Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 8 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet o wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 4 8 für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. eiterverleihen 9 welche die⸗ on mir geli Erſter Band. Altenburg, hey Chriſtian Hahn. 16 21. * ———— Der Verräther und die letzte Stund Eine Skizz e. A .* 1. Aus dem Hauſe einer Univerſitätsſtadt heraus ſtrömte der Jubelnden Geſang weit hinab in die horchende Straße. Eben endigte das Räuberlied: „Dann trinken wir voll Muth und Kraft „Selbſt mit dem Schwarzen Brüderſchaft „Der in der Hölle thronet— 4 und gewaltige Bäſſe ſtiegen hinab in die Tiefe, und wiederholten aus Contra⸗Kehlen:„Der in der Hölle thronet!“ Da ſchlich ſich Seebald, ein Jünger der Themis, aus dem Hauſe heraus, und ſah beym Mondenſchein nach ſeiner Uhr.„Pereant die Tückmäuſer!“ hörte er drinne rufen, und eine Stimme brüllte zum Fenſter heraus:„Philiſter Seebald— viel Complimente ans Kopfkiſſen und an den lieben Schlafrock!“— Aber dieſer ver⸗ doppelte ſeine Schritte, denn er hatte mit Schreke ken an ſeiner Uhr geſehen, daß es ſchon halb 11 Uhr war. Wie ich mich nur ſo kann verleiten laſſen! ſagte er zu ſich ſelbſt: Gottlob, es iſt das A 2 — 2— letzte Mal. Er ſchlich verdrüßlich in ſein Quar⸗ tier, ließ ſich von ſeinem Hauswirth noch genau die Minute ſagen, welche deſſen Uhr zeigte, und brummte, als dieſe noch ſpäter wieß: verdammtes Werk! ſchon wieder 5 Minuten zu ſpät. Er ſchrieb in ſein Tagebuch:„Am 15ten May 48 Minuten zu ſpät zu Bette gegangen:“ und legte ſich ſchleu⸗ nigſt nieder. Nach wenig Tagen bereitete er ſich zur Ab⸗ reiſe, denn ſeine Studien waren vollendet, und er eilte, von einem Orte weg zu kommen, wo man ihn darüber auslachte, daß er ſich ſelbſt zu 8 einer wandelnden Uhr machte. Nachdem er Alles bedächtig und ſicher einge⸗ packt, jede Schreibfeder mit einem beſondern Pa⸗ pier umwickelt, und ſeine Geldmünzen zur Reiſe ſortirt und in verſchiedene Beutelchen gethan hat⸗ tee, um unterwegs ſich nicht zu vergreifen, nahm eer von ſeinem Wirthe Abſchied, der ihm mit dem Zeugniß Lebewohl ſagte: daß er, ſeit die Univer⸗ ſität beſtehe, einen ſolchen ordentlichen Menſchen noch nicht im Hauſe gehabt habe. Lieber Gott, fuhr der Geſprächige fort, wie werden der Herr Papa ſich freuen, ſo einen grundpünktlichen Sohn wieder zu ſehen; die Sonne geht nicht richtiger auf und unter, als der Herr Seebald in und aus — — 8 dem Bette, freylich— ein bischen eigen wohl— meine Frau hat manchmal geklagt, wie bitterböſe Sie werden könnten, wenn ſie z. E. aus Verſe⸗ hen den Milchdeckel auf die Kaffeekanne gedeckt hätte, oder ſo etwas; aber du lieber Gott, der Menſch iſt Menſch. Und bezahlt haben Sie— ja, ſo was wird mir ſobald nicht wieder geboten. Nicht etwa auf den Tag, nein, auf die Stunde,⸗ auf die Minute; jeden Erſten Mittags halb ein Uhr kamen die lieben, lieben Kronthälerchen an, kein falſch Stückchen drunter, ſo wahr ich lebe, die ganze Zeit nicht— auch nichts verſetzt, nichts verkauft, keine Schülden gemacht— ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll! Binel, bring doch was zu trinken, vom Beſten, verſtehſt du mich— zum Valet. Seebald verbat. Es iſt meine Zeit noch nicht, ſagte er, daß ich trinken kann.— Auch nicht ein Gläschen Bier? fragte der Freygebige. Ich danke ſehr, antwortete Seebald, drückte dem Lobpreißenden die Hand, und ſtieg in den Wa⸗ gen, der ihn nach ſeiner Patezſiatt veindin ſollte. Binel! rief der Wirth, als die Chaiſe fortge⸗ rollt war, und ließ von dem erhaltenen Trinkgeld einen Speciesthaler in ſeine Weſtentaſche ſchlüpfen: ſchau her, was ich für Dich habe; der Herr Abi⸗ turiens hätten's bald vergeſſen— er gab mir's noch beym Abfahren, da! Binel zog ein verdrüßlich Geſicht, als er ihr 12 Groſchen einhändigte, Das verlohnt ſich, rief ſie; der Musje Lump, der! Warum nicht gar 6 Pfennig?— Müh' und Plag den ganzen Tag, den Beſen nicht aus der Hand, und doch kein Danke Wenns noch ein Stipetgat wär, wollt' ich nix ſagen; aber ſo ein reicher Flips ſollte ſich ſchämen— der. Die Aermſten laſſen mir doch wenigſtens ein Andenken, wenn ſie kein Geld ha⸗ ben—— nun ſieh mal, fährt der Großthuer in der Caleſche; der Prahlhans konnt' ſich auch wohl auf die ordinäre ſetzen. Der Hausherr ließ ſie ſchimpfen, und ſpielte in der Weſtentaſche, wohlgefällig lächelnd, mit den erliſteten Transportſpeſen. Seebald rollte hochvergnügt auf dem ſchön ge⸗ bahnten Wege ſeiner Vaterſtadt zu. Das Kupfer⸗ beutelchen hing wohlbefeſtigt neben ihm; bey jedem Bettler, der ihm begegnete, ließ er halten, gab ihm etwas daraus, und wünſchte ihm Geſundheit dabey. Als aber das beſtimmte Quantum aus⸗ gegeben war, und ihn, als die Chaiſe gerade ein⸗ — 2 7 mal ſtill hielt, ein armer Invalide noch um ein Allmoſen anſprach, fuhr er ihn verlegen und faſt barſch an: ich kann Euch nichts geben, ich hab' nichts mehr— warum ſeyd Ihr nicht früher ge⸗ kommen. Der Invalide, der nicht gut hörte, reichte fortwährend mit bittender Geberde ſeine Mütze zum Empfang der Gabe hin. 4 Hört Ihr nicht, Alter? Ihr könnt nichts kriegen! Der Alte nickte: Ja wohl, im Kriege,— das rechte Bein— in Frankreich. Wer heißt Euch eure Haut zu Markte tragen; murmelte Seebald, verdrüßlich, daß er ihm aus Mangel an Münze nichts geben konnte.— Alter Narr, warum ſeyd Ihr nicht zu Hauſe geblieben! Ueber dreyßig Tauſend, ohne die Bleſſirten! rapportirte der Krieger, der verſtanden hatte, er frage nach den damals Gebliebenen. Seebald hörte gar nicht auf, ſondern wurde jetzt bey dem Gedanken an den Krieg nur noch heftiger:„Das habt Ihr nun davon, einen Stelz⸗ fuß und eine Fouragiermütze, die Ihr als Klingel⸗ beutel benutzt— geht hin, verkauft Eure Knochen zu Rumfordſchen Suppen, ſie werden jetzt ſtark geſucht; vielleicht paſſirt Euer Stelzfuß als Bey⸗ lage, da habt Ihr doch was verdient damit.“— Der Lohnkutſcher, welcher mit ſeinem Geſchäfte fertig war, unterbrach ihn mit der Frage: ſoll ich fortfahren, mein Herr?— Dabey ſchwang er die Peitſche und ſagte barſch zu dem Alten: packt Euch, daß Ihr nicht umgefahren werdet! Dem in Eifer gerathenen Seebald gab der harte Kutſcherbefehl einen Stich ins Herz, wäh⸗ rend er ſeine eigne Härte, im komiſchen Aerger, dem Alten nichts geben zu können, gar nicht be⸗ merkt hatte. Eben trabte ein Reiter vorüber. Mein Herr! rief er dieſem zu: können Sie mir keine Kupfermünze verwechſeln? Gelbſchnabel, rief der Reiter zum Wagen hin⸗ ein; putzt Euch Eure eigne Naſe, und laßt meine ungeneckt—— aber, ſeh' ich recht? Das iſt ja Herr Seebald, mein Landsmann— ſieh— ſieh! Seebald erkannte jetzt einen Bekannten, den Dooctor Quirinus, und reichte ihm erfreut die Hand zum Wagen heraus. Schön„ſagte er, da treffe ich ja ſchon einen Freund meines Hauſes. Ihr begrüßt den Freund aber ſchlecht, erwie⸗ derte Quirinus, daß Ihr auf offener Heerſtraße An⸗ ſpielungen auf ſeine Naſe macht. Jetzt erſt bemerkte Seebald, daß dieſer ſonſt nur ins Morgenroth ſpielende Vorſprung, ſich in * — — 9— einen reich zu Tage gehenden kupferhaltigen Erz⸗ gang verwandelt hatte. Doctor! rief Seebald, was mögt Ihr Burgun⸗ der zu Euch nehmen! Aber Scherz bey Seite, ich habe wirklich nicht anſpielen wollen. Es iſt mir darum zu thun, den armen Teufel dort abzufer⸗ tigen. Habt Ihr kein klein Geld? Was da! rief der Doctor: da hätte man viel zu thun, wenn man jedem Bettler geben wollte. Bey mir hat keiner was zu hoffen; genug, daß ich ſo manchen umſonſt kuriren muß. Wär's nicht der Erbgrimente wegen, ich ließ es auch bleiben. ie Zeit iſt edel, und Ehre legt man bey dem Lumpenvolk auch nicht ein. tirbt's, ſo heißt's, man habe ſich keine Mühe gegeben; bleibt's leben, ſo hat's die liebe Natur gethan. Da lobe ich mir vornehme Kranke, da iſt von Natur gar keine Rede— die Kunſt thut Alles, und wie wird's bezahlt und auspoſaunt in allen Zeitungen. Und hält's einmal ſo ein alter reicher Kautz nicht aus, und geht ſchlafen, ſo hat man bey den Erben Le⸗ benslang freyen Zutritt, und bleibt immer ein Freund vom Haus. Aber was machen Sie, Theuerſter? Ich glaube gar—— Seebald hatte, ſich unwillig von ihm weg⸗ wendend, und ſeine Ordnungsliebe bey Seite ſez⸗ zend, den Silberbeutel eröffnet, und dem Inva⸗ liden einen harten Thaler gegeben. Indem er ihm zurief: Alter, nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht in die Räder kommt! fühlte er ſich bey dem dankbaren Erſtaunen des Ueberraſchten wohlthuend bewegt, und zufrieden mit ſeinem Entſchluß. Nun, das muß ich ſagen, fuhr Quirinus fort: Ihr habt wohl auf den Allmoſenvater losſtudirt. Oder drückt's Euch, das Geld? Einen Thaler ſo wegzuwerfen. Laßt Euch zu Hauſe ſo etwas mer⸗ ken, dann verfolgt Euch unſere Jugend ſchlimmer wie den Hatto die Kornmäuſe. Aber lebt wohl! ich muß zu einem Domherrn, der ſich aus Lan⸗ gerweile den Magen verdorben hat. Auf Wie⸗ derſehn. Er drehte das Pferd und ritt fort. See⸗ bald grüßte ihn kalt und ſagte zum Kutſcher: Fahr zu, daß wir hinein kommen! Bald waren ſie am Thore der lieben Vater⸗ ſtadt. Seebald grüßte den aiten bekannten Thor⸗ ſchreiber, und fragte freundlich: Wie geht's, Alter? 2. Schlecht, Herr Seebald! entgegnete dfeſer. Die Leute haben kein Geld mehr in den Taſchen.— Sonſt— die untergehende Sonne, ein ſchöner Sommerabend, das Nachtigallenwäldchen da drü⸗ ben, brachten mir immer was ein: die Leute ver⸗ ⁸△ — 14.— ſpäteten ſich, und mußten brav Thorſchluß zahlen. Jetzt, lieber Himmel! Alles will gerne das Sperr⸗ geld ſparen, und läuft, daß es nach Hauſe kommt. Wären nicht die Fremden noch, die wir derb an⸗ greifen, wir hätten kein Oel, nur die Angelhaken am Thor einzuſchmieren. Was bleibt da für un⸗ ſer einen übrig? Die alte gute Zeit iſt vorüber —— zwey Groſchen gut Geld, Herr Seebald. Dieſer ließ ein hartes Stück Geld wechſeln, und bekam in der Dämmerung eine Handvoll ver⸗ blichener Scheidemünze, die in der Folge nicht mehr von ihm weichen wollte. Wo fahr ich hin? fragte der Kutſcher. Der Thorſchreiber bezeichnete ihm das Haus. „Herr Rath und Floßinſpector Seebald. Empfehle mich allerſchönſtens, mein beſter Herr!“ Seebald fand ſeinen Vater ſehr krank, ſeine Schweſter, deſſen Wärterin, war in Verzweiflung, weil ſie ſchon drey Mal vergebens nach dem Arzt geſchickt hatte. Der Alte empfing ſeinen Sohn unter den heftigſten Schmerzen.„Aber, lieber Vater, ſagte dieſer, muß es denn gerade Quiri⸗ — bus ſeyn? Es giebt ja doch ehe Aerzte hier, ſo⸗ viel ich mich erinnere.“ Wie Du's verſtehſt, ſagte der Alte. Quiri⸗ nus kennt meine Natur, der weiß, wo mirs ſitzt. — 12— Den Andern muß ichs erſt demonſtriren, und wenns fertig iſt, verordnen ſie mir wohl gar Ha⸗ bergrütze und Limonade, ſtatt Wein. Die andern Aerzte hier ſind gar nicht aufgeklärt. Der Quirinus kommt heute nicht nach Hauſe, ſagte der Angekommene. Er iſt mir mit dem Mantelſack hintenauf begegnet.. Nun, ſo brauch ich indeſſen die alte Cur, ſtöhnte der Floßinſpector. Er wird ja doch ein⸗ mal kommen. Lieber Bruder! ſagte Albertine, Du wirſt hung⸗ rig ſeyn. Ich will nur ſchnell für Dich das Eſ⸗ ſen beſorgen.— Sie eilte nach der Küche. Ihr Bruder ſchlich ihr bald darauf nach, und ſagte zu ihr, indem er den Blaſebalg an den Nagel hing: Höre, Tienchen, Du weißt doch noch, wie ichs gerne habe? Das Brodt zur Suppe in ganze Scheiben, ja nicht in Würfelchen geſchnitten, und morgen früh den Kaffee, wenn ich die erſte Pfeife zum Fenſter hinaus ausklopfe. Hörſt Du? ja nicht eher. Ei, biſt du noch immer ein ſolcher Pedant? erwiederte dieſe: ich glaubte, auf der Univerſität hätteſt Du Dich geändert. Nun, wie ſoll ich das machen? Da werde ich wohl einen Aufpaſſer an die Hausthüre ſtellen müſſen, der das Signal giebt, wenn Du die Pfeife ausklopfſt. Wie kann man ſo drollig ſeyn? Ei, ei! drollig nennſt Du das? rief Seebald verweiſend: das iſt Lebensordnung. Je pünktli⸗ cher Du eine Uhr aufziehſt, je weniger geräth ſie ins Stocken. Der Menſch iſt auch nur ein Uhr⸗ werk. Hätte der Vater es ſo gemacht, ſo wäre er jetzt nicht krank. Das iſt mir ein Sporn mehr. Alles mit Maas, ſagte Albertine. Ordnung und Quälerey iſt zweyerley. Wie fängſt Du es denn auf Reiſen an? wie kannſt Du da nach der Uhr eſſen, trinken und ſchlafen? Ich reiſe auch nicht mehr, fiel jener ein: ich bleibe hier, wenn's ſeyn kann. Aber, nicht wahr, Du thuſt mir's zu Gefallen, und machſt es ſo, wie ich's gerne habe? Sie hörte den Vater rufen, und eilte zu ihm. Hört, ſagte dieſer, meine Schmerzen vermehren ſich. Es ſoll ein reitender Bothe nach dem Qui⸗ rinus geſchickt werden, ſogleich. Albertine eilte fort, es zu beſorgen, und ihr Bruder ſchritt unruhig und etwas unbeholfen im Zimmer auf und ab. Quirinus kam nicht. Der Alte fluchte den ganzen Abend. Seebald ſuchte ſpät am Abend, ermüdet von der Reiſe, das Nachtlager. Gegen Morgen fühlte er ſich aus dem Schlafe gerüttelt. Er richtete ſich auf, und erfuhr von dem Schreiber ſeines Vaters, daß dieſer ſo eben verſchieden ſey. — 2. Die nicht unbedeutende Erbſchaft, welche ſein Vater ihm hinterlaſſen hatte, war dem Leben, zu dem er ſich hinneigte, nur zu förderlich. Seine Grillen und Pedanterieen vermehrten ſich mit je⸗ dem Tage. Er wurde bitter, wenn Jemand die gleichgehenden Räder ſeines Lebens⸗Uhrwerks zu hemmen ſuchte. Gutmüthig, gerne mittheilend, jagte er doch ſeinen Bedi auf der Stelle fort, weil er von den ſieben Paar Stiefeln, die für den wöchentlichen Gebrauch ſtets bereit ſtanden, ein Paar zu putzen vergeſſen, ſo daß der erboste Seebald genöthigt war, den Freytag ſtatt den Donnerstag an die Beine zu ziehen. Es that ihm hernach leid, aber ihn wiederzunehmen, dazu konnte er ſich nicht entſchließen.— So hartnäk⸗ kig er nun auch hierin war, ſo nachgiebig und leicht zu täuſchen war er, wenn man ſeine ſchwa⸗ che Seite zu benutzen verſtand. Zwey Jahre waren verfloſſen, ſeit Seebald von der Univerſität zurück war; da ſagte einſt —4— ſein Freund Fridorf zu ihm: Wie iſt es denn? Du biſt nun ſchon ſo lange hier, haſt auch et⸗ was gelernt; willſt Du es denn nicht benutzen? willſt Du Deine Kenntniſſe nicht für das öffent⸗ liche Wohl gebrauchen?— Wie könnte ich nur ſo müßig, ohne Zweck, meine Tage verleben! Mein lieber Fridorf! erwiederte Seebald: wie könnte ich mich beſſer befinden, als in meiner ge⸗ 9 genwärtigen Lage? Kein Vorgeſetzter kann mir meine Ruhe und meine Stunden rauben. Was habt Ihr denn, Ihr Zacken in dem großen Staats⸗ rad? Könnt Ihr wohl ſagen: jetzt will ich ſtill⸗ ſtehen, und jetzt will ich gehen?— Ich möchte um alle Welt kein Diener ſeyn! So denkſt Du, ſagte Fridorf, weil Dir die Ruhe über Alles geht und Du nicht begreifſt, welch' ein ſchönes Gefühl es iſt, zur Erhaltung des Staats, zum ſeegensreichen Fortſchreiten der Nation das Seinige beyzutragen— Ich trage auch dazu bey, fiel Seebald ein; ich gebe, wenn ich übrig habe, den Armen, da⸗ mit ſie bey ihren Fortſchritten nicht verhungern, oder wohl gar, der Cultur zuwider, Spitzbuben werden. Ich verdenke es Jedem, der ſich ein Joch anlegen läßt, wenn er die Stirne frey tra⸗ gen kann. 3 Fridorf lachte und ſprach: frey wirſt Du Dich doch nicht nennen wollen? Biſt Du nicht, ſo wie Du da ſtehſt, der Sclave Deiner unendlichen klei⸗ nen Bedürfniſſe, Deiner wunderlichen Launen, Deiner Taſchenuhr und Deines Magens? Es iſt gut, ſagte Seebald, daß Du mich dar⸗ an erinnerſt. Es wird gleich zwölf Uhr ſeyn; wir wollen hinunter zu Tiſche gehn, Du bleibſt heute bey mir.. Recht gerne, ſprach Fridorf: wenn ich Dich nur bey Tiſche noch des Beſſern überzeugen kann. Deßhalb gieb Dir keine Mühe, lieber Fridorfz ich habe ſchon auf der Univerſität darüber nachge⸗ dacht, welches Amt wohl das pünktlichſte wäre, wo Alles ſo recht zu einer beſtimmten Zeit geſche⸗ hen müßte, keine Minnre drüber und keine drun⸗ ter. Aber ich habe noch keinen gefunden, der ſo glücklich iſt, als etwa den Nachtwächter und den Thürmer. 1 Friorf lachte.— Geh nur hinein, ſagte See⸗ bald: ich komme ſogleich nach. Als ſie ſich zu Tiſche geſetzt hatten, fing jener wieder an: Wer Talent und Kraft hat, ſoll bey⸗ des für das allgemeine Beſte gebrauchen—— Seebald fiel ihm in die Rede: wer bey Ti⸗ ſche ſitzt, der ſoll, denk' ich, eſſen, was unſer Herr ——— — — 17— Herr Gott beſcheert hat, und froh ſeyn, wenn er nicht geſtört wird—— Der Bediente trat herein und ſagte: Herr Fri⸗ dorf werden erſucht, ſogleich zum Heu Präſiden⸗ ten zu kommen.— Seebald legte den Löffel hin, und brach in ein unmäßiges Lachen aus: Da haben wir den lieben Dienſt— von der Suppe weg wird er ſchon geholt. Fridorf ſtand, ſeinen Aerger nicht ganz ver⸗ bergend, auf, und wollte nach dem Huth greifen. Bleib diesmal nur ſitzen! rief Seebald, im⸗ mer noch lachend. Es war blos ein Schreckſchuß auf meine Ordre, Dir zu zeigen, wie angenehm es ſey, über keine Stunde ſeines Lebens Herr zu ſeyn.— Fridorf lachte jetzt ſelbſt mit. Seebald aber ſagte: jetzt gieb Achtung, wie es freye Leute ma⸗ chen, die bey Tiſche ſitzen. Der Bediente trat wieder herein, und ſagte im pathetiſchen Ton, um ſein Lachen zu verber⸗ gen: Der Herr geheime Staatsrath laſſen Herrn Seebald erſuchen, ſogleich einmal zu ihm zu kom⸗ men.— Seebald ſetzte ſich mit Gravität auf dem Stuhle zurecht, befeſtigte ſeine Serviette ruhig im Knopf⸗ A — 18— loch und ſagte, indem er ſich Suppe aufſchöpfte: Meine Empfehlung an den Herrn geheimen Staats⸗ rath, und ich ließ ihm melden, daß ich ſo eben mein Mittagsbrodt verzehre, und daher nicht die Ehre haben könne.— Siehſt Du nun wohl, mein lieber Fridorf, den Unterſchied, und kannſt Du mir's verdenken, daß ich bleibe wer ich bin? Wenn blos die Rede von Bequemlichkeit iſt? nein!— Aber der Menſch iſt nicht geboren, blos der Ruhe zu pflegen. Er ſoll wirken, ſonſt iſt er gar nichts— Sey ruhig, Aſſeſſor! fiel Seebald ſcherzend ein: ich werde ſchon Beſchäftigung bekommen; wenn ich meine Kinder zur Ordnung anhalte, züchtige, belohne, da wird's an Aerger nicht fehlen. Deine Kinder! rief Fridorf: wo haſt Du ſie denn? 4 In ſpe, lieber Freund! Ich habe mich in al⸗ lem Ernſt verliebt, und denke keinen Korb zu er⸗ halten. Dul ſagte Fridorf: und davon hoͤre ich das erſte Wort? Nun gut; haſt Du aber auch Deine Eiferſucht abgelegt? denn Du ſagteſt einmal, daß Du ſehr an dieſem Uebel leiden würdeſt. Ich hoffe es nicht, verſetzte Seebald. Meine Zukünftige ſcheint ein vernünftiges Mädchen zu — — 19— ſeyn, und wenn ſie meinen ſchon aufgeſetzten Le⸗ bensplan ſtreng befolgt, bleibt ihr gar keine Zeit übrig, mir untreu zu werden. Jede Stunde hat da ihre Beſtimmung. Fridorf lächelte. Lebensplan? ſagte er, und ſchüttelte den Kopf. Ein Lebensplan iſt wohl gut, aber er muß nicht ausſehen, wie ein Küchen⸗ zettel. Biſt Du denn verſichert, immer Herr Dei⸗ ner Schöpfung zu ſeyn, und iſt denn immer ein Tag wie der andre?— Freund, ſieh Dich vor, und mache den Plan wenigſtens ſo, daß uigh die Zufälle darin Platz haben. 3. Ich bitte Dich, liebe Emilie! ſagte der Land⸗ rath Eiſenbruch zu ſeiner Gattin: wirf mir nicht immer das gute Herz in den Weg, wenn die Rede davon iſt, ob der Hauptmann Jacobinen glücklich oder unglücklich mache. Er, mit ſeinem Leichtſinn und ſeiner Spielſucht— was iſt hier zu erwarten? Du wirſt mich nicht überzeugen, daß er ein guter Gatte, Vater und Staatsbürger werden wird, hätte er auch alle Armen des Kö⸗ nigreichs unter freyem Himmel geſpeiſt. Er iſt aber doch, ſagte Emilie, oft recht mit⸗ B 2 -— 20 leidig, und übt manche Wohlthat aus; auch ge⸗ gen die Kinder zeigt er ſich ſo liebevoll— Liebevoll! brummte jener. Was iſt da Liebe⸗ volles zu ſehen?— Er bringt ihnen Zuckerwaa⸗ ren mit, wenn er kommt; lacht, wenn ſie unge⸗ zogen ſind, und bittet vor, wenn ſie beſtraft wer⸗ den, um ihre Zuneigung zu erhalten, ſo wie er ebenfalls das Geſinde hmeichelt in dem Hauſe, wo er Zutritt behalten möchte; das iſt Klugheit, und weiter nichts. Auch giebt er manchen Gro⸗ ſchen den Armen, verſchleudert aber auch mit eben der Leichtigkeit manchen Thaler für Nichts. Gutes Herz, weiches Gemüth— da habt ihr nun geſe⸗ hen, daß ihm bey einem Choral auf der Harmo⸗ nika eine Thräne im Auge geſtanden hat: gleich muß er der vortrefflichſte Menſch ſeyn; und ich wette Hundert gegen Eins, daß er demohngeach⸗ tet gegen ſeine Untergebenen ſo ungerecht iſt, wie irgend Einer. Er ſoll auch ein Trinker ſeyn, und das wäre eine Männertugend mehr, außer ſeiner Spielſucht; darum ein⸗ für allemal, abgebrochen, rund heraus ihm geſagt, und nicht ſo hinter'm Berge gehalten. Ich will Dir eben nicht widerſprechen, ſagte die ſanfte Emilie: aber eins wollte ich nur noch anführen: iſt es nämlich nicht oft der Fall, daß das Weib, liebend und vorſtellend, von ſolchen Fehlern den Mann ganz befreyt? Jacobine hofft es zu können. Der Landrath erwiederte: mit Einem glückt es, und mit zehn, ja mit zwanzigen ſchlägt es fehl. So eine Frau, die einen Spieler und Trin⸗ ker beſſern will, kommt mir vor, wie jener Herr, der einen Löwen zahm gemacht hatte. Eine Weile ging es gut; als der Löwe aber zufällig einmal Blut geleckt hatte, war es um die Zucht gethan, und um den Herrn dazu. Emilie ſchwieg. Der Landrath, in dicke Dampf⸗ wolken gehüllt, die er aus ſeiner Pfeife blies, wenn er in Eifer gerieh, war noch nicht zu En⸗ de, denn er variirte im Thema gerne lange, und fuhr fort: Das gute Herz, das heißt, was man ſo gewöhnlich das gute Herz nennt, iſt nicht ge⸗ nug zu einem Manne, und gewährt der Ehe kei⸗ ne Sicherheit für ihr Glück. Aber ich weiß es wohl, Ihr bildet Euch ein, aus dem Gutherzchen ließen ſich alle nöthigen Eigenſchaften des Mannes bereiten, faſt wie jene Prinzeſſin in Rübezahls Pallaſt, die ſich in Ermangelung von etwas Beſ⸗ ſerm, aus gelben Rüben alle nöthigen Kammer⸗ yerren und Hofdamen ſchnitzte, aber die Vortreff⸗ lichen waren ſchon am dritten Tage ſo verwelkt, — 22— daß ſie nicht einmal die Gänſe mehr freſſen Eben dieſer eingebildete Berggeiſ gleicht ſol⸗ chen Männern, von denen ich hier rede, auf's Haar. Eine gewiſſe Bonhomie— ich weiß eben kein deutſches Wort dafür— eine Art von Gutmü⸗ thigkeit, eine Freygebigkeit, die ihm nicht ſauer wird, weil er im Ueberfluß ſitzt— dabey launen⸗ haft, ungerecht, ſchadenfroh, wie's ihm einfällt; begehrlich, trotzig, Egoiſt im hohen Grade, dabey keine Rolle verſchmähend, wenn ſie nur zum Zweck. führt; das iſt Rübezahl und ſein Ebenbild, von — dem ich oft ſagen höre: er mag ſeyn wie er will, aber gutmüthig iſt er doch. 4 mochten. — Wo Du aber auch hin geräthſt? ſagte Emilie⸗ Nun muß ſogar Rübezahl herbey— zu Deinen 1 Vergleichen. — Emilie, die nur zu nachſichtig gegen Jacobi⸗ nen geweſen, ſeufzte und ſagte ganz kleinmüthig: hätten wir doch ſchon früher ſeinen Beſuch abge⸗ lehnt. Er hat Jacobinen ganz eingenommen, und ich fürchte ſehr, daß ihr heftiger Charakter, ihre Reizbarkeit, wenn Du durch einen Macht⸗ ſpruch jetzt dieß Verhältniß ſtören willſt, ſie noch ganz unglücklich macht. Wird ſie, wie ich, wohl — Deinen väterlichen Worten ſo glauben? wird ſie Vernunft annehmen? Sie ſoll aber Vernunft annehmen! rief Ei⸗ ſenbruch: jeder Menſch ſoll Vernunft annehmen, wenn ſie ihm von Verſtändigern gepredigt wird. Ich werde mit ihr reden, und ihr die Sache vor⸗ ſtellen, thue Du auch das Deinige, und ſo denke ich, wird es wohl ohne Machtſpruch abzumachen ſeyn. Beſſer eine Thräne nach dem Nein, als Tauſend nach dem Ja.— Da iſt die Tochter meines Freundes Waldeck in Waldorf, ich habe heute mit der Poſt Briefe bekommen, die iſt nun an einen Sonderling verheyrathet, wie Du weißt, der Seebald heißt. Nun, ich hab es meinem Freund gleich damals geſchrieben, als er mir des Menſchen Leben mittheilte: ein Mann, der leicht⸗ gläubig, eiferſüchtig ohne Grund, ein kleinlicher Pedant iſt, und von dem Leben eine Anſicht hat, wie eine Auſter— für den iſt uUlrike kein Weib. Das ſollte mir Leid thun, ſagte Emilie. Ich kenne zwar ulriken nicht perſönlich, aber nach dem, was ich von ihr gehört habe, verdient ſie ein beſſeres Loos. 4. Aber, du lieber böſer Mann, ſagte der kleine Otto zu ſeinem Führer: ſage mir doch, wenn der ſchöne Baum kommt, wo die rothen und gelben Aepfel daran hängen? Noch nicht, ſagte der barſche Begleiter zu dem kleinen vierjährigen Knaben: der Baum iſt weit, wir müſſen eilen, daß wir hinkommen. Er faßte den Knaben und zog ihn durch Dorn und Geſträuch immer tiefer in den Wald hinein. Die Aengſtlichkeit des Führers entgieng ſogar dem Knaben nicht. Was ſiehſt Du Dich denn ſo um? ſag⸗ te dieſer. Der Vater kommt nicht. Mach' nur, daß wir den Baum bald finden, denn ich habe Hunger und Du haſt geſagt, der Baum wãre gar nicht weit. Wir ſind bald da. Eile nur, Kleiner Auil ſchrie dieſer, ich habe mich ſchon wie⸗ der geſtochen. Sage mir, warum ſteht denn der Baum ſo tief in dem garſtigen Wald. Wir ſind ſchon ſo lange gelaufen und noch immer nicht— da iſt doch der Birnbaum in unſerm Garten ſchö⸗ ner; wenn wir da mit Steinen hineinwerfen, da fallen viele, viele Birnen herunter, und mit drey Sprüngen ſind wir wieder im Hauſe.— — Hier haſt du Brod, iß und ſey ruhig, ſagte jener. Der Kleine biß halbzufrieden geſtellt in das Brod, und ließ ſich dabey durch Dick und Dünne ziehen. Auf einmal ſtand dieſer ſtille, und ſah ſich verlegen um— verflucht, ſagte er, ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Was ſagſt Du? fragte der arme Knabe, der kaum noch gehen konnte. Nichts, nichts! rief jener: komm nur, wir ſind bald da. Den Argloſen mit ſich fortziehend, ſagte der Führer jetzt: da iſt ein Haus, komm, da wollen wir hinein gehen, und uns Milch ge⸗ ben laſſen. Morgen ſuchen wir den Baum wieder. Iſt das meines Vaters Haus— da will ich auch recht laufen, daß wir hinkommen. Sie lie⸗ fen eine kleine Anhöhe herab auf das Haus zu. Schon da? rief eine Stimme zum Fenſter heraus. Macht nur auf, ſagte der Begleiter. Wir haben Hunger und Durſt. Die Thüre that ſich auf, ſie traten hinein. Na! nal ſagte ein grämlicher Mann, mit ei⸗ nem Pfeifenſtummel im Munde ihnen entgegen⸗ kommend: wer ſeyd Ihr denn, und wo kommt Ihr denn ſo ſpät noch her? — 26— Wir haben uns verirrt, ſagte jener: gebt uns etwas zu eſſen und dann ein gutes Nacht⸗ lager. Otto drückte ſich furchtſam an ihn an und fing an zu weinen. Da wohnt ja die Babel nicht, ſchrie er: bring mich nach Hauſe, nach der Stadt; hier iſt keine Stadt, hier iſts gar⸗ ſtig. Ein altes Mütterchen kroch hinter dem Ofen hervor, und betrachtete, nachdem ſie die Lampe vom Tiſch genommen, den kleinen Unzufriedenen. Aber die ſpitzige Adlernaſe und die rothen Au⸗ gen der Alten waren nicht dazu gemacht, den Schüchternen zu beruhigen, er ſchrie immer ärger. Wat jöhlt denn dat Tüwelsding? krächzte das Weib, und als ſie den ſaubern Anzug des Kleinen gewahrte, befühlte ſie ihn und ſagte: hät ju ok brov Sechſer, ſo wilk' em'ne Schlip⸗ permilk holen. Holt nur, holt nur, ſagte Lux, der Beglei⸗ ter des Kleinen, damit der Kleine bald ſchläft. Morgen mit dem Früheſten wollen wir fort. Ich bezahle ſchon. Die Alte ſetzte die Lampe wieder auf den Tiſch, und ging hinaus. Lux forderte ein Glas Brandewein, ſtürzte es hinunter, dann noch eins, und zog, auf die Erinnerung des Wirths, er möge doch gleich be⸗ zahlen, einen ledernen Beutel, der ziemlich voll Silbermünze war, heraus. Der Wirth klopfte ihn, freundlich grinzend, auf die Schulter und ſprach: nix für ungut, Schatz; ich bin ſchon oft angeführt worden: des Abends ließen ſichs die Gäſte wohl ſeyn, und ehe der Tag graute, wa⸗ ren ſie fort, und ließen mir das Nachſehen. Lux ſah ihn mißtrauiſch an, und bezahlte; die Alte brachte eine Schüſſel Milch und Brod, und nickte dem Wirth, wie fragend, zu. Ja, ſagte dieſer, ſetz es nur dahin. Der kleine Otto ſah noch immer ängſtlich ſich in der ſchwarzen, räucherigen Stube um. Lux ſuchte ihn zu beruhigen, ſo, daß er endlich ein Paar Biſſen aß und endlich, müde und ſchläfrig, auf der hölzernen Bank umſank nnd einſchlief. Lux aber ſetzte ſich ans Fenſter und antwor⸗ tete dem neugierigen Wirth, der ſich mit ihm in ein Geſpräch einlaſſen wollte, nur mit kurzen Worten. Bald darauf kamen mehrere Menſchen unter dem Fenſter vorbey an die Haus⸗Thüre, und klopften an. Der Wirth eilte hinaus, und Lux hörte ihn draußen mit den Eintretenden flü⸗ 1 ſtern. Drey Männer, von barſchem Anſehen, traten herein. Der pfiffige Lux wußte bald, für was er ſie zu halten hatte, und ſann im Stil⸗ len darüber nach, welche Rolle er ſpielen müſſe, um ſich in Sicherheit zu bringen, denn klar war es ihm jetzt, warum der Wirth ſeinen Geldbeu⸗ tel ſo freundlich angelächelt habe. Die Fremden ſetzten ſich um den Tiſch herum und ſprachen von gleichgültigen Dingen. Lux ließ ſich ſeine Schlaf⸗ ſtelle zeigen, um von da aus ſeinen Plan zu machen. Der Wirth führte ihn auf einer Treppe, welche aus der Stube heranf ging, in eine dunkle Kammer, wo er ſich bald auf das da befindliche Stroh hinſtreckte. Ziemlich deutlich konnte er hier vernehmen, was unten geſprochen wurde. Er hörte, daß der heimtückiſche Spitzbubenwirth noch mehrern eben ankommenden jubelnd zutrank, und dieſe auf dem Tiſche viel Geld ausſchütteten, welches man ſchnell zu theilen ſchien.—„Das war einmal ein Fetter, fing einer der Geſellen an; es geht ſonſt zum Teufel jetzt mager genug her. Alles ſchleppt ſein Geld in Papier fort. Aber der Dicke hat's gut gemacht, er hatte ſein baares Geld im Mantelſäckchen vorn auf den Sat⸗ tel geſchnallt, und dachte, nun wär er ſicher, daß er nicht drum käme. Wetter aber, wie bließ — 29— er, als er ganz ſachte, mit einem Amulett von zwey Centnern dort in den alten Waldſee ſpa⸗ zieren mußte. Nu, den Krebſen wird er will⸗ kommen ſeyn.“ Ein ſchallendes Gelächter unten; drauf hörte er das Wort„Fremder““ ziſcheln. Der liegt gut, ſagte der Wirth, Ihr könnt ihn vornehmen, wenn ihr wollt. Fort kann er nicht, er müßte über Euch wegſpringen. Den horchenden Lux überlief es eiskalt.— Weh mir, ſagte er zu ſich ſelbſt: ich ſehe das Tageslicht nicht wieder. Er unterſuchte ganz leiſe taſtend ſeine Schlafkammer ringsum. Nir⸗ gends war ein Fenſter, nirgends eine Oeffnung. Todesangſt folterte ihn. Verdammtes Weibs⸗ ſtück! er ballte die Fauſt— daran biſt Du Schuld. Er machte noch einmal die Ronde an den Wänden, und traf auf eine Stelle, wo die Lehmwand locker zu ſeyn ſchien. Er bröckelte, einige Stücken lößten ſich; haſtig arbeitete er mit den Fingern in die Wand hinein. Jetzt hörte er unten die Bodenthüre aufgehen, und vernahm ganz deutlich, daß der Sprecher von vorhin ſag⸗ te: nur kein Blut, hört Ihr? Ihr wißt, was ich Euch geſagt habe.— Schon Tritte auf der Treppe vernehmend, ließ er von der Handarbeit ab, und verſuchte, durch — 30— einen gewaltigen Tritt gegen die Wand, ein Loch zu machen. Es gelang. Der Lehmen ſtürzte pol⸗ ternd hinab, und Lux zu gleicher Zeit hinterher. Aha! da kommt ſchon einer, rief im Dun⸗ keln eine Stimme dicht neben ihm; und als er ſich aus dem Schutte der Lehmwand aufraffen wollte, fühlte er ſich von ſtarken Händen feſtge⸗ packt. Er wehrte ſich, ſo gut er konnte; aber er wurde zur Erde geworfen und gebunden. Jetzt hörte er auch das Einſchlagen der Thüre, Schüſſe fielen, tobendes Geſchrey erſcholl drinnen; an dem Blinken der Gewehre ſah er, daß er in den Händen eines Soldaten⸗Trupps ſey. Gott ſey dank! ſchrie er, und glaubte ſich durch dieſen Freudenſchrei auſſer allen Verdacht ge⸗ ſetzt zu haben. Gott ſey Dank, daß die Herren gekommen ſind— ſie wollten mir eben an die Gurgel. Seht den Spitzkopf! ſchrie einer aus dem Trupp— macht uns am Ende weiß, er ſey al⸗ lein ein ehrlicher Kerl. Sachte, in ſolchen Häu⸗ ſern fängt man keine Unſchuld.. Gewiß, gewiß, hochzuverehrendes Militär; ich war der einzige Unſchuldige im ganzen Hauſe, und wollte mich eben vor den Spitzbuben retten. — 314— Den Kerl mit doppelten Stricken gebunden! rief Einer: er hat Pfiffe im Kopf. Die ganze Bande wurde aufgehoben ſammt dem Wirthe und der Wirthin, welche ſchon ſeit mehrern Jahren in dieſer Spelunke tief im Walde mit der dort herumziehenden Bande in Verbin⸗ dung geſtanden hatten. Der Soldatentrupp durchſuchte alle Winkel des Hauſes, nachdem er ſämmtliche darin angetroffe⸗ nen Perſonen, bis auf einen, welcher entſprun⸗ gen, gefangen genommen und gebunden hatte, und zog mit dem anbrechenden Tage mit ſeinem Fang zufrieden und jubelnd, nach einer entfern⸗ ten Stadt, von wo aus er geſandt worden. Das Haus glich nach ihrem Abmarſch einer Ruine. Fenſter und Thüren waren eingeſchla⸗ gen, das halbe Dach, durch welches die Flüch⸗ tenden ſich retten wollten, heruntergeworfen und zerſchoſſen; Bänke und Tiſche lagen durcheinan⸗ der. Niemand hatte den kleinen Otto entdeckt, welcher im tiefen Schlafe, von einer alten Bett⸗ ſtelle herabgekollert, hinter derſelben ruhig und ſanft fortſchlummerte. Seine Ermüdung machte, daß er von dem ganzen Lerm nichts gehört hatte. Erſt früh um acht Uhr erwachte er, ſchrie, und kletterte an dem Bette in die Höhe, über daſ⸗ ‿ ſelbe hinweg in die zerſtörte Stube und rief: Ba⸗ bel, Babel! Niemand antwortete. Aber durch die eingeſchlagenen Fenſter ſchien freundlich die Sonne herein— Sommervögel flatterten draußen vor dem Fenſter, Vögel zwitſcherten auf den na⸗ he ſtehenden Bäumen; der Kleine beruhigte ſich bald über die Abweſenheit der Menſchen, nicht ahnend, daß er ſo weit entfernt von ſeinem Hauſe ſey, und ſpielte draußen vor der Thüre, jagend nach Schmetterlingen, heiter und ſorglos, als ſey er in ſeines Vaters Garten. Er hätte ſeine muntere Jagd, über die er Eſſen und Trin⸗ ken vergaß, wohl noch eine ziemliche Weile in dieſem Waldthale fortgeſetzt, wäre nicht auf Ein⸗ mal hinter einem nahen Buſche, ein ſchwarzbrau⸗ nes, knochichtes Geſicht der Störer ſeiner Freude geworden. Otto ſchrie laut auf, als er das lauernde Geſicht, und ein Paar ſchwarze blin⸗ zelnde Augen, auf ſich gerichtet ſah. Wie ein Vogel vor der Klapperſchlange ſich ängſtlich dreht, ohne fortzukommen, ſo lief der arme Knabe im Umkreis des Hauſes herum, und wußte nicht, wo hinaus. Er fing laut an zu ſchreien. Das gelbe Geſicht gehörte einem alten Weibe, welches jetzt kopfſchüttelnd hinter dem Buſche hervor kam, und dem Kleinen zurief: mußt Dich nicht fürchten, Jun⸗ 7 Jüngelchen, will Dir auch was Schönes geben, „Weisbrod, da iß—— Da das erſt im Buſch halbverſteckte Geſicht, ſetzt auch einen Körper hatte und eben nicht ſchlim⸗ mer ausſah, als die alte Dortlieſe, mit der er ſo oft zum Bäcker ging, ſo war des Kindes Zu⸗ trauen bald wieder gewonnen, hauptſächlich, da auch jetzt ſein Hunger zu erwachen ſchien. Er nahm das Brod und die Wurſt, was ihm die Alte reichte, nach einigem Zögern, und antwor⸗ tete auf die Frage, wo er her ſey: weiß nicht, bin mit dem Mann geſtern gegangen; der gar⸗ ſtige Mann iſt aber fort, und hat mir keine Ae⸗ pfel gegeben. Die Alte ſah die zerſtoͤrte Wohnung eine Weile bedenklich an, ſchlich ſich hinein, und ſuchte überall nach ihren Bekannten, die ſie hier zu finden dachte, aber vergebens. Sie kam bald wieder herausgekro⸗ chen und ſagte: Kleiner, geh mit mir, ich will Dich zu deinem Vater bringen. Otto hatte aber nun keine Luſt mehr, da er ſatt war, und be⸗ gann aufs Neue ſeine Schmetterlings⸗Jagd; da kam noch eine junge Weibsperſon herbey und ſagte eilig zu der Alten: wißt Ihr, ſie ſind ge⸗ fangen, Alle, nur der lange Hanns iſt entkom⸗ men. Er hat mir begegnet, und will wieder C 3 nach dem Hundsrück zu den Andern. Ich gehe ihm auch nach. Die Alte wieß auf den Knaben und ſagte: Da wäre wohl was zu verdienen, er ſcheint ſich verlaufen zu haben.. Wenn wir trauen dürften, ſagte jene— die Alte aber entgegnete: ei was, wir haben ihn gefunden im Walde, wenn uns Jemand fragt. Noch einmal ſagte ſie: komm Söhnchen, geh mit uns; als aber Otto nicht drauf hören wollte, haſchte ihn die junge, band ihn mit Hülfe der Alten in ein großes Tuch ſich auf den Rücken, und enteilte mit ihm auf bekannten Fußſteigen. Otto ſchrie und jammerte, aber die Alte drohte ihm ſo lange mit Waſſerwerfen, bis er ſich geduldig anſchmiegte und ohne Laut ſich fort⸗ tragen ließ. ——— Lux ſaß jetzt mitten unter den Diebsgeſellen, welche auf Wägen geſchloſſen, weiter transportirt wurden, und ſchimpfte gewaltig: hat mich ein böſer Geiſt unter Euch Höllenbrände geführt, daß ich das verdammte Geſchmeide nun ſo unſchuldig an meinem Leibe tragen muß— verfluchtes Volk! wollt' ich doch, daß Ihr Alle ſchon gehenkt wär'tl! 92 — 35— Die freche Horde lachte laut auf: wenn's wei⸗ ter nichts iſt! fing einer an: da mußt Dn Dir eine Ehre draus machen, in guter Geſell⸗ ſchaft zu hängen. Aber Spas bey Seite, Du kannſt uns einen Höllen⸗Gefallen thun— hörſt Du? wahrſcheinlich kommſt Du zuerſt los, wenn Du nemlich gute Briefe haſt. Da kannſt Du unſern Cameraden das Loch kund machen, wo wir hingekommen ſind, damit ſie dafür ſorgen, daß wir wieder loskommen. Ich ſage Dir wo Du ſie finden kannſt.—— Nun, wie iſts? Du ſiehſt, ich habe Zutrauen zu Dir! Das macht, Du haſt gar nicht ſo ein dummes Alltags⸗ geſicht; mir iſt, als wären wir ſchon Brüder. Kerl, Du denkſt doch wohl nicht dran, ein ehr⸗ liches Rindvieh auf der Welt zu ſeyn? Ergrimmt antwortete Lux: Was hab' ich mit Euch zu ſchaffen? mögt Ihr hängen oder braten. Ich bekenne ſelbſt auf Euch; erwürgen habt Ihr mich wollen. Noch teufliſcher lachte die Cameradſchaft. Der hat böſe Träume gehabt! rief einer, und der Erſt⸗ ſprechende neigte ſich noch einmal vertraut zu ihm hin und ſagte: alſo willſt Du nicht? Verſtell Dich nicht, Gaudieb!— Sage, von welcher Genoſſen⸗ ſchaft biſt Du, gewiß aus dem Odenwald? C 2 Lux ſann pfiffig nach, und ſagte über eine Weile: Ich will ſehen; wenn Ihr mich nicht in Eure Händel mit hineinbringt, will ich Euch den Gefallen thun. 1 Das iſt brav) rief jener. Komm nur erſt hin⸗ aus zu unſern Cameraden, da wird's Dir wohl⸗ gefallen. Unſer Einer verzehrt an einem Sonn⸗ abend mehr, als ſo ein ehrlicher Schaafskopf alle 52 Sonntage zuſammen. Die Bedeckung kam heran, und das Geſpräch war zu Ende. 5. Schon mehrere Wochen war Otto von den beiden Gaunerweibern die Kreutz und Quer her⸗ umgeſchleppt worden. Um ſich nicht verdächtig zu machen, hatten ſie ſeinen Anzug verkauft und ihm einen ſchlechten Kittel angethan. Der Arme ſchrie jämmerlich, als er ſo metamorphoſirt wurde, aber die hartherzige Dirne ſchlug ihn, und brachte ihn endlich durch Drohungen ſo weit, daß er ſie Mutter nennen mußte. Der Plan der Abſcheuli⸗ chen war, wenn ſie den Wohnort des Kleinen er⸗ fahren hätten, mit deſſen Eltern in Unterhaͤndlung zu treten, und ihn gegen ein anſehnliches Löſe⸗ 3 geld herauszugeben. Es dauerte aber nicht lange, — 37— ſp wurden die beyden Weiber eingefangen, und als eines Diebſtahls verdächtig feſtgeſetzt. Der arme Otto mußte das Schickſal ſeiner aufgedrun⸗ genen Mutter theilen, und im Gefängniß, wohin auch er mitgeführt wurde, prägte ſie dem Armen unter fürchterlichen Drohungen nochmals ein, da⸗ bey zu bleiben, daß ſie ſeine Mutter ſey. Denn wenn Du das nicht ſagſt, ſetzte die Liſtige hinzu, ſo ſchneiden ſie Dir gleich die Finger ab. Der Kleine ſah ängſtlich nach ſeinen Händehen, und wälzte ſich dann unter bittern Thränen auf dem ärmlichen Strohlager. Aber bald erſchien dem ar⸗ men Otto ein Befreyer. Die beyden Weiber wur⸗ den des Diebſtahls in dortiger Pnen ſo über⸗ führt, daß ſie in das Zuchthaus kransportirt wer⸗ den ſollten. Dem Richter dauerte das arme Kind. Aus Mitleiden ließ er es ſeiner ſchändlichen Mut⸗ ter für immer abnehmen, um nicht des Kindes Gefühl durch den Aufenthalt im Zuchthauſe gänz⸗ lich abzuſtumpfen, wodurch ſo manches ſchon früh zum ſchulgerechten Spitzbuben gebildet wird. Ein eben durchreiſender Major erbot ſich, das Kind zu ſich zu nehmen. Da dieſer dem Richter ein menſchenfreundlicher Mann und dabey wohlha⸗ bend zu ſeyn ſchien, ſo übergab er ihm denſelben mit ganzem Zutrauen. Der Befreyte hüpfte froh — 38— herum, als der Major ihm jetzt den alten Kittel ausziehen und ein ſogleich erkauftes Matroſenkleid⸗ chen anziehen ließ.— Wahrlich, es iſt ein ſchö⸗ ner Junge, ſagte der Juſtizamtmann zum Major: wie doch ſolches Volk zu ſo ſchönen Kindern kommt?— Der Major hatte ſelbſt ſeine Freude an ihm, und als er ihn jetzt in ſeinen Wagen hob, vergaß Otto Angſt und Elend, ſogar Hey⸗ math und Eltern. Der Major durchreiſte mit ſeinem kleinen Zög⸗ ling einen der ſchönern Erdſtriche unſers Vater⸗ lands, die Rheingegend. Des Knaben Auge hing mit ſichtbarem Vergnügen an den ſchönen Pfer⸗ den, welche ſo leicht vor der Chaiſe hertrabten, und er dano, eann, hinweiſend mit den klei⸗ nen Händen, wenn die Pferde ſich ſpielend in die Mähnen fuhren.— Der Major zweifelte mehrmals, daß Otto das Kind jener Landſtreicher ſey. Er verſuchte ihn darüber auszuforſchen. Der Knabe erſchrak aber jedesmal ſo heftig und ſah ſo ängſtlich nach ſei⸗ nen Fingern, daß der Major endlich nicht mehr fragte. Der Major war faſt immer auf Reiſen, haupt⸗ ſächlich aber hielt er ſich in den Bädern auf, wo er bemüht war, die Kurgäſte von dem Ueberfluß — 30— des Metalls, welches ſie bey ſich haben könnten, durch die anlockende Abführungsquelle, die Pharo⸗ bank, zu befreyen. Er war gewöhnlich ſehr glücklich, und dann ſehr freundlich gegen Otto und Jedermann; und wenn er dann ſeine Caſſe revidirte, ſiel immer für Otto ein kleines Geſchenk ab. War er aber nicht glücklich geweſen, ſo ging er unruhig im Zimmer auf und ab, und dann durfte Niemand zu ihm kommen. 3 Nach zwey Jahren des Herumreiſens ſchien eine Veränderung in der bisherigen Lebensweiſe des Majors vorzugehen. Es war in Hamburg — wo der Major einſt zu ihm ſagte: Otto, Du wirſt mich eine Zeitlang nicht ſehen. Ich ver⸗ reiſe, Du aber bleibſt hier bey meinem Freunde, dem Wirth des Hauſes, bis ich Dich wieder ab⸗ hole. Der Knabe weinte, als er hörte, daß er nicht mitreiſen ſollte. Jacob, der alte Bediente, an dem er ſehr hing, ſuchte ihn zu tröſten, indem er ihm verſprach, bald wieder zu kommen und ſchöne Sachen mitzubringen. Otto ſchlief unter den ſchö⸗ nen Verſprechungen ein. Am andern Morgen war der Major, der alte Jacob, Sultan und die Schim⸗ mel fort. Er ſuchte ſie überall vergebens. Der Wirth, der ihm ſchon früher ſehr gewogen wor⸗ den, nahm ihn freundlich bey der Hand, und führte ihn in den Garten, wo er ihm die Erlauh⸗ niß gab, zu ſpielen, Beeren zu pflücken und was er ſonſt gerne treiben möchte. Otto tummelte ſich fröhlich im Garten herum, und bald war auch dieſer Kummer vergeſſen. So lebte er wiederum zwey Jahre in dieſem Hauſe. Er war jetzt acht Jahre alt, und brachte, wenn er ſeine Lehrſtunden beendigt hatte, die übrige Zeit faſt ſtets unter den Fremden zu, wel⸗ che dieſes Haus beſuchten, beſchäftigt, ihnen gefäl⸗ lig zu ſeyn. Nannichfaltige Erzählungen, Le⸗ bensbeſchreibungen, Schilderungen von Menſchen und Völkerſchaften, wurden mit größter Aufmerk⸗ ſamkeit von dem horchenden Otto verſchlungen. Aber auch das in jedem Menſchen ſchlummernde Gefühl für Recht und Unrecht wurde im Laufe eines Geſprächs zweyer würdigen Männer, in des Knaben Seele erweckt und angeregt; und bald ge⸗ nug ſollte dieſer Lichtfunke zur wohlthätigen Flam⸗ me erwachſen, und bedeutend in das Schickſal des Argloſen eingreifen. Sein Pflegevater kam zurück, nicht mit der guten Laune, die er bey ſeiner Abreiſe hatte ſe⸗ hen laſſen, aber doch gütig gegen Otto und ihn — — 1 V — 41— faſt zärtlich ſchmeichelnd. Der achtjährige Knabe, dem der Major faſt fremd geworden, erwiederte nur ſcheu die Liebkoſungen des Pflegevaters, und ſeine Freude wurde vollends zerſtreut, als er hör⸗ te, daß Jacob und die Schimmel nicht mitgekom⸗ men wären. Als er den Major darüber befragte, runzelte dieſer die Stirne und ſchien es nicht gerne zu hören, daß man ihn daran erinnerte. Jetzt mußte Otto wieder oft um ſeinen Pflegevater bleiben; überall nahm er ihn mit hin, ſelbſt in die Häu⸗ ſer, wo er ſeine Zeit mit dem Spiele zubrachte. In letztern durfte er jedoch nicht thun, als wenn er den Major kenne, ſondern mußte mehr die Rolle eines kleinen Aufwärters ſpielen. Er be⸗ ſchenkte ihn jedesmal, und Otto durfte ſich für ſein Geld dann ſo oft er wollte ein Vergnügen machen. Selbſt als nach einiger Zeit die Wolken auf des Majors Stirne immer finſterer wurden, wurde er nur immer gütiger gegen Otto, und ei⸗ nes Abends ſagte jener zu dem erſtaunten Otto: Komm, wir wollen Karten ſpielen, ich mag heute nicht ausgehen.— Er erklärte ihm die Karten, der Knabe lernte es bald, und nun fing er ſelbſt ein Spiel mit ihm an, worin er ihn gewinnen ließ. Als er dieß noch einen Abend fortgeſetzt hatte, rückte er endlich mit ſeinem Plane hervor, der wahrſcheinlich in der letzten Zeit die Urſache ſeiner Zärtlichkeit geweſen war. Sieh einmal, ſagte er zu Otto, der Mann, den du geſtern an dem Spieltiſche ſitzen ſahſt, der ſo die Karten herüber und hinüber legt, pflegt immer die erſten zwey Karten anzuſehen, und ver⸗ kehrt auf den Tiſch zu legen. Stelle Du Dich Morgen einmal hinter ihn; Du biſt klein, und kannſt ihm gerade in die Karten ſehen, wenn er ſie anſieht und hinlegt. Jetzt gieb Achtung, was es für eine Karte iſt, die er links hinlegt; und wenn es eine von den fünf Karten iſt, die ich auch vor mir liegen habe, ſo ſtecke Du ſo viel Finger in den Mund, als die wievielſte Karte es iſt. Komm, wir wollen es einmal verſuchen. Er machte es ihm begreiflich. Otto ſagte: Aber darf ich denn dem Manne nicht ſagen, daß ich ihm in die Karten ſehe? Ei nein! antwortete jener: Du darfſt Dir nichts merken laſſen, ſonſt verliere ich alle mein Geld. Der Knabe fuhr fort zu fragen: Aber da verliert nun wohl der Mann ſein Geld, wenn ich mich hinter ihn ſtelle, und macht nachher ſo ſchreck⸗ liche Geſichter, wie geſtern der blaſſe Mann, der dort an der Ecke ſaß und immer ſo viel Geld — 43— zahlen mußte, und der hernach ſo zur Thüre hin⸗ aus ſtürzte, daß ihm Alle nachſahen? Der Major ſagte etwas verlegen: Der Mann verlierts freylich, und ich gewinne es, und dann kann ich auch den alten Jacob und die Schimmel wieder kommen laſſen. Wenn ich aber verliere, ſo bin ich arm, und kann Dir auch kein Geld mehr geben. Haſt Du denn ſonſt kein Geld? faagte der Er⸗ ſchrockene. 3 Rein, lieber Otto; der Mann hat es mir alle abgenommen, und wenn ich es ihm nicht wie⸗ der abgewinne, ſo haben wir weder zu eſſen noch zu trinken. Otto war blaß und verlegen geworden. Aber — ſtotterte er— da bin ich doch Schuld, daß der Mann ſein Geld verliert, und ſich nachher ſo ſchrecklich vor die Stirne ſchlägt und den Teufel herbeyruft, und— ſo— ſo gegen die Wand rennt, wie neulich— weißt Du noch, Pflegeva⸗ ter— der Mann, der ſich hernach ſoll erſchoſſen haben mit der Piſtole? Der Major zog die Augenbraunen und ſagte finſter: Was verſtehſt Du davon? was ich Dir befehle, das thuſt Du, und kümmerſt Dich nicht darum, ob es Recht oder Unrecht iſt. — 44— Nein, ach nein! ſchrie Otto: das darf ich nicht — das darf ich nicht— das haben wohl neu⸗ lich die beyden Männer auch gemeint, wie ſie ſag⸗ ten, wer falſch ſpiele, dem müßten die Finger ab⸗ gehauen werden, gewiß weil ſie es mit den Fin⸗ gern ſo gemacht haben, wie Du da ſagſt—. Ueberkluges Kind! rief der Major, aufſprin⸗ gend ungeduldig: ich frage Dich, willſt Du's thun, oder nicht? Otto retirirte erſchrocken und mit Thränen in den Augen nach der Thüre, und ſchüttelte lang⸗ ſam den Kopf. Nicht? ſchrie der Major, ganz außer Faſſung — Du willſt nicht, Bube?— Otto brach in heftiges Weinen aus und ſchluchz⸗ te: Nein, ach nein! Außer ſich über des Knaben Wiöerſtand, nahm der Major ihn jetzt heftig beym Arm, und ſchleu⸗ derte ihn zur Thür hinaus. Fort von mir! ſchrie er: geh hin zu Deiner Mutter ins Zuchthaus.— Er ſchlug die Thüre hinter ihm zu, und Otto taumelte draußen zur Erde nieder. Ein Haus⸗ knecht kam eben herbey. Alles im Hauſe war dem Knaben gewogen. Schnell verſteckte er ihn in ſeine Kammer und lief, es ſeinem Herrn zu ſagen. 4 3 Otto geſtand, als dieſer nach der Urſache ſei⸗ ner Verſtoſſung fragte, gar nichts. Ein Kopf⸗ ſchütteln war ſeine Antwort. Am Ahend war der Major heimlich abgereiſt. Er ließ eine unbezahlte Rechnung von ziemlicher Bedeutung zurück, und der gutmüthige Wirth ſagte: ſo lange hat der Spitzbube den ehrlichen Kerl geſpielt, bis die Rechnung hoch genug war, daß es der Mühe lohnte. Hol ihn der Geyer. Der zurückgelaſſene Otto würde unter dieſen Umſtänden vielleicht auch die Flucht des Majors zu büßen gehabt haben, hätte er nicht durch ſein gefälliges Betragen, ſeine Gewandtheit und Auf⸗ merkſamkeit die Gunſt des Hausherrn ſich ſchon längſt erworben. Dieſer dachte jetzt im Ernſt daran, ihn für ſein Haus zu erziehen, und ſchon ſpatzierte der muntere Junge mit einer grünen Schürze um den Tiſch herum, als durch einen Zufall ſein Schickſal wieder eine andere Richtung bekam. Oopbelleich Otto ſich geweigert hatte, ſeinem je⸗ tzigen Herrn die wahre Urſache ſeiner Verſtoſſung vom Major zu entdecken; ſo konnte er doch einſt dem Drange der Mittheilung nicht widerſte⸗ hen, zu welcher ihn ſein Spiel⸗ und Schul⸗Ca⸗ merad Julius, mit dem er in jugendlicher Freund⸗ — 46— ſchaft lebte, durch die Frage verführte: wie es gekommen, daß ihn ſein Pflegevater nicht wieder mitgenommen? Er geſtand ihm Alles, und Julius konnte den Abend kaum erwarten, die edle Standhaf⸗ tigkeit ſeines kleinen Freundes zu Hauſe zu erzäh⸗ len. Dem Vater Juliuſſens, einem reichen Kauf⸗ mann, ſchien es, daß dieſer Knabe wohl zu et⸗ was Beſſern gebohren ſey, als zu einem Marqueur. Er ließ ihn zu ſich kommen. Seine Dreiſtigkeit und dabey Beſcheidenheit, die Feſtigkeit, die ſchon bey dem Knaben bemerkbar war, nahmen den alten Berthold ganz für ihn ein. Er begab ſich ſelbſt nach dem Gaſthof zu Otto's jetzigen Herrn, und bewog dieſen, ihm den Knaben abzutreten. Nach einiger Weigerung trennte ſich dieſer von ihm und überließ ihn Herrn Berthold. Julius ſprang jubelnd und ſingend mit ſeinem Freunde fort. Er half ihm ſchnell ſeine Kleinigkeiten ein⸗ packen und zog ihn haſtig und ungeſtüm unter Freudenſprüngen zum Thor hinaus. 