—— Leihbibliothek X deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur A* 9 von.. Eduard Otfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſſe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3' 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſll wird. 1 44 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 eträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswäürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. den beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Keſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen — der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ————— Englands vorzüglichſte Nomane und Novellen. Zwanzigſter Band. Berlin, 1851. Verlag von Duncker und Humblot. Eine Erzählung von H. W. Longfellow, Verfaſſer von„Hyperion“,„Evangelien“ u. ſ. w. Aus dem Engliſchen. Ein flücht'ger Vorſatz iſt nicht zu erfüllen, Geht nicht die Thatkraft mit ihm Hand in Hand. Shakeſpeare. Berlin, 1851. Verlag von Duncker und Humblot. Der Sehnſucht und der Träume Weben, Sie ſind der weichen Seele ſüß; Doch edler iſt ein ſtarkes Streben, 4 Und macht den ſchönen Traum gewiß. Uhland. 1. Große Männer ſtehen wie einſame Thürme in der Gottesſtadt, und geheime Gänge, welche tief unter der äußeren Natur dahinlaufen, ſetzen ihre Gedanken in eine Verbindung mit höhern Geiſtern, welche ſie ſtärkt und trö⸗ ſtet, und von der die Arbeiter auf der Oberfläche keine Ahnung haben. Ein Gedanke gleich dieſem flog halb unbewußt durch Herrn Churchill's Kopf, als er die Thür ſeines Schulhauſes hinter ſich ſchloß; und wenn er denſelben gewiſſermaßen auf ſich anwandte, ſo mag das wol einem träumeriſchen, poeti⸗ ſchen Manne wie er war, verziehen werden, denn wir be⸗ urtheilen uns nach dem, was wir zu thun uns im Stande fühlen, während Andere uns nach dem beurtheilen, was wir wirklich gethan haben. Ueberdies glaubte ihn ſeine Frau zu großen Dingen berufen. Für die Leute im Dorf war er der Schulmeiſter,— nichts weiter. Sie erkannten in ſeiner Geſtalt und Haltung kein äußeres Zeichen der Gottheit in ihm. Sie ſahen ihn täglich graben und wühlen auf der Heerſtraße des Lebens, wie einen Käfer und nur Wenige dachten daran, daß unter dieſer harten und kalten Außenſeite zarte, goldene Schwingen gefaltet lagen, mit denen er ſich nach der Hitze des Tages emporſchwang, und in der duftigen Abendluft ſchwelgte. Heute ſchwang er ſich noch vor Sonnenuntergang empor und ſchwelgte;— denn es war Sonnabend. Mit einem Gefühl. unendlicher Erleichterung ließ er das leere Schul⸗ haus hinter ſich, in welches ſich die heiße Sonne eines Septembernachmittags ergoß. Fort waren alle die klaren, jungen Geſichter, fort die ungeduldigen, kleinen Herzen, fort alle die friſchen, durchdringenden, aber mit dem Wohl⸗ Kavanagh. 1 laute der Kindheit erfüllten Stimmen, und das jüngſt ſo geſchäftige Reich war dem Schweigen, dem Sonnenſtaube, und den alten, grauen Fliegen, welche mit den Köpfen gegen die Fenſterſcheiben brummten, anheimgegeben. Der Ton der äußeren Thür, welche ſich nur Ein Mal wöchent⸗ lich in ihren Angeln bewegte, glich dem Werdaruf einer Schildwache, welchem der Schlüſſel im Schloſſe Antwort knärrte, und indem der Schulmeiſter einen verſtohlenen Blick auf das jüngſte Zerrbild ſeiner Perſon warf, das in rother Kreide am Gartenzaun prangte, betrat er leichten Schrittes den feierlichen Tannengang, welcher zum Ufer des Fluſſes führte. Zuerſt war ſein Schritt ſchnell und ſtraff, und er ſchwang ſeinen Stock, als ob er irgend einem unſichtbaren, ſich zurückziehenden Feinde zu Leibe ginge. Obgleich er ein ſanſtmüthiger Mann war, gab es doch Augenblicke, in denen er ſich mit Bitterkeit der ungerechten Vorwürfe der Väter und ihrer beleidigenden Worte erinnerte; und dann focht er eingebildete Schlachten mit unſichtbaren Feinden, warf ſie zur Erde, und trat ſie nieder, denn Herr Chur⸗ chill war weder von der Schwachheit der menſchlichen Natur, noch von den gewöhnlichen Widerwärtigkeiten des Schul⸗ meiſterlebens frei. Widerſpenſtige Söhne und unvernünftige Väter verbitterten zuweilen ſeine ſonſt ruhigen Tage und Nächte. Aber wie er ſo weiter ging, wurde ſein Schritt langſamer, und ſein Herz ruhiger. Die Kühle und der Schatten der großen Bäume tröſteten und beruhigten ihn, und er hörte die Stimme des Windes, als wäre es die Stimme von Geiſtern, die einander in der Luft zuriefen, ſo daß alle ſeine Sorgen vergeſſen waren, als er aus dem dunkeln Waldlande auf die Wieſen am Fluſſe hinaustrat. Er legte ſich einen Augenblick unter einem wilden Fei⸗ genbaum nieder, und dachte an den römiſchen Conſul Li⸗ cinius, der mit Achtzehnen ſeines Gefolges eine Nacht im hohlen Stamme der großen lydiſchen Platane zubrachte. Von den Zweigen über ihm wurden die fallenden Samen⸗ körner in gefiederten Daunenbüſcheln durch die ſanftbewegte Luft getragen. Das ununterbrochene Geſäuſel der Blätter und das 1 E 8 . Gemurmel des ſtrömenden Waſſers ſchien die behagliche Ein⸗ ſamkeit und das Schweigen dieſes Ortes eher zu erhöhen als zu ſtören, und einen Augenblick träumte er ſich weit hinweg zu den weiten Grasſteppen des Weſtens, und glaubte unter den üppigen Bäumen zu liegen, welche die Ufer des Wabaſch und Kascaskia überragen. Er ſah den Stör aus dem Fluſſe aufſpringen, und einen Moment im Sonnen— ſcheine blitzen. Dann zog ein Flug wilden Geflügels am Himmel vorüber, dem im Oſten langſam aufſteigenden See⸗ nebel entgegen; und ſeine Seele ſchien mit der Strömung des Fluſſes hinabzugleiten, bis er weit in das unendliche Meer hinausgeflutet war, und das Rauſchen des Windes im Laube ihm nicht länger der Klang des Windes, ſondern des Meeres war. Die Natur hatte aus Churchill einen Poeten, das Schickſal einen Schulmeiſter gemacht. Das brachte einen Mißklang zwiſchen ſeinem äußeren und innern Daſein her⸗ vor. Das Leben ſtellte ſich ihm dar wie die Sphinx, mit ihrem ewigen Räthſel des Realen und Idealen. Der Lö⸗ ſung dieſes dunkeln Räthſels widmete er ſeine Tage und Nächte. Er war gezwungen Grammatik zu lehren, wenn er gern Gedichte geſchrieben hätte, und von Tage zu Tage, von Jahr zu Jahr verſchoben die alltäglichen Bedürfniſſe des Lebens die großen Unternehmungen, welche er ſich auszuführen fähig fühlte, aber niemals den entſchloſſenen Muth hatte zu beginnen. So tändelte er mit ſeinen Ge⸗ danken und andern Dingen, und verſchwendete ſeine Kraft an Kleinigkeiten, gleich der müßigen See, die mit den Kieſeln an ihrem Strande ſpielt, aber vom Sturm be⸗ geiſtert, große Flotten auf der ausgeſtreckten Hand tragen, und ſie in die Luft ſchleudern kann, als wäre es Spielzeug— Der Abend kam. Die untergehende Sonne ſchoß ihre Strahlenpfeile auf die flache Landſchaft ab, und gleich dem Hebräer in Aegypten traf ſie die Flüſſe, Bäche und Teiche, und ſie wurden wie Blut. Herr Churchill wandte ſeine Schritte heimwärts. Er erſtieg den Hügel mit der alten Windmühle darauf. Unter ſich erblickte er die Lichter des Dorfes, und ſah wie die große Landſchaft rings um ihn tiefer und tiefer in das 1* 4 * Meer der Dunkelheit verſank. Er ging an einem Obſt⸗ garten vorbei. Die Luft war von dem Dufte der herab⸗ gefallenen Früchte erfüllt, welcher ihm ſo ſüß erſchien, wie Blüthenduft im Juni. Einige Schritte weiter brachten ihn zu einem alten, vernachläſſigten Kirchhofe; er ſtand einen Augenblick ſtill, um einen weiß erglänzenden Stein zu be⸗ trachten, unter welchem der alte Geiſtliche ſchlummerte, der zur Zeit der indiſchen Kriege in das Dorf kam, und von dem berichtet wurde, daß er ein halbes Jahrhundert lang „ein mühſeliger und beladener Prediger des Wortes“ ge⸗ weſen war. Er betrat die Dorfſtraße, und wechſelte einige Worte mit Herrn Pendexter, dem ehrwürdigen Geiſtlichen, der vor ſeiner Thüre ſtand. Dann begegnete er einem bös⸗ ausſehenden Manne, der ſo viele alte Stiefeln ſchleppte, daß er buchſtäblich unter ihrer Laſt begraben zu ſein ſchien. Auch kam ihm ab und zu ein Strom beißenden Taback⸗ rauches aus der Pfeife eines iriſchen Bauers entgegen, welcher ringsumher die feuchte Abendluft durchdrang. So erreichte er endlich ſeine Hausthür. 2. Als Herr Churchill ſein Studirzimmer betrat, war die Lampe bereits angezündet, und ſeine Frau erwartete ihn. Das Holzfeuer auf dem Heerde ſang wie eine Grille in der ſtillen Sommerſchwüle, und ſeinem Herzen wurde der froſtige Herbſtabend zu einem Sommertage. Sein Weib ſah ihn aus ihren muntern, blauen Augen liebevoll an, und in dem heitern Ausdruck ihres Antlitzes las er die göttliche Verheißung:„Selig ſind, die reinen Herzens ſind.“ Kaum hatte er ſich am Kamin niedergelaſſen, als die Thür weit aufgeriſſen wurde, und mit geſpreizten Beinen, gleich einem Miniaturkoloſſe, ein lieblicher, goldner Knabe von ungefähr drei Jahren, mit langen, lichten Locken und rothen Wangen auf der Schwelle ſtand. Nach einer kurzen Pauſe ſtürmte er lärmend ins Zimmer hinein, und ließ ſich 5 in einem Armſtuhl nieder, den er in einen Fuhrmanns⸗ wagen verwandelte, und über deſſen Lehne er ſeine ver⸗ meintlichen Pferde vorwärts trieb. Ihm folgte Lucie,„das Mädchen für Alles“, die in ihren Armen den Säugling mit den großen, runden Augen und dem kahlen Kopfe trug. In ſeinem Munde hatte er einen Gummiring, ſo daß er einem Thürklopfer ungemein ähnlich ſah. Er kam herunter, um gute Nacht zu ſagen, aber als er unten war, konnte er es nicht, indem er überhaupt nichts Anderes hervorzu⸗ bringen vermochte, als eine Art von herausgeplatztem„Papa“. Er wurde dann gehörig abgeküßt, auf mannichfache Art ge⸗ quält, und endlich ins Bett hinaufgeſchickt, während er mit dem Munde Brümmchen ſchlug. Lucie betheuerte, den Klei⸗ nen ſegnend, man könne ihn Nachts nicht warten, ohne ihm gut zu ſein, und wenn die Fliegen ihn noch einmal quälten, würde ſie ihnen alle Zähne aus dem Kopfe reißen. Jetzt kam die Stunde unbeſchränkter Macht und Herr⸗ lichkeit für Musje Alfred. Das Kaminfeuer ſpiegelte ſich auf ſeinen hochrothen Wangen, ſtrahlte in ſeinen feuchten Augen und weißen Zähnchen wieder. Er lud ſeinen Wagen voller Bücher und Papiere, und fuhr in höchſter Eile der Stadt zu; er lieferte Pakete und Briefe ab, empfing welche, und blies mit den Lippen das Poſthorn. Endlich, auf die Lehne des Armſtuhls kletternd, rief er wie ein Schornſtein— feger aus dem Schornſtein:„Ho he, Eſſen kehren!“ dann wieder auf das Kiſſen hinabgleitend, that er, als wäre er in ſeinem kleinen, weißen Gardinenbettchen eingeſchlafen, bis ihn der Vater aus dieſem ſcheinbaren Schlummer weckte, indem er ihm mit geheimnißvollem Tone ins Ohr rief:+ „Was iſt denn das für ein kleiner Junge?“ Endlich ſetzte er ſich in ſein Stühlchen zu den Füßen der Mutter, und lauſchte ängſtlich geſpannt zum hundertſten Male der Erzählung vom Hunde Packan, welche er am Schluſſe laut ſchreiend immer wieder von vorn verlangte. Bei der fünften Wiederholung ſtutzte ſie Lucie ſo kurz zu, wie der Schwanz des Hundes. Dieſe hatte nämlich den Kleinen zu Bett gebracht, und kam Musjö Alfred zu holen. Er ſchien gehofft zu haben, daß er vergeſſen worden ſei, wurde aber ohne alle Rückſicht auf ſeine Hoffnungen zu 6 1 Bett gebracht, und verſchwand in einer Art Geiſtesabweſen⸗ heit, indem er leiſe für ſich die Worte ſeines Vaters wie⸗ derholte: „Gute Nacht, Alfred!“ Sein Vater ſah ihm zärtlich nach, wie er ſo mit einer Hand Lucien haltend, mit der andern ſich den Schlaf aus den⸗ Augen reibend, hinaufging. „Ach, dieſe Kinder, dieſe Kinder!“ ſagte Herr Chur⸗ chill, als er ſich an den Theetiſch ſetzte;„wir müſſen ſie jetzt recht ſehr lieb haben, denn wir werden ſie nicht lange bei uns behalten.“ „Gütiger Himmel!“ rief ſeine Frau aus,„was meinſt Du? Fehlt ihnen irgend etwas? Werden ſie ſterben?“ „Ich hoffe nicht. Aber ſie werden heranwachſen, und nicht lange mehr Kinder bleiben.“ „O, Du punderlicher Mann, wie haſt Du mich er⸗ ſchreckt!“ „Und doch ſcheint es unmöglich, daß ſie je zu Män⸗ nern heranwachſen, und das ſchwere Geſchütz den ſtaubigen Weg des Lebens entlang ziehen werden.“ „Das, hoffe ich, wird nie geſchehen. Es wäre das Letzte, was ich einen von ihnen thun zu ſehen wünſchte.“ Oh, ich meine es nicht buchſtäblich, ſondern bildlich. „— Da wir indeſſen von groß- und alt-werden ſprechen, fällt mir ein, daß ich Herrn Penderter ſah, als ich nach Hauſe kam.“ „Was ſagte er?“ „Daß er morgen ſeine Abſchiedspredigt halten würde.“ 2„Der arme alte Mann! er thut mir wirklich leid.“ „Mir auch. Aber man muß geſtehen, daß er ein ſchlechter Redner iſt, und ſeine Predigten ſind eine eben ſo traurige Aufgabe für ihn, als für ſeine Zuhörer.“ „Weshalb ſchickt man ihn denn fort?“ 4½ „Oh, dafür giebt es viele Gründe. Er widmet ſei— ner Gemeinde und ſeinen Predigten nicht genug Zeit und Aufmerkſamkeit. Er arbeitet immer in ſeiner Wirthſchaft, will ſtets ſein Gehalt erhöht haben, und beſteht auf ſeinem Rechte, ſein Pferd auf den Gemeindewieſen weiden zu laſſen.“ 7 „Horch!“ rief ſeine Frau, ihr Geſicht in lauſchender Stellung erhebend. „Was giebt es?“ „Mir war's, als hörte ich den Kleinen!“ Es entſtand ein kurzes Schweigen, dann ſagte Churchill: „Es war nur die Katze im Keller.“ ₰ In dieſem Augenblick kam Lucie herein. Sie zögerte ein Wenig, und bat dann mit unterwürfiger Stimme um die Erlaubniß, in das Dorf gehen zu dürfen, um etwas Band zu ihrem Hut zu kaufen. Lucie war ein 15jähriges Mädchen, das vor einigen Jahren einem Waiſenhauſe ent⸗ nommen war. Ihre dunkeln Augen hatten einen zigeuner⸗ artigen Blick, und ſie trug ihr braunes Haar nach Art einiger Mädchen Murillos rund um den Kopf gewunden. Sie hatte ägyptiſches Blut in ihren Adern, war ſehr hef⸗ tig, und konnte keinen Widerſpruch ertragen. Als ſie das Zimmer verlaſſen hatte, nahm der Schul⸗ meiſter die Unterhaltung wieder auf: „Ich mag Luciens häufiges Ausgehen am Abend nicht leiden,“ ſagte er.„Ich fürchte, ſie wird in Ungelegen⸗ heiten kommen. Sie iſt in der That ſehr hübſch.“ Hier trat eine zweite Pauſe ein, nach welcher er hin— zufügte: „Eins quält mich außerordentlich.“ „Und was iſt das?“ „Ich möchte wiſſen, was jener Mann mit all den alten Stiefeln macht, die er im Dorfe zuſammenſchachert. Ich bin ihm heute Abend wieder begegnet. Er ſcheint ſo viele Füße zu haben, wie Briareus Hände hatte. Er iſt eine Art Tauſendfuß.“ „Aber was hat das mit Lucie zu thun?“ „Nichts, es fiel mir nur in dieſem Augenblick ein; ich kann mir gar nicht vorſtellen, was er mit ſo vielen alten Stiefeln thut.“ ——————— 3. Als der Thee vorüber war, ging Herr Churchill, ſei⸗ ner Gewohnheit gemäß, im Zimmer auf und nieder. Wie er ſo hin und her ging, blickte er mit geheimem Entzücken: auf die Bücher, welche die Wände bekleideten, und dachte daran, wie viele blutende Herzen durch das Schreiben die⸗ ſer Seiten Troſt gefunden hätten, für ſich ſelbſt wie für Andre. Die Bücher kamen ihm vor wie lebende Weſen, ſo verwandt waren ſie mit menſchlichen Gedanken und Ge⸗ fühlen. Es war, als ſähen die Schriftſteller ſelbſt von der Wand auf ihn herab. Sie hatten weder einen freundlichen, noch einen betrübten Ausdruck, ſondern jenen ruhigen Gleich⸗ muth gegen das Schickſal, wie die Dichter, welche dem Dante in ſeinen Viſionen an der Schmerzensküſte luſtwan⸗ delnd erſchienen. Dann träumte er von Ruhm, und dachte, daß er ſpäter vielleicht Manchem das ſein könnte, was dieſe Männer ihm waren; und in der Begeiſterung des Augen⸗ blicks rief er laut aus: „Marie, möchteſt Du, daß ich dieſen ähnlich wäre?“ „Welchen„dieſen“?“ fragte ſeine Frau. „Dieſen großen und guten Männern— dieſen Ge⸗ lehrten und Dichtern— den Verfaſſern aller dieſer Werke!“ Sie drückte ſeine Hand, und ſagte mit ſanfter, aber gehobener Stimme: „Oh ja, wie ſie, nur vielleicht noch beſſer.“— „Dann will ich einen Roman ſchreiben!“ „Thue es,“ ſagte ſeine Frau gleich einem Engel. Denn ſie glaubte, er würde dann für ewige Zeiten be⸗ rühmt werden, und die ganze geſchäftige und gequälte Welt würde ſtill ſtehen, um ihn ſeine kleine Trompete blaſen zu hören, deren Töne die ehernen Mauern der Zeit nieder⸗ reißen und die Ohren der weitentfernten, erſtaunten Nach⸗ welt erreichen würden.„ 9 4. „Ich dachte heute daran,“ ſagte Herr Churchill einige Minuten nachher, als er Papier aus einer von Quitten durchdufteten Schublade nahm, und es auf ſeinem Arbeits⸗ tiſch zurechtlegte, während ſeine Frau ſich mit ihrer Arbeit wie gewöhnlich ihm gegenüber ſetzte—„ich dachte heute daran, wie trocken und proſaiſch das Studium der Mathe⸗ matik in unſern Schulbüchern behandelt wird; als ob die große Wiſſenſchaft von den Zahlen nur zu Handelszwecken ausgebildet worden wäre.“ „Was mich betrifft,“ antwortete ſeine Frau,„ſo be⸗ greife ich nicht, wie Du die Mathematik poetiſch machen willſt. Es iſt keine Poeſie darin.“ „Das iſt ein großer Irrthum! Es iſt etwas Göttliches in der Wiſſenſchaft von den Zahlen. Sie hält, wie Gott, das Meer in ihrer hohlen Hand. Sie mißt die Erde; ſie wägt die Geſtirne; ſie erleuchtet das Weltall; ſie iſt Ge⸗ ſetz, Ordnung, Schönheit. Und doch glauben wir— d. h. die Meiſten unter uns, daß ihr höchſter Zweck und Gipfelpunkt die doppelte italieniſche Buchführung ſei. Unſre Art und Weiſe ſie zu lehren iſt es, welche ſie ſo proſaiſch macht.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging zu einem ſeiner Bücherbretter, von welchem er einen kleinen alten Quartband herab nahm, und ihn auf den Tiſch legte. „Nun ſieh,“ fuhr er fort,„hier iſt ein mathematiſches Buch von ganz anderem Gepräge als die unſrigen.“ „Es ſieht recht alt aus. Was iſt es denn 2*⁸ „Es iſt die Liliwati von Bhascara Acharya aus dem Sanskrit überſetzt.“ „Ein hübſcher Name. Sage mir doch, was bedeutet er?“ „Liliwati war der Name von Bhascara's Tochter; und das Buch wurde geſchrieben um ihn zu verewigen. Fol⸗ gendes iſt in Kürze der ganze Inhalt.“ Er öffnete hierauf den Band, und las wie folgt: „Die Abfaſſung der Liliwati wurde, wie erzählt wird, durch folgende Umſtände veranlaßt. Liliwati hieß 2 8 8* 10 die Tochter des Verfaſſers, welcher die Geſtirne bei ihrer Geburt beſtimmten, ihr Leben unvermählt und kinderlos hinzubringen. Der Vater aber verſicherte ſich einer glück⸗ lichen Stunde, um ſie dennoch zu vermählen. Als dieſe Zeit erſchien, ließ er ſeine Tochter und ihren beſtimmten Bräutigam zu ſich kommen; er ſetzte das Stundenglas in ein Gefäß mit Waſſer, ließ einen zeitkundigen Stern⸗ deuter dabei, damit, ſobald das Glas im Waſſer unter⸗ ſinken würde, jene beiden koſtbaren Juwele vereinigt wür— den. Da aber dieſe ſeine Abſicht der Beſtimmung der Sterne zuwiderlief, ſo geſchah es, daß die Jungfrau aus der, Kindern eigenen Neugierde in das Glas hineinſah, um zu beobachten, wie das Waſſer in die Oeffnung des Glaſes eindrang. Zufällig löſte ſich eine Perle von ihrem Brautſchmuck, fiel in das Glas, und rollte bis an die Oeffnung hinab, ſo daß das Eindringen des Waſſers verhindert wurde. Der Sterndeuter wartete vergeblich auf die verſprochene Stunde, bis der Vater, über die ungebührlich verzögerte Füllung des Glaſes erſtaunt, nach⸗ ſah und fand, daß eine Perle das Eindringen des Waſ⸗ ſers gehemmt hatte, und die erſehnte Stunde längſt vor⸗ über war. Der Vater, auf dieſe Art getäuſcht, ſprach zu ſeiner unglücklichen Tochter:„„So werde ich ein Buch mit Deinem Namen ſchreiben, welches bis zu den ſpäteſten Zeiten dauern ſoll,— denn ein guter Name iſt ein zweites Leben und der Grundſtein ewigen Daſeins.““— Während der Schulmeiſter las, wurden die Augen ſei⸗ ner Frau feucht, und ſie ſagte: „Welche ſchöne Geſchichte! Wann trug ſie ſich zu?“ „Vor ſieben hundert Jahren, bei den Hindus.“ „Warum machſt Du nicht ein Gedicht daraus?“ „Weil ſie ſchon an und für ſich ein Gedicht iſt,— eine von den Erzählungen, die durch ihre Einfachheit ſchön ſind, und die durch Ausſchmückung verlieren. Die alters⸗ graue Hindu⸗Sage würde mir nicht halb ſo gut gefallen, wenn ſie mit Farben geſchmückt, und mit dem bunten Schel⸗ lengeklingel des Reimes behangen wäre. Nun höre, wie das Buch beginnt.“ Er las weiter: 11 „Gruß dem elephantenhäuptigen Weſen, das Freude in die Gemüther ſeiner Anbeter gießt, das Die von allen Fährlichkeiten befreit, welche es anbeten, und deſſen Füße von den Göttern geküßt werden. Ehre ſei der Geneſa, die ſchön iſt, gleich dem reinen Purpurlotus, und um deren Nacken ſich die ſchwarze Schlange ſpielend ringelt!“ „Das klingt ziemlich myſtiſch,“ ſagte ſeine Frau. „Ja, das Buch beginnt mit einer Begrüßung der Hin⸗ dugötter, wie die alten ſpaniſchen Chroniken im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau anfangen. Höre nur, wie poetiſch die Aufgaben ſind.“ Er blätterte langſam weiter und las: „Ein Drittel einer Anzahl ſchöner Waſſerlilien wird dem Mahadö dargebracht, ein Fünftel der Huri, ein Sechstel der Sonne, ein Viertel dem Devi, und ſechs, die übrig bleiben, werden dem geiſtvollen Lehrer geſchenkt. Gefragt wird, welches iſt die ganze Zahl der Waſſer⸗ lilien?“ „Das iſt allerliebſt,“ ſagte die Frau,„und würde den Knaben in den Kopf ſetzen, Dir Mummeln zu bringen.“ „Hier iſt noch eine hübſchere.“„Ein Fünftel eines Bienenſtocks flog zur Blume Kadamba; ein Drittel zu der Silandhara; drei Mal die Differenz dieſer beiden Zahlen flog nach einer Laube; Eine Biene flog immer herum, von der duftenden Ketaki ſowol, wie von der Malaki angezogen. Welches war die Zahl der Bienen?“ „Ich bin überzeugt, daß ich es nie herausbrächte.“ „Zehn Mal die Quadratwurzel einer Heerde Gänſe ——“ Hier lachte Frau Churchill hell auf; aber er fuhr ſehr ernſthaft fort: „Zehn Mal die Quadratwurzel einer Heerde Gänſe, die ein Wetter am Himmel aufziehen ſahen, flogen nach dem See Manus; ein Achtel des Ganzen flog vom Rande des Waſſers unter einen Strauch Waſſerlilien, und drei Paare ſpielten im Waſſer. Sage mir, junges Mädchen mit den ſchönen Locken, welches iſt die Zahl der Gänſe?“ „Nun, welche iſt es?“ „Was meinſt Du?“ „Ungefähr zwanzig.“ „Nein, 144. Nun verſuche eine andere.“„Die⸗Qua⸗ dratwurzel einer halben Anzahl Bienen, und acht Neuntel der Ganzen, ließ ſich auf den Jasmin nieder; eine weib⸗ liche Biene ſummte dem Männchen Antwort zu, welches Nachts in einer Waſſeerlilie eingeſchloſſen war. O holde Jungfrau, ſage mir die Zahl der Bienen.“ „Das ſteht nicht da, das haſt Du hinzugeſetzt!“ „Nein, in Wahrheit nicht. Ich wollte, ich hätte es gemacht. Sieh her.“ Er zeigte ihr das Buch, und ſie las es ſelbſt. Dann ſchlug er einige geometriſche Aufgaben auf. „In einem See ſah man die Knospe einer Waſſer⸗ lilie eine Spanne über dem Waſſer, und als ſie von einem ſanften Winde bewegt wurde, ſank ſie drei Fuß davon auf das Waſſer.“ „Das iſt reizend, muß aber ſehr ſchwer ſein. Ich könnte es nicht beantworten.“ „Ein hundert Fuß hoher Baum ſteht zwei hundert Fuß von einer Quelle entfernt; von dieſem Baum kommt ein Affe herunter, und geht zum Quell; ein andrer Affe ſpringt hinauf und geht in der Hypotenuſe herunter; beide durchlaufen einen gleichen Raum. Frage: wie hoch war der Sprung?“* „Ich glaube, Du kannſt dieſe Frage ſelbſt nicht be⸗ antworten, ohne ins Buch zu ſehen,“ ſagte die lachende Frau, indem ſie die Hand auf die Auflöſung legte,— „verſuche es ein Mal.“ „Sehr gern, mein liebes Kind,“ erwiederte der Schul⸗ meiſter zuverſichtlich, indem er Bleiſtift und Papier nahm. Nachdem er einige Figuren und Berechnungen gemacht, ſagte er: „Hier, mein holdes Mädchen mit den ſchönen Locken, iſt die Antwort,— vierzig Fuß.“— Seine Frau ſah in das Buch, und rief in die Hände klatſchend aus: „ Nein, es iſt falſch, es iſt falſch; mein holder Jüng⸗ ling mit der Biene an der Mütze. Es ſind 50 Fuß!“ 13 „Dann muß ich einen Fehler gemacht haben.“ „Verſteht ſich, Dein Affe ſprang nicht hoch genug.“ Sie feierte ſeine demüthigende Niederlage, als wäre es ein Sieg für ſie geweſen, mit Küſſen, die wie Roſen auf ſeine Stirn und Wangen niederſchauerten, während er unter dem Thriumphbogen ihrer Arme hindurchgehend ver⸗ gebens zu ſtammeln verſuchte: „Meine allerliebſte Liliwati, welches war die Zahl der Gänſe!“ 2. Als er ſich aus dieſem anmuthigen Dilemma heraus⸗ gewickelt hatte, ſagte er,— 1 „Aber ich muß jetzt ſchreiben. Ich muß wahrhaftig mit Ernſt ans Werk gehen, ſonſt werde ich nimmermehr etwas fertig bekommen. Du weißt, ich habe ſo mancherlei⸗ zu thun, ſo viele Bücher zu ſchreiben, daß ich in der That nicht weiß, wo ich anfangen ſoll. Ich denke, ich werde mit dem Roman beginnen.“ „Das iſt ganz gleich, wenn Du nur überhaupt an⸗ fängſt!“ „Ich will auch keinen Augenblick mehr verlieren.“— „Haſt Du ſchon Herrn Cartwright's Brief wegen der Bettſtelle beantwortet?“ „Tauſend, nein! das habe ich ganz vergeſſen! Es muß aber gleich geſchehen, ſonſt macht er ſie ganz verkehrt.“ „Und haſt Du der jungen Dame geſchrieben, welche Dir die Verſe zur Durchſicht geſchickt hat?“ „Nein, ich habe noch keinen Augenblick Zeit gehabt. Herr Hanſon will ja auch wegen des Küchenroſt's Beſcheid haben. Abſcheulich! immer kommt mir etwas zwiſchen meinen Roman. Nun, ich will das Alles geſchwind abmachen.“ „Er begann mit großer Haſt zu ſchreiben. Eine Zeit lang hörte man nur das Kritzeln ſeiner Feder, dann ſagte er, wahrſcheinlich wieder an den Küchenroſt denkend: 14 Eines der angenehmſten Dinge in der Wirthſchaft iſt doch ein Schinken. Er iſt immer bei der Hand, und immer gern geſehen. Man kann ihn mit Allem und ohne Alles eſſen. Er erinnert mich an den großen Eber Skrimmer in der nordiſchen Götterlehre, der alle Tage für die Götter in der Walhalla geſchlachtet wurde, und jede Nacht wieder auflebte.