deutſcher, engliſcher und franzöſiſch Literatur don.. Eduard Oftmann in Gießen, 8 Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 26. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zum Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird Lon jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗* den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2. t 4. Abonnement.3 Daſſelbe zmuß voraus bezahlt werden und eträgt:. für aPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—————————— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene,, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der † Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ † lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Jf beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 8 28 — — 82 — —* .η— AR * Die Wieſenburg. Die Wuͤnſche. Der Wahrſager. Der Komet. Von Friederike Lohmann. amee—— Magdeburg, in der Creutz' ſchen Buchhandlung. 1 3 2 5. Kleine Romane von Friederike Lohmann. Erſtes Baͤndchen. ETSZSE2=Z= Magdeburg, in der Creutz'ſchen Buchhandlung. 7 83 2 5. —B—B—-——BnRdASooonnn In der Halle eines hochgethuͤrmten Schloſſes, deſ⸗ ſen Ueberreſte noch vor wenig Jahren die Stirn eines vaterlaͤndiſchen Berges ſchmuͤckten, ſaß Frau Kunigunde, die Gemahlin Graf Heinaus von Wie⸗ ſenburg, vor zwei leuchtenden Kerzen, die nur ihre naͤchſte Umgebung erhellten, waͤhrend Dunkelheit in den weiten Raͤumen des Gewoͤlbes herrſchte. Sie las eifrig in einem vor ihr aufgeſchlagenen Buche, das eine heilige Legende enthielt, und hob nur zuweilen die dunkeln Augen empor, um ihre Zuhoͤrerin anzublicken, die mit gefalteten Haͤnden auf die Worte der Erzaͤhlung lauſchte. Draußen tobte der Sturm, und ſchlug zuweilen mit Macht an Fenſter und Thuͤren, denn es war ſpaͤt im Jahre, der Abend des Feſtes der heiligen Katha⸗ rina. Der Graf ſtand indeſſen in einem der hoch⸗ gewoͤlbten Fenſterbogen, und ſchien die beiden Frau⸗ A 2 ——— 4 engeſtalten aufmerkſam zu detrachten, aber ſein raſtlos arbeitender Geiſt war weit entfernt, und ſuchte in entlegenen Gegenden Grund zu mancher⸗ lei Gedanken, die Niemand ahnen, noch weniger theilen durfte.—— Kunigunde war eine hohe ſtolze Geſtalt, finſtre ſchwarze Locken umfloſſen ihre weiße Stirn, ihr Geſicht war nicht bluͤhend, aber edel und ſchoͤn ge⸗ bildet, ihre Augen ſprachen von tiefem Gefuͤhl, und ließen den achtſamen Blick in eine Seele ſchauen, die hienieden keine Wuͤnſche mehr, nur noch Pflichten kannte. Selbſt ihre ſchwarze Klei⸗ dung, ſo ſehr ſie zu dem Ausdrucke ihrer Zuͤge paßte, vollendete das farbenloſe Bild der Entſa⸗ gung, das den lebhafteſten Kontraſt mit dem hei⸗ tern lebensfrohen Weſen ihr gegenuͤber bildete. In der vollen Bluͤthe erſter Jugend, groß und ſchlank wie Kunigunde, aber mit roſigen Wangen und la⸗ chenden Augen, die des Lebens Freuden zu ſuchen ſchienen, im blauen weitfaltigen Gewande, mit dem Schmuck brauner reicher Locken, war Beatrix dem lichten Tage gleich, waͤhrend ihre Gefaͤhrtin an eine ſtille Nacht erinnerte. Sechs Jahre wa⸗ ren verfloſſen, ſeit Kunigunde an der Seite ihres Gemahls auf die Burg zog, die er, der Sproͤß⸗ ling einer Seitenlinie, erbte, als der letzte Zweig des Hauptſtammes in Palaͤſtina den Tod fand. Sie liebte ihn, wie ihre ſtarke ſtille Seele lieben konnte, aber eben dies tiefe Gefuͤhl fordert eine Erwiederung, deren Heinaus Gemuͤth nicht faͤhig war. Rauh und wild, mit einer ungebaͤndigten Sehnſucht nach Groͤße und Beſitz, ſchien ſelbſt der ungehoffte Gewinn, den das Schickſal ihm zuwarf, ſein Herz nicht zu befriedigen, ohne Liebe blickte er auf die Frau, die ſeinen Guͤtern noch immer keinen Erben gegeben hatte, und ſeine finſtern Mie⸗ nen zwangen Kunigunden, die Thraͤnen um den Mangel eines geliebten Kindes zu verdoppeln. So lebte ſie einſam, und ihr Herz verſchloß ſich jeder Mittheilung. Nur ein Freund ihrer Jugend, der 4 MNoͤnch in einem nahen Kloſter war, verſtand es, ) zogenfenſtern des Schloſſes in's Thal nieder. Aus inem duͤſtern Kloſter, dem ſie ſchon als Kind, nach em Tode ihrer Aeltern uͤbergeben ward, hatte ſie or Kurzem ihre Baaſe Kunigunde erloͤſt, und je zeniger ihrem heitern Sinne der Ernſt jener Mau⸗ en gefiel, um ſo gluͤcklicher fuͤhlte ſie ſich in der euen Freiheit. Ihr Herz ſchwoll von Entzuͤcken, jenn ſie die weite Ausſicht genoß, die hier uͤber⸗ Il das Auge ergoͤtzte, ſie haͤtte hinausfliegen moͤ⸗ en in dieſe Ferne, die ihr unermeßlich ſchien, um 3 ganz zu vergeſſen, daß ſie einſt eingekerkert war. llles rund umher erfreute ſie, und ob ſie gleich runigunden mit dankbarer Liebe zugethan wax, oͤrte doch ihr ſtiller Gram den immer gleichen 5piegel ihrer Seele ſo wenig, als des Grafen Ganz anders ſchaute Beatrix aus den hohen 3 ——— r— — . unruhiger Neugier nach dem ſpaͤten Beſuch for⸗ ſchend. Wer kann es ſeyn, murmelte er vor ſich hin, und der eintretende Diener konnte nicht ſchnell genug Beſcheid geben. Es ſey ein Pilger an der. Pforte, der Einlaß begehre, weil er eine Botſchaft an den Herrn bringe. Das Wetter, fuhr er fort, hat ihn hart mitgenommen, und obendrein traͤgt er ein weinendes Kind, dem Labung wohl Noth ſeyn mag.— Ein Pilger, ſagſt du? fragte der Graf mit haſtigem rauhen Ton, was bezeichnet ihn als ſolchen? So nannte er ſich, war die Antwort, befehlt, wohin wir ihn bringen ſollen, und wenn Ihr ihm Gehoͤr ſchenken moͤget. 6 So Ihr es vergoͤnnt, mein Herr, ſagte Ku⸗ nigunde, ſo koͤnnte er ſogleich bei uns eintreten, es war immer mein liebſtes Geſchaͤft, fromme Wanderer zu bewirthen, und ihre Erzaͤhlungen lohnen die Muͤhe reichlich. Schweigt! fuhr Heinau auf, wie Einer der im Traum angeredet wird, und ſogleich wieder in Bewußtloſigkeit verſinkt. Er ging mit großen Schritten im Zimmer umher, ohne auf die Frauen, oder den wartenden Diener zu achten. Ploͤtzlich 8* ¹ blieb er vor dem Letzten ſtehen, befahl ihm, den Pilger in das Zimmer zunaͤchſt dem runden Thur⸗ me zu fuͤhren, wo er ihn erwarten moͤge, und folgte ihm nach einigen Minuten, waͤhrend wel⸗ chen keine der Frauen es wagte, die lautloſe Stille zu unterbrechen.— Die Schloßuhr gab die Mitternachtsſtunde an, als Kunigunde aus einem leichten Schlummer durch den Tritt ihres Gemahls erwachte. Er trug ein Licht in der Hand, das ſeine bleichen Zuͤge ſchauer⸗ lich beleuchtete, und die Schatten auf ſeiner duͤ⸗ ſtern Stirn noch vertiefte. Kunigunde wagte es nicht ihn anzureden. Schon lange war ſie ja ſeine Ventraute nicht mehr, auch wurde ihr jede Frage nach ſeinem verſchwiegenen Kummer, auf eine Art beantwortet, die ihr Herz zerreißen mußte. Heinau ſetzte ſich unweit ihres Lagers nieder, mit ſtarren Augen vor ſich hinſehend, ohne, wie es ſchien, von der ſpaͤten Stunde zur Ruhe gemahnt zu wer⸗ den. Zuweilen blickte er ſcharf nach Kunigunden hinuͤber, deren geſchloſſene Augenlieder ihn taͤuſch⸗ ten; er glaubte ſie ſchlafend, waͤhrend ihre Thraͤ⸗ nen ſtill floſſen, und ihre bange Seele umſonſt nach Ruhe rang. Endlich bkeitete der Schlaf leiſe und allmaͤhlich ſeine Nebeldecke uͤber ſie aus, und —,— ——— — 9 ſie erwachte erſt, als ſchon die Sonnenſtrahlen das Schlafgemach erleuchteten. Jetzt ſchien ihr alles ein Traum, bis das tiefherabgebrannte Licht auf dem nahen Tiſche ihr Heinaus Bild wieder zuruͤck⸗ rief, und die Erinnerung an ſeinen truͤben, ja ver⸗ ſoͤrten Blick ſie mahnte, daß er ungluͤcklich ſey, ohne daß ihre Liebe ihm helfen koͤnne.— In dieſen Gedanken ward Kunigunde durch den Eintritt eines alten Dieners unterbrochen, der ſchon Heinaus Vater gedient hatte, des Sohnes Lehrer in mancher ritterlichen Kunſt geweſen war, und noch jetzt viel bei Heinau galt. Kunigunde liebte den alten Mann nicht, ſey es, daß ſie ihm das Vertrauen ſeines Herrn neidete, oder daß ſein Geſicht wirklich einen Ausdruck hatte, vor dem ſie unwillkuͤrlich erbebte; die Unterwuͤrfigkeit, mit welcher er ihr immer nahte, konnte ihr kein freund⸗ liches Wort abgewinnen. Seine kleinen tiefliegen⸗ den Augen rollten unſtaͤt umher, und ſchienen am meiſten vor Kunigundens feſten Blicken zu fliehen, die in ihm einen jener gering ſcheinenden Feinde ahnete, die um ſo ſicherer ſchaden, je weniger man es ihrer Ohnmacht zutraut. 1 Ruͤdiger, ſo hieß der Alte, war diesmal von einem Gegenſtande begleitet, der die Augen der 1 wie wir uns Engel denken, der die großen ſchwar⸗ . 10— Dame ſo ſehr auf ſich zog, daß ſie keinen Blick auf ihn ſelbſt zu werfen Zeit fand. In ſeinem Arm hielt er einen dunkelgelockten Knaben, ſchoͤn —— zen Augen neugierig auf die fremde Frau richtete, und zu ihr hinzuſtreben ſchien, als haͤtte er die finſtern Mienen des alten Mannes zu deuten ge⸗ wußt, die ſich muͤhſam hinter einem kuͤnſtlichen Sonnenſchimmer verbargen. Sein bluͤhendes Ge⸗ ſicht trug eine ſuͤdlich dunkle Farbe, und ſeine fremdartige reiche Kleidung, ſo viel ſie von der 1 Reiſe gelitten hatte, ſo wie die einzelnen Worte, 1 die er ſtammelte, unverſtaͤndlich und mit auslaͤndi⸗ ſchen Toͤnen gemiſcht, bezeichneten ihn als einen Fremdling, der in den erſten Jahren ſeines Lebens von der heimathlichen Sonne geſchieden war, um auf fremden Boden ein Mutterherz zu ſuchen. Ku⸗ 4 nigundens Blicke hingen mit jener Zaͤrtlichkeit an dem Knaben, die kinderloſe Frauen ſo leicht zu dieſen zarten Weſen hinzieht, ſie kuͤßte ihn, ſtrich 1 die braunen Locken von ſeiner Stirn, hielt ſeine kleinen Haͤude in den ihrigen feſt, und ward erſt ſpaͤt den ſcharfen, faſt feindlichen Blick gewahr, mit dem die brennenden Augen des alten Ruͤdiger ſeitwaͤrts das Kind bewachten. Ein ſuͤßer Traum zerrann vor ihrer Seele, wie ſie in ſein geiſter⸗ 4 — 1T bleiches Geſicht ſchaute, das ihr noch nie ſo furcht⸗ bar erſchienen war. Sie wandte ſich mit einer Frage an ihn, indem ſie ihm den Knaben aus dem Arme nahm, der ſich zaͤrtlich an ſie ſchmiegte, als wolle er ihre Liebe gewinnen. Frau Graͤfin, ſagte der Alte, Euer Herr be⸗ fahl mir, den Knaben zu Euch zu bringen und Eurer Obhut zu empfehlen. Der Pilger, der ge⸗ ſtern hier einſprach, hat ihn zuruͤckgelaſſen, ſein Name, und wem er angehoͤrt, iſt mir unbewußt, Alles wird Euch der Graf ſagen. Der Pilger iſt noch vor Sonnenaufgang heimgegangen, unſer Herr ritt in den Wald, der Morgenkuͤhle zu ge⸗ nießen, mir aber ward es ſchier unmoͤglich, den wilden Buben zu huͤten, der wie ein unbaͤndiges Roß weder Zaum noch Zuͤgel zu dulden ſcheint. Ich halte, er wird ſich ſchlecht in Euer ſtilles Ge⸗ mach ſchicken, und die Ruhe meiner geſtrengen Frau gar bald ſtoͤren. Seyd deswegen unbeſorgt Ruͤdiger, erwiederte ſie, eine ſolche Stoͤrung iſt mir lieb, auch weiß ich vielleicht beſſer mit Kindern zu verkehren, als Euer rauhes Alter. Das Feuer des Knaben ge⸗ faͤllt mir wohl, mein Gemahl hat mir mit ihm 22 12— 8 ein theures Geſchenk gemacht. Ach, ſeufzte ſie unwillkuͤrlich und halbleiſe: daß du ganz der Meine waͤreſt! tn. en Ruͤdiger, obgleich dieſe Worte nicht fuͤr ihn geſprochen waren, war nicht beſcheiden genug, ſie zu uͤberhoͤren. Ei freilich, ſagte er mit einem bos⸗ haften Laͤcheln, ein anderes waͤre es, wenn ein kleiner Junker aus des Herrn Grafen Stamm hier ſpielte, meine alten Arme ſollten ihn tragen, ich wollte ſeine Schritte bewachen und mit Freu⸗ den mein Blut fuͤr ihn geben. Der Herr Graf moͤchte dann auch nicht mehr mit ſo truͤben Ge⸗ danken in Feld und Wald umherirren, und ſich nach fremden Sproͤßlingen nicht ſehnen, die doch nun und nimmer zu edeln deutſchen Baͤumen erwachſen. Moͤge ihm dieſer keine Giftpflanze werden! ich we⸗ nigſtens moͤchte ein ſo auslaͤndiſches Gewaͤchs nim⸗ mermehr in meinen Garten verpflanzen. Die letzten Worte verloren ſich faſt unhoͤrbar in dem grauen Barte des Alten, und da Kuni⸗ gunde ſie nicht beachten wollte, ging er mit tiefen Verbeugungen aus dem Zimmer. Herzlich froh, ſich in der Einſamkeit ihren Gefuͤhlen uͤberlaſſen zu koͤnnen, ſetzte ſie ſich mit dem Kinde in der ——— — 13 weiten Fenſtervertiefung nieder, und die Augen zu dem wolkenloſen Himmel gerichtet, gab ſie ſich ganz dem Schmerze hin, den Ruͤdigers unfreund⸗ liche Rede in ihrer Bruſt geweckt hatte. Ach, daß ihr Haus oͤde war, und kein freundliches Kind um ſie ſpielte, daß Heinau raſtlos in Feld und Wald irrte, um ſeinen unerfuͤllten Wuͤnſchen zu entfliehn, daß er ſie nicht mehr liebte, und jetzt dem fremden Kinde ſein Herz zuwandte, mußte ſelbſt der rohe Mund des Dieners ſie daran mah⸗ nen? Ihre Thraͤnen floſſen heiß und ſtill, ſie vergaß faſt des kleinen Gefaͤhrten, der im Seſſel neben ihr ſtehend, ſein Spiel mit ihren langen aufgeloͤſten Haaren trieb. Doch nicht lange konnte ſeine Lebhaftigkeit bei derſelben Beſchaͤftigung wei⸗ len, er buͤckte ſich nieder, und ſah Kunigunden mit großen truͤben Augen an, faßte ihre Hand und ſtreichelte ſanft ihre naſſe Wange, indem er einige einzelne Worte ſtammelte, von denen Kuni⸗ gunde nichts verſtand. Aber eine Sprache, die an alle Herzen redet, hatte der fremde Knabe in dieſem Augenblicke zu ihr geſprochen, ſie verſtand ſein kindliches Gefuͤhl, und ein Schimmer von Hoffnung und Freude erleuchtete ihre Zukunft. Geſammelter als vorher ſuchte ſie nun ihn zu zer⸗ ſtreuen und mehr mit ihm bekannt zu werden, und als Beatrix uach einer Stunde eintrat, hatte ſchon eine Art von ſtummer Unterhaltung zwiſchen bei⸗ den Platz genommen, die fuͤr jetzt befriedigend genug war. 1 Es ward ſpaͤt, die Kerzen brannten ſchon lange, und Heinau war noch immer nicht zuruͤck. Die Frauen ſaßen bei der Spindel, Beatrix unterhielt ihre Baaſe mit mancherlei ſcherzhaften Erinnerun⸗ gen aus den Tagen ihres Kloſterlebens, und wußte die Domina, nebſt allen Schweſtern, bis zur Pfoͤrt⸗ nerin, luſtig zu ſchildern, ja maleriſch darzuſtellen, aber ſie ergoͤtzte nur ſich ſelbſt mit ihren Plande⸗ reien, Kunigunde horchte voll Unruhe auf den Hufſchlag von Heinaus Roß. Neben ihnen ſchlum⸗ merte der Knabe auf einem Ruhebett, ſo ſuͤß wie im Vaterhauſe; die Blicke der traurigen Frau hin⸗ gen bald an ihm, bald an der froͤhlichen Beatrix. Beiden lachte der Lenz des Lebens in ſeinem roſi⸗ gen Schimmer, waͤhrend ihre Sonne ſich zum Un⸗ tergange neigte, und truͤbe Wolken eine frih⸗ Nacht weißagten. Ihr ſeyd ſo ſtill Baaſe, ſagte Beatrix nach einer minutenlangen Pauſe, vielleicht iſt Euch mein. Geſchwaͤtz gar laͤſtig. Aber laßt mich immer re⸗ — 15 den, ſollte es auch nur ſeyn, um mir ſelbſt vor⸗ zuluͤgen, daß ich nicht allein bin. Mir wird un⸗ heimlich zu Sinne, wenn alles um mich ſchweigt, und die Wetterfahne auf dem gruͤnen Thurme bis zu uns hereinkreiſcht. Euch iſt das nun eben recht, Euch moͤcht' es ſelbſt in meinem Kloſter gefallen. Warum nicht, Beatrix, antwortete Kunigunde, es koͤmmt eine Zeit, wo die Freuden der Jugend verbleichen, und die ſuͤßeſten Hoffnungen den ab⸗ gefallenen Bluͤthen gleichen, die am Boden wel⸗ ken. Mag ſie Euch noch lange nicht, mag ſie Euch nimmer erſcheinen? O ſorgt nicht um mich, Baaſe Kunigunde, er⸗ wiederte Beatrix, und ſah ihr froͤhlich in's Ge⸗ ſicht; ich bin gluͤcklich ſeit ich frei bin, und es iſt alles ſo ſchoͤn um mich, daß ich wahrlich Muͤhe haͤtte traurig zu ſeyn. Wie ich noch im Kloſter war, und die Zelle der alten Kellnerin mitbewohnte, die mir manches aus der Welt zu erzaͤhlen wußte, hoͤrten wir oft miteinander das Gelaͤut der großen Abendglocke ſchweigend an. Gleich erwachten an dieſem Klange die lieblichſten Bilder in meiner Seele, ich ſah entweder den praͤchtigen Zug einer Kroͤnung, oder eine geſchmuͤckte Braut ging im Geleit prangender Hochzeiter zur Kirche, wie Schweſter Petrona es mir oft geſchildert hatte, und die feierliche Glocke hallte mir ſo feſtlich in's Ohr, daß ich ungern ſah, wenn ſie ſchwieg. Pe⸗ trona aber hoͤrte immer nur Tod und Begraͤbniß darin, ihr toͤnte es Todtengeſang, mir muntres Leben, und doch war es derſelbe Klang. Ihr zum Beiſpiel ſeyd immer truͤbe, ich an Eurer Stelle wuͤrde gluͤcklich ſeyn. Euer Gemahl iſt ſchoͤn und tapfer, reich und maͤchtig, aber es freut Euch nicht. Die herrlichſten Gewaͤnder koͤnnten Euch zieren, Seide und Sammt, Gold und Pelzwerk verwahrt Euer Schrein, und Ihr kleidet Euch in die Farbe der Trauer. Euer Geſchmeide gleicht den Sternen des Himmels, und ergoͤtzt mein Auge bis zum Entzuͤcken. Ihr ſchenkt ihm keinen Blick.— Ihr glaubt alſo, ſagte Kunigunde mit einem truͤben Laͤcheln, mein Gemuͤth waͤre verſtimmt, wie habt Ihr recht. Aber, aber, gutes Kind, die Glocke laͤutet oͤfter zu Grabe, als den Hochzeitern zum Altar, und auch der Brautreigen fuͤhrt uns nur, aus der Pforte der Jugendluſt, in eine ernſte oft traurige Zukunft!— Moͤchtet Ihr beſitzen, was mich nicht freut! Kleinode und koͤſtlicher Putz koͤnnen 4 das Ohr der Schweſter Petrona? und vielleicht zu viel begehrt, vielleicht die Seligkeit des Him⸗ mels auf dieſe irdiſche Welt herabzurufen wagt. mein Gemahl kehrt heim! Kunigunde war bei dieſen Worten aufgeſtanden und oͤffnete das hohe Bogenfenſter, um unbemerkt ihre Thraͤnen zu trocknen, und jede Spur davon in der friſchen Nachtluft zu vertilgen. Der Mond ſtrahlte unbewoͤlkt auf die Landſchaft unter ihr, und ſpiegelte ſich in den Wellen des Stromes. Rieſengroß lagerten die Schatten der uralten Ei⸗ chen auf der Erde, die ſchon mit ihrem Blaͤtter⸗ ſchmucke bedeckt war, jetzt ein Spiel des kalten Abendwindes auf feuchtem Boden. Die nackten gweige bekleideten den Berg unicht mehr, nur das ſchwarze Gruͤn der Tannen, noch dunkler in dem weißen Mondlicht, ragte zu den ſtolzen Mauern des Schloſſes empor. Tiefes Schweigen herrſchte Aberall, nur einzelne Glockentoͤne von dem nahen MNonnenkloſter, deſſen Thuͤrme ſich in leichten Duft Mkcerhoben, fuͤhrte der Wind zu Kunigundens Ohr. Jeezt ertoͤnte das Horn des Waͤchters zum zweiten Male, ein lauter froͤhlicher Ruf begruͤßte den heim⸗ —— . B 1 koͤnnen ein Herz nicht befriedigen, das vielkeicht Aber horcht, Beatrix, der Waͤchter ſtoͤßt in's Horn, ehrenden Grafen, und Kunigunde ſah ihn um 1 5— die Ecke des Berges hart am Ufer hinretten. Ihrt Herz, das nis verlernen konnte, ihn zu lieben, ſchlug lauter bei ſeinem Anblick, und ſie flog aus der Halle, ihn zuerſt zu bewillkommen. Heinau betrat ſein Haus, wie es ſchien, nicht heiterer, als er es mit Anbruch des Tages verlaſ⸗ ſen hatte, um in der Anſtrengung der Jagd ſeinen Unmuth zu verſenken. Seine ſchoͤnen ſchwarzen Augen blickten mit wildem Feuer um ſich, er warf ſich ermuͤdet in einen Seſſel, und ſprang augen⸗ blicklich wieder auf, die Ruhe fliehend, die er erſt eben geſucht hatte. Bringt Wein! rief er einem Diener zu, ohne Kunigunden anzublicken, die ihm gegenuͤber ſaß. Beatrix hatte indeſſen bei dem ſchlafenden Knaben Platz genommen, und unter⸗ ſuchte neugierig ſeine ſeltſame Kleidung. Jetzt erat der alte Ruͤdiger mit einem Kruge ein, den er vor Heinau niederſetzte, und ſich eben anſchicken wollte, ihm den Becher zu fuͤllen, als Heinau mit 5 ſichtbarem Widerwillen ihm wehrte. Das iſt nicht Dein Geſchaͤft, RNuͤdiger, ſagte er langſam, und ich mag den Nachttrunk nicht aus Deiner Hand. Wer hat Dich zu meinem Mundſchenken beſtellt, fuhr er heftiger fort, glaubſt Du, der Wein werde 1 mir beſſer ſchmecken, den Du kredenzeſt? 2 5 3 8 * Warum nicht, Herr Graf. erwiederte 82 Aite und buͤckte ſich tief. Ihr nahmt ſchon Manches aus der Hand Eures treuen Dieners, was Euch wohl behagte, und lange mag mein Herr ſi ſich des Genuſſes freuen. Du haſt Recht, ſagte Heinau mit einem tiefen Seufzer, und ſein Auge ſah ſtarr auf den Tiſch vor ſich nieder, aber jetzt geh', es iſt ſpaͤt, ſuche die Ruhe. Und Ihr, Kunigunde, fuͤllt mir den Becher, er ſoll die ſchwarzen Bilder hinwegſpuͤlen, die mich verfolgen; auch moͤcht ich Beatrix bitten, die Harfe zu holen, und mich mit ihrer kunſtrei⸗ chen Stimme zu erfreuen, mich duͤnkt, es iſt lan⸗ 98, daß hier kein Geſang getöͤnt hat. re Beatrix ging hinaus, und Kunigunde ergriff den Augenblick, des Kindes zu erwaͤhnen und nach ſeinem Namen zu fragen. Heinau ſtand auf und. trat vor den Schlafenden, den er lange nachden⸗ 1 kend betrachtete. 3 Walter nannte ihn der Mann, mit dem er kam, antwortete er endlich, das iſt Alles, was ich 5 weiß. Ein Deutſcher war ſein Vater, ſeine Mut⸗ ter eine Morgenlaͤnderin, beide ſind todt, aus Baumherzigkeit nahm der Pilger das Kind mit B 2 — 20 ſich, und empfahl es mir ſo dringend, daß ich ein gutes Werk zu verſaͤumen glaubte, wenn ich nicht einwilligte. Nehmt Euch ſeiner an, ich will es ſo, und laßt Euch die Dunkelheit ſeiner Geburt * nicht irren. Err ſoll mein Sohn ſeyn, ſagte Kunigunde ge⸗ ruͤhrt, und buͤckte ſich liebkoſend zu dem Knaben nieder; ja ich liebe ihn ſchon ſo, und wenn Ihr ihm das Vaterhaus ſchenkt, ſoll ihm ein Mutter⸗ herz nicht fehlen. Ihr verſteht Euch ſchlecht auf Euern Vortheil, Kunigunde, ſagte Heinau, deſſen Geſicht gluͤhende Roͤthe uͤberzog. Nicht mich ſolltet Ihr zum Zeu⸗ gen Eurer muͤtterlichen Liebkoſungen machen, daß ich nicht ſchmerzlich erinnert wuͤrde, was ich durch Euch vermiſſe. Ein Vaterhaus kann der Fuͤndling auf der Wieſenburg nicht ſinden, aber da dieſes Haus ſchauerlich oͤde iſt, mag er es beleben, und wenn mein Name erliſcht, und mein Wappen mit mir in die Gruft ſinkt, wird die Welt vielleicht durch einen tapfern Fremdling erfahren, daß Hei⸗ nau von Wieſenburg gelebt hat. 9 mein Gemahl, rief Kunigunde aus, wie tief verwundet Ihr mich! daß ich ſterben koͤnnte, b ——p „ — 21 um Euch zu begluͤcken. Ein neues Eheband wuͤrde Euch gewaͤhren, was das Fruͤhere verſagte, und mein Tod Euch mit der Ungluͤcklichen verſoͤhnen, die Ihr einſt liebtet! Die Thuͤr oͤffnete ſich bei dieſen Worten, und Beatrix trat ein, eine Kerze tragend, die ihr froͤh⸗ liches bluͤhendes Geſicht beſtrahlte, ein Diener trug ihr die goldgezierte Harfe nach. Kunigunde richtete ſich von Heinaus Bruſt auf, wo ſie ihre Thraͤnen geweint hatte, ſie ſah Beatrix glaͤnzende Erſcheinung, und ein Gedanke blitzte durch ihre Seele mit toͤdtlichem Schmerz und hoher Begei⸗ ſter ng. Sie nahm im Dunkeln Platz, waͤhrend Beatrix die Harfe ſtimmte, und mit den Toͤnen des Geſanges vermaͤhlten ſich ihre wachen Traͤume, ſeltſam und abenteuerlich. Beatrix begann mit ge⸗ uͤbten Fingern eine rauſchende feierlich hallende Muſik, und fiel darauf in einen Geſang zum Lobe des Krieges und der Jagd. Sie endete ohne ſich eines Beifallszeichens von ihren beiden Zuhoͤrern zu erfreuen, Heinau war eben ſo ſehr in Gedan⸗ ken verſunken als ſeine Gemahlin, und Beatrix betrachtete ſie mit wunderndem Kopfſchuͤtteln. Dann griff ſie von Neuem in die Saiten, und ſang dieſe Worte einer Ballade: Der Donner rollt, es ſtroͤmt der Regen Wer oͤffnet gaſtlich mir das Thor, 3 Wer will des Pilgers heute pflegen, Der in der Nacht den Pfad verlor. Sein Wanderſtab, ſein Muſchelhut Das iſt des Pilgers einzges Gut, Doch folgt ihm unter Euer Dach Der frommen Wohlthat Segen nach. Es i*ſt genug! genug! rief Heinau mit ſo ſchnei⸗ dendem Ton, daß die Saͤngerin verſtummte, und Kunigunde ihn entſetzt anblickte. Er war bleich, wie ein Geiſt, ſeine Augen hatten einen wilden Ausdruck, und ſchienen Etwas anzuſtarren, daß Riemand ſah, als Er allein. Beatrix lehnte die Harfe an den Tiſch und fragte unbefangen nach der Urſache dieſer Stoͤrung, aber ſie erhielt keine — Antwort, und da Walter in dieſem Augenblicke erwachte, begab ſie ſich zu ihm, feſt entſchloſſen, die uͤbrige Zeit lieber mit einem Kinde zu vertaͤn⸗ deln, deſſen Sprache ihr fremd war. als zwei un⸗ begreiflichen gegenuͤber zu ſi ken⸗ die ſie 8 duh we⸗ 6 verſtand. Walter war nun ein Hausgenuß,„ beide Frauen lebten ihn, ſorgten fuͤr ſein Wohlſeyn, und waren eifrig ihn zu belehren. Auch hatten ſie die Freude, — 23 ſeinen Mund bald deutſche Worte ſprechen zu hö⸗ ren. Es ſchien die Sprache war ihm nicht ganz fremd, er hoͤrte ſie vielleicht ſchon von ſeinem Va⸗ ter, von dem Pilger, der ihn mit ſich nahm, und in Kurzem wußte er genug, um Kunigunden mit zaͤrtlichen Worten zu lohnen, was ſie muͤtterlich fuͤr ihn fuͤhlte. Er mochte etwa vier Jahr zaͤhlen, aber ſeine kraͤftige Geſtalt, ſein kuͤhner Muth, die Gewandtheit in allen ſeinen Bewegungen, machte oft, daß man ihn aͤlter glaubte, und wenn er Abends mit klugem Blick auf Heinau horchte, der von der Jagd erzaͤhlte, oder das blitzende Schwert an des Grafen Seite mit leuchtenden Augen anſah, konnte jener ſein Wohlgefallen nicht bergen, obgleich ein bitterer Schmerz ſich auf ſei⸗ nem Geſicht malte, den Kunigunde wohl zu deu⸗ ten wußte. Oft ſah er ihn lange feſt und nach⸗ denkend an, und wandte ſich dann raſch hinweg, wie Jemand, der ſich gewaltſam von einem Ge⸗ 1 genſtande losreißt. Hatten aber alle nur Liebe und Wohlwollen fuͤr den Knaben, ſo war der alte Rü⸗ diger der Einzige, der ihn fortdauernd haßte, und es nie verſaͤumte, ihn anzuklagen oder zu kraͤnken. Mit dem lebendigen Gefuͤhl der Jugend empfand Walter dieſe Feindſchaft, und ſeine offne Vesle 3 verſchloß ſich nur gegen den Alten. Mutter, ſagte er zu Kunigunden, ich mag das Schwert von Ruͤdiger nicht fuͤhren lernen, er blickt mich ſo unhold an, daß ich ihm nicht danken koͤnn⸗ te, wie Euch oder Beatrix, wenn Ihr mir Hel⸗ dengeſchichten erzaͤhlt. Mich duͤnkt, ſo muß der böſe Mann ausgeſehen haben, von dem das Fraͤu⸗ lein ſi ſi ngt, als er den frommen Pilger eardeta der in ſeiner Huͤtte einſprach.. 4 . Schaͤme Dich des liebloſen urtheils, mein Sohn, antwortete Kunigunde. Der alte Mann iſt muͤrriſch und ein Feind Deiner loſen Streiche, 4 aber darum kein Boͤſewicht. Das Fraͤulein wird Dein Lieblingslied lange nicht ſingen duͤrfen, wenn es Dich zu ſolchen Gedanken verfuͤhrt.. Kunigunde hatte indeſſen, bald nach jenen er⸗ ſchuͤtternden Scenen, ihre Leiden und Klagen in die treue Bruſt ihres Beichtigers niedergelegt, und faſt jeden Tag eine lange Unterredung mit ih gepflogen, von der ſie immer mit verweinten Augen, . und einem noch ſtilleren Weſen wiederkehrte. Weil Heinau den Bruder Bonifaz nicht liebte, ſo war ein Platz am Ufer der Ort ihrer Zuſammenkuͤnfte, und der Moͤnch wandelte ſo regelmaͤßig um die 1 Stunde der Daͤmmerung den ſchmalen Weg am. .. Berge hin, daß das Schloßgeſinde anfing, dieſen ——— Pfad nach der feierlichen Erſcheinung, den Pfaf⸗ fenſteg zu nennen, wie er noch jetzt heißt. Als der Winter voruͤber war, nahm Kunigunde ihren 1 Pflegling jedesmal mit ſich, und ihre Unterredun⸗ gen wurden nun ſo geleitet, daß ſie dem Knaben Belehrung waren. Die erwachende Natur gab dem Bruder Bonifaz Gelegenheit, Walters Herz wie ſeinen Geiſt zu bilden, und es ſchien, als ob Kunigundens Schwermuth vor dem erheiternden Einfluß eines frohen Jugendlebens weichen wollte. Herr Heinau war gegen den Sommer einer Fehde nachgezogen, und die Zeit, wo er auswaͤrts war, verfloß ihr ruhig in der Sorge fuͤr das Kind, und in liebevollem Andenken an den abweſenden Ge⸗ mahl, deſſen glaͤnzende Eigenſchaften jetzt nur al⸗ lein vor ihrer Seele ſtanden, waͤhrend die Flecken ſeines rauhen Gemuͤths immer dichter von dem Nebel der Vergeſſenheit umhuͤllt wurden. So kam der ſpaͤtere Herbſt heran, und die Daͤmmerung des Katharinentages fand die beiden Frauen eben ſo traulich nebeneinander, als vor ei⸗ nem Jahr. Nur daß der Graf fehlte, und ſtatt ſeiner der froͤhliche Walter am hellbeleuchteten Ti⸗ ſche ſaß, wo Beatrix an einer Fahne fuͤr ihn ar⸗ beitete, um die er ſie lange ſchon beharrlich gebh. ten hatte. 26— Sieh nur den glaͤnzenden Schild, ſagte er, und zog ihn aus einer Ecke hervor; der huͤbſche Knappe hat ihn gemacht, und das Wappen der Wieſenburg iſt darauf zu ſchauen. Nun wird bald der ganze Ritter fertig ſeyn, der Vater wird ſchon ein leichtes Schwert finden, wenn gleich der alte Ruͤdiger ſpottet und lacht. Ein Trompetenſtoß unterbrach dieſe Worte; Ku⸗ nigunde ſprang auf, es ward lebendig an der gro⸗ ßen Pforte. Der Waͤchter gab das Zeichen noch einmal, die Thore oͤffneten ſich weit, Roſſeshufe klangen den Bergweg hinan. Kunigunde zitterte vor freudigem Schrecke, Walter jauchzte laut, und ehe die Hoffnung der liebenden Frau Worte gefun⸗ den hatte, trat Heinau von Ruͤdiger begleitet in die Halle. Er umarmte die bleiche Kunigunde, und bot Beatrix mit einem uͤberraſchten Blick die Hand. Ihr ſeyd noch ſchoͤner geworden, Baaſe, ſagte er freundlich, traun, die ſtille Wieſenburg wird bald lebendig werden, wenn meine Kampf⸗* genoſſen die Blume erblicken, die ſie verbirgt. Wie habt Ihr gelebt? fuhr er fort, ſchnell den Ton ändernd, ruhig nonnenhaft, wie immer, duͤnkt mich; dies Haus hat keine Feſttage, und iſt nach Mondesfeiſt noch ohne Wandel daſſelbe. 3 Die Welt der Frauen iſt beſchränkt, mein Ge⸗ mahl, ſagte Kunigunde, und ünſere Wunſche flie⸗ — 27 gen nicht weit umher, es hat uns keine Freude gefehlt, als Eure Gegenwart. Wollt Ihr Euch aber einer Veraͤnderung freuen, ſo ſchaut Euren Pflegling an, der iſt groͤßer und ſtaͤrker geworden, und glaubt feſtiglich, Euch bald in den Streit folgen zu koͤnnen. Komm Walter und begruͤße den Grafen. Walter trat herzu, Heinau warf einen langen Blick auf ihn, der nicht auf Wohlgefallen zu deu⸗ ten war. Dann ſah er Ruͤdigern an, und ſagte: ja wahrlich, er iſt veraͤndert, ganz veraͤndert! Nicht mehr das Kindergeſicht, wie vormals, ein Anderes vielmehr, das den kuͤnftigen Mann ſchon vor meine Seele malt. Was meinſt Du Ruͤdiger? Der junge Loͤwe waͤchſt zeitig heran, meine ich, antwortete Ruͤdiger mit grinſendem Lachen. Der Junker verlangt taͤglich ein Schwert, und was er einmal verfechten wird, mag er wohl durch⸗ fuͤhren. Auch iſt ein hoher Sinn ihm ſchon als Knabe eigen, denn ſein Schild traͤgt, wie Ihr feh Euer graͤfliches Wappen. Du lüͤgſt, rief Heinau wild, und entriß dem Knaten das glaͤnzende Spielwerk; ſeine flammen⸗ den Augen ruhten auf dem Wappenbilde, und ver⸗ ließen es nur, um den zitternden Walter anzuſehen, der ſo wenig als die Damen von dieſer Seene ver⸗ ſtand. Wer hat Dich gelehrt, ein Recht zu ver⸗ langen, das Dir nicht gebuͤhrt, redete er ihn an, mag die Liebe der Graͤfin vergeſſen, wer Du biſt, Heinau von Wieſenburg wird immer wiſſen, daß er ein kinderloſer Mann iſt, und es iſt vergebne Mühi⸗ ihm einen andern Sohn aufdringen zu wollen. Kunigunde ſchwieg auf dieſen Vorwurf, aber ihr bleiches Geſi icht, ihre bebenden Lippen zeigten, wie tief ſie ihn fuͤhlte. Sie wankte in's Fenſter, und ſank im Schatten der tiefen Mauer auf einem Seſſel nieder. Walter war erſchreckt in Beatrix Arme gefluͤchtet, die allein ruhig genug blieb, um dem Sturm gelaſſen zu begegnen. Mich duͤnkt, ſagte ſie, Ihr legt einen zu tie⸗ fen Sinn in eine kindiſche Spielerei. Wie waͤre es, wenn ich, um eine kloͤſterliche Fertigkeit zu uͤben, das Bild mit meiner Scheere geſchnitzt, und dem Junker nebſt andern Zeichen meiner Huld 4 verehrt haͤtte. Herrn Nuͤdiger um Erlaubniß zu bitten habe ich verſaͤumt, und das iſt meine Schuld. Walter weiß von der Strafbarkeit der Sache noch weniger, als ſeine taͤndelnde Spielgefaͤhrtin, er weiß nur, wie viel er dem Grafen dankt, denn eben heute iſt ja der Jahrestag, wo er aufgenom⸗ — 29 men ward, und wir haben ihn deſſen wohl erin⸗ nert..— 4* Unmglich! ſagte Heinau, nein, unmoͤglich! es war ſpaͤter, viel ſpaͤter, ein naͤchtlicher ſtuͤrmiſcher Tag, ich glaube— 4 Der Tag der heiligen Katharina, den wir heute ſchreiben, unterbrach ihn Beatrix. Der Graf richtete die Augen auf Nuͤdiger, der todtenblaß vor ihm ſtand, und auf die ſtumme Frage unſicher antwortete: es iſt der Tag. Heinau bedeckte das Geſicht mit der Hand, eine lange Stille herrſchte durch einige Minuten.— Alles umſonſt, Ruͤdiger, ſagte Heinau dumpf und feierlich. Umſonſt! und darum um ſo ſchrecklicher! Umſonſt alle Arbeit meines Lebens, alles Wuͤnſchen meiner Getreuen! Mein Geſchlecht ſtirbt, wie ein Baum, der lange in uͤppiger Schoͤnheit bluͤhte, und nun verdorrt am Boden liegt, zum Hohn der niedern Geſtraͤuche, auf die er ſtolz herabſchaute. Nichts konnte ihn erhalten, und meiner Seele ge⸗ heime Qual iſt das Meſſer, das an ſeiner Wur⸗ zel nagt.— Laßt uns allein, Beatrix, fuhr er auf, da er ſie erblickte, und kein Wort gegen die Graͤfin von dem Ausbruche meines Unmuths. Kunigunde, die aus dieſen Worten wahrnahm, daß man ſie nicht zugegen glaubte, verließ leiſe ih⸗ ren Platz und wollte unbemerkt aus dem Saule ſchleichen, doch ſie ſchwankte in Beatrix Naͤhe, und dieſe ergriff ihren Arm, ſie zu ſtuͤtzen und in ihr Zimmer zu geleiten. Walter war von dem Fräu⸗ lein ſchon entfernt worden, ehe ſie ſeine Rechtfer⸗ tigung uͤbernahm. Eine ſchreckliche Nacht ging tangſam an Kuni⸗ gunden voruͤber, ſie hatte ſich nicht entkleidet, und erſt als der ſpaͤte Morgen an die Fenſter daͤmmerte, riß ſie ſich gewaltſam aus einem troſtloſen Nach⸗ denken auf, um einige Stunden zu ruhen. Es war ſtille in ihr geworden, der letzte Kampf ihrer Seele war gekaͤmpft, das Fahrzeug ihres Gluͤckes 4 zerſchellte. Die Wellen tobten nicht mehr, und woͤlbten eine ruhige Flaͤche uͤber die oͤden Truͤm, mer. Ermattet von mancher Anſtrengung verließ 6 8 ſie den Tag uͤber ihr Gemach nicht, und ſah Nie⸗ 3 mand, als ihre alte Kammerfrau. Wie es Abend= ward ſandte ſie an's Ufer, den Bruder Bonifaz zu ſich zu bitten, und es war ſchon Nacht, als der Moͤnch das Schloß wieder verließ. Im Ge⸗ hen bedeutete er die Leute der Graͤfin, die Ruhe 3 ihrer Herrſchaft durch nichts ſtoͤren zu laſſen, da —.—— — 31 ſie ſehr krank ſcheine, und bet einem Anſchein von Gefahr augenblicklich nach ſeinem Kloſter zu ſen⸗ den. Die treuen Diener hielten Wache vor den Gemaͤchern, und vergoͤnnten Niemanden Zutritt, obgleich die gutmuͤthige Beatrix mehr als Einmal Nachfrage that, und Walter ungeſtuͤm nach ſeiner Mutter verlangte. Nur als vor Schlafengehen die alte Kammerfrau, auf Befehl ihrer Dame, den Grafen beſchied, wichen ſie ehrerbietig zuruͤck, und zogen ſich in das aͤußerſte Vorgemach, um das Geſpraͤch des Gatten nicht zu ſtoͤren. Etwa eine halbe Stunde ſpaͤter kam der Graf aus dem innern Zimmer zuruͤck, und die aͤngſtli⸗ chen Dirnen umringten ihn, nach ihrer Frau zu fragen. Er beruhigte ſie mit der Nachricht, daß nur eine leichte Unpaͤßlichkeit die Graͤfin befallen habe, die morgen voruͤber ſeyn werde; auch war ſein Blick zwar ernſt und geruͤhrt, doch nicht be⸗ kuͤmmert genug, um eine Beſorgniß zu verrathen. Aber ſchon um Mitternacht hoͤrten die Wachen⸗ den eine ſeltſame Unruhe im Krankenzimmer, und noch vor dem Grauen des Tages begehrte die wei⸗ nende Kammerfrau einen ſchnellen Boten in's Kloſter, weil die Mittel, die Bruder Bonifaz am 32 3— Ein ruͤſtiger Edelknabe beſtieg ſogleich das tuͤchtigſte Pferd und ſprengte den Berg hinab, die Uebrigen weinten und beteten leiſe, bange Todtenſtille lagerte ſich uͤber den Gemaͤchern, ein trauriger Vorbote kuͤnftiger Tage.— Ich ſehe zwei Roſſe in der grauen Daͤmmerung, ſagte Frau Jutta endlich, der Herr ſey gelobt! es wird der Erwartete ſeyn. Schafft denn, daß ihm die kleine Pforte neben dem weſtlichen Thurme ohne Geraͤuſch geoͤffnet werde, und fuͤhrt ihn ſogleich her, denn wir war⸗ ten mit Angſt und Schmerzen. es um ſeine Gemahlin ſteht? fragte der Diener. Nein, gebot die Alte, ſie will Niemand mehr Berthold, daß ich dieſen Tag ſehen muß! Noͤnch durch die Reihen der weinenden Diener⸗ ſchaft, ſein ehrwuͤrdiges Geſicht war von tiefer Trauer umſchattet, er ſchritt ſchweigend, ohne Je⸗ Stimme, Abend verordnet hatte, keine Huͤlfe mehr boten. Und ſollen wir dem Grafen nicht melden, wie ſehen, als ihren Beichtiger. Sie iſt ſchon droben, und mag nicht wieder zuruͤck auf die Erde. Ach Berthold ging und fuͤhrte bald darauf den mand zu beachten, hindurch, und ging mit der Kammerfrau in das innerſte Gemach. Seine ——— ———— Stimme, die leiſe, aber anhaltend im Tone ſanf⸗ ter Beruhigung ertoͤnte, ſcholl bis zu dem trauern⸗ den Haͤuflein, das ſich dicht an die Thuͤr gedraͤngt hatte, und ermunterte ſie zum Gebet fuͤr ihre ſterbende Herrin. Endlich ward alles ſtill, ſie ſa⸗ hen ſich bedeutend an und wichen zuruͤck. Der Morgen erleuchtete ſchwach die Fenſter, mit ver⸗ huͤlltem Geſicht trat Jutta heraus, und winkte auf eine ſtumme Frage bejahende Antwort. Bald erſcholl es durch's ganze Schloß: Frau Kunigunde ſey nicht mehr, und kein Auge blieb trocken, von dem Erſten der Dienerſchaft bis zum niedrigſten Stallbuben, der ihr einſt ihr Roß gezaͤumt hatte. Die froͤhliche Beatrix, hier zum erſten Male dem Schauſpiel des Todes gegenuͤber, unterlag der ſchrecklichen Ueberraſchung. Sie befand ſich ſo uͤbel, daß Bruder Bonifaz an ihr Lager gerufen ward, ihr mit ſtaͤrkenden Mitteln beizuſtehen. Es war ihr ſchier unmoͤglich, das Unglaubliche zu faſſen, und ſie beſtuͤrmte den Moͤnch mit Fragen, die exr, ſelbſt in der hoͤchſten Beſtuͤrzung, nicht befriedigend beantworten konnte. Laſſet uns der Abgeſchiedenen ruhig nachſchauen, ſagte er, und ihr Werk auf Erden nach unſern C 34— Kraͤften vollenden. Euch hat ſie, nebſt tauſend Gruͤßen, den unmuͤndigen Walter hinterlaſſen, wir Beide wollen uns verbinden in der Sorge fuͤr ſein leibliches und geiſtiges Wohl. Ruhet jetzt und ſu⸗ chet Euern geſtoͤrten Frieden wieder zu gewinnen; ich kehre zu ihr zuruͤck, die ich nicht zu verlaſſen gelobt habe, bis die ſtille Gruft ſie umfängt.— Da Heinau in dem erſten Ausbruche eines wilden ungebaͤndigten Schmerzes ſich in ſein Zimmer ver⸗ ſperrt hatte, wo Niemand Zutritt fand, als der alte Ruͤdiger, der ihn, kraft ſeiner Gewalt uͤber ſeinen Herrn, am Abend erzwang, ſo lag dem Moͤnche jede Beſorgung der letzten Pflichten gegen die Verſtorbene ob, und er theilte die Einſamkeit des Sterbezimmers nur mit der alten Jutta. Ku⸗ nigunde hatte gewuͤnſcht, in der Gruft des nahen Nonnenkloſters zu ruhen, und in der Tracht dieſes Ordens lag ſie, von wehenden Kerzen beleuchtet, in einem ſchwarz behangenen Saale bleich und ru⸗ hig in ihrem ſtillen Todtenbette. Der Moͤnch ſaß zu ihren Fuͤßen, und in ehrfurchtsvoller Ferne weinte das Schloßgeſinde, waͤhrend Walter an Jutta's Hand mit tiefer Ruͤhrung die ſtarren Zuͤge der geliebten Mutter betrachtete. Heinau kam nicht, ſie zu ſehen, und als er am naͤchſten Mor⸗ gen in ſchwarzer Ruͤſtung hinter dem Sarge her⸗ — 35 wankte, zeigten ſeine verſtorten Züͤge eine Ver⸗ zweiflung, die das Mitleid und die Angſt der Be⸗ gleitenden erregte. Herr Pater, ſagte er, als an der Pforte des Kloſters die Nonnen den Zug eingeholt hatten und Bonifaz ihnen folgen wollte: Waͤhrend des Ge⸗ ſanges, den die frommen Schweſtern ſo eben an⸗ ſtimmen, leiht mir Euer Ohr einen kurzen Augen⸗ blick; unter dieſen Baͤumen ſind wir allein. Ich bin gewilligt, keine Stunde mehr auf der Burg zu weilen, ſondern gleich hinauszuziehen, um Ar⸗ beit fuͤr mein Schwert zu ſuchen. Aber ein Wort von Euch muß ich mitnehmen, das den Zweifel in meiner Bruſt toͤdtet oder zur Gewißheit macht. Sprecht! ich beſchwoͤre Euch, bei den Heiligthuͤ⸗ mern, die Ihr verehrt, welche Bewandtniß hat es mit dem Tode der Graͤfin. Sprecht! Ihr ver⸗ ſteht mich nur zu gut, und ich fuͤrchte, Euer Erbleichen ſagt, was der Mund verſchweigen moͤchte. Ich verſtehe Euch nicht, Herr Graf, antwor⸗ tete Bonifaz, und ſo ich Euch verſtuͤnde, moͤchte ich wohl erblaſſen, ob des frevelnden Gedantens Eurer Seele. 3 C 2 Ihr wollt ausbeugen, rief Heinau ſtuͤrmiſch, aber es ſoll Euch nicht gelingen. Wiſſen will ich Alles, und ſollte dieſe Stunde die letzte meines Lebens ſeyn. Machte Kunigundens eigne Hand ihrem Daſeyn ein Ende? beantworte mir dieſe ſchreckliche Frage, Moͤnch, beantworte ſie kurz und ſprich damit mein Urtheil. Ihre Reden, als ich ſie zuletzt ſah, waren ſeltſam und rechtfertigen mei⸗ nen Verdacht. Ja ich ahne es, ſie hat ihr Leben einem Elenden geopfert, dem hienieden kein Opfer mehr frommt!. Wehe Euch, Herr Graf, antwortete der Moͤnch mit ernſter Miene und einer Wuͤrde, die dem Ritter Ehrfurcht einfloͤßte— wenn es die Stim⸗ me Eures Gewiſſens iſt, die ich hoͤre! Aber Ihr laͤſtert das Andenken einer reinen Seele, die der Himmel von Euch nahm, weil Ihr nicht mehr verdientet, ſie zu beſitzen. Laßt mich jetzt ihrer Huͤlle den letzten Dienſt erweiſen, und Alles Ir⸗ diſche vergeſſend, dem Geiſte dahin folgen, wo keine Irrungen mehr ſeinen Frieden ſtöͤren.— Es fehlte dieſer Erklaͤrung viel, um Heinau zu befriedigen. Er haßte den Moͤnch, und kaum war Lins jehrwuͤrdige Geſtalt in den Mauern des Klo⸗ r lrſchwunden, ſo verſchwand auch der Ein⸗ druck, den ſie unwillkuͤrlich auf den Ritter gemacht hatte, und er nannte ſein voriges Gefuͤhl eine tadelnswerthe Schwaͤche. Eilig, wie von Furien gejagt, kehrte er auf die Burg zuruͤck, bot faſt alle waffenfaͤhige Mannen auf, und zog noch vor Nacht aus den Thoren, um lange nicht wiederzu⸗ kehren. Nuͤdiger blieb zum Schutz der Veſte mit einiger Beſatzung zuruͤck, und Beatrix war nun einzige Herrin in dieſer todken Einſamkeit, die ihr um ſo ſchrecklicher war, je mehr. die traurigſte Erinnerung ſie ausfuͤllte. Der einzige Beſuch, der ihr zuweilen ward, war der Bruder Bonifaz. Er konnte jetzt freier gehen und kommen, da der Herr des Schloſſes abweſend war, und Walters Erzie⸗ hung ward unter ſeiner Leitung fortgeſetzt. Doch nur wenig konnte des Moͤnchs Beredſamkeit den Knaben noch feſſeln, lieber tummelte er ſich mit den Knappen im Hofe herum, verſuchte die Roſſe zu zaͤumen und zu beſteigen, die Fahnen zu ſchwin⸗ gen, die Lanzen zu werfen, und traͤumte von Krie⸗ gen und Streiten. Wollte Bonifaz ihn zum Hoͤ⸗ ren bewegen, ſo mußte er von Heinau's Siegen erzaͤhlen, die er unter Friedrich des Sanftmuͤthi⸗ gen Fahnen erfocht. Dann wuͤnſchte der Knabe ſich mit hinaus, und uͤbte traurig den ſchwachen Arm, der noch kein Dahahr zu ſchwinden vor⸗ mochte. Aber auch Beatrix Geſaͤnge erfreuten ihn, er ſaß ruhig zu ihren Fuͤßen, wenn ſie die Harfe 4 ergriff, und begleitete ſeine Lieblingslieder gern mit leiſer Stimme. Euer Lied, liebes Fraͤulein, ſagte er eines Abends, erinnert mich wieder einmal an die Zeit, da ich noch nicht bei Euch war. Die Palmen, von denen es ſpricht, habe ich wohl oft geſehen, und unter einem dieſer Baͤume mit einer ſchoͤnen Frau geſeſſen, die mich liebkoſete, und viel Sorge fuͤr mich trug. Sie war nicht von ſo weißer Far⸗ be, als Ihr, ſprach auch eine andere Sprache, die ich damals verſtand. Vielleicht war es meine Mutter, und als ich ſie nicht mehr ſahe, mag ſie wohl geſtorben ſeyn. Ach Beatrix, wenn ich ſie noch einmal ſehen koͤnnte, waͤre es auch nur von ferne und in duͤſtrer Mitternacht, wie ich die zweite Mutter ſah! Wen ſahſt Du? rief Beatrix voll Entſetzen, und ihre Augen ſuchten unwillkuͤrlich die duͤſtern Ecken der weiten Halle auf. Ich hoffe, erwiederte der Knabe, Ihr ſeyd nicht erſchrocken, ſie war freundlich und mild, wie im Leben, und ich fuͤrchtete mich nicht. Mich —,—— — — 8 39 weckte ein ſchwerer Traum, das Licht brannte dun⸗ kel, und Jutta ſchlief neben mir im Seſſel. Da ſtand eine weiße Geſtalt unfern meines Lagers, unbeweglich in der Nonnentracht, in der ich die gute Graͤſin zuletzt ſah. Ihre Augen waren auf mich geheftet, ich erkannte das bleiche Geſicht ge⸗ nau, und mir graute ein wenig, doch nur einen Augenblick. Ich wollte Jutta rufen, aber es war kein Ton in mir, und gerade da erwachte ſie. Sis fuhr aͤngſtlich auf, glaubte mich krank, und uͤber ihre Zuſprache war die Geſtalt verſchwunden. Dann erzaͤhlte ich, Jutta erſchrak, kreuzte ſich dreimal und gebot mir zu ſchweigen. Auch haͤtte ich ihr gern gehorcht, aber ich kann nichts vor Euch verhehlen, und moͤchte lieber, die freundliche Er⸗ ſcheinung beſuchte uns jetzt, da wir beide einſam ſind. Gute Geiſter, ſagte Vater Bonifaz, um⸗ ſchweben ihre Lieben oft wie Schutzengel, und ver⸗ laſſen nur um ihretwillen ihre himmliſchen Woh⸗ nungen! Beatrix fuͤhlte einen Schauer, ob des Wunſches, den Walter ſo unbefangen ausſprach, und in den ſie nicht einzuſtimmen vermochte. Es war ihr unmsglich, laͤnger in der Halle zu ver⸗ weilen, und ſie ſuchte ihr engeres Gemach auf, wo ſie durch mancherlei kleine Geſchaͤfte ihre auf⸗ geregte Einbildungskraft zu beruhigen ſtrebte. Aber 4 0 3.. erſt mit dem Licht des Morgens kehrte die gewoͤhn⸗ liche leichte Heiterkeit wieder, und geſtaͤrkt durch den Schlaf, glaubte ſie jetzt, Walters Erzaͤhlung einem lebhaften Traum des Knaben zuſchreiben zu duͤrfen. Auch ſollten ganz andere Gedanken bald ihre Seele von dieſen Bildern entfernen, und neue Ereigniſſe die Einſamkeit des Schloſſes unterbre⸗ chen, die jenen ſchauerlichen Traͤumereien ſo guͤn⸗ ſii war.. Die Botſchaft, daß Graf Heinau zuruͤckkehre, brachte neues Leben auf die Wieſenburg. Voraus⸗ geſchickte Diener machten zugleich mancherlei An⸗ ordnungen, uͤber deren Urſache viel Gefluͤſter un⸗ ter dem Schloßgeſinde entſtand, und die ſelbſt Be⸗ atrix Neugier erregten. Die verſchloſſenen Zim⸗ mer der verſtorbnen Graͤfin, die ſchoͤnſten Schloſſe, thaten ſich auf, wurden geſaͤubert und gefegt, auch mit neuem zierlichen Geraͤth geſchmuͤckt, wozu eigene Arbeiter erſchienen, die koſtbare Schil⸗ dereien, guͤldenes Schnitzwerk, auch Tapeten von Sammt und Seide mit prunkenden Franzen mit ſich brachten. Niemand kannte die Staͤtte mehr, wo die einfache Kunigunde einſt wohnte, und Bea⸗ trix, der das alles gar wohl geſiel, ergoͤtzte ſich taͤglich an den neuentſtehenden Wundern. Endlich —— — — — — 41 ſtand das Ganze fertig da, und voll Erwartung ſahen die Bewohner dem Tage entgegen, der zu des Grafen Ankunft vorausbeſtimmt war. Heinau war dem Kurfuͤrſten von Sachſen mit ſeinen Leuten gegen die Polen zu Huͤlfe gezogen, und kam jetzt in ſeinem Gefolge aus einem ſiegrei⸗ chen Treffen ruhmbedeckt heim. Eine ſchwere Gna⸗ denkette, aus ſeines Herrn eigner Hand, ſchmuͤckte ihn, ſein Auge blickte heitrer, als es Beatrix je ſah, es ſchien, das feſtliche Mahl, das ihn em⸗ pfing, ſollte heute nicht durch des Hausherrn duͤ⸗ ſtre Mienen geſtoͤrt werden. Beatrix war ihm mit den Vornehmſten der Dienerſchaft bis an's Thor entgegen gegangen, ſie ſah die ſchoͤne ſtatt⸗ liche Geſtalt auf hohem Roß, das tanzend daher trabte, neben ihm eine Anzahl von Rittern, die ihr fremd waren, und die ernſten Krieger, die mit ihm auszogen, in langem Zuge ihm folgend. Fah⸗ nen wehten froͤhlich in der Mitte, der jauchzende Walter ſprang hoch auf an des Fraͤuleins Hand. Sittſam ſich neigend begruͤßte die Jungfrau die Ritter, fuͤhrte ſie in's Tafelzimmer, und reichte jedem den Becher als Wirthin des Hauſes, waͤh⸗ rend Walter ſich unter die Diener draͤngte, und von ihnen die Namen der fremden Gaͤſte erſpaͤhte, 4 Als aber nach dem Vortrunke die dampfenden Schuͤſſeln erſchienen, und alle ſich um die Tafel reihten, da verſchwand Beatrix, und ihr treuer Gefaͤhrte, der Knabe, folgte ihr bald in den ſtil⸗ lern Theil der Burg nach, wo ſie die Ruhe ſuch⸗ ten, indeſſen noch lautes Jubelgetoͤn und Becher⸗ klang durch die Nacht zu ihnen heruͤberſchallte. Kommt doch an's Fenſter, rief Walter am an⸗ dern Morgen; die Ritter ziehen heim, ſo eben be⸗ ſteigen ſie ihre Roſſe. O des herrlichen ſchwarzen Thiers, das jetzt der Knappe herbeifuͤhrt, es ſtampft ſo muthig die Erde, als haͤtte es ſchon zu lange geraſtet. Schaut, da koͤmmt ſein Herr, der rieſig große Mann, mit den flammenden Augen und bu⸗ ſchigen Augenbraunen, dem die eiſerne Ruͤſtung anſteht, als waͤre ſie ſein eigenes Selbſt und kein bloßes Kleid. Kunz von Kaufungen iſt er genannt, und dem Grafen hat er das Leben gerettet! Sie ſchuͤtteln ſich gar kraͤftig die Haͤnde, und das Ge⸗ ſicht des eiſernen Kunz ſchaut beinahe freundlich drein. Gelt, das iſt ein echter deutſcher Ritters⸗ mann, wie Berthold ſie mir an Winterabenden in ſeinen Geſchichten vormalte; ſo einer will ich auch werden. Deine Tapferkeit, mein Walter, wird ein mil⸗ — ,— deres Herz veredeln, ſagte Beatrix. Mir graut vor den harten Zuͤgen dieſes wilden Mannes, der Dich ſo ſehr anzieht. Walter blickte unverwandt in den Hof nieder, wo ſich die Ritter zum Abſchiede ruͤſteten. Auch Beatrix that es, aber ihre Augen weilten vor Al⸗ len auf Heinau, der bei der Vergleichung mit dem rauhen Kunz unendlich gewann. Die finſtre Laune, die ſonſt ſein Geſicht verdunkelte, ſchien noch nicht zuruͤckgekehrt zu ſeyn, es kam Beatrix nicht in den Sinn, daß ſie je zuruͤckkehren koͤnne; am wenig⸗ ſten in dieſem Augenblicke, wo er zu ihr hinauf⸗ ſah, und ſich ehrerbietig tief vor ihr neigte. Die Ritter folgten ſeinem Beiſpiele, hoch erroͤthend ſahe ſie einen nach dem Andern durch das Thor reiten, und Heinau einſam in's Schloß umkehren. Seine Sporen klangen auf der Stiege, er oͤffnete die Thuͤr und trat zu den Beiden ein. Ich haͤtte fruͤher nach Eurem Ergehen fragen ſol⸗ len, Baaſe, hob er an, und ſchaute ihr feſt in die freundlichen Augen, aber die Pflichten der Gaſtfreundſchaft hielten mich von Euch fern. Doch Eure bluͤhenden Wangen ſagten mir genug, und die Einſamkeit dieſer Burg laͤßt Euch nicht viel 7 44— erfahren, das des Erzaͤhlens lohnte. Das ſoll nun anders werden, Beatrix. Wir wollen die Ruhe, die jetzt im Lande herrſcht, mit Feſten und Tur⸗ nieren verſcheuchen, und wenn kein Ernſt unſern Arm fordert, zu Schimpf und Spiel unſere Zu⸗ flucht nehmen. Auch hoffe ich eine Zeit zu ſehen, wo meine ſchoͤne Hauswirthin ſich nicht ſo ſchuͤch⸗ tern uns entziehn, vielleicht die frohe Tafelrunde mit ihrer Gegenwart zieren, oder einen Reihen⸗ tanz nicht verſchmaͤhen wird.— O gewiß nicht, ſagte Beatrix mit leuchtenden Augen. Belebt nur dieſe oͤden Saͤle mit Frauen und Fraͤulein, die meine Luſt theilen, und laßt Floͤten und Harfen erklingen! Es wird ſchoͤn ſeyn, wenn geſchmuͤckte Gaͤſte durch das große Gebaͤude ziehen, wenn alles in Licht und Schimmer ſchwimmt, und von den hohen Gallerien herab die muntern Toͤne zum Tanz rufen. Ich habe mir das wohl oft getraͤumt, aber immer zuletzt mich ſelbſt ver⸗ lacht, weil es mir ſchier unmoͤglich duͤnkte, hier etwas Aehnliches zu erleben. Ihr habt Recht, antwortete Heinau tiefſinnig. Dies Haus hat lange nur Scenen von ganz ande⸗ rer Art geſehen, und ſeltſam freilich wird der alte .[.——— — —— — 4³ Bau auf das neue Leben herabſchaun! Aber man muß vergeſſen, man muß die Vergangenheit mit Jubel und Luſt in ihr Grab hinabdraͤngen, daß ihr Schatten die Lebenden nicht ſtoͤre. Aber ſchaut, wie ſtattlich Euer Pflegſohn ſchon neben Euch ſteht. Ich halte, er wird einſt ein wackerer Rittersmann werden. Geh hinab, Walter, und laß Dir von meinem Leibknappen den Falken zeigen, den ich mitgebracht habe, ein guter Spielgeſell fuͤr Dich bei muͤßiger Weile.—. Der Knabe ging, Heinau ſetzte ſich an Bea⸗ trix Seite nieder, die erroͤthend nach ihrer Nadel griff, und mit wenig Aufmerkſamkeit ſich zur Fort⸗ ſetzung einer Stickerei anſchickte, die vor ihr aus⸗ geſpannt war.— Fraͤulein, begann der Graf, ich muß frei mit Euch ſprechen, nicht kuͤnſtliche Worte weiß ich zu erſinnen, auch frommt das nichts zwiſchen mir und Euch. Ihr wißt, daß ich an jenem Abend, da die verſtorbene Graͤfin erkrank⸗ te, noch eine Unterredung mit ihr hatte, eine Un⸗ terredung, die ich nie vergeſſen werde, die in wei⸗ ter Ferne manche Nacht vor meiner Seele ſchwebte. Sie ſprach damals mit Gewißheit von ihrem Tode, an dem ich nicht glaubte, und legte einen Wunſch in meine Bruſt nieder, deſſen Erfuͤllung nun in A 46— Eurer Hand ſteht. Es war ihr letzter irdiſcher Wunſch, und was meint Ihr wohl, Beatrix, was die fromme Seele, die uns beide liebte, fuͤr uns begehren konnte? Eine lange Pauſe folgte dieſer Frage, Beatrix buͤckte ſich tiefer auf ihre Arbeit nieder, die vor ihren Augen in Nebel verſchwamm. Heinau fuhr fort, indem er aufſtehend ihre Hand ergriff. Wenn Beatrix meine Stelle einnehmen wollte, ſo wuͤrde ich mich droben Eures Gluͤcks freuen! — Oft habe ich ſeitdem dieſer Worte gedacht, mein Haus war nicht mehr oͤde, ſeit dieſe Hoffnung es belebte. Nun bin ich hier, und frage Euch offen: Will Beatrix die Stelle einnehmen, die Kunigunde ihr beſtimmte? Laßt mir Zeit, Herr Graf, antwortete Bea⸗ 3. 2 trixr kaum vernehmlich. Aber Heinau las genug in ihren Augen, was ſein Hoffen beſtaͤtigte, und er uͤberließ ſie der Einſamkeit mit der Gewißheit ihrer Liebe. Eine Welt voll bunter gaukelnder Bilder that ſich vor der ſinnenden Jungfrau auf; ſchimmernd lag der neue Lebensweg vor ihr, ſie ließ den Ernſt an der Pforte unbeachtet ſtehen, 1 —,—— —— — 47 und verlor ſich in einer freien ſonnigen Ausſicht ohne Schatten. Froͤhliche Feſte feierten wochenlang die Hoff⸗ nungen des verlobten Paares, noch glaͤnzendere die Vermaͤhlung. Die Nacht ward zum Tage, der fruͤhe Morgen zur Nacht. Zahlloſe Kerzen beleuchteten jedes noch ſo entlegene Gemach, und der Jubel drang von den Zimmern der Herrſchaft bis hinab zu den niedrigſten Knechten. Heinau und Beatrix waren die Seele dieſer Luſtbarkeiten; er, mit einem ruheloſen Gemuͤth, das ſich in den Wirbel der Luſt ſtuͤrzt, um Betaͤubung zu ſuchen; ſie, mit dem leichtergoͤtzten Sinn einer jungen Braut, die zum erſten Male genießt was ihre Ju⸗ gend erfreut. Die koſtbaren Gewaͤnder, die ſie ſchmuͤckten, das ſtrahlende Geſchmeide, das Kuni⸗ gunde keines Blicks gewuͤrdigt hatte, die laute Bewunderung Aller, die ſie umgaben, machten ihr Gluͤck, und woben einen goldenen Nebel um ſie, durch den ſie nicht erkannte, was Kunigundens Frieden geſtoͤrt hatte.