen. Mein Va⸗ ter ſegnete mich und fuͤhrte mich meinen Be⸗ gleitern zu. Ich beſtieg den Wagen und, wenige Minuten, ſo war mir das vaͤterliche Haus mit ſeinen liehen Umgebungen in blauer Ferne verſchwunden. Wir kamen gegen Abend in Pallazuola an, und den andern Morgen begannen wir unſre Wanderung. Von Fels zu Fels ſtie⸗ gen wir uͤber zertruͤmmerte, durch Stuͤrme 3 ———u 8 1 und Erdbeben losgeriſſene Steinmaſſen zu einer Bucht hinab, zuweilen unter den Baum⸗ gruppen ausruhend, die, das Bild des fri⸗ ſchen Lebens unter dem Chaos der Zerſtoͤ⸗ rung, dieſe abgetrennten Felstruͤmmer ma⸗ leriſch durchweben, bis zu einer zerfallenden Einſiedelei, die unter aufgethuͤrmte Lava⸗ ſtuͤcke gebaut, auf einer vorragenden Fels⸗ wand liegt. Hier waͤhlte ich meinen Stand⸗ punkt: uͤber mir die Stadt, wo wir uͤber⸗ nachtet, das ehemals ſo ſtolze Alba⸗longa, mit einem Kranze duftender Pinien umguͤr⸗ tet: unter mir, hinter duͤſtern Hainen, der Waſſerſpiegel des See's. Mein Lehrer ging, die Gegend von einer andern Seite aufzuneh⸗ men, und ich blieb allein mit meinem Reißbrete. Vollendet war die Skizze, die ich mit al⸗ lem Feuer der Liebe zur Kunſt auf das Pa⸗ pier gegoſſen hatte, und eben warf ich den letzten pruͤfenden Blick von meinem Werke auf das des ewigen Meiſters, hinter den alle Kunſt beſchaͤmt zuruͤcktritt, als ich ſahe daß ich nicht mehr allein war. Unter mir, auf einem von Schlingkraut umwundenen — 45— Baumſtamme, der ſich weit von dem Felſen der ſeine Wurzel haͤlt, uͤber den See hin⸗ ausbeugt, ſaß ein Juͤngling, die großen Feueraugen in ſtiller Betrachtung aufwaͤrts, und wie mir ſchien, auf mich gerichtet. Da er merkte, daß mich ſein Anblick erſchreckte, ſprang er auf, ſchwang ſich ſchnell, mit un⸗ nachahmlicher Leichtigkeit und Anmuth, von Strauch zu Strauch, von Fels zu Fels em⸗ por, und in zwei Minuten ſtand er vor mir. Verzeihung, ſchoͤne Huldin, daß ich es wage die Stelle zu betreten, die Ihre Ge⸗ genwart zum Heiligthume weiht; allein ich bin ſelbſt ſo oft und gern hier, daß ich mir ein kleines Eigenthumsrecht daran erwor⸗ ben habe. Du kannſt wohl denfen⸗ daß ich, die ich bisher Niemand anders als meine Hausge⸗ noſſen und naͤchſten Nachbarn geſehen und geſprochen, von dieſer Erſcheinung und An⸗ rede ziemlich verwirrt wurde— ich ſtam⸗ melte erroͤthend einige Worte und der Fremde, dem meine Verlegenheit wehe that, wollte ſes ie enden und naͤherte ſich dem Orte, wo mein hier den ſchoͤnſten Punkt des See's gewaͤhlt, wendete er ſich mit dem feinſten Anſtande zu mir, die ſich indeſſen von ihrer Ueberra⸗ ſchung erholt hatte,„und mit hohem Ent⸗ zuͤcken erkenne ich die Gegenden, die ich ſo oft beſucht, im herrlichſten Einklange der Natur und Kunſt wieber.“— Es iſt nur der Anfang meiner Studien; ich habe mir vorgenommen, dieſe erhabene Gegend von allen Seiten aufzunehmen.— Dann laſſen Sie mich Ihren Fuͤhrer ſeyn; ich leite Sie vom Gipfel an, wo noch ein Truͤmmerhau⸗ fen die Stelle zeigt, auf der ein untergegan⸗ genes, weggetilgtes Volk, ſeine Siege durch Dankopfer heiligte, die Straße hinab, die einem der edelſten Opfer fuͤr das Gemeinde⸗ wohl iht Daſeyn verdankt, bis zur ſtillen Waſſertiefe. Keine Welle kraͤuſelt ſeine ewig ebne Flaͤche, ſie iſt das Bild einer in ſich abgeſchloſſenen Seele, die, von keiner wider⸗ ſtrebenden Leidenſchaft abgeſtoßen, von kei⸗ nem Hauche der uͤber ihr bald ſtuͤrmenden bald ſaͤuſelnden Luft bewegt, in ungetruͤbter Zeichenapparat aufgeſtellt war.„Sie haben — — 4),?ꝛ— Ruhe das Bild ihres innern Seyne A⸗ praͤgt.“— Waͤhrend er ſo ſprach, hatte er mich auf ſchmalem Pfade abwaͤrts zu einer Stelle ge⸗ fuͤhrt, wo ich freie Ausſicht auf den See hatte, der in der Ruhe des Todes zu mei⸗ nen Fuͤßen lag. Sehen Sie dieſe Stelle, fuhr er fort, auf eine Bucht ganz dicht un⸗ ter mir deutend, ſie iſt unergruͤndlich wie die Ewigkeit— Mit ſtillem Schauer blickte ich in dieſe grundloſe unbewegte Tiefe— und je mehr ich ſie ſah, je mehr gaͤhnte mich das Bild des Nichts aus ihr anz das Le⸗ ben mit Allem, was darin jauchzte und ſtoͤhnte, verging in dieſem ewigen Stillſtehen!— Ich faßte aͤngſtlich den Arm meines Fuͤhrers, ich wollte mich davon uͤberzeugen, daß noch Etwas in der Schoͤpfung athme und lebe.— Wird denn dieſe vernichtende Stille nie belebt? frug ich bebend.— Wenn die Erde in wildem Aufruhre ſchuͤt⸗ tert, wenn ſie ſich oͤffnet, um Kunſtgebilde und Naturſchoͤne in ihren nimmerſatten Schooß zu verſchlingen; wenn leber. Laut — 48— der Schoͤpfung vor dem Bruͤllen der unter⸗ . irrdiſchen Tiefe verſtummt... dann wird dieſe Waſſerſtille bewegt, und Wogen peit⸗ ſchen die Ufer, die ehemals ſelbſt aͤhnliches Verderben uͤber die bluͤhende Umgegend ver⸗ breiteten.— Welch graͤßliches Bild! rief ich entſetzt; laſſen Sie uns davon eilen, die Stille dieſer Kiefe iſt Tod, ühr Deddan Vernichtung!— MNehr getragen als geführt von meinem Begleiter, eilte ich der Hoͤhe wieder zu: hiier unter dem klaren Blau des Himmels, unter dem lebendigen Zwitſchern der Voͤgel, die ſich auf dem ſchwankenden Gruͤn der Baͤume wiegten, unter dem frohen Gemur⸗ mel der Quellen, die der Sonne allbelebende Strahlen tranken, hier athmete ich freier! Ich begruͤßte freudig das Seyn, das Leben und Weben das mich umgab, wie eine vom Tode Erſtandene. 5* Iſt Ihnen hier beſſer? frug der Fremde A mit dem unbeſchreiblichen Wohlklange ſeiner Stimme.— Unendlich beſſer hier im Strahle des Lebens, als in jener ewigen Stille! —— ——— — 49— rief ich aus tiefer Bruſt.„Aber ſpiegelt ſich in jener Stille nicht auch das Bild des Lebens, der Liebe, des allſegnenden Him⸗ mels der uͤber ihr ſchwebt? und kein Hauch truͤbt dieſes reine Abbild, es wahrt treu in ſeinem unbewegten Schoße den Eindruck den es von oben empfing. Das muß ſchoͤn, es muß beſeligend ſeyn, ſein Bild einer Seele einpraͤgen zu koͤnnen, die es ewig in ungetruͤbter Reinheit bewahrt! rief er mit faſt ſchmerzlichem Tone.— Aber wenn die Veſten der Erde beben, erwiederte ich mit leiſem Schauer—„Wenn Vernichtung uͤber der Schoͤpfung brauſt, fiel er mir ins Wort, dann verliert ſich Stille und Bild in dem Aufruhre der Elemente, und Eins geht in dem Andern unter... und das Herz das treu das Geliebte bewahrt, bricht, und die Schoͤpfung mit ihm, und es jauchzt in ſeinem Untergange, denn es verſinkt mit dem, was es einzig in ſich hegte!— Er hatte mich bei dieſer Rede in die Arme geſchloſſen, er druͤckte mich an ſeine fliegende Bruſt.. Ich wußte nicht, ob — 350— lebte, ob ich traͤumte... aber das ich fuͤhlte ich, daß in dieſem Augenblicke der Ruf des Todes ein Ton des Entzuͤckens fuͤr mich geweſen waͤre. Da hoͤrte ich laut und aͤngſtlich meinen Namen rufen— ach, ich hatte vergeſſen, daß es außer uns noch Weſen gab! Ich riß mich ſchnell los und eilte meinen Begleitern zu. Ich muß hier abbrechen, Emilie! zu ſchmerzlich wuͤhlt der Dolch der Erinnerung in meinem blutenden Herzen!— Ich glaubte ihm genug Kraft, das Bild vergangener Seligkeit noch einmal zu durchleben, aber es fordert herriſch ſeine Rechte. Laß mich daher ſchweigen von den ſeligen Minuten, welche eine Wonne gebende Taͤuſchung in den Kranz meiner Tage einwebte, ach! und deren Dornen das zarte Gewebe zer⸗ riſſen, und ſich mit tauſend Widerhaken in die Seele gruben, deren Wunden nie, nie heilen!. Camillo, unter dieſem Namen hatte ſich der Fremde meinem Lehrer als Zunftgenoſſen vorgeſtellt, wurde nun unſer Fuͤhrer in den — 51— vielfach wechſelnden Anſichten des Albaner⸗ ſee's: unter dem Vorwande mir zu helfen deſſen Schoͤnheiten aufzunehmen, war er mein unzertrennlicher Begleiter— Der Strahl der bei unſerm erſten Finden mit Himmelsgluth in unſern Seelen gezuͤndet, loderte zur Opferflamme des Weihebundes der reinſten Liebe auf. Da kuͤndigten mir meine Begleiter an, daß wir morgen zuruͤck⸗ reiſen wuͤrden. So mag dem im Kerker eingeſchlummerten, von Freiheit Traͤumen⸗ den ſeyn, wenn der klirrende Ton ſeiner Feſſeln ihn zur Wirklichkeit wieder erwachen laͤßt, als mir bei dieſer Nachricht war. Heimath, Vater, Mutter, Schwur— Alles hatte ich vergeſſen, Alles war mir unterge⸗ gangen im ſeligen Wahne der Liebe, um jetzt deſto mahnender aus der Tiefe empor zu ſteigen, und mir furchtbar drohend das gebrochene Geluͤbde in das, ach! bis jetzt ſo ruhige Gewiſſen, zu rufen! Auch Camillo war ſchmerzlich betroffen bei dieſer Kunde: mit dem ſiegenden Feuer ſeiner Worte ſuchte er meinem Lehrer Federigo zu beweiſen, daß 82 ——ͤ— — 52— wir noch bleiben muͤßten, daß nur erſt die Haͤlfte deſſen gezeichnet ſey, was ich mir vorgeſetzt— umſonſt! die Zeit, die mir der Vater zu meiner Abweſenheit vergoͤnnt, war verfloſſen, und wir reiſten ab. Laß mich ſchweigen von meinem Abſchiede von Camillo!— Ich entdeckte ihm hier den Namen und die Verhaͤltniſſe meines Vaters; ich verſchwieg ihm nicht den Schwur, den ich am Grabe meiner Mutter abgelegt Da barg Camillo das erbleichende Geſicht 1 in die bebenden Haͤnde, da zeigte er in die ewige Stille des See's unter uns: Dieſer bodenloſe Spiegel, der in unerſchuͤtterlicher Feſtigkeit ſeine Eindruͤcke bewahrt, ſey das Symbol unſrer Liebe: denke der Worte die ich Dir ſagte, da wir uns an ſeinem Ufer 3 fanden, und lebe wohl, Valetig, wir ſehen uns wieder.“— Ich kehrte zuruͤck zu unſerm ſtillen Land⸗ hauſe, in die liebenden Arme meines Vaters:* Alles war noch wie ich es verlaſſen— nur ich war anders, als da ich gegangen! Nicht mehr wagte ich es in die Augen des Va⸗ —,— — — — 53— ters zu blicken, denn ich hatte ein Geheim⸗ niß zu verbergen, das erſte was ich vor dem treuen Vaterherzen hatte! Ich floh das Grab meiner Mutter, es war Zeuge meines Schwurs geweſen, und jeder Windhauch, der leiſe durch die Zypreſſen ſeufzte, die es um⸗ ſchatteten, warf mir den Treubruch vor, den ich begangen. Waͤre mein Vater nicht durch die Anordnungen, die er zu Verſchoͤnerung unſres ſtillen Wohnſitzes machte, beſchaͤftigt, an der genauen Beobachtung meines Be⸗ tragens gehindert worden, die Veraͤnderung meines ganzen Seyns wuͤrde ihm, trotz aller Anſtrengungen, nicht entgangen ſeyn. Faſt eine Woche iſt ſo verfloſſen, da tritt mir, bei meinem gewoͤhnlichen Spaziergange in einem Platanenwaͤldchen hinter unſerm Garten, Camillo entgegen! Mit der Wonne des Wiederſehens ſchließt er mich in ſeine Arme; in hohem Entzuͤcken ſagte er, daß er, um mir immer nahe zu ſeyn, eine Villa unweit unſrer Wohnung gemiethet habe. Wir beſchloſſen, uns jeden Tag an dieſem ſtillen Plaͤtzchen zu finden; wir ſahen uns nun taͤg⸗ ————————— — 354— lich, wir waren unausſprechlich ſelig, denn wir hatten uns wieder. Da vermochte ich nicht laͤnger der Stim⸗ me des innern Richters zu gebieten, deſſen mahnender Ton die ſeligen Harmonien mei⸗ ner Liebe ſtoͤrte: An einem gewitterſchweren Abende, wo ich meinen Vater mit auf die Bruſt gekreuzten Armen nach dem Grabes⸗ haine der Mutter wandeln ſah, eilte ich ihm nach, an den Ort, den ich, aus tiefem Bewußtſeyn der Schuld, ſeit langen Tagen nicht zu betreten gewagt hatte: warf mich zu den Fuͤßen des Theuern, und mehr durch Seufzer als durch Worte, loͤſte ſich das ſchwere Bekenntniß von meinem bangen Herzen. Lange ſah er mich an: Die Gluth des Zorns roͤthete ſeine Wange, um ſchnell ei⸗ ner toͤbtlichen Blaͤſſe zu weichen; dann wen⸗ dete er den Blick von mir ab, zu den Blu⸗ men unter denen ſie ruhte:—„Schlummre ſanft, Beneidenswerthe! rief er mit halb er⸗ ſtickter Stimme, du haſt nicht den Verluſt deines Kindes zu bejammern, wie dein ver⸗ — 535— laſſener Gatte!“— Laut weinend uniſchlang ich ſeine Kniee; er machte ſich ſchnell, aber nicht heftig, von mir los: Siebzehn Jahre trug ich das Leben um deinetwillen, jetzt lohnſt du mir! rief er mit Bitterkeit.— Laß mich! rief er, als ich dem ſich Entfer⸗ nenden folgen wollte, verſoͤhne dich mit dem verklaͤrten Geiſte, den du durch falſchen Schwur hintergangen, ich brauche Ruhe um mich von dieſem neuen Schlage zu erholen, den ich von dieſer Seite nie ahnete.— Er ging auf ſein Zimmer, das er hinter ſi ich verſchloß, und ließ mich int meinem Schmerze allein. Kaum war die von Bliten durchhellte und von Donnern durchtoſte Nacht voruͤber, als ich eilte Camillo aufzuſuchen: ich fuͤhrte ihn zu meinem Vater; unſrem Flehen, un⸗ ſern Beſchwoͤrungen gelang es ſein Herz zu ruͤhren: es verzieh: er reichte mir die Hand, er nannte mich wieder Tochter.„Und hat der Sohn keine Rechte auf die Verzeihung des Vaters?“ fragte Camillo ſchmerzlich. — Mein Vater ſah ihn finſter an: Meine Tochter ließ mich bis jetzt den Sohn nicht vermiſſen!. Ich verzeihe Ihnen, aber es wird mir r ſchwer werden Sie zu lieben; doch, vor allem Andern: wer ſind Sie?— Ich heiße Camillo Almaviva.— Prinz Al⸗ maviva? frug mein Vater erſchreckt— Eine ſtumme Bewegung Camillo's bejahte. Mich faßte dabei des Todes kaltes Grauen.— „Der einzige Sohn des verſtorbenen Fuͤr⸗ ſten Alfonſo, fuhr mein Vater mit vor Zorn bebender Stimme fort, und ſeiner noch le⸗ benden ſtolzen Gattin?— Graf Contarino, rief Camillo flammend, Sie koͤnnen mir Ihre Tochter verſagen und mich dadurch zum elen⸗ deſten Sterblichen machen, aber, bei Gott und meinen Vorfahren; kein Wort gegen meine angebetete Mutter!— Sie ſind Aureliens Sohn, Sie koͤnnen nie der meine ſeyn, ſelbſt wenn ich wollte! Fliehen ſie ein Haus, deſ ſen Frieden Sie geſtoͤrt; fliehen Sie einen Vater, deſſen letzte Hoffnung Sie zertruͤm⸗ mert haben! Aureliens Sohn kann nie der meine ſeyn.— Uund wer will mir es weh⸗ 8. “ —j.—,— — 1 —— — 5)— ren? rief Camillo.— Der Charakter Ihrer Mutter, die Welt, ſagte mein Vater, mit tiefer Bewegung zu mir tretend, die regungs⸗ los jedes Wort dieſer toͤdtlichen Unterredung vernommen; dieſe Hand, rief er die meine ergreifend, kann nie Ihre werden.— Nie?.. Nie?. Sie wird es, ſie ſoll es, wenn Valeria mir treu bleibt!— Ich bleibe dir treu Camillo, bis die Veſten der Erde be⸗ ben und den Spiegel, der nur dein Bild traͤgt, mit ihm zugleich zertruͤmmern; ich kann deinem Beſitze entſagen, wenn ich muß; aber nie aufhoͤren dich zu lieben.— Du mußt, entgegnete mein Vater mit feſter Stimme, indem er mich ſchnell aus dem Simmer fuͤhrte. Denk' an den Albanerſee! hoͤrte ich Camillo mir nachrufen, dann ent⸗ ſchwanden meine Sinne; und ich fand mich erſt den andern Tag wieder bei ruhigem Bewußtſeyn, wo mein Vater mir erklaͤrte, daß Camillo's Mutter jene Aurelia Orſenna, ddie ihm ſelbſt fruͤher beſtimmte Braut ſey, welche dem Manne, der gewagt ſie zu ver⸗ ſchmaͤhen, ewige Rache geſchworen habe, —— — „»,— 1 1 1 6 1 . 1 — ——— 58— und deren unbeugſamer Charakter jede Hoff⸗ nung zur Ausſoͤhnung unmoͤglich mache. Acht lange Tage waren mir unter Hoff⸗ nung und Verzweiflung, Schmerz der Gegen⸗ wart und Wonne der Vergangenheit verſtri⸗ chen, da erſchien Barſino, jener Barſino ben auch Du kennſt, in unſrem Hauſe; er war Camillo's vertrauteſter Freund, bewohnte mit ihm die Villa bei Tivoli, und hatte ihn meh⸗ reremal bei unſern Zuſammenkuͤnften beglei⸗ tet. Er brachte mir dieß Billet: „ Ich habe Dein Herz vergiftet, die Ruhe Deiner Seele geſtoͤrt; vielleicht fuͤr immer den Frieden Deines Lebens vernichtet— Vergieb mir wenn Du kannſt, und vergiß mich; denn wir ſind getrennt fuͤr Zeit und Ewigkeit.“ Der ungluͤckliche Camillo. Jedes Wort dieſes Briefes goß Todes⸗ kaͤlte in meine Seele.— Haͤtte Camillo mir Vorwuͤrfe gemacht, haͤtte er mir gedroht, mich beſchuldigt, ich wuͤrde noch gehofft haben: aber dieſe Kuͤrze, dieſe Kaͤlte, dieſe Beſtimmtheit... doch das Uebermaaß mei⸗ nes Schmerzes gab mir die Kraft ihn zu ————;: n— 6 — 2* 59— tragen. Barſino's Gegenwart ließ mich Herr meiner Verzweiflung bleiben. Ein ſchwa⸗ cher Hoffnungsſtrahl daͤmmerte noch in mir auf:„Hat Ihnen der Prinz dieſen Brief ſelbſt gegeben? frug ich mit feſtem Tone;— Er ſchrieb ihn in meiner Gegenwart, trug mir auf ihn in Ihre eignen Haͤnde zu uͤber⸗ liefern, und reiſte hierauf mit ſeiner Mutter ab, ohne zu ſagen wohin.— Genug! Ich habe nichts darauf zu antworten; leben Sie wohl!— Da traf mein Blick Barſino's Auge, in welchem eine Thraͤne zitterte, und das mit dem Ausdrucke des tiefſten Mitgefuͤhls auf mir ruhte— Das brach meinen Stolz, und lautweinend ſtuͤrzte ich aus dem Zimmer. Es ward Abend: ſchwarz wie die Nacht in meiner Seele hing die ſternenloſe Fin⸗ ſterniß uͤber der Erde. Mein Vater hatte ſich zur Ruhe begeben— ich konnte keine fin⸗ den! Auf dem Grabe der Mutter lag ich in wildem Schmerze— ich betete nicht, ich klagte nicht, ich fuͤhlte nur.— Da wird es ploͤtzlich hell vor mir: unſer Haus iſt mit Fackeln umringt, bei deren Scheine 60— ich Soldaten und Waffen erblicke; ich ſpringe* auf um hin zu eilen, da ſtuͤrzt mir unſser treuer Marco entgegen: Um Gotteswillen, retten Sie ſich! und ehe ich noch fragen kann, hat er mich ſchon ins Freie gezogen. Er bringt mich bis zum Hauſe Federigo's, und hier erfahre ich endlich von ihm, daß Soldaten in das Haus gedrungen, um im Namen der Obrigkeit ſeine Beſitzer gefan⸗ gen fortzufuͤhren. Durch ein unbemerktes Fenſter iſt Marco in den Garten geſprungen, wo er wußte daß ich war, um mich in Si⸗ cherheit zu bringen.„Und mein Vater?— Deſſen Zimmer wurde zuerſt beſetzt.“ Ich wollte hin, wollte mit meinem Va⸗ ter leben oder ſterben— man hielt mich mit Gewalt zuruͤck. Beim erſten Strahle des Tages ging Federigo nach unſrem Hauſe, wo er Niemand mehr als die Haushaͤlterin findet, die ihm erzaͤhlt, daß der Herr in einen Wagen geſetzt und, von den Soldaten eskortirt, weggefuͤhrt worden ſey. Muͤhſames, oft gefaͤhrliches Nachforſchen gab endlich Federigo die Gewißheit, daß mein Vater auf die Anklage, daß er ver⸗ raͤtheriſche Verbindungen unterhalte, auf⸗ gegriffen, und in Verwahrung gebracht wor⸗ den ſey; wohin, blieb undurchdringliches Geheimniß. Sein Anklaͤger war— Emilie, faſſe der Oualen ſchrecklichſte in einen Punkt zuſammen, und Du haſt noch nicht den tauſendſten Theil deſſen, was auf mich niederſchmetterte— ſein Anklaͤger war— Prinz Camillo Almaviva. Das Furchterlichſte war geſchehen; mir blieb nichts mehr zu fuͤrchten, nichts mehr zu ſchonen— Ich wollte hin und mich gleichfalls ſeinen Richtern uͤberliefern, da⸗ mit das Opfer vollendet ſey; Federigo's Vorſtellungen daß ich, wenn ich frei ſey, vielleicht meinem Vater nuͤtzen koͤnne, ließen mich endlich dieſen Entſchluß aufgeben. Da man uͤberall nach mir forſchte, hiel⸗ ten es endlich meine Freunde fuͤr noͤthig, daß ich das Land verlaſſen muͤſſe. Mir galt es gleich, wo mein, von Verrath und Argliſt gebrochenes Herz an unheilba 13 Wunde verblute.— Federigo vaͤhlte d Deut — 6— land als den ſicherſten Aufenthalt fuͤr mich. Seiner unermuͤdeten Sorgfalt war es ge⸗ lungen, ein ziemlich anſehnliches Capital von dem Vermoͤgen meines Vaters zu retten, deſſen Zinſen er mir in meine ſchmerzliche Verbannung nachſandte; alles uͤbrige wurde eingezogen. Nach jahrelangem Umherirren fand ich endlich ein ruhiges Plaͤtzchen in dem Staͤdt⸗ chen, das Du bewohnſt: ich fand Dich da, meine Emilie, und glaubte endlich meiner muͤde gekaͤmpften Seele im Schoße der Stille und Freundſchaft neue Kraͤfte zum Ertragen des Lebens zu geben— da tritt, wie ein Vernichtungsgeiſt der Vergan⸗ genheit, Barſino mir entgegen— und alle — Schreckbilder des Geſchehenen umhuͤllen mich V von Neuem mit den Finſterniſſen der Ver⸗ zweiflung. Das Bild deſſen, den ich nicht mehr nennen darf, ſchaut mich mit — allem, ach ſo verfuͤhreriſchen! Zauber der 3 Liebe an— und verſinkt in die ewige Tiefe des nie endenden Schmerzes. Ich floh. 6 Ein Brief Federigo's, den ich bei dem Ban⸗ quier vorfand, der meine Gelder beforgt, giebt mir Hoffnung den Ort endlich aufzu⸗ finden, wo mein ungluͤcklicher Vater, fern von treuer Kindespflege, ſchmachtet; ich verfolge dieſe Spur, und ſage Dir ein lan⸗ ges, vielleicht ewiges Lebewohl. Vierzehnter Brief. Barſino an Duport. Die Bitte womit ich meinen letzten Brief an Dich ſchloß, eroͤffnet wieder den jetzigen: bewirke mir einen Urlaub; je laͤnger, je beſ⸗ ſer. Aber, wirſt Du ſtaunend fragen, was kann Dich zu dieſem Wunſche bewegen?— Und Du erraͤthſt es nicht? Und ich habe Dir Emiliens himmliſche Erſcheinung ge⸗ ſchildert, und Du erraͤthſt es nicht?— Und jetzt, da ich ſie faſt taͤglich ſehe, da dieſes engelreine Weſen ſich mir in immer neuen, immer ſuͤßer duftenden Bluͤthen ent⸗ faltet; da der tiefe, mit herrlichen Kennt⸗ niſſen geſchmuͤckte Geiſt immer mehr durtch 8 roſige Huͤlle bricht, die heitrer Sinn —————— .— 64— und Jugendmuth um das hoͤchſt anziehende Aeußere gewoben haben; da ich mit jedem Tage mich mit feſteren Banden zu ihr hinge⸗ zogen fuͤhle— jetzt ſollte ich ſie verlaſſen? Vielleicht einen Andern die holde Blume brechen laſſen, die ein Sonnenſtrahl aus waͤrmerer Zone aus dieſer kalten Erde erbluͤ⸗ hen ließ?— Nimmermehr! Wie es enden wird, weiß ich nicht, denke auch nicht dar⸗ uͤber nach; Du weißt ja, daß das Gluͤck in unſrem Stande ein Kind der Gegenwart iſt! ich halte es feſt, aber auch feſt mit allen Kraͤften meines Seyns, und Wehe dem, der es mir entreißen wollte, ehe ich es von ſelbſt loslaſſe!— Ich kann das Ergriffene weg⸗ ſchleudern, wenn ich den Ruhm des Sieges davon getragen; ich kann es dem Bittenden abtreten; aber mir entreißen laſſen?— Dann muͤßte ich aufhoͤren ich ſelbſt zu ſeyn! Wie ich auf einmal in Emiliens Naͤhe gekommen bin, da ſich vorher Alles ver⸗ ſchworen mich daraus zu verbannen?— Das will ich Dir ſagen: Du weißt, daß ich 3 eine ziemliche Fertigkeit im Blumenmalen — „ — 65— beſitze; aus Langeweile hatte ich die man⸗ cherlei ſchoͤnen und ſeltnen Gewaͤchſe abge⸗ zeichnet, die den Garten meines unnachbar⸗ lichen Nachbars, des Herrn Oberrechnungs⸗ raths Haußner,(Du ſiehſt, daß ich ſchon ſo weit im Deutſchen vorgeruͤckt bin um ihre langen Titel merken zu koͤnnen), ſchmuͤ⸗ cken. Jetzt, da ſie ſauber illuminirt vor mir liegen, blaͤſt mir mein guter Genius den gluͤcklichen Gedanken ein, mir durch dieſe Blaͤtter einen Schluͤſſel zu dem verſchloſſe⸗ nen Paradieſe zu machen. An einem Tage wo ich die Toͤchter nicht zu Hauſe weiß, packe ich meine Zeichnungen zuſammen und wandre hinuͤber, mit der Bitte um Verzeih⸗ ung, daß ich es gewagt das Recht der Nach⸗ barſchaft zu benutzen, und zugleich dem Er⸗ ſuchen mir zu erlauben, meine Copien mit den Originalen vergleichen zu duͤrfen. So lang ſich das Geſicht des alten Herrn bei meinem Eintritte zog, eben ſo ſchnell wurde es jetzt durch gutmuͤthige Freundlichkeit ge⸗ ruͤndet, als er die Urſache meines Beſuchs und zugleich, wie er meinte, die meines be⸗ E⁸ — 66— ſtaͤndigen Lauſchens am Fenſter, erfuhr. Die Botanik iſt ſein Steckenpferd; ich ſetzte mich mit auf, und wir tummelten uns lu⸗ ſtig darauf herum. Er rief die Mama, denn daß er ohne die weder viel thun darf noch kann, war mir ſchon laͤngſt klar geworden. Madam wurde durch meine zierliche An⸗ rede, die der Mann verdollmetſchte, wenn mein Deutſch nicht mehr zureichte, noch mehr aber durch die Bilder, die ich ſie bat als ein kleines Zeichen meiner Hochachtung anzunehmen, ſo liebreich, daß ſie mich end⸗ lich, nach einem ziemlich langen Beſuche, mit der Bitte entließ, recht bald wieder zu kommen. Daß ich dieſe Bitte nicht lange uner⸗ fuͤllt ließ, kannſt Du wohl denken. Wahr⸗ ſcheinlich war nun ſogleich der Buſenfreun⸗ din Saleck berichtet worden, daß der be⸗ ruͤchtigte Maͤdchenbelauſcher mehr nach den Blumen des Gartens, als nach ſeinen Be⸗ wohnerinnen ſehe, und uͤberhaupt kein ſo grimmiges Unthier zu ſeyn ſcheine, als man geglaubt: genug auch dieſe, die ich das — . — — 6— naͤchſte Mal bei Haußners traf, war ſo ar⸗ tig gegen mich, und ihr Sohn, mein Sprach⸗ organ beim mißgluͤckten Verſuche, ſchloß ſich mit ſo inniger Herzlichkeit an mich an, daß ich die Mutter bat, den Kleinen, zu ſeiner Uebung im Franzoͤſiſchen, recht oft zu mir kommen zu laſſen; und nach einigen Entſchuldigungen, daß dieſes meine Guͤte zu ſehr gemißbraucht waͤre, und derglei⸗ chen, nahm ſie es an. Der Knabe kam ſogleich den andern Morgen zu mir, und bald brachte er alle ſeine Freiſtunden bei mir zu. Frau von Saleck hat einen recht huͤbſchen Garten vor dem Thore, dahin fuͤhrte mich mein Zoͤg⸗ ling Eduard, und ich fand Emilien dort. Schon machte ich mich auf eine Flucht ihrer⸗ ſeits gefaßt, und recognoscirte mit den Augen das Terrain um ihr den Ruͤckzug zu coupiren, allein ſie blieb. Wir fingen zu⸗ ſammen ein Geſpraͤch uͤber die Vortheile der verſchiedenen Jahreszeiten an; kamen dann auf mein Vaterland, deſſen Topographie Vſit faſt beſſer inne hatte als ich ſelbſt; wie E2 .— 68— ich aber von da den Uebergang zu ſeinen Bewohnern, und von denen auf Valerien machte, wich die Freundlichkeit ihres holden Geſichtchens einem wehmuͤthigen Ausdrucke, eine Thraͤne trat in ihr dunkelblaues Auge, und ſichtlich bewegt brach ſie ab. Seit dieſer Zeit ſehe ich ſie bald im Gar⸗ ten bald im Hauſe ihrer Tante, wohin ich mir, als quasi Lehrer Eduards, freien Zu⸗ tritt gemacht habe, und als Freund der Fa⸗ milie darin behandelt werde, wie uͤberhaupt die Deutſchen viel gaſtfreier als die Italiaͤ⸗ ner ſind. Ich begleite Emiliens Fluͤgel mit der Floͤte, denn mein Arm iſt wieder frei— lerne von Eduard eben ſo eifrig deutſch, als er von mir franzoͤſiſch, ſo daß ich ſchon im Stande bin, der Alten die verſchiedenen Staͤdte zu beſchreiben in denen ich geweſen — kurz ich fuͤhre ein Leben wie im Para⸗ dieſe, obgleich die Tante mich und Emilien mit den Argusaugen einer deutſchen— Tante bewacht. Laß nur den Urlaub bald ausfertigen, damit ich meines Gluͤcks mit Sicherheit genießen kann. 1 —— * — — — 69— Funfzehnter Brief. Emilie an Idelheid. Schon wieder ſind etliche Wochen ver⸗ gangen ohne Briefe von Emilien, hoͤre ich Dich ſchelten, das Maͤdchen muß wieder eine neue Bekanntſchaft gemacht haben, die ſie ihre alten Freunde verabſaͤumen laͤßt... Still, liebe Adelheid! nicht weiter! ich muͤßte Dir ſonſt erroͤthend geſtehen daß— doch, ich will mir nicht vorgreifen! Barſino, der mir anfangs ſo furchtbar war, iſt jetzt mein taͤglicher Geſellſchafter. Weiß der Himmel, durch welche Zauberkuͤnſte es der Menſch angefangen hat ſich das Zu⸗ trauen der Tante zu erwerben, aber ſie, Hauß⸗ ners, und vorzuͤglich die Oberrechnungsraͤ⸗ thin, ſind ganz entzuͤckt von ihm: er geht bei uns ein und aus, als ob er zu der Fa⸗ milie gehoͤre, und ich, die Valeriens Nach⸗ richten milde gegen ihn geſtimmt, folge als gehorſame Nichte dem nir gegebenen Bei⸗ ſpiele. Aber, offen geſtanden!(das Papier iſ ja ſo diskret mir nicht bazn in die Au. — 70— gen zu ſehen)! dieſer Gehorſam koſtet mir auch nicht die geringſte Ueberwindung. Nie haͤtte ich geglaubt daß dieſer, dem Aeußern nach ſo ſtolze wilde Mann, ſo beſcheiden, ſo mild ſeyn koͤnnte als er iſt, wenn er mit mir muſicirt, wenn er meine Blumen pflegt, wenn er mit Eduard ſcherzt und ſpielt; und doch wuͤrde dieſer, der mit unendlicher Liebe an Barſino haͤngt, um keinen Preis der Welt einen Augenblick die Achtung vergeſ⸗ ſen, die er ihm als ſeinem Lehrer und als 1 hochgebildetem Manne ſchuldig iſt. 3 Geſtern war ich in Valeriens Garten, den ich jetzt ſeltner beſuche. Alles war dort wie ich es das letzte Mal geſehen, und doch wieder ganz anders: die Blumentoͤpfe ein⸗ fach, aber ſehr geſchmackvoll bemalt; die Baͤume, die Stauden und Blumen mit ei⸗ ner Sorgfalt ausgeputzt, daß kein welkes Blatt, keine farbloſe Bluͤthe, kein abgeſtor⸗ bener Zweig daran mahnte, daß das was bluͤht verwelkt. Mit einem Wohlgefallen, das mit jedem Schritte zunahm, nahte ich mich Valeriens und meinem Lieblingsplaͤtz⸗ —— — à1— chen, einem Raſenſitze von Roſenbaͤumen umpflanzt: es war eben ſo ſorglich erhal⸗ ten und verſchoͤnt. Ein Meer von Wohlge⸗ ruͤchen welche die, von fremder Hand unter die Roſen gepflanzte Reſeda, Lack und derglei⸗ chen aushauchte, umfing mich; Epheu ſchlang ſich am Sitze hinauf, und ſeine Blaͤtter⸗ huͤlle deckte eine kleine Tafel mit einer In⸗ ſchrift, die in unſrer Sprache ungefaͤhr hei⸗ ßen wuͤrde: Daß nicht im trennenden Raum das Bild der 5 Geſchiednen entſchwinde, Ließ ſie das ſchoͤnere Selbſt uns in der Freun⸗ din zuruͤck. Als ich noch ſinnend, und nur zu wohl errathend vor dieſer ſchmeichelnden Ueber⸗ raſchung weile, koͤmmt die Gaͤrtnerin her⸗ bei:„Nicht wahr, mein liebes Fraͤulchen, hier ſieht es noch ſchoͤner aus als ſonſt? Die liebe Signora wuͤrde ſich recht freuen, wenn ſie wieder kaͤme und ſaͤhe, wie gut ihre Auftraͤge beſorgt worden ſind.— Hat ſie dieſes Ihr aufgetragen? frug ich auf die Inſchrift deutend.—„Nein, mir nicht, — 72— aber der fremde Offizier, der kurz vor der Abreiſe der Signora auf einmal wie ein Stoßvogel in den Garten flog, hat Nach⸗ richt von ihr bekommen, daß er alles das ſo machen ſoll; er iſt jeden Tag hier, und dann arbeitet er wie der beſte Gartenknecht, und es geht ihm Alles ſo leicht von der Hand, und hat, wenn es fertig iſt, ein ſolches Geſchicke, daß ich oft, verzeih mir's Gott! denke, er verſteht etwas von den Zauber⸗ kuͤnſten, womit ſein Kaiſer ſo unerhoͤrte Schlachten gewinnt. Aber da koͤmmt er ſelbſt!“— Und hier eilte ſie wieder zu ihrer Arbeit. „Sie haben Nachricht von Valerien?“ rief ich Barſino entgegen.—„Keine! ant⸗ wortete er befremdet.— Die Gaͤrtnerin ſagte es.— Verzeihen Sie! ich mußte mich dieſer Unwahrheit bedienen, um die Frau zu bewegen mir keine Hinderniſſe in ein Vor⸗ haben zu legen, dieſes liebe Plaͤtzchen ein wenig auszuſchmuͤcken. Moͤge es Ihnen nicht unangenehm ſeyn, von mir in Ihrer Bluͤ⸗ thenwelt begruͤßt zu ſeyn.— Ich habe hier — keine Rechte mehr, es iſt Ihre Schoͤpfung geworden, Herr Rittmeiſter. Eine dunkle Roͤthe uͤberflog hier ſein Geſicht: Es ſcheint mein Fraͤulein, ſprach er mit einem nur mit Muͤhe gemaͤßigten Tone, als ob dieſe, durch Freundſchaft und wehmuͤthige Erinnerung geheiligte Stelle, einen feindſeligen Einfluß auf Sie uͤbe: lange freute ich mich auf den Augenblick, wenn Sie dieſe kleinen Verſchoͤ⸗ nerungen mit Ihrem Beifall begluͤcken wuͤr⸗ den, aber ich irrte mich, wie ſchon ſo oft — und ſo ſey auch das Andenken daran vernichtet!— Hier faßte er mit vor Zorn bebender Hand einen herrlich bluͤhenden Granatbaum, riß ihn mit Einem gewalti⸗ gen Rucke aus dem Kaſten, ſchleuderte ihn weit von ſich, und wuͤrde, glaube ich, den ganzen Garten verwuͤſtet haben, wenn ich nicht, ſo geſchreckt ich auch durch ſeine Hef⸗ tigkeit war, ihm in den Arm gefallen waͤre: — Barſino, wie? Valeriens ſtillen Zu⸗ fluchtsort wollen Sie zerſtoͤren?— Mein Ruf brachte ihn wieder zu ſich ſelbſt; er ſchlug die Haͤnde vor das Geſicht, ſchritt — 44— raſch und ſtuͤrmiſch den Gang hinab, kehrte dann zuruͤck und mir wehmuͤthig die Hand reichend:„Wie haſſenswerth mag ich Ih⸗ nen in dieſem Augenblicke ſcheinen! Aber,“ fuhr er nach einer Pauſe mit wieder auflo⸗ derndem Zorne fort,„warum kraͤnkten Sie mich auch in dem, was mir das Liebſte war, in der ſuͤßen Hoffnung Ihnen eine Freude zu bereiten?“— Kraͤnken wollte ich Sie nicht, Barſino, nur das ſchmerz⸗ liche Gefuͤhl ſprach aus mir, daß ich nun nicht mehr hier weilen, nie wieder hierher kommen kann. Dieſer Garten iſt der Ihre geworden, Sie haben ſich durch die Sorg⸗ falt, die Sie auf ſeine Ausſchmuͤckung ge⸗ wandt, das Eigenthumsrecht daran erkauft; daß ich nun nicht mehr hier ſeyn darf, wird Ihnen, nach dem was Sie nun von den Sitten und Meinungen meines Vaterlandes gelernt, nach den Begriffen von Anſtand die Sie ſelbſt, bei Ihrem feinen Gefuͤhle, an uns nicht tadeln koͤnnen, uͤberzeugend ſeyn.— Noch einen Abſchiedsblick warf ich auf „ —— — 135— die lieben, mir in ſuͤßer Erinnerung helli⸗ gen Stellen, dann verließ ich den Garten. Aber ſage mir Adelheid, iſt Barſino nicht eben, wenn nicht noch mehr, ſo ſchrecklich als er liebenswuͤrdig iſt? Und doch, er⸗ gruͤnde wer es kann die Vekehrtheit des menſchlichen Herzens, iſt er mir ſeit dieſem Auftritte um einen großen Theil intereſſan⸗ ter, ich moͤchte faſt ſagen, lieber gewor⸗ den. So ſtelle ich mir den Blitze ſchleu⸗ dernden Jupiter der Fabelwelt vor, und faſt moͤchte ich ihm die Ehrfurcht bezeugen, die dieſem ſonſt gebuͤhrte... Lache mich nicht aus, Adelheid! ich bin, da ich die⸗ ſes ſchreibe, ſo truͤbe geſtimmt— es kaͤmpft und ſtreitet in mir, ohne daß ich weiß was, und weshalb.. Ich habe ihn ja nicht be⸗ leidigen wollen... Ich weiß ja nicht was Haß iſt.. Glaubſt Du wohl, daß er mir einen feindlichen Charakter zutraut?... Ach! ich bin ein kindiſches Maͤdchen, er muͤßte lachen wenn er laͤſe was ich hier ge⸗ ſchrieben!— Moͤge es bald anders mit mir werden, ſonſt fuͤrchte ich, geht mein 1— 76— bbee Muth in dieſem Kampfe unter. Wa⸗ rum iſt Valeria nicht hier, um mir zu ra⸗ then? Du kannſt es nicht Adelheid, Du kennſt die Lage der Dinge nur nach meinen Anſichten geſchildert, und wer ſteht mir da⸗ fuͤr, daß dieſe nicht einſeitig, verworren, falſch ſeyen? Sechszehnter Brief. Barſino an Dupore. Da hat mir wieder ſo ein verdammter Kerl das Blut durch die Adern gejagt, daß es empor ſchaͤumt wie eine Klippenbrandung! aber ich will ihm morgen einen Denkzettel an⸗ haͤngen, daß, wenn ihm noch eine Denkkraft bleibt, er meiner auch nicht vergeſſen ſoll, und wuͤrde er ſo alt als der Monte-Gibel- lino. Doch ich vergeſſe zu ſagen was es iſt. Der ſchoͤne Morgen laͤßt mich heute ei⸗ nen etwas langen Spazierritt machen; ſo komme ich endli ein Wirthshaus nahe an der Grenze: Ler treffe ich einen ſchen Offizier, der auf einem benachbarten Rit⸗ 7 — 77— teraute zum Beſuche bei der lieben Vermandt⸗ ſchaft iſt. Ich bin in einer recht heitern Stimmung und knuͤpfe ein Geſpraͤch mit ihm an, das ſich bald auf unſer gemeinſchaftliches Hand⸗ werk lenkt. Faͤngt da der naſeweiſe Burſche an, unſre Taktik zu bekritteln. Eine Zeit⸗ lang halte ich an mich; daß ich es nicht lange konnte, iſt leicht zu glauben. Wenn Ihnen unſre Kriegskunſt ſo tadelnswerth ſcheint, rufe ich aus, warum liefen Sie denn bei* ſo eilig davon, ehe wir noch angefangen hatten, unſer Geſchuͤtz ſpielen zu laſſen?