Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jerven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,—— bler. auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersàtz. Für beſchmutzte, zerriſſene,, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpfiichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Er zaͤhlung Friederike Lohmann. 7 Zweiter Band. 4 Magdeburg, in der Creutz'ſchen Buchhandlung. 48 29. Leben und Dichtung in 4 Er zaͤhlungen 4 von Friederike Lohmann. — Magdebburg, 3 in der Creutz'ſchen Buchhandlung. 182. 4 —— — — — Seite I. Die goldene Hochzeit. Aus den Papieren meiner Großmutter. 4 II. Schloß Kriebſtein. Eine Erzäh⸗ lung.„.... 63 III. Julie und Clementine ⸗.135 IV. Moͤhrenſcheiben. Ein Winter⸗ maͤhrchen.„„ 245 I. Die goldene Hochzeit. Aus den Papieren meiner Großmutter. Wenn ich zuruͤckblicke in die Tage der Ju⸗ gend, ſo duͤnkt es mich wie dem Wanderer, der auf des Berges Hoͤhe ſich umſieht, und noch einmal das Thal uͤberſchaut, das ihm Freude, Erquickung und manche ſuͤße Stun⸗ de gab. Aber dichter Nebel umflort die gruͤ⸗ nen Auen, die Quellen und Blumen, den emporgewundenen oft muͤhvollen Pfad; nichts iſt mehr deuklich und klar, als der gegenwaͤrtige Augenblick voll ſchwerer Ermuͤdung, und die Ausſicht nach oben, die nun viel leuchtender und heller ſtrahlt, als in der Tiefe zu Anfang der Bahn. Und doch, wie iſt es ſo ſchoͤn, den Nebel zu durchdringen; ein langes, und Gott ſey Dank, faſt immer gluͤckliches Leben, das nun wie ein kurzer Traum verflogen iſt, noch vor ſeinem Ende pruͤfend anzuſehen, um die Erinnerung gleichſam zu feſſeln. Wie viel Stoff zu Freude, Dank und Preis. Ich bin faſt 72 Jahr, Kinder und Enkel umge⸗ ben mich, ich werde nicht lange mehr unter A 2 4 ihnen weilen; aber ich werde fortleben in ih⸗ rem Gedaͤchtniß. Wenn meine Lehren ihnen haͤuslichen Segen bringen, der mehr werth iſt, als Glanz vor der Welt, moͤgen ſie mei⸗ ner freundlich gedenken, und einen Blick der Liebe auf den Huͤgel werfen, unter dem ich vielleicht bald ſchlafe. Findeſt du aber, mein Lottchen, dann dieſe Schrift, in welcher ich mit der Geſchwaͤtzigkeit, die man einer Ur⸗ großmutter verzeihen muß, mir das Halb⸗ vergeſſene wieder hervor rief, ſo wiſſe, daß ich auch fuͤr dich ſchrieb, um dir ein Denk⸗ mal meiner Liebe zu hinterlaſſen. Meine Vaterſtadt war die ſaͤchſiſche Re⸗ ſidenz, das ſchoͤne freundliche Dresden. Meine Eltern ſtarben kurz nach einander, da ich 14 Jahr alt war, und ich ſiel der Sorge einer Tante anheim, die in der Leipziger Ge⸗ gend ein bedeutendes Landgut beſaß. Die Tante war alt und lebte ſehr eingezogen. Ich vermißte bald nicht nur das heitere ge⸗ ſellige Leben, das mich im elterlichen Hauſe begluͤckte, die Jugendfreundinnen, die klei⸗ nen Taͤnze und Spiele, ſondern mehr noch die reizende Natur, in der ich aufgewachſen war. Ich ſehnte mich nach den Rebenhuͤ⸗ geln, nach dem majeſtaͤtiſchen blauen Strome, b V V . V 4 3 die Flaͤche aͤngſtigte mich, ich konnte mich nicht an ſie gewoͤhnen. Zudem gingen die Fenſter unſerer großen Unterſtube in einen weiten Garten, der zur Winterszeit, als ich zur Tante kam, nur einen traurigen Anblick bot. Da war keine Spur von Leben, alles wie geſtorben, und es konnte mich wahrhaft entzuͤcken, wenn ein hungriger Sperling an mein Fenſter pickte. Die Wirthſchaft be⸗ ſorgte ein Pachter, unſern Haushalt eine alte Magd und ein Bedienter. So hatte ich nur wenig zu thun, und war immer an eine muͤh⸗ ſame Naͤtherei gefeſſelt, die mich die Tante lehrte, und die Ihr Kinder wohl noch oft an den hochgeſtickten Roͤcken und Bettdecken der Großmama bewundert. Wenn es Abend ward, ſchloſſen ſich die Laͤden, die Tante nahm auf dem Lehnſtuhl am Ofen Platz und ich mußte ihr aus geiſtlichen Schriften vorle⸗ ſen. Da ſielen mir denn wohl manchmal die Augen zu, ich freute mich, wenn mein ein⸗ toͤniges Gemurmel die Tante einwiegte, und ich mich auf mein Stuͤbchen ſchleichen durfte, wo ich wenigſtens Mond und Sterne aus den unverſchloßnen Fenſtern ſah. Wie die Ju⸗ gend nun iſt; ich glaubte damals recht un⸗ gluͤcklich zu ſeyn, und als endlich einmal eine 6 Einladung nach Leipzig, zu einer Hochzeit erſchien, die ich mit lautem Herzklopfen an⸗ hoͤrte, und die Tante hoͤflich ablehnte, da weinte ich einen halben Tag und ſchalt recht ernſtlich auf die Grillen des Alters, die mir ganz unbegreiflich und grauſam ſchienen. Genug, mein einfoͤrmiges Leben ward durch nichts geaͤndert. Nur einmal im Jahre fuhr die Tante in die Stadt, zur Oſtermeſſe, und dieſer Tag war ſchon lange vorher ein ſon⸗ nenheller Punkt in meiner Einbildungskraft. Wir ſtiegen dann bey einem Kaufmann, Na⸗ mens Werner ab, der mit dem ſeligen Onkel lange bekannt war, und ich durfte mit der Tochter des Hauſes, deren Hochzeit ich ver⸗ ſaͤumen mußte, in Geſellſchaft ihres Mannes und Bruders, unſern Einkauf beſorgen, wil⸗ de Thiere, Rieſen und Wachsfiguren beſehen, in einem Garten Kaffee trinken, wo es von Menſchen wimmelte, auch wohl Abends ins Theater gehen. Das waren herrliche Erin⸗ nerungen fuͤr unſere Einſamkeit. Sie erhei⸗ terten mir den Sommer, der uͤberhaupt freundlicher fuͤr mich hinging, und wo auch einmal die Familie aus der Stadt unſern Be⸗ ſuch erwiederte. Aber um ſo ſehnlicher wuͤnſchte ich in der Herbſtmeſſe einen aͤhnli⸗ —— 7 chen Genuß, und wenn ich aus meinem Fen⸗ ſter, das einen Theil der Straße uͤberſah, ei⸗ nen hochbepackten Meßwagen erblickte, gab ich ihm gewiß einen ſtillen Seufzer mit. Ich hatte mein ſiebenzehntes Jahr erreicht, als der fuͤr Sachſen ſo folgenreiche ſiebenjaͤh⸗ rige Krieg begann. Da gab es nun andere und ernſtere Sorgen. Die aͤngſtliche Tante ward halb krank vor Bangigkeit und quaͤlte mich mit ſchrecklichen Erzaͤhlungen von den Gefahren, die uns bedrohten. Anfangs nahm ich es nicht ſo ſehr zu Herzen, aber als nun alle Straßen ſich mit Militaͤr bedeck⸗ ten, die Feinde das Land uͤberſchwemmten, und auch unſer Dorf, ja unſer Haus mit fremden Kriegern angefuͤllt war, da ward mir ſehr bange, und ich weinte verborgene Thraͤnen am Krankenbette der Tante. Die Politik verdraͤngte jetzt faſt alle geiſtliche Lek⸗ tuͤre, ich mußte nun Zeitungen voyleſen, und unſer Herr Pfarrer brachte taͤglich neue Nach⸗ richten. Alles nahm Theil an den Welt⸗ haͤndeln, ſelbſt unſere alte Magd urtheilte uͤber Friedrich den Großen, und ließ oft die Haͤnde am Spinnrocken ſinken, mit dem ſie Abends in einer offnen Nebenſtube ſaß, wenn ich von ſeinen Thaten zu leſen anſfing. 8 Wir hatten uns einmal nach einem ſehr bangen Tage zur Ruhe begeben, die gene⸗ ſende Tante ſchlief ſanft neben mir, denn ich verließ ſie jetzt ſelbſt in der Nacht nicht, mich hielten truͤbe Gedanken auf meinem Lager wach. Nicht weit von unſerm Dorfe lag ein Haufe Soldaten, von denen wir dieſen ganzen Tag viel Plage gehabt hatten, und uns auch jetzt noch nichts Gutes verſahen. Unſere Thuͤr war dicht verrammelt, alle Laͤ⸗ den doppelt verriegelt, im Hausflur wachten einige ſtarke Knechte, nebſt dem alten Be⸗ dienten. Es mochte Mitternacht ſeyn, als laute Schlaͤge am Hauptthor mich aus einem eben beginnenden Schlummer weckten. Laß ſie nur klopfen, ſagte Martin draußen, wir machen nicht auf. Ich erhob mich zitternd, auch die Tante erwachte, und fragte mit Angſt, was es gaͤbe. Das Klopfen ward immer lauter, wir vernahmen Fluͤche und Drohun⸗ gen, mit ungeſtuͤmen Forderungen gemiſcht, die wir nicht zu befriedigen wußten, weil uns der verfloſſene Tag faſt aller Lebensmittel be⸗ raubt hatte. Bebend warf ich einen Mantel um, und ging in den Keller, um die Drohen⸗ den mit Wein zu beruhigen. Martin oͤffnete ein kleines Fenſter, und reichte die Flaſchen 9 hinaus, man nahm ſie, aber Wuth und Flu⸗ chen verdoppelte ſich nur, mich ſchauderte bei Anhoͤrung dieſer rohen Worte, und verge⸗ bens ſtrebte ich, der Tante mein Entſetzen zu verbergen. Endlich ward alles ſtill; Mar⸗ tin berichtete, daß die Soldaten ſich verloͤren, wir athmeten wieder ruhiger, doch nicht lan⸗ ge, ſo begann der Laͤrm von einer andern Seite. Die Wuͤthenden, von dem genoſſe⸗ nen Weine noch ſtaͤrker berauſcht, machten Anſtalt, die Gartenthuͤr zu ſprengen. Ich riß die zitternde Tante aus dem Bett, und bekleidete ſie ſchnell zur Flucht, denn was wir draußen hoͤrten, ließ uns keine andere Ret⸗ tung hoffen. Da kam uns Huͤlfe. Ein Of⸗ fizier mit wenigen Soldaten kam des Weges, ſah den Frevel der Trunkenen und ſchlug ſie in die Flucht. Nach einigen Augenblicken, die er zu ſichernden Anſtalten verwandte, trat er hoͤflich zu uns ein, und kuͤndigte uns an, daß er einige Tage verweilen, und hier Quartier nehmen wuͤrde. Jeder Retter waͤre mir jetzt wohl wie ein hoͤheres Weſen erſchie⸗ nen, aber dieſer machte ſogleich einen tieferen Eindruck auf mich, und noch jetzt, ach nach ſo vielen Jahren, iſt ſeine Geſtalt mir un⸗ vergeſſen. Er ward auf ein Zimmer zur . 19 — Ruhe gefuͤhrt, und da ſeine Leute uns be⸗ wachten, konnten wir nun ſicher ſchlafen. Aber nur die Tante ſchlief— ich wachte! In meinem Herzen fehlte die gewohnte Stille, ich dachte unaufhoͤrlich an den Morgen, und wie ich den fremden Gaſt bewirthen wollte, ja ich glaube, ich uͤberlegte meinen Anzug, der mich noch nie ſo viel Kopfbrechen gefo⸗ ſtet hatte. Der Morgen kam,, ich war viel fruͤher auf, als gewoͤhnlich, und hatte mich recht huͤbſch gekleidet. Der Lieutenant erſchien beim Fruͤhſtuͤck, und waͤhrend ich ihn nur verſtohlen betrachtete, ſprach er viel und ſehr artig mit der Tante, doch ſah er oft genug mit ſeinen glaͤnzenden ſchwarzen Augen nach mir hin, und jeder Bliek faͤrbte meine Wan⸗ ge mit hoͤherer Glut. Zu ſprechen wagte ich nicht, denn zu meiner Zeit waren die Maͤd⸗ chen noch gar ſtill und ſchuͤchtern; kaum konnte ich antworten, wenn er mich etwas fragte. Er blieb den ganzen Tag uͤber bei uns, bis auf ein Stuͤndchen, wo er zu ſeinen Leuten vors Dorf ritt. Er erzaͤhlte uns mancherlei, und ſo viel Großes von ſeinem Koͤnige, daß ich dem recht gut zu werden an⸗ ſing. Dabei nahm er mir ſcherzend mein — 11 Fillet aus der Hand, und ſtrickte daran, daß es eine Luſt war. Abends ſpielte er Piquet mit der Tante, das ich immer nicht hatte lernen wollen, und gewann damit ihr gan⸗ zes Herz. Der Tag war mir wie ein Au⸗ genblick vergangen. Plotow, ſo hieß der Lieutenant, blieb mit ſeinen Leuten volle acht Tage bey uns ſtehen, und wurde mir immer lieber. Doch ver⸗ ſchloß ich das tief in mein Herz, und ſo deut⸗ lich er auch Neigung fuͤr mich, und eine recht achtungsvolle zarte Neigung zeigte, die mich im Stillen ſehr begluͤckte, ſo huͤtete ich mich dennoch ſorgfaͤltig, ihm ſehen zu laſſen, was in mir vorging. Aber meine Einſamkeit kam mir gar nicht mehr traurig vor. Un⸗ ſere Gegend ſah ich mit ganz andern Augen an, denn er pflegte die freundliche, reichbe⸗ baute Ebene, mit ihren kleinen angenehmen Gebuͤſchen und Wieſen, oft zu loben, wie haͤtte ſie mir nicht gefallen ſollen. Auch die Tante war fuͤr Plotow ſehr eingenommen, und meinte, es ſey ewig ſchade, daß er ein Kriegsmann geworden waͤre, denn ſie haßte dieſen Stand, und faſt alles was ihm anhing. Er aber war ihr eine ruͤhmliche Ausnahme. Still und ernſt, und doch recht angenehm unterhaltend, maͤßig im Trunke, und ehrer⸗ bietig gegen die Frauen, auch recht kindlich geſinnt gegen eine abweſende Mutter, von der er oft mit Ruͤhrung ſprach, und vor al⸗ len kein Veraͤchter Gottes und ſeines Worts. O! wie ſtill entzuͤckt ſaß ich neben der Tante, wenn ſie Abends vor dem Schlafengehen, dieſe Tugenden herzaͤhlte. Alle hatte ich ſchon bemerkt, und mir oftmals wiederholt, aber es iſt doch noch ſuͤßer, ſo etwas aus frem⸗ dem Munde zu hoͤren. Ich haͤtte der Tante um den Hals fallen moͤgen fuͤr ihre verſtaͤn⸗ dige Schaͤtzung ſeiner Verdienſte; aber ich ſtimmte nicht ein, und warf wohl eher einen Zweifel auf, um das angenehme Geſpraͤch zu verlaͤngern. Endlich kam der Augenblick des Abſchie⸗ des, an den ich noch nie recht ernſtlich ge⸗ dacht hatte. Da er ihn uns bei der Abend⸗ mahlzeit ankuͤndigte, fuͤhlte ich erſt, wie es um mein Herz ſtand, und der große Suppen⸗ loͤffel, mit welchem ich eben vorlegte, zitterte ſo ſehr in meiner Hand, daß ich einen maͤch⸗ tigen Fleck auf das Tiſchtuch machte. Be⸗ ſchaͤmt ſah ich vor mich nieder, und wie ich ihm nachher die Suppe reichte, blickte er 13 mich mit einem traurigen Blick forſchend an; ich las ſeine ganze Seele in den auf mich ge⸗ richteten Augen. Er ſagte dann, daß er nach Leipzig zu ſtehen kaͤme, wo ſein Aufenthalt laͤngere Zeit dauern koͤnne, und bat die Tante um Erlaubniß, uns zuweilen zu beſuchen. Das war ein Troſt, und die Tante gewaͤhrte ſeine Bitte gern. Doch ſchloß ich dieſe Nacht kein Auge, und dachte immer an ihn und die Trennung. Nach einem kurzen Fruͤhſtuͤck kam ſein Pferd, er ſagte uns geruͤhrt Lebe⸗ wohl; als er meine Hand ergriff, ſie zu kuͤſ⸗ ſen, fuͤhlte ich ein kleines Papier in dieſelbe gleiten, und ehe ich mich noch beſann, war ſein Pferd mit ihm davon geſprengt. Ach nun war alles ſo leer! Ich wollte gleich auf mein Zimmer, zu ſehen was das Briefchen enthielt, aber die Tante ließ mich nicht weg, ich mußte ihr bei einem Geſchaͤft helfen, und gerade heute, da ich gar keine Luſt hatte zu hoͤren, war ſie geſpraͤchiger, als je. Dazu war mir immer, als muͤſſe ſie mir es anſe⸗ hen, was ich verbarg, und ich wagte nicht, ihrem Auge zu begegnen. So ging es bis nach Tiſche, wo ihr Mittagsſchlaf mir Zeit ließ, mein Papier zu entfalten, und mit ſtil⸗ ler Seligkeit zu leſen. ₰ 4 4 14 Solche Briefe ſind zu allen Zeiten ge⸗ ſchrieben worden, und gefallen nur der, an die ſie gerichtet ſind. Darum ſage ich nicht, was der Meinige enthielt. Ich ſah daraus, daß ich geliebt war, ich ward um Gegenliebe, um Hoffnung gebeten, nur um ein einziges guͤtiges Wort, beim naͤchſten Beſuch. Daß von ewiger Verbindung die Rede war, laͤßt ſich denken, und die Tante, wie der Krieg, waren nur kleine Hinderniſſe. Auch ich uͤber⸗ ſprang ſie behend, und flog im ſeligen Traum auf den Gipfel des Gluͤcks. Das ſind die Gefuͤhle eines ſiebenzehnjaͤhrigen Maͤdchens, das zum erſtenmale die Bezauberung der Liebe empfindet. Laͤchelnd, aber nicht ohne ſuͤße Nuͤhrung, denkt man im Alter an ſie zuruͤck, wenn der Schnee der Jahre nicht das Herz erkaͤltend getroffen hat. Wie oft ich nun auf den Boden ging, um von da aus die Thuͤrme von Leipzig zu ſehen, wie oft ich meinen Brief las, und mir den Augenblick des Wiederſehens aus⸗ malte— wie endlich einmal Plotow an der Gartenwand voruͤber ritt, und ich ihn bebend mit der heftigſten Verwirrung empfing, das alles will ich nur andeuten. Er fragte dann, und mein Herz ſprach unverſtellt. Er kam 13 ofter, wir wurden einig, uns der Tante zu entdecken, ehe ihn der Fruͤhling aufs Neue ins Schlachtgewuͤhl rief, aber freilich ver⸗ ging ein Tag nach dem andern, ohne daß ich Muth fand, eine ſolche Eroͤffnung zu wagen. Ich ahnete die Antwort und hatte mich nicht betrogen. Die Tante, der ich nach wenigen Worten ſchluchſend in die Arme fiel, begriff meine Verblendung nicht. Sie ſchalt auf Plotow, und ſagte, ſie habe ihn fuͤr geſetzter und vernuͤnftiger gehalten. Mir fuͤhrte ſie ſein gefaͤhrliches rohes Handwerk, die Ge⸗ fahr, in welcher ſein Leben ſchwebte, recht nachdruͤcklich zu Gemuͤthe, und drohte mir zum Ueberfluß mit dem Verluſt ihrer Liebe, wenn ich noch einen Gedanken an dieſe Nei⸗ gung bewahrte. Ich weinte den ganzen Tag, und ob ich es gleich bis jetzt fuͤr unziemlich gehalten hatte, an Plotow zu ſchreiben, ſo mußte er nun doch den Ausgang wiſſen, und ich ſchrieb Abends unter vielen Thraͤnen einen kleinen Zettel, der ihm unſer Ungluͤck kund that, und den ich, als er wieder zu uns kam, hoch erroͤthend in ſeine Hand druͤckte. Die Tante empfing ihn nun ſichtbar kalt und föoͤrm⸗ lich, er kam ſeltner, eine tiefe unverſtellte Traurigkeit ſprach mich aus ſeinen Blicken an; 5 16 Blicke und abgebrochene Worte waren nun das einzige, was wir fuͤr einander hatten, denn meine Zeilen ſagten ihm zugleich, daß ich ohne Hoffnung auf die Billigung der Tante, die mir ja Mutter war, einen Brief⸗ wechſel zwiſchen uns nicht fortſetzen wuͤrde. Leicht ward mir dieſe Entſagung freylich nicht, und in meiner ſtillen Einſamkeit, wenn die Nachtalle Augen mit Schlaf bedeckte, trauerte ich wachend um die erſte Hoffnung meines Lebens, aber ich war fromm erzogen, und glaubte feſt an eine hoͤhere Beſtimmung, der ich mein Herz kindlich ergab. So vergingen mehrere truͤbe Wintermonate, und mit dem Anfange des Maͤrz kam er einmal, um Ab⸗ ſchied zu nehmen, weil er Ordre zum Marſch hatte. Lieber Himmel, wie ward mir bei dieſer Nachricht!— Ich ſah nicht auf von meiner Arbeit, und ließ ſie ſtill von meinen Thraͤnen benetzen. Er blieb lange, es ward ihm recht ſchwer zu ſcheiden, keines ſprach unbefangener, als die Tante, es waren pein⸗ liche Minuten. Als er ſchon gehen wollte, rief Martin die Tante ab. Mein Herz klopfte ungeſtuͤm, da ſie hinaus war, ich ſenkte die Augen noch tiefer. Plotow aber trat haſtig und ſichtbar erfreut auf mich zu. Eliſabeth, ſagte 17 ſagte er wehmuͤthig, ſoll ich ohne alle Hoff⸗ nung in den Kampf gehen? Meine Thraͤ⸗ nen ſloſſen heftiger, und ſagten ihm, was der Mund ſich auszuſprechen weigerte. Lie⸗ be Eliſabeth, fuhr er fort, ich liebe Sie wie mein Leben, nicht leichtſinnig, wie ich wohl ſonſt fuͤr ein Maͤdchen fuͤhlte, ſondern ſo wahr und treu, daß ich Sie nimmer vergeſ⸗ ſen kann. Wenn nun bald Friede wird, und Gott mich erhalten hat, ſollte denn ih⸗ re Tante nicht anders denken als jetzt? Die Hoffnung nur laſſen Sie mich mitnehmen, und den Glauben, daß Sie meiner gedenken wollen.— Ach das werde ich wohl, oft— immer, ſagte ich, und mein Gebet wird Sie begleiten. Er ſchloß mich in ſeine Arme, ich mochte dem Zuge nicht widerſtehen, der mich hinriß; meine Thraͤnen befeuchteten ſein Kleid, ich fuͤhlte nichts mehr, als mei⸗ nen Schmerz. Da nahm er meine Hand und ſteckte mir einen zierlichen Goldring an den Finger, zum Andenken dieſer Stunde, ſagte er. Die Tante kam wieder, ich ver⸗ barg aͤngſtlich die verweinten Augen, und mein Ring glitt in die Taſche. Doch die Betaͤubung, in welcher ich war, haͤtte mich verrathen muͤſſen, wenn nicht Plotow, B * 18 ſchneller gefaßt, die Tante ganz ungezwun⸗ gen ins Fenſter gefuͤhrt, und hier einige Minuten im Geſpraͤch feſtgehalten haͤtte. Dann kuͤßte er ehrerbietig ihre Hand, druͤck⸗ te auch die meine ſtumm an ſeine Lippen und ſtuͤrzte mit naſſen Augen zur Thuͤr hinaus. — Gottlob! ſagte die Tante, waͤhrend ich alles vergeſſend, ſeinem Pferde nachſah— Gottlob, daß er fort iſt, nun denke ich doch, wirſt Du wieder die Alte werden, und bei ihm wird es auch wohl heißen: Andre Staͤdtchen, andre Maͤdchen! Man muͤßte die Soldaten nicht kennen. Das verwun⸗ dete mich tief, ob ich gleich nichts davon glaubte; ich konnte mich nicht uͤberwinden, mit der Tante, die ſo hart und ungerecht war, ein einziges Wort zu wechſeln, und der Abend verfloß in truͤbem Stillſchweigen. Der ſchoͤne Fruͤhling kam nun heran, aber er fand mich nicht mehr kindlich, und leicht zu erfreuen, wie ſonſt. Wir reiſten in der Oſtermeſſe nach Leipzig, und ich wun⸗ derte mich, wie mir dies Gewuͤhl hatte ge⸗ fallen koͤnnen, jetzt war mir die Einſamkeit lieber. Meinen Ring und Plotow's Brief bewahrte ich in einem Schmuckkaͤſtchen, zog beides vor dem Schlafengehen hervor, be⸗ 19 trachtete den Ring, las den Brief, und traͤumte mich in die Vergangenheit. Tra⸗ gen durfte ich dies Andenken der Liebe nur auf den einſamen Spaziergaͤngen, die mei⸗ ne einzige Zerſtreuung waren. Der Krieg intereſſirte mich jetzt lebhaft, und ich liebte die Zeitungen trotz der Tante. Bei meiner Arbeit, wenn die Tante ſchwieg, und nur der gellende Geſang der Canarienvoͤgel an der Decke die Stille unterbrach, malte ich mir die Zukunft mit den ſchoͤnſten Farben, und verſenkte mich oft ganz in Gedanken, die mich aus der Gegenwart weit hinwegtrugen. Da war der Krieg geendigt, Plotow mit Ruhm gekroͤnt, ehrenvoll entlaſſen, und die Tante ſprach ein freudiges Ja uͤber unſern Bund.— Ach, das Schickſal meinte es anders— auch war es ſicherlich gut fuͤr mich; denn der Jugend heftige Liebe iſt zwar ein ſchoͤnes Feuer, das leuchtet und ſtrahlt, doch taugt es nur ſelten zur ſanften Waͤrme fuͤr ſpaͤte Jahre, und am Abend des Lebens begluͤckt uns ein geopferter Wunſch unend⸗ lich mehr, als ein erfuͤllter. Ein Jahr war verſtrichen, und wie es im Leben immer geht, jeder ſeiner Tage hatte die Lebendigkeit meiner Gefuͤhle gemin⸗ B 2 — 3.„——QQQͥʒᷓʒᷓʒ; —————Q—QO.——;— —————— 2 8 20 dert. Das Kriegsfeuer brannte fort, mein Vaterland ſeufzte unter großer Noth, und auch mir nahete nun eine Sorge, vor der der ſchoͤne Traum der Liebe in die Daͤmme⸗ rung verſank. Die Tante hatte ſchon lange gekraͤnkelt, im Fruͤhling 1758 wurde ihr Zuſtand bedenklicher. Unſer Leipziger Arzt that den Ausſpruch, ſie muͤſſe einige Wochen in der Stadt zubringen, um der Huͤlfe naͤ⸗ her zu ſeyn. Da ward denn im Hauſe des Kaufmann Werner, unſeres Gaſtfreundes, eine Wohnung gemiethet, und wir verließen im April das Land, gerade da die waͤrmere Luft alle Blumen meines Gartenbeetes her⸗ vorlockte und ſie mich recht reizend mit ihren gruͤnenden Haͤuptern anblickten. Der Ab⸗ ſchied that mir weh, denn es war nicht mehr in mir wie vor Jahren, und ich verſoͤhnte mich erſt mit meiner neuen Lage, als die Freandſchaft der Familie Werner mich den lang entbehrten Genuß heiterer Geſelligkeit wieder kennen lehrte. Die Tochter des Hau⸗ ſes, eine liebe junge Frau, beſuchte mich fleißig, da ich die Tante nie verließ, und ihr Bruder war immer mit ihr. Wir ſpiel⸗ ten dann Abends vor dem Bette der Kran⸗ ken, und wenn ſie fruͤh entſchlief, wußten — — 21 mir die Geſchwiſter viel Angenehmes zu er⸗ zaͤhlen, oder der junge Werner las uns mit leiſer Stimme aus irgend einem ſchoͤnen Dichter vor, wovon er eine auserwaͤhlte Sammlung beſaß. Aber die Tante ward taͤglich ſchwaͤcher, und aus den Wochen, die wir in Leipzig bleiben wollten, wurden Mo⸗ nate. In den erſten Tagen des Mai's traf ſie ein Schlag, ich glaubte ſie zu verlieren, und weinte troſtlos an ihrem Lager, denn trotz ihrer kleinen Grillen liebte ſie mich mit Mutterliebe, und ohne ſie war ich ganz einſam in der Welt. Werner's verließen mich nicht, ſie waren mir Troſt und Huͤlfe, ſie ſammel⸗ ten jeden Schimmer von Hoffnung, um mich aufzurichten, und wurden mir in die⸗ ſen Stunden ſehr theuer. Mehrere Tage lag die Kranke in Todesgefahr, kein Schlaf kam in meine Augen, ich war in beſtändi⸗ ger Thaͤtigkeit, und Gott belohnte, was ich aus treuem kindlichen Herzen that. Der Arzt gab Hoffnung, die Laͤhmung verlor ſich nach und nach, die Kraͤfte kehrten zu⸗ ruͤck. Aber langſam ſchritt die Beſſerung vorwaͤrts, und die Blaͤtter fingen ſchon an zu fallen, da ich zuerſt, gluͤcklich und froh wie ein Kind, die Tante zum nahen Thore ——————-—— ——öpy — hinaus in die Luft leitete. Wie guͤtig war ſie da, wie dankbar fuͤr meine kleinen Dienſte, und wie liebte ich ſie!— Ach, man ſollte immer im Umgange mit den Seinen, an ihren moͤglichen Verluſt denken, um ſtets weich, nachſichtig und verzeihend zu ſeyn, um ſie inniger und herzlicher zu lie⸗ ben.—— Eines Morgens rief mich die Tante zu ſich, und ich ſah an ihrer feierlichen Art, daß ſie mir etwas Wichtiges zu eroͤffnen hatte. So war es auch, denn ich erfuhr mit Erſtaunen, der junge Werner habe ge⸗ ſtern bei ihr um mich angehalten. Ich ſchwieg beſtuͤrzt, denn das war mir nie in den Sinn gekommen, und die Tante hatte gute Zeit, mir alles Vortheilhafte dieſer Verbindung vorzurechnen. Sie ſprach recht ruͤhrend und zaͤrtlich zu mir, ſie erinnerte mich an meine ſeligen Eltern, die ſich dro⸗ ben meines Gluͤcks mit einem braven Mann freuen wuͤrden, ſie gab mir zu bedenken, wie kurz vielleicht ihr Leben noch ſeyn koͤnne, und nannte Werners Liebe den offenbaren Segen Gottes fuͤr meine Froͤmmigkeit und kindliche Treue. Ich weinte ſtill auf ihre Hand, ſie aber ſagte: ich hoffe, Lieschen, Du denkſt 7 nicht mehr an alte Thorheiten, und haſt ein⸗ geſehen, daß ich damals Recht hatte. Ueber⸗ lege alles wohl, und faſſe einen vernuͤnfti⸗ gen Entſchluß. Da ſtand ich nun auf einmal vor der ernſteſten Stunde in jedem Maͤdchenleben. Werner war mir lieb, recht wie ein treuer Freund und Bruder, ſo hatte er ſich in der Noth bewaͤhrt. Anders hatte ich freilich nie an ihn gedacht, und wenn ich mir das Gefuͤhl zuruͤckrief, mit welchem ich einſt Plo⸗ tow ſah, ſo mußte ich mir geſtehen, Liebe fuͤr Werner wohne nicht in meinem Herzen. Aber er war ein guter unbeſcholtener Menſch, ſein Umgang machte mir Freude, ich achtete ſeinen Verſtand und ſein Herz. Dazu war er, als Compagnon ſeines Vaters, ein Mann, der mich anſtaͤndig ernaͤhren konnte, und wenn ich ſeine Wuͤnſche erfuͤllte, lohnte ich zugleich der Tante durch Gehorſam und verſtaͤndige Wahl. An Plotow durfte ich ja doch nicht mehr denken. Moͤrderiſche Schlachten, in denen er ſein Leben wagte, hatten ihn mir wohl ſchon geraubt, ich be⸗ trauerte ihn laͤngſt als einen Todten. Wan⸗ kend in meinem Entſchluß, bat ich Gott, mich zum Rechten zu leiten, und er machte 24 mein Herz geſchickt, das Opfer der erſten Jugendgefuͤhle mit ernſter Freudigkeit zu bringen. Acht Tage nach Werners Anfra⸗ ge ward ihm mein Jawort, und eine feier⸗ liche Verlobung beſtaͤtigte unſern Bund. Nun erſt zeigte ſich mir die Liebe meines Verlobten unverholen, ich lernte ihn immer mehr, und immer liebenswerther kennen. Die Tante war froh, Werners Vater und Schweſter ließen mich durch tauſend kleine Freundlichkeiten ſehen, wie zufrieden ſie meine Wahl machte, von allen ward ich herzlich geliebt, wie haͤtte ich nicht gluͤcklich ſeyn ſollen! Unſere Hochzeit ſollte noch vor Ende des Jahres ſeyn. Ich kam jetzt mehr in die Welt. Werners Bekannte wetteiferten, uns Vergnuͤgen zu machen. Das ſchoͤne Herbſt⸗ wetter beguͤnſtigte manchen kleinen Ausflug, wir waren bald auf dem Lande, bald in Gaͤrten, und uͤberall begleitete uns die Freude. Aber noch ſtand mir eine ſehr ſchwere Stunde bevor. Einmal in der Mi⸗ chaelismeſſe ging ich mit einer großen Ge⸗ ſellſchaft in einen Caffeegarten, wo wir im Freien Platz nahmen. Dicht neben mir, an einem zweiten Tiſch, ſaßen zwei preußi⸗ ſche Offiziere, mit einem Mann in buͤrgerli⸗ cher Kleidung. Ich achtete nicht auf ſie, bis der Name Plotow meine Aufmerkſam⸗ keit erregte, ſo daß ich nur aͤngſtlich horch⸗ te, um mehr zu hoͤren. Der buͤrgerlich Ge⸗ kleidete mochte nach ihm gefragt haben, denn ein Offizier gab ganz ruhig die Antwort: Plotow ſey bey der Belagerung von Ollmuͤtz geblieben!—— LTodtenkalt lehnte ich mich an meinen Stuhl, ein zuckender Schmerz fuhr durch meine Bruſt, ich fuͤhlte wie ich bleich wurde. Werner ſah mich er⸗ ſchrocken an, ich ſagte ihm auf ſeine angſt⸗ volle Frage, mir ſei nicht wohl, und be⸗ taͤubt nahm ich ſeinen Vorſchlag an, mich nach Hauſe zu fuͤhren. Ach dieſer Augen⸗ blick hatte alles wieder lebendig gemacht. Mit banger Heftigkeit bat ich Wernern wie⸗ der zur Geſellſchaft zuruͤckzukehren, die den Abend beiſammen bleiben wollte, er weigerte ſich, ich ſtellte mich ſtark, und erſt als er meinen Bitten gezwungen nachgab, uͤberließ ich mich ganz dem Schmerz. Die Tante ward meine Vertraute. Sie troͤſtete mich liebevoll, und befahl mir, alles vor meinem Braͤutigam zu verbergen. Was ihm jetzt nicht auffallen wuͤrde, ſagte ſie, koͤnnte äc 26 einſt als Mann ſeine Ruhe ſtoͤren. Plotow iſt bei den Todten. Du kannſt ohne Reue an ihn und Deine jugendliche Taͤuſchung zu⸗ ruͤckdenken. War ich ihm doch ſelbſt gut, bis auf ſeine unbeſonnenen Entwuͤrfe; je nun, Jugend hat nicht Tugend. Weine Dich aus, und danke Gott, daß der Todte Dir nicht mehr war, wie manche Frau mag jetzt um den Mann trauern. Wenn Werner koͤmmt, will ich ihm ſagen, Du ſchliefeſt, und morgen wirſt Du ihm wieder ruhig entgegen gehen.— Die Guͤte der Tante ruͤhrte mich, und mehr noch meines Verlobten treue Liebe. Jede Stunde kam er leiſe an unſere Thuͤr, nach mir zu fragen, und ich verſprach mir und Gott, mitten in meinem Schmerz, nun ganz fuͤr ihn zu le⸗ ben, und meine fruͤhere Liebe in Plo⸗ tows fruͤhes Heldengrab hinab zu ſen⸗ ken.——— Unſere Hochzeit war zu Anfang des De⸗ cember. Schon mehrere Wochen vorher wurde das ganze Haus geſchmuͤckt, Gaͤſte geladen, und Anſtalten zu einer recht ausge⸗ zeichneten Bewirthung gemacht. Ich erhielt der Tante koſtbaren Schmuck, Ring, Hals⸗ ſchmuck, Armbaͤnder und Ohrengehaͤnge 27 von Brillanten. Von Wernern bekam ich einen vollſtaͤndigen Brautputz. Rock und Kleid von Roſe Moor, mit ſchoͤnen Blon⸗ den beſetzt, und einen weißſeidenen breiten Reifrock. Alles war aufs reichſte, und nach der neueſten Mode gemacht, und ich hatte eine große Freude daruͤber. Auch nahm ich mich recht gut aus, und als wir in den Saal zur Trauung gingen, hoͤrte ich die Dienſtleute im Vorſaale fluͤſtern: Seht doch das ſchoͤne Paar, und wie ſie beide ſo herrlich geputzt ſind, und darauf erſt warf ich einen Seitenblick nach meinem Fuͤhrer, den ich aus Verwirrung noch gar nicht an⸗ geſehen hatte. Die Tante und mein Schwie⸗ gervater fuͤhrten uns zum Altar, ich weinte manche Thraͤne hinter meinem Faͤcher, und das Schluchſen meiner muͤtterlichen Freun⸗ din vermehrte noch meine Ruͤhrung. Heut zu Tage gehen die Braͤute wohl lachend an den Trautiſch, das war aber ehedem an⸗ ders, und es waͤre wohl ußerhoͤrt geweſen, wenn bei des Predigers ernſtem Zuſpruch ſich die Augen unter dem Kranze nicht be⸗ feuchtet haͤtten. Andere Zeiten, andere Sitten.— Nach der Trauung ging ich aus einem Arm in den Andern, und em⸗ 3 4 „ 28 pfing die Gluͤckwuͤnſche der zahlreichen Gaͤ⸗ ſte. Es war etwas ſtill und foͤrmlich, wie es bei dergleichen feierlichen Gelegenheiten ſonſt zu ſeyn pflegte, und erſt bei Tiſche wurde man heiter, weil der Wein reichlich floß, und allerhand ſchoͤne Gedichte umher⸗ gingen. Auch hatten wir Tafelmuſik, und meine Fuͤße huͤpften unwillkuͤhrlich zu den ſchoͤnen Taͤnzen, die ich ſtillſitzend mit an⸗ hoͤren mußte. Niemand aber war froher, als die Tante, und meines Neuvermaͤhlten Vater; ſie tranken mit leuchtenden Blicken auf unſer Wohl, und die Glaͤſer klangen hell in den froͤhlichen Tuſch der Muſikanten. Beſonders ſchien die Tante ihre Freude an dem praͤchtigen Hochzeitmahle zu haben, das ganz von ihr angeordnet, und im hoͤch⸗ ſten Ueberfluß war; ſie ſah auf alles, noͤ⸗ thigte jeden Gaſt, und fuͤhlte ſich als ſor⸗ gende Wirthin und Brautmutter recht in ih⸗ rem Element. Mein Gluͤck waͤre in meinem neuen Stande ganz ungetruͤbt geweſen, haͤtten nicht die Schrecken des Kriegs es fort und fort unterbrochen. Sachſen litt viel, und unſer Wohnort war oft hart bedraͤngt. Vergebens hofften wir von Jahr zu Jahr 5 ——— 29 auf den Frieden, er verzog noch lange. Als er endlich erſchien, war ich eben zum zweitenmale Mutter eines Sohnes geworden, und mein Aelteſter, der nach ſeinem Groß⸗ vater Woldemar hieß, konnte ſchon auf ſei⸗ nem Steckenpferde ſich herumtummeln. Die Tante war wegen der Kriegsunruhen bei uns in der Stadt geblieben, ſie ſah unſer Gluͤck und unſern Wohlſtand mit herzlicher Freude, und kannte keine angenehmere Zer⸗ ſtreuung, als Abends bei mir und den Kin⸗ dern zu ſeyn, da ich des kleinen Conrads wegen nicht ausging. An einem ſolchen Abend, da es faſt dunkel war, und ich mit dem Kinde auf meinem Schooß taͤndelte, waͤhrend mein Mann neben mir ſtehend, den lieben Knaben betrachtete, hatte ſie ganz ſtill und nachdenkend uns zugeſehen, und wie mein Mann mit einem Kuß von miv ſchied, und ich das Kind zur Ruhe gelegt hatte, ergriff ſie meine Hand und ſagte: nicht wahr, Lieschen, ich irre nicht, Du biſt ganz gluͤcklich, und wuͤrdeſt Dir, wenn Du noch waͤhlen koͤnnteſt, kein anderes Loos wuͤnſchen? Woher koͤmmt die Frage, liebe Tante 2 antwortete ich laͤchelnd, Sie wiſſen ja, daß mir kein Wunſch uͤbrig iſt, als die Er⸗ haltung der Freuden, die mir Gott ge⸗ ſchenkt hat. Nun gut, liebes Kind, fuhr ſie fort, die Antwort habe ich erwartet. Ich will Dir etwas entdecken womit ich fruͤher immer zuruͤckhielt, weil es etwa Deinen Frieden haͤtte ſtoͤren koͤnnen. Jetzt binden Dich dreifache Bande an Deinen Mann, und da iſt nichts mehr zu fuͤrchten. Alſo, an Dei⸗ nem Hochzeittage, wie die Trauung vollzo⸗ gen war, und wir alle in einem halben Zir⸗ kel feierlich umherſitzen, winkt mir Martin geheimnißvoll zu. Ich gehe hinaus, und denke es betrifft irgend eine Frage wegen der Bereitung der Abendtafel; ſtelle Dir vor, wie ich erſtaune— da ſteht der leib⸗ haftige Plotow vor mir. Ich entſetzte mich anfangs wie vor einem Geiſt, dann wollte ich ihm ſagen, was wir gehoͤrt hatten, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen, ſon⸗ dern fragte nur ſtuͤrmiſch nach Dir, und ob es wirklich wahr ſei, daß Du Dich heute verheiratheteſt. Was konnte ich anders thun, als ihm reinen Wein einſchenken; zu⸗ gleich aber bat ich ihn, Deine Ruhe nicht zu truͤben, und Dich nicht wieder zu ſehen. 31 Da hatte ich nun einen harten Kampf, er wollte Dich durchaus noch einmal ſehen, und war ſo ungeſtuͤm, wie es ſich von einem Menſchen erwarten laͤßt, dem leider in der heilloſen Kriegszeit alles zu Willen geſchie⸗ het. Ich will auch gar nicht leugnen, daß ich ihn, aller meiner Angſt zum Trotz, recht herzlich bedauerte, und ſo kam es, daß ich ihm endlich zugab, er ſolle Dich ſehen, aber ohne Dein Wiſſen. Er fing an einzugeſte⸗ hen, daß ein Geſpraͤch zwiſchen Euch zu nichts dienen koͤnne, und nun fuͤhrte ich ihn ganz leiſe in das Nebenzimmer, wo er durch die große Glasthuͤr den ganzen Zirkel uͤber⸗ ſehen konnte, in deſſen Mitte Du, gerade recht beleuchtet von zwey hohen Lichtern, ſaßeſt. Er ſtand lange ſtumm da, einige⸗ mal wollte er gehen, aber immer hob er den Vorhang wieder auf, und ſtarrte hinaus, bis er endlich raſch, und ohne mich zum Abſchied zu gruͤßen, zum Zimmer, und zum Hauſe hinaus lief. Mir war ein Stein vom Herzen, ich huͤtete Dich in den erſten Tagen; denn wer ſtand mir dafuͤr, daß er nicht wiederkam? Aber ich hoͤrte nichts wieder von ihm, bis vor zehn Wochen, da ging er hier durch in die Heimath. Er 32 ließ ſich bei mir melden, fragte nach Dir, nach Deinem Mann und Kindern, ſehr theilnehmend, aber ruhig, und bat mich, Dir ſeinen Gruß zu ſagen. Ich weiß, Lieschen, Du dankſt es mir, daß ich beide⸗ mal eine Zuſammenkunft hinderte, die in jedem Fall nichts getaugt haͤtte. Die Tante ſchwieg, und ich umarmte ſie herzlich. Was ſich bei dieſer Erzaͤhlung in mir regte, war nur noch ein freundliches Wohlwollen, und wahre Freude, Plotow noch am Leben zu wiſſen. Wie koͤnnte auch eine Frau, die Mutter iſt, anders fuͤr einen Fremden empfinden, und ſollte er ihr einſt noch ſo theuer gewſen ſeyn. Und nun eine ſo gluͤckliche, ſo geliebte Frau, wie ich. Ich ſandte Plotow meinen Segen in ſein Vaterland nach, und flog, eine Stunde ſpaͤter, nur noch heiterer in die Arme mei⸗ nes Mannes. Unvermerkt verſtrich ein Jahr nach dem Andern. Unter ſtiller Thaͤtigkeit und einem einfoͤrmigen Tagewerk entweicht die Zeit ſo raſch, daß wir uns am Ende von Jahr⸗ zehnten erſtaunt fragen: wie das nur moͤg⸗ lich ſey? Es fehlte mir aber auch nicht 3 haͤuslichen Leiden, und ich hatte vieles — er⸗ 1* 33 erfahren, was den jugendlichen Sinn ver⸗ altet und Wunden ſchlaͤgt, deren Narben nur im Tode ganz verheilen. Der erſte Verluſt traf mich kurz vor der Geburt einer Tochter. Die Tante ſtarb in meinen Armen. Ich vermißte ſie ſchmerzlich, denn ihre treue Liebe, ihre Geſellſchaft fehlte mir nun, auch entſtand eine traurige Luͤcke in meinen Be⸗ ſchaͤftigungen; ſie hatte die letzten Jahre vieler Pflege bedurft, und erſt, als das kleine Maͤdchen meine Mutterſorgen heiſchte, ver⸗ lor ſich dies Gefuͤhl der Leere. Ein Jahr ſpaͤter ging meines Mannes alter Vater in „die Ewigkeit, wir bekamen nun einen groͤſ⸗ ſeren Haushalt, groͤßeres Vermoͤgen, aber auch groͤßere Sorgen. Der Tante Gut war mir auch zugefallen, der Krieg hatte hier vieles zerſtoͤrt, und mein Mann fand ſo viel zu bauen und zu beſſern, daß er gern das ganze Beſitzthum veraͤußert haͤtte. Ich aber hing mit großer Liebe daran, und bat immer von neuem; denn mein Conrad zeigte ſchon in ſeinem fuͤnften Jahre viel Hang zu den Geſchaͤften des Landmannes, ſpielte am lieb⸗ ſten mit Ackergeraͤth, ließ ſich Stundenlang von Korn und Flachs, von ſaͤen und aͤrnd⸗ ten erzaͤhlen; es war daher mein Liehlings⸗ 68 C — 34 plan, ihm einmal das Gut zu uͤbergeben; den Woldemar hingegen, der immer Zahlen ſchrieb und rechnete, auch wohl Stecknadeln und andere Kleinigkeiten an mich zu verhan⸗ deln pflegte, beſtimmte ich im Geiſt fuͤr den Handel. Ich war immer der Meinung, daß des Mannes Beſtimmung ſchon im Kna⸗ ben ſpricht, und beobachtete meiner Kinder Sinn und Talente von ihrer fruͤheſten Kind⸗ heit. 1768 ſchenkte mir Gott wieder eine Tochter, und da ich bei ihrer Geburt ſehr rrank war, auch das Kind, das ich ſelbſt ernaͤhrte, ſchwaͤchlich blieb, ſchickte mich mein Mann mit den Kindern hinaus auf das Gut. Ich war lange nicht da geweſen. Der Anblick des Hauſes, des Gartens, meines ehemaligen, jetzt verwilderten Blu⸗ menbeetes, die Wohnſtube, die ganze Stille und Oede des Hauſes, machte mir einen traurigen Eindruck, und es gehoͤrten Wochen dazu, ehe ich mich ſo geſtimmt fuͤhlte, um etwas fuͤr die Verbeſſerung meiner Geſund⸗ heit zu hoffen. Doch verſchwieg ich dieß ſorgfaͤltig meinem Mann, der mich jeden Sonnabend beſuchte und den Sonntag im Kreiſe ſeiner Kinder verlebte. Nachher hat es mich oft beduͤnken wollen, mein Gefuͤhl 38 beim Eintritt in das Gutshaus ſey Ahnung geweſen, wie wir denn wohl ſchwach ſind, wenn uns Ungluͤck trifft— denn ach! hier ſollte ich die ſchwerſte Erfahrung meines Le⸗ bens machen. Aber ich habe immer muthig gegen dieſen Glauben gekaͤmpft, und mir recht ernſtlich alle natuͤrlichen Urſachen mei⸗ nes Truͤbſinns vorgehalten, weil ich uͤber⸗ zeugt war, der Ahnungsglaube werde meine Ruhe ſtoͤren und mich bei der kleinſten zufaͤl⸗ ligen Verſtimmung des Gemuͤths der pein⸗ lichſten Furcht hingeben. Der Menſch ſoll ja nicht mit bangem Zagen in die Zukunft blicken, oder durch finſtere Traͤume die frohe Thaͤtigkeit der Gegenwart hemmen, ſondern redlich das Seine thun, und was Gott be⸗ deckt hat, mit kindlicher Zuverſicht dieſem guten Vater uͤberlaſſen. Mein Jettchen ging ins fuͤnfte Jahr, und war mein Augapfel. Sie zeigte fruͤh einen ſeltnen Verſtand und ſpielend lernte ſie manches, woruͤber alle erſtaunten, die uns kannten. Sie bluͤhete dabei in jugendlicher Friſche, huͤpfte kindiſch wild mit ihren Bruͤ⸗ dern um die Wette, und ſaß wieder eben ſo gern recht verſtaͤndig neben mir, ja ſie war mir ſchon eine theilnehmende Geſellſchafterin C 2 36 in meiner Einſamkeit. Da kamen die Pok⸗ ken ins Dorf, und ehe ich mit meinen Kin⸗ dern der Gefahr entfliehen konnte, war Conrad davon ergriffen. Ihm folgte Wol⸗ demar und Jettchen. Jettchens Krankheit hatte gleich gefaͤhrliche Symptomen, der Arzt ſchuͤttelte den Kopf und verheelte mir nicht was geſchehen koͤnnte. Ach, da erſt lernte ich den Schmerz kennen. In dum⸗ pfer Betaͤubung ſaß ich Tag und Nacht am Bette der Kinder und bewachte ihren Athem. Mein Mann nahm mir das kleine Hannchen und uͤbergab es der Frau des Schulmeiſters, die ſich erboten hatte, es mit ihrem eigenen Toͤchterchen an ihrer Bruſt zu naͤhren. Woldemar beſſerte ſich nach und nach, Jettchens Gefahr ſtieg mit jedem Tage. Ich mußte ſie ſterben ſehen!— ihre ſanf— ten Augen, in die ich ſo oft mit Mutter⸗ freude blickte, mußten meine zitternden Haͤn⸗ de zudruͤcken. Ach, eine Mutter, die ihr Kind vorangehen ſieht, hat den Tod ſchon einmal gefuͤhlt! Leer und todtenſtill war es nun um mich, mein Liebling ſprang nicht mehr um mich her, uͤberall fehlte das Kind an meiner Seite, deſſen froͤhliche Lebendig⸗ keit ſonſt alles beſeelte. Auch die armen 16 — Knaben weinten oft und viel um ihre Ge⸗ ſpielin, ſie waren ſchon klug genug, iſern Verluſt zu fuͤhlen. 8 Sobald es die Geſundheit meiner er Soh⸗ ne erlaubte, verließen wir den Ort der Trauer. Verwaiſt betrat ich mein Haus wieder. Mein Mann ſuchte mich aufzurich⸗ ten, er zeigte mir, was ich noch beſaß, er ſtaͤrkte meine Seele durch den Glauben an die Vorſehung und durch ſanfte Ermahnun⸗ gen, nicht uͤber das Verlorne alles zu ver⸗ geſſen. Mein Gemuͤth ſchloß ſich ſeinen Troͤſtungen auf; dankbar ſah ich, wie er mir jetzt mehr Zeit widmete, als je waͤh⸗ rend unſerer zehnjaͤhrigen Ehe, wie er ſich bemuͤhete mich auf Hannchens Schoͤnheit aufmerkſam zu machen, die wirklich huͤbſch und ganz geſund von ihrer Pflegemutter zu mir kam— und mir taͤglich etwas Liebes und Gutes von den Knaben zu erzaͤhlen. In ſolchen truͤben Tagen ſchließen ſich ver⸗ bundene Herzen immer enger an einander; und wie der Sturm zum Gedeihen der Pflanzungen eben ſo wohlthaͤtig mit wirkt, als Sonnenlicht und Waͤrme, ſo iſt ein Ehe⸗ band erſt recht bewaͤhrt, wenn man durch gemeinſchaftliches Halten und Tragen in 3 — kummervollen Stunden den lindernden Troſt theilnehmender Liebe erkannt hat. Nach und nach kehrte mir Ruhe und herzliche Freude an meinen uͤbrig gebliebe⸗ nen Schaͤtzen zuruͤck. Meine Kinder wuch⸗ ſen wacker heran, Woldemar und Conrad waren fleißige gehorſame Soͤhne, und Hannchen konnte ich ſelbſt nicht ohne eine kleine Eitelkeit anſehen, ſo zierlich und huͤbſch war ſie. Das Schickſal gab ihr in ihrem zehnten Jahre eine Geſpielin an ihrer Milch⸗ ſchweſter, deren Eltern beide ſtarben. Ich war gerade auf dem Gute, als die Schul⸗ meiſterin toͤdtlich krank wurde, und einge⸗ denk des Guten, das ſie an meinem Hann⸗ chen that, verſprach ich ihr, fuͤr ihr Kind zu ſorgen. Nun hatte ich zwey Tochter zu bilden, das ſchoͤnſte Geſchaͤft, das Gott meinem Geſchlecht vertraute. Ich that, was an mir war, ſie zu Hausfrauen und thaͤtigen Gliedern der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu erziehen, und es iſt mir gelungen. Fleiß hielt ich mein Lebtage fuͤr die Haupt⸗ tugend einer Frau, aus der alle anderen entſpringen, und ſo durften meine Toͤchter die Haͤnde nie muͤſſig in den Schooß legen. Denn ein fleißiges Maͤdchen iſt auch immer 39 gleicher Laune, weil ſie innere Zufriedenheit erwirbt; ſie faͤllt nicht aus Langeweile in den Hang nach Zerſtreuungen, oder auf un⸗ nuͤtze Leſereien; ſie bleibt geſund an Seele und Leib, denn auf den durcharbeiteten Tag folgt eine ruhige Nacht. Vor allem aber iſt ſie Herr ihres Schickſals und bewahrt Schaͤtze, die weder Motten noch Roſt freſ⸗ ſen.