ſſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literat 4 von— Eduard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em nahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens his Abends 8 Uhr offen.“ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 6. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sul hinterlegen, welche bei deſſen Jurückgabe von mir zurückerſt wird. 3 3* 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden un bpeträgt: für wöchentlich 28 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: † Mt.= Pf. 1 N. 50 If. 2 N. Pf. ſ 3. Auswärti n⸗ 1 Zurückſ endung fahr ſelbſt zu ſorgen. riſſene, verlorene und — Matthaͤus Wald. Ein Roman, aus dem Engliſchen uͤberſetzt von W. A. Lindau. „ Zweiter Theil. Leipzig 1828, bei C. H. F. Hartmann. Natthaͤus Wald. Zweiter Theil. I. Von dieſer Zeit an verfolgte mich die peinliche Beſorgniß, daß Lascelyne und ſeine Frau eines Tages wieder nach Barrmains kommen koͤnn⸗ ten, und es erwachte in mir der lebhafte Wunſch, der Moͤglichkeit auszuweichen, mich ihnen in meiner gegenwaͤrtigen Lage noch einmal zu zeis gen. Ich kann Ihnen jedoch keinesweges ver⸗ hehlen, daß ſich andere Gefuͤhle in mir regten, die gegen dieſes Verlangen, wiewohl nur ſchwan⸗ kend und ungleich, kaͤmpften. Meine Lebens⸗ weiſe ging indeß in ihrem gewoͤhnlichen Gange fort, und ich kann nicht ſagen, wie oder doch wie bald ich zu einem Entſchluſſe gekommen ſein wuͤrde, denn das Schickſal machte meinem Schwanken ſchnell ein Ende. Der Baronet wurde eines Morgens todt in ſeinem Bette gefunden, und ſo bald es die trauernde Witwe fuͤr anſtaͤndig halten durfte, an ſolche Dinge zu denken, wurde bekannt gemacht 4.* 4— daß man den Aufenthalt in Barrmains alsbald verlaſſen und die Edelfrau einige Jahre in Eng⸗ land leben wollte, daß der Junker die Schule zu Eton beſuchen, Fraͤulein Blamyre aber die Edelfrau und deren Toͤchter nach England be⸗ gleiten ſollte, und da man meiner Dienſte nun nicht laͤnger beduͤrfte, die Freunde der Familie ſich ohne Zoͤgerung bemuͤhen wuͤrden, mir eine ahnliche Stelle zu verſchaffen. Ich erfuhr zu⸗ gleich, daß Fraͤulein Johanna nicht laͤnger bei ihrer Stiefmutter leben ſollte; und dieſe Nach⸗ richt, ſo wichtig ſie mir ſein mußte, befremdete mich auf keine Weiſe. Was von dieſen Botſchaften mich zunaͤchſt betraf, wurde am ſolgenden Tage durch den Verwalter beſtaͤtigt, der mir auf der Stelle mei⸗ nen ruͤckſtaͤndigen Gehalt auszahlte, und ich mußte dieſe Eile als einen Wink deuten, daß man eine Verlaͤngerung meines Aufenthaltes in Barrmains nicht erwartete. Ohne Zeitverluſt packte ich daher meine wenigen Buͤcher und Kleider ein, und ſchickte meinen Koffer zu mei⸗ nem Freunde, Doctor Dalrymple, der mich gleich nach des Gutsherrn Tode auf die herz⸗ lichſte Weiſe eingeladen hatte, bei ihm zu woh⸗ * — 5— nen, bis ich eine Gelegenheit gefunden haͤtte, meine Entwuͤrſe fuͤr die Zukunft bedaͤchtig zu faſſen. 1 Ich hatte die weiblichen Glieder der Fami⸗ lie ſeit dem Tage vor des Baronets Tode nicht geſehen, und ich erwartete kaum, ſie vor mei⸗ ner Abreiſe zu ſehen. Kaum aber war es be⸗ kannt geworden, daß mein Felleiſen ſchon ins Dorf abgegangen war, als die Edelfrau mich itten ließ, ſie in ihrem Zimmer zu beſuchen. Ich gehorchte, und fand ſie, ihre beiden Toͤch⸗ ter und die Hofmeiſterinn, jede gerade ſo tief als ſich's gebuͤhrte, in ernſten Kummer ver⸗ ſunken. Es wurden einige Worte der hoͤflich⸗ ſten Theilnahme an meinem kuͤnftigen Schickſale ausgeſprochen, die vier weißen Taſchentuͤcher mußten noch einmahl ihre Dienſte thun, und ich nahm mit dankbarer Verbeugung Abſchied. Die beiden Fraͤulein ſtanden auf, und ihre Mut⸗ ter ſtand nicht nur auf, ſondern hatte, ver⸗ muthlich zum Erſtenmahl und Letztenmahl, ſo⸗ gar die Herablaſſung, einem armen Hauslehrer die Hand zu geben. Die Hofmeiſterinn blieb ſte⸗ hen, aber ich ſah, was ſie gern haͤtte thun wol⸗ len und nahm den Willen fuͤr die That. — 4 6— So lebe denn wohl, Barrmains! ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich aus dem Zimmer der Edelfrau ging. Doch nein, erſt muß ich Mutter Baird ſehen und wenigſtens etwas von Fraͤulein Johanna gehoͤrt haben. Ich ſuchte die Alte und als ich in ihr Kaͤmmerlein gekommen war, ſah ich ſie in ihrem Lehnſtuhle ſitzen, in ihrem neuen ſchwarzen Kleide, einer ſchwarzen Muͤtze und einem rothen Mantel. Ihr großer Stock mit einem hornenen Knopfe lag auf ihrem Knie und eine ungeheure blaue Lade ſtand, doppelt und dreifach mit Stricken umwunden, auf dem Bo⸗ den. Der Kaͤfig mit dem Kanarienvogel war von ſeinem gewoͤhnlichen Platze am Fenſter weg⸗ genommen und hatte, in ein Taſchentuch gehuͤllt, ſeinen Platz auf dem Tiſche erhalten. Die Bild⸗ niſſe des Koͤnigs Wilhelm, des verlorenen Soh⸗ nes und des Reformators, Johann Knox, wa⸗ ren von der Wand weggenommen, wo nur gel⸗ be Flecke und braune Umriſſe als die einzigen Denkmahle ehemaliger Herrlichkeit zuruͤckgeblie⸗ ben waren. Nun, Mutter Baird, ſprach ich, Ihr wollt auch ausziehen? Das haͤtte ich in der That nicht erwartet. G —— —— Ich habe aber nichts anders erwartet, er⸗ wiederte die Alte. Aber ich dachte, Ihr haͤttet mich ganz und gar vergeſſen. Wißt Ihr denn ſchon eine neue Stelle fuͤr Euch? Nicht doch, Mutter, aber fuͤr jemand in meinem Alter iſt es nicht allzu ſchwer, die Stelle zu veraͤndern. Ich weiß nicht, wie das bei andern Leuten ſein mag, Herr Waldie, aber ich bin uͤber viele „Dinge hinweg gekommen, und dieß gehoͤrt auch dazu. Ich kam als Kind auf dieſen Edelhof⸗ Herr Waldie, und als eine alte, alte Frau gehe ich fort; doch wahrhaftig, nach allem, was ich erlebt habe, laͤßt ſich der Eſel, der die Naſe ge⸗ gen die Erde kehrt, beſſer reiten, als das ſtolze Pferd. Es iſt mir auch eben ſo lieb, daß ich meines Vaters altes Huͤttchen habe, worein ich kriechen kann, da ich nun herunter gekommen bin, und alles um mich herunter.— Habt Ihr die gnaͤdige Frau geſehen? Ja, antwortete ich. Auch die beiden Fraͤu⸗ lein habe ich geſehen, nur Fraͤulein Hannchen nicht. Ihr koͤnnt das Fraͤufein immer weglaſ⸗ ſen, und ſie Hannchen nennen, wie ihre Mut⸗ ter vor ihr hieß. Ja, Herr Waldie, man hat das arme Maͤdchen ganz verſtoßen. Um den Vater geweint, und an das Kind nicht ge⸗ dacht— ſo geht's in der Welt, Herr Waldie. Aber Gott ſchlaͤgt nicht mit beiden Haͤnden, junger Mann; die See hat ja Haͤfen und der Fluß Fuhrten, und wenn der Wind den Baum umgeworfen hat, koͤnnen die Voͤgel ſich in den Buͤſchen bergen. Aber was ſoll denn aus Fraͤulein Hannchet⸗ werden, Mutter Baird? Was aus ihr werden ſoll, Herr Waldie? Denkt Ihr denn, ſo lange ich einen eigenen Herd habe, ſollte es ihr an einem Plaͤtzchen fehlen? Das Maͤdchen wird's gut bei mir ha⸗ ben, Herr Waldie. Ich habe mir mehr Geld geſammelt, als Ihr von meines Gleichen glau⸗ ben moͤget, und Fraͤulein Hannchen hat Gott ſei Dank auch ein Paar Dreier, die Niemand was angehen. Wir haben ſchon ausgeraͤumt, und es iſt mir nicht bange darum, Fraͤulein Hannchen ſoll's bei mir beſſer gehen, als ſie's je in Edinburgh oder London haͤtte haben koͤn⸗ nen bei jenen, die nie dachten, ſie haͤtte auch menſchliches Gefuͤhl. Aber was hilft das Schwaz⸗ —— — — zen, Herr Waldie? Kann ein krummer Stock einen geraden Schatten geben? Die Alte hatte ihren Stab in die Hand genommen, und ich aͤußerte durch einen Wink die Beſorgniß, ſie in einem Geſchaͤfte zu ſtoͤren. „Nein, nein, antwortete ſie: drei Kiſten ſind ſchon weg, außer Hannchens Sachen, und dieſe Truhe und das Maͤtzchen nehme ich ſelber mit, wenn der Wagen wiederkommt. Aber man hat mir ja geſagt, Ihr wolltet ein Paar Tage beim Doctor Dalrymple bleiben, und da werdet Ihr wohl bei uns einſprechen und Fraͤulein Hann⸗ chen und mich in unſerm Huͤttchen beſuchen.“ Sehr gern, antwortete ich. Aber wo fin⸗ de ich's, Mutter Baird? Des Doctors Maͤdchen kann Euch meine Thuͤre zeigen, lieber Mann. Den Herrn werde ich nie zu mir rufen. Nun, Mutter Baird, erwiederte ich, Ihr muͤßt von einem Doctor nicht ſo ſchlecht denken. Ihr wißt ja, ich will einmahl ſelbſt einer werden. ₰ nun, moͤgt Ihr die ganze Stadt doctern, ſo lange es Euch gefaͤllt, wenn Ihr nur mich gehen laßt.— Kommt alſo einmahl des Abends zu uns, ehe Ihr die Gegend verlaßt. 1. Jo ward in dem Hauſe meines Freundes Dal⸗ rymple mit dem herzlichſten Wohlwollen aufge⸗ nommen. Er und ſeine Gattinn, eine recht wuͤrdige und ſchlichte alte Frau, behandelten mich, als ob ich ihr Sohn geweſen waͤre, und nicht als den armen hilfloſen Fremdling, der ich war. Sie hatten nie Kinder gehabt, und drei ſehr große Katzen und eben ſo viele ſehr kleine Hunde und ein ganzes Vogelhaus voll Papageien, Haͤnflinge, Rothkehlchen, zahmer Raben und wer weiß was ſonſt noch, ließen in ihrem Herzen noch Raum fuͤr rein menſchliches Wohlwollen. Dalrymple hatte ſchon einen Lebensplan fuͤr mich gemacht, der nichts weniger als unausfuͤhr⸗ bar war. Sein Bekannter, der erſte Wundarzt im benachbarten Marktflecken, wurde alt, und hatte ſich ſchon betlagt, daß es ſeine Kraͤfte ihm kaum noch geſtatteten, Kranke auf dem Lande zu beuchen.„Ich gehe morgen mit Ihnen in's Staͤdtchen, ſprach Dalrymple, und fuͤhre Sie bei Herrn Ronaldſon ein. Iſt es ſein ernſtli⸗ ———— 8— , — 4141— cher Wunſch, einen Gehilfen zu haben, ſo wer⸗ de ich durch ein gutes Wort wohl ſo viel bei ihm ausrichten, als ſonſt jemand.“ Wir ritten am naͤchſten Morgen nach Mal⸗ doun, und waren ſo gluͤcklich, den alten Herrn anzutreffen, der ſich eben bei einer großen Schuͤſ⸗ ſel mit Gerſtengraupenſuppe und einem Becher Branntwein erquickte, nachdem er einen Ritt von zehn Stunden gemacht hatte, wobei er, wie er zu bemerken Gelegenheit nahm, durch drei Fluͤſſe gekommen und um eben ſo viele Schil⸗ linge reicher geworden war. Dalrymple benutz⸗ te den Augenblick mit großer Gewandtheit, und ohne Sie mit der umſtaͤndlichen Nachricht von einer Unterhandlung zu quälen, die fortgefuͤhrt wurde, bis wir mit Rindfleiſch und Gemuͤſe und wenigſtens mit einem Napfe voll Branntwein⸗ punſch fuͤr jeden von uns fertig waren, ſage ich Ihnen ſogleich das Ergebniß, daß Herr Ronald⸗ ſon mich zu ſeinem Gehilfen annehmen wollte, wenn ich binnen ſechs Monaten mich in Glas⸗ gow oder Edinburgh pruͤfen laſſen koͤnnte. Es wurde dabei vorausgeſetzt, daß die naͤchtlichen Berufsgeſchaͤfte und die weiten Ritte mir zu⸗ fallen ſollten, und daß ich mich im erſten Jahre — 12— mit Koſt und Wohnung im Hauſe meines Goͤn⸗ ners und mit einer baaren Zahlung von zehn Pfund Sterling begnuͤgen muͤßte. Ich muß ge⸗ ſtehen, daß mir dieſe Bedingungen nicht un⸗ freigebig vorkamen, und ich kann es Ihnen auch gleich ſagen, ich fand in der Folge viel Grund zu der Vermuthung, daß ich meinem Freunde Dalrymple auf mehrfacher Weiſe verpflichtet war, als ich es zu jener Zeit glaubte. Mein Fleiß hatte nun einen ſchoͤnen Sporn, und ich faßte den Entſchluß, ſogleich nach Glas⸗ gow zu gehen, das ich aus beſondern Urſachen der Hauptſtadt vorzog, und ſo tuͤchtig zu arbei⸗ ten, daß ich mich befaͤhigen koͤnnte, zur be⸗ ſtimmten Zeit auf die Erfuͤllung der ſehr vortheil⸗ haften Verabredung Anſpruch zu machen. Ich hatte freilich nur ein Paar Pfund in der Ta⸗ ſche, aber ich verzweifelte nicht, daß es mir moͤglich ſein wuͤrde, mich waͤhrend des Winters auf dieſe oder jene Art durchzufechten. Weder Arbeit, noch Entbehrung war in jener Zeit ein ſehr furchtbares Schreckbild fuͤr meine Fantaſie. Es war im October, und da die Vorleſun⸗ gen auf der Univerſitaͤt alsbald eröffnet werden ſollten, ſo wollte ich ohne Zeitverluſt abreiſen. — 13— Ich verweilte jedoch ein Paar Tage, um zuvor Dalrymple's ausfuͤhrlichen Rath uͤber meinen Lernplan anzuhoͤren. Ich hatte freilich noch ei⸗ ne andre Urſache, eine Zeitlang zu zoͤgern. Es war an meine Abreiſe nicht zu denken, ehe ich einen Beſuch bei Mutter Baird gemacht hatte, und ich fuͤhlte, es wuͤrde ſich nicht ziemen, eher hinzugehen, bis die Bewohnerinnen des Huͤtt⸗ chens die Unruhe der erſten Einrichtung uͤber⸗ wunden haͤtten. Erſt am Abende vor meiner Abreiſe machte ich meinen Beſuch. Ich fand leicht den Weg zu der einſamen Huͤtte, die eine ſo freundliche Zuflucht war, als ſich je dem hinfaͤlligen Alter oder den Leiden der Jugend dargeboten hatte. Dicht am gruͤnen Uifer des ſtolzen Ora und von dem welkenden Laube ſeiner Birken beſchattet, ſtand das laͤndliche Huͤttchen, wohin jenes hölde Kind des Ungluͤcks aus dem vaͤterlichen Schloſſe gezogen war. Hinter der Huͤtte ſtieg der Huͤgel empor, bis zu der hoͤchſten Felſen⸗ ſpitze mit Strauchbolz bekleidet, aus welchem hier und da die rothen Rieſenſtaͤmme der Fich⸗ ten mit ihren breiten dunklen Wipfeln ſich auf⸗ thuͤrmten. Der hreite Strom, der dumpf mur⸗ — 14— melnd dicht unter den Zweigen der Baͤume ſich wälzte, und deſſen dunkle Wellen im Golde der Abendſonne ſchimmerten, ſchien die Wild⸗ niß, die er verſchoͤnerte, ganz von allen Stoͤ⸗ rungen der Welt abzuſchneiden. Ein kleiner Kahn war mit einer Kette an's Ufer gelegt. Ich ru⸗ derte langſam, all meine Kraft aufbietend, ge⸗ gen die tiefe und ſtarke Flut des herbſtlichen Stromes. 3 Von außen hatte die Huͤtte ein rohes, bei⸗ nahe veroͤdetes Anſehen, im Innern aber hat⸗ ten die Gewohnheiten einer andern Lebensweiſe bereits im Laufe weniger Tage den Sieg gewon⸗ nen. Ich mußte mich buͤcken, als ich uͤber die Schwelle ging, und tret auf einen nackten Lehm⸗ boden. Die ungemeine Reinlichkeit aber, die mit den neuen Bewohnerinnen eingezogen war, hatte der Armuth alles Niedrige genommen. Alles an den Waͤnden glaͤnzte bei dem Scheine des wohlunterhaltenen Holzſeuers, und Mutter Baird ſaß in ihrem Armſtuhle neben dem Her⸗ de, ein vollkommnes Bild der hehren Ruhe des hohen, aber ungebeugten Alters. Es kam mir vor, als ob in dem ganzen Weſen der alten Frau etwas Großartigeres waͤre, nun da ich ſie unter ihrem eigenen vaͤterlichen Dache ſah. Die Derbheit in Benehmen und Ausdruck, die fruͤher eine Art von Seltſamkeit zur Beluſtigung nachſichtiger Gebieter geweſen war, erſchten mir jetzt als das natuͤrliche Vorrecht der Unabhangig⸗ keit, wiewohl ich freilich nicht ſicher bin, ob nicht bereits eine gewiſſe Regung von Heimathlich⸗ keit und der Naturtrieb der Gaſtfreundſchaft die aͤußere Offenbarung einer Stimmung etwas ge⸗ mildert hatte, die durch keine Veraͤnderung von Umſtaͤnden weſentlich umgewandelt ſein konnte. Ich wurde mit Hoͤflichkeit, ſogar mit Anſtand empfangen, und als einige Minuten nachher Fraͤulein Johanna hereintrat, und, mich ſittſanꝛ gruͤſſend, ihren niedrigen Stuhl an das Knie der Alten ruͤckte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß, trotz des angebornen feinen Weſens und Benehmens der Jungfran, ein Frem⸗ der ſich leicht haͤtte taͤuſchen, und glauben koͤn⸗ nen, eine Familiengruppe zu ſehen. Sie werden leicht glauben, daß ich dieſes Bild nicht anſehen konnte, ohne eben ſo ſehr eine Regung von Verlegenheit als von Bewun⸗ derung zu fuͤylen. Ich ſah Johanne Barr in einer neuen Lage, und ich mußte auch ihr Be⸗ „ —-— 416— nehmen fuͤr eben ſo veraͤndert halten. Wir wa⸗ ren gewohnt geweſen, uns als Freunde zu be⸗ handeln, und jetzt ſchien ein Zauber auf uns zu liegen. Unſre Blicke begegneten ſich ſelten, und wir ſprachen nur wenige Silben zu einander. Sie nahm ihre Arbeit zur Hand, und ich hoͤrte an, oder ſchien anzuhoͤren, was die Alte ſagte. Endlich gab ich zu verſtehen, daß ich gekommen war, um Abſchied zu nehmen, da ich am naͤch⸗ ſten Morgen abreiſen wollte. Die Alte gab mir ſehr wohlwollend ihren Segen, und ich ver⸗ beugte mich gegen Johanna. Das gute Mäd⸗ chen ſagte nichts, als mit ſehr leiſem Fliſtern: „Ich wuͤnſche Ihnen alles Gute, wohin Sie auch gehen.“ Sie reichte mir ihre Hand nicht, und noch einmahl ein Lebewohl ſtammelnd, ging ich hinaus. Ich ſprang in mein Boot, und war ſchon eine kleine Strecke weit vom Ufer, als Johanna's ſuͤße Stimme meinen Nahmen rief. Sie war mir an's Ufer gefolgt, und hatte, wie ich ſah, etwas in der Hand, das ſie mir entgegen hielt. Ich ruderte wieder ans Ufer, und ſie beugte ſich zu mir herab, mir meine Handſchuhe zu rei⸗ chen, die ich zuruͤckgelaſſen hatte. Unſre Haͤnde 23* — 17— beruͤhrten ſich, und bei der angebrochenen Daͤm⸗ merung und trotz meiner Verwirrung, entging mir doch nicht das tiefe, ernſte und ſchuͤchterne Erroͤthen, nicht der unruhige Blick des halb abgewandten Auges. Wie viel kann in einem Augenblicke vorgehen! Mein kleines Boot war beinahe ſogleich wieder im Strome, und doch waren die Worte Ruͤckkehr und Hoffnung gefliſtert worden. Waͤhrend ich uͤber den Fluß fuhr, heftete ich meine Blicke auf die niedrige Huͤtte, und ich ſah einen Schatten am Fenſter verweilen, und ein ſuͤßer Traum wallte uͤber mein Herz, daß ich wirklich eines Tages zuruͤck⸗ kehren wuͤrde, daß die Welt dennoch einige Schattenbilder der Hoffnung, ja der Zaͤrtlichkeit und des lindernden Troſtes fuͤr mich, ſelbſt fuͤr mich haben koͤnnte. Es ſchlug kein feuriger Puls, kein Wahnſinn der Leidenſchaft flog durch meine Seele, denn ſolche Saiten waren abgeriſſen, aber ein ruhiges ſinnendes Gefuͤhl regte ſich in meinem Innerſten. Ich kann's nicht erklaͤren. Niemand liebt vielleicht zweimahl in demſelben Sinne des Wortes. Aber obgleich die Fichte nie wieder aufſproßt, nachdem ſie einmahl geeaͤllt am Boden liegt, ſo hindert doch nichts die nie⸗ Zweiter Theil. 2 drigere, aber zarter belaubte Pflanze, aus dem Boden aufzuſprießen, wo des Baumes maͤchti⸗ ge Wurzeln modern. III. Jo verließ meine guͤtigen Freunde, Dalrymple unnd ſeine Frau, und hatte mich auf der Univer⸗ ſitaͤt bald eingerichtet. Bei meinem Vorſatze, nur ein Halbjahr hier der Wiſſenſchaft zu leben, ſah ich mich genoͤthigt, die Gebuͤhren fuͤr ſehr viele Lehrer aufzubringen, und als dieß geſche⸗ hen war und ich die Buͤcher angekauft hatte, die mir jeder Lehrer als unentbehrlich empfahl, war mein von Hauſe aus ſchlecht verſehener Beutel wahrlich ſehr leicht. Fuͤr wundaͤrztliche Werk⸗ zeuge brauchte ich indeß nichts aufzuwenden, da Dalrymple's Guͤte mich vollſeindig damit verſe⸗ hen hatte. Doch ich war arm und ließ Ses mir gefalen, aͤrmlich zu leben. Hatte ich von Tagesanbruche bis zum Sonnenuntergange Vorleſungen und Spi⸗ taͤler beſucht, ſo begnuͤgte ich junger Mann mich mit einem vereinigten Mittag, und Abendeſſen von Brot und Milch, oder vielleicht einer Schuͤſ⸗ ſel Kartoffeln, die bloß mit Salze gewuͤrzt wa⸗ ren. Wenn Sie auf der Jagd oder beim Fiſch⸗ . fange in eine Bauernhuͤtte treten, finden Sie 2* — 20— den Dampf eines Kartoffeltopfes gewiß un⸗ gemein lieblich, und halten die Mahlzeit, die er darbietet, beinahe fuͤr einen Leckerbiſſen. Aber Sie baben das Ding nicht ehrlich verſucht, wie ich. Und doch, glauben Sie mir, iſt es einer Probe werth. Die Erfahrung jenes Winters iſt fuͤr mich wahrlich nicht verloren gegangen, und damahl verſchmaͤhte ich, wie ich jetzt alles verſchmaͤhe, was Ueppigkeit heißt. Nie arbeitete ich ſo eifrig, und lebte nie ſo armſelig, und dennoch war mein Kopf nie heitrer, nie waren meine Nerven veſter angeſpannt, nie war meine Geſundheit kraͤftiger, und doch war ich zu die⸗ ſer Lebensweiſe ploͤtzlich aus einem Hauſe und von einem Tiſche gekommen, die zu den fein⸗ ſten gehoͤrten. Ja allerdings, aber auch aus einem Hauſe und von einem Tiſche, wo ich als Miethling Obdach und Nahrung hatte. So etwas haben Sie auch nicht erfahren. Glauben Sie mir, ich konnte an meinem unbedeckten Tiſche in dem armſeligen Stuͤbchen ſitzen und meinen Kaͤſe ſchaben, mit einem Gefuͤhle, als ob ich ein Koͤnig waͤre, gegen jene Regungen, womit ich an der ſteifen Tafel in Barrmains unter all den erleſenen Schuͤſſeln waͤhlte. Ein 1 — ſchlichter Tiſch, ein halb zerbrochener Stuhl und ein Strohſack, waren mein einziges Stubenge⸗ raͤthe, und nur ſehr ſelten vergoͤnnte ich mir ein Feuer. Aber ich konnte mich ja in eine Decke wickeln, meine Lampe putzen und in die Buͤcher⸗ welt mich ſtuͤrzen und alles vergeſſen. Eine Zeitlang hatte ich es ſo getrieben, als ich fand, daß ich etwas thun muͤßte, um auch nur ſo leben zu koͤnnen. Ich wandte mich an einige Lehrer, und ſie waren ſo guͤtig, mir ein Paar Lehrſtunden zu verſchaffen, welchen ich die Abende widmete. Ich gewann damit nur ſehr wenig Geld, aber es war etwas und fuͤr mich eben genug. Ich haͤtte zu dieſem Mittel freilich ſchon eher meine Zuflucht nehmen koͤnnen, aber ich war zu eifrig bedacht, mir nichts von der Zeit zu rauben, die ich meinen eigenen Arbeiten nur irgend widmen konnte. Ich laͤugne nicht, es wurde mir zuweilen ganz ſeltſam im Magen, wenn ich nach Tiſche in eines reichen Buͤrgers Haus kam, und in ſei⸗ nem Vorzimmer der liebliche Duft von Suppe, Braten, Rumpunſch und andern leckern Dingen mir in die Naſe ſtieg. Doch das war nicht der Re⸗ de t warih Weit oͤfter fuͤhrte mich fruͤh der friſche — 22— Geruch eines Brotkorbes in Verſuchung, und hatte ich etwas Geld uͤbrig, ſo kaufte ich im Voruͤbergehen ein Brot und verſchlang es un⸗ terwegs— Wie Iſrael, hungrig in der Wüſte, Sich ſeines Manna freut. 