— Wie verſtehen Sie das? rief er gluͤhend— Wie ein Mann von Ehre es verſtehen muß, wenn er mit vorlauten Buͤrſchchen und Luͤg⸗ nern zu thun hat, wie Sie und Ihres Glei⸗ chen! Morgen werde ich es Ihnen um die⸗ ſelbe Stunde, auf demſelben Platze, noch deutlicher zeigen.— Ja, ja, ich werde er⸗ ſcheinen! aber... ich ſchlage mich nur mit Edelleuten... ich hoffe..— Tod und Hoͤlle! rufe ich empoͤrt, ein Adelsbrief iſt vielleicht aͤlter als der Iyre, aber ein R beſſes —— ——— 2 4.—— ———— 4 — 718— rer ſteht auf meiner Degenſpitze und auf dem Orden den mir mein Kaiſer gab! Haͤtte ich meine Piſtolen da, ich ſchoͤſſe Sie beim Teufel vor den Kopf, wie einen tollen Hund!“— Hier warf ich mich aufs Pferd und ſprengte in voller Carriere nach Hauſe. Mein Zorn hat ſich jetzt etwas gemil⸗ dert, aber nicht mein Haß gegen den ver⸗ dammten Naſeweis, und ich will ihn meiner denken lehren.— Was mich umgeſtimmt?.. Emilie heißt der gute Engel der uͤber mir waltet, und mit ſeiner Milde und Freund⸗ lichkeit Oehl auf die bewegten Sturmflu⸗ then meines Geiſtes gießt. Taͤglich wird ſie mit theurer, taͤglich fuͤhle ich es ſtaͤrker: ſie muß Mein werden, oder ich gehe unter im Toben der Leidenſchaft. Daß vor die⸗ ſer reinen Unſchuld jeder unreine Wunſch, jede ſuͤndliche Begierde zuruͤckbebt, daß, nein wenn ich Dir dieſes erſt ſagen muͤßte, wenn dieſes nicht von ſelbſt in Deinem In⸗ nern ſpraͤche— dann muͤßteſt Du den Glau⸗ ben an mich, an Dich ſelbſt, an Ehre und 54 Seligkeit verloren haben! — · ——— ——— .— — ——— — — 20— Aber wenn ich denke daß ich, um ſie zu haben, mich in Hymens Pulverkarren muͤßte ſpannen laſſen... da rieſelt es eiskalt durch meine Adern, und die Zukunft grinzt mich hohnlaͤchelnd an... Und, wollte ich auch dieſes Schreckbild berwinden, weiß ich denn ob ſie mich genug liebt, um Freunde, Verwandte, Vaterland zu verlaſſen, um meinetwillen: Doch wer kann wiſſen was der naͤchſte Tag mir bringt? Die Kugel meines Geg⸗ ners kann eben ſo leicht den Weg zu mei⸗ nem Herzen finden, als ich den zu dem ſeinen zu treffen hoffe— dann waͤre dieſer Kampf mit einem Schlage geendet! Aber Emilie, dieſes liebreizende Maͤdchen ſollte dann fuͤr einen Andern bleiben?— Eher zehnfacher Tod!— Mein Kopf brennt bei dem bloßen Gedanken, und mein Herz wallt wieder in Sehnſucht uͤber, bei dem Gedan⸗ ken an Sie— Gute Nacht, ich will thhen wenn ich kann! 1 Den Tag darauf. Die Sache iſt geendet! anders als ich dachte; ob beſſer, ob ſchlimmer, wage ich 4 nicht zu entſcheiden. Meine erſte Kugel traf 3 die Stelle des Herzens meines Feindes, prallte aber an einem Knopfe ſeiner Uniform ab; ſein Schuß ſtreifte mir den Kopf: da druͤckte ich zum zweitenmale ab, und ſchoß ihn durch den Hals. Mein alter Arzt, den ich, da ich keinen Sekundanten hatte, mit⸗ genommen, und der, als ehemaliger Regi⸗ mentsarzt, weder vor einem Schuſſe davon laͤuft, noch vor einer Wunde erſchrickt, holte aus ſeinem Mantelſacke einen Haufen Inſtrumente, Binden und Eſſenzen hervor, verband damit ſorgfaͤltig die Wunde des Hingeſtuͤrzten, und verſicherte mit wichtiger Miene, wenn die Kugel nur eine halbe Linie tiefer gegangen, ſo waͤre er getoͤdtet worden; ſo ſey ſie aber nur durch das Fleiſch ge⸗ drungen, und gar nicht gefaͤhrlich. Der Sekundant meines Gegners, wahr⸗ ſcheinlich einer ſeiner Herrn Vettern, wollte 3 uns einander in die Arme fuͤhren: ich ſtieß 5 9 1 ———· — ³— den Menſchen mit ſeinem elenden Gaukel⸗ ſpiel bei Seite! Sagen Sie Ihrem Ge⸗ faͤhrten, rief ich ihm zu, indem ich mich auf's Pferd ſchwang, daß ich hoffe, die Kugel die ihn dießmal verſchont, werde das naͤchſte Mal, wenn wir im Schlachtgewuͤhl einander gegenuͤber ſtehen, ihren Zweck beſ⸗ ſer erreichen!“ und ſprengte davon. Zu Hauſe angelangt, ſchreibe ich Dir dieſe Zeilen, und ſo eben ſtuͤrzt mein guter Eduard in das Zimmer, als ob alle hoͤlli⸗ ſchen Heerſcharen hinter ihm waͤren: Gott ſey Dank daß Sie noch leben! rief er, mit Freudenthraͤnen an meine Bruſt fliegend, man ſagte Sie wuͤrden nur todt wiederkeh⸗ ren.— Was willſt du von Sterben? fragte ich verwundert.— O wir wiſſen Alles! rief er, die Frau Doktor Lenz hat es er⸗ zaͤhlt, da hat es meine Mutter wieder ge⸗ hoͤrt.— Sie leben alſo? Und der Andre iſt auch nicht todt?— Nein, nein, wir ſind Alle mit dem Leben davon gekommen! antwortete ich, geruͤhrt uͤber die treue An⸗ haͤnglichkeit des lieben Knaben.— Ge⸗ F — 82— ſchwind muß ich es Emilien ſagen, ſie ſtirbt vor Angſt!“— Ich wollte dem Davonei⸗ lenden folgen.. Jetzt nicht! rief er mir ſchon außer der Thuͤre zu, Mutter iſt nicht zu Hauſe, da darf Emilie Ihren Beſuch nicht annehmen!— und dahin flog er mit der Eile des Sturmwindes. Aber iſt es nicht zum Tollwerden, das man nicht einmal einem Schufte Mores leh⸗ ren kann, ohne daß es wie ein Peloton⸗ feuer im ganzen Neſte herumlaͤuft? Siebzehnter Brief. Emilie an Adelheid. Gott! denke Dir Adelheid, Barſino hat Streit mit einem Offizier gehabt und iſt dieſen Morgen nach Gruͤnthal geritten, um ſich mit ihm zu ſchießen— Er hat den Doctor Lenz mitgenommen, weil durchaus 3 einer der Kaͤmpfer, vielleicht beide, auf dem Platze bleiben ſoll— Adelheid, was ſoll aus mir werden wenn Barſino... Nein! — — 83 ich darf dem Gedanken keinen Raum ge⸗ ben— er koͤnnte mich toͤdten!. Ich habe Eduard gebeten in Barſino's Wohnung zu gehen, vielleicht kann er dort et⸗ was erfahren. Jeden Augenblick lege ich die Feder aus der zitternden Hand und ſehe ob er nicht bald wieder kommt... Verzeihe den unzuſammenhaͤngenden Worten dieſes Briefs, ich muß mich mit Dir unterhalten, um dieſes in Furcht und Hoffnung bis zum Zerſpringen klopfende Herz zu beſchaͤftigen. Da koͤmmt Eduard! Gottlob, er lebt! und ſein Gegner auch, Barſino iſt kein Moͤrder! 1 Jetzt erſt begreife ich die Groͤße meiner Angſt an der Freude, an der Wonne, an dem Entzuͤcken das ich bei uͤberſtandener Gefahr fuͤhle; an den Freudenthraͤnen mit denen ich der Gottheit danke, daß er ihn erhalten, und auch daß er ihn bewahrt habe, mit dem Brandmale des Mordes im Herzen, ruhelos umher zu 6. Er wird oimmen!— 8 ſoll ich thun?— Folgte ich meinem Gefuͤhle, ſo F 2 ———— ... — 34— wuͤrde ich den Wiedergeſchenkten an die Bruſt ſchließen und dann, wenn es muͤßte Aber was ſchreibe ich?— Bin ich wahnſinnig? Koͤnnte die Liebende anders vom Geliebten ſprechen?— Und iſt mir Barſino dieſes? Ach Adelheid, warum kann ich nicht mein gluͤhendes Geſicht an Deinem treuen Her⸗ zen verbergen bei dem Geſtaͤndniß das, wi⸗ der meinen Willen, aus der geheimſten Tiefe meines Herzens ſich losreißt, und gleich ei⸗ nem Feuerſtrome auf das Papier ergießt. — Lange ſchon, faſt vom erſten Augen⸗ blicke an, da ich ihn ſah, ſprach in mir eine geheime Stimme fuͤr ihn.— Ich wollte mich uͤberreden daß ich ihn haſſe, weil er wir Valerien entzogen— mein ſchwaches Herz ſtrafte mich Luͤge.— Ich lernte ihn kennen, er ward mir taͤglich theurer: der Gedanke daß er fortgehen, daß ich ihn nicht mehr ſehen werde, fuͤllte mich mit banger Trauer. Wie ſchaal, wie nichtsbedeutend ward mir das Leben, wenn ich es ohne Ihn dachte! Ich Thoͤrin nannke dieß Gefuͤhl — —y—y y—— — 85— 8 Freundſchaft— verwarf jeden andern Na⸗ men, den mir mein Herz dafuͤr zufliſtern wollte— jetzt, der Todesſchmerz der mich bei dem Gedanken an ſeinen moͤglichen Ver⸗ luſt durchzuckte, laͤßt mir keinen Zweifel mehr— wenn dieß nicht Liebe, heiße, in⸗ nige Liebe iſt, ſo giebt es keine; ſo iſt das reine Feuer, an dem ſich Valeriens himmli⸗ ſches Herz langſam verzehrt, die Mord⸗ flamme, die dem Caraiben bei ſeinem Sie⸗ gesmahle uͤber den Leichen ſeiner geſchlach⸗ teten Bruͤder leuchtet. Valeria rieth mir mein Herz zu wah⸗ ren... Vergieb, theure, ewig theure Freun⸗ din! Warum malteſt du mir in deinem frommen Dulden, in deinem ſiegenden Mu⸗ the, das Bild der Liebe ſo edel, ſo erha⸗ ben! Kann das verwerflich ſeyn was ſelbſt in ſeinem J Jammer noch ſo 3 iſt? Wuͤrdeſt du dein reines Herz eineme Ge⸗ fuͤhle hingeben, das ſtrafbar m Barſino koͤmmt! ich hoͤre ſe Snn. Ach ihr Wohltkang ſchlaͤgt entzuͤckend an mein Ohr und hallt im innern Herzen wie⸗ — 8.— der!— Ich kann ihn jetzt nicht ſehen!— Ich will ins Freie, dort, wo der klare Him⸗ mel uͤber mir wacht, wo die geſchmuͤckte Natur mich ſegnend umfaͤngt, dort wird mir leichter, dort kann ich liebend die ganze Schoͤ⸗ pfung an meine Bruſt druͤcken, dort kann ich jauchzen... Ach Gott, und uͤber was?— Daß ich ein kindiſches unvorſichtiges Maͤdchen bin, das ſeine Liebe einem Manne ſchenkt, der Tauſende, viel Beſſere, viel Liebens⸗ wuͤrdigere als mich, gekannt, ja wohl ge⸗ liebt hat, der vielleicht mit keinem ſeiner entfernteſten Gedanken in Liebe an mich denkt!— Adelheid, wenn es ſo waͤre? was wuͤrde dann aus deiner Emilie? 8 Achtzehnter Brief. Emilie an Adelheid. Adelheid! laß mich an Deiner Bruſt die Wonne meines Herzens ausweinen!— Er iſt mein!— Er liebt mich! Er theilt das Gefuͤhl Deiner gluͤcklichen, Beiner unendlich ſeligen Emilie! O daß ich nicht bei Dir — 87— ſeyn, daß ich Dir nicht in Einem Hauche des Entzuͤckens alle Seligkeit meiner in Liebe und Wonne aufgeloͤſten Seele zu⸗ jauchzen kann!... Warum kann ich nicht alle Weſen, die unter dem Sternenhimmel der ſegnend durch die Scheiben meines Zim⸗ mers auf mich ſchaut, weinen und trauern, mit dieſer Fuͤlle der Freude begluͤcken, die meine Bruſt erfuͤllt!... Ich oͤffnete das Fenſter, ich blickte nach der Gegend hin, wo Barſino wohnt, ich glaubte das Dach zu erkennen, welches ihn deckt; der Stern der Liebe ſtrahlte ſein fun⸗ kelndes Licht daruͤber.— Leuchte ihm im⸗ mer, freundliches Geſtirn! und gehſt du uns einſt unter, ſo verliſch uͤber mir— laß mich die Ungluͤckliche ſeyn, nur verlaß Ihn nie!— Gute Nacht Geliebter! moͤgen freundliche Traͤume Dich umſchweben und Dir das Bild Deiner vorfuͤhren, die Dich, nur Dich liebtt Ich kann nicht ſchlafen! Die Freude hat das mit dem Sohmerze gemein, daß Sprache und Ruhe in ihr erſtirbt, und nur Thraͤnen — 88— ihr bleiben. Sollte die Scheidewand die dieſe beiden Endpunkte des Gluͤcks und Elends trennt, ſo nahe zuſammen graͤn⸗ zen?— Der Irisbogen der Hoffnung iſt aus Hinmelaßablen und Himmelsthraͤnen gewoben. Woher kan mir dieſer finſtre Gedanke, der wie eine Wetterwolke durch das Para⸗ dies meiner Freuden fuhr? Weg, weg mit Allem was mich daran mahnt! Ich will Dir dafuͤr erzaͤhlen wie ſich der Vorhang ſo ſchnell und unerwartet hob, und den Schauplatz oͤffnete auf dem das Feyerſpiel meines Lebens beginnt. Ich ſagte Dir in meinem letzten Briefe, daß ich, um Barſino's liebem Anblick zu entfliehen, in den Garten gegangen: Ich wandelte dort zwiſchen meinen Blumen und Straͤuchern, ohne ſie zu ſehen, ich genoß ihrer Schoͤnheiten, ohne zu Meine Seele war— Wo? fragſt mich dieſes?.. Da fuͤhlte ich eine iſa Gerihrunge am Arme: ſie weckte mich aus meinen Traͤumen. —-———— 89—-—- Barſino ſtand mit dem unnachahmlich rei⸗ zenden Laͤcheln vor mir, das ſelten ſeine ernſte Miene uͤberfiiegt, aber auch dann ihn um ſo unwiderſtehlicher macht. Ich reichte ihm mit einem Ausruf der Freude die Hand; er druͤckte ſie ſanft.„Iſt es Ihnen lieb den dem Hades Geweihten lebend wieder zu ſehen? fragte er mit dem ſuͤßeſten Tone ſeiner ſchoͤnen Stimme. Was ich darauf antwortete weiß ich nicht— mein Herz ſprach ſo laut, daß es Ohr und Vernunft uͤbertaͤubte.— Da ſchlang Barſino ſeinen Arm um mich, da druͤckte er mich feſt und immer feſter an ſein Herz:—„Sey mein, Emilie, ſey mein Weib! Sey mein fuͤr Zeit und Ewigkeit!“— Da ſtroͤmte des Gluͤckes reichſter Quell in mein bebendes Herz; da ſchlang auch ich meinen Arm um den Ange⸗ beteten— da beugte ſich die hohe Geſtalt zu mir nieder und kuͤßte das Ja von mei⸗ nen Lippen.— Gute Nacht, Adelheid! mit dieſem Bilde will ichaſchließen. 9— Neunzehnter Brief. Barſino an Duport. Ich habe mehrere Tage hingehen laſſen ehe ich Dir ſchrieb; denn haͤtte ich es in dem erſten Rauſche meines Entzuͤckens ge⸗ than, wuͤrdeſt Du Unſinn geleſen haben. Jetzt nur ſo viel: Emilie iſt mein, dieſes reine Maͤdchen, mit all' ſeinem Liebreiz, ruht als liebende Braut an meinem klopfen⸗ den Herzen. Braut?— fragſt Du verwundert mich Eheſcheuen.— Ja, Braut! und hoffentlich bald mein Weib.— Alle Zerrbilder die ſonſt bei dieſem Namen mein Blut erſtarr⸗ ten, loͤſen ſich, angeweht vom Sonnenhau⸗ che der Liebe, in Engelsgeſtalten auf. Um Emiliens Beſitz iſt mir keine Entſagung zu theuer, keine Kette zu ſchwer. Was mich ſo ſchnell meine Zweifel hat uͤberwinden laſſen, weiß ich ei⸗ gentlich ſelbſt nicht.— Als ich das holde Maͤdchen nach jener Ehrenſache wiederſah wie ſie, mit auf die Bruſt gekreutzten Ar⸗ — 1 — 1— men, gluͤhenden Wangen, die ſchoͤnen Augen zum Himmel gerichtet, den bluͤhenden Aſtern⸗ gang herabkam ohne mich zu ſehen; wie ſie bei meiner Anrede in freudigem Entzuͤcken zuſammen bebte und mit dem Ausrufe: „Barſino!“ den Blick der hoͤchſten Liebe auf mich ſtrahlte; wie ſie auf meine Frage: ob es ihr lieb ſey mich lebend wieder zu ſehen, in ſuͤßer Vergeſſenheit ein: Lieber als Him⸗ mel, lieber als Seligkeit! in Toͤnen der Liebe hervorhauchte— da riß es mich fort, da ſchloß ich ſie an mich, da weihte ich ſie mit dem Brautkuſſe keuſcher Liebe zu der Meinen. Sprachlos hielten wir uns umſchlungen— und die wiederkehrende Sonne, deren ſinkende Flamme ſich jetzt in den Wonnethraͤnen ihres Auges brach, wuͤrde uns noch eben ſo ſtumm, eben ſo ſelig, eben ſo rein, wieder gefunden haben, wenn uns nicht Eduards Ruf aus dem ſchoͤnſten Traume meines Lebens geweckt haͤtte. Den andern Tag warb ich bei Frau von Saleck foͤrmlich um die Hand ihrer Nichte: anfangs machte ſie ein eſſigſaures Geſicht, — 92— und es fehlte nicht viel, ſo haͤtte ſie mich eben ſo faßlich aus dem Hauſe bekompli⸗ mentirt als da, wo ich zum erſten Male in der Staatsuniform, die ich diesmal anzule⸗ gen vergeſſen, ihr meine Aufwartung machte. Da flog Emilie mit ihren ſuͤßen Friedens⸗ toͤnen an den Hals der zuͤrnenden Tante; da verſicherte ich ihr mit der ernſten Ruhe eines Mannes von Ehre, daß ich es redlich meine; da verzogen ſich endlich die Gewitterwolken des Zorns von der Stirn der Matrone, und ein ſanfter Regen brach durch die Weh⸗ muthsſchleier die ihre Augen umzogen. „Ich glaube Ihnen, ſagte ſie, milder als ich gedacht daß die ernſte, ſtrenge Frau je ſeyn koͤnnte, aber die Welt muß mit mir glauben; ſie darf nicht denken, daß ich das einzige geliebte Kind meines guten verſtor⸗ benen Bruders, leichtſinnig einem Fremden hingeſchleudert habe. Bringen Sie mir Zeugniſſe uͤber ihre Familie und Verhaͤlt⸗ niſſe, thun Sie mir dar, daß Sie meinem theuern Maͤdchen eine ſorgenloſe Zukunft bereiten koͤnnen, und ich lege ihre Hand in — 93— die Ihre. Aber bis dahin bleibe es tiefes Geheimniß, und der Engel der Unſchuld wache uͤber jedem Eurer Worte, uͤber jeder Eurer Handlungen. Verſprecht mir dieſes! ſetzte ſie mit erhobener Stimme hinzu; und feyerlich leiſteten wir in ihre Hand den Schwur, der unnuͤtz iſt bei einem Maͤdchen von Emiliens himmliſcher Weibes⸗Wuͤrde, und einem Manne wie ich, der bei allem Sin⸗ nenreize, bei aller Leidenſchaftlichkeit, bei al⸗ len Abentheuern, die er ſchon auf dieſem und jenem Felde beſtanden, doch, Dank ſey es meinem beſſern Gefuͤhle, noch nie den Schleier zerriß, den die Tugend um die Wangen der Unſchuld wob. Jetzt guter Duport, ich weiß Du thuſt dees gern, beſchleunige die Ausfertigung der Zeugniſſe um die ich an meinen Geburtsort unnd an meinen Chef geſchrieben: damit die Tante der Welt zeigen kann, daß der Mann dem ſie den Himmel in Emilien giebt, von guter Familie, untadelhafter Auffuͤhrung, und anſtaͤndigem Vermoͤgen iſt. — 94— Zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Nicht wahr ich bin jetzt eine käſfge Schreiberin? Verzeihe! aber ſage ſelbſt, was ſoll ich Dir ſchreiben, was ich Dir nicht Alles ſchon geſagt? Nur Ein Gedanke be⸗ wegt jetzt meine Seele, um den ſich alle uͤbrigen, gleich den Planeten um die Sonne, in bald naͤhern bald fernern Kreiſen drehen. Und dieſen Einen Gegenſtand meiner Ge⸗ danken magſt Du ja nicht kennen lernen, Du Boͤſe, Hartherzige, da Du mir es ab⸗ ſchlaͤgſt jetzt zu mir zu kommen. Zur Strafe dafuͤr ſollteſt Du gar nichts mehr von Ihm erfahren, allein wer wuͤrde dabei am mei⸗ ſten leiden als ich? Wie doch Alles ſo ein ganz andres An⸗ ſehen gewinnt, wenn man es durch das Ro⸗ ſenlicht der Liebe ſieht— die geringſte Klei⸗ nigkeit hat jetzt hohen Werth bei mir, wenn ich ſie nur in die entfernteſte Beziehung mit Ihm ſetzen kann, meinem hoͤchſten Gluͤcke, dem einzigen Ziele meines Lebens, meines Wuͤnſchens, meines Hoffens! Die Tante will zwar Barſino nicht eher geſtatten mich oͤffentlich das Maͤdchen ſei⸗ ner Wahl zu nennen, bis er Zeugniſſe ſei⸗ ner Familie und was dazu gehoͤrt, aus ſei⸗ nem Vaterlande erhalten; allein ſie erlaubt uns doch, uns zu ſehen und zu ſprechen, und Barſino benutzt dieſe Erlaubniß ſo trefflich, daß, wenn ich Dir nicht dieſe Zeilen in der Nacht ſchriebe, ich ſchwerlich Zeit dazu wuͤrde finden koͤnnen. Aber womit wir die Tage hinbringen, kann ich Dir ſo ei⸗ gentlich nicht ſagen: wir machen Muſik— unſre Seelen fliegen auf den Schwingen der Harmonie empor, und die Erde mit all ih⸗ ren Bildern zerfließt in der Wonne unſrer Herzen; die vorgeſchriebenen Noten vergeſ⸗ ſend, phantaſieren wir uns hinuͤber in das 3 Reich ſeliger Traͤume, bis uns irgend eine . Erinnerung von Außen wieder zu uns ſelbſt bringt. Ich will zeichnen— meine Reiß⸗ feder kann nichts anders ſchaffen, als des Geliebten theure Zuͤge. Wir leſen zuſam⸗ — 96— men— da ſagt uns der liebende Petrarch, der gluͤhende Taſſo, der floͤtende Guarini ein Wort, eine Sylbe, in der wir den Wie⸗ derhall unſrer Herzen finden— und das Buch entſinkt Barſino's Hand, und mit hal⸗ ben Toͤnen bilden wir die Traͤume unſter Seele zu Geſtalten— und die Phantafie wird Wirklichkeit, und die Wirklichkeit Schat⸗ ten, und wir koſen uns in ſuͤße Vergeſſen⸗ heit der Zeit und des Raumes, der Gegen⸗ wart und der Zukunft. Finde ſie nicht langweilig, Adelheid, die kleinen Abriſſe meines innern Lebens; in Hinſicht des Aeußern koͤnnte ich Dir vielleicht bald mehr Abwechſelndes melden: unſer klei⸗ ner Zirkel wird naͤchſtens durch einen neuen Gegenſtand erweitert werden, von dem man ſich ſehr viel Angenehmes verſpricht. Der Sohn erſter Ehe der Oberrechnungsraͤthin Haußner, der Aſſeſſor von Scholten, wird naͤchſtens ſeiner Mutter einen Beſuch ma⸗ chen der, wenn alle die Anſtalten und Plaͤne die man dazu macht, ausgefuͤhrt werden ſol⸗ len, wenigſtens ſo lange dauern muß, bis die - — 97— Erde wieder in neuer Fruͤhlingspracht er⸗ glaͤnzt. Mir iſt dieſe Ausſicht nicht ſehr erfreu⸗ lich: die Haußner, deren groͤßte Tugend die Verſchwiegenheit eben nicht iſt, hat Bar⸗ ſino erzaͤhlt, daß dieſer ihr Sohn, nach ei⸗ ner mehrjaͤhrigen Uebereinkunft mit meiner Tante eigentlich fuͤr mich beſtimmt ſey; daß er mich als Kind geſehen und recht lieb gewonnen habe, und was dergleichen mehr. Barſino, in deſſen Feuerſeele, ſo gern er es auch verbergen moͤchte, die gluͤhende Eiferſucht ſeiner Landsleute kocht, ſcheint unruhig, und ich ſehe unangenehmen Auf⸗ tritten entgegen. Wuͤßte er, ſo wie ich es weiß, daß nur mit meinem Leben meine Liebe zu ihm enden, daß nie, nie Etwas im Stande ſeyn koͤnne, ſein ewig theures Bild in mir zu verdunkeln, daß mir ſelbſt die Seligkeit ohne ihn Nichts waͤre— er wuͤrde ruhig ſeyn, und mir nicht den Sta⸗ chel geheimer Kraͤnkung in die Bruſt druͤcken. 6 ——— — — 98— Ein und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Scholten iſt angekommen: ein angeneh⸗ mer junger Mann, voll Artigkeit und dem Anſtande der großen Welt. Er betraͤgt ſich gegen mich mit einem zarten Vertrauen, welches auf die Abſichten ſeiner Mutter deutet und mir beweiſt, daß die Tante das Geheimniß unſrer Verbindung, welches ſie von Barſino verlangt, auch ſogar gegen die Haußner beobachtet, denn ſonſt wuͤrde Scholten weniger mit mir beſchaͤftigt, we⸗ nigſtens minder unbefangen mit mir ſeyn. Barſino ſcheint zu fuͤhlen daß ſeine Befuͤrch⸗ tungen mir wehe thun: er zwingt ſich ruhig zu ſeyn, aber die bewegten Blicke die er heimlich auf mich heftet, wenn Scholten mit mir ſpricht oder ſcherzt, und ich ver⸗ ſichere Dich, daß er das Letztere mit ſo an⸗ genehmer Feinheit verſteht, daß auch die ſtrengſte Sittenrichterin nichts daran auszu⸗ ſetzen faͤnde, ſagen mir nur zu deutlich was an ſeinem Herzen nagt. Warum muß doch ——,— , gerade jetzt Dein Vater mit Dir ſeinen Bru⸗ der beſuchen!— ich kaͤme ſonſt zu Dir und wartete da, bis Scholten abgereiſt waͤre. Bekaͤme Barſino ſeine Papiere aus dem Vaterlande, und mit dieſen das Recht, oͤffent⸗ lich als mein Verlobter aufzutreten, ſo ge⸗ woͤnne die druͤckende Lage der Sachen ſo⸗ gleich eine andre Geſtalt; ſo aber muß er das Verſprechen, das er der Tante gab, beobachten, und wuͤrde es halten, ſelbſt wenn ſie ihn davon loͤſen wollte; dazu kenne ich ſeinen Charakter genug. Ich ziehe mich ſo viel moglich von allen Vereinigungen und kleinen Feſten zuruͤck, die Scholtens Ankunft verurſacht. In acht Ta⸗ gen iſt ſein Geburtstag, der mit einem Balle in Wagners Gartenſaale gefeiert werden ſoll: wie wuͤrde ich mich auf dieſes Feſt freuen, wenn Barſino meine Freude theilte. In dieſem nordiſchen Elima, im Monat Oktober einen Ball in einem Garten? rief er aus, als ich ihm davon ſagte.— Wir haben nur dieſes einzige paſſende Lokal, 6 2 — 1 00 4— du weißt, daß ſelten hier bei n 6 ſ etwas veranſtaltet wird.— Du freuſt dich wohl ſehr darauf, Emilie?— Weil ich den Genuß haben werde, dich dort zu fin⸗ den, lieber Vittorio.— Du wirſt viel tan⸗ zen, du liebſt den Tanz!— Ich werde nur mit dir und denen tanzen, mit welchen du mir es erlaubſt; liebſt du es aber nicht ſo tanze ich gar nicht.“— Er ſah mich bedeutend an, und ſchien nachzudenken.— „Nein meine Emilie, hub er nach einer Pauſe liebreich an, das ſey fern von mir, deine ſchuldloſen Freuden zu ſtoͤren! Du ſollſt tanzen, du ſollſt froͤhlich ſeyn, ich ſah dich noch nie auf Terpſichorens Buͤhne, die Gra⸗ zien werden dir auch dort ihren Guͤrtel leihen, und vielleicht wird, mitten unter dem Beifall der dich umgiebt, dein Auge zuwei⸗ len auf mich fallen der in einer fernen Ecke dir ſeine ſtillen Huldigungen weiht.— Vielleicht?... Zuweilen?... Barſino, was habe ich dir gethan, daß du mich ſo kraͤnkſt?— Vergieb mir meine Emilie, wenn ich die Worte falſch waͤhle! Laß uns *☛ = = — 10— . nicht mit todten Sylben hadern ſo lange unſre Herzen ſich verſtehen.“ Fuͤhlſt Du nicht Adelheid, daß ein Wurm. an den Blumen meiner Freuden nagt? Ach wie wahr ſpricht unſer biedrer Seume: „Gluͤck, unwandelbar und ungeſtoͤret, Das ſelbſt der Neid mit ſtillem Beifall ehret, Bluͤht fuͤr kein Menſchenkind!“ Zwei und zwanzigſter Brief. Barſino an Duport. Wenn die noͤthigen Papiere nicht bald anlangen, ſo weiß ich nicht wozu mich Liebe und Eiferſucht bewegen— Ja, Eiferſucht, Dir ſey es geſtanden Duport, das was ich! ſo gern mir ſelber bergen moͤchte. Eifer⸗ ſucht, wie ein Lavaſtrom ſtuͤrzte ihre Gluth uͤber mein Herz, und verzehrt in flammen⸗ der Lohe ſeine beſſern Gefuͤhle. Ich weiß es, Emillie liebt mich, Emilie iſt wahr und treu, und doch, o Wider⸗ ſpruch der innern Natur! und doch zittre ich bei jedem Blicke den ſie auf einen An⸗ — 10⁰2— dern wendet, bei jedem freundlichen Worte, das ihren Lippen entſchwebend, nicht mir gilt. Hat da ein hoͤlliſcher Daͤmon einen Aſ⸗ ſeſſor von Scholten herbeigefuͤhrt, den Sohn der Haußner und den Herrn Vetter der Tante Saleck, auf den die ganze Sippſchaft mit einer Anbetung blickt, wie der Inka auf die Sonne.“— Huͤbſch iſt der Menſch, wenn Du ein rundes nordiſches, weiß und rothes Antlitz ſo finden kannſt, dabei freund⸗ lich, gewandt, gutmuͤthig; kurz ganz ge⸗ ſchaffen, um die Herzen der alten Muͤtter und Tanten zu gewinnen. Er war fuͤr Emi⸗ lien beſtimmt, ehe der welſche Stoͤrenfried dazwiſchen trat, und das holde Maͤdchen fuͤr ſich eroberte. Er ſcheint mein Verhaͤlt⸗ niß mit ſeiner Beſtimmten zu ahnen, aber ich weiß nicht iſt es Feinheit, oder Dumm⸗ dreiſtigkeit, oder was ſonſt, er faͤhrt fort um ſie herum zu ſchwaͤnzeln und zu flattern, wie die Muͤcke um das Licht.— Daß du dich nur nicht mit verbrannten Fluͤgeln und mit Heulen und Zaͤhnklappen davon wirſt entfernen muͤſſen, Patron! — 103— Waͤre der Kerl nur nicht ſo verwuͤnſcht gefaͤllig und freundlich gegen mich, ich haͤtte ihm laͤngſt ſchon einen Spruch ins Ohr ge⸗ raunt, der ihm lauter als ein acht und vier⸗ zig Pfuͤnder haͤtte wiederdonnern ſollen, äber er manoͤvrirt ſo geſchickt um mich her⸗ um, daß ich die Batterien immer wieder abs protzen muß. Das Schlimmſte iſt, daß ich mir gar keinen Zorn darf abmerken laſſen: kriegt die Haußner nur den geringſten Wind davon, daß ich die Vollkommenheiten des Wunder⸗ thiers von Herrn Sohne nicht mit gehoͤri⸗ ger Ehrfurcht erkenne, ſo habe ich ihre Gunſt fuͤr dieſe, und wahrſcheinlich auch fuͤr jene Welt verſcherzt; die Saleck, die auch ihr Nichtchen lieber an Scholtens Seite als an der meinen ſaͤhe, wuͤrde auch wohl umzuſtimmen ſeyn, und— ſo— Nein! ich darf den Gedanken nicht weiter ausſpin⸗ nen! der Kopf faͤngt mir an zu gluͤhen wie ein Kugelroſt. Und Emilie— mit welcher zarten Scho⸗ nung meidet ſie alles was meinem Unmuthe, -— — 104— deſſen Quell ſie zu ahnen ſcheint, neue Nahrung geben kann.— Und wenn ich ihr Betragen gegen Scholten mit dem aller⸗ ſchaͤrfſten Sonnenmicroscop betrachte, ſo finde ich kaum den Schatten eines Schat⸗ tens darin... Nein, ich will mich bezwin⸗ gen! Ehre und Stolz fodern es!... Iſt denn dieſes Gefuͤhl ſo ganz in mir verſun⸗ ken, daß ich mit dieſem Menſchen in die Schranken treten mag?— Vittorio, biſt du nicht mehr du ſelbſt! Morgen iſt des gefeierten Herrn Vetters Geburtstag— Schade daß nicht irgend eine merkwuͤrdige Naturerſcheinung gerade auf dieſen Tag faͤllt! Das ganze Staͤdt⸗ chen iſt in Bewegung geſetzt, zur wuͤrdigen Begehung dieſes Feſtes: alle Licht⸗ und Oel⸗ vorraͤthe ſind in Beſchlag genommen, um Saal, Garten, ich glaube zuletzt den Him⸗ mel ſelbſt zu illuminiren. Schon ſeit acht Tagen ſind die Haußnerſchen Huldgoͤttinnen unſichtbar, weil ſie Ballſtaat zu machen, Gelee's zu bereiten, Torten zu ruͤhren und Bretzeln zu backen haben. Der Garten des — 105 Vaters iſt aus dem freundlichſten Herbſt⸗ ſchmucke in dem er noch geſtern lachte, in die bluͤthloſe Oede des Winters gewandelt worden. Wie ſchwer muß hier dem armen Alten das Gehorchen bei den Befehlen ſei⸗ ner Hausehre geworden ſeyn. Erſt wollte ich nicht dabei ſeyn, dann, das weiß ich, blieb Emilie auch weg— aber was fuͤr ein General— Spektakel wuͤrde das gegeben haben!— Der Menſch haͤtte dann wahrlich geglaubt, ich fuͤrchte die Allmacht ſeiner Unwiderſtehlichkeit— Und was wuͤrde mein gutes, ſanftes, lie⸗ bes Maͤdchen fuͤr Kaͤmpfe gegen die Legio⸗ nen Einwendungen, Vorſtellungen, Ermah⸗ nungen, Drohungen ꝛc. der Tantenautori⸗ taͤt gehabt haben!— Nein, ich halte den Achillesſchild der Geduld, dieſer bequemen Eſelstugend, uͤber mich, und gehe. Drei und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Kalt und duͤſter hat die Nacht ihre feuch⸗ ten Schleier uͤber die Erde gebreitet— die KN — 106— Toͤne ſind verhallt, die Lichter erloſchen, und tiefe Stille— Grabesruhe— hat die Stelle der Freudenkoͤne eingenommen, die uns umrauſchten. Alles ruht im ſuͤßen Erin⸗ nern des Frohen, im wohlthaͤtigen Vergeſ⸗ ſen des Truͤben, was die juͤngſt vergange⸗ nen Stunden ihm bereiteten— nur mich flieht Ruhe und Schlaf. Nur zu wahr ſprach die Stimme, welche mir rieth Scholtens Feſt zu vermeiden— ich verlachte ſie wie eine Feenmaͤhr meiner Kindheit— ich umwand den Stachel mit Blumen, als ſeine Spitze dieſe duftende Huͤlle durchbrach, und verwundend in meine Adern drang. Ich ging zum Ball, Barſino war be⸗ reits dort.— Ich hatte Scholten den er⸗ ſten Tanz verſprochen, eine geſellſchaftliche Hoͤflichkeit zu der mich Barſino ſelbſt auf⸗ gefordert. Dann trat mein Vittorio mit mir in die Reihen... Ich ſagte Dir daß ſeine Figur groß, edel, ſchoͤn, ſein Geſicht hoͤchſt intereſſant ſey?— Streich das aus, lie⸗ be Adelheid, ich hatte ihn da noch nicht kanzen — — — 107— ſehen— Nein, um ihn jetzt wuͤrdig zu ſchil⸗ dern, muͤßte ich meinen Pinſel in die Gluth⸗ tinten des Morgenrothes tauchen, und den⸗ noch das nicht erreichen was ich Dir malen moͤchte. Dieſe hohe, ſtolze, und doch ſo anmuthige Haltung, dieſe raſchen, faſt ſtuͤr⸗ miſchen, und doch ſo ſchoͤnen Bewegungen! — Das Feuer ſeines herrlichen Auges das ſo gebietend umher blitzte, und ſo mild wurde wenn es auf mir ruhte! Du weißt daß man oft meinen Tanz gelobt hat; mit welchem ſtolzen Entzuͤcken blickte ich jetzt auf Barſino, als ich, von ſeinem Arm ge⸗ hoben im Zirkel umherſchwebte, und lauter Beifall hinter uns herſchallte, und man uns allgemein als das ſchoͤnſte Taͤnzerpaar prieß. Bei Tiſche ſaß ich zwiſchen Barſino und Scholten, der heute ſo froͤhlich war, und ſo angenehm plauderte, daß ich, ja ich ge⸗ ſtehe es! ihm einige Mal ſo aufmerkſam zu⸗ hoͤrte, daß ich meinem, immer wortarmer werdenden zweiten Nachbar, weniger Auge und Ohr ſchenkte als gewoͤhnlich. Roſa Haußner die uns gegenuͤber ſaß Roſa, die Blume ihrem Bruder reichend, — 108— und, wie Du weißt, zuweilen ſehr aus der Luft gegriffene Einfaͤlle hat, zog aus einem vor uns ſtehenden Blumenaufſatz einen bluͤ⸗ henden Zweig heraus, und fragte Barſino wie dieſe Blume in ſeiner Sprache heiße. Er antwortete daß er keinen Namen fuͤr dieſe Bluͤthe wiſſe, da ſie in ſeinem Vaterlande nicht heimiſch ſey.(Es war eine Aus⸗ flucht; er iſt ein ſehr bewanderter Blumen⸗ kenner.) Weißt du wie es heißt? wandte ſich Roſa an mich.— Das iſt brennende 4. Liebe, ſagte ich ganz unbefangen.— Schol⸗ ten nahm die Blume ſchnell aus der Hand ſeiner Schweſter und reichte ſie mir. Ich verweigerte die Gabe: Laſſen Sie, der Wohl⸗ geruch mangelt ihr! Dort iſt eine Spaͤt⸗ roſe, gieb mir dieſe, Roſa! ſie ſoll mir als dein Bild ein liebes Andenken des heuti⸗ gen Tages ſeyn.—„Dann mußt du ſie von dem Koͤnige des Feſtes nehmen, ſagte 1 damit ſie die rechte Deutung erhalte. Mit tiefer Bewegung gab mir Scholten die Roſe: Moͤge die Freude deren Bild ſie —— — — 109— iſt, ſagte er mit der gutmuͤthigſten Herz⸗ lichkeit, Sie immer mit ihren ſchoͤnſten Kraͤn⸗ zen umwinden, und mein Andenken, ſetzte er mit einer Thraͤne im Auge hinzu, laͤn⸗ ger bei Ihnen leben als die Dauer ihrer Bluͤthe.— Gewiß! antwortete ich, ihm freundſchaftlich die eine Hand reichend, die er kuͤßte, und mit der andern das Geſchenk an die Bruſt befeſtigend. So eben wurde mit Trompetenſchalle die Geſundheit des Gefeierten ausgebracht, und nachdem dieſe verrauſcht, das Zeichen zum Aufheben der Tafel gegeben. Schol⸗ ten bat mich um den erſten Tanz: ich hatte ihn fuͤr Barſino aufgeſpart und wollte eben mit ihm Nuͤckſprache deshalb halten, als ich zu meiner Ueberraſchung ſahe, daß er nicht mehr neben mir war. Suchſt du dei⸗ nen Nachbar? frug Roſa, er iſt vor weni⸗ gen Minuten aufgeſtanden, und zum Saale hinaus gegangen.. Mein mahnendes Gewiſſen warf mir jetzt laut meine Schuld vor, und Schrecken und Reue goſſen wechſelsweiſe Froſt und Gluth — 110— uͤber meine Wangen. Ich warf meinen Schawl um, und eilte hinaus. Die erleuch⸗ teten Gartenparthien ließen mich Barſino bald entdecken, wie er eben zur Thuͤre hin⸗ ausſtuͤrmte, die auf das Feld fuͤhrt. Ich flog ihm nach— ich rief aͤngſtlich ſeinen Namen— er drehte ſich raſch um: Bar⸗ ſino wo willſt du hin?— Nach Hauſe, antwortete er, ſich wieder zum Fortgehen wendend.— Dann nimm mich auch mit! — Dich?— Ja lieber Vittorio, was ſoll ich hier ohne dich?— Das fragſt du mich? rief er mit bitterm Lachen... Aber komm!.. Er faßte meinen Arm und zog mich mit ſich fort, in die dunkle Nacht.— Wo fuͤhrſt du mich hin, Barſino, frug ich bebend den ohne Laut mit mir Fortſchrei⸗ tenden; dieſer Weg fuͤhrt nicht zur Stadt! — Fuͤrchteſt du dich mit mir?— Ach Gott, nein... aber du biſt ſo ſtumm.. — Keine Antwort!. Jetzt ſtanden wir vor dem Stadtteiche: Entſetzt fuhr ich zu⸗ ruͤck als der ſilberne Waſſerſpiegel durch die Dunkelheit mir. entgegen glaͤnzte.. Gott! — 111— Barſino! Was haſt Du mit mir vor?... —„Fuͤrchte nichts! Geſtern ging ich hier vorbei.. man zog einen todten Koͤrper her⸗ aus: ein armer Burſche, verlaſſen, betrogen von dem Maͤdchen das er treu geliebt, en⸗ dete hier in einem Anfalle von Wahnſinn ſein Leben.. Barſino, unterbrach ich ihn, feſt ihn um⸗ ſchlingend, ich verließ dich nicht! ich betrog dich nicht!— Noch glaube ich dich rein von dieſer Schuld; aber du zerreiſſeſt ſcho⸗ nungslos mein Herz, du nahmſt mit Ent⸗ zuͤcken die Huldigungen eines Andern an.. — Vergieb, wenn aus Unbedachtſamkeit — Von dieſer bis zum Verbrechen iſt oft nur ein Schritt!