— Die beſte Zeit im Leben iſt die, von der man am wenigſten ſagen kann, und ſolcher hatte ich viel. Ich ward alt, und der Gefaͤhrte meines Lebens mit mir; Zeiten und Sitten wechſelten, unſere Soͤhne reif⸗ ten zu Maͤnnern empor, unſere Maͤdchen gingen aus unſern Armen ihrer Beſtimmung entgegen. Hannchen mußte ich weit weg ziehen ſehen, ein Kaufmann aus Hamburg entfuͤhrte ſie mir. Woldemar uͤbernahm des Vaters Handlung, und waͤhlte ein be⸗ guͤtertes Maͤdchen ſeiner Vaterſtadt. Wir Eltern wollten nun der wohlverdienten Ruhe pflegen und zu Conrad auf das Gut ziehen, das er ſchon einige Zeit vor ſeines Bruders Heirath bewirthſchaftete. Und ſiehe, da hatte mir Gott eine große Freude aufge⸗ ſpart. Conrad liebte meine Pflegetochter Roͤschen, und ich durfte nun nicht fuͤrchten, 7 40 mit einer fremden Schwiegertochter unter einem Dache zu hauſen; denn das thut nim⸗ mer gut, weil alte Leute eigen ſind und ſich ungern von der Sitte ihrer Zeit trennen. Sah ich doch das am beſten in der Stadt. Das neumodiſche Leben der Frau Tochter gefiel mir nicht, und nur muͤhſam gebot ich meiner Zunge. Zu unſerer Zeit war der Reichthum wohl aufgehoben in Kiſten und Kaſten, außen ſah alles fein buͤrgerlich und haͤuslich. Heutiges Tages aber glaͤnzt er von fern, in Bronze und Gold und decken⸗ hohen Spiegeln. Darin ſpiegelt ſich die Hausfrau jeden Abend, wenn ſie zu Ball und Aſſemblee geht, und ſieht doch nicht, daß ihrem Anzuge die ſchoͤnſte Zier des Wei⸗ bes, die Beſcheidenheit fehlt. Bei Gaſt⸗ mahlen gibt es viele Gerichte, alles fein und koͤſtlich, aber von allen nur wenig, nirgend der alte reichliche Ueberfluß. Statt ſich huͤbſch ordentlich bei Tage zu beſuchen, koͤmmt man erſt bei der Nacht zuſammen, ſetzt ſich um zehn Uhr zu Tiſche und ſteht am andern Morgen auf, wenn andere Leute ſchon das halbe Tagwerk vollbracht haben. Bei der Taufe der lieben Enkel werden die ehrwuͤrdigen Namen unſerer Voraͤltern ver⸗ — 41 ſchmaͤhet; da giebt es eine Aurora, einen Oscar und eine Eulalia. In dem Zimmer der Frau Tochter ſieht es eher aus, als be⸗ wohne es irgend ein Gelehrter. Da iſt nichts von Garn oder Leinen, von Flachs oder Wolle, aber viele Buͤcher ſind zu ſe⸗ hen, und eine Menge ſogenannter Monats⸗ ſchriften, von denen man zu meiner Zeit wenig oder gar nichts wußte. Das iſt nun alles wohl ſo Mode, und mag nur einer alten grilligen Frau auffallen, aber ich freuete mich doch jedesmal, wenn ich wieder zu meinem Roͤschen eintrat, die ich unter ihren Kindern arbeitend fand, und wo die liebe alte Zeit mich noch aus allen Einrich⸗ tungen anlaͤchelte. Ein großer Schmerz war uns noch auf⸗ behalten. Wir verloren 1790 unſer Hann⸗ chen im Wochenbett mit einer Tochter. Nichts konnte mich uͤber dieſen Verluſt ei⸗ nigermaßen troͤſten, als daß mein Schwie⸗ gerſohn mir das Kind, die kleine Lotte ver⸗ ſprach. Wie ſie zwei Jahr alt war, brach⸗ te er ſie mir ſelbſt, und mit ihr gewann ich nun neue Freude. Der Menſch iſt doch nie zu alt, neue Faͤden des Gluͤcks und der Liebe anzuknuͤpfen. Das liebe Kind, das 42 in kurzem auch den Vater verlor, und uns nun ganz gehoͤrte, machte mich wahrhaft wieder jung, denn ich ſuchte mich ſeinem froͤhlichen Jugendſinn ſo viel moͤglich anzu⸗ ſchmiegen, um ihm keine Luſt der Bluͤthen⸗ tage durch Grillen zu truͤben. Wie Lottchen heranwuchs, ſagte mein Mann oft ſcher⸗ zend, ſie ſey mein Ebenbild; und wirklich glich ſie einem Bilde, das die Tante einmal von mir malen ließ, wenn man den hohen ſteifen Haarputz und die Contuſche abrechne⸗ te, in der ich damals einherging. Lottchen kam ſelten, und immer nur mit mir nach Leipzig, aber es war die Rede davon, daß ſie ein ganzes Jahr hinein ſollte, um ihre huͤbſche Stimme auszubilden, und das Ita⸗ lieniſche zu lernen. Franzoͤſiſch und ein we⸗ nig Clavier fuͤr's Haus, hatte ſie ſchon von Conrad und Roͤschen gelernt, und ſie haͤtte daran, meinte ich— wohl genug haben koͤnnen, allein es ereignere ſich bald etwas, das mir die entſcheidende Stimme in dieſer Sache raubte. Mein Conrad machte die Bekanntſchaft eines Fremden, der ſich in Leipzig auf unbeſtimmte Zeit aufhielt, und Baron NReichenberg hieß. Er war ein Mann von ungefaͤhr 35 Jahren, mit einer —— 43 edlen Geſtalt, und einem mehr klugen als huͤbſchen Geſicht. Anfangs beſuchte er uns nur ſelten, aber bald kam er oͤfter und oͤfter; mir und Roͤschen entging es nicht, das ihm das ſiebenzehnjaͤhrige Lottchen geſiel. Auch ſie ſelbſt mußte es bemerken, aber ſie benahm ſich verſtaͤndig, wie immer, und ich konnte nicht erforſchen, ob die Aufmerkſamkeit des Barons ſie freue, oder ihr laͤſtig ſey. In kurzem erklaͤrte er ſich gebuͤhrend, zuerſt ge⸗ gen mich, und ich verſprach ihm, mit Lott⸗ chen zu reden. Ich that es mit ſchwerem Herzen, denn mich beduͤnkte der Unterſchied der Jahre allzugroß, auch war Lottchen uͤberhaupt noch ſo jung, ich konnte mir den Wunſch nicht verheelen, ſie moͤge ſich noch nicht entſcheiden. Aber auf der andern Seite gab es wohl nicht leicht eine beſſere Parthie fuͤr meine Enkelin, auch wollte der Baron noch einige Jahre warten. Ich waͤhlte denn einen Sonntagmorgen, da alle in der Kirche waren, und wie Lottchen das Buch zuſchlug, aus dem ſie mir eben eine Predigt vorgeleſen hatte, hub ich meinen Spruch an, und ſetzte ihr alles auseinander, verheelte auch keinesweges meine Bedenklich⸗ keiten, und machte ſie auf ihre Jugend und Reichenbergs Alter aufmerkſam, wobei mir im Feuer der Rede, und bei der Betrachtung dieſes wichtigen Augenblicks, die hellen Thraͤ⸗ nen ins Auge traten. Allein Lottchen um⸗ armte mich laͤchelnd, und erklaͤrte nach kur⸗ zem Schweigen: ſie ſey dem Manne herzlich gut, achte ihn noch mehe, und mit ſolchen Gefuͤhlen glaubte ſie ſeinen Antrag anneh⸗ men zu duͤrfen. Lottchen, Lottchen! ſagte ich kopfſchuͤttelnd, mich duͤnkt Du waͤhlſt ſehr raſch. Eine Ehewerbung iſt nicht wie eine Aufforderung zur Menuet. Zu meiner Zeit ward ſelbſt die erwuͤnſchteſte Heirath erſt lange in Ueberlegung gezogen, und nicht eher, als heute uͤber acht Tage, werde ich Deine Anwort annehmen. Dabei blieb es; aber auch bei des Maͤd⸗ chens erſter Entſcheidung. Nun war Freu⸗ de im Hauſe. Der Baron benahm ſich wie ein geſetzter Mann, der ſeines Herzens groͤß⸗ ten Wunſch erreicht, aber die Jahre der Leidenſchaft hinter ſich hat, und ich hatte viel Wohlgefallen an dem verſtaͤndigen Brautpaar. Indeſſen mußte ich nun meine Einwilligung zu Lottchens Aufenthalt in Leip⸗ zig geben, denn der Baron wollte es, und beſorgte ſelbſt die Wahl ihrer Lehrer in der —— 45 Muſik. Meine Frau Tochter, Woldemars Frau, nahm ſie mit vieler Liebe bei ſich auf, und die Couſinen Aurora und Eulalie model⸗ ten an ihrem Anzuge, daß ich ſie beim naͤch⸗ ſten Beſuche unter Locken und Baͤndern kaum wieder erkannte. Doch ließ ich mich das nicht irren, wenn nur die alte Froͤm⸗ migkeit, der Fleiß und die Haͤuslichkeit blieb, wonach ich jedesmal durch allerlei verfaͤng⸗ liche Fragen und verſteckte Unterſuchungen forſchte; und Gottlob, dieſe treuen Waͤchter an der weiblichen Herzensthuͤr waren immer auf ihren Poſten. Mit dem Winter wurde ich ſchwer krank an der Gicht. Lottchen beſuchte mich, ſo oft ſie konnte, allein bald trennte uns ein neuer Unfall auf lange. Con⸗ rads Kinder bekamen eins nach dem an⸗ dern die Maſern. Lottchen hatte ſie noch nicht gehabt, und ich verbot ihr ſchriftlich, zu uns zu kommen. Daruͤber ging der Winter hin, die ſchoͤnere Jahreszeit ſollte die Braut wieder zu unſerer Hausgenoſſin machen, aber nun traten die Waſſer aus, und erſt zu Anfang des Mays ſah ich Lott⸗ chen wieder, die im December zuletzt von mir geſchieden war. 46 Ich will es nur geſtehen, daß ich dieſen Zeitpunkt mit großer Unruhe erwartete. Lottchens Briefe machten mir bange, es ſchien mir nicht alles wie ſonſt. Da war ein Schwaͤrmen, ein Ausrufen und Decla⸗ miren, wie in einem Roman, und ein ſchwermuͤthiges Weſen, das mir all mein Lebtage nicht gefallen hat. Das Wiederſe⸗ hen und gleich die erſte trauliche Stunde be⸗ ſtaͤtigte meine Beobachtungen; die Waͤchter ſtanden wohl noch da, aber ſie waren viel⸗ leicht manchmal entſchlafen, und Modethor⸗ heiten hatten ſich in das unverwahrte Herz geſchlichen. Es wird ſich wieder geben, dachte ich, und gab Lottchen viel zu thun, zu ihrer Ausſtattung, ließ ſie auch fleißig im Garten, in der freien Fruͤhlingsluft pflan⸗ zen und begießen. Allein es gab ſich nicht. Sie ward immer ſtiller, kam oft mit rothge⸗ weinten Augen aus ihrer Stube herunter, erſchrack ſichtlich, wenn des Barons Wagen vor dem Thorweg hielt, und zeigte, wenn er da war, eine erzwungene Munterkeit, der man es anſah, daß ſie nicht aus dem Herzen kam. Das betruͤbte mich ſehr, und ich wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als mir Lottchens Vertrauen zu erwerben; doch kannte ich aus eigner Erfahrung die Scheu, mit wel⸗ cher junge Leute ihre Herzensangelegenheiten vor Großmuͤttern und andern bejahrten Frauen verbergen, weil dieſe es gewoͤhnlich vergeſſen haben, daß ſie ſelbſt einmal ſo em⸗ pfanden, und deswegen ſtrenge Richterinnen ſind. Die Liebe zu meinem Kinde ließ mich das fuͤhlen, und gab mir den Vorſatz, die Kaͤlte des Alters von mir zu thun, und ihr jetzt das zu ſeyn, was ihre jugendliche Mutter ihr geweſen ſeyn wuͤrde, die ja im Grabe ruhete, und deren Pflichten ich alle uͤbernommen hatte. So geſtimmt, ſuchte ich ſie an einem ſchoͤnen Sommerabend im Garten auf, wo ſie ganz einſam ſaß und weinte. Ihr Herz war denn auch wohl offen, und ſuchte ein vertrautes Herz, ich redete ihr liebreich zu, und eine hoͤhere Macht legte Kraft in meine Worte. Lott⸗ chen ſiel mir ſchluchſend um den Hals, und verſprach, mir alles zu entdecken. Ach, lie⸗ be beſte Großmutter! ſagte ſie, ich kann den Baron nicht heirathen, Sie hatten wohl Recht, als Sie mich warnten, aber damals kannte ich mein Herz nicht. Ueber dieſen Anfang waͤre ich beinahe aufgefahren, ich nahm mich doch noch zu⸗. 48 ſammen, um das Kind nicht zu verſcheuchen, und fuͤhrte ſie ſchweigend aus dem Garten in ihr Stuͤbchen. Hier erfuhr ich noch in der naͤmlichen Stunde, den ganzen Roman. Ein Neffe des Barons, ebenfalls ein Rei⸗ chenberg, ſtudirte in Leipzig. Der Onkel hatte ihn ſelbſt bei Woldemar eingefuͤhrt, und ſeit Lottchen da war, fehlte er keinen Abend. Man ſpielte und ſang, Reichenberg und ſie waren allemal die vorzuͤglichſten Saͤnger, und daraus entſtanden zaͤrtliche Duets, denen zaͤrtliche Blicke folgten. Lott⸗ chen merkte bald, daß er ſie liebte, und nur zu bald liebte ſie ihn wieder, aber die Ehr⸗ furcht vor des Onkels Braut verſchloß ihm den Mund, und ſo waͤre alles gut gegangen, denn ein heilſamer Zwang bringt endlich das verirrte Herz wieder in die rechte Bahn; aber des Barons eigne Eitelkeit, und der „Hang nach neuen Vergnuͤgungen, verderbte vollends alles. Zum Geburtstag von Wol⸗ demars Frau ſollte Comoͤdie geſpielt werden. Von dieſem Vergnuͤgen nun, denke ich wie — eine Großmutter, und haͤtte es nimmer zugegeben, daß mein Kind dort oben ge⸗ glaͤnzt, und den gefaͤhrlichen Weihrauch ein⸗ geſogen haͤtte, der keinem jungen Maͤdchen 3 dien⸗ —— ihre Lippen gekommen waͤre. War es da — 42. dienlich iſt. Sie gaben eine Oper, den Na⸗ men habe ich vergeſſen; genug, Lottchen und der junge Reichenberg ſtellten Liebende vor, und durften vor allen Zuſchauern ohne Scheu ausſprechen, was ſonſt wohl nie uͤber ein Wunder, daß es ſpaͤter auch in der Ein⸗ ſamkeit ausgeſprochen wurde? Der Ba⸗ ron, ganz entzuͤckt uͤber den Beifall, den Lottchen eingeaͤrndtet hatte, ließ bald eine zweite Comoͤdie einſtudiren; man ſpielte und glaͤnzte, taumelte fort in romantiſchen Ge⸗ fuͤhlen und mit Huͤlfe der ſchoͤnen Redens⸗ arten, die beide junge Leute ſich in Proben und Vorſtellungen ſagten, waren ſie bald im Ernſte uͤberzeugt, nicht ohne einander leben zu koͤnnen.— Reichenberg und ich ſind zwar auf ewig geſchieden, ſchloß Lottchen ihre Erzaͤhlung, denn er iſt von Kindheit an verlobt, und haͤngt ganz von einem eigenſin⸗ nigen Großonkel ab, aber ich kann und wer⸗ de doch nie einem Andern angehoͤren, und meine guͤtigen Großeltern werden mich nicht zwingen, ein Verſprechen zu halten, das ich in kindiſcher Verblendung gab. Ich war vor Zorn ganz kalt, und konn⸗ te mich nicht enthalten, uͤber all das Thoͤ⸗ D * 58 richte, das ich vernahm, recht ernſtlich zu eifern. Auch vergaß ich meinen Vorſatz, milde zu ſeyn, voͤllig, und ſtellte Lottchen in einer langen Rede vor, was ich von einer Neigung dachte, die von beiden Seiten, durch ein heiliges Wort, zum Unrecht ge⸗ ſtempelt war. Das iſt die unſeelige Frucht Eurer Romane, ſagte ich, und nahm, ehe ich ſie verließ, ein halbes Dutzend ſolcher Buͤcher mit mir, die friſch aus Leipzig ein⸗ gelaufen waren, auch verbot ich den Brief⸗ wechſel mit den Couſinen, die, wie es mir ſchien, Vertraute in jener Liebesſache ſeyn mochten. Allein, was war damit gebeſſert! Das Uebel war da, ich hatte es gefuͤrchtet, ohne es hindern zu koͤnnen. Lottchen ſang nun zwar wie eine Saͤngerin, ſie kannte alle Regeln der Harmonie, aber die Harmonie ihrer Seele war geſtoͤrt, ſie ſprach mit dem Baron von Deklamation, tragiſchem und naivem Spiel, wie ein Profeſſor, aber in der Kuͤche taugte ſie nichts mehr, denn ſie dachte an ihre Liebe, waͤhrend die Butter verbrannte, und brachte mir traͤumend ſtatt der Suppenterrine eine Tortenpfanne. Mein Mann, mit dem ich zu Rathe ging, hoffte alles von der Zeit, und rieth mir, nichts zu —— 8 51. 1 aͤbereilen; ich haͤtte freilich lieber gleich dem Baron die Sache entdeckt, und ihm neben⸗ bei ſeine Unvorſichtigkeit zu Gemuͤthe ge⸗ fuͤhrt. Der aber war mit Blindheit ge⸗ ſchlagen, denn gegen den Herbſt brachte er uns gar ſeinen Neffen dann und wann mit, und ich hatte genug an Lottchen zu huͤten, die bei ſeinem Anblick bald blaß, bald roth ward. Wahr iſt es, der junge Mann ge⸗ fiel mir ſelbſt, und ich konnte mir es wohl denken, daß er Lottchen, zumal unter ſolchen Umſtaͤnden, gefaͤhrlich werden mußte. Auch wußte er ſich durch ein Etwas, daß ihm na⸗ tuͤrlich war und aus dem Herzen ſtammte, bei allen im Hauſe einzuſchmeicheln, und wenn er ſo recht kindlich, und wie ein guter Sohn zu mir ſprach, fragten Lottchens Blicke mich oft deutlich: Haſt Du denn ein Herz von Eis, daß er Dich nicht ruͤhrt?— Aber Recht bleibt Recht— ich verſchloß mein Wohlgefallen behutſam, um ſie nicht in ihrem Sinne zu beſtaͤrken. Demohner⸗ achtet ward ſie heiterer, laͤchelte oft ſtill vor ſich hin, und geſtand mir endlich: Ihr Gu⸗ ſtav habe noch Hoffnung, er habe ſeinem Großonkel geſchrieben und erwarte taͤglich die Antwort. 8/2 Und der Baron? fragte ich zornig, haſt Du den ganz vergeſſen, hat er nicht Dein Wort? Liebe Großmutter, erwiederte ſie ſchmeichelnd, was der Baron fuͤr mich fuͤhlt, iſt nicht Liebe, ſondern nur herzliches Wohl⸗ wollen, glauben Sie mir das unterſcheidet ſich leicht. Das Opfer, das er uns braͤchte, wuͤrde ihm nicht ſo viel koſten, als Sie glauben. Guſtav kennt ihn ganz und ver⸗ buͤrgt ſeine Entſagung, wenn nur der Groß⸗ onkel uns ſeinen Segen giebt. Ich wandte mich unmuthig von ihr ab, und wuͤnſchte nur noch, daß ihre Hoffnun⸗ gen nicht truͤgen moͤchten. Aber dieſer Wunſch ſchien nicht in Erfuͤllung zu gehen, denn es kam keine Antwort auf Reichenbergs Bittſchreiben, und zu Oſtern ſollte er ſchon in die Heimath zuruͤckkehren. Auf dieſe Trennung hoffte mein Mann, aber ich ſchuͤt⸗. telte traurig den Kopf und ſah nirgends ei⸗ nen gluͤcklichen Ausgang. Mit Argusblicken bewachte ich nun meine andern Enkelinnen, und jedes Buch mußte erſt meine Cenſur paſſiren. Lieber Himmel! was ſtudirte ich da, und wie manchmal gerieth ich uͤber die Schwaͤrmereien in Eifer, die mir vor die Augen kamen. Ich pflegte den phantaſti⸗ 53 ſchen Kram, nach meiner hausmuͤtterlichen Art, mit zu ſtark gewuͤrzten Speiſen zu ver⸗ gleichen, die der Geſundheit ſchaden, und denen, die ſich an ſie gewoͤhnen, den Ge⸗ ſchmack fuͤr einfachere Koſt rauben. Ahnun⸗ gen und dunkele Gefuͤhle, Traͤume, verbo⸗ tene Buͤndniſſe, heimliche Liebſchaften hinter dem Ruͤcken betrogener Muͤtter; Geſpenſter⸗ maͤrchen, die ich meinen Waͤrterinnen nicht erlaubt haͤtte in der Kinderſtube vorzutragen, und gegen die der ſchwarze Mann und Knecht Ruprecht ſich kuͤhnlich ſtellen durf⸗ ten! Alles wanderte wieder heim, von wannen es gekommen war, und wollte Lott⸗ chen leſen, ſo lagen ſechs dicke Baͤnde von Sophiens Reiſe bereit, welche ich fuͤr ſie be⸗ ſonders dienlich hielt. Soſtand es, als kurz vor Weihnachten der Tag unſerer Hochzeit zum funfzigſtenma⸗ le erſchien! Ein ſchoͤnes ſeltnes Feſt, das nur wenigen zu feiern vergoͤnnt iſt. Es war dießmal gerade ein Sonntag. Fruͤh, da es noch Daͤmmerung um uns war, er⸗ wachten wir von dem Klange vieler Stim⸗ men vor unſerer Stubenthuͤr. Ein volles Chor ſang erſt ein Morgenlied und darauf den herzerhebenden Choral: Nun danket . * * 54 alle Gott! der ſchon ſo tauſendmal in frohe geruͤhrte Herzen erklungen iſt. Unſere Lip⸗ pen ſprachen die Worte leiſe mit, unſere Haͤnde waren erhoben. Nun folgten noch viele frohe Geſaͤnge, und dann oͤffnete ſich die Thuͤr, und herein traten Kinder und Enkel, alle, auch die Leipziger, die heimlich gekommen waren, mit Gluͤckwuͤnſchen und kleinen Geſchenken. Wir mußten ſie endlich von uns treiben, denn ſchon ſchien die Win⸗ terſonne in unſer Schlafzimmer, und es war hohe Zeit zum Aufſtehen. Herzlich und mit heißen Freudenthraͤnen umarmten wir Alten uns, Gott preiſend, daß wir noch ruͤſtig neben einander ſtanden, nach der lan⸗ gen gemeinſamen Reiſe. Als wir hinab traten, in die Kirche zu gehen, umringten uns alle Hausgenoſſen, viele weinten, man⸗ che hatten uns noch in der Jugend gekannt, und freueten ſich dieſen Tag mit uns zu er⸗ leben. Meine Seele erfuͤllte eine ſtillge⸗ ruͤhrte Freudigkeit, die ich meinem Gott im heißen Dank zum Opfer brachte; denn was iſt ſchoͤner als ein frohes Alter, in der Mitte guter Kinder, und ein Herz voll heiterer Froͤhlichkeit bei ſilbergrauen Haaren? 585 Als ich aus der Kirche kam verſchloß ich mich auf meinem Zimmer, denn ich bedurf⸗ te einen Augenblick der Stille mit mir ſelbſt und einſamer Betrachtung. Dann holte ich mein Schmuckkaͤſtchen hervor, um einer jeden der Enkelinnen ihre freundliche Gabe darch ein Geſchenk zu vergelten. Ich ſtoͤrte unter den Perlen, Ringen und Nadeln, und ſiehe, da traf mein Blick auf den vergeſſenen Goldring, den ich vor mehr als funfzig Jahren aus Plotow's Hand empfing. Er war in ſeinen Brief gewickelt, ich las die Worte, die mich einſt ſo entzuͤckten, und Thraͤnen der Erinnerung traten mir in die Augen. Lieber Gott, dachte ich— noch jetzt macht dich das ſo weich, und doch biſt du hart gegen Lottchens Gefuͤhle? Wie wenn nun Plotow ſtatt am Tage deiner Hochzeit, einige Monate fruͤher zuruͤckgekehrt waͤre, wenn niemand gelebt haͤtte, der, wie die ſelige Tante, mit vorſichtiger Klugheit ihn entfernt gehalten, wenn man ihn dir nahe gelaſſen und mit dir in ſo gefaͤhrliche Beziehungen gebracht haͤtte, wuͤrdeſt du auch immer deinen Gedanken, deinen Wuͤn⸗ ſchen geboten haben? Ach nein! daß du ſo gluͤcklich warſt, dafuͤr danke Gott, der das 56 ſenkt, was wir Zufall nennen, und der Tante, die dir wahrlich eine redliche Freun⸗ din war.. Ich ſteckte den Ring an meinen Finger und ging zum Eſſen hinunter, wo alles ſchon verſammelt war. Meine Gaben wur⸗ den vertheilt und Lottchen erhielt eine beſon⸗ ders guͤtige Umarmung. Der Baron war nicht da. Er hatte geſtern Abend einen Bo⸗ ten geſchickt, mit der Nachricht, es ſey ein Fremder angekommen, den er nicht verlaſſen duͤrfe. So blieben wir ganz im Familien⸗ kreiſe, und der Tag verfloß in herzlicher Froͤhlichkeit. Es ward dunkel. Die jun⸗ gen Leutchen gingen hinaus, wir Eltern ſaſ⸗ ſen noch um den Kaffeetiſch. Gegen ſechs Uhr erſchien Eulalia, und lud uns ein, hin⸗ auf in den Saal zu kommen. Aber eben da wir uns in Marſch geſetzt hatten, und ſchon im Hausflur waren, fuhr ein Wagen in den Hof und herein trat der Baron mit Guſtav und einem alten Herrn, den er mei⸗ nem Manne feierlich vorſtellte. Ich hoͤrte wohl, daß er ihn Onkel nannte, ahnete den eigenſinnigen Großonkel und dachte an Lott⸗ chens Verwirrung. Der Mann gefiel mir, er hatte etwas treuherziges, bekanntes, und — ℳ— 57 antwortete recht herzlich auf meine verlegene Entſchuldigung, daß wir ihn hier im Haus⸗ flur empfingen.— Die Großeltern muͤſſen voraus, ſagte Eulalia, der fremde alte Herr bot Woldemar's Frau den Arm, und wir ſtiegen die Treppe hinan. Weit oͤffneten ſich die Fluͤgelthuͤren des Saales. Rings um an den Waͤnden zogen ſich gruͤne Bo⸗ gen, der ganze Hintergrund war eine große Laube. Unſere Enkel, alle weiß gekleidet, ſtanden im Kreis, mit Kraͤnzen in den Haͤn⸗ den, in der Mitte auf einem kleinen Altar brannte die Schrift:„Dem geliebten Jubel⸗ paar.“ In der Laube aber ſaß ein Braut⸗ paar, uns aufs Haar aͤhnlich, wie wir vor 50 Jahren anzuſehen waren. Es war Lottchen und Carl, Conrad's aͤlteſter Sohn. Sie trug mein Brautkleid, nebſt Reiſrock und Zubehoͤr, auch den ganzen Schmuck von Woldemar's Frau; ihre Friſur glich genau der meinigen, die ſie ſchlau genug von mir erfragt hatte, es war mir wahr⸗ haftig, als ob ich mich faͤhe, wie ich da⸗ mals im Spiegel ſtand. Eben ſo ſchö3n hatte ſich Carl in des Großpapa Braͤuti⸗ gamsſtaat gekleidet, ein froͤhliches Lachen toͤnte von allen Seiten, und jedes trat naͤ⸗ 58 her heran, die kleine Braut aus dem ſieben⸗ jaͤhrigen Kriege recht zu beſchauen. Nur der alte Herr ſtand wie verſteinert, und ſein Geſicht druͤckte eine wehmuͤthige Ruͤhrung aus. Ich ging zu ihm, um ihn anzureden, denn er war ganz vergeſſen worden, aber wie erſtaunte ich, als er meine Hand ergriff und mit weicher Stimme ſagte: Liebe alte Freundin, wiſſen Sie nicht wer vor Ihnen ſteht? Sie kennen mich nicht mehr, auch ich haͤtte Sie ſchwerlich wieder erkannt, ſelbſt Ihr Name ſiel mir nicht auf, erſt der Eintritt in dieß unver⸗ geßliche Haus ſagte mir alles. Ich bin der Oberſt Plotow. Bei Tiſche, bei einem Glaſe Wein ſollten Sie das erſt erfahren, aber denken Sie ſich nun mein Gefuͤhl beim Anblick Ihres Ebenbildes dort. Gewiß eine ſeltnere Taͤuſchung gab es nie, denn gerade ſo ſah ich Sie zum letztenmale an Ihrem Hochzeittage heute vor 50 Jahren. Damals dachte ich nicht, daß uns der Him⸗ mel noch einmal zuſammenfuͤhren wuͤrde. Gott hat uns beide lange erhalten, und heu⸗ te danke ich ihm aufrichtig dafuͤr, denn eine ſo frohe Stunde glaubte ich nicht mehr zu erleben. —— Ich war unausſprechlich geruͤhrt!— Mit Thraͤnen erzaͤhlte ich dem alten Freun⸗ de, wie ich noch heute an ihn gedacht und ſeinen Ring zum Schmuck an meinem Eh⸗ rentage neben den Trauring geſteckt haͤtte. Ich ſuchte in ſeinem Geſicht nach bekannten Zuͤgen, auch er ſah mich oft forſchend und lange an, aber immer kehrte ſein Blick auf Lottchen zuruͤck, und den ganzen Abend, wo ſie auf einmuͤthigen Beſchluß ihre Kleidung behielt, konnte er ſeine Augen nicht von ihr wenden. Bei Tiſche war der Oberſt mein zweiter Nachbar, und mein Mann, der meine Jugendgeſchichte laͤngſt kannte, freuete ſich unſeres Wiederfindens recht herzlich. Unter Glaͤſerklang, Scherz und Geſang kam die Mitternacht herauf, wir Alten hatten wohl lange nicht ſo geſchwaͤrmt. Die gu⸗ ten Kinder waren froh wie wir, und Lott⸗ chen ſchien ihrem Guſtav in dem ſteifen Putz nicht weniger, als in ihrem leichten duͤnnen Kleidchen zu gefallen. Vor dem Aufſtehen fuuͤſterte der Oberſt mir zu: Wir bitten heute ſaͤmmtlich um ein Rachtlager, liebe Freundin, morgen habe ich noch etwas Wichtiges mit Ihnen zu ſprechen. 3 650 Ich ahnete wohl, was es war, und hatte nicht geirrt. Der Oberſt Plotow war auf des jungen Reichenbergs Brief ſelbſt hergereiſt, um mit eignen Augen zu ſehen, und entweder ſeines Pflege⸗ ſohns Bitte zu gewaͤhren, oder ihn ſo⸗ gleich mit ſich in die Heimath zu fuͤh⸗ ren. Die fruͤher beſchloßne Heirath war zum Gluͤck ſchon halb zerriſſen, weil auch die Braut andere Wuͤnſche hegte, und hier ward der edle Verlobte unſeres Lottchens, dem Guſtav alles entdeckt hat⸗ te, ſelbſt ihr Fuͤrſprecher. Haͤtte Lott⸗ chen wohl etwas wirkſameres erſinnen koͤnnen, dem alten Herrn ſein Herz zu ſtehlen, als die Geſtalt, in welcher ſie ihm erſchien, die Geſtalt ſeiner erſten Liebe? Lebendig trat alles, was er fuͤhl⸗ te und litt, als er jenesmal aus dem laͤrmenden Hochzeithauſe ſtuͤrzte, vor ſei⸗ ne Phantaſie, und er beſchloß, ſeinen jungen Pflegeſohn nicht zu aͤhnlichem Kummer zu verdammen. Seine Einwil⸗ ligung hob alle Hinderniſſe, und mein Lottchen iſt jetzt, da ich dieß ſchreibe, eine gluͤckliche Frau und Mutter eines 61 lieblichen Knaben. Sie bewohnt das Gut des Oberſten ohnweit Berlin, aber jedes Jahr im Sommer bringt ſie eini⸗ ge Wochen hier zu, und auf dieſe Wo⸗ chen freuet ſich die alte Großmutter den langen truͤben Winter hindurch mit ju⸗ gendlicher Freude. Auch meine Enkelin⸗ nen Aurora und Eulalia und Conrads alteſte Tochter ſind gluͤcklich verheirathet. Alle dieſe Elternfreuden erlebte mein guter Mann noch, aber vor einem halben Jah⸗ re ging er von mir. Heiter ſchlief er ein, und ſeine treue Lebensgefaͤhrtin ſtand an ſeinem Sterbebette. Sein Tod gab mir keinen heftigen Schmerz, denn ich folge ihm bald, aber einſam iſt es doch um mich, und ich lebe ſchon mit in den Gefilden jenſeits, ſeit ich meinen beſten Freund dort heimiſch weiß. Wenn in der Däͤmmerung der Abendſtern dort glaͤnzend aufſteigt und alles in heiliger Stille ruht, denke ich der geſtorbenen Lieben und ſehne mich hinauf zu ihnen; doch auch das freundliche Morgenlicht begruͤße ich noch mit Dank, und freue mich des geſchenkten Tages, unter lieben 62 Kindern. So bin ich geruͤſtet zur wei⸗ ten Reiſe, in unſer aller Heimathland; eine muͤde Pilgerin, der nach einem genußreichen Tage die erquickende Nacht winkt!— Schloß Kriebſtein. Eine Erzaͤhlung. 1 Der Wagen ſchwankte langſam einen ſtei⸗ len Berg hinauf. Unſanft geſchuͤttelt, druͤckte ſich der Major in die Ecke; die Zweige der naheſtehenden Baͤume beugten ſich in den Schlag, und ergoſſen einen Strom von Regen auf den leeren Ruͤckſitz. Der Himmel war truͤbe, wie die Seele des Reiſenden, an welchem gerade in dieſem Augenblicke alle unerfreulichen Bilder ſeiner Vergangenheit voruͤbergingen. Wohl dem, der auch ſolche Erinnerungen wie alte Freun⸗ de empfangen kann, die, ſelbſt indem ſie uns fuͤr den Augenblick Schmerz bereiteten, dennoch heilſam auf uns gewirkt haben. Der Major konnte das nicht, denn mit dem Ruͤckblick auf ſein fruͤheres Leben draͤngten ſich leiſe Vorwuͤrfe ihm ans Herz; er muß⸗ te ſich geſtehen, daß alles anders und beſ⸗ ſer ſeyn koͤnnte, als es war, haͤtte er nicht ſelbſt dem Gluͤcke frevelnd den Ruͤcken ge⸗ kehrt. Unmuthig ruͤckte er an der Binde, E 66 die noch immer ſeinen verwundeten Arm hielt; er dachte an die Hoffnungen, mit de⸗ nen er nach Toͤplitz ging, und an ihre karge Erfuͤllung, und alles dies verſtimmte ihn ſo ſehr, daß er es herzlich bereute, ei⸗ nem Bekannten zu Liebe, ſich zu einem Um⸗ wege verſtanden zu haben. Beinahe war der Hohlweg zu Ende, als ein lauter Fluch des Poſtillions die Ge⸗ danken unſers Reiſenden aus entfernten Zei⸗ ten zuruͤckbrachte. Aergerlich, wie er war, ſah er mit nicht geringem Schrecken einen andern Wagen ganz nahe herankommen, und einen langen Verzug im Voraus, denn keiner der Fuhrleute konnte dem andern hier weichen, und trotzig widerſetzte ſich der ſei⸗ nige, bis an eine Stelle zuruͤck zu ruͤcken, wo dies moͤglich ward. Er behauptete, Zenug gethan zu haben, daß er durch ſeinen Peitſchenſchlag den andern herabzukommen gewarnt habe, und ſo entſtand ein Wort⸗ wechſel, der zuletzt in Thaͤtlichkeit auszuar⸗ ten drohte. Eben wollte ſich der Major ſei⸗ ner verdrießlichen Neutralitaͤt begeben, um zu irgend einer Entſcheidung zu helfen, als er bittende Frauenzimmerſtimmen aus dem andern Wagen ertoͤnen hoͤrte, die ihre ſuͤſ⸗ 67 ſeſten Ueberredungen vergebens an dem laͤr⸗ menden Paare verſchwendeten. Die Pferde werden nicht ſtehen, und wir unfehlbar in den Abgrund ſtuͤrzen, ſagte die Eine, und ein niedliches Koͤpfchen mit ſchwarzen, leicht geringelten Locken, und den freundlichſten blauen Augen, blickte aͤngſtlich neben den zugezogenen Vorhaͤngen weg. Augenblick⸗ lich war der Major zum Wagen heraus, und ſeine ernſten Worte, denen er ſogleich Anſtalten zur Huͤlfe folgen ließ, brachten ſchnell alles in Ordnung. Man ſchob ſeinen Wagen ein wenig hinunter, bis an eine et⸗ was breitere Stelle, lehnte ihn dann an den nahen Berg ſo nahe als moͤglich, und ge⸗ wann dadurch ſo viel Raum, daß der an⸗ dere bequem vorbei konnte. Dennoch wa⸗ ren die Frauenzimmer zu furchtſam, und begehrten auszuſteigen. Ein huͤbſcher, al⸗ ter Mann, ihr Reiſegefaͤhrte, reichte erſt der kleinen, freundlichen Grazie die Hand, welche der Major ſchon fruͤher geſehen hat⸗ te. Ihr folgte eine hohe, ſchlanke Geſtalt, in dunkle Farben gekleidet, mit einem Hut und Schleier, der ihr Geſicht voͤllig ver⸗ barg. Die Blicke des Majors hafteten feſt auf ihr, es war ihm, als koͤnnte er viel E 2 68 darum geben, den Schleier aufgehoben zu ſehen, und er beantwortete nur zerſtreut die freundliche Anrede des Alten, der ihm fuͤr ſeine thaͤtige Huͤlfe dankte, und auf die Frage: wohin, die man gewoͤhnlich zwiſchen Reiſenden hoͤrt, ihm ſagte, er reiſe ins Karlsbad. Die Damen hatten indeſſen ent⸗ fernter geſtanden, doch war es dem Major nicht entgangen, daß ſie ihn anblickten und einige lebhafte Worte wechſelten, worauf ihm die Kleine eine leichte, zierliche Ver⸗ beugung machte, und mit ihrer nur flͤch⸗ tig gruͤßenden Gefaͤhrtin raſch dem Wagen nacheilte. Der Vater, denn dafuͤr hielt ihn der Major, folgte langſam. Dieſe Begegnung, ſo einfach ſie an ſich war, beſchaͤftigte dennoch noch immer des Majors Gedanken, als der Wagen ſchon lange jene Gegend hinter ſich gelaſſen hatte. Die Geſtalt der verſchleierten Dame glich zu⸗ faͤllig der eines Maͤdchens, das ihm einſt ſehr theuer war, an ſie hatte er eben leb⸗ haft ſich erinnert, und ihm ſchien es nun, ihr Geiſt ſey ſichtbar an ihm voruͤberge⸗ ſchwebt, um das Andenken vergangener ſuͤßer Stunden ſeinem Herzen recht lebendig vorzufuͤhren. Wie durch einen Zauberſchlag 69 ſtand nun alles vor ihm, die Stadt, wo ſie haͤuslich lebte, die kleine, beſcheidene Wohnung, die freundliche Mutter der Ge⸗ liebten, der runde Tiſch, an dem ſie Abends arbeitend ſaßen, wenn er ihnen vorlas. Wie reizend malte ſeine Phantaſie dies al⸗ les! wie wuͤnſchte er, die Ferne zu durchflie⸗ gen, um wieder bei ihr zu ſeyn. Aber war denn auch noch alles wie damals? War er ſelbſt noch der Alte? Hatten nicht Lei⸗ den, Wunden und Krankheit ihm die Ju⸗ gend vor der Zeit geraubt? War ſeine lie⸗ benswuͤrdige Freundin nicht wahrſcheinlich jetzt das Eigenthum eines Gluͤcklichern, die frohe Mutter bluͤhender Kinder? Unter Betrachtungen dieſer Art verging der Tag, und der Wagen hielt vor dem Poſthauſe. Es hatte zu regnen aufgehoͤrt, die Sonne blitzte noch ein Mal, ehe ſie un⸗ terging, aus zerriſſenen Wolken, und ſpie⸗ gelte ſich an den Fenſtern der Stadt und dem Golde der Kirchthurmsfahne, die leuchtend aus dunkelm Grunde hervorſprang. Eben war auch eine gewoͤhnliche fahrende Poſt angekommen; die ermuͤdeten Paſſagiere ſtan⸗ den umher, auf der ſteinernen Bank vor dem Hauſe ſaß ein junger Mann in ziemlich 7⁰0 durchnaͤßten Reiſekleidern, und ſah ruhig in das Gewuͤhl. Sein Geſicht zeigte unſerm Ankömmling bekannte Zuͤge, und auch der Fremde, als er den Major einige Augen⸗ licke beobachtet hatte, ſchien ſich ſeiner zu und naͤherte ſich ihm mit dem Ausruf: Iſt es moͤglich, daß mir hier das Gluͤck wird, den Herrn Hauptmann Alban wieder zu ſe⸗ hen? Doch wie kann ich hoffen, fuhr er angenehm erroͤthend fort, daß Sie ſich ei⸗ nes unbedeutenden Menſchen erinnern ſoll⸗ ten, der Ihnen in ſo zerſtreuungsvollen, be⸗ deutenden Momenten erſchien. Erinnern Sie ſich noch des Landhauſes in der Luͤtzner Gegend, wo ſie an dem aͤngſtlichen Tage der Schlacht und des Ruͤckzuges im Mai 1813 eine Familie ſo edelmuͤthig ſchuͤtzten. Erkennen Sie noch in mir den Sohn, der ſo gern recht viel fuͤr die Seinen gethan haͤtte, und ſich doch uͤberall ſo ohnmaͤchtig und ſchwach in ſeiner Wehrloſigkeit fuͤhlte. O wie hat mich ſeitdem Ihr Bild begleitet, wie oft ſind Sie der Gegenſtand unſerer Geſpraͤ⸗ che geweſen, wie oft von der Mutter und den Schweſtern dankbar genannt worden. Alban erinnerte ſich jetzt aufs deutlichſte jener erinnern, ſprang endlich voll Freude auf, „ —qix;— Zeit, der Familie, und vor allen des Soh⸗ nes, der ihm ſchon damals durch ſein heite⸗ res, offenes Weſen gefiel, und der nun aus⸗ gebildeter und maͤnnlicher, doch noch immer mit derſelben kindlichen Waͤrme vor ihm ſtand, die die Welt ſo ſelten dem reiferen Alter uͤbrig laͤßt. Er ſchloß ihn recht innig in ſeine Arme, denn nichts konnte ihm in dieſem Augenblick willkommener ſeyn, als ein lieber Bekannter in der fremden Gegend,— um ſo mehr, da ſein Anblick ihm eine gute That zuruͤckrief, gerade jetzt, wo ſich eine recht bittere Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt ſeiner bemaͤchtigen wollte. Er ging mit dem froͤhlichen Juͤngling ins Haus, ließ ſich eine Stube oͤffnen, beſtellte Wein und Glaͤ⸗ ſer, und man ſetzte ſich zum traulichen Ge⸗ ſpraͤch nieder. Hermann, ſo hieß der Geſellſchafter des Majors, fing nun an zu erzaͤhlen, wie es ihm die zwei Jahre ſeit ihrem erſten Zuſam⸗ mentreffen ergangen, und er konnte nicht lebhaft genug ſchildern, wie die ruhige Wuͤr⸗ de des Kriegers, ſein edles, ſchonendes Be⸗ tragen gegen die Huͤlfloſen, ſein lehrreicher umgang in den wenigen Tagen vor der Schlacht, die er bei der Familie zubrachte, 7² ihm zum Ideal geworden ſey. Der ſtille Wirkungskreis, ſprach er weiter, der mir ſonſt genuͤgte, wollte nun fuͤr meine Wuͤnſche gar nicht mehr ausreichen, und was jeden feurigen Juͤngling damals ergriff, die Be⸗ gierde, mit thaͤtig zu ſeyn, wo ſich Tauſen⸗ de zu einem Zweck vereinten, das wurde bei mir eine wahrhaft leidenſchaftliche Sehn⸗ ſucht. Doch mußte ich mich bezwingen, und daheim bleiben, wo mich hoͤhere Pflichten zuruͤckhielten. Ich hatte kurz vor jener Epoche meine Studien beendigt, und war nur eben im Stande, der Mutter in der Fuͤhrung eines weitlaͤuftigen und entſcheiden⸗ den Proceſſes beizuſtehen. Unſere Sache war voͤllig gerecht, aber verwickelt, und durch mancherlei Chikanen verwirrt, ich trieb ſie mit Luſt, und hatte ſichtlich Segen und Gedeihen. Sollte ich nun mit hinauszie⸗ hen, die Mutter verlaſſen, alles in fremde Haͤnde geben, und ihr zu der Sorge um den Sohn, auch noch die Sorge fuͤr unſere durch den Krieg noch mehr in Unordnung gebrach⸗ te Vermoͤgensumſtaͤnde aufbuͤrden? Ge⸗ wiß, ſie haͤtte nicht noͤthig gehabt, mich mit Thränen zu bitten, ich moͤge ihr nicht ihres Alters Stuͤtze entziehen. So blieb ich denn, —— — * r.* —— — ——— * — 73 und war zwar anfangs traurig, doch ließ ich den Truͤbſinn nicht aufkommen, und er⸗ griff die wirkſamſten Mittel, ihn zu ver⸗ ſcheuchen. Von meinen Geſchaͤften blieb mir Muße genug uͤbrig, und hatte ich gleich meine Zeit auf der Akademie nicht ſchlecht angewandt, doch fand ſich wohl noch man⸗ che Luͤcke in meinem Wiſſen, die ich mich nun zur Zerſtreuung auszufuͤllen bemuͤhte. Ich ſtudirte fleißig fort, fing an, Sprachen zu treiben, was ich ſchon wußte, zu uͤben, und neues zu erlernen; ich las alte und neuere Schriftſteller, machte Aufſaͤtze und kleine Gedichte, und ſchuf mir ſo eine ſchoͤ⸗ ne idealiſche Welt, uͤber die ich doch nie die wirkliche vergaß. Oft zog ich auch meine Familie in mein kleines Feenland mit hin⸗ uͤber, und wir vergaßen dann manchmal auf Stunden die immer naͤher ruͤckenden Gefah⸗ ren des Krieges. Doch der Herbſt kam, Leiden aller Art hatten die groͤßten Ereigniſ⸗ ſe vorbereitet. Die große Schlacht bei Leipzig ward geſchlagen, wir waren nach Leipzig gefluͤchtet, und hier, wo bald der Sammelplatz aller Truppen ward, naͤhrte ich immer eine geheime Hoffnung, etwas von Ihnen zu erfahren. Wir alle zitterten 74 fuͤr Sie, und oft ſah ich Thraͤnen in den Augen der Mutter, bei dem graͤßlichen Tone des Geſchuͤtzes, das uns ſ viele Tage ganz nahe umgab. 4 Der Major reichte dem jungen Manne geruͤhrt die Hand; wie wohl thut es mir, ſagte er, daß ſo gute Menſchen um mich ge⸗ ſorgt haben.— Ich war allerdings mit unter den Kaͤmpfenden, doch den frohen Ein⸗ zug in Leipzig ſollte ich nicht mit feiern. Schon den 16. Oktober ward ich von einer Kugel in die Bruſt getroffen, und beſin⸗ nungslos von meinem Bedienten aus dem Gewuͤhl getragen. Der Treue dieſes guten Menſchen danke ich mein Leben, doch dauer⸗ te es lange, ehe ich nur ſo weit genaß, um auf ein Gut in der Naͤhe von Waldheim gebracht zu werden, das einer Tante von mir gehoͤrte. Dort erholte ich mich zwar, allein ohne Hoffnung, jemals wieder einer feſten Geſundheit zu genießen— vielleicht— ja nur zu wahrſcheinlich, legte jene Kugel die Saat zum fruͤhen Tode in meine Bruſt, und willkommen ſoll mir der Freund ſeyn, der des Herzens Wallungen ſaͤnftigt und ſei⸗ ne Schwaͤchen bedeckt!— —— —— 75 Hermann ſtand bei dieſen Worten auf, er wollte ſein bewegtes Gefuͤhl ausſprechen, doch der Major wich ihm aus, verließ eben⸗ falls ſeinen Sitz und oͤffnete einen Augen⸗ blick das Fenſter. Dann trat er mit heite⸗ rer Miene an den Tiſch, fuͤllte beide Glaͤſer, und rief anſtoßend aus: Eine heitre Abſchiedsſtunde, Sanften Schlaf im Leichentuch, Bruder, einen milden Spruch Aus des Todtenrichters Munde!— —— Kaum war ich einigermaßen wie⸗ der hergeſtellt, fuhr der Major nach einer Pauſe fort, ſo hielt mich nichts mehr zuruͤck, und ich folgte meinem Regimente nach Frank⸗ reich. Es war nun ſchon Fruͤhling, wir ſtanden Paris ganz nahe, und hier war es, wo ich zum zweiten Male in den Arm ver⸗ wundet wurde. Ich ward ſchlecht geheilt, die Wunde brach von Zeit zu Zeit wieder auf, der zerſplitterten Knochen loͤſten ſich immer meyr ab— mein Arm ward un⸗ brauchbar, und als ein Kruͤppel ſah ich mein Vaterland wieder. Unfaͤhig, laͤnger zu dienen, erhielt ich den Abſchied als Major, und komme jetzt von Toͤplitz, wo der letzte Verſuch zur Beſſerung mißlang!— Doch ich habe Sie unterbrochen, Sie hatten mir noch mehr zu ſagen. Wie erging es Ihnen und den Ihrigen in der allgemeinen Noth, wie fanden Sie Ihr Eigenthum wieder, und wohin reiſen Sie jetzt? Dieſe letzte Frage iſt mir beſonders wichtig, denn Sie wuͤrden ſich um einen verdrießlichen Halbkranken ſehr verdient machen, wenn Sie ihm eine kurze Zeit ſchenken koͤnnten. 1 In Leipzig, nahm Hermann das Wort, theilten wir Angſt und Gefahr mit den ban⸗ gen Einwohnern, auch quaͤlten uns wohl oft die Sorgen, wie es draußen ſtehen moͤ⸗ ge, doch waren dieſe Tage wichtig und groß genug, die Augen der Menſchen vom Pri⸗ vatvortheil ab auf das Ganze zu lenken. Und in dieſer Hinſicht ſchon allein wird mir jene Zeit ewig merkwuͤrdig, ewig unvergeß⸗ lich bleiben. Das gewoͤhnliche Alltagstrei⸗ ben war einmal vernichtet, die Seele erhob ſich aus dem kleinen Gewirre des Lebens zu hoͤheren Hoffnungen, und muthig warf man ſelbſt das geliebteſte Eigenthum hin, um das neue Licht zu gewinnen, deſſen erſte Strah⸗ len uns ſo herrlich umleuchteten.— Mir ging damals noch ein anderes Gefuͤhl auf, das nicht minder ſchoͤn und erhebend war. — 77 Gemeinſchaftliche Sorgen und gleichgetra⸗ gene Noth hatten uns in kurzer Zeit mit ei⸗ ner Familie verbunden, die, fremd wie wir, mit uns in dem naͤmlichen Hauſe wohnte. Der Vater, Kammerrath Horn, war ein freundlicher, ruhiger Mann, von vieler Er⸗ fahrung, und ſein Troſt, ſein ſichres, maͤnn⸗ liches Weſen in geltenden Augenblicken ver⸗ fehlte nie die Wirkung auf meine ſehr leb⸗ hafte, etwas aͤngſtliche Mutter; eben ſo warm ſchloſſen ſich die Schweſtern an ihn, der gar manches zu rechter Zeit zu erzaͤhlen wußte, was den bangen Gemuͤthern die Ue⸗ berzeugung gab: man habe wohl ehedem Gleiches erlebt, und ſey gluͤcklich der Ge⸗ fahr entgangen. An der Tochter fanden die Maͤdchen eine liebenswuͤrdige Freundin, und o! wie ſoll ich den Eindruck ſchildern, den dies holde Weſen auf mich machte!— ich werde ewig an ſie denken. Und wenn gleich der Augenblick, der die Ruhe in un⸗ ſern Gegenden wieder herſtellte, uns viel⸗ leicht, ja nur zu gewiß, fuͤr immer getrennt hat, ſo wird mir doch ihr Andenken heilig und die ſchoͤnſte meiner Erinnerungen bleiben. 78 Alban ſeufzte tief, um ſeinen Mund ſchwebte ein ſchmerzliches Laͤcheln. Er dach⸗ te der Zeit, wo auch er noch ſo jugendlich liebte, noch von keiner Taͤuſchung des eige⸗ nen Herzens entzaubert war, er dachte an Thereſen, und fragte Hermann faſt unwill⸗ kuͤhrlich: ob das Maͤdchen ſeine Neigung kenne und theile. Ob ſie es weiß, wie theuer ſie mir iſt, antwortete dieſer, iſt mir unbekannt. Wohl moͤglich waͤre es, daß mein Herz ſich verra⸗ then haͤtte, denn wie koͤnnte man immer ein Gefuͤhl verbergen„ von dem das ganze Weſen durchdrungen iſt, das jeden Augen⸗ blick ausfuͤllt, in jedem Pulsſchlage wieder⸗ hallt!— Geſagt habe ich ihr nichts— wie durfte ich auch, ein junger Menſch, oh⸗ ne Gluͤck, ohne Ausſichten. Waͤre ich leicht⸗ ſinnig genug dazu geweſen, ihr heiteres Le⸗ ben in mein ungewiſſes Schickſal zu verflech⸗ ten, ſo verdiente ich gewiß das Gluͤck nicht, das ich noch immer in ſchoͤnen Stunden hof⸗ fe: das Gluͤck, ſie wieder zu ſehen, und ihr einſt mehr ſeyn zu koͤnnen!