Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih gungen. Kensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſte t zur Em⸗ uebin Befden Bücher jeden Tag hht eeren or offen. 3 3 Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 en müſſen, bei Entgegennahme 1 3 ſſelben entſprechende Summe f gabe von mir zurückerſtattet us bezahlt werden und 2 Biicher: 4 Büeher: 6 Bücher: 4M— Pf. 1 M 50 f 2 Mr.— Ff. ¹ — genen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen ür beſchmutzte, zerri eene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſol⸗ mit Hupfern ꝛc.) muß der z Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſen ru lorene und deferte Buch ein Theil eines gröf der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichta 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſtgeſegt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Zeiterverleihen der er nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ afür zu ſtehen haben. — Matthaͤus Wald. Ein Roman, aus dem Engliſchen uͤberſetzt Erſter Theil. Leipzig 1825, bei C. H. F. Hartmann. —— — ———— Vorwort. — Da Roman, der hier dem teutſchen Le⸗ ſer vorgefuͤhrt wird, erſchien 1824 zu Edin⸗ burgh unter dem Titel: The History of Matthew Wald, und iſt der vierte eines ungenannten Verfaſſers, der durch das Le⸗ ben Adam Blair's(1822 und 1824) 12I ——— und Reginald Dalton Garh chon Aufmerkſamkeit erweckt hatte. Man glaubt einen jungen Rechtsgelehrten in Edinburgh, Herrn Lockhart, der neuerlich eine Samm⸗ lung altſpaniſcher Romanzen nicht ungluͤck⸗ lich uͤberſetzt hat, darin zu erkennen.* † L. Dresden im October 1324. 1— Matthaͤus Wal. Erſter Thei. — I. . 1 Ich brauche dieſe Geſchichte, die einzig fuͤr Sie, mein theurer Freund, beſtimmt iſt, nicht mit einer umſtaͤndlichen Nachricht von meinem Stammbaume anzufangen. Es iſt Ihnen be⸗ kannt, wie alt die Familie iſt, mit welcher Sie ſo nahe verbunden ſind, und Sie wiſſen, daß wir in der merkwuͤrdigen Zeit nach Schott⸗ kand kamen, welche die Gelehrten mit dem Nahmen der angelſaͤchſiſchen Anſiedlung*) bezeichnen. Der Baum war normaͤnniſchen Urſprungs, und hatte kaum in England ge⸗ wurzelt, als er hierher verpflanzt wurde, wo er, uͤberhaupt genommen, gut gedieh. Die Be⸗ *) Schon vor Malcolm Canmore, Macbeth's Nach⸗ folger, ſiedetten ſich von Zeit zu Zeit Angellächſen in Schottland an, unter ihm aber, in der zweiten Hälfte des I1ten Jahrhunderts, wanderten viele Sachſen und Normänner eln. L. 1* — 4— ſitzungen, welche mein Ahnherr der Freigebig⸗ keit des Koͤnigs Robert verdankte, waren frei⸗ lich nicht anſehnlich; aber einige kluge Heira⸗ then vergroͤßerte n ſie betraͤchtlich im Laufe eines Jahrhunderts, und da der Vater und der aͤl⸗ teſte Sohn immer der alten Regel folgten, bei allen Unruhen und Zerruͤttungen im Staa⸗ te auf verſchiedene Seiten zu treten, waͤhrend die juͤngern Zweige unveraͤnderlich mit einem Schwerte, oder einem Kruzifixe abgefunden wurden, ſo kam die Herrſchaft im Laufe der ſpaͤtern Zeit wenig in Gefahr, bedeutend be⸗ ſchnitten zu werden. Wir waren ſo gluͤcklich, die greulichen Irrthuͤmer der paͤpſtlichen Leh⸗ re fruͤher als die meiſten unſrer Nachbarn zu durchſchauen, und unſre zeitige Belehrung blieb ſelbſt in dieſer Welt nicht unbelohnt. Wir hingen auch treulich am Glaubensbun⸗ de,) und obgleich die Folge davon war, *) Die ſogenannte Glaubenseinigung, wo⸗ durch man ſchon in den erſten Zeiten der Refor⸗ ation, um die jnuge Kirche zu ſchützen, ſich gegen die Lehren des Papſtthums erklärt hatte, wur⸗ de ſeit 1638 als feierlichen Glaubensbund(so- lemn leagne and covenant) die Fahune, um * g — 5— daß unſre Beſitzungen im Jahre 1679 an ei⸗ nen engliſchen Offizier kamen, ſo wurden ſie uns doch 1688, ſehr verbeſſert durch die Sorg⸗ falt, die er darauf gewendet hatte, zurüͤckge⸗ geben. Außer Hecken und Graͤben, woran fruͤher Niemand dachte, hatte er ein gutes Haus gebaut, das huͤbſch eingerichtet war, und ich habe ſogar munkeln hoͤren, es haͤtte ſich Geld in ſeinem Zimmer gefunden, zu deſſen Zuruͤckfoderung er nicht anders als durch Briefe aus Spanien Gelegenheit fand, da es ihm gleich nach der Revolution, Dien⸗ ſte in jenem Lande zu nehmen, beliebt hatte. Auf dieſe Weiſe waren unſre Angelegenheiten zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in ge⸗ deihlichem Zuſtande. Mein Großvater kam zu gehoͤriger Zeit in den Beſitz des Erbgutes, und erhielt die welche die Presbyterianer ſich vereinigten. Die Schickſale der Presbyterianiſchen Kirche in Schott⸗ land, deren Rechte nach der Unterdrückung, die 1679 ſie traf, durch die Revolution oassſtiot wurden, erzählt das Vorwort meiner Ueberſetzung des Romans: die Schwärmer, von W. Scotr — 2te Aufl. Leipzig 1823. 3 Bde. 2. 5 82 — 6— Hand eines wuͤrdigen Fraͤuleins, der Erbinn eines Landgutes, welches mitten in unſern Beſitzungen lag, woruͤber ſeit langen Zeiten ſo viel war geſchwatzt worden, und das nun — es war auch hohe Zeit— fuͤr immer recht⸗ maͤßig damit vereinigt ward. Im Verlau⸗ fe der Zeit erzeugte er weit mehr Soͤhne und Toͤchter, als es mit der Klugheit verein⸗ bar geweſen ſein wuͤrde, wenn zu jener Zeit Schutzpocken und Reinlichkeit in unſern Ge⸗ genden ſchon einheimiſch geweſen waͤren. Alle aber ſtarben jung, ausgenommen Johann, Matthaͤus und Dorothea. Mein Vater war der Juͤngſte, und ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Sie die Ehre haben, der Enkel des genannten Fraͤuleins zu ſein. Eben ſo wenig brauche ich Ihnen zu ſa⸗ 4 gen, daß die Vereinigung Schottlands und Englands, zu der Zeit, wo ſie geſchloſſen wur⸗ de,*) und noch lange nachher, in dieſem Theile unſrer Inſel ſehr verhaßt war. Einige Wenige billigten ſie von Anfange an, weil ſie ſchabfſichtig genug waren, die wohlthaͤtigen — —, — 7— Folgen vorherzuſehen, die ſpaͤterhin fuͤr den Handel und fuͤr juͤngre Familienglieder dar⸗ aus hervorgegangen ſind, und viele Andre beguͤnſtigten und billigten ſie aus Gruͤnden, die noch weit mehr aus perſoͤnlichen Ruͤck⸗ ſichten floſſen. Mein Großvater verachtete den Handel; er haͤtte lieber fuͤnf Soͤhne im Lei⸗ chentuche, als einen vom Hauſe Wald im Pelzkleide und goldner Kette ſehen moͤgen, und uͤbrigens ein zu unbedeutender Mann, als daß man ihn durch Beſtechung zu gewin⸗ nen geſucht haͤtte, ſtimmte er mit der Mehr⸗ zahl. In dieſem Glauben erzog er gewiſſen⸗ haft alle ſeine Kinder. Johann, des Hauſes erſte Hoffnung, hing ſo veſt an des Vaters Vorurtheilen, daß er viel weiter ging, als es der alte Herr ertra⸗ gen konnte. Kurz, mein Oheim war einer jener wackern Proteſtanten und Freunde des Vaterlandes, die Jakob II gaͤnzlich vergaßen, wenn ſie Schottland zu einer Landſchaft Eng⸗ lands herabgewuͤrdigt ſahen. Mein Vater hingegen war ein Kriegsmann und Anhaͤnger des Hauſes Hanover, und die beiden Bruͤder ſtritten erſt mit Gruͤnden, zankten ſich dann, und mieden ſich endlich in ruhigem und uͤber⸗ legtem Groll. Sie hatren ſi ſich, obgleich ſie kaum fuͤnf Stunden von einander entfernt wohnten, waͤhrend der drei bis vier Jahre vor meiner Geburt nie beſucht. Beide waren Maͤnner von ſtarrein Sinne und heftigen Leidenſchaften. Beide waren verheirathet und Vaͤter geworden, und mein Vater hatte indeß eine Frau verloren, aber weder in Freude noch in Leid thaten ſie den mindeſten Schritt zu einer Ausſoͤhnung. Die beiden ſtolzen Maͤnner waren ſich fremd ge⸗ worden, hatten ihre Herzen verhaͤrtet und dem Anſcheine nach jede Spur von Mitgefuͤhl ausgerottet. Mein Vater hoͤrte ohne Ueber⸗ raſchung, daß ſein Bruder zu Karl Eduard*) nach Edinburgh gegangen und alsdann mit dem hochlaͤndiſchen Heere nach England gezo⸗ gen war. Er hoͤrte auch, daß dieſer Schritt *) Ueber den Aufſtand der Anhänger des Hauſes Stuart in den Jahren 174s und 1746 ſehe man das Vorwort meiner Ueberſetzung des Romans: Wayerlev von W. Scorr. Dreßden 1821— 22. 4 Theile. L. — — 9— der Frau ſeines Bruders ſehr unangenehm war, welche, da ſie aus dem weſtlichen Schott⸗ lande ſtammte, die Nahmen Papſt und Praͤ⸗ tendent von der Wiege an verabſcheute, und uͤberdieß zu jener Zeit, wie es hieß, in einem Zuſtande ſich befand, der zwar Theilnahme erregt und ſehr erfreulich iſt, aber doch nie dafuͤr beruͤhmt war, dem Geiſte des Wider⸗ ſpruches ſeinen Stachel genommen zu haben. Endlich kamen umſtaͤndliche Nachrichten von dem entſcheidenden Schlage bei Cullo⸗ den. Mein Vater erfuhr, ſein Bruder waͤ⸗ re faſt ganz niedergehauen worden, und es fiel auch Niemanden ein, daß ein Mann, der ſich in allen Lagen durch ſeine heftige Ge⸗ muͤthsart ausgezeichnet hatte, dem Gemetzel haͤtte entgehen koͤnnen, wenn er anders nicht ſchwer verwundet worden und in Gefangen⸗ ſchaft gerathen waͤre, ein Schickſal, das bei ſeiner Lebenslage und bei den Gefuͤhlen der erbitterten Machthaber, noch fuͤr weit haͤrter gehalten werden mußte. Zwei Tage nach der Ankunft jener Nach⸗ richt ritt mein Vater, von einem Diener be⸗ gleitet, nach Biackford. Er fand das Haus — 106— verlaſſen und verſchloſſen, und als er bei dem Pfarrer ſich erkundigte, erfuhr er, daß die Herrinn des Schloſſes vor etwa drei Wochen mit ihrer kleinen Tochter nach Edinburgh ge⸗ gangen war. Die gaͤnzliche Veroͤdung des al⸗ ten Hauſes bewegte meinen Vater nicht we⸗ nig, und er kam gegen Abend in einer ſehr duͤſtern Stimmung zuruͤck. Es war eine ſtuͤrmiſche Regennacht. Nach dem Abendeſſen ſaß mein Vater gegen elf Uhr allein am Kamin, als er ein Geraͤuſch am Fenſter hoͤrte. Er glaubte anfaͤnglich, es 2 waͤre der Regen, und ſah ſich nicht um, bis es noch einmahl pochte. Die Fenſterladen waren nicht verſchloſſun, und er ſah deutlich eine Menſchengeſtalt, bleich, wild ausſehend, unbeweglich, mit einem langen Barte, und einem graͤßlichen Hieb auf der Stirne. Auf den erſten Blick erkannte er ſeinen Bruder, aber er ſtarrte einen Augenblick beſtuͤrzt ihn an, ohne aufzuſtehen, in dem Glauben, ſein Bruder waͤre nicht mehr am Leben. Mein Oheim oͤffnete das Fenſter und mein Vater half ihm beim Einſteigen. Er ſtuͤrzte in ſeine Arme, ohne ein Wort zu ſa⸗ — 4114— gen, und mehre Minuten verfloſſen, ehe mein Vater bemerkte, wie es um ſeinen Bru⸗ der ſtand. Der arme Mann war am Kopfe verwundet, und die ſpaͤter ausgeſtandenen Gefahren und Beſchwerden hatten ſein Ge⸗ muͤth gaͤnzlich zerruͤttet. Er aß und trank gierig, was zu verhindern Niemand die Gei⸗ ſtesgegenwart hatte, ſprach unzuſammenhan⸗ gend und wild im Irrſinn von ſeinen Ange⸗ hoͤrigen und von der Schlacht, verſiel in voͤl⸗ ligen Wahnſinn und ſtarb in dieſem Zuſtan⸗ de am naͤchſten Tage. Ich kann mich, ſo jung ich war, deutlich erinnern, wie meines Oheims Leichenzug aus dem Hauſe ging. Ver⸗ muthlich hatte ich in meinem Bette geſchrieen, und die Magd mich mit an's Fenſter genom⸗ men, weil ſie ſelher zuſehen wollte. Ich er⸗ innere mich der finſtern ſtuͤrmiſchen Nacht, und mehrer Reiter mit Fackeln in der Hand um einen Wagen. Man brachte die Leiche in eine Gruft zu Blackford, und hielt es fuͤr bedenklich, bei Tage dieß zu thun. Einige Tage nachher fand man eine ge⸗ ſtickte Nachtmuͤtze und ein ſeidnes Tuch in ei⸗ nem Moor, etwa eine halbe Stunde hinter 4 unſerem Hauſe, und mehre Umſtaͤnde, die mein Vater ſpaͤter erfuhr, uͤberzeugten ihn, daß ſein Bruder ſich dort zwei ganze Naͤchte verborgen hatte, ehe er am Fenſter erſchien. War dieß wirklich der Fall, ſo laͤßt ſich kein ungluͤckſeligerer Zuſtand denken, wenigſtens koͤnnte ich keinen der vielen Suͤmpfe, die ich in meinem Leben geſehen habe, mit jenem Moore vergleichen. Ich kann nicht glauben, daß eine Schnepfe gern vier und zwanzig Stunden darin bliebe. Kommen Sie einmahl in jene Gegend, ſo wird man Ihnen die Stelle zeigen, wo die Nachtmuͤtze des Edelherrn gefunden wur⸗ de. Die Reliquie ſelbſt iſt jetzt in meinem Beſitze, und gewiß, es iſt eine recht huͤbſche Nachtmuͤtze geweſen, und zwar von gruͤnem Atlas mit ſilbernen Blumen. Ein Herz, mit Wurfſpießen und Pfeilen durchbohrt, ziert die Mitte, und ich ſchließe daraus, daß die⸗ ſes Putzſtuͤck urſpruͤnglich ein Geſchenk fuͤr ſeine Hochzeitnacht geweſen ſein mag. 4 — II. Mein Vater, der ſich bei mehren Gelegen⸗ heiten im Kriege ausgezeichnet, und nur weil er bei Portobello um ſeinen rechten Arm ge⸗ kommen war, ſeinen Abſchied genommen hat⸗ te, beſaß Einfluß genug, ſeines Bruders ein⸗ gezogene Guͤter als Geſchenk— freilich mit Ausſchluß der amtlichen Gebuͤhren— fuͤr ſich zu erhalten. Er verließ das gemiethete Haus, wo er zeither gewohnt hatte, und zog nach Blackford, ging aber vorher nach Edinburgh, und lud ſeines Bruders Witwe ein, ſich mit ihrem Kinde unter ſeinen Schutz zu begeben. Ich erinnere mich wohl unſeres Ausziehens, wuͤßte aber nicht zu ſagen, was der erſte Eindruck geweſen waͤre, den meine Tante auf mich machte. Ich wuchs ſeit meiner erſten Kindheit unter ihren Augen auf, und es koͤnnte mir eben ſo gut einfallen, Ihnen zu ſagen, was meine fruͤheſte Meinung von mei⸗ nem eigenen Vater geweſen waͤre. Meine Tante war erſt fuͤnf und zwanzig Jahre alt, als ihr Mann ſtarb, ich kann — 44— mich aber keiner Zeit erinnern, wo ich ſie nicht ſchon als eine alte Fran betrachtet haͤt⸗ te. Die Witwentracht mag wohl meiſt Schuld daran ſein, denn nur eine Hebe koͤnnte in dieſer abſcheulichen engen Haube und Kopf⸗ huͤlle jung ausſehen. So viel aber iſt gewiß, ſie zeigte waͤhrend der erſten Jahre unſrer Be⸗ kanntſchaft immer ſo viel Kaͤlte, Zuruͤckhal⸗ tung und Verdruß in ihren Zuͤgen und in ih⸗ rem Benehmen, daß es mehr als genug war, ſo jungen Augen als den meinigen das Bild des Alters zu zeigen, ſelbſt wenn ſie mit al⸗ len Regenbogenfarben geſchmuͤckt geweſen waͤre. Im Ganzen konnte ſich der Hauptmann, mein Vater, mit ſeiner Schwaͤgerinn in der Fuͤhrung ihrer gemeinſchaftlichen Wirthſchaft ſehr gut vertragen; eben ſo gewiß aber iſt es auch, daß die kleine Katharine zwar einen Vater in dem meinigen fand, mir hingegen es nie war, als ob ich eine Mutter in der ihrigen gehabt haͤtte. Man erwies mir alle moͤgliche Sorgfalt und anſcheinend alle Freund⸗ lichkeit, aber es iſt unmoͤglich, ein Kind in gewiſſen Dingen zu hintergehen. Ich bemerk⸗ —— — 165— te immer von Anfange an— wenigſtens kommt es mir jetzt ſo vor— welcher Unter⸗ ſchied in den Liebkoſungen war, die ſie mir und meiner Baſe gab. Es dauerte, glaube ich, nicht ſehr lange, als der Gedanke in mir erwachte, daß mein Vater und meine Tante im Grunde des Her⸗ zens nicht ſo zaͤrtliche Freunde waͤren, als man gewoͤhnlich glaubte. Ich kann es un⸗ moͤglich ſagen, was einen ſolchen Gedanken urſpruͤnglich hervorgerufen haben mag. Viel⸗ leicht war ein einziger Blick, ein Ton, ein unwirkſames Laͤcheln, ein Fliſtern eben hin⸗ laͤnglich dazn; denn ich bin uͤberzeugt, daß wir in jenem Alter viele ſonderbare Dinge auffaſſen, bloß von dunkler Ahnung geleitet, die wir ſpaͤterhin verlieren, und zwar ohne zuweilen etwas nur halb ſo gutes dafuͤr 3u gewinnen. Mein Vater war in Feldlagern und auf Schiffen aufgewachſen, und ich muß der Wahr⸗ heit gemaͤß geſtehen, daß er einen ſtarken Hang zu unheiligen Ausdruͤcken hatte, und keineswegs ein ſo eifriger Kirchenbeſucher war, als er haͤtte ſein ſollen. Dieß waren — 16— Fehler, wogegen meine Tante zu allen Zeiten einen tiefen Abſcheu gehabt haben muß, und vielleicht, weil ſie ſich in der Nothwendigkeit befand, oder zu befinden glaubte, ihre Ge⸗ fuͤhle daruͤber zum Theil zu verbergen, war ihre natuͤrliche Bitterkeit geſchaͤrft worden. Was fuͤr Fehler indeß der Hauptmann auch gehabt haben mag, er bekuͤmmerte ſich wenigſtens gar nicht um die Erziehung, die ſeine Schwaͤgerinn uns in der fruͤheſten Kind⸗ heit gab. So bald wir gehen konnten, wur⸗ den Kaͤthchen und ich jeden Sonntag in die Kirche gefuͤhrt, wo wir an der Seite meiner Tante ſaßen, bis zu Ende des Gottesdienſtes, der ſelten kuͤrzere Zeit als fuͤnf Stunden dauerte. Die Abendſtunden dieſes Tages wa⸗ ren zwiſchen dem Auswendiglernen von Pſal⸗ men und ganzen Abſchnitten der Bibel und dem Leſen des Landeskatechismus getheilt, ei⸗ ne Beſchaͤftigung, die ſchwerlich dazu taugt, eine junge Fantaſie anzuziehen. Auch nur einen Blick auf ein Buch zu werfen, das nicht im ſtrengſten Sinne erbaulich war, galt fuͤr die aͤrgſte Suͤnde, und es war uns nicht einmahl vergoͤnnt, in den Garten zu geyen. Mein Vater brachte dieſen Tag gewoͤhnlich außer dem Hauſe zu, und man bot alles auf, ihn fuͤr uns zu einem ſehr armſeligen Tage zu machen.. Als wir alt genug waren, wurden wir taͤglich zuſammen in die Kirchſpiel⸗Schule ge⸗ ſchickt, wo wir, mitten unter den Kindern der Landleute beiderlei Geſchlechts, im Leſen, Schreiben und Rechnen Unterricht erhielten und ich uͤberdieß noch etwas Latein lernte. Der jange Blackford— wie man mich nann⸗ te— und ſeine Baſe genoſſen jedoch einige Auszeichnung in dieſer laͤndlichen Lehranſtalt. Wir ſaßen auf einem langen Sitze, der ein wenig hoͤher als die andern war, und der Schulmeiſter hatte die Weiſung erhalten, mei⸗ ner Tante Nachricht zu geben, ſobald er faͤn⸗ de, daß wir an den Spielen unſrer gemeinen Mitſchuͤler Antheil naͤhmen. Dieſe Anord⸗ nung aber war nicht ohne große Schwierig⸗ keit auszufuͤhren, zumahl da der Schulmeiſter bloͤdſichtig und uͤberdieß ein Kruͤppel war. Wir konnten immer lange vorher des armen Mannes Kruͤcken hoͤren, ehe er uns ſehen konnte, und ich darf wohl ſagen, daß er ge⸗ Erſter Theil. 2 rade dieſe Wirkung ſeiner Gebrechlichkeit nicht ſehr bedauerte. Er war in der That ein gut⸗ muͤthiger, ſchlichter Mann, der Wohlwollen und Guͤte gegen Jedermann mit den, ſeitzem ³ Berufe und Stande eigenen ſpaßhaften Mei⸗ nungen von ſeiner Wichtigkeit verband. Sei⸗ ne alte Mutter wohnte am andern Ende der Huͤtte, und ſelten verging ein Tag, ohne daß ſie ein Paarmahl ihr Spinnrad verlaſſen haͤtte, um in die Schulſtube zu gehen und ihre Augen an dem Anblicke ſeiner Herrlich⸗ keit zu weiden. Bei ſolchen Gelegenheiten ſchob der Ehrenmann ſeine Nachtmuͤtze her⸗ auf, gab ſich eine aufrechtere Stellung und ließ ſeine Vocabeln mit einem gebieteriſchern Tone hervorkommen. Die alte Frau ſchien uns beſonders gern in den lateiniſchen Stun⸗ den zu beſuchen, und ich habe die Thraͤnen aus ihren Augen ſtroͤmen ſehen, wenn ihr Sohn irgend ein erhabenes Bruchſtuͤck aus . dem Propria quae maribus herdonnerte. Er hatte allerdings eine ſchoͤne Stimme, und war ein trefflicher Vorſaͤnger. Ein Wochentag war der Freiheit und Freude geweiht, und ich weiß nicht, ob ich — 19— nicht noch jetzt, in meinen alten Tagen, am Sonnabende mit ganz andern Gefuͤhlen auf⸗ ſtehg, als an jedem andern Morgen, ſo tief iſt der Eindruck, den ſolche fruͤhe gluͤckliche Erinnerungen zuruͤcklaſſen koͤnnen. Dieſe langen, langen Sommertage flogen uns vor⸗ uͤber, als ob Stunden Minuten geweſen waͤ⸗ ren. Der Huͤgel, an deſſen Abhange ich mit Katharine Hand in Hand zwiſchen Ginſter und Hagedorn wanderte; der klare Fluß, wo⸗ rin wir unaufhoͤrlich plaͤtſcherten, die Raſen⸗ haͤuschen, die wir bauten, die Boͤte, die wir ſegeln ließen, der alte Huͤhnerhund, der uͤber⸗ all bei uns war, die Pferdchen, worauf wir ohne Sattel ritten, die Gaͤrtchen, die uns beiden gehoͤrten, und wo mein Vater mit ſei⸗ nem einzigen Arme uns arbeiten half— all dieß ſteht noch ſo lebendig vor mir, als ob ich's erſt geſtern erlebt haͤtte. Ich kann dieß um ſo mehr ſagen, da der Sonnabend nicht immer ein gluͤcklicher Tag fuͤr mich war. Ich hatte beinahe mein zehntes Jahr er⸗ reicht, als mir ein Ungluͤck zuſtieß, deſſen Groͤße einzuſehen ich kaum ſchon verſtaͤndig genng war. Mein Vater hatte ſchon ſeit ei⸗ 2* — 20— nigen Wochen uͤber Kopfſchmerz und Mattig⸗ keit geklagt, nnd war nur ſelten ausgegan⸗ gen. Ein ſchoͤner Abend verleitete ihn, in den Garten zu gehen, um ſich des Sonnen⸗ unterganges in ſeiner Lieblingslaube zu er⸗ freuen. Meine Tante hatte ihre Arbeit auf dem Schooße; Katharine ſaß auf meines Va⸗ ters Knie, ich zu ſeinen Fuͤßen, und las laut die Geſchichte des blinden Heinrichs, als mein Vater ploͤtzlich ſtoͤhnte und ſprachlos zuruͤck⸗ ſank. Sein Geſicht wurde ſchwarz. Meine Tante ſchrie mir zu, ſogleich zum Arzte zu laufen, und da das Dorf vor uns lag, ſo lief ich ununterbrochen, bis ich vor ſeiner Thuͤre war. Er lief noch ſchneller, als ich vorher gelaufen war, und bei meiner Heim⸗ kehr hoͤrte ich weinende Stimmen. Alles war vorbei. Ich flog die Treppe hinauf und trat in's Zimmer. Meines Vaters Leiche lag halb entkleidet auf dem Bette. Ich ſah einige Blutstropfen an ſeinen Schlaͤfen, wo man ihn zu ſchroͤpfen verſucht hatte, aber nie vergeſſe ich die Veraͤnderung in ſeinem Ge⸗ ſichte. Mein Vater war ſehr vollbluͤtig gewe⸗ ſen, die Farbe ſeiner Wangen, ja ſeines gan⸗ zen Geſichts hochroth, und der Ausdruck deſ⸗ ſelben uͤberhaupt feurig und heftig. Nun aber konnte Marmor nicht weißer ſein, und keine, in Marmor ausgehauene Zuͤge konn⸗ ten heiterer erſcheinen. Ich haͤtte kaum das Geſicht wieder erkannt, jeder Zug war gemil⸗ dert, jede Leidenſchaft entſchlummert. Ich fuͤhle jetzt, in der Erinnerung, noch etwas von dem Schauer, der in jenem Augenblicke meine Thraͤnen zuruͤckdraͤngte. Wie von Ent⸗ ſetzen gelaͤhmt, ſtarrte ich die Leiche an, als ob ſie irgend ein furchtbar ruhiges Traumbild geweſen waͤre. Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht unter Schluchzen einſchlief, und als ich am andern Morgen erwachte, ſaß meine Tante vor meinem Bette, und Kaͤth⸗ chen weinend und klagend auf ihrem Schooße. Mein Vater war ein ſehr geachteter Mann, und alle Guesbeſitzer in der Umgegend, alle unſre Pachter und Nachbarn kamen zum Lei⸗ chenbegaͤngniſſe. Ich war, Gott verzeih' es mir, bei allem Kummer um meinen Vater, nicht ohne Regungen von Stolz und Einbil⸗ dung, ich kleiner Schelm, als ich ſah, mit welcher Achtung Jedermann mich behandelte. — 22— Einige thoͤrige Diener hatten auf ſeltſame Weiſe mich zu troͤſten geſucht, und es war et⸗ was von ihren gemeinen Aeußerungen in mir haften geblieben, ungeachtet ich ſie zu verab⸗ ſcheuen glaubte. Ich wurde bald dafuͤr beſtraft. Nach der Ruͤckkehr vom Kirchhofe, unterſuchte man meines Vaters Schreibtiſch, ob ſich etwa ſein letzter Wille faͤnde, und ich habe ſeitdem ge⸗ hoͤrt, es waͤre beinahe Jedermann erſtaunt, als man wirklich eine Urkunde gefunden. Sie koͤnnen ſich vorſtellen, mein Freund, was man dachte, als ſich fand, daß mein Vater das ganze Gut, unbelaſtet, und nur mit dem ur⸗ ſpruͤnglichen Witthume der Mutter beſchwert, meiner Baſe Katharine vermacht hatte, als ob nie ein Aufſtand, nie eine Guͤtereinziehung ſtatt gefunden haͤtten, und daß nichts als das Erbtheil, welches ihm als Blackford's juͤnge⸗ rem Bruder gehoͤrte, ſeinem eigenen Sohne uͤbrig blieb. Ein alter Freund meines Vaters, Gra⸗ hame von Bogtoun, erzaͤhlte es mir an dem⸗ ſelben Abende. Als er ſah, daß ich ihn ver⸗ ſtehen konnte, erklaͤrte er mir die ganze Sa⸗ che, und ich muß mir die Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, daß ich vollkommen zufrieden war, nachdem er mir alles aus einander ge⸗ ſetzt hatte.„Dein Vater, ſprach der alte Herr, hat als Ehrenmann, als Soldat und als Bruder gehandelt, und am Ende, lieber Junge, iſt's eben ſo gut fuͤr Dich.“ Ich ging, gleich nach dem Geſpraͤche mit ihm, in meine Stube und legte mich zur Ruhe. Als ich am folgenden Nachmittag allein am Ufer des Fluſſes ſaß, fuͤhlte ich ploͤtzlich eine weiche kleine Hand in der meinigen. Es war Katharine.„Lieber Matthes, ſprach ſie, weißt Du wohl, daß man ſagt, Du ſollteſt nicht Gutsherr werden, ſondern ich ſollte das Gut kriegen? Aber wie kann das ſein! Du weißt ja, man ſagte immer im Hauſe, wir wuͤrden uns heirathen, wenn wir groß waͤs ren. Wirſt Du nun nicht mein Mann, Matthes? Ich weiß gewiß, es wuͤrde den Oheim boͤſe machen— ſetzte das arme Ding fliſternd hinzu— wenn er hoͤrte, daß dr nein ſagteſt 4 — 24— Kinderge⸗ Tage wie⸗ ſingen Schmet⸗ Aber genug von Kindern und t. Wir wurden am naͤchſten der in die Schule geſchickt und terlinge auf dem Heimwege. ſchwaͤ III. Wenige Jahre nach meines Vaters Tode ſtarb der alte Pfarrer, und ein Prediger, der Hauslehrer in der Familie des Pfarrverlei⸗ hers geweſen war, kam an ſeine Stelle. Der neue Pfarrer war ein kraͤftiger, ruͤſtiger, huͤbſcher, duͤſtrer Mann, etwa fuͤnf und drei⸗ ßig Jahre alt, der auf der Kanzel ein ſehr ernſtes, finſteres und rauhes Anſehen hatte, aber außerhalb derſelben, wie wir bald fan⸗ den, viel milder werden konnte. Seine voll austoͤnende Stimme klang rauh, aber er hat⸗ te auch einen fliſternden leiſen Halbton, der eher ſanft und einſchmeichelnd war, und wenn er laͤchelte, zeigte ſich eine Reihe ſchoͤner wei⸗ ßer Zaͤhne uͤber dem glatt geſchorenen ſchwar⸗ zen Barte. Es war etwas Herriſches in den Zuͤgen und dem Benehmen des geiſtlichen Mannes und dabei doch viel Gemeinheit. Er wurde bald ein großer Guͤnſtling mei⸗ ner Tante. Sie war anfaͤnglich bezaubert von ſeinen Predigten, und bald auch von ſei⸗ — 26— nem Umgange. Sie machte ihm den Antrag, dreimahl woͤchentlich nach Blackford zu kom⸗ men, um mir Unterricht zu geben, da ich nun faſt zu alt fuͤr die Dor fſchule geworden war. Er nahm den Vorſchlag an, und Ka⸗ tharine wurde gleichfalls ſeine Schuͤlerinn. Er beſaß viel Gelehrſamkeit, und wie auch ſonſt ſeine Gemuͤthſtimmung ſein moch⸗ ke, er wußte ſich ſo zu benehmen, daß wir ihn als Lehrer ſehr gut leiden konnten. Waͤh⸗ rend des Winters fchlief er weit oͤfter in un⸗ ſerm Hauſe als in der Pfarre, und gehoͤrte faſt zur Familie. Meine Tante vertauſchte um dieſe Zeit ihr ſchwarzes Kleid von woll⸗ ſeidenem Zeuge mit einem grauen, und ehe dieſes ganz abgetragen war, gefiel es ihr auch, ihren Nahmen zu vertauſchen und ſie wurde Frau Mather. Es iſt ſonderbar, aber wahr, dieſes Er⸗ eigniß machte zu jener Zeit weder auf mich, noch auf Kaͤthchen einen unangenehmen Ein⸗ druck. Herr Mather hatte ſich bei mir und ihr ſehr beliebt gemacht. Er gab uns auf eine angenehme Art Unterricht, und oft, wenn wir uns kleine Vergehungen hatten zu — 27— Schulden kommen laſſen, ward er unſer Fuͤr⸗ ſprecher bei meiner Tante. Wir hatten uͤber⸗ dieß von Allen, die um uns waren, nicht an⸗ ders als mit der hoͤchſten Ehrerbietung und Bewunderung von ihm ſprechen hoͤren, und wuͤrden es nicht fuͤr moͤglich zu halten ge⸗ wagt haben, daß etwas, woran er Theil hat⸗ te, unrecht ſein koͤnnte. Dazu kam noch, daß wir beide bei dieſer Gelegenheit einen neuen Anzug und manche kleine Geſchenke erhielten. Meine Tante war nun beſchaͤftigter als ſonſt, und eine Folge davon war, daß wir in unſern jugendlichen Zeitvertreiben mehr Frei⸗ heit genoſſen. Wenn ſie zu Hauſe war, moch⸗ te ſie lieber bei ihrem Manne ſitzen, als uns huͤten, und oft ritten beide mit einander auf Beſuch aus, ſie hinter ihm auf einem Reit⸗ kiſſen, nach damahliger Sitte. Nach einiger Zeit gebar ſie Zwillinge, und die Sorge fuͤr die Kinder wurde nun ihre ſtete Be⸗ ſchaͤftigung. Der Prediger war mittlerweile ein au⸗ geſehener Mann geworden, und das Gefuͤhl ſeiner Wichtigkeit verrieth ſich unter andern auch dadurch, daß er anfing, mir ſeinen Un⸗ — 28— terricht auf eine ganz andre Art zu geben, als diejenige war, die ihm fruͤher meine Zu⸗ neigung gewonnen hatte. Ich fuͤhlte, daß er ein anderer Mann geworden war, und ich war von Natur nicht eben zu großer Un⸗ terwuͤrfigkeit geſtimmt. Lehrſtunden aber, worin der Lehrer wirklich der Lehrmeiſter iſt, nehmen ſelten viel Zeit weg, und wenn die aufgelegte Buße voruͤber war, blieben Kaͤthchen und ich fuͤr die uͤbrigen Stunden des Tages ſehr viel uns ſelber uͤberlaſſen. Wir ritten oft viele Meilen weit von Hauſe weg, und brachten ganze Stunden zwiſchen den Bergen zu, wo wir mit jedem einſamen gruͤnen Thale, mit jedem ſchoͤnen idylliſchen Ba⸗ che befreundet wurden. Wir nahmen gewoͤhnlich Brod und Kaͤſe mit, und waͤhrend wir unſre Pferdchen frei unter dem Farnkraute weiden ließen, brachten wir oft ſpielend, wie's uns beliebte, einen halben Sommertag an einem entlegenen Waſſerfalle zu. Blieben wir zu lange aus, ſo wurden wir freillch bei unſrer Ruͤckkehr geſcholten, aber ich muß geſtehen, wir dachten oft beide nicht an dieſen Um⸗ ſtand. — 29— Eines Tages hatten wir unſern Pferden die Zuͤgel auf die alte Weiſe uͤber den Hals gelegt, und beluſtigten uns, wie gewoͤhnlich, in einiger Entfernung von dem Platze, wo ſie weideten, als eine Jaͤgergeſellſchaft hinter einem Haſen das Thal hinauf kam, und wir, ohne an unſre Pferde zu denken, ſahen den Jaͤgern nach, bis ſie wieder den Huͤgel hinab waren. Es mochte eine halbe Stunde ver⸗ gangen ſein, ehe wir auch nur an die Pferde dachten, und wir waren nun nicht wenig be⸗ ſtuͤrzt, als wir ſie nicht mehr fanden. Wir ſuchten ſie lange, den Windungen der Thaͤler folgend und an vielen Baͤchen hinaufgehend, und erfuhren endlich von einem Schaͤferjun⸗ gen, er haͤtte beide in vollem Laufe weſtwaͤrts fliehen ſehen, und vergebens geſucht, ſie aufzu⸗ halten. Wir ſahen nun, daß der Hundelaͤrm und das Pfeifen der Jaͤger ſie erſchreckt hat⸗ te, und da die Umgegend ganz offen war, ſo dachten wir nicht ohne Unruhe daran, daß ſie ohne Aufenthalt lange vor uns in Black⸗ ford ankommen wuͤrden, denn die kleinen Thiere waren ſo ganz Glieder der Familie, daß es uns nicht einſiel, ſie wuͤrden in einer andern Richtung laufen. — 30— Wir waren gegen drei Stunden weit von Hauſe, und die Sonne ſtand ſchon am Abend⸗ himmel. Wir liefen ſo ſchnell als wir konn⸗ ten, aber es war ganz finſter, ehe wir heim kamen. Als wir den, zum Hauſe fuͤhrenden Baumgang erreichten, trafen wir einen Knecht mit einer Leuchte in der Hand, der uns eben geſucht hatte. Nie vergeſſe ich die finſtern Blicke, womit wir empfangen wurden, als wir in's Zimmer traten. Der Prediger ſaß am Kamin, meine Tante ihm gegenuͤber mit einem Kinde auf dem Schooße, und ich be⸗ merkte, daß ihre Augen roth waren, als ob ſie geweint haͤtte. So, mein junger Herr, ſprach der Pre⸗ diger, pfeilgerade ſich aufrichtend, und griff mit jeder Hand veſt einen Arm des Lehn⸗ ſtuhls: ſo mißbraucht man unſre Nachſicht? Wie oft iſt dieſes Betragen ſchon uͤberſehen worden? Du ſollſt ſehen, daß meine Frau und meine Familie ſich nicht immer ungeſtraft auf dieſe Weiſe wollen behandeln laſſen. O ſei ruhig, Lieber! ſprach meine Tante. Ueberlege erſt ein wenig, ehe Du etwas thuſt. Ruhig? antwortete er. Ja meine Liebe, — — 31— ich werde ganz ruhig ſein. Wohlan, ich will die Nacht voruͤber gehen laſſen, ehe ich etwas thue. Thun? ſprach ich, durch ſeine Stimme und ſeinen Blick in Wuth geſetzt. Von wel⸗ chem Thun reden Sie. Es iſt mir leid, daß wir uns verſpaͤtet haben, aber was ſoll darum gethan werden? Du willſt mir trotzen, Burſche? ſprach er, und ſeine Augen flammten. 