— Barſino, du taͤuſcheſt dich, ſiehſt das als ſchlimm, was es nicht iſt; ein unſchuldiger...— Emilie! rief er mit furchtbarem Tone, entſchuldige das nicht was nicht zu entſchuldigen iſt!... Nimm die Verzeihung von meinem Herzen an, aber verlange ſie nicht von meiner Ueberzeugung: dieſe muͤßte dich verdammen und jenes, das 8 dir um der heißen Liebe willen, die es zu dirx — 112— hat, ſo gern verziehe, verzweifeln. Jetzt kein Wort mehr! Du haſt mich gezwungen dich in den Krater blicken zu laſſen, in dem die zerſtoͤrende Gluth der Leidenſchaft wuͤ⸗ thet... Du weißt, nein! Du weißt nicht wie ich dich liebe! aber ich will eher mich als dich verderben. Jetzt, im Angeſicht der ewigen Natur, allein mit uns und un⸗ ſren Herzen frage ich dich: Haſt du, ſeit der Wonneminute da dein Herz zum erſten Male liebend an dem meinen klopfte, viel⸗ leicht Seiten meines Charakters entdeckt die dir zuwider ſind; glaubſt du daß ich dich nicht ſo gluͤcklich machen koͤnne als du es verdienſt, ſo,. Du biſt frei!—„Nein rief ich aͤngſtlich, jede Minute feſſelt mich nur feſter an dich! Dein auf ewig!— Emilie, bedenke was du ſagſt! bedenke daß, einmal das Wort geſprochen, keine Ruͤckkehr mehr iſt... Einmal mit mir vereint, kann dich mir kein Himmel, keine Hoͤlle mehr entreißen!— Wozu noch Ueberlegung da, wo das Herz ſchon laͤngſt entſchieden? Ich war dein von jenem Augenblicke an, ich — a4n — 115— bleibe dein ſo lange der Himmel ſteht, deſ⸗ ſen Auge durch die ſchwarze Nacht auf uns herableuchtet.— So ſey er noch ein: mal geſchloſſen, der unwiderrufliche Bund! rief Barſino, ſeine und meine Hand gen Himmel hebend, und nun hoͤre mein letztes Wort, denn nie ſey fortan dieſes Vorfalls gedacht: Ich haͤtte deinen Verluſt nicht uͤber⸗ lebt! Um meiner, um deiner Seele willen beſchwoͤre ich dich: meide Alles was mir deine Treue verdaͤchtig machen kann! Mein Leben iſt dann verwirkt, aber hoffe auch du nicht, daß ich dich im Arme eines An⸗ dern zuruͤcklaſſe!! Wehe dann dir, Wehe dem den du mir vorziehſt, Wehe, dreifach Wehe, mir ſelbſt!— Er fuͤhrte mich ſchweigend fort. Ich ließ mich leiten wohin er wollte; verſunken in ein unendliches Gewebe von Wonne und Grauſen, von Furcht und Hoffnung, fehlten mir Gedanken und Worte... Nur als wir wieder in den Garten traten, als der Glanz der Lichter mich umleuchtete und frohe Mu⸗ ſik entgegenſcholl, kehrte mir Sprache und — 146— Beſinnung wieder. Ich blieb verlegen ſte⸗ hen: Was wird man von mir denken? Ich bin lange ausgeblieben... kehre mit dir zuruͤck?... Was wird die Tante, was wird die Welt ſagen?— Wirſt du denn nie Ver⸗ trauen zu mir faſſen? ſagte Barſino mit ſanftem Vorwurfe, und ich ergriff wieder ſeinen, in der Verlegenheit losgelaſſenen Arm, und trat muthig mit ihm in die Ge⸗ ſellſchaft ein. Ein allgemeines Fluͤſtern umfing uns, und Aller Augen hefteten ſich mit Unwillen auf mich. Ich ſah Barſino an, der ſtolz und ruhig, den Blick frei erhoben, mich zu meiner Tante fuͤhrte. Ehe dieſe noch den Mund zu den Vorwuͤrfen oͤffnen konnte, die auf den vor Zorn bebenden Lippen ſchweb⸗ ten, zog er eine Brieftaſche aus dem Bu⸗ ſen, und ſie ihr reichend: Frau von Saleck, ſagte er laut und mit feſtem Tone, Sie ver⸗ ſprachen mir die Hand Ihrer Nichte, wenn die verlangten Papiere angekommen waͤren: hier ſind ſie, ich erhielt ſie vor wenig Stunden. Jetzt wendete er ſich zu mir; — — 117— Verzeihe daß ich dir ein Geheimniß daraus machte, ich wollte dich heute nicht in dei⸗ ner Unbefangenheit ſtoͤren.— Du wollteſt mich pruͤfen? ſagte ich ihm leiſe. Er legte mir laͤchelnd die Hand auf den Mund. Mieine Tante hatte indeſſen die Schrif⸗ ten fluͤchtig durchleſen, und mit einem Ge⸗ ſichte, in welchem die Ruͤhrung noch mit dem letzten Reſte des Unwillens kaͤmpfte, legte ſie Barſino's und meine Haͤnde zuſammen. Die ganze Geſellſchaft umringte uns jetzt gluͤckwuͤnſchend; auch Scholten trat herzu. Um mein Verſchwinden und Ausbleiben zu entſchuldigen, hatte die Tante ihm und Haußners unſer Verhaͤltniß entdeckt; er druͤckte Barſino's Hand. Werden Sie noch laͤnger unwillig auf mich ſeyn? frug er mit einem Seitenblick auf mich; wohl weiß ich daß ich Ihnen Anlaß dazu gegeben, auch laͤugne ich nicht, daß ich Sie lieber bei den Pyramiden als hier ſaͤhe, und daß es mir ſchwer werden wird, Sie mir als Emiliens Verlobten zu denken; aber bauen Sie auf das Wort eines deutſchen Mau⸗ H 2 — us— nes: Ihre Ruhe und Ihre Rechte werden mir ſtets heilig ſeyn. Willſt Du nun noch mehr wiſſen, Adel⸗ heid?— Ach ich fuͤrchte Du weißt ſchon mehr als hinreichend iſt, um dem Schick⸗ ſal deiner Emilie ein ſtilles Gebet zu weihen. Vier und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Verzeihe, liebſte Adelheid, wenn mein letzter Brief Dein Herz mit Unruhe erfuͤllt hat; mein von den erſchuͤtternden Scenen der juͤngſten Vergangenheit bewegtes Ge⸗ fuͤhl fuͤhrte die Feder, und ſahe da ſchwarze Schattenbilder, wo nur leichte Gewoͤlke ſchwammen. Jetzt iſt Alles verſunken in die lichten Sonnenfernen, in welche mir Bar⸗ ſino's Liebe die ſchoͤne Zukunft kleidet. Schol⸗ ten iſt zwei Tage nach jenem Balle abge⸗ reiſt; Barſino ſo herzlich, ſo innig zutrau⸗ lich gegen mich, daß, auch wenn er nicht ſelbſt Alles vermiede, was mir das Unan⸗ genehme, deſſen unſchuldige Urſache der arme ,— — — — 119— Scholten war, zuruͤckrufen koͤnnte, jede Erinnerung daran ſchwinden muͤßte. Schon in acht Tagen iſt unſre Verbindung, Bar⸗ ſino will es ſo; Verhaͤltniſſe rufen ihn in ſein Vaterland zuruͤck. Italien ſſt mir nicht fremd, es iſt Valeriens, es iſt Barſino's Geburtsland; es iſt die Staͤtte, wo mir Liebe und Zaͤrtlichkeit einen Sitz ſtillen Friedens bereiten. Und doch, mit ſchwerem, faſt wi⸗ derſtrebendem Herzen denke ich daran, daß ich ſchon ſo bald Freunde, Verwandte, Vaterland— die Graͤber meiner Aeltern, die Erinnerungen meiner Kindheit, verlaſſen muß. 1 Barſino hat mir verſprochen, daß ich Dich ſehen ſoll, ehe ich vom vaterlaͤndiſchen Boden ſcheide— Wie gluͤcklich wuͤrde mich dieſes machen, wenn es nicht waͤre, um Ab⸗ ſchied von Dir zu nehmen, auf lange! Viel⸗ leicht auf immer!— Wir ſehen uns viel⸗ leicht zum letzten Male!— Von jeher hat fuͤr mich in dem Worte: zum letzten Male, eein ſo unendlich wehmuͤthiges Gefuͤhl ge⸗ legen... Die unbedeutenſte Handlung wurde — 420— mir wichtig, wenn ſie zum letzten Male ge⸗ ſchah! Ach es iſt ein truͤber, niederſchlagen⸗ der Gedanke in dem Aufhoͤren, in dem Letzten, in dem was in die Nacht der Vernichtung verſinkt, um nie wiederzu⸗ kehren! Barſino ahnt meinen Schmerz, ſo ſorg⸗ lich ich ihn auch vor ihm verhehle, er ſieht ihn mit dem ſcharfen Auge ſeiner Seele; ſein feiner Takt ſagt ihm, daß ich trauern muß bei der Trennung von dem, was mich 4 bei meinem Eintritte in das arme Leben mit reicher Liebe empfing, und an den warmen Buſen der Zaͤrtlichkeit legte, und mich lei⸗ tete durch die frohen Tage der Kindheit. Und als der Tod mir die nahm, die mir das Leben gaben, und kalt und leer das Daſeyn mich anweinte— da kam troͤſtend die weiche Hand des Mitgefuͤhls, und ließ mich troͤſtend wieder am wohlthaͤtigen Schim⸗ maer der Hoffnung erwarmen. Es ſcheint als ob dieſer Gedanke Bar⸗ ſino's Gefuͤhlen gegen mich noch leine hoͤhere Weihe gaͤbe: er iſt noch zarter, noch herz⸗ — — 141— licher, noch liebevoller als zuvor.— Und alles dieſes ſollte mich nicht erheben, mich nicht mit ſuͤßer Beruhigung erfuͤllen? Ge⸗ wiß thut es dieſes; ich bin nicht undankbar, ich fuͤhle es, und umfaſſe mit hoher Liebe, mit feſtem Vertrauen den, den ich in we⸗ nig Tagen mein nenne, vor Gott und Welt. Fuͤnf und zwanzigſter Brief. Barſino an Duport. VWaͤhrend meine Emilie, vom Schmerze der Trennung und der Ermuͤdung der Reiſe erſchoͤpft, eine Stunde ſchlummert, benutze ich dieſe Zeit um Dir zu melden, daß Emi⸗ lie mein durch Prieſterhand iſt. Geſtern war der gluͤckliche Tag, der mir in ihrem Beſitze die Krone der Erdenſeligkeit reichte, und heute ſchon ſind wir funfzehn Meilen von unſrem bisherigen Wohnorte entfernt.— Noch einen kleinen Aufenthalt machen wir unterwegs, um Adelheid von der Malen, Emiliens Ver⸗ wandte und Herzensfreundin, zu begruͤßen, — und dann eile ich auf den Fluͤgeln des Ver: — 122— langens meinem heißerſehnten Vaterlande entgegen, um unter ſeinem milden Himmel von dem Froſte zu erwarmen, den der nahende Winter uͤber den rauhen Norden von Deutſch⸗ lands Fluren ſchuͤttet. Doch, ginge es auch an die Hudſonsbai, der Lenz den ich in meinen Armen halte, wuͤrde ſeine Wonnebluͤ⸗ then ſelbſt uͤber das ewige Eis des Pols ſtreuen. Das Feſt unſrer Vereinigung war, wie Emilie es wuͤnſchte, ſtill und einfach, nur im engſten haͤuslichen Kreiſe. In die Farbe der Unſchuld gekleidet, die braͤutliche Myr⸗ the, aus Valeriens Bluͤthenflor gewunden, durch die blonden Locken geſchlungen; die Roſenwange von der ernſten Feier des Tages etwas gebleicht, und den Strahl der rein⸗ ſten Liebe in dem Himmel des Auges— ſo fuͤhrte ich ſie zum Altare, und das Ja, in Floͤtentoͤnen von der Lippe herabſchwebend, knuͤpfte ihr Schickſal an das meine. Um Emilien den Schmerz des Abſchieds zu erleichtern, unter dem ſie die letzten Tage ſichtlich litt, hatte ich die Poſtpferde mit — 123— anbrechendem Tage beſtellt. Chriſtine, die alte Dienerin des Hauſes, hatte die Cof⸗ fers Teachs Ich fuͤhre Emilien ſchweigend zum Wagen: ſie ſieht, erbleicht— doch ſchnell ſich faſſend, wirft ſie noch einen Blick tiefer Wehmuth auf das Haus, deſſen ſchlummernden Bewohnern ſie Lebewohl ſagen ſoll— einen zweiten des unendlichſten Vertrauens auf mich, und laͤßt ſich von mir in den Wagen heben. Da ſtuͤrzt Eduard aus dem Hauſe: laut weinend wirft er ſich in unſre Arme.— Ich wußte wohl daß Ihr abreiſen wuͤrdet— ich konnte nicht ſchlafen, da hoͤrte ich den Wagen, da ſah ich wie aufgepackt wurde — da!— da!— und von Neuem um⸗ ſchlang er bald ſie, bald mich. Da kann Emilie nicht laͤnger: ſie uͤber⸗ ſtroͤmt mit Thraͤnen den an ihre Bruſt ge⸗ preßten Knaben, ſie wankt, ſie ſinkt zuruͤck. Ich faßte ſie ſchnell: druͤckte den Scheide⸗ kuß auf die Wange Eduards und uͤbergab ihn der treuen Chriſtine, die uns zum Wa⸗ gen begleitet und mit heißen Thraͤnen und — 1924— kauſend Seegenswuͤnſchen von ihrer jungen Herrſchaft Abſchied nahm, und mir mit ruͤh⸗ renden Bitten ihr Gluͤck anempfahl. Ich ſelbſt war ſo bewegt durch dieß Al⸗ les, daß ich nur befahl ſchnell fortzufah⸗ ren. Emilie ſaß in ſtillem Weinen an mei⸗ ner Seite, bis es meinen Liebkoſungen end⸗ lich gelang, die Trauerſchatten von ihrem holden Geſicht zu verſcheuchen, und der liebliche Strahl ihrer ſuͤßen Freundlichkeit mir wieder entgegen laͤchelte. Duport, ich bitte Dich um aller Heili⸗ gen willen, ſieh Emilien nicht, weder wenn ſie heiter, noch wenn ſie traurig, nicht wenn ſie freundlich, nicht wenn ſie ernſt iſt; ſie iſt in allen Lagen gleich reizend, gleich un⸗ widerſte hlich. Sechs und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Ich bin in Ferrara angelangt, ldem Orte wo Barſino's Regiment in Garniſon liegt, und wo ich nun kuͤnftig hauſen werde. —— † ——— So iſt es denn wirklich wahr, daß ich das Vaterland verlaſſen, daß andre Sitten, andre Toͤne, andre Menſchen, andre Gegen⸗ den als die heimiſchen mich umgeben?— Alles iſt anders um mich, nur mein Herz iſt noch daſſelbe, welches mit treuer Liebe an das denkt, was ihm jenſeits der Gren⸗ zen blieb. Habe ich doch Dich noch geſehen, meine Adelheid, lebt doch Dein liebes freund⸗ liches Bild friſch und heiter in meiner Seele, toͤnen doch Deine holden Laute der Freund⸗ ſchaft noch in meinem innern Herzen wie⸗ der; kennſt Du doch nun den Mann dem ich mein Leben geweiht, und billigſt meine Wahl, und ſtaunſt nicht, daß ich um ſeinet⸗ willen dem Mutterlande Lebewohl geſagt, mich aus den Armen derer geriſſen, die mir ſo theuer waren; glaubſt daß ein Barſino mir Erſatz fuͤr das Alles ſeyn kann.— Wie liebe ich Dich deßhalb, Du liebes gu⸗ tes Maͤdchen!— Von meiner Reiſe hierher kann ch Dir wenig ſagen: der Winter hat die Fluren dießſeits der Grenze ihres Schmuckes be⸗ 7 — 126— raubt, und jenſeits hinderte ſtroͤmender Re⸗ gen und dichter Nebel jede Ausſicht in die Ferne. Das ſchoͤne Italien ſcheint in Thraͤ⸗ nen aufgeloͤſt zu ſeyn; der heitre Himmel den Barſino ſo oft mit Sehnſucht malte, iſt mit Trauerflor umzogen; und den Bluͤ⸗ thenſchmuck, den Valeria in der fremden Verbannung hervorzuzaubern ſuchte, hat die rauhe Luft zerſtoͤrend gewelkt.— Trau⸗ rige Vorbedeutung! Ferrara ſelbſt iſt eine Stadt, die an Groͤße und Bevoͤlkerung weit uͤber meinem vorigen Wohnorte ſteht, aber das freund⸗ liche, im Kleinen rege Leben das dort herrſcht, iſt hier nicht. Still und oͤde deh⸗ nen ſich die breiten, ſchoͤnen Straßen vor dem Blicke aus— menſchenleer, oft ganz unbewohnt, und nicht ſelten verfallen, trau⸗ ern ihre praͤchtigen Palaͤſte um die vergangene ſchoͤne Zeit, wo die Prachtliebe der Eſte der Kuͤnſte ſchoͤnſte hier entfaltete; wo Arioſt's und Taſſo's Geiſt hier Leben und Anmuth verbreiteten. Von den Reliquien des Erſtern habe ich noch nichts aufgeſucht, aber der ——,—— —— — 127— Ort, wo Stolz und Haͤrte den edlen un⸗ gluͤcklichen Torquato, den liebenswuͤrdigſten Mann ſeiner Zeit, in feuchtem Kerker ſchmach⸗ ten ließ, war der erſte zu dem ich Barſino bat mich zu fuͤhren. Tief erſchuͤttert ſtand ich vor der Marmortafel, die die Thuͤre ſei⸗ nes Gefaͤngniſſes bezeichnet, und nur von Barſino verſtanden, rief ich faſt unwill⸗ kuͤhrlich: „Iſt dieß das Loos des Schoͤnen auf der Erde?“ Ich uͤberleſe was ich geſchrieben, und weiß jetzt wirklich nicht, wie ich in dieſe wehmuͤthige Stimmung gekommen bin. Wenn Du glaubteſt, daß ſie die verherrſchende Farbe meiner ſonſt ſo heitern Seele waͤre, wuͤrdeſt Du hoͤchſt unrecht haben, denn ge⸗ wiß, glaube mir Adelheid, ich bin ſehr gluͤcklich. Mein Mann, der gewiſſermaßen mit den Schoͤnheiten ſeines Vaterlandes co⸗ quettirt,(laß mir dieſen fremden Aus⸗ druck hingehen, unſre Sprache hat, dem Himmel ſey Dank! fuͤr manchen Begriff die⸗ ſer Art kein Wort!) war anfangs ein we⸗ nig verlegen, daß es ſich mir in einer ſo unfreundlichen Geſtalt darbot, und ſuchte alles hervor, um meinen Augen dar Beſt⸗ moͤglichſte aufzuſtellen.— Ich ſchloß ihn laͤchelnd in den Arm: Das was ich um⸗ faſſe, ſagte ich, iſt das Beſte, was dein Va⸗ terland mir geben kann; laß mich das un⸗ ter ſeinen Regenſtroͤmen und Sonnenſtrahlen immer ſo finden, wie ich es jetzt mit Wonne als das meine umſchließe, ſo bin ich un⸗ ausſprechlich ſelig. Sieben und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Waͤhrend Du im lieben, theuern, deut⸗ ſchen Vaterlande, vielleicht am Ofen frierſt, und Winterflocken dort noch die Luft durch⸗ ſtuͤrmen, ſitze ich hier unter einer ſchon faſt gruͤnen Weinlaube, und ſchreibe Dir im lauen Hauche der Fruͤhlingsluft, und unter dem frohen Gezwitſcher der Voͤgel. O Adel⸗ heid, wie ſchoͤn, wie unbeſchreiblich reizend iſt der Fruͤhling in Italien! Der Himmel reiner, blauer, klarer, als ich ihn je ſah!— — 129— Die mit tauſend wuͤrzigen Duͤften durchwo⸗ bene Luft umfaͤngt mich ſo heimiſch. Ich bin ſo kindlich heiter, daß ich mit den Laͤmmchen, die nicht fern von mir weiden, um die Wette an den bluͤhenden Ufern des Po herumhuͤpfen moͤchte;— und umfaſſe den mit immer herzlicherer Liebe, der mich hierher fuͤhrte, der mein Eins mein Al⸗ les iſt! Ich habe Dir lange nichts von mir ge⸗ meldet, liebe Adelheid, allein Du weißt wohl, daß die Poſten leichter von einer Stadt zur andern, als von einem Lande zum an⸗ dern gehen. Weißt Du doch aus den Nach⸗ richten die ich meiner guten Tante gege⸗ ben, daß ich gluͤcklich, unausſprechlich gluͤck⸗ lich bin. 8 Der Winter, der in dieſem Lande, wo man fuͤr eine ſolche Jahreszeit gar keine Einrichtungen trifft, ziemlich unbequem, zu⸗ mal fuͤr Auslaͤnder iſt, verging mir in heite⸗ rer Stille. Zwar fehlte es nicht an Einla⸗ dungen und oͤffentlichen Vergnuͤgungen, wie⸗ wohl beide hier nicht ſo haͤufig ſind als in — 130— meinem Vaterlande, allein es ſchien mir, als ob Barſino mich lieber zu Hauſe als aus⸗ waͤrts ſaͤhe, und ich, die ich mich nirgends wohler fuͤhle als im kleinen Kreiſe meines haͤuslichen Wirkens, dankte ihm fuͤr dieſe Vorliebe. Anfangs kam es mir ſogar vor, als ob er ſeine kleinen Eiferſuͤchteleien noch nicht ganz vergeſſen haͤtte, ja ſelbſt die we⸗ nigen ſeiner Kameraden, die zuweilen Dienſt⸗ verhaͤltniſſe in unſer Haus fuͤhren, die ein⸗ zigen Maͤnner die ich ſehe, ſchienen ihm Urſache zu Unruhen zu geben: allein er faͤngt an von dieſem Wahne ſich loszureißen; er geht jetzt oͤfterer aus, und muntert mich auch dazu auf. Wir haben ſchon mehrere kleine und große Ausfluͤge in die Umgegen⸗ den gemacht, und denke Dir mein Entzuͤ⸗ cken! in den naͤchſten Tagen reiſt Barſino mit mir nach Rom!— Ich werde Tivoli ſehen, dort bei Federigo vielleicht, ach ſchon der Gedanke durchbebt mich mit Wonne! Nachricht von Valeria haben.— Ich werde den Albanerſee ſehen, wo ſie den Faden aufnahm, der durch ihr Leben in kreiſender — 129— Windung lief, bis er ſich zum Knoten ver⸗ engte, den vielleicht nur die Ewigkeit loͤſt. Sag' meine Adelheid, warum muß die⸗ ſes himmliſche Weſen ſo ungluͤcklich ſeyn, waͤhrend ich armes menſchliches Weib in der Wonne der Freuden ſchwebe? Lache nicht Adelheid! allein es will mich oft mahnen, als ſey mein Gluͤck Raub an dem, was ich Valerien ſchuldig bin. Ich aͤußerte juͤngſt dieſen Gedanken ge⸗ gen Barſino: er verwies ihn mir als Ver⸗ meſſenheit. Fordere das Schickſal nicht her⸗ aus! rief er mit einer Art von Grauen, ſein Dhr hoͤrt leiſer als du glaubſt; genieße der Gegenwart, dieß iſt das erſte, und, wenn du willſt, das einzige vernuͤnftige Lebens⸗ prinzip, und laß dich weder durch die Ge⸗ ſpenſter der Vergangenheit, noch die Gewit⸗ terwolken der Zukunft davon abwenden. Wenn du mich aber liebſt, Emilie, ſo laß mich ſolche Reden nicht mehr hoͤren.— Barſino kann Recht haben, nach der Anſicht, die ihm ſein Stand und ſeine Er⸗ fahrungen vom Leben bieten; anders aber C J — 130— ſtellt ſich das Daſeyn mit ſeinen tauſendfa⸗ chen Scenen der ſtillen Weiberſeele dar... Was wuͤrde mir Erſatz geben fuͤr die Er⸗ innerung der Stunden, die ich mit Dir ver⸗ lebt, wenn ich ihr entſagen muͤßte?... Gewitterwolken der Zukunft, ſprach Barſino? Sollte meinem heitern Lebenshim⸗ mel ſchon jetzt dieſe truͤbe Huͤlle drohen?— Und waͤre es auch! Leiden vom guͤtigen Vater geſendet, ſollen beſſern, laͤutern— Koͤnnte mich je mein Gluͤck zum Uebermuthe verleiten, ſo zuͤchtige er mich! nur, ach Adelheid, vereine Dein Gebet mit dem mei⸗ nen! nur moͤgen die, die mir theuer ſind, nicht mit in mein Strafgerich gezogen wer⸗ den!— ebe wohl Adelheid! von Rom zuruͤckge⸗ kehrt, ſchreibe ich Dir mehr. Acht und zwanzigſter Brief Barſino an Duport. Du machſt mir Vorwuͤrfe uͤber Schweigen? aber was ſoll ich Dir — 131— das Dich intereſſiren koͤnnte, Dich der Du in immer neuen, immer wechſelnden Genuͤſ⸗ ſen der glaͤnzenden Kaiſerſtadt ſchwelgſt? Mein Leben fließt dahin, wie ein Bach an einem windſtillen Tage, in deſſen Spiegel ſich nichts wiederſtrahlt, als das Abbild deſſen, was ihn zunaͤchſt umgiebt. Mieine Emilie, das zaͤrtlichſte, ſorgſam⸗ ſte, ſanfteſte Weib, das je unter dieſem Monde wandelte, lauſcht mir meine Wuͤn⸗ ſche ab, noch ehe ſie entſtanden, und macht mich dadurch zu einem ſo undankbaren Schooßkinde des Gluͤcks, daß ich, verzeih“ mirs Gott! oft mit frecher Hand in das klare Bild meines Lebens greife, um Aen⸗ derung hervorzubringen; allein Emilie weiß es immer mit aͤcht weiblichem Takte ſo zu wenden, daß Roſen aus den Dornen ſprie⸗ ßen; und doch, leiſe ſey es Dir zugefluͤſtert, und doch finde ich den Spruch recht rich⸗ tig: Das was man immer feurig lieben poill, darf man nie beſitzen.“— Halte mich nicht fuͤr boͤſe, Duport; weiß es der Himmel, daß mir Emilie das theuer· J2 — 12— ſte Weſen der Welt iſt! und doch giebt es ich mir in meinem freundlichen Hauſe vor⸗ komme, wie ein in Afrika's Sandwuͤſte Ver⸗ bannter, und ſehnend nach irgend einer Oaſe blicke, deren erquickende Kuͤhle meine er⸗ ſchlafften Geiſter zu neuem Leben ſtaͤrke. Warum ſchuf mich die Natur aus ſo widerſtrebendem Stoffe, daß nur das Außer⸗ gewoͤhnliche, ſey es auch das minder Gute, mich dauernd beſchaͤftigen kann!— Waͤre Emilie gefallſuͤchtig, wendete ſie die Kuͤnſte ſchlauer Buhlerei gegen mich an— ſie wuͤrde mich in immer neue Feſſeln ſchmie⸗ den. Ich wuͤrde mit wuͤthendem Grimme daran reißen, aber ſie doch tragen, weil das Neue, Ungewohnte, Veraͤnderung in mein Leben braͤchte, weil es mich auf⸗ reizte zu neuen Plaͤnen, zu neuer Thaͤtigkeit. Wenn ich nur wenigſtens Leidenſchaftlichkeit genug noch haͤtte, um eiferſuͤchtig zu ſeyn, allein auch das iſt voruͤber! Ich muß mich herausreißen aus dieſem Augenblicke, wo ich mich wieder hinausſehne in das Toben und Treiben des Lebens, wo Sehnens, in dem ſonſt melches ſchenden ſchalen Alltagsleben! Amor hatte ſeine Ro⸗ ſenfeſſeln ſo ſuͤß um mich geſchlungen, daß ich es gar nicht ahnete, und haͤtte ich es, ihre Loͤſung nicht verlangte; aber der wie⸗ derkehrende⸗Lenz hat mir die Schwingen wieder frei gemacht, und ich habe ſchon einige Excurſionen wieder unternommen. Meine Kameraden, deren Geſellſchaft ich faſt ganz vernachlaͤſſigt, empfingen mich wie einen, der von einer Deportationsreiſe wie⸗ derkehrt— glauben ſie vielleicht daß ich mich gefangen fuͤhlte? In wenigen Tagen reiſe ich nach Rom, Emilie geht mit. Dort, im Kreiſe meiner alten Bekannten, im Hochgenuſſe der Kunſt⸗ ſchaͤtze, wird mein ſonſtiges ſchoͤnes, freies, luſtiges Leben wieder anfangen. Von dort ein Mehreres. Neun und zwanzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Da bin ich in dem El⸗Dorado meines — 1344— Rom, das mit ſeinem ewigen Schweigen uͤber den Truͤmmern ſeiner Vergangenheit ſchwebt, wie ein abgeſchiedener Schatten uͤber dem Staube ſeiner Erdenhuͤlle.— Neue Gebaͤude erheben ſich auf dem Schutte der alten— ſie tragen die Namen der Staͤtte auf der ſie ſtehen, aber die Geiſter die ſie beſeelten, zogen aus. Und ſelbſt dieſe alten Namen klingen noch wie Harmonie; ihre ſonſtige Wuͤrde behauptet noch ihre Rechte auf die Phantaſie der Hoͤrer und der Spre⸗ cher, ſie durchdringt noch jetzt, da Jahrtau⸗ ſende uͤber ihren Scheiteln verklangen, mit einem hohen Gefuͤhle aus Freude und Schmerz gewoben. Du erlaͤſſeſt mir die topographiſche Be⸗ ſchreibung deſſen, was ich in dieſem weiten Leichengefilde irdiſcher Groͤße und Kleinheit ſuchte, fand, und nicht fand; lies einige der zahlloſen Beſchreibungen, die wir uͤber Rom haben, und Du findeſt dort Alles ge⸗ nauer, und wahrſcheinlich beſſer geſchildert, als ich es vermag. Ich war auch in Tivoli— aber, als — 4135— ob das Bild der Vernichtung, das mich dort aus jedem verſunkenen Gemaͤuer anſtarrte, auch in meine Wuͤnſche und Hoffnungen ſei⸗ nen Grabesathem wehen wollte, ich fand nicht was ich ſuchte. Federigo's Gattin iſt dorthin gegangen, wo keine Zerſtoͤrung mehr droht. Er ſelbſt, dem Schmerze der Ruͤck⸗ erinnerung entfliehend, hat das veroͤdete Landhaus verlaſſen, und eine Reiſe in das ſuͤdliche Italien gemacht. Wie iſt es moͤglich, Adelheid, die Staͤtte verlaſſen zu wollen, auf der die Geiſter ge⸗ ſchiedener Lieben uns in troͤſtender Erin⸗ nerung umſchweben? Barſino fuͤhrte mich zu Valerias ehes maliger Wohnung; ſie iſt jetzt der Aufent⸗ halt einiger alten Weiber, denen die oͤffent⸗ liche Milde hier freies Obdach giebt. Sie umringten uns mit unverſchaͤmter Neugierde und widerlichem Geplauder, allein von den ehemaligen Bewohnern dieſes Hauſes wuß⸗ een ſie nichts, als daß es einem Manne gehoͤrt, der wegen Staatsverbrechen zu ewi⸗ geer Einſperrung verurtheilt ſey. Durch ein — 136— Geſchenk erkauften wir die Erlaubniß, das Innere des Hauſes und den Garten zu beſe⸗ hen: uͤberall trafen wir Spuren von dem zar⸗ ten Geſchmacke, mit dem es angelegt, von der Sorgfalt mit der es erhalten worden, und jetzt— die abſchreckendſte Unreinlichkeit be⸗ deckte die nette Malerei der Waͤnde; Unkraut, hoͤchſtens mit einigen Zwiebelſtauden vermiſcht, uͤberzog die Gartenbeete, auf denen noch hier und da, ein der Erniedrigung trotzen⸗ der Oleander, oder eine Aloe, der ſeltnen Bluͤthe Hoffnung in rauher Blaͤtterhuͤlle bergend, oder eine ſtill vergehende Myrthe, oder eine brennende Granate, oder eine duftende Orange, gleich winkenden Dios⸗ kuren auf dem irren Meere des Lebens, emporſtrebte. Der Platz wo Valeriens Mut⸗ ter ruht, die Zypreſſen die ihn umſchatteten, waren verſchwunden: die Seitenwaͤnde der Breterhuͤtte die ihre Stelle einnahm und die, wie man mir ſagte, eine Betkapelle iſt, bedecken die groteskeſten, elendeſten Ma⸗ lereien, welche mich uͤber die Art ſeufzen ließen, auf die man hier mit dem Goͤttlichen — 437— umgeht. Eine Art Glasſchrank im Hinter⸗ grunde enthaͤlt ein mit Flittergold und ſeid⸗ nen Laͤppchen jeder Farbe behangenes Ma⸗ donnenbild.— Genuͤgſames Volk, dem ein ſolches Schauſpiel des Lebens Hoͤchſtes und Beſtes, den Troſt der Religion geben kann!— Geßht nicht achſelzuckend an ihm voruͤber, kalte Moraliſten!— Wahrlich ich koͤnnte es darum beneiden, wenn ich eines aͤußern Anſpruchs beduͤrfte fuͤr das ewig Unſichtbare, das Lehre und Beiſpiel in mein Herz niedergelegt hat, als heiliges Unter⸗ pfand der Gewißheit des beſſern Lebens. Barſino ſuͤhrte mich hierauf zur Villa die er mit dem Prinzen Camillo bewohnt, waͤhrend deſſen kurzem Wonnetraume mit Valerien: ſie iſt, auf Befehl einer wohlthaͤ⸗ tigen Dame, die man uns nicht nannte, in ein Irrenhaus umgewandelt worden, deſſen ungluͤckliche Bewohner uns angrinzten, oder anſeufzten, oder anwuͤtheten. Mit Entſe⸗ tzen flohen wir dieſen Anblick des hoͤchſten Elends, das je aus der Urne des Verhaͤng⸗ iſſes auf die arme Menſchheit herabſtuͤrzte. — 138— Welch ein Mann muß dieſer Camillo ſeyn!— Bis zur Schwermuth wuchs der Ernſt, mit dem Barſino dieſem Orte ſich na⸗ hete, wo er mit dem, ihm Unvergeßlichen gelebt, und Zeuge ſeines Daſeyns hoͤchſter Freude geweſen war. Und doch war es dieſer Camillo, der Va⸗ leriens Herz mit grauſamer Kaͤlte zerriß? Barſino widerſpricht heftig jedem Zweifel den ich uͤber ihn erhebe, aber uͤber die Be⸗ weggruͤnde ſeines Betragens gegen Valerien ſchwebt ſeine Seele in eben ſo tiefem Dun⸗ kel als die meine. Eben ſo beſtimmt ſpricht er ihn auch von der Verhaftung des Gra⸗ fen Contarino frey.„Ich glaube es nicht, rief er mit heftigem Tone, und wenn Ca⸗ millo ſelbſt jetzt vor mir ſtuͤnde und ſpraͤche: ich that es.— Du luͤgſt! rufte ich ihm zu, du luͤgſt! du thateſt es nicht! du kannſt nicht unredlich handeln! Ha! nicht unredlich handeln?— hallte hinter uns eine tiefe Todtenſtimme. Ent⸗ ſetzt fuhren wir zuſammen. Wer ſprach hier? rief Barſino ſich umdrehend.— Ich, — 139— toͤnte derſelbe Laut, und der Buſch an dem wir ſtanden bog ſich auseinander, und eine bleiche gebeugte Geſtalt, in einen grauen Mantel gehuͤllt, trat uns entgegen: Einſt ſagte man auch von mir, du kannſt nicht unredlich handeln, fluͤſterte er geheimnißvoll zu Barſino geneigt, aber die Verfuͤhrung kam, und mit ihr die Begierde, und mit ihr das Verbrechen.— Wer biſt du? fragte Barſino, die Hand an den Degen legend.— O laß dieſe Waffe, rief der Unbekannte mit bittrem Lachen, glaubſt du, ich verſtehe nicht auch ſie zu fuͤhren? Sie kann Leben ver⸗ nichten, aber kein Verbrechen... Huͤte dich vor dieſem, junger Mann! Die Strafe folgt ihm auf dem Fuße— Ich wurde verſtoßen— jetzt...— Er verfiel in tie⸗ fes Sinnen, die ſtarre Unbeweglichkeit der Zuͤge, die bei ſeiner Rede in Bewegung uͤbergegangen war, kehrte zuruͤck— Er fuhr einigemal mit der Hand uͤber die Stirn: 4 Jetzt— ſagt man, ich ſey wahnſinnig, fuhr er langſam und eintoͤnig fort, und ſchließt mich in jene Mauern ein, die du dort ſiehſt; — 440— — ich bin ihnen entſchluͤpft..— Hier 1 traten zwei Maͤnner hinzu. Was machſt du 1 hier?— herrſchten ſie dem Wahnſinnigen zu; ſcheu trat dieſer mit bittender Gebehrde zuruͤck.„Hat er Ihnen etwas geſagt? wandte ſich einer der Maͤnner an Barſino, — nichts verſchwiegen!— Wer giebt Ih⸗ nen das Recht zu fragen? entgegnete Bar⸗ ſino in ſehr beſtimmtem Tone.— Meine Pflicht, als Aufſeher der hier Verwahrten. — Und die meine, als Menſch und Offizier 1 gebietet mir, Ihnen nicht zu ſagen, was 1 der Mund dieſes Ungluͤcklichen ausgeſpro⸗ chen. Uebrigens, ſetzte er mit noch viel be⸗ ſtimmterm Tone hinzu, ſtehen Sie mir ver⸗ antwortlich fuͤr jede uͤble Behandlung, die Sie vielleicht an ihm ausuͤben koͤnnten oder woollten; meine Uniform wird Ihnen ſagen in weſſen Dienſt ich ſtehe.“— Apdelheid, welch ein goͤttergleiches Weſen iſt ein Mann in ſeiner Wuͤrde!— Betroffen von Bar⸗ ſino's Feſtigkeit ſtanden die Beiden, erſt ſo Uebermuͤthigen, mit gebeugtem Haupte vor ihm, und verſicherten in den dehmuͤthigſten 3 — 141— Ausdruͤcken, daß ſie die Befehle ſeiner Ex⸗ cellenz genau befolgen wuͤrden. Mein Mann iſt ſeit jenem Tage truͤbe; er beſucht weniger die Zirkel und Kaffee⸗ haͤuſer, welche mir ihn, ſeit wir in Rom ſind, den groͤßten Theil des Tages raubten; er ſchließt ſich wieder mit der erſten Innig⸗ keit an mich:— ach er iſt wieder ſo ganz der, der er in den gluͤcklichſten Zeiten un⸗ ſrer Liebe war!— Wuͤßte ich nicht daß ſein Geiſt leidet bei dieſer ernſten Stimmung, ich wuͤrde ihre Fortdauer mit den Tagen meines Lebens erkaufen.— Aber wie kann hier von mir die Frage ſeyn, wenn es das Gluck des Geliebten gilt? Ich bitte Bar⸗ ſino, ſeine frohen Geſellſchaften wieder auf⸗ zuſuchen, ich habe ihn endlich bewogen den Vorſchlag anzunehmen, den ihm einige ſei⸗ ner ⸗Kriegsgefaͤhrten gethan, mit ihnen nach Mailand zu reiſen.— Er zoͤgerte anfangs, . weil ich nicht dabei ſeyn kann, weil ich er⸗ bieichte bei dem Gedanken an Trennung, 3— ber ich habe heldenmuͤthig den Schmerg zu⸗ — 142— det, daß ich ihn gern ziehen laſſe. Ich bleibe indeſſen mit einer liebenswuͤrdigen Kuͤnſtlerfamilie, mit der mich gemeinſchaft⸗ liches Vaterland bekannt, und gemeinſchaft⸗ liche Neigung vertraut gemacht haben. Wir werden unterdeſſen eine Reiſe nach Palla⸗ zuola und dem, was an ſeinem Fuße flu⸗ thet, unternehmen. Einſt dachte ich mit Entzuͤcken daran, dieſe geheiligte Staͤtte mit Barſino zu betreten— jetzt ergreife ich den Vorſchlag als ein Mittel, mich uͤber die Abweſenheit deſſen zu betaͤuben, ohne wel⸗ chen mein Leben einem Lenze ohne Blthen gleicht. Dreißigſter Brief. Emilie an Barſino. Erſt wenige Tage ſind ſeit Deiner Ab⸗ reiſe verſtrichen, mein Vittorio, und ſchon ſcheinen ſie mir ſo viel Jahre. Zum erſten Male zuͤrne ich dem ewig klaren Himmel meines neuen Vaterlandes, daß ſeine be⸗ ſtaͤndige Helle es nie Nacht werden laͤßt; —— — —— — enden Sorgfalt das Auge der treuen Gat⸗ — 143— Nacht, die mir jetzt ſo willkommen iſt; ſie verkuͤrzt um einen, die endloſe Reihe der Tage die ich ohne Dich verleben muß. Doch verzeihe, ich unterlaſſe das was Du mir beim Abſchiede anempfahlſt: Dir ungetruͤbt meinen heitern Sinn zu erhalten; und ich bemuͤhe mich Deinen Wunſch zu erfuͤllen, wenn es mir auch ſchwer wird. Clitia durchbricht ihre Knoſpe auch auf be⸗ ſchatteter Stelle, aber ihr voller Farben⸗ ſchmelz entfaltet ſich nur im Strahl der Sonne, der ſie mit immer neuer Sehnſucht ihr liebendes Auge zudreht. Moͤgeſt Du mir immer vergoͤnnen, dieſes liebliche Bild der Fabelwelt auf Dich und mich zu beziehen. Mein Landsmann Seidler und ſeine Ama⸗ lie wollten mich uͤberreden zu ihnen zu zie⸗ hen; ſie fuͤrchten daß mir bang ſey allein im einſamen Zimmer— Die Gluͤcklichen! ſie waren nie getrennt, ſie wiſſen nicht welch ein wehmuͤthiger Zauber auf den Stel⸗ len ruht, die das Daſeyn des Geliebten ge⸗ heiligt. Sie fuͤhlen nicht, mit welcher lie⸗ — 144— tin an Allem haͤngt, was ihr das Bild des Abweſenden vergegenwaͤrtigt. Der Stuhl auf dem Du zuletzt geſeſſen, ſteht noch ſo wie Du ihn verlaſſen; das Glas aus dem Du am Abſchiedsmorgen trankſt, ſteht noch unverruͤckt auf der Stelle wo Du es aus der Hand geſetzt— die we⸗ nigen Tropfen Wein die Du darin zuruͤck⸗ gelaſſen, vertrocknen, aber ſorglich habe ich es mit Papier umhuͤllt, um den Ort, wo Deine Lippen geruht, keinem freſſenden Staube zur Beute zu geben. Wie bei deinem Da⸗ ſeyn laſſe ich Mittags fuͤr zwei Perſonen anrichten: ich ſetze mich dann dem Dir be⸗ ſtimmten, ach jetzt leeren! Couvert gegen⸗ uͤber, lege Dir vor, plaudere und koſe mit Dir, bis irgend eine Stoͤrung der Außen⸗ welt mich der ſuͤßen, ſelbſterſchaffenen Taͤu⸗ ſchung meines Innern entreißt. Lache nicht uͤber das kindiſche Spiel Dei⸗ ner Emilie, mein Vittorio! Wohl weiß ich daß dem ernſtern Manne nicht ziemt, ſolchen Taͤndeleien anzuhaͤngen, und muthe Dir nicht an, ſie mit mir zu theilen. Des Mannes — 145— Wirkungskreis iſt die Welt mit all' ihren Forderungen an ſeine Thatkraft— ihr muß er angehoͤren, und oft des Herzens ſchoͤnſte Wuͤnſche ihr opfern; waͤhrend wir Weiber, immer unmuͤndig, immer auf den Willen und Schutz des Mannes verwieſen, uns wohl fuͤhlen in unſrer Schwaͤche. Sie giebt uns ja immer mehr Rechte dem mit dank⸗ barer Liebe anzuhaͤngen, der ſich ſchuͤtzend uͤber uns beugt bei den Stuͤrmen des Le⸗ bens; und laͤßt uns unſern kleinen Kreis 1 in geſchaͤftiger Eile durchlaufen, und ſeine oft rauhen Seiten mit ſelbſtgemachten Bil⸗ dern bekleiden die, ach wie oft! der gachſte Hauch verweht. Und Wehe der Uebermuͤthigen, der die⸗ ſes ſtille Wirken nicht mehr gnuͤgt, die ſich ſtolz dem Lichte entgegen ſchwingt, das ihr nur zu oft die Ikarusfluͤgel ſchmilzt. Und eine Thraͤne des tiefſten Mitleids der Ar⸗ men, die, allein ſtehend im Gewirre des ebens, ſich ſelbſt Schutz und Stuͤtze ſeyn, ſich gewaltſam in die Laufbahn draͤngen muß, die nicht fuͤr ihr Geſchlecht bereitet ———:-—— ————————— —⸗—ꝛ—xxPy——————— —————— O‧-“,˖CBↄz— ward, um in dem Ringen und Kaͤmpfen das Weh zu erſticken das ihr ungelſebtes Hert durchwuͤhlt. Ich habe oft ſcharfe urtheile anhoͤren muͤſſen uͤber die Frauen, die ihre Hand nach Apolls Lorbeer ausſtrecken: koͤnnten wir die bittern Thraͤnen ſehen mit welchen ſie ihn befeuchten muͤſſen, ehe er ihre vom Gram gefurchten Stirnen umzieht— die tauſend Entſagungen wiſſen, die ihnen dornig daraus ſprießen— wir wuͤrden ſchonender richten— und der, von Schickſal und Ungluͤck aus ih⸗ rer ſchoͤnen Beſtimmung geriſſenen Leiden⸗ den, lindernden Balſam auf die geguaͤlte Bruſt legen. Glaube mir Vittorio, das Weib dem ein liebender Gatte zur Seite ſteht, wird nie nach Dichterruhm, nach Kuͤnſtlerehre geizen— das Myrthenreis das die Liebe durch ihre Locken ſchlingt, duftet ihr lieblicher als die Krone des Capitols; nur die Vereinzelte, um die Freuden ihrer Jugendtraͤume Betrogene, vom Zwecke ih⸗ res Daſeyns Losgezaͤhlte, greift, um ei⸗ nen Punkt zu haben der ihrem Leben Licht, — 14— ihrer Seele Waͤrme giebt, oft im hoͤchſten Uebermaaße des Schmerzes nach dieſem ver⸗ goldeten Kreuze, und erliegt nur zu oft un⸗ ter ſeiner Laſt. Woher mir dieſe Gedanken kommen? wirſt Du fragen.