“ „In dem Fall, dächte ich, müßten die Götter Alp⸗ drücken bekommen haben,“ ſagte ſeine Frau. „Wer weiß?“ Es trat eine zweite Pauſe ein, die nur von dem ſchnellen Gekritzel der Feder auf dem Papiere unterbrochen wurde. Plötzlich ſagte Frau Churchill, als folgte ſie ihrem eignen Gedankengange, während ſie zu nähen aufhörte, um den Faden abzubeißen,(was Damen häufig thun, ſo viel auch ſchon dagegen geſagt worden iſt.)— „Es war heute ein Herr hier, der ſich für den Agen⸗ ten einer großen Nadelfabrik ausgab. Er ließ mir dieſe Probe hier, und ſagte, die Bohrung des Oehrs wäre vorzüglicher, als bei allen andern, und er garantire, daß ſie den Faden nicht zerſchnitten. Er läßt ſie zum Engros- Preis; und wenn mir die Größe nicht zuſagt, ſo erbietet er ſich die Nadeln gegen kleinere, oder gegen eine Mittel⸗ ſorte umzutauſchen.“ Dieſe Bemerkung würdigte der ins Schreiben vertiefte Schulmeiſter keiner Antwort. Er fand ein halbes Dutzend Briefe nicht ſo leicht zu beantworten, beſonders den an die junge poetiſche Dame, und ſchrieb emſig daran weiter. Endlich waren ſie vollendet und geſiegelt; er blickte auf zu ſeiner Frau. Sie wandte ihre Augen träumeriſch zu ihm hin. Schlaf lag auf ihren Lidern, wie Schnee in den Wolken, im Begriff zu fallen. Es war ſehr ſpät, und er ſagte zu ihr: „Ich bin zu müde, meine liebliche Liliwati, und Du zu ſchläfrig, um heute Abend noch länger hier zu ſitzen; und da ich meinen Roman nicht anfangen mag, ohne Dich⸗ neben mir zu haben, damit ich Dir einzelne Stellen vorleſen kann, wenn ich ſchreibe, ſo will ich es bis morgen oder übermorgen aufſchieben.“ 2 — 15 Er ſah ſeiner Frau nach, als ſie mit dem Lichte die Treppe hinaufging. Es war ein immer neues, ſchönes Bild für ihn, ähnlich einem Gemälde Gherardho's della Notte. Als er ihr folgte, ſtand er ſtill, um nach den Sternen zu ſehen. Vor der Schönheit des Himmels flutete ſeine Seele über. „Wie unpergleichlich,“ rief er aus,„wie unvergleich⸗ lich und allmächtig iſt das Schweigen der Nacht! Und doch ſcheint die Stille faſt vernehmbar! Aus all den un⸗ ermeßlichen Tiefen der Luft um uns ſteigt ein halblauter Klang, ein halblautes Geflüſter empor, als könnten wir das Zugrundegehen der Erde und aller erſchaffenen Dinge ver⸗ nehmen— das immer von Neuem beginnende und niemals endende Sterben und Geborenwerden— den allmähligen Fall und das Rinnen des Sandes im großen Stundenglaſe der Zeit. In der Nacht hatte Herr Churchill einen wunderbaren Traum. Er ſah ſich in der Schule, wo er Lateiniſch lehrte. Plötzlich fingen alle Genitive der erſten Deklination an, ihm Geſichter zu ſchneiden, und unmäßig zu lachen; als er 5 ſie greifen wollte, ſprangen ſie in den Ablativ hinab, — und der Cirkumflex nahm die Geſtalt eines großen Schnurr⸗ barts an. Dann wurde die kleine Dorfſchule in die große Weltſchule verwandelt, die ſich Bank für Bank durch alle . Geſchlechter der Zukunft erſtreckte; auf allen Bänken ſaßen junge und alte Männer, die ſeinen im Traume fertigen Roman laſen und abſchrieben. Sie reichten ihn lächelnd einer dem Andern weiter, bis endlich die Uhr im Winke mit ſeltſam zornigem Geknarr Zwölf ſchlug, und die Schule aufbrach. Der Schulmeiſter erwachte, und ſah, daß dieſe Viſion des Ruhmes nur ein Traum geweſen war, aus welchem ihn ſeine Weckeruhr zu ungewohnter Stunde ge⸗ ſtört hatte.— ——— 6. Unterdeſſen fand im Pfarrhauſe eine andre Scene Statt. Herr Penderter hatte ſich in ſein Studirzimmer zurückgezogen, um ſeine Abſchiedspredigt zu vollenden. Schweigen herrſchte im Hauſe. Der Sonntag hatte dort ſchon begonnen. Die Woche endete mit Sonnenuntergang und aus Abend und Morgen wurde der erſte Tag.⸗ Der Pfarrer wurde in ſeiner Arbeit durch den alten Küſter unterbrochen, welcher wie gewöhnlich, die Kirchen⸗ ſchlüſſel holte. Er ermahnte ihn ſanft, daß er ſo ſpät käme und dieſer entſchuldigte ſich damit, daß ſeine Frau wieder kränker ſei. „Arme Frau!“ ſagte Herr Penderter,„iſt ſie denn bei Bewußtſein?“ „Ja,“ antwortete der Küſter,„wie immer.“ „Sie iſt lange krank geweſen,“ fuhr der Pfarrer fort, „und wir haben ſeit vielen Sonntagen für ſie gebetet.“ „Das iſt ſehr wahr, Herr Prediger,“ erwiederte der Küſter kläglich;„ich habe Ihnen viel Mühe gemacht. Sie brauchen nicht mehr für ſie zu beten, es nützt doch nichts.“ Herr Pendexter war in zu gehobener Stimmung, um die verzweifelte Demuth ſeines alten Gemeindegliedes und die unwillkührliche Anſpielung auf die Nutzloſigkeit ſeiner Gebete zu bemerken. Er drückte warm des alten Mannes Hand, und ſagte ſehr bewegt: 1 „Ich predige zwar morgen das letzte Mal in dieſer Kirche, an welcher ich ſeit 25 Jahren gelehrt habe, aber es iſt nicht das letzte Mal, daß ich für Sie und Ihre Familie bete.“ Der Küſter zog ſich gleichfalls ſehr bewegt zurück, und der Pfarrer ging wieder an ſeine Arbeit. Sein Herz glühte und brannte in ihm. Ueber ſein Geſicht zog oft eine dunkle Röthe, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, ſo daß er inne halten mußte. Oft ſtand er auf, maß das Zimmer mit großen Schritten, und wiſchte die dicken Tropfen ab, die auf ſeiner rothen, fieberhaften Stirn ſtanden. Endlich war die Predigt fertig. Er ſſtand auf und ſah zum Fenſter hinaus. Langſam ſchlug die Thurmuhr 4. 17 zwölf. Seit 6 Uhr hatte er ſie nicht ſchlagen hören. Das Mondlicht verſilberte die fernen Hügel, und lag ſo weiß wie Schnee auf den froſtigen Dächern des Dorfes. An keinem Fenſter war Licht zu ſehen. „Undankbare Menſchen! Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ rief er in der bittern Erregtheit des Augenblicks aus, als hätte er gedacht, daß in dieſer feier⸗ lichen Nacht die ganze Gemeinde wachen ſollte, während er ſeine Abſchiedspredigt ſchrieb. Er preßte ſeine heiße Stirn an das Fenſter, um ſein Fieber zu mildern. Ueber die zittern⸗ den Wellchen ſandte der ruhige Mond ihm einen ſilbernen Lichtpfeil zu, gleich dem Gruß eines Engels. Da kam der tröſtende Gedanke über ihn, daß nicht nur dieſer Fluß, ſondern alle Flüſſe und Seen und ſelbſt das unendliche Meer in dieſem himmliſchen Lichte erglänzten, obgleich es ihm nur als ein einziger Strahl erſchien, und daß, was für ihn dunkele Wellen, für Andere die klaren Verſuchungen Gottes wären. — 4. Der Morgen kam; der liebe, ſchöne, ſtille Sonntag, ein willkommener Ruhetag für Jeden, welcher ſich mit ſeiner Hände, oder ſeines Kopfes Arbeit ſein Brod ver⸗ dient. Als die erſte Glocke ertönte, ſchien ſie, ein eherner Mörſer, von ihrer düſtern Feſtung herab das Dorf mit Klangbomben zu beſchießen, welche über den Häuſern zer⸗ platzend, die Ohren aller Pfarrkinder betäubten und die Gewiſſen Vieler erſchütterten. Herr Penderter ſollte ſeine Abſchiedspredigt halten. Die Kirche war gedrängt voll, und nur Eine Perſon kam zu ſpät. Es war ein beſcheidenes, ſanftes Mädchen, welches ſich ſtill einen der Seitenflügel hinaufſtahl, doch nicht ge⸗ räuſchlos genug, als daß nicht die Thür des Kirchſtuhls beim Oeffnen ein Wenig geknarrt hätte. Flugs wandten ſich Kavanagh,„ 2 18 wohl hundert Köpfe nach jener Richtung, obgleich es mitten im Gebet war. Die alte Frau Fairfield drehte ſich nicht um, aber ſie und ihre Tochter ſahen einander an, und ihre Hüte machten eine Parentheſe im Gebet, in welcher die Eine fragte, was das wäre, und die Andere antwortete: „Es iſt nur Alice Archer. Die kommt immer zu ſpät.“ Endlich war das lange Gebet vorüber, die Ge⸗ meinde ſetzte ſich, und die leicht ermüdeten Kinder, die während des Betens immer unruhig ſind, und die beinah eine halbe Stunde lang ſich drehend und wendend bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß geſtanden, und ihre Köpfe wie Füllen, welche in die benachbarten Weiden hinein⸗ gucken, über die Lehnen der Kirchſtühle gehängt hatten,— ließen ſich endlich nieder, und verfielen in einen Zu⸗ ſtand, welcher der Ruhe wenigſtens ähnlich war.⸗ Die Predigt begann;— eine Predigt, wie ſie nie gehalten oder gehört worden war. Sie lockte Thränen in die Augen der Freunde des Predigers, und erſchütterte die verſtockteſten Herzen ſeiner Feinde mit einer Art von Ge⸗ wiſſensbiſſen. Als er den Text verlas: „Denn ich achte es billig zu ſein, ſo lange ich in dieſer Hütte bin, euch zu erwecken und zu exrinnern,“*) war es, als ob der Apoſtel Petrus ſelbſt, aus deſſen Feder die Worte zuerſt gefloſſen waren, ſie zum Gericht riefe. Er ſchloß mit einem Danke für die Damen, welche ihm einen ſchwarz ſeidenen Chorrock geſchenkt hatten, und die ſich gegen ſeine Frau während ihrer langen Krankheit ſo gütig gezeigt hatten. Auch entſchuldigte er ſich wegen der Vernachläſſigung ſeines Berufs, welcher wäre zu ſtudiren und zu predigen, weil er ſich des Berufes der Gemeinde hätte annehmen müſſen, deren Pflicht es ſei, ihren Prediger zu erhalten. Er führte aus, daß ſeine eigene Pflichtver⸗ ſäumniß von der ihrigen herrühre, welche ihn im Winter in die Wälder und im Sommer in die Felder getrieben hätte. Endlich hielt er der Gemeinde vor, wie verrottet ſie in ihren ſchlechten Gewohnheiten ſei, und daß während *) 2. Petr. 1, 13. 19 ſeiner Amtsführung an keine Reformation zu denken geweſen 4 wäre. Es koſte aber eine größere Anſtrengung göttlicher ſie Macht, eine ſolche unter ihnen zu bewirken, als es bedurft ten hätte, um die Welt zu erſchaffen; denn bei Erſchaffung der qs Welt habe es keinen Widerſtand gegeben, dahingegen müßten bei ihrer Reformation alle ihre böſen Neigungen, zu ihre Selbſtſucht und ihre weltlichen Lüſte überwunden je⸗ werden. die ah uf hre 8. in⸗ 8 Als Herr Pendexter ſeine Rede geendet, und ſeinen letzten Segen über die Gemeinde geſprochen hatte, für nä deren geiſtige Bedürfniſſe er ſo manches Jahr geſorgt, kehrte 1 ſeine Gemeinde— nun nicht mehr die ſeine— in ſehr de verſchiedener Gemüthsſtimmung heim. Einige waren erbit⸗ be⸗ tert, Andere gedemüthigt, und wieder Andere von Mitleid erfüllt. in Unter dieſen Letzteren war Alice Archer,— ein ſchönes, 5 zartes Mädchen, deren ganzes Leben durch eine zu reizbare 2) Organiſation und ungünſtige äußere Verhältniſſe getrübt der war. Sie hatte eine bleiche, durchſichtige Geſichtsfarbe, efe und große, graue Augen, welche Erſcheinungen zu ſehen ijm ſchienen. Ihre Geſtalt war zart, faſt gebrechlich; ihre de Hände weiß, ſchmal, durchſichtig. Mit dieſen äußeren ſo Zügen ſtimmte ihr Charakter überein. Sie war gedanken⸗ dei voll, ſchweigſam, von zartem Gefühl, traurig, oft in iren Thränen oder Träume verſunken. Sie führte ein ein⸗ ind⸗ ſames Leben mit ihrer alten, klageſeligen, beinah blinden iger Mutter. Sie ſelbſt hatte Anlage zur Blindheit geerbt, und vel⸗ ihr Uebel war von ſo eigenthümlicher Art, daß ſie zwar itel im Sommer ſehen konnte, aber im Winter ihr die Seh⸗ eben kraft mangelte. ottet Das alte Haus, in welchem ſie Beide wohnten, mit rend ſeinen vier kränkelnden lombardiſchen Pappeln vor der Thür, flößte duſtere und beängſtigende Gedanken ein. Es war * 2⸗ 20 eines jener Häuſer, die einen niederdrücken, wenn man hin⸗ eintritt, gleichſam als wären viele Leute darin geſtorben,— beklommen, verlaſſen, öde. Selbſt die Uhr im Hauſe hatter einen traurigen Ton, und zeigte die Stunde mit einem ſtarken, betäubenden Schlage an, ſo daß ſie an Jael er⸗ innerte, wie ſie den Nagel durch den Kopf Siſſeras trieb.*) Noch einen andern Bewohner hatte das Haus nur noch Einen. Das war Sarah Mancheſter, oder Jungfer Sarah Mancheſter, wie ſie ſich lieber nennen hörte; ein vortreffliches Stubenmädchen und eine ſehr ſchlechte Köchin, denn ſie diente in beiden Eigenſchaften. Sie war wirklich ein ungewöhnliches Frauenzimmer, von kräftigem Wuchs und männlichen Zügen;— eine von denen, die zum Arbei⸗ ten geſchaffen ſind, ihr Erbtheil an Mühe hinnehmen, als wäre es Spiel, und die demzufolge in der Sprache häus⸗ licher Empfehlung gewöhnlich bezeichnet werden als„ein Schatz, wenn man ſie bekommen kann.“ Ein Schatz war ſie dieſer Familie in der That, denn ſie verrichtete alle Hausarbeit, und trug nebenbei noch Sorge für die Kuh und das Geflügel. Gelegentlich wagte ſie ſich auch auf das Feld der Arzneikunde, und gab dem Haushahn Brennöl ein, wenn ſie glaubte, er krähe heiſer. Auf der Stirn hatte ſie, was man zuweilen„eine Wittwenſchneppe“ nennt, — d. h. ihr Haar wuchs in der Mitte in einer Spitze auf die Stirn herab. Sonntags erſchien ſie in einem blauen, halbſeidnen Kleide in der Kirche, mit einer großen, roſen⸗ farbnen Schleife an der Seite ihres Hutes, welche ſie „die Gemeindeſeite“ nannte. Ihr Charakter war ſtark, gleich ihrer Geſtalt, ihre Stimmung, nicht liebenswürdig, ſondern hatte, wie man zuweilen empfehlungsweiſe von Aepfeln ſagt, eine angenehme Säure. Das waren die Bewohner des unheimlichen Hauſes, von denen die Letztere häufig die Abſicht ausſprach, daſſelbe zu verlaſſen, indem ſie mit einem reiſenden Zahnarzt ver⸗ lobt war, welcher einſt ihre hohlen Zähne mit Kitt gefüllt, und die Gelegenheit wahrgenommen hatte, eine ſchwache Stelle ihres Herzens mit Etwas auszufüllen, das noch weit *) Buch der Richter, 4, 17— 22. ———— 21 gefährlicher und queckſilberiger war. Der Hochzeitstag war bereits mehrere Male verſchoben worden, ſo daß die Familie endlich hoffte und glaubte, er würde gar nicht eintreffen; ein Wunſch, der ſeine Erfüllung in ſich trug. Der einzige Lichtſtrahl, welcher von außen in dieſe düſtre Behauſung drang, kam von dem Antlitze Cäcilie Vaughom's, der Schulgefährtin und Buſenfreundin Alice Archer's. Sie waren beinahe von gleichem Alter, und hatten ſich, kraft der geheimnißvollen Macht, welche uns in der Kindheit Freunde offenbart und erwählt, einander an⸗ gezogen. Sie ſaßen in der Schule neben einander; ſie gingen nach der Schule mit einander ſpazieren, ſie erzähl⸗ ten ſich gegenſeitig ihre vielfachen Geheimniſſe, ſie ſchrieben ſich des Abends lange und leidenſchaftliche Briefe; mit Einem Worte, ſie liebten ſich. Ihr Mädchenleben war ſo zu ſagen ein Vorſpiel zu dem großen Drama des Frauen⸗ lebens. 9. Die goldenen Tinten des Herbſtes erglänzten jetzt auf den Geſträuchen vor dem melancholiſchen Hauſe, und be⸗ nahmen ihm etwas von ſeiner Düſterheit. Die vier Pap⸗ peln ſchienen im Feuer zu lodern, und flackerten im Winde, gleich Rieſenfackeln. Eine ſchmale Einfaſſung von Buxbaum erfüllte die Luft mit Wohlgerüchen; welche die Rückkunft Alicen's zu feiern ſchienen, als ſie die Treppe hinaufſtieg, und mit leichterem Herzen als gewöhnlich in das Haus trat. Die friſche Herbſtluft hatte ihren Puls belebt, und ihre Wangen geröthet. Sie fand ihre Mutter allein im Wohnzimmer, in ihrem großen Lehnſtuhl ſitzend. Die warme Sonne ſtrömte durch die unverhangenen Fenſter herein; und die Lichter und Schatten des Laubes ſpiegelten ſich auf ihrem Geſicht. Sie ſah ſich um, als Alice hereintrat und ſagte: „Wer iſt da? biſt Du es, Alice?“ „Ja, Mutter, ich bin es.“ „Wo warſt Du ſo lange?“ „Nirgends, liebe Mutter. Ich komme geradeswegs aus der Kirche nach Hauſe.“ „Wie lange mir das vorkommt! Es iſt ſehr ſpät, und ſchon ganz dunkel. Ich wollte eben nach Licht rufen.“ „Wie, Mutter!“ rief Alice mit ängſtlicher Stimme; „was meinſt Du? die Sonne ſcheint Dir ja gerade ins Geſicht!“ „Unmöglich, meine liebe Alice. Es iſt ja ganz dunkel, und ich ſehe Dich nicht. Wo biſt Du denn?“ Sie beugte ſich über ihre Mutter und küßte ſie. Beide ſchwiegen,— Beide weinten; ſie wußten, daß die bang geahnte Stunde des Unglücks gekommen war. Frau Archer war blind. Dieſe Schmerzensſcene wurde durch das plötzliche Ein⸗ treten Sarah Mancheſters unterbrochen. Sie war ebenfalls in Thränen, aber ſie beweinte ihren eigenen Kummer. Sie hielt einen offnen Brief in der Hand, den ſie Alicen reichte, indem ſie unter Schluchzen ſtammelte: „Leſen Sie, Fräulein Archer, und ſehen Sie, wie falſch ein Mann ſein kann. Trauen Sie nie einem Manne, ſie ſind ſich Alle gleich; ſie ſind Alle falſch,— falſch,— falſch!“ Alice nahm den Brief, und las wie folgt: „Mit Vergnügen ergreife ich die Feder, um in aller Kürze an Sie zu ſchreiben, liebe Jungfer Mancheſter. Ich ſchätze Sie ſo hoch wie je, aber die Vorſehung ſcheint meine Gedanken und Neigungen für eine Andere beſtimmt zu haben, und zwar in meiner Nähe, was mir ſelbſt unerwartet gekommen iſt. Ich hoffe, Jungfer Mancheſter, Sie vergeſſen nicht, daß wir als Jünger Chriſti uns in unſer zeitliches Schickſal fügen müſſen. Gott möge Ihnen beiſtehen, damit wir würdig ſein mögen, dereinſt unter⸗ die himmliſchen Heerſchaaren aufgenommen zu werden. Eine Antwort würde mir ſehr wünſchenswerth ſein. Ich ſchätze Ihre Tugend, und betrachte Sie wie eine Freundin. Martin Cherryfield. 23 N. S. Die Geſellſchaft iſt hier im Allgemeinen ziemlich gut, aber das religiöſe Leben auf einer ganz niedrigen Stufe.“ „Das iſt ein grauſamer Brief, Sally,“ ſagte Alice, als ſie ihr denſelben zurückgab.„Aber wir Alle haben unſere Kümmerniſſe. Der Mann iſt Deiner nicht werth, denke nicht mehr an ihn.“ „Was giebt es?“ fragte Frau Archer, als ſie den gegebenen Rath und das Schluchzen, mit welchem er auf— genommen wurde, vernahm.„Sally, was giebt es?“ Sally antwortete nicht, aber Alice ſagte: „Herr Cherryfield hat ſich in Jemand anders verliebt.“ „Das iſt Alles?“ ſagte Frau Archer augenſcheinlich erleichtert.„Sie kann ſehr froh darüber ſein. Was hat ſie nöthig ſich zu verheirathen? Es iſt viel beſſer für ſie, wenn ſie bei uns bleibt; zumal jetzt, wo ich blind bin.“ Als Sarah dieſe Worte hörte, blickte ſie beſtürzt auf. Sie vergaß für einen Augenblick ihren eigenen Kummer, und hatte nur Mitgefühl für den Alicens und ihrer Mutter. Sie hätte gern tauſenderlei auf einmal gethan;— ſie wollte hierhin gehen;— dorthin ſchicken;— dies und jenes holen;— und beſonders hätte ſie gern alle Aerzte der Nachbarſchaft zuſammengerufen. Alice verſicherte ihr, daß es zu nichts nützen würde, obgleich ſie endlich zugab, daß man nach einem ſchickte. Sally eilte ihn aufzuſuchen. Unterwegs fielen ihr ihre eigenen Gedanken wieder ein; und um ihre Lieblings⸗ redensart zu gebrauchen, ſie fügte ſich wie ein Poſtgaul darein. Das Gefühl beleidigten Stolzes hielt noch einige Stunden nach ihrer Heimkehr an. Später erlangte ſie einige Faſſung, und bat, man möge des Mannes Namen— ſie ſchätzte ihn zu gering, um ihn in den Mund zu nehmen,— nie wieder in ihrem Beiſein erwähnen. So war alſo ihr ganzer Traum von Glück durch die Schickſalsfluthen hin⸗ weggeſchwennt, wie das Neſt der Grundſchwalbe von einer Ueberſchwemmung fortgeriſſen wird. Es war zu niedrig gebaut, um ſicher ſein zu können. Es giebt Frauen, welche nach einem Ausbruch leiden⸗ ſchaftlicher Thränen ſanft, ruhig und herzlich ſind; eine warme, fruchtbare Luft folgt dem Regen. Andre klären ſich kalt auf, und ſind froſtig, bleich und traurig. Zu den letzteren gehörte Sally Mancheſter. Sie wurde des Einen wegen bitter gegen alle Menſchen; und man hörte ſie oft ſagen, daß die Frauen Thörinnen ſeien, ſich zu ver⸗ heirathen, und daß ſie für ihre Perſon nie einen Mann heirathen würde, mögs er ſein, wer er wolle,— um keinen Preis in der Welt. Der Arzt des Ortes kam. Er war ein großer Mann, von der freundlichſten Art; kräftig, blühend, ermuthigend, und durchdrungen von verſchiedenen Apothekergerüchen. Laute Sprache, großer Stock, dicke Stiefeln;— Alles an ihm war ſinnverwandt mit Lärmen. Seine Gegenwart im Krankenzimmer war wie Militärmuſik— belebend, aber laut. Er verließ es ſelten, ohne zu dem Kranken zu ſagen:„Ich hoffe, Sie werden ſich morgen beſſer befinden,“ oder:„Sobald Sie das Fieber verläßt, wird es beſſer gehen.“ Aber in dieſem Falle war ſelbſt ſeine Hoffnungs⸗ fülle nicht ausreichend. Frau Archer war blind,— hoff⸗ nungslos,— rettungslos,— unwiderruflich blind. 10. Am folgenden Morgen, ganz in der Frühe ſtand der Schulmeiſter vor ſeiner Thür, athmete die klare, geſunde Luft ein, und betrachtete die aufgehende Sonne, und die glitzernden Thautropfen auf dem rothen Weinlaube. Da hörte er plötzlich Wagengeraſſel, und ſah Herrn Penderter und ſeine Frau in ihrer altmodiſchen Kutſche, die bei allen Knaben im Dorfe unter dem Namen„die Arche“ bekannt war, das Dorf herabkommen. Der alte weiße Gaul, welcher ſeinen Herrn zu ſo manchem Begräbniß getragen, und ſo manche Thürpfoſten benagt hatte, er, der die Fliegen zu tödten glaubte, weil er mit ſeinem Stummel von Schwanz um ſich ſchlug, und endlich die Urſache ſo häufigen Streites in 25 der Gemeinde geworden war, ſchien jetzt mit ſeinem Herrn gemeinſchaftliche Sache zu machen, und zog aus, als be⸗ mühe er ſich den Staub von den Füßen zu ſchütteln, indem er das undankbare Dorf verließ. Unter der Achſe war ein lederner Koffer angebunden, und in dem Wagen ſtand, neben den beiden Inſaſſen, eine ungeheure Hutſchachtel, welche Herrn Pendexter zwang, ſeine Beine aus dem Fuhr⸗ werke heraushängen zu laſſen, was ihm das Anſehen gab, als wolle er das bibliſche Benehmen ſeines Pferdes nach⸗ ahmen. Ernſt grüßte er den Schulmeiſter von ferne, der ſeinerſeits den Gruß mit einer Thräne im Auge erwiederte, welche Niemand ſah, die aber deſſenungeachtet nicht unge⸗ ſehen blieb. „Lebe wohl, Du armer, alter Mann“, ſagte der Schul⸗ meiſter vor ſich hin, als er vor der kalten, ſcharfen Herbſt⸗ luft in ſein behagliches Studirzimmer flüchtete.„Wir ſind Deiner nicht werth, ſonſt würden wir Dich für immer be⸗ halten haben. Kehre heim zu dem Schauplatz Deiner Kind⸗ heit, Deiner Jugendarbeit und Jugendliebe; mögen Deine Tage enden, wo ſie begonnen; und möge, gleich dem Sinn⸗ bilde der Ewigkeit, die Schlange Deines Lebens ſich in den Schwanz beißen, und für ewige Zeiten von ihrem Ziſchen ausruhen. Ich möchte Dich nicht zurückrufen; denn es iſt beſſer, Du bleibſt, wo Du biſt, als inmitten der böſen Streitereien dieſes kleinen Ortes.“ Nicht Alle nahmen in ſo freundlichem Geiſte von dem alten Prediger Abſchied. Es ging vielmehr ein ziemlich allgemeines Gefühl der Erleichterung durch das Dorf, wie wenn man ſich eines ſchlecht ſitzenden Kleidungsſtückes ent⸗ ledigt, oder eines alten Hutes, welchen man weder tragen mag, noch wegzuwerfen Willens iſt. So ſchied Herr Penderter von dem Dorfe. Einige Tage darauf wurde er bei einer großen Herbſtmuſterung der Miliz bemerkt, wie er zu Pferde mit verzücktem Auge ein Gebet ſprach; eine Verrichtung, an welcher er ſichtbares Vergnügen fand, da ſie ihm Gelegenheit gab, des Breitern auf einige blutige Schlachten der alten Hebräer einzugehen. 11. Eine Zeit lang ging der Schulmeiſter im Zimmer auf und ab, indem er den Sonnenſchein auf dem Teppich be⸗ trachtete, und ſeinen Tagesträumen von ungeſchriebenen Büchern nachhing. In dieſe Tagesträume miſchte ſich ein undeutliches Getrappel kleiner Füße, und das Murmeln und Jauchzen der Kinder-über ihm. Hätte er an dieſem Mor⸗ gen ſeine Pläne feſthalten und ausführen können, er würde mit ſeinen Poeſien und Romanen ein ganzes Stück in ſeiner Bibliothek angefüllt haben. Aber plötzlich ſchwand die Viſion, und eine andere, der wirklichen Welt angehörige, nahm ihre Stelle ein. Es war der leinwandüberſpannte Karren des Fleiſchers, welcher, wie der fliegende Wigwam der indiſchen Sage, vor ſeinen Augen vorüberglitt. Er fuhr auf den Hof, und hielt an der Hinterthür; der Poet fühlte, daß durch die weltlichen Sorgen die heilige Ruhe, der Gottesfriede des Sonntags, wieder einmal ſein Ende erreicht hatte. Eine dunkle Hand legte ſich zwiſchen ihn und das Land des Lichtes, die Elfenbeinpforten des Trau⸗ mes ſchloſſen, die Hornpforten des täglichen Lebens öffneten ſich, un der ſchickte ſich an, mit dem Manne des Fleiſches und Blutes zu handeln. „Ach,“ ſagte er ſeufzend,„und muß mein Leben denn ſtets dem Sabbathsfluß der Juden gleichen, der nur am ſiebenten Tage reichlich ſtrömt, ſonſt aber ſandig und ſeicht iſt. Dann dachte er an ſein liebes Weib, ſeine Kinder, und fügte halblaut hinzu: „Nein nicht alſo, lieber will ich die ſieben Wochentage wie die ſieben Jarchas betrachten, deren jeder den Namen eines beſonderen Planeten trug, und eine beſondere Kraft beſaß; oder wie die ſieben heiligen Steine, welche die Mek⸗ kapilger in den Thälern von Menah und Akbah über ſich werfen mußten, indem ſie den Teufel verfluchten, und bei jedem Wurf ausriefen:„Allah iſt groß!“ Er fand Herrn Wilmerdings, den Fleiſcher, neben ſeinem Karren ſtehend, und von fünf Katzen umgeben, die alle auf den Hinterfüßen ſaßen, um ihre tägliche Morgenmahl⸗ 27 zeit zu empfangen. Herr Wilmerdings verſorgte nicht allein das Dorf täglich mit friſchen Vorräthen, ſondern wog 1 nebenbei die Kinder. Es gab kaum einen Säugling im Orte, der nicht, in ein ſeidnes Tuch gebunden, an ſeinem n Wagebalken gehangen hätte, während das bewegliche Ge⸗ n wicht oben auf dem eingekerbten Balken zwiſchen acht und d zehn Pfund hin und her glitt. Er war ein junger Mann 4 mit friſchem roſigen Geſicht, und jeden Montag Morgen er⸗ e ſchien er in einer außerordentlich weißen Jacke. Er hatte n kürzlich eine Putzmacherin geheirathet, die„italieniſche und e Reißſtrohhüte, durchbrochenes und buntes Geflecht“ verkaufte, und ihre Hochzeitreiſe hatten ſie nach einer benachbarten e Stadt gemacht, um einen Mann hängen zu ſehen, der ſeine n Frau ermordet hatte. Ein Paar ungeheure Ochſenhörner 3 verzierten den Giebel ſeines Schlachthauſes, nahe bei wel⸗ it chem die große Gerbergrube war, die alle Schulknaben mit 1 Blut angefüllt glaubten! de Es gab vielleicht nicht zwei Menſchen, die verſchiedener n waren, als Herr Churchill und Herr Wilmerdings. Die 3 Thore ſeines täglichen Lebens öffneten ſich auf ſo widrig 3 knarrenden Angeln;— öffneten ſich in das Schulzimmer, d den Schauplatz jener lebenslänglichen Arbeiten, welche the— oretiſch die edelſten, praktiſch aber die widerwärtigſten von S der Welt ſind. Dorthin richtete er ſeine Schritte, als das Frühſtück vorbei war, und er eine Zeit lang mit den Kindern d geſpielt hatte. Unterweges konnte er manchen Blick in das liebliche Reich der Natur werfen, auch einen in das Reich der Kunſt, vermittelſt eines an die Wand geklebten An⸗ ſchlage⸗Zettels, der alſo lautete:— „Der Endesunterſchriebene zeigt an, daß er Schatten 3 reißt, einfache und ſchattirte, für deren unfehlbare Aehn⸗ t lichkeit er garantirt, wenn man ſie mit dem richtigen 1 Blick aus dem rechten Winkel betrachtet. Niemand wird mit Putzen und Ankleiden incommodirt, 1 für Säuglinge und Kinder reicht bloßes Sehen aus, und 1 hat er paſſende Rähme in allen Größen vorräthig. 