— Sie reiſte ab, auch wir gingen in unſere Heimath zu⸗ ruͤck. Traurig genug ſah es hier aus, doch fanden wir die Gebaͤude erhalten, und alles was Werth hatte, war ſchon fruͤh gerettet. Der Schade iſt jetzt ziemlich verſchmerzt, der Proceß gewonnen. Meine aͤlteſte Schwe⸗ ſter ward vor wenig Wochen mit einem jun⸗ gen Oekonomen verheirathet, und die Mut⸗ ter wird kuͤnftig bei ihr leben. Was meine jetzige Reiſe betrifft, ſo iſt es auf eine Fuß⸗ wanderung abgeſehen, die von hier aus be⸗ ginnen ſollte, weil ich bis hieher des unguͤn⸗ ſtigen Wetters wegen die Poſt vorzog. Ich bin frank und frei, und ſehr gluͤcklich, wenn Sie mir erlauben, mich auf eine kurze Zeit an Sie anzuſchließen. Was konnte mir erwuͤnſchteres begegnen, als daß ich hier den Mann fand, an den eine dankbare und ju⸗ gendlich warme Liebe mich vom erſten Au⸗ genblicke band. Eben trat jetzt der Kellner herein, dem Major zu melden, ſein Reitknecht ſey mit den Pferden gekommen, und verlange ihn zu ſprechen. Alban ging hinaus, und kehr⸗ te nach einer kurzen Abreſenheir ins Zimmer zuruͤck. Sie wiſſen noch nicht, lieber Hermann, ſagte er, wohin ich Ihre Begleitung wuͤn⸗ ſche, die Sie mir ſo freundlich zugeſagt ha⸗ ben. Das launige Schickſal, das mir man⸗ 80 ches fruͤher beſeſſene, ſchoͤnere Gut entzog, warf mir dagegen ein Gluͤck zu, von dem ich wohl ehedem beſſern Gebrauch haͤtte ma⸗ chen koͤnnen. Ich habe meiner Tante in Sachſen ſchon gegen Sie erwaͤhnt. Sie hatte mich als Kind immer vorzuͤglich lieb, doch ſpaͤter war ich ihr aus dem Geſichte ge⸗ kommen, bis meine Verwundung mich auf laͤngere Zeit in ihre Naͤhe fuͤhrte. Waͤh⸗ rend meines Aufenthalts in Frankreich ſtarb ſie, und ihr Teſtament nannte mich als ein⸗ zigen Erben. So bin ich jetzt Herr des Gu⸗ tes, und finde meine Freude in Verbeſſerun⸗ gen, ſowohl ſeines oͤkonomiſchen Zuſtandes, als auch ſeiner aͤußern Annehmlichkeiten. Ich bemuͤhe mich, ſo viel als moͤglich, et⸗ was fuͤr das Wohl der Unterthanen zu thun, ſie beſſer, gebildeter, wohlhabender, und gluͤcklicher zu machen, damit, wenn ich ein⸗ mal auf ihrem Kirchhofe zur Ruhe getragen werde, ſie meiner mit Segen gedenken moͤ⸗ gen. Es iſt gar zu traurig, umſonſt ge⸗ lebt zu haben!—— wollen Sie nun mit mir gehen, ſo wird mir dadurch der er⸗ ſte Eintritt in mein leeres Haus, recht ſehr erleichtert werden. Ich habe meine Pferde hierher beſtellt, ſie ſind eben angekommen⸗ und —“. —“. — 81 und wir koͤnnen morgen fruͤh bei Zeiten aufbrechen. Nachdem beide uͤber ihre kleine Reiſe vollends einig waren, trennten ſie ſich fuͤr die Nacht, und Hermann legte ſich zu einem ruhigen Schlafe nieder, unendlich zufrieden mit dem Tage, deſſen Abend ihm eine ſo ſchoͤ⸗ ne Ueberraſchung bereitete. Nicht ſo der Major. Er wachte bis der Morgen an die Fenſter ſchimmerte. Es war in der Erzaͤh⸗ lung des Juͤnglings ſo mancher Stachel fuͤr ſein Herz, unruhig warf er ſich umher, ſei⸗ ne Bruſt ſchmerzte heftig, und eben erſt wa⸗ ren ihm die Augen zugefallen, als Heinrich an die Thuͤr klopfte, mit der Nachricht, es ſey Zeit aufzuſtehen. Hermann erſchrack, als ſie zum Fruͤhſtuͤck zuſammen kamen, vor dem kranken Ausſehen ſeines Freundes. Er betrachtete voll Kummer ſeine ſchoͤnen Zuͤge, ſeine dunkeln ausdrucksvollen Augen, und die Ahnung, dies edle Geſicht koͤnne in kur⸗ zen von der Hand des Todes entſtellt ſeyn, lockte Thraͤnen in ſein Auge, die er muͤhſam vor Alban verbarg. Das Wetter hatte ſich indeſſen voͤllig er⸗ heitert, und der ſchoͤnſte Morgen leuchtete den Reiſenden. Heinrich fuhr munter zu, und Hermann ſuchte in dem Schatz ſeines Gedaͤchtniſſes, und aus der Fuͤlle ſeines fro⸗ hen Gemuͤths alles hervor, um den truͤben Gefaͤhrten zu erheitern, was ihm auch nach und nach gelang. Luſtige Anekdoten, die er recht angenehm vorzutragen wußte, wur⸗ den endlich von Alban mit merkwuͤrdigen Begebenheiten aus ſeinen Feldzuͤgen umge⸗ tauſcht. Mitunter ſang Hermann, von der ſchoͤnen Gegend begeiſtert, Lieder zum Lobe der Freude und Natur, und ſeine reine volle Stimme ſprach Albans Herz wunderbar zur Ruhe. So kamen ſie, recht froͤhlich ge⸗ ſtimmt, auf dem Gute an, wo Jung und Alt, mit ungekuͤnſtelter Anhaͤnglichkeit dem Major entgegen eilte, und jedes ihm etwas zu ſagen, von ihm etwas zu hoffen hatte. Er zauderte denn auch nicht, ſogleich alle an⸗- zuhören, und Heinrich, dem der freundliche Hermann ſchon auf dem Wege recht lieb und vertraut geworden war, ergoß ſich, waͤhrend er ihm ein Zimmer anwies, und dort ſein Gepaͤck ordnen half, im Lobe ſeines Herrn. Es iſt unglaublich, ſagte Heinrich, was die Gegend und jeder einzelne Menſch dem Herrn Major in ſo kurzer Zeit ſchon ver⸗ 7 83 zankt. Er waͤre faͤhig, Vermoͤgen, Ruhe und Geſundheit, alles, was er beſitzt, auf⸗ zuopfern, wenn es darauf ankommt, zu hel⸗ fen und Gutes zu thun. Wenn man etwas an ihm tadeln koͤnnte, ſo waͤre es nur, daß er auf ſich ſelbſt niemals denkt. Er iſt doch krank, und weiß Gott, oft kraͤnker, als man glaubt. Ich kenne ihn, mir ſoll er nichts verbergen, ich ſehe es oft, wie er leidet. Aber gibt es etwas zu thun, da iſt er immer der Erſte, und er hat ſchon manche Nacht durchwacht, um fuͤr Andre zu arbeiten. Es iſt ein Jammer, daß ein ſolcher Herr, der ſo engelgut iſt, und alles Gluͤck auf der „Welt verdiente, Niemand haben ſoll, der fuͤr ihn ſorgt, als einen alten, treuen Be⸗ dienten! Schaͤtze er ſeine Sorge nicht gering, Heinrich, erwiederte Hermann, ſie hat dem Major, wie er mir geſtern ſelbſt erzaͤhlte, das Leben erhalten. Das iſt meine groͤßte Freude, Herr Her⸗ mann, fuhr Heinrich fort, aber ich weiß, was ich ſage. Unſereins bleibt doch immer nur ein Dienſtbote, und es will ſich nicht ſchicken, dem Herrn zu rathen, oder wohl gar zu tadeln, was er thut. Wenn der F 2. Herr Major eine Frau haͤtte, die koͤnnte mehr thun. Und ich denke auch, dann wuͤr⸗ de er ſein Leben ſchon lieb gewinnen, und ſich ſelbſt huͤten, es muthwillig zu zerſtoͤren. Ja, wenn mich Gott das noch erlebeſt ließe! aber er will nichts davon hoͤren, glaubt nicht, daß ihn eine Frau aus Liebe heirathen wuͤrde, ſeines ſteifen Armes wegen, und haͤlt es gar fuͤr Unrecht, ein Maͤdchen, wie er ſpricht, als Krankenwaͤrterin an ſich zu feſ⸗ ſeln. Ueber ſolchen Grillen wird er alt werden, und zu ſpaͤt bereuen, daß er allein geblieben iſt, und das ſchmerzt mich, ſo oft ich ihn anſehe. Hermann ſchuͤttelte dem guten Heinrich die Hand und ging zum Major hinunter. Es war noch nicht ſpaͤt, ſie beſahen mit ein⸗ ander das Haus, die Wirthſchaftsgebaͤude, die Staͤlle, rathſchlagten uͤber Verbeſſerun⸗ gen, die theils ſchon angefangen, theils noch im Werke waren; gingen endlich ins Dorf, wo der Major eben den Bau einer neuen Schulwohnung beſchloſſen hatte, und hol⸗ ten nach der Zuruͤckkunft Reisblei und Pa⸗ pier herbei, um einen ſchicklichen Plan dazu zu entwerfen. So kam die Nacht unerwar⸗ tet herauf, und Alban umarmte ſeinen jun⸗ ——-— 85 gen Freund, mit der Verſicherung, daß ihm lange in dieſen einſamen Mauern keine ſo genußreiche Stunden geworden waͤren. In ſolchen Geſchaͤften, Unterhaltungen und Freuden gingen mehrere Wochen unge⸗ zaͤhlt hin, man wunderte ſich, wenn man auf ſie zuruͤckblickte, und Hermann wollte nun an die Abreiſe denken, als der Major ihn eines Abends, da ſie noch bei vollen Glaͤfern an dem gedeckten Tiſch verweilten, folgendermaßen anredete: Ich haben Ihnen einen Vorſchlag zu thun, lieber Hermann, den ich genugſam gepruͤft habe, und ihn nun aus der Stille des Herzens hervortreten laſſe, um Ihre Meinung daruͤber zu hoͤren. Sie muͤſſen es bemerkt haben, wie heiter und zufrieden Ihre Anweſenheit mich machte, wie wohl es mir that, ein Weſen um mich zu haben, das meine Freuden theilte, meinen Planen ein aufmerkſames Gehoͤr ſchenkte, und gleichſam den halben Gedanken, der in mir aufwachte, verſtand, und vollendete. Natuͤrlich dachte ich mit Kummer daran, dies Gluͤck wieder zu verlieren, und ein Mit⸗ tel fiel mir ein, es mir fuͤr lange, vielleicht fuͤr die ganze Zeit meines Lebens zu erhal⸗ ten. Ich brauche einen Gerichtshalter. 86 Der Gehalt iſt zwar nicht groß, doch Sie werden mir in mehrern Zweigen meiner Ge⸗ ſchaͤfte beiſtehen, und ich werde daher Ihre Einkuͤnfte ſo vermehren, daß Sie anſtaͤndig leben, und ſich mit einer Familie ohne Sor⸗ gen erhalten koͤnnen. Die Wohnung iſt der meinigen nahe, ein freundliches beque⸗ mes Haus, dem wir ein huͤbſches Stuͤck Garten zufuͤgen wollen. Unſere Gegend kennen Sie genugſam, ſie hat alles, was ein zufriedenes Herz erfreuen und beleben kann. Die Menſchen, unter denen Sie le⸗ ben werden, ſind treuherzig, gut und gluͤck⸗ lich. Fuͤhren Sie das Maͤdchen Ihrer Wahl hieher, werden Sie ein gluͤcklicher Gatte, und einſt Vater bluͤhender Kinder. Mich laſſen Sie Theil nehmen an ihrem Wohl, dulden mich freundlich in ihrem Kreiſe, und verſchoͤnern den fruͤhen Abend meines Lebens, durch Ihre Freundſchaft. Sie ſehen, ich habe jetzt, ohne es zu wiſſen, ſchon geſprochen, als waͤre die Sache be⸗ ſchloſſen. Doch will ich nicht etwa Ihr Ja durch meine Wuͤnſche zu zeitig erpreſen.— Reiſen Sie jetzt, uͤberlegen Sie alles, reden Sie mit Ihrer wuͤrdigen Mutter, ihr ge⸗ buͤhrt es, Ihre Entſcheidung zu leiten. — 2— Hermann war zu froh uͤberraſcht, um ſogleich antworten zu koͤnnen. Er druͤckte den Major an ſeine Bruſt, und war keines Wortes maͤchtig. Lachende Bilder einer ſchoͤnen Zukunft umſchwebten ihn. Er, noch ſo weit entfernt von der Hoffnung einer ſichern buͤrgerlichen Exiſtenz, ſahe jetzt ganz nahe die Moͤglichkeit, alle Wuͤnſche ſeines Herzens zu befriedigen, und es bedurfte kei⸗ ner langen Ueberlegung, um ihn zur Annah⸗ me dieſes Vorſchlags zu beſtimmen. Seine Reiſe in die Heimath ſollte nun in wenig Tagen vor ſich gehen, und da er ſchon lan⸗ ge den Wunſch geaͤußert hatte, die nahe Burg Keiebſtein zu beſuchen, ſo ward be⸗ ſchloſſen, daß der Major ihn bis dahin be⸗ gleiten, und dann erſt ſich von ihm trennen wollte. Golden malte die Sonne Feld, Wieſe und Gebuͤſch, als unſere Freunde den verab⸗ redeten Weg antraten. Sie freuten ſich der heitern Ferne, des freundlichen, blauen Himmels, und Hermann war entzuͤckt, da er zuerſt die ehrwuͤrdigen Thuͤrme des alter⸗ thuͤmlichen Schloſſes erblickte, wohin ſie ge⸗ dachten. Seinen Lippen entſtroͤmte unwill⸗ kuͤhrlich Mathiſons Elegie, und die Schat⸗ 9 88 ten der Ritter und Knappen, der zarten Fraͤulein und ſittigen Hausmuͤtter, die ſchon als Kind oft ſeine Phantaſie beſchaͤftigten, waren ihm gegenwaͤrtiger in der Naͤhe die⸗ ſer erhabenen Reſte des grauen Mittelalters. Er verſenkte ſich recht abſichtlich in ſolche Traͤume, wollte ganz den Raum vergeſſen, der zwiſchen jetzt und vormals ſich dehnte, und erſtieg in ſtummer Ruͤhrung den Felſen, auf dem Kriebſtein ſich uͤber die Gegend er⸗ hebt. Eben ſo ſtill betrat er die toͤnenden Hallen der Burg, durchſtrich die Zimmer und weiten Saͤle, ſpaͤhete nach jedem Zeu⸗ gen vergangener Tage, lehnte ſich in die tief⸗ gewoͤlbten Fenſter, und gedachte der Gefuͤh⸗ le, mit welchen hier einſt Menſchen gelebt und gehandelt hatten, der Gedanken, Wuͤn⸗ ſche und Traͤume, mit welchen ſie, wie er jetzt, hinab in den ſchaͤumenden Fluß ſchau⸗ ten. Welch ein Bild des Lebens! rief er aus, wie raſtlos waͤlzt der Strom ſeine Wellen, und jetzt, wie vor Jahrhunderten, folgt eine der andern, verdraͤngt eine die an⸗ dere. Aber nie kehrt die erſte zuruͤck, die hinabfloß in ein weites Grab. So bluͤht eine Generation auf uͤber der Aſche der fruͤhern, und veerſchwindet 39 nach kurzer Blüthe ohne Spur, wie ſie! Empfindungen dieſer Art, die jedes leicht bewegliche Gemuͤth einmal mehr oder weni⸗ ger deutlich gefuͤhlt hat, gaben Hermanns Stimmung eine feierliche, ernſte Richtung; ſo verließ er die Burg, und es war ihm gar nicht erfreulich, als er vernahm, in der Laube, wo ſein Freund ihm den Genuß ei⸗ ner weiten, herrlichen Ausſicht verſprach, waͤre ſchon eine andere kleine Geſellſchaft beim Fruͤhſtuͤck verſammelt. Er noͤherte ſich zoͤgernd, ja er hoͤrte mit Unluſt das Geraͤuſch mehrerer Stimmen in lachender Froͤhlichkeit. Aber wie uͤberraſcht war er, da ihm ſogleich bei der erſten Begruͤßung ein alter Bekann⸗ ter, der Kammerrath Horn, entgegen trat. Kaum konnte er auf die Fragen dieſes geach⸗ teten Freundes ſchicklich antworten, weil ſei⸗ ne Blicke im Zirkel umher flogen, wo er denn auch bald ſeine Antonie erblickte, die ihn ebenfalls zu erkennen ſchien, und errͤ⸗ thend nach ihm hinſah. Wie verſchoͤnert fand r ſie, welches Entzuͤcken fuͤhlte er bei dem Gedanken, ſich ihr nun naͤhern, ihr ſeine Liebe geſtehen zu duͤrfen! Dieſe Be⸗ gegnung duͤnkte ihm ein Pfand des Himmels⸗ daß alles wohl gelingen werde. Er ſah ſich nach ſeinem Freunde um, der mit dem Ba⸗ ron Rehfeld, einem Gutsbeſitzer aus ſeiner Nachbarſchaft, geſprochen hatte, und ſich eben wieder zu Hermann wandte.— Eine neue Ueberraſchung! es fand ſich, daß auch der Major dem Kammerrath nicht unbekannt war, denn dieſer war es, der ihm vor etwa fuͤnf Wochen im Hohlwege begegnete, wo beide augenblicklich jene Zuneigung fuͤr ein⸗ ander faßten, die uns oft mit ganz fremden Menſchen unglaublich ſchnell verbindet. Die Hornſche Familie hielt ſich jetzt einige Tage bei dem Baron auf, und hatte heute in Ge⸗ ſellſchaft ihres Wirths und mehrerer Damen dieſe Partie gemacht. Umſonſt muſterte Alban indeſſen, nach den erſten Complimen⸗ ten, die Maͤdchen und Frauen, er ſah keine Geſtalt darunter, die ihm ſo ſchoͤn duͤnkte, als die der Berſchleierten, und wenn ſie mit in der Geſellſchaft war, ſo hatte ihm unfehl⸗ bar ſeine aufgeregte Phantaſie damals einen Sctrreich geſpielt, und ihr den Reiz verſchwen⸗ deriſch geliehen, der ihm gerade ſo lebendig vorſchwebte.— Der froͤhliche Ton des kleinen Zirkels, ſtatt von den fremden An⸗ koͤmmlingen geſtoͤrt zu werden, war durch 2 — — .— — — 91 die Erkennung mehrerer Bekannten nur noch erhoͤht worden. Hermann wußte es geſchickt genug zu machen, daß er in die Naͤhe Antoniens kam, der Major hatte ſich zum Kammerrath geſetzt, der ihn mit vielem Intereſſe betrachtete, und einige Fragen nach der Dauer ſeiner militairiſchen Laufbahn an ihn richtete. Die himmliſch ſchoͤne Gegend, die vor ihnen ausgebreitet lag, das bluͤhende Thal, die rauſchende Zſchopau, das ehrwuͤr⸗ dige Kriebſtein, ihm gegenuͤber Ehrenbergs Thuͤrme, die waldumkraͤnzten Doͤrfer nah und fern, alles begeiſterte und erfreute die Geſellſchaft, und man geſtand allgemein, lange keinen ſo herrlichen Morgen gelebt zu haben. Schade, ſagte Antonie, daß man nur ſo wenig von den Bewohnern dieſer Mauern weiß, daß ſie nicht erzaͤhlen koͤnnen, was ſie alles von ihrer Hoͤhe herab ſahen, was ſich alles in ihnen begab, und welcher guten, ſchoͤnen und großen Thaten Zeuge ſie waren. Ich ſehe nie ſolch einen alten Thurm an, oh⸗ ne dieſen Wunſch zu empfinden, denn von fruͤheſter Kindheit beſeelte mich die Vorliebe fuͤr das Alterthum, und immer hoͤrt' ich gar zu gern erzaͤhlen, wie es ehedem hier und dort ganz anders war, hier ein Kloſter, da eine Kirche ſtand. Ich konnte dann den Ueberreſt eines Kreuzganges, oder ein im Winkel eines Hofes ſtehendes ſteinernes Bild mit wahrhaftem Entzuͤcken anſehen, und ein ſchauerliches Vergnuͤgen in den Gedanken finden, die mich dabei ergriffen. 5 Dieſer Trieb, glaube ich faſt, iſt den meiſten Menſchen angeboren, entgegnete Her⸗ mann, wenigſtens lebt er eben ſo in mir, und ich geſtehe, es hat mein Vergnuͤgen an die⸗ ſer Wanderung ſehr erhoͤht, daß ich mich gerade einer Bewohnerin dieſer Burg er⸗ innerte, von der uns die Geſchichte, oder die Sage— wie Sie wollen— etwas auf⸗ behalten hat. O! erzaͤhlen Sie uns was Sie wiſſen, riefen die Damen einſtimmig aus, und An⸗ toniens Augen baten ſo dringend, daß Her⸗ mann mit Freuden gewaͤhrte, und ſich nur die Erlaubniß der Herren vorbehielt. Sie traten den Frauen bei, man nahm Hermann in die Mitte, ſetzte ſich dem Schloſſe gerade gegenuͤber und der Erzaͤhler begann. Dietrich von Baͤrenwalde, ſo hieß der Erbauer von Kriebſtein, bezog ſeine ſtolzen, trotzigen Mauern, an denen er mit Luſt und 3 93 Freude gebaut hatte, truͤbe und lebensmuͤde. Sechs Jahre mochten es ſeyn, da er zuerſt den Gedanken faßte, ſich auf dieſem Felſen anzuſiedeln; damals war ſein Herz noch voll freudiger Hoffnung, er ſah den Bau ſich he⸗ ben, die Zimmer und Saͤle ſich woͤlben, die hohen Thuͤrme zu Schutz und Trutz empor⸗ ſteigen, und gedachte dabei der ſchoͤnen Stunden, die er hier im Arm der Liebe zu leben vermeinte. Ein edles deutſches Maͤd⸗ ſchen war ihm waͤhrend der erſten Jahre des Baues verlobt, ſie war ſeine erſte und ein⸗ zige Liebe, und ihm mit jener Treue zuge⸗ than, deren Lob noch jetzt in dem Munde der Saͤnger lebt, und ein Nachhall aus grauer Vorwelt zu uns heruͤber weht. Mechtild war ſchoͤn, eine holde Blume in der Stille erbluͤht, nicht Dietrich allein kannte ſie, ob ſie ſchon nur fuͤr ihn bluͤhte. In der Naͤhe ihrer vaͤterlichen Burg, wo ſie als Waiſe lebte, wohnte ein rauher, wilder Ritter, Staupitz von Reichenſtein genannt. Krieg und Jagd war ſein Geſchaͤft, er kann⸗ te nicht die Ruhe, nicht die Liebe, bis er Mechtild erblickte, und ein Gefuͤhl in ihm erwachte, dem er dieſen Namen gab, das aber ganz die Farbe ſeines rohen, heftigen Gemuͤths trug. Von der Jagd zuruͤckkeh⸗ rend, war er dem Fraͤulein begegnet; ſie hatte, wie ſie zuweilen pflegte, eine bejahrte Nonne in einem nahen Kloſter beſucht, und verabſchiedete eben am Ende des Waldes die ihr zur Begleitung zugeſellten Kloſterknechte. Im dichten Gebuͤſche verborgen, betrachtete ſie Staupitz, und ein nie gekanntes Feuer ergriff ihn. Ihr himmliſches, reines Ge⸗ ſicht war von langen, goldenen Locken um⸗ floſſen, die ringelnd auf das dunkle Gewand niederfielen. Ihre großen blauen Augen, halb bedeckt von langen Wimpern, ſprachen ſtille Demuth und Ruhe aus. Stolz ſchien ihr ſchlankes Roß ſeine ſchoͤne Laſt zu tra⸗ gen. Des Ritters Blicke, feſt auf ihr ge⸗ wurzelt, verließen ſie nicht eher, bis ein Huͤ⸗ gel ihnen ihr Ziel entzog. Lange ſtand er dann wie betaͤubt, und ſeine erſten Worte waren ein rauher, unheiliger Schwur, er wolle beſitzen, was ihn ſo wunderbar ent⸗ zuͤckt habe. Noch heftiger, noch leichter in Zorn auflodernd, betrat er dieſen Abend ſei⸗ ne Burg, denn nur wahre Liebe veredelt, waͤhrend die wilde Flamme raſender Leiden⸗ ſchaft das Herz verhaͤrtet, in dem ſie gluͤht. Bald wußte Staupitz durch ſeine ausgeſand⸗ 95 ten Kundſchafter Mechtilds Namen und Stand, und er eilte, durch eine ſchnelle, unvorbereitete Werbung, ſeine Wuͤnſche zu befriedigen. Allein je weniger er es erwar⸗ tet hatte, je weniger er gewohnt war, zu⸗ ruͤckgewieſen zu werden und ſeine Wuͤnſche unerfuͤllt zu ſehen, deſto ſchrecklicher traf ihn Mechtildens entſcheidendes Nein. Er wuͤ⸗ thete, er ſchwur, er nannte ihre Zuruͤckwei⸗ ſung Schimpf und Hohn, und ſetzte ſein Leben, oder das ihre, zum Pfande der Ra⸗ che. Tage lang lag er nun mit ſeinen Rei⸗ ſigen im Walde auf dem Wege zum Kloſter, Mechtildens Schritten auflauernd, um durch Gewaltthat zu erringen, was ihm die freie Gunſt der Liebe verſagte. O Dietrich, wo warſt du damals, als die Taube dem Geyer zur Beute ward? ſagte dir kein warnender Engel, daß ein Raͤuber dir deines Lebens Schmuck und Zier entwandte? Du kaͤmpfteſt fuͤr Freun⸗ desrechte, dachteſt den Lorbeer zu den Fuͤßen deines Maͤdchens niederzulegen, und ſie war dir auf ewig entriſſen! Die ungluͤckliche Mechtild fiel an einem duͤſtern Abend, wo ſie ſpaͤter als gewoͤhnlich aus dem Kloſter zuruͤckkehrte, in Reichen⸗ 96 ſteins Haͤnde. Die Kloſterknechte flohen, und einige treue Diener, welche ihrer Dame heute auf halbem Wege entgegenkamen, uͤberwaͤltigte des Ritters Uebermacht. Ohn⸗ maͤchtig kam ſie auf ſeiner Burg an, wo noch in der naͤmlichen Nacht ein erkaufter Prieſter das unſeligſte Eheband knuͤpfte. Mechtilds Hoffnung war der Tod. Sie fuͤhlte, wie Schrecken, Angſt und Verzweif⸗ lung ihre Kraͤfte laͤhmten, wie ein heimliches Weh durch ihre Adern zog, und hielt mit Entzuͤcken den Gedanken feſt, der in jugend⸗ lichen Herzen ſo gern Wurzel ſchlaͤgt, das Leben werde dem Schmerze nicht widerſte⸗ hen.— Die zarte Blume, von der rau⸗ hen Hand des Sturmwindes gefaßt, ſenkte ihr Haupt. Fiebertraͤume traten an die Stelle hoffnungsloſen Grams, mitleidig ſchien der Tod ihre Feſſeln loͤſen zu wollen. Ungeruͤhrt ſah ihr harter Gemahl ſie hinwel⸗ ken. Begierde hatte ihn entflammt, Wi⸗ derſtand ſeinen ungezaͤhmten Sinn gereizt; der Beſitz kuͤhlte ihn ab, das Errungene war ihm nicht mehr werth. Andere Ge⸗ danken beſchaͤftigten jetzt ſeine Seele, Mech⸗ tilds Raub blieb nicht ungeahndet. Eine blutige Fehde mit Dietrich von Baͤrenwalde war 97 war die Folge dieſer Gewaltthat, und nur ſelten ſah Staupitz jetzt ſeine Burg. Mechtilde waͤre ungepflegt hinuͤberge⸗ ſchlummert, haͤtten nicht zwei Engel an ih⸗ rem Lager Wache gehalten. Des Ritters alte Mutter lebte ſtill im Schloß. Sie war eine reine, fromme Seele, die des Sohnes wilder Sinn oft tief verletzte, und nichts gleicht ihrer Freude, als ſie erkundete, er werbe um ein edles Fraͤulein, denn ihr war bewußt, was eine ſchoͤne und geliebte Hausfrau uͤber ihren Herrn vermag. Seit langer Zeit, zum erſten Mal froͤhlich beſchaͤf⸗ tigt, bereitete ſich manches im Stillen fuͤr die neue Tochter, und ahnete nicht, wie dieſe Ungluͤckliche in ihre Arme kommen ſoll⸗ te. Haͤtte Mechtild fuͤr etwas anders als ihren Schmerz Empfindung gehabt, ſie wuͤr⸗ de in den Augen der ſanften Matrone, die ihr liebende Arme entgegenſtreckte, das gleichgeſtimmte Gemuͤth entdeckt haben, doch erſt ſpaͤter ward ihr dieſer Troſt, als jeder andere, auch der des rettenden Todes ſchwand. Frau Annens Pflege, und die Kunſt des Bruders Baſilides, ihres Beichti⸗ gers, fuͤhrte Mechtild ins Leben zuruͤck, Ba⸗ ſilides Lehren machten ſie muthig, es zu tra⸗ G Mechtild, was ihr des Gemahls bitterer — 2* gen. Nie verleß ſie dieſer ehrwuͤrdige Alte, ohne ihre wankenden Kraͤfte geſtaͤrkt, ihre Seele erhoben zu haben, und wenn ſie noch oft mit heißen Thraͤnen an Frau Annens muͤtterliche Bruſt ſank, ſo waren es nicht mehr Zeugen hoffnungsloſer Verzweiflung, die ihrem Auge entfloſſen; ſie weinte ſie der heiligen Erinnerung, der ſchoͤneren Hoffnung auf ein Jenſeits, das troͤſtende Strahlen in ihr duͤſteres Daſeyn herab ſandte. Indeß Mechtild langſam genas, und nur im Umgange der Mutter die ſchleichende Zeit abſpann, kaͤmpfte Dietrich fuͤr die Ra⸗ che. Er hatte nun Kriebſtein einſam bezo⸗ gen, aber der gluͤhende Haß gegen ſeinen Feind wohnte mit ihm dort. Jahre lang ſchon waͤhrte die Fehde, mit abwechſelndem Gluͤck; oft ſah die bleiche, zitternde Mech⸗ tild von ihrem Soͤller die Fahnen des Ge⸗ liebten wehen, und ſtrafte ſich uͤber die Wuͤnſche fuͤr ihn, weil ſie Suͤnde gegen den Gemahl waren. Da ſiegte endlich Bosheit und Hinterliſt, Kriebſtein kam in Reichen⸗ ſteins Gewalt und Dietrich ward ſein Ge⸗ fangener. Ein feſtes Gefaͤngniß nahm den Ueberwundenen auf, und mit Entſetzen hoͤrte 99 Hohn ſelbſt kund machte. Schon war ihr Herz unheilbar verwundet, denn ſeit wenig Tagen lag Frau Anna ohne Hoffnung dar⸗ nieder, und die letzte Stuͤtze ihres Lebens drohte zu brechen. In tiefer Mitternacht, als Anna ruhig ſchlummerte, reiften in Mechtildens Bruſt kuͤhne Gedanken zu Dietrichs Rettung, mit denen ſie ſich dieſen langen Tag beſchaͤftigt hatte. Ihr Herr war auf Dietrichs geraub⸗ ter Veſte, und der Kerkermeiſter nicht un⸗ empfindlich fuͤr den Glanz des Goldes. Schon manchmal hatte Mechtild in den Jah⸗ ren, die ſie hier durchweinte, mit ihren Schaͤtzen Elend zu lindern gewußt, jetzt nahm ſie zuſammen was ſie beſaß an Gold und edeln Steinen, und ſchlich ſich die Win⸗ delſteigen hinab bis zu der Kammer des al⸗ ten Kurt, der ſie oft ſchon in gleicher Abſicht kommen ſah. Er erblickte das Kaͤſtchen mit blitzenden Steinen, den Beutel in ihrer Hand, und kaum bedurfte es noch der ſuͤßen Worte, mit welchen ſie ihr Geſuch unter⸗ ſtuͤtzte. Sein Gluͤck war gegruͤndet, wenn er ihren Willen that, er haßte ſeinen Herrn, und hatte Mitleid mit dem Gefangenen. So war er in wenig Minuten entſchloſſen, mit G 2 100 Dietrich zu fliehen, und zitternd ließ ſich Mechtild die Thuͤr des duͤſtern Kerkers auf⸗ thun, um des geliebten Ritters Widerſtand zu bekaͤmpfen. Dietrich oͤffnete die geſchloſ⸗ ſenen Augen, als er die feſten Schloͤſſer raſ⸗ ſeln hoͤrte— da ſtand ſie vor ihm, die liebe liche Geſtalt ſeiner Traͤume, von der matten Leuchte angeſtrahlt, im leichten ungeſchmuͤck⸗ ten Gewande, ſtumm im Uebermaß der Ge⸗ fuͤhle, wie eine naͤchtliche Geiſtergeſtalt an⸗ zuſchauen. Die ſchwere Thuͤr ſiel hinter ihr zu, ſie waren allein.— Mechtild! rief Dietrich ſchmerzlich aus; ſie nahete ſich, und kniete neben ihm nieder, ihre Thraͤnen fielen brennend auf ſeine gefeſſelten Haͤnde. Du biſt frei, ſagte ſie leiſe, mit bebender Stim⸗ me, nimm deine Freiheit aus Mechtilds Haͤn⸗ den, fuͤr mich verlorſt Du ſie.— Frei? erwiederte Dietrich, ich frei, und Mechtild bei mir? o ſo haͤtte ich ja al⸗ les Geraubte zuruͤck, waͤre wieder gluͤcklich wie vormals!— Laß uns fliehen, aber vereint. Du biſt mein, und nichts ſoll mir mein theures Eigenthum wieder entreißen. Mechtild, wenn Du mich liebſt, wirſt Du Dich nicht von mir trennen wollen. 101 Mechtilds Thraͤnen ſtroͤmten heftiger, ihre bebenden Haͤnde faßten die Seinen, ihr Haupt lag an ſeiner Bruſt. Lange ruhte ſie ſo, ſtumm und ſelig, denn hier war ihr Platz, und dieſer Kerker, in ſeinen Armen, was haͤtte ihm an Anmuth gefehlt. Doch ſie mußte das Schweichen brechen, das noch eine ſuͤße Taͤuſchung erhielt. Nein, Diet⸗ rich, ich bin nicht mehr Dein, ſagte ſie, und in ihren ſanften Augen glaͤnzte ein reines Feuer. Ein von Gott geheiligtes Band kettet mich an den Gemahl, wollteſt Du, daß ich es braͤche? Sieh, ich glaubte einſt auf meinem ebnen Lebenswege mich Deiner Leitung zu freuen, verſage ſie mir nicht in dieſer ſchweren Stunde, und ſtaͤrke mich, die Pflicht zu erfuͤllen, ſtatt mich von ihrem We⸗ ge abzulocken. Und verdient er, der Raͤuber, Dei⸗ ne Treue, Mechtild? fragte Dietrich ſtuͤr⸗ miſch. 11 Wo nicht er, doch die Tugend! ſie empfange mein Opfer, das Schwerſte, das ich Schwache bringen kann. Fliehe Diet⸗ rich! mich laß zuruͤckgehen, wo eine fromme Pflicht mich erwartet. Aus deinen Armen trete ich an das Sterbelager einer reinen 102 Seele, goͤnne mir den Troſt, einſt ſchuldlos wie ſie hinuͤber zu ſchlummern. Dietrich reichte ihr ſtill die Hand, ſie umfaßte ihn mit dem Gefuͤhl ewiger Tren⸗ nung. Lebe wohl, rief er mit zerreißenden Toͤnen, Du Engel, den ich nicht beſitzen ſoll⸗ te! Deine Tugend gebe dir Frieden.—— Die Schloͤſſer raſſelten, Mechtild riß ſich ſchluchzend los, noch einmal traf ihn ihr holder Blick, dann wankte ſie nach der Thuͤr, die Treppe hinan. Die Thurmuhr ſchlug eins. Noch ſchlummerte Frau Anna, auch die Dirne zu ihren Fuͤßen. Mechtild oͤffnete das Fenſter, ein friſcher Nachtwind wehte ſie an. Sie hoͤrte das kleine Pfoͤrtchen des Thurmes knarren, ſie ſahe die Geſtalten der naͤchtlichen Wanderer hervorgehen, und ihr Segen folgte dem Geliebten. Am andern Morgen war Frau Anna nicht mehr, und Reichenſteins graͤnzenloſe Wuth, als er Dietrichs Flucht vernahm, ſchwieg doch auf einen Augenblick neben ih⸗ rer Leiche. Er wagte es kaum den Verdacht auszuſprechen, den er gegen Mechtild hatte, da er ſie zuerſt an dieſer Stelle wiederfand. Der Schauer der Vergaͤnglichkeit faßte ihn an, er neidete Mechtilds unerſchuͤtterte Her⸗ 103 zensſtille, und eilte hinweg, den beengenden Eindruck in Geraͤuſch und Wein zu ertraͤn⸗ ken. Geſchaͤfte gab es jetzt genug fuͤr ihn, es war nicht unwahrſcheinlich, daß ein Maͤchtiger ſich ruͤſte, Kriebſteins Raub zu raͤchen. Dietrich war entflohen, er konnte die Rache befluͤgeln, und ſo hielt Staupitz fuͤr rathſam, ſich auf Kriebſtein feſt zu ſez⸗ zen, und von ſeinen Felſen herab die Gefahr zu verlachen. Er wußte, daß dieſer Ort faſt unerſteiglich war, und von ihm ſelbſt nur durch Verrath gewonnen ward, hier hoffte er ſicher zu ſeyn. Mechtild erhielt den Befehl ihm zu folgen, und o! mit wel⸗ chen Gefuͤhlen betrat ſie die Burg Kriebſtein, die Wohnung ihres Geliebten. Hier war jeder Ort ihr heilig, jeder Blick ins Thal zeigte ihr ſein Bild. Noch hingen die Waf⸗ fen ſeiner Ahnen, und die Seinen im Waf⸗ fenſaale, noch fand ſie manches heilige An⸗ denken von ihm. Dort jene Fenſter— ſo traͤume ich mir— waren die ihrigen, und wie oft moͤgen ihre truͤben Blicke von da hinans in die Ferne geſchweift, wie oft auf eben den Gegenſtaͤnden geweilt haben, die uns jetzt anziehen!— Sie war nun ganz einſam. Frau Annens Tod hatte ſie 104 verwaiſt, Bruder Baſilides durfte ſie nur verſtohlen ſehen, und immer naͤher rückte ihr Gefahr und Verderben. G Friedrich der Streitbare, Herzog von Sachſen und Landgraf von Thuͤringen, zog gegen Kriebſtein, es dem Naͤuber zu entreiſ⸗ ſen. Dietrich war mit ſeinem Heere, die Burg ward umzingelt, doch Staupitz lachte darob, und meinte: der Adler werde ſich nicht verjagen laſſen aus ſeinem hochgebau⸗ ten Neſte. Er jubelte und ſchwaͤrmte auf der Burg, zum Hohn der Belagerer, waͤh⸗ rend Mechtild betete und in einſamer Kam⸗ mer ihre Thraͤnen weinte. So verging ei⸗ ne lange Zeit, bis das Gluͤck endlich den Streitern im Thale beitrat, und Reichen⸗ ſtein zu ſpotten aufhoͤrte. Blieb gleich die Burg unerſtiegen, und trotzte ſchon man⸗ chem Sturme, ſo begann es doch nun an Lebensmitteln zu gebrechen, da die Feinde vor kurzem Mittel gefunden hatten, einen geheimen Weg abzuſchneiden, durch den Staupitz bisher ſeine Vorraͤthe ergänzte. Der Hunger nahte nun langſam, aber un⸗ vermeidlich, der Beſatzung, und der Land⸗ graf, dem die Noth bewußt war, ließ Rei⸗ chenſtein anmahnen, ſich ihm zu ergeben, 105 weil er noch Gnade zu hoffen habe. Aber vergebens riethen ſeine vertrauten Diener, vergebens lag die flehende Mechtild zu ſei⸗ nen Fuͤßen. Er erwiederte trotzig, daß er wohl zu ſterben, aber nicht ſich zu ergeben wiſſe, und mit dem Grauen des Morgens begann ein Sturm, der um ſo gefaͤhrlicher war, da die Beſatzung murrte und laut ge⸗ nug von Uebergabe ſprach. Fuͤrchterlich toͤnte das Geraͤuſch des Streites hinauf ins Ohr der bangen Mech⸗ tild. Blutroth ging die Sonne auf. Rei⸗ chenſtein ließ ſich wappnen, um ſich ſelbſt der Gefahr entgegen zu werfen. Im Gehen ſah er ſich noch einmal nach der bleichen, be⸗ benden Frau um, die es nicht wagte, ihn aufzuhalten. Was zagt Ihr? Mechtild, ſagte er rauh und kalt— unten ſteht Euer Buhle, wenn er ſiegt, ſo iſt ja Euer Schick⸗ ſal geſichert. Euch die Liebe, mir ein ehrli⸗ cher Tod, ſo mag das Loos fallen!— O, mein Herr, rief Mechtild aus, und ſtuͤrzte vor ihm nieder, Ihr verkennt mich. Nicht fuͤr mich zage ich, ich ſorge um Euch. Ihr kaͤmpft einen ungerechten Kampf, das Ende wird blutig ſeyn, und ohne Suͤhne werdet Ihr die Welt verlaſſen. Ergebt 106 Euch, flehet um Gnade, laßt uns ohne Ha⸗ be von hier gehen, nur rettet Euer Leben und Eure Seele! Staupitz ſah ſie einen Augenblick lang an; ihre ſchoͤne Geſtalt, ihr reines, demu⸗ thiges Geſicht, ihre wallenden Locken, die ſeine Fuͤße beruͤhrten, fuͤhrten ihm den er⸗ ſten Zauber ihrer Schoͤnheit zuruͤck. Doch er erwehrte ſich der Weichheit, die ihn uͤber⸗ kommen wollte, hob ſie unſanft vom Boden auf und eilte hinaus zu ſeinen Streitern. Mechtild aber begab ſich in die Kapelle, den Ausgang, den ihre fuͤrchtende Seele ahnte, im ſtillen Gebet zu erwarten. Ich weiß die Zeit nicht, die der Kampf gedauert haben mochte, eben ſo wenig hatte Mechtild in ihrer Angſt ſie gemeſſen, als ein Bote ihr zu melden kam, der Ritter ſey von einem Steinwurf ſchwerlich verwundet, ſo eben in ſein Gemach getragen worden, drauſ⸗ ſen aber ſtehe es uͤbel, und nicht lange mehr werde ſich die Veſte nach dieſem Unfalle ver⸗ theidigen. Wirklich empfing Mechtild wil⸗ des Geſchrei, als ſie mit eilenden Schritten hinauf kam, und ehe ſie noch Zeit hatte, ih⸗ ren Gemahl zu ſehen, erſchien ſchon ein Ab⸗ geſchickter des Landgrafen an ſie, der ihr 107 freien Abzug, noch vor Einzug der Sieger, mit allem was ſie mit ſich nehmen koͤnne, zuſagte. Der Abgeſandte ermahnte ſie ehr⸗ eebietig, dieſe gnaͤdige Erlaubniß zu nutzen, und nicht aus uͤbertriebener Großmuth bei ihrem Gemahle zu verbleiben, an deſſen Ue⸗ belthaten ſie ſchuldlos ſey, und der nach ſo abſichtlicher Widerſetzung nicht auf ein ge⸗ lindes Urtheil rechnen duͤrfe. Maechtild war betaͤubt, und vermochte nicht zu antworten, ihr ſchwindelte, ſie ſank auf einen Seſſel nieder. Als ſie ſich erholte, war der Ritter fort, und ſein Auftrag trat wie aus einem Nebel vor ihre Seele. Einige Minuten blieb ſie ſchweigend, dann erhob ſie ihre Haͤnde zum Himmel, und himmliſche Verklaͤrung glaͤnzte in ihrem Geſichte. Ge⸗ ſtaͤrkt ſtand ſie auf, um nach dem Verwunde⸗ ten zu ſehen. Der Steinwurf hatte ihm ein Bein zerſchmettert, ſie fand ihn unter den Haͤnden eines Moͤnchs, der mit Unwillen ſeine Kunſt anwandte, denn Reichenſtein war ein Veraͤchter der Kloſterleute, die ihn darum unverſoͤhnlich haßten. Freundlich troͤſtend nahte ſich Mechtild, doch Staupitz ſtarrte duͤſter vor ſich hin, und ermahnte ſie, zu gehen, die Enade des Landgrafen nicht ’ 108 zu verſcherzen. Schweigend war Mechtild dem Arzte behuͤlflich, und ihre ſanfte Hand wußte alles ſchonender zu vollbringen. Der Moͤnch uͤberließ ihr endlich ſein Geſchaͤft al⸗ lein, und ging murrend zur Thuͤr hinaus. Auch Mechtild ging, um einen Trank aus Wein und Kraͤutern zu bereiten, von dem ſie wußte, er fuͤhre ſanften Schlaf herbei. Als ſie wieder kam, und den Kranken freund⸗ lich zu trinken noͤthigte, ſah er ſie lange an, ihr war es, als laͤſe ſie Ruͤhrung in ſeinem Blicke, die er vergebens niederkaͤmpfen woll⸗ te. Laßt mich nun, Mechtild, ſagte er, ſich abwendend, ich will ſchlummern, und Ihr muͤßt gehen. Eure Liebe habe ich nicht ver⸗ dient, Eure Sorgfalt thut mir wehe, geht, und nehmt mit Euch, was Euer und was Euch lieb iſt. Das will ich, erwiederte Mechtild, und Gott wird weiter helfen. Schlummert nun, ich werde fuͤr Euch beten.— Der kleine Haufe, der nach Reichen⸗ ſteins Fall noch focht, legte bald die Waffen nieder, und nahm die Gnade des Ueberwin⸗ ders an, ohne Schwertſtreich ſiel die Beſte, und hinauf zogen die Sieger. Da trat Mech⸗ tild aus dem kleinen Pfoͤrtlein zur Seite, und 109 begehrte freien Abzug fuͤr ſich und ihre Buͤr⸗ de, wie ihr zugeſagt war. Mit wankenden Schritten, doch feſtem Muth und goͤttlichem Beiſtand, trug ſie den verwundeten Gemahl aus der Burg, und der Landgraf, dem man ſogleich die ſeltſame, ruͤhrende Maͤhr berich⸗ tete, wagte es nicht, ihr den Lohn ihrer edeln That zu beſtreiten. So ward Reichen⸗ ſtein gerettet, und die treue, heldenmuͤthige Mechtild bewahrte fuͤr ihr ganzes Leben das herrlichſte Bewußtſeyn. Ob ihr ſonſt noch ein Gluͤck bluͤhte, als dieſes hoͤchſte unver⸗ gaͤnglichſte, weiß ich nicht, denn hier ver⸗ liert ſich der Faden, dem ich durch die Daͤm⸗ merung nachging, in tiefe Nacht. Moͤg⸗ lich, daß Staupitz genaß, und durch Mech⸗ tids Edelmuth gebeſſert, ihr ihre Treue ver⸗ galt. Moͤglich, daß er ſtarb, und ſie in Dietrichs Armen ihrer fruͤhen Jugend Hoff⸗ nungen und Traͤume erfuͤllt ſoh! Doch ſcheint es, Dietrich kam nicht wieder in den Beſitz von Kriebſtein, und ſo fiel er vielleicht im Kampfe und ward von Mechiild in kloͤ⸗ ſterlicher Stille betrauert.—— Da Sie es der Phantaſie eines jeden uͤberlaſſen, Ihre Erzaͤhlung zu vollenden, ſagte eine der jungen Maͤdchen, ſo erlauben 110 Sie, daß ich die arme Mechtild mit ihrem erſten Geliebten vereinige. Lieber waͤre mir es freilich geweſen, Sie haͤtten der Wahr⸗ haftigkeit dies Mal weniger gehuldigt, aus eigner Macht und Gewalt den boͤſen Stau⸗ pitz ſterben und ſeine Wittwe gluͤcklich werden— laſſen, damit ich dies Ende auf Treu und Glauben fuͤr wahr annehmen koͤnnte. Laſſen wir es wie es iſt, unterbrach ſie eine blaſſe Frau— mir wenigſtens macht gerade dieſe Dunkelheit ihrer letzten Schick⸗ ſale das Ganze wahrſcheinlicher. Wenn ſich alles ſo ſchnurgerade aufloͤſt, und ſo recht nach den Wuͤnſchen der Helden und Leſer endet, ſo ſieht das am erſten einem Ro⸗ mane aͤhnlich, denn wie ſelten geht es in der Welt, wie wir es moͤchten. Ich kann mir Mechtild weit eher im Nonnenſchleier als mit dem Mirthenkranze denken. Anntonie ſagte nichts, ſie war gleich, wie Hermann ſchwieg, an den Rand des Felſen getreten, um nach den Fenſtern zu blicken, die er fuͤr Mechtilds Wohnung aus⸗ gab. Hermann folgte ihr, und ergriff den Augenblick, ſie ein Gefuͤhl ahnen zu laſſen, deſſen Erwiederung er in ihren Augen zu le⸗ ſen glaubte. 111 Die Maͤnner hatten indeſſen uͤber Frauenwerth im Allgemeinen manches ge⸗ ſprochen, und der Baron, der gern dann und wann im Scherz den Naͤdchen einen Fehdehandſchuh hinwarf, machte die Be⸗ merkung: es ſey eine Eigenheit der Weiber, nur da ſanft und hingebend zu ſeyn, wo maͤnnlicher Trotz und Starrſinn ihnen ent⸗ gegenſtaͤnde. Wer weiß, fuhr er fort, ob der gute, liebende, ſchmeichelnde Dietrich eine ſo gute Frau an Frau Mechtild gehabt haͤtte, als der herriſche Reichenſtein. Hier gehorchte ſie, dort haͤtte ſie vielleicht herr⸗ ſchen moͤgen, denn geherrſcht haben doch wohl auch die alten deutſchen Frauen, nicht wahr, meine Damen? Wenigſtens wuͤrden Sie alle ſonſt der Altdeutſchheit entſagen, die jetzt ſo ſehr an der Tagesordnung iſt. Ihre Bemerkung iſt wohl wieder einer Ihrer gewoͤhnlichen Scherze, lieber Baron, ſagte der Kammerrath Horn, Sie werden ſich die Damen noch alle zu Feinden machen. Allein im Ernſte iſt es doch ſeltſam, daß Frauenliebe und Treue ſo oft an Maͤnner verſchwendet wird, die beides am wenigſten verdienen. Der leichtſinnigſte, flatterhafte⸗ ſte Mann iſt ihrer Treue am ſicherſten, ihm 112 werden die groͤßten Opfer gebracht, waͤh⸗ rend ein Herz, das ſie wahrhaft und beſtaͤn⸗ dig liebt, ihnen in der Regel nur zum Triumph und zum Ball ihrer Laune dient. O, Herr Kammerrath! riefen hier die Maͤdchen im Chor, wer haͤtte das von Ih⸗ nen geglaubt! Daß der Baron ſo ſpricht, mag hingehen, aber Sie, und mit ſolchem Ernſte? Wie wollen Sie beſtehen, wenn es uns einſiele, auf Beweis Ihrer Anklage zu dringen. Ein Beiſpiel beweiſt freilich nicht viel, fuhr der Kammerrath fort, aber ich will we⸗ nigſtens meine Behauptung damit unterſtuͤz⸗ zen. Das Naͤdchen, von der ich ſprechen will, war weder leichtſinnig noch beſchraͤnkt, ſie war eine der edelſten ihres Geſchlechts, und rechtfertigt doch meinen Ausſpruch we⸗ nigſtens zur Haͤlfte. Wollen Sie mir zu⸗ hoͤren, ſo werden Sie finden, daß ich nicht zu viel ſage.