6. Vor einem in ſeinem bequemen Lehnſtuhl ſitzen⸗ den, trübe und mürriſch ausſehendem Manne, ſtand jetzt eine breitſchultrige Figur behaglich auf — 4— ihrem Pedal ruhend, und den Bernſteinknopf des ſpaniſchen Rohres ſich lächelnd unter die roth⸗ glänzende Naſe reibend. Hypochondrie, nichts als Hypochndrie! ſchrie der Doctor— denn wer zweifelt, daß es Quirinus war, der zu dem vor ihm ſitzenden Seebald ſprach?— Der Cen⸗ tralnerve, das große Geflechte hinter dem Magen, iſt in ſeinen Functionen geſtört. Seebald antwortete verdrießlich, indem er ſei⸗ nen Meerſchaumkopf, ganz wider ſeine Gewohn⸗ heit, unſanft auf den Tiſch hinwarf: was küm⸗ mert mich das Nervengeflecht hinter dem Ma⸗ gen? hier iſt die Rede von Zweifeln und Ueber⸗ eilungen, die ſich nicht wieder gut machen laſſen, die mir meine Tage verbittern. Ganz recht, fuhr der Doctor fort— die wah⸗ ren Symptomen der Hypochondrie— ſchwermü⸗ thig, furchtſam, verzagt. Spannt es Ihnen nicht unter den kurzen Rippen, Theuerſter? das wäre der Anfang.—— Seebald hatte nachläſſig vor ſich hin geſeſſen. Dieſe Nacht ſagte er, oder vielmehr geſtern Abend, als ich hier mein Vorſchläfchen hielt, war es mir, als hörte ich ein Flüſtern in der Nebenſtube, ge⸗ rade wie Ulrikens Stimme—— vieelleicht iſt ſie — 48— krank— und hat an mich gedacht— ober viel⸗ leicht auch—— 3 Da haben wirs! fiel Quirinus ein: auch der Aberglaube iſt da, der Hypochondriſt iſt fixr und fertig. Es fehlt weiter nichts, als daß Sis auch noch fromme Zufälle kriegen, und ſich et⸗ wa, wie der heilige Simon auf eine zwanzig Fuß hohe Säule einquartiren, ohne Speiß' und Trank— einige Jahre lang. Ums Himmels⸗ willen, Beſter, ich rathe Ihnen, machen Sie ſich Bewegung, gehen Sie auf die Jagd, reiten Sie, fahren Sie, nur von dem Sorgſtuhl auf. Und dann, warten Sie, ich werde Ihnen eine vor⸗ treffliche Medicin verſchreiben, Morgens: und Abends ſechzig Tropfen, Sie werden ſehen, Freundchen.— Ey was, rief Seebald ungeduldig, es iſt keine Hypochondrie, mein Magen iſt gut, ich eſſe und trinke wie ein andrer, und es wäre Alles—— und kurz, ich ſage Ihnen, bemü⸗ hen Sie ſich nicht, denn—(hier ſtand er un⸗ ruhig auf, und ſtellte ſich ans Fenſter, Quiri⸗ nus den Rücken drehend.—) Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon, ſagte jener, indem er aus ſeiner Brieftaſche Receptblätter und Tinte holte, ſolche Kranke muß man mit Gewalt kuricen⸗ — 49— kuriren. Seebald drehte ſich um, und ſagte mit einer ungewöhnlichen Erbitterung: und ich ſage Ihnen, ich will nicht mit Gewalt, ich will nicht von Ihnen, ich will gar nicht kurirt ſeyn— mit Einem Wort, ſo gut wie Tauſend. So, ſo? ſagte Quirinus mit unterdrücktem Aerger, und ſchob das ſchon angefangene Re⸗ cept haſtig wieder in die Brieftaſche; ja, ja, ich merke wohl; Herr Seebald wollen die Finanzen verbeſſern, und fangen denn ſo mit Einziehung der Beſoldungen an. Der Hausarzt ſoll den An⸗ fang machen.— Na, ich ſollte beynahe den⸗ ken, unter den zweybeinigen Thieren habe der Menſch das kürzeſte Gedächtniß— doch mit Aus⸗ nahme, verſteht ſich: eine ſolche bin ich, da ich mich noch gar wohl erinnere, wie ein gewiſſer Herr Seebald vor zwey Jahren meine Hülfe an⸗ flehte, als das bösartige Fieber hier herum auf⸗ räumte. Da war ich der beſte Quirinus, der goldne Quirinus, weil ich ihn ſo glücklich kurirt hatte. Bravo, mein Herr! das iſt der Welt Lauf. Wiſſen Sie die Geſchichte von dem König, der einen ſprechenden Raben hatte?(damals wa⸗ ren die Papageyen noch nicht Mode;) der Rabe fiel einmal aus dem Fenſter des Königs ins Waſ⸗ ſer, wahrſcheinlich hatte er geträumt. Nun, die D — 50— Federn naß, konnte er ſich nicht retten; da rief 4 er mit angeſtrengter Stimme, den Schnabel bald von einander reißend: einen Kahn her, um hun⸗ dert Gulden! einen Kaͤhn her! Ein Fiſcher hört' es, ſeegelte hin und holt' ihn ans Trockne. Als er aber zum König kam, und die verſprochenen 5 hundert Gulden verlangte, wollte dieſer nichts da⸗ von wiſſen. Meinem Raben iſt im Leben von hundert Gulden nichts gelehrt worden. Der Fi⸗ ſcher aber erwiederte: Herr König, ich hab's ge⸗ hörk; macht nur daß er den Schnabel aufthut, ſo werdet Ihrs ſelbſt vernehmen. Gut, ſagte der König, was der Rabe ſagt, das ſollt Ihr ha⸗ ben, und ſtreichelte den dabey, daß er ſprechen 1 ſollte. Da ſpreitzte der Galgenvogel endlich die Flügel, die noch naß waren, ſperrte den Schna⸗ bel auf und rief: gebt dem Schelm einen Groſchen! Fabeln gehören für Kinder, ſagte Seebald: wozu ſoll das? Zur Nutzanwendung, zur Lehre, zum Schluß, den wir daraus ziehen können! rief der entrüſtete Quirinus, ohne jedoch Anſtalt zum Fortgehen zu machen: denn wo er ſich einmal eingeniſtet hatte, da war er ſo leicht nicht wegzubringen. Er ging mit großen Schritten, ſtark ſchnupfend, im Ziwm⸗ mer auf und ab, und brummte vor ſich hin: Gott — — 31— * bewahre Jeden vor Hypochondriſten— Undank zum Lohn, an Beſſerung nicht zu denken. Es ſteht bey Ihnen, ſich den Aerger zu er⸗ ſparen, verſetzte Seebald, ebenfalls aus den Stu⸗ benecken, aber von der andern Seite, auf⸗ und abſchreitend. Auch ohne Fabel dringt ſich mir nach gerade die gute Lehre auf: Niemand mehr . zu trauen, der eine Perſon, die ihn beleidigt hat,— 4 5 verdächtig zu machen ſucht. Aufeinus lächelte voshaft. Alſo da ſteckts? 4 ſagte er. Sehnſucht nach der lieben Ungetreuen, Ihrer Geſchiedenen. Nun, es ſteht ja bey Ih⸗ 2 nen! Ich verſpreche Ihnen, kein Wort wieder zu * verlieren, und wenn die Sperlinge auf dem Dach davon pfeifen. Herr Doctor! rief Sebald, ſo heftig, als es ihm möglich war. Wie wollen Sie verantworten, was Sie—— wer hat's—— geſehen, wollte 3 er hinzuſetzen, aber des Doctors eigner hämiſcher Zug im Geſichte machte ihn verwirrt. Er blieb plötzlich mitten in der Rede und der Stube ſte⸗ hen,(Quirinus war eben aus der andern Ecke auch da angekommen) und fragte dieſen, faſt bit⸗ tend: Wär's denn keine Möglichkeit—— ſie hat ja doch den heilloſen Eheſtörer nicht genommen. D 2 4 — — 32.— Quirinus brach in ein abſcheuliches Lachen aus. O, des Unwiſſenden! rief er: wird denn der Kuk⸗ kuck deswegen ein Zaunkönig oder eine Gras⸗ mücke, weil's ihm gefällt, dieſen Famiſen die Sorge für ſeine Brut zu überlaſſen? Oder den⸗ ken Sie, daß es ſolchen Männern, wie der war, nicht graut, als Ehemänner auf der Straße zu wandeln, die ſie ſelbſt unſicher gemacht haben? Seebald wußte nichts darauf zu antworten; er warf ſich mit einer ſchmerzhaften Miene auf ſeinen Lehnſtuhl. Das hat gewirkt, dachte Quirinus, und em⸗ pfahl ſich nun, beym Abſchied zum Ueberfluß noch einen friſchen Dorn in das ſchon geritzte Herz Seebalds drückend, indem er ſprach: Tröſten Sie ſich! was gilts, ich liefere Ihnen Beweiſe, daß Ihre unwürdige Frau auch jetzt noch das iſt, wo⸗ für ich ſie immer gehalten?— Seebald ſah ihn finſter an. Alle Zweige noch nicht ganz erloſchner Liebe, die aus dem Grunde ſeines nicht böſen Herzens aufſchoſſen, ſchnitt der Grauſame mit erfahrner Hand ab, wie entkräf⸗ tende Waſſerreiſer.— Höre, Kätzchen! ſagte Quirinus zu Babetten, Seebalds Haushälterin, als er ihr jetzt auf der Treppe begegnete: heute war's gut, daß ich hier A 4 4 — — —— 8 -—— — 53— war. Verdammte Grillen! es fehlte nicht viel, ſo ließ er anſpannen, und holte nach fünf Jah⸗ ren ſeine Frau wieder. Aber ich hab' ihm einge⸗ heitzt; ich denke, er ſoll vor der Hand curirt ſeyn. Babette erſchrak. Warum nicht gar! Wer bringt ihn denn auf ſolche Schliche? Sey nur ruhig, ſagte Quirinus; es kommt nicht dazu.— Aber apropos, in die Nebenſtube ſetzen wir uns künftig nicht wieder, hörſt Du? Du kannſt das Plappern nicht laſſen. Er hat's geſtern Abend im Schlaf gehört, und meynt, es ſey eine Ahndung von ſeiner Frau. Babette kicherte, und ſchob den Zudringlichen jetzt mit einem: Pfui doch! die Treppe hinunter. Seebald, der ſchwache Mann, blieb nun, wenn auch dann und wann ein peinliches Gefühl der Ungewißheit und Reue ihn anwandelte, das Spiel des Doctors und Babettens, die alle ſeine Schwä⸗ chen benutzten. Fridorf hatte ihn mehrmals auf⸗ merkſam gemacht, und er war es auch, der erſt geſtern wieder von ſeiner geſchiedenen Gattin in der Art geſprochen hatte, daß Seebald zu zwei⸗ feln anfing, und einen, wiewohl nur vorüberge⸗ henden Haß auf den Doctor warf. Aber es dau⸗ erte nicht lange, denn Quirinus war ſchlau, und erinnerte ihn zu oft daran, daß er ihn vom Tode 8„ errettet habe. Späterhin wurde durch Mißver⸗ ſtändniß auch Fridorf von ſeinem Freunde abge⸗ zogen. Sie kamen endlich— neue Verhältniſſe traten auch bey jenem ein— nicht mehr zuſam⸗ men und wurden ſich fremd. 7. Lange, wohl zwölf Jahre nachher,— eines harten Krieges unruhvolle Zeit lag dazwiſchen,— ſtand ein fremder Mann, in einen Reiſemantel gehüllt, an einer Straßenecke des Städtchens Tor⸗ melhilf, welches in der nördlichen gemäßigten Zone liegt, und las auf einem daſelbſt angeſchlagenen Zettel:„Nachdem der geſchmeichelte Uebermuth, wie der gedemüthigte Stolz eines Eroberers, gleich⸗ verheerend, Deutſchlands Fluren mit Blut ge⸗ düngt, nun aber ein heiliger Enthuſiasmus wie ein Sturmwind, die böſen Nebel des Abendlan⸗ des verjagt hat, und die Hoffnung der Enkel Herrmanns in ihrer Blüthe daſteht, prachk wie eine gefüllte Sonnenblume— jetzt tret. auch die heitern und ſanften Künſte, welche vor der Alles verheerenden Kriegskunſt fliehen mußten, wieder hervor, und eine ſhäͤne Erſcheinung iſt es: zu ſehen, wie die Muſen aus dem innern, ſonſt häuslichen Leben genannt, mir Roſenfingern ent⸗ — 4 zückende Töne locken. Auch unſer Städtchen iſt ſo glücklich, einen Triumph zu genießen, durch wel⸗ chen ſo manche größere Städte berühmt worden ſind. Aus dem einfachen Leben weiblicher Wirk⸗ ſamkeit entſchwingen ſich zartgebildete Seelen, den irdiſchen Stoff von ſich abwerfend, und erregen Bewunderung und Nacheifrung.— „Nach dieſer kurzen Einleitung haben wir die Ehre anzukündigen: Daß heute Abend um 6 Uhr Fräulein Brobata auf hieſigem Rathhausſaal ein großes Declamatorium geben wird. Dieſe vor⸗ treffliche innländiſche Künſtlerin hat ſtch nach den beſten Muſtern des Auslandes gebildet, und wird gewiß ein geehrtes Publikum in Erſtaunen und ſanftes Entzücken verſetzen. Das Eintrittsgeld it zwey gute Groſchen. Die Einnahme iſt zur Ausſteuer unbehülflicher Mädchen—(der Fremde murmelte: ſoll wohl heißen, unbemittelter— Mädchen) beſtimmt. Hunde dürfen, der Muſik in den Zwiſchenacten wegen, nicht mitgebracht wer⸗ den. Tormelhilf, am 16ten—. Der Vor⸗ ſteher der Calliope, Iſidorus Guckmal.“ Kuckmal! wiederholte der Erſtaunte: pomp⸗ haft genug; wer hätte das hier geſucht? 8 Ein ſanfter Schlag gif ſeine Schulter machte, 4 daß er ſich umſah. Sieh da, Herr Wirth! ſagte 8 er. Was meynen Sie ſoll ich hingehen ins De⸗ clamatorium? 2 Jener erwiederte, ſich entſchuldigend, daß er ihn ſo hanogreiflich angeredet habe: Wiſſen Sie was? mir kann das Weſen keine Freude machen. Unſer Eins löſt nichts dabey, denn ſie geben's. auf dem Rathhaus; das koſtet nichts als einige Dutzend Freybillets an die Mitglieder. Sonſt war's anders. Wie manche Comedie habe ich auf meinem Saal gehabt? Sogar einmal Hunde, die Menſchen vorſtellten; das hat mir am beſten ge⸗ fallen. Ich konnte den Zuſchauern nicht Brat⸗ würſte genug braten, den Beſtien zum Benefiz Aber ſie fielen auch drüber her!— Jetzt, was iſt das? Reime werden erzählt, das iſt Alles, und das Declamirweſen ſteckt die ganze Stadt an.— Meiner Aelteſten ſpukt's auch ſchon im Kopfe. Was denken Sie? Neulich erwiſche ich ſie im Ho⸗ fe, wo ſie eine Vorrede an die Huͤhner hält, die ſie eben füttert. Ich vergeſſe es in meinem Leben nicht.„O ihr ſittigen, harmloſen Weſen; ihr duckenden, gluckenden Mütter; ihr pickenden, nik⸗ kenden Küchlein; und du, krähender ſpähender Hahn, kommt her, daß ich anfüllen könne eure zarten Kröpfe mit lachender goldgelber Frucht.“ Sagen Sie, beſter Herr! iſt es nicht zum Toll⸗ ——— „— ——— — 57— werden? Kann man ſo was wohl mit anhören, ohne zu lachen? Meine Zweyte hat nun ſchon ein bischen einen barbariſchen Character. Wir wün⸗ ſchen Alle, daß ſie einen jungen Menſchen heyra⸗ then möchte, dem ſie ſchon lange gut iſt. Auf Einmal, ſchnapp ab! Ich weiß nicht, was ihr in den Kopf gefahren iſt. In der Küche fuhr ſie geſtern herum, warf alle Töpfe durch einander und ſchrie: ſo werde mir der Tempel denn zum Grab. Ich will nicht ſeine Gattin ſeyn! Ich kann es nicht. Eh tauſend Tode ſterben, als dieſem ſtol⸗ zen Mann mich unterwerfen. Der bloße Name ſchon, der Gedanke, ihm unterthan zu ſeyn, ver⸗ nichtet mich!—“ Gott mag wiſſen, wer ihr das Zeug in den Kopf geſetzt hat. Ihr habt ein gutes Gedächtniß! ſagte der Fremde lächelnd. Zu meinem Unglück! erwiederte jener, ein bit⸗ teres Geſicht zeigend; drum erinnere ich mich noch ſo gut der Zeit, wo bey mir Alles nach ſeiner Ordnung ging, wie ein Uhrwerk. Da griff ein Jedes mit an. Blank und rein war Alles. Jetzt — lehnt der Kehrbeſen noch um eilf Uhr am Ta⸗ beltot, und meine Jungfer Töchter ſitzen auf ho⸗ hen Fußtritten am Fenſter und leſen Trauerſpiele. Ihre Schuld, mein lieber Herr Wirth! Warum — 38— fahren Sie nicht drein und rotten das Unweſen aus?— Wer kann ſich dem Strome entgegenſtemmen? Das kommt von den unſeligen Leſebibliotheken her, wo ſie jeden Dreyer hintragen, den ſie ſonſt ſparſam zurücklegten. Sie waren am Hauſe angekommen. Es iſt noch früh, Herr Wirth, ſagte der Fremde, der Abend iſt ſchön; ich werde einen kleiuen Spatzier⸗ gang vors Thor machen; dann wirds wohl Eſ⸗ ſenszeit, und das wird mir lieb ſeyn, denn ich habe großen Hunger. Der Wirth machte einen tiefen Bückling und eilte in das Haus, ſeinen Töchtern die Beſchleu⸗ nigung des Abend⸗Eſſens ans Herz zu legen. Denn der fremde Gaſt war nicht mit der Gar⸗ derobe auf dem Rücken angekommen, ſondern mit Extrapoſt, und ein ſchwerer Koffer war auf deſſen Zimmer transportirt worden. Hört! rief er emſig und faſt ergrimmt: daß Ihr mir heute was ordentliches auf den Tiſch bringt. Der Fremde hat Hunger, und was noch mehr iſt, er hat Geld— ein lieber Gaſt. Tauſendmal beſſer, als die hohläugigen Einſpänner, die des Nachts um I1 Uhr todtmatt ankommen und ſich eine Por⸗ tion Thee aufs Zimmer bringen laſſen. Solche — 59— Kunden ſind ſelten, wie der iſt. Es giebt gar keine ordentlich Reiſende mehr, ſagte er zu ſei⸗ nem Gevatter, dem Seifenſieder Schmaltz, der am Tiſche ſaß und die Zeitungen durchblätterte; der⸗ gleichen giebts gar wenige mehr. Lieber Gevat⸗ ter, erinnert Ihr Euch noch, wenn ſonſt die Ba⸗ dezeit angieng— ſchwerfällige Kutſchen mit Glas⸗ fenſtern ſchwankten ſchon Nachmittags ein Uhr mit Vorſpann⸗Pferden vor dem eignen Geſpann, auf dem harten Pflaſter daher und machten hier Raſt⸗ tag. Anſehnliche gebrechliche Herren und Damen wurden von der Dienerſchaft heraus gehoben. Die traten nicht etwa erſt ins Wirthszimmer, um zu überlegen, ob ſie weiter reiſen oder hier blei⸗ ben wollten. Herr Wirth! riefen ſie: ein gutes Mittagsbrod und Wein, vom Beſten der da iſt — gelt, das klang anders als jetzt? In ver⸗ fluchten Troſchken kommen ſie heran geſauſt, ich glaube, ſie machen zwanzig Meilen des Tags; kalter Braten wird ausgepackt, und kalter Bra⸗ ten wird eingepackt, und fort ſind ſie; man hat keine Kreide zur Rechnung gebraucht; ſogar den Hafer haben ſie bei ſich. Sagt mir, Gevatter, wie kann unſer Eins da gut leben, wenn die Neiſenden ſo ſchlecht leben? Der Gevatter iſah aus, als wollte er eben — 60— antworten, als der Sprechſelige hinausgerufen wurde, um einem großen Metzgerhund den Bra⸗ ten wieder abzujagen, den dieſer ſo eben auf eignes Riſiko in der Küche reklamirt hatte und damit fortgeſprungen war. Der Abend war herangekommen, die Lich⸗ ter im Rathhausſaale waren bereits angezündet, das Publikum zahlreich verſammelt. Iſidorus— er hörte nicht gerne, wenn man ihn beym Zuna⸗ men nannte— und Fräulein Brobata, die Künſt⸗ lerin, waren in einem heftigen Streit begriffen. Aber ſehen Sie doch nur ſelbſt hin! ſagte letztere zu Iſidorus, die Lichter brennen ja von dem verwünſchten Tabacksdampf ſchon ganz dunkel, was ſoll dann aus meiner Lunge wer⸗ den? ich bitte Sie, ſchaffen Sie doch Rath. Liebenswürdige Brobata, was ſoll ich thun? ich habe ſchon den ganzen Abend dagegen geſpro⸗ chen und gebeten, aber je mehr ich ſprach, deſto mehr Cigarren und Pfeifen kamen aus den Ta- ſchen heraus, ich glaube, am Ende hätte jeder zwei in den Mund geſteckt, hätt' ich noch länger proteſtirt. Das iſt die liebe Freiheit unſrer jungen Leute, wer 10 Jahr alt iſt, kaut an dem Rohre. — — 6— Ich zweifle nicht, daß nach 20 Jahren das Kind an der Mutter Bruſt ſeine Cigarre dampft. Pfui, Iſidorus! ſagte Brobata: wie können Sie in meiner Gegenwart ſo etwas ſagen?— Aber es iſt wahr, dieſes abſcheuliche Betelſurro⸗ gat macht mir bald alle Männer fatal. Was? ſagte ein junger Practikant, der die letzten Worte gehört hatte. Was wollen Sie da⸗ mit ſagen? Ich rauche wenigſtens keinen Bettel— wollen Sie das Zeichen ſehen? hier iſts! Mary⸗ land No. 3, koſtet 12 Ggr.— Iſidorus und Brobata brachen in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus. Da ſie ſich gar nicht wie⸗ der beruhigen konnten, und wirklich eine Art von Harmonie in ihrem Lachen bemerkt wurde, ſo glaubte das Publikum, es gehöre mit zur Vor⸗ ſtellung, wie man wohl ähnliche Peitſchenconcerte hat, und horchte auf; bald aber ſteckte das La⸗ chen an, junge Mädchen kicherten in der dritten Octave, bejahrte Damen röchelten im Tenor, die alten Herren hielten ſich die Bäuche und ließen laut ihr Hoho erſchallen. Zwiſchendurch ſtimmte das Orcheſter, die Oboe gab ihren Cammerton nä⸗ ſelnd zum beſten; ſchneidend ſchraubten die Violi⸗ nen ihre Därme auf und ab, die feſten Wirbel des Contrabaſſes dröhnten und knarrten dazwi⸗ * — 62— 1 ſchen— es war eine Teufelsmuſik. Der Prac⸗ tikant war der einzige der nicht lachte, weil er glaubte, Alles lache über ihn. Erboßt ſagte er zu Iſidorus: Herr Guckmal! dieſe Impertinenz werde ich zu ahnden wiſſen. Für jetzt erkläre ich nur, daß ich unter Ihrer Direction nicht ferner geige.— Er ſtand nemlich bei dem Dilettanten⸗ orcheſter an der 2ten Violine, wo er im Tutti tapfer mitſtrich. Der Erzürnte nahm ſeine Vio⸗ line, ſchloß ſie in den Kaſten, und rief dem Auf⸗ wärter mit lauter Stimme zu: trags nach Hauſe. Das Lachen legte ſich nach und nach. Ein lautes Bravo und Händeklatſchen erſcholl; einige Spaßvögel riefen: Dacapo. Iſidorus trat, ſich verbeugend, vor, und ſagte mit Pathos: Verzeihung, Verehrungswürdige, daß der heilige Tempel der Kunſt durch einen Zufall vom ſchalkhaften Jokus entweiht wurde, die Ver⸗ anlaſſung—— Bemühen Sie ſich nicht! fiel ein dickbeleibter Archonte des Städtchens ihm in die Rede: es war prächtig; wir Alle befinden uns nach dem Lachen gar herrlich, und ich für mein Theil bin ſchon zufrieden, es mag nun hinterher noch kom⸗ men, was da will. Iſidorus ſetzte als eigner und einziger Zuhörer ſeine Rede noch eine Weile — 63— fort; da aber Niemand darauf hörte, ſo ſohlich er endlich verlegen hinter die Pulte zurück. Die Inſtrumente waren endlich geſtimmt. Die Ouver⸗ türe begann. Ein zärtliches Adagio ſuchte das in den Geſichtern noch zuckende Lachen zu beſänftigen, das rauſchende Allegro gab der nachbarlichen Unter⸗ haltung wieder Spielraum, tanzähnliche Stellen wirkten tief auf die Lebensfrohen Mädchen, nem⸗ lich auf ihre Füße; der beleidigte Practikant ſtand hinter Mathildens Stuhl, und fllüſterte ziemlich hörbar ihr zu: es iſt ſonderbar, man bemerkt doch gleich eine Lücke, wenn ein Inſtrument fehlt. Bemerken Sie nicht das auffallende Mißverhält⸗ niß, zwiſchen der erſten und zweiten Geige, viel zu ſchwach, man hört faſt nur die erſte; Schade um die Ouvertüre, ſie geht ganz verlohren! Mathilde ſah unzufrieden und verlegen vor ſich hin. Eine neben ihr ſitzende ältere Dame antwortete in ihrem Nahmen: Sie, Herr Practi⸗ kant, können die Lücke freilich am beſten bemer⸗ ken, da Sie bis jetzt darinnen büßten, nemlich für Ihr muſikaliſches Talent, das hier ohne Un⸗ terſchied in Auſpruch genommen wird. Der Practikant glaubte ſich dankbar verbeugen zu müſſen, und thats; die Dame lächelte. Jetzt war die Ouvertüre zu Ende. Die Da⸗ men ſtanden einen Augenblick auf. Der Fremde, welcher hinter dem Practikanten geſtanden hatte, ſah, wie dieſer wieder ein Geſpräch mit Mathil⸗ den anknüpfen wollte. Er konnte nicht umhin, ſeinen Blick auf das ſchöne Mädchen zu richten, die jetzt dem Practikanten antwortete: Verzeihen Sie, daß ich Ihnen auf Ihre frühere Frage keine Antwort gab. Ich halte es aber für unſchicklich, zwiſchen der Muſik ein Geſpräch anzuſpinnen, zu dem es immer noch Zeit genug giebt. Und dann geſteh' ich, daß auch mein Ohr nicht fein genug iſt, Ihre Bemerkungen näher zu prüfen. Wir Mädchen nehmen es nicht ſo genau, wenn auch nicht Alles beſetzt iſt. Hiermit ließ ſie nach einer höflichen Verbeu⸗ gung den Practikanten ſtehen, und wandte ſich zu dem Zirkel der nächſtſtehenden Damen. Der Frem⸗ de hatte unverwandt den Bewegungen ihrer Lip⸗ pen ſeine Aufmerkſamkeit geſchenkt; unendlich viel Anmuth lag in ihnen wenn ſie ſprach, ein tief⸗ blaues Auge blickte gutmüthig ſchalkhaft beym Lä⸗ cheln des Mundes unter langen Augenwimpern hervor, ihre Sprache klang gefühlvoll ohne kränk⸗ liche Ziererey.. Das iſt einmal ein Mädchen, ſagte ein ne⸗ den ihm ſtehender Mann, der ſeine Augen be⸗ obach⸗ * „, 3* — 6— obachtet zu haben ſchien, und den Fremden jetzt zutraulich auf die Schulter klopfte. Wen meinen Sie? fragte dieſer etwas verle⸗ gen. Fräulein Mathilde Hohenbaum— antwortete jener. eat. Der Fremde ſtutzte bey Nennung dieſes Na⸗ mens. Hohenbaum— ſagte er, und ſchien etwas aus der Tiefe des Gedächtniſſes heraufſinnen zu wollen. Jeuer fuhr fort: ihre Mutter wohnt ſeit mehrern Jahren hier; ihr Mann ſoll zwar noch leben, aber wir haben ihn noch nicht geſe⸗ hen. Die Sache ſcheint einen eignen Haken zu haben. Ich bin ſchon mehrmal auf der Spur ge⸗ weſen, denn unter uns geſagt, ich habe Auftrag, ſie einem guten Freund zu verſchaffen, wenn wir nur erſt— doch ſtille, der Narr dort, der Pra⸗ ctikant ſchnüffelt auch um ſie herum. Der ſoll ſichs aber vergehen laſſen; was hat denn ſo ein Practikant auſſer der Hoffnung aufs Practiciren —— aber der Herr ſind ja ſo in Gedanken, darf ich wohl fragen—— Mit wem habe ich die Ehre? ſagte jener, ihn fremd anſehend. Commerzien⸗Rath Guldenfuß, aufzuwarten. Wenn Sie meiner bedürfen, ich diene in allen Ge⸗ . E 66— ſchäften; meine Wohnung iſt am Lappenſteig No. 16. eine Treppe hoch.— Er mußte jetzt ſchweigen, weil das Declama⸗ torium anging. Die Ungeduld, etwas Näheres zu hören, ließ den Fremden kaum vernehmen, was die bewunderte Probata ſprach. Er hatte derglei⸗ chen ohnedieß ſchon mehr und beſſer gehört. Das ruhige Daſtehn war ihm unerträglich; er drückte ſich in das nahe Erfriſchungszimmer, und ging, nachdem er ſich eine Bouteille Wein hatte geben laſſen, nachſinnend darin auf und ab.. Wenn es jener Menſch wäre, dachte er;— wie iſt's mir doch ſo ſonderbar unangenehm, ihn, gerade ihn als ihren Vater zu wiſſen. Wenn ich vielleicht Aufſchluß— wer weiß— ſprechen muß ich ſie— Der Commerzienrath war ſchon wieder hinter ihm. Ich ſehe, fing er an, Sie denken auch wie ich; Sie machen ſich nichts aus dem Zeug. Es taugt den jungen Leuten gar nichts, mein Herr, hauptſächlich den Mädchen; das hochtrabende We⸗ ſen, die glänzenden Worte wollen dann nicht zum Haushalt paſſen. Das wird dann Nebenſache; der liebe Eheherr muß mit poetiſchen Kraftſuppen vorlieb nehmen und ſich vielleicht noch herzlich freuen, will er kein Unglück im Hanſe haben. Ich — — 67— merke es gar ſehr bey meinem Geſchäfte, wie das teufelshohe Weſen die beſten Männer zurückſchreckt⸗ Wenn ich manchmal denke, da iſt was zu verdie⸗ nen, dort iſt was zu machen, heißt es: ſie decla⸗ mirt doch nicht etwa? ſage ich ja— hin iſt die Parthie, und ich bin vergebens gerennt und ge⸗ laufen. Der Fremde fiel ihm mit einem Blick in die Rede, als wolle er ſagen: Menſch, was langweilſt du mich? und entſchlüpfte dem läſtigen Schwätzer, wieder in den Concertſaal tretend. Für Gulden⸗ fuß aber wuchs überall ein Blümchen der Freude: er trank den Wein vollends aus, den der Fremde hatte ſtehen laſſen, ſtopfte ſich aus einer eben da ſtehenden Doſe eine derbe Pfeife Tabak, und folgte ihm nach. Das Declamatorium ging zu Ende. Der Tau⸗ cher machte den Beſchluß. Der König hatte den Becher ſchon zum zweytenmal in der Charybde Geheul hinabgeworfen, ihm nach— das reizende Ziel im Auge— ſtürzte ſtch der tapfere Edelkna⸗ be; gepreßte Seufzer wurden hörbar im Kkeiße der Damen; ein zwey Minuten langes Schweigen nach den Schluß zeugte deutlich von dem Eindruck auf das bewegte Auditorium. Die erſte Stimme, welche an des Fremden Ohr ſchlug, war wieder E 2 = 68— die des Commerzien⸗Raths, welcher dicht neben ihm ſtand. Wenn ich der Edelknabe geweſen wäre, ſagte er, ziemlich laut, mein Seell ich hätte geſagt: Herr König! verſuchts doch ſelbſt einmal! mit fremden Beinen iſt gut ins Waſſer ſpringen. Der arme Schelm von Edelknaben, glauben Sie, daß er die Königstochter davon ge⸗ tragen hätte? der hätte wohl noch zehnmal ins Waſſer ſpringen müſſen, und das letztemal hät⸗ ten ſie ihm wohl gar einen Stein ans Bein ge⸗ bunden, wenn ſie des Spaßes ſatt geweſen. Trau einer da! Der Fremde drängte ſich von ihm weg, und bewegte ſich glücklich bis in die Nähe Mathildens, die er gerne anreden mochte. Doch dieſe war noch von der ältern Dame feſtgehalten, die ne⸗ ben ihr geſeſſen hatte, und ſich jetzt in Lobſprü⸗ chen über Probata's Talent ergoß. In ihrem Geſichte aber konnte man nicht recht leſen, ob, was ſie da ſprach, Scherz oder Ernſt ſey. Iſidorus führte ſtolz ſeine Künſtlerin durch die ſtaunende, verbeugende, lächelnde, flüſternde Men⸗ ge hindurch, und der Fremde näherte ſich höflich Mathilden. Darf, fieng er an, ein Unbekannter es wa⸗ = 65— gen, Fräulein Hohenbaum, eine Frage an Sie zu richten? 1 Mathilde machte freundlich eine bejahende Ver⸗ beugung und jener fuhr fort: mein Name iſt Bertholdy, Kaufmann aus Hamburg. Zwar weiß ich noch nicht recht, ob ich mich irre oder nicht, aber ich glaube die Ehre zu haben, Ihren Herrn Vater zu kennen; war er nicht Major, und trug die Oeſtreichiſche Uniform? Mathilde antwortete überraſcht mit etwas un⸗ ſichern Ton: ja mein Herr, er ſtand zuletzt in öſtreichiſchen Dienſten. Ich höre, daß er jetzt nicht hier iſt, darf ich wohl fragen, ob Sie gute Nachricht von ihm haben? fragte Bertholdy.— Mathildens Wangen entfärbten ſich ein wenig und in ihr Auge ſchien etwas zu treten, das einer Thräne glich. Sie konnte ſich nicht gleich faſſen, und Bertholdy fuhr fort: Faſt möchte ich aus dieſer ſtillen Antwort einer zärtlichen Tochter ſchließen, daß Sie keine gute Nachricht haben. Gefaßter antwortete ſie: er hat uns ſehr lange nicht geſchrieben, und ich kann deshalb Ihre Theil⸗ nahme mit keiner befriedigenden Antwort erwiedern, ſo gern ich dieß möchte. Bertholdy merkte, daß Mathilde ſich etwas verlegen nach ihren fortgehenden Freundinnen um⸗ ſah, und empfahl ſich daher mit der Anfrage: ob es ihm wohl erlaubt ſey, ihrer Mutter mor⸗ gen ſeinen Beſuch abſtatten zu dürfen. Mathilde antwortete: den Freund des Vaters werden wir mit Vergnügen bey uns ſehen, und folgte mit ei⸗ ner höflichen Verbeugung ihren Freundinnen nach⸗ 8. Bertholdy war ſchon am frühen Morgen des andern Tages, ſorgfältiger als geſtern gekleidet, der Stunde gewärtig, wo er, er wußte ſelbſt nicht recht welche, Entdeckung machen ſollte. Er erkun⸗ digte ſich genau nach der Wohnung und war bald dort. Man hatte ihn ſchon erwartet. Mathildens Mutter empfing ihn mit einer gewiſſen geſpannten Freundlichkeit. Sie konnte eine heftige Bewegung nicht ganz verbergen, und ſchien geweint zu haben. Meine Tochter, fing ſie an, hat mir geſagt, daß ich in Ihnen einen Bekannten„ und wie ſich vermuthen läßt, Freund meines Mannes ſehen würde. Seyn Sie mir als ſolcher herzlich will⸗ kommen. Das Alter, ſagte Bertholdy, wo ich Ihren Herrn Gemahl, wie ich glaube, kennen lernte, 8 — 21— berechtigt mich zwar nicht ganz, mich ſeinen Freund zu nennen, denn ich war damals ein Kind; doch wünſcht der Erwachſene, nun ſich Freund nennen zu dürfen. Vor Allen aber eine Frage: hat Ihr Herr Gemahl Ihnen je einmal von einem kleinen armen Jungen geſagt, den er aus Mitleid bey ſich aufnahm, und welcher Otto hieß? Nachſinnend antwortete ſie, er hat mir ein⸗ mal davon geſagt, es können wohl 12 Jahre ſchon ſeyn, und wenn ich nicht irre, ſagte er dabey, der Knabe habe ihn wieder verlaſſen, weil er ſich nicht in das Reiſen habe finden kön⸗ nen, und ſey in einem Gaſthofe als Aufwärter geblieben.. Bertholdy, froh, daß ſie von dem Knaben ſonſt nichts erwähnte, ſagte: Frau von Hohen⸗ baum, ich bin dieſer Knabe, und nun auf Ein⸗ mal überzeugt, daß ich die Gattin meines erſten Wohlthäters vor mir ſehe. Erſtaunt ſah Frau von Hohenbaum ihn an und rief: wär es möglich! Sie dieſer arme Kna⸗ be; o Sie müſſen mir ihr Schickſal erzählen! Recht gerne, erwiederte dieſer, will ich Ihnen die Schickſale des armen Waiſen mittheilen; doch es würde wenig Theilnahme verrathen, wenn ich mich nicht zuvor nach dem Befinden deſſen erkun⸗ digte, der mich aus den Händen grgliſtiger Bett⸗ ker befreyte.— Ich kann Ihnen, antwortete ſie, aber mit etwas zitternder Stimme, in dieſem Augenblicke nichts von ihm ſagen. Er ſchreibt nur ſelten. Sein Hang zum Reiſen, und— ich brauche es Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie ja bey ihm waren,— ſeine Leidenſchaft zum Spiel und ſteter Zerſtreuung, macht, daß er wenig an uns denkt. Otto ſtand beſtürzt und unangenehm ergriffen, vor der Trauernden, und ſagte: das hab' ich nicht geglaubt! jene unglückliche Leidenſchaft ſollte ihn noch jetzt beherrſchen? ihn von den Seinigen trennen? wie wäre das möglich?— und doch iſt es leider ſo, ſagte, Frau von Hohenbaum, in Thränen ausbrechend; leider iſt es ſo. Nicht geſchieden und doch getrennt. Das immer unſtete Glück ſuchend, immer uns Hoff⸗ nung baldiger Zurückkunft gebend, ſchweift er, der kein Jüngling mehr iſt, ſeit dem dritten Jahre unſrer Ehe, unter fremden Menſchen herum, mit dem unglücklichen Gedanken, als ein reicher Mann, und anders nicht, zurückzukehren. Reich, durch Spielglück reich—! O unſelige Geldſucht der Män⸗ ner! nach lange Jahre verſcherzten Eheglück, denkt ihr Alles mit Gelde gut zu machen!—— — 1 — 73,— Sie konnte nicht weiter ſprechen. Von Schmerz ergriffen wande ſie ſich von Otto weg, und ſchritt heftig und unruhig im Zimmer auf und ab. Otto fragte mit theilnehmender Stimme: ha⸗ ben Sie nie einen Verſuch gemacht, Ihren Herrn Gemahl— nicht durch Briefe— ſie helfen im Ganzen wenig, durch— durch— wie ſoll ich es gleich neunen? durch eine ungewöhnliche Ueber⸗ raſchung, für das häusliche Leben wieder zu ge⸗ winnen? Menſchen ſeiner Art ſcheinen mir oft durch einen gut benutzten Augenblick zu gewinnen zu ſeyn. Doch ich weiß nicht, ob Sie mich recht verſtehn? iu. Wohl hab' ich es, verſetzte Frau von Hohen⸗ baum. Ich bin ihm nachgereiſt, ihn durch ſeine Tochter, damals ein Mädchen von 10 Jahren, zu gewinnen, ihn zu bereden, zu beſchwören. Er verſprach auch alles. Nur noch kurze Zeit wollte er entfernt pleiben, dann ein Guth kaufen, es ſelbſt bewirthſchaften. O! was für Pläne wur⸗ den da gemacht, und wie bald wieder vergeſſen! Er beredete mich, einſtweilen meinen Aufenthalt hier zu nehmen. Ich that es, mit erneuter Hoff⸗ nung. Doch vergebens, vergebens habe ich ſie ge⸗ hegt, jetzt habe ich ſie ganz aufgegeben.— Ver⸗ zeihen Sie, Herr Bertholdy, es war wohl nicht beſcheiden von mir, Sie mit Klagen zu unterhal⸗ ten. Und doch, doch ſehe ich, daß ein Unwille in f Ihrem Geſichte ſich ausſpricht, eine Theilnahme die mir vielleicht noch mehr offenbaren ſoll, als ich K weiß.. Otto ſtand überraſcht, voll des innigſten Mit⸗ leids mit der Unglücklichen, und erinnerte ſich mit glühendem Unwillen der ſchlechten Grundſätze des Majors. Er wußte nicht recht, was er antwor⸗ ten ſollte. Nur kurze Zeit, ſagte er endlich, war ich, als Knabe bey ihm, habe ihn aber, ſeit ich in Hamburg von ihm getrennt wurde, nicht wie⸗ der geſehen. Innig wehe thut es mir aber, durch meine Gegenwart und Anfrage einen Gegenſtand berührt zu haben, den vielleicht die Zeit einer wohlthätigen Vergeſſenheit beſtimmt hatte. Aber, Frau von Hohenbaum, wenn Sie noch Vertrauen zu einem Manne faſſen mögen, ſo ſagen ſie mir — doch— das überlegen wir ein andermal bey ruhiger Stimmung, Falls Sie mir erlauben, dieſen Beſuch nicht als den letzten betrachten zu dürfen. Frau von Hohenbaum nickte, in Gedanken ver⸗ lohren. Die Sprache verſagte ihr. Otto ergriff ihre Hand und ſagte mit Herzlichkeit: o wie kann es doch ſolche Männer geben! Siich mit Anſtrengung zur Faſſung zwingend, 1 —— — 7565— 3 ſtand ſie ſtille, und ſagte mit gepreßter Stimme: 5 Herr Bertholdy, Sie ſind wahrhaftig nicht hier, ſich blos nach den zu erkundigen, der einſt Ihr Pflegevater war. Sie wiſſen mehr von ihm, und 8 wollen mir es nicht entdecken. Aber ſagen Sie mir es immerhin, ich bin auf Alles gefaßt.— Die Verſicherungen Otto's, daß dieß nicht der Fall ſey, brachten aber doch endlich Frau von Ho⸗ henbaum von dem Unglück ahnenden Gedanken zu⸗ rück, und ſie wurde etwas ruhiger. Mathilde trat jetzt herein. Das Geſpräch wurde nach den erſten Begrüſſungen und einer kleinen Erklärung über die Bekanntſchaft Ottos mit dem Major, deren Scheidegrund doch letzterer für ſich behielt, allgemeiner und gleichgültiger. Otto, den die vor⸗ hergehende Scene das Herz unangenehm beengt hatte, fühlte ſich jetzt wieder freyer und heiterer; auch das Auge der Mutter entwölkte ſich, und ſie gewann bald ſo viel Ruhe, daß ſie Otto an ſein Verſprechen erinnern konnte, ſeine Biographie zum Beſten zu geben. Otto wollte anfangen, als eine Freundin der Frau von Hohenbaum hereintrat. Es iſt gut, rief dieſe der erſten zu, daß Du eben kommſt, liebe Treufeld, damit Du den Anfang ei⸗ ner Erzählung nicht verlierſt, die wir ſo eben hö⸗ ren werden. Hierauf ſagte ſie, zu Otto gewandt: — 76— es iſt Madam Treufeld, eine liebe Freundin von mir und Mathilden, und zugleich meine gefällige Hauswirthin— und ſtellte ihr ſodann Herrn Bertholdy als einen Pflegeſohn ihres Mannes vor. Otto begrüßte die Freundin Mathildens mit ſchneller Zuneigung, und dieſe rief verwundert: ein Pflegeſohn? davon habe ich doch nie etwas gehört. 8 Ich erfahre es auch ſo eben erſt— er war —— doch das werden wir Alles jetzt genauer erfahren, da Herr Bertholdy ſo gütig ſeyn will, uns einen Blick in ſein Leben thun zu laſſen. O das iſt ſehr ſchön, ſagte Madame Treu⸗ feld, und ich bin zur guten Stunde gekommen: denn das iſt meine ſchwache Seite, daß ich gerne erzählen höre, doch ſehr ungern Erzählungen leſe, weil man dort in Stand geſetzt iſt, den Aus⸗ gang zuerſt zu leſen, um ſich alle Angſt vor dem waltenden Schickſal zu benehmen. Zwar iſt die Gegenwart und das Wohlſeyn des Erzählers auch ein Blick auf die letzte Seite— wenigſtens des erſten Bandes— aber doch weit intereſſanter, wenn man erwarten muß was kommt. Otto ſtand in An⸗ und Inſichſchauen verſun⸗ ken da. Es ſchien ihm plötzlich, als befinde er ſich ſchon längſt in dieſem Familienkreiße, nicht — 22— erſt ſeit heute. Bekannte Töne drangen an ſein Ohr, bekannte Geſtalten ſchienen vor ihm zu ſte⸗ hen. Er ſann darüber nach, wie ſich dieß möchte erklären laſſen; aber Frau von Hohenbaum hatte ſchon Stühle hingeſetzt, und drang auf die Erzäh⸗ lung. Er fing alſo an: ich will da fortfahren, wo ich von Ihrem Herrn Gemahl abgehend, zu den braven Berthold in Hamburg kam, deſſen Namen ich auch angenommen; weil ich von dem frühern Schickſal ſchon Einiges mitgetheilt habe. Nein, nein! rief Frau von Hohenbaum: Frag⸗ mente wollen wir nicht. Was Sie vorhin erzählt haben, iſt viel zu wenig geweſen, und dann ge⸗ ſtehe ich Ihnen, daß ich von Ihrer zerſtreuten Er⸗ zählung eigentlich wenig verſtanden habe. So muß ich freilich wieder von vorne anfan⸗ gen, ſagte Otto, ſo weit nemlich, als ich ausho⸗ len kaun. Man ſetzte ſich. Otto begann: leider kann ich nicht meine Erzählung damit anfangen, daß ich ſage, wie ich eigentlich heiße, wo ich ge⸗ boren bin und wer meine Eltern ſind; ich weiß dieß Alles nicht. Als ein Knabe von 3 oder 4 Jahren bin ich aus meiner Eltern Hauſe weggekommen. Sonderbar iſt es, daß ich den Namen der Stadt, ja ſelbſt meines Vaters, entweder nie gehört, oder ganz wieder vergeſſen habe. Auch Land und Ge⸗ — 78— gend, worinn ich geboren, iſt mir daher gänzlich unbekannt, und meine jetzige Reiſe hat zum Ent⸗ zweck, auf gut Glück, und das möchte wirklich dazu gehören, Vaterland und Eltern aufzuſuchen. Aufforderungen in den öffentlichen Blättern ſind umſonſt geweſen, daher mir nichts übrig bleibt, als meine Wiege ſelbſt aufzuſuchen, wofern Erinnerung aus meiner frühen Kindheit mir als Wegweiſer die⸗ nen kann. Das Einzige weiß ich, daß meine Va⸗ terſtadt in der Nähe großer Berge und Wälder lag. Einſt lockte mich ein Mann, den ich ſchon mehrmals in unſerm Hauſe geſehen, mit dem Verſprechen, mir einen ſchönen Baum mit Aepfeln zu zeigen, immer tiefer und tiefer in den Wald. Es war im hohen Sommer und lange Tage, daher ich gar keine Angſt hatte, ſondern ihm immer tiefer in den Wald folgte. Als es dunkel wurde, ſchrie ich doch etwas; aber er zog mich, halb mit Gewalt, imnier weiter, wo wir endlich an ein Haus kamen, und da einkehrten. Ich trat mit Furcht in die räucheri⸗ ge Stube, wo ein altes Weib mit einer großen ſpi⸗ tzigen Naſe mir mit einem Oellicht in der Hand ins Geſicht leuchtete. Die Alte ſchien mir in dem Au⸗ genblick noch ſchrecklicher, als der Doktor, der im⸗ mer in unſer Haus kam, und mich mit kleinen blin⸗ zenden Augen, und einer großen rothen Naſe im 4 —— — 70— Geſicht anſtierte, und oft über ſeine langen Beine, die er weit in die Stube hinſtreckte, mich fallen machte, und ſich dann darüber todt lachen wollte. Eine Haushälterin, Babel hieß ſie, glaub' ich, zankte oft mit mir, wenn ich auf den großen langen Kerl ſchimpfte; und einſtens, das weiß ich noch ge⸗ nau, ſah ich, daß ſie—— Was iſt dir, liebe Treufeld? rief Frau von Ho⸗ henbaum, und ſprang auf. Otto erſchrack, Mada⸗ me Treufeld wurde immer bläſſer; Mathilde hatte ſie in den Armen aufgefangen, und rief zu gleicher Zeit: um Gottes willen, was iſt Ihnen? ich habe ſchon früher eine ſonderbare Bewegung an Ihnen bemerkt. Frau von Hohenbaum eilte, etwas Stärkendes zu holen; Otto war aufgeſprungen und ſtand beſtürzt und erwartungsvoll vor der Erblaſſenden. Dieſe. kam jetzt wieder zu ſich, und fragte mit Anſtrengung und beflügelten Worten: ſtand nicht ein Lehnſtuhl in einem Fenſter? eine große Uhr dem Stuhl gegen⸗ über, ein Glasſchrank mit Tabackspfeifen in der Ecke? Ja, jal ſagte Otto ſtaunend, und ſetzte hinzu: auf dem Stuhle ſaß Morgens der Vater, und putzte immer mit vielen Bürſten an den Tabacksköpfen herum. Aber, wie ſoll ich dieſe Frage deuten? Sollte es möglich ſeyn, was ich ahnde? rief Frau von Hohenbaum, und umarmte ihre Freundin. Bertholdy faßte die Hand der Madame Treufeld und ſagte erwartungsvoll: Otto wurde ich genannt — da rief dieſe, die Arme nach ihm ausſtreckend: es iſt wohl kein Zweifel mehr übrig, Alles trifft zu⸗ ſammen, Du biſt der Tooͤgeglaubte, mein Otto! Bertholdy ſank in die Arme ſeiner Mutter. e 3en 9. Die ſprachloſe Freude Aller über dieſe Ent⸗ deckung ſuchte und fand nach und nach wieder Worte. Das ſind die Töne geweſen, rief Otto, freu⸗ dig von Einem zum Andern ſich wendend; das waren die lieben Töne der Mutter, die aus der frühern Kindheit mir erinnerlich waren. Jetzt be⸗ grreif' ich es.— Frau von Hohenbaum und Mathilde konnten nicht aufhören, die glückliche Mutter wechſelsweiſe⸗ zu umarmen. Malthilde ſprang fort und kam bald mit einem Portrait wieder, welches einen kleinen Knaben vorſtellte, der mit einer Katze ſpielte. n Kennen Sie das wohl? rief ſie. Das iſt der kleine — 31— kleine Otto, über den die Mutter ſo viele Thrä⸗ nen vergoſſen hat.. Auch das kommt mir jetzt wieder ins Ge⸗ dächtniß, ſagte Otto, und die braun und weiße Katze, die mich mehr wie einmal mag gekrallt haben. Es iſt mir auch noch, doch dunkel, erin⸗ nerlich, wie die Katze herbey mußte, als ich ſollte gemalt werden, damit ich nur ſtill ſaß. Es iſt ſonderbar, wie ſolche Erinnerungen aus unſrer Kindheit uns treu bleiben, während ſo vieles aus dem ſpätern Alter ſich ganz ver⸗ wiſcht, ſagte Frau von Hohenbaum. und was uns oft von größter Wichtigkeit ſeyn kann, wie bey mir der Name meines Vaters und meiner Vaterſtadt. Doch gute Mutter, jetzt ſa⸗ gen Sie mir ſchnell, wann kommt der Vater wie⸗ der nach Hauſe? und erzählen Sie mir, wie es kam, daß Sie Ihren Wohnort veränderten und hierher kamen, und warum Sie damals den Va⸗ ter verließen 2 8 Madame Treufeld erwiederte ernſt und weh⸗ müthig: ſetze Dich zu mir, lieber Otto, und höre nur erſt kurz das Hauptſächlichſte, denn ich kann die Zeit kaum erwarten, bis Du mir erzählſt, wie es Dir gegangen, ſeit Du aus deines Va⸗ ters Hauſe verſchwunden biſt. F — 82— Der Mann, deſſen Gattin ich jetzt bin, iſt nicht Dein Vater. Dein Vater heißt Seebald, und lebt noch jetzt dort, wo Du geboren wur⸗ deſt. Von böſen Menſchen wurde Eiferſucht in ihm rege gemacht, zu der er ſo gewiß keine Ur⸗ ſache hatte, als ich hier die Hand meines Sohns halte. Aber Dein Vater war zu leichtgläubig und ließ ſich von fremden Menſchen beherrſchen. Du warſt etwa zwey Jahre alt, als er, veranlaßt durch einen ganz unſchuldigen Zufall, auf eine Scheidung in der Güte drang, unter dem Vor⸗ wand: beſſer Trennung, als unglückliche Ehe. So ſehr es nun auch die Eiferſucht war, die ihn hierzu bewog: ſo trennten wir uns doch ziemlich friedlich und er ſorgte mit großer Güte dafür, daß ich anſtändig leben konnte, ſo lange ich noch nicht wieder verheyrathet war.— Hauptſächlich habe ich jenen Doctor, bey deſſen Beſchreibung ich jetzt zuerſt Licht bekam, daß Du wirklich Otto ſeyſt, im Verdacht, daß er Deinen Vater zu dieſem Schritt bewogen habe, vielleicht aus Rach⸗ ſucht gegen mich. Ich konnte einen unbegreifli⸗ chen Abſcheu nie vor ihm verbergen. Oft machte ich Deinem Vater auf die rohen gefühlloſen Aenſ⸗ ſerungen des Unerträglichen aufmerkſam, aber er antwortete mir gewöhnlich:„ich habe mich Anfangs —,— — 83— auch daran geſtoſſen, aber er zeigt auch wiedet ſoviel gute Seiten und Anhänglichkeit an mich, daß ich überzeugt bin, ſeine Rohheit iſt blos Witz⸗ ſucht, und er meynt es bei weitem nicht ſo arg, als er ſpricht.“ Wodurch er ihn ſonſt noch zu feſ⸗ ſeln gewußt, begreif' ich nicht. Es iſt wahr, fiel Frau von Hohenbaum ein: die Männer, ſo⸗ bald das Herz nicht mehr mitſpricht, nehmen es mit ihren Bekanntſchaften auch gar nicht genau. Die Sittlichkeit kommt nicht mehr in Betracht, und übereinſtimmende Denkungsart ſcheint gar nicht nöthig dabey zu ſeyn. Gewöhnlich iſt es blos das Bedürfniß der Unterhaltung, ein gleicher Dienſt, oder ein Ohombre-Tiſch, was die Freundſchaft ſchließt. Leider, fuhr Otto's Mutter fort, mochte dieß auch hier der Fall ſeyn. Dein Vater ſah die Ehe nicht ganz für das an, was ſie ſeyn kann, wenn gegenſeitig Vertrauen herrſcht; und ſo wurde durch gereitzten Männerſtolz und Schwäche die Trennung herbey geführt, die Du, armer Otto, wohl ſchwer haſt empfinden müſſen. Der trau⸗ rigſte Gedanke war mir der, Dich zurück zu laſ⸗ ſen, und welcher Schmerz das arme Herz deiner Mutter drückte, als wir die Nachricht hörten, Du habeſt Dich im Walde verlaufen, und ſeyſt wahrſcheinlich in die Tiefen jener Bergſchlüchte hin⸗ . F 2 „. — 84— abgeſtürzt, kannſt Du Dir denken. Länger als ein Jahr habe ich Nachforſchungen anſtellen laſ⸗ ſen, aber Alles war vergebens; wir hörten nie wieder etwas von Dir, und gaben Dich endlich verloren. Späterhin gab ich meine Hand dem würdigen Manne, deſſen Namen ich jetzt führe, und den Du, ſo Gott will, in einigen Tagen kennen lernen ſollſt. Hätte ich dieß Alles geſtern ahnden konnen, rief Otto mit Freudeſtrahlenden Augen, einen Tag hätte ich gewinnen können. Aber ein Glück iſt es noch, daß ich in das wunderliche Concert ge⸗ gangen bin, und den wunderlichen Commerzien⸗ rath kennen lernte, durch den ich, ohne ſeinen Wil⸗ len, auf dieſen Weg der Entdeckung kam; wer weiß, wo ich heute wieder hingereißt wäre, meine lieben Eltern zu ſuchen. Die Du nun gefunden haſt, ſagte ſeine Mut⸗ ter, ihn zärtlich bey der Hand faſſend— jetzt aber vor Allen Deine Geſchichte, lieber Otto. Man ſetzte ſich wieder zum Zuhören zurecht, und Otto fuhr da fort, wo vorhin die ſchöne Ent⸗ deckung ihn unterbrochen hatte, bis zu dem Au⸗ genblick, wo er in das Haus des Kaufmanns Berthold in Hamburg kam; doch ohne die Urſa⸗ 3 —,.,— „ — 35— che ſeiner Trennung vom Major zu ſagen, wo⸗ mit er Frau von Hohenbaum nicht betrüben mochte. Hier in Hamburg, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, wurde ich von dem guten Berthold wie ſein Sohn betrachtet, und mit meinem Freund Julius, erzogen. So vergieng in Geſchäften und Unterricht ein Jahr ums andere. Sie ſchwanden glücklich und ohne Sorgen dahin, und wir wa⸗ ren 18 Jahr alt geworden, ohne zu wiſſen, was Unglück iſt. Da ich als ein kleiner Junge von Hauſe weggekommen war, ſo ſchien es mir bald, als ſey ich in Hamburg gebohren, und Berthold's meine wirklichen Eltern. Ich und mein Freund Ju⸗ lius ſchwelgten eben in der Idee einer Reiſe nach Weſtindien, die uns Vater Berthold verſprach; als auf Einmal das furchtbare Schickſal, welches halb Europa, am ſchrecklichſten aber Hamburg traf, un⸗ ſere Hoffnungen zertrümmerte. Sechs Jahre hatten die Hamburger ſchon den Druck des Imperators empfunden, der ſie mit Ge⸗ walt zur fünften guten Stadt machte; als der ſo er⸗ freuliche und dennoch für Hamburg ſo unglückliche I8te März 1813 herankam, und alle Gemüther mit frohen Hoffnungen auf wieder zu erlangende Selbſtſtändigkeit der Stadt erfüllte. Die ruſſiſchen Truppen näherten ſich der Stadt, und Hamburg 1 — 36— jubelte ſeinen Befreiern entgegen. Zu früh aber hat⸗ ten ſie ſich von den Feſſeln erlößt gewähnt, die das erwachte Deutſchland zu zerſprengen begonnen. Noch einmal, nachdem Tettenborn Hamburg wieder ver⸗ laſſen, kehrten die Bedrücker wieder zurück, und ſchrecklicher als je, war das Schickſal der Stadt, die ſich erlaubt hatte, ihren Befreiern fröhlich entge⸗ gen zu eilen. Doch dieß Alles iſt bekannt. Jene Gräuelthaten noch einmal zu erzählen, würde die weiblichen Herzen zu ſehr erſchüttern. Ich ſchweige alſo davon. 1 Die Gattin meines Wohlthäters ſtarb in derſelben Nacht, wo mehrere 1000 Einwohner vor unſerm Hauſe vorbey, wie eine Heerde Vieh aus der Stadt getrieben wurden, um die Nahrungsmit⸗ tel für die Beſatzung zu gewinnen. Die Schreckens⸗ töne der Jammernden beſchleunigten ihren Tod. Mein Wohlthäter ſaß mit trüben Angeſicht, ſtarr, faſt gefühllos, an ihrem Bette, wo ſie entſeelt lag. Ich und Julius ſtanden zähneknirſchend am Fenſter, und ſahen, wie das mit Gewalt ſich eingeniſtete Volk uns von unſerm eignen Heerd wegdrängte, und Menſchen behandelte wie todten Ballaſt, den man in der Noth den Wellen Preiß giebt; da ging mein Pflegevater hinaus; wir blieben zurück; der —— — —. 87— Tag war angebrochen, und einzelne Sonnenſtrah⸗ len fielen in die Straße. 