3 1 Ein Schattenriß iſt ein gezeichneter Umriß der äußeren ⸗ Form von Jemandes Geſicht oder Kopf, der dazu dient, AI 28 wenn wir ihn ſehen, die Zuneigung zu denen zu beleben, welche wir achten und lieben. William Bantam.“ Schnell ſchwand auch dieſer Blick in die ideale Welt, und er fühlte ſich an die Erde durch tauſend unſichtbare Fäden gefeſſelt, an denen hundert loſe Buben ihn zerrten und zogen; nur zuweilen, und mit beträchtlichen Anſtrengungen gelang es ihm, ſeinen Geiſt zu der ſittlichen Höhe ſeines Berufes zu erheben. Das war des Schulmeiſters Leben, und ein trauriges, ſchauriges Leben wäre es geweſen, wenn nicht die Poeſie aus allen Ritzen und Spalten hervorgeſprudelt wäre. Sie verklärte ſein Daſein und machte es einem Brunnen ähnlich, in welchen Schutt und Steine geworfen ſind; darunter aber quillt friſches, klares Waſſer, welches nichts Aeußeres je⸗ mals zurückdrängen oder verſtopfen kann. 12. Herr Pendexter war abgereiſt. Nur wenige alte und halbalte Leute bedauerten ihn. Dieſen Wenigen fehlte nach⸗ her immer etwas beim Gottesdienſt. Sie vermißten die Erzählungen von den hebräiſchen Kriegsthaten und die wunderbaren Geſchichten von den Zumzummims; ſie ver⸗ mißten das ehrwürdige, graue Haar, und die Stimme, welche ſchon in der Kindheit zu ihnen geſprochen hatte, und deren Andenken ſie immer im Herzen bewahrt, wie in der ruſſiſchen Kirche die alten Hymnen der früheſten Jahrhun⸗ derte bis auf den heutigen Tag aus Frömmigkeit beibehalten werden. Der Winter kam mit all ſeinen Schneemaſſen und ſeinen vielen Bewerbern um die erledigte Kanzel. Aber die Gemeinde war, wie alle Gemeinden, ſchwer zu be⸗ friedigen; man ſprach davon, ſich zu theilen, eine neue Kirche zu bauen, und dergl., wie es in allen Gemeinden —3—— 29 geſchieht. Endlich beſchloß man Alles beim Alten zu laſſen, und die Wahl eines Predigers vorzunehmen. Die Ereigniſſe des Winters waren unerheblich, und man kann ſie leicht mittheilen. Der folgende Auszug aus dem Briefe einer Schülerin an eine abweſende Freundin enthält das Wichtigſte: „In der Schule iſt Alles ſeinen alten Gang gegangen. Johanne Brown iſt recht blaß geworden. Man ſagt, ſie hätte die Auszehrung; ich glaube aber, es kommt davon, daß ſie ſo viele Schieferſtifte ißt; die eine ihrer Schul⸗ tern iſt bedeutend höher geworden als die andere. Billy Wilmerdings iſt fortgejagt, weil er die Schule geſchwänzt hat. Er verſprach ſeiner Mutter recht fromm zu werden, wenn ſie ihn nicht prügeln wollte. Ich möchte, er thäte es; dann würde er doch aufhören, durch das Loch oben in ſeiner Tafel immer nach mir zu ſchielen. Herr Churchill iſt ein recht wunderlicher Mann. Heute gab er uns folgende Rechenaufgabe:„Ein Fünftel eines Bienſtocks flog zu der Blume Kadamba, ein Drittel zu der Silandhara; drei Mal der Unterſchied dieſer beiden Zahlen flog zu einer Laube; eine Biene flog immer herum, von der duftenden Ketaki und Malati angezogen. Welches iſt die Zahl der Bienen?“ Niemand brachte es heraus. Die Kirche iſt ausgebeſſert, und wir haben eine neue Mahagonykanzel. Herr Churchill hat die alte gekauft und in ſeiner Studirſtube aufgeſtellt. Was er für ein ſonderbarer Mann iſt! Eine Menge Candidaten haben bei uns gepredigt. Der einzige, welcher uns gefällt, iſt Herr Kavanagh. Arthur Kavanagh! iſt das nicht ein roman⸗ tiſcher Name? Er iſt ſchlank, ſehr bleich, mit ſchönen, ſchwarzen Haaren und Augen! Sally— Alice Archer's Sally— ſagt, er iſt kein Mann;„er iſt ein Thaddeus von Warſchau!“ Ich finde ihn ſehr hübſch. Und ſolche Predigten! So ſchön geſchrieben;— ganz anders als die des alten Herrn Pendexter! Er iſt aufgefordert worden hier zu bleiben; aber er kann vor dem Frühjahr nicht kommen. Vergangenen Sonntag predigte er über die herrſchende Leidenſchaft des Menſchen. Er erzählte, daß einſt ein deutſcher Edelmann, als er im Sterben lag, ——̃ ᷑e. 5 —— ſich das Jagdhorn in ſeinem Schlafzimmer blaſen ließ, während ſeine Hunde um ihn herumſprangen und heulten, und ſo ſei es mit den herrſchenden Leidenſchaften der Menſchen. Bei dem wohlbekannten Signal ſprängen ſie heulend um die, welche ſie gefüttert hätten! Wunderſchön, nicht wahr? und ſo eigenthümlich! In einer andern Predigt ſagte er, daß Täuſchungen uns in den Einöden des Lebens nährten, wie die Raben den Propheten in der Wüſte; und daß, gleich wie in katholiſchen Ländern die in engen, gefährlichen Straßen vor den Heiligenbildern angezündeten Lampen nicht allein als Opfer der Frömmig⸗ keit dienten, ſondern auch eine Leuchte wären denen, die vorübergingen; alſo wäre in den engen und gefährlichen Straßen des Unglaubens jeder gute Gedanke, jedes Wort und jede That eines Menſchen nicht nur ein Opfer dem Himmel, ſondern diente auch dazu, ihm und Andern auf ihrem Heimwege zu Gott zu leuchten! Ich habe eine Menge Auszüge aus Herrn Kavanagh's Predigten ge⸗ macht, die Du ſehen ſollſt, wenn Du wiederkommſt. Vergangene Woche hatten wir eine köſtliche Schlitten⸗ fahrt mit ſechs Schimmeln. Wie der Wind flogen wir über die Löcher im Schnee;— der Kutſcher nannte ſie „Knixe“ weil wir uns jedesmal verneigen mußten. Und wie luſtig ging es nicht auf unſerm Balle in Bea⸗ verſtak her! Oh, wenn Du doch da geweſen wärſt! Wir kamen erſt um zwei Uhr morgens nach Hauſe; und am folgenden Morgen fragte der Prediger Heſter Green, ob ſie nicht Feuer unter den Füßen gefühlt hätte, als ſie tanzte! Die neue vornehme Penſion wird in der nächſten Woche eröffnet. Der Proſpektus iſt uns zugeſchickt worden. Eine Bedingung iſt:„die jungen Damen dürfen in der Schule ihre„Muskeln“ nicht übereinanderlegen!“ Papa ſagt, er habe dieſen Ausdruck noch nie gehört. Die alte Frau Plainfield iſt endlich heimgegangen. Kurz vor ihrem Tode fragte ſie ihr iriſches Kammermädchen, ob ſie mit ihren falſchen Zähnen begraben ſein wollte. Nicht eine einzige Verlobung hat es gegeben ſeit Du fort biſt. Aber doch, neulich fragte mich Jemand, ob Du +½— ——§Aꝗ 31 mit Herrn Pillsbury verlobt wäreſt. Pillsbury— na wahrhaftig! Ich ärgerte mich recht darüber! Der iſt ja alt genug, um Dein Vater zu ſein! Was für einen langen, konfuſen Brief habe ich Dir da geſchrieben! und das blos, weil Du ſo abſcheulich biſt zu verreiſen und mich hier allein zu laſſen. Ach hätteſt Du geſtern Abend den Mond ſehen können! Aber was ich für eine Gans bin!— als ob Du ihn nicht geſehen hätteſt; War er nicht wundervoll 2 Glaubſt Du wohl, mein Engel, daß keine Stunde des Tages vergeht, wo ich nicht wünſche, Du wäreſt hier bei mir? Ich weiß, Du würdeſt mit allen meinen Gefühlen ſympathiſiren, was Heſter ganz und gar nicht thut. Wenn ich den Mond bewundere, ſagt ſie, ich ſei romantiſch, und wenn ſie für ihr Theil irgend etwas verachtet, ſo iſt es der Mond! Sie ſagt, ſie zieht ein behagliches, warmes Bett(gräßlich)! allen Monden der Welt vor!“ 13. Die in dieſem Briefe erwähnten Begebenheiten waren die wichtigſten, welche ſich während des Winters zutrugen. Billy Wilmerdings Angelegenheiten ſtanden ganz verzweifelt. Vergebens drohte der Vater und predigte der Schulmeiſter; er wurde nur um ſo tückiſcher und hartnäckiger. Vergebens ſtellte ſeine Mutter ſeinem verhärteten Gemüthe vor, daß die Knaben, welche die todten Sprachen könnten, auf der Straße mit Steinen nach ihm werfen würden; er antwor⸗ tete nur, das möchte er wohl einmal ſehen. Endlich, nach⸗ dem er viele ſeiner Ideen aufgegeben, und gefunden hatte, daß ſein Vater nicht der größte Mann ſeiner Zeit war, reiſte er, als das Eis aufging, zu ſeiner und des ganzen Dorfes größten Freude auf einem kleinen Küſtenfahrer ab, der die ganze Marine von Fairmedow ausmachte. Herr Churchill hatte wirklich die alte, weiße, kelch⸗ förmige Kanzel in ſeinem Studirzimmer aufgeſtellt. Sie 32 diente ſeinen Kindern zum Spielhaus, welche in ihr wie außer ihr täglich zu ſeinem Herzen predigten— eine le⸗ bendige Erklärung des Weges, auf dem man ins Himmel⸗ reich gelangt. Er ſelbſt gebrauchte die Kanzel zu einem Gedenkbuch, indem er ſeine vielfältigen Betrachtungen mit einem Bleiſtift auf die weißen Felder verzeichnete. Die folgenden mögen als eine Probe ſeiner Kanzelberedſamkeit dienen:—. Sittlichkeit iſt nur eine Art von Ueberſchlagsrechnung;— eine Bemühung, unſren Weg auf dunklem Meer zu finden, indem wir die Entfernung meſſen, die wir zu durchlaufen haben, aber ohne alle Beobachtung der Himmelskörper. Viele Leſer beurtheilen die Kraft eines Buches nach dem Stoß, den es ihren Gefühlen giebt; wie einige wilde Stämme eine Büchſe nach dem Stoß, den ſie giebt, beur⸗ theilen, indem ſie die für die beſte halten, welche den Käufer tüchtig zurückwirft. Große Geiſter ſind oft theilnahmlos und langweilig in Geſellſchaft, gleich wie das leuchtende Meteor, wenn es zur Erde fällt, nur ein Stein iſt. Das Natürliche allein iſt dauernd. Phantaſtiſche Ideale mögen wohl kurze Zeit angebetet werden, aber endlich ſtürzt ſie der ſtillſchweigende, unaufhörliche Fortſchritt der Wahr⸗ heit, gleich wie die abſcheulichen Standbilder von Copan durch das Wachſen der Waldbäume, deren Saame von dem Winde in die zerſtörten Mauern geſtreut wurde. Die Alltagsſorgen und Pflichten, welche die Menſchen Plackereien nennen, ſind die Gewichte und Gegengewichte der Lebensuhr. Sie geben dem Pendel die richtigen Schwin⸗ gungen, und den Zeigern die regelmäßige Bewegung; wenn ſie von dem Rade herabfallen, bewegt ſich das Pendel nicht mehr, die Zeiger drehen ſich nicht mehr— die Uhr ſteht ſtill. Wenn wir denſelben Gegenſtand aus drei verſchiedenen Punkten betrachten,— der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,— ſo zeigt er uns oft drei verſchiedene Geſichter; gleich jenen Schildern über Ladenthüren, welche, wenn wir uns nähern, das Antlitz eines Löwen zeigen, eines Men⸗ n 33 ſchen, wenn wir ihnen gegenüberſtehen, und eines Eſels, wenn wir vorüber ſind. Im Charakter und Styl, wie in den Sitten, überall iſt Einfachheit die höchſte Vollendung. Bei manchen Leſern gilt ein glänzender Styl für Ge⸗ dankenreichthum. Sie halten Butterblumen im Graſe für unermeßliche Goldgruben unter der Erde. Die Abſichten und Zwecke der Schriftſteller ſind nicht immer ſo rein und hoch, wie wir uns in der Begeiſterung der Jugend zuweilen einbilden; Vielen iſt die Ruhmestrom⸗ pete nur ein zinnernes Horn, um ſie zu Mittag zu rufen, wie die Arbeiter vom Felde, und ſie ſchätzen ſich glücklich, das tägliche Brot zu empfangen. Die Strahlen des Glückes ſind, gleich denen des Lichtes farblos, wenn ungebrochen. Recenſenten ſind Schildwachen in dem großen Heer der Wiſſenſchaften; ſie ſind an den Ecken der Zeitungen und Jahrbücher aufgeſtellt, um jedem neuen Schriftſteller die Parole abzufordern. Das Land iſt lyriſch;— die Stadt dramatiſch;— vermiſcht geben ſie das ſchönſte Singſpiel. Unſre Leidenſchaften ſterben niemals ganz; im letzten Geſange des romantiſchen Lebensepos erwachen ſie wieder, und fangen an zu kämpfen, wie einige von Arioſt's Helden, die ſchon längſt begraben waren, und in Staub verwandelt ſein ſollten. Dies Land ſeufzt nicht unter Prieſter⸗, ſondern Preß⸗ herrſchaft. Einige Recenſenten haben die Gewohnheit, die Bäche des Helikon rückwärts hinaufzurudern, und ſehen deshalb die Landſchaft gerade von der entgegengeſetzten Seite wie der Dichter. Andere ſehen in einem Buche größere Fehler als das Buch ſelbſt; wie den geblendeten Augen des Sancho Panſa auf ſeinem hölzernen Pferde, die Erde nicht größer als einSenfkorn erſchien, die Menſchen darauf aber wie Haſelnüſſe. Der Lauf der Zeit gleicht einer Ueberſchwemmung des Indus. Wir ſchauen aus nach der Heimath unſrer Kind⸗ heit— ſie iſt dahin— nach den Freuden unſrer Kindheit Kavanagh. 3 — ſie ſind dahin. Wo blieb die Liebe und der Haß der Jugend? Hinweggeſchwemmt iſt Alles, gleich den Lagern, die in dem ſandigen Bett des Fluſſes aufgeſchlagen waren. So wie kein Heiliger kanoniſirt werden kann, ohne daß des Teufels Advokat alle Uebelthaten dargelegt und auf⸗ gezeigt hat, weshalb er nicht heilig geſprochen werden ſollte, alſo nimmt ein Dichter ſeinen Platz unter den Göttern nicht eher ein, bevor nicht die Kritiker alles vorgebracht haben, was wider ihn geſagt werden kann.. Es iſt anziehend, auf die alten Meeresränder menſch⸗ licher Gedanken zu achten! Jedes neue Jahrhundert enthüllt irgend ein neues Wunder; wir ſiedeln uns an, wo früher Ungeheuer ſich zu verbergen pflegten. 14. Endlich kam der Frühling und brachte Vögel und Blu⸗ men mit; auch den neuen Geiſtlichen, der mit aller bei ſol⸗ chen Gelegenheiten üblichen Feierlichkeit eingeführt ward. Der Frühlingsanfang gab ihm auch den Text zu ſeiner erſten Predigt, die Einige aus der Gemeine für ſehr ſchön, An⸗ dere für ſehr unverſtändlich erklärten. Oh, wie wundervoll iſt die Geburt des Lenzes— das große alljährliche Wunder des Aufblühens der Aronsruthe, welches ſich an tauſend und abertauſend Zweigen wiederholt! das allmähliche Werden und Wachſen der Kräuter, Blumen und Bäume,— allmählich, und doch unaufhaltſam;— das keine Kraft zurückhalten, noch unterdrücken kann, gleich der Liebe, die ihren Weg ſich bahnt, und der man nicht aus menſchlicher Macht widerſtehen kann, weil ſie eine gött⸗ liche Macht iſt. Wenn es nur Einmal in hundert Jahren Frühling würde, ſtatt jedes Jahr, oder wenn er mit dem Getöſe eines Erdbebens hereinbräche, und nicht in der Stille, — wie würde Verwunderung und Erwartung, das große Wunder zu ſehen, alle Herzen erfüllen! So aber läßt das ſtille Fortſchreiten uns nur an die *. —— ———— 35 Nothwendigkeit deſſelben denken. Den meiſten Menſchen würde nur das Aufhören des Wunders wunderbar erſcheinen, und die fortwährende Ausütwn der göttlichen Macht iſt ihnen weniger erſtaunlich, als ihr Aufhören es ſein würde. Wir gleichen den Kindern, die nur über den Sekundenzeiger einer Uhr verwundert und entzückt ſind, nicht über den Stundenzeiger. Dies war der Gedankengang, mit dem Kavanagh ſeine Predigt begann. Dann fuhr er fort, mit Feierlichkeit und Rührung von dem Frieden der Seele zu ſprechen, wie er von ſeiner freudloſen Sonnenferne ſich näher und näher dem großen Geſtirn zuwende, und ſeine trocknen, verwelkten Zweige mit neuen Blättern und Blüthen bekleide, die er unter dem durchdringenden, unwiderſtehlichen Einfluß der Sonne aus ſich ſelber erzeugt hat. Als Kavanagh dieſe Rede hielt, gelang es ihm nicht, ſich ſo gänzlich von allen Außendingen abzuziehen, daß er nicht an einigen Stellen ihren Eindruck auf die Zuhörer be⸗ merkt hätte. Da in neueren Zeiten kein Beifallszeichen in unſern Kirchen erlaubt iſt, wie ergriffen die Gemeinde auch ſein mag, und folglich Niemand, ſeinen Hut ſchwingend aus⸗ rufen darf„Oh du gläubiger Chryſoſtomus! du dreizehnter Apoſtel! des Prieſterthums Würd lgſter— wie das zur Zeit der Kirchenväter geſchah; und da auch nach der Kirche Niemand mit ihm über ſeine Predigt, oder über irgend etwas anderes ſprach, ſo ging er mit ziemlich ſchwerem Her⸗ zen und einem Gefühl von Entmuthigung heim. Eines hatte ihn erfreut und getröſtet. Es war das bleiche Geſicht eines jungen Mädchens, deren dunkle Augen während der ganzen Predigt mit unausgeſetzter Theilnahme auf ihm ge⸗ ruht hatten. Sie ſaß allein in einem Stuhl nahe der Kan⸗ zel. Es war Alice Archer. Ach! hätte er ahnen können, wie tief ſeine Worte in dies einfältige Gemüth drangen, ſo würde er von einer anderen Furcht durchſchauert geweſen ſein, als die, ſeine Zuhörer nicht hinlänglich bewegt zu haben. 36 15. Am folgenden Morgen dachte Kavanagh über ſeine weltlichen Angelegenheiten, und über verſchiedene kleine häus⸗ liche Anordnungen nach, die er nothwendig machen mußte. Zu dieſem Zweck hatte er die Zeitung von Fairmeadow zu Hülfe genommen, und durchflog die Spalten, welche die An⸗ zeigen enthielten;— jene engen und überfüllten Durch⸗ gangsſtraßen, in welchen die Bedürfniſſe und Wünſche der: Menſchen ſich gleich Bettlern ohne Verhüllung darſtellen. Seine Augen glitten haſtig über die vortheilhaften Anerbie⸗ tungen von wohlfeilen Schneidern und von Univerſalmittel⸗ händlern. Er brauchte weder Kleider noch Arzenei. An Einer Stelle wünſchte eine vollkommen dazu befähigte junge Frau, junge Mütter und Wärterinnen in der Kunſt zu un⸗ terrichten, ſich mit Kindern auf eine nützliche und unterhal⸗ tende Art zu beſchäftigen;— wieder an einer andern Stelle beglückwünſchten die Spritzenleute von Fairmeadow jene feind⸗ ſeligen Zeitungsſchreiber, die ſie Spieler, Trunkenbolde und Taugenichtſe genannt hatten, und hofften, daß dieſelben von jenem großen Feuer verſchont bleiben möchten, welches nie gelöſcht werden könne. Endlich hafteten ſeine Blicke auf der Anzeige einer Teppich⸗Niederlage, in welcher man ſtreng auf feſte Preiſe hielt. Doch wurde dabei bemerkt, daß man „ſchlecht geſtellten Geiſtlichen, armen Kirchen und milden Stiftungen“ Rabatt geben wolle. Das war ohne Zweifel etwas für Jemand, der zwei dieſer Anſprüche auf Rabatt in ſich vereinigte, und mit einem Lächeln auf den Lippen nahm er ſeinen Hut und ging aus. Einige Tage zuvor hatte Kavanagh in dem Thurme der Kirche ein leeres Zimmer entdeckt, welches er ſogleich in Beſitz zu nehmen, und in ein Studierzimmer zu ver⸗ wandeln, beſchloſſen hatte. Aus den Fenſtern dieſes Aſyls, welche nach den vier Himmelsgegenden hinausgingen, konnte er hinabſehen auf die Straßen, Gärten und Dächer des Ortes, ſo wie auf den ſich ſchlängelnden Fluß, auf die Wie⸗ ſen, die zerſtreuten Gehöfte und die fernen blauen Berge. Hier konnte er ſitzen und grübeln in jenem eigenthümlichen 4* 37 Gefühle von Abgeſchloſſenheit und geiſtiger Erhebung, in jener gänzlichen Abſonderung von der Außenwelt, welche ein Thurmzimmer immer gewährt. Hier konnte er, fern von aller Zudringlichkeit, ſeine Seele in die Reden ergießen, mit welchen er die Herzen ſeiner Pfarrkinder zu rühren hoffte. Um dieſes Aſyl wohnlich einzurichten, ging er am Montag Morgen nach ſeiner erſten Predigt aus. Es dauerte nicht lange, bis er ſich das Wenige, deſſen er bedurfte, ver⸗ ſchafft hatte,— einen Teppich, Stühle, einen Tiſch und ein Bücherrück. Als er gedankenvoll heimkehrte, wurden ſeine Augen von einem Schilde gefeſſelt, das die Inſchrift trug:„Handlung von in⸗ und ausländiſchen Singvögeln von Moſes Merryweather.“ Er erblickte ein großes Zimmerfenſter das in einen Käfig verwandelt war, und in welchem verſchiedene Kana⸗ rien⸗ und andere Vögel mit heiterem Gefieder zwitſcherten, gleich den Leuten auf den Marktplätzen fremder Städte. Bei dem Anblicke dieſer alten Lieblinge erwachte eine lang ſchlummernde Neigung ‚in ihm, und er eilte flugs die dunkele Holztreppe hinauf, in der Abſicht, ſein einſames Zimmer mit der Lebendigkeit und den Liedern dieſer gefangenen Minneſänger zu beleben. Nach einigen Augenblicken befand er ſich in einem klei⸗ nen Zimmer, deſſen Decke und Wände rings mit Vogel⸗ bauern behangen waren; voller Sonnenſchein, voller Zwit⸗ ſchern, Girren und Flattern; voller Federgeruch, einladenden Neſtern, Taubenſchlägen und ausländiſchen Inſelchen, die von Vögeln bewohnt waren. Der Vogelhändler— der Alexander Selkirk dieſes ſonnigen Eilands— war nicht an⸗ weſend; aber eine junge Dame von edlem Anſehn, die einen Dompfaffen in viereckigem, ſauber verzierten Käfig betrach⸗ tete, wandte ihm ihr freundliches, ſchönes Geſicht zu, das von langen, lichten Locken beſchattet war, in welchen ſich der Sonnenſchein, wie in den Zweigen der Bäume, zu ver⸗ ſtricken ſchien. Er hatte nie zuvor dies Antlitz geſehen, und doch ſchien es ihm bekannt. Der erhöhte Glanz in ihren großen Himmelsaugen, und der faſt unmerkliche Aus⸗ 38 druck, welcher über ihr Geſicht glitt, zeigte, daß ſie ihn kannte, und wußte wer er war. In dieſem Augenblick trat der Vogelhändler aus dem Hinterzimmer ein, ein kleiner Mann in Grau gekleidet, mit einer Brille auf der Naſe. Er trug eine an Füßen und Flügeln vorſichtig, aber feſt gebundene ſchöne Brieftaube, welche erſt mit dem einen, dann mit dem andern ſchönen Auge aufblickte, als wollte ſie fragen:„Was wollt Ihr nun mit mir beginnen?“ Dieſe ſtille Frage wurde bald: von Herrn Merryweather beantwortet, welcher zu der jungen Dame ſagte: 3 „Hier, Fräulein Vaughan, iſt die beſte Brieftaube meiner ganzen Sammlung. Die ächte Columba Tabellaria. Sie iſt ungefähr drei Jahr alt, wie Sie an ihren Kropf⸗ federn ſehen können.“ 1 „Ein ſehr ſchöner Vogel,“ ſagte die Dame,„und wie ſoll ich ihn abrichten?“ „Oh, das iſt ſehr leicht. Sie haben nur nöthig, die Taube einige Tage einzuſperren, ſie gut zu füttern, und freundlich zu behandeln. Dann tragen Sie dieſelbe in ei⸗ nem offnen Käfig nach dem Orte, wohin Sie wünſchen, daß die Taube fliege, und thun dort daſſelbe. Nachher wird ſie Ihnen keine Umſtände mehr machen; ſie wird immer zwiſchen dieſen beiden Orten hin- und herfliegen.“ „Das iſt gewiß nicht ſchwer. Auf jeden Fall will ich es verſuchen. Schicken Sie mir den Vogel nach Hauſe. Und womit ſoll ich ihn füttern?“ „Mit jeder Art von Körnern; am liebſten mit Gerſte und Buchweizen; und vergeſſen Sie nicht, daß ſie eine hin— längliche Menge Sand auf dem Boden ihres Bauers haben muß.“ „Das werde ich nicht vergeſſen. Wenn es möglich iſt, ſchicken Sie mir die Taube noch heute.“ Mit dieſen Worten ſchied ſie, viel zu früh für Kava⸗ nagh, welcher entzückt war von ihrer Geſtalt, ihrem Geſicht, ihrer Stimme; und der, als er mit dem Vogelhändler allein war, wohl fühlte, daß der augenblickliche Zauber des Ortes verſchwunden ſei. Er hörte nicht mehr den Geſang der Vögel, er ſah 4 39 nicht mehr ihr heiteres Gefieder, und nachdem er eilig einen Kanarienvogel nebſt Käfig gekauft, ging er gleichfalls fort, an die Brieftaube von Bagdad und die Taubenhäuſer Ae⸗ gyptens denkend, die in beſtimmten Zwiſchenräumen errichtet waren, um der fliegenden Poſt als Stationen zu d dienen. Mit einem unerklärlichen Gefühl von Traurigkeit zogen, gleich einem Dufte jene zarten Verſe Maria's del Occidente durch ſeine Erinnerung: Wie nach Palmyrn. wo die Quelle winket So klar und rein, die Taube heimwärts eilt, Doch in der Wüſt' ohnmächtig niederſinket, Und an der ſalz'gen Lache trinkend weilt: So durch des Lebens Wüſte zieht die Seele Und ſtrebt der Liebe ew gem Urquell nach, Verzweifelt— ſieht, daß. ſie umſonſt ſich quäle, Und fällt, und löſcht den Durſt im nächſten Bach. Als Herr Merryweather allein war, ging er in ſeinem Vogelhauſe auf und ab, nachdenkend, und mit ſeinen Vö⸗ geln plaudernd. Endlich ſtand er vor dem zinnernen Käfig eines grauen, amerikaniſchen Papageies ſtill, mit dem er eine unverkennbare Familienähnlichkeit hatte. Während er ihm ſeinen Finger hinhielt, um daran zu picken, und ſich darauf zu ſchaukeln, unterhielt er ſich mit ihm in jenen eigenthümlichen Lauten, von denen er oft die Küſten von Zanguebar hatte wiederhallen laſſen. Dann ging er in die Hinterſtube, wo er ſich wieder daran ſetzte, einen indiſchen Kirſchbeißer auszuſtopfen, indem er zuweilen vor ſich hin ſagte: „Ich begreife nicht, was Fräulein Cäcilie Vaughan mit der Brieftaube machen will!“ Augenſcheinlich hatte er die Brieftaube ſchon mit Herrn Kavanagh in Verbindung gebracht, denn weiter träumend ſagte er: „Gewiß wird ſie nie daran denken, einen armen Pre⸗ diger zu heirathen.