— Endlich verſtummte das Geraͤuſch, die Gaͤſte zogen von dannen, die vorige Stille nahm von den Saͤlen und ſchallenden Gaͤngen der alten Burg 48— Beſitz. Der Graf ſuchte nun die bekannten Pläͤtze im Waldgebirg wieder auf, doch es ſchien, als koͤnne er ſich die Ruhe des Schlafs nicht erjagen, die er ſo lange dem Gewuͤhl des Hochzeitgelags aufgeopfert hatte. Beatrix hoͤrte ihn zuweilen haſtig vom Lager aufſtehen, die Ampel, die in der Mitte des weiten Schlafzimmers hing, heller machen, in den Gang hinauseilen, oder ſtundenlang auf und abſchreiten. Ja nach einigen Wochen ward ſogar das alte Schlafgemach mit einem andern vertauſcht, ohne daß Beatrix die Urſache von ihrem Gemahl erforſchen konnte. Sie dachte mit heimlichen Schauer an Walters Geſicht, und mancherlei Geruͤchte, die ſie nach und nach erlauſchte, ſchienen des Kindes einfache Erzaͤhlung nur gar zu ſehr zu bewaͤhren. Heinau, obgleich er ſonſt nur wenig von geiſt⸗ lichen Dingen hielt, ließ im nahen Nonnenkloſter reiche Seelmeſſen fuͤr die verſtorbene Graͤfin halten, und beſchenkte das Kloſter dafuͤr mit fuͤrſtlicher Freigebigkeit. Er ſtellte geheime Nachforſchungen an, die, wie Beatrix von ihrer Zofe erfuhr, ge⸗ wiſſe naͤchtliche Erſcheinungen zur Urſache hatten, und die Zimmer zunaͤchſt dem runden Thurme wurden mit ſiebenfachen Schloͤſſern verwahrt. Bea⸗ trix forſchte weiter, und hoͤrte: daß einige alte Bediente — 49 Bediente in der erſten Nacht nach den Feſtlichkei⸗ ten eine verſchleierte Nonnengeſtalt aus der Gegend des bewohnten Fluͤgels nach jenen Zimmern haben ſchreiten ſehen, und bald darauf des Grafen ru⸗ fende Stimme gehoͤrt haͤtten, der die Geſtalt zu verfolgen geſchienen. Die Zimmer neben dem run⸗ den Thurm, beſchloß die Dirne ihre Rede, ſind ohnedies gar unheimlich ſeit undenklichen Jahren, und Niemand von uns mag ſie betreten. Auch hat der Herr Graf ſelbſt die Erſcheinung nur bis dahin verfolgt, wo ſie dann vor den Augen der lauſchenden Diener in Luft zerfloſſen iſt. Die junge Frau gebot der Zofe zu ſchweigen, huͤllte ſich dichter in den Schleier, der ihre Locken bedeckte, und zog die Leuchte naͤher heran. Sie dachte mit Entſetzen an die einſame Gegend des runden Thurmes, und gelobte ſich, ſie nie zu be⸗ treten. Die ſchlaue Dirne aber gewahrte, was in ihrer Frau vorging, ſie war geſchickt genug, das Geſpraͤch zu aͤndern und auf Gegenſtaͤnde zu lei⸗ ten, die ſchnell alles Grauen entfernen mußten. Schon ſeit mehreren Wochen ging die Rede, der Kurfuͤrſt werde ein großes Turnier zu Zwickau mit ſeiner Gegenwart beehren, und aller Adel des meiß⸗ ner Landes ſich dabei verſammeln. Die geſchwaͤtzige 4 1 ¹ 50— Zunge der Zofe ergoß ſich in Vermuthungen uͤber den Glanz des Feſtes, uͤber den praͤchtigen Aufzug ihrer Frau; ſie ging von dem Perlenſchmucke der Locken zum blitzenden Halsbande uͤber, erhob ne⸗ benbei den blendenden Hals, dem das golddurch⸗ wirkte Gewand ſich anſchloß, das in weiten Fal⸗ ten bis auf den hochgeſchnaͤbelten kleinen Schuh herabſiel, und vollendete das Bild mit einem Guͤr⸗ tel, den ein reicher Stein zuſammenhalten ſollte. Laͤchelnd hoͤrte Beatrix ſie an, der gewichtige Schrein, der das Schmuckkaͤſtchen wahrte, that ſich auf, man muſterte die Stuͤcke, in deren vielgeſtalteten Ecken ſich die Lichtſtrahlen brachen, und wies jedem ſeine Beſtimmung an. Der Abend verſtrich eilig unter dieſen Geſchaͤften, und der Graf fand ſeine Ge⸗ mahlin in der gluͤcklichſten Stimmung, weit ent⸗ fernt, an die naͤchtlichen Abenteuer zu denken, die er ihr verhehlen zu wollen ſchien. Der Tag des Turniers brach an. Beatrix, ge⸗ ſchmuͤckt, wie wir ſie im Bilde geſehen haben, hatte ihren Platz auf der hohen Gallerie, dicht neben dem erhabenen Sitze der Kurfuͤrſtin Mar⸗ garetha. Ihre Seele ſchwamm in Entzuͤcken. Die Schoͤnheit ihrer eignen Erſcheinung, der ſie ſich gar wohl bewußt war, der Glanz der geputzten. 4 — 51 Damen, die wie Blumen eines bunten Kranzes, den Kampfplatz einfaßten, die hohen Ritter auf muthigen ſchaͤumenden Roſſen in blinkenden Ruͤ⸗ ſtungen, des Kampfes Gewandheit und Kraft— es war ein Bild, das alle Traͤume ihrer lebendi⸗ gen Phantaſie uͤbertraf. Schuͤchtern ließ ſie zu⸗ weilen die Regungen ihres Gemuͤths laut werden, und die Frau Kurfuͤrſtin hoͤrte ihr huldreich laͤ⸗ chelnd zu, wandte ſich auch oͤfter zu ihr, als zu ihrer zweiten Nachbarin, und fragte nach mancher Begebenheit ihres Lebens. Beatrix ſah, ob dieſer Herablaſſung noch eins ſo froͤhlich aus ihren freund⸗ lichen Augen umher, und ſelbſt Graf Heinau, der jetzt aus dem Gewuͤhl hervorritt, und die Lanze vor der Herrin neigte, ergluͤhte in ſtolzer Freude berm Anblick ſolches Vorzugs. Die Kurfuͤrſtin Margarethe war eine majeſtͤ⸗ tiſche Frau, deren koͤniglicher Anſtand ihre Wuͤrde verrieth, wenn auch kein Zeichen der Hoheit ſie kund gemacht haͤtte. Ihr Geſicht war weniger ſchoͤn, als ausdrucksvoll und anziehend. Siegen⸗ der Verſtand, Herſchbegier und Herrſcherkraft, mit freundlicher Milde gepaart, beſeelten ihre Zuͤge. Ihr gewoͤhnlicher Ausdruck war ernſt, aber wenn ſie laͤchelte, nahm ſie um ſo mehr alle Herzen ge⸗ D 2 2* fangen, ihre Zuͤge gehoͤrten zu denen, die man, einmal geſehen, nicht wieder vergißt, und immer gern im Gedaͤchtniß wieder aufſuchen mag. Bea⸗ trix wandte die Blicke zum oͤftern nach ihrer ho⸗ hen Nachbarin, aber eben ſo oft und gern ſchien dieſe die junge Graͤfin anzuſchauen. Die lebhafte Freude in ihren Augen bei den wechſelnden Sce⸗ nen des Feſtes, der Antheil an dem Kampfe und Siege, das unverhehlte Entzuͤcken, als ihr Gemahl einen der Kampfpreiſe aus den Haͤnden der Kur⸗ fuͤrſtin nahm, die leichte Froͤhlichkeit bei dem Tanze, der dem Turnier folgte, ergoͤtzten die Fuͤrſtin und zogen ihre Augen immer wieder auf die gluͤckliche Beatrix. An ſie vor allen Andern richtete Mar⸗ garethe bei'm Abſchiede huldvolle Worte, und ver⸗ hieß laͤchelnd, ſie vielleicht einſtmals auf der Wie⸗ ſenburg heimzuſuchen. Eine lange Zeit haͤuslicher Stille folgte nun, die durch die Erinnerung vergangener Freuden, ſo wie durch ſchoͤne Hoffnungen fuͤr die Zukunft be⸗ lebt ward; denn jetzt zeigte ſich der Graͤfin die frohe Ausſicht, ihres Gemahls heißeſte Wuͤnſche zu erfuͤllen, und ihn mit einem Erben zu erfreuen. Die Nachricht von dieſem Gluͤcke berauſchte den Grafen, er ſprach mit Entzuͤcken von einem Sohne, — 53 er blickte in die entfernteſten Tage, er baute die kuͤhnſten Hoffnungen der Ehrſucht auf das Leben des zukuͤnftigen Erben. Seine Liebe fuͤr Beatrix wuchs durch dieſe Erwartungen, und er äußerte ſie mit der Heftigkeit, die alles, was er that, be⸗ zeichnete. Heftig und unruhig war ſein ganzes Weſen. Die Zeit druͤckte ihn, die noch bis zur Entſcheidung ſeines Schickſals vergehen mußte. Er ſuchte Abenteuer in der Weite, er jagte und ſchwelgte mit ſeinen Kampfgenoſſen in wilder Un⸗ ruhe, und Walter hatte jetzt oft die Freude, den Ritter Kunz auf der Burg zu ſehen, dem es nur beim Kampf oder bei'm Becher wohl war. Der ſchlanke Knabe ſah ſo gern an den rieſigen Helden empor, hoͤrte ſo gern, in einen Winkel gedruͤckt, was Kaufungen von ſeinen Zuͤgen erzaͤhlte, oder wog mit ſeinem ſchwachen Arme das Schwert und den Eiſenhelm des Rittes. Auch hatte der rauhe Kunz immer ein Laͤcheln fuͤr ihn, das ſeine finſtern Zuͤge ſeltſam erhellte, und die blitzenden Augen, die ernſt unter dicken ſchwarzen Braunen hervor⸗ ſahen, ruhten zuweilen lange mit Wohlgefallen auf Walters Geſicht. 4 Aber jemehr Kunzens Erſcheinung dem Grafen und ſeinem Pflegeſohn zuſagte, je weniger konnte 54. Beatrix die duͤſtre Geſtalt gewohnen, und nur un⸗ gern goͤnnte ſie ihm ihre Gegenwart bei der Tafel. Auch achtete er ihrer nicht, und muͤhete ſich kei⸗ neswegs, ihr eine jener Aufmerkſamkeiten zu er⸗ zeigen, durch die die Maͤnner der damaligen Zeit den Frauen zu dienen ſtrebten. Sein Geſpraͤch kannte keinen andern Gegenſtand, als Krieg und Waffen, Freiheit und ungebundene Kraft. Seine Seele beugte ſich nie einer Herrſchaft, und baute trotzig Alles auf Arm und Schwert. Beatrix friedliches frohes Gemuͤth erbebte, wenn er den Becher ergriff und laͤrmend ſchwur: Des Man⸗ nes Freiheit ſey es werth, durch Mord und Zer⸗ ſtoͤrung gewonnen zu werden, und nichts koͤnne ſeinen Arm halten, eine ritterliche Sache mit Blut und Jammer zu erkaͤmpfen. Dann ſchien ihr dieſe drohende Geſtalt, dieſes wilde flammende Auge einem Weſen anzugehoͤren, das ohne Men⸗ ſchengefuͤhl nur die Huͤue und die rohe Kraft des Mannes truͤge, und dieſe eiſerne Kraft, von wel⸗ cher ſich Walter ſo ergriffen fuͤhlte, mehrte den Schauer, mit welchem ſie den Ritter betrachtete. Als die Tage heranruͤckten, denen Jedermann im Schloſſe erwartungsvoll entgegen ſah, ward der Graf gen Altenburg an den kurfuͤrſtlichen Hof — —— — 55⁵ gefordert; und mußte ſich, obwohl ungern, von der zagenden Beatrix trennen. Er ließ ſich in ernſter Stille die Waffen anlegen, ohne den zu be⸗ achten, der es that, bis er aus ſeinen Traͤume⸗ reien erwachend, aufſchaute, und den alten Nuͤdi⸗ ger erblickte. Ruͤdiger! ſagte er, wenn Du mir in wenig Tagen die Nachricht braͤchteſt, daß ein junges Herrlein in der Burg meiner warte, ſo moͤchte ich wohl dieſen Ritt mit ſchwererm Golde bezahlen, als Alles, was Du bis jetzt fuͤr mich gethan haſt. Aber wehe Dir, daß Du ſo viel thateſt, wenn diesmal meine Hoffnung mich truͤgt. Es giebt nur ein Heilmittel fuͤr die Wunden mei⸗ ner Seele, den vollkommenſten Erfolg meines Stre⸗ bens. O ich weiß noch ein Anderes, antwortete Ruͤ⸗ diger mit grinſendem Laͤcheln. Machet wieder gut, was Euch reut, es ſteht ja zum Theil in Eurer Macht. Waͤlzet die Schuld deſſen, was ich that, durch ein glaͤnzendes Werk der Ljebe von Euch, ſo hat Euer Gewiſſen Ruhe, un ich bin Eurer Vorwuͤrfe quitt, die ich läͤnger ſicht ertrage Nimmermehr! rief der Graf zornig aus, nim⸗ mermehr ſoll das geſchehen. Ehe mag das Schick⸗ ſal uns zertreten, als daß wir feige uns ſelbſt ver⸗ 8 56— laſſen. Nein, Ruͤdiger, Du verſtehſt Dich nicht auf Herzenswunden. Den Wurm vermag nichts zu toͤdten, der ſich um die Bruſt des Schuldigen windet. Kannſt Du Vergangenes wiederbringen? Kannſt Du fruͤhere Seelenruhe zuruͤckrufen? Wenn Du es kannſt, ſo wirf Alles hin, was ich mein nenne, und ich will Dir danken. Aber das iſt umſonſt, der Strom hat uns gefaßt, die Ruͤckkehr iſt verloren, wir muͤſſen vollenden.—— — Euer Blick iſt ſinſter und mein Herz ſo ſchwer, ſagte Beatrix, als ſie ſich aus ihres Ge⸗ mahls Armen riß. Sollte das Ahnung ſeyn? Ach Heinau, warum muͤßt Ihr mich jetzt verlaſſen! Wenn ich Euch nicht wieder ſaͤhe! Der Graf beſtrebte ſich, die Weinende zu be⸗ ruhigen, es gelang ihm nicht, er eilte fort, um ſeine Bewegung ihren Augen zu entziehn. Sie ſtand auf dem hohen Soͤller, ſah ihn den Schloß⸗ berg hinabreiten, noch oft zuruͤckblicken, und die Gruͤße erwiedern, die ſie mit ihrem weißen Schleier ihm nachſchickte. Traurig ging ſie, als die Sonne ſank, in ihr Zimmer, wo Walter ihrer wartete, und mit ſchmeichelnden Liebkoſungen ſie zu erheitern ſuchte. — 595 Miein Walter, ſprach Beatrix zu ihm, und heftete ihre naſſen Augen auf ſein treues Geſicht. Du biſt ſchon kein Kind mehr, und wirſt einſtmals ein Ritter werden, der Schwache zu ſchirmen ver⸗ ſteht mit Blut und Leben. Wenn ich ſterbe, in⸗ dem ich Dir einen Bruder gebe, ſo nimm Dich des Kindes bruͤderlich an, liebe es jetzt, ſchuͤtze es dereinſt nach beſtem Vermoͤgen in jeglicher Gefahr; verlaß es nimmer! Sieh! ich ſchaue in Dein Herz, durch Deine offnen Augen, Du wirſt dem huͤlfloſen Geſchoͤpfe ein treuer Freund ſeyn! Walters Thraͤnen floſſen in Beatrix Schooß, er warf ſich in ihre Arme, und ſchmiegte die naſſen Wangen an ihre Bruſt. Mutter! rief er, Ihr werdet nicht ſterben! Ihr ſeyd meine Mutter, ich bin Euer Sohn, ſoll die arme Waiſe zum dritten Male mutterlos werden? Nein, Ihr werdet nicht ſterben! aber mein Blut fuͤr Euer Kind, fuͤr mei⸗ nen Bruder mein Leben!— Es ward Nacht. Beatriyx hatte laͤngſt den Kna⸗ ben zur Ruhe geſandt, und wachte nur noch mit ihren Frauen. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, durch zackige Blitze zuweilen getheilt, in der Ferne rollte der Donner. Vergebens kaͤmpfte * 8 58— 7 der blaſſe umſchleierte Mond gegen die duͤſtern Naſſen, ſie umzogen ihn enger und enger, und begruben endlich ſein Licht in ihrem Schooße. Ein Sturmwind durchfuhr die hohen Gaͤnge des Schloſ⸗ ſes, die Fahne auf dem Thurme kreiſchte, und ſcheue Nachtvoͤgel umkreiſten die Fenſter. Beatrix Frauen traten zuweilen einen Augenblick auf den Soöͤller hinaus, ihrer bangen Gebieterin Kunde zu bringen, aber kein Schimmer theilte die Wolken, als das Feuer des Blitzes, dem jetzt der Donner in betaͤubenden Schlaͤgen naͤher und naͤher folgte. Gott ſey uns gnaͤdig, fluͤſterte die Eine, als eben die blendende Helle der tiefſten Nacht Platz gemacht hatte. Mich duͤnkt, ich ſehe einen blaſſen Lichtſchimmer in den Fenſtern am runden Thurm. Schau, es wankt ungewiß hin und her, bleich wie der Mond, der in dem Gewitter unterging. Du weißt, jene Thuͤren verwahrt ein ſiebenfaches Schloß, und von außen iſt der runde Thurm un⸗ zugaͤnglich. Laß uns hineingehen, ſagte die zweite, die Thurmuhr ſchlaͤgt zehnmal, es iſt nicht gut um dieſe Stunde allein zu ſeyn, auch habe ich eine ſchrecklichere Nacht nimmer erlebt. * In der untern Halle ſaßen um dieſelbe Zeit Knappen und Diener beim Becher. Ruͤdiger war — 59 unter ihnen: ſie fuͤllten und leerten die große zin⸗ nerne Weinkanne, die am Tiſch die Runde ging, und erzaͤhlten ſich wechſelnd von ihren Zuͤgen, wo⸗ bei Nuͤdiger die vornehmſte Stimme behauptete und immer lebendiger ſchilderte, je mehr der Wein ihn belebte. Der Sturm, der in dem duͤſtern Gange tobte, verſchlang endlich faſt ſeine Worte, die Fen⸗ ſter klirrten, der Donner wurde ſtaͤrker die Sue pen kreuzten ſich, und mochten nicht mehr trinken. Nur Ruͤdiger blieb ruhig auf ſeinem Sitz zuruͤck⸗ gelehnt, ruͤckte die Kanne naͤher, und ſah mit un⸗ heimlichem Laͤcheln den flammenden Blitzen zu, die ſein bleiches Geſicht ſchauerlich erhellten. Berthold war an's Fenſter getreten und ſtarrte in die Finſterniß hinaus. Der oͤde weite Hof ward von Zeit zu Zeit licht, und die Rieſengeſtalt des runden Thurmes ſtieg dann, den Fenſtern gegen⸗ uͤber, in blaulichen Schimmer gekleidet zu den Wolken auf. Wehe dem Pilger, der jetzt ohne Obdach iſt, ſagte Berthold, es iſt eine furchtbare Nacht, faſt wie jene, als Junker Walter mit ſeinem Beglei⸗ ter bei uns einſprach. Unſere Frau gebe jedem, der heute umherirrt, eine ſo ſichere Herberge. 6 0— Sicher genug! ſtammelte Ruͤdiger mit ſchwerer Zunge und grinſendem Lachen. Der klopft nicht wieder an die Pforte. Der hat das Wandern lange ſchon aufgegeben. 1 Horch! Drei maͤchtige Schlaͤge erſchallten in dieſem Augenblicke und Berthold oͤffnete das Fen⸗ r. Nuͤdiger war verſtummt. Bei allen Heiligen, hob Berthold wieder an, ich ſehe Licht in den Zim⸗ mern neben dem Thurme. Ein matter Schimmer erhellt die Fenſter, wer es ſehen will, der trete her. Du luͤgſt! ſchrie Ruͤdiger, oder es iſt der Wie⸗ derſchein von den Zimmern der Graͤfin. Narr! entgegnete Berthold, jene Zimmer ſchauen nach Morgen. Dieſes Licht hat ſich ſicherlich an keiner irdiſchen Kerze entzuͤndet. Es gehen ſeltſame Geruͤchte von dem noͤrdlichen Fluͤgel, auch wiſſen wir alle, daß er ſeit Jahren verlaſſen ward und ſchier verfaͤllt. Seht, ich habe Muth im Herzen und Kraft im Arme, aber nicht um die Welt nzoht⸗ ich jebt hinuͤber gehen. Aber ich! rief Ruͤdiger, indem er ſich muͤhſam erhob und die wehende Kerze faßte. Alle ſtaunten ihn an, wie er die Thuͤr öffnete, durch die ein —y — — 61 kalter Luftſtrom pfiff, der das Flaͤmmchen zu ver⸗ loͤſchen drohte. Von dem Glockenthurme ſchallte dumpf und feierlich die Mitternachtsſtunde. Die G Knappen ſahen Ruͤdiger unter dieſem Schall den hallenden Gang hinabſchreiten und um die nachſe Ecke verſchwinden. Stille des Grabes lag uͤber der Gegend, A Nuͤdiger jetzt betrat; kein lebendes Weſen wohnte hier, als in ziemlich weiter Entfernung, an dem aͤußerſten Ende des bewohnten Schloſſes, die alte Jutta. Mit unſicherm Schritt iſt er ihrem Kaͤm⸗ merlein voruͤbergeeilt, und jetzt nimmt ein hoher Bogengang ihn auf, der zu dem Thurm leitet. Die Flamme ſeines Lichts flackert unſtaͤt, und wirft nur zweifelhaften Schein umher, er ſieht ſich um, und ſucht gewaltſam den Muth zu erhalten, den er erzwang, denn Jahre lang hat er dieſe Staͤtte ge⸗ mieden. Sein Haar ſtraͤubt ſich empor, ſein Blut gerinnt, als ein ſcheuer Nachtvogel, aufgeſchreckt durch Menſchentritte, mit lautem Fluͤgelſchlag an ihm voruͤberſchwirrt. Kehre um! ruft eine innere Stimme, und zweifelhaft bleibt er ſtehn. Sein Rauſch iſt dem Entſetzen gewichen, ſein tollkuͤhner Muth iſt dahin. Da ſieht er aus der Tiefe des Ganges eine menſchliche Geſtalt hervorgehen, ſie 62— kommt naͤher, er erkennt ein dunkles Gewand, ein Pilgerkleid duͤnkt es ihm. Er will fliehen, ſeine Fuͤße ſind an den Boden gewurzelt. Wer biſt Du! ruft er laut, mit der letzten Anſtrengung aller Kraͤfte. In dieſem Augenblick umleuchtet ihn ein feuriger Strahl, ein krachender Donnerſchlag macht das Gewoͤlbe zittern, und Nudiger buütit beuht⸗ zu Boden. Indeſſen war in Beatrix Gemaͤchern nicht we⸗ niger Beſtuͤrzung und ſorgenvolle Unruhe. Hier hat eben ein zartes Maͤgdlein das Licht erblickt, und die todtſchwache Mutter iſt unter den Haͤnden ihrer helfenden Frauen faſt ohne Hoffnung des Lebens. Der Angſtruf der Dirnen toͤnt durch das Schloß, und erreicht ſelbſt die entfernte Kammer der alten Jutta. Weinend trat der Graͤfin ver⸗ traute Zofe bei ihr ein, um Huͤlfe und Rath zu ſuchen. Da lag Ruͤdiger auf das Lager der Alten hingeſtreckt, und neben ihm ſtand ein Moͤnch, mit menſchenfreundlicher Sorge bemuͤht, das Bewußt⸗ ſeyn des Ungluͤcklichen zuruͤckzurufen. Es war Bruder Bonifaz. Die Dirne jauchzte, als ſie ihnd erblickte, ſie beſchwor ihn, ihr zu folgen und ihrer Frau zu helfen, und da Nuͤdiger die Augen auf⸗ ſchlug, und mit kreiſchender Stimme den Moͤnch * —,— „ IöI“ — 63 von ſich abwehrte, den er fuͤr ein Weſen aus dem Grabe hielt, ſo ließ ihn dieſer unter Jutta's Haͤn⸗ den, um ſeine aͤrztliche Kunſt zu Beatrix Rettung anzuwenden. Beatrix lag in einem ſchweren Schlummer, den das geuͤbte Auge des Arztes nur zu ſicher fuͤr den Vorboten des Todes erkannte. Neben ihr ru⸗ hete ihr Kind, und eine Schaar weinender Diene⸗ rinnen umgab das Lager. Tiefe Stille herrſchte ringsum, denn der Sturm hatte ausgetobt, und in Oſten begann eine matte Daͤmmerung. Boni⸗ faz wendete umſonſt einige Mittel an, ſie belebten die Kranke auf Augenblicke, aber ſchnell legte der Fittig des Todes ſich wieder uͤber die erloſchenen Augen. Nur kurze Zeit noch, und die weihenden Gebete des Moͤnchs verſtummten, und der letzte Segen zur ewigen Ruhe verhallte uͤber der jugend⸗ lichen Todten. Mit verhuͤlltem Geſicht lagen die Weiber auf den Knieen, auch der fromme Boni⸗ faz war zu Boden geſunken. Aber als Eine aus dem Kreiſe ihr Haupt emporhob: ſiehe, da ſtand Jum Fuͤßen des Bettes, hinter dem Moͤnch, eine weiße verſchleierte Nonnengeſtalt. Ein lauter Schrei entſtoh dem Munde der Dirne, ſie ſah nichts mehr, und als ſie ſich bald darauf in den . ———õ⁶—ñͤͤ 3 643—— „ Armen ihrer Gefaͤhrtinnen wiederfand, war die Stelle leer, die ihr das Schreckbild gezeigt hatte. Als Ritter Heinau, von einem Trauerboten gerufen heimkehrte, wehte ein ſchwarzes Faͤhnlein von dem Glockenthurme herab, und laute Wehklage ſchallte ihm entgegen. Er warf ſich verzweifelnd neben den kalten Ueberreſten ſeiner Gemahlin nie⸗ der, er tobte und raſte, verwuͤnſchte wechſelnd ſein Geſchick und ſich ſelbſt, und nannte dieſen Verluſt einen Fluch, den Kunigundens Thraͤnen auf ihn herabgerufen haͤtten. Sein Toͤchterchen wuͤrdigte er keines Blicks, und es waͤre ganz verlaſſen ge⸗ weſen, haͤtten nicht die Frauen der Graͤfin es mit redlichem Herzen geliebt. Auch nahm der junge Walter, wohl eingedenk des letzten Geſpraͤchs mit Beatrix, der uͤbernommenen Pflicht mit treuem Eifer wahr, und wich nicht von der Wiege des Kindes, bis der Schlaf ſeine Augenlieder ſchloß. Wenn aber die Nacht alle wachſamen Augen zu⸗ deckte, ſo ſchien noch ein anderes Weſen den Schlummer der kleinen Waiſe zu belauſchen. Mehr als einmal hatte die Amme jene Nonnengeſtalt an der Wiege wahrgenommen, ja ſie war ſogar einſt⸗ mals auf eine ihr unbegreifliche Art durch ſie ge⸗ weckt worden, als ein erſtickender Krampf das Kind — —— 65 Kind befallen, und ſchleunige Huͤlfe noͤthig gemacht hatte. Es iſt die Graͤſin Kunigunde, ſagten die Weiber ſich leiſe in's Ohr, die im Grabe nicht Ruhe findet. Wenn die zwoͤlfte Stunde vom Thurme erſchallt, oͤffnet ſich weit die Thuͤr, und ſie ſchwebt herein, luftig und leicht, wie ein Schat⸗ ten, geht zur Wiege, buͤckt ſich einen Augenblick nieder, und entſchwindet uns, wie ſie kam. Wir aber fuͤrchten ſie nicht, wir beten ein Ave, huͤllen uns dichter in die Decke, und wuͤnſchen ihr die ewige Ruhe. Immer ſeltner kam der Ritter jetzt heim, im⸗ mer kuͤrzer wurde ſein Aufenthalt auf der Wieſen⸗ burg. Er lebte einige Meilen entfernt auf einem andern Schloſſe, und uͤberließ jenen alten Bau den beiden Kindern nebſt ihrer zahlreichen Diener⸗ ſchaft allein. Nur wenige davon hatte er zu ſei⸗ ner Begleitung ausgeſondert, und unter dieſen war der alte Nuͤdiger nicht, der uͤberhaupt ſeit der Nacht, wo das Fraͤulein geboren ward, ein ſelt⸗ ſam verſtoͤrtes Leben fuͤhrte, und wie ein unheim⸗ liches Geſpenſt durch die einſamen Mauern ſeiner Wohnung ſchlich. Das Feuer des Himmels hatte, wie es ſchien, ſeine Sinne zerruͤttet; er war nicht zu uͤberzeugen, daß die Geſtalt, die er damals E 66— ſah, der Moͤnch Bonifaz geweſen ſey, obgleich dieſer ihm ſelbſt erzaͤhlte, wie er, von einem Kran⸗ kenbeſuche heimkehrend, an die noͤrdliche Pforte des Schloſſes geklopft habe, und eben eingelaſſen worden ſey, als Ruͤdiger den langen Gang hinab⸗ geſchritten und durch den Blitz zu Boden geſtuͤrzt ſey. War aber auch bei'm Lichte des Tages dieſe Ueberzeugung einmal zu ſeiner Seele gedrungen, ſo verloͤſchte ſie die werdende Dunkelheit voͤllig, und ihn ergriff ein banger Wahnſinn, der jene Scenen lebendig wiederholte. Er tappte dann wie damals nach dem unbewohnten Fluͤgel hinuͤber, ſaoh die Pilgergeſtalt, wie er es nannte, und wartete auf den Blitzſtrahl, der ſeinem Leben ein Ende machen ſollte. Jedes Klopfen, jeder ungewohnte Schall, regte ihn gewaltſam auf, er erwachte dann, wie aus ſchwerem Traum, und ſprach Worte, die fuͤr Niemand als ihn Bedeutung hatten. Mit ſcheuem Mitleid wichen die uͤbrigen Bewohner ihm aus, und hatten nur von Ferne ein wachſames Auge auf ihn, damit ſein irrer Fuß die Graͤnzen der Burg nicht uͤberſchreite. So hatte der Graf es ſtrenge geboten. 4 Indeſſen vergingen Jahre, und die junge Luit⸗ gard wuchs unter der Pflege ihrer Waͤrterinnen 7 67 lieblich heran. Walter ward zum Juͤngling, und hatte mehr als einmal gezeigt, daß Kraft in ſei⸗ nem Arm, und Muth in ſeiner Bruſt wohnte. Die zarteſte Liebe verband die jungen Seelen von der fruͤheſten Jugend an, denn wie der Epheu ſich an den Nachbarbaum kettet, und ſeinen Stamm mit Hoffnungsgruͤn ſchmuͤckt, ſo ſchloß ſich Luit⸗. gard an den Knaben Walter, der zu ihrem Schutz verpflichtet zu ſeyn glaubte, der ihr Liebe gelobt hatte, ehe ſie das Licht ſah. Er theilte freundlich ihre Spiele, er begleitete ſie auf ihren Spazier⸗ gäͤngen durch Berg und Thal, ſaß ſtundenlang mit ihr am Abhange des Schloßberges und erzaͤhlte von ihrer Mutter, die er nie vergaß, von der Graͤfin Kunigunde, von der Nonnengeſtalt an Luit⸗ gards Wiege, und von ſeinem dunkeln Urſprunge! Wenn dann die Kleine, erſtaunt zuhorchend, ihre freundlichen blauen Augen auf ihn heftete, glaubte er Beatrix zu ſchauen, und mit einer Thraͤne der Erinnerung ſchloß er das Kind in ſeine Arme. In langen Winterabenden ergriff er wohl die gold⸗ gezierte Harfe, die jetzt verſtummt war, ſuchte muͤhſam einige wohllautende Akkorde und ſang Beatrix Lieder dazu, und Luitgard jauchzte, zu ſeinen Fuͤßen ſitzend, der unvollkommenen Muſik ihren Beifall zu. E 2 — 4 68— Es ſchien dem Grafen nicht in den Sinn zu kommen, daß es nun Zeit werde, ſeine Tochter andern Haͤnden zu vertrauen, als denen ihrer Am⸗ me; er zuͤrnte, daß die Jungfrau kein Sohn war, und war zu beſchaͤftigt, um ihrer zu denken. Der Bruderkrieg zwiſchen dem Kurfuͤrſten und Herzog Wilhelm war ausgebrochen„ und Heinau zog mit all ſeiner Mannſchaft zu Friedrichs Huͤlfe aus. Auch Walter ward nun auf ſein dringendes Bitten bewaffnet, und begleitete ſeinen Herrn als Knappe. Er letzte ſich mit der jungen Luitgard, die heiß weinend von ihm ſchied, und trauernd in die Burg zuruͤckkehrte, nachdem ſie ihrem Freunde von dem Platze am Schloßberge, wo ſie ſonſt mit ihm zu ſitzen pflegte, in die weite Ferne nachge⸗ ſchaut hatte. Weniger ungern als ſonſt ging ſie in dieſer Stimmung mit der allen Jutta in das nachbar⸗ liche Nonnenkloſter. Die Alte hatte, ſeit das Fraͤu⸗ lein heranwuchs, ſie faſt taͤglich mit dorthin ge⸗ nommen, wo ſie guten Zutritt hatte, um dem Kinde die Belehrung der frommen Nonnen in geiſtlichen und weltlichen Dingen zu goͤnnen. Doch die muntere Luitgard fand wenig Gefallen an den dunkeln Mauern, die Jutta als eine Freiſtatt der 7 — 69 Heiligkeit pries, und horchte ſie gleich gelehrig auf alles, was ihr dort geſagt ward, wurden gleich ihre kleinen Finger geſchickt, zu ſticken und zu we⸗ ben, ſo war doch ihr Schritt, wenn er uͤber die Schwelle des Kloſters in's weite gruͤne Wieſenland trat, dem froͤhlichen Fluͤgelſchlag eines jungen Voͤgleins gleich, das dem Kaͤfig entronnen, durch die Him⸗ melsluft fliegt. Sie war nicht zu bewegen, eine Nacht im Kloſter zu verweilen, und verhehlte es nicht, wie traurig dieſe Kreuzgaͤnge, dieſe duͤſtern Zellen, dieſe lautloſe Stille ihrer lebhaften Froͤh⸗ lichkeit ſey. . Luitgard ſaß heute neben ihrer Lehrerin, einer blaſſen Nonne, die ſie vorzuͤglich liebte, und be⸗ trachtete die kuͤnſtlichen Bilder eines großen Buchs, in welchem die Nonne leſen konnte, und ihr aus dem Schatz des Geleſenen zuweilen etwas zufließen ließ. Jutta ſprach indeſſen mit einer Zweiten, die wohlgenaͤhrt, mit rothen Wangen und maͤnn⸗ lich ſtarken Zuͤgen aus dem weißen Schleier her⸗ vorſah. Walters Zug und Luitgards Trauer um den Geſpielen hatte das Geſpraͤch begonnen, das nun bei den Kriegshaͤndeln ſtehen blieb, und von der Nonne mit neugierigem Eifer verfolgt ward. * 3 78— Wohl ein thraͤnenvoller Bruderkrieg! ſagte Jutta, der noch lange kein Ende gewinnen mag. Schon dauert er Jahre, und wie man ſpricht, aus Schuld eines Einzigen, des Apels von Vitz⸗ thum, der Herzog Wilhelms Rath iſt, und immer wieder Arges ſpinnt, wenn gutgeſinnte Vermittler zur Suͤhne helfen wollen. Dafuͤr hat nun der Kurfuͤrſt Apels Guͤter unter ſeine Getreuen ver⸗ theilt, zum Erſatz fuͤr die Schloͤſſer und Burgen, die man ihnen in Thuͤringen verwuͤſtet und genom⸗ men hat. Das meiſte hat Kunz von Kaufungen gewonnen, weil er dort das Meiſte verloren. Auch unſer Graf, ſo ſagt man, ſoll einen neuen Beſitz erlangt haben und in großen Gnaden ſtehen. Und ob er noch mehr gewoͤnne, ſeufzte die Nonne, ſein hoffaͤrtiges Herz haͤtte nimmer genug. Ein wuͤſtes wildes Treiben iſt mit ihm auf die Burg gekommen, die ſonſt ihre Thore allen Wall⸗ fahrern oͤffnete, heiliger Vaͤter ſtete Herberge war, und an Kirchen und Kloͤſter ihren Ueberfluß ſpen⸗ dete. Heimlich, wie ein boͤſer Geiſt, mußte Va⸗ ter Bonifaz zu ſeiner Beichttochter ſchleichen, in naͤchtlicher Stunde ging ſie zu ihm hinaus an die Wellen des Stroms, um ihr belaſtetes Herz vor ihm zu öͤffnen. Gott ſchenke ihr die Ruhe in ih⸗ — 71 rem tiefen Hauſe, das ſie ſich bei uns gewaͤhlt hat! Jutta ſeufzte tief, und die Nonne fuhr fort: Noch lebendig, als waͤre es geſtern geſchehen, erinnere ich mich der Wallfahrt nach Palaͤſtina, auf welcher Graf Gero, der letzte des aͤlteren Grafenſtammes, den Tod fand. Wie er kam, auf unſern Altaͤren zu opfern, Gold und Silber und koͤſtliches Geſchmeide, und unſere Gebete heiſchte fuͤr eine gluͤckliche Heimkehr. Aber der Herr hatte es anders beſchloſſen und der fromme Mann endete in dem Lande, wo er fuͤr den Glauben ſtritt. Seitdem ſchauen die Mauern der Burg mich an, wie die Mauern eines Goͤtzentempels, und ich wuͤnſchte das darte Fraͤulein fuͤr immer bei uns geborgen zu ſehen. Moͤchte ihr harter Vater, der ihrer nicht achtet, ſie dem Himmel goͤnnen, moͤch⸗ ten wir ſie gleich heute hier feſt halten koͤnnen, daß ihr Fuß nie wieder uͤber dieſe Schwelle in die truͤgeriſche Welt traͤte!— Luitgard war bei den letzten Worten aufmerk⸗ ſam geworden, und hatte nicht ſobald ihren Sinn begriffen, als ſie ſich in die Arme der Schweſter Beate ſtuͤrzte, die bei jenem Geſpraͤche ſtumm ge⸗ blieben war. — —W—-— “ — 72—— Nein, heilige Frau, ſagte ſie aͤngſtlich, ich werde nicht hier bleiben, Ihr werdet mich nicht feſthalten! O laßt mich, laßt mich z uͤck in die freundliche Welt, die ich liebe. Ihr ſeyd nie, wie ich, an des Berges Rand, an den Ufern des kla⸗ ren Fluſſes umhergewandelt. Ihr wißt nicht, wie herrlich es hinter Euren Mauern iſt! Seyd ruhig, mein Kind, ſagte Beate mit ſanfter Stimme. Ihr habt die Worte der from⸗ men Schweſter falſch gedeutet. Ihr ſeyd frei, Niemand wird Euch hier zuruͤckhalten. Euer Be⸗ ruf iſt die Welt, nicht das Leben in einer Zelle. Lernet bei uns, was Euch dort nutzen mag, und eilet dann ſo gluͤcklich hinweg, als wir zuruͤckblei⸗ ben. Luft und Sonne ſind die Elemente der Ei⸗ nen Pflanze, waͤhrend die Andere den Schatten ſtiller Mauern aufſucht, und nur unter ihnen eine bleiche mattfarbige Blume entfaltet, die das graue Gemaͤuer bekleidet, indem ſie nach oben ſtrebt! Aber nicht eher wurde Luitgard ganz ruhig, bis die ſchwere Kloſterpforte ſich hallend hinter ihr ſchloß, und ſie ſie mit ihren Riegeln wieder ver⸗ wahren hoͤrte, bis ſie muntern Schritts uͤber die gruͤne Wieſe zum Fluſſe, den engen Pfaffenſteg — ———y— aufwaͤrts eilte, und den Schloßberg ſo ruͤſtig er⸗ klimmte, daß die alten Fuͤße der Mutter Jutta ihr nicht zu folgen vermochten. Da ſtand ſie vor dem großen Schloßthore auf einem Vorplatze mit dichtem Gehoͤlz belaubt, und ſah in den Spiegel zu ihren Fuͤßen in die huͤpfenden Wellen, in die blauliche Ferne. Freudig hob ſie die kleinen Haͤnde zum Himmel, der wolkenlos auf ſie nieder lachte. O die Welt iſt nicht truͤgeriſch, ſagte ſie, nur in jenen Zellen wohnt der Truͤbſinn, weil der Him⸗ mel nicht hinein lacht, und die Sterne nur durch die engen vergitterten Fenſter gruͤßen duͤrfen.— —— Es war ein dunkler Herbſtabend, als ein Trupp Neiſender, Herberge ſuchend, daher zog. Eine hohe Frau auf ſchneeweißem Roſſe, von Dienern und Edelknaben umgeben, mit einem ge⸗ wapneten Ritter, dem eine Schaar Reiſiger folgte. Schneller als ſie gefuͤrchtet hatten ſank die Nacht hernieder, und die Dunkelheit hinderte ſie, den Weg zu beachten, der vor ihnen lag. Es wird ſpaͤt, gnaͤdige Frau, ſagte der Ritter, Ihr werdet Euer Nachtlager nicht mehr erreichen, auch duͤnkt mich, wir ſind vom Wege abgekommen, ſonſt wuͤßte ich wohl eine Herberge, die Ihr nicht verſchmaͤhen ſolltet. „ „4— Was duͤuket Euch, Herr Ritter, ſagte die Da⸗ me mit Laͤcheln zu dem irrenden Zuge, der mich in dieſes Abenteuer bringt. Traun, haͤtte nicht ein falſches Geruͤcht ſo glaubhaft von meines Herrn Verwundung geſprochen, ihr wuͤrdet mich heute nicht in einer Lage erblicken, die mir wie ein neckender Traum erſcheint. Doch was thuts, ob wir auch bis an den Morgen reiten, die Gegend iſt ja ruhig, und hat mich nicht mein Gemahl unter dem Schutz des tapfern Kuin vor jeder Faͤhrlichkeit geſichert? Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte ſich ein Wan⸗ derer zu den Edelknaben geſellt, und von ihnen den Namen der pilgernden Dame erforſcht. Nicht ſobald hatte ſein Ohr ihn vernommen, als er den Schritt beſchleunigte, und neben dem weißen Pferde langſam hingehend, mit einem frommen Gruße ſich an die Reiterin wandte. Sie blickte herab und erkannte noch eben in der Daͤmmerung ein Ordensgewand. Habt Dank fuͤr den Segen, frommer Mann, entgegnete ſie, Euer Geleit ma⸗ che ihn uns zur Wahrheit. 4 Und will die Frau Kurfuͤrſtin, fuhr jener fort, nicht lieber ein wirthliches Obdach ſuchen, als in 4 * 3 — — 3 75 dem kalten Nebel der Herbſtnacht verweilen? Len⸗ ket Euch links, ſo werdet Ihr in Kurzem die Lich⸗ ter auf der Wieſenburg erblicken, oder wollt Ihr dort nicht einkehren, ſo bietet Euch ein gaſtliches Nonnenkloſter ſein Dach an. Sollte die Wieſenburg uns ſo nahe ſeyn, Kau⸗ fungen? fragte die Kurfuͤrſtin. Er antwortete, wie er dieſe ſchon vorher im Sinne gehabt, doch ſie entfernter geglaubt haͤtte. Nun wohlan, ſo laßt uns dort raſten. Ich gelobte einſt dahin zu kommen, aber dies Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen, komme ich leider zu ſpaͤt. Die Kurfuͤrſtin verſiel nach dieſen Worten in tiefes Sinnen, und ihre Gedanken verließen ihren Gegenſtand nicht eher, bis Bruder Bonifaz, denn das war der Moͤnch, einen Scheideweg bezeichnete, der nach dem gewuͤnſchten Ziele fuͤhre. Er ſelbſt trennte ſich hier von den Uebrigen, um einen an⸗ dern einzuſchlagen, der, wie er ſagte, zu ſeinem Kloſter geleitete. Der Zug erreichte die Burg. Die Diener ſchlugen an die Pforte, der Burgwart drommetete, that die gewoͤhnlichen Fragen, auf deren Beant⸗ — 4 3 wortung ſich die breiten Fluͤgel des Thores weit oͤffneten, um den erlauchten Gaſt einzunehmen. Man fuͤhrte die Kurfuͤrſtin durch oͤde weite Hallen und Gaͤnge in ein praͤchtiges Gemach, Kerzen ent⸗ zuͤndeten ſich an den geſchmuͤckten Waͤnden, eine reichbeſetzte Tafel erſchien, und ein loderndes Feuer verſcheuchte die Kaͤlte der neblichen Herbſtluft. Aber als nun Kunz ſich nach der Tafel beurlaubte, als die Edelknaben ſich entfernt hatten, und die Kurfuͤrſtin auch die fremde Zofe entließ, die ſie bei'm Auskleiden bedient hatte, da kamen ihrer Seele die Gedanken wieder, mit denen ſie den letzten Theil des Weges gemacht hatte. Sie er⸗ innerte ſich an Beatrix mit einer Lebhaftigkeit, die dem Schauen glich; die lebenvolle blendende Geſtalt, das lachende Auge, der ſuͤße Mund, die anmuthige Freundlichkeit, waren ihr ganz gegen⸗ waͤrtig. Sie gedachte ihres Verſprechens, hier einſt einzuſprechen, und mit Wehmuth fand ſie ſich nun in dem ausgeſtorbenen Hauſe allein. Viel⸗ leicht, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, waren dies ihre Zim⸗ mer, hat ſie hier gewohnt. Es war ſchon ſpaͤt, als Margarethe die ſchwe⸗ ren Sammtumhaͤnge ihres Lagers zuruͤckſchlug, um ſich zur Ruhe zu begeben. Sie entſchlief bald, — ——Q—ʒ—᷑—᷑—VV—:ʒ—ʒ⅓ʃꝛ·D„„— aber ein Geraͤuſch, deſſen Natur ſie nicht deutlich unterſchied, weckte ſie in Kurzem wieder. Sie richtete ſich auf, und ſah eine weißverſchleierte Ge⸗ ſtalt in der Mitte des Zimmers regungslos ſtehen. Ihr Blut ſtockte, aber der maͤnnliche Muth in ihrer Seele bezwang die Wallung, ſie zeichnete das Kreuz vor ihre Bruſt, und fragte mit feſter Stimme: Wer biſt Du, und woher kommſt Du? — Keine Antwort, nur tiefere Todtenſtille ringsum. Biſt Du Beatrix? fuhr die Kurfuͤrſtin fort, ſo ſprich, ich beſchwoͤre Dich, was iſt Dein Be⸗ gehr an die beſuchende Freundin? Es lebt ein Kind in dieſen Mauern, klang eine hohle Stimme zuruͤck, ſeine Mutter iſt nicht mehr, ſein Vater kaͤmpft fuͤr Dich. Nimm es mit Dir, und laß ſein Heil Deine Sorge ſeyn. So wahr mir Gott helfe, rief Margarethe, Dein Wuunſch ſoll erfuͤllt werden. Sie beugte ſich weiter aus dem Lager, ihr Muth wuchs, ſie blickte mit feſtem Auge nach der Erſcheinung, aber ein unverſehener Stoß an das Tiſchchen neben ihr verloͤſchte in dieſem Augenblicke die Lampe und be⸗ grub Alles in Nacht. Nur ein leiſes Rauſchen F „— 3 78— und ein hellerer Schimmer verrieth noch das Ent⸗ ſchweben des Geiſtes. Margarethe legte ſich er⸗ ſchoͤpft auf die Kiſſen zuruͤck. Ihre Pulſe klopf, ten laut, ſie ſuchte den Schlaf vergebens, bis er mit der Morgendaͤmmerung ſie ihrem Nachdenken entriß. 4 Am andern Morgen forderte die Kurfuͤrſtin das Fraͤulein zu ſich, und erklaͤrte ihren Willen, ſte mit nach Hofe zu nehmen. Niemand wagte ihr zu widerſprechen, und Luitgard war entzuͤckt von der Ausſicht einer Reiſe. Nargarethe ſah das junge Maͤdchen mit tiefer Ruͤhrung vor ſich ſtehen, es waren die Zuͤge, die Augen der Mutter, die ſie verjuͤngt und kindlich anblickten. Sie erwaͤhnte gegen Kaufungen etwas von ihrem Nachtgeſicht, er war erſtaunt, und geſtand, am geſtrigen Abend auch ein Abenteuer erlebt zu haben, das zwar von anderer Art, doch nicht weniger bedeutend ſey. Waͤhrend die Pferde gezaͤumt und vorgefuͤhrt wurden, ſuchte Kunz den Burgvoigt auf und legte ihm die Frage vor: Wer der alte Mann mit ſchneeweißem Bart und bleichem Geſicht ſey, den er geſtern Abend in der untern Halle am Feuer getroffen habe, als er den Edelknaben der Kurfuͤr⸗ ſtin noch einige Befehle habe geben wollen. ——— —.— —.— Man nannte ihm den alten Nuͤdiger, und fuͤgte von ſeiner Geſchichte hinzu, was man wußte. Drauf fuͤhrte Kaufungen die Kurfuͤrſtin zu ihrem Roſſe, half ihr ehrerbietig in den Buͤgel, ließ ein kleines Pferdchen fuͤr Luitgard herbeibringen, das ein Edelknabe leitete, ſchwang ſich auf ſein ſchwar⸗ zes Streitroß, und der Zug trabte den Schloßberg hinab. Luitgard ſah ſich noch oft nach den bemooß⸗ ten Thuͤrmen der Heimath um, gruͤßte im Voruͤber⸗ reiten das Nachbarkloſter und die Schweſter Beate, waͤhrend gaukelnde Bilder kuͤnftiger Herrlichkeit ihre Einbildung in die unbekannte Ferne zogen. Wirklich begann dem Fraͤulein in Altenburg ein ſchoͤneres Leben. Sie war immer um die er⸗ habene Kurfuͤrſtin, theilte ihre haͤusliche Stille, ihre Arbeiten und ihre Freuden, und gewann in dieſem Umgange ſo viel, daß ihre hohe Pflegemut⸗ ter ſie bald ſelbſt fuͤr das liebenswuͤrdigſte Maͤdchen erkannte. Sie war ſchoͤn, aber ihre Heiterkeit, ihr harmloſer Witz, die Anmuth in jeder Bewe⸗ gung, wuͤrde ſelbſt ohne Schoͤnheit gefallen haben, und wenn es ein Feſt bei Hofe galt, ſo ſchlugen die Herzen aller Ritter fuͤr das junge Hoffraͤulein. Das ihrige aber behielt ſtets denſelben Takt, und wurde nicht unruhig durch Schmeichelei und Opfer. Kind⸗ —õ;ʒᷓ 80 eeeeeees lich ließ ſie ſich zu den Spielen der jungen Prin⸗ zen herab, wie einſt Walter zu den ihrigen, und dachte dabei mit dankbarer Liebe des Jugendgefaͤhr⸗ ten, von dem ſie nun ſo lange ſchon getrennt lebte. War ſie mit den Prinzen allein, ſo unterhielt ſie ſte von ihren Kinderjahren und nannte den Na⸗ men Walter gar fleißig zu eigenem Ergoͤtzen. Sie malte ſein Bild, pries ſeine Lieder, ſeine ritterli⸗ chen Kuͤnſte, ſeinen Reichthum an mancher ſeltnen Erfahrung, und waͤhrend ihr Herz bei dieſen Er⸗ innerungen die Gegenwart vergaß, ſchlugen die jungen Herrn in die kleinen Haͤnde, und riefen laut: Luitgard, ich wollte Walter waͤre hier! Seufzend wuͤnſchte ſie daſſelbe, trat an das hohe Fenſter des Gemachs, und ſchaute nach der Ge⸗ gend hin, wo ſie ihn wußte. Mehr als einmal ſchon hatte Graf Heinau ſeine Tochter in Altenburg geſehen; er liebte ſie jetzt, weil ihr Aufenthalt ſeiner Ehrliebe ſchmeichelte, er fing an, die Ruinen ſeiner Plaͤne zu ſammeln, und ein ſtolzes Gebaͤude zu erhoͤhen, deſſen Grund die Schoͤnheit ſeiner Tochter war. So gern aber auch Luitgard Kunde von Walter gehabt haͤtte, ſo wenig vermochte ſie, dem ſtrengen Vater gegenuͤber, eine Frage uͤber die Lippen zu bringen. Es war ihr „ . — 31 ihr in ihrer kindlichen Offenheit, als muͤßten bei dieſer Frage, die geheimſten Tiefen ihres Herzens ſichtbar werden, und jene fromme heilige Liebe ver⸗ rathen, die mit ihr aufgewachſen war, und die Wurzel ihres Lebens ausmachte. Weniger behut⸗ ſam war ſie gegen die Kurfuͤrſtin. Ihr lag der ganze klare Grund dieſer Seele offen, und wie man auf dem Boden eines ſpiegelhellen Bergwaſ⸗ ſers Moos und Blumen gewahr wird, ſo ſah die hohe Frau das Bild des Juͤnglings in dem ſtillen Heiligthume dieſes Maͤdchenherzens. Boten vom Heere kamen und gingen, doch keiner nannte Heinaus vielgetreuen Knappen, und die kleinſten Umſtaͤnde, nach denen Luitgard im⸗ mer forſchte, gaben kein Licht in dieſer Angelegen⸗ heit ihres Herzens. Einſt, als ein alter baͤrtiger Krieger der Kurfuͤrſtin ſelbſt einen Bericht abſtat⸗ tete, und ihrer Antwort gewaͤrtig an der Thuͤre ſtand, trat Prinz Albrecht zu ihm und fragte freundlich: lieber Mann, weißt Du nichts von Waltern? Der Alte laͤchelte und forſehte vergebens, wer Walter ſey; Luitgard erroͤthete heiß. Der junge Held nach dem Du fraͤgſt, mein Sohn, ſagte F Margarethe, muß erſt den goldnen Sporn verdie⸗ nen, ehe ſein Name ſo bekannt werden kann, daß die oͤffentliche Stimme ihn nennt, einſt wirſt Du ihn kennen lernen, und vielleicht mit ihm fechten, wie Dein Vater mit ſeinem Herrn. Das will ich! rief der Knabe feurig aus, und ſeine Augen hingen mit Luſt an dem Gewapneten. Ich wollte, Du koͤnnteſt mich jetzt gleich mit hin⸗ ausnehmen, fuhr er fort, ich bin zwar noch jung, aber der Vater ſagte einſtmals, Fuͤrſten duͤrften nicht ſo lange Kinder bleiben, als ihre Unter⸗ thanen.. Gott ſegne Euch, junger Herr, ſagte der alte Kriegsmann, und unſere Kinder, die Ihr einſt regieren werdet.— Ueber ſeine harte Wange ſchlich eine Thraͤne. Er ging, und Margarethe ſchloß ihre Kinder in die Arme. Zwei bluͤhende Zweige, die, hoch und herrlich emporgewachſen— ganze Geſchlechter der ſpaͤten Folgezeit in ihren friedli⸗ chen Schatten aufnahmen!—— 2 Walter folgte indeſſen ſeinem Herrn, den er Vater nannte und kindlich ehrte,— wie ſein Schatten. Sein Herz bewahrte das Gedaͤchtniß — 83 der Wohlthaten, die er von ihm empfing, mit ſeltner Treue, und mehr als Alles freute ihn eine Gelegenheit, dem Beſchuͤtzer ſeiner Kinderjahre zu vergelten. Darum draͤngte er ſich, wenn der Kampf am heißeſten war, in Heinaus Naͤhe, und warf mehr als einmal die eigne Bruſt zum Schilde vor den Grafen. Auch ſtoͤrte es ihn nicht, wenn ſich, ob ſolcher Liebe und Treue, der finſtre Blick ſei⸗ nes Herrn nicht entwoͤlkte, ja, wenn er bei dem Danke, den ſein Mund ausſprach, nur truͤber und wilder vor ſich nieder ſah. Walter hatte ja den Gra⸗ fen nie anders gekannt, und ſchrieb den nagenden Gram, der zuweilen wie ein Geyer ſein Herz an⸗ fiel, und den der Juͤngling wohl bemerkte, dem Verluſte zweier Engel zu, die noch immer in Wal⸗ ters Gedaͤchtniß in aller Glorie der Verklaͤrung lebten. Was aber die Bruſt des Knaben erwaͤrmt hatte, der Trieb nach Heldenthaten, das trat nun glaͤnzend an's Licht, und mit ſtiller Freude ſah mancher alte Held den Knappen auf der Bahn ritterlicher Tapferkeit und ritterlicher Ehre voran⸗ ſchreiten. Vor allen Andern hielt Kunz von Kau⸗ fungen ihn im Auge, und wenn Walter auch jetzt den eiſernen Ritter genug kannte, um ſein unbeug⸗ ſames ſtarres Gemuͤth in ſeinen finſtern Zuͤgen zu leſen, ſo war ihm doch der Beifall und die Auf⸗ 3 F 2 34.— merkſamkeit des tapfern Mannes noch immer ſo werth, wie vormals ein Wort aus ſeinem Munde, oder eine Beruͤhrung der bewaffneten Hand, als er— noch ein Kind— an der Stiege ſtand, die Kunz zum Vater hinaufſchreiten mußte. Mit dem Ausdrucke des neugierigen Forſchens ruheten jetzt Kaufungens ſchwarze funkelnden Augen immer auf Waltern, und weder im Kampfe noch bei'm Ra⸗ ſten verlor er ihn jemals ganz aus ſeinem Blick. Einſt nach einem hitzigen Treffen, als der Kurfuͤrſt mit eigner Hand die Tapferkeit belohnte, und 70 junge Helden zu Rittern ſchlug, ward auch Wal⸗ ter hervorgerufen, um dieſe Wuͤrde zu empfangen. Sein Herz ſchlug hoch empor, er beugte ſein Knie und entbloͤßte das Haupt, das dunkle braune Locken umfloſſen. Seine Wange gluͤhte, von hoher Freude blitzte ſein Auge. Kunz hielt dicht neben ihm und ſah unverwandt auf ihn herab. 2 9 6) f Walter von Paläͤſtina, redete der Kurfürſt 0hn 3 an, mehr als einmal ſchon haſt Du den goldnen Spporn, die Zier des Ritters verdient, Empfange ihn aus meiner Hand. Deine Geburt iſt unbe⸗ kannt, doch ihren adeligen Urſprung bezeugt Dein Herr, und Deine Thaten ſprechen ihn aus. Walters Wangen faͤrbten ſich hoͤher, ſeine Au⸗ — 85 gen ſuchten den Boden, und Kaufungens Blick den Grafen von Wieſenburg. Weihend beruͤhrte des Fuͤrſten Schwert den Juͤngling, und der ſchoͤnſte Traum ſeines Jugendlebens war erfuͤllt.— — Auf der Hofburg zu Altenburg harrte Alles auf Nachricht von dem Treffen, vor allen die bange Kurfuͤrſtin. Sie hatte die Tage, wo ſie die Ge⸗ fahr ahnete, in ſtiller Einſamkeit und in Gebet mit ihrer Vertrauten zugebracht, und als man jetzt einen Ritter anſagte, der von ihrem Gemahl geſandt ſey, den Sieg zu verkuͤnden, da haͤtte die Freude faſt ihr ſtarkes Gemuͤth uͤbermocht. Ein junger Mann trat ein, beugte ſich in Ehrfurcht vor der hohen Frau zur Erde, und uͤberreichte ihr ein Schreiben von ihrem Gemahl, mit welchem ſie ſich in die Tiefen des Fenſters zuruͤckzog. Laut⸗ loſe Stille herrſchte indeſſen, und der Ritter hatte gute Zeit, das Hoffraͤulein zu betrachten, dem er von Ferne gegenuͤber ſtand. Seine Blicke hingen mit Ruͤhrung und Bewunderung an der zarten Ge⸗ ſtalt, an dem holden Geſicht, an den freundlichen Augen. die zuweilen ſchuͤchtern auf ihn fielen, doch ſeinem feſten Blick ausweichend, ſogleich wieder niederſanken. Er verglich, was er ſah, mit einem Bilde in ſeinem Herzen, fand die Wirklichkeit 86— ſchoͤner, als die Schilderungen ſeiner Einbildungs⸗ kraft, und wuͤnſchte dem kurfuͤrſtlichen Schreiben die Laͤnge eines Legendenbuchs, um noch lange nicht von dieſer Stelle ſcheiden zu duͤrfen. Auch Luitgard hatte, von ihrer Arbeit auf⸗ ſchauend, indem ihre Augen nach der Kurfuͤrſtin wanderten, die Geſtalt des Ritters geſtreift, und eine ſeltſame Bewegung ihres Herzens bei ſeinem Anblick gefuͤhlt. Sie mußte nun noch einmal— noch oͤfter hinſehen, um zu wiſſen, ob ihre Phan⸗ taſie ſie taͤuſche; aber immer ward die Aehnlichkeit groͤßer, immer lauter ſprach eine Stimme in ih⸗ rer Bruſt: Er iſt es— es iſt Walter!— Alle Erinnerungen ihrer Kinderjahre ſchwebten um dieſes theure Bild, ſie ſah die alte Burg mit ihren Zin⸗ nen und Thuͤrmen, ſah die Gaͤnge und Gemaͤcher, die ganze weite herrliche Gegend. Sie ſaß mit ihm am Abhange des Berges an des Fluſſes Welle, und nahm den Vogel aus ſeiner Hand, den er ihr von den Zweigen der hoͤchſten Tanne herab⸗ holte. Ihre Haͤnde ſanken muͤßig in ihren Schooß, ihr Herz ſchlug laut und ſelig. Ihr nennt Euch Walter von Palaͤſtina Herr Ritter? ſagte jetzt die Kurfuͤrſtin, und ſeyd alſo —— ee 87 ohne Zweifel der Jugendgefaͤhrte meiner Luitgard? Walter verbeugte ſich ſchweigend, Margarethe er⸗ griff Luitgards Rechte, und fuͤhrte ſie dem Ritter entgegen. Er druͤckte des Maͤdchens zitternde Hand an ſeine Lippen, aber beide waren ſtumm. Tretet hinaus,— ſagte Margarethe, indem ſie die Thuͤr auf einen Altan oͤffnete, der mit ſeltnen Gewaͤch⸗ ſen prangte— und ſprecht ohne Zeugen von der froͤhlichen Kinderzeit. Wer dies gluͤckliche Land gemeinſam durchwandert hat, darf ſich nimmer im Leben fremd werden. Die Kurfuͤrſtin ſah bald, durch die hohen Glasthuͤren ihr gegenuͤber, daß dem Ritter das Band der Zunge geloͤſt war, und Luitgard nicht mehr ſtumm bei ſeinen Worten blieb. Sie ſah beide Hand in Hand beiſammen ſtehen, immer traulicher fluͤſtern, und als ſie nach ſchier einem halben Stuͤndchen wieder erſchienen, waren Luit⸗ gards glaͤnzende Augen roth. Walter beurlaubte ſich nun, Margarethe gab ihm manchen Befehl, erlaubte endlich dem Fraͤulein, ihm die rothe Scherpe, die ihr Gewand umſchloß, zum Anden⸗ ken zu verehren, und ſchlang ſelbſt ein goldnes Kettlein um ſeinen Hals. Walter kuͤßte die Feld⸗ binde und die dargereichte Hand der Fuͤrſtin, er eilte ſchnell hinaus, kam wie im Traum auf den Schloßhof, wo er ſich auf's Pferd ſchwang, und noch oft nach der hochgethuͤrmten Wohnung ſeiner Liebe zuruͤckſchaute. Bald nach dieſer Zeit kam der Kurfuͤrſt ſebſt auf dem Schloſſe an, um nach Leipzig zu gehen, wo ein dauernder Friede vermittelt werden ſollte. Die Bruͤder hatten ſich ſchon in Gera Auge in Auge geſehen, und den Anfang zu guͤtlicher Be⸗ redung gemacht, in Leipzig ſollte der neue Bund der Eintracht ſich vollenden. Der ſanftmuͤthige Friedrich war hochbegluͤckt ob dieſer frohen Gewiß⸗ heit, ein Freudenfeſt feierte ſie, dem alle Helden aus ſeinem Heere beiwohnten. Auch Luitgards Vater war gegenwaͤrtig, ſtolz auf den Vorzug, den Jedermann dem Fraͤulein gab, und ſtolzer als je an dieſem Tage, wo ein hoher Ritter aus fuͤrſt⸗ lichem Blute nur Augen fuͤr Luitgards Schoͤnheit zu haben ſchien, waͤhrend ſie ſelbſt mit kindlicher Seele das Gluͤck ihrer Liebe genoß, denn auch Walter war unter den Gaͤſten. Heinau ſah im Geiſt ſeine liebſten Wuͤnſche gekroͤnt, ſah ſein Wappen neben dem des fuͤrſtlichen Grafen prangen und die Enkel eines hohen Hauſes ſeinen Namen fortfuͤhren. Zum erſten Male fuͤhlte er Befriedi⸗ — — — 89 gung und Genuß, vergaß er die Schmerzen eines verletzten Gewiſſens, und zeigte der Tochter, ſtatt des finſtern Gebieters, den liebenden Vater. Aber bald genug ward dieſe gluͤckliche Stimmung durch einige Worte der Kurfuͤrſtin geſtoͤrt, die ſeinen Stolz empoͤrten, und alle entſchlafene Schlangen in ſeiner Bruſt weckten. Als am andern Tage, nach dem Abzuge der Krieger, Luitgard bei der Kurfuͤrſtin ſaß, und ih⸗ rer kunſtreichen Arbeit ſo manchen Herzenswunſch einwebte, begann Margarethe von dem fuͤrſtlichen Bewerber zu ſprechen, der ernſtlicher an Luitgard dachte, als das Maͤdchen gemeint hatte. Er hat ſchon in verſteckten Worten bei mir um Dich ge⸗ freit, fuhr ſie fort, und ſo waͤre es denn moͤglich, daß meine liebe Geſellſchafterin nur zu bald von mir genommen wuͤrde. Und wuͤrdet Ihr ſie verſtoßen, gnaͤdige Frau, entgegnete Luitgard laͤcheld, wenn ſie dem Aufent⸗ halt bei Euch jedem andern Schickſal vorzoͤge? Jedem Andern, Luitgard? fragte die Kur⸗ fuͤrſtin— oder nur der Ehre, die Gemahlin ei⸗ nes der Erſten im Lande zu ſeyn? Bedenke es wohl, was Du verſchmaͤhſt! Glanz und Hoheit, 90— Reichthum und Pracht, die ja ſonſt ein freies Maͤdchenherz wohl ruͤhren. Das meine nicht, gnaͤdigſte Frau, antwortete Luitgard ergluͤhend. Seht! auf dem Baume vor meinem Fenſter wiegt ſich ein zartes Voͤglein im Neſt; ich habe es immer belauſcht, den kleinen zierlichen Bau ſeines Haͤuschens, die Muͤhe, mit welcher es Halme nnd Federn herbeitrug, um ſiche⸗ rer zu wohnen und die Seinen zu betten. Nun ſchwankt das Neſt auf dem leichten Zweige, die Blaͤtter umweben es ſchattig gruͤn, und das Voͤ⸗ glein hebt am Morgen ſein Haupt, und lobt den Schoͤpfer bei'm Aufgang der Sonne mit Jubel⸗ ton, Euer Papagei dagegen bewohnt ein ſtolzes Haus mit goldenen Gittern und Staͤben, die 8 Pracht ſeines Gefieders zieht alle Augen an, er — wird geſchmeichelt und Zuckerbrot iſt ſeine Nahrung. . aber ſein goldnes Haus iſt doch nur ein Kaͤfich, und wer moͤchte nicht lieber das Voͤglein auf dem Zweige ſeyn, als dieſer Freudenloſe. Ach habt Ihr ſelbſt mich nicht gelehrt, den wahren Werth dem Schimmer vorzuziehn? Hab' ich nicht oft aus Euerm Munde gehoͤrt, Ihr moͤchtet, nicht den erſten Thron der Welt beſteigen, ohne die Liebe und das Gluͤck, die Eure Haͤuslichkeit ſchmuͤcken? X — 91 Luttgard, ſagte die Kurfuͤrſtin, Dein Herz iſt nicht frei, Du liebſt den Jugendfreund, und ich fuͤrchte, des Vaters Segen wird dieſer Wahl ewig fehlen. Dem Schatten Deiner Mutter habe ich geſchworen, Dein Heil zu bauen, werde ich es vermoͤgen, wenn das Schickſal mir widerſtrebt? Luitgard fiel vor der liebreichen Fuͤrſtin nieder, und weinte in ihren Schooß. Ol ſo laßt mich nicht opfern, rief ſie aus, ſchuͤtzt mich mit Eurer Macht, gegen des Vaters Stolz, nehmt Euch unſerer unſchuldigen Liebe an! Und wenn ich nun dieſer Liebe ſchon geſtern das Wort geredet haͤtte. Deines Vaters raſcher Zorn, deſſen Aufwallung er muͤhſam vor mir ver⸗ bergen wollte, zeigte mir, wie ſchwach Deine Hoffnungen ſind.— Aber opfern ſoll man Dich nicht, deß ſey gewiß.— Es war der Kurfuͤrſtin Ernſt mit dieſem Verſprechen, und je mehr ſie nach Walter forſchte, jemehr Gutes und Edles ſie von ihm vernahm, je feſter wurde ihr Wille, die Liebenden zu vereinen. Sie war gewohnt, nur das Beſte zu wollen, aber es ward ihr auch ſchwer, das Gewuͤnſchte aufzugeben, und nicht leicht ſtand in ihrem Kreiſe ein Hinderniß ſo feſt gegen ſie, 92²— daß ihr Muth und ihr hoher Gelſt es nicht uͤber⸗ wunden haͤtte. Hier galt es das Gluͤck eines We⸗ ſens, dem ſie Mutter geworden war, gegen den rohen Stolz eines Vaters, der ſein Kind einem Unwuͤrdigen hingeben wollte. Die gluͤckliche Gat⸗ tin und Mutter wußte zu gut, um welchen Preis das Maͤdchen rang, ſie mußte ſie retten! So kam es, daß der Kurfuͤrſt einſtmals dem Grafen von Wieſenburg die Liebe der jungen Leute eroͤff⸗ nete, und ihre Vereinigung ſeinen Wunſch nannte. Er erbot ſich, dem jungen Ritter den Namen des Hauſes Wieſenburg beizulegen„ und ſo jedes Hin⸗ derniß ſeiner unbekannten Geburt zu entfernen. Daß er es werth iſt, dieſen Namen zu tragen, Herr Graf, ſchloß er ſeine Rede— iſt maͤnniglich bekannt, und Ihr ſeloſt werdet es beſler als wir Alle wiſſen. 4 Das Geſicht des Grafen faͤrbte ſich dunkelroth, er beugte ſich tief, und bat um Zeit zur Ueberle⸗ gung ſo wichtiger Sache. Aber ſein ſtolzer Sinn fuͤhlte ſich toͤdtlich beleidigt, und neben dieſer Wunde quaͤlte noch ein heimlicher Verdacht ſeine Seele, der ihm alle Ruhe raubte. Er verließ den Hof mit den bitterſten Gefuͤhlen gegen Luitgard, mit ohumaͤchtigem Groll gegen ſeinen Herrn, und — 93 verſchloß ſich auf der einſamen Wieſenburg, deren Oede jetzt ſeinem Gemuͤthe wohl that. dr Als Heinau an einem finſtern Abend von der Jagd ermuͤdet mit unruhiger Seele allein ſaß, meldete ſich ein Ritter am Thore, und Kunz von Kaufungen ſchritt haſtig zu ihm ein. Sein Ge⸗ ſicht war noch wilder als ſonſt, alle ſeine Zuͤge zeugten von Zorn und entſchloßnem Trotz. Er warf ſich neben Heinau nieder, Helm und Hand⸗ ſchuh klirrend auf den großen Eichentiſch, und nach⸗ dem er ihn ſtumm eine Weile mit ſeinen Flam⸗ menaugen gemeſſen hatte, begann er: Graf! Ihr wißt meinen Streit mit dem Kur⸗ fuͤrſten. Die Guͤter des Vitzthum, die ich mit mei⸗ nem Blute bezahlt habe, ſpricht er mir nach dem Frieden ab, unter dem nichtigen Vorwande, ſie ſeyen nur ein Pfand fuͤr die Meinen in Thuͤrin⸗ gen geweſen, die ich jetzt wieder habe. Ein Rechts⸗ ſpruch ſoll nun entſcheiden, einem Rechtsſpruch ſoll ſich Kunz von Kaufungen fuͤgen, und Fauſt und Schwert ſollen dem Zungenſpiel und der Feder weichen. Himmel und Erde mag ſich wenden, ehe das geſchieht. Mein Entſchluß iſt gefaßt, aber ich bedarf noch eines bedeutenden Mannes in der 943— Zahl meiner Geſellen. Einſt hab' ich Euch das Leben gerettet, Ihr habt mir Gegendienſte oft ge⸗ lobt, gekraͤnkt iſt Eure Ehre wie die Meine, dar⸗ um halte ich— wir find Waffenbruͤder. Sagt mir, was es gilt, entgegnete Heinau, und Ihr ſollt mich nicht laͤſſig finden. Bei allen Heiligen! Der es wagte, mir den namenloſen Eidam durch ein Fuͤrſtenwort aufzuzwingen, kenn weder Gehorſam noch Treue mehr fordern. Durch des Kurfuͤrſten eignes Blut will ich meine Rache vergnuͤgen, fuhr Kunz fort— ſeine Knaben entfuͤhre ich von der Hofburg, und bringe ſie in ſichern Gewahrſam, bis mir Recht wird. Was duͤnket Euch, was der Vater thun wird, wenn ſeine zarten Soͤhne in Feindeshand ſind, und er fuͤr ihr Leben zagen muß. Ihr Blut gegen meine rechtmaͤßigen Anſpruͤche, ſo wahr ich Kunz 3 von Kaufungen bin, und inſ d das Schrecken ſeiner Feinde war. Heinau ſchauderte vor dieſem Anſchlage, und vor dem Blick, der Kunzens Rede begleitete. Bei ſolcher Handlung, ſagte er, bin ich mit nichten Euer Geſelle. Fuͤrſtenraub, angedrohter Fuͤrſten⸗ mord! ich erbebe bei dieſen Namen, und mag 1 d —V—S;—:˙⅓:’3 öps:2-— — — 95 nichts gemein haben mit Euch, ſo Ihr darauf beharrt. Seyd Ihr ſo zaͤrtlich von Gewiſſen? rief Kunz wildlachend aus. Haͤtte ich es doch nimmee ge⸗ meint. Mit Mord und Raub waͤhnte ich Euch ziemlich vertraut— hoͤrt wie das kam. Vor Jahren geleitete ich die Kurfuͤrſtin aus dem Lager nach Hofe. Es ward Nacht, wir erreichten die Wieſenburg und kehrten hier ein. Schier in der Mitternachtsſtunde gedachte ich eines Befehls, den ich den Edelknaben Margarethens zu geben hatte, ich ging hinab in die untere Halle, wo Eure Diener die fremden Juͤnglinge bewirthet hatten. Die große Tafel war leer, aber in einer duͤſtern Ecke am Feuer ſaß ein Greis, wie ein Geſpenſt anzuſchauen, von der rothen Glut der Flammen beſtrahlt, todtenblaß, mit verſtoͤrten Zuͤgen und wildem grauen Haar.