8 Wie herrlich, ſagte Julius, geht vielleicht dieſe Sonne jetzt für ganz Deutſchland auf— nur uns dient ſie, unſre Erniedrigung noch deutlicher zu ſe⸗ hen. O daß wir ferne von hier wären; warum ging doch mein Vater nicht früher fort! Ich war im Begriff, ihm zu antworten, als im Vorſaal es laut wurde, und wir das Fluchen und Schimpfen eines Franzoſen hörten, des alten Ber⸗ tholds Stimme, ungewöhnlich laut, dazwiſchen. Wir eilten nach der Thüre, und herein ſtürzte mein Pflegevater, den ein franzöſiſcher Officier bey der Bruſt gepackt hatte, und mit ſeinem Degen zu durchbohren drohte. Wir warfen uns dazwiſchen. Julius und ich entriſſen nach langem Widerſtreben ihm den Degen, und mein Freund ſchleuderte den Erboßten! mit einer Kraft, die ich ihm nicht zuge⸗ traut hatte, an die gegenüber befindliche Thüre; der Sturz mochte gegen den Drücker geſchehen ſeyn: das Blut ſtrömte heftig vom Geſichte des Officiers herab. Ich erſchrak, denn mir ahndete nichts Gutes. Der alte Berthold wurde ſchwach. Er ſank in mei⸗ nen Arm, indem er ſeinem Sohne zurief. Ich trug ihn faſt aufs Sopha, und rief den herbeigeeilten Leuten zu, Wein zu holen, um ihn damit zu ſtär⸗ — 88— ken. Der Officier war indeſſen aufgeſprungen und fluchend fortgeeilt. Meine und Julius Hände bluteten vom Degen; doch eilte ich, als die Leute mir zu lange blieben, mit den blutigen Händen fort, ihn ſelbſt zu holen. Julius hlieb beym Vater. Kaum war ich die Treppe hinab gekommen, als der Officier mit einem Haufen Bewaffneter ins Haus ſtürzte, und rief: der iſts, er hat mein Blut noch an ſeinen Händen, fort mit ihm. Wo iſt der andere der dabey war? Schon wollten ſie hinauf eilen, Julius zu holen, als mir einfiel, daß viel⸗ leicht eine Liſt mir glücken könne. Mein Bedienter? rief ich ihnen zu. Er iſt zum Todengräber, das Grab für meine Mutter zu beſtellen, die Sie oben todt haben liegen ſehen. Bediente? fragte der Of⸗ ficier. Laßt den Schurken laufen. Dieſen Cujon aber haltet feſt! Man führte mich ab, der Officier gieng mit. Mein Gott! rief hier Otto's Mutter: du warſt ja aber doch nicht der, welcher den Officier verwun⸗ det hatte. Dieſer fuhr fort: der Irrthum des Officiers war erklärbar. Er mochte nicht recht wiſſen, wer ihn niedergeworfen, und meine blutigen Hände ſpra⸗ chen gegen mich. Kurz, er war zufrieden, den — 89— Sohn zu haben, und ließ den Bedienten laufen. Mir war dieſer Irrthum erwünſcht, denn ſo war Julius gerettet. Mit einem frohen Gefühle, das nur durch die Sorge um den alten Berthold noch etwas getrübt wurde, ſchritt ich zwiſchen der Wache einher, entſchloſſen, Alles zu erdulden, meinen Freund nicht in Unterſuchung zu bringen. Konnte ich wohl anders, liebe Mutter? Hatte ich nicht den guten Menſchen Alles zu verdanken? wie konnte ich dieſe Gelegenheit vorüber gehen laſſen, dankbar zu ſeyn? Madame Treufeld drückte ihm gerührt die Hand. Er fuhr fort: mein Spiel gelang vollkom⸗ men. Der Officier klagte mich an, daß ich ihn habe ermorden wollen. Ich ſagte blos; mein Vater habe deshalb dem Officier den Eintritt in die Stube verweigert, weil meine Mutter darinne todt gelegen, und das finſtre Geſicht deſſelben, welches der Offi⸗ cier, der hier ſich einquartiren wollte, wahrſchein⸗ lich falſch ausgelegt, ſey daher zu deuten geweſen. Ich läugnete nicht, mit Hülfe unſers Bedienten, ihm den Degen entwunden und gegen die Thür ge⸗ worfen zu haben, weil er meinen Vater habe ermor⸗ den wollen. Das iſt eine Lüge, ſchrie der Officier; ich habe ihn blos in Furcht ſetzen wollen, da er ſo grob ge⸗ gen mich war. — 90— Ganz richtig, rief der Verhörende, dieſe über⸗ müthigen Hamburger müſſen gezüchtiget werden.— Ich wurde ab⸗ und auf eine Wache geführt, wo ich über acht Tage gefeſſelt zubringen mußte. Niemand wurde zu mir gelaſſen, und ſpäterhin erſt klärte es ſich mir auf— leider! wie es zugegangen, daß Julius, wie ich befürchtete, den Irrthum nicht löſen konnte. 8 Ich komme jetzt auf die traurigſte Periode meines Lebens. Nicht, weil ich dem Tode nach damaligen Verhältniſſen in Hamburg faſt mit Ge⸗ wißheit entgegen ſah— das Gefühl, dem alten Berthold ſeinen einzigen Sohn, meinen innigſten Freund, dadurch zu erhalten, verſcheuchte alle ſehnſüchtigen Wünſche, die meine ſonſtige Lage von einer heitern Zukunft erwarten konnte. Der Zweck meines Lebens ſchien mir erfüllt zu ſeyn durch das Gebot einer höhern Macht. Ich war ruhig. Daß ich, Gottlob! o denken konnte, ver⸗ dankte ich der edeln Gattin Bertholds, meiner Pflegemutter, die oft über Vorſehung und Ewig⸗ keit mit uns ſprach, und deren Frömmigkeit tie⸗ fen Eindruck auf mich machte. Dank der Seligen! fiel Otto's Mutter ge⸗ kührt ein. O wie freue ich mich, daß Du eine — ſolche Mutter fandeſt, wie leicht— ich darf nicht daran denken— Ja wohl, ſagte Otto, wie leicht konnte es geſchehen, daß ich in dem Hauſe eines reichen Kaufmanns Geld als das höchſte Gut ſchätzen lernte. Wohl mir, daß es nicht ſo war! Doch, ich muß fortfahren. Es engt mir das Herz, der nächſten Tage zu gedenken, und ich will daher nur die Hauptſache herausheben. Die Einzelhei⸗ ten ein andermal. Aus dem Geſpräche der Sol⸗ daten, die mich bewachten, merkte ich, daß ich mit mehrern Andern beſtimmt ſey, mit dem Tode das Verbrechen zu büßen, mich an einem Tra⸗ banten des Machthabers, vergriffen zu haben. ken Auf einmal, etwa nach acht Tagen, erhielt ich zu meinem Etſtaunen gegen Abend meine Frei⸗ heit. Ich taumelte aus der düſtern Spelunke weg, wo ich geſeſſen, durch die von Soldaten wimmelnden Straſſen nach dem Hauſe meines Wohlthäters hin. In der Nähe deſſelben begeg⸗ nete mir ein Diener von ihm. O, eilen Sie! rief er mir zu: unſer Herr ſtirbt. Er hat ſchon vielmal nach Ihnen gefragt. Ich ſtürzte fort, ins Haus, die Treppe hinauf, in Bertholds Wohn⸗ zimmer. Da lag der edle Greiß, mit den Zü⸗ gen des Sterbenden auf dem Geſichte, von meh⸗ — rern ſeiner Diener umgeben, mit denen er ge⸗ ſprochen zu haben ſchien. Als ich vor ſeinem Bette niederſank, erheiterte ſich ſein Auge. Er ergriff meine Hand, und winkte den Anweſen⸗ den, ſich zu entfernen. Otto, jetzt mein Linziger Sohn! zegann der Sterbende. Ich ſchauderte ahnend zuſammen und rief: o Gott! Julius? Der Greiß ſagte mit der Ruhe eines Vollen⸗ deten: ſtille Otto, ich ſehe ihn bald wieder, und Du einſt auch. Hierauf ſchwieg er, andächtig die Hände, die ich mit Thränen benetzte, eine Weile faltend. Bald ſchob er mich ſanft von ſich und ſagte: Otto, hier ſetze Dich neben mich und hö⸗ re, was ich Dir zu ſagen habe. Doch Du wirſt das Schickſal Deines Freundes Julius vor Allen wiſſen wollen. Kurz alſo: als wir hörten, daß Du fortgeführt ſeyſt, ſtürzte er fort, leichenblaß, ſeine Lippen zitterten: Otto iſt verlohren, denn jetzt iſt Alles Verbrechen. Ich muß ihn retten. Ich konnte ihn nicht halten, ſein Wille war edel, er wollte Dich, den Unſchuldigen befreyen. Und dann, ſo geſtehe ich, daß ich viel auf die Geld⸗ ſucht der Fremden baute. Ich dachte, mit Geld iſt Alles abzumachen, und ließ unſern Prokurator kommen, der mit den Habſüchtigen in Unterhand⸗ — 93— lung treten ſollte. Ich dankte Gott für meinen Reichthum, der mir es möglich machte, meinen Sohn zu erkaufen, da— da— o Otto! da brachten ſie Julius blutend ins Haus getragen— zwey Stunden darauf verſchied er. Otto, wie elend war mein Reichthum, wie nutzlos!— Hef⸗ tig, wie Du Julius kennſt, war er faſt beſin⸗ nungslos nach dem Gouvernement gelaufen. Stür⸗ miſch wollte er mit Gewalt durch die Poſten drin⸗ gen, die, nicht wiſſend was er wollte, ihm den Eintritt verſagten. In der höchſten Aufwallung ſeines Zornes mochte er die Wache inſultirt ha⸗ ben— ein Bajonetſtich— war ſein Tod.—— Otto ſprang auf; ſeine Thränen trocknend, rief er: o mein guter Julius! Die Zuhörenden, ſei⸗ nen Schmerz theilend, erwarteten in ſtiller Rüh⸗ rung die Fortſetzung ſeiner Erzählung. Berthold, fuhr Otte nach einer Pauſe fort, hatte nach dem Tode ſeines Sohnes ſeine erſte Sorge auf mich gerichtet, und durch eine große Summe Geldes meine Befreiung bewirkt. Ihn ſelbſt aber hatte der letzte Sturm, Schreck und Aerger, dem Tode raſcher, als ſonſt vielleicht ge⸗ ſchehen wäre, entgegen geführt. Als ich noch, mein Schickſal erwartend, verhaftet ſaß, hatte er ſchon, im Gefühl ſeines nahen Hinſcheidens mich — 94— 1 gerichtlich zum Erben ſeines Vermögens eingeſetzt, denn er hatte nur einige weitläuftige und ſehr reiche Verwandten. In den letzten Stunden ſei⸗ nes Lebens entdeckte er mir den Ort, wo er ei⸗ nen beträchtlichen Theil ſeines Vermögens verbor⸗ gen hatte. Schon öfters betrogen von ſeinen Leu⸗ ten, hatte er dieß Niemanden ſonſt anvertrauen mögen. Die Prüfungen, die er öfters mit mir angeſtellt, erwarben mir ſein ganzes Zutrauen, und ſein Plan, wenn ſein Sohn am Leben blieb, war geweſen: daß wir gemeinſchaftlich die Hand⸗ lung fortführen ſollten, und ohne meinen Willen nichts verändert werden ſollte. Dieſe Maasregel hatte ihm deshalb nöthig geſchienen, weil Julius, bey vieler Herzensgüte, einen großen Hang zur Verſchwendung zeigte, vor deren Folgen dem hell⸗ ſehenden Vater bangte. Unſer jugendliches Freund⸗ ſchaftsbündniß war ihm daher der größte Troſt für die Zukunft, und lag vielleicht ſchon in ſei⸗ nem Plane, als er mich zu ſich nahm. Mein guter Pflegevater wurde, nachdem er mir Alles mitgetheilt, immer ſchwächer. Er ließ noch ein⸗ mal ſeine Leute zuſammen rufen, und ſtellte mich ihnen als ihren künftigen Herrn vor. 3 Du haſt viel verloren, ſagte er zu mir, und verlierſt vielleicht noch mehr. Denn die Brand⸗ ſchatzungen und Erpreſſungen nehmen kein Ende. Du wirſt aber, denk ich, doch noch zum Leben genug behalten. Siehe, daß Du Deine Eltern entdeckſt, und wenn Ihr einſt, befreyt vom frem⸗ den Joche und froh bei einander ſeyd, ſo ge⸗ denkt meiner in Freundſchaft—— Der edle Greiß ſtarb gegen Mitternacht in meinen Armen. Wenig Antheil nahm ich ſeit dieſer Zeit an den öffentlichen Angelegenheiten. Niedergedrückt von Schmerz und Kummer, gieng ich wie ein Träumender umher. So kam die Zeit heran, wo Hamburgs Plagegeiſter endlich abziehen mußten. Ich verkaufte die Handlung, belohnte alle Diener reichlich, und reißte von Hamburg weg, um wo möglich meine Eltern aufzufinden und nach dem Wunſche des guten Bertholds in ihrem Kreiße ſei⸗ ner dankbar zu gedenken. Als Otto geendigt hatte, umarmte ihn ſeine Mutter und rief: o Dank, Dank der Vorſicht, die Dich in meine Arme geführt hat, und dem ed⸗ len Manne, für ſeine Lics Wir wollen ſeiner oft gedenken. 1 — 96— 10. Aber Otto kam nicht damit los, ſeine Lebens⸗ geſchichte blos in gedrängter Ueberſicht geliefert zu haben. Alle drangen bald mit Fragen in ihn, daß er ihnen nach und nach alle Schilderungen und einzelne Scenen nachtragen mußte, denn der Kreiß derer, an denen man Antheil nahm, war jetzt größer geworden, und jede Kleinigkeit war intereſſant. So ſaß man, in Betrachtung der ſonderbaren Launen des Schickſals, und unter Anhörung einzelner Schilderungen, bis ſpät Abends, wo Otto mit dem Verſprechen nach Hauſe ging, recht früh wieder zu kommen. „Err hatte nun das Nöthigſte von ſeinem Va⸗ ter erfahren und beſtimmte, daß er in einigen Tagen zu ihm reiſen wollte. Aber es kam die folgende Woche, und der folgende Monat; Otto erwähnte faſt der Reiſe nicht mehr. Die ſchönſten⸗ Tage flogen wie Pfeile an ihm vorbey. Die Er⸗ innerung des ſchmerzlichen Verluſts in Hamburg machte bald einer heitern Fröhlichkeit Platz, und dieſe verſcheuchte bald wieder ein tiefſinniges Her⸗ umwandeln, ein Träumen der ſchwärzeſten Mög⸗ lichkeiten. Es war die Liebe, die ihre Wonne⸗ ſchauer auf Otto herabgoß, und ihn mit Seorpio⸗ nen⸗ — 97— nenzweifeln ängſtigte. Urſache genug für einen neun⸗ zehnjährigen Jüngling, die Reiſe nach der Heymath von Tag zu Tag aufzuſchieben. Und wie konnte er gar daran denken, als Mathilde ſeinem ſtrah⸗ lenden Auge nicht mehr unbefangen entgegen blick⸗ te, als ſie ſeinen Händedtuck mit Erröthen dul⸗ dete, die Mütter ſich lächelnd anſahen, und Ma⸗ thilde verlegen wurde, wenn Frau von Hohen⸗ baum ihn ihren lieben Pflegeſohn nannte? Es war zu merken, daß er nicht ans Reiſen dachte. Deshalb mußte ſeine Mutter ihn eines Tages daran erinnern. Otto fühlte, daß er nichts dagegen ſagen koönnte, aber mochte er mit halder Hoffnung abreiſen? Die gute Muttet ſah die Verlegenheit ihres Sohnes und kam ſeinem Vertrauen liebevoll ent⸗ gegen. Irre ich nicht, ſagte fie, ſo biſt Du er⸗ hört und glücklich, und kannſt deshalb getroſt reiſen. Wohl! rief Otto: ich muß teiſen, es iſt Pflicht des Sohnes; aber ehe ich reiſe, nur eine Gewißheit, das andere will ich erwarten. Er küßte ſeiner Mutter die Hand und flog fort. MNadame Treufeld ging zu ihrer Freundin, für ihren Sohn zu ſorſchen, doch ſie hatte es nicht nöthig, denn dieſe kam ihr lächelnd entge⸗ — 6 — ⁹9— gen und ſagte: was iſt Ihrem Sohne? Er ſchoß, kaum grüßend, an mir vorbey und zur Thüre hinaus. Ich glaube, daß ich mit meiner Freun⸗ din bald allerley zu berath ſchlagen bekomme, und gewiß, es wird mich freuen, wenn Mathilde— und ich glaube mich nicht zu irren. 3 Nun ſaßen und entdeckten die Freundinnen ſich einander ihre Bemerkungen und Pläne. Otto aber, der erfahren hatte, wo Mathilde heute zu finden ſey, war längſt draußen in dem kieinen Garten ſeiner Mutter. Mathilde ward verlegen, ſich von Otto überraſcht zu ſehen, aber noch mehr, als dieſer, der nahen Abreiſe gedenkend, mit ſtür⸗ miſcher Zärtlichkeit ſie bat, ihm ein Zeichen zu ge⸗ ben, ob er zurückkehren ſolle— das heißt— die Antwort auf ſeine Frage: ob er ſie die Seine nennen dürfe? Es iſt unbekannt, wie lange die Antwort verzögert wurde. Aber Frau von Hohenbaum hatte ſchon ſeit drey Stunden ungeduldig die Straße hinaufgeſehen, in der es bereits zu däm⸗ mern begann, als Otto und Mathilde zur Thüre hereintraten, und erſterer mit freudeſtrahlendem Geſichte, letztere hocherröthend, den Müttern ent⸗ deckten, was dieſe geahndet hatten. 8„ — 99— I I. Sendſchreiben des Commerzienrath Guldenfuß, an den Dr. Quirinus zu Waldorf. Hochedelgeborner Herr! Hochzuverehrender Herr Doctor! Es ſind nun bereits drei Monat, daß ic, be⸗ griffen auf einer Geſchäftsreiſe, das unſchätzbare Vergnügen hatte, in der dunkeln Herberge bey Waldorf, die Bekanntſchaft von Ew. Hochedeln zu machen. So lange ich lebe, werde ich den koſtbaren Rehrücken nicht vergeſſen, den wir da⸗ ſelbſt verzehrten, und es läuft mir, ſo zu ſagen, indem ich dieſes ſchreibe, noch das helle klare Waſſer aus dem Munde. Doch, ich eile zur Sa⸗ che. Ew. Hochedeln gaben mir damals den Auf⸗ trag, Ihnen alles zu melden, was ſich etwa in dem Treufeldſchen Hauſe begäbe. Da kann ich Ihnen jetzt dienen. Seit vier Wochen hält ſich da⸗ ſelbſt ein junger ſchöner Menſch auf, der aus Hamburg gekommen iſt, und den Madam Treu⸗ feld für einen verlohrnen Sohn ausgiebt. Iſt das nicht zum Lachen? der ehrliche Treufeld— die ganze Stadt lacht darüber. Was ich erſtens davon denke, iſt: es möchte wohl ein Rebenſprößling von ihr ſeyn, was ich 4 G 2 — 100— aber zweitens gewiß weiß, iſt: daß Fräulein Ma⸗ thilde Hohenbaum der Gegenſtand ſeiner Zärtlich⸗ keit iſt. Hier halten wir. Denn unter uns ge⸗ ſagt, vortrefflicher Freund, es entgeht mir da ein anſehnlicher Kuppelpelz, wenn ich es nicht durch⸗ ſetze, daß ſie einer meiner Gönner, der alte Ritt⸗ meiſter Horn, bekommt, der ſich über die Maßen großmüthig und ſpendabel gegen mich beträgt. Es iſt zwar leider wenig Neigung von ihrer Seite. Aber ich denke, der reiche Herr ſoll doch wohl am Ende Erhörung finden, wenn die Anſtöße erſt aus dem Wege geräumt ſind.— Nun hö⸗ ren Sie, Theuerſter, und ſtehn Sie mir bey. Wie Sie mir neulich ſagten, hat dieſe Madame Treu⸗ feld, vor etwa 18 bis 19 Jahren, als ſie noch Madame Seebald war, einen Liebhaber gehabt, der von Berg geheißen, und den ſie ſehr wohl gekannt haben. Da erfahre ich nun eben durch einen guten Freund aus Carlsthal, daß dort ein Major Hohenbaum arretirt, und als falſcher Spie⸗ ler in Unterſuchung iſt; daß man bey ihm meh⸗ rere Päſſe, unter andern auch, als Herrn von Berg gefunden, und daß dieſer Paß von der Waldorfer Polizey viſirt iſt. Merken Sie nichts, reſpectabler Freund? Jetzt bitte ich mir nur noch eine Beſchreibung der Perſon Ihres Herrn von — 101— Berg aus, um ſogleich meinen Plan zu vollenden durch eine herrliche Ueberraſchung; denn der wie⸗ dergefundene Sohn der Madam Treufeld kann kein andrer ſeyn, als der im Ehebruch gezeugte Sohn des Herrn von Hohenbaum oder Berg und Madam Seebald— folglich, iſt Mathilde ſeine Schweſter, und folglich— folglich— Herr, ich werde närriſch, wenn ich an meinen Verſtand denke, wie ich das Alles ſo herausgegrübelt habe, und einzuleiten gedenke für meinen theuern Gön⸗ ner, der mir erſt heute zwey Haſen in die Küche geſendet hat. Denn ſehen Sie: ſo wie jetzt die heftige Leidenſchaft der beiden jungen Leute, durch unleugbare Beweiſe zu einer kühlen Bruderliebe abgedämpft iſt, ſchiebe ich meinen alten Rittmei⸗ ſter Horn vor auf den Kampfplatz, der ſchlägt mit dem klingenden Geldſack ein paarmal derb auf die verlorne Hoffnung, und der Sieg iſt un⸗ ſer, trotz dem Podegra des Alten. Aber vor Al⸗ lem ſenden Sie mir das Signalement des ſoge⸗ nannten Herrn von Berg. Zu gleichen Liebesdien⸗ ſten ſtets bereit empfiehlt ſich unter Anwünſchung des beſten leiblichen Wohlbehagens Dero ergebenſter 4— Guldenfuß, Commerzienrath. Teufel! was iſt das! ſagte Quirinus, als er dieſen Brief las, zu ſich ſelbſt. Der Brief machte ihn verwirrt, und in der erſten Beſtür⸗ zung ſetzte er ſich hin und ſchrieb an Guldenfuß: Der Major von Berg hatte röthlich gelocktes Haar, ein Paar große blaue Augen, war mehr groß als klein, hatte auf dem linken Backen eine Schmarre, von einem Duell. Seine Kleidung war verſchie⸗ den. Schreiben Sie mir bald wieder. 12. Otto hatte Tormelhilf im Rücken, und eilte ſeiner ihm nun bekannten Vaterſtadt Walldorf zu. Ihn begleiteten zwey Bilͤniſſe, Mathildens und ſein eignes, das er gebrauchen wollte, ehe er ſich ſeinem Vater entdeckte. Mit den ſchönſten Hoff⸗ nungen hatte er das Haus ſeiner Mutter verlaf⸗ ſen, Mathilden als ſeine Verlobte; und nur des Majors Einwilligung war noch nöthig, um wel⸗ che Frau von Hohenbaum zu ſchreiben verſprochen. So kam er unter den ſchönſten Träumen am zweiten Tage Abends in Walldorf an. Er ſtieg im Gaſthofe ab, denn ſeinen Vater ſogleich zu überraſchen, ſchien ihm zu gefährlich und eine Vor⸗ bereitung nöthig zu ſeyn. Am andern Morgen nahm er eine Mappe mit Zeichnungen und Kupfer⸗ ſtichen, die er mitgebracht hatte, legte ſein eige⸗ —,.— 7 nes Portait mit hinein, und ließ ſich bey Herrn Seebald anmelden, als ein auf Reiſen begriffener Maler, der ein Compliment von einem Freunde zu bringen habe. Er erkannte, als er in das Haus trat, noch alle Gegenſtände, die ihn als Knaben unterhalten hatten, die Treppe mit dem breiten Spielplatz, das Geländer, durch welches er einmal durchgefallen, und mehr. Welch Ge⸗ fühl ergriff ihn aber, als er in ſeines Vaters Stube trat. Der Lehnſtuhl ſtand noch am Fen⸗ ſter, die große Uhr gegenüber an der Wand, der Glasſchrank in der Ecke. Sein Vater kam ihm entgegen und fragte nach dem Begehren. Otto packte die Mappe aus und ſagte: ein Freund von Ihnen hat mich hierher gewieſen; ich handle mit Originalgemälden, wenn Sie ſie an⸗ ſchauen wollten. Ein Freund? wie hieß er? fragte Seebald. Daß mir doch der Name entfallen iſt, ſagte Otto: von der Univerſität her, glaub' ich. Ah ſo? ſagte Seebald gleichgültig, und be⸗ trachtete mehrere Bilder, die Otto ausgepackt hat⸗ te, während dieſer ſeinen Blick in der Stube her⸗ umſchweifen ließ. Alles zeugte wirklich von einer ängſtlichen Ordnung. Fidibus hingen angeſchnürt an einem Faden in einer zierlichen Fächerform an — 104— der Wand. Bücher mit ſchön lackirten Rücken ſtanden auf einem Secretair, und ſchienen zu Gun⸗ ſten des Einbands wenig gebraucht zu ſeyn. Alle Tiſche waren leer und ſpiegelblank. Eine aus⸗ geſtopfte weißbunte Katze ſtand auf dem Glaß⸗ ſchrank zwiſchen zwey hellpolirten Leuchtern, auf denen zwey Wachslichter zu ganz gleicher Länge herabgebrannt ſteckten.. Ddtto erkannte ſeine alte Jugendfreundin, die ihm zu gefallen ſo oft, die Krallen hatte einziehen müſſen, und fühlte ſein Herz innig bewegt von dem Gedanken, ſein Vater könne wohl, zur Er⸗ innerung an ſeinen Knaben Otto, der Katze nach ihrem Ableben dieſen Platz angewieſen haben. und ſo war es auch.— In dieſem Augenblick traf Seebald beym Durchblättern auf des kleinen Otto's Bildniß, der mit ſeinen Händchen die Katze zaußte. Er blickte nach dem Schrank, dann wieder ſtarr und ernſt auf das Bildniß des Klei⸗ nen, und ſagte ſehr ergriffen zu Otto'n:, Von wem haben Sie dieß Bild, und was ſoll es koſten? Diileß Bild, ſagte dieſer, habe ich von einem Freunde, den ich malen mußte. Er ſchenkte es mir und ſagte, daß er in ſeiner Kindheit ſo aus⸗ geſehen habe Er war als Knabe von drey Jah⸗ — 105— ren aus ſeiner Aeltern Hauſe weggekommen, und konnte, trotz allen Nachforſchungen, ſie nicht wie⸗ derfinden. Da fand er glücklicherweiſe ſeine Mut⸗ ter, die, geſchieden von ihrem Manne, entfernt von ſeinem Geburtsort lebte, und bey ihr dieß Bildniß, das er hernach mir zum Andenken gab. Es wird daher nicht verkauft. Seebald ſtand, überraſcht, ſinnend, die Hän⸗ de gefaltet vor Otto. Mein Herr! rief er aus, wo lebt Ihr Freund? wie alt iſt er? ſagen Sie mir ſchnell— denn wie leicht möglich— ja wie wahrſcheinlich— o ſagen Sie! Otto konnte, ſo nahe ſeinem Vater, die Täu⸗ ſchung nicht weiter führen. Er faßte zärtlich deſ⸗ ſen Hand und ſagte: der Freund, den ich mey⸗ ne, ſteht vor ſeinem Vater, und bittet um ſeine Liebe. Ich ſelbſt bin Otto, der Verloren geglaubte. Seebald trat verwundert und ihn betrachtend zwey Schritte zurück, dann breitete er die Arme aus und rief: biſt Du es wirklich Otto? ſo komm hierher an Deines Vaters Herz! Ich bins! rief dieſer— und Seebald rann nun fröhlich und geſchäftig nach der Thüre. Ba⸗ bette, Babette! rief er hinaus, daß Alles wi⸗ derhallte— hierher— eile, eile! Mein Otto iſt da, der verlorne Otto iſt da!— Dann kam er » 4 — ſCꝑ——õ M—— ſehnſüchtig eilend wieder nach der Stube zurück, preßte Otto an ſein Herz, und ſagte mit Freu⸗ denthränen in den Augen, auf die Katze hinwei⸗ ſend: Ich konnte mich nicht von ihr trennen, weil ſie Dein liebſtes Spielwerk war. 13. Während hier Seebald, der glückliche Vater, die Wiederkehr des Sohnes mit frohem Jauchzen feierte, für alle Armen der Stadt Geld in ein⸗ zelnen Päktchen parat legte, das Zimmer, worin er wohnen ſollte, aufputzen und ein⸗ und aus⸗ räumen ließ, und geſchäftig und freundlich im Hauſe herumlief, war in Tormelhilf der Com⸗ merzienrath bemüht, den Saamen des Mißtrau⸗ ens, in Hoffnung einer guten Erndte, bei Frau von Hohenbaum auszuſtreuen. Er würde vielleicht weniger ſeinen Zweck er⸗ reicht haben, hätte nicht ein eben angekommener Brief des Majors eine trübe Laune und einen klimmenden Argwohn bey dieſer erregt gehabt. Der Major war wirklich arretirt, jedoch, wie er ſchrieb, blos einer Ehrenſache wegen, die ſich bald ausgleichen werde. Der Brief war durch Zu⸗ fall glücklich bey ihm angekommen. Was er dar⸗ auf antwortete, war im Kurzen Folgendes: Der —— — 107— mir beſchriebene Otto, wie er vorgiebt, der Sohn eines gewiſſen Seebalds zu Walldorf, der früher als Knabe bey mir war, kann und darf nie mein Schwiegerſohn werden. Was iſt das? ſagte ſie erſchreckt und nnru⸗ hig. Sie wußte nicht recht, wie ſie dieſen ſtren⸗ gen Befehl ihres Mannes deuten ſollte: da trat der geſchäftige Guldenfuß herein, in kriechender Stellung um Entſchuldigung bittend: Verzeihung, daß ich ſo früh erſcheine. Der Auftrag, eines mei⸗ ner Gönner, der ein Freund von Ihrem Hauſe iſt, zwingt mich dazu. Die Stadt nemlich, die ganze Stadt— Was wollen Sie mit der Stadt? fuhr Frau von Hohenbaum heftig auf, was will die Stadt von mir? Die Stadt, fuhr jener fort, nimmt den in⸗ nigſten Antheil an Ihrer Trauer über Dero Herrn Gemahl, der, wie es verlautet, in enge Ver⸗ wahrſam gebracht worden iſt, und nach allen of⸗ ficiellen Nachrichten„ wohl kein gutes Loos zu er⸗ warten hat.— Frau von Hohenbaum erblaßte, ſammelte ſich aber bald wieder und ſagte ſtolz zu Guldenfuß: Das Mitleid der Stadt, durch ſolche Organe mir kund gemacht, iſt mir ſo gleichgültig, wie ihr Lob und ihr Tadel. Die Stadt wird es hof⸗ fentlich nicht beſſer wiſſen wollen, als ich.— Eine hämiſche Falte zog ſich um den Mund des giftimpfenden Commercienraths, welcher ru⸗ hig fortfuhr: Ew. Gnaden haben vollkommen Recht, wenn Sie auf die ganze Stadt eben nicht viel geben; indeſſen einzelne authentiſche Perſonen, die von Ihres Herrn Gemahls Schickſal ganz genau un⸗ terrichtet ſind, dieſe ſind es, welche es ſich zur Pflicht machen, die Trauernde zu tröſten, und die Thränen um einen Unwürdigen zu mildern, der es wohl ſchwerlich verdient—— unverſchämter, fuhr Frau von Hohenbaum ihn an— verlaſſen Sie mich ſogleich! Wer hat in eheliche Verhältniſſe zu ſprechen; wer? frage ich Sie Niemand, antwortete Guldenfuß, ſo ſage ich auch; aber mein Gönner, Ihr Freund, befahl mir, hierher zu gehen, und Ihnen die ganz be⸗ ſtimmte und nachzuweiſende Nachricht mitzutheilen: daß der Major von Hohenbaum unter dem Na⸗ men von Berg, vor etwa 20 Jahren ſich zum öftern in Walldorf aufhielt, daß eine Madame Seebald ſich ſeinetwegen von ihrem Manne ſchei⸗ den ließ; daß erſterer eine lange Zeit dem Va⸗ — — — — 109— tergefühle nicht widerſtehen tonnte und einen Kna⸗ ben zu ſich nahm, den er wie ſein Kind behandelte — und daß dieſer Knabe, zum Jüngling heran⸗ gewachſen, vor Kurzem in dieſem Hauſe ſeine Mut⸗ ter gefunden hat, wie Ihnen bekannt iſt. Wei⸗ ter geht mein Auftrag nicht. Doch habe ich noch zu erwähnen, daß der Herr von Berg, welcher in Walldorf die Weiber verführte, röthlich gelock⸗ tes Haar, ein Paar große blaue Augen und auf dem linken Backen eine kleine Schmarre hatte. Es ſoll mich freuen, wenn dieſes Signalement vielleicht nicht mit dem Ihres Herrn Gemahls übereinſtimmt. Er verbeugte ſich und verſchwand. Frau von Hohenbaum ſah ſtarr, mit bren⸗ nenden Augen, ihm nach. Nur zu ſehr hatte das Gift gewirkt; vergleichend ihres Mannes Brief mit dieſer Nachricht— die Eheſcheidungs⸗Erzäh⸗ lung ihrer Freundin Treufeld, in der allerdings ein Herr von Berg vorkam— die richtige Be⸗ ſchreibung ihres Mannes, Alles überzeugte ſie, daß Otto der Sohn ihres Mannes und Ulrikens, ſo hieß Madame Treufeld, ſey. Heftig, wie ſie immer war, ſchnell im Ent⸗ ſchluß, von der bitterſten Abneigung gegen Ulri⸗ ken ergriffen, beſchloß ſie ſogleich, das Haus und die Stadt zu verlaſſen, in welcher ſie, pb⸗ — 110— wohl ſchon ſeit lange getrennt, blos aus hart⸗ näckigem Stolz gegen ihre Eltern, um von die⸗ ſen keine Vorwürfe zu hören, verweilt hatte. Jetzt, da ſie das Band zwiſchen ſich und ihrem Gatten als gelößt anſah, fühlte ſie auf Einmal wie Recht ihre Eltern gehabt, ſie vor dieſer Hey⸗ rath zu warnen, und die kindliche Sehnſucht be⸗ ſchleunigte ihren Entſchluß um ſo mehr, da ſie dieſe ſo lange aus falſcher Schaam unterdrückt hatte. Sie rief Mathilden, und eröffnete ihr, ohne jedoch die Urſache zu ſagen, daß ſie ſogleich ab⸗ reiſen würden. Mathilde ſtand horchend und wollte fragen. Aber die heftige Frau ließ ihr keine Zeit dazu. In größter Eile mußte ſie das Nöthigſte einpacken; was zurückblieb, wurde einer Bekann⸗ ten übergeben, und ſchon am Nachmittag fuhren ſie, zur Verwunderung der Nachbarn, zum Thore hinaus. Madame Treufeld war an dieſem Tage nicht zu Hauſe, und Frau von Hohenbaum ſetzte ſie ſchriftlich von der Urſache ihrer Abreiſe in Kenntniß. Ddtto war etwa acht Tage bey ſeinem Vater geweſen, als er folgenden Brief von ſeiner Mut⸗: ter empfing: 1 — — 111— „Lieber Otto! Das Schickſal ſcheint einen dun⸗ „keln Flor über die ſchönen Bilder ziehen zu wol⸗ „len, denen wir uns in der Freude des Anſchau⸗ „ens zu ſehr hingaben. Seit Deiner Abweſenheit „iſt Manches geſchehen, wovon ich nur weniges „zu errathen vermag. Ein hämiſcher Lügengeiſt „hat ſich erhoben, Dein und mein Glück zu ſtö⸗ „ren; zu welchem Zweck, muß die Zukunft leh⸗ „ren. Doch ich muß Dir ordentlich erzählen, was „Du wiſſen mußt. Du warſt kaum drey Tage „aus dem Hauſe, als ich eines Abends, von ei⸗ „nem Beſuche auf dem Lande zurückkehrend, meine „Freundin mit Mathilden abgereiſt, und wie mir nalle Anſtalten verriethen, für immer abgereiſt „fand. Ein Brief von ihr war zurückgeblieben, „den ich Dir jedoch nicht eher mittheilen kann, „bis ich Folgeudes vorausgeſchickt. „Als ich in Walldorf lebte, drängte ſich bey weiner Landpartie, die ich mit mehrern Freundin⸗ „nen machte, ein gewiſſer Major von Berg in „unſre Geſellſchaft. Ob er gleich Anfangs ziem⸗ wlich kalt behandelt wurde, bot er doch alles „Mögliche auf, die Gunſt der Geſellſchaft zu ge⸗ „winnen. Wie es oft der Fall iſt, geſchah es „auch hier: wir wurden endlich freundlicher gegen „ihn, und er ging höchſt vergnügt aus unſrer Ge⸗ ——ʒ— — 112— „ſellſchaft nach Hauſe. Meine Freundin Eleonore „wollte bemerken, daß er mich ganz beſonders „vorzöge. Mir war es nicht aufgefallen. Jetzt „aber, aufmerkſam darauf gemacht, bemerkte ich „freilich auch, daß ſein Aufſuchen der Geſellſchaft, „in der ich war, ſein Bemühen, gefällig, unter⸗ „haltend und intereſſant zu ſeyn, mir mehr als „den Uebrigen galt. Es dauerte nicht lange, als „ich eine kleine Zudringlichkeit an ihm bemerkte, „und dieß war hinreichend, ſogleich alle die Ge⸗ „ſellſchaften zu meiden, in denen ich ihn anzu⸗ „treffen glaubte, nachdem ich ihm vorher mit der „Würde eines Weibes geantwortet hatte; und ich „glaubte nun beruhigt ſeyn zu können: aber nichts „weniger. Als er mich in keiner öffentlichen Ge⸗ „ ſellſchaft mehr fand, war er ſo dreiſt, eines Ta⸗ „ges, als mein Mann auf dringendes Bitten des „Doctor Quirinus mit in eine Geſellſchaft gegan⸗ „gen war, unangemeldet in meine Stube zu tre⸗ „ten. Er ſtellte ſich betroffen, und ſagte: er ha⸗ „be meinem Manne eigentlich ſeine Aufwartung „machen wollen; wenn ich ihm aber erlaubte, ſo „wolle er wenigſtens ein Viertelſtündchen ſeine „Rückkehr erwarten. Meine Verlegenheit war „ohne Grenzen; aber er ſchien ſie nicht bemerken „zu wollen, ſondern ſprach und ſcherzte ſo unbe⸗ „fan⸗ „fangen, ließ Erzählung auf Erzählung folgen, „deren Zweck aber immer war, eine ſchöne Seite „ſeines Selbſt bemerkbar zu machen. So blieb wer zwei Stunden. Ich glühte für Angſt. Mein „Schrecken wurde vermehrt, als unſer Hausmäd⸗ „chen, Babette, aus übelangewandter Geſchäftig⸗ „keit, gegen Abend den Thee hereinbrachte. Ich „hätte das Mädchen im Augenblicke zur Thüre „hinauswerfen mögen. Was konnte ich aber thun? „Der Thee war das Signal zur Erlaubniß, län⸗ „ger zu verweilen, und er dehnte dieſe Erlaub⸗ „niß auch über alle Gebühr aus. Nachdem er „nun das Recht zu haben glaubte, länger zu „verweilen, wurde er von Minute zu Minute „dreiſter. Ich ſchellte Babetten, um ihr mehrere „Geſchäfte zu geben, die ſie nöthigten, im an⸗ „ſtoſſenden Zimmer zu verweilen; aber dieſe er⸗ „ſchien nicht. Der Abſcheuliche ſpielte jetzt die „Rolle des Verzweifelnden, und ſank vor mir „auf die Kniee, mich beſchwörend, ihn zu erhö⸗ „ren— mich trennen zu laſſen. Jch glühte für „Sorn— er für Leidenſchaft, und indem ich nach „der Thüre eilen wollte, trat mein Mann her⸗ „ein, mit ihm der Doctor Quirinus. Des letz⸗ „tern häͤmiſches Geſicht war mir noch weniger ſchrecklich, als meines Mannes Ernſt und Kälte⸗ H 114— „Mit gewiß erzwungener Gleichgültigkeit nahm er „die Complimente des Majors an, bedauerte nicht „zu Hauſe geweſen zu ſeyn, und ſah dabey ſo „eiſig kalt aus, daß mich ſchauderte. „Von Berg empfahl ſich bald, Quirinus des⸗ „gleichen. Mein Mann ſprach jetzt kein Wort „mehr, und hörte die Erzählung des Zufalls ru⸗ „hig von mir an, ohne etwas zu erwiedern. „Kurze Zeit darauf erfolgte, wie Du ſchon weißt, „unſere Scheidung. „ Wirſt Du, mein guter Otto, wohl Deiner „Mutter glauben, daß es ſo und nicht anders „war? O, möge Gott doch bald alle Zweifel lö⸗ ſen!— „So zog ich von Walldorf, da meine El⸗ „tern geſtorben waren, hierher, wo ich nach ei⸗ „nigen Jahren mit meinem jetzigen Mann ein „ neues Band der Ehe ſchloß und mit Frau von „Hohenbaum bekannt wurde, welche in unſer „Haus zog. Ich habe ihr jenen Elenden, den „von Berg, öfters als die Urſache unſrer Schei⸗ „dung genannt; und— jetzt denke Dir Otto— „dieſer Berg iſt, wie ſie mir ſchreibt, ihr eigner .„Mann. Den Verdacht kannſt Du Dir denken, „wenn Du die heftige Frau kennſt, die ohne zu „prüfen, immer ſich dem erſten Eindruck hingiebt. — 115— „Zu gleicher Zeit ſchreibt ſie mir, daß ihr Mann, „den ſie wegen Eurer Verlobung befragt habe, „dringend verboten habe, daran zu denken, mit „dem Zuſatze, dieſer Otto könne nie Mathildens „Gatte werden. Kannſt Du glauben, welches „Verbrechens ſie mich fähig hält? es iſt ab⸗ „ſcheulich! „Leicht wäre die Enthüllung dieſes Wahns, „wenn die Menſchen nur nicht das wahrſcheinli⸗ „che Böſe leichter glaubten, als das Gute. Es „kann kein Zweifel mehr herrſchen, ſobald kalt „und ruhig geurtheilt wird, um die Abſicht des „Majors, warum er gegen Eure Verbindung iſt, „an den Tag zu bringen. „Mathilde iſt mit ihrer Mutter zu ihrem Groß⸗ „Vater, dem Landrath von Eiſenbruch, gereiſt. „Es wäre beſſer geweſen, daß die Hohenbaum „dieß ſchon lange gethan. Aber ſie hatte gegen „den Willen des Vaters, der ihr jedoch längſt „verziehen, den Major Hohenbaum geheyrathet, „der damals als Hauptmann dort auf Urlaub „war, und täglich in ihrem Hauſe Zutritt hatte. „Wie ihr der Vater prophezeihte, ſo traf es ein; „ deßhalb, und weil ſie noch immer die Hoffnung „nicht ganz aufgeben konnte, mit dem Gebeſſer⸗ „ten einſt im Triumph bey ihrem Vater erſchei⸗ H 2 — 116— „nen zu können, hielt ſie ſich hartnäckig entfernt „von ihren Eltern, und verlebte lieber hier, ge⸗ „trennt von Gatten und Eltern, oft die traurig⸗ „ſien Tage.— Jetzt ſcheint ſie alle Hoffnung „auf ihres Mannes Beſſerung aufgegeben zu ha⸗ „ben, da ſie ſo ſchnell ſich entſchloſſen, zu ihren „Eltern zu gehen. Ich mußte Dir dieſen kleinen „Anhang noch ſchreiben, damit Du die Frau ken⸗ „nen lernſt, die übrigens liebenswürdige Eigen⸗ „ſchaften hat, aber zu ſtarr und eigenwillig für „ein Weib, zu heftig und unbeſonnen iſt, um „glücklich ſeyn zu können. Mathilde hat nur die „guten Eigenſchaften ihrer Mutter geerbt.— O „möchte doch bald zu Deinem Glücke und meiner „Ruhe, ſich Alles aufklären, was ein unglückli⸗ „ cher Zufall verfinſtert hat. Lebe wohl!“ Otto hielt den Brief in der Hand, ohne ſich überzeugen zu können, daß das wirklich geſchehen, was ſeine Mutter ihm geſchriehen. Wer in aller Welt, dachte er, hat ein ſolches unſinniges Ge⸗ webe geflochten! Er las den Brief noch Einmal durch, denn der Eingang, Mathildens Abreiſe, hatte ſeine Aufmerkſamkeit verwirrt. Jetzt beym zweitenmale Leſen wurde ihm deutlicher, was er zu thun habe. Er wollte Frau von Hohenbaum und ihren Mann aufſuchen, Aufklärung zu erhal⸗ — — 117— ten und glauble, keinen Augenblick verſäumen zu dürfen, dieß zu thun. Er ließ ein Pferd beſtel⸗ len, packte das Nöthige ein, und trat reiſefertig in ſeines Vaters Zimmer. Wohin, Otto? rief dieſer: Du ſiehſt ja ſo erhitzt aus, als hätteſt Du Champagner getrunken. Lieber Vater, ſagte Otto raſch und eilfertig, man will mir ſtreitig machen, daß ich Ihr Sohn ſey, und mir einen Vater geben, den ich nicht mag. Ich reiſe, damit ich erfahre, wer das un⸗ ſinnige Zeug ausgeheckt. Leben Sie wohl! Er umarmte ſeinen Vater, und ſaß ſchon auf dem Pferde, ehe jener noch zur Frage kommen konnte, was das bedeuten ſolle. Otto! noch ein Wort, rief er ihm zu— Bald, bald, bin ich wieder hier, lieber Va⸗ ter! antwortete jener, und ſprengte, daß alle Fenſter aufflogen, die Straſſe hinab. 14. Der Miethklepper, des Hungers gewohnt, ſtol⸗ perte, von Otto's Sporn getrieben, nach Möglich⸗ keit auf der ebenen Straße zehn Stunden vorwärts. Es wurde dunkel, der matte Gaul lenkte in den bekannten Thorweg eines Gaſthofs ein, und blieb vor dem Stalle ſtehen. Otto, aus ſeinen Träu⸗ — 148— mereyen auffahrend, wollte ihn wieder umdre⸗ hen; aber das hungrige Thier roch Haber und widerſetzte ſich dem Reiſeplan ſeines Reiters. Wie weit habe ich noch nach Tormelhilf? fragte, klüg⸗ lich abſteigend, Otto den Hausknecht. Sechzehn Stunden, antwortete dieſer; und jetzt erſt beſann ſich Otto, daß es eine Unmöglichkeit geweſen, den Weg in Einem Tage zu machen, wie er gehofft hatte. So ein Miethgaul hat Ver⸗ ſtand, dachte er, und beſchloß hier zu übernachten. Als er in der geräumigen Wirthsſtube etwa eine halbe Stunde auf⸗ und ab- gegangen war, langte eine Chaiſe an, welche daher kam, wo Otto hinwollte. Er hörte draußen eine ihm bekannte Stimme fragen: wie weit haben wir morgen nach Wall⸗ dorf?— und eilte nach der Thüre zu, durch welche jetzt ſein Stiefvater, Herr Treufeld, her⸗ eintrat. Es war etwas Sonderbares in der Miene des Mannes, die Otto'n nach der erſten Begrüßung abhielt, ein Geſpräch anzuknüpfen. Treufeld ſchien ebenfalls nicht geneigt, ſich zu nähern, und ſo ent⸗ ſtand eine ziemliche Pauſe, während welcher man ſtillſchweigend im Zimmer auf⸗ und ab⸗ ging. Otto ſagte endlich: ich reiſe jetzt zu meiner Mutter, — — 119— lieber Herr Treufeld, und hoffe ſie doch wohl anzutreffen? Ich reiſe, antwortete jener, in Geſchäften nach Leipzig. O, da kommen Sie über Walldorf, fuhr Otto fort: beſuchen Sie ja meinen Vater, und ſagen Sie ihm, daß ich bald zurückkehren würde, und zwar ruhiger, als ich abgereiſt wäre. Treufeld ſah ihn an. Wahrſcheinlich drängte ſich durch ſeine trübe Stimmung der Gedanke: was kann der junge Menſch dafür? er faßte ihn, ziemlich freundlich bey der Hand, und zog ihn in eine Ecke des Zimmers. Sie werden, fing er an, in meinem Hauſe große Veränderung antreffen; wiſſen Sie ſchon darum?. 1 Otto bejahte.„Ich weiß Alles, und—“ er hielt inne, ungewiß ob, er etwas davon erwähnen dürfe. und?— fragte Treufeld. Fahren Sie fort. Leider! bin auch ich dabey intereſſirt.— Junger Mann, fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher er Otto'n betrachtend angeſehen hatte; ich liebe Ihre Mutter gewiß herzlich und aufrich⸗ tig. Aber, wenn ich der Stadt zum Gelächter werden müßte, wenn Ihre Mutter nicht aufrichtig geweſen wäre— ich bin kein Sprudelkopf— aber ich habe meine eignen Grillen— Kinder habe ich nicht— ich ſtehe für nichts. Der arme Treufeld wiſchte ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirne. Er war ſehr beklemmt und konnte nicht weiter reden.. Ddtto faßte ſeine beyden Hände und ſagte, mit brennender Röthe auf den Wangen und Thränen in den Augen: Herr Treufeld, lieber Stieſvater, meine Mutter war gewiß keine Verbrecherin, das ſchwöre ich Ihnen; und bald wird es an den Tag kommen, woher dieſer Argwohn ſtammt. Schonen Sie meine arme Mutter, die ſchon Ein⸗ mal das Opfer des Mißtrauens wurde. Junger Mann! rief Treufeld: ich ſagte Ih⸗ nen ja ſchon einmal: ich bin kein voreiliger Hitz⸗ kopf, hauptſächlich wenn es die betrifft, die ich liebe. Aber an dem Rufe Ihrer Mutter darf kein Flecken bleiben, ſonſt—— Otto wollte heftig werden, aber Treufeld un⸗ terrbrach ihn: eben darum gehe ich ja über Wall⸗ dorf. In der Vaterſtadt erfährt man noch am erſten Wahrheit. Ihre Mutter war Wittwe von 32 Jahren, als ſie meine Frau wurde, es ſind nun ſechs Jahre her. Ihre Vaterſtadt wird wiſſen, ob ich ſie als Wittwe oder als Buhlerin bekam. ‿ — 121— „ Hierauf drehte er ſich um und ſagte zum ein⸗ tretenden Wirthe: Etwas zu Eſſen, zwei Cou⸗ verts, Herr Wirth.. Otto wollte den Gegenſtand wieder aufneh⸗ men. Nichts mehr davon, ſagte jener; mein ei⸗ gener Wunſch iſt es ja, das Beſte zu hören, und ich werde dort, wo ich die Wahrheit erfahren kann, mein Ohr nicht verſchließen. Jetzt ſetzen Sie ſich zu mir. Treufeld legte ſich nach dem Abendeſſen zeitig nieder. Otto ſuchte für ſeine Gefühle Platz im Freyen und ging bis zwölf Uhr vor dem Gaſt⸗ hofe auf und ab. Der in ſeinen Folgen immer ſchrecklicher werdende Verdacht, der Gedanke, daß er den Major vielleicht nicht finden könne— daß Mathilde vielleicht einem Andern ihre Hand ge⸗ ben müſſe, das Ganze blos darum angelegt ſey — Alles drängte ſich mit ſeinen Folgen, wie Ne⸗ belgeſtalten vor ſeiner Phantaſie herum. Er legte ſich erſt gegen zwei Uhr zu Bette, aber erſt ſpäter ſchlief er ein. Als er erwachte, war es hoch am Tage, Treufeld ſchon lange ab⸗ gereiſt. Otto befahl, ſchnell zu ſatteln. Als er ſeine Brieftaſche herauszog, fiel ihm der Brief 3 — 122— ſeiner Mutter in die Hände. O wie vergeſſen, wie zerſtreut bin ich doch! ſagte er zu ſich ſelbſt. Warum zeigte ich ihm nicht wenigſtens dieſen Brief. Den Worten der Mutter an den Sohn hättte er doch wohl geglaubt. Doch, es iſt noch Zeit. Schnell packte er den Brief ein, ſchrieb ein Paar Zeilen dazu an ſeinen Vater, und bat ihn, den Brief Herrn Treufeld mitzutheilen. Die Urſachen des Majors, ſchrieb er dabei, die ihn bewogen, mir die Hand ſeiner Tochter zu verſagen, ſoll die⸗ ſer in Kurzem ſelbſt kund thun, und wenn er ein Gewiſſen hat, ſo müſſen ſie zu unſrer Beruhi⸗ gung ausfallen. Er ſandte den Brief durch einen Bothen nach, und ſetzte, ſo raſch, wie der Klepper wollte, ſeine Reiſe fort. Er fand ſeine Mutter in trüber Wehmuth. Seyn Sie ruhig, ſagte er: es iſt ja doch nur der Brief des Majors, der die Verwirrung macht; es ſoll ſich Alles aufklären. O, der kann es nicht allein ſeyn, erwiederte die Betrübte; irgend ein tückiſcher Geiſt iſt mit im Spiele. Es giebt hier Menſchen, die ſich ein Vergnügen daraus machen, Ehen zu ſtören, und — 123— Verleumdungen auszuſtreuen, oft mit, oft ohne Zweck. Immer bleiben ſie aber gefährlich. Ich habe hier Einige in Verdacht. Vor Allen aber den Commerzienrath Guldenfuß, der lange gerne Mathilden an einen alten reichen Wüſtling ver⸗ kuppelt hätte. Der? rief Otto. Das iſt, wenn ich nicht irre, derſelbe fatale Kerl, den ich einmal nicht loswerden konnte, und dem ich gleichwohl Dank ſchuldig bin, da er mir zuerſt den Namen Ma⸗ thilde Hohenbaum nannte. O, mit dem will ich fertig werden, wo wohnt er? Was willſt Du mit ihm? fragte ſeine Mutter. Sobald die Welt merkt, daß Du mit ihm zu thun haſt, ſo glaubt ſie, er iſt erkauft zu widerrufen; denn man kennt ihn. Aber das Schlechte glaubt man ihm unbedingt, wie man überhaupt lieber vom Unglück als vom Glücke Andrer ſich erzählen läßt. Das hieſige Publikum iſt nun einmal ſo, und man muß ſich drein finden. So prügele ich ihn, bis er widerruft, wenn er etwas geſagt hat. Dann kann man doch nicht ſagen, daß er erkauft ſey. 8 Aber glaubt es die Welt, ſagte ſeine Mutter; glaubt es Mathildens Mutter, Treufeld, dein Vater Seebald? Aber Otto ließ ſich nicht halten. Er eilte fort zu Guldenfußens Wohnung. Verreiſt! ſagte deſſen Wirthin. Wenn kommt er wieder? fragte jener. Ungewiß! war die Ankwort. Hol ihn der Henker! ſagte Otto, und eilte nach Hauſe. Ich treffe ihn gewiß, wenn ich zurückkomme, ſagte er zu ſeiner Mutter, die ihn jetzt des Land⸗ raths Wohnung ſagen mußte. Den Aufenthalt des Majors wußte ſie nicht. So erfahre ich ihn dort, ſagte Otto; und bey Anbruch des Tages ſaß er ſchon wieder auf dem Pferde, nach der beſchriebenen Gegend hin⸗ eilend. Es war ein ſchöner Herbſttag, viele Reiſende zu Wagen begegneten ihm. Er ſah in jede Chaiſe hinein, ob etwa Frau von Hohenbaum drinne ſitze. Aber die Reiſenden lachten nur, wenn er wie ein Viſitator ſie anſchaute. Marktleute, nach Hauſe eilend, ſahen ihn lachend an, als gegen Abend ſein matter Schimmel, bequem den Kopf zur Erde herabhängend— einher ſchritt, und Otto, im Nachdenken verſunken, darauf herum⸗ — —x — 125— focht und murmelte: es iſt nicht möglich, es kann nicht ſeyn; der verfluchte Kerl! Er konnte jetzt etwa noch eine Stunde von Birkenbach, Eiſenbruchs Guthe, ſeyn, als er es des ſteilen Berges wegen für chriſtlich hielt, dem armen Thiere die Laſt zu erleichtern. Er ſtieg herab, und führte den Schimmel. Der Berg ſtieg immer mehr, und als er endlich auf der Spitze war, ſah er, daß es drüben durch Schluch⸗ ten und Höhlen, eben ſo tief wieder hinab ging. Er wählte einen der Fußſteige, die auf dem Rük⸗ ken wegliefen, und ſtieg langſam bergab. Als er die Hälfte zurückgelegt haben mochte, hörte er⸗ plötzlich hinter ſich ein ungewöhnliches Raſſeln, und ein ängſtliches gellendes Schreien weiblicher Stimmen. Er ſprang auf eine Erhöhung. Eine Chaiſe, deren Pferde den Wagen nicht aufhalten konnten, raſſelte ſchwankend, von oben herab. Immer deutlicher wurde ihm die eine hülfe⸗ rufende Stimme. Sie ſchien Mathilden zu gehö⸗ ren. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſprang er in den Hohlweg hinab, an deren Wand angedrückt, er einem Gaule in den Zügel zu fallen hoffte. Es glückte ihm, doch der Wagen war im Schuß, die Pferde im Laufen; feſt hielt er zwar den Zü⸗ gel mit beiden Händen, aber gequetſcht an die Felſenwand, zertreten von den Pferden, fühlte er bald, daß ſeine Beſinnung ſchwand, und eben, als er glaubte, der Wagen ſtehe ſtille, verließ ihn alles Bewußtſeyn. Als er wieder erwachte, fand er ſich auf ei⸗ nem Bette liegend, mit verbundenem Kopf und Armen. Ein ältlicher Mann und noch zwey An⸗ dere ſtanden bey ihm. Gottlob, lieber Seebald! ſagte der Erſtere⸗ Es iſt nichts mehr für Ihr Leben zu befürchten. Aber das Wageſtück, braver Freund, konnte übel ablaufen. Otto ſah ihn fremd an. Ich bin der Landrath Eiſenbruch, ſagte jener⸗ Wir kennen uns zwar, doch nicht perſönlich. Ich, meine Frau und meine Enkelin, haben Ihnen vielleicht unſer Leben zu danken. Mathilde? rief Otto freubig— Der Landrath lächelte: freylich, ſie war ja mit auf dem Wagen. Doch Doctor,(hier wandt er ſich zu den Nebenſtehenden) es wird Zeit zum Verband ſeyn. N 1 Während dem Verbinden erzählte der alte frohe Mann, indem er dem Doctor hülfreiche — 127— Haud leiſtete: wahrhaftig, wir waren verloren, denn unten wurde der Hohlweg immer ſteiler, und ging an einem großen Abgrund aus, deſſen Geländer vorige Nacht eingeſtürzt iſt. Uns Allen wurde ſchwarz vor den Augen, als Sie mit herab⸗ geſchleift wurden. Ich gab uns ſämmtlich verlo⸗ ren; als das Handpferd, das Sie gepackt hat⸗ ten, von dem Seitwärtszerren doch endlich genö⸗ thigt ward, indem der Weg breiter ward, ſeitwärts auf eine Erhöhuung zu ſpringen; der Wagen fiel um, und das war unſre Rettung. Es iſt außer Ihnen Niemand beſchädigt, als Mathilde, die ei⸗ ne kleine unbedeutende Kopfwunde hat. Doch nicht gefährlich? rief Otto ängſtlich— o/, wo iſt ſie? kann ich nicht zu ihr, ſie zu ſe⸗ hen? lieber Herr Landrath—— Seyn Sie ruhig, junger Mann! Sie ſollen ſie bald ſehen, denn ich verſichere Ihnen, die Wunde am Kopfe iſt nicht ſo ſchlimm, als eine ge⸗ wiſſe andere, die ja, wills Gott, auch wohl noch zu kuriren ſeyn wird. Otto drückte dem Wohlmeynenden dankbar die Hand; der Chirurg war fertig und verſicherte, es ſey keine Wunde rlich, doch müſſe er ſich ruhig verhalten. Ich bleibe bey ihm, ſagte der Landrath, es — 128— ſoll nichts verſäumt werden. Blitz! hat er nicht meiner Frau und Mathilden das Leben gerettet? Von mir alten Kerl ſprech ich gar nicht, denn ich habe über mein Leben ſchon dankbar quittirt. Halten Sie ſich ruhig, beſter Freund, ſonſt leſe ich Ihnen unſres Paſtors Faſtenpredigten vor, daß Sie drey Tage hinter einander ſchlafen. Otto lächelte, der Alte aber fuhr fort, ihn ſcherzend zu zerſtreuen, um ihn dadurch zu bewegen, ſich ruhig zu halten. . 15. Während auf dem Guthe des Landraths Otto ſeiner Geneſung allmählig entgegen ging, doch nur unter deſſen Schutze, Mathilden als ſeine Verlobte anſehen durfte; während Frau von Ho⸗ venbaum, die heftige unglückliche Frau, auf ih⸗ „ 3 ren Brief ſich ſtützend, und von Eiferſucht und Haß gegen Ulriken getrieben, feierlich gegen jedes Verhältniß mit Otto proteſtirte; der Landrath endlich ſelbſt ſchwankend, das Ganze einen ver⸗ fluchten Zwirn nannte, den der Teufel geſpon⸗ nen habe; Mathilde und 4 mit Emilien, des Landraths Gattin, allein an Ulrikens weib⸗ liche Tugend glaubten: zogen ſich auch in See⸗ balds Hauſe ſchon wieder Nebelgewölke zuſammen, die — 129— die ſich wie ein giftiger Thau auf die nur kurze Zeit genoſſenen Vaterfreuden des armen Seebalds legten. Treufeld, der offene gerade Mann, hat⸗ te Seebald beſucht, und das ganze in Tormel⸗ hilf verbreitete Gerücht, ſammt den ſtrengen Be⸗ fehl des Majors, beruͤhrt. Quirinus, der nur aus Klugheit, ſo wig Babette, eine ungemeine Freude über die An⸗ kunft Otto's geäußert hatte, fing auch wieder an, mit hämiſchen Lächeln Bemerkungen zu ma⸗ chen: warum Madame Seebald ſich, eben ſechs Monate nach ihrer Scheidung, aus Walldorf ent⸗ fernt habe, und ihr Aufenthalt ſo lange unbekannt ge⸗ blieben ſey? Warum Otto ſeine Mutter früher gefun⸗ den, als ſeinen Vater, und woher wohl das Mitleid des Herrn Major Hohenbaum gerührt habe, das ihn bewogen, den Knaben zu ſich zu neh⸗ men und zu erziehen? und dergleichen Warums mehr, die Seebalden ſchneidend durchs Herz fuh⸗ ren. Babette ſecundirte auch, doch nur ganz leiſe, Die Naſe, meynte ſie, die Naſe des kleinen Ot⸗ to's wär' es freylich nicht geweſen, die der junge Herr gehabt, abe ſetzte ſie hinzu: die än⸗ dert ſich wohl, man in der Welt herum kommt. Seebald, der Geängſtete, in neue Zweifel J — 130.— verwirrt, war unglücklicher als jemals. Soll ich, ſagte er bey ſich, noch durch meinen Sohn der Spott der Leute werden, nachdem ich mich aus Furcht davor, von meiner Frau trennen ließ? Ja, ja, das Ganze kann wohl eine Maske ſeyn, dem Sohn des verarmten Majors einen wohlhabenden Vater zu verſchaffen! Wie leicht war das— das Spiel mit dem Bilde des Knaben Otto, der längſt ſein Grab gefunden hat.— O!— o!— rief er aus, und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, ſoll mir denn keine Freude werden? Aber nein— nein, betrügen laß ich mich nicht! Er darf mir nicht wieder ins Haus, bringt er nicht die klarſten Beweiſe, daß er mein Sohn iſt. * So peinigte die Ungewißheit eine geraume Zeit die Glieder der Familie an drey verſchiedenen Or⸗ ten. Otto durfte wegen ſeiner Wunden noch nicht . reiſen, den Major aufzuſuchen, und ob er den Verhafteten ſelbſt ſprechen dürfe, war noch zwei⸗ felhaft. Treufeld kam zu ſeiner Gattin zurück. Die Nachrichten, welche eueagen waren doppelſeitig. Hier hatte er von ſeiner Gattin gu⸗ tem Ruͤfe gehört, dort von einem wahrſcheinlichen Fehltritt. Ein Theil bedauerte, ein zweiter ver⸗ — — — 131— theidigte ſie, der dritte zuckte die Achſeln. Hie und da ſprach man von Seebalds Schwäche, von Intriguen, die geſpielt worden; aber nirgends bekam er recht Licht. Das Glück des Treufeldſchen Ehepaars ſchwankte ebenfalls. 