“ 40 2 16. Das alte Wohnhaus der Vaughans ſtand außerhalb der Stadt, inmitten einer hübſchen Beſitzung. Die Heer⸗ ſtraße war nicht nahe genug, um zu beläſtigen. Das Wa⸗ gengeraſſel, die kleinen Staubwolken ſchienen vielmehr wier freundliche Grüße von vorüberziehenden Reiſenden, und be⸗ nahmen dem Aſyl jede ſcheinbare Verlaſſenheit. Auf drei Seiten war die Beſitzung von Weiden⸗ und Erlenhecken und der ſtrhümenden Mauer eines Fluſſes um⸗ geben; daran ſchloſſen ſich die Büſche, frei von allem Unter⸗ holz, mit felſigen Hügeln und luftigen Buchenlauben; fern⸗ hin erſchienen die blauen Berge am Horizont; indem ſie heimliches Sehnen nach dem, was hinter ihnen lag, erregten, füllten ſie das Gemüth mit ſüßen Träumen vom Prinzen Raſſelas und dem glücklichen Thale. Das Haus war eines jener alten Bauwerke, die noch hin und wieder in Neu⸗England zu finden ſind; ein großes, viereckiges Gebäude mit einer Säulenhalle, deren Thür zur Sommerzeit von Morgen bis Abend offen ſtand. Anmuthige Stille herrſchte rings umher, warme, tannendurchwürzte Luft, und fernes Geſchrei von den krähenbewohnten Vergen, erfüllte die weiten, luftigen Hallen. In dieſem alterthümlichen Hauſe war Cäcilie Vaughan zur Jungfrau herangewachſen. Die über die Hügel ziehen⸗ den Wolkenſchatten, die plötzlichen Sommerwinde, welche die ſchmachtenden Blätter bewegten, und als Vorboten des Regens von Feld zu Feld, von Buſch zu Buſch flogen, be⸗ ſonders aber die geheimnißvolle Quelle, deren Kühle eine immerwährende Einladung, und deren Schweigen eine ewige Furcht war,— nährten ihre träumeriſche und poetiſche Na⸗ tur nicht minder, als die Poeſien und Romane, in welche ſie ſich an den langen, ſtillen, einſamen Winterabenden vertiefte. Ihre Mutter war vor vielen Jahren geſtorben, und das Andenken an dieſelbe faſt ein Kultus für ſie geworden. Sie gedachte ihrer unaufhörlich, und die ehrfurchtsvolle Liebe, welche ſie empfand, erfüllte ihren Geiſt mit ſchwer⸗ müthigem Entzücken. Ihr Vater war ein freundlicher alter —== — 2= —— ———— 2 41 Mann; Mitglied eines Gerichtshofes, würdig, leutſelig, et⸗ was gebeugt von ſeiner juriſtiſchen Gelehrſamkeit, wie ein Rück von der Laſt ſeiner Bücher. Seine Papiere deckten den Studirtiſch, ſeine Geſetzſammlungen den Fußboden des Zimmers. Sie ſchienen die liebliche Tochter aus ſeinem Herzen zu verdrängen, welche, faſt ohne daß er es gewahr ward, an ſeiner Seite zur Jungfrau herangewachſen war. Immer herzlich, immer nachſichtig, ließ er ſie allein gehen, ohne daß ſie ſich auf ſeinen kräftigeren Geiſt und ſeine beſſere Einſicht ſtützen konnte; und obgleich dadurch ihre Erziehung etwas vernachläſſigt war, und ihre Einbildungs⸗ kraft den Träumen und Launen überlaſſen blieb, ſo war doch im Ganzen das Ergebniß günſtiger geweſen, als in manchen andern Fällen, wo die Erziehung zu ängſtlich ge⸗ leitet wird, und wo, wie zuweilen an Häuſern und Scheu⸗ nen das Gerüſt ſtehen bleibt, und das Gebände verunſtaltet. Cäciliens beſte Schulfreundin war Alice Archer; doch nahmen, als ſie die Schule verließin, ihre Liebe und ihre Briefe eher zu als ab. Die beiden jungen Freundinnen fanden nicht nur ein Vergnügen, ſoͤndern ein Bedürfniß darin, ihre Gedanken und Gefühle vor einander auszuſchüt⸗ ten; und um dieſen Verkehr zu erleichtern, für den ſich die gewöhnlichen Wege unzureichend erwieſen, war die Brief⸗ taube gekauft worden. Sie ſollte die fliegende Poſt ſein; der Freundinnen Schlafzimmer, die reinen, freundlichen Taubenhäuſer. Begabt mit Jugend, Schönheit, Talent und Vermögen, begabt mit jenem unbeſchreiblichen Zauber, der keinen Namen hat, fehlte es Cäcilie Vaughan nicht an Bewerbern, erklär⸗ ten und nicht erklärten. Da waren junge Herren, die ihre Liebe zur Schau trugen;— und Knaben, welche ſie in ihrem Herzen aufſpeicherten, als etwas unbeſchreiblich Süßes und Koſtbares, das die Kammern ihres Herzens mit himm⸗ liſchem Wohlgeruch durchduftete. So oft ſie von einem Be⸗ ſuch in der Stadt zurückkehrte, umſchwärmte gewiß irgend ein unbekannter Jüngling von zierlichen Geberden und mit blank lackirten Stiefeln auf einige Tage die Dorſſchenke, man wußte nur, daß er die Vaughans fleißig beſuchte, bis er ganz in der Stille verſchwand, und nicht mehr geſehen wurde. Natürlich erfuhr man nichts von der geheimen Ge⸗ ſchichte ſolcher Individuen, aber es wurde ein boshafter Verdacht in Bezug auf ihre Abſichten laut, bis endlich jeder anſtändig gekleidete Fremde, der ſich ohne auffällige Geſchäfte im Orte aufhielt, als„einer von Fräulein Vaughan's Lieb⸗ habern“ bezeichnet wurde. Weellcher Gegenſatz war in alle dieſem zwiſchen den bei⸗ den Freundinnen! Der Reichthum der Einen, und die Ar⸗ muth der Andern waren weniger ſchlagende Gegenſätze, als dieſer Ueberfluß und Mangel an Liebe. Der Einen war ſo viel gegeben, daß ſie gleichgültig gegen die Gabe wurde; der Andern war ſo viel entzogen, daß ſie womöglich den Werth des Fehlenden überſchätzte. Außer dieſen faͤchtigen Liebhabern, welche nur Zug⸗ vögel waren, und ihren Weg von der heißen zur kalten Zone in unbeſchreiblich kurzer Zeit durchmaßen, gab es im Orte einen einheimiſchen, dauernden Anbeter, der aus Liebe zu ſich ſelbſt, zu Fräulein Vaughan und zu dem Schönen, ſeinen Namen aus Hiram A. Hawkins in H. Adolphus Hawkins verwandelt hatte. Er handelte mit engliſchen Lei⸗ nen und Teppichen;— ein Geſchäft, welches ganz von ſelbſt das Gemüth mit Gedanken häuslicher Behäbigkeit erfüllt. Seine Weſten waren wie die Lord Melbourne's in der „engliſchen Illuſtrirten“ gemacht, und ſein dünnes Haar war in ſtolzem Schwunge nach der linken Seite geſtrichen, wie das Geländer einer Wendeltreppe. Er trug viele Ringe an den Fingern, und Buſennadeln und goldene Ketten be⸗ deckten ſeinen Körper. Sein fades Geſicht trug denſelben Stempel wie ſeine Leinwand,„beſtes Hausleinen“— genug, jeder Zoll an ihm war ein Geck. Er glich einer Turtel⸗ taube, und ging, wie dieſe, den Frauen nach, indem er den Kopf bewegte, den Kropf aufblies, und ſchmachtende Töne ausſtieß. Außerdem war Herr Hiram Adolphus Haw⸗ kins ein Dichter, ſo daß, wie ſeine Schweſter häufig be⸗ merkte, er im Schooße ſeiner Familie in fünffüßigen Jamben redete. Der gewöhnliche Ton ſeiner Werke war düſter, ver⸗ zagend, vielleicht ſogar krankhaft. Wie konnte das auch anders ſein mit den Schriften Jemandes, der nie der Welt Freund geweſen war, noch die Welt der ſeine? der ſich be⸗ trachtete„wie eine Pyramide des Geiſtes in der dunkeln Wüſte der Verzweiflung,“ der im 25ſten Jahre den bittern Trank des Lebens bis auf die Hefen geſchmeckt, und den Becher hinweggeſchleudert hatte? Die Erzeugniſſe ſeiner Muſe wurden in dem Feuilleton des Fairmeadower Anzeigers ver⸗ öffentlicht, und es war ein wahrer Troſt, zu wiſſen, daß er, wie ſeine Schweſter bemerkte, im Privatleben„durchaus nicht die tadelſüchtige, verſchloſſene Perſon war, die einige ſeiner Schriften in ihm vermuthen ließen.“ Dies war das Individuum, welches den gefährlichen Beruf, Fräulein Vaughans beſtändiger Anbeter zu ſein, auf ſich genommen hatte. Er glaubte, daß keine Frau ihn an⸗ ſehen könne, ohne ihn zu lieben. Daher machte er in ſei⸗ ner Ladenthür, wenn ſie vorüberging, ſo wie an den Stra⸗ ßenecken, und des Sonntags an der Kirchentreppe Parade. Von dem Fenſter aus ſpähte er nach ihr; er hüpfte vor die Thür, folgte ihr mit den Augen; er folgte ihr mit ſeiner ganzen erhabenen Perſon, er ging an ihr vorüber und wie⸗ der vorüber, und drehte ſich um, um ſie noch länger anzu⸗ ſtieren; er lag auf dem Anſtand, mit niedergeſchlagener Miene und in tragiſcher Stellung; er verfolgte ſie mit ſeinen Blicken; er behauptete, ihre Seelen verſtänden ſich ohne Worte, und wenn in ſeiner Gegenwart je auf ihre Lieb⸗ haber angeſpielt wurde, ſo erklärte er ſehr ernſt, wie Je⸗ mand, der Grund hat, es zu wiſſen, daß wenn ſich Fräulein Vaughan jemals verheirathe, es nur an einen gigantiſchen Geiſt ſein würde! Lange Zeit war Cäcilie das unbewußte Opfer dieſer Verfolgungen. Sie ſah jenes Individuum mit ſeinen Ringen und auffallenden Weſten ſeine Kreisbewegungen um ſie voll⸗ ziehen, nicht ahnend, daß ſie der Mittelpunkt derſelben war, — ſie glaubte nicht, daß Jemand ſeine Werbungen mit der⸗ gleichen Beleidigungen beginnen würde. Allmählig dämmerte — ——— 44 die Wahrheit vor ihr auf, und wurde die Quelle unbe⸗ ſchreiblichen Verdruſſes, der noch durch eine Reihe anonymer Briefe vermehrt wurde, welche von weiblicher Hand geſchrie⸗ ben, die Vorzüge eines„gewiſſen Verwandten“— ſeine Beſcheidenheit, ſeine Zurückhaltung und äußerſte Zartheit, ſo wie ſein Talent für Poeſie— herausſtrichen, und durch Auszüge aus ſeinen Papieren, die natürlich ohne die leiſeſte Ahnung ſeinerſeits gemacht waren, klar bewieſen. Woher kamen dieſe ſybilliniſchen Blätter? Anfangs konnte es Cäcilie nicht errathen; aber bald erkannte ihr weiblicher Inſtinkt die feine, nervöſe Handſchrift der Schwe⸗ ſter des Dichters. Dieſe Vermuthung beſtätigte ihr Mäd⸗ chen, welche den Knaben, der die Briefe überbrachte, aus⸗ fragte.— Mit einer dieſer Botſchaften in der Hand ging Cäcilie zu Archer's, nachdem ſie die Brieftaube gekauft hatte.— Sie trat unangemeldet ein, und ſtieg die enge, dürftig er⸗ leuchtete Treppe zu Alicens Schlafzimmer hinan,— zu je⸗ nem Taubenhauſe, erfüllt mit Wärme, Süßigkeit und Stille. Alice war nicht da, aber der Stuhl am Fenſter, das offene Gedichtbuch auf dem Tiſch, der danebenliegende, angefangene Brief an Cäcilie, und die noch naſſe Feder, alles das glich den Schwingungen des Zweiges, welchen der Vogel eben verläßt, dem Erſtehen des Graſes, wenn eben der Fuß es niedergedrückt hat. Nach Verlauf eines Augenblicks kam Alice zurück. Sie war unten bei ihrer Mutter geweſen, die plaudernd, plaudernd, und plaudernd mit einer alten Freundin im Beſuchzimmer ſaß, gerade wie die jungen Freundinnen darüber im Schlafzimmer zuſammen plauderten. Ach, wie verſchieden war der Gegenſtand ihrer Geſpräche! Verſchieden wie Tod und Liebe,— Aepfel von Sodom, die bei der leiſeſten Berührung ſich in Aſche verwandeln,— und goldene Früchte der Hesperiden,— goldene Früchte des Paradieſes, duftend, ambroſiſch und unvergänglich! „Ich ſchrieb eben an Dich,“ ſagte Alice;„ich wollte Dich ſo gern heute früh ſehen!“ „Warum gerade heute Morgen? Iſt irgend etwas vor⸗ gefallen?“ „O nein; ich hatte nur ein ſolches Verlangen Dich zu —— ◻ 45 ſehen!“ Alice ließ ſich in einem kleinen Stuhl nahe an Cäciliens Seite nieder und lehnte ihr Köpfchen an die Schul⸗ ter der Freundin, welche, eine ihrer mageren, weißen Hände in die ihrigen nehmend, ſchweigend ihre Stirn wieder und wieder küßte. Alice war ſich nicht bewußt, daß in den eben ausge— ſprochenen Worten auch nur der Schatten einer Unwahrheit lag. Und doch, war Nichts vorgefallen? War es Nichts, daß ein neuer Gedanke in ihr aufgeſtiegen war, gleich einem Sterne, deſſen bleicher Schimmer, vom gewöhnlichen Tages⸗ licht überſtrahlt, ihr ſelber noch nicht deutlich ſichtbar war, der aber heller glänzen wird, ſobald die Sonne ſinkt, und das roſige Zwielicht dunkler wird? War es Nichts, daß ein neuer Quell der Liebe plötzlich in ihr entſprungen war, den ſie fälſchlich für ein friſcheres Ueberfluthen der alten Freund⸗ ſchaftsquelle hielt, welche bisher die Auen ihres Lebens ſo grün erhalten hatte, aber jetzt von einer tieferen Neigung überſchwemmt, zwar nicht verſiegen, doch in der größeren Flut verſchwinden, und ungeſehen in dieſer fortſtrömen ſollte? Dennoch war es ſo; und dies innigere Sehnen, dies nicht zu ſtillende Verlangen nach ihrer Freundin, war nur das ſtürmiſche Schwellen eines Herzens, welches ſein eigen Ge⸗ heimniß noch nicht kennt. —„Ich freue mich ſo ſehr, Dich zu ſehen, Cäcilie!“ fuhr ſie fort,„Du biſt ſo ſchön! Ich ſitze ſo gern und ſehe Dich an! Ach, wie wünſchte ich, der Himmel hätte mich eben ſo groß und ſtark und ſchön gemacht wie Dich!“ „Du kleine Schmeichlerin! Was für eine verliebte Freundin Du biſt! Was haſt Du den ganzen Morgen ge⸗ than?“ „Aus dem Fenſter geſehen, an Dich gedacht, und Dir dieſen Brief geſchrieben, um Dich zu bitten, zu mir zu kommen.“ „Und ich habe eine Brieftaube gekauft, die hin und her fliegen, und alle unſre Briefe beſorgen ſoll.“ „Oh, das wird herrlich ſein!“ „Ich bekomme ſie heute, und ſobald ſie ſich an mein Zimmer gewöhnt haben wird, ſoll ich ſie hieher ſchicken, da— mit ſie ſich mit dem Deinen bekannt macht;— ein Joachimo 46 in meiner Imogena Schlafzimmer, um ihre Geheimniſſe aus⸗ . zuſpähen.“ „Wenn ſie eine Kleopatra hinter dieſen weißen Vor⸗ hängen, und ſilberne Cupidos in dieſem Feuergeräth ſehen 6 will, ſo muß ſie Deine Einbildungskraft haben.“ d „Sie wird das Buch mit ſeinem umgeſchlagenen Blatte d ſehen, und wie Du ſchläfſt, und wird mir Alles, was Dich betrifft, erzählen.“ „Eine Brieftaube! Welch' reizender Gedanke! Und wie ſieht er Dir ſo ähnlich!“ „Heute bin ich aber noch gezwungen, meinen Vrief ſelbſt zu bringen. Ich habe neue ſybilliniſche Blätter von meiner anonymen Briefſtellerin bekommen, voller Lobpreiſungen und Begeiſterung für den beſcheidenen Verwandten, der„im Schooße ſeiner Familie in fünffüßigen Jamben ſpricht.“ Ich d habe ſie mitgebracht, um Dir Einiges daraus vorzuleſen, und Dich um Deinen Rath zu bitten; denn wahrhaftig, es f muß dem ein Ende gemacht werden. Es iſt zu verdrießlich geworden.“— „Wie viele Herzen Dir entgegenfliegen!“ ſagte Alice mit einem Seufzer. „Ja viel zu viele von dieſer Art. Als ich herging, ſah ich den beſcheidenen Verwandten an der Straßenecke 4 ſtehen, und den Kopf hängen.“ Sie ahmte den melancho⸗ liſchen Hiram Adolphus nach, und die beiden Freundinnen 1 lachten. „Du achteteſt doch nicht darauf?“ fuhr Alice fort. 7 „Gewiß nicht. Aber was glaubſt Du wol, daß er that? Sobald er mich ſah, ging er die Straße nur ein kleines Endchen vor mir hinab, wandte ſich dann um, und ſtierte mich höchſt ungezogen an. Natürlich gab ich nicht Acht auf dies auffallende Betragen. Ich wurde vor Ent⸗ rüſtung über und über roth, und konnte doch kaum das Verlangen zu lachen unterdrücken.“ „Hätteſt Du gelacht, ſo würde er es für eine Auf⸗ munterung gehalten haben; und ich zweifle nicht, daß dies die Entſcheidung herbeigeführt haben würde.“ „Und dann würde die Sache zu Ende gegeſen ſein. V Ich wünſchte faſt, ich hätte gelacht.“ 47 „Aber denke an den unſterblichen Ruhm, einen Dichter zu heirathen!“ „Und auf meine Viſitenkarten ſchreiben zu dürfen: Frau Hiram Adolphus Hawkins! Vor einigen Tagen kam ich in ſeinen Laden um Etwas zu kaufen; ſich über den Ladentiſch lehnend fragte er mich, ob ich geſtern Abend den Sonnen⸗ untergang geſehen hätte, indem er hinzufügte, er wäre prächtig gewefen, und Gras und Bäume hätten ein wunder⸗ volles Pariſer Grün gehabt!“ Und wieder ließen die jungen Mädchen ihrer Fröhlich⸗ keit freien Lauf. „Eines, meine liebe Alice, mußt Du für mich thun. Du mußt an Fräulein Martha Amalie, die Verfaſſerin aller dieſer Briefe ſchreiben, und ihr ganz offen ſagen, wie un⸗ zart ihr Betragen, und wie nutzlos das ganze Verfahren für die Verwirklichung ihrer Zwecke iſt.“ „Ich ſchreibe noch heute, Du ſollſt nicht länger ver⸗ folgt werden.“ „Und nun höre noch einige Auszüge aus dieſen wun⸗ dervollen Briefen.“ Bei dieſen Worten zog Cäcilie ein kleines Packet drei⸗ eckiger Billette hervor, welche mit einem roſarothen Bande zuſammengebunden waren. Eines derſelben auf's Gerathe⸗ wohl herausziehend, war ſie eben im Begriff anzufangen, hielt aber inne, als ob ihre Aufmerkſamkeit von etwas drau⸗ ßen Vorübergehendem angezogen würde. Man hörte das Ge⸗ räuſch kommender Schritte auf dem Kiesweg. „Da geht Herr Kavanagh,“ ſagte ſie halblaut. Alice ſtand eilig von ihrem kleinen Stuhle auf, und die beiden Freundinnen blickten aus dem Fenſter, um den Prediger vorübergehen zu ſehen. „Wie ſchön er iſt!“ ſagte Alice unwillkührlich. „Ja, in der That.“ In dieſem Augenblick eilte Alice vom Fenſter fort. Kavanagh hatte im Vorübergehen hinaufgeſehen, als würden ſeine Augen von einem geheimen Zauber angezogen. Eine flammende Röthe glitt über Alicens Wangen; ſie ſchlug die Augen nieder; Cäcilie aber ſah fortwährend auf die Straße. ———— Kavanagh ging vorüber, und war in wenigen Minuten verſchwunden. Die beiden Freundinnen ſtanden ſchweigend neben einander. 18. Arthur Kavanagh ſtammte aus einer alten, katholi⸗ ſchen Familie. Seine Vorfahren hatten von dem Baron Viktor St. Caſtine einen Theil ſeiner weitläufigen Be⸗ fitzungen gekauft, welche an der wundervollen, romantiſchen Küſte von Maine liegen, die ſchon auf der Karte die Au⸗ gen durch ihre eigenthümlich maleriſchen Geſtaltungen auf ſich zieht, und das Herz des Beſchauers mit einem Theil desjenigen Entzückens füllt, welches das Gemüth Pierre du Gaſt's durchdrang, als er mit einem königlichen Freibrief für das Land vom atlantiſchen bis zum ſtillen Ocean ver⸗ ſehen, die Küſte mit dem ganzen Stolze eines Mannes hinabſegelte, welcher der Beherrſcher dieſer weitläufigen Ländereien werden ſoll. Hier, im Schooße des Waldes, ſetzten die Kavanaghs die Ausübung jenes Glaubens fort, der zuerſt durch Rasle und St. Caſtine hieher verpflanzt worden war. Die kleine Kirche, in welcher ſie ihre An⸗ dacht verrichteten, ſteht noch, obgleich ſie jetzt verſchloſſen und ſtill iſt, wie die ſie umgebenden Gräber, in denen die Aſche der Kavanagh's ruht. In dieſer Einſamkeit, in dieſem Glauben wurde Ka⸗ vanagh geboren und erzogen, ein ſchwacher, zarter Knabe, überwacht von einem ernſten, ſchweigſamen Vater, und ei⸗ ner Mutter, welche ihn mit unendlicher Zärtlichkeit als ei⸗ nen Schatz betrachtete, den ſie nicht lange behalten würde. Sie ging mit ihm am Meeresſtrande ſpazieren und ſprach mit ihm von Gott und der geheimnißvollen Majeſtät des Meeres mit ſeinen Wogen und Stürmen. Sie ſaß mit ihm unter dem goldgewebten Teppich der würzigen Pinien, und mit dem ſchwermüthigen Ton, der die knarrenden Zweige entlang lief, ſchien ſeine Stimmung ſich zu heben — 1 4 ——————ö——— * 49 und zu ſenken, mit einer Bewegung und einem Geflüſter, welches dem in den Zweigen glich. Sie lehrte ihn leſen in der Lebensgeſchichte der Heiligen,— einem Buche voll wunderbarer Legenden, geſchmückt mit Bildern nach den Gemälden alter Meiſter, welches ihm zu gleicher Zeit die Welt des Geiſtes und die Welt der Kunſt erſchloß; und beide waren ſchön. Sie erklärte ihm die Bilder, ſie las ihm die Legenden vor,— das Leben der heiligen Männer und Frauen, voller Glauben und guter Werke, was ſpäter in ſeinem Herzen immer eng verbunden blieb. Solche Hei⸗ ligkeit des Lebens, ſolche Entſagung und Pflichttreue wur⸗ den frühzeitig ſeinem Geiſte eingepflanzt. Seiner lebendigen Einbildungskraft wurde die geiſtige Welt zu einer wirklichen; die fromme Geſellſchaft der Heiligen umgab den Knaben, ſein Schutzengel führte ihn Tags bei der Hand, und ſaß Nachts an ſeinem Pfühle. Zu Zeiten wünſchte er ſogar zu ſterben, damit er ſie ſehen und mit ihnen ſprechen könnte, und nicht mehr in dieſe ſchwache, müde Hülle zurückzukehren brauchte.. Von allen den Legenden des geheimnißvollen Buches war es die vom heiligen Chriſtophorus, welche ihn am mei⸗ ſten entzückte, und den tiefſten Eindruck auf ihn machte. Das Bild war nach einem Gemälde von Paolo Farinato, und ſtellte eine Geſtalt von rieſiger Kraft und Größe dar, welche ſich auf einen Stab lehnte, und das Chriſtuskind auf ihren gebeugten Schultern durch den Fluß trug. Die Legende berichtet, daß Chriſtophorus, der einen rieſigen Körper und ungeheure Kraft beſaß, vor ſeiner Bekehrung durch die Welt wanderte, um den größten König aufzu⸗ ſuchen, da er entſchloſſen war, nur dieſem zu gehorchen. Nachdem er mehreren Herren gedient hatte, die er wiederum verließ, weil jeder durch ein Wort oder Zeichen einen grö⸗ ßeren als ſich ſelbſt anerkannte, hörte er zufällig von Chri⸗ ſtus, dem König des Himmels und der Erde, und befragte einen heiligen Klausner, wo er ihn finden, und wie er ihm dienen könne. Der Einſiedler ſagte ihm, er müſſe beten und faſten; der Rieſe aber erwiderte, daß er durch Faſten ſeine Kräfte verlieren würde, und daß er nicht zu beten verſtehe. Darauf befahl ihm der Klausner, ſeinen Kavanagh. 4 . 4— emn.— 8 1 E Aufenthalt an den Ufern eines gefährlichen Bergſtromes zu nehmen, in welchem die Reiſenden oft beim Durchgehen er⸗ tranken, und Jeden, der in Gefahr wäre, zu retten. Der Rieſe gehorchte; er riß zum Stabe einen Palmbaum mit den Wurzeln aus, trat ſeine Wache an des Fluſſes Ufer an, und rettete manches Leben. Der Herr aber blickte vom Himmel herab und ſagte:„Sehet dieſen ſtarken Mann— er hat den Weg der Anbetung noch nicht gefunden, wohl aber den, mir zu dienen.“ Eines Nachts hörte er die Stimme eines Kindes, welches in der Finſterniß ſchrie und ſprach:„Chriſtophorus, hol' über!“ Und er ging hinaus, und fand das Kind allein am Ufer des Stromes ſitzen; er nahm es auf ſeine Schultern, und ſchritt durch's Waſſer. Da begann der Wind zu heulen, die Wogen ſtiegen höher und höher rings um ihn. Seine kleine Laſt, die Anfangs ſo leicht ſchien, wurde ſchwerer und ſchwerer wie er vor⸗ wärts ſchritt und beugte ſeine Schultern, und brachte ſein Leben in Gefahr, ſo daß er, das Ufer erreichend, fragte: „Wer biſt Du, o Kind, das auf mir gelaſtet hat mit ei⸗ nem Gewicht, als hätte ich die ganze Welt auf meinen Schultern getragen?“ Und das Kindlein antwortete:„Du haſt die ganze Welt auf Deinen Schultern getragen, und ihn, der ſie geſchaffen hat. Ich bin Chriſtus, dem Du durch Thaten der Barmherzigkeit dienen wollteſt. Du und Dein Dienſt ſind mir angenehm. Pflanze Deinen Stab in die Erde, er ſoll blühen und Früchte tragen.„ Mit dieſen Worten verſchwand das Kind. Es lag etwas in dieſer ſchönen Legende, wodurch das Herz des Knaben gänzlich gefeſſelt wurde, und ein dunkles Ahnen ihrer verborgenen Bedeutung dämmerte zuweilen in ihm auf, und beſtimmte ſeine Handlungen. Im ſpätern Leben wurde ſie ihm mehr und mehr offenbar, und lebte immerdar in ſeinem Gemüthe, als eine liebliche Verſinn⸗ bildlichung werkthätiger Barmherzigkeit und Demuth. Sie blühte in ihm auf, und trug Früchte, gleich dem Stab des Rieſen. Endlich aber kam die Zeit, wo ſein Vater erklärte, daß er zur Schule geſchickt werden müſſe. Er fand es nicht paſſend, daß ſein Sohn wie ein Mädchen erzogen werden 51 ſollte. Dieſer mußte daher in das Jeſuitenkollegium in Canada. So reiſte er eines ſchönen Sommermorgens zu Pferde mit ſeinem Vater ab, durch jene majeſtätiſchen Wäl— der, die ſich mit faſt ununterbrochenem Schatten vom Meer bis zum Lorenzo erſtrecken, und ließ hinter ſich alle die Wonnen der Heimath, und eine Wunde in ſeiner Mutter Herz, die nie aufhörte zu ſchmerzen,— und ungeſtilltes und nicht zu ſtillendes Sehnen nach ihrem abweſenden Ar⸗ thur, der vielleicht für immer von ihr gegangen war. Auf der Schule zeichnete er ſich durch ſeinen Eifer, ſeine Folgſamkeit, ſeine Freundlichkeit und ſeinen Edelmuth aus. Er wurde nicht nur mit den Claſſikern vertraut, ſondern auch in die Lehrſätze jenes heiligen Glaubens, deſſen Thürme mit kryſtallenem Lichte ſchimmern, und deſſen Kerker ſo tief, dunkel und ſchrecklich ſind, vollſtändig eingeweiht. Das Studium der Philoſophie und Theologie war ſeinem Geiſte verwandt. Er legte oft den Homer um des Parme⸗ nides willen bei Seite, und wandte ſich von den Oden des Pindar und Horaz zu den myſtiſchen Hymnen des Klean⸗ thes und Syneſius. Die Einförmigkeit des Schullebens wurde nur durch den jährlichen Beſuch in der Heimath während der Sommer⸗ ferien unterbrochen; durch das freudige Begrüßen, das bit⸗ tere Scheiden, die lange Hin⸗ und Herreiſe durch den gro⸗ ßen, einſamen, geheimnißvollen Wald. Seiner Mutter waren dieſe Beſuche noch theurer als ihm ſelbſt; denn im⸗ mer mehr wuchs neben ihrer gränzenloſen Liebe ein Gefühl des Stolzes, des Vertrauens und der Befriedigung empor, — die Freude über den ſchönem, unbefleckten Jüngling, welcher von Begeiſterung für die Tugend glühte. Endlich waren ſeine Lehrjahre beendet. Er kehrte heim, erfüllt von Jugend, Freude und Hoffnung; aber nur, um den Segen ſeiner ſterbenden Mutter zu empfangen, welche in Frieden ſchied, nachdem ſie ſein Antlitz noch ein⸗ mal geſchaut. Da wurde ihm das Haus zu eng. Einſam war die Meeresküſte, einſam der Wald. Aber deſto näher lag ihm die geiſtige Welt. Für Geſchäfte hatte er kein Ge⸗ ſchick, und er widmete ſich wieder ſeinen philoſophiſchen und theologiſchen Studien. Er gedachte mit innigem Entzücken 4* 52 der hinreißenden Werke Molinos und Madame Guyon's. Mit einem der Verfaſſerin verwandten Geiſte las er die Schriften Santa Thereſa's, welche er unter den Büchern ſeiner Mutter fand,„die Betrachtungen“, den„Weg zur Vollkommenheit.“ Auch ſie hatte ja mit Entzücken bei dieſen Seiten verweilt, und viele Stellen waren von ihrer Hand angezeichnet. Darunter befand ſich die folgende, welche er ſich oft auf ſeinen einſamen Spaziergängen wie⸗ derholte:„Oh Leben, Leben, wie kannſt Du Dich ſelbſt er⸗ tragen, getrennt von Deinem Leben? Womit ſollſt Du Dich in ſo großer Einſamkeit beſchäftigen?. Was kannſt Du be⸗ ginnen, ſintemal all Dein Thun fehlerhaft und unvollkom⸗ men iſt?“— Manche Woche, mancher Monat verſtrich unter ſolchen Betrachtungen. Mit ihnen aber vermiſchte ſich in ſeinem Gedächtniß immer häufiger und dentlicher die alte Ueber⸗ lieferung vom heiligen Chriſtophorus,— die ſchöne Alle⸗ gorie der Demuth und Arbeitſeligkeit. Er und ſein Dienſt war angenommen worden, obgleich er nicht faſten wollte, und nicht beten gelernt hatte! Es wurde ihm immer mehr und mehr klar, daß das Leben des Menſchen nicht in Er⸗ ſcheinungſehen und Träumereien beſteht, ſondern in thäti⸗ gem Mitgefühl und Dienſtwilligkeit. Ueberdies erweckte das Studium der Kirchengeſchichte manchen fremden Gedanken des Zweifels in ihm. Die Bücher lehrten ihn mehr, als die Verfaſſer zu lehren Willens waren. Er konnte unmöglich Etwas von Athanaſius leſen, ohne ſich mit Arian bekannt zu machen; er konnte nicht von Calvin hören, ohne auch über Servetus etwas zu erfahren. Die Vernunft fing an, immer kräftiger ſich geltend zu machen; jene Vernunft, die ein Licht in der Finſterniß iſt, nicht die, welche ein Pfahl im Fleiſche der Offenbarung iſt. Das Suchen nach Wahrheit und Freiheit, ſowohl geiſtiger als kirchlicher, wurde eine Leidenſchaft für ſeinen Geiſt; und er verfolgte ſie, ungeachtet er bereits manche unklare Satzungen, manch' alten Aberglauben, manche durch die Zeit geheiligten Gebräuche, welche allein durch die Lippen derjenigen, die ihn zuerſt in ſeiner Kindheit damit bekannt gemacht hatte. heilig waren, weit hinter ſich gelaſſen hatte. .53 Nach und nach, und nicht durch heftige geiſtige Kämpfe, wurde er ein Proteſtant. Er war nur in demſelben großen Dom aus einer Kapelle in die andere übergegangen. Er efand ſich unter demſelben weiten Dach, hörte noch den⸗ ſelben Gottesdienſt, nur in einem andern Dialekt derſelben gemeinſamen Sprache. Aus ſeinem alten Glauben übertrug er, was ſich als heilig und rein bewährt, nicht den Aber⸗ glauben, die Schwärmerei und Unduldſamkeit; wohl aber den Eifer, die Demuth, das Streben nach dem Göttlichen, das menſchliche Mitgefühl, die ewigen Thaten der Barm⸗ herzigkeit. Doch erſt nach ſeines Vaters Tode wurde er Geiſtlicher. Da wurde ihm ſein Beruf klar. Er zögerte nun nicht länger, ſondern übernahm die Verantwortlichkeit und die Pflich⸗ ten, die Verſuchungen und Täuſchungen deſſelben mit dem Eifer eines Petrus und der Milde eines Johannes. 