4 Ich antwortete nicht. Auf dein Zimmer! ſchrie er, und ſtampf⸗ te heftig auf den Boden. Auf dein Zimmer, ſag ich! Ich ließ es mir nicht noch einmahl ſa⸗ gen, und wendete mich ſogleich nach der Thuͤre. Und Du, Juͤngferchen! hoͤrte ich ihn fortfahren. In der That, ein ſchoͤnes Be⸗ tragen fuͤr ein junges Fraͤulein! Wo haſt Du dein Kleid zerriſſen?— Wahrlich, meine Liebe, wendete er ſich zu meiner Tante, das Maͤdchen wird viel zu alt fuͤr ſolche Dinge. Sie wird bald erwachſen ſein.— Komm Ka⸗ tharine, und ſage mir, was habt ihr die Zeit uͤber gemacht. Das Zimmer war lang, und ich hatte Zeit, all dieß zu hoͤren, ehe ich die Thuͤre erreichte. Hier drehte ich mich um, und ſah, wie Katharine, ſchluchzend und ihr Ge⸗ ſicht mit den Haͤnden bedeckend, vor ihnen ſtand. Ihr langes ſchwarzes Haar hing in ſeidenweichen Locken, wild verwirrt, uͤber ihre Schultern. Ich ſah ihren ſchoͤnen wei⸗ ßen Arm bluten, den ein Dorn auf unſrer Flucht geritzt haben mochte. Eine neue Re⸗ gung von Wuth ſtieg nun in meiner Bruſt auf; aber ich mußte ſie unterdruͤcken, und mich, ſo bald ich konnte, in mein Wett be⸗ graben. Ich hatte ſchon einige Zeit gelegen.. als ich mich erinnerte, daß ich mein Gebet noch nicht geſagt hatte. Ich ſtand auf und kniete nieder, aber in dem Augenblicke, wo ich in dieſer Stellung war, draͤngten ſich ſtoͤrende Gedanken in meine Seele, und ich warf mich wieder ins Bett, ohne daß ich meine Abſicht erfuͤllen konnte. — 33— IV. Ich wurde bei Tagesanbruche am Kragen ge⸗ ſchuͤttelt, und als ich erwachte, ſah ich den Prediger, der mit dem gelaſſenſten Tone mich auffoderte, ſogleich aufzuſtehen. Er faßte mich bei der Hand, und ohne daß ich etwas anders als meine Schuhe anziehen durfte, fuͤhrte er mich die Treppe hinab, und weiter in den Obſtgarten hinter dem Hauſe. Bis wir mit⸗ ten unter den Baͤumen waren, ſprach er nicht ein Wort. Er zog dann ein Schnupftuch aus einer, und eine kleine Reitpeitſche aus der andern Taſche, und meine beiden Haͤnde faſ⸗ ſend, fing er an, ſie mit dem Tuche zuſam⸗ menzubinden. Meine Tante hatte mich in fruͤhern Zei⸗ ten oft, aber neuerlich nicht gezuͤchtigt, Herr Mather hingegen nie auch nur eine Hand gegen mich aufgehoben, und ſein Betragen erweckte eben ſo viel Ueberraſchung als Un⸗ willen in mir.„Laſſen Sie mich los! rief Erſter Theil. 3 — 34— ich, faſt erſtickend. Was haben Sie vor? Wer ſind Sie, daß Sie mich ſo behandeln?““ Ohne zu antworten, band er meine Arme uͤber meinem Kopfe an einen Baumaſt und warf mir das Hemd uͤber das Geſicht. Ich wehrte mich aus allen Kraͤften; aber ich war nun geblendet, und traf ihn nur einmahl, und nicht eher, bis ich beide Schuhe ausge⸗ worfen hatte. Er zog ſeine Peitſche ein Paar⸗ mahl uͤber meinen Ruͤcken, und gab mir dann bedaͤchtig drei Hiebe, die mir vom Hal⸗ ſe an, uͤber den Nacken herab, die Haut auf⸗ riſſen. Ich ſchrie bei dem erſten Hiebe, aber in ſtummer Wuth zitterte ich bei den letzten Streichen. Das laß Dir zur Warnung dienen, mir nicht noch einmahl zu trotzen, fliſterte er mir in's Ohr, und ich hoͤrte ihn weggehen. Eine Minute nachher kam ein Diener aus dem Hauſe und band mich los. Ich zit⸗ terte an allen Gliedern, und bald gefuͤhrt, bald getragen, wurde ich von dem Burſchen in meine Stube gebracht, wo ich ein Glas Waſſer trinken und wieder zu Bette gehen mußte. Er blieb bei mir, bis er die Blutung meiner Wunden geſtillt hatte, worauf er mich mit ein wenig Leinwand verband, waͤhrend er ſich vergebens bemuͤhte, mich zum Spre⸗ chen zu bringen. Als er ſah, daß ich mich ſelbſt ankleiden wollte, ging er hinaus. Ich warf mich in meine Kleider, ſchlich ſo leiſe als moͤglich die Treppe hinab, ſattelte mein Pferd, und eilte nach den Bergen hin, ſo ſchnell, als ich mit meinen Abſaͤtzen das Thier zum Laufen bringen konnte. Ich war ſchon mehre Stunden im Gebir⸗ ge, ehe meine Wuth mir Faſſung zu irgend einem Gedanken gab; aber der Hunger quaͤl⸗ te mich nun, und ich glaubte, es waͤre eben ſo gut, in ein Dorf am Abhange des Berges zu reiten, um bei einem Bekannten, der dort wohnte, ein Fruͤhſtuͤck zu nehmen. Ich ritt hinab, kaum aber war ich in's Dorf gekom⸗ men, als ich dem Prediger begegnete. Ich war nahe bei ihm, ehe ich ihn bemerkte. Er ſaß in ſeinem einſpaͤnnigen Wagen, den un⸗ ſer großer Mann nach der letzten Kirchenver⸗ ſammlung aus Edinburgh mitgebracht hatte, und trieb einen großen und kraͤftigen Schim⸗ mel, der einſt meines Vaters Liebling gewe⸗ 3* — 36— ſen war. Er hielt an, ſo bald er mich ſah, und rief mir zu:„Her, junger Menſch! Du gehſt nach Hauſe, und auf der Stelle. Glau⸗ be nicht, daß dieſe Poſſen laͤnger geduldet werden ſollen. Gehe heim, ſag' ich Dir, heim!“ 3 Ich zog meine Zuͤgel an, und mit den Zaͤhnen knirſchend, antwortete ich ihm, ich wollte meinem und nicht ſeinem Willen fol⸗ gen, und wuͤßte nicht, was er meine Hei⸗ math nennte. Der ſtolze Prieſter hieb mit der Peitſche nach mir, und obgleich ich mein Pferd ſchnell auf die Seite ſpringen ließ, ſo bekam ich doch einen ſcharfen Hieb mit dem Ende der Peitſche quer uͤber das Geſicht un⸗ ter den Augen. Ich hatte ein Zulegemeſſer bei mir, das ich ſogleich oͤffnete, und an dem Wagen vor⸗ uͤberſprengend, faßte ich den Zuͤgel an des Pferdes Kopf. Er merkte meine Abſicht, und hieb wuͤthend auf mich ein, aber ich ertrug es, und zerſchnitr das Leder dicht am Gebiſſe. Darauf gab ich dem alten Gaul mit meiner Gerte ein Paar tuͤchtige Hiebe unter den Bauch, und als ich mit meiner lanteſten * Stimme dazu ſchrie, lief er davon, als ob er von ſieben Teufeln beſeſſen gewbeſen waͤre, mitten durch das Dorf. Ich ſprengte hinter dem Wagen her, und freute mich uͤber Mather's Angſtgeſchrei, bis er an den Haͤuſern voruͤber war. Im naͤch⸗ ſten Augenblicke ging ein Rad uͤber einen Kohlenhaufen, der am Wege lag, und ich ſah ihn mitten in eine Hecke ſtuͤrzen und weiter in einen Graben purzeln. Er lag unbeweg⸗ lich da, und als ich Leute hinter mir hoͤrte, ſetzte ich uͤber die Hecke und eilte wieder nach den Bergen. Ich ritt bis in die oͤdeſte Gegend des Moores, ehe ich anhielt. Hier ſetzte ich mich auf einen Stein, und uͤberlegte, was zu thun war. Ich hatte verſchiedene Entwuͤrfe in meinem Kopfe gewaͤlzt, bald nach Glasgow, bald nach Edinburgh, und Gott weiß, wohin zu gehen, als ploͤtzlich der Gedanke mich er⸗ griff, daß der Prediger wahrſcheinlich umge⸗ kommen waͤre, und ich in dieſem Falle un⸗ ſtreitig die Schuld des Mordes truͤge. Bei dem erſten Aufblitzen dieſes Gedankens ging ich wieder zu meinem Pferde, und ritt weiter 8 voran im Moore, immer mehr uͤberzeugt, daß meine Vorausſetzung gegruͤndet ſein mußte. Ich hatte ſeit dem vorigen Nachmittage nichts genoſſen; mein Gaumen und meine Lippen waren trocken von Erſchoͤpfung und innerer Unruhe. Es war ein finſtrer Oktobertag, und wie verſchieden von geſtern der truͤbe Him⸗ mel! Der Wind heulte uͤber die Heide, und alles, nah und fern, ſah duͤſter aus. Ich dachte an meine Tante und die Kinder, und verfluchte, was ich gethan hatte. Ich glaub⸗ te, nirgend wieder Ruhe zu finden, und nichts anders thun zu koͤnnen, als mich zu ergeben und hinzunehmen, was da kommen moͤchte. Ich ritt mit dieſem Entſchluſſe heim, als zwei Maͤnner, unſre Ackerknechte, mich ein⸗ hohlten, und mich ohne Gegenwehr zum Ge⸗ fangenen machten. Sie ſagten mir, der Pre⸗ diger waͤre nicht todt, wiewohl ſchwer beſchaͤ⸗ digt, und dieſe Nachricht machte mir das Herz ein wenig leichter, aber ſie wollten mir nicht viel mehr ſagen, und ſchienen mich mit einer Art von Entſetzen zu betrachten, waͤh⸗ rend ſte auf beiden Seiten des Pferdes neben mir her gingen. Ich belaͤſtigte ſie, als ich dieß bemerkte, nicht viel mit Fragen, ſondern ſaß muͤrriſch im Sattel und uͤberließ es mei⸗ nen Vaͤchtern, das Thier zu fuͤhren. Als ich um die Abenddaͤmmerung in Blackford an⸗ kam, wurde ich ſogleich vor meine Tante ge⸗ fuͤhrt, die mich zu meinem groͤßten Erſtaunen beinahe wie gewoͤhnlich empfing, vielleicht zwar ein wenig ernſter, aber ganz und gar nicht finſter. Sie gab mir einen Wink, mich zu ſetzen, und ich gehorchte.„Matthaͤus, ſprach ſie, Du erwarteſt hier Strenge, aber Du wirſt ſehen, daß Du im Irrthum biſt. Es iſt kein Knabenſtreich, was Du heute ge⸗ than haſt, und Du ſollſt nicht behandelt werden, als ob's einer waͤre. Gehe in Dich, und ich hoffe, Gott wird dein Herz ruͤhren, und Du wirſt ihm dafuͤr danken, daß meine Kinder nicht vaterlos ſind.— Du haſt den ganzen Tag im Moor gehungert; iß dein Abendbrot, Matthaͤus, dann gehe zu Bette, und wir wollen ſehen, was Morgen zu ſa⸗ gen iſt.“. Mit dieſen Worten ging ſie hinaus und ließ mich allein. Ich aß eine Brotrinde, trank etwas Milch und ging ſogleich zu Bet⸗ te. Der Burſche, der meinen Ruͤcken ver⸗ bunden hatte, kam bald nachher zu mir, und ſah wieder danach. Der Zuſtand des Predi⸗ gers war, nach ſeiner Verſicherung, nicht ge⸗ faͤhrlich; er war betaͤubt geweſen und hatte einige Quetſchungen erhalten, aber man hat⸗ te ihm ſogleich zur Ader gelaſſen, und er war nun eingeſchlafen, ohne daß Fieberzufaͤlle ent⸗ ſtanden waren. Sie koͤnnen leicht denken, daß ich deßungeachtet nicht die ruhigſte Nacht hatte. Der verfloſſene Tag war ungewoͤhnli⸗ cher Art geweſen, und mich aͤngſtigten unbe⸗ ſtimmte Erwartungen. — 41— V. Die naͤchſten Tage gingen voruͤber, als ob nichts vorgefallen waͤre, außer daß Mather das Zimmer huͤtete, und ſeine Frau und Ka⸗ tharina faſt immer oben waren. Ich hatte keine Gelegenheit, mit Kaͤthchen unter vier Augen zu ſprechen, aber ich glaube, daß je⸗ dermann im Hauſe ſo deutlich als ich in ih⸗ ren Zuͤgen las, wie ſehr ſie unter Zwang und Kummer litt. Am dritten Morgen, als ich aufſtand, brachte man mir einen Zettel von der Hand meiner Tante, den ich noch woͤrt⸗ lich wiedergeben kann.„Mein Mann ver⸗ langt, daß heute, wenn er wieder erſcheint, durchaus keine Hindeutung auf die letzten Vorfaͤlle ſtatt finden ſoll, moͤge, und ſo auch kuͤnftig nicht. Beobachte dieß um unſer aller willen.“. Ich nahm mir vor, dieſe Vorſchrift auf das Genaueſte zu befolgen, und als ich in's Fruͤhſtuͤckzimmer trat, gruͤßte ich den Predi⸗ ger, der ſchon am Tiſche ſaß, ſo viel moͤg⸗ — 42— lich auf dieſelbe Weiſe, als ich es acht Tage fruͤher gethan haben wuͤrde. Auch er verſtell⸗ te ſich, wiewohl vermuthlich ſo wenig als ich mit vollkommenem Erfolge. Er laͤchelte, ſörach ſein guten Morgen! ziemlich in ſeinem gewoͤhnlichen Tone, und feoderte ein Paar⸗ - mahl Brot, Salz und dergleichen mit gro⸗ 4 ßem Gleichmuthe von mir. Aber wie todten⸗ bleich war ſeine Wange! Als ich vielleicht zweimahl ploͤtzlich und verſtohlen einen Blick auf ihn warf, ſah ich das Feuer, das tief in ſeinem ſtarren Augenglühte, und bemerkte die zitternde Boshei„ die mit einem ſchwa⸗ chen Laͤcheln auf ſeinen Lippen kaͤmpfte. Sein Blutverluſt hatte offenbar auf ſeine Nerven ſowohl als ſeine Geſichtsfarbe ſtark gewirkt, denn ich habe ihn ſeine Rolle in aͤhnlichen Lagen weit beſſer ſpielen ſehen. Der Prediger ſprach nach dem Fruͤhſtuͤcke das gewoͤhnliche Gebet, und ging in ſein Zimmer, ohne etwas von Lehrſtunden zu ſa⸗ gen, und es war mehre Wochen lang gar nicht die Rede davon. Katharina aber erhiele ihren Unterricht wie fruͤher. Sie ſagte mir dieß eines Tages, als ſie mir mit ihrem Bu⸗ che in der Hand auf der Treppe begegnete. Die arme Katharine! Ihre Augen waren oft roth. Sie kam nicht mehr aus dem Hauſe, mit mir zu ſpielen oder ſpazieren zu gehen, aber ich ſah deutlich, was dahinter ſteckte. Meine Tante war immer hoͤflich gegen mich. Ueber den Unſinn, den ich Ihnen da vor⸗ ſchwatze, lieber Freund! Warum ſollte ich mir Muͤhe geben, Ihnen Dinge begrkiflich zu machen, die einen eigenen Sinn fodern, einen Sinn, der Ihnen, wie ich weiß, zu ihrem Gluͤcke gaͤnzlich fehlt. Ich koͤnnte denn ſo gut erwarten, daß der Vogel auf dem Baume all das kleinliche Elend eines Vogels im Kaͤfig be⸗ greifen ſollte, als daß Sie verſtaͤnden, was es heißt, der Junge in einem unfreundli⸗ chen Hauſe zu ſein. Ich erwaͤhne nicht, daß es mein Loos war, immer mit dem untern Schenkel des gebratenen Gefluͤgels mich zu begnuͤgen, nur aͤußre Schnitten vom Rind⸗ fleiſche, nie Fett und immer nur ein ſpaͤrli⸗ ches Haͤufchen auf meinem Teller zu haben, wiewohl ich auch an dieſe Armſeligkeiten mich gewoͤhnen mußte; aber was denken Sie von jener ploͤtzlichen und nun bleibenden Verwand⸗ — 44— kung des Matthaͤus, oder auch wohl Mat⸗ thes, in Junker Matthaus, oder vielleicht der Abwechſelung wegen, Junker Wald? Es war eben dieſe Miſchung von Knabenbehandlung und Maͤnnerbehandlung, woruͤber ich raſend wurde, die foͤrmliche hoͤhnende Hoͤflichkeit, mit den gehaͤſſigſten kleinlichen Niedertraͤch⸗ tigkeiten gemiſcht. Ich hatte, als Mather zuerſt in unſre Gegend kam, ich weiß nicht mehr von wem gehoͤrt, daß ſein Vater ein Barbier geweſen war. Denken Sie ſich, wie oft ich mich nun daran erinnerte, denken Sie ſich, wie ich mit den Zaͤhnen knirſchte, wenn ich in der Nacht die Stunden zaͤhlte, bei dem ſuͤßen Gedanken, daß die Brut eines Dorf⸗Bartſcherers mich unter die Fuͤße trat, mich gepeitſcht hatte, daß ich die Spuren der Hiebe dieſes Menſchen auf meinem Ruͤcken hatte! Denken Sie ſich, welche lebhaften Empfindungen nun das unvertilgbare Anden⸗ ken ſeiner Niedertraͤchtigkeit in mir erweckte; denken Sie ſich, welcher Ekel mich beſchlich, wenn er huſtete, oder nieſete, und beſonders wenn er lachte. Sein langſames, bedaͤchtiges, lautes ſchallendes ha! ha! ha! was fuͤr ein Ton war das! Seine ſchoͤnen großen weißen Zaͤhne kamen mir vor, als ob ſie einer un⸗ geheuren unreinen Beſtie, einer großen ge⸗ waltigen Ratte gehoͤrt haͤtten. Jede, auch die geringſte Bewegung, wie viel Schinutz ver⸗ rieth ſie! Welche entſetzliche Gemeinheit fand ich in ſeinen breiten flachen Naͤgeln, die bis auf's Fleiſch abgebiſſen waren! Ich glaub⸗ te, ſchon nach ſeiner groben Haut koͤnnte ich beſtimmen, was er waͤre. Und dabei im⸗ mer eine kalte, heitre, ſtolze Hoͤflichkeit! „Des Junkers Teller! Vielleicht ißt Herr Wald auch gern ein wenig davon? Meine Liebe, ſieh doch zu, was Herr Wald macht.“ Ich kann Ihnen nicht einen Millionentheil der ſchmerzlichen Empfindungen ſchildern, die mich waͤhrend jener Zeit quaͤlten. Ich hatte ein unbeſchreibliches Gefuͤhl, als ob ich er⸗ ſticken ſollte. Zorn, Wuth, Verachtung, Hohn, Haß— all dieß moͤgen Sie gekannt haben, aber ich kann kaum glauben, daß ein Menſch Sie angeekelt hat. Das iſt mein Wort, das war mein Gefuͤhl! Ich ſtand unter die⸗ ſem Manne. Das war's. Oft traͤumte mir, ich ſaͤhe ihn tief in Schlamm vergraben, unter — 46— Schmutz und Ungeziefer. Ich weiß nicht, welche Abſcheulichkeiten mir durch den Kopf gingen. Ja, einmahl lachte ich mich wach, als ich ihn in Prieſterrock und Kragen am Galgen baumeln ſah. Selbſt die kleinen Kinder waren nicht mehr gegen mich wie fruͤher. Eines derſel⸗ ben, einen kleinen Knaben, hatte ich ſehr lieb. Man brachte ihn oft fruͤh Morgens in meine Stube, wo er, waͤhrend ich im Bet⸗ te lag, mit mir ſpielte, und meinen entſetz⸗ lichen Verſuchen auf der Geige zuhoͤrte, die ich eben damahl anfing. Der kleine Junge ſchmollte jetzt, wenn ich ihn anredete, und als er eines Tages in das Zimmer gebracht wur⸗ de, wo wir nach Tiſche Alle beiſammen wa⸗ ren, ſah er mich eine Weile an, fluͤchtete dann in die Arme ſeiner Mutter, und ich hoͤrte, wie er ihr zufliſterte, man ſollte den boͤſen Matthes wegſchaffen. Sie koͤnnen denken, daß ich ihn nun nicht mehr haͤtſchelte. Nach einiger Zeit fingen die Lehrſtunden wieder an, wurden aber nun eben ſo gleich⸗ giltig gegeben als genommen. Ich wundre mich nur, wenn ich an alles denke, daß es — 47— uͤber ein Jahr ſo fortdauern konnte. Zu Hauſe hatte ich durchaus gar keine Annehm⸗ lichkeit, außer dem Hauſe keine Geſellſchaft als meine Baſe, und ich wagte es nun nicht, mich ſo gluͤcklich zu fuͤhlen, als ſonſt, ſelbſt wenn ich allein bei ihr war. Boͤſe Gefuͤhle und Leidenſchaften nagten ſich nach und nach tief in meine Seele. 3 Um dieſe Zeit wurde ich eines Tages von einem alten Bekannten meines Vaters, dem Major Vans in Carbrax, zum Eſſen geladen. In den letzten Jahren war zwiſchen Carbrax und Blackford wenig Verkehr geweſen, was aber mich nichts anging. Ich zeigte den Brief des Majors dem Prediger, und fragte ſo ehrerbietig, als ich vermochte, ob ich die Einladung annehmen koͤnn⸗ te. Er war zufaͤllig einmahl in guter Laune, und als er den Brief geleſen hatte, wunderte er ſich, daß ich eine ſolche Frage fuͤr noͤthig gehalten haͤt⸗ te.„Allerdings, ſetzte er hinzu, auf jeden Fall. Was koͤnnte mich bewegen, es zu unterſagen?“ Ich ritt fruͤh am Tage nach dem Landgu⸗ te, das etwa ſechs Meilen weiter abwaͤrts am Fluſſe lag, und glaubte, wir wuͤrden ja⸗ gen, oder ſiſchen. Der Major aber kam erſt — 48— zur Eſſenszeit heim, und ich ſah nun, daß die Geſellſchaft bloß aus Maͤnnern beſtand— denn es war ein alter Hageſtolz— und ich der einzige junge Menſch im Zimmer war. Welcher Unterſchied zwiſchen dieſer Ver⸗ ſammlung von Lebemaͤnnern, und dem geſetz⸗ ten, predigergrauen hauslichen Kreiſe in Black⸗ ford! Der alte Major war als ein launiger Mann bekannt, und ich glaube, jedermann hielt eine Einladung nach Carbrax fuͤr ein Zeichen, daß Momus und Bacchus herabge⸗ kommen waͤren, um an einem Abende die Herren der Erde zu ſpielen. Wie hell ſteht in dieſem Augenblicke ſein ſonderbares Ge⸗ ſicht vor mir! Die lange Trompetennaſe, mit allen Arten von Weingeiſt aufgeblaſen; die alten ſchielenden, blinzelnden, liſtigen Augen; die ungeheuren waͤſſerigen Lippen, und das ſtark gepuderte aufgeſteckte Stirnhaar! Alle Anweſenden ſchienen ihr Beßtes zu thun; bei ihm aber merkte man gar keine Anſtrengung; er ſaß da ruhig, ungezwungen, unnachahm⸗ lich— die verkoͤrperte Poſſierlichkeit. Ein Hammelkopf auf der Oberſtelle der Tafel, ein Berg von gepoͤkeltem Rindſleiſche — 49— am Ende, und eine maͤchtige Schuͤſſel mie gekochten Moͤhren in der Mitte, machten das Gaſtmahl aus. An Getraͤnken aller Art fehl⸗ te es nicht; Champagner, der wie Dunnbier herumging, Rheinwein in ſchwarzen Flaſchen von den ſeltſamſten Geſtalten, und Rothwein in großen zinnernen Kruͤgen, die ein alter ſchielender gichtiſcher Kellermeiſter von Zeit zu Zeit aus einem Faſſe anfuͤllte, das in ei⸗ ner Ecke des Zimmers auf zwei Stuͤhlen lag.. Ich war alsbald benebelt; aber ich erin⸗ nere mich hinlaͤnglich meiner Thorheit, daß ich noch jetzt erroͤthe, wenn ich an mich den⸗ ke. Der tolle alte Taugenichts hatte von der Geſchichte mit dem Einſpaͤnner gehoͤrt, und er beſtand darauf, daß ich ſie der Geſellſchaft auf meine Art erzaͤhlen ſollte. Der Thor, deſſen Kopf von Champagner gluͤhte, that dieß ohne Zoͤgern, und dann— welches Gelaͤchter, welcher Jubel, welches Jauchzen! Ich habe von allem, was folgte, nur eine ſehr dunkle Erinnerung; aber ich glaube, dieſe eisgranen Bruͤder Liederlich wußten jeden wilden Traum, der mir in den letzten Monaten durch den Erſter Theit. 1 4 — 50— Kopf gefahren war, aus mir heraus zu lok⸗ ken. Ich war bald ganz berauſcht, und als ich am naͤchſten Morgen erwachte, merkte ich nicht ſogleich, daß ich nicht in meinem eigenen Bette war. Kaum aber war ich zur Beſinnung gekom⸗ men, als ich augenblicklich aufſtand und vor dem Fruͤhſtuͤcke nach Hauſe ritt. Denken Sie ſich, was ich empfand, als ich bei meinem Eintritte in's Zimmer einen Fremden bei dem Predi⸗ ger und meiner Tante fand und einen der luſtigen Gaͤſte des Majors in ihm erkannte. Mein Herz pochte. Ich zweifelte nicht einen Augenblick, daß er alle Thorheiten getreulich berichtet hatte, die eine nach der andern in meiner Erinnerung erwacht waren, als ich heim ritt und der Morgenwind den Wein⸗ dunſt aus meinem Kopfe jagte. Sie werden leicht vermuthen, daß ich beim Fruͤhſtuͤcke nicht ſehr thaͤtig war. Ich aß nichts, trank alles, was mir nahe war, und eilte bald nachher hinaus, mich im Fluſſe zu baden. Am Nachmittage ward ich in Mather's Arbeitzimmer gerufen, wo ich mich lange nicht hatte ſehen laſſen. Er rauchte, als ich her⸗ —— eintrat, und ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend, ſagte er mir mit drei Worten und dem Anſcheine nach mit der groͤßten Gelaſ⸗ ſenheit, er haͤtte vor einiger Zeit an einen Freund in St. Andrews geſchrieben, von welchem am Morgen dieſes Tages Antwort eingegangen waͤre, und ich ſollte nach ſeinem und meiner Tante Wunſche am folgenden Ta⸗ ge auf jene Hochſchule abreiſen. Ich that weiter keine Frage, und erklaͤrte meine Zu⸗ ſtimmung in ſo wenigen Worten, als es mir moͤglich war. Er ſteckte darauf ſeine Pfeife wieder in den Mund, und ich eilte, wie Sie denken koͤnnen, nicht wenig verwirrt hinaus. Als ich in mein Zimmer kam, fand ich meine Tante mit Hilfe einer Magd beſchaͤf⸗ tigt, meine Waͤſche in Ordnung zu bringen. Ich ſtand neben ihnen, und packte ſchweigend meinen kleinen Kleidervorrath ein. Ich war nicht lange wieder allein geweſen, als Katha⸗ rine an meine Thuͤre pochte. Ihr Geſicht verrieth Schmerz; ich ſah Spuren von Thraͤ⸗ nen auf ihren Wangen, und ſie konnte nicht drei Silben ohne Schluchzen ſprechen. Sie 8 4* gab mir ein kleines rothes Pſalmenbuch, und ſagte, ich muͤßte es als Andenken behalten, und immer an die alten Tage denken, wenn ich es in der Kirche bei mir haͤtte. Ich kuͤß⸗ te Kaͤthchen und unſre Augen ſchwammen in Thraͤnen; aber ſie riß ſich bald los und eilte hiinaus, als ſie Tritte auf der Treppe hoͤrte. Katharine, die immer fruͤh zu Bette gehen mußte, ließ ſich an dieſem Abende nicht wie⸗ der ſehen, und jene kurze Minute war unſer einziger Abſchied. Ich darf wohl vorausſetzen, daß Mather und ſeine Frau meine Abreiſe ſchon einige Zeit vorher verabredet hatten, aber ich kann eben ſo wenig zweifeln, daß ſie durch die Nachricht von meiner Thorheit in Carbrax be⸗ ſchleunigt wurde. Es war ihnen ohne Zwei⸗ fel aͤrgerlich, zu hoͤren, daß ſie der Spott der Nachbarn waren, und der Mann, der ihnen die Geſchichte zutrug, ein Zun⸗ gendreſcher, ein Stimmenwerber bei Wah⸗ len, wie ich ſpaͤterhin erfuhr, mochte in ſei⸗ nem Berichte die Sache nicht gemildert haben. Ich ſah den alten Vans viele Jahre ſpaͤ⸗ terin Edinburgh wieder, und fand, daß mein jugendliches Abenteuer mit des Predigers Ein⸗ ſpaͤnner eine ſeiner ſtehenden Geſchichten ge⸗ worden war. Er verband ſie gewoͤhnlich mit einer eigenen Großthat, welche, wie es ſcheint, den luſtigen Abend beſchloß, von deſſen Anfange ich Zeuge zu ſein ſo gluͤcklich geweſen war. Die Geſellſchaft, die ich an jenem Tage an ſeiner Tafel geſehen hatte, mochte meiſt aus den Nathsherren eines benachbarten koͤniglichen Burgfleckens beſtanden haben, der am naͤch⸗ ſten Tage der Schauplatz einer ſtreitigen Wahl ſein ſollte. Als der Major ſeine Gaͤſte ziem⸗ lich luſtig gemacht hatte— ich war lange vor⸗ her ſchon zu Bette gebracht worden— wollte er ihnen eine ſchoͤne Kohlengrube in der Naͤhe des Hauſes zeigen. Kaum war die ganze Ge⸗ ſellſchaft hinabgefahren, als die Tonne wie⸗ der hinaufgezogen wurde, und waͤhrend Alle dem ſchwankenden Gefaͤß nachſahen, ſagte der Major mit dem freundlichſten Laͤcheln, er haͤt⸗ te ſie nicht umſonſt in den Schoß der Erde gebracht. Kurz, als ſie in einen offnern Naum der Grube kamen, fanden ſie einen Tiſch und Stuͤhle in gehoͤriger Ordnung, Lich⸗ — 34— ter an der Wand des Stollens und des Ma⸗ jor’s Faß mit Rothwein war aus dem Spei⸗ ſezimmer geſchickt herbeigeſchafft worden. Wi⸗ derſetzlichkeit wuͤrde fruchtlos geweſen ſein, und nach vielen vergeblichen Klagen und Vor⸗ wuͤrfen machten die hochedeln Rathsherren eine gute Miene zum boͤſen Spiele, und ſa⸗ hen ruhig, bis es ihrem Wirthe gefiel, ſie zu erloͤſen. Ich brauche nicht hinzuzuſetzen, daß dieß nicht eher geſchah, bis die Stunde der Wahl verfloſſen war, und des Major's Ver⸗ buͤndeter in aller Herrlichkeit thronte. Die Rathsherren muͤſſen am Ende doch eingeſehen haben, daß der Major ihnen durch alle ſeine Kunſtgriffe keinen weſentlichen Nach⸗ theil zugefuͤgt haste. Ohne Zweifel hatten ſie die Spenden des einen Bewerbers ſchon in der Taſche, und waren nun ſeinem Gegner fuͤr eine gute Bewirthung verbunden, ja die boͤſe Welt munkelte ſogar, ſie haͤtten in dem Reiche der ſchwarzen Diamanten eine recht huͤbſche Ader entdeckt. 