— Nuͤdiger!— murmelte Heinau, ſo bleich wie der Geſchilderte— ein alter Diener meines Hau⸗ ſes, dem ein Blitzſtrahl das Gehirn zerruͤttete. Hoͤrt weiter!— ich ſchritt auf den Alten zu, der ſich langſam erhob, und vor mir zu Boden ſank. Seyd Ihr Graf Gero? ſchrie er, und kommt auch Ihr noch mich zu quaͤlen? Eures Sohnes Blut vergoß ich nicht— er lebt, er iſt—— Schweigt! rief Heinau mit furchtbarer Stim. me, ich will nichts weiter hoͤren. Der Alte iſt toll, und ſeine Maͤhrchen in Eurem Munde or⸗ dern Blut. 6 2 Graf Gero von Wieſenburg war mir wohl bekannt, fuhr Kunz kalt und tuͤckiſch fort; ich fand ſein Ebenbild bald in unſerm Heere, es war mir ſchon oft erſchienen, und hatte mich wie ein Traum dentahut— Und Ihr gingt— unterßrach ihn Hennau, dem Kurfuͤrſten dieſen Traum zu deuten, der dann in kuͤnſtlich verſchraͤnkten Worten von mir begehrte, was nimmer geſchehen ſoll. Bei meinem Schwerte, ſagte Kaufungen„Ihr ſeyd der Erſte, der jene Nachtgeſchichte vernimmt, und es ſteht bei Euch, ob ſie mit mir ſterben ſoll. Ihr zieht mit mir nach Altenburg, den Fang zu thun, und Euer Geheimniß iſt das Meine, oder ich werbe mit dieſem Geheimniß einen Andern. Waͤhlt!— Heinau Heinau wandte ſich von Kunz und ſah unent⸗ ſchloſſen in die todte Nacht hinaus. Eine lange ſtumme Pauſe folgte dem lebhaften Zweigeſpraͤch. Endlich ſchritt der Graf haſtig auf Kaufungen zu, und ſchlug in ſeine Rechte ein. Kaufungen ent⸗ faltete nun ſeinen ganzen Plan, nannte noch meh⸗ rere Gefaͤhrten, von denen Wilhelm von Moſen und Wilhelm von Schoͤnfeld die Vornehmſten wa⸗ ren, beſtimmte die Nacht, die Stunde der That, und den Weg, auf welchem die Gefangenen nach Boͤhmen gebracht werden ſollten. Der Becher ward dabei fleißig gefuͤllt, und ſein Inhalt ſchwemmte jede Spur des Streites aus den Ge⸗ muͤthern der Trinker. Ganz einig und zum Buͤnd⸗ niß entſchloſſen gingen ſie auseinander, als der fruͤhe Sommertag die Wolken zu roͤthen begann. Nachdem Heinau einige Stunden geruht hatte, fertigte er ein Haͤuflein Reiſige nach Altenburg ab, um das Fraͤulein herzugeleiten, weil ihr Vater ihrer fuͤr eine kurze Zeit begehre. Dann durch⸗ ſchritt er das Schloß, ließ alle Eingaͤnge und Pforren wohl verſchließen, die Bruͤcken aufzie⸗ hen, die Mannſchaft ſich ſtellen, der er Befehl gab, Niemand einzulaſſen, wenn er nicht die Lo⸗ ſung habe: Wir ſuchen unſer Recht. Darauf G fragte er nach dem alten Ruͤdiger, und forderte ihn zu ſich, doch der Burgvoigt geſtand betroffen, daß der Alte ſeit einigen Tagen nirgends mehr geſehen worden ſey, und wahrſcheinlich ſeinem traurigen Daſeyn ein Ende gemacht habe. Tief erſchuͤttert ſtarrte der Graf einen Augenblick vor ſich nieder, doch ſein Verhaͤngniß trieb ihn weiter auf einer unſeligen Bahn. Er ruͤſtete ſich und verließ einſam die Burg durch die einzig offne Pforte am noͤrdlichen Ende, die ſich hinter ihm wie alle andern verſchloß. Weinend lag Luitgard zu den Fuͤßen der Kur⸗ fuͤrſtin und bedeckte ihre Hand mit heißen Thraͤ nen. Vergebens troͤſtete ſie Margarethe auf das froͤhliche Wiederſehen, ſie glaubte nicht daran. Sie wollte ſich losreißen und konnte nicht, es war ihr, als muͤſſe ſie die theure Geſtalt der hohen Frau, das liebliche Bild der jungen Prinzen, die mit ihr weinten, auf ewig in ihre Seele praͤgen. Ach, ſeufzte ſie, hier war ich ſo gluͤcklich, hier 5 meine Haämmach— Des Vaters Segen baut den Kindern Häufer, ſagte die ehrwuͤrdige Fuͤrſtin. Geh, mein Kind, wir ſehen uns wieder. Der Graf von Wieſen⸗ ——— — 99 burg wird es nicht wagen, mir mein Pflegekind ganz zu entziehen. Zeige ihm die pflichtvolle Toch⸗ ter, und Du wirſt ſein Herz gewinnen. Lebe wohl, Gott geleite Dich. Luitgard eilte hinab und beſtieg das Pferd, das der alte Berthold ihr ehrerbietig zufuͤhrte. Sie ritt ſchweigend in der Mitte der Krieger, und ihre Thraͤnen floſſen noch lange unter dem ſchuͤtzenden Schleier. Es ward Daͤmmerung, dichte Wolken hatten ſich vor die untergehende Sonne gelagert, die jetzt nur einzelne rothe Strahlen durch die Umhuͤllung ſandte, und mit dieſem Scheideblick die grauen Thuͤrme der Wieſenburg malte. Das tiefer liegende Kloſter war in truͤbe Schatten gehuͤllt, der Fluß zeigte nur den trauern⸗ den Himmel in ſeinem Wellenſpiegel. Melancho⸗ liſch, wie die klagende Aeolsharfe, fluͤſterte das Laub der Tannen, die ganze Natur trug die Farbe der Trauer. Nun lenkte der Zug den Schloßberg hinauf, kam an die Pforte und Berthold gab die Looſung. Man ließ das Haͤuflein ein, Luitgards Amme, nebſt allen Frauen des Schloſſes, kamen herab, ihre junge Dame zu begruͤßen; ihren Va⸗ ter ſuchte ſie vergebens, und auf die Frage nach ihm, erhielt ſie die Weiſung, ihn hier zu erwar⸗ G 2 100 Seeseereeere ten, weil er jetzt nicht daheim ſey. Luitgard weinte von Neuem. Sie war ſo fremd, ſo ein⸗ ſam in der Wohnung ihrer Kinderjahre, und kein verwandtes Weſen breitete ihr liebevolle Arme ent⸗ gegen. Schuchtern zogen die Frauen ſich nach der erſten Begruͤßung zuruͤck. Das weite Gemach trug Spuren langer Verlaſſenheit, es war unbe⸗ wohnt ſeit die Kurfuͤrſtin einſt eine Nacht darin ruhete. Luitgard durchſtrich die lange Zimmerreihe in truͤben Gedanken. Sie weilte im Ahnenſaale vor der Mutter laͤchelndem Bilde, und hob ihre Arme zu der Niegekannten auf. Endlich erreichte ſie das ungeſchmuͤckte Gemach, in welchem ſi ſie als Kind mit Waltern ſpielte, ſeine Erzaͤhlungen hoͤrte, ſeinen Liedern und der verſtimmten Harfe lauſchte Eine wehmuͤthig ſuͤße Empfindung kam mit dieſen Erinnerungen in ihre Bruſt, und ein ſanfter feſter Schlaf bedeckte ihre verweinten Augen. Es war am 7. Juli Abends nach eilf Uhr, als Kunz mit ſeinen Gefaͤhrten vor dem Schloſſe zu Altenburg anlangte, um ſeinen Raub zu vollfuͤh⸗ ren. Der Mond ging eben auf und warf helles Licht auf einen Theil des Gebaͤudes, waͤhrend in dem tiefen Schatten der Mauern die Raͤuber ver⸗ borgen auf ein Zeichen warteten. Ein verraͤtheri⸗ — — —— — — 101 ſcher Bube, der dem Koch diente, war mit Kunz einverſtanden, ihm dankte der Ritter die Kunde, daß der Kurfuͤrſt nach Leipzig gezogen, und alles Hofgeſinde in der Stadt bei einem großen Schmauſe ſey. Oben war ſchon naͤchtliche Stille. Die Kur⸗ fuͤrſtin hatte ſich ſchlafen gelegt, oögleich eine ſelt⸗ ſame Bangigkeit ihre Bruſt zuſammenpreßte, die ſie fuͤr den abweſenden Gemahl deutete, und mit der Kraft einer großen Seele zu bekaͤmpfen ſuchte. Sie blickte in die Ruhe des Abends hinaus, nach der Gegend hin, wo er jetzt war, und empfahl ihn dem Lenker der Welten, die ihr Auge am Himmelsplan ſchweben ſah. Die Thurmuhr ſchlug zehn, mit ihren Schlaͤgen vermaͤhlten ſich einzelne Trompetenklaͤnge, die der Wind von dem feſtlichen Gelag in der Stadt herauffuͤhrte, ſie verſchloß das Fenſter, ſah noch einmal nach ihren ſchlafen⸗ den Kindern, die mit einer alten Kammerfrau im Nebenzimmer ruheten, und ſuchte ihr Lager. Horch! ſagte Kunz— es klirrt ein Fenſter, es fluͤſtert! Biſt du es Schwalbe?— Es iſt Zeit!— kam es von oben herab, und eine Strick⸗ leiter erſchien am duͤſtern Fenſter, und rollte her⸗ nieder. Kunzens Knappe befeſtigte ſie, ſein Herr klimmte hinauf. Die Herzen der Verraͤther, die fungen mit dem zweiten, der ſchlaftrunken kaum halb ſeiner bewußt war. Doch wer beſchreibt des 1⁰2— mit ihm waren, ſchlugen laut gegen das eiſelne Gewand, der unerhoͤrte Frevel machte ſie beben, die nie vor dem Tode gezittert hatten. 42 Jetzt empfing der Knappe den aͤlteſten Prin⸗ zen in ſeinem Arm, und gleich darauf kam Kau⸗ Ritters Ueberraſchung, als er dieſen im hellen Mondlichte fuͤr den jungen Grafen Barby erkannte, der mit den Prinzen erzogen ward, und ihr Schlaf⸗ gemach theilte. Der Verwegene, auf ſein Gluͤck trotzend, begann das gefaͤhrliche Wagniß noch ein⸗ mal, und verwechſelte den Grafen gegen Albrecht. Aber jetzt ward die Kammerfrau wach, ihr Ge⸗ ſchrei erweckte die Kurfuͤrſtin, und Albrechts lau⸗ ter Huͤlferuf toͤnte in der zittenden Mutter Ohr. Sie ergreift ihr Nachtgewand und ſtuͤrzt an's Fenſter, ſie hoͤrt den Urheber dieſes furchtbaren Anſchlags nennen, und erraͤth ſeine Abſicht!— 1 Kunz, lieber Kunz! ruft ſie mit bebender Stim⸗ me hinab, Du wirſt mir ja das nicht thun! Bringe mir meine Kinder zuruͤck, es ſoll Dir Alles werden, was Du begehrſt.. — Hohnlachend ergriff Kunz den zarten Albrecht, warf ihn vor ſich auf's Roß, und jagte mit Heinau — 1⁰3 im geſtreckten Galopp davon. Moſen und Schoͤn⸗ feld hatten den Platz mit dem Prinzen Ernſt ſchon fruͤher verlaſſen, und die Kammerfrau vergaß jetzt Alles, um ihrer Dame beizuſpringen, die in ei⸗ ner tiefen Ohnmacht lag. Der Morgen graute noch nicht, als ſchon ein Schreckensruf die Gegend durchflog, und von Ort zu Ort die Sturmglocken ertoͤnten. Moſen und Schoͤnfeld hoͤrten dieſe huͤlferufenden Toͤne mit Entſetzen, ihre Pferde jagten ſchneller durch Buſch und Haide, ſie woͤhlten die einſamſten Pfade und vermieden jede menſchliche Wohnung. Um ihre Angſt zur Folter zu machen, hatte der junge Prinz bei der Gegenwehr, die er im Augenblick der Entfuͤhrung wagte, durch einen Stoß am Kopfe eine leichte Wunde bekommen, die heftig blutete, und ihm je laͤnger je mehr Schmerzen verurſachte. Die Ritter hatten ſie mit einem Tu⸗ che verbunden, aber als jetzt die erſten Strahlen der Sonne erſchienen, und ſie ſich in dichter Wal⸗ dung befanden, erklaͤrte Ernſt: er koͤnne ungelabt nicht weiter ziehen, und wollte lieber hier ſterben, als ihnen laͤnger folgen. Indeſſen hatte Luitgard dieſelbe Nacht, die zweite in ihrer vaͤterlichen Wohnung, in aͤng kli⸗ 104 chen Traͤumen hingebracht. Es wollte ſie um Mitternacht beduͤnken, als ob eine Thuͤr ſich oͤffne, und ein Etwas, das ſie nicht erkannte, hinaus⸗ ſchluͤrfe. Der Mond erleuchtete das Zimmer ſo hell wie Tageslicht, doch bebte Luitgard, und er⸗ mannte ſich erſt nach einiger Zeit, eine ihrer Frauen zu rufen, die in der Naͤhe ſchlief. Wißt Ihr ſo wenig von der Geſchichte Eures Hauſes, ſagte dieſe, um einen ſolchen Beſuch befremdlich zu fin⸗ den? Wir Alle kennen es wohl, obgleich es ſich ſeit Jahren hier nicht ereignet hat, auch moͤgt Ihr dafuͤr ſo ruhig ſchlafen, wie als Kind in Eu⸗ rer Wiege, wenn es ſich uͤber Euch hinbeugte. Seyd jetzt ohne Sorgen, der Morgen iſt nahe und ich bleibe hier. Luitgard entſchlummerte von Neuen, aber ihr Gemuͤth arbeitete ſichtbar unter der Laſt von ſchreck⸗ lichen Bildern. Der Morgen kam heran, die Sonne erleuchtete ihr Gemach, als ein maͤchtiges Klopfen am Thore die Schlaͤferin weckte. Sie fuhr auf und ſtand am Fenſter, noch ehe die ſchla⸗ fende Dienerin ſich ermuntert hatte. Ihr Herz klopfte von banger Ahnung, und horchend vernahm ſie die Frage des Thurmwaͤchters, wer zugegen ſey, ſehen konnte ſie nichts, weil ihre Fenſter nach — 105 einer andern Gegend gingen. Wir ſuchen un⸗ ſer Recht! ertoͤnte es laut und vernehmlich von unten, und gleich darauf ward es im Schloſſe le⸗ bendig, die Zusbruͤcke ſiel droͤnend nieder, und Roſſeshuf ſchallte druͤber hin. Sie hoͤrte neben ſich Zimmer öͤffnen, und Maͤnnertritte und Stim⸗ men mit einem klagenden Laut vermiſcht, der ihr Herz traf, und ſie wie Zauberſchlag zu ihrer ho⸗ hen Pflegerin verſetzte, die ſie dieſe Nacht in bangen Traͤumen mit hochſchlagenden Wellen hatte angen ſehen. Lieber Gott, ſagte Luitgards eintretende Am⸗ me, die fremden Ritter haben da ein krankes Herr⸗ lein gebracht, einen Schweſterſohn des Einen, zart wie eine Jungfrau, und auf der Flucht vor maͤchtigen Feinden begriffen. Sie haben ſich als Vertraute unſers Herrn ausgewieſen, und geben Befehle, die uns ſeltſame Gedanken machen. Gott weiß, was vorgeht, aber ſchon in der Nacht hat man rings um uns her Sturmlaͤuten vernommen, und der Waͤchter ſpricht von einer Unruhe in der Behend, die ichts. Gutes bedeuten mag. Wilſf Du mach begleiten, Alir, ſagte Duntgad ſo gehe ich noch vor Nacht unter Bertholds Be⸗ 1⁰6— gleitung in's Kloſter hinuͤber. Ich ſehne mich jetzt in jene Mauern, die mir einſt ſo widrig wa⸗ ren, und habe den Entſchluß gefaßt, als alles ſchlief, und nur mein Auge der Schlaf floh. Wohin Ihr wollt, antwortete Alix. Aber ge⸗ faͤllt es Euch, ſo kommt jetzt mit mir zu dem Kranken. Vielleicht oͤffnet ein Wort von Euch ſeinen ſtummen Mund, er ſcheint ſo traurig, und noch iſt kein Laut ſeinen Lippen entflohn. Luitgard folgte der Alten in das Nebenzimmer, wo ein geharniſchter Ritter an dem Lager des Zuͤnglings ſaß. Eine dichte Binde niit heilenden Kraͤutern, die Alix vorher umgelegt hatte, bedeckte mehr als zur Haͤlfte ſein Geſicht, ſchuͤchtern nahte ſich Luitgard. Der Ritter ſtand auf, ſie zu be⸗ gruͤßen, und fragte verwundert, wer das Fraͤulein ſey. Auf die Antwort heugte er ſich tiefer, bat ſie, zu glauben, daß er nicht ohne den Willen des Grafen handle, nannte den Knaben abermals ſei⸗ nen Schweſterſohn, und erwiederte auf ihre Er⸗ klaͤrung: wie ſie noch heute in ein benachbartes Kloſter gedenke,— dies koͤnne fuͤglich nicht eher geſchehen, bis auch er mit Anbruch der Daͤmme⸗ rung weiter ziehe. Zitternd hatre der Prinz die⸗ ſer Unterredung gelauſcht, er verſchob die hindernde Binde, und ſah mit Entzuͤcken die befreundete Geſtalt ſeiner Luitgard. Jetzt oͤffnete ſich die Thuͤr, ein zweiter Ritter trat ein und winkte dem Erſten abwaͤrts, ein leiſer Wehlaut des Kranken machte Luitgard aufmerkſam, ſie neigte ſich zu ihm nieder. Luitgard, fluͤſterte er, ich bin Ernſt, der Prinz von Sachſen, bin in Naͤubershand, und verloren wenn Du nicht Huͤlfe findeſt. Um Gottes willen verrathe nicht, daß Du mich kennſt, bei Todes⸗ ſtrafe mußte ich Schweigen geloben. Wenn ſie ihn kennt, ſagte Schoͤnfeld zu Mo⸗ ſen, ſo fordert unſere Sicherheit das Opfer ihrer Freiheit, laßt uns die Probe machen. 4 Nehmt den Verband ab, befahl Moſen den umſtehenden Weibern, und Schoͤnfeld faßte Luit⸗ gard in's Auge. Des Maͤdchens bleiches Geſicht . zeigte keine Bewegung, als weibliches Mitleid, ſie trat herzu und legte mit eigner Hand das Tuch um die wunde Stirn, ein ſanfter Druck ſagte dem jungen Prinzen, was ſie fuͤhlte, und Thraͤnen a Felt verſtohlen auf den Verband. Die Ritter nahmen nun den Platz am Ruhe⸗ bett wieder ein, nachdem ſie dem Fraͤulein ihren Kranken einpfohlen hatten, und dieſe zog ſich in 1⁰8— ihr anſtoßendes Gemach zuruͤck, deſſen Thuͤr ſie offen ließ. Athemlos ſank ſie auf einen Seſſel nieder, ihre Seele rang nach einem Mittel hier zu helfen, ſie ſann und betete, waͤhlte und ver⸗ warf, bis es endlich in dieſer Nacht des Zweifels zu daͤmmern begann, und ein lichter Ausweg ſich vor ihrem geaͤngſteten Geiſte aufthat. Was mir dunkel bleibt, dachte ſie— kann der aushellen, der gute Thaten gern foͤrdert, und die eigne G⸗ fahr darf ich nicht achten, wo des Landes Wohl und das Gluͤck einer edlen Fuͤrſtin auf dem Spiele ſteht. Gluͤcklich wuͤrde ja jede ſaͤchſiſche Jungfrau an meinem Platze ſich preiſen, ihren Fuͤrſten ret⸗ ten zu duͤrfen, auch ward mir Muth genug, ein Abenteuer zu beſtehn!— 3 So muthig dieſes Selbſtgeſpraͤch tantere, 2 bange klopfte Luitgards Herz, als ſie jetzt wieder hinaustrat, und die eiſernen Geſtalten der frem⸗ den Maͤnner anſchaute. Aber ihr Entſchluß ſtand feſt, ſie machte ſich mehr und mehr um den Kran⸗ ken zu thun, und fand Gelegenheit, ihm troͤſtliche Worte zuzufluͤſtern. So ging es bis gegen Abend, wo ein ausgeſchickter Knappe heimkehrend, die fremden Ritter abrief, die nach einer Weile dem Prinzen andeuteten, ſich mit der Daͤmmerung be⸗ — 1⁰9 reit zu halten, und in ſichtbarer Unruhe wieder von ihm gingen. Luitgard hoͤrte, daß der eine den Thurm beſtiegen habe, waͤhrend der Andere mit ſeinem Knechte in ſeltſamer Vermummung aus der Burg gegangen ſey. Die Nacht brach an; die Ritter waren reiſe⸗ fertig, der Prinz erhob ſich mit verhuͤlltem Haupte vom Lager und folgte ihnen ſtumm. Luitgard ſtand dicht verſchleiert mit ihrer Amme und dem alten Berthold, des Aufbruchs gewaͤrtig, um ſich in'es Kloſter bringen zu laſſen. Die verſchloßnen Thore thaten ſich auf, die Daͤmmerung umfing die Reiſenden, und waͤhrend der Zug der Ritter durch Wald und Gebirg und Nebenwege auf Schneeberg zuging, trat der Andere den kurzen ſichern Weg nach dem Jungfrauenkloſter ungefaͤhr⸗ det an. An der Pforte ſchied Berthold von den beiden, und Alix forderte Gehoͤr hei der Domina. Staunend hoͤrte dieſe die Erzählung der Amme an, die von mancher Thraͤne begleitet ward, trat dann ehrerbietig zu dem vermeinten Fraͤulein, pries ihr Geſchick, dem Sohne ihres Herrn nuͤtzen zu koͤnnen, und verhieß den betaͤubten erſchoͤpften Prinzen, nach kurzer Ruhe in ihrem Hauſe, ſicher in die Arme ſeiner hohen Aeltern geleiten zu laſſen. 4 II10— Ningsum von Gefahren und Verfolgern be⸗ droht. und mit Hoͤllenangſt im Herzen, ſetzten die Ritter ihre Flucht fort, ohne zu bemerken, daß ihr ſtummer Begleiter ein anderer, daß es die muthvolle Luitgard war, die ihre Kleider mit de⸗ nen des Prinzen verwechſelte, und in dem troͤſt⸗ lichen Gedanken, den kranken Knaben geborgen zu wiſſen, die ungewiſſe Zukunft vergaß, der ſie ſelbſt entgegen ging. Der eilige Ritt wurde immer ſchneller, das bange Gefluͤſter der Ritter immer lebhafter, an den dichteſten Stellen des Waldes wurde zuweilen Halt gemacht, und der weitere Weg vorſichtig unterſucht, bis endlich kein. Weiterkom⸗ men mehr moͤglich war, weil die Gegend ſich lich⸗ tete, und die Spur der kurfuͤrſtlichen Reiter, der man uͤberall begegnete, den Fliehenden ganz nahe erſchien. Ein wuͤſtes Raubſchloß, Eiſenberg ge⸗ nannt, das hinter Schneeberg gelegen war, ward demnach zur rettenden Zuflucht erwaͤhlt, und noch ſicherer glaubten die Entfuͤhrer ſich, als eine Fel⸗ ſenhoͤhle dicht daneben von den Wellen der Mulde beſpuͤlt, ſie in ihren Schooß aufnahm. Jetzt erſt boten ſie ihrem Begleiter einige Nahrung, und ſchickten ſich an, die Huͤlle von ſeiner Wunde zu nehmen. Doch mit gebieteriſcher Gebehrde, und ohne das Schweigen zu brechen, wies Luitgard ſie —— I11IT ab, und lagerte ſich in den fernſten Winkel der moosbedeckten Hoͤhle zu einer kurzen Ruhe. Schon zu Wieſenburg, bevor noch der Abend anbrach, hatten Moſen und Schoͤnfeld von ihrem Knechte die Kunde vernommen, daß Kunz von Kaufungen in der Gegend von Gruͤnhain gefan⸗ gen, und dem dortigen Abte uͤberliefert ſey. Eine graͤnzenloſe Angſt bemaͤchtigte ſich ihrer, ſie hatten den Muth verloren. den ihr ſtrafbarer Gefäͤhrte muͤhſam in ihnen weckte; er war verloren, und fuͤr ſie nirgend ein Ausweg. Dieſe duͤſtre Hoͤhle ſchien der Ort, wo ihr Lauf enden mußte! Der Unfall des Prinzen, ſeine trotzige Verſchmaͤhung der Huͤlfe, die Schwachheit, die ſie ſchon geſtern an ihm wahrnahmen, vermehrte ihre Furcht, ſie beſchloſſen zuruͤckzukehren und reumuͤthig die Gnade zu ſuchen. Noch in der naͤmlichen Stunde ward ihr treuer Knappe nach Zwickau an den Amts⸗ hauptmann, Friedrich von Schoͤnburg, geſandt, ihm die Ueberlieferung des Prinzen zu bieten, wenn er den Entfuͤhrern Freiheit und Gnade ver⸗ buͤrge. Mit Entzuͤcken hoͤrte Luitgard in ihrem Verſteck dieſen Entſchluß. Sie hob ſtill die Arme zum Himmel auf und lobte ſeine Huld. Ein ein⸗ zelner Stern blickte freundlich durch einen Felſen⸗ 112— ſpalt auf ſie nieder, ſie richtete ihr Gebet an die⸗ ſen Boten der ewigen Liebe, auch in die finſtre Einſamkeit ihrer Hoͤhle ſtrahlte ſein Licht, auch hier fand ſie die unerwartete Huͤlfe der hoͤchſten Macht. Wem waͤre wohl die denkwuͤrdige Rettung Prinz Albrechts im Walde bei Gruͤnhain ſo fremd, daß er ſie in dieſen Blaͤttern ſuchen ſollte? Wer kennte nicht die kuͤhne That jenes Koͤhlers, der mit dem Muth der guten Sache einen Helden bezwang, als der junge Prinz, indem er ſich Wald⸗ beeren pfluͤckte, ihm mit gefluͤgelten Worten ſeinen Namen und Stand kund machte. Aus der Hand des treuen Koͤhlers empfing das fuͤrſtliche Paar den Prinzen wieder, und bald darauf erſchien auch ein Eilbote Friedrichs von Schoͤnburg mit der Freu⸗ denpoſt: auch Prinz Ernſt ſey gefunden, und werde des Naͤchſten in ſeinen Haͤnden ſeyn. Wir wiſſen, daß Ernſt ſchon damals ſeiner Mutter wiedergegeben war, doch der edlen Luitgard Rettung lag dieſer nicht minder am Herzen. Es war dem Fraͤulein gelungen, unerkannt zu bleiben, bis ſie vor dem Amtshauptmann ſtand, dem ſie ſich allein zu vertrauen wuͤnſchte. Staunend erkannte dieſer in dem geretteten Juͤngling ein zartes Maͤdchen, und — 113 und ſandte die treue Helferin ſogleich unter an⸗ ſehnlicher Bedeckung nach Chemnitz, wo der Kur⸗ fuͤrſt und ſeine Gemahlin ſich mit den Prinzen befanden. Keine Feder beſchreibt dies Wiederſehen! Luitgard weinte in den Armen der Kurfuͤrſtin ſuͤße Thraͤnen der Freude, ſie ruhete wieder an der muͤtterlichen Bruſt, und hatte einen Theil der un⸗ bezahlbaren Schuld abgetragen. Eine gemeinſame Wallfahrt nach Ebersdorf feierte den naͤchſten Tag die gluͤckliche Begebenheit, die kleine Kirche hallte von freudigem Dankopfer wieder, und empfing, nebſt reichen Spenden, zum beſtaͤndigen Andenken, die Kleider der Prinzen und des Koͤhlers, die man dort zeigt bis auf den heutigen Tag. Wenn aber die Geſchichte jener Gewaltthat hier ſchließt, ſo reicht die Sage ihren Zuhoͤrern die Hand wieder, um ſie einige Schritte zuruͤck⸗ zufuͤhren, und den Grafen von Wieſenburg auf⸗ zuſuchen, den wir ſchon zu lange aus den Augen verloren.— Zu derſelben Zeit, da der Koͤhler ſeine zerſtreuten Leute gegen Kunz von Kaufungen zu Huͤlfe vief, raſtete ein junger Ritter in ſeiner Huͤtte, der von einem Turnier heimkehrend, von den Bewohnern vernahm, was in dieſen Tagen das ganze Land bewegte. Auf des Vaters weitto⸗ § 114—, nenden Ruf ſtuͤrzten ſeine Buben in den Wald hinaus, und der Ritter eilte ihnen nach, ſobald er ſein Schwert umguͤrtet und ſein Haupt bedeckt hatte. Er ſah den behelmten Kunz, deſſen Geſicht das Viſir verſteckte, ſchon in Banden, ſah den muthigen Albrecht frei in der Mitte ſeiner Retter, und Georg Schmidt rief ihm zu, er moͤge den zweiten Raͤuber verfolgen, der in jenes Dickigt entſprungen ſey. Der Ritter ſchlug den angewie⸗ ſenen Pfad ein, hatte oft Spuren, daß der Flie⸗ hende ihm ganz nahe ſey, und durchſtrich dennoch den Wald bis zum Abend, ohne ihn zu finden. Endlich ſah er einen einzelnen Mann unter einer Eiche gelagert, deſſen Ruͤſtung derjenigen glich, die ihm der Koͤhler kenntlich gemacht hatte. Doch unmoͤglich konnte dies der Verbrecher ſeyn, den er ſuchte! unmoͤglich! wenn gleich die Haſt, mit der er ſich aufraffte, gegen ihn ſprach. Er ver⸗ doppelte ſeine Eil, beide waren ſich ganz nahe, als Heinau, den Andern erkennend, ausrief: Alſo Du biſt unter meinen Verfolgern? Wohlan, ſo weiche ich dem raͤchenden Himmel! Hier bin ich, liefere mich der Strafe aus, die ich nur zu gewiß verdient habe! Iſt's moͤglich, Vater, ſagte Wal⸗ ter mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes, iſt s moͤglich, daß ihr Theil an jenem Frevel habt? 5— 115 Mich trieb das unverſoͤhnliche Schickſal, nicht mein freier Wille! antwortete der Graf— ich ſchwoͤre es dem Manne von Ehre und Muth, daß ich die That verabſcheute, die ich vollfuͤhren half. Fuͤhre mich jetzt, wohin Du Befehl haſt, ich bin kraftlos und verwundet, auch würde ich keinen Widerſtand mehr wagen. O Gott, rief Walter aus, und ſank zu Hein⸗ aus Fuͤßen nieder— was hat Euch Walter gethan, daß Ihr ſo von ihm denken moͤget. Mein Leben iſt Euch geweiht, mein letzter Blutstropfen fließe in Eurer Vertheidigung. Mag Euch alle Welt verdammen, Euer Sohn haͤlt bei, Euch aus in Noth und Tod. Laßt uns auf eine ſichere Flucht denken, fuhr Walter nach einer Pauſe fort, in welcher Heinau ſtumm, mit verhuͤlltem Geſicht am Boden lag. Laßt mich Eure Wunde ſehen, Ihr blutet ſtark. O jetzt nur Euren Schutz Ihr himmliſchen Scha⸗ ren, um den Beſchuͤtzer meiner Kindheit von ſchmaͤhlicher Gefangenſchaft zu retten. Kurfuͤrſtliche Reiter umſchwaͤrmen uns uͤber⸗ all, ſagte Heinau, einem Kampf mit Zweien von ihnen danke ich dieſe Wunde, ich verband ſie in 3 H 2 ‿ 116— Eil ſo gut ich konnte. Verlaß mich, daß Du nicht mein Schickſal theilſt. Da ſey Gott vor, antwortete Walter. Seht, es dunkelt ſchon, die Nacht iſt nahe, wir bergen uns im Geſtraͤuch bis ſie unſern Weg verhehlt. Dann nach Wieſenburg, dort ſeyd Ihr vorerſt ſicher, und Gott wird mir weiter helfen. 3 Heinau ſchwieg, und ließ ſich ſchweigend von Waltern leiten. Ein finſtrer Schmerz verſchloß ſeinen Mund, den des Juͤnglings Liebe und Treue bis zur peinlichſten Verzweiflung erhoͤhte. Unter dem Schutze der Nacht fuͤhrte dieſer ihn indeſſen durch verwachſenes Geſtraͤuch weiter, und nach Mitternacht war die alte Veſte erreicht. Sie oͤff⸗ nete ſich dem bekannten Loſungswort, und Walter ließ vor Allen ſeine alte Waͤrterin Jutta herbei⸗ rufen, die in der Heilkunde erfahren war, um nach des Grafen Wunde zu ſehen. Sein Herz ſchlug laut bei Heinaus Frage nach Luitgard, er ſegnete ihr Geſchick, als man antwortete, ſie ſey druͤben im Kloſter. Dort erfuhr ſie nicht, was ſeine Seele in banger Furcht bewegte, und konnte er ihr den Vater retten, ſo ging die Ungluͤckswolke ungeſehen uͤber dem Haupte der Unſchuldigen vor⸗ uͤber. ——V—V—L—:·„,.,.,2·—.—— — 117 Der neunte Juli war noch nicht verſtrichen, als ſich ein Haufe Reiſiger vor dem Thore meldete, und die Feſtung zur Uebergabe aufforderte. Der Amtshauptmann von Schoͤnburg hatte durch Mo⸗ ſen und Schoͤnfelds Geſtaͤndniſſe Heinaus Namen unter den Prinzenraͤubern gehoͤrt, und es war ihm verkundſchaftet worden, daß er nach Wieſenburg entkommen ſey. Kunzens muthmaßliches Schickſal, mit den ſchwaͤrzeſten Farben gemalt, und mit man⸗ cher Drohung begleitet, ward in der Aufforderung des Herolds geſchildert, und die Vaſallen des Schloſſes waren auf ſolche Gruͤnde nur zu bereit, ihre Thore zu oͤffnen. Nur Walter widerſtand ih⸗ nen, er ruͤſtete ſich mit blutendem Herzen, den Pflegevater gegen einen geliebten Landesherrn zu vertheidigen, und antwortete dem Herold in De⸗ muth, er duͤrfe die Thore nur denen aufthun, die dem verwundeten Grafen die Hoffnung eines leid⸗ lichen Schickſals verbuͤrgten. Darauf umging er Zinnen und Waͤlle, ſetzte alles in Stand zur Ge⸗ genwehr, und gab ſtrenge Befehle, dem Grafen zu verhehlen, was vorging. Eine truͤbe ſchreckliche Nacht verging ihm wachend und denkend. Er brachte ſie auf demſelben Vorſprunge zu, wo er ſo oft mit Beatrix die ſchoͤnen Abende dieſer Jah⸗ reszeit genoſſen hatte; jetzt freute er ſich ihres 118— ſchweren Schlummers, den keine Sorge mehr un⸗ terbrach. 1 Auch Heinau lag ſchlaflos auf ſeinem Lager; er hatte Alles, ſelbſt ſeine Helferin, die treue Jutta, von ſich getrieben, um ganz einſam zu ſeyn. Im Vorzimmer wachten ſeine Knappen un⸗ ter mancherlei fluͤſterndem Geſpraͤch. Es war in der Stunde, wo die Nacht ihre Herrſchaft dem neuen Tage abtritt, und oͤde ſchauerliche Stille die Welt bedeckt. Da rauſchte es in der Thuͤr, eine weiße Frauengeſtalt ſchlich langſam feierlich neben den Knappen voruͤber in Heinaus Gemach. Mit ſtarren Blicken ſahen die beiden ihr nach, Entſetzen laͤhmte ihren Herzſchlag, kaltes Eis rie⸗ ſelte durch ihr Gebein. So nahe, ſo koͤrperlich, ſagte der Eine, ſah es noch Niemand, gieb Acht, es bedeutet unſeres Herrn Tod und die letzten Tage dieſes Hauſes. Walter von Palaͤſtina ſtrei⸗ tet gegen den Himmel, er wird ſich und uns nutz⸗ los verderben!— Es war, als ob Walter daſ⸗ ſelbe fuͤhlte, ſo bange und zweifelnd ſchlug ſein Herz dem werdenden Tage entgegen. Die lange Nacht war mit ihren Geſtirnen uͤber ihn hingezo⸗ gen, jetzt erblaßten dieſe, in Oſten roͤthete der Morgen die Wolken. Feuchter Duft lag auf der — — 119 Erde und huͤllte alle niedern Gegenſtaͤnde ein. Da hoͤrte Walter nahende Schritte, er blickte auf, und von den erſten Strahlen der Sonne hell be⸗ ſchienen, ſtand eine icht verſchleierte Nonnenge⸗ ſtalt ihm zur Seite. Walter von Palaͤſtina, rief eine leiſe floͤtende Stimme, bereite Dich, eine Freundin zu begruͤ⸗ ßen, die vielleicht kaum mehr in Deinem Anden⸗ ken lebt. Sie hat Deiner nimmer vergeſſen. Die Arme der Nonne hoben ſich bei dieſen Worten, als wollte ſie den Juͤngling umfangen. Ihm aber gemahnte ihre Stimme, wie ein Traum aus laͤngſtvergangener Zeit, wie ein Wiegenlied, das uns der Kindheit Nebelland erhellt.— Wer ſeyd Ihr? fragte er mit ahnendem Schauer, ohne zu wiſſen, was ſein klopfendes Herz hoffen ſollte. Der Schleier flog zuruͤck, Walters Auge be⸗ gegnete bekannten Zuͤgen, ohne die geliebte Erſchei⸗ nung nennen zu koͤnnen, denn was er dachte ge⸗ hoͤrte in das lichtere Jenſeits. Dort werden wir ſo vor unſern vorausgegangenen Lieben, in ahnen⸗ der Wonne ſtehen, und dies dunkle Leben wird an uns voruͤberfliehen, wie die Tage daͤmmernder Kindheit. Kennſt Du Kunigunden nicht mehr 20— 1 Walter? ſagte die Kloſterfrau. Die Du im Grabe waͤhnteſt, ſie lebt, und kann noch diesſeits die Ihren wiederſehen! Ach ich verlernte nimmer Euch zu lieben, ich umſchwebte Euch ſtets, und glaubte oft beinahe, zu ſeyn, was ich ſchien.— Wenn ich durch dieſe Gemaͤcher ging, bei naͤcht⸗ lichem Dunkel, wenn alles ſcheu vor mir zuruͤck wich, wenn ich— jetzt mit ruhiger Seele— die Leiden dachte, die ich einſt hier beweinte, war mir zuweilen wirklich wie einem ſeligen Geiſte, der die Erde beſucht ohne ſie ſeine Heimath zu nennen. Walter lag ſprachlos zu Kunigundens Füßen, aber ſie gebot ihm, ſich zu faſſen und ihr ruhig zuzuhoͤren, weil ein wichtiges Geſchaͤft ſie herfuͤh⸗ re. Ich habe Dir viel zu ſagen, mein Walter, fuhr ſie ſeufzend fort, laß uns dieſe ruhige Mor⸗ genſtunde nuͤtzen. Es iſt des Grafen Wille, daß Du Alles wiſſeſt, hoͤre mir denn zu, wie in Dei⸗ ner Kinderzeit, wenn ich von einem Ungluͤcklichen zu Dir ſprach, und Dein ſanftes Herz ſeinen Kummer theilte. Ach, ein ſehr beklagenswerther iſt es, von dem ich ſprechen will. Schon als Du unſer Haus betrateſt— ſprach Kunigunde zu Walter— war der Gedanke, den — — 121 ich nachmals ausfuͤhrte, in mir aufgeſtiegen. Ich wollte aus der Zahl der Lebendigen verſchwinden, um einer Andern an Heinaus Seite Platz zu machen, um dieſem unausſprechlich geliebten Manne das Gluͤck zu ſichern, das ich ihm nicht gewaͤhren konnte. Ich wußte nicht, daß ein unheilbarer Schmerz an ſeiner Seele nagte, ich ſchrieb ſeinen ſichtbaren Gram nur dem ausgeſprochenen Wunſche zu, und glaubte durch das Opfer meines Lebens ihn zu begluͤcken. Meinem Beichtiger, dem from⸗ men Bonifaz, geſtand ich den Entwurf und for⸗ derte ſeine Huͤlfe. Er troͤſtete mich und verwies mich zu Geduld und Glauben, er nannte Betrug, was mir Edelmuth ſchien, ich gehorchte in De⸗ muth und harrte aus, bis mir mein Geſchick zu ſchwer ward. Meine Thraͤnen erweichten den treuen Helfer, er war mir beiraͤthig, einen Scheintod zu erkuͤnſteln, der Alle taͤuſchte, und, waͤhrend der leere Sarg das Grab fuͤllte, in den ſichern Mau⸗ ern des Kloſters zu neuem Leben zu erſtehen. Außer ihm wußte nur die Aebtiſſin und Jutta um das Geheimniß. Die Nonnen kannten mich nicht, nichts ſtoͤrte meinen Frieden, als die gaͤnzliche Trennung von Euch. Da gab meine heiße Liebe fuͤr den Gemahl mir in einer ſchlafloſen Nacht den ſeltſamen Gedanken ein, ihn nicht ganz zu 122— verlieren, ihn zuweilen zu ſehen, ich entdeckte mich dem huͤlfreichen Moͤnch, ich flehte und bat, und auch hier wußte Bonifaz Rath. Ein Ahn⸗ herr der Grafen von Wieſenburg hatte das Kloſter gebaut, und zu verborgenen Zwecken hing es mit der Burg durch einen tiefen Erdweg zuſammen, der aus der Kloſterkirche bis in den Schooß des runden Thurms fuͤhrt. Dieſer Weg war es, der mich zu Euch leitete, durch den ich kam und ver⸗ ſchwand; in den verfallnen Gewoͤlben des runden Thurmes ſah ich meine Vertraute, die alte Jutta, und nichts blieb mir verborgen, was ſich hier be⸗ gab. Immer ſicherer gemacht durch den Schauer, der vor mir herging und alle Augen blendete, war ich oft den Bewohnern ganz nahe, ich freute mich an ihren Freudentagen, und trauerte mit ihnen, ich ſtand an Beatrix Brautbette und an ihrem Sterbelager, ich bewachte ihr Kind, ja ich lieferte es endlich in die Haͤnde ſeiner hohen Pflegerin, wo ihm ſo wohl gerathen war. Aber noch nie, fuhr die Graͤfin nach kurzer Pauſe fort, kam ich mit ſolchen Empfindungen hieher, als in dieſer Nacht. Ich ſollte an Hein⸗ aus Krankenlager treten, ihn vielleicht zum letzten Male ſehen, und den langen Abſchied fuͤr dieſes „ — —. 123 Leben nehmen. Ach Walter, ich liebte ihn noch immer! Jal! alle Vergehungen, die mich jetzt von ihm ſcheiden ſollten, vermoͤgen nicht, ihm das Herz zu entfremden, das ſich in zarter Jugend an ihn ſchloß, um ihm ewig zu gehoͤren. Ich ſah ihn, bleich, von Gram entſtellt— mich verließ die Kraft, die Taͤuſchung entfloh, ich ſank an ſei⸗ nem Lager nieder, ward von ihm erkannt, und fuͤhlte das Entzuͤcken ſeliger Geiſter, die den Sterb⸗ lichen in den bangſten Stunden Troſt bringen duͤrfen? Und ſollte es wirklich, rief Walter aus, ſo ſchlecht um den Grafen ſtehen, als Eure Reden mich ahnen laſſen? Ich fuͤrchte es, war die Antwort, doch iſt Al⸗ les geſchehen, um das Aergſte abzuwenden. Aber ein ſchweres Geheimniß druͤckt ihn nieder, er hat es in meine Bruſt niedergelegt. Von mir ſollteſt Du es empfangen, mein Walter, denn von Dei⸗ ner Milde, von Deiner Tugend erwartet ein Un⸗ gluͤcklicher Muth zu dem dunkelſten Gange. Walter ſtarrte Kunigunden an, die lebhafteſte Erwartung malte ſich in ſeinen Zuͤgen. Sie ſprach weiter: 124 Graf Gero von ⸗Wieſenburg war der letzte des aͤltern Grafenſtammes, Froͤmmigkeit und Trieb zu Heldenthaten fuͤhrte ihn nach Palaͤſtina. Er ward dort gefangen und ſchmachtete lange ohne Loͤſung in harten Feſſeln. Endlich gelang es ihm, einen Boten nach Deutſchland zu ſenden, der ſeinen Vetter Heinau aufforderte, ihn durch die geforderte große Summe zu loͤſen. Der Bote traf Heinau ſchon im Beſitz von Geros Guͤtern, an deſſen Tode Niemand mehr zweifelte. Er richtete ſein Ge⸗ werbe treulich aus, und zog fuͤrbaß in ſeine ferne Heimath. Heinau war vermaͤlt, war ohne Geros Guͤter ganz arm, hochſtrebender Stolz und Durſt nach Ehre waren ſeine vornehmſten Fehler; die Nachricht von Geros Leben traf ihn wie ein Don⸗ nerſchlag. Da geſellte ſich ein glattzuͤngiger Ver⸗ fuͤhrer zu ihm, reizte ſeinen Stolz mit bitterm Hohn, mit den Bildern der Armuth und Nie⸗ drigkeit, untergrub leiſe die guten Gedanken, und ſiegte endlich uͤber Recht und Tugend. Gero blieb gefangen, Nuͤdiger nannte ſich den Retter ſeines Herrn, und Heinaus Gewiſſen trieb ihn nun raſt⸗ los umher, die Ruhe ſuchend, die fuͤr ihn verlo⸗ ren war. Indeſſen loͤſte die Liebe Geros Ketten. Eine Morgenlaͤnderin befreite ihn und ward ſein Weib. y2——— —ÿ 125 Seine Sehnſucht nach dem Vaterlande ſtritt mit ihrer Liebe fuͤr die fremde Zone, es vergingen Jahre, und als er nach dem fruͤhen Tode ſeiner Gattin mit dem einzigen Kinde zuruͤckkehren wollte, kam auch ihm der Ruf in ein anderes Vaterland zuvor. Sterbend vertraute er den Sohn einem Diener, und ſandte ihn Heinau nebſt allen Zeug⸗ niſſen ſeiner Geburt. Aber der Pilger ſtarb in jener Herbſtnacht von Ruͤdigers Hand, und Du kamſt unerkannt in meine Arme.—— Großer Gott, rief Walter, welch ein furcht⸗ bares Gewebe breitet Ihr vor meinem Blicke aus. 9 mein Vater! In Deinem Stammhauſe er⸗ wuchs Dein Sohn, unter der Hut Deines Moͤr⸗ ders, und ihm wandte er die Liebe zu, die Dir gehoͤrte! Was wirſt Du thun, mein Sohn, fragte Ku⸗ nigunde mit zitternder Stimme, wirſt Du dem Reuenden Deine Vergebung weigern, um die er Dich durch mich anfleht? Eine heilige Stimme ſpricht: ſegnet Eure Feinde! Walter, moͤchteſt Du ihr Dein Ohr verſchließen? Ein Abgeſandter der kurfuͤrſtlichen Kkiegsleute verlangt nach Euch, ſagte der eintretende Voigt. 126— Walter eilte hinaus. Der Herold rief ihm zu, wie er jetzt noch einmal die Uebergabe fordere, und auf die Weigerung nach Chemnitz zum Kurfuͤrſten ſenden werde, ſeine letzten Befehle zu erbitten. Macht Euch noch vor Abend auf den Sturm ge⸗ faßt, ſchloß er, und ſeyd gewiß, daß jeder An⸗ ſpruch auf Gnade verwirkt iſt, wenn Ihr mit den Waffen in der Hand bezwungen werdet. So war mir Gott helfe und ſeine Heiligen, antwortete Walter, ich kann nicht anders, als Euch den Eintritt verſagen, und die Truͤmmer dieſes Schloſſes mir zum Grabe waͤhlen. Meldet das Eurem edlen Herrn: Walter von Palaͤſtina kann ſterben, aber nimmer das Vertraueu eines Verlaſſenen taͤuſchen. Mit tauſendfachem Gram im Herzen reichte nun Walter Kunigunden die Hand, ſich von ihr zu Heinau fuͤhren zu laſſen. Bleich, wie ein Tod⸗ ter, lag der Graf auf ſeinem Lager, die funkeln⸗ den Augen hatten ihren Glanz verloren, der ge⸗ bieteriſche Blick ſprach jetzt nur finſtre Trauer. Walters Herz brach, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, die allen Groll ausloͤſchten, der in ſei⸗ ner Seele ſchlief. Segnet Eure Feinde! ſprach eine ſtarke Stimme in ihm, er folgte dieſem er⸗ — 127 habenſten aller Gebote, das uns unſerm Urbilde am naͤchſten bringt; er ſank am Lager nieder und verſuchte dem Verzagenden Muth einzufloͤßen. Heinau druͤckte ihm ſtumm die Hand. Habe Dank Kunigunde, ſagte er endlich, habe Dank Walter, was Ihr konntet habt Ihr gethan, aber ſolche Wunden heilt nur der Tod. Langſam ſchlich der Sommertag voruͤber, die Daͤmmerung brach ein, man hoͤrte Getuͤmmel vor dem Schloſſe. Unruhig ſprang Walter von Heinau's Seite auf. Walter! ſagte dieſer, ich weiß Alles, was Du mir verhehlſt. Man ſucht den Raͤuber hinter ſeinen Mauern, er hat noch Kraft ſich zu ſtellen und der Strafe muthvoll entgegen zu gehn. Oeffne die Thore, ich will es! Dieſe Burg, die ich durch Verbrechen beſaß, ſtoͤßt mich aus, nicht zum Sterben leiht ſie mir mehr eine Staͤtte. Das Getuͤmmel ward lauter, der Waͤchter ſtieß in's Horn, Kunigunde muͤhete ſich mit Thraͤnen und Bitten, den Grafen zu beruhigen, der ſich aufzurichten verſuchte und nach ſeinen Waffen rief. Verlaßt ihn nicht, theure Mutter, fluͤſterte Walter ihr zu, und baut auf mich, ich will ihm Ruhe geben. An ſeiner Statt, in ſeinen Waffen geh ich hinaus, und liefere mich unſerm Herrn. Ge⸗ 128— ſchehe mir, wie der Himmel will, er aber ſoll in Frieden ſterben, oder ſicher geſunden. Der kurfuͤrſtliche Bote iſt eben eingeritten, rief ihm Jutta draußen entgegen, von weitem ſchon ſchwenkte er ein weißes wehendes Tuch, jetzt umringen ihn Alle. Er ſteigt vom Roſſe, ein zar⸗ ter Juͤngling! lieber Himmel, ſeine Schritte wanken. Das Thor oͤffnet ſich weit ihn einzulaſſen. Gnade! Gnade! hoͤr' ich es ſchallen. O heil ge Jungfrau ſey gelobt! Gott verlaͤßt nicht die ihm trauen. Da flog die Thuͤr auf, und mit freudiger Eil ſtuͤrzte ein Juͤngling herein, athemlos das Wort der Gnade ausrufend. Es war Luitgard. Sie ſank halb ohnmaͤchtig in Walters geoͤffnete Arme, ein Strom von erleichternden Thraͤnen machte ih⸗ rem gepreßten Herzen Luft. Jetzt erſt fuͤhlte ſie, was ihre Seele gelitten hatte. Wie ſie des Va⸗ ters Vergehen erfuhr, wie ſie zu des Kurfuͤrſten Fuͤßen flog, Gnade erhielt, und keinem andern traute als ſich ſelbſt, die Freudenpoſt zu uͤberbrin⸗ gen; wie ſie ohne Ruhe, in geringer Begleitung,⸗ den Weg antrat, und mit Windesſchnelle ihr Ziel erreichte.— Alles weinte ſie jetzt an des Freun⸗ des Bruſt aus, Freuden⸗ und Kummerthraͤnen, Chraͤnen — 129 Thraͤnen des ſuͤßeſten Wleberſohent, einer unſchai digen Liebe. 4. Mit der Schweſter Beate, deren Geſchichte ſie noch dieſen Abend vernahm, theilte Luitgard nun des Vaters Pflege. Die Kriegsleute zogen ab, die vorige Ruhe kehrte in der Burg wieder,. nur aus Heinaus Bruſt war ſie fuͤr immer ent⸗ flohn. Sein ſtolzes Gemuͤth ertrug das Leben nicht mehr, ſeit jenes Geſtaͤndniß Walters Ohr erreicht hatte, indem er es ausſprach hatte er ſeis nen Tod beſchloſſen. Vergebens muͤhte ſich die Liebe ihn zu erhalten. Er oͤffnete bei naͤchtlicher Weile leiſe den Verband, und ſah mit Frenden das Blut mit dem Leben entſtroͤmen. Nach wenig Tagen wehete das ſchwarze Faͤhnlein wieder von der Zinne herab, und Heinaus Sarg ward in die Gruft des Schloſſes eingeſenkt. Aber unter denen, die ihn trauernd umſtanden, war eine fremde Geſtalt, mehr einem Geiſte als einem Sterblichen aͤhnlich. Ein wankender Greis, deſſen Zuͤge die Zerruͤttung ſeines Innern zeigten, mit weißen ver⸗ wilderten Haaren und langem Bart. Es iſt Ruͤ⸗ diger, fluͤſterten die Knechte ſich zu, haltet ihn auf, daß er nicht im Wahn zu Grunde geht.— Aber er war ſchon verſchwunden, und ward nie J 130— mehr geſehen. Walters Anſpruch an ſein vaͤterli⸗ ches Erbtheil kam durch Kunigundens Ausſage vor den Kurfuͤrſten, der ihn nach Heinaus Tode feier⸗ lich mit allen ſeinen Guͤtern belehnte. Er trat nun als Beſitzer in das Haus ſeiner Ahnen, reichte dem geliebten Maͤdchen die Hand, und knuͤpfte an die Freuden der unbewußten Kinderzeit ein Leben vooll Gluͤck und Liehe. Suͤße und wehmuͤthige Er⸗ „ innerungen bewohnten mit ihnen die ſtolzen Mau⸗ ern, das lachende Thal. Froͤhliche Kinder erwuche ſen an Luitgards Bruſt, zarte Toͤchter und kecke, 1 Knaben! Da eoͤnte die verſtummte Harfe wieder in den Hallen und auf dem Schloßhofe tummelten ſich die muthigen Juͤnglinge, wie einſt Walter, als noch Beatrix freundliche Blicke ihm lohnten⸗ Mit ſtiller Freude ſah Kunigunde den bluͤhenden Kreis guter Menſchen; ſie war allen eine freunde- liche Erſcheinung, und wenn ſie zuweilen ihr Klo⸗ ſter verließ, um einige Tage unter ihnen zu woh⸗ 3 nen, empfing ſie die Liebe ihrer Kinder, wie vor⸗ mals die Patriarchen beſuchende Engel empfingen. Walter legte ſpaͤt erſt Schild und Schwert von ſich, er blieb ein treuer Kampfgenoß des tapfern Sachſenhelden Albrecht, und Ehrfurcht und Treue fuͤr das erhabene Fuͤrſtenhaus ward ein unveraͤußer⸗ liches Erbe im Hauſe Wieſenburg. — 131 Laͤngſt ſchon iſt dieſer Name verklungen, die feſten Mauern der Burg ſind gefallen, ſelbſt der runde Thurm, der noch vor wenig Jahren als ein ehrwuͤrdiger Ueberreſt unter den heutigen Woh⸗ nungen hervorragte, iſt nicht mehr! Aber die ro⸗ mantiſche Umgebung, die Luitgard einſt aus ihren Fenſtern uͤberſchaute, kleidet ſich noch immer in ihr feſtliches Gewand, und entzuͤckt die Bewohner des Berges, wie einſt in grauer Vorzeit! — 22 5 — ur AR R 3 — — Bέ = 5 Der 135 Komm heute Abend in die Tapetenſtube Liesbeth⸗ chen, ſagte Julchen ganz heimlich, ich habe Dir etwas zu ſagen. Mußt Du denn immer fluͤſtern Julchen? hob ſogleich Madam Lehnhard an, Du weißt, daß ich es durchaus nicht leiden kann. Laß mir Liesbeth gehen, ſie iſt ohnedem mit der Zunge flinker als mit den Haͤnden, und hat die Augen, ſtatt auf der Nath, unten auf der Straße.— Da kommen die Franzoſen, ſchrie Liesbeth auf, und alles trat ans Fenſter. Es war ein kleiner Trupp Dragoner, der im Staͤdichen raſten wollte. Die Maͤdchen ſahen ihnen aufmerkſam nach, und benutzten den Augenblick zu naͤherer Beſtimmung der abendlichen Zuſammenkunft. 136— 1 Langſam ſchlich der Nachmittag hin, Madam Lehnhard war heute uͤbler Laune. Die Maͤdchen, beſonders Liesbeth konnten ihr nichts recht machen, ſie ſahen ſich nur verſtohlen an, und auch dieſe Blicke entgingen ſelten der ſcharfen Grenzwacht. Gegen Abend trabte ein Pferd voruͤber, mit einem wohlbekannten Reiter; es war der Baron Hohen⸗ blatt, er gab dem Pferde einige empfindliche Wei⸗ ſungen mit dem Sporn, und es machte die erwar⸗ teten Saͤtze, wobei der Reiter ſich poſſirlich genug aus⸗ nahm, dann ſah er ans Fenſter und ſchickte einen zierlichen Gruß hinauf. Liesbeth lachte laut auf. Was giebt es zu lachen? fragte Madam Lehn⸗ hard? Tantchen, diesmal haͤtten Sie ſelbſt gelacht, antwortete das Maͤdchen. Der Baron zu Pferde! So etwas iſt Ihnen noch nicht vorgekommen. Wahrhaftig das waͤre die ſchoͤnſte Carikatur. Und wie er Dich anſah Julchen, ich glaube gar, Du haſt an dieſer Schoͤnheit eine Eroberung gemacht. Julchen wurde blutroth, aber ihre Mama noch viel roͤther. Schweig Du unbeſonnene Dirne, ſchalt ſie— Wirſt Du denn zeitlebens nicht ler⸗ nen, wie viel Beſcheidenheit Deines Gleichen — 13 7. 4 — braucht, um in der Welt fortzukommen. Der Ba⸗ ron iſt ein ſehr achtungswerther, ſehr reicher Mann, den kleinen Fehler ſeiner Figur kann nur ſo ein albernes Ding, wie Du, in Anſchlag bringen. Du koͤnnteſt dem Himmel danken, Mam⸗ ſell Vorlaut, wenn Du ſo eine Carikatur waͤreſt⸗ und Geld haͤtteſt, dann wuͤrden wir uns bald ohne Dich behelfen muͤſſen, was wir jetzt nicht zu be⸗ fuͤrchten haben. Geh in die Kuͤche. Laß den Bra⸗ ten nicht zu braun werden, mein Sohn iſt es gut gewohnt, ſieh zu, daß Du keine Schande haſt.— Herr Lehnhard, der angeſehenſte Kaufmann im Staͤdtchen, hatte ein ſchoͤnes Haus, einen großen Garten, gab oft glaͤndende Diners, und ſtand im Ruf eines ſoliden Reichthums. Jedermann buͤckte ſich vor ihm, er war uͤberall ein ſtattlicher Herr, nur nicht in ſeinem Hauſe. Ein großer Hang zur Bequemlichkeit, ein furchtſamer, leicht zu lenken⸗ der Sinn, hatten ihn hier unter die Herrſchaft ſeiner Frau geſtellt, die zum Herrſchen geboren ſchien. Eitel und hochfahrend, eingebildet auf Glanz und Reichthum, mit einem unbeugſamen Willen, ſtand ſie an der Spitze aller haͤuslichen Geſchaͤfte, ihr Wort galt ohne Widerſpruch, und ſie ſandte es aus, wie der Heerfuͤhrer ſeine Boten, 138— unbekuͤmmert, was ihm im Wege ſtehen moͤchte. Der Liebe begegnete ſie ſelten, uͤberall der Furcht; aber ſie kannte die Himmelsgeſtalt zu wenig, um ſie auf ihrem Lebenswege zu vermiſſen. Stolz, auf Alles was ihr angehoͤrte, fuͤllte in ihrem Her⸗ zen den Raum einer zarteren Empfindung, ſelbſt die muͤtterliche Liebe trug dies Gewand. Ihre uͤble Laune, die reizbarſte die ſi ſich denken laͤßt, lag ſchwer uͤber dem ganzen Hauſe, doch, wie mancher Koͤrper den elektriſchen Strahl des Gewitters leich⸗ ter als Andere anziehen, ſo war Herr Lehnhard und Liesbeth den zerſtoͤrenden Wirkungen am mei⸗ ſten ausgeſetzt, und immer teajenaſt ſie die haruſten Sohläge Liesbeth war ein Kind des Ungluͤcks. Ihre Mutter, Lehnharoͤs einzige Schweſter, hatte ſich, gegen den Willen der Familie, mit einem Manne verheirathet, der bloß von einem kargen Gehalt lebte. Sie war gluͤcklich auf ihre Weiſe, aber nur kurze Zeit. Weidler, ſo hieß der Mann, ſtarb nach wenigen Jahren, die Wittwe naͤhrte ſich kuͤm⸗ merlich mit zwei kleinen Kindern, von der Arbeit ihrer Haͤnde und den Wohlthaten eines Schwa⸗ gers, der ſich auch erbot, die kleine Eliſe zu erzie⸗ hen, als waͤre ſie ſein eignes Kind. Aber die Mutter konnte keinen ihrer Lieblinge miſſen, ſie pflegte ſie an ihrem Herzen, bis das leidende Herz ſtill ſtand. Da nahm ihr Schwager Weidler das verlaſſene Maͤdchen mit Liebe bei ſich auf, dem 1 älteren Knaben wurde von Madam Lehnhard ziem⸗ lich muͤrriſch ein Plaͤtzchen im Hauſe eingeraͤumt. Ohne Sorgen nur dem Namen nach zu kennen, wuchs Eliſe unter den Augen des Oheims heran⸗ Aeberſluß umgab ſie, ſie erhielt eine ſehr ſorgfaͤltige Erziehung, und vermißte ſelbſt den Bruder nicht, denn Guſtav, des Onkels Sohn, war ihr treuer Spielgefaͤhrte. So erreichte ſie ihr zwoͤlftes Jahr, als ploͤtzlich neues Ungluͤck uͤber ſie herein brach. Leichtſinn, Verſchwendung, gemißbrauchter Groß⸗ muth und Nachlaͤßigkeit hatten des Onkels Ver⸗ mögen zerrͤttet, ein anſehnlicher Defekt in der Kaſſe, die er verwaltete, hatte lange ſchon mit Entdeckung gedroht, kleine unzureichende Huͤlfs⸗ 4 mittel hielten den Augenblick der Entſcheidung zu⸗ ruͤck, bis der Abgrund zu tief gegraben war und den Sorgloſen verſchlang. Weidler floh mit der Schande belaſtet, floh wahrſcheinlich aus der Welt, ſein Sohn und Eliſe ſtanden verlaſſen und ein⸗ ſam da. Herr Lehnhard, Eliſens einziger Ver⸗ wandter, fühlte die Verbindlichkeit fuͤr ſie zu ſor⸗ gen, und erſchmeichelte mit Julchens Beiſtand, — —— 140— unter dem Vortritt eines ſehr reichen Geſchenks, die Erlaubniß von ſeiner Frau, die Waiſe in ſein Haus zu fuͤhren. Liesbeth— denn der Name Eliſe klang Madam Lehnhard zu romantiſch fuͤr ein Maͤdchen, das von Anderer Wohlthaten leben mußte— fand hier ihren Bruder Ernſt. Er war funfzehn Jahr alt, und lernte bei Herrn Lehnhard die Handlung. Sein ſtiller beſcheidener Charakter hatte ſelbſt der Tante Wohlwollen gewonnen, ſie hielt ſeine Zuͤruͤckgezogenheit fuͤr Demuth, und nahm ſeine Anhaͤnglichkeit an ihr Haus, als ſchul⸗ digen Tribut, mit Freundlichkeit an. Ganz an⸗ ders war es mit Liesbeth. Ihre Munterkeit konnte kein Mißgeſchick ganz niederdruͤcken, ſie hatte im⸗ mer roſenfarbene Traͤume fuͤr die Zukunft, ſo dun⸗ kel es um ſie her ſeyn mochte. Ihre Armuth demuͤthigte ſie nicht, ſie dankte ihren Wohlthaͤtern mit vollem geruͤhrten Herden was ſie empfing, ohne ſich ſchlechter zu glauben, als die, welche geben konnten, und Madam Lehnhard fand noͤthig, ihr zehnmal des Tags zu wiederholen, wie ſie, ohne ihre Guͤte, eine Bettlerin waͤre. Eine ſtille Thraͤne ſtieg dann wohl einmal in ihr Auge, aber ein fteundlicher Blick von Julchen, ein Band, das ihr dieſe verguͤtend ſchenkte, eine Geſellſchaft an f — 141 welcher ſie Theil nehmen durfte, brachte ſchnel lhre muntte Laune wieder zuruͤck. 6 So waren Jahre vergangen; beide Nalbchen bluͤhten gleich lieblichen Blumen, Ernſt war die Stütze der Handlung geworden, und Lehnhards einziger Sohn Ferdinand, der die Rechte ſtudirt hatte, brachte heuta den Doktorhut ins Vaterhaus. Aber gerade an dieſem Tage ſchienen Wolken des Unmuths, die Stirn der Hausfrau dichter zu um⸗ ſchatten, jedes Wort erregte ihren Widerſpruch, ihre Blicke forſchten ſichtbar nach einem Grunde, das geheime Mißbehagen laut werden zu laſſen. Julchen bewachte ſich ſtrenge, ſie ſaß ſtill und in ſich gekehrt, denn es that ihr weh, daß eine Un⸗ zufriedenheit der Mutter mit ihr, die dieſen Mor⸗ gen den heftigſten Wortwechſel erregt hatte, an der peinlichen Verſtimmung ſchuld war; Liesbeth hingegen blieb unbefangen, hing im Geheimen hei⸗ tern Gedanken nach, und achtete kaum auf die finſtern Mienen, die ihr vornehmlich zu Theil wurden. Doch war es nicht Julchen allein, uͤber die Madam Lehnhard zuͤrnte. Ihr Mann hatte heute, nach langer Ueberlegung Muth gewonnen, uͤber die großen Summen zu klagen, die ihr Lieb⸗ ling Ferdinand auf der Univerſitaͤt gebraucht hatte, ——————B—ZñZ—ZBF=U=FBñẽ—ẽñ/—½—-— 142— er hatte beſcheiden einen Zweifel geaͤußert, ob ſie Recht gethan habe, ihn durch beſtaͤndiges Nachge⸗ ben und reiche Spenden zu verwoͤhnen, ja ſogar mit leiſer Hindeutnng auf die ungluͤckliche Zeit, ¹ von kuͤuftiger Einſchraͤnkung geſprochen. Je unge⸗ 44 wohnter dieſe Mahnung ihren Ohren war, um ſo . heftiger fuͤhlten ſie ſich davon gereizt. Es lag in in ihrem Charakter, uͤber ein Recht, das ihr ge⸗ hoͤrte, mit zagender Wachſamkeit zu halten, der Schatten des Argwohns, man wolle es antaſten, ſtoͤrte ihren Frieden; und ſie erhob ſich mit allen Waffen, gegen den kuͤhnen Angreifer. Daß die Herrſchaft uͤber ihren ſchwachen Mann ein ſol⸗ ches Recht war, daruͤber blieb ihrem verkehrten Stolze kein Zweifel, ſein heutiges Wagniß ſchien ihr eine Empörung gegen verjäͤhrten Beſitz, ſie bonnte ſie lo⸗ tenig Müageſenes ala: vergeben Gden 9 ii len chnegn 4 „Debt ſchalte: ds Pactharn in ſchmetternden Doͤnen die Straße herab, es erloͤſte Julchen von 1 einem peinlichen Geſpraͤch. Liesbeth eilte aus der Kuͤche, der Vater aus dem Comptoir, alles kam herbei, den Ankommenden zu begruͤßen. Mit dem leichten Anſtande des vollendeten Stutzers trat er ihnen entgegen. Seine Kleidung war genau nach dem Schnitt der juͤngſten Mode, weiblich 4 ——— -————;— —*— gelucht ſorgfaͤltig angelegt, ein Gegenſtand beſtaͤn⸗ diger Aufmerkſamkeit. Sein geringeltes Haar, duftete Wohlgeruch. Ringe glaͤnzten an ſeinen Fingern. Er ſprach viel und ſchnell, meiſtens von ſich, tadelte Alles was er ſah, mit raſcher Zuver⸗ ſicht, wußte alles beſſer, genauer, richtiger, und hielt ſich, beſonders in Modeſachen, Kleidungen, Moͤbles, Anordnung glaͤnzender Feſte, fuͤr einen unfehlbaren Richter. Die Keckheit⸗ mit welcher er bei der Mahlzeit das Wort fuͤhrte, die Ge⸗ wandheit mit welcher ſeine Rede, gleich dem wech⸗ ſelnden Winde, der ſchnell um die ganze Windes⸗ roſe laͤuft, die verſchiedenſten Gegenſtaͤnde ober⸗ flaͤchlich beruͤhrte, blendete die entzuͤckte Mutter, waͤhrend der Vater ſch leiſe geſtand⸗ daß ſein minde babe; Juichen und ruß ſgjenen in tiefen Gedanken verloren, Liesbeth aber ſprach im. ſtillen Rath ihres Herzens, das Urtheil aus: daß der feine kluge, geſchmuͤckte Ferdinand, ihr nim⸗ nea gelalen könne. 4 ³ Die Abendmahtzei wutde abgekuͤtzt, um dem Reiſenden Ruhe zu goͤnnen, Madam Lehnhard be⸗ gleitete ihren Sohn auf ſein Zimmer. Mit einem bedeutenden Wink entfernte ſich auch Julchen, und Liesbeth folgte ihr leiſen Schritts. Der Haupt⸗ ſchluͤſſel, den man ganz leiſe von der Wand ge⸗ nommen hatte, wollte erſt gar nicht ſchließen, end⸗ lich oͤffnete er die ſogenannte Tapetenſtube, die ſelten beſucht ward und wo Julchen ihr Herz am ſicherſten vor der Freundin auszuſchuͤtten hoffte Komm, ſagte ſie, und zog Liesbeth herein, hier ſind wir ungeſtoͤrt, hier koͤnnen wir ruhig die halbe Nacht durchplaudern, in meiner Kammer haͤtte die Mutter uns gehoͤrt. Ach Liesbethchen, was habe ich Dir zu ſagen! Du machteſt es heute gut, als Du ſo offen uͤber den Baron Hohenblatt ſprachſt! Denke nur, daß mir die Eltern dieſen Morgen geſagt haben, ich waͤre ihm zur Frau aes ſprochen!— 1 Ach Julchen, Du willſt mit mir ſpaßen, er⸗ wiederte Liesbeth, den alten mißgeſchaffnen Va⸗ ron? nimmermehr glaube ich das. Wollte Gott es wäͤre mein Scherz, ſeufzte Julchen, aber gute Liesbeth, das iſt noch nicht Alles. Der Baron iſt zwar ſehr haͤßlich, aber waͤre er auch ſchoͤn wie Adonis, ich waͤre doch ungluͤcklich,— denn— ich liebe einen Andern. Snae Bei dicſen Worten fiel Julchen ihrer Geſpie⸗ lin mit einem freundlichen Blick um den Hals, und Sersre — 145 und erſtickte die Frage der Neugierigen mit Kuͤſ⸗ ſen.