— Allwine lebte mit ihrer Mutter in einem Staädtchen in Weſtphalen. Der Vater war ihr in fruͤher Kindheit abge⸗ ſtorben, und hatte nur ein kleines Kapital hinterlaſſen, wovon die Zinſen kaum hin- reichten, die Wittwe zu erhalten. Dennoch fehlte — 113 fehlte es Allwinen weder an einer vorzuͤgli⸗ chen Erziehung noch an kindlichen Freuden. Ihre eben ſo kluge als gefuͤhlvolle Mutter lebte ganz fuͤr dies einzige Kind, und wußte durch weiſe Eintheilung und ernſte Thaͤtig⸗ keit mit dem Wenigen viel auszurichten. Dabei war ſie die Freundin ihrer aufbluͤhen⸗ den Tochter, und beide lebten ſo ſchoͤne Ta⸗ ge, wie ſie ſelten in reichen gluͤcklichern Haͤu⸗ ſern gelebt werden. Im ganzen Orte liebte und achtete man dies Paar, freute ſich, wenn die noch jugendliche Mutter mit der reizenden Jungfrau Arm in Arm ging, und ſuchte beider Umgang, die jedoch immer ihre Stille vorzogen, und nur ſelten an geraͤuſch⸗ vollen Freuden Theil nahmen. So war Allwine ſiebzehn Jahr alt geworden, ohne daß die ſchoͤne Ruhe ihres Herzens je ge⸗ truͤbt ward, als ihr das Schickſal uner⸗ wartet den Mann entgegenfuͤhrte, der auf ihre kuͤnftigen Lebenstage den entſcheidend⸗ ſten Einfluß haben ſollte. Sie war mit ih⸗ rer Mutter bei einer Dame auf dem Lande geweſen, und kehrte eben zur Stadt zuruͤck. In einem Gaſthofe auf dem halben Wege, der ſchon ganz nahe an ihrem Wohnorte lag, mußten ſie halten, weil eine Kleinigkeit am H 114 Wagen beſchaͤdigt war. Sie ſtiegen aus, und eine lebhafte, aͤngſtliche Bewegung un Hauſe machte ihren Antheil rege. Bald er⸗ fuhren ſie von der Wirthin, daß geſtern Abend ein Fremder hier toͤdtlich krank ge⸗ worden ſey, und jetzt eben, nach einem neuen Anfall von beaͤngſtigenden Bruſtkraͤmpfen bis zur Ohnmacht erſchoͤpft liege. Die Wirthin zeigte viel Unmuth uͤber dieſe Stoͤ⸗ rung ihrer haͤuslichen Ruhe, und meinte, es waͤre ihr unmoͤglich, den Fremden laͤnger als noch einige Tage zu behalten, moͤge es werden wie es wolle, weil ſie alsdann einer nahen Meſſe wegen viel Beſuch erwarte, und es ungewiß ſey, ob der Kranke ſie entſchaͤdi⸗ gen koͤnne. Der Wirth ſchien uͤber eine ſolche Unmenſchlichkeit empoͤrt, ohne jedoch den Muth zu haben, etwas anders als ſanfte Vorſtellungen zu entgegnen, und Madame B. fuͤhlte mit der lebhafteſten Theilnahme die huͤlfloſe Lage eines Unbekannten, ohne Freund und Beſchuͤtzer. Sie that noch einige Fra⸗ gen, deren Beantwortung ihr nur zu deut⸗ lich zeigte, wie Unwiſſenheit und Haͤrte hier Hand in Hand gingen; man hatte keinen Arzt geholt, und eine Menge Mittel ge⸗ braucht, die ein drohendes Uebel eher ver⸗ „ 115 ſtaͤrken als ihm entgegenwirken konnten. Die gute Frau verſtand etwas weniges von der Heilkunſt, und hatte es manchmal mit Gluͤck geuͤbt, ſie ließ ſich zu dem Kranken fuͤhren, und ſchon ſein erſter Anblick war genug, ſeine Gefahr zu beurtheilen. Wie ward aber erſt das Herz unſerer Freundin fuͤr ihn in Anſpruch genommen, als ſie durch die Aufſchrift eines Briefes, der neben ihm auf dem Tiſche lag, ihn fuͤr den Sohn einer ehrwuͤrdigen entfernten Freundin erkannte, von der ſie lange nichts gehoͤrt hatte, deren Schriftzuͤge ſie hier mit der ſchmerzlichſten Bewegung wieder ſah. Es war ihr unmoͤg⸗ lich, den Kranken, der ihr nun ſo bedeutend ward, ohne Huͤlfe zu laſſen, ja ſie pries ihr Geſchick, das ſie gerade jetzt in dies Haus fuͤhrte. Wuͤrde nicht auch ich die Hand ſegnen, ſagte ſie, die in der Ferne ſich hel⸗ fend nach meiner Allwina ausſtreckte, und hat es meine Freundin nicht tanſend Mal um mich verdient? Mit Allwinen wurde nun Alles uͤberlegt. Die Wirthin, herzlich froh, ſich ſo ſchnell einer Laſt entledigt zu ſehen, gab gern ein leichtes Fuhrwerk her, das Allwinen ſchnell nach Hauſe bringen ſollte, um Anſtalten zur H 2 116 Aufnahme des Kranken zu machen, waͤhrend Madame B. ihm in ihrem eigenen Wagen ein bequemes Lager bereitete, und langſam nachzukommen verſprach. Faſt ohne Be⸗ ſinnung kam Reinhard, ſo hieß der junge Mann, in der kleinen Wohnung der Gaſt⸗ freundſchaft an. Ein bisher ungebrauchtes, artiges Zimmerchen nahm ihn auf, und ein geſchickter Arzt, der erſt wenig Wochen ſich in der Stadt niedergelaſſen hatte, wurde herbeigeholt. Er konnte dieſen Abend noch nichts beſtimmtes ſagen, fand aber am an⸗ dern Morgen die Symptome einer gefaͤhrli⸗ chen Krankheit; ja er konnte es Mad. B. nicht verhehlen, daß ſie anſteckend werden koͤnne, doch geſtand er auch, wie ein neuer Transport, gerade nach einigen von ihm be⸗ merkten Umſtaͤnden ſehr mißlich ſey. Run entſtand in der Mutter der heftigſte Kampf zwiſchen Menſchlichkeit und Mutterliebe. Die eigene Gefahr achtete ſie nicht, aber All⸗ winens Leben; ſie weinte, und wußte ſich nicht zu rathen, bis ihr edles Herz und All⸗ winens Bitten den Ausſchlag gaben. Dieſe hatte, wie die meiſten jungen Leute, hier gar keine Beſorgniß, und in ihrem Herzen ſprach ein Gefuͤhl fuͤr den armen Kranken, das ſie 4 ———— 117 gern Mitleid nannte, ob es gleich ſchon der Anfang einer lebhaften, herzlichen Neigung ſeyn mochte. Reinhard blieb alſo, und ward von der Mutter und Tochter gepflegt. Keine wollte die andere der Gefahr ausſetzen, jede draͤngte ſich mit Angſt an das Kranken⸗ bette, und bald ließ die immer wachſende Heftigkeit der Krankheit ſie alles andre und ſich ſelbſt vergeſſen. Reinhard ſchwebte lange zwiſchen Leben und Tod, er genas langſam, und mit Engelfreude hoͤrten ſeine beiden Pflegerinnen, daß der Arzt ihnen den groͤßten Theil an ſeiner Lebensrettung zu⸗ ſchrieb. Allwinens ſtille Neigung war in⸗ deſſen durch die immerwaͤhrende Beſchaͤfti⸗ gung mit Reinhard, durch ſein ſanftes, ge⸗ duldiges Weſen in den Zwiſchenraͤumen des Leidens, durch die Furcht, ihn ſterben zu ſehen, immer waͤrmer und inniger geworden. Jetzt, da er verſtand, was hier fuͤr ihn ge⸗ than worden war, da er den liebenswuͤrdi⸗ gen Frauen zu danken vermochte, und mit jedem Tage einen neuen Vorzug des Geiſtes, ein neues Talent entwickelte, da die Anmuth ſeiner Geſtalt durch ſeine Schwaͤche nur ver⸗ mehrt ſchien, und auch in ſeinem Herzen die heißeſte Liebe fuͤr ſeine junge Wohlthaͤterin — 85 4 118 erwachte— wie haͤtte Allwine ihre Empfin⸗ dungen kuͤnſtlich in ſich verſchließen, wie ihm verbergen ſollen, was er ihr war. Ein ſchoͤnes, reines Verhaͤltniß entſtand zwiſchen beiden, und die freundliche Mutter war die erſte, der ſie ſich im Gefuͤhle ihres Gluͤcks naͤherten. Sie wußte hier nichts zu hin⸗ dern, aber das Bekenntniß der Liebenden legte eine große Sorge auf ihr Herz. Rein⸗ hard war arm, wie Allwine. Die Hoff⸗ nung auf eine Verſorgung hatte ihn in dieſe Gegend gefuͤhrt, er hatte Empfehlungen bei ſich, die fuͤr ihn ſprachen, aber waͤhrend ſeiner Krankheit war die Stelle vergeben worden, und ſeine Ausſichten lagen nun wieder in weiter Ferne. Seine kleine Habe reichte jetzt eben hin, den Arzt und ſeine Mit⸗ tel zu bezahlen, er wußte nicht, wie ſehr auch die Verhaͤltniſſe ſeiner Freundinnen be⸗ ſchraͤnkt waren, und daß Allwine, ſeit er ge⸗ neſen war, ſich keine Stunde der Erholung goͤnnte, um durch ihre Geſchicklichkeit den Aufwand ſeiner Krankheit auszugleichen. Sich von ihr zu trennen, duͤnkte ihm unmoͤg⸗ lich, und da fuͤr jetzt nichts weiter zu thun war, ſo fing er an, in mehreren Sprachen zu unterrichten, was ihn fuͤrs erſte leidlich —— 119 naͤhrte, bis ſich etwas eintraͤglicheres zeigen wollte, worauf die Liebenden mit feſter Zu⸗ verſicht hofften. Er verließ nun das Haus ſeiner Geliebten, und ſah ſie nur jeden Abend nach Beendigung ſeiner Geſchaͤfte, wo ſie dann entweder im traulichen Geſpraͤch, oder bei einem Buche, ſich unendlich gluͤcklich fuͤhlten. Auch die Mutter war zufrieden; ſie hoffte fuͤr die Zukunft alles von Rein⸗ hards Kenntniſſen und ſeinem Eifer. Allwi⸗ nen fruͤh zu verheirathen, hatte ſie nie ge⸗ wuͤnſcht, und wie ſie den Juͤngling kannte, ſchien er alles zu vereinigen, ein Maͤdchen, wie Allwinen, zu begluͤcken. Leider kannten ſie ihn nicht ganz. Leb⸗ hafte Gemuͤther werden ſo ſchnell angezogen, edle Seelen finden ſo leicht in Andern ihre eigne Guͤte und Treue wieder. Reinhard war feurig und gutmuͤthig, enthuſiaſtiſch fuͤr das, was ihn begeiſterte, lebhaft thaͤtig, um zu vollbringen, was eben ſeine Seele erfuͤllte, aber weich und wankelmuͤthig zu⸗ gleich, von kuͤnſtlich angelegten Planen leicht zu taͤuſchen, ohne wahre Kraft und Treue, vergaß er mit unbegreiflichem Leichtſinn eben ſo ſchnell, als er ſich anſchloß, und bereute wieder, ohne deswegen zuverlaͤſſiger zu ſeyn⸗ 120 Daß er mit allen dieſen Eigenſchaften die ſchmeichelndſte Beredſamkeit verband, die eben darum gefaͤhrlicher war, weil er in ſol⸗ chen Augenblicken ſelbſt glaubte, was er verſprach, daß er ſo warm und innig fuͤhlte, wie ſelten ein Mann, und eben ſo durch ſei⸗ nen Geiſt als ſein Aeußeres gefallen konnte, dies mag Allwinens unendliche Liebe fuͤr ihn erklaͤren, die ſelbſt ſeine Untreue uͤberlebte. In den gluͤcklichen Stunden der Liebe, wo jedes ſeine innerſten Gedanken dem an⸗ dern entdecken, jeden vergangenen Augen⸗ blick mit ihm theilen moͤchte, hatte Reinhard Allwinen geſtanden, ſie ſey nicht ſeine erſte Liebe. Ein ſchoͤnes Maͤdchen in ſeiner Va⸗ terſtadt hatte ihn fruͤher gefeſſelt, doch, wie er jetzt fuͤhlte, war es nicht ſein Herz, das ſie gewann, nur ſeine Phantaſie, und der Stolz, ihr, der Schoͤnſten, zu gefallen, hatte ihn zu ihr gezogen. Wie oft verglich er ſie mit Allwinen, und wie erkannte er den Unterſchied zwiſchen unſchuldiger Nei⸗ gung und kalter Gefallſucht. Es war ihm Ernſt mit dieſen Gefuͤhlen, er gehoͤrte jetzt ganz der neuen Liebe. Die ſtille Einſamkeit ſeines Lebens, die Thaͤtigkeit, die er hier zuerſt uͤbte, alles gefiel ihm, weil es unge⸗ 121. wohnt und neu war, er tonnte ſich ſelbſt nicht, und glaubte mit Allwinen, es koͤnne und werde immer ſo bleiben. Ein gluͤckliches, ein ſeliges Jahr ver⸗ ging. Hoffnungen waren aufgegangen und verſchwunden, und eine recht ſichre Ausſicht ſchien ſich auf einmal zu eroͤffnen. Eine Stelle auf dem Lande, die zwar nur geringe Einkuͤnfte verſprach, war zu vergeben. Ma⸗ dame B. hoffte viel von einem Freunde in der Reſidenz, und Reinhard ging mit ihren Briefen dahin ab. Seine Thraͤnen beim Abſchiede von Allwinen floſſen in die ihrigen, und ſeine erſten Briefe zeigten von Sehn⸗ ſucht und Schmerz. Doch bald genug fand er wenigſtens Zerſtreuung in den Freuden und Genuͤſſen der großen Stadt. Er war von ſeinen Univerſitaͤtsjahren her an ein ziemlich geraͤuſchvolles Leben gewoͤhnt, und die Gewohnheit bemaͤchtigte ſich ſeiner nun mit aller ihrer Staͤrke. Seine Erſparniſſe mußten ihm hier nuͤtzen, und er fuͤhlte jetzt ſchon nichts mehr dabei, wenn er gegen Allwinen uͤber die Verzoͤgerung ſeiner Ruͤck⸗ kunft klagte. Bald ſollte noch ein maͤch⸗ tigeres Band ihn hier feſſeln. Er ſah in einem Concert mit dem lebhafteſten Erſtau⸗ 122 nen die ſchoͤne Caroline, ſeine Landsmaͤnnin, die er fruͤher ſo heiß geliebt hatte. Von fer⸗ ne ſie beobachtend, glaubte er ihre Reize noch blendender, ihre Freundlichkeit noch bezaubernder, als ehedem, zu finden; ein Kreis von jungen und aͤlteren Maͤnnern um⸗ gab ſie waͤhrend der Pauſe, alle muͤheten ſich um einen Blick von ihr. Reinhards Bewegung beim erſten Wiedererkennen wuchs mit jedem Moment. Die lieblichſten Erin⸗ nerungen draͤngten ſich zu ihm, die fruͤhere Zeit erſtand aus dem Nebel, waͤhrend die naͤchſte Vergangenheit ſeinem Blicke ganz entſchwand. Er konnte kaum das Ende des Concerts erwarten, und als endlich die In⸗ ſtrumente ſchwiegen, machte er ſich raſch und heftig Platz durch die Menge. Sie em⸗ pfing ihn ſo hold und freundlich, ſprach ſo ausſchließend mit ihm, ohne die Andern nur zu beachten, reichte ihm den Arm, ſie nach ihrer Wohnung zu fuͤhren, ein Vorzug, den ihm Jeder zu neiden ſchien. Wie ſtolz und gluͤcklich war er! Nie hatte die ſtille, be⸗ ſcheidene Allwine ihn einen ſolchen Triumph kennen gelehrt, war es ein Wunder, daß kein Gedanke an ſie ſich aus dem Taumel emporrang? ——,.,— 12z Caroline war zum Beſuch bei einer rei⸗ chen Tante, deren Haus als der Sammel⸗ platz alles Glaͤnzenden und Schoͤnen gelt. Die reizende Nichte vermehrte noch ſeinen Glanz, um ſie verſammelte ſich jetzt eine Menge von Anbetern, von denen ſie keinen verlieren mochte, doch auch eben ſo wenig ei⸗ nen liebte. Ihr Stolz war geſchmeichelt, aber ihr Herz blieb leer, und ob ſie gleich viel zu kalt war, eine wahre Neigung zu empfinden, ſo regte ſich doch ein waͤrmeres Gefuͤhl bei Reinhards Anblick in ihr. Dazu kam, daß dieſer, ehedem ſo ganz an ihr hangende Juͤngling, ſich nach einem auffal⸗ lenden Beweis ihrer Herzloſigkeit von ihr losgeriſſen hatte und von ſeiner Liebe ganz geheilt ſchien. Wie haͤtte die ſtolze, die ge⸗ feierte Caroline dies ltragen ſollen? ſie mußte ihn um jeden Preis wieder gewinnen, ſie mußte wenigſtens verſuchen, was ihre Reize vermochten. Reinhard erhielt nun taͤglich Einladungen zu kleinen Feſten, und immer naͤher ſchloß ſich die Jugendfreundin an ihn an. Ihre Schoͤnheit, ihr Witz, ihre Ta⸗ lente, der Schimmer, der ſie umgab, ihre kuͤnſtliche, feine Koketterie umſtrickten ihn immer mehr, und immer ſchwaͤcher ward 124 — 3. Allwinens Bild in ſeinem Herzen, immer laͤ⸗ ſtiger das Andenken an ſie. Anfangs zwar verfolgten ihn Vorwuͤrfe ſeiner Treuloſigkeit zu jeder einſamen Stunde, doch bald wußte er ſie zu entkraͤften, und ſich ſelbſt zu uͤber⸗ reden, daß die Ruͤckkehr zur erſten Neigung loͤblich, und auch Entfernung von Carolinen Treubruch ſey. Er vernachlaͤſſigte nun die Bewerbungen um ſeine Anſtellung, denn dies war kein Loos fuͤr Carolinens Anſpruͤche, und als ein Anderer das Amt bekam, und nun der Zeitpunkt heranruͤckte, wo Caroline nach der Vaterſtadt zuruͤckreiſen wollte, ward ein kuͤnſtlich ſtudirter Brief an Allwinen ge⸗ ſchrieben, in welchem er ihr ihre Verſpre⸗ chungen zuruͤckgab, weil, wie er ſagte, er ihr kein gluͤckliches Beſchick an ſeiner Seite zu bieten habe. Die arme Allwine hatte ſchon laͤngſt mit gebrochenem Herzen geahndet, was ihr be⸗ vorſtand, noch gewiſſer wußte es die Mut⸗ ter durch Nachrichten ihres Freundes aus der Reſidenz, doch ſie mochte das immer noch hoffende Kind nicht ganz zu Boden druͤcken. Da kam nach Monat langem Schweigen jener Brief, und verſetzte Allwi⸗ 125 nen in einen Zuſtand, von welchem Mada⸗ me B. alles zu fuͤrchten hatte. Sie zog den Arzt zu Rathe, der jenesmal Reinhard behandelte, ihm erͤffnete ſie mit Vertrauen die Gemuͤthsſtimmung der Kranken. Der Arzt, ein edler Mann, der das lebhafteſte Intereſſe fuͤr Allwinen fuͤhlte, bot ſeine ganze Kunſt auf, den Koͤrper zu ſtaͤrken, und auf die erſchuͤtterte Seele freundlich zu wirken. Er ward des Hauſes Freund und Geſellſchaf⸗ ter, er fuͤhrte Allwinen leiſe zu kleinen Zer⸗ ſtreuungen, die gar nicht das Anſehen hat⸗ ten, ſie von ihrem Kummer abziehen zu ſol⸗ len. Er weckte ihren Sinn fuͤr die Muſik, und leitete ihre Uebungen, er wußte mit zar⸗ ter Schonung und Herzlichkeit ihr Vertrauen zu gewinnen; kurz, ſie dankte ihm das Le⸗ ben und die ruhige Ergebung in ihr truͤbes Geſchick. Nach und nach ſuchte nun die Mutter ſie auf Reinhards Leichtſinn aufmerk⸗ ſam zu machen, und ſeinen Charakter, wie ſie ihn jetzt kannte, ihr zu ſchildern; aber, ob es ihr gleich gelang, Allwinen zu uͤber⸗ zeugen, ſo wirkte doch dieſe Ueberzeugung eher ſchmerzlich als wohlthaͤtig auf ſie. Denn welcher Schmerz iſt wohl groͤßer, als der, einen Unwuͤrdigen geliebt zu haben, ihn noch immer zu lieben, und nie vergeſſen zu koͤnnen! Allwinens Geſchichte hatte im Staͤdt⸗ chen manches Geſpraͤch veranlaßt, Viele, ja die Meiſten, bedauerten ſie, doch gab es auch Tadler genug, die ihr Vertrauen vorei⸗ lig, der Mutter Einwilligung ſchwach nann⸗ ten, und es war kein geringer Zuwachs ih⸗ res Kummers, ſich ſtets bemerkt und den Gegenſtand der Unterhaltung zu wiſſen. Ihr Freund wußte ungefodert auch hier zu hel⸗ fen. Er hatte einige Tage Beſuch von ei⸗ ner Schweſter gehabt, die eine muntere, gefuͤhlvolle Frau war, und Allwinen ſehr lieb gewann, es ward ihm nicht ſchwer, die Mutter zu uͤberzeugen, daß Veraͤnderung des Orts vortheilhaft auf Allwinen wirken wuͤr⸗ de, und mehr bedurfte es nicht, Madame B. zu dem groͤßten Opfer zu bewegen. Es ward beſtimmt, daß Allwine die Raͤthin nach Mex, ihrem Wohnorte, begleiten, und einige Monate bei ihr leben ſollte, und wirk⸗ lich bewaͤhrten ſich bald des Doktors Hoff⸗ nungen. Im Umgange der Raͤthin und ihres Mannes, in der Umgebung von vier liebenswuͤrdigen Kindern fing Allwine an heiterer zu werden, und nur ein Zufall hin⸗ 127 derte vielleicht, daß ſie ganz gluͤcklich wurde. Der Doktor, ſchon lange entſchloſſen, ihre ſeine Hand anzubieten, waͤhlte dieſen Zeit⸗ punkt, und ſeine Schweſter zur Fuͤrſpreche⸗ rin; ein Brief von Madame B., die mit muͤtterlicher Freude uͤber dieſen Vorſchlag ſprach, vermehrte Allwinens Ruͤhrung, ſie verſprach mit Thraͤnen ihrer Freundin, ſich zu pruͤfen, und bat nur um einige Wochen Bedenkzeit. Waͤhrend dieſer Wochen aber aͤnderte ein Augenblick alles, und fuͤhrte Allwinen einer neuen Taͤuſchung entgegen. Es ward eine große Mittagsmahlzeit im Hauſe ihrer Wirthe gegeben, und einer der Geladenen ließ um Erlaubniß bitten, einen Fremden mitzubringen, der eben angekommen waͤre. Die Gaͤſte erſchienen, alles war heiter ge⸗ ſtimmt, auch Allwine war es mehr als lan⸗ ge, doch wer beſchreibt ihren Schrecken, ihre Bewegung, als der angekuͤndigte Fremde eintritt und ſie Reinhard erkennt! ach das Wiederſehen eines einſt Geliebten, dem man nun kalt und fremd gegenuͤber ſtehen ſoll, iſt das empoͤrendſte fuͤr ein fuͤhlendes Herz — es vernichtet einen Theil unſers Lebens. Allwine mußte ſich eine kleine Weile wegſteh⸗ 128 len, doch bemerkte ſie noch, wie Reinhards Augen mit Antheil an ihr hingen, und er vor Verwirrung kaum die erſten Begruͤßun⸗ gen beantworten konnte. Nur wenig ge⸗ ſammelt trat ſie wieder in den Saal, man ſetzte ſich zu Tiſche, ſie draͤngte ſich ſo weit als moͤglich aus Reinhards Naͤhe weg, aber ſeinen Blicken konnte ſie nicht ausweichen, ſie mochte es nicht einmal. Sah er ſie doch ſo bekannt, ſo wehmuͤthig freundlich, ſo forſchend an, daß ſie alles gern fuͤr Irrthum gehalten, und ihm wie vormals getraut haͤt⸗ te!— Jn unausſprechlicher Verwirrung war ihr die Zeit bis zu Ende der Mahlzeit ver⸗ gangen, wo ſie ſich ſogleich in ihr Zimmer zuruͤckzog. Hier ſuchte ſie, als die Daͤmme⸗ rung einbrach und die Gaͤſte ſich entfernt hatten, die Naͤthin auf, und fand ſie in Thraͤnen. Allwine geſtand ihr alles, ſelbſt ihr Gefuͤhl, ihre neu erwachte Liebe, und endlich, nach dieſem Wiederſehen, nach die⸗ ſem tiefen Blick in ihr Herz die Unmoͤglich⸗ keit, eines andern Mannes Frau zu werden. Bekuͤmmert und voll herzlichen Antheils hoͤr⸗ te die Freundin ihr zu, doch feſt uͤberzeugt, daß Reinhard Allwinen nicht verdiene, be⸗ ſchwor ſie dieſe, ihm kein Gehoͤr zu geben, 3 wenn 129 wenn er Verſuche wage, ſich ihr zu naͤhern, und ſprach mit einer Haͤrte von ihm, die Allwinens Vertrauen gegen ſie minderte. Allwinens Anblick mochte in Reinhards Gemuͤth eine neue Veraͤnderung bewirkt haben. Jetzt außer dem Einfluß des feindlichen Weſens, das ihn beherrſchte, kehrte die ehemalige Neigung zuruͤck, und er beſchwor Allwinen in mehreren Brie⸗ fen, ihm zu verzeihen und ihm eine ge⸗ heime Unterredung zu ſchenken. Gegen die Raͤthin war er mißtrauiſch, denn man fluͤſterte von Allwinens Verhaͤltniß zu ihrem Bruder; und vielleicht war auch dies ein Sporn fuͤr Reinhard, ſich ihr wieder zu naͤhern. Schwachen See⸗ len wird ein Gut erſt werth, wenn es Andere erheben, wenn ſie es zu verlieren fuͤrchten muͤſſen. O haͤtte ſie ihm nicht getraut. Doch ihre Liebe war nur zu leicht zu uͤberzeugen. Sie hoͤrte ſeine Schwuͤre aufs neue, knuͤpfte ihr Herz fe⸗ ſter als je an ihn, ſchlug die Hand des edelſten Freundes aus, um nun auf im⸗ mer ungluͤcklich zu ſeyn. Denn nur kur⸗ ze Zeit war Reinhard wieder in ſeiner Baterſtadt, als ihn Carolinens Reize und 13⁰ Bemuͤhungen aufs neue gegen Pflicht und Schwur verblendeten—— So weit war der Kammerrath ge⸗ kommen, da trat ein Bedienter mit der Nachricht herzu, daß die Frau Baronin ſo eben gefahren kaͤme. Alle ſprangen froͤhlich auf und eilten aus der Laube. Aber Alban hielt den Kammerrath zuruͤck, ſein Geſicht gluͤhte, ſeine Stimme war bebend. Um Gotteswillen, Herr Kammer⸗ rath, ſagte er, beantworten Sie mir eine Frage! war es Abſicht oder Zufall, daß Sie hier meine, ja meine Geſchichte erzaͤhlten? Alban iſt Reinhard und All⸗ wine heißt Thereſe. Aber bei Gott, ein Anderer ſteht jetzt vor Ihnen, als der Verblendete, von dem Sie ſprachen. Zeit und Ungluͤck hat mich veredelt, und ich fuͤhle mich werth, in Ihr ſtrafendes Auge mit Muth zu blicken. Herr Major, erwiederte der Alte ernſt, ich laͤugne nicht, daß meine Geſchichte fuͤr ſie erzaͤhlt ward. Ihr Anblick und Ihr Name rief mir Thereſens Leiden zu lebhaft zuruͤck, ich konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, Ihnen Ihr unrecht vorzulegen, Wahrlich, Herr Major, Sie ½ 131 haben ein ſchoͤnes Herz den Freuden der Welt auf immer verſchloſſen. Keine Reue kann zehnjaͤhrigen Kummer vergelten, ver⸗ trauerte Jugend, verlorne Freuden der Gattin und Mutter erſetzen. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen weh thue, aber ich bin ein alter Mann und liebe Thereſen wie mein Kind. und wo iſt ſie, wo iſt Thereſe? War ſie jenes Mal bei Ihnen, als ich Sie zuerſt ſah? O Gott, Sie haben Recht, ich kann ihr nicht dergelten! Aber ſagen Sie mir mehr von ihr, Ihre Ge⸗ ſchichte war nicht zu Ende. Sie war zu Ende, denn was die Arme litt, wollte ich nicht beſchreiben. Nach einigen Jahren ſtarb ihre Mutter, die meine Schweſter war, und Thereſe kam in mein Haus. Sie vergaß Sie nie, und wies jede Verbindung von ſich. Vor kurzem erneuerte der edle Doktor ſeine Antraͤge, Thereſe ſchwankte, durch meine Vorſtellungen bewegt,— da be⸗ gegneten wir Ihnen, ſie erkannte Sie ſo⸗ gleich, und ſiel in die Schwermuth zu⸗ J 2 2 132 räck, aus der wir ſie mit Muͤhe empor⸗ geriſſen hatten. Sie iſt nun feſt ent⸗ ſchloſſen, nie zu teirathan. en⸗ Ein froͤhliches Lachen kuͤndigte jetzt die Ruͤckkunft der Geſellſchaft an, am Arme der Baronin ging Thereſe. Eine Unpaͤßlichkeit hatte die Baronin daheim gehalten, und Thereſe wuͤnſchte bei ihr zu bleiben, doch da ſie nach einigen Stunden ſich beſſer befand, beſchloß man die Andern zu uͤberraſchen. Mit welchen Gefuͤhlen ſah der Major ſie wieder! Er⸗ hatte nie aufgehoͤrt, ſie zu betrauern. Carolinen lernte er, bald nachdem ſie ihn zum zweiten Male von Thereſen getrennt hatte— kennen und verachten, doch hielt er ſich nicht fuͤr wuͤrdig, zu dieſer zu⸗ ruͤckzukehren, auch ſagte ein Geruͤcht, ſie ſey des Arztes Verlobte. Voll Gram und Verzweiflung nahm er Kriegsdienſte, die Achtung Aller, die ihn kannten, und das eigene Bewußtſeyn, verſoͤhnten ihn mit ſich ſelbſt, doch nie ſchloß ſich die Wunde ganz, an der ſein Herz langſam verblutete. 13³3 Wer wird noch zweifeln, daß die Liebenden ſich wiederfanden? Albans Vor⸗ urtheile gegen die Che wichen der Liebe, und Thereſe kannte kein Gluͤck, als ihn zu beſitzen, ſeine Pflegerin zu ſeyn, ſein Leben zu erhalten, zu verſchoͤnern. Auch Hermann und Antonie ſind vereinigt, Alban ſpricht nicht mehr vom Tode, und der alte Heinrich ſieht mit Entzuͤk⸗ ken, daß ſein edler Herr noch lange das Gluͤck der Haͤuslichkeit und Liebe genießen wird. —ö— ————— III. Julie und Clementine. Clementine von Ahlen war in ihrem fuͤnf und zwanzigſten Jahre Wittwe geworden, und bezog jetzt mit ihrer Stieftochter, mit welcher die innigſte Freundſchaft ſie verband, ein angenehmes Landgut. Mehrere Ritter⸗ guͤter lagen hier dicht beiſammen, und ihre Bewohner bildeten einen freundlichen, ge⸗ ſelligen Kreis, in welchem die beiden neuen Ankoͤmmlinge mit neugierigem Verlangen erwartet wurden. Der Ruf ſagte viel Schoͤ⸗ nes von Clementinen, man verſprach ſich in ihr, und dem jungen Fraͤulein, einen nicht unbedeutenden Gewinn fuͤr die Geſelſſchaft. Mit dem Beginnen des Fruͤhlings kam ſie an, und ihr erſter Beſuch bei ihrem naͤch⸗ ſten Nachbar, wo ſie alle uͤbrigen verſam⸗ melt antraf, gab ihr eine recht angenehme Ausſicht in die Zukunft, die ſie hier zu ver⸗ leben gedachte. Ja, hier werden wir gluͤcklich ſeyn, Julchen, rief ſie am Abende aus, und um⸗ 138 „ armte ihre Tochter. Die reizendſte Natur umgibt uns, und die Menſchen, mit welchen wir leben werden, uͤbertreffen alle meine Er⸗ wartung. Wie fein gebildet iſt der Baron und ſeine Frau, wie wohlerzogen und an⸗ ſtaͤndig ihre Kinder, und welch' ein liebes Maͤdchen, die Schweſter des Barons. Un⸗ ter den Uebrigen will ich nur den jungen Wallenfeld nennen, den jedes Auge ſogleich aauszeichnen muß. Welch' ein offener, Ver⸗ trauen erweckender Blick, und wie klug und richtig, wie gefuͤhlvoll jedes ſeiner Worte. Gottlob, wir werden hier nicht von allem geiſtigen Verkehr und geſelligen Genuß ent⸗ fernt ſeyn, ohne die ich kein Paradies be⸗ wohnen moͤchte. Du laͤchelſt wohl uͤber mein Feuer, nicht wahr Julchen? Ich freue mich ſo innig Ihrer Zufrie⸗ denheit, liebe Mutter, antwortete Julchen. Ich habe Sie ja lange nicht ſo heiter geſe⸗ hen. Die letzte Zeit in der Stadt war truͤbe, und ich geſtehe, daß ich hier nicht ſo viel Erheiterung fuͤr Sie erwartete. Ja ich dachte manchmal mit Bangigkeit hieher. Nicht fuͤr mich, denn meine Neigungen ſind bald befriedigt. Ich kann mich an ſo viel Lleinigkeiten mit Liebe und Eifer haͤngen .— 13³⁹ und gewoͤhnen. Wenn ich pftlanzen kann, und das Gepflegte wachſen und gedeihen ſehe, wenn ich ſo recht viel zu ſchaffen habe, und etwas Wichtiges, Noͤthiges meiner Sorge bedarf, da vermiſſe ich nichts, und bin Abends beim Geſpraͤch mit Ihnen, oder bei einem Buche ganz gluͤcklich. Sie aber lieben die Geſellſchaft, die ungewohnte Ein⸗ ſamkeit wuͤrde Sie noch truͤber geſtimmt ha⸗ ben— Sie glauben nicht, wie mich das oft bekuͤmmert hat, ſeit Ihr Entſchluß ge⸗ faßt war. Deſto gluͤcklicher machte mich heute Ihr Frohſinn! nun erſt kann ich mich von Herzen freuen. Und freuen muß ich mich, denn alle meine Wuͤnſche ſind erfuͤllt. Die heitere, reine Luft, der unbegraͤnzte Blick ins Weite, die Freiheit und Stille des Landlebens, ach, das geht ja doch uͤber alle andere Freuden, und erquickt das Ge⸗ muͤth, wie den Koͤrper. Wahrlich, mich duͤnkt, Sie ſehen ſchon nicht mehr ſo blaß aus, wie vor acht Tagen. Gutes Maͤdchen, ſagte Clementine, und faßte ihre Hand, Du biſt ſo ſorgſam fuͤr das Leben, das deine Pflege erhalten hak. Ich hoffe ſelbſt mich hier beſſer zu befinden. Du weißt, was mich am meiſten druͤckt! Zerſtreuungen und neue Gegenſtaͤnde werden dieſe Wunde heilen. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich konnte nicht anders han⸗ deln, und dennoch veellaͤßt mich ſein Bild nicht, und ich ſehe ihn immer und immer freundlos umherirren, weil ich ihn ver⸗ bannte.— Laſſen Sie uns davon ſchweigen, gute Mutter, bat Julie, Sie werden nicht ſchla⸗ fen, wenn Sie ſich in dieſe Gedanken ver⸗ tiefen. Moͤgen wir ihn immer bedauern, und ihm ein freundliches Andenken nachſen⸗ den, aber warum wollten Sie ſich ſelbſt Unrecht thun, und einen uͤberlegten, unab⸗ aͤnderlichen Entſchluß bereuen. Sie folgten dem Ausſpruche Ihres Herzens, und das, duͤnkt mich, iſt recht. Wenn wir gut ſind, duͤrfen wir ja wohl dieſer Stimme ver⸗ trauen, ohne einen ſchmerzlichen Kampf gegen ſie zu kaͤmpfen. 1 Schlafe wohl Du Ruhige, Gluͤckliche, ſeufzte Elementine, und ging ins Nebenzim⸗ mer. Julie trat ans offne Fenſter und lehnte ſich nachdenkend heraus. Der weite Garten und hinter ihm Wieſen, Straße und Wald, lagen daͤmmernd im Schimmer der Mondſichel vor ihr. Leiſe regten ſich 141 die Zweige der uralten Baͤume vor dem Hau⸗ ſe, und nur die Bewohnerin dieſer luftigen Hallen, die Nachtigall, unterbrach das Schweigen der Nacht. Auch in Juliens Seele war es ſtill und feierlich. Sie fuͤhlte ſich in einem heiligen offnen Tempel Gottes, ſie fuͤhlte ſich wuͤrdig ſeine Herrlichkeit zu genießen. Ihr reines Herz erhob ſich zu ihm. Dann verſank ſie in Rachdenken uͤber die letzten Scenen des Tages. Die neuen Geſtalten gingen ihr wieder voruͤber, die ſie heute zuerſt ſah; ſie fuͤhlte ſich von allen befriedigt, von Einem mehr als gewoͤhnlich angezogen. Dieſer Eine war Wallenfeld, dem auch Clementine noch eben ein ſo ehren⸗ des Urtheil ſprach. Julie geſtand ſich heim⸗ lich, im tiefſten Heiligthume ihres jungfraͤu⸗ lichen Gemuͤths, daß es ein Gluͤck ſein muͤßte, ihm zu gefallen; ſie empfand einen ſtillen Wunſch nach dieſem Gluͤcke. Mit der Ahnung eines nie gekannten beſeligenden Gefuͤhls im Herzen, blickte ſie noch lange hinaus in die laue Luft, bis der Ton der Nachtigall verhallte, und jeder Laut ſchwieg. — Da ging ſie zum Fluͤgel und ſang mit reiner voller Stimme ein Abendlied, das den Dank und die Zuverſicht ihrer Seele aus⸗ 14² ſpraͤch, und deſſen harmoniſcher Nachklang ſie bald darauf in ſuͤßen Schlummer ein⸗ wiegte. Auch in der Geſellſchaft, die beide ver⸗ laſſen hatten, war noch viel uͤber ſie geſpro⸗ chen worden, und ſie hatten den allgemeinen Beifall errungen. Man konnte nicht Wor⸗ te finden, die Schoͤnheit der bleichen Cle⸗ mentine, ihre hohe edle Geſtalt, die Grazie in ihren Bewegungen, den lieblichen Ton ihrer Stimme zu bewundern. Die acht⸗ zehnjaͤhrige Julie, weit weniger regelnaͤßig ſchoͤn, konnte ſich doch an Reiz mit ihrer jungen Mutter meſſen. Eine bluͤhende fri⸗ ſche Farbe, große blaue Augen voll Guͤte und Seele, eine reiche Fuͤlle der ſchoͤnſten blonden Haare, ein ſchlanker, und doch voller Wuchs, machten ſie zu der holdeſten Erſcheinung. Ihr ganzes Weſen war an⸗ ſpruchslos und rein, und jedes Wort aus ihrem Munde zeigte die Guͤte und kindliche Froͤhlichkeit ihres Gemuͤths. Unverkenn⸗ bare Schwermuth lag hingegen in Clemen⸗ tinens glaͤnzenden ſchwarzen Augen, und blickte aus allem hervor, was ſie ſprach. Ihre Unterhaltung war die anziehendſte, ſie entfaltete ungeſucht ſeltene Kenntniſſe, und 133 einen vielſeitig gebildeten Geiſt. Man ſah wohl, daß es ihr Genuß gab, die Neigung und das Wohlwollen der Geſellſchaft zu ge⸗ winnen, doch ſie genoß dieſes Triumphs ohne ſich zu uͤberheben; ſie verſtand die ſeltne Kunſt, durch zarte Beſcheidenheit ſelbſt die zu gewinnen, die ihr nachſtehen mußten. Der Baron und ſeine Gaͤſte wuͤnſchten ſich Gluͤck zu der neuen Nachbarſchaft, und man beſchloß, den Beſuch bei Frau von Ahlen ſobald als moͤglich zu erwiedern. Es bedurfte nur kurze Zeit, um Clemen⸗ tinen und ihre Tochter in ihrem neuen Auf⸗ enthalte heimiſch zu machen. Julie, der es unerlaͤßliches Beduͤrfniß war, zu nuͤtzen und zu wirken, nahm ſich mit Eifer und mit Freude eines Theils der laͤndlichen Wirthſchaft an, und hatte bald mit der Verwalterin Bekanntſchaft gemacht, um von ihr, in allem was ihr neu war, un⸗ terrichtet zu werden. Immer heiter und gleichlaunig, waren ihr die Geſchaͤfte des Lebens eine Luſt, und ſie griff das Schwer⸗ ſte gerade mit der groͤßten Freudigkeit an. Sie war immer thaͤtig, hatte immer etwas zu thun. Da ſie ſelbſt ſich aus Neigung hoͤchſt einfach trug, ſo wandte ſie ihre große Geſchicklichkeit in weiblicher Arbeit ausſchlieſ⸗ ſend auf Clementinens Anzug, und dieſe, die den Putz liebte, trug faſt immer eine ſchoͤne Stickerei, oder einen kuͤnſtlichen Ausputz von Juliens Hand. Ein anderer Gegenſtand ſteter Sorge war ihr Clementi⸗ nens ſchwache Geſundheit, die ſeit einem gefaͤhrlichen Nervenfieber der aͤußerſten Auf⸗ merkſamkeit bedurfte. In dieſer Krankheit war es Juliens Pflege, was Clementinen erhielt, und es war ihr nun eine liebe Ge⸗ wohnheit geworden, jedes Beduͤrfniß, jeden Wunſch der Kraͤnkelnden in ihren Augen zu leſen, und ſchnell mit Einſicht und Thaͤtig⸗ keit zu vollziehen. So verfloß ihr die Zeit leicht und geſchwind, waͤhrend Clementine die ihrige durch die Kuͤnſte ſchmuͤckte, die ihr vorzuͤglich hold waren. Sie bedurfte ihrer um ſich zu zerſtreuen, um eine Leere in ihrem Innern zu bedecken, ſie bedurfte des Beifalls, den ihre Talente erwarben, um ſich fuͤr den Mangel an Liebe zu ent⸗ ſchaͤdigen. Sie hatte keine Hoffnung mehr im Auge, und glaubte ſich einem fruͤhen Verbluͤhen nahe; nur der Genuß des Schoͤ⸗ nen in der Kunſt, und die innige Neigung fuͤr Julien, fuͤllten noch ihre Bruſt. Sie war 145 war Meiſterin auf dem Klaviere und der Harfe, und ihre Stimme, wie ihr kunſtrei⸗ cher Vortrag, konnten mit den groͤßten Saͤn⸗ gerinnen wetteifern. Ihre Bibliothek war gewaͤhlt, und enthielt die meiſten Schrift⸗ ſteller verſchiedener Nationen. Clementine laß ſie faſt alle in ihrer Sprache, und die Muſe auf dem Lande gab ihr den Wunſch, Julien ihre Kenntniſſe mitzutheilen. Dies ward ein neues Band zwiſchen Beiden, und Julie trieb nun das Engliſche, das ſie noch nicht verſtand, mit demſelben Eifer, mit welchem Clementine es lehrte. Mit allen dieſen Freuden der Haͤuslich⸗ keit ging die Geſelligkeit Hand in Hand. Der Baron und ſeine Familie kamen oft, man fand gegenſeitig, daß man in Ge⸗ ſchmack und Reigung uͤbereinſtimmte, und Clementine ſchloß ſich vorzuͤglich an die Ba⸗ ronin an, die wenig aͤlter war als ſie. Woͤ⸗ chentlich einmal kamen alle Glieder des ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſes zuſammen; die Be⸗ wohner der drei Guͤter, die nur einige Stunden von einander entfernt lagen, und mehrere Geiſtliche und Gerichtsverwalter mit Frauen oder Kindern. Wallenfeld K 146 fehlte nie, und ward Clementinen und Ju⸗ lien mit jedem Tage bedeutender. Auch verhehlte er keinesweges, daß ihm der Um⸗ gang mit Clementinen und ihrer Tochter vorzuͤglich werth ſei. Immer ſuchte er ſie zuerſt auf, ſprach am liebſten mit ihnen, war nach ihrem Abſchiede, oder vor ihrlem Kommen zerſtreut, und ſichtbar erfreut, wenn ſie eintraten. Immer hatte er ihnen etwas zu ſagen, ſeine Gefuͤhle, ſeine Nei⸗ gungen, ja ſeine fruͤheren Schickſale kannten ſie bald ſo gut als er ſelbſt, und mit dieſer Kenntniß mehrte ſich bei beiden Frauen Ach⸗ tung und Freundſchaft fuͤr ihn. Aber wie eine zarte Knospe in dichter Huͤlle erbluͤht, geſellte ſich in Juliens Herzen die Liebe die⸗ ſen verwandten Gefuͤhlen zu. Auch ohne die uͤbrige Geſellſchaft, und weit oͤfter noch als ſie, war Wallenfeld bei Frau von Ah⸗ len. In den Abendſtunden, wenn ſeine Geſchaͤfte gethan waren, pflegte er gern noch einen Spazierritt zu machen, und jetzt trug ihn ſein Pferd immer den bekannten Pfad. Kam er dann an dem Gartenhauſe voruͤber, wo Clementine und Julie beiſam⸗ men waren, und hoͤrte ſchon von weiten die Toͤne der Harfe, oder Clementinens Stim⸗ * 147 me, die Julien bei ihrer Arbeit vorlas, ſo konnte er der Verſuchung, ſie zu uͤberra⸗ ſchen, nicht widerſtehen, und beide empfin⸗ gen ihn jedesmal mit einem Ausrufe der Freude. Er nahm dann Theil an ihren Beſchaͤftigungen, oder begleitete ſie auf ei⸗ nem Spaziergange, wo ſeine Pflanzenkunde Julien erfreute und belehrte; er theilte ihr laͤndliches Abendeſſen, und kein Theil des froͤhlichen Dreiblatts haͤtte dieſe Stunden mit den rauſchendſten Freuden vertauſcht. Selbſt Clementine, ſo ſehr ſie ſonſt groͤßere Zirkel liebte, fand ſich gluͤcklich in Wallen⸗ felds und Juliens Umgange, und im Geiſte beſtimmte ſie beide fuͤr einander, indem ſie ſich ihnen fuͤr immer beigeſellte, und ſo traͤumend einer frohen Zukunft genoß. Sie ergriff dieſen Gedanken mit Leidenſchaft, ſie verfolgte ihn taͤglich, und es konnte bei der Sympathie, die beide Freundinnen ver⸗ einte, nicht fehlen, daß zuweilen eine leiſe Anſpielung ihre Hoffnungen und Wuͤnſche an's Licht treten ließ. Die unſchuldig er⸗ roͤthende Julie barg dann eben ſo wenig die Gefuͤhle ihrer Bruſt, und durch die Bei⸗ ſtimmung der geliebten Clementine ſchon ſicherer und feſter, ſchlichen ſich holde Er⸗ K 148 wartungen in ihre Phantaſie und ihr Herz. Es gibt keine ſchoͤneren Momente im Leben, als die, wo eine unſchuldsvolle reine Liebe, noch verborgen vor den Liebenden ſelbſt, nur gefuͤhlt, noch nicht durch Worte entweiht, das Herz begluͤckt. Wie die Sonne, deren vollen Anblick wir nicht un⸗ geblendet ertragen, im Heraufſteigen alle Gegenſtaͤnde zauberiſch beleuchtet, ohne ſelbſt ſichtbar zu ſeyn, ſo theilt das Begin⸗ nen der Liebe, allem was uns umgibt, einen magiſchen Schimmer mit, der ſo fluͤchtig iſt, wie jenes Morgenroth, und ſchnell vor der Mittagshoͤhe des Lebens erbleicht. Der ſtille haͤusliche Umgang mit einem geliebten Gegenſtande, die ungewiſſe Hoffnung ſeines Kommens, das verborgene Entzuͤcken bei ſeinem Erſcheinen; das ſuͤße Gefuͤhl bei jedem vertrauten Worte, bei jedem Wachſen der freundſchaftlichen Annaͤherung, das ſind die Freuden, die alle Liebende ſich in ſpaͤteren Jahren am liebſten zuruͤckrufen. Julie hat⸗ te jetzt eine Ahnung dieſer Seligkeit. Zwar hatte Wallenfeld noch nie andere, als Worte der Freundſchaft und des Wohlwollens an ſie gerichtet, aber wie bedeutend ſchienen ſie 149 ihr in ſeinem Munde! Seine feſte Anhaͤng⸗ lichkeit an dies Haus, ſein Verſchmaͤhen jeder Freude, außer in ihrer Geſellſchaft, das Innige in ſeinem Betragen zeigte, daß ſein Herz gefeſſelt war, und Clementine er⸗ klaͤrte im ſtillen Geſpraͤche jeden Blick, jedes Wort fuͤr die gluͤckliche Julie. So verfloß der Sommer im Genuſſe ungetruͤbter Luſt, und der Winter nahete, ohne von den Land⸗ bewohnern gefuͤrchtet zu werden. Indeſſen war auch Elementinens Rei⸗ gung und Freundſchaft fuͤr die Baronin bis zu dem Grade der Vertraulichkeit gewachſen, wo weibliche Seelen gern ſich einander auf⸗ ſchließen, und liebe oder bittere Erinnerun⸗ gen, als ein heiliges Pfand der Freundſchaft in den ſchweſterlichen Buſen niederlegen. Es war an einem Herbſtabende, wo die Maͤn⸗ ner nach dem Thee in einem obern Saal beſchaͤftigt waren, die Errichtung eines Theaters zu ordnen, auf dem den Winter uͤber von der Geſellſchaft geſpielt werden ſollte. Julie und die uͤbrigen Maͤdchen ſaßen neben dem Wohnzimmer am Fluͤgel und ſangen, Clementine hatte ſich mit der Baronin an den lodernden Kamin geruͤckt, der die einzige Erleuchtung des daͤmmernden 4. 150 Raumes war. Die ſtille duͤſtre Abendſtunde beguͤnſtigte einen lang gewuͤnſchten Herzens⸗ erguß, und Clementine fuͤhlte zebhafter als je, das Beduͤrfniß, hier wo ſie herzlich lieb⸗ te, ganz gekannt zu ſeyn. Erwarten Sie nichts Außerordentliches in meiner Erzaͤhlung, liebe Freundin, ſagte Clementine zur Baronin.— Es gibt ge⸗ wiß kaum Ein weibliches Leben, das ſo leer an bedeutenden Ereigniſſen iſt, als das meine. Die Liebe, die ſonſt immer der Geſchichte unſeres Herzens Intereſſe gibt, habe ich nie gekannt, und nur fremde Leidenſchaft be⸗ ruͤhrte meine Ruhe ſchmerzlich.— Ich war ſechszehn Jahr alt, als ich meine Hand einem Manne von mehr als vierzigen reichte, deſſen aͤußere Erſcheinung durchaus nicht an⸗ genehm war. Meine Aeltern wuͤnſchten dieſe Verbindung, ich war ganz frei von irgend einer Neigung, und die leidenſchaft⸗ liche Zaͤrtlichkeit des Herrn von Ahlen be⸗ friedigte mich voͤllig. Er ſah mit Stolz meine Anlagen fuͤr die Geſellſchaft, und fand einen Genuß darin, ſie vollends aus⸗ zubilden. Er gab mir Lehrer in allen Spra⸗ chen, die mir noch fremd waren, Tanzmei⸗ ſter, Muſiklehrer und Maler beſchaͤftigten — —e . 151 mich, und ich gewann leidenſchaftliche Freu⸗ de an allen dieſen Kuͤnſten. So blieb mir keine Zeit uͤbrig, um das zu miſſen, was mir fehlte, und die Eitelkeit ſchenkte mir die Genuͤſſe, die mir die Liebe verſagte. Ich achtete Ahlen, wie man einen Vater, oder einen guͤtigen Oheim achtet, und ſchloß mich mit aller Waͤrme meines Gefuͤhls an ſeine Tochter Julie, die bei meiner Verheirathung acht Jahre zaͤhlte. Ich will indeß nicht leugnen, daß es Augenblicke gab, wo ich die Leerheit meines Daſeyns empfand. Ich hatte kein eigentliches Geſchaͤft, kein Stre⸗ ben, wenig Hoffnungen, und nur eine truͤbe Ausſicht fuͤr die ſpaͤteren Lebensjahre. Die Geſchaͤfte der Wirthſchaft, die eigentlichen weiblichen Arbeiten liehte ich nicht, obgleich es mein Stolz war, ſie doch auch zu ver⸗ ſtehen. Haͤtte ich Kinder gehabt, ſie wuͤr⸗ den mich in meinem Kreiſe feſtgehalten ha⸗ ben, waͤhrend ich nun, da mir alle Freu⸗ den des Weibes mangelten, auch ſeinen Pflichten mich entzog. Mein ganzes Gluͤck fand ich einzig im Umgange mit den Muſen, und die Stunden, die ich am Klaviere oder mit dem Pinſel zubrachte, waren die ſchoͤn⸗ ſten meines Lebens. Im ſiebenten Jahre 152 meiner Ehe fiel mein Mann in eine ſchwere Krankheit, die ſeinem Leben Gefahr drohete. Er erholte ſich nach und nach, aber eine finſtre hypochondriſche Laune hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, die ihn voͤllig umwandelte. Er floh die Geſellſchaften, die er ſonſt liebte, faſt Niemand hatte mehr Zutritt bei uns, als ein einziger junger Mann, der Ahlens ent⸗ fernter Verwandter war. Es koſtete mich viel, dem Umgange mit der Welt zu entſa⸗ gen, den ich von der fruͤheſten Jugend an uneingeſchraͤnkt genoſſen hatte, allein ich that es, ohne eine Klage hoͤren zu laſſen. Doch fuͤhlte ich jetzt wohl oft und bitter, daß man lieben muß, um Opfer ſuͤß zu finden. Julie ward mir nun unendlich werth. Ihre ſtille reine Seele, immer eins mit ſich ſelbſt, immer anſpruchslos und fuͤr andere denkend; ihre Liebe zu mir, ihr Geiſt, ſo weit uͤber ihre Jahre gebildet, unnd doch ſo kindlich froh, machten ſie mir zu einer recht troͤſtenden Gefaͤhrtin. An Ahlens Vetter konnte ich mich hingegen lange nicht gewoͤhnen, und es war mir eine Laſt mehr, daß ich ihn taͤglich, und immer nur ihn, ſehen mußte. Er hieß Curt von Merwitz, war reich und unab⸗ ——— 3 153 haͤngig, doch durch fruͤheren Druck und manche harte Erfahrung finſter und miß⸗ trauiſch geworden. Sein Geſicht trug den Stempel dieſes Charakters. Seine klugen ſchwarzen Augen blickten ſcharf und durch⸗ dringend, ſeine Farbe war bleich, ſeine Zuͤge druͤckten mehr Bitterkeit als Leiden aus, und in ſeinem ganzen Weſen war nichts Vertrauen Erweckendes oder Anziehendes. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß es edel von ihm ſey, faſt ſeine ganze Zeit einem bis zur Melancholie muͤrriſchen Kranken zu wid⸗ men; ich fuͤhlte, daß er mir Erleichterung gab, aber es war mir ſchwer, es ihm zu danken, und wenn er eintrat, verließ ich immer den Platz neben Ahlen, und beſchaͤf⸗ tigte mich im angrenzenden Zimmer mit mei⸗ ner Malerei. Lange Zeit waren die Karten das einzige, was die Unterhaltung im Kran⸗ kenzimmer machte, doch nach und nach be⸗ redete Merwitz meinen Mann, ſich von ihm vorleſen zu laſſen. Ich erſtaunte uͤber die Anmuth, mit welcher er las, uͤber den Wohllaut ſeiner Stimme, uͤber das Gefuͤhl im Ausdruck. Unwillkuͤhrlich ruhete mein Pinſel, und ich ward bis zur Vergeſſenheit ergriffen. Wenn Ahlen vom Leſen⸗ ermuͤdet 154 war, knuͤpfte Curt ein Geſpraͤch an das Geleſene an, das nie mich zu ergoͤtzen ver⸗ fehlte, ja ich fuͤhlte mich jedesmal um eine Kenntniß oder einen neuen Gedanken berei⸗ chert und ſah es ungern, wenn man mich in ſolchen Stunden abrief, oder durch ir⸗ gend etwas ſtoͤrte. Mein Geiſt trat nach und nach mit Merwitz in einen geheimen Bund, indem er ſich von dem ſeinigen ange⸗ zogen fuͤhlte; ich fing nun an, ihm die Buͤ⸗ cher, welche ich von ihm geleſen wuͤnſchte, abſichtlich in den Weg zu legen, und konnte mich unendlich freuen, wenn er gerade an einer Stelle, die mir unverſtaͤndlich und dunkel war, ſeinen Vortrag unterbrach, um das Dunkle erklaͤrend zu erhellen. Ich er⸗ kannte darin eine Ruͤckſicht auf mich, und einen feinen Takt, der genau das Maaß weiblicher Kenntniſſe zu berechnen verſtand. Er ſelbſt blieb mir jedoch fremd. Sein finſtrer Blick, ſeine Verſchloſſenheit ſchreckte mich, es war als koͤnnten wir uns nur entfernt verſtehen und freundlich begegnen. Wenn er beim Weggehen durch mein Zim⸗ mer mußte, gruͤßte er mich kalt, und ich hatte Muͤhe mich zu uͤberreden, daß dieſe ſtarren unfreundlichen Zuͤge dem Manne an⸗ —— „* —-——— — 15⁵ 1 gehoͤrten, von dem ich noch eben ſo weiche ruͤhrende Toͤne vernommen hatte. Ein Zufall brachte uns endlich naͤher. Ich hatte zum Geburtstage meines Mannes eine Zeichnung angefangen, die eigentlich meine Kraͤfte uͤberſtieg. Ich that mir ſelbſt nicht genug bei dieſer Arbeit, war mißmu⸗ thig, und klagte es einer Freundin, die mich zu beſuchen gekommen war. Du kannſt Dir leicht helfen, ſagte ſie, wenn Du Merwitz, der bei Deinem Manne iſt, wie ich hoͤre— die Sache zur Entſcheidung vorlegſt. Weißt Du noch nicht, daß er vortrefflich zeichnet und malt? Laß mich nur machen, wenn er Herr von Ahlen ver⸗ laͤßt, wollen wir ſein Urtheil oder ſeine Huͤlfe anrufen. Der Vorſchlag gefiel mir nicht. Meine Eitelkeit ſprach heftig gegen den Gedanken, meine Fehler vor die Augen dieſes Mannes zu bringen, vor dem ich einen unerklaͤrli⸗ chen Scheu empfand. Meine Freundin be⸗ griff mich nicht, ſie konnte nicht glauben, daß dies das erſte Mal ſey, wo ich in Be⸗ ziehungen mit Merwitz kam, der unſer Haus ſo lange ſchon als taͤglicher Gaſt be⸗ ſuchte. Indem oͤffnete er Ahlens Thuͤr⸗ 156 und ſie nahm ſogleich das Work, ihn von meiner Verlegenheit zu unterrichten. Er trat vor meine Arbeit und betrachtete ſie mit dem ihm eignen ſcharfen Blicke. Dann ſing er ſehr bei einem Lobe an, das mich nicht freute, und endigte mit einigem Tadel, den er jedoch ſo unbefangen und verſtaͤndig rechtfertigte, daß ich Muth gewann, ihn um Belehrung zu bitten. Er ſetzte ſich, und immer erklaͤrend, half er mit wenigen Pinſelſtrichen den Fehlern des Ganzen ab, und erleichterte mir durch Anweiſungen, wie ich ſie wirklich noch nie erhalten hatte, die kuͤnftige Arbeit. Als er aufſtand, kannte ich mein Bild nicht mehr, und empfand ei⸗ nen recht friſchen Muth zu ſeiner Vollen⸗ dung. Verzeihen Sie die Freiheit, ſagte er, mmit der ich es wagte, ſie auf kleine Maͤngel aufmerkſam zu machen. Ich wuͤrde es bei keiner gewoͤhnlichen Dilettantin gethan ha⸗ ben. Allein Sie ſtehen der Vollendung ſo nahe, daß Sie gewiß uͤber die Gefuͤhle einer kleinlichen Eitelkeit erhaben ſind, und ich kann mich nie uͤberwinden, der Hoͤflichkeit etwas Gutes aufzuopfern. ——,,———9 157 Seit dieſem Tage gewoͤhnte ich mich, Merwitzens Rath bei meiner Arbeit zu be⸗ gehren, und ich fand, daß meine Geſchick⸗ lichkeit offenbar dadurch gewann. Wir ſprachen nun uͤber meine Uebungen, er ſchloß ſeinen reichen Geiſt und den Schatz ſeines Wiſſens mehr und mehr vor mir auf, und ward recht eigentlich mein Lehrer. Sei⸗ ne finſtre Kaͤlte blieb zwar, allein ich ge⸗ woͤhnte mich an ſie, und geſtand mir ſelbſt ein, daß ſein Umgang mir unentbehrlich, und die einzige Erheiterung meiner truͤben Tage ſey. Ich floh nicht mehr aus dem Krankenzimmer, wenn er kam, ich fragte offen, wenn mir im Leſen ein Ausdruck, eine Bemerkung auffiel; ich noͤthigte ihn auch wohl, laͤnger zu bleiben, wenn er ge⸗ hen wollte, ja ich konnte ihm endlich ſogar recht herzlich den Dank aͤußern, den ſeine unausgeſetzte Theilnahme an Ahlens Zuſtan⸗ de mir einfloͤßte. Demohngeachtet war mein Gefuͤhl fuͤr ihn weit von aller Reigung entfernt. Sein Aeußeres hatte mich vom erſten Augenblicke an abgeſtoßen. Das Intereſſe, welches ſein uͤberwiegender Ver⸗ ſtand mir abnoͤthigte, konnte dieſe Abnei⸗ gung nur mindern, ſie ganz zu uͤberwinden 158 war meiner Weiblichkeit unmoͤglich. Auch er zeigte mir immer dieſelbe Kaͤlte. In der langen Zeit unſerer Bekanntſchaft entſchluͤpf⸗ te ihm nie eine waͤrmere Aeußerung, nie auch nur eine Galanterie, unſer Umgang war nur ein Verkehr des Verſtandes, ein Austauſch der Ideen, ein Geben und Neh⸗ men im Gebiet des Wiſſens und der Kuͤnſte. Wie ſicher mußte ich durch dieſe Bemerkun⸗ gen werden, und wie wenig konnte ich ah⸗ nen, was mich ſo bald treffen ſollte? Meines Mannes Krankheit war in eine langſame Abzehrung uͤbergegangen, und die letzten Tage ſeines Lebens waren nahe. Mich ergriff dieſe Gewißheit mit tiefem Schmerze, ich litt unendlich bei ſeinen Lei⸗ den, ich wollte ihn nicht mehr verlaſſen und theilte ſeine Pflege Tag und Nacht nur mit Julien. Meine Geſundheit ward von die⸗ ſer Anſtrengung angegriffen, ich fuͤhlte es, ohne es zu achten. Vergebens redete man mir zu, in den hellen Fruͤhlingstagen nur einmal die Luft zu genießen, ich konnte mich nicht uͤberwinden, mich von dem Anblicke des Todes in die auferſtehende Natur zu wenden, die mir jetzt nur ſchaͤrferen — 159 Schmerz gab.