16. Einige Zeit darauf erhielt Quirinus von Gul⸗ denfuß ein kurzes Schreiben, des Inhalts:„Ver⸗ „flucht, liebwertheſter Freund! der alte Herr hat „mich einen ungeſchickten Eſel genannt, und mir „die Verſichernng gegeben: wenn ich ſein Haus „wieder betreten würde, wolle er mich ſo leder⸗ „weich klopfen laſſen, daß man Rullate aus mir „machen könnte. Alle Teufel, Rullate aus mir! „Es iſt ſonſt ein herrliches Eſſen, und ich „habe es oft an ſeinem Tiſche gelobt. Nun, „die Urſache aber, warum der Alte ſo wetterbös „iſt? weil ich Fräulein Mathilden hab' entwiſchen „laſſen.— Wie konnte ich aber denken, daß Frau „von Hohenbaum über die kleine Verdrüßlichkeit „gleich ſo ergrimmt ſeyn, und zu ihren Eltern reiſen würde, wo nun alle Hoffnung weg iſt, „einen Kuppelpelz zu verdienen. Das iſt nun „vorbey, und ich hab einmal umſonſt gearbeitet.— ₰ 2 ⸗. „Da ich jetzt durch Walldorf komme, wollte ich .„Sie davon benachrichtigen, im Fall Sie ein Ge⸗ ſchäftchen für mich wüßten. Sonnabends Abends „ſechs Uhr werde ich eintreffen, und in unſrer lie⸗ „ben dunkeln Herberge übernachten.“ Sonnabends früh beſuchte Quirinus den ſchmerz⸗ lich gekränkten Seebald, und war bemüht, die Wunde offen zu halten, die dieſem die Zweifel geſchlagen hatten, und das letzte gute Gefühl für die Seinigen mit dem Höllenſtein des böſen Leu⸗ munds wegzubeitzen. Beym Weggehn ſagte er zu Babetten: Nimm heute Nachmittag Urlaub, und komm hinaus in die finſtre Herberge. Es iſt da noch ein Freund, der uns das Eiſen mit ſchmieden helfen ſoll. Denn jetzt gilts, wenn wir nicht vergeblich gearbeitet haben wollen. Sie verſprach zu kommen. — 5 Wo ſie nur bleiben mag, brummte Seebald, als es Abend wurde, in der Küche kein Feuer loderte, weil die Magd unc Babetten geſchickt war und nicht wieder kam, der Aufwärter hinter die Magd hergeſchickt, gleichfals ausblieb. Er ſah 7 — 133— jede Minute zum Fenſter hinaus: ungewöhnlich lebhaft ſchien es ihm dieſen Abend auf den Stra⸗ ßen zu ſeyn— ein Summen und Brummen tönte von unten herauf; Gaſſenbuben riefen einander, und trabten hordenweiſe die Straße entlang nach dem Thore zu. Was ſie nur haben mögen? dachte Seebald, und horchte mit Aufmerkſamkeit hinunter.„'s iſt Seebalds ſeine“ hörte er ein Paar Vorbeieilende ſagen, und zog, als er ſeinen Namen nennen hörte, erſchrocken den Kopf zurück. Es hatte ſich alſo begeben: In der finſtern Herberge ſaßen heute Nachmit⸗ tag Quirinus, Guldenfuß und Babette, und tranken, nachdem ſie auf einem einſamen Spatzier⸗ gang im Walde eine lange unterredung gehabt, eine Flaſche Wein aus Seebalds Keller. Der Wirth trug eben einen Inbiß dazu auf, als draußen vor dem Hauſe ein Leiterwagen ſtill hielt, und mit einem: Heda! Herr Wirth! eine ſtarke Stimme ſich vernehmen ließ; der Wirth eilte mit laut ſchallendem: Gleich, gleich! zur Thür' hin⸗ 3 aus, um draußen zu fragen, was beliebe. Quirinus aber ſteckte ſeinen Kopf neugierig durch das geöffnete Fenſter, und ſah auf einem mit Dragonern umgebenen Leiterwagen mehrere — 134— ſchwergefeſſelte Verbrecher kauern. Holla! Drago⸗ ner, rief er hinaus: was habt ihr da für Vögel, ſind ſie flügg? Auf dem Wagen wurde es lebendig, Ketten klirrten, Geſichter mit halbgeſchornen Kopf und Bart, und unſtäten, rollenden Augäpfeln, reck⸗ ten ihre Hälſe über die hohen Wagenleitern her⸗ über, und ſahen, die ſchneeweißen Zähne flet⸗ ſchend, den Fragenden grimmig an. Schnaps, Herr Wirth! ſagte der Polizeydra⸗ goner, und jener eilte hinein, ſich ſchaudernd umſehend. Vom Wagen aber rief ein Galgenge⸗ ſicht herab: hoho, Naſe, dich ſollt' ich kennen! und nickte dem erſchrockenen Quirinus zu. Doch dieſer ließ den unſeligen Verräther, die Raſe, faſt zwiſchen den Fenſterrahmen hängen: ſo ſchnell ſchob er das enge Schubfenſterchen zu. Was ſagſt du, Gaudieb? fragte der Wacht⸗ meiſter; iſts etwa auch einer von deiner Bande? hurtig, abgeſeſſen, rief er zwey Dragonern zu, viſitirt die Spelunke einmal! Die Schwergewaffneten raſſelten von ihren Pferden herab und eilten hinein.. Hui! dort ſegelt ſchon eine ab, durch den Garten, nach dem Holze zu Er ſprengte nach, und brachte die leichenblaſſe Babette zurück. Das Weibsbild hat kein gut Gewiſſen, nehmt ſie in eure Mitte! rief er der übrigen Bedeckung zu— wir wollen ſehen, was es da drinne giebt——.. Aber vom Wagen rief jetzt wieder die vorige Stimme donnernd herab: „Vermaledeyte Vettel! jetzt erkenn ich dich „auch, Jungfer Babette, du Seelenverkäuferin, „lockhäriges Rabenaas! Dir allein, du hohläu⸗ „gige Fratze, hab' ichs zu verdanken, daß ſie „mich auf eine kurze Zeit von 101 Jahr ins Zucht⸗ „haus ſchleppen. Ja, ſteck dn nur dein Geſicht⸗ „chen wohin du willſt, ich erkenn' dich doch. „Hätt' ich dir deinen Balg damals nicht abge⸗ „nommen, ich wär' noch heut' ein ehrlicher Kerl „wär' nicht ſo in den Geſchmack'hnein gekommen; „warte, du ſollſt mir Geſellſchaft leiſten! Herr „Wachtmeiſter, rief er dieſem zu, als dieſer jetzt „mit den beyden Dragonern, welche Quirinus „und Guldenfuß in der Mitte hatten, heraustrat „— Herr Wachtmeiſter, das Weibsmenſch iſt eine „Seelenverkäuferin. Sie iſt Schuld an meinem „erſten Verbrechen, und gab mir Geld, wofür ich „ihr einen Buben vom Halſe ſchaffen ſollte, der „ihrer Herrſchaft gehörte. Schwefel und Pech! ich „ bin die unſchuldigſte Seele von der Welt!“ — 136— Es war wirklich Lux„ der vor ſechzehn Jah⸗ ren den kleinen Otto in den Wald lockte, und ihn weit weg zu bringen beauftragt war. Ba⸗ bette ſchrie und jammerte, betheuerte und drohte. Der Wachtmeiſter ſagte: mags ſeyn, wie's will, wer ausreißt, iſt verdächtig. Leute, haltet ein Auge auf die Mamſell, nehmt ſie zwiſchen Euch, und wenn ſie nicht Stich hält, ſo nehmt Eure Halfterriemen zu Hülfe. Jetzt aber, du da oben,— hier wand er ſich zu Lux,— was weißt du von der ſtattlichen Rothnaſe da? Lux grinſte hämiſch, und nickte dem Doctor zu. Ja, ja, die Vögel ſind flügg, Herr Qui⸗ rinus. Sie ſind auch mit an meinem Unglück ſchuld, denn Sie ſpielten mit Jungfer Babetten damals Ein Spiel. Ich weiß noch recht wohl, wie ſie mir noch zwanzig Thaler auf die Reiſe zulegten, und mir zuflüſterten: wenn du den Buben nicht anbringen kannſt, ſo laſſe ihn bey Gelegenheit ins Waſſer plumpen. Ich war aber menſchlicher als Sie. Derweil hat ſich aber der Herr einen anſehnlichen Bauch herangefreſſen, und der arme Lux klappert mit ſeinen Ketten um die Wette. 5 Quirinus Naſe ſchwoll hochroth auf: er 7 — —— — 137— ſtampfte mit dem Fuß, focht mit beiden Händen den Dragonern um die Bärte herum, die ihn wie ein Pferd in den Pilaren zwiſchen ſich eingeſperrt hielten, und ſchrie unaufhörlich: ich bin practici⸗ render Arzt in Walldorf, Leibarzt ſogar, ein al⸗ ter Mann! ich habe Haus und Hof— alle Welt kennt mich— was wollt ihr von mir?— Der Spitzbube lügt— ich habe den Kerl in meinem Leben nicht geſehen. Ey, ey, Herr Leibarzt! ſagte der Wachtmei⸗ ſter: Sie ſalvirten doch vorhin Ihre Naſe gar ge⸗ waltig ſchnell, als Sie von da oben angeſprochen wurde— wozu die Angſt?— Indeß, damit Sie ſehen, daß ich Lebensart habe: marſchiren Sie voraus nach der Stadt; ein Dragoner ſoll von ohngefähr zehn Schritt hinter Ihnen reiten„ damit Sie nicht etwa das Thor verfehlen, und drinnen erwarten Sie mich auf dem Polizeyamt, das mag drüber entſcheiden. Aber Herr, machen Sie ei⸗ nen Seitenſprung, ſo hat Sie mein Dragoner beym Fell, wie der Windhund einen alten Laſen. Quirinus fuhr ab, wie ein gehetzter Eber, der den vorgehaltenen Spieß ſchon im Schlund ge⸗ fühlt hat— der Reiter folgte ihm. — 138— Hochwertheſter Herr Wachtmeiſter! ſagte jetzt Guldenfuß: ich kann ja wohl?— er 3 eine abgehende Bewegung. Die Geſellſchaft iſt freylich vrrdäcßig— ant⸗ wortete jener. Ich bin ein Fremder, entſchuldigte Gulden⸗ fuß, ich kannte dieſe Menſchen nicht. Ein Fremder? wohl! erwiederte der Wacht⸗ meiſter: ſo werden Sie einen Paß haben. Guldenfuß zog ihn heraus. Aufzuwarten! ſagte er freundlich. Der Dienſteifrige las laut: Fabian Gulden⸗ fuß, Commerzienrath— Tormelhilf— Geſchäfte— Luxens Kettengeſpann, gleichſam ſein Milch⸗ und Zwillingsbruder, murmelte, indem er gleich⸗, gültig ſein breites Kinn auf den Leiterbaum auf⸗ ſtützend, herabſah— mit ironiſchen Ton:„Ge⸗ hen die Geſchäfte?“ Der Wachtmeiſter ſah ſich um. Was fragſt du darnach? he! Guldenfuß fiel ein: recht! das Geſindel miſcht ſich auch in Alles. Der ehrlichſte Mann könnte durch die Bluthunde in Verdacht kommen. Bluthunde? murmelte die Genoſſenſchaft auf dem Wagen. Wer ſagt's? Der Zwilling blieb ruhig in ſeiner vorigen La⸗ ge; das Geſicht hämiſch verzerrend, nickte er Gul⸗ denfuß zu und ſagte: macht ſich's jetzt, Herr Münzmeiſter? die Kronthaler wollten damals nicht recht gehen. Was faſelt der? rief der Wachtmeiſter, dem Commerzienrath den Paß zurückgebend. Aber Herr! was Teufel, Sie werden ja leichenblaß! wie? hats getroffen? Der Verräther auf dem Wagen fuhr ganz ge⸗ aſſen fort: es thut mir leid, daß ich nicht bey Eurem Handwerk blieb; denn ich ſeh, Ihr geht noch frank und frey herum. Oder habt Ihr's gar aufgegeben, um keine Halsſchmerzen zu kriegen? Hoho! rief der Wachtmeiſter. Da hätten wir am Ende den beſten Fang noch zuletzt gethan. Wie iſts, Herr Commerzienrath? geſtehen Sies freywillig— ˙s iſt immer beſſer, als durch Ma⸗ ſchinerie. Ihre Geſichtsfarbe iſt nicht ſonderlich— und die Knochen ſchlottern auch ſchon gewaltig in dem weiten Frack herum. Guldenfuß war dem Umſinken nahe; er konnte kein Wort ſprechen. Na, Dragoner, ſagte der Wachtmeiſter, ſo packt ihn in Gottes Namen auf! Das Gehen wird ihm doch wohl ſauer werden. Jener lallte nur unverſtändliche Worte. Mau durchſuchte ſeine Taſchen, nahm ſeine Brieftaſche nebſt einem verſiegelten Gläschen heraus, und hob den Halbtodten auf den Wagen. Er hatte faſt alle Beſinnung verloxen, und raiſonnirte in gebrochenen Worten das bunteſte Zeug durch einander. 1 Als er oben lag, dicht neben Lux und ſeinem Genoſſen, raunte ihm letzterer in die Ohren: es war nur von wegen des Bluthunds! Die Teu⸗ felshorde erhob ein ſhallendes Gelächter und rief, mit den Ketten ein gräßliches Tutti raſſelnd: will⸗ Fonmmen Herr Bruder! Der Zug ging vorwärts. Darum ſaß Sebald heute Abend allein zu Hauſe, und mußte nach langer Zeit zum Erſten⸗ mal mit kalter Küche vorlieb nehmen, die er ſich noch dazu ſelbſt herbeyholen mußte. Die nachge⸗ ſchickten dienſtbaren Geiſter fanden Babetten erſt, als ſie zum Thor herein transportirt wurde, zogen aus Neugierde mit vor das Polizeyamt, und dachten an kein Nachhauſegehen, bis alle Nachrichten eingezogen waren. Abends ſpät erſt brachten ſie dem zürnenden Herrn die Nachricht — 141— von dem Ereigniſſe in der dunkeln Herberge, mit allen bewußten Umſtänden und Folgen. Seebald ſchlief dieſe Nacht wenig, für Span⸗ nung, Aerger, Ahndung und Erwartung. Was die Nemeſis zu beſtrafen angefangen, und theils bekannt wurde, theils nur gemuthmaßt werden kann, iſt folgendes: Die Abſicht der liſtigen Schlange Babette war geweſen, ſich des Zutrauens Seebalds zu bemäch⸗ tigen, deſſen Gattin zu entfernen, was ihr mit Hülfe des mitwirkenden Quirinus, ihres Buhlen, gelang, und mit der Zeit den Platz als Hausfran einzunehmen, ſey es auch nur erſt in ſpäten Jah⸗ ren. Da Habſucht die Triebfeder war, ſo ſtand der kleine Otto ihrem Plane im Wege. Er wur⸗ de auf Quirinus Rath entfernt, wie wir wiſſen, und das ſchändliche Paar dachte nun das Spiel gewonnen zu haben; der heimtückiſche, geizige und gefräßige Quirinus, der einſt, durch die zweite Hand, nämlich, Babettens, das ganze Vermögen zu erobern gedachte, rechnete auf einen glücklichen Schlagfluß, und betrachtete den kurz⸗ hälſigen Seebald ſtets mit einer Art von Entzük⸗ ken, was ſich deutlich in ſeinen falſchen Augen — 142— ausſprach. Darum ſtürmte wohl auch Quirinus auf Seebald ein, Jagdpartieen zu machen, unter dem Vorwand, die Hypochondrie zu vertreiben. Aber ein ſchrecklicher Querſtrich war der jetzt wieder gefundene Sohn; und hier kam der wür⸗ dige Gehülfe Guldenfuß ihnen ſehr zur rechten Zeit. Was er bewirkte für ſeinen eignen Zweck, iſt bekannt. Doch was er auf den letzten Fall, wenn Otto ſich dennoch wieder in des Vaters Haus drängen würde, allenfalls für reichliche Be⸗ lohnung gethan hätte, läßt ſich nur ahnen, und vielleicht aus dem bey ihm gefundenen Gläschen mit Opium ſchließen. Seebald, der die halbe Nacht lrchwacht hat⸗ te, ſchlug erſt früh gegen zehn auf. Er eilte in ſein Zimmer, ganze Le⸗ bensweiſe war geſtört, aber es 8 1 ſey er heute nicht ſo aufgebracht da über. 3 Er ſtand nachdenkend am Fenſtet, als eben der ſeit lange verſcheuchte Freund Fridorf vorbey ging. Er war Criminalrath. Mit faſt ängſtlicher Stimme rief er ihm einen . guten Morgen zu. Fridorf dankte lächelnd, und kam, ihn errathend, herauf. Seebald gieng ihm — 143— mit Herzlichkeit entgegen. Kannſt Du, ſagte er, einem alten Freunde wieder gut werden, wenn er Dich darum erſucht? Seebald! erwiederte Fridorf ernſt: gab ich Dir jemals Beweiſe von Haß? Warum ich nicht mehr zu Dir kam, weißt Du. Was Du jetzt in Anſpruch nimmſt, iſt hoffentlich nur der Freund und nicht der Criminalrath. Denn der iſt nicht zu beſtechen. . Seebald reichte ihm erröthend die Hand. Un⸗ terrichte mich von der Sache. Ich verſpreche kei⸗ nen Wunſch zu äußern, der Dich in Verlegenheit bringen könnte: denn was ich bis jetzt ſchon, doch nur oberflächlich gehört habe, reicht hin, wenn es wahr iſt, meinen ganzen Haß gegen dieſe Menſchen zu erregen.. Fridorf erzählte, was im Verhöre ſhon vot⸗ gekommen, und fügte ſeine Muthmaßungen ner Zum Schluſſe gab er ihm noch Ulrikens Brief an Otto zu leſen, den dieſer von jener Station an Treufeld geſandt, und welcher in Babettens Ta⸗ ſche war gefunden worden. Die Liſtige gab vor, ihn abzugeben vergeſſen zu haben. Seebald ſaß kleinmüthig, im Innerſten bewegt, vor ihm, und ſchlug ſich zum öftern an die Stirne. Da tönte ein Poſthorn die Straße herauf. Er ——-——-—-————, ſah nicht hinaus, wie ſonſt, um zu ſehen, daß eine Chaiſe fahre. Aber jetzt hielt es vor dem Hauſe ſtille; da ſprang er doch auf und ſah hin⸗ aus. Zwey Damen und zwey Herren ſtiegen her⸗ aus und herauf. Fridorf rief: es iſt 1 Dein Sohn Otto, ich erkenne ihn, ob ich ihn gleich nur Einmal geſehen habe. 5 Seebald ging überraſcht und weich auf Fri⸗ dorf zu, und ſagte, ihn an ſich drückend: nicht wahr, Fridorf! er iſt mein Sohn? Fridorf verſtand ihn und ſagte: wie kannſt Du nur einen Augenblick noch zweifeln? Die Thüre flog auf, und Otto herein, auf einen Vater zu. Ein alter Herr und zwey Da⸗ * Otto rief, ſeines Vaters Hand faſſend: nun Alles gut, Alles gut! Die letzte Stunde hat uns Licht verſchafft.— Seebald wandte ſich, ſeinen Sohn an der Hand, etwas verlegen, nach den Fremden. Und deine Begleiter? fragte er. Hier, ſagte Otto, mein künftiger lieber Groß⸗ vater, Herr Landrath von Eiſenbruch— hier, meine verſöhnte Schwiegermutter, Frau Majorin von Hohenbaum, und hier— hier— Mathilde von Hohenbaum, meine Braut— mit Ihrer d — 145— Einwilligung, lieber Vater. Seebald konnte nicht reden, er verbeugte ſich vielfältig und ängſtlich gegen die Fremden. Genug, genug! fuhr der alte Eiſenbruch her⸗ aus; und nun Verzeihung, daß wir Sie, Herr Seebald, ſo überfallen. Ihr Sohn wollte es durchaus ſo haben, und wir durften in keinem Gaſthofe einkehren. 1: Das würde mich auch ſehr gekränkt haben, werther Herr Landrath! ſagte Seebald endlich.— Herr Seebald! ſpaßen Sie nicht: Sie wiſſen doch eigentlich noch nicht recht, wie Sie mit uns dran ſind— aber, das wird ſich finden, ſo⸗ bald wir nur erſt in Gemachlichkeit beiſammen ſitzen. 3 18 Otto machte Fridorf ſein Eompliment. und dieſer Herr, lieber Vater? Ein Freund von mir, Criminalrath Fridorf, ſagte Seebald präſendirend. Der Vorgeſtellte ſagte nach geäußerter Be⸗ kanntſchafts⸗Freude: Jetzt aber, meine Herrſchaften, laſſen Sie ſich durch etwas Sonderbares nicht ab⸗ ſchrecken. Ich bin gleich ſo frey, Sie fammt und ſonders zu erſuchen, heute Mittag meine Gäſte zu ſeyn. Ich muß Ihnen dieſe Unbequemlichkeit ſchon zumuthen, da mein Freund Seebald durch — 146— einen ſonderbaren Zufall heute ſeine Haushälterin und Köchin verloren hat, und er ſelbſt kein ganz gelernter Koch iſt. Babette? fragte Otto; woran ſtarb ſie? Keinesweges! ſie lebt, antwortete Fridorf; aber ſie kann eben nicht über ihre Perſon gebie⸗ ten, da ſie ſich einiger Verbrechen verdächtig ge⸗ macht. Doch, ich überlaſſe es dem Freund See⸗ bald, Ihnen die Sache bekannt zu machen, und empfehle mich jetzt, mit der Hoffnung, daß Sie mir die gethane Bitte nicht abſchlagen. Seebald wollte etwas entgegnen, die Damen hatten etwas auf den Lippen; der Landrath aber fuhr dazwiſchen und ſagte: wir kommen, Herr Criminalrath, wir kommen alle, wenn Sie's ſo haben wollen. Verlaſſen Sie ſich drauf. Was helfen uns die Complimente! Wenn Herr See⸗ bald nichts auf den Tiſch zu bringen hat, ſo wär's doch Thorheit, eine freundliche Einladung auszuſchlagen! 3 Man nahm ſie endlich an, und der Criminal⸗ rath entfernte ſich. 17. Die erſte langweilige Stunde neuer Bekannt⸗ ſchaft ging durch des Landraths muntre Launs — 147— ſchnell vorüder, und bald ſaßen ſie im vertrauten Geſpräche beiſammen. Scebald, von Minute zu Minute die alte Unbehaglichkeit mehr verlierend, und von des Doctors böfen Einflüſterungen nur noch ſchwach und heimlich angeflogen, erzählte die Begebenheiten des geſtrigen Tages mit ziemlicher Selbſtverleugnung und aufrichtiger Bekennung ſei⸗ ner Schwäche gegen dieſen Undankbaren. 3 Die Hörenden ſaßen von Staunen und Ab⸗ ſcheu ergriffen da. Es iſt gut, meynte der Land⸗ rath, daß jetzt Alles auf Einmal gelöſt wird. Ich ſagte es ja immer: reißt nur erſt Eine Wolke, dann folgen die andern bald nach, und der Himmel wird klar und heiter. Traurig nur, ſprach Frau von Hohenbaum, daß die finſtern Wolken oft ſo lange am Himmel ſtehen, bis die Nacht das helle Blau verſchlingt. Eure Gewitter, Mathilde, waren freilich nur Mor⸗ gengewitter, und Ihr habt den ganzen ſchönen Tag vor Euch. 8 Die Stürme, fiel der Großpapa ein, werden auch noch kommen; es giebt keine Ehe mit lau⸗ ter ſanften Frühlingslüften. Doch jetzt, fuhr er, zu Seebald gekehrt, fort, hören Sie nun auch, was wir Ihnen für Nachricht bringen. Erwah⸗ nen wir weiter nicht, was jener abſcheuliche Teu⸗ K 2 — 148— fel für Argwohn in Ihre Seele geworfen, den der geängſtete Treufeld zuletzt ſelbſt noch vermehrt hat. Auch ihn haben wir auf unſrer Herreiſe von dem Argwohn befreyt— und wenn er nun gar dieſes Gewebe von Bosheit hört, was hier ge⸗ ſponnen wurde, ſo wird er, wie jetzt Sie, Herr Seebald, bald ganz im Klaren ſeyn. Der Landrath zog einen großen Brief aus der Taſche. Otto aber, einem richtigen Gefühle fol⸗ gend, ſagte: Frau von Hohenbaum und liebe Ma⸗ thilde, ich zeige Ihnen indeſſen das kleine Gärt⸗ chen meines Vaters. Es iſt zwar ſchon Herbſt und weiter nichts Merkwürdiges darin; doch iſt eine Linnee'ſche Blumen⸗Uhr, die mein Vater an⸗ gelegt, wohl anzuſehen. Ich glaube nur, ſie geht ſo ganz richtig nicht, denn die Blumen und die Liebenden fragen weniger nach den Stunden als nach dem Sonnenſchein. Frau von Hohenbaum gab ihm lächelnd Bei⸗ fall und folgte ihm in den Garten. Dieſen Brief, ſagte der Landrath zu Seebald, ſchrieb mein Schwiegerſohn, der Major Hohen⸗ baum aus ſeinem Gefängniſſe, in welches die un⸗ glückliche Leidenſchaft zum Spiel ihn gebracht hat, kurz vor ſeinem Tode: daher wohl von uns Nie⸗ mand an der Wahrheit zweifeln wird. Leſen Sie den Brief ſelbſt, denn ich geſtehe, daß ich ein ſchlechter Vorleſer bin, ſeit meine Augen etwas abgelegt haben. Ich will mich indeſſen hier ans Fenſter ſtellen, und die Walldorfer vorbei ſpazie⸗ ren ſehen. Hier iſt der Brief. Seebald nahm ihn und las: Feſtung L., am 16ten October. Liebe Jacobine! So lange bey mir, dem Gefangenen, noch etwas Lebenskraft ſchlich, und die Hoffnung noch nicht von mir gewichen war, dünkte ich mich bei⸗ nahe ein freier Menſch, weil ich aus dem Kerker her⸗ aus durch ein Paar Zeilen das Schickſal derer be⸗ ſtimmen konnte, die ich die Meinigen nannte. Aber eine ſchleunige Veränderung meiner Körper⸗ kräfte hat auch den Uebermuth des Geiſtes ge⸗ dämpft. Verzeihung, Jacobine, Deine Verzei⸗ hung wünſche ich jetzt zu hören, jetzt, vielleicht kurz vor dem Ende meines Lebens— jetzt befällt mich eine eilige ängſtliche Sehnſucht nach Euch. Ich möchte gerne gut machen, was gut zu ma⸗ chen iſt— aber, wie wenig wird das leider! ſeyn. So will ich wenigſtens verhindern, daß meine letzten Worte nichts Böſes ſtiften. Ich ſchrieb Dir neulich meinen Willen wegen Mathildens und eines gewiſſen Otto Seebald. — 150— Meine Gründe ſchrieb ich Dir nicht— weil ich— jetzt geſtehe ich es Dir— weil ich mich meiner Gründe ſchämte. Jetzt fällt mir ein, welche Miß⸗ deutung das verurſachen könnte; darum eile ich, Dir die Urſache meiner damaligen Beweggründe zu ſchreiben. Als Otto noch bey mir war— wie er zu mir kam, weißt Du, und ich wußte damals von ſeinen Eltern nichts— und damals nun, als in einer Periode das Spielglück mich gänzlich ver⸗ ließ, wollte ich aus ihm— ich ſchäme mich, es niederzuſchreiben— den Gehülfen zu einer Betrü⸗ gerey machen; aber der wackere Knabe, er war damals acht oder neun Jahre alt, widerſtand. Aerger, Verdruß, mich von einem Knaben auf Ehre und Recht verwieſen zu ſehen, meine da⸗ mals traurige Lage, machten mich zornig; ich miß⸗ handelte ihn und reiſte von Hamburg ab, ohne wieder dahin zurückzukehren. Als Du mir jetzt ſchriebſt, daß Mathildens Geliebter derſelbe Otto ſey— nahm die Schaam, ihn, dem ich ſolche Blö⸗ ßen gegeben, als meinen Sohn zu begrüßen, und mit ihm einſt vielleicht zu leben, ja ſelbſt ein Stolz, weil er nicht von Adel iſt, meine Be⸗ ſinnung gefangen. Ich ſchrieb Dir, daß er nie mein Schwiegerſohn werden dürfe. Hat ſich nun — —ꝛ; in dieſer Zeit das Verhältniß nicht zerſchlagen, ſo gebe ich hiermit gern und mit Freuden meinen väterlichen Segen.— Denn ich zweifle nicht, daß er ein braver Menſch geworden iſt; auch das Vorurtheil der Geburt iſt in dieſer Stunde wie abgeſtreift von mir, und ich ſehe ein, wie unrecht es ſeyn würde, Mathilden, die durch mei⸗ ne Schuld arm geworden, abzuhalten, einen wohl⸗ habenden Mann, wenn gleich nicht gleichen Stan⸗ des— wie man zu ſagen pflegt— zu nehmen. O Jacobine! kannſt Du mir vergeben, daß ich Deine Tage, die Du wider den Willen Dei⸗ ner Eltern mir geopfert, durch mein Leben ſo vergiftet? Fluch der verdammten Leidenſchaft, die— hat man ſie auch mit Müh' und Anſtrengung ein⸗ mal geflohen, mit ihren verführeriſchen Reizen nur zu leicht wieder zurückkehrt. Wehe Jedem, der dem Spiele ſein Leben opfert! Im Glücke ſchwelgt er wüſt und ohne Bewußtſeyn des Genuſſes, im Unglück ergreifen ihn die böſen Geiſter, die den Mammon gebieten, und führen ihn endlich in— den Kerker. Es iſt zu weitläuftig, Dir zu ſchreiben, war⸗ um ich ſitze— vielleicht erfährſt Du es noch ein⸗ mal;— wie es ſey— ſchenke mir ein Paar Thrä⸗ nen und vergiß mich. — 152— Noch Eins habe ich Dir zu ſagen, da Du jetzt mit der Familie Seebald in Verbindung kommſt. Es hängt ebenfalls mit dem Befehle zuſammen, den ich wegen Otto und Mathilden an Dich er⸗ ließ. Siehe ſelbſt, wie: Ein Major von Berg wollte einſt die ſchöne junge Frau verführen. Dieſer Verſuch mißlang— hatte aber doch zur Folge, daß die Frau von ihrem Manne geſchieden wurde. Dieſer Berg war ich— ich bekenne es Dir— und wenn je ein Verdacht auf die Frau gefallen ſeyn ſollte, ſo iſt das ein Stein mehr, der die Wagſchaale her⸗ abzieht, in der meine Schuld liegt. Möge ſie mir vergeben haben! Ich war müſſig in Wall⸗ dorf, und wie ich oft that, unter dem fremden Namen: von Berg. Zufällig lerne ich die junge Frau an einem öffentlichen Orte kennen, und ein Menſch, der ein Arzt ſeyn wollte, giebt mir auf meine Frage: wer ſie ſey? zu verſtehen: es ſey eine Feſtung, die leicht zu erobern. Ich bemühe mich um ihre Gunſt— umſonſt— ſie flieht mich. Da nehme ich zu dem rothnäſigen Doctor meine Zuflucht; er verſpricht mir beyzuſtehen, und eines Tages überredet er ihren Mann„ mit ihm in Ge⸗ ſellſchaft zu gehen, wo er ihn bey einem Shom⸗ bre feſthält; die Jungfer im Hauſe iſt gewonnen, — —— — 153— und muß das Spiel mit unterſtützen. Ich gehe hin, ſpiele den Gleichgültigen, dann den Zärtli⸗ chen, den Dreiſten— umſonſt; ſie zeigt mir ihre ganze Verachtung— ihr Mann tritt herein— und— ſcheint von dieſem Augenblick an Ver⸗ dacht geſchöpft zu haben. Ich hörte es wohl, entfernte mich aber bald darauf von Walldorf, und bin nie wieder in die Gegend gekommen. Vielleicht denkt man jetzt nicht mehr daran, und deſto beſſer.—— Es iſt mir, als ſey mir viel leichter ums Herz, ſeit ich dieſe Zeilen an Dich ge⸗ ſchrieben.— Könnte ich doch auch das mich ſchreck⸗ lich quälende Gefühl durch Schreiben mildern— den Gedanken, daß ich dein Vermögen verſchwen⸗ det habe! O— Leidenſchaft, Leidenſchaft! Oft war ich reich genug, ein gemächliches Leben füh⸗ ren zu können; aber da kam die unerſättlichkeit, und entriß mir das Unrechterworbene wieder.— Ich darf nicht daran denken, ſonſt möchte ich— Ich fühle mich ſehr matt, und lege mich eine Stunde nieder. Dann ſchreibe ich Dir noch mehr, und ſende den Brief noch heute an Dich ab. ——Q ꝛ—·— Nachſchrift des Schloßhauptmann Burgdorf zu L. Dieſen Brief auf dem Tiſche des Herrn Ma⸗ jor Hohenbaum findend, beeile ich mich, durch Vergleichung eines von deſſen Gattin vorgefunde⸗ nen Briefes, Addreſſe und Wohnort erfahrend, denſelben der Familie zu überſenden. Wir fan⸗ den den Herrn Major, als wir ihn gegen Abend beſuchen wollten, todt auf ſeinem Bette liegend. Spuren eines Selbſtmordes haben wir indeſſen nicht finden können. Unbekannter Weiſe, Ew. Hochwohlgebohren mein herzliches Beyleid verſi⸗ chernd, habe die Ehre zu ſeyn— der Schloßhauptmann Burgdorf. Als Seebald dieſen Brief geleſen hatte, ſtand er mit herabgeſunkenen Armen da, und ſagte lang⸗ ſam und gedehnt: Achtzehn Jahre, achtzehn Jahre herzlos und blind! Dann ſchüttelte er wieder den Kopf und murmelte: Fridorf! Fridorf! Du hatteſt wohl recht. Der alte Eiſenbruch ergriff ſeine Hand und ſagte: Ihrem Herzen muß es ein Troſt ſeyn, lie⸗ ber Seebald, daß Sie doch eigentlich durch Ihr Verfahren Niemand unglücklich gemacht haben, als — 155— ſich ſelbſt. Denn Ulrike iſt wieder die glückliche Gattin eines ſehr braven Mannes geworden; Ihr Sohn, nicht gehemmt durch weichliche ſchlaffe Er⸗ ziehung, iſt draußen ein Mann geworden, und hat die gefunden, die er liebt. Sich ſelbſt nur haben Sie geſchadet, daß Sie aus zu behaglicher Bequemlichkeit, auf gemeine Dienſtfertigkeit zu vielen Werth legten, und ſich von denen beherr⸗ ſchen ließen, die Ihrem Steckenpferde ſchmeichelten. Ihre Scheidung wäre vielleicht auch nicht geſche⸗ hen, hätten Sie nicht alles Vertrauen, welches in der Ehe ſo nöthig iſt, gleich von ſich geworfen. Doch es iſt nun einmal geſchehen— holen Sie die beſſern Tage nach— leben Sie in dem Cir⸗ kel Ihrer Kinder— 1 Ich werde nicht zu ihnen paſſen, erwiederte Seebald traurig; Otto'n bin ich fremd, denn ich habe ihn nicht erzogen; und dann, meine Eigen⸗ heiten; ich ſehe freilich jetzt ein, daß ſie nicht Jedermann ſo ernſthaft vorkommen, wie mir. Nichs da! fiel der Landrath ein: Kinder müf⸗ ſen unſchuldige Eigenheiten ihrer Eltern ertragen, und ſie werden's auch. Was iſt's denn nun mehr? mit einer guten Uhr, einem Thermometer und⸗ ein wenig Exercitium iſts abgemacht. Ich möchte freylich nicht ſo leben, ſo alt ich bin. Indeß be⸗ — 156— ruht Einmal Ihre Zufriedenheit darinn— ſo wird ſie auch Niemand ſtören. Ich habe den Plan, daß Otto ſich in meiner Nähe ankaufen ſoll, wo eben jetzt ein herrliches Guth feil geboten wird. Auf dem Lande? fragte Seebald kleinlaut. O! lieber Freund, fuhr der alte lebhafte Greis fort: der Landluft verdanke ich Geſundheit und Alter. Was haben Sie denn hier in den en⸗ gen Gaſſen der Stadt? die Ausdünſtung von 6000 Menſchen und ihren oft ſtinkenden Gewer⸗ ben, das iſt die Atmoſphäre, worinn Ihr lebt; ſtatt reiner Laft athmet Ihr den Hauch ein, der ſchon in wer weiß wie viel Schwindſuchtskäfigten ſich umgetrieben hat, und durch die verpeſteten Werkſtätten der Gerber, Tuchſcheerer, Kammma⸗ cher und Wollkrempler gefahren iſt. Was Hen⸗ ker, ich möchte den Unrath nicht alle Tage ein⸗ ſchlucken. Riecht man nicht eine Stadt ſchon eine Viertelſtunde weit? Dem ängſtlichen Seebald ſchien die Schilde⸗ rung nicht ganz unwahr. Otto trat mit ſeinen Begleiterinnen herein. V Seebald umfaßte ſeinen Sohn und ſagte: nun ſoll mich auch nichts mehr von meinen Kindern trennen!. Der Landrath rief: er zieht mit uns, Kin⸗ — 157— ber! Otto muß Hellbach kaufen, damit wir nicht zu weit getrennt ſind. Der alte Berthold hat ihn ja mit Geld verſorgt— Schön, ſchön! rief Mathilde: ach ja, Hell⸗ bach, wo wir neulich waren! und bald unſer Leben einbüßten, über den fatalen Hohlweg, ſagte der Landrath. Die Ge⸗ ſchichte wiſſen Sie auch noch nicht, Seebald. Er erzählte, wie Otto in den Hohlweg geſprungen, um die Pferde aufzuhalten. Mathilde legte ihr Köpfchen an Otto's Schulter und ſagte bittend: aber nun machſt Du keinen ſolchen gefährlichen Sprung mehr? Otto lächelte; der ſchalkhafte Landrath hatte einen Scherz auf der Zunge, doch Seebald, der immer wärmer und vergnügter wurde, rief, ſeine Furchtſamkeit bekennend: ich glaube, daß ich ſchon nicht oben auf dem Hohlweg geritten thaͤre⸗ ſon⸗ dern mitten im Wege. Und wären von unſrer Wagendeichſel geſpießt worden. Da ſehen Sie, was es mit aller Be⸗ hutſamkeit und Vorſicht für ein Ding iſt. Nein, da lobe ich Otto, ſchnell von der Pflicht ergriffen, die Gefahr ins Auge gefaßt, und in Gottes Na⸗ men hinunter in den Hohlweg. Braver Junge! er ſchüttelte ihm die Hand. Fridorf trat herein. In der That, ſagte er, ich habe keine Ruhe zu Hauſe, ich bin ſo erfreut über die Ertappung dieſer Schändlichen, daß ich meinem Herzen Luft machen muß.— Und mit Vergnügen ſehe ich, Freund Seebalds Geſicht hat ſich auch ganz aufgeheitert—— Dieſer erzählte in Abſätzen und mit froher Haſtigkeit und Wiederholung, was er jetzt erfah⸗ ren, wie nun ganz und gar ihm kein Wunſch mehr übrig ſey, als daß Ulrike ihm verzeihen möge, und ſein Sohn und Fridorf und Alle— Gewiß, gewiß! ſagte der Criminalrath. Der Landrath fragte: wie ſtehts mit dem würdigen Kleeblatt? Noch ſind die Unterſuchungen nicht zu Ende, erwiederte jener. Babette hat unter Verheißung gnädiger und möglichſt gelinder Strafe bekannt, was Lux von ihr ausgeſagt; Guldenfuß hat ſich von dem Schrecken wieder erholt, und aus ſei⸗ nen confußen Antworten geht doch ziemlich deutlich hervor, daß er einmal zu einer Geſellſchaft Falſch⸗ münzer gehörte, deren mehrere vor ſechs Jahren er⸗ tappt und beſtraft wurden. Er muß es klug an⸗ gefangen haben, ſo ganz auſſer Verdacht geblie⸗ ben zu ſeyn. Der Spitzbube, der ihn verrieth, war damals Handlanger bey ihm, und entwiſchte der Unterſuchung. Das Wort„Bluthund“ erregte auf eine ſonderbare Art ſeine Rache. Können Sie glauben, daß dieſe Bande, wovon ein Theil ge⸗ fangen iſt, und zu welcher Lux anfangs unſchul⸗ dig gekommen, nachher aber vom Wohlleben ver⸗ führt, nachdem ſie ſich aus dem erſten Ge⸗ fängniß befreit hatten, bis hierher mit ihnen in allen Theilen Deutſchlands herumgezogen iſt; daß dieſe Bande, ſage ich, vorgiebt, und ſich da⸗ mit brüſtet, nie Blut vergoſſen zu haben, auch deshalb auf beſondere Rückſicht Anſpruch macht? So haben ſie wohl blos geſtohlen? fragten die Zuhörer. Keineswegs, ſagte der Criminalrath, ſie ha⸗ ben gemordet, wie andere; aber ſie erdroſſelten blos, aus ganz eignen Grundſätzen, wie ſie ſa⸗ gen. Vielleicht auch, um nie durch Blutſpur ſich zu verrathen. Das ſind alſo Mörder mit Grundſätzen? rief der Landrath.— Wer wird doch noch Alles Grundſätze haben wollen! Der Variationen des Todtſchlags giebts freilich viele, und wenn das Criminalgericht es genau nehmen wollte, ſo fürch⸗ te ich—— Dafür, fiel Fridorf ins Wort, iſt das hös. — 160— here Appellationsgericht, wo auch die Thränen der Unglücklichen treu mit zu den Acten kommen. Richtig, Eriminalrath! ſagte jener.— Herr, Sie gefallen mir, nehmen Sie mir es nicht übel, daß ichs Ihnen ins Geſicht ſage; aber ich läugne es auch hinter Ihrem Rücken nicht. Fridorf verbeugte ſich, und fuhr in ſeinem Bericht fort: Quirinus, der bösartige Menſch, leugnet, was Lux ihm Schuld giebt; hat indeſ⸗ ſen doch gehorſamſt gebeten, ihm zu erlauben, daß er die Stadt verlaſſen dürfe, um zu einem guten Freund zu ziehen und von dort aus ſeine Sache zu führen. Es wird aber nichts daraus werden, hauptſächlich, da er auch mit Guldenfuß in Verbindung zu ſtehen ſcheint. Es mag ihm freilich hier nicht mehr gefallen, da die liebe Ju⸗ gend ihn mit dem Geſchrei verfolgt: Naſe, dich ſollt ich kennten!—„So wahr ich Eiſenbruch heiße, ſagte der Landrath, es ließe ſich über die ſonder⸗ baren Fügungen des Himmels hier faſt ein Ge⸗ ſchichtchen ſchreiben. Wie wäre es, Otto, wenn Du Dich in müfſigen Stunden auf dem Lande einmal dazu verſtändeſt? Wie ſchön könnteſt Du da zugleich Deine Liebe mit feurigen blumigten Phraſen beſchreiben, und ganze Bogen mit Seuf⸗ zern und Wehklagen ausfüllen über das grauſame Geſchick, Geſchick, das Dir die Braut zur Schiweſter ma⸗ chen wollte, und hinterher dann Dein Glück ſchil⸗ dern zur Nachahmung für zärtliche Seelen. Otto entgegnete: dazu werde ich mich ſchwer⸗ lich verſtehen, und am wenigſten möchte ich ſo in das Papier hinein winſeln, oder jeden Kuß und jedes Freudenhimmelchen unſrer Flitterwochen mit den lüſternen Abbonnenten der Leihbibliotheken theilen Mathilden ſchalkhaft zärtlich umſchlingend, fuhr er fort: ich erinnere mich der Worte Schillers: Daß ja die Menſchen nie es hören, Wie treue Lieb' uns ſtill beglückt. Sie können nur die Freude ſtören, Weil Freude nie ſie ſelbſt beglückt. Mathilde erröthete und ſagte: Otto iſt aber auch heute recht ausgelaſſen. Geſetzt den Fall aber, fuhr der Landrath fort, es fände ſich jemand, der das Ding zu Papier brächte, um den Wuſt von Unterhaltungen für müſſige Stunden damit noch zu vermehren, was würde er wohl für einen Titel wählen? Männnerſchwäche, ſagte Frau von Hohenbaum. Das verbitten wir uns, meynte der Land⸗ kath; lieber: der verunglückte Plan, oder: der Alte hat Recht. — 162— Der Großvater will die Ehre auch allein ha⸗ ben, ſagte Mathilde; ich dächte: die Rückkehr des Sohnes, wäre auch ein paſſender Titel. Seebald hatte nachdenkend da geſtanden. Wie wärs, fing er an: es iſt doch nicht zu leugnen, daß des Doctors rothe Naſe hier eine große Rolle geſpielt hat: bey ihrer Beſchreibung erkannte Dich Deine Mutter, der Major bezeichnet ihn durch ſelbige, und Lux, der Spitzbube erkennt ihn dar⸗ an, als er ſie neugierig zum Fenſter hinausſteckt; die Folgen waren bedeutend. Zuletzt gab Fridorf ſeine Stimme:„ſo ſehr zu wünſchen iſt, daß man Jedermann es an der Naſe anſehen könnte, was er iſt, ſo möchte es doch wohl ſchicklicher ſeyn, wenn ſie einen Titel zieren ſoll, ſie blos bey ihrer zufällig wohlthäti⸗ gen Rolle, die ſie geſpielt hat, zu benennen, nemlich: der Verräther; jedoch auch noch etwas Weſentlichen für die Entdeckung zu erwähnen aus jenem Briefe; ich meyne: die letzte Stunde, die der Wahrheit die Ehre gab.“ * 3 3 Der moderne Kobold. Eine Schickſals⸗Seene aus der Chronik von Schilda. I. Der Krämer Wasbelieb handelte mit aller⸗ ley gangbaren Waaren, die ſchon vor der Zeit ver⸗ feinerter Genußſucht Niemand gern entbehren moch⸗ te— als: Zucker, Kaffee und deſſen anmaßenden Stellvertretern; ſelbſt überzuckerten Calmus fand man bey ihm, zum Labſal gemeiner Jugend, und dieß wollte damaliger Zeit ſchon etwas heißen zu Hampelſtadt. Sein Gevatter Züngelchen verkaufte dieſelben Artikel; doch führte er auch ſeit undenk⸗ 4 lichen Zeiten, das heißt, von ſeinem zwanzigſten Jahre an, wo er den erſten Frachtbrief als eigner Herr unterſchrieben, und aus Freude darüber ſeine ganze einförmige Vergangenheit vergeſſen hatte, immer einige Zitronen; nicht etwa zu Punſch und dergleichen, der Bürgerſchaft damals noch ganz unbekannten Dingen— ſondern blos für den Noth⸗ fall, wenn der Honoratioren Sprößlinge, die von jeher etwas weichlich ausfielen, am Schnupfen⸗ fieber rt darniederlagen, daraus ein kühlendes Labſal f r die Kranken zu bereiten. Er ſetzte bey ſolchen Gelegenheiten oft ſeine vierundzwanzig Stück ab, nicht ohne heimlichen Neid ſeines Han⸗ 4 — 166— delsgenoſſen und Gevatters, der nie vergaß, durch Kundſchafter ausforſchen zu laſſen, wie ſtark wohl der dermalige Zitronenabſatz geweſen ſey. Als nun noch im ganzen Städtchen nur dieſe Zwey waren, die ſich die Sorge für den Gau⸗ men ihrer Mitbürger angelegen ſeyn ließen, hatte jeder leidlich ſeine Nahrung, und das gute Ver⸗ hältniß zwiſchen beyden Rebenbuhlern ſtellte ſich, wenn es ja einmal geſtört wurde, bey der näch⸗ ſten Kindtaufe in einer, ſämmtlich unter einander verwandten Familie des Städtchens, jederzeit wie⸗ der ſo ſchön her, daß die Altgevattern bey einem Glaſe ungewohnten Rebenſafts ſich gegenſeitig die tiefſten Geheimniſſe der Handelskunſt, der Ver⸗ wandlung vaterländiſcher Gewächſe in Producte der heißen Zone, und mehrere dergleichen patriotiſche Bemühungen entdeckten, und ſich die Proben ih⸗ er neueſten Tabacks⸗Etiketten in großen Dampf⸗ wolken einander zubließen „Nach einem ſolchen Herzenserguſſe verfehlten ſodann am andern Morgen beide nicht, im wohl⸗ gegürteten Schlafrock aus dem Fenſter ſchauend, der vorbeygehenden Magd einen herzlichen Gruß an den lieben Herrn Gevatter aufzutragen, und das erbärmliche Kopfweh zu melden. ———::,VV‧:L‧¶„·:„ y„„„— — 167— Späterhin konnten die Zeichen leiblichen Wohl⸗ behagens der heranwachſenden Jugend nicht ent⸗ gehen, und ſo war auf die Frage: was willſt du werden, mein Sohn? die Antwort: ein Kauf⸗ mann! die gewöhnlichſte. Fand auch der Vater Bedenklichkeiten, ſo ſetzte es doch die Mutter durch, eingedenk der lockenden Ausſicht, von ihrem eig⸗ nen leiblichen Söhnchen künftig die Gewürze be⸗ ziehen zu können. So überzog bald, wie junges Moos den alten Stamm, die Handelſchaft das ganze Städtchen, und manche Kundſchaft entging unſern Veteranen: denn die jungen Handelshäuſer caperten Markttags die einkaufenden Bauersleute vor ihren Augen hinweg, und ſie durften nichts dazu ſagen. Da brütete der alte Wasbelieb in ſeinem fin⸗ ſtern Ladenſtübchen an einem verzweifelten Plane, ſeinem Hauſe einen Schwung zu geben. Er wollte auch, wie ſein Gevatter, mit Zitronen handeln, und wenn es einſchlüge, mit noch mancherley an⸗ dern Dingen, die ihm ſein Correſpondent aus der Hauptſtadt angeboten hatte. Denn, ſagte er zu ſeiner Ehehälfte, die des lieben Friedens wegen dagegen ſprach: ſiehe ſelbſt, in der Waage liegen Egoismus und böſe Tücke; ich muß ein eiſernes Herz in die andere Schaale legen, will ich mich 4 — 168— retten. Er verſchrieb vorläufig ſechs Dutzend Zi⸗ tronen, die er wohlgeordnet hinter den Scheiben ſeines Ladenfenſters aufſtellte. Züngelchens Wuth, als er die Kunde vernahm, xannte keine Grenzen. Er ſtürzte ſelbſt, noch un⸗ friſirt und ohne Huth, zum Haus hinaus, ſich mit eignen Augen zu überzeugen. Aber kaum bog er um die Ecke, ſo ſah er durch die hellpolirten Fenſterſcheiben ſeines Feindes, was die Fama ihm hinterbracht hatte. Er kehrte ſchnell wieder um, ſeinen Zorn nicht auf offener Straße auszu⸗ ſchütten, und kam blaß und zitternd nach Hauſe. Iſt es wahr? ſchrie Frau Züngelchen ihm entge⸗ gen. Aber, Herr Gott! wie ſiehſt Du aus? und ohne Huth über die Straße! Was wird die Frau Bürgemeiſterin ſagen, der Nichts entgeht an ih⸗ rem Eckfenſter!— Aber bey dem Eheherrn kochte und brauſte es wie in einem ſonſt ruhigen Land⸗ ſee, der von ferne her an vulkaniſchen Erbrechun⸗ gen mit zu leiden hat. Er konnte kein Wort her⸗ vorbringen, und die Seinigen ſahen ihn ängſtlich und erwartend an. Da griff ſeine Hand, eigen⸗ mächtig Hülfe ſuchend, nach der zunächſt bey der Hand ſtehenden Wachholdergeiſt⸗Flaſche, bey der ſich Morgens die Honoratioren der Stadt entne⸗ — 169— belten, und nach einem übereilten Zug daraus, entquollen ihm die Worte: „Meinen ganzen Zimmtvorrath gäb' ich dar⸗ um— ja, ich wollte mich gerne noch einmal darum in die Waldbuße ſchreiben laſſen, brauchte ich den ruchloſen, raubſüchtigen, heuchleriſchen Kerl nicht Gevatter zu nennen. Das ganze Fenſter voll!— Mir zum Aerger— zu meinem Todesſtoß!— Aber warte du, da drüben!— Charlotte, komm her!— Rache, Rache will ich!— Hier tritt her, meine Tochter, hier Mutter, hier Gottlieb— ihr ſeyd Zeugen! Verſprich es in meine Hände, Char⸗ lotte, daß Du Wasbelieb's Wilhelm mit keinem Blick mehr anſehen, kein Wort mehr mit ihm wech⸗ ſeln willſt! Es iſt aus, es iſt vorbey! Hier gieb Deinem unglücklichen Vater die Hand darauf! Was ſtehſt Du und ſiehſt mich an? Willſt Du meinen Befehl nicht reſpectiren, Du ruchloſes Kind? Was weinſt Du, he? Willſt ihn wohl in Schutz nehmen?— Aber warte, ich will Dir zeigen, daß ich Vater bin. Mutter, den Schlüſſel zum Tau⸗ benſchlag! Dort ſollſt Du ſitzen, und nicht eher wieder vor meine Augen kommen, bis Du ihm abgeſagt haſt auf immer und ewig.“ MNutter und Tochter ſtarrten ihn an, wie er ſo im Zorn umher fuhr, und trauten nicht zu — 170— antworten. Aber, fing jene an, und wollte be⸗ ſänftigend drein ſprechen—— Was aber! fiel der Erhitzte ihr ins Wort: hier hat ſich's was zu abern. So lange der ver⸗ maledeyte Gevatter noch genügſam war, wie mei⸗ ne andern Collegen, die auch nicht viel mehr als etwas Geſellſchaftsknaſter, Feuerſchwamm und deut⸗ ſchen Kaffee haben, ſo lange war er ein räſo⸗ nabler Mann, ein braver Gevatter; aber Zitronen — mir zum Affront— das hat noch Keiner ge⸗ wagt. Aber ich ſag' es ja immer: die Welt geht aus ihren Fugen; der Freund tritt gegen den Freund, der Bruder gegen den Bruder auf. Iſt's nicht genug, daß jeder eingeſchwärzte Roſinenſten⸗ gel zur Strafruthe wird, unter der wir ſeufzen und wehklagen; müſſen wir uns auch noch unter einander auffreſſen, wie gefangene Mäuſe in ei⸗ nem verſchloſſenen Topf? Aber das iſt eben die ſiebente Zornſchaale, von der der Evangeliſt J⸗⸗ hannes ſchreibt:„und die Kaufleute auf Erden werden weinen und leid tragen, daß ihre Waaren Niemand mehr kaufen will——“ Was wäre gefällig? fragte er eine eintretende Bürgersfrau, und die erſchreckte Familie benutzte den günſtigen Augenblick, wo Züngelchen nach dem verlangten Marokko ſuchte, und verlief ſich im Hauſe. Die —yjy — 4171— zahlreichen Kunden, welche heute früh ſich einſtell⸗ ten, wurden zu eben ſo viel Blitzableitern für die arme Charlotte: denn mit jeder Tüte, die er den Eintretenden reichte, wurde ſein Geſicht heiterer, und es war die letzte böſe Wallung, als er des Bürgermeiſters Söhnlein, indem er ihm ein Stück Calmus in den Mund ſchob, mit den Worten entließ: mein Söhnchen, werde mir bey Leibe kein Kaufmann, das ſind bedrängte Schelme. 2. 4 Aber die Roſenzeit der Liebe Wilhelms und Charlottens drohte, ſich durch dieſe Begebenheit in eine düſtre Regenzeit zu verwandeln. Charlotte ſollte ohne dem Vater nicht mehr aus dem Hauſe, und dem Vater Wilhelms hatte dieſer durch eine Gelegenheit melden laſſen: ſein Sohn möge ſich anderswo nach einer Braut umſehen— und ſein Haus nicht mehr betreten. Wilhelm begriff nicht, woher dieſer Zorn komme. Der alte Wasbelieb dachte ſichs wohl, ſagte es aber nicht, ſondern glaubte, er werde wohl wieder zu verſöhnen ſeyn. Wenn nun auch Hampelſtadt, ſeit Zeitungen geſchrieben werden, noch in keiner etwas Beſonderes von ſich und ſeinen Lichtern hatte höten laſſen können, ſo war doch dort, wie überall, die Ju⸗ — 172— gend liſtig genug, den leichtfertigen Gott ihres Alters, trotz Machtſprüchen und Bannſtrahlen, in geheimen Schutz zu nehmen; und ſo wäre es denn gewiß eine beſondere Ausnahme geweſen, wenn Wilhelm nicht ſchon am andern Tage aus ſeines Lottchens eignem Munde erfahren hätte, warum ein ſolches ſtrenges Geſetz gegen ſie ergangen. Das Paar fand ſich, beide auf einerley Entdek⸗ kungsreiſe begriffen, bey dem mitten im Garten ſtehenden Bienenhauſe, welches rückwärts von al⸗ lerley Strauchwerk gedeckt war, ſo daß man ziem⸗ lich ſicher dahinter ſeyn konnte. Wie freuten ſie ſich, den gleichen Gedanken gehabt zu haben, ſich unter den Schutz des monarchiſchen Bienenſtaates zu begeben. Es wurden Stunden feſtgeſetzt, wo man ſich ſprechen wollte, und beide dankten beim endlichen, bald ganz vergeſſenen Abſchied, dem jähzornigen Papa im Stillen, daß er ihnen eine ſolche Stunde verſchafft hatte. Denn jetzt erſt war ihnen ihre Liebe etwas werth. Vormals zwar hatte Wilhelm zu jeder Stunde in Züngelchens Hauſe Zutritt, und durfte Abends, wenn die Fa⸗ milie beiſammen war, wohl neben Charlotten ſiz⸗ zen, die Zeitungen vorleſen, auch beim Abſchied ihr, wenn ſie ihm leuchtete, einen Kuß auf die ſchönen Lippen drücken, doch nur flüchtig, denn —— —— — — 173— der Alte rief gleich: Lottchen, laß das Licht nicht flackern, und ſchieb den Riegel gut vor!— Aber was waren alle jene Stunden gegen eine, wie die heutige? 5 Wilhelm mußte zwar, um von ſeinem Garten zu ſeiner Geliebten zu kommen, einige neutrale Gärten in Heckenſprüngen paſſiren. Aber er be⸗ ſchwichtigte die murrenden Beſitzer mit einem Ge⸗ ſchenk von holländiſchen Tulpenzwiebeln und ita⸗ lieniſchem Brokkoliſaamen, und verſchaffte ſich da⸗ mmit einen freien Durchzug durch die Beſitzung der ſouverainen Gartennachbarn. So ſchieden ſie das erſte Mal heiter und ver⸗ gnügt, denn ihnen ſchien die Sache mit ihrer Vä⸗ ter Zwiſt gar nicht ſo gefährlich; auf den ſchlimm⸗ ſten Fall ſollte Charlottens Mutter mit in den Plan gezogen werden, und als uferſchutz von ſanft nachgebenden Weiden, den Strom des Zorns von den Blumenauen der Liebe abwehren. Es war alſo, wie es ſcheint, ſchon den Kin⸗ dern bekannt, was hier geſagt werden kann: daß nämlich auch in Hampelſtadt, ungeachtet die Män⸗ ner ſich wöchentlich dreimal raſieren ließen, den⸗ noch jede Frau eine eigne Virilſtimme hatte; dem⸗ nach nicht weniger als manche ganze Stadt auf Landtägen beſaß, die dann gezwungen war, ihre * — 174— Geſammtweisheit auf einen einzigen Wahlſtamm zu pfropfen, wo von hundert Reiſern ſelten mehr als neunundneunzig verunglückten. Dieſe ebengenannte Virilſtimme der Weiber war aber nun nicht ſowohl eine krampfſtillende, ſondern es war der Text zum Krampfe ſelber; und wenn dieſer im Laufe des Melodram's ſich in den kühnſten Abweichungen verirrte, ſo folgte ihm die erklärende Virilſtimme auf dem Fuße nach; die Virilſtimme wird zur Furienſtimme; vergebens ſucht der außer Faſſung gebrachte Mann den Grund⸗ ton bemerkbar zu machen, ſie verweilt nirgends, geht ohne Uebergang aus einem in den andern, und cadeneirt endlich in der letzten Octave weib⸗ licher Tonleiter; der betäubte Ehemann iſt ver⸗ gnügt, wenn ſie endlich nur wieder herabſteigt; giebt, froh, nur Fuß faſſen zu können, ſein ver⸗ loren gegangenes Solo auf, und legt nach einem beruhigenden Schlußaceord kiefattunrnd den Bogen aus der Hand. 3. Es war an einem Sonntage Abends,(früh Morgens war der regierende Bürgemeiſter begra⸗ ben worden,) als die trauernde Bürgerſchaft von der beliebten Burgmühle zurückkehrte, wo ſie die ——- Exequien des Verblichenen bey einem Glaſe Weiß⸗ bier gehalten, und ſich den erfreulichen Gerſtſchaum mit einem häufigen„Gottſeydank“ vom Barte ge⸗ wiſcht hatte. Der ſingende Trauer⸗Conduct, aus der Schuljugend beſtehend, und ſchon früh durch ein Glas Wachholder im Trauerhauſe in eine über⸗ müthige Stimmung verſetzt, hatte zum Ueberfluß am Nachmittage die Leichendreyer zuſammengeſchoſ⸗ ſen, und ſich durch Bereitung eines ſogenannten Chikanenbiers in einen fröhlichen Taumel verſetzt, zufolge deſſen er ſingend und ſchreyend gaſſenbreit durch die Straßen von Hampelſtadt zog. Da fuhr eine Extrapoſt durch die gaffende Menge, trennte durch einen ſanften Druck der Deichſel die Jubelkette, und hielt vor dem ſchwarzen Bock. Der Wirth trat an den Wagen; ein kleines ſchwarzes Männchen ſtieg aus und hinkte in den Gaſthof. Die Neugierde der verſammelten Ham⸗ pelſtädter war groß. Sie umringten den Poſtil⸗ lion— der wußte nichts. Sie ſchauten in das Fenſter,— da ſaß der Fremde bey einem Glaſe Wein, und zog ein ſaueres Geſicht. Wein, hieß es, Wein trinkt erl— Der muß Moſen haben — wer nur wüßte wie er hieß!— Zu ihrer Fleu⸗ de kam eben der Rathsdiener Schnabel herbey. Der kann uns helfen! rief ein Weißbinder, welcher — 176— eben aus der Fremde gekommen war; der ſoll ihn im Namen der hochlöblichen Polizey fragen, wie er heißt und was er hier will.— Ei bewahre! meynte der Schwager des Gaſtwirths: das könnte er übel nehmen; da leidet der ſchwarze Bock drun⸗ ter.— Mit nichten! rief jener: das verſteht ihr nicht. Das geſchieht in allen großen Städten; die ſchönſten Leute müſſen ſagen, wie ſie heißen, wo ſie herkommen, und ob ſie per plaisir oder aus Noth reiſen— und wenn ſie Geſchäfte ha⸗ ben, müſſen ſie ſchon am Thore wiſſen, wie lan⸗ ge ſie dauern. Reiſen iſt ſchwer, Herr Nachbar — das glaubt mir! Wenn das iſt, ſagte ein Andrer, ſo ſoll Schna⸗ bel einmal den Verſuch machen.