5 Ich hatte ein Ziel im Auge und Brot. Mehr verlangte ich nicht. Selten war es freilich mein Schickſat, mehre gluͤckliche Tage nach einander zu erleben, und ein Paar Unfaͤlle ſtoͤrten den Gang mei⸗ nes beſcheidenen, friedlichen, ich moͤchte ſagen, tugendhaften Lebens. Mein eifriger Fleiß hat⸗ te indeß ſo gluͤcklichen Erfolg, daß ich bei der Pruͤfung mit ziemlichem Ruhme beſtand, und am Ende des Mais war ich im Beſitze der Wuͤrde, die ich geſucht hatte, und uͤberdieß im Beſitze einiger Buͤcher und Werkzeuge und eines ſchaͤ⸗ big vornehmen Anzuges von tabackbrauner Far⸗ be. Ich kam mit einer einzigen Guinee in der Taſche nach Maldoun. Dalrymple, ſeine Frau und Ronaldſon empfingen mich ſehr freund⸗ lich und ich trat ſogleich meinen Beruf an. Das Leben, zu weſchem ich nun uͤberging, iſt wohl ſo ſchwer als irgend eines in der Welt. Mein Goͤnner war lange der geſuchteſte Wund⸗ arzt in dem Staͤdtchen geweſen, und faſt auch in der ganzen umliegenden Gegend, einem wil⸗ den, meiſt als Weideland benutzten Bezirke. Ich legte mich ſelten zur Nachtruhe nieder, ehe ich einen der ſtaͤrkſten Wallachen, den je die Inſel Mull ausfuͤhrte, zu Schanden geritten hatte, und es war zehn gegen eins darauf zu wetten, daß ich nicht zwei Stunden ſchlafen konnte, ohne wieder aufgeſtoͤrt zu werden, um vielleicht zehn bis funfzehn Meilen ſogleich zu⸗ ruͤcklegen zu muͤſſen. Kein Araber in der Wuͤ⸗ ſte verbraucht mehr Steigbuͤgelleder, als ein wohl beſchaͤftigter Landwundarzt in Schottland. Ich kann wohl ſagen, ich lehte nur auf dem Pferde. Dieſe beſchwerliche Lebensweiſe war jedoch nicht ohne ihre Annehmlichkeiten. Ich ritt gern Tag fuͤr Tag, und hatte das Landle⸗ ben ſo lieb als das Landvolk. Es machte mir Freude, um Mitternacht durch windige Thä⸗ ler zu fliegen, und mit meinem Pferde durch toſende Bergſtroͤme, oder ſelbſt durch einen klei⸗ nen See zu ſchwimmen, war fuͤr mich nicht mehr als ob ich mein Fruͤhſtuͤck gegeſſen haͤtte, wozu, beilaͤufig geſagt, jene Anſtrengungen die — 24— Luſt wohl erwecken konnten. Ich fand mein Vergnuͤgen daran, die Lebensweiſe an den Oer⸗ tern, wohin ich gerufen wurde, zu beobachten. Ich nahm Theil an dem Punſch, womit der Landmann waͤhrend der Krankheit ſeiner Frau ſeine Beſorgniſſe linderte; ich hoͤrte auf das Theetiſch⸗Geſchwaͤtz der Gevatterinnen; ich ließ mir vom Landjunker die Neuigkeiten vom letz⸗ ten Monate und von ſeiner Gemahlinn die Mo⸗ den vom vorigen Jahre mittheilen; ſprach mit dem alten verabſchiedeten Offizier uͤber Lord Gran⸗ by und den Kronprinzen, mit dem Prediger uͤber die Pfarrzehnten; koſtete den Branntwein, wie er heiß von der Blaſe lief, und ritt bruͤderlich neben dem Friedensrichter, dem Steuereinnehmer, oder 3 dem Schleichhaͤndler, wie ſich's eben fuͤgte. In allem Ernſte, ich glaube, der Arzt hat wenggſtens eben ſo gute Gelegenheit, die menſch⸗ liche Natur in ihrem wahren Weſen zu erfor⸗ ſchen, als jeder Andere. Der Geiſtliche geht ſeinen Weg, ohne von der wahren Geſtalt der Dinge ſonderlich viel zu ſehen, aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil die Menſchen ſich immer ein wenig gezwungen fuͤhlen, wenn der Schwarz⸗ rock in der Stube iſt; ein Umſtand, der, beilaͤu⸗ ſig geſagt, beweiſet, wie hoͤchſt ungereimt es iſt, ſehr junge Leute in den geiſtlichen Stand aufzunehmen. Wer mit ein und zwanzig Jah⸗ ren in dieſen Stand tritt, wird nie viel mehr Menſchenkenntniß als ein Knabe haben, um die Anſichten, die er aus der Buͤcherwelt mitbringt, berichtigen zu koͤnnen. Es giebt freilich Aus⸗ nahmen; aber verlaſſen Sie ſich darauf, dieß iſt die Regel, und ich glaube, wenn die engliſche Kirche drei und dreißig, ſtatt drei und zwanzig feſtſetzte, ſo wuͤrde es eine weiſe Veraͤnderung ſein. Sieht der Geiſtliche das Bild unter ei⸗ nem entſtellenden Firniß, ſo weidet dagegen der Rechtsgelehrte ſein Auge faſt ohne Ausnahme an der dunklen Seite des Gemaͤhldes. Alle Menſchen, auch Frauen, ſind unedel, wenn ſie vor Gerichte gehen. Menſchen, die im gewoͤhn⸗ lichen Leben ſogar durch Edelmuth ſich auszeich⸗ nen, laſſen ihre Bedenklichkeiten fallen, ſo bald der Rechtshandel anhaͤngig iſt, und ſagen: Im Kriege iſt alles erlaubt. Wer haͤtte je mit ei⸗ nem alten Rechtsgelehrten geſprochen, ohne ihm ſeinen Glauben an das allgemeine Verderbniß der Menſchheit abzumerken? Ganz anders aber verhaͤlt es ſich mit meinen ehemahligen Beruf⸗ genoſſen. Niemand iſt ein Held in den Augen ſeines Kammerdieners, und Wenige koͤnnen, ihrem Arzte gegenuͤber, die Rolle eines Heuch⸗ lers durchfuͤhren. Nein, mein Freund, man kann nicht immer die Maske tragen. Der Arzt kommt zu jeder Stunde zu ſeinen Leuten, er ſieht ſie in jedem Geſundheitzuſtande, in jeder Seelenſtimmung, und hat er Augen zum Sehen, und Ohren zum Hoͤren, ſo muß er merken, wie die Sachen ſtehen. Ich fuͤr meinen Theil kann ſagen, daß meine Erfahrung mir im Gan⸗ zen alles von einer guͤnſtigen Seite gezeigt hat. Ich habe freilich wohl geſehen, wie der prah⸗ lende Stoiker, bloß beim Anblicke meiner Zan⸗ ge, vor Schrecken ſein Zahnweh verlor, und auch wohl bemerkt, daß man ſich am Sonnta⸗ ge mit Weib und Kindern in der Kirche erbau⸗ lich ausnehmen und doch im Innern des Hau⸗ ſes ein kleiner Tyrann ſeyn kann. Es iſt aller⸗ dings auch wahr, daß ich ſehr muſterhafte Frauen nicht abgeneigt gefunden habe, mit dem Arzte zu liebeln, waͤhrend ihres Mannes Bein in den Schienen lag. Aber auch viel angeneh⸗ mere Erfahrungen habe ich gemacht. Ich habe einen rohen Cyniker drei Naͤchte nach einander — 29— an einem Krankenbette ſitzen, ich habe die mun⸗ tre, ſchoͤne Frau Dienſte verrichten ſehen, vor welchen das Geſinde zuruͤckgebebt ſein wuͤrde, ich habe Erben aufrichtige Thraͤnen weinen ſe⸗ hen. Ein altes Sprichwort ſagt: Schmelzt die Sonne den Schnee, den Koth ich unten ſeh'. Aber trotz funfzig Sprichwoͤrtern, glaube ich doch, daß die Wurzeln wahrer Tugend unter dem Froſte der Truͤbſal Kraft erlangen. Ich merke wohl, Sie wundern ſich, daß ich mich in dieſe Abſchweifung verloren habe, ehe ich etwas von einem gewiſſen anmuthigen Huͤttchen am Ufer des Ora ſagte. Oft hatte ich jedoch ſchon waͤhrend dieſer Zeit meinen Weg dahin gefunden. Aus vielen weit von einander entfernten Gegenden ging mein Heimweg nach Maldonn laͤngs dem Ufer des ſtolzen Stromes. Oft trank ich Thee in dem niedrigen Huͤttchen, das nun ein recht niedliches und freundliches Zimmerchen hatte; manche Butterſchnitte hatte Mutter Baird hier auf ihrem reinlichen Teller mir gereicht, manche Kartoffel in der Aſche ih⸗ res ſaubern Herdes mit geſchickter Hand fuͤr mich gebraten, und manches Glaͤschen aus der ſeltſamen, alten, hauchigen hollaͤndiſchen Flaſche, — 28— die ruhig in dem kleinen Speeiſeſchranke ſtand, mir eingeſchenkt, ja und oft hatte ich auch, ehe der Sommer voruͤber war, mit Johanna un⸗ ter den alten breitwipfeligen Baͤumen geſeſſen, und die letzten Strahlen der Sonne auf dem glaͤnzenden Strome erloͤſchen ſehen. Oft hatte ich mit ihr den buſchigen Huͤgel erklimmt, und auf bluͤhendem Heidekraute gelagert, auf das weite reiche Thal, auf Fluß, See und Dorf, die unten in der Daͤmmerung ſchliefen, hinabge⸗ blickt, oder hinabzuſehen geſchienen! Brauche ich zu verrathen, was der Erfolg war? Lange vorher ehe der Winter den Ora mit Eis bedeck⸗ te, glaubte ich, dieſer holden Seele alles zu ſein, und haͤtte gern auch geglaubt, daß ſie mir alles waͤre. Ich will mich nicht verſtellen, ich will Ihnen nichts verhehlen. Immer verfolgte mich ein gewiſſer finſterer und vorwurfpvoller Gedanke. Viel tauſendmahl wollte meine zit⸗ ternde Lippe ausſprechen: Ich liebe Sie, Jo⸗ hanna, aber es iſt nicht jene Liebe— Und tauſendmahl ſprach ich zu mir ſelber: Du be⸗ truͤgſt dieſen holden Engel. Und doch warum ihr Schmerz bereiten, mitten in ihrer Freude? Warum jenes freundliche Auge durch die Oeff⸗ — 29— nung dieſes verſengten und verbrannten Buſens erſchrecken? Nein, nein, vergiß eitle Traume und lebe! Sei ein Mann und baue auf deine Mannhaftigkeit. Dein Herz iſt nicht erſchöpft. Laß den ſanften Quell frei hervorwallen, wenn auch der Strom vertrocknet iſt. Ich liebte dieſes ſanfte Maͤdchen, und hei⸗ rathete ſie, ſobald mein Probejahr voruͤber war. Die Verabredungen, die ich mit Ronaldſon getroffen hatte, ſetzten mich in den Stand, mei⸗ ne Frau in ein kleines, aber nicht unfreundli⸗ ches Haus im Staͤdtchen zu fuͤhren. Hinter dem Hauſe, nach dem Fluſſe hin, lag ein ſehr huͤbſches Gaͤrtchen. Wir hatten beide lebhaft gewuͤnſcht, unſrer Freundinn, Mutter Baird, eine Wohnung unter unſerm Dache zu bereiten, ſo bald wir ein Haus haͤtten. Die Alte aber wollre durchaus nicht in unſre Abſicht eingehen, und wir hatten das Vergnuͤgen, eine ſehr acht⸗ bare junge Frau, ihre entfeinte Verwandte, in ihrer Huͤtte angeſiedelt zu ſehen, ehe wir ſie verließen. Wir wurden in Gegenwart unſrer ehrwuͤrdigen Freundinn getraut, und gingen allein in der Abenddaͤmmerung deſſelben Tages in unſre neue Wohnung. — 30— Zch maͤßte wahrlich ein roher Menſch geweſen ſein, wenn ich mich nicht zufrieden gefuͤhlt haͤt⸗ te. Welcher Unterſchied, nach einem langen und muͤhſamen Tagewerke in Ronaldſon's Haus zu⸗ ruͤckzukehren, und— heim zu gehen! Sonſt fand ich einen trocknen, alten, wunderlichen Ha⸗ geſtolzen mit einem ſteifen Zoͤpfchen, der mit der Pfeife im Munde am Kamin uͤber einer ver⸗ alteten Zeitung hockte, oder mich mit ſeinen ewigen Fragen und Erlaͤuterungen uͤber die vor⸗ gekommenen Faͤlle quaͤlte; wie ganz anders aber war es nun, wenn mich an der Thuͤre meines Hauſes jene ſanfte, ſtille, liebevolle Frau be⸗ willkommete, die nur an meine Erquickung und Bequemlichkeit dachte, die meine Pantoffeln zu⸗ recht geſtellt und ein wohlſchmeckendes Abend⸗ brot oft ſelbſt gekocht und immer zum Anrichten bereit hatte. Ich hatte nun zwar ein Einkommen, aber nur ein ſehr geringes, und einige hundert Pfund, die Johanna beſaß, waren beinahe ganz fuͤr das Haus und deſſen Einrichtung darauf gegangen. Wir hatten eben unſer Auskommen, jedoch nichts wegzuwerfen, und mußten daher ſehr eingezogen leben, was wir denn auch tha⸗ ten. Die Einſamkeit aber war allein Johan⸗ — 31— na's Loos. Ich war den ganzen Tag auswaͤrts, thaͤtig und beſchaͤftigt, und ſah viele Menſchen, ſie aber war zu Hauſe und faſt immer allein, arbeitete oder las auf ihrem Sitze am Fenſter, oder wartete die Blumen im Garten. Es konnte keine abgeſchiedenere, keine einfoͤrmigere Lebens⸗ weiſe geben, und dennoch war ſie ſo weit davon entfernt, dieſes Lebens muͤde zu werden, oder zu murren. Ich fand immer, wenn ich heim kam, daſſelbe ſuͤße, zufriedene Laͤcheln in ihrem Geſichte, immer denſelben ſtillen Frohſinn, im⸗ mer dieſelbe milde, vertrauende Zaͤrtlichkeit, und jeder Blick, jede Gebehrde ſagte deutlicher als Worte: Du biſt mein Mann— ich bin gluͤcklich. An den Sonntagabenden, wenn nicht etwa ein Krankenbeſuch mich abhielt, gingen wir am Fluſſe hinauf, um bei Mutter Baird Thee zu trinken. Die gute Alte empfing uns mit Stolz und Freude, nannte uns ihre lieben Kinder, und ſagte, ſie koͤnnte nun gluͤcklich ſterben. Ich war mittlerweile nicht nur immer in meinem Berufe beſchaftigt, ſondern machte auch ſchnelle und merkliche Fortſchritte in den Kennt⸗ niſſen, die er forderte. Meine Bemuͤhungen war — 32— ren ſo gluͤcklich, daß mehre gelungene Heilungen, woran Ronaldſon keinen Antheil hatte, in der ganzen Umgegend Aufmerkſamkeit erweckten, und ich wurde in einige angeſehene Haͤuſer ge⸗ rufen, die ſich nie vorher ſeines aͤrztlichen Ra⸗ thes bedient hatten. Ich hatte aͤberdieß um dier ſe Zeit eine wundaͤrztliche Vorrichtung erfunden, die noch meinen Nahmen fuͤhrt, und deren Zweckmaͤßigkeit in einer der geachtetſten Zeitſchrif⸗ ten— wahrhaftig nicht von mir ſelbſt— ſehr geruͤhmt wurde. Bei der Gelegenheit, als ein Mann in unſrer Gegend von ſeiner Frau war vergiftet worden, mußte auch ich waͤhrend der gerichtlichen Unterſuchung nebſt den uͤbrigen Landaͤrzten mein Gutachten uͤber den Fall abge⸗ ben, das nach dem allgemeinen Ausſpruche mehr Licht uͤber die ſtreitigen Punkte verbreitete, als die vorher, oder nachher gegebenen Zeugniſſe der andern Aerzte, und ich erhielt von dem Ge⸗ richtshofe eine warme Belobung. Dieſe und einige andere kleine Vorfaͤlle der Art hatten ihre gewoͤhnlichen Wirkungen auf die arme Menſchennatur. Kurz, meine Eitel⸗ keit regte ſich, und ich glaubte, daß ich nach Ab⸗ laufe des, auf ein Jahr geſchloſſenen Vertrages * einen reichlichern Antheil von den Vortheilen eines Geſchaͤftes fodern duͤrfte, als deſſen kraͤf⸗ tigſte Stuͤtze ich mich betrachtete, und mit deſ⸗ ſen Beſchwerden Ronaldſon, ſeit ich ſein Ge⸗ hilfe geworden war, ſich allerdings ſehr wenig belaͤſtigt hatte. Um dieſe Zeit, als es mit meinem Rauſche ziemlich ſchnell vorwaͤrts ging, kam der Mar⸗ quis von N. mit den Seinigen, nach einem mehrjaͤhrigen Aufenthalte auf dem Veſtlande, nach Schottland zuruͤck, und bezog einen Land⸗ ſitz, der gegen funfzehn Meilen von Maldoun aufwaͤrts am Fluſſe lag. Wir hatten in ſo wei⸗ ter Entfernung, nach jener Gegend hin, keine Kranken zu beſorgen, und dieſes Ereigniß war mir daher anfaͤnglich ziemlich gleichgiltig; aber der Marquis war kaum vierzehn Tage auf ſeinem Gute, als man mich rufen ließ, mich— nicht Ronaldſon und Waldie, ſondern mich, den Dok⸗ tor Waldie, der die Edelfrau, die von ihrem Gartenſeſſel gefallen war und den Arm gebro⸗ chen hatte, behandeln ſollte. Man kann denken, daß ich der Einladung bereitwillig folgte, und ich war ſo gluͤcklich, die Kranke in wenigen Wochen zu ihrer vollkomme⸗ Zweiter Theil. 3 ** — 34— nen Zufriedenheit zu heilen. Ich ſchlief, waͤh⸗ rend ich ſie behandelte, mehre Naͤchte im Schloſſe, und wurde von allen ihren Angehoͤ⸗ rigen, beſonders aber von ihr, in dieſer Zeit beinahe wie ein Freund betrachtet. Als ich nach vollendeter Heilung Abſchied nahm, ward ich dringend eingeladen, das Schloß wieder zu be⸗ ſuchen, wenn ich einmahl in die Gegend kaͤme. Der Lohn, den ich davon trug, war ohne Frage der anſehnlichſte, welchen ich je erhalten hatte, und Sie moͤgen mir glauben, daß ich bei meiner damahligen mißvergnuͤgten Stimmung nicht ſonderlich zufrieden war, als Ronaldſon neun Guineen einſtrich, und demjenigen, der dieſen glaͤnzenden Lohn geerntet hatte, nach den Beſtimmungen unſeres Vertrages, nur eine zugetheilt wurde. Ich fand Veranlaſſung, mei⸗ nem Freunde Daltymple nicht lange nachher meine Anſichten mitzutheilen, und der wuͤrdige Mann, der ſelber die großmuͤthigſten Geſinnun⸗ gen hegte, nahm zu meinem Ungluͤcke einen lebhaften Antheil an der harten Lage, worin ich zu ſein ſchien, indem ich fuͤr einen alten Ha⸗ geſtolzen arbeitete, welcher, ſo viel mein Freund wußte, keinen nahen Verwandten als Erben hinterließ, waͤhrend ich, mit einer jungen Frau verbunden, und bei der Ausſicht auf Nachkom⸗ menſchaft, durch alle Anſtrengung nichts als einen nothduͤrftigen Unterhalt gewann. Dalrymple hatte, wie ich fruͤher ſchon angedeutet habe, ge⸗ wiſſe mir zu jener Zeit noch unbekannte Rechte, mit Ronaldſon freimuͤthig uͤber dieſe Angelegen⸗ heit zu ſprechen, und er that es; aber der alte Murrkopf nahm dieſe Einmiſchung ſo uͤbel, daß ſeit jenem Tage mein Verkehr mit ihm ſehr unangenehm fuͤr mich war. Ich glaube in der That, die Botſchaft des Marquis von N. und deren Folgen hatten in ſeiner Bruſt eine tieſe Wunde gemacht, und er mochte gern den Vor⸗ wand ergreifen, ein wenig zu ſchmollen, ohne gerade den ausdruͤcklichen Vorwurf eines Angrif⸗ fes ſich zuzuziehen. Ich war aber durchaus nicht in der Stim⸗ mung, ſein Schmollen zu ertragen, wenn es ſich zeigte. Ein Paar Scharmuͤtzel bahnten den Weg zu einer ernſten und unmuthigen Eroͤrte⸗ rung. Ich ſprach, in Vergleichung mit meinem alten Herrn, nur wenig, aber was ich ſagte, wurde mit hinlaͤnglicher Bitterkeit geſagt. Un⸗ umwunden warf er mir Undankbarkeit vor, und 3 r — 36 ,— ging ſo weit, einen Wink fallen zu laſſen, daß ich mich gleich anfaͤnglich mit der Abſicht bei ihm eingefuͤhrt haͤtte, ihn bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit um das Wohlwollen ſeiner Kunden zu bringen und dann die Verbindung abzubre⸗ chen. Dieß war mir unertraͤglich. Ich war ſo unbedachtſam, ihm zu ſagen, wenn er weniger weiße Haare auf dem Kopfe haͤtte, wuͤrde ich mich auf der Stelle an ihm vergriffen haben. Er ſchaͤumte vor Wuth, und ich verließ das Zimmer, um es nie wieder zu betreten. Unſer Vertrag wurde ſogleich aufgehoben, obgleich noch viele Wochen bis zu deſſen Eridſchum 8 waren. 4 Dieſer Bruch machte viel Aufſehen in dem Staͤdtchen. Ronaldſon war alt und reich, und außer dieſen Verdienſten, auch Mitglied der Whiſt⸗Geſellſchaft im vornehmſten Wirthshauſe des Ortes, die er regelmaͤßig jeden Abend, Sonn⸗ tag ausgenommen, beſuchte. Die Mitglieder dieſes Vereins, mit Einſchluß einiger alten, auf Ruegehalt geſetzten Offiziere, der angeſehenſten Maͤnner des Ortes, ſo wie des Brauers, der zugleich erſter Stadtbeamter war, zweier Kraͤ⸗ mer, die ſeit undenklichen Zeiten als Rathsher⸗ — 37— ren angeſtellt waren, und eines vom Schlage gelaͤhmten Sklaventreibers, der durch jaͤhrliche Geſchenke von Kaffee und Ratafia die maͤnnli⸗ che und weibliche vornehme Welt in Maldoun. gegen alle Anſtoͤßigkeiten ſeines vielfarbigen Be⸗ ſitzthums nachſichtig zu machen wußte, und end⸗ lich der Notarius, der— wunderbar genug— der Einzige ſeines Geterbes im Orte war— alle dieſe Ehrenmaͤnner fingen einmuͤthig an, ihre Zungen mit vorſichtiger Giftigkeit uͤberall, wo ich mir nicht Gehoͤr verſchaffen konnte, ge⸗ gen mich loszulaſſen. Ein andrer Arzt, der ſein Lebenlang nur die Naſe uͤber Ronaldſon ge⸗ ruͤmpft hatte, ſpielte jetzt die echt chriſtliche Rol⸗ le, die Partei ſeines Nebenbuhlers mit aller Gewalt, oder genauer zu ſprechen, mit Achſel⸗ zucken und Schnuͤffeln, zu nehmen. Der Pre⸗ diger hingegen, der die Whiſt⸗Geſellſchaft fuͤr einen Graͤuel hielt, und ſeine Frau, die durch Johanna's fleißiges Kirchengehen ſehr erbaut war, ſo wie die Kirchſpiel⸗Aelteſten, die mit dem Rathe, wegen mehrer zwiſtigen Gegenſtaͤn⸗ de der Verwaltung und beſonders wegen ſtreiten⸗ der Anſpruͤche auf die Oberauſſicht uͤber milde Anſtalten, in ewiger Feindſeligkeit waren, dieſe und vor allen auch die Hebamme, die bei ſonſt gleichen Umſtaͤnden einen jungen Ehemann ei⸗ nem alten Hageſtolze vorzuziehen pflegte, der alte Sreuereinnehmer, dem ich nach einer Schlaͤ⸗ gerei mit Schleichhaͤndlern den Kopf geheilt hat⸗ te, einige junge Leute, 1 welchen ich bei beſon⸗ dern Gelegenheiten nuͤtzlich geworden war, und endlich die Putzmacherint, die das Hochzeitkleid meiner Frau gemacht hatte— dieſe alle und jede nahmen offen meine Partei. Kein Wun⸗ der, daß es einen harten Kampf gab, und mei⸗ nes Beduͤnkens eben ſo wenig ein Wunder, daß ich den Kuͤrzern zog, in ſo fern die edle Stadt Naldoun dabei im Spiele war. Ich gab bald den Gedanken an die Stadt gaͤnzlich auf, und auch vom Lande erhielt und erwartete ich anfaͤnglich nicht viel, denn ich hat⸗ te Bedenken getragen, einen Kranken in der Umgegend wieder zu beſuchen, ehe die Aufloͤ⸗ ſung meiner Verbindung mit Ronaldſon offen⸗ kundig war, und dieſer hatte indeß jede Gele⸗ genheit benutzt, ſeine ununterbrochene Bekannt⸗ ſchaft mit mehren Haͤuſern, die ſich fruͤher ſei⸗ nes Rathes bedient hatten, wieder anzuknuͤpfen. Der alte Herr machte nun einen Ritt durch die Umgegend, in Begleitung ſeines ehemahli⸗ gen Gegners, mit welchem er, wie er ſagte, in Verbindung getreten waͤre, da ich durch eine wenig umgaͤngliche Stimmung und durch unar⸗ tiges Betragen, es ihm unmoͤglich gemacht haͤt⸗ te, meine Dienſte kuͤnftig zu gebrauchen. Als Ronaldſon ſeinen neuen Gehilfen uͤberall gehoͤ⸗ ig eingefuͤhrt hatte, uͤberließ er es ihm, mir den Erwerb auf dem Lande ſtreitig zu machen. Sie hatten die Abrede getroffen, daß der aͤlteſte Genoſſe der neuen Geſellſchaft ſich auf die Stadt beſchraͤnken ſollte, wie er es zeither zu thun ge⸗ wohnt geweſen war, und der Zuſtand ſeiner Ge⸗ ſundheit und ſeine Kraͤfte erlaubten ihm auch in der That keine andre Wahl. Eine gewiſſe Regung von Verlegenheit brachte mich beinahe eben ſo ſehr als der Eifer des neuen Verbuͤndeten in das Hintertreffen; nach und nach aber wurden viele meiner Freun⸗ de in den Thaͤlern meinem Nebenbuhler untreu, der allerdings kein Hexenmeiſter war, und ih⸗ nen gewiſſer Maßen war aufgedrungen worden. Am Ende des Sommers war ich im Beſitze ei⸗ nes freien und unabhängigen Geſchaͤftes, das — 40— freilich weniger umfaſſend, aber doch weit ein⸗ traͤglicher als das aufgegebene war. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit, wo Unruhe und Verdrießlichkeiten mich verfolgten, ging nichts uͤber die Gemuͤthsruhe und milde Stim⸗ mung, womit Johanna alle Begegniſſe ertrug. In ihrem ſanften, hoffnungvollen und ver⸗ trauenden Gemuͤthe war tauſendmahl mehr wah⸗ rer Heldenmuth, als in meinem kalten Stolze und meiner hartſinnigen Verachtung. Das ein⸗ zige, was ich beſſer als ſie ertrug, war ein leid⸗ lich witziges Spottgedicht, das ein Schulmeiſter gemacht hatte. Dieſe Schmaͤhſchrift, worin ich ſehr grob mitgenommen wurde, theilte die Predigerfrau ihr mit, und als ich heim kam, erzaͤhlte mir Johanna mit Thraͤnen des Grams und Unwillens davon. Ich ſah, wie der Ge⸗ danke, daß ich zum Gegenſtande des Gelaͤchters gemacht war, ihr beinahe das Herz gebrochen hatte; aber am naͤchſten Tage ſang ich ihr das Lied vor, und meine Munterkeit gab ihr nicht nur ihren Gleichmuth wieder, ſondern raubte auch dem Spotte ſeinen Stachel. Spreta exo- lescunt. ——————— — — 4W. 4 In der Zeit, wo ich mit ſolchen weltlichen Schwierigkeiten zu kaͤmpfen hatte, erſchienen die engliſchen wandernden Methodiſten*) zuerſt in dieſer Gegend des Landes. Meine Frau hatte dieſe Prediger etwa zwei⸗ mahl gehoͤrt, als ich aber bemerkte, daß ſie niedergeſchlagen nach Hauſe kam, ſuchte ich ſie *) Die Methodiſten⸗Gemeine wurde 1729 zu Orford durch Johann Wesley und ſeine gleich geſinn⸗ ten Freunde geſtiftet, zu welchen ſich 1735 auch Georg Whitefield geſellte. Sie verbreitete ſich nach und nach in allen Theilen der Welt. Sie bil⸗ det eine enge verbundene Genoſſenſchaft, deren Glie⸗ 2 —— der ſich überall kennen, und zerfallen in zwei Haupt⸗ ſekten, kalviniſtiſche und arminianiſche Methodiſten. Zu jenen rechnet man die Anhänger Whitefield's, zu dieſen die ſtrengern Jünger Wesley's. In Schott⸗ land machten die Methodiſten zwar nie große Fort⸗ 3₰ ſchritte, aber Whitefield gewann doch bei den kalvi⸗ niſtiſchen Anſichten der Schottländer mehr Beifall ais Wesley. L. — 42— von weitern Beſuchen abzuhalten. Was ſie mir von der Beredſamkeit des Mannes ſagte, den ſie gehoͤrt hatte, erweckte indeß auch meine Neu⸗ gier, und eines Abends, als Whitefield wieder nach Maldoun kam, wollte ich ſie begleiten, weil ich ſelber uͤber die Rednergaben des Mannes ein Urtheil faͤllen zu koͤnnen und eine deutliche Einſicht zu haben wuͤnſchte, wenn ich etwa in der Folge es fuͤr paſſend hielte, meiner Frau ernſtlicher Einhalt zu thun in ihrer Neigung zu einem Zeitvertreibe, der mir zwar nichts als eine fluͤchtige Unterhaltung zu ſein ſchien, aber doch, wie ich argwoͤhnte, eine etwas gefaͤhrliche Richtung hatte. Wir gingen an einem ſchoͤnen Sommerabende mit einander auf den Kirchhof, und ſetzten uns auf einen Grabſtein, um unter einer zahlreichen Verſammlung, welche, wie ich glaubte, mit der ganzen Volksmenge unſeres Thales kaum in Verhaͤltniß ſtand, die Ankunft des weitberuͤhmten Redners zu erwarten. Ja, ein Redner war er in der That. Ich brauche ihn nicht zu beſchreiben, da Sie wohl beſſere Schilderungen geleſen haben werden, als ich entwerfen koͤnnte; aber ich glaube wahrlich, Whitefield uͤbertraf als Redner ohne Zweifel ———— ··· — — 43— alles, was wir beide gehoͤrt haben. Das Feu⸗ er, der Eifer, der Sturm der Begeiſterung ſprach in jeder hehren, und doch wohllautenden Schwingung der ſchoͤnſten Menſchenſtimme, die ich je hoͤrte. Jeder Ton klang hell, wie eine ſilberne Trompete, in der Stille der Abendluft. Die glaͤnzende Sonne, die langſam in den ſchwuͤ⸗ len Wolken niederſank, goß einen himmliſchen Purpurglanz auf den Mann und die Umgebung. Die zahlloſe Volksmenge ſaß ſchweigend, wie die Todten unter ihr, waͤhrend die Hand des geiſt⸗ vollen Mannes, der die ganze Kraft der Be⸗ geiſterung aufbot, jede Saite der Leidenſchaft anſchlug. Meine arme Johanna, deren Augen zuweilen in Thraͤnen ſchwammen, ſaß neben mir in jener tiefen, traͤumenden, lieblichen Schwermuth, die uns ſo oft im weiblichen Au⸗ ge die Gewohnheit leſen laͤßt, in den irdiſchen Dingen lieber das Romantiſche als das Wirk⸗ liche zu beachten, und die auch der Frauen na⸗ tuͤrlichen Hang, nach einem unbekannten Etwas ſich zu ſehnen, beſſer offenbart als ſelbſt der beßte Roman es vermag. Trotz des Antheils und der Bewegung, die in jenem Augenblicke meine Bruſt aufregten, bemerkte ich doch mit ——jjjj — 44— 1 Kummer und Unruhe in Johanna's Blicken nicht bloß jene ſanfte Traurigkeit, ſondern einen finſtern faſt verzweifelnden Truͤbſinn. Als ich ihren Arm nahm, um heim zu gehen, ſagte ich zu mir ſelbſt: Dieſer Mann iſt der Erſte der Redner, aber meine Frau ſoll ihn nicht mehr hoͤren. 4 Ich ſagte am ſelbigen Abend meiner Frau alles, wodurch ich ſie auf andre Gedanken brin⸗ gen zu koͤnnen glaubte, aber obgleich ſie ſich gar nicht in Eroͤrterungen mit mir einließ, ſo ſah ich doch, daß alle meine Worte verloren wa⸗ ken. Es gibt Dinge, woruͤber man mit Frau⸗ en vergebens ſtreitet, und Religion, oder was den Nahmen Religion annimmt, gehoͤrt dazu. Waͤre ich unbeſchaͤftigt und immer zu Hauſe ge⸗ weſen, ſo haͤtte es vielleicht anders ſein koͤnnen; aber ich beſorgte bald, daß Johanna's lange und ein⸗ ſame Stunden jetzt, wo die Dinge den erſten glaͤn⸗ zenden Bluͤtenſchmuck fuͤr ſie verloren hatten, einer Beſchaͤftigung, oder Zerſtreuung bedurften, um ihre langweilige Einfoͤrmigkeit aufzuheitern. Ich war daher, wenigſtens nach dem Anſcheine, nachſichtig gegen etwas, wogegen, wie ich wohl ſah, Widerſtand ſehr ſchwierig geweſen ſein wuͤrde, und es entging mir auch nicht, daß nach einem ſiegreichen Widerſtande leicht etwas minder Angenehmes an die Stelle haͤtte kom⸗ men koͤnnen. Johanna's neue Liebhaberei kam nie in Widerſtreit mit den großen Pflichten, die ſie zu erfuͤllen hatte, und ich bemerkte in der Sor⸗ ge fuͤr das Hausweſen keinen Unterſchied, und wurde bei meiner Heimkehr wie immer bewill⸗ kommt. Oft ſprach ich zu mir: Nun, es iſt ja doch beſſer ſo, als wenn meine Frau Ge⸗ ſchmack an den armſeligen Zerſtreuungen gefun⸗ den haͤtte, womit ſo viele ihrer Nachbarinnen von ihrem Stande ſich abgeben. Auch mußte ich mir immer geſtehen, daß ihre Ueberſpan⸗ nung wenigſtens beſſer waͤre, als die entgegenge⸗ ſetzte Ausſchreitung, eine gaͤnzliche Gedankenlo⸗ ſigkeit und Weltſinnigkeit, wie's die Methodi⸗ ſten wohl ſelbſt nennen, wenn ich nicht irre. Ich kann es jedoch nicht laͤugnen, daß ich von der Zeit an, wo Johanna ſich entſchieden die⸗ ſer Schwaͤrmerei hingab, das Gefuͤhl nicht los werden konnte, ſie haͤtte aufgehoͤrt, mein, ganz mein zu ſein. Beſorgt, von meiner Stim⸗ mung mich hinreißen zu laſſen, unterließ ich es bald gaͤnzlich, uͤber die ſtreitigen Gegenſtaͤnde — 46— mit ihr zu ſprechen. Unter ſolchen Umſtaͤnden mußten doch zuweilen Fehltritte vorkommen, und beinahe argwoͤhnte ich zu Zeiten, ſelbſt wenn wir von Streitigkeiten am weiteſten ent⸗ fernt waren, daß ſie den Zweifel hegte, ob ihre Liebe gegen einen Mann, der von ihren Anſichten ſo ſehr abwich, nicht eine Art von Schwaͤche waͤre, wogegen ſie kaͤmpfen muͤßte. Das beſcheidene, ſanfte Weſen! Ich glaube, ich liebte ſie zuweilen eben darum nur deſto in⸗ niger. Ich geſtehe indeß zu meiner großen Be⸗ ſchaͤmung, daß ich bald in Johanna's zu ern⸗ ſter Stimmung, deren Zerſtreuung ich unmoͤg⸗ lich fand, oder zu finden glaubte, eine Ent⸗ ſchuldigung ſuchte, wenn ich zuweilen weniger haͤuslich lebte, als es mein Beruf unumgaͤng⸗ lich nothwendig machte. Hatte ich durch unge⸗ woͤhnliche Anſtrengung es moͤglich gemacht, fruͤh nach Hauſe zu gehen, ſo ließ ich mich zuweilen uͤberreden, es häͤtte nicht viel zu bedeuten, wenn ich bliebe, wo ich war, und bei einer Fuͤlle von Geſundheit und gluͤcklich in meinen Berufge⸗ ſchaͤften, war ich zu jener Zeit in einer aufge⸗ raͤumten Stimmung, die meinen Umgang den 1* .