— Eines Abends trat Merwitz, den Geſchaͤfte mehrere Tage von uns entfernt hatten, gerade herein, da mein Mann von mir unterſtuͤtzt, an ein Fenſter gewankt war, aus welchem wir einen Theil der einſamen Promenade uͤberſahen. Die ſinkende Sonne beleuchtete die eingefallenen Zuͤge des Kranken, es fiel mir laſtend aufs Herz, daß ſeine Stunden gezaͤhlt waren, und ich mußte mich wegwenden, um die Thraͤnen zu verbergen. Meine Augen tra⸗ fen auf Merwitz, er ſah mich mitleidig an, und zum erſten Male fand ich in ſeinem Blicke einen andern, als den gewoͤhnlichen Ausdruck. Gnaͤdige Frau, ſagte er halb⸗ laut und mit unſicherer Stimme, Sie ſind ſelbſt krank, Sie ſehen blaß und angegriffen aus, und moͤchten es verhehlen. Ich bitte Sie im Namen unſeres Freundes, etwas fuͤr ſich zu thun.— Recht, lieber Vetter, erwiederte Ahlen, ſie wird ſich nutzlos auf⸗ opfern. Wie oft ſchon habe ich ſie gebeten, einmal in die Luft zu gehen. Bewegung fehlt ihr offenbar, und ich wuͤrde mich die⸗ ſes ſchoͤnen Abends recht erfreuen, wenn ich wuͤßte, daß ſie ihn genoͤſſe. Geh, liebe Clementine, nimm Julien mit Dir, ich 160 werde Such hier ſehen, und in Curts Ge⸗ ſellſchaft wird mir indeß nichts mangeln.. Ich fuͤhlte mich unfaͤhig, ihm zu will⸗ fahren. Mein Gefuͤhl ſtraͤubte ſich gegen jede Erholung, und ich verließ das Zimmer, um mich draußen auszuweinen. Als ich mein Geſicht aus den Kiſſen des Sopha's erhob, ſtand Merwitz vor mir, mein Mann hatte ihn mir nachgeſandt. Seine Augen ruhten auf mir, ſie waren feucht von Thraͤ⸗ nen. Ihr Gemahl ſchickt mich⸗ ſagte er, er iſt ſehr beſorgt um Sie, er bittet Sie, ſich zu ſchonen. Sie ſind krank, ich weiß es gewiß, die Veraͤnderung Ihrer Farbe hat es mir beim Eintritte ins Zimmer ver⸗ rathen. Ein ſolche Heftigkeit des Kummers muß Ihr Leben in Gefahr bringen! Sor⸗ gen Sie fuͤr Ihre zarte Geſundheit, ich be⸗ ſchwoͤre Sie! ja ich beſchwoͤre Sie, bei al⸗ lem was Ihnen theuer iſt, bei der Ruhe aller, die Sie lieben! Staunend ſah ich ſeine Bewegung, ich kannte ihn nicht mehr, ſeine ungewohnte Nuͤhrung ergriff mich mit. Wie gut ſind Sie, lieber Merwitz, ſagte ich, und faßte ſeine Hand, Ihre Theilnahme ruͤhrt mich ſehr. Aber ich bin zu ſchwach, dem Schmerze 161 Schmerze zu gebieten, den Sie mit mir em⸗ pfinden muͤſſen. Merwitz wandte ſich raſch von mir ab, ich fuͤhlte einen Druck ſeiner zitternden Hand, und ein Gefuͤhl, daß ich Ahnung nennen moͤchte, durchbebte meine Bruſt. Er warf ſich auf einen Stuhl am Klaviere, und be⸗ deckte die Augen mit ſeinem Tuche. Bewegt und verwirrt verließ ich ihn und kehrte zu Ahlen zuruͤck, wohin er mir nach einer hal⸗ ben Stunde folgte, voͤllig wieder mit der Ruhe, die ich ſonſt an ihm kannte, die mich aber nun nur ſchreckte, ohne mich zu taͤuſchen. Ich uͤbergehe jetzt die duͤſtern Tage, die mir meinen Gatten und in ihm den zuver⸗ laͤſſigſten Freund meines Lebens raubten. Wer haͤtte nicht ſolche Tage gelebt, ach! die ſchwerſten, die es hienieden gibt. Eine Betaͤubung, ein langſames Hinſterben aller Kraͤfte, half ſie mir ertragen, und nur wenige Tage war Ahlen todt, als auch ich in eine gefaͤhrllche Krankheit ſiel. Juliens Liebe wachte fuͤr mein Leben, was kein Arzt hoffte, was meine Freunde nur wuͤnſchen konnten, das errang ihre unermuͤdete Sorg⸗ falt. Wenn ich meine Augen fuͤr einen L 162 Moment mit Bewußtſeyn oͤffnete, ſtand ihre troͤſtende Geſtalt an meinem Lager, ihre ſanfte Hand leiſtete mir jede Huͤlfe, und meine Phantaſie nannte ſie den Engel eines ſchoͤneren Lebens, das ich vor mir aufge⸗ than ſah.— Langſam genas ich endlich, aber meine Krankheit, ein boͤsartiges Ner⸗ venfieber, hinterließ mir die Schwaͤche und Reizbarkeit, mit der ich nun fortdauernd kaͤmpfe. Die friſche kraͤftige Bluͤthe der Geſundheit kehrt mir nie wieder, und mein Herz iſt unheilbar verwundet. Noch im zugendlichen Alter ſteh' ich an der Grenze der Hoffnungen; ich habe ſie alle uͤber⸗ lebt. Ihre Erzaͤhlung ſtimmt Sie truͤbe, liebe Freundin, ſagte die Baroneſſe, und um⸗ faßte Elementinen. Still weinend ruhte dieſe einen Augenblick an ihrer Bruſt. Laſ⸗ ſen Sie mich, erwiederte ſie dann, es thut mir wohl, und ich bin gleich zu Ende. Der Sommer war ſchon weit vorge⸗ ruͤckt, als ich wieder erſtand und zum erſten Male die Beſuche meiner Freunde mit Ver⸗ gnuͤgen und ohne Anſtrengung annehmen konnte. Ich hatte die Geſelligkeit lange „ QC—— ——yyyy4 163 entbehrt, und ihr Genuß war mir um ſo neuer und erfreulicher geworden. Auch Merwitz kam, ich ſah', daß es ihm Muͤhe koſtete, ſeine Faſſung bei meinem Anblicke zu erhalten, und ich empfing ihn mit Thraͤ⸗ nen wehmuͤthiger Ruͤhrung. Ich hatte mich in der letzten Zeit von Ahlens Krank⸗ heit gewoͤhnt, ihn als einen Freund zu be⸗ trachten, herzlicher Dank fuͤr ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit an den Todten machte ihn jetzt noch mehr dazu. Es war mir, als ſchmiege ſich des Verlornen Bild an ihn an, er ſchien mir ein Vermaͤchtniß der heiligſten Freund⸗ ſchaft. Und war er doch der einzige Ge⸗ faͤhrte einer langen kummervollen Einſam⸗ keit! Viele meiner Freunde waren mir fremder geworden, er wußte um alle meine Beſchaͤftigungen, hatte ſie alle getheilt, war von allen Zeuge geweſen. Das machte mir ſeine Geſellſchaft lieb, und es ſiel mir nicht ein, in ihm ein waͤrmeres Gefuͤhl zu ahnen. Die Epoche der Geneſung von einer toͤdtli⸗ chen Krankheit zieht uͤberdem ſehr von der Beobachtung ab, und beſchraͤnkt unſere Ideen in einen ganz kleinen Kreis. Man iſt dann ſo ſorglos, ſo weggewandt von al⸗ len irdiſchen Verhaͤltniſſen, ſo voll der hei⸗ 2 2 * aallgemeine Leben und Bluͤhen in der Ratur. ligſten reinſten Empfindungen, man gehoͤrt ddiiſem Leben voll Unruhe und Sorge nur erſt zur Haͤlfte wieder an. Der Arzt rieth mir, den Reſt der ſchoͤ⸗ nen Jahreszeit in einem Gartenhauſe, et⸗ was entfernt von der Stadt zuzubringen. Ich fuhr mit Julien hinaus, und wir rich⸗ 1 teten uns dort recht angenehm ein. Wie wohl that mir die erquickende ſtaͤrkende Luft, die Freiheit und Stille um uns her, das Mein gedruͤcktes Gemuͤth erhob ſich mit neuer Kraft, ich umfaßte die Zukunft mit Hoffnung und Zuverſicht, und bauete das Gluͤck meiner kuͤnftigen Tage nach einem . ſicher gezeichneten Plan. Feſt entſchloſſen, meine Unabhaͤngigkeit um jeden Preis zu be⸗ wahren, wollte ich nur mir ſelbſt und Ju⸗ lien leben; meine Jugend gab mir Anſpruͤche auf die Freuden des Lebens, die ich immer leidenſchaftlich geliebt hatte, ein ruhiger Wohlſtand ſicherte mir ihre Genuͤſſe, ich freute mich ihrer im voraus, und ſchmuͤckte meine haͤusliche Einrichtung, ſo wie meine Beziehungen zur Geſellſchaft mit der reichſten Phantaſie aus. Dieſe Erwartungen erhei⸗ terten meine Geſpraͤche mit Julien. Sie 165 ging gefaͤllig in alle meine Plane ein, ob⸗ gleich ihre Anſichten von Gluͤck und Lebens⸗ genuß nicht mit denen uͤbereinſtimmen, die mir Erziehung und Verhaͤltniſſe aufgedrun⸗ gen haben. Alles vereinte ſich in dieſen fro⸗ hen Tagen mich zu begluͤcken, ja mich uͤber die Folgen der Krankheit zu taͤuſchen, ich fuͤhlte mich geſund, und in mir wohnte die Ruhe, die ich bald ſchmerzlich genug ver⸗ miſſen ſollte!— Merwitz war unſer taͤglicher, und bei der Entfernung von der Stadt, faſt unſer einziger Geſellſchafter geworden. Er zeich⸗ nete mit mir, wir ſpielten zuſammen Kla⸗ vier, er las mir und Julien vor, wir beide freuten uns wenn er kam, und entließen ihn ungern. Nun fielen die Blaͤtter ab, rau⸗ here Luft ſtrich durch die duͤnnen Aeſte, die Abende wurden laͤnger, ich ſehnte mich in die Stadt, und es befremdete mich, das Merwitz dies mit Unruhe zu hoͤren ſchien. Truͤber als gewoͤhnlich ſaß er am letzten Abende neben mir am offenen Fenſter des Gartenhauſes. Es war Daͤmmerung, wir allein, und jedes in ſeine Gedanken vertieft. Er ſah ſtarr den fallenden Blaͤttern nach, die von der Silberpappel an dem Fenſter vorbei tanzten. Sie ſind nicht heiter, Merwitz, ſagte ich unbefangen, er fuhr wie aus einem Trau⸗ me auf.— Soll ich heiter ſeyn, antwortete er be⸗ wegt, wenn mein Gluͤck mit dem Schmucke der Zweige faͤllt? Der Sommer, der ſchoͤn⸗ ſte Sommer meines Lebens iſt dahin, und Sie kehren aus der Einſamkeit, in der ich ſo ſelig war, in eine Welt zuruͤck, die Sie mit offenen Armen empfangen wird. Und das macht Sie truͤbe? fragte ich laͤchelnd, doch nicht ohne ahnungsvolle Ban⸗ gigkeit— Clementine, rief er aus und trat mir naͤher, ſollten Sie nicht wiſſen, was Sie mir ſind? Sollte Ihr Blick das Herz nicht durchdringen, das Ihnen ungetheilt ſchon ſeit Jahren gehoͤrt. Ich habe lange vor dieſem Augenblicke gezittert, denn er entſcheidet mein Schickſal, und zagend habe ich geſchwiegen, aber ich muß nun reden! Seit ich Sie kenne, fuͤhle ich, daß nur Ihr Beſitz mein Leben ſchmuͤcken kann. Ja Sie moͤgen es immer wiſſen, um Sie zu ſehen, um Ihre Stimme zu hoͤren, verſchloß ich mich freudig in Ahlens Krankenzimmer, 167 Ihrentwegen entſagte ich jeder Geſellſchaft, alle waren mir ohne Genuß, wo Sie fehl⸗ ten. Die Pflicht verbot mir meine Leiden⸗ ſchaft auszuſprechen, ich verſchloß ſie, wie eine verhohlene Glut in meiner Bruſt, aber ſie brannte nur ſtaͤrker. Anfangs glaubte ich mich von Ihnen gehaßt, dies machte mich feindſelig und erbittert, aber welche Seligkeit gab mir ſpaͤter Ihre Freundlichkeit, Ihr Vertrauen. Jetzt ſind Sie frei, jetzt darf ich um mein Gluͤck werben. In dieſer himmliſchen Abgeſchiedenheit war ich oft ſo kuͤhn zu hoffen, laſſen Sie mich hier doch mein Schickſal vernehmen. Bebend hatte ich ihn angehoͤrt. Tau⸗ ſend Beweiſe der Leidenſchaft, die ſich nun enthuͤllte, draͤngten ſich auf einmal an mich. Ich begriff meine fruͤhere Verblendung nicht. Ach mein Herz ſagte mir, daß ich hier leicht⸗ ſinnig mit der Ruhe eines Ungluͤcklichen um⸗ gegangen war, aber eben ſo entſchieden ſprach es gegen ſeine Wuͤnſche. Ich bat ihn angſtvoll, mich zu verlaſſen, und ver⸗ ſprach die Antwort, die er von mir heiſchte, auf morgen. Er ging, ein Strom von Thraͤnen erleichterte meine Bruſt. Wer vermag die Kaͤmpfe, die Vorwuͤrfe zu ſchil⸗ 168 dern, die dieſe duͤſtre abendliche Stunde mir gebar. Zwar mein Bewußtſeyn gab mir das Zeugniß der reinſten Unbefangenheit, kein Schatten herzloſer Koketterie klagte mich an; aber war ich deswegen weniger an dem Kummer eines Menſchen Schuld, war ich weniger verantwortlich fuͤr alles, was ſein wilder Sinn ihn thun ließ, wenn ſeine letzte Hoffnung ſchwand. Sind Sorg⸗ loſigkeit und Leichtſinn keine Fehler? War warnt, damals that ich einen Blick in dies gluͤhende Herz, das eine kuͤnſtliche Eisrinde uͤberzog, warum nuͤtzte ich den Wink des Himmels nicht? Julie fand mich in Thraͤnen und ward meine Vertraute, meine Troͤſterin. Zwar hatte ſie lange, und vorzuͤglich ſeit Kurzem geahnet, was mir verborgen blieb, doch ſprach ſie mich frei von der Schuld, eine Hoffnung erregt zu haben, die ich nicht er⸗ fuͤllen wollte. Nur die Taͤuſchung eines verlangenden Herzens konnte meine ach⸗ tungsvolle Freundlichkeit verkannt, und Erwartungen darauf gebaut haben, wie Merwitz ſie geſtand. Wir ſprachen bis Mitternacht uͤber den Vorfall, wir beklag⸗ ich doch wenig Tage vor Ahlens Tode ge⸗ v —— 169 ten Curt, wir zitterten vor dem Ungeſtuͤm ſeines finſtern Gemuͤths. Aber mein Ent⸗ ſchluß wankte keinen Augenblick. Ich konnte Merwitz nicht lieben, als Freund war er mir werth, der Gedanke, ihm mehr zu ſeyn, erſchreckte mich. Und nicht blos fuͤr ihn wollte ich meiner Freiheit nicht entſagen— es lebte kein Mann, dem ich das Opfer noch einmal gebracht haͤtte. Dieſe Vorſtel⸗ lung, hoffte ich, ſollte ihn beruhigen, ich hielt ſie feſt, und verdankte ihr in dieſer qualvollen Nacht noch einige Stunden der Vergeſſenheit. Laſſen Sie mich nicht umſtaͤndlich wie⸗ derholen, was nun folgt. Curts wilde Verzweiflung, ſeine immer wiederkehrenden Bitten, ſein bleiches kummervolles Geſicht, die Blicke meiner Freunde, die alle fuͤr ihn ſprachen— meine Seele ertrug es kaum, und mein Koͤrper erlag dem Grame. Der Winter verging mir in Leiden, in Kaͤmpfen und ohne Erheiterung. Zwei Monate vor⸗ her, ehe ich die Stadt verließ, war Curt verſchwunden. Er ſchrieb mir nach eini⸗ gen Tagen, er ſey zur Armee abgegangen, um den Tod zu ſuchen. Sein Brief war mir fuͤrchterlich. Die graͤßliche Kaͤlte, die 170 er athmete, erſtarrte mein Herz und toͤdtete meinen Frieden. Immer ſehe ich ihn auf dem Schlachtfelde, ſehe ſein unbekanntes Grah in fernen Gegenden, hoͤre, wie er voll Haß meiner denkt. Mein Klavier ruft mir ſeine Toͤne zuruͤck, um mich zu quaͤlen, mein Pinſel erinnert mich an ihn. Jedes Buch, das ich leſe, hoͤrte ich einſt von ſei⸗ ner Stimme, und dieſe ruͤhrende Laute um⸗ toͤnen mich ſo taͤuſchend, daß ſie aus der Ferne mir zuzurufen ſcheinen. Dennoch kann ich nicht bereuen, was ich that, ich bin ungluͤcklich, aber nicht ſtrafbar. Es ſchien mir immer ein Unrecht, eine Ehe mit Abneigung zu ſchließen. Es gibt vielleicht ruhige fanfte Gemuͤther, die es duͤrfen, ohne Gefahr ihren Werth zu verlieren, ich durfte es nicht, und alles ſprach in mir gegen ein Opfer, das nur einer vergaͤnglichen Leiden⸗ ſchaft gebracht worden waͤre. Ja vielleicht bin ich jetzt ſchon vergeſſen, vielleicht iſt er ruhiger, gluͤcklicher als ich!—— Sie wiſſen nun alles, mein Ungluͤck und ſeine Quellen; ierte ich, ſo richten Sie mich lie⸗ bevoll. Hatte dieſe Erzaͤhlung Clementinen be⸗ wegt, und Vergangenes, Schmerzliches 1271 ihr wieder nahe geruͤckt, ſo war es ihr doch in eben dem Maße Erleichterung ſich ausge⸗ ſprochen, und durch freiwillig gegebenes Vertrauen eine gleichgeſtimmte Seele ſich erworben zu haben. Die Baronin that hin⸗ gegen alles, ſie nun wieder zu erheitern, und was ihr zaͤrtlicher verſtaͤndiger Troſt begann, vollendete das freundliche Beiſammenſeyn aller Glieder der Geſellſchaft, die kurz vor dem Abendeſſen ſich in der Wohnſtube wie⸗ der zu einander fanden. Die Maͤnner wuß⸗ ten viel und mancherlei uͤber das Theater zu ſprechen, man verabredete die Spieltage, die Proben, man ſetzte den Baron einmuͤthig zum Direktor ein, und vertheilte vorlaͤufig die Rollenfaͤcher. Alles dies hatte viel In⸗ tereſſe fuͤr Clementinen, die ihre Kraͤnklich⸗ keit keinesweges abhielt, den lebhafteſten Antheil an einem Vergnuͤgen zu nehmen, welches ihr immer als das ſchoͤnſte und viel⸗ ſeitigſte erſchienen war. Weniger gern, und eigentlich nur aus Gefaͤlligkeit, nahm Julie Theil daran. Sie traute ſich wenig Talent zu, und hatte darin nicht ganz uUnrecht. Rollen, die blos den Ausdruck ihrer reinen ſanften Eigenthuͤmlichkeit verlangten, mochte ſie vorzuͤglich gut darſtellen; einen entge⸗ gengeſetzten Charakter durch Studium und Kunſt zu geben, gelang ihr nicht, obgleich ſie ſchon einigemal den Verſuch gemacht hat⸗ te. Am liebſten waͤre ſie daher unbeſchaͤf⸗ tigt geblieben, aber man wollte ihr dies nicht zugeſtehen, und da es einmuͤthig beſchloſſen war, die Beſtrebungen der Kunſt auf wuͤr⸗ dige Gegenſtaͤnde zu richten, und nicht mit Poſſen oder kleinen Nachſpielen zu beginnen, ſo theilte der Baron ihr ſogleich die Emilia Galotti zu, waͤhrend Clementine die Orſina mit großer Luſt uͤbernahm. Der Baron ſelbſt wollte den Vater und ſeine Frau die Claudia ſpielen. Der Prinz fiel Wallenfeld anheim; ſeine Figur und ſein Anſtand mach⸗ ten ihn am geſchickteſten zu dieſer Rolle, welcher er jedoch die des Malers weit vorge⸗ zogen haͤtte. Das allgemeine Intereſſe der abgehandelten Gegenſtaͤnde verlaͤngerte die Tafelzeit bis nach Mitternacht, wo dann je⸗ der der Gaͤſte ſich mit den froͤhlichſten Aus⸗ ſichten fuͤr den nahenden Winter in den Wa⸗ gen oder auf's Roß warf, und durch die ſtille mondhelle Nacht der Heimath zu⸗ eilte.. Der ungeduldig erwartete Tag der Auf⸗ fuͤhrung kam heran, Mitſpieler und Zu⸗ 173 ſchauer waren gleich geſpannt. Eine zahl⸗ reiche Geſellſchaft aus der entfernteſten Um⸗ gebung verſammelte ſich in dem duͤſtern Saale, den nur ein einziger Lichtſtreif ven einem halbgeoͤffneten Laden magiſch erhellte. Das geſchmackvolle, nicht gar zu kleine Theater, der Vorhang, der das Erwartete barg, und auf deſſen wohlgewaͤhlten Grup⸗ pen der grelle Lichtſtrahl ruhete, das Ge⸗ fluͤſter hinter demſelben— alles gab einen Vorſchmack des verſprochenen Genuſſes. Den Meiſten von den Eingeladenen war ein ſolcher neu, oder wenigſtens ungewohnt. Sie ſahen nur etwa Einmal im Jahre eine höchſt mittelmaͤßige Vorſtellung in der naͤch⸗ ſten Landſtadt, wo die Kunſt im Kindesalter zuweilen ihren Sitz aufſchlug. Hier aber ließ ſich mit Recht etwas Außerordentliches hoffen, und man hatte nicht geirrt. Jede Rolle wurde mit Einſicht und Fleiß gegeben, und alles vereinte ſich zu einem ſchoͤnen, je⸗ dem Theilnehmer unvergeßlichen Ganzen. Juliens zartes Spiel, ihre liebliche Simme, die Unſchuld und Reinheit ihres ganzen We⸗ ſens, ließ nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, eben ſo vollendet ward Claudia von der Baronin dargeſtellt, aber den rauſchendſten Beifall, 174 die entſchiedenſte Bewunderung euvang Cle⸗ mentine. Ihre Schoͤnheit, durch die Far⸗ ben gehoben, die ihrem bleichen Geſichte jetzt oft fehlten, bedurfte kaum des blenden⸗ den und ausgeſuchten Putzes, in welchem ſie erſchien, ihr Spiel machte die Kunſt vergeſ⸗ ſen, es war Leben und Natur, es bezau⸗ berte, es riß hin. Alles umringte ſie nach der Vorſtellung, jeder wollte ihr ſeinen Dank bringen, ſie war die Koͤnigin des kleinen Balles, der der Vorſtellung folgte. Sie fuͤhlte ſich befriedigt und gluͤcklich!— Nie hatte ſie ſich einen Augenblick ſo ganz aus ſich ſelbſt und ihrem verduͤſterten Leben herausgeriſſen gefuͤhlt, als dieſen Abend auf der Buͤhne. Keine Kunſt hatte ihr ſo voll⸗ kommene Vergeſſenheit gewaͤhrt, als die heute geuͤbte. Und wie entzuͤckte ſie der all⸗ gemeine Beifallsruf, der ſie nach der Um⸗ kleidung empfing! Ihre fruͤheſte Jugend hatte ſie an den Weihrauch gewoͤhnt, den eine bewundernde Menge ſpendet, er war ihr noch immer das wuͤnſchenswertheſte Gut.. Die Vorſtellungen gingen nun regelmaͤſ⸗ ſig fort, und jede vermehrte Clementinens Triumphe. Man ſah nur ſie, man ſprach 175 nur von ihr, und wenn ſie in den kleinen Theezirkeln, die noch außer jenen Feſten oft genug bei ihr, oder bei der Baroneſſe zu⸗ ſammen kamen, die Geſellſchaft mit ihrem Geſange unterhielt, blieb kein noch ſo unbe⸗ redter Mund zu ihrem Lobe ſtumm, kein noch ſo kaltes Herz ungefeſſelt. Denn es iſt das ſchoͤnſte Geſchenk, daß die Kunſt ihren Lieblingen macht, die Gabe alle Ge⸗ muͤther ſich zuzuwenden, und nichts gleicht der Begeiſterung, mit welcher wir uns einem Kuͤnſtler, einer Kuͤnſtlerin nahen, die ſo eben dies herrliche Recht an uns geuͤbt ha⸗ ben. Da moͤchte jedes eine Blume in den Kranz winden, der ſie lohnt und ehrt, und ſind dieſe Augenblicke oft die einzige Entſchaͤ⸗ digung fuͤr ſo manche dornige Stelle auf der Kuͤnſtlerbahn, ſo ſind ſie auch erhebend und ſchoͤn. Wallenfeld war indeſſen noch immer der gewoͤhnlichſte Gaſt im Hauſe der Frau von Ahlen. Aber in ſeiner Bruſt hatte ſich man⸗ ches verwandelt, und ſeltſam widerſpre⸗ chende Gefuͤhle tobten darin. Er hatte ſich anfangs von beiden Frauen angezogen ge⸗ fuͤhlt, hatte ſie aufgeſucht, ſich ihnen genaͤ⸗ hert, und mit immer groͤßerem Behagen hei 176 ihnen verweilt. Juliens einfache Liebens⸗ wuͤrdigkeit entzuͤckte ihn, ihre haͤusliche Thaͤtigkeit that ihm wohl, er fing an in ihr die Gattin zu ſehen, die ihn begluͤcken koͤnn⸗ te, und ihre freundliche Traulichkeit feſſelte ihn unvermerkt. Clementine hingegen nahm ſeine Sinne gefangen. Ihre Talente, ihre Schoͤnheit, ihr glaͤnzender Verſtand, blendeten und reizten ihn, die Bewunde⸗ rung aller, ſo maͤchtig wirkend auf das Ur⸗ theil der Maͤnner, wob eine Glorie um ſie, es ſchien ihm unmoͤglich, ſo viel Vollkom⸗ menheit zu ſehen, ohne ſich nach dem Be⸗ ſitze des Weſens zu ſehnen, das ſie verei⸗ nigte. Die ruhige Reigung ward von einer leidenſchaftlichen Regung verdunkelt, ja ganz verdraͤngt, wie das ſtille Licht des Mondes vor dem Glanze der Kerzen er⸗ bleicht, und wie wir dies nur wieder finden, wenn wir den glanzvollen Platz verlaſſend, uns einen Augenblick in dichte Schatten⸗ gaͤnge verlieren, ſo rang ſich nur in einzel⸗ nen Momenten, fern von Clementinens An⸗ blick, das fruͤhere Gefuͤhl kaͤmpfend in Wallenfelds Herzen hervor. Wenn er aber, unter die Zuſchauer gemiſcht, ſie auf dem Theater erſcheinen ſah, wenn jedes Wort, — jede 177 jede Miene bezaubernd war, wenn er ſelbſt mit ihr ſpielte, und dieſe engelgleiche Frau ihm Liebe ſchwur, ſein Arm ſie umſchlingen, ſeine Hand die ihre faſſen durfte, wie haͤtte er ruhig bleiben, wie dieſer gewaltigen Lei⸗ denſchaft widerſtreben ſollen. Wenn ſie ſang, wenn alles ihren Zaubertoͤnen lauſchte, und jeder ſein Herz beruͤhrte, wenn ſie ſprach, wenn ſie tanzte, wie ſchoͤn, wie rei⸗ zend war ſie immer. Er kaͤmpfte, er waͤhlte nicht mehr, er gab ſich hin. Dieſe Liebe war die Gefaͤhrtin ſeiner einſamen Stunden, die Phantaſie pflegte und naͤhrte ſie, aber noch ſchweigend bewahrte ſie die Bruſt, fuͤrchtend und hoffend, berauſche und ſe⸗ lig.— Clementine, weit entfernt hier mehr zu ſehen, als die Bewunderung, die ihr alles zollte, fuhr fort, die Hoffnung einer Verei⸗ nigung Wallenfelds mit ihrer Pflegetochter zu naͤhren. Sie wußte, daß ſein Vermoͤ⸗ gen durch einen Prozeß bedroht war, und dieſem Umſtande ſchrieb ſie ſein dauerndes Schweigen zu. Der Gedanke, die Beiden verbunden zu ſehen, die ihr ſo lieb und theuer waren, erfuͤllte ihre ganze Seele. Sie hatte Wallenfeld ſcharf beobachtet, und M 128 glaubte ihn nun genug zu kennen, um mit Gewißheit zu entſcheiden, daß Juliens ſtil⸗ les, ruhiges Gemuͤth, ihr klarer Verſtand, ihre Thaͤtigkeit aufs innigſte mit ſeinem Cha⸗ rakter uͤbereinſtimmten. Auch hatte ſie nicht falſch geurtheilt. Julie beſaß alle Eigen⸗ ſchaften, den Mann zu begluͤcken, den ihr liebendes Herz gewaͤhlt hatte. Denn Wal⸗ lenfeld, von einer haͤuslichen Mutter erzo⸗ gen, die, ohne Beſchraͤnkung, doch nie ih⸗ ren Kreis uͤberſchritt, gewoͤhnt, ſie im Hauſe walten, alles von ihrem Auge gelei⸗ tet, vieles durch ihre Hand bereitet zu ſehen — zarter weiblicher Sorgfalt und Aufmerk⸗ ſamkeit beduͤrftig, und von Jugend auf ge⸗ lehrt, nach dieſem Maßſtabe unter den Jungfrauen umher zu ſchauen, um aus ih⸗ nen die Gefaͤhrtin zu waͤhlen, konnte nur durch die Gewalt der Leidenſchaft und eines ganz neuen unwiderſtehlichen Reizes den Blick auf Clementinen richten, der alle jeue Vorzuͤge mangelten, die ſie— im Beſitze ſo vieler Andern— verſchmaͤhte. Waͤh⸗ rend nun Clementine, getaͤuſcht und ruhig, in Gedanken an dem Gluͤcke ihres Lieblings baute, bemerkte Julie nur zu gut Wallen⸗ felds Entfremdung, und bedurfte nur kurzer 179 Aufmerkſamkeit, um mit tief verletztem Her⸗ zen zu ahnen, was in ihm vorging. Still, wie immer, und allen Troſt dort ſuchend, wo er allein zu finden iſt, nahm ſie ihre Zu⸗ flucht zu der reinen glaͤubigen Froͤmmigkeit, die wie ein Schutzgeiſt mit ihr erwachſen war, und beſchaͤftigte ſich nur eifriger und ſtaͤtiger als ſonſt. Aber wenn nun die Nacht herabſank, alles ſchwieg, alles ruhe⸗ te, kein Geſchaͤft, keine Arbeit ſie mehr zer⸗ ſtreute, dann floſſen ihre Thraͤnen einſam und ungeſehen, nur von den ſchimmernden Sternen belauſcht, die die kalte erſtorbene Gegend uͤberſchauten. So kam das Weihnachtsfeſt mit ſeinen froͤhlichen Erſcheinungen heran, die Frauen beſchenkten ſich wechſelsweiſe, und Julie war ſchon lange vorher bemuͤht, einigen Kindern aus dem Dorfe, die ſie vorzuͤglich liebte, Freude zu bereiten. Puppen und Spiel⸗ werke aller Art prangten nun unter glaͤnzen⸗ den Lichtbaͤumen, die gluͤcklichen Kinder ſa⸗ hen erſtaunt die Herrlichkeiten an, und wagten nicht, ſie ſich zuzueignen. Julie gedachte mit ſanfter Ruͤhrung ihrer Kinder⸗ zeit, wies mit innigem Behagen ein jedes zurecht, ließ ſie Haͤubchen und Handſchuh M 2 180 probiren, zeigte den Feſtſchmuck der Pup⸗ pen, und die vergoldeten Fruͤchte des Bau⸗ mes. Wehmuthig erinnerte ſie ſich ihrer fruͤh verſtorbenen Mutter und des Chriſt⸗ abends, an welchem dieſe ſie eben ſo durch die Reihen aufgeſtellter Schaͤtze fuͤhrte. Sie ſah die bleiche Geſtalt noch vor ſich, die ſie dann bald nicht mehr erblickte. Auch die ſchoͤne Erſcheinung der neuen Mutter war ihr noch ganz lebendig, wie ſie ihr gerade an dieſem Abende zuerſt vorgeſtellt ward, und ihr kindiſches Herz mit willkommenen Gaben erfreute. Immer war dies goldene Kinderfeſt ihr ſo froh erſchienen! ſie wollte es auch heute feierlich begehen; es gelang ihr, ſich an fremder Luſt zu erfreuen, und der nichts ahnenden Freundin den einſam zu⸗ gebrachten Abend durch die gewohnte Hei⸗ terkeit zu verſchoͤnen. Sie war am Reujahrsmorgen auf ihrem Zimmer allein und eben mit einem Briefe beſchaͤftigt, der ihr Gefuͤhl lebhaft aufge⸗ regt hatte, als ein Diener eintrat, Wallen⸗ feld zu melden, und dieſer ihm auf dem Fuße folgte. Er kam um den Damen Gluͤck zu wuͤnſchen, weil aber Elementine, die ſehe ſpaͤt aufzuſtehen pflegte, noch nicht ſichthar ₰„ 181 war, hatte ein Neuling aus der Dienerſchaft ihn ſogleich zu Julien gefuͤhrt, ſtatt dieſe, wie gewoͤhnlich, ins Beſuchzimmer zu ru⸗ fen. Noch nie hatte Wallenfeld dies Zim⸗ mer betreten, und er fuͤhlte er ſich uͤber⸗ raſcht von dem Einklange der einfachen an⸗ ſpruchsloſen Wohnung mit dem Weſen der Bewohnerin. Die hellen gruͤnen Waͤnde ſchmuͤckten wenige erleſene Kupferſtiche. Eine Madonna mit dem Kinde, ein Chriſtuskopf und ein heiliger Johannes. Ueber dem Sopha aber bemerkte er zwei Oelgemaͤlde, Mann und Frau, die er fuͤr Juliens Ael⸗ tern hielt. Im Fenſter ſtand ihr Arbeits⸗ tiſch, an der entgegengeſetzten Wand ihr Klavier. Ein Blumengeruͤſt, dicht mit bluͤ⸗ henden Hyacinthen beſetzt, zierte das zweite Fenſter. Man athmete den Fruͤhling in ihrem Duft, und vergaß beim Anſchauen ihrer vielfarbigen Bluͤte, des Schneegeſtoͤ⸗ bers, das draußen wirbelnd umherſchwebte. Hocherroͤthend ſtand Julie auf, um den Gaſt zu empfangen. Sie nahm ſeinen Gluͤck⸗ wunſch an und erwiederte ihn herzlich, waͤhrend er von ihrer zarten Geſtalt, und ihrem haͤuslichen Gewande angezogen, mit ſeinen Blicken auf ihr verweilte, und in ih⸗ 182 ren feuchten Augen den Spuren verborgener Thraͤnen begegnete. Es draͤngte ihn zu wiſſen, was ſie bewegt, um was ſie ge⸗ trauert habe, doch zu ſchuͤchtern eine Frage zu wagen, folgte er ihr zum Sopha, und umherforſchend, womit ſie fruͤher beſchaͤf⸗ tigt geweſen, erblickte er vor ihr ein Gebet⸗ buch und einen leicht zuſammengeſchlagenen Brief von Frauenhand uͤberſchrieben. Es ruͤhrte, es erſchuͤtterte ihn, dies immer heitre noch ſo kindlich frohe Maͤdchen trau⸗ rig zu ſehen, er war verwirrt, einſylbig, nachdenkend, und vielleicht las Julie ſeine Gedanken in den oft und fragend auf ſie gehefteten Augen des Freundes; denn nach einer kurzen aber peinlichen Stille nahm ſie zuerſt das Wort, ihm ihre Gefuͤhle zu er⸗ klaͤren. Sie finden mich nicht ganz wie ſonſt, ſagte ſie freundlich, Sie haben mich ſogar in Thraͤnen uͤberraſcht, und ich will Ihnen nicht verhehlen, was ſie hervorlockte. Hier dieſer Brief, den ich vor etwa einer halben Stunde erhielt, hat mir ſo viel Ruͤhrendes und Wichtiges zuruͤckgerufen, ſo manche heilige Frinnerung wieder aufgeregt, daß ich weinen mußte, und die Thraͤnen mir recht 183 wohl thaten. Es war ein Todtenopfer fuͤr meine vollendeten Aeltern! Ach man denkt wohl eigentlich zu wenig an die Hingegange⸗ nen im Geraͤuſche der Welt und der Beſchaͤf⸗ tigungen, und ſo iſt mir eine ſolche Stunde immer die ſuͤßeſte Feier fuͤr mein Herz. Ih⸗ nen kann ich das ſagen, fuhr ſie fort, und erhob die niedergeſchlagenen blauen Augen zu ihm, die in Thraͤnen ſchwammen— ich weiß Sie ſind unfaͤhig meiner Ruͤhrung zu ſpotten. 3 Theure Julie, rief er aus und zog ihre Hand an ſeinen Mund. Es war ihm ſelt⸗ ſam zu Muthe, er fand ſich an ihrer Seite durch ihre ſuͤße Vertraulichkeit wie ruͤckkeh⸗ rend aus der Fremde in eine geliebte Hei⸗ math. Ruhig, einiger als lange mit ſeinen Gefuͤhlen, freute er ſich ihr zuzuhorchen, und bat ſie weiter zu ſprechen. Der Brief, ſagte ſie, iſt von der Schweſter meines Vaters, die mich nun faſt ſo lange nicht geſehen hat, als ich wie⸗ der eine Mutter habe. Fruͤher war ich viel unter ihrer Aufſicht, ſie liebte mich zaͤrtlich. Seit jener Zeit aber hielt ſie ſich immer im Auslande auf; heute kuͤndigt ſie mir einen Beſuch fuͤr die naͤchſte Woche an, und tes genblicken ſteht ihre Geſtalt klar vor meiner 184 det ſo ganz die alte Sprache mit mir, daß ich mich in die fruͤheſten Jahre verſetzt glaubte, wo ich als Kind in ihrem Zimmer ſpielte, und großes Behagen an ihrer jung⸗ fraͤulichen faſt kloͤſterlichen Einrichtung fand. Wie viel ich ihr danke, wie manches was mich jetzt erfreut und begluͤckt, ihr Werk iſt, das habe ich in dieſer Morgenſtunde wieder recht lebhaft empfunden. Und nun ihr Brief, ihre Schriftzuͤge, ihre Worte, die Herzlichkeit, mit welcher ſie meiner Ael⸗ tern gedenkt! Meine Mutter war ihre Ju⸗ gendfreundin, meinen Vater liebte ſie uͤber alles. Sie beruͤhrt dieſe und jene Begeben⸗ heit, und an jede knuͤpft meine Erinnerung ſo Schoͤnes, ſo Unvergeßliches an. Julie ſchwieg einen Augenblick, dann ſtand ſie auf und zeigte nach den Bildern. Sehen Sie, das ſind meine Aeltern. Mit dieſem Blicke ſah mein guter Vater oft auf mich nieder, und wenn ich ſo vor dem Bilde ſtehe, kann ich mich oft bis zu dem Grade taͤuſchen, daß ich ihn zu hoͤren, mit ihm zu ſprechen, ihm zu antworten glaube. Die Mutter kenne ich faſt nur durch dies Bild, hoͤchſtens in zwei oder drei bedeutenden Au⸗ 185 Erinnerung. Ich verlor ſie, ehe ich wußte, was ſie mir war. Ernſt und feierlich geſtimmt ſahen Julie und Wallenfeld zu den Gemaͤlden hinauf, die freundliche Augen auf das Paar richte⸗ ten und Elementine trat ein. Das Geſpraͤch ward lebhaft und allgemein. Auch Clemen⸗ tine hatte einen Brief von ihrer Schwaͤgerin empfangen, und obwohl ſie wußte, wie die⸗ ſer Beſuch eigentlich nicht ihr, nur Julien galt, ſo war ſie dennoch aufs ſorglichſte be⸗ muͤht, alles ſo einzurichten, wie es dem Fraͤulein am erfreulichſten, und ihrer ge⸗ wohnten Art am gemaͤßeſten ſeyn koͤnnte. Julie uͤbernahm die Sorge der Einrichtung mit Freuden, und ſchlug einige Zimmer vor, die den ihren am nächſten, von allem Ge⸗ raͤuſch entfernt lagen, und in den ſtillſten heimlichſten Theil des Gartens ſahen. Was unſer uͤbriges Treiben betrifft, ſagte Clementine, als Julie hinausgegangen war, vorlaͤufig Befehle zu geben— beſon⸗ ders das Theater, ſo fuͤrchte ich, es wird den Beifall des Fraͤuleins nicht erhalten, und dies iſt eine Urſache, weswegen ich wohl ge⸗ wuͤnſcht haͤtte, ihr Beſuch waͤre in eine ſpaͤtere Zeit gefallen. Doch wie es nun 186 einmal iſt, ſo laͤßt ſich nichts aͤndern, und da ſie wahrſcheinlich der Vorſtellung des Egmont beiwohnen wird, iſt es mir lieb, daß Julie nicht unter den Spielenden iſt. Ich achte ſie zu hoch, um ſie kraͤnken zu wollen, obgleich ich nie etwas unſchul⸗ diges unterlaſſen werde, um ihr zu ge⸗ fallen. Wallenfeld nahm nun Gelegenheit von der Rolle des Egmont zu ſprechen, die man ihm zugetheilt hatte, und der er ſich nicht gewachſen glaubte. Clementine war anderer Meinung; ſie verſprach ſich viel von ihm, wie von der ganzen Vorſtellung, und ver⸗ ſicherte, wie ſie lange keine Rolle mit ſo viel Liebe ſtudirt habe, als das Klaͤrchen. Sie war ganz Feuer und Leben, und als ſie das Buch zur Hand nahm, um einige Stellen, uͤber die ſie zweifelhaft zu ſeyn geſtand, dem Freunde vorzutragen, fuͤhlte er ſich von ih⸗ rer Stimme, und dem herrlichen Aus⸗ drucke, mit welchem ſie las, ſo hingeriſſen, daß ſein wankendes Herz ihr aufs neue, und feuriger als jemals, huldigte. Mit ſich ſelbſt entzweit, unentſchieden, umhergetrie⸗ ben auf den Wogen der Leidenſchaft, ver⸗ ließ er das Gut. Er gab ſeinem Pferde die 1 87 Sporn und jagte Feld ein, ohne den Weg zu beachten. Die ſchneidende Kaͤlte fuͤhlte er kaum, ja ſie that ihm wohl. Er haͤtte jetzt etwas recht ſchmerzliches empfinden moͤ⸗ gen, um den Kampf in ſeinem Innern zu uͤbertaͤuben, und ſo kam er zu Hauſe an, mit der feſten Ueberzeugung, Clementinen anzubeten, und ohne Kraft, Juliens ſanftes Bild aus ſeiner Erinnerung zu verbannen. Das Fraͤulein kam an. Eine bedeu⸗ tende hohe Geſtalt, eine edle Haltung und eine etwas geſuchte Einfachheit in der Klei⸗ dung zeichneten ſie aus. Sie war dem Bilde des Herrn von Ahlen auffallend aͤhn⸗ lich, bejahrt und leidend, aber voll Wuͤrde und Feſtigkeit. Von ihrem Blicke uͤber⸗ raſcht, der mit des Vaters liebendem Auge auf dem langentbehrten Kinde ruhte, ſank Julie in der Tante Arme, und beider Thraͤ⸗ nen vermiſchten ſich. Die Gegenwart Ju⸗ liens verjuͤngte der Tante Herz, fuͤhrte ſie zuruͤck in beſſere Zeiten. Sie fuͤhlte ſich weich, geruͤhrt, liebend und geliebt, es war ein Moment des Gluͤcks in ihrem ver⸗ einzelten Leben! Ganz anders war der Empfang Clemen⸗ tinens, die kurz nach der Ankunft ihrer Schwaͤgerin von einem Beſuche zuruͤckkam. Foͤrmlich kalt trat ihr das Fraͤulein entge⸗ gen, man wechſelte Hoͤflichkeiten, aber es entging Julien nicht, daß ſie ohne Herzlich⸗ keit waren. Beide hatten ſich nie geliebt, waren geſchaffen, ſich nicht zu lieben. Clementine rang nach Freiheit, und erkannte nur die Geſetze ihres Gefuͤhls an, ſie ſuchte zu glaͤnzen, zu gefallen, und verbarg dieſe Bemuͤhungen nicht, Putz, Baͤlle, Feſte, Zerſtreuungen aller Art, waren ihr lieb, waren ihr unentbehrlich. Ihre Schwaͤge⸗ rin war von allem das Gegentheil, ſtreng in Beachtung des Urtheils, die Gebunden⸗ heit der Frauen hoch ehrend, ſtill, faſt kloͤͤä ſtierlich erzogen, aufopfernd wo ſie liebte, unerbittlich wo ſie Unrecht waͤhnte, felſenfeſt in vorgefaßten Meinungen. Beider Lebens⸗ wege konnten ſich ſelten begegnen, nie ver⸗ 8 einen, mußten ewig auseinander gehn. Denn es iſt eine gewoͤhnliche Erfahrung, daß kleine Schwaͤchen, Gewohnheiten, an⸗ erzogene Eigenthuͤmlichkeiten, oͤfter ſtoͤrend in das Verhaͤltniß guter Menſchen treten, als wirkliche Fehler, und es gibt nur we⸗ 189 —— nige Gemuͤther, denen es verliehen iſt, das Gute unter Umgebungen zu erkennen, die nicht mit den eigenen Begriffen uͤbereinſtim⸗ men.— Als Herr von Ahlen Clementinen waͤhlte, hatte ſeine Schweſter getrauert, und jemehr ihr Bruder von der Schoͤnheit und Anmuth ſeiner Gattin entzuͤckt jeden ihrer Wuͤnſche zu dem ſeinen machte, jemehr zog das Fraͤulein ſich von ihm zuruͤck. Julien ihr uͤberlaſſen zu muͤſſen war ihr ein neuer Schmerz, und fand ſie gleich jetzt nach langer Abweſenheit, daß dieſe ganz nach ihrem Sinne erwachſen war, ſo mochte ſie doch Clementinen keinen Antheil an dieſer gelungenen Erziehung zuſchreiben. Fand ſie ſie doch noch immer wie ſo nur mit ihrem Glanze beſchaͤftigt, ſchwaͤrmend, zer⸗ ſtreuungsſuͤchtig, ja ſelbſt Krankheit und Wittwenſchaft hatten hier nichts geaͤndert. Sie kam ihr mit der vormaligen Abneigung entgegen, und Clementinens liebevoller, al⸗ les gewinnender Sanftmuth gelang es nicht, dieſe Abneigung zu mindern. Die Geſellſchaften dauerten indeſſen fort, aber nur ſelten nahm Fraͤulein ven Ahlen Theil daran. Zuweilen erſchien ſie an Ju⸗ liens Arm im Beſuchzimmer, wo ihre ernſte 190 Erſcheinung mehr Ehrfurcht als Wohlgefal⸗ len erregte. Ihr Kleid war immer von der naͤmlichen grauen Farbe, doch vom koſtbar⸗ ſten Stoffe, und uͤber ihrer tiefen Spitzen⸗ haube war ſtets ein kleiner ſchwarzer Schleier befeſtigt, der ihr ein ſeltſames fremdes Anſehen gab. Sie ſprach wenig, ſpielte nie, und zog ſich immer fruͤhzeitig in ihr Zimmer zuruͤck, wohin ihr Julie folgte, um entweder einige Stunden vorzuleſen, oder ſie mit Geſang zu unterhalten. Wie wohl that Julien die Bemerkung, daß ihre Geſellſchaft die geliebte Tante erheitere, wie erfreulich war es ihr, ſich von ihr geliebt, ihres Beifalls werth zu ſehen. Ohnedem war ihr jetzt die Geſellſchaft laͤſtig, die Au⸗ gen des Einzigen, der ſie ihr lieb machte, ſuchten ſie nicht mehr auf, waren von ihr abgewandt, wie ſein Herz. Nicht immer konnte ſie ſich dies verhehlen, obgleich die Hoffnung noch widerſprach und ſeine herz⸗ liche Theilnahme am Neujahrsmorgen ihr neue Staͤrke gab. Ach die Hoffnung eines liebenden Herzens ſtirbt nur gewaltſam, und reißt alle Bluͤten des Lebens mit ſich ins Grab.— Es konnte dem Fraͤulein nicht entgehen, daß Julie litt, ſie fragte nicht, 191 aber ſie ſorgte und wuͤnſchte. Das Kind ihres Herzens, das theure Vermaͤchtniß ei⸗ nes geliebten Brnders nicht wieder zu miſſen, war jetzt ihr herrſchender Gedanke. Sie ſtand auf dem Punkte, eine weite Reiſe an⸗ zutreten, und beſchloß Julien zu ihrer Ge⸗ faͤhrtin zu machen. Sie erwartete nur einen ſchicklichen Augenblick, ihr dieſen Vorſchlag zu thun, dem nichts im Wege zu ſtehen ſchien, als Juliens Anhaͤnglichkeit an Cle⸗ mentinen. Es war am Morgen vor der Auffuͤh⸗ rung des Egmont, als in einer traulichen Stunde, die mit Erinnerungen begann, Ju⸗ lien dieſe Eroͤffnung uͤberraſchte. Sie konnte nicht antworten, nicht verſagen, nicht ge⸗ waͤhren, ſie erſchrack vor der Wahl, die jetzt auf einmal in ihre Haͤnde gegeben ward. Sollte ſie Clementinen verlaſſen,— ſie mochte den Gedanken nicht denken!— Die⸗ ſen Ort verlaſſen, mit allen Reizen, die die erſte Liebe ihm lieh, die Gegend wo er lebte? Konnte es auch noch Freuden geben, die er nicht theilte, konnte die Erde ſo ſchoͤn ſeyn, wo er nicht wohnte?—— Aber die Tante ziehen laſſen, allein und ungeliebt, krank vielleicht in fremden Laͤndern, ohne 192 Pflege, nach ihr ſich ſehnend!— Sie mußte ſich eingeſtehen, daß Clementine ſie leichter entbehren wuͤrde, daß ihr Anmuth und Liebenswuͤrdigkeit tauſend Herzen zu⸗ fuͤhrten, waͤhrend das weiche Gemuͤth des Fraͤuleins, unter kalter Außenſeite verſteckt, unerkannt, und oft verwundet, nur von ihr ſich verſtanden fuͤhlte. Weinend beugte ſie ſich auf die Haͤnde des Fraͤuleins nieder, und bat um Bedenkzeit. Sie verſchloß ſich in ihr Zimmer, dachte, uͤberlegte, waͤhlte und verwarf— der Abend fand ſie unentſchloſ⸗ ſener als je. Sie mußte ſich ankleiden, der Wagen fuhr vor, und Clementine trat ein, ſie abzurufen. Wie Julie in das heitere Geſicht der Freundin blickte, ſiel der Ge⸗ danke einer Trennung ſchwer auf ihr Herz. Sie war erſchuͤttert, angegriffen, und fiel Clementinen mit einem Thraͤnenſtrome um den Hals. Was iſt Dir mein Julchen, rief dieſe erſchrocken aus, ich habe Dich nie ſo geſe⸗ hen. Du haſt geweint, und weinſt noch immer. Was iſt dir begegnet? Sie ſollen es wiſſen, liebe Mutter, ant:⸗ wortete Julie, noch dieſen Abend, aber jetzt nicht, beunruhigen Sie ſich nicht, fuhr ſie fort, 19³ fort, es iſt nichts von Bedeutung. Mein Leben war bis hieher immer ſo gleichfoͤrmig und ruhig, daß es mich ſchon verwirrt, wenn ich etwas zu waͤhlen, uͤber etwas zu entſcheiden habe. Warum ſiel es mir doch nicht eher ein, Ihnen alles zu uͤberlaſſen. Nach dem Schauſpiele trage ich Ihnen die Sache vor, und will nun auch nicht wieder daran denken, noch viel weniger mich im Genuſſe des Vergnuͤgens ſtoͤren laſſen.