2 — VI. Nar ein Umſtand ſtoͤrte die Freude, womit ich zum Erſtenmahl der Wohnung meiner Vaͤ⸗ ter Lebewohl ſagte. Aber ich will nicht den Empfindſamen ſpielen, und ſo verſetze ich mich ohne Weiteres in den alten ſchottiſchen Mu⸗ ſenſitz. Ich reiſete bis zum erſten Raſtorte in dem geflickten Einſpaͤnner, unter der Obhut des Ackerknechtes, und als ich im Staͤdtchen Abſchied von ihm genommen hatte, ſetzte ich meine Reiſe mit Poſtpferden fort. Gleich nach meiner Ankunft ſuchte ich den gelehrten Pro⸗ feſſor auf, an welchen ich einen Brief hatte, und in ſeiner Wohnung in einem Kollegien⸗ gebaͤude war ein Zimmer fuͤr mich bereit. Mein neuer Vormund war ein daͤmiſcher, ern⸗ ſter, aber ganz gutmuͤthiger Qrientaliſt, der alles Noͤthige gethan zu haben glaubte, als ich die Studententracht angelegt hatte, ein⸗ geſchrieben und in die Klaſſen eingefuͤhrt war, die ich beſuchen ſollte. Seine Wirthſchafte⸗ 4 1 — 36— rinn war eine unverheirathete Schweſter, die uͤber Dreißig hinaus, und in jeder Hinſicht ihm ganz ungleich, lebhaft, freundlich, eine gute Haushaͤlterinn, im Kochbuche bewandert war, und bis auf dieſe Stunde habe ich Nie⸗ mand gefunden, der ſo guten Punſch gemacht haͤtte.. Zwei Studenten waren außer mir des Profeſſors Koſtgaͤnger, und wir hatten gewiß nicht Urſache, uͤber unſre Kuͤche zu klagen. Die Eſſenszeit ausgenommen, waren wir ganz frei und Niemand bekuͤmmerte ſich um uns. Wir waren dagegen gut und artig, und mach⸗ ten unſerm Wirthe ſo wenig Beſchwerde und Stoͤrung, als ſich nur immer erwarten ließ. Fraͤulein Patterſon ruͤhmte oft unſre Auffuͤh⸗ rung, aber ich war ihr Liebling. Sie war ſehr huͤbſch geweſen, und ſah noch immer gut aus, wiewohl ſie beinahe zu fett geworden war und ihre Haut ſich geroͤthet hatte. Sie ließ ſich gern von einem jungen Manne be⸗ gleiten, wenn ſie in die Stadt ging, und ich, obgleich unter allen am wenigſten huͤbſch, wur⸗ de haͤufiger als die Andern dazu gewaͤhlt. Zu⸗ weilen machten wir ſogar kleine Wanderun⸗ — 3 gen auf's Land; kurz, wir wurden gewaltige Freunde. Sie war empfindſam geſtimmt und liebte die Dichtkunſt, ich ſchmeichelte ihrer Neigung, wogegen ſie wieder uͤber meine Na⸗ turgaben, ja— ſo ſpaßhaft es Ihnen vor⸗ kommen mag— ſelbſt uͤber mein Aeußeres mir Artigkeiten ſagte. Dieß machte mir an⸗ faͤnglich Spaß, aber obgleich ich heimlich uͤber ſie laͤchelte, ſo muß ich doch zu meiner Be⸗ ſchaͤmung geſtehen, daß ihre Schmeicheleien wirkten. Ich bin uͤberzeugt, ihre Worte blie⸗ 5 zuerſt den Funken der Geckenhaftigkeit „ die wohl die meiſten jungen Leute in je⸗ nem Alter entweder offen zeigen, oder heim⸗ lich hegen. Sie ſuchte meine Weſten fuͤr mich aus, ließ mein Haar nach der Mode aufputzen, fuͤhrte mich in die vornehmſten Theegeſellſchaften der Stadt, und nannte den kleinen ſchiefen Helden bei jeder Gelegenheit ihr liebes Stutzerchen. Meine laͤndliche Ungeſchlachtheit wurde durch ſo viel Oehl nach und nach abgerieben, und als ich mir eines Abends das Herz faß⸗ te, mit einem huͤbſchen juͤngern Maͤdchen zu koſen, fragte mich das Aeffchen recht unver⸗ 5 — 38— ſchaͤmt, ob es wahr waͤre, daß ich Jungfer Brigitte heirathete, und ſetzte mit einem mit⸗ leidigen Seufzer hinzu, ſie hoffte, das Ge⸗ rüicht waͤre gegründet, denn Jedermann koͤnn⸗ te ſehen, wie ſehr wir in einander verliebt waͤren. Der Spott entging mir nicht, und ich antwortete nur durch Lachen; aber trotz allem vergaß ich doch nicht ſogleich, was ſie geſagt hatte. Meine kindiſche Eitelkeit fing im Gegentheil an, ſich in eine Welt der luftigſten Traͤume⸗ reien zu verlieren, und ich war ſo verkehrt, zu glauben, daß Fraͤulein Brigitte, wenn auch ihre Neigung wegen der Ungleichheit des Alters ganz unpaſſend waͤre, doch bei aller Ungereimtheit eine gute Beurtheilung gezeigt haͤtte. Ich rief mir nun jeden, ſelbſt den unſchuldigſten und freundlichſten kleinen Be⸗ weis ihres Wohlwollens zuruͤck, um meiner Selbſtgefaͤlligkeit Nahrung zu geben. Ich be⸗ merkte an demſelben Abende, als wir nach Hauſe gingen, wie ſchwer ſie ſich auf meinen Arm lehnte; jeden ſchweren Athemzug— das heißt, einen um den andern, denn, wie ge⸗ ſagt, ſie war eine fette Schoͤnheit— legte —-— 359— ich als einen leidenſchaftlichen Seelenſeufzer aus, und traͤumte mit einem Worte die gan⸗ ze Nacht nur von Kleopatra und Dido. Das Beßte bei dem ganzen Spaße war, daß ich mich beredete, die Sache ganz ernſthaft zu nehmen. Als meine Selbſtliebe den hoͤchſten Gipfel der Verzuͤckung erreicht hatte, ſchmei⸗ chelte ich mir, daß Mitleid die herrſchende Regung in mir waͤre, und ich ſetzte meiner Thorheit die Krone auf, als ich mit arger Ziererei den ernſten Entſchluß faßte, von nun an kalt und zuruͤckhaltend gegen meine Ver⸗ liebte zu ſein, da dieſe wohlthaͤtige Grau⸗ ſamkeit vielleicht dazu dienen koͤnnte, nach und nach die verzeihliche Leidenſchaft auszu⸗ rotten, die meine Vorzuͤge unbemerkt in die⸗ ſer zu empfaͤnglichen Bruſt erweckt hatten. Ueber den argen Geck! Als ich mitten in dieſen Zierereien mir gefiel, und auf dem Wege war, meine Ab⸗ geſchmacktheit, ich weiß nicht wie weit zu treiben, ward ich vom Scharlachſieber befal⸗ len, und obgleich ich wohl nie in Gefahr ſchwebte, ſo mußte ich doch drei Wochen lang das Bette huͤten, und wurde ſo ſchwach als * ein Schatten. Waͤhrend meiner Krankheit pflegte mich Fraͤulein Patterſon wie einen Bruder, oder einen Sohn, und ich geſtehe, wenn ich nach meiner Geneſung ſah, wie ſie in meiner Stube umher ſchlich, und ihre Kraftbruͤhen und Herzſtaͤrkungen bereitete, machte ich mir Vortbuͤrfe daruͤber, daß ich faͤhig geweſen war, geringſchaͤtzig von derje⸗ nigen zu denken, die mich ſo muͤtterlich be⸗ handelte. Aber mir war noch ein Verweis zugedacht.. Eines Abends, als ich, mit Kiſſen umge⸗ ben, in einem Lehnſtuhle ſaß, brachte Fraͤu⸗ lein Patterſon mir Thee, und ſetzte ſich, mir gegenuͤber, an den Kamin, waͤhrend ich trank. Sie blickte einige Minuten freundlich auf mich, ohne ein Wort zu ſagen, und fing dann an, ſich ein wenig linkiſch zu raͤuspern, als ob ſie etwas auf der Zunge gehabt haͤtte, daß ihr noch ſchwer geweſen waͤre auszuſpre⸗ chen. Als ich ihre Verlegenheit bemerkte, mochten einige meiner alten Einbildungen wieder erwachen wollen, aber ſie fing endlich an:„Ich hoffe, Sie werden nun bald wie⸗ der auf den Beinen ſein, Herr Wald, und 4 — 61— Sie ſollen wiſſen, ich habe eine ganz beſon⸗ dene Urſache, es zu wuͤnſchen, denn— aber lachen Sie mich nicht aus— Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, ich— ich— veraͤndere meinen— mei⸗ nen Stand.“ Ich verſtummte, aber erroͤthend ſchlug ſie die Augen nieder, und achtete nicht auf mich, bis ich mich aufrichtete, und mich anſtrengte, ihr zu ſagen, daß ich uͤber dieſe Nachricht hoͤchlich erfreut waͤre, und ſie bat, mir den Nahmen des Gluͤcklichen zu nennen. Siee kennen ihn nicht, antwortete ſie, aber er iſt jetzt hier, und Sie werden ihn ſehen, ſobald Sie hinuntergehen koͤnnen. Vergeſſen Sie nur nicht, ich rechne darauf, daß er Ih⸗ nen gefaͤllt. Sie waren, wie Sie wiſſen, im⸗ mer mein Guͤnſtling vor allen Koſtgaͤngern, und Sie ſollen wiſſen, ich habe mir eine Grille in den Kopf geſetzt— Wollen Sie recht gut ſein, lieber Herr Wald? Von Herzen gern, liebes Fraͤulein Pat⸗ terſon, antwortete ich, aber Sie vergeſſen, daß Sie mir noch immer nicht den Nahmen geſagt haben. Mackay, erwiderte ſie, Johann Mackay, — 62— ein ſehr alter Freund, verſicher ich Ihnen. Er hat eben die Predigerſtelle in St. Dees von der Univerſttaͤe erhalten⸗ Und ich haͤtte Herrn Mackay nie ge⸗ ſehen? Nein, mein Lieber. Er iſt gute zehn Jahre weg geweſen und hat als Schulmeiſter im Hochlande gelebt. Ich war in der That beinahe ſchon auf den Gedanken gekommen, daß die Welt gegen uns waͤre, und daß nie etwas daraus werden ſollte. Es iſt ſchon lan⸗ ge her, als ich mit Mackay zuerſt bekannt wurde. Aber jetzt wird's uns recht gut ge⸗ hen. St. Dees iſt eine recht huͤbſche Stelle, und ich habe nicht weniger als dreißig Pfund zuruͤckgelegt, die nun eine gute Hilfe ſein werden bei der erſten Einrichtung. Ich habe in dieſen fuͤnf Jahren mir nur ein neues Kleid geſchafft, und das war Trauer fuͤr meinen Bruder, den Lieutenant— der arme Robert! er ſtarb in Ticonderoga, wie Sie wohl ge⸗ hoͤrt haben.— Ich war in dieſem Augenblicke nicht eben in einer ſehr muntern Stimmung; aber ich muß mir das gerechte Zeugniß geben, daß — 63— ich all dieß nicht ohne viel Reue und Demuͤ⸗ thigung anhoͤrte. Ich unterdruͤckte indeß mei⸗ ne Regungen, ſo gut ich konnte, und troͤſtete mich mit guten Vorſätzen, kuͤnftig in meinem Benehmen und meinen Einbildungen beſchei⸗ dener zu ſein. In wenigen Tagen war ich im Stande, wieder in den Familienkreis zu treten, und ſah nun den gluͤcklichen Mann. Gluͤcklich kann ich ihn wirklich nennen; denn ungeach⸗ tet ſeiner plumpen und graͤmlichen Zuͤge, ſei⸗ ner trocknen, verbrannten Geſichtsfarbe und ſeiner herkuliſchen Geſtalt, glaube ich doch nie einen Mann von ſo unverwuͤſtlicher Luſtigkeit geſehen zu haben. Der gute Mann, der of⸗ fenbar nahe an Funfzig war, ſtand von Zeit zu Zeit auf, und ging im Zimmer auf und nieder, waͤhrend er ſeine Haͤnde rieb und ſtill fuͤr ſich laͤchelte. Zuweilen brach er die Ge⸗ legenheit vom Zaune, uns ein wohllautendes Geſchnatter zum Beßten zu geben; und das ſtolze Gelaͤchel, das auf ſeinen Lippen ſchweb⸗ te, wenn er mit Fraͤulein Brigitte ſprach, oder ſie anſah, der froͤhliche Ausdruck in ſei⸗ nen Augen, wenn ſie ihm wieder zulaͤchelte, — 64— all dieß und tauſend andre Zeichen wuͤrde ich vergebens zu ſchildern verſuchen. 1 Ich wohnte der Hochzeit bei, und hatte die Ehre, der hornigen Hand des Ehrenman⸗ nes den Handſchuh abzuziehen, in dem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke, der ſein Gluͤck beſie⸗ gelte. Die modiſchen Hochzeitfeſtlichkeiten waren unter uns noch nicht uͤblich, und ſo lieb es bei einem koͤſtlichen Abendeſſen, und diejenigen, welchen zu Ehren der Profeſſor es gab, hatten bequeme Gelegenheit, Theil daran zu nehmen, wurden aber auch nicht ge⸗ noͤthigt, laͤnger zugegen zu ſein, als es fuͤr die Umſtaͤnde paßte. E Die Hochzeit wurde in den letzten Wochen der akademiſchen Lehrzeit gefeiert, und noch immer wußte ich nicht, was waͤhrend der lan⸗ gen Ruhezeit aus mir werden ſollte. Ich be⸗ kam zwar von Zeit zu Zeit Nachricht von meiner Tante, und erhielt auch zuweilen ein Paar willkommenere Zeilen von Kaͤthchen, aber von jenem Gegenſtande war noch nie die Rede geweſen. Erſt acht Tage vor dem Schluſ⸗ ſe der Lehrzeit ſagte mir der Profeſſor, er haͤtte von Herrn Mather die Nachricht erhal⸗ — 65.— ten, daß ich waͤhrend des ganzen Sommers in St. Andrews bleiben ſollte. Die andern jungen Leute gingen in ihre Heimaͤth und ſo blieb ich ganz allein zu Hauſe. Und ein truͤb⸗ ſeliges, ein ſehr truͤbſeliges Haus war es; denn der alte Patterſon verfiel ſehr bald in ſchmutzige Nachlaͤſſigkeit, ſeit ſeine vortreff⸗ liche Haushaͤlterinn nicht mehr bei ihm war, und ſeine Traͤgheit, ſeine Gleichgiltigkeit ge⸗ gen haͤusliche Angelegenheiten, hatten natuͤr⸗ lich Einfluß auf alles, was ihn umgab. Fuͤr mich waren jedoch dieſe Umſtaͤnde nicht ohne Nutzen. Ich war waͤhrend des Winters ziem⸗ lich faul geweſen, und da ich nun keine Ge⸗ ſellſchafter hatte, mit welchen ich mir die Zeit vertreiben konnte, ſo war ich eifrig bei mei⸗ nen Buͤchern und machte bedeutende Fort⸗ ſchritte. Im naͤchſten Winter ging ich von der Gewohnheit an Fleiß, worin ich mich beveſtigt hatte, nicht ſehr ab. Ich las viel, und am Ende meines zweiten Jahres erhielt ich Be⸗ weiſe des entſchiedenen Beifalls meiner Leh⸗ rer. Ich hatte faſt ein einſames, und im Ganzen gewiß ein ſehr einfaches und unſchul⸗ Erſter Theil. 5 — 66— diges Leben gefuͤhrt. Meine Mitſchuͤler wa⸗ ren meiſt arm, und hatten wenig Mittel, ſich durch Thorheiten auszuzeichnen. Unſer liebſter Zeitvertreib war das Ballſchlagen,*) und unſre Schwelgereien gingen kaum uͤber eine Pfanne mit geroͤſtetem Kaͤſe und eini⸗ ge Flaſchen Doppelbier hinaus, wobei wir uns zuweilen am Samſtagabend guͤtlich tha⸗ ten. Ich hatte zwar anfaͤnglich in einigen Stadtgeſellſchaften Zutritt erhalten, nach der Abreiſe meiner lieben Goͤnnerinn aber verlor ſich meine Bekanntſchaft mit dieſen froͤhlichen Kreiſen bald gaͤnzlich. Ich fuͤhlte nun allmaͤhlig ein lebhaftes, wachſendes, ungeduldiges Verlangen, Black⸗ ford wieder zu ſehen; da ich aber keine Nach⸗ richt erhielt, die mir verrathen haͤtte, daß man meine Gegenwart erwartete, ſo hatte ich es fuͤr ausgemacht gehalten, daß ich noch ei⸗ —— *) Golf iſt ein Spiel in Schottland, wobei veſt ge⸗ ſtopfte Federbälle mit gekrümniten Keulen aus einem Loche ins andte geteieben werden. Wer ſeinen Ball mit den wenigſten Schlägen in das Loch bringt, gewinnt. Es iſt dem Kolf⸗Spiel der Holländer ahnlich. 8. 1 * — 67— nen einſamen Sommer auf der Univerſitaͤt zubringen ſollte. Ich gehe ſchnell daruͤber weg. Am Ende des dritten Jahres war ich in derſelben Lage, worin ich am Ende des zweiten geweſen war, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß ich jetzt anfing, mir nicht nur 3 einzubilden, ſondern auch zu fuͤhlen, daß ich bald ein Mann werden ſollte, und daher na⸗ tuͤrlich mit lebhaftem und ſteigendem Unwillen die Ungewißheit betrachtete, welcher man mei⸗ ne Angelegenheiten und alle meine kuͤnftigen Ausſichten, ſei es aus verachtender Gleichgil⸗ tigkeit, oder aus entſchiedenem Widerwillen, uͤberlaſſen zu wollen ſchien. Tauſend arg⸗ woͤhniſche Beſorgniſſe truͤbten meine Seele, und ich glaubte eine finſtere, entſchiedene und uͤberlegte Boͤswilligkeit gegen mich thaͤtig zu ſehen. Selbſt Katharina, ſelbſt ſie, ſagte ich zu mir, war fremd gegen mich geworden. Wie lange ſollte dieß dauern? Wie ſollte es en⸗ den? Warum ſollte ich nicht, wenn auch un⸗ eingeladen und unerwartet, ploͤtzlich mich zei⸗ gen, und beſtimmte Antworten auf Fragen fodern, die ich als Knabe natuͤrlich nicht hat⸗ te thagen koͤnnen, und zwar beſonders auf die 5* F* 8 — 68— Fragen, welcher Gewalt ich denn eigentlich unterworfen waͤre, und was denn am Ende mein Erbtheil ſein ſollte. Meine weitre Aus⸗ bildung, meine ganze Zukunft und meine Hoff⸗ nungen, mußten offenbar von dieſen Umſtan⸗ den abhangen. Es iſt freilich doch wohl moͤglich, daß ich mich taͤuſchte, wenn ich vorausſetzte, daß dieß die wahren Gegenſtaͤnde meiner tief⸗ gefuͤhlten Bekuͤmmerniß waͤren. Die Be⸗ kuͤmmerniß wenigſtens war da; eine unbe⸗ zwingliche Sehnſucht zog mich, und wenn ich ſie auch nicht erklaͤren konnte, ſo gehorch⸗ te ich ihr doch. Ich nahm mir vor, die ge⸗ woͤhnlichen Feierlichkeiten der Entlaſſung nicht abzuwarten, und ich wollte nicht warten, bis der Brief, dem ich nicht zu gehorchen beſchloſ⸗ ſen hatte, angekommen waͤre. 4 1 Als ich meine Sachen eingepackt und ei⸗ nen Brief an Doktor Patterſon auf meinem Tiſche zuruͤckgelaſſen hatte, verließ ich eines Abends, nachdem Alle zu Bette gegangen wa⸗ ren, heimlich das Haus, und war ſchon bei⸗ nahe dreißig Meilen gegangen, ehe ich daran dachte, daß meine Flucht entdeckt werden koͤnnte. — VvII. Ich war ſtark und ruͤſtig, und uͤberdieß trieb mich meine Ungeduld ſo ſehr, daß ich am zweiten Abende mein Nachtlager an einem Orte nahm, der nur noch acht Stunden von Blackford entfernt war. Ich ſchlief indeß laͤnger als ich wollte, und es war beinahe acht Uhr Morgens, ehe ich den Rauch von Blackford uͤber den Fichten ſah. In dieſem Augenblicke ward ich durch eine wohlklingende Stimme aufgeſtoͤrt, die ganz in der Naͤhe, wie es mir vorkam, ſich im Verſeſprechen uͤbte. Ich blieb einen Augenblick ſtehen, und er⸗ kannte meinen guten alten Schulmeiſter, der aus dem Walde, wo er ſeinen gewoͤhnlichen Morgengang machte, auf mich zukam, ſobald ich ſeinen Lieblingston hoͤrte: Peliaco quondam prognatae vertice pinus. 4 Der wackre Schwaͤrmer war ſo ganz ver⸗ tieft in das Buch, welches er in der Hand hatte, daß er nahe bei mir ſtand, ehe er merk⸗ te, daß jemand ihm in den Weg gekommen war, und ſelbſt dann wuͤrde er, da die Son⸗ ne ihm in die truͤben Augen ſchien, ſeinen Zoͤgling nicht wieder erkannt haben, wenn ich ihn nicht mit einem andern Bruchſtuͤcke von gleichem Tone gegruͤßt haͤtte: Teque ego sacpe meo te carmine com- pellabo— Als er dieſen Ton hoͤrte, wurde das Spiel ſeiner hoͤlzernen Stuͤtzen mit ſo haſtiger Eile unterbrochen, daß die Brille ihm beinahe von der Naſe tanzte, waͤhrend er, meine Hand kraͤftig ſchuͤttelnd, ſchnell nach einander ausrief: „Gott behuͤt' uns! Junker Matthaͤus ſelber— ſo wahr ich lebe! Salve Deum genus! Willkom⸗ men,„dreittahf willkommen, Qlhny 5s Aureihe Palaxy.“ Als die erſten warmen Begruͤſſungen vor⸗ uͤber waren, fragte ich meinen Freund nach ſeinen haͤuslichen Angelegenheiten, und ob die ganze Familie in Blackford beiſammen waͤre. Der Schulmeiſter antwortete mit ei⸗ ner frommen Thraͤne, er haͤtte vor Kurzem ſeine Mutter begraben und waͤre nun ganz einſam in der Welt.„Was Black ford an⸗ langt, fuhr er fort, ſeinen Kummer ver⸗ ſcheuchend, ſo werdet Ihr wohl wiſſen, daß —— der Prediger ſeit einiger Zeit im Hochlande iſt. Er iſt noch nicht zuruͤck, aber die Andern ſind alle zu Hauſe und wohl. Ich ſah Fraͤu⸗ lein Katharina geſtern mit Herrn Lascelyne vor meinem Fenſter vorbei reiten.— Ei da ſind ja ſeine Pferde, wahrhaftig ſchoͤnes Vieh, ſo was hat man nicht in unſerm Kirchſpiele geſehen, bis er zu uns kam.“ 3 Ich wußte wohl, daß Mather Hausleh⸗ rer in der edlen Familie Lascelyne geweſen war, und ihrer Gunſt ſeine Pfruͤnde verdank⸗ te; aber ganz unvorbereitet, von einem ſol⸗ chen Gaſte zu hoͤren, war ich ſo vorſchnell, meine Ueberraſchung durch die dreiſte Frage zu verrathen:„Wer iſt es denn, von dem Ihr ſprecht?“ Die Antwort war voͤllig befriedigend. Georg Lascelyne wohnte ſeit laͤnger als einem Jahre in dem Hauſe ſeines ehemaligen Leh⸗ rers.. Ich faßte mich, oder ſuchte es zu thun, und gab meinem Freunde zu verſtehen, ich haͤtte allerdings ſchon fruͤher davon gehoͤrt, es aber vergeſſen. Die Nachricht, daß Mather nicht in Blackford war, konnte, wiewohl ich mir deſ⸗ ſen in dieſem Augenblicke vielleicht nicht ganz deutlich bewußt war, jede Regung von Wi⸗ derwillen aufwiegen, welche die Ausſicht, ei⸗ nen Fremden, wenn auch einen adeligen Fremden, dort zu finden, haͤtte erwecken koͤn⸗ nen. Ich ſchied von dem Schulmeiſter und folgte dem Reitknechte des Unbekannten. Die Pferde waren in der That ſchoͤn und voll⸗ kommen zugeritten, und obgleich ich nie zuvor einen Sproͤßling der Rennbahn geſehen hat⸗ te, ſo fand ich doch in dem Weſen des Fuͤh⸗ rers etwas ſo Ausgelerntes, daß ich auf den erſten Blick ſah, er muͤßte in Newmarket ſei⸗ ne Schule gemacht haben. 4 Meine Tante ſtand an ihrem Fenſter, und ich glaube, ſie ſah und erkannte mich lange vorher, ehe ich an der Hausthuͤre war. Ich wurde hier von ihr empfangen, und ich muß geſtehen, nichts uͤberraſchte mich ſo ſehr, als die Ueberraſchung, die ſie dabei zeigte. Ich darf annehmen, ſie hatte, da ſie ohne paſſende Vorſchriften von ihrem Gemahle war, ſogleich den Entſchluß gefafit, daß er bei ſei⸗ ner Ankunft alles beim Altem finden ſollte. — 73— Haͤtte ich nicht Matthaͤus Wald geheißen, ſo wuͤrde ich ſagen, die Gebieterinn von Black⸗ ford haͤtte mich beſſer empfangen, als ich es unter den obwaltenden Umſtaͤnden erwarten konnte. Aber ich muß geſtehen, waͤhrend der ganzen Zeit, wo ſie mit mir ſprach, waren meine Gedanken abweſend. 3 Katharine hatte im Vorzimmer meine Stimme gehoͤrt, und kam ſogleich heraus. Es war eine ſolche Aufwallung in ihrem Ge⸗ ſichte und ein ſo ſuͤßes Aufblitzen freudiger Beſtuͤrzung in dem erſten Blicke, der mir be⸗ gegnete, daß ich nur mein altes Kaͤthchen ſah, und meine ganze Seele erwarmte und ſchmolz, als ich ſie in meine Arme ſchloß. Kaum aber war dieſer Augenblick voruͤber, kaum ruhten meine Blicke auf ihr, als ich eine ſo große Veraͤnderung bemerkte, daß ich mich wundern mußte, warum ich dieß nicht zuerſt geſehen haͤtte. Ich hatte drei Sekunden ſie angeſe⸗ hen, und haͤtte nun eben ſo wenig gewagt, ſie zu kuͤſſen, wie es einen Augenblick fruͤher geſchehen war, als zu fliehen. Von dreizehn zu ſechzehn Jahren— von einem Kinde zu einem erwachſenen Maͤdchen— welch ein 1— 74— Sprung! Und ein ſolches Geſchoͤpf! Ich war wie betäͤubt, als ich die herrliche praͤchtige Blume betrachtete, wozu mein liebes ſtilles Knöspchen ſich entfaltet hatte— die leben⸗ volle, rege Liebenswuͤrdigkeit der ausgebilde⸗ ten Geſtalt— die Glut jener tiefen dunklen Augen— jene Lippen, worauf tauſend neue Gedanken zitterten und ſchwebten— die ſtol⸗ ze Sittſamkeit ihrer Miene, ſtatt der erroͤ⸗ thenden Bloͤdigkeit— die unbewußte Zuruͤck⸗ haltung bewußter Schoͤnheit— die unſchuldi⸗ ge crahnete Hoheit der jungen Weiblichkeit! Das Andenken jenes Augenblickes bringt bei⸗ nahe wieder das Jugendgefuͤhl in meinen Kopf und in meine Adern. Aber ich kenne, ich ſehe ihr boshaftes Laͤcheln, mein Freund, und wuͤrde gern dem Winke folgen, wenn ich koͤnnte. Mitten unter dieſen Schwaͤrmereien hoͤr⸗ te ich jemanden im Zimmer eine auslaͤndiſche Weiſe traͤllern, und meine Tante ſprach ha⸗ ſtig:„Komm, liebe Kaahatine, Du haſt Herrn Lascelyne vergeſſen. Sie werden auch fruͤh⸗ ſtuͤcken wollen, Matthaͤus.“ Ich trat zuletzt ins Zimmer, und meine — 75— Tante ſtellte mich foͤrmlich einem ſehr ſchoͤnen Herrn vor, der in einem Schlafrocke vom feinſten Zitz und Saſſianpantoffeln unluſtig bei einer Taſſe Chokolate mit einem zarten geroͤſteten Brooͤſchnittchen ſaß, und ſeinen neuen Bekannten mit einem Laͤcheln und ei⸗ ner Verbeugung empfing, worin ich nichts als herablaſſenden Kaltſinn fand. Meine Seele war in nnruhiger Aufregun, aber trotz der Zerſtreuung, worein ich mich zuweilen verlor, ließ ich mir doch das Fruͤhſtuͤck ſchme⸗ cken, und bemerkte anfaͤnglich mit Ueberra⸗ ſchung, und ſpaͤter mit einem ganz andern Gefuͤhle, die ungemeine Vertraulichkeit, wo⸗ mit der edle Juͤngling meine Baſe behandel⸗ te. Ich hatte kaum den Muth, ſie Katha⸗ rine zu nennen, und Kaͤthchen war die ehr⸗ erbietigſte Anrede, die ſeine hochadeligen Lippen gewaͤhrten, und was noch ſchlimmer war, Mutter und Tochter ſchienen uͤber die⸗ ſes ungezwungene und vertrauliche Weſen hoͤchlich erfreut zu ſein. Selbſt die Art, wie er ſich die Zaͤhne ſtocherte, verrieth den ruhig ſtolzen Duͤnkel, und in ſeinem hohlen Lachen war der Kern des Adelſtolzes. Aber dieſelbe —-— 76— hochmuͤthige Zuverſicht zeigte ſich in Dingen, die mich noch weit naͤher beruͤhrten, und mit einem Worte— denn warum ſollte ich mich uͤber die erlittenen Demuͤthigungen verbreiten — ich konnte einen doppelten Argwohn nicht los werden, der an meinem Herzen nagte. Ich ¹ ſah einmahl, daß der funge Edelmann mich verachtete, und dann, daß er Katharina liebte. Katharina ging bald nach dem Fruͤhſtuͤcke hinaus, und ich ſchlich in einer ſehr muͤrri⸗ ſchen Stimmung in meine alte Dachſtube. Ich warf mich auf einen Stuhl, und meine Blicke ruhten auf einem altfraͤnkiſchen Spie⸗ gel, welchen ein Riß theilte, der mich an ein ungluͤckliches Blindekuhſpiel aus jener Zeit erinnerte, als Kathauina meine Geſpielinn in allen wilden Beluſtigungen war. Aus jener alten Zeit wandte ich mich wieder zu der Ge⸗ genwart, und ich betrachtete das Bild, das ſich mir zeigte, nicht mit den angenehmſten Empfindungen. Der Stolz des Haarkraͤus⸗ lers in Fife war unterwegs gaͤnziich zerſtoͤrt worden, und eine ungeheure Fuͤlle raben⸗ ſchwarzer Locken hing in mahieriſcher Wildheit um meine Schlaͤfe. Ich ſah auf den erſten —— —— — — 77— Blick, daß mein ganzer Anzug in einem bar⸗ bariſch ſchlechten Geſchmacke war; mein Rock war ſo ungeſchickt zugeſchnitten, daß ich zwei⸗ mahl Platz darin gehabt haͤtte, meine Weſte, ein Ueberreſt vom Brautkleide der guten Brie gitte, war graͤßlich, und meine Waͤſche nicht nur grob, ſondern auch ſchmutzig. Dieſem letz⸗ ten Mangel ließ ſich abhelfen, und ich ging daran, aber mit reiner Waͤſche war's nicht gethan.„Thor! ſprach ich zu mir ſelber, ſiehſt Du nicht, wie's iſt? Welcher Unſinn, Dir einzubilden, daß Du Dich herausputzen koͤnnteſt, als ob irgend etwas machen koͤnnte, daß dieß gut ausſaͤhe. Siehſt Du nicht, daß Du ſo ſchwarz als ein Zigeuner biſt, dein Wuchs verkruͤppelt, und alles an Dir ſo un— gefaͤllig iſt, als wenn Du aus einem Stein⸗ blocke gehauen waͤreſt? Zwiſchen welche Schul⸗ tern iſt dieſer plumpe Hals eingeklemmt! Konnteſt Du mit der ungeſchlachten, linki⸗ ſchen Geſtalt, die Du hier im Spiegel ſiehſt, auch nur im Traume Dir einfallen laſſen, daß ein Weib je an dieſen ſeltſamen Verhaͤlt⸗ niſſen Gefallen faͤnde!“ Ich hoͤrte in dieſem Augenblicke Stimmen unter meinem Fenſter, und als ich hinaus⸗ guckte, ſah ich Lascyline und Katharine im Geſpraͤche am Sonnenweiſer ſtehen. Er hatte ſeinen Morgenanzug mit einem Reitkleide ver⸗ tauſcht. Ein kurzer gruͤner Frack und leder⸗ ne Beinkleider, die faltenlos bis auf die Mitte des Beins hinabhingen, ließen das ſchoͤne Ebenmaaß ſeiner hohen und anmuthi⸗ gen Geſtalt ſehen. Sein Profil war rein griechiſch, und nichts ging uͤber die friſche Bluͤte ſeiner Geſichtsfarbe. Aber es war das leichte, ungezwungene Weſen des Srutzers, und die fehlloſe Anmuth in allen ſeinen Stel⸗ lungen und Bewegungen, was mich am Tief⸗ ſten verwundete. Ich ſah alles. Gern haͤtte ich es nicht geſehen; ich ſuchte mich ſelbſt zu taͤuſchen, aber ich konnte nicht blind ſetn. Ich ſah, wie Katharina's Auge glaͤnzend an ihm hing, als er mit ihr ſchwatzte. Ich beobach⸗ tete ſeinen frohen Blick, ich verſchlang ihr Laͤcheln. Er faßte froͤhlich ihre Hand, und ſie bogen um die Ecke des Hauſes. Ich ſetzte mich wieder auf meinen Stuhl und ſchleuderte meinen Pantoffel gegen den Spiegel. Er traf den alten Bruch, und die — 79— Stelle, wo er anſchlug, wurde der Mittel⸗ punkt von ſo vielen, in Strahlen auslaufen⸗ den Riſſen, daß ich in Zukunft nicht anders als durch klaͤglich gebrochene Bilder meiner holden Geſtalt gekraͤnkt werden konnte. Ich ging in's Gehoͤlz, und obgleich ich mehrmahl angeruſen wurde, ſo war ich doch nicht eilig, mich wieder ſehen zu laſſen. Nach einer Stunde hoͤrte ich Pferde in der Naͤße, und hinter der Hecke mich verbergend, ſah ich Lascelyne und Katharine in dem Baumgan⸗ ge hinab reiten. Wie ſeltſam iſt dieß von meinem Vetter, ſprach Katharine. Ich begreife ihn heute gar nicht. Ich dachte nicht anders, als er wuͤrde mit uns ausreiten. Pah! antwortete der junge Mann. Er wird wohl einen alten Bekannten beſuchen wollen. Wir werden ihn ja wohl bei Tiſche ſehen.— Was fuͤr ein ſchoͤner Tag! Wollen wir nach Bridgend, oder im Thale hinauf reiten? Ich hoͤrte die Antwort nicht, aber ich machte mir beinahe Vorwuͤrfe uͤber mein Be⸗ nehmen. Ich ging durch das Feld, und fand — 80— die beiden Klepper, worauf Kaͤthchen und ich in fruͤhern Zeiten zwiſchen den Bergen um⸗ her geſchweift waren, auf ihrem alten Wei⸗ deplatze unter den Kuͤhen. Sie waren zot⸗ tig, ihre Maͤhnen hingen tief herab, und wiehernd und ausſchtagend liefen ſie davon, wenn ich mich naͤherte. Ich rief ihnen zu, und mein alter Liebling erkannte alsbald meine Stimme. Katharinens kleiner Klepper trab⸗ te hinter ihm her, und beide ſingen an, ihre Naſen an mir zu reiben. Es wurde mir faſt weh um's Herz. O man hat deine Dienſte ſchon lange nicht mehr gebraucht, ſprach ich, als ich den unbeſchlagenen Huf des Kleppers ſah. Da ſiehſt Du, wie's einei alten Freunde geht! Du armer zottiger Hochlaͤnder, ſiehſt Du denn nicht, daß man deinen Schweif nie ge⸗ ſtutzt, deine Maͤhne nie geflochten hat? Und Du wollteſt Dich mit jenem ſchoͤnen, hohen und glatten Zelter meſſen, der das Blut des gluͤck⸗ lichen Arabiens in jeder Fiber hat, und Dich ſo wenig fuͤr einen Verwandten haͤlt, als der verhaͤtſchelte Windhund der Edelfrau in ſei⸗ — nem weichen Korbe den armen Schaͤferhund, — den er auf dem Berge bellen hort. Welcher Unſinn! Ich ging weg, aber die armen Thiere waren ſo wohlwollend gegen mich, daß ſie mir auf den Ferſen folgten, bis ich aus dem Felde war, und ich ſah, wie ſie ihre wei⸗ ßen Naſen uͤber den Steg ſtreckten, ſo lan⸗ ge ich ihnen im Geſichte blieb. Ich blieb im Freien, bis ich mich ziem⸗ lich abgekuͤhlt hatte, und als es nach meiner Rechnung Eſſenszeit war, naͤherte ich mich dem Hauſe, mit dem veſten Entſchluſſe, was ich auch immer fuͤhlen moͤchte, wenigſtens nichts zu verrathen, das mich laͤcherlich ma⸗ chen koͤnnte. Ich verlor jedoch bald wieder meine Faſſung, als ich vor dem Wirthſchafts⸗ gebaͤnde meinen alten Bekannten, den Ein⸗ ſpaͤnner, ſah, der offenbar eben von der Reiſe gekommen war. Ich vermuthete ſogleich Mather's Ruͤckkehr, und irrte mich nicht, deſto mehr aber taͤuſchte ich mich in meiner Vermuthung uͤber die Aufnahme, die mir bereitet war. Der Prediger ſaß mit ſeiner Frau im Wohnzimmer, und ſein erſter Blick 4 ſagte mir, daß er in einer vortrefflichen Lau⸗ Erſter Theil. 