— Der Raths⸗ diener wurde inſtruirt und begab ſich mit großer Gravität in den ſchwarzen Bock. Es dauerte eine Weile, ehe man ihn wieder ſah— endlich rennte er mit großer Schnelligkeit heraus, als fürchte er, das Gehörte zu verzetteln, und rief unter die Menge:„Flohinsohr nennt ſich der Kerl, kommt aus Frankreich oder Rom, handelt— mit Beſchüttereyen und Canaillerieen, und will uns hier vexiren. Das muß ich gleich dem Herrn Burgemeiſter Streichbart melden, denn kein An⸗ drer kommt doch nicht zur Wahl, als er.“— Weg war er, und die horchende Menge ſah ihm ſtaunend und murmelnd nach.„Vexiren? Canail⸗ liren?“ wiederholte der Haufe.„Ich glaube, Schnabel hat zu tief ins Glas geſehen!“— Die Verſammlung verlor ſich unwillig und unbefrie⸗ digt. Das ſcheint ein lebhaftes Städtchen zu ſeyn, ſagte Florenzo, der Italiener, zu dem Wirth im ſchwarzen Bock, indem er ein Bruſtſtück von dem Großſultan der Hampelſtädter Heerde zu zerſägen ſich bemühte. Wenns angeht, möchte ich wohl hier bleiben. Es iſt mir einerlei, wo ich mich fixire. Hier handelt wohl noch Niemand mit mei⸗ nen Artikeln? Womit? fragte der Wirth: ich habe das nicht ſo recht verſtehen können. Mit Bißouterieen und Quinquaillerieen— das heißt, fuhr er fort, als der Wirth den Kopf ſchüt⸗ telte und ein ganz dummes Geſicht machte— mit Colliers, Medaillons, Braſſelets, Ohrringen, Spiz⸗ zen, Levandins, Gace, Mull, Virginie, Herkots, kurs, was das Herz begehrt. Der Wirth hatte wenig verſtanden und rennte cort, ſeine an der Thür lauſchende Frau fragend: Weißt Du denn, was er meynt? Herrgotts und was das Herz begehrt, flüſterts — 178— dieſe: ach, wenn er doch ſchon ausgepackt hätte! Ich thue die Nacht kein Auge zu. Aber Schnabels unglückliche Wortverdrehung war indeſſen ſowohl zu den Ohren der weiſen Rathsmitglieder gekommen, als auch von den noch immer die Straßen durchziehenden Volkohauen aufgefangen worden. Da aber noch kein dirigirender Bürgenneſfe da war, ſo wollte keiner der übrigen Stadtpfle⸗ ger ſich damit befaſſen, den Fremden wegen der angedrehten Naſe vorzufordern und zu beſtrafen, ſondern es ſollte dieß bis nach geſchehener Wahl verſchoben bleiben. Als es aber neun Uhr war, und der das Volk augenſcheinlich höhnende Frem⸗ de noch immer nicht, wie man erwartete, in den ſchwarzen Thurm transportirt wurde, ſo fuhr dem herumziehenden Rächercorps der übermüthige Ge⸗ danke durch den Kopf, den Ruf der ſchlummern⸗ den Polizey zu retten, und ſogleich den Fremden herauszufordern und zu züchtigen. Die Maſſe zog hin zum ſchwarzen Bock, und rief, Anfangs noch etwas leiſe und ungewiß, bald aber laut und un⸗ geſtüm:„Flohinsohr, komm heraus!“ In das Haus ſelbſt einzubrechen, verwehrte ihnen der mit einem tüchtigen Knotenſtock quer vorſtehende ſtäm⸗ mige Gaſtwirth, dem nicht ſowohl vor dem Frem⸗ — 170—. den, als vor ſeinen Gläſern und Flaſchen bangte. Die Bürgemeiſter, den Halloh von Ferne verneh⸗ mend, zitterten vor einer Revolution, und ließen Thür und Fenſter feſt verſchließen. Da ſammel⸗ ten ſich in dem Schnabelſchen Gehirn kühne, ehr⸗ geitzige Gedanken. Stifte Ruhe! ſagte er zu ſich ſelbſt: zeige dich als ein Mann von Gewicht; morgen wird eine Bürgemeiſterſtelle ledig— die Stadt kann nicht undankbar ſeyn. So phanta⸗ ſierend begab er ſich auf den Markt, machte ſich mit ſeinem ſpaniſchen Rohre Platz, und gebot im Namen des ſeligen Oberbürgemeiſters Ruhe und bürgerliche Ordnung, indem er die ſchrecklichen Folgen der Selbſthülfe auseinander zu ſetzen an⸗ fing. Aber er hatte ein undankbares Publikum; denn das lockere faſt transportable Straßenpflaſter flog Stück vor Stück nach dem Kopf des fliehen⸗ den Schnabels, und durch das Fenſter jetzt ſelbſt auf den Tiſch, wo der Fremde noch ſaß und mit Ruhe der Wirthin das Recept zu einem Glüh⸗ wein demonſtrirte. Jetzt aber ſtand er auf und erſchien aäͤn der Thüre neben dem handfeſten Wir⸗ the, mit lächelnder Miene und fing an, ſeine Stimme zu erheben:„Wolle mir die geehrte Ver⸗ ſammlung vergönnen, ein Wort des Friedens, das doch überall willkommen iſt, zu ihr zu reden M 2 — 180— Gegen wen iſt Ihr Zorn gerichtet, ſchätzbare Ein⸗ wohner dieſer Stadt, und was iſt der Wunſch der löblichen Geſandtſchaft und deren Sprecher?“ Ddie Geſandtſchaft ſchwieg eine Weile, und es wollte ſich kein Wortführer finden, weil Jeder glaubte, der Nachbar werde ſprechen. Endlich erhob ſich eine kühne Stimme, die einem Lichter⸗ zieher gehörte, und erklärte dem Fragenden die Urfache: er wolle die löbliche Bürgerſchaft äffen mit verfänglichen Namen; habe der Polizey die höhnende Antwort gegeben: er handle mit Ca⸗ naillerieen und dergleichen, auch von Vexiren habe er geſprochen, und dergl. politiſche Worte mehr ausgeſtoßen, von denen man nicht wiſſen könne, wie man ſie zu nehmen habe. Man könne ſichs daher auf keinen Fall ſo gefallen laſſen, und wolle, werde und müſſe ſich Satisfaction ausbit⸗ ten, es möge nun kommen wie es wolle.— Dem Sprecher fehlte der Athem und der Italiener nahm das Wort. 4 „Eure Rede, ſprach er, würde Hand und Fuß haben, wenn ihr Euch nur Zeit genommen hättet, erſt die Wahrheit auszuforſchen, und recht deutlich Euch auszudrücken. Es fehlt wenig, ſo wüßte ich nicht einmal, was ich darauf antworten ſollte. Doch will ichs verſuchen, Euch zu wider⸗ — — 181— legen. Ich heiße nicht Flohinsohr, ſondern Flo⸗ renzo, bin aus Italien, handle mit Bijouterieen und Quinquaillerieen, zu deutſch, Schmuck und niedliche Kleinigkeiten, und will mich hier fixiren, wenn Ihrs erlaubt, das heißt: ein Haus kaufen und Euch mit meinen Waaren in Erſtaunen ſez⸗ zen. Seht, wie Eure Polizey einmal falſch ge⸗ hört hat. Hättet Ihr nicht einen unſchuldigen Mann, der ſich eben von Eurem Straßenpflaſter erholen wollte, damit den Tod geben können, daß Ihr es in des Wirthsſtube hineinfliegen ließt? Von den zerbrochenen Scheiben ſprech ich nicht ein⸗ mal, die ich auch bezahlen muß, weil ich doch die Urſache, obgleich unſchuldig bin. Der Wirth nickte und lüftete ſeine Schlafmütze reſpectvoll. Indeſſen, fuhr Florenzo fort, freue ich mich in der That, bey der werthen Verſammlung den Grundſatz zu finden, ſich nichts weiß machen zu laſſen. Es zeugt von ſehr vollkommenen Schulan⸗ ſtalten, die hieſigen Orts ſeyn müſſen; nur finde ich die Redensarten noch etwas zu derb, wenn ich die Steine anſehe, die viele von Euch noch in den Händen halten. Da ich nun, aber wie geſagt, unſchuldig, vielleicht die Urſache bin, daß mancher brave Einwohner ſich an dieſem Abend eine Erkältung zugezogen hat, ſo lade ich Sie, — 182— meine Herren, ſämmtlich ein, den bereits für Sie bereiteten Glühwein, bey mir einzunehmen und mir das Vergnügen zu machen, Sie näher ken⸗ nen zu lernen. Treten Sie ein! Ein Theil der Verſammlung zerſtreute ſch. ärgerlich und beſchämt, der andere warf die Steine aus der Hand und folgte lachend dem hoöflichen Fremden in die geräumige Wirthsſtube nach. Der heutige Abend, ſcherzte Florenzo, indem er die beſchaumten Gläſer vertheilte, dieſer Abend überzeugt mich, daß wirklich nichts Neues mehr unter der Sonne geſchieht. Dem Propheten Eliſa kam ein Bär zu Hülfe und rettete ihn von ſeinem ſchmähenden Gefolge; mir thut der ſchwarze Bock die guten Dienſte und beſänftigt die, ſo nach mir warfen. Aber trinken Sie doch, meine Herren! und laſſen Sie's nicht kalt werden. Das ſüſſe Getränk, welches ſie noch gar nicht kannten, ver⸗ hinderte die Schlürfenden, die Parallelle zu zie⸗ hen, und manche Pille des Italieners ging ſo mit hinunter, die er ihnen unter luſtige Erzählungen miſchte. Nachts gegen zwölf Uhr ſuchten Alle, höchſt entzückt und zufrieden, mit taſtenden Händen die Drücker ihrer Hausthüren, und erzählten den ſchel⸗ tenden Weibern, Eltern und Hausgenoſſen die wunderliche Geſchichte vom höflichen Mann im 4 4— 183— ſchwarzen Bock. Am andern Tage machte Flo⸗ renzo der Reihe nach ſeinen Beſuch bey ſämmtli⸗ chen Honoratioren des Städtchens, und enthüllte, unter Vorzeigung der Muſterbilder, den ſtaunenden Weibern und Mädchen den Zauber der großen Städte, zugleich unter Verſprechung der billigſten Preiße und prompteſten Bedienung; ja er gab ihnen die Verſicherung, daß es ihm blos um den Ruhm zu thun ſey, den guten Geſchmack zuerſt in dieſes Städtchen verpflanzt zu haben, der je⸗ dem Marktflecken jetzt ſo nöthig ſey, als den Bauern die Thurmuhr. Die alten Herren ſchüt⸗ telten die Köpfe. Das ſchöne Geſchlecht aber ſah den Mann mit großem Reſpect und freundlich an. Die Mitglieder des Raths wollten zwar, wegen Mangel des Oberhaupts, nicht entſcheiden, ob man dem Wundermann die Nieeerlaſſung verſtatten dürfe. Als aber Florenzo dem Stadtſchreiber eine ſchöne, mit dem Bilde der Gerechtigkeit gezierte, lackirte Doſe zum Andenken in den Händen ließ, ging guter Ratb von dieſem aus, und Florenzo wurde im Städtchen aufgenommen und Handel und Wandel ihm verſtattet. Es dauerte kaum acht Tage,— Florenzo hatte das Haus des verſtorbenen Bürgemeiſters gekauft— da erſcholl in der Stadt die Nachricht: der Laden — 184— 4 des neuen Kaufmanns ſey eröffnet, und es wäre nicht zu beſchreiben, wie prächtig das ausſehe. Gold und Silber ſtehe da, daß einem die Augen wehe thäten. Die Töchter eilten, es den Müt⸗ tern, die Mütter ſannen, es den Vätern auf eine Art vorzubringen, daß ſie ſich entſchlöſſen, die Wunderdinge ſelbſt anzuſchauen. Aber die Män⸗ ner hatten heut Geſchäfte, morgen nicht Zeit, und waren übermorgen nicht neugierig. Die Gutwil⸗ ligſten verſprachen, nach Tiſche einen Gang mit⸗ zumachen. Aber auch dieſe kleine Friſt war für viele der aufs Höchſte geſpannten Schönen beinahe zu lang, und die Ungeduld fuhr unter die kochen⸗ den Töchter Hampelſtadts, ſo daß ſchon vor eilf Uhr das Mittagseſſen fix und fertig auf dem Ti⸗ ſche ſtand. Als die Väter endlich ihr Stück Käſe zum Beſchluß, ihre Brodrinde zum zähneerhal⸗ tenden Nachtiſch, ihren Krug mit Hausbier ver⸗ zehrt, den Mops und den Kater gefüttert, den Schreibeſchrank feſt verſchloſſen, und die in Fett glänzenden Stiefel gemächtich an die Beine gezo⸗ gen hatten, ſchoben die halbſatten Töchter Stock und Huth den gähnenden Vätern, die heute das Mittagsſchläfchen verſäumen mußten, in die Hände, und zogen ihn, trippelnd und ungeduldig, mit ſich fort. 6* 5— 185— Leidvoll und freudvoll wanderten auf dem Markte ſchon viele Schönen Hampelſtadts vor dem Zaubertempel auf und ab; ſie wagten aber nicht, zu fragen, was dieß oder jenes koſte? denn ihre Sparpfennige waren nur gering, und ihre Vä⸗ ter wollten von dem fremden Kerl noch nichts wiſ⸗ ſen. Auch die jetzt heranſchreitenden Familienvä⸗ ter, obſchon von den Töchtern beſchworen und an Hand und Rockſchoos gezogen, wehrten ſich eine geraume Zeit, erfüllt von Ahnungen, zu dem glänzenden Altar der Mode zu treten. „Wollen die Herrſchaften mich nicht in meinem Hauſe beehren?“ rief der Italiener, indem er die Ladenthüre weit aufthat.„Bitte recht ſehr; treten Sie näher. Das Anſchauen iſt frey; ich freue mich ſchon, wenn es Ihren Beifall hat.“ Der Mann ließ nicht nach— die Genöthigten traten ein, und ein ſüßer Schauer befiel das reitzbare Ge⸗ ſchlecht beym Anblick des zierlich geordneten La⸗ dens und dem Einathmen der feinen Gerüche, welche durch Doſen und Kapſeln hindurch drangen. Die Männer fühlten unwillkührlich nach ihren Ta⸗ ſchen, und wußten nicht, wo ſie ihre ſchwerfälli⸗ gen Hüthe hinlegen ſollten, ohne etwas zu beſchä⸗ digen. 3 Der äußerſt billige Preiß der artigen Sachen, — 186— auf Spatziergängen brachte die etwa Zögernden zu gleichem Entſchluß: denn die Ungeſchmückten ſaßen daheim, und weinten bitterlich. Vergebens ſuchten die Großmütter ihre ehr⸗ würdigen ſtark geblümten ſchweren Hochzeitkleider hervor, und drangen, mit ſüſſer Erinnerung, die lang bewahrten dem neuen Zephyrgeſchlechte auf, dem Sohn die baare Ausgabe zu erſparen. umſonſt. Jene ließen ſich nicht beruhigen, und wagten es ſogar, zu ſagen: das Zeug ſey gut zu ſpaniſchen Wänden, aber nicht für Mäd⸗ chenkörper. Die Eltern mußten nachgeben, und ſchafften an. Ein Stück aber zog das andere nach ſich, und der Anhang koſtete oft mehr, als das Kleid ſelbſt. Das kam den Vätern wunder⸗ lich vor; aber es mußte ſo ſeyn, wollte man ſich bey den fremden Ball⸗ und Tanzgäſten nicht lä⸗ cherlich machen, die jetzt das Städtchen ſehr zahl⸗ reich beſuchten, weil, wie ſie ſagten, die Mäd⸗ chen gar nicht mehr ſo albern, ſondern weit klü⸗ ger und intereſſanter wären als ſonſt. So wuchs die weibliche Putzſucht von Monat — — 187— zu Monat, und wurde immer ſchwerer zu befrie⸗ digen. Stets hatte der artige Florenzd etwas Neues, was man noch nie geſehen hatte, ſehr modern und ſogar direct aus Paris, aber auch immer theurer. Die jungen Männer durften nun freylich auch nicht zurück bleiben, wollten ſie nicht Gefahr lau⸗ fen, von den bewunderten Stutzern der Nachbar⸗ ſchaft aus dem Felde geſchlagen, ja, von ihren eignen Bräuten ausgelacht zu werden. Wenige nur, unter ihnen der alte Wasbelieb mit ſeiner Familie, entzogen ſich der ſtrengen Modetyranney Florenzo's, und befanden ſich wohl dabey. Sie wählten nur das Beſſere, und dieſes wurde nur mit dem noch Zweckmäßigern vertauſcht. Daher traf auch der Anzug ſeiner Toͤchter nie oder ſelten mit der neueſten Mode zuſammen, und die armen Mädchen wurden ihrer Einfachheit wegen von den putzſüchtigen Geſpielinnen„die Feldflüchter“ ge⸗ nannt. Doch waren jene, häuslich, gemüthvoll und heiter, in der Folge längſt glückliche Gattin⸗ nen und Mütter, als jene flimmernde Libellen in einem kalten und fruchtloſen Herbſt über des Früh⸗ lings ſchnelles Entweichen noch trauerten und weinten. Wilhelms Geliebte, Charlotte, kam bey die⸗ ſer umgeſtaltung Hampelſtadts in eine Lage, um welche der Mädchenzirkel des Städtchens ſie be⸗ neidete. Des Vaters Zorn über Wasbelieb's Zi⸗ tronentücke, war ſeit jener Zeit um ſo mehr ge⸗ wachſen, als letzterer ſich durch gute Wirthſchaft gehoben hatte. Züngelchen ſann daher auf Alles, womit er ſeinen Tooͤfeind ärgern zu können glaubte; und als er hörte, wie einfach die Familie des letztern ſogar in Geſellſchaften erſcheine, befahl er ſeiner Frau und Tochter, nichts zu verſäumen, wodurch ſie gegen jene abſtechen könnten. Sollte es mir auch Haus und Hof koſten, ſetzte er hin⸗ zu, ſo will ich doch dem Schurken zum Trotz nicht eher ruhen, bis ich mein Lottchen als Ge⸗ heime Räthin in der Hauptſtadt ſehe. Ich, als ohnmaßgeblicher Schwiegerpapa, will dann ſchon dem Tuckmäuſer Eins anhängen. So mußte ſich das Mädchen, oft gar nicht mit ihrem Willen, mit Putz jeder Art überladen, Lächelnd ſagte heute der alte Thor, als ſein Töchterchen nach vierſtündigem mühſamen Anklei⸗ den, endlich glänzend da ſtand: das iſt mir ein⸗ mal ein ander Werk, als drüben bey Wasbelieh's. —-— Mich ſoll nur wundern, ob der Engländer wieder da iſt, der neulich ſo viel mit dir getanzt hat. Ein artiger Kerl, und reich iſt er, natürlich, wie jeder Engländer. Charlotte fühlte ein glühendes Geſicht, denn ſie gedachte des Verſprechens, welches ſie erſt vor Kurzem Wilhelm geleiſtet hatte: ſich nicht mehr ſo überladen heraus zu putzen, und mit dem Engländer nicht ſo wild zu tanzen. Das erſtere war nun leider ſchon nicht erfüllt, aber ſie dachte ſich mit des Vaters Befehl zu entſchuldigen; doch um das zweite ſtand es ſo, daß ſie nur wünſchte, der Engländer möchte nicht da ſeyn. Der Vater traute der Eitelkeit des Mädchens zu, daß Wilhelm als ein einförmiger Butter⸗ vogel von den buntfarbigen Schmetterlingen des Tages weit genug aus ihrem Herzen verdrängt ſey, und ſagte: der Grübelkopf, der Wilhelm, muß ſich doch ärgern, wenn er dich ſo ſieht. Aber du kannſt mirs danken, daß ich ihm das Haus verboten habe, denn der war doch nicht für dich—— ich denke, mein Töchterchen ſoll einen ganz andern Fiſch fangen! So gefährlich ſolche Worte des thörichten Va⸗ ters für das betäubte Mädchenköpfchen auch wer⸗ den mußten: immer ſetzte ſich doch das Herz wie⸗ — 190— der in ſeine Rechte ein, wenn in jenem traulichen Aſyl Wilhelm mit liebendem Blicke fragte: haben wir noch immer keine Hoffnung? wie ſteht es— wird Deine Mutter nicht ein Wort für uns ſpre⸗ chen? Dann fiel eine Reihe von Vorwürfen, die ſie ſich zu machen hatte, die Geängſtigte an; ſie gelobte im Stillen, den Wunſch Wilhelms nun zu erfüllen, und ſuchte ihn, dabey in Thränen ausbrechend, mit einer Kette brennender Küſſe zu, verſöhnen. Wilhelm, dem zwar in dieſem Augenblick nichts anders einfiel, als ihre Küſſe zu erwiedern, und ſie ſelbſt zu beruhigen, wurde doch endlich, und hauptſächlich, wenn er wieder ruhig auf ſei⸗ nem Zimmer ſaß, aufmerkſam auf dieſe Thränen und dieſe heftige Bewegung ſeiner Geliebten. Aber Alles hervorſuchend, was zu ihrer Entſchuldigung dienen konnte, beruhigte er ſich bald wieder, und hoffte auf die Zeit und Gelegenheit einer Ausſöh⸗ nung mit der Familie. 1 Aber Charlotte, von ſonſt nie gekannten Schmeicheleyen verführt, vom thörichten Vater durch Freigebigkeit und Anfeurung zur Gefallſucht auf falſche Bahn geleitet, bewundert von einem Theil der Männerwelt, hatte ſchon die Kraft, ſich zu beſiegen verloren. Im Wahne, daß die⸗ — 191— ſes ihr gar nicht unangenehme Glänzen neben ih⸗ rer aufrichtigen Liebe zu Wilhelm noch lange Zeit zuſammen beſtehen könne, konnte ſie es nicht über ſich gewinnen, dieſen Doppelgenuß zu zerſtören. Dann fürchtete ſie ihres Vaters Zorn, wenn ſie ſeine Pläne vernichte, die ihn beſchäftigten. Das Alles kann die Zeit ändern, ſprach ſie dann zu ſich ſelbſt, und ſuchte gerne dieſe Entſchuldigung hervor, wenn zuweilen ein Vorwurf, daß ſie ge⸗ gen ihren Geliebten nicht aufrichtig handle, ſie peinigte. Die Gefallſucht hatte faſt den Sieg ſchon in den Händen und mit jedem Tag gewann ſie mehr Platz im Herzen und verdrängte die frü⸗ here Liebe.. Dem Balle, zu dem ſie ſich ſo glänzend ge⸗ putzt, daß ſie Aufſehen und alſo auch Neid erregt hatte, folgte der gewöhnliche farbenloſe Tag der Abſpannung. Vorwürfe und Mißmuth begleiteten Charlotten bis zu dem Abend, wo Wilhelm ſie im Garten empfing, und verwandelten ſich in eine bittre Stimmung, als dieſer anfing: Liche, ich nehme gewiß Antheil an Allem, was Dir Freu⸗ de macht, und ſehe es gerne, wenn Du fröhlich biſt. Aber Du kannſt mir meinen heißen Wunſch gewiß nicht verdenken, daß eine Verſöhnung mit Deinem Vater, mit Hülfe Deiner und Deiner Mutter, — 192— bald eingeleitet werde, damit ich mich auch öffent⸗ lich der Deinige nennen könne. Ich bin überzeugt, daß Du alsdann bey Vergnügungen, wie das ge⸗ ſterige, auch mir manches Viertelſtündchen ſchen⸗ ken wirſt, und dieß kleine Opfer wird Dir zugleich als Erholung vom Tanze dienen, die Deiner Geſundheit zugut kommt.— Kleinlaut erwiederte ſie: ich will ja mit mei⸗ ner Mutter darüber ſprechen. Nur möchte ich erſt eine günſtige Stunde abmerken; doch, wenn Du es wünſcheſt— freilich— wenn Du drauf dringſt — ſo will ich's ihr morgen ſagen, wenn auch die Zeit dazu noch nicht ganz gut iſt— Dein Vater wird nicht unverſöhnlich ſeyn— doch mir iſt das Haus verboten, und ich darf ihm nicht zuerſt die Hand bieten, wenn auch mein Herz mich drängt, es zu thun.— Wilhelm! rief ſie, und zog ihre Hand aus der Seinigen— ich weiß, was Du damit ſagen willſt— o ich kenne Deine Sprache— Du willſt ſagen: mein Herz habe weniger Eile, als das Deinige.— Wie ſo? ſagte Wilhelm, den Kopf ſchüttelnd, das hab' ich nicht geſagt und nicht gedacht. 9! fuhr ſie fort, deutlich genug für mich haſt Du es geſagt. Glaubſt Du, daß ich Deine Vor⸗ — 193— Vorwürfe nicht verſtehe. Auch was Du mit der Erholung vom Tanze ſagen wollteſt— ich habe es wohl gemerkt— aber— Wilhelm unterbrach ſie: doch wohl nicht auch etwas Böſes? freylich wollte ich Dir andeuten, deiner Geſundheit zu ſchonen, und Dich bitten, mich bald in ein Verhältniß zu ſetzen, das mir erlaubt, Dir ohne Aufſehen einen Wink geben zu können. Haſt du etwas anders darin geſehen? Gar nichts, lispelte ſie beſchämt und belei⸗ digt, wie könnte ich etwas hören, wenn Du nichts geſagt haſt. Ich verſtehe ja Alles falſch— Charlotte, ſagte er lächelnd, und bot ihr die Hand.. 4 Sie nahm ſie nach einem kurzem Zögern. Ver⸗ zeih mir, ſprach ſie, wenn ich Dich beleidigt ha⸗ be— mein Kopfſchmerz— O könnte ich jeden Schmerz Dir wegküſſen! rief er, faſt zu laut, und ſie legte ihre Hand auf ſeinen Mund. Aber ſage mir, fing ſie kurz darauf an, ich konnte Dich geſtern nicht recht verſtehen, was Du von meinem Anzug auf dem Balle ſagen wollteſt — Du weißt, die alte Förſterin zog mich eben weg.— Wie war es denn? verſetzte Wilhelm— ja, N — 194— ich beſinne mich. Aber von Dir war die Rede nicht. Doch ſag' ich Dirs heute nicht, denn Du nimmſt es doch vielleicht ein wenig übel, und ſiehſt eine Abſicht darinn, die ich freilich auch nicht ganz ableugnen kann— Geh, Du biſt undankbar, nachdem ich Dir die Hand zur Verſöhnung gereicht? Laß es, entgegnete er, Du ärgerſt Dich doch, und das wünſchte ich nicht. Nein, Du ſollſt es mir ſagen, ſey es was es ſey— lieber Wilhelm! ſie legte ihren Arm bittend auf ſeine Schulter.— Der Engländer, fing dieſer an— ſieh wie Du errötheſt, unterbrach er, ſcherzhaft drohend— Verlegen und unwillig trat ſie zurück. Iſt dieß Dein Argwohn? Miihalnn⸗ jetzt begreif ich wohl— Kein Argwohn— Liebe— ich weiß, daß Du mich liebſt. Nur den engliſchen Witz wollte ich Dir erzählen, da Du es doch verlangſt. Dein Tänzer, der Inſulaner, hatte am Schenktiſch ge⸗ äuſſert: die Tochter des Burgemeiſters Klippfuß 22 ſie war ſo übertrieben ausſtaffirt und geputzt— nun— die komme ihm vor, wie die Prachtaus⸗ gabe von einem Kochbuch. Es ſey Schade um — 195— das Velin⸗Papier mit einem⸗ ſolchen proſaiſchen Texte.. Charlotte drehte ſich um und brach in Thrä⸗ nen aus. Wilhelm! rief ſie, mit faſt erſtickter Stimme— Du biſt falſch— recht falſch— lebe wohl! Unaufhaltſam eilte ſie nach dem Hauſe. Wil⸗ helm rief ihr nach. Sie hörte nicht. Er harrte noch eine lange Zeit, und hoffte, daß ſie zu⸗ rückkehren würde, aber umſonſt. Kopfſchüttelnd ſtieg er endlich über die Hecken der Neutralen hinweg, und begab ſich nach Hauſe. 5.. Der alte Züngelchen aber, ihr Vater, ſchob heute Abend ſeine Schlafmütze von einem Ohr⸗ auf das andere, denn er zog die Bilance in ſei⸗ nem Hauptbuche, und es wollte kein erfreuliches Saldo herausſpringen. Hat Hauptmann Lawy die Rechnung bezahlt, die ich ihm heute ſchickte? fragte er ſeine Ehe⸗ genoſſin, die ſchon oft ängſtlich nach dem großen, ſchwarzgeräucherten Buche geſehen hatte, wo ihr ſonſt immer der rothgeſchriebene Ueberſchuß gar tröſtlich entgegen leuchtete. Nein, ſprach ſie, er N 2 — 196— hat gebeten, Dich noch zwei Monate zu gedul⸗ den. Der fängt auch an, ſchuldig zu bleiben, brummte der Uebelgelaunte. Er war ſonſt ſo pünktlich. Was ſoll das werden? Ich brauche jetzt Geld, aber keine Vertröſtungen. Väterchen, ſagte jene, und zog das Gläs⸗ chen aus dem Schreibezeug, worin die rothe Tinte vertrocknet war— Du haſt wohl keine mehr? ich ſehe, Du ſchreibſt alles ſchwarz— Laß das, rief er verdrüßlich und ſtand auf, Eſſen wir bald? Die Hausfrau eilte nach der Küche, dort ſeine Wünſche zu befriedigen; er aber peitſchte den knurrenden Mops, der durchaus ſeinen Platz auf dem Kanapee behaupten wollte, mit der herunter geriſſenen Schlafmütze ſo lange, bis er heulend das Feld räumte, und ſich unter den Ofen verkroch. 6. iebe Minette! tröſtete der Hauptmann Lawy, der ſeit mehrern Jahren in dem Städtchen eine kleine Penſion verzehrte, ſeine junge Gattin: laß ſie ſagen, was ſie wollen. Ich bin in dieſes Städtchen gezogen, um nach Verhältniß meiner Einnahme leben zu können, und nicht, um dem — — 197— Luxus zu fröhnen. Daß dieſer auch hier mit ſei⸗ nem ganzen Gefolge von gehaltloſem Schein, ver⸗ ſteckter Armuth und erbärmlicher Prahlſucht ein⸗ zieht, iſt mir nicht lieb. Guter Odoald, erwiederte Minette, kannſt du wohl über mich klagen? ich ſchränke mich ge⸗ wiß ein. Noch geſtern ſagte die Oberburgemeiſte⸗ rin zu mir: liebe Frau Hauptmännin, mit dem Florenzo iſt uns wahrhaftig ein neues Leben auf⸗ gegangen. Sie ſollten nur ſehen, welch' einen Schatz von Waaren er wieder erhalten hat— äu⸗ berſt geſchmackvoll, ich verſichere Ihnen. Gehen Sie ja bey Zeiten hin, daß nicht das Beſte weg⸗ geht. Ich antwortete ihr aber, daß ich Dich hier⸗ mit nicht beläſtigen würde, denn Du wärſt gar nicht dafür, alle und jede Moden mitzumachen. Da haſt Du vernünftig geſprochen, liebe Mi⸗ nette! ſagte dieſer.— Es iſt wahr, wer es nicht ſähe, würde es ſchwerlich glauben, daß in wenig Jahren die Thorheit unfre liebe Stadt ſo unter ihren Zepter gebracht hat. Es iſt doch gewiß lächerlich, von Putz und Klei⸗ dern mit einer Wichtigkeit zu ſprechen, als ſey von Staatsreformen die Rede. Das muß ſeyn, rufen die Töchter, wenn etwas Neues angekom⸗ men iſt, und keiner Mutter fällt es ein, zu ant⸗ — 108— worten: das muß nicht ſeyn, wenn ich das Geld nicht dazu habe. Minette ſah auf ihr Strickzeug nieder. Lawy, ſagte ſie, willſt du deinen Tobacksbeutel gefüttert haben? er iſt fertig. Das Opferfeuer auf dem Altar iſt mir nur nicht ganz nach Wunſch ausge⸗ fallen, die Perlen waren zu matt. Laß uns, ſagte Odoald, und küßte ſie, laß uns dafür das Feuer auf dem Altar unſrer Liebe deſto lebhafter unterhalten. Ich danke Dir herz⸗ lich für die viele Mühe, die Du Dir damit ge⸗ geben, aber laß' es, ich bitte Dich darum, die letzte Arbeit dieſer Art ſeyn, damit ich noch lange mir das Vergnügen machen kann, in deine hel⸗ len Augen zu ſehen. Ich kann ſagen, daß mir dieſe ſchädliche Spielerey, wie ſie von den mehr⸗ ſten deines Geſchlechts getrieben wird, ſehr miß⸗ fällt. Wenn es ſo fort geht, müßt ihr am Ende Alle Augenſchirme oder grüne Brillen tragen. Du übertreibſt wohl, fiel Minette ein: ich merke doch an meinen Augen noch nichts. Nun, wenn es auch nicht ganz ſo ſchlimm wird, als ich ſagte, ſo wirſt Du doch nicht leug⸗ nen, daß dieſes angeſtrengte Hinſehen auf die winzigen Perlchen, dieſes Zuſammenbeugen des ganzen Körpers Euch am Ende das Anſehn ver⸗ —,— — 199— weinter Büßenden geben muß, wenn ihr auch von der Buße noch weit entfernt ſeyd. Du magſt recht haben, ſagte Minette, die tägliche Arbeit daraus zu machen, muß ſchädlich ſeyn, und das thue ich auch nicht, aus Liebe zu Dir und meinen eignen Augen. Was aber die Buße betrifft, von der wir noch ſo weit entfernt ſind, geſtehe ich dir, daß du wieder recht haſt. Wir ſind wirklich noch rechte Weltkin⸗ der, und ſelbſt deine eigne Frau hat ſo ein klei⸗ nes Anliegen. 4 Das wäre? fragte der Hauptmann. Sieh, fuhr jene fort, wir müſſen des An⸗ ſtands wegen den Theezirkel, da es doch jetzt hier ſo Mode iſt, auch einmal halten, weil ich doch auch immer dazu eingeladen werde. Nun— da meynte ich— unſre alte kupferne Theemaſchine hat ein ſo herzlich ſchlechtes Anſehen— und der Kohlendampf iſt wirklich unerträglich Nun— wir leben, Gott ſey Dank! alle noch, rief Odoald und lachte. Kopfſchmerzen verurſacht es, das ſagt jeder⸗ mann, fuhr Minette fort. Nun ſieh! da hat der Florenzo ganz vortreffliche neue Theemaſchinen bekommen. Wirklich recht geſchmackvoll, das iſt zugleich ein ſchönes Meuble. ———— — 200— Eine freundliche Wirthin iſt das ſchönſte— fiel Odoald ein. 8 Nun— die gehört auch mit dazu. Aber, was meynſt Du? er will vier Carolins dafür ha⸗ ben. Die Oberburgemeiſterin hat ſchon eine ge⸗ kauft für fünfe. 4 Odoald ſtand auf und pfiff einen Walzer. Das wäre mir! ſprach er darauf, vier Carolins auszugeben, um Einmal des Jahrs warmes Waſ⸗ fer bereiten zu können. Ich müßte mich ſchämen, weil ich das Geld nicht dazu habe, und leider das erſtemal meine Wagrenrechnung bey Züngel⸗ chen nicht habe berichtigen können. Minette ſchwieg und ſetzte ſich, die Hand auf den Kopf geſtützt, an das Fenſter. Es wäre wohl überhaupt beſſer, ſagte ſie nach einiger Zeit, da Odoald das Geſpräch nicht fortſetzte, ich zöge mich ganz von dieſen Geſell⸗ ſchaften zurück. Das wird dir wehe thun, meynte Odoald, und— ſetzte er hinzu: ich wüßte nicht warum. Ich kann mich aber doch nicht lächerlich machen! ſagte ſie, etwas verdrießlich, mit dem alten ku⸗ pfernen Keſſel von der Großmutter—— Laß Du nur das Waſſer gut kochen, erwie⸗ — 201— derte jener, ſo wird dein Thee ſo gut ſeyn, als bey der Frau Oberburgemeiſterin— Du willſt mich mit einem Scherz heimſchicken, fing Minette wieder an— aber höre:— wenn ich die Maſchine recht, recht wohlfeil erhandele? Auch dann nicht, ſagte Odoald; für mich, in meiner beſchränkten Lage iſt es eine unnütze Ausgabe, wenn ich auch das Schöne recht gerne ſehe— Wenn ich mir ſie aber durch meiner Hände Arbeit verdiene, erlaubſt Du mir es dann, Lawy? Minette! ſagte jener etwas ernſt: das Wort „Erlauben,“ geht Dir nicht ganz von Herzen. Doch— da Dir ſo viel daran liegt, ſo ſey es! willſt Du Dir die Freude durch deiner Hände Arbeit verſchaffen, immerhin! nur daß Deine Ge⸗ ſundheit nicht darunter leide— und—— noch fürchte ich, das Neue zieht noch mehr Neues nach ſich. Minette ſah wohl ein, daß dieſe Prophezeihung richtig ſey, doch ſie hoffte auch dieß noch mit ih⸗ ren kunſtfertigen Händen zu gewinnen. Sie ſchwieg, und es wurde nicht weiter davon geſprochen. ſeine Ueberredungskunſt der Florenzo'ſchen Mode⸗ tyranney den Weg gebahnt hatte, erfreute ſich nicht allein der bewunderten Stobwaſſerſchen Doſe, deren Lack die Themis gar vortrefflich heraushob, ſondern genoß auch noch manches Frühſtückchen bey dem dankbaren Florenzo, wo dann beide Theile ihre Talente näher kennen lernten. Sie ſahen bald ein, daß ſie dazu gebohren wären, die ro⸗ hen Hampelſtädter von einer Stufe der Cultur zur andern zu führen, und, den Profit ungerechnet, ihre Namen dabey ſo berühmt zu machen, daß wenigſtens eine Quergaſſe der Stadt nach ihnen benannt werden müſſe. Da Fingerling es durch allerley Pfiffe dahin gebracht hatte, daß der Bur⸗ gemeiſter Streichbart, ſein Gönner, zum regie⸗ renden Oberburgemeiſter war gewählt worden; ſo hatten ſie leichte Mühe, ihre Ideen auszuführen, die ihnen theils übermüthige Laune, theils Specu⸗ lationsgeiſt eingab. Denn Streichbart war der Mann, mit dem ſich ſo etwas anfangen ließ; und ſo hielten ſie nun wöchentlich eine Zuſammenkunft, um das alte, mitunter noch blinde Hampelſtadt zu reformiren, wobey des vielen Sprechens we⸗ gen, die Kehlen fleißig benetzt wurden. Die übri⸗ Der Stadtſchreiber Fingerling, welcher durch —————:— — 203— gen des Raths wurden dann gelegentlich mit hin⸗ zugezogen, und gaben nickend bey der letzten Flaſche ihr Votum zu erkennen. Die erſte, unter vielen Widerſprüchen durchge⸗ geführte Idee des Kleeblatts, welche Florenzo zum Urheber hatte, war: die bis jetzt beſtehende dürftige Beleuchtung der Straßen— nicht zu ver⸗ beſſern— ſondern ganz aufzuheben. Denn,(ſo raiſonirte der Italiener), um Alles zu erleuchten, müſſe ein Fond da ſeyn, der nicht vorauszuſetzen ſey. Dieſe ſchlechte Beleuchtung aber, wo man alle tauſend Schritt Eine Laterne antreffe, und von ihr geblendet, ſich an der nächſten dunkeln Stra⸗ benecke deſto gewiſſer das Naſenbein zerſtoße, ſey offenbar mehr ſchädlich als nützlich. Hingen keine Laternen auf der Straße, ſo verließ ſich auch Niemand darauf, und nähme ſeine eigne mit, wenn er ausgehe.— Das Ding läßt ſich wohl hören, ſagte der Stadtſchreiber; aber wie iſts mit den Beinbrüchen und dergleichen?— Ey, erwiederte Florenzo, wer ein Bein bricht, iſt ſelbſt Schuld daran, warum bleibt er nicht zu Hauſe und erwartet geduldig den Vollmond. Doch hören Sie weiter: um den Laternputzer nicht außer Brod zu ſetzen, der uns leicht die Stadt & 8„ wir uns nicht nachſagen laſſen. Ich ſchlage vor: — 204— aufwiegeln könnte, verwilligen wir demſelben das Oel von zwey Lampen als eine jährliche Zulage, wofür er ſich verpflichten muß, vor der Behauſung des Herrn Oberburgemeiſters zu Schutz und Trutz eine ſogenannte eiſerne Schildwacht abzugeben, wie man ſie in vielen kleinen Städten an den Thoren antrifft. Das iſt eine ſchöne Verſorgung, rief aber⸗ mals der naſeweiſe Fingerling; aber Streichbart, der den Grenadier ſchon vor ſeinem Hauſe auf⸗ und abſpatzieren ſah, rief: halt Er ſein Maul! das verſteht Er nicht! Drauf wandt er ſich zu Flo⸗ renzo und fragte: aber wie war das? eine eiſerne Schildwacht? Die nie abgelößt wird, antwortete Florenzo. Eſſen und Trinken bringt ihm ſeine Frau auf den Poſten, und ſchlafen lernt er zuletzt im Gehen ſo gut wie im Liegen.— Das iſt aber noch nicht Alles. Hören Sie noch mehr: ich weiß nicht, wer neulich in der Zeitung behauptete, es würde in Deutſchland für das Andenken berühm⸗ ter Männer viel zu wenig gethan, das wollen aus dem Erlös der nun unnöthig werdenden La⸗ ternen und des Oels einen Obelisk oder ſo etwas auf dem Marktplatz aufzurichten, und die Bild⸗ —— — 205— niſſe berühmter Deutſchen, das heißt aber: ledig⸗ lich aus hieſiger Stadt,(denn was kümmern uns andere Deutſche?) daran zu hängen. Den Herrn Oberburgemeiſter ſeh' ich ſchon in Gedanken daran, als Reformator von Hampelſtadt. Der Stadtſchreiber verzerrte ſein Geſicht zum Lachen, aber er ſtrich es mit der Hand wieder glatt, und ſagte: Bravo! der Anfang iſt gut! Die Straßenverdunkelung ging durch, unter mancherley Proteſtationen; Poſtillione und Dienſt⸗ bothen fluchten zwar ſchrecklich über die neue Ein⸗ richtung, aber mancher Schelm fand doch ſeine Rechnung dabey, der ſeine Nahrung im Finſtern ſuchen mußte, und lobte die Weisheit der Stadt⸗ vorſteher. Es iſt billig, fing bey der nächſten Verſammlung des Kleeblatts der Stadtſchreiber an vorzutragen, ja, was noch mehr iſt, es iſt politiſch, daß die Stadt für den Verluſt ihrer Beleuchtung durch etwas anders entſchädigt werde; denn ich verneh⸗ me, hochverehrter Herr Burgemeiſter, daß gar ge⸗ wältig darüber raiſonirt wird. Es wird darum nöthig ſeyn, die Aufmerkſamkeit der Bürger auf erwas Neues zu lenken, damit das Alte vergeſ⸗ ſen werde. Hier iſt mein Vorſchlag: wie wäre es, wenn wir ein Volks⸗Kaffeehaus anlegten? „ dabey iſt doch ein Vergnügen abzuſehen, und das iſt es, was die Leute jetzt wollen. Um die gute Laune aber ordentlich zu bannen, und dieſem Kaf⸗ feehaus noch ein beſondres Intreſſe zu geben, muß ſich darinn ein gemeinnütziger Barometer befinden, der allenfalls unter unſrer beſondern Aufſicht ſte⸗ hen, oder vielmehr hängen kann. Wie ſo? das verſteh' ich einmal wieder nicht, ſagte der Burgemeiſter. Der Herr Burgemeiſter, fuhr Fingerling fort, werden ſelbſt bemerkt haben, wie es faſt an je⸗ dem Morgen die erſte Frage, das erſte Geſpräch eines Jeden iſt: heute iſt ſchön Wetter; werden wir wohl das Wetter behalten? hat's dieſe Nacht ſtark gethaut? wie iſt wohl die Sonne aufgegan⸗ gen? und dergleichen Fragen mehr. Hat nun gar einer ein Dutzend Krautköpfe auf dem Felde ſte⸗ hen, ſo nimmt das Fragen den ganzen Tag kein Ende, und ein Wetterprophet belügt den andern, ohne daß dem Glauben Abbruch geſchieht. Wenn aber nun auf unſerm Kaffeehaus ein tüchtiger Ba⸗ vometer hängt, der als allein gültig erklärt iſt, und gewiſſermaßen das Wetter⸗Monopol hat, ſo wird ein jeder ſich da gerne Raths erholen, und dabey ſich auch nicht lumpen laſſen, ſondern ein — 207— Gläschen Roſoli di popold, den Herr Florenzo ganz vortrefflich bereitet, zu ſich nehmen. Hierbey ſah er den letztern lächelnd an, die⸗ ſer nickte freundlich und holte zur Probe ein Fläſchchen. Ganz vortrefflich! rief der Oberburgemeiſter, als er gekoſtet hatte: man ſollte gar nicht glau⸗ ben, daß ſo etwas könne präparirt werden. Aber was heißt das: Roſoli? Florenzo erklärte: Ros ſoli— Sonneuthau, ein überaus zarter Spiritus, mit ſo viel wohlſchmeckenden Ingredienzen verſe⸗ hen, daß ein Jeder gewiß etwas darinn findet, was ihm angenehm iſt; di popolo, iſt blos hin⸗ zugeſetzt, um meine außerordentliche Aufmerkſam⸗ keit fürs Volk auszudrücken; denn ich bin ein Fremder, und muß mich alſo beliebt zu machen ſuchen, wo ſich Gelegenheit findet. Ihr Herren braucht das nicht zu thun, ihr ſeyd hier geboh⸗ ren und habt ſchon feſten Fuß.— Nun, wie war es aber mit der Aufſicht? fragte er den Stadtſchreiber. Fingerling verſetzte: warum ſoll man nicht fröhliche Geſichter ſchaffen, wie man nur kann? Das Volk hier hängt nun einmal vom Wetter ab, und iſt nur vergnügt, wenn Regen, Sonne, Wind und Schnee ſich nach Wunſch einſtellen. Wir — 208— rücken daher die Scale am Barometer herauf und herunter, wie es der ökonomiſche Kalender, oder die Zeit eben braucht, und gewiß wird der Zulauf in unſerm Kaffeehaus nicht gering ſeyn, denn jedermann läßt ſich gerne das Beſte prophe⸗ zeihen.. Aber, ſagte Florenzo, beſter Freund! wenn es nun draußen regnet, und drinnen wird Son⸗ nenſchein verſprochen? wie da? Hat nichts zu ſagen, meynte jener; der Glaube kommt mit der Zeit. Wie iſt es denn mit dem Kalenderpropheten? freut man ſich denn nicht über den klugen Mann, wenn der vor drey Wochen angezeigte Regen endlich in der vierten richtig einfältt. Die Leute gewöhnen ſich wohl daran, nicht Alles gerade auf den Tag haben zu wollen— und dann iſt ſchon viel gewonnen. Herr College, ſagte Florenzo, vor acht Tagen lachten Sie; erlauben Sie heute wohl, daß ich auch ein wenig mein Geſicht verziehe?. Was iſt da zu lachen! rief der Oberburgemeiſter, ich werde der getreuen Bürgerſchaft anſagen laſ⸗ ſen, daß ſie ſich in Allem nur immer auf uns, ihre Vorſteher, verlaſſen ſolle, und ſich an ſonſt nichts kehren. In der nächſten Rathsverſammlung wurde dieſer — 209— dieſer Vorfölag genehmigt und Alles ſo ausge⸗ führt, wie hier beſprochen. Der Stadtſchreiber ſetzte ſich Ley der drilten Conferenz ſchon wieder auf dem Stuhle zurecht— Habt Ihr wieder etwas ausgeheckt? fragte Florenzo. 4 Dießmal, antwortete Fingerling„ iſt es zwar nichts Neues, aber doch was Gutes— was Herrliches! dabey ſchmunzelt' er gewaltig, und rieh ſich die Hände. Nun, ſo rückt hervor! riefen beide. Es iſt— es iſt— eine Verſorgungsanſtalt für junge Mädchen, die, ſo zu ſagen, unter die Haube kommen möchten, vhns ſich ſehr zu geniren vorher. Poſſen! ſagte Steridbrt, wer ſoll ſich damit befaſſen? da legen wir wenig Ehre ein. Wenns ja ſeyn ſollte, meynte Florenzo, ſo wäre noch eh'r zu rathen, jährlich eine große Verlooſung anzuſtellen; ſo würden wir den Vor⸗ rath auf Einmal los„ und brauchten nicht Jahre lang damit zu halten. Das iſt aber auch wieder nichts Neues in Deutſchland. Wir haben ja neu⸗ lich geleſen von den lieben Schweſtern, deren je⸗ der es einen lieben Bruder getragen hat. Aber ich denke, wir überlaſſen das vor der Hand noch 8 — 210— unſern Weibern, die ſchon dafür ſorgen werden— für die Kaſſe ſeh ich auch keinen Nutzen dabey. Er meinte nämlich für ſeine; denn, wenn alle die Mädchen bald Hausmütter würden, möchte ihm mancher Gewinnſt entgehen— der ihm jetzt wegen der Sucht, zu erobern und zu gefallen, ſo ſicher war. Nein, nein! das iſt auch nichts, rief Streich⸗ bart. Laßt uns lieber etwas erdenken, was uns weit und breit ſo recht berühmt macht— ich möchte gerne ſo einen Orden verdienen. Meine Frau meint, das ziere gar gewaltig und mache ganz verteufelten Eindruck bey der Bürgerſchaft. Da hat die werthe Frau Gemahlin ganz recht, ſagte Florenzo. Nun, das wird auch Fommen. Ehe Ihr's Euch verſeht, hängt er im Knopfloch— und kein Menſch erräth, wie er da⸗ hin gekommen iſt. Das iſt eben der Hauptſpas. Der Bürgemeiſter lächelte wohlgefällig. Ja, ja, das wär' artig; wie ſich die Leute die Köpfe zerbrechen würden, wenn ich ſo auf Einmal— Stadtſchreiber— Er kann einſtweilen ſo hie und da ein Wort fallen laſſen: es munkelte von Aller⸗ höchſter Gnade— unſre neuen Einrichtungen— Er verſteht mich— ſchon das Munkeln macht Reſpect. Wie der Herr Oberburgemeiſter befehlen! Es — 211— ſoll noch heute gehörig unter die Leute kom⸗ men, und ich werde mir allenfalls diejenigen be⸗ merken, die daran zweifeln. Man lernt da die Gutgeſinnten kennen. 3 Thu Er das, Stadtſchreiber; ich ſeh', Er iſt ein geſcheuter Kerl. Wenn Er es dahin bringt, daß ſie's Alle glauben, will ich Ihn zum Geheimen Stadtſchreiber machen.— Fingerling dankte und meinte, wenn vielleicht eine Zulage— er könne nicht mehr auskommen—— Davon ein andermal, ſagte Streichbart. Unſre Caſſen ſind jetzt leer. Baare Zulage kann ich Ihm nicht verſprechen. Richt Er ſich ein, ſo ſchlecht wie's geht. Seinem Titel wollen wir al⸗ lenfalls noch Eins anhängen. Wähl' Er ſich ſelbſt ein hübſches langes Wort— ich will es in der nächſten Raths⸗Seſſion vortragen.— Aber jetzt Florenzo, ſchenkt einmal ein, ich habe nicht ge⸗ glaubt, daß das Sprechen ſo anſtrengt. Unter mancherley Vorſchlägen, welche ausge⸗ führt wurden, oft zum Aerger der Vernünftigern, war die Stadtverſchönerung noch bemerkenswerth. Das Kleeblatt beredete einen großen Theil der in der Hauptſtraße Wohnenden, um derſelben wenig⸗ ſtens äußerlich ein großes Anſehen zu geben, ih⸗ ren alten fenſterreichen Häuſern Fagaden im ho⸗ O 2 — 2412— hen Styl zu geben. Ein Tüncher übernahm die ganze Arbeit, und bearbeitete nach einem vorge⸗ ſchriebenen Muſter ſämmtliche Häuſer, nagelte die überflüſſigen Fenſter zu, und verurſachte dadurch Streit und Proceß zwiſchen den Miethleuten und den Hausbeſitzeru. Denn erſtere hatten helle Quartire gemiethet, und manche von ihnen muß⸗ ten jetzt am hellen Tage Licht brennen. Aber wenn ſie draußen ſtanden, auf dey Straße, freu⸗ ten ſie ſich doch, in ſo ſchönen Häuſern zu woh⸗ nen, und gedachten der Unbequemlichkeit nicht. Fremde beſchauten voll Verwunderung die gemalte Colonade, auf welcher die alten hohen Spitzendaä- cher hingen, wie Grenadiermützen auf angeſtriche⸗ nen Palliſaden. Aber die Stadt war, wie der Herr Ober⸗ burgemeiſter ſchon bemerkt, in Schulden gerathen, das National⸗Kaffeehaus haͤtte Geld gekoſtet: man mußte darauf ſinnen, der erſchöpften Kaſſe zu hel⸗ fen. Da ſagte Florenzo bey der nächſten Ver⸗ ſammlung, als dieß zur Sprache kam: wollte Gott, es wäre alles ſo leicht, wie das Geld— ſchaffen, ſo lange es nur noch Leute giebt, die welches haben. Was uns zum Beyſpiel ſogleich eine Einnahme verſchaffen ſoll, iſt Folgendes: wir ſetzen Zweifel in die Richtigkeit der Vor⸗ und — 213— Zunamen der Bürger, und fordern ſie auf, ge⸗ gen Erlegung einer Summe, Namenskarten bey uns zu holen, damit bey den vielen Verunſtal⸗ tungen der Namen, welches Uebel in dieſer Stadt ſehr herrſcht, doch wenigſtens ein Jeder er⸗ fahren könne, wie er heißt. Wer einen ſolchen Schein nicht löſen kann oder will, der muß ſich gefallen laſſen, kurz und lang geheißen zu wer⸗ den, wie es Jedem eben einfällt. Ich habe mich bereits genau erkundigt. Der Kaufmann Peter⸗ mann heißt Lumpenpeter, weil ſein Großvater ein Papiermüller war; der abgedankte Stadtwacht⸗ meiſter Lederer, weil ihn einmal eine Heerde Schaafe über den Haufen gerennt, heißt überall Schaafleder, ſogar unſer Prediger Schlägel heißt Paukenſchlägel, weil er vor alten Zeiten einmal die Pauke geſchlagen haben ſoll. Iſts nicht ſo, Herr Stadtſchreiber? Ganz die Wahrheit, erwiederte dieſer. Man⸗ che Namen kennt man gar nicht mehr; der Orga⸗ niſt Balhorn heißt Jodelfritz, der Pachter Kron⸗ piper heißt Hünerpips— warum? weiß ich ſelbſt nicht, aber wenn man ſie anders nennt, ſo kennt ſie Niemand. 3 Nun gut, ſagte der Oberbürgemeiſter; wir wollen ſogleich die Namenrenovation ins Werk — 214— ſetzen. Es geſchah— und die Bürger freuten ſich ſehr über die beſondere Aufmerkſamkeit auf ihren Stammbaum.. 8. Im Hauſe des Hauptmann Lawy wurde heute der längſt beſprochene Theezirkel abgehalten. Da das Noth⸗ und Hülfsbüchlein für Anfänger des guten Tons, welches Florenzo herausgeben wollte, noch nicht erſchienen war, ſo ahndete der größte Theil des Zirkels auch noch nicht, daß es höchſt unſchicklich ſey, jeden Kaffeelöffel zu bewundern, oder etwa gar zu fragen, was er koſte; und die arme Minette wurde mit der ſtets wiederholten Frage: ey, meine Liebe, die ſchöne Theemaſchine, was mag Ihnen die gekoſtet haben— zwölflö⸗ thig die ſchönen Löffelchen; ſehen Sie einmal an — ſehr geängſtigt. Sie ſaß auf Kohlen, ärger cils der verwieſene Theekeſſel der Großmutter, und glaubte jeden Augenblick, es werde nun auch die Frage kommen, wo ſie das Geld dazu hergenommen? Zum Glück gab die Oberburgemeiſterin dem Geſpräche eine andere Wendung, indem ſie von der Errichtung eines für Damen eingerichteten Re⸗ ſtaurationshauſes auf dem Gänſemarkt ſprach, — 215— welches zugleich eine Bildungsanſtalt werden ſollte, indem man einige gute Statüen und Gemählde von berühmten Meiſtern darinne aufſtellen wollte. Die jungen, mit ſolchen Dingen noch ganz unbe⸗ kannten Hampelſtädter Schönen, ſollten ſodann inſtruirt werden, wie ſie ſich bey dergleichen Kunſt⸗ werken zu benehmen, und, wenn ſie bemerkt würden, etwa auszurufen hätten. Herr Florenzo wollte das Nöthige hierzu liefern, ſobald die Subſcription zu Stande komme. Minette fühlte heute Abend eine ſeltſame Un⸗ ruhe, die ihr das Geſchäft als Wirthih höchſt mühſam und unbehaglich machte. Ihre Freundin Luiſe ſagte mehrmals zu ihr: Du zitterſt ja— was fehlt Dir? trinke keinen Thee mehr, er greift Dich zu ſtark an. Minette überredete ſich, daß es vielleicht die Urſache ſey— und trank ein Glas Waſſer. Auch ſuchte ſie ſich in lebhafte Ge⸗ ſpräche zu verwickeln, und vergaß auch wirklich nach und nach ihre beängſtigende Stimmung. Auf Einmal, es war Abends gegen acht Uhr, zog ein ſonderbares Aechzen und Jammern, und ein haſtiges Suchen und Tappen an der Stuben⸗ thüre, die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf ſich. Minette wurde blaß, öffnete aber die Thüre, um zu ſehen, wer es ſey. Ein heller Schrey des — 216— Entſetzens entfuhr jetzt dem aufſpringenden Thee⸗ zirkel, und Minette flog bebend in ihren Kreis, als eine, mit Lumpen nothdürftig behangene weib⸗ liche Geſtalt, mit herunter hängenden ſchwarzen Haaren und wild rollenden Augen in das Zimmer eilte, und beym Anblick des Lichts und der Ge⸗ ſellſchaft das Geſicht in die Hände verbergend, in kurzen Abſätzen wimmerte: Wort gehalten wird in jenen Räumen— hu hu, mich frierts!— Ma⸗ dame was wollen Sie? wir haben ſämmtlich Wei⸗ ber. Im Winter frierts gar ſehr und ſchneyt, acht Wochen währt die Traurigkeit. Dann iſts vorbey. Jetzt that ſie die Hände vom Geſicht, zerrte an den wenigen Kleidungsſtücken, die der Schamhaf⸗ tigkeit nicht genügten, und rief lachend: Bombaſ⸗ ſin und Leinewand— pfui, da denkt mein Mann ganz anders. Mein Schatz darf bey mir ſitzen auf ſeidnen Stühlen, da kommt mein Mann und lacht. Was wird er ſagen— geſchwind den Schloſſer her, der Schlüſſel iſt verdreht. Ach! ach! mein Siegismund! Jetzt ſank ſie am Stuhle nieder und jammerte: Bauer, mehr Stroh! mehr Stroh! ich komme ja um! Die Geſellſchaft hatte ſich in einem Winkel zuſam⸗ mengedrängt, Minette aber die Magd und den Haus⸗ wirth herbeygerufen, welche jetzt, und mit ihnen zu⸗ ———— — 217— gleich zwey Fremde, erſchienen. Einer davon war ein ganz wohl gekleideter Mann, ſchien aber ein Trinker zu ſeyn. Der andere war ein Bauer. Wollens nicht für übel nehmen, ſagte der erſte, das Weibsſtück iſt mir da fortgeſprungen. Sie ſchlief feſt auf dem Wagen; da wollte ich nur mit dem Fuhrmann da einmal trinken— das helle Werk da oben mag ſie gelockt haben, daß ſie der Kuckuck darauf geführt. Warten's aber, wollen ſie bald wegbringen.— Die Unglückliche war ganz ſtill geworden, und zerrte nur noch an den Klei⸗ derreſten, die ſie ſelbſt zerriſſen zu haben ſchien. Als die beiden Männer ſie aber anfaßten und fort⸗ führten, ſchrie ſie wieder: nur geſchwind, ge⸗ ſchwind, geſchwind, gebt mir ihn! was? eine ſchöne Sünderin? o ihr ſchwarzen, ſchwarzen Sünder! Die Geſellſchaft, nachdem ſie ſich nach Ab⸗ führung der Bedauernswerthen wieder etwas er⸗ holt hatte, theilte ſich nun die gehabten Empfin⸗ dungen einander mit. Die mehrſten kamen darinn überein,„daß ſie ſelbſt nicht wüßten, wie ihnen geweſen wäre, noch weniger, was ſie davon hal⸗ ten ſollten. Doch fehlte es auch nicht an Muth⸗ maßungen, die man, zur Wahrheit zu erheben, ſich große Mühe gab; denn Ungewißheit iſt für ei⸗ nen ſolchen Zirkel eine egyptiſche Plage, und — 218— gern findet die Lüge gefällige Zuhörer. Minette, die der Unglücklichen gefolgt war, trat jetzt wie⸗ der herein, noch ganz zerſtört, und gab der Ge⸗ ſellſchaft ihr Bedauern zu erkennen, daß ſie in ihrem Hauſe ſo etwas erlebt habe. Man fragte, ob ſie ſich näher erkundigt? ſie wußte aber weiter keinen Aufſchluß zu geben, als: daß die Unglück⸗ glückliche acht Meilen von hier ſey, und nach dem noch zwölf Meilen entfernten Irrenhaus in der Hauptſtadt abgeführt, dieſen Abend aber ſelbſt noch zwey Stunden weit transportirt werde. Sie ſey die Frau eines Rentbeamten, welcher eine Kaſſe beſtohlen habe. Weiter habe der Führer nichts geſagt. Es wurde noch eine Weile dieſes Ereigniß be⸗ ſprochen. Aber der Drang, es weiter zu verbrei⸗ ten, machte, daß die Geſellſchaft heute eine Stunde früher, als ſonſt, aufbrach, und nur eine Freundin, die ſchon genannte Luiſe, blieb bey Minetten, deren Beklemmung durch dieſen Zufall ſich noch ſehr vermehrt hatte, und deren erhitzte Phantaſie ſich mannichfaltige Bilder wob, die zu zerſtreuen Luiſe bemüht war. Bald erſchien auch Odoald, und ſein ſeit Kur⸗ zem in gleichen Geſinnungen gefundener Freund, Wilhelm, welchen das Gerücht dieſer Begebenheit — 219— ſchon zu Ohren gekommen war. Minette umfaßte ihren Gatten ſo feſt und heftig, als wolle ſie ſeine männliche Ruhe in ihre heftig bewegte Seele herüberleiten, während Luiſe erzählte, und die Männer über die Sache ganz ruhig und forſchend nach der möglichen Urſache, ſich ausſprachen. Sie wollten aus den zerſtreuten Worten der Wahn⸗ ſinnigen ihr Schickſal zuſammenſetzen, und be⸗ dauerten nur, nicht dabey geweſen zu ſeyn, um die Worte vollſtändig zu haben, woraus ſich die Biographie deduciren laſſe. Was gilts, ſagte Odoald, es iſt eine verführte Frau, die mit ih⸗ rem Liebhaber das Unglück ihres Mannes herbei⸗ geführt, vielleicht gar dem guten Rentbeamten über die Kaſſe gegangen iſt. Der Schlüſſel und der Schloſſer wollen mir ſo etwas andeuten. Was machen wir aus den ſchwarzen Sündern? ſagte Wilhelm; ſollte ſie ein Opfer der Lüſte ſei⸗ ner Vorgeſetzten ſeyn? War ſie ſchön? fragte Odoald guiſen. Die Züge des Wahnſinns abgerechnet, ja, erwiederte dieſe; ſie ſchien etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommt wieder! rief Minette emporfah⸗ rend, und hielt ſich an Odoald. Es hat Dich ſehr erſchüttert, liebe Minette, ſagte dieſer; beruhige Dich doch nur einmal⸗ —— — 220— Ihre Frau, ſagte Luiſe, war ſchon den gan⸗ zen Abend heftig bewegt, es iſt kein Wunder. Wilhelm ſchlug vor, eine Promenade im Freien zu machen. Es iſt Mondſchein, laſſen Sie uns, ſagte er, ein paarmal die Straßen durch gehen, ſo verliert ſich dieſe Reitzbarkeit, woran die dicke Luft hier im Zimmer großen Antheil hat. Man hörte Tritte auf dem Vorſaal, und ein Flü⸗ ſtern, als traue man ſich nicht, hereinzukommen. Odoald brummte:„wer kommt da noch? die Neugierde, die nicht ſchlafen kann, bis ſie Alles haarkkein weiß!