— Die Vorſtellung nahm ihren Anfang, und eine lautloſe Aufmerkſamkeit unter den Zu⸗ ſchauern ehrte das Meiſterwerk und die Be⸗ ſtrebungen der Spielenden. Clementine war nie ſo ſchoͤn geweſen. Ihr erſtes Auf⸗ treten erregte ein leiſes Fluͤſtern der Bewun⸗ derung, ihr erſtes Wort die tiefſte Stille. Aber nichts verglich ſich mit dem Eindrucke, den ſie auf Wallenfeld hervorbrachte. Er vergaß alle Verhaͤltniſſe, er waͤhnte wirklich zu ſeyn, was er nur ſchien, er eignete ſich mit Entzuͤcken die Liebe Klaͤrchens fuͤr Eg⸗ mont, die Treue und Hingebung zu, die Clementine ſo wahr darſtellte Wie ſie zu ſeinen Fuͤßen ſaß, zu ihm aufblickte, ſeinen Worten lauſchte, wie er ſie umfaßte und ſein nannte, war kein Streit mehr in ſeiner RN Bruſt; ihr gehoͤrte ſein Leben. Die Liebe begeiſtecte ihn, er ſtrebte die Geliebte zu er⸗ reichen, er rang nach ihrem Lobe und loͤſte ſeine Aufgabe meiſterhaft. Nun lag er auf dem Ruhebette, hingeſtreckt zu kuͤnſtlichem Schlummer, in ſuͤßen Gedanken an die Se⸗ ligkeiten, die immer lichter vor ſeiner Seele aufgingen. Da ſchwebte Klaͤrchens Geſtalt uͤber ihm in uͤberirdiſchem Lichte, umfloſſen von dem Glanze der Verklaͤrung, und voll⸗ endete den Zauber, den er nicht mehr von ſich zu weiſen ſuchte. Der Vorhang ſiel, in jedem Herzen klang das Geſehene, das Gehoͤrte nach; Ausrufungen der Freude, des Beifalls fuͤll⸗ ten den Saal, nach und nach erſchienen die Spielenden, nur Clementinen ſah man um⸗ ſonſt entgegen, und ein Bediente benachrich⸗ tigte Julien, die gnaͤdige Frau habe ſich ſogleich nach der letzten Scene in ihren Wa⸗ gen begeben, den ſie dem Fraͤulein wieder⸗ ſenden wolle. Ungeduldig erwartete ihn Julie. Die vorgenomme Unterredung mit Clementinen lag ihr am Herzen; die Geſell⸗ ſchaft war ihr druͤckend, ſie ſehnte ſich nach Einſamkeit, nach freundlichem Rath, und die Zeit, welche wahrſcheinlich noch verge⸗ 195 hen mußte, ehe ſie aus dieſem bunten Ge⸗ tuͤmmel ſcheiden konnte, dehnte ſich ihr zu ei⸗ ner Ewigkeit aus. Unterdeſſen hatte auch Wallenfeld, zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, um noch eine gleichguͤltige Converſation zu ertragen, den Saal und das Haus verlaſſen. Sein Pferd traͤgt ihn durch die tiefe Nacht, aber in ſei⸗ ner Seele iſt Licht und Glanz. Der Ent⸗ ſchluß, um Clementinens Hand zu bitten, iſt nun unerſchuͤtterlich feſt, nichts ſteht ihm mehr im Wege, denn gerade heute iſt ſein Prozeß entſchieden worden, und ihm bleibt nun zwar ein ſehr maͤßiges, aber ſicheres unangefochtenes Beſitzthum. Morgen will er ſein Schickſal erforſchen, nicht noch ein⸗ mal ſoll die Sonne untergehen, ohne den Gluͤcklichſten zu beleuchten.— Aber war⸗ um ſoll ſie nicht ſchon mit ihrem Aufgange den erſten Tag eines neuen Lebens bezeich⸗ nen? Dort auf der Hoͤhe ſtrahlt Clemen⸗ tinens Fenſter, wie ein lichter Stern, ſie iſt daheim, allein, noch iſt es nicht zu ſpaͤt, und nur ein Seitenweg trennt ihn von ihr. — Er wirft das Pferd herum, es trabt ra⸗ ſcher von der Sehnſucht des Reiters beflu⸗ gelt. Immer naͤher glaͤnzt das erleuchtete N 2 196 Fenſter, ſchon bellen die Hunde des Dorfes, er iſt ihr nahe! Wie klopft ſein Herz, wie fliegt ſein Verlangen der geliebten Einſamen entgegen! Staunende Diener empfangen ihn, man heißt ihn warten, er ſteht dicht vor ihrem Zimmer, er hoͤrt ihre Stimme, er zittert abgewieſen zu werden; aber nun oͤffnet ſich die Thuͤr, und noch in demſelben Gewande, in welchem ſie in Egmonts Traume erſchien, tritt Clementine ihm ent⸗ gegen. Faſt mit Wallenfeld zugleich war auch Julie zu Hauſe angelangt, und kaum hatte ſie ein Nachtkleid angelegt, als ſie durch mehrere Gemaͤcher, die ihre Wohnungen trennten, zu Clementinen eilte. In ein Kabinet tretend, das nur noch ein Vorhang von ihrer Mutter Zimmer ſcheidet, hoͤrt ſie eine maͤnnliche Stimme. Sie ſtutzt, ſie will ſich entfernen, um dem Gaſte nicht zu be⸗ gegnen, jetzt vernimmt ſie ihn deutlicher— es iſt Wallenfeld. Bebend ſchleicht ſie an den Vorhang und erhebt ihn leiſe. Wallen⸗ feld iſt vor Clementinen niedergeſunken, ſie bittet ihn angſtvoll aufzuſtehen, ſie zu verlaſſen.— 197 Und ohne Hoffnung ſoll ich gehen! ruft er aus. Ich habe keine fuͤr Sie, antwortet Clementine, aber ihre Stimme iſt unſicher, von Thraͤnen erſtickt, ſie kaͤmpft ſichtlich mit ſich ſelbſt und fleht ihn an, ſie jetzt, nur jetzt ſich ſelbſt zu uͤberlaſen.— Noch einen Blick wirft Julie auf beide. Ihn ſieht ſie zum letzten Male. Sie verlaͤßt mit wankendem Schritte das Kabinet, wirft ſich auf ihr Lager und durchweint die Nacht. Ihr Entſchluß iſt gefaßt. Sie muß nun dies Haus verlaſſen, und Clementinen, de⸗ ren Gluͤck ſie hindern wuͤrde. Sie weiht ſich der Trauer, der Einſamkeit und Pflicht⸗ erfuͤllung, die Zahl ihrer frohen Stunden iſt voll. Ungluͤcklicher noch als Julie brachte Cle⸗ mentine die lange Winternacht hin. Nicht ein großer entſchiedener Gram, nein, tau⸗ ſend zerreißende Gefuͤhle erfuͤllten ihre Seele. Fruͤhere Stuͤrme ſchienen wiederzukehren, neue geſellten ſich zu ihnen, und ein pruͤfen⸗ der Blick in ihr eigenes Herz zeigte ihr eine Tiefe, in die ſie noch nie eingedrungen war. Dachte ſie nun vollends in dieſer grauenvol⸗ len Stille an ein ſeltſames Ereigniß des Zuͤge, und wuͤnſchte ſich an Klaͤrchens 198 Abends zuruͤck, ſo befiel ſie ein Schauer, und ihre au geregte Phantaſie vermehrte die Schreck iſſe, die uns ſo wehrlos finden, wenn naͤchtlicher Schatten auf der Erde und in unſerer Seele waltet. Sie hatte naͤmlich die letzte Scene Klaͤrchens mit Brakenburg eben geendet, und wandte ſich, ihn zu ver⸗ laſſen, als ihr Blick zufaͤllig in eine Ecke auf den Zuſchauerplatz fiel, und ſie dem bleichen Geſtchte des ungluͤcklichen Merwitz begegnete, der ſie bewegungslos anſtarrte. Ergriffen von dieſem Anblicke, von der Aehnlichkeit der Situationen hatte ſie kaum ſo viel Faſſung die letzten Worte zu ſpre⸗ chen, und wieder in jene Ecke ſchauend, erblickt ſie die ſtrafende Erſcheinung zum zweiten Male. Wer beſchreibt ihr Gefuͤhl, ihr Entſetzen. Waͤhrend ſie den Zuſchauern laͤchelnd als eine Verklaͤrte vorſchwebte, tobte der Schmerz in ihrer Bruſt, und wie der Vorhang ſie den Blicken entzog, eilte ſie bebend in ihren Wagen, um in der Ein⸗ ſamkeit ſich allen Qualen hinzugeben, die auf ſie eindrangen Sie dachte nicht daran,. ſich auszukleiden, ſie ſah nur ſeine duͤſtern Stelle, ausgeloͤſcht, wie das Flaͤmmchen, 199 das mit ihr ſtirbt. War er es wirklich? fragte ſie ſich, oder haben die Geiſter die Macht, uns ſichtbar zu werden, wenn wir ihrer vergeſſen! Wollte er mir ſagen, daß ich ihn gemordet habe?—— In dieſen Gedanken ward ſie durch Wallenfelds ſpaͤten Beſuch uͤberraſcht. Bei ſeinem Anblicke uͤberflog ſie eine Erinnerung an die Leidenſchaftlichkeit ſeines heutigen Be⸗ tragens, an einige Worte, die ſie erſchreckt hatten, und nur durch den ſpaͤtern gewalti⸗ geren Eindruck verdraͤngt worden waren. Er ließ ſie nicht lange in Zweifel. Sein volles Herz ſtroͤmte uͤber, das Langverbor⸗ gene trat auf ſeine Lippen, und vor ihr ſtand auf einmal ein wunderbares Gluͤck, das ſie nicht faſſen, ſich nicht zueignen durfte. Ja ein Gluͤck!— Denn in dieſen Augenblik⸗ ken, wo er mit der Beredſamkeit der Liebe zu ihr ſprach, empfand ſie es klar, wie die⸗ ſer Mann ihr nie gleichguͤltig geweſen, wie er der einzige auf Erden ſey, dem ſie Leben und Freiheit, dem ſie Liebe geben moͤchte. Sie ſchauderte vor dem Lichte, das ihr Herz erleuchtete. Die Zaͤrtlichkeit fuͤr den, der jetzt um ihre Liebe warb, die Wuͤnſche ihres 200 verwandelten Herzens, ſo unwillkuͤhrlich ſie waren, welch ein ſtrafbarer Verrath an der Freundin ſchienen ſie ihr. Mit aͤngſtlicher Haſt trieb ſie Wallenfeld von ſich, ſie war erſchoͤpft, ohne Faſſung, und zum erſten Male des Troſtes beraubt, ihren Schmerz an Juliens treuem Buſen auszuweinen. Es war keine Frage, was ſie zu thun hatte. Fuͤr Julien, nicht fuͤr ſie, war Wallenfeld geboren, ein Rauſch, ein Blendwerk war es, was ihn zu ihr fuͤhrte, was ihn der fruͤheren Neigung untreu machte— ſie mußte ihm entſagen. Um einige Jahre aͤl⸗ ter als er, mit einem verwundeten Herzen, mit der Ahnung eines fruͤhen Verbluͤhens, nie gewoͤhnt zu einfachem haͤuslichen Wir⸗ ken, und durch falſche Leitung ohne die Tu⸗ genden, die die Gattin und Mutter zieren, wie durfte ſie die Hand nach einem Looſe ausſtrecken, deſſen ſie ſich unwerth fuͤhlte, und das eine Andere, Wuͤrdigere ſo ganz verdiente. Sie weinte— aber nicht bloß aus Schmerz. Die Groͤße und Schoͤnheit des Opfers erhob ihr Herz, ſie glaubte ſich geadelt, von ihrer Schuld gegen Merwitz durch dieſe Buße gereinigt, und ein langer Brief an Wallenfeld, der ihm alle Hoffnung 201 nahm, war erſt geendet, da ein mattes Licht den nahen Morgen verkuͤndigte. Julie hatte mit ſchwerem Herzen den Augenblick erwartet, Clementinen auf die nahe Trennung vorzubereiten. Beide ſahen ſich wieder, tief bekuͤmmert, und doch mit der Ueberzeugung, ein unverbruͤchliches Schweigen bewahren zu muͤſſen. Clemen⸗ tine durfte nicht erfahren, was Julie wußte — ſie ſah nur in dieſer Abreiſe die wohlthaͤ⸗ tige Veranſtaltung einer hoͤhern Hand; das einzige Mittel, Julien zu verbergen, was geſchehen war, und Wallenfeld ſich ſelbſt und ſeine fruͤhere Reigung wiederfinden zu laſſen. Darum widerſtand ſie der Tren⸗ nung nicht, die noch geſtern ihr undenkbar geweſen ſeyn wuͤrde. Sie ſuchte gefaßt und muthig vom Wiederſehen zu ſprechen, fragte nach allen Umſtaͤnden der Reiſe, nach ihrer Dauer, die Julie gegen ihre Ueberzeugung verkuͤrzte, verabredete den Briefwechſel, und vermied abſichtlich ihre tiefe Ruͤhrung zu zeigen. Aber als Julie nun aufſtand, um ſie zu verlaſſen, ſchien es ihr, als ſaͤhe ſie zum letzten Male dies holde Kind, das vor ihren Augen erwachſen war, das ſie muͤt⸗ terlich geliebt hatte, das ihre Freundin und 202 Troͤſterin geweſen war. Die Einſamkeit ih⸗ res Herzens nach dieſem letzten Verluſte drang zerreißend auf ſie ein, und ſie ſtuͤrzte ſich weinend an Juliens Hals, die ſie mit Gewalt an die bewegte Bruſt preßte. Ju⸗ lie weinte mit ihr. Immer enger hielten ſie ſich umfaßt, die vertrauten Herzen klopften aneinander, die Lippen blieben ſtumm. Wenn reiſeſt Du, fragte endlich Elemen⸗ tine. Morgen ſchon, war die Antwort, die Tante will es ſo, und muß es ſeyn, ſo iſt es ſchnell am beſten. Miein Segen geht mit Dir, ſagte Cle⸗ mentine, und wandte ſich ſchluchzend hin⸗ weg. Julie verließ das Zimmer. Sie durchſtreifte die Gaͤrten, ihr ſo lieb und hei⸗ lig durch tauſend Erinnerungen, ſie beſuchte nooch einmal alle Plaͤtze um das Schloß, je⸗ der ſprach ſie traulich an, und zeigte ihr eine Freude der Vergangenheit. Hier hatte ſie den ſchoͤnſten Fruͤhling, den ſchoͤnſten Som⸗ mer gelebt. Noch lag alles im ſtarren Win⸗ terſchlaf, aber ſchon begannen einzelne waͤr⸗ mere Sonnenblicke den Schnee zu ſchmelzen, und die Erde erſchien unbedeckt, die nun bald der freundliche Blumenteppich ſchmuͤk⸗ 203 ken ſollte. Ach, dann war ſie weit entfernt, und wenn die Blumen wieder bluͤhten, deren Gedeihen ſie ſo gern beobachtete, die ſie warten und pflegen half, brachten ſie ihr keinen Genuß, und verwelkten von ihr un⸗ gepfluͤkt.— Noͤchten ſie dann meine Freunde an mich mahnen, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, und Thraͤnen ſtiegen in ihr Auge. Sie dachte an Wallenfeld. Scheidend von dieſem Aufenthalte, wo ihre Hoffnungen ſtarben, ließ ſie ihr Herz zuruͤck, das nur einmal lieben konnte. Mit der Morgendaͤmmerung rollte der Reiſewagen uͤber den Hof. Clementine war ihm bis vor das Thor gefolgt, ſie ſtand nun auf einem Huͤgel, und erwiederte das Abſchiedszeichen, das ihr Juliens weißes Tuch zuwehte. Wie einſam fuͤhlte ſie ſich! wie oͤde duͤnkte ihr das Schloß und die Um⸗ gebung. Wie unentbehrlich zur Ertragung eines leeren freudenloſen Daſeyns ſchien ihr das froͤhliche, jugendliche Leben, das jetzt von ihr geſchieden war. Aber ſie konnte ſich nicht verſchweigen, daß Julie zu ihrem Gluͤcke ſich entfernte. Einige Monate wer⸗ den vergehen und ſie wird wiederkehren. Alles wird dann anders und beſſer ſtehen. Wallenfeld wird, muß erkennen, was er verlor, was er verſchmaͤhte. Julie ſoll ſeine augenblickliche Verirrung nie ahnen, und beider Gluͤck Clementinens Werk ſeyn, die hier zuruͤckblieb, um es zu ſchuͤtzen, zu bereiten. Sie brachte den Tag allein zu, und ſuchte ſich auf das erſte Wiederſehn des heimlich geliebten Mannes zu ſtaͤrken. Sie zitterte ihn erſcheinen zu ſehen, ſie lauſchte auf jeden Tritt, auf jeden Laut, und wuͤnſchte die aͤngſtlich gefuͤrchtete Minute voruͤber, wo ſeine Augen den ihren zum er⸗ ſten Male wieder begegnen mußten. So war es Abend geworden. Im Schloſſe herrſchte ungewohnte Stille. Clementine hatte ein Buch ergriffen, aber ſie konnte nicht leſen, und mit einem Ausrufe der Freude begruͤßte ſie die Baronin, die noch ſpaͤt, und ganz unerwartet, ſie zu beſuchen kam. 8 Juliens ſchnelle Reiſe machte den Ein⸗ gang des Geſpraͤchs, allein deutlich genug ſah Clementine, die Baronin trage etwas Anderes auf dem Herzen, ſie ſey nicht um⸗ ſonſt ſo ſpaͤt noch erſchienen. Ihr klopfen⸗ des Herz fuͤllte die Pauſen aus, die unwill⸗ kuͤhrlich entſtanden, und ihre Freundin ſchien 205 recht abſichtlich nach Worten zu ſuchen, etwas Unerfreuliches aufs Beſte vorzu⸗ tragen.— Liebe Frau von Ahlen, ſagte ſie endlich, ich komme eigentiich, um Ihnen das Ver⸗ trauen zu vergelten, deſſen Sie mich vor Kurzem wuͤrdigten. Ich allein kenne Ihre Verhaͤltniſſe, und zufaͤllig erfahre ich jetzt auch zuerſt, daß Sie vielleicht auf dem Punkte ſtehen, von neuem beunruhigt zu werden.— Herr von Merwitz iſt in der Naͤhe. Er hat Sie wiedergeſehen, und ſeine Leidenſchaft iſt wo moͤglich noch hefti⸗ ger als vor Jahren. So war er es alſo wirklich, den ich an jenem Abend wahrnahm, rief Clementine aus! und es gibt denn keinen Ort der Ruhe fuͤr mich! Unſer alter Nachbar, fuhr die Baronin fort, bat am Morgen des Schauſpieltages um Erlaubniß, einen Fremden mitzubrin⸗ gen. Weil aber Herr von Merwitz erſt ganz ſpaͤt erſchien, ſo haben wir alle ihn nicht geſehen, auch hat er ſich vor dem Ende des Stuͤcks entfernt. Einigen jedoch iſt ſein bleiches Geſicht aufgefallen, und ich habe den naͤchſten Tag mancherlei uͤber dieſe ſelt⸗ 206 —* 2 4 ſame Erſcheinung gehoͤrt, ohne zu wiſſen, wie nahe ſie Sie angeht. In einen Man⸗ tel gehuͤllt, hat er aus der duͤſterſten Ecke des Saals der Vorſtellung zugeſehen, und der tiefe Kummer in ſeinen Zuͤgen, der lei⸗ denſchaftliche Antheil an den Scenen, wo Sie ſpielten, ſo wie die voͤllige Abweſenheit bei den Uebrigen, hat ſeine Nachbarn be⸗ ſchaͤftigt, und Aller Neugier erregt. Wie ich nun hoͤre, iſt er krank auf ſeines Freun⸗ des Gut zuruͤckgekommen, iſt noch immer krank, liebt Sie mehr als je, und unſer wunderlicher Nachbar ſoll geſchworen haben, Sie fuͤr den Ungluͤcklichen zu gewinnen.— Was Sie auch beſchließen moͤgen, ich hielt es fuͤr Pflicht, Sie vorzubereiten. Ich danke Ihnen, liebe Freundin, ſagte Clementine. Aber mir bleibt nur ein Aus⸗ weg. Ich muß fort von hier, ehe mich die Stuͤrme erreichen, denen ich jetzt kaum widerſtehen koͤnnte. Ich werde dies Haus verlaſſen, wo ich Ruhe fand, ja, wo ich gluͤcklich war; aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, einſt wieder hieher zuruͤck zu kommen, und mit Ihnen allen wieder zu le⸗ ben, wie dies unvergeßliche Jahr. Eine noch ſtillere Freiſtatt ſoll mich aufnehmen, * ———— 207 4— Niemand wird mich da ſuchen, Niemand ſoll ſie kennen, als Sie allein, und indem ich vor der Liebe fliehen muß, wird das An⸗ denken der Freundſchaft mit mir ſeyn. Es war vergebens gegen dieſen Ent⸗ ſchluß zu kaͤmpfen, er blieb unwiderruflich. Die Baronin gelobte Verſchwiegenheit, und ſchied erſt ſpaͤt mit Thraͤnen herzlicher Theil⸗ nahme von Clementinen. Dieſe ordnete ſchnell alles an, was zu ihrer Entfernung noͤthig war, ließ wenige Sachen einpacken, und gab den Befehl, ſogleich Anſtalten zu einer Reiſe zu machen, ohne das Ziel der⸗ ſelben zu nennen. Im Schloſſe ließ ſie al⸗ les, wie es war, ſie hegte den ſuͤßen Ge⸗ danken, hier mit Julien wieder zuſammen⸗ zukommen, und ſogleich wieder heimiſch zu ſeyn. Der Garten ſollte gepflegt werden, wie bei ihrer Anweſenheit, denn unter den Blumen, unter den Lauben und Schatten⸗ gaͤngen wollte ſie ihre Tochter empfangen, und nichts ſollte dann an eine ſchmerzliche Zeit der Entbehrung erinnern. Noch ſchrieb ſie an Wallenfeld. Wollte ſie ihn fruͤher, nur ſtufenweiſe vorbereiten, ſo machte ihre Entfernung jetzt ſchnelles Vertrauen noͤthig, und ſie legte in dies Blatt die Ueberzeugung wieder lieben, und durch ſie gluͤcklich ſeyn. Wie ihre bebenden Haͤnde den Brief zuſam⸗ menfalteten, fuͤhlte ſie wohl, auch ihre Ruhe heiſchte Entfernung, ſie werde in ſei⸗ ner Gegenwart nicht vermoͤgen, was ſie mußte, und nur in weiter Ferne koͤnne ihr Herz geneſen. An Merwitz dachte ſie ſchmerzlich bewegt. Sie verſtand jetzt ſei⸗ nen Schmerz, denn nur ein liebendes Ge⸗ nieder, er habe Julien geliebt, werde ſie muͤth kann die Liebe begreifen, ſie konnte ſeiner Treue Ruͤhrung und Bewunderung nicht verſagen, aber ihre Seele, mit dem Bilde eines Andern beſchaͤftigt, hatte nichts fuͤr ihn, als ein Gebet und fromme Wuͤnſche. Es iſt keine geringe Wohlthat, wenn wir nach bittern Erfahrungen, nach verlor⸗ ner Hoffnung, oder hartem Verluſt, uns unmittelbar in eine andere Gegend, in neue Thaͤtigkeit verſetzt ſehen. Wir fangen dann gleichſam eine neue Epoche an, und das Vergangene bleibt hinter uns, wird nur in ſtillen Stunden wehmuͤthig wieder herange⸗ zogen, und als ein heiliges Erinnerungsfeſt ———QQO:Oñ:rA.,:—— gefeiert. Da bleiben uns die Gegenden ewig im friſchen Glanze ſtehen, wo wir mit unſeren 209 unſeren Geliebten lebten, waͤhrend ſie uns jeden Augenblick durch ihre Oede verwunden, wenn wir ſie einſam fortbewohnen muͤſſen. — Immer weiter im raſchen Fluge von dem Orte ihrer Gedanken entfernt, dachte Julie mit ſchwermuͤthigem Vergnuͤgen da⸗ hin zuruͤck, und wie ein ſchoͤnes Gemaͤlde lag der Schauplatz ihres vergangenen Gluͤcks vor ihrer Erinnerung. Die Pflich⸗ ten, die ſie ſich ſelbſt erwaͤhlt hatte, wur⸗ den ihr Troſt, und wirkten mehr zu ihrer Erheiterung, als der bunte Wechſel der Ge⸗ genſtaͤnde. Hatte ſie nun den Tag zuge⸗ bracht, mit der Tante manches Merkwuͤr⸗ dige zu ſehen, ihre Schritte zu ſtuͤtzen, fuͤr ihre Bequemlichkeit zu ſorgen, oder ein be⸗ lehrendes, das Neue und Fremde ihrer Um⸗ gebungen erklaͤrendes Buch vorzuleſen; ſo uͤberließ ſie ſich in der Stille des Abends um ſo lieber ihren Betrachtungen, und breitete die kleinen Schaͤtze geſammelter Andenken vor ſich aus, die ſie in die fremde Welt beglei⸗ tet hatten. Wie viel Gedanken knuͤpften ſich an ſolche Zeugen gluͤcklicher Momente. Die Jugend findet ſo viel Genuß in ihnen. Ein Veilchen, ein Wieſenbluͤmchen von geliebter Hand gepfluͤckt, uns mit unvergeßlichen — O lichen Geſtalten einer ſchoͤneren Zeit vor⸗ Chraͤnen benetzt.— Ach dieſe fluͤchtigen 210 Worten geweiht, bleibt uns ſelbſt dann noch lieb, wenn ſeine Farben verblichen, jene Worte verklungen ſind, und die Hand, die 5 es brach, ſich aus der unſrigen losgemacht hat. Doch das theuerſte Andenken ſind uns die Schriftzuͤge eines geliebten Entfernten. Sie geben uns das Gefuͤhl ſeiner Gegen⸗ wart, ſie erneuen mit jedem Anblicke die ſuͤßen Eindruͤcke des erſten Empfanges, und waͤhrend unſere Augen auf ihnen weilen, ſchweben an dem innern Sinne alle freund⸗ uͤber. Wallenfeld hatte Julien bei einer Gelegenheit mehrere Male geſchrieben, ſeine Briefe ſprachen in jeder Wendung das Ge⸗ fuͤht aus, das nun vergeſſen war! Wie oft wurden ſie entfaltet, wie oft mit ſtillen Zuͤge hielten noch feſt, was das wankende Herz losgelaſſen hatte, und ein leicht zu vernichtendes Blatt uͤberdauerte die Empfin⸗ dungen, denen wir ſo gern ewige Dauer zu⸗ ſchreiben moͤgen.— Mit den Fruͤhlingstagen erreichten die„ Reiſenden den Ort, wohin die Aerzte das Fraͤulein von Ahlen gewieſen hatten. Julie befand ſich hier in einer voͤllig fremden, un⸗ 211 endlich reizenden Umgebung. Das ſuͤdliche Klima, mit ſeiner reinen balſamiſchen Luft, ſeinen Fruͤchten und Bluͤten, entzuͤckte ihr Gemuͤth und erhob ihren Geiſt. In der Einſamkeit der lauen ſtillen Naͤchte, wo ſie allein war mit Gott und der Natur, gewann ſie die Ergebung, die jeden Schmerz beſiegt, und legte ruhig ihr Geſchick in die Hand ei⸗ nes liebenden Vaters. Sie durchdrang ih⸗ res Herzens innerſte Tiefen, und fand nur kindliche Demuth und frommen Glauben darin. Jede Hoffnung war verſchwunden, aber ſie glaubte noch etwas thun zu muͤſſen. Sie fuͤhlte, daß Clementine ein Recht auf ihr Vertrauen habe, und erprobte die er⸗ worbene Ruhe durch einen Brief an ſie der ohne Ruͤckhalt ihr ganzes Herz aufſchloß. Sie bat Clementinen, Wallenfelds Hand nicht zu verſchmaͤhen, indem ſie ihr ſagte, ſie werde nie zuruͤckkehren, wenn ſie glauben muͤßte, ſein Gluͤck und das ihrer Freundin gehindert zu haben Wenn Julie in der Einſamkeit Frieden fand, und durch die fruͤhe Gewohnheit, ihre Seele dem milden Lichte des Glaubens zu oͤffnen, den Schmerz in ruhige Schwer⸗ muth verwandelte, ſo fiel er Clementinen 9 2 212 nur finſtrer und ſchwerer an, als ſie nun von allem Gewohnten getrennt, den abgeſchiede⸗ nen Aufenthalt betrat, den ſie gewaͤhlt hatte. Es war ein einſt ererbtes Landhaus in einer kahlen unfreundlichen Gegend, das ſie fruͤ⸗ her nie beſucht, und wo ein altes Paar die Wirthſchaft trieb. Die Zimmer hatten nichts von der Zierlichkeit, die Clementinen ſonſt uͤberall umgab, und das Rauſchen ſei⸗ nes voruͤberſtroͤmenden Fluſſes, das eintoͤ⸗ nig zu ihr heraufſcholl, war eine traurige Melodie zu den duͤſtern Gedanken, die ſie mit in die neue Wohnung brachte. Ein weiter, noch unbelaubter Wald lag in eini⸗ ger Entfernung und die naͤchſte Nachbar⸗ ſchaft war eine Muͤhle, naͤher an der wenig beſuchten Straße, als Clementinens Haus. Hier lebte ſie nun mit einem einzigen Maͤd⸗ chen, und ihre Erholung machten die Ta⸗ lente, deren Uebung dennoch nur zu oft ihrem Kummer neue Nahrung und den Er⸗ innerungen einen ſchaͤrfern Stachel gaben. Selbſt die Erſcheinung der ſchoͤnen Jahres⸗ zeit konnte ſie nicht erheitern. Schon ſchimmerte der ferne Wald gruͤnlich heruͤber, im Garten entfalteten ſich Knospen, die Jelaͤnger jelieber Laube bekleidete junges 213 Gruͤn, Tulpen und Poͤonien ſchmuͤckten die Beete, und die alte Paͤchterin freute ſich doppelt ihrer Pfleglinge, weil die Herrſchaft ſie zum erſten Male bluͤhen ſah. Aber Cle⸗ mentinens Sinn war dem Zauber nicht auf⸗ geſchloſſen, den die Natur uͤber ihre Freunde uͤbt, ſie verſtand die Kunſt nicht, mit ihr zu leben, ſich an ſie zu halten, Baͤume und Quellen ſprachen nicht zu ihrem Herzen, und nur trauriger kehrte ſie zuruͤck, wenn ein milder Abend, oder ein heitrer Morgen, ſie zum Spaziergange gelockt hatte, deſſen Ziel jedesmal die nahe Muͤhle war. Juliens Brief, von der Baronin ihr nachgeſchickt, brachte doch einen Schimmer von Freude mit. Aber wie wenig war ſein Inhalt geeignet, dieſe Regung zu erhalten. — Sie ſieht nun, Julie weiß alles, und wie ungluͤcklich muß das liebende Maͤdchen ſeyn! So iſt denn, denkt ſie, mein freu⸗ deloſes Daſeyn beſtimmt, das Gluͤck derer zu ſtoͤren, die ich auf der Welt am meiſten geliebt habe! So entfernt ein unſeliger Wahn nun die Freundin auf immer von mir, und indem ſie mich gluͤcklich zu machen gedenkt, zerreißt ſie mein Herz.— Sie hing dieſem Gedanken unaufhoͤrlich nach, und ſtrengte vergebens ihre Phantaſie an, ein Mittel zu finden, Julten von der Rein⸗ heit ihrer Gefuͤhle zu uͤberzeugen, ſie wieder in ihre Arme zu uͤckzubringen, ſie mit Wal⸗ lenfeld zu vereinigen— Ihre Geſundheit litt aufs neue, ſie fuͤhlte es, allein weit ent⸗ fernt, fuͤr ſich zu ſorgen, umfaßte ſie die Hoffnung des Todes mit Leidenſchaft, denn nur ſo konnten alle Raͤthſel geloͤſt werden, nur ſo ein Herz Ruhe gewinnen, das hier keine Heimath fand. Ein heitrer Abend hatte ſie ins Freie gezogen. Sie wandelte gedankenvoll am Fluſſe hin zur Muͤhle, wo eine vertraute Laube ſie in ihren Schatten aufnahm Das Rauſchen der Wellen zu ihren Fuͤßen, das ſchaͤumende Wehr, das eintoͤnige Geraͤuſch der Raͤder war ihr lieb, wiegte ſie in me⸗ lancholiſche Traͤume, und tauſend ſuͤße und ſchmerzliche Gefuͤhle gab ſie dem raſtloſen Strome mit. Aber noch nicht lange hatte ſie heute hier geruht, als dicht neben ihr eine bekannte Stimme erſcholl, und wer be⸗ ſchreibt ihr Erſtaunen, als ſie den alten Gra⸗ fen, ihren vormaligen Nachbar, erblickte, von welchem ihr die Baronin geſagt, er ſey 215 nit Merwitz im Bunde. Wußte er, daß ſie hier war? war ſie es, die er ſuchte? — Er ſprach mit der Muͤllerin, es ſchien, als ob dieſe ihn nach der Laube wies, und ehe ſie noch gefaßt war, ihn zu empfangen, ſtand er vor ihr. Zitternd begruͤßte ihn Elementine. Der alte Mann nahete ſich ihr vertraulich, und indem er eingeſtand, ein Zufall habe ihm ihren Aufenthalt ent⸗ deckt, erbat er ſich von ihr eine Unterredung fuͤr morgen, deren Gegenſtand ſie ahnete, ohne ſie deswegen ablehnen zu moͤgen. Denn nur zu lebendig fuͤhlte ſie in dieſem Augenblicke, ihr Herz beduͤrfe der Erleichte⸗ rung, des Vertrauens, des vaͤterlichen Raths. Das heitere ehrwuͤrdige Geſicht des Grafen, ſeine Stimme, die ſie an ſo ſchoͤne Stunden mahnte, die Herzlichkeit, mit welcher er zu ihr redete, das Gefuͤhl der Oede ihres jetzigen Lebens, alles vereinte ſich, um Thraͤnen hervorzurufen, aber die erſten wohlthaͤtigen Thraͤnen, die ſie wieder weinte. Ach die Menſchen, die einſt mit uns froͤhlich waren, die in den Tagen des Gluͤcks mit uns lebten, werden uns ſo be⸗ deutend. Wo wir ſie auch wieder finden moͤgen, ein Wiederſchein der untergegange⸗ 216 nen Freude iſt mit ihnen, der freundlich in unſer Herz leuchtet. Der Graf bemerkte die Bewegung Cle⸗ mentinens bei ſeinem Anblicke, und war ſichtlich bemuͤht, ſie zu zerſtreueu. Er wußte ihr ſo manches Neue, Angenehme von ihren Freunden zu erzaͤhlen, wußte ſo geſchickt die froͤhliche Vergangenheit herbei zu rufen, und die Einſame gleichſam in den Kreis ihrer Lieben zu ſtellen, daß Clemen⸗ tine faſt heitrer von ihm ſchied, als er ſie jenſeit des Gebuͤſches, welches die Muͤhle umgab, verließ. Allein wie ſie nun zu Hauſe anlangte, ſollte ein neues unerwarte⸗ tes Begegniß dieſe Stimmung ſchnell veraͤn⸗ dern. Denn kaum hatte ſie ihr Zimmer betreten, als man ihr einen Brief uͤber⸗ brachte, und ein fluͤchtiger Blick darauf zeigte ihr Curts unvergeſſene Handſchrift. Wie lange, lange hielt ſie die Augen auf dieſe Zuͤge geheftet! Endlich entfaltete die bebende Hand das Blatt, es enthielt fol⸗ gendes:.. Ich bin in Ihrer Naͤhe, ich habe Sie noch einmal wiedergeſehen, ja ich ſehe Sie in dieſem Augenblicke. Das Fenſter, auf dem ich dieſe Worte niederſchreibe, zeigt mir 217 die Geſtalt, die meinem Herzen uͤberall ge⸗ genwaͤrtig blieb. Wie theuer ſoll mir immer dies ſtille Plaͤtzchen ſeyn! Ja Clementine, was Sie vielleicht ſchon ahnen, iſt wirklich. Ich kam mit dem Grafen hieher, ich bewohne die Muͤhle ſeit einigen Stunden, und ſeit man mir das rothe Dach Ihres Hauſes durch die Zweige der Linden zeigte, iſt dies Zimmer meine Welt! Aber ich komme nicht, um Sie zu beunruhigen. Was der Graf Ihnen auch ſagen mag, was Sie auch großmuͤthig be⸗ ſchließen koͤnnten— ich ſelbſt entſage mei⸗ nem Gluͤcke, welches ich einſt ſo ſtuͤrmiſch wuͤnſchte, und noch in dieſer Nacht verlaſſe ich dies Haus, ohne Wiſſen meines edlen theilnehmenden Freundes. Strenger noch, als Sie, hat das Schickſal mein Loos ent⸗ ſchieden, es trennt mich auf ewig von mei⸗ nen Wuͤnſchen. Wenn Sie, weiche ſchoͤne Seele, mich einſt bedauernswerth finden ſollten, und dies Ihr Herz verwunden koͤnnte, trauern Gie nicht uͤber mich. Schenken Sie mir ein ſtilles freundliches Andenken, es iſt alles, worauf ich noch Anſpruͤche wage. Mich begleiten die Geiſter der Stunden, die ich 7 an Ihrer Seite verlebte, in dieſem Geleite werde ich nicht ganz ungluͤcklich ſeyn. Leben Sie wohl. Ich rufe es Ihnen zu durch den Raum, der uns trennt. Er iſt ſo gering. Aber Meilen und Stroͤme, die ſich einſt zwiſchen uns legten, ſchieden mich nicht mehr von Ihnen, als dieſe weni⸗ gen Schritte. Leben Sie wohl!— Cief bewegt trat Clementine ans Fenſter. Sie blickte nach der Muͤhle heruͤber. Oben im Giebel ſchimmerte ein Licht durch die Lin⸗ den. Sie kannte das Stuͤbchen, es war der Muͤllerin Putzzimmer. Was fuͤhlte ſie nicht im Hinuͤberblicken. Wie oft war es ihr, als ſolle ſie hin, ihn ſehen, ihn troͤſten, ſo vieler, ſo treuer Liebe ihren Lohn brin⸗ gen! Es war ſpaͤt, druͤben flammte das Licht noch immer, ſie warf ſich auf ihr La⸗ ger, aber nicht zum Schlafe. Fruͤh ſchon war ſie wach, und lange vor der Zeit, in welcher man gewoͤhnlich Beſuche empfaͤngt, ſahe ſie dem Grafen entgegen. Endlich kam er.— Herr Graf, redete Clementine ihn nach der erſten Begruͤßung an', es iſt nicht ein gewoͤhnlicher Beſuch, der Sie zu mir fuͤhrt. Laſſen Sie uns denn die ernſte Sache offen 2— und ohne Einleitung beginnen. Ich weiß alles. Merwitz war mit Ihnen. Er hat mir geſchrieben. Sagen Sie mir, ob er noch hier iſt. Vertrauen Sie mir, und wenn Sie als Curts Freund mich tadeln, ſo ſey Ihre Zurechtweiſung vaͤterlich, ich will ihr kindlich begegnen. Liebes Kind ſagte der Graf Ihr Ver⸗ trauen ruͤhrt und freut mich, aber Sie ſol⸗ len es auch nicht verſchwendet haben. Ich bin nicht bloß Curts Freund, nein gewiß auch der Ihrige. Aber liebe Frau, ich muß es offen ſagen, moͤgen Sie auch nie etwas aͤhnliches gehoͤrt haben, mich duͤnkt, Ihre Bahn fuͤhrt nicht zum Gluͤcke. Die rechte liegt Ihnen nahe, aber Sie waͤhlten die falſche, und gehen eigenſinnig darauf fort, das thut mir wehe. Schoͤn, jung, wohlwollend, ſind Sie doch nicht gluͤcklich. Ja, ich habe oft mit Schmerz gehoͤrt, daß Sie das Leben gering achten, weil ſeine ſchoͤnſten Freuden Ihnen unbekannt bleiben. Eine Frau, liebe Tochter, iſt nie gluͤcklich, wenn ſie außer dem Kreiſe ihrer Beſtimmung lebt, denn nur in dieſen Kreis hat die Na⸗ tur die wahren Freuden des Weibes nieder⸗ gelegt. Wenn Sie es wiſſen, daß ein gu⸗ 220 ter Menſch Sie nun ſchon Jahrelang mit gleicher Treue liebt, wenn Sie ihm einſt Achtung und Freundſchaft nicht verſagen durften, was anders als eigenſinnige An⸗ haͤnglichkeit an eine getraͤumte Freiheit konn⸗ te Sie bewegen, Jahre des herrlichſten Wirkens wegzuwerfen, dem hohen Beruf, gluͤcklich zu machen, zu entſagen, den lie⸗ benden Mann in den Tod zu treiben, und indeſſen mit unbefriedigtem Herzen nach lee⸗ ren Genuͤſſen zu ringen. Sie ſchildern mein Leben wohl treu, aber hart, wie ein Mann, der das weibli⸗ che Herz nicht begreift, erwiederte Clemen⸗ tine. Ja ich bin nicht gluͤcklich, ich fuͤhle es jeden Augenblick, allein ohne mir ſelbſt die Schuld beizumeſſen. Weil ich Merwitz nicht lieben konnte, wies ich ſeine Werbung zuruͤck, ruhig wurde ich nie uͤber ihn. Wo ich liebte, ſetzte ſie erroͤthend hinzu, da mußte ich entſagen, ich that es mit eben der Feſtigkeit, die Sie Eigenſinn nennen. Daß Sie das konnten, befremdet mich nicht, fuhr der Graf fort, und ergriff ge⸗ ruͤhrt Clementinens Hand. Ich habe Sie immer herzlich geliebt, und eben deswegen 221 liegt Ihr Geſchick mir am Herzen. Die Welt nennt mich einen Sonderling, weil ich die Wahrheit ohne Nuͤckſicht ſpreche, ſie mag recht haben, aber liebe Frau von Ah⸗ len, der Sonderling iſt gut und zuverlaͤſſig. Ich moͤchte Sie als eine geliebte begluͤckende Hausfrau ſehen, ich moͤchte Ihnen Pflichten geben, weil ich weiß, daß ihre Uebung zu⸗ frieden macht, ich moͤchte einen Kreis von Kindern um Sie ſehen, fuͤr die Sie ſorgten, und die einſt Ihr Alter erfreuten. Von der Liebe denken wir Alten nun freilich anders als die ſchwaͤrmende Jugend. Iſt aber Liebe die innige Anhaͤnglichkeit, die der Zeit und dem Ungluͤck trotzt, ſo hat Merwitz ſie bewieſen, und Sie ſind ihm den Lohn ſeiner Treue ſchuldig. Zwar er ſelbſt wirbt nicht mehr um Ihre Hand, doch, kenn ich Sie recht, ſo duͤrfen Sie nur die Urſache erfah⸗ ren, warum er keinen Wunſch mehr hegt, um fuͤr ihn zu entſcheiden.— Daß er ſein Leben in mancher Schlacht wagte, daß er es gern opfern wollte, wiſſen Sie ſchon. Das Loos fiel anders. Er kam zuruͤck, aber mit einem Arme. Eine Kugel traf den linken, ſie war dem Herzen ſo nahe, laſſen Sie mich glauben, daß ſie es nur darum 22² verſchonte, weil es beſtimmt war, noch froͤh⸗ lich zu ſchlagen. Clementine verhuͤllte ihr Geſicht, ihre Thränen ſtroͤmten unaufhaltſam; ſie ergriff des alten Mannes Hand, und druͤckte ſie an ihr Herz, an ihre Lippen. Wo iſt Curt, rief ſie aus.— Er iſt noch in der Muͤhle, war die Antwort, mein treuer Be⸗ dienter, der einzige, den wir mit uns nah⸗ men, verrieth mir ſeinen Plan, in dieſer Nacht abzureiſen, und noch um Mitternacht forderte ich ſein Ehrenwort, mich nicht zu verlaſſen. Sie ſollen von mir hoͤren, ſagte Cle⸗ mentine. Der Graf ſah ſie forſchend an, ſie ſiel in ſeine Arme. Ich will Ihre Zu⸗ friedenheit gewinnen, rief ſie dann. Er druͤckte ſie an ſich, und legte ſeine Hand auf ihre Locken. Gott ſegne Deinen Entſchluß mein Kind, ſagte er feierlich, ſeine Augen waren feucde aber ſie glaͤnzten jugendlich der froh unter ergrauten Haar. Darf ich ihn vorbereiten, darf ich ihn morgen brin⸗ gen? Sie bewegte den Kopf bejahend, ſprechen konnte ſie nicht. Ihre Seele war ſo voll. Auch Wallenfelds Bild war noch darin, ſie ſchied auf ewig von ihm. Auch 223 Iulien, auch ihm war dies Opfer geheiligt. Aber vor allen brachte ſie es gern rein und frei dem Treuen, der um ihretwillen einen großen Verluſt trug, ja ſie fuͤhlte jetzt ſchon die Seligkeit, ein verarmtes Leben wieder froh und reich machen zu koͤnnen. Wer moͤchte nun aber wagen, das erſte Wiederſehen, Curts Entzuͤcken und Clemen⸗ tinens wechſelnde Gefuͤhle zu ſchildern. Genug, was ſie feierlich ſich ſelbſt gelobte, haͤlt ſie treu, und nach wenigen Wochen tritt ſie an den Altar, von ihrem vaͤterlichen Freunde geleitet. Haͤusliche Stille ſoll nun den Bund enger ziehen, und auf des Gra⸗ fen Rath geht die Reiſe ſogleich nach Mer⸗ witzens Guͤtern, die ziemlich entfernt liegen. Clementine folgt gern dahin, und vernimmt mit Vergnuͤgen, daß auch der Graf ſie be⸗ gleiten wird.— Nur an Julien ſendet ſie ein Lebewohl, und legt, wie vormals, die geheimſten Gedanken ihres Herzens in⸗ die Bruſt der Freundin nieder. 5 Indeſſen lebte Wallenfeld ſtill und truͤbe in der Gegend fort, die mit dem Abſchiede ihrer intereſſanten Bewohnerinnen allen Reiz fuͤr ihn verloren hatte. Er ſieht beide nicht mehr, aber nie wird er ſie vergeſſen. Cle⸗ 224 mentinens letzten Brief hatte er erhalten, doch nur die Gewißheit, ſie wolle nicht fuͤr ihn leben, dringt in ſein Gemuͤth ein, alles uͤbrige laͤßt er ungeleſen, und wirft das Blatt unwillig von ſich, um ſich einem Un⸗ muthe zu uͤberlaſſen, der ſo heftig iſt, wie ſeine Leidenſchaft. In dieſer Stimmung uͤberraſchte ihn das Geruͤcht, was uͤber Merwitzens Anweſenheit in der Gegend um⸗ herlief. Man ſagte ſich laut, daß dieſer Bedauernswerthe Clementinen liebe, man ſetzte hinzu, daß er von ihr getaͤuſcht ſey, und nachdem er vergebens den Tod geſucht habe, ſie an jenem Abende in Egmont mit einem Schmerze wiedergeſehen haͤtte, der aller Gegenwaͤrtigen Mitleid erregte. Wal⸗ lenfeld wuͤnſchte Ueberzeugung. Er beſuchte den Grafen, er draͤngte ſich an Merwitz, und erkannte in ihm einen ſo edlen feſten Sinn, einen ſo hoch gebildeten Geiſt, und trotz ſeines ernſten Schweigens einen ſo tie⸗ fen Gram, daß er ihn achten und Clemen⸗ tinen beſchuldigen mußte. Er glaubte nun in dieſer anſpruchsloſen Huͤlle die herzloſe Gefallſucht zu ſehen, der auch er zum Opfer geworden war, und er verachtete die glaͤn⸗ zenden Eigenſchaften, die ihn hingeriſſen hatten. 225 hatten.— Alle Geſellſchaften meidend, brachte er den Reſt des Winters in der tief⸗ ſten Einſamkeit zu. Doch auch hier fand er keinen Frieden; denn nur zu bald nahete ſich ihm eine Gefaͤhrtin, der das Herz nur im betaͤubenden Taumel ſich verſchließen kann. Es war die Reue. Konnte er ſich verhehlen, daß ſein Wankelmuth dieſe Stra⸗ fe herbeigerufen hatte? Konnte er ſich leug⸗ nen, daß ihm Julie unendlich theuer war, ehe Elementinens ſchimmernde Reize ſie uͤberſtralten?— Alle ſeine Gedanken wa⸗ ren nun quaͤlend, er wuͤnſchte ihnen zu ent⸗ fliehen, er ſuchte Beſchaͤftigung, er ritt und fuhr, jagte und ſpielte, und durchſtrich Feld und Wald mit raſtloſer Eil. Der Him⸗ mel war waͤhrend ſeiner Abgeſchiedenheit ſo freundlich geworden, alles lachte ihm ent⸗ gegen. Die zartbelaubten luftigen Zweige, die gruͤne Saat, die froͤhliche Thaͤtigkeit auf den Feldern, die ſteigenden wirbelnden Ler⸗ chen erinnerten ihn an den vorigen Fruͤhling, wo er Clementinen und ihre Tochter zuerſt ſah. Alles war wie damals, wo er Ju⸗ lien liebte, und mit den jungen Bluͤthen trat ihr Bild rein und unſchuldig vor ſeine Seele. An die verjuͤngte Natur war ihr Andenken p 226 geknuͤpft, wohin er blickte, ſprach es ihn wehmuͤthig an. Wie ſonſt trug ihn jetzt ſein Pferd oft in den Abendſtunden auf das Schloß. Der Gaͤrtner empfing ihn dann freundlich, und oͤffnete das Gartenhaus, in welchem er ehedem mit den Frauen zu ſitzen pflegte. Nun war er allein mit ſeinen Traͤu⸗ men hier, und wenn er bis in die tiefe Daͤmmerung truͤben Gedanken und einem ernſten Forſchen in ſeiner Bruſt nachhing, ſo blieb es ihm nicht verborgen, daß die Entfernung Clementinens Andenken um⸗ ſchleiert hatte, waͤhrend die Liebe zu Julien durch Entbehrung gemehrt, gepruͤft und veredelt ward. Er ging wohl auf die Wie⸗ ſen, die an den Garten graͤnzten, aber die Gefaͤhrtin fehlte ihm, die ſo gern ſeinen bo⸗ taniſchen Belehrungen lauſchte, und nach jedem Kraͤutchen mit ihrer ſuͤßen Stimme fragte. Wenn er ihr den Strauß von Wie⸗ ſenblumen bot, wie freundlich laͤchelte ſie ihm zu; jetzt buͤckte er ſich oft nach dem gel⸗ ben Klee, den ſie vorzuͤglich liebte, ſam⸗ melte das dunkelblaue Gedenkemein dazu, Augentroſt, Tauſendguͤldenkraut, und die gluͤhend rothe Feldnelke, und war das Straͤuschen fertig, ſo mochte er es gern im 227 Gartenhauſe an ihren Platz legen, ſie gegen⸗ waͤrtig waͤhnen, und ſo alles veegeſſend, jene Zeit erneuen, wo noch keine Verirrung ihn von ihr geſchieden hatte. Vor allen aber erregte eines Abends der Anblick des vielfarbigen Hyacinthenbeetes die Erinne⸗ rung des Neujahrmorgens in ihm, wo er von eben dieſem Dufte angehaucht, neben Julien ſaß, und ſie ſo traulich, ſo ruͤhrend zu ihm ſprach. Heiße Sehnſucht durch⸗ drang ſeine Bruſt, er blickte hinauf an ihre einſamen verſchloſſenen Fenſter, und betrat trauriger als je ſein oͤdes ſtilles Haus. Seine Phantaſie, immer bereit ihn zu quaͤ⸗ len, malte ihm hier die waltende Hausfrau in Juliens Geſtalt, in der freundlichen ru⸗ higen Wirkſamkeit, deren Zeuge er ſo oft war.— Leidenſchaft und Wankelmuth, er fuͤhlte es bitter, hatten den Segen der Haͤus⸗ lichkeit von ihm geſcheucht. So geſtimmt mußte ihm der Brief Cle⸗ mentinens, den ein Zufall noch einmal in ſeine Haͤnde gab, hoͤchſt bedeutend und troͤſtlich werden. Denn jetzt erſt las er ihn bedachtſam und mit ganz andern Empfindun⸗ gen als vormals, jetzt erſt lernte er ſeinen Inhalt verſtehen. Wie entzuͤckte ihn nun P. 228 Clementinens Ueberzeugung, er ſey fuͤr Ju⸗ lien beſtimmt und beſitze ihre Liebe, wie we⸗ nig bedurfte es der Beredſamkeit, mit wel⸗ cher dieſer Brief in jener Nacht des Schei⸗ dens ausgeſtattet ward, um ihn davon zu uͤberreden. Er hoffte wieder, er uͤberließ ſich freudig dem Gedanken einer Wiederver⸗ einigung, die ſo ungewiß, ſo entfernt ſchien. Juliens Aufenthalt kannte er nicht; in Cle⸗ mentinen wußte er jetzt eine Freundin ſeiner Liebe, aber durfte er ſich ihr mit Wuͤnſchen nahen, die ſo verſchieden von den fruͤheren waren? Und war nicht auch ſie ihm ver⸗ ſchwunden?— Liebende Herzen traͤumen ſich gern einen geiſtigen Zuſammenhang, der auch in ent⸗ fernten Gegenden ſie verknuͤpft, und ohne Worte, ohne Schrift und Zuruf, ein Band erhaͤlt, das vom Schickſal in Schutz genom⸗ men wird. Mag dies ein ſchoͤner Traum ſeyn, ſo iſt es doch gewiß, daß die Liebe der Gegenwart nicht bedarf, um fortzule⸗ ben, daß ſie ſelbſt ohne Hoffnung des Gluͤcks, durch tauſend ſuͤße unzerreißbare Faͤden an das Geliebte ſich anſchließt. So ſinden wir auch Julien noch mit eben den Gefuͤhlen wieder, mit welchen ſie von Wal⸗ 2 29 lenfeld ſchied. Abgezogen von allem Ge⸗ raͤuſch brachte ſie die Zeit hin, welche der Badekur des Fraͤuleins beſtimmt war, und ſo reich auch die Natur um ſie prangte, ſchlug dennoch ihr Herz den bekannten Ge⸗ genden froͤhlich entgegen, als ſie ſich zu Ende des Sommers der Heimath wieder nahten. Sie durfte nicht daran denken, die kraͤnkelnde Tante zu verlaſſen, die jetzt ihrer Pflege ſo ſehr bedurfte, und willigte gern ein, ſie an den Ort zu begleiten, der ihre erſten Kinderjahre ſah. Nur noch ein klei⸗ ner Umweg ſollte gemacht werden, um der Tante das Wiederſehen einer Jugendfreun⸗ din zu verſchaffen, und es erregte in Julien ein ſchmerzlich ſuͤßes Gefuͤhl, als ſie ver— nahm, dieſe Dame wohne in einem Staͤdt⸗ chen, nur wenig Meilen von dem Schloſſe entfernt, wo ſie ſo ſchoͤne Tage genoß. Sie ward dadurch um ſo mehr in Gedanken eingewiegt, da auch die Tante immer ſtiller und ernſter neben ihr ſaß, je naͤher der Wa⸗ gen ſeinem Ziele kam. Es war einer von den heitern Sommerabenden, ohne Wol⸗ ken, wo die Luft mit jedem Hauche uns Wohlgeruͤche zufuͤhrt. Man hielt vor dem netten freundlichen Hauſe, welches der 2 30 Tante noch wohl erinnerlich war, obgleich ſie es in zwanzig Jahren nicht betreten hatte. Alles ſah hier feſtlich und geſchmuͤckt aus. Denn nicht nur die Bedienten erſchie⸗ nen in ſtattlichen Livreen, auch die Waͤnde der geraͤumigen Hausflur prangten mit zierlichen Blumengewinden, und durch die weit geoͤffnete Gartenthuͤr konnte man eine zahlreiche Geſellſchaft im bunten Gemiſch wahrnehmen. Wie ungern nun auch das Fraͤulein ſich dieſem Kreiſe zugeſellen mochte, ſo ſah ſie ſich doch bald genug durch die Umarmung ihrer Freundin entſchäͤdigt, und vergaß im froͤhlichen Rauſche dieſes Wieder⸗ findens, die Abſonderung, der ſie ſchon ſo lange gewohnt war. Die Hausfrau, eine angenehme Matrone, ließ ſie nur aus den Armen, um ſie den Gliedern ihrer Familie vorzuſtellen, und es fand ſich, daß gerade heute der Vorabend der Vermaͤhlung ihrer aͤlteſten Tochter gefeiert ward, in welcher die Tante das lebendige Bild der Mutter zu erkennen glaubte— ein liebliches bluͤhendes Maͤdchen, von Gluͤck und Freude verſchoͤnt, heiter wie ihr Schickſal, und fleckenlos wie der Himmel, der ihrem Bunde lachte. Julie wuͤnſchte ihr recht aus vollem Herzen 231 Gluͤck, und waͤhrend die aͤlteren Frauen ſich im Fuge mancherlei Wichtiges mittheilten, kannſen ſich die Maͤdchen ſchon genug, um ſich ungezwungen wohl bei einander zu be⸗ finder.