— Ach! aus den blei⸗ chen Wangen, aus der verwelkten Jugend⸗ bluͤthe der Dichterinnen und Kuͤnſtlerinnen, die hier mit hohlem Flammenauge herum⸗ wanken und am Tantalusquell des Schoͤnen verſchmachtet niederſinken. Amalie Seidler war ſo eben bei mir: ſie ſchalt mich aus, bei mir noch gar keine Anſtalten zu unſrer morgen anzutretenden Wan⸗ derung zu ſehen; ich muß wohl, um die lieben Reiſegefaͤhrten nicht aufzuhalten, ord⸗ nen und packen. Lebe wohl mein Vittorio! ich hoffe daß mir recht bald ein gluͤckliches Freiſtuͤndchen werde, wo ich fortfahren kann mit Dir zu ſprechen. Moͤgen des Himmels beſte Schut⸗ geiſter uͤber Dir wachen! K 2 — 148s— Ein und dreißigſter Brief. Emilie an Barfino. Zuruͤck gekehrt von meiner kleinen Reiſe, mit muͤdem Koͤrper und neugeſtaͤrktem Geiſte, eile ich zu dem was meines Lebens Reiz und Zweck iſt: Dir, mein guter Vittorio, Rechenſchaft abzulegen von dem, was die vergangenen Tage ausfuͤllte. Ich kam zum Albanerſee, dem Zielpunkte meiner Wuͤnſche; allein, wie doch ſo oft ein unerwartetes Etwas unſren Gedanken eine ganz andere Richtung giebt als man zuvor ahnete! Nicht die ſtille Majeſtaͤt des Monte eavo der, der Leichenſtein einer verſchwun⸗ denen Generation, in ewiger Schoͤne uͤber den Truͤmmern der Zerſtoͤrung thront; nicht die wildſchoͤnen Haine die ſich aus den auf⸗ gethuͤrmten Lavaſchichten erheben! nicht die Silberfaͤden der Quellen die in eilender Schnelle der ewigen Tiefe zufließen; nicht das Andenken an meine verlorne Valeria— Nichts von Allem dieſen beſchaͤftigt mich, 4 — — — — — 149— ein Auftritt ganz andrer Art iſt der Punkt an den ſich mein Erinnern knuͤpft. Wir ſtiegen von der Seite des Capuzi⸗ nerkloſters hinab und gelangten zu der, aus Valeriens Geſchichte mir ſo wohl be⸗ kannten, Einſiedelei. Amalie bat um die Verguͤnſtigung hier bleiben zu duͤrfen, und ich ſtieg allein mit Seidler weiter abwaͤrts; jedoch auch dieſer klagte bald, daß ihm auf dem ſchmalen Pfade ſchwindle, und ich, die um keinen Preis mein Vorhaben aufgeben wollte, den Waſſerſpiegel,„auf dem das Leben ſchweigt,“ in der Naͤhe zu ſehen, ließ mich vom Fuͤhrer hinunter leiten. Da ſtand ich vor der ewigen Stille— und im Gefuͤhle des eignen frohen Lebens, das mir in jeder Ader pocht, den Blick auf⸗ waͤrts zu den im Sonnengolde ſtrahlen⸗ den Baumgruppen wendend, die in endlo⸗ ſer Hoͤhe uͤber mir wogten, hoͤre ich neben mir ein leichtes Geraͤuſch. Ein junger Mann ſteht unbeweglich wenige Schritte von mir: das Haupt auf die Bruſt gebeugt, das bleiche Geſicht von langen herabhaͤngenden 54 —-⸗⸗--—-⸗ↄ-ↄo-⸗-—-———— —:’::::-———— —— —é —— —— — 150— Locken wild umſchattet, zerpfluͤckte er, ohne mich zu bemerken, einen Zypreſſenkranz den er in der Hand hielt, und warf langſam die Zweige davon in den unbewegten Waſ⸗ ſerſchooß. Mir ward unheimlich bei dieſer Erſchei⸗ nung, und gern waͤre ich wieder zu Seidler zuruͤckgekehrt, wenn ich es gekonnt haͤtte ohne ganz dicht neben dem Fremden weg zu gehen. Der Fuͤhrer winkte mir Muth zu, und zog ſich etwas zuruͤck. Jetzt drehte ſich der junge Mann nach mir um; mein Anblick ſchien ihn zu uͤberra⸗ ſchen: Lange ſah' er mich mit ſeinen großen, von tiefer Trauer umzogenen Augen an:— Willſt du das Bild des ewig Feſtſtehenden hier ſuchen? frug er mit leiſem Tone. O ſuche es nicht! rief er auf mein bejahendes Kopfneigen, mit ſtaͤrkerer Stimme, das Weltgebaͤude zerfiel, und vergrub das theure Bild in das Chaos der Verzweiflung— und Alles, Alles nahm es mit ſich— und nichts blieb von ihm zuruͤck als das nie weichende Nichts!— Nichts!— hub er nach einer Pauſe wieder an— graͤßlich!— Wehe dem der dieſes Wort der Sprache einverleibte! Wehe dem der es immer und immee um ſich gaͤhnen ſieht,— und Nichts iſt als Nichts!“— Hier ſchleu⸗ derte er in wilder Heftigkeit den letzten Reſt des Kranzes in den See, und ſchneller als ihm mein Auge folgen konnte, war er, uͤber die Felsſpitzen fliehend, verſchwunden. Ich eilte ſo ſchnell ich vermochte der Stelle wieder zu, wo Seidler mich erwar⸗ tete, unvermoͤgend eine Sylbe auf ſeine aͤngſtlichen Fragen zu antworten, bis end⸗ lich der Fuͤhrer anlangte und ſagte, daß der Gegenſtand meines Schreckens ein Unbekann⸗ ter, wahrſcheinlich Wahnſinniger ſey, der ſchon ſeit einigen Wochen ſich hier aufhalte, Niemand etwas zu Leide thue und, die Menſchen fliehend, in den Hainen und Schluchten des Berges umherirre. Du wirſt es vielleicht uͤberſpannt von mir finden, lieber Vittorio, daß das Bild dieſes Ungluͤcklichen einen ſo tiefen Eindruck bei mir zuruͤck gelaſſen, und ſeine Worte — 152— 3 unaufhoͤrlich in meiner Seele wiederhallen?. allein Er und Valeriens Schickſal, und Camillo— Alles verwebt ſich in meiner Phantaſte zu einem Ganzen, dem ich zwar weder Form noch Ordnung zu geben ver⸗ mag, von dem es mir aber unmoͤglich iſt mich loszureißen. Waͤreſt Du hier, Du wuͤrdeſt dieſe treibenden Zweifel zur Feſtig⸗ keit zu geſtalten wiſſen. Wie ſehne ich mich Deiner Wiederkunft entgegen! Zwei und dreißigſter Brief. Barſino an Duport. Muß denn jedem Vergehen ſogleich raͤ⸗ chenden Tritts die Strafe auf dem Fuße folgen? Da wird es mir zu eng im ſigen Zirkel des Gluͤcks; da langweilt ſich mein unſtaͤ⸗ ter, ewig nach Anderm duͤrſtender Geiſt an der ruhigen Zaͤrtlichkeit Emiliens, und ich laſſe ſie in Rom zuruͤck, und eile mit mei⸗ nen wilden Geſellen nach Mailand, um dort — 153— im Strudel der Vergnuͤgungen die Bluͤthen. der Gegenwart zu brechen. 1 Da ſchreibt mir Emilie von einem raͤth⸗ ſelhaften Juͤnglinge der, gleich einer Erſchei⸗ nung, an ihr voruͤber geflogen. Ihre mit⸗ getheilten Vermuthungen, daß es Camillo geweſen ſeyn koͤnne, ſchlagen ahnend in meine Seele: ich fliege zu ihr— wir eilen zum Orte wo ſie ihn geſehen— Er iſt ſpur⸗ los verſchwunden.— Die Nachforſchungen die rich uͤber den Unbekannten angeſtellt, einige Worte die ich, von ſeiner Hand eingegraben, an einem Baumſtamme fand, ſteigern mein Hoffen zur Gewißheit: Es war Camillo. Wiäͤre i ich, treu meiner Pflicht, mit Emilien gegangen, ſtatt in dem tobenden Treiben mich ſelbſt zu verlieren, ich haͤtte ihn wieder gefunden, meinen Camillo!— Das Andenken an die ſchoͤnen Tage unſres Beiſammenſeyns, die Bitten, die Pflege des Freundes, haͤtten die Nacht ſeines Wahnſinnes verſcheucht, und Er waͤre wieder mein!— Ich wuͤthe ge⸗ gen mich ſelbſt!— — 154— Einige dunkle Anzeichen laſſen mich ver⸗ muthen daß Camillo ſeinen Weg nach Nea⸗ pel zu genommen. Sobald die noͤthigen Paͤſſe ausgefertigt ſind, fliege ich dieſer Spur nach. Emilie begleitet mich. Drei und dreißigſter Brief. Barſino a n Duport. Duport, Ou gabſt mir viele Beweiſe Deiner Freundſchaft, verzeihe dem Nimmer⸗ ſatten wenn er Dich abermals bittet: Wende allen Einfluß Deiner Familie an, den Auf⸗ enthalt des Grafen Contarino zu erfahren, der, wie ich endlich entdeckt, in eiuer fran⸗ zoͤſiſchen Veſtung ſeyn ſoll. Das Leben mei⸗ nes wiedergefundenen Camillo haͤngt viel⸗ leicht an dieſer Nachricht. Ich habe ihn endlich wieder den theuern Gefaͤhrten meiner Kindheit, aber— ſoll ich mich freuen? ſoll ich klagen? trauern? ver⸗ zweifeln?— Der Strahl der Vernichtung. hat den hohen Geiſt zerſchmetternd getroffe, und zertruͤmmert liegt das Schoͤne!— — 435— Wahnſinn loͤſchte die Himmelsflamme, und die ſchoͤne Huͤlle die ſie umgab, haͤngt von Krankheit zernagt, um ſie herum, wie der modernde Fetzen eines Sterbeklsidts um die Aſche des Todten. Camillo wankt unhat. die Nuins eines Erzengels! Ich ſchrieb Dir in meinem letzten Briefe 1 daß ich Camillo's Spur verfolge: In Ter⸗ 4 racina angelangt, lockt ein Volksgedraͤnge Emilien an das Fenſter: Man bringt einen Ungluͤcklichen, den ein mitleidiger Vetturino in den Pontiniſchen Suͤmpfen halb ſterbend gefunden, und mit ſich genommen hat, und * hier dem oͤffentlichen Mitleid uͤbergiebt. Er 1 wird vor dem Gaſthauſe abgeladen! Emilie ſſtuͤrzt mit dem Ausrufe: Er iſt es! die Trep⸗ pe hinab; ich folge ihr nach. Eine todtenaͤhnliche, mit Lunpen bedeckte Geſtalt wird vom Wagen gehoben: ich ſehe — und erkenne, ſelbſt in dieſem ſchrecklichen Zuſtande, meinen Camillo. Lange zweifelten wir, ob es unſrem Be⸗ muͤhen gelingen werde ihn aus ſeiner toͤdt⸗ — ——————— —-ͤͤͤͤͤͤdͤd11 ——;ʒ—— —— lichen Mattigkeit zu reißen— endlich ſchlaͤgt er die Augen auf— ich ſchließe ihn jauch⸗ zend in die Arme! Er ſieht mich ſtarr an, er kennt den Freund nicht mehr!— Emi⸗ lien ſcheint er wieder zu erkennen und reicht ihr oft, geruͤhrt durch die zarte Sorgfalt mit der ſie ihn pflegt, die abgezehrte Hand. Als ob das Schickſal alle Theilnehmer des Trauerſpiels unſres Freundes auf Einer Staͤtte zuſammen fuͤhren wollte, langte den Tag nach des Prinzen Wiederfinden Fede⸗ rigo in Terracina an, um zu den Laren ſei⸗ nes ſtillen Landhauſes zuruͤck zu kehren. Auf Emiliens Bitte um Nachricht von Va⸗ lerien, wußte er nichts weiter zu erwiedern als daß ſie wahrſcheinlich bei ihrem Va⸗ ter ſey. Sobald es Camillo's Geſundheit erlaubt, reiſen wir nach Tivoli ab; Federigo's ein⸗ ſame Villa nimmt uns dort in ihra ſtillen Verborgenheit auf. Auch Federigo's Andenken iſt in Camil⸗ lo's irrem Geiſte untergegangen, ſo wie uͤberhaupt jede Erinnerung ſeiner lichten 8 3 6 — 157— Vergangenheit; nur die Begebenheiten der letzten traurigen Zeit, wo er in Zerruͤttung umher irrte, ſchweben in verworrener Ge⸗ ſtaltung an ihm voruͤber, wie einige Worte die er, aber nur ſelten, gegen die einzige die er kennt, gegen Emilien, aͤußert, ver⸗ rathen laſſen. Lebe wohl Freund, die Poſt geht ab. Vier und dreißigſter Brief. Emilie an Adelheid. Ach Adelheid, waͤre ich doch wieder in meinem ſtillen Ferrara, wo nur Scenen der Liebe und des haͤuslichen Gluͤcks mich um⸗ laͤchelten! Mit dem Tage da ich es verließ, und der Muͤcke gleich, die der glaͤnzenden Flamme mit feurigem Fluge entgegenflattert um vielleicht den Tod in ihr zu finden, der Welt und ihren ſchimmernden Bildern ent⸗ gegen eilte, iſt der Friede aus meinem Her⸗ zen entſchwunden, und bittere Erfahrungen haben meinen Glauben an Menſchengluͤck und Menſchenwerth grauſam untergraben. — 158— Wohl mir wenn mein Gluͤck nicht in die⸗ ſem Abgrunde verſinkt. Wir haben Camillo wieder gefunden; al⸗ lein tiefe Schwermuth haͤlt ihn umfangen: er erkennt ſeinen Jugendgenoſſen, ſeinen Freund Barſino nicht mehr.— Alles For⸗ ſchen weshalb er, der Sohn und Erbe ei⸗ nes der vornehmſten und reichſten Fuͤrſten⸗ haͤuſer Italiens, duͤrftig und einſam umher⸗ irrend angetroffen wurde, it⸗ umſonſt: er weiß nichts mehr von den Zeiten ſeines Glanzes. Ich nannte ihm den Namen ſei⸗ ner Mutter— er fuhr heftig zuſammen: Nicht zu ihr! rief er aus— Sie that mir wehe!— ſetzte er nach einer Pauſe wehmuͤ⸗ thig hinzu.— Was that ſie ihnen? frug ich;— er legte die Hand aufs Herz, ſchuͤt⸗ telte ſtumm den Kopf, und verſank wieder in das ſtille Hinbruͤten, in welchem er ta⸗ gelang verweilt, ohne einen Laut hervor zu bringen.. Geſtern wagte ich es, Valeriens Namen vor ihm auszuſprechen: Er ſchrack auf, legte ſinnend die Hand an die Stirn... Ja, ſagte er dann leiſe vor ſich hin, ſo hieß Weinen aus. Barſino ſchlang liebend ſei⸗ nen Arm um ihn: Denkſt du Ihrer, Ca⸗ millo?— Der Prinz ſah ihn feſt an, ſein ſtarrer Blick loͤſte ſich in ſanfte Thraͤnen auf: Ja, ja! rief er unter ſtroͤmenden Thraͤ⸗ nen. Ploͤtzlich riß er ſich aus den Armen meines Mannes— dunkle Roͤthe uͤberzog ſein bleiches Geſicht: Wer wagte es dieſen Namen zu nennen! rief er mit wuͤthendem Tone, die geballten Faͤuſte vor ſich hin hal⸗ tend, er zittere vor meinem Zorne!— hier ſank er kraftlos auf den Stuhl zuruͤck. Ich nahete mich ihm: Kennt mich Camillo nicht mehr?— Ja, antwortete er erſchoͤpft, du biſt mein guter Engel; aber laß Jene, auf Barſino und Federigo deutend, fern von mir. Er iſt ſeit dieſem Auftritte matter und truͤber als zuvor; und doch verlangt der Arzt, ein ſehr denkender Mann und Fede⸗ rigo's vertrauter Freund, daß wir durch ſolche Erſchuͤtterungen auf ſein erſtorbenes Gemuͤth wirken ſollen.— Iſt es denn nicht Sie... und er brach in lautes, heftiges — 5——— — 160— genug, daß der Arme an unbekannten Wun⸗ den verblutet, muͤſſen wir noch mit grauſa⸗ mer Geſchaͤftigkeit die Rinde abreißen, die des Wahnſinns lindernde Hand daruͤber legte? Wir haben uns in Rom nach Camillo's Mutter erkundigen laſſen: ihr Palaſt ſteht veroͤdet, ſie ſelbſt reiſt im Auslande umher, allein man ſagte uns nicht wo. Sie hat die Villa bei Tivoli, welche Camillo in Valeri⸗ ens Naͤhe bewohnte, kaufen, und zu einem Irrenhauſe einrichten laſſen; dieß iſt das einzige Zeichen, welches ſie jahrelang von ih⸗ rem Daſeyn gegeben. Faſſe dieſe Handlung, Camillo's Zuſtand, und die Reden des Ungluͤcklichen den wir in jener Anſtalt ſahen, zu einem Ganzen zu⸗ ſammen; fuͤge zu dieſem noch Aureliens Cha⸗ rakter, ihre unverſoͤhnliche Rachſucht gegen Valeriens Vater: und das Licht welches daraus hervorbricht, wird Dir die Ahnung hell genug beleuchten, daß Aureliens Kuͤnſte furchtbar zwiſchen die Herzen der Liebenden traten, und ſie zu ihrem Opfer waͤhlten. E — 161— Einige Tage ſpaͤter: Immer heller flammt das Licht auf das ſich uͤber der Nacht unſrer Lieben erhebt, aber nur um den Abgrund, in welchen ſie geſtuͤrzt worden, deſto furchtbarer zu er⸗„ leuchten. 4 8 Wir fuhren mit Camillo nach der Villa die er bei Tivoli bewohnt; wir fuͤhrten ihn in das Bosket wo er mit Valerien zuſam⸗ mengekommen— keine Spur der Erinne⸗ 3 rung weckte dieſer Ort in ihm. Indeß hatte ſein Arzt, der in die Villa gegangen war, vom dortigen Irrenarzte, ſeinem Bruder, erlangt, daß Paolo, der ehemalige Kammer⸗ diener des Fuͤrſten Alfonſo, der uns und Dir bekannte Wahnſinnige der hier verwahrt wurde, mit ihm ſpazieren gehen duͤrfe. Kaum gewahrte Paolo meinen Mann, als er ſich auf ein Knie vor ihm niederließ, und ihm auf das Ruͤhrendſte fuͤr den Schutz — dankte, den er ihm angedeihen laſſen: ſeit dieſer Zeit, fuhr er, ſich ſchuͤchtern umſe⸗ Hend fort, ſind ſie viel milder mit mir... * ach, ſie waren ſonſt ſehr boͤs!“— Camillo 3 1 L — 162— von den Toͤnen einer bekannten Stimme ge⸗ troffen, hob hier ſein auf die Hand geſtuͤtz⸗ tes Haupt: Paolo! ruft er mit furchtbarer Stimme, und ſinkt ohnmaͤchtig nieder. Wir eilen zu ſeiner Huͤlfe; Paolo erkennt ihn, und faͤllt zu ſeinen Fuͤßen:„Mein Prinz, mein geliebter Prinz!... den ich.. Ha, ich Ungeheuer! Auswurf der Natur! — In verzweifelnder Heftigkeit wuͤthete er gegen ſich ſelbſt, und kaum vermochten Barſino und Federigo ihn zu zaͤhmen, bis er endlich erſchoͤpft an einen Baum ſchwank⸗ te, und, ihn mit beiden Armen umſchlin⸗ gend, heftig anfing zu weinen. Der Arzt hatte indeſſen Camillo ins Le⸗ ben zuruͤckgerufen, allein er war ſo matt und angegriffen, daß er ſchnell zum Wagen getragen werden mußte, und wir verließen mit ihm dieſen erſchuͤtternden Ort. Federigo blieb bei Paolo zuruͤck. Menſch, redete er ihn ſtreng an, welch Geheimniß waltet hier?— Das ſchrecklichſte, antwor⸗ . 4„a tete er bebend, aber ich kann nicht... ein — — 463— Schwur, ein graͤßlicher... bindet meine Zunge... kein Prieſter kann ihn loͤſen.. Ach Gott! Ach Gott!— Und wer kann dich deines Eides entbinden, Bedauerns⸗ werther?— Die Fuͤrſtin Aurelia!.. Sie zwang mich dazu.. und da ich in mei⸗ ner Quaal einem frommen Prieſter meine Suͤnde beichten wollte, warfen ſie mich in ein tiefes Gefaͤngniß, in das kein Strahl des Tages drang; und als ich wuͤthend meine Ketten zuſammen ſchlug, und als ich den ſchwarzen Mauern zurief daß ich ein Verbrecher ſey... da nannte man mich toll, und brachte mich hierher... ach, was habe ich hier gelitten!... Aber ſtill, fuhr er aͤngſtlich fort, wenn man es hoͤrt, ſchnuͤrt man mich wieder in die ſchweren Bande, die alle meine Glieder feſſeln. Ach aus Barmherzigkeit guter Mann, ſage den Leu⸗ ten in jenem Hauſe nicht, daß ich mich uͤber ſie beklagt!— Der Doktor des Irrenhau⸗ ſes unterbrach ſie hier um Paolo zu holen, uͤber deſſen Ausgehen der Vorſteher der Anſtalt in die hoͤchſte Angſt gerathen, weil 4 2 —— —ÿ—ÿ—ÿL—ſͤſſ e — 1— ihm deſſen Bewahrung aufs Schaͤrfſte von der Fuͤrſtin anbefohlen worden. Camillo iſt ſeit jenem Tage ſehr krank: fuͤrchterliche Phantaſien aͤngſten ſeinen kran⸗ ken Geiſt. Er ruft unaufhoͤrlich ſeine Mut⸗ ter, und beſchwoͤrt ſie Barmherzigkeit mit ihm zu haben; auch Valerien nannte er, fuhr dann wild auf, mit dem Ausrufe: der Mutter Verbrechen, des Vaters Schuld, gab dir das Leben, und mir den Tod. Sobald Camillo etwas ruhiger iſt, reiſt Barſino ab, um die Fuͤrſtin Almaviva auf. zuſuchen, die allein den Faden in dieſem ſchrecklichen Labyrinthe geben kann. Ich bleibe dann wieder allein, getrennt von dem was meinem Herzen theuer iſt, und traurige Zeugin der Leiden des ungluͤcklichen Camillo. — Wie gern ging ich in mein ſtilles Ferrara zuruͤck, wenn meine Gegenwart hier nicht noͤthig waͤre: ich bin die Einzige die Ca⸗ millo beruhigen kann, die er erkennt, der er vertraut. Und ſo iſt mein Daſeyn, auch bei allem Schmerze, mit dem ſuͤßen Troſte ge⸗ wuͤrzt: Du kannſt einem Weſen Gutes thun. —— —— — 865— Fuͤnf und dreißigſter Brief. Duport an Barſino. Der Graf Contarino lebt als Staats⸗ gefangener auf dem Bergſchloſſe Joux im Departement Doubs; er wird gut behandelt, aber ſo ſtreng bewacht, daß es nicht moͤg⸗ lich iſt zu 3 zu gelangen. Sein Verbre⸗ chen iſt unbekannt, er iſt dem Gouverneur als ein der oͤffentlichen Ruhe hoͤchſt gefaͤhr⸗ liches Subject zur ſorgfäͤltigſten Obhut uͤber⸗ geben worden. Dieß iſt Alles, lieber Barſino, was ich 1 nach den muͤhſamſten Nachforſchungen uͤber ihn habe ausforſchen koͤnnen. Er iſt, wie lich aus einigen dunkeln Umſtaͤnden errathe, auf Anklage der Familie Almaviva gefangen ge⸗ ſetzt worden, und da Du dieſer naͤher ſtehſt als ich, wirſt Du ſie leichter bewegen koͤn⸗ nen, die noͤthigen Schritte in dieſer Sache zu thun. Eine Entfuͤhrung oder Flucht hat man dadurch unmoͤglich gemacht, daß man dem Grafen ſein Ehrenwort abgenommen, nichts fuͤr ſeine Befreiung zu unternehmen. 3— 166— Von ſeiner Tochter habe ich keine Spur zentdecken koͤnnen; wenn mich aber meine Vermuthung nicht taͤuſcht, ſo iſt ſie der junge Menſch, welcher ſeit einiger Zeit mit ihm eingeſchloſſen iſt, um ihn zu bedienen, und ſeiner mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit pflegt; allein er iſt eben ſo ſtreng von der Außen⸗ welt geſchieden, als der Oras Mehr kann ich Dir jetzt nicht ſchreiben, der Courier, dem ich groͤßerer Sicherheit und Schnelle wegen dieſen Brief mitgebe, geht in wenig Minuten ab. Lebe wohl und gebiete uͤber Deinen Freund, der mit Freuden das Leben, das Du ihm bei Amberg gerettet, zu Deinem Dienſte anwendet.— Sechs und dreißigſter Brief. Barſino an Emilien. Mein Billet aus Rom meldete Dir, meine theure Emilie, daß ſich jetzt die Fuͤrſtin Au⸗ relia in Joizza aufhalte, um die dortigen Baͤder zu gebrauchen. Ich reiſte ſogleich . — 167— dahin, und bin gluͤcklich und ſchnell hier angelangt. So wenig dieſe unbedeutende Nachricht zu dem wichtigen Geſchaͤfte paßt, das ich hier zu vollfuͤhren habe, ſo noͤthig iſt ſie zur Beruhigung Deiner liebenden Sorge fuͤr mein Wohl. Ich ſuchte ſogleich die Fuͤrſtin in dem kleinen Hauſe auf, wo ſie, der ſonſt koͤnig liche Pracht kaum genuͤgte, mit einem klei⸗ nen Gefolge, von allem Umgang zuruͤckge⸗ zogen, in groͤßter Einfachheit kebe, und wurde vorgelaſſen. Welche Veraͤnderung fand ich hier! Statt der ſelbſt in ſpaͤtern Jahren noch jugendlich ſchoͤnen Frau, geſchmuͤckt mit Allem, was die Mode Reizendes, was Stand und Reich⸗ thum Praͤchtiges haben, ſaß, in ein ſchwar⸗ zes, weites Gewand gehuͤllt, eine bleiche, abgezehrte Alte auf einem aͤrmlichen Sopha. Das gebietende, ſchoͤne Auge iſt in ſtarrer Kaͤlte verloſchen, und eine bittre Fuͤhlloſig⸗ keit ſpricht aus ihren, mit eiſigem Stolze uͤbergoſſenen Zuͤgen. Was bringen Sie mir? frug ſie ſichtber — 168— erſchuͤttert, mit einer nur mit Muͤhe feſten Stimme.— Eine Nachricht, gnaͤdigſte Fuͤre ſtin, die Ihnen nicht unlieb ſeyn wird.— Ich weiß nur Eine auf der Welt, die ich ohne Widerwillen anhoͤren kann.— Und wenn ich der Ueberbringer einer ſolchen waͤre?— Dann zoͤgern Sie nicht, ich bin auf Alles gefaßt: Lebt Er oder nicht?— Er lebt.— Wohl denn, ich werde Befehl geben, daß er ſogleich zu mir gebracht werde.— Nicht zu ſchnell, Signora; er war krank, ſehr krank, und erſt ſeit wenig Tagen iſt er aus der dringendſten Gefahr. — Dauert ſein Wahnſinn noch fort?— War er ſchon bei Ihnen in dieſem traurigen Zuſtan⸗ de?— Allerdings, und in einem dieſer Anfaͤle entfloh er meiner Obhut.“— uUund dieß Alles ſagte die fuͤhlloſe Frau mit einer Kaͤlte, einer Theilnahmloſigkeit, als ob ſie von dem ihr fremdeſten Gegenſtande ſpraͤche, ſie, die ihren Sohn ſonſt anbetete! 3 Ich ſchilderte ihr nun mit den ruͤh⸗ rendſten Worten das Elend Camillo's, ihres einzigen Kindes: Sie hoͤrte mir lange ruhig — 469— zu; endlich brach ein Strahl der Ruͤhrung durch die kalte Nacht, aber, als ob ſie ſich dieſer Regung ſchaͤme, wendet ſie das Ge⸗ ſicht von mir ab und fragt leiſe mit zit⸗ terndem Tone: Was kann ich fuͤr ihn thun: Ihm Mutter ſeyn, theure Fuͤrſtin! rief ich, Sie wiſſen was ihn in dieſen Jammer ſtuͤrzte: Opfern Sie das Andenken einer Beleidi⸗ gung dem Gluͤcke ihres Sohnes, geben Sie ihm Valerien!“ Ich war bei dieſen Wor⸗ ten zu ihren Fuͤßen geſunken... Da ent⸗ reißt ſie mir mit heftiger Bewegung ihre Hand, die ich im Feuer der Rede unbewußt gefaßt und an mein Herz gedruͤckt hatte, wen⸗ det langſam ihr Geſicht gegen mich, auf welchem wieder die bitterſte Kaͤlte herriſch der augenblicklichen Mahnung der Natur gefolgt war, und antwortet mit ſchneiden⸗ dem Tone: Wenn dieſes der Preis der Ge⸗ neſung meines Sohnes iſt, ſo bleibe er wahnſinnig: ich will ſeinen Namen lieber in den Regiſtern eines Irrenhauſes, als in den Annalen der Schande ſehen.— um Gotteswillen, Fuͤrſtin! widerrufen Sie die⸗ — 170— ſes ſchreckliche Wort! Bedenken Sie— FSlauben Sie, junger Menſch, daß ich un⸗ bedacht ſpreche? Mein Leben gebe ich fuͤr mein Kind, meine Ehre nicht.— Mutter, loͤ⸗ ſen Sie das Geheimniß das auf dieſem un⸗ gluͤcklichen Vorgange liegt!— Das mag mein Sohn, ich erlaube ihm zu ſprechen.— Loͤſen Sie mindeſtens Contarino's Feſſeln!— Der Schaͤndliche leidet den Lohn ſeiner Tha⸗ ten. Noch einmal, wenn mein Sohn durch meine Einwilligung in jene erniedrigende, gottloſe Verbindung geneſen ſoll, ſo bleibt er krank.— Und dieß iſt Ihr letztes Wort? — Mein letztes.“— Hier ſchellte ſie; ihre Kammerfrau kam, die Fuͤrſtin ſtand mit ih⸗ rer Huͤlfe vom Sopha auf, verabſchiedete mich mit einem Kopfneigen, ſo kalt, ſo ſtolz, daß ich dabei erſtarrte, und verließ das Zimmer. Ich bin ſeit dieſem Beſuche Meßreremale des Tages an ihrer Wohnung geweſen, man verſagte mir den zutritt: die Fuͤrſtin ſey ſo leidend, daß ſie Niemand ſehen koͤnne, war jedesmal der Beſcheid. — — 8 — 171— Wenn ich Aurelien nicht mehr ſehen kann, komme ich bald zu Dir zuruͤck; was ſoll ich auf dieſer traurigen Inſel, wo mein Anfenthalt ganz unnuüͤtz iſt, waͤhrend mich mein Herz zu Dir und Camillo ruft. Sieben und dreißigſter Brief. Barſino an Duport. Dank Dir Freund, fuͤr die ertheilten Nachrichten! Dieſer Beweis Deiner Liebe erwaͤrmte wohlthaͤtig mein Herz, das die Fuͤhlloſigkeit eines— Weibes?— Nein! dann waͤre ſie ja Eines Geſchlechts mit mei⸗ ner Herz⸗ und gefuͤhlvollen Emilie, alſo ei⸗ nes Mißgriffs der Natur, zu Groͤnlands Eiſe erſtarrt hatte. Ich habe die Fuͤrſtin Aurelia geſprochen: ſie thut nichts zur Rettung ihres Sohnes, nichts zur Befreiung Contarino's!— Ver⸗ 4 lange nicht, Duport, daß ich Dir mehr von ihr ſage, ich koͤnnte das ganze Geſchlecht ver⸗ fluchen, wenn ich daͤchte daß noch lehn ſol⸗ cher Aurelien darunter waͤren. Camillo traf ich bei meiner Ruͤckkehr noch ſehr matt: er ſpricht noch weniger als vorher, allein ſein Geiſt iſt heller geworden. Vielleicht— kaum wage ich es der Hoff⸗ nung Raum zu geben, aber waͤre es moͤg⸗ lich daß er uns wieder geſchenkt wuͤrde, ſo waͤre es nur durch Valeriens Ruͤckkehr moͤg⸗ lich; dieſe Erſchuͤtterung muͤßte auf ihn wirken. Emilie kam eben mit aͤngſtlicher Haſt mich zu Camillo zu rufen: eine Art Starr⸗ ſucht hat ſich ſeiner bemaͤchtigt; er athmet ſchwer, ſein halb geſchloſſenes Auge ſteht regungslos, er ſcheint ohne Gefuͤhl und Bewußtſeyn.— Der Arzt empfiehlt Ruhe als das einzige hier anwendbare Mittel, um die Kriſe in der er ſich befindet, durch keine aͤußere Einwirkung zu ſtoͤren.— In bangem Schweigen, wo Keines wagt zu hoffen noch zu fuͤrchten, wo nur Winke und Zeichen die Worte unſrer bewegten Seelen ſind, harren wir Alle des Ausgangs. Zwoͤlf lange Stunden waren vergangen; wir wachten wechſelsweiſe uͤber den immer — 13— ſich gleich bleibenden Zuſtand Camillo's— da oͤffnet er endlich die Augen: ſein erſter Blick faͤllt auf mich. Barſino! ruft er im Tone freudiger Ueberraſchung und ich fliege in ſeine Arme und, lache nicht Duport, und heiße Thraͤnen floſſen uͤber meine Wange, und ich ſchaͤmte mich nicht dieſer weibiſchem Regung. 3 Nach dem erſten Sturme des Entzuͤckens nahte Emilie: Camillo wurde nachſinnend bei ihrem Anblicke. Wo ſah ich ſchon dieſe holde Erſcheinung, fragte er ſich, in einem Zuſtande von halb Traum halb Wirklichkeit, ſchwebte ſie wie ein troͤſtender Engel an mir voruͤber... Es iſt mein Weib, Camillo, meine treue geliebte Begleiterin auf dem Le⸗ benswege!— Iſt ſie das? dann wohl dir! du kannſt ſie dein nennen die du liebſt... ich..—“ und er legte das Haupt in die Hand, und verſank in ſtummes Nachſinnen, wie in den Tagen ſeiner Geiſteskrankheit. Emilie erbleichte, und entfernte ſich ſchnell; ich zog ihn an meine Bruſt: Was iſt dir Freund? du ruhſt am Herzen deines Vitto⸗ —— — — ———— — 174— rio.— Sey nicht bange, hub er endlich mit einem tiefen Seufzer an, ich habe ei⸗ nen finſtern, ſchweren Traum gehabt— er muß lang geweſen ſeyn... Noch ſind es mir Raͤthſel wie das Alles gekommen, aber, es wird mir klar werden.— Lieb⸗ ſter Camillo, laß alles Nachſinnen uͤber die Vergangenheit.— Ich kann es auch nicht; mein Kopf iſt ſo ſchwer, und doch ſo leicht; mein Herz ſo leer, und doch ſo voll!— Jetzt trat der Arzt herein, welcher, hoch⸗ erfreut uͤber den Zuſtand Camillo's, dieſem die groͤßte Ruhe anempfahl, und uns aus⸗ druͤcklich auftrug, beim Prinzen alle Ruͤck⸗ erinnerungen an die Vergangenheit zu mei⸗ den. Die Bilder werden leiſe nach einander aus dem Nebel der Vergangenheit auftau⸗ chen, ſetzte er hinzu, dann laſſen wir ſie langſam an ihm voruͤberziehen; wollten wir ſie gewaltſam wecken, ſo wuͤrden, bei ſei⸗ nem immer noch gereizten Zuſtande, unſre ſchoͤnen Hoffnungen mit einem Male wieder pernichtet. 3 — 175— Acht und dreißigſter Brief. Emilie an Adelheid. Da bin ich wieder in meinem lieben haͤuslichen Ferrara; an Erfahrungen reicher, aber an Freuden aͤrmer! Ach, warum muß⸗ ten dieſe erſchuͤtternden Bilder durch mein ſtilles Leben ziehen, und verheerend in ſei⸗ nen gluͤcklichen Frieden eingreifen? Camillo iſt der Vernunft wieder gegeben: ſein Geiſt zerbrach die Feſſeln die ihn um⸗ wanden, und ſiegte. Seit jenem Zuſammen⸗ treffen mit Paolo war er kraͤnker als zu⸗ vor, und in langem Kampfe ſchwebte er zwiſchen Seyn und Nichtſeyn, bis endlich der Allerbarmer unſer Flehen erhoͤrte, und ihn aus todesaͤhnlichem Schlafe erwachen ließ. Er erkannte Barſino, er ſprach, er dachte. Endlich loderte der Funke zur Flamme empor, und ſein hoher Geiſt ſtrahlte wieder im Glanze ſeines Werthes. Da wagte ich es noch einmal, ihn leiſe an Valerien zu erinnern. Eine Thraͤne tie⸗ fen Schmerzes zitterte in ſeinem Auge; ein „Dann muͤſſen Sie mich haſſen!— Ich war zweifle nicht mehr an Ihnen, ſeit ich Sie ſchwerer Seufzer wand ſich aus dem wun⸗ den Herzen:—„Sie kennen ſie? frug er wehmuͤthig.— Sie iſt meine Freundin!— nahe es zu thun, ehe ich Sie kannte; jetzt kann ich Sie nur lieben und— beklagen.— „Wohl bin ich beklagenswerth! Emilie, wuͤßten Sie die Folterquaal die bei dieſer Erinnerung meine tauſendfach zerriſſene Bruſt durchzuckt: Sie wuͤrden mit den ſchoͤnſten Thraͤnen Ihres reinen Auges die Zweifel ausloͤſchen, die Sie an mir hatten.— Ich kenne, allein, wenn Sie das Dunkel auf⸗ hellen koͤnnen, das uͤber dem Schickſale Va⸗ leriens haͤggt— Jetzt nicht! aber es ſoll Alles klar werden.— So brechen Sie wenigſtens die Banden in denen Graf Con⸗ tarino ſchmachtet!— Contarino gefangen? — und auf Ihr Verlangen, wie man ſagt. — Durch mich?— Barſino erzaͤhlte ihm jetzt den Vorfall; Camillo war außer ſich. So mißbraucht man meinen Namen? rief er in ſchmerzlichem Zorne; ſchnell, wendete 5 ſich an Barſino, ſchnell muß ich fort!— Dulde daß ich dich begleite, Camillo.— Ich wagte nicht dich darum zu bitten, Dank dir daß du mir zuvorkamſt!.. Zuerſt muͤſ⸗ ſen wir meine Mutter aufſuchen, auch ihr Name iſt mit beſchimpft.— Du weißt daß ſie den Grafen haßt.— Barſino! rief der Prinz mit flammenden Augen, haͤlſt du meine Mutter eines Verbrechens faͤhig? Mein Mann, um ſeine eigne Hitze nicht auf⸗ lodern zu laſſen, verließ ſchnell das Zimmer; Camillo, ihm nach eilend, ſchloß ihn in die Arme: Verzeihe Freund, ich war ungeſtuͤm; aber eile, eile! jede Minute Verzug witd Verrath!— Emilie, ſagte er zuruͤckkommend zu mir, Sie waren mein guter Engel in den Tagen der Truͤbſal; breiten Sie die Strahlen Ih⸗ res ſanften Geiſtes uͤber dieſes unruhig be⸗ wegte Herz... Sagen Sie mir, aus Mit⸗ leid... Wo lebt Valeria?— Wahrſchein⸗ lich bei ihrem Vater.— Alſo auch ihr raubte jene tuͤckiſche Hand die Freiheit?... Und ſie glaubt dieß Alles mein Werk?— d NN 1 178 Retten Sie den Grafen, und Valeria wird Ihnen Alles verzeihen.—„Wenn Sie wuͤßte“.— Aber, lieber Prinz, warum darf ſie nicht wiſſen?—„Weil dann ihr Auge, das mit ſehnendem Hoffen nach dem Schatten einer Verklaͤrten blickt, ſcheu zu⸗ ruͤckbeben wuͤrde; weil ihr Herz, das ſich mit troͤſtender Liebe an die Bruſt eines Va⸗ ters zu legen waͤhnt, kalt ſich von dem Fremden losreißen muͤßte; weil die Flamme der Liebe, die, am Strahle der Ewigkeit entzuͤndet, immer in ihrem reinen Herzen in heilig verborgener Gluth fortglimmt, zur Leichenfackel der Tugend wuͤrde, die verzeh⸗ rend uͤber ſie zuſammen ſchluͤge.— Prinz, um Gotteswillen!.. Valeria iſt..— Meine Schweſter!“— Mit ſtummem Ent⸗ ſetzen ſah' ich ihn an.. Jetzt, fuhr er fort, erkennen Sie das Fuͤrchterliche mei⸗ nes Zuſtandes: mit unaufhaltſamer Gewalt zieht mich mein Herz zu ihr hin... und mit dem ewig ſtarren, ewig unerbittlichen Willen tritt die Pflicht dazwiſchen und ſcheucht mich zuruͤck... Und jenes Wollen, — 179— und dieſes Muͤſſen, peitſchte meinen Geiſt in furchtbarem Wirbel umher... bis er endlich unterlag.— Camillo! mäßigen Sie ſich! rief ich in hoͤchſter Angſt.— Fuͤrchten Sie nichts, der Sturm hat ausgetobt, und leer und kalt, aber ruhig iſt die Staͤtte, die einſt ſo lebendig aufflammte in dem Morgengolde einer— ſo hoffnungsreichen Zeit.. Ich fliege jetzt zu Valeriens Ret⸗ tung: ich darf, ich will ſie nicht wiederſe⸗ hen... Aber verſprechen Sie mir, Emilie, ihr zu ſagen, daß ich es nicht war der ih⸗ ren Vater in den Kerker ſtieß. Dulden Sie nicht daß der Graf meinem Andenken fluche — jedoch verſchweigen Sie ihm das Ver⸗ brechen ſeiner Gattin— rauben Sie ihm nicht die Hoffnung mit der er an ihrem Grabe betet... Ach, es iſt ſo graͤßlich, hoffnungslos zu ſeyn!— Aber, beſter Ca⸗ millo, es iſt mir unmoͤglich dem Gedanken zu glauben, daß Valeriens Mutter.. Wer buͤrgt Ihnen fuͤr die Wahrheit des Geruͤchts?— Es iſt Wahrheit, furchtbare, klare Wahrheit!— Und wer gab ſie Ih⸗ M 2 ——— — 485— nen?— Der heiligſte Buͤrge meines Her⸗ zens: meine Mutter.— Auch ſie konnte hintergangen ſeyn.— Der Kammerdie⸗ ner meines Vaters bekraͤftigte ſie ihr mit ſchwerem Eide: jener Paolo, deſſen furcht⸗ bare Erſcheinung meinen kranken Geiſt mit graͤßlichem Stoße weckte, und die Nacht lichtete die mich mit ſchauderhaftem Dunkel umhuͤllte.