“ er öffnete die Thüre. Sind Sie der Herr Hauptmann Lawy? fragte die eintretende Gerichtsperſon, und auf dem Vor⸗ ſaal ſah man mehrere Bewaffnete. Zu dienen, ja! antwortete Odoald gelaſſen; was wird begehrt? Wir haben, ſagte jener, Befehl, Sie zu ar⸗ retiren. Sie werden verzeihen, daß es bey Abend geſchieht; zu Ihrem eignen Beſten wünſchen wir das Aufſehen zu vermeiden. Minette lag in Luiſens Armen, die ſelbſt ſtarr vor Schrecken auf den Stuhl geſunken war; Wil⸗ helm tröſtete beide, indem er ihnen zurief: es iſt gewiß ein Verſehen, ängſtigen Sie ſich nicht. Odoald behielt ganz ſeine Faſſung und ant⸗ — 221— wortete der gleichgültig lächelnden Polizeymaſchine: was mein Freund da ſagt, glaube ich, wird die Wahrheit ſeyn. Ich heiße Odoald Lawy, und weiß von keinem Verbrechen, das mich zum Arre⸗ ſtanten machen könnte. 3 und doch iſt hier meine ſehriftliche Ordre, ſag⸗ te jener, und zeigte ein Blatt vor. Der Hauptmann las:„Odoald Lawy, penſio⸗ nirter Hauptmann, zu Hampelſtadt wohnend, we⸗ gen in Druck gegebener Schriften.“ Ha, ha, ha! rief er, wenn dieß die Urſache ſeyn ſoll, da iſt mir das Verſehen klar. Es iſt mir nie eingefal⸗ len, etwas in den Druck zu geben. Ich, ich— deinen Oskar und Klara! ſchrie Minette in Verzweiflung auf, und fiel, auf Odo⸗ ald zueilend, ohnmächtig vor ihm nieder. 9. Am andern Morgen durchlief das Gerücht die Stadt:„Der Hauptmann Lawy iſt bey Nacht und Nebel abgeholt worden, weil er ein verrücktes Mädchen gegen einen Verführer von hohem Rang hat in Schutz nehmen wollen. Er wird ſchwerlich den Kopf davon bringen.“ Man erſtaunte, man bedauerte auch hie und da— aber man wäre in Verzweiflung gekommen, hätte jemand geſagt: — 222— es iſt eine Lüge; denn ſolche Fettaugen waren den magern Converſations⸗Suppen Hampelſtadts lange nicht zu Theil geworden. Da ließe ſich ei⸗ ne Zeitlang mit ſchmelzen. Doch nur Wilhelm und Luiſe hatten die Un⸗ beſonnenheit Minettens erfahren, die für den Hauptmann von ſo traurigen Folgen war. Aber ſie gelobten ſich, dieß Geheimniß für ſich zu be⸗ halten, und die Leute reden zu laſſen, was ſie wollten. 3 Die Sache aber war dieſe: Minette hatte un⸗ ter, wie ſie dachte, längſt vergeſſenen Papieren ihres Mannes, den Roman Oskar und Elara ge⸗ funden, den in müſſigen Stunden Odoald einſt geſchrieben; denn er pflegte alte Erinnerungen ſei⸗ nem eignen Andenken in Erzählungsform aufzube⸗ wahren, indem er zugleich dabey die Vergangen⸗ heit wie ein unpartheyiſcher Zuſchauer vor ſich vor⸗ über gehen ließ, und ſein eigner Richter wurde. Minette drang oft in ihn, doch etwas davon in Druck zu geben. Er aber hatte nie Luſt dazu, ſondern ſagte oft, es ſey ihm unangenehm, es einem Buchhändler anzubieten. Als ſie nun, zu jenem Theezirkel ſich vorbereitend, eine Summe Geldes zur Anſchaffung des Serviges nöthig hat⸗ te, ihre kleinen Handarbeiten aber, wovon ſie dieß alles beſtreiten wollte, noch nicht ſo weit waren, daß ſie etwas verkaufen konnte, fiel ihr, da eben ein Bekannter aus der Reſidenz bey ihr war, der mit Buchhändlern in Verbindung ſtand, ein, jenen Roman in Druck zu geben; ihrem Manne aber ſodann eine heimliche Freude dadurch zu machen, daß ſie ihm zu ſeinem Geburtstag die erhaltene Rolle Geld, nebſt einem ſchön gebunde⸗ nen Exemplar auf ſeinen Schreibtiſch legen wollte, bis wohin ſie die angegriffene Rolle Geld aus dem Erlös ihrer Hände Arbeit völlig zu complet⸗ tiren dachte. Der Druck wurde beſorgt, das Exemplar mit dem Gelde an Minetten geſandt⸗ Aber der beabſichtigte Freudenplan wurde fürchter⸗ lich zerſtört, und Odoald noch an demſelben Abend nach einer entfernten Feſtung abgeführt, während Minette, in Verzweiflung hingeſunken, der Sorg⸗ falt und Pflege Wilhelms und Luiſens überlaſſen blieb. 1 10. Da komme ich nun wieder in Schaden, ſagte Züngelchen zu ſeiner Frau; was hilfts aber? beſ⸗ ſer etwas, wie nichts.— Wie ſo? fragte dieſe. Ich habe doch noch einen klugen Streich ge⸗ macht, fuhr jener fort. Wer weiß, was es für — 224— eine Bewandniß mit dem Hauptmann hat; wer kann wiſſen, wieviel er noch Schulden hat? Kurz, ich habe mich für meine Rechnung, ſo gut es ging, bezahlt gemacht, und von der Frau Haupt⸗ mannin Effecten an Geldesſtatt angenommen. Auch darunter eine Theemaſchine, die ihr gewaltig feil war. Ich werde ſehen, ob ich etwas dran verliere, und habe ſie drum zum Florenzo ge⸗ ſchickt, daß er mir ſagt, was ſie werth iſt, wenn er ſie wieder nimmt, denn ich brauche jetzt eben Geld.. Die Magd, welche die Theemaſchine geholt, und beym Herrn Florenzo angefragt hatte, ſetzte dieſe beym Zurückkommen einſtweilen auf einen Geländerabſatz der Treppe, welche zu der Wohn⸗ ſtube der Familie führte, um erſt zur Thür her⸗ ein zu fragen, ob ſie das Ding in die Küche ſez⸗ zen ſollte, oder wo ſonſt hin? Was ſagte Florenzo? rief Züngelchen ihr ent⸗ gegen, denn es lag ihm viel daran, zu wiſſen, ob er einen klugen Handel gemacht habe. 3 Drey Gulden, berichtete die Magd, will Herr Florenzo dafür geben. Sie wäre ſchon gebraucht, meynt er.— Was? fuhr der Alte auf, und ſprang zornig in der Stube herum: vorgeſtern hat ſie vier Ca⸗ rolin — 225— rolin gekoſtet, und heute, der Sündenkerl!— drey Gulden! wie? iſt das Manier? oder bin ich angeführt von der ſaubern Frau Hauprmän⸗ nin? das iſt klar— ja, ja, ſchändlich, him⸗ melſchreiend! Er riß die Thüre auf. Da ſtand das unglückliche Gefäß. Muß ich mich mit ſolcher Lumpenwaare behängen? ſchrie er wüthend, und ſtieß mit der geballten Fauſt dagegen. Die Thee⸗ maſchine ſtürzte hinab. Ein Schrey ſchallte vom Hausplatz herauf— Züngelchen ſah haſtig über das Geländer, und wurde bleich; denn unten lag, neben dem zerſchmetterten Gefäß, des Herrn Ober⸗ bürgemeiſters jüngſtes Söhnlein, und zuckte, ge⸗ troffen, im Todeskrampf. Den zarten Knaben, kaum vier Jahr alt, hatte der ſchon öfters erhaltene Calmus und ein ver⸗ ſprochenes Roſinendütchen in das Haus geführt; die Mamſell unten ſuchend, ſah er das glänzende Ding auf dem Geländer ſtehen, und ſtarrte es mit zurückgebogenen Kopfe an; da ſtürzte es her⸗ ab auf ſeine Schläfe, und der Kyahe lag todt zu Boden. Bald war das Haus von der herbeyſtrömen⸗ den Menſchenmaſſe angefüllt, und eine Stunde darauf ſah man den leichenblaſſen Züngelchen von ſechs Bewaffneten der Bürgermilitz nach dem ſchwar⸗ P zen Thurm transportiren. So wollte es der aufs höchſte ergrimmte Oberbürgemeiſter, der in dem unglücklichen Zufall einen vorſätzlichen Mord er⸗ blickte, welchen er der Rachſucht des Armen zu⸗ ſchrieb, weil es zwiſchen Beiden vor kurzem zu einem beleidigenden Wortwechſel gekommen war, der beide Häuſer entzweit hatte. Der Bericht über den Todſchläger, mit den ſchwärzeſten Farben geſchildert, wurde abgeſendet und der Oberbürgemeiſter verhehlte ſeine nieder⸗ trächtige Schadenfreude nicht, ſeinen Feind als Delinquent zu wiſſen.. Am dritten Tage aber meldete ihm, zu ſeinem größten Aerger, Schnabel den eben erfolgten Tod des Kaufmann Züngelchen. Erhitzung, Aerger, Todesangſt und Scham, hatten, vereint mit der feuchten Luft des ſchwarzen Thurms, einen Schlag⸗ fluß herbeygeführt; und der herbeygeeilte Arzt ſagte den vollkommenen Lebens⸗Bankerott kaum an, als der große Spediteur, Tod, ſeine Seele ſchon der Rubrik:„an Kleinigkeiten“ in Ein⸗ nahme ſchrieb. 11. Das Publikum hatte viel zu thun, dieſe auf einander folgenden Ereigniſſe gehörig aufzuſtutzen — 227— und nach ſeiner Art zu würzen. Aber die Nach⸗ richtgeber der Stadt ſollten noch nicht zur Ruhe kommen. Am dritten Tage nach dem wunderba⸗ ren Abend im Lawy'ſchen Hauſe hatten ſie die Nachricht zu überbringen: daß die verzweifelnde Gattin des Hauptmanns ſeit heute verſchwunden ſey und Niemand wiſſe, wohin? dabei hätten fie nun ganz beſtimmt in Erfahrung gebracht, daß jene ſelbſt ihren Mann aus Eiferſucht in dieß un⸗ glück gebracht, und die Arretirung bewirkt habe, weil die vornehme Verrückte, die er in Schutz genommen, ein von ihm ſelbſt verführtes Mäd⸗ chen ſey.— Das einzige Wahre dieſer Zeitung war: daß Minette am Morgen des dritten Tages aus der Stadt verſchwunden war. Als Wilhelm bald hierauf, ohne ſeinen Zweck erreicht zu haben, von ſeiner Reiſe mißmuthig und traurig zurückkehrte, erfuhr er auſſer dem, was in Züngelchens Hauſe vorgefallen, von ſeinen Eltern auch die ſchauderhafte Nachricht: daß man den Leichnam Minettens ſo eben aus dem vorbei⸗ fließenden Waſſer beym Mühlwehr aufgefangen, und am Ufer des Fluſſes begraben habe. Der Schreck rieſelte kalt über ſeine Glieder; er ſank ſprachlos auf das nahe Bette. Die Rei⸗ ſeanſtrengung hatte ſchon übel auf ihn gewirkt; P 2 7 — 228— ein Fieberſchauer trat ein, und verkündigte eine nachfolgende Krankheit. Er konnte bey allem Be⸗ ſtreben, auszugehen, und über Alles ſelbſt Nach⸗ richt einzuziehen, nicht mehr vom Lager aufſte⸗ hen. Am andern Tage befand er ſich noch ſchwä⸗ cher und kränker. Seine Schweſtern pflegten ihn mit zärtlicher Sorgfalt. Eine Reihe von Tagen hatten ſchlafloſe Nächte und Mangel an Eßluſt gedauert. Der Arzt ſchien ſehr ängſtlich, und Wilhelm erinnerte ſich ſpäterhin, daß ſeine Schwe⸗ ſtern oft den Arzt bis an die Thüre begleiteten und mit verweinten Augen zurückkamen. Allmäh⸗ lich wurden ihm die Gegenſtände immer trüber und er beklagte ſich über Rauch und Staub im Zimmer. Dieß vermehrte ſich mit jeder Stunde; an demſelben Abend, wo er begonnen, ſah er auf einmal, nachdem er eben einen Löffel ſehr ſtarker Arzney eingenommen, Luiſen mit ſeiner Schweſter hereintreten. Er winkte ihr, und ſie näherte ſich dem Bette, mit beiden Händen ſeine dargereichte drückend. Sie zwang ſich zu einem heitern Lächeln, und flüſterte ihm zu: ich habe gute Nachricht von unſerm Freunde Lawy. Er wollte antworten, da ſah er Charlotten mit ihrer Mutter ins Zimmer treten; letztere ſah, ſchien es ihm, Luiſen ſehr zornig an, und ſagte zu ihrer — 229— Tochter: wir kommen zu ſpät, Lotte; die da hat die Hand weg. Charlotte aber ſagte mit einem recht häßlichen Blick: Wilhelm, Du biſt falſch, und drehte ſich von ihm weg. Er wollte ihr nachrufen, aber Luiſe legte ihre Hand auf ſeinen Mund, und in dem Augenblicke traten auch Odo⸗ ald und Minette herein. Sie näherten ſich ſei⸗ nem Bette und ſtreckten die Arme nach ihm ausz ſtille, ſtille! rief der ihnen nachfolgende Arzt, nur nicht zuviel geſprochen. Jetzt ſah er auch ſeinen Vater mit zwey Polizeydienern hereintreten, und hörte erſtern ſagen: da ſeht ſelbſt, daß der Herr Bürgemeiſter Unrecht hat; es iſt mein Sohn, aber nicht der ſeinige. Er iſt ja auch viel grö⸗ ber.— Es kamen noch mehrere Menſchen, die er aber immer weniger erkennen konnte. Er wollte eben fragen, was dieß bedeuten ſollte, als der Nebel vor ſeinen Augen immer ſchwärzer wurde, und er einen nicht zu beſtegenden Hang zum Schla⸗ fen fühlte. Als er die Augen wieder aufſchlug, fühlte er ſich ziemlich wohl und hatte Hunger. Seine Schweſter ſprang freudig fort, trat bald dar⸗ auf mit Mutter und Vater herein, und brachte 2— 230— etwas Wein und Weißbrod. Die Freude war groß. Gott ſey Dank! ſagte ſein Vater: nun haſt du überwunden. Du haſt zwei Tage in tie⸗ fem Schlafe gelegen. Die Criſis iſt überſtanden. Seine Schweſtern hüpften fröhlich in der Stube herum, und fielen dem eintretenden Arzt beinahe um den Hals. Es iſt gut, ſagte dieſer, daß ſich die Natur ſo geholfen hat. Die Beſſerung wird ſich nun wohl machen, und dieſer wollen wir nach⸗ helfen. Während er ſich ſetzte, dem Kranken et⸗ was zu verſchreiben, rief Wihelm ſeine jüngere Schweſter an das Bett, und flüſterte ihr zu: ſage mir, wer war denn alles hier, ſeit ich krank bin? Ich habe den Hauptmann und ſeine Frau, Lotten und ihre Mutter, Louiſe Walter und wer weiß noch mehr geſehen, alle faſt auf Einmal. Seine Schweſter lächelte. Von allen dieſen war wohl Niemand hier, ſagte ſie. Gar Niemand? ſeufzte Wilhelm. Es iſt mir doch, als fühlt' ich noch jetzt zwey warme Hände meine halberſtarrte rechte drücken. Das iſt doch ſonderbar! Thereſe ſtand auf und trat zu Auguſten, ih⸗ rer ältern Schweſter, ans Fenſter, und flüſterte eine Weile mit ihr. — 231— Was habt ihr denn zu ziſcheln dort? fragte Wilhelm. Die Mutter rief jetzt Auguſten hinaus; die jüngere Schweſter kam ſchnell zu Wilhelm und ſagte leiſe zu ihm: Wir ſollen Dir nichts ſagen, und haben es eigentlich verſprechen müſſen. Aber ich kann es Dir doch nicht verſchweigen. Luiſe Walter war hier, als Du ſo elend warſt. Sie weinte und drückte Dir die Hand, die Du ihr reichteſt. Dann entfernte ſie ſich, als ſie den Arzt kommen hörte.„Aber ſtille, ſtille! ich habe nichts geſagt.“— Wilhelm errieth bald die Abſict Auguſtens, und ſagte zu der jüngern Schweſter: verlaß Dich drauf, ich verrathe Dich nicht. Er bedurfte einer geraumen Zeit zu ſeiner gänz⸗ lichen Herſtellung. Endlich bekam er vom Arzt Erlaubniß, wieder ausgehen zu dürfen. Oftmals hatte er noch ſeine Schweſtern gefragt: war denn Lotte und ihre Mutter nicht hier? und es machte ihn ſehr traurig, die Verneinung zu hören. Er ging endlich, ziemlich niedergeſchlagen, nach deren Hauſe, zu erfahren, was ſie wohl jetzt, nach des Vaters Tode, noch abgehalten habe, ſich als ſeine Geliebte zu zeigen, zum mindeſten doch als theil⸗ nehmende Jugendfreundin. — 232— In der Nähe von Züngelchens Hauſe führte ihm der Zufall Luiſe Walter entgegen. Ihr Er⸗ röthen und die herzliche Freude, die in ihrem Ge⸗ ſichte leuchtete, machten ſie, verbunden mit der Er⸗ innerung des Beſuchs an ſeinem Krankenlager, Wilhelmen unendlich werth, und er konnte, als ſie ihm mit dem Ausdrucke ſchweſterlicher Liebe zu ſeinem Ausgang Glück wünſchte, ſich nicht enthal⸗ ten, ihre beiden Hände zu ergreifen, und, freund⸗ lich dankbar ſie anblickend, zu ſagen: möchte ich mich von der Aufrichtigkeit eines jeden Wunſches ſo überzeugt halten können, als mein Herz es von dieſem iſt.— Luiſe, etwas verlegen, ſuchte ſich mit einem ſcherzhaften Lacheln zu helfen und er⸗ wiederte: Wir leben ja in der kleinen Welt; da kann man guten Wünſchen ſchon eher trauen, als in der großen, wo es freilich Wünſche geben ſoll, von denen das Herz nichts weiß. Er wollte ihr noch etwas darauf ſagen, aber ſie eilte, mit der Bitte, ſie ſeinen Schweſtern zu empfehlen, ſchnell hinweg. Als Wilhelm in das Haus trat, überfiel ihn eine ſonderbare Empfindung bey der Stelle, wo die unheilbringende Theemaſchine ihr zweites Opfer verlangt hatte; obgleich ſie, ihm günſtig genug, nun den Weg zu ſeiner Geliebten gebahnt — 233— hatte. Aber er dachte doch mit Schrecken an ſie, und es fehlte nicht viel, ſo ſah er in ihr ſogar einen Kobolt, der ſchadenfroh die Menſchen ver⸗ derbe. Charlotte kam ihm, als er in das wohlbe⸗ kannte Zimmer trat, wie ihm ſchien, etwas be⸗ fangen entgegen. Doch die freundliche Erſchei⸗ nung Luiſens hatte ihn heiter gemacht, und er grüßte Charlotten mit Herzlichkeit. Madame Zün⸗ gelchen beeilte ſich, die erſten nöthigen Begrüßun⸗ gen, Condolationen und Gratulationen zu been⸗ digen, um bald die Bemerkung machen zu kön⸗ nen: das ſey eine ſaubere Geſchichte mit der Haupt⸗ mannsfrau; es ſey ein Schimpf für die ganze Stadt, daß ſo etwas darin vorgefallen; und ſetzte dann hinzu: Sie kennen wohl Mamſell Walter auch von dort her? Wilhelm drehte ſich um und ſagte: ich verſte⸗ he Sie noch nicht, Madame Züngelchen. Sie ge⸗ ben mir die Erklärung wohl ein andermal. Hier⸗ auf wandte er ſich zu Charlotten und ſagte: wir haben uns recht lange nicht geſehen, liebes Lott⸗ chen. Ich habe es auch recht bedauert, Dich in dieſer traurigen Periode nicht beſuchen zu können. Charlotte antwortete, verlegen auf ihre Mut⸗ ter blickend: Es hat mir gewiß auch recht herzlich — 234— leid gethan. Krankheit iſt mir immer was Ent⸗ ſetzliches. Wir freuten uns recht, als wir Nach⸗ richt von der Beſſerung hörten. Wilhelm hoffte eine Entſchuldigung zu hören, warum ſie ihn nicht beſucht habe. Statt deſſen aber ſprach ſie ſo fremd, als erinnere ſie ſich gar nicht ihres Verhältniſſes. Er ſchwieg eine Weile und ſah Charlotten ſcharf und traurig an. Sie blickte ſehr unruhig zur Erde.— Man darf Ih⸗ nen wohl Glück wünſchen? fing die Mutter wie⸗ der an. Charlotte wurde immer verlegener. Wil⸗ helm fragte: Wie ſo? Ich meyne zur Braut, Mamſell Walter, ant⸗ wortete die Mutter. Nun! mein guter Seeliger war freilich etwas hart, und ich verdenke es Ih⸗ nen nicht, daß Sie ſich weiter umgeſehen haben. Wilhelm, ſtaunend, ſtand ſinnend und unge⸗ wiß da, ob er der Mutter das fortbeſtandene Ver⸗ hältniß mit Charlotten jetzt entdecken, oder erſt erforſchen müſſe, warum ſie dieſes nicht ſchon ſelbſt gethan Letzteres war ihm unerklärbar, und den Gedanken, daß etwas Drittes im Spiele ſey, mußte ſich ihm wohl aufdringen. Er wählte end⸗ lich den Weg: der Mutter gerade heraus die Ur⸗ ſache ſeines Erſtaunens zu ſagen. Habt ihr mich denn zum Beſten? rief die — — 235— Mutter, als Wilhelm ihr erklärt hatte, warum er Charlotten immer noch für ſeine Braut anſehe. Charlotte weinte und fragte Wilhelm: ſind Sie denn nicht mit Luiſen verſprochen? Wenn wir das denken müſſen, fiel die Mut⸗ ter ein, ſo iſt es uns wohl zu verzeihen. War⸗ um ſoll ichs Ihnen nicht ſagen. Haben Sie ſie nicht Abends von Hauptmanns nach Hauſe beglei⸗ tet? Sind Sie nicht am Morgen wieder bei ihr geweſen? Hat ſie nicht an Ihrem Krankenbette ge⸗ wacht? und haben Sie ihr nicht eben jetzt auf freyer Straße die Hand gedrückt? Kann man das anders auslegen? 8 Wilhelm antwortete: es iſt gut, daß Sie mir ſogleich ſagen, welche Punkte ich zu beantworten habe. Er erklärte ihnen nun, wie hier theils der Zufall, theils falſche Auslegung ihn in Verdacht gebracht. Daß Sie es glauben, Madam Zün⸗ gelchen, iſt wohl verzeihlich— aber konnte mei⸗ ne Charlotte ſo denken?— Dieſe ſtand, in pein⸗ licher Verlegenheit, noch immer weinend da. Nun, ſo rede doch, ſagte die Mutter, und ſage, warum Du mir das verſchwiegen haſt? nun wirſt Du mit dem Vetter in der Reſidenz in Ver⸗ legenheit ſeyn, nicht wahr? Wilhelm ahnete, was geſchehen und trat einen Schritt zurück, indem ———8 9 — 236— er ſagte: jetzt wird es wohl an mir ſeyn, mir Aufklärung zu erbitten, und zwar von Ihnen; denn Lottchen ſpricht durch ihr Weinen wohl ihre Beſchämung aus, aber ich komme damit nicht zur aufrichtigen Antwort. Die Mutter erzählte ſtatt jener: daß ihr Vet⸗ ter Senndorf, welcher in der Reſidens wohne, und vor Kurzem eine anſehnliche Erbſchaft ge⸗ than habe, gleich nach dem Tode ihres Mannes ſchriftlich um die Hand Charlottens nachgeſucht ha⸗ be; daß dieſe dem Vetter bey einem ſpätern Be⸗ ſucheſehr wohl gefallen, und er nochmals ſeinen Antrag wiederholt habe, welchen Charlotte auch nicht abgewieſen, ſondern ſich Bedenkzeit ausge⸗ beten habe. Uebrigens habe der Better ſich ſchon durch an⸗ ſehnliche Geſchenke als Bräutigam angekündigt, und Charlotte habe durch Annahme derſelben den Vetter berechtigt, zu glauben, daß die Bedenk⸗ zeit zu Ende ſey. Charlotte hatte während dieſer Erzählung hef⸗ tig gezittert, und brach bey den letzten Worten in ein krampfhaftes Weinen aus, unter welchem ſie ſchwankend nach der Thüre, auf das dortſte⸗ hende Kanapee, niederfiel. Wilhelm, doch beſtürzt durch dieſen Zufal, —r — 237.— eilte hinzu, ohne zwar zu wiſſen, welche Hülfe er anbieten ſolle. Die Mutter ſagte mit unbe⸗ greiflicher Faſſung: laſſen Sie's nur gehen, es wird ſchon wieder. Das kommt jetzt gar oft ſo, der Himmel mag wiſſen, woher? Zu unſerer Zeit wußte man nichts davon. Wilhelm ſah ſie und Charlotten abwechſelnd verlegen und bemitleidend an. Letztere ſchien ihr Geſicht vor ihm verbergen zu wollen, und winkte ihrer Mutter mehrmals, als habe ſie den Wunſch, allein zu ſeyn. Wilhelm wollte der Erſchütterten ein Lebewohl ſagen, und reichte ihr die Hand hin. Sie ſah es aber nicht; er wandte ſich ab, und ſagte zur Mutter, Abſchied nehmend: laſſen Sie mich wiſſen, wann ich Ihre Tochter wieder ſprechen kann.— Er entfernte ſich ſchnell. d Als Charlotte durch den ſchnellen Tod ihres Vaters von dem Verbote, Wilhelm ihre Hand zu geben befreit war, dachte ſie freilich daran, daß ſich nun Alles nach ihrem Wunſche lenken könne. Die angetretene Reiſe Wilhelms aber be⸗ günſtigte die Verläumdungen der gefälligen Zu⸗ träger; und weil auch der Zufall es gerade woll⸗ te, daß er lange Zeit nicht ſie ſah, ſo fand die — 238— Eiferſucht um ſo leichter einen Eingang. Um dieſe Zeit kam das Anerbieten des Vetters Senndorf; ſpäterhin er ſelbſt, ein gefälliger, toleranter, Ver⸗ gnügen ſuchender junger Menſch— der mit gro⸗ ßer Beredſamkeit die Reitze des Lebens in der Re⸗ ſidenz ſchilderte.— Die Mutter, unbekannt mit dem Verhultniß zwiſchen ihr und Wilhelm, freute ſich dieſes glücklichen Zufalls, und trug dazu bey, ihr Loos beneidenswerth darzuſtellen. So wankte Charlotte gar bald. Wilhelms ſtarrer Wille kam ihr jetzt unerträglich vor, und ſie mochte ungern an die Einſchränkungen denken, die ſie ſich bey einer Verbindung mit ihm hätte gefallen laſſen müſſen. Sie fühlte wohl noch Zuneigung zu ihm, glaubte aber doch, es ſey Unrecht von ihm, daß er ihr das Opfer nicht bringen wolle, als ſeine Gattin ſo fortzuleben, wie ſie jetzt gewohnt war. Dieß Alles hatte ſie als Senndorfs Gattin nicht zu fürchten, und mannichfaltige Freude winkte ihr da im Hintergrunde. Auf dieſe Art wurde es ihr nicht ſchwer, ſich zu überzeugen(oder doch überzeugt zu halten), daß Wilhelm ihr untreu ſey. Da ſie ihrer Mutter alles verſchwieg, fand für jenen ſich auch kein Vertheidiger gegen die alles beherrſchende Eitelkeit des Mädchens. Selbſt ih⸗ tes Vaters früheres Verbot wurde ihr jetzt ein — ,— — 239— Schirm, hinter dem ſie ſich vor fremden und eig⸗ nen Vorwürfen zu retten gedachte. Wilhelm aber gelangte, nachdem die erſten Tage des Kummers über das Betragen Charlot⸗ tens vorüber waren, zu ſeinem Glück, bald zu einer ruhigen. Betrachtung. Daß er dieſe ſo bald anſtellen konnte, erleichterte ihm freilich eine neue Empfindung, die faſt wie Liebe ausſah, aber noch als Keim in ſeinem Herzen ſchlummerte. Durch das Geſchehene aber trieb dieſer mit Macht hervor, wie die zerſtörte Pflanze Wachsthum und Leben des nebenſtehenden Schößlings befördert. Nachdenkend über den Reitz ſchmeichelnden Scheins bei Inhaltloſen Mädchen, wie ihm Char⸗ lotte jetzt immer mehr erſchien, überzeugte er ſich, daß ſie gänzlich für ihn verloren ſey. Ihn be⸗ fremdete es darum auch nicht ſehr, daß er gar keine Nachricht von ihr oder der Mutter bekam, und nach einigen Tagen hörte, daß ſie beide nach der Reſidenz abgereiſt wären. Doch in dem Kreis, worin neue Blumen des Glücks ihm zu blühen ſchienen, ſtand noch immer Odoalds und Minettens Geſchick in Geſtalt eines düſtern Freudeſtörers. Er hatte auf der Grab⸗ ſtätte einen Stein ſetzen und drei Pappeln pflan⸗ zen laſſen, und wünſchte nur, daß Odoald noch 4— 240— keine Nachricht davon haben möge, weil er ihn erſt in einem Briefe vorbereiten wollte auf das Schreckliche, was er erfahren ſollte. Ein neuer Vorfall machte die Abſendung dieſes Schkeibens wieder vergeſſen. 12. Als die Unglück gebährende Tßeeiioſchie den von der Süßigkeit der Kindernäſcherei herbeigelock⸗ ten Knaben der Welt entnommen hatte, und im Gefolge dieſes Todes ſogar den verfolgten Haus⸗ vater hinwegraffte, wurde ſie, in Züngelchens Hauſe verabſcheut, die Beute eines Weibes, welche die Neuigkeiten in dies Haus zu beſorgen hatte, und ſich dabei mit dem Verkauf von allerlei Trödel abgab. Dieſe ſäumte nicht, das ſehr beſchädigte Gefäß überall in der Stadt feilzubieten, den Er⸗ lös ſogleich zu ihrem Nutzen zu⸗ verwenden. Die Frau eines Bierbrauers faßte bald eine heftige Neigung zu dem artigen Keſſel, und erhandelte ihn um ein Geringes, in der Abſicht, ihre Nach⸗ barinnen damit zu ärgern, weil ſich dieſe ſchon über die feinen weißen Fenſterbéhänge in Spöt⸗ tereien ausgelaſſen hatten. Sie ſetzte die invalide Maſchine abſichtlich in ein Fenſter ihrer ſogenann⸗ ten Geſellſchaftsſtube, und es war ihr ein herrli⸗ cher — 241— ceer Triumph, über die Straße hinüber rufen zu können: Herr Nachbar, hat Er meine Maſchine ſchon geſehen? Theewaſſer kochen ſie drinn, und unten iſt ein Lämpchen. Seht, dort ſteht ſie! Nun aber geſchah es, daß der junge, nicht lange zur Regierung gekommene Fürſt, welcher ſeine Staaten zu durchreiſen und zu beſchauen ſich vorgenommen hatte, auf ſeiner Reiſe jetzt auch Hampelſtadt berühren wollte. Abends vorher kam die Nachricht davon bey dem Oberburgemeiſter an, der ſogleich zu ſeinem Freund Florenzo eilte, und ihn um Gotteswillen bat, in der Geſchwindigkeit etwas recht Großes anzugeben, damit man ſich bey dem regierenden Herrn in Gunſt und Liebe ſetze. Der herbeyſtürzende Stadtſchreiber unter⸗ drach ihn, und ſchlug vor, da der Fürſt erſt ſpät eintreffe, eine gute Illumination in der Stadt an⸗ zubefehlen, welche um ſo nöthiger ſey, da der Mond im letzten Viertel ſtehe und es zum Hals⸗ brechen finſter auf den Straßen ſey. Der Vor⸗ ſchlag ſchien zweckmäſig, und es wurde ſogleich Be⸗ fehl an die geſammte Bürgerſchaft gegeben, ihre Häuſer von oben bis unten zu illuminiren, und paſſende Sinnſprüche dabey anzubringen, damit der Fürſt gleich wiſſe, was er zu denken habe. Ddie Seifenſieder waren in Verzweiflung, den HQ — 242— Fall nicht vorausgeſehen zu haben, und arbeiteten die ganze Nacht. Aber die Stadt konnte doch nicht gänzlich mit Lichtern verſorgt werden, und man mußte ſich hie und da mit Oel behelfen. In dieſer Verlegenheit war auch unſer Brauer, aber nicht lange; denn bald hatte die erfinderiſche Frau guten Rath geſchafft. Die Theemaſchine ſollte durchaus mit Brennmaterialien angefüllt, und ſo angezündet den Hampelſtädtern etwas ganz Be⸗ ſonderes zur Bewunderung darbieten. Der Abend kam. Von Haus zu Haus pflanzte ſich die Erleuchtung immer weiter fort. Die ganze Stadt war auf den Beinen, und wogte in den Straßen auf und ab, die Sinnſprüche und Lichter von Außen betrachtend. Die männliche Bürger⸗ ſchaft war in feſtlichen Kleidern vor des Oberbur⸗ gemeiſters Hauſe verſammelt, die Gildefahnen in der Mitte, ſich an das trotzig daſtehende Stadt⸗ militair anſchließend. Der hohe Rath, in Schuh und Strümpfen, holte ſich, wie gewöhnlich, einen tüchtigen Schnupfen, und die blumenſtreuenden Jungfrauen böſe Hälſe und dergleichen langwieri⸗ ge Uebel mehr. 3 Geängſtigter aber als der Oberburgemeiſter war Keiner. Denn die in der Geſchwindigkeit einſtudirte Rede war, je mehr er ſie durch Hülfe — 243— des raſch hinter einander genoſſenen Roſoli zu he⸗ ben gedachte, deſto mehr aus ſeinem Gedächtniß verſchwunden, und außer dem Durchlauchtigſten und der getreuen Bürgerſchaft war von der Rede nichts mehr vorhanden. Seine einzige Hoffnung beruhte auf dem tobenden Vivat der Bürgerſchaft, welche der Stadtſchreiber anregen ſollte, gleichſam als könne ſie ihre Freude nicht länger bey ſich be⸗ halten, gleich beym Anfang ihm damit in die Re⸗ de zu inen, und dieſe reinweg abzuſchneiden. Da lief— zu Leid und Freud', auf einmal die Nachricht ein: der Fürſt komme nicht.„Scha⸗ del“ ſagte der Oberburgemeiſter.„Mit meiner Rede hätte ich große Ehre eingelegt“— Schade! ſagten die Handwerker: wir hätten ihm ein recht gellendes Vivat bringen wollen, trotz der Bür⸗ gergarde, die ſich dort ſo breit macht.— Jam⸗ merſchade! ſagte auch die Frau des Bierbrauers: meine Maſchine hätte dem Regierenden gewiß ge⸗ fallen, und die ſchönen Engelein dazu! Auch gut! ſagte ihr Mann: nun ſchenk ich mein Bier nicht fürs halbe Geld, wie's befohlen war. Wer kann mirs noch zumuthen? An des Bierbrauers Hauſe nämlich zeigte ſich der ſtaunenden Menge folgendes: In einem Fen⸗ ſter des obern Stockwerks ſtand die mit Fett und 92 2 — 244— Werg angefüllte Theemaſchine; drunter waren transparent die Worte zu leſen: Deen guten Bürger zu erkennen, Laß ich mein letztes Fett hier brennen. Oben darüber ſchwebten zwey Engel, von dem feinſten Mehl gebacken und mit Silberflor ange⸗ than, dabey die Worte: Die Englein wünſchen Glück und Heil, Sind morgen für acht Groſchen feil. Zeber der Hausthüre ſah man die Worte: Befohlnermaßen ſchenk' ich hier Für halbes Geld heut ganzes Bier. Da unten, meynte nun der Brauer, wollen wir die Lichter wegnehmen, ſonſt hab ich's ganze Haus voll Menſchen. Oben mags ausbrennen, daß die Leute doch eine Freude haben. 1 Nun durchzogen die aufgelöſten Bürgercorpora⸗ tionen, und in kleinere Trupps zerfallen, in Wahl⸗ verwandtſchaften anſchießend, die Stadt. Man verlief ſich endlich hierhin und dahin. Ein Theil ſetzte ſich in das Wirthshaus, ein andrer ſuchte die Schlafkammer; als es Mitternacht geworden, tobte nur noch in einem entfernten ſtillgelegenen Winkel der Stadt ein Häufchen auserleſener Il⸗ luminaten, unter ihnen der Brauer und ſeine Fa⸗ — — 245— milie. Sie waren eben über die Wirkung der ſpaniſchen Fliegen und des Froſchlaichpflaſters im Streit begriffen, und die Parteien zogen heftig gegen einander los; der Krieg wurde immer hef⸗ tiger, als einer von ihnen nach dem Fenſter hin ſprang und den Larmenden zurief: Stille, ſtille! Was iſt das? Man horchte auf; und aus dem entferntern Theile der Stadt vernahm man Feuerlärm. Die Halbberauſchten ſtürzten taumelnd fort, und ſtarr⸗ ten erſchrocken, als ſie um eine Ecke nach der Hauptſtraße einlenkten, in die Flammen der bren⸗ nenden Straße. Das Feuer war durch den Kobolt, die Theemaſchi⸗ ne, ausgekommen, welche die Hausbewohner ohne weitere Aufſicht, ſich in der Stadt zerſtreuend, im Fenſter hatten fortbrennen laſſen. Es hatte um Mitternacht die nach und nach wachſende Flamme die leicht bekleideten Engelein, und ſodann die Fenſtervorhänge ergriffen, und ſo konnte die Flam⸗ me bey einem entſtandenen Windſturm mit reißen⸗ der Schnelligkeit die halbe Straße in Brand ſez⸗ zen, ehe die ermüdeten, meiſt ſchlafenden Bewoh⸗ ner zur Rettung herbeyeilen konnten. Ein Gicht⸗ kranker, der dem Hauſe des Brauers gegenüber — 246— lag, hatte ganz deutlich die Entſtehung bemerkt, ohne ſchnell nach Hülfe rufen zu können. 3 Gegen Morgen war mit Mühe der Brand ge⸗ dämpft; der Brauer aber hatte ſich davon gemacht, als jene Ausſage laut wurde, dem Zorn der Bür⸗ ger jetzt aus dem Wege zu gehen. Dieſe, in dem rauchenden Schutt ihrer Wohnungen herum⸗ wühlend, vernahmen kaum jene Anzeige, als ſie in höchſter Wuth vor das Haus Florenzo's rück⸗ ten, den ſie als mittelbaren Urheber des Unglücks, als Vater eines böſen Kobolts betrachteten, wel⸗ cher in Geſtalt der Theemaſchine die Stadt heim⸗ ſuche. Sie wollten das Haus niederreißen, und ſich ſeiner Perſon bemächtigen; aber der Oberbur⸗ gemeiſter und der gewandte Stadtſchreiber, welche die vom nächtlichen Schrecken angegriffenen Lebens⸗ geiſter eben bey ihrem Freunde ſtärkten, beſchütz⸗ ten ihn; Fingerling aber ſuchte die tobende Bür⸗ gerſchaft zu beſänftigen, indem er auf einem Tritt⸗ ſtein vor dem Hauſe Poſto faßte und alſo ſprach: Im Namen des Herrn Oberburgemeiſters, wel⸗ chen die furchtbare Nacht einen heftigen Catarrh zugezogen hat, ſtehe ich, von ihm beauftragt hier. Sehr hochgeſchätzte, gegenwärtig aber ſehr tiefbe⸗ trübte Bürgerſchaft! Ihr behauptet, dieß Unglück ſey mittelſt jener Theemaſchine durch dieſen Herrn — ——yÿ — 247— Florenzo entſtanden, welcher den Kobolt in die Stadt gebracht. So ſagt Ihr. Wir haben uns aber, die Wünſche einer guten Bürgerſchaft ſchon vor ihrem Entſtehen im Herzen tragend, und ſtets aufs Beſte bedacht, wie auf ſtrenge Gerechtigkeit, allhier ſchon ſeit Tages Anbruch, die andern Herrn Vorſteher erwartend, bemüht, durch die ſcharfſin⸗ nigſten Forſchungen, wovon der Unkundige übri⸗ gens gar keinen Begriff hat, dem Dinge auf die Spur zu kommen, künftigem Unglück auszuwei⸗ chen. Gleichwie nun aber unſer Urvater Adam als ein reines Gefäß in das Paradies kam, und erſt ſpäterhin ſich mit dem Fluch belaſtete, an dem auch die hochgeehrte Verſammlung noch heute zu kauen hat, alſo iſt auch dieſe Theemaſchine als⸗ ein unſchuldiges Gefäß aus dem Laden des Herrn Florenzo herausgegangen, und hat nie vorher ein Unglück geſtiftet. Beſtimmten Nachrichten zufolge aber iſt dieſes Gefäß in dem Hauſe des jämmer⸗ lich erblaßten Kaufmanns Züngelchen zuerſt als ein Unheil bringendes verflucht worden, und die trau⸗ rige Erfahrung lehrt uns leider heute, welchen Einfluß ein verfluchter Theekeſſel auf das Wohl einer argloſen Bürgerſchaft haben kann. Längſt vergangene Zeiten ſagen uns aber, daß die Götzen, welche einem Lande Uebles brachten, obgleich ſie — 248— von Menſchenhänden gemacht waren, doch mit gu⸗ tem Erfolg vernichtet wurden. Laßt uns darum eilen, ein Gleiches zu thun, jenes heimtückiſche, verfluchte Gefäß aufſuchen und außerhalb der Stadt tief in die Erde verſcharren. Hilft dieß nicht— aber es hilft, ihr Bürger!— ſo iſt es immer noch Zeit, ſich an Herrn Florenzo zu machen. Dixi.“— Hierauf trat er zurück, und der Herr Burgemeiſter ſetzte noch mit gedämpfter Stimme hinzu:„Er hat aus meiner Seele geſprochen; es iſt ſo. Wegen der wieder aufzubauenden Häuſer ſeyd unbeſorgt. Ich werde durch die Zeitungen das Mitleid von ganz Europa auffordern, und auch an meine Freunde in Neuholland ſchreiben. Bald werdet ihr wieder ſchöne neue Häuſer be⸗ ſitzen, und wenns gut geht, noch Geld dazu.“ Die während der Rede beruhigte Bürgerſchaft verſprach, den Verſuch zu machen, und eilte ſo⸗ gleich fort, die Unglücksmaſchine aus dem Schutte zu graben, und ſodann zu deportiren. Gegen Mittag hatte man ſie, ziemlich un⸗ ſcheinbar geworden, gefunden; ſogleich verſam⸗ melte ſich Klein und Groß, hinauszuziehen, und die Begrabung des Kobolts mit anzuſehen. Der Oberburgemeiſter mit ſeinen Collegen führte den Zug an, und ließ in der Nähe des Galgens eine tiefe Grube machen, in welche der zuſam⸗ mengedrückte Blechklumpen hineingeworfen, und unter weitſchallendem Geſchrey und vielen Ver⸗ wünſchungen, mit nachgeworfenen Steinen bedeckt wurde. Das Geſchrey, durch eine zahlloſe Ju⸗ gend verurſacht, war eben auf den höchſten Gi⸗ pfel geſtiegen, als man auf der unten vorbeige⸗ henden Chauſſee einen gewaltigen Staub bemerkte und in demſelben mehrere Chaiſen unterſchied, die von Reitern begleitet wurden. Die Wagen hiel⸗ ten, und man ſah einen Officier den ſteilen Berg herauf, gegen die Verſammlung zuſprengen. Dem Stadtſchreiber ahnete nichts Gutes, und er flüſterte dem Oberburgemeiſter ins Ohr: ich laſſe mich hängen, wenn es nicht der Fürſt iſt! Der Officier fragte nach der Urſache dieſes Zuſam⸗ menlaufes, und nach dem Burgemeiſter des Orts. Dieſem zitterten die Kniee; er wünſchte jetzt, lie⸗ ber der ärmſte Leineweber von Hampelſtadt zu ſeyn, wie ein Oberburgemeiſter. Aber was half es? er mußte ſich bequemen, mit dem nebenher trabenden Officier den Berg hinabzuſtolpern, und athemlos, leichenblaß erſchien er am Wagen des Fürſten. Wer iſt Er? fragte dieſer. Oberburgemeiſter Streichbart, ſtotterte der Be ſtürzte, und verbeugte ſich ohne Anißören bis her⸗ ab auf den Wagentritt. Laſſen Sie das, Burgemeiſter, ſagte der Fürſt. Was hat es für Bewandtniß mit der Zuſammen⸗ kunft beym Galgen? iſt eine Execution? Eine Execution, ſtammelte Streichbart—— eine Execution, wiederholte er, konnte aber wei⸗ ter nichts heraus bringen. Nun ja, was aber für eine? fragte der Fürſt lächelnd. 8 Es iſt, ſagte Streichbart, und ward ſichtbar bläſſer— es iſt— ſo zu ſagen— wie ſoll ichs nennen? eine Execution über einen— bösartigen Theekeſſel— Fahrt zu! rief der Fürſt, der Kerl iſt ver⸗ rückt. Die Wagen rollten fort, die Officiere lachten, und Streichbart verbeugte ſich, mit weit geöffnetem Mund noch immer fort, als die Wa⸗ gen ſchon längſt nicht mehr geſehen wurden. War es der Fürſt? was hat er geſagt? frag⸗ ren ſeine angſtvollen Collegen, als er mühvoll den Berg wieder hinauf kletterte, und keuchend ankam. Sehr gnädig, ſehr gnädig! ſagte der Athem⸗ loſe— ein vortrefflicher Fürſt— ſehr human, ſehr herablaſſend, nannte mich Sie, mein lieber — 251— Burgemeiſter, hätten gerne ſich länger mit mir unterhalten— aber der Staub— der Staub!— dabey ſammelte er große Tropfen in ſeinem Ta⸗ ſchentuche und bat den Stadtſchreiber um eine Priſe. Dieſer flüſterte, nach vorausgeſchicktem„Wohl⸗ bekomms“ dem Oberburgemeiſter zu: wir müſſen nach der Stadt eilen, Falls der Fürſt eingekehrt iſt; wir müſſen ſchnell einen Aufzug machen; wir müſſen ein Frühſtück anbieten, aber nur ſchnell! Der Senator rief dem Volke zu: Marſch nach der Stadt— aufgezogen— gefrühſtückt— unſerm Landesvater zu ehren. Sogleich ſtürzte ſich unter lautem Geſchrei und Vivatrufen, den keuchenden Stadtrath an der Spitze, der ganze Knaul, mit einem langen Schweife von nacheilenden Weibern und Kindern, den Galgenberg hinunter und zum Stadtthore hinein. In der Stadt vermehrten noch die bellenden Hunde den Lärm. Die zu⸗ rückgebliebenen Bewohner verſchloſſen ſchnell ihre Häuſer und flüchteten in die obern Stuben; denn da es Friede war, ſo glaubte man nichts anders, als daß eine Rotte hungriger Wehrwölfe die Keſ⸗ ſelbeſchwörer jage. Auf dem Markte hielt das Treiben, die Ge⸗ ſtürzten und Nachzügler kamen herbei, aber kein Fürſt war zu ſehen. Er war zum andern Thore hinaus der Reſidenz zugeeilt. Gott Lob! ſagte der Stadſchreiber, wir ſind mit dem Schrecken davon gekommen. Auf die Motion wird das Eſſen ſchmecken. Er drückte ſich nach Hauſe; nach und nach verlor ſich auch die Menge, und die Abgebrannten ſtörten wie⸗ der in ihren rauchenden Brandſtädten. Der Ober⸗ burgemeiſter aber nahm Eremortartari mit Waſſer. Am andern Tage wunderte man ſich, daß der Florenzo'ſche Laden nicht aufging. Auch gegen Mittag herrſchte darinne noch eine Todtenſtille. Man drang hinein, mit der feſten Ueberzeugung, den Florenzo am erſten beſten Spiegelhaken er⸗ henkt zu ſehen. Es war aber nichts da, als ei⸗ nige alte Tiſche und Stühle; Keller und Gewölbe waren leer. Florenzo hatte ſchon früher allerley Wind aus der Reſidenz bekommen, und ſeine be⸗ ſten Sachen ſtill bey Seite gebracht. Auf einem Tiſche ſtanden mit Kreide die Worte: Lebt wohl, lieben Mitbürger! Ihr gabt mir, was ich nicht hatte, ich Euch dafür, was Euch gefehlt. Mein Haus gehört dem Herrn Burgemeiſter Streichbart. Florenzo. —— — . — — 258— 12. Der Fürſt hatte ſich nicht aufgehalten, weil er vor Abend noch in der Reſidenz ſeyn mußte; auch aus dem verrückten Rapport Streichbarts die Ueberzeugung ſchöpfte, daß Hampelſtadt das ehemalige Schilda ſey, und daher durch ſeine Gegenwart die Bürger nicht zu lächerlichen Strei⸗ chen veranlaſſen wollte, zu denen er jetzt eben 3 nicht aufgelegt war. Um dieſe Zeit war der Hauptmann Lawy we⸗ gen ſeines in Druck gegebenen Romans ganz ge⸗ rechtfertigt von der Feſtung zurückgekehrt. Er be⸗ wieß, daß die Behörde, auf deren Befehl er arretirt war, ſein Buch ganz falſch verſtanden habe. Eine höhere Behörde ſah dieß ein, und der gerechte Fürſt ließ ihn vor ſich erſcheinen, ihn ſeiner Gnade zu verſichern. Dabey erkundigte er ſich zugleich nach ſeinem Wohnort Hampelſtadt, in welchem, wie er gehört hatte, die alten Schil⸗ daiſchen Streiche wieder getrieben würden. Der Ort war erſt kürzlich mit ſeinem Lande vereinigt worden. Lawy's Freimüthigkeit, mit der er zu dem Für⸗ ſten ſprach, gefiel demſelben. Er befahl ihm, — 254— über Hampelſtadts Mißbräuche und Thorheiten ei⸗ nen ſchriftlichen Aufſatz einzureichen, und darin zu bemerken, wer ſich von den Vernünftigern auszeichne, um durch ſie die Stadt baldigſt in eine beßre Verfaſſung zu bringen. Odoalds Pen⸗ ſion wurde aus der Caſſe des Fürſten verdoppelt, und er ſelbſt durfte mit an dem Werke arbeiten, welches Hampelſtadt umſchaffen ſollte. DOdoans fühlte ſich durch dieſe Gnade des Für⸗ e Alles entſchäͤdigt, und wurde freundlich entlaſſen. Wilhelm kam eines Abends von einer kleinen Reiſe zurück, die er zu ſeiner Zerſtreuung gemacht, und wobey ihm der warme Händedruck jenen Nacht ſtets ſo deutlich fühlbar blieb, als geſchehe es eben jetzt; da hörte er im Thore, daß ſein Freund Lawy geſtern Abend eingetroffen ſey. Er ſprang ſogleich vom Pferde, übergab es einem vorbeygehenden Burſchen, und eilte freudig in Odoalds Wohnung— in ſeine Arme. Beyde Freunde hielten ſich eine Zeitlang ſprachlos umfaßt. Endlich fing Wilhelm an: Ich zweifle nicht, daß Du ſchon unterrichtet warſt, ehe Du kamſt; denn wie könnte es verbor⸗ gen geblieben ſeyn?— Ach, welchen unendlichen Schmerz, lieber Odoald! Lange, lange Zeit habe 8 — 255— ich keinen ordentlichen Gedanken faſſen können.— Verzeih, daß ich ſchon beym Gruß Dir das Herz zerreiße.— Haſt Du ihr Grab ſchon beſucht, Freund? Ich habe einſtweilen den Ort mit einem Stein bezeichnen laſſen, wo Minette gefunden wurde, bis wir eine paſſende Grabſchrift erſonnen haben. Der Hauptmann ging nach der Thür, und rief hinaus: Liebe Minette, verlaß Deine Küche einen Augenblick, und komm herein, Dich für Deine Grabſchrift zu bedanken! Wilhelm glaubte, er träume, und fühlte nach ſeinen offenen Augen, um ſich zu überzeugen. Da trat Minette wirklich herein, und lehnte, ergriffen von der augenblicklichen Erinnerung jenes Abends, ſich zärtlich an Odoald, Wilhelm dabey freundlich die Hand bietend.„Ich habe es ſchon gehört, fing ſie an, welches ſchreckliche Schickſal mir hier bereitet worden, und danke meinen Freunden für das Andenken an meine Aſche.“ G Wilhelm lebte zur ausgelaſſenſten Freude auf. Aber Ihr Verſchwinden? fragte er, ja ſogar Ihr der Wäſcherin bekanntes Kleid, die Wäſche mit Ihrem Namenszuge, die bey der Ertrunkenen ge⸗ funden wurde?— Gab ich, fiel Minette ein, an jenem Abend — 256— der faſt ganz entblößten unglücklichen. Ich mochte es gerade der Geſellſchaft damals nicht ſagen. Was ihre Abweſenheit betrifft, ſagte Odoald, ſo kann ich Dir ſagen, daß ſie ihre kleine Unbe⸗ ſonnenheit, die ich ihr ſchon längſt verziehen habe, bey mir auf der Feſtung abgebüßt hat, was ſie gegen meinen Willen doch endlich durchgeſetzt, und mir dadurch meine traurigen Stunden gar ſehr aufgeheitert hat. Herrlich, herrlich! rief Wilhelm, und küßte ihre Hand Alſo, die Ertrunkene—„War jene unglückliche? ſagte Odoald: von gleichem Alter, gleicher Größe und in Minettens Kleidern gefun⸗ den. Der Irrthum war freilich möglich. Ich hätte ihn auch aufgelöſt, wenn ich etwas davon erfahren hätte. Ueber das Schickſal jener Be⸗ dauernswürdigen habe ich Aufſchluß erhalten. Sie war die Frau eines Rentbeamten, der, ſelbſt al⸗ ler Zerſtreuung ſich hingebend, ſo unvorſichtig war, dieſe auch ſeiner Gattin nach ihrem Leichtſinn ſu⸗ chen zu laſſen. Die junge Frau ſank auf dieſem Wege, verführt durch einen Wüſtling, immer tie⸗ fer. Die unſinnigſte Verſchwendungs⸗ und Ver⸗ gnügungsſucht brachte ſie am Ende ſoweit, daß ſie mittelſt eines nachgemachten Schlüſſels ſogat die Kaſſe ihres Mannes angriff. Eine bedeutende Summe — 237— Gunne war bereits entwendet, als die Reviſion geſchah, und ihr Mann ins Gefängniß abgeführt wurde. Die Reue erwachte in ihr; doch ſie ver⸗ griff ſich in dem Mittel, ihren unglücklichen Gat⸗ ten zu retten. Durch die Reize ihres Körpers ſuchte ſie einen jungen Mann, der ihn transpor⸗ tirte, für ſich zu gewinnen, daß er ihn entſprin⸗ gen laſſe. Dieſer war ſchlecht genug, ihr Verſpre⸗ chungen zu geben, und nach einem neuen Verbre⸗ chen, womit ſie das erſte gut machen wollte, ſaß ſie ſich von dem Elenden mit jenen entweihten Worten Schillers abgewieſen und verſpottet. Die Täuſchung, die Reue, verbunden mit ei⸗ nem durch Sinnengenuß zerſtörten Körper, mach⸗ ten ſie wahnſinnig, wie wir ſie geſehen haben.— Zwiſchen hier und der Reſidenz entſprang ſie ih⸗ ren Begleitern abermals, und ſtürzte ſich wahr⸗ ſcheinlich in den Strom, der ſie erſt hier, ſchon un⸗ „kenntlich, ans Land trieb. Wir ſehen, daß un⸗ ſere Muthmaßungen nicht ganz unrichtig waren, da wir aus ihren Worten ihr Schickſal zuſammen⸗ zuſetzen ſuchten, und die Beziehung der mehrſten iſt uns jetzt klar. Ruhe der Unglücklichen! ſagte Minette. Wir— wollen nicht unterſuchen, auf wem die Schuld am R — 2 ſchwerſten ruht— die Männer möchten dabey ſchlecht wegkommen. 2 Auf dem Manne, wie mir ſcheint, ſehr! er⸗ wiederte Wilhelm. Er vergaß ſeine Pflicht, als Mann auch Freund und Führer des jungen un⸗ erfahrnen Weibes zu ſeyn, und reitzte ſie durch eigne Zerſtreuungsſucht und ſtrafbare Nachſicht zu Verirrungen, von denen ſie vielleicht vorher keine Begriffe hatte. Odoald ſagte zu Minetten: Wilhelm bleibt die⸗ ſen Abend bey uns, und die halbe Nacht, denn ich habe viel mit ihm zu reden. Minette ſagte: die halbe Nacht? das muß wichtig ſeyn. Odoald legte den Finger auf den Mund. 1 Nach dem Abendeſſen, wobei Wilhelm für Be⸗ wunderung und Freude faſt nur wenig genoß, entdeckte der Hauptmann, was er vorhabe, indem 8 er Wilhelm zugleich mit dem Auftrag bekannt machte, den er erhalten. Dieſer ſollte mit zu der verwaltenden Behörde der Stadt gezogen werden, die aus dem Reſte der Vernünftigern beſtehen ſollte, und eine Abſchaffung aller bisher beſtan⸗ denen Mißbräuche nicht nur, ſondern auch die Einführung manches Guten die Stadt in beſſern Ruf bringen, als ſie durch das thörichte Trium⸗ virat gekommen war. Uebereilt Euch nur nicht! ſagte Minette. Thor⸗ heiten laſſen ſich ſo leicht nicht verdrängen, als einführen. Ich möchte wohl rathen— Ey ſieh da! rief der Hauptmann: meine Mi⸗ nette giebt ſich auch mit dem Regieren ab. Nun, ſo iſt das Triumvirat wieder erſetzt. Und damit Du auch gleich für etwas in Dein Gebiet Ein⸗ ſchlagendes mitrathen kannſt, wollen wir nach den nöthigſten Abſchaffungen von Narrheiten und Unordnungen, auch auf die„Hemmung des zu großen Kleiderluxus antragen. Hältſt Du dieſe für ſo gut? fiel Minette ein. Ich ſollte meynen, ſagte jener: wenn man bedenkt, was der übertriebene Luxus, hauptſäch⸗ lich der Gewerbs⸗Claſſen, für Folgen hat. Thut es die Tochter unſers Schuhmachers nicht Dir im Staat und Putz zuvor? Wer muß es aber be⸗ zahlen? Wer Schuhe braucht. So wollen Be⸗ obachter hier bemerkt haben, daß oft Handelsar⸗ tikel, Colonialwaaren im Laden geſtiegen ſind, ohne daß man von einem untergegangenen Schiff, Krieg und was alles vorgegeben wurde, ſpäter⸗ hin was gehört hätte. Die Urſache war aber: das Töchterchen hatte bei Herrn Florenzo eine . R 2 — 260— ſtarke Rechnung beliebt, die ohne Schaden ge⸗ deckt werden ſollte. Da ſchlugen die Waaren in die Höhe. Als Dümpel oben auf dem Markte ſeine Goldfüchſe anſchaffte, ſtiegen ſogar die Nürn⸗ berger Fadennudeln— weil der Seehandel un⸗ terbrochen ſeyn ſollte. Minette lächelte. Aber das werdet Ihr doch nicht mit aufführen? Warum nicht gar! ſagte Odoald. Der Scherz hleibt da, wo er hingehört.