— Es war nun Zeit geworden, ſich der Geſellſchaft zu nahen, die fern von die⸗ ſer änzelnen Gruppe in einer großen Laube beiſanmen war. Aber welche Empfindun⸗ gen durchdrangen Juliens Herz, als ſie, gleich beim erſten Umherblicken, Wallenfeld wahmahm, der, eben ſo uͤberraſcht als ſie ſelbſt ſie mit der hoͤchſten Bewegung anzu⸗ ſehen ſchien. Sie zitterte und hatte kaum Kraft, die naͤher ſtehenden zu begruͤßen, und eiaige unbedeutende Fragen verſtaͤndig zu beantworten. So oft hatte ſie dies Wie⸗ derſehen gedacht, in tauſend verſchiedenen Lagen es ausgemalt, und dennoch, wie un⸗ vorbereitet fand es ſie! Sie glaubte zu traͤumen, und dieſe ſeltſame Taͤuſchung mehrte ſich noch, als nun auch der Baron und ſeine Frau aus dem Hintergrunde her⸗ vortraten, und ſie ſich, wie durch einen Zauberſchlag, in der Mitte ſo lieber Be⸗ kannten, in der Naͤhe deſſen ſah, den ſie einzig liebte. Erſt durch die liebreiche An⸗ ſprache der Baronin fand ſie ihre Faſſung 232 wieder; wie manches gab es da zu fragen, wie manches zu erzaͤhlen! Elemeninens Name ward zuerſt genannt, ihr Geſchick lag beiden ſo nahe, und man wußte ſo venig von ihr.— Indeſſen hatte ſich auch Wal⸗ lenfeld genaͤhert, ſeine Augen hingen for⸗ ſchend an Julien. Sonſt begegneten ſich ihre Blicke frei und leicht, jetzt ſchlug ſie die ihrigen erroͤthend an den Boden, und in ih⸗ rer bewegten Bruſt ward der Schmerz wie⸗ der neu, mit welchem ſie ihn zum letzen Male, vor Clementinen um Liebe flchend, erblickte. Dieſe Erinnerung ſchien ihr eine ewige Scheidewand zu ziehen, die nichts wieder niederzureißen vermochte. Die Daͤmmerung ſank herab, ſchim⸗ mernde Lampen im dunkeln Gruͤn erſetzten das Licht des Tages. Man vertheilte ſich in die magiſch beleuchteten Gaͤnge, und die froͤhliche Braut ergriff Juliens Hand. Scherzend ereilte ſie der Braͤutigam, und mit dieſem trat Wallenfeld hinzu. Es ſchien natuͤrlich, daß man die Maͤdchen trennte, aber Juliens Herz klopfte ungeſtuͤm, da Wallenfeld ihren Arm in den ſeinigen legte; ſtumm, zitternd ging ſie an ſeiner Seite ne⸗ ben den gluͤcklicheren Gefaͤhrten hin. Ju⸗ ——— 233 lie, fluͤſterte er ihr leiſe zu, wie gluͤcklich bin ich! Ich ſehe Sie wieder, nachdem die Entfernung mich erſt gelehrt hat, was Sie mir waren. Ich ſegne den Augenblick, der mich an dieſen Ort fuͤhrte, geben Sie mir die Hoffnung, daß ich hier mein Gluͤck wieder gefunden habe. Schhmerz und Wonne kaͤmpften bei die⸗ ſen Worten in Juliens Bruſt, aber der Schmerz errang den Sieg. Denn dieſe Sprache der Liebe, die ihr ſo ſuͤß toͤnte, hatte ſie ja eben ſo feurig an jenem Abende gehoͤrt, der ihre Ruhe vernichtete. Konnte ihr treues Herz ſich dem Wankelmuthe, der Untreue ergeben? Eine unendliche Weh⸗ muth ergriff ſie, und gedraͤngt von Wallen⸗ felds zaͤrtlichem Ungeſtuͤm, vermochte ſie nicht zu bergen, was in ihr vorging, nicht abzuwaͤgen, was ſie ſprach. Laſſen Sie uns das Andenken unſerer frohen Stunden bewahren, ſagte ſie, ohne Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft, und ohne Hoffnungen, die verloren ſind. Vielleicht taͤuſcht ſich Ihr Herz, es glaubt mich zu lieben, weil es den wahren Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche ver⸗ lor, Aber moͤchte das meinige auch fuͤr 234 Sie entſcheiden, nie wuͤrde ich meine Ruhe einem ſo ſchnell wechſelnden Gefä ver⸗ trauen. Wenn Sie denn meine Verirrung ken⸗ nen, ſagte er ſchmerzlich, und zoͤgerte vor⸗ waͤrts zu gehen, weil ſich eben ein Theil der Geſellſchaft in lauter Froͤhlichkeit nah⸗ te,— ſo glauben Sie auch meiner Reue. Sie iſt wahrhaft, ſie iſt ohne Falſch, und unterwirft ſich gern Ihrer Pruͤfung. Die herzutretenden jubelnden Gaͤſte ſzerhzde Julien der Antwort. Nur zu iß wankte ihre Kraft, ſie haͤtte vielleicht den Ueberredungen der Liebe nicht widerſtan⸗ den. Doch nun ſahe ſie ſich von Wallen⸗ feld getrennt, den die jungen Maͤnner mit ſich fortzogen; ihr Nachdenken, ihre Zwei⸗ fel erwachten von Neuem, ſie fuͤhlte ſich vereinzelt in dem muntern Haufen, peinlich aufgeregt durch die Luſtigkeit, die ſie umgab, und der ſie maſchinenmaͤßig ſich anſchließen mußte. Ihre Tante hatte ſich ſchon zur Ruhe begeben, auch ſie entſchluͤpfte jetzt dem Getuͤmmel, nachdem ſie noch einen 2 Blick auf Wallenfeld geworfen hatte, dem es nicht wieder gelungen war, ſich ihr zu naͤhern. Sie ſah, wie ſeine Augen ihr folgten, und ihr Herz blieb bei ihm zuruͤck. 1 Doch nun in der Stille ihres Zimmers wie mannigfaltig waren ihre Gefuͤhle, ihre Gedanken. Sie fuͤhlt es, die Entſcheidung ihres Schickſals liegt in ihrer Hand. Der geliebte Mann iſt ihr nahe, er denkt, er ſpricht wie vormals, weggeloͤſcht ſcheint al⸗ les, was ſie trennte. Aber kann ſie ſelbſt aus ihrer Erinnerung es verbannen? Darf ſie dem wuͤnſchenden Herzen folgen, da eine warnende Stimme ihm widerſpricht? Mor⸗ gen wird er ſie noch einmal fragen, und was ſoll ſie antworten? Sie ſchaut in die geſtirnte Halle hinaus, die ſich praͤchtig uͤber ihr woͤlbt, und ein leiſes unausgeſpro⸗ chenes Gebet fleht um Erleuchtung, um vaͤ⸗ terlichen Rath. Fuͤhre Du ſelbſt mein Herz, ruft ſie hinauf in die lautloſe Nacht, und ein frommer Glaube troͤſtet ſie nun, ſie werde das Rechte waͤhlen! 236 Vom nahen Kirchthurme ſchlug es Ein Uhr. Julie oͤffnete leiſe der Tante Schlaf⸗ gemach, das ſie theilen ſollte. Erwachend winkte dieſe ſie zu ſich, und ſagte: wenn es nicht zu viel geopfert waͤre, Julchen, ſo moͤchte ich Dich durch eine ſchnelle Abreiſe um die Hochzeitfreude bringen, und ich will es nur geſtehen, daß ich ſchon im Geheim von meiner Freundin Abſchied genommen, und die Pferde um vier Uhr, wenn noch al⸗ les ſchlaͤft, beſtellt habe. Zwar war es anfangs anders beſchloſſen, aber Du weißt ja, wie wenig laute Feſtlichkeiten mir zuſa⸗ gen, und von Dir bin ich lange gewohnt, daß ein Ball Dir nicht zu ſehr am Herzen liegt.. Julie verſicherte ihren Gehorſam mit bebender Stimme. Der Himmel hat ent⸗ ſchieden, dachte ſie, und eilte der Tante ihre Verwirrung, ihre Thraͤnen zu verbergen. Ja noch einmal Thraͤnen um ein Gluͤck, das vielleicht keines war, das ihr wohl nur wie⸗ der lachte, um ihre Ergebung zu pruͤfen. Es ſollten, ſie gelobte es heilig, die letzten ſeyn, aber ſie floſſen bis an den Morgen, 732 wo der raſch fortrollende Wagen, ſie dem Orte entfuͤhrte, den ſie ruhig betrat, und nun ſchmerzlich bewegt verließ. Ein Jahr verging ohne Begegniß in ru⸗ higer Thaͤtigkeit, kleinen Freuden, und man⸗ cher Sorge. Immer mehr klraͤnkelte die Tante, immer eingeſchraͤnkter lebte Julie, bis ſie zuletzt das Bette der Schwachen nicht mehr verlaſſen konnte, und nur einer trau⸗ rigen Pflicht noch angehoͤrend, ihr die Au⸗ gen zudruͤckte. Es war das zweite Mal, daß in dieſen Mauern der Tod ihr eine Stuͤtze entzog, auch ihren Vater hatte ſie hier verloren, aber wie ſo anders war da⸗ mals ihr Gemuͤth geſtimmt. Kindlich hei⸗ ter, ſah ſie durch die Trauer um den Ver⸗ lornen, in eine morgenroͤthlich umſtralte Zu⸗ kunft, jetzt verhuͤllte ein ſchwarzer Flor jede Ausſicht. Nur eine Freude lachte ihr noch, ſie durfte nun zu Clementinen zuruͤck⸗ kehren! Gleich nach dem Tode der Tante hatte ſie ihr geſchrieben, und noch erwartete ſie kaum die Antwort, als Merwitz ſelbſt erſchien, ſie ſeiner Frau zuzufuͤhren. Er war Tag und Nacht gereiſt, um ſie recht 238 bald ihren traurigen Umgebungen zu ent⸗ reißen, er war ein alter Freund, jetzt der Gemahl ihrer theuerſten Freundin, wie troͤſtlich mußte ſeine Ankunft ihr ſeyn. Auch bemerkte ſie bald an ihm ein heitres ruhiges Bezeigen, das von innerer Zufriedenheit ſprach, und den ſchmerzlichen Eindruck ver⸗ nichtete, den der Anblick ſeines Verluſtes ihr gab. Seine ernſte tiefe Unterhaltung, wie ſie ihr noch aus ihren fruͤheren Jahren er⸗ innerlich war, that ihr wohl, denn lange ſchon hatte ſie nur aus todten Buͤchern in einzelnen Ruheſtunden dieſen Genuß ge⸗ ſchoͤft. Auch Merwitz genoß hier Mo⸗ mente einer Ruͤckerinnerung, die ihm jetzt ſuͤß war. Dieſe Straßen, dieſe Plaͤtze, dieſe Spatziergaͤnge, die man aus Juliens Fenſter uͤberblickte, hatte er ſo oft durch⸗ wandelt. Hier ward die Neigung in ihm zuerſt wach, die ausſchließend ſein Leben beherrſcht hatte, hier empfand er Hoffnung, Liebe, Schmerz und Verzweiflung!— Julie war auf eine weite Reiſe in nie geſehene Gegenden gefaßt, als ſie den naͤch⸗ ſten Morgen mit Merwitz in den Wagen 22 ſtieg, und nichts gleicht daher der Ueberra⸗ ſchung, mit welcher ſie gegen das Ende des Tages immer mehr bekannte Gegenſtaͤnde, und endlich die runden Thuͤrmchen des Schloſſes erblickte, wo ſie Clementinen zu⸗ letzt ſoh. Noch glaubte ſie nur, Merwitz wolle hier uͤbernachten, allein wie der Wa⸗ gen nun die hohe Pappelallee erreichte, die ſchnurgerade auf das Thor zufuͤhrte, ſah ſie eine weiße Geſtalt an der Pforte ſtehen, in der ihr Herz Clementinen erkannte. Iſt es moͤglich? fragte ſie, und freundlich laͤ⸗ chelte Merwitz ihr zu. Hier wollte meine Frau Sie wiederſehen, antwortete er, ſie kam mit mir vor einigen Tagen hieher. Verzeihen Sie uns dieſ kleine Heimlich⸗ keit. O Gott, meine theure geliebte Mutter, rief Julie aus und ſtuͤrzte aus dem Wagen Clementinen entgegen. Sprachlos mit Chraͤnen der reinſten Freude lagen ſie einan⸗ der in den Armen. Sie betrachteten ſich wechſelsweiſe, gaben ſich die ſuͤßeſten Na⸗ men, und jede fuͤhlte ihr Leben erſt jetzt wie⸗ der ganz und ungetheiſt an dem Buſen der Freundin. Fand Elementine Juliens Farben weni⸗ ger friſch, ihren Blick ruͤhrender und ern⸗ ſter, ihre ganze Geſtalt in der ſchwarzen Trauerkleidung die truͤben Begegniſſe aus⸗ ſprechend, die ſie erlebte, ſo ſah jene hin⸗ gegen an Clementinen eine eben ſo auffallende Veraͤnderung. Sie ſchien geſund und bluͤ⸗ hend, ja Frohſinn und herzliche Zufrieden⸗ heit lag ſichtbar in ihren Zuͤgen, und alles, was Julie in ſo kurzer Zeit beobachten konnte, zeigte ihr, hier wohne jetzt das Gluͤck, ein ſtilles ſicheres Gluͤck, das Klei⸗ nod, das wir oft lebenslang ſuchen, und geblendet an uns voruͤbergehen laſſen.— Sie ſehnte ſich ſehr nach einem einſamen Herzenserguſſe mit ihrer Freundin, aber es war ſpaͤt, und Clementine trieb die Ermuͤdete zur Ruhe. Ihr Zimmer empfing ſie wie⸗ der, es war noch ganz wie ſie es verließ. Die lieben Bilder ihrer Aeltern hießen ſie laͤchelnd willkommen, ihr Klavier, ſihr Naͤhtiſch, ihre Buͤcher, alles war auf der⸗ ſelben Stelle. Sie uͤberließ ſich mit Freu⸗ den dem Gedanken, die Trennung ſey nur kurz, nur Tagelang, und die Begebenhei⸗ ten der Zwiſchenzeit ein truͤbes Bild ihrer Einbildungskraft geweſen. So muͤde ſie war, 241 war, konnte ſie dennoch der Lockung nicht widerſtehen, wenigſtens aus dem Fenſter noch heute den Garten zu ſehen. Merwitz und Clementine gingen unten noch umher. Eine maͤnnliche Geſtalt begleitete ſie, Ju⸗ liens Herz ſchlug laut, denn ſie glaubte Wallenfeld zu erkennen, und konnte ihr Auge nicht von den Wandelnden wenden. Endlich verſchwanden die Geſtalten im Schatten, und ſie ſeufzte bei der Vorſtel⸗ lung, daß ihr jenes Bild noch immer ſo gegenwaͤrtig ſey, ſich noch immer ihrer Phantaſie aufdringe. Denn unfehlbar war Clementinens zweiter Gefaͤhrte der alte Graf geweſen, von welchem ſie durch Merwitz wußte, wie innig er mit der Familie ver⸗ bunden war, und Wallenfeld, deſſen Na⸗ men Niemand nannte, war vielleicht nicht mehr hier, hatte wohl lange ſchon die ver⸗ geſſen, die ſeiner noch immer gedachte. Sonnig lachte der Morgen beim Er⸗ wachen in ihr Fenſter. Es war nicht mehr fruͤh, ſie hatte ſich eben angekleidet, da kam Clementine ſchon, ſie zum Fruͤhſtuͤcke zu holen. Im Gartenhauſe fanden ſie Merwitz, die Frauenzimmer woͤhlten ihre 82 gewohnten Plaͤtze wieder, und eine froͤhliche Stunde verging unter Geſpraͤchen, wie ſie langgetrennte Freunde fuͤhren, abgebrochen und unzulaͤnglich, und doch ſo angenehm, ſo traulich. Merwitz ging nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤcke und Clementine hing ſich an ſeinen Arm, indem ſie Julien baldige Ruͤckkehr verhieß. Auch war nur kurze Zeit verfloſ⸗ ſen, da trat ſie laͤchelnd herein und zeigte der erſtaunten erfreuten Julie ein reizendes Kind, das ſo eben anfing, die Blicke der Mutterliebe zu verſtehen. Deine Augen fragen mich, ob ich gluͤck⸗ lich bin, liebe Julie, ſagte ſie, ſieh hier iſt die Antwort. Seit ich dies Kind beſitze, erkenne ich den Werth meines Lebens. Aber ich will nicht ungerecht ſeyn. Nein, ſchon ehe ich Mutter ward, war ich gluͤcklich. Denn wie ich nun in ungetrennter Verbin⸗ dung mit meinem Manne ihn erſt ganz verſtehen lernte, wie ſich ſein Herz mir auf⸗ ſchloß, das noch reicher als ſein Geiſt iſt, wie ich an der leitenden Hand meines Freun⸗ des meine Pflichten treu zu uͤben ſtrebte und nun im Sonnenſcheine des Gluͤcks nach und nach Curts finſtre Stimmung einem milden 243 Frohſinne Platz machen ſah, welch' ein Ge⸗ muͤth haͤtte ich haben muͤſſen, um mich die⸗ ſes ſchoͤnen Lohnes nicht zu freuen. Curts Verluſt, den er durch mich trug, vollendete meine Umwandlung! Und jetzt, ja ich ſage es Dir mit herzlicher Ruͤhrung, jetzt erwie⸗ dere ich ſeine treue Zaͤrtlichkeit aus voller Seele, jetzt gebe ich wieder, was ich em⸗ pfange, und der Segen der Haͤuslichkeit ruht auf mir. Ach Julie, wie eigenſinnig ſind wir oft in unſerm Widerſtande gegen das Schickſal, und dennoch ermuͤdet eine freundliche Hand nimmer, uns dahin zu ziehen, wo wir Freude und Genuß finden ſollen. Du weißt, wie ich mich um Jahre beſtahl, wo ich gluͤcklich ſeyn und gluͤcklich machen konnte. Wollteſt Du eben ſo han⸗ deln, Julchen? Wollteſt Du gegen Dein Herz kaͤmpfen, daß gewiß vergebend fuͤhlt? Oder empfindeſt Du gar nichts mehr fuͤr Wallenfeld, der Dich ſo innig liebt? Sie kennen mein Herz, antwortete jene, fragen Sie ſich, ob es eines Wechſels faͤhig iſt. Ich habe Wallenfeld nur entſagt, weil ich an ihm zweifeln mußte, vergeſſen habe ich ihn nimmer. O 2 ₰ 244 So nimm denn meine Buͤrgſchaft fuͤr ihn! rief Elementine, und aus dem Ge⸗ buͤſche neben dem Gartenhauſe trat er her⸗ vor. Derſelbe Ort, der uns ſo oft beiſam⸗ men fand, umſchließt uns wieder mit den⸗ ſelben Geſinnungen, und was hier oft mei⸗ ne Seele fuͤr Euch wuͤnſchte, geht nun er⸗ freulich in Erfuͤllung!— —— IWV. Mohrenſcheiben. Ein Wintermaͤhrchen. .. In einem engen Thale, rings von hohen Bergen umſchloſſen, lagen zwei Haͤuſer, nicht gar zu fern voneinander, ziemlich ge⸗ ſchieden von der uͤbrigen Welt und beinahe nur auf gegenſeitigen nachbarlichen Verkehr beſchraͤnkt; denn das Amthaus, und das Dorf, wohin ſie gehoͤrten, waren beide jenſeits der Berge, und die Wege dahin im groͤßten Theil des Jahres, entweder durch tiefen Schnee, oder Ueberſchwemmungen unwegſam. Weil nun aber auch hieher ſich oftmals Wanderer fanden, und beſonders im hohen Sommer, die romantiſche Gegend viele anlockte, ſo hatte Herr Caspar, ein ſtattlicher Gaſthalter, gar gute Nahrung, und ſein feſtes Haus nahm ſich vor dem uralten Berge, an dem es lehnte, von ho⸗ hen Ulmen beſchattet, mit Wirthſchafts⸗ und Stallgebaͤuden, gut genug aus. Das andere hingegen war nur eine ſchlechte Huͤt⸗ te, mit Stroh gedeckt, und kaum nothduͤrftig 248 vor den Einfluͤſſen der Witterung verwahrt. Ein armer Landwirth bewohnte ſie mit Weib und Kind, deſſen ganzer Reichthum einige Kuͤhe und Schafe waren, nebſt einem Stuͤckchen felſigen Landes, dem er nur ſpar⸗ ſam ſeine Gaben abgewann. Aber unter dem Strohdache wohnte die Zufriedenheit mit ihnen, und nie hatten die Eltern mehr gewuͤnſcht, als das taͤgliche Brodt, das Gedeihen ihrer Fruͤchte und ihres Viehes, und etwa zum heiligen Chriſtabend ein neues Waͤmslein und eine warme Muͤtze fuͤr die kleine Elsbeth, ihr einziges Kind. Mit dem Gaſtwirth war es anders. Er hatte in ſeinem hohen Hauſe nicht Raſt noch Ruh, vor ſtuͤrmiſchen Wuͤnſchen, und war einer erfuͤllt, ſo draͤngte ſich— wie die naͤchſte Welle die fruͤhere im tobenden Meere erſetzt, gleich ein groͤßerer an die ledige Stelle. War er jetzt wohlhabend und ſchuldenfrei, ſo wollte er reich ſeyn, gewann er jetzt durch ruͤſtiges Muͤhen genug, ſo wollte er kuͤnftig ohne Arbeit leben, und hatte ſein Gluͤck im einſamen Thale gebluͤhet, ſo mußte es nach ſeinen Gedanken, in der Welt, unter Men⸗ ſchen, hundertfaͤltige Frucht tragen. Tau⸗ ſend Entwuͤrfe jagten ſich in ſeinem Kopfe, ———— wenn er, die Pfeife im Munde, auf der Bank unter den Ulmen ſaß, und er belaͤchelte die ſtille Zufriedenheit des aͤrmeren Rach⸗ bars, ohne ſie zu begreifen, ja ohne ſie zu ſchaͤtzen. 4 Herr Caspar hatte ſchon viele Soͤhne und Toͤchter verſorgt, jetzt war nur ſein juͤngſter noch im Vaterhauſe, ein bluͤhender Knabe, der gute Freundſchaft mit der kleinen Elsbeth pflegte, und in ihrer Eltern Huͤtte ſo einheimiſch war, wie in dem Gaſthauſe. Hatte es zu Pfingſten, oder Johannis einen Schmaus gegeben, bei dem die Bauern aus dem nahen Dorfe die theure Zeche gutwil⸗ lig bezahlten; ſo bat Conrad die Mutter ge⸗ wiß ſo lange, bis ſie den Nachbarn von den uͤbrig gebliebenen Seltenheiten etwas zukom⸗ men ließ, und ihn zum Boten machte, oder er theilte mit Elsbeth ſeinen Kuchen und legte von dem Obſte ſeines Gartens die be⸗ ſten Stuͤcken fuͤr ſie zurecht. Auch erhielt er es von dem Vater, daß Elsbeth ſeinem Unterricht beiwohnen durfte, den des Schul⸗ meiſters Sohn, ein ſtiller kraͤnkelnder Mann von vielen Kenntniſſen, beſorgte, und wo⸗ fuͤr Elsbeths Mutter der Gaſtwirthin an 250 geſchaͤftvollen Tagen willig zu Dienſt und Huͤlfe war. Gab es aber nichts zu lernen, dann durchſtrichen die Kinder das Thal und die hohen Bergruͤcken, wo ſie jeden Baum, jeden Strauch genau kannten, und die un⸗ wegſamſten Pfade geſchickt zu erklettern wußten. Immer war hier etwas Angeneh⸗ mes zu finden: Ameiſeneier fuͤr Conrads Nachtigall, Erdbeeren, Brombeeren und Preiſ⸗ ſelsbeeren, bluͤhender Frauenflachs, Feldkuͤm⸗ mel und mancherley andere duftende Berg⸗ kraͤuter. Auch lernten ſie hier ein Weſen kennen, das ſie treuherzig zum Gefaͤhrten annahmen, und nach Kinderart nicht viel kluͤgelten und forſchten, woher es wohl kommen, und was es ſeyn moͤge. Nahe bei Caspars Hauſe, von Straͤu⸗ chen ganz umwoͤlbt, hatten ſie einſt eine kleine Hoͤhle entdeckt, die ihnen zum ſtillen Spiel unter allen andern Plaͤtzen am be⸗ quemſten duͤnkte. Sie beſuchten ſie taͤglich mit ihrem Spielwerke, und erſchracken nicht eben ſonderlich, als ſie einmal in der dun⸗ kelſten Ecke eine kleine Geſtalt gewahrten, ihnen ſelbſt an Laͤnge nicht unaͤhnlich, die ſie ſtill und aufmerkſam zu betrachten ſchien. 251. Komm her, wenn Du mitſpielen wilſſt, ſagte der dreuſte Conrad, und theilte die Haͤuſer und Figuͤrchen, die er mitgebracht hatte, in drei gleiche Theile— hier haſt Du auch eine Stadt, und Soldaten. Der Kleine naͤherte ſich langſam, und Elsbeth konnte ſich bei ſeinem Anblick eines Schauers nicht erwehren. Ein langes wei⸗ tes Gewand, genau von der Farbe der Hoͤh⸗ le, umfloß den kleinen Koͤrper, und das Ge⸗ ſicht war zum mindeſten nicht ſchoͤn, oder kindlich zu nennen. Er ſetzte ſich ſchweigend zu ihnen, und fing ein Spiel mit allerlei⸗ blinkendem glatten Geſtein an, das Con⸗ rads Blicke unwiderſtehlich anzog. Auch Elsbeth verlor nach und nach ihre Scheu, und da ihr Geſpiele niemals in der Hoͤhle fehlte, auch, wenn gleich ſchweigend, im⸗ mer freundlicher wurde, ſo gewannen beide bald den Muth, ſich in ſeine Beſchaͤftigung zu miſchen, und ihre Haͤnde nach den ſchoͤ⸗ nen Steinen auszuſtrecken, von denen ſie doch nie etwas mitnahmen. Beim Schei⸗ den oͤffnete ſich allemal der ſtumme Mund ihres Gefaͤhrten, und er ſagte mit faſt klang⸗ loſer Stimme; d —ʒ—ͤ— 252 „Wahrt ſchweigenden Mund, thuts Zwerglein nicht kund!“ Die Kinder hatten dieſen Spruch nie nach ſeinem Sinne beachtet, aber ſie thaten zufaͤllig, was er ihnen einſchaͤrfte, es fiel ihnen nicht ein, den Eltern von ihrem neuen Bekannten zu ſagen, und hoͤrten dieſe ihn zufaͤllig erwaͤhnen, ſo dachten ſie ehe an einen Hirtenknaben aus dem Dorfe, als an jenes raͤthſelhafte Geſchoͤpf. So waren Jahre vergangen, und Conrad und Elsbeth bemerkten nicht ohne Stolz, daß ihr Wuchs den des kleinen Hoͤhlenbewohners uͤber⸗ ragte, obgleich der Knabe erſt 12, das Maͤdchen nicht mehr als 9 Jahre zaͤhlte. Es war im ſpaͤten Herbſt, kurz vor dem Weihnachtsfeſte, als ein kalter ſtuͤrmi⸗ ſcher Abend alle Bewohner des Gaſthauſes um den großen rieſenfoͤrmigen Ofen verſam⸗ melt hatte. Frau Brigitte, Conrads Mut⸗ ter, drehete ihr Rad fleißig um, und die Moͤgde neben ihr zogen, unter luſtigen Scherzen, manches feine lange Faͤdchen aus. Auf der Ofenbank ſtreckte ſich ein fremder Geſell; Conrad ſaß bei dem Vater, neben einem großen Roſienenberge, den er zum Feſtkuchen leſen ſollte. Die Augen ſie⸗ ———— 253 len ihm zuweilen uͤber dieſer Arbeit zu, doch erwachte er eben ſo bald wieder, bei den heftigen Stoͤßen des Sturmes. Wie Ru⸗ then peitſchte der Schnee gegen die Fenſter, alle Thuͤren klappten, und der Geſell hinter dem Ofen ſchlug ein Kreuz. Es iſt ſchauerlich bei Euch Herr Wirth, hob er an, traun Ihr habt mehr Herz als andere Leute, hier den duͤſtern langen Win⸗ ter ruhig zu wohnen. Mich graut vor die⸗ ſer Einen Nacht, zumal, wenn ich der Ge⸗ ſchichten gedenke, die mein Großvater von dieſer Gegend zu erzaͤhlen wußte. Caspar lachte laut auf, die Maͤgde ruͤckten naͤher an die Lampe, und der Frem⸗ de ſprach weiter: Lacht immer, Herr Caspar, mein Groß⸗ vater, da er als ein ruͤſtiger Burſch druͤben im Dorfe diente, lachte auch, wie er zuerſt davon hoͤrte. Nachmals hat er es oft mit Augen geſehen. In dieſem Thale, tief un⸗ ter der Erde, wohnt ein Geiſt, dem es zu⸗ weilen beliebt heraufzuſteigen, ſich zu den Menſchen zu geſellen, um dieſem Gutes, jenem Schaden zu thun. Meinem Groß⸗ vater, ſo ſchien es, war er gewogen, denn ſo oft ihn ſeine Geſchaͤfte hieher fuͤhrten, 2354 kam der Zwerg aus ſeiner Hoͤhle, und be⸗ gleitete den jungen Mann uͤber die Berge. Der Zwerg, ſagt Ihr? rief Conrad mit weitgeoͤffneten Augen aus; ihm fiel dies Wort auf, das er ſo oft aus dem Munde ſeines Geſpielen vernommen hatte. Einsmals, fuhr jener fort, ohne die Unterbrechung zu achten, hatte er ſich im Dickicht verirrt. Er lief bis es Abend wurde, und kam endlich an einen ſo tiefen weiten Felſenſpalt, daß er nicht daran den⸗ ken konnte, ihn zu uͤberſteigen. Ploͤtzlich ſtand der Zwerg neben ihm. Er ſchaute lachend zu ihm hinauf, legte ein duͤnnes Staͤblein uͤber den Spalt, und bedeutete den Wanderer hinuͤber zu gehen. Schau⸗ dernd wandte der ſich ab, aber als er, durch des kleinen Mannes Geberden bewogen, wieder hinſahe, ſiehe, da war das Staͤb⸗ lein zum flachen Brett ausgedehnt, und lag recht ſicher und einladend vor ihm. Die Nacht kam indeſſen immer naͤher, im Dor⸗ fe, das er ganz nahe unter ſich gewahrte, flammten ſchon einzelne Lichter, der Zwerg war verſchwunden. So ſetzte er in Gottes Namen ſeine Fuͤße auf die wunderbare Bruͤcke, und kam gluͤcklich hinuͤber. Spaͤter 255 — ſah er den Geiſt noch manchmaͤl in ſeiner Hoͤhle neben einem großen Geldſack ſitzen, den er allemal freundlich winkend hob, und dem Großvater entgegen hielt. Aber der junge Geſell begehrte nicht nach ſo zweideu⸗ tigem Gewinn, auch haͤtte er um die Welt nicht in die Geiſterhoͤhle eingehen moͤgen. Bald darauf wurde er auch in ſeine Heimath gerufen. In ſeiner Hoͤhle? ein Zwerg? der kleine Mann, nennt Ihr ihn? fuhr Conrad jetzt wie aus ktiefem Nachſinnen auf. Ja ganz Recht, das kleine erdfarbige Maͤnnchen, das ſo oft mit mir geſpielt hat, muß der Zwerg ſeyn. Aber Geld hat er nicht, nur huͤbſche Steine. Alle ſahen verwundert auf den Knaben, Frau Brigitte entſetzte ſich, und wollte ihn naͤher befragen, aber Caspar eiferte heftig gegen den Weiberglauben, und gebot ihr zu ſchweigen. Poſſen, ſagte er, ſeht Ihr denn nicht, daß der Junge ſchlaftrunken iſt und waͤhrend der Erzählung ſchon allerlei getraͤumt hat? Fort zu Bette, Conrad, verſchlafe die wunderlichen Gedanken. Haͤtte Euer Großvater den Sack mit Geld genommen, ſo wollte ich die Geſchichte eher o—ꝛ;⁊ñj ZBZI 256 glauben; daß er ihn ſtehen lesß, klingt doch gar zu fabelhaft. Das mag er ſelbſt verantworten, er⸗ wiederte der andere, ich freilich moͤchte wohl auch nicht wie er denken. Wenn mir etwa morgen der Zwerg zudenkt, was mein Alter verſchmaͤhete, ſo werde ich mich nicht lange beſinnen, es anzunehmen. Conrad war ſchon lange zur Ruhe, der Sturm hatte ſich gelegt, Frau Brigitte und die Maͤgde ſchlichen eins nach dem Andern zu Bette, und huͤllten ſich dichter als ſonſt in die Decken ein. Auch der Wandersmann ſchlief ruhig anf der Bank am Ofen, aber in Caspars Augen kam kein Schlaf. Er traͤumte viel wunderlicher, als er ſeinen Knaben vorher beſchuldigte, und konnte ſich, gewiſſer Gruͤnde wegen, nicht entſchließen, ſeinen Gaſt aus den Augen zu laſſen. Was gilt die Wette, murmelte er in den Bart, der Burſche iſt nicht umſonſt hier, und ſeine Geſchichte zielte darauf ab, uns auszufor⸗ ſchen, wieviel uns von dieſen Dingen be⸗ wußt iſt. Aber er ſoll ſich betrogen haben. Allemal gehoͤrt der Schatz eher uns, unter deren Fuͤßen er liegt, als wildfremden Leu⸗ ten, und ich habe mein Lebtage gehoͤrt, daß Geiſter Geiſter ihren Auserwaͤhlten nicht ehe erſchei⸗ nen, bis dieſe allein ſind. Der Morgen wollte heute nicht herauf. Schon begann das Oel in der Lampe zu mangeln, Caspar hatte ſich in den Lehn⸗ ſtuhl zuruͤckgelehnt, und war unwillkuͤhrlich entſchlummert. Er fand im Traum den Schatz, wollte den Sack heben, da rollten aus verborgener Oeffnung die Goldſtuͤcke heraus, er mußte ſammeln, und wieder ſam⸗ meln, und kaum waren die Fluͤchtlinge ge⸗ fangen, ſo ergab ſich ein neuer Riß, der ſie wieder, und wieder entließ. Ermattet ſchreckte er auf, und ſah das Grauen des Morgens an den Fenſtern. Ein tiefer Schnee lag uͤber der Erde, und leuchtete hell von den Bergwaͤnden. Der Gaſt am Ofen regte ſich, gaͤhnte laut, und ſprang vom La⸗ ger empor. Wie er Casparn gewahrte, fragte er ſchlaftrunken nach der Zeche, und ergriff ſein Buͤndel. Freund, ſagte der Wirth, Ihr ſeht, es hat heute Nacht gewaltigen Schnee gege⸗ ben, alle Wege ſind verweht, wer hier nicht Beſcheid weiß, koͤmmt ohne Huͤlfe ums Leben. Mich dauert Euer junges Blut, dar⸗ um ſollt Ihr nicht allein gehen, und ich R 258 ſelbſt will Euch ein Stuͤck Weges begleiten. Sagt mir nichts dagegen, ich will es ſo, unnd werde gleich geruͤſtet ſeyn. Brigitte ſtaunte, als ſie am Morgen ihres Mannes ſeltne That vernahm, und da er nach zwey Stunden, zwar weidlich er⸗ froren, aber ungemein froͤhlich wieder kam, meinte ſie: ein gutes Werk mache doch hei⸗ terer, als großer Gewinn. Caspar aber fragte ſogleich nach Conrad, mit dem er ſich in ein entferntes Kaͤmmerchen verſchloß. Der rauhe Winter, dieſes mal haͤrter als lange, hielt die befreundeten Kinder in der Stube verſchloſſen, und hinderte jede gemeinſchaftliche Wanderung. Vor der Hoͤhle lag hoher Schnee, ſo daß ihre Spur nicht zu finden war, ſo oft auch Elsbeth im Voruͤbergehen den Eingang ſuchte. Conrad freute ſich daruͤber, denn er kannte jetzt den kleinen Mann genug, um ſich nicht in ſeine Naͤhe zu wuͤnſchen, aber er ſchwieg, denn ſein Vater hatte ihm bei ſchwerer Strafe verboten, die arme Elsbeth nicht furchtſam zu machen.— Endlich mußte die ſtarre Kaͤlte milderen Luͤften weichen. Ein lauer Weſtwind ſtrich durch das Thal, der ſchmel⸗ zende Schnee rieſelte in hundert ſilbernen y-——õ—— 259 Quellchen von den Bergen, und unter ihm erſchien der gruͤnliche Teppich wieder. Die ſchwarzgruͤnen Tannen hatten ihre ſchwere weiße Laſt abgeſchuͤttelt, und zeigten zarte helle Spitzen, und die freundliche Sonne trank, mit durſtigem Strahl, die kuͤhle Feuchtigkeit von dem mooſigen Boden hinweg. Da zog Herr Caspar mit Schaufel und Spaten aus, wie er ſagte, ein ſchoͤnes Plaͤtzchen zu bereiten, an dem die Wanderer, und die Gaͤſte aus dem Dorfe, nichts mehr von der ſtechenden Sonnenhitze empfinden ſollten. Kein Knecht durfte ihm helfen, er wollte diesmal alles allein thun, und pries die herrliche Bewegung, waͤhrend die ungewohnte Arbeit ſeinem wohlbeleibten Koͤrper manchen Schweistropfen abzwang. Brigitte ſchuͤttelte den Kopf ob dieſer ſeltſa⸗ men Laune des gemaͤchlichen Gaſtwirths, und meinte: Maͤnnerlaunen kaͤmen ſo wun⸗ derlich und unerwartet wie Aprilſchauer. Noch weniger konnte ſie ſich in die Arbeit ſelbſt ſinden, denn der Spaten ihres Ehe⸗ herrn durchwuͤhlte die Erde eine Elle tief, und ſchien das Plaͤtzchen, ſtatt es zu berei⸗ ten, ganz zerſtoͤren zu wollen. Aber ein R 2 . 260 drohender Blick gebot ihrer Zunge Schwei⸗ gen. Wie endlich die Arbeit gethan war, ging Caspar mit graͤmlicher Laune davon, und wurde taͤglich muͤrriſcher. Die aufge⸗ lockerte Erde ließ er, unter ſeiner Aufſicht, durch Knechte ebnen und feſtſtampfen, den Eingang der Hoͤhle erweitern, Tiſch und Baͤnke darin feſtmachen, kurz alles ſo ein⸗ richten, wie er vorher geſagt hatte; auch ſuchten ſeine Gaͤſte in der Sonnenhitze den kuͤhlen Raum gern auf, tranken manches Flaͤſchchen mehr, und lobten den klugen Ein⸗ fall des anſtelligen Wirths. Aber es er⸗ freute ihn nicht. Muͤrriſch ſtrich er das Geld ein, mit veraͤchtlichen Worten. Was helfen die elenden Silbergroſchen, ſagte er — tauſend Jahr könnte man daran ſam⸗ meln, ehe ein Sack voll Gold daraus wuͤr⸗ de. Auch auf den unſchuldigen Conrad fiel ſein Zorn. Du biſt ein dummer Junge, ſchalt er ihn, der uͤber ſeinen Spielereien alles vergißt. Wer weiß, wie oft der Geld⸗ ſack Dir vor der Naſe geſtanden hat, aber die Steine waren Dir lieber; vielleicht wa⸗ ren dieſe ſelbſt pures Gold, und der ver⸗ dammte Zwerg blendete Deine Augen, und lachte Deiner Einfalt. ———— 261 Froͤhlich wie ein Vogel, der dem Kaͤfig entrinnt, ſuchte Elsbeth im Hauche der Fruͤhlingsluft das Freie. Sie winkte Con⸗ rad von der Seite des gruͤbelnden Baters hinweg, und beide begannen die fruͤheren Wanderungen mit neuem Genuß. Jedes Graͤschen ward begruͤßt, jede Knospe will⸗ kommen geheißen, und Alles gleichſam wie⸗ der in Beſitz genommen. Unſere Hoͤhle iſt nun ſchoͤn, jauchzte Elsbeth, hoͤher, weiter, und reinlicher, komm laß uns darin ſpielen. Conrad wollte lieber weit hinweg, er zog Elsbeth aͤngſtlich in einem großen Bo⸗ gen an dem gefuͤrchteten Ort voruͤber, den er ſeit ſeiner Umwandlung nicht wieder be⸗ treten hatte. Aber Morgen, fragte ſie, und am naͤchſten Tage, da er nach ihrem Hauſe ging, rief ſie ihm neckend aus der Hoͤhle entgegen, und zog ihn faſt wider Willen hinein. Er ſetzte ſich zitternd neben ſie, und ſchaute bange in die duͤſtern Ecken. Der iſt nicht da, ſagte ſie unbefangen, wir muͤſſen allein ſpielen, ich bin ſchon drei Mal hier geweſen, aber er war immer nicht . zau ſehen. 262 Elsbeth! fluͤſterte Conrad leiſe und be⸗ bend, rede nicht von ihm, niemals, und gegen keine Seele. Haſt Du den Spruch vergeſſen, den er uns allemal nachrief. Mich duͤnkt, er wollte uns dadurch Schwei⸗ gen gebieten. Wer unbeſonnen plaudert, dem bringt es ſicherlich Schaden. Der Knabe hatte Recht. Schon jetzt mußte er ſeinen Ungehorſam gegen die War⸗ nung buͤßen, die er nun erſt ganz verſtand. Seines Vaters Zorn nahm taͤglich zu, und Conrad mußte ihn, ohne es zu wollen, im⸗ mer mehr reizen. Er hatte in keiner Sache mehr Gluͤck. Ward er ins Dorf geſchickt einzukaufen, ſo verlor er gewiß, aller Sorg⸗ ſamkeit zum Trotz, etwas von dem mitge⸗ nommenen Gelde; trug er etwas zerbrechli⸗ ches, ſo ſtolperte er uͤber irgend einen An⸗ ſtoß, der hernach nicht zu finden war, und zerbrach die ſchoͤnſten Sachen; ward ihm das Vieh anvertraut, ſo geſchah allemal ein Schaden, und der arme Conrad meinte im⸗ mer, beim Suchen, Fallen, oder in der angſtvollen Bemuͤhung die Heerde zu behuͤ⸗ ten, das hohnlachende Geſicht des kleinen erdgrauen Geſpielen zu erkennen. Elsbeth erfuhr hievon nichts, ſo oft er ihr auch wei⸗ 263 nend ſein Ungluͤck klagte; Conrad hatte den Nachtheil der Geſchwaͤtzigkeit zu gut erfah⸗ ren, um noch einmal zu ſuͤndigen. Eines Abends war Elsbeth bis zur Daͤmmerung im Gaſthauſe geweſen, und trat im Schein des Mondes den Ruͤckweg an. Ein laͤrmender vielſtimmiger Geſang toͤnte ihr beim Voruͤbergehen aus der Hoͤhle entgegen, die Glaͤſer klangen gellend anein⸗ ander, und lautes Getoͤſe unterbrach zu⸗ weilen das mißtoͤnende Lied. Weit hallte der Jubel durch die ſtille Sommernacht hin, ſie hatte ihre Huͤtte ſchon im Auge, als ſie ihn noch vernahm. Jetzt mußte ſie einem großen Eichbaum voruͤber, und kaum traute ſie ihren Augen, als am Stamme deſſelben die kleine graue Geſtalt im weiten Gewande, wie ein Haͤufchen Erde anzuſehen, aber kenntlich genug, im Mondenſcheine da ſaß. Muthig trat ſie naͤher, und redete den Lang⸗ vermißten an, keine Antwort erfolgte; wohl aber ſahe Elsbeth, daß der Kleine bitterlich weinte, und mit der Hand in die Gegend deutete, woher der wilde Laͤrm erſcholl. „Elsbeth glaubte ihn zu verſtehen. Ach, ſagte ſie, jetzt faͤllt es mir ein, die Hoͤhle war Deine Wohnung, und ſie haben Dich wohl gar daraus vertrieben! Die Geſtalt nickte mit dem Kopfe, und fuhr fort zu weinen. Weine nicht, troͤſtete ihn Elsbeth, hier giebt es mehr ſolcher Hoͤhlen. Haſt Du Raum genug in Einer, die ich ſelbſt weiß, ſo ſoll Dich niemand darin ſoͤren, ſie grenzt an meines Vaters Land, ein wilder Roſen⸗ buſch verbirgt ſie, ihre glatten Waͤnde ſind wie die Steinchen, mit denen wir ſo oft geſpielt haben. Siehſt Du dort die hohe Fichte, die ſich von dem Bergruͤcken ins Thal neigt? unter ihr wirſt du die Schlucht finden, und morgen bringe ich Dir friſches Gras zum Lager, und allerlei ſchoͤ⸗ ne Kraͤuter. Was ich Dir ſonſt geben kann, iſt freilich nicht viel, wir ſind arm, aber wenn der reiche Caspar Dich weinen ſaͤhe, mich duͤnkt, der muͤßte viel darum geben Dir Deinen Verluſt zu erſetzen! „Halt ſchweigenden Mund, thu's Zwerglein nicht kund“ rief der Kleine mit drohender Stimme, und hob den Finger in die Hoͤh'. Darauf ſchlich er langſam nach der Gegend hin, die ihm Elsbeth bezeichnet hatte, und ſie konnte den 265 1 dunkeln Punkt noch lange im Mondglanz verfolgen. Am andern Morgen, als ſie ihrem Verſprechen gemaͤß, das duftende Gras in die kleine Schlucht trug, ſahe ſie ihn freundlich nickend im Winkel ſitzen, und ſo fand ſie ihn immer, wenn ſie das duͤrre Lager gegen ein friſches vertauſchte, welches ſie treulich und ſorgſam nie verſaͤumte. Auch wenn irgend ein Geſchaͤft ſie auf des Vaters Acker fuͤhrte, ſahe ſie den Zwerg am Aus⸗ gang der Hoͤhle ſtehen, und laͤchelnd nicken; war aber Conrad bei ihr, ſo blieb alles ſtumm, der Roſenbuſch ſchien ſich, mit all ſeinen Dornen bewaffnet, dichter vor die Oeffnung zu legen, auch kam wohl Rauch⸗ und Staubwirbel in Wolken daraus hervor, der die Ruhenden vertrieb, ſo daß Elsbeth endlich merkte, ihr Freund ſey dem Kleinen kein willkommner Gaſt, und da ſie immer unzertrennlicher von Conrad ward, die Ge⸗ gend, wo Jener hauſte, mehr und mehr zu meiden ſuchte. Indeſſen ging uͤber dem ſtillen Thale mancher Winter, Lenz und Sommer, mit ihren wechſelnden Erſcheinungen hin; aus 5. dem Knaben Conrad war ein hoher Juͤnge⸗ ling geworden, und die ſechszehnzaͤhrige Ets⸗ 266 beth bluͤhete mit allen Reizen der Unſchuld und Jugend. Aber in Caspars Hauſe war nicht alles wie ſonſt. Seit den letzten Jah⸗ ren ſchien ein Unfall dem andern die Hand zu reichen, um ſeinen Wohlſtand zu min⸗ dern. Der Zuſpruch der Gaͤſte nahm ab, naͤchtlicher Gifthauch lagerte ſich auf ſeinen Saaten und verdarb die Keime; die feſtge⸗ woͤlbten Keller ſtuͤrzten polternd ein, und begruben Wein⸗ und Biervorrath unter ih⸗ rem Schutt, ſo daß das ganze Gebaͤude wankend wurde, und ein großer Bau den ſchlaffen Seckel des gebeugten Gaſtwirths vollends ausleerte. Conrad nahm ſich das ſehr zu Herzen, und mochte endlich den El⸗ tern nicht laͤngern zur Laſt ſeyn, weil der Arbeit immer weniger wurde, und Vater und Mutter ſie bequem allein verrichten konnten. Er beſchloß alſo zu Einem ſeiner Bruͤder zu ziehen, und in deſſen Geſchaͤften ſein Gluͤck zu verſuchen. Wie ſchwer es auch ſeinem treuen Herzen wurde, von dem geliebten Maͤdchen zu ſcheiden, es mußte ſeyn. Da ſtanden ſie nun am letzten Abend, Hand in Hand auf der Bergſpitze, und der Juͤngling uͤberſchaute wehmuͤthig den ſtillen Schauplatz ſeiner Kinderjahre. Gluͤhend 267 roth ſtieg der Mond herauf, die Berge war⸗ fen rieſige Schatten ins Thal; ringum war es ſtill, nur ein kleiner Singvogel, ein ſelt⸗ ner Gaſt in dieſer Gegend, zwitſcherte zu den Fuͤßen der Liebenden. Lange ſchon ver⸗ band die reinſte Liebe ihre unſchuldigen Her⸗ zen, aber nie hatte ein Wort ſie. verrathen, ſie waͤhnten, in dieſer warmen Reigung die Bedingung ihres Lebens zu erfuͤllen, war⸗ um haͤtten ſie verſichern ſollen, was ſo na⸗ tuͤrlich war. Erſt die Scheideſtunde rief Ge⸗ fuͤhle ins Daſeyn, die Beide nicht gekannt hatten. Ein banger Schmerz durchzuckte Conrads Bruſt, der erſte Zweifel an Els⸗ beths Treue ſtieg in ihm auf, und legte eine neue Laſt auf das ſchwere Herz. Ach Elsbeth, ſeufzte er, wenn ich Dir ſo recht ſagen koͤnnte, wie mir zu Sinne iſt! Sieh, es heißt wohl, ein paar Jahre ver⸗ gehen bald, aber dann ſind ſie doch auch wieder ſo ſehr lang, und ſo Vieles kann ſich drin begeben. Wenn ich nun wieder kom⸗ me, etwas tuͤchtiges aus mir geworden iſt, und wenn Gott will, mir vielleicht ein klei⸗ nes beſcheidenes Eigenthum erſpart habe; ach mit wie frohem leichtem Schritt werde ich dann dort unten uͤber die hellbeglaͤnzte .. Weidenbruͤcke eilen! Die Berge werden alle noch ſo daſtehen, auch wohl die Haͤuſer, und ſelbſt Baͤume und Strauchwerk werden den alten Bekannten begruͤßen. Aber wer buͤrgt mir, daß ich auch die lieben Menſchen wieder finde? Die Eltern ſind alt, der Kummer verjuͤngt nicht, wie bald legt ſich Eins von ihnen ins Grab. Dann ſollte Elsbeth mich troͤſten. Aber die iſt wohl mit einem andern Mann luſtig in die Welt hin⸗ eingegangen, und hat das kleine Thal und den armen ehrlichen Conrad vergeſſen. Sie⸗ he Elsbeth, das waͤre mein Tod. Wenn ich einmal allein, ohne Hoffnung auf Dich hier ſtaͤnde, und Deine Huͤtte waͤre leer und oͤde, da waͤre ein Sprung in die Kluͤfte das Beſte fuͤr mich. Elsbeth umſchlang ihn aͤngſtlich! Wil⸗ der Menſch, rief ſie aus, wie Du mich er⸗ ſchreckt haſt! Du kannſt auch Alles ſo le⸗ bendig abmalen, als ob es wirklich ſo waͤre. Aber es iſt nicht ſo, und wird nimmer ſo ſeyn. Kannſt Du glauben, Deine Els beth vauͤrde einem Andern gut ſeyn, als ihrem Conrad? Komm nur raſch uͤber die Wei⸗ denbruͤcke daher, ich ſtehe hier oben, werde den Wandersmann gewahr, und erkenne 269 ihn bald genug. Dann weht mein Tuch von oben herab, und Du gehſt noch einmal ſo ſchnell, aber ich klettre den ſteilen Weg hinter Deinem Hauſe geſchwind hinunter, und empfange Dich unter den Ulmen. Und koͤmmſt mit mir ins Haus, den al⸗ ten Eltern zur Pflege, als mein gutes treues Weib, und wir arbeiten ruͤſtig mit Gottes Segen, und werden in zufriedner Ruhe alt, wo wir geboren ſind. Das ſind meines Herzens ſtille Wuͤnſche, fuͤſterte ſie, und verbarg ſich an ſeiner Bruſt. Ich kann nur hier gluͤcklich ſeyn, und mit Dir; dieſes Thal iſt meine Welt. Sieh, wie ein Stern nach dem Andern uͤber uns aufblitzt, ich werde oft hier ſtehen, wenn Du fort biſt, und ſo in den weiten Himmel hinein ſchauen. Dann will ich immer an dieſe Stunde denken, und jeder kleine Stern wird mir Deinen Namen ins Herz leuch⸗ ten. . Die Morgendaͤmmerung ſah den Juͤng⸗ ling ſcheiden, und als Elsbeth erwachte, floß ihm manche ſtille Thraͤne nach. Aber Arbeit, und ein natuͤrlich froher Sinn, zerſtreute ſie bald, ſie ſuchte die Gegenwart durch ſtilles Hoffen zu verſchoͤnen, und durch 270** emſiges Wirken zu nuͤtzen. Aber auch ihre Huͤtte ſollte jetzt ein bittrer Unfall treffen. Caspars betraͤchtliche Heerde ward von ei⸗ ner Seuche ergriffen, ſeine glatten wohlge⸗ naͤhrten Kuͤhe ſtarben alle hin, und nicht lange, ſo theilte ſich das Uebel auch dem kleinen Stall des armen Nachbars mit. Ach, die beiden treuen Thiere, faſt die ein⸗ zige Nahrungsquelle der Armuth, lagen nun auch ſtarr und leblos da, mit ihnen war Muth und Hoffnung in der Bruſt des Haus⸗ vaters geſtorben. Weinend rang die Mut⸗ ter die Haͤnde, die traurige Elsbeth ging hinaus, dem uͤbriggebliebenen Vieh ſein Futter zu holen, und ihre Thraͤnen unge⸗ ſehen von den Eltern zu weinen. Es war ſchon daͤmmerig geworden, ſie ſaß auf ihrem Felde, und ſtarrte nach dem Roſenbuſch hin, der die kleine Schlucht bedeckte, in die ſie ehemals ſo oft Gras und wohlriechende Kraͤuter gebracht hatte. Wehmuͤthig laͤ⸗ chelnd gedachte ſie ihrer Kindertraͤume. Denn dafuͤr mußte ſie dieſe Erinnerungen halten, die ſchon laͤnger als fuͤnf Jahre hinter ihr lagen. Seit ihre Bruſt die Liebe kannte, hatte ſie die Erſcheinung nicht wieder geſe⸗ hen, obgleich Reugier und Verlangen ſie 2271 noch zuweilen in die Hoͤhle fuͤhrte. Auch jetzt glaubte ſie alſo zu traͤumen, da der Ro⸗ ſenbuſch ſich regte und der kleine Mann her⸗ vortrat. Aber das Gebild zerrann nicht, wie ſie waͤhnte, im Abendnebel, es ſchritt nahe an das Maͤdchen heran, und that den Mund auf, nach der Urſache ihrer Thraͤnen zu fragen. Ach, ſeufzte ſie, in voriger Racht hat die boͤſe Seuche unſere Kuͤhe hingerafft, mei⸗ ner armen Eltern ganzer Reichthum. Wie⸗ der Vieh anzukaufen, gebricht es uns an Gelde, wir werden nun erfahren was bitt⸗ rer Mangel iſt. Ich zwar koͤnnte ſchon al⸗ les ertragen, ich bin jung; aber Vater und Mutter darben zu ſehen, lieber Gott! das iſt gar zu ſchmerzlich. 3 Still hatte das Zwerglein ihrer Rede gelauſcht, als ſie zu Ende war, gebot er ihr, eine Moͤhre aus dem Acker zu ziehen, auf welchem ſie ſaß. Darauf zog er ein kleines Meſſer hervor, reichte es Elsbeth, und hieß ſie Scheiben ſchneiden, wozu er murmelnd die Worte ſprach: Nuͤbenſchnitt, wandle dich, Farb' und Glanz verklaͤre ſich! Da rollten fuͤnf Scheiben, als funkelnde Goldſtuͤcke in Elsbeths Schooß. Betaͤubt ließ ſie das Meſſer nachſinken, und achtete kaum auf des Kleinen Worte, der ſie be⸗ lehrte, Spruch und Meſſer, fuͤr aͤhnliche Noth, wohl zu bewahren, und kuͤhnlich zu brauchen.