— 4,— Landjunkern angenehm machte, deren Gaſtfreund⸗ ſchaft ich genoß. Ich war gut beritten, und wenn es meine Zeit erlaubte, nie abgeneigt, an einem Wettrennen Theil zu nehmen, ja zuwei⸗ len ſah ich auch die Fuchshunde loslaſſen und kam in Verſuchung mitzugehn. Dieß war aber nichts weniger als eine bloße Unbeſonnenheit, da ich manchen zerbrochenen Schaͤdel flicken, manches Schluͤſſelbein einrichten mußte. Kurz,’ ich und mein Pferd, wir waren beide wohlbe⸗ kannt in der Gegend, und mein Beſtecke muß⸗ te zuweilen gar das Werkzeug liefern, einem Fuchſe die Ruthe abzuloͤſen. Man nannte mich in dem geſelligen Vereine, wo ich oft ſpeiſte, nur den Jagddoctor. Meeine Frau ertrug dieß mit ihrem gewoͤhn⸗ lichen Gleichmuthe. Es that mir zuweilen im Herzen weh, wenn ſie fruͤh um drei oder vier Uhr im Nachtkleide herab kam, mir die Haus⸗ thuͤre zu oͤffnen. Einmahl, aber nur einmahl, ward ich ſogar berauſcht nach Hauſe gebracht, und uͤberdieß hatte ich eine Kopfwunde, die Fol⸗ ge einer Schlaͤgerei, die zwiſchen meiner Tiſch⸗ geſellſchaft und einer Schleichhaͤndlerbande ſtatt fand, der es an der Klugheit fehlte, mit unſerm Wirthe, einem angeſehenen Friedensrichter un⸗ ſerer Grafſchaft, ein gutes Vernehmen zu un⸗ terhalten. Die arme Johanna gerieth daruͤber in große Betruͤbniß, und ich muß geſtehen, ſie ſagte am naͤchſten Tage Manches, das mir ſehr unangenehm war. Ich wußte, daß ich durchaus unrecht gehabt hatte; aber mein Kopf war zer⸗ hauen, uͤberall hatte ich Quetſchungen und ich war keineswegs in der Stimmung, eine Pre⸗ digt, auch nicht eine Gardinenpredigt, ſelbſt nicht aus dem Munde der liebreichſten Frau an⸗ zuhoͤren.. Doch— Sie koͤnnen ſich all dieß leicht denken. Laſſen Sie mich weiter erzaͤhlen. Um dieſe Zeit wurde meine Frau durch die Nachricht von dem Tode ihres Bruders, meines ehemahligen Zoͤglings, ſehr betruͤbt. Er ertrank in der Themſe unweit Eton, als er ſich mit einigen Mitſchuͤlern badete. Johanna hatte ihn zaͤrtlich geliebt, was bei ihren Halbſchweſteren kaum der Fall war, und auch mir ging das Ungluͤck nahe, da ich in dem kleinen Junker, ſo lange ich ihn unterrichtete, immer einen lie⸗ benswuͤrdigen und viel verſprechenden Knaben gefunden hatte. Johanna’s Stiefmutter mel⸗ dete uns das ungluͤckliche Ereigniß mit aller Foͤrmlichkeit der Umgangſitte, und wir erfuhren bald nachher, daß Fraͤulein Matilde, nun eine reiche Erbinn, einen jungen Gardehauptmann heirathen ſollte, der die Ehre hatte, mit der Familie ihrer Mutter nahe verwandt zu ſein. Ich glaube, wir wuͤrden beide den Tod des Knaben noch inniger betrauert haben, wenn nicht ſchnell andre Ereigniſſe gefolgt waͤren, die uns zerſtreut und alle unſre Gedanken beſchäf⸗ tigt haͤtten. Die gute Mutter Baird ward in demſelben Monate vom Schlage geruͤhrt, und Sie koͤnnen denken, daß meine Frau und ich ſeit dem Augenblicke, wo wir die ungluͤckliche Botſchaft erhielten, nicht von dem Bette der Kranken kamen. Die Alte ſchien anfaͤnglich ihre Beſinnung ganz verloren zu haben. Sie nannte zwar zu⸗ weilen unſre Nahmen, weit haͤufiger aber wen⸗ dete ſie ſich zu mir, als ob ich der verſtorbene Baronet und Johanna ſeine ungluͤckliche Ge⸗ liebte geweſen waͤre.„Heirathet ſie, edler Herr, heirathet ſie ſogleich, rief ſie einſt, als wir bei⸗ de vor ihr ſtanden. Ihr denkt, ich ſchlafe, aber ich ſehe und hoͤre alles, was Ihr ſagt. Zweiter Theil. 4 — 49— — 50— Heirathet das liebe Maͤdchen, junger Herr. Ich weiß es, ſie hat recht, wenn ſie ſagt, Ihr häͤttet's ihr verſprochen, und brecht Ihr euer Wort, edler Herr, ſo koͤnntet Ihr wohl er⸗ fahren, wenn Ihr im Sterben liegt, wie ich, daß eine Hand in Ketten gluͤcklicher iſt als ein Herz mit ſchweren Gedanken.“ Der Traum entſchwand, und nach einigen Minuten hatte ſie wieder ihre volle Beſinnung, und ſchien nichts von allem zu wiſſen, was ſie geſagt hatte. 8„ Sie uͤberlebte den Anfall mehre Tage. Am Abend ihres Sterbetages war ſie bei der volleſten Beſinnung und gab beſtimmte Anord⸗ nungen zu ihrem Begraͤbniſſe. Sie ließ durch ihre Baſe, die bei ihr wohnte, ein Bund Schluͤſ⸗ ſel ſuchen, und zeigte einen Schluͤſſel, welcher, wie ſie ſagte, Niemanden, als meiner Frau gehoͤrte.„Es iſt der Schluͤſſel zur gruͤnen Truhe, ſprach ſie, und ich haͤtte Euch auch die Truhe ſammt dem Schluͤſſel geſchickt, als Ihr geheirathet hattet, aber ich dachte, manche Din⸗ ge, die darin ſind, wuͤrden Euch Herzeleid ge⸗ macht haben. Ihr findet alle Habſeligkeiten eurer Mutter darin. Ich packte alles zuſammen, als wir das Schloß verlaſſen mußten.“ Als ſie ſich ihrem Ende nahe fuͤhlte, ver⸗ langte ſie von den Weibern, die um ſie waren, daß eine gewiſſe Schieblade geoͤffnet, und das erſte, das ihnen in die Augen ſiele, ihr gebracht werden ſollte. Es war ein Leichentuch, das ſie viele Jahre vorher mit eigener Hand bereitet hatte. Man gab es ihr hin, und als man ſie darein gehuͤllt hatte, wuͤnſchte ſie, mich noch einmahl zu ſehen. Ich fand ſie in dem Sterbekleide, und eie ne ernſte Heiterkeit war in ihren Zuͤgen. Kuͤßt mich, ſprach ſie, kuͤßt mich alle. Ich kann mich nicht wieder aufrichten. Als wir ihren Wunſch erfuͤllt hatten, ſprach ſie mit deutlicher und vernehmlicher Stim⸗ me:„Verlaßt mich nun, Kinder! Geht Al⸗ le! Ich habe eine lange Reiſe vor mir, und moͤchte mich gern auf den Weg machen. Ver⸗ laßt mich. Gott ſegne euch Alle.“ Ich fuͤhrte meine Frau hinaus, denn ich ſah, daß das Auge der Alten brechen wollte. Wir entfernten uns, und warteten im anſtoſ⸗ ſenden Gemache. Endlich ſchlich die Baſe ſich 4* zu dem Krankenbette, und kehrte alsbald mit der Nachricht zuruͤck, daß unſre Freundinn nicht mehr war. Ja, unſre Freundinn war ſie. Jo⸗ hanna ſchloß ihr ehrerbietig die Augen, und die Leiche der guten Alten war die aweite die ich in’s Grab legte. V. Einige Tage nach dem Begraͤbniſſe der guten Barbara Baird wurde die kleine gruͤne Truhe, de⸗ ren ſie erwaͤhnt hatte, in unſer Haus gebracht, und ich nahm Gelegenheit, den Inhalt ſelber zu un⸗ terſuchen, damit meine Frau nicht etwas finden moͤchte, das ihr unnoͤthigen Kummer erweckte. Ich fand den, von Motten gefreſſenen Anzug von ſchwarzem Atlas und das Buͤndel alter gel⸗ ber Litzen, die meine verſtorbene Freundinn mir lange vorher in der verbotenen Kammer in Barrmains gezeigt hatte. Viele kleine weibliche Putzſachen und Stuͤckchen von Stickereien lagen dabei. Unten in der Truhe fand ich zwei Kaͤſt⸗ chen, eines kleiner als das andre, und als ich vergebens nach den Schluͤſſeln geſucht hatte, er⸗ brach ich beide. In dem kleinern fand ich zwei Bildniſſe. Das eine war offenbar dieſelbe ſchoͤ⸗ ne Geſtalt, die ich in dem Gemaͤhlde in der Bodenkammer bewundert hatte, das andre aber war der Baronet in ſeiner Jugend, freilich mei⸗ nen Erinnerungen von dem Urbilde ganz un⸗ gleich, jedoch ziemlich aͤhnlich einem Gemaͤhlde — 34— 2 im Speiſeſaale, das ihn vorſtellen ſollte, wie ich wußte. Ich legte dieſe Bildniſſe fuͤr jetzt wie⸗ der in ihr Behaͤltniß, mit der Abſicht, ſie in groͤßere Rahmen ſpannen und in das Schlafzim⸗ mer meiner Frau haͤngen zu laſſen. Als ich das groͤßere Kaͤſtchen erbrochen hat⸗ te, ſah ich ein Packt mit drei ſchwarzen Sie⸗ geln, aber ohne Aufſchrift. Ich erbrach die Sie⸗ gel, und fand Briefe, den Briefwechſel zwi⸗ ſchen dem Baronet und ſeiner liebenswuͤrdigen Flammaͤnderinn vor ihrer Entfuͤhrung. Mein erſter Gedanke war, ſie ſogleich zu vernichten, als ich aber einen Brief uͤberblickt hatte, ward ich ſo ſehr von der natuͤrlichen und ruͤhrenden Anmuth der Sprache ergriffen, daß ich dem, in mir erwachenden Wunſche nicht widerſtehen konnte, und mich hinſetzte, alle mit Muße zu leſen. Alle waren franzoͤſiſch geſchrieben, und ge⸗ wiß ſehr anziehende und merkwuͤrdige Erzeug⸗ niſſe. Ich habe nie viele echte Liebesbriefe ge⸗ leſen, und ich zweifle auch ſehr, ob die Meiſten derſelben einem Dritten die Muͤhe des Leſens belohnen wuͤrden. Aber hier, in des armen Maͤochens Briefen, war eine ſolche Offenherzig⸗ 27 keit, eine ſolche freimuͤthige, kindliche Einfalt des Ausdruckes, ein ſolcher Stolz der Liebe, daß ich nicht weiß, ob Bewunderung und Mitleid, oder Verachtung und Unwille meine herrſchenden Gefuͤhle waren. Ich fand darunter einen Brief, der kurz vor der Entfuͤhrung geſchrieben war, und nie habe ich etwas aͤhnliches geſehen, nie auch nur gedacht. Welche Klagen, welche Vor⸗ wuͤrfe, mitten unter einem Thraͤnenſtrome, wel⸗ ches heftige und doch reuvolle Schmachten in ei⸗ nem Rauſche von Angſt, Freude, Stolz und Jammer! Die Maͤnner wiſſen doch nur wenig, was im innerſten Herzen eines Weibes vorgeht, und wie wenig wagt's ein Weib, etwas zu ſa⸗ gen, und noch weniger zu ſchreiben, das den Maͤnnern Licht geben koͤnnte! Aber hier ſchlug, brannte und bebte das Herz eines Weibes in dem Buſen eines kunſtloſen Kindes. Nichts wurde verhehlt, gar nichts; die Geopferte war ſtolz auf ihre Aufopferung in demſelben Augen⸗ blicke, wo ſie uͤber ſich jammerte. Des Man⸗ nes Selbſtſucht iſt doch die niedrigſte und ſchlech⸗ teſte von allen! Die Briefe des Verfuͤhrers waren, gegen des Maͤdchens Briefe, in ſchlechtem Franzoͤſiſch geſchrieben, und hatten uͤberhaupt das Gepraͤge eines Gemuͤthes, das tief unter dem ihrigen ſtand, einige derſelben aber waren auch nicht oh⸗ ne Ausbruͤche von Beredſamkeit. Anfaͤnglich hatte dieſer Mann, dachte ich, nicht die Abſich, ſie zu betruͤgen. Ich durchlas einen langen Brief, und fand nach endloſem Wertſchwall eige Zeile, die mich ſtutzig machte: Oui, mon ange, oui je vous le jure, Vous serez, vous ètes mon 6pouse. 1* Ich kannte die Geſetze meines Vaterlandes hinlaͤnglich, um wohl zu wiſſen, wie gefaͤhrlich der Gebrauch ſolcher Ausdruͤcke oft geweſen war, und ich konnte in der Nacht kein Auge ſchlie⸗ ßen, waͤhrend tauſend Traͤumereien durch meine Seele flogen, wovon mir fruͤher auch nicht ein Schatten vorgekommen war. Johanna bemerkte meine Unruhe, aber ich wollte ihr nicht die Qual machen, eine Bewegung zu theilen, welche, wie ich wohl einſah, ſehr leicht zu gar nichts fuͤhren konnte. Ich verſchloß meine Gedanken, brachte aber faſt den ganzen folgenden Tag damit zu, den Abſchnitt Ehe in einem halben Dutzend Rechts⸗ buͤcher, die ich von meinen Nachbarn zuſam⸗ men borgte, zu ergruͤnden. Ich blieb jedoch — 57— immer im Dunkeln, und konnte keinen klaren Sinn aus all den angefuͤhrten und wieder an⸗ gefuͤhrten Meinungzwiſten uͤber den consensus de futuro, consensus de praesenti, copulae subsequentes, uͤber Einwilligung rebus ipsis et factis, Verſprechungen in aestu datae, und ich weiß nicht, wie viel anderm Kauderwelſch here gus bringen. Ich erinnerte mich, daß einer der Beam⸗ ten des Landgerichts, den ich zuweilen in unſerm Verein geſehen hatte, vor Kurzem auf ſeinem Landſitze in unſerer Gegend angekommen war. Ich nahm mir vor, lieber ihm, als einem der Zungendreſcher in unſrer Nachbarſchaft, meine Bedenklichkeiten mitzutheilen. Ich ſetzte mich zu Pferde, und kam gegen Mittag, mit all meinen Schriften in der Taſche, auf dem ſchoͤ⸗ nen Landſitze an, wovon Lord Thirleton ſich nannte. Der Junker ſaß uf h dem Raſenzaune einer Fichtenpflanzung in ſeinem gewoͤhnlichen laͤndli⸗ chen Anzuge, einer Stutzperruͤcke, einer gruͤnen Jacke, ſchetlaͤndiſchen Struͤmpfen und kurzen ſchwarzen Kamaſchen. Ein kleines Weikzeug, das ſinnreich dazu eingerichtet war, zugleich als — 58— Stock, Haue und Unkrauthacke zu dienen, war an ſein Knie gelehnt, und waͤhrend er eine Weile ausruhte, um Athem zu ſammeln, las er ruhig einen rechtlichen Aufſatz, den er in die Taſche geſteckt hatte. Ich wartete, bis er mit einem Abſatze fertig war, und von dem Blatte zu mir auf⸗ blickte, worauf ich ihm mit ſo wenig Umſchrei⸗ bungen als moͤglich mein Anliegen eroͤffnett. Liebebriefe, Freundchen! ſprach er, die Haͤn⸗ de reibend. Her damit, her damit! Die habe ich gar zu gern, lieber Mann. Warum viel Redens davon machen— Semel insanivimus omnes. e Ich zog zwei Briefe hervor, die nach mei⸗ ner Meinung die Hauptſache enthielten, und beobachtete auſanaatſam ſein Geſ icht, waͤhrend er ſie las. Ei Freundchen! ſprach er, das Maͤdel ſchreibt gut. Ich verſtehe nicht jedes Wort in dem Kauderwelſch, aber ich ſehe, wo's hinaus will. Das arme Ding! Aber ein verliebtes Schaͤtzchen iſt ſie geweſen. Die Frage iſt, gnaͤdiger Herr, was das Gericht von dieſer Stelle denken wuͤrde, ſprach ich, und deutete auf die angefuͤhrte Zeile in des Baronet's Briefe. Sie wiſſen, wie Beide ſpaͤ⸗ terhin mit einander gelebt haben. Darf ich fra⸗ gen, was die ſchottiſchen Geſetze uͤber dieſen Fall beſtimmen? ¹ Sachte! ſachte! erwiderte der Richter. Laßt's mich noch einmahl anſehen. Wahrhaſtig, ſeltſame Worte ſind das. Ich moͤchte gern wiſſen, lieber gnaͤdiger Herr, fuhr ich fort, was das Gericht dazu ſa⸗ gen wuͤrde. Der Junker nahm die Brille ab, ſteckte ſie in's Futteral, nahm ſeine Hacke in die Hand und ſtand auf.„Lieber Doctor, ſprach er, und legte die Hand auf meine Schulter, ich bin ganz erſtaunt, wenn ich ſehe, wie wenig die Leute hier zu Lande von den Dingen wiſſen, die ſie am naͤchſten angehen.“ Gewiß, gnaͤdiger Herr, antwortete ich, aber ich weiß wohl, daß ich kein Rechtsgelehrter bin. Es iſt indeß ein großes Gluͤck fuͤr uns, daß wir gelehrte Maͤnner unter uns haben, die uns im Nothfalle uͤber dieſe Dinge unterrichten koͤn⸗ nen. Sie werden mir leicht ſagen koͤnnen, was das ſchottiſche Recht- — 60— Das ſchottiſche Recht! fiel er ein: das ſchottiſche Recht, Doetor! Wahrhaftig, lieber Freund, ein Pferd muͤßte lachen, wenn's Euch hoͤrte. Das ſchottiſche Recht! Es wundert mich, daß Ihr nicht auch von der ſchottiſchen Krone ſprecht. Ja, fragt die Herren auf den Wollſaͤcken! Die haben alles huͤbſch unter ein⸗ ander gewirrt. Aber ſachte, ſachte, Freundchen, wir muͤſſen uns Zeit nehmen. Ich fuͤrchte, hob ich wieder an, Sie hal⸗ ten die Geſetze uͤber dieſen Pitt fuͤr ſehr unbeſtimmt. Die Geſetze waren n beſtkenmt genug, Doc⸗ tor, aber— wozu viel Redens! Ich glaube, es dauert nicht lange, ſo ſind wir verenglaͤn⸗ dert bis uͤber die Obren. Iſt das nicht ein herrliches Recht, Freundchen, das die Leute vier⸗ zig Jahre lang uͤber vierzig Mark ſtreiten laͤßt, und doch nur drei Tage braucht, einen armen Teufel auf den Tod anzuklagen und ihn zu haͤn⸗ gen, und dabei nicht erlaubt, daß jemand ein Wort fuͤr ihn ſoreche vor dem Richter, oder den Geſchworenen? Wahrhaftig, ſie ſollten vor ihrer eigenen Thuͤre kehren. Der Junker kratzte, waͤhrend er brach den Raſen mit ſeiner Hacke weg, und ſchien ſo in Hitze zu gerathen, daß ich die Hoffnung auf⸗ gab, ſeine Aufmerkſamkeit auf meine Angele⸗ genheit zu leiten.„Nun, gnaͤdiger Herr, hob ich an, als er eine Pauſe machte: ich vermu⸗ the wohl, wie die Sachen ſtehen; Sie glauben, es wuͤrde zu nichts fuͤhren, wenn ich meinen Anſpruch durchzuſetzen ſuchte.“ Gemach, gemach, ſag ich noch einmahl, er⸗ widerte er in ſeinem gewoͤhnlichen Tone. Ein Baum faͤllt nicht auf einen Hieb, und ſo lan⸗ ge Leben da iſt, hat man Hoffnung, junger Mann. Glauben Sie denn, ich waͤre ein ſol⸗ cher Gauch, daß ich Ihnen, oder ſonſt Jemand, rathen wollte, einen Mantel wegzuwerfen, ehe Sie ihn angepaßt haben? Nein, nein, gemach und ordentlich, lieber Doctor! Sie waͤren alſo geneigt zu einem guͤnſtigen Urtheile— Ich geneigt zu einem guͤnſtigen Urtheile, junger Mann! Bedenken Sie, was Sie ſagen. Glauben Sie denn, ich waͤre geneigt, hier auf meinem Grund und Boden guͤnſtig oder unguͤn⸗ ſtig uͤber eine Sache zu urtheilen, woruͤber ich, nach dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge, viel⸗ keicht in wenigen Tagen im Gerichtshofe nach Pflicht und Gewiſſen entſcheiden muß? Sie ſoll⸗ ten wahrhaftig beſſer bedenken, was Sie ſagen. Ja, ja, junge Kaͤlber wollen immer vorweg! 9 Sie werden gewiß nicht glauben, gnaͤ⸗ diger Herr, daß ich eine Meinung hegen koͤnnte, die ihrer wohl bekannten Unparteilichkeit nachthei⸗ lig waͤre. Wahrlich, Sie haben mich ganz mißverſtanden. Ich wollte Sie nur als einen Freund fragen— wenn ich dieſes Wort von Ih⸗ nen zu gebrauchen, mich erdreiſten darf— ob Sie glauben, daß ich dieſe Sache vor Gericht anhaͤngig zu machen wagen ſolle, oder nicht. Mein lieber Freund, es paßt nicht fuͤr mich, daruͤber mich auszulaſſen. Es iſt meine Sache, Rechtshaͤndel zu enſcheiden, wenn s an's Ende damit gekommen iſt, nicht wenn ſie anfangen. Sie muͤſſen einen Anwalt fragen. Nun ging mir ploͤtzlich ein Licht auf. Ich machte dem Herrn eine ehrerbietige Verbeu⸗ gung, und ohne meine Abſicht zu verrathen, ging ich in ſein Haus. Ich fragte nach ſei⸗ nem Sohne und als ich erfuhr, daß er auf einem Nuͤbenfeld Rebhuͤhner ſchoß, bat ich, ihn zu ruſen. Der junge Herr ließ nicht lange — 62— auf ſich warten. Ich hatte mittlerweile fuͤnf Guineen eingeſiegelt, und uͤberſchrieben:„an Herrn Advokaten Michael Thirler, Junker von Thirleton.“ Ich druͤckte ihm dieß in die Hand, und fand, daß ich mir den geduldig⸗ ſten und aufmerkſamſten, wenn auch nicht eben einen ſehr einſichtigen Zuhoͤrer geſichert hatte. Kurz, ich ſah deutlich genug, daß der junge Rechtsgelehrte, den ich ſo ploͤtzlich angeſprochen hatte, nichts weniger als im Stande war, mir ein Gutachten in Beziehung auf das Eherecht zu geben, aber dieß ſchreckte mich nicht ab. Ich uͤbergab ihm meine Schriften mit der Be⸗ merkung, daß er mich ſehr verbinden wuͤrde, wenn er die Sache reiflich erwaͤgen wollte, ehe er ein Wort davon laut werden ließe. Ich ſetz⸗ te hinzu, daß ich mir die Ehre geben wollte, ihn am naͤchſten Tage um dieſelbe Stunde zu beſuchen, wenn es ihm gefaͤllig waͤre. Ich ſah, wie lieb ihm dieß war, und ſchied mit der ve⸗ ſten Zuverſicht, bald fuͤr mein Gold einen Ge⸗ winn zu haben. Als ich am folgenden Tage wieder kam, er⸗ hielt ich von meinem jungen Rechtsfreunde ein ausfuͤhrliches und meiſterhaftes Gutachten, das „ r—ᷓœUSũũvvvvͤWCͤWNWCNWCv △‧U‧CU“V˖NITN—W‧NQWC—C‧Q‧WCWWQQQvQvQQQQQſſſ — 64— 8 ſeden ſtreitigen Punkt des Rechtsfalles umſtaͤnde lich eroͤrterte, und mit einer deutlichen und un⸗ umwundenen Empfehlung ſchloh, d die Dache h aih⸗ haͤngig zu machen. niat Der alte Herr trat in's Zimmer, 3ſsn 79 die Schrift aufmerkſam las, und fliſterte mir zu: „Ja, ja, Sie kennen das alte Sprichwort: Junge Rechtsgelehrte und alte Doctoren— Und vielleicht iſt's halb wahr.“ Ich nickte bei⸗ faͤllig, und erhielt eine herzliche Einladung; bei ihm zu bleiben, und zu verſuchen, ob nicht ein ar⸗ mer Papier⸗Lord ein Troͤpfchen leidlichen Bol⸗ deauxweins im Keller haͤtte. Sie koͤnnen denken, daß ich dieſer Ver⸗ ſuchung einmahl widerſtand. Es war nun hohe Zeit, meiner Frau Nachriche von einer Angelegen⸗ heit zu geben, die ſie ſo nahe anging. Die gute Seele! ſie ließ mich ausreden, ohne ein Wort zu ſagen, las das Gutachten noch einmahl durch, und warf ſich dann, laut weinend, an meine Bruſt. „Ich bin nicht von ſchlechter Herkunft, vief ſie aus, und Du wirſt nun nicht Urſache haben, Dich deiner Frau zu ſchaͤmen.“ Das Sprichwort ſagt: Thraͤnen koͤnnen ſuͤßer ſein, als Manna. Gewiß, dieß waren ſolche Thlaͤnen. T en AVI Rechtshäͤndel, lieber Freund, ſind wie die Un⸗ terredungen der Liebenden, nichs ſonderlich anzie⸗ hend fuͤr diejenigen, die nicht unmittelbar dabei betheiligt ſind. Ich will Sie daher mit der Erzaͤhlung der weitlaͤufigen Verhandlungen ver⸗ ſchonen, und Ihnen nur im Allgemeinen ſagen, daß endlich, nachdem beide Parteien eine Men⸗ ge von Briefen ausgewechſelt und viele muͤnd⸗ liche Eroͤrterungen vor dem Gerichte ſtatt ge⸗ funden hatten, die beiderſeitigen Rathgeber ſich uͤberzeugten, der Fall waͤre ſehr zweifelhaft und ſchwierig, und uns riethen, den Zwiſt, wo moͤg⸗ lich, durch einen außergerichtlichen Vergleich zu ſchlichten. Ich war leichtglaͤubig in der Hoffnung, und hitzig, wie der Jaͤger ſeine Beute, verfolgte ich ſo eifrig mein Ziel, daß ich dieſen Vorſchlag anfanglich ſehr kaltſinnig aufnahm. Als ich aber einſah, daß es in der That in meiner Ge⸗ walt ſtand, die rechtmaͤßige Geburt meiner Frau ſogleich anerkannt zu ſehen— was ihr, wie ich glaubte, und noch glanbe, mehr als alles an⸗ dre am Herzen lag— und zugleich die Haͤlfte Zweiter Theil. 5 24 — 68— des Gutes Barrmains zu erlangen, waͤhrend wie bei der Fortſetzung des Rechtshandels allerdings in Gefahr ſchwebten, die Ehre, die wir ſuchten, und das davon abhangende Vermoͤgen zu ver⸗ lieren; ſo mußte ich bei ruhiger Erwaͤgung der Rechnung, wie ſie auf beiden Seiten ſtand, wohl erkennen, daß ich Johanna's wichtigſten Vortheil bedachte, wenn ich den angebotenen Vergleich annahm. Ihre Freude bei meiner Erklaͤrung, daß ich dieſen Schritt thun wollte — denn nie pflegte ſie ihren Rath zu geben— war unbeſchreiblich. Die Angelegenheit war bald in's Reine gebracht. Man ließ uns die Erklaͤrung der rechtmaͤßigen Abkunft meiner Frau ohne weitern Widerſpruch betreiben, und das Stammgut wurde, nach dem Uetheile dreier unparteilichen Maͤnner, zwiſchen den beiden Schweſtern dergeſtalt getheilt, daß Johanna, als die aͤlteſte, daß Schloß Barrmains erhielt. Das war nun in Wahrheit ein Gluͤckswechſel. So lange die Entſcheidung der Sache noch zweifel⸗ haft war, hatte ich mich ſtandhaft an meinen Beruf gehalten, und in unſerer Lebensweiſe zu Maldoun war keine Veraͤnderung eingetreten. Unſre Lage wurde daher eben ſo ploͤtzlich als vollſtaͤndig umgewandelt. Wir nahmen bald Beſitz von Bar mains, und ſahen uns nun in dem unruhigen Gewuͤhle gluͤckwuͤnſchender Be⸗ ſuche. Mehre Wochen lang waren wir beinahe keinen Tag allein. Vettern und Baſen, deren man ſich erinnert, oder nur halb erinnert, oder von welchen man auch nie gehoͤrt hatte, kamen in Haufen, um ihre Verwandtſchaft mit Jo⸗ hanna in Anſpruch zu nehmen, und da mein Nahme und meine Herkunſt, wie ſich verſteht, um dieſe Zeit auch bekannt wurde, ſo behan⸗ delten mich die Landjunker, die fruͤher auf ei⸗ nen etwas andern Fuß mit mir umgegangen wa⸗ ren, das Mindeſte zu ſagen, als ihres Gleichen, und es ſuchten mich Viele, mit welchen ich vorher gar keinen Umgang gehabt hatte. Jo⸗ hanna, die uͤberſehene, die vergeſſene Johanna, ward als die Zierde unſrer Geafſchaft begruͤßt. Barrmains wiederhallte von dem Larm ununter⸗ brochener Feſtlichkeiten. Ein anderer Monat wurde damit zugebracht, die Beſuche des Landadels zu erwidern, der uns beehrt hatte. Der Winter brach mittler⸗ weite an, und des unruhigen Lebens ziemlich überdruͤſſig, ſehmen wir uns nach haͤuslicher 5 X† 2 — 68— Ruhe und lebten einſam in Barrmains. Wir hatten die Angelegenheiten unſrer Pachter zu ordnen, wir mußten ſorgfältiger, als es anfaͤng⸗ lich hatte geſchehen koͤnnen, unſre kuͤnftige Ein⸗ richtung erwaͤgen, und ich fuͤhlte bereits die Noth⸗ wendigkeit, einen Theil meiner Zeit irgend ei⸗ ner nuͤtzlichen Beſchaͤftigung zu widmen. An Thaͤtigkeit gewoͤhnt, hatte ich in wenigen Wo⸗ chen ſchon die Gefahren der Langweile geahnet. Meine Nachbarn waren meiſt wackre Geſellen, und auf der Jagd, oder bei der Flaſche fand ich ihren Umgang ganz nach meinem Sinne; aber es war nicht Einer unter ihnen, mit wel⸗ chem ich auf einem beſonders vertraulichen Fuße gelebt haͤtte, oder je leben zu koͤnnen glaubte. Sie waren Landjunker, und ich war auch einer, aber ich fuͤhlte, das ich's doch nicht durchaus war. Ich war freilich ein junger Mann, aber ich hatte lange genug und in ſo verſchiedenen Lebenslagen gelebt, daß ich wohl fuͤhlen mußte, meine Gemuͤthſtimmung waͤre beveſtigt. War ich denn gluͤcklich im Beſitze dieſes glaͤnzenden Wohnſitzes, dieſes anſehnlichen, wo nicht glaͤnzenden Vermoͤgens und dieſes liebens⸗ wuͤrdigen Weibes? Ja, wenn ich im Mindeſten — 69— mit meiner Antwort zoͤgere, ſo werden Sie ge⸗ wiß ſagen, das Mißlingen ſei lediglich die Folge einer muͤrriſchen und launiſchen Regung meines Gemuͤthes geweſen. Hoͤren Sie mich ein wenig geduldiger an, ehe Sie mich ganz verdammen. Ich geſtehe, es war meine ſichere Erwartung geweſen, daß meine Frau, in der neuen Lebeus⸗ lage, die durch geſelligen Verkehr mehr Ab⸗ wechſelung erhielt, die uͤberdieß viele an ſich wohlthaͤtige Verpflichtungen nothwendig herbei⸗ fuͤhrte, und die endlich, was nach meiner Mei⸗ nung