6 — 8 8 ne war. Er laͤchelte und reichte mir die Hand mit ſo viel Herzlichkeit, daß ich ganz be⸗ ſchaͤmt war, ſo lange ein unfreundliches Ge⸗ fuͤhl gehegt zu haben, das er, der Aeltere und Erfahrenere, dem Anſcheine nach ganz vergeſſen hatte. Offenbar mußte er auch hin⸗ ter meinem Ruͤcken wohlwollend von mir ge⸗ ſprochen haben, denn meine Tante zeigte in ihren Aeußerungen und in ihrem Benehmen mehr Herzlichkeit, als ſie mir belbieſen hatte, ſo lange ſie allein war. Katharine war kurz vorher von ihrem Ritte zuruͤckgekommen, und hatte einen an⸗ dern Anzug gewaͤhlt, worin ihre Reize noch vortheilhafter als in ihrem Morgenkleide ſich zeigten. Auch Lascelyne erſchien in einem Abendanzuge nach dem neuſten Schnitt, und ſelbſt der Prediger hatte es nicht verſchmaͤht, ſeine glaͤnzendſten Schnallen aus der Papier⸗ huͤlle zu nehmen. Ich fuͤhlte in meinem In⸗ nern, daß ich der Armſeligſte in der Geſell⸗ ſchaft war, aber, meinem Entſchluſſe treu, unterdruͤckte ich meine Gefuͤhle, ſo gut ich vermochte. Etwas war jedoch zu offenbar, uls daß ich es nicht geſehen haͤtte, und als —————— —— ich es ſah, mußte es mir gefallen; ich meine das Vergnuͤgen, womit Katharina das gute Vernehmen zwiſchen Mather und mir bemerk⸗ te. Als wir aus der Wohnſtube ins Speiſe⸗ zimmer gingen, ſprach ſie ihr Gefuͤhl in ei⸗ nem einzigen Seitenblicke aus, welcher, ich weiß nicht wie, mein ganzes Herz zu beſaͤnf⸗ tigen ſchien. Waͤren wir allein geweſen, ich haͤtte koͤnnen— Ich weiß nicht was! Las⸗ celyne, obgleich ein Erzſtutzer und ohne Frage ein Geck, war doch zu wohl erzogen, als daß er irgend etwas geſagt oder gethan haͤt⸗ te, das ein, nur etwas verſtaͤndiger Menſch haͤtte uͤbel nehmen koͤnnen. Kurz, wir wa⸗ ren bei Tiſche in einer ſehr freundlichen, ja froͤhlichen Stimmung. Der Prediger ließ ei⸗ ne koͤſtliche Flaſche bringen, und meiner Ruͤck⸗ kehr zu Ehren ward ein eigener Trinkſpruch ausgebracht.„Darf ich noch um ein Glas bitten?“ rief Lascelyne. Herr Wald— wand⸗ te er ſich darauf zu mir— auf's Wohlſein des neuen Herrn Vorſtehers. Vorſteher? was fuͤr ein Vorſteher? ſprach ich laͤchelnd. 1 Mather ſchlug die Augen nieder, und 6* — 84— ahnete ſchon, wie die Sachen ſtanden. Nach einer Pauſe gab Lascelyne vollen Aufſchluß. „Sie haben alſo nichts von den Ausſichten ihres Freundes gehoͤrt? Es wird Sie freuen, wenn ich Ihnen ſage, daß an dem Erfolge kaum zu zweifeln iſt.“ Nein, nein, unterbrach ihn der Predi⸗ ger, das koͤnnen Sie noch nicht ſagen, Jun⸗ ker. Aber mag es geſchehen, oder nicht, ich und die Meinigen werden immer wiſſen, wem unſer waͤrmſter Dank gebuͤhrt.— Wohl⸗ an, meine Lieben, ſprach er zu meiner Tan⸗ te und Katharine: Ihr muͤßt dieſe Geſund⸗ heit auch trinken. Meinem guten gnaͤdigen Herrn! 3 1 Die Geſchichte wurde mir nun umſtaͤnd⸗ lich mitgetheilt, und ich konnte mir die un⸗ erwartete Guͤte, womit der Prediger mich be⸗ handelte, wenigſtens zum Theil erklaͤren. Er war, wie ich bemerkte, zu ſehr von Er⸗ wartung und Siegesſtolz erfuͤllt, als daß er Zeit gehabt haͤtte, an alten Aerger zu den⸗ ken. Mit einem Worte, mir kam derſelbe wohlthaͤtige Einfluß zu Gute, der den gluͤck⸗ lichen Spieler verleitet, ſein Goldſtuͤck in ——— die Schieblade zu werfen, und hinzugehen, ſein Weib zu kuͤſſen und mit ſeinen Kindern zu koſen, ſtatt Koͤpfe und Porzellan zu zer⸗ ſchlagen und das dritte Gebot zu brechen. — Biaete nie auf ein Landgut, mein Lie⸗ ber, wenn du es im Sonnenſcheine ſiehſt. Zwei bis drei Tage verfloſſen, ohne daß etwas vorgefallen waͤre, das Erwaͤhnung ver⸗ diente. Vormittags ritten, oder gingen wir ſpazieren, und Mather war gewoͤhnlich im⸗ mer unſer Begleiter, und in den Abendſtun⸗ den war die ganze Familie beiſammen. Ich erwartete immer, der Prediger, meine Tan⸗ te, oder Katharine wuͤrde etwas ſagen, das auf die Gegenſtaͤnde haͤtte fuͤhren koͤnnen, die ich ſo gern verhandelt zu ſehen waͤnſchte, aber ich wartete vergebens. Es herrſchte die groͤß⸗ te Heiterkeit, Froͤhlichkeit, und anſcheinend die groͤßte Aufrichtigkeit und Freundſchaft; aber ich ſing an, auf dieſe oder jene Art zu fuͤhlen, daß diejenigen, die um mich waren, ſo gut als ich ſelber, Gedanken hatten, die man nicht ausſprechen wollte, und durch un⸗ bedeutende Kleinigkeiten wurde der Argwohn 9 erregt, oder vielmehr bekraͤftigt, daß ich ſel⸗ ber die Urſache dieſer Zuruͤckhaltung waͤre. Als ich nach einiger Zeit, wenn ich ſchlaf⸗ los war, uͤber die Lage meiner Angelegenhei⸗ ten nachdachte, war mir nichts ſo auffallend, als der Umſtand, daß ich ſchon Stunden und Tage in Blackford geweſen war, ohne auch nur eine halbe Stunde mit Katharine 3 allein zu ſein. Ich ſah freilich wohl ein, daß wir nicht mehr Kinder und Geſpielen waren, wie fruͤher; aber wenn es auch nichts weiter geweſen waͤre, ſo waren wir ja doch die einzi⸗ gen unſres Stammes, und jedes gewiß der älteſte Freund des Andern. Irgend etwas mußte Schuld daran ſein. Lag es in mir, oder in ihr? Oder in der Liſt und den An⸗ ſchlägen derjenigen, die um uns waren? Ich fuͤhlte freilich, daß bei vielen kleinen Gelegenheiten die Regungen eines ſtoͤckiſchen Stolzes mich zuruͤckgehalten hatten, und ich konnte auch den Argwohn nicht unterdruͤcken, daß etwas zuruͤckſtoßendes in meinem ganzen Benehmen geweſen waͤre. Aber Katharine war zu Hauſe, und ich, wenigſtens jetzt, nicht mehr als ein Gaſt. Und konnte nicht — ſtuͤckzimmer trat? Warum ritten ſie ſo oft und warum nicht? Waͤre ich eine Viertelſtun⸗ mich uͤberredete, ich haͤtte ſie in jedem moͤg⸗ rechtes im Spiele waͤre, aber ich fuͤhlte ich habe ſtarken Argwohn, daß mir die Rol⸗ ihr Geſchlecht Ruͤckſichten fodern? War dieß nicht die Entſchuldigung? Aber Lascelyne? Warum ſah ich denn, daß ſie mit ihm allein war, wenn auch nie mit mir? Warum hat⸗ te ich ſie eben am Morgen dieſes Tages ganz allein beiſammen gefunden, als ich in's Fruͤh⸗ neben einander, wenn wir Alle ausritten? de fruͤher aufgeſtanden, ſo haͤtte ja Lascelyne mich, nicht ich ihn, bei Katharine im Zim⸗ mer finden koͤnnen. Ritt ſie nicht eines ſei⸗ ner Pferde, und wie konnte man ſich wun⸗ dern, daß zwei Thiere, die ſich an einan⸗ der gewoͤhnt hatten, gern beiſammen wa⸗ ren? Ich erwog die Sache ſo laͤnge, bis ich lichen Lichte betrachtet, aber noch immer war einige Dunkelheit im Hintergrunde. Ich konnte mich nicht uͤberzeugen, daß etwas Un⸗ es, und obgleich ich mich damahl zu verſtellen glaubte, ſo muß ich doch aufrichtig geſtehen, le eines Gleichgiltigen ſchlecht genug gelang. Glauben Sie mir, der Taſchenſpieler, der jetzt ſeine Kugeln ſo kaltblütig und ſo leicht wirft, hat tuͤchtig geſchwitzt, ehe er Mei⸗ ſter in ſeiner Kunſt war, und doch waͤhrte es nicht lange, bis ich in meiner Kunſt leid⸗ lich bewandert war, wie Sie nun hoͤren ſolen. in 4*. —— —yyu———-— — 39— VIII. Ehe acht Tage voruͤber waren, wurde Ma⸗ ther's Befoͤrderung noch wahrſcheinlicher, wie die Brieſe ſeines edlen Goͤnners, deſſen Ein⸗ fluſſe er die Hoffnung eines gluͤcklichen Er⸗ folges hauptſaͤchlich, wo nicht gaͤnzlich, zu danken hatte, ihm meldeten. Die N achricht traf fruͤh Morgens ein, und in der Froͤhlich⸗ keit des Augenblickes ſchlug der Prediger ſel⸗ ber vor, dieſen Tag dem Beſuche einer ſehr ſchoͤnen Gegend zu widmen, die ungefaͤhr vier Stunden von Blackford entfernt iſt. Meine Tante wollte uns begleiten, und wir nahmen einen Korb voll Lebensmittel mit, um im Walde zu ſpeiſen. Es war der lieblichſte Maitag. Der Himmel war unbewoͤlkt und blau; jedes Baͤchlein murmelte melodiſch; das Laub hatte alle Friſche des Fruͤhlings mit den warmen Farben des Sommers, jedes Ufer war von Ginſter gelb, und die Schluͤſſelblu⸗ men waren noch nicht verwelkt, obgleich der Hagedorn und der wilde Apfelkaum uͤber ih⸗ nen ſchon ihre Bluͤtenknospen oͤffneten. — 90— Unſer Weg ging fuͤr die letzten zwei bis drei Meilen durch den alten Forſt, wo es keinen gebahnten Pfad gab, und da ich ziem⸗ lich zerſtreut war, ſo wurde ich bald von der uͤbrigen Geſellſchaft getrennt, und konnte kaum entdecken, welchen Weg ſie genommen hatten. Die Aeſte der Baͤume hingen hier und da ſo tief herab, daß ich immer Umwege machen mußte, und mich ganz im Gebuͤſche verirrte. Endlich ſah ich eine lange gruͤne Bloͤße weit in den Forſt hinein laufen, und ohne daß ich daran gedacht haͤtte, nach den Dferdeſpuren zu ſehen, gab ich meinem Klepper die Spornen und ritt in kurzem Gallop voran. Ich glaub⸗ te zuweilen Stimmen zu hoͤren, aber ich hat⸗ te an mehren Stellen friſch gefaͤllte Baͤume geſehen, und konnte daher nicht uͤberzeugt ſein, meine Geſellſchaft zu finden, wenn ich dieſem unbeſtimmten Wiederhall folgte. Ich hielt es daher fuͤr das Beßte, den Weg zum alten Schloſſe zu ſuchen, wo alle, wie ich wußte, zu einer gewiſſen Zeit eintreffen woll⸗ ten, und als ich in verſchiedenen Richtungen den Pfad vergebens geſucht hatte, war ich endlich ſo gluͤcklich, einen Foͤrſter zu finden, der 2 — 91— mir einen verſtaͤndlichen Reiſeplan gab. Ich folgte ſeiner Weiſung, und hoͤrte bald den Fluß tief unter mir aͤber die Felſen rauſchen. So bald ich einmahl den Strom im Geſichte hatte, konnte ich mich leicht zurecht finden. Ich ritt laͤngs dem Rande des hohen Felſen⸗ ufers, bis ich an eine Stelle kam, wo mein Klepper, wie ich glaubte, leicht einen Fehltritt thun konnte. Hier ſtieg ich ab, watete auf das jenſeitige Ufer, wo die Truͤmmer des Schloſſes lagen, und ging gemaͤchlich am Fluſ⸗ ſe hinauf, uͤber den weichſten Raſen und un⸗ ter dem Schatten alter Eichen und Buchen. Ich harte mich ein wenig vom Fluſſe abge⸗ wandt, und fuͤhrte meinen kleinén Hochlaͤnder ruhig uͤber den Ruͤcken einer Anhoͤhe, als ich unten eine weibliche Stimme, wie es ſchien, zu hoͤren glaubte. Ich machte einen Augen⸗ blick Halt, hoͤrte jenen Ton noch einmahl, und als ich einige Schritte vortrat, ſah ich Ka⸗ tharine und Lascelyne unter einem Baume dicht am Fluſſe ſitzen. Hohe Baͤume liefen zum Uſer hiinab, aber das Unterholz beſtand nur aus 4 Buͤſchen und Dornſtraͤuchern, und ich konnte ide deutlich ſehen, obgleich ſie vielleicht funſzig Schritte unter dem Platze waren, wo ich ſtand. Tauſend ſtuͤrmiſche Gefuͤhle durch⸗ bebten mich, und doch ergriff mich eine To⸗ deskaͤlte, als ich hinſtarrte. Sie bedeckte die Augen mit ihrer rechten Hand, als ſie nicht laut, aber doch hoͤrbar an ſeiner Seite weinte. Er hielt ihre Linke, die auf ihrem Knie lag, umſchloſſen, und ich ſah, wie er die herab⸗ rinnenden Thraͤnen aufkuͤßte. Sie zog auch die Linke zuruͤck, und beide Haͤnde auf ihr Geſicht druͤckend, ſeufzte und ſchluchzte ſie, als ob ihr Herz haͤtte brechen wollen. Ich hoͤrte ihn waͤhrend der ganzen Zeit mit ihr ſprechen, ohne jedoch ein Wort zu verſtehen, aber ich ſah ſeine gluͤhende Wange. Katharine ſtand ploͤtzlich auf, und ging einige Schritte allein am Ufer hin. Nach einer Pauſe folgte er ihr. Ich ſah, wie er ihre Hand faßte, und an ſeine Lippen druͤckte; ich ſah, wie ſie ei⸗ nen Augenblick rang, ſich loszumachen, und dann ihr Haupt auf ſeine Schulter legte; ich ſah— ja ich ſah's mit meinen Augen, wie er ſie umſchlang— ich ſah ſie beide unter den Baͤumen wegſchleichen, zoͤgernd bei jedem 1 Tritte, waͤhrend ſein Arm ſie immer umfaßs — 93— hielt. Himmel und Erde, ich ſah all dieß ſo deutlich, als ich dieſes Papier vor mir ſehe; und dennoch, als ſie eine Weile aus meinen Blicken verſchwunden waren, war ich ruhig — ruhig ſage ich?— ja ich war feoͤhlich, ich fuͤhlte eine erhebende Regung in meinem In⸗ nern. Ich pfiff laut, ſpornte mein Pferd, und buͤckte mich munter auf dem Sattel, um den herabhangenden Zweigen auszuweichen. Ich ſah bald die alten efeubewachſenen Mauern des Schloſſes, flog froͤhlich uͤber den Raſen, bis ich die Bruͤcke erreichte, und als ich den Dienſtboten, die um die Truͤmmer herumſchlenderten, mein Pferd gegeben hatte, ging ich zu dem Prediger und meiner Tante, die bereits in einem Fenſter des ehemahligen Schloßſaales ſaßen. Die Mahlzeit war nicht weit von ihnen auf dem grasbewachſenen Fuß⸗ boden in beßter Ordnung angerichtet. Haben Sie uns endlich gefunden, Mat⸗ thaͤus? ſprach Mather. Ich fuͤrchtete ſchon, Sie wuͤrden nach dem Pudding kommen.*) »“) Der Pudding wiod gewöhnlich zutetzt aufgetragen. L. — 94— O ſo fangen Sie mich nicht! rief ich froͤhlich, wie eine Lerche. Nun, ſo wollte, ich, die jungen Leute waͤ⸗ ren auch wieder da, antwortete er. Man hat ſie ſchon eine halbe Stunde geſucht. Wirklich? ſprach ich. Es thut mir ſehr leid, daß ſie ihre Zeit mit einer ſolchen un⸗ nuͤtzen Jagd verloren haben. Man koͤnn⸗ te hier eine ganze Woche lang umher wan⸗ dern, ohne entdeckt zu werden. Ich habe nie eine ſolche Wildniß geſehen. Aber ich glaube, ich muß nun ſehen, ob ich ſie nicht finden kann. Ich ging in dieſer Stimmung zum Thor⸗ wege, und ſah zum Gluͤcke, daß ſie ſchon den Ort erreicht hatten, wo die Dienſtboten mit den Pferden waren. Katharine hatte ihre Haube tief in die Augen gezogen, aber ſie laͤchelte ſehr ſuͤß, doch ein wenig verlegen, wie es mir vorkam, als ich ihr ſagte, daß wir auf ſie warteten, und fuͤr die Beſchwer⸗ de, die ich gemacht hatte, um Verzeihung bat. Auch mit Lascelyne ſprach ich ſo fein, ſo fröhlich, ſo munter, daß es eine Luſt war. Kurz, ich war die Seele des Mahles; ich war's, der die Stoͤpſel auszog und die Pa⸗ 4 ſtete vorlegte, ich war's, der den ſteilen Abhang hinablief, die Flaſchen mit Waſſer zu fuͤllen, ich, der jedem das Glas fuͤllte, und ich leerte allein ſo viele Glaͤſer, als zwei von den Uebrigen. Ich plapperte mit einer Froͤhlichkeit und einer Lebendigkeit, die nichts hemmen, der nichts widerſtehen konnte. Alle waren anfaͤnglich ein wenig befremdet uͤber die Veraͤnderung in meinem Benehmen, beſonders Lascelyne; aber ich machte, daß bald Alle ſo herzlich lachten, als ich ſelber. Auch Katharine, die ſchoͤne Thraͤnenreiche aus dem Walde, auch ſie lachte; aber ich beobachtete ihr Auge, und als ich ein Paar⸗ mahl ihrem Blicke begegnete, ſah ich, daß es hinter dieſem Strahlenglanze duͤſter war. Ich erhielt mich auch auf dem groͤßten Theile des Heimweges in dieſer gluͤcklichen Laune, blieb aber abſichtlich wieder eine ziem⸗ liche Strecke hinter der uͤbrigen Geſellſchaft zuruͤck, ehe wir Blackford erreichten. Als ich heim kam, fragte ich ſogleich nach dem Pre⸗ diger, und erfuhr, daß er ſo eben in den Garten gegangen war. Ich folgte ihm, und fand ihn allein zwiſchen den Blumenbeeten. — 96— Ich habe mit Ihnen allein zu ſprechen gewuͤnſcht, hob ich an. Iſt es Ihnen jetzt gefaͤllig?.— Allerdings— ja allerdings, war ſei⸗ ne Antwort, und icht zoͤgerte nicht einen Au⸗ genblick. Nun denn, Herr Mather, hob ich an, Sie haben zwar zu viel Zartgefuͤhl gehabt, ſich daruͤber zu aͤußern, ich weiß jedoch recht wohl, daß meine unerwartete Ruͤckkehr von St. Andrews Sie uͤberraſcht hat. Aber hoͤ⸗ ren Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe, und Sie werden gewiß einſehen, daß ich nicht wohl anders handeln konnte. Ei Sie nehmen ja nun die Sache ganz ernſthaft, fiel er ein. Nun ja, aufrichtig geſagt, ich thue es. Doch— ohne weitre Vorrede, Herr Ma⸗ ther, Sie wiſſen ſo gut als ich, wie alt ich bin, und ich fange in der That an zu glau⸗ ben, daß es hohe Zeit ſei, an die Wahl eines Berufes zu denken. Nichts kann paſſender ſein. Ganz natuͤr⸗ lich— ganz wie ſich's gebuͤhrt. Wohlan denn, Herr Mather, um gleich zur Sache zu kommen, ich wuͤnſche genau zu wiſſen, wie viel mein Erbtheil betraͤgt. Ich weiß wohl, daß es ſehr unbetraͤchtlich iſt, aber auf einen unbedeutenden Unter⸗ ſchied kann in einem ſolchen Falle doch etwas ankommen. Das iſt gewiß ſehr bedachtſam von Ih⸗ nen, mein junger Freund; aber ich bin uͤber⸗ zeugt, Sie werden nicht glauben, daß ihre Freunde nicht ſehr bereitwillig waͤren, Ihnen in allem, was zu ihrem Vortheile gereicht, beizuſtehen, wenn Sie eines ſolchen Beiſtan⸗ des beduͤrfen ſollten. Was aber ihr Erbtheit anlangt, ſo iſt dieß die erſte Frage, und ſie laͤßt ſich leicht beantworten. Ihr Vermoͤgen betraͤgt jetzt nicht mehr als etwa tauſend Pfund. 3 b Voͤllig hinlaͤnglich, ſprach ich froͤhlich, voͤllig hinlaͤnglich fuͤr meine Abſichten, ich verſichere es Ihnen. Allerdings voͤllig hinlaͤnglich, Sie in Stand zu ſetzen, ſich alle Ausbildung zu geben, die Sie in ihrem Vaterlande erhalten koͤnnen, und Sie in jeden ehrenvollen Be⸗ ruf, den Sie waͤhlen, anſtaͤndig einzufuͤh⸗ Erſter Theil. 7 — 98— ren. Darf ich fragen, ob Sie ſchon zu irgend einem Berufe ſich beſtimmt haben? Nicht doch, gab ich zur Antwort. Ich muß ehrlich geſtehen, daß ich uͤber dieſen Punkt noch ſehr unſchluͤſſig bin, und auf⸗ richtig geſagt, ich glaube, es kann nicht ſcha⸗ den, wenn ich erſt die Welt ein wenig mehr kennen lerne, ehe ich uͤber meinen kuͤnftigen Beruf entſcheide. Ich daͤchte, es koͤnnte gar nicht ſchaden, ein Paar Jahre auf Reiſen zu gehen und mich umzuſehen. O nein, gewiß nicht, antwortete er, auf keine Weiſe. Sie koͤnnen es ausfuͤhren, und warum alſo unterlaſſen? Ein bischen Reiſen iſt fuͤr jeden jungen Mann ſehr erſprießlich. Herr Lascelyne iſt drei Jahre auf dem veſten Lande geweſen, und er kann Ihnen alle Auskunft uͤber Reiſewege und andre Umſtaͤn⸗ de geben. Aber wuͤrden Sie denn gern ganz allein gehen wollen? Ganz gewiß allein, war meine Antwort. Einen Hofmeiſter mitzunehmen, kann ich nicht ausfuͤhren, und Freunde und Reiſege⸗ faͤhrten ſinde ich ohne Zweifel uͤberall. Wenn Sie es billigen, ſo moͤchte ich zuerſt nach Leyden gehen. Ich kenne mehre junge Maͤn⸗ ner, die von St. Andrews dahin gegangen ſind, und allen gefaͤllt es ſehr. Ein vortrefflicher Gedanke— ein ſehr verſtaͤndiger Gedanke, ſprach der Prediger. Leyden iſt eine herrlich eingerichtete Untverſitaͤt. Haben Sie ihre Gedanken auf die Rechte gee richtet, oder auf die Heilkunde, oder Doch ich darf wohl ſagen, Sie haben keine 3 Neigung zum geiſtlichen Stande. e Ich laͤchelte verneinend. A Nun, wozu Sie ſich auch immer ent⸗ ſchließen moͤgen, Sie werden dort die beßte Vorbereitung machen koͤnnen. Da iſt der be⸗ ruͤhmte Doctor Vantomius, der allein Tau⸗ ſende aufwiegt— und Zuillius, und der große Wolfius, und Van Bore dazu. Und dann iſt's eine unverdorbene proteſtantiſche Univerſitaͤt— vortreffliche calviniſtiſche Theologen. Und wann wuͤrden Sie denn abreiſen wollen? Sogleich, erwiderte ich. Warum Zeit verlieren? Sogleich— auf der Stelle— morgen fruͤh. 8 Ja, allerdings, ſprach er, und ich ſah ſeine Augen funkeln: allerdings, wie Sie 7* — 100— * richtig bemerken, warum Zeit verlieren? Ihre Sachen ſind in St. Andrews; ſie koͤn⸗ nen leicht nach Edinburgh geſchafft werden, und von dort gehen woͤchentlich, glaube ich, Schiffe nach Rotterdam.— Aber, lieber Himmel, was fuͤr ein kurzer Beſuch waͤre dieß dann! Ihre Tante und Katharine wer⸗ den ſich gewiß ſehr daruͤber betruͤben. Aber, wie Sie bemerken, die Zeit iſt koſtbar. Schoͤ⸗ nes Reiſewetter haben Sie auch, und koͤnn⸗ ten's nicht beſſer finden, wenn Sie noch ein Jahr warten wollten. Der Prediger faßte ſehr freundlich und ver⸗ traulich meinen Arm, als wir mit einander einen Gang um den Garten machten und uns dem Hauſe naͤherten. Ich ließ ihn abſichtlich allein hinein gehen, und erſchien nicht eher, bis der Ton der Glocke ankuͤndigte, daß die ganze Familie, die Dienſtboten mit einge⸗ ſchloſſen, ſich zum Gebete verſammelten. Ich erat in's Wohnzimmer, nahm meinen Platz in einem Fenſter, und behielt immer, we⸗ nigſtens glaubte ich's, den vollkommenſten Anſchein ruhiger Faſſung. Es entging mir indeß nicht, daß Katha⸗ — — 2 4 — 1942— rine, die mir gegenuͤber ſaß, zwar nie ihre Augen von dem Pſalmenbuche aufſchlug, aber auch nie ihren Mund zum Singen oͤffnete. Die hellen Toͤne ihrer Stimme ſchwiegen. Ihre Lippen waren bleich und zuſammenge⸗ preßt, und ich ſah ein Paarmahl, daß ſie zitterten, wie ſehr ſie ſich auch Gewalt an⸗ that. Als wir uns von den Knieen erhoben, ging ſie mit den Dienſtboten hinaus, und ih⸗ re Mutter, die ihr gefolgt war, kam nach einigen Minuten zuruͤck, und ſagte uns, Katharine waͤre von ihrem Ritte ſehr ermuͤ⸗ det und haͤtte ſo heftigen Kopfſchmerz, daß ſie zu Bette gegangen waͤre. Ich ſagte nichts, heftete aber meine Blicke auf Lascelyne. Er biß ſich in die Lippe, und wendete ſich weg, um ein Buch zu nehmen. Meine Plane wurden bei Tiſche ziemlich umſtaͤndlich eroͤrtert, und Lascelyne ſchwatzte ſehr leicht uͤber Packetboͤte, Poſten, Wechſel, Amſterdam, Paris, Pyrenaͤen und Po. Ich ging zuletzt hinauf, und obgleich ich ſo ſchnell als moͤglich vor Katharinens Thuͤre voruͤber⸗ ging, ſo konnte ich doch meine Ohren nicht verſchließen. Es herrſchte tiefes Schweigen im Hauſe, und ich hoͤrte ein Paarmahl nach kurzen Zwiſchenraͤumen tief und ſchwer ſchluch⸗ zen. Ich wartete einen Augenblick und eilte dann in meine Dachſtube hinauf. Ich hatte die Saite auf's Hoͤchſte angeſpannt. Mein Herz war voll und es wuͤrde gebrochen ſein, wenn ich nicht meinen Gefuͤhlen nachgegeben haͤt⸗ te. Ich warf mich halb entkleidet auf mein Bett, und weinte wie ein Kind. Und war⸗ um nicht? Ich war ein Knabe, nichts als ein Knabe. Dch brachte die ganze Nacht ſchlaflos zu, und als ich gegen fuͤnf Uhr aufſtand, waren meine Augen entſetzlich roth und geſchwollen, und je mehr ich ſie wuſch, deſto ſchlimmer ſchienen ſie zu werden.„Nein, nein, ſprach mein Stolz, ſo geht's nicht. Dieß wenig⸗ ſtens ſoll man nicht ſehen.“ Ich kleidete mich an, ſchlich ſo leiſe als moͤglich hinunter, und ging in's Wohnzim⸗ mer, um einige Zeilen an Mather zu ſchrei⸗ ben. Ich ſchrieb zwei bis drei Briefe, und zerriß alle wieder.„Es wird eben ſo gut ſein, dachte ich, wenn ich vom naͤchſten Dor⸗ fe ſchreibe, oder noch beſſer aus der erſten — 403— Stadt, wo ich mich aufhalte. Ich kann ſa⸗ gen, ich waͤre ſpazieren gegangen, und der ſchone Morgen haͤtte mich verleitet, meine Wanderung ſogleich anzutreten. Ich kann auch ſagen, der Gedanke an das Abſchiedneh⸗ men waͤre mir verhaßt, und das wenigſtens wird wahr genug ſein.“ Ich hatte einen Fenſterladen gedffnet, und meinte nun, es waͤre eben ſo gut, ihn wieder zuzumachen. Als ich auf den Zehen durch das Zimmer ging, ſielen meine Blicke auf zwei kleine ſchwarze Schattenriſſe von Katharine und mir, die einſt, als wir Kin⸗ der waren, ein wandernder Mahler gemacht hatte, und die ſeitdem uͤber dem Kamin hingen. Ich nahm Katharinens Bild herab, und hielt es einige Minuten in der Hand, aber die Thorheit des Gedankens leuchtete mir alsbald ein, und ich brachte es wieder an ſeine Stelle. Ihr Arbeittiſch ſtand am Fen⸗ ſter. Ich war ſo thoͤrig, die Schieblade zu oͤffnen. Ein blaues Leibband fiel mir zuerſt in die Augen, und ich ſteckte es wie ein Dieb in meinen Buſen. Ich machte darauf — 104— den Fenſterladen wieder zu, und ging durch die Hinterthuͤre aus dem Hauſe. Ein ſchoͤner ſtiller Morgen graute. Es regte ſich kein Laut, als der Geſang der Voͤgel in den Baͤumen. Ich ging ein Paar⸗ mahl durch den Garten, der dicht am Hau⸗ ſe lag, ſaß einen Augenblick in der Laube, wo mein Vater geſtorben war, und machte mich dann mit ſchnellen Schritten auf den Weg. Ich kann die Gefuͤhle nicht beſchreiben, womit ich von der Bruͤcke den Abſchiedsblick auf Blackford warf. Der Stolz, die Verach⸗ tung, die heiße Verachtung, die in meiner Seele ſiedeten— die kalte, eiſige Qual im Herzen— in dem zerriſſenen, zertretenen Her⸗ zen! Ich zog das blaue Band aus meinem Bu⸗ ſen, kuͤßte es einmahl, als ich es aufwickelte, und warf es in's Waſſer hinab. Es ſiel in eine der Lachen zwiſchen den Felſen, wo wir einſt unſre Schiffchen ſegeln ließen. Ich ſah ihm nach, bis es unter der Bruͤcke war, und ging voran. — IX. Nach einem kurzen Aufenthalte in St. An⸗ drews, machte ich einige ſchon lange verſpro⸗ chene Beſuche bei einigen meiner akademiſchen Freunde, die in der Umgegend wohnten, und kam gegen Ende des Monats in Edinburgh an. Eine meiner erſten Angelegenheiten war, den Mann aufzuſuchen, von welchem ich, wie Ma⸗ ther mir geſchrieben hatte, Geld zu meiner Reiſe und meinen dringendſten Ausgaben im Auslande erhalten ſollte. Er empfing mich ſehr hoͤflich, und uͤberraſchte mich nicht wenig durch die Nachricht, daß Mather, im Nahmen ſei⸗ ner Frau, als meiner Vormuͤnderinn, den ge⸗ ſammten Betrag meines Vermoͤgens einem Wechſelhauſe in Edinburgh uͤbergeben hatte, und daß ich, gegen Unterzeichnung der noͤthi⸗ gen Urkunden, wenn ich wollte, ſogleich zum voͤlligen und unbeſchraͤnken Beſitze des Gel⸗ des gelangen konnte. Dieſes Benehmen kam mir ziemlich ſonderbar vor; nach kurzer Er⸗ waͤgung aber war ich damit doch ſehr zufrie⸗ — 106— — n.„Ich bin alſo ganz ausgeſtoßen, ſprach 19 zu mir ſelbſt. Nun, Gott ſei Dank, ich gehe doch nicht ganz entbloͤßt in die weite Welt, und das iſt ein Troſt.“ Kurz, ich un⸗ terzeichnete am naͤchſten Tage die Erledigung⸗ ſcheine, und ging mit einer Anweiſung auf mein Geld in die Wechſelbank. Es war an⸗ faͤnglich meine Abſicht, mir hundert Guineen auszahlen zu laſſen und damit nach Holland zu gehen; als man aber funfzig Goldſtuͤcke aufgezählt hatte, kam mir der Haufen ſo un⸗ geheuer vor, daß ich den ubrigen Theil mei⸗ nes Reichthums ließ, wo er war. Wenn jemand eine Summe Geldes, ent⸗ weder in baarer Muͤnze, wie hier, oder auch in einer weniger koͤrperlichen Geſtalt in der Taſche hat, ſo wird er eben ſo wohlgemuth wer⸗ den, als wenn er ein Glas Champagner hin⸗ abſtuͤrzt. So habe ich's wenigſtens immer ge⸗ funden, und auch bei dieſer Gelegenheit zeigte ſich keine Ausnahme. Ich ging nach Leith, um wegen der, nach Rotterdam gehenden Fahr⸗ zeuge Erkundigung einzuziehen, und mein Schritt war weit prahleriſcher und dabet zu⸗ gleich gemaͤchlicher, als er geweſen ſein wuͤrde, — 4107— wenn ich nur ſo viel im Beutel gehabt häͤtte, um meinen Platz auf dem Schiffe zu bezah⸗ len. Man wies mich in eine Schenke unweit des Hafendammes, wo bis auf dieſe Stunde, wie ich glaube, die Schiffer ſich gewoͤhnlich verſammeln. Einer der lebhafteſten Hollaͤn⸗ der gab mir die Nachricht, an demſelben Mor⸗ gen waͤre ein Schiff in ſein Vaterland abge⸗ 3 geiſet, und genau in vierzehn Tagen wuͤrde ein anderes nachfolgen. 4 Nicht wenig verdruͤßlich aͤber dieſe verei⸗ telte Erwartung, kehrte ich in's weiße Roß in Canongate.