19. Eine Woche darauf bezog Kavanagh ſein kleines Thurm⸗„ zimmer. Eine Woche ſpäter, und die Brieftaube war im Gange. Noch eine Woche, und Martha Amalia's anonyme briefliche Lobreden über ihren Verwandten hatten für immer aufgehört. Schnell und unvermerkt kam der Sommer heran, und die folgende Bekanntmachung in den Fairmeadower Blättern verkündigte die heiße Witterung und die Schutzmittel gegen dieſelbe: „Ich gebe mir die Ehre, den Herren und Damen in Fairmeadow und Umgegend anzuzeigen, daß mein Badehaus jetzt vollſtändig eingerichtet, und zur Aufnahme derer bereit iſt, welche geneigt ſein ſollten, ſich an einem Luxus zu erfreuen, der den einſt ſo verfeinerten Griechen wie den edlen Römern eigen war. Die Damen benachrichtige ich, daß der Dinstag jeder Woche ausſchließlich für ſie beſtimmt ſein wird; eine 54 weiße Flagge dient als Zeichen, und ich verſichere die Damen, daß der ſchuldige Reſpekt nie aus den Augen geſetzt werden, und ſie vor jedem umherſchleichenden Fuße und frechen Auge geſchützt ſein ſollen. Edward Dimple.“ Das Dorf wurde durch die jährlichen herumziehenden Ausſtellungen belebt, durch die Wachsfigurenkabinette, welche Eliſe Wharton, das Trauerſpiel von Jeruſalem und andere darſtellten, wozu Geiſtliche und ihre Familien„ganz er⸗ gebenſt eingeladen wurden, ohne Eintrittsgeld, bei Vor⸗ zeigung ihrer Karten.“ Ferner ſah man einen ausgeſtopf⸗ ten Haifiſch, welcher den Vater des Ausſtellers in der Lynn⸗ bay gefreſſen hatte; die Menagerie mit ihrer lauten Muſik und ihrem wüthenden Gebrüll; den Circus mit ſeinem Flittergold,— ſeinen verblühten Columbinen und betrübten Clowns; und endlich das klaſſiſche Schauſpiel, in welchem Elder Evans wie ein alter ſpaniſcher Bululu, alle erſten Maͤnnerrollen darſtellte. Beſonders ergreifend war er als Jago und Othello, wenn er das halbe Geſicht mit Lampen⸗ ruß geſchwärzt, abwechſelnd die erleuchtete oder verfinſterte Seite ſeines Antlitzes dem Publikum zuwandte, je nachdem es der Dialog erforderte. Auch eine große Feier des Mäßigkeitsvereins mit einem Aufzuge fand Statt, bei welchem ein großes Pferd die Hauptfigur bildete, deſſen geſtutzter Schweif mit bunten Bändern geſchmückt war, und deſſen Reiter ein Banner trug, mit dem Wahlſpruch:„Für die gute Sache zugeſtutzt!“ Ferner wurde die große Zweigbahn durch den Ort er⸗ öffnet, welche auf der einen Seite nach der Stadt, auf der andern nach unbekannten nördlichen Regionen führte, und die weißen Dörfer gleich Perlen auf ihren ſchwarzen Faden reihte. Der Ort verlor dadurch viel von ſeiner ländlichen Stille und Zurückgezogenheit. Die Einwohner wurden ruhelos und ehrgeizig. Sie waren in beſtändiger Aufregung und Unruhe, wie Kinder in Mährchenbüchern, die von einem Menſchenfreſſer irgendwo verſteckt werden, der ſie regelmäßig jeden Tag und jede Nacht beſucht, und gelegentlich eines von ihnen zum Frühſtück verzehrt. Deſſenungeachtet betrachteten die meiſten Einwohner ——— 539 1 die Eiſenbahn als einen großen Vortheil für den Ort. Mehrere Damen meinten, Fairmeadow ſei ganz großſtädtiſch geworden, und Frau Wilmerdings, die an einem chroniſchen Mangel geiſtiger Fähigkeiten litt, hatte, wahrſcheinlich durch den Stand ihres Sohnes veranlaßt, eine dunkle Ahnung, als werde es bald ein Seehafen werden. In Feld und Wald jedoch verkündigte ſich der Som⸗ mer durch andere Zeichen. Das dunkelnde Laub, das ſich bräunende Korn, die goldene Libelle, die den Brombeer⸗ ſtrauch umſchwärmte, die ſchreienden Krähen, welche von den Bergen herab in das Kornfeld blickten, und Tag für Tag die Vogelſcheuche erwarteten, auf daß der Sommer ſein Werk vollende und ſcheide; und der Rauch von fernen, brennenden Wäldern, der die Luft durchdrang, und ſich als purpurner Nebel um die Gipfel der Berge hing,— Alles das waren die Vorläufer und Begleiter des heißen Auguſts.. Kavanagh hatte jetzt die erſte Runde ſeiner Beſuche bei den Gemeindegliedern beendet. Er war bei den Vaug⸗ hans, Archers, Churchills, auch den Hawkins, den Wil⸗ merdings und vielen Andern geweſen. Mit Herrn Churchill war er recht vertraut geworden. Sie hatten viele Be⸗ rührungspunkte und viel Verſtändniß für einander. An freien Nachmittagen gingen ſie zuſammen ſpazieren, und während der langen Winterabende ſaßen ſie bei einander. Sie beſprachen mit freundlichem Eifer verſchiedene Gegen⸗ ſtände der Literatur, der Religion und der Moral. Ueberdies arbeitete er mit dem größten Eifer an ſeinen Predigten, in denen er über die Lehren Chriſti ſprach. Er lehrte Heiligkeit, Selbſtverleugnung, Liebe, und ſeine Zu⸗ hörer bemerkten, daß er ſeine Texte ein für allemal aus den Evangelien, und ſo viel als möglich aus Chriſti eigenen Worten, und nur ſelten aus dem Paulus oder dem alten Teſtamente entnahm. Er ſtrafte nicht ſo ſehr das Laſter, ſondern er flößte Tugend ein; er riß nicht ein, ſondern baute auf, quälte die Herzen ſeiner Zuhörer nicht durch Zweifel und Unglauben, ſondern er tröſtete und heilte ſie durch Glauben. Das einzige Gefährliche war, daß er vielleicht zu weit ging, und ſeine Gemeine hinter ſich zurück ließ; gleich einem 56 muſicirenden Schäfer, der von den eigenen Tönen entzückt, über die blumige Wieſe dahinwandelt und nicht bemerkt, daß ſeine zögernde Heerde weit hinter ihm bleibt, und viel emſiger bemüht iſt, das duftende Futter abzuweiden, als den himmliſchen Harmonien zu lauſchen, welche allmählich in der Ferne dahinſterben. Seine Worte waren ſtets freundlich; er häufte auf Niemand Spott oder Anklage; er gab weder übertrieben viel, noch mit ängſtlicher Berechnung; doch weil gütig, war er auch feſt. Er ſcheute ſich nicht, die Unmäßigkeit zu tadeln, weil einer ſeiner Vorſteher eine Brennerei beſaß; noch den Krieg, weil ein Anderer die Gewehre für das Heer lieferte; noch die Sklaverei, weil einer von den Honoratioren des Ortes die Thüre ſeines Kirchſtuhls zuwarf, und die Kirche mit hochmüthiger Miene verließ, als wolle er ſagen, daß alles dies zu nichts hülfe, und daß es beſſer wäre, wenn die Geiſttlichkeit ſich darauf beſchränkte, die ſündigen Hindus zu bekehren, und unſre häuslichen Ein⸗ richtungen ihren Gang gehen ließe. In Kirchenangelegenheiten hatte er nur wenig Aenderungen eingeführt. Etwas, das ihm ſehr am Herzen lag, war, daß die Scheidewand zwiſchen Gemeinde und Geiſtlichkeit ganz niedergeriſſen werden ſollte, ſo daß beim Abendmahl Alle bei einander ſäßen. Ebenſo wünſchte er, daß der Organiſt die alte verderbliche Gewohnheit aufgeben möchte, aus Siegesmärſchen zu präludiren, ſeine Finger auf's Ge⸗ radewohl über die Taſten ſeines Inſtruments gleiten zu laſſen, und Bruchſtücke hundertjähriger Muſik ſehr langſam zu ſpielen, um ſie heilig erſcheinen zu laſſen, und ſtatt deſſen einige der ſchönen Symphonien von Pergoleſi Pa⸗ leſtrina und Sebaſtian Bach einführen möchte. Er war der Meinung, daß heilige Melodien ſich für heilige Gegenſtände geziemten, und wünſchte nicht, daß in ſeiner Kirche, wie in einigen des franzöſiſchen Canada die heilige Bußübung nach der Melodie beſungen würde:„Marl- borough s'enva-t-en guerre,“ und das Streben nach dem himmlichen Reiche und der Seelen Seligkeit nach der Melo⸗ die„Vive Henri IV,“„Louischen ſchlief im Hagedorn,“ oder nach dem großen„Armeemarſch der franzöſiſchen Artillerie. Das Studierzimmer im Thurm war äußerſt behaglich. Dort ſaß der junge Apoſtel, und dachte an den großen Endzweck ſeines Lebens: die Abſchaffung jedes Vorurtheils, 1 jeder Unbarmherzigkeit und Verfolgung; und die Vereinigung aller Sekten zu Einer allgemeinen Kirche. Die Sekten ſelbſt wollte er nicht zerſtören, aber die Sektirerei, denn jene waren für ihn nur getrennte, aber zuſammenlaufende Wege, welche alle zu derſelben himmliſchen Friedensheimath führten. Als er ſo allein daſaß, und alle dieſe Dinge überdachte, hörte er die große Glocke über ſich brauſen, und gedachte der Zeiten, als es in der ganzen Chriſtenheit nur Eine Kirche gab, als man die Glocken weihte, taufte und für ſie betete, damit, wo auch immer dieſe heiligen Glocken tönten, alle Stricke des Satans, jede Gefahr des Hagelſchlags, des Donners, Blitzes und der Stürme be⸗ ſeitigt werden, und die Frömmigkeit in jedes Chriſten Herz wachſen möchte, wenn er ſie hörte, daß der Herr ſie weihen, und ihnen den himmliſchen Thau des heiligen Geiſtes verleihen möchte. Er dachte an die große Glocke Guſhlak, welche ein Abt von Croyland ſeinem Kloſter ſchenkte, und an die ſechs andern, welche ſeine Nachfolger weihten,— die ſo wohltönend waren, daß, wie Jugulphus berichtet, kein Geläute in ganz England dem ihren gleich„ kam, wenn ſie alle zuſammen klangen. Wie er ſo lauſchte, ſchien die Glocke folgenden melodiſchen Spruch in die Luft hinauszuhauchen: „Laudo Deum verum, plebem voco, congrego clerum, Defunctos ploro, nimbum fugo, festaque honoro.“ Möglich auch, daß ſie ſeine Studien und Grübeleien mit andern als dieſen Worten unterbrach. Möglich, daß ſie in ſeine Ohren klang, wie die Glocken von Varenne in die des Panurgus, —„Freie doch, freie doch, freie, freie, wenn Du freieſt, freieſt, freieſt, ſo geht's Dir gut, gut, gut, drum freie, freie!“ Von dieſem beſchaulichen Thurme blickte er mit einem aus Freude und Kummer gemiſchten Gefühle auf die müh⸗ ſelige Welt unter ſich hinab. Die weite Ausſicht ſchien ſein Mitgefühl und ſeine Menſchenliebe zu vergrößern, und oft gedachte er der Worte Plato's:„Wenn wir das menſch⸗ — * 1 —— — Dame Abſchied nahm, 58 liche Leben betrachten, ſollten wir gleichſam von einem hohen Thurme herab alle ſolche irdiſchen Dinge anſehen, wie Heer⸗ den und Heere, die mit Ackerbau, mit Heirathen, Ehe⸗ ſcheidungen, Geburten und Todesfällen beſchäftigten Menſchen; den Lärmen eines Gerichtshofes; verwüſtete Länder; bar⸗ bariſche Völker, Freudenfeſte und Wehklagen und Märkte; ein Gemiſch von allen Dingen in einer Weltordnung poller Widerſprüche.“— Auf die Außenſeite der Thür hatte Kavanagh die kräf⸗ tigen Worte Dante's geſchrieben: „Bedenke ſtets, daß das Heute nie wieder tagt,“ ihm allezeit zum Gruß und zur Mahnung, wenn er eintrat. Auf der Innenſeite ſtanden die nicht weniger treffenden Worte eines neueren Barden: 4 Verbring mit Tändeln nur den heut'gen Tag— Ihm folgen Morgen und Uebermorgen nach! Nur Zeitverluſt bringt die Unſchlüſſigkeit; Durch Klagen um verlorne Zeit verlierſt du Zeit! Iſt es dir Ernſt— ergreife die Sekunde, Und was du thun willſt, thu' zur ſelben Stunde! Entſchloſſenheit hat Zauberkraft im Bunde. O handl'— und deinem Geiſt wächſt Muth und Stärke, Beginn!— und du vollendeſt deine Werke! Einſt, als er in dieſem Zufluchtsorte ſaß, ſich der Ruhe freuend und der friſchen Luft, welche durch die halb⸗ runden Fenſter zu ihm drang, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch eine Staubwolke angezogen, die ſich den Weg entlang rollte, und aus welcher bald ein Schimmel und dann eine höchſt ſonderbare altmodiſche Kutſche hervortauchte, in der ein ältliches, ſchwarzgekleidetes Paar ſaß. Der Gang des Pferdes, das gewiſſermaßen verächtlich mit den Hinterfüßen den Staub von ſich ſchlug, fiel ihm beſonders auf. Der Wagen fuhr langſam vorüber, und würde für immer ver⸗ geſſen geweſen ſein, hätte ihn Kavanagh nicht Abends vor Herrn Churchill's Hauſe wiedergeſehen, nach welchem er ſeine Schritte richtete. Er ſtieß beim Eintreten auf Herrn Churchill, wie er eben von einem ſchwarzgekleideten ältlichen Herrn und einer die er für die Reiſenden in der 59 alten Kutſche erkannte. Herr Churchill ſah etwas verlegen aus, und ſagte ſeinen Gäſten ein gezwungenes Lebewohl. Als er Kavanagh ſah, grüßte er ihn, und nannte ihn beim Namen, worauf die Dame, den Mund aufwerfend, einen flüchtigen Blick auf ihn richtete, und den Kopf abwandte; der Herr ging mit einem hochmüthigen Geſicht vorüber, in welchem Neugierde, Vorwurf und frommer Unwille ſelt⸗ ſam gemiſcht waren. Sie ſtiegen in den Wagen, ungefähr mit einem ähnlichen Gefühl, wie es Noah und ſeine Frau gehabt haben mochten, als ſie ſich in die Arche flüchteten; die Peitſche fiel ungewöhnlich kräftig auf den Schimmel herab, der zuſammenzuckend bei ſich zu ſagen ſchien:„Was iſt nun los?“ Er ging dann in ſeinem gewöhnlichen Schritte vorwärts, und mit derſelben eigenthümlichen Bewegung der Hinterfüße, welche Kavanagh ſchon am Morgen bemerkt hatte. Kavanagh fand ſeinen Freund nicht wenig zerſtreut, und zwar augenſcheinlich durch die Unterhaltung mit den abgereiſten Gäſten. „Der alte Herr iſt Herr Penderter, Ihr Vorgänger,“ begann Herr Churchill.„Er glaubt uns, ſeit er fort iſt, auf falſchem Wege, und hält Ihre Freiſinnigkeit für nichts Anderes, als ſchändlichen Arianis3mus und Unglauben. Die Sache iſt die, daß der alte Herr ein Wenig crbittert iſt. Die Weingährung in ſeinen Adern iſt nun vorüber, und die Eſſiggährung hat begonnen.“ Kavanagh lächelte, aber antwortete nicht. „Ich vertheidigte Sie natürlich kräftig,“ fuhr Herr Churchill fort,„aber wenn er durch das Dorf geht, und ſolchen Samen ſäet, ſo wird Unkraut unter dem Weizen wachſen.“ „Ich fürchte nichts,“ ſagte Kavanagh ſehr ruhig. Herrn Churchills Befürchtungen waren nicht grundlos, denn im Laufe der Woche ſtellte es ſich heraus, daß Zweifel und Argwohn in Bezug auf Kavanagh's Rechtgläubigkeit in manchen edeln aber ſchwachen Gemüthern keimten; und 4 man bemerkte ſpäter häufig, daß, ſo oft jener häßliche apo⸗ 8 kalyptiſche Schimmel und das vorſündfluthliche Fuhrwerk im — ——— 60 Orte erſchienen, viele Gemeindeglieder von Zweifel und theo⸗ logiſchen Bedenken beunruhigt wurden. Deſſenungeachtet war der Hauptſtrom dey öffentlichen Meinung für ihn, und die Gemeinde legte ihre dankbare Anerkennung ſeines Eifers und Verdienſtes dadurch an den Tag, daß ſie ihn bat, einem berühmten Maler aus der Hauptſtadt zu ſitzen, der zu ſeiner Erholung die Sommer⸗ monate im Orte zubrachte, und ſeinen Pinſel nur als be⸗ ſondere Gunſtbezeugung und bei den ſeltenſten Gelegenheiten brauchte. Der ſanfte Kavanagh unterwarf ſich ohne Murren dieſem Märtyrerthume. Während die Arbeit vorrückte, ließ man ihn ſelten allein; irgend eines ſeiner Pfarrkinder war gegenwärtig, um ihm die Zeit zu vertreiben; am häufigſten war es Fräulein Martha Amalie Hawkins, welche in letzter Zeit ſehr andächtig geworden war, und voller Eifer für die Sonntagsſchule, ihren Bruder erſuchte, nie mehr während des Gottesdienſtes ſpazieren zu gehen. Sie nahm ſehr lebendigen Antheil an dem Bilde und unterſtützte den aus⸗ gezeichneten Künſtler mit manchem Winke. Dieſer fand es ſchwierig, einen Ausdruck hervorzubringen, welcher der ganzen Gemeinde genügte, da Einige das Bild ernſt,— ja ſtreng, Andere hingegen„Herrn Kavanagh's eigenthüm⸗ liches Lächeln“ haben wollten. Kavanagh ſelbſt war ganz gleichgültig gegen die Sache und trug ſein Geſchick mit chriſtlicher Ergebung, in weißer Halsbinde und Ornat, eine Hand über die Stuhllehne herabhängend, mit der andern ein großes Buch haltend, den Zeigefinger zwiſchen deſſen Blätter gelegt. Der Ausdruck des Geſichts war außer⸗ ordentlich ſanft und demüthig; es fehlte ihm vielleicht etwas Kraft, aber das zur größten Befriedigung der ganzen Ge⸗ meinde. Demgemäß war auch des Künſtlers Preis. Einige hielten das Bild ſogar für billig, in Anbetracht der Menge Hintergrund, den er angebracht hatte. ———————4— Indeſſen war in Herrn Chuͤrchill's Hauſe die Zeit ruhig und eintönig verſtrichen. Nur Ein Ereigniß, und das ein geheimnißvolles, hatte die Heiterkeit dort getrübt. Es war das plötzliche Verſchwinden Luciens, des hübſchen Waiſenmädchens; und da der geſtiefelte Tauſendfüßler, welcher Herrn Churchills Neugierde in ſo hohem Grade erregt hatte, zur ſelben Zeit verſchwand, ſo zweifelte man nicht, daß ſie mit einander davongegangen wären. Aber wohin ſie entflohen, und weshalb, blieb ein Geheimniß. Auch Herr Churchill hatte mit ſeiner Familie von Herrn Bantam, deſſen Anzeige er auf ſeinem Schulwege vor beinah einem Jahre bemerkt hatte, ſeinen Schattenriß in ſehr einfachem Style anfertigen laſſen. Sein eigenes Bild galt als Kunſtwerk für das Beſte. Das Geſicht war ganz ausgeſchnitten, die Farbe des Rockes ſchwarz; der Hemdkragen hoch und weiß, und ſein Haupt vorn mit einer aufſtehenden Haarfriſur geziert, obgleich er es in der Wirk⸗ lichkeit herabhängend trug, welche leichte Abweichung von der Natur vom Maler als eine in der Kunſt verzeihliche Frei⸗ heit erklärt und gerechtfertigt wurde. Eines Abends, als er ſich hinſetzte, um mindeſtens zum hundertſten Male den großen Roman zu beginnen, den ſo oft beſchloſſenen aber nie begonnenen— kündigte ein Klopfen an der weit aufſtehenden Hausthür einen Beſuch an. Un⸗ glücklicher Weiſe war die Thür des Studierzimmers ebenfalls offen, und da Herr Churchill folglich ganz ſichtbar war, hielt er es für unmöglich, ſich zu verläugnen; auch würde er es in der That nicht gethan haben, wären alle Thüren zu und verriegelt geweſen, da man die Kunſt dieſer Selbſtverleugnung in Fairmeadow damals nur ſchlecht verſtand. Der Beſuch wurde alſo hineingewieſen. Er kündigte ſich als ein Herr Hathaway an. Da er durch den Ort reiſte, konnte er ſich das Vergnügen nicht verſagen, Herrn Churchill zu beſuchen, den er aus ſeinen Aufſätzen in den Zeitſchriften, wenn auch nicht perſönlich, kannte. Er wünſchte ferner, ſich bei einem neuen Jour⸗ nale der Mitwirkung Jemandes zu verſichern, der ſchon ſo — 62 vortheilhaft in der literariſchen Welt bekannt war. Dieſes Journal wollte er eben begründen, um die amerikaniſche Literatur zu heben, was ſeiner Meinung nach, die beſtehen⸗ den Zeitſchriften zu thun ganz verſäumt hatten. Das täg⸗ lich wachſende Bedürfniß, etwas Beſſeres zu haben, wurde von der Leſewelt lebhaft gefühlt; und die Zeit der Heraus⸗ gabe einer ſolchen Zeitſchrift, wie er ſich zu ſchreiben vor⸗ genommen, war gekommen. Nachdem er in blühenden, überſchwenglichen Worten ſeinen Plan auseinandergeſetzt, ließ er ſich weitläuftiger über die amerikaniſche Literatur aus, welche zu pflegen und zu beſchützen, ſeine Abſicht war. „Ich denke, Herr Churchill,“ ſagte er,„daß wir eine 1 National⸗Literatur brauchen, welche unſren Bergen und Flüſſen, dem Niagara, den Alleghanies und den großen Seen angemeſſen iſt.“ „So?!“⸗—. „Uns fehlt ein National⸗Epos, das im Verhältniß ſtände zur Größe des Landes; es muß ſich zu allen andern epiſchen Dichtungen erhalten, wie Banvards Panorama des Miſſiſippi zu allen übrigen Malereien;— das größeſte der Welt!“ „Ah!⸗ „Uns fehlt ein National⸗-Drama, in welchem unſren gigantiſchen Ideen und der unerreichten Thätigkeit und Strebſamkeit unſres Volkes Raum und Ziel in Fülle ge⸗ geben wird.“ 8„Gewiß!“ „Mit Einem Wort, uns fehlt eine National⸗Literatur, . bunt und unbeſchnitten, welche die Erde erſchüttert, gleich einer die Prairie durchlaufenden Büffelheerde.“ 3 „Allerdings,“ unterbrach Herr Churchill;„aber ver⸗ 6 zeihen Sie!— verwechſeln Sie nicht Dinge, die gar nicht ſinnverwandt ſind? Groß hat eine andere Bedeutung, wenn es auf einen Fluß, wieder eine andere, wenn es auf die Literatur angewandt iſt. Breit und ſeicht kann vielleicht 3 von Beiden gebraucht werden. Die Literatur iſt eher ein — Bild der geiſtigen, als der phyſiſchen Welt, nicht ſo?— Der inneren eher als der äußeren. Berge und Seen ſind, genau betrachtet, nur ihr Schauplatz und ihre Ausſchmückung,— 63 nicht ihre Beſtandtheile oder ihr Kern. Ein Menſch muß nicht nothwendig ein großer Dichter ſein, weil er in der Nähe großer Berge wohnt, noch wird er, iſt er ein Poet, nothwendig beſſere Verſe machen als ein Anderer, weil er dem Niagara näher wohnt.“ „Aber, Herr Churchill, Sie denken doch ſicherlich nicht daran, den Einfluß der Landſchaft auf das Gemüth zu leugnen?“ „Nein, nur leugne ich, daß dieſelbe große Geiſter er⸗ ſchaffen kann. Im beſten Falle kann ſie dieſelben nur ent⸗ wickeln. Die Schweiz hat keinen ungewöhnlichen Dichter hervorgebracht; noch, ſo viel ich weiß, die Anden, oder der Himalaja, oder das Mondgebirge in Afrika.“ „Aber auf jeden Fall,“ behauptete Herr Hathaway, „muß unſere Literatur volksthümlich werden. Iſt ſie das nicht, ſo iſt ſie Nichts.“ „Im Gegentheil, ſie iſt ſehr viel. Volksthümlichkeit iſt lobenswerth bis zu einem gewiſſen Grade, aber Univer⸗ ſalität iſt beſſer. Das Beſte der großen Dichter aller Länder⸗ iſt nicht das Nationelle, ſondern das Univerſelle in ihnen. Sie wurzeln in ihrer Heimath; aber ihre Zweige weben in der unpatriotiſchen Luft, welche dieſelbe Sprache zu allen Menſchen ſpricht, und ihre Blätter glänzen in der unbe⸗ gränzten Helle, welche alle Länder durchdringt. Oeffnen wir alle Fenſter, athmen wir von allen Seiten Luft und Licht ein, damit wir nach allen vier Himmelsgegenden, und nicht immer nach Einer Richtung ausſchauen.“ „Aber Sie geben doch zu, das Nationalität etwas Gutes iſt?“ „Ja, ſobald ſie nicht zu weit getrieben wird; jedoch geſtehe ich, daß ſie faſt den Blick auf die Wahrheit be⸗ ſchränkt. Ich ziehe Natürlichkeit vor. Bloße Nationalität iſt oft lächerlich. Jeder lächelt über das isländiſche Sprich⸗ wort:„Island iſt das ſchönſte Land, welches die Sonne beſcheint.“ Laſſen Sie uns natürlich ſein, und wir werden nationell genug ſein. Ueberdies kann unſre Literatur nur in ſo weit ſtreng volksthümlich ſein, als unſer Charakter und unſre Denkweiſe ſich von denen andrer Nationen unter⸗ 1 ſcheiden. Da wir nun aber den Engländern ſehr gleichen, in der That Engländer unter einem andern Himmelsſtriche ſind, ſo ſehe ich nicht ein, wie unſre Literatur ſehr ver⸗ ſchieden von der Ihrigen ſein kann. Weſtwärts, von Hand zu Hand geben wir die brennende Fackel weiter, aber ſier wurde an dem alten heimathlichen Heerde Englands ange⸗ zündet.“ „Dann glauben Sie alſo, unſre Literatur könne nie etwas Anderes, als eine Nachahmung der engliſchen ſein?“ „Durchaus nicht. Sie iſt keine Nachahmung, ſondern wie Jemand geſagt hat, eine Fortſetzung.“ „Mir ſcheint, Sie haben eine ſehr enge Anſicht von dem Gegenſtande.“ „Im Gegentheil, eine ſehr weite. Nur die Literatur einer todten Sprache iſt abgeſchloſſen. Wir können mit Recht ſtolz auf unſre Aufgabe und Stellung ſein: Laſſen Sie uns verſuchen, in irgend einer Beziehung unſrer Vor⸗ fahren würdig weiter zu bauen.“ „Aber ich beſtehe auf Eigenthümlichkeit.“ „Ja doch, aber ohne Krämpfe und Zuckungen. Schrift⸗ ſteller dürfen nicht, wie chineſiſche Soldaten, hoffen, durch Burzelbaumſchlagen Siege zu erringen. „In der That, die Ausſicht iſt, von Ihrem Stand⸗ punkte aus nicht ſehr glänzend. Ich bitte Sie, was denken Sie denn von unſrer Nationalliteratur?“ „Ganz einfach, daß eine Nationalliteratur nicht das Erzeugniß eines Tages iſt. Jahrhunderte müſſen ihr Thau und Sonnenſchein geben. Die unſrige wächſt langſam, aber ſicher, ihre Wurzeln in der Tiefe, und ihre Zweige in der Höhe ausbreitend, wie das natürlich iſt, und ich möchte nicht, um der ſogenannteu Originalität willen den Baum umkehren und verſuchen, ob er mit ſeinen Wurzeln nach oben wachſen kann. Und was die Wildheit und Zerriſſen⸗ heit betrifft, die Sie wünſchen, ſo füge ich nur hinzu, daß jede Literatur, wie jede Kunſt, das Ergebniß der Geſittung und der geiſtigen Verfeinerung eines Landes iſt.“ „Oh, wir brauchen weder Kunſt noch Verfeinerung, ondern nur Genius; unbevormundet, wild, eigenthünlich, rei.“ —— 65 „Aber ſoll der Genius irgend einen Ausgang finden, ſo bedarf er der Kunſt, denn dieſe iſt der äußere Ausdruck unſrer Gedanken. Viele haben Genie, aber da ihnen die Kunſt fehlt, ſind ſie auf ewig ſtumm. Um einen großen Dichter, Maler oder Bildhauer zu bilden, müſſen beide Hand in Hand gehen.“ „Das iſt in Ihrem Sinne ganz richtig.“ „Ich wollte noch hinzufügen, daß, wie ich glaube, unſre Literatur einer Art von Allgemeinheit keineswegs er⸗ mangeln wird. Da das Blut aller Nationen ſich mit dem unſren miſcht, werden zuletzt auch ihre Gedanken und Ge⸗ fühle ſich mit den unſren vermiſchen. Wir werden von den Deutſchen Zartheit, von den Spaniern Leidenſchaft, von den Franzoſen Lebhaftigkeit annehmen, und mehr und mehr mit unſrer gediegenen engliſchen Denkweiſe verſchmelzen. Und das wird uns Allgemeinheit verleihen, ſo viel als wün⸗ ſchenswerth iſt.“ „Wenn das Ihre Denkweiſe iſt,“ unterbrach ihn der Fremde,„wird Ihnen das Werk, welches ich zu unterneh⸗ men im Begriff bin, gefallen.“ „Was iſt es?“ „Ein großes Nationaldrama, deſſen Schauplatz nach Neu⸗Mexiko verlegt iſt. Es heißt„Don Serafino, oder der Marquis von den ſieben Kirchen.“ Die Hauptfiguren ſind Don Serafino, ein alter ſpaniſcher Hidalgo; Deſeada, ſeine Tochter und Fra Serapion, der Geiſtliche. Beim Beginn des Stückes ſitzt Fra Serapion beim Frühſtück; auf dem Tiſch ein Kampfhahn, der am Fuße angelegt, ſeines Herrn Mahl theilt. Dann folgt ein Auftritt auf dem Hahnenkampfplatz, wo der Marquis den Reſt ſeines Vermögens— ſeine Heer⸗ den und ſeine Hazienda— auf einen Lieblingshahn ſetzt, und verliert.“ „Aber was wiſſen Sie von Hahnenkämpfen?“ fragte lächelnd der verwunderte Schulmeiſter. „Ich bin allerdings nicht ſehr gut über die Sache unterrichtet, und ich wollte Sie eben fragen, ob Sie mir nicht irgend ein Werk darüber empfehlen können.