— Nun weiter aber. Statt des Reſtaurations⸗ hauſes wollen wir eine Gewerbſchule anlegen, und aus dem Nationalkaffeehaus ein Zwangsar⸗ beitshaus machen für müſſige Tagediebe. Laßt uns, des vorbei fließenden Stromes wegen, auch Rettungshäuſer anlegen. Schon mancher Ertrunkene konnte gerettet. werden, hätte man nicht immer zu lange erſt berathſchlagt, wo man ihn hinbringen wolle. Recht ſo, meynte Odoald, auch das kann mit der Zeit geſchehen. Aber auch Vorurtheil und Aberglaube müſſen bekämpft werden, und in Zukunft darf keine Theemaſchine mehr begraben werden, und wenn ſie auch noch ſoviel Böſes ge⸗ ſtiftet hätte. — 261— Minette erröthete und reichte Odoald ihre Hand. Verſöhnung! ſagte ſie. Tief in die Nacht hinein ſaßen die Freunde und berathſchlagten über Manches, was werden könnte, und manches nachher erſcheinende Gute wurde hier bedacht und geſchaffen. Mehrere Wochen verfloſſen ſo, und die Freun⸗ de ſaßen oft des Abends, und ſannen auf glück⸗ liche Vorſchläge; da fragte Odoald eines Abends Wilhelmen ſehr ernſt: ob er Charlotten ganz auf⸗ gegeben habe? Wilhelm ſtutzte einen Augenblick, dann er⸗ wiederte er: ja! es konnte nicht anders ſeyn; ſie ſelbſt hat ja die Rückkehr abgeſchnitten. Sie giebt uns, ſagte Odoald, den Beweis, daß übermäßige Gefallſucht den Verſtand verwirrt. Ich habe Nachricht von ihrem Betragen in der Reſidenz, die dieß beſtätigen. Noch leidlich wäre für ihren Sinn dieſe Heyrath geweſen, da ihr Vet⸗ ter gerade eine Frau wünſchte, wie ſie war. Vorausgeſetzt, daß ſie nicht zu beſſern war. Aber nicht zufrieden mit dieſem Looſe, läßt ſie ſi ch, die erklärte Braut ihres Vetters, mit dem Eng⸗ 1 länder in ein Liebesverſtändniß ein, demſelben⸗ den Du kennen wirſt— Der— ſo? ſagte Wilhelm. — 262— Odoald fuhr fort: die Mutter warnt— der Vetter zürnt— aber der Engländer bewundert— was ſonſt etwas Seltenes iſt, und ſo läßt ſie 3 ihm immer mehr ihre Gunſt blicken, und zwar ſo offen, daß der Vetter endlich der Sache müde wird, ſein Wort zurücknimmt, und ſich ſogleich mit einem andern Mädchen verſpricht. Nun läßt Charlotte durch einen Bekannten den Engländer aushorchen: ob auf ihn zu rechnen ſey? Und 4 ſiehe da! dieſer, der eben den Spleen hat, er⸗ wiedert dem Abgeſanden: Mein Freund! mein Herr! ich würde den Meinigen einen ſchlechten 8 Gefallen thun, wenn ich eine Deutſche heyra⸗ thete, und dadurch Mauleſel in die Familie brächte. Der Abgeſande kehrte ſich ſchnell um und ent⸗ fernte ſich. Am andern Morgen erhielt der Witzling Ausforderungen von vier angeſehenen jungen Leu⸗ ten, die das Ding im Allgemeinen übel genom⸗ men hatten. 3 Er ſtellte ſich, und ſchon beym erſten Gang flog ſein Naſenzipfel auf den Wahlplatz. Er reiſte, begleitet von ſeinem Diener, ſogleich vom. Platze weg, und ließ ſich in der Reſidenz nicht mehr blicken. Charlotte aber wird ausgelacht, wie recht und 1 — 263— billig— und dürfte wohl lange warten, bis ſich wieder ein gutwilliger Narr findet, der ihr die Hand bietet. S iee thut mir leid, ſagte Wilhelm, im Zim⸗ mer auf⸗ und abgehend, als wolle er ſich alter Erinnerungen entſchlagen; aber ſie iſt eine Thörin. Vergiß Sie, ſprach Odoald— wenn es nicht ſchon geſchehen iſt— jetzt aber habe ich Dir et⸗ was— Minette winkte, einfallend mit etwas Andern, er aber fuhr fort, launig und halb zornig: Ey was, wir ſitzen hier und grübeln über das Wohl der Stadt, daß uns der Schweiß von der Stir⸗ ne läuft, und für des Freundes Glück ſollten wir nichts thun? Wilhelm, willſt Du mir aufrich⸗ tig etwas geſtehen? aber raſch— daß ich es er⸗ fahre, ehe wir geſtört werden, denn ich höre Jemand kommen. 3 Was denn? fragte Wilhelm etwas verlegen. Sage mir, fuhr jener fort, liebſt Du Luiſe Walter? Es will mir ſo ſcheinen, und das iſt kein Wunder, denn ihr theiltet einſt ein Geheim⸗ niß— und das iſt ſo gefährllch bey einem hüb⸗ ſchen Mädchen, als eine Stube theilen. Wozu das aber? ſeufzte Wilhelm. Wozu? antwortete Odoald haſtig— ey, weil G h — 264— es ein gutes, ein ganz vortreffliches Mädchen iſt, die meine Achtung hat, und die es wohl werth wäre, den vierten Mann bey unſern Seſſionen zu machen, oder vielmehr die zweite Frau— und kurzum, weil es ein Mädchen iſt—⸗ es wurde geklopft;„herein!“ rief er, und fuhr, die eintre⸗ tende Luiſe bey der Hand nehmend, und auf Wil⸗ helm zuführend, fort: die Deiner ſo werth iſt, als Du ihrer, die Liebe ſetze ich voraus— und nun macht, was Ihr wolkt, aber ohne Erklä⸗ rung kommt mir Keins aus dem Hauſe. Luiſens Verlegenheit war ihrer Uebevraſchung gleich. Wilhelm faßte ihre Hände und legte die ſeinige dazwiſchen. So— rief er lebhaft, und betrachtete ſie innig zärtlich— ſo lag einſt die Hand des Kranken zwiſchen den Ihrigen— darf ich ſie auch jetzt mit meiner ſchönſten Hoffnung hineinlegen? Minette trat hinzu, und brückte die Hände der Verlegenen feſt auf Wilhelms Hand. Darf ich für Dich ſo antworten, Luiſe? Luiſe ſagte nicht nein, und mhüͤtein war glücklich, Eine Burleske. Dialogiſirt. Vorbemerkung. Wer kennt nicht die Sorgfalt, die Menſchen glücklich zu machen— durch Lotterieen? Auch dem Aermſten iſt durch die Errichtung der Zahlenlotterie der Weg zum Tempel des Glücks gebahnt, und wenn ſo Wenige dieß Ziel erreichen, ſondern ab⸗ irren, mitunter in die Abgründe der Verzweiflung, ſo ſind die Lotterieunternehmer geneigt, ſich damit zu entſchuldigen, daß ſie auf die Unvollkommen⸗ heit aller menſchlichen Einrichtungen hinweiſen. Beyſpiele der Art beruhigen die Getäuſchten, und die Sache hat ihren Fortgang zum Erſtaunen. — Wer hat, wenn er an Ziehungstagen ſich eben in einem ſolchen Glücksländchen aufhielt, nicht jene wunderlichen Erſcheinungen getäuſchter Erwartung und flüchtigen Glückstaumels, bey Alt und Jung, Reich und Arm bemerkt! Aus einer Erinnerung ſolcher Scenen, ſetzte ſich dieſe Burleske zuſammen, die, im Einzelnen aus der Wirklichkeit gegriffen, in ihrer Zuſammen⸗ ſtellung aber nur einer muthwilligen Möglichkeit entlehnt, zu zeigen bemüht iſt, auf welche Art man allenfalls in dieſem vortrefflichen Spiele ſein Glück machen könne. 6 Erſte Abtheilung. Erſter Auftritt. (Iſabelle, eine bejahrte Jungfer, ſitzt mit der Vertrauten, Banſel, ihrer Magd, am Ti⸗ ſche, und blättert emſig in einem Lotterie⸗ Traumbuch.) Iſabelle. Der Herzog und ſein Pferd— Banſel.(nachſchlagend) Der Herzog iſt die Dreyßig.— Das Pferd? Ein Pferd?— M, N, O, P,— Iſabelle. —— Das weiß ich: Ein Pferd, das iſt die Drey; wir hatten's öf⸗ ters ſchon.(ſchreibt) So! Nun, dann ſah ich auch ein Feld mit rothen Mohn. Banſel.(nachſchlagend) Maulbeere, Mispel, Mohn, Monarchengunſt und Mücken Bedeutet Sieben— — 268— Iſabelle.(ſchreibt) — gut!— Drauf war's, als ſäß ich dort In unſrer Küch' und wollt' uns einen Haſen ſpicken. Auf Einmal ſprang der Haſ' mir aus den Hän⸗ den fort, 1 Und ſchrie, indem er lief, er danke für die Gnade; Es ſey zwar nicht für ihn, doch für den Speck ſey's Schade. So ſchnellt' er fort; und ſieh, ſtatt eines Ha⸗ ſenbraten Lag ſchlafend auf dem Schnitzbret— kannſt du rathen?— . Banſel. Der Bräutigam— Iſabelle.(affectirt zärtlich) — er war's. Ich küßt' ihn aus dets Schlummer, Und wachte drüber auf;— nun, Banſel, ſieh die Nummer. Banſel.(liest) 4 Haarbeutel, Haſe, Hecht, Hofdienſt und Ho⸗ 18 nigthau, Bedeutet Achtzig— Iſabelle. Achtzig! gut. Das Traumbuch, wie genau!— Doch nun— der Bräutigam— —— A — 269— Banſel. B, Bileam, Barbier, Bauchgrimmen, Bräutigam— das iſt die liebe Vier. Ein ſchönes Nummerchen, drauf kann man ſich verlaſſen, Ein Modenummerchen, das darf man nicht ver⸗ paſſen. Ifabelle. Drey, dreyßig und die Sieben, die Achtzig und die Vier— Banſel. So gut, als wie gewiß, Mamſellchen glau⸗ ben mir—; Das Traumbuch iſt ein Schatz— Iſabelle. — Doch hat es oft gelogen— Und uns, wie's ganze Spiel, um unſer Geld be⸗ trogen!—— —(es wird geklopft) Herein! Was giebts denn ſchon: Zweyter Auftritt. (Rippel, Baſtel und Schlund, drey fremde „— Bettler, treten herein.) Schlund. Ein armer Mann, der ſchier Verhungern muß—— Iſabelle.(mißtrauiſch lächelnd) und gerne ſpielen will— Geſteht es nur, ihr ward ſchon öfter hier, Wenn eben Ziehung war? Nicht wahr, ich mach' Euch ſtill? Schlund. Ach nein, da ſind Sie falſch; wir armen Teu⸗ fel wiſſen Von ſolchen Spielen nichts— der Himmel mich bewahre! Rippel. s iſt ſchlimm genug, daß wir jetzt betteln müſſen, Wir waren Fabrikanten noch vor einem Jahre. Schlund. Der Handel ſtockt, die Engelländer lachen, Daß wir einander ſelbſt zu armen Schelmen machen. Aus Hunger würden wir am Ende wohl Soldaten, Allein, es ſchmeckt auch ſo das Brod von Gottes — Gnaden. „ 1 — 271— Iſabelle. Verſtellt Euch nicht—(zutraulich) ſagt, wißt Ihr gute Zahlen? Fiel Euch im Schlafe nicht ſo Etwas bey? Ich will nun eben nicht mit meinem Scharfſinn prahlen; Allein, es ſey, es ſey nun immer wie es ſey, Ich ſeh's Euch an— Rippel. In Träumen ſind wir dumm; Wer Geld hat, kommt bey uns auch wohl im Wachen drum. . Iſabelle. Nu, nu, beſinnt Ench nur; weun ich was Recht's gewinne, Iſrs Euer Schaden nicht, ich mach' auch Euer Glück—— Schlund.(aufmerkſam, nach einer Weile) Es iſt mir faſt, es liegt mir ſo im Sinne— Die Acht, die Sechs, die Zwey, die Neunzehn und die Dreyßig— Die möchten, denk' ich wohl, ſcharf zu beſetzen ſeyn. Iſabelle.(aufſchreibend) Wart' Er, ich ſchreib' es auf. Nun ſeht den . loſen Zeißig! . — z2— Erſt weiß er nichts, und jetzt fällt's ihm auf Ein⸗ 3 mal ein. Schlund. Zureden hilft. Was träumt der Deutſche nicht für's Geld! Jedoch, Mamſellchen, daß nun auch für mich was fällt!— (Iſabelle giebt ihm etwas) Wir danken ſchön; und kehrt das Glück bey Ih⸗ nen ein, So wollen bald genug wir ſchon zu Dienſte ſeyn, (die drey Bettler gehen ab) Iſabelle. Nün, Banſel, lauf geſchwind, und trag die Nummern hin! Hier; 19 beſetze ſtark, ich rechne auf Gewinn— Ach, Banſelchen! auf doppelten; ich komme nicht zur Ruh'— Banſel.(ſtürzt ihre Taſche um) Da, was ich mir erſpart, ich leg' es auch dazu⸗ Ach, das verdammte Spiel! Und doch— könnt's Eins nur laſſen! zs iſt immer ſo gewiß, und will doch niemals paſſen. (geht ab mit Zettel und Geld) — 273— Iſabelle.(in Extaſe) In ein'gen Stunden kann' entſchieden ſeyn! Ach ein Quaternchen nur, und er iſt mein. Und wärs auch diesmal nicht, doch nur ein an⸗ dermal.— Gefeſſelt iſt er zwar, dafür iſt mir nicht bange— (vor dem Spiegel) Ich aber zehr mich ab in bitterfüßer Qual— Der Weg zum Frauenſtand, ach! dauert gar zu „ lange!— (ab in ihr Zimmer) Dritter Auftritt. Eduard, lein weitläuftiger Verwandter von Iſa⸗ bellen, und in demſelben Hauſe wohnend, langſam hereinſchreitend) Habe ganz meine gute Laune verloren, Seit dem ich mich dieſem— Drachen verſchworen. Mit eiferſücht'gem Unſinn hängt es ſich, Das hagere Geſpenſt, an meinen Fuß, Daß ich, Unglücklicher, ein Glück, das ich Beſitzen könnte, ſtill verſchmerzen muß. §9 Minna, du und ſie, welch ſchreckender Ver⸗ gleich! 4 und würde ſie, wie Erbſus, einſt ſo reich, Und könnte ſie mir Millionen bieten, S — 275— Ich hiell⸗ nicht aus, mich an das Creuz zu ſchmieden. und was begönn' ich denn, wenn auf Ein⸗ mal——— Fort, fort, und lieber Amt und Ehre Verſcherzt, als ſich bereitet ſolche Qual— Die Hand zu geben der Megäre?— Fort will ich?—— kann ich denn wohl fort? Ach, ſchlagen denn nicht an demſelben Ort Der Liebe Gluth und der Verdammniß Flammen Gleich ſengend, brennend über mir zuſam⸗ men?——— Der Felſen hier, woran mir armen Tantalus Der Reue Geyer an der Leber frißt—, Die Lippen dort, von denen, ach! ein Kuß Mir mehr werth als der Erdball iſt. Hier der Meduſenblick, der unter borſtgen Brauen Mit nachgemachter Sanftmuth mich betrogen— Das Auge dort, aus dem die Engel ſchauen, Sanft glänzend unter ſchön gewölbten Bogen. Die Hand— hinweg! ich mag ſie nicht beſchrei⸗ ben, Wenn klappernd ſie mir übern Schädel ſtreicht In Liebeswuth— die Haare ſträuben ſich und bleiben Mir hoch empor, wenn ſie ſie zärtlich reicht.— Iſt aller Muth denn weg? kein Pfiff mehr, der mir blieb', — 275— Mir, der als Knabe ſchon die tollſten Streiche trieb? Mich als Student aus mancher Patſche iiß, Dem Widerwärtigen die Zähne wies? Iſt mit dem Fieber Alles hier verſchwunden? (auf die Stirne deutend) So ſcheint's! hätt' ſonſt mich wohl ein ſolch Ge⸗ ſchöpf gebunden? Cer ſteht ſinnend da) Muth! Zeit! auf Rettung mußt du ſinnen— Der Hexe zu entflieh'n, und meine Ruhe zu ge⸗ winnen. Man kommt, wer iſt's?— Halt! möcht' ein we⸗ nig horchen; Der Maurer manches Steinchen braucht. Mir ſagte Einer einſt: man muß dem Wink ge⸗ horchen, Den uns der Zufall giebt, und ſammeln, was uns taugt. ler verſteckt ſich unter einen behangenen Tiſch) Vierter Auftritt. gwickbauer, ein alter Adpoeat, dem die Pra⸗ ris unterſagt iſt, Bormund Eduards, und Iſabellens Onkel, kommt mit Iſabellen, S 2 — 277— Doch nun Cattel für jett. Ich bin bei guter Laune. Zwickbauer. Zum Aergern brichſt Du die Gelegenheit vom Zaune;— Mir ſchmeckt kein Tropfen mehr, bis ich— Iſabelle. Sechs Maas getrunken. Zwickbauer. Verdammtes Maul, wie oft bin ich— Iſabelle. — Schon umgeſunken. Zwickbauer. Wird's bald ein End'? Ich Narr ſteh da und laß mich höhnen. (will fort) Iſabelle.(hingeworfen ſingend) Wie wird ſich Minna, wenn Sie weg ſind, ſehnen! 1b gwickbauer.(umkehrend) Das Mädchen? Wie denn ſo? Hat's ſchon ſo was geſprochen? Ja, ja! ich— ich— ich hab' es auch bemerkt— — 276— zum Ausgehen bereit, herein, und will ſo⸗ gleich zur andern Thüre wieder hinaus.) Iſabelle. Herr Oheim, ſagen Sie, was haben Sie zu rennen? Wenns Fünfe ſchlägt, ſo iſts, als ob die Sohlen brennen. Zum lieben Weinhaus haben Sie noch Zeit genug. Zwickbauer. Ich hab' da eben einen dringenden Beſuch Beym Beren Juſtizrath—— Iſ abelle. Ha, ha, ha! das iſt zu rathen! Ja, der erwartet Sie. Sie ſtehen ſehr in Gnaden, Seit dem verdammten Streich, wo er mit Feſtung drohte. Zwickbauer. Du unverſchämte, ſchweig! Du ärgerſt mich zu Tode Mit Deinem Liſtermaul. Feſtung! Das wär' mein Ort! Fſabelle. Man hat die Wahl, ha ha! Ich glaube ſelbſt kein Wort. Wie manche Feſtung müßte man noch bauen, 4 Entſchlöſſe man ſich— Ihresgleichen nicht zu trauen. =— 2478— Sie ſi ieht ſo traurig aus, als hätt' ſte was ver⸗ brochen, Und bin ich da, fühlt ſie ſich ordentlich geſtärkt. Iſabelle. Nun ſehen Sie, das weiß— das heißt's— das ſah ich eben— Drum müſſen Sie ihr ſchnell die Ruhe wieder geben. So greifen Sie doch zu. Wer's ſo im Hauſe hat, Der braucht nicht weit zu gehn. Wer blöd' iſt, wird nicht ſatt. Zwickbauer. Vier Wochen ſind's ja kaum, daß ſie hierher gekommen. Iſabelle. und immer haben Sie noch gar nichts unter⸗ nommen. Sie reiſt bald wieder fort. Dann werden Sie's bedauern, und können Jahrelang auf ſo ein Täubchen lauern. Zwickbauer.(vergnügt) Meynſt Due ja, ja! Ich darf mich'eben auch nicht ſchämen— 3c denke, Iſabelchen höre! ſie wird mich doch wohl nehmen? Verſtand, noch bey der Hand, und Geld und gu⸗ . ten Ruf—— Iſabelle. Ja wohl! Wer ſo, wie Sie, ſich einen Namen V ſchuf, Bedarf des Titels nicht, ſich eine Braut zu werben; Wo's magre Bauern giebt, wird nie Ihr Name ſterben. Zwickbauer. Was kümmern Dich die Bauern, Unverſchämte! Wems in dem Rock zu warm iſt, läuft im Hemde. 1 3 Jetzt denk' ich nur, wenn nicht— was ſiehſt Du mich ſo an? Iſabelle. J nun, ich denk, ich ſeh Sie ſchon als Ehemann, Den Kleinen auf dem Schoos— Zwickbauer.(geſchmeichelt und lebhaft) Ach ja, die lieben Kleinen! Das ſchreyt, das kröhlt, das zappelt mit den . Beinen, Die Ruthe muß herbey— Iſabelle. Nu, nu, nicht gar zu hitzig! Mein Pathchen, Iſabellchen da, beſchütz' ich— 3 —õõm——— 8 Das hopſt, tralla, tralla! Der Teufelsbube greift — 280— Das andre iſt ein Jung, der mag ſchon ehr was leiden—— Zwickbauer.(außer ſich für Freude) Das andre— ja ein Jung', den muß ich laſ⸗ ſen reiten. Mir nach der Naſe bald, bald nach den Ohren. Ich wehr', ich zank' ich klaps, und drüber läuft Der helle Schweiß am Schlafrock mir berunter. Drauf ſchmeckt dann aber auch ein Glas Petit Burgunder. Goldtäubchen, ſchenke ein— Iſabelle. Vivat, der kleine Page! Zwickbauer. Nun fehlt's an weiter nichts, als nur noch— Iſabelle. — An Courage. Zwickbauer. Oho, die wäre wohl!— Doch— laß mich jetzt auch gehn, Ein Gläschen ſchadet nicht—. Iſabelle. Rur ſchnell, ſo iſts geſchehn. — 281— (für ſich) Jetzt wäre wohl die Zeit, ganz leiſ' hervor zu rücken! Er iſt ſchon ganz verwirrt. Friſch auf! es muß mir glücken! (laut) Nur noch ein Wort, Herr Oheim. Sehn Sie wohl, Wie theuer mir Ihr Glück, wie ſehr ich Antheil nehme? Von Thränen ſind die Augen mir ganz voll. Sie Glücklicher! und ich umſonſt Verlobte, gräme Mich ab— ich werde wohl die Hochzeit nicht erleben, Kinoͤtauf' auf keinen Fall— Zwickbauer. Warum denn? biſt du toll! Iſabelle. Sie wiſſen, will mir wohl die Hand mein Eduard geben, Ehe nicht die Dreyßigtauſend baar und voll Hier auf dem Tiſche liegen? ſo ſagt es der Contrack. Zwickbauer. Ja ſo, nun ja! Das find' ich auch recht abge⸗ ſchmackt Von Deinem Bräutigam. Da mußt Du freylich warten. Iſabelle. Ach!(weint) bis die Roſen blühn, hu hu! in unſerm Garten, Bin ich des Todes Raub, ein ſchreckliches Gerippe. Zwickbauer. Was faſelt ſie, ich glaub'— Iſabelle. Und ſchleiche mit der Hippe Um Mitternacht im ganzen Haus herum. Wer ſchläft, dem kneip' ich braun und blaue Flecken. (ſie kneipt ihn) Zwickbauer. Ich will Dich, wart— ſo ſoll Dich gleich— Iſabelle. Ich necke Die Kleinen, zieh die Naſe ihnen krumm. Zwickbauer. Du follſt mir kommen— Iſabelle. Ey, ſo will es mein Geſchick— und jede Nacht kehr' ich mit neuer Qual zurück. Und wo ich weiß, daß ungerechtes Gut In Eines Händen iſt, den muß ich plagen, quälen, Bis er's herausgiebt, bis aufs Blut. — 283— Zwickbauer. Trallirum larum! Da— hätt' Mancher viel zu zählen. Kein Heller, liegt er nicht noch unterm Preſſebengel, Iſt mehr gerecht und rein, beſäß ihn auch ein Engel. Iſabelle.. Ach ja, ich werde wohl manch Stückchen Arbeit finden. Zwickbauer. Potz Narrenspoſſen! Sprich, was ſollen nur die Quinten? Iſabelle. Sie halten Alles wohl für leere Phantaſie? So iſt es nicht, nein nein, ich kann es Ihnen ſagen, Wo ich es hört' und ſah: am Aſchermittwoch feih— Zwickbauer. O ol verſchone mich, ich will nicht weiter fragen— Iſabelle. Doch Mifleid fühlen, helfen, das ſteht in Ih⸗ rer Macht— (zutraulich) —õ—— — 284— O theurer Oheim, dem das ſchönſte Glück jetzt 9 lacht,— Ich bin verloren,— denn wie ſoll ich wohl Bis Dreißigtauſend mein Vermögen mehren? Zwickbauer. Das glaub' ich wohl, jedoch, mein Schatz, was ſoll Denn ich dabey? ich bin begierig, das zu hören. Iſabelle. (feierlich) Unrechtes Guth, Herr Oheim, hö⸗ ren Sie, Bringt keinen Seegen in die Ehe— Es brennt und rennt, es nützet nie, Und noch den Kindern bringt es Wehe.— (vertraulich und halbleiſe) — O geben Sie das ſchöne Sümmchen mir her⸗ aus, Was Sie von Eduards Vermögen unterſchlagen. Zwickbauer. So ſoll Dich doch— Iſabelle. Still, ſtill, es hört es keine Maus, und ich, ich wills ihm denn nun eben auch nicht ſagen. O bitte, laſſen Sie ſich doch erweichen. —-—y — 285— Ich weiß, daß es doch Ihre Ruhe ſtört—— So kann contractlich ich alsdann die Hand ihm reichen, Und das Vermögen kommt dahin, wohin's ge⸗ 3 hört. Zwickbauer.(anßer ſich) Wie? was? das ſagſt Du mir, Du gift'ger Sa⸗ lamander— Du Schlange, Du Chamäleon, Beweiſe her!— Wo hab' ich Eduards—(ſich furchtſam umſehend) Iſabelle. Der Herr Notar Solander Mein guter Freund, weiß, denk“ ich— Zwickbauer. Wer? Der Schuft, der Elende, was hat er Dir ge⸗ logen? Sag' es heraus—— Iſabelle.(lächelnd) Sie hätten nie betrogen—. Zwickbauer. Ich will ihn, warte, ſchon an ſeinen Kragen kommen. — 286— Iſabelle.(hämiſch) Wie kam es auch, daß Sie ſich nicht in Acht ge⸗ nommen? Den Kragen, glaub' ich ſelbſt, hat er nicht ganz verwahrt, Allein, der Hals, der Hals, der, denk' ich, geht halbpart. Zwickbauer. Sprich, Teufel, noch ein Wort— Iſabelle. Nicht Eins, warum nicht gar! Allein dem Eduard mach' ich die Sache klar. Zwickbauer.(horchend) Hä, hä, was hilft es Dir; hat er das Bis⸗ chen Geld, Verläßt er Dich und geht, hui, fort in alle Welt. Iſabelle.(ſür ſich) Verdammter alter Fuchs!— es wär' auch nicht geſchehen.— Was thu' ich jetzt? ich denk', ich laß es noch ſo gehen, und werf ihm allenfalls noch einen Brocken hin⸗ (laut) Herr Oheim, hören Sie, es ändert ſich der Sinn. —— — 237— Werd' ich nicht ſeine Frau, ſo mag er immer reiſen, 3 Wohin er will— ich bin nicht hinderlich——; Doch wers dahin gebracht, dem werd' ichs dann beweiſen, Daß Rache eignes Blut nicht ſchont.— Em⸗ pfehle mich. (will fort) Zwickbauer. Sabellchen, höre doch, wir wollen's über⸗ legen, Vielleicht kommt mir beym Wein ein Mittel in den Sinn— Es kommt mir eben jetzt nur nicht ſo ganz ge⸗ legen, Weil ich doch, ſo zu ſagen, beinahe Bräutgam . bin. 3 Iſabelle. Beinahe, ja— doch muß ich Sie erſuchen, Den Weg zu meinem Glück nicht gar zu weit zu ſuchen; Ich bin zwar, Gott ſey Dank! noch jung— Zwickbauer. Kaum Neun und Dreißig! Iſabelle.(Yicht drauf hörend) Allein der Zahn der Zeit—— Zwickbauer. Ja wohl, der war ſehr fleißig. Iſabelle. Der nagt an meinem Glück; die Tage ſchwin⸗ den hin. Nichts nützt mir der Contract, wenn ich nicht rei⸗ cher bin. Zwickbauer. Verſteht ſich!— Nun adieu, beſtelle nur in⸗ deſſen Heut zur Verlobung, uns ein gutes Abendeſſen. .(ab) Iſabelle. 3 Ha, ha, der alte Fuchs! Ich denb, er ſoll ſich geben.. Braucht' er des Gelds nur nicht ſoviel zu ſeinem Leben. Ein hartgeſottner Freigeiſt— mit meiner Geiſterey Kam ich nicht durch— die war ihm juſt wie Brey⸗ Mein guter Eduard, das wär' dir wohl gefunden, Brächt’ ich das Sümmchen dir ans Licht? Rein, nein, wir halten lieber dich gebunden, Und nur mit mit genießt du's, oder nicht, — 289— (vor den Spiegel tretend) Er kommt nun bald nach Hauſe; denke doch, Ich muß auch wohl mich etwas feſter ſchnüren. Er liebt das Schlanke— werd' auch noch Sorgfältiger mein Haar accommodiren. Das alberne Geſchöpf, die Minna, ſteht mir bald Im Wege hier. Er iſt ſo grob und kalt Jetzt gegen mich.— Sie mag ſich nur bequemen, Zu gehen, oder bald den alten Narrn zu nehmen.— Was hat er nur an ihr?— Den aufgeworfnen Mund, Die großen Eulenaugen, die Backen kugelrund, Mopspfötchen auch dazu; mit der halt' ichs noch aus. Und doch, ſie muß, ſie ſoll mir nächſtens aus dem Haus!— Wie ſchielt er nicht nach ihr, als wär's ein Wun⸗ derthier! Thut ſie ihr Mäulchen auf, da kommt kein Blick von ihr— und mir, mir ſieht er nur bärbeißig ins Geſicht. Von einem Kuß, ach! iſt ſchon lang' die Rede nicht. Doch nur Geduld! gewiß iſt mir die Hand; Hat's Liebe nicht gethan, ſo hat die Liſt gebannt⸗ Die Männerzärtlichkeit iſt ſo nur blauer Dunſt; Und in der Ehe bleibt uns höchſtens— etwas Gunſt.(geht ab) T — 290— Fuͤnfter Auftritt. Eduard. (ſtürzt unter dem Tiſche hervor) Nen/ nein! nein, nein! Ich kann nicht, mag nicht, will nicht! Das iſt ein ſaubres Paar: ein frecher Böſewicht! Und du, Mamſell Betrug, denkſt ſchon, du hät⸗ teſt mich! Du ſchwarze Nachtgeburt. Nein, ehr erſchieß’ ich mich! uff! ich muß mich ergehn, und alle meine Sinne Gebrauchen, um zu ſehn, wie ich heraus unh ſpinne. Ggeht haſtig ab) Sechster Auftritt. Minna,(cbenfalls eine weitläuftige Verwandte Ijabellens, kommt aus ihrem Zimmer.) Es war mir doch, als hört' ich hier ihn reden. Er iſt es nicht, und Niemand läßt ſich ſehn. Da gehn ſie hin, die liebe Zeit zu tödten, Aufs Kaffeehaus; ach! hier iſts gar nicht ſchön. Das dunkle; Haus, die Enden dumpfen Straßen; Kein ſchöner Platz, kein einz ger grüner Raſen, Wo ſich vom jungen Volk ein muntrer Kranz — 291— Verſammelte zu Spiel und Tanz. Und hier im Hauſe ſchleicht man hinter einander, Da kommt ein Teödelweib, ein alberner Solander; Der Alte ſchwatzt zu viel mir durch die Blume, Mit Laͤſtern unterhält mich dann die liebe Muhme; und Eduard, nun der——(ſeufzt) ſollt' es wohl Waheheit ſeyn? Erſt leugnet er, dann räumt er's wieder ein.— Ey, Minna, ſage mie, wie kommſt du auf die Frage!—— (ſie ſtockt, nachſinnend) Ey nun, wer wehrt. Mirs, daß ichs ſage: Stille, daß ers nicht hört—— Der arme Eduard, er dauert mich. Er ſchamt ſich zu ſagen das Wie und Wanuu Ballt die Fauſt, kehrt ſich um, Und murmelt: ja, Braäutigam bin ich!— Woher der ſtille Grimm, die unterdrückte Gluth 4 Der Muyme gift'ger Blick, die kaum verhaltne Wuth? Des Alten Anſpielung, das Heimliche bei Allen und dabei ſein Bemühn, mir nur, mir zu ge⸗ fallen? Wer das enträthſeln kann! ach Mäͤnnertiſ und Trug zu ſehn, ſind bloße Augen nicht genug.—— T 3 — 292— So waffne Minna ſie! doch ach! womit? Gab uns denn die Natur zu unſerm Leichtvertrauen, Nicht auch ein Mittel, klar uns umzuſchauen? Iſt ewig hohl der Boden unterm Tritt Des armen ſchwächeren Geſchlechts, das ſi ich im engen Kreiße In vorgeſchriebnen Bahnen dreht? So blieben wir denn blind? ob gllücklich oder— — halt! Erſt ſage Minna dir, warum kannſt Du nicht ſehn⸗—— Weil— weil—— die Blicke ach! ſtets mit dem Herzen gehn? So iſts, ja ja, ſo iſts. Nun Minna, dann ſey kalt!— (entſchloſſen) Das will ich, ja, ich weiß, ich war zu unbefangen. Die Männer nehmen gern den frohen Sinn Der Mädchen gleich für heiße Liebe hin. Sie ſpotten über uns, ob jeder dennoch glaubt, Er hab' uns, lächeln wir, auch ſchon das Herz . geraubt. Der Einzelne?— nun ja, wohl manchen mag es geben, 1 Der nicht ſo denkt. Ob Eduard?—— Nein, nein! Er läuft auch mit der Menge, und wünſcht, nicht mehr zu leben, — 293— Nur um der ganzen Welt recht intereſſant zu feyn. Der ganzen Welt? ſo iſts. Iſts nicht ein ew'ges Treiben?. Kann er jetzt wohl nur eine Stunde bleiben? Und weiß doch, daß ich bald—— ey Minna, ſingſt ſchon wieder Die alten unbeſonnenen Lieder? Wo bleibt die Kälte, wo der ſcharfe Blick? Ich ſcheuch ihn fort, den Wunſch, und ſtets kehrt er zurück. Nein Herz, verrathe dich in keinem Blick— Ihr Hoffnungen, zurück, zurück! Es gilt, mich ſelbſt von Täuſchung loszuwinden, Ihm zu erleichtern ſeine Pflicht, um ſich zu finden. (ab, in ihr Zimmer) Siebenter Auftritt. Eduard. Ich kehre wieder um, ich muß ſie ſehen! Denn wirr iſt mir der Kopf, die Stirne glüht, Mein Puls ſchlägt doppelt, und die Bäume 1 drehen Sich um den Gehenden herum. Vielleicht erblüht Ein glücklicher Gedanke, wenn aus ihrem Auge Ich erſt mir Hoffnung und Entzücken ſauge. — 294— Aus ibrem Auge? darf ich ihr Denn ſagen, was ich fühle, der ich todt Durch ein unſelges Wörtchen bin, das mir Zwar Hoffnung läßt, doch ſtets mir droht?— Fort! ich zerſtöre das Gebild, Das täuſchend mich in Rehel hüllt! Schon blinkt ein Strahl der Rettung mir: Des Vormunds Raub, den Iſabelle Mir, unbewußt, entdeckt— das nützet mir!— Das rettet noch vielleicht mich aus der Hölle. Achter Auftritt. Minna,(trägt einen Roſenſtock aus ihrer Stude, und ſetzt ihn ins Fenſter des Vor⸗ ſaals), Eduard. Eduard. Wohin trägt meine ſchöne Freundin ihr So ſorgſam ſtill gepflegtes Ebenbild? Wär' ich die Roſe doch!— Minna. Ey nun, ihr gleichen wir Denn freilich, Dichter ſagens jg— Eduard. und füllt Die Roſe nicht mit ihrem ſanften Hauch Die Beuſt, die ſich ihr naht? — 295— Minna. Die Nelke thut das auch. Warum hat's denn den Dichtern nicht gefallen, Wenn nur der Hauch es iſt, der uns vergleicht, Die Nelke ebenfalls— Eduard. Die Nelke duftet Allen, Auch dem, der nicht zu ihr bewundernd hin ſich neigt. Sie will gefallen: doch die Roſ' entzückt Nur den, der freundlich hin zu ihr ſich bückt. Minna. Die arme Roſe! Ey wie viele neigen Zu jeder Blume ſich, beſchauen forſchend ſie, Sie ordnen, claſſificiren und vergleichen, Staubfäden, Blätter zählen ſie mit Müh’— O, ich verdenks der Roſe ſehr, die nicht Mit ihren Dornen jeden Forſcher ſticht. Eduard. So ungerecht wird keine Roſe ſeyn, Den ſchonenden Bewundrer zu verletzen. Minna. Den ſchonenden, nein! fällt's ihm nur nicht ein, Am bunten Farbenſpiel ſich zu ergötzen, Und ſte etwa noch gut genug zu finden, Mit Tulpen, Lack und Mohn in einen Strauß zu binden. Eduard. Ey, ſchöne Freundin, nein! nur mit Vergißmein⸗ nicht Möcht' ich die Roſe paaren; ach, es ſpricht Sich dann ſo ohne Worte aus— Minna.(lächelnd.) Gewiß recht ſchön. Auf Kaffeetaſſen hab' ich's oft geſehn. Doch, während wir der Roſe Lob erheben, Vergas ich bald, Erguickung ihr zu geben. (geht hin und begießt ſie.) Und ſtille nun von allen Blumen. Sagen Sie mir dafür, ob Sie mit Madam Hagen Geſprochen— Ed uard. Ich? weshalb? Nein— doch— von ohngefähr Sah ich ſie wohl— Minna. Ey, ey, ſind Sie ein Commiſſair! Ich bat Sie ja, ſobald als möglich ſie zu fragen, Ob, da Ein weg uns doch nach Hauſe führt, Vielleicht gemeinſchaftlich wir einen Wagen— — 297— Eduard. Ja, jetzt beſinn' ich mich. Sie—— ſchien mir ſehr frappirt. Von Reiſen, meynte ſie, ſey gar noch nicht die Rede, Es ſey ihr noch zu kalt, zu windig— kurz ſie 1 drehte Sich um, und ließ mich ſtehn— Minna.(lachend) Im July ihr zu kalt? Ha ha! mein werther Herr, was iſt das für ein Schwarm? Kein Lüftchen regt ſich ja, und wir vergehen bald Für Hitze ſchier—— 4 Ed uard(bverlegen) Ey nun, ſo war es ihr zu warm. Kurz, eins war ihr nicht recht; ſie wollte noch nicht reiſen. 3 Doch ſagte ſie, daß ſie ſich glücklich werde preiſem Wenn ſpäter ſie mit Ihnen—— Minna. 9 Späterhin? Nein, nein! Geht ſie nicht mit, nun wohl, ſo reiſ' ich ganz allein. 298= Eduard. Allein? bey ſolch unſicherm Weg? ein Frauen⸗ zimmer? Minna. Die Polizey iſt wach, und Dörfer trifft man immer! Eduard. Wach unſre Polizey?— Aus allen Ländern laufen Verarmte Kerls herbey, das Lotto zieht ſie her.— Da iſt kein Siench. kein Baum, wo nicht ein bunter Haufen Sich hingelagert zu gemeinſamen Verkehr. Bey ſolcher Conferenz tauſcht Geld und Idee ſich aus; Ein Bettelhaufen erſt— bald werden Räuber draus. Minna. Sie malen gar zu. u srelt ſo fahr ich mit der Poſt. Eduard. Sie mit der Poſt? Das ſollte Sie gereuen! Ein giober Poſtillion, berauſcht von Wein und Moſt, Ein Schaffner, ganz voll Witz und grober Schmu⸗ zereyen; Ein ſchmierger Iſraelit, der mir die Luft vergiftet; Ein Pfefferkuchenweib, die nichts als Händel ſtiftet; — 299— Ein fluchender Sergeant— dergleichen Compagnie Wär' eine angenehme Geſellſchaft ſchon für Sie. Minna. Ey nun, ſo laß ich mir— Cduard. Muß es denn aber ſeyn? Warum ſo eilig nur?— O Minna, Sie nur weihn Dieß Haus zu einen Tempel— Minna.(drohend) Stille, ſtille! Von Schmeicheley nichts mehr. Wer wohnet hier⸗ (auf Iſabellens Zimmer zeigend) Daß ich nichts fage— Eduard. Dieſe letzte Pille Will ich noch ſchlucken— doch— nichts mehr von ihr! Wie konnte Minna wohl von mir ſo Etwas denken? Ich ſollte Herz und Hand der— Jeſabell da ſchenken? (ſ herzend) Es iſt ein Stadtgeträtſch, die alte Magd bracht's aus; Denn wohnt ein Frauenzimmer hier in einem Haus 4 5 6 — 300— Mit einem jungen Mann, ſo iſt ſie auch gleich Braut; Das kann nicht anders ſeyn, die alten Kaffee⸗ ſchweſtern Die wollen's einmal ſo. Geſchieht es nicht, ſo läſtern Sie auf die arge Welt, daß ſie noch nicht getraut, Dann thät es Noth—— Minna. Mein Freund! ſehn Sie mich einmal an! So— nun antworten Sie: Wie nennen Sie den Mann, Der ſeiner Braut ſich ſchämt, und denkt damit Bey andern Mädchen zu gefallen? Eduard.(ſchweigt betroffen) Minna. Sie ſchweigen? Nun, bereuen Sie den Schritt— 2 Eduard. (der nachdenkend da geſtanden, einen innern Aerger nicht verbeißend, reißt ſich ſchnell em⸗ por und ergreift Minna's Hände:) O Minna, theure Freundin, ja von Allen, Die ich gekannt, die Erſte, Einz'ge nur,“ In Ihrer Nähe ſeyn und nicht bald jede Sput Von Schmeichelſucht gern gegen Liebe zu ver⸗ : tauſchen, 6 — 301— Wer unterließ das wohl— wer möchte nicht In Wünſchen, Hoffnungen ſich hier berauſchen? Wär's auch ein Elender, den bey harter Pflicht, Ihm auferlegt zu einer unglückſel'gen Stunde, Ein holdes Wort, aus Ihrem Munde Selbſt zur Verzweiflung bringen müßte! Doch, ſo iſts nicht. Es ſind nur enge Schranken, Die zu durchbrechen ſind, ein elendes Gerüſte, Durch Frevel aufgebaut— Verbrechen bringts zum Wanken. Minna. Sie ſprechen Räthſel mir, doch nennt das Wört⸗ 3 chen Pflicht, Das Einzige, was ich davon verſtanden, Mir auch die Meinige, Sie länger nicht So anzuhören.— Die Worte, die Sie banden, Gehörten, denk' ich doch, dem freyen Manne . wohl? 1 und Unſinn iſts, wenn Schwärmerey ſie löſen ſoll. Eduard.(heftig) Dem freien Manne nicht, nein, nein! Vom Nervenfieber Gedankenlos in Abſpannung verſunken Benutzte ſie den letzten Feuerfunken. Der abgeſpannten Phantaſie; und ließ darüber, — 302— Was ich im Scherze halb, im Ernſt halb ausge⸗ ſprochen, Gleich einen förmlichen Contract zuſammen ſchmie⸗ . den. Ic unterſchrieb, doch nicht ſo ganz damit zu⸗ frieden.— Minna. Doch unterſchreiben Sie— Eduard. Was hätt' ich damals wohl Nicht unterſchrieben? Denn ſo leer und hohl, Wie mits im Kopfe war— o, ich bin zu be⸗ klagen! Minna. Und dauern Sie mich auch, ſo ſeh ich doch nicht ein, 3 8 Durch welches Mittel Sie den großen Stein Hinweg bewegen wollen— Eduard. aſſen Sie ſich ſagen, Wie ſehr ich meine Schwachheit nun bereut— Da Jſabellen ich, trotz ihrer Freundlichkeit Gar bald als ſchlechtes Weſen kennen lernte, Das ſchmeichelnd mir, mich immer mehr entfernte⸗ Wär auch ihr Körper wen’ger haßlich nog, — 303— Als er es iſt— dieß Band zerriß' ich doch! Denn noch iſt die Bedingung nicht erfüllt, Die mich an die Betrügerin gekettet. Leicht iſt ſie nicht. Vielleicht, vielleicht enthüllt Die Zeit noch manches, was mich rettet. Vielleicht, ſag' ich? o— es iſt ſchon gewiß, Seit Kurzem athme ich ſchon freier,—— Und dieſe ſüße nahe Hoffnung riß Von meinem Herzen jetzt den Schleier— Ich ſah, o Minna, daß nur Sie In meinem Herzen wohnen könnten— Minna.(vill ſich entfernen) Genug, nichts mehr davon— Eduard. (dringend, ihre Hand ergreifend) Und wenn Sie nie, Ein holdes Wort nie wieder mir vergönnten—— O Minna, Theure, kann Sie's kränken, Wenn ſich ein Mann, der Sie verſteht und kennt, Gern einzig, ewig den Ihr'gen nennt?—— O— Ein Wort nur— Es löſet den falſchen Schwur— Kann Muth und kann Hoffnung mir ſchenken! (er kniet vor ihr nieder, ſie will ſich los⸗ reißen, er zieht ſie heftig nach ſich, ſo. daß ſie in ſeine Arme fällt) 1 — 304— 2 Neunter Auftritt. Iſabella.(ſehr herausgeputzt, tritt her⸗ ein) Eduard und Minna ſpringen auf) Iſ abella. So?— Ey!— recht ſchön! Nun ja, das muß ich ſagen, Die Muhme, die verſtehts, ſich ſittſam zu be⸗ tragen. Deswegen alſo hat die Muhme jetzt die Ehre, Sie hier zu ſehn, ey ſieh! ich meynt', es wäre Meinetwegen— nun— da hab' ich mich doch wohl betrogen? 6 iſt nicht das erſtemal; ich ward ſchon oft be⸗ logen. (auf Eduard ſehend) Der da, mein Mühmchen, wird nun vor der Hand Sie wohl Nouh nicht beglücken können, und Ihren Liebes⸗ groll Werd' ich, als Braut, nun wohl zu tragen haben. 1 Sie warten, denk' ich doch, bis ich nur erſt be⸗ graben, und von dem Theuren da vergeſſen bin. Ich weiß, er iſt mir gut, jedoch ſein leichter Sinn — 305— Sieht ſolche Netze nicht, wie Ihresgleichen wer⸗ fen— Doch mit der Zeit wird ſchon ſein Blick ſich ſchär⸗ fen. (lacht) Eduard. Er iſts ſchon. Unverſchämte, noch Ein Wort— Und ich verlaß' auf Ewig dieſen Ort.. Von mir, o nein, von mir will ich nicht ſpre⸗ chen—. Doch Minna's Ehre will ich, werd' ich rächen. Sie, Iſabelle ſind nicht werth, von ihr Freundin, Verwandte nur zu heißen. Ich wüßte nicht, ich glaub', es würde mir 3 Recht herzlich ſauer werden, zu beweiſen, Daß Iſabelle auch zu dem Geſchlecht gehöre, Das man das Schöne nennt, mit zarter Ehre uUnd feinerem Gefühl begabt— Iſabelle. 3 O geben Sie Sich meinetwegen nicht die allzugroöͤße Müh'! Ich werde Sie darum gewiß nicht wen'ger lie⸗ 4 ben— 3 Und Ihren Scharfſinn können Sie im Eheſtand 4 noch üben. Mamſellchen weiß vielleicht nicht ganz, was wir uns ſind? u — 306— Nun, hier wirds deutlich ſtehn. Da leſen Sie, . mein Kind.— (Da Minna weinend das Blatt von ſich weißt, läßt ſie den mitgebrachten Con⸗ tract, den ſie in ihrem Arbeitsbeutel gehabt, voneinander fallen und lieſt) „Nachdem ich, Gott ſey Dank, nun wiederum geneſen „Von harter Krankheit bin, wo es mein Glück geweſen, „Daß Iſabelle Bart ſich, meine werthe Muhme, „Um mich ſorgſammiglich bemüht zu ihrem Ruh⸗ me— „Als und wodurch allein der Arzt mich mocht ku⸗ riren; „So will ich dankbarlich mich hiermit reverſiren: „Daß ich, Carl Eduard Stein beſagte Mamſell . Bart, „Die meines Leidens Troſt und meine Hoffnung ward, „Zu meinem Eheweib will öffentlich ernennen, „Sobald als ſie mir wird documentiren können, „Daß dreyßig Tauſend Thaler baares Geld „Von ihr als Mitgift einſt mir in die Hände fällt— Nun, Täubchen, ſagen Sie— Eduard. O leſen Sie nur weiter! Es ſteht noch mehr darin— — 307— . 3 e. 2 Iſabella.(lieſt) „ s iſt der Wille beider „Quasi Verlobten nun, daß ſie das Hochzeitfeſt, „Sobald als ſich beweislich darkthun läßt, „Daß obige Summe ſich in gut gezählten Rollen „Bey ihr, der Braut, befindet, ſogleich begehen wollen. Eduard. Nur weiter, o es ſteht noch mehr— Iſabelle. Ich leſ' es wohl— Seyn Sie ganz unbeſorgt— „Und ferner ſoll, „Im Falle, daß von obgedacht— erzieletem Vermögen „Durch ihres Theiles Schuld— Eduard. Das war der Vorſicht wegen— Iſabelle. „Der größte Theil verſchwendet und verthan „Seyn oder werden möchte, auch ſodann „Der ſchriftliche Contract gleich null und nichtig ſeyn, „Und wären ſie getraut, tritt Eheſcheidung ein. „⸗Urkundlich haben ſich die beyden Contrapenten u 2 — 308— „Hier unterſchrieben mit ſelbſt eignen Händen: „Carl Eduard Stein“ (zu Eduard) Sind Sie wohl ſicherlich! „uUnd Iſabelle Bart“ Das denk' ich wohl, bin ich. „Zwickbauer, quiescens jurisconsultus, Für⸗ 1. mund, „Salander, publicus notarius juratus, „Legitime promotus et immatriculatus „Qua testis, simul“— nein, hier wird mirs doch zu bunt. Minna. (hat Eduard ernſthaft angeſehen, heftig be⸗ wegt zu Iſabellen ſich wendend) O Muhme, ſchonen Sie doch Ihrer guten Lunge, Warum zerſtoßen Sie ſich am Latein die Zunge? Sie können ja Ihr Glück hier ſchwarz auf weiß beweiſen. Es iſt vergebene Mühe, Sie zu überzeugen, Wer ſich in mir geirrt; drum will ich lieber ſchweigen, und, allen Groll zu enden, morgen reiſen. (verbeugt ſich gegen beyde und geht ab.) — 309— Zehnter Auftrittt. Eduard. Das nun, nun nimmermehr; jetzt, jetzt nun nicht, Und ſollt' die Räder ich vom Wagen brechen. Iſabelle. Ey, ey, der Brauſekopf! Wie das gleich reißt und bricht— Nun, nun, ſie ſoll zu bleiben uns verſprechen, Ich ſags ihr ſelbſt und bitte ſie darum— Eduard. Sie ſelbſt! Ha, ha!— Nein, Muhme, das wär dumm, Wenn ich das glaubte, ohne es zu ſehen. Von Ihnen— nun— da wird's gewiß geſchehen. Iſabelle. (falſch— zurückgehalten.) Ich war zu übereilt, ich bin ein Wort ihr ſchuldig. Mein Freund, wer würde auch nicht ungeduldig— Ein Kuß, das möchte gehn, jedoch in Ihren Armen Lag ſie, die Schmeichlerin„da ſollten Sie erwarmen. Ich weiß, Sie hätten ſchon ſich losgeriſſen Und Ihrer Pflicht gedacht— Eduard. Ja wohl, die möcht' ich wiſſen, — 310— Pflicht! ha! Ein Federzug, in Fieberphantaſte Mir abgenöthigt, durch Betrug, das nennen Sie Wohl Pflicht?— Iſabelle. Sie hatten damals ſchon kein Fieber mehr— Den Arzt ruf' ich zum Zeugen— Eduard. O, ich wünſcht', es wäre Das Fieber nie von mir gewichen!— Iſabelle. Es ſcheint mir bald, als ſey Ihr Wunſch erhört; Denn meine Lieb' und Sorgfalt iſt ganz ausge⸗ ſtrichen In dem Gedächtniß des— Eduard. Den Sie bethoͤrt! Iſabelle. Den ich bethört? Wer war es denn, der ſich Zuerſt erbot, die Hand mir einſt zu geben, Wenn ein beſtimmt anſehnliches Vermögen Ich hätte—— 2 Ednard. Nun, das freylich wohl war ich— Doch thöricht iſt's, daß wir drauf warten wollen. Wo iſt die Mitgift denn, die Sie mir bringen ſollen 2 Iſabelle. Das Geld, mein Herz? es wächſt mit jedem Jahre Aus meinem Capital, da ich ſehr fleißig ſpare. Eduard.(ſich gelaſſen ſtellend) Wie lange zieht ſich noch das liebe Sammeln hin? Iſabelle. Die Zeit wird Ihnen lang, bis ich die Ihr'ge bin?— Eduard. Bewahr der Himmel, nein! Ich frage nur ſo an: Wie lange dauert noch der ſüße Zauberbann? Iſabelle.(liebkoſend) O! wie Sie, Liebſter, doch ſo ſprechen können— Gern will ich vor der Zeit mich ja die Ihre nennen. Eduard.(mit dem Fuße ſtampfend) O unerträglich! nein,— das freundliche Geſicht—! Verleumden, läſtern Sie, nur lieben Sie mich nicht. Im eigenen Gewand, und wär' es voller Flecken, Seh ich Sie lieber, als in fremden Kleidern ſtecken. — 312—. Iſabelle. (noch zudringlicher, halb zärtlich, halb böſe ſich ſteuend) O wie der Traute mir ſo böſe werden kann— Die Blumenfprache, die verſteht nicht Jedermann. Sie müſſen mich ſchon nehmen, wie, ich bin: Ein treues Weib, mit häuslich ſtillem Sinn; Stets auf was Gut's bedacht, beforgt für Küch' und Keller. Das Beſte legt ſie ſtets dem Männchen auf den Teller. Ein Mittagsſchlächen dann— ſchleich leiſ' ich auf den Zehen Zur Küſche hin, und laß die Kaffeemühle drehen. Auf Kohylen ſchmort bereits ein dicker fetter Raum; Nun weckt durch einen Kuß das Weibchen aus dem Traum. Sehs Taſſen à Perſon— (ſchüttelt Eduarden, der gar nicht zuhört, ſondern den Roſenſtock zärtlich betrachtet) 1 4 Hoho, ich glaube gar, Sie machen gleich den Schlaf hier auf der Stelle wahr. So hören Sie doch nur— Eduard. O ſchwiegen Sie doch nur— Iſabelle. Beym Kaffee waren wir— Nachmittags halb drey Uhr. Ein Pfeifchen Knaſter ſchmeckt dann wohl dazu— der Mann Hat gern was in der Hand, wobey er denken kann.. Dann gehts zur Harmonie, da wird ein Schwank belacht,. Au wohl bis ſieben Uhr ein L'homberchen gemacht. Eduard. (bückt ſich ganz hernieder auf den Roſenſtock) Iſabelle. 's iſt eine Roſe, wenn etwa Sie's nicht erkennen.— Zu Hauſe ſteht nun ſchon das Tiſchchen fix und fertig, 6. Ein Wildpretsrückchen iſt des lieben Herm ge⸗ wärtig— Dann wird dem Fläſchchen Wein der Garaus noch gemacht, Ein Pfeifchen noch geraucht, und dann heißt's (verſchämt thuen d)— gute Nacht! Eduard. 1.(Gas den Roſenſtock in die Höhe und küßt die Roſe) 314— Iſabelle. (auf einmal bitter und ergrimmt, kommt aus der Haltung) Ach! jetzt verſteh ich's erſt. Das Roſenſtöckchen ſtellt Wohl ganz was anders vor. Wahrhaftig, das gefällt Mir wohl; indem ich hier mich heiſer bald ge⸗ ſprochen 44. Von ſeinem Glück—— Eduard.(ſeufzt) Ja wohl! hab⸗ an der Roſe ich gerochen. Ich hab' auch nichts gehört von allem, was Sie ſprachen. Iſabelle. Rein, das halt' ich nicht aus; mir's ins Geſicht zu ſagen! Sie unverſchämter Menſch mit Ihrem Roſenſtock— Gefühllos ſind Sie ganz und gar, ein Block. (den Roſenſtock herausreißend) Du machſt ihn noch verrückt; marſch, fort von dieſer Stelle! (ſie wirft ihn zum Fenſter hinaus; Eduard will es verhindern, ſie iſt aber zu ſchnell) —ÿ — — 315— Eduard. (Anfangs ergrimmt, faßt ſich, und bricht in lau⸗ tes Lachen aus) So ſeh' ich's gern; nun endlich ſind Sie wieder Iſabelle——! Laß böſer Weiberſinn ſich ſorgfältig verſtecken— Nur nicht ſie angehört, da wird ſich's bald ent⸗ decken!— (ſchnell ab mit einer höhniſchen Verbeugung) Eilfter Auftritt. Iſabelle.(verblüfft, ärgerlich) Du ungezogner Bube, wart', will dirs gedenken! Mein biſt du, mag's dich freuen oder kränken. Demüthig ſollſt du noch dein liebes Weib mich 4 nennen; Ich müßte nicht der Männer Schwächen kennen. Und ſpielſt den Helden du, ſo treiben wir das Spiel Ganz leiſe, leiſe nur, wir kommen doch ans Ziel, und können Tag vor Tag uns ganz gemächlich rächen: Die Gläſer, die er liebt, die muß die Magd zer⸗ brechen, Das Eſſen angebrannt, den Wein verderben laſſen; — 316— Ein dünnes Kaffeechen, in halbzerbrochnen Taſſen Ihm freundlich aufgetiſcht— in ſchmutz'ger Zuk⸗ kerſchachtel Brodtkrumen und Kandis; und mit dem letzten . Achtel Des türkſchen Knaſterchens den Mopshund ein⸗. gerieben; Aus ſeiner Stube früh ihn ſchon herausgetrieben Durch tücht'gen Kehrigtſtaub! und wenn er geht, ihm immer Vom Fenſter nachgeſchrien, wie viel er trinken ſoll, Und wird er bitterbös und Teufelstoll, Was Neu's erdacht, das Alte immer ſchlimmer. Mit Fäuſten packt uns wohl beym Haar der Mann einmal; Wir ziehn ſie einzeln aus— am Ende wird er kahl!— (man hört ein Geſchrey auf der Treppe: heißa, hurrah! Victoria!) Was iſt das? Was bedeutet das hurrah! Victo⸗ ria?— — 317— Zwoͤlfter Auftritt. Banſel, Rippel, Baſtel, Schlund(drängen ſich einander zur Thüre herein, und ſchreien alle durcheinander)— Die Acht, die Sechs, die Drey, die Neunzehn 3 und die Dreyßig! Victoria! Glück zu! Heißa, hurrah! hurrah! Iſabelle. Was iſt es denn? Sprecht doch! Ich ahnde wohl, doch weiß ich Nicht recht noch, was ich glauben ſoll bey Eurem — Trarara! Schlund. Die Nummern ſind heraus. Es lebe die Quin⸗ terne! Die Nummern, die ich ſagte, ſind heraus. Banſel.(ſchreit aus allen Kräften:) Die Nummern ſind heraus! Jetzt ſehen Sie mich gerne; Nun giehts, wills Gott, bald einen Hochzeit⸗ ſchmauß. Schlund. Freut Euch, freut Euch! Juchhe, Cameraden! Wir ſind's, wir ſiud's, wir haben es errathen! — 318— Iſabelle.(verlegen) Iſt's möglich, Banſel, ſage, iſt's denn auch wirk⸗ lich ſo? Ich träume wohl? ſag' nein. Wie glücklich, ach! wie froh— Banſel. Nein, nein, klar wie der Tag. Fünf Nummern haben Sie Gerathen nach einander. Ach! ſo was kommt 1 mir nie. Iſabelle. (fährt freudig im Zimmer herum) Haſt Du denn nichts gewonnen? Nun, Du ge⸗ winnſt mit mir. Ich bin nicht undankbar. Fünf Gulden ſchenk ich Dir. Schlund. und hoch! und wieder hoch! Mamſell ſoll lan⸗ ge leben! Wills Gott, wird ſie uns auch was Rechtes da⸗ von geben. Iſabelle. Ein Trinkgeld, ganz gewiß, es wird Euch nicht entgehn, Laßt mich nut erſt die rechten Nummern ſehn. Schlund. (zutraulich ſich nähernd) Doch mich behalten Sie als Ihren Kammerdiener. 36 bin ein armer Schelm.— Ich füttre auch die Hühner, Lrag Waſſer bey, und kann auch etwas ſchnei⸗ dern— Ach! Sie gewinnen's doppelt an den Kleidern. 9 Ifabelle. Ein Schneider iſt Er auch? Je nun, wie wollen — ſehn! Er kann jetzt gleich mit mir hin auf das Rath⸗ haus gehn. — Jedoch, ein andrer Rock, der wird wohl nöthig ſeyn. (heimlich zu Banſel) Geh hin und hol' von unſern Pfändern was herein, Den Oberrock, den neulich die Schneidersfrau verſetzt. Banſel. Ach ja! Mamſellchen, wenn ſie ihn nun einlößt, was zuletzt? Iſabelle. de ſep nicht bange d'rum, ſie wird ihn nicht verlangen. 6 ₰— — 320— Bei ihrer Kindanf iſt das Geld gleich drauf ge⸗ gangen. Auch einen Huth bring mit, den mit den goldnen . Treſſen; Der Herr Bereiter hat zu löſen ihn vergeſſen. Banſel. (im Abgehen zum Bettler) Wie wir Euch putzen. Ey! da ſeh Er einmal an. Ein goldner Treſſenhuth, der ziert den ſchlecht⸗ ſten Mann. 4 Schlund. Ach gar zu gut, und ſchön ſind's liebe Fräul⸗ chen— Iſabelle. Sieht Er, 3 6 halte Wort(zu den andern) Ihr kommt heut Abend wieder. Ihr habt zwar nichts verdient, denn dem nur hats geträumt; Doch bin ich heute ganz beſonders aufgeräumt. Drum ſollt Ihr auch was haben— Die beiden Bettler. Danken ſchon Im Voraus ſchön. Es trägt doch jeder was davon, — 321— Der gute Freunde hat, kommt Einer mal zu Ehren. Schlund. Nun geht, Ihr mögt indeß auf meine Rechnung zehren. Marſch, packt Euch nun, das Fräulchen hat nicht Zeit, Euch Laffen anzuhören. ler treibt ſie fort) Ifabelle. (in froher Beyaglichkeit) Nun wären wir ſoweit!— Auf Einmal, ja gewiß, da iſt des Himmels Wille! Soweit? wie weit denn nun? Ey bis— doch . ſtille! 8 Daß es ſo nah ihm iſt, wird er wohl nicht ver⸗ muthen, und ſieht er, daß er muß, fügt er ſich auch zum . Guten. (ab in ihre Stube) Dreyzehnter Auftritt. . Schlund. Banſel. (mit Rock und Huth kommend) Banſel. Da kommt der Kammerdiener! ſol laßt uns auch. nun ſehn, — 322— Wie Uniform und Huth ihm zu Geſichte ſtehn⸗ (zieht ihm den Rock an) Mein! der iſt ja zu lang, der ſchleppt ihm ja 5 im Kothe. Schlund. Nicht doch— er iſt ſchon recht— ſo bin ich in der Mode. Banſel. (ihm den Huth aufſetzend) NRun ſeh' mir Eins, was aus dem Menſchen wer⸗ den kann! Schlund.(ßverächtlich) Ein Menſch? mir ſieht man gleich den Cammer⸗ diener an. (geht ſtolz auf und ab, und ſtolpert über ſeine ausgezogenen Lumpen, ohne ſie aufzuheben) Wo Teufel! kommen denn die Lumpen hier her⸗ 3 ein? Schaff Sie ſie weg, man bricht auf Ehre Hals und Bein. Banſel. Ey du mein Lieberchen— der Kerl iſt ſchon ver⸗ S rückt— Kennt ſeine eignen Lumpen nicht mehr, die er geflickt. — 323— Heb' Er ſie ſelbſt nur auf!— Er iſt wohl ſteif 2 im Rücken? Schlund. Ein Kammerdiener kann ſich ordinair nicht bücken, Banſel. Er iſt wohl toll? was thut er denn? Schlund. — er promenirt Im Vorſaal auf und ab, ſchnupft Toback, cujon⸗ nirt Das andre Dienervolk. Er ſchreibt Biſitenkarten. Den Fremden horcht er aus, läßt ördinair ihn warten, Iſt er ſo dumm und ſchmiert ſogleich das Maul ihm nicht. Dem ſchlechten Bürgersmann macht er ein ſchief Geſicht. Doch vor Miniſtern, und vor ſeines Gleichen Bequemt er allenfalls ſich ſo etwas zu neigen. (er macht eine ſtolze Verbeugung, und nimmt aus einer Doſe eine Priſe) Banſel. 6 dich! mach Er mich doch nicht—(ſieht die Doſe) was iſt das für'ne Doſe † 7 — 324— Stak die vielleicht im Rock— Schlund.(vornehm) Nein, ſie ſtak in der Hoſe. Banſel. Wo hat Er ſie denn her? Ey zeig Er doch Ein⸗ 5 mal! Schlund. Die Doſe meynt Sie?— Die—— gab mir der Cardinal Ramputſchio, zum Andenken, als ich ihn, wie mich dünkt— Einſt an den Ort geleuchtet, wo's ordinair— Banſel. — Das hinkt, Hans Haaſenfuß, war er denn Kammerdiener? Er iſts ja jetzt doch erſt— Schlund.(ſich beſinnend) Ganz recht, es war ein Wiener Perückenmacher, den mit einer Nachricht ich er⸗ freut; Das ganze Continent ſey endlich nun ſowet— und wolle, um zuerſt die edle Kunſt zu heben, Dem ganzen Militair Perucken wieder geben. Der Narr hat s auch geglaubt, die Doſe gab er mir. 1 Ich ſelbſt, erinnre mich, war damals noch Bar⸗ bier. Banſel. Denkt Er denn wohl, ich glaubt's?— Schlund. Das geht mich wenig an— Die große Welt ſpricht viel und glaubt oft ſelbſt nicht dran. Banſel.(unwillig) Nu, was erzählt Er denn— Schlun d. um Sie zu unterhalten. Die Wahrheit, ſieht Sie wohl, die ſteckt erſt in den Falten. Trenn Sie ſie einmal auf— Banſel. Was werd' ich finden? Staub. Die Doſe aber hier(ſie greift darnach, er ent⸗ ſchlüpft ihr aber durch eine geſchickte Wendung und nimmt ſtolz eine Priſe) Schlund. 3— iſt der Verweſung Raub, So gut wie Sie und ich, s iſt Schade um un Leien . „ — 326— Der Vorſaal hat nicht immer ſolche Leute. Iſabelle.(zurückkommend) Nun Banſel, komm geſchwind. Ey daß muß ich geſtehn! Wie das gleich putzt. Nun ja! ſo kann Er mit uns gehn ur Lottodirektion, vielleicht giebts was zu tra⸗ gen!. (affectirt) O Herz! mein Herz! wie wirſt Du fröhlich ſchlagen! (geht ab, Schlund macht den Kammer⸗ diener, indem er die Thüre öffnet, ein Geſicht hinter ihr ſchneidet und Banſeln eine Fauſt hinter dem Rücken macht, und zugleich behaglich eine Priſe nimmt.) — 327— Zweite Abtheilung. Erſter Auftritt. Zwickbauer. (kommt etwas betrunken und taumelnd herein) Die Treppe laß ih Andern, die muß gerade gehn. Verdammt! das Schneckenwerk muß wohl den Kopf verdrehn! Ich hab's ſchon oft geſagt und ſag' es ja be⸗ ſtändig.