— Ich liebe ſchon lange— Niemand in der Welt weiß es, als mein Herz und der Ge⸗ liebte. Kannſt Du rathen Liesbeth wer es iſt Dein Bruder, Dein Ernſt, der gute anſpruchsloſe Ernſt, den ich ewig lieben werde, es mag mir auch gehen wie es will. Liesbeth ſtand ſprachlos vor Ueberraſchung, ſte war viel zu unbefangen, ein geheimes Verſtaͤndniß zu entdecken, und dieſes war ſo ganz in den Schleyer fremder Gleichguͤltigkeit gehuͤllt, daß ſelbſt die ſchaͤrfſten Augen, die jemals Beobachteten nichts davon gewahrten. Daß wir uns von Jugend auf ſahen, fuhr Julchen fort, daß ich immer Zeuge von ſeiner ſtil⸗ len Vortrefflichkeit war, und ſo manchen ſchoͤnen Zug ſeiner Seele bemerkte, das legte den erſten Keim der Liede in mein Herz. Wir wurden groͤ⸗ ßer, mir geſiel Niemand neben ihm, und es blieb mir nicht verborgen 1 daß auch er mich liebte, ob er es gleich verbergen wollte. Sein Mund war ſtumm gegen das reiche Maͤdchen, aber ſeinen Au⸗ gen konnte er nicht gebieten. Als ich vor zwer Jahren von der ſchweren Krankheit genaß, und nun erfuhr, wie Ernſt, in finſtrer Nacht, bei to⸗ 8 146— bendem Ungewitter, zwei Meilen weit geritten war, um den Hofrath Winrich zu holen, wie er ſo viel, ſo viel fuͤr mich gethan, ſo ſichtbar um mich gelitten hatte, da band ich mich auf ewig an ihn. Meine Mutter erzaͤhlte mir dies Alles, als Beweis der Dankbarkeit und Ergebenheit ge⸗ gen ſeine Wohlthaͤter, ich ſah Liebe darin, und ergriff den erſten Augenblick ihm zu danken. Da⸗ mals verrieth ſich ſein Herz, wir geſtanden uns was wir fuͤhlten, ich ſtaͤrkte den Traurigen mit meiner Hoffnung, meine Vorſtellungen hielten ihn zuruͤck, als er mich fliehen wollte; ſeitdem dauert unſer ſchoͤner Bund. Vor aller Menſchen Augen ſind wir uns fremd, aber jeden Tag ſehen wir uns eine kurze Zeit. Du weißt, daß die Mutter ſeit jene Zeit meiner erdichteten Neigung fuͤr ein Mittagsſchläfchen nachgiebt, weil ſie es ſelbſt liebt; Ihr waͤhntet mich dann immer auf meiner Stube. Ich aber ſchlich allemal durch die Hintertreppe in den Garten, in das verfallne Gartenhaͤuschen am Waſſer, und mein Ernſt ging durch die Stadt, und kam den ſteilen Weg bei der Muͤhle herauf, den jeder Andere fuͤr unwegſam halten wuͤrde. Siehſt Du, ſo war es bis jetzt, tauſend Plaͤne zu unſerer Vereinigung fuͤllten dieſe einſamen Au⸗ reniblicke aus, mir fehlte es nie an frohen Erwar⸗ — 147 ungen. Die Zufriedenheit meiner Eltern mit Ernſ 4 ſeine Unentbehrlichkeit in der Handlung mußten mich ja troͤſten. Ach Julchen, unterbrach hier Liesbeth ihre. Freundin, wie haſt Du nur ſo etwas hoffen koͤn⸗ nen. Du weißt, welchen Werth Deine Mutter auf Nang und Reichthum legt, Du hoͤrteſt taͤglich ihre Plaͤne mit Dir. O mein armer Bruder! haͤtteſt Du ihn damals fliehen laſſen. Julchen Du warſt grauſam gegen Deinen Geliebten. —— Und Du biſt es jetzt gegen mich, antwortete Julie. Du weißt nicht, wie leicht die Liebe das Schwerſte macht. Ohne Ernſt zu leben war mir unmoͤglich. Denke an Deinen Kummer, als Du von Guſtav getrennt wurdeſt, da Du noch faſt ein Kind warſt, wie oft Du noch mit Wehmuth. und Liebe von ihm ſprichſt, denke nun, dieſer Guſtav waͤre ſo gut, ſo liebenswuͤrdig wie Ernſt geweſen— 5 1 1 O das war er, rief Liesbeth aus, das war er gewiß, wo mag der Arme jetzt ſein, wie mag es ihm gehen! er n Denke er haͤtte Dich geliebt, und Du hätteſt ihn mit kalter W Vernunft von Dir weiſen ſollen⸗ 3 K 2 148— fuhr Julchen fort. Ach Gott, das war ja gar nicht moͤglich.— Zu meinem groͤßten Ungluͤck nehmen Schwiegerſohn geweißſagt. Sie ſprach immer davon, ich begreife nicht, wie es uns nicht einſiel, ſie koͤnne ihr Auge auf Hohenblatt werfen. hat eine alte Wahrſagerin der Mutter einen vor⸗ — Dieſen Morgen endlich, nach dem Fruͤhſtuͤck ward ich zu den Eltern gerufen, und mein Schickſal mir kund gemacht. Der Baron hat um mich an⸗ gehalten, heute hat er eine Reiſe nach Toͤplitz an⸗ —— getreten, und wenn er in vier Wochen wieder koͤmmt, iſt die Verlobung. Was ſoll ich nun thun? Der Baron ſoll ſehr reich ſeyn, der Va⸗ ter iſt es auch, da kommen denn harte Thaler ge⸗ nug zuſammen, und nur eine Thoͤrin, wie ich, kann zweifeln, ob das Gluͤck bei den harten Tha⸗ lern, und unter dem breiten Stammbaum, der hochadeligen Hohenblaͤtter wohnr.— Liesbeth, ich verdiene ich auch mein Ungluͤck, denn ich verließ den einfachen Pfad, auf dem gehorſame Kinder unter den Augen der Eltern wandeln ſollen. Aber ich koͤnnre Manches zu meiner Entſchuldigung ſa⸗ gen, was Du ohne Worte weißt. Glaube mir, werde bitter, das iſt wohl recht ſchlecht! vielleicht ich habe oft mit heißen Thraͤnen nach Vertrauen auf das Mutterherz gerungen, ohne die Furcht 1 und Scheu verbannen zu koͤnnen, die von Jugend auf zwiſchen uns ſteht.— Jetzt rathe mir Lies⸗ beth, ich bin alles zufrieden was mich von dieſer Heirath befreit. 1 Ich Dir rathen? Armes Jutchen, ich weiß keinen Troſt fuͤr Dich. Aber das weiß ich, ſo arm ich bin, lieber wollte ich hungern und betteln, als dieſen Baron— Eben ſo ſprach ich heute fruͤh, ſagte Julchen, aber ganz vergebens; die Mutter blieb hart, und der Vater— Du weißt ja wie leicht der ſich be⸗ ſtimmen läͤßt, wo ſie ſchalt und drohte, da bat zer, und das war noch viel ſchlimmer. Was mir den meiſten Kummer macht, iſt Deines Bruders Benehmen bei meiner Angſt. Kannſt Du denken, daß er mich heute mit Thraͤnen beſchwor, ihn zu vergeſſen, und wenigſtens ſeinetwegen mein Gluͤck nicht zu verſcherzen. Mein Gluͤck!— Guter Gott! welch eine Welt, in der die beſten edelſten Menſchen die Zufriedenheit nach Goldgewicht rechnen.. Julchen, rief jetzt Liesbeth, hoͤrſt Du nichts auf dem Gange? ich glaube die Tante koͤmmt her⸗ unter, wenn ſie hier Licht ſaͤhe!— 150— Laß es uns verloͤſchen, und unſern Weg im Bhrſern ſuchen, fluͤſterte Julie und druͤckte der Freundin die Hand. Gute Nacht, ſchlaf beſſer als ich.— eeiſe ſchlichen die M aͤdchen daddn, denn Ma⸗ dam Lehnhards Geſtalt war in der Ferne noch ſichtbar. um keinen Laͤrm zu machen, hatten ſie die Thuͤr nicht wieder verſchloſſen, der Doktor fand ſie offen, als er am Morgen zum Fruͤhſtuͤck hinab ging, und die Kriegsmuſik der eben abzie⸗ henden Franzoſen hoͤrte. Die Tapetenſtube ſah ins freie Feld, er lehnte ſingend zum Fenſter hin⸗ aus, den Kriegern, mit dem Glaſe vor den Au⸗ gen, gemaͤchlich nachſchauend. Langſamen Schritts und gedankenvoll kam eben auch der Vater den Gang herauf, wollte den Sohn auf ſeinem Zim⸗ mer ſprechen, und noch erwuͤnſchter war es ihm, als er ihn durch die halb offne Thuͤr erblickte, in dieſem Augenblick eine Laſt von ſich waͤlzen zu koͤn⸗ 4 1. 1 nen, die ihn mit Zentnerſchwere druͤckte. Behut⸗ ſam zog er die Thuͤr hinter ſich zu, und ſchob den. Riegel vor; Ferdinand ſah ſich verwundert um.. „Ich habe mit Dir zu reden, mein Sohn, hob Herr Lehnhard verlegen an, indem er ſich die, Haͤnde rieb; der Sohn machte eine leichte Ver⸗ * — 1j, 151 zeugung und hielt dem Vater die goldene Doſe hin. Was meinen Sie, was mich die Doſe koſtet? Zu viel gewiß Ferdinand, antwortete Jener. Wollte der Himmel, Du haͤtteſt das Geld zu Ra⸗ the gehalten, das Du an ſolche koſtbare Taͤndeleien verwandteſt. * Sie ſprechen als Kaufmann lieber Vater, Sie wiſſen ja, daß der proſaiſche Handelsgeiſt in mir nicht wohnt. Das Sammeln uͤberlaß ich Andern, mein Gemuͤth iſt du frei und ungebunden dazu, das Geld war mir immer nur Mittel, nicht Zweck. Hab ich Ihnen jetzt etwas gekoſtet, ſo hoffe ich, es war nicht vergebens. Hat die Mutter mit Ih⸗ nen geſprochen. Ja, Deine Mutter hat mir alles ſgeſagt. Siehſt Du, lieber Sohn, Deine Mutter verlangt von mir die Bezahlung aller Deiner Schulden. In der That Ferdinand, die Summe iſt zum Er⸗ ſchrecken groß. 8 Es iſt allerdings wahr, lieber Vater, ſagte Fer⸗ dinand, und ich habe Urſach um Ihre Verzeihung zu bitten. Man iſt jung, will Andern nicht nach⸗ 153 ſtehen, kömmt in glanzende Zirkel, und vor allen habe ich ungeheures Ungluͤck im Spiel. Mit einem Wort, Ferdinand, entgegnete Herr Lehnhard, Du mußt die Wahrheit wiſſen. Deine Mutter darf um Gotteswillen noch nicht erfahren, was ich Dir vertraue, ich glaube ſie haͤtte den Tod auf der Stelle. Kein Menſch darf es wiſſen, ſonſt waͤre ich vollends ein verlorner Mann. Ich kann Deine Schulden nicht bezahlen, denn ich bin vielleicht ſchon in dieſem Augenblick ganz ruinir, kotal geſtuͤrzt.. 9 Sdie ſcherzen mein Vater, ſtammelte Ferdinand, wie waͤre das moͤglich, jedermann kennt Sie als einen reichen Mann. Die Zeit, mein Sohn.„ fuhr der Vater fort, hat viel Einfluß auf meine Geſchaͤfte gehabt, und jetzt giebt eine ungluͤckliche Handelsverbindung mir den letzten Stoß. Ernſt iſt der einzige Menſch auf der Welt, dem ich vertrauen kann, er wird dieſen Nachmittag abreiſen, und verſuchen, was nooch zu retten iſt. Mich dauert nur Deine Mut⸗ ter, ſie iſt des Reichthums ſo gewohnt wie des Athemholens; ich wollte gern leiden, obgleich ſie mir das Leben etwas ſauer machen wird, die gute Frau.— Du haſt das Deinige gelernt, und — 15³ kannſt in der Welt fortkommen, fuͤr Julchen hat ſich, Gott ſey Dank, eine reiche Parthie gefunden, da kann wenigſtens die Mutter auf ihre Weiſe fortleben, und vielleicht ſinde auch ich Unterſtuͤtzung durch den Schwiegerſohn. So ſtehn die Sachen, Du ſiehſt ſelbſt, daß ich nichts fuͤr Dich thun kann, bitte Deine Glaͤubiger um Geduld, ich weiß nicht zu helfen. Nach dieſem Geſpraͤch kam Ferdinand ſehr ver⸗ ſtimmt zum Fruͤhſtuͤck. Er ſaß einſilbig und ſin⸗ ſter neben ſeiner Mutter, und wuͤrde vielleicht noch. lange ſo geblieben ſeyn, haͤtte nicht der Spiegel gegenuͤber ſeine Geſtalt ſo angenehm gemalt, daß er dem erheiternden Bilde nicht widerſtehen konnte. Es muͤßte doch ſeltſam zugehen, ſprach eine Stim⸗ me in ihm, wenn Du nicht Dein Gluͤck machen ſollteſt. Es giebt ja Vaͤter genug, die fuͤr reiche Toͤchter ſparen, auch kann der gruͤne Tiſch wohl einmal mit Wucher zuruͤckgeben, was er bisher immer nahm. Ueberdem iſt der Papa aͤngſtlich und ſchwach, ſieht alles durch ein Vergroͤßerungsglas und— was die Hauptſache iſt— ſo giebt es kei⸗ nen groͤßeren Thoren, als den, der um die naͤchſte Stunde ſorgt. Kraft dieſer Troͤſtungen ward der Doktor nach und nach heiterer, aß und trank, 134— ſcherzte, und ließ ſein Licht leuchten vor den Leu⸗ ten. Er kritiſirte den Anzug der Frauenzimmer, die Theegeraͤthe, die Malerei der Waͤnde. Kein Geſchmack, Mama, ſagte er, uͤberall kein Ge⸗ ſchmack, es iſt ein Ungluͤck, wenn man alles beſſer geſehen hat.— Wie ich hoͤre Julchen, fing er endlich an, indem er ſeine Friſur ordnete, biſt Du Braut, und wirſt mir einen vornehmen Schwa⸗ ger geben, ich gratuliere. Und Sie Couſine Eliſe? wie ſteht es mit Ihnen? wollen Sie ſich noch nicht in Hymens Feſſeln ſchmiegen? Es iſt doch gewiß dieſen ſchoͤnen Augen gelungen, manches Herz zu erobern. Bedenke doch Ferdinand, erwiederte Madam Lehnhard„ ſtatt der erroͤthenden Liesbeth, daß Du nicht in Deinen Zirkeln biſt, wo ſolche artige Luͤ⸗ gen an ihrem Platz ſeyn moͤgen. Liesbeth verſteht ſolche Dinge nicht, ſie konnte leicht glauben es ware Ernſt. Heut zu Tage fragen die Freier zu⸗ erſt nach dem Soliden, es ſind ſchlechte Zeiten. Wiſſen Sie nichts von dem Vetter Guſtav, Couſine? fuhr Ferdinand fort. Es iſt doch ſeltſam⸗, daß man nie wieder etwas von ihm gehoͤrt hat, der liebe Papa wollte doch ſicherlich ein Pärchen aus Ihnen beiden machen. 2 — 13A3 „Hatte fruͤhe ſchon Toͤchterchen und Sohn. Braut und Braͤutigam voraus zenannt 3 MNiicht wahr Couſine?“ Wer weiß wo der ſteckt, nahm die Mutter das Wort. Wird wohl auch ein Taugnichts ſeyn, wie der Herr Vater, der alles vergaſtirt und ver⸗ jubelt hat. Der Apfel faͤllt nicht weit vom Stam⸗ me. Ich ſage immer, der liebe Gott weiß am beſten was er thut; wem Geld und Gut nichts nuͤtzt, der muß durch ſeine eigne Thorheit drum kommen. Haͤtte der Vetter Weidler wie andere vernuͤnftige Leute gewirthſchaftet, ſo waͤre er noch ein ehrlicher wohlhabender Mann, und die Seini⸗ gen fielen keinem Menſchen zur Laſt. Nichtet nicht!— ſagte Herr Lehnhard leiſe und zaghaft. Liebe Frau, man kann leider ohne alle Schuld—— Wenn Du nur ſchweigen wollteſt Papa, Du biſt immer aller unnuͤtzen Menſchen Advokat.) Wenn es auf Dich angekommen waͤre,, ich Llauies 3 wir hätten den lieben Guſta auch noch zu uns genommen. 3 156— 8 Liesbeth ſchlich leiſe hinaus in den Garten; ihr Herz war voll, ihre Thraͤnen floſſen. Der Oheim, den ſie jetzt ſchmaͤhen hoͤrte, war ja ihr erſter Wohlthaͤter; Guſtav, deſſen Schickſal ſie oft be⸗ kuͤmmerte, ſtand ſo freundlich vor ihrer Erinnerung. Beides waren Geſtalten aus der ſchoͤnen hellen Kinderwelt, mit einem unvergaͤnglichen Schimmer umgeben.— Der Mittag kam heran, ehe ſie daran dachte ins Haus zuruͤck zu gehen, da ſuchte ihr Bruder ſie auf, der vor einer nothwendigen Reiſe in Handelsgeſchaͤften von ihr Abſchied neh⸗ men wollte. Er ſchien traurig wie ſie, Liesbeth ahnete die Urſach und beruͤhrte ſie leiſe. Eliſe, ſagte Ernſt, und nahm ſie ſanft in ſeine Arme, ich liebe Julchen mehr als mein Leben, aber ich fuͤhle es, nach manchem harten Kampf, ich kann ſie nicht beſitzen, ohne undankbar gegen ihre Eltern zu ſeyn. A., mit blutendem Herzen haͤtt' ich ihr fuͤr jeden andern entſagt; ſie dieſem Hohenblatt abzu⸗ treten, wird mir noch tauſendmal ſchwerer, Gott gebe, daß er ſie verdient. Aber Ihr wißt nicht Alles. Ich weiß, daß Juliens Eltern ihr gan⸗ zes Gluͤck an dieſe Verbindung knuͤpfen, das iſt mir genug. Lebe wohl Eliſe, und bete für mich, ich bin auf ewig ungluͤcklich. 2 —,— Liesbeth hing an ſeinem Halſe, ſie wollte ihn nicht laſſen, trauernd riß er ſich los, und eilte, mit Herrn Lehnhard die letzten Verabredungen zu nehmen. Julchen kam den Nachmittag mit rothen Augen aus ihrem Zimmer herunter und klagte uͤber Kopfſchmerz, ſie hatte nun ihr einziges Gluͤck verloren, und von den vier Wochen, die noch zwiſchen ihr und dem ungeliebten Braͤuti⸗ gam lagen, ging ein Tag nach dem Andern hoff⸗ nungslos hin. Schon waren drei Wochen verſtrichen, die Mutter nannte vorlaͤufig den Verlobungstag, ord⸗ nete die Speiſen, rathſchlagte uͤber die Gaͤſte, und hatte bei Allem viel Widerſpruch von dem beſſer⸗ wiſſenden Sohne. Fuͤr Julchen wurde ein koſt⸗ bares Kleid verſchrieben, das ſie ſich ſeufzend an⸗ meſſen ließ⸗ noch immer hoffend, ſie werde es nicht zu jener verhaßten Feierlichkeit tragen, denn jeder Tag gebar einen neuen verzweifelten Ent⸗ ſchluß. Da ſaß man eines Abends ſchon zum Eſ⸗ ſen um den Tiſch, als eine Masd, das Donner⸗ wort: Einquartierung! zur Thuͤr herein ſchrie. Ein Offizier ſtieg aus dem Wagen, Herr Lehn⸗ hard ging ihm entgegen. Madam ruͤckte murrend die Couverts an einander und machte dem Gaſte —— 158— S zwiſchen ihrem Manne und Ferdinand cpt fatz, eies beth empfing die Schluͤſſel und einige Befehle, der Keirgannann trat hoͤflich gruͤßend herein. 5 Es war ein ruſſiſcher Offizier; eine breite Narbe uͤber der Stirn zeugte nebſt dem Orden auf der Bruſt, von ſeinen Thaten. Sein Geſicht war männlich ſchoͤn, aber ernſt, wie ſein Beruf. Er nahm ſchweigend Platz, beantwortete die Frage der Wirthin, ob er deutſch ſpreche, mit einem ar⸗ tigen Compliment in dieſer Sprache und fuͤgte die Bitte hinzu, ja ſeinetwegen keine Umſtaͤnde zu machen. Langſam kam ein Geſpraͤch auf die Bahn, dem die Politik den Eingang verſchaffen mußte. Der Doktor wußte alles, was bei beiden Heeren vorging und vorgehen wuͤrde, der Fremde ſah ihn nur ſchweigend an, ohne ſeine, manchmal etwas ſchiefen Anſichten zu berichtigen. An den beiden ſchoͤnen Maͤdchen hing ſein Auge oft, es ſchien als laͤſe er in ihren Mienen, uͤbrigens war er ſehr gebildet, hatte viel geſehen und erfahren, und 1 wußte dies ſo angenehm wiederzugeben, daß der Abend ſchneller verging, als je Einer, und Jul⸗ chen nur einmal Zeit fand, an ihr Ungluͤck zu denken. Ein kleines Deſert war eben aufgetragen, als ein Coſack hereintrat und dem Offizier einige — 1559 rufſtſche Worte ſagte, die dieſer erſchreckend, doch gleich wieder gefaßt, beantwortete. Der Coſack ging, ſein Herr wandte ſich an die Gefellſchaft, 1 um Verzeihung zu bitten, indem er hinzuſetzte: ich erhalte eben die hoͤchſt unangenehme Nachricht von dem Tode eines meiner zuruͤckgelaſſenen Bedienten, die mich erſchreckt, obgleich ich ſie vorher wußte. Er war alſo wohl lange krank? eiragt⸗ Lies⸗ beth theilnehmend. Nein, Mademoiſelle, ſagte er, es giebt eine Art in die Zukunft zu blicken, die der Wahrſchein⸗ lichkeit nicht bedarf. Ferdinand ſah den Fremden hoͤhniſch laͤchelnd von der Seite an. So ſind Sie mein Herr viel⸗ leicht im Beſitz der wunderbaren Kunſt⸗ kuͤnftige Dinge zu wiſſen? Zweifeln Sie daß der menſchliche Geiſt ſolcher Kraft faͤhig iſt? fragte der Offizier, mit einem durchdringenden ſonderbaren Blicke. Wenn Sie erlauben, lachte der Andere. Ich zweiſle nicht im Mindeſten daran, erhob jetzt die Mutter ihre Stimme, denn ich habe ſelbſt die deutlichſten Beweiſe. Mag man dagegen ſa⸗ gen was man will, mir iſt ſo Vieles, und neu⸗ lich noch ſo etwas Wichtiges änhetroſſen— Jul⸗ chen ſeufzte. Betrug und Zufall Mama, oder Sanarmere und Zufall, weiter nichts, ſagte der Pbiloſoph Ferdinand. Wie Sie wollen mein Herr, laͤchelte der Gaſt, ich will Sie nicht bekehren. 48 Doch, doch 7 warum wollten wir den Schetz nicht fortſetzen, ſagte der Doktor. Wenn Sie zum Beiſpiel wiſſen, was meiner Mutter von den Vor⸗ herſagungen einer klugen Sybille eingetroffen iſt, ſo bitten wir, es uns mitzutheilen 8 Der Fremde beſann ſich nicht lange: Wenn jene Frau Ihnen den Braͤutigam vorher verkuͤndigt hat, den Sie erwarten, Madam, ſo iſt dies etwas ſo Gewoͤhnliches, daß Ihr Herr Sohn allerdings Recht haben kann. Der Mutter einer ſchoͤnen Tochter muß man ſo etwas ſagen, ohne außeror⸗ dentliche Kenntniſſe zu beſitzen. Aleerlielſt! rief der Doktor, bravo! Sie ziehen ſich vortreffich aus der Sache. Sie werden nun 7 gewiß ˙ 161 gewiß auch wiſſen, welche von meinen beiden Schweſtern die Braut iſt. Herr Doktor, begann der Offizier, mit einem Geſicht, das Ferdinands Augen auf den Teller herabzog— Wir ſind nicht im Examen. Will Ihre ſchoͤne Schweſter mir ihre Hand erlauben, ſo gelingt es mir vielleicht, ihr etwas angenehmes zu ſagen. Er ſtand lächelnd auf, und trat zu Julchen, ſie reichte ihm zitternd ihre Hand, die er lange ernſthaft betrachtete; endlich hob er an: Ihr Braͤutigam iſt jetzt nicht hier, aber ſeine Ankunft ſcheint nahe. Er iſt nicht die Wahl ih⸗ res Herzens, vielmehr hegt dies Herz andere Wuͤn⸗ ſche. Getroſt, es wird ſich in Kurzem Alles aͤn⸗ dern. Ein Brief macht der verhaßten Verbindung, vielleicht ſchon gen, ein unerwartetes Ende, und der verſchwiegenen Liebe nimmt das Schick⸗ ſal ſich an. Sie werden Ihre groͤßeren Ausſichten mit einem beſcheidenen Looſe vertauſchen, und an der Hand eines ſehr braven Mannes Ihr Gluͤck finden. Madam Lehnhard murmelre vor ſich hin: der Narr! aber Julchen ſtieß ganz leiſe, doch heftig L 162— die Worte heraus: Wollte Gott, daß Sie wahr ſpraͤchen. Wollen Sie mich auch Ihr Schickſal leſen laſ⸗ ſen, Mademoiſelle, fuhr der Fremde gegen Lies⸗ beth fort, und ruͤckte einen Stuhl zwiſchen ſie und Julchen. Liesbeth hielt die Hand hin und ſah ihn mit ihren blauen Augen erwartungsvoll an. Sie ſind nicht die Tochter des Hauſes, ſagte er, Ihre Anſpruͤche ſind jetzt gering, wenn das bei Ihren Vollkommenheiten moͤglich iſt. Sie wur⸗ den ſehr jung zur Waiſe, und verloren ſchon fruͤhere Beſchuͤtzer. Ihr Herz iſt frei, bis auf ein freundliches Andenken an einen Jugekdfreund. In Kurzem werden ſie eine reiche Erbſchaft thun. Jetzt haben ſie Kummer um einen geliebten Ver⸗ wandten, aber Sie ſorgen ohne Urſach, alles wird gut werden. Sie eragfe ohne es zu ahnen, und bald wird eine entſcheidende Frage an Ihr Herz ergehen. Langſam ließ er Liesbeths Hand los; roth wie eine Roſe blickte ſie vor ſich nieder, und verruͤckte dadurch den toͤdtenden Blicken der Tante ihr Ziel. Der Offizier ſetzte ſich wieder an ſeinen Platz⸗ Ferdinand wollte ſehr klug ausſehen, aber es ge⸗ ¹ —; ñůDůbůÖMÖuůo — — — 163 lang ihm nicht, Herr Lehnhard rief in die allge⸗ meine Stille hinaus: Seltſam, bei alledem, recht ſeltſam. Sie mein lieber Herr Wirth, ſagte ſein Nach⸗ bar, und drehete Herrn Lehnhards Hand nur einen Augenblick nach ſich hin; Sie ſind jetzt in Unruhe und Verlegenheit, der Brief, den ich Ihrer De⸗ moiſelle Tochter prophezeite, wird ſie noch mehr niederſchlagen. Aber faſſen Sie keinen uͤbereilten Entſchluß, von Ihrem treuſten Freunde koͤmmt die Huͤlfe. Wollen wir nicht aufſtehen, rief Madam Lehn⸗ hard; die Stuͤhle ruͤckten, Dankſagungen und ge⸗ ſegnete Mahlzeiren wurden gewechſelt. Der Offi⸗ zier trat zu den beiden Maͤdchen, die plaudernd neben einander ſtanden. Zweifeln nicht an meiner Wiſſenſchaft und Ihrer Rettung, fluͤſterte er Julchen zu, wollen Sie noch einen Beweis davon, ſo hoͤren Sie, daß ich alles weiß. Ihr Geliebter iſt Ihr Hausgenoß, Niemand kennt Ihre Liebe, als ſeit kurzer Zeit eine verſchwiegne Freundin; der Ort wo Sie ſich zuweilen ſahen, iſt, wenn meine Kunſt nicht luͤgt, ein kleines Gartenhaus am Waſſer. L 2 5 164— Leuchte doch dem Herrn auf ſein Zimmer, Dok⸗ tor, rief die Mama, Sie werden muͤde von der Reiſe ſeyn. Verbindlich dankend empfahl ſich der Offizier der Familie, da er morgen ſehr fruͤh auf⸗ brechen wollte, warf noch einen Blick auf die beſtuͤrzten Maͤdchen, und ging mit Ferdinand hinaus. 3 Ich konnte das Geſchwaͤtz nicht mehr mit an⸗ 3 hoͤren, brach Madam Lehnhard los. Wie konnteſt Du Dir nur ſolch albernes Zeug gefallen laſſen, Julchen, die verſchwiegne Liebe moͤchte ich kennen, die meine Tochter vor mir verbergen ſollte. Jul⸗ chen ſchlug die Augen nieder und huſtete, daß ſie purpurroth ward.— Die arme Liesbeth, ſprach die Mutter weiter, hatte er nun vollends recht zum Beſten, du treuer Gott, die und die reiche Erbſchaft. Daß ſie geliebt wird/ mag er wohl nur allein wiſſen, am Ende iſt er ſelbſt der Lieb⸗ haber, da kann ſie mit den Koſacken herumreiten. Wie er aber mit meinem Manne anfing, da war es nicht mehr zum Aushalten, der ſoll in Unruhe und Verlegenheit ſeyn, ich moͤchte wiſſen um was? der laͤßt den lieben Gott und mich ſorgen, und —ᷣᷣ lebt ſeinen guten Tag.— Herr Lehnhardt ſeufzte vernehmlich. — 165 Du ſollſt keinen aͤbereilten Entſchluß faſſen, Papa, nun Gott ſey Dank, das iſt ſo eben Deine Sache nicht. Es war halb zum Lachen, halb zum Aergern. In einigen Stuͤcken, liebes Kind, hatte er doch zum Erſtaunen Recht, ließ ſich der Papa kleinlaut vernehmen, Die Maͤdchen ſprachen ein leiſes Amen. Julchen dachte die halbe Nacht an die Wahr⸗ ſagung, ſie konnte ſich nicht enthalten, einen ſchwa⸗ chen Troſt daraus zu ſchoͤpfen. Liesbeth ging es nicht beſſer, aber wenn Julchen ſich nur die Worte wiederholte, die ihr Huͤlfe verhießen, ſo war ihr dagegen der Wahrſager ſelbſt bedeutender, als die reiche Erbſchaft und alles Uebrige. Der Tante Worte: am Ende iſt er ſelbſt der Liebhaber, waren ihr tief ins Hers gedrungen, denn ſo viel war ge⸗ wiß, daß ihre Hand einen leiſen herzlichen Druck gefuͤhlt hatte, uͤber den ſie die ganze Prophezeiung vergaß. Mit den Coſacken brauchte ſie ja nicht herum zu ziehen, aber mit ihm, wenn auch ins fremde kalte Land, das ſchien ihr gar nicht ſchwer. Als der Morgen graute ſchlief ſie noch nicht; es ward wach im Hauſe, ſie hoͤrte Pferde ſtampfen, ſtand leiſe auf, warf ihren Mantel um und trat ans Fenſter. Milde Luft ſtroͤmte ihr entgegen, der Wagen ſtand vor dem Hauſe, die Thuͤr ging auf, er trat heraus, ſein Blick flog an alle Fen⸗ ſter. Es war zu ſpaͤt ſich zuruͤck zu ziehen, und vielleicht— ja gewiß, ſah ſie ihn in dieſem Leben zum letzten Male. Freundlich und bekannt winkte er ihr ein Lebewohl zu, ſie winkte wieder, er ſtieg ein, ſah noch einmal herauf, und dahin flog der Wagen. Schon der naͤchſte Mittag ſollte indeſſen Ferdi⸗ nands unablaͤſſige Spoͤttereien uͤber den geſtrigen Vorfall enden; denn ein Brief aus Toͤplitz, vom Baron Hohenblatt, ſchien die Vorherſagung ernſt⸗ hafter zu machen. Er ſchrieb: wie er mit Schmerz auf den Beſitz eines Engels verzichte, da Familien⸗ verhaͤltniſſe dies Opfer heiſchten, und nahm zugleich auf immer von dem fruͤheren Wohnſitz Abſchied. Madam Lehnhard war erſtarrt, Zorn und Ueber⸗ raſchung ſchloſſen ihren Mund, Julchen jauchzte ſtill, und Liesbeth dachte an den Wahrſager. Aber niemand erwaͤhnte ſeiner, ſeit der Ankunft des Briefes; man fuͤhlte, jede Eroͤrterung, uͤber das ſeltſame Eintreffen ſeiner Worte, mußte die Mut⸗ ter ſchmerzen, die ohnedem, der Fehlſchlagungen ungewohnt, vor Kummer und Verdruß halb krank -—— —,— — 167 war. Sie hatte fruͤher das Maͤdchen abſichtlich mit ihren Hoffnungen erfullt, jetzt ahnete ſie, daß man die zerriſſene Verbindung ihrer Tochter zum allgemeinen Geſpraͤch machen werde, und ſah im Geiſt nur hoͤhnende Mienen, keine freundliche Theilnahme. Finſter, muͤrriſch, launiger als je, verſchloß ſie ſich in ihrem Hauſe, wo das gluͤckliche Julchen, ihre Freude ſtill verbergend, alles that, um ſie zu zerſtreuen, zu erheitern. Der ſpaͤte Sommer brachte jetzt die ſchoͤnſten Tage, die Fa⸗ milie lebte die Nachmittage meiſtens im Garten, unter einem breiten Nußbaum, bald mit Arbeiten beſchaͤftigt, von Ferdinands gelaͤufigem Witz unter⸗ halten, bald beim Kartenſpiel, das Madam Lehn⸗ hard vorzuͤglich liebte. So ſaßen die Vier eines Abends beim Boſton, waͤhrend Liesbeth das Thee⸗ geraͤth brachte und den geſelligen Trank am Ne⸗ bentiſchchen bereitete. Die Augen der Tante folg⸗ ten ihren Schritten, jedes kleine Geraͤuſch lockte ihren Blick von der Karte weg, nach dem unbe⸗ fangenen Maͤdchen hin, und der Wunſch etwas Tadelnswerthes zu finden, das ihrer gereizten Stimmung Luft machen koͤnnte, lag ſichtbar in ihren bittern Zuͤgen ausgepraͤgt. Aber ein gutes Geſchick beſchirmte die arme Liesbeth, es war alles zur Stelle, jeder war ſorglich bedient, das Maͤd⸗ 4 168— chen ſetzte ſich ein wenig von ferne, auf die ſtei⸗ nerne Schwelle des Luſthauſes, weil ein Stuhl fehlte, und naͤhete emſig. Da kam der Poſtbote mit einem großen Briefe an ſie, verwundert brach ſie das Siegel, ihre Hand zitterte waͤhrend ſie las und ſank dann mit dem Papier in den Schooß. Es war nichts anders als die verkuͤndete Erbſchaft. 3⁰000 Jiof hatte ihr der Onkel Weidler hinter⸗ laſſen, der in Jamaika geſtorben war. Helle Thraͤnen entſtuͤrzten ihren Augen, ſie konnte nicht ſprechen, konnte der Tante nicht antworten, und reichte ihr ſtumm das Blatt hin.— Er hatte ihrer gedacht, in weiter Ferne, an der Schwelle des Grabes vaͤterlich fuͤr ſie geſorgt! Ach! ihn noch einmal lebend zu umfaſſen, ihm fuͤr die Treue zu danken, die er an ib er huͤlfloſen Jugend uͤbte, das war nun ein vergebliches Sehnen, ihre Seg⸗ nungen konnten nur zu dem unbekannten Grabe eilen, das ſeine Reſte deckte. Sie hoͤrte und ſah nichts von der Bewegung, die ihr Gluͤck bei den Uebrigen hervorbrachte; erſt als Julchen neben ihr ſaß, freudig gluͤckwuͤnſchend an ihrem Halſe hing, wurde ſie ſich deutlich bewußt, welche Veraͤnderung mit ihrem Schickſale vorgegangen war. Wie wenig kennt die unbefangene Jugend, „ ₰ ——:— — 169 noch halb in der Sorgloſigkeit des Kindesalters le⸗ bend, die hohe Bedeutung eines aͤhnlichen Gluͤcks⸗ falls. Liesbeth empfand in Julchens Armen nur ſtille Nuͤhrung und Dank gegen Gott, daß ihre Zukunft geſichert ſchien, nur Freude uͤber den lie⸗ benden Antheil der ſchweſterlichen Freundin, ohne zu ahnen, wie das Blatt in der Tante Hand ihr einen andern Platz, einen hoͤhern Werth im Leben beilegen koͤnne, wie es ihre Tugenden glaͤnzender, ihre Reize blendender, ihre Fehler geringer machen wuͤrde. Aber ſchon die naͤchſten Stunden wuͤrden ſie daruͤber belehrt haben, wenn ſie im Taumel niegekannten Gluͤcks Zeit gefunden haͤtte, ihre Um⸗ gebungen zu beobachten. Komm doch her, Lies⸗ bethchen, und laß Dir Gluͤck wuͤnſchen, rief ihr die Tante zu, was ſitzeſt Du denn ſo von ferne. Ferdinand ſteh auf und gieb den Stuhl Deiner Couſine. Nun du lieber Gott, man ſieht doch au⸗ genſcheinlich, daß du die deinen nicht verſaͤumſt und vergiſſeſt; habe ichs nicht immer geſagt: ich habe Liesbeth zu allem Guten erzogen, es wird ihr einmal nicht fehlen. Julchen ſchenk ihr ein Taͤßchen Thee ein, ſie iſt ganz alterirt, oder geht ein bischen mit einander, leg die Arbeit weg, Lies⸗ chen, das iſt ja ſo noͤthig gar nicht.— ——— — gluͤcklicher leichter Sinn, ließ das junge Maͤdchen keine Betrachtungen uͤber der Tante veraͤndertes Benehmen anſtellen. Sie nahm die Guͤte, mit welcher ſie von, nun an behandelt ward, dankbar freudig an und vergalt ſie mit Wohlwollen und Gefaͤlligkeit, ohne nach der Quelle zu forſchen. Es machte ſie unendlich gluͤcklich, wenn ihre klei⸗ nen Geſchicklichkeiten gelobt wurden, da ſie nur Tadel gewohnt war, es ſchmeichelte ihrer unſchul⸗ digen Eitelkeit, wenn Madam Lehnhard jetzt oft, ihren ſchlanken Wuchs, die Raſchheit ihres Ganges, die Roͤthe ihrer Wangen pries, aber ſie freute ſich nicht, daß Ferdinand ſo auffallend mit ein⸗ ſtimmte, ſich ſo offen um ſie bemuͤhte, ſogar, wenn es ihm gelang, ſie allein zu treffen, von Liebe und ſtillen Wuͤnſchen ſprach. Auch die Mut⸗ ter ließ nach und nach aͤhnliche Winke fallen; ſie konnte ſich keine beſſere Schwiegertochter wuͤnſchen, ſie hatte dem flatterhaften Juͤnglinge eine ſo ver⸗ nuͤnftige Wahl nicht zugetraut, hatte oft gefuͤrchtet, er werde modiſchen Unwerth der haͤuslichen Tu⸗ gend vorziehen; ja ſie erinnerte ſich jetzt mit Freu⸗ denthraͤnen, wie der ſeltſame Kriegsmann ſchon damals ein Woͤrtchen von Ferdinands geheimer Liebe geſagt habe. Aber Liesbeth brauchte nicht erſt an Die beſte Erbſchaft der Mutter Natur, ihr — —— — 171 die kurzen Traͤume ihres Herzens gemahnt zu wer⸗ den, um hier zu entſcheiden. Es that ihr weh, den ſchoͤnen Friedensbund mit der Tante brechen zu muͤſſen, doch ſie konnte nicht anders. Ferdinand erhielt auf ſeine Frage ein beſcheidenes, mit Freund⸗ ſchaft und Herzlichkeit umwundenes Nein, das er in der Vorausſetzung verſchmerzte: es koͤnne des Maͤdchens Ernſt nicht ſeyn und von der jungfraͤu⸗ lichen Ziererey werde in kurzem nur noch ſo viel uͤbrig ſeyn, als vom Schnee des Februars am Johannistage. Indeſſen bekam Herr Lehnhard Nachrichten von Ernſt, die wenigſtens nicht ganz troſtlos waren. Wenn gleich viel verloren ging, ſo konnte man doch hoffen, den gaͤnzlichen Fall zu vermeiden und fuͤr die Zukunft Eredit zu erhalten. Unermuͤdet ſorgte und arbeitete der gute Pflegeſohn, noch mu⸗ thiger ward er, als ihm Hoffnung fuͤr ſeine Liebe aufging. Es waren eben neun Wochen ſeit ſei⸗ ner Abreiſe verſtrichen, als er Abends im Daͤm⸗ merlicht zum Thor herein fuhr, und bald darauf die ſchimmernden Fenſter der Wohnſtube ſein Heerz lauter klopfen machten. Mit freudeleuchten⸗ den Augen trat er in den Familienkreis, ſollte mancherlei erzaͤhlen, und konnte nur in Julchens 172— Augen ſehen, denen er nie mit ſo frohen Erwar⸗ tungen gegenuͤber geſeſſen hatte. Beide hatten ſich ſoviel zu ſagen, wovon Niemand außer ihnen et⸗ was verſtand, daß es dem Vater erſt ſpaͤt gelang, ſeinen Vertrauten mit ſich ins Comptoir zu ziehen, wo ſie bis zum Abendeſſen mit einander arbeiteten. Der andere Morgen brachte alle Geheimniſſe ans Licht, und rettete vollends des Wahrſagers Glauben. Herr Lehnhard faßte ein Herz, entdeckte ſeiner Frau die groͤßtentheils abgewandte Gefahr, nahm ihre Verweiſe mit Demuth hin, huͤllte ſich in ſeine Tugend bis der Sturm voruͤber gerauſcht war, und wagte es zuletzt, Ernſts Verdienſte um ſein Haus, nebſt gleichfalls 30000 Nafe aus des Onkels Erbſchaft zum Grund einer Bitte zu legen, die der Leſer erraͤth. Madam Lehnhard ſchwieg und zuͤrnte noch einen Tag, laͤchelte dann, wie die Sonne nach dem Gewitter, und legte Julchens Hand, mit einer feierlichen Rede, in die Hand des gluͤcklichen Ernſt. 1 Der Tag der Verlobung erſchien; nach Jul⸗ chens und Ernſts Wuͤnſchen, wurde er nur im Kreiſe der Familie begangen. Liebe und Frohſin un hatten den Vorſitz bei der Tafel und glänzten in den Blicken des Brautpaars. Da kam ein 2* — 173 Brief an Ernſt, den er laͤchelnd erbrach, indem er die kleine Geſellſchaft folgendermaßen anredete: Sie haben mir von der wunderbaren Vorher⸗ ſagung erzaͤhlt, die bis jetzt zu unſerer Zufrieden⸗ heit ſo richtig in Erfuͤllung ging; was geben Sie mir, wenn ich, mit des Wahrſagers Erlaubniß, die Quellen ſeiner Wiſſenſchaft entdecke, und ne⸗ benbei eine Bekanntſchaft ſtifte, die die Freude des heutigen Tages vermehren wird. Der Brief, den ich eben empfing, iſt von demſelben ruſſiſchen Offizier, erlauben Sie, daß ich Ihnen daraus vorleſe, was zur Sache gehoͤrt. Er iſt eigentlich nicht ganz an mich gerichtet, an wen? wird aus dem Inhalt hervorgehen.— Er las: Ich kam mit einer bedeutenden Wunde im Fuß in Ihren Wohnort, und ward im Gaſthofe einquartirt. Von heftigen Schmerzen gequaͤlt, durfte ich mich kaum bis ans Fenſter bewegen, der einzige Gaſt auf meinem Zimmer, war druͤckende Langeweile. Aber eine erheiternde Erſcheinung hatte ich zuweilen; zwei ſchoͤne Maͤdchen gingen Arm in Arm voruͤber, gruͤßten die Wirthin an der Thuͤr, und ein unge⸗ kuͤnſteltes Lob, oder ein freundliches Laͤcheln dieſer Frau folgte ihnen die Straße hinab. Ich ward aufmerkſam, harrte jeden Abend in meinem Lehn⸗ ſtuhl auf die Spaziergaͤngerinnen, ſie kamen ſel⸗ ten, und die Daͤmmerung fand mich mißmuͤthig, wenn meine Hoffnung fehlgeſchlagen war. Mein Fuß ſchmerzte dann mehr, meine Einſamkeit ward quaͤlender, es konnte Niemand mit mir auskom⸗ men, ich ſelbſt am wenigſten. Eines Abends, als ich ſie von ferne erblickte, war der Aufwaͤrter im Zimmer, ich rief ihn zu mir und fragte nach den Damen. Ey! das iſt Mamſell Lehnhard, gab er mir zur Antwort, eines reichen Kaufmanns Toch⸗ ter, und ihre Couſine Mamſell Weidler. Der Menſch ſagte noch viel, ich hoͤrte nicht mehr, denn die Damen waren nun ganz nahe und ich forſchte in dem Geſichte der Einen nach einer unvergeßli⸗ chen Aehnlichkeit. Nun hatte ich eine liebe Be⸗ ſchaͤftigung und wartete meine Geneſung geduldiger ab. Mein Fuß beſſerte ſich langſam, ich ſollte in einiger Zeit nach Toͤplitz gehen, um durch den Ge⸗ brauch des Bades ihn vollends herzuſtellen, doch gebot mein Arzt die groͤßte Vorſicht auf der Reiſe. Da entſtand an einem Abend Laͤrm, wir erhielten Nachricht von der Annaͤherung franzoͤſiſcher Trup⸗ pen. Der Unſrigen waren wenig hier, meiſt Leichtverwundete, die ſich aufs ſchnellſte fluͤchteten, auch mein Ardzt befand ſich unter ihnen. Sie koͤn⸗ nen denken, daß ich nicht zuruͤckbleiben wollte. .———————Bůꝑ— ——. 175 Der Gedanke, hier ohne Widerſtand gefangen zu werden, war mir tauſendmal ſchrecklicher, als die Gefahr der Reiſe. Leider hatte ich durchaus keine Anſtalt zu einem ſo ſchnellen Aufbruch ge⸗ macht, mein Wagen war zerbrochen, war, weil man ihn hier nicht ausbeſſern konnte, einige Meilen weiter geſchafft, ein Anderer aber nicht zu haben, und mir blieb nichts uͤbrig, als gegen das aus⸗ druͤckliche Verbot des Arztes zu Pferde zu ſteigen, und auf jede Gefahr der Gefangenſchaft aus dem Wege zu reiten. Mit großer Muͤhe verſuchte ich die Treppe hinab zu kommen, es ging ſchwer und langſam, unten im Hauſe verſammelte ſich Alles, die Gaſtſtube oͤffnete ſich, mehrere Einwohner, die das laufende Geruͤcht hier vereinigt hatte, traten um mich herum. Mein Pferd ſtand vor der Thuͤr, vergebens nahm der Arzt von meiner Erſchoͤpfung Anlaß, mir abzurathen, ich blieb bei meinem Vor⸗ ſatz. In dieſem Augenblick naͤherte ſich mir ein junger Mann, der mich lange mit dem Ausdruck des Mitleids betrachtet hatte, redete mich franzoͤ⸗ ſiſch an, fuͤgte beſcheiden ſeine Gruͤnde zu denen des Doktors, und ließ ſich von meinem heftigen Widerſpruch ſo wenig abſchrecken, daß er mich ſo⸗ gar bei Seite zog und mir heimlich einen ſichern Zufluchtsort verhieß, da man zuverlaͤſſig wiſſe, wie nur ein kleiner Trupp Franzoſen die Stadt beruͤh⸗ ren und nicht lange verweilen werde. Ueberraſcht von der großmuͤthigen Theilnahme des Fremden, druͤckte ich ſeine Hand, und ſahe bald, daß ich ſeinem Edelmuth und ſeiner Klugheit vertrauen durfte. Er wandte ſich gegen die Andern, und erklaͤrte, er werde mir einen Wagen verſchaffen, indem ich ohne Gefahr abreiſen koͤnne, nahm mei⸗ nen Arm, leitete mich in dichter Dunkelheit durch mehrere Straßen in ein großes Haus, zuerſt in ein Unterzimmer. Bei Wein und kalter Kuͤche, die er bald herbei zu ſchaffen wußte, blieben wir hier bis Mitternacht zuſammen. Dann fuͤhrte er mich leiſen Schritts in ein entlegnes Gemach mit duͤſtern Tapeten und glaͤnzenden, wenn gleich un⸗ modiſchen Moͤbeln. Hier ſind Sie ganz ſicher, ſagte er, und gab den Schluͤſſel in meine Haͤnde. Dieſes Zimmer iſt nur zur Beherbergung fremder Gaͤſte beſtimmt, es wird Sie Niemand ſtoͤren. Sollte dennoch der Zufall wollen, daß Jemand von der Familie hier etwas zu ſuchen haͤtte, ſo werden Sie durch das Drehen des Hauptſchluͤſſels⸗ der ſchwer ſchließt, vorher benachrichtigt werden, und ſich hinter den Vorhang des Alkovens verber⸗ gen koͤnnen. Der — 177 Der Reſt der Nacht, wie der kommende Tag verfloſſen ohne Abenteuer, mein neuer Freund ver⸗ ſorgte mich mit Allem Noͤthigen, und gab mir zu⸗ gleich Nachricht von der Ankunft der Franzoſen. Ich verwuͤnſchte dieſe Gaͤſte den Tag uͤber tauſend⸗ mal, noch mehr meinen unbehuͤlflichen Fuß, der mich hinderte ihnen gegenuͤber zu ſtehen. Nach neun Uhr Abends, als ich in aͤhnlichen Gedanken ziemlich truͤbe geſtimmt am Fenſter ſtand, hoͤrte ich Tritte an meiner Thuͤr. Ich ſchleiche naͤher, ein Schluͤſſel dreht am Schloß, ich ziehe mich hinter den gruͤnſeidenen Vorhang zuruͤck, und lauſche aufmerkſam. Welche Ueberraſchung! Die ſchoͤnen Maͤdchen, die ſo oft meinen Blick angezo⸗ gen hatten, treten leiſe herein, ich errathe bald aus ihren Worten, daß ich hier der unberufene Zeuge einer Herzensergießung ſeyn werde.— — Ich will nicht hoͤffen, Herr Sohn, ſagte Madam. Lehnhard, daß Sie ſo unvorſichtig gewe⸗ ſen ſind, den Ruſſen in meinem Hauſe zu ver⸗ bergen? Verzeihen Sie, guͤtige Mutter, bat Ernſt, es iſt alles ſo gut abgelaufen; haͤtten Sie den ar⸗ M 178 men Verwundeten geſehen, Sie ſelbſt haͤtten mir den Gedanken eingegeben. Aber hoͤren Sie weiter: Ich haͤtte vielleicht durch unfreiwillige Taub⸗ heit, das Recht der Gaſtfreundſchaft ehren ſollen, aber leider war ich dazu zu ſchwach.— Was ich erfuhr brauche ich nicht zu wiederholen, nur das Einzige moͤchte Ihnen neu ſeyn, daß der Baron Hohenblatt, deſſen Name fleißig in der Beichte vorkam, mir nicht unbekannt war. Ich kannte ihn als einen Abenteurer, der ſchon hie und da ver⸗ ſucht hatte, ſeine zahlloſen Glaͤubiger durch eine reiche Heirath zu befriedigen. Es bedurfte nichts weiter, als daß mir der Zufall auch noch ein an⸗ deres Geſpraͤch zwiſchen Vater und Sohn Preis gab, ſo war mein Entſchluß gefaßt, das liebens⸗ wuͤrdige Maͤdchen und ihre getaͤuſchten Eltern vor einem traurigen Schickſal zu bewahren. Toͤplitz war ohnedem der Ort meiner Beſtimmung, hier wußte ich nach Juliens Erzaͤhlung, den Baron zu finden. Gegen Mittag erloͤſte mich mein Freund aus meinem Exil, ich ging ruhig in den Gaſthof zuruͤck und verſchob meine Reiſe nur ſo lange, als zu einer bequemen Einrichtung noͤthig war, dann ſchied ich aus dem Staͤdchen, mit einem Herzen, das mehr als meine Wunden ſchmerzte. Nehmen . 179 Sie jetzt, theure Eliſe, das Geſtaͤndniß der innig⸗ ſten Liebe; damals hinderte mich Vernunft und Nothwendigkeit, es abzulegen. Sie werden es ohne Unwillen hoͤren, wenn Sie in mir den Ju⸗ gendfreund, den Gefaͤhrten Ihrer Kinderjahre er⸗ kennen. Ja, Eliſe, ich bin Guſtav, deſſen Sie noch ſo freundlich gedenken, den Sie freilich in dem ganz veraͤnderten Soldaten nicht wieder fanden. Als ich mit meinem Vater jede Stuͤtze verlor, ſandte mir der Himmel einen Freund, mit dem ich im fremden Lande mein Gluͤck ſuchte. Mit unſerem Heere betrat ich zuerſt wieder den heimath⸗ lichen Boden, aber meine Gedanken weilten im⸗ mer hier. Denken Sie nun, wie mein Herz bei Ihrem Anblick ſchlug, wie oft mich die Liebe ver⸗ fuͤhren wollte, mich Ihnen zu entdecken; aber ich bekaͤmpfte den Wunſch, denn die ernſte Pflicht ge⸗ bot mir, einen Eindruck nicht tiefer wurzeln zu laſſen, der uns Beide nur nngluͤcklich machen konnte. Ich war arm, war taͤglich in Gefahr des Lebens, mein Beruf trennte mich vielleicht auf immer von Ihnen— und ich floh mit der Be⸗ ruhigung, wenigſtens allein zu leiden.. In Toöplitz fand ich den Baron; ich zoͤgerte nicht, ihn zu benachrichtigen, daß ſeiner Erwaͤhlten M 2 180— bei tauſend Reizen, doch der Einzige fehle, auf dem es ihm am meiſten ankam. Was ich voraus⸗ wußte geſchah. Der Ruf von Herrn Lehnhards Reichthum hatte ſeine Werbung veranlaßt, ſeine Glaͤubiger warteten ſchon auf die Mitgift, meine Nachricht war ein Donnerſchlag, und er kannte nun keinen heißeren Wunſch, als die Verbindung ſchnell und geraͤuſchlos aufzuloͤſen. Julie war alſo frei, und kaum befand ich mich vierzehn Tage in Toͤplitz, als ein Augenblick auch meine ganze Lage umgeſtaltete. Ein unbekannter Kaufmann in L⸗“ ſchrieb mir, wie er ſchon lange nach mir geforſcht und erſt jetzt meine Spur gefun⸗ den habe. Durch ihn erfuhr ich den Tod meines Vaters und den Inhalt ſeines Teſtaments, das mich zum reichen Erben machte. Tiefer Schmerz war mein erſtes Gefuͤhl. Ich konnte ja das Gluͤck meines Lebens dem gelisbten Vater nicht mehr danken, der auf fremder Erde fuͤr mich geſorgt hatte.—— Der Kaufmann lud mich ein, nach 2** zu kommen, um mich gehoͤrig als Erben aus⸗ zuweiſen, dagegen bat ich ihn, bis dahin die uͤbrigen Erben nicht zu benachrichtigen. Daß ich nun nach** zuruͤckging, um Logis bei dem Kaufmann Lehnhard anſuchte, daß mir — 181 die Grille anflog, den Wahrſager zu ſpielen und meine wunderbaren Kenntiſſe anſtaunen zu laſſen, darf ich kaum noch erwaͤhnen. In L⸗: ſuchte ich Ernſt auf, der mir, als wir uns zuletzt ſahen, von ſeiner Reiſe geſagt hatte, verkuͤndete ihm ſein Gluͤck und nahm von meinem Erbe Beſitz⸗ Nun wahrhaftig, nahm Madam Lehnhard das Wort, das iſt doch ein wahrer Roman. Alſo der Herr Vetter Guſtav. Du Herr Gott, deine Wege ſind wunderbar. So ein armer Schelm, der nach Rußland laufen mußte, um nur das Brod zu haben, und nun auf einmal ein reicher Mann. Wie viel er wohl haben mag, Herr Sohn? Das weiß ich nicht, Mama, aber gewiß ge⸗ nug zum Gluͤcke. Eliſe Du weißt nun alles, was ſagſt Du? Guſtav iſt hier, darf er kommen? Daß ſein Fuß ſteif blieb und er immer dies Zeichen ſei⸗ ner Thaͤtigkeit fuͤr eine große Sache tragen wird, das kann meine Schweſter nur noch ſtolzer auf ih⸗ ren Mann machen. Dieſen Umſtand verdankſt Du es, wenn Guſtav mit einem ehrenvollen Ab⸗ ſchiede, ſein Leben nun der Ruhe weihen darf: Eliſa ſah gluͤhend vor ſich nieder, heiße Thräͤ⸗ nen träufelten in ihren Schooß, aber ihr Haͤnde⸗ 182—— druck und ihre Umarmung ſagten dem Bruder ge⸗ nug. Er ging hinaus und kam bald mit Weidler zuruͤck, der diesmal nicht in den Haͤnden der Ge⸗ ſellſchaft, nur in Eliſens Augen las. Alles war gluͤcklich, heiter, zufrieden, denn vor Madam Lehnhard lagen ein Paar praͤchtige Brillantohrringe, aus der Hand des Vetters, und der Doktor durfte den ganzen Abend ſeine Anſichten, von der Un⸗ moͤglichkeit uͤbernatuͤrlichen Wiſſens entfalten, ohne daß Jemand Luſt und Zeit gehabt haͤtte, ihm in widerſprechen. ₰ 8 ₰ — ☛ 8 8 2 ρ½ —— — 8 — 8 2 8 2 — 5 Den 30. October 1817. Schon wieder Herbſt! ach die lieben, ſchoͤnen Blaͤtter, die mir ſo freundlich Schatten gaben, liegen welk und todt am Boden, und ſelbſt die Aſtern ſterben vom eiſigen Nachtfroſt. Aus mei⸗ nem Beetchen ſind die abgebluͤhten Blumen weg⸗ genommen, die mich den Sommer uͤber, eine nach der andern, erfreuten, es liegt nun auch oͤde da, und paßt recht zu dem alten ſchwarzen Hauſe, aus dem ich ſehnſuchtsvoll in die Ferne blicke. In den Staͤdten mag nun das froͤhliche Leben begin⸗ nen, von dem die Tante ſo viel erzaͤhlt. Wenn die Abende laͤnger werden, ſchaffen zahlloſe Kerzen neuen Tag, da wird getanzt, geſpielt, da giebt es Schauſpiel und Konzert, da freut ſich die ge⸗ ſchmuͤckte Jugend am Umgange mit lieben Freun⸗ 186— dinnen, an ſchoͤner Muſik, am luſtigen Tanz. Wer doch auch einmal in der Stadt waͤre! Wenn man ſechszehn Jahr alt iſt, iſt ſo ein Aaunsch ja wohl natuͤrlich!— Ein einfoͤrmiges Leben, ſagte der ſelige Onkel oft, iſt die groͤßte Wohlthat. Aber vielleicht muß man erſt alt ſeyn, um das zu empfinden, oder wenigſtens ſeinen Theil von den Freuden der Welt gehabt haben. Onkel und Tante haben ihre Ju⸗ gend an einem graͤflichen Hofe verlebt, wo er Kam⸗ merdiener, ſie erſte Kammerfrau war, ſie haben Feſte geſehen, deren bloße Erzaͤhlung mich entzuͤckt, und ſich endlich im Alter, von ſo vielen Freuden ermuͤdet, in die Einſamkeit zuruͤckgezogen, wo ih⸗ nen fuͤr treue Dienſte, ein kleines Jahrgehalt, und die ſtattliche Wohnung in einem alten Jagd⸗ ſchloſſe ward. Ich war fuͤnf Jahr alt, als ich meine Aeltern verlor und zu ihnen kam. Ich weinte, und konnte mich an die ſchwarzen getaͤfel⸗ ten Zimmer, an die tiefen Fenſterwoͤlbungen, an die bunten Glasſcheiben nicht gewoͤhnen; die Bil⸗ der gepanzerter Herren und knapp geſchnuͤrter Da⸗ men, machten mir Grauen, die hohen Bettgeſtelle, mit ſammtenen verblichenen Umhaͤngen, kamen mir wie Gefängniſſe vor. Tiefe Stille herrſchte ͤber⸗ —y—— — 187, all, um ſie nicht zu ſtͤren mußte mein huͤpfender Schritt ſich zum keiſen Gange zuͤgeln, und der froͤhliche Geſang verſtummen, der mir ſo natuͤrlich war, wie der Waldgeſang den Bewohnern der Luͤfte. Unwillig blickte der Onkel mich an, wenn ich lachte— und das geſchah wohl oft— mir ſchien es dann, als ob alle Bilder eben ſo ſtrafend herabſchauten, und die Froͤhlichkeit floh in mein Herz zuruͤck, wo ſie eine ſichere Freiſtatt hatte. Noch immer wohnt ſie darin, und nichts ſoll ſie verbannen. Auch dieſer truͤbe Herbſttag nicht, und die Regenwolken, die den Himmel verduͤſtern. Koͤmmt doch der Fruͤhling wieder mit ſeinen Bluͤ⸗ then, der Sommer in ſeiner Pracht, und mit ihm Hoffnung und Freude, ſelbſt in dieſe Ein⸗ ſamkeit. Nach and nach gewoͤhnte ich mich an die ſtille Einfoͤrmigkeit unſerer Lebensweiſe. Ich ſtand mit der Sonne auf, hatte meine kleinen Pflichten, die mit mir wuchſen, ging taͤglich einige Stunden zu dem Pfarrer des Dorfs, der mich unterrichtete, und gegen Abend mit Onkel und Tante ſpatzieren. Freilich immer nur denſelben Weg, einem Wei⸗ 4 dendamm entlang, wobei ich, ſelbſt bei wolken⸗ loſem Himmel, der aͤngſtlichen Tante den Regen⸗ 4188— ſchirm tragen mußte. Schweigend, mit abgemeſ⸗ ſenen Schritten, ward dieſer Weg zuruͤckgelegt, und eben ſo, an einem beſtimmten Orte, der Ruͤck⸗ weg begonnen. Jetzt gehe ich ſchon Jahrelang mit der Tante allein, ſeit der gute Onkel im Grabe ruht; noch einſamer treten wir dann in's hallende Haus zuruͤck, und verleben den Reſt des Abends arbeitend und denkend. Die Tante mag wohl mit ihren Traͤumen in die Vergangenheit zuruͤckkehren, mich tragen die meinen in eine lachende Zukunft, die ich, trotz dem groͤßten Kuͤnſtler, mit herrlichen Farben ausmale, und mich an dem kertigm Bilde oft nicht wenig ergoͤtzen kann.. Solche Traͤume, ſagte neulich Herr Lindau, der ſeit einigen Wochen die Oberſtube bei Paſtors wieder bezogen hat, koͤnnen dem Gemuͤthe ſehr gefaͤhrlich werden. Ich ſah ihn betroffen an. Er erklaͤrte mir ſeine Worte ſo ſchoͤn, wie er alles ſagt. Das eingebildete Gluͤck, glaubt er, entfremde uns der Wirklichkeit, die wir dann truͤber ſaͤhen, als ſie wirklich ſey, und undankbar gegen das Gute, das uns Gott gab, eigenſinnig nach etwas Beſſerm verlangten. Aber gewiß, ſo iſt es nicht in meinem Herzen. Wuͤnſche habe ich wohl, ja, recht feurige Wuͤnſche, —⏑⏑⏑— — 189 doch machen ſie mich nicht unzufrieden, Dank es dem heitern Sinn, der mir zum Begleiter auf der Lebensreiſe ward. Ich bin arm, bin es noch mehr durch die aͤngſtliche Sparſamkeit der Tante, die immer gaͤnzlichen Mangel fuͤrchtet; ich muß viel arbeiten, und gewinne doch ſelten ein Band, oder eine andere Kleinigkeit, mich zu ſchmuͤcken, ich lebe in einer finſtern Abgeſchiedenheit, und ver⸗ miſſe vor allen eine liebreiche Freundin! Aber ich fuͤhle es nicht weniger mit dankbarer Freude, daß ich mehr beſitze als Tauſende, die in Mangel ſchmachten, daß fruͤhe Gewoͤhnung mir die Arbeit lieb machte, daß ich geſund und froͤhlich bin. Ich putze meinen Hut mit friſchen Blumen, mit den Blaͤttern des Eichbaums, und mein einfaches Kleid gefaͤllt mir immer von Neuem, wenn ich irgend eine neue Form daran verſucht habe.— Allein bin ich freilich!— Doch ſeit der gute Lindau mir gerathen hat, meine Gedanken dieſen Blaͤttern anzuvertrauen, unbefangen, wie ich ſie denke, und einer unbekannten Freundin aufzubewahren, fuͤhle ich auch dies nicht ſo ſchmerzlich mehr. Lindau iſt der beſte edelſte Menſch auf Erden. Er iſt arm, und benutzt ſein weniges Vermoͤgen nur zum Wohlthun. Neulich hat er einer alten 190—,j Frau ganz heimlich mit einer fuͤr ihn bedeutenden Summe aus großer Noth geholfen. Der Paſtor hatte es von ihr erfahren, und erzaͤhlte es mit Freudenthraͤnen. O wie gern haͤtte ich ihm mein Gefuͤhl gezeigt, als er nach der Arbeit zu uns in den Garten kam. Aber er floͤßt mir eine Achtung ein, die zu ſchuͤchtern iſt, um an's Licht zu treten. Gott ſegne ihn! er ſieht ſo blaß aus, iſt gewiß b= krank, und arbeitet doch recht angeſtrengt. An ei⸗ . ner großen gelehrten Schrift, ſagt der Paſtor, die viel Aufſehen in der Welt machen wird. 8 Den 26. December 1817. Der Winter geht diesmal angenehmer hin, als ich dachte, viel angenehmer, als irgend einer. Lin⸗ dau fragte mich im Anfange des Herbſtes, ob ich Geſchmack am Leſen faͤnde. Ich erzaͤhlte ihm, daß die Bibliothek unſeres Schloſſes viel alte Romane enthalte, die ich freilich ſchon mehrmal hinterein⸗ ander geleſen habe. Sie gleichen den Erzaͤhlungen der Tante von ihrem Hofleben, und haben mich oft bis tief in die Nacht wachend erhalten. Er ließ ſie ſich nennen, und ſchuͤttelte den Kopf. Bald darauf that er den Vorſchlag, uns Abends bei — 191 Paſtors vorzuleſen, wenn ich von der Tante Er⸗ laubniß bekommen koͤnnte, hinuͤber zu kommen. Wie ſchlug mir das Herz, als ich am andern Tage meine Bitte vortrug. Ich hatte gerade eine ziem⸗ lich muͤhſame Arbelt zur Zufriedenheit der Tante voolendet, ſie lobte mich, da gewann ich Muth. Meinetwegen, ſagte ſie, wenn du durch Schnee und Regen den Weg machen willſt, habe ich nichts dagegen. Aber der Strickſtrumpf wird dich hof⸗ fentlich begleiten, und des Morgens wird kein Augenblick dem Schlafe zugeſetzt, wenn du bis in die Nacht ſchwaͤrmſt.— Seitdem gehe ich alle Abend um ſieben Uhr zu Pfarrers, die Tante geht mit dem Schlage acht zu Bette, und vermißt mich nicht. Da ſitzen wir nun an einem großen Tiſch beiſammen, der Paſtor, die gute Mutter, die Kinder alle, und ich— Herr Lindau oben an. Er lieſt vor, mit einer Stimme, die allem Schoͤnen und Guten erſt den rechten Nachdruck giebt. O das ſind herrliche Stunden. Wenn mich den Tag uͤber ein Unmuth ergreifen will, denke ich an den Abend und bin erheitert. Manchen truͤben Tag giebt es freilich in un⸗ ſerm duͤſtern Hauſe. Die Tante wird taͤglich aͤngſt⸗ licher fuͤr ihr Auskommen im Alter, und macht mir zuweilen das Herz ſo ſchwer, was mit mir werden ſoll, wenn ſie nicht mehr iſt. Ich fuͤhre gewiſſenhaft unſere kleine Wirthſchaft, ſpare wo ich kann, und habe dennoch jeden Morgen mit ih⸗ ren Vorwuͤrfen uͤber Verſchwendung und Leichtſinn zu kaͤmpfen. Meine Garderobe iſt ſchlecht genug, das meiſte trug die Tante ſchon, als ſie noch am Hofe war, und was ich auch beſſere und naͤhe, es wird doch immer ſchlechter. Gieb acht, ſagte ſie heute, wie es dir gehen wird, wenn Du keine Verſorgerin mehr haſt, und alle die ſchoͤnen Sa⸗ chen von mir hingebracht ſind. Das praͤchtige Zitz⸗ kleid mit den Gezelten und Palmbaͤumen, habe ich geſchont, wie mein Auge im Kopfe, ich bekam es von der Graͤfin Amalie, zu meinem zwanzigſten Geburtstage— jetzt ſieht es ſich nicht mehr gleich.— Ich ging auf meine Stube, weinte bittere Thraͤnen, und die Zukunft ſtand ganz ſo finſter vor mir, wie die Tante ſie zeichnete. O ihr Gluͤck⸗ lichen, dachte ich, deren Jugend keine ſolche Sorge druͤckt. Die ihr Ueberfluß an Allem habt, was das Leben ſchmuͤckt, und in heiterer Luſt nicht ahnet, wie druͤckend Armuth und Mangel iſt! Doch * 4 —— 193 Doch getroſt! der die Voͤgel ſpeiſet und die Lilien kleidet, wird auch mich nicht vergeſſen. Wie ein verzaubertes Fraͤulein komme ich mir zuweilen vor, das von einem Rieſen Jahrhunderte gefangen gehalten wird, ohne zu altern, waͤhrend alles umher von den Jahren ſpricht, die voruͤber⸗ gegangen ſind. Mein jugendliches Geſicht nimmt ſich wunderlich in den alterthuͤmlichen Spiegeln aus, ich muß lachen, wenn es mich anſi ieht. Die Tante paßt weit beſſer hieher. Wenn ſie ſo gra⸗ vitaͤtiſch einherſchreitet, mit dem Anſtande, den ſi ie mir immer empfiehlt, ſcheinen die Geſichter an der Wand viel freundlicher auszuſehen, als wenn ich durch die Saͤle und Zimmer ſchwaͤrme. Da bilde ich mir wirklich manchmal ein, der alte Herr mit dem großen Sterne zoͤge maͤchtige Runzeln auf die Stirn uͤber das wilde Maͤdchen. Geſtern war ein froher Tag fuͤr die Kinder⸗ welt, und fuͤr Alles, was Kinder heißt im Him⸗ mel und auf Erden. Der heilige Chriſttag! Die Tante beſchenkte mich fruͤh mit ſchoͤnem Flachs, und einem weiten braunen Stoffrock, woraus ich mir einen warmen Oberrock machen ſoll. Er iſt freilich ein bischen bunt und nicht recht nach mei⸗ nem Geſchmack, aber was thut's!