“ „Das einzige, welches ich kenne,“ erwiederte Herr Churchill,„iſt des ehrwürdigen Herrn Pegge's„Verſuch Kavanagh. 5 66 über Hahnengefechte bei den Alten“, und ich ſehe nicht ein, wie Sie es auf die Mexikaner anwenden könnten.“ „Nun, ſie gehören ja in gewiſſer Beziehung zu den Alten. Ich werde natüuͤrlich das von Ihnen erwähnte Werk aufzutreiben ſuchen, und ſehen, was ich damit an⸗ fangen kann.“ „Und alles, was ich über die Sache ſelbſt weiß,“ fuhr Herr Churchill fort,„iſt, daß Markus Antonius, ein Gönner des Hahnenkampfes war, und daß ſeine Hähne immer von denen Cäſars geſchlagen wurden; daß ferner, als der atheniſche Feldherr Themiſtokles gegen die Perſer zog, er ſein Heer Halt machen ließ, um einem Hahnengefechte zuzuſehen, und eine Rede an ſeine Soldaten hielt, um ihnen zu zeigen, daß dieſe Thiere weder für die Götter, noch für ihr Vaterland, weder für die Denkmäler ihrer Vorfahren, noch für Ruhm oder die Freiheit, noch für ihre Kinder, ſondern lediglich um des Sieges ſelbſt willen kämpften. Bei ſeiner Rückkehr nach Athen, führte er Hahnenkämpfe in dieſer Stadt ein. Aber was Ihnen das in Mexiko nützen kann, begreife ich nicht, es ſei denn, daß Sie Santa Anna einführen, und ihn mit Cäſar und The⸗ moſtikles vergleichen wollen.“ „Gerade das iſt meine Abſicht. Es wird dem Stück ein geſchichtliches Intereſſe geben. Ich danke Ihnen für den Wink.“* „Der Gegenſtand iſt gewiß eigenthümlich, aber er ſcheint mir nicht beſonders volksthümlich.“ „Fuüͤr die Zukunft berechnet, wie Sie ſehen,“ ſagte Herr Hathaway mit durchdringendem Blicke. „Ja, ja, ich ſehe, Sie fiſchen mit einem tief gehenden Senkblei; tief, ſehr tief, in die Zukunft, gewiſſermaßen in die Nachwelt hinein.“ „Sie haben mich begriffen. Uebrigens komme ich Ihrer Bemerkung zuvor, indem ich eine amerikaniſche Reitergeſellſchaft aus den Freiſtaaten einführe, wodurch es mir möglich wird, Pferde auf die Bühne zu bringen, und große ſceniſche Wirkungen zu erreichen. „Das iſt ein kühnes Vorhaben. Die Kritiker werden ohne Zweifel über Sie herfallen.“ 67 „Fürchten Sie das nicht. Ich kenne die Kritiker durch und durch, ihre Wurzeln und Zweige,— habe ſie durch⸗ geſommert und durchgewintert; um die Wahrheit zu ſagen, ich gehöre ſelbſt zu ihnen. Gute, prächtige Kerle ſind die Kritiker, nicht wahr?“ „Oh ja, nur haben ſie eine etwas drollige Art Schrift⸗ ſteller todt zu recenſiren.“ „Wenn ſie nicht tadelten, könnten ſie ihre Ueberlegen⸗ heit nicht zeigen, und das wäre in der That nicht gut.“ „Auch iſt es nicht zu verwundern, daß Schriftſteller zuweilen ein Wenig reizbar ſind. Ich denke oft an den Dichter in der ſpaniſchen Fabel, deſſen Manuſcripte ſo lange von den Mäuſen zernagt wurden, bis er endlich ätzendes Queckſilber in ſeine Tinte that, und nun nie mehr geſtört wurde.“ „Warum verſuchen Sie das nicht auch?“ fragte Herr Hathaway ſpitz. „Oh,“ antwortete Herr Churchill mit beſcheidenem Lächeln,„ich und meine Schriften ſind zu unbedeutend. Mögen uns die Mäuſe immerhin benagen. Ich habe nicht gern Gift um mich, ſelbſt nicht zu ſolchen Zwecken.“ „Beiläufig,“ ſagte der Fremde, dem Geſpräch geſchickt eine andre Wendung gebend,„kennen Sie Honeywell?“ „Nein, wer iſt das?“ „Ich meine Honeywell, den Dichter.“ „Nein, ich habe noch nicht einmal von ihm gehört. Es giebt heut zu Tage ſo viele Dichter!“ „Das iſt in der That ſonderbar. Ich halte Honeywell für einen der vorzüglichſten Schriftſteller des Landes; er ſteht in der vorderſten Reihe amerikaniſcher Schriftſteller. Er iſt unbeſtritten ein wahrer Dichter, und die Natur hat ihn verſchwenderiſch ausgeſtattet. „Was hat er denn herausgegeben?“ „Bis jetzt noch nichts, ausgenommen in den Zeitungen. Aber nächſten Herbſt wird er einen Band Gedichte heraus⸗ geben. Ich konnte mich nicht enthalten, darüber zu ſcher⸗ zen, und ſagte ihm, er ſollte ſie doch auf Patronenpapier drucken laſſen.“ „Wie ſo?“ 52 68 „Ei, damit ſie beſſer los gingen; verſtehen Sie nicht?“ „Oh ja, jetzt, da Sie es erklären; vortrefflich!“ „Honeywell wird für unſer Blatt ſchreiben; für jede Nummer wird er ein Gedicht liefern. Und da ihm der melancholiſch-didaktiſche Styl Wordsworth's eben ſo gut gelingt, wie die ſtürmiſche leidenſchaftliche Schreibart By⸗ rons, ſo denke ich, werden wir gut mit ihm fahren.“ „Und welchen Titel gedenken Sie dem neuen Journal zu geben?“ fragte Herr Churchill. „Wir dachten, es„der Niagara“ zu nennen.“ „Ei, das iſt ja der Name unſrer Feuerſpritze. Wes⸗ halb nennen Sie es nicht„der Löſcher?“ „Das iſt auch ein guter Name. Ich ziehe aber„der Niagara“ als volksthümlich, vor, und ich hoffe, Herr Churchill, wir können auf Sie rechnen. Wir würden es gern ſehen, wenn wir für jede Nummer etwas aus Ihrer Feder hätten.“ „Gedenken Sie Ihre Mitarbeiter zu bezahlen?“ „Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß das im erſten Jahre noch nicht möglich iſt. Aber ſpäter werden wir, wenn das Unternehmen Fortgang hat, gut bezahlen. Und es wird und muß Fortgang haben, denn wir wollen es; wir ſprechen niemals von Fehlſchlagen,— dieſes Wort giebt es in unſrem Wörterbuche nicht. Vor Ablauf des Jahres hoffen wir auf eine Auflage von 50,000 Exemplaren, die geben uns wenigſtens 150,000 Leſer, und mit einem ſolchen Publikum kann jeder Schriftſteller zufrieden ſein.“ Endlich hatte er die richtigen Saiten in Herrn Churchills Herzen angeſchlagen, und ſie erzitterten in angenehmen Klängen bei der Berührung. Schriftſtelleriſche Eitelkeit!— literariſcher Ehrgeiz!— der Herausgeber bemerkte es, und ſpielte ſo geſchickt auf dieſen Saiten, daß, ehe er ſchied, Herr Churchill ihm verſprochen hatte, eine Reihenfolge von Aufſätzen über„unbekannte Märtyrer“ zu liefern; eine Art tragiſcher Geſchichte von den unbekannten lebensläng⸗ lichen Qualen der Frauen, welche bisher noch keinen Ge⸗ ſchichtsſchreiber gefunden hatten, ausgenommen dann und wann einen Novelliſten. 69 Ungeachtet des gewiſſen Erfolges,— ungeachtet der 50,000 Subſcribenten des Journals und der 150,000 Leſer, wurde daſſelbe nie herausgegeben. Dennoch war der Traum ausreichend, Herrn Churchills Gedanken zu beſchäftigen, und ſie für viele Wochen gänzlich von ſeinem Roman abzuziehen! Jeder Staat, ja faſt jede Grafſchaft von Neu⸗Eng⸗ land hat ihren rauſchenden Gebirgsbach, überſchattet von Wäldern, aufgehalten von einer Mühle, gehemmt durch hineingeſunkene Bäume, aber immer vorwärtsſtürmend, durch Schluchten brechend, und die Wälder mit ſeinem hellen Klange und ſeiner Kühle erfüllend; der Labungsplatz für heim⸗ wärtsziehende Herden; der geheimnißvolle Aufenthalt der Eichhörnchen und Dohlen, die Waldeinſamkeit der heran⸗ wachſenden Mädchen, die an Sommerferientagen dort weilen, und ihre ruheloſen Gedanken, und überſchwenglichen Phan⸗ taſien mit ſeinen unruhigen, überfließenden, luſtigen Strome verweben. Fairmeadow hatte keinen rauſchenden Bach, das Land war zu flach dazu; aber die mehr landeinwärts in den Ber⸗ gen liegende Nachbarſtadt Weſtwood, hatte einen der ſchön⸗ ſten, vollſtrömendſten Bäche von allen, die je rauſchten. Er war der Stolz der Nachbarſchaft. Hatte man ihn nicht ge⸗ ſehen, ſo hatte man überbaupt keinen Bach, Waſſerfall oder Bergabhang geſehen. Sobald alſo die Sommerferien Muße und Gelegenheit dazu gaben, wurde Kavanagh von Herrn Churchill mitgenommen, den Bach zu ſehen und zu bewundern. Die Geſellſchaft beſtand aus Herrn und Frau Churchill und Alfred in einem Einſpänner; Cäeilie, Alice und Ka⸗ vanagh in einem andern Wagen, deſſen Rückſitz durch einen großen Korb beſetzt war, welcher das enthielt, was im Don Quixote„fiambreras“— genannt wird, dies ſtolze, caſtilianiſche Wort für ein kaltes Abendbrot. Der Weg 70 4 ging durch warme, kleedurchduftete Höhenzüge, kühle Wald⸗ wege hinab, die noch vom geſtrigen Regen glitzerten, den Fluß entlang, quer über den knarrenden, ſchiefliegenden Planken hölzerner Brücken, durch Obſtgärten und Feldum⸗ zäunungen, an deren Thorwegen das hochaufſproſſende Farrenkraut wuchs; über Steinhaufen, durch welche ſich. Schlehdorn und Berberitzen hervordrängten— in Sonne und Hitze, in Schatten und Kühle,— immer vorwärts eilte die glückliche Geſellſchaft an jenem anmuthigen Som— mermorgen. Endlich erreichten ſie den Sturzbach. Aus dem Berg hervor, durch einen langen, gewundenen Birken⸗, Pinien⸗ und Buchengang hüpfte die jubelnde Quelle mit ihrem klaren, braunen Waſſer. Aus dem Walde hervor, durch die Ebene, unter die roh zuſammengefügte Brücke fort, wieder in den Wald hinein;— ein Tag zwiſchen zwei Nächten. Mit ihr ging ein Tönen und ein Klingen, welches das Herz fröhlich werden ließ; ein Lied der Freude und Wonne— ein Lied der Freiheit; ein ununterbrochener Lobgeſang des Lebens, des Genuſſes, der ewigen Jugend. Gleich dem alten, nordiſchen Barden ſchien der Bach zu ſagen:— „Mein ſind Lieder, wie weder des Königs junges Gemahl, noch ein andres Menſchenkind ſie wiederholen kann: eines davon heißt der Helfer; er wird Dir helfen in Deiner Noth, in Krankheit, Kummer und in allen Wider⸗ wärtigkeiten.“ Die kleine Geſellſchaft verließ die Wagen bei einer Farm, nahe der Brücke, und ſchlug zu Fuß den rauhen Weg am Bache ein, bald ganz dicht daran, bald getrennt durch dazwiſchenſtehendes Gebüſch. Herr Churchill, der den Korb am Arme trug, eröffnete den Zug mit ſeiner Frau und Alfred, hinter ihm kam Kavanagh mit Cäcilie und Alice. Die Muſik des Baches ließ jede Unterhaltung verſtummen; man hörte nur gelegentliche Ausrufungen des Entzückens, Freudenausbrüche gefühlvoller Naturen, welche ſich in einer ſo lieblichen Gegend nicht unterdrücken ließen. Jetzt, vom Pfade abweichend, der geradeswegs zur Mühle führte, und durch die tiefen Gleiſe ſchwerer Räder unwegſam wurde, gingen ſie zu dem Ufer des Waſſers hinab. ———— 71 „Wie unbeſchreiblich ſchön dieſes dunkle Waſſer iſt!“ rief Kavanagh aus.„Es gleicht dem Weine, oder dem Nektar olympiſcher Götter; iſt's doch, als hätte die ſtrauchelnde Hebe es aus ihrem Becher verſchüttet.“ „Es gleicht eher dem Meth der nordiſchen Götter,“ ſagte Herr Churchill,„der aus den Trinkhörnern Walhalla's geſpritzt iſt.“ Alle Damen hielten den Vergleich Kavanaghs bei Wei⸗ tem für den beſten, und Churchill war genöthigt, ſeine Anſpielung auf das himmliſche Bierhaus Odins zurückzu⸗ nehmen, und ſich deshalb zu entſchuldigen. Nicht lange und ſie mußten über den Bach gehen, von Stein zu Stein über die kleinen Stromſchnellen und Strudel hüpfend. Alle kamen leicht, ſchnell und ſicher hinüber, ſelbſt „der Packeſel,“ wie Herr Churchill mit Bezug auf ſeinen Korb ſich ſelber nannte. Nur Cäctlie zögerte, als fürchte ſie ſich hinüberzugehen. Cäcilie, die früher wohl hundert⸗ mal über dieſelbe Stelle gegangen war,— ſie, die den ſicherſten Fuß und die ſtärkſten Nerven von allen Mädchen des Dorfes hatte,— ſie ſtand nun da, unentſchloſſen und vom plötzlichen Schreck ergriffen; erröthend und ihrer eige⸗ nen Schwäche lachend— aber unfähig weiter zu gehen. Kavanagh ſah ihre Verlegenheit, und eilte zurüick, ihr beizuſtehen. Ihre Hand zitterte in der ſeinen; ſie daukte ihm mit freundlichem Wort und Blick. Seine ganze Seele war eb⸗ friedigt. Seine Haltung, Miene und Stimme, Alles war bezwungen unterjocht.— Er war plötzlich von den zärtlich⸗ ſten Gefühlen durchdrungen. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, in welchem Augenblicke Liebe beginnt; aber weniger ſchwer zu ſagen, daß ſie begonnen hat. Tauſend Stimmen verkünden ſie dem lau⸗ ſchenden Ohr;— tauſend Herolde verrathen ſie dem ſpähen⸗ den Auge. Stimme, Bewegung, Haltung, Blick;— der elektriſche Telegraph der Berührung— alles das verräth die nachgiebige Feſtung, noch ehe das Wort ſelbſt ausge⸗ ſprochen wird, welches gleich dem überlieferten Schlüſſel, —— — — —— 72 alle Brücken und Thore öffnet, und den Rückzug unmöglich macht! Der Tag ging für Alle höchſt angenehm vorüber. Sie ſaßen auf Steinen und Baumwurzeln. Cäcilie las aus einem mitgebrachten Buche Gedichte vor, die mit dem Waſſer harmonirten. Die Andern hörten zu und machten Be⸗ merkungen. Der kleine Alfred watete mit ſeinen kleinen weißen Füßchen in das Waſſer, und ließ Schiffchen die Waſſerfälle hinuntergleiten. Die zwölfte Stunde war zum Mittagseſſen beſtimmt, aber ſie nahmen es mindeſtens eine Stunde früher ein. Der Korb wurde geöffnet, und end⸗ loſe Butterbrote ausgepackt, ſowie auch eine große kalte Paſtete. Während des Eſſens glitt Herr Churchill in den Bach, als er eben ſeiner Frau ein Butterbrot reichen wollte, was ungeheure Heiterkeit erregte, und Kavanagh ſetzte ſich auf einen mooſigen Stamm, der unter ihm zuſammenbrach und in Staub zerfiel. Auch das wurde höchſt luſtig gefunden. Nach dem Eſſen gingen ſie weiter, den Bach hinauf,— bis zur Mühle hin, die nicht ging. Sie war mitten in der Arbeit aufgehalten. Die Säge hatte noch ihre hungrigen Zähne in das Mark einer Pinie geſchlagen. Herr Churchill ergriff die Gelegenheit, die Geſellſchaft mit ſeinem lang ge⸗ hegten Vorſatz bekannt zu machen, ein Gedicht„das Lied von der Sägemühle“, zu ſchreiben, das ſich auch über die damit zuſammenhängenden Wälder und Wogen verbreiten ſollte. Er entzückte ſich ſelbſt und ſeine Zuhörer durch die ſchönen Gedanken, welche er in ſein Gedicht verweben wollte, und wunderte ſich, daß Niemand vor ihm an den Gegenſtand gedacht hatte. Kavanagh ſagte, man hätte ſchon daran gedacht, und nannte Kerners kleines Gedicht, welches Bryant ſo herrlich ins Engliſche überſetzt hat. Herr Churchill kannte es nicht. Kavanagh ſuchte in ſeinem Notizbuche darnach, konnte es aber nicht finden; doch war er über⸗ zeugt, daß es ein ſolches Gedicht gab. Herr Churchill ver⸗ zichtete jetzt auf ſein Vorhaben. Er hatte geſprochen und, — gerade als er mit den Händen nach dem Schatze griff, war er für immer verſchwunden. 73 Die Geſellſchaft kehrte nach Hauſe zurück, wie ſie ge— kommen war, Alle müde und glücklich, ausgenommen der kleine Alfred, der müde und verdrüßlich war, und ſchläfrig, mit ſchwer herabhängendem Kopfe auf ſeines Vaters Schooße ſaß, den Hut ziemlich wild über die Augen geſtülpt. 22. Der braune Herbſt kam. Draußen brachte er den Feldern die Fülle der gelben Ernte,— den Wäldern Offenbarungen des Lichtes,— und dem Himmel die ſcharfe Luft, den Morgennebel und die rothen Abendwolken. Drin⸗ nen den Sinn für Häuslichkeit, die Stille der verſchloſſenen und verhängten Fenſter, das Dämmern am Kamin, Bücher, Freunde, Unterhaltung, und die langen, nachdenklichen Abende. Dem Landmann brachte er Stillſtand in der Ar⸗ beit,— dem Gelehrten jenen ſüßen Wahnſinn, welcher die Arbeit in Vergnügen verwandelt. Er führte die wilden Enten zu den ſchilfigen Sümpfen des Südens, und die wilden Lieder in das glühende Hirn des Dichters zurück. Draußen war die Straße mit Gold gepflaſtert, und der Fluß glitt im rothen Abglanz der Blätter dahin. Drinnen erheiterte das Antlitz der Freunde die düſtern Wände, die wiederkehrenden Schritte lang Abweſender erfreuten die Schwelle; und all die ſüße Anmuth des geſelligen Lebens trat ihre unterbrochene Herrſchaft wieder an. Kavanagh hielt eine Predigt über die Ankunft des Herbſtes. Er nahm ſeinen Text aus dem Jeſaias*),„Wer iſt der, ſo von Edom kommt, mit röthlichen Kleidern von Bazra? Der ſo geſchmückt iſt in ſeinen Kleidern, und ein⸗ hertritt in ſeiner großen Kraft? Warum iſt denn Dein Gewand ſo rothfarb, und Dein Kleid wie eines Kelter⸗ treters?“ 5) Jeſaias, 63, 1—2. 74 Herrn Churchill brachte dieſe ſchöne Jahreszeit— dieſer Joſeph mit dem bunten Kleid— wie er ſie gern nannte— einen unerwarteten Gaſt, die verloren geglaubte Lucie. Die Vermuthungen der Familie waren nur zu wahr. Sie war mit dem Stiefel⸗Briareus davongegangen. Sie kehrte elend und verzweifelt zurück, und in dem Jam⸗ mer ihres gebrochenen Herzens und verwirrten Kopfes hörte man ſie oft ausrufen: „Oh, wie ſehr wünſchte ich eine Chriſtin zu ſein. Wenn ich nur eine Chriſtin wäre, wollte ich gern ſterben; ich möchte mir am liebſten den Tod geben,— ich bin gar zu elend.“— Wenige Tage ſpäter ritt ein finſter ausſehender Mann durch Fairmeadow, hielt an jeder Straßenecke ſtill, und rief mit lauter feierlicher Stimme,—„Bereitet Euch! bereitet Euch! bereitet Euch den lebendigen Gott zu empfangen!“ Es war einer aus jener fanatiſchen Sekte, welche das Ende der Welt für nahe halten, und ihre Himmelfahrts⸗ kleider bereiten, um in Wolken der Herrlichkeit aufzufahren, während die verworfene, träge Welt hinter ihnen mit Feuer verheert, und eine neue, ſchönere Erde zu ihrem Erbtheil geſchaffen werden ſoll. Der Erſcheinung dieſes Verkündigers des Weltuntergangs folgten viele Verſammlungen, welche in dem benachbarten Walde abgehalten wurden, zu deſſen Blätterdom und weißen Zelten Viele wanderten, um Troſt zu holen, und ſtatt deſſen Verzweiflung fanden. Abermals ſaßen die beiden alten, gebrechlichen Frauen beiſammen, und plauderten in dem kleinen Wohnzimmer des düſtern Hauſes unter den Pappeln, und die beiden Mädchen ſaßen oben, hielten ſich gedankenvoll bei der Hand, und ſprachen nur von Zeit zu Zeit. Alice war ungewöhnlich traurig und ſtill. Schon brei⸗ teten ſich Nebel über ihre Träume,— jene Nebel, die dichter und dunkler werden mit der Jahreszeit, bis die äußere Welt eingehüllt, und endlich ihrem Auge gänzlich verſchloſſen ſein ſollte. Schon trug die Landſchaft eine bleiche, krankhafte Farbe, als entfernte ſich die Sonne mehr und mehr, und als würde ſie bald ganz verſchwinden, wie in den nordiſchen Wintern. Aber dieſen nordiſchen Winter zu erhellen, dämmerte nun in ihr eine ſanfte Morgenröthe empor. Ja, das Morgenlicht der Liebe glühte durch den ganzen Himmel ihrer Gedanken. Noch hatte ſie ſich ſelbſt das Wort nicht zugeraunt, noch erkannte ſie nicht das Er⸗ beben der Leidenſchaft in der neuen Erregung, die ſie durch⸗ glühte. Aber es war die Liebe, und dieſe erhob ihren Geiſt zu einer Sphäre, in welcher er ſich ſogleich heimiſch fühlte:— zu einem reineren Aether, der ſein eigentliches Element zu ſein ſchien. Dieſes Gefühl war jedoch durchaus keine Aufheiterung. Vielmehr brachte es ſeine eigenthümliche Sehnſucht und Traurigkeit mit ſich, ſein Schwanken, und ſeinen ſchnellen Wechſel zwiſchen Aufregung und Niedergeſchlagenheit. Da⸗ zu trugen die alltäglichen Begebniſſe des Lebens viel bei. Kavanagh war ihr auf der Straße begegnet, ohne ſie zu erkennen. In der Bitterkeit des Augenblicks vergaß ſie den dicken Schleier, welcher ihr Geſicht gänzlich verhüllte. In einer Abendgeſellſchaft bei Churchills, hatte Kavanagh durch irgend einen unglücklichen Zufall lange Zeit ihr ſehr nahe geſtanden, hatte ihr den Rücken zugekehrt, und eifrig mit Fräulein Hawkins geſprochen, aus deren Netzen er ſich vergebens zu befreien trachtete. In dem bittern Gefühl, welches die anſcheinende Vernachläſſing in ihr erregte, ſagte Alice bei ſich ſelbſt:„Dieſe Art von Frauen iſt es alſo, welche die Männer am meiſten bezaubert!“ Aber dieſe ſchrecklichen Leidensmomente waren ſelten und kurz, während ſie manche dauernde Wonneſtunde hatte. In einem ſo einſamen Leben wie das ihre, das ſo wenig erheitert und verſchönt war, wurde der verkleidete Gaſt, die Liebe, gern willkommen geheißen, und ohne Furcht und Argwohn aufgenommen. Hätte man ihn gefürchtet oder geargwöhnt— er wäre nicht länger gefährlich geweſen. Er kam in Geſtalt der Freundſchaft, wo man der Freund⸗ 76 ſchaft am meiſten bedurfte; er erſchien in Geſtalt der Fröm⸗ migkeit, da, wo ihr heiliger Dienſt immer geübt wurde. Verſchieden von alle dem war dieſelbe Leidenſchaft in Cäciliens Herz gedrungen; denn wie das Herz ſelbſt, ſo iſt auch die Liebe in demſelben beſchaffen. Sie hat ſeine Kraft, Milde, Geſundheit oder Schwäche. In Cäcilie er⸗ höhte ſie nur die ſtarke Lebenskraft. Aller Augen erſchien ſie ſchöner, ſtrahlender, lieblicher, obgleich ſie nicht wußten, weshalb. 1 Als ſie und Kavanagh ſich zuerſt ſahen, war es kaum, als begegneten ſich Fremde, ſondern als grüßten ſich lang getrennte Freunde. Als ſie zuerſt mit einander ſprachen, ſchien es nur die Erneuerung einer frühern, abgebrochnen Unterredung. Ihre Seelen ſtrömten plötzlich in einander über, ohne Sturm und Aufruhr, gleich Gewäſſern von gleicher Höhe. Da ſie einander fanden, ohne ſich zu ſuchen, war ihr Verkehr ungezwungen und natürlich. Während alſo Alice ſich ſelbſt unbewußt Kavanaghs Liebe erſehnte, betrachtete Cäcilie dieſelbe, ebenfalls unbe⸗ wußt, bereits als ihr Eigenthum. Alice fühlte bitter ihre eigene Unwürdigkeit; Cäcilie verglich den Werth nicht. War Kavanagh zugegen, ſo fühlte Alice ſich glücklich, aber verlegen;— Cäcilie heiter und natürlich. Erſtere fürchtete zu mißfallen; letztere ahnete ſogleich, daß ſie gefiel. So ſaßen alſo die Freundinnen bei einander, wie ſie früher ſo oft gethan. Aber jetzt barg zum erſten Mal Jede ein Geheimniß, daß ſie der Andern nicht mittheilte. Seit vielen Wochen war der befiederte Bote von Einem Fenſter zum andern gekommen und gegangen, aber dieſes Geheimniß war ſeiſter Beſorgung nie anvertraut worden. Die Freundinnen hatten ſich faſt täglich geſehen und ge⸗ ſprochen, aber dieſes Geheimniſſes war nicht erwähnt worden. Sie konnten ſich einander nicht anvertrauen, was ihnen ſelbſt nicht bewußt war; was ſie noch nicht gedacht hatten, ließ ſich nicht in Worte faſſen, fluthete aber unbeſtimmt und geſtaltlos durch das Gemüth. Ja wäre es in Worte ge⸗ faßt worden, Jede hätte es vielleicht geleugnet. Das deutliche Erſcheinen dieſes holden Geiſtes in ſichtbarer Ge⸗ ſtalt, würde ſie erſchreckt haben, obgleich er unſichtbar alle ————— 77 Kammern ihrer Herzen einnehmend, ihnen Troſt und Wonne gewährte. „Wie fieberhaft Deine Hand brennt, Du Liebe!“ ſagte Cäcilie.„Was iſt Dir denn? Biſt Du unwohl?“ „Daſſelbe hat mir heute meine Mutter geſagt,“ er⸗ widerte Alice.„Ich fühle mich ein Wenig ſchwach und ange⸗ griffen, das iſt alles. Ich konnte dieſe Nacht nicht ſchlafenz ich kann niemals ſchlafen, wenn es regnet.“ „Hat es dieſe Nacht geregnet? Ich habe nichts ge⸗ hört.“ „Ja, gegen Mitternacht recht ſtark. Ich hörte ſtun⸗ denlang zu, denn ich liege gern wachend und lauſche den Tropfen, die auf Dach und Blätter fallen. Es verſetzt mich in einen wonnigen Zuſtand von Träumerei, den ich viel mehr liebe, als den Schlaf.“ Cäcilie blickte zärtlich in ihr bleiches Antlitz. Ihre Augen glühten und auf den Wangen brannte jenes purpur⸗ rothe Zeichen, welches ihrer Mutter ſo große Angſt einge⸗ flößt haben würde, daß es vielleicht beſſer für ſie war, blind zu ſein, als ſehend. „Wenn Du das Land der Träume betrittſt, ſo gehſt Du ein in mein Reich. Du weißt, ich bin die Königin dieſes Reiches. Aber ſeit Kurzem habe ich daran gedacht, meinem Throne zu entſagen. Dieſe endloſen Träumereien ſind wirklich zeit⸗ und kraftraubend.“ „Glaubſt Du?“ „Ja, und Herr Kavanagh auch. Wir ſprachen neulich Abend davon, und als ich nachher darüber nachdachte, ſah ich ein, daß er Recht hat.“ Und die Freundinnen beſchloſſen, halb im Ernſt, halb im Scherz, daß von dieſem Tage an, die Gitter ihrer Tagesträumereien geſchloſſen bleiben ſollten. Und geſchloſſen wurden ſie nicht lange darauf; für die Eine durch den Engel des Lebens, für die Andere durch den Engel des Todes! 24. Da man von dem Unternehmen der angekündigten neuen Zeitſchrift nichts weiter hörte, und Herr Churchill folglich ſeiner 150,000 Leſer beraubt war, legte er die wenigen Notizen, welche er zu ſeinen Aufſätzen über die unbekannten Märtyrer geſchrieben hatte, bei Seite, und wandte ſeine Gedanken wiederum dem großen Romane zu. Ein ganzer freier Sonnabend Nachmittag lag vor ihm — lauteres, unverfälſchtes Gold. Bevor er ſeine Aufgabe begann, wanderte er durch den Garten, die ſonnige Luft einzuathmen, und ließ ſeine Gedanken ein Wenig rückwärts gehen, damit ſie deſto größere Sprungkraft bekämen. Als er von dichteriſcher Begeiſterung glühend und ſtrahlend zu⸗ rückkehrte, fand er zu ſeinem unausſprechlichen Verdruß eine unbekannte Dame in ſeinem Armſtuhl ſitzen. Sie war ziem⸗ lich auffallend, doch elegant gekleidet, und trug einen Schleier, den ſie, als Herr Churchill eintrat, zurückſchlug, indem ſie ihre großen, ſchwimmenden Augen auf ihn richtete. „Herr Churchill, wie ich vermuthe,“ ſagte ſie auf⸗ ſtehend und ihm entgegen gebend. „Zu dienen“ erwiederte der Schulmeiſter mit würde⸗ voller Verbeugung. „Erlauben Sie mir,“ fuhr ſie nicht ohne ein gewiſſes ruhiges Selbſtgefühl fort,„erlauben Sie mir, mich Ihnen ſelbſt vorzuſtellen, da es mir an Jemand Beſſerem zu dieſem Zwecke fehlt. Mein Name iſt Cartwright— Clariſſe Cartwrigbt.“ Dieſe Ankündigung brachte nicht die mächtige, urplötz⸗ liche Wirkung auf Herrn Chuͤrchill hervor, welche die Sprecherin zu erwarten, oder wenigſtens zu hoffen ſchien. Seine Augen erglänzten nicht von urplötzlichem Erkennen, noch rief er aus: „Wie! Sind Sie Fräulein Cartwrigbt, die Dichterin, deren reizende Ergüſſe ich in allen Zeitſchriften geſehen habe?“ Er ſah im Gegentheil etwas leer und erwartungs⸗ voll aus, und ſagte nur: „Ich freue mich ſehr, Sie zu ſehen: Bitte, ſetzen Sie ſich.“ — ☛— ——— ⏑⏑— Die junge Dame war deshalb gezwungen, die oben er⸗ wähnte literariſche Nachricht ſelbſt mitzutheilen, was ſie ſehr zierlich that, und dann hinzufügte: „Ich komme, Sie um einen großen Dienſt zu bitten, Herr Churchill, den Sie mir hoffentlich nicht verweigern werden. Auf den Rath einiger Freunde habe ich meine Gedichte geſammelt,“— hier zog ſie ein großes, dünnes, in rothem Sammet gebundenes Buch aus dem Umſchlag hervor,— „und gedenke ſie in einem Bande herauszugeben. Wollen Sie mir nun nicht den Dienſt erweiſen, dieſelben durchzu⸗ ſehen, und mir Ihre aufrichtige Meinung zu ſagen, ob ſie der Veröffentlichung werth ſind? Ich würde Ihren Rath ſehr hoch ſchätzen.