— 7 Und heut iſt Alles gar um mich herum lebendig. Blitz! das war eine Nachricht, die hat mich ganz erfriſcht. Die Rabenſeele hätt' mich doch am End' er⸗ wiſcht.. Verwünſcht, ſo eine Braut hat Raupen in dem Kopfe, Die packt mir die Gelegenheit ſo recht beym Schopfe. Ja, komm Du mir, da hätt' ich viel zu zah⸗ len; Dem Himmel ſey's gedankt! nun hat ſie was ſie will. Die wird einmal nicht ſchlecht mit ihrem Liebſten prahlen. Na, thu ſie's immerhin, und ſchweige ſie nur ſtill — 328— Ich will denn heute auch nicht eben müſſig bleiben, Und, wenn es möglich iſt, ſie bis zum Jawort treihen. Hi hi! es prickelt mir vom Kopf bis zu der 4 Zehe, Hier untern Rippen ſtöſt's das Herz mir in die Höhe. Mir iſts ganz wunderlich; wenn ſie ſich nur rnht. ziert.— Koͤnnt' ich ein wenig nur noch obenhin mich ſtärs ken!— Es kniſtert mir im Kopf; ich bin electriſtrt— So mags den Katzen ſeyn, wenn ſie Gewitter merken!— Friſch, alter Narr!—— was? alt? wer fagts? das ſpricht Ein Alherner—— ja ſo— es ſagts kein Menſch ja nicht. Wer ſieht mirs an? tret' ich denn nicht, ſeht da! Als wie ein Zwanz ger auf? Die Dielen knacken ja. Und hah' ich erſt nur noch Hufeiſen an den Füßen, Dann ſolt mich Einer noch, proſt alter Schleicher! grüßen! Das grobe Volk, ja ja, ein reicher Advocat Wird überall gehaßt; man denkt da gleich; e hat 5 Das Nefas practicirt.— Das dumme Volk denkt immer, — 32. und durch das Denken wird die Welt nur immer ſchlimmer. *Die Alten dachten auch; allein was dachten ſie? Die dachten dran, was wohl am End' die Leute dächten, Wdenn ſie im Weinhaus, Elubb und auf der Har⸗ monie— . In ſchofeln Flitterſtaat ihr Hab' und Gut ver⸗ brächten. 3 Jetzt denkt ein Jeder nur: er brauche blos zu denken, So wär' das Beſte ſchon für Haus und Hof be⸗ dacht— Das Uebrige, das werde ſchon der liebe Herr⸗ gott ſchenken, Zum Dank, daß Sonntags früh man doch an ihn gedacht. Wer hätte das gedacht! denkt jetzt ſo mancher 6 Denker, Daß der und die und das ſo ſchlecht ſich hat be⸗ dacht!—— Ey, hol' das Denken doch meintwegen gleich der Henker! Es hat mir ganz den Kopf in Confuſion ge⸗ bracht! (ausruhend) Wenn ſie jetzt käm? ich vin, ganz aus dem Feuer, — 330— Was ſpräch ich nur?— Mamſellchen—— hols der Geyer! Sie haben—— Sagpperment! es will auch gär⸗ 2 nichts h'raus. Wie feſtgewurzelt ſi ſind die lieblichſten Jdeen—— (kinnend) Mamſellchen, fieng ich an: ich hab' ein eigen Haus— Wenn's Ihnen recht iſt, und— Sie wolltens etwa ſehn— (ſich vor die Stirne ſchlagend) Dummkopf! ſie wohnt ja drinn! das war nun f wieder nichts. Nein, nein.— Geliebtes Herz! ſagt' ich, Sie ſind ſo ſchön— In Specie— hm! betreffende die Züge des Geſichts. Der rundgeſunde Mund,— nur ſtill, jetzt wird es gehn! Der ſchöne ſpitzge Fuß hat mich ins Herz geſto⸗ chen.“ Nein, mit dem Fuße, pfui! das geht nicht an. (ſinnend) „Das werthe Augenpaar“— ey, das war ſchön geſprochen! „Hat einen böſen Schaden miv gethan.“ . Was? einen böſen Schaden? nein, das iſt ver⸗ dächtig, Da nimmt ſie mich ſchon nicht. Es klingt us gar zu närriſch.— .„. — 331— „Hat mir mein Herz zerſchoſſen.“ Das iſt prächtig; Geſchoſſen, ja, iſt gut; das klingt auch militäriſch. Das Weibsvolk hängt doch immer noch an den Satans Söhnen. Wer ſiegen will, muß ſchon ans Schießen ſich ge⸗ wöhnen. Wenn ſie mich nur nicht etwa überraſcht, Bis ichs zuſammen hab'. Nun ferner ſpräch ich . alſo: Sie wurden, Theuerſte, beym Schießen ſelbſt erhaſcht, 3 Als eine Friedensſtörerin— es iſt der Fall ſo. Nach dem Geſetze, wer denn alſo was zerſtört, Muß es von Grund auf wieder bauen laſſen; Doch ſey's der Inculpatin unverwehrt, Auch auf jenſeitige Verletzung aufzupaſſen.“ Nun denk' ich, wird ſie wiſſen, was ich meyne.— Ey Blitz! ich möchte doch nicht alle Tage 1 So was zuſammenſinnen. Es zehrt an Mark *und Beine.—— Ob ich nun über mich noch etwas ſage? Was aber nun, von mir? das iſt die Frage. „Herzliebchen, ſpräch ich nun, ich bin auf Ehre Eii ſchwacher Vierz'ger erſt, und glanben Sie, ich wäre.. Noch nicht ſo alt, wenn ich mich durchs Stu⸗ 8 diren Nicht mit Gewalt hätt' müſſen ruiniren. — 352— Sonſt bin ich kerngeſund, die Beine ausgenommen, Mit denen bin ich etwas im Gedränge. Doch brauch' ich eine Kur, die ſoll mir wohl be⸗ kommen! Es wird auch Alles mir am Leibe jetzt zu enge.“ Ob ſie zu Hauſe iſt? Ich denk', ich lauſch' einmal, Ich mach' ein klein Geräuſch, und locke ſie heraus. Da drinn iſt mirs zu eng, doch hier in unſerm Saal Da nimmt ſich ſo ein Wort recht majeſtütiſch aus. (er lehnt ſich zum Horchen mit dem Kopf dicht an die Thüre) Es rührt ſich nichts, ſie iſt wohl nicht zu Hauſe. O du geliebte Thür, du, meines Mädchens Klauße—— (die Thüre fliegt auf, er ſtürzt über die Schwelle, man hört Minna drinne ſchreien) Minna. O Himmel! was iſt das? Zwickbauer. (im Liegen fortſprechend) Liebwertheſtes Wamſelihent Ihr werthes Augenpaar— Minna.(lacht, noch drinnen) Das möge wohl bekommen! — 333— Zwickbauer. Hat fürchterlich auf mich—(aufſtehend) Wenn ich nur wüßt', durch welchen Verdammten Zufall ich die Wendung ſo genommen 2 Sie nehmens doch nicht übel?— Ich wollte mich belehren, und ſah durchs Schlüſſelloch ganz wenig, wenig nur—— Minna.(drinne) Es iſt Ihr eignes ja, wer kann es Ihnen wehren? Ein Glück, daß nicht die Thür entgegen fuhr— Zwickbauer.(reibt ſich das Knie) Ein großes, ey ja wohl, betreff des Naſenbeins— Da bin ich noch recht froh. Man hat ja doch nur Eins. Den Schaden da am Knie verſchmerz' ich ſchon, wenn nur Das andre——(für ſich) Daß ich eben jetzt — gar ſo übel fuhr! Nun wird es Mühe koſten, denn die ſchönen Phraſen Die ſind auf Einmal ganz wie weggeblaſen.— Ach liebes Herzchen, kommen Sie ein wenig doch hervor! Was ſoll ich denn?— * — 334— Zweyter Auftritt. Minna.(heraustretend) 8 Zwickbauer. Und ſchenken mir Ihr allerliebſtes Ohr. Minna.(lachend) Mein Ohr? Ey nun, das hab' ich gar zu nöthig. Zwickbauer. So nicht, ich meyne das Gehör; und bin dafün erbötig— Dritter Auftritt. Eduard(kommt, vor ſich hinſehend, herein; er bemerkt die Beyden nicht und wirft ſich auf einen Stuhl, ſo daß er den Rücken nach ih⸗ nen hinwendet.) Zwickbauer.(ergrimmt) So ſohlag doch gleich! Da werd' ich abermals geſtört. (zu Minna) Was hat der Traͤumer denn, daß er nicht ſieht und hört? Eduard.(vor ſich hin ſprechend) Man ſagt von einem Schloß, worin vor Jahren, Beſtimmt zu heimlichen Gericht, Einſt eine Jungfrau ſtand, von Erz— die Aerme waren Vielſchneid'ge Schwerdter, die ſich nicht Sanft um den Nacken legten, ſondern ihn, Der ſie umarmen mußte, ſchnell zerſtückten, Und, um dem Tageslicht das Opfer zu entziehn, Den Körper tief hinab in dunkle Gruben ſchickten. Ja, ja, ich bin das Opfer, kann ich nicht Das Wort, in Uebereilung hingegeben— Zurückerhalten, und das heimliche Gericht, Die Hochzeit, die zerſtückt, verzehrt mein Leben! (bey den letzten Woͤrten ſpringt er vom Stuhl auf, und wird die Beyden gewahr) Sie, Vormund, treff ich hier? Zwickbauer.(etwas verlegen) Ich ſprach da an der Thüre Von Ihrem großen Glück. Nu, nu, ich gratulire. Eduard. Von was für einem Glück? Etwa die Lotterie? Ich bitte, ſchweigen Sie— 4 Zwickbauer. Ey was der Henker! wie? So dreyßigtauſend Thaler und eine Frau dazu— Das wirft doch Niemand weg— Eduard. Es paßt nicht jeder Schuh Für Jedermann. Ihr Abgott iſt das Geld. (ſich Minna nähernd) Sie, liebe Freundin, nun, was meynen Sie dazu? Minna. Zu was denn, lieber Freund? Eduard.. (etwas zerſtreut, den Vormund ungeduldig von der Seite anſehend So— zu der— zu der Welt, Zu ihrem Glück, zu ihrem Eigenſinn— Minna. — Ey nu! Ich glaub', ein ſorgenfreyes Leben Deckt manches zu, und vieles wird vergeſſen, Was uns nun einmal nicht gegeben. Eduard.(etwas empfindlich) Beſteht das Glück denn nur im Trinken und im Eſſen? Zwickbauer. Das will ich meynen. Saͤß da drinne nicht der Magen, —, — 337— Die ganze Welt ſchlief ein, ſtatt nach dem Glück zu jagen Eduard. Der größte Theil— kann ſeyn— der beſßre aber nicht— Man fühlt doch außer Magenſchmerz noch manchen andern. Zwickbauer. (Minna zärtlich anſehend, ſucht ſich ihr zu verſtehen zu geben) Ja, da geb' ich Dir Recht, das köſtlichſte Gericht Hat keinen Werth, wenn nicht— Eduard.(lächelnd) Die ſchlechten Gäſte wandern. Zwickbauer. (immer zärtlicher, ſich Minna nähernd) Richt weit vom Magen ſitzt's, ja, ich verſteh Dich . wohl, Sogar den Kopf nimmts ein— Eduard. Beym Narren macht's ihn hohl. Zwickbauer. (aus tiefer Bruſt ſeufzend) Ah!- 1 3 2 4 82* — 338— Minna. Ihnen iſt nicht wohl? Zwickbauer. Ach ja! Eduard. Sie ſeufzen ja! Zwickbauer. Der Magen—(zeigt drauf) keine Luft— 4 Eduard. Da iſt ein Schlagfluß nah. Ich bitt'’, Herr Vormund, ſehr, Sie legen ſich zu 4 Bette. (will ihn nach der Thüre ſchieben) Ich ſchicke nach dem Arzt— Zwickbauer.(ſich ſträubend) Ach Poſſen, was hilft der? Minna. Wenn ich doch gleich nur was zu riechen hätte— Zwickbauer. Die Naſe iſt's ja nicht— Eduard⸗ Der Magen iſt wohl leer? Wäͤr' ich wie Sie, ich ging ins Weinhaus hier daneben, und ließ zum Imbiß mir ſo recht was Derbes geben. Zwickbauer. Wir eſſen bald zu Abend— nein— da verderb' ich mich— (Pauſe) Wenn Du etwa vor Tiſch noch einen Gang— Cduard. Wer? ich? Nein, heute geh ich ſchwerlich aus— Zwickbauer. Es ſuchte Der Kammerbote Dich, ich weiß es nicht, warum? Ob er was Eiliges gehabt? Er fluchte; Die Wendeltreppe ging ihm auch im Kopf herum, Die er bey ſpäter Nacht noch einmal ſteigen ſollte⸗ Eduard. Ja, ich erinnre mich, ich weiß ſchon, was er wollten O das hat gute Zeit— Zwickbauer. Nun, nu, nur nichts verſäumt! Die Präſtdenten ſind nicht immer aufgeraumt. Er kann Dir jetzt ſchon nützen— Y 2 — 340— Eduard. Der Kammerboth'? Ha, ha! Hat einen Stieglitz mir verkauft, drum war er da. Wahrſcheinlich iſt das Geld ihm etwas knapp— Zwickbauer.(kleinlaut) Ach höre, Der Schlagfluß geht mir doch in meinem Kopf herum. Wenn Du zum Doctor gingſt und ſagt'ſt ihm, wie mir wäre—— Eduard. Mein Gott, der läuft jetzt in der Stadt herum, Wer findet den? Ein Doctor— der hat ſo ſeine Schliche— Doch ſchicken wir nach ihm, die Magd iſt in der Küche. Zwickbauer. Die Magd? Nein, laſſ' es ſeyn: die Magd hat jetzt nicht Zeit. Ich ging wohl ſelber hin, doch iſt es gar zu weit. Es geht vorüber woh3l— Eduard. Ein wenig friſche Luft— Im Garten; Alles iſt jetzt dort voll Blumenduft. — 341— 3 Zwickbauer.(ungeduldig) Ich will nun aber nicht; wenn's doch ſo herrlich riecht— Geh Du doch in den Garten; warum gehſt Du nicht hin? Eduard. Ich gehe auch, ſogleich, denn eine Blume liegt Mir ſehr am Herzen, und— ich finde ſie darin? (Minna fixirend) Zwickbauer.(froh— mit Laune) Er Blumenlaborant! ſo geh Er nur; mir taugen All' die Gerüche nichts, zur Noth die Hyacinthe— Eduard.(zu Minna, bittend) und Sie begleiten mich? Sie haben ſcharfe Augen, und helfen gütig mir, daß ich ſie finde. Minna. Warum nicht! O recht gerne, denn es ladet Der ſchöne Abend mich ſo freundlich ein— Zwickbauer.(böſe) Blitz! hört doch nur! Wüßt' ich, daß mir's nicht ſchadet—— Ey was, 6 gehe mit, ich bleibe nicht allein. — 342— Eduard. Das wird ſich ſchicken für die kranken Beine— Der Thau iſt Abends fürchterlich gefallen. Zwickbauer. Ey nun! ſo ſchlage doch— ſo hole Dich und — Deine Verdammten Blumen gleich— (man hört ein Getöſe) Eduard. O wehl was höoͤr' ich ſchallen? Minna. 4 Was iſt es, ſtille nur;'s iſt Iſabellens Stimme. (man hört draußen die Treppe Heraufſteigende rufen und ſchreien) Zwickbauer. Was giebt es denn? ſie ſcheint im hellen Grimme⸗ Vierter Auftritt. Ifabelle und Banſel.(beyde athemlos, N letztere ſinkt auf einen Stuhl.) IFIſabelle.(laut ſchreiend) Ic bin kein Menſch nicht mehr— — 343— Banſel.(noch lauter ſchreiend) O ſündenvolle Welt! Iſabelle.(ſich hin und her drehend) Herr Oheim, Mamſell Baſ'— Banſel.(die Hände ringend) Das liebe ſchöne Geld! Iſabelle. Ach, ich erſticke faſt, ich kanns für Wuth nicht ſagen! Wo hatt' ich doch den Kopf? B anſel. Hätt' ichs doch nur getragen! Iſabelle.. So, hören Sie denn nicht? Herr Oheim, nehmen Sie Sich doch nur meiner an— „ Zwickbauer. Ey, weiß ich doch nicht, wie? Ich ſteh' ja ſelbſt erſtarrt— Iſabelle. Sie müſſen eilen jagen, Daß Sie ihn kriegen— — 344— Zwickbauer.(dumm) Wie? das kann ich nicht vertragen, Iſabelle. § thun Sie es doch nur, ich ſtürze mich ins — Waſſer, Wenn Sie nicht eilen— Zwickbauer. Ey! das wird ja immer kraſſer! Iſabelle. So ſtehn Sie doch nicht ſo! Indeß Sie ſich bea ſinnen, Kann ja das Räubervolk in alle Welt entrinnen. Eduard.(freudig Minna anſehend) Ich ahnde jetzt— 1 Zwickbauer. Sagt mir, wer von uns iſt verrückt? Denn Eins iſt's ganz gewiß; ich fürcht' ein hitzig Fieber. Ifabelle. (ſich vor den Kopf ſchlagend) Wie ſelten iſt der Fall, und mir war es geglückt— Und Alles, Alles nun vorüher— Zwickbauer. Sprich deutlicher— ich merke wohl ſo was; 0 Doch weiß ich drum noch nicht, was eigentlich ge⸗ ſchehn. Iſabelle. So hören Sie denn nun: es war ein ganzes Faß Mit Geld, was ich bekam— Zwickbauer. Ein Faß? Ey, das war ſchön! Banſel. Ein ganzes, ganzes Faß, voll Gold und Spe⸗ ciesthaler! Iſabelle. Die Banſel konnt's nicht tragen— Banſel. Ey der verdammte Prahler Sagt' ja, es wär zu ſchwer, es riß mich um 3 und um. Zwickbauer. Was für ein Prahler denn? Erzählt doch nicht ſo dumm! Banſel. Der Kammerdiener, den wir erſt herausſtaffirt— — 346— Ifabelle. Der Bettler iſt's— ja wohl— der mich ſo an⸗ geführt. Ich hatt' aus Dankbarkeit ihn in den Daonſt ge⸗ nommen. Banſel. Ach Gott, das gute Herz, es iſt uns ſchlecht be⸗ kommen. Iſabelle. Ich nahm ihn mit, um mir das Geld hierher zu tragen. Banſ el. Der böſe Gaudieb der! Sein Stündlein wird ſchon ſchlagen! Iſabelle. Erzähle Du es nur, ich kann nicht Worte finden, Der Athem geht mir aus——(iitnkt in einen Lehnſtuhl und gebehrdet ſich verzweiflungsvoll) Banſel. Der Kerl ſtak voller Finten. So ehrlich that er erſt; das Fäßchen packt er auf— Wir trollten hinterher und hatten Acht darauf. Auf Einmal, aif dem Markt, nicht weit vom Glockenſpiel— — 347— Rann an ihm weg ein Kerl, daß er zu Boden fiel. Mein Kammerdiener gleich nicht faul, packt ihn beym Ohr, und balgt ſich da herum mit hölliſchem Rumor. Der ganze Markt läuft zu, im Nu ſind wir umringt; Wir ſchreien und zerr'n an ihm; doch er, ganz wüthend, zwingt Den Andern unter ſich, und ſchnürt die Kehl ihm zu. Wir reißen voller Angſt ihn los; er kommt zur * Ruh. Raſch ſpringt der andre auf, und zieht ihm eiue Schelle, und fort, die Straß' hinein, mit eines Wind⸗ hunds Schnelle.4— 7 „ Mein Kammerdiener, flugs aufs Neue wüthend, rennt Mit Drohungen ihm nach, wie wenn der Kopf ihm brennt'. Da ſtehn wir. Mir zum Glück fällt der Gedanke ein, Aufs Fäßchen mich zu ſetzen, damit wir ſicher ſey'n. Der Zulauf war zu groß, ich ſeh' mich um, ich ſuche, Ich tapp', ich frag', man lacht, ach Gott verzeih, ich fluche, und finde doch kein Fäßchen— ach daß Gott erbarm! — 348— Das Fäßchen fort! ſchrei ich; mir läuft es kalt und warm Den Rücken gleich hinunter, und Mamſell Iſabelle Fiel nieder, wo ſie ſtand, man ſieht ſie noch, die Stelle. Zwickbauer.(verlegen) Hm! ja— hm! ey! Das iſt ein ganz verwünſch⸗ ter Streich. Wenn wir nur wüßten— nun, was macht man denn nun gleich? Banſel. Herr Gott! ich denke nur, ich lauf zur Annelieſe, Daß ſie den Kerl uns bannt; wüßt ich nur wie er hieße— Den Bornamen geringſt, das wär' ihr ſchon genug. Iſab elle.(aufſpringend) Ach Poſſen! was ſoll das? da hilft kein Zauber⸗ ſpruch. Wir müſſen, müſſen ſie noch auf der Grenz' er⸗ tappen. Banſel. Es liegt ja auch von ihm ein Haufen alter Lappen Noch da. Was gilt's, wir zaubern den Kerl damit zurück. — 349— Iſabelle. O ſchweige doch! was hilft denn das? Zu mei⸗ nem Glücke Begegnete mir gleich der liebe Herr Solander, Der gab mir guten Rath. Die Kerls ſind mi einander, So ſagt' er mir, der nahen Grenze zugeflohn. Denn warten thun ſie nicht, auch dämmert es jetzt ſchon. Sie können unentdeckt ſchon aus der Stadt ſich ſchleichen, Und dann nur gar zu bald das Nachbarland er⸗ reichen. Das thun ſie auch gewiß— Zwickbauer. Ja, ja, und das recht eilig; Was hilft's uns aber nun? Die Grenzen ſind ſo heilig; Und ſähen wir den Dieb zwey Schritt vom Grenz⸗ ſtein liegen— Wir müßten dennoch uns, ihn anzuſehn begnügen. Iſabelle. und darum eben meynt der kluge Herr Solander, Es wär' am beſten wohl, wir eilten mit einander Gleich hin zur Polizey in unſerm Nachbarlande, und bäten, zu verhaften dieſe Bande. — 350— Zwickbauer. Verſteht ſich, wenn wir nur erſt wiſſen, wo ſie ſteckt. Iſabelle. Ach, das hat keine Noth; die wird gar bald entdeckt. Zwickbauer. Ru nu, dürft Euch ſchon, ſo gut es geht, be⸗ eilen. Das Nachbarland iſt ſchmal, wie aller Welt be⸗ kannt; Muß man ein Butterbrod doch in zwei Hälften theilen, Will man nicht kauend gehn durchs ganze Land. Iſabelle. Drum laſſen Sie uns gleich dahin, Herr Oheim, eilen— Sie ſind ja dort bekannt, Solanderchen verſprach, Auch mitzugehn. Wir dürfen gar nicht weilen— (zu Eduard) Sie gehn doch auch mit uns? Eduard. Ja wohl, ich komme nach⸗ Zwickbauer. Was? ich? bey dunkler Nacht —— 2— Iſabelle. Es dämmert draußen kaum. Zwickbauer.(unwillig) Warum hältſt Du Dein Glück nicht beſſer in dem „ Zaum? Iſabelle. Sie müſſen aber mit— Zwickbauer. Das will ich doch wohl ſehen! Iſabelle.(ihm ins Ohr) Es möchte ſonſt noch ſchlecht um das Bewußte 3 ſtehen! Denn Eins von Beiden muß nun ſchon ans Ta⸗ geslicht— Der Spitzbub' oder Sie— Zwickbauer. Ich will nun aber— Iſabelle. Nicht? Run wohl, ſo laſſen Sie's, wir werden uns ſchon ſprechen. Zwickbauer.(leiſe zu ihr) Der Teufel wird doch wohl— Iſabelle. Ihr ſchönes Werk zerbrechen, Ich ſchwör es Ihnen zu— Zwickbauer. So hör' doch nur, ich will Woyl mit Euch gehn, allein— der Kerle ſind zu viel— Sie knebeln uns zuletzt— Iſabelle. Dafür giebts noch Piſtolen; Komm, Banſel, komm, wir wollen Waffen holen, Von unſrer Compagnie iſt manches noch verſetzt, und ſchlummert müſſig hier und roſtet ungewetzt. (ab mit Banſel) Zwickbauer., Das iſt ein Teufelsſtreich, da muß ich meine Beine Am ſpäten Abend noch— Eduard. Ja wohl, an manchem Steine Zerſtoßen Sie ſich da die Füße, es wird Nacht; und morgen werden Sie von aller Welt belacht. Zwickbauer. Ich glaub' es, freilich wohl; was thut man aber nicht Aus Freundſchaft— — 363— Eduard. Hm! doch hören Sie, man ſpricht Von ſtarken Banden hier, verſehen Sie ſich gut Mit allem, mit Gewehr und auch mit Heldenblut. Zwickbauer. Wie? ey zum Teufel, ja, die Banden, das iſt dumm! Wo treiben ſie ſich wohl, weißt Du es nicht, . herum? Man nähme denn doch ſchon die Direction dar⸗ nach, Daß man nicht auf ſie ſtieß'. O, wär es doch ſchon Tag! Eduard(für ſich) Er darf nicht fort. Das Geld bleibt weg, und ich bin frey! Herr Vormund, hören Sie, auch ich din nicht dabey. Die Mande iſe zu geoß, man hat da wenig Ehrt⸗ Sie kleiden rein uns aus, nichts helfen uns Ge⸗ wehre,. und ſchleppen die verwegnen Heldenſeelen— Wohl hundert Klaftern tief in ihre Räͤuberhöhlen, Zwickbauer. Verdammt! verwünſcht! ja wohl, das hab' ich auch gedacht. 3 Was mach ich nur, ich Elendskind, in dunkler Nacht Seh ich mich ſchon begraben, ſtarr und kalt— Iſabelle. (kommt mit Banſel zurück. Sie bringen aller⸗ ley Gewehre, nebſt einer Flaſche Rum und Gläſer) 3 Nun, hier kommt Heldenmuth in zweierley Ge⸗ — ſtalt! Allons! nur zugegriffen, Herr Oheim; doch zu⸗ vor(ſchenkt ein) Eins auf den Weg!— Was giebt es denn? Zwickbauer.(die Hände ringend) Ich alter Thor! Wenn man den Tod ſo nah vor Augen ſieht!— (für ſich halb weinerlich) 1 und geh' ich nicht, ſingt ſie gewiß das alte Lied. (zu Iſabelle). Bleibt da, bis Morgen früh; es hat ſich was entdeckt. Iſabelle. Entdeckt, ey was denn? Zwickbauer. Daß der Wald voll Räuber ſteckt⸗ . Iſabelle. Ach glauben Sie das nicht, da ging ſchon Herr Solander Ganz ſicherlich nicht mit— Zwickbauer. Was hilft der Tod ſelbander? Iſabelle.(unwillig dringend) Entſchließen Sie ſich bald(heimlich) ſonſt bleibt es, wie geſagt. Ey ſchämen Sie ſich, wenn's ein Frauenzimmer wagt. Zwickbauer. (ſteht eine Weile unentſchloſſen, rafft ſich dann auf und ſtürzt ein Glas Rum hinunter) Nun wenn denn doch durchaus geſtorben ſeyn ſoll—(trinkt wieder) Hängt mir Gewehre um, jetzt bin ich Teufels⸗ toll!— (Banſel reicht ihm mehrere Gewehre, die er alle um ſich hängt, während Iſabelle vor ihm ſteht und ein Glas nach dem andern ein⸗ ſchenkt, ſie ſelbſt nimmt dann eine Flinte) Zwickbauer. Was meynſt Du Eduard, ob ſich die Kerls wohl wehren? 8 2 —— — 356— Eduard.(verdrüßlich) Wer kann es wiſſen, nun, wir werden es wohl hören. Iſabelle. (drängt Zwickbauern fort) Geſchwind!(zu Eduard) und Sie mein Herr? Ed uard. Ich komme hinterdrein. Den Mantel hol' ich erſt. Ich hülle gern mich ein. (thut als gehe er nach ſeiner Stube, Zwickbauer, Iſahelle und Banſel gehen ab, worauf er gleich wieder umkehrt, eine Weile ſinnend ſteht, dann fröhlich auf Minna zueilt.) run 7 Fuͤnfter Auftritt. Eduard und Minna.(allein) Eduard. Ic denke dennoch! o, die Freude ſprichts kaum aus— Ich bin erlöſt— Minna. Wie ſo? — 357— Eduard. Sie ſehens nicht? Der Bettler Glück blies meine Hoffnung aus, Durch Bettlerliſt ſtrahlt mir auf Einmal eicht. O lauft nur, lauft, und kommt mir nicht zurück! Zum erſtenmale wünſch' ich einem Räuber Glück— Du rett'ſt mich vom Verderben— Minna. Igoh erſtaune— Denn recht begreif ichs nicht— Eduard. Wie hier des Glückes Laune So ſonderbar gewirkt zu meinem Wohl?— (holt eine Schrift aus der Taſche und ließt) Es lautet der Contract!„und ferner ſoll, „Im Fall vom obgedacht' erzieleten Vermögen „Durch ihres Theiles Schuld(ſehn Sie den 8 Lottoſegen!) „Der größte Theil verſchwendet und verthan „Seyn oder werden möchte, auch ſodann „Der ſchriftliche Contract gleich null und nichtig ſeyn; „Und wären“ und ſo weiter. Nun, trifft nicht Alles ein? Erzielt iſt das Vermögen, und meine Pflicht be⸗ ginnt; Durch ihre Schuld und Unvorſicht zerrinnt — 358— Es wie ein Morgentraum und der Contract hört auf. Minna. (überraſcht, etwas verlegen) Befürchten Sie nichts mehr von Ihrer Braut? So leicht glaub' ich doch ſchwerlich— Eduard. 3 Nennen Sie Mir dieß Geſchöpf nicht Braut— denn jetzt noch graut Mir's, denk ich dran, daß ſpäter oder früh Ich als ihr Ehemann— Nein, weg mit dieſem — Bilde!—, Im ſchweren Traum, von böſen Geiſtern einge⸗ geben, Lag ich, und ſtöhnte ängſtlich,— da erfüllte Mein guter Dämon ſeine Pflicht, und rief zum Leben Mich wieder auf, und zeigte mir im Spiegel Des Künftigen, von mir gar bald erkannt, Ein holdes Bild— es hielt in ſeiner Hand Die Rolle meines Schickſals— darf ichs nennen, Das liebe Bild?— Es glich— Sie waren's, Minna! — 359— Minna. (lächelnd“ etwas kämpfend) Ob Sie auch recht geſehn? Im Zukunftsſpiegel können 3 Wir ſelten deutlich ſehn. Ein Flor verhüllt ihn ja. Eduard.(feurig) Nun ja, ich zog ihn auch ganz leiſe, leiſ' empor— Da ſahen freundlich lächelnd— Sie hervor! O machen Sie es wahr, daß nicht der Spiegel nicht lüge! 4 Minna. Der Spiegel lügt mir nicht, wenn ich mich ſelbſt .. trüge. Eduard. Nur Ein Betrug ſchmerzt mich, ich will ihn nennen: Wenn jenes Lächeln, das am Bilde ich geſehn, Das Urbild für das Sein'ge nicht möcht' erkennen. Minna. (zögernd, dann ihn anlächelnd) Des Malers wegen, nun, ſo mags geſchehn! Eduard.(ſchnell) Und wenn ein Ja, das dort vom Roſenmunde Zu ſchweben ſchien, nicht in der ſchönen Stunde, Wo mich des Malers Ueberredung ſo entzückte, Wenn mich dieß Ja nicht auch, wie dort, beglückte. — 360— Minna. Sie Träumer Eduard. Minna! Minna. Iſt es kein Jugendſtreich? Sind'’s nicht der Fee Morgana Luftgebilde? Eduard. Sie ſind es nicht. Doch glücklich nur und reich Macht mich das einz'ge Wort, das meine Seels füllte;„ O ſprechen Sie es aus— Minna. Wenn Sie erſt ganz getrennt, Wenn Ihre— wenn es JIfabelle ſelbſt bekennt— Nur dann— vielleicht— dann will ich mich be⸗ ſinnen. Eduard. Dann wollen Sie— Die Augenblicke rinnen So ſchnell hinab, und nur aus Angenblicken Beſteht ja unſer Leben, warum ſie ſo zerſtücken? Warum der Sehnſucht halb und halb dem Zwei⸗ fel laſſen? — 361— Das einz'ge Wort? wie? Oder ſollten Sie mich haſſen, Weil ich vielleicht— Minna. Gereimt und ungereimt! Mein guter, ungeduld'ger Menſch. Hört man denn wohl Dem, den man haßt, ſo zu? Das brauſt und ſchäumt und übertreibt, damit nur gleich geſchehen ſoll, Was ihm ein dunkler Traum erzählt. Ich habe ſchon—— Eduard.(haſtig) Sie haben ſchon gewählt?— Minna.(lacht) Wer ſagt denn das? Jedoch vielleicht, vielleicht! Ich muß mich ſelbſt beſinnen. Ein Mädchen hat oft viele Anbeter wenigſtens— doch der— für den ich . fühle, Er iſt's, dem Minna jetzt— die Hand treuher⸗ zig reicht. (ihm die Hand reichend) Eduard. Cibenraſct, in freudiger Bewegung ihre Hand küſſend) Auf ewig mein denn, und es mag denn nun Mein Schutzgeiſt auch in ſeinem Dienſte ruhn; Der Himmel gab mir dieſen— Minna. „ Noch immer Schmeicheley? Eduard. So zweifeln Sie, Geliebte, daß es Wahrheit ſey? Iſt denn des Jünglings Schutzgeiſt nicht Die Liebe, die des Wilden Pfeil und Bogen bricht? Und wird nicht da, wo ſie geſchwiegen, Des Laſters Gipfel gar zu bald erſtiegen? Minna. Nun, Eduard, ich erinnre jetzt, was Sie ver⸗ ſprochen. Auf, eilen Sie, ſonſt kommen Sie nicht nach. Eduard. Wer weiß, wohin die Räuber ſich verkrochen! Sie finden ſie doch nicht, es neigt ſich ſchon der Tag;— Und ich, ich möchte gerne—— Minna.(lächelnd) Gar nicht gehn? — 363— Hab' ichs errathen?— Nein, es ziert gar ſchön Den Mann, auch jedem Worte treu zu bleiben; Sie müſſen gehn—(reicht ihm die Hand) Eduard. Wie Sie mich aber treiben! (nimmt ein übrig gebliebenes Schwerdt) Nun dann, komm her, du altes roſt'ges Schwerdt! Doch nein, ich laß dich lieber in deiner Scheide ſtecken. Was ſollſt du auch? Es wiederfährt Dir wenig Ehre, ſollſt die Bettler du erſchrek⸗ ken. (zu Minna) Bald wieder hier! Wie werd' ich eilen!— Minna.(ſcherzend) Wenn Sie es dürfen— Eduard. O wie könnt' ich weilen, Wo mir mein Genius nicht freundlich lacht. (ſie umfaſſend) Auf Wiederſehn!— (ihr einen Kuß raubend) Minna. Gehört das auch— — 364— Eduard. — Zur guten Nacht!— (er geht ab, Minna in ihr Zimmer) Sechster Auftritt. (Waͤldchen an der Grenze, in der Mitte ſteht der Grenzſtein zwiſchen drey Baͤumen.) Schlund, Rippel, Baſtel,(kommen mit dem Fäßchen.) Schlund.(ſingend voran) Das Lottoglück ſoll leben, Und die uns Nahrung geben. Hier wird das Glück gebannt; O wunderſchönes Land! (die Drey wiederholen jedesmal die 8 Strophe.) 3 Doch hat Fortuna Flügel, Heut giebt ſie Brief und Siegel, Und morgen iſt ſie fort, Sie weilt an keinem Ort. Wir laſſen Andre ſorgen. Doch legt heut' oder morgen Ein Huhn ein goldnes Ey, Gleich ſind wir auch dabey. — 365— Baſtel.(ſetzt das Fäßchen hin) Das war ein Heldenſtreich; die haſt Du gut — bedient. Herr Kammerdiener, ſag', wie Du Dich nur er⸗ kühnt, Ein ſolches Plänchen gleich im Gehen auszuhecken? Schlund. Ja, ſagt's nur ſelbſt, ihr müßt Euch doch ver⸗ 3 ſtecken Vor meinem Kopß', ord'naire Lumpen ihr! Rippel. Was ſpricht der Kerl von Lumpen? Hätten wir Nicht ſo geſchickt die Sache ausgeführt, Sie hätten uns den Buckel wohl geſchmiert. Der alte Thurm, an dem vorbey wir ſprangen, Hätt' uns gar gern in ſeinem Bauch' empfangen. Schlund. Ja, Häͤnd' und Füße habt ihr, aber das Genie Steckt in den Knochen nicht. Ihr maußt wohl, aber wie? Zur höchſten Noth ſchleicht ihr euch in die Küchen. Betäubt von Bratenduft und herrlichen Gerüchen, Ertappt ein ſilbern Löffelchen ihr höchſtens dort; Die Kniee ſchlottern euch, ihr drückt euch fort, Und glaubt den Galgen ſchon verdient zu haben, Dagegen ſeht nun mich— Baſtel. Nun, das ſind eben Gaben, Ein jeder hat ſie nicht. Doch kommt's wohl mit der Zeit. Es drückt mich allzuſehr nur noch die Ehrlichkeit. Ja, ſäh' ich nicht, wie man von allen Seiten Geprellt wird und es doch geduldig muß erleiden, Ich kehrte heute noch nach meiner Heymath um. Schlund. Du treibſts noch nicht mit Luſt, biſt ordinair zu dumm.— Bey Kleinigkeiten wohl ſpricht oft's Gewiſſen drein. Doch ſtehl' erſt nur was Rechts, da wird dirs anders ſeyn. Da lernt man gleich das Ding ganz anders nennen, und mit der Zeit ſich ſelbſt als ehrl'chen Mann erkennen. Ein Beiſpiel hier, um nicht zu weit zu holen: Denkt ihr vielleicht, das Geld da ſey geſtohlen? Mit nichten, Freunde, ſeht, das heißt nach un⸗ ſrer Sprache: Die Quelle, die ein anderer zu Tage Gefördert, nun mit leichter Müh Nach unſrer Mühle yingeleitet. Baſtel. Ja ja, ich merk es wohl, Ihr habt Euch eugeſs — 367— Schon in der Welt, drum ſprecht Ihr auch ſo ſchon. Was ward Ihr denn? Schlund. Wer? ich? das weiß ich ordinair Euch ſelbſt kaum mehr. Ich war bey einem Herrn Zwey Jahre lang. Dann als Proviant⸗Com⸗ miſſair Ging ich zu Felde mit. Da wär' ich jetzt noch gern. 8 Baſtel. Ihr habt wohl viel verdient? Schlund. ¹s iſt Alles fortgegangen. Ich hatt' ein ſchönes Sümmchen ſchon im Man⸗ telſack. Da kam mir was die Quer, daß ich mit Sack und Pack Bey Nacht mich fortſchlich. Baſtel. Nun? Schlund. Cunachläſſig) Es wurden zwey gehangen.— — 368— .3 Baſtel. Was ging das Euch denn an? Schlund. Ich kann ſo was nicht ſehen, Es iſt mir ordinair, als könnt' mirs auch ge⸗ ſchehen. Es waren wohl Collegen? Schlund. Halbverwanoͤte.— Ich ging bey Seit' und lebt in einem andern . Lande Ein Jahr von dem Erwerb', da war ich auf der Neige. Rippel. Ey haußt Ihr und der Teufel, das waren dum⸗ me Streiche! Schlund. Nun ſchmunzelt ich mich ein. Mit Krümmen und mit Kriechen Ward ich Grenzviſttator— Rippel. Da ward Ihr hochgeſtiegen⸗ Schlund. Ich warf mich da bald ein. Die Naſe und das Eiſen Lernt' ich gar bald gebrauchen. Im Auseinander⸗ reiſſen Der Paſſagir⸗Effecten, da war ich ein Barbar, Paudiſächiih, wenn für mich nichts drinn zu fin⸗ den war. Doch menſchlich fügt' ich mich, wenn ich ſo etwas merkte, Und mir der Fuhrmann gleich mein ſchwaches Auge ſtärkte. (macht die Pantomime des Zaͤhlens) Rippel. Wir wiſſen's, daß Ihr gern den eignen Vortheil ſucht— Indeß der Reiſende die Hudeley verflucht. Schlund. Ey nun, ein jeder lebt, wovon er leben kann, Mir wurd' es klar, wenn ich ein⸗ Ande. zuge⸗ than. Am Ende merkten ſie's und jagten mich davon— Das hat man endlich für Humanität zum Lohn. Rippel. Ihr kamt noch gut davon. Mein Seel! Ihr habt viel Glück! Aa — 370— Schlund. Vom öffentlichen Dienſt zog ich mich nun zurück. Und lebt' auf eigne Fauſt, ſo gut es gehen wollte. Doch nun erzählt auch Ihr— Baſtel. Ich meyne bald, ich ſollte Euch gar nichts ſagen, denn ihr lacht mich doch wohl aus. Ich hatte geld und Wieſen, Vieh, Garten, Hof und Haus, Und ſchleppte mich denn auch von einer Extra⸗ ſteuer Zur andern leidlich hin. Da kam, ihr wißt's, ein neuer. Verwünſchter Krieg ins Land. Die Schulden gin⸗ gen an. Doch hätte Alles dieß vielleicht noch nichts gethan; Da bracht' ein Teufelsjud' mir eine Kuh ins Haus Und gab ſie mir auf Borg. Ich ahnde nichts daraus. Vier Wochen hinterher kommt er und will ſein Geld. Ich hatte nichts verdient, es war noch ſchlecht beſtellt um uns. Da mußt' ich ihm mein Haus und Hof verſchreiben, Und Zinßen gleich dazu— — 371— Rippel. Das hätt' ich laſſen bleiben. Baſtel. Hört weiter: kommt der Kerl mir in ſechs Wochen . wieder.— Ich habe noch kein Geld.„Na, ſagt er, ſcreibt nur wieder, Ich hätt' Euch halt' die Hälft' noch mehr dazu gegeben, So bleibt's beym Alten. Seht! ich meyn's gut, ſoll ich leben!“ 1 Ich thu's, der Schuft erbettelt auch noch von mei⸗ ner Alten 3 Sich Eyer, Butter, Obſt, und weiß es zu erhalten. Drey Monat ſind vorbey— er wieder da!— Ich fluche; Ich habe noch kein Geld!— Er droht,— ich Dummkopf ſuche Ihn zu befriedigen, und ſchreibe wiederum Den Schuldſchein größer noch— Rippel. Ey Baſtel, das war dumm! Baſtel. So geht es fort; es wächſt mir armen dummen Tropf Die Sculd für meine Kuh am Ende üͤbern Kopf. Ag 2 Der Kerl drängt immer mehr, er preßt mich bis aufs Blut; Zuletzt beträgt die Schuld den Werth vom halben Guth. Er klagt; der Amtmann fängt gleich mit der Hülfe an; . Verkauft wird mir mein Werk— da it der Bettelmann! Rippel. Das war'ne ſchöne Hülfe— o hätten wir den Juden In unſrer Mitte doch,— Schlund. 3 Und dreyßig Tauſend Ruthen, Und eben ſoviel Hände noch dazu, Das gäb ein Gäßchen, traun! er ſollte keine Kuh Sein Lebtag wieder anſehn ohne Furcht und Zittern. Doch ſagt mir nur, ſind wir denn toll und voll? Wir ſtehn hier und beſchreiben unſre Thaten, Statt über unſre Flucht uns zu berathen. Denkt Ihr denn, die da drinne, die ließen uns gemach Mit unſerm Fäßchen ziehn, der i goßen Straße nach? Rippel. Ich denke nur, wir wenden uns tiefer in den Wald, Und theilen dort das Geld, und trennen uns ſobald. — 373— „ Schlund. Es wäre wohl das Beſte. Doch horch! was kommt gegangen? Rippel.(ſich umſehend.) Ein Weibſen und zwey Herren; Gewehre um⸗ 1 gehangen? Raſch in den Buſch hinein, wir laſſen ſie vorbey, Und in dem Fall der Noth ſind ihrer ja nur zwey. (verſtecken das Faß in den Buſch und ſich ſelbſt dahinter.). Siebenter Auftritt.— Iſabelle, Zwickbauer, Solander, (Laternen in der Hand, furchtſam um ſich blickend.) Solander. Hier ſind wir an der Grenze, das Wäldchen iſt zu Ende. Zwickbauer. Gottlobh!—. Solander. Ja, ja, Gottlob! ſo ſag' ich eben auch. Iſabelle. Wenn ſich im Städtchen dort die ganze Bande fände, Ich gäb', wer weiß was, dͤrum— Zwickbauer.(üngſtlich) Was raſchelt da im Strauch? Solander. Es war mir auch bald ſo. Es regt ſich hier herum. Zwickbauer. Kommt nur! ich weiß gar nicht— es macht der viele Rum, Daß ich ſo ſchreckhaft bin— kann kaum die Flinte halten, Und mit dem Säbel könnt' ich keinen Kohitodf ſpalten, Geſchweige denn ſonſt was— Solander. — Ich ſage, Herr College, Es iſt ein Opfer, das wir der Mamſell hier bringen. Bey rabenfinſtrer Nacht, ſo ſchauderhafte Wege— Wir werden, denk ich doch, etwas damit er⸗ 4 ſchwingen? — 375— Iſabelle. Verſprochner Maaßen drey Procent— Solander. — Wenn wir ſie kriegen.— Doch hört, die Polizey, die müſſen wir belügen, In jenem Städtchen dort, ſie iſt nicht gar ge⸗ ſchwind— Auch eben nicht gar ſehr freundnachbarlich geſinnt. Drum ſagt, wir hätten ſie im Walde hier geſehn, Sonſt laſſen ſie erſt morgen die Streifung vor ſich gehn. (Schlund, Rippel und Baſtel fangen ein gro⸗ ßes Geſchrey hinter dem Buſche an. Zwick⸗ bauer und Solander laſſen zitternd ihre Gewehre fallen, worauf jene hinter dem Buſch hervorſpringen. Zwickbauer und So⸗ lander wollen ausreißen, ſie werden aber gepackt, und fallen vor den Dreyen auf die Kniee nieder.) Ai, ai, ai! Gnade, Gnade! Habt Erbarmen! Solander. Wa wa wa wa wa was, was wollt Ihr denn von mir? Iſabelle. (will mit der Flinte ſchießen; da ſie aber ſieht, daß kein Hahn dran iſt, wirft ſie ſie weg; Schlund hält ſie feſt; ſie reeol⸗ ligirt ſich ſchnell und thut, als erſtaune ſie) Ach, das iſt ja mein Kammerdiener— Zwickbauer. Weh mir Armen! Solander. Ich habe gar nichts bey nir— Iſabelle.(ſehr gefaßt) Ich bin es ja! Seht hier (ſie nimmt den Huth ab) Ihr ſeyd aus Angſt wohl fortgerennt, nicht wahr? Weil Ihr das Faͤßchen mir nicht beſſer habt ver⸗ wahrt. 6 Ey, was könnt Ihr dafür? Es iſt ja ganz und 1 gar Nicht Eure Schuld: ich hab' Euch auch ſchon ans⸗ gelacht— Daß Ihr ſo ängſtlich ſeyd; kommt, kehrt zu mir zurück!— (die drey Spitzbuben ſprechen durch Panto⸗ mimen zuſammen; ein Jeder zieht einen Strick aus der Taſche.) Schlund. Verzeiht, wenn wir durch dieſen kleinen Strick Der weitern Nachtpromenad' Euch überheben. 4— 377— (Zwickbauer, Solander und Iſabelle werden mit den Aermen an die drey Bäume ange⸗ bunden, welche um den Grenzſtein ſtehen) Zwickbauer. 1 Barmherzigkeit! ich will Euch Alles geben, Was Ihr begehrt, laßt mich nur, mich nur frey! Es iſt kein guter Biſſen an mir, die andern zwei Sind Euch viel zarter und viel jünger!— Schlund. Ey was, wir krümmen Euch noch keinen kleinen Finger. Iſabelle und Solander. Was wollt' Ihr denn mit uns? Schlund. Nur ſtill! Iſabelle. G Ich ruf' ich ſchrey, He, Hülfe! he! herbei, Mordio! Solander. Mordio, herbey! Beide. Herbei, herbei, herbei! ihr Nachbarn, helft uns doch! — 378— Schlund. Blitz, laßt mir das Geſchrey, ſonſt ſtopfen wir euch noch Das Maul. Es iſt uns nicht um euer ſclehtes Leben; Ihr ſollt ſo gut nur ſeyn und keine Nachricht geben Von uns, bis Morgen früh. Dann mögt Ihr immer ſtreifen, Soviel ihr wollt— ihr werdet zwar ſchwerlich noch uns greifen. 1 Iſabelle. Wir ſagen nichts— 3 1 . Solander. 1 Wir ſind ſo ſtumm, als wie die Fiſche. Zwickbauer. Kein Wort ſoll uns entfahren Solander. . Wir ſetzen uns zu Tiſche, Belachen dieſen Schwank, und Alles iſt vergeſſen. Zwickbauer. Ey wohl! i glaubte nur, ihr wolltet gar uns — freſſen. Ihr ſeyd doh brave Leute— — 379— Solander. Man muß nur billig denken. Dem Armen gehts gar ſchlimm. Kein Menſch iſt Freund vom Schenken. Iſabelle. Auf die Gefahr— da laßt uns ſtill nach Hauſe gehn. Schlund. (nachdem ſie nun Alle feſt angebunden) Für eure gute Meynung bedanken wir uns ſchön; Doch wiſſen wir recht gut, wo wir zu Hauſe ſind; Die Vorſicht, ſagt man, ſey der Klugheit leib⸗ lich Kind. Bedenkt es ſelbſt doch nur; recht gerne wären wir Euch auch gefällig, doch,— der Nächſte bin ich mir. Drum lebt recht wohl— lebt wohl, verplaudert euch die Zeit, So gut es gehn will, und— verlauft euch nicht zu weit. (ſtellen unter jeden Baum eine Laterne, und entfernen ſich raſch tiefer in den Wald hinein.) — 380—— Achter Auftritt. Zwickbauer. Solander. Iſabelle. —(nach einer langen Pauſe) Solander. Verdammt! Zwickbauer. Verdammt! Solander. Verdammt! Zwickbauer. und abermals verdammt Sey unſre Tollkühnheit— und die Quinterne. 3 Solander. 3 So iſts, die Ueberredungskraft der Weiber ſtammt Noch von dem Teufel her— Ifabelle. Da iſt er ja nicht fern. Wer war es wohl, der mir den Rath gegeben, Als Sie— 4 Solander. Als ich? Iſabelle. Ja ja! Herr Teufel gleich daneben! — 381— Solander. Was hilfts denn nun, wir ſind nun Einmal Lei⸗ densbrüder! Wozu der Vorwurf—2 gwickbauer. Ach! mir ſtarren alle Glieder! Es kann kein Tropfen Blut im Arm mehr eircu⸗ liren. Iſabelle. Sie haben auch nicht viel. Wer warf die Waf⸗ fen hin: Das ſtolze Männervolk— Solander. Der Krampf in meinen Fingern— Wer kann dafür? Zwickbauer. Was that man mit den Dingern? Es war ja keins geladen—. Iſabelle. Die Säbel denn! Zwickbauer. . Aufs Wort! Dſe flogen in der Eil auch mit den Flinten fort. — 382— Iſabelle. Sie ſaubrer Compagnon!(nachäffend) laßt mich nur, mich nur frey! Solander. Ja, Herr College, ja, Euch ſchien's ſo einerley— Ihr hättet da um Euer liebes Leben Uns gern für zart und appetitlich ausgegeben. 3 Iſabelle. Was wollten Sie denn nur, es rappelt wohl bey Ihnen? Wo giebt's denn Menſchenfreſſer? Solander. Die uns ſo gut bedienen, So höflich ſind. Ich möchte gleich— auweh! Iſabelle. Was giebt es denn? Solander. Die Arme— hercule! Sie ſchlafen mir ganz ein. Und in der ſpäten Nacht 3 3* Kommt Niemand hier vorbey— 1 Zwickbauer. Blitz! was nur Eduard macht! k *„* „ Ber — 383— Der hat uns ganz und gar, ich ſchwöre drauf! vergeſſen. Solander. 1 Wenn er nur käm'— Iſabelle. O, die Gedanken preſſen Mir Giſt und Galle aus— Solander. Ey, welche Litaney! Ich wollt, er wäre da, und macht' uns wieder frey. Iſabelle.(trotzig) Ich nicht— Solander. So bleiben wir denn an den Bäumen ſitzen“ Bis unſre Stricke faulen— Jaſabelle. Meintwegen auch— wickbauer.(zornig) — Nachtmützen! Ich wollt' ich läg im Bette. Ach, we nur nicht zu viel getrunken hätte! Es iſt nicht gut, wenn Eins zu muthig iſt; man rennt In's Unglück blind hinein, was kein Erbarmen kennt. 1 Sſ abelle. Ach! ach! Solander. Ja wohl! ja wohl, wer hätte das gedacht! (Pauſe) Wit haben doch noch Glück,'s iſt eine ſchöne — Nacht. gywickbauer. Hm! ja! mich dünkt, ich ſäh' ſchon Fleder: mäuſe fliegen. 25 iſt eben ſo ein ländliches Vergnügen. Solander.— Ich möcht' es ehr ein Hofvergnügen nennen; Denn's geht ſo ziemlich ſteif zu; au! wie de biinß nen Doch die verdammten Stricke— Iſabelle. ⸗ 4 — 385— Solander. Mamſell, Ihr ſeyd ſehr ſchlecht, Wir büſen doch für Eure Albernheit— und dennoch macht Ihr Euch hieneben noch ſo breit. Iſabelle. Hätt' ich den alten Invaliden mitgenommen, Der dreißig Jahr' am Thor ſchon Schildwacht ſteht, Ich wäre beſſer weggekommen, Als wie mit Euch; ſprecht Nichts mehr, geht! Solander. Ey, gehn Sie nur voran, ich will ſchon folgen, Da bin ich gern dabei— Iſabelle. Wie könnt' ich nur bey ſolchen umſtänden noch den Klingelnarren ſpielen! Solander. W dem, der ihn blos ſpielt. Die Afternar⸗ ren fühlen heißt: ſich bei den kält'ſten Tagen ße Hitze zu beklagen. loern und Ihr lacht, Euch durchs Lachen warm ge⸗ macht. B b d— 386— Zwickbauer. O, o, mir ſtockt das Blut in allen Adern. Puh! ich erleb', mein Seel! den Morgen nicht. Reiß Eins ſich doch nur los, was hilft denn al⸗ les Hadern, Probierts doch nur— 4 Solander. Mein Seel! der Herr Gevatter ſpricht Faſt, wie ein ſchwindelſüchtger Söukider. In einem unzufriednen Lande: Ihr Bürger, rührt Euch doch, erhebt Euch und ſo weiter. Und gleich drauf fuͤhrt, zu aller Männer Schande, Aus einem Bierhaus ihn ſein liebes Weib heraus, Und knufft den Demagogen bis in ſein eignes Haus. Zwickbauer. 4 (hat mehrmals verſucht, ſich loszureißen, es geht aber nicht) O Hölle, hätt' ich doch die Kerls gleich wo 4 . wollte! In Pech, in ſiedendem, ließ ich ſie b Das Bad mich auch zum ärmſten Wie wollt' ich doch bey ihren S Solande g haben wir den Tiger! St— 24. — 387— ¹ Die ſchlimmſte Vorkoſt vor der Freiheit— Colleg', ich merk's, Ihr ſeyd noch gar nicht reif dazu! Zwickbauer.(aufgebracht) Laßt mich mit Euern Fratzen da in Ruh'! Ach, mein Gebein, die Flechſen— Solander. In Ruh? Ihr wollt wohl gar Ein Schläfchen halten? Das bekäm' Euch übel; zwar . △ Gewickelt ſind wir gut, und aus dem Bette fällt Heut' keins ſo leicht heraus, ſo laug' der Strick da hält. Zwickbauer. Möcht' Euch und Euren Scherz doch nur der Kuk⸗ 3 kuck holen! Solander. Seyd doch nicht bös; es iſt uns ja befohlen, Die Zeit uns zu vertreiben, wie's gehen will; Doch kränkt's Euch gar zu ſehr: auch gut; ſo bin ich ſtill! 8(Große Pauſe) Alle Drey. (brechen auf einmal in einen Seufzer aus, und ſo, daß das Ach faſt in einem Accord heraus kommt.) Bb 2 — 338— Solander. Ey, das war ſchön! Wie eine Aeolsharfe! Doch halt, was hör' ich da? Es ſind ganz derbe⸗ ſcharfe Und eil'ge Tritte. Es wird der Bräut'gam ſeyn. Zwickbauer. Nun endlich— Solander.— Sey's gedankt! Die Freude iſt nicht klein. Neunter Auftritt. Eduard.(ſtutzt, als er die Vorigen ſieht, und fährt zurück.) Zwickbauer. Gott Lob, da iſt er ja! Eduard. Was ſeh ich? Zauberey! Hat Oberon ſein Spiel denn hier getrieben? Zwickbauer. Na, nur geſchwind das Meſſer gleich herbey! Solander. Ey Herr! wo ſind Sie denn ſo lang' geblieben? 1 Zwickbauer. Trenn mich zuerſt nur los. Das Meſſer, nur das Meſſer! Iſabelle. (mit ſchwacher Stimme.) Ach, mir iſt gar zu ſchlimm!— Solander. Mir geht es auch nicht beſſer. O lieber Herr, ich bite—— Iſabelle. Die nächſte wohl bin ich! Zwickbauer. Das ſeh ich gar nicht ein— Iſabelle. Ach, löſen Sie doch mich Zuerſt— Zwickbauer. Warum nicht gar! Solander. Was hilft uns alles Drängen! Will Jedes hier das Erſte ſeyn, ſo hängen Wir über's Jahr noch hier— — 390— Eduard. (ſich erſchrocken ſtellend, pathetiſch und ab⸗ ſichtlich langſam) Ich kann kaum von der Stelle Vor Staunen und Entſetzen— (nimmt die Laterne und leuchtet Jedem ins Geſicht). . Hier Mamſell Iſabelle! Der Herr Zwickbauer hier! und hier der Herr Solander! Gott Lob, ſie ſind noch alle bey einander! Das trifft ſich ſchön, ich kann es beſſer nicht verlangen! Solander. Ja wohl, es heißt hier: mitgefangen, mitgehangen! Zwickbauer. Ey, mach' uns doch nur los, und ſey ganz auſ⸗ ſer Sorgen, Wir leben Alle noch. Was haſt Du denn zu yorchen? Eduard. Hm! ja! Es fällt mir da ſo eben etwas ein: Ey, möchten nicht die Herren wohl ſo gefällig ſeyn, Mir zu entdecken, wo das Geld wohl hingekommen, — 391— Das mein Herr Fürmund hier für mich hat ein⸗ . genommen 3 und das ich im Concurs verloren haben ſollte? Belehren Sie mich doch, wohin das Sümmchen rollte. (Pauſe.) Gar keine Antwort? Nun, ich wünſche wohl zu ruhn. Gerichtlich läßt ſich das auch wohl noc beſſer thun. Zwickbauer. Was willſt Du denn von mir? Ich weiß von kei⸗ nem Gelde. Eduard. Ich deſto mehr. Schlaft wohl!(will fort) Iſabelle. Was? hier im freyen Felde? Daß morgen früh die Marktleut' uns belachen? Solander. O haben Sie Erbarmen! Es läßt vielleicht ſich machen. Eduard. Das wär' mir auch ganz recht. Es läßt ſich in der Stille Gar vieles abthun, iſt's nur Euer ernſter Wille. Zwickbauer. Ich weiß nicht, was er will. Ich habe— Iſabelle. Ey, ſo ſagen Sie's doch heraus, wo's iſt. Wir müſſen ja ver⸗ zagen Hier an die Bäume feſt geknebelt— Solander. Sagen Sie's, Wenn Sie es wiſſen. Das verlorne Paradies Hat unſre Eltern auch geſchmerzt— Zwickbauer. Schweigt, Narrenkopf! Ich weiß von nichts— Solander. Da wär' ich doch ein Tropf, Wenn ich das Maul noch hielt. Mein Beſter, hören Sie— (zu Eduard) Eduard. Nun? Solander. Sagen Sie, was fällt mir ab für meine Müh? — 393— Zwickbauer. Ihr ſchlechter Kerl, was habt Ihr hier darein zu ſprechen? Eduard.(zu Solander) Für Ihre Mühe? Solander. Halt! den ſchlechten Kerl zu rächen, So nehm ich nun gar nichts. Mein Lohn ſoll ſeyn, Daß Sie mich von dem Baum zu allererſt befreyn. Eduard. Kann ich Euch auch wohl trau'n? Solander. Warum denn nicht? Ich renne Euch nicht davon— Zwickbauer. Halt ein! Ich will— ich— ich bekenne— Eduard. Nur frey heraus! Iſabelle. Nur zu, mir wird nicht wohl! Zwickbauer. Es fällt Mir ein— doch nein! ich weiß nichts von dem Geld!. Eduard. Nun gut⸗ ſo ſchneid' ich gleich den Herrn Solan⸗ der ab. Solander. Ey thun Sie das doch nur— Iſabelle. Ich finde hier mein Grab, Wenn es noch länger wahrt. Oheim, bekennen Sie!— Zwickbauer. 3 Daß ich ein Narr wär'! Weiß ich denn nur, was noch wie? Eduard. (indem er den Solander loszuſchneiden be⸗ müht iſt.) Auch recht; ſo hängen Sie meintwegen noch bis morgen! Für Unterhaltung wird die liebe Jugend ſorgen. Die ganze Schule ſchick' ich Ihnen morgen her! Si abelle.(weinerlich) Was iſt denn meine Schuld? Was kümmert mich denn der? Warum ſoll ich mit ihm nur leiden— Solander.(losgebunden) Danke ſchön. O wehl ich glaube gar, ich kann nicht ſtehn noch gehn. Eduard.(zu Jaabelle) Jetzt will ich Sie befreyn. Doch erſt nur noch ein Wort: Durch Ihre Schuld iſt jetzt Ihr Brautſchatz wie⸗ der fort, Und ich bin frey, contractlich, wie Sie wiſſen. Iſabelle. Wie ſo? Den Räubern wird's, ich hoff' es, noch entriſſen. Eduard. Erſtens: dran zweifl' ich ſehr: und zweytens: küm⸗ mert mich Es auch gar wenig mehr, denn es beendigt ſich Gleich die Verbindlichkeit, ſobald durch Ihre Schuld Die Summe ſich verliert— Iſabelle. Wenn aber— nur Geduld! Solander. Ja allerdings, ſo iſt's! Der Herr iſt wirklich frey; Ich ſchrieb ja den Contract— — 396— Iſabelle.(böſe) — Nun, meintwegen, ſo ſey Er frey! Solander, löſen Sie mir ſogleich die . Stricke, Damit ich ſämmtlich euch nicht länger mehr er⸗ (Solander thut es) Zwickbauer. Was? und ich ſoll allein hier über Nacht ver⸗ weilen? Eduard. Sie ſind nicht ganz allein. Die Fledermäuſ' und Eulen Die werden ſich die Ehre gewiß nicht nehmen laſſen. Zwickbauer. Verflucht! ſo höre denn, ich will ganz kurz mich faſſen! Eduard. Ich höre ſchon— Zwickbauer. Das Geld, was ich Dir als verloren — Es waren funfzehn Tauſend— berechnet hatte, . ſteht Im Ausland' auf Intreſſen. Was ſollte einem Thoren, Wie Dir, das Geld„(ſeufzt) das nun ſo ſchnell zum Teufel geht⸗ Eduard.(zu Solander) Sie wiſſen auch darum? Solander. Der Mann, bey dem's zu finden, Ich kenn' ihn ganz genau— Zwickbauer. Nun, wirſt Du mich entbinden? Eduard. Ein einz'ges Wörtchen noch: wo ſind die Docu⸗ mente? Zwickbauer. Ey, ſchneide mich nur los, ins Höllen⸗Kuckucks Namen— Ich halt's ja nicht mehr aus— Eduard. Wenn Sie in meine Hände Noch heute ſie mir überliefern— Solander. Amen! Und dabey bleibt's. Ich bin Ihr Zeuge— Zwickbauer. Nun, ſo ſey's! Befreye mich! es läuft mir kalt wie Eis Durch die Gebeine hin— Eduard. (ihn löſend, und den Strick emporhebend und betrachtend.) Du biſt ein braver Strick! Komm, dir gebührt ein Platz in meinem Zimmer. — 398— Zwickbauer. Fort, fort; hier bleib' ich länger nicht einen Augenblick! Iſabelle. Ja, fort von hier! es wird mir immer ſchlimmer. Das Gehen wird mir ſchwer; Solander! (ihm einen zärtlichen Blick zuwerfend) Solander. (ihr den Arm reichend und ſie fortſchleppend) O, recht gerne! (ein jedes nimmt ſeine Laterne) Iſabelle.(im Abgehen) Verwünſchter Kammerdiener! Zwickbauer. O verteufelte Quinterne! (alle Drey ab.) Eduard.(allein) Und möge Jeder, der um Geldgewinn Sich einem Drachen hingegeben, 4 So glücklich ſich aus ſeiner Schlinge ziehn, Wie ich. Mammon allein würzt nicht das Leben. Auch wie das Spielglück täuſcht, mehr oder minder, Das ſahn wir hier: Fortunens Prieſterin Dacht' ſchon, ſie hätt' es weg. Doch Dank des Spiels Erfinder! Nur wer im Trüben fiſcht, hat den Gewinn. Gedruckt in der Buchdruckerey zu Eiſenach. nnnſfffſſſf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 S — 1 “