— Aber Paolo ſprach von Ver⸗ brechen die er begangen, von Schwuͤren die ſeine Zunge feſſelten..— Brechen wir ab davon! Es iſt meine Mutter die es ge⸗ ſagt, die es betheuert hat.. Eine Mutter kann ihren Sohn nicht taͤuſchen.“ Kaum war Camillo mit meinem Manne abgereiſt, als ich mit Federigo nach jener Villa der Fuͤrſtin Aurelia eilte: allein ver⸗ gebens war unſer Bemuͤhen mit Paolo zu ſprechen; ſelbſt Gold— dieſer maͤchtige He⸗ bel bei dem gemeinen Italiaͤner— ver⸗ mochte nicht die Thuͤre ſeiner Zelle uns zu oͤffnen. Der Vorſteher der Anſtalt bat uns dringend, von einer Nachforſchung abzuſte⸗ hen, die, der ſtrengſten Befehle der Fuͤrſtin — 181— wegen, unmoͤglich ſey, und nur dazu fuͤh⸗ ren werde, das Schickſal des Ungluͤcklichen zu erſchweren. Ich kehrte nun nach Ferrara zuruͤck, und erwarte mit Sehnſucht Maehrlcht von Barfß ino. Neun und dreißigſter Brief. Barſino an Emillen. Nur wenige Worte, meine Emilie, um Dir unſere Ankunft in Rom zu melden. Camillo hat mir die Beziehung entdeckt in der er mit Valerien ſteht; es wuͤrde mich dieſes toͤdtlich aͤngſten, wenn ich nicht hoffte, daß es ein bloßes Vorgeben der Fuͤrſtin Aurelia ſey. Gegen Camillo, den der leiſeſte Zwei⸗ fel an einer Mutter die er ſchwaͤrmeriſch ver⸗ ehrt, zum hoͤchſten Zorne reizt, darf ich die⸗ ſen Gedanken nicht beruͤhren; deſto lauter aber geſtehe ich es Dir und mir. Der Prinz hat ſogleich im Polizeibuͤreau nach der Verhaftungsurſache des Grafen Contarino geforſcht, und uͤberall ſeinen Na⸗ ——— 5 * — 1832— men als handelnde Perſon gefunden; um ſo eifriger ſetzt er nun Alles zur Befreiung des Grafen in Bewegung. Noͤge es bald ge⸗ lingen!. Die Fuͤrſtin Aurelia iſt auf einem ihrer Landhaͤuſer bei Bologna. In einer wilden Gegend, zwiſchen Holz und Berg gelegen, lebt ſie gleich einer Einſtedlerin, entbloͤßt von allen gewohnten Bequemlichkeiten und Genuͤſſen des Lebens, jedem Auge verborgen. Lebe wohl, die Zeit draͤngt! Naͤchſtens ein Mehreres. Vierzigſter Brief. Der Prinz Camillo Almaviva an ſeine Mutter. Der Brief, meine geliebte, verehrte Mut⸗ ter, worin ich Ihnen meldete daß mein Geiſt geneſen, iſt unbeantwortet geblieben: moͤge nicht eignes Unwohlſeyn die Urſache davon ſeyn— Moͤgen die Sorgen, die Muͤ⸗ hen, die Ihnen der kranke Sohn, wenn auch ohne zu wollen noch zu wiſſen, verur⸗ — 183— ſacht, nicht in dem Grade ſtoͤrend auf Ih⸗ ren zarten Koͤrper gewirkt haben, daß der heiße Dank fuͤr meine wiedergeſchenkte Ge⸗ ſundheit, den ich, naͤchſt der Vorſehung, dem unermuͤdeten Streben meiner Freunde zolle, nicht durch die Unruhe um das Theu⸗ erſte was mir blieb, in Trauer gewandelt werde. Haͤtte ich blos der Stimme meines Her⸗ zens zu folgen, ſo laͤge jetzt der dankbare Sohn zu Ihren Fuͤßen, und flehte Sie um Verzeihung des Kummers den er Ihnen ko⸗ ſtete: allein eine Sache hoͤhern Werthes, die Ehre unſres Namens, verlangt meine An⸗ weſenheit in Rom, und jeder Augenblick Verzug wird ſtrafbar.. Der Graf Contarino iſt, kurze Zeit nach der traurigen Entdeckung, welche die Hoff⸗ nungen meiner Zukunft auf immer zerſtoͤrte, als Landesverraͤther auf eine Feſtung ge⸗ bracht worden, und zwar, wie die Akte ſei⸗ ner Verhaftung beſagt, auf meiner Mutter und meine Anklage. Die Verlaͤumdung iſt zu augenſcheinlich 1 — —— 4— als daß es mehr als eines Wortes von mir bedurft haͤtte, um meinen Antheil da⸗ ran ſogleich nieder zu ſchlagen: ein Gleiches in Ihrem Namen zu thun, wagte ich nicht; es bedarf nicht meines Zeugniſſes, um den ge⸗ ehrten Namen meiner edeln Mutter von fal⸗ ſchem Verdachte zu retten.— Sie werden die Gnade haben, geliebte Mutter, Ihrem Bevollmaͤchtigten zu befehlen, daß er die Sache beende und mit mir vereint ſich be⸗ muͤhe, die Faͤden des Gewebes zu entde⸗ cken, welches einen Unſchuldigen im Ker⸗ ker haͤlt. Mit banger Ungeduld ſehe ich der Ruͤck⸗ kehr des Couriers entgegen, der Ihnen die⸗ ſes Schreiben uͤberbringt, und ſobald das erwaͤhnte Geſchaͤft voruͤber iſt, eile ich zu Ihnen, um am Mutterherzen neuen Muth zu einem Leben zu ſchoͤpfen, das nur dann nooch Werth fuͤr ſeinen Beſitzer haben kann, wenn es Ihnen ganz und allein gewidmer ſeyn darf. Ein und vierzigſter Brief. Die Fuͤrſtin Aurelia Almaviva an ihren — Sohn. Mit den heißeſten Thraͤnen des Dankes habe ich Deinen erſten Brief von Tivoli ge⸗ leſen: daß er unbeantwortet geblieben, wird Dich nicht mehr befremden, wenn Du be⸗ denkſt in welchen Umgebungen Du Dich dort befandeſt, denen Dank ſchuldig ſeyn zu muͤſ⸗ ſen, der Gemahlin des Fuͤrſten Alfonſo Al⸗ maviva nicht gebuͤhrte. Warum ließeſt Du Dich nicht nach Rom bringen, in den Palaſt Deiner Vaͤter? Meine dort zuruͤckgelaſſene Dienerſchaft wuͤr⸗ de Dich Deinem Stande gemaͤß bedient ha⸗ ben, und mir haͤtteſt Du das ſchmerzliche Erroͤthen erſpart, meinen einzigen Sohn, krank und von Allem entbloͤßt, in der elen⸗ den Huͤtte eines Malers zu wiſſen. Dein zweites, ſo eben erhaltenes Schrei⸗ ben, hat mein Herz grauſam ergriffen, durch die Erwaͤhnung jener Familie, die uns alle un⸗ — 186— gluͤcklich gemacht, und deren Name Todes⸗ ſchauer in meine Adern gießt. So gewiß ich uͤberzeugt bin, daß jener Boͤſewicht nicht ſchuldlos leide, der ſeinem Weibe erlaubte, Deinen edlen Vater mit al⸗ len Kuͤnſten der Verfuͤhrung zu umſtricken, um ſich dadurch an mir zu raͤchen, die ich, im Gefuͤhle deſſen was ich mir ſchuldig ſey, einſt ſeine Hand verſchmaͤhte— ſo habe ich doch ſogleich die noͤthigen Befehle gegeben, um meinen Agenten zu Erfuͤllung Deines Wunſches zu bevollmaͤchtigen. Du weißt mein Sohn, daß Deine Bitten zu Befehlen werden, wenn ſie an das Herz einer Mut⸗ ter gerichtet ſind, deren einziges Gluͤck, deren hoͤchſter Stolz, deren letzte Hoffnung Du biſt. Aber eben dieſes Gefuͤhl fordert mich jetzt auf, auch an Dein Herz eine Bitte zu legen: Laß mich nun bald der Wonne ge⸗ nießen, Deine Hand in die einer Dir und unſrer Familie wuͤrdigen Gattin zu legen, und mit ſtolzer Hoffnung Enkel zu umar⸗ men, die den hohen Namen Deiner Vor⸗ aͤltern, deren letzter Sproſſe Du biſt, in 187 ſeinem alten Glanze fortbluͤhen laſſen. Du haſt nun die Verirrung der Leidenſchaft ge⸗ buͤßt, und frei von den unwuͤrdigen Ban⸗ den die Dich feſſelten, kehrſt Du wieder zur Mutter zuruͤck, die Dich mit Entzuͤcken empfaͤngt und die Gottheit anfleht, den Augenblick ihren letzten ſeyn zu laſſen, der ihr dieſes heißerſehnte Gut wieder entrei⸗ ßen ſollte. Daß Du, auch wenn es Dir gelingt dem Stoͤrer unſrer Ruͤhe wieder Freiheit zu Fortſetzung ſeiner Thaten zu geben, ihm je die geringſte Einwirkung auf unſer Schick⸗ ſal vergoͤnnen, daß Du ihn oder den un⸗ gluͤcklichen Zeugen der Verirrungen eines verehrten Dahingeſchiedenen, je wiederſe⸗ hen werdeſt, fuͤrchte ich nicht; ich habe Dein Wort, das noch kein Almaviva, noch kein Enkel der Orſenna's brach, und bin ruhig. Deinen verſprochenen Beſuch bitte ich Dich ſo lange zu verſchieben, bis ich Dich ſelbſt darum, erſuche: nicht eine von Kum⸗ mer gebeugte, in Angſt und Sorge dahin ſchwindende Mutter ſoll Dir entgegen wan⸗ — 188— ken; eine in Hoffnungen ſchnerer Zukunft wieder auflebende Gluͤckliche will den ge⸗ liebten Sohn an ihre Bruſt druͤcken. Zwei und vierzigſter Brief. Prinz Camillo an ſeine Mutter. Dank Ihnen, meine theure Mutter, fuͤr Ihre guͤtige Mitwirkung zu Befreiung jener Gefangenen, deren Name fortan nicht mehr unter uns genannt werde. Schon iſt mein Freund Barſino, mit den noͤthigen Voll⸗ machten verſehen, nach Joux abgereiſt, und bald werden ein Paar Herzen mehr in dank⸗ barem Gefuͤhle fuͤr Sie ſchlagen. Das Zutrauen womit Sie mich begluͤ⸗ en⸗ zu erfuͤllen, iſt die ſchoͤnſte Huldigung ich den Manen meines Stammes wei⸗ 9 kann, und dem klaſſiſchen Boden mei⸗ ner Vaterſtadt, die einen Regulus bildete. Den Wunſch den Ihr Brief ausſprach, zu erfuͤllen, iſt mir unmoͤglich, meine theure Mutter: nie kann mein Herz wieder in Liebe zu einem Weibe ſchlagen, und meine Gat⸗ * 189 rin zu einer bloßen Treibpflanze der Sproͤß⸗ linge meines Namens erniedern, kann Ihr Sohn nicht. Ich fuͤhle den Schmerz, mit dem Sie an das Erloͤſchen eines ruͤhmlichet — Geſchlechts denken, und theile ihn; aber kann er unheilbar ſeyn, hier, wo die Grac⸗ chen fielen, die Scipionen zerſtoben, wo ſei⸗ nes Brutus Geſchlecht unterging?— In 4 Truͤmmern verſunken rufen uns Dent. maͤler ihres Daſeyns zu: Wir wa ten, nd ſind nicht mehr!— Moͤge einſt die veroͤ⸗ dete Grabkapelle unſres ausgeſtorbenen Stam⸗ 1 mes denen, die daneben leben und bluͤhen in regem Handeln fuͤr des Vaterlandes Wohl, ſagen: Auch die, ſo hier ruhen, opferten einſt ihre Kraͤfte fuͤr das Gute, und der letzte Zweig dieſes einſt ſo frucht⸗ baren Baumes fand endlich die erſehnte Ruhe in dem ſtillen Schooße, der des Un⸗ gluͤcks ſchon ſo viel vergrub. Die Aerzte rathen mir Zerſtreuung an, Veraͤnderung der Luft— Ich fuͤhle ſelbſt daß mir dieſes Beduͤrfniß wird, um wieder das zu werden was ich fruͤher war, und — 190— nicht laͤnger in einem nutzloſen Daſeyn meine Tage nach Seufzern abzuzaͤhlen. Wenn mir meine guͤtige Mutter ihre Zuſtimmung giebt, werde ich eine Reiſe nach Frankreich und Deutſchland machen. Zuvor aber erlauben Sie mir, Sie wieder zu ſehen. Drei und vierzigſter Brief. Prinz Camillo an Barſino. Dein letzter Brief, mein beſter Freund, giebt mir die frohe Verſicherung, daß der Graf Contarino frei ſey, und gießt damit den er⸗ ſten Tropfen reiner Freude in mein, dieſem ſuͤßen Gefuͤhle erſtorbenes, Herz. Sey fer⸗ ner der Freund und Beſchuͤtzer der ſo hart Gepruͤften, und ſorge dafuͤr, daß mein An: denken ohne Haß in ihren Seelen ruhe. Valeriens himmliſches Herz wird in der Erfuͤllung ihrer Kindespflichten Erſatz fuͤr den Schmerz finden, den ich Ungluͤcklicher ihr bereiten mußte. In Deine Hand lege ich ihr Schickſal: Sey ihr das, wozu die Natur mich beſtimmte, und woran mein — — — 191— widerſtrebendes Herz nicht ohne Schaudern denken kann. Dieſes Herz das nur einmal — aber ewig liebt.—. Dieſer Brief ſey Dir das letzte Ver⸗ maͤchtniß eines Freundes, der Deiner und des herrlichen Weibes, das Du Gluͤcklicher Dein nennſt, mit hoͤchſter Dankbarkeit denkt, ſo lange als dieſes traurige Daſeyn noch auf ſeiner muͤden Seele laſten wird. Viel⸗ leicht ſehen wir uns lange nicht, vielleicht nie wieder. Ich fliehe das Land das mich geboren, um in fremden Gegenden meine heiße Sehnſucht zu kuͤhlen, um meinen er⸗ ſchlafften Geiſt zu neuer Thatkraft zu ſpor⸗ nen, und entweder ſiegend aus dem Kam⸗ pfe zu gehen, oder zu unterliegen. Erhalte mir Deine Freundſchaft, damit ich nicht ganz verarmt mein geliebtes Vaterland ver⸗ laſſe! Meine Mutter widerſteht ſtreng mei⸗ nem Flehen zu ihr kommen, und den Reiſe⸗ ſegen mir von ihrem lhenren Herzen holen zu duͤrfen. Lebe gluͤcklich an der Seite Deiner Emi⸗ lie, gluͤcklich als Bruder Valeriens! damit — 192— ein des ſchoͤnſten Lebensſegens Beraubter den letzten einzigen Genuß ſeines verwaiſten Herzens in Eurem Gluͤcke finde. Aber, aus Barmherzigkeit, nenne mir nie den Namen, der alle Entzuͤckungen und alle Qualen mei⸗ nes Daſeyns in ſich ſchließt.— Ach, mein Geiſt iſt ſo gebeugt, daß er ſelbſt die Kraft verloren hat, dem Schmerze zu gebieten!— Vier und vierzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Der truͤbe Schatten, der ſich auf mein Leben geſenkt hatte, iſt geſchwunden, und hell und golden ſtrahlt wieder die Sonne der Freude uͤber dem Haupte Deiner gluͤck⸗ lichen Emilie. Barſino war nach Frankreich gereiſt um Valerien und ihren Vater zu befreien. Un⸗ ter bangem Harren verging mir der hier ſo unangenehme Winter. Endlich meldet mir Vittorio, daß ſein Geſchaͤft beendet, ſein Wunſch erfuͤllt ſey, und er mit naͤch⸗ ſtem bei mir ünneeſſen verde; und mit dem — 193— Aufbrechen der Knoſpen tritt an einem hei⸗ tern Abende der Geliebte in mein Zimmer! Als der Sturm der Freude mir wieder Worte und Blicke erlaubte, faͤllt mein Auge auf Barſino's Begleiter: Eine hoͤchſt edle Geſtalt, um deſſen bleiches Geſicht und ge⸗ furchte Stirn ſpaͤrliche Silberlocken wallen. Graf Contarino; antwortet mein Mann mei⸗ nem fragenden Blicke. Valeria! ſtuͤrze ich zum Zimmer hinaus, und— Va⸗ leria liegt in meinen Armen!— Es iſt nicht mehr jene bleiche, trauernde Valeria, deren ruͤhrender Schmerz mit ſo ſtummer Beredtſamkeit Ehrfurcht und Mit⸗ gefuͤhl gebot.— Die Freude, ihrem Va⸗ ter nuͤtzlich geweſen zu ſeyn, hat ihre Wan⸗ gen mit iner ſanften Roͤthe angehaucht; das Ge’ yl erfuͤllter Pflicht hat einen leiſen Strahl r Heiterkeit in ihrem ſchoͤnen Auge entzuͤn.— O, ſie iſt jetzt noch unend⸗ lich ender als je! ch langem, muͤhſamen Forſchen ge⸗ lin es ihr endlich, die Gegend zu entde⸗ cke wo o ihr gefangener Vater ſchmachtetz N — 194— ſte legt Mannskleider an, reiſt mit Marco, fuͤr deſſen Sohn ſie gilt, nach Jouxp, und durch Liſt, Bitten und Geld gelingt ihr es endlich, in den Kerker ihres Vaters zu drin⸗ gen, und dem Kranken, der bitterſten Schwer⸗ muth Hingegebenen, als Diener und Waͤr⸗ ter beigeſellt zu werden. Unter ihrer treuen Pflege lebt der erſtorbene Lebensfunke des untergehenden Vaters wieder auf, und in ſtiller Ergebung und leiſem Hoffen leitet ſie ihn durch die bangen Tage der Haft, bis endlich Barſino, einem Boten des Himmels gleich, in ihrem Kerker erſcheint, und die Riegel ſprengt die ſte vom Leben trennten. Der Prinz hat des Grafen Landhaus an ſich gekauft, und, geſaͤubert von ſeinen letz⸗ ten Bewohnern, hat es der Graf, wie er glaubt, aus den Haͤnden der Obrigkeit die es eingezogen, wieder erhalten. uch ſein Vermoͤgen iſt ihm wieder erſetzt worden, wie man ihm glauben gemacht, waͤhrend Alles aus der Kaſſe des großmüͤthigen Ca⸗ millo gefloſſen. Federigo kam, ſeinen wieder geſchenten 8 — 05— Freund zu begruͤßen, und kehrte dann wie⸗ der zuruͤck, um in Contarino's Landhauſe die Spuren der letzten Zerſtoͤrung vertilgen, und es wieder in den Stand ſetzen zu laſ⸗ ſen, wie es bei des Grafen Dortſeyn war. Bis dahin bleibt meine geliebte, wiederge⸗ fundene Valeria bei mir, mit ihrem edeln, ernſten, geiſtvollen Vater, der mit ſeinem Schatze vielſeitiger und ſeltner Kenntniſſe, des Wiſſens hohen Reiz uͤber unſern fleiuen Zirkel verbreitet. und Camillo? fragſt Du. Camillo, u um ſeine mit Muͤhe wieder erlangte Geſundheit nicht neuen Stuͤrmen auszuſetzen, hat eine Reiſe unternommen, und uns ein langes Lebewohl geſagt. aun Dft wenn ich an der Seite Valeriens ſtillem Entzuͤcken den Toͤnen lauſche die zuihrer reinen Bruſt empor ſchweben; oder reifer Verſtand, ihr hochgebildeter Geiſt, himmliſcher Sinn im traulichen Geſpraͤ⸗ e ſich abbildet— ach dann treten oft leiſe hraͤnen in mein Auge, und ich frage im tillen, warum Sie und Camillo, dieſe zwei N 2 — 196— gleich herrlichen Weſen, welche die Natur als Meiſterwerke ihrer Kraft, in einer ih⸗ rer ſchoͤnſten Schoͤpfungsſtunden fuͤr einan⸗ der gebildet zu haben ſcheint, in ſo wider⸗ ſtrebendem Verhaͤltniſſe Eins gegen das An⸗ dre ſtehen muͤſſen?— und wiederholte mir die Fuͤrſtin ſelbſt, das was ſie ihrem Sohne geſagt, ich wuͤrde ihr kuͤhn widerſprechen. Contarino ſpricht oft von den Tagen die er mit ſeiner Giulia verlebt: von ihrem ſtillen, in ſich ſelbſt dahinſchwindenden Leben, von der ſchwaͤrmeriſchen Liebe, womit ſie an ih⸗ rem Gatten gehangen... Lauter Bilder der Liebe, der Treue, der Pflicht. Und dieß al⸗ les ſollte truͤgen? Und Contarino, der edle, feinfuͤhlende Mann, ſollte ſelbſt die Hand zum Bubenſtuͤcke geboten haben?— un⸗ moͤglich!— Und Paolo's Geſtaͤndniß; die aͤgſtliche Sorge mit der man ihn unſerm Forſchen verbirgt:— Der Allweiſe loͤſt dieſe Raͤthſel, wenn Menſchenkraft zich zureicht. Noch wußte Valeria nicht daß ich er millo kenne; noch wagte ich nicht durch dh — 197— Erinnerungen an ihn die Wunde zu beruͤh⸗ ren, die ewig in ihrem und ſeinem Herzen fortbluten muß. Eines Tages jedoch, wo Valeria in meinen Muſikalien blaͤtterte, ſahe ich ſie ploͤtzlich erblaſſen. Ich fliege zu ihr! ſie deutet ſchweigend auf das Blatt das ſie in der zitternden Hand haͤlt. Es war eine Arie, von welcher ich nur den erſten Vers beſaß, und Camillo mir die fehlenden Zei⸗ len dazu geſchrieben hatte. Ich will es bei Seite legen, ſie haͤlt es feſt: Wer ſchrieb dieſes?— Mein Freund Camillo! rief ich, mit Thraͤnen mich an ihre Bruſt legend.— Du kennſt ihn?— Valeria, wenn ich dir ſagen duͤrfte...— Weißt du von ihm, ſo.. ach meine Emilie!“— Ich erzaͤhlte ihr nun wie ich ihn am Albanerſee gefun⸗ den, wie er krank zu uns gekommen, wie er geneſen, wie er abgereiſt ſey um ihren Kerker zu oͤffnen, und wie er jetzt in fernen Landen die Ruhe ſuche, die ihm unter dem heitern Himmel ſeiner Heimath fehle. Valeria hoͤrte mir erſt mit anſcheinender Ruhe zu; aber bald fing dübre Bruſt an zu 4 — 198— fliegen, ihre Farben wechſelten— und als ich ihr ſagte, daß Camillo's letzter Auftrag an mich geweſen, ſein Andenken bei Vale⸗ rien zu rechtfertigen, da ſank ſie mit lau⸗ tem Schluchzen an mein Herz.„Er war es, der meinen Vater aus den Haͤnden ſei⸗ ner Verfolger rettete, ſagte ſie endlich mit zum Himmel gewandtem Blick, das lohne ihm Gott, und vergebe ihm das was er mir gethan, wie ich ihm laͤngſt verziehen habe.— Valeria, nicht er brach dein Herz, Pflicht und Schickſal..— Laß das, meine Emilie, mag er, moͤgen Andere das 3 Band zerriſſen haben, das ſich in ſeliger Wonne um unſre Seelen wand, genug, es iſt zerriſſen!.. Laß uns nicht wieder von Ihm ſprechen, Emilie; ach, du weißt nicht welch ein nie verſtegender Strom von Liebe und Schmerz noch in dieſem ſchwachen Herzen fuͤr ihn quillt, und welch ein har⸗ ter Kampf es iſt, entſagen zu ſollen, zu muͤſſen, da, mo anan fuͤhlt daß es unmoͤg⸗ lich iſt. Hier ging ATles en in den Garten, — — — 4 Himmel in ihn goß zu — 199— und da ſie wiederkam, war ſie wieder ru⸗ hig, ſanft und liebreich, wie zuvor. Adelheid, welch ein Geiſt! und ſie iſt ſo ungluͤcklich!— 1 Fuͤnf und vierzigſter Brief. Barſino an die Fuͤrſtin Aurelia Almaviva. Wenn der Menſch den Mitbruder ver⸗ ſinken ſieht, ſo eilt er ihn zu retten— aber zur verzweifelnden Schnelle wird dieſe Eile, und zu dem aͤußerſten Mittel greift er, wenn es den Bekannten, den Freund, den See⸗ lenverwandten gilt; und er vergißt Ruͤck⸗ ſichten, und Befehl, und Verbot— es iſt um die Rettung des Geliebten. Ddieſer Eingang, gnaͤdigſte Fuͤrſtin, moͤge Ihnen als Entſchuldigung gelten fuͤr den Schritt, den ich bei Ihnen wage. Ihr Sohn, J Iie ae ,geliebtes Kind, verzehrt in ſtillem Grame das Feuer, das der oßen edlen Thaten; reich genug eine (Cz Gel — 200— Welt zu begluͤcken, droht wieder in die Nacht zuruͤck zu ſinken, aus der er ſich mit der letzten Jugendkraft riß. Sie wiſſen was die traurige Urſache da⸗ von iſt. Waͤre mir es als unbezweifelte Ge⸗ wißheit bewieſen, daß Geſetz und Natur zwiſchen die Vereinigung dieſer zwei edlen Weſen traͤten, ſo wuͤrde ich ſchweigen, und mich mit ſtiller Trauer in den Willen des Schickſals ergeben. Aber, zuͤrnen Sie nicht der Frage, gnaͤdigſte Frau, iſt es ſo gewiß wahr als es Ihnen ſcheint? Konnte nicht argliſtiger Trug das Auge einer der Scharf⸗ ſichtigſten ihres Geſchlechts mit frechem Scheine umſpinnen? Koͤnnte nicht Ihr fei⸗ nes Ehrgefuͤhl, Ihr zartes Gewiſſen, ſich ſchneller hingegeben haben, als es bei einem Falle vielleicht geweſen ſeyn wuͤrde, der Ihnen weniger nahe laͤge? 4 Meine Fragen ſind kuͤhn, aber ſie ſind an das Herz der Mutter gerichtet; ſie be⸗ treffen das Wohl Ihres Sohnes; da kann Ihre große Seel⸗ ſtatt zu zuͤrnen, nur edelmuͤthig Leue — 201— Und haben Sie meine Fragen erwogen; haben Sie der Freundſchaft gedacht, die mich, von der Jugend fruͤheſten Tagen an, an den Prinzen Camillo feſſelte:— o ſo hoͤren Sie der Stimme die Sie beſchwoͤrt bei Allem was heilig iſt: unterſuchen Sie noch einmal die Beweiſe, die man gegen Valeriens Geburt aufſtellt; ich fordere es von Ihnen im Namen der Menſchheit, der Sie verantwortlich fuͤr das Gluͤck Ihres Sohnes ſind, die Thaten von ihm erwar⸗ tet, und Sie anklagt, wenn er, durch Ihre Verabſaͤumung, dem Jammer zum Raube verfaͤllt, und nutzlos untergeht. Ich ſage Ihnen nichts davon, daß Va⸗ leriens edle, fromme Mutter unfaͤhig fuͤr ein ſolches Verbrechen ſchien; daß der Fuͤrſt Al⸗ fonſo es nicht begehen konnte, weil er der Gemal einer Aurelia war; der Ruf und das Selbſtgefuͤhl Ihres Werthes werden es Ihnen laͤngſt geſagt haben; aber das rufe ich Ihnen zu, was Sie vielleicht nicht wiſe ſen, daß der Zeuge jener Unthat, Paolo, von Verbrechen, von abgedrungenen Eiden 8 3 I — 202— ſpricht, und enthalte mich jeder weitern Anwendung.. Erlauben Sie, gnaͤdige Fuͤrſtin, Ihnen noch einmal die Eingangsworte meines Brie⸗ fes zu wiederholen, und richten Sie dann uͤber mich nach Ihrer Milde. Sechs und vierzigſter Brief. Die Fuͤrſtin Almavivalan den Rittmeiſter Barſino. Ihr Brief, der ſtoͤrend die Ruhe unter⸗ brach, die mein von Stuͤrmen erſchuͤttertes Leben ſo noͤthig hat, ſagt mir Worte, deren es nicht bedarf, da ich gewohnt bin zu un⸗ terſuchen ehe ich handle, und mir Erfah⸗ rung genug zutrauen darf, um nicht die Beute eines leeren Trugs zu werden. Zu theuer iſt mir aber auch die Ehre meines Hauſes, als daß ich je, hingeriſſen durch ein Gefuͤhl, das nicht mehr Liebe zu meinem Sohne, ſondern die ſtrafbarſte Schwaͤche waͤre, in eine Verbindung willigen koͤnnte, — 203— der, wie Sie ſelbſt ſagen, Geſetz und Natur widerſpricht. Sie redeten zu mir im Namen der Menſch⸗ heit; ich lade Sie vor denſelben Richterſtuhl, und verlange von Ihnen mit dem Rechte der Ehrfurcht die mein Geſchlecht von dem Ihren fordern kann, daß dieſes das letzte Wort uͤber jene verhaßte Sache ſey; und ſind Sie kuͤhn genug die Fuͤrſtin in mir zu vergeſſen, ſo rufe hier das Weib den Mann in ſeine Grenzen zuruͤck. 1 Sieben und vierzigſter Brief. An den Rittmeiſter Vittorio Barſino. Ein zuruͤckgelaſſener Befehl unſres gnaͤ⸗ digſten Herrn, des Prinzen Camillo Alma⸗ viva, hat Sie zu ſeinem Stellvertreter bei wichtigen Vorfaͤllen ernannt, und an die⸗ ſen habe ich jetzt die Ehre mich zu wenden. Unſre gnaͤdigſte Gebieterin, die durch⸗ lauchtige Fuͤrſtin Aurelia Almaviva, deren Sekretair zu ſeyn ich die Ehre habe, haben das Ungluͤck gehabt, auf einer Reiſe von ihrer — 204— Villa bei Bologna, wo Sie bisher zu reſi⸗ diren geruht, nach einer andern bei Tivoli, die Sie aus hoher Milde zu Aufbewahrung ungluͤcklicher Wahnwitzigen eingerichtet, mit dem Wagen umgeworfen und ſo gefaͤhrlich beſchaͤdigt zu werden, daß die Aerzte die wir herbeigerufen, an der Erhaltung Ihres ho⸗ hen Lebens zweifeln; die erlauchte Kranke auch, ſeit dem erlittenen Unfalle, in faſt 4 gaͤnzlicher Bewußtloſigkeit liegen. Ich erſuche daher Ew. ſogleich nach Empfang dieſes Schreibens nach Viterbo zu kommen, in deſſen Naͤhe ſich das Ungluͤck ereignet, und wo wir die gnaͤdige Fuͤrſtin einſtweilen hingebracht haben, und verbleibe mit aller Ehrfurcht Ew. ec. Acht und vierzigſter Brier. Barſino an Emilien. Nach einer beſchwerlichen Reiſe und ei⸗ nem hier verlebten unruhvollem Tage, komme ich, meine geliebte Emilie, an Deinem ſauf⸗ ten Herzen Erholung und Ruhe zu ſuchen. 205 Bei meiner Ankunft war die Fuͤrſtin wie⸗ der zu ſich gekommen, und wie es ſchien, beſſer, allein nur zu bald erklaͤrten die Aerzte daß dieſes blos das letzte Auflodern der Lebensflamme ſey, und ihrer Tage letzter ſich nahe.. Aurelia gerieth in heftigen Zorn, da man ihr meine Ankunft meldete, und nur auf das Zureden ihres Beichtvaters willigte ſie endlich ein mich zu ſehen. Ich erſpare Deinem Mitgefuͤhle, meine Emilie, die Schilderung der mit Binden und Compreſſen umhuͤllten Geſtalt, die ſich mei⸗ nem Blicke darbot. Mit dunkelgluͤhendem Auge ſah' ſie mich an: Kommen auch Sie meine Qual zu mehren? frug ſie mit dum⸗ pfem Tone. Nicht dieſes, theure Fuͤrſtin; ich komme Ihnen zu dienen, wenn ich es vermag.— Mir kann nichts mehr helfen, .. ich muß ſterben! ſtieß ſie mit faſt krei⸗ ſchendem Tone heraus.— Faſſen Sie Hoffnung, Fuͤrſtin!— Hoffnung? dieſe laͤchelt nur den Schuldloſen... mir.. da ich ging des Todes Schweigen auf ihn zu legen... Er faßt mich... Zuckungen unterbrachen ihre Rede, ſie ſieß unartiku⸗ lirte Schreie hervor; ihre Aerzte und Frauen — eilten herbei, und ich verließ das Zimmer. Der Tod, den ich auf dem Schlachtfelde in ſo vielfacher Geſtalt geſehen, hatte bei die⸗ ſer ſichtbaren Gewiſſensqual etwas ſo Ent⸗ ſetzliches, daß ich nicht vermsgand laͤnger auszuhalten. Nach Verlauf einiger Stunden ließ nich die Fuͤrſtin rufen. Sie war ruhiger, aber tt und erſchoͤpft. Sie winkte mich zu ihrem Lager, und die Umſtehenden zogen 1 ſich zuruͤck.— Wiſſen Sie nichts von mei⸗ nem Sohne? fragte ſie in aͤngſtlicher Haſt. — Sein letzter Brief aus Nismes ſagt mir, daß er ſich bemuͤhe das Vergangene zu vergeſſen, und ſich der Zukunft zu erhalten. — Mein Sohn! mein geliebter Sohn! ſchluchzte ſie heftig.— Wuͤnſchen Sie ihn zu ſprechen, ſo.— Nein, laſſen Sie ihn! ich verdicte dieſes Gluͤck nicht. Auch iſt es zu ſpaͤt... ich muß erben.. und bald! ſtoͤhnte ſie angſlich. Ein ſchwe⸗ — 207— res Bekenntniß, hub ſie nach einigen Minu⸗ een furchtbaren innern Kampfes wieder an, ruht noch in meiner Bruſt, und ehe ſich die Pforten des Lebens ſchließen, muß es ge⸗ than ſeyn!“— Sie winkte mich noch naͤher an ſich und fluͤſterte mir ins Ohr:„Valeria iſt nicht die Schweſter meines Sohnes; Paolo kann ſprechen, ich entbinde ihn ſeines Ei⸗ des.— Guaͤdigſte Frau! rief ich freudig uͤberraſcht.„Still! kein Laut der Freude ſchlage an mein Ohr!.. Die Stimme der Religion forderte mich zu dieſem Geſtaͤnd⸗ niſſe auf, ich bedarf Ihres Beifalls nicht ... Aber nun entfernen Sie ſich, und er⸗ ſcheinen Sie nie wieder vor mir! Sie ha⸗ ben mich gedemuͤthigt geſehen.. Ihr An⸗ blick iſt mir unertraͤglich!— Das ganze Gewicht ihrer ſtolzen Kaͤlte war wieder auf das, ſchon von den Fittichen des Todes umzogene, Geſicht zuruͤck gekehrt, und mit einer herriſchen Bewegung der Hand gebot ſie mir Entfernung. 6 Ich habe einen Courier an Camillo ge⸗ ſandt; wiewohl es unmoͤglich iſt, daß er, — 208— auch bei der groͤßten Eile, ſeine Mutter noch lebend treffe. Noch athmet ſie, wie man mir ſagt, allein jeder Seufzer, der ſich ſchwer und hohl aus der roͤchelnden Bruſt windet, droht ihr letzter zu ſeyn. Nach dem letzten Geſpraͤch mit mir hat ſie furchtbar gewuͤ⸗ thet, allein nach einer Ermahnung ihres Beichtvaters iſt ſie etwas ruhiger geworden. Sie hat vollendet! Nach langem, fuͤrch⸗ terlichem Todeskampfe hat ſie ploͤtzlich mit vieler Kraft das Auge aufgeſchlagen, noch ei⸗ nen Blick auf die umſtehenden geworfen, die Haͤnde gefaltet, und mit einem tiefen Athemzuge iſt ſie dem Leben entflohen. Ich verzeihe ihr die Beleidigungen die ſie mir gethan— aber daß ſie aus ſchwar⸗ zer Rachſucht das Gluͤck meines Camillo zerſtoͤrte, das— vergebe ihr Gott! ich glaube nicht daß ich es je kann. Wir bringen den Leichnam nach Rom in die Familiengruft. Bis zu Camillo's An⸗ kunft muß ich noch in Rom bleiben, weil — 209— meine Gegenwart dort unumgaͤnglich noͤ⸗ thig iſt. Lebe wohl, meine Emilie. Neun und vierzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Die Fuͤrſtin Aurelia iſt todt, und in der Todesſtunde geſteht ſte, daß Valeria Camil⸗ lo's Schweſter nicht iſt. Mein Mann, der, als Bevollmaͤchtigter des Prinzen, volle Ge⸗ walt hat, laͤßt ſogleich Paolo kommen und 3 erfaͤhrt von ihm, was wir bereits errathen, daß die Fuͤrſtin, aus toͤdtlichem Haß gegen den Grafen Contarino, den armen Paolo theils uͤberredet, theils gezwungen hat, dem Prinzen zu bezeugen daß Valeria ſeine Schweſter ſey; dann hat ſie einen fuͤrchter⸗ lichen Eid von dem Ungluͤcklichen genom⸗ men, es nie zu entdecken. Und als Reue und Gewiſſensangſt ihn raſtlos umher getrie⸗ ben, als ſie befuͤrchtet daß er die ſchwarze That entdecken koͤnne, hat ſie ihn fuͤr wahnſinnig ausgegeben und in das Hos⸗ . O — 2140— pital ſperren laſſen, das ſie geſtiftet zur Suͤhne der Schuld, die ſie an dem ungluͤck⸗ lichen Zuſtande ihres Sohnes hatte. Hier wird der gequaͤlte Paolo bald das, was er ſeyn ſollte. Die Erlaubniß zu ſprechen, hat ihn wieder vollkommen vernuͤnftig gemacht, und er will nun in ein Kloſter gehen. Jetzt erſt erfuhren Valeria und ihr Va⸗ ter das ſchreckliche Gewebe, mit welchem man den Prinzen umſponnen. Der Graf hoͤrte alles dieſes mit der Ruhe eines, durch Stuͤrme und Erfahrungen gepruͤften, und fuͤr Schmerz und Freude feſten Man⸗ nes an. Nur einen Ausruf des hoͤchſten Unwillens, der tiefſten Verachtung ſtieß er aus, bei der Beſchimpfung, mit der die Bos⸗ heit gewagt, das Andenken ſeiner engelrei⸗ nen Gattin zu ſchaͤnden; aber als Federigo, der im Auftrage meines Mannes mit dieſer Entdeckung gekommen, geendet, und ich nun das Wort nahm, und Valerien die Liebe malte die in Camillo's treuem Herzen fuͤr ſie gluͤhte; als ich ihr ſagte daß nach ihm ge⸗ ſchickt, daß er bald kommen werde— da — 211— ſchwand die Feſtigkeit, die ſie ſelbſt unter dem Sturme wechſelnder Empfindungen, die waͤhrend Federigo's Erzaͤhlung uͤber ihr Weſen flogen, immer behalten.— Dem Schmerze war ſie ſtark, der Freude konnte ſie nicht widerſtreben.— Sie ſank an meine Bruſt, ſie weinte laut, ſie rief Camillo mit den zaͤrtlichſten Namen; ſie flog an das Herz ihres Vaters, ſie war in einem Rau⸗ ſche des Entzuͤckens, der ſich endlich in eine tiefe Ohnmacht aufloͤſte. Jetzt ſcheint ſie ruhig; das Feuer aber, das zuweilen ihre Wange uͤberfliegt, der Strahl der Freude der in ihrem ſchoͤnen Auge glaͤnzt, werden laute Verraͤther der Wonne ihres Herzens. Sie iſt jetzt diel trauter, inniger, theilnehmender, als zuvor. Ach Adelheid, wie fromm, wie gut macht das Gluͤck, und welche ſchwere Verantwortung ruht auf den Gluͤcklichen, die nicht gut ſind. Vir reiſen Alle nach Tivoli, in des Grafen Landhaus, um Rom naͤher zu ſeyn. Mein dankbares Herz ſehnt ſich dem gelieb⸗ ten Gatten entgegen zu fliegen, der mit ſo 9 2 — 2142— aufopfernder Hingebung fuͤr das Wohl un⸗ ſrer Lieben wirkt. Funfzigſter Brief. Barſino an Emilien, Camillo iſt angekommen. Mit Thraͤnen ſank er in meine Arme, und folgte mir ſchweigend in die Zimmer der Fuͤrſtin, die jetzt fuͤr ihn bereitet ſind. Hier ſah' er mit tiefer Ruͤhrung um ſich her.„An jede Stelle knuͤpft ſich eine Erinnerung an die, welche nicht wiederkehrt! ſeufzte er ſchmerzlich. Er ließ ſich dann zur Gruft fuͤhren, und ver⸗ weilte lange in ſtillem Gebete am Sarge der Fuͤrſtin. Keine Erwaͤhnung des Leides was ſie ihm gethan, kam noch uͤber meine Lippen;— den heiligen Schmerz des guten Sohnes entweihe kein bitteres Gefuͤhl. Den Tag darauf. „So eben hat mich Camäld verlaſſen: Er weiß Alles. Barſino, koͤmmt er zu mir, der Beicht⸗ vater meiner verewigten Mutter ſagt mir, — 243— daß du mir wichtige Dinge zu entdecken ha⸗ beſt, und nach dem Wunſche der Theuern mir ſie ſogleich bei meiner Ankunft eroͤffneſt; ſprich, Freund. „ Haſt du aber auch Staͤrke genug, et⸗ was zu hoͤren, was dich heftig erſchuͤttern muß?— Alles, alles!— Es betrifft Va⸗ lerien.— Ha!.. Meine Schweſter; ſetzte er langſam mit einem tiefen Seufzer hinzu.. Und wenn ſie es nun nicht waͤre?— Wie?.. Nicht?. Barſino, er⸗ klaͤre dich!— Wenn vielleicht eine ungluͤck⸗ liche Taͤuſchung.. wenn Trug.. wenn Rachgierde mit deiner und ihrer Ruhe ge⸗ ſpielt; wenn Valeria nicht deine Schwe⸗ ſter waͤre?— Wenn?.. Wenn?.. Bar⸗ ſino, ende deine folternden Fragen!.. Va⸗ lerig iſt?.— Nicht deine Schweſter!— Genug! rief der Prinz; und die ſtrahlenden Augen gen Himmel gerichtet, die Haͤnde auf die fliegende Bruſt gefaltet, ging er einige Male im Zimmer herum; dann, ploͤtzlich ſtillſtehend, lnachſinnend, rief er ſchmerzlich aus: Und das wußte meine Mutter, und — — 214— verſchwieg es mir?... Er ſann wieder eine Weile. Jetzt wird es mir klar.. Paolo's Worte„ deine Aeßerungen.. Emiliens Zweifel!.. Barſino, aus Barmherzigkeit! ſage mir, es war nicht meine Mutter die es erfand!“— Erſchuͤttert von meinem Schweigen, ſah er lange vor ſich hin:„Was muß ſie gelitten haben, die Ungluͤckliche, mit dieſer Schuld im Herzen!.. Und ſie hoͤrt nicht mehr die Stimme des Sohnes, der in Toͤnen der Liebe und des Troſtes zu ihr ſpricht?.. Er ging nach der Thuͤre: heſoigt eilte ich ihm nach.— Laß mich, ſprach er ſanft, fuͤrchte nichts!— Er nahm den Weg zur Capelle; ich folgte ihm unbemerkt. Er be⸗ tete uͤber dem Grabe der Mutter; er flehte ſie um Vergebung; ſie, die ihn ſo unaus⸗ ſprechlich elend machte!— Ach Emilie, welch ein himmliſches Herz! Camillo bringt mir beifolgenden Brief an den Grafen.„Bitte deine Emilie, ſetzte er hinzu, Valerien meine Ruͤckkehr zu melden. Ich kann ſie noch nicht ſehen, zu ſchneidend — 215— iſt der Abſtand zwiſchen Freude und Schmerz. — Es ſey dieß das Suͤhnopfer den Manen meiner ungluͤcklichen Mutter.