“ Dieſer Anforderung an ſeine Eitelkeit, und zugleich an ſeine Artigkeit von einer jungen, ſchönen Damen, welche an dem Rande jenes breiten, gefährlichen Oceans ſtand, in welchem ſo Viele umgekommen ſind, während ſie gedanken⸗ voll über ſeine ſchimmernden Wogen nach den Ufern der grünen Palmeninſel blickten, einer ſolchen Anforderung und von dieſer Dame konnte Herr Churchill unmöglich wider⸗ ſtehen. Er machte indeſſen einen ſchwachen Verſuch, nach irgend einer Entſchuldigung zu haſchen, gab aber endlich nach. Er empfing aus Clariſſa's ſchwachen, zarten Händen den koſtbaren Band, aus ihren Augen aber einen noch koſtbareren Dankesblick, und ſagte dann: „Welchen Namen gedenken Sie dem Buche zu geben?“ „Symphonien der Seele, und andere Gedichte,“ ſagte die junge Dame;„wenn ſie Ihnen gefallen, und es nicht zu viel verlangt iſt, ſo würde es mich unendlich glücklich machen, wenn Sie eine Vorrede ſchreiben wollten, um das Werk bei dem Publikum einzuführen. Der Verleger glaubt, es würde den Abſatz beträchtlich vermehren.“ „Ah, der Verleger! ja. aber das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für Sie ſelbſt,“ fügte Churchill hinzu.„Ich ſehe ſchon die Gedichte ſich gegen die Zudringlichkeit meiner Vorrede auflehnen, und wie eben ſo viele Nonnen eines Kloſters ſich erheben, um den kecken Fuß, der es wagte, ihren hei⸗ ligen Kreis zu betreten, fortzujagen.“ 80 Aber auch dieſer ſchwache Verſuch zu ſcherzen war vergebens, und Widerſpruch nutzlos. Der weichherzige Schulmeiſter unterwarf ſich zum zweitenmale ohne Murren ſeinem Schickſal, und verſprach die Vorrede. Die junge Dame verabſchiedete ſich mit einer Fülle von Dank und Er⸗ röthen, und das zierliche Manuſcript mit der ſchönen Handſchrift und dem rothen Einband verblieb in Herrn Churchill's Händen, der es weniger als ein Paradies von zierlichen Sprüchen, als für eine Verpfändung vieler koſt⸗ barer Stunden ſeiner ohnehin ſchon kärglich zugemeſſenen Muße betrachtete. Als er ſich ſpäter bei ſeiner Frau ein Wenig darüber beſchwerte, welche während der Unterredung durch die Thür hineingeguckt, und da ſie ihn beſchäftigt ſah, ſich augen⸗ blicklich zurückgezogen hatte— ſagte ſie, Niemand als er ſelbſt ſei zu tadeln; er müſſe„Nein“ ſagen lernen, und nicht Alles thun, was jedes kleine Mädchen aus der Pen⸗ ſion von ihm verlange. Als letzte Steigerung ihres Vor⸗ wurfs fügte ſie noch hinzu, ſie glaube, er würde nie ſeinen Roman beginnen, und dächte auch gar nicht daran. 25. Nicht lange darnach machten Kavanagh und Churchill mit einander durch die Felder und grünen Abhänge hinab einen Spaziergang und gingen den ganzen hellen, kurzen Nachmittag. Vom Gipfel des Hügels herab, neben der alten Windmühle, ſahen ſie den Sonnenuntergang, und den aufgehenden Vollmond, thauig, groß und roth. Beim Herabſteigen fühlten ſie die ſchwere Feuchtigkeit der Luft gleich Waſſer aufſteigen und ihnen entgegenkommen,— zuerſt ihre Füße mit Kühle badend, dann die Hände und Geſichter, bis ſie in dieſem Nebelmeer ganz eingetaucht waren. Als ſie auf dem Heimwege den Waldesſaum berühr⸗ ten, und die goldenen Blätter mit Füßen traten, hörten ſie in der Entfernung ſingende Stimmen, ſahen auch 81 Lichter durch die Bäume des Waldes ſchimmern, und näher kommend, vernahmen ſie folgende Worte des Liedes: Hört ihr nicht den Herren kommen, „ „Zu dem alten Kirchhof, „Mit Muſkk, „Mit Muſtk, „Mit Muſik, „Tönend durch die Luft?“ Dieſe zugleich ſchaurigen und komiſchen Worte ſtiegen aus tauſend Kehlen in die ſtille Luft empor, welche von der Erregung und von ſo vielen klopfenden, verwirrten, kämpfenden Herzen erzitterte. Hoch über allen Stimmen hörte man eine, klar und durchdringend wie eine Clarinette. „Die Stimme kenn' ich,“ ſagte Herr Churchill,„es iſt Elder Evans.“ „Ach!“ ſagte Kavanagh, denn auf ihm laſtete nur der Eindruck des Schauders,—„niemals ſpielte er in einem entſetzlicheren Trauerſpiele mit, als in dieſem! Wie ſchrecklich das iſt! Laſſen Sie uns weitergehen.“ Sie eilten weiter— Kavanagh's Nerven erbebten. Schweigend ſchritten ſie fort, hinter ihnen erſtarben die Töne in leiſen Schwingungen. „Wie wunderbar iſt dieſe Schwärmerei!“ ſagte Chur⸗ chill endlich, mehr um ſeinen eigenen Gedanken zu entflieben, als um die Unterhaltung auf's Neue zu beleben.„Dieſe Leute glauben in der That, das Ende der Welt ſei nahe herbeigekommen.“ „Und für Tauſende iſt dies keine Erdichtung— keine Täuſchung einer erhitzten Phantaſie. Heute, morgen, jeden Tag iſt für Tauſende das Ende der Welt herbeigekommen. Und weshalb ſollten wir es fürchten? Wir wandeln hienie⸗ den gleichſam in der Krypte des Lebens. Z weilen können wir die Orgel und den Chorgeſang des großen Domes über uns vernebmen; wir ſehen das Licht durch die offene Thür hereinſtrömen, wenn irgend ein Freund vor uns hinaufgeht; ſollen wir uns alſo fürchten, die enge Grabes⸗ treppe hinaufzuſteigen, die uns aus dieſer Dämmerung zum hellen Hauſe des ewigen Lebens führt?“ Kavanagh. 6 82² Sie erreichten die hölzerne Brücke, welche über den Fluß führte, den das Mondlicht in einen Lichtſtrom ver⸗ wandelte. Ihre Schritte ertönten auf den Planken. Sie gingen vorüber ohne eine weibliche Geſtalt zu bemerken, welche unten im Schatten am Rande des Fluſſes ſtand, gedankenvoll ſeine ununterbrochene Strömung betrachtend. Es war Lucie. Ihr Hut und Shawl lagen zu ihren Füßen; und als ſie vorüber waren, ſchritt ſie weit in das ſeichte Waſſer hinein, legte ſich ſanft in ſeine tieferen Wogen nie⸗ der und ſchwamm langſam im Mondenlicht hinweg, zwiſchen den goldenen Blättern, die verwelkt und gefallen waren, wie ſie ſelbſt,— zwiſchen den Waſſerlilien, deren duftende, weiße Blüthen längſt gebrochen und beſchmutzt waren. Ohne Kampf, ohne Seufzer, ohne Laut, glitt ſie hinab, hinab, und ſank ſtill in den ſtillen Fluß. Fernhin hörte man ſchwach und undeutlich den wilden Geſang, mit ſeiner eigen⸗ thümlichen Melodie: „O klagen wird man, klagen, klagen, klagen. „O klagen wird man vor dem Richterſtuhle Chriſti!“ Kavanaghs Herz war mit Traurigkeit erfüllt. Er ver⸗ ließ Herrn Churchill vor ſeiner Thür und eilte heim. Als er vor ſeiner Kirche vorüberging, konnte er der Verſuchung hineinzutreten nicht widerſtehen. Er ſtieg zu ſeinem Thurm⸗ zimmer hinauf, das vom Mondſchein erleuchtet war. Dort ſaß er und blickte zum Fenſter hinaus, einen fernen, ſchwachen Lichtſchimmer beobachtend, deſſen Schein ihn durch die glänzende, monddurchſtrahlte Luft kaum erreichte. Freund⸗ lichere Gedanken ſtahlen ſich in ſein Herz; etwas unſichtbar Gegenwärtiges beruhigte ihn; eine unſichtbare Hand legte ſich auf ſeine Stirn, und der Sturm, die Unruhe, ſeines Geiſtes verwandelte ſich in Frieden. „Antworte mir, du geheimnißvolle Zukunft,“— rief er aus—„ſage mir, wird ſich Alles meinen Wünſchen fügen?“ Und die geheimnißvolle Zukunft, von ſolchen Wünſchen ausgelegt, antwortete: „Bald ſollſt Du Alles wiſſen. Es wird Dir wohlergehen!“ 83 26. Am folgenden Morgen ſaß Kavanagh wie gewöhnlich in ſeinem Studierzimmer im Thurme. Die Schwere und Düſterkeit des vorhergehenden Abends hatten keine Spuren hinterlaſſen. Es war ein klarer, warmer Morgen, und die nach Süden geöffneten Fenſter ließen den heitern Sonnen⸗ ſchein herein. Kavanagh's Herz war deſſen ungeachtet nicht ruhig. Zuweilen ſtand er von ſeinen Büchern auf und ſchritt ſein kleines Zimmer auf und ab; dann nahm er ſeinen Hut, als wollte er ausgehen, legte ihn wieder hin und nahm abermals die Bücher zur Hand. Endlich ſtand er auf, lehnte ſich über die Fenſterbrüſtung und blickte lange Zeit in die ſich vor ihm ausbreitende Gegend. Gedanken des Zweifels und der Furcht arbeiteten in ſeiner Bruſt, die mit Hoffnung wechſelten, aber ſich jedem feſten Entſchluß wider⸗ ſetzten. 3 Ach, wie anmuthig jene ſchöne Herbſtlandſchaft ihm entgegenlächelte! Die großen, goldenen Ulmen, welche die Straße einfaßten und unter deren Schatten keine Bettler ſaßen; Behaglichkeit und Fülle, Sauberkeit und Gedeihen waren überall ſichtbar; von fernen Scheunen tönten die Dreſchflegel, den Triumphmarſch der Ceres durch das Land ſchlagend; das waren die Ausſichten und Töne, welche ihn begrüßten, als er hinausblickte. Still fielen die gelben Blätter auf die Gräber des Kirchhofes, und der Thau glänzte auf dem noch immer grünen, langen Graſe. Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit von einer Taube gefeſſelt, welche ein kleiner Reiher verfolgte, der ſich be⸗ ſtändig bemühte, über ſie zu kommen, um ſie deſto vortheil⸗ hafter angreifen zu können. Der Anblick der pfeilſchnell durch die Luft fliegenden Vögel war wunderſchön. Als ſie dem Thurme gegenüber waren, wendete ſich die Taube plötzlich, und ſchoß ins offene Fenſter hinein, während ihr Verfolger in langem Schwunge ſeinen Weg fortſetzte und in einem Augenblick dem Geſicht entſchwunden war. Auf den erſten Blick erkannte Kavanagh die Taube, welche keuchend am Boden lag. Es war dieſelbe, welche er 6* 84 Cäcilien von dem kleinen grauen Manne hatte kaufen ſehen. Er nahm ſie in die Hand. Ihr Herz pochte heftig. Um ihren Hals war ein ſeidenes Band geſchlungen; unter ihren Flügeln befand ſich ein Billet, auf dem ein einzig Wort ſtand:„Cäcilia“. Der Vogel war gerade auf ſeinem Wege zu Cäcilie Vaughan. Kavanagh begrüßte die Vorbedeutung als eine günſtige, ſchloß ſogleich das Fenſter, ſetzte ſich an den Tiſch, und ſchrieb wenige eilige Worte, welche er, nachdem ſie ſorgfältig zuſammengelegt und geſiegelt waren, an dem Bande befeſtigte. Darauf öffnete er ſchnell, als fürchte er, jedes Zögern könnte ſeine Abſicht ändern, das Fenſter, und ſetzte die Taube in Freiheit. Sie flog zwei bis drei Mal rings um den Thurm, anſcheinend ungewiß und verwirrt, oder noch voll Furcht vor ihrem Verfolger. Dann, ſtatt ihren Weg über die Felder zu Cäcilie Vaughan zu nehmen, ſchoß ſie über die Dächer, und ließ ſich vor Alice Archer's Fenſter nieder. Da Alice Cäcilien eben etwas Dringendes und Ver⸗ trauliches mitgetheilt, erwartete ſie bereits die Antwort; und nicht zweifelnd, daß die Taube ſie gebracht, löſte ſie eilig das ſeidene Band, und ohne die Aufſchrift zu be⸗ trachten, öffnete ſie den erſten Zettel, welcher auf den Tiſch fiel. Der Inhalt war ſehr kurz, nur wenige Zeilen ohne Namen; Liebesbetheuerungen und Seufzer; jede Zeile in elektriſchem Feuer erzitternd— jedes Wort ein Pulsſchlag des Herzens deſſen, der es ſchrieb. Gezeichnet war es „Arthur Kavanagh“. Ueberwältigt von der unerwarteten, heftigen Bewegung ihres Herzens, ſaß Alice lange Zeit regungslos da, den offenen Brief in der Hand haltend. Dann las ſie ihn noch einmal, und verſank aufs Neue in ihren Traum der Freude und des Staunens. Es würde ſchwer zu ſagen ſein, welche der beiden heftigen Gemüthsbewegungen die größere war,— ihre Freude, daß ihr Gebet um Liebe er⸗ hört, noch dazu auf dieſe Weiſe erhört werden,— oder ihre Verwunderung, daß Kavanagh ſie gewählt haben ſollte! In der Verwirrung ihrer Gefühle, und kaum be⸗ denkend was ſie that, faltete ſie das Brieſchen und ſteckte es wieder in den Umſchlag. Da fielen ihre Augen zum — — erſten Mal auf die Aufſchrift. Sie lautete an:„Cäcilie Vaughan“. Alice ſank ohnmächtig zuſammen. Als ſie wieder zu ſich kam, war ihr erſtes Beginnen eine Heldenthat. Sie ſiegelte den Brief, befeſtigte ihn um den Hals der Taube und ſandte den erfreuten Boten auf die Reiſe. Dann ließ ſie ihren Gefühlen freien Lauf und weinte lange und bitterlich. Mit verzweifelter Ruhe ver⸗ bannte ſie endlich ihre eigene Schwäche und Selbſtſucht, und fühlte, daß ſie ſich über das Glück ihrer Freundin freuen und ihr die eigene Neigung, ja das Leben ſelbſt opfern müſſe. Ihr Herz ſprach Kavanagh von jedem Tadel frei. Er hatte ſie nicht getäuſcht, ſie hatte ſich ſelbſt be⸗ trogen. Sie allein war zu tadeln; und in tiefer Demuth, mit verwundetem Stolze, verwundeter Liebe und in äußer⸗ ſter Selbſterniedrigung beugte ſie ihr Haupt und betete um Troſt und Stärke. Ein Troſt war ihr ſchon geworden,— das Gebeim⸗ niß war noch ihr Eigenthum. Sie hatte es ſelbſt Kava⸗ nagh nicht enthüllt,— und Kavanagh ahnte es nicht. Oeffentliche Neugierde, öffentliches Mitleid hatte ſie alſo nicht zu fürchten. Sie war ergeben. Sie brachte ſich heldenmüthig ſelbſt zum Opfer, ihren Kummer dem großen Arzte Zeit über⸗ laſſend, der Pflegerin der Sorge, der Heilerin aller Schmer⸗ zen, der Tröſterin jedes Kummers. Und von der Zeit an wurde ſie für Kavanagh was der Mond der Sonne iſt, der ihr immer folgt, doch ewig von ihr getrennt und ewig traurig iſt. Wie ein Reiſender, der im Begriffe ſteht ſeine Reiſe anzutreten, entſchloſſen und dennoch ſchwankend die Wolken betrachtet, und den Kampf zwiſchen Sonnenſchein und Re⸗ genſchauer beobachtend ſagt:„Es wird ſchön werden, ich will gehen,“— und wieder:„Ach nein, noch nicht; der Regen iſt noch nicht vorüber,“— ſo ſaß zu derſelben Stunde Cäcilia Vaughan, entſchloſſen und doch ſchwankend, voller Sehnſucht, ſich auf die ſchöne Reiſe zu begeben, welche ihr bevorſtand, und doch auf der heimathlichen Schwelle zö⸗ gernd, als wünſchte ſie zu gehen und zu bleiben, da ſie 86 ſah, daß der Himmel nicht ohne Wolken, noch der Weg ohne Gefahren war. Welch ein ſchönes Bild, als ſie ſo da ſaß, von ſüßer Verwirrung übergoſſen, und von himmliſchem Glanze ver⸗ klärt! So glich ſie der Sybille von Guercino mit der Schick⸗ ſalsrolle und der erhobenen Feder. Die Rolle enthielt nur drei Worte, in denen das Geſchick eines Menſchen lag, und die durch ihren holden Sinn auf ewig den Strom ſeiner Gedanken beherrſchten. Sie hießen,— „Komm zu mir!“ Dieſe zauberiſchen Worte führten Kavanagh an ihre Seite. Die ganz erfüllte Seele iſt ſtumm. Nur die ſtei⸗ genden und fallenden Fluthen rauſchen murmelnd durch ihre Kanäle. So ſaßen die Liebenden Hand in Hand. Sie ſprachen weder, noch fühlten ſie das Bedürfniß der Worte. 27. Nachmittags ging Cäcilie zu Alicen, um ihr mit eige⸗ nem Munde die Neutgkeit mitzutheilen, welche ſie für zu wichtig hielt, als daß ſie der Brieftaube anvertraut werden könnte. Eben als ſie zur Thür hineintrat, kam der freund⸗ liche Doktor heraus; aber das war weder eine ungewöhn⸗ liche, noch beſorgnißerregende Erſcheinung. Frau Archer ſaß nach ihrer Gewohnheit in dem kleinen Wohnzimmer, mit ihrer abgelebten, alten Nachbarin, die faſt ihren Wohn⸗ ſitz unter dieſem Dache aufgeſchlagen zu haben ſchien, ſo viele Stunden des Tages brachte ſie unter demſelben zu. Mit leichten, elaſtiſchen Schritten hüpfte Cäcilie die Treppe zu Alicens Zimmer hinauf. Sie fand ſie erhitzt und aufgeregt in ihrem großen Lehnſtuhl ruhend. Sie ließ ſich an ihrer Seite nieder, nahm Alicens Hände in die ihren, und ſagte mit bewegter Stimme: „Meine theuerſte Alice, ich bringe Dir eine Nachricht mit, die Dich gewiß geſund machen wird. Du wirſt, wenn Du alles hörſt, ſchon um meinetwillen nicht länger krank ſein. Ich bin mit Kavanagh verlobt!“ Alice heuchelte keine Ueberraſchung bei dieſer Anzeige. Sie erwiderte den warmen Druck von Cäciliens Hand, und ihr zaͤrtlich in's Geſicht ſehend antwortete ſie ruhig: „Ich wußte, daß es ſo kommen mußte. Ich wußte, daß er Dich, und Du ihn liebteſt.“ „Wie konnte ich anders?“ ſagte Cäcilie, während ihre Augen in feuchtem Glanze ſtrahlten.„Kann man anders als ihn lieben?“ „Nein,“ ſagte Alice, ihre Arme um Cäciliens Nacken ſchlingend, und den Kopf an ihre Schulter lehnend;„wenig⸗ ſtens Die nicht, welche er wieder liebt. Aber wie kam es? Erzähle mir Alles, Du Liebe!“ Cäcilie war überraſcht, und vielleicht ein wenig verletzt von der ruhigen, faſt gleichgültigen Art, mit welcher ihre Freundin dieſe Nachricht aufnahm. Sie hatte Ausrufungen des Erſtaunens und Entzückens erwartet, und eine eben ſolche Gluth der Aufregung wie die, mit welcher ſie jeden⸗ falls die Nachricht von Alicens Verlobung begrüßt haben würde. Aber dieſer augenblickliche Verdruß wurde bald von ihren eignen freudigen Gefühlen verdrängt, als ſie begann, die tauſend kleinen Vorfälle, welche die Entwickelung ihrer und Kavanagh's Liebe bezeichneten, ihrer Freundin ins Ge⸗ dächtniß zurückzurufen, Alles Dinge, die dieſe nothwendig bemerkt haben mußte, und nicht vergeſſen haben konnte. Zuweilen flocht ſie Fragen ein, wie:„Erinnerſt Du Dich wohl?“ oder:„Ich bin überzeugt, Du haſt es nicht ver⸗ geſſen, nicht wahr?“ Und dann entſtanden auch träumeriſche Pauſen, in denen nur Seufzer gehört wurden. Sie er⸗ zählte ihr auch das gefährliche Abenteuer der Brieftaube, wie ſie von dem grauſamen Stößer verfolgt ſich in Kava⸗ nagh's Thurm geflüchtet hatte und der Träger ſeines Briefes ſowol, als des ihren geworden war. Als ſie ge⸗ endet hatte, fühlte ſie ihre Bruſt von Alicens Thränen be⸗ netzt, die ein wahres Märtyrerthum an dieſem weichen, glückerfüllten Herzen litt. Bittere Thränen— blutige Thrãä⸗ nen! Cäcilie hielt ſie in der frohlockenden Stimmung ihrer 88 Seele für Freudenthränen, drückte Alice nur um ſo feſter an's Herz, und küßte und liebkoſte ſie. „Ach, wie glücklich biſt Du, Cäcilie!“ ſeufzte endlich die arme Dulderin, in dem halb klagenden Ton, der Cä⸗ cilien nicht fremd war.„Wie glücklich biſt Du, und wie ſeend ich! Dein iſt alle Freudigkeit des Lebens, und mein eline ganze Traurigkeit. Wie wenig wirſt Du jetzt an mich denken! Ich werde Dir Nichts mehr ſein, und Du wirſt mich vergeſſen!“ „Niemals, Du Einzige!“ rief Cäcilie mit Wärme und Aufrichtigkeit aus.„Ich werde Dich nur um ſo mehr lie⸗ ben. Beide werden wir Dich lieben. Du wirſt nun zwei Freunde ſtatt eines haben.“— „Ja, aber beide werden nicht der Einen gleich kom⸗ men, die ich verliere. Nein, Cäcilie, täuſchen wir uns nicht ſelbſt. Ich thue es nicht. Du kannſt jetzt nicht mehr ſo oft und viel um mich ſein, als früher, und kämeſt Du, ſo würden doch Deine Gedanken anderswo ſein als hier. Ach, gerade als ich ihrer am meiſten bedurfte, habe ich meine Freundin verloren.“ Cäcilie verſuchte eifrig und ernſtlich ſie vom Gegentheil zu überzeugen, und theilte Alicen ihren kleinen Lebensplan mit, nach welchem ihre romantiſche Freundſchaft neue Kraft und Schönheit von der noch romantiſcheren Liebe erhielt. Sie wurde durch ein Klopfen an der Hausthür unterbrochen, hielt einen Augenblick inne, und ſagte dann: „Das iſt Arthur, er wollte mich abholen.“ Ach, welch ein Blick in die Häuslichkeit, auf den hei⸗ miſchen Heerd und auf das ganze glückſelige Leben Cäci⸗ liens enthüllte ſich in dem Einen Liebesworte:„Arthur!“ und welcher Schickſalsſpruch für Alice! welcher namenloſe Kummer! welch endloſer Kampf zwiſchen Liebe, Freundſchaft, Pflicht und Neigung! Ein leiſes Zucken der Augenlieder und Hände, ein haſtiger Verſuch ihr Haupt von Caäciliens Schulter empor⸗ zuheben,— das waren die einzigen äußeren Zeichen ihres Seelenſchmerzes. Aber ein fürchterliches Weh durchſchnitt ihr Herz, ihr Blut ſtrömte wirbelnd nach dem Kopfe; und als Cäcilie mit liebeſtrahlendem Antlitz und gehobener Hal⸗ 89 tung Abſchied von Alicen genommen, als würde ſie von Engeln emporgetragen, ſank jene in ihren Armſtuhl zurück, auf's Aeußerſte ermattet, ohnmächtig, fürchtend, verſchmach⸗ tend und ſich den Tod wünſchend. Unten aber ſaßen die beiden alten Frauen, erzählten ſich von Motten, billigem Hausgeräth, und was das beſte Mittel gegen den Rheumatismus ſei. Von der Thür hin⸗ weg aber wandelten zwei glückliche Herzen, die neben ein⸗ ander mit den Pulsſchlägen der Jugend, Hoffnung und Freude klopften, und in ihnen und über ihnen war ein neuer Himmel, eine neue Erde! Nur wer in einer kleinen Stadt gewohnt hat, weiß, welch großes Ereigniß dort eine neue Verlobung iſt. Von Nund zu Mund fliegt die ſchnelle Loſung; von Auge zu Auge blitzt das Leuchtfeuer der Freude oder das Feuerzeichen des Aufruhrs; die Straßen und Häuſer widerhallen davon, wie von dem Alles durchdringenden Tone der Kirchenglocken; die ganze Gemeinde fühlt eine ſympathetiſche Regung, und ſcheint ſich Glück zu wünſchen, daß die großen Ereigniſſe keineswegs bloß den großen Städten vorbehalten ſind. Wie Cäcilie und Kavanagh ſo Arm in Arm durch den Ort gingen, beobachtete ſie manches neugierige Auge vom Fenſter aus, manches kalt gewordene Herz zündete ſein häusliches Liebesfeuer an dem goldenen Gottesaltare wieder an, der von jenen reinen, heiligen Händen durch die Straßen ge⸗ tragen wurde! Die Nachricht von der Verlobung wurde indeſſen von den verſchiedenen Perſonen ſehr verſchieden aufgenommen. Frau Wilmerdings wunderte ſich ihrerſeits, daß irgend Je⸗ mand Luſt habe ſich zu verheirathen. Der kleine Vogel⸗ händler ſagte, er hätte gewußt, daß es ſo kommen würde, von dem Tage an, wo ſie ſich in ſeinem Vogelhauſe ge⸗ troffen hätten. Fräulein Hawkins verlor plötzlich viel von ihrer Frömmigkeit und ihre ganze Geduld, und lachte faſt krampfhaft. Herr Hawkins hielt es für unmöglich, ging aber heimlich zu einem Freunde, einem alten Junggeſellen, um ihn nach dem beſten Mittel gegen die Liebe zu fragen, und der alte Junggeſell rieth ihm ernſtlich, gleich Einem, 90 der tief in ſolche Dinge eingeweiht iſt, der Dame nur wie einer ſchönen Statue zu gedenken! Noch einmal nahm die unermüdliche Schülerin ihre Feder zur Hand und ſchrieb ihrer fernen Freundin einen Brief, der mit der berühmten Epiſtel der Frau von Sévigné an ihre Tochter wetteifern konnte, in welcher die Verlobung von Mademoiſelle Montpenſier verkündigt wird. Auf der ganzen erſten Seite ſchrieb ſie ihr, ſie möchte rathen, wer die Dame ſei, auf der zweiten, wer der Herr ſei; auf der dritten las man alles, was im Orte darüber geſagt wurde, und auf der vierten ſtanden zwei Nachſchriften, eine oben, die andere am Schluß; die erſte theilte mit, daß ſie im Frühjahr Hochzeit machen, und gleich darauf nach Italien gehen würden; die zweite ſagte, daß Alice Archer gefährlich krank am Fieber darnieder läge. Was die Churchill's betraf, ſo konnten ſie nicht Worte finden, um ihr Entzücken auszudrücken, offenbarten es aber am Dankfeſt durch ein Gaſtmahl, von welchem die Frau alle Sorge, der Mann alles Vergnügen hatte. Damit die Bewirthung der feſtlichen Gelegenheit angemeſſen ſei, ſchrieb Herr Churchill nach der Stadt um das beſte Kochbuch, und der Buchhändler, welcher den Auftrag in ſeiner vollen Aus⸗ dehnung ausführte, ſandte ihm die„Praktiſche Anleitung zur Kochkunſt in allen ihren Zweigen, von Frescatelli, Schüler des berühmten Careme, und erſtem Mundkoch Ihrer Majeſtät der Königin,“ ein umfangreiches Werk, mit zahl⸗ reichen Kupfern und einem Anhange von Küchenzetteln für alle Monate des Jahres und jede Perſonenzahl. Dieſes große Werk wurde pflichtmäßig Abend für Abend ſtudirt, und Churchill geſtand ſeiner Frau, obgleich ihn anfangs der Umfang des Buches erſchreckt habe, erfreue es ihn doch ſehr, und es ſei ihm angenehm, im Geiſte bei ſo vielen Feſtlichkeiten gegenwärtig ſein zu können, und der Königin gegenüber zu ſitzen, ohne die Kleider, oder den Ton ſeiner Unterhaltung wechſeln zu müſſen. Die Stunde des Mittagseſſens, ſo wie das Mahl ſelbſt wurden vielfach beſprochen. Herr Churchill ſtimmte für die gewohnliche Stunde, ein Uhr, aber ſeine Frau hielt es eine Stunde ſpäter für paſſender, worauf er bemerkte: 91 „König Heinrich VIII. aß um zehn Uhr zu Mittag, und um vier Uhr zu Abend. Die Ehrendamen ſeiner Ge⸗ mahlin bekamen ein Maaß Bier, und eine Scheibe Rind⸗ fleiſch zum Frühſtück!“ Seine Frau antwortete darauf: „Ich denke, wir werden etwas Beſſeres haben.“ Sodann wurde der Tag beſprochen, an welchem das Gaſtmahl Statt finden ſollte, und Beide kamen überein, daß kein Tag paſſender ſein könnte, als das Dankfeſt; denn wie Frau Churchill ſehr richtig bemerkte, es war wirk⸗ lich ein Dankfeſt für Kavanagh. Sie fügte noch hinzu: „Wie feierlich er geſtern des Statthalters Bekannt⸗ machung verlas! beſonders die Worte: Gott ſegne den Staat Maſſachuſetts! Und was für eine Bekanntmachung war das! Wie er ſie über die Kanzel breitete, ſah ſie aus wie ein Tiſchtuch.“ Nachdem endlich die Vorbereitungen zu Ende waren, wurde das Mittagseſſen vom Stapel gelaſſen. Da nur ſechs Gäſte gegenwärtig waren, und das Diner auf vier und zwanzig Perſonen berechnet war, nach ruſſiſchem Styl im November, ſo fiel es ſehr reichlich aus. Es begann mit einer soupe à la Colbert, und endete mit einer Mehlſpeiſe à la Nesselrode; doch da während des Eſſens die franzöſiſchen Namen der verſchiedenen Gerichte nicht erwähnt, ſondern der Hammelbraten, die rothen Rüben und der Eierkuchen alle bei ihrem engliſchen Vatersnamen genannt wurden, ſo erſchien das Diner auf dem Tiſche weit weniger prachtvoll, als auf dem Küchenzettel, und die Gäͤſte waren ſich nicht vollſtändig bewußt, welches prächtigen Feſtmahls ſie ſich eigentlich erfreuten. Die Fröhlichkeit des Tages wurde durch keinen unangenehmen Zufall geſtört; ob⸗ gleich Herr Churchill ein oder zwei Mal ſehr verdrießlich war, über Musje Alfred, der ſeinerſeits die Gäſte ſehr be⸗ luſtigte. Man hatte ihm erlaubt, bei der Feſtlichkeit gegen⸗ wärtig zu ſein, und er verkündete ziemlich laut alles was kam, lange bevor es erſchien. Als das Mittageſſen vorüber war, erinnerten ſich mehrere der Gäſte alle der paſſenden und geiſtvollen Unterhaltungen, die ſie geführt haben könnten, und waren erſtaunt über ihre Gedankenloſigkeit, die ſie ver⸗ hindert hatte, bei Zeiten daran zu denken. Als ſie fort waren, geſtand Churchill ſeiner Frau, er habe ſich ſehr be⸗ luſtigt, und würde gern alle Wochen ſeine Freunde zu ei⸗ nem ſolchen Mittagseſſen einladen. 