*) zuruͤck, da kam auf dem Wege nach Leith mein alter Stubenburſche, Hans Todd, ein ſo gutmuͤthiger und wohlge⸗ ſitteter Junge, als je einer das rothe Stu⸗ dentenkleid trug, ſich ſpreizend, wie ein Stuz⸗ zer wenigſtens zweiter Groͤße, mir entgegen. Er hatte ſeine zerwaſchenen Zeughoſen endlich abgelegt, und trug nicht mehr Baumwollen⸗ *) Straße in Edinburgh, die von einem ehemahligen Chorherrnſtift den Nahmen hat, nicht Kanonen⸗ ſtraße, wie ſie in einer neuern Reiſebeſchreibung genannt wird. L. — 108— ſtruͤmpfe, die in der Ferne fuͤr ſeidene gehal⸗ ten werden ſollten; nein, er hatte ſich ſo glänzend herausgeputzt, daß ich vermuthlich an ihm voruͤbergegangen waͤre, wenn er mich nicht erkannt haͤtte. Wir gruͤßten uns auf das herzlichſte, und waren noch nicht zehn Minuten beiſammen geweſen, ſo wußte ich ſchon, daß er bei ſeinem Bruder, einem ziem⸗ lich angeſehenen Sachwalter, in der Lehre ſtand, wogegen ich ihm erzaͤhlt hatte, was der Zweck meiner Reiſe war, und welche Taͤu⸗ ſchung mich verdruͤßlich machte. Er verrieth ſo warme Theilnahme an meinen Angelegen⸗ heiten, daß ich ihm, waͤhrend wir welter gine gen, offenherzig entdeckte, welche Ausſichten ich hatte, und wie es um meine Vermoͤgens⸗ umſtände ſtand. Als mein Freund von den tauſend Pfund hoͤrte, ſagte er, ich waͤre ein gluͤcklicher Kerl; wenige junge Leute traͤten mit ſo herrlichen Mitteln ins Leben, und es wuͤrde meine Schuld ſein, wenn ich nicht in jedem Berufe, den ich waͤhlte, glucklich waͤ⸗ re.„Da iſt mein Bruder Nathanael, ſprach er. Wirſt Du's glauben? Er hatte nur hun⸗ dert Pfund, als er anfing, und nun, ſeit er — 109— zwoͤlf bis funfzehn Jahre in Edinburgh iſt, glaubt man allgemein, er gehoͤre zu denjeni⸗ gen, die immer hoͤher ſteigen, und doch habe ich ihn oft ſagen hoͤren, er wuͤrde ſchon ſeit vielen Jahren der Erſte in ſeinem Berufe ſein, wenn er nur ein Paar hundert Pfund mehr zum Anfange gehabt haͤtte.— Wahrlich, ich wundre mich, wie Du daran denken kannſt, deine Zeit in Holland zu verſchwenden. Was laͤßt ſich in Leyden beſſer lernen, als in St. Andrews, oder in Edinburgh? Wozu ſoll man ſich mit all dem hollaͤndiſchen Kauder⸗ welſch betaͤuben? Warum bleibſt Du nicht, wo Du biſt, Wald? Hier findeſt Du Freun⸗ de und Bekannte in Menge, dort wirſt Du ewig ein Fremdling ſein. Weg mit Hol⸗ land!“ 1 Er bat mich endlich dringend, mit ihm bei ſeinem Bruder zu ſpeiſen, und ich gad azu ohne Schwierigkeit meine Einwilligung. Er fuͤhrte mich ſechs bis ſieben Treppen hoch in eine ſehr niedliche kleine Wohnung, wo alles ein gedeihliches Geſchaͤft, Wohlhaben⸗ heit, Lebensgenuß und guten Geſchmack ver⸗ rieth. Todd ließ mich auf einen Augenblick .— 110— unter drei bis vier ſcharfaugigen Schreibern, die in einem Zimmer, das mit gruͤnen Ver⸗ ſchlägen und mit Schriftenſtoͤßen umgeben war, ihre Federn munter arbeiten ließen. Er fuͤhrte mich dann in das Zimmer des Hausherrn, der, in einem Armſtuhle ſitzend⸗ dem Mitlehrlinge meines Freundes, welcher auf einem dreibeinigen Stuhle an einem ho⸗ hen Tiſche ihm gegenuͤber ſaß, in die Feder ſagte⸗ Todd hatte mich ohne Zweifel vor meiner Erſcheinung auf's Beßte empfohlen, denn ſein Bruder empfing mich ſehr freundlich und lieb⸗ reich. Ich war uͤberraſcht, bei einem, offen⸗ bar ſo tief in Geſchaͤfte verſenkten Manne ein ſo heiteres, offenes, wohlgelauntes, roſiges und munteres Geſicht zu finden. Ich dachte nicht, daß es einen ſolchen Rechtsgelehrten in der Welt gaͤbe, am wenigſten einen ſolchen Sachwalter. Und dann hatte er ſo ſehr das Anſehen eines Mannes von Stande, ſo vor nehm ausſehende ſchwarze Atlas⸗Beinkleider, ſo herrliche lange Spitzenmanſchetten, ſo glaͤnzen⸗ de Schnallen. Es war in der That uͤberra⸗ ſchend fuͤr mich, einen Mann ſeines Berufes zu ſehen, ſo ungleich allen ſpottenden Schil⸗ — 144— derungen, womit ich genau bekannt war, ſo ganz verſchieden von den trocknen, vergelb⸗ ten, klapperduͤrren, ſtarr blickenden, runzeli⸗ gen Zungendreſchern in den Komoͤdienbuͤchern. Das war ſchon ſonderbar genug, aber dage⸗ gen eher eine angenehme als eine ſeltſame Entdeckung, daß ein ſolcher Mann auf einer ſolchen Lebensbahn nicht nur wandeln, ſon⸗ dern gar ſo herrlich gedeihen konnte. Dieſer Umſtand war genug, um funfzig alte Vor⸗ urtheile zu Schanden zu machen. Es war ein halber Feiertag, und die Schrei⸗ ber wurden fruͤh entlaſſen. Ich ſetzte mich zu einer koͤſtlichen Mahlzeit, in Geſellſchaft der beiden Bruͤder und eines Freundes, wel⸗ cher, wie ich nachher erfuhr, ein Gutsherr aus der Grafſchaft Aberdeen war, deſſen Rechtsſachen mein wackerer Wirth beſorgte, ein ſtolz ausſehender, langer, hagerer Mann. Herr Todd ließ die Flaſche munter umherge⸗ hen, und aͤußerte, daß er nach mehrtaͤgiger ſchwerer Arbeit berechtigt zu ſein glaubte, der Freundſchaft einen Abend zu widmen. „Und in der That, Multurelaws, ſprach er zu dem Gutsherrn, wie ſollten wir arme * — 112— Teufel ſonſt durchkommen, die wir im Schweiße unſres Angeſichts uns erhalten muͤſ⸗ ſen, wenn wir nicht zuweilen ſolche Erhoh⸗ lungen hätten. Ich liebe mein Geſchaͤft; ich verdanke meinem Berufe alles und habe ihn gern. Aber weg damit— und gern noͤchte ich einmahl in der Woche den Herrn ſpielen, wenn ich koͤnnte.“ Wenn Ihr koͤnntet! rief der Gutsherr. Ja, Todd, Ihr wollt unſer Einen zum Beß⸗ 8 ten haben. Ihr denkt, weil ich ſo weit hin⸗ auf nach den Bergen wohne, ließe ich mir ſchon was aufheften. Nun, nun— ſprach der ehrliche Rechts⸗ mann, die Flaſche weiter ſchiebend: ich will gar nichts ſagen. Hohl' es der Daus! Ihr ſeid ſo ſcharf bei Euch, daß ein ſchlichter Mann nur ausgelacht wird fuͤr ſeine Muͤhe, wenn er vor Einem von Euch von der Leber weg ſpricht. Aber haltet Ihr mich denn wirk⸗ lich fuͤr einen ausgemachten Narren, Multu⸗ relaws? Habe ich nicht ſehende Augen und Gefuͤhl in meinen Fingern? O daran zweifelt der Teufel, ſprach der Gutsherr. ⁸ ½ — 113— Sehn Sie doch, Herr Wald, fuhr un⸗ ſer Wirth fort, wie ſpoͤttiſch Herr Corneraik von Multurelaws ſprechen kann! Ja, er macht den Mund nicht auf, ohne daß eine Hoͤhnerei heraus kaͤme, die Einen ganz der⸗ bluͤfft machen koͤnnte, wenn man nicht wuͤß⸗ te, daß er's nicht boͤſe meint.— Nun, die Flaſche herum! Hohl's der Daus! Niemand laͤßt ſich gern zum Narren machen. Die Glaͤ⸗ ſer gefuͤllt! Jeder, ſag' ich.— O Herr Wald, fuhr er fort, als er ſein Glas lang⸗ ſam geſchluͤrft hatte: da ſehen Sie, was es heißt, fleißig ſein. Mit Betriebſamkeit bringt man'’s zu etwas in der Welt. Betriebſam⸗ keit ſetzt mich in den Stand, Euch eine ſo gute Flaſche Wein vorzuſetzen, als ſich hier herum ſonſt nicht finden laͤßt. Aber wenn Fleiß und Achtſamkeit— die Guͤte wuͤrdiger Freunde freilich nicht zu vergeſſen, ſetzte er hinzu, vor dem Gutsherrn ſich verbeugend — fuͤr mich ſo viel gethan haben, was fuͤr Ausſichten haͤtten denn Sie nicht, Herr Wald. O Sie wiſſen nicht, Sie ſind noch nicht alt genug es zu wiſſen, mit welchen Vortheilen Sie in die Welt treten. Ich— Erſter Theil. 8 8 5 D — 114— jedermann weiß es, und warum ſollte ich mich ſchaͤmen, es zu ſagen— ich, lieber Herr Wald, ich bin, wie man zu ſagen pflegt, ein bloßer terrae filius; ich bin gar nichts, mein Bruder hier und ich, wir wiſſen nicht einmahl, wer unſer Großvater war. Aber Sie, Herr Wald, Sie haben, hoͤre ich, ei⸗ nen Stammbaum wie ein Lord. Eine alte Abkunft, eine ununterbrochene Abſtammung, Multurelaws, beinahe ſo edel als die euri⸗ ge. Das iſt ein Ding, das ſich durch Fleiß nicht erwerben laͤßt. Nein, meine Herrn, ich kenne meine Stelle, ich fuͤhle es, wo mein Platz iſt, ich weiß, wo ich bin. Gott helfe mir, haͤtte ich nur ein Paar Unzen von eu⸗ erm Blute in meinen Adern, was fuͤr ein Mann wuͤrde ich nicht jetzt ſein! Nichts kann uns Verguͤtung geben, wenn's daran fehlt. Das Heroldsamt kann uns wohl ein Wappen ge⸗ ben, ja wir koͤnnen auch, wenn wir die Sai⸗ ten recht hoch ſpannen, zu Schildhaltern kom⸗ men; aber was hilft Schwatzen! Nein, nein— Hohl' es der Daus! Der Koͤnig ſelbſt kann das Blut nicht anders machen. Waͤhrend dieſer Herzensergießung ruͤckte 2. — 115— der Gutsherr von Multurelaws oft hin und her auf ſeinem Stuhle, und auch der Aus⸗ druck ſeiner Zuͤge ging vom Spaßhaften in's Stolze uͤber, und beinahe ſo oft, doch nicht ganz, wieder ruͤckwaͤrts.„Ich will Schimpf und Schande haben, Todd, Schimpf und Schan⸗ de, wenn Ihr nicht unrecht daran thut, ganz unrecht, vor einem jungen Manne, wie Herr Wald, ſozu ſprechen. Sitten machen den Mann, Herr Todd, das koͤnnt Ihr mir glauben.“ Ich kann Euch das nicht zugeben, Mul⸗ turelaws, ſprach der Sachwalter, ſein freund⸗ liches Auge aufſchlagend: nein, der Mann macht die Sitten. Was hilft da Reden! Wir koͤnnen nie den rechten Ton treffen; wir ha⸗ ben unſre eigenen Dinge fuͤr uns, und es iſt auch viel gutes darunter, und wir ſollen dankbar dafuͤr ſein; aber wir koͤnnen doch nie dahin kommen, wie koͤnnen wir den Stil der alten terrarum domii exrreichen. Der Gutsherr brach um neun Uhr ziem⸗ lich benebelt auf, da er um dieſe Zeit zum Abendeſſen eingeladen war. Herr Todd, ſein Bruder und ich ſetzten uns an einen kleinen runden Tiſch. Es knuͤpfte ſich eine freie und 8* ——————— - 1416— vertrauliche Unterredung an, und ich, durch die Freundlichkeit des Mannes und ſeines Benehmens gewonnen, durch den feurigen Medoe erwaͤrmt, erzaͤhlte mehr und verrieth noch mehr von meinen Familienangelegenhei⸗ ten, als ich fuͤnf Stunden fruͤher es fuͤr moͤglich gehalten haͤtte, je einem Menſchen zu entdecken. Die Theilnahme, die meine Mittheie lungen erweckten, war nicht minder merk⸗ wuͤrdig, als der Scharfblick, womit mein aͤl⸗ terer Zuhoͤrer ihren Inhalt ergaͤnzte. Ich fand bald, daß ich beinahe alles offenbart hatte, aber ich fühlte auch, ich hatte es einem Freunde offenbart. Er ſchickte einen Dienſt⸗ boten in mein Wirthshaus, mein Felleiſen hohlen zu laſſen. Ich bezog das Zimmer mei⸗ nes alten Stubenburſchen, und war unter einem wahrhaft gaſtfreien Dache. 8 Ich ſah meinen freundlichen Wirth erſt zur Eſſenszeit am folgenden Tage wieder. Sein Bruder hatte ein Geſchaͤft außer der Stadt und kam nicht zu Tiſche. Ich hatte den Mor⸗ gen damit zugebracht, die Merkwuͤrdigkeiten des Ortes zu ſehen. Abends fuͤhrte Herr Todd mich ins Theater, und wir gingen von da in einen jener finſtern Sammelplaͤtze, die damahl unter dem Nahmen Auſterkeller be⸗ liebt waren. Nach dem Abendeſſen wurde der Punſch kundig gemiſcht, und die Glaͤſer bis an den Rand fuͤllend, hob mein Freund an:„Sie werden kaum rathen, liebes Freundchen, wie ich dieſen Morgen, we⸗ nigſtens einen großen Theil davon, zugebracht habe.⸗ Nein, gewiß nicht, Herr Todd. Wie koͤnnte ich das! Thut auch nichts! Aber Ihr ſollt's hoͤ⸗ ren, huͤbſches Freundchen, Ihr ſollt's hoͤ⸗ ren. Nun, ſo wiſſen Sie denn, fuhr er ——— 3 —— — 4418— nach einer kurzen Pauſe fort: ich bin in der Regiſtratur geweſen, und habe die Urkunden uͤber das Gut Blackford ein wenig angeſe⸗ hen.— Schenkt Euch ein, lieber Wald, ich habe Neuigkeiten, die Euch in Erſtannen ſetzen werden. Nun, nichts von dieſen Angelegenheiten wird mich ſonderlich anziehen künden, war meine Antwort. Gemach, gemach! fliſterte er mit einem freundlichen Laͤcheln uͤberlegener Einſicht. Was wuͤrden Sie ſagen, wenn ihres Va⸗ ters letzter Wille nichts als verlorenes Papier waͤre? Ich wuͤrde nichts daruͤber ſagen, erwi⸗ derte ich. Es iſt ſein Wille, und das iſt ge⸗ nug. Viel Zartgefuͤhl, mein junger Freund, viel Zartgefuͤhl, aber hoͤren Sie mich doch an. Wenn Sie erſt ſo lange in der Welt gelebt haben, als ich, werden Sie wiſſen, daß ſelten jemand der beßte Richter in ſeinen eigenen Angelegenheiten iſt. Sie werden es mir mittlerweile verzeihen, daß ich ſo frei geweſen bin, fuͤr Sie ein bischen in die ihri⸗ 9 — 4419— 3 gen zu blicken.— Ihr liebt eure Paſe⸗ Wald? Ich erroͤthete, halb mich getroffen fo⸗ lend, halb erzuͤrnt. Er ſchwieg einen Augenblick, ehe er fort; fuhr: Und ſie liebt Euch— Ich druͤckte laͤchelnd meine Verachtung aus, Sie liebte Euch aber gewiß. Poſſen! Wir waren Kinder. Sie iſt ſehr unter dem Einfluſſe ihrer Mutter und des Mannes ihrer Mutter. Ohne Zweifel. 2 Mather verdankt ſeine Befoͤrderung ganz der Familie Lascelyne? Ich nickte bejahend. Er will dafuͤr mit Fraͤulein Katharinens Hand und dieſem alten Stammgute lohnen? Ich nickte wieder. 4 „Hatte ihr Vater ſo etwas im Auge, als er ſein Teſtament machte?— Wohlan, fuhr er fort, ſich an die Stuhllehne werfend: wir muͤſſen das nicht leiden. Ich ſage Euch, liebes Freundchen, die Sache iſt klar. Euer Vater machte ſein Teſtament nur drei Wochen — 120— vor ſeinem Tode. Ich glaube, es wird ſich, leicht beweiſen laſſen, daß er krank war, ehe er es unterſchrieb, und ſehr ſchwer wird ſich's beweiſen laſſen, daß er ſeitdem entwe⸗ der in der Kirche, oder auf dem Markte ge⸗ weſen iſt. Die Urkunde iſt nicht zwei Pence werth, und das Gut iſt euer. Dieſer ſchein⸗ heilige Schurke leitet eure Baſe, hintergeht ſie, und ſie iſt ein Werkzeug, ein Spiel⸗ werk in ſeinen Haͤnden. Wir muͤſſen dieſe Sache ſcharf ins Auge faſſen, wir muͤſſen das Gut in die rechten Haͤnde bringen. Dann werden wir Mather und Lascelyne im rechten Lichte ſehen, und was mehr iſt, Fraͤulein Wald wird ſie auch ſo ſehen. Mit einem Worte, man geht nicht redlich mit dem ar⸗ men Maͤdchen um, und dieß wird nie ge⸗ ſchehen als durch Euch— Ihre Guͤter ihr nehmen, hieße redlich mit ihr umgehen?. Ihre Guͤter? Das heißt die Frage zum Satze machen, lieber Wald. Es ſind eure Guͤ⸗ ter, ſage ich, und das Gericht wird auch ſo ſagen. Wohlan, Ihr muͤßt Muth faſſen. Nehmt die Guͤter zuruͤck, und dann koͤnnt Ihr eure * — 121— Baſe heirathen, wenn's Euch beiden gefaͤllt, wenigſtens werdet Ihr dann keinen Lascelyne mehr zum Nebenbuhler haben, oder wenn’'s Euch beliebt, ſo koͤnnt Ihr die Guͤter dem Fraͤulein geben, und es ihr uͤberlaſſen, damit und mit ihrer Hand nach Belieben zu ſchalten. Selbſt dieß wuͤrde angenehm ſein. Ich will mich gar nicht uͤber ſolche Dinge hinausſetzen, und wenn es mir moͤglich waͤ⸗ re, der Sache dieſen Ausgang zu geben, ſo wuͤrde es meinem Gefuͤhle wohl thun. Laſſen Sie mich nicht laͤnger bei meiner Schande verweilen. Moͤgen Sie nie wiſſen, mein Lieber, was es heißt, in der Tiefe eines, von Natur redlichen und ſtolzen Her⸗ zens die quaͤlende, nagende Erinnerung an eine niedrige Handlung zu verbergen! Ich fuͤndigte gegen jedes beſſere Gefuͤhl meiner Natur. Der Durſt nach Rache, der Traum, der abſcheuliche Traum eines ſtrafbaren, ſtol⸗ zen, trotzigen Sieges, waren zu viel fuͤr mich. Durch Schmeichelei verfuͤhrt, irre ge⸗ leitet, uͤberredet, verlor ich meine Selbſtbe⸗ herrſchung. Jahre haben dieſe nie zu ſuͤh⸗ nende Schande nicht gemildert. Andre haben & — 122— mir laͤngſt verziehen, ich werde mir nie ver⸗ zeihen. Ich habe dieſe Dinge zuweilen ver⸗ geſſen; aber nie, nie, ſeit es auf mei⸗ ner Lebensbahn bergab ging. Das Alter hat die Erinnerung an andre Gefuͤhle, gute und ſchlimme; eines aber laͤßt keinen Schatten, es bleibt ſelbſt. Man kann tauſend boͤſen Leidenſchaften nachgeben, und ihre Spuren durch Thraͤnen abwaſchen; aber giebt man einmahl, nur einmahl einer niedrigen nach, ſo wird man es nicht nur ſchwer, ſondern auch vergeblich finden, zu weinen. . Ich taͤuſchte mich damahl halb— nie war es mehr— durch tauſend armſelige Vor⸗ waͤnde. Ich uͤberredete mich, glaube ich, gleich vom Anfange an, daß ich nur Mather, nicht meine Baſe angriffe. Ueber die Mit⸗ tel meines Angriffes aber, uͤber die Beſtrei⸗ tung des vaͤterlichen letzten Willens, daruͤber konnte ich mich freilich nie verblenden. Der armſelige Balſam, den ich auf die Wunde legte, die das, in dieſer Hinſicht nie erlöͤ⸗ ſchende Gefuͤhl der Schuld mir ſchlug und of⸗ fen hielt, dieſer armſelige Balſam war nichts, als daß es ſtets in meiner Gewalt ſtehen — 123— wuͤrde, ungeſchehen zu machen, was ich auch immer thun moͤchte. Ich uͤberredete mich da⸗ her, daß ich nur meine Eitelkeit zu befrie⸗ digen ſuchte, und dieſes erbaͤrmliche nur war in der That mein Troſt. Aber noch einmahl, laſſen Sie mich hin⸗ weggehen uͤber etwas, das mich quaͤlt, und Sie nur betruͤben kann. Ich ließ mich durch Todd's Anſchlaͤge verleiten. Mein Plan, nach Leyden zu gehen, wurde aufgegeben, und ich uͤberließ mein kleines Vermoͤgen ſei⸗ ner Verfuͤgung. Auf mein Geſuch, ward er mir zum Vormund bei meinem Rechtſtreit beſtellt, und ich war ein Spiel in ſeiner Hand. Mehre Monate verfloſſen, ehe die Sach zur Entſcheidung kam. Lange vorher uͤber⸗ zeugt, wie ſie endigen mußte, oder vielleicht auch geneigt, einer kleinen Gefahr ſich aus⸗ zuſetzen, um ein ſo ſchoͤnes Beiſpiel von Un⸗ eigennuͤtzigkeit zur Schau zu legen, heirathete der junge Lascelyne meine Baſe. Dieſe Neu⸗ igkeit war eine empfindliche Demuͤthigung fuͤr mich, aber ich hatte eine reiche Ernte dieſer Art einzuſammeln. Ich ſchrieb heimlich an „ 4* 4 1 — 124— Katharina, und erklaͤrte ihr, daß ich meine Rechtſache aufgeben wollte. Mein Brief kam in einem unbeſchriebenen Umſchlage zuruͤck, und ich ließ der Sache ihren Fortgang. Eine Zeitlang ſchienen die Ausſichten guͤnſtig zu ſein. Es wurde klar bewieſen, daß mein Va⸗ ter nach der Unterzeichnung ſeines letzten Wil⸗ lens nicht laͤnger als drei Wochen gelebt hat⸗ te, und beinahe bewieſen, daß er waͤhrend die⸗ ſer ganzen Zeit krank geweſen war. Endlich kam der entſcheidende Tag, und es wurde dar⸗ gethan, daß alle dieſe Umſtaͤnde gar nicht er⸗ heblich waͤren, weil mein Vater am Tage vor ſeinem Tode ohne fremden Beiſtand uͤber die Bruͤcke bei Blackford gegangen war, und daß das Gemeinland gleich uͤber jener Bruͤk⸗ ke, Kraft eines alten Freibriefes, die Markt⸗ gerechtigkeit beſaß. Das Teſtament wurde daher einſtimmig fuͤr giltig erklaͤrt. Ich war Zeuge der Entſcheidung. Ich ſaß in einer Ecke der dunkeln Gallerie, un⸗ geſehen und unbeobachtet, und ſah die funf⸗ zehn alten Maͤnner*) in Purpur und feiner ») Die Geſchworenen. L. Leinwand um ihren Tiſch ſitzen. Ich ſah Mathers zierlich gepuderte Perruͤcke unter den Sachwaltern an den Schranken. Ich hoͤrte den vorſitzenden Gerichtsbeamten am Schluſſe ſeiner Rede aͤußern, daß nach der Meinung des Gerichtshofes unter den obwaltenden Umſtaͤnden den Klaͤger durchaus kein Vorwurf treffen koͤnnte; daß die Sache ſehr zweifel⸗ haft geweſen waͤre, und die Umſtaͤnde, worauf die endliche Entſcheidung waͤre gegruͤndet wor⸗ den, gewiſſe Perſonen unmoͤglich haͤtten ver⸗ muthen koͤnnen, und daß daher der Gerichts⸗ hof alles, was geſchehen waͤre, billigen, den Beklagten aber losſprechen und ihm vollen Koſtenerſatz zuerkennen muͤßte. Sie koͤnnen denken, mit welchen Gefuͤhlen ich nach Hauſe ging. 3 Am Abende dieſes Tages erfuhr ich von Todd, daß die Koſten des Rechtshandels, ſammt dem Aufwande fuͤr Beweismittel, Zeu⸗ gen, Gebuͤhren u. ſ. w. ſich auf fuͤnfhundert Pfund beliefen; aber dieß war ein unbedeu⸗ tender Punkt in der Rechnung, die ich ſelbſt machte. Ich wußte, daß dieſe Ausgabe, und der Aufwand, worein meine thoͤrigen und — 126— „ zum Theil hoͤchſt tadelnswuͤrdigen Vergnuͤgun⸗ gen waͤhrend meines Aufenthaltes in Edinburgh mich geſetzt hatten, mich beinahe zum Bett⸗ ler machen mußten. Ich glaube, die Buͤrde, die mich druͤckte, wuͤrde nicht viel ſchwerer geworden ſein, wenn man mir deutlich ge⸗ ſagt haͤtte, daß ich nicht beinahe, ſondern voͤl⸗ lig es waͤre. Alles um mich her war finſter genug; aber was war es gegen die Nacht, die ſtuͤrmiſche Nacht in meinem Innern! Ich kaͤmpfte noch mit den erſten bren⸗ nenden Regungen der Scham und der Reue, als Todd in mein Zimmer kam, und mir zwei Briefe uͤbergab. Der eine war an ihn ſelbſt gerichtet, und lautete ſo:— „Geehrter Herr. Als ich dieſen Abend „in Edinburgh ankam, erfuhr ich, daß „der Rechtshandel, worin Sie Herrn „Wald's Beiſtand geweſen ſind, entſchie⸗ „den worden iſt. Vor einiger Zeit ſand⸗ „te Herr Wald einen Brief an meine „Frau, deſſen Beantwortung ich unter den „obwaltenden Umſtaͤnden nicht fuͤr paſſend „hielt. Jetzt aber wollen Sie Herrn — 427— „Wald bemerklich machen, daß ich ge⸗ „genwaͤrtig bloß darum lieber Ihnen als „ihm ſchreibe, weil ich fuͤrchten muß, „ihm auf eine, ſeinen Gefuͤhlen empfind⸗ „liche Weiſe laͤſtig zu fallen.“ „Meine Frau und ich wuͤnſchen daher, „Sie wollen Herrn Wald, wie Sie es am „Paſſendſten achten, die Nachricht mit⸗ „theilen, daß unſer Geſchaͤftfuͤhrer den „Auftrag erhalten hat, ſaͤmmtliche Pro⸗ „zeßkoſten zu berichtigen. Sie werden „ſo guͤtig ſein, Ihre Rechnung Herrn „White zu uͤbergeben.“ „Ich habe die Ehre u. ſ. w. 4 G. Lascelyne Wald.“ 7 Als ich dieſes Schreiben geleſen hatte, ſagte ich Herrn Todd, er werde mir gewiß erlauben, eine Mittheilung ſelber zu beant⸗ worten, die mich allein anginge. Er ſah oh⸗ ne Zweifel meinen finſtern Blick, und merkte, was ich vorhatte, und wie vergeblich es ſein wuͤrde, meinen Vorſatz zu beſtreiten. Er muß⸗ te meine Geſinnungen nun wohl kennen; er nickte ernſthaft, und mit der Aeußerung, daß — 128— ich meinen eigenen Weg gehen muͤßte, verließ er mein Zimmer. Ich legte den beleidigen⸗ den Brief zuſammen, ſchrieb in den Um⸗ ſchlag:„Es empfiehlt ſich ergebenſt MN. Wald“ machte die Aufſchrift an Herrn Lascelyne und ſchickte das Schreiben ohne Zeitverluſt in das Schloß Holyrodhouſe, wo er wohnte. Ich glaube, es war uͤber eine halbe Stun⸗ de verfloſſen, ehe ich mich erinnerte, daß ich zwei Briefe erhalten hatte. Der andre war auf den Boden gefallen, und als ich ihn auf⸗ hob, erkannte ich— Sie koͤnnen denken, mit welchen Gefuͤhlen— die Handſchrift meiner Baſe. Ich las die Worte:. „Ich ſchreibe in der groͤßten Verwir⸗ „rung, und ohne daß es irgend jemand „weiß. Mein Herz blutet bei dem Ge⸗ „danken, daß ich dieſes Mittel waͤhlen „muß. Aber ich kann nicht daran den⸗ „ken, mich ſchlafen zu legen, ehe ich ge⸗ „ſagt habe, daß ich zu Gott hoffe, wir „werden uns nicht fremd werden. Ich „kann nicht glauben, daß zwiſchen uns „je Feindſchaft geweſen ſei, oder irgend † = . — 129— „etwas, das jemand Feindſchaft haͤtte nen⸗ „nen koͤnnen. Gott ſegne Sie, lieber „Vetter, und gebe Ihnen Gluͤck. K. L. W.⸗ Sonnabend, 11 Uhr Abends. Als ich dieſen Brief geleſen hatte, nahm ich mir vor, Katharine zu ſehen, was auch daraus werden moͤchte. Ich wollte mir nichts erſparen; ſie ſollte aus meinem eigenen Mun⸗ de den Ausdruck meiner ſchmerzlichen Reue hoͤren. Ich fuͤhlte eine gewiſſe Beruhigung in meiner Seele, wenn ich an dieſe tiefe De⸗ muͤthigung dachte, und ich glaubte, mein Schmerz wuͤrde um die Haͤlfte leichter wer⸗ den. Auf der Stelle verließ ich mein Zimmer und nahm meinen. Weg zu Lascelyne's Woh⸗ nung. Der Platz vor dem Eingange war, wie gewoͤhnlich, leer, aber vor dem Thore ſtanden einige ſchmutzige Buben. Der Thor⸗ waͤrter ſuchte ſie durch Schelten wegzuja⸗ gen, als ich mich naͤherte, und es wurde mir ſchwer, mit meinen Fragen bei ihm anzu⸗ kommen. Endlich ließ er ſich herab, mich anzu⸗ hoͤren. Er ſagte mir, die Edelfrau, nach wel⸗ cher ich fragte, waͤre fuͤnf Minuten fruͤher mit Erſter Theil. 9 ihrem Manne nach ihrem Landſitze in Nord⸗ Schottland abgereiſet, und die Buben, die er verjagt haͤtte, waͤren zuſammengelaufen, um die Wagen abfahren zu ſehen. Sie koͤnnen ſich denken, in welcher Abſpannung ich auf dem Heimwege die Strah Canongate hin⸗ aufging. So verwirrt und ſchwankend mein eleu⸗ der Gemuͤthzuſtand war, ſo ſah ich doch et⸗ was deutlich ein, daß ich nicht laͤnger in Edinburgh bleiben konnte. Daruͤber war ich gar nicht unſchluͤſſig, aber wohin ich gehen, was ich thun ſollte, das waren Fragen ganz andrer Art. Ich war ungefaͤhr bis in die Haͤlfte der alten Straße langſam hinangegangen, als Todds aͤlteſter Schreiber, athemlos von Lau⸗ fen, mir entgegen kam.„O Herr Wald, rief er, ſich umwendend, und zog mich mit ſich fort: wo in aller Welt ſind Sie geweſen? Man wartet im Gerichte auf Sie; alle uͤbri⸗ gen Geſchworenen ſind ſchon ſeit einer halben Stunde da.“ Ich hatte die Sache vergeſſen, und ſah nun alsbald, wozu ich berufen war. Der — 131— Gutsherr aus der Grafſchaft Aberdeen, den ich bald nach meiner Ankunft in Edinburgh kennen lernte, hatte unter Todd's Beiſtande ſeine Anſpruͤche auf eine ruhende Baronet⸗ Wuͤrde darzuthun geſucht, und dieß war der große entſcheidende Tag, wo ich unter den Geſchworenen ſitzen ſollte, die natuͤrlich aus des Gutsherrn und ſeines Geſchaͤftfuͤhrers Freunden beſtanden, und entweder fuͤr ſeine Er hoͤhung ſtimmen und nachher mit ihm ſpei⸗ ſen ſoülten, oder, wenn ſie ſeine Anſpruͤche kuͤr unhaltbar erklaͤrten, auf eigene Koſten eſſen mußten. Sie koͤnnen leicht denken, daß ich viel darum gegeben haͤtte, in dieſem Augenblicke aus einer ſolchen Klemme zu kom⸗ men; aber der Gerichtshof war in der Naͤhe, und ich wußte nicht, wie ich mich von einer Pflicht losmachen ſollte, die ich bereits mehre Wochen fruͤher zu erfuͤllen verſprochen hatte. Ich erwog uͤberdieß, oder haͤtte es doch thun koͤnnen, daß ich in meinen eigenen Angelegen⸗ heiten nichts vornehmen konnte, ehe ich mich mit Todd beſprochen hatte, woran fuͤr dieſen Tag nicht zu denken war. Ich fuͤgte mich da⸗ her in die Umſtaͤnde, und ſaß bald unter den 9* — 132— uͤbrigen Geſchworenen an einem, mit Papie⸗ ren und Pergamenten bedeckten Tiſche. Am untern Ende ſtand Herr Todd mit dem kunſtgerecht ausgemahlten Stammbaume des Hauſes Corncraik in der Hand, waͤhrend am obern Ende auf einer etwas erhoͤhten Bank ein Kaͤſehaͤndler, mit einer goldnen Kette geſchmuͤckt, uͤber einer Abendzeitung vom vorigen Tage und einigen, am folgenden Tage auszufertigenden Todtenſcheinen nickte. Ich ſpielte meine Rolle in dieſem Poſ⸗ ſenſpiele eben ſo ſchweigend und ſchmiegſam, als die uͤbrigen. Alte Schriften und Urkunden wurden ziemlich eine Stunde lang hergemur⸗ melt und hergeſtammelt, worauf wir durch ein einmuͤthiges Nicken das Gutachten beſtaͤ⸗ tigten, das vor unſrer Ankunft war geſchrie⸗ ben worden, und Corncraik von Multurelaws wurde durch unſern maͤchtigen Ausſpruch ein eben ſo guter Baronet, als ihrer viele in dem ehrwuͤrdigen Verzeichniſſe glaͤnzen. Die neu gemahlte Kutſche des neugebackenen Ba⸗ ronets war ſchon vor dem Thore, um uns in das Speiſehaus zu bringen, wo ſein Gaſt⸗ mahl uns erwartete, und ich mußte mich dar⸗ — 133— ein ergeben, in einer Geſellſchaft, wo Froh⸗ ſinn, Freude und Jubel herrſchten, einen elen⸗ den Abend zuzubringen. 1 Ich wurde mit drei bis vier aͤltern Ge⸗ ſchworenen in den Wagen gepackt, und ich erinnere mich nicht, ſelbſt bei einem Leichen⸗ begaͤngniſſe eine froͤhlichere Kutſchengeſellſchaft geſehen zu haben. Die Geſellſchaft im Spei⸗ ſehauſe war, wie ich erwartet hatte, ausgelaſ⸗ ſen luſtig. Trinkſpruͤche, Reden und Geſaͤn⸗ ge hielten die Tiſchgenoſſen immer in Auf⸗ ruhr, und die Weinflaſche war ein perpetuum mobile. Ich verſuchte zu lachen, ja zuzuhoͤ⸗ ren; vergebens ſtuͤrzte ich einen Becher nach dem andern hinab, der Wein hatte nicht mehr Wirkung als eben ſo viel Quellwaſſer. Ich habe wohl ſagen hoͤren, es waͤre unmoͤglich, einen Menſchen am Abend vor ſeiner Hin⸗ richtung betrunken zu machen; ſei dem ſo oder nicht, ich weiß aus Erfahrung, daß es viele Lagen giebt, wo wenigſtens der Wein durch⸗ aus nicht die Kraft hat, weder meine Lebens⸗ geiſter zu erregen, noch meine Wahrnehmun! gen zu werwir er, und ich glaube ohne Maͤhe, — 134— daß Clarence*) ſo nuͤchtern als ein Richter geſtorben iſt. Es entſtand Laͤrm auf der Straße, und ich ſtand auf, um zu ſehen, was es gaͤbe. Wie deutlich ſteht das Bild dieſes Augenbli⸗ ckes jetzt vor mir! Die Sonne mochte ſeit etwa zwei Stunden untergegangen ſein. Die warme Glut des Daͤmmerlichts; die gewuͤhl⸗ volle Hochſtraße— damahl mehr einem Frei⸗ platze als einer Straße aͤhnlich— die hin und her wandelnden Maͤnner; die Frauen in ihren Saͤnften mit Dienern, die zuweilen Fackeln trugen— das Ganze ein munterer, wiewohl nicht glänzender Anblick, mit einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Farben und Schatten, ein gemildertes Bild von Munter⸗ keit, Anmuth und Schoͤnheit. Einige herum⸗ ſtreifende Savojarden, mit braunen, froͤhlichen Geſichtern zeigten ihre Waaren einem Maͤd⸗ chenſchwarme unter unſerm Fenſter, und eben *) Er wurde von ſeinem Bruder, König Eduard IV, 1478 zum Tode verurtheilt und nach der ihm frei⸗ gelaſſenen Wahl der Todesart in einem Faß Mal⸗ vaſier erſäuft. 