— Wenn es N 194— mir paßt, ſteht es doch wohl nicht uͤbel aus. Ich war den ganzen Tag unausſprechlich vergnuͤgt. Abends, als die Tante zu Bette war, ging es durch Schnee und Eis hinuͤber zu Paſtors. Da brannte ein hoher Tannenbaum und viele Lichter; die Kinder ſprangen jauchzend umher, und zogen mich bald hier, bald dort hin, mir ihre Schaͤtze zu zeigen. Ach! und der gute Herr Lindau hatte fuͤr Jedes, auch fuͤr mich eine Gabe! ein kleines ſei⸗ denes Tuch, ſo ſchoͤn, wie ich nie etwas gehabt habe, ſo ſchoͤn, als koͤnnte es gar nicht mir gehoͤ⸗ ren. Ich war bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und doch verlegen, ihm zu danken. Warum nur manche Gefuͤhle, die das Herz warm und natuͤrlich em⸗ pfindet, ſo arm und kalt uͤber die Lippen treten. Noch eine große Freude bin ich dieſem guten Lindau ſchuldig. Vor einiger Zeit, als wir vom Wohlthun ſprachen, und die Paſtorin ſich ein groͤ⸗ ßeres Vermoͤgen wuͤnſchte, um mehr zu nuͤtzen, außerte er: man koͤnne ohne Geld mit gutem Wil⸗ len viel Gutes thun, und ſprach daruͤber mit ei⸗ ner Herzlichkeit, die mich tief bewegte, und die ich nie vergeſſen kann. Ich dachte daruͤber nach, ſann hin und her, und ſiel endlich darauf, fuͤr einige arme Kinder zum Weihnachten etwas zu ar⸗ 4 8 195 beiten. Die Frau, der Herr Lindau im Herbſte ſo viel ſchenkte, hat drei kleine Maͤdchen. Ich habe ein paar Naͤchte geopfert, und aus meinen abgelegten Sachen, die ich der Tante abgeſchmei⸗ chelt hatte, recht huͤbſche Anzuͤge fuͤr die Kinder gemacht. Welche Freude, als ich es heute nach der Kirche beſcheerte! Ach, wenn ich reich waͤre! Man mag ſagen, was man will, die reichen Leute ſind doch gluͤcklich. Den 1. Januar 1818. Willkommen neues Jahr! herzlich willkommen mit deinem freundlichen Sonnenlicht. Du koͤmmſt, wie ein Freund, der uns Gutes verſpricht, und ſo wollen wir dich empfangen. Wenn deine letzte Stunde ſchlaͤgt, wie wird es dann ſeyn? Werde ich Braut ſeyn? fragte Paſtors Dienſtmaͤdchen geſtern. Das waͤre fuͤr mich noch zu fruͤh, ich moͤchte lieber ganz heimlich fragen: Werde ich ein: mal uͤber die Graͤnze meines Dorfs gekommen ſeyn? Geſtern Nachmittag ſaßen wir ganz ſtill bei der Arbeit, als die Thuͤr ſich oͤffnete und die Pa⸗ ſtorin eintrat. Sie hatte die aͤlteſten Kinder bei N 2 —y 196— ſich und blieb bis nach ſechs Uhr, wo thr Mann und Herr Lindau kamen, ſie abzuholen. Die Tante war einmal recht vergnuͤgt, ſie erzaͤhlte viel und konnte nicht muͤde werden, uns einen Goͤtter⸗ aufzug zu ſchildern, der gerade vor vierzig Jahren an dieſem Tage erſchienen war. Es war ziemlich ſpaͤt, und der Paſtor ſagte: Wie waͤr's, wenn wir beiſammen blieben? Wenn es die Frau Hof⸗Fourierin erlaubt⸗ antwortete ſeine Frau, ſo laſſe ich etwas Kaltes von uns herbringen, wozu wir uns von ihr ein Butterbrot ausbitten, um die letzten Stunden im alten Jahr miteinander zu verleben. Die Tante ſchaͤtzte ſich den Vorſchlag zur Ehre; Lindau fuͤhrte die Paſtorin zu Hauſe, ihre Wirth⸗ ſchaft zu beſorgen, und ich flog in die Kuͤche. Es war das erſte Mal, daß wir Gaͤſte ſahen, ſeit der Onkel todt iſt, und Niemand in der Welt kann lieber Gaͤſte haben, als ich. Meine Speiſekam⸗ mer war auch eben nicht ganz ſchlecht beſtellt, ich verbannte einmal alle Furcht vor den finſtern Blicken der Tante, und brachte, was ich irgend hatte. Zum Ueberfluß hatte Lindau Citronen, Rum und Zucker, woraus wir Punſch machten, und bei froͤhlichem von ihrem Hofleben, von Baͤllen und Maskeraden, —— —— —j 197 6 Geſpräͤch, und manchem heitern Scherz, bis zehn Uhr beiſammen waren. Gegen neun fielen der armen Tante die Augen 3 in ihrem Lehnſtuhl zu, wir ſahen es wohl und ſprachen ganz leiſe. Vater, ſagte einer von des Paſtors Knaben, wollen wir nicht Blei gießen, oder Werg fliegen laſſen? Marie ſagt, man koͤnne daraus die Erfuͤllung der Wuͤnſche prophezeien. Haſt du auch ſchon Wuͤnſche? fragte die kleine Emma ſpottend— die moͤchte ich kennen! Wel⸗ ches Menſchenherz, erwiederte Lindau ernſt, ſobald es ſeines Schlages ſich bewußt iſt, waͤre ohne Wuͤnſche! ſie draͤngen ſich, wie die Wellen im Meere, der Unerfuͤllte tritt an die Stelle des Er⸗ fällten, ſelbſt der Unmoͤgliche weiß ſich einzuſchmei⸗ cheln. Und doch, wenn wir heute alle unſere „Wuͤnſche niederſchreiben wollten, wie Wenige wuͤr⸗ den wir uͤber's Jahr noch anerkennen. Sie, lie⸗ ber Paſtor, und Sie, gute Mutter, auch ich viel⸗ leicht, den Erfahrungen ernſt gemacht haben, wer⸗ den heute, wie nach Jahren, wuͤnſchen. Die Uebrigen, auch Antonien nicht ausgenommen, wer⸗ den gewiß lachend dem heutigen Wunſch in's Auge ſehen, und einen ganz andern an ſeine Stelle ſetzen, der um nichts feſter ſteht. Kaa. — 198— * O! rief ich lebhaft aus, wir wollen es verſu⸗ chen. Denken wir uns, ich oͤffnete jetzt auf ein leiſes Klopfen die Thuͤr. Draußen ſteht eine ver⸗ huͤllte Frauengeſtalt, ſie iſt blind, wie ihr Schritt und ihre geſchloſſenen Augen zeigen. Komme ich denn hier zu dem kleinen Kreiſe froher Menſchen, die ich ſuche? ſpricht ſie. Ich bin das Gluͤck, und will Eure Wuͤnſche kuͤnftiges Jahr erfuͤllen. Zeich⸗ net ſie ſchnell auf ein Blatt, ſchließt es feſt mit heiligem Siegel, und verwahrt es in dem aͤlteſten Schrein des alten Gebaͤudes unter ſiebenfachem Schloß. Heute uͤber's Jahr wird alles wahr.— Sie verſchwindet, und ich lege zuerſt dem guten Vater das geheimnißvolle Blatt vor. Er ſchreibt und bricht das Geſchriebene zuſammen dann koͤmmt Herr Lindau, die Mutter und wir Andern. Soll es ſo ſeyn? Mieinetwegen, ſagte der Paſtor, und ſchon ſtand ich mit einem großen Bogen vor ihm. Aber, als meine lachenden Blicke auf Lindau fielen, ſah er ſo ernſt, ja ſo truͤbe vor ſich nieder, daß eine ſeltſame Bewegung mein Herz ergriff. Nachher, wie ich mit wahrer Luſt meine Wuͤnſche dem ver⸗ ſchwiegenen Papier erzaͤhlte, und mein Geſicht ge⸗ wiß den Inhalt ausſprach, begegnete ich ſeinem — 199 Auge, das feſt auf mich gerichtet war, und eiefe, ſchmerzliche Ruͤhrung verrieth. Ach! er hat wohl Kummer. Wer weiß, ob nicht— dicht vor mei⸗ nen eitlen leichtſinnigen Wuͤnſchen, ein recht ſchwe⸗ res Herz ſich ausgeſprochen hat. Der Paſtor hat das Papier verſiegelt und mir gegeben, uͤber's Jahr wollen wir's oͤffnen. Mir ward wunderlich zu Muthe, als ich's in meiner Hand hielt, ſo feierlich, als waͤre die Poſſe Wahrheit, und die verhuͤllte Geſtalt ſtaͤnde wirklich an der Thuͤr⸗ Nun— ſie mag immer Wort halten. Dann Lebe⸗ wohl mein liebes Dorf. Die ſchoͤne Welt iſt es doch wohl werth, ein wenig weiter, als du reichſt⸗ beſchaut zu werden. Ich komme ſchon wieder, wenn es Zeit iſt. Was Sie auch gewuͤnſcht haben moͤgen, liebe Antonie, ſagte Lindau leiſe zu mir, als wir uns trennten, Gott erfuͤlle es, wenn es Sie gluͤcklich macht... Sein weicher Ton lockte Thraͤnen in meine Augen. Ich glaube, er iſt nicht gluͤckllch. Ach! und wenn er es nicht iſt, wer verdiente dann es zu ſeyn!— 200— 1 ngsehr ſam Bunst Den 3. Marz 1818. Mein Beet iſt beſtellt. Lindau hat mir beim Pflanzen geholfen. Die Fruͤhlingsſonne ſchien ſo warm, ein Vogel ſang im blaͤtterloſen Baume, und ich jauchzte mit ihm um die Wette. Was ich fuͤhlte ſprach Lindau in den herzlichſten Worten aus. Er iſt gar nicht huͤbſch, aber wenn ſeine Augen von einer ſchoͤnen Empfindung belebt ſind, kommt es mir zuweilen vor, als koͤnne es kein an⸗ genehmeres Geſicht geben. Ob nur der Fruͤhling alle Herzen mit ſo wun⸗ derbarer Freude fuͤllt, als das Meine! Dann waͤre er ja die ſchoͤnſte Vereinigung aller Menſchen, aller Voͤlker auf Erden ein allgemeiner Nuf zum Lobe Gottes, zum Gefuͤhl unſeres Gluͤcks auf die⸗ ſer praͤchtig geſchmuͤckten Welt. Jeder Keim, je⸗ des zarte Blatt, jede kleine Blume, die ihr Haupt erhebt, das neue Gruͤn des Raſens, die tauſend friſchen Kraͤuter und Pflanzen auf Wieſe und Flur, ſind eben ſo viele Freuden fuͤr mein Herz. Freilich ſehne ich mich zuweilen hinaus, moͤchte das Bekannte hinter mir laſſen und die Reize frem⸗ der Gegenden ſehen. Wenn ein Poſthorn in der Ferne erſchallt, beneide ich wohl die Gluͤcklichen einen Augenblick, die mit dieſen muntern Toͤnen durch Berg und Thal fliegen. —— —— — 201 Duͤrft ich wenigſtens nach Herzensluſt auf un⸗ ſeren Wieſen oder im Buſche umherſtreifen, der Weidendamm iſt doch gar zu einfoͤrmig, und die Tante kehrt um, wenn es am ſchoͤnſten wird. Nun, was hilft's!— Immer Vergnuͤgen und wieder Vergnuͤgen! ſagt ſie, wenn ich ſchuͤchtern vom ſchoͤnen Wetter ſpreche, um eine Bitte einzuleiten. Laß die Na⸗ del ſpazieren und mache den Haͤnden Bewegung, wie es fleißigen Maͤdchen geziemt. —— Den 25. Maͤrz 1818. Warum war Lindau geſtern Abend ſo weich, als er mir gute Nacht ſagte? War es nicht, als waͤre ein Wort auf ſeiner Lippe, das er gewalt⸗ ſam zuruͤckdraͤngte? Und warum war ich doch ſo ſtumm, warum konnt' ich nicht mit dem alten Vertrauen zu ihm ſprechen? Die heiligſten Gefuͤhle unſerer Seele, ſagte er, gleichen dem farbigen Staub auf den Fluͤgeln des Schmetterlings; wenn man ſie beruͤhrt, verblei⸗ chen ſie.— 202— Den 20. April 1818. Was die Tante fuͤr wunderliche Gedanken hat, ich haͤtte lachen moͤgen, und wurde doch verlegen und roth, wie die Paͤonie vor meinem Fenſter. Wie muß ſie nur in aller Welt auf ſolche Ideen kommen? Ob ich wohl Herrn Lindau heirathen moͤchte, wenn er mir gut waͤre und ſein Brot haͤtte? Heirathen? ich? nein das iſt gar zu komiſch. Ich bin freilich ſechssehn Jahr, aber Kopf und Herz ſind noch ziemlich kindlich, und wenn ich an's Heirathen denke, koͤmmt es mir immer vor, als haͤtte das noch lange— lange Zeit. Und Herrn Lindau heirathen? ich glaube, er iſt zehn Jahr aͤlter als ich, er iſt ernſt und klug, ich bin leichtfertig, flat⸗ terhaft, und fuͤr ihn bei weitem nicht gebildet genug. Wenn er ſein Brot haͤtte, wie das gleich fein ernſtlich und vernuͤnftig klingt. Ja gute Tante, daran moͤchte wohl das uͤbereilte Weſen, die Antonie am wenigſten denken.— Wie mag ſie auf den Gedanken kommen? Wenn er dir gut waͤre, ſagte ſie. O! gut iſt er allen Menſchen. Aber ſo gut, um das Leben zu theilen und in Freud und Leid ungetrennt bleiben zu wollen, ſo recht von Herzen gut, kann ein ſolcher Mann einem unbedeutenden Maͤdchen, — 203 wie ich, nicht ſeyn. Was ſollte ihm an mir ge⸗ fallen. Ein wohlwollendes Herz und ein froher Sinn iſt ja Alles, was ich habe. ——ʒ—ꝛ———— Den 22. Mai 1818. Die Tante hat einen Brief bekommen, hat ſich eingeſchloſſen und ſogleich geantwortet. Dann hat ſie alle alte Sachen durchſucht, Kiſten und Kaſten, und als ich zu Tiſche kam, lagen Kleider, Hau⸗ ben, Tuͤcher, Tiſchzeug und Silbergeraͤth im bun⸗ ten Gemiſch um ſie her. Ich war herzlich neugierig, aber die Suppe ward ganz ſtill verzehrt. Endlich nach Tiſche er⸗ oͤffnete ſie mir den freudigen Inhalt des Briefes. Ich glaube, ich huͤpfte vor Vergnuͤgen, denn die Tante war boͤſe, und ermahnte mich, ſtill zu ſtehn und zuzuhoͤren. Die alte Graͤfin*** will auf ihrer Reiſe in's Bad hier durchgehn, und ein paar Tage bei uns ausruhen. Sie bringt ein Geſellſchaftsfraͤulein von meinem Alter mit. Die Tante will die Haupt⸗ ſeite des Schloſſes erleuchten laſſen, wenn ſie Abends eintreffen. Die ganze Dorfſchaft ſoll ſie * 204— empfangen. Ich ſoll noch ein neues Kleid bekom⸗ men, und die Tante war ſo guͤtig, mir unter dreien Ich waͤhlte eine d will nun arbei⸗ von ſich die Wahl zu laſſen. Robe von weißem Cannefaß, un ten, was ich kann, um ſie fuͤr mich einzurichten. Fleißig muß ich ſeyn, denn auch im Hauſe giebt es genug zu thun, aber ich arbeite mit Luſt, wenn ich an das froͤhliche Gewuͤhl denke, das nun hier auf die ewige Stille folgen wird. Die Tante ſieht ganz verklaͤrt aus. Die alte Graͤfin iſt die Mutter der Amalia, der ſie diente. Ich glaube wohl, daß ſie ſich freut, eine ſo theure Herrſchaft wiederzuſehen. Wuͤßt ich doch nicht, daß ihre Blicke je ſo freundlich als heute auf mir geruht haͤtten. Heute in acht Tagen erwarten wir unſere Gaͤſte. Dann werden andere Nachrichten euch fuͤllen, ihr lieben vertrauten Blaͤtter. Ich bin todtmuͤde, und die Augen fallen mir zu. Kein Wunder, wohl zwanzigmal bin ich die Treppen auf und ab geflogen, und zuletzt noch zu Paſtors gelaufen, ihnen mein Gluͤck zu verkuͤndigen. Lin⸗ dau iſt ſeit geſtern verreiſt.* ——;—;—— — — 205 Den 12. Juni 1818. Guter Gott, der du mich ſo gluͤcklich gemacht haſt, erhalte mich auf ebener Bahn. Laß den Taumel der neuen Freuden nie dem ſtillen Schatz eines reinen Herzens gefaͤhrlich werden, laß mich in Demuth und beſcheidener Genuͤgſamkeit deine reichen Gaben genießen. Heute ſind es drei Wochen, ſeit ich zuletzt meine Gedanken hier aufzeichnete. Ich bin nicht mehr im einſamen Schloß, ich bin nicht mehr, was ich war. Hat das Gluͤck wirklich an meine Thuͤr geklopft, oder ſprach ich Prophezeiungen aus? Die Graͤfin kam an. Es war ſchon finſter, unſere erleuchteten Fenſter glaͤnzten weit in die Nacht hinaus. Da toͤnte der froͤhliche Hoͤrner⸗ klang, die Wagen raſſelten in's Dorf, ein ſtattli⸗ cher Zug mit Fackelreitern voran. Mir huͤpfte das Herz vor Freude. Ich hatte mich auf der Tante Geheiß feſtlich geſchmuͤckt, und ſtand nun neben ihr in der aͤußerſten Pforte, die Dame zu begruͤßen. Schuͤchtern blickte ich ſie an. Sie ſchien mir viel aͤlter als die Tante, aber immer noch ſehr gut erhalten, ihr ganzes Weſen hat et⸗ was Wuͤrdiges, Vorneh hmes; ihr praͤchtiges Reiſe⸗ kleid, von einer ganz beſondern Form, kam mir ——— freilich ein wenig zu jugendlich vor. Eine junge Dame huͤpfte hinter ihr her aus dem Wagen, und beiden folgte ein ſehr ſchoͤner Mann, der der alten Graͤfin den Arm bot, ſie hinauf in ihre Zimmer zu fuͤhren. Ein Wink gebot der Tante und mir, mitzugehen. 15 Mir war doch ſehr aͤngſtlich in der fremgen Umgebung, zumal, da es mir ſchien, als ob die Augen der alten Dame forſchend auf mir weilten. Die Juͤngere ſtand mir ganz nahe und muſterte meinen Anzug ſehr ungezwungen, der mir auf ein⸗ mal recht haͤßlich ſchien, ſeit ich ſie geſehen hatte. Meine Wangen brannten vor falſcher Scham. Ein Kleid entſcheidet ſo wenig uͤber uns, und doch le⸗ gen wir oft den hoͤchſten Werth darauf. Sollte ich einmal ein armes Maͤdchen in ihrem Staate ſeltſam und altmodiſch finden, ſo ſoll ſie mir es gewiß nicht abmerken. 1 Iſt das ihre Nichte? fragte die Graͤfin die Tante, eine Bewegung mit der Hand rief mich zu ihr. Ich kuͤßte ihr verlegen die Hand, und wagte nicht die Augen zu erheben. Nich duͤnkt, ſie gleicht mehr ihrem Vater als ihrer Mutter, ſagte die Dame. Ihre Augen ſind zu dunkel, auch der Mund iſt ganz von ihm. Von ihrem wundervol⸗ — 207 len Teint hat ſie keine Spur. Der iſt freilich auch nicht conſervirt worden. Der junge Herr ſah mich bei dieſer Kritik ſcharf an, ich gluͤhte. Eine ſehr gemiſchte Em⸗ pfindung war in meinem Herzen. Ich hatte nicht oft von meinen Aeltern ſprechen hoͤren, und faſt ließ ich mich gern tadeln, weil meine Mutter ge⸗ lobt ward. Wir mußten mit den Fremden ſpeiſen. Es ging ziemlich ſtill her. Die Graͤfin erzaͤhlte der Tante alte Geſchichten, das Fraͤulein fragte mich aͤber meine Lebensweiſe, und wunderte ſich bei je⸗ dem Wort, als ob ich Maͤhrchen erzaͤhlte. Dage⸗ gen that ſie auch Fragen, die ich nicht verſtand, und nannte die bekannteſten Dinge mit fremden Namen; es war, als ob wir von entfernten Mee⸗ ren zuſammenkaͤmen. Aber nur Geduld, in alle die huͤbſchen Sachen will ich mich ſchon finden. Den naͤchſten Tag ward ich zur Tante gerufen, die mir ankuͤndigte, die Frau Graͤfin wolle mich mit in's Bad nehmen. Wie ſoll ich mein Ent⸗ zuͤcken bei dieſer Nachricht beſchreiben! In ein Bad zu gehen, habe ich mir immer als das groͤßte Vergnuͤgen gedacht, und wir reiſen durch die herr⸗ 208— liche Rheingegend, reiſen den ganzen Sommer, und werden alles ſehen, was noch lange die Erin⸗ nerung mit reizenden Bildern belebt. In drei Tagen wollten wir fort, ich war wie im Traum. Fraͤulein Viktoire mußte meine Gar⸗ derobe muſtern, aber lieber Himmel, da war auch nicht ein Stuͤck brauchbar. Das ſchoͤne Tuch von Lindau koͤnnt' ich allenfalls mitnehmen, ſagte ſie. Sie hielt ſich meine Kleider an„ tanzte damit vor dem Spiegel umher, machte die ſeltſamſten Ge⸗ behrden, und wollte ſich todt lachen. Den brau⸗ nen Stoffrock wollte ſie mitnehmen und einem Marienbilde verehren. 1 „Zum Gluͤck hatte Viktoire genug fuͤr ſich und mich. Wie ſtaunte ich uͤber den Reichthum, der da vor mir ausgebreitet ward. Solche Kleider hatte ich nie geſehen. Der ganze Tag ging vor dem Spiegel hin, und ich ſah wirklich beſſer aus, wie ehedem in dem altmodiſchen Anzuge. Die Kammerfrau der Graͤfin ſchnitt mein Haar anders, und ſchmuͤckte mich mit vielen Locken. Ich kannte mich ſelbſt nicht mehr, aber ich war ſehr gluͤcklich. Die Tante mag wohl Recht haben, daß ich eitel bin. 4 4 Der d ſtorin meinte, die Reiſe haͤtte ihn angegriffen⸗ —. 209 — Der letzte Tag in der Heimath brach an, und ſo ſehr ich mich freute, ward mir doch das Herz ſchwer, als die Sonne mich weckte. Ich nahm alle meine kleinen Schaͤtze mit, das Uebrige packte ich unter wehmuͤthigen Erinnerungen in einen Wandſchrank zuſammen. Selbſt von meinen alten verſpotteten Kleidern nahm ich herzlichen Abſchied. Ich habe doch manche frohe Stunde in ihnen ge⸗ lebt. Gegen Abend ging ich zu Paſtors, die gu⸗ ten Menſchen weinten, und ich leiſtete ihnen treu⸗ lich Geſellſchaft. Nach Lindau wagte ich nicht zu fragen, da oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr, und er trat ein. Er ſchien mir blaͤſſer als ſonſt, die Pa⸗ Wir ſaßen alle ſtumm beiſammen, und meine Thraͤ⸗ nen fioſſen heißer bei dem Gedanken, dieſen. lie⸗ ben Kreis guter Menſchen ſo lange nicht zu ſehen. Ja, ich glaube, in dieſem Augenblick haͤtte ich die Reiſe aufgegeben.. Endlich mußten wir ſcheiden. Lindau fuͤhrte mich durch die Daͤmmerung nach Haus. Gott laſſe es ihm recht wohl gehen. Ach, ich ſehe ihn nun wohl nimmer wieder. Aber die Worte der Tante: Wenn er dir gut waͤre— ſind nichts als leere Einbildung geweſen. Liebe haͤtte ſich im Au⸗ 9 216— genblick der Trennung nicht verborgen. Liebe kann Opfer bringen, und darf Opfer begehren. Nein, Lindau hat mich nicht geliebt. Und wohl uns beiden, daß es ſo iſt, mein Lebensweg und der Seine gehen nun auf immer auseinander. Noch ein ſchmerzlicher Abſchied ſtand mir bevor, der Abſchied von der Tante. Ihr Alter, ihre Ge⸗ woͤhnung an meine Geſellſchaft, ſiel mir ſchwer aufs Herz, es war mir, als thaͤte ich großes Un⸗ recht, ſie zu verlaſſen. Sie troͤſtete mich, und ſchien gar nicht traurig. Ich habe ſie der guten Paſtorin empfohlen. Als ich endlich im Wagen ſaß, als das Dorf mit ſeinen bekannten Gegen⸗ ſtaͤnden verſchwand, und mir alles neu war, ver⸗ ſiegten meine Thraͤnen. Die Gegend wurde la⸗ chender und ſchoͤner, die Berge, die ich ſonſt in blauer Ferne erblickte, traten naͤher heran, Waͤlder kroͤnten ihre Wipfel, Wellen beſpuͤlten ihren Fuß. Wir flogen mit unſern raſchen vier Pferden vor⸗ uͤber, das Auge konnte nicht ſchnell genug alle Herrlichkeit faſſen. Mittheilen konnte ich mein Gefuͤhl Niemanden, haͤtte auch die Scheu vor meinen fremden Gefaͤhrten es zugelaſſen. Die Graͤfin, Biktoire, undg der Baron ſpielen Karte im Wagen. Sie koͤnnen ganz ruhig auf die bun⸗ — 3 211 ten Blaͤtter ſehen, waͤhrend ich vor Entzuͤcken jauchzen moͤchte. Ich kam nach W..., und kaum waren wir angelangt, ſo rief die Graͤfin mich in ihr Zimmer. Sie war allein, ich mußte mich zu ihr ſetzen; mir war ſo aͤngſtlich beklommen, als ahnete mir die Wichtigkeit des Augenblicks, der mein ganzes Le⸗ b ben umwandeln, und mich auf die ſchwindelnde. Höoͤhe aller meiner Wuͤnſche heben ſollte. — Ihre lange Rede kann ich nicht nacherzuͤhlen, in meinen Ohren toͤnte nur das einzige Wort wie⸗ der: Antonie, du biſt meine Enkelin! ich lag zu ihren Fuͤßen und weinte, mir ſchwindelte, ich konnte das Unmögliche nicht faſſen, Ausrufungen 8 und Fragen waren alles, was ich erwiederte, und wie eines Traums erinnere ich mich der Geſchichte meiner Geburt. 4 Die juͤngſte Tochter der Graͤſin, Antonie, liebte unter ihrem Stande, einen jungen Mann, der Se⸗ kretaͤr bei ihrem Vater war. Sie verband ſich heimlich mit ihm, und ward meine Mutter. Was muß ſie gelitten haben, als ſie ihr Kind verbergen, als ſie es ganz verleugnen mußte. Der ſelige Onkel brachte mich zu ſeiner Schweſter. Er war der Vertraute O 2 212—— des ungluͤcklichen Ehepaars geweſen, und wahr⸗ ſcheinlich ſchwieg er, aus Furcht vor dem Stolze der graͤflichen Familie, ſonſt haͤtte er doch wohl im Tode mein Geheimniß offenbart. Meine arme Mutter ſtarb als ich noch kein Jahr zaͤhlte; kurz 8 darauf verlor ich auch den Vater. Ach! meine Kind⸗ heit ſollte jedes Bandes beraubt werden, das Na⸗ tur und Liebe knuͤpft. Fuͤnf Jahr alt, ward ich durch den Tod meiner Pflegeaͤltern ganz zur Waiſe, und kam zur Tante. Indeſſen war auch die alte Graͤfin kinderlos geworden, denn Graͤfin Mally hatte keine Erben hinterlaſſen. Die Mutter zweier bluͤhenden Toͤchter ſtand ganz allein in der Welt. Da— vor einigen Monaten, erhaͤlt ſie weither 5 einen Brief von einer alten Dienerin meiner Mut⸗ ter, die am Rande des Grabes mein Daſeyn und den Aufenthalt meiner Pflegeaͤltern anzeigt. Sie forſcht nach und folgt meiner Spur bis zu meinem jetzigen Aufenthalt. Jener Brief, mit dem die Tante ſich in ihr Zimmer verſchloß, fragte— nach dem Schickſale des verlornen Kindes, und der Tante Antwort hob alle Zweifel. Die Tante hat wohl gewußt wer ich war, doch ohne Beweiſe, ohne Zeugen nur Hohn und Spott von der Entdeckung gefuͤrchtet. Vielleicht — 213 hat ſie Recht gehabt, ſie kennt freilich die Welt beſſer als ich. Meine Großmutter ſcheint meinen armen Vater nicht zu lieben, und lebte Graͤfin Mally noch, waͤre ſein Kind wohl in der Dunkel⸗ heit geblieben. Ein kleines Medaillon, nach dem die Graͤfin auch in ihrem Briefe fragte, und das ich als Kind mitbrachte, war nun ein Beweis mehr. Es ſtellt meine Mutter vor, dieſe ſchoͤne, holde Frau, der ich wirklich gar nicht aͤhnlich bin. Ich hielt das Bild in meiner zitternden Hand, und Thraͤnen truͤbten das reine Glas. Ach, ich habe ja dieſe lieben Augen nie auf mich gerichtet geſehen. Ich ward hinausgeſtoßen in die fremde Welt, und kann nur das todte Bild der Mutter kuͤſſen. Den 7. Auguſt 1818. 8 Ich ſchwimme in einem Meere von Vergnuͤ⸗ gen. Manchmal kann ich ernſtlich fuͤrchten, ein⸗ mal Morgens in meinem Bette mit den ſchweren Vorhaͤngen aufzuwachen, die alten Waͤnde, die bunten Fenſterſcheiben zu ſehen, und von dem gluͤcklichen Fraͤulein Tony nur getraͤumt zu haben. 2714— Wir fliegen durch ein Paradies! Mit jeder Tagereiſe wird es ſchoͤner um uns, oͤffnen ſich neue wunderbare Anſichten. Wie ſchoͤn, o Gott, iſt deine Erde! Die Andern klagen uͤber die Beſchwerlichkeiten der Reiſe, ich begreife ſie nicht. Haben wir nicht Alles, was die eigenſinnigſte Laune wuͤnſchen kann? Mehrere Wagen fuͤhren uns eine volle Haushal⸗ tung nach. Bediente, Kammerfrauen, Koͤche, al⸗ les wartet auf unſere Winke. In jeder bedeuten⸗ den Stadt ruhen wir aus, und was giebt es dn eft fuͤr Herrlichkeiten zu ſehen. Ich bin auf zwei Baͤllen geweſen, und oft im Theater. Ich habe Schillers Wallenſtein und Goͤ⸗ the's Iphigenia geſehen, die der gute Lindau uns vorigem Winter vorlas. Dieſer Genuß uͤbertraf jeden andern, ſelbſt das Tanzen, ich war wie, im Himmel. Stumm, bezaubert ſaß ich da. Ach was haͤtte ich nicht gegeben, um meine Freunde aus der Heimath neben mir zu haben. Viktoire und Baron Arthur muſterten den Anzug der Iphigenia, und verhoͤrten die ſchoͤnſten Stellen, um zu beweiſen, daß ihr Haar anders geordnet ſeyn muͤßte. Kann der oͤftere Genuß ſolcher Freu⸗ den ſo kalt machen? Vitktoire verliert alles Ver⸗ gnuͤgen an d — 215 er meiſterhafteſten Darſtellung, wenn eine Feder auf des Schauſpielers Hute nicht ge⸗ ſchmackvoll angebracht iſt. Wenn wir Gemaͤlde, Antiken, oder neuere ſchoͤne Monumente ſehen, wenn meine Seele auf Stellen, die die Geſchichte geweiht hat, ſich hoch uͤber die Gegenwart erhebt, dann ſehe ich freilich im Kreiſe meiner Begleiter vergebens nach Theilnahme oder Belehruug umher. Baron Arthur iſt ſehr gebildet, er ſpricht alle le⸗ benden Sprachen meiſterhaft, er ſingt vortrefflich, ſpielt Guitarre und Violine, ſein Witz iſt treffend, er macht allerliebſte Epigramme, und ſein Beneh⸗ men in der Geſellſchaft hat einen eignen Reiz, der, wie die Graͤfin ſagt, nur der großen Welt zugehoͤrt. Aber die Tiefe der Empfindung, an die meines Lehrers Geiſt und Lindau's Umgang mich kennt er nicht, und ernſtes Nach⸗ denken ſcheint er zu fliehen. Wenn ich Belehrung wuͤnſche, fluͤſtert er mir eine angenehme Schmeichelei zu, oder traͤllert ein leichtes Liedchen, wenn mir vor Begeiſterung Thraͤnen in den Augen ſtehn. gewoͤhnt haben, Ich werde noch viel lernen muͤſſen, ehe ich meinem Stande gemaͤß erſcheinen kann. Wie ſelt⸗ ſam doch Umſtaͤnde die Forderungen veraͤndern. Dort war ich e 1 1 in eitles Maͤdchen, hier bin ich es 216— bei weitem nicht genug. Ich freue mich der ſchoͤ⸗ nen Stoffe, der Blonden und Spitzen, der Per⸗ len und Steine, aber ich vermag es nicht, mich uͤber ein Faͤltchen oder eine Locke zu kraͤnken, die die Mode anders befiehlt. Ich trage nicht Sorg⸗ falt fuͤr meinen Teint, fuͤr die Weiße meiner Hand, fuͤr eine ſchoͤne Haltung. Ich bin viel zu lebhaft. In der großen Welt, ſagt die Graͤfin, muß man ſich uͤber nichts ausſchweifend freuen oder betruͤben, keine Bewegung der Seele darf hervortreten. Man muß Langeweile mit laͤchelndem Geſicht er⸗ tragen, von nichts, was uns intereſſirt, zu viel ſprechen, ſich ſelbſt ganz verleugnen, und nur fuͤr die Geſellſchaft leben„ohne ſich an einzelne Per⸗ ſonen mit beſonderer Freundſchaft anzuſchließen. Ach ich werde noch viel lernen muͤſſen. Abends wird oft geſpielt. Ich erſchrak An⸗ fangs, als ich den gruͤnen Tiſch mit Gold bedeckt ſah, und den Namen Pharao hoͤrte. Lindau hat mir ſo viel dagegen geſagt. Jetzt bin ich es nun ſchon gewohnt, den Baron Arthur und Viktoiren ſpielen zu ſehen. Ich ſelbſt werde nie eine Karte beſetzen, ob man mich gleich verſpottet. Lindau wuͤrde mich loben, daß ich muthig den Spott er⸗ trage, um meinen Grundſaͤtzen treu zu bleiben. 4 — 217 Ich beobachte die Spielenden und finde ſeine Schilderungen wahr. Was ſich in dieſen geſpann⸗ ten Zuͤgen malt, muß das Gemuͤth entſtellen; ich will die Gefahr fliehen, und eine Freude nicht kennen lernen, die ein edler Menſch verdammt. Alles was ich Schoͤnes ſehe, die Erhabenhei⸗ ten der Natur, wie die Gebilde der Kunſt, und was mein Herz dabei fuͤhlt, will ich in meiner Schreibtafel aufbewahren, und dem guten Paſtor ſenden. Wenn ich es niederſchreibe, wird mich ein ſuͤßes Gefuͤhl von der Naͤhe meiner alten Freunde erfreuen, und ſie werden meiner denken, wenn dieſe Zuͤge ihr Auge erreichen. 1 —— — Den 1. Januar 1819. Als ich mein Tagebuch auf Lindau's Rath be⸗ gann und es mir ſo wohl that, ihm Alles zu ver⸗ trauen, haͤtte ich da wohl gedacht, daß Monate vergehen wuͤrden, ohne eine Zeile, die meine Ge⸗ fuͤhle ausſpraͤche? Fand ſich nicht in jener Ein⸗ „ſamkeit, mitten unter angeſtrengten Arbeiten, im⸗ mer ein Augenblick fuͤr euch, ihr ſtill vertrauten Blaͤtter, und jetzt gab es keinen euch zu ſagen, daß Antonie noch der alten Zeit gedenkt! 218— Mein Kopf iſt wuͤſt von der rauſchenden Mu⸗ ſik, mein Blut gluͤhet vom Tanze, noch kann ich nicht ſchlafen. Drei Uhr iſt voruͤber, dieſe ruhigen Stunden ſind die erſten des neuen Jahres. Un⸗ ter Jubel und Luſt ſank das Alte hinab, und doch bin ich ſo ernſt, doch fuͤllen unwillkuͤrlich Thraͤnen der Ruͤhrung meine Augen. Ich denke der ver⸗ floſſenen Zeit mit heißem Dank gegen den Geber alles Guten, ich denke der kommenden und flehe um ſeinen Segen. Ich bin nicht mehr das leichtſinnig frohe Weſen, das jenesmal kuͤhne Wuͤnſche ausſprach. Das Jahr, deſſen Morgen jetzt anbricht, wird mir neue heilige Pflichten geben, die ich tief fuͤhle, und treu er⸗ fuͤllen will. Dunkle verhuͤllte Zukunft, ich gehe dir getroſt entgegen, dieſe Thraͤnen einer feierli⸗ chen Ruͤhrung ſind keine Zeichen des Mißtrauens. Sie fließen ſo mannigfachen Gefuͤhlen, die ich ja ſelbſt kaum verſtehe. Nur die dunkle Nacht darf ſie ſehn!— Wir kehrten im Spaͤtherbſt von unſerer Reiſe zuruͤck, und ich betrat das hohe Schloß meiner Voraͤltern. Wie es einzeln daſteht, auf Felſen ge⸗ gruͤndet, ſo ſind ſane Bewohner, durch eine ſtrenge Beobachtung der Etikette, von den tiefer lebenden —— — 219 Staͤdtern geſchieden. Ein foͤrmlicher Hof umgiebt uns, der zahlreiche Adel der Nachbarſchaft ver⸗ mehrt ihn. Ich erhielt eigne Zimmer, eigne Be⸗ dienung, und ein Nadelgeld, vor deſſen Groͤße ich erſchrak. Doch kann ich ſo wenig davon fuͤr gute Zwecke verwenden. Meine Großmutter und Fraͤu⸗ lein Viktoire ſchelten jede kleine Erſparniß. So nimmt vergaͤnglicher Flitter ein Jahrgeld in An⸗ ſpruch, von dem eine genuͤgſame Familie leben koͤnnte. Wenn mich das ſchmerzt, verſteht mich Niemand. Meine niedere Erziehung hat eine Schranke zwiſchen uns geſtellt, ich muß mich bemuͤhen ſie durch Liebe und Gehorſam zu ent⸗ fernen. 3 Nur als eine Verwandte der Graͤfin ward ich hier eingefuͤhrt. Die Dunkelheit meiner Geburt ließ ſich nicht genuͤgend erhellen, auch werde ich bald den falſchen Namen, den man mir gab, mit einem andern vertauſchen. Ich bin Arthurs Braut. Sein Vater iſt der naͤchſte Vetter der Graͤfin, er waͤre einſt ihr Erbe geworden, und ſie wuͤnſcht durch die Partie mit mir, dieſe Familie fuͤr den Verluſt zu entſchaͤdigen. Arthur hat mir vom er⸗ ſten Augenblick unſerer Bekanntſchaft eine immer gleiche Liebe gezeigt; er iſt jung, ſchoͤn und geiſt⸗ 220— reich, und was ihm etwa fehlen moͤchte, mei Herz zu gewinnen, iſt wohl nur ſchwaͤrmeriſch Einbildung einer einſam verlebten Jugend. Dank barkeit fuͤr ſeine heiße Liebe, Gehorſam gegen meim Großmutter, herzliches Wohlwollen, und die Freud an dem Beifall, den man meiner Wahl giebt, werden mich gluͤcklich machen. Waͤr' ich nicht un, dankbar, noch etwas zu vermiſſen? 8 Arthurs Vater, der an unſerem Hofe lebt,— denn ſo heißt nun einmal dieſe Haushaltung— begegnet mir mit zuvorkommender Freundlichkeit. Warum kann ich ihn doch nicht lieben. Warum mißfaͤllt mir ſein ſcharf gezeichnetes Geſicht, ſeine Gewandtheit, ſeine faſt jugendliche Zierlichkeit ſo ſehr. Er iſt ein vollkommener Hofmann, ſagt die Graͤfin; ich glaube ihr, mir ſcheinen ſeine freund⸗ lichen Worte, wie gemaltes Feuer, ohne Waͤrme und Leben. Nur eine Bewegung ſeiner Seele vermag er nicht zu erſticken. Sein dunkles Auge gluͤht, wenn er an den Spieltiſch tritt, und das Gold vor ihm verſchwindet, mich ſchaudert vor dem Anblick der Leidenſchaft, mit welcher er die Karte bewacht, die ſein Ungluͤck entſcheidet, denn das Ungluͤck folgt ſeinen Schritten. Aber eben dies ſcheint ihn mehr zu entflammen, und die— — 221 Hoffnung des Gewinns, die wie ein taͤuſchendes Phantom vor ihm ſchwebt, lockt ihn dem Abgrunde⸗ zu, in dem er endlich untergehen muß. Hoffnung! o du edelſte Troͤſterin unſerer Seele, du, die den 3 Blick in die heitern Fernen einer beſſern Welt hebſt, darf ein unedles Verlangen ſich in dein Gewand kleiden? Ich habe Arthur gebeten, ſeltener zu ſpielen. Er laͤchelte uͤber die Waͤrme meiner Bittte, aber er hat ſeitdem keine Karte beruͤhrt, außer, wenn bei der Großmutter Boſtonparthie iſt, wo ich ſelbſt mitſpielen muß. Was man nicht alles lernt. Vo⸗ riges Jahr konnte ich die Karten nur brauchen, um fuͤr Paſtors Karlchen Haͤuſer zu bauen. Wie oft habe ich heute an den vorigen Syl⸗ veſter gedacht. Nitten im Tanze, in Arthurs Arm, unter ſeinem zaͤrtlichen Gefluͤſter, bei der ſchmelzenden Hoͤrnermuſik, die uns auf ihren Fluͤ⸗ geln dahintrug, beſuchte mich das Andenken jener Stunden, und eine leiſe Wehmuth fuͤllte mein Herz. Wo iſt das Blatt, das meine Wuͤnſche be⸗ wahrt. Guͤtiger Himmel, ſie ſind weit uͤbertrof⸗ fen! Wie wenige wuͤrden wir uͤber's Jahr noch anerkennen, ſagte Lindau— ich glaube ſeine Mei⸗ nung zu verſtehn. Das ungenuͤgſame Menſchen⸗ 4½ * b * 222 3— herz wird wohl nie ganz befriedigt. Unſere Hei⸗ math iſt nicht hienieden, darum fuͤllt kein Glit die ſehnende Bruſt mit Ruhe. Vom nahen Thurme ſchallt Muſik. Herr Gott dich loben wir, toͤnt in die Nacht hinaus. Vater im Himmel, den dieſe Toͤne preiſen, nimm ein ſtilles Thraͤnenopfer guͤtig auf, und heilige dir das Herz, aus dem es qutillt. Den 13. Januar 1819. Ich habe ein Kaͤſtchen mit Geſchenken nach*⸗ geſchickt, einen langen Brief an den Paſtor ge⸗ ſchrieben, und mein Reiſejournal beigelegt. Mit . 1 welcher Freude habe ich alles gepackt. Chokolade, Apfelſinen, und eine koͤſtliche Torte fuͤr die Tante, die ſo etwas liebt, und einen Ring von meinen Haaren. Fuͤr jedes Kind eine Kleinigkeit, Putz⸗ ſachen, Farbekaſten, Bilderbuͤcher, und der Mut⸗ ter ein Spitzenhaͤubchen. Der Paſtor hat ein ſchoͤnes Werk bekommen, das Lindau einmal lobte. Nun(denke ich mir mit ſtillem Behagen die Fa⸗ milie bei'm Auspacken verſammelt, die Kinder ju⸗ belnd und reich mit ihren kleinen Gaben, die Ael⸗ A 5 * 8. tern von dem Andenken ihres Pfleglings geruͤhrt. iebes Kaͤſtchen, koͤnnte ich doch ein wenig mit dir gehn. Abends werden ſie alle um den runden Tiſch ſitzen und meine Reiſe leſen. Alle? Lindau iſt vielleicht ſchon lange nicht mehr dort. Und doch, wenn ich mir die lieben Menſchen beiſammen denke, darf er mir nicht fehlen. ——ʒ⅓—ꝛ—— 8 Den 2. April 1819. Wir haben heute den Kaffee ſchon auf der Terraſſe getrunken, die Sonne brannte wie im Sommer, weit und breit trifft der Blick auf gruͤne Saaten, und ein leichter gruͤnlicher Schimmer kleidet den nahen Wald. Der Gaͤrtner hat die Beete mit mancherlei Fruͤhlingsblumen geſchmuͤckt, mich freute keines ſo ſehr, als das blaue Leber⸗ bluͤmchen, das wie ein alter Bekannter zu mir ſprach und Gruͤße aus vergangener Zeit brachte. 4 Auf meinem Beete bluͤhet ihr auch, ihr lieben Bluͤmchen, und ich hatte ſo herzliche Freude an jeder Knospe, die ſich entfaltete. Lindau pflanzte ſie mir einmal; ich muß an ihn denken, ſo oft ſie — 424 bluͤhen. Keines Kunſtgaͤrtners Muͤhe und ste iß kann die Luſt erſetzen, die ein eignes ſelbſtgepfleg⸗ tes Plaͤtzchen gewaͤhrt. Ich glaube, der guͤtige Himmel gab die beſten Freuden der Arbeit zum Lohn.— Am Kaffeetiſch ging es ſo laͤrmend zu, mich zog die Fruͤhlingsfeier in die Einſamkeit. Ich 4 ging am Naſenabhange der Terraſſe hin, wo alles blau von Veilchen war, und pfluͤckte einen Strauß. Als ich nach einem Viertelſtuͤndchen zuruͤckkam und meine Blumen vertheilte, empfing mich die Graͤ⸗ ſin mit Blicken des Mißfallens. Wie erhitzt du biſt, Antonie, ſagte ſie, war kein Gaͤrtnerburſche in der Naͤhe, wenn du Veilchen wuͤnſchteſt? Du haſt nicht noͤthig, deinen Teint noch der Sonne auszuſetzen. Wenn dir dein Aeußeres gleichguͤltig iſt, ſo bitte ich dich, auf meine Wuͤnſche Nuͤck⸗ ſicht zu nehmen. Ach! ich glaube, ich gefalle ihr nicht, was ich auch thue, um ihre Guͤte zu vergelten. Wie tief mich das ſchmerzt! Warum habe ich meiner Mutter ſchoͤne Farbe nicht. Niemand fragt dar⸗ nach, ob ich ihr weiches Herz habe. Seit einiger Zeit ſcheint Viktoire zu kraͤnkeln. Ich ſtaunte, als ich heute fruͤh in ihr Zimmer trat und ſie ungeputzt ſah. Gegen Mittag legt ſie roth — 225 roth auf, doch mich tzuſcht das nun nicht mehr. Auch ihre Laune ſcheint nicht mehr dieſelbe. Nur die Luſt an der Toilette iſt noch unvermindert. Sie ſpricht von der Wahl eines Schawls, als koͤnne ein Fehlgriff ihr Ungluͤck machen, und brachte mir zwanzig Zeichnungen zum Kleiderbeſatz, uͤber die ſie wie ein Profeſſor ſprach. Kaum konnte ich ein Wort uͤber ihre Geſundheit einſchieben. Sie dankte mir fuͤr meine Theilnahme, beruhigte mich voͤllig, und verlangte mein Urtheil uͤber ihren ge⸗ ſtickten Schleier. —— 3 Den 19. Mai 1819. Am Sonntag war mein ſiebzehnter Geburtstag. Bei der Tante bekam ich jedesmal einige Pflan⸗ zen fuͤr mein Gaͤrtchen, und ein geringes Geſchenk an Gelde. Dann wurde den Tag uͤber keines Feſtes mehr gedacht, und gearbeitet wie immer. Diesmal weckte mich eine rauſchende Symphonie, ich mußte mich feſtlich kleiden, und empfing den ganzen Morgen Gluͤckwuͤnſchungsbeſuche. Alle, auch die entfernteſten, Bekannten waren zugegen. Im Vorzimmer waren die Geſchenke aufgeſtellt. Ein bluͤhender Fruͤhling ſpendete hier ſeine Reize, P 226— und die ſchoͤnſten Erzeugniſſe der Mode, Ringe, Perlen, eine Uhr mit Diamanten beſetzt, ein koͤſt, liches Silberſervice, glaͤnzte unter den Blumen hervor. Ich ſchaͤme mich zu geſtehen, daß keine reine Freude in mir war, als ich von allen dieſen Schaͤtzen Beſitz nahm. Ich habe ſchon zu viel fuͤr meine Wuͤnſche. Ja gewiß, Ueberfluß zu ertragen iſt ſchwerer, als man gewoͤhnlich glaubt. Aber das iſt es nicht allein. Mich duͤnkt, hier gab mehr der Stolz als die Liebe, und mein ſehnendes Herz war ſo voll inniger Gefuͤhle. Meine Großmutter liebt in mir nur den Abkoͤmmling ihres Hauſes, nie habe ich in ihren Armen geruht, und als ich bei ihrem Gluͤckwunſche, mit heißer Liebe ihre Hand faſſen wollte, ergriff ſie die meine, foͤrmlich kalt, und fuͤhrte mich zu den todten Herrlichkeiten, um die ſich das Schloßgeſinde und viele Fremde bewundernd droͤngten. Selbſt Arthur, ſo ſchoͤn er ſein Gefuͤhl ausdruͤckte, ſo liebevoll er den ganzen Tag um mich beſchaͤftigt war, ſeine ſchmeichelnden Worte duͤnkten mich mehr wie ein ſchoͤnes Gedicht, voll Poeſie und Bilderſchmuck, als die Sprache eines Herzens, wie ich es einſt zu beſitzen hoffte, treu in Noth und Schmerz, und nur eins mit dem meinen. O ihr ſuͤßen Traͤume, die der Na⸗ me Braut in der jugendlichen Phantaſie hervorrief. Ihr ſeit den verlornen Blͤthen beigeſellt, die der Weſtwind verweht, rein und ſchoͤn, aber vergaͤng⸗ lich, wie ſie. —— .— Den 27. Mai 1819. In einem Berggarten, mir gegenuͤber, ſehe ich jeden Abend ein froͤhliches Maͤdchen, wie ich ſonſt war. Ihre Kleidung iſt aͤrmlich, ſie ſcheint, eifrig ſtrickend, die Aufſicht uͤber ihre ſpielenden Geſchwi⸗ ſter zu fuͤhren. Geſtern kam eine Andere, die Erſte flog ihr entgegen und druͤckte ſie an die Bruſt, ich glaubte ihr freudiges Jubeln zu hoͤren. Beide miſchten ſich nun in die Spiele der Kinder. Ich blickte mit Sehnſucht hinab; ſeit ich vornehm bin, iſt der Anblick ſolcher Heiterkeit mir fremd ge⸗ worden. Wahrlich, die Etikette, die uns hier oben um⸗ giebt, iſt eine Art von Gefangenſchaft. Schon lange wuͤnſchte ich mir einmal den gewundenen Fußſteig zu gehen, den man aus meinem Fenſter in den Wald verſchwinden ſieht. Vergebens! Nur im Wagen darf ich meine Ausfuuͤge machen. Bin ich denn noch dieſelbe, die mit dem Regenſchirm der Tants den Weidendanner hinauf aing? P 2 er kennt mich beſſer, als ſie alle. Sie war die 228— Den 5. Juli 1819. Ein Brief von ihm! Ein Brief von Lindau. Ach, was iſt im fernen Lande eine Erſcheinung aus der Heimath! So muß es dem Schweizer ſeyn, wenn die Toͤne aus den Alpen ſein Ohr treffen. Die Tante iſt geſtorben. Lindau meldet es mir, und Paſtors erbieten ſich, ihren geringen Nachlaß hieher zu ſchicken, der, da ſie ganz ohne Erben iſt, ihrer vorigen Herrſchaft am erſten zuſteht. Die Großmama hat alles, das baare Geld ausgenom⸗ men, meinem Kammermaͤdchen geſchenkt. Nur ein Andenken will ich mir ausſuchen. Man tadelt hier die Thraͤnen, die ich ihr weihe. Gleichviel— Lindau hat ſie vorausgeſehn, Erzieherin meiner huͤlfloſen Kindheit, ihr danke ich den Unterricht, der meinen Geiſt erhellte, und mein Herz zu ſeinem Urquell leitete. Sie war wohl ſtrenge— aber ſie liebte mich doch.— Am Morgen hatte die Paſtorin ſie noch geſehen, Abends 3 nach eilf Uhr fand man ſie todt in einem Kabinett“ neben der großen Unterſtube, die der Onkel ſonſt bewohnt hat. Niemand hat ihren letzten Kampf geſehen. Lindau ſchreibt mir ſo troͤſtlich daruͤber,— * er ahnet jede Bewegung meiner Seele. Es giebt eine Harmonie der Geiſter, die keine Ferne unter⸗ brechen kann. Der Brief fuͤllt nur wenige kleine Blaͤtter, aber wie viel giebt es mir zu denken. Welche Waͤrme des Gefuͤhls! welcher Gehalt iſt in dieſen Worten. Ich leſe ihn wieder, und finde immer etwas das mir noch neu iſt. O, das Herz, das ſolche Gedanken eingiebt, iſt veicher als irgend eins. Von ſich ſelbſt ſagt er wenig. Aber eine ſtille Ahnung ſagt mir, daß er auch nicht gluͤck⸗ lich iſt. —— . 1 Den 28. Auguſt 1819. Der Nachlaß der armen alten Frau, die ich noch immer meine Tante nenne, iſt angekommen. Ein Verzeichniß des Gerichtshalters, der ſogleich verſiegelt hat, liegt dabei. Geld hat ſich nicht ge⸗ 58 funden, obgleich die Graͤfin verſichert, ihr etwas Anſehnliches fuͤr meine Erziehung gegeben zu ha⸗ ben. Vielleicht hatte ſie druͤckende Schulden, und dann war ihre aͤngſtliche Sparſamkeit natuͤrlich, äber die ich ſo oft im Uebermuthe der Jugend 2 39— ſpottete. Mein Kammermaͤdchen iſt jetzt eine reiche. Partie. Meine Kleider ſind auch mitgekommen. Ich habe befohlen ſie armen Kindern zu ſchenken. Gott ſegne die, die ſie empfangen, mit allem Froh⸗ ſinn, mit welchem ich ſie trug. Einen einfachen Ring hab' ich behalten, den 4 ich oft bei der Tante ſah. Ich will ihn neben den koſtbarſten an meiner Hand tragen. —-—— Den 1. Juli 1820. Selbſt der Reue Bitterkeiten Und des Gluͤckes Unbeſtand, Alles ſoll mich hingeleiten In das ferne fremde Land. Ja auch das Ende meiner Jugendgeſchichte ſollt ihr mir bewahren, treue Zeugen vergangener Tage. Noch einmal kehre ich zu euch zuruͤ 18. Die Worte, waren kaum niedergeſchrieben, als man ein Maͤd⸗ chen meldete, die mich allein ſprechen wollte. Ich ſchob das Blatt bei Seite und erwartete ihren .* mit denen ich jenesmal endete, —— ——— K — — 231 Eintritt. Es war eine junge Perſon, die noch vor Kurzem bei Viktoiren diente, und von ihr, eines unbedeutenden Vergehens wegen, entlaſſen ward. Ihre niedere Seele gab ihr die Rache ein, die Geheimniſſe ihrer Herrſchaft zu verrathen. Ich erfuhr: daß Arthur Viktoiren geliebt hatte, daß ſie ihm anzugehoͤren hoffte, ehe ich erſchien, und im Stillen unendlich litte, als er ſich zu, mir wandte! Ich erfuhr ein Gewebe von grauſamer Falſchheit, das mein Herz zerriß.— Arthur konnte lieben und vergeſſen, wie es der Vortheil gebot. Jetzt erkannte ich ſein kaltes Herz. Nicht mit Schmerz hatte er ſich von der erſten Neigung lvs⸗ geriſſen, nicht durch grauſame Nothwendigkeit ge⸗ zwungen gab er ſie auf. Waͤhrend ſie langſam verging„ war Ruhe und Heiterkeit in ſeiner Bruſt. Und dieſem Manne ſollte ich angehoͤren? Ich uͤberließ mich dem bitterſten Schmerze, ohne der fremden Zeugin zu gedenken. Noch waren Verrath und Untreue mir nicht genaht, wie ein verzehrendes Gift ergriffen ſie meine Seele. Was ich einſt in ſuͤßer Ahnung Liebe nannte, hatte ich nie fuͤr Arthur gefuͤhlt, aber ich glaubte an ſein Gefuͤhl fuͤr mich, traute ſeinen Liebesſchwuͤren mit 2 eindlicher Zuverſicht, und gab ihm willig meine — 232— Zukunſt mit allen ihren Hoffnungen hin. Das 1 weibliche Leben kennt kein groͤßeres Opfer, nur redliche Liebe kann es vergelten. 2* 4 Es war Abend, ich blieb unter dem Vorwande der Unpaͤßlichkeit auf meinem Zimmer, und meine Thraͤnen floſſen ungeſtillt. Erſt ſpaͤt in der Nacht gab der Entſchluß mir Ruhe, meiner Großmutter Alles zu entdecken, und um Loͤſung eines Bandes zu bitten, das mich nicht mehr begluͤcken konnte. Fzitternd erwartete ich die ſpaͤte Stunde„ wo ich vor ihr erſcheinen durfte. Sie war bei der Toilette, ich mußte mich zu ihr ſetzen, und dem langſamen Bau ihres Kopfputzes zuſehen. Sie bemerkte meine verweinren Augen, ihre ſtrengen Blicke fragten, was mir fehle, aber die Gegen⸗ wart ihrer Kammerfrau band meine Zunge. End⸗ lich war alles vollendet, die Dienerin uͤbergab ihrer Herrſchaft das Schminknaͤpfchen und ging. Ich begann mit bebender Stimme. Aber ich hatte mir ſelbſt gelobt, Vertrauen zu faſſen, meine Bruſt war ſo voll. Thraͤnen begleiteten jedes Wort. Die Graͤfin ſchminkte indeſſen ſehr ruhig ihre Wange, und warf keinen Blick auf mich. Hab' ich zu viel Roth, Antonie? unterbrach ſie „— ——— „— 233 mich mitten in meiner Rede.— Ich ſtockte. Auf dieſe Frage vermochte ich nicht zu antworten, meine Augen waren vom Weinen bewoͤlkt. Du biſt ein Kind, ſagte ſie, die letzten Blicke in den Spiegel werfend. Leider haſt du in deinem Charakter die gande Aehnlichkeit mit deiner Mut⸗ ter, die dir im Aeußern fehlt. Romanhaft genug, ſich mit einem Manne zu verbinden, der ſo tief unter ihr ſtand, hatte ſie eben ſo ſchwaͤrmeriſche Anſichten von Liebe und Ehe, als du jetzt. aus⸗ ſprichſt. Ich weiß von der Intrigue zwiſchen dem Baron und Biktoiren, auch wuͤrde er ſie geheira⸗ thet haben, haͤtte er ein unabhaͤngiges Vermoͤgen beſeſſen. Jetzt kann davon die Rede nicht mehr ſeyn. Eure Verbindung bleibt geſchloſſen. Ich hoffe nicht, daß du eiferſuͤchtig biſt, du weißt, wie ich uͤber ſolche Leidenſchaften denke. Eiferſuͤchtig? nein, dieſe Regung war nicht in meine Seele gekommen, ich haͤtte ſo gern Viktoi⸗ ren gluͤcklich geſehen.— Und was ſoll die Un⸗ gluͤckliche fuͤhlen, ſagte ich, wenn man ſie ver⸗ dammt, mich zum Altar zu begleiten? 1 Du nimmſt alles tragiſch, war die Antwort. Viktoire hat zu viel Welt, um ſich nicht in die 234— Umſtände zu fuͤgen. Sie weiß, daß Familienver⸗ haͤltniſſe in großen Haͤuſern die Partien machen oder trennen. Iſt es aber dies, was dich beunru⸗ higt, ſo will ich deine Hochzeit bis naͤchſten Win⸗ ter aufſchieben, den ſie in B—n zuzubringen denkt. Aber bei meinem aͤußerſten Unwillen gebiete ich dir, deine romantiſchen Grillen weder Viktoiren noch deinem Verlobten zu aͤußern. Ich verbeugte mich ſchweigend und ging. Eine Empfindung von Ruhe war durch die Bewilligung des Aufſchubes in mein Herz gekommen. Die uͤberraſchenden Vorfaͤlle in meinem Jugendleben hatten mich ge⸗ woͤhnt, viel von der Zukunft zu hoffen, ich glaubte noch frei zu werden. Aber wer lehrte mich, Ar⸗ thurs ſuͤßen Worten zuzuhoͤren, ohne mein Gefuͤhl zu verrathen, wer— Viktoirens blaſſem Geſichte zu begegnen, ohne ihr um den Hals zu fallen, ohne ihr zu ſagen, daß ich ihr Gluͤck nicht ſtoͤren wollte. Einer der naͤchſten Abende war zu einer Land⸗ partie beſtimmt. In einem Waͤldchen, das mit anmuthigen Wieſen wechſelt, fanden wir uns zu⸗ ſammen. Ein großes Zelt nahm uns auf, in ei⸗ nem zweiten hatten die Köͤche ihre Wirthſchaft ein⸗ gerichtet, hier flammte gaſtliches Feuer und die arbeitende Gruppe gab die Idee eines freien wan⸗. — ——— α H — 235 dernden Lebens, die in der ſchoͤnen Jahreszeit ſo angenehm erſcheint. Die Hitze des Tages war voruͤber, der Vollmond ſtieg roth hinter den Baͤu⸗ men auf. Aus dem dichten Gebuͤſch ließ ſich un⸗ geſehen ein Muſikchor hoͤren. Meine Seele gab ſich dem Zauber ſo vieler Genuͤſſe hin, ich ging einſam tiefer in die dunkelnden Hallen des Wal⸗ des, und war ziemlich weit von dem Platze abge⸗ kommen, wo die Uebrigen bei'm Thee ſaßen, als ich ploͤtzlich Arthurs Vater an meiner Seite ſah. Man ſchickt mich, ſie zu ſuchen, ſagte er, und ich ergreife die Gelegenheit, ein Wort im Geheim mit ihnen zu ſprechen. Goͤnnen ſie mir einen Mo⸗ ment ihr Ohr. Es war etwas in ſeiner Stimme, das mich ſchreckte, ich blickte auf, und ſah ſein immer glattes unbewegtes Geſicht von den heftig⸗ ſten Gefuͤhlen beſeelt.— Sie haben meines Sohnes fruͤhere Liebe entdeckt, Fraͤulein Antonie, fuhr er fort, und ſind davon beleidigt. Ich will nicht mit ihnen aͤber Begriffe ſtreiten, die ihre Erziehung ihnen aneignete, die Schule des Le⸗ bens nimmt es gewoͤhnlich uͤber ſich, uns uͤber die Illuſion des Herzens zu enttaͤuſchen. Sie ha⸗ ben Aufſchub der Hochzeit erlangt, ja ſie hoffen vielleicht ihn zu benutzen, um ſich ganz frei zu „ 236— machen. Ehe ſie einen ſolchen Plan bilden, muß ich mein Geſchick an ihr Herz legen, hundeln ſ ſie dann nach ihrem Gewiſſen. Bis zu dem Augenblicke, der ihre Geburt ent⸗ huͤllte, war ich Erbe des unermeßlichen Vermoͤgens, 4 das nun ihnen gehoͤren wird. Das Teſtament ih⸗ rer Großmutter ſichert ihnen Alles zu. Nur ihre Heirath mit Arthur kann mich von dem Verderben retten, in welches mich das Spiel geſtuͤrzt hat. Meine Glaͤubiger zoͤgern nur, mich der Schande preis zu geben, weil ſie wiſſen, mein Sohn werde ſie befriedigen. Ich habe das Leben lange ſchon nicht mehr geliebt, ich kenne es zu genau. Wie ein Rad drehet ſich die Zeit, immer kehrt daſſelbe wieder, und ſein ewiges Einerlei ermuͤdet bis zur peinlichſten Anſtrengung. Das Spiel erregt mich noch; in der Spannung, die es mir giebt, iſt Le⸗ ben. Alles uͤbrige treibe ich ,„ wie der Schauſpie⸗ ler eine zehnmal geſpielte Rolle ausfuͤhrt. Es wird mir nichts koſten den Schauplatz zu verlaſſen. Sollten ſie ihre Großmutter bewegen, die Ver⸗ bindung zu zerreißen und uns zu Grunde zu richten, ſo moͤgen ſie dann auf jede Folge Lefaut ſeyn. — 23„ Schaudernd hoͤrte ich ihm zu, ich wollte die Empoͤrung meines Gefuͤhls ausſprechen, aber er unterbrach mich, jede Antwort kalt ablehnend. Darf ich ſie zuruͤckfuͤhren, ſagte er, man erwartet uns. Wir gingen ſchweigenb nebeneinander. Die ſanften Toͤne der Muſik ſchallten bis zu uns, der Kontraſt, den ſie mit meinen Empfindungen bilde⸗ ten, that mir ſehr weh.— Ungluͤcklich ohne Hoff⸗ nung, ſaß ich den Reſt des Abends im froͤhlichen Kreiſe, vertieft in mein truͤbes Sinnen, waͤhrend der Baron, der mich kurz vorher in die grauſende Tiefe ſeines Herzens blicken ließ, den gewoͤhnlichen Ton ſogleich wiederfand, und die Seele der Ge⸗ ſellſchaft war. Tage und Wochen vergingen. Ich lebte in den ehemaligen Verhaͤltniſſen, aber mit welchem Her⸗ zen! Wie todt, wie unſchmackhaft alles, was ich ſonſt Freude nannte. Die Taͤuſchung war zerſtoͤrt, ich ſah jetzt truͤbe, was fruͤher im glaͤnzendſten Lichte vor mir ſtand. Die Außenwelt mit allen ihren Schaͤtzen vermag nichts uͤber ein ſchmerzlich bewegtes Gemuͤth. Gieb ihm den Erdball zum Eigenthum, es fuͤhlt nur ſeinen Kummer. Von Glanz und Hoheit verklaͤrt, im Schooße des Reich⸗ thums, im Taumel theurer Freuden, kannte ich 238— nur einen Troſt: Lindaus Brief. Dies arme Blaͤttchen war mein koͤſtlichſter Beſitz. Das Herz, das keines Truges faͤhig war, hatte heilige Ge⸗ fuͤhle des Glauben und der Hoffnung darin nieder⸗ gelegt, die mich jetzt uͤber mein Schickſal erhoben. Gnaͤdiges Fraͤulein, ſagte mein Maͤdchen eines Morgens, unter den Sachen, die gnaͤdige Graͤfin mir ſchenkten, hat ſich dies Papier gefunden, es iſt verſiegelt und traͤgt die Aufſchrift: Heute uͤber's Jahr zu eroͤffnen. Sie hielt mir das Blatt entgegen, es war daſſelbe, das wir jenesmal ver⸗ einigt ſchrieben. Mein Herz klopfte, ich hieß das Maͤdchen gehen, und oͤffnete zitternd das Siegel. Die Geiſter meiner Freunde ſchienen mich zu um⸗ ſchweben, indem ich las: Vom Gluͤcke hab' ich nichts zu bitten— hatte der Paſtor geſchrieben— Gott erhalte mir das Haͤuflein, das er mir anvertraute, und laſſe uns Aeltern uͤber's Jahr noch Hand in Hand ſtehen!— Weil es denn gewuͤnſcht ſeyn ſoll, ſtand von der Hand der Mutter darunter— ſo moͤchte ich vor allen, daß die Herrſchaft uns ein neues Haus baute. Die Kinder werden doch groß und der — — — 239 Platz iſt enge, auch verfaͤllt der alte Bau immer mehr. Unſerm Baumgarten will ich funfzig Ellen von des Nachbars Felde hinzuwuͤnſchen, der es gern verkaufen wuͤrde. Das iſt ein Wunſch, den ich lange im Stillen hege. Will das kuͤnftige Jahr ihn erfuͤllen, ſo lade ich die Freunde am Schluſſe unter das neue Dach ein.— Meine Augen ſuchten Lindaus Zeilen ‚ich fand folgendes: 3 Nur ein Huͤttchen ſtill und laͤndlich, nur ein kleiner eigner Heerd, uUnd ein Freund, bewaͤhrt und weiſe, Freiheit, Heiterkeit und Ruh, Ach und e, das wuͤnſch' ich leiſe, zur Gefaͤhr⸗ * tin ſie dazu. Mein eigner kindiſcher Wunſch ſtand dicht dar⸗ unter; ach! mit welchem Gefuͤhl las ich ihn jetzt: Ich moͤchte eine Reiſe machen, o wie unend⸗ lich wuͤrde mich das begluͤcken. Etwa in die Schweiz, oder an den Rhein, in die wundervollen Gegen⸗ den, von denen wir jetzt laſen. Dann moͤcht ich auch wohl einmal die Freuden der Jugend genie⸗ ßen, die nie in dieſe Einſamkeit dringen. Wenn 24o— ich zuweilen tanzen koͤnnte, in einem ſtattlichen Wagen, huͤbſch gekleidet, zum Ball fahren, oder mit dem ſchoͤnſten Maskenanzug mich durch die Menge bunter Geſtalten draͤngte, wenn ich an langen Winterabenden meinen Platz im Theater haͤtte. Das waͤre ein Leben! Aber dazu beduͤrfte es wohl einer reichen Erbſchaft, oder eines Lotterie⸗ looſes, das viel gewoͤnne. Nun alſo liebes Gluͤck, willſt du mir kuͤnftiges Jahr das geben? Da moͤchte wohl weit und breit Niemand ſo gluͤcklich ſeyn, als die froͤhliche Antonie. Das Blatt entſank meiner bebenden Hand, meine Augen verdunkelten ſich. O leichtſinniges unbeſtaͤndiges Menſchenherz, bedarf es mehr, um dich ungluͤcklich zu machen, als daß die Laune des Zufalls deine thoͤrichten Wuͤnſche erfuͤllt? An einem ſtuͤrmiſchen Herbſtabend ſaß ich mit Viktoiren allein in meinem Zimmer. Unſere Un⸗ terhaltung ſtockte, wie es oft der Fall war„ und waͤhrend ich aus einem Toilettenkaͤſtchen vor mir etwas Noͤthiges fuͤr meine Arbeit ſuchte, wuͤhlte Viktoire unter meinem Schmuck umher, jedes Stuͤck von Neuem muſternd. Sie ließ die Perlen langſam durch die Finger laufen, probirte die Ringe, und verdammte eben die unmodiſche Faſ⸗ ſung — 4 241 ſung an dem Bilde der Graͤfin Antonie, als et⸗ was Neues ihr in die Augen fiel, und in der Haſt, mit der ſie es ergreifen wollte, das Medail⸗ lon auf den Boden glitt. Das Glas war zerſprun⸗ gen, ich legte es ſorgſam bei Seite, und verbarg mit Muͤhe einen kleinen Unwillen. Das Bild meiner nie gekannten Mutter war mir ſo werth. Erſt als ich allein war, unterſuchte ich den Schaden genau. Das Gemaͤlde hatte nichts ge⸗ litten. Aber guter Gott! kein Zufall gab es in Biktoirend ſpielende Hand. Der Fall hatte eine verborgene Feder geoͤffnet, das Medaillon that ſich auf, ein maͤnnlich ſchoͤnes Geſicht, in dem ich da⸗ mals meinen Vater zu ſehen glaubte, laͤchelte mich wehmuͤthig an, und ein zuſammengelegtes Papierſtreiſchen fiel auf meinen Schooß. Eine zierliche Frauenhand hatte folgende Worte darauf geſchrieben: 3 Geſtern, den 2. Juni, ſtarb mein Pflegetöch⸗ terchen, Marie Antonie, zwei Jahr alt. Das blonde Loͤckchen, das ich beilege, iſt des Kindes Haar. Ich beweine es, als waͤre mein eignes Kind, auch eine Antonie, geſtorben. Arme unbe⸗ kannte Aeltern, wenn Sie dies Blaͤttchen ſehen, ſo nehmen Sie den Troſt daraus, daß Ihr Kind Q 242— muͤtterlich geliebt und gepflegt ward. Mein Bru⸗ der wird Ihren Aufenthalt wiſſen, wenn Sie noch leben, und dies Pfand in Ihre Haͤnde brin⸗ gen.—— Welch eine Entdeckung. Die lange Nacht reichte nicht hin, uͤber ſie nachzudenken. Kein Schlaf kam in meine Augen. War die Tante betrogen, oder hatte ſſie abſichtlich getaͤuſcht? Was wurde nun mein Loos. Der Traum der Hoheit und des Reichthums zerfloß in Nebel, aber Natur und Freiheit oͤffneten mir liebevoll die Arme. Eine Reihe ſeelenlos verſchwaͤrmter Tage war an mir hingezogen, wie Bilder in der magiſchen Laterne ſich draͤngend folgen, ohne einen Eindruck zu hin⸗ terlaſſen, der es werth geweſen waͤre, fuͤr die arme Zeit des Alters aufbewahrt zu werden, ohne ein Gefuͤhl, dem das Herz Veredlung, der Geiſt hoͤ⸗ here Bildung/ dankt. Ich kannte nun den Gehalt des einſt gewuͤnſchten Gluͤcks, und gab es faſt ohne Kampf hin. O dieſe ſtille Nacht ernſter Selbſt⸗ pruͤfung, heiligen Gebeten geweiht, ich kann ihre mannigfachen Empfindungen nicht ausſprechen. War ein Bittres darunter, floß noch eine Thraͤne den Flittern, die von mir abfielen, verzagte ich an mei⸗ nem kuͤnftigen Geſchick, ſo vergieb mir Gott. Deine Vaterhand war es ja, die mich fuͤhrte. 243 Am Morgen erfuhr die Graͤfin von mir, daß ich nicht ihre Enkelin war. Sie ſchien den Muth zu bewundern, mit dem ich ein Geheimniß be⸗ kannte, das außer mir Niemand ahnete. Iſt denn einfaches Rechtthun ſo ſelten, und wiegt Rang und Gluͤck Seelenruhe auf? Sie ſprach ſehr hart und bit⸗ ter von der verſtorbenen Tante, erlaubte mir aber in das einſame Waldſchloß zuruͤckzukehren, und beſchenkte mich mit allem, was ich ihrer verſchwenderiſchen Guͤte dankte. Ich nahm nur das an, was zu meiner nunmehrigen Lage paßte, den reichen koͤſt⸗ lichen Schmuck, der mir nur als Tochter des Hau⸗ ſes ward, gab ich zuruͤck. Eine kleine Penſion, die auch die Tante bezogen hatte, ſicherte mich vor Sorgen.