— O genug! o ſchon zu viel, jauchzte Elsbeth, Gott, was werden meine. Eltern ſagen! Drohend legte das Maͤnnlein die Hand auf den Mund. Elsbeth verſtand ihn wohl, ſie gelobte Gehorſam, und ihr heißer Dank entwoͤlkte das finſtre Antlis wieder. „Sey verſchwiegen, laß dir gnuͤgen, ſonſt wird ſich fuͤgen, was Dich reut, obs mich auch freut.“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Zwerg, und ging langſam nach der Hoͤhle, wo er hinter dem Roſenſtrauch verſchwand. Elsbeth ſaß wie im Traume noch auf der naͤmlichen Stelle. Die Goldſtuͤcke ließ ſie gedankenlos aus einer Hand in die andere gleiten, und erſt die zunehmende Dunkelheit mahnte ſie an den Ruͤckweg. Aber was ſollte 273 ſollte ſie nun den Eltern ſagen. Ihre offne Seele ſtraͤubte ſich gegen eine Erdichtung. Doch zitterte ſie bei der Erinnerung an des Kleinen drohende Miene. Endlich nahm ſie ſich vor, einen fremden Mann, dem ſie ih⸗ ren Kummer geklagt haͤtte, als den Geber der Goldſtuͤcke zu nennen; ſie glaubte dabei im Grunde nicht zu luͤgen, und ging fro⸗ hen Herzens und leichten Schritts der Huͤt⸗ te zu. Der ſchoͤnſte Abend in dem Leben dieſer Familie war nun gekommen. Vom Unter⸗ gang gerettet, reich bis zum Ueberfluß, und jetzt noch mit dem genuͤgſamen Sinn, be⸗ ſchraͤnkter Armuth— wo waͤre ein Kind des Gluͤcks mit ihnen zu vergleichen geweſen? Nie hatten ſie ſo viel Geld geſehen, ſie labten ſich an dem blinkenden Glanze, und uͤber⸗ rechneten hundertmal die beſte Verwendung der ungehofften Gabe. Der Vater verwies ſich ſeine troſtloſe Trauer, und gelobte, nie wieder zu verzagen. Kinder, ſagte er, und wog das Geld in der Hand, ich glaube, ſo ein Stuͤck kann gegen zehn Thaler werth ſeyn, denkt nur, da waͤren wir im Beſitz von 50 Thalern. Gott weiß, ich wollte es waͤre nicht ſo viel, ſolch ein Reichthum iſt 274 nie mein Wunſch geweſen. Aber nun kann ich morgen nach der Stadt wandern, wo eben Jahrmarkt iſt, und das beſte Vieh in meinen Stall fuͤhren. Was uͤbrig bleibt, legen wir fuͤr Elsbeth zuruͤck, denn ſie hat ja das Geſchenk erhalten, ihr gehoͤrt es von Rechtswegen. Nimmermehr Vater, erwiederte ſie, giebt es doch ſo manches Beduͤrfniß, und das todte Geld ſollte hier fuͤr mich liegen? Wie lange iſt Euer Mantel ſchon unbrauch⸗ bar, der Mutter Kirchenkleid haͤlt nur muͤh⸗ ſelig noch zuſammen. Das waͤren Ausga⸗ ben die mich erfreuen koͤnnten, und ſich nun ſchon beſtreiten ließen.. 8 So ſprachen ſie bis tief in die Nacht, und die erſte Fruͤhroͤthe erweckte Vater und Mutter wieder, die mit einander in die naͤchſte Stadt wandern wollten. Die Frau legte das Sonntagskleid an, und bemerkte mit einem Seufzer, daß es wirklich unſcheinbap genug ausſah. Fuͤr die Stadt, fuͤr einen Jahrmarkt, ſagte ſie, iſt unſer Anzug nicht gemacht, paßt auch gar ſchlecht zu dem vielen Gelde in unſerem Seckel. Etwas Neues fuͤr den Leib koͤnnte wohl nicht ſcha⸗ 225 den, und ſchwerlich koͤmmt die Gelegenheit dazu jemals wieder ſo erwuͤnſcht. Sie gingen, Elsbeth blieb. froͤhlich zu⸗ ruͤck. Sie reinigte und fegte den kleinen Naum der Huͤtte, putzte das Stuͤbchen mit Blumen aus, und erlaubte ſich ſogar, ein viel beſſeres Mahl, als das gewoͤhnliche, fuͤr die ermuͤdeten Eltern zu bereiten. Als es Abend ward, ging ſie ihnen eine Strecke entgegen, und bald ſahe ſie die Wanderer mit zwey ſchoͤnen Kuͤhen daher ziehen, auch trug der Vater ein ziemliches Paͤckchen auf dem Ruͤcken, daß ihm Elsbeth dienſtfertig abnahm. Nun packte die laͤchelnde Mutter zu Hauſe triumphirend aus, prieß jedes Stuͤck beſonders, ruͤhmte auch den billigen Einkauf, und bedauerte nur, daß Elsbeth nicht mit in dem luſtigen Gewuͤhl des Markts geweſen waͤre. Haͤtteſt du die Herrlichkeiten geſehen, erzaͤhlte ſie, die da zu kaufen ſtanden, den freundlichen Zuruf der Verkaͤufer gehoͤrt, die dies und jenes Schoͤne anboten, und allemal die groͤßte Billigkeit verſprachen. Das Geld tanzte mir in den Haͤnden, ich hatte noch niemals ſo ſehr gemerkt, wie viel wir doch eigentlich brauchen. Aber ich kaufte nur das Noͤthig⸗ S 2 N Zeug zu Rock und Wams, fuͤr uns Beide, das uns gar herrlich zu ſtatten kommen ſoll. Der Vater wollte mir bei jedem Stuͤck wi⸗ derſprechen, aber ich hoͤrte einmal nicht auf ihn, ſo etwas verſtehen die Maͤnner nicht. Unſere beſten Sachen ſind ja ſo ſchlecht, daß man ſich ſchaͤmen muß, und halten keinen Monat mehr aus. Ohne dieſen Gluͤcksfall weiß ich nicht, wie wir laͤnger mit Ehren haͤtten beſtehen ſollen. Mutter und Tochter hatten nun alle Haͤnde voll zu thun. Sie ſchnitten die neuen Sachen zu, und naͤheten emſig daran, waͤh⸗ rend Bartel, der Vater, die Kuͤhe auf die Berge trieb, wo das friſcheſte Futter und die reinſte Luft war. Da der Gaſtwirth kein Stuͤck mehr beſaß, ſo mußte er nun die noͤthige Milch bei Bartels kaufen, und da⸗ durch floß der kleinen Familie wieder ſo man⸗ cher Gewinn zu. Denn die Kuͤhe gaben ge⸗ nug, um auch noch die ehemaligen Abneh⸗ mer zu befriedigen; es war als ob ein ei⸗ 24 gener Segen uͤber dem geſchenkten Gelde gewaltet habe.. ſte. Dieſen warmen Mantel fuͤr den Va⸗ ter, gleich fertig zum Umhaͤngen, und dies 1 „— — 277 Sollte man aber glauben, daß durch dieſes Alles Frohſinn und Munterkeit in dem kleinen Kreiſe gefoͤrdert worden ſey, ſo muͤß⸗ te das Maͤhrchen ein Anderes berichten. In der guten Mutter Herzen wogte ſo mancher Wunſch auf und ab, den ſie fruͤher nicht gekannt hatte, der ihr aber jetzt ganz natuͤr⸗ lich ſchien; und ſeit die neuen Kleider ſie zierten, gewahrte ſie uͤberall um ſich die druͤckendſten Maͤngel. Da wolltte kein Ge⸗ raͤth mehr zuſammenhalten, und der drei⸗ beinige, ſeit Jahren ſchon geſtuͤtzte Tiſch aͤrgerte ſie auf einmal ſo ſehr, daß der Reſt der Goldſtuͤcke einen neuen herbeiſchaffen mußte. Aber wie ſchlecht taugte dieſer in die Geſellſchaft der uͤbrigen Sachen! Ach, ſeufzte ſie, wer alles ſo haben koͤnnte, nicht ſchoͤn und zierlich, nur ordentlich, haltbar, und rechtlich! ich bin nicht undank⸗ bar, und erkenne was wir haben; aber ich ſage nur ſo meine Meinung: noch einmal ſo viel Goldſtuͤcke, und uns waͤre fuͤr Zeitle⸗ bens geholfen. Muͤrriſch hoͤrte Bartel ſie ſo reden. Ihr Weiber, ſagte er, bleibt doch immer eitel und begehrlich, und macht alles Gluͤck durch Euer Treiben zu Waſſer. Ich kann s mich nicht zufrieden geben, wenn ich beden⸗ ke, wie viel Vortheil es uns gebracht haben wuͤrde, wenn ich das uͤbrige Geld zum An⸗ kauf einer dritten Kuh verwandt haͤtte. Gehe ich⸗Abends von den Bergen hernieder, ſo faͤllt mir der Gedanke ein, ich rechne, und rechne wieder, und bringe es am Ende in meinem Kopfe zu einer ganzen Heerde, ja endlich zu einem Bauerguͤtchen, wo ich, ſtatt mich im Alter zu plagen, ſorgenfrei ſitze. Aber dann fehlt immer das Beſte, der An⸗ fang zu allen!— Der Gaſtwirth muß jetzt von mir kaufen, und unten in der Oel⸗ muͤhle, wohin er fruͤher Milch und Butter ſchickte, moͤchten ſie auch von unſerer guten Waare. Wie bald wuͤrde die dritte Kuh, die vierte und fuͤnfte angeſchafft haben; es iſt ſonnenklar, daß deine Eitelkeit allein das alles vernichtet hat. Traurig hoͤrte Elsbeth ſolche Reden an, in ihrem Herzen regte ſich die Luſt, Beiden genug zu thun, ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen, und die alte Zufriedenheit durch eine zweite Probe ihrer Kunſt herzuſtellen. Stillſchwei⸗ gend ging ſie nach dem Ruͤbenfelde, hinter dem Roſenbuſch nickte des Zwerges freund⸗ liches Geſicht ihr beifaͤllig zu. Sie zog ihr 1 3 —-—— — 5 „— Meſſer hervor, und ſchnitt, dieſesmal ſchon weniger genuͤgſam, wußte auch die Erzaͤh⸗ ung, wie ſie zu der Spende gelangt ſey, zu Hauſe kuͤhner, und mit mehrerer Weitlaͤuf⸗ iigkeit zu erzaͤhlen. Wer war froher als Bartel und Frau Lieſe! Das Geld wurde bis naͤchſten Jahrmarkte ſorgfaͤltig verwahrt, und waͤhrend die Mutter mit Elsbeth den Gang in die Stadt agusmalte, an dem das junge Maͤdchen diesmal Theil nehmen ſollte, zog der Vater, in den Abendſtunden, das Beutelchen hervor, zaͤhlte die Stuͤcke, ließ ſie der Reihe nach, bald ſo, bald anders aufmarſchiren, und fand an dieſem Zeitver⸗ treibe ſo viel Behagen, daß er ſeufzend dau⸗ an dachte, die Gefangenen ihrer Haft zu entlaſſen. Endlich kam der Jahrmarkt heran, ein freundlicher Herbſttag; wohlgeputzt verlieſ⸗ ſen unſere Drei ihr ſtilles Thal. Es war das Erſtemal, daß Elsbeth ſich in das Ge⸗ wuͤhl der Menſchen miſchte; ſie ſtaunte, ihr Herz klopfte vor froher Bewegung; dieſe Menge, dieſe Froͤhlichkeit, die heitre Muſik, die uͤberall ertoͤnte, alles berauſchte, ent⸗ zuͤckte ihre Sinne. An einer bunten Wirths⸗ tafel fanden ſie Platz, und verlangten das 280 Beſte, denn Bartel meinte: er muͤſſe einmel 3 ſehen, wie reichen Leuten zu Muthe ſey. Man ſcherzte und lachte, ſprach auch daner ben viel von dem Ball am Abend, und mancher raſche Taͤnzer bewarb ſich im Vor⸗ aus um des Maͤdchens Hand. Sie ver⸗ ſagte es ungern— dann war ſie ſchon wie⸗ der auf dem Wege zur Heimath— aber das fuͤhlte ſie doch: reichen Leuten mußte wohl recht angenehm zu Muthe ſeyn, und ſie wußte am Beſten, wie wenig es ſie ko⸗ ſten wuͤrde, es ihnen allen gleich zu thun. Bald fuhr eine glaͤnzende Kutſche vor das Haus, eine reich geſchmuͤckte Dame kam die Treppe hinab, alles ſah nach ihr, pries ihre Schoͤnheit, ruͤhmte ihre Kleidung, ſie ſtieg, leicht gruͤßend, gewandt und anmuthig ein, und dahin rollte der Wagen. Elsbeths Augen folgten ihr, ſolchen Anzug hatte ſie nie geſehen, wie plump, wie ſchlecht kam ihr dagegen der neue Sonntags Putz vor. Sie kleidete ſich in Gedanken Stuͤck fuͤr Stuͤck eben ſo an, und hatte auf dem Ruͤck⸗ wege Zeit genug ſolchen Traͤumen nachzu⸗ haͤngen, da auch die Eltern mehr ſinnig als geſpraͤchig daher gingen. 281 — Auf der Bank unter den Ulmen ſaß Cas⸗ par mit ſeiner Frau, und rief die drei Wan⸗ derer zu ſich heran. Er bewunderte die bei⸗ den Kuͤhe, die den Zug beſchloſſen, unver⸗ kennbar waren Neid und haͤmiſche Neube⸗ gier in ſeinem Ton zu bemerken, waͤhrend Brigitte ſtill ſeufzend den Erzaͤhlungen der Nachbarin zuhoͤrte, die ihr Gluͤck nicht ge⸗ nug ruͤhmen konnte. Elsbeth ſtand ſtill da⸗ neben. Ihr ſielen die bleichen Geſichter der lange nicht Geſehenen ſchmerzlich aufs Herz; das muͤhſam unterſtuͤtzte Haus, die Aerm⸗ lichkeit in der Tracht der Bewohner— ſie haͤtte ihr gutes Kleid ſo gern verhuͤllen, den beginnenden Wohlſtand der Eltern verbergen moͤgen, und zuͤrnte aͤber der Mutter Red⸗ ſeligkeit. Der redliche Conrad nahm in die⸗ ſem Augenblick ihr ganzes Herz ein, und veerdraͤngte alles Neue daraus, was heute ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht hatte. Sie ließ die Eltern heim gehen, und erſtieg die Bergſpitze, wo ſie ihn zum Letztenmale ge⸗ ſehen hatte. Da ſtanden die Sterne glaͤn⸗ zend hell, wie Boten ſeiner treuen Liebe, und ſchienen ſie an ihr Verſprechen zu mah⸗ nen. Gott! ſagte ſie, ich bin ſo gluͤcklich⸗ und Deine Eltern darben, Du gute treue Seele? aber Geduld, ſchon morgen ſoll mein Meſſerchen dieſem Uebel abhelfen, und manches Moͤhrenſchnittchen in Dein Haus wandern. An Elsbeth lag es nicht, daß dieſer fromme Vorſatz dem bedraͤngten Paare nicht nuͤtzte. Sie ſchnitt wohl oft fuͤr ſie, das blankſte Gold, wußte es auch heimlich ge nug bei kleinen Abendbeſuchen in der Gaſt⸗ wirthin Koͤrbchen, oder in des alten Cas⸗ pars Taſche zu ſchieben. Aber wie erſchrack ſie, als ſie einsmals nach ſo einer Gabe, am Morgen, eine Menge welker Moͤhren⸗ ſcheiben unter den Ulmen verſtreut fand, unnd den Wirth ſchelten hoͤrte: daß ein unberuf⸗ ner Spaßmacher, bald ihm, bald ſeinem Weibe, ſolch unnuͤtzes Zeug zuzuſtecken wuͤßte. Der Herbſt ruͤckte naͤher. Die Abende wurden lang und kuͤhl, und wie die Sonne von den Haͤuptern der Berge gruͤßend Ab⸗ ſchied nahm, lagerte ſich dichter Rebel uͤber das enge Thal. An einem ſolchen Abende ſchickte Lieſe ihre Tochter hinaus, Moͤhren zu holen, die ſie fuͤr den kuͤnftigen Mittag r 283 zubereiten wollten. Wie nun zuweilen ir⸗ gend eine Tageszeit, eine eigne Beleuchtung der Gegend, uns ein Vergangenes mehr als ſonſt gegenwaͤrtig macht, ſo dachte auch Elsbeth heute, auf ihrem kurzen Wege recht lebhaft an ihren abweſenden Freund. In eben ſolchen Wetter waren ſie voriges Jahr⸗ ſo oft mit einander gegangen; jetzt hingegen war er fern, und ſie durchſtrich einſam die⸗ ſelben Pfade. In dieſen Gedanken verſun⸗ ken, nannte ſie unwillkuͤhrlich mit leiſen Toͤ⸗ nen den geliebten Namen. Ach, ſagte ſie, daß Du wieder hier waͤreſt, und wir immer und immer beiſammen. eine Elsbeth bleibt Dir treu, mag auch Herbſt und Winter noch mehr als einmal herankommen, ehe ſie Dich wieder ſieht. Ein lautes gellendes Gelaͤchter weckte ſie hier aus ſo ruͤhrenden Traͤumen. Sie blick⸗ te auf und ſahe ſich nahe bei der Hoͤhle ihres leinen Wohlthaͤters. Ein Grauen kam aͤber ſie, und nicht eher ſchlug ihr Herz wie⸗ der ruhig, bis der mitgebrachte Korb eilend gefuͤllt war, und ſie mit befluͤgelten Schrit⸗ ten, in dichter Daͤmmerung, die Huͤtte er⸗ reichte. Hier hatte die froͤhlich lodernde —— haͤuslichen Lampe alle Furcht bald ver⸗ ſcheucht; ſie ſchuͤttete die Ruͤben vor ſich hin, und begann mit der Mutter ſie zu reinigen und zu ſchneiden. Roch war Bartel nicht heim gekommen, die Beiden ruͤckten naͤher zuſammen, als ſie draußen den Herbſtwind mit dem duͤrren Laube raſcheln hoͤrten, und verkuͤrzten ſich die Zeit mit allerlei Geſpraͤ⸗ chen, deren Inhalt wieder der Jahrmarkt ausmachte. Alles, was von jener Luſt⸗ parthie noch zu ſagen war, ward hervorge⸗ ſucht, und Elsbeth gefiel ſich beſonders in der Erzaͤhlung von dem Putz der ſchoͤnen Dame, wovon ihr kein Band, keine Nadel fehlte. So ſchoͤn zu ſeyn, meinte ſie, muß doch recht gluͤcklich machen. Denkt nur, Mutter, gleich in der erſten Nacht traͤumte mir davon. Ich ſelbſt glich jener Dame auf ein Haar, alles ſah auf mich, ich konn⸗ te mich eben ſo fein und zaͤrtlich gebaͤrden. Ich war ſeelenvergnuͤgt, laͤchelte allen, und Jeder, den ich anblickte, pries ſein Gluͤck. Wie wunderlich doch die Traͤume ſpielen. Als ich aufwachte, war ich wieder Els⸗ beth, und von der Schoͤnheit keine Spur mehr. Flamme des Ofens, und der Schimmer der 7 ——— 285 ——————— Kleider machen Leute, entgegnete die Mutter, mit einem wohlgefaͤlligen Blick auf das Maͤdchen. Wenn Du ſolche Sachen anhaͤtteſt, waͤreſt Du wohl leicht noch ſchoͤ⸗ ner, als die Dame, die Dir ſo ſehr geſiel. Deine friſche Farbe kann ſie nicht erzwingen, ſo wenig wie Du ihre ſeidnen Kleider, ihre Spitzen und Baͤnder. Haͤtten wir das, ſo koͤnnte Dein Traum leicht Wahrheit werden, Du ſelbſt ſollteſt die vorige Elsbeth nicht mehr erkennen. Das moͤcht' ich ſehen, rief Elsbeth aus, und ſchlug die kleinen Haͤnde freudig zuſam⸗ men. Im Grunde waͤre es doch nur ein unſchuldiger Spaß, den man ſich wohl ein⸗ mal machen koͤnnte. Ja, wenn Moͤhrenſcheiben Geld waͤ⸗ ren, ſagte Frau Lieſe, tief aufſeufzend. Betroffen blickte Elsbeth auf die Mut⸗ ter, und ſagte: je nun dazu koͤnnte Rath werden. Sie wußte ſelbſt nicht, wie dieſe Worte uͤber ihre Lippen gekommen waren, noch weniger war ſie ſich deutlich bewußt, 8 286 wle ſie das Zaubermeſſer ergriffen, ihr Spruͤchlein gemurmelt, und ein Dutzend Scheiben geſchnitten hatte. Erſt das Er⸗ ſtaunen, das Jubelgeſchrei der Mutter, und der Glanz des Goldes, das unter ihren Haͤnden anwuchs, brachte ſie voͤllig zur Be⸗ ſinnung. Wie waͤre es aber moͤglich die naͤchſten Augenblicke zu beſchreiben! Die Fragen und Antworten, die neuen Verſuche, die Plaͤne, die in der Alten Gehirn, ſchnell wie Seifenblaſen entſtanden, und vergin⸗ gen. Ein heftiges Klopfen an der Haus⸗ thuͤr ward endlich von ihnen gehoͤrt, und Bartels ſcheltende Stimme, der ſchon eine Viertelſtunde vergebens auf Einlaß gehofft hatte. Sein Eintritt erneuerte die vorige Scene. Auch er mußte das Unglaubliche mit Augen ſehen, und Elsbeth ſchnitt ſo lange, bis ein ziemlicher Beutel, in welchem der Vater Saͤmereien zu verwahren pflegte, bis an den Rand gefuͤllt war. Es war ihr, als ſie endlich um Mitter⸗ 3 nacht zu Bette ging, als ob die Laſt des Goldes auf ihre, ſonſt ſo leichte Bruſt ge⸗ fallen ſey. Eine ziemlich vernehmliche Stimme, in ihrem Innern, ſagte ihr, daß ſie Unrecht gethan habe, und ſelbſt das, was ſie dazu verleitet hatte, eine jugendlich ver⸗ wegene Eitelkeit, konnte ihr nun keinen Troſt geben. Sir ſchlief wenig, und ſtand noch vor Tage wieder auf. Da ſaͤßen die Eltern, noch auf der nehmlichen Stelle, bei der ausgebrannten, dampfenden Lampe. Lieſe ſchlief, in dem Stuhl zuruͤckgelehnt, und der Vater war vorwaͤrts mit dem Kopf auf den Beutel geſunken, den er umfaßt hielt. Spaͤt erſt erwachten Beide, und Bartel lachte laut auf, da ihn Elsbeth erinnerte, das bruͤllende Vieh zu be⸗ ſchicken. Mag nun ein Anderer die Kuͤhe huͤten, ſagte er. Ich denke, Mutter, wir ſchen⸗ ken ſie dem Gevatter Gaſtwirth, und das noch heute. Ihr Weiber, werft nun Spin⸗ del und Nadel bei Seite, uͤbt Euch in vor⸗ nehmen Redensarten, putzt Euch heraus, ſo gut Ihr koͤnnt, ich gehe heute noch in die Stadt, und beſorge das Noͤthige. Dann Lebewohl Huͤtte und Thal— der Herr von Bartel, nebſt Frau Gemahlin und 8 Fraͤulein Tochter, ſucht ſich die Kaiſerſtadt zur Wohnung aus, und denkt kuͤnftig, er hat einmal getraͤumt, ein armer Landmann geweſen zu ſeyn.— Elsbeth erſchrack ſehr, ob dieſer Ankuͤn⸗ digung. Traurige Folgen ihrer Geſchwaͤz⸗ zigkeit hatte ſie dunkel geahnet, nun traten ſie ihr ſcharf gezeichnet entgegen, und ſie— mochte ihren Kummer nicht bergen. Von hier ſcheiden? und auf immer? rief ſie ſchmerzlich aus, ach, Vater, das habt Irr gewiß nicht bedacht! Gebt acht, wie Euch zu Muthe ſeyn wird, wenn Ihr die lieben Berge nicht mehr ſehet, und große ſteinerne Haͤuſer Euch Luft und Herz beengen. Ich vollends werde es ſicher mit dem Leben be⸗ zahlen. Conraden habe ich drum gelobt, ohne ihn moͤchte ich nimmer leben; der aber wird nicht von hier gehen, auch kein vorneh⸗ mer Mann werden wollen. Andere Zeiten, andere Gedanken, ent⸗ gegente Bartel. An Freiern wird es Dir nicht fehlen, der ehrliche Conrad ſtaͤnde mir nun ſchlecht zum Schwiegerſohn an. Komm nur erſt hinaus in die luſtige Welt, die kahlen ſchwarzen Berge ſollſt Du bald ver⸗ geſſen. 289 geſſen. Das wird ein Leben werden! Von nun an wird nichts mehr gearbeitet. Alle Tage zwanzig Leibgerichte, Tiſchchen decke dich, Herr von Bartel hat Eßluſt. Das fetteſte Fleiſch, in einem See von brauner Butter, Reisbrei mit Zucker und Zimmt eine Hand hoch, Nichts von Brot, alles Kuchen! Waſee ſehe ich nicht mehr an, lauter Wein. Den ganzen Tag fahren wir aus, Abends zaͤhle ich Goldſtuͤcke! Ei wohin denkſt Du, eiferte Lieſe. Abends haben wir Gaͤſte, wie alle vorneh⸗ men Leute, Grafen und Fuͤrſten, da wirſt Du ganz andere Beſchaͤftigungen haben. Die werden Augen machen; Gold und Silber, wohin ſie ſehen. Und gieb Acht, wie Elsbeth und ich uns ausnehmen werden. Ein Kleid von Spitzen wuͤnſche ich mir un⸗ ter andern, und gruͤne, blaue und rothe e“ Diamanten. Fuüͤr jetzt machte Herr von Bartel An⸗ ſtalt, die Kuͤhe zu ſeinem Nachbar zu trei⸗ ben, und kaum war er mit ihnen hinweg, als auch Elsbeth das Freie ſuchte. Sir . T lenkte ihre Schritte gerade nach der Hoͤhle hin, und ſetzte ſich unter dem Roſenbuſch nieder. Guter kleiner Mann, rief ſie da mit lauter Stimme, hier iſt Elsbeth, der Du wohl zu thun dachteſt, und die ſich nun ſelbſt ins Ungluͤck gebracht hat. Das iſt nun das Letztemal, daß ich hier ſitze, komm heraus, damit ich Dir meine Thorheit ab⸗ bitte, und meinen Kummer vor Dir aus⸗ weine. Hoͤre mich nur, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, da ſich nichts regte, und thue mir den letzten Liebesdienſt. Wenn Conrad hieher koͤmmt, ſo gruͤße ihn von ſeiner Els⸗ beth, und weiſe ihn nach der Kaiſerſtadt, wohin der Eltern Sinn ſteht. Da erſchallte zur Antwort daſſelbe Gelaͤchter, das ſie den Abend zuvor gehoͤrt hatte, und des Zwerges bekannte Stimme ließ ſich ver⸗ nehmen: Was Du gethan haſt, ſah ich zuvor, ſollt ich ihn weiſen, waͤr ich ein Thor, bin ich vertrieben durch dieſen Knaben, ſoll er Dich nimmer und nimmer haben! Wie Elsbeth zu Hauſe kam, war der Vater noch nicht da, obgleich der Mittag 291 beinahe vokuͤber war, und die Mutter mit dem Eſſen ſchon auf Beide gewartet hatte. Sie mußten es endlich allein zu ſich nehmen, und ſelbſt die Daͤmmerung brach herein, ohne den Abweſenden wieder zu bringen. Frau Lieſe gab der tiefſinnigen Elsbeth eine Moͤhre in die Hand, ſie meinte: das werde ſie zerſtreuen, auch laſſe ſich das Gefertigte wohl brauchen. Das arme Maͤdchen ſchnitt ſtill in ihren Schooß, manches Thraͤnchen perlte mit den Scheiben hinab. Dagegen entfaltete die Mutter eine Welt voll An⸗ nehmlichkeit und Luſt vor ihrem Blick, die zuletzt die naſſen Augen trocknete, und den jugendlichen Sinn zu ſich hinzog. Endlich, ſchon in tiefer Finſterniß, trat Bartel ver⸗ druͤßlich ein. Er war faſt erſtarrt vor Kaͤlte, und warf ſich in den Seſſel am Ofen. Sollte ich doch, brummte er, noch den letz⸗ ten Tag alle Beſchwerden meiner elenden Lebensart doppelt und dreifach empfinden. Wie Ihr mich hier ſehet, bin ich den gan⸗ zen Tag unter kein Dach gekommen, und Berg auf, Berg ab, ohne Raſt und Ruhe gelaufen. 3 T 2 Aber mein Gott, hub die Alte ſpoͤttiſch an, die geduldigen Kuͤhe tauſend Schritt weit zu treiben, iſt doch, denk' ich, kein Rieſenwerk. Wie Du es verſtehſt, war die Antwort. Ja, wenn alles natuͤrlich zuginge, und der Boͤſe nicht zuweilen ſein Spiel haͤtte. Gleich bei dem erſten Bergpfade lenkten die Thiere ihre Schritte aufwaͤrts, und es war vergebens, ſie auf den rechten Weg bringen zu wollen. Ich mußte ihnen fol⸗ gen, da verloren ſie ſich einzeln im Dickicht oder in Kluͤften, hatte ich zwei, ſo fehlten drei und vier, und waren Jene eingeholt, ſo vermißte ich die Andern. Immer wei⸗ ter trieb und neckte es mich, immer hoͤher mußte ich klettern; bis der Abend heran kam, und breite Felsſpalten mich von den Widerſpenſtigen trennten. Da kehrte ich um, und uͤberließ ſie ihrem Schickſal. Ich bin todtmuͤde, und muß morgen fruͤh auf, die Moͤhrenſcheiben in der Stadt in lunlauf zu ſetzen. Nach allem Vorhergegangenen wird es Niemand uͤberraſchen, daß nach zwey Ta⸗ * 293 gen ein ſchoͤnes Fuhrwerk vor Bartels Huͤtte hielt, Mann und Frau nebſt Elsbeth, etwas wunderlich aufgeſchmuͤckt, einſtiegen, und den engen Bergweg hinab ins Ebene hin⸗ rollten. Elsbeth hatte vorher noch Gelegen⸗ heit gefunden, ihres Conrads Eltern von dem Ort zu benachrichtigen, wo ſie kuͤnftig wohnen wuͤrde, und dies war genug ihren jugendlich leichten Sinn von den Wolken der Trauer zu befreien. Die kleine Huͤtte ward verſchloſſen, und von ihrem fruͤheren Beſitzthum folgte der Familie nur der Schluͤſſel und ein gewaltiger Sack voll Moͤhren. Alles auf der ziemlich weiten Reiſe ſetzte die Neulinge in Erſtaunen, aber das Ende derſelben, die unermeßliche Stadt, mit ihren Thuͤrmen und Pallaͤſten, ſchien ihnen Feenwerke. Der Beutel ward fleißig geoͤffnet, und durch ſeinen Zauber gelang alles aufs Beſte. Ein ſchoͤnes Haus nahm die Ankoͤmmlinge auf, alle Handwerke wett⸗ eiferten, ihre ſeltſamen Gedanken ins Werk zu richten, und bald draͤngten ſich Neugie⸗ rige jeder Art zu ihnen, den unermeßlich rei⸗ chen Mann kennen zu lernen, der das Geld wie Spreu umher warf. Ein glaͤnzender * 294 Zirkel nahm die Familie auf, man ſchilderte den Herrn von Bartel als einen biedern deutſchen Mann, der falſche Folien verach⸗ tete, die gnaͤdige Frau als ein angenehmes Original, und ſtrafte die eigne Urtheilskraft Luͤgen, wenn ſich an dieſen ſteinreichen Leu⸗ ten etwas Ungebildetes, oder irgend ein Mangel an guter Sitte hervorthun wollte. Elsbeth, die ſich bald genug in das fand, was wir feine Welt nennen, die einzige Er⸗ bin dieſer Schaͤtze, war die Angebetete ihrer unbeweibten Hausfreunde. Hofleute, Mili⸗ tairs, tiefverſchuldete Rittergutsbeſitzer, und ſpekulirende Kaufleute warben um ihre Hand; ſie fand das allerliebſt, ihr Herz blieb unberuͤhrt, ſie glaubte es ihrem Con⸗ rad zu bewahren, und bemerkte nicht, daß die Eitelkeit ihm ein Raͤumchen nach dem andern in ſeinem Eigenthum ſtreitig machte. Theater, Baͤlle, Redouten, Thees und Gaſtmaͤhler fuͤllten ihre Zeit gar angenehm aus, zur Erinnerung an ehedem hatte ſie wenig Muße, denn die Augenblicke, die ihr blieben, mußte ſie ja Moͤhren ſchneiden, und dabei auf einen neuen Anzug denken, der alle vorigen uͤbertreffen ſollte. Frau — 295 Lieſe litt dagegen, in ihren weitfaltigen Stofkleidern, mit Gold und Silber reichlich behangen, und von Brillanten ſchimmernd, bei dieſen Feſten anſtaͤndige Langeweile; waͤhrend Bartel, um demſelben geheim na⸗ genden Uebel zu entgehen, Moͤgliches und Unmöoͤgliches verſuchte. Er ritt und fuhr, wollte in goldenen Schrittſchuhen das Eis befahren, warf Geld zum Fenſter hinaus, und freute ſich der blutigen Koͤpfe der Gaſ⸗ ſenjugend. Alles wollte er golden haben, und gerieth in Wuth, wenn man ihm ein anderes Material als brauchbarer fuͤr ſeinen Zweck vorſchlug. Wofuͤr habe ich das viele Geld, ſagte er dann, wenn ich es nicht brauchen ſoll, gut eſſen und trinken, ſich putzen und vergnuͤgen koͤnnen andere Leute auch, ich will was Beſonderes. Endlich gerieth er auf den Einfall, das Pharo zu verſuchen, wobei er jeden Abend ungeheure Summen verſpielte. Die Moͤhren ſind gerathen, rief er lachend aus, wir duͤrfen nicht fuͤr leere Beutel ſorgen. Der Winter war vergangen, und nun ſollte Elsbeth ſich, nach dem Willen des 296 Vaters, fuͤr Einen ihrer zahlreichen Freier entſchließen. Herr von Bartel hatte, aus leicht begreiflichen Urſachen, die Bedingung gemacht, daß er ſich von ſeiner Tochter nicht trennen duͤrfe, und die Hoffenden, o wenig ihnen im Grunde ſolche Gemeinſchaft geſiel, fuͤgten ſich mit der beſten Art in die Sache. Jeder wußte nun auf ſeine eigne Weiſe, des Maͤdchens weiches Gemuͤth zu beſtuͤrmen, die in ihrer Unbefangenheit nicht ahnete, wie viel Antheil die Moͤhren an der liebenden Verzweiflung hatten, die ſie ſich ſo ſehr zu Herzen nahm. Einsmals, da ſie an einem Fruͤhlingsnachmittag mit der Mutter ausfahren wollte, und zwei ihrer Anbeter ſie zum Wagen begleiteten, ſiehe, da ſtand ein junger Landmann, in einfacher Tracht, an die Thuͤrpfoſte gelehnt, blickte ſie ſtarr an, und nannte ihren Namen. Ihre Augen fielen auf ihn, es war Conrad. Mein Freund, ſagte ihr Begleiter, was will er von dem Fraͤulein, ohne Zweifel irrt er in der Perſon. 297 O ja, entgegnete Conrad finſter, ich habe mich in ihr geirrt. Zitternd ließ ſich Elsbeth in den Wagen heben, ſie hatte nicht den edlen Muth, ſich in dieſer Geſellſchaft zu ihrem Jugendfreunde zu bekennen, auch zog die Mutter ſie aͤngſt⸗ lich hinauf, und fluͤſterte ihr zu, den Schleier fallen zu laſſen. Aber aus Els⸗ beths Seele war des Juͤnglings Bild nicht ſo leicht zu vertilgen, es hatte die ganze Fuͤlle ſuͤßer Jugendfreuden mitgebracht, und wie der Wagen ſich weiter entfernte, uͤber⸗ fiel ſie die ſchmerzlichſte Reue. Sie rief, ſo bald ſie konnte, einem Bedienten, und gab ihm den Auftrag, jenen Landmann zu ſuchen, den ſie Abends im Garten zu ſpre⸗ chen wuͤnſchte. Dieſe Unterredung, ſo ſchmerzlich, und doch ſo ſuͤß, dieſes Wiederſehen, ſo unge⸗ ahnet, durch ſo manchen Zweifel getruͤbt, und doch ſo begluͤckend, mag ſich jedes Maͤdchenherz ſelbſt malen. Dem Maͤhrchen will es nicht gelingen, es eilt vorwaͤrts, 228 und berichtet nur, daß Elsbeth, nachdem ſie dem jungen Mann das große NRaͤthſel ihres Reichthums geloͤſ't hatte, ihn zu bere⸗ den wußte, in einer anſtaͤndigen Maske bei ihrem Abendzirkel zu erſcheinen, wo er alsdann ihren Eltern ein willkommner Gaſt ſeyn werde. Conraden war der Vorſchlag nicht ganz recht, aber wozu koͤnnte nicht Liebe die Liebe bewegen; Elsbeth that ihm ein Gartenhaus auf, verhieß, einen Anzug des Herrn von Bartel zu ſchicken, und huͤpfte froͤhlicher als ſeit lange, ſingend, wie in ihren Bergen, dem Hauſe zu. Hier war ſchon alles feſtlich bereitet, Frau Lieſe ſaß in ihrer ganzen Breite auf dem Sopha, die Gaͤſte zu erwarten; Bartel ſtreckte ſich gaͤhnend im Lehnſtuhl, und ließ einen Dau⸗ men um den andern kreiſen. Elsbeth fiel der Mutter ſtuͤrmiſch um den Hals, und kuͤndigte ihren Conrad an. Er wird nicht wie ein Bauer erſcheinen, liebe Eltern, ſagte ſie, und nicht wahr, wenn er einwilligt, mit uns hier zu leben, ſoll von den andern Freiern nicht mehr die Rede ſeyn? Ach, Gott, mir iſt ganz anders zu Muthe wie vorher! Recht, als haͤtte ich lange, —— 3 4 299 lange gelebt, und waͤre auf einmal wieder ein froͤhliches Kind geworden. Ich wollte, ſagte Bartel laut gaͤhnend, es wuͤrde mir auch einmal anders zu Muthe. Das ewige Einerlei bin ich herzlich ſatt. Wenn nur geſcheute Leute ſich darauf legten, neue Vergnuͤgungen zu erfinden, damit ein reicher Mann ſein Geld anwenden koͤnnte. Sag mir ehrlich, Lieſe, ob Dir unſere Aſ⸗ ſembleen Spaß machen, ob Du eigentlich die verdammten Conzerte gern hoͤrſt, oder die weinerlichen Stuͤcke in der Comoͤdie? Eure ſchoͤnen Kleider ſieht auch niemand mehr an, Sammt mit Gold und Silber iſt nun ſchon was Altes, und was Beſſeres giebt es nicht. Was hilft es nun eigentlich, daß Moͤhrenſcheiben Gold werden. Eſſen und Teinken iſt noch das Beſte, aber man kann es doch nicht immer treiben. Die Ankunft mehrerer Gaͤſte unterbrach Bartels Klagen, der Saal fuͤllte ſich nach und nach, endlich trat auch Conrad herein. Ihm war wie dem Verirrten, unter frem⸗ den Nationen, er hielt ſich ſern von der 300 vornehmen Welt, zu Elsbeth und ihren El⸗ tern, aber ſein ſcharfer gerader Verſtand beurtheilte alles genau und richtig Als die Geſellſchaft auseinander ging, ward er zu bleiben genoͤthigt, theilte die koͤſtliche Abendmahlzeit der Familie, ſchlief die NRacht in einem praͤchtigen Zimmer, und wollte zwar am andern Morgen ſcheiden, aber Els⸗ beths Bitten, und ſein eignes heißliebendes Herz, machten dieſen Vorſatz ſchwinden. So ging es jeden Morgen, und Conrad befand ſich ſchon mehrere Tage in der Stadt, auch hatte ihm Bartel deutlich ge⸗ nug geſagt, daß es nur auf ihn ankomme, den Bartelſchen Adel, und Elsbeths Hand anzunehmen. Etsbeth, die es wohl ſahe, wie unmoͤglich es dem Juͤnglinge ward, ſich von ihr zu trennen, ſchwamm in einem Meere von Freude, und nun erſt mochte ſie ſich recht des Ueberfluſſes freuen, da es ihr vergoͤnnt ſchien, ihn mit Contad zu theilen. 3 Wie mußte ſie daher erſtaunen, als er eines Morgens in ſeinen laͤndlichen Kleidern zu ihr eintrat, voͤllig zur Wanderung geruͤ⸗ b 301 ſtet, und mit truͤben, ja verweinten Augen. Elsbeth, ſagte er, ich muß Dich verlaſſen, mag es mir gehen, wie es immer will, daß ich fort muß, iſt doch gewiß. Ich habe es dieſe Nacht unter tauſend Thraͤnen be⸗ ſchloſſen. Sieh, in Euer Leben tauge ich nicht, ich wuͤrde verkuͤmmern und verder⸗ ben. Euer Geld wuͤrde mich druͤcken, und glaube mir nur, es druͤckt Euch auch. Sieh nur Deinen Vater an, der ſonſt ſo froͤhlich uͤber die Berge ſchritt, der Abends nach der Arbeit ſo wohlgemuth und zufrieden war, kennſt Du ihn noch? Seine Thaler machen ihm keine frohe Stunde, und doch weiß ich, wie ihn ehemals ein erworbener Groſchen erfreute. Es iſt Gottes Wille, daß der Menſch ſich muͤhen ſoll um die zeitlichen Guͤter, wer ſie ohne Muͤhe hat, dem bringen ſie keinen Segen. Als mir die Mutter vor ſechs Wochen ſchrieb, daß mein armer Vater geſtorben ſey, und ich nun ihre einzige Stuͤtze waͤre, da wanderte ich mit 50 erſparten Gulden in die Heimath. Ich haͤtte wohl mehr gehabt, aber ich ſchickte von jedem Gewinn die Haͤlfte den Eltern, die andere legte ich mit ſtiller Luſt zuruͤck, ich glaubte Dich damit zu beglücken. Sieh, ich gaͤbe dieſe 30 Gulden nicht fuͤr Euren ganzen Reichthum. Mir werden ſie nun nichts nuͤtzen, aber wenn ich ſie anſehe, denke ich aller der nuͤtzlich durchlebten Stun⸗ den, und der ſchoͤnen Gefuͤhle, mit denen ich das redlich Erworbene anwachſen ſah. Ach, Elsbeth, der Zwerg hat es nicht gut mit Dir gemeint, und mich hat er um all mein Lebensgluͤck betrogen. Lebe nun wohl, mache mir das Herz nicht ſchwer⸗ und laß mich ziehen. Es war vergebens, dem armen Con⸗ rad ſeinen feſten Entſchluß ausreden zu wol⸗ len, ſelbſt des Maͤdchens heiße Thraͤnen vermochten es nicht. Es iſt, ſagte er, als ob Du oben auf der Bergkuppe ſtaͤndeſt, und ich unten im Thale, und zwiſchen uns waͤre eine breite meilenlange Kluft geriſſen, die ich nicht uͤberſpringen koͤnnte. Da wuͤrde ich denn wohl zeitlebens ſehnſuͤchtig zu Dir hinaufſchauen, mich freuen, wenn es Dir oben wohl ginge, und mich nach keinem Gluͤck mehr umſehen, aber zu Dir hinauf koͤnnte ich ja doch nicht. Lange 303 wird es mit mir nicht dauern. Wie der Sturm in meiner Kindheit die Haͤlfte von der großen Ulme abriß, ſah das Andere auch keinen Fruͤhling mehr, es ſtarb nach, und der Vater ließ es traurig faͤllen. Dieſe Worte, mit welchen Conrad ſich aus Elsbeths Armen riß, hallten der Ar⸗ men nun immer im Geodaͤchtniß wieder. Verſchwunden war ihr jugendlicher Froh⸗ ſinn, und zerſtreute ſie ſich auch am Tage gewaltſam, ſo brachten ihr ſchlafloſe Naͤchte, und lebhafte Traͤume das Bild ihres Kum⸗ mers vor die zagende Seele. Auch von Außen naheten ſich Leiden die der Macht des Reichthums trotzten. Bartels Geſund⸗ heit, durch Unmaͤßigkeit untergraben, ſchwand mehr und mehr, er legte ſich aufs Krankenbett, und erkannte unter bittern Klagen, die Ohnmacht alles irdiſchen Guts. Wie er in der Mitte des folgenden Winters dahin war, und der herbſte Schmerz die zwei Uebriggebliebenen gegen alle Weltfreu⸗ den kalt machte, trat die einfache ſchoͤne Vergangenheit, verklärt vor die trauernde Tochter, ſie fuͤhlte, daß es fuͤr ſolche Lei⸗ — ——— 304 den nur Einen Troſt gaͤbe, die ſanfte Theil⸗ nahme einer liebenden Seele. Auch die Mutter, ſo wenig ſie anfangs ihre eigenen Gefuͤhle begriff, dachte jetzt oft in das ein⸗ ſame Thal zuruͤck. Sie hatte in dem Zeit⸗ raum ihres glaͤnzenden Gluͤcks ſo viel pein⸗ liche Langeweile, ſo viel Unruhe, Zwang und Unmuth gelitten, wie nie zuvor. Sich in neue Beſchaͤftigungen zu finden, war ſie zu alt und ungeſchickt, und doch konnte ſie, beſonders ſeit die Trauer ſie mehr im Hauſe hielt, zuweilen eine ſo heftige Sehnſucht nach Arbeit empfinden, wie ſie ſie ehedem nach Vergnuͤgen empfand. So ſtand ſie einmal gegen die Zeit der erſten Fruͤhlings⸗ ſaat mit Elsbeth an einem Fenſter, das ins Freie ſah, und blickte auf ein fernes Feld, das ruͤſtige Arbeiter belebten. Ich moͤchte, ſagte ſie zu der Tochter, da druͤben mit geſchaͤftig ſeyn. Wahrhaftig, es koͤnnte mir die groͤßte Freude machen, einmal wie⸗ der zu pflanzen und zu beſtelen. Ich denke uͤberhaupt oft nach Hauſe. Es war doch recht huͤbſch in dem kleinen Thale, und unſern Vater haͤtten wir wohl auch noch, waͤren wir arme Leute geblieben. Kurz, Els⸗ 305 Elsbeth, es kommen mir zuweilen wunder⸗ liche Gedanken. Ich moͤchte ſagen; arme Leute waͤren eben ſo gluͤcklich als reiche, nur daß ſie es nicht wiſſen. Koͤnnten ſie alle einmal aus Möhren Geld machen, ſie wuͤr⸗ den es ſchon einſehen. Der liebe Gott hat keines ſeiner Kinder lieber als das an⸗ dere. Das fiel, wie ein elektriſcher Funken, in Elsbeths betruͤbtes Herz. Denkſt Du ſo, Mutter? rief ſie jubelnd aus, ſo iſt uns allen gerathen, Dir, mir, und dem armen Conrad. Sieh, wie heiter die Sonne lacht, wie gruͤn die junge Saat das Feld ſchmuͤckt. Laß uns wieder hin⸗ aus ziehen, als einfache Kinder der Na⸗ tur, und dem Gluͤck ſeine falſche Gabe zuruͤckgeben! So ernſtlich war es nun freilich von Frau Lieſen nicht gemeint, allein was wollte ſie thun? Die neue Hoffnung goß friſches Leben in ihrer Tochter krankes Herz, das ſahe ſie wohl, und ſie mußte das Herz unheilbar verwunden, um ſie ihr wieder zu 306 entreißen. Raſtlos beſorgte nun Elsbeth alles, was der Abreiſe vorausgehen mußte. Das koſtbare Geraͤth, die ſchoͤnen Kleider, die theure Equipage wurden verkauft, und das Geld ſorglich geſammelt, denn ſie wollte von ihrer Zaubergabe nie mehr Ge⸗ brauch machen; die forſchenden Bekannten aber, beſonders die hoffnungsvollen Freier, wurden mit Vorwaͤnden ſo lange getaͤuſcht, bis eines Morgens Mutter und Tochter in aller Fruͤhe verſchwunden waren. Wie ein bunter ſinnloſer Traum, lag die Vergangenheit vor Elsbeth, als ſie die Berge in blauem Duft gehuͤllt von ferne erblickte, unter denen ihre frohe Kindheit erbluͤht war. Sie hob die Arme empor, ſie lachte und weinte, ſie ſiel der Mutter jauchzend um den Hals. Am Eingange des Thals ſprang ſie aus dem Wagen, und eilte einen kuͤrzeren Fußſteig, uͤber die Wei⸗ denbruͤcke. Sie wußte nicht, wie ſie bis unter die Ulmen am Gaſthofe gekommen war, ſie lag weinend an des erſtaunten Conrads Bruſt. Welch ein ſeliger Abend. Liebe und ſuͤße Gewohnheit nahmen die 397 Wiederkehrende auf, um ſie nie wieder zu laſſen. Die halbe Nacht war den beiden Witt⸗ wen und ihren Kindern in Plaͤnen vergan⸗ gen, wie kuͤnftig ihre kleine Einrichtung zu machen ſey. Die jungen Leute wur⸗ den zufoͤrderſt feierlich verlobt, die Alten beſchloſſen mit ihnen zu leben, und den Reſt von Elsbeths Golde zur Beſſerung des Gaſthauſes, und zur Huͤlfe fuͤr man⸗ chen andern Mangel zu verwenden. Mehr mochten ſie nicht von des Zwerges Gabe, und als am naͤchſten Tage kaum der Morgen graute, ging Elsbeth heimlich zu der bekannten Schlucht, ihm ſein Meſſer wieder zu bringen. Es war ſchauerlich ſtill in der Gegend, der Roſenbuſch trieb nur eben kleine Blaͤtter, ſie uͤberſah den engen Raum der halbdunkeln Hoͤhle ganz, und rief mit leiſer Stimme: Freundlicher huͤlfreicher Geiſt, ich komme, Dir Dein Geſchenk wieder zu bringen; willſt Du— es, mit meinem Danke von mir anneh⸗ men, ſo komm hervor, daß ich Dich noch einmal ſehe. Es blieb todtenſtill 2 308 kein Laut ließ ſich hoͤren.— Willſt Du mir Deinen Anblick nicht goͤnnen, ſprach das Maͤdchen weiter, ſo mag die Wun⸗ dergabe, die mir nichts mehr nuͤtzt, hier in der gruͤnen Erde ſchlummern, wo Du ſie wohl zu finden wiſſen wirſt. Nimm ſie zu Dir, daß mich nicht einſt mein eitles Herz verleiten moͤge, ſie wieder her⸗ vor zu ziehen. Damit machte Elsbeth ein kleines Loch am Fuße des Roſenſtrauchs, und ließ das ſchlanke Meſſerchen froͤhlich hin⸗ einſchluͤpfen.. Ddie Hochzeit ward nun gefeiert, kein prunkvolles Feſt, aber ein heiliger Feier⸗ tag gluͤcklicher Herzen. Als man aber den Schatz der jungen Frau hervorſuchen wollte, um ihn verabredetermaaßen zu verwenden, ſiehe, da war er verſchwun⸗ den. Frau Lieſe durchwuͤhlte umſonſt ihre wohlverſchloſſenen Koffer, kein Beutel war zu finden, und Elsbeth erkannte die Tuͤcke des Zwerges, der ihrem Conrad nichts von ſeiner Gabe goͤnnen wollte. Da fing 309 aun freilich die Wirthſchaft ſehr ſpaͤrlich an, und das Leben der jungen Leute war reich an Arbeit und Muͤhe, ohne ſonder⸗ lichen Gewinn. Doch ſie blieben mu⸗ thig, freuten ſich doppelt der guten Stun⸗ den, trugen die Sorgen gemeinſam man⸗ ches Jahr, und zaͤhlten am Ende nur die guten Tage! Es geſchah aber, daß Elsbeth eines Abends, mit ihrem Kinde im Arm, aufs Feld ging, und weil der Kleine Nahrung verlangte, ſich dicht bei der Zwergen⸗ hoͤhle niederſette. Wie ſie nun ſo da ſaß, die wachſenden Beduͤrfniſſe des Kin⸗ des bedachte, und ſorgenvoll den Beſtand ihres Vermoͤgens damit verglich, war es ihr, als hoͤre ſie ſich leiſe rufen. Sie erſchrack und blickte um, aber es war nichts zu ſehen, doch eine wohlbekannte Stimme redete ihr zu, neben den Ro⸗ ſenbuſch einzugraben, und das Meſſer⸗ chen als Geſchenk fuͤr ihr Kind, wieder zu ſich zu nehmen. Was dabei in ihrem Herzen vorging, iſt nicht kund geworden, genug, daß eine ziemliche Zeit verfloß⸗ 310 ehe ſie, der fort und fort mahnenden Stim⸗ me, folgende Antwort gab: Habe Dank, Du unermuͤdeter Freund, fuͤr Deine wiederkehrende Huld, Dein Geſchenk aber moͤge ruhen, wo ich es wohlbedaͤchtig verbarg. Ich meine, ſol⸗ oche Gabe gehoͤrt nicht in die Haͤnde des ſchwachen Menſchen. Dir iſt nicht un⸗ bekannt, wie ſie mich verfuͤhrte, wie ich die gebotene Verſchwiegenheit vergaß, mei⸗ nem Conrad faſt die Treue brach, und den Stolz in mein eitles Herz aufnahm. Willſt Du mein Kind begluͤcken, ſo laß unnſere Arbeit und Muͤhe gedeihen; Ar⸗ beit erhaͤlt das Herz geſund, und das Leben friſch. Wenn Du die Erde be⸗ wohnſt, wie mich immer duͤnken wollte, ſo weißt Du beſſer als ich, daß ihr Schooß noch manches Koͤſtlichere birgt, als blankes Gold. Laß einen andern Se⸗ gen fuͤr uns daraus hervorgehen, daß unſer Wohlſtand ſtill und maͤßig zuneh⸗ me, durch unſerer Haͤnde Fleiß, und wir wollen Dich als den Schoͤpfer unſeres Gluͤcks ehren.. 311 Der Erdgeiſt mußte Elsbeths Bitte wohl zu Herzen genommen haben, ob ſie gleich unbeantwortet blieb, denn bald nach⸗ her entquoll dem Felſen, dicht am Ro⸗ ſenſtrauche, ein kleiner muntrer Quell, von gar lieblichem Geſchmack, der Anfangs unbemerkt im weichen Mooſe hinfloß, in Kurzem aber von verſtaͤndigen Reiſenden bemerkt, und als ein vorzuͤgliches Heil⸗ mittel gegen mancherlei Uebel erkannt wurde. Da ward das ſchoͤne ſtille Thal lebendig, kranke Gaͤſte beſuchten es hof⸗ fend, und gingen geheilt von der Segens⸗ quelle hinweg, die nun ſauber gefaßt, und weit und breit beruͤhmt ward. Con⸗ rad und Elsbeth beherbergten die Frem⸗ den, und hatten dabei ſo guten Gewinn, daß ſich nach Jahren noch ein zweites Haus, auf der Stelle von Bartels Huͤtte, erhob und die Familie bei muntrer Reg⸗ ſamkeit im bluͤhendſten Wohlſtand lebte. Elsbeths dankbares Herz wußte wohl, wem ſie ihr Gluͤck ſchuldig war. Sie ging oft in der Daͤmmerung an die Quel⸗ le, verweilte Stundenlang da, und rief auch wohl den kleinen Mann, der ihr 1 . 312 hdem ſo oft erſchien, doch vergebens, ihr heißer Dank verhallte in der weiten Luft, und nur das Echo beantwortete ihn. Als aber ihre Kinder in der Folge allein die Berge durchſtreiften, hoͤrte ſie ſie nicht ſelten von einem Geſpielen plaudern, den ſie gar gut kannte, und ein bedeutender Blick auf ihren Mann, erinnerte dieſen an die Zeit ihrer jugendlichen Spiele. Miagdeburg, gedruckt bei Friedrich Faber. airam ſſſſſſſſſſſſſſſſſiiſſſfſſſiſſſſſſtſſſſſnnnnm 3 14 1 6 1 1 8 10 11 12 1 5 1 7