nicht das Unbedeutendſte war, mich in Stand ſetzte, ihr haͤufiger Geſellſchaft zu leiſten, als es bei meinem fruͤhern Berufe moͤglich ge⸗ weſen war— ja, ich hatte mit Zuverſicht er⸗ wartet, daß Johanna unter dieſen neuen und guͤnſtigen Umſtaͤnden ſich bald von jenem An⸗ ſtriche froͤmmelnder Schwermuth losmachen wuͤr⸗ de, die ſeit dem Beſuche der Methodiſten⸗Pre⸗ diger ihr freundliches Gemuͤth getruͤbt hatte, und die nach meiner Vermuthung hauptſaͤchlich durch die Abgeſchiedenheit, ja die Einſamkeit unſeres aͤrmlichen Lebens war genaͤhrt worden. Das un⸗ gezwungene Benehmen, das Johanna in dem geſelligen Kreiſe zeigte, den unſere neue Gluͤcks⸗ — 70— lage um uns zog, uͤberzeugte mich, daß dieſe Hoffnung am Ende nicht fehlſchlagen werde, und ich enthielt mich, irgend etwas uͤber den Gegen⸗ ſtand zu aͤußern, weil ich meinte, daß Umſtaͤn⸗ de in ſolchen Faͤllen wirkſamer ſind als Worte, zumahl ſolche Worte, als ich uͤber Dinge ſagen zu koͤnnen glaubte, wovon ich nur wenig ver⸗ ſtand, und die allerdings meine erigee nicht ſonderlich anſprachen. Wie empfindlich ward ich getzuſchet Jene Leute wauen nicht laͤſſiger als Andre, der neuen Edelfrau in Barrmains nach ihrer Weiſe den Hof zu machen. Ich bemerkte mit immer ſtel⸗ gender Unruhe, wie ſie durch die ſchlaueſte Schmeichelei, die es geben kann, auf dieſes eben ſo ſchuͤchterne als ſanfte Gemuͤth von Tage zu Tage mehr Einfluß gewannen. Aber was konnte ich thun, wenn ich mich nicht auf ein⸗ mahl entſchließen wollte, eine ganz andre Ein⸗ richtung zu treffen, und den Meinungſtreit in meine Wohnung einzufuͤhren? War denn nicht Johanna die wahre Eigenthuͤmerinn all dieſes neuen Reichthums? War dieß nicht ihr Tiſch, ihr Dach? Gehörte nicht alles ihr? Wie haͤtte ich Gaͤſte abweiſen koͤnnen, die ihr willkommen —— waren? Haͤtte ich Einwendungen gegen Ausgaben machen duͤrfen, die ihr beliebten? All dies band mir die Zunge. Ich ſaß ſchweigend da, waͤh⸗ rend Leute, deren Geſpraͤche ich verachtete, ſich benahmen, als ob ſie unter dem Dache derjeni⸗ gen, die ſie Schweſter nannten, wie zu Hauſe zu ſein glaubten. Ich ſaß ſchweigend da, waͤh⸗ rend von Tage zu Tage, von Woche zu Woche, der zunehmende Wahnſinn in neuen Erſcheinun⸗ gen ſich zeigte. Meine Frau ward in hundert Flugblaͤttern als die Beſchuͤtzerinn von Anſtalten geruͤhmt, deren vorgeblichen Zweck Niemand ta⸗ deln konnte, obgleich die Nahmen derjenigen, die an deren Spitze ſtanden, mir it trauen, Widerwillen und Verachtung einfloͤßten. Zu jener Zeit war dieſe Seuche weit und breit in unſerer Gegend und in einem Grade verbreitet, wofuͤr Sie in ihrer Erfahrung kei⸗ nen Maßſtab finden koͤnnen. Die ſteten Beſu⸗ che wandernder Schwaͤrmer, worunter es freilich einige Maͤnner von kraͤftigen Geiſtesgaben und ſchaͤtzbaren Kenntniſſen gab, die aber groͤßten⸗ theils aus unwiſſenden, rohen, wahnwitzigen Handwerkern beſtanden— der unermeßliche Bolkszulauf, den die Reden dieſer Leute immer, — 72— ſelbſt in den oͤdeſten, noch ſo duͤnn bevoͤlkerten Bezirken des Landes, veranlaßten— die Aeu⸗ ßerungen eines wahrhaften Wahnſinnes, den ih⸗ re ſchwaͤrmeriſchen und oft gottloſen Reden er⸗ weckten, und worin ſelbſt die Ausgezeichnetſten unter ihnen mit Stolz die ſicherſten Zeugniſſe der Goͤttlichkeit der von ihnen verkuͤndigten Lehren ſahen— die Unterzeichnungen fuͤr Schulen, Bet⸗ haͤuſer und wer weiß was ſonſt fuͤr Anſtalten, die alle unter der Leitung der Apoſtel dieſer ge⸗ faͤhrlichen Sekte ſtanden— alles dieß verbrei⸗ tete ſich und gedieh auf eine Art, wovon Sie ſich zum Gluͤcke keinen Begriff machen koͤnnen. 3 Welche Umſtaͤnde auch in England das Gedeihen dieſer Schwaͤrmerei urſpruͤnglich beguͤnſtigt ha⸗ ben moͤgen, es gab in Schottland gewiß keine, die man als Entſchuldigung, oder Beſchoͤnigung haͤtte anfuͤhren koͤnnen. Unſer Volk war zu je⸗ ner Zeit, wie noch jetzt, wohl unterrichtet, wohl geſinnt, aus Gewohnheit andaͤchtig, und ſtand unter der Aufſicht ſchlichter, eifriger und ſehr thaͤtiger Geiſtlichen. Es gab dennoch Maͤnner unter uns, ſogar Geiſtliche, die jene wandern⸗ den Schwaͤrmer beguͤnſtigten und ermunterten, und wenn ich mich mit meiner Frau in ernſtli⸗ —-— 73— che Eroͤrterungen haͤtte einlaſſen wollen, ſo wuͤr⸗ de ſie, wie ich mit Beſchaͤmung geſtehe, mir ſo allgemein und mit ſo viel Recht verehrte Nah⸗ men entgegen geſetzt haben, daß es nicht leicht geweſen ſein wuͤrde, ſie zu uͤberzeugen, und nicht ſehr angenehm, auch nur merken zu laſ⸗ ſen, daß Alle unrecht haͤtten.*) *) Die Anſicht der Grundſätze und Eigenheiten dee Methodiſtenlehre, die der Verfaſſer hier, vermuthlich weil ſie die ſeinige iſt, ſeinem Helden in den Mund legt, iſt befangen und ungerecht. Wie die erſtarrten⸗ das religiöſe Bedütfniß nut mangelhaft befriedigenden Formen der herrſchenden engliſchen Kirche gewiß das Aufkommen der Methodiſten veranlaßten, und die 3 Trähheit jener Kirche das erſtaunliche Anwachſen des neuen Vereins eben ſo ſehr beförderte, als es die Begeiſterung und die Thätigkeit ſeiner Stifter thaten, ſo hat unſtreitig auch der Methodismus ſeit jeiner Stiſtung eine bedeutende moraliſche Wirkung ein England hervorgebracht und uber die Gränzen der Gemeinde hinaus zur Belebung eines frommen Sinnes beigetragen. Der Unbeſcholtenheit des Wan⸗ dels ſeiner Jünger, geben ſelbſt Anhänger der herr⸗ ſchenden Kirche rühmliches Zeugniß, und es iſt be⸗ kannt, wie oft es dem Eifer der Methodiſten gelung Ich dachte daran, als letztes Mittel eine Nei⸗ ſe nach Edinburgh anzuwenden, wo, wie ich hoff⸗ te, der Laͤrm einer volkreichen Stadt und ſo viele, ihr ganz neue Erſcheinungen, einen wohlthaͤtigen Eindruck auf Johanna's Gemuůth machen koͤnnten, als ſich ploͤtzlich und uner⸗ wartet fuͤr mich ſelber ein neues Feld anziehen⸗ der Thaͤtigkeit oͤfnete. Der Marquis von N. beſuchte mich eines Tages in Barrmains, und ſagte mir unter vier Augen, ſein zweiter Sohn haͤtte eben den Befehl uͤber eine Fregatte erhal⸗ ten, mit welcher er wahrſcheinlich mehre Jahre an der ſpaniſchen Kuͤſte kreuzen werde, und da gen iſt, ſelbſt die verderbteſten Menſchen zu beſſern, und wie ſehr man ihren Bemühungen die Ausbrel⸗ tung des Chriſtenthums unter den Negerſklaven in Weſtindien verdankt. In Schottland lagen freilich weder in der Form des herrſchenden Kirchenglaubens, des Presbyterianismus, noch in der Stimmung des Volkes, ſolche Begünſtigungen als die Methodiſten⸗ tehre in England fand; daher war ihr Einfluß hier auch nur vorübergehend, und iſt ſelbſt jetzt nicht be⸗ deutend, während in England ihre Anhänger immer noch zahtreicher werden⸗. 8. — 75— er es unter dieſen Umſtaͤnden fuͤr rathſam hiel⸗ te, ſeines Sohnes Sitz im Parlament vor der Hand aufzugeben, ſo haͤtte er, bei Erwaͤgung der herrſchenden Volkſtimmung, ſich in den Kopf geſetzt, daß ich gerade der Mann waͤre, der als Bewerber auftreten muͤßte. Der Marguis kann⸗ te meine Anſichten über die oͤffentlichen Angele⸗ genheien zu gust, als daß er irgend etwas be⸗ fuͤrchtet haͤtte, und er ſagte viele ſchoͤne, mir ſehr verſtaͤndliche Dinge uͤber die vollkommene Unabhaͤngigkeit u. ſ. w. womit ich, wenn ich gluͤcklich waͤre, ins Parliament kommen ſollte. ch All dieß war fuͤx mich ſo ganz neu, daß ich anfaͤnglich ziemlich verlegen war; aber da ich erſt am folgenden Tage meine Autwoit zu geben brauchte, ſo uͤberzeugte ich mich leicht, daß ein Plan, der meiner Eitelkeit ſchmeichelte, auch unter allen obwaltenden Umſtaͤnden der beßte und kluͤgſte war, den ich befolgen konnte. Die oͤffen lichen Angelegenheiten mußten einem Gemuͤthe Beſchaͤftigung geben, das in Stok⸗ kung zu gerathen befuͤrchtete, und wenn ich meine Frau nach London brachte, konnte der Zweck, den ich im Auge hatte, beſſer befoͤrdert werden, als durch den Aufenthalt in Edinburgh, das nur noch dem Nahmen nach eine Haupt⸗ ſtadt war. 5 4 Der Marquis von N., dem die Angelegen⸗ heit wenigſtens eben ſo ſehr als mir am Her⸗ zen lag, fing alsbald in Verbindung mit mir an, die noͤthigen Vorkehrungen in der Art zu treffen, wie es ſich bei ſolchen Unternehmungen am Bewaͤhrteſten gezeigt hatte. Ein gewand⸗ ter Geſchaͤftfuͤhrer kam von Edinburgh, und mach⸗ te eine Wanderung durch die zwei Flecken und drei Döoͤrfer, deren Wahlrecht ausgeubt werden ſollte, wo er den Behoͤrden ſehr eifrig aufwar⸗ tete, um dem Bewerber, deſſen Beſuche bald folgen ſollten, den Weg zu bahnen. Ich brau⸗ che mich nicht uͤber dasjenige auszulaſſen, was der Rechtsmann that; meine eigene Rolle war wohl eine leichtere und einfachere. Ich gab den angeſehenen Maͤnnern der wahlberechtigten Oer⸗ ter Mahlzeiten, hielt Reden, wovon die Mau⸗ ern erdroͤhnten, ſang Lieder, wobei die Zuhoͤrer ihre Perruͤcken in die Luft warfen, trank alles Trinkbare von Rothwein bis zu Branntwein, und endlich ſahen meine Augen und meine Na⸗ ſe aus, als ob ich ſelber Jahre lang ein ange⸗ ſehenes Mitglied einer Ortbehoͤrde geweſen waͤ⸗ — re. Ich ſpielte Whiſt mit den Gemahlinnen der Rathsherren und verlor jeden Rubber, tanzte mit ihren Toͤchtern, bis mir beinahe der Athem ausging, ſchmatzte die Kinder ab, druͤckte den Kammerjungfern die Haͤnde, und that alles, was einem freundlichen, ſchmiegſamen Bewerber anſteht. Mein Gegner war ein alter Armee⸗Lie⸗ ferant, der nach dem Frieden ein Gegner der Miniſter geworden war; ich fand aber bald, daß er keineswegs die ernſtliche Abſicht hatte, mir den Sieg ſtreitig zu machen, ſondern nach guter alter Sitte bloß gebraucht wurde, damit wir fuͤr die Beguͤnſtigung, die wir am Ende erfahren ſollten, um ſo mehr Dankbarkeit fuͤhlen und, ſo gut wir koͤnnten, ausdruͤcken moͤchten. Kurz, ich ward endlich einmuͤthig zum Parliamentsglie⸗ de fuͤr fuͤnf koͤnigliche Flecken gewaͤhlt. Johanna freute ſich allerdings uͤber meine Erhoͤhung, und war es gern zufrieden, daß ich bei dieſer Gelegenheit unſern angeſehenen Nach⸗ barn einen Ball und ein Abendeſſen in Barr⸗ mains gaͤbe. Aber ſelbſt mitten in der lauteſten Freude des Feſtes, ſah ich zu meinem Leidwe⸗ ſen, daß Johanna ſich mit einigen aͤltlichen Frauen, deren Neigungen mit den ihrigen in Einklang waren, in eine Ecke zuruͤckzog, und als ich bei den Pauſen des Tanzes in ihrer Nahe ſtand, hoͤrte ich genng, um mich zu uͤberzeugen, daß Tanzboͤden, Armleuchter, Menuetten und Conktetaͤnze die Gegenſtaͤnde einer kummervollen und ſtolz herabſehenden Betrachtung waren. Ich blickte auf die hagern und zuſammen⸗ geſch umpften Geſchöpfe, die neben Johanna ſa⸗ ßen, und enrſchuldigte die Alten leicht, aber daß ſie, ſo jung, liebenswuͤrdig und reizend, ſie, zum Lebensgenuſſe geſchaffen, daß ſie ſo vor meinen Augen in einen Zuſtand herab ſank, der alle Gleichſtimmung des Gefuhles ſelbſt gegen mich aufhob, ja dieß that mir wehe. Ich nahm mir vor, daß wenigſtens dieſe alten Jungfein ſo bald nicht wieder mit ihr in Beruͤhrung kommen ſoll⸗ ten, und beſchleunigte mit allem moͤglichen Ei⸗ fer meine Vorbereitungen zur Reiſe nach London. Ich haͤtte erwaͤhnen ſollen, daß ich noch einen andern guten Grund hatte, dieſe Reiſe, da ſie einmahl ſtatt finden mußte, bald anzu⸗ treten. Johanna hatte nun zum Erſtenmahl Hoffnung, Mutter zu werden, und bei threr ſchwaͤchlichen Geſundheit wuͤrde eine ſolche Reiſe — — — 79— weniger rathſam geweſen ſein, wenn ſie in ih⸗ rem Zuſtande weiter vorgeruͤckt waͤre. Wir waren eben im Begriff, Barrmains auf mehre Monate zu verlaſſen, als ein Brief von dem Marquis von N. mich noͤthigte, mei⸗ nen Vorſatz zu aͤndern. Er war um dieſe Zeit auf ſeinem Jagdſchloſſe im Hochlande, und da er gehoͤrt hatte, daß ich ſchon ſo fruͤh nach Lon⸗ don reiſen wollte, ſo wuͤnſchte er dringend, wie er ſagte, mich zu ſehen, ehe ich Schottland verließe. Unter dieſen Umſtaͤnden ließ ich Johanna nach Edinburgh vorausgehen, wo ſie meine Ruͤckkehr aus dem Hochlande erwarten ſollte, denn bei ihrer Lage und bei der Ausſicht auf die weite Reiſe, die ihr noch bevorſtand, konnte gar nicht die Rede davon ſein, ſie mitzuneh⸗ men. Nach ihrer Abreiſe machte ich mich auf den Weg zu dem Jagdſchloſſe, in Geſellſchaft eines alten Seeoffiziers, Nahmens Cuthill, der gleichfalls eine Einladung von dem Edelmanne er⸗ halten hatte. Er war unſer Nachbar und von alten Zeiten her ein Anhaͤngling der Familie des Marquis. 3 —— VII. 4 Nach einem Ritte von mehr als funſzig Weg⸗ ſtunden kamen wir in jene praͤchtige Wildniß, wo des Edelmanns Jagdſchloß, ein neuer und ſchoͤner Landſitz, mitten in einer Alpenlandſchaft, unter rauſchenden Stroͤmen, und ungeheuren alten Foͤhrenwaͤldern, ſich eben ſo ſonderbar ausnahm, als je das beruͤhmte reiſende Haus zu Loretto nach einer ſeiner Wanderungen. Mein Reiſegefaͤhrte und ich fanden hier ei⸗ ne zahlreiche und froͤhliche Geſellſchaft verſam⸗ melt, die bereits ſeit einigen Tagen die Jagd⸗ luſt in aller ihrer Mannigfaltigkeit mannes weitem Gebiete geno linge vom reinſten Waſſer aus London ſaßen hier bei Tiſche an der Seite der landeigenen Wilden der Umgegend, deren Beſtreben nach verfeinerter Geckhaftigkeit an einen Neger mit einer weißen Halsbinde erinnern konnte. Am naͤchſten Tage aber erſchien eben dieſer feine Herr an der Seite derſelben Gebirgwohner ſo linkiſch und abgeſchmackt, daß man wenigſtens ſagen konnte, das Gleichgewicht zwiſchen ihnen waͤre hergeſtellt. uf des Edel; — Aus alter Gewohnheit hatte ich, obgleich nun Gutsherr und ſelbſt Parliamentsglied, noch immer mein Beſteck mit wundaͤrztlichen Werkzeugen und meine Arzneien in meinen Satteltaſchen, und Sie koͤnnen mir glauben, die Nuͤtzlichkeit dieſes Zubehoͤrs wurde ſehr bald anerkannt. Der Marquis, einer der beſten Schuͤ⸗ tzen in der Chriſtenheit, trabte uͤber das Heide⸗ land, als waͤre es ein Gehaͤge geweſen, und dachte nur an die Jagdluſt. Es mochte ihm aber auch wohl Vergnuͤgen machen, einige ſei⸗ ner Gaͤſte, wie es immer geſchah, in großen Noͤthen zu ſehen. Ich war der wahre Chiron der Geſellſchaft, und meine Gegenwart war den Boͤcken ſo verderblich, als den Gecken wohl⸗ thaͤtig. All dieß machte mir nicht wenig Spaß, aber ich ſehnte mich doch nach meiner Frau zu⸗ ruͤck, und war daher beinahe verdruͤßlich, als zwei bis drei Tage vergangen waren, ohne daß der Marquis mich mit der Unterredung beehr⸗ tee, die er mir verſprochen hatte. Er war je⸗ doch ſo ſehr von ſeinen Gaͤſten belagert, ging am Morgen ſo fruͤh auf die Jagd, und ſaß am Abend ſo lange bei der Flaſche, daß ich in der Zweiter Theil. 6 That nicht Gelegenheit haͤtte ſinden koͤnnen, die Sache, mit der Hoffnung auf eine genuͤgende Eroͤrterung, zur Sprache zu bringen. Ich er⸗ wartete ziemlich geduldig die Entſcheidung meines Schickſals, als ich, am dritten oder vierten Ta⸗ ge, bei Tiſche ein Geſpraͤch zwiſchen zwei, mir gegenuͤber ſitzenden Herren anhoͤrte, das den Wunſch, mein Geſchaͤft abzumachen und meiner Wege zu gehen, nicht wenig erregte. Lascelyne kommt alſo nicht her? ſprach der Eine. Es thut mir leid. Auch mir, erwiderte der Andre. Lascelyne iſt ein herrlicher Schuͤtze. Ein guter Schuͤtze iſt er, das gebe ich zu, war die Antwort, aber mit dem Marquis moͤch⸗ te ich ihn doch nicht vergleichen. Er paßt mehr fuͤr eure Taubenjagden, als fuͤr's Heideland, nach meiner unmaßgeblichen Meinung. Nun, das wuͤßte ich doch nicht, hob der Andre wieder an. Kaltbluͤtigkeit iſt in beiden Faͤllen die Hauptſache, und Niemand kann ei⸗ ne veſtere Hand haben, als Lascelyne. Doch wozu das Reden, da er nun einmahl nicht kommt! — 83— Verwuͤnſcht! Man haͤtte denken ſollen, er waͤre jetzt ſchon ein Bischen abgekuͤhlt. Ein ſol⸗ cher Taumel iſt doch unerhoͤrt. Ein verteufelt ſchoͤnes Weib, das iſt wahr, aber— Ein einnehmendes Geſchoͤpf! Ganz bezau⸗ bernd, ſagt man. Ja, ja, ohne allen Zweifel. Nun, kuͤnfti⸗ gen Herbſt ſehen wir ihn doch gewiß. Ich glaube es ſelbſt. Werden Sie ihn be⸗ ſuchen, wenn Sie ins Niederland reiſen? Ich weiß nicht, ob er zu Hauſe iſt. Wiſ⸗ ſen Sie uns nicht zu ſagen, fuhr der Sprecher fort, ſich zu dem Marquis wendend: wo Lord Lascelyne jetzt iſt? Man ſagte mir, er haͤtte ſein altes Schloß verlaſſen— Ich weiß es in der That nicht, antwortete der Marquts, und als ich in dieſem Augenblicke ihn zufaͤllig anſah, kam es mir vor, als ob er ein wenig verlegen geweſen waͤre. 4 Das Geſprach nahm eine andere Wendung, und bald nachher gingen wir zu den Frauen in's Geſellſchaftzimmer. Der Marquis trat ſpaͤterhin zu mir, und mich auf die Seite zie⸗ hend, hob er an:„Lieber Barr— ſo nannte er mich gewoͤhnlich— ich habe hemerkt, daß es 6* — 84— Ihnen nicht angenehm war, als die beiden Herren ſo offen vor Ihnen von Lascelyne's Ge⸗ ſchichte ſprachen. Sie muͤſſen es entſchuldigen, man wußte nichts von ihrer Verbindung mit ihm. Ich weiß gewiß, man wuͤrde es ſehr be⸗ dauert haben, wenn man gedacht haͤtte, daß etwas fuͤr Sie Empfindliches waͤre geſagt wor⸗ den.“ Aber ich bitte um Verzeihung, Herr Mar⸗ quis, ich ſehe gar nicht, daß hier eine Ent⸗ ſchuldigung dieſer Art noͤthig waͤre. Warum ſollte ich mich darum kuͤmmern, wenn Lascely⸗ derer? Nun, nun, lieber Barr, ich ſehe, Sie ſind zuruͤckhaltend, und unter allen Umſtaͤnden iſt dieß vielleicht auch das Beßte. 1 Zuruͤckhaltend, Herr Marquis? Ich ver⸗ ſtehe in der That nicht— Laſſen Sie's gut ſein, mein Freund. Ich nehme gewiß aufrichtigen Antheil— 1 Aber mein Himmel, Sie ſind ja uͤberaus ernſthaft! Was geht mich all dieß an? Nun, wenn Sie die Sache ſo nehmen wollen, ſo muß ich um Verzeihung bitten. Ich 's Nahme mehr genannt waͤrde, als ein an⸗ — 85— hatte freilich, ſetzte er mit einem andern Tone hinzu, von einem alten Rechtshandel zwiſchen Ihnen und ihm gehoͤrt. Nichts als eine Thorheit, Herr Marquis, etwas, das ich laͤngſt gern haͤtte vergeſſen moͤgen. Aber nicht koͤnnen, das iſt's eben. Nun, lieber Barr, wir haben Alle unſre Grillen.— Ich bitte herzlich um Vergebung, daß ich den unangenehmen Gegenſtand zur Sprache gebracht habe, aber unter uns, ich war in der That ganz geſchoſſen in Lascelyne's Frau, und— doch ich ſehe, Sie wollen durchaus nichts davon wiſſen. Thut nichts, thut nichts!„ Ich muß geſtehen, all dieß Gemurmel war mir ziemlich zuwider, ich ergriff daher die Gele⸗ genheit, die unſre Entfernung von der uͤbrigen Geſellſchaft mir darbot, um den Marquis auf den Gegenſtand zu fuͤhren, der mich zu ihm ge⸗ bracht hatte, und äͤußerte meinen Wunſch, als⸗ bald nach Edinburgh zu reiſen. Er ließ ſich ſo⸗ gleich auf die Sache ein, die ich beruͤhrte, und ſprach laͤnger als eine Stunde von einem Ge⸗ ſetzvorſchlage uͤber die ſchottiſchen Fiſchereien, den die Miniſter, wie verlautete, gleich zu An⸗ — 86— fange der Parliamentſitzung machen wollten. Ich ſollte dieſer Verhandlung mit aller Aufmerk⸗ ſamkeit folgen, da er ſelber nicht im Stande zu ſein glaubte, vor dem Fruͤhlinge nach Lon⸗ don zu kommen. 5 4 So bald ich ſeine Anſicht uͤber den fragli⸗ chen Gegenſtand vöͤllig zu kennen glaubte, hielt ich mein Geſchaͤft im Jagdſchloſſe fuͤr jetzt gluͤck⸗ lich beendigt, nahm an demſelben Abende Ab⸗ ſchied und brach fruͤh am folgenden Tag nach dem Niederlande auf. Ich kann es nicht laͤugnen, daß ich waͤh⸗ rend der angefuͤhrten Unterredung die unange⸗ nehmſten Empfindungen gefuͤhlt hatte. Alle Feh⸗ ler und Thorheiten meiner Jugend lebten in der Erinnerung von Leuten, welchen, wie es ſchien, Niemand haͤtte zutrauen koͤnnen, daß ſie es der Muͤhe werth hielten, nur drei Mi⸗ nuten lang an die Angelegenheiten eines Man⸗ nes zu denken, der ſo ganz außer ihrem Kreiſe ſtand. Und an jenen peinlichſten aller Gegen⸗ ſtaͤnde, jenen elenden, armſeligen Rechtshandel mußte man ſich ſo erinnern! Und jeder, der ſich daran erinnerte„ mußte ſich's einfallen laſs ſen, davon zu ſprechen, mit mir davon zu ſpre⸗ . — „— 87— ¹ chen! Wie aͤrgerlich, daß man glaubte, ich koͤnn⸗ te Lascelyne's Nahmen von einem Fremden in einer gemiſchten Geſellſchaft nicht ausſprechen hoͤren, ohne ſo unangenehme Regungen zu em⸗ pfinden, daß ein Mann, wie der Marquis von K. zu einer foͤrmlichen Entſchuldigung ſich be⸗ rufen fuͤhlen mußte! All dieß war Galle fuͤr mich. Und warum? Nun ja, eben darum, weil es gerade ſo war, als dieſe muͤſſigen Einmiſcher zu glauben ſchienen. Mein eigenes Bewußt⸗ ſein ſagte es mir, daß ich jenen Nahmen nicht ohne ein Gefuͤhl hoͤren konnte, welches ich, wie mir gleichfalls mein Bewußtſein ſagte, laͤngſt aus meiner Bruſt verbannt haben wuͤrde, wenn ich nicht ſo erſtaunlich ſchwach geweſen waͤre. Ich verdiente und fuͤhlte daher den Vorwurf. Das Blut ſtieg mir, wie ich glaube, in die Wangen waͤhrend des Auftrittes, und ich ver⸗ muthete, daß ich meine Regungen wahrſchein⸗ lich durch aͤhnliche, oder eben ſo verſtaͤndliche Zeichen verrathen haben moͤchte, als die Stutzer von ihren Wetten und ihrer Taubenjagd zu ſchwatzen anfingen. Der Marquis hatte dieß bemerkt, und daher mußte ihm mein ſpaͤteres Benehmen falſch vorgekommen ſein, linkiſch und — 88— unmaͤnnlich zugleich. Das war zu viel. Wie ich auch die ganze Sache anſehen mochte, ich fand nichts, das mir gefiel, und alles war mir aͤr⸗ gerlich. Vielleicht war mein Gefuͤhl nicht eben ſehr tief bewegt, aber ich war doch aufgeregt genug, um einen unangenehmen Morgentitt zu haben, trotz des ſchoͤnſten Wetters und un⸗ geachtet ich auf meinem Wege einige der be⸗ ruͤhmieſten Landſchaften des Hochlandes ſah. — 89— zman VIII. Als ich am zweiten Morgen aus dem letzten Engpaſſe der Grampian⸗Berge hervorkam, ſah ich in dem vor mir liegenden Thale ein kleines Dorf, mit ſeinem Kirchthurme in der Mitte und rings umgeben von ſchoͤnen Baͤumen, wel⸗ che die Naͤhe eines anſehnlichen Wohnſitzes an⸗ kuͤndigten. Ich hatte, da ich nie vorher in die⸗ ſer Gegend des Landes geweſen war, nur eine ſehr unvollkommene Kenntniß von ihren Oert⸗ lichkeiten, und war daher allerdings ſehr ange⸗ nehm uͤberraſcht, als man im Wirthshauſe, wo ich nach einem Ritte von ſieben Stunden We⸗ ges fruͤhſtuͤcken wollte, mir ſagte, daß ich in St. Dee waͤre. Ich habe dieſen Ort, wie Sie ſich erinnern werden, fruͤher genannt; es war eben das Pfarrdorf, wo meine alte Goͤnnerinn aus St. Andrews ihren Wohnſitz genommen hatte, als ſie Frau Mackay geworden war. Ich zog alsbald meine Erkundigungen ein, und als ich erfahren hatte, daß die Familie zu Hauſe war, ließ ich ihr ſagen, daß ich ſie nach einge⸗ — 90— nomwenem Fruͤhſtuͤcke beſuchen wollte. Der ehrliche Pfarrer aber war in fuͤnf Minuten bei mir, und da ich ſah, daß meine Freundinn es mir uͤbel nehmen wuͤrde, wenn ich in St. Dee anderswo als unter ihrem Dache einen Mor⸗ genimbiß naͤhme, ſo begab ich mich alsbald ins Pfarrhaus, wo ich, wie ſich verſteht, auf die herzlichſte Weiſe empfangen wurde. Mieine alte Liebſchaft ſchien in der Ehe ihr Gedeihen gefunden zu haben; ſie war nun eine recht anſehnliche Frau und vier bis fuͤnf bluͤhende verſchaͤmte Kinder bewieſen zur Genuͤge, daß ſie ihre Zeir nicht muͤſſig zugebracht hatte. Kurz, ich fand eine wohlhabige und gluͤckliche Familie, die in einem kleinen und wohnlichen Hauſe leb⸗ te, und nichts war, jedes in ſeiner Art, vor⸗ trefflicher als der Thee, die Gerſtenkuchen, die Eier, der Hammelſchinken, der geraͤucherte Lachs und Brigittens Kkaftbruͤhe. Die guten Leute ſchienen wohl zu wiſſen, welche gluͤckliche Ver⸗ aͤnderung meine Lage neuerlich erfahren hatte, aber gewiß, wenn ich in Lumpen vor ihre Thuͤ⸗ re gekommen waͤre, wuͤrden ſie mich eben ſo herzlich bewillkommt haben. Ich erfuhr ihre und ihrer Kinder ganze Geſchichte, und beant: — 91— wortete unzaͤhlige liebevolle Erkundigungen nach meinen haͤuslichen Verhaͤltniſſen. Als wir gegeſſen hatten, oͤffnete der Pfar⸗ rer eine Glasthuͤre, und lud uns ein, auf ſei⸗ nen Gartenwall hinauszugehen. Brigitte ſetzte alsbald ihre Haube auf, und wir gingen alle. Die Ausſicht war ungemein reizend; der Vor⸗ dergrund ein ſchoͤner Park, abwechſelnd mit Waldung und Anpflanzungen, wodurch ein klei⸗ ner Strom ſich wand, und im Hintergrunde ſchwoll eine ſanfte, wohl angebaute Anhoͤhe zu dem Fuße der hoͤhern Berge hinan. Ich ſah in einiger Entfernung zwiſchen den Baͤumen die Thuͤrme und Schornſteine eines dem Anſcheine nach anſehnlichen Hauſes, und fragte meine wackern Gaſtfreunde, wem das Gut gehoͤrte. Mein Gott, wie koͤnnen Sie eine ſolche Frage thun! ſprach Brigitte. Wiſſen Sie denn nicht, daß es Schloß Lascelyne iſt? Es iſt niemand von der Herrſchaft zu Hau⸗ ſe, fiel der Pfarrer ſehr haſtig ein, um die Nachricht himauszuſchleben, die Buihüte mir ge⸗ ben wollte. Eine kurze Pauſe folgte. Wh end ich dem Anſcheine nach nur mit der Lanoſchaft beſchaͤf⸗ — 92— tigt war, bemerkte ich, daß die Eheleute ſich Blicke zuwarfen, deren Bedeutung mir ein Ge⸗ heimniß war, und dieſelben peinlichen Empfin⸗ dungen, die ich erſt vor Kurzem an der Tafel des Marquis erfahren hatte, fingen wieder an ſich zu regen. Hier aber wollte ich wenigſtens auf meiner Hut ſein. Mit dem gleichgiltigſten Tone, den ich finden konnte, hob ich an: „O ja, ich glaube, bei dem Marquis von N. gehoͤrt zu haben, daß Lord Lascelyne in Edin⸗ burgh iſt. Es ſcheint allerdings ein ſehr ſchöͤ⸗ nes Gut zu ſein. Und wie heißt dieſer Fluß?