— Der Abſchied ward mir nicht ſchwer. Ich ſchied hier nur von Sachen und Verhaͤltniſ⸗ ſen, die Menſchen hatten mir nie angehoͤrt. Ar⸗ thur war eine Stunde nach der Entdeckung ver⸗ reiſt, man ſagte mir: er wiſſe ſein Ungluͤck noch nicht. Ich dankte ihm ſeine Entfernung und ſchwieg. Nur Viktoire weinte eine Thraͤne an meinem Halſe, nach ihren Begriffen war ich jetzt namenlos ungluͤcklich. Meine Reiſe war weit, aber ohne alle Ereig⸗ niſſe. Als ich das Dorf in der Ferne erblickte, Q 2 lehnte ich mich weit aus dem Wagen, und begruͤßte jede bekannte Stelle. Jetzt erſchien das Pfarrhaus unter ſeinen Baͤumen. Es war neu aufgefuͤhrt, glaͤnzend weiß ſah es zwiſchen dem Gruͤn hervor. Blitzſchnell rollte der Wagen voruͤber. Da ſtand ich nun wieder auf der Schwelle, uͤber die ich ſo oft in ſorgloſer Freude huͤpfte. Ich trat in's Haus, und ließ mir von der Frau, die jetzt hier wohnte, mein ehemaliges Zimmer oͤffnen. Geruͤhrt, erſchuͤt⸗ tert, ſah ich mich unter den alten Umgebungen. Wie geht es im Pfarrhauſe? fragte ich die alte Frau. Der Paſtor iſt todt, ſagte ſie, und ſchon ein anderer an ſeiner Stelle.— Ich ſtand wie vernichtet.— Alle Freuden, auf die ich ge⸗ hofft hatte, waren nun dahin. Ich hieß die Alte gehen, und weinte recht herzlich um den Freund meiner Kindheit. Es war ſchon ganz dunkel, als Jemand an meine Thuͤr klopfte. Ich oͤffnete, da ſtand die Paſtorin in tiefer Trauer. Wir lagen einander ſprachlos in den Armen, unſere Thraͤnen vermiſch⸗ ten ſich. Ach und mitten in dieſem Schmerz war mir doch ſo wohl in den Armen der treuen Freun⸗ din. Ich erzaͤhlte ihr alles, ich konnte einmal mein volles Herz an einem andern Herzen erleich⸗ — —— 245 tern. Auch ſie hatte mir viel zu ſagen, und wie gern hoͤrte ich ihr zu. Lindau war an ſeines Freundes Sterbebette geweſen, er hatte die ſchweren Sorgen des Ster⸗ benden geſehen, und ihm das heilige Verſprechen gegeben, den Seinen Schuͤtzer und Verſorger zu ſeyn. Nach dem Tode des Paſtors bewarb er ſich ſogleich um die Stelle. Er kannte keine naͤhere Ausſicht, die Wittwe und ſechs Kinder zu erhal⸗ ten, als dieſe. Ihnen opferte er mit edler Unei⸗ gennuͤtzigkeit eine Laufbahn, die ſeinem Geiſt und ſeiner Gelehrſamkeit mehr zuſagte, und ſchloß ſich auf immer in dies? Walddorf ein, um eine ſelbſt uͤbernommene Pflicht zu erfuͤllen. Er hatte der Paſtorin erklaͤrt, daß er nie heirathen wuͤrde, und ihre Kinder als ſeine Geſchwiſter, ſie als Mutter lieben wolle. Seit einigen Wochen hatte er das Amt angetreten. Sie ſprach von ihm, wie man von Weſen hoͤherer Art ſpricht, und jedes ihrer Worte klang ſuͤß und ſchmerzlich in meiner Seele nach. Ich ſah ihn wieder! ſah ihn unter den Seinen und an heiliger Staͤtte. Der Winter kam, der letzte Tag im Jahre fand uns beiſammen, aber keins erwaͤhnte jener Schrift. Der Winter ſchwand, 246 BV und jeder Tag naͤhrte meine ſtille innige Liebe. Ja ich liebte ihn, und ſein treues Auge hatte mir laͤngſt geſagt, daß mir ſein Herz gehoͤrte. Unter dem Sternenhimmel, nur in der Gegenwart des Allguͤtigen, wechſelten wir unſer Geluͤbde. Haſt du Muth, ſagte er, das Leben der Entſagung mit mir zu theilen, das meine Pflicht heiſcht? Kannſt du genuͤgſam mit Wenigen dein Gluͤck in der Liebe und Treue des Mannes finden, der dich unwan⸗ delbar geliebt hat⸗ 3 Ich kenne kein Anderes! antwortete ich kaum vernehmlich, meine ſtroͤmenden Augen ſuchten die glaͤnzenden Boten einer ewigen iebe, um ſie zu Zeugen des heiligſten Schwurs zu nehmen. Unvergeßlicher Fruͤhlingsabend, nie werde ich deiner gedenken, ohne Gott geruͤhrt fuͤr ſo viel Gluͤck zu danken. Jahre werden vergehen, dieſe eerſten Wonnegefuͤhle, mit denen mich jetzt alles erfuͤlt, werden nach und nach einem ruhigern Herzensſchlag weichen, aber immer wird uns die Harmonie unſerer Seelen begluͤcken, die allein der innigſten Verbindung Segen iſt. In Leid und Freude, in Krankheit und Gefahr wird ſie uns troͤſten, und noch unſer ſpaͤtes Alter mit der Er⸗ innerung einer ſchoͤnen Vergangenheit ſchmuͤcken.— 4 p — 247 — Kurz vor meiner Hochzeit ſtarb die alte Graͤfin, und Arthurs Vater war ihr Erbe. Er ſchrieb mir ſehr hoͤflich, zeigte mir die Verbindung ſeines Sohnes mit Vikroiren an, und aͤußerte mit vielen Umſchweifen, daß es ihm leid thue, mir die Wohnung im Schloſſe nicht laͤnger vergoͤnnen zu koͤnnen, weil er den entlegenen Beſitz zu ver⸗ kaufen denke. Zugleich bat er mich, in einigen alten Wandſchraͤnken nach Familienpapieren zu ſu⸗ chen, die man dort vermuthe, und die dem kuͤnf⸗ tigen Beſitzer ganz werthlos ſcheinen wuͤrden. Ich las den Brief mit Lindau, wir freuten uns herz⸗ lich uͤber Biktoirens und Arthurs Gluͤck, und be⸗ gannen gemeinſam, in traulichem Koſen, die Durch⸗ ſuchung der Schraͤnke, die uͤberall an den alten Waͤnden hinliefen. Es fand ſich nichts. In dem Kabinet an des Onkels Wohnſtube, ſagte ich, ſah ich als Kind zuweilen ein Schraͤnk⸗ chen in der Wand oͤffnen, dies iſt noch uͤbrig. Lindau ſchuͤttelte den Kopf; das Kabinet, er⸗ wiederte er, ſey ihm ſeit dem Tode der Tante ſehr gegenwaͤrtig, dort ſey kein Schrank. 3 Wir betraten die finſtre gewoͤlbte Stube ſchwei⸗ gend, in truͤben Gedanken an jenen traurigen Vor⸗ 24 8— fall. Das Kabinet war noch duͤſterer. Ich tappte 3 an den Waͤnden hin, wo mir meine Erinnerung den Onkel vor dem geoͤffneten Schrank zeigte. Hier, ſagte ich, iſt bloß Tapete, keine Mauer. Lindau trat herzu, der Riegel fand ſich, die Thuͤr ſprang auf. Nur die Dunkelheit, kein Ge⸗ heimniß hatte ſie bewahrtg keine Papiere, aber ein ziemlich ſchwerer Leinenbeutel. Erſtaunt ſahen wir uns an. Wir traten hinaus an das umgitterte Fenſter, ein Blatt auf dem Beutel enthielt die Worte von der zitternden Hand der Tante: Zehntauſend Thaler im Golde, mein Erſparniß ſeit langer Zeit, und das anſehnliche Geſchenk der Graͤfin. Da Anronie anderweitig verſorgt iſt, ſo ſoll die Hauptkirche in St.., meiner Vaterſtadt, das Geld haben, und dafuͤr alljaͤhrlich an meinem Todestage eine Predigt gehalten werden, worin geſagt wird, daß ich mein Vermoͤgen dem Gottes⸗ hauſe geſchenkt habe. Und das ſoll ſeyn bis auf ewige Zeiten. 1 Sollte jedoch durch einen Zufall, deſſen Moͤg⸗ lichkeit mir allein bewußt iſt, Antonie aus ihrem glänzenden Stande in die Dunkelheit zuruͤckkeh⸗ ren, ſo iſt das Geld ihr Eigenthum. Deswegen — 249 mag die anderweitige Anwendung ſechs Jahre an⸗ ſtehen es ſey denn, daß Antonie fruͤher Erbin der graͤflichen Guͤter werde, wo die 10,000 Tha⸗ ler ſogleich an die Kirche abgeliefert werden ſollen. Vor meinem Tode will ich dem Herrn Paſtor alles entdecken, und ernenne ihn zum Vollſtrecker dieſes meines letzten Willens.— — Liebling des Gluͤcks, ſagte Lindau, und ſchloß mich in ſeine Arme, zum zweiten Male bie⸗ tet es dir ſeine Gaben. Aber dieſesmal macht es uns reich und gluͤcklich, ohne uns aus unſerm Kreiſe zu heben, oder durch Ueberfluß unſere Freude zu toͤdten. Wohl uns, alle Sorgen fuͤr die Zu⸗ kunft ſind nun geſtillt, und ſtatt der preiſenden Predigt ſollen unſere Waiſen den Namen deiner Tante nennen, und Thraͤnen des Danks auf ihr Grab ſtreuen. 8 —— m Aus einer alten Handſchrift. 253 So haben denn wirklich meine alten Augen das theure Kind noch einmal geſehen, das mir ſo lieb war, als das meine! Der angeſehene Staatsmann hat es nicht verſchmaͤht, in die kleine Wohnung ſeiner erſten Pflegerin einzukehren, wie ein Bru⸗ der hat er meinen Sohn umarmt, meine Enkel gekuͤßt. O welch ein freudiger Tag war das! Noch lange uͤber meinem Grabe werden die Mei⸗ nen den 2. Februar 1740 feiern! Ja es wird mir leicht werden, ſeine Forderun⸗ gen zu erfuͤllen, und die Geſchichte jener fruͤhen Tage meinem ſchreibfertigen Enkel in die Feder zu ſagen. Seit ich ihn wiederſah, draͤngt ſich Bild an Bild von laͤngſtvergeßnen Begebenheiten; ich traͤume in meinem Lehnſtuhl die alten Zeiten aber ſiehe! es erſcheint ein Freund des Bildes, 254.— wieder, aus einem neblichen Dunkel ſteigt die ent⸗ ſchwundene Jugend in ihrer Schoͤne noch einmal auf. Welche ſeltſame Kraft des Menſchengeiſtes. Duͤſter und farbenlos, wie ein altes vernachlaͤſſig⸗ tes Gemaͤlde, lag Alles in meiner Seele begraben, er zieht es hervor, er verſteht es, mit kunſtreicher Hand die Huͤlle zu entfernen, die lange Jahre uͤber ſeine Farbenpracht gewoben hatten, und glaͤn⸗ zend, wie vormals, ſteht es da, die feinſten Schat⸗ tirungen treten an's Licht, die einzelnen Geſtalten beleben ſich, und es iſt der Vergeſſenheit entriſſen. Auf der Stelle, wo jetzt mein Sorgenſtuhl ſteht, ward ich geboren. Zwar ſtand damals ein anderes Haus hier, klein und niedrig, von gerin⸗ gem Werthe, und noch obenein in ſchlechtem Zu⸗ ſtande. Meine Mutter bewohnte das Erdgeſchosß um niedrigen Zins, wie ſie oft ruͤhmte, und gern dafuͤr die Duͤſterheit der engen Stube ertrug, wenn gleich das Tageslicht der fleißigen Naͤherin koſtbar wie Gold war. Wir lebten ſparſam, aber nicht kuͤmmerlich. Brot gab es immer genug, auch wohl Obſt und Gemuͤſe, und meinem jugendlichen Ap⸗ betit genuͤgte dieſe Koſt. Sorgen hatte ich nicht, Gott und die Mutter walteten uͤber mir; mit — . — 255 demſelben Vertrauen, wie ich Abends betete, be⸗ fahl ich auch meine irdiſchen Beduͤrfniſſe der treuen Pflegerin meines Lebens, und that gern, was ſie mir als den Willen des himmliſchen Vaters be⸗ zeichnete. Ich lernte fruͤh meine kleinen Finger zu allerhand kuͤnſtlicher Arbeit brauchen, weil ich die Mutter vom erſten Morgenſchimmer fleißig ſah, ich kleidete mich reinlich, ſittſam und beſcheiden, wie ſie, neidete Gluͤckliche nicht, und gab das Scherflein unſerer Armuth dem Flehenden gern mit freundlichem Worte. War unſere Arbeit fer⸗ tig, ſo trug ich ſie zu den Reichen, fuͤr die ſie beſtimmt war, und kanfte dagegen unſere Lebens⸗ mittel nach genauer Vorſchrift ein; aber ſchnell, mit niedergeſchlagenen Augen wandelte ich durch die Straßen, ſo daß ich ſchier fremd blieb in der weiten Stadt. Nur Sonntags ging ich an der Hand der Mutter zum nahen Thor hinaus, pfluͤckte im Fruͤhlinge Veilchen an den Waͤllen, und im „Sommer Kornblumen im hohen Getreide, wobei ſie mir freundlich laͤchelnd zuſchaute. So war ich zehn Jahr alt geworden, groͤßer und ſchlanker als meine Geſpielinnen, auch wohl ernſter wie ſie, doch ganz unerfahren mit den Ge⸗ ſchaͤften und Beduͤrfniſſen des Lebens außer mei⸗ 256— 3 nem beſchraͤnkten Kreiſe. Da befiel eine ſchwere Krankheit die Mutter, ſie ſprach vom Tode, und mit bittern Thraͤnen von meiner Zukunft. Wir haben keinen Freund! ſeufzte ſie, der dein Weni⸗ ges verwalten moͤchte, und dich den rechten Ge⸗ brauch lehrte. Moͤchte mir doch ein Fingerzeig werden, an wen ich in dieſer letzten Noth mich wende. Eines Abends in der Daͤmmerung ſaß ich an ihrem Bette, ihre Hand in der meinen haltend, und ſang leiſe ein geiſtliches Lied, das ſie von mir begehrt hatte. Da klopfte es draußen an die Haus⸗ thuͤr, ein ſeltner Schall in unſerm verlaſſenen Hauſe. Ich ging zu oͤffnen, aber wer beſchreibt mein Erſtaunen uͤber den Anblick, der mir in die⸗ ſem Augenblick ward. Nicht die beiden unbekann; ten Wanderer, die nach meiner Mutter fragten,* erregten meine Verwunderung, nein, ich beobach tete dieſe ſonſt ſo wichtige Erſcheinung fuͤr ein Kind meiner Art kaum. Am Himmel ſtand ein Stern, ein leuchtendes Wunderbild, rothgluͤhend mit langem feurigen Schweif, der ſich weit uͤber die Straße hindehnte. Was iſt das? rief ich er⸗ ſchrocken aus, und trat weiter mnaus⸗ das Nies geſehene anzuſtaunen. ae — 257 Habt ihr den Kometen noch nicht geſehn? fragte jetzt eine fremde Stimme, und neben mir ſtand ein Knabe, wenig groͤßer als ich. Ein boͤſer Stern, der Ungluͤck bringt, Peſt, Hungersnoth G und Krieg! Schon viele Tage laͤßt er ſich ſehen; wohnt ihr in der Erde, daß ihr ihn heute zu⸗ ſeerſt erblickt? Scheu und bloͤde ſah ich den Knaben an. Der helle Schimmer des grauenhaften Geſtirns fiel auf ſein Geſicht und beleuchtete es nicht vortheil⸗ haft. Schwarze funkelnde Augen ruheten, wie hoͤhnend uͤber meine Unwiſſenheit, auf mir, dicke buſchige Haare lagen uͤber der Stirn, ein Aus⸗ druck von Trotz und Wildheit ſcheuchte mich von dieſer Geſtalt zuruͤck. 1 Bringe uns zu deiner Mutter, ſagte der zweite Wanderer, ein langer dichtverhuͤllter Mann. Ich warf noch einen Blick auf die erhabene Himmels⸗ erſcheinung, und gehorchte ſchweigend. 4 —— Hochbejahrte Leute werden ſich, wie ich, des Kometen erinnern, der 1680 wie ein flammendes Schwert uͤber uns hinzog. Nach dieſem erſten 3 I Male habe ich ihn noch oft mit weinenden Augen 4 angeſchaut, und wenn Abends große Wallfahrten R 5* 258— in's Freie von allerlei Menſchen gemacht wurden, ihn zu betrachten, wenn die Befuͤrchtungen der Voruͤbergehenden zu mir in das einſame Kaͤmmer⸗ chen toͤnten, hat es mich immer beduͤnken wollen, als habe er Niemanden mehr Wehe gebracht, als mir. Sein Schimmer leuchtete falſchen Freunden in die Huͤtte der Armuth, und warnend ſtand er uͤber dem Haupte des Knaben„ der meinem ſtillen Leben ſo bedeutend werden ſollte. X Als wir in die Stube traten, näͤherte ſich der fremde Mann dem Bette und gab ſich mit wenig Worten als einen Vetter zu erkennen, den die Mutter ſichtbar erfreut willkommen hieß. Mir ſiel ein Stein vom Herzen. Meine einſame Er⸗ ziehung hatte mich furchtſam gemacht, der An⸗ blick des Himmels meine Phantaſie wunderbar er⸗ regt; ich zitterte, den verhuͤllten Mann zu der Mutter zu fuͤhren, mir war, als muͤſſe er ihr ein Leid thun. Beruhigt ging ich, um Licht zu holen, und begruͤßte den Vetter mit leichter Bruſt. Ein kleines Abendeſſen ward ſchnell herbeigeſchafft, auch einige Betten in einem Kaͤmmerchen auf die Erde gebreitet, um die Weitgereiſten zu beherbergen. Ulrich, des Vetters Sohn, aß ſchweigend was ich ihm bot, ohne ein anderes Zeichen des Dankes, ————ͤ— — 259 als ſeinen guten Appetit, ſagte dann kurz und trocken: gute Nacht, und ſchlich in die Kammer. Ich aber entſchlief auf dem Fußſchemel zu den Fuͤßen des Bettes, und ward erſt um Mitternacht geweckt, als das lange Geſpraͤch des Vetters mit der Mutter zu Ende war. unſere Gaͤſte blieben, wahrſcheinlich zu Folge jener naͤchtlichen Berathung, bei uns, richteten ſich haͤuslich ein, ſo gut es gehen wollte, und lebten Jeder auf ſeine Weiſe. Der Aeltere ſtand mir in der Pflege der Mutter bei, unterhielt die Kranke mit mancherlei ſchoͤnen Erzaͤhlungen aus fremden Laͤndern, troͤſtete ſie mit Geneſungshoff⸗ nungen, und verließ uns keinen Augenblick. Ul⸗ rich hingegen ſchwaͤrmte raſtlos in der Stadt um⸗ her, wo er bald Bekanntſchaften machte, fehlte oft ſelbſt bei der Mittags⸗ oder Abendmahlzeit, oder wenn er erſchien, war es nur, um dieſe eilig zu ſich zu nehmen. Die ſtillen Waͤnde unſeres Zimmers ſchienen den wilden Buben zu druͤcken, und der Ernſt und das Krankenbett war ihm offen bar zuwider. Fragte der Vater ihn, wo er ſich herumztreibe, ſo hatte er große Eisfahrten auf dem Fluſſe gemacht, oder mit einem Beſellen, der ſich unvermuthet zu ihm fand, die wilden Pferde eines R 2 t 260— 4 Dritten herumgetummelt, auch wohl durch kuͤnſt. lich aufgeſtellte Schreckbilder von Schnee die Dir⸗ nen erſchreckt, die in der Daämmerung zum Brun⸗ nen kamen, um Waſſer zu holen. Mein ſtiller Sinn, jetzt noch durch Kummer und Angſt getruͤbt, zog mich immer mehr von dem Verwandten zux, ruͤck, je oͤfter er aͤhnliche Dinge mit haͤmiſcher Schadenfreude erzaͤhlte, ich freute mich, wenn ſein Platz am Tiſche leer blieb, und ſah nichts lieber, als wenn er die Muͤtze ergriff und nach einem trotzigen Kopfnicken durch die niedrige Thuͤr verſchwand, die er hallend hinter ſich zuwarf. Ach! mir nahete nun die traurige Zeit, die mir Alles rauben ſollte. Meine Mutter wurde merk⸗ lich ſchwaͤcher, und waͤhrend meine Seele noch voll Lebenshoffnung war, war ihr letzter Seufzer ſchon der Erde entflohn. In ſpaͤtern Jahren ſehen wir die drohenden Wolken ahnend uͤber unſerm Haupte ſchweben, aber in der Kinderzeit goldener Be⸗ ſchraͤnkung trifft uns der Blitzſtrahl unvorbereitet; wir kennen den Tod noch nicht, und hoͤren inlh nennen, ohne Glauben an eine ſo ſchreckliche tren⸗ nende Gewalt. Jetzt hatte er das einzige Band zerriſſen, das mein armes Herz umſchlang. Die Mutter, die liebende Vertraute, die einzige Freun- — 261 din, lag kalt und gefuͤhllos vor mir! Dieſe theure Hand, die ſonſt jede meiner Thraͤnen trocknete, regte ſich nicht unter den heiß brennenden Tropfen, ihre lieben Augen waren geſchloſſen, und warfen keinen Blick der Zaͤrtlichkeit mehr auf ihr troſt⸗ loſes Kind! Ich war allein, zum erſten Male allein unter Fremden, ein zartes Blatt, von ſei⸗ nem Stamme losgeriſſen, und weit in eine oͤde Flaͤche fortgeſtuͤrmt! Mir vergingen die Gedanken, man hob mich auf und brachte mich weg, in die Kammer meiner Verwandten. Ich lag eine lange duͤſtere Nacht in ſchrecklichen Fiebertraͤumen, und erwachte nur zu neuen Thraͤnen. Mehrere Stimmen und ein ungewohntes Laͤrmen in der Stube, belehrten mich, daß ich mein Ungluͤck nicht bloß getraͤumt hatte; ich wollte mich aufraffen und konnte nicht, ich fuͤhlte mich krank und hoffte der Mutter in's Grah zu folgen. 1 Es ward nach und nach beſſer mit mir, oögleich ſelten eine huͤlfreiche Hand mich erquickte, und bald konnte ich aus dem Kaͤmmerlein wieder her⸗ vorgehn in die veroͤdete Wohnſtube. Anſtaͤndige Trauerkleider wurden mir gereicht, der Vetter be⸗ fahl mir, ſie anzulegen und wohl zu ſchonen, weil 262— ihr Ankauf, nebſt dem Begraͤbniß meiner Mutter unſer weniges baares Geld verzehrt haͤtte, und mir nichts, als die geringen Geraͤthſchaften unſe⸗ rer kleinen Wirthſchaft bliebe. Er verhieß mir, mich nicht zu verlaſſen, und ruͤhmte ſich, die letz⸗ ten Tage der Mutter durch dies Verſprechen er⸗ leichtert zu haben. Auch beſann ich mich wohl, wie ſie noch ſterbend meine Hand in die Seine preßte, und mit bebenden Lippen dazu ſprach, was wir nicht mehr verſtanden. Ich nahm nun den ehemaligen Platz am klei⸗ nen Fenſter wieder ein, und arbeitete wie vormals, ach! nicht mehr in Geſellſchaft, und unter der Leitung der geliebten Mutter. Daneben ward mir faſt die ganze Beſorgung des Haushalts aufgetra⸗ gen, nur die ſchwerſten Geſchaͤfte nahm mir eine alte Frau aus der Nachbarſchaft ab, die der Vetter dazu gedungen hatte. Manchen Fehler, den mein zartes Alter vielleicht entſchuldigte, aber hier keine Liebe bedeckte, mußte ich hart genug buͤßen, und das Wenige, was mir von der Mahlzeit zukam, vermiſchte ſich oft mit verſtohlnen Thraͤnen. Die harten Vorwuͤrfe, daß ich unnuͤtz und unbrauchbar Brot und Schutz empfange, zerriſſen mein weiches, der Liebe gewohntes Herz. Zitternd reichte ich die ———— 263 wenigen Groſchen, die meine Arbeit eintrug, dem Better hin, mit dem ſtolzen Bewußtſeyn, doch et⸗ was erworben zu haben, aber bald ſollte mir auch dies entriſſen werden. Herr Vollbrecht, ſo hieß mein Vetter, war ein Schreiner, er erkaufte das Haus, das wir bewohnten und das Buͤrgerrecht in meiner Vaterſtadt, nahm Geſellen an, und ſing tüͤchtig an zu arbeiten. Dadurch wurden meiner Geſchaͤfte mehr, es gab hier und da Arbeit fuͤr den Vetter und Ulrich, meine alten Bekannten mußten vernachlaͤſſigt werden und vergaßen mich. Die kleinen Geſchicklichkeiten, die ſonſt meine Freude waren, halfen mir nun nichts mehr, ich war nicht mehr reinlich und zierlich gekleidet, wie vormals, und der hoͤhnende Ulrich nannte mich mit lautem Gelaͤchter eine ruſige Hexe, wenn ich, von den ungewohnten Geſchaͤften beſchmutzt, an ihm voruͤber ging.— Bin ich denn wirklich ſo haͤßlich geworden? fragte ich mich einſt weinend, und trat vor den eleinen Spiegel, der ſo oft der lieben Mutter trau⸗ tes Bild zuruͤckgab. Ja! faſt kannte ich mich ſelbſt nicht mehr. Meine langen ſchwarzen Haare, die ſonſt immer ein huͤbſches Haͤubchen barg, hingen jetzt frei um ein bleiches Geſicht, von dem jede 264— Spur jugendlicher Bluͤte und kindlichen Frohſinns gewichen war. Mein Wuchs war zum Erſtaunen ſchnell vorgeeilt, und hatte, mit den anſtrengen⸗ den Arbeiten verbunden, meine Kraͤfte erſchepft. Wie ein fremdes Weſen, das ich bemitleiden mußte, ſah ich mich an, und entſetzte mich uͤber die Harte, mit welcher man dieſer ſchwachen Geſtalt ſchwere Laſten zu tragen gab, die ſie zu Boden druͤcken mußten. 1 Ich werde ſterben! ſagte ich zu mir ſelbſt, und wohl mir, wenn es bald, recht bald geſchieht. Dann werde ich wieder an der Mutterbruſt ruhen, und ihr Alles klagen koͤnnen, was in der weiten Welt Niemanden kuͤmmert. O du Vater der Wai⸗ V ſen, den ſie mich kennen lehrte, bringe mich zu ihr in deinen friedlichen Himmel! Noch waren nicht zwei Jahr ſeit dem Tode der Mutter vergangen, und ſchon hatte ſich ſelbſt der Schauplatz unſeres gluͤcklichen Lebens verwan⸗ delt. Der Vetter riß das alte baufaͤllige Haus nieder, ſchnell ſtieg ein feſteres hoͤheres Gebaͤude auf, mit mancher Bequemlichkeit, die dem fruͤheren mangelte, und von vornehmen ſtattlichen Anſehen. Wenigſtens ſchien es meinen beſcheidenen Begriffen ſo, und ich ſtaunte uͤber des Meiſters Reichthum. — 265 Er aber ſeufzte, daß er ſo ſchlecht bauen muͤſſe, und ſich noch ohnedem in Schulden geſtuͤrzt habe. Er war finſter und muͤrriſch, das fertige Haus freute ihn nicht, raſtlos trieb es ihn zu neuen Entwuͤrfen; er ſorgte mit zitterndem Geiz fuͤr den Unterhalt kommender Jahre, alles, was ihn um⸗ gab, litt unter dem Einfluſſe ſeiner peinlichen Un⸗ ruhe. Nur Ulrich blieb von der ſchwuͤlen Gewit⸗ terluft, die uns andere druͤckte, unangefochten. Wenn ich vor den finſtern Blicken des Vetters kaum zu athmen wagte, und in der Werkſtatt die fleißi⸗ gen Geſellen dem Meiſter nichts recht machen konn⸗ ten, ſchallte ſein wilder Kriegsgeſang luſtig durch das ganze Haus, ſaß er pfeifend im Zimmer ein altes roſtiges Gewehr zu putzen, oder Scheiben zum Ziel des Schuſſes zu zimmern, waͤhrend man ihn in der Werkſtatt vergebens bei der Arbeit er⸗ wartete. Es iſt doch einmal alles umſonſt, rief er lachend dem zuͤrnenden Vater entgegen, ein Tiſchler werde ich nicht, gebt euch keine Muͤh! Nich lockt die weite Ferne, die Trommel und der Schlachtgeſang. Jeder nach ſeiner Weiſe. Ihr wißt, wie ihr euer Gluͤck gemacht habt, laßt mich nun auch das meine ſuchen. Habt ihr doch den langen Eckard, der taugt fuͤr den Hobel und das Winkelmaß, und ſchnitzt, das es eine Luſt iſt, ſieht 266— auch aus wie ein Jungfraͤulein, fein ſtill und ehrſam. 88 Schmaͤhe den Eckard nicht, ungerathner Bube, antwortetete der Vetter, wollte Gott, du haͤtteſt ſein ſtilles Gemuͤth. Er iſt drum nicht feig, weil er Arbeit und häͤusliche Stille liebt. Es ſind nur erſt Monate ſeit er bei mir iſt, aber unter ſeiner Hand gedeihet alles, und die vornehmſten Kunden ſprechen bei mir ein, um des kunſtreichen Geſellen willen. Der wird uͤberall Brot finden, Brot und Reichthum, deinetwegen aber koͤnnte der alte Va⸗ ter wohl an den Bettelſtab kommen. Ohol lachte Ulrich hoͤhnend, duͤnkt mich doch, ihr helft euch ſchon ſelbſt, wenn es Noth hat. Wer das ſchoͤne Haus hier ſieht, und die raſche Nahrung, denkt wohl nicht an den Bettel⸗ ſtab. Fuͤr mich will ich auch ſorgen, kuͤmmert euch nicht.— 4 1 Hinaus in die Fern' in die Weite! Dem Reiter thut's Scheiden nicht weh, Stirbt er morgen, lebt er doch heute Ale!l ſchoͤnes Maͤdel ade!— So ſingend ſtrich er an mir voruͤber, ſchlug mich unfanft auf die Achſel, Stubenthuͤr und — 267 Hausthuͤr flogen hinter ihm zu. Vollbrecht ſetzte ſich ſeufzend in ſeinen Lehnſtuhl, und verſank in truͤbes Sinnen. Mich ergriff die Erinnerung an das friedliche Himmelsleben, das ich einſt hier mit der Entſchlafenen gefuͤhrt hatte, meine ſtroͤmenden Augen ſuchten vergebens, in der veraͤnderten Um⸗ gebung, nach der Staͤtte, wo ſie liebend waltete. Ehedem war alles finſter und enge, jetzt erleuchte⸗ ten hohe Fenſter eine geraͤumige Unterſtube mit buntbemalten Waͤnden, aber die Geiſter der Liebe und Genuͤgſamkeit waren mit den engen Mauern zugleich verſchwunden, und Mißtrauen, Zwietracht und banger Geiz hatten ihre Stelle eingenommen. Der dreizehnte Fruͤhling ging jetzt mit allem Reiz ſeiner Bluͤten und Duͤfte uͤber meiner mehr und mehr vergehenden Schattengeſtalt auf. Ich fuͤhlte mich ſchwach, eine leiſe Todesahnung preßte mir zuweilen Thraͤnen aus, die halb ſuͤß, halb ſchmerzlich waren, doch kannte ich die nahe Ge⸗ fahr nicht, bis ich eines Morgens, da der ſchwere Korb mit unſern haͤuslichen Beduͤrfniſſen mich ſchon beim Einkauf faſt niederdruͤckte— an der Thuͤrſchwelle ohnmaͤchtig niederſank. Eine mitlei⸗ dige Hand faßte und erquickte mich, es war der Geſell Eckard, von dem Ulrich juͤngſt ſprach; ich 268— doͤrte ihn nach Huͤlfe rufen und den Vetter ernſt bedeuten, daß etwas fuͤr mich geſchehen muͤſſe. Das arme ſchwache Kind iſt dem Tode nahe, Mei⸗ ſter— ſagte er— gebt ihr das ruhige Stuͤbchen oben im Dache, daß ſie mindeſtens in Frieden ſterben kann, wenn ihr Gott nicht zum Leben hilft. 5 Der Vetter willigte murrend ein, und die alte Nachbarin fuͤhrte mich mit Eckard die Treppe hin⸗ auf. Ein Gefuͤhl ſeliger Stille durchdrang mich, als ich hier einſam im reinlichen Bett, todesmatt, aber frei von jeder Lebensſorge, ruhte, Die ſaufte Stimme des Juͤnglings toͤnte noch immer in meine Ohren, ſein mitleidiger treuer Blick bewegte mein Herz in der innerſten Tiefe. Ach es war lange, daß kein freundliches Auge auf mir geruht hatte. Ein traumäͤhnlicher Nebel umzog meine Sinne, um mich ſchien es zu fluͤſtern: Gottlob das arme ſchwache Kind iſt dem Tode nahe!— und unter dem Gefuuͤſter enrſchlief ich. 1 Eine lange Zeit der Krankheit folgte dieſem 1 Morgen, aber ich ſollte leben, leben um beſſere Tage zu ſehen. Es erſchien ein Arzt an meinem Bette, der mit aufmerkſamer Sorgfalt nach mei⸗ nem Uebel forſchte, ich erhielt gute ſtaͤrkende Nah⸗ 1 f — 269 ung, kraͤftige Arzeneien und eine liebreiche Waͤr⸗ terin, die nur ſelten von mir wich. 4 ich das Bett verlaſſen durfte und nach Arbeit verlangte, brachte ſie mir eine feine Naͤtherei, die von an⸗ 1 de n Geſchaͤften verdraͤngt, lange geruht hatte, un d ein zierliches Spinnrad, das noch den Faden ans gluͤcklicher Zeit trug. Ganz gluͤcklich ſaß ich nun am ſonnigen Fenſter, belegte den Wocken, und pruͤfte die Kraft meinen Haͤnde. Ich ſehnte mich, naͤchſt Gott, auch einem Menſchen zu dan⸗ ken, und fragte: ob ich denn den Vetter nicht ein⸗ mal ſehen werde, der ſo viel an mir gethan habe. Das Maͤdchen erzaͤhlte mir darauf, wie er jetzt viel Herzeleid um den Sohn gehabt, der, ſtatt des Vaters naͤhrendes Gewerbe zu ergreifen, mit ei⸗ nem wuͤſten jungen Herrn als Diener in die Welt gegangen ſey, wo er, ein achtzehnjaͤhriger Juͤng⸗ ling, leicht an Leib und Seele verderben koͤnne. Geduldet euch noch ein Kleines, ſetzte ſie hinzu, der Herr Doktor wird euch naͤchſtens eurer Haft entlaſſen, dann koͤnnt ihr ja bei dem Vetter ein⸗ ſprechen und ihm danken. Zu euch zu kommen, war er nicht zu bewegen, ihm graut, denk ich, woor Krankenbetten und vor dem Anblick des To⸗ des.— 270— Der Sommer war waͤhrend meiner Krankheit voräbergegangen, ſeine Bluͤthen und Roſen hatte . ich nicht geſehen, jetzt waren die Schnitter ſchon bemuͤht, den letzten Segen von den Feldern ein⸗ zuſammeln, es ward ſtiller in der Natur, 4 Laub fing an ſich zu faͤrben, und die Blun 2 pracht verſchwand von den Beeten. Nun durfte lich wieder hinaustreten in Gottes freie Luft, und die heitre Herbſtſonne mit neuer Hoffnung begruͤ⸗ ßen, nun konnte ich dankbar freudig in ſeinem Tempel ihn preiſen, daß ſie nicht auf mein Grab ſchien. Mit klopfendem Herzen wankte lich die Treppe hinab, und oͤffnete ſchuͤchtern die Wohn⸗ ſtube. Herr Vollbrecht ſaß im Lehnſtuhl, vor ihm ſtand Eckard, beider Augen richteten ſich auf mich, doch die des Vetters nur mit finſtrer Ueberra⸗ ſchung, waͤhrend des jungen Mannes Blick Gut⸗ muͤthigkeit und herzliches Mitleid ausſprach, und meine Thraͤnen hervorlockte. Ich war ſo bewegt, ſo ſelig, daß des Vetters kaltes Geſicht und die Gegenwart des Fremden mich nicht ſchreckten, ich eilte auf Vollbrecht zu, ergriff ſeine Haͤnde, und ſtammelte einen Dank, der warm aus meiner ge⸗ ruͤhrten Seele floß. . Mir haſt du gar nichts zu danken, ſagte er, — 271 indem er ſeine Haͤnde haſtig aus den meinigen zog, mir danke ja nicht. Man ſagt mir, du koͤnn⸗ teſt die haͤusliche Arbeit nicht ertragen, muͤßteſt wenigſtens einige Jahre Ruhe haben; ich bin lei⸗ der nicht ſo reich, dich auf dieſem Fuße zu erhalten. Deine Mutter moͤchte es wohl eben ſo wenig ge⸗ konnt haben, aber es hat ſich ein anderer Ausweg gefunden. Die Wittwe Gaͤrtner, deine Pathin, hat die Koſten deiner Krankheit getragen, hat den Arzt bezahlt und das Maͤdchen; dies Maͤdchen wird fuͤr ihre Rechunng kuͤnftig die ſchwere Ar⸗ beit verrichten, du ſollſt nur naͤhen, ſpinnen, Mor⸗ gen⸗ und Abendſegen leſen, ſpazieren gehen, oder, wenn es dir gefaͤllt, irgendwo mit helfen. Ich habe gar nichts dabei gethan, obſchon ich dich auch nicht verlaſſen haben wuͤrde, und es allezeit ſehr gut mit dir im Sinne hatte. Die Wittwe Gaͤrtner? rief ich aus und erhob die Haͤnde. Lieber Gott, die haſt du doch wohl ſelbſt erweckt. Haͤtt' ich doch nimmer gemeint, daß ſie noch um mich ſorgte und von meinem Ergehn etwas wuͤßte. Darum frage den, ſagte der Vetter, auf Eckard zeigend, er kann das Naͤthſel loͤſen. Da⸗ mit ſtand er auf und verließ die Stube; ich aber f . 8 272— richtete meine Augen verlegen auf den jungen Mann, der nicht weniger beſtuͤrzt mir gegenuͤber ſtand— ihn zu fragen haͤtte ich um die Welt nicht den Muth gehabt. Ja es iſt wahr, Jungfer Aennchen, begann er endlich, daß ich euch Beſcheid uͤber das geben kann, was ihr zu wiſſen wuͤnſcht, denn der Himmel hat mich ſelbſt, ohne alles Verdienſt, zum Werkzeug einer guten Sache gemacht. Wie ihr im Fruͤhlinge dort an der Thuͤr auf einmal ſo krank wurdet, 1 that mir euer Zuſtand herzlich weh, zumal da ich erſt vor Kurzem eine juͤngere Schweſter verloren— juſt ſo alt wie ihr, und euch ſchier aͤhnlich, als ihr ſo da lagt mit den blaſſen Wangen. Ich arbei⸗ tete aber gerade ſelbigen Tag bei der Wittwe Gaͤrt⸗ ner, und weil ſie mich oftmals nach euch gefragt hatte, kam es mir in den Sinn, ihr euer Schick⸗ ſal an's Herz zu legen, daß ſie nach euch ſaͤhe, wie es einer chriſtlichen Pathin geziemt. Seht, das iſt Alles, was ich davon ſagen kann. Die Wittwe kam dann her, ſprach mit dem Meiſter, richtete alles ein, wie es nun Gottlob iſt, und ſandte auch den Arzt, der euch jetzt geneſen nennt. Ach Eckard, erwiederte ich unter Thraͤnen und reichte ihm die Hand, wie gut ſeyd ihr! ich habe nicht 3 nicht vergeſſen, daß ihr fuͤr mich ſorgtet in jener bangen Stunde, und danke ich euch ja alles, wohl gar das Leben. Lohne euch Gott, was ihr fuͤr eine unbekannte Waiſe gethan habt. Wachſet nur heiter und froͤhlich auf, armes Kind, ſagte er geruͤhrt, ſo habe ich Lohn genug fuͤr ein zufaͤlliges Verdienſt. Ich bin ja auch eine Waiſe; Vater und Mutter ſchlafen ſchon lange, fremde Menſchen leiteten mich auf die rechte Bahn, ſollte ich nicht gern ein Gleiches thun? Von ſtiller Ruͤhrung bezwungen, wandte ich mich ab, meine Augen im Fenſterbogen zu trocknen. Ach, theure Mutter, ſagte ich zu mir ſelbſt, kannſt du es ſehen, wie gut die Menſchen gegen dein Kind ſind? Geht nun ein wenig hinaus in's Freie, ſagte Eckard, es iſt draußen ſo ſchoͤn, wie mitten im Sommer. Gleich hier hinaus, an den Waͤllen hin, da liegt die Sonne auf dem gruͤnen Raſen, und kein Luͤftchen trifft euch. Wenn ihr zuruͤckkommt, koͤnnt ihr ja bei der Pathe einſprechen, die ſich herzlich freuen wird. Ich ging. Es war ein herrlicher Nachmittag, und noch jetzt iſt es mir, als waͤre alles ſchoͤner S — 275 kam daraus in meine Hand, und vermehrte die Bewunderung, mit welcher ich dem ſpiegelblank gebohnten Prachtſchranke gegenuͤber ſaß. So war es einmal wie immer, Zuweilen kam die Wittwe auch zu uns, forſchte nach unſerem Thun und M Treiben, gab guten Nath, der jedoch ſelren auf unſere Lage paßte, klagte wohl auch uͤber eigne b Noth, uͤber Soͤhne und Schwiegerſoͤhne, ja uͤber Sorgen der Nahrung, was ich nimmer begriff, wenn ich an den Lebkuchen und die geſchmuͤckte Stube dachte. Nach der Mutter Tode hatte ich ſie nur einmal geſehen, ſie war da gut und freund⸗ M lich, empfahl mich dem Vetter zu treuer Obhut, und lud mich ein, ſie manchmal zu beſuchen, was ich freilich nicht gethan hatte. Wie ein ſchwerer Traum waren ja die zwei letzten Jahre mir vor⸗ 1 uͤbergegangen. Und jetzt— dieſe himmliſche Milde, dieſe Sorge fuͤr mein Wohl! ich ſtand von dem gruͤnen Sitz am Abhange des Stadtwalls auf, wo ich faſt ein Stuͤndchen geſeſſen hatte, und eilte raſch dem Thore zu durch mehrere Gaſſen nach dem wohlbe⸗ kannten Hauſe der Wittwe. Sie war allein und empfing mich mit Ruͤhrung. Häͤtte ich fruͤher ge⸗ A wußt, ſagte ſie, daß es dir ſo uͤbel ging, ich haͤtte . S 2 274—³ wie jemals geweſen; gruͤner der ſaftige Raſen, heller die blaue Luft, jubelnder der Geſang der Voͤgel. Das war das Gefuͤhl des geretteten Le⸗ bens. Neben der freudigen Bewunderung der Natur beſuchten mich mancherlei Gedanken und Erinnerungen. Ich pries die Wohlthat der Wittwe Gaͤrtner, und ſuchte vergebens in ihrem fruͤheren Benehmen eine Spur ſo großen Wohlwollens. Sie war vielleicht nicht reich, und eine Mutter vieler Kinder, doch war es mir in meiner kindi⸗ ſchen Einbildung immer vorgekommen, als umgebe mich Reichthum und Vornehmheit, wenn ich uͤber ihre Schwelle trat, und mit großer Schuͤchternheit hatte ich jedesmal die Botſchaften der Mutter aus⸗ gerichtet, oder eine fertige Arbeit uͤberbracht. Die ſtattliche Frau im ſaubern Hausanzuge, ihre Toͤch⸗ ter, von denen eine nach der andern das Haus verließ, ſo huͤbſch, aber auf mich ſo ſtolz herab⸗ ſehend, die feinen Umhaͤnge der Fenſter, die herr⸗ lichen Nußbaumſchraͤnke mit reichlicher Verzierung, der Spiegel im goldnen Rahmen, alles floͤßte mir eine Art von ſcheuer Ehrfurcht ein. Ich blieb an der Thuͤre ſtehen, ward gewoͤhnlich ermuntert, mich zu ſetzen, und von der Frau Pathe mit eini⸗ gen Fragen beehrt. Dann that einer der großen Schraͤnke ſich auf, ein maͤchtiges Stuͤck Lebkuchen 276— laͤngſt ein Auge auf dich gehabt, du arme Anna! Aber ich traute deinem Vetter nur Gutes zu, auch hat ja deine Mutter mit Uebergehung aller Freunde dich ihm allein uͤbergeben. Sprich, warum kamſt du nicht zu mir, ich bin nicht reich, und die Zei⸗ ten ſind ſchlecht, aber ein Menſch kann ja dem andern wohl ſonſt noch helfen, wenn auch nicht mit Geld und Gut. So ſprechend, war ſie wieder au den Schrank, meinen alten Bekannten, getreten, die Schluͤſſel raſſelten, und diesmal kam ein Flaͤſchchen hervor, aus dem ich Staͤrkung nach dem erſten Spazier⸗ gange trinken mußte. Vor dem Weggehen er⸗ mahnte ſi ſie mich, meiner recht zu ſchonen, verſprach mir Arbeit und erlaubte mir, Sonntags Nachmit⸗ tags nach der Kirche zu ihr zu kommen, wo ihre Toͤchter und Enkel ſich bei ihr zu verſammeln pflegten.— Die Jahre des ernſteren Jungfrauenlebens, wo das Kind die Graͤnze ſeiner Blumenwelt hin⸗ ter ſich laͤßt, ſind immer das Ziel der jugendlichen Wuͤnſche, und ſelbſt im Alter noch ein freundlicher Lichtpunkt; mir waren ſie doppelt ſchoͤn, durch ein ganz geaͤndertes Geſchick. Ich behielt mein liebes Stuͤbchen unter dem Dache, durfte fleißig ſeyn — 277 und die Fruͤchte meines Fleißes ernten, und ver⸗ ſaͤumte darum nicht, mich dem Hauſe des Vet⸗ ters nach Kraͤften nuͤtzlich zu machen. Meine Ge⸗ ſundheit bluͤhete wieder auf, ich ward ſtark und ruͤſtig, ſelbſt die Freuden der Geſelligkeit man⸗ gelten mir nicht. Nach und nach ward ich ein⸗ heimiſch in dem Sonntagskreiſe der Frau Pa⸗ the, ihrer Toͤchter vornehme Mienen ſchreckten mich nicht mehr, manches Gute und Nuͤtzliche doͤrte ich hier und bewahrte es in einem feinen Herzen. Zu Hauſe ging es freilich immer unfried⸗ licher zu, der Vetter hatte vor Sorgen Tag und Nacht nicht Ruhe, er vertrug ſich mit Niemanden, fremde Geſellen wanderten ein und aus, nur Eckard hielt redlich bei uns feſt, durch ihn war es in der Werkſtatt regſam und munter, wenn Voll⸗ brecht ſelbſt Tage lang in tiefes Sinnen verloren auf dem Lehnſtuhl ſaß. Nun kam die Zeit heran, wo ich mit der Ju⸗ gend meiner Vaterſtadt den Bund der Taufe er⸗ neuen ſollte, dieſe heilige Zeit, die uns immer unvergeßlich bleibt. Mein Herz ſtaͤrkte ſich an den frommen Lehren eines ehrwuͤrdigen Greiſes, ich faßte in hoher Freudigkeit Entſchluͤſſe zur Tugend, lroft von der Schwäche und Wandelbar⸗ die woh 2 7 8— keit menſchlicher Natur uͤberwunden wurden, aber doch durch mein ganzes Leben ermunternd und ſtaͤrkend ausdauerten. Wenn mir in der Zeit der Truͤbſal ein troͤſtendes Wort heiliger Dichter, ein Bibelſpruch, eine Verheißung in die Seele kam, und vor meinem Geiſte das weiße Haupt meines Lehrers, ſeine freundlichen Zuͤge, ſein naſſes Auge, mit dem er uns ſegnend entließ, wieder erſchienen, dann war ich in jene ſelige Zeit entruͤckt, der keine kommende gleicht, und der jugendliche Muth, das fromme Kindesvertrauen, das am Altare meine Seele durchdrang, lebte noch einmal wohlthaͤtig in meinem Innern auf. 3 Ihr Gluͤcklichen, die ihr aus Mutterarmen in den Schooß der Kirche uͤbergeht, und von Mutter⸗ thraͤnen geweiht werdet, ihr werdet mir glauben, wie ſchmerzlich ich am Morgen des feierlichen Tages dies Gluͤck vermißte. Ich kleidete mich feſtlich, ein goldenes Schauſtuͤck von der Pathe Gaͤrtner ſchmuͤckte meinen Hals, und nun wollte ich die Handſchuh ergreifen, denn ſchon hoͤrte man Glockengelaͤut; da ſah ich unter einem Tuche ver⸗ ſteckt ein Geſangbuch mit den goldenen Buchſtaben meines Namens bezeichnet, nebſt einem andern herrlichen Gebetbuche liegen, deſſen Geber ich um⸗ — 279 ſonſt zu errathen ſuchte. Wie ich aber die Treppe hinab kam, und der gute Eckard in der Hausthuͤr ſtand, war es mir, als wenn mir Jemand ſeinen Naren in's Ohr fuͤſterte, und ich that recht zu⸗ verſichtlich die Frage an ihn: ob ich etwa ſeiner Hand die ſchoͤne Gabe danke, die mich heute mehr als alles freute. Nehmt es nur guͤtig auf, liebe Anna, antwor⸗ tete er, wie ihr thun wuͤrdet, wenn ein Bruder euch etwas boͤte. Ihr habt heute einen ſchoͤnen Tag, und ich freue mich ſo herzlich mit euch„ daß ich ſchier meine, die Feſtlichkeit gehe mich auch mit an. Wie wohl mir dieſe freundlichen Worte tha⸗ ten, kann ich nimmer beſchreiben. Es gab alſo⸗ doch eine Seele, die an mir Theil nahm, die ſich heute meines Geluͤbdes freute! ich war nicht ver⸗ laſſen und verwaiſt. Mein Herz gab in ſeiner frommen Ruͤhrung dem guten Menſchen willig den Brudernamen, und auch dieſem redlichen Freunde verſprach ich es: gut zu ſeyn und zu blei⸗ ben, mein Lebelang.. So ſehr hatte ich all dieſe Zeit uͤber in einer an⸗ dern Welt gelebt, daß ſich in meiner Naͤhe eine 280—y große Veraͤnderung bereitete, ohne von mir geah⸗ net zu werden. Bei einem Holzankauf war der Vetter Vollbrecht mit einem Schiffer bekannt ge⸗ worden, man hatte ſich erſt zuweilen, dann oft geſehen, und von beiden Seiten Plane gemacht, die nun kurz nach Oſtern zur Reife kamen. Daß Vollbrecht jetzt weniger uͤber Gedanken brůtete, mehr außer dem Hauſe war, und eine viel beſſere Stimmung zeigte, deſſen freute ich mich ſehr, ohne uͤber die Urſache zu gruͤbeln, bis die Sonntagsge⸗ ſellſchaft der Pathin mich einſtimmig befragte: warum ich mit des Vetters Heirath ſo geheim thaͤte?— ich erſtaunte zu ſichtbar, um noch Zwei⸗ fel an meiner Unwiſſenheit zuzulaſſen, und ward nun von den kleinſten Umſtaͤnden belehrt. Des Schiffers Schweſter, eine Jungfrau„ deren Alter fuͤr den Vetter paßte, war die Braut und ihr Reichthum kein uͤbler Beſitz fuͤr den aͤngſtlich ſpar⸗ ſamen Mann. Nicht erfreulich fuͤr mich ward eine Schilderung der neuen Baaſe hinzugeſetzt, zu welcher jede der Frauen einen Pinſelſtrich lieferte! wie denn wohl kein Konterfey ſorgſamer entworfen wird, als das einer Braut, mag ſie reizend oder haͤßlich, hoch oder niedrig ſeyn, der Gang an den Traualtar macht ſie in ihrem Kreiſe bedeutend. — —— — 281 Schon den naͤchſten Morgen beim Fruͤhſtuͤck machte der Vetter ſelbſt uns die Neuigkeit bekannt. Er ſchien ganz veraͤndert, faſt zum erſten Male nahete er mir, wie die andern hinausgegangen waren, mit herzlicher Miene. Ich hoffe, ſagte er, es ſoll auch dein Schade nicht ſeyn, meine Braut ſoll auch dein Gluͤck in's Haus bringen. Dann erſt will ich mein Haupt ruhig legen, denn ſey gewiß, ich vergaß dich nie. Auch denke ich, die Frau Gaͤrtner nun naͤchſtens von ihrer Beiſteuer fuͤr dich zu befreien, wenn ich nur eine gute Stunde finde, deshalb mit Jungfrau Baͤrbchen zu reden, die es leider ſchon weiß, daß du ein ge⸗ ringes Koſtgeld mit in die Wirthſchaft bringſt. Eine ſo lange vertrauliche Rede des Vetters an mich war mir in Jahren nicht vorgekommen, ſie freute mich ſo ſehr, daß ich die Heirath ſegnete, die davon Urſach war. Mit großer Bereitwillig⸗ keit uͤbernahm ich alle Geſchaͤfte zur Aufnahme der kuͤnftigen Hausfrau, und putzte die Zimmer auf s Schoͤnſte fuͤr ihren Empfang heraus. Auch fuͤr mich wurde auf den Hochzeitsſtaat gedacht, ich be⸗ kam ein Kleid meiner ſeligen Mutter, das ich als Kind— o wie oft— mit Bewunderung ange⸗ ſchaut hatte. Vollbrecht ließ einen Schneider kom⸗ 4 r 282— men, um es nach meinem Wuchs umzuaͤndern. Der Braͤutigamsſtand hatte den Mann durchaus umgewandelt. In ſo guter Laune gefiel mir Alles, ich zwang mich, ſelbſt die Braut angenehmer zu finden, als man ſie geſchildert hatte. Freilich war das Por⸗ trait nicht ganz unaͤhnlich. Noch kann ich mich ganz deutlich auf ihren erſten Anblick beſinnen. Eine lange hagere Geſtalt, mit einem Geſicht, das vielleicht ehedem huͤbſch geweſen war, jetzt aber durch ſeine auffallenden Zuͤge nur unangenehmer ward, ohne einen Ausdruck von Milde und Guͤte, bei dem ſo leicht die Reize der Jugend vergeſſen werden. Sie war ſehr geputzt, als ſie zuerſt un⸗ ſer Haus beſuchte, und gab ſich ein jugendliches Anſehen, das ihr uͤbel anſtand. Gegen mich war ſie nicht unfreundlich, dankte mir ſogar fuͤr meine Bewirthung, und gab mir mancherlei Auftraͤge zu Verſchoͤnerungen, indem ſie ziemlich veraͤchtlich auf unſer ſchlechtes Hausgeraͤth herabſah. Taͤglich kamen nun Traͤger mit Kiſten und Truhen, Schraͤn⸗ ken und modiſchen Sachen aller Art. Wochen⸗ lang vor der Hochzeit war im Hauſe große Un⸗ ruhe, und der wichtige Tag, ein ſchoͤner heller Juliustag, uͤbertraf meine kuͤhnſten Erwartungen. ——-r— —— 1 — 283 Die Tiſche ſeufzten unter der Laſt der Speiſen, Braten, Fiſche, Paſteten, Kuchen, Weine, Obſt, jedes im moͤglichſten Ueberfluß, auch ſcherzhafte Schaugerichte, wunderlich genug anzuſehen; die Gaͤſte in der hoͤchſten buͤrgerlichen Pracht, und die Braut, ſteif wie ein Bild, mit goldenen Ket⸗ ten behangen, das gruͤne Kroͤnchen uͤber einem Bau von Perlen und Spitzen im Haar, neben dem geputzten Vetter, der mit einer Art von ſtil⸗ ler Ergebung zuſah, wie ſein wirthliches Haus auf einmal ganz andere Sitten annahm. Draußen aber bewegten ſich in munterer Luſt die Angehoͤri⸗ gen und das Geſinde der Geladenen, tranken ju⸗ belnd das Wohl der Braut und des Braͤutigams, und trugen ihren Theil von dem Gaſtmahle nach Hauſe, wie die Sitte der Zeit es wollte. Wie die Tiſche hinweggeraͤumt waren, rief der Schiffer in ſeiner etwas lauten Freude nach Muſik, und nahm mich, ohne viel zu fragen, zum Tanze an die Hand. Mir war nicht ganz wohl dabei, denn mein Taͤnzer hatte dem Becher wacker zuge⸗ ſprochen, doch folgte ich unter Herzklopfen der neuen Frau Baaſe nach, die den Reigen anfuͤhrte. Als der erſte gravitaͤtiſche Tanz voruͤber war, huͤpfte die Jugend munterer umher, ich flog mit „ 2 84— großer Luſt an Eckards Arm durch das enge volle Zimmer. Es war das erſte Vergnuͤgen dieſer Art in meinem Leben, um ſo froͤhlicher genoß ich es; ja lange nachher wohnte der Abglanz der Hochzeit⸗ freude noch in dem Putzzimmer, und gruͤßte mich, wenn ich es zufaͤllig betrat. Frau Barbara nahm nun alle Schluͤſſel von mir, und begann das Hausregiment ſelbſt zu fuͤh⸗ ren, ich zog mich noch mehr in mein Stuͤbchen zuruͤck, wo ich ein einſames ſtilles Leben in froher Zufriedenheit fuͤhrte. Meine Arbeiten waren faſt alle fuͤr die Pathin, ihre Kinder und Enkel, ich gewann es durch vieles Bitten von ihr, ſo einen Theil der Wohlthat abzutragen, die ich tief fuͤhlte und nicht vergelten konnte. Waren es aber auch nur einzelne Tage, die ich ganz mit der Familie lebte, und gewoͤhnlich die Abendſtunden, wo eine große Lampe uns bei ihrem Schein zuſammenrief, ſo ſah ich doch bald genug, daß der Vetter durch ſeine Heirath nicht gluͤcklicher geworden war, als Zuvor, auch ſagte mir Eckard daſſelbe im Ver⸗ trauen, als ich ihn einſtmals Sonntags bei Gaͤrt⸗ ners antraf. Ich fuͤrchte, ſagte er, der Meiſter hat das Band der Ehe nur geknuͤpft, um druͤcken⸗ der Schulden ledig zu werden, und hat nun kei⸗ — — 235 nen Gewinn vom Reichthum ſeiner Frau. Ihre einzige Leidenſchaft iſt der Stolz, ihm pfert ſie willig die Thaler, die ſonſt nichts aus ih)rem Ge⸗ wahrſam locken kann. Wißt ihr auch, ſiel eine Tochter dier Wittwe ein, die uns unbemerkt zugehoͤrt hatte— daß ſie juͤngſt bei dem Kraͤmer am Markte ein en ſeidenen Zeug gekauft hat, der kurz zuvor eine r Graͤfin zu theuer war? Und wie prunkend rauſ chte ſie heute zur Kirche, vornehmeren Frauen zum Hohne. Eckard warf mir einen bedeuteriden Blick zu, wir ſchwiegen Beide. Wie ich in der fruͤhen Herbſtdaͤmmerung von ihm begleiſtet nach Hauſe ging, merkte ich wohl, daß ich ihn verſtanden hatte. Wie leicht, ſagte er, verli ert doch die Wahr⸗ heit ſelbſt ihren Werth, wenn ihre nur ein Quent⸗ lein Schmaͤhſucht beigemiſcht wird. Die neidiſche Miene, mit welcher die huͤbſche Frau der Meiſterin ſeidnes Kleid erwaͤhnte, macht? ihr Geſicht faſt haͤßlich, denn nur aus der Eeele, meine ich⸗ koͤmmt die Schoͤnheit; wie ein feines Stuͤck Ar⸗ beit, nicht der glatte Firniß, ſondern die innere Tuͤchtigkeit beurkundet. Er hat Recht, ſagte ich zu mir ſelbſt, und ₰ 286— „„ mein Blick ſiel forſchend in mein Herz. Hab ich auch Hielleicht etwas von dieſer uͤbeln Gewohnheit, und ward Eckards Wort mir zur Warnung geſagt? Das Geſpraͤch im Hauſe der Wittwe fiel ziemlich oft in dieſen Ton, wer buͤrgte mir, daß ich rein geblieben war! Wohl der reinen Seele, unterbrach der junge Mann meine Selbſtgeſpraͤche, die nur liebend und bedauernd tadeln kann⸗ Wohl euch Aennchen, ihr ſend ſo! bleibt es doch immer. Stern und Ordensband koͤnnen den Empfaͤnger nicht hoͤher ehren, als mir dieſer Lobſpruch im Augenblick beſchämenden Zweifels. Der ihn aus⸗ ſprach, ſchien mir ſchon lange der wuͤrdigſte Zeuge meines Wandels. Ich fuͤhlte meine Wangen hoͤ⸗ her gluͤhen, jund war herzlich froh, eben an der Hausthuͤr zu ſeyn, denn mein Mund war ſtumm, wie viel das Herz auch empfand. In der Adventszeit ſaßen wir eines Abends zu⸗ ſammen. Es war ſtrenge Kaͤlte, das Feuer knackte im großen Ofen; unſere Raͤder ſchnurrten luſtig, und draußen pfiff ein ſchneidender Oſtwind. Eben deckte die Magd den Tiſch, als es an die Thuͤr klopfte; Frau Barbara befahl, uͤber den ſpaͤten 4 — 287 Beſuch murrend, ſie moͤge ſehen, wer vorhanden ſey. Eine rauhe Stimme fragte gleich darauf nach dem Herrn des Hauſes, und miſchte Fluͤche uͤber die Witterung ein, vor denen mir graute. Die Stimme duͤnkte mir nicht unbekannt, ich mußte unwillkuͤrlich des Abends gedenken, da ich den Ko⸗ meten erblickte, und nicht unerwartet kam mir Ulrichs Erſcheinung, den die Magd jetzt zur Thuͤr herein lie war es, veraͤndert, aber nicht zu ſeinem. Ein dichter Mantel huͤllte die kraͤftige Geſtalt ein, unter der Verhuͤllung blitzten ſeine ſchwarzen Augen tuͤckiſch wie ſonſt hervor. Sein ganzes Weſen war maͤnnlich, aber abſchreckend wild, ſeine tiefe Stimme rauh, ſein Schritt trotzig, ſein Blick durchdringend, wenn er ſich unbeachtet ſah, unſtaͤt, wenn andere Augen ihn ſuchten. Frau Barbe ſtand erſtaunt, wie die weißbereifte Geſtalt hereinſchritt, Ulrich ſchien ſie nicht zu be⸗ merken.— Guten Abend, Vater, ſagte er, indem er den Mantel von ſich warf und zu Vollbrecht trat, da bin ich wieder einmal, nach vierjaͤhriger Abweſen⸗ heit. Habe mich indeſſen wacker herumgetrieben und die Welt geſehen, wie es immer mein Wille war. Hier iſt, ſcheint mir's, noch alles auf der⸗ — — —— — —— 288—— * ſelben Stelle. Nun wohl gut. Druͤber und drun⸗ ter an einem Platz, unveraͤndert feſt an dem an⸗ dern. Wie iſt es euch ergangen? Sey mir zu⸗ voͤrderſt willkommen, mein Sohn, antwortete Voll⸗ brecht, und gruͤße dort deine Mutter, meine Ehe⸗ frau. Baͤrbchen, das iſt der Ulrich. Wahrlich ich haͤtte ihn kaum erkannt, ſo ſchnell iſt der Juͤng⸗ ling zum Manne geworden. 1 Nun ich wuͤnſche Gluͤck, viel ſagte Ul⸗ rich ſpoͤttiſch; ſein lachender Blick von dem Vater zu der muͤrriſchen Barbara, und von dieſer zu jenem uͤber. O ihr braucht meine Frage nun gar nicht zu beantworten.— Frau Mutter, ich hoffe kein unwillkommener Gaſt zu ſeyn. Ich bin ein luſtiger Geſell, der euch wenig aͤſtig ſeyn wird, wenn ihr ſo ernſt ſehet, und uͤbrigens liegt dort 3 im Mantelſack ein Beutelchen, ſo reich gefuͤllt, daß der eure mich nicht zu fuͤrchten braucht. Habt ihr jetzt etwas Warmes und einen Schluck kraͤfti⸗ gen Branntwein, ſo tragt es auf; es iſt verteufelt kalt draußen, es braucht Feuer fuͤr die Eingeweide, um ſie aus ihrer Erſtarrung aufzuthauen. Ich hatte gleich bei Ulrichs Eintritt mein Rad verlaſſen, und ſtand im fernſten Winkel des Zim⸗ mers. Barbara gab mir jetzt einen Wink, ich ging 8 — x289 ging hinaus, die Suppe aufzutragen, waͤhrend ſie das verlangte Getraͤnk mit großem Geraͤuſch aus ihrem Verſchluß holte. Die uͤbrigen Tiſchgenoſſen fanden ſich ein, ich konnte mich nicht laͤnger ver⸗ bergen.* Bei meiner Seele, wenn das Anna iſt, ſing Ulrich zu ſprechen an, ſo glaube ich an Wunder. Wo habt ihr die ſchwarzgelbe Larve gelaſſen, in der es euch ſonſt gefiel umherzugehn? Habt ihr ſie aus uͤbergroßer Gefaͤlligkeit Jemand anderm ab⸗ getreten, ſo laßt 88 euch nicht reuen, das roth und weiße Wachsgeſi cht ſteht euch vortrefflich. Euer Wohl, Jungfer Baaſe! Ich brannte wie Feuer; das laute Gelaͤchter, und der Blick auf Frau Barben, mit dem er ſeine Worte begleitete, machten mich zittern. Wir nah⸗ men am Tiſche Platz. Ulrich mir gegenuͤber und Eckard an ſeiner Seite. Welch ein verſchiedener Anblick, wenn ich es wagte, meine Augen auf die beiden zu richten. Eckards hoher Wuchs ragte uͤber ſeinen Nachbar hervor, aber er wich ihm weit an Staͤrke und Kraft der Glieder. Sein braunes lockiges Haar uͤberſchattete eine edel gebildete Stirn und ſanfte blaue Augen, aus denen eine redliche fromme Seele, ein denkender Geiſt ſprach, erho⸗ 290— ben das nicht ſchoͤne Geſicht uͤber das Gewoͤhnliche. Wenn er ſprach, nahm Ton und Wort den Hoͤrer ein, doch verſtand er auch die Kunſt zu ſchweigen, wo reden unnuͤtz war, und er uͤbte ſie heute. Auf ein paar Fragen des neuen Hausgenoſſen ant⸗ wortete er ernſt und ablenkend, ſo daß Ulrich den Strom ſeiner leichtfertigen Rede bald anders lenkte, und leider vor allen mich auserſah, um durch freche Schmeicheleien mein Ohr zu beleidigen. Mein Sohn, ſagte der Meiſter endlich, als Barbens Flaſche faſt leer war, willſt du uns nichts von deinem Leben und Treiben in dieſer langen Zeit ſagen? ich ſehe du biſt geſund und froͤhlich, auch nicht arm, wie du dich ruͤhmſt, welche Han⸗ thierung haſt du ergriffen, was ſind deine Plane, deine Ausſichten. Was macht dein Herr, mit dem ich dich, Gott weiß wie ungern, ziehen ließ, und wie koͤmmt es, daß wir dich jetzt hier ſehn? Die letzte Frage klingt nicht ſchmeichelhaft, er⸗ wiederte Ulrich, aber mag das hingehen. Ich wuͤnſchte die Heimath einmal wiederzuſehen und das Vaterhaus, wollte wiſſen, wie die Ruhe nach dem Umherſchwaͤrmen ſchmeckt, weil der Wechſel mein Herz vergnuͤgt. Mein Herr dachte auch ſo, nur hatte er es noch feüͤher ſatt, als ich, und ver⸗ ſuchte es mit der ewigen Ruhe. Seine Krankheit war ein Knochenfraß, denn die Wuͤrfel machten ihm den Garaus. Sie ſielen einſtmals in den Nieederlanden ſo wunderbar ſtetig zu ſeinem Vor⸗ theil, daß er wie ein echter Ritter ihre Ehre mit dem Degen vertheidigen mußte, und dabei das Le⸗ ben zuſetzte. Ich ſorgte fuͤr die Beſtattung, hob die Erbſchaft, indem ich die gedachten Wuͤrfel in Lehn nahm, und ſah mich nach fernerem Unter⸗ kommen um. Der junge Wildfang war gleichſam das Brett geweſen, mit dem ich in See ſtach, jetzt zerſchellte es, ich ſchwamm auf offnem Meere, ohne Ausſicht, aber nicht ohne Muth; ich geſellte mich zu dem franzoͤſiſchen Heere, das eben in die Nie⸗ derlande einbrach, und ſich anſchickte, Luxemburg zu bombardiren. Aber, ſiehe da, als wir dachten, der Tanz ſolle angehn, ſuchte der Kaiſer Friſt, um einen Vergleich zu unterhandeln, Ludwig ließ die Waffen ruhen, und wir lagen muͤßig im Felde. Indeſſen ſuchten wir das Leben zu genießen. Da gab es ein uͤppiges reiches Land, ſchoͤne Weiber und Maͤdchen, die dem Degen und Schnurbart nicht abhold waren.— Baaſe, ihr ſollt leben! der letzte Tropfen aus der kargen Flaſche, fuͤr die alten Inklinationen und fͤr die neuen. T 2 ½ 292— Gott ſey uns gnaͤdig, was iſt das fuͤr ein Menſch, fluͤſterte mir Barbara zu. Mag der Alte zuſehen, aber mit dem bleibe ich nicht lange unter einem Dache. Endlich, fuhr Ulrich fort, begannen die Feind⸗ ſeligkeiten wieder. Wie ein Strom ergoſſen wir uns uͤber das Land, Mord und Brand zogen mit uns, und reiche Beute gab es uͤberall. Wie es da herging. Ihr wuͤrdet mir nicht glauben, wenn ich es ſchildern wollte. Schweigt um Gotteswillen! rief Barbe aus, mir graut vor euch, wenn ich an eure Thaten denke. Seyd ihr ſo zaͤrtlich, Frau Mutter?