“— Ein und funfzigſter Brief. Prinz Camillo Almaviva an den Grafen Contarino. Der Mann der, wie Sie, ein langes Le⸗ ben in per Schule des Ungluͤcks verſeufzte, deſſen ſchoͤnſte Bluͤthen der Sturm zerſtoͤrte, dem Menſchen die Ruhe des Daſeyns raub⸗ ten— ein Solcher kennt den Schmerz; kennt aber auch den erhebenden Troſt, die Hand auf die ſchuldloſe Bruſt gelegt, den freien Blick zum Himmel gerichtet, ſagen zu koͤnnen: Ich leide unſchuldig. Ein Solcher erwaͤgt aber auch am Be⸗ ſten die Hoͤllenqualen der Verzweiflung, wel⸗ che die Seele durchzucken, der dieſes troͤ⸗ ſtende Bewußtſeyn fehlt, und die kein er⸗ hebender Blick nach oben, keine Hoffnung auf Jenſeits, in der unergruͤndlichen Liefe ihres Jammers erquickt. — — 246— Die Ungluͤckliche die Sie verfolgte, hat ausgelitten, und laͤutert ſich dort am Strahle der ewigen Erbarmung von dem was ſie Ihnen, was ſie Valerien that; und Ihre Herzen, zu groß fuͤr den Haß, ſchenken der an ſich und Andern Verzweifeln⸗ den ein ſtilles Mitleid, und wuͤnſchen Frie⸗ den ihrer Aſche, und Ruhe ihrem Geiſte. Meine verewigte Mutter hat mir, als heiliges Vermaͤchtniß, die ſchoͤne Pflicht ge⸗ laſſen, das Unrecht, was ſie von ungluͤck⸗ lichen Vorurtheilen geblendet Ihnen ge⸗ than, zu vertilgen: und ich flehe Sie um Erlaubniß, der Ruhe der Armen dieſe Ge⸗ nugthuung geben zu duͤrfen. Mein Herz naht ſich hoffend dem Ihren, und ſagt Va⸗ lerien, meiner ewig geliebten Valeria, daß der ſtille Waſſerſpiegel wieder rein und klar das Bild traͤgt, welches das Beben der Veſte zwar erſchuͤttern, aber nicht Heiſtöten konnte. 4 — 2147— Zwei und funfzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Mein letzter Brief, gute Adelheid, malte Dir die Morgenroͤthe des Gluͤcks, welche am Himmel unſrer Lieben emporſtieg: Das Fruͤhroth iſt ſeitdem zum glaͤnzenden Mit⸗ tagsſtrahle geworden, der flammend am rei⸗ nen Aether ſteht; nicht um zu blenden und dann— zu verſchwinden; nein, um mit ſei⸗ nem allbelebenden Feuer die Herzen der Gluͤcklichen wieder zu erleuchten, nach der bangen Nacht des Kummers. Camillo, der fromme Sohn einer ſo ſtrafbaren Mutter, ehrte mit heiligem Zart⸗ ſinne das Andenken derjenigen, die es ſo „ 4¹ 7„„. wenig verdiente. Zwei Monate weihete er der Trauer um ihr Scheiden, den Gebeten fuͤr die Ruhe ihrer Seele; dann ſchrieb er Barſino, den Grafen und Valerien um die Erlaubniß zu erſuchen, kommen zu duͤrfen. Als er, ſchoͤn wie ein Gott, in der Glo⸗ rie des Gluͤcks daher geſprengt kam, mit edler Leichtigkeit von dem baͤumenden Roſſe — 2148— ſprang, mit ſtuͤrmiſcher Haſt in das Haus eilte— da floh Valeria, in ſuͤßer Verwir⸗ rung, in das Nebenzimmer. Ruͤhrend und edel war die Umarmung, mit der ſich der Graf und Camillo empfin⸗ gen; voll tiefen Sinnes die wenigen Worte mit denen der Prinz das Vergangene be⸗ ruͤhrte; und als er mit tiefer Bewegung ſagte:„Koͤnnen Sie den Sohn Aureliens in ſchoͤner Vergebung an Ihrem Herzen dul⸗ den, ſo erſetzen Sie dem Verwaiſten den Vater den das Schickſal ihm ſo fruͤh ent⸗ riß, werden Sie mir Vater, geben Sie mir Valerien!— Da ſchloß ihn der Graf tiefgeruͤhrt an ſeine Bruſt, und fuͤhrte ihn zu Valerien. Als Camillo zu Valeriens Fuͤßen ſank, und das liebeſtrahlende Auge bittend zu ihr emporhob, und die himmliſch ſchoͤne Vale⸗ ria ihm die Hand reichte, und in ſuͤßem Vergeſſen des Schmerzes, und im heiligen Thraͤnenthau der Liebe in ſeine ihr entgegen gebreiteten Arme ſank, und als der Vater ſie ſegnete, und ſie zum Grabe der Gattin — 219— fuͤhrte, daß auch ihr Geiſt ſegnend herab⸗ ſchwebe auf den Bund ihres Kindes— da ſank ich dankbar zu den Fuͤßen Barſino's, deſſen raſtloſes Muͤhen dieſe ſelige Entwi⸗ ckelung herbei gefuͤhrt, und jauchzte und weinte, und lachte und betete, ohne zu wiſ⸗ ſen, daß dieſe widerſtrebenden Gefuͤhle mich bewegten. Nur ſo viel war mir klar: ſeliger war ich nie— ſeliger kann ich nie werden. Valeriens Verbindung ward ohne allen Prunk gefeiert: blos ihr Vater, Federigo, Barſino und ich, waren die entzuͤckten Zeu⸗ gen dieſes ſtillen Feſtes. Den andern Morgen waren die Neuver⸗ maͤhlten und der Graf verſchwunden, und nur ein zuruͤckgelaſſener Brief druͤckte uns die Empfindungen ihrer liebenden Seelen aus. Camillo's noch ſo ſchwacher; und durch die wechſelnden Scenen der letzten Zeit aufs Neue erſchuͤtterter Koͤrper, und des Grafen angegriffene Geſundheit, machen den Ge⸗ brauch heilſamer Ouellen noͤthig: ſie bege⸗ ben ſich jetzt nach Nizza, ſpaͤter nach Ba⸗ rege, und von dort wahrſcheinlich noch wei⸗ — 220— ter. Um uns und ſich den Schmerz des Abſchieds zu erſparen, ſind ſie abgereiſt ohne uns muͤndlich Lebewohl zu ſagen. Blos Federigo war von dieſem Plane un⸗ terrichtet. 8 So legt ſich denn abermals ein weiter Raum mit all' ſeinen Gefahren zwiſchen mich und meine, kaum wiedergefundene, Va⸗ leria!— Aber nicht mehr Zagen fuͤllt meine Seele bei dem Gedanken an ſſe, und troͤ⸗ ſtend trocknet die Gewißheit, daß ſie nun gluͤcklich iſt, die Thranen d der Sehnſucht von meinen Wangen.* Wir ſind nun wieder nach Ferrara zu⸗ ruͤckgekehrt, und mit traulichem Willkommen empfangen mich hier aufs Neue die Laren der Liebe, der Stille, des Gluͤcks!— Moͤge nur die Freude, nie der Schmerz mich dieſem ſchoͤnen Kreiſe wieder entziehen, oder beſſer, mich immer in dieſen lieben, gewohnten Um⸗ gebungen laſſen.— 3 — Ich unterdruͤcke hier eine Reihe von Briefen, welche zwiſchen Barſino und Ca- — 21— millo, zwiſchen Emilien und Valerien, ge⸗ wechſelt werden, und Schilderungen ihres gegenſeitigen Gluͤcks enthalten, als nicht zur Geſchichte gehoͤrig; und fange erſt nach Jahresfriſt wieder an, wo der ewig nach Veraͤnderung duͤrſtende Barſino an ſeinen Freund Duport ſchreibt. Drei und funfzigſter Brief. Barſino an Duport. Fahre nur ſo fort, Duport, mich mit Vor⸗ wuͤrfen zu verfolgen, daß ich Dir nicht ſchreibe, um mich vollends ganz mit mir und der Welt zu entzweien. Du wirſt aus dieſem Eingange ein Un⸗ gluͤck ahnen, das den Paradiesgarten des Gluͤcks und der Liebe, in welchem Du mich herumjauchzend waͤhnſt, entweder ſchon zer⸗ ſchmettert hat, oder doch wenigſtens mit unheilſchwangern Wolken daruͤber haͤngt! Nichts von dem Allen, aber, moͤge mich die Nemeſis nicht dafuͤr raͤchend ereilen! wirſt Du mir glauben, daß ich zuweilen — 222— recht herzlich wuͤnſchen kann, daß dem ſo ſey? daß ich lieber unter zuckenden Blitzen in Sturmesnacht herumtoben moͤchte, als unter dieſem ewig heitern Lebenshimmel, mit muͤßig gekreutzten Armen, auf dem ewig gebahnten, ſchnurgeraden Pfade der Ruhe und Haͤuslichkeit einherſchreiten moͤchte? lie⸗ der das Rauſchen der empoͤrten Wogen, das Krachen des Donners, ja das Gebruͤll der Zerſtoͤrung hoͤren moͤchte, als den ewig ſuͤßen Floͤtenton der Liebe und des Gluͤcks? Wirſt Du es glauben? und, wenn Du es glaubſt, wirſt Du nicht ſchaudern vor dem Undankbaren, dem Verwegenen, dem Ruchloſen, moͤchte ich ſagen, der das be⸗ ſitzt was Millionen Herzen mit der Haͤlfte ihres Lebens bezahlen wuͤrden: ein Weib wie meine Emilie, und dennoch wuͤnſcht daß es anders ſeyn moͤchte? Ich weiß nicht, ſoll ich dieſen Undank mit dem Feuer entſchuldigen, das die Natur in meine Seele bei ihrem erſten Werden goß⸗ und das mich immer vorwaͤrts treibend, nur dann nicht zur verzehrenden Pein wird, — 223— wenn neue Entwuͤrfe, und Thaten, und Vorfaͤlle, ihm Nahrung geben; oder iſt es Beſtimmung unſres Geſchlechts, vielleicht der ganzen Menſchheit, nur das wuͤnſchens⸗ werth zu finden, was wir ſchwer eitreichen koͤnnen? Glaube nicht, Dupork, daß ich ungerecht gegen Emilien bin: ſie iſt keine der Weiber die durch Guͤte ſchwach, durch Sanftmuth fade und langweilig werden; ihre hohe Bil: dung, ihre nicht gemeinen Kenntniſſe!, ihre lieblichen Talente wiſſen unſrem Leben ſo viel Reiz zu geben; ihr feiner Takt ſo zur rechten Zeit das Leichte mit dem Schweren, das Heitre mit dem Ernſten abwechſeln zu laſſen, daß ich oft mit dem nagendſten Gefuͤhle der Reue das reizende Weib an mein Herz druͤcke, und zu ihren Fuͤßen ſtuͤr⸗ zen moͤchte, um mit blutigen Thraͤnen ihr abzuhitten, daß ich nicht ſo gluͤcklich bin als ich ſollte und koͤnnte, und doch— wenn, gleich einem Champagnerrauſche, dieſe ſchoͤne NRegung verflogen iſt, tritt der alte Miß muth wieder in ſeine furchtbaren Rechte So lange Camillo's Schickſal meinem Geiſte Beſchaͤftigung gab, war ich gluͤcklich; jetzt da dieſer fern von mir, und kein neuer Vor⸗ fall mich zur Thaͤtigkeit aufruft, iſt die alte Leere und Langweiligkeit wieder da. Mieine Kameraden, muͤde wie ich, nur Lorbeeren der Wachtparaden zu brechen, flat⸗ tern in der Naͤhe undFerne herum— mich halten Weib und Hausvaterſtand mit den kalten Feſſeln der Pflicht zuruͤck. Ich werfe mich in den Strudel der Zerſtreuungen— was kann mir das todte Ferrara, dieſe Kirchhofstruͤmmer ſeines alten Glanzes, bie⸗ ten?— Elende Spielbuden, bei deren ge⸗ meinen Gaunerkniffen ich mich langweile? Schmutzige Trinkhaͤuſer, in deren verfaͤlſch⸗ ten Weinen ich den Tod ſchluͤrfe? Erbaͤrm⸗ liche Caſino's, die die elendeſte Geiſtesleere zu ihrem Wohnſitze gewaͤhlt hat? Buhleri⸗ ſche Weiber, die nicht werth ſind den Staub zu kuͤſſen, auf dem der Fuß meiner Emilie geweilt? Feile Dirnen, von denen ſich mein beſſeres Selbſt nach kurzem ecklem Genuſſe erroͤthend abwendet? Alſo ſage, was ſoll — 225— ich hier? Mit Gewalt die Ketten ſprengen die mich halten, und das Herz brechen das um meinetwillen Freunde und Vaterland verließ? und das Leben vergiften, deſſen einziger Zweck iſt, das meine zu begluͤcken? Oder mit ruhigem Schafsſinne mich in die Umſtaͤnde ſchicken, und das Feuer das in mir flammt, und mich hinaus, hinan, fort! treibt, mit dem Waſſerſtrahle der Ergebung in das Schickſal loͤſchen?— Beankworte mir nur die Haͤlfte der zahl⸗ loſen Fragen, von denen dieſer Brief wim⸗ melt: beantworte ſie mir ſo wie ich es wuͤn⸗ ſche, hoffe, brauche— und ich werde ruhi⸗ ger ſeyn, bin es ſchon, denn ich habe mei⸗ nen Unmuth, den ich, um Emilien nicht zu betruͤben, in die tiefſten Tiefen des Herzens verſchließen mußte, ausgeſprochen, ausge⸗ tobt, und fuͤhle mich ſo erleichtert, daß ich den Muth habe, uͤber mich zu ſpotten. Nun, mein guter Genius erhalte mich bei dieſer heilſamen Stimmung. — 226— Vier und funfzigſter Brief. . Emi lie an Baterta. 1 Der Kriegsruf der von Neuem mit dum⸗ pfem Tone uͤber unſre Halbkugel ertoͤnt, und die Bewohner des Suͤdens dem fernen Norden zufuͤhrt, wird Dir genugſam mein Schickſal ſagen, meine Valeria: auch Bar⸗ ſino iſt mit ſeinem Regimente abmarſchirt, da⸗ hin— wo er vielleicht nie wiederkehrt. Du haſt den Schmerz empfunden, ſi ſich von dem zu trennen, was unſres Lebens Leben iſt; Du verſtehſt was ich leide, und nur zu Dir wage ich davon zu ſprechen, zu Dir, die auch im Schweigen mich verſteht. Da Barſino das Weinen und Klagen nicht liebt, ſtaͤrkte ich mich, den Blick auf Dein, im Leiden ſo großes, Bild getichtet, und es gelang mir in den wenigen Stun⸗ den, die zwiſchen der Marſchorder und dem Abſchiede lagen, meine muͤhſam errungene Feſtigkeit zu behaupten. Aber als der furchtbare Augenblick erſchien, und Barſino voͤllig geruͤſtet zu mir trat, und mich in . — 227— ſeine Arme ſchloß, und vor tiefer Bewe⸗ gung nichts als das Wort:„Lebewohl!“ ſagen konnte, und ſich dann losriß, und ich bewußtlos zuruͤckblieb;— und da end⸗ lich das Uebermaß des Schmerzes mir Kraft gab den Schmerz zu überwinden, und ich zum Fenſter eilte um Ihn noch einmal zu ſehen: und er eben an der Spitze ſeines Bataillons voruͤberzog, und mir den Schei⸗ degruß zuwinkte; und die ſchmetternden Trompeten durch das Hallen der Roſſes⸗ hufe und das dumpfe Getoͤſe der begleiten⸗ den Menge ſchallten— und da der Zug um die Straßenecke bog, und Alles ver⸗ ſchwand, und Alles verhallte— da ſtuͤrzte ich in lautloſem Jammer zur Erde, da fuͤhlte ich daß ich verlaſſen, daß ich al⸗ lein ſey! 4 A Soll ich Dir geſtehen, Valeria, was noch das Herz Deiner gebeugten Emilie quaͤlt?— Ach, ich wagte lange nicht mir es ſelbſt zu bekennen! aber jetzt, da Stille und Einſamkeit mir Raum zum Nachdenken geben, wird mir ſo manches klar, was mir P 2 1 — 228— fruͤher eine freundliche Taͤuſchung mit roſt⸗ gem Schleier verhuͤllte: Es iſt anders in Vittorio's Herzen geworden, ich bin ihm nicht mehr das, was ich ihm ehemals war! — Er achtet mich noch als die Gefaͤhrtin ſeines Lebens, mein Gluͤck iſt ihm theuer, er behandelt mich mit zartem Vertrauen— aber die Innigkeit, mit der er ſonſt an mir hing, der Schmerz mit dem er mich verließ, die liebende Eil, mit der er zu mir zuruͤck⸗ kehrte, wenn er ſich, ſey es auch nur fuͤr Stunden, von mir trennen mußte, ſind da⸗ hin!— Sein, immer nach etwas Neuem, Ungewohntem ſtrebender Geiſt, langweilte ſich in dem ruhigen, ſtillen, ach ſo gluͤckli⸗ chen Leben, das wir in Ferrara fuͤhrten; willkommen war ihm jede Veranlaſſung die cs unterbrach, willkommen ſelbſt der Ruf 3. zum Feldzuge. er fuͤhrte ihn neuen, zbech ſelnden Lebensſcenen entgegen. 6 5 Sind meine Klagen ungerecht? Dieſes unruhige Treiben nach etwas Anderm, iſt es vielleicht das Gefuͤhl, das der Schoͤpfer in die Bruſt des Mannes pflanzte, damit — 229— er, zum Schaffen und Wirken, und Verbeſ⸗ ſern und Verbreiten beſtimmt, nicht traͤge werde in ſeiner Beſtimmung, und vergeſſend alle Bande die ihn an Haus, Familie und Vaterland feſſeln, immer vorwaͤrts dringe, immer weiter ſtrebe, bis— das Grab ihn verſchlingt, und die heiße Bruſt, mit all' ihren kuͤhnen, himmelanſtrebenden Plaͤnen— mit kalter Erde deckt!— Muß es ſo ſeyn? — Warum legte denn die Natur in den Buſen des Weibes dieſe nie verſtegende Quelle von Liebe? Warum gab ſie uns dieſe ſchwaͤrmeriſche Anhaͤnglichkeit an den Gelieb⸗ ten, wenn es unſre Beſtimmung waͤre, nur das Spielzeug ſeines fluͤchtigen Liebesrau⸗ ſches zu ſeyn? Warum in unſrem Herzen dieſe Sehnſucht, r wenn ſie ungeſtll bleiben ſoll?— 3 Doch, vielleicht mußte es ſo ſeyn Der Mann wurde zum Handeln beſtin das Weib zum Dulden; der Mann geho der Welt an, das Weib dem kleinen Zirkel den es durch ſtilles Wirken um ſich zieht, und uͤber den ſeine Wuͤnſche, ſein Sehnen — 230— und ſein Hoffen nicht hinausreichen buͤrfen; bis endlich der Tod dieſe Schranken bricht, und unſer Auge dort in weitern Kreiſen umherblickt, und vor der Unendlichkeit in ſtummem Entzuͤcken nieder ſinkt. Wuͤrden wir aber auch dort gluͤcklich ſeyn ohne Liebe?— Nein!— Was waͤ⸗ ren alle Wonnen der Seligkeit, wenn wir ſie nicht mit Andern theilen, wenn wir nicht an ein Herz uns ſchließen duͤrften, dem wir angehoͤren, fuͤr deſſen Wohl wir ſor⸗ gen, wachen, ſchaffen duͤrften? Moͤgen die kalten Egoiſten immerhin ihre Saͤtze bewei⸗ ſen, mich ſollen ſie nicht ablenken von dem, was hell und feſt in meinem Herzen ge⸗ ſchrieben ſteht: Beſſer, in Liebe untergehen, als ohne Liebe triumphiren. Sollte mir auch dieß erſte Schickſal beſchieden ſeyn— wgenn nur Barſino gluͤcklich iſt! Fuͤnf und funfzigſter Brief. Emilie an Valerig. Lange habe ich Dir nicht ſchreiben koͤn⸗ nen, meine Valeria: Dein raſches Herum⸗ — 231— reiſen ließ mir keinen ſichern Punkt, auf dem die Worte meiner Liebe Dich erreichen konn⸗ ten. Dank Dir daher fuͤr die frohe Nach⸗ richt, daß Du den Winter nach Rom zu⸗ ruͤckkehren willſt, um nun 8 immer dort zu bleiben. Dein guter; ater iſt alſo wieder geſund, und verjuͤngt ſich im Gluͤcke ſeiner Kinder? Und den Fuͤrſt Almaviva wieder der kraͤftige, geiſtesklare, in der Fuͤlle der Geſundheit gluͤhende Camillo, wie er Dir zum erſten Male am Albanerſee entgegen trat?— Und ein bluͤhender Knabe laͤchelt Dir als Eben⸗ bild des Vaters am Mutterbuſen?— Du unendlich Gluͤckliche!— Wie ſehne ich mich Dich in der Fuͤlle der Freude zu ſehen, und Dein Kind an das Herz zu ſchließen, dem der ſuͤße Muttername nie entgegen toͤnte. Ich ſoll Dir ſagen wie es mir geht?. Ach, warum forderſt Du mich auf, den ſchoͤ⸗ nen Bluͤthenkranz Deiner Tage mit einem Trauerflor zu umhuͤllen!... Die letzte Nachricht von Barſino erhielt — 232— ich zu Anfange Auguſt: er ſchrieb mir daß er wohl ſey, und da die Armee raſch vor⸗ waͤrts eile, ſo moͤge ich nicht verzagen, wenn ich vielleicht lange nichts von ihm hoͤre. Seitdem iſt das blutige Treffen bei Smolensk, die moͤrderiſche Schlacht bei Moſaisk vorgefallen, die Hauptſtadt einge⸗ nommen worden, und Barſino hat nicht ge⸗ ſchrieben! Dumpfe Ungluͤcksgeruͤchte drin⸗ gen durch die Siegeslieder der Buͤlletins.. Man ſpricht von Niederlagen... Zehn.. zwanzig.. Hunderttauſende der Ausgezoge⸗ nen ſind gefallen... Und Barſino ſchweigt! 2.. Iſt unter ihnen!!... Und doch ſucht mich immer noch eine troͤſtende Hoffnung zu taͤuſchen— und ich gebe mich dieſem Wahne ſo gern hin!— ſo daß ich nicht einmal wage mich beim Kriegsbuͤreau zu erkundigen. Ach! ich koͤnnte ja dort das hoͤren, was das letzte Faͤdchen zerriß, das mein ſinkendes Herz noch aufrecht haͤlt. Waͤrſt Du doch bald bei mir, meine Va⸗ leria, um dieſes trauernde, zagende, in Er⸗ wartung des Schrecklichſten ſtill vergehende — — 233— Leben, mit dem Anblicke Deines Gluͤcks zu erquicken. Sechs und funfzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Du biſt dem Kriegsſchauplatze naͤher als ich, meine Adelheid; alle die ſchrecklichen Nachrichten die uns hier zu Boden ſchmet⸗ terten gingen erſt durch Dein und mein Vaterland; daher wußteſt Du auch fruͤher als Deine ungluͤckliche Emilie, daß ihre Hoffnungen auf Lebensgluͤck dahin ſind, ſeit der Geliebte anchs um nie wieder zu kehren. Die traurigen Reſte einer der ſcönſt Armeen, die je, um Bruder gegen Bruder zu wuͤthen, ausgeſandt wuͤrden, ſind groͤß⸗ tentheils als Kranke oder Kruͤppel zuruͤck⸗ gekehrt, und Barſino— kam nicht mit ih⸗ nen! Seit dem Brand von Moskau wird er vermißt.— Ob er den Tod in den Flammen gefunden, ob er durch die Hand eines Meuchelmoͤrders fiel— Niemand weiß es.. Nur ſo viel iſt gewiß, nur ſo viel ward mir endlich in der Nacht meines Jammers klar, daß ich ihn verloren habe. Valeria eilte auf dieſe Nachricht zu mir: ſie und ihr edler Gatte hielten mich auf⸗ recht in der ſchwerſten Stunde meines Le⸗ bens; ihnen danke ich es, daß ich nicht der Verzweiflung zum Opfer fiel. Sie haben mich faſt mit Gewalt mit ſich nach Rom genommen. Dort lebe ich jetzt. Wie?— Dieſe Frage vermag ich Dir nicht zu beant⸗ worten. Ich athme noch, das iſt mein Leben!—— Man ſucht die Hoffnung bei mir zu er⸗ halten, daß Barſino noch unter den Gefan⸗ genen ſich befinde, die in die entferntern Provinzen Rußlands abgefuͤhrt worden ſind, aus denen es ſchwer, ja faſt unmoͤg⸗ lich iſt, Nachricht von ſich an die Seinen gelangen zu laſſen. Mein Herz bebt dann wohl einige Sekunden in Hoffnung und Freude— aber ſogleich ſteht die Wirklich⸗ keit wieder in ihrer ganzen graͤßlichen Wahr⸗ heit vor mir, und ich verſinke wieder in mein truͤbes Dunkel und bitte Gott um Kraft, das zu ertragen, was ich nimmer geglaubt haͤtte tragen zu koͤnnen.— Hier unterdruͤcke ich abermals einige Briefe die Emilie ſchrieb, waͤhrend ſie in ſtiller Ergebung, und leiſe zuweilen aufdaͤm⸗ merndem Hoffen, bei dem Fuͤrſten und der Fuͤrſtin Almaviva lebte, und fange erſt mit dem wieder an, den ſie einige Monate nach dem endlichen Frieden an ihre Freundin Adelheid ſchreibt. Sieben und funfzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Der letzte Schimmer, der noch zuweilen einen troͤſtenden Lichtſtrahl in den Abgrund meines Schmerzes warf, iſt erloſchen— und beruhigt falte ich nun die Haͤnde uͤber dem ausgeſtorbenen Herzen, da ich weiß: nun ſind meine Leiden auf die letzte Stufe gekommen, es iſt ihr Ziel. Der Friede ward verkuͤndet, und mit ihm ——— — 236— die Ruͤckkehr aller Gefangenen. Der Fuͤrſt und Valeria reiſten mit mir nach Paris, wohin alle aus Rußland Zuruͤckkehrenden ihre Weiſung hatten. Bei jedem neuankom⸗ menden Transport wagte ich aufs Neue zu hoffen, bei jedem ging ich, wie Buͤrgers Leo⸗ nore:„Den Zug wohl auf und ab und frug nach ſeinem Namen; doch Keiner war der Kundſchaft gab, von Allen ſo da kamen.“ Mancher Bekannte rief uns ein frohes Willkommen zu, von Ihm wußte Keiner! Und wie nun die Zahl der Ruͤckkehrenden immer kleiner wurde, und endlich das letzte Commando kam und ich nun gewiß wußte daß Keiner mehr zuruͤck ſey— da floh ich das Getuͤmmel der Gluͤcklichen, die in den Freuden des Wiederſehens des Schmerzes der Vergangenheit vergaßen, und barg meine Thraͤnen in Malmaiſons verwaiſten Gaͤrten, oder St. Clouds veroͤdeten Umge⸗ bungen, oder wand mich durch die verwil⸗ derten Gaͤnge Chantilly's, wo die verſoͤhn⸗ teun Manen ſeiner Schoͤpfer aus uͤbermos⸗ — 237— ten Truͤmmern ſprechen. Und ſah' ich dort, einſam wie mich, langſamen Schritts eine blaſſe Geſtalt herum wanken, ſo nahte ich mich traulich der Leidensſchweſter, und unſre Thraͤnen floſſen zuſammen, und gemein⸗ ſchaftliches Ungluͤck einte uns: und ich goß des Troſtes Balſam in ihre wunde Seele, und fuͤhlte Labung in dem Gedanken, einen Schmerz gelindert zu haben, und kehrte mit neuer Kraft zuruͤck in den Kreis meiner Lieben, und der fremde Schmerz ließ mich den meinen weniger fuͤhlen. Des Fuͤrſten Geſchaͤfte riefen ihn endlich nach Rom zuruͤck: die Zuruͤckgabe dieſer Weltkoͤnigin an ihren alten Herrn hatte Umgeſtaltungen herbeigefuͤhrt, bei der mu⸗ thige und thaͤtige Maͤnner, wie Camillo, gebraucht wurden. Was that es mir?— Rein Schickſal kann Nichts umgeſtalten; ich habe Nichts mehr zu hoffen, Nichts mehr zu verlieren. Acht und funfzigſter Brief. Emilie an Adelheid.(Ein halbes Jahr ſpaͤter.) Adelheid! Adelheid! Lebe ich noch, oder wandle ich ſchon in den Regionen ewiger Wonne? Er lebt!— Er iſt hier!— Er iſt wieder mein!— Verlange nicht, Adelheid, daß ich es Dir erzaͤhle; nur fuͤhlen kann ich, wie Ca⸗ millo leiſe Hoffnungen in mir aufdaͤmmern ließ, wie er immer beſtimmter die Moͤglich⸗ keit mir malte, daß Barſino noch leben koͤnne, wie ich endlich, faſt bis zur Gewiß⸗ heit uͤberzeugt, mit lautem Jauchzen ſei⸗ nen Namen rufe, und mit einem gewal⸗ tigen Stoße die Thuͤre ſich oͤffnet, und der Langbeweinte hereinſtuͤrzt, und ich— nicht getoͤdtet wurde vom Uebermaße des Entzuͤckens; und wie ich die erſten Tage meines wieder erbluͤhten Gluͤcks wie eine Traͤumende bald zweifelnd, bald jauchzend herumwankte und huͤpfte, und keinen Gedan⸗ ken weiter feſt halten konnte als den: Er lebt!— Er iſt hier!— Er iſt wieder mein!— — Neun und funfzigſter Brief. Emilie an Adelheid. Die wenigen Zeilen welche ich zuletzt an Dich abſendete, liebe Adelheid, werden Dir viel Raum zum Fragen gegeben haben: es war mir im Rauſche des Entzuͤckens und im Drange der Zeit nicht moͤglich, Dir mehr zu ſchreiben; eben ſo wenig aber war es mir moͤglich, die Freude meines Lebens Deinem theilnehmenden, fuͤhlenden Herzen laͤnger vorzuenthalten. Barſino iſt mit Schreiben beſchaͤftigt, fuͤr dieſen ganzen Tag auf ſeinem Zimmer, und ich weiß kein beſſeres Mittel fuͤr dieſe ſchmerzliche Entbehrung des theuren Man⸗ nes, als Dir, meine geliebte Adelheid, recht ausfuͤhrlich uͤber Ihn und mich zu ſchreiben⸗ Barſino iſt bei den Verwirrungen in Moskan verwundet, vom Pferde geriſſen, als todt unter einem Haufen Erſchlagener liegen geblieben; da er endlich wieder zu ſich gekommen, hat ihn ein mitleidiger Bauer aufgenommen und verpflegt; von da — 240— iſt er auf das Schloß eines Edelmannes gekommen, und durch ſeine Talente in Mu⸗ ſit und Malerei hat er ſich das Wohlwollen dieſer Familie in dem Grade erworben, daß er nicht mehr Gefangener onder Freund des Hauſes geweſen iſt. Mehrere Briefe hat er indeſſen an mich geſchrieben; da aber, aus der natuͤrlichen Folge weil ſie nicht an mich gelangt, keine Antwort darauf erfolgt, hat er gefuͤrchtet daß ich nicht mihr unter den Lebenden ſey Als die Gefangenen ausgewechſelt r wur⸗ . den, war er mit ſeinem Beſchuͤtzer am aͤu⸗ Ferſten Ende des Reichs, und eine gefaͤhr⸗ liche Krankheit dieſes edlen Freundes machte es ihm unmoͤglich, weder dem ganz ſpaͤt erfahrenen Rufe zur Ruͤckkehr zu folgen, noch durch ſeine, außer aller Verbindung miit ihm lebenden, und auch bereits abge⸗ reiſten Leidensgefaͤhrten, Kunde von ſeinem Leben ins Vaterland zu ſenden. Daher ſeine verſpaͤtete Ankunft. Seit Barſino's Ruͤckkehr iſt ein neues, ſtillfrohes, innig trauliches keben uͤber un⸗ 1 — 241— ſerd Zirkel aufgegangen. Der Fuͤrſt und ſeine Gemahlin ſehen wenig große Geſell⸗ ſchaften bei ſich, dafuͤr aber taͤglich einen gewaͤhlten Kreis Kuͤnſtler und Gelehrte, zu dem jeder gebildete Fremde freien Zutritt hat. Ich habe bisher wenig, oder vielmehr gar keinen Theil an dieſen Vereinigungen genommen; jetzt da ich den Salon an Bar⸗ ſino's Hand betrete, jetzt fuͤhle ich mich heimiſch unter den geiſtreichen, trefflichen Menſchen, die mit freundlicher Milde dem Weibe einen Theil der Achtung ſchenken, die ſie ihrem Gatten in ſo hohem Maße wei⸗ hen, und liebe ſie darum mit zuͤrtlicher Dankbarkeit. Camillo iſt ſeit der Ruͤckkehr des Freun⸗ des noch heitrer und gluͤcklicher als zuvor: Valeria behandelt meinen Barſino mit der zarteſten Freundſchaft; gegen mich iſt ſie ganz Liebe, ganz Theilnahme. Barſino. Ach Adelheid! die erduldeten Leiden und Er⸗ fahrungen muͤſſen ſchaͤrfere Stacheln in ſein Herz gedruͤckt haben, als er vielleicht ſelbſt glaubt. Er iſt anders als ſonſt: ein unſtaͤ⸗ * tes Weſen herrſcht in ſeinem Weſen, ganz verſchieden von dem feſten Ernſte der ſonſt jede ſeiner Handlungen bezeichnete, und den ſeine natuͤrliche Heftigkeit nur auf Augen⸗ blicke verdraͤngen konnte. Bald ausgelaſſen luſtig, bald bis zum Truͤbſinn finſter und ſchweigend, ſucht er jetzt mit aͤngſtlicher Haſt Zerſtreuung und Geſellſchaft, und verſchließt ſich anderemal tagelang vor jedem fremden Auge, nicht ſelten vor mir ſelbſt; jetzt ſitzt er, ganz Liebe und Innigkeit, wie in den erſten gluͤcklichen Tagen unſrer Verbindung, an meiner Seite: ploͤtzlich, wie von einem Schreckbild getroffen, ſpringt er auf, und flieht meine Naͤhe. Waͤre er nicht Barſino, der edle, hochverehrte Gatte, ich wuͤrde fuͤrchten daß ein Geheimniß auf ſeiner Bruſt laſte, welches das Licht ſcheue. Aber nein, das kann nicht ſeyn! Biſt Du nicht auch mit mir uͤberzeugt, Adelheid, daß dieſes unmoͤglich 8 — 243— Sechzigſter Brief. Barſino an Duport. Wahrſcheinlich biſt auch Du unter denen, die mich laͤngſt unter Rußlands Eisſchollen vermodert glauben, wie es freilich ganz den Anſchein hatte; aber nein! ich lebe noch, mir zum Verderben vielleicht!— Du weißt nicht was ich mit dieſem Ausfalle will? Hoͤre; Seit unſerm Ausmarſche weißt Du we⸗ nig von mir, da Du ſchon bei Mohilew, mit einem Beine weniger als Du ausgezo⸗ gen, zuruͤck transportirt wurdeſt und jetzt, wie ich erfahren, ganz heiter und geſund auf Deinen Guͤtern umherſtelzeſt. Mit mir ging es anders: Nachdem ich gluͤcklich durch alle Gefahren bis Moskau gekommen, und da mit der ganzen Armee auf ruhige Win⸗ terquartiere hoffe, geſchieht der Schlag, der alle unſre Hoffnungen in Aſche wan⸗ delte. Ich ſuche durch Feuerſaͤulen, Rauch⸗ wirbel und Moͤrderdolche dringend, Pe⸗ Kompafbe zu erreichen, wo der Kaiſer ſein 22 Hauptauartier hat, als auf einmal ein Haufe † jener aus der Hoͤlle gelaſſenen Buben auf 4. mich einſtuͤrzt. Meine wenigen Begleiter waren bald getoͤdtet oder zerſtreut, und ſo ſchnell auch mein Saͤbel um mich herum⸗ kreuzte, bald war ich uͤbermannt, und nach⸗ dem man mir genommen was ich auf mir trug, und mich noch ein Stuͤck mit fort⸗ ſchleppte, endlich fuͤr todt liegen gelaſſen. Naach vielleicht mehreren Tagen erwache ich wieder, und finde mich auf freiem Felde, nahe bei mir die rauchenden Truͤmmer der Hauptſtadt. Da mir es die herum ſtreifen⸗ 8 den Koſaken unmoͤglich machen meinen Weg dorthin zu nehmen, krieche ich einem Hoͤlz⸗ chen zu, wo ich unter einen Trupp ruſſiſcher Bauern gerathe: einige Worte die ich ihnen in ihrer Sprache zurief, und die Vorſprache eines Maͤdchens die bei ihnen war, retteten 4 mich nicht nur, ſondern bewogen ſie ſogar mich auf einen ihrer Karren zu laden, und 4. mit ſich zu nehmen. Immer weiter entfern⸗ ten wir uns vom Kriegsſchauplatze, bis zu⸗ letzt meine Fuͤhrer in einem Dorfe Halt mach⸗ — 245— ten. Hier bekam ich Erlaubniß herum zu gehen und benutzte ſie, um das dortige Schloß zu beſuchen, und die Beſitzer deſſel⸗ ben um Obdach und Pflege zu bitten, de⸗ ren ich, wie Du wohl denken kannſt, ſehr beduͤrftig war: verwundet, nur zur hoͤchſten Noth mit einigen mir zugeworfenen Lumpen bedeckt, abgezehrt von Hunger und Erſchoͤ⸗ pfung, bot ich ein Bild des hoͤchſten Elen⸗ des dar. Mit aͤcht patriarchaliſcher Gaſtfreund⸗ ſchaft nahmen mich die großherzigen Schloß⸗ bewohner auf, und bald vergaß ich unter ihrer ſorgfaͤltigen Pflege die erduldeten Be⸗ ſchwerden. Meine kleinen Kenntniſſe in Mu⸗ ſik und Malerei wurden von ihnen, die hier in gaͤnzlicher Abgeſchiedenheit von allen fei⸗ nern Weltgenuͤſſen lebten, als unerreichbares Wunder angeſtaunt, und bald wurde das wurmdurchſtochene Clavier und die von mir erſt wieder zuſammengeleimte Floͤte, die ich in einer Polterkammer auffand, die Werk⸗ ſtaͤtte, an der ſie Alle von mir lernen wollten. — — 246— aus der Haut haͤtte fahren moͤgen, kam eine Verwandte des Hauſes zum Beſuche im Schloſſe an: eine ſunge Wittwe, die auf ihren Guͤtern in der Ukraine lebt. Graͤfin Fanizka, ſo war ihr Name, fand ſo gro⸗ ßes Wohlbehagen an mir, daß ſie mich bei ihrer Abreiſe von der Familie erbat, und mit ſich nahm. Hier, Freund, faͤngt meine Schuld an, und blutig moͤchte ich ſie raͤchen, wenn ich bas Geſchehene damit tilgen koͤnnte! Fanizka iſt eine der Weiber, die, ohne gerade ſchoͤn zu ſeyn, doch durch friſche Farben, geiſtvolle Zuͤge und uͤppige, zum Genuß einladende Formen, ſo leicht auf die Sinne der Maͤnner wirken. Ihr Cha⸗ rakter iſt ein wahres Chamaͤleon: heute ſtuͤr⸗ miſch, morgen ſanft; bald naif, bald tra⸗ giſch: jetzt das ſuͤßeſte, liebendſte, hinge⸗ bendſte Weib, dann die im Abſtoßen anzie⸗ hende Sproͤde;— kurz ganz ſo wie ein We⸗ ſen ſeyn muß, das meine bizarre Phantaſie Mitten unter dieſen Muſtkſtunden, wo es zuweilen Mißtoͤne gab, bei denen ich — 247— mit allen Zauberkuͤnſten der Gefallſucht feſ⸗ „ ſeln kann. Ich vergaß Weib, Schwur und Pflicht, und ſank in das Netz, das blumig vor mir ausgebreitet lag, und mir nur zu bald zur dornigen Feſſel ward, unter wel⸗ * cher ich mich blutig wand, und ihr nicht 4 entfliehen konnte, denn das Laſter haͤlt fe⸗ ſter als die Tugend. Endlich da ich nichts mehr war als das elende Spielwerk der Herrſchſucht und Sinn⸗ lichkeit einer verſchmitzten Buhlerin, da er⸗ leuchtete mein guter Genius den Abgrund in den ich verſunken; da zeigte er mir von fern den Engel der Unſchuld, meine ſanfte reine Emilie, die ich einer Fanizka aufge⸗ 3 opfert! und ich ermanne mich, und mich ſelbſt eben ſo tief als meine Verfuͤhrerin verachtend, erklaͤre ich ihr unvermuthet und 6 — beſtimmt, daß ich in mein Vaterland zu⸗ ¹ ruͤckkehren wolle. * Der Zorn und die Ueberraſchung malten ſich in den wechſelnden Farben auf Faniz⸗ 8 ka's Geſicht; aber ſie wurde bald wieder Meiſter ihrer Rolle: Du willſt mich verlaſ⸗ — As— ſen, Vittorio? rief ſie mit hinreißendem Tone, und warum?— Weil der Friede laͤngſt geſchloſſen, die Gefangenen laͤngſt zuruͤckge⸗ kehrt ſind, und weil mein Vaterland meine Dienſte verlangt.— Und du denkſt nicht an mich, die verlaſſen und freudelos zuruͤck⸗ bleibt?— Des treuen Weibes vergaß ich ſchon zu lange, die einſam und ſchutz⸗ los im fremden Lande zuruͤckblieb.— Ha! rief ſie mit bitterm Lachen, Dieſe ruft!.. Was thut dir da das Herz, das dein Ver⸗ rath hier gebrochen zuruͤcklaͤßt!... Sie oͤnnen gehen, mein Herr! ſagte ſie nach einer Pauſe, mit ſtolzer Hoheit.— Ich wartete nicht bis ein neuer Auftritt vor⸗ bereitet wurde, ſondern warf mich ſogleich aufs Pferd, beſorgte mir in der naͤchſten Stadt die noͤthigen Paͤſſe, und eilte raſchen Laufs zu Emilien und zum Vaterlande. Ruhe und Gluͤck waͤhnte ich hier zu fin⸗ den, aber mit jedem Tage fuͤhle ich nur deut⸗ licher, daß dieſe Guͤter in einer ſchuldbe⸗ ladenen Bruſt keinen Raum finden!— Je⸗ der liebende Blick meines Weibes, ſedes 8 — „* — 240— freundliche Wort ihres holden Mundes, wird zum ſtechenden Pfeil in meiner Seele — und ſcheu bebe ich vor der Reinen, Schuldloſen zuruͤck, und berge meinen Schmerz, und meine Reue, und meine Selbſtverachtung, in dem fernſten Zimmer des Hauſes, und fliehe den Himmel ihres Auges, zu dem ich nicht mehr wage den Blick aufzuheben!— O ich bin furchtbar geſtraft fuͤr den Ue⸗ bermuth, mit dem ich Emiliens Beſcheiden⸗ heit, ihre Sanftmuth, Natuͤrlichkeit, ihre Nachgiebigkeit verſchmaͤhte; mit dem ich wuͤnſchte daß ſie gefallſuͤchtig, buhleriſch ſeyn moͤge!— Die Hoͤlle fuͤhrte mir ein ſolches Zerrbild meiner verblendeten Einbil⸗ dung vor, und geißelte mich mit der Er⸗ fuͤlung meines Tollhaͤusler Wunſches! Camillo's klarer Geiſt, Valeriens ſchar⸗ fer Blick, haben entdeckt daß ein Wurm an meinem Innern nagt; und es wurde mir leichter da ich ihnen einen Theil meiner Schuld entdeckt hatte; ſie wuͤrden ſi ich ver⸗ achtend von dem Gefallnen wenden, wenn .. 3 K. 95 3 — ſ ————— 4 8——— — — —-ÿy — 250— ſie das Ganze wuͤßten. O koͤnnte ich es auch Emilien bekennen! koͤnnte ich an ihrem ſanften Buſen Verzeihung fuͤr begangene Schuld erflehen!— Aber nein!— Sie ſtuͤnde dann zu hoch uͤber dem Gedemuͤthig⸗ ten; das liebende Weib wuͤrde dann zur vergebenden Heiligen, gegen mich— den reuigen Suͤnder!— Nein! das kann, das werde, das darf ich nicht dulden! Jetzt, Duport, weißt Du meine Lage; unnd geſtehen wirſt Du mir, daß es beſſer waͤre wenn ich in Moskau's Flammen, oder den Fluthen der Bereſina untergegangen, als daß ich mich ſelbſt uͤberlebt habe: um vielleicht noch einſt als Vogelſcheuche des Laſters herum zu irren, und der heirathslu⸗ ſtigen Jugend zum warnenden Beiſpiele von den ſorgſamen Muͤttern und Tanten ge⸗ zeigt zu werden. Ein und ſechzigſter Brief. Graͤfin Fanizka an Barſino. Du waͤhnteſt mir zu entfliehen?