2. dieß hatte den Laͤrm veranlaßt, der mich von der Tafel weglockte, oder vielmehr mir einen Vorwand gab, mich auf einen Augenblick zu entfernen. Ich ſah auf das luſtige Bild hin⸗ ab, und höoͤrte die muntern Geſellen hinter mir in vollem Chore ſingen: Kein Doppelbier moͤgen wir, Moͤgen nicht ſchales Bier, Roſoli und haͤßliches Hum; Geprieſen ſei Sekt, 8 Und mit Fluche bedeckt. Sei omne quod exit in um. Ich ſah und ich hoͤrte, Freund, und konnte es nicht laͤnger aushalten. Unbemerkt ſchlich ich mich weg, und war bald ruhig genug und auch genug im Finſtern in der kleinen Hin⸗ terſtube, die ich ſo lange in Todd's Hauſe be⸗ wohnt hatte. Ich fuͤhlte, daß ich nicht laͤn⸗ ger, als noch eine Nacht hier wohnen ſollte. Ich ſaß eine Zeitlang in der dunkeln Stu⸗ be, und ging dann, ich wuͤßte nicht zu ſa⸗ — 4 4 *) Ein ſtarkes geiſtiges Getränke des gemeinen Vol⸗ kes. 2. — 136— gen, warum— wieder hinaus, um mein Licht anzuzuͤnden. Es fiel mir ein, daß ich es in der Schreibeſtube thun koͤnnte, und oͤffnete die Thuͤre. Ich fand einen Schreiber noch beſchaͤftigt, und als ich mein Licht an dem ſeinigen anſteckte, las ich meinen Nah⸗ men auf dem Papier, das vor ihm lag. Ich fragte ihn, was er machte, und der junge Mann antwortete ein wenig verlegen, er haͤtte nur eine Rechnung fuͤr ſeinen Herrn zu ſchreiben.. Meine Rechnung vermuthlich? hob ich wieder an. Ich daͤchte, mein Nahme ſtaͤnde da. Laßt mich ſehen. Er war einen Augenblick unſchluͤſſig, und ich hoͤrte ihn etwas von„Herrn Todd's Be⸗ fehlen“ und„morgen“ murmeln. Ich mach⸗ te nicht viele Umſtaͤnde, bat ihn, ſeine Be⸗ denklichkeiten fahren zu laſſen, wenn ſie aus ſeiner Beſorgniß, mir Verdruß zu machen, hervorgingen, kurz, ich nahm ihm halb mit Gewalt einige große feine Bogen, die bereits mit hellrother Seide recht berufmaͤßig gehef⸗ tet waren. In ſtattlichen Buchſtaben, von den einnehmendſten Schnoͤrkeln umgeben, „— — 137— ſtand oben an:„Rechnung und Gegenrech⸗ nung zwiſchen Herrn Matthaͤus Wald und Nathanael Todd.“ 3 Auf den erſten Satz in der Rechnung war ich ſchon vorbereitet, wie Sie wiſſen. Aber ich muß erwarten, daß Sie eben ſo erſtaunt ſein werden, wenn Sie es hoͤren, als ich ſelber, da ich es ſah, daß fuͤr Wohnung und Koſt waͤhrend eines Jahres hundert Pfund aangeſetzt waren. Ich uͤberlief ſchnell die Rech⸗ nungſaͤtze, gab das Padier dem Schrei⸗ ber zuruͤck, der that, als ob er ſeine Feder beſſerte, und ging dann ſogleich in mein Zimmer. 4 Ich ſetzte mich nieder, von Grimm und Unwillen aufgeregt, und haßte die Welt und mich ſelbſt. Meine unbedachtſamen, wilden und rachgierigen Leidenſchaften hatten mich um meine eigene Achtung gebracht; aber ſelbſt in dieſer Lage war es ein neuer empfind⸗ licher Schlag, als ich nun deutlich ſah, was ich fruͤher nur dunkel geargwoͤhnt hatte, daß ich das Spiel und der Narr eines Jeden ge⸗ weſen war, auf welchen ich Vertrauen ſetzte. Dieſer niedrige, ſchmeichelnde Bube hatte die 8 — 138— ganze Zeit hindurch uͤber mich ins Faͤuſtchen gelacht; ſelbſt dieſer Elende wollte nun das letzte Stuͤck ſeiner Larve fallen laſſen und mir ins Geſicht lachen. Dieſer Niedertraͤch⸗ tige, der noch vor wenigen Minuten trinkend und ſingend unter ſeinen Geſellſchaftern ſaß, hatte vor ſeinem Aufbruche ins Speiſehaus kaltbluͤtig Befehl gegeben, dieſe Schrift auf⸗ zuſetzen, ohne Zweifel in der Abſicht, ſie mir am naͤchſten Morgen zu uͤbergeben, und mich entblößt, als einen Bettler aus ſeinem Hau⸗ ſe zu ſtoßen. Welche Ausſicht hatte ich vor mir? Wohin konnte ich, von mir ſelbſt ver⸗ achtet, mein Geſicht wenden? Stolz, ja trotz allem, was ich gethan hatte, noch ſtolz, traͤge, ohne Mittel, ohne Charakter, eine Schande meines Nahmens, mir ſelber zur Laſt, was ſollte ich thun, was erwarten? 3 Was blieb mir uͤbrig? Es war in den letzten zehn Tagen ein gewiſſer finſterer Gedanke in mir aufgeſtie⸗ gen, und ich hatte die Verfuͤhrung niederge⸗ kämpft. Er kam jetzt zuruͤck, und ich bemuͤh⸗ te mich nicht, den boͤſen Feind zu verjagen, der mich verleiten wollte. Ich ging mit Be⸗ — 4139— dacht in ein anſtoßendes kleines Gemach, wo ich meine Kleider und ſonſtigen Habſeligkei⸗ ten aufhob; griff in meinen Koffer— eine große alte Lade, die mein Vater auf der See mit ſich gefuͤhrt hatte, und ſuchte darin herum, bis ich gefunden, was ich brauchte, ſein Schwert. Ich griff es am Ende der Scheide, und als ich es aus dem Koffer nahm, ſiel aus dem Griffe ein gewiſſes rothes Pſal⸗ menbuͤchlein, deſſen ich fruͤher ſchon gedacht zu haben glaube. Ich war im Begriffe, das Buch aufzuheben, wiewohl ich nicht ſagen kann, warum ich es thun wollte, als man an meine Stubenthuͤre pochte. Ich hatte ſie zugeſchloſſen, und als ich oͤffnete, erſchien Herr Todd, ſchlaͤfrig und halb bloͤdſinnig vor Trunkenheit, und ſuchte Licht. Ich ging und holte es ihm, ſah ihn nach ſeinem Zimmer taumeln, und ver⸗ ſchloß meine Thuͤre wieder. Aber dieſe Mi⸗ nute, dieſer Augenblick war hinlaͤnglich ge⸗ weſen. Sollte ich mein Leben kuͤrzen um ir⸗ gend etwas, das dieſer glatte, gefuͤhlloſe Menſch mit dem fetten Geſichte thun, oder unterlaſſen konnte? Haͤtte ich ſo thoͤrig ſein — kaͤnnen, zu vergeſſen, daß er zuerſt einen ſolchen Schritt als einen Beweis von Geiſtes⸗ ſchwaͤche anſehen wuͤrde? Und ganz abgeſe⸗ hen von ihm, hatte ich denn wohl ein Recht, nach großer Roͤmerſitte zu ſterben, und dazu durch jenes Schwert, das noch nie ein Tro⸗ pfen entehrten, oder ehrloſen Blutes befleckt hatte?„Nein, nein, ſprach ich zu mir ſelbſt, ich will wenigſtens tragen, was mir aufgelegt iſt. Helden koͤnnen vielleicht be⸗ rechtigt ſein, eine andre Sphaͤre zu ſuchen, aber gewiß iſt die meinige gerade ſo hoch, als ich's verdiene. Nein, nein, ich will mich beugen, buͤcken, arbeiten, ſchwitzen— ich will wenigſtens nicht mehr an Stolz denken.“ In jenem Augenblicke wenigſtens war er mir fremd; und ich war demuͤthig genug, was ich auch ſonſt ſein mochte. Ich legte meines Vaters Schwert wieder an ſeinen Platz, und das kleine Pſalmenbuch oͤffnend, las ich einige Zeilen darin. Alte Gedanken kamen nun wieder zurück und beinahe in den alten Geſtalten, und ich konnte mich kaum ent⸗ halten, meine Augen zu reiben, um mich zu aͤberzeugen, ob ich nicht etwa einen langen fin⸗ 5 — 141—— ſtern Traum getraͤumt haͤtte. Ich war jedoch ſehr kleinlaut und gebeugt, und wenn ich ſelbſt gewuͤnſcht haͤtte, in Thraͤnen zu zer⸗ fließen, ſo waͤre es nicht zu verwundern, und auch nichts Arges dabei. Ich kam zu einer ziemlich ruhigen Stim⸗ mung. Nach einem mehrſtuͤndigen Schlafe ſtand ich ruhig und gefaßt auf, wiewohl voll von wilden Entwuͤrfen. 3 XI. Herr Todd war ausgegangen, ehe ich mein Zim⸗ mer verlaſſen hatte, aber ich war bedacht, ihn waͤhrend des Vormittags zu ſehen, und hatte eine ſchließliche Unterredung mit ihm. Ich konn⸗ te mich nicht dahin bringen, mit ihm zu ſtrei⸗ ten, noch weniger, ihm Vorwuͤrfe zu machen. Ich vollzog trocken, was zum endlichen Ab⸗ ſchluſſe unſrer Rechnung noͤthig war, und war im Begriff, ſein Haus mit hundert Pfund, dem ganzen Ueberreſte meines Ver⸗ mögens, zu verlaſſen, als es ihm beliebte, ganz aus eigenem Antriebe den Wink fallen zu laſſen, er haͤtte einen Plan fuͤr mein kuͤnftiges Fortkommen entworfen, den ich ge⸗ faͤllig anhoͤren moͤchte. Ich antwortete mit einer kalten Verbeugung, und er that mit vielen ſchoͤnen Wendungen den Vorſchlag, mich der Rechtswiſſenſchaft zu widmen und zu dieſem Zwecke ſogleich ſein Lehrling zu werden. Die Aufnahmegebuͤhren, ſetzte er hinzu, wuͤrden freilich den Ueberreſt meines — 143— baaren Vermoͤgens meiſt verſchlingen, aber ich wuͤrde mich in der Folge leicht durch die ein⸗ traͤglichen Arbeiten meiner Feder ernaͤhren koͤnnen. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich ſeinen Antrag mit Verachtung abwies. Ich hatte genug von ihm geſehen, und auch et⸗ was vom Rechtsgange, Ich antwortete daher ſehr ernſthaft, meine Neigung haͤtte eine an⸗ dre Richtung genommen, und ward unter hoͤflichen Verbengungen aus dem Hauſe ge⸗ fuͤhrt. Ich bin bis auf dieſe Stunde nicht gewiß, ob der juͤngre Todd je aufgehoͤrt hat⸗ te, mein Freund zu ſein, aber mein Wider⸗ wille erſtreckte ſich zu jener Zeit auch auf ihn, und es war mir daher gar nicht unangenehm, daß ſeine zufaͤllige Abweſenheit es mir moͤg⸗ lich machte, einen foͤrmlichen Abſchied zu ver⸗ meiden. 1 So war ich denn, wie der Heidenapoſtel, fuͤr jetzt in meinem gemietheten Hauſe, mit andern Worten, in einer Dachſtube, wofuͤt ich woͤchentlich drei Schillinge bezahlte, im Beſitze eines ganz ertraͤglichen Kleidervorra⸗ thes— denn Sie koͤnnen denken, daß ich es in dieſer Zeit des Nichtsthuns und der Thor⸗ * — 144— heit an ſolchen Dingen nicht hatte fehlen laſe ſen— im Beſitze der goldnen Uhr meines Vaters und ſeiner guten Klinge, einer Bank⸗ note von hundert Pfund und einer Baarſchaft von etwas mehr als fuͤnf Guineen, uͤberdieß im Beſitze eines ruͤſtigen und kraͤftigen Koͤr⸗ pers, aber vielleicht nicht ganz im Beſitze ei⸗ nes thaͤtigen, ſchwankenden und elenden Ge⸗ muͤthes. Ich brachte den Tag damit zu, nicht eben Luftſchloͤſſer, aber doch etwas, das ziem⸗ lich daſſelbe war, zu bauen und niederzurei⸗ ßen, und ging am Abend in eine benachbar⸗ te Weinſchenke, wo ich den Vertrauteſten un⸗ ter meinen zeitherigen Geſellſchaftern erwar⸗ ten konnte, einen gewiſſen Spreule, der ſich der Arzneikunde widmete; einen anſtel⸗ ligen, ſchlauen und lebhaften Buürſchen, der freilich fuͤr eine Berathung uͤber Leben und Fortkommen nicht eben der Geſcheuteſte war, was er auch immer leiſten mochte, wo uͤber Leben und Tod berathſchlagt wurde. Er ver⸗ ließ die zahlreiche Geſellſchaft, die er auf⸗ heiterte, und ging gutmuͤthig mit mir in ein kleineres Zimmer, wo wir einige Stun⸗ — 143— den ſchwatzten, als waͤren wir ein Paar Ly⸗ kurge geweſen, welche die Pftichten und Schick⸗ ſale einer halben Welt vorſchreiben und ord⸗ nen ſollten. Mein Freund war entſchieden fuͤr die Arzneikunde, und ich erklaͤrte, daß ich geneigt waͤre, dieſem Berufe den Vor⸗ zug vor jedem andern friedlichen Erwerbe zu geben, den ich ergreifen koͤnnte, geſtand aber, daß ich, alles erwogen, doch lieber das Schwert waͤhlen moͤchte, als iegend einen buͤrgerlichen Lebensberuf. Spreule lachte herz⸗ lich, und zeigte mir, wie er meinte, ganz befriedigend, daß es abgeſchmackt waͤre, ſich todtſchießen zu laſſen, ohne die mindeſte Wahr⸗ ſcheinlichkeit, fuͤr alles, was ich ehun koͤnn⸗ te, befoͤrdert zu werden, oder fuͤr alles, was ich leiden moͤchte, in der Erinnerung zu le⸗ ben. Dieſe Gruͤnde aber vermochten ſo we⸗ nig uͤber mich, als ſie uͤber ſo viele Millio⸗ nen beſſerer Menſchen, von den Tagen der Suͤndflut bis auf die franzoͤſiſche Revolution, vermocht haben. Im Gegentheil, was nur einer, aber freilich einer der beliebteſten un⸗ ter vielen, am Morgen dieſes Tages gemach⸗ ten Entwuͤrfen geweſen war, wurde jetzt, Erſter Theil. 10 3 — 146— bloß weil ein Freund eifrig dagegen ſprach, vor allen beguͤnſtigt und mit Leidenſchaft er⸗ griffen. Mein lebhafteſter Wunſch war, fern von Schottland zu ſein, und ich meinte, nichts koͤnnte mir einen beſſern Reiſepaß ge⸗ ben, als der rothe Rock. Als mein Freund ſah, daß mein Ent⸗ ſchluß gefaßt war, fragte er mich, durch welche Vermittelung, da von Geld offenbar nicht die Rede ſein konnte, ich mir eine An⸗ ſtellung zu verſchaffen daͤchte. Er hatte hier freilich leichten Sieg, und ich war nicht wenig verlegen, als ich auch nur etwas angeben wollte, das man fuͤr eine guͤnſtige Ausſicht haͤtte halten koͤnnen. Nach langer Eroͤrte⸗ rung kamen wir endlich uͤberein, es wuͤrde am beßten ſein, mich an einen gewiſſen, da⸗ mahl in Edinburgh wohnenden Grafen zu wenden, den ich freilich gar nicht kannte, der aber, wie ich wußte, mit meinem Vater in der Havanna gedient hatte, und wie ich ver⸗ muthete, ſeinem alten Waffenbruder zur Zeit, als mein Oheim ſeine Guͤter verwirkte, durch ſeinen Einfluß nuͤtzlich geworden war. Ich nahm mir daher vor, meine Bittſchrift auf — — 437— zuſetzen und ſie am naͤchſten Morgen zu uͤber⸗ geben. Die Abfaſſung dieſer Schrift war nicht leicht. Ich wollte mein Geſuch um des Edel⸗ mannes Verwendung mit einer kleinen Recht⸗ fertigung einiger Umſtaͤnde bei meinem neu⸗ erlichen Betragen eroͤffnen, wovon er unfehl⸗ bar etwas gehoͤrt haben mußte. Die Aufga⸗ be war an ſich ſchwierig und ich hatte viele innere Regungen zu unterdruͤcken, waͤhrend ich mich damit abarbeite. Ich wurde erſt ſpaͤt am Tage fertig, und ſtatt ſie ſelber zu uͤbergeben, ſchickte ich meine Bittſchrift ab, mit der Meldung, daß ich die Ehre haben wuͤrde, die Antwort am naͤchſten Morgen ab⸗ zuhohlen. Ich war ſo fruͤh, als ich es mit der Schicklichkeit vereinbar hielt, an der Thuͤre ſeines Hauſes, und nachdem ich mir die Fuͤ⸗ ße eine Zeitlang in einem Vorzimmer gekaͤl⸗ tet hatte, ward ich vor den hochadeligen Herrn gebracht. Sie koͤnnen denken, daß ſich viele bange Gefuͤhle in mir regten; doch — laſſen Sie das hingehen. Ich fand einen weit aͤltern Mann als ich erwartet hatte, der 10* — 448— meinem Bilde eines alten Kriegsmannes ganz ungleich war, aber trotz einer ſtattlichen Ge⸗ ſtalt und einer recht ariſtokratiſch vorragenden Naſe, ungemein lebhaft, leutſelig und mun⸗ ter. Seine Gemahlinn ſtrickte, und er hat⸗ te, dem Anſehen nach, Garn gewunden, ehe ich die Familienſcene ſtoͤrte; denn zwei Stuͤh⸗ le mit hohen Ruͤcklehnen, um welche einige Straͤhne gelegt waren, ſtanden mitten im Zimmer, und es war gewiß nichts auf dem Tiſche, was wie ein Buch, oder auch nur wie eine Zeitung ausgeſehen haͤtte. Das Paͤr⸗ chen ſchien ſehr gleich geſtimmt zu ſein, das liebenswuͤrdigſte Bild ehelicher Seligkeit. Ich wurde mit ihren ſtolzen Hoͤflichkeiten uͤber⸗ ſchuͤttet. Nach einem Schwalle nichtsſagender Ar⸗ tigkeiten ſprachen wir von unſerm Geſchaͤfte. „Sie haben alſo den Prozeß verloren? Nun, es thut mir wahrlich leid. Meine Frau uns ich ſprachen eben von Ihnen. Aber lieber Himmel! wollen Sie nicht appeliren? Nicht appelliren? Wollen Sie's nicht vor dem Ober⸗ hauſe verſuchen? He! he! he!“ Ja, in der That, Herr Wald, ſprach * — 149— 8 die Graͤfinn, Sie muͤſſen meines Mannes Rath befolgen. Ich glaube, Niemand hat dazu beſſere Gelegenheit. Folgen Sie dem Rathe, junger Mann, verſuchen Sie's in London. Vielleicht laͤßt ſich das Blatt noch wenden, he! he! he! ſetzte ſie hinzu, ihre ſtark gepuderten Locken bewegend, und der Graf wiederhohlte: He! he! das noch Blatt wenden— wahrlich ſehr gut— He! he! das Blatt wenden! Ich habe es in der That, antwortete ich, ſchon aufrichtig bereut, daß ich mich uͤber⸗ haupt in die Sache eingelaſſen habe, und ich habe mich bemuͤht, Sie, Herr Graf, in mei⸗ nem Briefe davon zu uͤberzeugen. Sehr gut, wahrhaftig— o ſehr gut, ſich zu entſchuldigen, daß Sie es verſucht ha⸗ ben, ihre Guͤter wiederzuerlangen. Sehr gut, wahrhaftig— he! he! he! Meines Vaters Abſichten, Herr Graf, haͤtten mir heilig ſein ſollen, und— O lieber Himmel! welcher Thor— ver⸗ zeihen Sie mir— iſt mein alter Freund ge⸗ worden! Die Guͤter wieder an die geaͤchtete Linie zuruͤckzugeben! Welche Poſſen, Dian⸗ — 180— chen! Haſt Du je ſo etwas gehoͤrt, meine Liebe? Seinen eigenen Sohn auszuſchließen! He! he! Pfui! Pfui! Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke. He! hel 1 Und warum haben Sie das Fraͤulein nicht geheirathet? rief die Graͤfinn, und ſah mich mit ihren großen ſchwarzen truͤben Au⸗ gen uͤber die Brille an. Waͤre es auf die Art nicht gegangen, Graf? Sehr gut, wahrhaftig! He! he! War⸗ um haben Sie das Fraͤulein nicht geheira⸗ thet? Gewiß auch ein artiges Maͤdchen— ein recht huͤbſches Kind. He! he! he! Damit iſt's vorbei, antwortete ich mit einem erzwungenen Laͤcheln. Freilich, freilich— ſehr gut, wahrhaf⸗ tig!„Sie hat gefreit und iſt getraut“— wie's alte Lied heißt, ſprach der Graf und traͤllerte ein Paar Takte der Melodie. Ich laͤchelte wieder, und wagte es dant, den Grafen zu erinnern, der Zweck meines Beſuches waͤre, ihn zu fragen, ob er meine Abſichten auf eine Anſtellung in der Armee unterſtuͤtzen koͤnnte. Ja, ja, von der Armee— ſprach er 8 ein wenig ernſter— von der Armee haben Sie mir geſchrieben. Aber, lieber Herr Wald, ha⸗ ben Sie denn bedacht— haben Sie wirklich be⸗ dacht—— Ich habe alles bedacht, antwortete ich, und in ſo fern die Sache von mir abhaͤngt— Stehen Sie doch einen Augenblick auf. So, lieber Herr Wald— ſo! Mit dieſen Worten ging er mit ſtolzen Schritten durch das Zimmer und ſtellte ſich dicht an meine Seite. Er ſchwieg eine Wei⸗ le, und als ich unbewußt ſeine Blicke beob⸗ achtete, wurde mein Auge auf einen praͤch⸗ tigen Spiegel gezogen, der ein großes Feld der Wand, uns gegenuͤber, bedeckte, und ich ſah, allerdings in einem ziemlich auffal⸗ lenden Gegenſatze, die lebensgroßen Abbilder unſrer beiderſeitigen Geſtalten⸗ Der alte Herr hatte ſich hoch aufgerichtet, und ſeine oberſte Locke ſchien beinahe die Decke zu be⸗ ruͤhren, waͤhrend ich— doch Sie koͤnnen das Bild ja leicht ergaͤnzen.„Nein, mein lieber Herr, nein, nein, nein— ſprach er, und ſah weiſe aus, wie die Pompejus⸗Saͤu⸗ le— nein, nein, das geht nicht, fuͤrchte ich. Unter dem Maße— gewiß unter dem vorgeſchriebenen Maße! Ja, ich glaube, Sie haben nicht fuͤnf Fuß drei Zoll. Ich fuͤrchte, Sie kommen nicht durch, mein Freund.— Was meinſt Du, Dianchen?“ 2 O Graf, Du biſt ſo groß! lispelte die al⸗ te Thoͤrinn. Du warſt immer ſo groß. Weißt Du noch, was der alte Koͤnig ſagte, als wir zuerſt vorgeſtellt wurden! Ich vergeſſe es nie — es war ſo gut, und es macht mich ſter⸗ bensfroh, wenn ich daran denke. He! he! he! Ja, Herr Wald, der Koͤnig wandte ſich zu dem Herzoge von Cumberland— und hoͤ⸗ ren Sie, Herr Wald, was Seine Majeſtaͤt ſagte.„Mein Gott!“ ſagte Seine Maje⸗ ſtat— He! he!„was fuͤr ein Grenadier!“ Das waren Seiner Majeſtaͤt eigene Worte — Hel he! Und weißt Du noch, Dianchen, was der Herzog ſagte? Sie muͤſſen wiſſen, Herr Wald, der Herzog und ich ſtanden immer ſehr gut; ſehr gut ſtand ich bei Seiner Koͤnigli⸗ chen Hoheit. He! he! Werden Sie's glau⸗ ben, Herr Wald, Seine Koͤnigliche Hoheit ſagte:„Ja Eure Majeſtaͤt, ſagte er, und 4 — 4153— er braucht ſich nicht um eine lange Leiter zu bemuͤhen, wenn er zum Sturmlaufen an⸗ fuͤhrt.“ Ein naͤrriſcher Gedanke von Seiner Hoheit— wahrhaftig recht ſchnurrig— He! he! he! In dieſem wichtigen Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre, und ich ſah drei bis vier Frauen und Maͤnner hereintreten. Der Graf legte ſeine Hand auf meine Schulter, als er ſeine ſiebente Verbeugung machte, und mich auf die Seite ziehend, lispelte er mir ſchnell ins Ohr:„Nein, nein, mein lieber junger Herr, verlaſſen Sie ſich darauf, Sie haben ihren Beruf verkannt. Auf Ehre, un⸗ ter dem Maße! Was daͤchten Sie vom See⸗ dienſte? Laſſen Sie hoͤren, was denken Sie davon? Der Seedienſt— das iſt kein uͤbler Gedanke. Was ſagen Sie zum Halbdeck? Ein guter Gedanke, wahrhaftig!— Guten Morgen, lieber Herr Wald. Wird mich freuen, Sie wieder bei uns zu ſehn. He! he!“ So wurde ich mit Verbeugungen an die Thuͤre gefuͤhrt, und hatte das Vergnuͤgen, bei dem, durch die zwiſchenliegenden Fluͤgel⸗ * — 154— thuͤren freilich gemilderten Tone des He! he! he! langſam durch das Vorzimmer zu gehen. Ich ſah keine Dienſtboten, und verweilte ei⸗ nen Augenblick, um ein praͤchtiges Bildniß des alten Eulengeſichts zu betrachten. Er ſaß in voller Uniform und in der ſtattlichſten Stellung auf ſeinem Schlachtroß, und im Hintergrunde war, wie gewoͤhnlich, eine er⸗ ſtuͤrmte Stadt zu ſehen. Trotz der erlittenen Demtgigung und der getaͤuſchten Hoffnung, konnte ich mich doch nicht erwehren, in das Gelächter ein zu⸗ ſtimmen, womit Spreule meine Erzaͤhlung anhoͤrte. Er drang in mich, mit ihm in ſeine Lieblingskneipe zu gehen, wo einige ſeiner Bruͤder im Aesculap zu Ehren eines Berufgenoſſen, der eben die Doctorwuͤrde er⸗ halten hatte, und am naͤchſten Morgen in ſei⸗ ne Heimath, Irland, abreiſen wollte, zu ei⸗ nem Gaſtmahl ſich verſammelten. Ich wußte ſehr wohl, daß die Geſellſchaft nicht allzu hofmaͤßig war, aber ich geſtehe, daß ich nach der Probe, die ich eben von ſolcher Geſell⸗ ſchaft geſehen hatte, nicht ſehr geneigt war, in dieſem Punkte bedenklich zu ſein, und — 155— ich laͤugne auch nicht, das ich einen einſamen Abend fuͤrchtete. Wir begaben uns demnach in das Wirthshaus zum Huͤhnerkorbe, und ich that mein Beßtes, in der Geſellſchaft von etwa zwoͤlf rohen, laͤrmenden und leichtſinni⸗ gen Geſellen, die Wunden meiner Eitelkeit und meines Stolzes nicht nur, ſondern auch meines Herzens und meines Gewiſſens auf ei⸗ ne Weile zu vergeſſen. Ein luſtiges Voͤlk⸗ chen war's, und eben ſo bunt als luſtig— drei Schottlaͤnder, wenn ich mich recht erin⸗ nere, eben ſo viele Irlaͤnder, Einer aus Yorkſhire, ein Londoner Stadtkind, ein Hol⸗ laͤnder, ein Daͤne, ein Amerikaner, ein Jude und ein Mulatte— meiſt ruͤſtige, baͤrtige Ge⸗ ſellen— verwegene Schnurrbaͤrte von allen Far⸗ ben— Fluͤche und Kuͤchenlatein in Ueberfluß, und Wachholderbranntwein nebſt Taback zur Genuͤge. xuI Das rohe Geſchwaͤtz der wuͤſten Geſellen paßte zu meiner Stimmung in jenem Augen⸗ blicke. Ich that ihnen Beſcheid in ihren Humpen, ſchleuderte die Tabackspfeifen an die Wand, freute mich uͤber die Schwaͤrmer, die man in die Lichter warf, uͤber die Fech⸗ teruͤbungen, Ringerkuͤnſte und aͤhnliche Un⸗ terhaltungen, womit man in die Freudener⸗ guͤſſe der Seele Abwechſelung brachte, und ich ſtimmte mit den Beßten in die langen heu⸗ lenden Choͤre ihrer muthwilligen Lieder ein. Als ich ſpaͤt in der Nacht erfuhr, daß fuͤnf bis ſechs meiner Geſellſchafter mit Spreule eine herufmaͤßige Unternehmung auf einem Landkirchhofe, der etwa fuͤnf Stunden von der Stadt entfernt war, in dem wilden Fieber der Trunkenheit ausfuͤhren wollten, war ich bereit, an dieſem Kreuzzuge Theil zu nehmen. Stockdegen und Knuͤttel verſchie⸗ dener Art ſtanden in einer Ecke des Zimmers, — 15— und wir brachen zur beſtimmten Stunde auf, zwei von der Geſellſchaft in einem Einſpaͤnner, und die Uebrigen auf den ruͤſtigen Miethgaͤu⸗ len, die unſer Freund aus Yorkſhire in den Staͤllen in Canongate hatte auftreiben koͤn⸗ nen. 4 Wir reiſten ſo ſchnell, als es die Dun⸗ kelheit der Nacht erlaubte, auf Nebenwegen, die unſer Fuͤhrer aus Vorſicht einſchlug, und als wir in einem Fichtengehoͤlze, einige hundert Schritte vom Kirchhofe, unſere Pfer⸗ de angepfloͤckt hatten, zogen wir in geſchloſ⸗ ſener Reihe mit unſern Waffen, Hacken und Saͤcken voran. Auf einem kleinen Huͤgel, der das Dorf uͤberſieht, hielten wir einige Minuten ſtill, und ſchickten eine Streifwache aus, um zu ſehen, ob die Luft rein waͤre. Wir hoͤrten bald das Pfeifen, das uns zum Vorruͤcken einlud, und als wir uͤber die Mau⸗ er geſtiegen waren, fanden wir den Todten⸗ graͤber in ſeiner Nachtmuͤtze, wie er es uns verſprochen hatte. Er entfernte ſich, als er uns die Stelle gezeigt hatte, und ich war einer der beiden Woaͤchter, die an den, ins Dorf fuͤhrenden — 158— Steg geſtellt wurden. Der Tag leuchtete ſchon in Oſten, und unſre Gefaͤhrten hatten keine Zeit zu verlieren. Sie ließen ihre Hak⸗ ken und Spaten wacker arbeiten, und dumpf genug war der Wiederhall, den die grauen Grabſteine und die verfallenen Mauern des einſamen Kirchhofes zuruͤckgaben. Die Glo⸗. cke auf dem nahen Kirchthurme ſchlug zwei, als ſie den Leichnam heraushoben; aber die⸗ ſer Ton ſtoͤrte ſie nicht. Im naͤchſten Augen⸗ blicke fiel ein Schuß, und mehre halb nackte Maͤnner, mit Heugabeln und Senſen be⸗ waffnet, ſprangen an verſchiedenen Stellen uͤber die Mauer. Alles gerieth in Aufſtand und Verwirrung und als wir unſre Gefaͤhr⸗ ten, die beim Graben thaͤtig geweſen waren, davon laufen ſahen, folgten mein Gefaͤhrte und ich gern ihrem Beiſpiele. Die Anzahl der Feinde, die bereits zum Angriffe heran ruͤckten, war ſo groß, daß an entſchloſſenen Widerſtand nicht zu denken war, und da man bereits die Sturmglocke laͤutete, ſo ließ ſich erwarten, daß bald das ganze Dorf in Auf⸗ ſtand ſein wuͤrde. Wir flohen, liefen aber nicht alle in der⸗ ſelben Richtung. Mein Freund und ich ver⸗ fehlten den Weg, und kamen auf einen Pfad, der uns nicht zu unſeren Pferden, ſondern ſchnell an das Ufer eines kleinen Fluſſes brach⸗ te, wovon ich zeither nichts geſehen hatte. Fluͤche und Steinwuͤrfe folgten uns auf den Ferſen, und wir ſtuͤrzten uns beide ohne Zoͤ⸗ gern in den Fluß. Ich war ein tuͤchtiger Schwimmer, und freute mich, ein tiefes Waſſer zu finden; auch mein Gefaͤhrte ſchwamm gut, und wir hielten uns dicht beiſammen, bis wir ungefaͤhr drei Viertheile des Wegs hinter uns hatten. Ich machte eben die Be⸗ merkung, daß wir noch gut davon kommen wuͤrden, da noch keiner der Bauern im Waſ⸗ ſer zu ſein ſchien, als ich ploͤtzlich betaͤubt wurde. Ich erinnre mich nur, wie das Waſſer vor meinen Augen funkelte. Ich ſank unter... Als ich erwachte, fand ich mich in einem fremden Bette, umgeben ich weiß nicht von wie vielen fremden Geſichtern. Ich hatte nur eben Zeit genug, ein Gefaͤß mit Blut auf der einen Seite und einen Buͤndel bren⸗ nender Federn auf der andern zu ſehen, und — 160— ſank bald wieder in eine halbe Ohnmacht, die mich auf einige Minuten blind und unbeweglich machte, aber mein Gehoͤr war doch nicht ſo betaͤubt, daß ich nicht vernommen haͤtte, wie man in einer ernſten Eroͤrterung uͤber die ge⸗ genſeitigen Vorzuͤge des Aderlaſſes und des flüchtigen Laugenſalzes, die man beide ver⸗ ſucht zu haben ſchien, begriffen war, waͤh⸗ rend eine dritte Stimme, eine weibliche, glaube ich, die hoͤhern Vorzuͤge des Taback⸗ waſſers kraͤchzend ruͤhmte. Ein Becher mit Branntwein, den man mir eingoß, machte meiner Betaͤubung wie⸗ der ein Ende, und ich kam allmaͤhlig zur Be⸗ ſinnung. Ich fing an, zu reden, aber ſo bald man dieß bemerkte, legte einer der Um⸗ ſtehenden die Hand auf meinen Mund; man ſteckte die Bettdecke mir um die Schulterm zog die Vorhaͤnge zu, und ich fand, daß man weder Geſellſchaft, noch Licht fuͤr meinen Zuſtand paſſend hielt. 1 Ich war ein wenig zur Beſi innung ge⸗ langt, und es war mir nun, als ob ich waͤ⸗ rre zerſchlagen worden. Ich glaubte, mein Kopf wollte zerreißen, wenn ich ihn ein we⸗ — 161— nig rechts oder links wendete; es uͤberlief mich kalt und ſchmerzlich, und es war mir, als ob meine Bruſt wund, von Schmerz zer⸗ riſſen und von einem bleiernen Gewichte ge⸗ druͤckt geweſen wäre. Ich war ganz kraftlos und matt; ich lag, wie in einem Traume; es rauſchte und bruͤllte vor meinen Ohren, wie tauſend Stroͤme, und alle meine Seelen⸗ kraͤfte waren ſchlummernd oder betaͤubt. End⸗ lich uͤberlief mich langſam eine Hitze und ich ſiel in tiefen Schlaf. Ich weiß nicht genau, wie lange ich ſchlief; aber ich lag nach dem Erwachen noch eine Weile ſtill, ehe ich daran dachte, irgend eine Anſtrengung zu machen, ſo ſchwach war ich, und ſo wahr iſt, auf Hingerichtete oder Er⸗ trunkene angewendet, der Ausſpruch des Dichters: Facilis descensus Averni. Endlich aber öffnete ich die Bettvorhaͤnge, und ſah einen alten Mann von ſehr ehrwuͤrdigem An⸗ ſehen, mit langen ſchneeweißen Haaren, der mit einem Buche in der Hand am halboſſnen Fenſter ſaß. Als er das Rauſchen der Vor⸗ haͤnge hoͤrte, ſtand er auf, und fra gte mich mit ſanfter Stimme, wie ich mich befaͤnde. Erſter Theil. 