— lachte er— nun ich bin ſchon am Ende, denn vor dem Herbſte ſchloß der Krieg mit einem Lojaͤhrigen Stillſtand. Seitdem war ich bald da, bald dort, in Italien, Frankreich und Deutſchland, fand uͤberall etwas zu thun, und will auch hier nicht lange raſten. Gebt acht, es brennt bald wieder wo, und dann bin ich dabei zu ſchuͤren oder zu oͤſchen. Sagt was ihr wollt, der Krieg iſt das wahre Element fuͤr ein echtes Maͤnnerherz. Es kann nicht alles eiſenfeſt bleiben, der Krieg muß — 293 es ruͤtteln und bewegen, er muß die alten Ge⸗ faͤngniſſe, Kiſten und Kaſten genannt, oͤffnen, und die blanken runden Gefangenen ledig machen, daß ſie in alle Welt ziehen.— 1 Du warſt immer ſo wild und ungezaͤhmt, Ul⸗ rich, unterbrach ihn hier der Vater, den die Blicke ſeiner Frau ſchon lange beſorgt machten, bedenke, daß du hier in einem ruhigen Hauſe biſt, und ſpare das rohe Soldatenleben fuͤr das Lager auf. Nur dann wirſt du mir und der Mutter willkom⸗ men ſeyn. Sorgt nicht, war die Antwort, ich will ehr⸗ bar und ſtill ſeyn, wie ein Ehemann, dem des Schuſters Machwerk das Haupt bedroht. Euer Branntwein hat mich ein wenig warm gemacht. Frau Barbara, ihr wißt, wo Feuer iſt, iſt auch Sturm. Zeigt mir jetzt eine Schlafſtelle— und habt gute Nacht. 1 3 Der Vetter geleitete ſeinen Sohn, waͤhrend ich bei der Frau zuruͤckblieb, deren langverhaltener Zorn ſich nun Luft machte. Ich ſuchte ſie zu uͤber⸗ reden, was ich ſelbſt nicht glaubte, daß Ulrichs Trunkenheit den groͤßten Theil an ſeinem rohen Weſen habe, und wir ihn morgen anders ſehen 294— wuͤrden. Sie warf die leere Flaſche ſcheltend in einen Winkel, und ſchwur, es ſolle kein Tropfen mit ihrem Willen uͤber ſeine Zunge kommen. Am meiſten beſchaͤftigte ſie der Zweifel an Ulrichs eig⸗ nem Reichthum, ſo wie die Sorge, den ihrigen vor ihm zu huͤten, wobei ſie die ſeltſamſten Plaͤne faßte, uͤber die ich herzlich gelacht haben wuͤrde, waͤre mir nicht ſelbſt das Herz ſchwer geweſen. Ulrich hatte mir tauſend truͤbe Erinnerungen mit gebracht, was hatte ich nicht gelitten, ſeit ich ihn zuerſt ſah! Alles ſtand heute wieder vor meiner Seele, ich dachte lange in die vorige Zeit zuruͤck, und es war Mitternacht ehe ich die Augen ſchloß. Wenn ich indeſſen geglaubt hatte, der neue Ankoͤmmling wuͤrde den Frieden ganz aus unſerm Hauſe verſcheuchen, ſo zeigten die naͤchſten Tage, daß dieſe Furcht grundlos war. Schon am andern Morgen fluͤſterte mir Barbara zu: es haͤtte mit Ulrichs vollen Beuteln ſeine Richtigkeit; er ſelbſt war faſt immer auswaͤrts, ließ ſich ſelten am Tiſch ſehen, und vermehrte die Koſten des Haushalts nur wenig; ja er brachte wohl gar zuweilen etwas Lecke: res mit nach Hauſe, wozu er alle Tiſchgenoſſen mit echt ſoldatiſcher Freimuͤthigkeit einlud. Eben ſo leichtſinnig ſchien er ſein Geld zum Gemeingut * —— * — 295 machen zu wollen, er ſuchte Gelegenheit zum Wet⸗ ten und Spielen, warf die Goldſtuͤcke vor ſich hin, und weidete ſich an Barbens Blicken, die entzuͤckt dem koſtbaren Spielwerk folgten. Mit glatten Worten uͤberredete er ſie, die Wuͤrfel zum Scherz zu verſuchen, ließ ſie abſichtlich gewinnen, und ruͤhmte, wenn er mich allein fand, die wunderliche Komoͤdie, die die geizige Schoͤne ihm fuͤr ſein Geld habe auffuͤhren muͤſſen. Barbara aber wurde immer mehr mit dem Stiefſohn verſoͤhnt; ſie fand ihn jetzt zwar ein wenig wild, doch keineswegs ohne alle Sitte, und meinte, man muͤſſe der Ju⸗ 1 gend etwas nachſehen. Deſto herzlicher wuͤnſchte ich den unwillkomm⸗ nen Gaſt wieder in die weite Welt hinaus, denn mochte es nun Scherz oder Ernſt ſeyn, er machte es ſich zum Geſchaͤft, mich zu verfolgen, mir uͤber⸗ all nachzugehen, um mir mit der ganzen Leiden⸗ ſchaftlichkeit ſeines Weſens von Liebe vorzuſprechen. Es war meinem ſchuͤchternen Gemuͤth fremd, mich ſo angeredet zu ſehen, es war mir entſetzlich, die⸗ ſen Mund, der ſonſt nur immer Spott und Hohn fuͤr mich hatte, das Heiligſte des Herzens entwei⸗ hen zu hoͤren. Aengſtlich wich ich ihm aus, er wußte mich zu finden, alles was Maͤdchen ſonſt 296— gewinnt, Lob und ungewohnte Schmeichelei ver⸗ ſchwendete er vergebens. Ich kannte kein Gluͤck als die Hoffnung ſeiner Abreiſe, die er noch weit hinausſchob, und mir zuſchwur: es ſey nur mei⸗ netwegen, daß er bei Philemon und Baucis aus⸗ harre. 1 48 Zwei Tage vor Weihnachten, als Ulrich wie⸗ der nicht daheim war, kam ein Fremder in unſer Haus, nach ihm zu fragen. Er nannte ſich einen reiſenden Juwelenhaͤndler, der dem Freunde ver⸗ ſprochen habe, hier bei ihm einzuſprechen, und ob wir ihm gleich nur wenig Nachricht geben konn⸗ ten, wo er zu finden ſey, machte er ſich doch in der unbekannten Stadt auf den Weg, ihn zu ſu⸗ chen. Der Mann geſiel weder mir noch der Mei⸗ ſterin, mein kindiſcher Sinn fuͤrchtete faſt ſeine Naͤhe; mir war wohl, als die Thuͤr hinter ihm verſchloſſen war, noch wohler, da es ſpaͤt ward und auch Ulrich nicht heim kam. Die ſtillen Mahlzeiten ohne ihn, duͤnkten⸗ mir jetzt feſtlich, denn ſein brennendes Auge bannte das Meine auf den Teller feſt, und jedes Wort floh vor ihm in die Seele zuruͤck, ſchon ſchlug die Glocke neun Uhr, Eckard und die Uebrigen hatten uns gute Nacht geſagt, als wir die Stimme des Heimkeh⸗ — 297 renden vor den Fenſtern hoͤrten. Er klopfte heftig, befahl der Magd, Licht in ſeine Stube zu tragen, und den Fremden hineinzufuͤhren, er ſelbſt riß die Thuͤr der Wohnſtube auf, warf den Hut hin und ſich auf einen Stuhl nieder, den er dicht neben meinen Sitz zog. Sein Geſicht gluͤhte, ſein gan⸗ zes Weſen verrieth Trunkenheit. Mit Eurer Vergunſt, hob er an, wird heute ein Freund bei mir uͤbernachten, der mit der erſten Fruͤhe wieder fort will, und nichts mit den ver⸗ wuͤnſchten Spuͤrhunden zu ſchaffen haben mag, die uͤberall nach Woher und Wohin fragen. Zum Henker, es braucht Niemand zu wiſſen, wie er heißt, noch wo er blieb, waͤre es auch nur der Luſt wegen, die armen Teufel, die in ihrem Stein⸗ haufen vor jedem Maͤnnergeſicht erſchrecken, mit boͤſen Traͤumen zu plagen. Das klingt wunderlich, Herr Sohn, fuhr Barbe erhitzt auf, und ein fuͤr allemal, daraus wird nichts. Der Mann gefiel mir uͤbel; ſoll Nie⸗ mand wiſſen, wer er iſt, ſo mag ich ihn auch nicht beherbergen. Gott verzeihe mir die Suͤnde, aber ich halte ſelbſt nicht viel Gutes von ihm, und werde nicht ruhig, bis er fort iſt. Verbergen? Ey ſeht 298— doch— wer ein gutes Gewiſſen hat, kann ſich in die lichte Sonne ſetzen. II chih Hi⸗ wortete Ulrich mit ſchallendem Gelaͤchter. Nun, und was denkt ihr denn? Glaubt ihr den Knecht Ruprecht geſehen zu haben, weil ein Reiſender im unſcheinbaren Mantel bei euch eintrat? Oder hat ſein Geſicht zu wenig Verwandſchaft mit den Sub⸗ alternen im Muͤhlendepartement, um euch unver⸗ daͤchtig zu ſeyn? Es iſt deine Schuld, mein Sohn, ſiel Voll⸗ 1 brecht ein, wenn dein Freund verdaͤchtig wird. Du haſt eine wunderliche Manier zu ſprechen, und allerdings iſt es nicht gleichguͤltig, wem ich mein Haus öͤffne. Gottlob, daß ihr ſprecht, Vater, rief jener aus, ich glaubte, eure Geſtalt aͤffte mich nur, wie ihr ſo ſtumm da ſaßt. Allen Reſpect vor den Weibern, vornehmlich vor ſchoͤnen, aber zum Re⸗ gieren taugen ſie nicht. Das Haus iſt euer, nun ja, ihr habt es ſauer erworben, wer weiß das beſſer als ich. Ha, ha, ich weiß es wie heute, als wir einwanderten, und der rothgluͤhende Schweif⸗ ſtern vor uns herleuchtete— und— 6 Ihr haltet ſelbſt nichts Gutes von ihm? ant⸗ 10 1 — 3 2990 Geh' zu Bette, fiel ihm der Vater in's Wort, du biſt nicht nuͤchtern. Mag der Fremde dieſe Nacht hier bleiben, aber verſchone uns kuͤnftig mit ſolchem Zuſpruch. Nimmermehr, ehe ich haarklein weiß, wer er iſt, wie er heißt, und was es mit ihm fuͤr eine Bewandniß hat, ſagte Barbara. Das eoͤnnt ihr wohl erfahren, erwiederte Ul⸗ rich, laßt mir nur Zeit, ſeinen Paß in meinem Gehirn zuſammenzuſuchen, wo eben eine Art von Revolution herrſcht. Die Wahrheit zu ſagen, ſo iſt wirklich eine Maſſe Spiritus durch die Engpaͤſſe zweier Haͤlſe bis da hinauf vorgedrungen, und hat das Gedaͤchtniß total auf's Haupt geſchlagen. So⸗ gar meine Sonne, die holde Anna, ſcheint mir mit einem Nebelſchleier umgeben, aber deſto naͤher kann ich ihr in die leuchtenden Augen ſehn. Ich wich bei dieſen Worten noch mehr von ihm zuruͤck, und Vollbrecht ermahnte ihn zum zweiten Male, ſich niederzulegen, allein er ſchien es nicht zu achten. Ehe ich es vergeſſe, fuhr er fort, ich habe da etwas bei mir, wozu ihr nicht ſauer ſehen ſollt. Iſt nicht heute Weihnacht? Heut oder morgen, gleichviel, mein Kalender hat * 300— in der Flaſche Schiffbruch gelitten; genug, ich habe meinem Freunde, der ein Juwelenhaͤndler iſt, etwas abgekauft und euch mitgebracht. Hier Frau Barbe, ein paar feine Ohrringe fuͤr euch, und dir ſchoͤnes Muͤhmchen ein Ringlein, blitzend wie deine Augen, ein Pfand meiner Liebe und Treue, wenn es zum Scheiden koͤmmt, denn es ſteht in den Sternen geſchrieben, daß dein Ritter am laͤng⸗ ſten geraſtet hat. Barbe hatte indeſſen die Gloͤckchen von allen Seiten betrachtet, und fing an, eine ſchwache Weigerung zu verſuchen, die Ulrich mit Lachen be⸗ antwortete. Ich hingegen ſchob den Ring aͤngſt⸗ lich von mir, dankte dem Geber ſo freundlich ich konnte, und bat ihn, ſein Geſchenk zuruͤckzuneh⸗ men, weil es fuͤr mich zu koſtbar ſey. Du willſt nicht? fuhr er mich wild an, weißt du auch, was es heißt, ein Geſchenk verachten? Oder denkſt du, weil es ein Reif iſt, er ſoll dich an den Ge⸗ ber binden? Fuͤrchte nichts, Schaͤtzchen, ich bin nicht gemeint, mir die luſtigen Flügel zu üähmen Die Liebe iſt eine froͤhliche Dirne, die Ehe ein altes langweiliges Weib, das wußt' ich als Knabe ſchon. Denke mein Lebtage dran, wie der Vater mich mit euch paaren wollte, als wir noch Kinder — 31 waren, und mir den Weg zu dieſem Gluͤck mit dem Hobel zu bahnen dachte. Nun das hatte guten Grund, nicht wahr Vater? Wollt ihr den Grund wiſſen, Jungfer Anna? Ich glaubte, ſagte Vollbrecht mit gedaͤmpfter Stimme, du wuͤrdeſt ein rechtlicher Mann werden, und Annen gluͤcklich machen. Ihr glaubtet, ich wuͤrde bauen, wie der Maul⸗ wurf, aber zufaͤllig flog ich als Adler davon.— Nun Frau Barbe wie ſteht's, ſoll mein Gaſt blei⸗ ben, oder muß ich ihn aus dem Schlafe ruͤtteln und uͤber die Graͤnze fuͤhren. Behuͤte Gott, murmelte ſie, wer koͤnnte ei⸗ nem Reiſenden das thun. Wenn er ſchon ſchlaͤft, muß er freilich bleiben. Wußt ich doch, daß ihr meinen Vorſtellungen euer Ohr leihen wuͤrdet, lachte Ulrich, wuͤnſchte uns ruhig zu ſchlafen und ging. Auch Barbara entfernte ſich darauf in ihre Kammer, aber der Vetter ſaß, ſtarr vor ſich hinblickend, da, waͤhrend ich die Waͤrme des Ofens und die Lampe nuͤtzte, den letzten Flachs vom Rocken abzuſpinnen. Mit herzlichem Bedauern hoͤrte ich aus einzelnen Wor⸗ ten, die ihm, wie unbewußt, entſielen, was in 302— des alten Mannes Seele vorging. Ungerathner Bube, brummte er vor ſich hin, das wird nicht unvergolten bleiben.— Nein— fing er nach ei⸗ ner Pauſe wieder an, es bleibt auf der Welt ſchon nichts unvergolten!— 19 Mir wurde unheimlich zu Muthe, ich ſetzte mein Rad leiſe weg, und wollte zur Thuͤr hinaus⸗ ſchleichen.— Was geht da? fuhr er aͤngſtlich auf und ſah mich an.— Biſt du noch da, Annchen? Komm her mein Kind, ich will dir etwas ſagen. Huͤte dich vor Ulrich, du ſiehſt ja, wie wild und gottlos er iſt, laß dich von ſeinem Reichthum nicht 1 blenden, hoͤre ihn nie an 7 wenn er dich mit glat⸗ ten Worten lockt. Denke an deine Mutter, ſie hat mir dein zeitliches und ewiges Wohl em⸗ pfohlen; ich will ihr wenigſtens in Einem Wort halten. b Seine Stimme zitterte hier ſo heftig, daß ich erſchrak. Die Erinnerung an die geliebte Mutter, die ſpaͤte Stunde, der wunderbare Schauer, den mir Vollbrechts Weſen mittheilte, ergriffen mich ſeltſam. Thraͤnen kamen meinem gepreßten Her⸗ zen zu Huͤlfe, ich weinte ſo herzlich, als waͤre ich erſt heute zur Waiſe geworden, — 303 Weine nicht, Anna, fuhr der Vetter fort, ich wollte dich nicht kraͤnken. Oder haſt du ſonſt Kummer? geht es dir uͤbel in meinem Hauſe? ich ddenke du lebſt ruhig und ungeſtoͤrt. Morgen ſollſt du auch der Wittwe Gaͤrtner ihr Verſprechen fuͤr die Zukunft zuruͤckgeben. Ich will das Geld nicht maehr, mag Barbara brummen, ich will nicht ſchwach ſeyn. Geh morgen fruͤh hin, hoͤrſt du, dann iſt es geſchehen, und geſchehen muß es. Nun gute Nacht Kind, gute Nacht. Er ging. Ich ſaß nun allein, auf der naͤmli⸗ chen Stelle, wo ich einſt mein Alles verlor. Ich weinte, und uͤberdachte mein Schickſal, die Ver⸗ gangenheit erfuͤllte mich mit ſtiller Trauer, die Zukunft uͤbergab ich Gott, ohne Worte, im heißen Gebet. Es war ſpaͤt, ich nahm die Lampe und wollte auf mein Stuͤbchen gehen, weil aber drau⸗ ßen der Wind durch die lockere Hinterthuͤr pfiff, verloſch das Flaͤmmchen, und es war mir ſchaurig im Dunkeln. Da ſchimmerte noch Licht in der Werkſtatt, leiſe oͤffnete ich die Thuͤr; Eckard ſaß und arbeitete. Er ſtand haſtig auf und kam mir entgegen, ich brachte ſchuͤchtern mein Verlangen nach Licht vor. Seine Augen hingen fragend an den meinigen, indem er mir die Lampe anzuͤndete. 304. TMurrareere Liebe Anna, ſagte er, da ich nun gehen wollte, ich ſollte wohl nicht fragen, was euch fehlt, ich habe ja kein Recht dazu, aber ich kann nicht anders. Es giebt keinen Menſchen auf der Welt, der es ſo herzlich gut mit euch meint. Darf ich die Ur⸗ ſache eurer Thraͤnen wiſſen?, Ach guter Eckard, antwortete ich, ihr wißt es ja auch, wie es dem zu Muthe iſt, der das Liebſte und Naͤchſte dort oben hat. Jetzt nicht mehr, liebe Anna, erwiederte er, haltet mich drum nicht fuͤr kalt und leichtſinnig, aber jetzt weiß ich das nicht mehr. Jetzt lebt mir das Liebſte und Naͤchſte auf der Welt, und ich habe keinen andern Gedanken, als es mir zu ge⸗ winnen. Ich habe immer auf die beſte Stunde gewartet, aͤngſtlich eine Gelegenheit geſucht, dir das zu ſagen, nun iſt wohl dieſe ſtille Abendſtunde die rechte, und der liebe Got hat ſie ſelbſt dazu bezeichnet. Laß mich alſo die Frage an dich thun: ob du mich lieb haben kannſt— ob du als Haus⸗ frau mir folgen und Leid und Freude mit mir theilen willſt. Du kennſt mich ja lange, ſo wie du in lieblicher Unſchuld vor mir aufgewachſen biſt. Reichthum hab' ich freilich nicht, aber Fleiß und Geſchick ſoll uns mit Gottes Huͤlfe ſchon naͤhren. Laͤnger — 305 Laͤnger als ein Jahr hab' ich dieſen Wunſch wie eine liebe Geſellſchaft bei mir gehegt, bei mei⸗ ner Arbeit, in der Einſamkeit, und wenn ich mit dir war, hat er mich umſchwebt, und hat mir viele frohe Stunden gegeben, die ich alle dir danke. Wie Ulrich kam und ſich an dich draͤngte, ward ich wohl erſt ein bischen unruhig, aber bald bat ich es dir im Herzen ab, denn ſo ein Menſch, dacht ich, kann dem frommen Maͤdchen doch nim⸗ mermehr gefallen. Sprichſt du nun ja, du gute Seele, ſo hab' ich in der weiten Stadt gewiß und wahrhaftig den allerſchoͤnſten heiligen Chriſt!— — Ich habe das alles hier ſo weitlaͤuftig nie⸗ dergeſchrieben, wie es immer, bis zum ſpaͤteſten Alter, in meinem Gedaͤchtniß geblieben iſt; war dies doch der wichtigſte heiligſte Augenblick meines Lebens, den mir Gott unerwartet und unverdient ſchenkte. Deſto weniger kann ich ſagen, was ihm folgte, was ich fuͤhlte, wie ich antwortete. Ich weiß nur, daß Eckard mich freudetrunken in die Arme ſchloß, und bis an die Thuͤr meiner kleinen Stube geleitete, die ich— o Gott! wie gluͤcklich betrat. Es war mir nie in den Sinn gekommen, Eckards Liebe zu hoffen, obgleich er lange ſchon meiner Seele der Inbegriff des Guten, der Froͤm⸗ U migkeit und Tugend, ſelbſt der aͤußern Liebens⸗ wuͤrdigkeit war. Aber die Gewohnheit, mich ne⸗ ben ihm kindiſch und unbedeutend zu finden, die feſte Ueberzeugung, er koͤnne nur ein ausgezeichne⸗ tes Maͤdchen waͤhlen, hatte keinem ſolchen Gedan⸗ ken Raum gegeben. Nun war ich ſein, und fuͤhlte mein Gluͤck in ſeiner ganzen Groͤße. Ich war nicht mehr unbeſchuͤtzt, denn ich ſollte an ſeiner Hand gehen, jugendliche Liebe und kindliches Ver⸗ trauen zu ihm vereinigte ſich in meinem Herzen mit dem heißen Wunſche, ſeiner Wahl werth zu ſeyn. Das Gluͤck verdraͤngte den Schlaf, ich ſtand am Fenſter und erzaͤhlte den hellen Sternen, die freundlich auf mich niederblickten, was ich in keine Menſchenbruſt ausſchuͤtten konnte. So ſpaͤt ich mich aber auch niedergelegt hatte, am Morgen war ich doch die Erſte im Hauſe. Ich traf mit Eckard zuſammen ehe wir fruͤhſtuͤck⸗ ten, und wir wurden einig, unſer Geheimniß zu bewahren, ſo lange Ulrich im Hauſe ſey. Das heimliche Einverſtaͤndniß unſerer Herzen ward ein neues Gluͤck, denn mitten im Kreiſe der Uebrigen verſtanden wir uns gut genug, und theilten Ge⸗ danken und Gefuͤhle mit einander, ohne der Worte 8 zu beduͤrfen. Deiner Pathin kannſt du alles ſagen, — 3⁰7 fluͤſterte er mir zu, als ich am Weihnachtsabende zu ihr ging, um eine Arbeit hinzutragen, an der ich in der Freude meines Herzens genaͤht hatte — ſie hat dich lieb; und ich glaube auch mich. Ich ging, als haͤtt ich Fluͤgel an den Fuͤßen, im Geheim die ſchicklichſten Worte uͤberlegend, mit denen ich mein Gluͤck verkuͤndigen wollte. Aber es kam ganz anders; denn die kluge Frau errieth aus meinem unverſtaͤndlihen Vortrage, aus mei⸗ nem Erroͤthen, gleich anfangs alles, und ich lag, ſtatt zu erzaͤhlen, ſtumm weinend in ihren Armen. Gott ſegne dich, ſagte ſie mit naſſen Augen, er hat dich gut gefuͤhrt. Das habe ich lange heimlich gewuͤnſcht und gehofft. Ich kenne den Eckard beſ⸗ ſer, als du glaubſt, und will dir einmal etwas von ihm erzaͤhlen, worauf er dir noch tauſendmal lieber werden wird. Mir ſchien das wohl unmoͤglich, aber ich wider⸗ dran nicht, und haͤtte die Erzaͤhlung gern gleich jetzt angehoͤrt. Doch die Wittwe war ſehr beſchaͤf⸗ tigt, ſie wickelte mir einen Weihnachtsſtollen nebſt einem großen Apfel ein, aus welchem ein Dukaten den goldnen Rand erhob, und entließ mich nach manchem freundlichen Scherz. Auf der beſchneiten Straße war es ſchon Daͤmmerung, ein Gewuͤhl U 2 308 eEeees eeeee von froͤhlichen Menſchen umgab mich. Muͤtter und Vaͤter, mit den Gaben der Liebe heimeilend, kleine und große Chriſtbaͤume, von jubelnden Kin⸗ dern angeſtaunt, hie und da ſchon eine hell leuch⸗ tende Weihnachtsſtube, alles bezeichnete den ſchoͤn⸗ ſten Feſtabend. Bei uns war es ſtill, Ulrich kam nicht zu Hauſe, ich legte mich zeitig nieder, um gegen Morgen die Fruͤhkirche nicht zu verſaͤumen, und noch war der heilige Chriſttag nicht angebro⸗ chen, als ich mit unſerem Maͤdchen durch die ſtil⸗ len Gaſſen ſchritt. Unterwegs trafen wir mit Eckard zuſammen, in ſeinem Geleit betrat ich die feierlich duͤſtre Kirche. Nach und nach fullte ſie ſich mit Andäͤchtigen, wie Sterne flimmerten die einzelnen Lichter vor jedem Sitz, der volle Ge⸗ ſang hallte gleich einem Strom durch die Daͤmme⸗ rung. Von Jugend an, ſeit ich zuerſt mit der Mutter die Chriſtmetten beſuchte, ruͤhrte und er⸗ hob mich dieſe Morgenandacht— jetzt fuͤhlte ich mehr! Ach nie ſind mir in ſpaͤtern Tagen die 4 Glocken erklungen, die die erfreulichſte Geburt an⸗ kuͤndigen, ohne einen Abglanz jener Erdenwonne in das Gefuͤhl der Andacht zu miſchen. Als ich heim kam, fand ich Eckard auf mei⸗ nem dunklen Stuͤbchen. Ein ſchoͤnes Naͤhpultchen lichtern erhellt auf dem Tiſche. W ſo gluͤcklich wie Kinder, wir hatten ſo viel zu berathen, zu uͤberlegen, fuͤr die Zukunft zu denken. Eckard erzaͤhlte mir von dem kleinen Reichthum, den ſpaͤte Nachtarbeit ihm nach und nach gewon⸗ nen hatte. Er war gering, beguͤterte Leute wuͤr⸗ den gelaͤchelt haben, haͤtten ſie mein freudiges Stau⸗ nen geſehen, doch reichte er hin, meinem Freunde in ſeiner Heimath im H. ſchen, wohin er gedachte, das Meiſterrecht zu erwerben. Oſtern wollten wir uns verbinden, und dann im Vertrauen auf Gott die Wanderung zu dem neuen Herde antreten. Noch einen Wunſch wolle mir das neue Jahr gleich anfangs erfuͤllen; Ulrichs Entfernung. Nun Schaͤtzchen, rief er mich eines Abends an, willſt du mit? Morgen geht's in die Welt hinaus. Meiner Treu, du waͤrſt die niedlichſte Marketen⸗ derin, die je einem braven Kerl das Glas gefuͤllt haͤtte!.. Ich kehrte ihm den Ruͤcken, ohne zu antworten⸗ aber als ich vor Schlafengehen ſeinen ziemlich kal⸗ ten Abſchied von Vater und Mutter vernahm, freute ich mich im Geheim, daß es mit der Ab⸗ reiſe Ernſt war, und wuͤnſchte ihm aus Herzeus⸗ —— grut Wohlergehn nach. Gleich den naͤch⸗ ſten Morgen ſprach dann auch Eckard meinetwegen mit dem Vetter, der uns ſein Jawort nicht wei⸗ gerte. Aber ich ſah wohl, wie weh es ihm that, den fleißigen Geſellen zu verlieren. War es mir doch ſelbſt, als ob mit ihm der gute Geiſt des Hauſes entweichen muͤßte. Vollbrecht arbeitete lange ſchon nichts mehr, ich ahnete zuweilen, daß er Erheiterung in der Flaſche ſuchte, waͤhrend ſeine Frau, ihren buͤrgerlichen Stolz zu weiden, die ſinnloſeſten Verſchwendungen nicht ſcheute, die ſie vergebens durch kleinliche Sparſamkeit zu erſetzen ſuchte. Uneinigkeit, Verſchwendung und Muͤßig⸗ gang, welche Feinde des haͤuslichen Gluͤcks! Ich ſah ſie mit wahrem Schmerz da Wurzel ſchlagen, wo meine ſchoͤnen Jugenderinnerungen mir die Staͤtte geheiligt hatten. Unter mancherlei lieblichen Geſchaͤften, die alle auf eine freundliche Zukunft berechnet waren ſah ich nun Schnee und Eis weichen, die Sonne laͤn⸗ ger weilen, die gruͤne Saat ihre zarten Spitzchen erheben und die Lerche jubelnd in die Luft ſteigen, um den neuen Fruͤhling zu gruͤßen. Der Vetter lieferte mir den kleinen Nachlaß der Mutter aus, ich ſonderte wehmuͤthig die wertheſten Stuͤcke ab, —* das Uebrige rieth die Klugheit, in Geld zu ver⸗ wandeln. Eckard ſandte unſern ſparſamen Haus⸗ rath nebſt dem baaren Gelde voraus, wozu unvor⸗ hergeſehn noch ein Anſehnliches gekommen war; doch das muß ich ausfuͤhrlicher erzaͤhlen. Anna, ſagte die Pathin an dem Sonntage zu mir, da wir zuerſt als Verlobte von der Kanzel genannt wurden— ich habe dir noch eine Schuld zu zahlen, die deinem Braͤutigam und dir wohl zu Statten kommen ſoll. Damit oͤffnete ſie ein klei⸗ nes Thuͤrchen ihres Schranks, und legte mir eine Rolle Geld in die Hand. Sieh, mein Kind, fuhr ſie fort, das iſt dein Verdienſt fuͤr die jahrelange Arbeit, die du uns ohne Lohn gemacht haſt. Ich habe es redlich berechnet und immer hier fuͤr dich niedergelegt, denn wiſſe— der Dank, den du mir zu zahlen gedachteſt, gehoͤrt einem Andern, dem du nun durch dein gandes Leben ſeine Treue lohnen wirſt. Ja, nicht ich, der redliche fromme Eckard war dein Wohlthaͤter. Ich bin nicht reich, mein Kind, Kinder und Enkel haben Rechte auf mein Weniges, und das Leben bedarf viel. Doch wuͤrde ich dir meine Hand nicht verſchloſſen haben, wenn der junge Mann nicht als eine Gunſt gefor⸗ dert haͤtte, ſeine Erſparniſſe mit dir theilen zu 4 „ 4 Banals werß du ein Kind, ein welken⸗ des Bluͤmchen gleichſam, kein eigennütziger Ge⸗ danke lag der Wohlthat zum Grunde, es war reine chriſtliche Tugend, und darum bedacht ich mich keinen Augenblick, ihm Verſchwiegenheit und Mit⸗ wirkung zu geloben. Jetzt darfſt du es wiſſen und mußt es wiſſen, um deinen kuͤnftigen Mann ganz zu kennen. Welcher fuͤhlenden Seele muͤßte ich wohl erſt ſagen, wie unausſprechlich dieſe Erzaͤhlung mich ruͤhrte. Ich eilte in die Arme meines ſichtbaren Schutzengels, und Gott hoͤrte mein Geluͤbde, ihm ſeine edle That zu vergelten. Das Weib ſoll Va⸗ ter und Mutter verlaſſen und an ihrem Manne hangen, ſagt ein heiliger Ausſpruch— wie leicht wird es, ihm zu gehorchen, wenn wir in des Mannes Tugend unſen Ruhm und unſer Vor⸗ bild finden. Meine Hochzeit war kein Feſt, nur eine ſtille Feier des froͤmmſten Bundes. Kein Gaſtmahl, kein Tanz; ein Spaziergang in die erwachende Na⸗ tur, folgte der kirchlichen Weihe. Einige Wochen lebte ich dann noch in der Vaterſtadt in meinem lieben Dachſtuͤbchen die gluͤcklichen Flitterwochen der jungen Ehe, und trat darauf wohlgemuth die *☛ — 3¹³ Neiſe ins neue Vaterland an. Der Better weinte ſehr, da wir ſchieden, ſeine Thraͤnen fielen mir auf's Herz, ſo bleich, ſo verfallen war er mir nie vorgekommen, ich glaubte ihn nie wieder zu ſehen. Auch die Wittwe gab mir ihren Segen mit naſſen Augen, und ich ſahe noch oft zuruͤck nach den ent⸗ ſchwindenden Thuͤrmen, bis auch ihre Spitzen dem Blick entſchwanden.„ Bis B.. hatte uns ein bequemes Fuhrwerk gebracht, von hier aus wollte Eckard einen Sei⸗ tenweg nehmen, um bei einem Jugendfreunde ein⸗ zuſprechen, das Wetter war herrlich, die Fluren gruͤnten in ihrem erſten Schmuck, wir machten uns ruͤſtig zu Fuß auf, in der ſichern Erwartung, unſer Ziel am Abend zu erreichen. Aber der Weg war laͤnger, als wir meinten, es ſtiegen Gewit⸗ terwolken im Abend auf, die die Daͤmmerung be⸗ ſchleunigten, und jetzt dehnte ſich ein weiter Wald vor uns aus, in den ſich der Pfad verlor. Zwei⸗ felnd ſtand Eckard ſtill; er wollte mir nicht geſtehn, daß wir uns verirrt hatten, ich ſchmiegte mich aͤngſtlich an ihn an, da wir endlich in die hohen Baumgaͤnge eintreten mußten. Indeſſen war das Gewitter naͤher gekommen, ein Wirbelwind trieb es uͤber unſerm Haupte zuſammen, Blitze durch⸗ 314— zuckten die fruͤhe Nacht, der Regen ſtroͤmte auf uns nieder. Ich konnte nicht weiter, wir lager⸗ ten uns in einer kleinen Vertiefung, wo die hoͤ here Erde ein Dach uͤber uns bildete, und Eckard deckte mich mit ſeinen Kleidern; den Schutz der Baͤume hielten wir fuͤr gefaͤhrlich, auch waren ſie noch zu duͤnn und unbelaubt, um uns Obdach zu geben. Horch! ſagte Eckard, als wir etwa ein halbes Stuͤndchen ſo zugebracht hatten, mich duͤnkt, ich hoͤre einen Wagen rollen. Irre ich nicht, ſo fin⸗ den wir vielleicht freundliche Menſchen, die uns ein Plaͤtzchen zum Weiterkommen nicht verſagen. Das Geraͤuſch ward Fäͤrker, Eckard ſtand von meiner Seite auf, dem Schall entgegen zu gehen. Ich zitterte in der Einſamkeit, bis ich nach einer kleinen Weile ſeinen Schritt wieder nahen hoͤrte. Er hieß mich freudig ihm folgen, es ſey uns ein ſicherer Platz im Wagen und eine ruhige Herberge verſprochen. Muͤde, von der Abendkuͤhle durch⸗ ſchauert, hing ich mich an ſeinen Arm und ſah bald auf einer lichten Stelle des Waldes einen ſtattlichen Reiſewagen, in den Eckard mich hob, waͤhrend er an meiner Seite Platz nahm. — 315 In der dichten Daͤmmerung erkannte ich mir gegenuͤber nur einen Mann im Reiſemantel, dem ich ſchuͤchtern guten Abend bot. Er erwiederte meinen Wunſch mit einer ſanften Stimme, und wußte bald das Geſpraͤch lebendiger zu machen. Erſt erzaͤhlte er uns, wie er Kaufmann ſey, und nach H. burg gehe, um ſich, wichtiger Handels⸗ geſchaͤfte wegen, eilig einzuſchiffen, wie er jetzt eben Abſchied von einer geliebten Tochter genom⸗ men habe, und die ganze Nacht durch zu fahren Willens geweſen ſey. In dem Wetter will ich es doch nicht wagen, fuhr er fort, und deswegen eine Herberge ſuchen, die ihr mit mir theilen koͤnnt, Am Eingange des Waldes ſtieß uns ein Burſche zu Pferde auf, der uns rieth, in dem Hauſe ſei⸗ ner Mutter einzukehren, er beſchrieb es ziemlich genau, ich denke, wir muͤſſen es bald erreichen. Laßt mich indeſſen auch etwas von euch hoͤren, lie⸗ ben Leutchen, auf Reiſen muß man ſich bald ken⸗ nen lernen. Iſt die arme junge Frau dort druͤben ſehr durchnaͤßt? Vielleicht koͤnnte ihr einer von meinen Maͤnteln dienen? Ohne Umſtaͤnde liebe Frau, ich bin ein alter Mann, und dadurch den huͤbſchen Weibern einen großen Schritt naͤher, als vor etwa dreißig Jahren. 8* 4 Ich dankte, noch immer etwas äͤngſtlich, aber mein Mann nahm ohne alle Scheu das Wort, und erzaͤhlte was ſich von uns erzaͤhlen ließ, ſo frei⸗ muͤthig und huͤbſch, daß ich ihn im Stillen be⸗ wunderte. Der alte Herr ſchien auch Wohlgefal⸗ len an ſeiner Erzaͤhlung zu finden, das merkte ich bald aus einzelnen Worten, und es freute mich nicht wenig— denn wem Eckard deſen der hatte mein Herz gewonman. ee m Dort ſeh ich Licht ſhtnen,: rief der e aush 4 das wird wohl das Foͤrſterhaus ſeyn, ich will denn 1 in Gottes Namen drauf los fuhren, aber der 23 ſchein verdammt holperich. 2 Wirklich ging es nun uͤber ganz ugebahite Wege, uͤber Baumwurzeln und tiefe Gleiſe; der Bediente ſtieg vom Bock den Wagen zu ſtuͤtzen, unſer Geſpraͤch ſtockte. Endlich hielt der Kutſcher an; wir ſahen das gaſtliche Licht erſcheinen. Ein großer ſtammhafter Junge, derſelbe, der fruͤher dem Kaufmann begegnet war, oͤffnete die Thuͤr. Ein brennender Kiehnſpahn beleuchtete ſein Geſicht mit rother Gluth, ſeine Kleidung war ein halbzer⸗ riſſenes Jaͤgerkleid, ſein wild herumhaͤngendes Haar bedeckte eine ſchwarze Muͤtze. Da koͤmmt ja mehr Geſellſchaft, als ich eingeladen habe, ſagte 1 * — 317 er muͤrriſch, das wird mir die Mutter eintraͤnken, das Haͤuschen iſt klein, der Herr bekoͤmmt ſchon der Mutter ihr Bett.* Wir begehren nichts, antwortete Eckard, als euer Dach bis morgen fruͤh. Weiſet uns ein Plaͤtz⸗ chen an, welches ihr wollt, wir ſind zufrieden.— * Indeſſen waren wir in's Haus getreten und von der Wirthin nicht viel freundlicher empfangen worden. Sie fuͤhrte uns in die große Unterſtube, waͤhrend ſie draußen mit dem Jungen uͤber das Unterkommen der Pferde und Bedienten rath⸗ ſchlagte. Wir betrachteten nun beim Scheine ei⸗ ner matten Lampe erſt uns ſelbſt, dann unſere Umgebung. Der Kaufmann, deſſen gutes freund⸗ liches Geſicht und ſchon halb ergrautes Haar mir Ehrfurcht einfloͤßte, reichte uns herzlich die Hand, und weil eben jetzt der Sturmwind an das freie Waldhaus mit furchtbarer Macht ſtieß, wuͤnſchte er ſich und uns ſelbſt zu dieſem ſchlechten Aufent⸗ halt Gluͤck. Das Zimmer, deſſen Waͤnde mehr ſchwarz als weiß ausſahen, hatte in der mangel⸗ haften Beleuchtung allerdings nicht viel Angeneh⸗ mes. Ein rieſenfoͤrmiger Ofen, ein Bett in der fernſten Ecke, ein zerriſſener lederner Lehnſtuhl, zwei alte Baͤnke und ein großer Tiſch, waren das 318— Geraͤth. Die oͤde Weite des uͤbrigen Raums war leer, ſelbſt der Lampenſchein drang nicht in dies unbewohnte Land. Die Wirthin trat wieder ein und noͤthigte uns ziemlich wortkarg zum Sitzen. Der Bediente brachte ſeines Herrn Gepaͤck, einen Mantelſack, eine Cha⸗ toulle und zwei Piſtolen; er mußte alles an's Bett ſetzen, worauf ihm der Kaufmann noch einige Be⸗ fehle gab, und dann mit uns auf der Bank am Tiſche Platz nahm, waͤhrend die Alte ſich gemaͤch⸗ lich in ihren Lehnſtuhl ſtreckte. Ihr wohnt hier ziemlich einſam, liebe Frau, ſagte unſer Reiſegefaͤhrte. 2 Einſam genug, war die kurze Antwort. Gewohnheit macht alles leicht, hub er von Neuen an, aber ſo tief im Walde, ſo entfernt von Menſchen, muß euch doch zuweilen bange ſeyn. Der Knabe, denke ich, iſt euer Sohn, iſt ſein Vater todt? f Seit Faſtnacht, ſagte ſie. Der Burſche iſt endlich ruͤſtig genug, ich wuͤßte nicht, wofuͤr mir bangen ſollte. Giebt auch nichts zu ſuchen bei uns, ein armes leeres Haus braucht weder Schloß —. 319 noch Riegel— und der Foͤrſter, der den Dienſt verſieht, fragt alle Tage nach. Eckard erkundigte ſich nun nach unſerm Wege, und um wie weit wir uns verirrt haͤtten. Da ſeyd ihr weit links gekommen, antwortete ſie, und muͤßt morgen ein gut Stuͤck zuruͤck. Zwei Stunden vor der Haide haͤttet ihr ſchon rechts ab⸗ lenken ſollen. Der Junge trat hier mit dem Bedienten ein, der kalte Kuͤche und Wein aus ſeines Herrn Rei⸗ ſevorrath brachte; waͤhrend er es auf dem Tiſch ordnete, ſtand der Burſche wie eingewurzelt vor uns, und ſeine kecken ſchwarzen Augen waren un⸗ verwandt auf mich gerichtet. Die Wirthin langte auf des Fremden Bitte einige Glaͤſer aus einem Wandſchranke, weigerte ſich aber kalt und trocken, etwas zu genießen. Ihr Sohn hingegen nahm das ihm gebotene Glas toͤlpiſch dankend an, ſtuͤrzte es aus, klagte uͤber Muͤdigkeit, und ſchlich in die dunkle Ecke, wo er, den Kopf auf des Kaufmanns Mantelſack gelehnt, bald entſchlief. Kurz darauf klopfte es draußen. Die Alte ging hinaus und kam mit einem Jaͤger zuruͤck, den wir aus ihrem Willkommen fuͤr den vorher erwaͤhnten Foͤrſter er⸗ kannten. Er gruͤßte uns, hoͤflicher als die Haus⸗ bewohner, warf die Jagdtaſche von ſi ch und ſetzte ſi ch zu der Wirthin. Graͤßliches Wetter, fagt. er ſich ſchuͤttelnd— ich bin den ganzen Wald durchſtrichen und muß gleich wieder fort. Nichts Warmes, Frau Trude? Niicht ſo viel ihr im Auge leiden moͤgt, brummte ſie, wo ſoll's herkommen? ſo ſpaͤt vermuthet unſer eins keine Gaͤſte. Wollt ihr ſchmauſen, ſo kehrt wo anders ein. Hier giebt's außer unſrer kargen Nahrung keine Mahlzeit fuͤr eine Ratte. Wer heißt euch ſo ſpaͤt noch umherziehn. Der Jaͤger hat nicht Ruh noch Raſt, Trude, das wißt ihr ja, und das Wild fraͤgt nicht, wenn wir es vor den Schuß haben wollen. Ei ja doch, fuhr Trude fort, wenn den wackern, Jäͤgersmann hier eine huͤbſche Mahlzeit erwartete, es waͤre ſchon recht. Aber dann muͤßte Trude auch ihren Theil an dem Schuß haben, waͤhrend ihr jetzt kein Federchen und kein Gebeit zukoͤmmt. Schaͤmt euch, daß ihr mich darben laßt. Wie, wenn ich einen Spruch wuͤßte, der alles Wild im Hui verſcheuchte 2 Der — 32 Der Jaͤger bot der Alten lachend die Hand, und verſprach, naͤchſtens ihre Erwartungen zu uͤber⸗ treffen. Unſer Reiſegefaͤhrte aber fuͤllte ein Glas, bat den Weidmann freundlich, unſere Mahlzeit zu theilen, und forderte mich auf, ihn zu bedienen. Mir ſchwindelte, da ich mich von dem Sitz erhob; die Angſt im Walde, die Feuchtigkeit, der Sturm und nun der ungewohnte Wein, den ich auf des alten Mannes Zureden trinken mußte, hatten mein Blut in Wallung gebracht, ich hielt mich mit Muͤhe aufrecht. Aber noch ein ſeltſameres Gefuͤhl ergriff mich, als ich nun vor den Foͤrſter hintrat, er das Glas aus meiner Hand nahm und ich ſein Geſicht ſchaͤrfer in's Auge faßte. Nich duͤnkte, ich hatte dies Geſicht ſchon einmal geſehen, wo! erforſchte ich vergebens. Immer ſchwebte der Augenblick vor meiner Seele und zerrann wie ein Nebel, wenn ich ihn feſthalten wollte; nur das Eine ward mir klar, die Erinnerung gehoͤrte nicht zu den an⸗ genehmen meines Lebens. Die drei Maͤnner fin⸗ gen indeſſen an, ſich uͤber mancherlei zu unterhal⸗ ten; Trude und ich ſaßen ſchweigend, mir ward es immer gewiſſer, daß ich dem Jaͤger nicht zum erſten Male begegnete, ja zuweilen glaubte ich ſchon, die Erklaͤrung zu ergreifen, aber ſchadenfroh ent⸗ ſchluͤpfte ſie von Neuem. Mitten in dieſen An⸗ 82 322— ſtrengungen ſanken unwillkuͤrlich meine Augen, ich hoͤrte nur noch, wie aus weiter Ferne, und war herzlich froh, als Eckard mich ſanft erweckte, weil Trude uns ein Nachtlager anweiſen wollte. Der Jäger ſtand auf und wuͤnſchte uns eine kuhige Nacht, Trude begleitete ihn. Auch der fremde Herr reichte uns zum Abſchiede die Hand. Schade, ſagte er, daß unſer Weg nicht laͤnger zu⸗ ſammentrifft, aber ihr muͤßt zuruͤck, ich will, ſo⸗ bald die Sonne aufgeht, vorwaͤrts, und einen wei⸗ ten Weg uͤber das Meer antreten. Gott ſchuͤtze euch, ihr jungen Eheleute, und laſſe es euch im⸗ mer wohl gehen. Mir traten die Thraͤnen in die Augen, der alte Mann war mir von Herzen lieb geworden. Ueber's Meer? rief ich aus, der graͤnzenloſe Ge⸗ danke des weiten Oceans beklemmte meine Bruſt — ach, da ſehn wir ſie wohl nimmer wieder. Aber uͤber's Meer ſchwebt ja auch Gottes Allmacht, und alle gute Menſchen kommen einmal wieder zu, ſammen. Ich wandte den naſſen Blick, er fiel auf den ſchwarzen Buben, der mich wieder wie vorher an⸗ ſtarrte. Mathaͤus, ſagte die eintretende Mutter, — 323 fuͤhre die Leute zu Bette.— Der Bube ſaßte meine Hand, wir gingen. Heizeſt du Maria? fragte er enich im dun⸗ cln Vorhauſe. Anna, erwiederte ich, uͤber die Frage betroffen. Er oͤffnete nun die Hofthuͤr, und leitete uns hin, aus, ohne mich loszulaſſen. Einzelne Sterne ſchim⸗ merten durch die Wolken. in er Himmel hat ſeine Vternen wieder ange, brannt, ſagte unſer Fuͤhrer und blieb ſtehen. Frau! warum ſagteſt du, alle gute Menſchen kaͤmen wie⸗ der zuſammen? 3 Glaubſt du das nicht? fragte ich erſtaunt. 1 Ich weiß nicht, ſprach er weiter, es koͤnmt mir unmoͤglich vor, aber wenn du es meinſt, will ich's glauben. Wenn nun der alte Herr ſrbr wo willſt du ihn wieder à ſehi⸗ Vielleicht auf ſo einem goldnen. Stern,, der da aus den Wolken ſcheint, ſagte ich, von des Juͤng⸗ lings Einfalt tief erſchuͤttert. Er ließ mich los, und wies uuns ſchweigend in ein Nebenhaͤuschen eine ſteile Stiege hinauf, wo wir eine Streu fan⸗ R 2 324 3 den. Ich fuͤhlte mich angegriffen, ſeltſam bewegt; weinend hing ich an Eckards Halſe, mir war als duͤrfe ich ihn nicht aus den Armen laſſen. War das Ahnung, oder nur Folge der wunderlich wechſeln⸗ den Scenen und des wechſelnden Geſpraͤchs. Ach es ſollte mir kein gluͤcklicher Tag wieder anbrechen. Mein Schlaf war ſehr unruhig, aber eiſern feſt. Ich kaͤmpfte mit aͤngſtlichen Traͤumen, und erwachte endlich, als eben die Sonne heraufſtieg. Noch umſchwebte mich der letzte Traum, der Ju⸗ welenhaͤndler, der zu Weihnachten bei uns einſprach, hatte mit Ulrich vor mir geſtanden, und mich hoͤh⸗ niſſch gefragt, ob ich ihn nicht mehr kenne. Was meinem Gedaͤchtniß wachend nicht gelang, hatte die Phantaſie im Traum vollbracht. Der Jaͤger von geſtern— ja gewiß— es war derſelbe, den Ulrich jenesmal in des Vetters Haus brachte. Ich beſann mich jetzt voͤllig, ich erhob mich, um dieſe Nachrichten Eckarden mitzutheilen. Er war nicht da!— Er iſt ſchon hinuntergegangen, ſagte die Vernunft, er wird den Kaufmann noch einmal ſe⸗ hen wollen und gleich wiederkehren; mein klopfen⸗ des Herz widerſprach dem Troſte. Mit fliegender Eile kleidere ich mich vollends an, und ſtuͤrzte hin⸗ unter.— Die Hofthuͤr, die Unterſtube ſtehen — 335 weit offen, ein Laͤrmen trifft mein Ohr, die Stube iſt voll Menſchen, halb entſeelt frage ich die Erſten nach meinem Mann. Alles ſtarrt mich an, ich ſehe den Bedienten des Kaufmanns todt am Bo⸗ den liegen, und in einer Ecke, halb aufrecht, aber blurend und bewußtlos, den ungluͤcklichen Mathaͤus. — Soldaten und Gerichtsperſonen umringten mich⸗ Ich ſollte antworten, und hatte nur eine Frage⸗ Niemand wußte etwas von meinem Manne. Der Kutſcher des fremden Herrn war nach zwoͤlf Uhr in's naͤchſte Dorf gekommen, wo geſtern Militaͤr lag, und hatte Huͤlfe verlangt. Schon mehrere hundert Schritt vor dem Hauſe hatten die Helfer den fliehenden Kaufmann angetroffen. Die Raͤuber waren entkommen, auch Trude fehlte, man fand nur den Todten und den ſchwer verwundeten Ma⸗ thaͤus, und machte eben Anſtalt beide fortzuſchaf⸗ fen. Auch ich mußte folgen, mein Zeugniß ward noͤthig, meine eigne Unſchuld war unerwieſen. Ich dachte zu vergehn, als ich den Ort verlaſ⸗ ſen ſollte, wo ich ſo ungluͤcklich geworden war. Die ſchreckliche Wahrheit ſchien mir unmoͤglich, jeden Augenblick hoffte ich Eckarden um die Waldecke kommen, in's Haus treten zu ſehen. Ich durch⸗ ſtrich die einſamen Kammern bis zum Boden, die 326— K* Staͤlle, den Garten, die nahe Umgebung; ein mitleidiger Soldat half mir ſuchen, und unterſtuͤtzte meine wankenden Schritte.— Vergebens— meine Stimme drang durch die ſtille Morgenluft— der Nuf der Liebe blieb unbeantwortet. Zitternd ſah ich, wie man die dichten Gebuͤſche durchkroch, und glaubte bei dem leiſeſten Laut, etwas Schreckliches zu hoͤren. Keine Spur zeigte ſich. Betaͤubt, faſt ſinnlos ward ich in des Kaufmanns Wagen gebracht, den man in der Eil mit fremden Pferden beſpannt hatte, von den Seinigen war Eins durch den Kut⸗ ſcher gerettet, das andere den Raͤubern zur Beute geworden. Der Soldat, den mein Schickſal gleich anfangs geruͤhrt hatte, troͤſtete mich mit Hoffnung. Die Geflohenen werden verfolgt, ſagte er, und Euer Mann, deſſen Zeugniß wichtig ſcheint, wird. uͤberall aufgeſucht werden; auch bleibt hier eine Wache zuruͤck, die auf alles Acht haben muß. Geht jetzt nur geduldig, damit kein Verdacht auf euch faͤllt. Wir kamen in einem kleinen Staͤdchen an, wie fruͤh oder ſpaͤt, weiß ich nicht. Der Wagen hielt vor dem Rathhauſe; das Zimmer, das ich erhielt, war ein Gefaͤngniß. Mit mir zugleich ward Tru⸗ dens Sohn eingebracht, ſeine entſtellten Zuͤge um⸗ o.*˙ ſchwebten mich in der Einſamkeit, und vermehrten meine Verzweiflung. Ich ſaß, die Haͤnde in den Schooß gefalten, ohne Thraͤnen, ohne Gedanken, nur die Bilder des vergangenen Abends gaukelten wild um mich her, und mir war, als koͤnne ich ſie halten, koͤnne Eckarden wiederbringen, mit ihm fliehen, und Alles aͤndern. Da raſſelte die Thuͤr, der alte Kaufmann trat ein. Halb ohnmaͤchtig ſiel ich in ſeinen Arm, jetzt konnte ich weinen. um Gottes willen, ſchrie ich, wo iſt mein Mann? Haben ſie ihn geſehn, ſeit wir uns trenn⸗ ten? Was iſt aus ihm geworden? Armes Kind, antwortete er, ich kann deine Frage nicht beantworten. Geſehn habe ich ihn wohl in dieſer Schreckensnacht, er ſtellte ſich an meine Seite, als wir gegen die Raͤuber kaͤmpften; und manchem raͤthſelhaften Scheine zum Trotz, glaube ich an ſeine voͤllige Unſchuld. Dein Wort ſoll mir uͤber ihn entſcheiden. Sprich! deinen rei⸗ nen treuen Augen will ich glauben. Hattet ihr keine Verbindung mit den Leuten in jenem Hauſe? keine Ahnung von dem Mordanſchlag?! Hatte dein Mann keine verdaͤchtigen Bekanntſchaften? Gott! welche Fragen! doch ich will die Ant⸗ 328 wort nicht weigern. Nein, Herr— unſchuldi⸗ ger als wir, unſchuldiger als mein armer Mann, haben ſelbſt ſie die Nacht ihr Haupt nicht auf's Kiſſen gelegt. In meinem letzten Augenblick, wo ich der ewigen Gnade am meiſten bedarf, will ich dieſe Verſicherung wiederholen. 3 Wohl, ich glaube dir nur zu gern. Aber wo iſt dein Mann? Woher kannte er Einen der Raͤu⸗ ber, und nannte ihn mit ſeinem Namen, auf den ich mich vergebens zu beſinnen ſuche. Ich ward irre an ihm, und floh, als ich nur einen Augen⸗ blick Luft erhielt, was ich nimmermehr gethan ha⸗ ben wuͤrde, wenn ich in Eckarden meinen Helfer gewußt haͤtte.— Mein Mann iſt todt! rief ich aus. Er iſt todt, glauben ſte, er wuͤrde mich ſonſt verlaſſen haben? Ach und der, fuͤr den er geſtorben iſt, befleckt ſein Andenken mit dem ſchrecklichſten Verdacht!— Arme Frau, arme bedauernswerthe Frau, ſagte der alte Mann, und Thraͤnen benetzten ſeine grauen Wimpern, ich habe keinen argen Gedanken mehr in meiner Seele. Aber noch hoffe ich fuͤr deinen Mann. Er war nicht unbewaffnet, er hatte eine meiner Piſtolen, die andere fand ich ungeladen, — 329 obgleich ich mein Leben verwetten wollte, beide ge⸗ laden zu haben. Da ich nun ohne Schutz und erſchoͤrft war, rief er mir zu, mich zu retten, waͤhrend mein treuer Martin den Schuß auffing, der mir beſtimmt war; ich entſprang und die Huͤlfe kam mir entgegen. Meine Ausſage iſt bei den Gerichten niedergelegt, ſie enthaͤlt nichts von mei⸗ nen Zweifeln an euch. Mein Kutſcher bleibt hier, ich ſelbſt muß fort, mein ganzes Gluͤck ſteht auf dem Spiele, wenn ich zaudre, und das Schiff,⸗ mit dem ich reiſen will, ohne mich abſegelt. Aber huͤlflos kann ich dich nicht verlaſſen. Wenn du Wittwe waͤreſt und Eckard ſchuldlos war— all⸗ maͤchtiger Gott— ſo waͤreſt du es ja durch mich. Nimm dies verſiegelte Blatt. Es iſt an die. ſche Handlung in H.. burg, und enthaͤlt Vollmacht, dir zu zahlen, was du bedarfſt. Fordere frei. Die Summe, die ich genannt habe, wirſt du ge⸗ wiß nicht uͤberſchreiten. Nimmermehr! rief ich aus, und wies das Pa⸗ pier voll Entſetzen zuruͤck. Es ſchien mir, als wolle man das Leben meines Mannes bezahlen. Ich waͤhnte noch einen Hoffnungsſchimmer zu be⸗ halten, wenn ich den Preis nicht annahm. Mit⸗ leidig gab der Kaufmann mir nach, und bemuͤhte 330— ſich, meine Verzweiflung zu maͤßigen. Er blieb bei mir, bis zum Augenblick ſeiner Abreiſe, ſchied f dann traurig, und ließ mich hoffnungslos zuruͤck. habe einen verdaͤchtigen Menſchen ergriffen. Am Morgen ward ich in's Verhoͤr gefordert. Ich fand in einem großen Saale, außer den Gerichten, den Kutſcher des Kaufmanns und den todkranken Ma⸗ thaͤus, der nun ganz bei ſich war. Man bedeutete mich, die Ausſage der Uebrigen ſchweigend anzu⸗ hoͤren. Es war noch nicht viel uͤber eilf Uhr, begann der Kutſcher, und ich ſchlief noch nicht in dem verdammten entlegenen Stalle, den ſie uns ange⸗ wieſen hatten, als der Burſche dort mit einer La⸗ terne zu mir hereintrat. Ich machte mich fertig, mich zu wehren, denn ich hatte kein gutes Zu⸗ trauen, wie auch mein Herr wiſſen wird, daß ich ihm rieth, nicht in dem Neſte einzukehren. Aber der Burſche fing ganz leiſe an, ich moͤchte ein Pferd nehmen und in's naͤchſte Dorf reiten, wo Soldaten waͤren, die moͤcht' ich mitnehmen, und am Hauſe Wache halten, weil mein Herr in Ge⸗ fahr waͤre. Bei dem leiſeſten Geraͤuſch moͤcht: ich dann zu Huͤlfe kommen, und mit meinem Herrn Denſelben Abend ſagte mir der Aufwaͤrter, man ——— 331 K die beiden andern erretten. Ich traute erſt nicht, aber der Junge that ſo ehrlich, daß ich mein Pferd nahm, und durch den Garten folgte, wo er mir eine Pforte aufmachte, und den Weg genau be⸗ ſchrieb. Es ging alles gut. Hin und her ritt ich, als ob es mein letztes waͤre, und als wir kamen, fanden wir den Herrn ſchon eine Strecke vor dem Hauſe. Einen Kerl hinter ihm her, der ſich darauf eiligſt davon machte. Wuͤrdeſt du dieſen Mann erkennen, wenn er dir vor Augen kaͤme? Gewiß und wahrhaftig, das wuͤrd' ich. Den, und den andern, den das alte Weib am Abend einließ, beide wollt' ich abmalen, wenn ich ein Maler woͤre. Drei ſind es geweſen, und einen nahen Schlupfwinkel muͤſſen ſie haben, denn wie die Soldaten an's Haus gekommen ſind, weg iſt alles geweſen, bis auf meinen Kameraden und den Burſchen dort. Mathaͤus hatte im Bette aufgerichtet, mit wech⸗ ſelndem Ausdruck zugehoͤrt; zuweilen fiel ſein Blick raſch und heftig auf mich. Jetzt wendete ſich der Richter an ihn: Iſt es ſchon lange, daß deine Mutter mit dem Raubgeſindel Verkehr hat? 332— Sie iſt meine Mutter nicht.— Ein Jahr mag es ſeyn, ſeit der wilde Max uns in Dienſt nahm. Auf weſſen Anſtiften haſt du den Kaufmann in euer Haus gelockt?. Der wilde Max hatte es befohlen, ich war da⸗ mals an's Gehorchen gewoͤhnt. Wie kam es, daß du nachher die Raͤuber ver⸗ rietheſt? Sie wollen die Frau umbringen, da deſchbs ich ihren Untergang. Kannteſt du die Frau? ſprich die Wahrheit. — Nicht eher bis ſie in unſer Haus trat.— Warum nahmſt du ſo viel Antheil an ihr?—B— Sie ſieht aus, wie die Maria in der Kirche, die 4 ich als Kind beſuchte, und ihre Worte haben mein Herz gewendet. Wer hat dich verwundet?— Max. Es ge⸗ ſchah mir recht, und ich wußte es vorher, aber mich trieb ein fremder Geiſt. Sage uns alles, was du von dem Vorgange weißt; wenn du ehrlich biſt, ſoll es dein Schade nicht ſeyn. . ee 333 Ich will's thun, obſchon nicht aus Furcht, mir wird Niemand mehr ſchaden, Maxens Kugel be⸗ freit mich.— Wie der Kaufmann ankam, ging ich ihm wohlgemuth entgegen, ich hatte ſolche Af⸗ fairen ſchon mehrmal mitgemacht. Aber da ſiel mein Licht der Frau da in's Geſicht, ich meinte die Maria zu ſehen, es ward ein wunderliches Bangen in mir. Drauf kam ich in die Stube, und machte mich fertig, bie Ladung aus des alten Herrn Piſtolen zu ziehen, wie mir geheißen war; ich ſtellte mich deshalb ſchlafend; es ſah Niemand auf mich, aber ich mußte immer nach der Frau hinſchauen, und es fiel mir mit Schrecken ein, daß ſie in Maxens Gewalt war; ich nahm mir vor, nicht zu leiden, daß ihr ein Haar gekruͤmmt wuͤrde. Trude gebot mir, die Leute zu Bette zu bringen. Sie nahmen von dem Kaufmann ſo be⸗ weglichen Abſchied, als ob ſie gewußt haͤtten, der wuͤrde nicht wieder uͤber die Schwelle gehn, ſonſt haͤtte ich wohl daruͤber gelacht, ich wollte auch da, aber es ging nicht. Zuletzt ſagte die Frau: alle gute Menſchen werden wieder zuſammen kommen. Das fiel mir ſchwer auf's Herz, keine Stimme hatte mir jemals ſo etwas geſagt, es war mir neu⸗ und machte mich unruhig. Wenn das wahr waͤre, dacht ich, wo bleiben denn die Boͤſen? Max und Ruppert— 1 1 und vielleicht auch ich, wenn ich in ihre Fußtapfen trete? Poſſen, rief ich ſo laut ich konnte, hin iſt hin, todt iſt todt— aber immer war der Ge⸗ danke wieder da.— Ich traf auf den Max, der noch im Hauſe ſteckte, und fragte ihn keck, was aus den beiden Leuten auf dem Boden werden ſollte. Er grinſte mich an: was ich darnach zu fragen haͤtte— wir wollen ihnen die Muͤhe er⸗ ſparen, von hinnen zu gehn, ſagte er, ſie ſind mit dem Alten gekommen, ſie moͤgen mit ihm zum Sätan fahren. Mich uͤberlief ein Schauer. Du wirſt dahin⸗ fahren, Max, rief ich wild,— der Frau aber wird kein Haar gekruͤmmt, ſo lange ein Tropfen Blut an mein Herz ſchlaͤgt, das Haus iſt unſer, wo ſie ſchlaͤft, es ſoll ihr kein Verraͤther zu nahe kommen. Was faͤllt dir ein, Bube, hohnlachte Mayx. Hat das Paternoſtergeſicht dich trunken gemacht? nimm das und werde nuͤchtern. Bei dieſen Wor⸗— ten gab er mir einen Schlag, daß ich taumelte. Ich ſchlich aufs Lager, aber ich ſchlief nicht, mein Blut kochte, Haß und Rache gegen Max tobte in mir, ich mochte nichts mehr mit ihm gemein ha⸗ ben. Wie ein Blitz lihr in der Gedanke durch — 335 den Kopf, den alten Herrn zu retten. Ich wußte, daß ſie mich toͤdten wuͤrden, aber ich achtete es nicht, durfte es nicht achten, denn eine leiſe Stimme erſcholl fort und fort um mich: Alle gute Menſchen kommen wieder zuſammen, dort auf je⸗ nem lichten Stern!— Mathaͤus, du biſt noch jung, kehre um, wenn die Todten aufwachen, wirſt du unter den Guten ſeyn!—— Da ſtand ich auf, ergriff die Leuchte, ging zum Stalle, und that, was ihr wißt.—— Die lange heftige Rede hatte den Kranken er⸗ ſchoͤpft, das ſchwaͤrmeriſche Feuer, mit dem er die letzten Worte ſprach, brach ſeine Kraft. Er ſank zuruͤck, und es dauerte lange ehe er wieder ant⸗ worten konnte. Aber welch ein Gefuͤhl war in meiner Bruſt! Mitleid, tiefer Schmerz, Anbe⸗ tung der Wege Gottes, Hoffnung eines beſſern Daſeyns, fuͤr das irrende Geſchoͤpf.— Ich hoͤrte nichts mehr, bis ich ſelbſt befragt ward. Ach was konnt' ich ſagen. Ich erzaͤhlte meine kurze Ge⸗ ſchichte, ich nannte meinen Vetter in M... meine Pathin, meines Mannes Freunde in unſerer neuen Heimath, als Zeugen unſerer Rechtlichkeit, und ſuchte dem Aufenthalt im Walde, wo uns der Kaufmann fand, durch eine ungekuͤnſtelte Darſtel⸗ 335 4 lung der Umſtaͤnde das Verdaͤchtige zu benehmen, das man darin finden wollte. Alles ward nieder⸗ geſchrieben, und jetzt trat der Mann ein, von dem mir der Gefangenwaͤrter geſagt hatte. Ein junger, mir ganz unbekannter Menſch, gut gekleidet, mit⸗ einem feinen Geſicht, aber unſtaͤtem falſchen Blick. Er wurde vor Mathaͤus geſtellt, und dieſer gefragt, ob er den Gefangenen kenne. Mathaͤus ſah ihn ſtarr an, auch des Gefange⸗ nen Augen ruheten feſt auf dem Knaben. Ich kenne ihn nicht, habe ihn nie geſehen„ſagte dieſer nach einer Pauſe.„ 8 Du wirſt deine Ausſage beſchwoͤren muͤſſen, entgegnete der Richter. Wohl, ich will's, war die Antwort. Auch der Kutſcher bezeugte, dieſen Mann . nicht zu kennen. Der Gefangene richtete ſich hoch auf, und ſprach ſo kuͤhn fuͤr ſeine Unſchuld, daß ich ihm bald Glauben ſchenkte, und ihn herzlich bedauerte. Die Richter waren ſchwerer zu uͤber⸗ zeugen, ſie thaten ihm viel verſchraͤnkte Fragen, auf deren keine er die Antwort ſchuldig blieb, und ließen ihn wohlbewacht wieder abfuͤhren. Auch ich ward entlaſſen und trat zu Mathaͤus hin. Er gluͤhte fieberhaft, ſein Athem flog. Bleibe noch d bei — 333; bei mir, bat er, oder zuͤrnſt du, daß ich beinen Mann nicht retten konnte? Kennſt du ſein Schickſal? fragte ich zitternd. Nein, antwortete er muͤhſam, ein Nebel um⸗ huͤllte meine Augen ſchon, als er ſich noch ruͤſtig wehrte. Ich bin ſehr matt und werde ſchlafen, aber geh' indeſſen nicht von mir, ich moͤchte, du waͤrſt um mich, wenn der Tod koͤmmt. Du wirſt nicht ſterben, Mathäͤus, uue ich geruͤhrt, der Wundarzt hofft dich zu retten. Er laͤchelte wild und ſchloß die Augen. Ich bat um Vergunſt zu bleiben, und es ward mir ge⸗ waͤhrt. Eine alte Frau, die bisher am Bette 90 ſeſſen hatte, ließ mir ihren Platz, die Uebrigen gingen. In meiner Seele kaͤmpften tauſend ſchreck⸗ liche Empfindungen; ich beneidete den Kranken um den ſtarren Todtenſchlaf, der nach und nach auf ihn niederſank. Lange nach Mittag winkte mir die alte Frau zu einem Tiſche, auf den ſie etwas Eſſen aufgetragen hatte. Ich fuͤhlte, daß ich der Nahrung bedurfte, doch war es mir unmoͤglich, mehr als einige Biſ⸗ ſen zu mir zu nehmen. Ich dachte an die Mahl⸗ 1 Y — 338— zeit im Waldhauſe. Die alte Frau weinte mit mir. Ihr einfaͤltiger Troſt, die Hoffnung, die ſie vielleicht nur erkuͤnſtelte, thaten mir wohl. Ach! aller Verſtand, alle Beredſamkeit wiegt die theil⸗ nehmende Thraͤne eines redlichen Herzens nicht auf. Gegen Abend erwachte Mathaͤus aus ſeiner langen Betaͤubung. Er richtete ſich auf und ſagte: Anna, nicht wahr, das iſt dein Name? das andere war nur ein Traum. Wenn es dunkel wird ſchaue dort durch's Gitter und zeige mir den Stern, wo die Guten wohnen. Mathaͤus, antwortete ich, du haſt mich falſch verſtanden, kein menſchlicher Verſtand ergruͤndet Gottes Rath. Wir denken und hoffen, aber wir wiſſen nichts. Der Vater hat viel Wohnungen, welche er auch unſerm Geiſte beſtimmt hat, ſie wird noch weit herrlicher ſeyn als dieſe ſchoͤne Erde. 2 Er ſah mich feſt an. Kannſt du beten? fragte er. Als ich ganz klein war, konnte ich es auch, jetzt lange nicht mehr. Wir hatten nicht Zeit, an ſo was zu denken. Bete Anna! Mit zitternder Stimme ſagte ich ein kleines Gebet her, mit dem meine ſelige Mutter mich ſonſt ſchlafen legte. Das Erſchuͤtternde meiner Lage — — 339 neben dieſer friedlichen Erinnerung bewegten mich bis zur Ohnmacht, ich vollendete es muͤhſam. Hoͤre, ſing Mathaͤus nach einer langen Pauſe wieder an, ich will dir noch was vertrauen. Der Gefangene, den die Haltfeſts da gebracht haben, war doch Ruppert. Es mochte ihm nicht wohl zu Muthe ſeyn, er dachte, ich wuͤrde ihn verrathen. Pfui! ohne Noth verraͤth Mathaͤus ſeine Freunde nicht. Und Ruppert iſt noch der Beſte von allen ich ſah nie, daß er Einen mordete, der ſich nicht wehrte, wie Max und der Komet. Der Komet? rief ich verwundert. So nennt er ſich, ein Teufelskerl, wild wie ein Eber, ſchlau wie ein Fuchs. Aber Mathaͤus, ſagte ich, du wirſt deine Aus⸗ ſage beſchwoͤren muͤſſen, willſt du einen lallchen Schwur auf deine Seele laden? Was waͤr's denn nun eben, ein Wort iſt Luft. Wollteſt du, ich braͤchte den Ruppert in's Verder⸗ ben. Nimmermehr! mich freut's, wenn der arme Schelm ſich herausluͤgt. Der Wundarzt trat ein, den Verband zu be⸗ ſorgen, und ich fuͤhlte mich ſo erſchoͤpft, daß ich N 2 34⁰— auf mein Stuͤbchen verlangte; der Schließer be⸗ gleitete mich dahin. Ermattet ſank ich auf's Lager, nicht um zu ſchlafen, nur dem Koͤrper Ruhe zu goͤnnen. Hier in der Stille des Abends ganz al⸗ lein, fiel mein Ungluͤck laſtend auf meine Seele; ich uͤberdachte alles wieder; Mathaͤus Erwaͤhnung des Kometen erweckte mir einen ſchauderhaften Gedanken. Ulrichs Bild ſtand vor mir. Wie, wenn er der Spießgeſell jenes Max waͤre, der mir zweimal in veraͤnderter Geſtalt erſchien— ſagte nicht der Kaufmann, Eckard habe den Einen mit Namen genannt?