— Eitle Muͤhe!— Du kennſt mich, und glaubſt „ — 251— daß ich dem, was Mein iſt, erlauben werde ſich meiner Herrſchaft zu entziehen, bevor ich es ſelbſt von mir ſtoße.?— Du ſiehſt daß ich dieſes noch nicht will; Du ſiehſt mich, Deiner Spur folgend, hier in Rom: ich will, ich muß Dich ſehen. Ich ſende Dir meine Addreſſe; binnen hier und zwei Stunden mußt Du zu mir kommen, ſonſt ſchreibe Dir ſelbſt die Folgen des Schrittes zu, den Lizbe, Rache und Verzweiflung mich zwingen zu thun. Zwei und ſechzigſter Brief. Emilie an Barſino. Dein Gluͤck, das, von dem Augenblicke an da ich die Deine wurde, das hoͤchſte, das einzige Ziel meines Strebens war, for⸗ dert jetzt das ſchwerſte Opfer das das lie⸗ bende Weib dem Manne bringen kann: Dir zu entſagen. Ich fliehe— und nie wird eine Erinnerung an mich Dich in dem neuen Bunde ſtoͤren, den Du zu einer Zeit ge⸗ knaͤpft, wo ich, in Schmerz und Angſt auf⸗ — 2⁵52— geloͤſt, aber gluͤcklich in dem Wahne daß Du mich liebeſt, dem Himmel mein Leben fuͤr das Deine bot. Ich ſollte Dich haſſen, verachten... Ich kann nichts als Dich be⸗ klagen— und Dir verzeihen. Lebe wohl; nögeſ Du gluͤcklich ſeyn!— Drei und ſechz igſter Brief. Emilie an Valerien. Vom ſchrecklichſten, nie geahneten Schla⸗ ge in den letzten Abgrund des Jammers ge⸗ ſchleudert, wendet ſich das arme, von grau⸗ ſamer Hand gebrochene Herz zu Dir, der einzigen Stuͤtze die ihm noch blieb. Die Ur⸗ ſache welche mich zwang Dein gaſtliches Dach zu fliehen, hat alle meine Lebenskraͤfte zertruͤmmert, und nur die Gewißheit, daß mit dem Glauben an Ihn den ich einzig geliebt, auch mein Daſeyn, das nur in Ihm beſtehen konnte, ſchwinden muß, giebt mir Muth es zu ertragen, und Kraft, Dir das Schrecklichſte zu erzaͤhlen. Geſtern, am Todestage der Fuͤrſtin Au⸗ relia, wo Du mit Deinem Gemahle den Tag einſam in Gebeten verbrachteſt, und auch fuͤr mich unſichtbar bliebſt, Barſino aber ſchon am fruͤhen Morgen ausgeritten war, bekomme ich ein Billet, worin mich eine Ungluͤckliche beſchwoͤrt ihr zu Huͤlfe zu eilen. Ich folge willig dem Rufe, und werde in eine abgelegene Straße in ein kleines Zimmer gefuͤhrt. Ein ztodtbleiches, in Trauer gehuͤlltes junges Weib wankt mir aengegen und zu meinen Fuͤßen ſtuͤrzend: Verzeihung! Mit⸗ leid! ruft ſie in gebrochenen Toͤnen. Ich beruhigte ſie ſo gut ich konnte, und bat ſie dann, mir zu ſagen worin ich ihr helfen koͤnne. Da.. o ſchweig armes Herz, dir 4 wird ja balb Ruhe!— Sie ſehen vor ſich, hub ſie an, ein ungluͤckliches Opfer der Verfuͤhrung: geliebte Tochter einer vorneh⸗ men ruſſiſchen Familie, lebte ich im Schooße der Ruhe und des Gluͤcks, als im letzten Kriege ein gefangener italiaͤniſcher Offizier, verwundet und von Allem entbloͤßt, auf un⸗ ſer Schloß gebracht wurde. Wir nahmen — — 254— ihn huͤlfreich auf, wir pflegten, wir ſpei⸗ ſten, wir kleideten ihn.— Zum Dank haͤufte der Nichtswuͤrdige des Jammers Laſt auf uns, und lohnte mit Schande und Verrath die Freundſchaft, die wir ihm ge⸗ zollt. Er ſchlich ſich in mein unbewachtes Herz; er benutzte den Sieg einer ſchwachen Stunde— und— da ich nichts mehr ihm zu opfern hatte, verließ mich der Treuloſe, und floh.— Ich vermochte nicht laͤnger die zaͤrtlichen Blicke der geliebten, von mir ſo ſchwer hintergangenen Aeltern zu ertra⸗ gen: ich entfloh dem vaͤterlichen Schloß unnd barg, fern vom Vaterlande, mein Un⸗ gluͤck und meine Schande. Endlich entdecke ich die Spur meines, ach immer noch heiß geliebten Verfuͤhrers— ich folge ihr.— Hier erfahre ich daß der Verraͤther, der doppelt Bundbruͤchige, ein treues, liebendes Weib habe— und meine Leidenſchaft fuͤr ihn wandelte ſich in Haß und Verachtung. Ich faßte den Entſchluß, den Schleier; in ei⸗ nem Kloſter ſtrenger Buͤßerinnen zu neh⸗ men, aber vorher mußte ich dem Weibe, — 255— das ich, ohne es zu ahnen, ſo ſchwer belei⸗ digt hatte, reuig zu Fuͤßen ſinken, um mit ihr und mir verſoͤhnt, dem Weihaltar zu nahen, und dann in Reue und Gebet den Reſt meiner Tage zu verweinen. Voll der ſchwaͤrzeſten Ahnungen, die im⸗ mer mehr zur Gewißheit werden, hoͤre ich dieſe furchtbare Erzaͤhlung: Ein tiefer Seuf⸗ zer hebt endlich die Laſt von meiner Bruſt, unter der ich zu erliegen dachte.„Barſino! — preßte ich mit der letzten Kraft des To⸗ nes endlich hervor.— Du nannteſt den Namen, nicht ich! rief die Fremde⸗ ſa, d Er ſ es!“— Wie ich aus dem unglüͤckshaufe pekom men, weiß ich nicht: ich fand mich in mei⸗ nem Zimmer endlich wieder. Einige Worte an Barſino zuruͤcklaſſend, eile ich zu Fuße fort, den beſtellten Wagen erſt vor dem Thore beſteigend. Ich floh zu Federigo: ſein ſtilles Haus, das auch Dir einſt Zu⸗ flucht gab, hat mich ſchuͤtzend aufgenom⸗ men; das Zimmer deſſen Boden einſt Deine Thraͤnen trank, birgt auch jetzt mitleidig die wollte, daß ſie es wiſſen ſolle. — 26— Seufzer, die meiner derriſſenen Muf ent⸗ ſteigen. Kannſt Du unbeinerft zu mir bounun, meine Valeria, ſo eile, mir den letzten Troſt in dieſem Leben zu bringen, ehe es zu ſpaͤt iſt, denn der Schlag hat das Herz getrof⸗ fen. Alles konnte ich ertragen, ſelbſt die Nachricht Seines Todes; Seinen Beie rhihe an meiner Liebe nicht! Sage dem Mann der mein Alles war, daß ich ihm ſein Wort zuruͤckgebe, daß ich allen Rechten auf ihn entſage, daß er eile das Verbrechen wieder gut zu machen, das er an der Unſchuld veruͤbt... Daß mein letzter Hauch noch fuͤr ſeis täcs hehe, und daß Kicj lhin denhe:30 Vier und ſechzigſte Buief. Fanizka an. Barſino. Du kamſt nicht das ich Dir es befahl⸗ ich ſandte nun zu Deinem Weibe und ent⸗ deckte ihr unſer Verhaͤltniß, ſo wie ich Jetzt habe ich meine Rache, und nun gebe ich dich frei!— Dein Beſitz hat aufgehoͤrt mir wuͤnſchenswerth zu ſeyn; ich ſchleudere das verbrauchte Spielwerk verachtend von mir, und verlaſſe Dein, nur Verraͤther und Ban⸗ diten erzeugendes, Land, ſo ſchnell als ich es betreten. Der Vorhang iſt gefallen, die Lomsdie geendet, und ich applaudire meinem meiſter⸗ haften Spiele. —— Barſino hatte einige Tage auf der Villa eines Bekannten zugebracht; bei ſeiner Nuͤck⸗ kehr findet er Fanizka's beide Billets, und Emiliens Abſchiedsworte. Wuͤthend laͤdt er ſeine Piſtolen und ſtuͤrzt in Fanizka's Wohnung... Sie war ſogleich nach der Scene mit Emilien abgereiſt. Jetzt wirft er ſich aufs Pferd um Emilien aufzu⸗ ſuchen— nach langem, fruchtloſem Herum⸗ irren koͤmmt er, abgeſtiegen von ſeinem un⸗ ter ihm geſunkenen Roſſe, todtmuͤde vor Federigo's Wohnung, um hier vielleicht eine ———— 4 — 2— * Spur von der zu finden, nach der er mit allem Feuer ſeiner heftigen Seele verlangt. Schweigend und trauernd tritt ihm der Beſitzer entgegen:„Ich weiß Alles! unter⸗ bricht er ſtreng und kalt Barſino's Fragen. — Alles? ruft dieſer. Um Gotteswillen! wo iſt Emilie?— Im Hafen! antwortet Federigo mit hervorſtuͤrzenden Thraͤnen. Jetzt erſcheint Camillo: Barſino ſtuͤrzt halb ſinn⸗ los in ſeine Arme. Armer Freund! ruft der Fuͤrſt mit einer Thraͤne des Mitleids.— „O fuͤhre mich zu Ihr! ſchreit Barſino, zieht ihn mit ſich fort, und ſtuͤrzt in das Zimmer aus welchem der Fuͤrſt getreten war. Den Frieden des Himmels auf dem ver⸗ klaͤrten Geſichte, die Haͤnde uͤber der ſtillſte⸗ henden Bruſt gefaltet, liegt Emilie, ein En⸗ gel des Lichts, auf einem Ruhebette: Vale ria, in lautloſem Schmerze, kniet neben der Huͤlle der Geſchiedenen. Beim Geraͤuſch der Eintretenden wendet ſich die Fuͤrſtin um: ſie erblickt Barſino, zeigt auf die Leiche— und mit einem furchtbaren Schrei ſinkt die⸗ ſer zuſammen. Sannillo eilt ihn aufzuheben: — 259— 2 Todt? ruft ihm der Ungluͤckliche zu.— Sie ſtarb verſoͤhnt mit dir, ihr letztes Wort war dein Name.— Und meines der Ihre! ſchreit Barſino und ſtuͤrzt hinaus, Camillo ihm nach; allein noch ehe er ihn erreicht faͤllt ein Schuß,— Barſino's hohe Geſtalt ſtuͤrzt leblos zuſammen, das ungluͤckliche Piſtol in der erſtarrten Rechten haltend. Dumpfer Geſang ſchallt durch dieſe Scene des. Grauſes: Eine Schaar barmherziger Bruͤder traͤgt den Leichnam einer Fremden zu Grabe, die ſie, aus mehreren Wunden blutend und von ihrem Gefolge verlaſſen, ſterbend bei ihrem von Naͤubern gepluͤnder⸗ ten Reiſewagen gefunden.— Es iſt Fa⸗ nizka!. Der gefundene Schleier. 4 Erzaͤhlung von 4 „. Wilhelmine L. Die Bedienten trugen die Braten von der Tafel des Grafen Manizki ab, und ſetzten den Nachtiſch auf. Die Ehampagnerflaſchen wurden nun entſiegelt und immer lebhafter das Geſpraͤch, und immer lauter das froͤh⸗ liche Lachen des Grafen und ſeiner T aſ ſellſchaft, welche meiſtens aus benachbarten Gutsbeſitzern beſtand, die, von einer gro⸗ ßen Jagd zuruͤckgekehrt, ihrem gaſtlichen Wirthe zeigten, daß es ihnen an ſeiner wohlbeſetzten Tafel eben ſo gut gefiele, als auf ſeinem trefflich bevoͤlkerten Reviere. „Janie, meine Cartouſche!“ donnerte der Graf dem hinter ſeinem Stuhle in aͤngſt⸗ licher Aufmerkſamkeit lauernden Bedienten zu! Seht, Freunde, was ich heute im Wal⸗ de gefunden! rief er zur Geſenizaft ge gewer 86— 264— det, und zog aus der uͤberreichten Jagdta ſche ein Brevier hervor:„aber“ fuhr er fort,„nicht das iſt der Schatz, ſondern, — indem er es oͤffnete,„ſeht was darin liegt, und mit dieſen Worten nahm er ei⸗ nen ſorgfaͤltig zuſammengefalteten Nonnen⸗ ſchleier heraus. Unter Laͤcheln, Lachen und Gelaͤchter, reichte einer dem andern den aufgefundenen Schleier, und jeder machte ſeine Anmerkung dazu. Hahahaha! lachte der dicke Fuͤrſt O.,„wenn das Ding ſpre⸗ chen koͤnnte, da wuͤrden wir bald wiſſen, in welchem ſuͤßen Augenblicke es ſich in das Gebetbuch eines Moͤnchs verirrte.— Ein pretium affectionis! rief der Marſchall J. — Je vois que nous sommes tous de pau- vres pécheurs: ſpoͤttelte der Abbe V., den die Revolution ſeines Vaterlandes hier⸗ her nach Polen gefuͤhrt, und da zuruͤckge⸗ laſſen hatte.— Wo fand'ſt du ihn... deklamirte der eben von der hohen Schule zuruͤckgekehrte Neveu des Grafen: Wo fandſt du ihn? ward von bewegten Luͤften Er von Cytherens Gliederbau geſpuͤhlt 1 — 205 Fandſt 21 ihn dort bei Babels Todtengruͤften, Von Loͤwenrachen in den Sand gewuͤhlt? Nein, ihn, der keuſchen Jungfrau Zier, Fand ich— in eines Moͤnchs Brevier! Die gute, ſanfte Graͤfin hatte indeß, voll ſtiller Mißbilligung uͤber die unzarten Scherze der Maͤnner 3 das Brevier zur Hand genommen. Die an den Rand der Blaͤtter mit Bleiſtift hinzugeſetzten Bemerkungen, und einige auf den innern Deckel des Um⸗ ſchlags geſchriebene Denkſpruͤche, ließen ſie die Hand des frommen Paters Euſebius, des thaͤtigen Gehuͤlfens ihrer Bemuͤhung, Menſchenelend zu lindern und Menſchen⸗ wohl zu befoͤrdern, erkennen. Ein ernſter Blick auf den reimenden Neffen machte die⸗ ſen ſtumm, und betroffen reichte er ihr den ſeine Muſe begeiſternden Gegenſtand. Die Spoͤtter, huldigend der ſtillen Wuͤrde des trefflichen Weibes, ſchwiegen wie durch Zau⸗ berſchlag und eine minutenlange Verlegen⸗ heit raͤchte den guten verkannten Euſebius, bis der Graf, eine politiſche Frage aufwer⸗ fend, die ganze Geſellſchaft dadurch auf — — 266 ihr Steckenpferd hob, auf dem ſie ſih nur⸗ mehr ruͤſtig herumtummelte. e Die Graͤfin legte ſchweigend den Schleier in das Brevier und nahm es nach aufgeho⸗ 3 bener Tafel mit in ihr Zimmer. Den an⸗ dern Morgen kam der Pater Euſebius, um ihr, wie er woͤchentlich pftegte, Rechnung uͤber die Gelder abzulegen, die ſte ihm zur Vertheilung unter die Nothleidenden ein⸗ haͤndigte. Mit edlem Anſtande nahte die hohe Ge⸗ kanrddi mehr der Gram als das Alter et⸗ gebeugt hatte. Die Furchen des Kum⸗ mers die ſeine Zuͤge umſchatteten, wurden durch den Ausdruck himmliſcher Ruhe in den ſanften, liebevollen Augen gemildert, und die freie, gewoͤlbte Stirne, ſparſam von fruͤhgebleichten Locken umzogen, ſprach feſten Muth und hohen Geiſt aus. Als Euſebius ſein Geſchaͤft geendet und neue Plaͤne zu ihren wohlthaͤtigen Abſichten gemacht worden waren, langte die Graͤfin das gefundene Brevier aus ihrem Buͤreau hervor. Der areßſetzunn es ienleih fůͤr — 267— das ſeine, welches er im Walde beim Kraͤu⸗ terſuchen verloren und fragte die Graͤfin mit leichtem Erroͤthen, ob ſie es geoͤffnet habe.— Nicht ich, ſondern mein Gemahl der es gefunden.— Aber Sie wiſſen was es enthaͤlt?— Ich habe den Schleier ge⸗ ſehen der darin liegt.— Und glauben?.. frug er mit gepreßter Stimme—— Ich glaube daß der gute fromme Euſebius, mein edler, geachtéter Freund, alles was er thut, nur aus reiner Abſicht thut.— Dieſer Schleier, hub der Pater halb leiſe an, iſt ein theurer Nachhall einer ſchoͤnen Verhan⸗ genheit; er iſt, fuhr er mit ſteigender Waͤr⸗ me fort, die einzige mir gebliebene Bluͤthe aus dem verwelkten Kranze meiner Freuden, mein hoͤchſtes irdiſches Gut.— Schwei⸗ gend heftete er ſeinen Blick darauf und eine Zaͤhre perlte langſam die Wange herab. Er ſchien ſie nicht zu bemerken und nach einem kurzen Schweigen kehrte die vorige Ruhe und Freundlichkeit wieder bei ihm zu⸗ ruͤck. Darf ich Ihnen, wendete er ſich zur Graͤfin, den Theil meines Tagebuchs mit⸗ 4 3 8 8 8 — ———— —)1k))“—“ſſſ“ — 268— theilen, welcher dieſen Sonnenblick meines Lebens enthaͤlt?— Nein, mein Vater; es ſcheint Sie trauen mir zu, einem Verdachte gegen Sie Naum gegeben zu haben.. ich erroͤthe im Innern meiner Seele daß Sie, guter, frommer Greis, eine Verthei⸗ digung gegen mich noͤthig glauben koͤnn⸗ ten... ich kann, ich darf Ihr Erbieten nicht annehmen.— Auch nicht wenn ich Ihnen verſichere, daß es ſchon laͤngſt mein Wunſch war, Sie mit dieſer Begeben⸗ heit meiner fruͤhern Jahre bekannt zu ma⸗ chen? daß ich, dem Grabe nahe, ein ſuͤßes Vergnuͤgen darin finde, in der Geſchichte meiner Leiden und Freuden in Ihrem fuͤh⸗ lenden Herzen fortzuleben? Werden Sie dann noch meine Bitte verwerfen?— Dann ehrt mich Ihr Vertrauen und dankend nehme ich es an. Der Pater gab ihr ſeinen Seegen und ging. Den andern Tag ſendete er ihr ein verſiegeltes Paket, welches folgende Blaͤtter enthielt: „Hier uͤberſende ich Ihnen, verehrte * —————— 8 1— — 269— Graͤfin, die Geſchichte meines Herzens. Er⸗ lauben Sie mir zur Verſtaͤndigung dieſer Blaͤtter folgende kleine Vorerinnerung: Aus der Familie P. geboren, die, von weibli⸗ cher Seite von den Piaſten abſtammend, immer ein tiefes Gefuͤhl fuͤr die Rechte der Monarchen gehabt, war ich zur diplomati⸗ ſchen Laufbahn beſtimmt, und ſchon in mei⸗ nem neunzehnten Jahre als Geſandtſchafts⸗ cavalier mit nach Frankreich gegangen. Mein Vater ſtarb waͤhrend meines Dortſeyns: meine treffliche Mutter rief mich daher ins Vaterland zuruͤck, weil ſie, von Krankhei⸗ ten zerruͤttet, ſich nach Ruhe ſehnte und die ziemlich weitlaͤufigen Familienguͤter mir uͤbergeben wollte. Von dieſer Zeit meiner Ankunft an datirt ſich dieſes Tagebuch. Den 26ſten September 1770. Sey mir gegruͤßt, Vaterland, nach ei⸗ ner Trennung von 4 Jahren! Wie doch alles ſo lieblich, ſo heimiſch mich wieder umfaͤngt! Bluͤhen auch hier keine Gewaͤchſe waͤrmerer Zonen in freier Erde, ich tauſche ———- 270 doch meine rauhen Eichenwaͤlder nicht dage⸗ gen!— Mieine herrliche Mutter fand ich ſehr matt und bleich; aber ihr geiſtvolles Auge blickt noch mit voriger Zaͤrtlichkeit in das meine, ihre Zuͤge ſprechen noch wie ſonſt hohen Muth und ſanfte Guͤte aus.— Die Unterthanen meiner Guͤter kamen, mir die Fuͤße zu kuͤſſen— ich erroͤthete vor ei⸗ ner Erniedrigung, welche mich die menſchli⸗ chern Sitten des Auslandes hatten vergeſ⸗ ſen laſſen— meine Mutter meint das ſey nun einmal ſo Gebrauch, und ſie waͤren daran gewoͤhnt.„Ruͤcke nicht an den al⸗ ten Ordnungen unſres Vaterlandes, mein Demeter, fuhr ſie fort, damit ſeine erſchuͤt⸗ terten Grundfeſten nicht brechen, und dich und uns in ſeinen Fall vergraben.“ Den 28ſten September⸗ Ich habe ſie wieder geſehen, meine holde Jugenogefaͤhrtin, meine Wanda, deren Bild ſelbſt bei den glaͤnzendſten Scenen des Aus⸗ landes, immer in den Strahlenſchleier der Erinnerung gehuͤllt, meiner Seele vor⸗ — 271— ſchwebte. Das liebliche Kind iſt zur zarten Jungfrau herangewachſen, die im Reize der Schoͤnheit bluͤht. Ich ſtand vor ihr, ſprach⸗ los, verlegen— das trauliche Du womit wir uns ſonſt begruͤßt, erſtarb auf meinen Lippen: ihre Hand zitterte als ich ſie er⸗ griff, ſie erroͤthete als ich den Willkommen⸗ kuß auf ihre Stirn druͤckte. Ihr Vater empfing mich mit— wie ſoll ich ſagen? eiſi⸗ ger Waͤrme oder feuriger Kaͤlte?— Von ſeinen Lippen floſſen mir freundliche Reden, aber die ſtarre Schroffheit ſeiner Zuͤge be⸗ wies, daß ſie nicht aus dem Herzen kamen. Er ließ mich neben Wanda ſitzen, er ermun⸗ terte uns, den Ton alter Bekanntſchaft wie⸗ der anzunehmen— aber immer war es als ob er mit kalter Hand uͤber mein heißes Herz fuͤhre, als ob er jedem Worte herzli⸗ chen Vertrauens einen Schlagbaum toͤdten⸗ der Convenienz vorzoͤge. Auch Wanda G wurde in dem Maaße ſtill und verlegen, als der Vater ſie zum Sprechen aufforderte, und kaum war der Thee ſervirt, ſo ent⸗ fernte ſie ſich. Es war mir nicht moͤglich ———— — 22— laͤnger in dieſer gepreßten Lage zu bleiben, ich eilte wieder nach Hauſe. Den 109ten October. Feſte reihen ſich an Feſte in der Nachbar⸗ ſchaft um, wie ſie ſagen, meine Ankunft zu feiern; wohl aber nur um mir zu zeigen, daß ich auch in den Zirkeln des Nordens die Annehmlichkeiten der Pariſer großen Welt finden koͤnne. Meine alten Bekannten draͤngen ſich mit freundlicher Herzlichkeit an mich; die Maͤdchen, mit denen ich ſonſt kind⸗ lich taͤndelte, ſind Jungfrauen, zum Theil Weiber geworden; Alle erkennen in mir den Jugendfreund wieder, nur Wanda— die lieblichſte von Allen, deren Geiſt und Schoͤn⸗ heit Alle aͤberſtrahlt, nur Sie iſt kalt, un⸗ gleich, unbegreiflich mit mir. So geſtern: Eine große Geſellſchaft war auf dem Schloſſe des Grafen R. verſammelt. Meine Mutter flieht ſeit dem Tode meines Vaters alle große Zirkel, ich fuhr allein hin und kam erſt gegen Abend dort an. Beim Eintritt in den Geſellſchaftsſaal ſuchte mein Blick in d — 23— dem Kreiſe der Maͤdchen ſie— und fand ſie bald. Sie war in eifrigem Geſpraͤch mit dem jungen Prinzen J., der uͤber den Ruͤcken ihres Stuhls ſich beugend, ſehr wohl mit ſeinem ſchoͤnen Platze zufrieden ſchien.— Hier koͤmmt einer, der unſern Streit ſchlichten wird!“ rief der Prinz als er mich erblickte: nkommen Sie, Freund De⸗ meter, und ſagen, wer von uns Beiden Recht habe; Fraͤulein Wanda ſagt, daß der gute Menſch ſeinen Grundcharakter nie aͤn⸗ dre, daß Verhaͤltniſſe ſpaͤterer Jahre die Neigung fruͤherer Zeit wohl zum kurzen Schweigen bringen, aber nie verdraͤngen koͤnnten; ich hingegen behaupte, daß Ver⸗ haͤltniſſe den Menſchen beſtimmen, daß dieſe der maͤchtige Hebel ſind, der unſre Neigun⸗ gen richten, unſre Handlungen leiten muß. — Das heißt, fiel ihm Wanda in die Rede, „Sie machen den Menſchen zur Glieder⸗ puppe, Sie achten den Keim zum Edeln und Schoͤnen, den der Schoͤpfer in die Bruſt ſeiner Menſchen legte, fuͤr nichts an⸗ ders, als eine gutmuͤthige Maſſe, welche — 274— die Welt in beliebige Formen bilden kann?“ — Sie kommen aus der erſten Stadt der Welt, wendete ſich der Prinz an mich,„Sie haben das Leben in ſeinen labyrinthiſchen Gaͤngen beobachtet: was antworten Sie dar⸗ auf?— Wohl treten oft Faͤlle ein, erwie⸗ derte ich, wo das Gefuͤhl ſchweigen muß, wo die eiſerne Hand der Verhaͤltniſſe auf der pochenden Bruſt laſtet, wo das Herz ſeine ſchoͤnſten Wuͤnſche in ſeine innerſten Tiefen verſenken muß— aber es bleibe nur treu dem, was es als recht und gut erkannt, es halte feſt an dem, was die Seele von ihrem erſten Gefuͤhle an auffaßte, und nie wird es ſich fremd werden.— Das Ideal das es mit dem erſten Feuer der Jugend umfaßte, mit dem Strahlenkranze der Erinnerung umzo⸗ gen, ſtets in ſeinem Innern bewahrte, wird des Mannes Bruſt zu ſchoͤnen Thaten he⸗ ben, wird noch die Wintertage des Greiſes mit mildem Sonnenglanze erwaͤrmen.— Wanda ruhte, waͤhrend ich ſprach, mit un⸗ beſchreiblichem Ausdrucke auf mir: eine leiſe Bewegung des ſchoͤnen Hauptes ſchien mir “ — 275— zu ſagen, daß auch ſie das fuͤhle was ich ſagte— aber ploͤtzlich umzog ein buͤſtrer Ernſt ihr Auge, ein bittrer ſpottender Zug verunſtaltete ihren lieblichen Mund, und ohne auf meine Worte weiter zu achten, wendete ſie ſich zu ihrer Nachbarin, einer der Toͤchter des Hauſes: Wirſt du uns nicht ein wenig Muſik gewaͤhren, liebe Fanny? ich habe große Luſt zu tanzen.“— Die jungen Damen flogen an den Tiſch wo die verheiratheten Frauen ſaßen, um von den Muͤttern und Tanten die Erlaubniß dazu zu erbitten. Laͤchelnd willigten dieſe ein und ruͤckten ihren Kreis enger zuſammen, um der froͤhlichen Jugend weitern Raum zu eben. Fanny oͤffnete das Pianoforte, anda bot dem Prinzen die Hand und fuͤhrte ie Maſure mit ihm auf. Alles dieß war das Werk weniger Minuten. Betaͤubt ſtand ich da, wußte nicht wie mir geſchah— man noͤthigte mich zu tanzen, man zog mich fort, — ich ließ es mechaniſch geſchehen— ver⸗ wirrte die Touren, trennte die Paare— man wies mich zurecht, man lachte, masn S2 — 276— ward ungeduldig— Wanda ſchien von dem allen nichts zu bemerken. Ich dankte dem Himmel als der Tanz voruͤber war, ich mich in den Wagen werfen und nach Hauſe ja⸗ gen konnte. Den 2ten November. Immer tiefer druͤckt ſich der Pfeil der Liebe in mein wundes Herz, und immer raͤthſelhafter wird mir Wanda. Iſt ſie ein Engel des Lichts? Iſt ſie der Eumeniden eine?— Eine tiefe Sehnſucht nach der einzig Geliebten trieb mich heute nach dem Schloſſe ihres Vaters: ich traf ihn allein mit Wanda. Ernſt und kalt wie gewoͤhn⸗ lich nahm mich der alte Staroſt auf: fin⸗ ſter ſchritt er im Zimmer umher, wäßrend ich mich Wanda's Staffelei naͤherte, wo ſie eben bei Vollendung des Siegs der Vetu⸗ lia uͤber Coriolan war. Mit ruͤhrendem Ausdrucke kniete die ſchoͤne ehrwuͤrdige Ma⸗ rone vor ihrem Sohne, in deſſen Zuͤgen kerrſinn und Nachgeben, Ruͤhrung und G In ſtillem Entzuͤcken verloren ruhten meine . Blicke auf dem herrlichen Gemaͤlde, und huldigend fielen ſie auf ſeine Schoͤpferin zuruͤck, die, mit ihrer Palette beſchaͤftigt, auf mich nicht zu achten ſchien.—„O Wanda, Sie gluͤckliche Juͤngerin der Kunſt, rief ich aus, wie ſchoͤn, wie wahr haben 1 ſie die Natur gefaßt! wie belohnend muß es ſeyn, ſo ſeinen Gefuͤhlen Worte zu lei⸗ hen, ſo’das Schoͤne und Große verewigen zu koͤnnen!—„Meinen Sie? erwiederte ſie ohne von ihrer Arbeit aufzuſehen; ich liebe die Kunſt weil ſie Kunſt iſt, aber nicht in Beziehung auf Natur.— Und wird nicht dann die Natur zur hoͤchſten Kunſt wenn ſie die hoͤchſte Natur iſt?— „Natur... was nennen Sie Natur?— Dieſe Schoͤpfung Ihres Pinſels, die nur das tiefſte Gefuͤhl ſo auf die Leinwand hau⸗ chen konnte.—„O das arme Gefuͤhl, dieſe Larve die auf alle Geſichter paßt, und hinter welcher ſich ſo bequem die gehaͤſſig⸗ ſten Leidenſchaften verbergen laſſen! doch laſſen wir das!“— Bitter laͤchelnd uaßa — 278— ſie den Pinſel wieder, aber ihre Hand zit⸗ terte und vermochte kaum einige unſichre Striche zu thun. Der Staroſt war zu uns getreten:— Noch kann ich nicht be⸗ greifen, Wanda, wie du dieſen Gegenſtand zur Uebung deiner Kunſt waͤhlen konnteſt. —„Es iſt der Triumph der kindlichen Liebe, mein Vater, die Allem entſagt um der zu gehorchen die ihm das Leben gab.—„Fin⸗ den Sie dieſe Handlung des Coriolan groß, Demeter? Finden Sie ſie erhaben?— Wen ſollte dieß nicht ergreifen! Coriolan, der al⸗ len Bitten, allen Verſprechungen widerſteht, raſtlos ſein Ziel verfolgt und jetzt, im Au⸗ genblicke der Erreichung, Alles von ſich ſchleudert, weil ſeine Mutter ihn bittet; der lieber die ſchrecklichſte Rache eines getaͤuſch⸗ ten Volkes auf ſich ladet, als die kraͤnkt, die ihn gebar...— Ich ſehe Sie ſind auch einer von denen, die die Geſchichte noch in dem Lichte betrachten, in welchem Ihre akademiſchen Hoͤrſaͤle ſie Ihnen be⸗ leuchtet.... Ein Schwaͤchling war der Coriolan, ein elender Feiger: er wollte — 279— Rom bekriegen, er mußte feſt dabei blei⸗ ben!— Aber Rom war ſein Vaterland, und er ſollte es zerſtoͤren?—„Laſſe ich mir doch auch ein Glied abloͤſen, wenn es brandig geworden; laſſe ich mir doch auch das Blut abzapfen das verdorben iſt!... Warum nicht einige Staͤdte, einige Tauſend Menſchen opfern, um das Ganze zu retten? — Aber fremde Voͤlker in das Vaterland fuͤhren?„Mit Feinden ſich verbuͤnden um die eignen Mitbuͤrger zu wuͤrgen?—„Wenn die eignen Mitbuͤrger zu ſchwach oder zu verblendet ſind um das zu erkennen, was zu ihrem Heile dient, muͤſſen es ihnen wohl Fremde zeigen. Junger Freund, wenn Al⸗ ter und Sorgen Ihre Stirn gefurcht und Ihre Locken gebleicht, werden Sie uͤber manches anders denken gelernt haben. wenn uns die Zukunft zur Vergangenheit geworden, dann erſt laßt uns ſie richten.“ — Eine augenblickliche Waͤrme flog bei die⸗ ſen Worten uͤber die kalten Zuͤge des Sta⸗ roſten, aber, als ob er ſich deſſen ſchaͤme, biß er die Lippen und ging ſchweigend ei⸗ — 280— nigemal das Zimmer auf und ab. Wanda lehnte ſchweigend mit der Stirn an ihrem Malerſtock. Ein peinliches Gefuͤhl trieb mich fort ins Freie;— ich ſchritt haſtig im Gar⸗ ten herum: der Schnee ſtreute eben unter Windſtoͤßen ſeine erſten Flocken, ich fuͤhlte es nicht eher bis mich der Gaͤrtner anrief. Ich ging in das Haus zuruͤck. Es war in⸗ deß Geſellſchaft angekommen; die Maͤnner ſaßen bei den Glaͤſern, die Damen beim Theetiſch. Wanda machte die lieblichſte Wirthin, aber nitswicheſs tatfaltig aus. 4 Den 10ten November. 3 fhr nach Warſchau um mich dem 4 Koͤnig vorzuſtellen. Der liebenswuͤrdige Mo⸗ narch nahm mich mit der ihm ganz eignen Guͤte und Freundlichkeit auf. Mein Vater iſt in ſeinen Dienſten geweſen; er ſprach mit Ruͤhrung von ihm und ernannte mich ſogleich zu ſeinem Kammerherrn. In Kurzem ſoll ich meinen Dienſt antreten. 8 p 41 Den 18ten November. Meine Mutter druͤckte mir heute ihren Wunſch aus, mich vermaͤhlt zu ſehen. Gute Mutter, antwortete ich mit einem tiefen Seufzer, verlangen Sie nicht daß ich meine Hand ohne mein Herz vergebe.... einmal glaubte dieß arme Herz gluͤcklich zu ſeyn, aber jetzt...—„Nun jetzt?— Ich habe gewaͤhlt, meine Mutter, aber bange Zweifel quaͤlen mich raſtlos, und ein truͤber Daͤmon ſcheucht alle Hoffnung aus meiner Seele... Sie kennen mich, liebe Mutter, was ich einmal liebte, liebe ich ewig: mein erſtes Gefuͤhl war Wanda.—„Wanda? rief meine Mutter erbleichend; nenne alle Namen, nur dieſen nicht! eher moͤgen ſich die widerſtrei⸗ tendſten Elemente vermaͤhlen, als du und ſie.— Sie liebten Wanda da ſie noch Kind war, Sie erſetzten ihr dadurch die fruͤh verlorne Mutter, Sie ſchienen damals unſre Neigung zu beguͤnſtigen.. Iſt Wanda Ihrer Liebe ſetzt unwuͤrdig?—„Wanda iſt gut und edel, aber ſie iſt die Tochter ihres Vaters... Laß mich den Vorhang nicht heben, der ein ſchreckliches Geheimniß birgt. Wenn dir meine Ruhe, wenn dir das An⸗ denken deines verewigten Vaters werth iſt, ſo laß davon nie wieder die Rede unter uns ſeyn; eher will ich meine Einwilligung zu deiner Verbindung mit der Tochter unſres Heringſten Keibeignen Srben,„als mit Wanda. „ Den loten Dereulhers Eine raſtloſe Unruhe treibt mich umher ſeit der letzten Unterredung mit meiner Mut⸗ ter; vergebens habe ich ſie knieend um Auf⸗ klaͤrung jener Worte beſchworen: ſie ſieht mich mit ihrem feſten Blicke an und fragt, ob ich, ein Mann, mich von ihr, dem Weibe, wolle an Staͤrke uͤbertreffen laſſen. — Von Kindheit an gewohnt von ihr mit ſanfter Zaͤrtlichkeit, aber dabei mit uner⸗ ſchuͤtterlicher Feſtigkeit behandelt zu werden, iſt es mir unmoͤglich ihren beſtimmten Wil⸗ len zu bekaͤmpfen. Ich durchreite die Forſte mit einer Schnelle, daß mir meine Jaͤger kaum folgen koͤnnen: ſie rufen mir zu, daß hier ein — 283— Hirſch durch das Dickicht breche, dort die Hunde einen Eber aufgeſpuͤrt haben— was kuͤmmert mich Jagd und Waidwerk, mein Herz denkt nur an ſeine Liebe. Geſtern konnte ich der Sehnſucht nicht laͤnger gebie⸗ ten, ich ritt nach dem Gute des Staroſten. Die Fahne auf dem Balkon flatterte hoch im Winde; man ſagte mir jedoch am Thore daß der Herr heute Niemand bei ſich ſehe. „Weshalbe hat man daher den Pavillon nicht eingezogen?“ frage ich den alten Thor⸗ waͤrter, der mir dieſe Nachricht gab. Der Alte ſchuͤttelte ſeufzend den Kopf.— Mein junger gnaͤdiger Herr, ſagte er leiſe und ſich ſchuͤchtern umſehend,„es gilt oft dem Einen ein Verbot und dem Andern nicht; nehmen Sie es einem alten Diener nicht ungnaͤdig, der Sie oft als Kind mit Ihrem ſeligen Herrn Vater hat durch dieſes Thor einreiten ſehen, wenn er Ihnen jetzt einen guten Rath giebt: Kommen Sie nicht wieder hierher, Sie er⸗ ſparen ſich Verdruß, und Ihr viel Kum⸗ mer.“— Was willſt du damit ſagen, Al⸗ ter? hier nimm! rief ich und warf ihm — 284— meine Boͤrſe zu, aber ſprich!— Der Alte reichte mir den Beutel zuruͤck.„Machen Sie mich nicht ungluͤcklich! rief er, ſprang in ſein Stuͤbchen, und unruhiger und ge⸗ quaͤlter als zuvor, wandte ich mich uum Nuͤckwege um. Den 8ten Januar 1771. Seit zwei Wochen bin ich nun hier in der glaͤnzenden Koͤnigsſtadt: der Koͤnig be⸗ handelt mich liebevoll, er ſcheint mir ſein Vertrauen zu ſchenken, ich bin in den gehei⸗ men Rath aufgenommen. Meine Umgebun⸗ gen feiern mich als den Brennpunkt, in dem ſich die Strahlen der Gluͤcksſonne vereinen, die Briefe meiner Mutter athmen die lie⸗ bendſte Zaͤrtlichkeit— aber ach! bin ich gluͤcklich? kann ich es ſeyn in dieſem Meere von Zweifeln und Kuͤmmerniſſen? kann ich es ſeyn bei meinem verwaiſten Herzen, wel⸗ ches in ſtiller Gluth fortbrennt, bis es ſich ſelbſt verzehrt? Moͤge ſie dann erfahren wie grenzenlos ich ſie liebte, aber moͤge Lebens traͤufeln. — 285— dieſes keinen Wermuth in den Kelch ihres * Den 4ten Mai. Ein langer Stillſtand war in dieſen Blaͤttern und in meinem Leben; der Tod ſchien in dieſem Zwiſchenraume ſeine Beute gefaßt zu haben, und das Leben kaͤmpfte ſie ihm wieder ab. Kann ich entſcheiden Meine gute Mutter mit einem Beſuche zu uͤberraſchen fahre ich, blos von einem Bedienten begleitet, von Warſchau aus. Im tiefen Schnee verliert mein Kutſcher die Bahn. Er ſucht, der Bediente ſucht— es wird Nacht— niemand weiß, wohin wir uns in dem dicken Walde nach einem Nachtlager wenden ſollenz ungeduldig ſpringe ich aus dem Schlitten, ſchlage einen Sei⸗ tenweg ein: ploͤtzlich ſtuͤrzt ſich ein Wolf wuͤthend auf mich, der unklugerweiſe kein Schießgewehr mit ſich genommen. Ich rufe nach meinen Leuten und vertheidige mich in⸗ deſſen mit meinem Jagdmeſſer ſo gut ich — 286— kann; das Ungeheuer reißt mich um und— hier verlaͤßt mich meine Beſinnung. Da ich wieder zu mir komme, finde ich mich in ei⸗ nem unbekannten Hauſe, wohin mich mein Diener gebracht, ſtark verwundet an Kopf und Arm. Ein hitziges Fieber welches ſich dazu geſellt, ließ mir nur Augenblicke lang den Gebrauch meiner Vernunft. Wie im halbwachen Zuſtande eines lebhaften Traums ſchweben noch alle Scenen meines Kranken⸗ lagers an mir voruͤber, ſtehen noch die freundlichen Geſtalten vor mir, die mir La⸗ bung und Huͤlfe reichten. Vor Allen leb⸗ haft erinnere ich mich zweier Eliſabethine⸗ rinnen, die mich liebreich pflegten; vorzuͤg⸗ lich die Eine, deren Geſicht immer ver⸗ ſchleiert war.— Ihr Erſcheinen duͤnkte mir jedesmal das eines Engels: ihre Hand faßte rettend die meine, wenn wilde Phan⸗ taſien mit dem ſcheidenden Leben rangen, unnd rief meine Seele an den Pforten des Grabes zuruͤck. Nach mehreren in dieſem Zuſtande verlebten Wochen kehrt meine Ver⸗ nunft zuruͤck, und mein erſter Blick trifft * — 287— auf meine theure Mutter!— Man hatte ihr bis jetzt meine Krankheit verhehlt und ſie erſt dann benachrichtigt, als die groͤßte Gefahr voruͤber war. An ihrem treuen Bu⸗ ſen erwache ich zum Leben. Aber ſeitdem koͤmmt nur Eine der rettenden Nonnen, und ſo oft ich auch nach der Andern frage, ſie bleibt verſchwunden— man will mich ſogar uͤberreden daß dieſe zweite blos ein Bild meiner erhitzten Einbildung geweſen.— Zu⸗ weilen ſtelle ich mir vor, daß es Wanda war, und doch— wie konnte Wanda ohne Wiſſen ihres Vaters, den ſie nie verlaͤßt, zu mir kommen.. und, wuͤrde ſie es ge⸗ than haben auch wenn ſie konnte? ſie, die mich ſeit meiner Ruͤckkehr nicht anders als kraͤnkend behandelte?... Faſt fuͤrchte ich noch im Fieberwahn zu ſeyn... mein Kopf wird ſchwach und— o, daß mir doch die⸗ ſer ſuͤße Traum bliebe! es war Wanda! Den 7ten Mai. Das Haus welches mich ſo wohlthaͤtig aufnahm, iſt ein Pachthof der dem Eliſabe⸗ — 2898— thinerinnenkloſter gehoͤrt. Ich habe es ver⸗ laſſen, und warte meine voͤllige Wiederher⸗ ſtellung bei meiner Mutter ab.— Die laue Fruͤhlingsluft oͤffnet die Knospen der Pflan⸗ zen, in alle Weſen zieht die Freude, das Leben ein, warum m vich auch in mein erſtor⸗ benes Herz?. Den 12ten Mai. Jubelnd ſtimme ich in die Freudentoͤne der Fluren ein!— Sie war es! es war Wanda die als Lebensengel meine fliehende Seele am Daſeyn feſt hielt— ach wohl ahnete ſie, daß es mir noch Ireuden in Fuͤlle geben wuͤrde!. In einen Mantel gehuͤlt ſchlich ich mich heute zum fruͤhen Morgen zum Schloſſe des Staroſten: ich poche leiſe an das Stuͤb⸗ chen des Thorwaͤrters, ich gebe mich dem alten treuen Diener zu erkennen, frage ha⸗ ſtig was Wanda mache... Seit zwei Ta⸗ gen iſt ſie wieder hier, antwortete er, der Herr mußte verreiſen und da hat er das Fraͤnlein indeſſen in das Eliſabethinerkloſter — 289— 4 gebracht.. Alter, unterbrach ich ihn ſchnell, fordre was du willſt, aber verſchaffe mir eine Unterredung mit Wanda!