11 — 162— Ehe ich antworten konnte, fuhr er fort:„Nein, nein, ich haͤtte nicht mit Ihnen ſprechen ſol⸗ len. Ich fuͤhle, daß Sie ſich beſſern. Ihre Hand iſt feucht, Sie ſind nun kuͤhler, mein Lieber. Liegen Sie ſtill, ganz ſtill, junger Mann, und wir wollen ſehen, was zu thun iſt.“ Er ging hinaus, und kam bald mit ei⸗ ner alten Frau zuruͤck, die auf einem Teller ein Glas mit Weinmolken und etwas geroͤ⸗ ſtetes Brod brachte. Sie fliſterten leiſe mit einander, und ſchuͤttelten die Koͤpfe, wenn ich ſprechen wollte. Ich war ſo ſchwach, daß es mir nicht ſchwer wurde, ihnen zu gehor⸗ chen. Ich trank die Molken, aß etwas und die alte Frau brachte mein Bett ein wenig in Ordnung. Ehe beide hinausgingen, zeigte mir der alte Mann, daß eine Klingelſchnur am Kopfkiſſen beveſtigt war, und fliſterte mit mit ſtillem und wohlwollendem Laͤcheln zu: „Gute Nacht. Morgen werden Sie ſich ganz erhohlt haben. Geſegnet ſei die Menſchen⸗ freundlichkeit, die Sie gerettet hat.“ XIII. Die alte Dienſtmagd erſchien am naͤchſten Morgen zuerſt an meinem Bette, und von ihr erfuhr ich, daß ich in dem Hauſe des Pfarrers Meikle zu Kynnemond war, wel⸗ cher, durch den Aufſtand in ſeinem Dorfe aufgeſtoͤrt, ſich in ſeinen Garten begeben hatte, und mich in dem Fluſſe, der dicht an der Gartenhecke ſloß, unterſinken ſah. Der gute Mann war der Retter meines Lebens. Als die alte Magd ſah, wie ſehr ich mich erhohlt hatte, widerſetzte ſie ſich nicht mei⸗ nem Wunſche, ſogleich aufzuſtehen, ſondern hohlte mir friſche Waͤſche aus dem Vorrathe ihres Herrn und ich war bald aufgeſtanden und angekleidet. Ich ſah freilich todtblaß aus, aber ich fuͤhlte die Heilkraft der Natur in mir arbeiten, und wuͤnſchte natuͤrlich, mei⸗ nen Dank fuͤr das empfangene Wohlwollen auszuſprechen, und zugleich noch ein wenig laͤnger die Gaſtfreundſchaft des guͤtigen Man⸗ nes zu genießen. 41 ¾ Ehe ich hinausging, machte ich eine an⸗ dre Entdeckung, eine jammervolle Entdeckung. Mit einem Worte, lieber Freund, meine Brieftaſche, worin die Banknote lag, war verloren. Mein Beutel mit den fuͤnf Gui⸗ neen lag auf dem Tiſche, aber vergebens durchſuchte ich Bett, Bettdecke, Rock, Weſte und alles, die arme Brieftaſche war nirgend zu finden. Untroͤſtlich erinnerte ich mich, daß ſie in meiner Rocktaſche geſteckt hatte, aber ganz nach dem Grundſatze, Schillinge zu ſpa⸗ ren und Thaler wegzuwerfen, hatte ich den Geldbeutel in einer Bruſttaſche meiner Weſte verwahrt. Ich gab noch nicht ganz alle Hoff⸗ nung auf, und glanbte, daß mein guͤtiger Wirth meinen Schatz vielleicht entdeckt, und es fuͤr rathſam gehalten haͤtte, ihn bis zu meiner Herſtellung aufzubewahren. Ich klin⸗ gelte in zitternder Angſt, und ſiehe, der gu⸗ te alte Mann kam ſelbſt herein, und hatte einen ſchoͤnen, etwa dreijaͤhrigen Knaben an der Hand.. 1 O da ſind Sie ja wieder auf den Bei⸗ nen! ſprach er. Und hier iſt mein kleiner Thomas; er wollte ſich nicht zufrieden geben, — 163— bis ich ihn mitnaͤhme, ihm den ertrunke⸗ nen Mann zu zeigen. Den Nahmen hat Ihnen Thomas gegeben, lieber Herr, und freilich weiß Niemand von uns ihren rech ten— 9 Herr Meikle, ſprach ich, ehe ich Ih⸗ nen antworte, ſagen Sie mir doch gleich, 3 Sie meine Brieftaſche haben. Der alte Mann ſah alsbald, wie bewegt ich war, und der Blick, den er auf mich warf, ehe er den Mund oͤffnete, beſtaͤtigte alle meine Beſorgniſſe. Ach nein! Es hat ſich keine Brieftaſche bei Ihnen gefunden. Ich hoſſe, der Verluſt iſt nicht groß. Ich ſchuͤttelte den Kopf und ſprach: Nicht bedeutend. O ich fuͤrchte, ſehr bedeutend. Reden Sie, junger Mann, ſagen Sie mir, was haben Sie verloren— ſagen Sie mir, wer Sie ſind. Ich wundere mich, mein Freund, wenn ich mich erinnere, daß ich in jenem Augen⸗ blicke ſo viel Kaltbluͤtigkeit haben konnte. Ich ſetzte mich neben den alten Mann, und ſag⸗ 1 — 166— te ihm mit wenigen Worten, daß ich Wald hieße, daß ich durch einen ungluͤcklichen Zu⸗ fall waͤre verleitet worden, einige junge Aerz⸗ te bei einer Unternehmung zu begleiten, de⸗ ren Erfolg ihm bekannt waͤre, wiewohl ich auf keine Weiſe weder zu ihrem Berufe ge⸗ hoͤrte, noch mit ihren Thun und Treiben etwas gemein haͤtte; daß ich ein ungluͤckli⸗ cher junger Mann waͤre, und mit einem Worte in jener Brieftaſche mein ganzes Ver⸗ mögen, mit Ausnahme der fuͤnf Guineen in meinem Beutel, verloren haͤtte. Es waͤre gewiß kein großes Wunder geweſen, wenn der Prediger Mißtrauen gegen mich verrathen haͤtte, was aber nicht der Fall war. Jeder Blick, den er auf mich warf, verrieth mir ſein Wohlwollen und ſeine Herzenseinfalt. Er druͤckte mir die Hand, und entfernte ſich ſogleich, um, wie er ſagte, Befehle zu geben, bei den Nachbarn Erkundigung ein⸗ zuziehen, und im Fluſſe zu ſuchen. Ich ge⸗ ſtehe, daß ich mir von keinem dieſer Plane ſonderlichen Erfolg verſprach, aber ich ließ den Prediger nach ſeinem Gefallen zanveln — 167— und fuhr indeß fort, alles aufzubieten, um mein Gemuͤth zu beruhigen und zu ſammeln. Der wuͤrdige Prediger kam erſt gegen Abend heim, ohne daß ſeine Bemuͤhungen Erfolg gehabt haͤtten. Man hatte nicht eine Spur meines verlorenen Schatzes gefunden. Er gab mir dieſe Nachricht mit dem Aus⸗ drucke der tiefſten Bekuͤmmerniß; aber ich hatte in der That keine Hoffnung gehegt, und meine ſchwermuͤthige Stimmung war durch koͤrperliche Schwaͤche ſo ſehr getruͤbt worden, daß ich— es mag Ihnen ſonderbar vorkommen— faſt den ganzen Tag hindurch meinen Verluſt als einen Zufall betrachtete, der kaum wuͤrdig waͤre, mein Gemuͤth zu beſchaͤf⸗ tigen.„Haͤtte ich auf dieſes Geld gebaut, ſprach ich zu mir ſelber, ſo waͤre ich auch bald wieder verlaſſen geweſen, und in weni⸗ gen Monaten, hoͤchſtens in einem Jahre, wuͤrde ich mich ungefaͤhr in derſelben Lage ge⸗ funden haben, worin ich jetzt bin.“ Ich war gedemuͤthigt in meinem Innern, und ſchickte mich an, jede Lebenslage, worinn ich, wie ein ehrlicher Mann, durch eigene Anſtrengung — 468— Nahrung und Kleidung erwerben koͤnnte, fuͤr mich gerade gut genug zu achten. Der alte Mann behandelte mich ſo vaͤ⸗ terlich, daß ich in den Abendſtunden, wo wir beiſammen ſaßen, und uͤber das Vorgefallene ſprachen, eine große Erleichterung darin fand, ihm mein Herz zu oͤffnen, und ich erzaͤhlte ihm faſt alle Ereigniſſe meines Lebens. Er hoͤrte mir mit Zaͤrtlichkeit und Ernſt zu, und erheiterte mich durch tauſend hoffnungvolle Winke. Meine Vergehungen, ſagte er, ſchie⸗ nen durch aufrichtige Reue abgebuͤßt zu ſein. Ich haͤtte die Welt, und vor allen Dingen mich ſelber einigermaßen kennen gelernt, und wenn ich in der Stimmung waͤre, mich in mein Schickſal zu ergeben, und es ohne Murren zu ertragen, ſo koͤnnte ich noch Mit⸗ tel finden, meine Erziehung zu vollenden, und zu ſeiner Zeit einen achtbaren Lebensberuf anzutreten.„Sie ſind von guter Abkunft, ſetzte er hinzu, und nach der Erziehung, die Sie genoſſen haben, iſt es gewiß ſchwer fuͤr Sie, die rauhen Windſtoͤße der Welt auszu⸗ halten, aber das wird ſich ſchon geben. Sie ſind jung und werden bald wieder ſtark ſein. — 469— Kleinmuth paßt nicht fuͤr ihr Alter. Die Welt liegt noch offen vor Ihnen, und was Sie auch denken moͤgen, Sie ſind bereits üͤber die Lebenszeit hinaus, wo Armuth am furcht⸗ barſten iſt— Sie ſind ein Mann.— O wie oft ſagte meine gute Mutter zu mir, als ich ein Knabe war, Tugend und ein Handwerk waͤren das beßte Erbtheil fuͤr Kinder.— Sie ſind in einem Herrenhauſe geboren und erzo⸗ gen, Herr Wald, und ich in einer Huͤtte; aber bei all dem, mein junger Freund, Fleiſch und Blut ſind daſſelbe, und ſo hart Ihnen auch ihr Schickſal vorkommen mag, Sie wer⸗ den nie durch ſchwierigere Lagen ſich durchar⸗ beiten muͤſſen, als es mein Loos war. Mein Vater war ein armer Mann, ein gemeiner Handarbeiter in einem Doͤrfchen unweit Glas⸗ gow. Meiner Mutter und ihm war es blut⸗ ſauer geworden, mich etwas lernen zu laſſen. Ich kam auf eine Hochſchule, als ich bald funfzehn Jahre alt war, und ſie ſchickten mir woͤchentlich durch den Boten Kaͤſe und Gemuͤſe, ſelbſt Hafermehl zu meiner Suppe. Ich habe nicht dreimahl, glaube ich, friſches Fleiſch gegeſſen in den drei erſten Jahren, wo — 170— ich Student war. Seitdem aber konnte ich ſelbſt etwas fuͤr mich thun. Ich erhielt eini⸗ ge Lehrſtunden, und nach und nach hoͤrte ich auf, meinen alten Eltern zur Laſt zu ſein. Schritt fuͤr Schritt kam ich weiter, bis ich endlich Hofmeiſter in einem angeſehenen Hau⸗ ſe wurde. Ich trat alsdann in den geiſtli⸗ chen Stand und predigte zwanzig Jahre lang, lebte bald in einer Familie, gab bald von Hauſe zu Hauſe Unterricht, und hatte zu⸗ letzt eine eigene Schule in Glasgow. Ich war ſchon uͤber vierzig Jahre alt, ehe ich eie ne Predigerſtelle erhielt, und meine guten Aeltern erlebten es nicht. Ich nahm eine Frau und hatte einen Sohn.“ Der kleine Thomas hatte mittlerweile in der Stube geſpielt. Der alte Mann rief das Kind zu ſich, nahm es auf ſeine Knie, und als er ſich buͤckte, den Knaben zu kuͤſſen, ſielen Thraͤnen langſam uͤber die Furchen ſei⸗ ner Wange. Ich bin nun allein in der Welt, Herr Wald, beinahe ganz allein, wie Sie ſehen, fuhr der Prediger fort. Die Magd kam herein, den Knaben zu — 171— Bette zu bringen, und der ehrwuͤrdige Mann gab ihm mit lebhafter Bewegung ſeinen Se⸗ gen, ehe er ihn in ihre Arme legte. Ich be⸗ merkte mit Bekuͤmmerniß, daß der liebliche Knabe ungemein ſchwaͤchlich war, und ich glaubte in des alten Mannes zaͤrtlichem Blik⸗ ke bange Beſorgniſſe leſen zu koͤnnen. Er ſaß einige Minuten ſchweigend, als man das Kind abgehohlt hatte, und ſein Auge auf mich heftend, hob er wieder an:„Jun⸗ ger Mann, Sie haben den ſchwaͤchlichen Ab⸗ koͤmmling der Schwachheit geſehen. Dieſes arme Kind wird nie das maͤnnliche Alter er⸗ reichen. Ach, muß ich nicht wuͤnſchen, daß auch ſein Vater es nie erreicht haͤtte! O lie⸗ ber Herr, Sie koͤnnen nicht wiſſen, was es iſt, ein Vaterherz zu haben. Mein einzi⸗ ger Sohn hat mir nichts hinterlaſſen, als ein Ueberbleibſel ſtrafbarer Liebe, ein armes, ſchwaͤchlices Denkzeichen der Schuld— ich moͤchte mich gern uͤberreden, daß ich ſagen koͤnnte, bexeuter Schuld.“ Der alte Mann ſeufzte laut, und ſchwieg wieder mehre Minuten, ehe er fortfuhr: „Die Geſchichte kann Ihnen nuͤtzlich werden, — 172— junger Mann, und ich will ſie Ihnen erzaͤh⸗ len. Mein Sohn wurde zum geiſtlichen Stande erzogen. Er machte allen ſeinen Leh⸗ rern auf der hohen Schule Freude, und Freu⸗ de uns allen hier zu Hauſe. Als er die Er⸗ lanbniß zum Predigen erhalten hatte, kam er zuruͤck— es ſind nun vier Jahre— um den Sommer bei mir zuzubringen, und wir hofften, er wuͤrde durch die Mitwirkung eini⸗ ger Freunde zu meinem Gehilfen und Nach⸗ folger im Amte ernannt werden. Aber er hatte die Krankheit ſeiner Mutter geerbt, die in ihm reifte; er wurde auf einmahl ein ganz anderer Menſch, von Tage zu Tage hin⸗ faͤlliger, und die Aerzte erklaͤrten, ich muͤßte ihn verlieren. Nur von einer Veraͤnderung der Luft ſchien ſich noch etwas hoffen zu la⸗ ſen. Wir trennten uns. Er ging nach De⸗ vonſhire, wo er einige Monate blieb; aber er fand hier keine Hilfe. Langſam kehrte er nach Hauſe zuruͤck, und kam nur, um zu ſterben. Er verſchied am Tage nach ſeiner Ankunft und leider war ich nicht bei ihm. Er hatte ſich am Morgen dieſes Tages um ſo vieles beſſer befunden, daß ich einige Meilen weit 1 — 473— ging, um einen armen Mann in meinem Kirchſpiele zu beſuchen, deſſen Familie in Noth war. Ich kam heim, freilich nicht mit Hoffnung, aber wenigſtens dachte ich doch nicht, daß ſchon ſo bald— Man ſagte mir, Thomas haͤtte, als ihm ſehr ſchlimm geworden waͤre, un⸗ ruhig gewuͤnſcht, mich zu ſehen und zu ſprechen; aber es war zu ſpaͤt. Mein armer Sohn hatte ausgelitten, ehe ich heim kam. Es war am dritten Abende nach ſeinem Begraͤbniſſe — Sie koͤnnen von ihrem Platze ſein Grab ſehen, dort unter dem weißen Steine zunaͤchſt am öͤſtlichen Pfeiler, da liegt er— Am drit⸗ ten Abend war es, als ich eben zu Bette ge⸗ hen wollte, da kam meine alte Dienſtmagd fehr bewegt ins Zimmer. Sie ſah ſo ver⸗ ſtöͤrt aus, daß ich faſt erſchrack; denn Sie haben geſehen, wie geſetzt und gelaſſen Lieſe iſt. Ich fragte ſie mehrmahl, was ihr fehlte, ehe ſie antworten konnte. Endlich ſprach ſie: 0 lieber Herr, Sie koͤnnen es ſelber ſehen. Ich hab' es zwei Abende geſehen und bin ſtill geweſen, aber ich bin weder blind noch taub. Sie können es mit ihren eigenen Augen ſehen.“ Mit dieſen Worten zog ſie mich an's — 174— Fenſter und oͤffnete den Laden. Sie zeigte mit dem Finger dort auf die Stelle, und ſprach:„Da iſt's, da iſt's.“ Es war eine mondhelle Auguſtnacht, und deutlich ſah ich eine weiße Geſtalt auf meines Sohnes Gra⸗ be ſitzen. Ich ſah ſie— ſah ſie ſich bewegen — ſah ſie aufſtehen und ſich wieder nieder⸗ ſetzen— ich ſah, wie ſie die Haͤnde rang, und ich uͤberredete mich beinahe, ich hoͤrte ei⸗ ne weinende und klagende Stimme. Viele ſeltſame Gedanken ſtiegen in mir auf, mein junger Freund, aber endlich ging ich hinaus. Die Todten koͤnnten mir nichts zu leide thun, dachte ich, und ich haͤtte nie Jemanden un⸗ ter den Lebenden gekraͤnkt. Ich ging um die Kirche, und ſtieg uͤber den Steg an der Ecke. Als ich naͤher kam, hoͤrte ich ſchluch⸗ zen und Stoͤhnen, und als ich vor dem Gra⸗ be ſtand— O lieber Herr, da wandte die klagende Geſtalt ſich um, ſo bald ſie meine Tritte hoͤrte, und das arme Maͤdchen ſiel mit einem Schrei zu meinen Fuͤßen. Das arme Geſchoͤpf, es war ihr wohl weh um's Herz!“ Ein Maͤdchen? ſprach ich. Ja, ein Maͤdchen, und ſie war das — 175— huͤbſcheſte Maͤdchen in unſerm Dorfe. Ach, lieber Herr Wald, die Wahrheit blitzte in dieſem Augenblicke vor mir auf. Das arme Maͤdchen weinte und ſeufzte bitterlich, als ich ſie aufhob. Sie hieß Gretchen Brown und war eine arme Waiſe, die ganz allein in einer kleinen Huͤtte lebte und ihr Brod mit Naͤhen verdiente. Sie hatte oft in un⸗ ſerm Hauſe gearbeitet, war ſanftmuͤthig und fleißig, und obgleich ſie das ſchoͤnſte Maͤdchen in dem ganzen Kirchſpiele war, hatte doch nie jemand ein leichtes Wort von ihr geſprochen, bis nicht lange vor jener Zeit. Kurz, Gret⸗ chen's Schande ließ ſich nicht mehr verhehlen, aber weder vor ihrer Niederkunft, noch nach⸗ her, konnte Jemand ſie bewegen, des Kin⸗ des Vater zu nennen.„Laßt mir den ein⸗ zigen Troſt, den ich noch habe, gab ſie immer zur Antwort. Laßt mich in Ruhe; ich will mein Kind durch meiner Haͤnde Ar⸗ beit ſelber erhalten.“ Auch mir gab ſie mehr als einmahl dieſe Antwort. Sie weinte und jammerte uͤber ſich und ihr Kind, aber in dieſem Punkte war ſie ſtandhaft. Das Kind war nun drei Monate alt; Niemand ſprach — 76— mehr davon mit dem armen Maͤdchen, und ſie ſchien eine ſo reuige Suͤnderinn zu ſein, als ich je eine geſehen habe. Aber, wie ge⸗ ſagt, es ging mir nun ploͤtzlich ein Licht auf. — Ich errathe dein Geheimniß, armes Maͤd⸗ chen, ſprach ich, der Vater deines Kindes kiegt hier. Ja, ich habe recht.—„O hoch⸗ ehrwürdiger Herr, ſprach Gretchen, glaubt mir, ich wollte nie, daß Ihr dieſe Truͤbſal erfahren ſolltet. Aber ich dachte, die Aerzte wuͤrden kommen, und ihn wegnehmen, und das ließ mich nicht ruhen im Bette, wenn ich daran dachte. Aber geht nach Hauſe, hoch⸗ ehrwuͤrdiger Herr, geht nach Hauſe, und nie werde ich etwas ſagen, das Jemanden ein Recht geben koͤnnte, gegen den zu ſprechen⸗ der nicht mehr iſt.*) Ich ſaß da eine Zeitlang bei dem geseng⸗ ) Die Berriebfamkeit der neuern Zeit hat den Aerz⸗ ren die Mühe erſpart, ſich ſelbſt Leichname zu ana⸗ tomiſchen Unterſuchungen zu hohten. Die ſogenann⸗ ten Rcsurrectionmen, die oft mit großer Verwe⸗ genheit die Gräber berauben, verſorgen ſte damit. 9½— 3 — 177— ten Maͤdchen, aber ich weiß nicht, wie lange ich blieb, bis endlich meine alte Magd Muth gefaßt hatte, auch aus dem Hauſe zu gehen, und ſie uͤberraſchte uns bei dem Grabe. Gret⸗ chen ſah nun, daß ihr Geheimniß entdeckt war. Wir brachten ſie in ihre Huͤtte, und ſie legte ſich ins Bette neben ihr Kind. Ich kuͤßte das Kind, und ſeitdem iſt es mein Kind. Als Gretchen es entwoͤhnt hatte, ging ſie weg, und Niemand weiß, wo ſie geblie⸗ ben iſt. Ich weiß nur ſo viel, daß man ſie, als ſie den Knaben ſtillte, oft hat ſagen hoͤs ren, er ſollte ſich nie ſeiner Mutter ſchaͤmen, wenn ſie's aͤndern koͤnnte. Vermuthlich hat dieſes Gefuͤhl ſie getrieben, in eine andre Gegend des Landes zu gehen.— O lieber Herr, ſchloß der alte Mann ſeine Erzaͤhlung: wir weinen, wenn wir in die Welt kommen, und jeder Tag ſagt uns, warum. Wir wol⸗ len milde urtheilen uͤber Andre, und ehe wir den Kruͤppel hoͤhnen, wohl zuſehen, ob wir ſelber geſund ſind. — Erſter Thelk 22 XIV. — 1 Ich denke gern an die drei Wochen, die ich unter dem Dache dieſes guten alten Mannes zubrachte. Dieſe Zeit, dieſe kurze Zeit er⸗ ſcheint mir wie ein beſchattetes grünes Pläͤtz⸗ chen mitten im oͤden Moorlande. Aber ich muß es verlaſſen, und voran im Moore des Lebens gehen, das ich ſo hilflos betreten ſollte.. „Es konnte dem Prediger bei unſern Un⸗ terredungen nicht entgehen, wie lebhaft ich wuͤnſchte, einem ehrbar naͤhrenden Lebensbe⸗ rufe mich zu widmen. Wenn man bedenkt, wie beſchraͤnkt ſeine Welterfahrung geweſen war, ſo darf man ſich nicht wundern, daß er mir den Weg als den beßten empfahl, worauf er ſelber in ſeiner Jugend die Mittel erworben hatte, ſeine Ausbildung zu vollen⸗ den, und ſich ſpaͤterhin in die achtbare Lage zu bringen, worin ich ihn fand. Er ſagte mir, die gelehrten Kenntniſſe, die ich beſaͤ⸗ ße, waͤren wenigſtens nicht geringer, als die — 479— Bildung, welche die meiſten jungen Männer haͤtten, die bei dem ſchottiſchen Adel als Hauslehrer ſtaͤnden, und wenn ich mir eine ſolche Stelle verſchaffen koͤnnte, wuͤrde ich neben der Erfuͤllung meiner Pflichten hinlaͤnge liche Gelegenheit haben, denjenigen beſondern Zweigen der Wiſſenſchaft mich zu widmen, die mein Fortkommen in der Welt am beßten foͤrdern koͤnnten. Die Abneigung, die ich ge⸗ gen eine Lebenslage fuͤhlte, welche, fluͤchtig betrachtet, mir gewoͤhnlich nicht viel anders als eine beſſere Art von Dienſtbarkeit vor⸗ kam, war ſo ſtark, daß es mir ſchwer wurde, ſeinen Vorſchlag mit ruhiger Unbefangenheit zu erwaͤgen; allmaͤhlig aber kam ich zu der Ueberzeugung, daß mir, wenn ich nicht als Lehrling zu einem Arzte, oder Rechtsgelehr⸗ ten gehen wollte, in der That kaum ein ande⸗ res Mittel zum Lebensunterhalte ſich darbot, als eben auf dieſem Wege, oder wenigſtens durch Lehren uͤberhaupt, bis ich Zeit gewaͤn⸗ ne, mich zum Eintritte in irgend einen Be⸗ ruf vorzubereiten, der ſich mir oͤffnen koͤnn⸗ te. Das Wort Lehrling klang in meinen Oh⸗. ren, mochte ich recht oder unrecht haben, 12* — 180— freilich eben ſo knechtiſch als Hauslehrer, und da mein trefflicher alter Freund glaubte, daß es ihm ſehr wahrſcheinlich gelingen werde, mir bei der Bewerbung um die empfohlene Stelle nuͤtzlich zu ſein, waͤhrend ich bei mei⸗ nen beengten Vermoͤgensumſtaͤnden ſchwerlich erwarten konnte, in eine der andern Beruf⸗ arten einzutreten, es waͤre denn unter Be⸗ dingungen geweſen, die ſie leicht noch unan⸗ genehmer als gewoͤhnlich haͤtten machen muͤſ⸗ ſen; ſo gab ich meinen Widerwillen auf, und uͤberließ mich gaͤnzlich der Leitung des wohlwollenden Mannes. Nach einigen Erkundigungen erfuhr Herr Meikle, daß eine Familie in Weſt⸗Schott⸗ land, wo ſein verſtorbener Sohn eine Zeit⸗ lang gelebt hatte, einen Lehrer fuͤr ihre Kin⸗ der ſuchte. Er ſchrieb ſogleich an den Baro⸗ net, Claudius Barr, wie der Edelmann hieß, und machte eine ſo vortheilhafte Schil⸗ derung von meinem Charakter und meinen Fähigkeiten, daß nach wenigen Tagen die Antwort der Edelfrau eintraf, die mich ein⸗ lud, ſogleich nach Barrmains zu kommen. Ich muß noch erwaͤhnen, daß ich den Predi⸗ 3 — 181— ger, wiewohl nicht ohne Muͤhe, bewogen hatte, mich nicht Wald, ſondern Waldie zu nennen. Ich wuͤnſchte ſehr, wo moͤglich, un⸗ erkannt zu bleiben, und dieſe Veraͤnderung, die mir einen ganz achtbar klingenden Nah⸗ men gab und uͤberdieß eine veraͤnderte Bezeich⸗ nung meiner Waͤſche unnoͤthig machte, war ſo unbedeutend, daß der gute alte Mann ſie fuͤr verzeihlich halten mochte. 1 Ich ging auf eine einzige Nacht nach Edinburgh, verkaufte unter der Hand den uͤberfluͤßigen Theil meines Kleidervorrathes, und kehrte nach Kynnemond zuruͤck, um von meinem würdigen Wirthe Abſchied zu nehmen. Auf dieſe Weiſe ſah ich keinen meiner Freun⸗ de, waͤhrend ich in Edinburgh war. Spreu⸗ le, dem ich geſchrieben hatte, hielt ſich noch immer irgendwo verborgen, weil der Fiskal, der ſich vermuthlich gewiſſer fruͤhern Verge⸗ hungen erinnern mochte, ihm laͤnger Nachſicht aufgekuͤndigt hatte. Es that mir nicht ſon⸗ derlich leid, daß ich mir auf dieſe Weiſe die Unannehmlichkeit eines halben oder die Ge⸗ fahr eines vollen Vertrauens erſpart ſah; denn — 182— Vorſicht war, wie ich ſchon angedeutet habe, nicht eben die Tugend des jungen Mannes. Eine Reiſe von drei Tagen, die ich meiſt zu Fuße zuruͤcklegte, brachte mich aus der einſamen Thalſchlucht von Kynnemond an den Eingang des herrlichen und fruchtbaren Tha⸗ les, in deſſen Hintergrunde der Schauplatz lag, wo ich in meiner Erzieherrolle zum Er⸗ ſtenmahl auftreten ſollte. Der Glanz eines Juliustages lag auf den Waͤldern, und das ganze Thal glaͤnzte von froͤhlichen Doͤrſchen. Ein ſchoͤner Fluß zeigte hier und da ſeinen Waſſerſpiegel zwiſchen dem dunklen Gruͤn der Landſchaft, und im fernen Hintergrunde wur⸗ de die Ausſicht von einem praͤchtigen See be⸗ graͤnzt, den dunkle ernſte Berge umgaben, auf deren Gipfeln der ewige Schnee, glaͤn⸗ zend wie Demante, lag. Ich betrachtete die ſchoͤne Ausſicht mit unerfreuten Blicken, und naͤherte mich langſam und zoͤgernd dem Orte, wo ich zum Erſtenmahl meine Freiheit auf⸗ geben ſollte. Ich kam gegen Abend an, und ward in einem ſtattlichen alten Schloſſe von der ſtattlichen Edelfrau, Juliana Barr, weit freundlicher empfangen, als ich erwartet hatte, „* — 183— und mit einer Herablaſſung, welche die Fleund⸗ lichkeit wuͤrzte, wie Holzaͤpfeleſſig einen Roſi⸗ nenkuchen wuͤrzen mag. Die Edelfrau ſtellte mir meinen Zoͤgling in einem hübſchen Knaben von zehn bis eilf Jah⸗ ven vor; ich ward aber auch zu ſchoͤnen Fraͤulein gefuͤhrt, deren Hofmeiſterinn, wie man zu ver⸗ ſtehen gab, erwartete, bei dem Unterrichte in der Sprachlehre und Erdbeſchreibung meinen Beiſtand zu erhalten. Eine kleine Stube, durch eine duͤnne Bretwand von einem Boden ge⸗ trennt, der durch das ganze Haus zu laufen ſchien, wurde mir zu meiner Wohnung ange⸗ wieſen, und ſo war nun Herr Waldie angeſiedelt. Zwei Glieder des Hauſes ſah ich erſt am folgenden Tage; den Baronet ſelbſt, der eben einen heftigen Anfall von Podagra uͤberſtan⸗ den hatte, woran er, nach ſeinem abgematte⸗ ten und aufgedunſenen Ausſehen, ſchon lange gelitten haben mochte, und ſeine aͤlteſte Toch⸗ ter, welche ich, nach ihrem Alter, ihren Zuͤ⸗ gen und ihrem Benehmen zu urtheilen, auf den erſten Blick fuͤr das Kind einer fruͤhern Ehe hielt. Sie ſchien wenigſtens drei bis vier und zwanzig Jahre zu haben, waͤhrend — 484— die Aelteſte ihrer Schweſtern, die ich am voe rigen Abende geſehen hatte, kaum achtzehn ſein konnte. Ihre dunklere Geſichtsfarbe machte ei⸗ nen Abſtich gegen die ungemein zarte Farbe der uͤbrigen Schweſtern, und ich bemerkte Kaͤl⸗ te in dem blauen Auge der Edelfrau und eine unkindliche Unterwuͤrfigkeit in dem tief dunkeln Auge, das Fraͤulein Johanna ſelten von ihrem Stickrahm aufſchlug. Ihr Geſicht war von auf⸗ fallender Schoͤnheit, doch nicht ohne einen An⸗ flug von Schwermuth; ihre Geſtalt aber ſehr klein und ſchlank, und ihr Gang ſchien mir ei⸗ ne unbedeutende Gebrechlichkeit in einem Beine zu verrathen. Ihre Schweſtern hingegen wett⸗ eiferten, jede nach ihrer Groͤße, mit der aufrech⸗ ten und anſehnlichen Geſtalt ihrer herriſchen Mutter. Matilde, die Aelteſte, war in der That eine glaͤnzende Schoͤnheit, obgleich ihre Backenknochen fuͤr meinen Geſchmack zu gebir⸗ gicht waren. Die Lebensweiſe in dieſem Hauſe war im Ganzen ziemlich unerfreulich. Der Baro⸗ net war ſehr kraͤnklich und dazu niederge⸗ ſchlagen; ein gebeugter ungluͤckſeliger Mann, der oft wochenlang das Zimmer huͤtete und nie aus dem Hauſe ging. Er war jedoch keineswegs ein eigenſinniger, muͤrriſcher Kran⸗ ker; er ſchien vielmehr ſeine Traurigkeit in ſein Inneres zu verſchließen, und nahm nur wenig Antheil an allem, was um ihn her vorging. Die Edelfran planderte mit ihren Toͤchtern; die Hofmeiſterinn ſaß in einer Ecke, bewundernd und beiſtimmend, Johan⸗ na glich einem der Gemaͤhlde im Zimmer, und ich— einem der Stuͤhle oder Tiſche. Die Tuͤrken ſollen den Chriſtenſklavinnen er⸗ lauben, mit den Bewohnerinnen des Harems frei zu reden. Nach demſelben Grundſatze galt der Hauslehrer in Barrmains offenbar fuͤr ein Weſen geringerer Art, dem man nicht das Recht einraͤumte, durch ſeine Gegenwart die Freiheit des haͤuslichen Kreiſes auf irgend eine Weiſe zu beſchraͤnken. Die Maͤdchen wurden in meiner Gegenwart geliebkoſet und geſcholten, als ob ich ein Stock geweſen waͤre, und wenn die Mutter und die Hofmeiſterinn nicht zugegen waren, neck⸗ ten ſich die loſen Dinger eben ſo ohne Um⸗ ſtaͤnde und ohne Zwang mit ihren Ball⸗ kleidern und ihren Anbetern. Die arme — 4186— Johanna ging weder auf Bälle, noch hatte ſie Anbeter. Sie und die kleine, fette, gruͤb⸗ chenvolle Hofmeiſterinn mußten ein Paar Ta⸗ ge mit dem Baronet, mit mir und meinem Zoͤglinge zu Hauſe bleiben, waͤhrend die Mut⸗ ter mit ihren Schoͤnheiten Beſuche machte. Allmaͤhlig minderte ſich die ſonſt herr⸗ ſchende ernſte Foͤrmlichkeit, wenn ſolche Ge⸗ legenheiten kamen. Die Hofmeiſterinn war meine Goͤnnerinn und Fraͤulein Johanna lern⸗ te reden. Ich wurde uͤber Buͤcher zu Nathe gezogen, und machte heimlich Zeichnungen zu Stickereien. Man fand, daß Niemand das Schiff auf dem See ſo geſchickt zu fuͤh⸗ ren verſtand, als Herr Waldie, und Herr Waldie wurde ſogar bei den Abendſpazier⸗ gaͤngen im Walde zum Begleiter gewaͤhlt. Die beiden Frauen fuͤrchteten ſich nie vor den ſtoͤßigen Ochſen, wenn Herr Waldie bei ih⸗ nen war. Er zeigte ſich immer hilfreich, wo es uͤber einen Steg, oder einen Damm ging, und hatte einen Arm fuͤr jede, wenn der Abend ſchwuͤl und der anſteigende Pfad ermuͤdend war. Einſt mußte ich ganz unwill⸗ kuͤhrlich ihr Geſpraͤch im Garten behorchen. — 187— Fraͤnlein Blamyre, die Hofmeiſterinn, ſagte, ich waͤre ein Mann von feiner Bildung, und Fraͤulein Johanna, ich waͤre bei meinen Faͤ⸗ higkeiten doch ein ſehr beſcheidener junger Mann. Fraͤulein Blamyre bemerkte, wenn ich laͤnger waͤre, ſo würde ich huͤbſch ſein, und fragte Johanna, ob ſie je ſchoͤnere graue Augen als die meinigen geſehen haͤtte, wor⸗ auf Fraͤulein Johanna beinahe ſpitzig antwor⸗ tete, ſie haͤtte meine Augen nicht ſo genau angeſehen, daß ſie wuͤßte, von welcher Far⸗ be ſie waͤren. Die Hofmeiſterinn erwiderte kichernd, ſie waͤre hoffentlich ſo ſittſam als irgend Jemand, koͤnnte aber ſo wenig etwas Arges darin finden, nach der Farbe der Au⸗ gen eines Mannes, als nach der Farbe ſei⸗ nes Rockes zu ſehen. Sie ſprachen dann ei⸗ ne Zeitlang von Augen uͤberhaust, und ſchloſ⸗ ſen, ſo viel ich verſtehen konnte, mit gegen⸗ ſeitigen Artigkeiten. Die Hofmeiſterinn pries die Hoheit und den Glanz ſchwarzer Augen, und Fraͤulein Johanna behauptete eben ſo of⸗ fenherzig, es ließe ſich nichts in der Welt mit dem glaͤnzend blauen Auge vergleichen, und ſetzte hinzu, die Augen der Edelfrau haͤt⸗ — 1388— ten ein weit truͤberes Blau, als das Auge der Hofmeiſterinn; aber dieſe Behauptung hatte gewiß die parteiliche Freundſchaft ihr eingegeben, denn in der That hatte Fraͤulein Blamyre keineswegs blaue, ſondern gruͤne Augen, und die Augen der Edelfrau waren nicht nur ſo blau, ſondern auch ſo kalt und glaͤnzend, als ein nordiſcher Himmel in ei⸗ nem froſtigen Mondlichte. Ich fand mittlerweile Muße genug fuͤr meine eigenen wiſſenſchaftlichen Beſchaͤftigun⸗ gen, und da ich ſo gluͤcklich war, bei einem, in Ruheſtand geſetzten Feldarzte, Nahmens Dalrymple, der in der Nähe von Barrmains wohnte, wohlwollende und geſchickte Unter⸗ ſtuͤtzung zu finden, ſo machte ich bald bedeu⸗ tende Fortſchritte in der Heilkunde und Ana⸗ tomie. Dieſe Beſchaͤftigungen fuͤllten hinlaͤng⸗ lich meine Mußeſtunden, und da mein Zoͤg⸗ ling ein artiger, folgſamer und gelehriger Knabe war, ſo flogen die Monate leicht da⸗ hin, und ich war wirklich uͤberraſcht bei der Erinnerung, daß ich nun ſchon uͤber ein Jahr hier lebte. Waͤhrend dieſer Zeit hatte ich mit meinem ehrwuͤrdigen Freunde in Kynnemond .