“ Das iſt der Calder, antwortete Brigitte, und Sie wuͤrden ſagen, daß es ein ſchoͤner Fluß iſt, wenn Sie Zeit haͤtten, die alte roͤmiſche Bruͤcke zu beſehen und die beiden Waſſerfaͤlle oben im Thale. Haben Sie denn nie das alte Liedchen gehoͤrt, Herr Matthes— Die Vögel in dem Buſch, die Blumen voller 3 Bienen, Die geben in St. Dee den Kindern frohe Mienen⸗ Es rinnet ſanft der helle Calderfluß Und wäſcht des alten Eichbaums Fuß. —— — — 93— Nun, hob ich wieder an, es thut mir leid, daß ich fuͤr jetzt mich begnuͤgen muß, von die⸗ ſen Schoͤnheiten nicht mehr als die Kinder zu genießen. Ich muß ohne Zeitverluſt nach Edin⸗ burgh reiſen.— Nach dieſen Worten gab ich einen umſtaͤndlichen Bericht von dem 3wede meiner Reiſe nach London. Es iſt ein herrliches Schloß, ſprah der Prediger, der die Wendung, die ich dem Ge⸗ ſpraͤche gegeben hatte, offenbar nicht bemerkte:: und wenn ſonſt alles paſſend geweſen waͤre, haͤtten Sie das Thal und die Gemaͤhlde anſe⸗ hen koͤnnen. Es iſt eine ſehr anſehnliche Ge⸗ maͤhldeſammlung im Schloſſe. Der Großvater des Lords war ein großer Kunſtfreund und u5 viel Geld fuͤr Gemaͤhlde aus— Aber, lieber Mackay, ſiel Brigitte ein, Du weißt doch wohl, daß nach allem, was vorgefallen iſt, Herr Wald nicht gern— Ich nicht gern? Nach allem, was vorge⸗ fallen iſt? Sie ſcherzen wohl ein wenig, Frau Mackay! ſprach ich mit gezwungenem Lachen. Nun ja, nun ja! antwortete ſie laͤchelnd, aber ernſt: ich weiß beſſer, wie's gewiſſen Leuten um s Herz iſt, als gewiſſe Leute denken. — 94— Mir um's Herz? Liebes Fräulein Patter⸗ ſon— verzeihen Sie— liebe Frau Mackay— 9 Heir Matthes, Sie moͤgen lachen, ſo viel Sie wollen, ich weiß doch wohl, Sie ge⸗ hoͤren nicht zu denen, die alte Freunde rein vergeſſen, um eines voruͤbergehenden Zankes wil⸗ len. Sie gutes, liebes, freundliches Weſen! Wer denn, liebe Frau Mackay, wer?! Du lieber Himmel! Nun, nun, ich mag nichts ſagen. Du haſt ſchon zu viel geſagt, liebes Kind, fliſterte halb laut ihr Mann. Ich ſah, wie Brigitte ihm einen Stoß mit dem Arme gab, und ich lenkte gewaltſam das Geſpraͤch wieder auf meine Reiſe, ſchwatz⸗ te ganz vortrefflich uͤber Naturſchoͤnheiten, an⸗ zlehende Verbindungen und dergleichen, aber es wollte nicht gehen. Ein gezwungenes Ver⸗ haͤltniß war eingetreten, und obgleich wir ſo herzlich als moͤglich ſchieden, ſo merkte ich doch, daß Brigitte glaubte, ich haͤtte mehr Zuruͤckhal⸗ tung bewieſen, als es fuͤr einen ſo alten Freund geziemend waͤre. Meine Pferde waren vorge⸗. fuͤhrt. Ich hob ein Paar Kinder auf meinen Sattel und ließ ſie in Gegenwart der Mutter etwa zweimahl um den kleinen Hof reiten, und dieſe Aufmerkſamkeit blieb, wie ich zu bemer⸗ ken glaubte, nicht ohne Wirkung. Der Pfar⸗ rer mußte mir verſprechen, mich einmahl nach einer allgemeinen Verſammlung der Kirchenvor⸗ ſteher*) mit ſeiner Frau in Barrmains zu be⸗ ſuchen. Und ſo nahm ich Abſchied von dieſer lieben laͤndlichen Einſamkeit. Ich ritt eine Zeitlang raſch einen Weg hin⸗ ab, der auf beiden Seiten von den Baͤumen des Schloßparks beſchattet wurde, und von Zeit zu Zeit erblickte ich einen Theil des Herrenhau⸗ ſes, wenn die verſchiedenen kurzen, geraden und dunkeln Gaͤnge im Walde nach einander bis zur aͤußern Umfaſſung des Schloſſes liefen. Ich wußte, wie ich ſchon erwaͤhnt habe, daß Nie⸗ mand zu Hauſe war, und doch trieb mich, ich weiß nicht welches Gefuͤhl einer ſeltſamen uner⸗ klaͤrlichen Angſt. Ich erbebte wie ein Verbre⸗ cher, wenn ein verirrter Hirſch, oder ein Schaf *) Die höchſte Behörde der presbyterianiſchen Kirche in Schottland, Sie kommt zährlich in Edinburgh zuſammen. L. 1 unter den, bis auf die Erde herabhangenden Zweigen hervorkam, irgend ein bewegliches, ir⸗ gend ein weißes Ding war genug, mich zu er⸗ ſſchrecken. Ich ſpornte mein Pferd, und da der Weg ſo ganz von Baͤumen uͤberſchattet war, daß kaum ein Luͤftchen Zugang finden konnte, ſo fand ich mein Pferd ſchon ganz erhitzt, als ich langſamer ritt, um auf einer offenen Anhoͤ⸗ he freier zu athmen, ſo bald der Park, wie es ſchien, hinter mir lag. Mein Reirknecht war, dem Anſcheine nach, beinahe in derſelben Lage, und ich ſah, daß er uͤber meine geringe Sorg⸗ falt fuͤr mein Pferd verwundert war, obgleich ich im Allgemeinen einer ſolchen Gleichgiltigkeit gewiß nicht beſchuldigt werden konnte. Wir ritten indeß langſam voran, als eine Wendung des Weges uns auf eine Seelle brach⸗ te, wo wir ſogar Halt machen mußten. Mit einem Wort, es trafen drei verſchiedene Wege am Rande eines ſehr kleinen Sees zuſammen, an deſſen jenſeitigem Ufer aber, bei der ganz. unbedeutenden Breite des Waſſers, immer noch ſehr nahe, die Truͤmmer eines alten Schloſſes ſich zeigten, an deſſen verfallene Mauern einige Huͤtten wie Bienenkoͤrbe ſich lehnten. Ich rief, — — 97— in der Hoffnung, Jemanden zu finden, der uns den Weg wieſe, und alsbald erſchien ein Land⸗ mann, welcher aber ſo taub oder ſo dumm war, daß ich abſteigen, und in einem flachen Kahne, der im Waſſer lag, zu ihm hinuͤberfahren mußie. Als ich am andern Ufer war, machte ich mich leicht verſtaͤndlich, und ſo bald ich die noͤ⸗ thigen Erkundigungen eingezogen hatte, wollte ich wieder zu meinen Pferden zuruͤckkehren, aber der Greis fragte mich, ob ich nicht Luſt haͤtte, das alte Schloß zu beſehen, und ſetzte hinzu, daß viele Fremde bloß in dieſer Abſicht die Gegend beſuchten. Wie heißt es? fragte ich. J nun, wie ſoll's heißen, Schloß Lasce⸗ lyne, antwortete er. Dieß iſt das wahre alte Schloß, aber die Herrſchaft verließ es, als es in den Zeiten der Koͤniginn Marie abgebrannt war, und baute ſich ein anderes in der Nie⸗ derung. Wir waren mittlerweile eine Treppe in ei⸗ nem noch erhaltenen alten Thurme hinangeſtie⸗ gen, und auf der Zinne ſah ich, daß ich mit⸗ ten im Park des Schloſſes war, welches unter Zweiter Theil.. 7 — 98— mir in weit geringerer Entfernung erſchien, als ich vermuthet hatte. Eine Durchſicht zwiſchen den Baͤumen zeigte im Hintergrunde eine Vor⸗ derſeite des Gebaudes. Das Schloß muß ſich aus jenen Fenſtein ſehr ſchoͤn ausnehmen, hob ich wieder an. Ei freilich thut's das, antwortete mein Fuͤh⸗ rer. Die Herrſchaft kommt oft an Sommer⸗ abenden her, wenn ſie zu Hauſe iſt. Die gnaͤ⸗ dige Frau war ganz verſeſſen auf den alten Thurm. Wo wir jetzt ſind? Nun ja, hier, Wir ſind oben auf dem Thurme, wie Ihr ſeht, lieber Herr. Sie ka⸗ men oft her und blieben wohl ganzer vier Stun⸗ den hier in dem Sommer, wo der gnaͤdige Herr ſich verheirathete. Aber die Zeiten ſi ind vorbei. Der alte Mann ſchwieg, und da ich nicht Luſt hatte, ihn durch weitre Fragen auszufor⸗ ſchen, ſo ſtand ich einige Minuten auch ſchwei⸗ gend an ſeiner Seite. Ja wahrhaftig! rief er endlich, das iſt ja der neue Wagen. Ich habe gar nicht gehoͤrt, daß der gnaͤdige Herr wieder da iſt. — 99— Wer? Lord Lascelyne? Ei ja, er ſelber! Ich weiß, wie er ſitzt. Er iſt es ſelbſt, und die Madame iſt bei ihm. Wie? Wer? Sie kommen hierher? Man kann denken, was ich empfand, als ſich der Wagen ſchnell dem alten Schloſſe naͤ⸗ herte. Lascelyne ſprang von ſeinem Sitze, und hob ſeine Begleiterinn aus dem Wagen. Sie kommen die Tieppe hinauf? fragte ich. Ich denke es nicht anders, antwortete mein Fuͤhrer, und ich muß Euch allein laſſen, lieber Herr, man koͤnnte mich brauchen. Er verließ mich. Unſchluͤſſig blieb ich ſte⸗ hen. Ich uͤberlegte, ob ich mich nicht irgendwo unter dem Efeu verbergen koͤnnte, und tauſend Plane und Traͤume flogen durch meinen Kopf. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Es ſteigt jemand die Treppe hinan, ich hoͤre wieder das Keuchen meines Fuͤhrers und ſeinen ſchweren Tritt. Gott ſei Dank, kein at ſerer Tritt ſcheint ihm zu folgen. Nun, Ihr kommt ſo ſchnell zuruͤck? frag⸗ te ich, als er oben war. Ja, lieber Herr, antwortete er, faſt athem⸗ los: der gnaͤdige Herr ſagte, er wollte warten, „* — 100— bis Ihr herunterkaͤmet. Und das wollte ich Euch doch ſagen. Ich druͤckte dem alten Manne ein kleines Geſchenk in die Hand, und zog mein Halstuch hoch uͤber das Kinn, waͤhrend ich die dunkle und ſteile Treppe hinab ging.. Zu meiner freudigen Uberraſchung fand ich Niemanden, als ich unten war, und kletterte zu einem Fenſter auf der Waſſerſeite hinan, in der Hoffnung, daß ich, wenn ich dieſen Aus⸗ gang waͤhlte, nicht mehr in Gefahr kommen wuͤrde, auf Lascelyne zu ſtoßen, der in ſeinem Park geblieben war, wie ich aus den Worten des alten Mannes ſchloß. Aber als ob alles die unangenehmſte Wendung fuͤr mich haͤtte nehmen wollen, Lascelyne war rings um den Thurm gegangen, und ſtand nun beinahe unter mir am Ufer des Sees, wiewohl den Ruͤcken gegen das Fenſter kehrend, in dem Augenblicke, wo ich mich zeigte. Ich zeigte mich, denn ob⸗ gleich er mir den Ruͤcken zukehrte, ſo ſah mich doch ſeine Begleiterinn. Ihr Auge war auf 5 mich gerichtet, als ich mich in meiner unbeque⸗ men Seellung befand, aber es war nicht Ka⸗ tharina's Auge. Ich hatte nicht Zeit, Betrach⸗ 5* 4 — 1⁰1— tungen zu machen, und ſprang alsbald auf den Raſen hinab. Die Schoͤne ſah mich durch ein Augenglas an, das an ihrem Halſe hing, und wendeie ſich dann zu Lascelyne, der aber nicht geruhte, ſich in der Beſchaͤftigung ſtoͤxen zu laſ⸗ ſen, mit ſeinem Stocke Linien in den Sand am Ufer zu ziehen. Ich eilte zu meinem Kah⸗ ne, und ruderte davon. Als ich mitten im See war, warf ich wieder einen Blick auf das Ufer, und ſah, daß Lascelyne's Auge veſt auf mich geheftet war. Ich konnte meinen Blick nicht zuruͤckziehen. Wir ſahen uns einander an, je⸗ doch ohne Zeichen der Wiedererkennung. Ich zweifelte beinahe, als ich auf dem jenſeitigen Uſer war, ob er mich wirklich gekannt haͤtte. Es waren viele Jahre verfloſſen, ſeit wir uns zuletzt geſehen hatten; mein Anzug war ganz anders, und nichts konnte ſo entfernt von ſei⸗ ner Seele ſein, als der Gedanke an die Moͤg⸗ lichkeit, daß ich an dieſem Orte waͤre. Seine Begleiterinn— wer konnte ſie ſein? Schoͤn war ſie, und es ſprach Dteiſtigkeit aus dieſem glaͤnzenden Auge. Vielleicht eine ſtolze Edelfrau — eine Schweſter, eine Freundinn. Es war etwas in meinem Gefuͤhle, als ob ⸗ — 102— ich eine Demuͤthigung erlitten haͤtte. Was konnte Lascelyne von mir denken, wenn er mich wirklich erkannt hatte? Wie unwuͤrdig war es von mir, ſeinen Park, ſein Schloß zu beſuchen und auf ſeinem Gebiere ihm in den Weg zu kommen! Und wenn Katharina an ſeiner Seite geweſen waͤre, was haͤtte ſie fuͤhlen muͤſſen! Wie unfein, wie unmaͤnnlich war mein Beneh⸗ men! Wuͤnſchte ich wieder in das Verhaͤltniß ihres Verwandten, ihres Freundes zu treien, warum ſagte ich es ihr nicht— warum ſchrieb ich nicht an ſie? Warum nicht vor ihre Thuͤre geritten, wie ein Mann? Aber ſo um ihre Einſamkeit herumzuſchleichen, in ihrem Park umherzugehen, um Ausſichten und Ruinen zu betrachten, oder eine noch gemeinere Neugier zu befriedigen! Wie ich auch die ganze Sache an⸗ ſehen mochte, ſie war mir peinlich und aͤrger⸗ 1 und ich machte dieſe Tagreiſe in einer unglaͤcklichern Stimmung und weit ſchneller als je eine andre. Trot der Gemuͤthsunruhe, die an dieſem Tage mich gequaͤlt hatte, brauchte doch der Leib ein geſundes Schlaͤfchen, und ich ſchlief, glaube ich, neun Stunden ununterbrochen. Es war acht Uhr, als ich erwachte, und ich waͤre vielleicht noch immer nicht aufgeſtanden, wenn man mich un⸗ geſtoͤrt der Natur und mir ſelber uͤberlaſſen haͤtte. Als ich meine Augen rieb, bemerkts ich, daß ganz in meiner Naͤhe ein lebhafter Wort⸗ wechſel gefuͤhtt wurde. Ich hatte in einer ſchlichten laͤndlichen Huͤtte mein Nachtlager ge⸗ nommen, und dicht an der Thuͤre oder am Fenſter hoͤrte ich ſtreitende Stimmen. Es ſchie⸗ nen ihrer wenigſtens drei zu ſein, und eine war mir bekannt, die Stimme meines Burſchen, des wackern und treuen Robert Keir. Ich hor⸗ te folgendes Geſpraͤch. Wach oder nicht wach, ich muß hinein, das iſt das Ende vom Lied. Geht weg, ſage ich, und laßt mich hinein. 4 — 104— Der Burſche hat den Teufel! Aber blaſt Euch auf, wie Ihr wollt, Ihr ſollt nicht hin⸗ ein. Einen koͤniglichen Beamten ſchimpft Ihr— unhoͤflicher Geſell! 3 Ich bin kein Geſell, du boͤſe Zunge! Ich bin Reitknecht bei meinem gnaͤdigen Herrn, und auch huͤbſcherer Leute Kind, als ſich je bei dei⸗ nes Vaters Torf waͤrmten.— Ich weiche nicht, daß Ihr's nur wißt. Stille! Wir Georg von Gottes Gnaden— Wir hoͤren ſchon, lieber Mann, ſind ja nicht taub. Spart euren Athem, eure Suppe kalt zu blaſen. — Von Großbritannien und Irland Koͤ⸗ nig— Ei daß Dich! Still doch, ſtill, Mann! er iſt ja ein Ge⸗ richtsbote. — Großbritannien und Irland Koͤnig— entbieten—. Koͤnig Georg— Bitten! Ei Freundchen, das lautet klaͤglich. Leſet doch nicht all das Gewaͤſche! Sagt gerade heraus, was Ihr von ihm wollt. Nun, das heißt doch mit Verſtand geſpro⸗ chen. Ich will wiſſen, ob er den Lord geſehen hat. Geſehen? Ei ja, wir ſind eben auf dem Wege von ſeinem Gute. G Sie ſind alſo zuſammengekommen? Zuſammengekommen? Nun ja, zuſammen⸗ gekommen und wieder von einander gegangen. 1 Aber was wollt Ihr mit den einfaͤltigen Fra⸗ gen? Und wo war denn die Zuſammenkunft? Zuerſt kamen wir auf der Heide zuſammen, nicht weit vom Herrenhauſe. Auf der Heide? Und ſie feuerten? Ei gewaltig gefeuert wurde auf der Heide! Alſo gefallen? Das ſollt' ich meinen, gefallen genug! Aber was geht's Euch an! Mehre Schuͤſſe? O viel hundert Schuͤſſe. 4 Gott ſtehe uns bei! Was fuͤr ein heidni⸗ ſches Volk! Viele hundert Schuͤſſe! Pulver iſt da nicht theuer und Blei auch nicht. Und alſo endlich todt? — 106— Auf's Erſtemahl, ſag' ich Euch. Wahrhaftig todt? So todt als ob Ihr ihnen den Hals um⸗ gedreht haͤttet. Beide todt? Ihr ſprecht dummes Zeug— Barrmains iſt ja hier, ſagt Ihr. ₰ freilich iſt er hier. Sein Koͤrper, meint Ihr. Ei ja, Seele und Koͤrper. Aber wovon ſprecht Ihr denn? J nun, vom Duell! Was fuͤr ein Duell? Zwiſchen euerm Herrn und Lord Lascelyne. Lord Lascelyne? Von dem habe ich nie was gehoͤrt. Ihr ſagt ja eben, Ihr kaͤmet von ſeinem Gute. Ia wahrhaftig, da habt Ihr recht, wir haben geſtern nicht weit davon gefruͤhſtuͤckt. Ein ſchoͤnes Fruͤhſtuͤck! Eiinn praͤchtiges Fruͤhſtuͤck, ſage ich Euch, ein ausgeſuchtes Fruͤhſtuͤkk beim Pfarrer— Pfarrer? Dummes Zeug! Wovon ſprecht Ihr denn? Sind beide todt oder lebendig? So * — 107— redet doch, und es wird beſſer fuͤr Euch ſein. Stille! Todt und lebendig? Wer denn todt? Wer lebendig 2 Habt Ihr nicht eben geſagt, jemand waͤre todt? Heraus mit der Sprache, Ihr alter Pinſel! Nun, gemach gemach! Was wollt Ihr mit all dem Geplapper? Stille! Ich frage Euch, und Ihr antwor⸗ tet mir auf eure Gefahr, wie Ihr antworten ſollet vor dem koͤniglichen hohen Gerichte— Seiner Gnaden, dem Herrn Düeeiihtet und denen ſaͤmmtlichen Herren—. Nur weiter, Freund! Nehmt Euch nur Zeit. 3„ Antwortet mir ſonach auf eure hoͤchſte Ge⸗ fahr, was war die Folge der Zuſammenkunft zwiſchen eurem Heerrn und Lord Lascelyne? Mein Herr und Lord Teufelskind! Sie ſind gar nicht zuſammengekommen in dieſer Welt, ſo viel ich weiß. Wir ſahen das große Haus nur durch die Baͤume, als wir aus dem Hochlande kamen. Wen meint Ihr denn? Wet hat geſchſen 7 — 108— Wer iſt gefallen? Wer iſt ſo todt, als ob man ihm den Hals umgedreht hatte? Weer todt iſt? J nun, die Birkhaͤhne ſind todt und die Haſen, und zwei oder drei Rehe jeden Tag obendrein. Seid Ihr damit zu⸗ frieden? 1 94 Ich oͤffnete in dieſem Augenblicke das Fen⸗ ſter und fragte den Gerichtsboten:„Was ſoll der Laͤum bedeuten?“ Robert zog alsbald ſeinen Hut ab, und der rothnaſige Liebling der Themis folgte ſchnell dem Beiſpiele der Hoͤflichkeit, als er hoͤrte, wer ich war. Mit vielen Schnoͤrkeln nach ſeiner Weiſe meldete er mir endlich, er haͤtte einen Befehl von dem hohen peinlichen Gerichtshofe, mich augenblicklich zu verhaften. Sie koͤnnen denken, daß ich nicht wenig beſtuͤrzt war, ob⸗ gleich ich die Urſache des Mißverſtaͤndniſſes bereits dunkel zu ahnen begann. Ich machte indeß gute Miene zum boͤſen Spiele, lachte herzlich, und verlangte den Verhaftbefehl zu ſehen, den der Gerichtsbote nach einigen Be⸗ denklichkeiten mir uͤbergab. Ich entfernte mich auf ein Paar Schritte vom Fenſter, und Sie koͤnnen denken, mit wel⸗ — 109— chen Gefuͤhlen ich die beiden Urkunden las. Die erſte war ein, von einem Anwalt uͤbergebenes Geſuch an den Gerichtshof, des Inhalts: nach⸗ dem Manthaͤus Wald, Barr auf Barrmains, auch Matthaͤus Waldie genannt, nach der eid⸗ lichen Verſicherung glaubwuͤrdiger Perſonen ſich nach dem noͤrdlichen Theile des Reiches be⸗ geben, in der ausdruͤcklichen Abſicht, mit dem hochgebornen Herrn, Georg Lord Lascelyne, ſich im Zweikampfe zu ſchlagen, oder ſonſt ge⸗ gen beſagten Lord einen ſchweren Landfriedens⸗ bruch zu begehen, zum Schaden des Koͤnigs und ſeiner Krone und Wuͤrde, auch gleicher Ge⸗ ſtalt nurgenannter Georg Lord Lascelyne die Ab⸗ ſicht habe, in beſagten Zweikampf ſich einzulaſ⸗ ſen, oder ſonſten gegen gedachten Mäaͤtthaͤus Wald einen Landfriedensbruch zu begehen; als werde das Gericht erſucht, beſagte Perſonen ſo⸗ fort verhaften zu laſſen, bis ſelbige genuͤgende Buͤrgſchaft geleiſtet u. ſ. w. Die andre Schrift war der nachgeſuchte Verhaftbefehl, und der un⸗ 4 terſchriebene Richter ſchien Niemand als mein wuͤrdiger Bekannter, Lord Thirleton, zu ſein. So aͤußerſt laͤcherlich mir die ganze Ge⸗ ſchichte auf der einen Seite vorkam, und ſo ſehr — 110— ich dazu geſtimmt war, in anderer Beziehung hoͤchſt empfindlich daruͤber zu werden, ich halte doch Beſonnenheit genug, einzuſehen, daß nichts Gutes daraus entſtehen koͤnnte, wenn ich einem ſo rechtsbeſtaͤndigen Befehle mich widerſetzen wollte. Ich ließ mich daher mit dem Gerichts⸗ boten nicht in weitre Eroͤrterungen ein, ſondern ſagte ihm, er hatte nichts als ſeine Pflicht ge⸗ than, und da ich ſelbſt auf dem Wege nach Edinburgh waͤre, ſo koͤnnte es mir nicht die mindeſte Unannehmlichkeit verurſache n, dem mir eröͤffneten Befehle zu gehorchen. Der Mann war offenbar ganz beſtuͤrzt uͤber die Ruhe, womit ich die Sache angehoͤrt hatte, und er ſtammelte eine Menge ſolcher Entſchul⸗ digungen und Erlaͤuterungen hervor, deren ihm wahrſcheinlich mehr einfallen konnten, als ich anzuhoͤren Luſt hatte. Einen Umſtand aber fuͤhr⸗ te er an, der zur Sache gehoͤrte, und zwar, daß Lord Thirleton, obgleich er den Verhaftbefehl in Edinburgh erlaſſen haͤtte, wahrſcheinlich ſchon in Stirling waͤre, oder doch am ſelbigen Tage dort eintreffen wuͤrde, um den Sibungen des Gerichts beizuwohnen. — 1411— Deſto beſſer, ſprach ich, wir werden den Lord funfzehn Stunden eher ſehen, als wir es ſonſt haͤtten moͤglich machen koͤnnen. Kurz, ich beſtellte ſogleich mein Fruͤhſtuͤck, und ſetzte mich munter zu Pferde, als ich da⸗ mit fertig war. . — 112— E⸗ war ſchoͤnes Wetter, als wir aufbrachen, aber der Hinmel bewoͤlkte ſich gegen Mittag, und es regnete faſt den ganzen Abend. Kurz, unſer Ritt war ſehr unangenehm, und wir ka⸗ men ſpaͤt in der Nacht zimlch ſchmutzig in Stirling an. Mein Waͤchter fuͤhrte uns in das Wirths⸗ haus, wo die Richter*) gewoͤhnlich einkehrten, und was ich am Thorwege bemerkte, verrieth mir, daß ſie noch nicht angekommen waren. Hungrige Geſchworene ſchlenderten auf und nie⸗ der, und der Wirth trippelte unruhig umher, offenbar ſehr beſorgt, ſeinen Hammelbraten ver⸗ brannt zu ſehen. Dieſe Lage der Dinge hatte fuͤr mich den Vortheil, daß ſie mir Gelegenheit *) Wie in England, giebt es auch in Schottland wandernde Gerichte, Circuit Courts genannt, de⸗ ren jedes zwei bis drei Grafſchaften begreift, wel⸗ che die zu dem Gerichte erforderlichen Geſchworenen ſteuen L. — 143— gab, mich umzukleiden, und als der Gerichts⸗ bote ſich zu ſeinem Schoppen Branntwein nie⸗ dergeſetzt hatte, war tete ich geduldig an der Thuͤ⸗ re des Zimmers auf die Ankunft des Mannes, deſſen Befehl mir, wie ich nicht zweifelte, ſo⸗ gleich die Freiheit wieder geben ſollte. Nach einer halben Stunde, beinahe gegen Mitternacht, wurde mein Ohr endlich durch den wohlbekannten Richtermarſch erfreut, den ein Paar zerbrochene Trompeten unten auf der Straße blieſen, begleitet von dem ziemlich lau⸗ ten Geſumſe: Die gnaͤdigen Herren Richter! Ich oͤfnete das Fenſter und konnte den ankom⸗ menden Zug ziemlich deutlich ſehen. Der Ober⸗ richter hielt in der rechten Hand einen Regen⸗ ſchirm, um ſeine Perruͤcke und ſeinen dreiecki⸗ gen Hut zu ſchuͤtzen, und waͤhrend er mit der linken eben ſo anſtaͤndig ſeine Rockſchoͤße auf⸗ hob, trabten ſeine kurzen Saͤbelbeine ruͤſtig durch den Koth. Die Gerichtsboten und Trompeter gingen voran, auf jeder Seite ein Paar Auf⸗ waͤrter mit Talglichtern in Papierlaternen und den Beſchluß machte das gewoͤhnliche Geſindel. Mein Wachter hatte dafuͤr geſorgt, unſre Ankunft melden zu laſſen, ſo bald der Lord in Zweiter Theu. 4 3 — 114— ſeinem Zimmer waͤre, und nach wenigen Minu⸗ ten wurde ich gerufen. Lord Thirleton hatte bereits ſeinen richterlichen Putz abgelegt, und beide Haͤnde im Seifwaſſer, befahl er donnernd, das Eſſen anzurichten. Der Gerichtsbote war im Vorſaa⸗ Diener hinausgehen, ſo bald er mich erblickte. „Nun, wie ſteht's, Doctor? Wie iſt s auge⸗ laufen? waltet, gab ich zur Antwort. Ich will Ihnen keine Vorwuͤrfe machen, aber man hat Sie hin⸗ tergangen, man hat Sie voͤllig aufgezogen. Hintergangen, Doctor? Beſeſſen iſt das Menſchenkind! Alſo habt Ihr Euch wohl gar nicht geſchlagen? 3 Es iſt mir nichts weniger in den Sinn ge⸗ kommen. Nicht im Traume habe ich daran ge⸗ dacht. Doctor, ſeid vernuͤnftig, denkt nicht, mir eine Naſe zu drehen. Ihr muͤßt fuͤnfhundert Mark erlegen— nicht einen Pfennig weniger; das Geſetz will's durchaus. Ich kann nicht hel⸗ fen, und wenn Sie mein Vater waͤren. le geblieben, und Thirleton ließ auch ſeinen O es hat hier ein voͤlliger Irrthum obge⸗ . — 115— Sie koͤnnen mir fuͤnftauſend Pfund aufle⸗ gen, wenn's Ihnen beliebt. Ich wuͤnſche nur zu wiſſen, wer all dieſen Unſinn ausgebruͤtet hat. Von wem haben Sie denn all dieſe Sa ſeleien? 8 Nun, wenn Sie lachen, Freund, ſo werd ich Ihnen doch wohl glauben muͤſſen. Lieber Himmel, wer koͤnnte dieß der Frau in den Kopf geſetzt haben? Der Frau? Welcher Frau denn?— Welcher Frau, lieber Barr? Wem anders als eurer Frau! Ja wahrhaftig, waͤre ſie nicht ſelber zu mir gekommen mit Thraͤnen im Auge, ich ſage es offenherzig, ich wuͤrde mich nie gern beeilt haben, mag ich Beamter ſein oder nicht, mich in eine ſolche Sache zwiſchen Ehrenmaͤn⸗ nern zu mengen, zumahl wenn einer mein Freund geweſen waͤre.. Meine Frau iſt zu Ihnen gekommen? Lie⸗ ber Himmel, was ſoll das bedeuten? Man hat mich zum beſten gehabt, man hat einen Scherz mit mir getrieben, und ich werde es ſchon aus⸗ zumitteln wiſſen, was geſchehen iſt. Ausmitteln, Freund? Nun, das wird nicht viel Muͤhe koſten. Sie ſind alſo wirklich nicht 9* — 116— - in's Hochland gereiſet, um Lord Lascelyne her⸗ auszufordern? Sagen Sie mir die Wahrheit, Doctor, laſſen Sie nun die Poſſen! Poſſen? Ich bin nie in meinem Leben ernſthafter geweſen. Ich habe gar keine Be⸗ kanntſchaft mit Lord Lascelyne, gar keinen Streit mit ihm. Es haͤtte mir eben ſo leicht in den Sinn kommen koͤnnen, Sie herauszufordern. Nun, ſachte, ſachte, Freund! Lieber Him⸗ mel, Sie wiſſen alſo nicht, wovon alle Welt geſprochen hat? Sie wiſſen nicht, wie er ihre Baſe behandelt hat? Meine Baſe? Wenn Sie Lascelyne's Ge⸗ mahlinn meinen, von ihr habe ich ſeit Jahren nichts geſehen und gehoͤrt. Du mein Himmel, da iſt ein ſchoͤner Laͤrm geweſen um nichts! Sie haͤtten alſo wirklich nicht erfahren, daß ſich Lascelyne von ſeiner Frau getrennt hat, nichts von der Franzoͤſinn und all den Geſchichten? Nun, ſo muͤßt Ihr im Traum geweſen ſein, Barr, oder ganz aus der Welt! Nichts davon gehoͤrt? Niee, nie— nicht eine Silbe, wenigſtens nichts, was mir verſtaͤndlich geweſen waͤre. — 117— Ja, ja, fuhr Thirleton fort, nun geht mir ein Licht auf. Man hat von eurer Verbindung mit ihr gewußt, und Euch darum nicht gern reinen Wein einſchenken wollen. Aber wunder⸗ ſam iſt's doch, Freundchen!