28. Der erſte Schnee kam. Wie ſchön war er nicht, als er ſo ſtill den lieben langen Tag, die ganze Nacht auf die Berge und Wieſen, auf die Dächer der Lebendigen und die Gräber der Todten herabfiel!— Alles war weiß, ausge⸗ nommen der Fluß, welcher ſeinen Lauf durch die Landſchaft mit einer ſchwarzen Schlangenlinie bezeichnete. Die ent⸗ blätterten Bäume, welche jetzt gegen die dunkeln Wolken⸗ maſſen die wundervolle Schönheit ihres Geäſtes noch deut⸗ licher zeigten! Welche Stille und welche Abgeſchloſſenheit kam mit dem Schnee! Jeder Ton war gedämpft, jedes Geräuſch hatte etwas Sanftes und Muſikaliſches. Keine ſchallenden Hufe,— keine raſſelnden Räder! Nur das klingende Schlit⸗ tengeläute, welches ſo luſtig und munter klopfte, wie die Herzen der Kinder. Den ganzen Tag und die ganze Nacht fiel der Schnee auf das Dorf und den Kirchhof; auf die glückliche Behau⸗ ſung Cäcilie Vaughans, auf das einſame Grab Alice Ar⸗ chers! Ja, denn noch ehe der Winter kam war ſie einge⸗ gangen in das Land, wo es keinen Winter giebt. Sie war todt, und mit ihr war ihr heimlicher Gram und ihre heimliche Liebe geſtorben. Kavanagh erfuhr nie, welch ein Schatz von Liebe ihm für dieſes Leben verloren ging, als ſie ſchied; Cäcilie erfuhr niemals, welche treue Freundſchaft, welch' ſeltene Seelengröße und engelhafte Geduld mit ihr ins Grab geſunken war; Herr Churchill ahnte nicht, daß während er in der Vergangenheit nach der Geſchichte der unbekannten Märtyrer forſchte, in ſeinem eignen Dorfe, nahe ſeiner Hausthür, vor ſeinen Augen, ein Glied jenes be⸗ als die die ge⸗ haft ent⸗ ken⸗ eut⸗ mit uſch den lit⸗ die nee aul⸗ Ar⸗ ige⸗ Sie ihre ein als aft, ihr daß der ife, mes ſchweigenden Bundes unbemerkt ins Meer der Vergeſſenheit geſunken war. Wie oft, ach, wie oft liegt nur der kürzeſte Zeitraum, die kleinſte Entfernung zwiſchen unſrem Herzenswunſch und ſeiner Erfüllung, und doch bleibt der Wunſch auf ewig un⸗ erfüllt. Die Erfüllung iſt ſo nahe, daß wir ſie mit Hän⸗ den greifen könnten, und doch ſo fern, daß das Auge ſie nicht gewahr wird. Was Churchill am meiſten wünſchte, war vor ihm. Der Roman, den er zu erſinnen und nie⸗ derzuſchreiben ſich ſehnte, hatte ſich in ſeiner Nachbarſchaft wirklich zugetragen. Er war gleichſam als Bild in den Rahmen ſeines Lebens eingefaßt, und von ſeiner eigenen Erfahrung umſchloſſen. Aber er konnte ihn nicht als etwas außer ihm Stehendes betrachten, und während er nach et⸗ was Fernem, Fremdartigem und Ungewiſſem forſchte, ent⸗ gingen ihm die nächſten Ereigniſſe der Liebe und des Todes. Alles das lag ihm zu nahe, um von der Einbildungskraft mit dem goldenen Duft der Romantik umgeben zu werden; denn das Bekannte erſcheint alltäglich, und nur das Ferne, Unbekannte, erfüllt und befriedigt den Geiſt. Der Winter ging nicht ohne ſeine eigenthümlichen Ver⸗ gnügungen und Erholungen vorüber. Das Kniſtern des großen Holzfeuers, das Sauſen des Windes im Kamin, als wären Orgelpfeifen darin, der Glanz des fleckenloſen Schnee's, die purpurne Wand, welche ſich beim Sonnen⸗ untergange am Horizonte baute, die das Meer erſetzenden Pinien, mit den Klagen der Wogen in ihren Zweigen, auf denen der Schnee wie ein aufgerolltes Segel liegt; die Nordlichter, die ſtählernen Sterne, das überirdiſche Mond⸗ licht, und die lieblichen Schatten der Bäume auf dem Schnee,— dies Alles ging nicht unbemerkt und unge⸗ noſſen vorüber. Jedes Einzelne machte Eindruck auf Chur⸗ chills Herz. Seine Spaziergänge in der Dämmerung, ſeine langen Streifereien am Sonnabend Nachmittag waren wieder ein⸗ ſam geworden; denn Kavanagh war zu ſolchen Zwecken für ihn verloren, und ſeine Frau war eine von denen, die nie ſpazieren gehen. Zuweilen ging er an das Ufer des ge⸗ frornen Fluſſes hinab und ſah die Landleute mit ihren 94 ſchwer beladenen Schlitten darüber fahren, und den Fair⸗ meadower Schooner im Eiſe eingebettet. Er dachte an die lappländiſchen Schlitten, und die Geſänge von Kulnaſaz, an die abgetakelten, eisumſchloſſenen Schiffe der Nordpol⸗ fahrer. Zuweilen ging er auch nach dem benachbarten See, und ſah die Schlittſchuhläufer im Kreiſe um ihr Feuer lau⸗ fen und vor dem Winde fliehen; da entſtiegen ſeiner Ein⸗ bildungskraft die Bilder norwegiſcher Schlittſchuhläufer, welche die Nachricht von Konig Karls Tode von Frederiks⸗ hall nach Drontheim brachten, und die des Rückzuges des ſchwediſchen Heere as in ſeinen ungeheizten Zelten in den Bergen erfre Er ſah auch dem Aufhauen des ECiſes zu, und wie die Pferde die ungeheuern Blöcke nach den Vorrathshäuſern zogen. Er verglich ſie den griechiſchen Maulthieren, welche den Schnee des Parnaſſus in Körben, die durch Oleander⸗ und Rhododendron⸗Zweige vor den Sonnenſtrahlen geſchützt waren, auf den Markt nach Athen brachten.. Seine übrigen Mußeſtunden verwandte er zu allem Möglichen, nur nicht zu ſeinem Roman. Das Leſen der Zeitung nahm täglich ſehr viel Zeit in Anſpruch, weil man, wie er ſagte, mit der Zeit fortſchreiten müſſe. Noch mehr Muße verwandte er zu einem Zeitungsaufſatze über die Frage:„was aus Lady Macbeth hätte werden können, wenn ihre Thatkraft richtig geleitet worden wäre.“ Auch machte er einige kleine Fortſchritte in einer poetiſchen Rechen⸗ kunſt, welche auf Bhascara begründet war. Sie blieb aber wieder liegen, weil die Schuldeputation ſie nicht für prak⸗ tiſch genug hielt, und ihm einen unzweideutigen Wink gab, daß es beſſer ſei, bei der alten Lehrart zu verbleiben. Wieder trat das Bild des großen Romanes vor ſeine Seele, wie eine prächtige und wunderbare Luftſpiegelung in der Wüſte. * 29. Die Hochzeit fand erſt im Frühjahr Statt, und darauf reiſten Kavanagh und Cäcilie nach dem Oſten ab,— eine heilige Sendung, gleich der der Apoſtel zu den ſieben Kir⸗ chen der Chriſtenheit. Er hoffte Gelegenheit zu finden, in viele fromme Herzen die Wünſche und Ahnungen zu ſäen, welche ſein eigenes Gemüth in Betreff der Vereinigung aller Sekten zu einer allgemeinen chriſtlichen Kirche erfüllten. Sie wollten nur Ein Jahr fortbleiben,— und blieben drei Jahre. Ihre Freunde glaubten, ſie würden nie wieder⸗ kehren. Endlich aber kamen ſie— die lang Abweſenden, heiß Erſehnten— umgeben von dem wonnigen Hauch der Reiſe, jener heiteren, ſonnigen Atmoſphäre und ſanften, italiſchen Luft, welche zurückkehrende Reiſende immer um⸗ weht. Es war Nacht, als ſie Fairmeadow erreichten, und ſie konnten nicht bemerken, wie es ſich in ihrer Abweſenheit verändert, wie es ſich erweitert und verſchönert,— wie es ſich aufgeblaſen und mit allerlei flittrigen und prah⸗ leriſchen Zierrathen ausſtaffirt hatte,— wie es daſtand, im Kreiſe gebaut, roth ſtrahlend im Ziegelſchmuck, gleich einem ſtattlichen Herrn, der ſich mit dem Rücken an's Ka⸗ min lehnt und beide Hände in die Taſchen ſteckt, warm, ſchlagflüſſig, breit und mit der vortheilhafteſten Meinung von ſich ſelbſt ausgeſtattet;— das Alles ſahen ſie in der Dunkelheit nicht; aber Kavanagh bemerkte dies und noch mehr, als er am folgenden Morgen ausging. Wie klopfte Cäcilien's Herz, als ſie den Baumgang zu dem alten Hauſe hinauffuhren! Der die Nacht durch— dringende Pinienduft, das einſame Licht in ihres Vaters Zimmer, das bekannte Bellen des Haushundes Major bei dem Raſſeln der Räder, erweckte zugleich neue und alte Gefühle. Eine ſüße Verwirrung der Gedanken, eine wun⸗ derbare Vertrautheit, und ein nicht weniger angenehmes Fremdſein! Das Zurückziehen des ſchweren Riegels, das Knarren des meſſingnen Klopfers, als die Thür geſchloſſen wurde, war ein Echo aus ihrer Kindheit. Herrn Vaughan fanden ſie wie gewöhnlich in ſeinem Studirzimmer, mitten 96 unter ſeinen Papieren;— derſelbe ſanfte, weißhaarige Mann, kaum einen Tag älter, als da ſienihn verließen. Ihr ganzer Aufenthalt in Italien erſchien Cäcilien ein Traum, und die Erinnerung daran verſchwand,— ſelbſt Kavanagh war für den Augenblick vergeſſen. Sie war ganz Tochter— nicht Weib;— ſie war nicht verheirathet, und nie in Italien geweſen. Morgens ſtreifte Kavanagh herum, das Fairmeadow ſeiner Erinnerung zu ſuchen, fand es aber nicht. Die Ei⸗ ſenbahn hatte es vollſtändig verändert. Das einfache Dorf war eine etwas frühreife Stadt geworden. Neue Läden mit neuen Namen über den Thüren; neue Straßen mit neuen Geſtalten und Geſichtern darin,— kurz, die ganze Stadt ſchien von einem fremden Belagerungsheere einge⸗ nommen und beſetzt zu ſein. Nichts war unverändert als das Arbeitshaus, welches einſam auf dem Weidelande am Fluſſe ſtand; und am Ende der Straße— das Schulhaus, jenes andere Arbeitshaus, wo wir in der Kindheit das Tauwerk unſres Verſtandes auflöſen und loswickeln, damit wir ſpäter im Leben nicht gezwungen ſeien, das wirkliche Tauwerk alter Schiffe aufzutrennen! Kavanagh wandte ſich voller Verzweiflung von der Hauptſtraße einer kleinen grünen Gaſſe zu, wo nur wenige Häuſer ſtanden, und wo der Hagedorn noch immer über die alte Steinmauer nickte,— ein Ort, den er wegen ſeiner Ruhe und Einſamkeit ehedem ſehr geliebt hatte. Kavanagh ſchien wieder in ſein altes Reich der Träume eingezogen zu ſein, und ging, den Hut tief ins Geſicht gedrückt, wei⸗ ter. Er war nicht weit gekommen, als er durch eine ſcharfe, laute Frauenſtimme aus ſeinen Träumen aufgeſchreckt wurde. Sie rief ihm von der andern Seite der Straße zu, und aufblickend gewahrte er ein kleines Häuschen, an deſſen Wand eine Leiter lehnte, auf welcher die Frau ſtand, deren Stimme er gehört hatte. Ihr Geſicht war von einem gro⸗ ßen Ginghamhut beſchattet; in der rechten Hand hielt ſie einen Pinſel, mit welchem ſie die Vorderſeite ihres Hauſes anſtrich, als ſie durch Kavanaghs Kommen unterbrochen wurde. Dieſer glaubte ſich angerufen, und da er nicht verſtanden hatte, was ſie ſagte, ging er eilig hinüber um ihr beizuſtehen. Als ſie dieſe Bewegung ſah, wurde ihr Ton lauter und entſchiedener, und Kavanagh konnte nun hören, daß ihr Zuruf eher eine Warnung als eine Ein⸗ ladung war. „Fort da!“ rief ſie, ihren Pinſel ſchwingend—„fort da! Warum kommen Sie herüber, wenn ich hier auf der Leiter ſtehe, und mein Haus anſtreiche? Wenn Sie nicht augenblicklich geradeswegs Ihren Geſchäften nachgehen, ſo ſteige ich herunter und—“ „Wie, Jungfer Mancheſter!“ rief Kavanagh aus, „wie konnte ich mir einfallen laſſen, daß Sie gerade die Leiter hinaufklettern würden, wenn ich die Straße herab⸗ komme?“ „Ei, was ſeh' ich? Iſt das nicht Herr Kavanagh?““ Und ſie polterte die Leiter rückwärts hinab, mit ſo vieler Grazie, als die Umſtände erlaubten. Auch ſie, wie alle Freunde Kavanaghs in dem Orte, zeigte Spuren des Alters. Die vorüberziehenden Jahre hatten zum Theil den Glanz ihres Auges getrübt und Spuren auf den Wangen hinterlaſſen, wie die Vögel, welche aus dem Quell trinken, dem Ufer ihre Fußtapfen aufdrücken. Aber das freundliche Lächeln blieb, und erinnerte ihn an vergangene Zeiten, in denen ſie ihm gewöhnlich die Thür des düſtern Hauſes un⸗ ter den Pappeln geöffnet hatte. Vielerlei hatte ſie zu fragen und zu erzählen. Eine volle halbe Stunde lang ſtand Kavanagh über den Garten⸗ zaun gelehnt, während ſie unter den Stockroſen ſtehen blieb, ſo ſtattlich und roth wie die Blüthen ſelbſt. Als er fortging, gab ſie ihm eine Blume für ſeine Frau, und als er ihr kaum aus dem Geſichte war, erklomm ſie wieder die gefährliche Leiter und nahm ihre Freskomalerei wieder auf. Trotz aller Schickſalsſchläge dieſer letzten Jahre, war Sally doch ihren Grundſätzen und Entſchlüſſen treu geblie⸗ ben. Nach Frau Archer's Tode, die bald nach Kavanagh's Hochzeit ſtarb, hatte ſie ſich in dies kleine Häuschen zurück⸗ gezogen, welches ſie von ihren Erſparniſſen gekauft und Kavanagh. 7 98 ausgebaut hatte. Obgleich Silas, Herrn Vaughan's Be⸗ dienter, oft um ſie angehalten hatte, und ſeine Gefühle in die ſommerliche Abendluft hauchte, ſo weigerte ſie ſich doch entſchieden, ſich zu verheirathen. Vergebens ſandte er ihr mit ſeinem Blute geſchriebene Briefe,— zu welchem Zwecke er baarfuß durch einen Sumpf ging, um ſich von Blutigeln beißen zu laſſen, und ſeine Füße dann als Tintefäſſer zu gebrauchen:— ſie ſchlug ihn immer wieder aus. Kam es daher, daß in irgend einer Putzſtube ihres Herzens noch immer das Bild des Zahnarztes hing? Ach nein! Einigen Herzen iſt es verliehen, der Jugend die duftenden Blüthen junger Wünſche zu treiben, Andere ſind durch einen ge⸗ heimnißvollen Schickſalsſpruch verurtheilt, von dem eiſigen Winde, der über das fahle Alltagsleben weht, in ihrer Frühlingsblüthe zurückgehalten zu werden. So erging es Sally's Wünſchen und Liebesgedanken. Die Furcht über⸗ ſtieg jetzt die Hoffnung, und unverheirathet zu ſterben war für ſie eine Beſtimmung, der ſie ſich nicht zu entziehen wagte. Durch ſeine lange Unterredung mit Jungfer Mancheſter hatte Kavanagh mancherlei über die Bewohner des Ortes erfahren. Frau Wilmerdings führte noch immer ihren Handel mit„italieniſchen und Reisſtrohhüten,— durch⸗ brochenem und buntem Geflecht.“ Ihr Mann hatte ange⸗ fangen am Wirthshausleben Geſchmack zu finden, und kam oft ſehr ſpät nach Hauſe,„etwas angeheitert“, wie Sally es nannte. Ihr Sohn war mit einem Wallfiſchjäger weit fort nach dem ſtillen Ocean geſegelt. Fräulein Amalia Haw⸗ kins war unverheirathet geblieben, obgleich ſie ein großes Talent, ja faſt Genie zum Eheſtand hatte. Ihr Bruder, der Dichter, war nicht mehr. Da er es unmöglich fand, dem Rathe des alten Junggeſellen zu folgen und Fräulein Cäcilie Vaughan wie eine herrliche Statue zu betrachten, ſo machte er zwei oder drei vergebliche Verſuche, ſich an unwürdige Gegenſtände wegzuwerfen, und ſtarb darauf. Bei der Gelegenheit legten zwet alte Jungfern zu gleicher Zeit Trauer an, da Jede ſich für ſeine Verlobte hielt; leg⸗ ten ſie aber plötzlich wieder ab, eine über die Andere er⸗ boßt und ſich vor ſich ſelbſt ſchämend. Der kleine Vogel⸗ — händler hüpfte noch immer in ſeinem Häuschen umher, und glich mehr wie je ſeinem grauen afrikaniſchen Papageien. Frau Archer's Haus war unbewohnt. 30. Kavanagh ſetzte ſeinen Weg in der Richtung nach Herrn Churchills Hauſe fort. Dieſes wenigſtens war unverändert, — ganz unverändert. Dieſelbe weiße Vorderſeite; derſelbe meſſingene Thürklopfer; dieſelben Roſen vor dem Fenſter; derſelbe alte hölzerne Thorweg mit Kette und Kugel; der⸗ ſelbe Sonnenſchein außen und innen. Die äußere Thür und die des Studirzimmers ſtanden auf, wie gewöhnlich bei warmem Wetter; an dem Tiſch ſaß Herr Churchill und ſchrieb. Hinter jedem Ohr ſteckte ein tintiger Federſtummel, welche gleich den Raben auf Odins Schultern, ihm alles zuzuflüſtern ſchienen, was ſich im Himmel und auf Erden zutrug. Heute waren ihre Offenbarungen irdiſcher Natur — er corrigirte Schularbeiten. Herrn Churchills freudige Bewillkommnung Kavanagh's, der fröhliche Ton ihrer Stimmen lockte bald Frau Churchill in das Studirzimmer,— ihre Augen waren blauer als je, ihre Wangen ſchöner, ihre Geſtalt runder und voller. Auch die Kinder kamen herein,— Alfred zum Knaben erwachſen, und zu einer Jacke avancirt; der ehemalige Kleine war nur zwei Jahre jünger als er, und erbte alle ſeine Kittel, Dummheiten und Krankheiten. Herrn Churchill fand Kavanagh genau da, wo er ihn verlaſſen hatte. Nicht Einen Schritt war er vorwärts ge⸗ kommen,— nicht Einen. Dieſelben Träume, daſſelbe Seh⸗ nen und Streben, dieſelbe Unentſchloſſenheit. Tauſenderlei Plane waren gemacht, keiner ausgeführt. Seine Phantaſie ſchien ſich beim Anlauf zu erſchöpfen, bevor ſie den Graben zu überſpringen verſuchte. Während er überlegte, brannte das Feuer in andern Köpfen. Andre Hände ſchrieben die Bücher, von denen er träumte. Er ſprach rückhaltslos ſeine 7*. 9 —— ——— —— 100 guten Ideen in der Unterhaltung und in Briefen aus welche dann geradeswegs in anderer Leute Bücher verwebt wurden, und ihm für immer verloren gingen. Die Idee ſeines Werkes über unbekannte Märtyrer wurde ihm von Herrn Hathaway weggeſchnappt, welcher eine Reihe von Artikeln über dieſen Gegenſtand ſchrieb und herausgab, ehe noch Herr Churchill ſeinen Stoff geordnet hatte. Bevor er auch nur Ein Kapitel ſeines großen Romanes geſchrieben, hatte ein andrer Novelliſt, ſein Freund, einen über den⸗ ſelben Gegenſtand veröffentlicht. Armer Churchill! Was Ruhm und äußeren Erfolg be⸗ trifft, war ſein Leben gewiß ein verfehltes. Er war viel⸗ leicht zu ſchwer beladen, zu gedankenbelaſtet, als daß er ſich leicht auf den Wellen des Lebens hätte ſchaukeln können. Jede Woge brach ſich über ihm,— er war die Hälfte Zeit unter Waſſer. Alle dieſe Mängel und Kränkungen ſchrieb er den äußeren Umſtänden ſeines Lebens zu, den Anforderungen ſeines Amtes, den Schickungen des Zufalls. Sie lagen aber in Wahrheit viel tiefer, nämlich in ihm ſelber. Es fehlte ihm der alles beherrſchende, alles überwindende Wille, die beſtimmte Abſicht, deren Zwecken ſich alles beugt, die alle Verhältniſſe nach ihren Wünſchen lenkt, wie der Wind Rohr und Schilf nach ſeinem Willen beugt. In wenigen Minuten und in jener breiten Behand⸗ lungsart, die nichts deutlich erklärt, aber alles klar an⸗ deutet, zeichnete Kavanagh dem Freunde die Umriſſe ſeines dreijährigen Aufenthaltes in Italien und dem Oſten. Dann auf Churchill zurückkommend ſagte er: „Und Sie, mein Freund, was haben Sie in der gan⸗ zen Zeit gethan? Sie haben mir ſo ſelten geſchrieben, daß ich kaum Ihren Erlebniſſen folgen konnte. Ich dachte aber beſtändig an Sie,— in allen Domen, in allen lieblichen Gegenden, auf den Alpen und Apenninen; als ich von Duomo d'Oſſola hinabſchaute, im Gaſthauſe von Baveno, in Gaëta und Neapel; im alten modrigen Rom, in dem noch älteren Aegypten und dem gelobten Lande; in allen Gallerien, Kirchen und Ruinen; in unſrer ländlichen Ein⸗ ſamkeit zu Fieſoli;— kurz überall, wo ich irgend etwas 2——— ☛☛⏑— 101 X Schönes fand, dachte ich Ihrer, und wie ſehr Sie ſich alles deſſen gefreut haben würden!“ Churchill ſeufßte, und dann, als wollte er mit einem Meiſterſtrich ein Gemälde darſtellen, was nichts erklären, in der That aber alles ausdrücken ſollte, ſagte er: „Sie haben keine Kinder, Kavanagh, wir haben fünf!“ „Schon ſo viele?“ rief dieſer aus.„Ein lebender Pentateuch! Ein fünfthüriger Tempel des Lebens! Eine herrliche Zahl!“ „Ja,“ antwortete Churchill,„eine ſchöne Zahl; die der Juno; die Vermählung der erſten graden und ungraden Zahlen; die heilige Zahl der Ehe, die jedoch weder eine unmittelbare noch mittelbare Beziehung zu dem Pythagoräiſchen Noviziat hat, das in fünfjährigem Schweigen beſtand.“ „Nein, wahrlich, es iſt nicht der Kinder Beruf zu ſchweigen,“ ſagte Kavanagh lächelnd.„Das wäre unnatür⸗ lich; ausgenommen jedoch die Kinder des Geiſtes, welche nicht immer ſo viel Lärmen in der Welt machen, als wir wünſchen. Ich hoffe, eine noch zahlreichere Familie dieſer Art iſt während meiner Abweſenheit aufgeſchoſſen.“ „Im Gegentheil,“ antwortete der Schulmeiſter.„Mein Geiſt iſt faſt unfruchtbar an Gedichten geweſen. Ich habe nur getändelt; ich fürchte, wenn ich noch länger mit Apollo ſpiele, werden die widrigen Winde mir den Diskus des Gottes gegen die Stirn ſchleudern, und mich todt nieder⸗ ſtrecken, wie weiland den Hyacinthus.“ „Und Ihr Roman?— iſt es Ihnen mit dem beſſer ergangen? Ich hoffe, er iſt fertig, oder doch nahe daran?“ „Noch nicht einmal angefangen iſt er,“ ſagte Churchill. „Die Anlage und Charaktere ruhen noch immer unbeſtimmt in meinem Geiſte. Ich habe noch nicht einmal einen Titel dafür erdacht.“ „Der findet ſich, wenn das Buch fertig iſt,“ fügte Kavanagh hinzu.„Sie können ihn, z. B. wie die alte Heimskringlaſage nach dem Anfangswort des erſten Kapitels nennen.“ „Ja, das ging wol in der alten Zeit, und in Is⸗ land, wo es keine Vierteljahrsſchriften gab. Jetzt würde man ſo etwas Ziererei nennen.“ — „Ich ſehe, Sie haben noch immer Angſt vor der öffentlichen Meinung,— das müſſen Sie ablegen. Die Stärke der Kritik liegt nur in der Schwäche des zu be⸗ urtheilenden Werkes.“ „Das iſt wahr, Kavanagh, und ich fürchte mehr, Tadel zu verdienen, als wirklich getadelt zu werden. Ich fürchte mich vor meinem eigenen Urtheil. Der geheime Un⸗ werth, den vielleicht wir allein nur kennen, iſt oft ſchwerer zu tragen, als der, für den wir öffentlich getadelt werden, und der dadurch gewiſſermaßen abgebüßt iſt.“ „Ich will nicht behaupten,“ erwiderte Kavanagh,„daß Demuth der einzige Weg zur Vollkommenheit ſei, aber ſicherlich iſt es einer.“ „Ja, Demuth, aber nicht Demüthigung,“ ſeufzte Chur⸗ chill niedergeſchlagen.„Vortrefflichkeit kann ich nur anſtre⸗ ben und davon träumen, aber nicht erreichen. Selbſt die Bücher um mich her, die mich ſonſt antrieben und zu Tha⸗ ten ermunterten, ſind jetzt meine Ankläger geworden. Sie ſind meine Eumeniden, und jagen mich in Verzweiflung.“ „Mein Freund,“ ſagte Kavanagh nach kurzem Schwei⸗ gen, während dem er Churchills Betrübniß gewahr wurde, „mein Freund, das Fernliegende iſt nicht immer vortrefflich. Was uns unerreichbar und unzugänglich ſcheint, ſind wir geneigt zu überſchätzen; was das wahre Beſte für uns iſt, liegt immer in unſrem Bereich, obwol es oft überſehen wird. Frei heraus geſagt, das iſt der Fall mit Ihrem Roman. Sie haſchen augenſcheinlich nach etwas, was außer⸗ halb der Gränzen Ihrer Erfahrung liegt, und das folglich nur ein Schattenſpiel Ihrer Phantaſie iſt. Solche Ge⸗ ſtalten haben kein Leben, ſie ſind nur äußerer Schein ohne inneres Leben. Wir können Andern nur das geben, was wir haben.“ „Und wenn wir nichts Gebenswerthes haben?“ unter⸗ brach Churchill. „So arm iſt kein Menſch. Eben ſo gut könnten die Gebirgsbäche ſagen, ſie hätten nichts Würdiges dem Meere zu geben, weil ſie keine Ströme ſind. Einige werden es beſſer finden, als Sie zu glauben wagen. Hätten Sie mehr in der Nähe nach Stoff zu Ihrem Roman geforſcht, e le 4 und ihn ernſtlich in Angriff genommen, ſo würde er jetzt vollendet ſein.“. „Und vielleicht verbrannt,“ fügte Churchill hinzu, „oder mit den Werken des Magiers Simon in den Grund des todten Meeres verſenkt.“ „Auf alle Fälle hätten Sie das Vergnügen gehabt ihn zu ſchreiben. Ich erinnere mich einer alten Ueberlieferung aus der Kunſtgeſchichte, die vielleicht eine Lehre für Sie enthält. Als Raphael die heilige Familie malen wollte, beſtrebte er ſich lange vergebens, die Idee zu verkörpern, welche ſeine Seele erfüllte. Eines Morgens, als er aus den Thoren der Stadt wandelte, und die heilige Aufgabe überdachte, ſah er eine Bäuerin unter einer Weinlaube vor ihrer Hüttenthür ſitzen. Sie hielt einen Knaben in ihren Armen, während ein zweiter an ihrem Schooß lehnte, und den nahenden Fremdling anſtaunte. Der Maler fand hier im wirklichen Leben, wonach er im Reiche ſeiner Phantaſie ſo lange vergebens geſucht hatte, und ſchnell entwarf er mit Kreide auf dem Boden eines dabeiſtehenden Weinfaſſes die liebliche Gruppe, welche zur Vollendung ausgearbeitet, die entzückende Madonna della Sedia wurde.“ „Das iſt alles wahr,“ ſagte Churchill,„aber es gibt mir keinen Troſt. Ich gebe es jetzt auf, irgend etwas Vorzügliches zu ſchreiben. Ich habe keine Zeit zum Stu⸗ diren und Denken. Mein Leben gehört Anderen, und die⸗ ſem Schickſal unterwerfe ich mich ohne Murren, denn ich habe das Bewußtſein, treu in meinem Berufe gearbeitet, und vielleicht Andere angeſpornt und angeleitet zu haben, das zu thun, was ich ſelbſt nicht konnte. Das Leben iſt mir, ſeiner vielfachen Anwendung wegen, noch immer lieb, von dem das Bücherſchreiben nur Eine Art iſt. Ich be⸗ klage mich nicht, ſondern nehme dieſes Geſchick hin, und ſage mit dem heiteren Schriftſteller Markus Antoninus: „was dir nur irgend angenehm iſt, ſoll mir gefallen, o du anmuthige Welt! Nichts ſoll mir zu früh oder zu ſpät ſein, was dir rechtzeitig ſcheint! Was auch deine Jahres⸗ zeiten bringen, es ſollen willkommene Früchte für mich ſein, o Natur! von dir kommen alle Dinge; durch dich beſtehen ſie, zu dir kehren ſie zurück. Konnte Jemand ausrufen: du theure Stadt des Cecrops, und du wollteſt nicht ſagen: du theure Stadt Gottes?“ „Amen!“ ſagte Kavanagh.„Und um die angeführte Stelle durch eine zweite zu vervollſtändigen:„den Sturm von Gott geſandt, müſſen wir ankämpfend, aber nicht widerbellend, ertragen!“ Hier kam Frau Churchill zurück, welche das Zimmer verlaſſen hatte, als das Geſpräch eine gelehrtere Wendung nahm. In ihr war etwas von der Maria ſowol, als von der Martha. Sie kündigte an, daß das Mittagseſſen fertig ſei, und obgleich ſie ihn dringend bat zu bleiben, nahm Kavanagh doch Abſchied, nachdem er beiden Churchills das Verſprechen abgenommen hatte, Cäcilie im Laufe des Abends zu beſuchen. „Nichts vollbracht! nichts vollendet!“ rief er aus, als er ſich ſinnend heimwärts wandte.„Und ſoll dies hohe Streben in Nichts enden? Sollen die Arme, die ſich aus⸗ ſtrecken, eine Welt zu umfaſſen, ſich nur über einer blutenden und ſchmerzenden Bruſt kreuzen?“. Seiner Erinnerung entſtiegen die Worte des Dichters, und er hielt ſie für würdig, in goldnen Buchſtaben über alle Thüren jedes Hauſes als Warnung, Rath und Auf⸗ munterung geſchrieben zu werden: — Halt, halt den Augenblick! Präg' ihm der Weisheit Spuren auf die Schwingen! Laß ihn nicht Deiner Hand entſchlüpfen, ſondern Dem alten Patriarchen gleichend, halte Den flücht'gen Engel feſt, bis er Dich ſegnet! Druck der Hofbuchdruckerei zu Altenburg. 2——————— X ey Control Chart Green vellow Hed Magenta