„ — 489— einige Briefe gewechſelt, ſonſt aber ſchien ich nur mit der neuen Welt, worin ich lebte, in Verbindung zu ſtehen. Ja, dieſes Gefuͤhl war ſo vorherrſchend bei mir, daß ich ſelten oder nie daran dachte, in eine Zeitung zu bli⸗ cken. Ddie Edelfrau und ihre Toͤchter waren ſeit mehren Wochen abweſend, und ich hatte waͤh⸗ rend dieſer Zeit mit meinen beiden Freundin⸗ nen auf die alte Weiſe gelebt. Ich habe ver⸗ geſſen, Ihnen eine andere Bewohnerinn des Schloſſes vorzuſtellen, mit welcher ich ſchon fruͤher vertraute Bekanntſchaft gemacht hatte. Es war Barbara Baird, gewoͤhn⸗ lich Muͤtterchen Baird genannt, eine ſehr bejahrte Frau, die im Hauſe aufgezogen⸗ und des Baronets Amme geweſen war. Sie genoß einen etwas unbeſtimmten Rang im Hauſe; denn obgleich ſie unter den Dienſt⸗ boten lebte, ſo hatte ſie doch ſchon lange keine andre Arbeit verrichtet, als was ihr gerade geſiel, und oft, wenn keine Fremde da waren, durf⸗ te ſie ihren Thee in einer Ecke des Wohnzim⸗ mers trinken, wo ihre Erſcheinung immer ſehr viel Freude machte. Ihr hohes Alter, das man üͤber achtzig rechnete, hatte ſie nicht ge⸗ beugt, ja ſelbſt, dem Anſcheine nach, ihre Kraͤfte nicht angegriffen. Ruͤſtig und ſtark, konnte ſie bei Geleg enheit noch immer mit den Juͤngſten einen Rundtanz machen. Be⸗ ſonders aber zeichnete ſie ſich durch ihren Ge⸗ ſang aus. Sie wußte erſtaunlich viele Bal⸗ laden, die ſie am Herde mit einem tiefen, ſchwermuͤthigen und ſichern Tone ſang, der wunderbar anziehend, und ſelbſt ruͤhrend war. Jedermann bewies der guten Alten viel Ehr⸗ erbietung. Die jungen Leute fragten ſie wegen der Baͤnder um Rath, die Edelfrau foderte ihr Gutachten uͤber die Dienſtmaͤgde und das Federvieh, und mußte der Baronet das Zimmer huͤten, ſo nahm er gewoͤhnlich nur von ihrer Hand Arznei. Wenn Fraͤulein Johanna, die Hofmeiſterinn und ich al⸗ lein zu Hauſe waren, das heißt mit Nie⸗ manden, als dem Baronet und meinem Zoͤg⸗ linge, die beide fruͤh zu Bette gingen, gehoͤr⸗ te Muͤtterchen Baird immer zu der Geſell⸗ ſchaft, die ſich nach dem Abendeſſen um den Kamin ſetzte, um Geſpenſtergeſchichten zu er⸗ zaͤhlen, oder vielmehr anzuhoͤren, da die alte Barbara ſelten durch Mitbewerbung geſtoͤrt wurde. Sie war eine der beßten Erzaͤhlerin⸗ nen in dieſem Fache, die ich je gehoͤrt habe, was vielleicht großen Theils eine Wirkung ih⸗ res hohen Alters war; denn es iſt, als ob Geſchichten von den Ereigniſſen der andern Welt am beßten aus dem Munde derjenigen kaͤmen, die in dieſer Welt ihre Rolle bald ausgeſpielt haben. Eines Abends, kurz vor der Zeit, wo wir die Ruͤckkehr der Edelfrau erwarteten, ſaßen wir vier am Feuer, und Barbara unterhielt uns, wie gewoͤhnlich, mit einer Reihe von Kobolden, Nixen, Bergmaͤnnchen, Schatten,*) Erſcheinungen und aͤhnlicher Nahrung. Waͤh⸗ rend einer ihrer Pauſen hob ich an:„Es faͤllt mir eben ein, Barbara, es ſollte mich nicht wundern, wenn Ihr irgend eine ſonderbare Geſchichte von dem Bilde zu erzaͤhlen haͤttet, *) Ueber die zahlreiche Famitie der Geiſter, die der ſchottiſche Volksglaube kennt, ſehe man die anziehen⸗ de Schrift: popular superstitions and festive amusements of the Highlanders of Scotland— y W. Grant gtewart. Edinburgh. 1825. 8, — E — 492— das ich heute in der Bodenkammer entdeckte. Ich muß Ihnen ſagen, Fraͤulein Johanna, es wundert mich, daß man das Bild dort laͤßt; ich halte es fuͤr ein beſſeres Gemählde als viele der Bildniſſe im Speiſezimmer.“ 4 Was fuͤr ein Bild meint Ihr denn? fragte Barbara, und es kam mir vor, als ob ſie leiſer als gewoͤhnlich geſprochen haͤtte. Nun, ein Bild, das ich heute fand, als ich in der Bodenkammer das alte Porzellan anſah, wovon Fraͤulein Johanna neulich ſprach. Es ſtand mit dem Geſichte gegen die Wand. Eine weibliche Geſtalt iſt es, in einem frem⸗ den altfraͤnkiſchen Anzuge. Ihr habt es ge⸗ wiß einmahl geſehen. Von einem ſolchen Bilde habe ich nie gehoͤrt, antwortete Barbara, beinahe barſch. Ich daͤchte, ein gelehrter Herr, wie Ihr, haͤtte wohl was beſſeres zu thun, als auf dem Bo⸗ den unter all dem alten Plunder zu ſtoͤbern. Nun, ſeid nur nicht zu ſtrenge gegen mich, antwortete ich. Ihr wißt ja, die Bo⸗ denkammern gehoͤren zu meinem Reiche, und das Bild kann ſo gut in meiner kleinen Stu⸗ be hangen, als in jener geſpenſtiſchen Plun⸗ ½ — 193— derkammer. Ich habe daran gedacht, mir ein wenig Firniß zu verſchaffen, um es aufzufri⸗ ſchen, weil es von der Feuchtigkeit gelitten hat, und wenn ich etwas Blattgold und Gum⸗ mi haͤtte, ſo koͤnnte ich auch wohl dem Rah⸗ men wieder Glanz geben, ſo ſchwarz er auch iſt. 1 Junger Mann, ſprach Barbara, aufſte⸗ hend: zu einem ſiedenden Topfe kommt keine Fliege. Ich daͤchte, es wuͤrde Euch nicht ſcha⸗ den, wenn Ihr ein Paar Schuͤler mehr haͤt⸗ tet; Ihr wißt gewiß nicht, was Ihr mit eu⸗ rer Zeit anfangen ſollt. Die Alte entfernte ſich nach dieſen Wor⸗ ten, und bald nachher trennte ſich die Geſell⸗ ſchaft. Denken Sie, wie ſehr ich erſtaunte, als ich beim Eintritte in meine kleine Veſte die alte Barbara, mit ihrer Lampe neben ſich, da ſitzen ſah. Sie ſtarrte das Bild an, das ich wirklich uͤber den Kaminſimms gehaͤngt hatte. Ich fand zu meiner Ueberraſchung in Barbara's Zuͤgen einen Ausdrurk, den ich nie bemerkt hatte. Sie war todtblaß, und Erſter Theil. 13 — * — 194— ihr Blick ungewoͤhnlich ernſt und traurig auf das Bild geheftet. Ich ſetzte mich dicht neben ſie; aber ſie ſprach erſt nach einigen Minuten mit mir. Ich ſehe wohl, daß ich recht gerathen ha⸗ be, Barbara, hob ich an. Das Bild hat ſei⸗ ne Geſchichte, und Ihr werdet mir ſchon ein⸗ mahl ſagen, wie's damit iſt. Und war's nicht ein liebes, liebes We⸗ ſen? ſprach Barbara. G Ein liebliches Maͤdchen, antwortete ich, und auch munter, wenn ſie war, wie ſie hier ausſieht. O Herr Waldie, Ihr wißt nicht, was fuͤr traurige Herzen zuweilen unter dem hellſten Auge ſchlagen! Aber ich will Euch auf ein⸗ mahl ſagen, wie's damit iſt; das Bild darf nicht hier bleiben, man darſ's nicht ſehen. Kommt, ſeid huͤbſch folgſam, und helft's mir wieder in den dunkelſten Winkel der Boden⸗ kammer tragen.« Erzaͤhlt mir doch die Geſchichte, Barbara, und ich will alles thun, was Ihr wuͤnſcht. Wenn ich die Geſchichte erzaͤhle, ſo thue ich, was nicht recht iſt, antwortete die Alte. Aber ich kenne eure Art, Ihr werdet mir immer vor den Ohren liegen, wenn ich's ab⸗ ſchlage, und die Wahrheit zu ſagen, ich glau⸗ be nicht, daß Ihr mich noch einmahl danach fragen werdet, wenn Ihr ſie einmahl gehoͤrt habt. Wollt Ihr mir euer Wort geben, jun⸗ ger Mann, die Sache geheim zu halten 7 Ja, das will ich, war meine Antwort. Sie legte ihre ſtarke knoͤcherne Hand auf meine Finger, und druͤckte ſie kraͤftig, zum Zeichen des empfangenen Verſprechens. Dar⸗ auf begann ſie, ſo viel ich mich erinnern kann, mit folgenden Worten:„Unſer Herr war noch ſehr jung, als ſein Vater ſtarb, und er ging ſogleich nach Frankreich und Italien, nach Flandern und Teutſchland, und wir hoͤrten drei Jahre lang nichts von ihm. Mein Bru⸗ der, Hans Baird, war bei ihm als ſein Kam⸗ merdiener. Als die Zeit verfloſſen war, kam unſer Hans wieder heim, und ſagte uns, der gnaͤdige Herr wuͤrde am andern Tage kom⸗ men, und er braͤchte eine Frau aus der Frem⸗ 13* — 196— de mit, aber ſie waͤren nicht verheirathet. Dieſe Neuigkeit machte allen im Hauſe viel Herzeleid, wie Ihr leicht denken koͤnnt, und wir waren recht froh, daß es die al⸗ te gnaͤdige Frau nicht erlebt hatte, von ſol⸗ chen Dingen zu hoͤren. Aber was konnten wir thun, Herr Waldie? Die Zimmer wur⸗ den alle in Ordnung gebracht, und die beßte Stube im ganzen Hauſe machten wir fuͤr den Herrn und ſie zurecht. Hans ſagte mir, als wir am Abend allein waren, wir wuͤrden uͤber ihre Schoͤnheit erſtaunen, wenn ſie kaͤme, und — das arme Kind! das Bild iſt ihr ſprechend ähnlich, und ſo werdet Ihr Euch nicht wun⸗ dern, daß Hans ſo dachte. Aber ich haͤtte es nie geglaubt, bis ich ſie ſah, daß ſie noch ſo ſehr jung waͤre, ein wahres Kind, moͤchte ich ſagen, kaum funfzehn Jahre alt. So ein huͤpfendes, munteres Voͤgelchen von einem Maͤdchen hatte man nie geſehen, und man mußte ſie mehr bedauern als tadeln ihres Fehlers wegen, weil ſie offenbar noch ganz die Froͤhlichkeit und den Leichtſinn der Jugend hatte. O wie ſie ſang und ſpielte, wie ſie — 197— auf den wildeſten Pferden daher ſprengte, oh⸗ ne Furcht, als ob ſie ein Mann geweſen waͤ⸗ re. Es war lauter Kurzweil und Froͤhlichkeit im Hauſe. Der gnaͤdige Herr und ſie waren beide ſo jung und ſo holdſelig, daß einem das Herz haͤtte brechen moͤgen, wenn man ſah, wie gedankenlos ſie waren. Sie ſaß im⸗ mer auf ſeinem Knie, und hatte ihren Arm um ſeinen Hals gelegt, und Wochen und Mo⸗ nate lang dauerte dieſe Liebe und Froͤhlich⸗ keit. Das arme Kind war gar nicht ſtolz, ſie war ſo beſcheiden in ihren Reden gegen unſer eins, als ob ſie ein armes Landmaͤdchen geweſen waͤre. Ich glaube, es war Niemand unter uns, der ihr nicht gut geweſen waͤre, bei allen i, en Fehlern. Sie war ein unbe⸗ ſonnenes Weſen, und doch ſo freundlich, ſo weichherzig als ein Lamm und ſo lieb. Ich habe nie ihres Gleichen geſehen. Sie war ganz ſo gekleidet, als Ihr ſie hier ſeht. Sie trug immer ein ſchwarzes Kleid und gewoͤhn⸗ lich von Atlas, wie hier auf dem Bilde, und immer ſo gemacht, und all die Litzen auf ih⸗ rer Bruſt, und die große goldne Kette mit 4 — 198— den vielen koſtbaren Rubinen und Demanten. Sie hatte nie Puder auf dem Kopfe, und o ſtolz— ſtolz war ſie auf ihr Haar! Ich ha⸗ be oft geſehen, wie ſie es eine ganze Stunde lang immer kaͤmmte, und wenn's los gefloch⸗ ten war, ſielen die ſchoͤnen ſchwarzen Rin⸗ gellocken bis auf die Kniee. Ihr habt ein ſolches Haar euer Lebtage nicht geſehen. Sie war die Tochter eines reichen alten Inden in Flandern, und ging mit dem Baronet durch, an einem Abend, wo ein großes Gaſtmahl war— ihr Paſſah⸗Feſt, meinte mein Bru⸗ der— und ſie kam aus der Hinterthuͤre zu dem gnaͤdigen Herrn, wie Ihr ſie da ſeht, in Ihrem Feſtputze. Seht, lieber Herr, das dauerte wohl ein Jahr. Litzen⸗Hannchen — ſo nannten ſie die Leute im Hauſe wegen der Schnuͤre auf ihrer Bruſt— Fraͤulein Jo⸗ hanne kam in die Wochen und hatte ein Maͤd⸗ chen, und ich denke, Ihr werdet wohl rathen, wer das Maͤdchen iſt.“ Ich gab ihr zu verſtehen, daß ſie recht hatte, und ſie fuhr fort:„Der alte Oheim des gnaͤdigen Herrn war um dieſe Zeit aus — 493— Amerika heim gekommen, und er rief den Ba⸗ ronet zu ſich nach Edinburgh, und freilich mußte er folgen. Er ging weg, als das Kind noch nicht vierzehn Tage alt war, und lief Fraͤulein Johanne bei uns zuruͤck. Ich war die Erfahrenſte im Hauſe, und mußte ſie meiſt allein pflegen, ſo lange ſie Woͤchnerinn war. Das arme Ding war nun ganz veraͤn⸗ dert. Oft, oft weinte ſie ſich die Augen blind und jammerte gegen mich, daß der Baronet ſie nicht geheirathet haͤtte. Sonſt haͤtte ſie nicht viel an dieſe Dinge gedacht, ſagte ſie, aber nun haͤtte ſie ein Kind von dem Baro⸗ net, und ſie koͤnnte es nicht ertragen, wenn ſie dem armen Ding in's Geſicht ſaͤhe, und denken muͤßte, daß Jedermann es ein Baſtard nennen wuͤrde. Und ſie ſagte dann, ſie waͤre von ſo guter Herkunft als irgend eine Edelfrau in Schottland, und jammerte und weinte um ihren alten Vater und ihre Schweſtern.“ „Aber der Oberſt, ſeht Ihr, fuhr die Alte fort, hatte den Baronet nun in der Stadt, und wir hoͤrten bald, er waͤre entſetz⸗ lich wild uͤber Litzen⸗Hannchen, und haͤtte gedroht, er wollte jeden Pfennig andern Leu⸗ ⸗ n, wenn der gnaͤdige Herr Hann⸗ chen 9 t wegſchickte und ein Fraͤulein ſeines Standes nahme. Und halb durch Schmei⸗ cheln, halb durch Schelten, kam's denn da⸗ hin, daß der Baronet mit dem Oberſten in's Hochland reiſete, wo die Heirath zwiſchen ihm und Fraͤulein Juliane verabredet und alles ab⸗ geſchloſſen wurde. Jedermann im Hauſe hat⸗ te mehr oder weniger davon gehoͤrt, ehe Jo⸗ hanna ein Wort erfuhr. Endlich aber ſchrieb der Baronet ſelber einen Brief, und ſagte ihr alles, was geſchehen ſollte. Er wollte ihr einen Haufen Geld geben und unſer Hans ſollte mit ihr zu Schiffe gehen und ſie ſicher zu ihren Freunden bringen, ſie und ihr Kind, wenn ſie's gern mitnehmen wollte, aber wenn das nicht waͤre, ſo wollte der Oberſt das Kind zu ſich nehmen und als ein Fraͤulein aufzie⸗ hen, außer dem Hauſe hier, daß kein Unfrie⸗ den entſtehen ſollte. So, ſagte unſer Hans, 4 hätte man's ihr vorgeſchlagen; den Brief ſelbſt aber bekam ſie, als ich dabei war, und ſobald ſie ihn zweimahl geleſen hatte, warf ſie ihn — 291— in's Feuer vor meinen Augen. Sie las ihn, was auch darin ſtehen mochte, mit einer wun⸗ derbaren Gemuͤthsruhe; aber ſo bald er im Feuer lag, ſiel ſie gleich in Ohnmacht, und aus einer in die andre faſt den ganzen Vor⸗ mittag. O lieber Herr, das war traurig anzuſehen. Es haͤtte ein Herz von Stein ruͤh⸗ ren muͤſſen.“ „Als ſie ihr Kind ſah, kam ſie wieder zu ſich, fuhr Barbara fort. Ich brachte es ihr und legte es auf ihren Schoß, weil ich dachte, es wuͤrde ihr gut thun, wenn ſie’s ſtillte. Und das arme zitternde Geſchoͤpf that, was ich ſagte, und in dem Augenblicke, wo des Kindes Mund an ihrer Bruſt war, wurde ſie ſo ruhig, als die Kleine ſelbſt. Die Thraͤnen floſſen ihr freilich uͤber die Wangen, aber ſie ſagte kein Wort mehr und ich hoͤrte ſie den ganzen Tag nicht wieder weinen, oder ſchluch⸗ zen. Ich brachte ſie und das Kind an dieſem Abende zu Betre, aber ich ſah nun das ſchoͤ⸗ ne ſchwarze Haar nicht kaͤmmen und kraͤu⸗ ſeln. Sie war aber ſehr ruhig und gefaßt, wie's ſchien, und ich ging und legte mich auch — 202— in mein Bett, das in einer Kammer an ih⸗ rer Stube ſtand. Ihr koͤnnt Euch vorſtellen, was wir dachten, als wir am andern Mor⸗ gen das Bett kalt und leer fanden, und die Hausthuͤre ſtand weit offen. Wir ſuchten im Waſſer, und ſchickten Boten zu Pferde auf allen Wegen aus, aber daß ich's kurz erzaͤhle, wir konnten nie eine Spur von ihr finden, bis drei Wochen ſpaͤter ein Brief von ihr an mich kam. Es waren nur ein Paar Zeilen, und ſie ſagte, ſie waͤre geſund, und dankte mir, das gute Kind, daß ich ſie in ihrem Wochen⸗ bette ſo gut abgewartet haͤtte. Der Brief war aus London. Sie ſagte mir, ich ſollte Niemanden etwas davon ſagen, aber Ihr ſeht wohl, das konnte ich nicht, denn alle Leute hielten es fuͤr gewiß, das arme Maͤd⸗ chen haͤtte ſich und ihr Kind um's Leben ge⸗ bracht. Ich weiß nicht, ob dieß die Urſache war, oder ſonſt etwas, genug, die Vermaͤh⸗ lung des Baronet's wurde zwei bis drei Jah⸗ re aufgeſchoben, und er kam in der ganzen Zeit nicht zu uns. Endlich kam Nachricht, die Hochzeit ſollte nun vor ſich gehen. Es ka⸗ — 203— men Mahler und Tapezierer, und was weiß ich wer ſonſt noch, kehrten das ganze Haus um, und richteten alles zum Empfange der gnaͤdigen Frau ein. Nur das Zimmer, wo Litzen⸗Hannchen gewohnt hatte, ruͤhrten ſie nicht an, und das war ihnen gewiß ſo beioh⸗ len worden.“. 1 8 „Der Tag kam, ſprach die Alte, und es war ein ſchoͤner ſonniger Fruͤhlingstag, als der gnaͤdige Herr und die Braut ihren Einzug hielten. Das Gras war friſch abgemaͤht vor dem Schloſſe, die Gaͤnge waren gekehrt, der Tiſch war gedeckt, und jedermann hat⸗ te ſich geputzt, ſie zu bewillkommen. Mein Bruder Hans kam wie toll den Gang hinan geſprengt, und ſagte uns, man koͤnnte die Kutſche ſchon ſehen, und wir ſollten uns al⸗ le in Ordnung ſtellen vor der Schloßtreppe. Wir ſtanden da alle nach der Ordnung, und die Kutſche kam daher gerollt, und ich weiß nicht, wie viele Diener ritten hinter her. Der gnaͤdige Herr ſah aus dem Kutſchenfen⸗ ſter und winkte uns mit ſeinem Schnupftuche zu, und— ſo ſchnell als je ein Funke vom rothen Mantel aus dem alten Geſträͤuche auf der Abendſeite des Hauſes hervor, und ſie warf ſich vor die Pferde hin, und die Raͤder gingen ihr gerade uͤber die Bruſt, und ſie war in einem Augenblicke zerſchmettert. Sie bewegte ſich nicht mehr. Das arme Kind! ſie war nicht mehr Litzen⸗Hannchen; ſie war in Lumpen, ganz in Lumpen unter dem Sruͤck⸗ chen Mantel. Wir fanden das Kind in einer bunten Schuͤrze gleich hinter der Hecke liegen. Das war ein ſchönes, herrliches Willkommen für ein Paar junge Brautleute, Herr Wal⸗ die!— Nun habt Ihr meine Geſchichte ge⸗ hoͤrt, und werdet an euer Verſprechen geden⸗ ken.“ * Barbara druͤckte meine Hand, und ſtand auf, ſobald ſie jene Worte geſprochen hatte, und deutete auf das Bild. Ich uahm es her⸗ ab, und waͤhrend Barbara mir leuchtete, trug ich es in einen Winkel der Bodenkam⸗ mer. Wir legten es umgekehrt auf den Bo⸗ den, und die Alte packte, ich weiß nicht Feuerſteine flog, ſtuͤrzte ein Weib in einem —-——— wie viel Geruͤmpel darauf. Sie hieß mich — 205— dann in meine Stube gehen, und ich ließ ſie allein. Ich hoͤrte ihre ſchweren Tritte noch eine Zeitlang hin und her gehen, bis ſie end⸗ lich die Treppe hinab ging. Es fiel mir ein, daß die Treppe ſteil und ſchmal war, und ich glaubte, darauf ſehen zu muͤſſen, daß die gute Alte ſicher hin⸗ ab kaͤme. Ich ſchlich mich wieder aus der Stu⸗ be, und als ich uͤber den Boden ging, hoͤr⸗ te ich Barbara unten ſchwer ſeufzen. Ich ſprang hinab, um zu ſehen, was ihr fehlte, aber ſie blieb ſtehen und empfing mich mit ihrem gewoͤhnlichen Geſichte.„Ich glaubte, Ihr waͤret gefallen, und haͤttet Euch Scha⸗ den gethan, Barbara,“ ſprach ich. Nein, nein! antwortete ſie, ich ſtolpre auf keiner Treppe in dieſem Hauſe, aber Ihr ſeid ein guͤtiger junger Mann, Herr Wal⸗ die. Kommt mit mir, weil Ihr einmahl ſo weit ſeid, und ich will Euch ein Paar Sa⸗ chen zeigen, die ich ſelber lange Zeit nicht geſehen habe. Erſter Theil.. 14 — 206—. Sie trug immer ein Gebund Schluͤſſel an ihrem Guͤrtel, wovon ſie einen in die Hand nahm, und ihre Lampe in der andern Hand haltend, fuͤhrte ſie mich ſchweigend durch viele krumme Gaͤnge in einen Theil des Hauſes, wohin ich noch nie gekommen war. Sie ſchloß eine Thuͤre auf, und ging mit weiten Schritten in ein Zimmer voran, wo es dumpfig roch, als ob es lange nicht waͤre geluͤftet worden. Die Vorhaͤnge waren dicht zugezogen und ſtaubig. Barbara nahm einen andern Schluͤſſel, und ein Behaͤltniß in ei⸗ ner Ecke öffnend, hohlte ſie ein ſchwarzes At⸗ laskleid und ein Buͤndel verblichener gelber Schnuͤre heraus.„Dieß war ihr Zimmer, Herr Waldie, fliſterte ſie, und iſt ſeitdem im⸗ mer verſchloſſen geweſen, und ich habe im⸗ mer den Schluͤſſel gehabt. Das ſind die Li⸗ tzen, wovon ich ſprach. Seht Euch um, und ſagt mir, ob's hier ausſieht, wie in einem heitern Frauengemach. Das arme Kind! Seht, hier iſt noch mehr von ihrem Kram. — O dieſes Bett, dieſes Bett! ſprach Bar⸗ bara, als ſie die Vorhaͤnge am untern En⸗ — 2⁰7— * de aufzog. Es kam ihr nicht in den Sinn, daß ich auf eben dieſem Bette ihren Leichnam ausſtrecken ſollte.“ Der arme Baronet! ſprach ich unwill⸗ kuͤhrlich. 1 4 8 Ja, ja, antwortete Barbara: man ſagt freilich, nichts trocknete ſo ſchnell als eine Thraͤne, und es mag wohl wahr ſein, aber bei all dem glaube ich doch, Ihr koͤnnt wohl ſagen: der arme Baronet!— Wißt Ihr denn, fuhr ſie ſehr leiſe fliſternd fort, und ſah mir ſtarr ins Geſicht: wißt Ihr, was man in unſrer Gegend daruͤber ſchwatzt, warum der Baronet immer zur Hinterthüre hinaus geht? Aber, Barbara, erwiderte ich, Ihr ver⸗ geßt gewiß— Er iſt ja nie uͤber die Schwelle gegangen, ſo lange ich im Hauſe bin. 1 Ja, ja, ſprach ſie, ich vergaß es. Aber unter uns geſagt, viele Leute glauben, der gnaͤdige Herr haͤtte einmahl in einer ſternen⸗ hellen Nacht Litzen⸗Hannchen unten am Ge⸗ 14* * — 288— buͤſche geſehen. Mein Bruder Hans ſprach nie ein Wort davon, aber ich muͤßte mich ſehr irren, wenn er das nicht mit in's Grab genommen haͤtte. ——— XV. Jch mag nicht laͤugnen, daß ich Fraulein Johanna mit einer innigern Theilnahme be⸗ trachtete, ſeit ich Barbara's traurige Erzaͤh⸗ lung gehoͤrt hatte. Die Abweſenheit der Edel⸗ frau und ihrer Toͤchter dauerte laͤnger als wir vermutheten, und da der Baronet das Zimmer huͤtete, ſo war ich mit den beiden Maͤdchen faſt immer allein, Eines Tages waren wir, wie gewoͤhnlich, ausgegangen, und die Hofmeiſterinn hatte uns, wie es nicht ſelten geſchah, zu einer Stelle in einem entlegenen Theile des Guts⸗ gebietes gefuͤhrt, wo ſich uns eine reizende Anſicht des Dorfes darbot. Fraͤulein Blamy⸗ re ſprach ziemlich empfindſam uͤber die Lage des Pfarrhauſes, und ließ mehre Winke fal⸗ len, die ich wirklich nicht mißverſtehen konn⸗ te, wie uͤber das hohe Alter des Predigers und die ſchoͤne Verſorgung, die der Baronet in kurzer Zeit einem verdienſtvollen jungen — — 240— Manne geben koͤnnte, an deſſen Wohlfahre er Antheil naͤhme. Fraͤulein Johanna war auch ungewoͤhnlich nachdenkend, und da der Tag fuͤr die Jahrzeit ziemlich heiß war, ſo dehnte ſich unſer Spaziergang uͤber die ge⸗ woͤhnliche Zeit aus. Kurz, es war Tiſchzeit, als wir heimkamen, und wir waren nicht we⸗ nig erſtaunt, als wir bei unſrer Ankunft fan⸗ den, daß die Frauen, da ein Brief verloren gegangen, ganz unerwartet zuruͤckgekehrt wa⸗ ren, und eine ſehr große Anzahl von Ferun⸗ den mitgebracht hatten. Ein Hofmeiſter haͤlt es ſelten fuͤr noͤthig, in das Geſellſchaftzimmer zu treten, bis er hoͤrt, daß die Gaͤſte aufbrechen wollen. Ich ging daher nicht eher hinunter, bis die Klingel ſchon eine Zeitlang zum Erſtenmahl gerufen hatte, und es war nun Daͤmmerung. Ein gro⸗ ßes Holzfeuer loderte luſtig im Kamin am obern Ende des Zimmers, aber der Theil deſſelben, aus welchem ich bei einer ſolchen Gelegenheit nicht leicht hervor kam, war ganz dunkel. Es waren viele Frauen und Herren zugegen, und —— — —— — die hohe und helle Stimme der Edelfrau uͤber⸗ toͤnte, wie eine Glocke, de Summen. Es wurde zur Tafel gerufen, und die Geſellſchaft ſing an, ſich nach dem Speiſe⸗ ſaale zu begeben. Ich trat zuruͤck, um Alle voruͤbergehen zu laſſen, und ſah unter den Erſten eine junge und reizende Frau, in tie⸗ fer Trauer. Das Zimmer war faſt ſinſter; aber die Geſtalt, der Gang, der Umriß der Geſichtszuͤge— ich ſah alles ganz deutlich. Mit langſamen und ſtolzen Schritten ſchwebte Katharina Wald an mir voruͤber; ſie ging zur Saalthuͤre und ihre lange ſchwarze Schlep⸗ pe floß uͤber die Schwelle. Ich war wie im Traume; aber meine Blicke muſterten jede nachfolgende Geſtalt, bis ich endlich allein war, und ich hatte keinen Lascelyne geſehen. Ich kann nicht ſagen, was ich fuͤhlte. Ich folgte dem letzten Gaſte, als ob eige Kette mich gezogen haͤtte. Ich waͤre gern die Trep⸗ pe hinauf geeilt, aber alle Dienſtboten ſtan⸗ den in der hell erleuchteten Halle, und ich 3 kroch, ich ſchlich ins Speiſezimmer. Mein — 242— Auge flog einmahl, nur einmahl durch das Zimmer, und ich athmete wieder auf, als ich ſah, daß ich mich an das Ende der Tafel geſetzt hatte, an derſelben Seite, an deren obern Ende ſie ſaß. Ich war ganz im Traume. Ich war und blieb allein bei dem Lichtglanze, bei dem Ge⸗ wuͤhle und Geſumſe. Ich aß und trank, wuß⸗ te aber ſo wenig, was ich that, als das Sil⸗ bergeſchirr, oder das Glas vor mir. Es ſau⸗ ſte mir vor den Ohren und mein Kopf war betaͤubt. Ich wußte nicht, ob eine Stunde, oder eine Minute verſloſſen war, als meine Nachbarn aufſtanden, und ich bemerkte, daß die Frauen im Begriffe waren, ſich zu ent⸗ fernen. Unbewußt wandte ich mich zum Tiſche, und heftete meine Augen auf die Wand jener Seite des Zimmers, wo ſie, wie ich meinte, nicht gehen wuͤrde. Ich ſtand eingewurzelt, wie eine Bildſaͤule, und doch zitterte ich in meinem Innerſten bei dem Gedanken, daß 4 * ——— 2η — 2413— sielleicht der Saum ihres Kleides an die Ruͤck⸗ lehne meines Stuhles, ſelbſt an meinen Rock ſtreifen koͤnnte. Sie hatte aber zufaͤllig den andern Weg genommen und erſchien gerade vor meinen Blicken. Ich konnte nicht weg⸗ ſehen. Sie kam heran; und es traf ſie mein todtenaͤhnlicher Starrblick, und ich ſah, wie ein ploͤtzliches Zittern die herrliche Geſtalt ergriff. Sie oͤffnete ihre Lippen, und preßte ſie ſogleich wieder zuſam⸗ men, als ob ſie von Froſt erſtarrt geweſen waͤren. Es war das Werk eines Augenblickes, des ſchnellſten Augenblickes. Sie ging vor⸗ an, und die Thuͤre ſchloß ſich hinter der Letz⸗ ten in der Reihe. Ich hatte noch einmahl jene Augen geſehen— in die Tiefe dieſer braunen Augen geblickt. Es war Katharina, dieſelbe Katharina, jene unerreichbare, un⸗ ausſprechliche Liebenswuͤrdigkeit, und doch wie veraͤndert in Anſehen und Benehmen! Wel⸗ cher kalte ſinſtre Gram war es, der auf dieſen Thron der Schoͤnheit ſich geſetzt hatte? Wo⸗ her dieſer veſtaliſche Truͤbſinn, dieſer aͤltliche Ernſt, dieſe ſeierliche, ſchwermuͤthige, traurige 1 — 244— Hoheit? Hatte ich ſie geſehen, ehe ſie mich ſah, oder nur als ſie mich erblickte? Hatte ich ſie geſehen, oder hatte ich getraͤumt? Und warum dieſes dunkle Gewand, dieſe tiefe Trauer? Gluͤhe, truͤbes, ſchlaͤfriges Gehirn, ſchlage, ſchlage wieder, du zermalmtes und zertretenes, aber immer noch lebendes Herz! Iſt Lascelyne todt— liegt der Verraͤther un⸗ ter dem Raſen— iſt ſeine Schoͤnheit eine Nahrung der Wuͤrmer? Iſt Katharina Wit⸗ we— iſt ſie frei? Pfui uͤber den Gedan⸗ ken! Thor, Sklave— kriechender Sklavek wo iſt der Traum deiner Jugend— der hei⸗ lige, reine Traum? Waͤre der arme Hofmeiſter im Zimmer geblieben, nachdem die Frauen hinausgegan⸗ gen waren, ſo haͤtte man vielleicht auf ihn achten koͤnnen, mein augenblickliches Ver⸗ ſchwinden aber mochte ſchwerlich Jemand be⸗ merken. Ich mußte leichter athmen, und ging ſogleich ins Freie hinaus. Ich ſtand vielleicht eine halbe Stunde und lehnte mich draußen vor dem Schloßthore an die Mauer. *— 215— Es war eine finſtre windige Nacht, und dle alten Baͤume um das Schloß ſeufzten und die Blaͤtter fielen dick auf mich herab. Ploͤtzlich ſprengten zwei Reiter dicht an mir voruͤber. Der erſte hielt ſein Pferd an, und das Licht aus der Halle erleuchtete Las⸗ celyne's Geſicht. Er ſtieg ab, und ich mußte hoͤren, was er ſeinem Reitknechte befahl. „Sagt ihnen, ſprach er, meine Gemahlinn wollte den Wagen morgen gleich nach dem Fruͤhſtuͤcke haben. Meine Pferde ſollen zu gleicher Zeit bereit ſein. Wir haben eine ziemlich lange Tagreiſe.“ Gut, gnaͤdiger Herr, ſprach der Diener, und der Eine ging ins Haus, der andre in die Staͤlle. Ich ſchlich eine Weile durch das Gehoͤlz, und vergrub mich dann in meine Stube. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich die hohe Ge⸗ ſellſchaft am naͤchſten Morgen nicht mit mei⸗ ner Gegenwart bei dem Fruͤhſtuͤcke beehrte. lich hoͤrte ich die Kutſchentritte aufſchlagen⸗ Abet wie ſcharf war mein Ohr! Wie deut⸗ und das Fortrollen der Raͤder! „ Ende des erſten Theiles. Schneeberg, gedruckt bei Ch. W. Th. Schill. — fſiſinſſſnſninſnſſnnſ 8 9 1 12 13 14 15 ' 10 1 16 17 18