— Und warnm habt Ihr denn den alten Feuerbrand, den Cu⸗ tehill, mitgenommen? Ich Cutehill mitgenommen? Es iſt mir nicht eingefallen. Er war vom N darquis zur Jagd eingeladen, und wir ritten zuſammen hin; das iſt alles. Ich habe ihn bei dem Marauis 3 zuruͤckgelaſſen. Meiner Seel'! das iſt doch eine naͤrriſche Geſchichte. Die arme Frau! Aber glaubt's mir, Freundchen, eure gute Frau hat ſich die Sache ſehr zu Herzen genommen. Wir muͤſſen ihr ſo⸗ gleich einen Boten ſchicken. Nicht doch, ſiel ich ein, das iſt meine Sa⸗ che. Ich reiſe ſogleich ab. 8 Erſt eſſen Sie hier, auf alle Faͤlle. Ja, und eben denke ich daran, die Buͤrgſchaft muß auch erſt geleiſtet werden. Sie muͤſſen gut ſa⸗ gen fuͤr fuͤnfhundert Mark. Fuͤnf Hundert Teufel! rief ich, alle Geduld verlierend. Haben Sie wirklich die Abſicht, mich * — 118— zu beleidigen? Habe ich Ihnen nicht geſagt, ſa⸗ ge ich's Ihnen nicht jetzt, auf das Wort ein Mannes und eines Edelmannes, daß die ganze Geſchichte eine Dummheit, eine Ungereimtheit, Unſinn iſt? Gemach, gemach! Sie ſagen, es waͤre Ih⸗ nen nicht bekannt geweſen, wie er ſeine Gemah⸗ linn behandelt hat, und wie kann ich wiſſen, was Sie kuͤnftig thun werden, da es Ihnen jetzt bekannt geworden iſt? Sie muͤſſen die Buͤrg⸗ ſchaft leiſten; dagegen iſt kein Wort zu ſagen.— Thomas! rief er, und klingelte, geht und hohlt den Gerichtſchreiber.— Sie tammen nicht uͤber die Schwelle, bis die Sache abgemacht iſt. Ich nahm dieß hoͤchlich uͤbel; als ich aber ſah, daß ich hier mit Streiten duichaus nichts ausrichten konnte, ergab ich mich in die Noth⸗ wendigkeit, vollzog die erforderlichen Foͤrmlich⸗ keiten und wollte mich mit einer Verbeugung entfernen. Nein, nein, Doctor, nun da wir mit un⸗ ſrer Sache fertig ſind, muͤßt Ihr eure Naſe nicht ſo aufwerfen. Seht Ihr denn nicht, Freundchen, daß ich nicht anders handeln konnte? Wahrhaftig, ich habe einen ſo bittern Haͤß ge⸗ * 82 14 8 — 449— gen dieſe Geſchichten, als gegen irgend ein Giſt, das je gebraut wurde, aber was konnte ich thun! Weiber in Thraͤnen, Eide auf Seele und Ge⸗ wiſſen, ein foͤrmliches Geſuch von jenem Pin⸗ ſel von Anwalt, dem Erzpinſell Waͤre ich an ſeiner Stelle geweſen, auf mein Wort, vor mir haͤtte man Ruhe haben ſollen— Doch wo⸗ zu das Schwatzen! Es iſt nun alles abgemacht, Freundchen; Ihr ſchickt euren Burſchen nach Edinburgh und ſpeiſet mit uns. Glaubt mir, Freund, Ihr kennt mich wenig. Habe ich denn nicht den aͤrgſten Säufer unter allen unſern Ge⸗ richtsboten ausgeſucht? Ich dachte es wohl, Da⸗ vid Macaliſter wuͤrde in jeder Schenke ſiten bleiben, und nicht eher in's Hochland kommen, bis Ihr Zeit genug gehabt haͤttet, nach Frank⸗ reich zu gehen, wenn's Euch beliebte. Nein, es geſchieht nicht mit meinem Willen, wenn ich bei ſolchen Gelegenheiten Ehrenmaͤnnern etwas in den Weg lege. Wahrhaſtig, ich wuͤrde nicht blöde ſein, wenn's ſo waͤre. Ich habe wohl eben ſo arge Dinge ſelbſt gethan in meinen jan⸗ gen Jahren. Und am Ende iſt ſie ja Eure nahe Verwandte. Wie kann man ſich da ſonderlich wundern, wenn die Leute meinten, Ihr moͤch⸗ * 2 4— 120— tet einmahl gern ſehen wollen, wovon ſeine Haut gemacht waͤre. Ihr habt ohne Zweifel Eure be⸗ ſondern Gruͤnde; aber wahrhaftig, Freund, ich rede mit Euch von der Leber weg, und ich glau⸗ be, wenn ich ſo nahe mit ihr perwandt waͤre, als Ihr, ich haͤtte auch wohl ſchon Rechenſchaft fuͤr ein ſolches Betragen gefedert.— Gebt mir doch das Schreibzeug her. Wartet ein bischen! Ich ſchreibe nur eine Zeile.. Ich blieb neben ihm ſtehen, waͤhrend er ei⸗ nen Brief kritzelte. Er klingelte, und ſagte zu dem Diener, ehe ich es verhindern konnte:„So⸗ gleich zu Pferde! Dieß muß in Edinburgh ſein, ehe wir ſechs Stunden aͤlter ſind.“ Der Diener entfernte ſich, und Thirleton wandte ſich wieder mit den Worten zu mir: „Nun zu Tiſche! Euer Pferd iſt ohne Zweifel muͤde, und Ihr ſeid's auch. Der Burſche iſt eher in Edinburgh als Ihr hinkommen koͤnntet. Kommt zum Eſſen; ich hoͤre die Trompeten.“ Die ganze Geſchichte war allerdings ſo ver⸗ drießlich und beunruhigend, daß ich mich nach kurzer Erwaͤgung uͤberzeugte, es waͤre wohl eben ſo gut, ohne alle Uebereilung zu Werke zu gehen. Das Benehmen meiner Frau war mir — 121— noch immer unerklaͤrlich, die Geſchichte meiner Baſe noch immer ein Geheimniß und tauſend Gedanken bewegten meine Seele. Nun, ich will wenigſtens, dachte ich, mit aller Ruhe dieſe Ver⸗ wickelung aufzukoſen ſuchen. Ich folgte daher Thirletons Einladung, und begab mich mit ihm auf den Kampſplatz. Eine zahlreiche Geſellſchaft von Beamten, Geſchwo⸗ renen, Sachwaltern, Anwalten und allen Nach⸗ tretern eines ſchottiſchen Landgerichtes, ſpeiſten an einer langen Tafel; der Richter, am obern Ende, und der Gerichtſchreiber ihm gegenuͤber als Cronpier. In der That, ein hehres Schauſpiel, wenn es anders heutiges Tages noch in ſeiner ganzen Herrlichkeit for Hauert. Die beiden geſpaltenen Trompeten ſchmetterten bei jeder Geſundheit, und der furchtſamſte Verbre⸗ cher, der am naͤchſten Tage vor den Schranken ſtehen ſollte, haͤtte ſi ſich wenigſtens mit der Ge⸗ wißheit troͤſten koͤnnen, daß er in dieſer Nacht nicht weniger ſchlafen konnte, als ſeine Richter. —— 8 * XI. Ich hatte mit den gerichtlichen Verhandlungen nichts zu thun, und ſchlief aus. Erſt ſpaͤt am folgenden Tage hielt ich mein Pferd vor dem Hauſe an, wo Johanna wohnte; es gehoͤrte, wie ich in der Folge erfuhr, einem angeſehenen Mitgliede der Geſellſchaft zur Bekehrung der Sineſen. So verdrießlich der abgeſchmackte Vor⸗ fall vom vorigen Tage mir geweſen war, ſo kam es mir doch, wie Sie leicht denken koͤnnen, gar nicht in den Sinn, meiner guten Frau ernſtli⸗ che Vorwuͤrfe uͤber ihr Benehmen zu machen. Sie zerfloß en Thraͤnen, als ſie mich ſah und warf ſich mit leidenſchaftlicher Zaͤrtlichkeit an meine Bruſt. Es waͤhrte eine Zeitlang, ehe ich ſie ſie hinlaͤnglich beruhigen konnte, um verſtaͤnd⸗ liche Antworten auf die Fragen zu erhalten, die ich uͤber den Irrthum, worein ſie gefallen war, und uͤber die Veranlaſſungen deſſelben thun mußte. O lieber Wald, ſchluchzte ſie, was konnte ich anders thun! Frau Mather ſagte mir, ſie wuͤßte gewiß, daß es ſo waͤre, und auch Herr Mather, der gute wuͤrdige Mather, er ſagte, deine Gemuͤthſtimmung waͤre ihm wohl bekannt und nichts wuͤrde Dich aufhalten. Mather! Lieber Himmel! Johanna, wo und wie biſt Du mit dieſen Menſchen zuſammen⸗ gekommen? Du weißt, wie ich ſie verabſchele. H lieber Wald, ſprich doch nicht ſol Ich weiß gewiß, Du haſt keinen beſſeren Freund in dieſer Welt. Ich habe beide in einer Geſell⸗ ſchaft bei Frau Carjarg kennen gelernt, und als ſie hoͤrten, wer ich waͤre, ſprachen ſie gewiß ſo freundlich von Dir, als ob Du ihr eigenes Kind geweſen waͤreſt. Er iſt ein vortrefflicher Mann, Herr Mather. O wie kann man ſich an ſolche Kleinigkeiten erinnern, zumahl jetzt, da ſie in dieſer großen Truͤbſal ſind, in ſo ſchwerer Be⸗ kuͤmmerniß! Auch der junge Mather und das Maͤdchen— O Dua kannſt es Dir nicht denken, in welcher Lage die ganze Familie iſt. Die Familie! Die— Sprich den Nahmen nicht wieder aus, wenn Du mich liebſt. O lieber Wald, das iſt eine ſehr unchriſt⸗ liche Gemuͤthſtimmung! Bedenke doch nur, wie 1 — 124— oft haſt Du die Sonne untergehen laſſen uͤber dieſem Zorne. Johanna, Du haſt noch keinen Scheffel Salz mit dieſen feinen Leuten gegeſſen, und ich bitte Dich, ſie nicht zu nennen. Ich haſſe ſie— iſt das nicht genug? 1 Haſſen? O was fuͤr ein Wort iſt das! Aber gewiß haſſeſt Du nicht auch deine arme Baſe, die Du ſo lieb hatteſt, wie ich von Allen hoͤre, als ihr in eurer Kindheit beiſammen waret. Die arme Frau! Ich weiß gewiß, Du wirſt wenig⸗ ſtens Mitleid mit ihr haben. Ich habe ſie nur einmahl geſehen, wie Du weißt, und das iſt lange her, aber nach allem, was in meiner Er⸗ innerung geblieben iſt, kann man ſie gewiß nicht haffen.— Wie finſter Du ausſiehſt, Wald! O dein Blick betruͤbt mich— es erſchreckt mich, Dich ſo zu ſehen. O lieber Wald, Du mußt Dich bemuͤhen, dieſe leidenſchaftliche Gemuͤthſtimmung zu bezwingen. Lieber— lieber Wald! Thraͤnen erſtickten ihre Stimme. Liebe Johanna, hob ich an, als ſie ſich er⸗ hohlt hatte, ſage mir doch deutlich, wie es mit der ganzen Geſchichte ſteht. Was der alte pfif⸗ ſige Rechtsgelehrte mir ſagte, war ganz unver⸗ — 125— ſtaͤndlich. Hat ſich Lascelyne von ſeiner Frau getrennr? Wie? Wann? Warum? Sage mir, wie alles iſt. Er hat ſie dieſe zwei Jahre hindurch ſchaͤnd⸗ lich behandelt, aber wiewohl alle Welt etwas davon argwoͤhnte, ſagte ſie doch ihren Verwand⸗ ten nie ein Wort davon. Sie gab der guten Frau Mather nie einen Wink. Mather ſchon wieder! Um Gotteswillen, Johanna— O ſprich nicht ſolche Worte!— Sieh, alles ertrug ſie ruhig, bis er endlich ſo weit ging, das Weib in's Haus zu bringen. Was fuͤr ein Weib denn? Die ſchlechte, ſchlechte Franzoͤſinn; eine Sch auſpielerinn, eine Operntaͤnzerinn, die ſelbſt obendrein einen Mann haben ſoll. Er brachte ſie ins Haus und ſie mußte ſich mit ſeiner Frau an einen Tiſch ſetzen. Und ſie verließ den Unmenſchen⸗ Ja wohl, ein Unmenſch! Sie ging ſogleich mitten in der naͤchſten Nacht, ſie und ihr Kind. Und wohin? Wo iſt Katharine? Das weiß Niemand. Man hat noch nichts von ihr gehoͤrt. Kein Menſch weiß etwas von — 126.— ihr, und man glaubt allgemein, ſie ſei ins Aus⸗ land gegangen. Und der arme Mather und ſei⸗ ne Frau— Noch einmahl ſage ich Dir, ſprich den Nah⸗ men nicht mehr aus, Johanna!— Katharine iſt wirklich verſchwunden?. Doͤllig verſchwunden. Lord Lascelyne hat ſie uͤberall ſuchen laſſen, weil er ganz außer ſich war, daß ſie den Knaben mitgenommen hatte; aber alles vergebens. Auch ihre Mutter hat ſie ſuchen laſſen, aber keine Spur, gar keine. Arme Katharine! rief ich aus. O das war mein Wald! Ich wußte es wohl, daß Du mit deiner Baſe Mitleid haben wuͤrdeſt, ich wußte, daß Du es nicht uͤber das Herz bringen koͤnnteſt, Abneigung gegen ſie zu hegen. Abneigung gegen ſie! O Johanna, Du kennſt mich wenig! Ja, ich kenne Dich, Wald, 65 kenne Dich beſſer als Du Dich ſelber kennſt. Ich habe im⸗ mer geſagt, Du wuͤrdeſt dieß tief empfinden, und Du kannſt glauben, waͤre es nicht darum gewe⸗ ſen, man haͤtte mich nie uͤberreden koͤnnen, zu Lord Thirleton zu gehen. — 127— Ja, ja, ich ſehe jetzt wohl, wie alles ſteht, Johanna. Aber ſage mir, haſt Du alles bereit? Werden wir morgen fruͤh abreiſen? Norgen fruͤh? Nun ja, und warum nicht Morgen? Wss haben wir hier zu thun? Morgen wird die jaͤhrliche Predigt gegen das Papſtthum gehalten. Ich moͤchte gern noch einen Tag hier bleiben, Wald, wenn's Dir gefaͤllt. Ich habe Mather noch nie beedihen hoͤren! 3 Daß der heuchleriſche Schurke auf ewig verderbe!— Komm, Johanna, gib Deinem Maͤdchen Deine Befehle, und ich will den Wa⸗ gen beſorgen. Es iſt mir unertraͤglich, hier zu bleiben, nach allem, was vorgegangen iſt. Der Schuft— der Schuft— Lascelyne! O lieber Wald, laß uns doch ja gehen! Erſchrecke mich nicht mit ſolchen Blicken. Be⸗ denke, wer da ſagt: Mein iſt die Rache! Du darfſt nicht— Du wirſt es nicht— O Wald, bedenke, daß Du nicht allein in der Welt ſteheſt! Liebes Weib, ſprach ich, ſie in meine Ar⸗ me faſſend: was Du denkſt, iſt mir nie in — 128— den Sinn gekommen. Aber laß uns nach Lon⸗ don gehen; es iſt mir unausſtehlich, mich hier angaffen zu laſſen. Liebſter Wald, ich bin dein, ganz dein; ich thue alles, was Du willt. So laß uns denn gehen, wenn's dein Wille iſt.— XII. *⁴ Jo war noch nie in London geweſen, und brauche Ihnen alſo nicht zu ſagen, wie ich die erſten zwei bis drei Wochen zubrachte. Ich zeig⸗ te meiner Frau ſo viele von den Merkwuͤrdig⸗ keiten der Stadt, als ſie bei ihrem Geſundheit⸗ zuſtande beſuchen, oder als meine Ueberredung anziehend fuͤr ſie machen konnte. Wir veraͤn⸗ derten dreimahl oder viermahl unſte Wohnung, zogen aus einem Gaſthof in ein Privathaus, wieder in den Gaſthof und ſo weiter, bis wir endlich in einem kleinen aber bequemen Hauſe, das ich kaufte, uns ruhig anſiedelten, nicht in jenem Hauſe, wo Sie mich ſo oft beſucht ha⸗ ben, aber es lag in derſelben Straße, und war freilich erwas ſchoͤner eingerichtet. Hier erwarteten wir die Eroͤffnung des Par⸗ liaments, bei einer ziemlich truͤbſeligen Lebens⸗ weiſe; denn ich hatte faſt gar keine Bekannt⸗ ſchaften, und die Weltverachtung war bei mei⸗ ner Frau, wie Sie wohl ſchon lange geargwoͤhnt haben werden, zu tief gewurzelt, als daß Zweiter Theil. 9 — 430— meine Bemuͤhungen ſie haͤtten ausrotten koͤnnen. Nach der Eroͤffnung des Parliaments wurde ich natuͤrlich in eine Menge bloß maͤnnlicher Geſchaͤfte verwickelt. Ich wurde mit Miniſtern und andern Staatsbeamien bekannt; ich erhielt Zutritt in Vereinen, ich ſaß am Morgen in den Ausſchuͤſſen, hoͤrte die Eroͤrterungen am Abend an, und Bewerber aus Schottland, die nach allen moͤglichen Abſtufungen widrig waren, machten mir Beſuche. Gaſtmahle, Streitigkei⸗ ten, Pitt, Amerika, Franklin und aller geſchaͤf⸗ tige Laͤrm des Tages und der St unde, klangen mir in den Ohren. Meine gute Frau hoͤrte ſo viele Predigten und gab ſo viele Theegeſell⸗ ſchaften, als ihr beliebte. Ich glaubte in der That ſchon ein Mann zu ſein, der in der Welt 8 etwas galt.„ Der wichtigſte Zeitpunkt aber war, als das 1 achtbare Mitglied fuͤr Maldoun die erſte Rede hielt. Dieß geſchah bei Gelegenheit des oben erwaͤhnten Antrags wegen der Fiſchereien. Ich hatte mehre Jahre in einer Kuͤſtengegend ge⸗ wohnt, war daſelbſt angeſeſſen, hatte mich mit dem Gegenſtande vertraut gemacht, und hielt in der That eine recht huͤbſche Rede. Eine ge⸗ — 431— ſchaͤftmaͤßige verſtaͤndige Darlegung von Thatſa⸗ chen, unabgedroſchener Gruͤnde, in der Kuͤrze und ohne alle Schnoͤrkel vorgetragen, das war mein Stoſſ, und ich glaube, meine auslaͤndiſche Ausſprache war mir eher vortheilhaft als nach⸗ theilig, da ihre barbariſche Neuheit gleich bei der Eroͤffnung der Verhandlungen eine gute Lau⸗ ne erweckte, und dieß iſt in ſolchen Faͤllen ge⸗ woͤhnlich mehr als die halbe Schlacht gewon⸗ nen. Kurz, ich nahm mich fuͤr ein ſchottiſches Mitglied ſehr gut aus, und unſer Antrag ging mit einer glaͤnzenden Mehrheit durch. Es wuͤrde in jeder Hinſicht gut geweſen 4 ſein, wenn ich Wald mit einer Rede*) „geblieben waͤre, aber dieß war nicht der Fall. Der gluͤckliche Erfolg bei jener großen Gelegen⸗ heit war fuͤr mich ſo ſchmeichelhaft geweſen, daß ich mich nicht enthalten konnte, ein Paar Worte zu ſagen, als etwa vierzehn Tage ſpaͤter eine Frage ganz anderer Art, eine große, um⸗ *) Anſpielung auf einen gewiſſen Hamilton, der, ſo lange er im Parliament ſaß, nur eine einzige Rede hielt und daher single Speech Hamilton genannt 4 wurde⸗ 2. * — 132— faſſende Staatsfrage, die das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Amerika und England betraf, in Anre⸗ gung kam. Gaͤnzliches Mißlingen war die Fol⸗ ge, und das Haus hatte nicht Luſt, mein plat⸗ tes Schottiſch uͤber einen ſolchen Gegenſtand an⸗ zuhoͤren. Kurz, ich war kaum drei Minuten auf den Beinen, als ich fuͤhlte, daß jedermann mein Aufſtehen fuͤr einen Beweis des aͤrgſten Duͤnkels hielt. Von allen Seiten blinzelten hoͤhniſche Blicke mich an, und die ernſte ge⸗ ſpannte Aufmerkſamkeit des Sprechers ſiel mir. ploͤtzlich als ein bloßes Geſpoͤtt auf. Ich hoͤrte Scharren, Schnauben, Raͤuspern, Huſten, Schneuzen, Nieſen. Mit einem Worte, ich ſah, in welcher Lage ich war, und mich auf's Aeußerſte anſtrengend, donnerte ich ein langes, ſinnloſes Stuͤck Satz mit gewaltiger Zuverſicht heraus, und mit einem Uebermaß kochender Galle in meinem Innern, warf ich mich auf meinen Sitz. Die beiden naͤchſten Redner nahmen gar keine Ruͤckſicht auf meine Aeußerungen, was freilich ſehr natuͤrlich war, da ich bei naͤherer Erwaͤgung fand, daß von allem, was ich zu ſagen mir vorgenommen hatte, kaum ein Bruch⸗ — 133— ſtuͤk herausgekommen war. Der dritte Redner aber, ein erklaͤrter Spaßvogel, ein ſehr ſeiner artiger Witzbold, hielt es fuͤr paſſend, nicht nur auf meinen Verſuch einer Beweisfuͤhrung hin⸗ zudeuten, ſondern dabei auch ſchlaue Anſpielun⸗ gen auf meinen ehemaligen Beruf anzubringen, und uͤberdieß einige Toͤne meiner Stimme und nicht wenige meiner Verbeſſerungen der engli⸗ ſchen Ausſprache nachzumachen. Es eniſtand daruͤber ein allgemeines Kichern, das in ein ziemlich lautes Gelaͤchter uͤberging. Ich ſaß wie im Feuer, waͤhrend alle Augen auf mich gerich⸗ tet waren, und als jener ſeine Rede geendigt hatte, ſprang ich auf, und zum hoͤchſten Er⸗ ſtaunen Aller, die nur die mindeſte Kenntniß von der herkommlichen Sitte hatten, ließ ich einen grob und derb zuͤrnenden Ausfall hervor⸗ brechen, worein ich fuͤr meine Suͤnden gewiſſe im Parliamente hoch verpönte Redeblumen, als z. B. Schofel, Unverſchaͤmtheit, Poͤbelwitz, und ich weiß nicht, welche Graͤßlichkeiten ſonſt noch, verwebte. Ein gewaltiger Ruf: Zur Ordnung! Zur Ordnung! folgte, man rief den Sprecher an, der ganze Vorrath von feierlichem Kauder⸗ welſch wurde in Anwendung gebracht, bis end⸗ — 134— lich nach viertelſtuͤndigem Toben die beiden He r⸗ ren ſich gegenſeitig erklaͤrten, und der Herr Sprecher den achtbaren Mitglie⸗ dern das Wort abnahm, daß die Sache nicht weiter gehen ſollte, wie es die her⸗ koͤmmliche und ehrwuͤrdige Sitte in St. Ste⸗ phan's Kapelle iſt, ſo oft die Wahrheit, wie zwiſchen Mann und Mann, die Schicklichkeit ſo ſehr vergißt, ſich in ihrer nackten Unlieblich⸗ keit zu zeigen. Es fuͤgte ſich, daß ein alter dienſtfertiger Pinſel, ein gewiſſer Baronet, ſich berufen fuͤhlte, bei dieſer Gelegenheit den gemeinſchaft⸗ lichen Freund der beiden achtbaren Mitglieder zu machen, die bei dieſer hoͤchſt unangenehmen kleinen Stoͤrung die Helden geweſen waren. Man ſah den Dummkopf waͤhrend der uͤbrigen Verhandlung geſchaͤftig von Bank zu Bank ge⸗ hen, und als das Haus aus einander ging, da hatte eine Geſellſchaft verabredet, an demſelben Abende in Spring Gardens zu ſpeiſen, in der ausdruͤcklichen Abſicht, die Herren Wald Barr und Skippington bei einer Flaſche Champagner zu vereinigen, damit kein Mißverſtaͤndniß mehr zwiſchen zwei Maͤnnern zuruͤckbliebe, die ihre — 435— gegenſeitigen wahren Verdienſte nur zu kennen brauchten, um auf dem beßten Fuß zu ſtehen. Herr Skippington hatte den Vorſchlag ange⸗ nommen, und da ich einſah, daß er zwar An⸗ laß zum Zwiſte gegeben, ich aber die groͤßte Verſchuldung auf mich geladen hatte, ſo konnte ich mich nicht gut weigern, und wir begaben uns, acht bis neun an der Zahl, theils Whigs, theils Tories, alsbald in das genannte Wirths⸗ haus. Wir waren bei Tiſche ſehr vergnuͤgt, die Flaſche machte ſchnell die Runde, und bald wur⸗ den wir alle ungemein aufgeraͤumt. Mein witzi⸗ ger Gegner war die Seele des Feſtes, ſang al⸗ lerliebſt und erzaͤhlte Schnurren zum Entzuͤcken. Kurz, ſelbſt meine muͤrriſche Laune haitte ſich durch den Zauber beſaͤnftigen laſſen, als derſel⸗ be Ehrenmann, der urſpruͤnglich dieſes Suͤhn⸗ feſt vorgeſchlagen hatte, und nun in der froͤh⸗ lichſten Stimmung war, ſich's einfallen ließ, Herrn Skippington um eine Probe einer ſelte⸗ nen Geſchicklichkeit zu bitten, womit er die Ge⸗ ſellſchaft noch nicht erfreut hatte. Die Bitte wurde endlich gewaͤhrt, und der Witzbold ſprach aus dem Stegreife ein Lied, wovon jede Stan⸗ — 136— ze an ein Mitglied der Tafelrunde gerichtet war; ein bloßer Schwank, der aber, ich muß es geſtehen, mit ziemlich viel Gewandtheit vorge⸗ tragen wurde. Der Wein hatte ſo gut gewirkt, daß der Witzbold, als er bei ſeinem Kreislaufe zu mir kam, auf einmahl wieder den ſchottiſchen Doctor ganz koͤſtlich nachaͤffte. Ich konnte nicht an mich halten; es war das Werk eines ſchnel⸗ len Augenblickes, mein Glas flog gegen ſeinen Kopf, und um ein Haar haͤtte ich das Ziel ge⸗ troffen. 3 Sie koͤnnen denken, welcher Laͤrm entſtand, und wie alsdann die ernſte Pauſe eines tiefen allgemeinen Schweigens folgte. In drei Minuten waren unſer Vier in ei⸗ nem anſtoßenden Zimmer eingeſchloſſen, wo Skippington und ich bei dem Schein einiger Lich⸗ ter unſre Klingen maßen. Ich war ganz kalt, und fuͤhlte tief mein abgeſchmacktes Benehmen, mein Gegner aber war hitzig wie Lucifer, und allerdings nicht oh⸗ ne Urſache. Wir machten zwei bis drei Gaͤn⸗ ge. Er traf meinen rechten Arm, und ich war ſehr froh, als dieſe Verwundung mir Gelegen⸗ heit gab, mein Betragen hoͤflich zu entſchuldigen. —ʒ;— —— — 137— Mit einem Worte, es war in den Ster⸗ nen geſchrieben, daß ich in dieſer Nacht wirklich den Arzt machen ſollte. Ich legte den Verband kunſtmaͤßig an, wurde unter großem Schmerze und nicht geringer Beſchaͤmung nach Hauſe ge⸗ fuͤhrt, und, glauben Sie mir, trotz des Cham⸗ pagners, war ich ganz nuͤchtern. I Maine Wunde, die ich anfaͤnglich fuͤr unbe⸗ deutend gehalten hatte, wurde doch in der Fol⸗ ge beſchwerlich, woran vielleicht der fieberhaft gereizte Zuſtand meiner Gefuͤhle Schuld war, worin ich ſie empfing, und ſelbſt nach der Hei⸗ lung empfand ich einen ſo tiefen Widerwillen gegen das Parliament, oder mit andern Wor⸗ ten gegen meine verungluͤckte Leiſtung, daß ich nicht viel Luſt zum Ausgehen hatte. Meine Frau, die der Vorfall, wie ich kaum zu ſagen brauche, heſtig erſchreckt hatte, war in einem ſo ſchwaͤchlichen Geſundheitzuſtande, daß ſie meine ganze Sorgfalt foderte. Kurz, ich ward ein Einſiedler mitten in der großen Stadt, und wie ſich verſteht, bekuͤmmerte ſich niemand dar⸗ um. Selten ging ich vor Anbruche der Daͤm⸗ merung aus, und dann in den Straßen auf und nieder wandelnd, fuͤhlte ich mich ſo ein⸗ ſam, als ob die hin und her ſich bewegenden Volksmaſſen nur die Baume eines dichten Wal⸗ * — 139— des, oder die bruͤllenden Wogen unter mir auf einem unbeſuchten Geſtade geweſen waͤren. Waͤhrend meiner Geneſung unterhielt mich Johanna oft mit ihrer kleinſtaͤdtiſchen Neugier, welche die Erzaͤhlungen der Dienſtboten von dem naͤchſten Hauſe und dem ſeltſamen Benehmen ſeiner Bewohner aufgeregt hatten. Die Fenſter auf der Vorderſeite waren nie geoͤffnet worden, ſo lange wir in jener Straße wohnten, und, wie ſie gehoͤrt hatte, auch eine Zeitlang vorher nicht. Von der Straße her hatte das Haus das Anſehen, als ob es ganz verlaſſen geweſen waͤre. Nie pochte jemand an die Thuͤre, kein Wagen hielt vor dem Hauſe; die Laden waren immer verſchloſſen und die Fenſterſcheiben ſo truͤbe und heſtaubt, als ob die Luft ſeit Jahren nicht dazu gekommen waͤre. Aber das Haus war wirklich bewohnt. Man hatte durch die gemeinſchaftliche Mauer einen kleinen Hund bel⸗ len hoͤren, und dieß war das erſte Zeichen, daß Jemand darin wohnen mußte. Spaͤterhin hatte man im Garten hinter der Wohnung ein Dienſt⸗ maͤdchen geſehen, das wahrſcheinlich auf dieſem Wege von der Hintergaſſe nach Hauſe zuruͤckge⸗ kehrt war. Bald nachher hatte man ein ſchoͤ⸗ — 140— nes Kind, das offenbar vornehmen Leuten ge⸗ doͤrte, etwa zweimahl in demſelben Garten ſpie⸗ len ſehen, jedoch ganz allein. Aber die ganze Außenſeite des Hauſes ſah noch immer veroͤdet aus. Die Dienſtboten hatten natuͤrlich viele, mehr oder minder befriedigende Loͤſungen des Raͤth⸗ ſels verſucht. Man erzaͤhlte ſich ſeltſame Ge⸗ ſchichten von Banknotenverfaͤlſchern und Falſch⸗ muͤnzern, und argwoͤhnte ſchlau, daß irgend ein boͤſes Gewerbe der Art von den lichtſcheuen Be⸗ wohnern des Hauſes getrieben werden moͤchte. Andre erzaͤhlten von Boͤſewichtern, die ein Ge⸗ werbe daraus machten, Menſchen an einen ab⸗ gelegenen Ort zu locken, wo Entdeckung unmoͤg⸗ lich waͤre, und ſie dort, ihres Geldes wegen, oder aus Rache, zu ermorden und zu begraben. Ein Dritter ſetzte hinzu, ein Leichnam, mit deut⸗ lichen Zeichen der Erdroſſelung, waͤre vor eini⸗ ger Zeit im Fluſſe gefunden worden, und ein Vierter hatte oft gehoͤrt, daß Ermordete zuwei⸗ len in die Schleuſen geworfen wuͤrden und aus dieſen in die Themſe kaͤmen, ohne daß je eine Unterſuchung auf den Grund der Sacze kom⸗ men koͤnnte. — 141— Der Knabe war ſeit einigen Tagen nicht ſichtbar geworden, und Johanna hatte den Er⸗ laͤuterungen der Maͤgde ſo viel Gehoͤr gegeben, daß ſie ſich endlich beinahe uͤberredete, dem un⸗ ſchuldigen Kinde waͤre ſchweres Leid angethan worden. Ich lachte daruͤber, und meinte, wahr⸗ ſcheinlich moͤchte ein armer Schuldner ſich vor ſeinen Glaͤubigern verborgen haben; aber meine eigene Neugier war doch auch ein wenig gereizt, und wenn ich Abends ausging, blieb ich aller⸗ dings oft ſtehen, um das geheimnißvolle Haus zu betrachten, wovon man mir keineswegs eine uͤbertriebene Beſchreibung gemacht hatte. 