— Eine andere Ideenreihe draͤngte ſich ploͤtzlich an die Stelle der erſtern— was ſollte ich mit des Knaben Geſtaͤndniß anfan⸗ gen? War es nicht Pflicht der Gerechtigkeit ihr Opfer kenntlich zu machen— nicht heilige Pflicht, den Meineid des ungluͤcklichen rohen Kindes zu hindern? Und doch, welch ſchreckliches Bewußt⸗ ſeyn, eines Menſchen Leben in Gefahr gebracht zu haben! Die richtende Wagſchale ſtieg und fiel; ich konnte keinen Entſchluß faſſen, hatte keinen Freund, die graͤßliche Ungewißheit zu enden. Ach Eckard! rief ich, wo biſt du, weilſt du noch hie⸗ nieden oder ſchon dort? Wenn es deinem Geiſte vergoͤnnt iſt, ſo gieb mir ein Zeichen, troͤſte mich mit der Hoffnung des Wiederſehns!— —,j 341 Die Haͤlfte der Nacht verging mir ſchlaflos, ſie war dunkel und ſehr ſtuͤrmiſch. Nach Mitter⸗ nacht hoͤrte ich ein Geraͤuſch unter mir, es ward immer ſtaͤrker, ich ſtand auf, und ſah durch's Fen⸗ ſter, aber die engen Gitter hinderten mich, hinun⸗ ter zu ſehen. Der Regen ſtroͤmte vom Himmel, laut heulte der Sturm, dazwiſchen klang es wie ein raſtloſes Arbeiten, Saͤgen und Brechen, das dauerte wohl eine Stunde. Endlich war es ſtill, ich ſchlich auf mein Lager zuruͤck; der Kopf war mir wuͤſt, ich ſchlief feſt ein. Aber am andern Morgen konnte ich nicht aufſtehn, eine voͤllige Er⸗ mattung feſſelte mich an's Bett, die Folge der heftigen Anſtrengungen, die ich erlitten hatte. Habt ihr in der Nacht keinen Laͤrm gehoͤrt? fragte mich der Schließer. Der Kerl, den ſie vorgeſtern einbrachten, iſt mit Gewalt befreit wor⸗ den. Ohne Zweifel von ſeinen Spießgeſellen. Wie ſie's angefangen haben, das begreift der Kluͤgſte nicht. Verzeih mir's Gott, aber die Excellenz mit dem Pferdefuß muß ihnen geholfen haben. Der ſteile Wall iſt da gerade am hoͤchſten, und die ſtarken Eiſenſtaͤbe ſind ausgebrochen, als ob's Zahn⸗ ſtocher geweſen waͤren.—— Vier Wochen waren vergangen, als ich zuerſt 34³— mein vergittertes Kaͤmmerchen verlaſſen konnte. Man hatte mich indeſſen ſorglich gepflegt, ſelbſt einige gute Frauen aus der Stadt, denen mein Schickſal nahe ging, hatten ſich waͤhrend der Krank⸗ heit meiner angenommen. Das Gericht ſprach mich frei, die Zeugniſſe aus M. und H.. wa⸗ ren da, und entſchieden zu meinem Vortheil; nun konnte ich gehen, wohin ich wollte, eine einſame traurige Wittwe, denn alle Nachforſchungen, aller oͤffentliche Aufruf an Eckard blieb erfolglos. Die Gerichtskoſten, die Koſten meiner Krankheit, be⸗ trugen eine Summe, die fuͤr mein kleines Habe bedeutend war; ach das kuͤmmerte mich wenig. Ich fragte nach Mathaͤus, er lag ſchon lange in der Erde, und auch ihm floſſen einige der unzaͤhli⸗ gen Thraͤnen, die ich in dieſem traurigen Aufent⸗ halt geweint hatte. Ich beſchloß, in Eckards Hei⸗ math zu gehen, dort lebten von ihm Freunde, bei denen auch unſer Eigenthum aufbewahrt ſtand, es war mir ein ſuͤßer Gedanke, mit ihnen um den Verlornen zu klagen. Auch entſchied die Naͤhe des Orts; von meiner Vaterſtadt war ich zu weit entfernt, und meine Kraͤfte waren ſchwach. Ehe ich ging, uͤbergab mir der oberſte der Richter ein ver⸗ ſiegeltes Papier von dem alten Kaufmann, daſſelbe, das ich damals zuruͤckwies. Jetzt nahm ich es zwar, — f —— ———— — aber es ward in den entfernteſten Winkel meines Gepaͤcks verborgen, mit dem feſten Entſchluß, nie davon Gebrauch zu machen. Mein Unterhalt blieb die geringſte meiner Sorgen. Es iſt eine gewoͤhnliche Erfahrung, daß die Erwartungen, mit denen wir einen Ort betreten, faſt niemals in ihrem ganzen Umfange erfuͤllt wer⸗ den. Wenn man lange lebt, lernt man Furcht und Hoffnung zuͤgeln, aber die Jugend giebt ſich beiden hin, und oͤftere Taͤuſchungen muͤſſen erſt das Feuer der Einbildungskraft maͤßigen, wie Tropfen nach und nach den Stein aushoͤhlen. In dem Staͤdbtchen, das ich als Gefangene betrat, wo mich Scham und argwoͤhniſche Angſt vor falſcher Anklage auf jedem Schritt begleitete, fand ich un⸗ gehofft ſo manchen Freund. Der erſte Richter, die gurmuͤthigen Frauen, deren Beſuche mich in der Krankheit aufrichteten, die alte Waͤrterin des armen Mathaͤus, und des Gefangenwaͤrters freund⸗ liche Tochter, alle wetteiferten, mich zu troͤſten, mir Erleichterung zu geben. Eckards Verwandte hingegen, von denen ich den einzigen Troſt hoffte, deſſen ich noch faͤhig war, warme Freundſchaft und Theilnahme, empfingen mich fremd, bedauerten mich kalt, und hatten kaum einen armſeligen Rath 344— fuͤr die Verlaſſene, die mit blutendem Herzen ver⸗ trauend zu ihnen kam. Doch war ich nun einmal hier, fand den Ort huͤbſch und freundlich, und kannte manches Plaͤtzchen umher aus den traulichen Erzaͤhlungen meines Eckard. Ich miethete ein klei⸗ nes Stuͤbchen, arbeitete fuͤr meinen Unterhalt, lebte ganz einſam, ohne andere Freuden, als den Umgang mit der Natur und der Erinnerung. An eine neue Reiſe konnte wenigſtens fuͤr einige Zeit nicht gedacht werden, weil mir Ruhe Noth that, und eine heilige Pflicht mich band, meine Geſund⸗ heit zu beachten. Ach ein großes Gluͤck war mir beſchieden: der Beſitz eines lieben Kindes, das vielleicht die Mutter einſt uͤber den Verluſt des Vaters zu troͤſten vermochte. Diesmal ging der ſchoͤne Sommer voruͤber, ohne mir die gewohnte Freude zu geben, ſo em⸗ pfaͤnglich ich ſonſt fuͤr ſeine Reize war. Von Iu⸗ gend auf hatte meine Mutter mich auf Gottes Schoͤpfung aufmerkſam gemacht, keine Jahreszeit erſchien, ohne daß ihre eigenthuͤmliche Schoͤnheit mich erfreute, keine Blume ſah ich bluͤhen, die ich nicht wie eine Freundesgeſtalt gegruͤßt haͤtte. Wenn die Saat keimte, wenn das Korn bluͤhete und reifte, wenn die wohlriechenden Kraͤuter der Wieſe ——— —— * 2A—— — — 345 unter der Sichel des Maͤhers ſielen, wenn das Laub gelb wurde, und ſich endlich wie ein weicher Teppich auf die Erde legte, wenn ſtatt des Aeh⸗ rengoldes ſilberner Reif die Felder deckte, und die Baͤume ſich weiß kleideten— jeder Wechſel er⸗ weckte mich zur Bewunderung und Freude. Aber konnt' ich wohl vergeſſen, daß mir die Seele fehlte, mit der ich alle dieſe Schoͤnheiten zu genießen hoffte? Konnte die Erde mich in ihrem ſchoͤnſten Schmuck entzuͤcken, da ſie das Grab meiner Liebe geworden war. Kurz nach Weihnachten ſchlug mir die wehmuͤ⸗ thig erſehnte Stunde, die einem vaterloſen Kinde das Leben gab. Ein muntres Knaͤbchen, das ich mit Thraͤnen willkommen hieß. Ach, ein Wochen⸗ bett, an dem kein froher Vater ſteht, iſt traurig. Und doch war mir dies Kind ein Engel des Tro⸗ ſtes. Es heiſchte meine ganze Sorge, und belohnte mich bald uͤberſchwenglich dafuͤr. Denn ſchon in den erſten Wochen, wenn der Fremde noch nichts Bemerkenswerthes an dem Kinde ſieht, weiß die Mutter unzaͤhlige Lieblichkeiten zu entdecken; fuͤr ſie läͤchelt der kleine Mund, ſie hat eine eigne Sprache fuͤr ſeine Toͤne, ſie legt jeder Geberde einen Sinn bei, ſie weiß was es liebt und ſcheut⸗ 346— und wird nicht muͤde, ſich ſeines Wohlbehagens zu freuen. Freilich konnte ich nun nicht mehr ſo viel arbeiten, mein kleiner Schatz verminderte ſich, aber ich traute auf Gott und fuͤrchtete nichts. Andere dachten nicht ſo. Eckards Verwandte machten man⸗ cherlei Plaͤne fuͤr meine Zukunft, faſt ohne mich zu Rathe zu ziehen. Einer ſeiner Vettern wußte einen Mann fuͤr mich, und ſchmollte unverſoͤhnlich, weil ich nein ſagte; eine Muhme wollte mein Kind zu ſich nehmen, damit ich in Dienſte gehen koͤnne. Mein Herz bebte bei dieſem Vorſchlage.— Wenn die rohe Jugend dem armen Voͤglein das Neſt nimmt, und nun das Weibchen heimkehrend, den Zweig umſchwirrt, wo es ſonſt die Jungen fand, ängſtlich mit den Fluͤgeln ſchlagend, Toͤne ſchmerz⸗ lichen Rufs in die Luft ſchickt— wer koͤnnte es ſehen, ohne bewegt zu werden. Und eine Mutter ſollte ihr Kind laſſen? aus aͤngſtlicher Sorge fuͤr den kuͤnftigen Tag freiwillig hingeben, was der Vogel ſo ſchmerzlich vermißt.— Sind wir denn nicht mehr als ſie, die der Vater taͤglich aus ſei⸗ nem unerſchoͤpflichen Reichthum naͤhrt?* Die groͤßten Tadler, ja die bitterſten Feinde werden diejenigen, deren wohlgemeinten Rath man verſchmaͤhen mußte, das erfuhr ich jetzt. Der — 347 letzte Reſt wohlmeinender Freundlichkeit war dahin, man begnuͤgte ſich nicht, mich zu verlaſſen, auch meine frohe Zuverſicht untergrub ihr Unwille. Sie machten mir das Herz ſchwer, malten mir Krank⸗ heit und Unfaͤlle vor, zweifelten, daß ich immer Arbeit finden wuͤrde, weil das Oertchen klein und die Zeit ſchlecht ſey, und ſchloſſen allemal mit der Mahnung: bei ihnen nicht zu klagen, wenn es mich einmal gereue, meinem Sinne gefolgt zu ſeyn. Solche Kraͤnkungen machten mir nach und nach meinen Aufenthalt unangenehm; meine Ge⸗ danken kehrten in die Heimath zuruͤck, uͤber deren Fluren der Schatten einer froͤhlichen Jugend ſchwebte. Ich hing dem Traume mehr und mehr nach, gewann ihn immer lieber, die Schwierigkei⸗ ren wurden kleiner, wie ich ſie kuͤhner betrachtete, und ſo kam es, daß ich endlich feſt beſchloß, ehe der Sommer zu Ende ginge, mit meinem lieben Knaben die Reiſe anzutreten. Fuͤr meine geringe unbewegliche Habe fand ich einen Kaͤufer an dem mir zugedachten Freier, der indeſſen eine andere Frau geſucht hatte, und zufaͤllig ein ſchoͤnes Plaͤtz⸗ chen auf dem bedeckten Wagen eines Fuhrmanns, mit dem ich faſt bis in meine Gegend gelangen konnte. Wirr mochten etwa die Haͤlfte des Weges zu⸗ ruͤckgelegt haben, als in einem Dorfe, wo wir uͤbernachteten, eine leichte Unpaͤßlichkeit das Kind befiel. Ich konnte nun eben ſo wenig reiſen, als der Fuhrmann warten wollte; traurig ſah ich ihn die Pferde vorſpannen und alles zur Abfahrt an⸗ ſchicken. Zwei Meilen von hier in..., ſagte er, halte ich mich ein paar Tage auf, um friſch zu laden, wenn ihr da nachkommen koͤnnt, will ich euch gerne weiter mitnehmen. Meldet euch nur im blauen Roß, da ſpann ich aus. Sobald ich es wagen durfte, folgte ich dieſer Weiſung, aber freilich war die Zeit nun ſo knapp, daß es zweifelhaft blieb, ob ich den Wagen noch finden wuͤrde. Es war ſehr ſchoͤnes Wetter, nur etwas heiß, die Wanderung ward mir nicht leicht. Sehr ermuͤdet komme ich endlich vor den Gaſthof, frage zitternd nach dem Fuhrmann, er iſt vor ei⸗ nem Weilchen abgefahren.— O den holt ihr noch ein, troͤſtete der Hausknecht, der faͤhrt wie eine Schnecke, und verſaͤumt nicht, bei jedem Gaſthofe die Hoͤrner aus ſeinem Hauſe zu ſtrecken. Waͤhrend dieſer Witz von allen Umſtehenden belacht ward, ſtand ich traurig und unentſchloſſen. Die Wirthin rieth mir indeſſen ebenfalls, ein 1 — 349 Stuͤck hinauszugehn, beſchrieb mir den Weg, gab dem Kinde etwas Gebackenes in die Hand, und mir einen Trunk warme Milch, worauf ich ſehr niedergeſchlagen zum andern Thor wieder hinaus⸗ ging. Mein kleiner Heinrich huͤpfte froͤhlich auf meinem Arme, ich weinte vor Unmuth und Be⸗ ſorgniß. Ich konnte ein ziemlich Stuͤck Weg uͤber⸗ ſehen, kein Wagen zeigte ſich mir. Was ſollt' ich thun. Zuruͤckkehren, da doch wohl noch Hoffnung blieb— oder der Nacht entgegen gehn, ohne ein Obdach zu wiſſen, mit dem erſt geneſenen Kinde. — Gewiß war es hoͤhere Fuͤgung, was mich das Letzte waͤhlen ließ, denn ich ging— ging meinem Gluͤcke entgegen.— Ein Buͤſchchen hatte mir bis jetzt noch die Aus⸗ ſicht verwehrt, nun lag es hinter mir; wie ein breiter Landſtreif wand ſich die Straße weit in die Hoͤhe, aber den Wagen ſah ich nicht. Die Sonne ging ſchon tiefer am blauen Himmel, mein Kind fing an zu weinen, ich mußte mich an den Rand eines Grabens niederſetzen, um es zu beru⸗ higen. Da toͤnte zur Rechten die Glocke eines Dorfes, ich beſchloß meinen Weg dahin zu nehmen, und war kaum einige Zeit in dieſer Richtung fort⸗ gegangen, als ein freundlicher Knecht neben mir 350— hinfuhr, der mich einlud, ſeinen leeren Wagen zu benutzen. Das war ein Gluͤck, denn das Dorf lag noch weit genug entfernt, und ſo verſteckt, daß ich es wohl kaum gefunden haͤtte. Ich fahre nun hier in's Dorf, ſagte der Knecht, aber euch wollte ich rathen, auf den Herrenhof zu gehen. Die gnaͤdige Frau iſt ſeelengut, ſie wird euch gewiß aufnehmen. Nur gerade uͤber die Wieſe weg in's Gehoͤlz hinein, ihr koͤnnt das Haus ſchon ſehen, es liegt hoch. Die langſame Dorfuhr ſchlug eben ſieben, als ich die Anhoͤhe erſtieg, auf der das Herrnhaus ſtand. Terraſſenfoͤrmig umgab es ein anmuthi⸗ ger Garten, ein gruͤnbelaubtes Dach wie eine offne Laube lehnte ſich an die grauen Mauern zunaͤchſt dem großen Eingangsthore an. Hier ſaß eine junge ſehr huͤbſche Frau und naͤhete emſig. Auf dem Tiſche vor ihr lag viel Leinenzeug, wovon ſie zugeſchnitten zu haben ſchien, Paͤckchen ſchoͤn ge⸗ ordneter Tuͤcher, auch Jaͤckchen und Mutzchen, al⸗ les zierlich zuſammengelegt, zeigte, fuͤr welche frohe Hoffnung ihre Arbeit beſtimmt war. Ihr rundes volles Geſicht war von blendender Weiße, zarte Roſenfarbe malte die Wangen, die großen blauen Augen hatten etwas unausſprechlich Liebevolles, rmeerrnreewng 35½ und um den kleinen Mund ſchwebte ein holdſeliges Laͤcheln. Das reiche blonde Haar uͤber der Stirn geſcheitelt, fiel zu beiden Seiten in langen Locken, unter einem ſchwarzen Sammethaͤubchen hervor, das an die Stirn und die Schlaͤfe mit drei klei⸗ nen Schneppen ſich anſchloß. Ihr dunkles weit⸗ faltiges Kleid umſchloß ein breiter Guͤrtel, an dem ein Schluͤſſelbund herabhing, und eine goldene Kette, der einzige Schmuck der angenehmen Ge⸗ ſtalt, ſiel unter dem kleinen Spitzenkragen hervor. So war die Mutter des Mannes, fuͤr den ich dieſe Erzaͤhlung beſtimme, als ich ſie zuerſt ſah. Ja mir iſt ihr Bild unausloͤſchlich, aber nur ſchwache Zuͤge ſind es, mit denen ich es hier zeich⸗ nen konnte. Ihm wird ſelbſt das Wenige werth ſeyn⸗. Die junge Frau ward mich kaum gewahr, als ſie aufſtand und mir entgegen kam. Ich hatte faſt nicht noͤthig, ihr mein Begehren in Worten kund zu thun, ihre freundliche Milde errieth, was ich bitten wollte. Es iſt Platz genug bei uns, eine Reiſende zu beherbergen, ſagte ſie, uͤber meine Aengſtlichkeit laͤchelnd— auf dem Lande muß man gaſtfrei ſeyn, zumal wenn man ſo einſam liegt, wie wir. Setzt euch gleich, gute Frau— lieber 352— Gott, in der Hitze muͤßt ihr recht muͤde geworden ſeyn. Ich ſchaͤme mich jetzt, hier unter dem ſchdͤ⸗ nen Schatten ſchon geklagt zu haben. Und das arme liebe Kind, ſagt doch ja, was es etwa be⸗ darf. Ich denke, ihr ſelbſt habt wohl herzlich gern alles erlitten, wenn nur das Kind ſeine ge⸗ wohnte Pflege nicht vermißte. So ſprechend ſah ſie meinen Knaben mit einem Blick an, in dem ſich Liebe und Mitleid vereinigte, und von ihm fiel dieſer Blick auf die zierlichen Kinderſachen, die um ſie her lagen. Ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen der Ruͤhrung, ich las in ihrer offnen Seele, ſie war mir nun ſchon nicht mehr fremd. Sie rief einem Maͤdchen, und bald ſtand Brot, Butter, Obſt und Wein vor mir, auch ſchoͤne Milch, die mein Heinrich, zur großen Freude der gnaͤdigen Frau, ſich wacker ſchmecken ließ. Dieſe Zeit wandte ich an, obgleich ſie nichts fragte, ihr von meiner Reiſe, ihrem Zweck, und meinen Hoffnungen zu erzaͤhlen, und weil ich da⸗ bei erwaͤhnte, wie lange ich ſchon Wittwe ſey, ge⸗ wann ſie vollends mein ganzes Herz durch ihre Theilnahme.— Ach Gott! rief ſie aus, und ihre emſige Hand ſank in den Schooß. So jung und ſchon das Herbſte — 353 Herbſte erfahren! Wenn man gluͤcklich iſt, wie ich, fuͤhlt man doppelt, was es heißt, ſein Gluͤck verlieren. Nach acht Wochen, und ihr liebtet euch ſo ſehr. Arme, gute Frau, wie ertrugſt du nur das? Der Menſch ertraͤgt viel, gnaͤdige Frau, wuͤßten ſie, wie ich meinen Mann verlor, ſie wuͤrden es noch weniger begreifen. Das ſollſt du mir jetzt nicht erzaͤhlen, du biſt ja ohnedies angegriffen genug. Mein Mann iſt nicht daheim, ich habe verſprochen, ihm entgegen zu kommen. Indeſſen werden ſie dir und dem Kinde ein Plaͤtzchen anweiſen und eine warme Suppe geben. Schlaft nur recht aus, morgen ſehn wir uns wieder. Bei einer milden Frau ſind immer auch milde Diener, das hab' ich mein Lebtag gefunden, und es war auch hier ſo. Wir Fremdlinge wurden auf's freundlichſte bedient, thaten uns guͤtlich in den weichen ſchoͤnen Betten, und da wir am Mor⸗ gen ſcheiden wollten, und Dank und Segen von meinen Lippen floß, da zeigte es ſich, daß die Vor⸗ ſicht uns hier die Wohnung bereitet hatte, die zu ſuchen ich ausgewandert war. Die gute Dame 3 354— that mir den Vorſchlag, zu bleiben, ich gefiel ihr, ſie wuͤnſchte mich zur Waͤrterin in den Stunden, die ihr nahe bevorſtanden, und ſah mein Kommen, eben ſo wie ich, fuͤr eine Schickung an. Deinem Kinde, ſagte ſie, ſollſt du deshalb keine der muͤtter⸗ lichen Pflichten entziehn, ich werde ja nun ſelbſt bald wiſſen, wie ſuͤß ſie ſind, wie ſollte ich eine andere Mutter darin beſchraͤnken. Wie tauſendmal habe ich nachher den Sommer⸗ abend geſegnet, an dem ich die Stufen des Ber⸗ ges erſtieg, ja keiner meiner Bekannten erhielt je einen freundlicheren Gruß, als der alte Knecht, der mich meinem Gluͤck entgegenfuͤhrte. Friede und Liebe wohnten auf dem Schloſſe, ſelbſt ein bekuͤmmertes Herz mußte unter ihrem Einfluß ge⸗ neſen. Wie die Frau jede weibliche Tugend aus⸗ zeichnete, ſo war der Mann ein Muſter ſeines Geſchlechts. Er hatte als Soldat gedient, und einen gelaͤhmten Arm aus dem Felde mitgebracht, deswegen lebte er jetzt ſich ſelbſt und ſeinen Unter⸗ thanen. Kraͤftig, feſt, gefuͤhlvoll, feurig fuͤr Ehre und Religion, war er geſchaffen, die Stuͤtze des weichſten, verletzbarſten Weſens zu ſeyn, das ganz in ihm lebte. Ihr Gluͤck erhielt durch die Geburt eines Knaben den änzigen Zuſatz, deſſen es faͤhig war, und das vollkommene Wohlbefinden der Mut⸗ ter machte ſein Tauffeſt fuͤr alle Bewohner des Schloſſes zum Freudenfeſte. Ich war in dieſer Zeit die unzertrennliche Ge⸗ faͤhrtin meiner Frau, und meine Arme empfingen das neugeborne Kind im erſten Augenblicke ſeines Lebens. Damals ließ mich Liebe und Dankbarkeit ſelbſt meinen Heinrich ein wenig zuruͤckſetzen, er blieb in den Haͤnden eines guten Maͤdchens, bis zu der Zeit, wo die Woͤchnerin mich nicht mehr ſo ausſchließend beſchaͤftigte. Noch war die Jah⸗ reszeit ſo ſchoͤn, daß wir bald wieder vor dem Thore in der Laube ſaßen, wo nun beide Kinder uns wechſelnd erfreuten. An einem ſolchen Nach⸗ mittage ſiel das Geſpraͤch auf meine Vergangen⸗ heit, und die gnaͤdige Frau erfuhr endlich meine ganze Trauergeſchichte. Sie hoͤrte die Erzaͤhlung mit allen Zeichen des Erſtaunens und der lebhafte⸗ ſten Bewegung an. Lieber Albert, rief ſie ihrem eintretenden Gemahle zu, denke dir, was ich eben durch Annen erfahre! Sie und ihr Mann waren des Vaters Gefaͤhrten auf ſeiner Reiſe von uns im vorigen Jahre. Die ungluͤckliche Frau hat ih⸗ ren Eckard wahrſcheinlich durch den Eifer verloren, mit dem er ſich meines Vaters annahm. Waͤhrend 8 2 ₰ der Himmel mich vor dem groͤßten Verluſt be⸗ ſchuͤtzte, hat er ſie getroffen. Ich ſtand erſtaunt und vermochte nicht zu ſpre⸗ chen, aber ich ergriff die dargebotenen Haͤnde mei⸗ ner Herrſchaft und benetzte ſie mit Thraͤnen. Gott ſey gelobt, liebe Anna, ſagte ſie, der deine Schritte hieher gelenkt hat. Die Tochter des geretteten Vaters hat ja keine heiligere Pflicht, als dich Aermſte zu troͤſten. Sey gewiß, ich will ſie treulich erfuͤllen. Von dieſem Tage an ward ich kaum mehr als Dienerin, mehr als die Freundin meiner Frau ge⸗ halten. Sie zog mich liebend naͤher an ſich, ließ mich an allem Theil nehmen, was ſie erfreute, und was meinen lernbegierigen Geiſt bilden konnte. Demuͤthig nahm ich dieſes hoͤchſte Gluͤck an, ohne mich zu erheben, es war ein Vermaͤchtniß meines lieben Mannes, deſſen Verdienſt es mir erwarb. Ich hatte nie Umgang mit einem weiblichen Weſen meines Alters gehabt, jetzt zum erſten Mal lernte ich ſeine Freuden kennen. Der Rang, der zwi⸗ ſchen uns ſtand, minderte ſie nicht; anſpruchsloſe Beſcheidenheit, die ihre Niedrigkeit fuͤhlt, erkennt gern eine hoͤhere Wuͤrde an, auch war nichts in — 357 1 unſerer Einſamkeit, was uns ſtoͤrend an ein Miß⸗ verhaͤltniß gemahnt haͤtte. Wenn der Herr abwe⸗ ſend war, wie das oft geſchah, weil er das Gut eines Unmuͤndigen in der Naͤhe mitverwaltete, ſa⸗ ßen wir mit unſern Kindern beiſammen, arbeiteten gemeinſchaftlich fuͤr ſie, oder die Frau ſpielte die Harfe und ſang, oder wir gingen in dem weiten Wieſengrunde ſpazieren, und pfluͤckten Blumen, uͤber die die Kleinen ſich jauchzend freuten. Drei gluͤckliche Jahre vergingen ſo, durch nichts getruͤbt, als durch ein ſchwermuͤthiges Andenken, deſſen Ge⸗ genſtand ich uͤber den Sternen aufſuchte.— Wie ich am Morgen von des kleinen Karl drittem Ge⸗ burtstage der Frau Gluͤck wuͤnſchte, reichte ſie mir freudig bewegt die Hand und antwortete: Wohl kannſt du mir Gluͤck wuͤnſchen, treue Seele, denn der Himmel will mich mit all ſeinen Gaben uͤberſchuͤtten. Sieh dieſen Brief, er iſt vom Vater, und meldet endlich ſeine Ruͤckkunft. Ach ich habe manchmal ſchon ſuͤndlich gezagt, und gefuͤrchtet, der alte Mann wuͤrde in ferner Erde ſein Grab finden, nun beſchaͤmt mich Gottes Va⸗ terhuld. Im Herbſte, noch ehe die Stuͤrme die Schiffahrt gefaͤhrlicher machen, will er hier ſeyn. Denke nun die Freude, wenn ich ihm unſern 353 ‧.— Karl zeigen werde, der ſeinen Namen traͤgt.— Und dann noch etwas Schoͤnes. Das Gut von meines Mannes Muͤndel ſoll verkauft werden, da wird er das laͤſtige Geſchaͤft los, das ihn mir ſo oft raubt, und braucht in der ſchlechten Jahreszeit„ nicht immer unterwegs zu ſeyn. Es giebt wirk⸗ lich ausgezeichnete Segenstage, und dies iſt Einer davon. 1 So lange Zeit auch noch bis zur Auskunft ih⸗ res Vaters vergehen mußte, ſo geſchaͤftig ſorgte die liebende Tochter ſchon jetzt fuͤr ſeinen Empfang. Seine Zimmer wurden auf's Beſte in Stand ge⸗ ſetzt, alles was ihm bequem ſeyn konnte, zuſam⸗ mengetragen, und oftmals nach beſſerer Ueberle⸗ gung wieder veraͤndert. Dem kleinen Karl erzaͤhlte die Mutter taͤglich vom Großvater, mein armer Heinrich glaubte alles Ernſtes mit ihm gleiches Recht zu haben, und klatſchte eben ſo freudig in die Haͤnde, wie der Junker, wenn von des alten Herrn Ankunft die Rede war. Ich mußte mich 1 dann oft abwenden und heimlich weinen. Es war ein ſeltſames Gefuͤhl, mit dem ich dieſem Wiederſehen entgegen ging, ſo ſehr mein Herz ſich an Anderer Freude labte, ach! es fuͤhlte doch auch ſeine tiefen Wunden. Endlich zu Ende des Octo⸗ 7 1 1 bers kam ein zweiter Brief, er lud die Herrſchaften ein, dem Reiſenden bis H...burg entgegen zu kommen. Wenige Tage vorher hatte der Herr auch den Gutskauf abgeſchloſſen, konnte alſo die Reiſe ohne Hinderniß antreten. Der zweite No⸗ vember war der beſtimmte Tag. Ich blieb bei den Kindern daheim. Nachdem die Frau ihren Karl umarmt, und ihn mir zur treuen Obhut empfoh⸗ len hatte, ſtieg ſie mit freudeleuchtenden Augen in den Wagen, die Bedienten nahmen ihre Plaͤtze ein, und der Wagen rollte fort, von uns Zuruͤck⸗ bleibenden mit Segenswuͤnſchen begleitet. Den ſechsten November Abends nach neun Uhr ſaß ich in einem großen Zimmer, das ich mit den Kindern inne hatte, und das unmittelbar an die Reihe ſtieß, wo die Herrſchaft wohnte. Es hatte den ganzen Tag geregnet, jetzt erhob ſich der Sturm, heulend und klappernd zog er durchs ganze Haus, Der kleine Karl on im Hintergrunde des Zimmers. Rabenfinſterniß deckte die Erde. ſchlummerte ſch Heinrich ſtand mit einem Bilderbuche vor mir, ich ſpann und dachte an unſere Reiſenden. Mutter, ſagte Heinrich, mit dem Finger auf die Abbildung des Mondes deutend, den kenn' ich, alle Abend an den Himmel, w der koͤmmt enn die ſchwarzen ‿ 360— Wolken nicht da ſind. Aber was iſt das hier? Schau' mal her, es ſieht bald aus wie eine goldne Ruthe. d Das iſt ein Komet, antwortete ich, auch ein Geſtirn, das Gott ſendet, aber weil wir es ſelten ſehen und wenig kennen, fuͤrchten ſich die Men⸗ ſchen, wenn es erſcheint. Haſt du einen am Him⸗ mel geſehen, Mutter? fragte der Knabe. Wohl hab' ich das, ſagte ich, und alle meine Erinnerungen erwachten, ich verſank in Traͤu⸗ 4* mereien. .1 5 Mutter, fing das Kind nach einer Pauſe wie⸗* der an, du biſt ſo ſtille und draußen auf dem Gange geht es hin und her. 1. Du hoͤrſt den Sturm, mein Kind, antwortete ich, komm, ich lege dich nieder. Jetzt duͤnkte mich ſelbſt, als hoͤrte ich Tritte, ich konnte Niemand von der Dienerſchaft mehr er⸗ warten, der Gedanke an Ungluͤck, an Feuer ſiel mir ein. Ich rief laut. Statt aller Antwort tappte etwas an der Thuͤr herum, das Schloß ſu⸗ chend. Sie oͤffnete ſich, ich fuhr zuruͤck, weeil ich ein Bild meiner Einbildungskraft zu ſehen — 361 glaubte. Ulrich ſtand vor mir, zitternd erkannte ich ihn. Um Gotteswillen, rief ich, was willſt du hier! So wahr eure Schoͤnheit unverwelklich iſt, Frau Muhme, ſagte er, ihr ſeht mich ſo uͤber⸗ raſcht, als ihr ſelbſt es ſeyn moͤgt. Sehrt, ich koͤnnte ſagen, ich kaͤme euch heimzuſuchen, und haͤtte dieſe ſchwarze Nacht gewaͤhlt, wo Amors Vaſallen eben ſo wohl wie andere Geſchaͤftsleute ihre Rechnung finden. Aber kein Trug komme Aber meine Zunge. Ich vermuthete euch nicht hier, und ein anderes Unternehmen fuͤhrt mich her. Doch das hat Zeit, wir ſind ſicher vor aller Ue⸗ berraſchung. Eure Leute, ſechs an der Zahl, ſchla⸗ fen gleich den Murmelthieren; der Sturm hat ih⸗ nen ein Wiegenlied geſungen, und meine Sorg⸗ falt den Nachttrunk bereitet. Draußen vor der Pforte haͤlt ein tapferer Mann Wache, am großen Thor ein zweiter, und plauderten wir bis Mitter⸗ nacht, die Schlaͤfer erwachen ſo wenig, als die Waͤchter einſchlafen. Er ſetzte ſich bei dieſen Worten ganz ungezwun⸗ gen an den Tiſch, nahm ein Piſtol aus dem Guͤr⸗ tel und legte es vor ſich nieder. Ich ſtand erſtarrt 362— und bebend. Heinrich klammerte ſich feſt an mich an, und fragte jammernd: Mutter! was will der boͤſe Mann? Was du auch hier vorhaben magſt, Ungluͤckli cher, ſagte ich zitternd, denke, daß uͤber uns allen eine hoͤhere Macht iſt. Ich bin in deiner Gewalt — aber ſie wird mich ſchuͤtzen, ſie wird deine Hand halten, die mich verderben will. Eure Predigt iſt gut, Frau, erwiederte er, aber ſeyd ſo billig zu bedenken, daß der— der mit Sturm und Wellen kaͤmpft, nichts von den Er⸗ mahnungen deſſen vernimmt, der ruhig am Lande ſteht. Fragt den Strom, warum er ſich uͤber die Wohnungen der Menſchen waͤlzt, er muß es thun. Seyd indeſſen ruhig uͤber euer eignes Geſchick. Es geſchieht euch nichts zu Leide, wenn ihr klug ſeyd. So wenig als eurem Kinde. Ich will nur das Geld, das im dritten Zimmer von hier im Schreibpulte liegt. Ihr habt den Schluͤſſel, gebt ihn her, ich gehe, nehme Beſitz und blaſe zum Abzuge. Iſt es alſo wahr, Ulrich, was ich gerne noch 1 bezweifeln moͤchte, obgleich alle Umſtaͤnde meines Ungluͤcks es beſtaͤtgen? Du bekennſt dich ſelbſt ——;—H— ⏑̈⏑———;;———-= als einen Verworfenen, und warſt ohne Zweifel in jener Nacht unter denen, in deren raͤuberiſche Haͤnde wir ſorglos fielen? Wenn dir noch etwas theuer iſt auf Erden, ſo beantworte meine Frage: Weißt du Eckards Schickſal? Bei allem Golde uͤber und unter der Erde— ich denke, das iſt ein theurer Schwur, was ich weiß iſt ſo viel wie nichts. Ich habe nur wenig Worte im Fluge mit ihm gewechſelt, retten konnt ich ihn nicht, obgleich er ſich eures Namens be⸗ diente, um mich dazu aufzufordern. Er blieb alſo in den Haͤnden meiner Kammeraden, und es iſt nicht zu laͤugnen, daß die ihren Gefangenen gern die ſicherſten Wohnungen anweiſen. Ich ſelbſt war gleich darauf wie der Hirſch, wenn des Jaͤgers Horn ertoͤnt. Aufrichtig und ohne Hehl, wenn es euch geluͤſtet, zur zweiten Ehe zu ſchreiten, moͤgt ihr ſchwerlich Einſpruch zu fuͤrchten haben. Mein Blut ſtockte, ich mußte mich an den Stuhl halten. Lange ſchon glaubte ich nicht mehr zu hoffen, aber das menſchliche Herz beherbergt die Troͤſterin Hoffnung, ohne es zu wiſſen. Er fuhr fort: Seyd verſichert, es that mir jenesmal leid um euch. Warum mußtet ihr euer blutjunges Ehe⸗ gluͤck eben in unſer Revier wagen. Zum Henker mit der ganzen verdammten Geſchichte. Die alte Rechenmaſchine entkam mit den wichtigſten Papie⸗ ren, die er bei ſich trug, und ließ uns nichts als eine magere Chatoulle, und der Mathaͤus, ein Burſche wie ein junger Eichbaum, verbrannte ſich das Gehirn an euern Augenſternen. Wohl ihm Ulrich, daß ihn der Tod von eurer Gemeinſchaft losriß.— Ulrich mir bricht das Herz, wenn ich an deinen alten Vater denke. Du b bringſt Schande und Kummer uͤber ſein ehrliches graues Haupt. Du urtheilſt falſch uͤber uns beide, ſagte Ul⸗ rich hohnlachend, laß ſehen, ob ich dein Urtheil berichtigen kann. Wiſſe! deine Mutter war nicht ſo arm, als du glaubſt, und Meiſter Vollbrecht haͤtte nimmer Haus und Hof, wenn ſie nicht ge⸗ darbt haͤtte um deinetwillen. Aber kaum waren ihre Augen geſchloſſen, als er zum Schranke eilte, mit zitternden Haͤnden die Schluͤſſel drehte, und den kleinen Reichthum hinwegraubte, ehe ihr Tod ruchbar wurde. Ich ſaß daneben und ſah alles mit an, ohne daß er es wußte. Wie er wieder zuſchließen wollte, bebte ihm die unſichere Hand, im Gefuͤhl der hinterliſtigen That, er konnte es nicht vollbringen. Da trat ich hervor und bot — 365 ihm keck die meinige an; er erſchrak, gab mir ein Geldſtuͤck und hieß mich gehn. Seitdem hab' ich ihn verachtet. Den Loͤwen nenne ich edel und koͤniglich, weil er frei ſeine Beute erkaͤmpft nach dem Geſetz ſeiner Natur— ſo hab' ich mit kuͤh⸗ nem Muthe gehandelt, keine feige Reue wird mir jemals nahen. Die Erde iſt unſer aller Mutter, ihre goldenen Eingeweide ſollen nicht das Erbe ei⸗ niger Wenigen ſeyn.— Ein huͤbſches Theilchen davon iſt ſchon in unſrer Gewalt und voraus in das neue Vaterland, wohin wir morgen nachfolgen, wenn du ſo hoͤflich biſt, die Reiſezehrung nicht zu weigern.— Nun, holde Sittenprieſterin, biſt du ſtumm? oder waͤgſt du Recht und Unrecht zwiſchen mir und Meiſter Vollbrechts grauem Haupte?— Laß dir ſagen, ich tauſchte nimmer mit ihm, und ob er mir die Hand ſeiner ſchoͤnen Gemahlin zum Preiſe boͤte. Er ſtand auf, ich floh mechaniſch einige Schritte weit vor ihm. Nicht von der Stelle, donnerte er, wo iſt der Schluͤſſel zum Gelde. Ich weiß von keinem Gelde, und habe keinen Schluͤſſel. X — — —ſſ — — ä8Z8Z8Z—ſhö—oöͤöͤöͤöͤſ1ſͤͤnͤ —— Gleichviel, ſo weiß ich's.— Das Geld wurde vor acht Tagen fuͤr das Gut bezahlt, es iſt hal baar, halb Papiere. Ich weiß, wo es liegt, und kann den Schluͤſſel zur Noth entbehren. Der Junge dort in der Ecke nannte dich Mutter. Weſ⸗ ſen Kind iſt das Andere? Meines Herrn, antwortete ich; ein kalter Schauer goß ſich durch mein Gebein. Ulrichs Ge⸗ ſicht war graͤßlich anzuſehen. Er ſetzte ſich nieder, und ſchien in Nachdenken verloren. Dein Herr iſt mir nicht unbekannt, hub er endlich an, ich hatte einmal eine Bekanntſchaft mit ihm, wie der Baum ſie mit der Axt, das Erz mit der Feile hat. Seine hochmuͤthige Recht⸗ lichkeit, die ein gutes Kleid fuͤr den Frieden ſeyn mag, aber kein Panzer fuͤr den Krieger, trieb mich in die Arme meiner Genoſſen. Tod und Hölle! Wenn ich an den Augenblick denke, wo er triumphirend vor mir ſtand, weil ſein Anſehen meine Obern bewegen konnte, mich ſchimpflich aus⸗ zuſtoßen! Damals ſchwur ich ihm Rache, und mag der kraͤftige Muth aus meinem Herzen wei⸗ chen, und weibiſche Feigheit ſeine Stelle einneh⸗ men, wenn ich den Schwur nicht erfuͤlle.— —— —, 3367 Hinweg von der Wiege!— glaubſt du ohnmaͤchtt⸗ ges Weſen, dein Schutz wird dem Kinde nuͤtzen? Ein durchdringendes Pfeifen ertoͤnte jetzt ganz nahe. Meine aufgeregten Sinne erſchuͤtterte der gellende Ton, ich ſiel auf die Knie nieder. Sind die Kerls toll, daß ſie ſelbſt Laͤrm machen, ſchrie Ulrich, und wandte ſich nach dem Fenſter. Ein Blitz vom Himmel ſiel in mein Herz, wunderbar fuͤllte die zagende Seele ſich mit uͤbernatuͤrlichem Muthe, ich ſtuͤrzte zum Tiſch, ergriff das Piſtol, und ſtand gewaffnet vor den Kindern, denn auch mein armer Junge hatte ſich in ſein Bettchen ge⸗ fluͤchtet. Der Schlag meines Herzens war ſo hef⸗ tig, daß ich zu erſticken meinte. Ich befahl Gott mein Geſchick. Indeſſen hatte Ulrich das Fenſter geoͤffnet, ein furchtbares Haupt ſchaute herein. Bruder Komet! rief eine widrige Stimme, es iſt nicht richtig, die Hnunde ſtreifen umher. Geſchwind, oder du biſt verloren, komm gleich hier den Luftweg herunter, die alte Tanne reicht gerade weit genug, um uns ſtatt Leiter zu dienen.— Geh, wie du gekommen biſt, antwortete Jener, ich nehme den vorigen Weg, ich will etwas tragen, das noch nicht mit klettern kann. —————— — —— Er wandte ſich um und ſah mich an. Drei laute Schlaͤge donnerten an's Thor.— Leg das Spielwerk aus der Hand, ſchrie er, oder ich werde es dir zu entwinden wiſſen. Ehe ich antworten konnte, klopfte es wieder heftiger als vorher. Ich will's behalten, ſagte ich muthig, und warne dich, mir zu nahen. Muß ich losdruͤcken, ſo vergebe mir Gott, ich kann nicht anders. Er ſchien ſich zu beſinnen und einen andern Entſchluß zu faſſen, denn nun bemuͤhte er ſich, die Thuͤr nach des Herrn Zimmern zu oͤffnen, die ich verſchloſſen hatte. Indeſſen ward es laut im Hauſe, es kam die Treppe herauf, die Thuͤr ward aufgeriſſen. Blitzſchnell ſchwang Ulrich ſich in's Fenſter, dies ſah ich noch, aber meine letzte Kraft war nun hin, ich ſank leblos auf den kleinen Karl nieder.— Eine ſanfte Hand war um mich ge⸗ ſchaͤftig, eine Stimme ſprach, die ich hienieden nicht mehr zu hoͤren gehofft hatte, ich blickte endlich auf, und fand mich in Eckards Armen.— Was ich damals empfand, kann nicht beſchrie⸗ ben werden; es war durch jahrelangen NMhhuer nicht zu theuer erkauft! 3 Kein —— 369 Kein Schlaf kam die lange Novembernacht in unſere Augen, wir hatten uns wieder, ich hatte den Todtgeglaubten lebend an meiner Seite, ich konnte ihm ſein Kind zeigen, ich ſah es in Vater⸗ armen ruhen. Wie das moͤglich war, erzaͤhlte er nun ſo weitlaͤuftig, daß der ſpaͤte Morgen uns noch in begluͤckender Mittheilung fand. Von dem Schickſal des Geliebten iſt uns ja alles bedeutend, und wiederum giebt es nichts Suͤßeres, als im Gluͤck jeden Augenblick vergangener Leiden durch⸗ zufuͤhlen, und einer theilnehmenden Seele zu ma⸗ len. Hier aber mag es nur mit wenigen Zuͤgen ſtehn, denn Jahre der Freude und des Gluͤcks ha⸗ ben das truͤbe Bild lange ſchon in den Hintergrund gedraͤngt.—* Mein armer Eckard war jenesmal im Wald⸗ hauſe, da er nicht einſchlafen konnte, durch den Huͤlferuf des Bedienten aufgeſchreckt worden, und der erſten Regung ſeines Herzens folgſam, hinab⸗ geeilt. Daß er hier redlich an des Angegriffenen Seite geſtanden hatte, daran hatte ich ja nie ge⸗ zweifelt, ich kannte ſein Gemuͤth. Wie er Ulrich ſah, rief er ihn an, in der Hoffnung, ihn zu ei⸗ nem guten Entſchluſſe zu bewegen, ſagte ihm meine Anweſenheit, und dieſe wenigen gewechſelten Worte A a hatten den Kaufmann an Eckard irre gemacht. Der alte Mann war erſchoͤpft, Eckard fuͤhlte noch Kraft, beide hatten Gewehr, aber die Piſtole des Kaufmanns verſagte den Dienſt, weil Mathaͤus den Schuß herausgezogen hatte. Eckard ermahnte ihn, ſich durch's Fenſter zu retten, das er mit dem Bedienten vertheidigte. Im naͤmlichen Augenblicke ſiel der Bediente durch Ulrich, und Trude brachte die Poſt, es ſeyen Soldaten im Anzuge. Ulrich verſchwand drauf mit der Alten und des Kaufmanns Chatoulle. Max und ein zweiter ſchleppten meinen Mann fort, deſſen Gewehr eben ſo wenig als das andere Schutz gab. Unterwegs ſtießen ſie auf Mathaͤus. Bube, ſchrie Max knirſchend, auf deine Stirn grub der Verrath ſeim Zeichen, nimm das zum Lohn. Er druͤckte ab und Mathaͤus ſank aͤch⸗ zend nieder. Ein unzugaͤnglicher Winkel im Walde war Eckards Gefaͤngniß, Max blieb bei ihm, auch das Weib fand ſich wieder ein und noch zwei Maͤnner. Ruppert ging ab und zu, um von Ulrich Kunde einzuziehen, den man vergebens erwartete. Am Abend war auch Ruppert den Suchenden in die Haͤnde gefallen. Die Flucht ging nun noch raſt⸗ loſer in der naͤchſten Nacht durch unwegſame Ge⸗ — 371 buͤſche weiter; am Tage verbarg man ſich, und ſo geſchah es mehrere Tage und Naͤchte. Der arme Eckard erwartete nichts anders, als den Tod, auch ließen die Berathſchlagungen unter ſeinen Waͤchtern keine andere Deutung zu. Vor ſeinen Ohren er⸗ zaͤhlten ſie ſich, wie er uͤberall geſucht und aufge⸗ rufen wuͤrde, wahrſcheinlich um als Zeuge gegen ihre gefangenen Bruͤder zu dienen, und ſchwuren mit graͤßlichen Schwuͤren, ihn an einen Ort zu bringen, wo er Keinem ſchaden ſolle. Er ergab ſich ſchweigend, denn es war unmoͤglich zu entkom⸗ men, eben ſo unmoͤglich, ſich helfenden Menſchen zu naͤhern. Endlich, nachdem lange Zeit nur Wald und Schlucht ſie beherbergt hatten, nahm in fruͤ⸗ her Morgendaͤmmerung ein einſam gelegenes Haus an der Elbe die Fluͤchtigen auf. Hier ward Eckard in der naͤchſten Nacht dem Fuͤhrer eines Schiffs uͤbergeben, der das grauſame Geſchaͤft trieb, Men⸗ ſchen zu kaufen— und die Wellen fuͤhrten ihn weit hinweg aus dem Vaterlande in einen fernen Welttheil. Ach Anna, ſagte er, damals waͤre der Tod mir willkommen geweſen. Ich war lange Zeit krank und unfaͤhig einen Dienſt zu thun. Doch genaß ich. Mauchmal, wenn ich lange in die A a 2 danken an dich, an deinen Jammer, trieb es mich faſt, alles Leiden dort zu verſenken. Aber immer erhielt mich die Hoffnung. Gott kann dich ja wie⸗ der zuruͤckfuͤhren, dacht' ich, vor ihm iſt das Welt⸗ meer nur ein Tropfen, und wer ihn anruft in der „ Noth, den will er erretten!— Nach einer langen muͤhſeligen Fahrt kam Eckard nach St. Domingo in harte Sclaverei. Seine Hoffnungen ſtarben, wie die Zeit mehr und mehr verſchwand, ohne Huͤlfe zu bringen. Ein⸗ mal fand er Gelegenheit, mir ſein Leben und ſein Geſchick kund zu thun, das war ihm ein Troſt, aber an mich gelangte die Kunde nicht.—— Da erſchien nach Jahren voll Kummer und Verzweif⸗ 1 lung die rettende Hand der Vorſicht. Sie fuͤhrte den alten Kaufmann, deſſen langer Aufenthalt im fremden Welttheil nun zu Ende ging, meinem un⸗ gluͤcklichen Freunde entgegen. Beide erkannten ſich. Außer ſich, im Gefuͤhl der Freude, einen Landsmann, einen Freund zu erblicken, fiel Eckard vor ihm nieder, und umfaßte lange mit heißen Thraͤnen ſeine Knie. Ihm war der alte Mann mehr als ein bloßer Bekannter, er hatte ihm ja das Leben gerettet, hatte es ſo theusr erkauft. gruͤnliche Fluth hinabgeſtarrt hatte, mit dem Ge⸗ 44 — — 373 Auch bedurfte es nur einer ungeſchmuͤckten Erzaͤh⸗ lung ſeines Schickſals, um jenen davon zu uͤber⸗ zeugen. Der reiche edle Mann loͤſte Eckards Feſ⸗ ſeln, und nahm ihn mit nach Europa. Bei der Zuſammenkunft mit meiner Herrſchaft erfuhr er meinen Aufenthalt, und beſchloß, das Wiederſehen nicht einen Augenblick zu verzoͤgern. So kam er hier an, und traf eine Stunde weit von uns mit den Verfolgern der Bande zuſammen, die ſich am Fuße des Berges von ihm trennten, um ſich nach allen Richtungen zu vertheilen. Ungeduldig ſchlug er an's Thor, alle Sehnſucht ſo langer Zeit draͤngte ſich in dem letzten Augenblick zuſammen.— Wie Ulrich ſich den Eingang verſchaffte, blieb uns raͤthſelhaft. Unſere Leute ſagten aus, es habe ſich ein fremder Knecht jetzt oft, und auch dieſen Abend zu ihnen geſellt, und weil ſie noch im Freien gearbeitet haͤtten und die Luft kalt geweſen ſey, ſeinen Branntwein freigebig mit ihnen getheilt. Nur der alte Pfoͤrtner, der gleich am Hauptthor ſchlief, fuͤrchtete ſolch Getraͤnk, und that bloß aus Hoͤflichkeit auf eine Anforderung Beſcheid. Daher kam es, daß Eckard gleich Einlaß fand, und zu rechter Zeit kam, uns zu retten, denn wahrſchein⸗ lich glaubte Ulrich, ſeine Verfolger heranſchreiten — 374— zu hoͤren; vor einem einzelnen unbewehrten Mann wuͤrde er nicht geflohen ſeyn. Nach acht Tagen, den gluͤcklichſten meines Le⸗ bens, kam unſere Herrſchaft mit ihrem Vater an. Wie ich der freudig bewegten Mutter ihren Sohn zufuͤhrte, erhob ein Gefuͤhl meine Bruſt, fuͤr das ich keine Worte weiß. Die Erzaͤhlung unſerer uͤber⸗ ſtandenen Gefahr war das Erſte geweſen, was man ihr entgegen trug. Ihre weiche Seele bebte bei dem Gedanken: was aus uns haͤtte werden koͤnnen. Sie druͤckte ihr Kind feſt an die Bruſt, und zog mich in die Umarmung. Du treue, treue Seele, ſchluchzte ſie, treu in jeglicher Noth, dir kann nur Liebe lohnen! Aber du biſt ja nun auch gluͤcklich, und ſollſt es noch mehr werden, wenn ich dich auch darum verlieren muß. Mein Vater will fuͤr ſeinen Erretter ſorgen, er wird euch ein ſtilles haͤusliches Gluͤck bereiten, und was er giebt wird Gott ſegnen. Wir wurden nun gefragt, wohin wir uns wen⸗ den wollten, und waren nach kurzer Ueberlegung mit einander einig. Eckards Heimath hatte mir keine angenehme Erinnerung gelaſſen„ außer der meinigen gab es nirgend ein befreundetes Plaͤtzchen — 37 5 fuͤr uns. Der alte Herr gebot uns, fuͤr nichts zu ſorgen, wir wuͤrden in Kurzem reiſen koͤnnen und in M. Wohnung und Werkſtaͤtte finden, nichts ſolle fehlen, als das Meiſterſtuͤck, das er Eckards fleißiger Hand uͤberließe.— Nach Neujahr muß⸗ ten wir ſcheiden, ach! es war ein trauriger Tag. Tauſend Thraͤnen vergoß ich bei'm Abſchiede von meiner liebreichen Herrſchaft, von dem alten Herrn unſerm Wohlthaͤter, vornehmlich aber von dem kleinen Junker, denn ich liebte das Kind mit Mut⸗ terliebe.— Da fuhr ich nun den Weg wieder ruͤckwaͤrts, hinuͤber nach der Landſtraße, den ich ehemals als ein Fremdling gekommen war. Aber welche Schaͤtze nahm ich jetzt mit!— meinen Eckard— und unſern Heinrich, ſo kraͤftig, ſo ſchoͤn aufgewachſen, eine freundliche Erinnerung fuͤr's ganze Leben, und ſo manches Wiſſen, wozu mein Verhaͤltniß mich ſonſt nicht berechtigte. Eckard, ſagte ich, und trocknete meine Thraͤnen, wir haben mehr gelitten als tauſend andere Men⸗ ſchen, aber wir haben auch viel Herrliches erlebt. Wir wollen Gott auch fuͤr die Truͤbſale danken, und denen herzlich vergeben, die daran Schuld waren. Ich hege keinen Groll gegen den Vetter Vollbrecht, er iſt ungluͤcklich genug durch ſein un⸗ ruhiges Gewiſſen. An Ulrich denke ich freilich mit Entſetzen; moͤge er mir nie wieder auf meinem Wege begegnen. Das wird er nicht, liebe Anna, antwortete Eckard ſehr ernſt. Der Ungluͤckliche iſt noch in jener Nacht nach verzweifelter Gegenwehr im Walde gefallen. Ich ſah ihm ſelbſt am andern Morgen, doch dir verſchwieg ich's damals, um dein Gluͤck nicht zu truͤben. Seine Kameraden ſind wahr⸗ ſcheinlich entkommen. Ich ſchwieg erſchuͤttert, und konnte lange an nichts anderes denken, als an den kurzen wilden Lebenslauf dieſes verirrten Mannes. Ja, ſeine Bahn war regellos und ſchreckenerregend, wie die des Irrſterns, von welchem er den Namen trug.— Aber des Herrn Hand, die auch dieſen durch die Raͤume des Himmels leitet, wird einſt keins ſeiner Geſchoͤpfe fallen laſſen.— Erſt der Wechſel der Gegenſtaͤnde, die Naͤhe bekannter Gefilde, vermochten es, den truͤben Ein⸗ druck aus meiner Seele zu verloͤſchen. Immer heimiſcher ward es um uns, nun erſchienen ſchon Doͤrfer, deren Namen mich als Kind oft umtoͤnten, nun ſah ich die Tracht meiner Landsleute, nun —⁰— — 377 tauchten die Spitzen der Kirchthuͤrme vor uns auf. Schneller rollte der Wagen der Stadt zu, ich lehnte mich weit heraus. Da war der Feldweg, den ich ſonſt am Arm der Mutter ging, dort der hohe Wall, wo ich im Fruͤhlinge Veilchen pfluͤckte.-— Wir waren an einen Kaufmann gewieſen, und fuhren in der Daͤmmerung vor ſein Haus. Es war den 6. Januar 1693. Der freundliche Mann empfing uns wie Bekannte, und erbot ſich, uns ſogleich in unſer neues Eigenthum fuͤhren zu laſ⸗ ſen. Ich hatte den Auftrag von meinem Freunde, ſagte er, ein kleines Haus zu kaufen, das fuͤr euer Handwerk paſſend ſey, und ich habe in der.** Straße eins gefunden, wie ihr es immer wuͤn⸗ ſchen moͤgt. Eckard ſah mich an, Erſtaunen und Nuͤhrung machten uns beide ſtumm. Der Kaufmann rief einen Burſchen, belehrte ihn heimlich, und wuͤnſchte uns einen gluͤcklichen Einzug. Eckard trug das Kind, ich hing mich an ſeinen Arm und theilte ihm die Gefuͤhle mit, von denen mein Herz voll war. O es iſt zu viel Guͤte, rief ich, es iſt zu viel Gluͤck, und denke des Zufalls, der uns in die⸗ — 378— ſelbe Straße fuͤhrt, wo wir ſo lange mit einan⸗ der wohnten.— Dort das ſchmale weiße Haͤus⸗ chen, ſagte der junge Burſch, und wies mit dem Finger die Straße hinab.— Guter Gott, es war des Vetters Haus!— Ich ging wie im Traume, ich trat ein, ich lief in die Unterſtube, und ſtand mit gefalteten Haͤnden am Fenſter, mich an den gewohnten Anblick der Nachbarhaͤuſer zu ergoͤtzen. Sieh nur um dich, liebe Anna, ſagte Eckard, und freue dich. Wie haben dieſe Engel fuͤr uns geſorgt.— Er hatte Recht!— Da fehlte nichts, was das Herz einer Hausfrau erfreuen konnte. Ueberall ſtand es wohl in unſerm kleinen Reiche, jeder Sorge war gewehrt. In der Stube waren huͤb⸗ ſche einfache Meubles, ſchoͤne gegatterte Vorhaͤnge, ein Spiegel, ein großer Schrank. In der Schlaf⸗ kammer zwei Betten und ein kleines fuͤr das Kind. Die Werkſtatt enthielt alle noͤthigen Geraͤthſchaften, und als wir den Schrank oͤffneten, welche Ueber⸗ raſchung!— Da fand ſich Leinenzeug, vieles ſchon fertig, anderes noch ungeſchnitten, Tiſchge⸗ raͤth, ſchoͤne Glaͤſer, die ich immer ganz vorzuͤglich liebte.— Alles— wie ein Zettelchen beſagte— von meiner lieben gnaͤdigen Frau. Endlich zwei — 379 ſchwere Silberloͤffel, mit meinem und des Junkers Nagmen bezeichnet, zum Andenken von meinem Pflegkinde, und eine Summe Geld fuͤr die Er⸗ werbung des Meiſterrechts. Selbſt die Kuͤche war mit allem verſehen, was eine Frau in dieſem Kreiſe ihres Wirkens bedarf. Eine Magd des Kaufmanns ſtand am Herde, und bereitete uns eine kraͤftige Suppe. Aber wir aßen nur wenig, wir wander⸗ ten bis zum ſpaͤten Abend umher; auch in mein ehemaliges Stuͤbchen ſtieg ich hinauf, ohne mein Gluͤck zu faſſen, ohne an Ermuͤdung und Schlaf zu denken. Mein erſter Gang am naͤchſten Morgen war zu der Wittwe Gaͤrtner, mein Heinrich begleitete mich, das Herz ſchlug mir hoch vor freudiger Eil. Ich hatte nur dieſe einzige Freundin in der wei⸗ ten Stadt, die ich mit meinem Beſuche uͤberra⸗ ſchen konnte. Die alte Frau traute ihren Augen kaum. Sie umarmte mich wiederholt, herzte mein Kind, und ließ ſogleich meinen Mann holen, um uns den Tag uͤber nicht von ſich zu laſſen. Alles was ſie erfahren hatte, alles was uns geſchah, ward erzaͤhlt, auch des Vetters Schickſal erfuhr ich hier. Seine ſtolze Frau hatte ſich immer mehr erhoben, keine Anſtrengung war ihr zu groß, die 380— geſegneten Schranken des Buͤrgerſtandes zu uͤber⸗ ſchreiten. Haß, Neid und Laͤcherlichkeit ward ihr Lohn, ihr Mann arbeitete nichts, die Wirthſchaft verſiel, und als ſie ploͤtzlich ſtarb, ohne ihm etwas Bedeutendes von ihrer Haabe zu hinterlaſſen, ver⸗ ſank er bald in gaͤnzliche Armuth. Schon vor ei⸗ nem Jahre mußte er das Haus verkaufen und aus der Stadt gehen. Wohin? wußte die Wittwe nicht. Sie freute ſich, daß der Beſitz nun an uns gekommen war, und ermahnte uns, die alte Freundſchaft nicht zu vergeſſen. Auch blieb ſie mir Freundin und Rathgeberin, ſo lange ſie lebte, und hob ein Toͤchterchen, das uns nach einigen Jahren geboren ward, aus der Taufe.—— Ich fing nun meine Wirthſchaft an, mein Mann regte ſich wacker, wir hatten Gluͤck in jeg⸗ licher Unternehmung. Der Reſt des Winters ver⸗ floß unglaublich ſchnell bei Arbeit und Erholung, der Fruͤhling kam, wir begingen zum erſten Male unſern Hochzeitstag zuſammen, der noch durch eine andere ruͤhrende Feierlichkeit ausgezeichnet ward. 3 In meiner Vaterſtadt iſt es Sitte, daß die ver⸗ ſorgten Armen, einmal des Jahrs im feierlichen Umgange mit Geſang durch die Stadt ziehen, um vor jedem Hauſe eine außerordentliche Gabe zu empfangen. — 381 empfangen. Jeder Hauswirth ſteht dann mit all den Seinen vor der Thuͤr, um auszutheilen. Nicht nur Geld, auch eine kleine Erquickung wird den Armen gereicht, die kleinſten Kinder freuen ſich hier des Wohlthuns, die Straßen ertoͤnen von den Dankliedern des langſam fortſchreitenden Zu⸗ ges, und die Thraͤne des geruͤhrten Gebers miſcht ſich mit der Freudenthraͤne des Beſchenkten. Dies⸗ mal war der Tag vorzuͤglich ſchoͤn. Kein Woͤlk⸗ chen truͤbte den Himmel, die reine Luft trug uns ſchon von Ferne die Klaͤnge des frommen Kirchen⸗ liedes zu, das von mehrern hundert Stimmen ge⸗ ſungen den Herrn lobte, und jetzt bog der Zug um die Ecke unſrer Straße. Voraus gingen die Kinder, erſt Maͤdchen, dann Knaben, ihnen folg⸗ ten die Weiber, die Greiſe ſchloſſen die Reihe, alle reinlich und ganz gleich gekleidet.— Mit wehmuͤthiger Freude ſah ich ſie langſam heranzie⸗ hen. Mein Mann hielt den gefuͤllten Beutel, ein kleiner war in des huͤpfenden Heinrichs Hand. Ich ſelbſt wollte etwas Wein an die Alten, und den Uebrigen Backwerk austheilen, wobei mir die Magd beiſtand. Die ganze Straße war lebendig, keine Hand, die ſich heute nicht willig geoffnet häͤtte. 382— Kinder und Frauen gingen voruͤber, Heinrichs Beutelchen war leer, er hing ſich an meinen Arm, und ſchaute den alten Maͤnnern, die ich labte, mitleidig in's Geſicht. Da koͤmmt mit tiefgebeug⸗ tem Haupte ein grauer Alter heran. Ich fuͤlle das Glas bis an den Rand, um es ihm zu rei⸗ chen, er ſtuͤtzt ſich zitternd auf den Stab, und hebt den Blick mit herzzerreißendem Gram nach unſerm Hauſe auf. Ein lauter Ausruf entſchluͤpft meinem Munde! O guter Gott, es war Voll⸗ brecht!— Hier, vor ſeinem eignen Hauſe em⸗ pfing er die Gabe der Mildthaͤtigkeit aus den Haͤn⸗ den ſeiner Verwandtin, die ſeine bloͤden Augen nicht erkannten. Wir zogen den alten Mann in's Haus, wir baten ihn, hier auszuruhen, und etwas Staͤrken⸗ des zu genießen. Er ſaß auf der naͤmlichen Stelle die er ſonſt immer einnahm, neben ihm ſtand der Knabe. Mich uͤbermannte die Wehmuth, ich mußte mich abwenden. Nach einer Weile fuͤhlte ich mich ſanft umfaßt, mein Mann ſtand hinter mir und ſagte: Denkſt du wie ich, Aennchen, ſo laſſen wir den Greis nicht wieder hinaus in's Elend zie⸗ hen. Er hat Niemand mehr auf der Welt als uns, und ſeiner Tage koͤnnen nur noch wenige — 383 ſeyn. Dein ehemaliges Stuͤbchen ſteht ja leer, nicht umſonſt hat uns Gott ſo reich geſegnet. Ich fiel dem beſten Manne geruͤhrt um den Hals, und druͤckte ihn feſter an meine Bruſt, er hatte meinen ſtillen Wunſch errathen. Bei wem bin ich denn? hob der Vetter mit ſchwacher Stimme an, ſind es vielleicht Bekannte, die ſo mitleidig gegen einen Ungluͤcklichen ſind. Ich bin wohl ſchwach geworden an der Thuͤr? Es iſt freilich hart, als ein fremder Bettler vor der eignen Schwelle zu ſtehen. Hier ſeyd ihr kein Fremder, antwortete ich, Vetter, kennt ihr denn Annen nicht mehr? Seht, das iſt Eckard, den ihr ja immer gern hattet, wir freuen uns, euch bei uns zu ſehen, und bieten euch von Herzen alles an, was wir vermoͤgen. Nein, nein, ſagte er unruhig, und erhob ſich muͤhſam, hier kann ich keine Wohlthaten empfan⸗ gen, von euch kann ich nichts annehmen. Laßt mich fort. Wenn Anna wuͤßte wie wenig ich ihre Liebe verdiene, ſie wuͤrde ſo nicht mit mir ſprechen. B b 2 38⁴ „Laßt das Vergangene ſchlafen, erwiederte ich, und hoͤrt, was wir im Sinne haben. Das Haus iſt jetzt unſer Eigenthum, wir bewohnen es kaum zur Haͤlfte. Nehmt denn oben das ruhige Stuͤb⸗ chen ein, genießt mit uns, was der Himmel be⸗ ſcheert, und goͤnnt uns die Freude, euer Alter un⸗ terſtuͤtzt zu haben. Das Haus iſt dein Eigenthum? rief er aus; ja ſo iſt es.— Die Fuͤgungen ſind wunderbar. Aber ich will nichts hinnehmen, was mir nicht gebuͤhrt, ich verdiene mein Elend. Du weißt nicht, daß ich dich deines Erbes beraubt habe, um der eignen Armuth zu wehren, ſonſt wuͤrdeſt du mir keine Zuflucht unter deinem Dache oͤffnen. Dieſe Hand griff nach dem kleinen Eigenthume der Waiſe, freilich in der gewiſſen Hoffnung, es einmal wie⸗ der zu erſtatten, wenn es mein Gluͤck gegruͤndet haͤtte. Aber die Hoffnung ſchlug fehl, und mein Leben war nun voll banger Sorgen und Gewiſſens⸗ angſt. Um dieſe Waͤnde zu erbauen, hatte ich, außer jener großen geheimen Schuld, noch viele andere auf mich gehaͤuft, aus einer Unordnung verſank ich in die andere, da war keine Huͤlfe. Noch glaubte ich Ulrich ſollte dir erſetzen, was ich nicht konnte, aber der wilde Geſell floh das Va⸗ ——rüs 385 terhaus, Gott weiß, wo ſein unſtaͤter Fuß umher⸗ irrt, waͤhrend ſein alter Vater das letzte Brot von der Milde ſeiner Mitbuͤrger empfaͤngt. Nun laßt mich fort, daß ich euer veraͤnderten Geſichter nicht ſehe. Es hat mich lange Niemand guͤtig angeblickt, Eure Freundlichkeit that mir doch wohl. Aber in Ungewißheit durfte ich euch nicht laſſen. Manchen Kampf mußten wir noch mit dem hartnaͤckigen Mißtrauen des Ungluͤcklichen beſtehn, ehe es uns gelang, ihn zu dem Glauben an unſern guten Willen zu bewegen. Erſt nach mehreren Wochen fing er an, mich gern bei ſich zu ſehen, und meine Sorge fuͤr ſein ſchwaches Alter anzu⸗ nehmen. Am liebſten war ihm Heinrich. Wenn der Knabe aus der Schule kam, trug er ſeine neuen Kuͤnſte allemal zuerſt in's Dachſtuͤbchen zum Vetter hinauf, der mit ihm rechnete und ſchrieb, oder ſeine Leſeuͤbungen geduldig anhoͤrte.— Zwei Jahre lebte er noch bei uns, im dritten entſchlief er ſanft, ohne von dem Schickſale ſeines Sohnes etwas erfahren zu haben. Wie ſie ihn hinaustrugen, ſahen wir ſehr ge⸗ ruͤhrt dem ernſten Zuge nach. Man umarmt ſich inniger, aͤngſtlicher, wenn ein Glied aus dem ge⸗ wohnten Kreiſe geſchieden iſt. So ſtand ich mit meinem Mann und den Kindern eng umfaßt, als wolle ich mir dieſe Guͤter ſchuͤtzen. Aber Eckard ſah mir tnbi in's naſſe Auge und ſagte: Stelle dch Alles ohne Furcht dem Himmel an⸗ heim. Er hat uns ja immer ſo gluͤcklich gefuͤhrt. Durch ſeinen Segen konnten wir einſt unſern Wohlthaͤtern nuͤtzen, und jetzt einem Beleidiger Gutes thun. Laß uns ſolche Erinnerungen wie gute Geiſter hegen, damit ſie einſt auch truͤbe Stunden mit ihrem Glanze erhellen. VAA„ Gebruckt bei J. F. Flick in Rathenow. 43 4 Ar „ v „ Die Wieſenburg v 1 „ Der Wahrſager Die Wuͤnſche 5 ⸗ ⸗ ⁴ 8ℳ 2 Der Komet ⸗ ⁸ t. Seite 1. 4— 183. 6— 188. — 251. ſfffſſnfſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19