— Der Alte ſchuͤttelte den Kopf: ndas kann ich nicht ſo leicht.“— Du ſcheinſt mehr von Wanda zu wiſſen... Alter, lieber Alter, bei der Liebe, die du zu mir hatteſt da ich noch Knabe war, beſchwoͤre ich dich, ſag' was du weißt!— Je nun, meine Tochter Micha⸗ lina iſt in Dienſten des Fraͤuleins und Tag und Nacht bei ihr, da hoͤre ich wohl ſo zu⸗ weilen von ihr, daß das Fraͤulein nicht ſo abgeneigt iſt, als ſie ſcheint;... aber wei⸗ ter kann ich nichts ſagen, und wenn es mein Leben goͤlte. Wiſſen Sie was zu thun? Das Fraͤulein geht Morgens immer hier in dem kleinen Garten ſpazieren, waͤhrend der Herr im andern Fluͤgel des Schloſſes in Papieren und Zeitungen vergraben ſitzt... Ich weiß wohl daß ich es nicht thun ſollte, aber Ihnen und dem lieben gnaͤdigen Fraͤu⸗ lein zu Liebe... wenn Sie mir verſprechen mich nicht ungluͤcklich zu machen, ſo. Alles verſpreche ich dir, nur laß mich Wanda e —— — 290— ſprechen!— Er fuͤhrte mich in den Gar⸗ ten wohin Wanda bald kam. Sie ſchrack heftig zuſammen bei meinem Anblicke:„De⸗ meter, was wollen Sie hier? ſtammelten ihre bebenden Lippen.— Ihnen danken, Wanda, fuͤr das Leben das Sie mir geret⸗ tet!— Ich?— Wanda, verbergen Sie nicht laͤnger eine That, die dem Himmel angehoͤrt! ich weiß daß Sie jener Engel waren, der mich dem Leben wiedergab. Wanda, Sie waren immer wahr und offen, wollen Sie ſich hier verlaͤugnen?— Und wenn ich Ihnen geſtuͤnde daß ich es gewe⸗ ſen, was wuͤrde es uns helfen?... Deme⸗ ter, fuhr ſie mit ſchmerzlichem Tone fort, wenn du mich liebſt, ſo fliehe mich, unſre Lebenspfade koͤnnen ſich nie vereinigen.— Und was koͤnnte uns trennen wenn du mich liebſt?— Mein Vater, die Welt, das Vaterland... Alles, alles! Unſre Gluth muß untergehen in dem kalten Nebel, den Meinungen und Verhaͤltniſſe uͤber unſern Himmel gezogen... Wenn du mich liebſt, ſo betritt nicht wieder dieß Haus, das fuͤr — — — 2— dich verderblich iſt! Mein Herz bleibt ewig dein, aber... wir koͤnnen nie gluͤcklich werden!— Ihre Stimme brach bei dieſen Worten und weinend ſank ſie in meine Arme. Umſonſt war mein Fragen, ſie erklaͤrte ſich nicht weiter; beſchwor mich noch einmal nicht wieder zu kommen, und entfloh meinen weitern Bitten. Gewiß iſt mir jetzt, was ich ſchon laͤngſt ahnete, daß die verſchiede⸗ nen Anſichten, die der Staroſt und meine 47.— Familie vom Vaterlande und dem, was ihm gut iſt, haben, uns trennen. Daher der Widerwille meiner Mutter gegen dieſe Ver⸗ bindung; ſie, die Nachkoͤmmlingin der Pia⸗ ſten, die eifrige Anhaͤngerin des Herrſcher⸗ ſtammes kann nicht ertragen, mich mit ei⸗ nem Hauſe vereint zu wiſſen, das zu ſeinen Feinden gehoͤrt. Aber, was wird mir zu ſchwer, was zu unmoͤglich ſeyn, ſeit ich heiß daß Wanda zah liebt? 1 Den 18ten Maj. Ich habe 2 Wanda geſchrieben, habe ihr geſagt daß Meinungen unſre Herzen nicht 8 2 — 292— trennen, unſer Leben nicht zu einer Kette des Jammers machen koͤnnen; habe ſie um Auf⸗ ſchluß deſſen gebeten, was mir noch dunkel iſt:. Hier iſt ihre Antwort:—„Mein Vater hat mir, ſobald du wieder ins Va⸗ terland zuruͤckgekehrt, erklaͤrt, daß er nie einem Anhaͤnger der Tyrannei,(ſo nennt er den Thron!) meine Hand geben werde; aber er verlangte daß ich freundlich gegen dich ſeyn, daß ich verſuchen ſolle dich von dei⸗ ner Partei abzuziehen, und der ſeinigen zu zuwenden. Ich wußte, daß dieß bei deinem Charakter unmoͤglich war. Ich mußte kalt, ungleich gegen dich ſeyn, um dir und mei⸗ nem Vater meine unendliche Liebe zu ver⸗ bergen. Ach, ich Arme taͤuſchte mich wenn ich glaubte daß Haͤrte und Bitterkeit die Gluth meines Herzens erſticken koͤnnten. Oft lag ich, untergehend im Kampfe zwiſchen Liebe und Pflicht, vor dem Bilde der Mater do- lorosa, und flehte um Muth zum Entſagen, und immer mußte ich mit neuem Schmerze wieder das Unmoͤgliche bekaͤmpfen. Deine Anſtellung hei Hofe und die Gnade womit 293 der Koͤnig dich auszeichnete, zeigten meinem Vater daß ihm ſeine Abſicht nicht gelungen. Im hoͤchſten Zorne verbot er mir jeden Verkehr mit dir, und befahl daß ſeine Thuͤre vor dir immer verſchloſſen ſeyn ſolle. Mein VPater war genoͤthigt zu verreiſen, und, um mich nicht allein hier zu laſſen, brachte er mich indeſſen in das Eliſabethinerkloſter, zu meiner guten Salome, der treuen Pflegerin meiner Kindheit. Ich hoͤrte dort eines Mor⸗ gens, daß man dich verwundet in das Klo⸗ ſtervorwerk gebracht. Salome uͤbernahm die Aufſicht deiner Verpflegung. Mit ſteigender Angſt hoͤrte ich, wie ihre Berichte uͤber dei⸗ nen Zuſtand immer ſchlimmer wurden, hoͤrte daß du krank— ſehr krank— daß du ſterbend ſeyſt!— Da gab mir die Ver⸗ zweiflung den Muth, mich Salome zu ent⸗ decken: meine Bitten, mein Flehen, meine Thraͤnen ruͤhrten endlich ihr Herz. In das Gewand ihres Ordens verhuͤllt und tief ver⸗ ſchleiert, nahm ſie mich mit zu dir. Mit geſchloſſenen Augen, faſt ſterbend, lagſt du da: Fieberroͤthe brannte auf deinen Wangen — ————— —— — 294—. — leiſe und ſtockend glitt der Athem uͤber beine brennenden Lippen. Bebend faßte ich deine kalte Hand, meine Thraͤnen die dar⸗ auf floſſen, ſchienen ſie zu erwaͤrmen: ein krampfhaftes Laͤcheln ſchwebte uͤber deine Zuͤge und, nur meinem Ohre hoͤrbar, Hrch teſt du den Namen Wanda. Dieſer erſte Erfolg ſchien meiner Salome ein Wunder: taͤglich erlaubte ſie mir nun ſie zu begleiten.— Von meiner Hand be⸗ kamſt du die Saͤfte welche dir Labung und Leben gaben— ach du wußteſt es nicht! Fieberwahnſinn hatte deinen Verſtand um⸗ zogen. Du ruheteſt auf meinem ſtuͤtzenden Arme, an meiner liebenden Bruſt, und klag⸗ eeſt bitter daß dich meine Haͤute getoͤdtet; du faßteſt wild meine Hand und beſchworſt mich mit fliegender Bruſt und ſtammelnder Zunge, dich nur einen einzigen armen Au⸗ genblick zu Wanda zu bringen.— Nach dieſen bangen Tagen zeigten ſich Spuren der Beſſerung; jetzt kam deine Mutter. Ich durfte dich nun nicht mehr beſuchen, aber taͤglich ging Salome zu dir, und immer be⸗ ruhigender wurden die Nachrichten, die ſie mit von deiner Geneſung brachte. Du wurdeſt endlich wieder geſund, du verließeſt das Haus das dich Kranken aufgenommen.— Mit Thraͤnen des Danks und der Freude ſtand ich am Morgen deiner Abreiſe auf dem Thurme des Kloſters, hinter dem aufgerich⸗ teten Tubus. Ich ſah dich am Arm deiner Mutter aus der Thuͤre des Pachthofs tre⸗ ten— deim Geſicht verſchwamm in der Ferne zu unkenntlichen Zuͤgen— ich konnte nicht die Farbe der wiederkehrenden Geſund⸗ heit darauf ſehen, nicht mich des Strahles des neugeſchenkten Lebens in deinem Auge erfreuen; aber ich erkannte deine Geſtalt, ich ſah wie du den Wagen beſtiegſt, wie er mit dir dahin rollte, bis er hinter knospen⸗ den Baͤumen meinen Blicken entſchwand— und leiſe wagte die Hoffnung wieder, ihre Bluͤthenarme um meine Seele zu ſchlagen. Antworte mir nicht auf dieſe Zeilen, mein Demeter, in wenig Tagen gehen wir nach Warſchau. Mein Vater ſcheint uͤber tiefen Plaͤuen zu bruͤten, duͤſtrer und verſchloſſuer noch als vorher, flieht er jedes Geſpraͤch mit mir.— Mein Gewiſſen ſagt mir daß ich Unrecht thue dir zu ſchreiben, da es mein Vater nicht will; aber ſoll ich nicht in den Eismaſſen die mich umgeben ſelbſt zur fuͤhlloſen Saͤule erſtarren, ſo muß ich die bangen Bilder, die wie Gewitterſchwuͤle auf mir laſten, in dem Zaubermeere der Liebe aufloͤſen. In Warſchau ſehen wir uns wie⸗ der. Ewig deine Wanda.“ 7 Den 28ſten Mai. Ich habe ſie wiedergeſehen— ich werde ſie taͤglich ſehen!— Sogleich nach Em⸗ pfang ihres Briefes kehrte ich nach War⸗ ſchau zuruͤck: wenige Tage nach mir kam Wanda mit ihrem Vater hier an. Sie woh⸗ nen in dem Hauſe der Graͤfin L., der Schwe⸗ ſter von Wanda's Mutter. Schon fruͤher war ich in dieſem Hauſe eingefuͤhrt. Der Staroſt reiſte in wenig Tagen weiter, und ich eilte der Graͤfin L. meine Aufwartung zu machen. Wanda war gegenwaͤrtig; nie hatte ich ſie ſo ſchoͤn geſehen: die Farbe der Liebe glaͤnzte auf ihren Wangen, das Feuer der Freude ſtrahlte aus dem Himmel ihres Blicks. Ich hatte Gelegenheit ſie einige Miznuten allein zu ſprechen: ſie ſagte mir daß ihr Vater lange abweſend ſeyn, daß ſie indeſſen hier bei der Tante bleiben werde; ſie nannte mir die Spaziergaͤnge die ſie be⸗ ſuche, die Familien bei denen ſie eingefuͤhrt ſey. Wir machten Plaͤne uns taͤglich zu ſe⸗ hen, ich gelobte ihr Vorſicht und Klugheit, und alle Himmel der Freude oͤffnete die Zu⸗ kunft unſrem Blicke. Den 12ten Juli. Mein Tagebuch wird jetzt ſehr laͤſſig gefuͤhrt, und doch haͤtte ich ſo viel aufzu⸗ zeichnen!— Aber kann ich mit todten Worten das unendliche Wonnegefuͤhl aus⸗ ſprechen, das ſich wie ein Strom ewigen Entzuͤckens durch mein ganzes Weſen er⸗ gießt?— Ich ſchwelge in den Schoͤnheiten der Natur, ich jauchze in den Luſtgeſang der Voͤgel, jedes Bluͤmchen wird mir Zeuge, jedes gruͤnende Gebuͤſch Vertrautes meines 1 Gluͤcks.— Konnte ich ahnen daß mir das Leben noch ſolche Freuden aufgeſpart haben koͤnnte, als ich noch vor wenig Monaten jeden ſcheidenden Tag mit dem Ausruf ent⸗ ließ: Wohl mir, wieder ein Tag weniger zu leben und zu leiden!— Taͤglich weide ich mich an dem Anblick meiner einzig ge⸗ liebten Wanda.) Die ſchoͤne Jahreszeit hat den groͤßten Theil des Stadtadels auf das Land gefuͤhrt, die großen ermuͤdenden Ge⸗ ſellſchaften haben ſich in kleine froͤhliche Zir⸗ kel, in Spazierfahrten, Landparthien und dergleichen aufgeloͤſt. Die Graͤfin L. be⸗ wohnt einen ſchoͤnen Garten bei der Stadt, und ſieht hier taͤglich ihre Bekannten. Bald wandle ich dort mit Wanda die dunkeln Laubengaͤnge entlang, bald ſchaukeln wir im leichten Kahn auf dem Silberſtrome der Weichſel dahin, bald ſehen wir uns auf den verſchiedenen Spaziergaͤngen, oder bei Beſu⸗ chen der Nachbarſchaft. Zuweilen wird mir auch das Gluͤck ſie einige Augenblicke allein zu ſprechen, und die unnennbare Wonne der Liebe aus ihrem ſeelenvollen Blicke zu ſchluͤr⸗ 299 fen. Die Tante ſcheint etwas von unſerm Verhaͤltniſſe zu ahnen, aber ſcheu verbirgt ſie ihre Entdeckungen unter dem Schleier freundlicher Guͤte und ergloſen Verkrauens. Den 18ten September. Eine truͤbe Wolke iſt am Freudenhimmel meines Gluͤcks aufgezogen, Wanda's Vater iſt zuruͤckgekommen. Ungeachtet ich weiß baß er mich nicht liebt, wagte ich es den⸗ noch zur Graͤfin zu gehen. Der Staroſt ſchien bei meinem Anblicke etwas betroffen, behandelte mich aber artig. Wanda, ſicht⸗ bar befangen, vermied meine Naͤhe. Mich ſchreckt der Blick ihres Vaters, der, in duͤ⸗ ſtrem Feuer brennend, nur theilnahmlos auf dem haftet was ihn umgiebt; er koͤmmt mir vor wie der Aetna, der unter Schneemaſſen, und ausgebrannten Schlacken, Tod und Zerſtoͤrung in ſeinen innerſten Tiefen kocht. * Den 20ſten September. Wanda a mich in einem Billet, waͤh⸗ rend der Anweſenheit ihres Vaters das — 300— Haus der Tante ſeltner zu beſuchen. Wohl ſehe ich ein daß ſie Recht hat, aber immer ergreift es mich mit nagendem Schmerz, daß ich ſie nicht mehr ſehen, nicht mehr ſprechen ſoll. Den 10ten October. Meine Tage ſchleichen ſchaal und freuden⸗ los voruͤber. Mechaniſch verrichte ich des Vormittags meine Dienſtgeſchaͤfte— ach, wie freudig lag ich ihnen ſonſt ob, wenn ich wußte daß mich der Nachmittag mit Wanda vereinte!— Gezwungen gehe ich an den Hof— kalt und theilnahmlos nehme ich die Beweiſe des Zutrauens und der Guͤte auf, mit welchen mich der liebenswuͤrdige, ſo hart gedruͤckte Koͤnig', uͤberhaͤuft. Ich gleiche den Suͤdpflanzen im Gewaͤchshauſe: ſt bluͤhen und tragen Fruͤchte, aber der Treibofen des fremden Nordens, nicht der waͤrmende Hauch ihrer vaterlaͤndiſchen Sonne, entfaltet ihre Bluͤthe, reift ihre Frucht. Es iſt mir unmoͤglich, laͤnger in dieſem druͤcken⸗ den Zwange zu bleiben; ich habe Urlaub ge⸗ — 301— nommen und eile an den troͤſtenden Buſen meiner Mutter, um hier alles auszuſprechen was den meinen preßt. Mag das Geheim⸗ niß, welches uͤber ihrer Abneigung gegen meine Verbindung mit Wanda ruht, noch ſo ſchrecklich ſeyn— ach in den Tagen mei⸗ nes Gluͤcks hatte ch dieſes Alles vergeſ⸗ ſen!— aber ſey es das Graͤßlichſte, es wird mich weniger laſten, als dieſe toͤdtliche Ungewißheit. 4 Den 15ten October. Mein Wunſch iſt erfuͤllt, der Schleier, welcher das Schreckliche wohlthaͤtig um⸗ huͤllte, iſt gefallen; meine Hand riß ihn in frevelndem Wahne herab, und ein furchtba⸗ res Licht, ein Licht der Hoͤlle, blendet mit graͤßlichem Glanze mein irres Auge. Meine Mutter erneuerte ihre dringenden 2 Bitten, mir eine Gattin zu waͤhlen.—„Ich habe gewaͤhlt, gute Mutter, Wanda, oder Keine.“— Bei allem was heilig iſt, rief ſie aus, ſtehe ab von dieſer Wahl, wenn du mich nicht toͤdten willſt!— Mutter, 302— meine Mutter, woher der furchtbare Haß gegen dieſes ſchuldloſe Weſen? Sie zu be⸗ ſitzen iſt der hoͤchſte Wunſch Ihres einzigen Sohnes— geben Sie mir Wanda, Mutter, und Sie haben dann zwei Weſen die Sie anbeten.—„Ich ſagte dir ſchon fruͤher daß ein ſchreckliches Dunkel zwiſchen dir und Wanda laͤge: willſt du mich zwingen es zu beleuchten? Soll ich die Natter auch in deinen Buſen werfen, daß ſie ihn zernage, wie ſie in dem meinen thut?— Wenn Sie nicht wollen, daß mich die Marter der Un⸗ gewißheit zernichte, ſo enden Sie, meine theure Mutter, ich bin auf Alles gefaßt.“— Ein ſchrecklicher Kampf malte ſich jetzt in den Zuͤgen meiner Mutter— mit der Hoͤl⸗ lenangſt des ſterbenden Boͤſewichts hing ich an ihrem Munde— nach einer langen Pauſe hub ſie endlich leiſe an:„So wiſſe denn, daß Wanda's Vater der Moͤrder des dei⸗ nigen iſt!— Mit verhuͤlltem Geſichte ſank ſie in das Sopha zuruͤck waͤhrend ich, wie vom Zlitz getroffen, bewußtlos vor mich hinſtarrte.— Politiſche Meinungen, fuhr 9 12 — 303— meine Mutter nach einigen Minnten fort, trennten die ſonſt ſo vertrauten Jugend⸗ freunde, kurz nach deiner Abreiſe nach Paris. Dein Vater bot mehrmals die Hand zum Frieden, der Staroſt wies ſie mit hoͤhniſchem Spotte, mit unbiegſamer Kaͤlte von ſich. Er hing ſich wie ein unſichtbarer aber deſto wirk⸗ ſamerer Daͤmon an alle Schritte deines Va⸗ ters; durchdrang alle ſeine Gedanken, verei⸗ telte alle ſchoͤnen Plaͤne die er zum Wohle des Vaterlandes entwarf; verbitterte ihm jede, auch die kleinſte, Freude; machte ihn durch zweideutige Geruͤchte bei ſeinen Freunden verdaͤchtig, bei ſeinen Feinden veraͤchtlich— bis endlich dein edler, ſchwer beleidigter Vater gezwungen ward, einen ſeiner Grund⸗ ſaͤtze zu verlaͤugnen und ihn zu fordern⸗ Noch auf dem Kampfplatze, als ſie ſchon die toͤdtlichen Waffen geſpannt in der Hand hielten, bot dein Vater dem Staroſten Ver⸗ ſoͤhnung an, und verlangte blos Widerru⸗ fung der Sage, womit er ſeine Ehre gekraͤnkt — ein bittres Laͤcheln war die Antwort. Dein Vater ſchießt und fehlt—+ da druͤckt ſein — 304— Gegner los— und ſchwer getroffen ſinkt mein edler Gatte zu Boden. Er laͤßt ſich ſogleich auf ſein Schloß bringen, und ver⸗ ſcheidet nach wenigen Minuten in meinen Armen. Von ſeinem Secundanten erfuhr ich die Art ſeines Todes. Um deinen Va⸗ ter nicht noch im Grabe der Strafe auszu⸗ ſetzen, um dir ſein Andenken rein und un⸗ gekraͤnkt zu erhalten, wurde ſein Tod einem Sturze mit dem Pferde zugeſchrieben, und nie wuͤrdeſt du die wahre Urſache erfahren haben, wenn du mich nicht dazu aufgefor⸗ dert haͤtteſt. Nun aber entſcheide ſelbſt, mein Sohn, kann ich die Tochter des Man⸗ nes, der mir das Gluͤck meines Lebens mor⸗ dete, je als die meine erkennen?— Nein!... Und ſo ſey es denn entſchieden!.. Fahre hin, Gluͤck der Liebe, fahre hin Hoffnung auf Zukunft und Leben!...— Meine Stimme brach— ich ſah Wanda, die un⸗ ſchuldige fromme Wanda, wie ihr weiches liebendes Herz unter dem Verbrechen des Vaters verblutete— Ich ſtuͤrzte zu den Fuͤßen meiner Mutter, die in ſtillen Thraͤnen, die Haͤnde gefaltet, gen Himmel blickte... „Aber was that Wanda, was hat die ſanfte fromme Wanda fuͤr Schuld, warum ſoll auch ſie in das Verderben mit geriſſen wer⸗ den?— Ihre Thraͤnen ſtockten, ſie ſah mich mit ernſtem Blicke an:—„Wenn du glaubſt mit der Tochter des Moͤrders dei⸗ nes Vaters gluͤcklich zu ſeyn, wenn dir deine Leidenſchaft mehr gilt als jenes, um Rache ſchreiende, Blut: ſo nimm ſie hin, und laß die Verzweiflung deiner Mutter dein Hoch⸗ zeitsfeſt, ihren Fluch deinen Brautgeſang ſeyn.“— Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und verſchloß ſich in ihr Cabinet. 4 Den 20ſten October. Meine Mutter blieb mehrere Tage in ihrem Zimmer; ſie ließ auf meine dringen⸗ den Bitten mir ſagen ruhig zu ſeyn, ſie be⸗ duͤrfe Erholung. Da ſie endlich wieder er⸗ ſchien, war ſie ſanft und liebreich wie zu⸗ vorz; aber der matte Ton ihrer Stimme, ihr bleiches Anſehen, ihre zitternden Haͤnde zeig⸗ 8 u 306— ten nur zu deutlich, welch einen harten 4 Kampf ſie beſtanden, um ihre Faſſung wie⸗ der zu erlangen. Des Vergangenen wird unter uns nicht gedacht: ſorglich vermeiden wir auch die leiſeſte Beruͤhrung deſſen, was Bezug da⸗ rauf haben koͤnnte. Aber kann dieſer Zu⸗ ſtand lange dauern?— Um den druͤcken⸗ den Zwang, unter dem wir Beide ſeufzen, 3 zu enden, wollte ich anfangs in die Reſi⸗ denz zuruͤckkehren— aber ach! dort erwar⸗ tet mich Wandas theures Bild— ena Wanda die mir auf ewig perloren iſt! J Ich darf ihr das Verbrechen ihres Vaters mit enthuͤllen, ich muß ihr falſch, treulos erſchei⸗ nen und ſchweigen— ſchweigen wie der kalte Marmor der die Aſche meines gemordeten 1 Vaters deckt.— O waͤre ich damals ge⸗ ſtorben! haͤtte mich nicht die Hand der Liebe wieder zum Leben erweckt!— Als reiner Geiſt wuͤrde ich jetzt die Angebetete umſchwe⸗ ben— ſehnend haͤtte ſich ihr liebender Blick zum Himmel gehoben, und dort den Fruͤh⸗ verlornen geſucht— finſter muß nun ihr — 397— Blick zur Erde fallen, wenn ſie des Treu⸗ loſen, des Undankbaren denkt.—— Den aoſen October. Ich war heute mit meiner Nutter allein: ſie blickte ſorglich in mein abgehaͤrmtes Ge⸗ ſicht— wehmuͤthig faßte ſie meine Hand —„Du leideſt, mein Sohn, und ich mit dir„lange habe ich geſchwiegen, aber dan Rturamer Schmerz iſt ſtaͤrker als mein Muth. Laß das liebende Zutrauen welches uns ſonſt ſo gluͤcklich machte, wieder zuruͤck⸗ kehren. klage, wuͤthe gegen das Unver⸗ nerdliche, aber ſey wieder mein Sohn. Das Leben einer Mutter haͤngt mit zabten Faͤden an der Liebe ihrer Kinder, eine kalte Hand kann ſie mit Einem Druck abloͤ⸗ ſen— und das Herz unter dem ſie einſt ruhten, hat aufgehoͤrt zu ſchlagen.“— Laut weinend warf ich mich hier in ihre, mir entgegen gereichte Arme, lange ruhte ich an dem treuen M utterbuſen, und ein Schatten von Ruhe zog wieder in mein ge⸗ martertes Herz ein. 1 2 — 308— Den 6ten November. Ein Eilbote rief mich nach der Haupt⸗ ſtadt: eine der verwegenſten Thaten iſt ge⸗ ſchehen, verruchte Haͤnde haben den Koͤnig aus der Mitte ſeiner Reſidenz, aus der Mitte ſeiner Wachen entfuͤhrt, und nur ſeine Geiſtesgegenwart ihn gerettet. Einige Theil⸗ nehmer dieſes Verbrechens ſind gefangen, der groͤßte Theil von ihnen aber entflohen. Der Drang der Geſchaͤfte laͤßt mir keine Zeit an mich zu denken, ich ſtuͤrze mich in ihren Strudel und betaͤube mich und mein Heri darin. Den 8ten November. Meine bange Ahnung war nur zu ge⸗ gruͤndet: der Staroſt S., Wanda's Vater, iſt einer der Haupttheilnehmer der Verſchwoͤ⸗ rung! er iſt entflohen; Wanda iſt noch bei ihrer Tante, wird aber ſtreng beobachtet. Den 18ten November. Die Milde des Koͤnigs hat die Gerech⸗ tigkeit entwaffnet: dem groͤßten Theile der — 309— Verſchworenen iſt verziehen; einige wenige ſind zu Gefaͤngniß verurtheilt, einige ver⸗ bannt worden. Nur der Hauptanſtifter iſt zum Tode verdammt und, da er entflohen, wird ſein Bild und Name an den Galgen geſchlagen, und dieſer iſt... Wanda's Vater!... Den 19ten November⸗ Alle meine Bemuͤhungen zur Milderung des Urtheils des Staroſten ſind vergebens — ſelbſt der Koͤnig hat meine Bitten zuruͤck⸗ gewieſen— er muß die Gerechtigkeit hier handeln laſſen. Sein mildes Herz kann nur verzeihen, er haͤtte es auch hier gethan⸗ aber er durfte nicht. Den 20ſten November. Eine Eliſabethinerin verlangte dringend mich ohne Zeugen zu ſprechen: ich laſſe ſie in mein Cabinet fuͤhren und— Wanda ſtuͤrzt zu meinen Fuͤſſen:— Gnade, Gnade! ruft ſie mit zitternder Stimme, Gnade fuͤr meinen Vater!— Wanda, du hier? —— — 3140— — Demeter, ſey barmherzig! laß meinen Vater nicht in Verzweiflung enden!.. rette ſeine Ehre!.. rette mein Leben!— Was kann ich thun, Wanda?— O viel! Du biſt vom Koͤnige geliebt, er iſt mild und gut— eine Bitte, ein Wort von dir, und mein Vater unterliegt nicht der ſchrecklich⸗ ſten der Strafen.— Alles, Alles habe ich ſchon verſucht, und Alles war verge⸗ bens!—„Nun ſo will ich das Letzte wa⸗ gen! ſchon zweimal war ich im Palaſte, man ließ mich nicht vor den Koͤnig; wenn du mich je geliebt, ſo fuͤhre du mich zu ihm, an deiner Hand wird man mir den Zutritt nicht verſagen, komm! Sie zog mich auf das Schloß— ſie warf ſich mit mir zu den Fuͤſſen des Koͤnigs; er hob uns. mit Thraͤnen im Auge auf: Wie gern, wendete er ſich an Wanda, erfuͤllte ich hier das ſchoͤnſte Vorrecht der Krone, die Macht zu verzeihen, wenn ich koͤnnte... Ich habe geloben muͤſſen am Urtheil Ihres Vaters nichts zu aͤndern.. die Hand der Ver⸗ haͤltniſſe laſtet ſchwer auf mir, mein Wille — 311— iſt gefeſſelt.. Was ich kann, will ich thun: Sie ſind frei, Fraͤulein, koͤnnen ſich hinbe⸗ geben wo Sie wollen, und ich werde Sorge tragen daß das Vermoͤgen Ihres Vaters Ihnen gerettet wird. Hier winkte er uns zum Abſchiede, und ich fuͤhrte die wankende Wanda aus dem Zimmer, und fuhr mit ihr nach dem Hauſe ihrer Tante. Sie hatte auf dem ganzen Wege kein Wort geſprochen, erſt als der Wagen hielt, erwachte ſie wie aus tiefem Traume: heftig preßte ſie meine Hand— Du haſt es immer gut mit mir gemeint, Demeter, ſagte ſie leiſe und unterbrochen, lebe wohl!— Darf ich dich auf dein Zimmer bringen, Wanda? ich habe dir nfeh n ſagen.— Heute nicht... morgen.. Lebe wohl!— Sie druͤckte mich an lihr Herz, heftete einen langen Blick auf mich, und ſpraus baſtig aus dem Wzagen⸗ Den 21 Nopember. 3 Wanda fort— entflohen— und tiefe Nacht verhuͤllt den Weg den ſie genommen! 312 — Sch eile dieſen Morgen zu ihr, man ſagt mir daß ſie abgereiſt ſey und dieſes Paͤcktchen an mich zuruͤckgelaſſen habe.— Wohin iſt ſie gereiſt?— Niemand wußte es.— Ich fliege nach Hauſe, oͤffne das Erhaltene— Ein Nonnenſchleier lag darin, von folgenden Zeilen begleitet:— „Zuͤrne nicht, mein Demeter, daß ich Dich verlaſſe; die Tochter eines geſchaͤnde⸗ ten Vaters kann nie die Deine werden. Nie wirſt Du wieder von mir hoͤren bis Du mein letztes Lebewohl erhaͤlſt, dann, wenn ich von der bangen Buͤrde des Lebens geloͤſt dorthin gegangen bin, wo kein Par⸗ theienkampf mehr trennt. Bis dahin denke meiner in ſtiller Wehmuth. Ich gehe mei⸗ nen Vater aufzuſuchen; ihn zu pflegen und zu troͤſten wird der Balſam ſeyn, der mein ſchwindendes Leben erhaͤlt, Lebe fuͤr Deine Mutter und bring' ihr meinen letzten Grußz ſie wird meiner mit weniger Widerwillen denken, wenn ſie weiß daß ich ihren Wuͤn⸗ ſchen nicht mehr in den Weg trete.— Ich ſende Dir hier das Theuerſte was ich habe, ——— ———— —— ———— — 313— den Schleier der mein Geſicht verhuͤllte als ich Deine Waͤrterin war— der meine Thraͤ⸗ nen um Dich eingeſogen, der den Todes⸗ ſchweiß von Deiner Stirn getrocknet hat. Ich trug ihn ſeit jenen Tagen auf meinem Herzen, ich ſende Dir ihn jetzt in der ban⸗ gen Stunde des Scheidens zuruͤck— ſein An⸗ blick wuͤrde mich zu ſchmerzlich an verlorne Seligkeit mahnen. Suche nicht meinen Auf⸗ enthalt zu exfahren, Du wuͤrdeſt, wenn Du mich auch faͤndeſt, nur mein Opfer erſchweren, aber nicht hindern. Lebe wohl, mein ewig geliebter Demeter; der Himmel lege alle die Freuden, welche meinen Tagen beſchieden waren, den Deinen zu.— Lebe wohl, dort finden wir uns wieder, dort trennt uns nichts mehr!. Wanda.“ Mit dieſem Briefe endet mein Tage⸗ buch und es bleibt mir noch wenig Ihnen zu erzaͤhlen uͤbrig. Wenn die Sonne hinab⸗ geſunken und die Erde mit ihren mannichfa⸗ chen Gegenſtaͤnden in geſtaltloſes Dunkel verſchwimmt, ſchweben nur in duͤſterm Ne⸗ belmeere die Formen vor umſemm truͤben Blicke. Trotz Wanda's Verbot wandte ich doch Alles an, um zu entdecken, wohin ſie gegan⸗ gen; vergebens— jeder Tag zog nur das Dunkel dichter welches ihre Flucht ver⸗ huͤllte, und doch ſtrebte ich immer von Neuem es zu durchdringen. Ein Eilbote rief mich jetzt an das Ster⸗ belager meiner Mutter; ich kam in dem Augenblicke bei ihr an, wo ihre fromme Seele der Vereinigung mit dem Gatten ent⸗ gegen flog.— Ihr brechendes Auge ruhte noch mit einem Blicke unendlicher Zaͤrtlich⸗ keit auf mir— dann ſchloß es ſich auf ewig——— Nun war auch das letzte Band zerriſſen, welches mich mit der Hei⸗ math verknuͤpfte.— Ich verließ mein un⸗ gluͤckliches, zerruͤttetes Vaterland, um in fremden Gegenden den ſchleichenden Kreis⸗ lauf meiner Tage hinzuſchleypen. Hoffnung auf Frieden und beſſere Tage hatte ich, ſelbſt bis auf den Wunſch darnach, verloren. Nach mehrjaͤhrigem Umherirren noͤthigte — 315— mich einſt mein zerbrochener Reiſewagen in einem kleinen boͤhmiſchen Staͤdtchen zu ver⸗ weilen: ich hoͤre Glockengelaͤute und Grab⸗ geſang und ein Leichenzug geht vor dem Gaſthauſe vorbei, umgeben von einer Menge weinender Menſchen von duͤrftigem Anſehen. Wen begraͤbt man hier? frug ich den Wirth.—„Ein fremdes junges Frauen⸗ zimmer, die vor etwa zwei Jahren mit ihrem Vater hierher kam. Sie lebten ſehr eingezo⸗ gen, und hkelten mit Niemand Umgang. Der alte Herr war melancholiſch, das liebe junge Kind verließ ihn keinen Augenblick. Vor einem Vierteljahre iſt der Alte geſtor⸗ ben, ſeitdem iſt ſeine Tochter taͤglich zur Kirche und auf den Gottesacker gegangen, bis ſie endlich auch liegen blieb; ſie hat al⸗ les, was ſie an Geſchmeide und baarem 3 Gelde beſaß, den Armen vermacht, die nun ihrem Sarge weinend folgen.— Mitt ſtei⸗ gender Angſt hoͤrte ich die Erzaͤhlung des Mannes— wie hieß Sie fragte ich endlich mit dem letzten muͤhſam zuſammen gepreß⸗ eeen Athem meiner Bruſt.— Ja, das weiß — 316— keine Seele; ſie ſelbſt ſprachen mit Niemand und der alte Diener den ſie mitgebracht hat⸗ ten, war ſtumm wie das Grab; wir nann⸗ ten ſie nur die Ruſſen.“— Kaum hatte der Wirth dieſe Worte ge⸗ ſagt, als ich zum Hauſe hinaus und dem 4 Leichenzuge nachſtuͤrzte— er war bereits auf dem Kirchhofe angekommen. Ich hoͤrte die Trauermuſik, ſah die Grabeskerzen, aber das Gedraͤnge ließ mich nicht nahen. Jetzt ſprach der Prieſter den Seegen und man hob noch einmal den Deckel des Sar⸗ ges auf.— Mit der Kraft der Verzweif⸗ lung durchbreche ich den dichten Kreis, der um das Grab gezogen war— ich fliege auf den Sarg zu— ein Blick hinein— und Wanda, mit Blumen geſchmuͤckt, liegt darin!—— Nit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens ſtuͤrze ich mich auf die erblaßte Huͤlle der einzig Geliebten— man reißt mich weg, man traͤgt mich fort— und deckt indeß Al⸗ les, was mir theuer war, mit kalter Erde!!— Da ich etwas ruhiger geworden, ver⸗ — 317— lange ich den Diener Wanda's zu ſehen: man ſagt mir daß er ſeit dem Tode ſeiner jungen Herrſchaft krank darnieder liege. Ich laſſe mich zu ihm nach Wanda's Woh⸗ nung bringen. Man fuͤhrt mich an ſein La⸗ ger, ich erkenne in ihm den alten Thor⸗ waͤrter; ein weinendes Maͤdchen ſteht an ſeiner Seite— es iſt Michalina!— Die treuen Seelen hatten Freunde und Vater⸗ land verlaſſen, um der geliebten Herrſchaft zu folgen. Sobald der Alte mich erblickte, hub er freudig die gefalteten Haͤnde empor: „Mein Gebet war nicht vergebens, meine brechenden Augen ſehen den noch einmal, der mir ſo lieb war!— Er winkte ſeiner Tochter, ſie reichte ihm ein verſiegeltes Blatt:„Hier, fuhr er fort, hier iſt ihr Vermaͤchtniß, das Fraͤulein ſchrieb es am Tage ihres Todes.“— Es enthielt fol⸗ gende Worte:„Du erhaͤltſt hier, mein ein⸗ zig geliebter Demeter, mein letztes Lebe⸗ wohl. Beklage nicht meinen Tod, ich ſtarb da ich Dich verließ, mein jetziges Scheiden iſt der Uebergang zum Gluͤck. Die Todes⸗ X ———— 1 — 3 8——— ———— ſtunde meines Vaters entdeckte mir, was er an dem Deinen gethan— vergieb es ihm, damit dort Ein Band uns Alle umſchlinge. Thue alles um Dein Leben zu erhalten, denn nur die werden am Throne des ewigen Ver⸗ gelters aufgenommen, die nicht fruͤher als auf ſeinen Wink kamen. Lebe fuͤr die Menſch⸗ heit, lebe fuͤr unſer ungluͤckliches Vaterland. Lebe wohl! ewig Deine Wanda.“ Michalina nahte ſich mir jetzt; ſie er⸗ zaͤhlte mir von der himmliſchen Guͤte meiner Verklaͤrten, von ihrer frommen Ergebung; wie ſie mit freundlichen Troſtſpruͤchen den, immer in ſtarrem Hinbruͤten verſunkenen, Sta⸗ roſten aufgerichtet; mit welchem freudigen Danke ſie jedes Wort, welches uͤber ſeine nur ſelten ſprechenden Lippen gegangen, aufgenommen; wie ſie taͤglich fuͤr ihn und mich gebetet— wie oft ſie, im einſamen Geſpraͤche mit ihr, der ſeligen Stunden der Vergangenheit gedacht, wie ihr letztes Wort mein Name geweſen war. Sie fuͤhrte mich in Wanda's Zimmer— es war noch alles wie ſie es verlaſſen. Ihr Gebetbuch lag ———— —-—— — 319— noch auf dem Tiſche, das Gebet, welches ihr Michalina zuletzt vorgeleſen hatte, war noch aufgeſchlagen. Ich ſteckte es zu mir als ein heiliges Unterpfand frommen Glaubens. Weinend kniete ich auf der Stelle wo Wan⸗ da's reine Seele den letzten Seufzer ausge⸗ haucht hatte!— Michalina fuͤhrte mich zu ihrem Vater zuruͤck— er ſchien zu ſchla⸗ fen: leiſe beugte ich mich uͤber ihn— er war todt!— Seine Tochter druͤckte ihm unter ſtillen Thraͤnen die Hand und kniete in leiſem Gebete an ſeiner Leiche.—„Komm nun mit mir, arme Verlaſſene, rief ich ihr zu,„wir wollen von Ihr uns unterhal⸗ ten, du ſollſt mich lehren Ihrer wuͤrdig zu werden, kehre mit mir in's Vaterland zu⸗ ruͤck.—„Was ſoll ich dort? fragte ſie mit ſchmerzlichem Laͤcheln. Mit meinem Fraͤu⸗ lein aufgewachſen, kannte und liebte ich nur ſie und meinen Vater; wo dieſe ſind, iſt meine Welt und mein Vaterland; ich bleibe hier bei ihren Graͤbern. Meiner jungen Herrſchaft Guͤte hat mich in einen from⸗ men Orden eingekauft und mir noch außer⸗ X 2 — dem einen Jahrgehalt angewieſen, der groß genug iſt, um meinen armen Mitmenſchen beiſtehen zu koͤnnen. So will ich den Tag erwarten der mich wieder mit dem vereint, was ich einzig liebte.“ Gern haͤtte auch ich mich neben dem Grabe meiner Wanda angeſiedelt, aber ihr letzter Wille hatte mir eine andre Laufbahn angewieſen. Ich kehrte nach Polen zuruͤck; ich that was ich vermochte, um ihren letz⸗ ten Wunſch zu erfuͤllen. Waren ja alle Nothleidende, die ich mit meinen Schaͤtzen unterſtuͤtzte, Ihre Schweſtern und Bruͤder. Ich mußte die Zerruͤttungen, das Elend meines Vaterlandes mit anſehen, und konnte es nicht lindern! Ich half unter Koscius⸗ ko’s Fahnen den letzten Kampf der Ver⸗ zweiflung fechten— endlich erfolgte die voͤllige Aufloͤſung des Landes das mich ge⸗ boren. Ich konnte ihm nun nicht mehr nuͤtz⸗ lich ſeyn. Ein Theil meiner Guͤter wurde 4 eingezogen, weil ich die Waffen getragen, ein andrer Theil war durch den Krieg ver⸗ wuͤſtet; ich ſammelte die Truͤmmer meiner * —— — 324— Habe und zog mich in ein Kloſter zuruͤck, wo ich in ſtiller Trauer uͤber das Verlorne, dem Wiederſehen entgegen harre. Beten Sie fuͤr mich, daß es bald geſchehe.“— In ſtillem Wohlthun verlebte der Pater Euſebius noch einige Jahre. An einem Tage, wo die Graͤfin ihn erwartete, blieb er aus: ſie ſchickt in das Kloſter— er war verſchieden.— Schleier und Gebetbuch auf ſeiner Bruſt wurde er dem Schooß der Erde uͤbergeben, und die Seegenswuͤnſche derer, die er erquickt, getroͤſtet und belehrt hatte, folgten ſeiner ſtillen Bahre, und fuͤſterten durch die Blumen, welche bald ſeinen nie⸗ dern Huͤgel deckten. In derſelben Verlagshandlung ſind folgende ſehr intereſſante Romane ſo eben fertig ge⸗ worden: Der Erbring, oder Beſtimmung bleibt doch Be⸗ ſtimmung. Nach einer wahren Begebenheit, von D. Barries. 8. 1 Thlr. 8 Gr. Brambletye⸗Houſe und der ſchwarze Geiſt. Romantiſche Darſtellung aus den Zeiten Cromwell’s. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von C. A. Michaelis. 4 Theile. 8. 4 Thlr. Wahnſinn und Liebe, von Dr. K. Baldamus. 8. 1 Thlr. 12 Gr. Das Fuͤrſtenhaus, von L. T. Bernhardi. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Kurt, der Jaͤgerburſche. Eine Geſchichte aus dem 30jaͤhrigen Kriege, von Richter. 8. 20 Gr. Die Fuͤnfhundert vom Blanik und die Syl⸗ veſternacht. Zwei Erzaͤhlungen von Dr. Herloß⸗ ſohn. 8.. 1 Thlr. Das Familienvermaäͤchtniß.— Der Mut⸗ ter Fluch, der Kinder Suͤnde und der wun⸗ derbare Brautwerber. Drei Erzaͤhlungen von Guſtav Sellen. 8. 1 Thlr. Coopers Werke, 1r— 12r Bd. Aus dem Engli⸗ ſchen von*r.(G. W. Becker). 8. 1824— 1825. 12 Thlr. Auch unter dem Titel:— 1 Cooper, die Anſiedler oder die Quellen des Sus⸗ quehanna. Nach dem engliſchen Original von r. 3 Thle. 8. 1824. 3 Fhlr. Cooper, der Lootſe, oder Abenkeuer an Englands Kuͤſte. Ein Seegemaͤlde aus dem Engliſchen v.*r. 3 Thle. 8. 1824. Velinp. 3 Thlr. 6 Gr. Sahrey. Thlr. — der Spion oder das neutrale Land. Ein Gemaͤlde nordamerikaniſcher Sitte und Natur zur Zeit des Freiheitskampfes. Aus dem Engliſchen von„r. 3 Thle. 8. 1825.. 3 Thlr. — Lionel Lincoln, oder die Belagerung v. Boſton⸗ Aus dem Engliſchen von r. 3 Thle. 8. 1825. Ve⸗ linp. 3 Thlr. 12 Gr. Schreibp. 3 Thlr. — 2 4 3 nmnſinnnſmnnſnnnnnnſſſſſſhſiſſſſſſf 6 7 8 9 10 11 12 13 14 13 16