4 Aus dem Fenſter meiner Wohnſtube auf der Hinterſeite warf ich oft einen Blick in den Garten des Nachbarhauſes, ſah aber weder das Kind, noch die Magd, deren man erwaͤhnt hatte. Es war nun ſchoͤnes Fruͤhlingswetter, und doch ſchien man den Garten gar nicht zu benutzen. Jeder andre Garten in der Nachbarſchaft war wieder in Ordnung gebracht worden, und ſo auch der unſrige, aber jener blieb ſo veroͤdet, als der Winter ihn gelaſſen hatte. Endlich, als ich einſt am Nachmittage allein Fin meinem Zimmer war, und zufaͤlig, da ich 1 wirklich nur ſelten noch an jene Dinge dachte, mich in's Fenſter legte, ſah ich ein Kind im Garten. Die Mauer war ziemlich hoch, aber ich konnte den ſchoͤnen Knaben deutlich ſehen, der einen Kinderwagen durch das hohe Gras der vernachläͤſſigten Gaͤnge zog. Ich bemerkte, daß er von Zeit zu Zeit laͤchelnd nach den Fenſtern des Hauſes hinanſah, als ob er von jemandem waͤre bemerkt worden; aber ſo gern ich mein Fenſter geoͤffnet haͤtte, ich ſah doch ein, daß dieß nicht ohne Geraͤuſch abgehen konnte, und be⸗ gnuͤgte mich daher, den Knaben zu beobachten, bis er den Garten verließ, was bald nachher ge⸗ ſchah. Dieß reizte wieber meine Neugier, die al⸗ lerdings nicht von der wuͤrdigſten Art war, aber ich war unbeſchaͤftigt, und folgte immer gern einer Laune. Ich ließ daher bei Tage ſtets mein Fenſter offen, und hoſſte, daß ich bei der er⸗ ſten Gelegenheit, wo ſich der Knabe wieder zeig⸗ te, im Stande ſein wuͤrde, durch die Sommer⸗ laden denjenigen zu erblicken, der nach meiner Vermuthung ihn bei ſeinen Spielen beobachte⸗ te, und auf dieſe Weiſe in das Geheimniß zu drin, 4 5 4 in, das uns alle ſo lange verwirrt hatte. — 143—— Sch befolgte dieſen neuen Plan ein Paar Wochen,, da er aber zu nichts fuͤhrte, und felbſt der Knabe ſich nicht wieder ſehen ließ, ſo war ich im Begriff, ihn ganz aufzugeben. Eines. Abends ſaß ich leſend, und als ich es zu warm in meinem Zimmer fand, oͤſſnete ich das Fenſter, und ſah in die ſchoͤne heitre Mondnacht hinaus. Ploͤtzlich hoͤrte ich Toͤne; offenbar waren es Kum⸗ mertoͤne, und als ich eine Weile gelauſcht hatte, uͤberzeugte ich mich, daß ſie aus dem Nachbar⸗ hauſe kamen. Ich hatte uͤber die furchtbaren Vermuthungen und Erzaͤhlungen der Dienſtbo⸗ ten gelacht, aber ich laͤugne es nicht, dieſer Kla⸗ geton, der erſte menſchliche Laut, der je aus je⸗ ner geheimnißvollen Wohnung zu mir heruͤber gekommen war, die Seufzer, die ich zu dieſer ſpaͤten Stunde und in der tiefen Stille des Abends hoͤrte, ja alles dieß erweckte nicht eine gewoͤhn⸗ liche Neugier in mir, ſondern es uͤberdraͤngten mich Gefuͤhle, die ich mir nicht ſogleich erklaͤren konnte, und mit deren Schilderung ich jetzt nicht unnuͤtzer Weiſe die Zeit verlieren will. Genng, ich folgte dem augenblicklichen Antriebe. Ich be⸗ veſtigte einen Strick an das eiſerne Gelaͤnder des Austrittes, vor meinem Fenſter, ließ mich 4 — 144— auf den Raſenplatz hinab, und ſtieg auf einen Kaſtanienbaum, deſſen Zweige, wie ich fruͤher oft bemerkt hatte, zum Theil uͤber die Mauer in den Garten des Nachbarhauſes hinausreichten. Ich war bald hoch uͤber der Gartenmauer. Ich fand den hinausragenden Aſt, der ſtark ge⸗ nug zu ſein ſchien, mich zu tragen, und kroch vorwaͤrts. Ein Fenſter war, wie ich nun ſah, erleuchtet, daſſelbe Fenſter, wohin der Knabe ſeine Blicke gerichtet zu haben ſchien, als er im Gruͤnen ſpielte. Konnte ich nur ein Paar Schrit⸗ te weiter kommen, ſo ließ ſich vermuthlich ent⸗ decken, was im Zimmer vorging. Die Toͤne trafen jeden Augenblick heller und deutlicher mein Ohr. O Himmel, es war eine weibliche Stim⸗ me! Welche Bubenſtuͤcke mochten in dieſem wohl verwahrten Schlupfwinkel des Verbrechens vor⸗ gehen! Warum hatte ich meinen Degen nicht mitgebracht? Ich konnte ihn ja hohlen, aber mittlerweile wollte ich, wo moͤglich, ſehen, was denn eigentlich an der Sache war. Ich rutſchte weiter. Eine weibliche Geſtalt— ſie war al⸗ lein— aber kaum hatte ich ſie mit einem Blicke geſehen, als der Zweig unter mir brach. Ich hoͤrte ihn krachen, doch es war zu ſpaͤt, an Ret⸗ tung zu denken, und ich ſiel eſinnunglss auf den Boden. Ich erhohlte mich ſchnell und wollte mich aufrichten, ſiehe da beugte ſich ein alter Mann uͤber mich, und leuchtete mir mit einer Lampe in’'s Geſicht.„So wahr ich lebe, Herr Mat⸗ thaus! O gnaͤdige Frau, es iſt Herr Matthaͤus— es iſt unſer Herr Wald, gnaͤdige Frau.“ Ich ſprang auf. Vor mir— gerade vor mir, nicht mehr als drei Schritte weit— Bin ich noch unter Gottes Himmel? Traͤume ich? Bin ich wahnſinnig? Bin ich todt und begra⸗ ben und unter den Weſen der Ewigkeit?— Katharina— Katharina Wald! Sehe ich dich wirtlich? Iſt dieß Leben oder Traumbild? Sieh mich noch einmahl zu deinen Fuͤßen! Kathari⸗ na— Engel— holde Maͤrterinn! Sprich— ſprich— Vergebung! Sie ſtarrte mich an, ſie breitete ihre Arme aus, ſie ſank— nicht auf den Boden— ich umfaßte ſie; ich hob die Ohnmaͤchtige auf; ſie war ſprachlos, zitterte, ſchluchzte. Ich tuug ſie in meinen Armen, und haͤftte ſie tragen koͤnnen bis an'’s Ende der Welt, und wenn hundert Dolche mich durchbohrt haͤtten. Ich trug ſie Zweiter Theil. 10 — 146— in's Haus; ich folgte dem Diener, der voran ging, und legte ſie auf den Platz, den er an⸗ wies. Sie lag mit ihren langen entfeſſelten Locken an meinem Buſen. Der alte Diener, von einer dunklen Regung der Ehrerbietung ge⸗ leitet, ging hinaus. Wir waren allein, aber nein, nicht ganz allein. Ihr Kind ſchlief und laͤchelte neben uns, heiter in gluͤcklichen Traͤu⸗ men. Ich richtete meine Blicke auf das Kind. Auch ſie ſah es an, und ſank wieder mit Jam⸗ merklagen an meine Bruſt. Wie handwerksmaͤßig thun dieſe alten i run⸗ zeligen Finger ihre Arbeit! Durchlebe ich ſo noch einmahl je jene Augenblicke? Ach wann war der Tag, wo ich ſie nicht durchlebte? Welche Demuͤthigung auf beiden Seiten! Und welche war mein Theil! Was lag daran, etwas auszuſprechen, das ſeit Jahren im In⸗ nerſten meines Herzens ſich veſtgeſetzt hatte? Eitelkeit und ſuͤndhafte Rachſucht hatten ein Ge⸗ muͤth irre geleitet, das durch eingebildete Be⸗ leidigungen gereizt war, wenigſtens durch Be⸗ leidigungen, die ſich nicht bezeichnen, nicht mit Worten beſchreiben ließen. Hatte ich dafuͤr ge⸗ buͤßt? Vielleicht— und vielleicht nicht. Meine — 147— äußeren Lebensſchickſale waren wenigſtens gluͤck⸗ lich, ſehr gluͤcklich geweſen. Hatte ich nicht eine Frau nach meiner eigenen Wahl, Guͤter, einen Stand, wenigſtens meinen fruͤheſten Hoffnun⸗ gen angemeſſen? Aber wie ganz anders ihre Geſchichte! Es iſt für jede Frau zu viel, von ihres Mannes Grauſamkeit gegen ſie zu ſpre⸗ chen; aber Katharina Wald ſollte ihres Man⸗ nes Grauſamkeit mir erzaͤhlen, mir, der ich ihn haßte, und meinen Haß ihm gezeigt hatte, vom erſten Augenblicke, wo wir uns ſahen, mir, der ich, ſeit ſie ſein Weib war, nie mit ihr geſpro⸗ chen, und Feindſeligkeit, ja, noch ſchlimmer, Verachtung bewieſen hatte, mir, der ich aufge⸗ hoͤrt hatte, ihr Verwandter zu ſein, von der Stunde an, wo ich ihn ſah— das war zu bitter! Und wuͤrde ſie mir all dieß auch jetzt ver⸗ rathen haben, wenn ich ſie nicht durch gewalt⸗ ſames Eindringen in ihre Einſamkeit und dann durch den Wahnſinn eines moͤrderiſchen Mitge⸗ fuͤhls dazu gezwungen haͤtte? Ich weiß es nicht, aber ſo war's, alles wich dem Strom unſeres vereinten Schmerzgefuͤhles. Ich verfluchte in meiner Raſerei die Stunde, wo ſie ihn geſehen! . 10* * — 148— Ich verfluchte ihn, wie einen Teufel. Ich be⸗ ſchrieb die Franzoͤſinn, die ich bei ihm geſehen im alten Schloſſe, in Katharina's Lieblingsauf⸗ enthalte; ich knirſchte mit den Zaͤhnen, in mei⸗ ner Seelenangſt die ganze Welt vergeſſend, au⸗ ßer dem Platze, wo ſie ſaß, und mit moͤrderi⸗ ſcher Grauſamkeit das Herz des hingeworfenen Opfers packend, foderte, ja entriß ich das Ge⸗ ſtaͤndniß, daß ſie einſt mein geweſen war. DSolche Geſtaͤndniſſe werden nicht mit Wor⸗ ten gemacht— ich habe keine Worte zu wieder⸗ hohlen. Es war ſo. Fluch uͤber meine Nieder⸗ traͤchtigkeit! Ich ſtieß dieſen Dolch in jenes Herz, in Gegenwart von Lascelyne's Kinde— ja, und in Gegenwart von noch jemand. Meine arme Frau war aufgeſtanden, in dem Gedanken, daß ich zu lange aufbliebe, und ſie kam in mein Zimmer, wie es nicht ſelten geſchah, um mir zu ſagen, wie ſpaͤt es waͤre. Doch wozu eine umſtaͤndliche Erzaͤhlung! Es laͤßt ſich denken, was ſie fuͤhlte, als ſie das Fenſter offen fand und den Strick ſah. Die Dienſtboten wurden ſogleich gerufen, und man fand einen meiner Pantoſſeln auf dem Raſen — 449— unter dem Kaſtanienbaume. Eine Leiter wurde herbeigehohlt, und meine arme Johanna war unter den Erſten, ndie uͤber die Mauer kamen. Die Beſorgniß, die heftige Beſorgniß um mich, machte ſie ſtark und kuͤhn, trotz ihrer furchtſa⸗ men Natur und ihres Zuſtandes. Katharina weinte an meinem Buſen, und ich achtete nicht auf das Geſchrei und den Laͤrm und ſie eben ſo wenig. Ploͤtzlich ward ein durch⸗ dringender Schrei neben uns ausgeſtoßen. Jo⸗ hanna war herein getreten. Sie hatte mit ih⸗ ren Augen dieſe Verzuͤckung der Zaͤrtlichkeit ge⸗ ſehen, und ſie ſah nichts mehr. Kraͤmpfe erſchuͤtterten den ſchwachen Koͤrper. Heftige Vorwuͤrfe und Jammerklagen wurden laut, aber alsbald verloren ſie ſich in dem Schmerzgeſchrei der Kreißenden. Entſetzliche Stunde! Ich ſtand da vor Katharina als Gat⸗ te, als Vater— als Witwer und als kindloſer Vater! Aber ich hielt es aus. Ja, meine Seele war in mir angekettet; ich konnte all dieſe Ver⸗ wuͤſtung anſehen— begreifen konnte ich ſie nicht. Ich fand mich endlich— wie lange nachher, — 150— weiß ich nicht— in meinem Hauſe, in meinem Bette. Dieſelbe dumpfe, ſchwere Betaͤubung lag auf meinem Gehirn, dieſelbe todte, harte Rinde der Verzweiſlung auf meinem Herzen. XIV. & 8 In dieſem Zuſtande thraͤnenloſer Verzweiflung blieb ich drei Tage, und mit Widerwillen, wie auf Gewuͤrm, blickte ich auf die Dienſtboten und Aerzte, die zuweilen durch meine dunkle Kammer ſchlichen. Am Abend des dritten Tages, als ich noch immer im Bette lag, hoͤrte ich Fußtritte und leiſes Fliſtern auf der Treppe, die an mein Zimmer ſtieß. Ein ploͤtzlicher Argwohn erwach⸗ te in mir, und ſchnell ſtand ich auf. Ich warf mich in meinen Schlafrock, und als ich die Thuͤ⸗ re oͤffnete, ſah ich das Ende der Bahre, die ei⸗ nige Maͤnner, auf den Socken gehend, in's naͤch⸗ ſte Zimmer trugen. Ich folgte ihnen, und mei⸗ ne Erſcheinung erſchreckte die Weiber, die da mit Vorbereitungen zum Begraͤbniſſe beſchaͤftigt waren. Ich befahl allen, ſich alsbald zu ent⸗ fernen. Die Maͤnner ſetzten ihre Laſt nieder, und Alle gehorchten, bis auf Einen, der einen Augenblick zuruͤckblieb, und den Weibern ſagte, er waͤre angewieſen worden, den Sarg zuzu⸗ ſchrauben, und ſie moͤchten ihn rufen, wenn man ihn verlangte. Er legte dann ſeine Werk⸗ zeuge auf den Boden, und den uͤbrigen folgend, ging er noch immer auf den Zehen, als ob die Todten ſeine Tritte gehoͤrt und die Lebenden dar⸗ auf geachtet haͤtten. Nach ſeiner Entfernung ſagte ich zu den Weibern:„Geht alle hinaus, und ſagt den Leuten, daß ſie hier nichts mehr zu thun haben. Laßt mich allein.“ Ich glaube, meine Worte erſchreckten die armen Geſchoͤpfe. Sie ſchlichen ſich ſogleich hin⸗ weg, ohne ein Wort zu ſagen, und kaum wag⸗ ten ſie, einen Blick auf mich zu werfen, als ſie an mir voruͤbergingen, da ich gerade an der Thuͤre ſtand. Ich war allein bei meinen Todten. Und wer war der Moͤrder?„Ihr ermordeten Un⸗ ſchuldigen, nur meine Hand allein ſoll eure Ueberreſte antuͤhren!“ Mit dieſem Gedanken trat ich zu dem Bette, wo Mutter und Kind lagen. Ich hob das Tuch von Johanna's Ge⸗ ſichte. O wie ſtill, wie himmliſch ſtill! Welche heilige Ruhe! Ein Lacheln— ja ein Laͤcheln ſchwebte um die Lippen, und dieſe ſanften, ſei⸗ denen Augenwimpern, wie heiter ſchliefen ſie 4 — 153— auf dem Marmor!— Armes Bluͤmchen, deine Blaͤtter ſind kaum geoͤffnet. Welcher leichte Traum muß dieſe Welt fuͤr dich ſein!— Ich faßte Johanna in meine Arme. Die Todten⸗ kaͤlte ſchlich durch alle meine Gebeine.„Freund⸗ liche Seele, welches warme und demuͤthige Herz iſt hier erſtarrt!“ Ich legte ſie in den Sarg, dann das Kind an ihre Bruſt, und umwand ſie mit einer Binde, damit die Lage nicht geſtoͤrt wuͤrde. Ich kuͤßte beide und bedeckte ſie fuͤr im⸗ mer. Zu oft hatte ich den Tod geſehen, als daß mir unbekannt haͤtte ſein koͤnnen, was ich hier zu thun hatte, und ich machte es genau, wie es herkoͤmmlich war. Ich legte Saͤgeſpaͤne in den Sarg, ſtreute Wohlgeruͤche umher und zog das Tuch uͤber die kalten, ſuͤßen Geſichter. „Lebt wohl, lebt wohl auf ewig! ſprach ich. Johanna, kein anderes Weib ſoll je wieder an dem Buſen ruhen, von dem ich ſagte, er waͤre dein. Kein Kind, als das deinige, ſoll je den letzten Dienſt von dieſen Haͤnden fodern.“ Ich legte den Deckel auf den Sarg und ſchraubte ihn veſt. Die koͤrperliche Anſtrengung hatte mich vielleicht zu ſehr aufgeregt, oder viel⸗ leicht war ich ſanfter geſtimmt, ſo lange ich die 8 — 154— Todten bei mir zu ſehen glaubte. Ich kann's nicht ſagen, aber ich brachte die ganze Nacht damit zu, im Zimmer neben dem Sarge auf und nieder zu gehen, und als der Schein des anbrechenden Tages das Lampenlicht truͤbte, war ich noch immer nicht entſchloſſen, mich zu ent⸗ fernen, und nicht weich genug zum Weinen. XV. Jo ging noch in jenem dumpfen halben Wahn⸗ ſinn umher, als es an der Thuͤre pochte. Ueber⸗ zeugt, daß es einer von den Dienſtboten waͤre, rief ich wuͤthend: Geht! Aber es pochte noch einmahl. Ich eilte zu der von innen verriegel⸗ ten Thuͤre und oͤffnete. Es war Katharina. Sie war wie zum Ausgehen gekleidet, und hatte den Knaben an der Hand. Herein, Katharina! ſprach ich, ich wußte nicht, daß Sie's waren. Kommen Sie. Sie trat mit dem Knaben herein. Ich ſtarrte ſie mit einer Art von Scheu, ja mit Furcht an. Ihre Wange war ſo blaß, ihre Lippe ſo weiß, ihr Auge ſo ſtarr in finſterer Verzweiflung. Vetter, ſprach ſie, unſer Wiederſehen iſt ſchmerzlich geweſen; wir muͤſſen nun ſcheiden. Ich komme, Abſchied von Ihnen zu nehmen, ich und mein Kind. Wie! Alles verlaͤßt mich, Katharina! Se⸗ hen Sie her— ſehen Sie nicht, welchen Ab⸗ — 156— ſchied ich ſchon genommen habe? Auch Sie! Ach, warum? Und wohin? Sind Sie nicht noch immer meine Schweſter? Sind wir nicht von einem Blute? Ich muß gehen, Vetter. Mein Aufent⸗ halt iſt entdeckt. Ich wußte vom erſten Augen⸗ blicke an, daß es ſo kommen wuͤrde. Wie konn⸗ te geheim bleiben, was ſo vielen Menſchen be⸗ kannt war, und zumahl unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden? Warten Sie, Katharina, warten Sie. Erſt laſſen Sie mich meine Todten begraben, und dann gehe ich mit Ihnen, wohin Sie mich fuͤhren wollen. Ach! was liegt mir jetzt daran, wohin! Sehen Sie nicht, daß ich allein in dieſer Welt bin? Nein, nein, nicht allein, nicht ganz allein, ſo lange Sie mit mir weinen koͤnnen.— O koͤnnte ich weinen!— Ich habe noch einen Arm, Sie zu ſchuͤtzen, Blut, Stroͤme Bluts fuͤr Sie zu vergießen. Sehen Sie nicht, daß der Himmel mich zu ihrem Beſchuͤtzer beſtimmt hat? Was fuͤrchten Sie von Menſchen? Warum fliehen? Vor wem? Was fuͤrchten Sie denn? Hier oder an⸗ derswo— es iſt alles einerlei. Setzen Sie ſich 4 — 157— = ſetzen Sie ſich zu dem ſchwarzen Kaͤſtchen, das meinen Schmuck einſchließt.— Laſſen Sie uns hier ruhen.— Was geht uns jetzt die Welt an! 4 Ich hatte ſie gezwungen, ſich zu ſetzen, aber ſie ſtand wieder auf, ſo bald ich ihre Hand los ließ. 3 1 Nein, Matthaͤus, ſprach ſie, noch immer ihr großes ſtarres Auge auf mich heftend: nein, ſo muͤſſen wir nicht hinnehmen, was Gott uns zuſchickt. Faſſen Sie ſich, ich bitte Sie. Seien Sie wieder Mann und Chriſt. Auch ich habe mein Leiden gehabt, und cheile die Ihrigen, aber ſo muͤſſen wir nicht ſein. So nicht? Gott erbarme ſich meiner! Wie koͤnnen wir ſein! Kannſt Du Jahre und wie⸗ der Jahre ausloͤſchen? Kannſt Du die Tage zu⸗ ruͤckrufen, die dahin ſind? Kannſt Du dem Herzen Linderung geben, das uͤber und uͤber verbrannt und verwundet iſt? Kannſt Du Stein zu Fleiſch erweichen? Kannſt Du den Todten Leben einhauchen?. Nein, nein, Matthaͤus! Sie raſen— Sie ſind wahnſinnig— Sie erſchrecken mich, ſelbſt — 158— mich. Ach wie kann ich Sie ſo verlaſſen— und doch— wie koͤnnte ich bleiben! 1 Wo iſt dieſer Teufel— ihr ſchoͤner Teufel, der Sie qualt, und Ihnen nie Ruhe laſſen will? Wo iſt der teufliſche Verfolger? Lieber Wald! 1 Wo iſt ihr Mann— ihr Gemahl— ihr Lascelyne?. Hier in London. Seit mehren Wochen iſt er hier, und nun weiß ich, daß er Sie aufge⸗ funden hat, und auch mich— ja er muß mei⸗ ne Spur gefunden, er muß dieſe ganze ungluͤck⸗ liche Geſchichte gehoͤrt haben. Er wird mich ſogleich ſuchen. Suchen? Ich denke, ich kann ihn eben auch ſuchen. Was will er? Iſt er noch nicht zufrieden? Mein Kind, mein einziges Kind, Mat⸗ thaͤus! Nicht einmahl mein Kind will er mir laſſen, und das Geſetz iſt auf ſeiner Seite. Er wird mir mein Kind aus den Armen reißen. Der Teufel— erſt ſoll er das Herz mir ausreißen! Bleiben Sie hier. Dieſer Arm iſt das Geſetz. Habe ich nicht noch meines Vaters Degen? O Katharina, wuͤrde der alte Mann nicht laͤcheln— . Wald, Sie duͤrfen nicht ſo von dem Va⸗ ter meines Kindes ſprechen. Seien Sie ruhig, ermannen Sie ſich und ich will Sie anhoͤren. Ich bin ruhig, wie dieſe hier, ſprach ich, meine Hand auf den Sarg legend. Verzeihen Sie mir meine heftigen Worte. Verlaſſen Sie. mich nicht, bleiben Sie hier; unter dieſem Da⸗ che darf Niemand Sie anruͤhren.— Bleibe hier, holder Knabe, fuhr ich fort, nur Mutter⸗ finger ſollen dieſe Haare beruͤhren; keine Stief⸗ mutter, keine ehebrecheriſche Taͤnzerinn ſoll die⸗ ſe glaͤnzenden Locken durch neidiſche Beruͤhrung entweihen. Komm her, mein Kind, du haſt wenigſtens deiner Mutter Auge. Ich hob den Knaben auf, und als ich ſei⸗ ne ſchoͤne Stirne kuͤßte, ſpielte er mit den ſei⸗ denen Schnuͤren und dem glaͤnzenden Putze des Bahrtuches. Ich ſah Katharina's Augen ſchwim⸗ men und auch ich fand endlich Thraͤnen. So ſaßen wir, und ich war zum Erſten⸗ mahl in Ruͤhrung aufgeloͤſet, als ein Diener anpochte. Ich war nicht mehr in der Stim⸗ mung, gegen irgend jemand rauh zu ſein, und — 160— oͤffnete ſogleich. Mein Burſche gab mir einen Brief, und ſagte, dey Ueberbringer wollte durch⸗ aus auf Antwort warten. . Ich kann jetzt nicht auf Brieſe antworten, Robert. Mag er morgen wiederkommen, ſagt ihm das. Robert gab mir ein Zeichen, hinauszukom⸗ men, und ſeine Blicke waren ſo bedeutend, daß ich ihm folgte.„Lieber, gnaͤdiger Herr, ſprach er, ich dachte, es waͤre beſſer, es Ihnen auf einmahl zu ſagen. Die Polizeidiener ſind ſchon ſeit einer halben Stunde vor dem naͤchſten Hau⸗ ſe, und ſind endlich hineingegangen und haben's ausgeſucht. Ich glaube, dieſer Brief iſt von Lord Lascelyne ſelbſt; ich daͤchte, die Livree waͤ⸗ re mir bekannt, aber der Burſche wollte nichts ſagen.“ Ich ging wieder auf einen Augenblick in's Zimmer, und ſagte zu Katharina, ich haͤtte ein kleines Geſchaͤft abzumachen, wollte aber ſogleich wieder bei ihr ſein. Darauf las ich Folgendes. „Nichts haͤtte ich weniger wuͤnſchen koͤnnen, als einen Streit irgend einer Art mit Ihnen, zumahl in Beziehung auf einen Gegenſtand, der meine Gemahlinn angeht. Sie aber zwingen — 461— mich durch Ihr Benehmen, zu handeln, wie iich jeuzt handle.“. „Ich fuͤhle mich nicht berufen, mich uͤber mein Betragen in irgend einer Beziehung gegen jemanden in Erlaͤuterungen einzulaſſen, der nicht berechtigt iſt, ſolche zu fodern. Ich be⸗ ſchraͤnke mich lediglich auf die einfachen Thatſa⸗ chen. Ihre Erſcheinung auf meinem Gute kam mir im erſten Augenblicke ſonderbar vor; aber ich erhielt bald die noͤthige Auskunft zur Erklaͤ⸗ rung dieſes geheimnißvollen Benehmens, wie⸗ wohl ich geſtehe, daß mir in der Geſchichte des Verhafibefehls noch immer etwas dunkel iſt. Sie haben ſich jedoch bei allen Gelegenheiten um alles, was meine Gemahlinn betraf, ſo ganz unbekuͤmmert gezeigt, daß ich mich eine Zeitlang fuͤr uͤberzeugt hielt, Sie haͤtten in dieſer Sache urſpruͤnglich gar nicht im Einverſtaͤndniſſe mit ihr gehandelt. In wie fern aber und wie lange ich recht hatte, Aeußerungen, die mir auf verſchiedenen Wegen von glaubwuͤrdigen Perſonen zukamen, eine ſolche Auslegung zu geben, daruͤber eine Meinung auszuſprechen, muß ich fuͤr jetzt ablehnen. Genug, es iſt mir endlich gelungen, den Aufenthalt zu entdecken, Zweiter Theil. 11 * — 162— wo meine Gemahlinn in Ihrer nahen Nachbar⸗ ſchaft, und vermuthlich in ziemlich genauem Verkehr mit Ihrer Wohnung, meine Nachfor⸗ ſchungen ſo lange vereitelt hat.“ „Ich bin vollkommen unterrichtet, wo mei⸗ ne Gemahlinn ſich jetzt befindet, und ich waͤh⸗ le dieſen Weg, ihr zu melden, daß ſie, wenn ſie vorausgeſetzt hat, auf irgend eine Weiſe der eigentliche Gegenſtand meiner Nachforſchungen geweſen zu ſein, oder noch zu ſein, ſich durch⸗ aus geirrt hat. Sie kann in dieſer Hinſicht ganz ruhig ſein. Ich habe nicht die mindeſte Neigung, ſie im Genuſſe des Schutzes zu ſtoͤ⸗ ren, den ſie ſo gluͤcklich geweſen iſt, zu finden. Aber ich habe nicht Luſt, meinen Sohn laͤnger in dieſem Kreiſe zu laſſen.“ „Mein rechtmaͤßiger Anſpruch, meinen Sohn in meiner Gewalt zu haben, iſt immer unbeſtreitbar geweſen, und ich kann nicht glau⸗ ben, daß ſelbſt meine Gemahlinn einen Rath⸗ geber habe finden koͤnnen, der die Zweifel, die ſie anfaͤnglich uͤber dieſen Punkt gehegt haben koͤnnte, beſtaͤtigt haͤtte.“ „Sei dem wie ihm wolle, ich habe Ihnen jetzt bloß zu melden, daß ich im Beſitz des er⸗ — 163— forderlichen Befehls bin, und Ihnen den Wink zu geben, daß die unverzuͤgliche Auslieferung meines Sohnes unter allen obwaltenden Um⸗ ſtaͤnden ſowohl die angemeſſenſte als auch die kluͤgſte Weiſe ſein moͤchte, dieſen Theil der An⸗ gelegenheit zu erledigen, und ich kann nicht ſchließen, ohne Ihnen noch zu ſagen, daß ich nicht wenig in Verlegenheit bin, mir Ihre Ein⸗ miſchung in dieſen Theil zu erklaͤren.“ „Der Ueberbringer wird mir Ihre Antwort ſogleich uͤberliefern, und ich hoffe, ſie wird von der Art ſein, mir die Nochwendigkeit zu erſparen, von der in meinen Haͤnden befindli⸗ chen obrigkeitlichen Ermaͤchtigung weitern Ge⸗ brauch zu machen, was ich jedoch augenblick⸗ lich zu thun vorbereitet bin.“ „Ich habe die Ehre u. ſ. w. Wald Lascelyne.“ Donnerſtag fruͤh 6 Uhr. Wald Lascelyne! Allerliehſt! Das iſt ſtark, Orlando!— Ich zog mich an, da ich nur erſt halb an⸗ gekleidet war, ging leiſe die Treppe hinab, und ließ den Boten vor.„Ihr ſeid bei Lord Las⸗ celyne? hob ich an. Wo iſt euer Herr?“ 11* — 164— Der Diener war ziemlich verlegen und ant⸗ wortete nicht.— Ich will die Antwort ſelber uͤberbringen, fuhr ich fort. Zeigt mir den Weg. Geht! Er wagte es nicht, laͤnger Ausfluͤchte zu machen.„Mein Herr iſt nicht weit von hier, ſprach er, nur am Ende der Straße.“ Sehr gut, antwortete ich laͤchelnd. So ſoll's eben ſein. Bleibt einen Augenblick hier, ich komme gleich zuruͤck. Der gnaͤdige Herr hat mir geſagt, ich ſoll ihm die Antwort bringen. 1 Ja, ja, bleibt nur hier, mein Freund, wir ſind alle ſogleich wieder bei Euch. Mit dieſen Worten ſchob ich ihn in ein Vorzimmer und ging hinaus. Ich fand Lascelyne an der Straßenecke. „Lord Lascelyne, hob ich an, mich tief verbeu⸗ gend, ich fuͤrchte, Sie ſind dieſen Morgen ſehr fruͤh geſtoͤrt worden. Iſt es Ihnen gezällig, ei⸗ nen Gang in den Park zu machen? Die Luft iſt dort beſſer als in dieſer engen Straße, und wir werden vielleicht ruhiger unſre kleine An⸗ gelegenheit beſprechen koͤnnen. — 1465— Lascelyne folgte mir ſchweigend. Glauben Sie mir, ich ging ſehr ſchnell, bis wir unter den Baͤumen waren. Ich blieb nun ſtehen, warf meinen Mantel auf den Raſen, und bot Lascelyne die Wahl an. Degen? ſprach er. Zwei Degen, Herr Wald? Darauf war ich nicht gefaßt. Ich ver⸗ ſichere Ihnen, es war fern von meiner Ab⸗ ſicht.. Waͤhlen Sie, antwortete ich, waͤhlen Sie! Beide Klingen ſind gut. Herr Wald— ſprach er, und, es iſt wahr, er gab ſich ein recht ſtattliches Anſehen— ich lehne nie eine Herausſfoderung ab, aber ich nehme auch keine an, als unter gewiſſen Be⸗ dingungen. Sagen Sie mir, was giebt Ihnen Anlaß zum Streite, und wer iſt ihr Freund? Anlaß zum Streite! Ja, Herr Wald, Anlaß zum Streite! Wollen Sie Rechte uͤber mein Kind behaupten? Darauf allein bezog ſich mein Brief. O nein, Lord Lascelyne, darauf nicht al⸗ lein. Wohlan, hier iſt nicht Zeit zu Kinder⸗ ſpiel. Waͤhlen Sie! — 166— Ich beſtehe darauf, erſt zu erfahren, was Sie zum Streite veranlaßt. Mich veranlaßt? Ich daͤchte, Sie haͤtten ſich Wald Lascelyne unterzeichnet? Wohlan, waͤhlen Sie! Und warum? Reden Sie deutlich! Sie ſehen in mir den Erben eines belei⸗ digten Stammes— das iſt nicht alles, aber es iſt genug. Gewahlt, ſchnell gewaͤhlt! Nun, wenn Sie glauben, mich herausfo⸗ dern zu muͤſſen, weil ich mit Ihrer Baſe in Mißhelligkeiten gerathen bin, ſo iſt das in ſei⸗ ner Art recht gut, und ich werde Ihnen gewiß nicht ausweichen, nur nicht hier, nur nicht ſo, wenn ich bitten darf. Ich muß fuͤr's Erſte meinen Sohn haben, und fuͤr's Andre muß ich ihn jemandem uͤbergeben, der mir anſteht. Das habe ich mir in den Kopf geſetzt, Herr Wald. Und dann, wenn Sie nichts dagegen einzuwen⸗ den haben, mag ich ſolche Dinge lieber auf die herkoͤmmliche Weiſe abmachen, mit einem Wor⸗ te, erſt will ich einen meiner Freunde waͤhlen, ehe ich einen ihrer Degen nehme. Das habe ich mir gleichfalls in den Kopf geſetzt. * — 167— Freunde, Freunde, uns zu ſehen! Wohl gar Sekundanten?. Nun ja, Sekundanten! So iſt's in der Regel, und ich habe keinen Hang zu Son⸗ derbarkeiten, was auch ihre Neigung ſein moͤge.. Laſſen Sie das! Bei der erſten Gelegen⸗ heit, wo Sie mit einem Laffen zu thun haben wegen eines Wachtelhundes, oder einer Taͤnze⸗ rinn, da wird ſich dieſe Geckenregel huͤbſch an⸗ wenden laſſen. Ich daͤchte, hier waͤre es Ernſt. Ernſt? Zum Theil, Herr Wald, und zum Theil nicht. Ohne Ihnen ausweichen zu wol⸗ len, Herr Wald, kommt mir ihre Eile doch beinahe laͤcherlich vor. Laͤcherlich? Ha! Sie ſagen das? Ja, laͤcherlich— hoͤchſt laͤcherlich— ganz hors des règles. Roͤgles! Haben Sie das huͤbſche Wort auch von Madame la Francaise gelernt? Wohlan! Oder ſoll ich Sie anſpeien, Ihnen Fußtritte ge⸗ ben— Sie niederhauen, wie ein Kalb? Herr, Sie ſind ein Dechla Wohlan, her mit dem Degen! — 168— Wie ſchoͤn wir alle Vorbereitungen mach⸗ ten! Wie ruhig maßen wir die Entfernung ab! Wie gehoͤrig wir uns auslegten! Man haͤtte uns fuͤr Fechtmeiſter halten koͤnnen. Und doch ver⸗ ſtand ich beinahe gar nichts von der Sache; ich hatte nur einmahl die nackte Klinge verſucht, und Sie wiſſen wie. Nach der erſten Minute aber, wie luſtig ging's da her! Ich drang auf ihn ein, als haͤt⸗ te ich ein wildes Thier vor mir gehabt, und war nicht auf meiner Hur. Er traf dreimahl meinen Arm; durch und durch ging die Degen⸗ ſpitze, aber ich achtete es nur wie einen Muͤcken⸗ ſtich. Endlich kam an mich die Reihe. Ich durch⸗ bohrte ſein Herz, und ſtieß die Klinge bis an das Stichblatt hinein. Ich zog ſie nicht heraus, und gab ihm einen Fußtritt.„Da liege und verfaule!“ Ein einziger Seufzer, und ſein Au⸗ ge war ſtarr. Der Stagyrit ſagt, die Todten kann man nicht haſſen. Er hat nie gehaßt. Ich ging nach Hauſe, wie auf Fluͤgeln; aber mein Muth verließ mich, als h die Schwelle betrat. 1 — 169— Ich ging in das Zimmer, wo Katharina war. Sie ſaß da noch immer, mit dem Kinde auf dem Schoße und wartete auf mich. In mei⸗ nen Mantel gewickelt, trat ich hinein. Ich ſetzte mich in einiger Entfernung von ihr nieder und ſchwieg. 3 Vetter, wo ſind Sie geweſen? hob ſie an. Was haben Sie vorgehabt? Sie ſahen vorhin ſeltſam aus, aber jetzt— Ich wickelte mich noch dichter in meinen Mantel. O Vetter— Ihr Blick! Wollen Sie denn nie ſich faſſen? Nie Kaͤthchen! Das war weich geſprochen. Kommen Sie zu mir, Matthaͤus. Vielleicht finden Sie Thraͤnen. Ich zog meinen Degen unter dem Mantel hervor. Ich hielt die rothe Klinge vor mich, woran das Blut noch nicht trocken war. Reden Sie, Matthaͤus! Was iſt das? Re⸗ den Sie! O barmherziger Gott— Blut am Degen! Ja Blut, Baſe— Blut! Mein Mann— Lascelyne! — 170— Ich hoͤrte kein Wort mehr. Himmel und Erde! daß ich dieß niederſchreiben muß! Nur ein Schrei— Nur einer!— Beſinnunglos? Ohumaͤchtig? Todt— o todt!— Ich erinnere mich nicht mehr. Jo weiß, ich fuͤhle es, Ihre Guͤte wuͤrde mich gern ſchonen, wenn es moͤglich waͤre. Gern wuͤrden Sie, ich weiß es, mir Geheimniſſe laſ⸗ ſen, die ſelbſt vor Ihnen finſter wie Tod und Grab ſind. Aber in dieſem Augenblicke kann mir nichts neue Bekuͤmmerniſſe geben. Hier ſitze ich in meinem gemaͤchlichen Lehn⸗ ſtuhle, in meinem freundlichen Buͤcherzimmer; ein helles Feuer lodert neben mir, und alles um mich her iſt hell und warm. Ich bin alt, aber ich fuͤhle noch Kraft in jeder Fiber. Meine Gedanken ſind ſo klar, als am Morgen meines Lebens. Ich kann wandern, reiten, leſen oder ſchreiben, ſo munter als ein Mann von fuͤnf und zwanzig Jahren. Nie trinke ich Wein, wenn ich allein bin, aber eine Waſſerflaſche ſteht ne⸗ ben mir auf dem Tiſche. Auf ihr Wohlſein! Ich habe das Glas bis auf den Boden geleert. Und doch— bin ich es, der ſo zuruͤckblik⸗ ken kann auf jene Schreckniſſe? Dieß ſind die⸗ ſelben Glieder, die in jener furchtbaren Zelle — 172— gebunden und gefeſſelt waren— Dieſe Augen ſind es, die den einzigen Strahl des Tageslichtes bewachten und verfluchten, der von der unermeß⸗ lichen Hoͤhe uͤber mir auf jene finſtern feuchten Steine herab ſiel— dieß iſt der Leib, der in je⸗ nem Winkel ſich kruͤmmte und ſchauerte. Ich war es, der in jenem Kerker wie ein eingefangener Loͤwe wuͤthete, ich, der den Mond anheulte, ich, der ſich kruͤmmte wie ein zertretener Wurm, wenn jenes Eiſengitter ſich oͤffnete, und der har⸗ te Unmenſch mit der Peitſche in der Hand vor mir ſtand. Welche kriechende Furcht— welcher eiskal⸗ te Schweiß— welche furchtbare Traͤume, furchtbarer als ſelbſt die Schreckniſſe des wachen⸗ den Wahnſinnes! Welche Sehn ucht nach dem Schlafe, und doch auch wie viel Furcht davor! Welche todte Leere gaͤnzlicher Vergeſſenheit— welche angſtvolle Erinnerungen— und wie dann wieder wild in die ausgeſtreckten Arme der im⸗ mer wachſamen Verzweiflung geſtuͤrzt! Auf dem Gipfel eines wolkenhohen ſteilen Felſens angefeſſelt zu ſein, und doch keine Wol⸗ ken am Himmel; alles hell und glaͤnzend oben, uͤberall umher Abgruͤnde und unermeßliche blen⸗ dende Schneeflaͤchen; mit gluͤhendem Augapfel hinzuſtarren, und eine weiße Maſſe neben mir ſich bewegen zu ſehen, und dann ploͤtzlich den großen, ſchwarzen plumpen Baͤr, der heran kriecht mit aufgeſperrtem, geiferndem Rachen. Das Sioͤhnen des furchtbaren Thieres— das dumpfe hungrige Geheul ſeines halb ſchlaͤfrigen Gaͤhnens— der krampfhafte Kampf— und der Sprung hinab— hinab in die Tiefe des Ab⸗ grunds!— Zerſchmettert zu liegen auf dem gluͤ⸗ henden Felſen, mitten in einer herrlichen, dunk⸗ len, gruͤnen Waldwelt, aber kein Schatten fuͤr mich; das Toſen des immer rauſchenden Waſſerſalls vor meinem Ohre, aber kein Tro⸗ pfen fuͤr die trockne, gluͤhende Zunge, fuͤr die ſchwarzen, verbrannten Lippen. Zu fuͤhlen, wie Fliegen nagend uͤber Bruſt und Glieder kriechen, mit dem ewigen geſchaͤftigen Summen glaͤnzen⸗ der Fluͤgel, und von tauſend Nadelſtichen durch⸗ bohrt zu ſein; ſich halb aufgezehrt zu ſehen, und mit veſtem Blicke die immer ſich vergroͤßernde Eiterwunde zu beobachten— es darin arbeiten zu ſehen, wie in einem Bienenkorbe— die gruͤnen Ge⸗ ſchoͤpfe tanzen zu ſehen zauf dem entbloͤßten Nerv, und doch zu ohnmaͤchtig, auch nur eine Fiber zu — 174— regen— eine verweſende Maſſe, ſich ſelber zum Abſcheu, und doch nicht todt— nein, voll regen Lebensgefuͤhls!—— O wie herrlich, ſo zu rei⸗ ten! Voran, voran, du praͤchtiger Araber! Dein Huf wird im Schnee erſtarren, wenn wir verweilen, nein, er ſoll bald ein warmes Bad haben.— Heran, heran, ihr ſchwarzen Schaaren! Laßt eure Fahnen wehen und eure Trompeten ſchmet⸗ tern. Ich liebe den Ton. Nieder, nieder haue ich euch! Ihr wollt mich verwunden?— Schlagt zu und mit tauſend Schwertern! Ha! ich bin wie Achilles in die Lethe getaucht, aber auch meine Ferſe, ihr Meuchler, auch meine Ferſe. Eure Keulen— Strohhalme! Mein Schaͤdel iſt Feuer. Können eure Kolben die Flamme zer⸗ ſchlagen? Das ſind glaͤnzende Harniſche— Ha! zerſplittern ſie ſo leicht? O Falke, ſchreiſt Du? Und Du auch ſchwarzer? Komm, kleiner Rabe, Du kannſt nun herab kommen, hier iſt Blut genug, worin Du waten kannſt.— Das ſind einige der vielen Bruchſtuͤcke, die ich von dem damahligen verſtoͤrten Bilde meiner aus der ſinſtern Wuͤſte. Ein ſanfterer Traum, Seele aufbewahrt habe; einzelne Lichtſtrahlen der daher auch mehr Zuſammenhang hat, ſchweht —xVx — — 475— in dieſem Augenblicke vor meiner Erinnerung. Ich will das Traumbild veſthalten.— Verwei⸗ le einen Augenblick, du kleiner Bergſee, und kein Windhauch ſtoͤre das Bild des alten Schloſ⸗ ſes in deinem ſtillen kalten Schooße! Welche Todtenſtille auf dieſem Waſſer! Wie tief und doch wie klar! Kein Moos, keine anſpuͤlende Welle, welche den Blick in den Waſſerſpiegel hemmte. Man koͤnnte jeden Kieſel auf dem Boden zaͤhlen. Hier in der Mitte iſt nichts als Felſen. Wie tief mag das Waſſer ſein, alter Mann? Habt Ihr es je gemeſſen? Ihr ſeio ja viel hundertmahl hinuͤbergefahren. Ihr ſchuͤttelt den Kopf, mein Freund? Nun, es hat nichts zu bedeuten. Woher dieſes Stein⸗ pflaſter hier am Ufer? Wie tief die Steine ausgerieben ſind! Ja, man mag viele ſeltſame Geſchichten von dieſem alten Schloſſe erzaͤhlt haben. Eure Muͤhle, ſehe ich, iſt halb an die alte Mauer gebaut. Das große Rad ſteht heu⸗ te ſtill. Wollt Ihr mit mir den Thurm hin⸗ anklettern? O das iſt zu ſeiner Zeit auch ein herrliches Gebaͤude geweſen. Welche Fenſter— welche Gaͤnge— welche ungeheure Feuerherde! Wie muß da die Flamme gelodert haben! Seltſame Treppen! Dunkle Gaͤnge! Was fuͤr ein Rie⸗ ſengewaͤchs iſt dieſer Efen! Welche breite Blaͤt⸗ ter, wo die Mauer ſie nicht hemmt! Ein Apfelbaum— mitten im Saale!— Was fuͤr ein furchtbarer Kerker dieß geweſen ſein mag! Da ſieht man noch den Falz der Fallthuͤre. O ich ſehe noch die Ringe in der Mauer. Eine finſtere Hoͤhle fuͤr ein armes Geſchoͤpf! Der kleine Spalt hier iſt nur Spott. Kann man nicht hinab kommen? Man koͤnnte ja einen Sprung wagen. Ihr laͤchelt? Ja, wie wieder herauf? Das iſt's. Nun, wir bleiben hier. Wie ſchwarz iſt die Mauer an jener Seite! Auch die verfaulten Enden der Balken ſind ſchwarz genug. Feuer? Ich verſtehe Euch. Ganz ausgebrannt? Wie lange liegt dieß ſo in Truͤmmern? Ihr wißt's nicht? Gui!— Wel⸗ che ſchoͤne Ausſicht aus dieſer Oeffnung! Stellt Euch neben mich, es iſt Platz genug fuͤr uns beide. Wie ſchoͤn der Abhang zum ſilbernen See! Wie klar erſcheinen die Berge in der Ferne! Wie uͤppig bewaldet iſt die Kuͤſte! Aber hier umher iſt es nackt, daͤchte ich. Kei⸗ ne ſchattende Eiche auf dieſem Raſen.— Wie — — — 177— gruͤn und uͤppig das alte Weideland! Und noch mehr Truͤmmer, dachte ich. Ja, Ihr ſeid hier reich an Ruinen. Iſt das auch ein Schloß? Nun, dann muͤſſen ſie gute Nachbarn geweſen ſein. Eine Kirche, ſagt Ihr?— Ja, die Ka⸗ pelle, ich verſtehe Euch. Wollt Ihr bis dahin mit mir hinab gehen, alter Mann? Ich moͤch⸗ te gern auch ihre Kapelle ſehen, da ich nun ih⸗ re Halle geſehen habe. Nun, Ihr habt ein recht behagliches Ausſehen, alter Mann. Haͤt⸗ tet Ihr in jenen Zeiten gelebt, wer weiß, man haͤtte Euch wohl zum Moͤnche gemacht. Ihr wuͤrdet Euch gut ausgenommen haben in der Moͤnchskappe, gewiß beſſer als im weißen Hu⸗ te. Und wahrlich auch beſſere. Mahlzeiten! Aber Ihr ſeid ja zufrieden, und es bekommt Euch auch gut. Ihr habt ein freundliches Huͤttchen hier unter dem Thurme. Wie huͤbſch euer Rauch zu jenem Söller ſich hinan kräuſelt! Wenn Ihr nur ein Paar alte Baͤume hier häͤt⸗ tet, ſonſt fehlt nichts. Umgehauen? Wie, alle auf einmahl? Nun, das war nicht eben edel⸗ maͤnniſch. Aber das Waſſer kann man nicht nehmen, und das iſt Schoͤnheit genug. Und Schutz gegen den Nordwind gibt Euch ja der Zweiter Theil. 12 — 178— Thurm. Ihr hoͤrt ihn laut genug pfeifen, aber was liegt daran, wenn die Thuͤre verſchloſſen iſt, das Feuer hell lodert und der Topf ſingt. Der alte Mann ſtieg mit mir vom Thur⸗ me herab, und wir gingen zur Kapelle. Es wehte ein leichter kuͤhler Wind. Wir konnten den See durch den Bogengang ſehen. Wie gut erhalten! ſprach ich. Wie reinlich und nett alles umher! Der Wind weht ſo erfriſchend durch dieſe gewoͤlbten Gaͤnge. Wie weiß ſind die Steine unter unſerm Fuße! Das iſt die Kapelle ſelbſt, ſprach der Al⸗ te, und oͤffnete eine Thuͤre. Geht hinein, wenn's Euch beliebt. Auch hier alles noch wohl erhalten, ſprach ich, und entbloͤßte mein Haupt, als ich uͤber die Schwelle trat. Nichts iſt in Verfall, gu⸗ ter Alter, und wenn man Scheiben in die Fen⸗ ſter ſetzte, koͤnnte man morgen wieder Meſſe leſen. Die ehernen Verzierungen auf dem Fuß⸗ boden ſind freilich ein wenig matt geworden, weil kein Fuß ſie abſcheuert. Dieſe alten Rit⸗ ter werden jetzt ſelten durch Fremde geſtoͤrt, die uͤber ihre Graͤber gehen.. 8 Ich ging umher, die Grabmaͤhler betrach⸗ tend, und ſuchte, ſo gut ich konnte, die Inſchrif⸗ ten und Wappen zu deuten. Ich kann mich nicht erinnern, was fuͤr Wappen es waren, aber alle waren gleich. Hier iſt ein beſonderes Grabmahl, alter Freund, hob ich wieder an. — Wartet doch— iſt dieß nicht Holz, das man wie einen Deckel auf den Marmor gelegt hat? Es iſt ſo weiß vor Alter, daß ich's an⸗ faͤnglich auch fuͤr Stein hielt. Ich daͤchte, Ihr naͤhmt es hinweg. Es verdeckt ja nur die Bild⸗ hauerarbeit.— Ich trat naͤher zu dem Geazmaßle, aber der alte Muͤller ſprach mit einem ernſten und feierlichen Laͤcheln:„Nein, lieber Herr, das duͤrft Ihr nicht anruͤhren; es iſt gegen den Gebrauch. Laßt's lieber liegen, wie's iſt.) Nun, was fuͤr Poſſen ſind das? Es muß ein ſchoͤnes Grabmahl darunter ſein. Ich muß es ſehen, mein Freund. Lieber Herr, thut was Euch beliebt; aber ich ſage Euch, Ihr werdet's hinterher bereuen. Ihr werdet Euch nur erſchrecken. Erſchrecken, alter Knabe! antwortete ich. Nun, ich wage das Abenteuer. Ich beruͤhrte den hoͤlzernen Deckel, der 12* — 180— ſich leicht aufheben ließ, aber in demſelben Au⸗ genblicke, wo ich ihn aufhob, hoͤrte ich einen leiſen matten Schrei darunter hervordringen. Ich ſprang zuruͤck, und warf einen Blick auf den alten Mann. Er ſah mich an, aber ich bemerkte keine Veraͤnderung in ſeinen Blicken. Und nun kamen aus demſelben Grabe drei ver⸗ nehmliche Seufzer— aus demſelben Grabe, aber nicht in derſelben Stimmihe— und alles war wieder ſtill. Alter Mann, ſprach ich, was iſt das? Koͤnnen die Todten ſolche Toͤne aus ihren Saͤr⸗ gen hervorkommen laſſen? Wahrlich, ich dach⸗ te, es waͤre Ruhe im Grabe, alter Mann— O lieber Herr, erwiderte der Alte, der nun endlich von dem Thorwege herbeikam, wo er die ganze Zeit geſtanden: wer wuͤßte zu ſagen, was es fuͤr ſeltſame Dinge in dieſer Welt gibt. Die Lebendigen und die Todten haben ihre Wun⸗ der.— Aber Ihr habt jetzt den Zauber geloͤ⸗ ſet; Ihr koͤnnt den Deckel aufheben, und es wird Euch nichts mehr beunruhigen. Das ge⸗ ſchieht nur bei der erſten Beruͤhrung. Als er mir ſo nahe kam, faßte ich neuen Muth, und ruͤhrte den Deckel wieder an. Kein — 181— Laut ließ ſich hoͤren und leiſe hob ich ihn ganz ab.„Ein Bahrtuch, alter Mann! ſprach ich. Ein Bahrtuch von Sammet! Seltſam, daß man das Grab ſo unvollendet gelaſſen hat! Auch dieß koͤnnte man wohl aufheben?“ O a, lieber Herr, ſprach mein ernſter, aber freundlicher Alter: wenn's Euch gefaͤllt. Aber ich will Euch erſt erzaͤhlen, wies um die Sache ſteht. Der letzte Edelmann von die⸗ ſem alten Stamme, der in dieſem Schloſſe wohnte und alle Laͤndereien umher beſaß, hat⸗ te nur eine einzige Tochter. Ein boͤſer grau⸗ ſamer Mann kam, und heirathete das Fraͤulein und wurde auch Herr aller dieſer Laͤndereien. Sie hatte ein Kind, lieber Herr, und man er⸗ zaͤhlt ſich, er haͤtte das Kind und ſie nicht lei⸗ den koͤnnen, und ſie in jenem See ertraͤnkt. Der Schrei, den Ihr gehoͤrt habt, kam von dem Kinde, und die drei Seufzer waren von der Mutter. So machen ſie's immer— eben ſo als da ſie ermordet wurden, meint man— wenn jemand ihr Grab anruͤhrt. Aber wir ſind lange daran gewoͤhnt, und machen uns nun we⸗ nig daraus.— Wollt Ihr ſie ſehen, ſo hebt as Tuch auf.— — 182— Ich that es, und ſah einen truͤben beſtaub⸗ ien Glasdeckel. Der alte Mann rieb das Glas mit einem Zipfel des Bahrtuches, und ſprach: „Nun, lieber Herr, koͤnnt Ihr alle Beide ſe⸗ hen, ganz wohl erhalten; man hat ſie ſo gut einbalſamirt. Seht!“ O Johanna, wieder das weiße Geſt cht! Ich that einen Angſtſchrei und erwachte. — 183— Brief an Herrn P. R. Dieß, lieber R., iſt die Nachricht, die unſer alter Freund uns von jenem fluͤhern Zeitraume jeines Lebens hinterlaſſen hat, woruͤber wir bei⸗ de ihn nie ſprechen hoͤrten. Mit Ausnahme einiger wenigen Stellen, die ich in den letzten Abſchnitten, beſonders in dem allerletzten, ſtrei⸗ chen zu muͤſſen glaubte, erhalten Sie die Denk⸗ ſchrift genau ſo, als er ſie in ſeinem Zimmer zuruͤck ließ.. Warum er ſo ploͤtzlich abgebrochen hat, daruͤber ſagt ſein Brief nichts. That er es vielleicht, weil das Niederſchreiben der letzten Seiten, die Sie eben geleſen haben, ihn zu ſchmerzlich bewegt hatte, und er ſich nun fuͤrch⸗ tete fortzufahren? Oder waͤre es ihm bei ſei⸗ nem peinlichen Ruͤckblicke in die Vergangenheit wirklich vorgekommen, daß die vielen Jahre, woruͤber er gaͤnzlich ſchweigt, keinen Stoff zur Unterhaltung oder Belehrung fuͤr uns enthiel⸗ ten? Ich wage es nicht zu entſcheiden, und Sie ſind eben ſo gut als ich im Stande, Ver⸗ muthungen daruͤber zu machen. Ich glaube, Sie werden nun gern einge⸗ — 184— ſtehen, daß ich bei dem Streite, den wir ſo oft uͤber ihn fuͤhrten, recht hatte, und Sie im Irr⸗ thume waren. Ich war allerdings anfanglich, und wahrend einer ziemlich langen heit, faſt glei⸗ cher Meinung mit Ihnen. So junge und ge⸗ dankenloſe Beobachter, als wir Beide zu der Zeit waren, wo wir Herrn Wald zuerſt kennen lernten, konnten wohl nicht leicht auf den Arg⸗ wohn gerathen, daß ein Mann, der eine fuͤr ſein Alter ſo ruͤſtige Geſundheit und Koͤrperkraft be⸗ ſaß, der ſich taͤglich ſo viel Bewegung machte, de beinahe jaͤhrlich Reiſen von vielen hundert Meilen unternahm, und bis in ſeine letzte Le⸗ benszeit einen Ausflug nach Paris nicht viel anders als einen Gang in die Stadt berrachtete, ein Mann, der immer, ſo oft wir mit ihm zu⸗ ſammen waren, die Seele jeder Geſellſchaft war, ſo leicht, ſo aufgeregt und munter, und ſelbſt unſerm jugendlichen Frohſinne nicht ſelten es zu⸗ vorthat— daß ein ſolcher Mann doch wirklich ſeit langer Zeit den finſterſten und ſchwermuͤ⸗ thigſten Betrachtungen hingegeben ſein ſollte. Der Gedanke aber, daß dieß wirklich der Fall war, daß unſer luſtiger Graukopf, wie wir ihn zu nennen pflegten, wirklich der geheime 5 4 — — — 485— Sklave der Verzweiflung war, fand allerdings nach und nach Eingang in meine Seele. Das Schweigen, das ein ſo munterer Geſellſchafter über einen ſo langen Zeitraum ſeines fruͤhern Lebens beobachtete, war vielleicht gerade der Umſtand, der mich hauptſaͤchlich auf die Mei⸗ nung fuͤhrte, die Sie immer bekaͤmpften. War denn ſeine Froͤhlichkeit bloß erkuͤn⸗ ſtelt? Ich glaube es keineswegs. Nein, ich glaube, daß unſer Freund, wenn wir einmahl heiter um ihn waren, wenn ſeine gewoͤhnliche Einſamkeit freundlich geſtoͤrt war, wenn er die Mahlzeit beſtellt, den Keller ausgeſucht, die Geſellſchaft um ſich verſammelt hatte, wirklich war, was er zu ſein ſchien. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten ging er, glaube ich, ganz in die Froͤhlichkeit der Freunde ein, die er um ſich hatte. Mit welcher Miene loͤſte er das alte, das urweltliche gruͤne Siegel einer Weinflaſche, mit welcher Munterkeit ſoderte er uns Juͤngere zum Geſang auf, wie froͤhlich ſtimmte er in den Chor ein, und mit welcher feierlichen Schalk⸗ heit brachte er ſeine wunderlichen Trinkſpruͤche aus! Aber wie ſelten waren auch ſolche Gelegen⸗ — 186— heiten? Gab er denn je mehr als zwei, hoͤch⸗ ſtens drei Gaſtmahle jaͤhrlich? Und warum dieß? Er war reich, weit reicher, als er es nach ſei⸗ nen Ausgaben zu ſein ſchien, und ſeine Freige⸗ bigkeit kannten wir alle. Bei ſeiner Einrichtung haͤtte es ihm wenig Stoͤrung machen koͤnnen, ſolche Geſellſchaften um ſich zu verſammeln, und Gott weiß es, keiner von uns wuͤrde ſeine Einladung ausgeſchlagen haben. Und warum verſammelte ſich denn jener Kreis, der einzige Kreis ſeiner Freunde, ſo ſelten um ſeinen angenehmen Tiſch? Und wie kam es, daß der Mann, der den hal⸗ ben Tag außer ſeinem Hauſe zubrachte, munter und ruͤſtig, wie ein Dreißiger, ſpazieren ging und ritt, bei keiner einzigen Gelegenheit aus⸗ waͤrts ſpeiſte? Sie wiſſen, daß er mit meinen Angehoͤrigen bald nach unſrer Ruͤckkehr aus In⸗ dien in freundſchaftliche Verbindung trat, und doch ſaß er nur einmahl an meines Vaters Ti⸗ ſche, und zwar an meinem Hochzeittage. So lieb er meine Frau hatte, ſo ſehr er an meinen Kindern hing, er hat doch nach meiner Verhei⸗ rathung auch nicht einmahl unter meinem Da⸗ che ein Stuͤck Brot gebrochen, oder ein Glas Wein getrunken. 8 —., 187— Sie erinnern ſich, wie oft wir uns daluͤber wunderten, daß er auf ſeinen vielen Reiſen doch nie ſein Vaterland beſuchte, ungeachtet man ſonſt faſt in jeder Hinſicht den Schottlaͤnder in ihm erkannte, und uͤberdieß ſeine Beſitzungen dort lagen. Sie koͤnnen daher denken, wie ſehr uns die Nachricht uͤberraſchte, daß er in dieſem Sommer ſeinen Weg nordwaͤrts genommen haͤt⸗ te. Ich war gerade abweſend, als er bei uns einſprach. Er ſagte meiner Frau, er haͤtte die Abſicht, am folgenden Tage ſeinen gewoͤhnlichen Sommerausflug zu machen, erwaͤhnte aber nicht, in welche Gegend. Als ich am naͤchſten Tage in ſein Haus ging, war er ſchon abgereiſet. Seine Leute ſagten mir, Herr Wald moͤchte wohl ſeinen Weg nach York genommen haben. Ich dachte nicht mehr daran, als ich etwa ſechs Wochen ſpaͤter einen Brief von ſeinem alten Diener erhielt. Er meldete mir, Herr Wald waͤre ſehr krank, und aͤußerte dringend die Hoffnung, daß ich unverzuͤglich mich auf den Weg machen wuͤrde, um den Kranken in— Blackford zu beſuchen. Ich brach ſogleich auf, und reiſete unun⸗ terbrochen Tag und Nacht, kam jedoch zu paͤt. Er war noch nicht todt, als ich eintraf, aber ſchon ſeit mehren Seunden ſprachlos und dem Anſchein nach ganz ohne Bewußtſein. Ich glaube jedoch, er kannte mich noch, und irre mich darin gewiß nicht. Sein Auge— das ſchoͤnſte Mannerauge, das ich je ſah— war auf mich geheftet, bis es auf immer erſtarrte. Ich hatte wenigſtens die traurige Beruhigung, ihn ſchmerzlos verſcheiden zu ſehen, und ihm die Augen zu ſchließen. Wir begruben ihn bei ſeinen Vaͤ⸗ tern, in einer merkwuͤrdigen alten Gruſt. Bleier⸗ ne Saͤrge ſtanden da rings umher aufgeſchich⸗ tet, wovon die unterſten von der Laſt der ſpaͤ⸗ tern Ankömmlinge ganz platt gedruͤckt waren, und einige ſchlichte, aber ſehenswerthe Denk⸗ maͤhler in der Mitte. Da ruht er, der Letzte ſeines Stammes. Ein Schlagfluß mochte ſeinem Leben ein Ende gemacht haben. Er war allein ausgegan⸗ gen, und erſt nach mehren Stunden ward er in einem Zuſtande gaͤnzlicher Betaͤubung unweit eines kleinen Waſſerfalles in einem Thale hin⸗ ter ſeinem Hauſe gefunden. Dieſelbe edle Ge⸗ ſinnung, die ihn bewog 1 dem Beſitze der von ſeiner Frau ſtammenden Guͤter, die er nach —-— ſchottiſchen Rechten bei ſeinen Lebzeiten haͤtte behalten koͤnnen, gleich nach der Geneſung von ſeiner Gemuͤthskrankheit zu entſagen, dieſelbe edle und großmuͤthige Geſinnung athmet in ſei⸗ nem letzten Willen. Er hat alle ſeine alten Dienſtboten, und alle, die von ihm abhingen, freigebig bedacht, und doch wurde wohl nie ein Gebieter oder Goͤnner ſo aufrichtig beweint, als jene bis auf dieſe Stunde ſein Andenken eh⸗ ren. „Gewiß, wenn Sie nach London zuruͤck⸗ kommen, werden Sie fuͤhlen, welche Leere ſein Tod gemacht hat. Mir hat er auch ſein Haus hier hinterlaſſen. Ich beſuchte es neulich, gehe aber gewiß nicht wieder hin. Ich ſah ſeinen gepolſterten Lehnſtuhl in der gewoͤhnlichen Ecke — ſein Spazierſtock war daran gelehnt— ſeine Floͤte hing am alten Nagel— alle Buͤcher la⸗ gen umher— ſein Papiermeſſer mitten im Candide— ein Paar Zeitungen auf dem Tiſche — nein, der Anblick ergriff mich zu ſehr. Ho⸗ garth's Blaͤtter gehoͤren Ihnen, wie Sie wiſſen, Und ich ſchicke ſie Ihnen naͤchſtens. Gewiß, eine ſchoͤne Sammlung. Es iſt ein Gluͤck fuͤr mich, daß Lord Las⸗ — 490— celyne keinen Sohn hinterlaſſen hat. Wenn er einen Erben gehabt haͤtte, ſo waͤre ich, we⸗ nigſtens eine Zeitlang, verdraͤngt geweſen, da nur das Fideicommiß geſetzlich verhindert, daß beide Guͤter zu gleicher Zeit denſelben Be⸗ ſitzer haben. Wie die Sachen jetzt ſtehen, wer⸗ de ich im naͤchſten Monate foͤrmlich Beſitz neh⸗ men, und je eher Sie nach Blackſord kommen, deſto beſſer.. * ſfffſnfnſnſnfſſnſnnſiſnſ 12 13 14 15 7 8 9 10 11 16